34. Montag, den 9. febr. Anno 1795. 6. Augſpurgiſche Ordinari Poſtzeitung, Von Staats, gelehrten, hiftorisch. u. oͤkonomiſch. Neuigkeiten. Mit Ihro Roͤm. Kayſerl. Majeftåt allergnädigſtem Privilegio, Verlegt und gedruckt von Joſeph Anton Moy, wohnhaft auf dem obern Graben, in dem ſogenannten Schneid=Haus. Schreiben aus Wien, den 28. Jan. Noch iſt der Proceß der Staatsgefangenen zu Ofen nicht beendet, weil neuerdings gegen zehn Verſchworne eingebracht worden. Jeder Staatsgefangener hat ſein eigen Zimmer und doppelte Wache. Jeder iſt in der Mitte des Zimmers ſo angekettet, daß er nur ein paar Schritte gehen kann. Die ſchrecklichen Folgen, die dieſe Verſchwoͤrung wenn ſie zum Ausbruch gekommen waͤre, wuͤrde verurſacht haben, entwickeln ſich immer mehr. Die erſte Frage im Katechismus der Freyheit und Gleichheit war: Wer biſt du? uͤnd die Antwort darauf war; ich bin ein Thier. Was fuͤr ein Thier?— Ein ſolches, das unter der Laſt eines — — ſeuftzt. Dieſe Anworten auf die beyden vorgelegten Fragen, die ſo ganz unter dem Schein der Unbedeutenheit gethan wurden, waren das verabredete Zeichen, woran ſich die Verſchwornen erkaunten. Jeder Neuaufgenommene mußte verſprechen, daß er der Geſellſchaft wenigſtens zwey Glie der verschaffen wolle. Kein Glied kannte das andere und nur an den Fragen lernte man ſich kennen. Regensburg, den 30. Jan. Durch eine Reichsddietatur gelangte den 24. dieſes ein Memorial des Fuͤrſtbiſchoſs von Speyer gegen die Einquartierung des Prinz Conderſchen Corps an das Reich, nebst einem hiezu ausgetheilten Promemo rig, worinnen die Gruͤnde, wegen weſcher ſich der Fuͤrſtbiſchof, durch dieſe Eingquurtierung äußerſt beſchwert haͤt, umſtaͤndlicher und mit Belegen ausgefüͤhrt werden. Sie beſtehen im Weſentlichen darinn: 1) das Condriſche Corps iſt kein Theil der kayſerl. und Reichs⸗Truppen, welche der Fuͤrſt ſelbſt in Bruchſal, der ihn zuſtehenden Reſidenzfreyheit ohnerachtet, willig auſgenommen hat; 2 ) Dieſes Corps ſey aͤuſſerſt undiſciplinirt ; 3) erreqe die Erbitterung des Fendes am heftigſten und ſetze alſo den noch wenigen uͤbrigen Theil des ſpeyriſchen Gebiets der aͤuſſerſten Gefahr aus Conſtantinopel den 10. Dec. Schon lange war die Pforte auf alles, was in Pohlen vorgeht, ſehr aufmerkſam. Zu Aufang dieſes Monats kam die unerwartete Nachricht, daß die Pohlen von den Ruſſen aͤberall geſchlagen und Warſchau ſelbſt erobert ſey Der Divan hielt hierauf lange Counfe renzen. Der ruſſische Geandte hier uͤber aufmerksam, verlangte am 5. dieß vom Reis Effendi eine Audienz, und erhielt fie. In dieſer verlangte er zuerſt, daß die Pforte nicht laͤnger ſaͤumen moͤchten den ruſſischen Kaufleuten fuͤr die im letzten Krieg weggenommene Schiffe eine Entſchaͤdigung von andert halb Millionen Thalern zu bezahlen. Sodann gieng er den pohlniſschen Angelegenheiten uͤber, und erklaͤrte: Seine Monarchin hoffe, daß die Pforte fich weder oͤffentlich noch heimlich für das Intereſſe der Polacken verwenden werde, Der tuͤrkiſche Miniſter antwortete: Der Großſultan, ſein Herr, wuͤnſchte, daß dem Blutvergieſſen in Pohlen ein Ende gemacht wuͤrde, und glaubte, daß die pohlniſche Conſttitution vom 3. May 1791. von den benachbarten Maͤchten ſollte reſpectirt und ga rantirt werden. Der ruſſiſche Miniſter mochte ſeine Gebieterin hievon benachrichtigen, indem man von derſelben eine baldige und beſtimmte Antwort er warte. Am folgenden Tag hatte der Reis Effendi uͤber den nemlichen Gegenſtand eine Conferenz mit dem preuſiſchen Miniſter, der ſogleich einen rier nach Berlin abſchickte. Antwort der beyden Höfe von Petersburg und Berlin wird der Krieg oder Frieden abhangen, indem der Großſultan ſchlechterdings nicht zugeben kann, daß Pohlen getheilt and gänzlich vernichtet werde. Der franzöſiſche Gesandte Dechorches ermangelt auch nicht, die Pforte in dieſen Geſinnungen zu beſtaͤrken; die tuͤrkiſche Laud⸗ und Semacht wird mit groͤſtem Eifer vermehrt. und uͤberall ſieht man franzöſiſche Schiffbau⸗ und Exerciermeiſter . Gleichwohl unterlaͤßt Selim der dritte nicht, in groſſem Glanz zu leben. Er baut herrliche Pallaͤſte, und legt neue Gaͤrten nach dem europäiſchen Modegeſchmack mit Schneckenbergen an Schreiben von der hollaͤndiſchen Graͤnze, den 27, Jan. Der General Pichegruͤ iſt im Haag angekommen, von da der Erbſtatthal— ter bereits nach Scheveningen abge— gaͤngen, um ſich am Bord einer Fre— gatte nach Eugland zu begeben. Man weiß aber noch immer nicht mit Zu— verlaͤßigkeit, ob die Abfahrt, des Ei— ſes wegen, wuͤrklich vor ſich gegangen. Eben ſo unſicher ſind auch noch die Nachrichteu von dem eigentlichen We— ge, welchen die Erbſtätthalterin ge— nommen hat, um aus Holland zu ent— kommen. Die erſtern Nachrichten ſa— gen, daß ſelbige mit der Gemahlin des Erbprinzen und deſſen jungen Prinzen von Scheveningen zur See nach Eng— land gereiſet ſey. Neuere Nachrichten melden, daß ſie uͤber die Suͤderſee von Enkhuyſen nach Staveren und von da nach Braunſchweig abgegangen ſey, wovon aber noch die Beſtaͤttigung zu erwarten. Amſterdam, den 20. Jan. Heute erlieſſen die hier angekomme— unen frauzoͤſiſche Volksrepraͤſentanten ei⸗ ne Proclamation an die bataviſche oder holl uciſche Nation, worinnen ſehr hef⸗ tige Anfuͤhrungen gegen den Statthal— Von der Peters Der ranzofiſche Geſand⸗ macht. ter vorko mmen, und dann folgendes geſagt wird: Wir kommen euch nicht unters Joch zu briugen die—— ſche Nation wird eure Unabhaug igkeit reſpectiren. Die franzoͤſiſche Truppen ſollen die ſtrengſten Maunszucht hal⸗ ten. Es ſoll die Sicherheit der Perſo— nen und Guͤter gehandhabt werden. Der Gottesdienſt ſoll ungeſtoͤhrt bleiben. — Die Geſetze, Gewohnheiten, und Ge— braͤuche ſollen nach wie vor gehandhabt werden. Das bataviſche Volk ſoll al⸗ lein die Einrichtung ſeiner Regierungz veraͤn dern, und verbeſſern kdunen 8 Franzoſen wollen alſo uns Hollͤnder als Alliirte, Freunde, und Bruͤder be— handeln.— Geſtern erſt iſt der Statt⸗ halter aus dem Haag abgereißt, nach— dem er zuvor ſeine Statthalte ſtelle, und alle bekleidete Aemter und Waͤr— den feyerlich niedergelegt hatte.— Hier herrſcht vollkommene Ruhe und groſſer Jubel uͤber unſere neue Regie— rung.— Da die engliſche Truppen auf ihrem Ruͤckzug aus Holland ſengten, und brennten, ſo iſt auch mancher Ma— rodeur von den Bauern todt geſchlagen worden; und die franzoͤſiſche Truppen haben die engliſche Mriergarde groͤß⸗ tentheils aufgerieben 1600. Mann fielen in franzoͤſiſche Gefangenſchaft. Haag, den 17. Jan. Die Staaten von Holland haben al⸗ len Commandanten die Befehle zuge— ſchickt, den franzoͤſiſchen Truppen kei⸗— nen Widerſtand mehr zu leiſten. Zu Leyden, Harlem und in andern Staͤd— ten ſind die 1787. nach dem Einmarſch der Preuſſen abgeſetzten Rathsperſonen wieder eingeſetzt, und die bisherigen abgeſetzt worden. In allen hollaͤndi— ſchen Staͤdten bewaffnet ſich die Buͤr⸗ gerſchaft. Roveredo, den 28. Jan. Zu Inchruck werden die Flaͤnzendſten Zo retan gen in der Reſidenz zum Em— pfange des Kurfuͤrſten on der Pfalß ge⸗ Sie Ankunſt iß auf be 13. Fehr. vetgeſetzt. Der en. oͤnigl. 8 a alle Koͤſten aus fuͤt Iſnn und Beir thung. Der Kur fuͤrſt logirt bis zur Ver⸗ maͤhlung im Landhauſe die eeſſin, welche in Begleitung hres Valers des Pa se. Zu 5 22 EEE TEE Ersberzogs Ferdinand und der Gräfin Falk soaieri als ihrer Ma und Vertraufin anfomme, fleigt in der Nefidenz ab. Das Hoigefolae und den ganzen Dofitant bringe der furjärflide Brautigam mit. Der Sralat von Wildau verrichtet Die Traus ng. Im großen Niefen: Saale, der mit Frettern und Suche Bidet wird, werden pie Tafeln und Gefellfhaften gehalten. ticherhaugt fell diefes Deylager mit grof fe Vracht vor fiih gebe, Ueber 40,050 filberne und goldıne Weizen werden uns er d98 Bolt ausgewerfen. Paris, ven)2h, Fu Eines unferer.afi Berrachtummgen über Den Seieden angekhndiger. Der. Bearfafer_ bes weißt, daß wir uanferm Eroberungen uns geachtet der Handelsyerbindung mit unz fern Nachbarn zu Anfchafjung der, See Hensmittel bei und bemerft, DAß einige ein Bolitifer ihnre Dariner N, Daß er auf diefe. Weife die Beoiirfniffe der Nation aufdedfe.. Er führt alfe fert; Das Yugenmerf. der verbundenen Mid: 37 1% te war, Franfreid, einzufplieffen.. Ex äft wahr, diefer Plan it nicht nur nie Jungen„„ fondern welt haben fogar. ‚auf allen Seiten iyre Gränzen befest,! deffen find wir dennoch in einen fand der Belagerung„ und die Zufuh: der Lebensbenürinige ft und ebgefl ten. Diele einge uns zur" ins terbaltung einer Menge Hon Menfchen., und der Mittelpunkt leidet den bitterftet” Mangel durch. Die ENFENR asıtfoı eritpel angeheure Bepirfnifie Der Armeen. Eroberungen verminz dern zwar bie priigfende Kaft dieier use gaben, alleine, fie ‚reichen doch bey weis gem nicht him folhe unfüslber zu mas chen, Der fruchtbare Theil der Dfalz, welchen wir befigen, mag zum DBeweif dienen. Diefes verheerte Yand hat nur nach einem geringen Theile unfere Erz forderniffe befriedigen Fünnen. Bir ha: ben feine Quellen erfhöpft, und ons nen weder Pferde, noch Kleidungsftüde noch Nahrungsmittel daher ziehen. Wir -find son der Unwahrheit des Sates überzeugt, daß Franfreich dur) und für fi) felbk beftehen nn Eh entfichen Blätter bat 7)# . ift ausgemacht, daß Franfreid), befam derö zu Zeit ded Kriegs, einen Then der Bedurfniffe von auffen ziehen muß, und eben fp wahr ift es, daß auufer Klima Feine Metalle hervorbringt, wele che der Erwerb= und der Kunftfleiß und der Schiffebau erfertert. benz Echifsbaupolz;, mie denen Wollen. aus Epanien, und mit der, Seide ‚aus Piez niont hat es gleiche Bewandnif. Frank reic) bedarf alfo De& fremden Handels, und gleichwohl haben’ wir jest mir jes ven mit der Echweiz,, welcher. dartın befteht, Daß wir Durch deren Vermitte lung felbft von unfern Feinden folche Gegenftände beziehen, fir welche wir ech Mansgab der Schwürigfeiten und Länge des Transports ungeheure Preifs fe zu geftehen_möüffen. bes teuren wir die eroberte Provinzen, DA wir täglic) den Erwerbgeift und Dex Gerinnfucht unferer Itachbarn einen uns gleich drüd’endern Tribut zahlen müffen. Dafel allein hat fiher fhon 5. und 6. nal mehr vom und gezogen, als. wir von den eroberten Chinfürftenthimern zu erpreffen vermoghten, und e& ift Deßs wegen für uns-fehrwefentlich die Grämz son unfers Handeld zu erweitern. Da zur Emmen uns nur 2. Mittel führen. Ehre, anfehnliche Flotte und ein vorläus figer Friedeinitt Deutfthland, Spanien ıc Kurzgefaßte Nachrichten.» Die Großfirftin von Rußland hat eine Prinzeßin zum Welt gebohren,— ip Mien Foften-2. Cyer 7, Kreußer, Ehen dafelbft ift auh am 23. Jar der ungarifche Nobelgardift Nichelly son unbekannten Bößteichtern Jammers ich ermordet wordch, Zu Toufon werden die unermeßlichiten Norkeprungen zu einer Expedition. ges gen Gorfifa getroffen. Die dafige E6= care erwartet nun noch eine Dipffion son der Brofterfiotte,, die bereits im das mittelländifche Meer eingelaufen it, Am 21. Kan ift zu Nom der Kardke al Corfini in einem Alter vun 59 Ya zen geforben.— Aus Eatalonien., tele che ipanifhe Brevin; gegentwartig Den Angriffen der Srangoien ai keiten außs gefegt ift, Famien zu Ende Ds Decembre 4 Depntirfe nah Madrid; diefe erflär: ten, daß Die Arenin; Catalonien, bereif fen» fich felbft.gegen Die Franzufen zu ver: theisigen, dagegen aber verlangte fig, richt unier Den. fyankfchen Generälen ji fiehen. Der Sof IE. noch über die zu ers theilende Antwort unkhläffie— Dir Ei Hang hat auf den Deapn grofle Berhev rungen angerichtet, Mehrere Saiffe giens gen zu Grunde, verfchiedene Menfihen Fas men um, und bey Srankfarı ii das Ufer vor Eisfhildern, die zo bis Jo Gthuhe king und. breit find, bedicke.— Der Ach in Doland ifl.-in gesffer Syrge, Kas von den Sranzofen anfgeitellte Gleichheitsfye flem möchte feinem bisherigen Dafenn ein Ende machen. Den Endesuntersefegtenift zur haben, der. frifehe und arrechtperfertigie. vegita- Bilifche Febensbaifem. Die Würflamkeit diefes Eöfllihen Balfans nur in Klürke angezeigt. I) Bor den Ihwachenr Me gen, Unverdanlichkeit, Dlahungen, Rus lief, ei vertreibt die Dünfte ine Haupt, mie auch alle Alrten Falter Sieber und Die Schfuht. 2) Zueptens if er gut tote der den Schwinoel Zirrern der Glkeder, Schlagfüß, fhmweren. Athınr,, bejenders yon fohleimmiger Urfad: 3) Berimmt er alle Erfältungen der Säfte. des Kür: pers, und ergukft Die Lebensarifier. 4) Die unrichtige and verfiopfte Nxinigung bringt in Drdnung. 6).2le wirderng: türlihe Anslehrungen des menjehlichen Körpers, als geidene rer, Gantenfias, weifen Stu, Nadufhmeiß ic ıc.. hebt er, ohne das irgend ein Uebel zerücföfeibt, wie ed gemühnlich nach bivfen ftopfenden Mitteln, de nicht mif-reinigenden vers bunden find, fotie das Meinige gefehicht, 6 Wenn dur Gemüthsleidenfchaften, gleichem Gef und Körper webreit find, fo it ein wenig erböhere Pafız, nah Bes Ihaffenheit oer Oefchwindigieit oder ange fanskeit des Daifes fehr zuträglide. 7) Al fe reumatjche Schmerzen, fie haben ih: ven Sie. in irgsm einem: Theile, tu fie wollen, hebt er. gewiß, in Diefer Krank heit, aber muß man etwas längere Zeit gebrauchen, old in ansern, die niche fo tief firen._ 9) Zur Prafervation bey hevrz fohenden Kranfheiten, bey Veränderung derer Yahreszeiten, und überhaupt bey: der Empfindung eines wider natärlichen Zufindes der, menfhlihen Mafine ill er als ein fehr gutes Mittel anzuven: Den 9) Eine mirhahrige Erfahrung bag dei Befißer” Eefonders. axgeigt, dat ee Aufferlich feine beiten Wirkung: üufere, beionders bey Magenframpf, Dunen Zur ungen in Glleogra, undsalle snfeitiche Schurerzen, fieipig mie dem Soaklem ges_ Kisbeir,. ein aufßeroraentlih: Hilfsmittel 10) Sn Dauea, Schneiden 7 Ohetfihun: gen, Brennen, Hrilet und lindert ge: [dwind. 11) Er halt das Orfiht, und den menfchlichen Korper bey guten An: fehn und erwänfchter Dauer, bis ins fpätefte Alter, 12) Die Gabe davon ift nach Beichaffenheit de$ Mlters and Ten: praments einzurichten, Man ninmmt ihn Morgens und Abends von 10. big 35. Tropfen, in langwierigen Krankheiten, such Mittags, auf Zucer; Eaffe, There, Ken Mein, oder Bier, nad Bu fhaftenheit dir Berfon oder Krankheit. Das fund des Ballamıs Fojet 3. fi. 30. fr. Daschalbe Diund.1. 30. Fr Das viertel Pfund 2, fl. 30. fr. dad Loth Gläßel 20. fr. bashalb Loth ı2. fr. Brie fe und Gelder bittet man fih Boltfrey aus, in Augsburg ift zu Haben, bey Ans dress Müller, Dandelsimann in der Tas Fobervorfiadt, bey den zwey Brücklen. Da Schon in dem mafchendamifchen prdinari Zeitungsblatt Pro. 24. offentlich bifankt gemaspi worden, daf als, jtogfer Derjieigerungstag Mitwoh der ı7, digg Monats angefeget fege, um Die auf dem alldiefigen SKornniarkt befindlich große ojenwirthichaftstehaufung„ befichend in 4 heißbaren Zimmer, 2 Rebensimmerla, 4+ Orfiind 2 Dieufibothen: Kammern, dann Präuhaus und aller Zugehör zum Sudwefen, 3 Keller, Stadel und Sta lungen, wie auch einer fhönen Wirth: fehafts» Einrichtungen: dann Henger, Me er und Wiefen zu Haltung 4 Brerd, und 15 Stüf Hornviche an den Meijibierhens den zu verkaufen; US mird hiemit Mi niglich zn dem Erde Fund gemacht, daf Mimoh der 25te.dieh der dritte und legte Termin eye, 100 die Berfleigerung feicher Stück werde vorgenommen werden; Dapıro fih- Raufufige an gefagtem Tag, auf Hifigem Narhhaus melden, und das Endiihe gemwärtigen Fönnen, Geben Granig- Stadt Füffen am 5. Hornung 1795. Fofeph Martin, Amtsburgerineifter, So). Prp Wanfmiler, Stadtfhrsiber, 40. Mittwoch, den 18 hHe Anno 17095. — Ordinari Poſtzeitung Von Staats, gelehrten, hiſtoriſch. n. dͤkonomiſch. Neuigkeiten. Mit Ihro Roͤm. Rayſerl. Majeſtaͤt allergnaͤdigſtem Pri valegao. Berlegt und gedruckt von Joſeph Anton Moh, wohnhaft auf dem obern Grahen, in dem ſogenannten Schneid⸗ Haus. Muͤnchen, den 16—* Den 13. dieß fruh um halb 8. Uhr haben Se. churfuͤrſtliche Durchlaucht uͤnſer gnaͤdigſter Landesherr die Reiſe nach Junsbruck zur Vermaͤhlung mit der Erzherzogin Maria Leopoldina kd⸗ aigl Hoheit unter tauſend Segens wuͤn⸗ ſchen Hoͤchſtdero getreueſten Untertha— nen anzutretten geruhet. Die Reiſe geht den erſten Tag uͤber Wolfraths— hauſen, Benedietbeuern bis Mitteun— wald · Koͤlln, den 2. Feb⸗ So verhaßt ehedem der, nun ſelbſt in anleech verabſchente und verwuͤnſch⸗ te Roberspierre mit ſeinem J Anhang die franzdſiſche Nation im Aus⸗ land machte, eben ſo ſehr ſuchen jetzt dle Franzoſen ihren ſonſt ſo liebenswur⸗ digen Charakter wieder anzunchmen, —* Europa davon Beweiſe zu geben. Jhr Betragen in Holland iſt bisher uͤber ⸗ Erwartung beſcheiden. So lange die Englaͤnder in Holland ſtunden er⸗ Heben ſich von allen Seiten laute Kla— 8 gegen dieſelben, und bey ihrem «zug nach Deutſchland, der in guoſ⸗ ſer Unordnung erfolgte raubten die erſtreuten Parthien wie in einem feind⸗ chen Lande Die Franzoſen halten die ſtrengſte Mannszucht, und ein Sol⸗ dat wuͤrde hart geſtraft wenn er ſich unterſtuͤnde ſelbſt einen erklaͤrten ſatte halteriſch geſtnnten Hollaͤnder zu belei⸗ bdigenn—Al der General Vichegruͤ im Haag eingezogen war, verlangten der ruſſiſche ud portugieſiſche Geſandte gen, und die Wiuterquartiere beziehen, oder den Winteneldzug gegen die Al⸗ irte ſaſeten ucte vnn ſch daſelbſt fuͤr ſich, ihr Gefolg, und Pa— piere Reiſepaͤſſe und erhielten ſie auf der Stelle. ganzen Friesland usbereitet— AI iſ mn angetaſtet werden, bloß die Guͤter der Englaͤuder werden unter das National— Se genommen. Dieß berſichern die neueſten Briefe aus Holland, und in kurzem duͤrfte auch der freye Poſten—⸗ lauf wieder hergeſtellt ſeyn, weil die Fran zoſen wohl viſſen, daß Hollaud ohne freye Handlung nicht beſtehen kann. —Die bey der Beſetzung unſerer Stadt unter franzoͤſiſches Siegel geuommene deutſche Kaufmanusguůter werden nach und nach wieder frey gegeben. In Schwaben ſind bereits Briefe aus Amſterdam, und andern hollaͤn⸗ diſchen Plaͤtzen Adoch uͤber dan angeko mmen ine den. Febr Am 30 Jan. deſetzten die Franzo⸗ ſen alle Staͤdte an der Iſel newlich Zuͤtphen Zwoll ꝛc. wo ſie uͤberall uit Freudensbezeugungen von den hollaͤndi⸗ ſcheu Natrioten empfangen wurden; die Statthalteriſch geſinnte Parthey kann jetzt nicht zuders thun, als bey einem Hlechten Spiel eine gute Miene ma— chen. Man will behaupten, daß die Helfte der franzoͤſiſchen Nordarmee, die in Holland eingedrungen iſt, ſich auf die Seite der Ifn gewendet hat; dieſe kann man auf wenigſtens o 80. Mann—— waͤhrend daß ſich die andere Helfte Ii Beſetzung von der on Ho l a uad, und mit Eroherung von. Seelanb beſchͤftigte Ob die eine Elonne* ſich uͤber die Provinzen Oberyſſel ingen, und mit der Eroberung dieſen 3 begnuͤ⸗ ſlens entſcheiden. Die Englaͤnder ziehes nach Oſtfriesland, die Heſſen und Hanuo— veraner ſetzen ſich hinter die Eim s und die kayſerl. Trupßen ziehen laͤugſt der Lippe von Weſel bis Muaͤuſter ei— nen Cordon. So bald die preußiſche Armee unier dem Moͤllendorf aus der Gegend von Frauf⸗ furt am Riederrhein angekommen ſeyn wirde, ſollen die kayſerl. Truppen ſich alle am Ober- und Mittelrhein concen⸗ triren. die Preuſſeu, und die uͤbrigen Alliir—⸗ en aber auf der Elbe und der We— Er Zufuhr erhalten. Dieſe neue Ein— richtung und Vertheilung der Armeen ſcheint fuͤr die Zukuuft viele gute Fol— gen zu verſprechen, und mauche bis— herige Nachtheile zu hebeu. Weſel, den 4. Febr. Seit dem die Franzoſen uͤber die Iſſel ge⸗ gegangen ſtad, eht ſich der Krieg nun auch an das rechte Uſer des Rheins, und da unſe⸗ re Feſtung ganz in der Naͤhe des Kriegsthea⸗ ters iſt, ſo werden hier die Vorſichts und Vertheidigungs-Aaſtalten verdoppelt, um nicht von den Feinden uͤberraſcht zu werden. Aus allen Umfaͤnden laͤßt ſich ſchleſſen, daß die Franzoſeun Holland nicht als in erobertes Land, ſondern als eine alliirte Macht be⸗ handlen wollen. Sie werden alſo keine Con⸗ Eibutionen und Requiſitivnen vornehmen, aber ſie werden wahrſcheinlich auch nicht er⸗ manglen, die Hollaͤndiſche Land- aud See⸗ macht, und jene unermeßliche Vorraͤthe, und Magaiue aller Art, die ſich in den 7. Pro⸗ vinzen befinden, ſo anzuwenden, daß die Fran⸗ Hſiſche Republik davon einen weſentlichen Nu en ſiehe, und die patriotiſche Parthie n Holland, welche die Franzoſen als ihre Er— retter auſieht, wird es billich inden, daß der Dienſt, weichen die Franken ihrem Vater⸗ ſand leifleten, durch eine recht großmuͤthi⸗ ge Summe Geldes belſhnt werde. Al— Jein wie werden nun die Allirten, Falls Fein Friede erfolgt, die 7. Probinzen an⸗ hen; und behasdeln? Söobald ſie mit Feankreich allirt ſud, ſo konnen ſie nicht Als neutral rachtet werden. Englaud wird alſo nicht ſaͤumen, ſich ihrer Colo⸗ nien zu bemaͤchtigen, und die Pordſee durch eine maͤchtige Flotte zu ſperren. Die allirien Truppen aber werden der unter druͤckten ſtatthalteriſchen Parthie in Hob— Jand zu Huͤfſe kommen, und wenn das Feldzug Holland als ein feindliches Laud erobern ſachen. Daun duͤrften die 7. Propinzen ein Theil des Kriegstheaters heerden, Vielleicht aber helfen nun die Hollaͤnder ſelbſt nachdruͤcklich am Frieden arbeithen. Feldmarſchall von* Dieſe werden auf der Donau, Gluͤck ihnen guͤnſtiger iſt, als im vorigen 7 VParis, den 4. Feb. Einer unſerer geſchaͤtzten Schriftſteller hat uͤber unſere Beſihnehmung der 7. vereinigten Provinzen folgende Betrach— tungen bekanut zemacht; Holland iſt erobert, behandeln d es klug und ge— recht, ſo i es fuͤr uns, behandeln wir es aber tyrauniſch und hahſichtig, ſo iſt es fuͤt Eugland erobert. England freut ſich vielleicht jezt uͤber die Un⸗ faͤlle ſe ner Allirten. Es zieht jetzt die hoilaͤndiſchen Schiſleute, dab auten, Reichthuͤmer, Fiſcherey und Hand ung an ſich, und wahrſcheinlich haͤt es ſei— nen Flotten die Befehle ſchon zugeſchickt, die hollaͤndiſchen Colenien wegzuneh— men. Der Handel von Norden, und der Alleinhandel mit Gewuͤrzen, die Goldgrube der Hollaͤnder wird bald in engliſchen Haͤnden ſeyn. England will und hoft es, daß wir Holland enorme Contributionen auflegen, daß wir alles in Requiſition ſetzen, daß wir die Hand⸗ lung ſperren, es zwingen, am Krieg gegen die Allirten Autheil zu uehmen, und die ſtatthalteriſche Parthey zu ver— folgen. Was werden wir aber durch die Contributionen gewinnen? Mau fuͤhre 10. Milliouen hollaͤndiſche Duka— ten nach Paris, und verwahre ſie mit 20. Schluͤſſeln, in wenigen Monaten werden ſie uͤber Genuag und Baſel ins Ausland waundern! Nehmen wir Hol— land und Amſterdam den Handel, ſo hoͤren ſie ploͤzlich auf zu ſeyn, was ſie ſind. Zwingen wir die Bataver zun Krieg, ſo ſind ihre Iuſeln, und ihre Seehaudlung verlohren. Verfolgen wir die Katthalteriſche Parthie, ſo jagen wir vlele tauſend fleiſſige Kaufleute und Fabrikanten nach Cuglaud, wohin ſie ihr Geld bereits in Sicherheit gebracht haben. Kommen wir mit Contributio⸗ nen und Regquiſitionen, ſo ſchreyen die Patrioten uͤher Untreue und Barbarey- Sveſſer waͤre eb alſo fuͤr Fraukreſch unere —E — ααα — Armeen toͤren als Eroderer in Hollanz e mgagzogen/ ſo haͤtte man ihnen ſreywilleg J roſſe Summen Geldes angebothen Nun em men ſe als Allirte/ und befoͤrdern die bhlaͤndiſche Kebblutin und haben/ wenn Hir politiſch haudetn wollen gesanudene Haͤnde. Rur dang iſt die Eroberung von Hollaud ſchaͤtzbar wenn ſie den driedeu beſordern hanu dieſer iſt die groͤſte Er— pberung, welche die Siege unſeter Ar— meen machen koͤnnen. Der Krieg den wir t einer Millionen Franzoſen fuͤhren, koſt uns zͤhrlich, das Blut unſerer Bar⸗ ger Wgerechleet, 3000 Mihltonen Livresj um dieſe Summen durch Couttiduttouen u erheben, mußten wir balb Eurbpaner⸗ bobern. Die biseherlgeu aus Deuſchiuud grzegeken Contridativnen reichten haum zu, am ſo viele Perſonen zu beſechen, die wir in Aus and aaf unſerer Seite haben —— —wEDE ααα —— —* * 8 * *— *8* muͤſſen. Das hier haͤufig in den Theaters x. aufgeſtellte Bruſtbild des Schrekens⸗ maunnes Marat, der ein eigentlicherabgott * der Jakobinen ſt, wird zett beſchimpft, und umgeworfen.— Zu und um Lyon iſt die bieherige Theurang auf dem Muutt, in eine Jungersuory auszuar— — Paris, deu 6. Feb. Man weldt nun, daß unſere groſſe breſter Flotte nicht, wie ev anfauglich hieß, nach dem nuttetlaudiſchen Meer geſegelt iſt, pudern daß ſie im Raugl, kreuzt, Am eine groſſe eugliſche Kauf⸗ fahrteh lotte aufzufaugen, bie nachſtens in den eugliſchen Haͤfen ankomnmen ſollte Sie hat aber bereits durch Sturm iu etwas gelitten, und man iſt wegen derſelben nicht ganz auſſer Sorgen, da der Kanal bey der gegenwaͤrtigen ſtuͤr⸗ nuſchen Jahreszeit eine geſaͤhrliche Mee⸗ resgegend iſt. Auch kouute wohl die eengliſche Flotte ausgelaufen ſeyng, um ſich mit ihr zu meſſen.— Nach Pri⸗ aatbriefen b Amerika haben die Ne⸗ ers auf der Inſel St. Lucia einen ubs der ganzen Juſel vertrieben: nur unoch ein Fort iſt in ihren Haͤnden Dieß waͤre alſo die zweyte Inſel, die uns die Esnglaͤnder abgenemmen, und die wir durch Regers wieder exhalten. Doch ufſtand gemacht und die Englaͤndet hat die Rationalkoubentlon noch keine offtelellen Auzeigen hieruͤber.— Die Gaſſenjungen von Paris ttreiben jetzt mit Marats aufgeſtellten Bruſt⸗ bildern ihren Spott, einige derſelben haben ſie in Abtritte geworffen, mit dem Zuſaͤtz hier Marat, iſt dein Pau— theon! die oͤffentliche Meynung verab⸗ ſcheut jetzt das Andenken dieſes jakobi⸗ niſchen Blutmenſchen, und Ungeheuers; ſeiue Moͤrderin Corday wird bewuit⸗ dert, und ſeine verabſcheute Aſche duͤrfte unicht mehr lange im Pautheon bleiben? Sle tranũt Gloria aundi! Die ſpauiſche Feſtung Roſas haͤlt ſich noch nmer; die Witterung verurſacht unter unſern Armeen an der ſpaniſchen Graͤnze vie⸗ le Kraukheiten. Die Natibnalkonventivn hat noch nichts uͤber Holland beſchloſſen, und die Frage wie man dieſes eroberte Land behaudeln ſolle, iſt von den Re— gietungẽcomites der Nationalkonvention noch gar nicht zur Berathſchlagung vors gelegt worden. Dieſe Frage iſt ſehr delicat und hat zwey ſehr verſchiede— ne Seiten, man ſeht Keim Publi— kum als eisen Probierſtein an, au wel⸗ ch ie Nattonalkouventien ihre Rlug⸗ hat Probiren Knne. Wenn ſie wit wahrer Politik verfahren will, ſo iſt der Fong in Holland nicht ſo groß, als n beym erſten Anblik glaubte. Von der Brandenburgiſchen Graͤnze, den 7Feb Da die Franzoſen nun auch uͤber die Hſſol gegangen ſind, und ſich alſo das Keoegetheater dem weſtpphaͤliſchett Kreis gewaltig naͤhert, ſo konnnen dadurch die weſtphaͤliſchen Staaten des Kduigs von Peuſſen faͤmmtlich in die Gefaͤhr von den Feinden beſetzt zu werden, o wie ſie bereits die Helfte des Herzog⸗ hums Cleve das Faͤrſtenthum Moͤrs. und die Hertſaft Geldern Genſeits des Rheins) Handen haben. Da⸗ n konmt noch die gewaltige Revolu— on in Holland, und die Emigratioe der ſtatthalteriſchen Famille, wodurch der glorreiche Feldzug der 20,000. Preuſſen Rund 787 unter dem Her⸗ zog von Braunſchweig, mit welchem der etzige Kodnig von Preuſſen ſeine Re— gierung gleichſam erdfnete, mit allen Linen Folgen gaͤnzlich vernichtet wird. Dieſe beyden Umſtaͤnde duͤrften nun den Berlinerhof, wenn der Friede nicht er— ſolgt nothigen, an dem Kriege einen weſentlichern Antheil zu nehmen, und den groͤſen Theil ſeiner Kriegsmacht an den Niederrhein zu ziehen, welches unn ſo eher geſchehen loͤnnte, da etzt die Alniſchen Aigelegenheiten groͤſten⸗ cheils beendigt ſind, und Eugland ſich ge⸗ wiß bereit finden laſſen duͤrfte den groſ ſern Theil der dazu erforderlichen Kriegs⸗ Sſten durch Sabſidien zu leiſten. Auch Ruͤßlaud ſcheiut geneigt zu ſeyn den Konig von Preuſſen in dieſer Unterneh⸗ mung auf eine oder die audere At zu auter ſtuͤgen. Ja es heißt ſogar der Prinz Heinrich der jetzt das ganze Verttauen des Koͤnigs geuießt, daucfte entweder das Commando einer Armee von 100 00. Preuſſen uͤbernehmen, oder doch vom dem Koͤnig zuun den wich⸗ uigſten Staatsangelegenhtiten gebraucht werden. Am 2. dieß ſpeißte der Ko— nig bey dem Prinzen Heinrich, und der Ring den er m an ſeinem Geburtstag verehrte, wird 30,000. Thaler geſchaͤtzt Baſek den 10. Febr. Es iſt zbedauren, daß das Frie⸗ densgeſchaͤfte, welches glaͤcklich eingan keitet, und im beſtenn Gang war, durch den Toð des wuͤrdigen Grafem von Golz zwan nicht uuterbrochen, aber doch um einige Wochen verzoͤgert o den. Mam hoft, der Kbnig von Preuſſen werde bald einen eben ſo wuͤr⸗ lige Mann als Bevollmaͤchtigten zur Fortfetzung der Fiedeus Negecia tiouen ieher ſchicken Die dffent iche Mey⸗ vnng vereinigt ihren Wunſch in der VPerſon des Grafen von Herzberg, der gegenwaͤrtig zu Berlin in philoſophi⸗ ſhRuhe lebtt, und der als ein Lieb⸗ ng und Bertrauter Friederichs des Einzigen auch in einer vorz aglichen Ach⸗ tung bey der franzoͤſiſchen Ration ſteht. Man kann es als zuverlaͤßig anneh⸗ meun daß der preupßiſche Legations⸗— Sechetain Harnier, der ſelbſt in Parxis war, die erſte Aeuſſerung der 3. Re⸗ gierungs Comites na h Berlin bringt, wo er ſchon vor einigen Tagen ange⸗ kommen ſeyn muß. In Fraukreich iſt man faſt durch gehends der Meynung, daß die Nationakkonvention ſich werde billich, und zum Frieden bereit finden laſſen, weun man ihr annehmliche Frie— densbedingungen vorlegt. ben die ä Armeen allerdings groͤſſe Eroberungen gemacht, und die⸗ ſe gehdren in die eine Waagſchaale, aber in der audern Waagſchaale liegen die verlohrnen franzoͤſiſchen auswaͤrti⸗— gen Beſitzungen, der Ruin aller Fabri— ken, Manufacturenn, und der Haud— lung von Fraukreich, die ungeheure Menge Aßignats, die ſteigende Theu— ruung und der Mangel an Lebensmit⸗— teln, und der daraus entſtehende Wunſch der franzoͤſiſ chen Nat ion nach ei— nem baldigen Frieden, den die Volks— Repraͤſentanten in einer Republik nicht unbemerkt laſſen duͤrffen. Die framzd— ſiſche Nation ergriff die Waffen nicht um Eroberungen zu machen ſondern fuͤr Freyheit und Unabhaͤngigkeſtſt. Kurzgefaßte Nachrichten. Nach einem von der pohlniſchen Graͤn⸗ ze ſich verbreitenden Gerucht ſon die Reiſe des Koͤnigs von Pohlen und die Reiſe des Herzogs von Curland Bezug auf einander haben, und hierunter ein Geheimniß verborgen liegen, deſſen Auf⸗ klaͤrung man von der Zeit erwarten muß. Indeſſen ſchreibt man auch aus Mitau, daß der Herzog nach Peters⸗ burg ſey entboten worden. In Elſaß werden die Kriegsruͤſtun— gen ſtark betrieben, und alle waffen— faͤhige Mannſchaft von 16. bis 40. Jahren in Regiſtion geſetzt Mittoch, den Febr. werden im Findelgaͤßel bit. A. Nro. 4489. einige Sil⸗ erſtüct, Boggelhauben uud Coſeitlei⸗ dungen, Waſch, Secten, Zinn, Kupſer und anderes Kuhelgeſchirre ein Muſchel⸗ ſchutlen drey verſchiedene gang neu fa⸗ conire vom Wagnet fertige Chaſen auch, verſchiedenes Schreinwert und ardere nutzbare Fahrniße gegen bagte Zahlung —A —2 Zwar ha⸗e —w α — e————— —— —— — Mro. 43. Don ner ſtag„den 19. Febr. Anno 1798. Augſpuriſche 8 dinari Poſtzeitung Von Staats, gelehrten, hiſtor iſch. u. oͤkr nomiſch. Neuigkeiten Nit Ihro Roͤm. Rayſerl. Majeſtaͤr aller gnaͤdigſtem Privilegio. Berlegt und gedruckt von Joſerh Anton Mop, wohnhaft auf dem — obern Graben, in dem ſogenannten Schneid Haus wWien, den 10. Febr. Ne Berichten aus Ofen hat es ein Boſewicht verſucht, den Pulver— thurm daſelbſt anzuzuͤnden. Der Ent⸗ wvirf wurde aber entdeckt, und ſeit— dem ſind die Wachen verdoppelt. Von den daſelbſt ſeit 6. Wochen in Ver— haft genommenen ſind bereits mehrere eder in Freyheit geſetzt; ihre Zahl aber iſt durch neu eingebrachte erſetzt worden. Einer der Gefangenen hatte ſich mit einem Stuͤckchen ſeines Trink⸗ Glaßes ſchou die ſiebente Blutader auf⸗ geſchnittene, und erſt bey Zerſchneidung dieſer letztern vor Schmerzen zue ſchreyen Agefangen. Er iſt uun beynahe ganz wieder geheilt ʒ von dieſer Stunude aber belommen ſaͤmmtliche Gefangene bleyer⸗ ne Becher In Betreff der Theilneh⸗ uer an der angeſtifteten Berſchwoͤrung im Ungarn, iſt der Kayſer von 17 Eo nitatem erſucht worden, keinem Par⸗ don zu geben. Die hier geſchehene Ernordung des Rittmeiſters von der ungariſchen Nobelgarde, Barons von Veghely, geſchahe ſelbſt durch 2. No⸗ bel Reden, Namens Oeadody und Semes. Dieſe Greuelthat war um— ſo abſcheulicher, als ſie von Perſonen erabt wordem, welchen die ehrenoolle Bewachung des Sonverains anver⸗ rrqut iſt Der Miuiſter, Graf Lehrbach Ex⸗ odellenz, iſt von hier gerade nach Inns⸗ hruck abgereiſet, um der dort den 124 zukuͤnftigen Monats vor ſich gehenden Vermaͤhlung des Churfuͤrſtens von der Pfalz mit der Maylaͤndiſchen Erzher⸗ gin beyzuwohnen. Dieſer ſeinem Honarchen und der Monarchie treue Staalbniann hat wiederum Beweiſe ſei⸗ ner eyxorobten Geſchicklichkeit im Nego⸗ ren gegeben.— Die hier von Hol⸗ land engegangenen Nachrichten haben einen guſſerordentlichen Staatsrath ver⸗ anlaßt. Gleich nach Beendigung deſ⸗ ſelben ſind mehrere Couriere au die AMmee am Rhein nach Petersburg und London abgegangen.— Der Cabinets⸗ nunſter, Graf von Colloredo, liegt krank darnieder. Regensburg dem 14. Feb. Der Suf der Poſtem wird jetzt durch ein plotzlich eingefallenes mit Regen vermiſchtes Thawetter nicht wenig erſchweret. Der Donauſtrom, der durch die Sttenge des diesjaͤhe igen Winters eine ſo dicke Eismaaße erzeugte, daß ſchwer beladene Waͤgen daruͤber fahren kanten, hat ſich zwar ſchon ſeit ein daar Tagen geodffnet, und das Eis ſich gebrochen, auch ſind von den obern Ge⸗ enden viele Eiswaͤnde abwaͤrts gelom⸗ Nen, allein von unſerer koſtbaren ſtei⸗ nen bis zur hoͤlzernen Bruͤcke ſtocken dieſelbe, das Waſſer ſchwellt immer Hher an und es laͤßt ſich ſewohl fuͤr de Muͤhlwerke als die Gebaͤude des tern Worths keine geringe Gefahr Ind Seſchdigung beſorgen. Dieſe ab⸗ zuwenden, oder wenigſtens zu vermin⸗ ind ſtern Nachmittags ein paar Kauvnen auf den Bruderworth gefuͤhrt, und aus denſelben in die ſich angehaͤufte Eisdecken ſcharf, aber bis⸗ her ohne Erfolg gefeuert worden. Schreiben aus Innsbruck den 66. Febr. Ann 13. dieß Nachts um halb ſteben Uhr zogen die hoͤhen Herrſchaften aus May⸗ and ner mimatiſcher Muſik, durch die ihnen exrichteten Trumphbogen hicr ein: *— Houte fruůh gegen d⸗ Uhr ſuhren Ihro koͤnigl. Hoheit der Erſherzog Ferdinand mit dem Oberſthofmeiſter unſerer Erzher ogin Gra⸗ ſen vvn Spaur, und dem General Gra— ſen von Collbredo dem Kurfurſten von Pfalzbayern bis Zirl entgegen, wohln be⸗ xeits quch unſer Herr Gouvernceur, und die 2 kayſerl. Geſandten vorausgegangen waren. Um 5 Uhr ruͤckten unſere 2 Ba⸗ taillons von Neugebaur, und Wilhelm Schroͤder aus, um Spalier zu machen; bey Hef ſormirten die Cavaliers ein Spa⸗ lier. So bald der Kurfuͤrſt mit ſeiner Suite zu Krogebiten angekoͤmmen war;, wurden von unſern Stuͤcken und Moͤrſern die Zeichen gegeben. Um halb ein Uhr geſchahe der ſeyerliche Einzug. Der Kur⸗ fuͤrſt ſaß rechter Seits, der Erzherzog Fer⸗ dinand aber liinker Hand: voraus ritte der Poſtmeiſter von Zirl, neben dem Kur⸗ fuͤrſten der eommandirende Oberfllient. von Meugebaur Baron Balteſer, der Stallmeiſter unſerer Erzherzogin,, and der Leibeurier des Erzherzogs Ferdinand; lin— ker Hand 2 bayeriſche Leibcuriers, und ſo— dann felgten die uͤbrigen Wagen. Der Kurfuͤrſt von Pfalzbayern ſieht ungemein munter und geſund aus.— Geſtern war bey Hof die feyerliche Vermaͤhlung in der Stille als dieſe voruͤber war, gab der Oberſthofmeiſter von dem Balcon das Zei chen/ worauf dieſe frohe Begebenheit dem Volk mit 20 Kauonenſchuͤſſen bekaͤnnt ge— macht wurde. Heute iſt Freyball und freye Redoute. Morgen iſt fruͤh um 6 hr die Abreiſe feßgeſezt. Die hohen Herr⸗ ſchaften aus Maylakd geben denen NReu⸗ vermaͤhlten kurfuͤrſlichen Durchlauchten das Beglkite bis an die bayeriſche Graͤu⸗ ze, wozu 96 Poſtpferde in allen erſordert werden. Die Bagage geht uͤber Kufſtein nach der Reſidenzſtadt Muͤnchen.— Es hereſeht bey Hofe and in unferer ganzen Stadt allgemeine Froͤhlichkeit, und alles iſt nach Wunſch poruͤbergegangen. Die nun⸗ mehrige Frau Kurfuͤrſtin von eeee Durchlaucht iſt ungemein reitzend, einneh⸗ mend, und herablaſſend, und die braven treuecn Bayern bekommen an Ihr eine recht erwuͤuſchte Landesmutter. Auſpach, den 15. Febr. So eben geht die Nachricht ein, daß der allgemein geliebte, geſchaͤtzte, und verehrte Fuͤrſtbiſchoff von Wuͤrzburg und Vamberg geſtern in die beſſere Ewig— keit uͤbergegangen ſey. Maynz, den 10. Febr. Geſtern Mend um 10, Uhr ereigne⸗ te ſich ein betruͤbter Zu fa U. Ein ſten ertrunken ſind. groſſer Zuſammeufluß von Schueewaſ⸗ ſer ſtuͤrtzte gleich einem Wolkeunbruche durch Zahlbach gegen den errichteten Damm zwiſchen dem Linſenberg und dem Hauptſtein, vor welchem ohnedies ſchon uͤber 40. Schuhe Waſſer gelegen, brach hier ſeitwaͤrts durch, und riß das zur Wirthſchaft wohl eingerichtete groſ⸗— ſe Gebaͤude, der Sounengarten ge⸗ nannt, ganz zuſammen, ſo daß der Wirth kaum noch Zeit hatte, ſich und ſeine Familie durch die Feuſter im mitt— lern Stocke auf den Hauptſtein zu ret⸗ ten. Das Brauſen des Waſſers, wel⸗ ches durch die Wildgraͤben und Treu— cheen ſich wuͤthend fortwaͤltzte, war ſchreckbar. Erſt nach Mitteracht lief das Waſſer etwas ab. Heute fruͤh ka⸗ men daunn noch die traurigen Berichte dazu, daß 7. Soldaten auf ihren Po— Die Gegenden vom Bruch und Mombach ſind uͤberſchwemt. — Geſtern und heute hoͤrt man die Franzoſen entfernt dfters aus kleinem Gewehr feuern; was es zu bedeuten hat, weis man nicht.— Dieſen Abend um 5. Uhr brach plotzlich das Rheiu— eis vor unſerer Stadt los, als noch Menſchen und Vieh ſich darauf befan— den. Das Lamentiren war ſchrecklich, Ob Leute dabey verungluͤckt ſind, weiß man unoch nicht ſicher. Inzwiſchen lief das Eis ruhig und ohne den mindeſten Schaden ab. Das Waſſer wuchs da— bey ſehx langſam, und kan blos durch die Kauaͤle unter einige Stadtthore Weſel, den 5. Febr.* In Holland wird nicht die im Jahr 1786. und 1787. entworfene, ſondern eine der neuen franzoͤſiſchen aͤhnliche, Verfaſſung an enommen. Die Arti— kel eiger Kapitulation, welche man zu⸗ erſt angab, waren unaͤcht. Aun Geld⸗ eontribution haben die Franzoſen, bis jetzt, noch nichts bezahlt erhalten.— Die Geſchaͤfte und Verſammlungen der Kaufleute auf der Boͤrſe zu Amſter— dam und Rotterdam ſind nicht unter— brochen worden. Nur am Tage des Einmarſches, am 19. Jan. ſtund al⸗ ——— — les ftill, und das Baukgeld war auſſer Curs: am 20. Jan. ſtund es zu 60. am 23. Jan. ſchou wieder zu 754 Procent. Schreiben aus Amſterdam, den 29. Jam Die 6. Patrioten, welche wegen der bekannten Addreſſe vom 14. OSctober vorigen Jahrs hier ius Gefaͤngaiß ge— ſetzt worden waren, ſind am Tage der hieſigen Revolution ans ihrem Gefaͤng— niſſe freygelaſſen, in 6. Katſchen nach dem Stadthauſe gefuͤhrt und daſelbſt von dem auf dem Damme unzaͤhlig verſammelten Voelke mit groſſem Ju— bel empfangen worden. Die hollaͤndi— ſchen Reuter than hier in Amſterdam mit den franzoͤſiſchen Huſaren Dienſte. Alles iſt hier ruhig und febhlich, und die Straßen voll Volks. Die mieiſten Nordhollaͤndiſchen Staͤdte ſind der Re— volution beygetreten. Die letzte Poſt nach Bremen und Hamburg iſt am 22. Jan. von Amſſter dam abgegaͤngen; aber unter Wegs angehalten worden. Schreiben aus dem Muͤnſteriſchen, dem 4. Febr. Im Haag ſind bey dem Vordrin— gen der Franzoſen gegen Holland nur die Miniſter der neutralen Staaten zu— ruͤckgeblieben. Am 18. Jan. reiſete der Erbſtatthalteriſche Hof uͤber Schede⸗ ningen nach England ab, woſelbſt er auch glaͤcklich auzekommen. An eben jenem Tage giengen der Großbrittani— ſche Bothſchafter, Lord St. Helen s, der engliſche Min ſer Elliot und der kayſerl. konigl. Geſchaͤftstraͤger, Herr von Pelſer, nach England, der koͤnigl⸗ preußiſche Geſandte Graf von Keller, der Hannoͤveriſche Miniſter, Herr von Hinauͤber, und der koͤnigl. ſardiniſche Geſchaͤftstraͤger, Herr Kenti, aber nach Deutſchland ab. Letztere drey ſind veon Enkhuyſen in Nordholland nach Stoveren in Friesland uͤber den Zuͤ— derſee mit Eisboten, und zwar bis auf wenige Miunnten, ausgenommen, wo die Boots mit Rudern durch das gebrochene Eis fortgebracht wurden, zu Fuß gegangen. Schreſden aus Bremmen, den z. eb Hier ſollen Briefe aus London bis zum 18. Januar ſeya, die heimlich in Hol— land gelandet ind. Der Verluſt vos Holland, den man in England ſchon ſehr nahe ab hſoll keine große Beſtuͤrzung erregt haben; man ſprach von einem Em⸗ bar o auf, alle hollaͤndiſche Schiffe, und von Ausruͤſtung vpn Caper gegen die Hoſ⸗ aͤnder. Die große Conboy von 156 Schif⸗ fen, mit 6000 Mann Truppen au Bord, war nut gutem Winde nach Weſtindien abgegangen, und alles war heiter und froh und hoffte eine buͤhende Haudlung. Von der hollaͤndiſchen Graͤnze, den 3. Feb. Die Auffoderung, welche der fran— oſiſche General Daͤndels dem Aniſter⸗— ammer Kommaudauten Golofkin zu— ſchickte, lautete folgendermaſſen:„Ich befehle Dir, General, mit Deiner un— terhabenden Garuiſon ſogleich die Stadt zu raͤumen, denn ich bin Willens noch dieſen Abend in die Stadt einzuruͤcken.“ — Die Frauzoſen ſellen in Amſterdam d eine Aushebung von 6000. Rekruten verlangt haben.— In ſehr vielen Staͤdten hat der Erbſtatthalter und das Oraniſche Haus immer einen ſtarken Anhang behalten, und im allgemeinen iſt dieß bey den Landleuten, Fiſchern, Schiffern und andern Seeleuten durch— gaͤngig die Geſinnung.— Die Actib⸗ nen, welche ſeit dem Aufang des Jau. in Holland vorgefallen, haben den Fran— zofen 20000. Mann geloſtet, weil be— ſonders ihre Bleſſerte bey der groſſen Kaͤlte faſt alle geſtorben ſind.— Be—⸗ kanntlich kam eine Stunde nach der Abreiſe des Erbſtatthalters aus dem Haag ein Kogrier von den zu Paris befindlichen hollaͤndiſchen Commiſſarien am erſtgedachten Orte an, und uͤbete brachte die Nachricht, daß Fraukreich Willens ſey, unter folgeaden beyden Bedinzuggen mit Holland Frieden zu machen: 1T. Daß den Frauzoſen das Fort Crebecdur eingeraͤumt bleibe. 2. Daß die Revublick Holland mit Fraukreich eine Allianz ſchließe. Da aber bal darauf die frauzoſiſchen Truppen ſich bereits von Amſterdam und den mehre— ſten hollaͤndiſchen Staͤdtem Meiſter ge— macht hatten, und der Erbſtatthalter nicht mehr gegenwaͤrtig war, ſo duͤrf⸗ e das Scheckſal Hollauds nunmehr noch auf eine andere Art beſt mit werden, WVen Maſterdam iſt eine Staffette mit mehr als 40. Briefen mit Erlanb⸗ niß der Franzoſen durch gelom men wel⸗ che vermuthlich dieſe Briefe geleſen ha⸗ den. Sie enthalten aber nichts wie andels angobegenheiten. Alle Rechnuu⸗ gen wurden noch wie vorhin in baarem Gelde nicht in Aſſignaten, zu Am— ſterdam bezahlt. Straͤßburg, den 6. Feb. Matthien, der neulich zum Malre —nt wotden war, hat dieſe Stelle niedergelegn, welche hierauf Xaverius ler erhielt. Mehrere Mittlieden der Nationalkouventien zu Paris wa— den mt der Ernenuung des erſten, als eines Nichtdemekraten, wie ſie ihm hannten, nicht zufrieden. Paris den 6. Feb. Uner General Hoſten hat in Dor⸗ drecht, Sorkum und in daſer Gegend e mezuüche Magazine gefunden: und un hat man erſt angefaugen, die in Beſitz genommenen Schiffe auf ʒu zeich⸗ den. Ein einziges Magagin enthaͤlt 060. Saͤtke Haber, und 2 Mllis⸗ Icm Bund Fen, jeden zu 12. Pfüud; Bauntweine Kaͤſe Kaſſee xc. Mam Haud an einem Ort 151.3u Gorkum bnnd zu Lowenſtein 67. Kaneuen; Doldrecht 632. metallene Kanonen, und 37 bie 50. tauſend Flinten; zu Echornhofenn 5 Kandouen: und aus —— den andern benachbarden Orten weis er die Zahl neih nicht. Auf der Merve fand man 12. Kanonierſchaluppen, je⸗ de mit einer 12oder 24pfuͤndigen Ka⸗— none, 2 engliſche bewafſnete und be— manute Bricks. In eben dieſer GEe— gend findet man ungeheuer viele Fou⸗ rage. Sehr viele Munition fand mau zu Nieuport und Schoenhofen; an lez⸗ terem Ort befonders 2,113. Tlinten, 175. Faͤßchen Pulver, 31. metallene Kanouen, 4. Moͤrſer, 2. Haubitzen und 574 eiſerne Kanpnen. Zu Nieuport 7000. Pfund Pulver, 15. Kanonen von Metall, 2. Moͤrſer, q. Haubitzen, 54. eiſerne Kanonen, 600. Flinten und 20. Doppelhacken. Auch fand man zu Dordrecht vieles dort verborgene Klo— ſterſilber aus Belgien. ——— Dienſtag den 3. Maͤrz und ſolgende Taͤge wird in dem St Aegidy Benefi clachauſe nachſt bein Domkapitelſchen Werncker bey St. Barbara ein Hauß⸗ rath goͤffnet aud darinn ein ſibernes halbes Brettſpiel, ein chichtige cck, An Vorlegloͤffel, Caffeeloͤſſetl Minn⸗ ten und Siockuhren, inwand an Loden geblaicht und ungeblaicht, Leib Tiſch und Settwaſch, Choproͤcke, ſchware vnd an— dae Kleider, Bettet und Bertſtetten, Seſſel, Siſch, Schreib⸗ Commod und an⸗ en Kaͤſſten Spiegel, Mahlereyen und andere ſchoͤne Tafelu Zinn, vier zingene RHirchenleuch ter/ Kupfer, Meſſing Sel⸗ arktüg, Glaͤſſer, etwas an Neckarwein, einige Buͤcher, und andere Haußfahrniſſe an den Weiſtbietenden gegen baare Be— ahlung erlaſſen werden Uhm.—7* henn ſchwaͤbiſchen allge meinen Kreis · Convent die m zelde ſtehenden ſchwaͤbſſchen Truppen an Proviant, Fourage, dſpitaͤler und danu die und Unter⸗ Demnach bey nachſthevorſtehendem Verpflegung Sol nnd Streh accht, wentger der Fel Joliung der Kheis Artllerie⸗Zelten ebr. in Ulin zu melden/ ihre Euntwuͤ ee en viſen ogen, damt, e Haupt. Licitativn und Abſchluß laͤugſ mit voergenommen, werden, bönnrn. Den 27. Jan. 1795. nd Requißten⸗Fuhrweſcns, au Sonmermongte vcin May bis Rorender m Admodiativn gegeben, ugd dieſt chal⸗ Vn mut ain ⸗ oder mehrrren in den Holiſchen Kreiſes-Landen aegeſeſſenen tuůͤchti⸗ gen Enrepreneurs, welche zugleich geuugſane Sicherheit zu leiſten ics Staͤnde waͤren, nd ſch am billigſten behandeln laſſen uden Necords abgeſchloſſen werden ſolleu; ls ad ſolches des Eudes audurch oͤffentlich bekaznt gemacht, damit alle diejenige, welche ſich in eine dergleichen Admodiatihn Anzulaſſen geſonnen ſcyn wollen ſich den rſe und Bedingungen, auf welche ſie eik e e edee die ſan mte Admodiativn zu uübernehmen. grdaͤchten, n den m elé Zul alda befindkehen Fiebehorde uu uͤbergeben, und ſich dergeſtal⸗— die kuͤnſtige 7 ——— eIreyheag, den 20. Febr. Anno 7s Augſpurgiſche Ordinari Poſtzeitung Von Staats, gelehrten hiſtoriſch. u. dtonomiſch. Neuigkeiten. Mit Ihro Roͤm. Rayſerl. Majeſtaͤt aller gnaͤdigſtem Frivilegο Werlegt und gedruckt von Joſeph Anton Moy, wohnhaft auf dem dwern Graben, in dem ſogenaunten Schneid— Haus. Wien, den 14. Febr. bisherigen oͤffentlichen Verhandlungen ge⸗ Se dem borigen Monate werden treuen Hergang der Scaen uicht wohl uſtuiche Anſalten getroffen, die en ſſnd—Sarauf olat der benachbarten Diſtelete von Pohleu eiue Juhalt der ugſten Reichsgut achtens/ die i onen, u welchem Geſchaͤfte, ern ſiuche Ein leitung ju einern ee und nter andern dem Kreishauptmanne, een Suede—— us e Beanm von Appelshofen, und dem als an erden eſere— 73 oon ppelshofen une Woleun ee omnnch kayſert Schriftſteller bekannten Kreisſchuldire⸗ Nonßat duſſern daß vwar die Wieder⸗ Iappe von Bochnia, die noͤthie herſtebaung der Rahe durh inen baldi⸗ gen Inſtruetionen ausgefertigt. Der geu Frieden dem Vaterlaad und der bey dem Commando des Korps d Ar⸗ Menſchheit zu wunſchen ſey.— daß ſich n Jaalien ſtehende Graf von aber viee Bebeutlichkeiten und Sowien e hat unter dem 3. Febr. berich⸗—— tet, daß nach mehreren Kundſchaftsbe⸗ Rajeſat Beruhignng gerraen wen. Iten nne Flotte d de x den ſichern Befehl erhalten hat, in dennt en d— nandtee den— letzten Tage des Monats Januar aus⸗ ſehen ou.— Daß Se Macſaͤt die ge⸗ zulaufen, daß ſie aus 15. Kriegsſchif⸗ wuuſchte Friedens⸗Einleitung nicht er— und mehreren auderen Fahrzeugen ſchocren oder verzoͤgern Jondern die an be lehet 26 000. Manu Landtruppen die dandgegrbege Baßs gitehmigen d vBocd hat und dieſe Flotte gegen ee e ſik Jin ſo 82646 zu bſende cznenug Corſika beſtimmt ſeyn ſoll. Daß ſie o eee ere—5* * 8 8 X? 7*** wirllich ſchen ausgelaufen ſey hat nd Miitken vorſehalten.— Da Waß man noch nicht erfahren. iand dann das Kayſers Mogeſtaͤt Réensburg den 17, Febr e denn ar hut halten, wenn ſich eine *—*5 e3—* 1 Das am ieſec derd die Rechs weſhenche Außedt u einem bllligen, ane— J n anftaͤndigen und guuchmachen J J* den raung 1795 hetret ges zu hoſfen ſey blete weyſelhaft— de ene des Fechstrieges uod beſon dahen die daich chlurmal ge Ruſung um. ders die Einleitung zu einem annehm ichen In adee arben y 234 Ne—⸗ 446*—*— 9—* Frieden. Voran gehet ein? dis Darſtellung aͤber die Euntſtrhung und ae i ne jebe Surde auf jeden dortſchritte der gegen das Feich begange worigen Fabe her ale Kſte auzubie. nen Frudersbruch uud Feindſeligk eg, n b die Ehande rande uͤnd d ine Benchung auf die e den den Umſturs der tchee Baſaſſung m— 4 April 1790 ene ſerl Commiſſigns Mem Fliedensſchluß— — 8— em Friede u unterzeichnen. SDekrete und darauf erfelgte Reich ggutach⸗ A8 ee u3*04 Frankfurt, den 15. Jeb. ——— ne Uebe Eyhrenbreitſte in vernimmt man in dem Reichstags Vrotokylle und den ewer uorendrrueuz man, enen Reich gutachten ige zuͤge wahr⸗ vaß General Bende kaͤrzlich wieder eommen ha den, welche mit dem den nen Ausfall gemacht und den drane —2—* *— zoſen eine große Anzahl Waͤgen mit Mundvorrath, worauf ſich auch Geld befunden haben ſoll, weggenommen ha⸗— be.— Von ſcuͤhlheim wird geſchrie⸗ ben, daß am 3. und 4. dieſes viele frauzoͤſiſche Truppen kheils oben heruu— ter hinter Kolln, theils aus Kolln den Rhein hinunter marſchirt ſeyen, und daß ſo auch dieſſeits die Truppenzuͤge gegen den Niederrhein anhalten.— Die Franzoſen treffen gegenwaͤrtig Au— ſtalten, ſich der Propiuz Seeland zu bemaͤchtigen, und ruͤſten zu dieſem En— de eine groſſe Anzahl kleiner Fahrzeu⸗— ge aus, auf welchen ein betraͤchtliches Korps Truppen eingeſchifft werden ſoll. — Alle hoͤllaͤndiſche Staͤdte ſiud mit Organiſirung ihrer neuen Regierungen beſchaftigt. Man ſpricht von der na— hen Zuſammenberufung einer Art von Nationalkouvention, welche die kuͤnfti— ge Staatsverfaſſung beſtimmen ſoll. Zu Amſterdam iſt der in Verhaft geweſene Penſionair Fiſcher zum Maire ernannt worden.— Das oͤerreichiſche Haupt⸗ quartier iſt von Bocholt im Muͤnſteri— ſchen weiter nach Dorſten verlegt wor— den.— Die engliſche Armee ſoll im letzten Feldzug bis auf 11000. Manu worunter uoch 2000. Hannoveraner be— grifſen ſind, zuſammeggeſchmelzen ſeyn. Maynz, den 12. Feb. Alle Rheiniuſeln ſiud ſo uͤberſchwemmt, daß man gar keine Batterien mehr dar⸗ auf ſiehet. Die darauf befindliche Trup⸗ pen haben ſich noch bey Zeiten gerettet, und voͤrher die Kanonen mit Stricken und Ketten feſtgemacht. Heute Nach— mittag bemerkte man, daß die Fran— zoſen au einer Batterie bey Marien⸗ born arbeiteten; durch einige Kanoneu— ſchuͤſſe wurden ſie davon vertrieben.— Die Franzoſen ſchießen ſtark in ihrem Lager; vielleicht ſprengen ſie Holz mit Pulver.— Verfloſſene Nacht und den heutigen Tag durch iſt uun auch das oberlaͤndiſche Eis gluͤcklich durchgegan⸗ gen; 2. Schiffmuͤlen habeu jedoch ſtark gelitten. Das Waſſer ſtieg dabey laug⸗ ſam bis 5. Uhr Abends, wodurch die untere Straſſen unter Waſſer geſetzt wurden. Inzwiſchen ſind wir doch jetzt aus all weiterer Gefahr. Das benach— barte darmſtaͤdtiſche flache Land hat hingegen durch einen Ausbruch des Mayns ſehr gelitten, indem dieſes, ſo weit das Aug reicht, gaͤuzlich uͤberſchwemmt und mit Eis bedeckt iſt.— Noch weiß man nicht ſicher, ob bey dem vorge— ſtrigen Eisbruche vor unſerer Stadt, Menſchen verungluͤckt ſind. Viele am Ufer ſich befundenen Zuſchauer wollen jedoch mehrere der Eispaſſirenden zu Grund haben gehen ſehen.— Nach— dem die in Frankreich geweſenen deut⸗ ſchen Geiſel in Freyheit geſetzt worden ſind, ſo geſchah dieſen Abend die wirk— liche Uebergabe der zu Roͤnigſtein bis— her aufbewahrten franzoͤſiſchen Anhaͤu— ger an den feindlichen Vorpoſten.— Geſtern und heute wurde wieder ver— ſchiedenemal auf die Feinde, welche ſich ſtaͤrker ſehen lieſen, mit Kanonen ge— feuert. Wuͤrzburg, den 15. Febr. Geſtern fruͤh um 2. Uhr ſtarb hier Frauz Ludwig Philipp Karl, Fuͤrſtbi— ſchoff von Bamberg und Wirzburg. Seine gelehrten Kenntniſſe, Seine Thaͤ—⸗ tigkeit, und Seine vielfaͤltigen men— ſchenfreundliche Anſtalten, ſo wie Sein Patriotismus fuͤr deutſche Reichs- und Kreisverfaſſung machen die Regierung dieſes angebetheten Fuͤrſten ſicherlich auch in kommenden Jahrhunderten un— vergeßlich. Von der Weſer, den 8. Febr. “Ein Courier aus Amſterdam bringt die wichtige Rachricht, daß die Franzb⸗ ſen ſich der ganzen hollaͤndiſchen Marine im Texl, Vlie und zu Helovetfluts, ver— ſichert haben. Der Capitain Hiſtory hat dieſe Revolution zu Helovetfluis bexeitet, wo er, nachdem er au Schiffe von 64 Kanonen und den aͤßrigen hollaͤn— diſchen Kriegsſchiffen die dreyfardige Flag⸗ ge aufpflanzen laſſen, ſih aller engli— ſchen Schiffe und eides Englſſchen guf 700000 Gulden geſchaͤtzten Magazins be⸗ maͤchtigt und die fran ſchen Gefangenen in A geſetzt hat Außer den in den Haͤven befindlichen hellaͤndiſchen Kriegs⸗ e rechnuet man, daß deren noch 28 is 30 in See ſind. Mas dieſe thun, und zu welcher Varthey ſie ſich ſchlagen wer⸗ den, ſteht zu erſegrten. Indeſſen rechnet man, daß die frer oͤſiſchen Marine durch dieſe Revolutibn der hollaͤndiſchen Marine eigen Zuwachs von 30 Linieuſchiffen er— halte.— Wan rechnet, daß 350 bis 400 eungliſche Kauffahrer in den hollaͤndi⸗ ſchen Haͤven eingefroren liegen, die ſaͤmt⸗ uch den Franzoſen in die Hoͤnde fallen muͤſſen.— Geueral Daendels ſoll der Staͤdt Amſterdam die ſchriftliche Verſi⸗ cherung gegeben haben, daß es ihr frey ſehe, Aßignaten an unhmen oder nicht. Die beiden aͤltern Soͤhne des hingerichte⸗ ten Herzogs von Orleauns ſind zu Bremen angelangt.— Im Haag iſt de Verſamm⸗ lugg der Generaſtaaten und die des Staatsraths ausein guder gegaͤngen, folge ch die Ukion vorlaͤufig qufgeloͤſet. Die fraͤnzoͤſſchen Commiſſa ien logiren dort imn Hotel des Statthalters. Hanunover, den 9. Feb. In den hieſigen politiſchen Nachrech— ten wird aus dem Brandenburgiſchen folgendes gemeldet: Briefe aus Berlin von guter Hand berichten als zuverlaͤſſig, daß die ganze preufſ ſche Armee unter dem Feld mar⸗ ſchall bon Mollendorf die Ordre erbhaͤlt, vom Oberrheiu nach Weſtphalen zu ma— ſchiren, und ſich an die engliſch-hanndver— ſche Armee under dem Geueral, Grafen v. Wallmoden, anzuſchlieſſen. Der Aufbruch ſoll noch in dieſem Monat ſo fort ge⸗— ſchehen, und der Konig iſt eutſchloß ſen, mit dem groͤßten Nachdruck gegen die Franzoſen in Holland zu agiren, Man rechnet, daß im Maͤrz eine Ar— mee von 120,000. Mann in Weſtpha⸗ len zu ſtehen kommen wird. Auszug eines Schreibens aus Muͤnſter, vom 7. Febr. Seit einigen Tagen leben wir hier in her groͤßten Beſorgniß. Das hanndver— ſche Hauptquartier iſt ſeit Mit:wochen hier. Vortgeſtern haben die Oeſterreicher Does— burg verlaſſen, welches ſogleich von den ran oͤſchen Vorpoſten beſetzt worden iſt. die Oeſterreicher haben die Lippe beſetzt; wie lange ſie ſich da halten koͤnnen, iſt ungewiß, weil es ihnen bald an Lebens mitt a mangeln wird— So eben koͤmmt die Nachricht, daß die Franzoſen alles, was ſe jenſeits des Rheins in Requiſfi⸗ tion zeſetzt, wieder frey gelaßſen haben; dahingegen ſoll das Coͤllniſche 8 Milio⸗ nen, Limburg und Juͤlich 15 Millihnen, ben. und Achen 2 Millisnen zahlen. Auch Auch heißt es, der Koͤnig ven Preußen haͤtte an verſchiedene Regimenter den Be—⸗ ſedl ergehen laſſen, au zubrechen, die Moͤllendorfſfche Armee wuͤrde am Nieder⸗ rhein zn kommen, und die Oeſterreichiſche ſich kach Maynz ziehen. Hamburg, den 10. Febr. Noch immer haben wir keine Poſten aus Holland, und eben ſo wenig aus Englaud, ſo daß wir alſo ſchlechter— diugs nicht wiſſen, was ſeit einem Mo— nat in Eugland vorgefaͤllen iſt. Ein Fall, deſſen ſich die aͤlteſten Perſonen hier nicht erinnern.— Im Haundori— ſchen wird ſtark ausgehoben, aber ei— ne Menge junger Leute fliehen deßwegeun auſſer Landes. Man fuͤrchtet ſehr, der Krieg moͤchte ſich auf den Fruͤh— ling nach Weſtphalen ziehen. Vor— zuͤglich ſcheinen die Frauzoſen ihre Ab⸗ ſicht auf das Churfuͤrſtenthum Hanno— ver gerichtet zu haben.— Die Soͤhne des ehemaligen Herzogs von Orleaus ſind hier augekommen. Warſchau, den 1. Febr. Der Koͤnig hat aus Grodno, unter dem 18. Jan. ſowohl an den apoſto— liſchen Nuntius, Litta, Erzbiſchoff von Theben, als an den engliſchen Miul⸗ ſter, Herrn Gardiner, nach Warſchau geſchrieben/ um ſich von ihnen, weil es in den gegenwaͤrtigen Umſtaͤnden nicht nach der eingefuͤhrten Gewohn⸗ heit habe geſchehen konnen, ſchriftlich zu beurlauben, und hat jedem eine brillantirte Tabatiere mit ſeinem Bild⸗ niſſe zum Andenken uͤbermacht. Bey— de haben unter dem 22. Jau. geant— wortet, um dem Koͤnige ihren Dank zu bezeigen.— Die Schulden des Koͤ— nigs belaufen ſich auf ohngefaͤhr 5. Millionen Gulden, daher Se. Maje— ſtaͤt zur Tilgung derſelben, Dero Luſt— ſchloß Laſienki, nebſt verſchiedenen koſt⸗ baren Geraͤthſchaften ꝛc. beſtimmt ha— Zu Grodnuo werden Se Maje— ſtaͤt auf Koſten der rußiſchen Kapſerin auf das praͤchtigſte bedienet, und taͤg⸗ lich zieht eine anſehuliche Wache im Schloße auf. F— i—— — Paris, den 6. Feb. Der Zentner Smirniſche Baumwolle gilt jetzt in Fraukreich 1800. Livres, die St. Domingo der Zentner 2100. bis 2600. Liores in Aſſignats. Die Fracht im Innern des Landes iſt aus RMangel an Pferden und Haber fuͤr die— ſelben auf einem ungeheuren Preis.— ———— Die hoͤchſte Kaͤlte, die wir hier im ge⸗ geuwaͤrtigen Winter hatten, war 184 Grade, im gaͤmzen Jahrhundert war ſie auch in den kaͤlteſten Wintern nicht uͤber 13, Grad geſtiegen.— In meh⸗ rern Gegenden von Frankreich ſind jetzt auf den Poſtaͤmtern faſt gar keine Pfer⸗ ʒe zu haben. In Lyon ko tet das Pfund Brod 36. und das Pfund Kuhfleiſch 50. Sols.(20. Sols machen 27. Kreu⸗ zer.) Aus der Veudee lauten die Nach⸗ chten fortdaurend nicht guͤnſtig. Die Rohaliſten trauen den Verſprechungen der Nationalkonvention nicht, und wol— len alſo die Waffen nicht niedetlegen« Es heißt ſogar, ſie wollen den Grafen von Ntois aAber England auf naͤchſten Fruͤhling zu ſich kommen laſſen, um hn an die Spizze ihrer Heere zu ſtel⸗ len.— Die Nationalkonvention hat vderordnet, daß der Kopf des Priuzen von Tahnont, den vie jalebiniſchen Schreckensmenſchem zu Laval guilloti⸗ met, und daun den Kopf in Weinſpi— ritus verwahrt, auf dem Rathhaus da— ſelbſt aufgeſtellt hatten, weggenommen und verſcharrt werden ſoll.— Es ge— hen jetzt eine Menge Franzoſen frey—— willig zu unſern Armeen um Kriegs⸗ dien de zu nehmen, damit ſie zu Hau⸗— ſe nicht berhungern. Denn bey den. Ameen heerſcht noch immer wo nicht Ueberfluß, doch wenigſtens kein Nan⸗ gel. Dieß iſt auch die wahre Urſache, wa⸗ rum die franzoſiſhhe Armeen, alles taͤglichen Abgaͤnge uagrachtet, immer ſort volhaͤhltz und h reich ſind. VBiele taͤuſend Fragzoſen nehmen Feywill g Kriegsdlenſte weil ſſe zu Hauſe kbeinen Verdienſt, und kein rod haben. Die Armeen aber muͤſ⸗ ſen immer vorrücken, und waͤre es zuch bloß deßwegen, um Lebeusmit⸗ J e hn. bekoemmen, weil alle ihnen im — ——— Ruͤcken ſegende Luder ausgemergelt ſind. Hieraus erhdellt die Gefahr, welche Deutſchland droht, wenn den zahlreſchen ſeindachen Armeeh nicht gzlcichfalls zahlreiche und ſtreitbare Heere entgegen geſeßzt werden. Stockholm, den 27. Febr. In unſerm Reiche werden gegenwaͤr—⸗ tig ſehr bedeutende Seu m men von Fleumnden, und beſonders Hollaͤndern, deponirt. Allen Anſtalten nach zu ur— thetlen, wird im kuͤnftigen Junius Mo— aat eine Zuſammenkunft zwiſchen dem Schwediſchen uud Daͤniſchen Hofe in dem zu haltenden Lager in Schonen Statt finden. Einige, die noch wei— ter gehen, behaupten, daß ſolche ſich auf den Durchgang einer rußtſchen Flotte durch den Sund beziehen werde. Kurzgefaßte Nachrichten, Bey der am 12. Jan. zu Peters⸗ burg Statt gehabten groſſen Befoͤrde— rung wurden der in Pohlen geweſene Herman Brauitzky uud der geweſene Kronfeldzeugmeiſter, Graf Felix Poto⸗ Fh, beyde Haͤupter der targowitzer Confoderation, zu Generals eu Chef, und der Generalmajor, Baron Spreng⸗ porten zum Generallieutenant ernannt. Am 7. dieß trafen 77. franzoͤſiſche Deſerteurs in einzelnen Parthien, wo⸗ anter ſich auch 2. Officiere befanden, n Mahnz ein; Letztere verlangten gleich nach ihrer Anku nf t mit dem Gouberneur zu ſprechen, welches auch bewilligt wurde. Am 8. wurden ſie auf ihr Verlangen, nebſt andern, zum. Condeiſchen Korps abgefuͤhrt.— Nach einer aus dem kayſerl. und Reichs Hanptquartier zu Heidelberg n Maynz eingetroffnen Erdre, ſoll ei⸗ e Aſte von den bey einem jeden Re⸗ zimente befindlichen Cadetten, nebſt Anzeige ihrer Auffuͤhrung ihrer Faͤhig⸗ keiten auch Beſtimmung, ob ße eini⸗ ge geometriſche Kenntuiſſe haben, ins Hauůptquartier nach Heidelberg abge⸗ ſchickt werden. Man vermuthet, daß einige der Geſchickteſten, bey der Er— richtung eines Telegraphen gebraucht werden ſollen. — —— ——— Nro 45. Samſtag, den 2r. Febr. Anno 1798. Augſpurgiſche Ordinari Poſtzeitung Von Staats, gelehrten, hiſtoriſch. u oͤbonomiſch. Neuigkeiten. Mit Ihro Voͤm. Bayſerl. Majeſtat allergnaͤdigſtem Privilegio. Verlegt und gedruckt von Joſeph Anton Moy, wohnhaft auf dem obern Graben, in dem ſogeraunten Schueide⸗-Haus. Wien den 14. Febr. hre Majeſtaͤt die Kayſerin iſt nun wieder zur allgemeinen Freude ganz hergeſtellt, und wird naͤchſtens dem Goitesdienſt offentlich beywohnen auch wieder im Theater erſcheinen. Der Leibartzt von Laghuſius als Ordinarius iſt dafuͤr mit einer goldenen Uhr en email ſammt Kette, alles praͤchtig mit Perlen beſetzt dann 200. Dukaten, der Hofmedicus Baron Quarin aber mit 100. Dulkaten beſchenkt worden.— Des Donaueis ſteht ohngeachtet des ſchon ſeit 10. Tagem angehaltenen Thauwetters noch unbeweglich und erſt noch geſtern giengen die ſchwerſten Waͤ⸗ gen bey Preßburg daruͤber. Heute ugt es jedoch ſtark zu krachen an; ſodaß man fuͤrchtet, die Bruͤcken duͤrf⸗ en heute Nachts weggetragen und da— durch die Gemeinſchaft mit. Bohmen abgeſchnitten werden. Indeſſen iſt die ndtchige Vorkehrung auf alle Faͤlle ge⸗ twoffe. ⸗ Die Execution der Mor⸗ der des Garde Rittmeiſters Veghelyi— ſoll kuͤnftige Woche fuͤr ſich gehen. Maͤnchen, den 19. Febr Den I8. dieß um 5. ein Viertel Uhr Nachmittags hatte hieſige Haupt-⸗ und Reſtdenzſtaͤdt die unbeſchreibliche Wonne Se. churfuͤrſtl. Durchlaucht. unſeren gnaͤdigſten Landesherrn Karl Theodor mit Hoͤchſtdero durchlauchtig— ſten Frauen Frauen Gemahlin Maria Leodoldina von Oeſterreich in hoͤchſter⸗ wuͤuſchten Wohlſeyn unter allgemeinem Jubel aus Innsbruk zuruͤck in ihren Ringmanern ankommen zu ſehen. Paris, den 6. Feb Um die Gemuͤtherr nun zu beruhis ten unter den Ruinen einer oder gen, verbreitet man die Hollaͤnder muͤßten gegen 800. Mill id n en baar Geld zahlen, und 4000. Millionen Aßignaten uͤbernehmen, wobey wir zwar 80. Procent verliehren, allein doch baar Geld dadurch bekommen. Oer Krieg in den Autilliſchen Inſeln iſt fuͤr jede Parthie ſo ſehr menſchenfreſſend daß 7. Achttheile der Truppen, die wir dort hatten, und nach und nach noch hingeſchickt haben, aufgerieben ſind.— Um die politiſche und geiſtli— che Vorurtheile der belgiſchen Nation zu vertreiben, ſollen faͤhige junge Leu— te ausgeſucht, und in die Normalſchu— len nach Paris geſchickt werden.— Das Publikum erwartet mit groſſer Sehnſucht den Bericht der Commißion uͤber den Barrere, Collot, Billand, und Vadier Je laͤnger dieſer verzo— gert wird, deſto groͤßer wird die Kek— heit der Schreckenverbreiter und Blut⸗ ſaͤufer. Aus ihren Drohungen, und den Unruhen, die ſie im mittaͤglichen Frankreich verbreiten, laͤßt ſich ſchlieſ⸗ ſen, daß ſie ein neues Complot im Werke haben. Jene Angeklagte muͤſ⸗ ſen alles anwenden, um ſich zu retten— und dieß kbonnen ſie blos, wens alles uͤbern Hanfen geworfen wird, und mit— der andern Reglierungsverfaſſung. Ihrem Vorgeben nach, ſind ſie es allein, die Frankreich gerettet haben, ohne in Betrachtung zu ziehen, was der Muth unſrer Truppen, das Genie ihrer An— fuͤhrer und die Spannkraft des Volks bewuͤrkt haben. Sie beweiſen durch ih⸗ re elende Vertheidigungen, daß mau mit Huͤlfe der Verbrechen dahlm gelau⸗— gen kann, gar keine Gewiſſensbiſſe mehr zu haben. Paris, den 8. Febr. Die Nationalconvention iſt mehr als jemals auf ihrer Hut, denn die Jako— biner gehen mit neuen Verſuchen um, ihre Lieblinge Barrere, Collot'Her— bois ꝛc. zu retten.— In Bourdeaux, welche Stadt ſeit dem Aufang der Re⸗— volution vieles gelitten, herrſcht Hun⸗— gersnothweil die gefrorne Garoune die Zufuhr abgeſchnitten hat.— Gegenſdie frauzoͤſiſche Poſtaͤmter, die doch miei— ſteus mit Jakobinern beſetzt ſind, lauf— fen von allen Seiten groſſe Klagen ein. Man erdfnet die Briefe, uunterſchlaͤgt ſie, und ſtiehlt die darinn beſindlichen Aſſignats.— In Belgien werden ge⸗ genwaͤrtig die ruͤcktaͤndigen Contribu— tionen durch Executien eingetrieben; in Bruͤgge ſind 52. bemittelte Perſonen arretirt, und nach Lille geſchickt worden, wo ſie ſo lange bleiben ſollen, bis al⸗ les bezahlt iſt.— Die Breſterflotte ſoll im Kanal durch Sturm viel gelit⸗ ten haben; man wuͤnſcht, daß ſie bald wieder in dieſem Hafen aukommen moͤchte. Genua, den 6. Feb— In Toulon iſt eine gewaltige See⸗ und Landmacht zur Abfahrt und zur Eroberung von Corſika hereit, oder wahr⸗ ſcheinlich iſt ſie ſchon abgeſegelt. Die Seemacht beſteht aus 15. Linienſchif⸗ fen, 16. Fregatten, und einigen hun— dert Transportſchiffen. Die engliſche Flotte, welche zu Fiorenzo in Corſika ligt, hat kuͤrzlich durch ſtuͤrmiſche Wit— terung gelitten; an Linienſchiffen duͤrf⸗ te ſie der franzoſiſchen emlich gleich ſeyn, und es iſt ein fuͤrchterliches See— treffen zu erwarten, wenn beyde Flot— ten, wie es nothwendig iſt, aufeinan⸗— der ſtoſſen. Von dieſer Seeſchlacht wird hernach das Schickſal von Corſika ab⸗ hangen. Werden die Englaͤnder geſchla⸗ gen, ſo hindert die Franmzoſen unichts mehr, auf dieſer Inſel zu landen, wo ſie nech einen groſſen heimlichen Au— hang haben. Kuͤrzlich hieß es, der Koͤ— nig von Neapel wolle ſeine nicht unbe— traͤchtliche Seermacht zu den Englaͤndern ſtoſſen laſſen, aber vielleicht hat es mit derſelben die nemliche Bevpandnis, wie mit den 16000. Mann Landtruppen, die nach der Lombardey marſchiren oll ten. Wenigſtens hat man uoch uſcht gehoͤrt, daß die neapolitaniſche Staͤdre abgeſegelt ſey, um ſich mit der engli⸗ ſchen, die ihrer wohl beduͤrftig waͤre, zu vereinigen.— Jetzt erſt fehen die Englaͤnder recht deutlich ein, welch ei⸗ nen groſſen Fehler ſie Anno 17932 3u Toulon gemacht haben. Im Soptem— ber ergab ſich ihnen dieſer hoͤchſtwich⸗ tige Seehafen. Sie thaten, was ſie immer konnten, um eine zahlreiche Be⸗ ſatzung in denſelben zu legen. Euglaͤu— der, Spanier, Napolitaner, und Pie— mouteſer traſen hier zuſammen und gleichwohl wurde die Beſatzung nicht zahlreicher, als ungefaͤhr 2000. Mann— Haͤtte das ſuͤdliche Frankreich an dem Aufſtaud von Toulon gegen die Natio— nalkonveution Antheil genbmnen, ſo waͤre dieſe Beſatzung hinreichend gewe— ſen, ſobald aber die Franzoſen Zeit ge— wannen/ 60,000. Maun in die Nach⸗ barſchaft von Toulon zuſammen zu zie⸗ hen, da haͤtte man den Gedanken, das eben uicht feſte Toulon gegen eine ſot⸗ che uͤberlegene Macht zu behaupten aufgeben, und ſaͤmmtliche Schiffe M— gatzine, und Vorraͤthe noch zu rechter Zeit hinwegfuͤhren, und die Einwohner in Sicherheit bringen ſollen, anſtatt daß man am 17. Dec. nur in der Eil einen geringern Theil der Schiffe und Magatzine in Brand ſteckte; wobey aber immer noch ſo viel uͤbrig blieb doß die Franyzoſen nun wieder eine fo an— ſehliche Seemacht in nemlichen Hafen ausruͤſten konnten Sehreiben von der pohltiſchen Graͤnze, den 6. Feb,* Der Koͤnig von Pohlen hat unterm 18 Jan. folgendes Schreiben aus Grodno au den noch zu Warſchau beſindlichen engli ſcher Geſandten, Herrn von Gardiner, erlaſſen: Mein lieber Gardiner! 3* „Da meine Rolle und Ihre Rolle bey mir ihrem Eude ſehr naht zu ſeyn ſchet⸗ nen, und da ich nicht mehr hoffe, Sie wieder zu ſehen, ſo iſt es mir wenigſteus daran gelegen, Ihncu Lebewohl! zu ſa⸗ gen Fund zwar vom Grunde meines Her⸗ ſens. Sie werden in meinem Herzen Ih⸗ den Plaß bis uu me nem Tode behalten, und ich hoffe das man uns wenigſtens da wieder aſammen treffen wird, vwo richtſchaffene Scelen und gute Herzen ach, meger Mehnung nach, auf immer cinigt iindeu muͤſſen. Alles, was zu der wohnchen Caquette gehoͤrt, iſt durch en rauriges Schickſal ſo derangirt und nterbrochen, daß wahrſcheinlich meder Sie doche ch die diplomatiſchen Geraͤu⸗ che erfuͤlen koͤnnen. Immer aber wird wahr blaben, daß ich Ihren Koͤnig und Ihre Nalion liebe und ehre. Dieß verdee Sie hueu ſagen. Immer wird es dahr bla en deß ich wuñ chle, daß Sie das Andenken und die Zußeigcung gegen Ihren Freund behalten. Kanu ich nicht Aehr ſabſt mit Ihnen reden, ſo muͤſſe wenigſtens mein Sildniß fuͤr mich zu ih⸗ nen reden. Stanislaus Auguſt, Koi.“ Antwort des eugliſchen Geſandten, Herrn von Gardiner. Sire! Dlief, welchen Ewr. Maͤjeſtaͤt mir bie Ehre erwieſen haben unterm 18. dieſes aus Groduo an mich zuu ſchreiben, und den ich geſtern erhalten habe, hat dch bis zu Thraͤnen geruͤhrt, und ich ein⸗ pfiude noch die verurſachten Bewegungen dffe ben, die ich unmoͤglich beſchreiben kana. Ich danke Eipr. Meßaͤt unend⸗ ich ſuͤr das Geſchenk, welches Sie mir ablrfandt habeu. Es iſt mir, Sirc, dop⸗ pa ſdaͤtzbar, indem es enes Theſls aus den Haͤnden Ew. Majeſtaͤt ſommt, und audern Theils Ihrem Bilde ſo aͤhnlich iſt. Es war ikdeß dicht noͤhig, Stre, etwas a haben, um Sie in ein Andenken zu⸗ Ad bringen. Das Bildniß Ewr. Ma— ANat/ die Botre ichken ihres Charakters, Ihre befondere Guͤte gege mich gad Ihr Aucluͤck, Sire, ſind ſo in mein Herz ein⸗ gegraben, daß ſie nie daraus verloſcht Derden koͤnnen. Moͤchte der gerechte Him⸗ mel Ewr Majeſtaͤt kemftig ein Schickſal verleihen, das Ihrer Tugenden wuͤrdig waͤre und mochte er die Ruhe in Ihrer Seele wieder herſtellen, die nach ſo dielen Slurmen ſo noͤthig iſt! Meine Gebethe/ Sire find beſtaͤndig fuͤr das Wohl Ewr. RMoeſtaͤt gerichtet, und ich bitte Sie, zu geruhen, dang und wann an eine Perſon denken, die beſtaͤndig die Empfikdun— en der lieſſten Ehrerbielung und der voll⸗ kommenſten Hochſchaͤzung gegen Sie be⸗ haͤlten wird. Geruhen Sie bch Exre—⸗ die Berfcherung der wirklichen Ergcbeu⸗ het anzunehmen womit ich die Ehre ha⸗ be/ zu ſecyn— Sitre!— Ehor. Majeſtaͤt de Gardine Enbohé extraordinglre und bevolmaͤch⸗ lugter Riaiſter Sr. buttiſchen M aje ſta Zugleich anterm 8. Jannar haben Se— pohlaiſche Majcſtaͤt von Grodus ſelgendes SGreiben au den uech u Warſchau be⸗ fuduchen paͤbſtl. Nuutius ,Herrn Litta, Erzbiſchof von Theben erlaſſen: Ke weniger Auſchetn dazu iſt, daß wir unſete poliuſche Verhaͤltniſſe nach den bis⸗ her ſtatt gehabten Gebraͤuchen gegenſettig Ndigen konnen, deſto augelegner iſt es mir⸗ Ew. Eminenz wenigſtens auf die einzige Iet, auf welche ich es noch thun kaun, mein Bedauern zu erkennen zu geben, daß ich kur ſo kurze Zeit Ihre Anweſenheit n Pohlen and aue liebenswuͤrdigen und hoͤchſt ſchaͤbbaren Eigenſchaften habe ge⸗ Aeen lbonnen, die ihnes allenthalbez, woe Sie ſad, oder bekaͤnnt werden moͤgen— Kebe und Hochſchaͤhung erwerben werden. Wie auch das Schickſal, das mener war—⸗ tet, ausſahlen, und wo auch immer ich mich auſhalten mag ſo werde ich ſtels Neine kindache Ehrerbietung gegen unſern gemeinſchaſtuichen Vater und meine zaͤrtliche Freund gaſt gegen Six beybehalten. Seyn Sie, h bitle die Oolmeiſcher meiner Geſnnukgen bey Sr. Heiligkeit und hal⸗ ten Sie Sich von meinen Geſinnungen ge⸗ gen Sie ſelbſt gauf immer uͤber eugt. Wenn diner meiner Wuͤnſche erfuͤllt wird, ſo ge⸗ be ich die Hoffnung nicht ganz auf noch perſoͤnlichn Segen Pius VL. uu erhalten, uͤnd den ſo wuͤrdigen Enbiſchef ven The⸗ ben zu umarmen Ich erſuche Sie in⸗ wiſchen, das Bildniß deſſen auſbewahren, der ſich aufrichtig neunt Igr affectionirter Stamslaus Auguſt, Roĩ.“ Antwort des Runtius, Herrn Litta, auf vorſtehendes Schreiben: Sire! Die guͤtigen Geſinnungen, welche Ew. Majeſtaͤt geruhen, mir in Ihrem Schrei⸗ ben ennen zu geben, uͤgen zu mei— ner ewigen Dankbarkeit das Bedauern hin— u, daß ch nicht langer das un chaͤcbare Gluͤck genießen kann Ihnen meine Auf—⸗ wartung zu machen. Bey dieſer ſo em⸗ ————* ———— pfindlichen Beraubung, bitte ich Ew. Ma—⸗ eſtaͤt meinen aufrichtigen und ehrerbietig⸗ en Dank fuͤr das keiche Geſchent gnaͤdigſt nzunehmen, womit Sie mich zu beehren gernhet haben. Ich werde dieſes Pfand Shes Wohlwolleus mit dem Bildniße Ew. Majeſtaͤt aufs ſorglaͤltigſte aufheben, melches lehtere nebſt dem Aundenken an Sie nie aus meinem Herzet wird sgee boͤſcht werden. Ich werde uͤbrigens die Hflicht erfuͤlen, dey Sr. Heiligkeit der SBoll enſche der kidlichen und de igioͤſen Ergebendeit En Majeſtaͤt zu eyn Ich kann Sie verſicherx daß, wenn der hei⸗ ige Baiter die Wanſche Em Majeftaͤt er⸗ ſaͤhrt er vollkommen mit Ihnen in der Heffnung einſtimmen wird, Ihnen in der Paͤhe de Ber cerrungen ſeiner gerſoönlt⸗ Hen ebe eheien uu können. Wie wuͤr⸗e de ich den Menbliuck ſchaͤtzen an wel⸗ Hem ich das Guͤck haͤtte mich Etp. Ma⸗ Ifdt zu naͤhern, umn Ihnen noch einmal die ehrerbiekige und tiefe Devotion zu er⸗ kennen gegeben, womit ich bim Sire! Ew. Majeſtaͤt unterthaͤnigſt gehorſamſter Litta, Erzbiſchof von Theben“ Kurzgefaßte Nachrichteu Kosciusko wird auf der Feſtung zu Petersburg ſehr gut gehalten hat 3. Ammer im Hauſe des Commandanten, wied von zweyen ſeiner ehemaligen Leu⸗ te bedteut, uud hat ſeinemeigenen Feld⸗ ſcheer zu Wartung ſeiner Wunden, von welchen er wahrſcheinlich geheilt werden wird. Er hat die Crlaubniß, innerhalb der Feſtung ſpazieren gehm zu duͤrfen. Zwey oder drey audere Ge⸗ nerale werden ſtrenger bewacht, und haben Gitter vor den Feuſtern Die fauzoͤßſche Armee an der Graͤn⸗ ze von Italien wird auf 45000. Maun geſchaͤtzt bey welcher jetzt 17000. Franke unter denen nach oͤffentlichen Berichten das gelbe Fieber graßirt ſeyn ſollen· u Baſel kommen be⸗ reits eine Menge Schweitzer Soldaten von den Regimentern au, welche die Republik Holland imn Sold hatte, und die man etzt verabſchiedet. Nach Berichten aus Breſt vom 29. Jan iſt das ſchoͤne framgoſiſche Linienſchiff Reptum don 74 Ranonen 12. Stune den von dieſem Hafen durch Sturm geſcheitert, und der groͤſte Theil der Schiffsbeſatzung umgekommen. Schreiben ans Holland, den 6. Febr. Der Graf Bentink von Rhoon, von welchem man glaubte, daß er aus Hol⸗ ud entkommen ſey, der Großpenſio— nair van de Spiegel, und verſchiede— ne andere Herren ſind am 5. dieſes in ihrem Haͤuſern im Haag arretirt worden ⸗In der ganzen Republik Holland werden alle Perſonen maͤnnli— chen Geſchlechts von 17. bis 60. Jah⸗ rem aufgeſchrieben, vermuthlich um ei— ne Reſquiſition daraus zu formiren wie in Frankreich. Die Franzoſen ha— ben 20,000. paar Sſch u h e, viele Struͤmpfe Pautalons, Muͤtzen, De— cken und andere Waaren als Lieferun⸗— gen verlaugt. Wegen der Bezahlung jener Waaren ſoll innerhalb 2. Mona⸗ ten mit der Regierung Verabredung getroffen werden, auf welche Art ſel⸗ bige zu leiſte n ſeyen.·— Alle Einwoh⸗ ner in Amſterdam haben Einquartiraug; nur die Conſuls vonn Daͤnne mark und Schweden nicht.— Zu Am kerdam iſt uͤbrigens fortdauernd alles ruhig. — Morgem den 22. Hornung wird, ſo wie jeden ſoſgenden Faſtenſonntag in dem Soch⸗ graͤd. Fuggerſchen Sasl auf dem Zecug hausplatz Abends von 6. bis 8. Uhr ein groſes Concert gegeben. Der Preiß des Eintrittgelds iſt uͤr jene, welche ſich nicht hierzu abbonnirt haben; z30 kr. fuͤr die Perſon. — Donnerſtag den 20 Feb. und ſolgende Taͤge werden im Spoͤnglergaͤßle dit. C. Neb. 120. goldene e und Hals⸗ kreuzt, ilberne SHaur Zals und Slaͤſ⸗ ſelfetten Eſſ und affee fe Uberge⸗ ſahte Roſenkraͤnze elhzuben, Mou⸗ ſelin, Halstuͤcher, oge rss de Toure Corſetkrid angen mit und zyne Gold, ſilbernen Spitzen, Leid, Tiſh und Bett⸗ waſch, Better, Mahlerehen, Spiegel, Glaͤßtaſſen von Kloſterſrauen Arbeit, Sef— fel, Tiſſhe, langthuͤge Kaͤſten, Zun, Kupfer, ſo andere nuͤtzliche Hausfah niſſe an den Meiſtbiet, nden gegen baare Bee zah lakg aſten werden. 9 e— Nro. 46. Montag, den 43. Febr. Anne 1798. Augſpurgiſche Ordinari Poſtzeitung, Von Staats, gelehrten hiſtoriſch. u oͤkonomiſch. Neuigkeiten. Mit Ihro Roͤm. Rayſerl. Majeſtaͤt allergnaͤdigſtem Pravile gẽo. Verlegt und gedruckt von Joſeph Anton Moy, wohnhaft auf dem obern Graben, in dem ſogenaunten Schneid- Haus. Paris, den 8. Febr. Aus der Schweitz wird gemeldet, daß die Cantons eheſtens die frauzod⸗ ſiſche Republik anerkeunen werdeun, deshalb ein beſonderes Feſt veranſtal⸗ tet werden ſoll.— Durch die Ankunft des Baron von Stael ſinddie Friedens⸗ geruͤchte hier ſehr verſtaͤrkt worden. Man fagt, daß gedachter Barou hier Un⸗ erhandlungen pflege. Dieß ſcheint auch der Fall zu ſeyn. Denn er begiebt ſich des Abends oͤfters zu dem Wohl⸗ fahrtsausſchuſſe, mit deſſen Mitglie⸗ dern er lange Conferenz hat. Man ver— Betreff der Sendung des Baron St ah tatten werde.— Durch die Erobe⸗ rung von Holland duͤrfte, wie man glaubt, der Abſchluß des Friedens, we— nigſteus mit einer oder der andern Macht, beſchleunigt werden. Gegen Eigland aber ſoll der Krieg aufs nach— druͤklichſte fortgeſetzt werden, und der Wohlfahrtsausſchuß laͤßt in der Stille die groͤßten Vorbereitungen deshalb treffen.— Die Capitulation der hol— laͤndiſchen Feſtung Gertruydeuberg ent— haͤlt als Hauptbeding, daß die Garui⸗ fon als Kriegsgefangen in Holland blei⸗— ben ſoll. Auch die Feſtung Breda iſt ſchon geraͤnmt worden. Es befanden fich oſele Englaͤnder daſelbſt in Garni⸗ ſeur Die Raͤumung iſt ſehr geſchwiu⸗ de geſchehen.— Die Stadt Havre, welche bsher den Namen Havre Ma— rat fuͤhrte, hat ihren vorigen Namen, Haore de Grace, wieder angenommen. Man glaubt daß uͤberhaupt alle fran⸗ zͤſiſche Staͤdte, die ſich neue Namen gegeben, ihre alten Namen wieder an⸗ nehmen werden. Paris, den 9. Feb. Die Aukunft des Grafen von Carletti— als Botſchafters des Großherzogs von Toskana, erweckt unter dem hieſigen Publikum die Meynung, daß er ernſt⸗ hafte Friedensunterhandlungen vou ei⸗— nem groſſen Hof im Auftrag habe. Die—⸗ ſer Graf von Earletti hat ſeit dem An— fang der Revolution ſich als einen war—⸗ men Freund der franzoſiſchen Nation gezeigt, und deßwegen findet er hier zute Aufnahme· Es iſt wirklich an ſichert, daß der Wohlfahrtsausſchu dem daß di bmnen einiger Tagen einen Bericht in che An R ie Jakobiner hoͤchſtgefaͤhrli⸗ ur Ermordung eines lionalkonventien in gewiſ⸗ ſeu heimen Clubbs gefaßt hatten; ei⸗— nige dieſer Emporer ſind bereits arre— tirt, andern ſpuͤhrt man ſcharf nach. — Dieſer Tagen fand man das Bruſt— bild Maxats vor der Thuͤr eines Mez— gers aufgehaͤngt die Straſſenjungen machten ſich gleich daruͤber her, und warffen es nut Steiuen im Stuͤcken. Um nun dem fernern Unfug dieſer Art ein Ende zu machen, ſo hat die Na— tionalkonvention decretirt, daß keinem Burger die Ehre des Pantheons bewil⸗ ligt noch deſſen Bruſtbild oͤffentlich aufgeſtelft werden konne, als 10. Jah⸗ re nach ſenem Tode.— Einer der vorgeſteru arretirten Jakobſner Babeu⸗ bot der Wache 30,000. Livres wenn ſie ihn laufen lieſſe. Nicht um Mil⸗ lionen, gab dieſe zur Antwort, Auch bey den hieſigen Tagloͤhnern ſtellt ſich nach und nach wieder moraliſches Ge⸗ fuͤhl ein. Dieſer Tagen arbeiteteten vie⸗ e Tagloͤhner an Wegſchaffung des Sei⸗ ae⸗Eiſes. Der Aufſeher bemerkte, daß ſie ſich ſorgfaͤltig von einem unter ih⸗— nen abgeſondert hielten. Er fragte ſie um die Urſache. Dieſer Menſch, war die Autwort, hat am 2. und 3. Sept. 1792. den Heuker gemacht. Bekannt⸗ lich wurden an jenen 2. Schreckensta— 2 J 24* gen in den Gefaͤugniſſen von Paris uͤber 1I0,000. Gefangene ohne alle gerichtli⸗ che Procedur durch jakobiniſche Blut und Schreckensmaͤnner hingemordet. Paͤris, den 10. Febr. Lant dem Dekret der Nationalkon— vention muß nun wirklich die Aſche des Marats, verabſcheuten Audenkens,aus dem Pantheon weggeſchaft werden, ohnerachtet ſie in feherlichenn Zug der Beyſetzung derſelben beyg exxcchut hatte. — Der Badzuber in welchem Ma— rat ermordet wurde, und der auf dem Carouſſelplatz aufgeſtellt war, wird auch weggenonmen.— Eine unſerer heuti⸗ gen Zeitungen verſichert: der Friede mit den Deutſchen ſey der Abſchlieſſung nahe.— Noch immer iſt in der Na⸗— tionalkonvention, nichts vorgekommen, wie man Holland behandeln ſo uach mehrern neutralen vor⸗ zuͤglich nach Daͤnnemark uͤud—52 den ſind Berichte abgegangen, daß die hollaͤndiſche Schiffe ſich vor den eugli— ſchen Kapers in Acht nehmen ſollen.— Hannover, den 9. Febr. Der Schaufpieldireetor Großnann hat ſich in einem am verwichenen Montage zu Hannover aufgefuͤhrten Nachſpiel: Wer wird ſie bekommen 2 von einem Soldaten, ſo viele Ungereimtheiten und beleidigende Ausdruͤcke gegen das Pu⸗— blikum ſowohl, als ſogar gegen Koͤni— ge ꝛc. erlaubt, daß die Regieruug fuͤr gut gefunden hat, ihn heute bey Waſ—⸗ ſer und Brod auf 6. Tage nach dem Gefaͤuguiß zu ſchicken. Haͤag, den 6. Febr. Der General Pichegruͤ hat verlangt, daß innerhalb einem Monat auſſer 12000. Ochſen, 200,000. Centner Waitzen, 5. Millionen Rationen Heu, jede zu 10 Pfund, 5. Millionen Scheffel Haber, 150,000. paar Schuhe. 20, paar Stiefel 20,000. Roͤcke vo und Weſten von Tuch 40,.paar Hoſen, 150,000. lange Hoſen von grobem Zeug, 200,000, Hemden, und 50,000. Huͤte geliefert werden ſallen. — Durch die nele Obrigkeiten iſt bereits die Wuͤrde des Erbſtatthalters, und al— ler Adel auf ewige Zeiten in ganz Hol— laud aufgehoben worden. Wegen den Aßignats wird naͤchſtens von Seiten der Franzoſen eine Erdffnung geſchehen. Die Frauzoſen verlangen auch ein Ver— zeichniß ales Verndgens des Erbſtatt⸗ halters, das er zuruͤckgelaſſen, und ei⸗ ne Specifieation aller Guͤter, die den Unterthanen ſolcher Maͤchte zugehbdren, mit denen Fraukreich in Krieg begrif— fen iſt. Die bisherigen Directoren der oſtindiſchen Compagnie ſind bereits eut⸗ laſſen; alles ſoll ſo viel moͤglich, auf franzoͤſiſchen JFuß eingerichtet werden. Maynz, den 13. Febr. Das Waſſer faͤllt ſehr langſam, doch iſt es bereits aus der Stadt. Geſtern und heute ſind wieder mehrere Deſer— teurs gekommen. Die untere Hart— muͤhle iſt ganz zuſammengeriſſen, und e ohere ſo wie die neuen Aulagen auf⸗ m Sand auch ganz ruinirt. Heute wurde ein kayſerl, kdnigl. Officier mit einem Trompeter von dem hieſigen Gouvernement mit Depeſchen in das franzoͤſiſche Hauptquartier abgeſchickt. Nach Ausfage der Deſerteurs, iſt die franzoͤſiſche Armee nur 170 bis 18000. Mann ſtark.. So bald eine Bruͤche uͤber den Rhein kann geſchlagen wer— den, wird faſt unſere ganze Garniſon abgeloßt, unter andern werden die Sach— ſen die Pfaͤlzer abldſſen. Fraukfurt, den 16. Febr. Die Korps des Herrn Generallieu— tenants Grafen von Kalkreuth, beſte— hend aus 10. Eskadrous von Bahreuth⸗ 10. Eskadrons Koͤhler Huſaren, den Infanterieregimenterꝛ von Schladen und Maunſtein, nebſt einigen Faͤſelier— battallions, und das des Herrn Gene⸗ ralmajors von Ruͤchel, beſtehend aus 10. Eskadrons Goͤckiug(Ebenſche) Huſaren, aus ſeinem eigenen Regi— menten, daun einigen Fuͤſelierbattallions nebſt Vatterien, ſind im Begriffe, uͤber 4 — kangen⸗ Schwalbach und Meiuertsha⸗— gen, nach Hamm zu gehen. Die Hauptarmee des Herrn General Feld⸗ merſchalls Grafen von Maͤllendorf, wird ihren Weg uͤber Kafſſel nehmen, wobon bereits die erſten Colounen ſchon aufgebrochen ſind. Auf hoͤhes Verlangen. Innsbruck, den 16. Febr. Freytags den 13. dieß gernheten Ihre koͤnigl. Hoheit die Durchlauchtigſte Erz herzogin Maxia Eliſabetha ꝛc. in Beglei⸗ tung Dero Herrn Oberſthofmeiſters Gra⸗ 7 Leopod von Spaur dann des kapſerl. oͤnigl Herrn Commiſſaͤrs Graͤfen von Lehrbach Excellenz, und des hieſigen Herru Landes⸗Gouverneurs Freyherrn von Wald⸗ mannsdorf Excelen; in der Fruͤhe ſich zweh Poſten von hier, nach Staisach zu berfuͤgen, um alldort die Aukanſt des Durchlauchtigſten Erzherzogs Ferdinand konigi. Hoheit exc. ꝛc. Ihres geliebteſten Herrn Bruders, nebſt Seiner Durch⸗ ſauchtigſten Frau Gemaͤhliun, und Durch⸗ jauchtigſten Prinzeßinn Tochter Maris Lebpoldina, als verlobten Braut Sr. Churfuͤrſtl. Durchlaucht Carl Theodor ꝛc. Xab uwarten, und auf das zaͤrtlichſte zu empfangen. Abends um 4 Uhr langten faͤmmtliche koͤnigl. Hoheiten in Innsbruck An wo ſodann die hohen Gaͤſte nebſt Ih⸗ ren Hofkavalieren, in die fuͤr Hochſtſelbe bereiteten Zmmer eingefuͤhrt wurden, auch wurde an einer Tafel von mehreren Ge— becken geſpeiſet.— Am 14. als dem zur Ankunft beſtimmten Tage Sr. Churfuͤrſtl. Durchlaucht von Pfalzbayern Carl Theo— bor ꝛc. ꝛc. verfuͤgten fich des hieſigen Herru Gouverneurs Exeellenz in der Fruͤhe um Uhr, Se. koͤnigl Hoheit der durchlauch⸗ igſte Erſherzog Ferdingnd ꝛc. ꝛc. aber in Bealeitung des kayſerl. koͤngl. Herrn Com⸗ miſſaͤrs Excellenz, und des Titl. Herru Fuͤrſten Abani nach 9 Uhr nach dem eine Poſiſtativn entfernten Orte Zirh um all⸗ da den ankommenden hohen Gaſt und Braͤutigam zu bewillkommmen, und in hie⸗ fige Hofburg cen Die Ankunft Hochdeſſelben erfolgte um halber Uhr Mittags uunter Paradirung des hier anwe⸗ * kayſerl. koͤnigl. Mlitaͤrs und Ab— zuerung des groben Geſchuͤtzes, allwo der durchiauchtigſte Churfuͤrſt von ſeiner ho— hen Anverwandten unſerer geliebteſten Erz⸗ herzogin Maria Eliſabeth koͤnigl. Hoheit Gegenwart des ganzen hohenAdels an der Trepph auf das zaͤrtlichſte empfangen wurde. — Sodann begaben ſich Se. Churfuͤrſtl Durchlaucht nebſt dem Herru Sbecſthof⸗ meiſter zu Ihren koͤnigl. Hoheiten Erzher⸗ zog Ferbdingud, und Sr. Burchlaucht Frau Gemaͤhlin, welche ebenfalls Se. churfu rſtl. Durchl. mit n aet e Ruͤhrung em—⸗ pfiengen, und nachdem ſich der Herr Gherſt⸗ hoſmeiſter eutſernet hatte, fuͤhrten beide koͤnigl. Hoheiten Sr. Durchlaucht Ihrer Prizehin Tochter Koͤnigl. Hoheit zum er⸗ ſten Beſuch vor— Nach vollendeten Ce— remoniel erhoben ſich Ihre koͤuigl. Hohei⸗ ten von Mayland der durchlauchtigſte Churfuͤrſt Carl Theodor, und die durch⸗ lachtigſte Erzherzogin Maria Eliſabeih Abtiſſin zur Mittagttaſel. Die ganze Robleſſe berſammelte ſich bey Hoſe um lb Uhr Abends um den höchſten Herr⸗ aften die Aufwartung zu machen und Hoͤchſtſelben vrgeſtellt zu werden; daux begaben ſich ſaͤmmtliche hoͤchſte Herrſchaf⸗ ten in das praͤchtig beleuchtete Hoſtheater, allwo Hoͤchſtfelbe von dem zahlreich ver⸗ ſammelten hohen Adel cortegiret, und von dem geebrten Publikum unter Trom⸗ peten- und Paukeunſchall mit unaufhoͤrlichen Freudenzuruf e gen, und ſo auch gach Endieung des Stuͤckes mit kau⸗ ſend Segenswuͤnſchen nach der Burg bo⸗ gleitet wurden.— Geſtern am 15. nach dem Mittagseſſcn um halb s Uhr Abends ward zur Bermaͤhlung des hohen Braut⸗ paares geſchritten wo die durchlauchtig⸗ ſte Frau Mutter die koͤnigl. Braut zum Altar fuͤhrte. Die vrieſterliche Einſeg— mng verrichtete der hochwuůrdige Hert Praͤ⸗ ar Marecus aus dem Stifte der Praͤmon⸗ ſtratenſer Chorherxen zu Wilten in der Hofſburg im Baldachin⸗-Zunmer unteér Gegenwart des Herrn Stadtpfarrers, und nur in Beyſein der durchlauchtigſten Ael⸗ dern koͤmgl. Hoheit der erzherzoglichen Braut, uͤnſerer durchlauchtigſten Erzher⸗ ogin Maria Eiliſabeth ꝛc. und der Hof⸗ ſatten»x. ꝛc. um die Vollenduug dieſer Hoͤchſterwuͤnſchten Handlung feyerlicher zu begehen, warden nach erfolgtor Segens—⸗ ſprechung die Kanonen abermals aͤbge⸗ feuret; Abends war Soupfe, und nach⸗ dem die hoͤchſten Herrſchaſten in Ihre Ap⸗ partement begleitet worden, dieſer herrli⸗ che Tag beſchloſſen. ZJunosbruck, den 18. Feb. Von? dem fſeyerlichen Vermaͤhlungfeſte Sroſchurfuͤrſtlichen Durchlaucht von der Pfalz Carl Thcodor ꝛtc. ꝛc. haben wir noch nach utragen, daß, um das hießſe ver— ehrte Publikum an dieſer freudigen Crrignif auch Theil uehmen laſſen zu koͤnnen, am 16 dieß Freyredoute, gegeben wurde, und zuch freyer Eihntritt in das kayſ koͤnigh Hoftheater Jedermann ohne Auterſchied geſtattet war. Die neu vermaͤhlten chur⸗ ſſthhen Durchlauchten nebſt den Durch⸗ hauchu ſten Aliern donigl. Hoheiten und an ere Du chlauchtigk Erzherzogiun Ma⸗ Eiſabeto ꝛx begalben ſich Abends in de eeernchſt beleuchtete Schauſpielhaus, wo Hoͤchßdeſelben mit theilnehmendſter Freude unter lauteſtem Jubel und beglet⸗ Aaden Trompeten und Pauckenſchalle von den ahlreich verfamelten Auweſegden empfangen wurden. Nach einigen Ver— weilen erhoben ſich die Hoͤchſten Herr⸗ ſchaften in den Redoutenſaale, allwo mit einigen Cavaliers und Damen des hieſi⸗ gen hehen Adels von der Durxch auchtig⸗ ſſen Churfuͤrſtian engliſche Contrataͤnze getanzet vurden, nach deren Ende ſich die hochſten Hereſchaften zur Ruhe begäben. EGeſtern Fruͤhe Morgens nach 7. Uhr verſammelte iich der hieſige hohe Adel in den Vorzimmern Str. churfuͤrſtlichen Durchlaucht um bey Hochdero Abreiſe die BeurlaubungsCeamplimente abzuſtatten. Gleich darauf erſchienen Se. Durchlaucht mit Seiner geliebteſten Frau Gemahlin. Den Zus eroͤffneten der darchlauch igſten Eliſabeth koͤnal. Hehei oͤchſtder immtlichen Hausofficirren; dann folgte der hieſige hohe Adel, und let Se— churfuͤrſtliche Hurchlaucht ſeine hebens wur⸗ diſte Friu Gemahlinn ain Arm faͤhrend, an derer rechten Seite ſich Ihre koͤmgl. Hoheit Marig Elſabeth befand, und von welcher die Hoͤchſten Abreiſenden uͤber die Trepre bis zum Reiſewagen begleitet wur⸗ den o nach nochmals genommenen ruͤh⸗ zendſt arelchſten Abſchiede unter tauſend Segenswuͤnſchen die Reiſe angetretten wurde— Se— Durchlaucht von Pfalzbahern haben auch den kayſ— komglvoberoͤſterreichiſchen Appellations⸗ Regiſtratur Adjuſet Herrn Auton Joſeph von Dambeck, der in Hoͤchſtdero gehei⸗ men Kammer als Geſchaͤftskommiſflonaͤr angeſtellt geweſen, mit einer groſſen gold⸗ nen Medaille, worauf das churfuͤrſtliche Portrait zu ſehen, fuͤr ſeinen bewieſenen beſondern Dienſteifer beſchenkt um ie am den Has tragen zu koͤnnen. Kurzgefaßte Nachricehten. Die Franzoſen haben, um den Hol— laͤndern zu beweiſen, daß ſie keine Got⸗ —2* teßlengner ſind, an allen Kirch e u welcher Religion ſie auch ſeyn moͤgen, mit groſſen Buchſtaben in franzoſiſcher und hollaͤndiſcher Sprache auſchlagen laſſen: hier wird Gott verehrt. Buͤr— ger, wer du auch biſt, ſtoͤhre dieſe Andacht nicht! Aus den oͤſterreichiſchen Niederlanden ſind in Hollaud eine Men— ge Beſtellungen von Zucker, Caffee, und vielen andern Artikeln eingelauf— fen, worau es dieſen Provinzen fehlt, Muͤnchen, den 19. Febr. Bey der anheute vorgenommenen 370. Ziehung zu Stadtauihof ſind folgende fuͤnf Gluͤcks⸗Nunumern ausgehoben wor⸗ den, als;: 83. 71. 19. 14. 6 Die naͤchſte 750. Ziehung zu Muͤchen wird ohnfehlbar am Donnerſtag den 26. Febr. vorgenommen, wozu der Schluß am Mittwoch den 25. dieſes Abends feſtgeſetzt iſt, wornach ſich jedermaͤnnig⸗ lich mit den beliebigen Einſaͤtzen au den bekaunten Orten zu richten hat Vom 0 dieß Abends 8. Uhr 6 auf den 21. Fruͤh 10. Uhr lind aus einem a heſigen buͤrgerlichen Hauſe theus mittels eines Dietrichs, theils gewaͤltigen Auf⸗ bruchs eines Wohnzimmers und dartinn beftudlichen Schreibdaſten aus betzterm 268. neue Thaler, 15 fl. an diverſen Sor⸗ ten, a goldene Kette in pier Reihen, mit einem vergoldten Schloß detto in einer Laͤnge, 1 Uhr mit goldenen glatten Geheiß ſilberner Botlegoͤffel, 4 detto Eßloͤffel mit zwey paar Meſſer und Gabel mit ſilbernen Heſten, 2 paar Meſſer und Gablen, wovon eines mit Elfeubein, das andere mit ſchwarzen Heft, endlich ein Schaͤchte ein mit guten Perlen, diebiſcher Weiße entwendet worden. Wer hievon Endes unterzeichnetem Amt ſichere Anmzei⸗ ge, oder den Dieb ſelbſt nahmhaft ma⸗ chen, oder auch Stuͤckweiſe die entwen— dete reſpec. Gelder und Pretloſen eilie⸗ fern kann, wird nicht nur allein die Ber⸗ ſchweijgung ſeines Namens, ſondern auch vör die Stuͤckeinlieſerung ein proporttio⸗— nirtes Douceur, vor das ganz entkommene aber, wenn ſolches dem Amt verraͤtheg werden koͤnnte, zwanzig Duka en zugeſ chert. Augsburg, den 21. Feb. 1795. A. M. Precht von Hochwart Antsburgermeſter. Nro. 196. Freytag, den 16 Aug. Anno 1811. Augsburgiſche Ordinar Poſtzritung, Von Staats, gelehrten, hiſtoriſch. u oͤbonomiſchen Neuigkeiten. Mit abllerhschſten revR“ſt,ien Gedruckt und verlegt von JZoſeph Anton Moh, wohnhaft auf dem obern Graben is den ſogenannten Schneidhaus. Wien, den o. Aug. Die zur Veraͤußerung der Staatsgoͤter aufgeſtellte Kommiſſton hat neuerdings mehrere ſolcher Gter zum Berkauf ausgeboten. Dieſe liegen in Oeſterreich, in Galliz en und in andern Provinzen der Monarchie. Die Bezaͤh ung dafür geſchieht in Einloͤſungsſcheinen, die ſofort auf der Stelle vernichtet werden.— Ihre.k. Ma⸗ jeſtaͤten befinden ſich jetzt zu Laxemburg, nachdem Sie erſt durch einen Theil von Oberſtehermark eine Reiſe gemacht hatten. Ihre kaiſerl. Hoheiten, der Großher—⸗ zog von Wuͤrzburg, und der Erzherzog Palatinus ſind gleichfalls zu Laxemburg ange⸗ kom nen.— Her erſcheint eine militäriſche Zeitſchrift, von der bereits 6 Hefte ge— druckt ind. Eine Geſellſchaft von k. k. Offtziers beſorgt die Redaktion derſelben. Ihr Zweck iſt, den jungen Militaͤrs eine belehrende, und folglich auch nuͤtzliche Lektuͤre in die Haͤnde zu liefern.— Heutiger Curs auf Augsburg 270 kurze Sicht.(W..) Hermannſtadt, den 30. Jul. Der ruſſiſche Generaliſſimus, Graf Kutuſow, der bekanntlich nach der Schlacht bey Ruſchtſchuck ſein Hauptquartier nach der Feſtung Giurgeop auf dem linken Do⸗ nauufer verlegt hat, laͤßt die Vorſtaͤdte um dieſen Platz herummiederbrennen, und Giur⸗ gewo ſelbſt auf mehrere Monate mit Lebensmitteln verſehen. GeneralLanugeron kom⸗ mandirt die Korps, welche die Wallachey gegen die Streifereyen der Tuͤrken ſchuͤ⸗ tzea ollen.— Die Tuͤrken fangen an die von den Ruſſen in der Elle geſprengten Feſtungswerke von Ruſchtſchuck wieder herzufellen, und die muhamedaniſchen Eid⸗ wohner daſelbſt treffen Anſtalten, ihre niedergebrannten Saͤuſer wieder aufzubauen. Die griechiſchen Enwehner von Ruſchtſchuck aber wurden durch die Ruſſen meiſt auf das linke Donauufer abgefüͤhrt.— Aller Wahrſcheinlichkeit nach duͤrfte der dießſaͤh⸗ rige Feldzug zwiſchen den Ruſſen und Tuͤrken noch ſehr intereſſonte Auftritte lefern. Denn der Großvezier iſt ein ſehr thaͤtiger, feuriger Mann, in ſeinen deſten Jahren, und nicht ein abgelebter Greis, wie ſein Vorgaͤnger Juſſuff Paſcha, der jetzt auf der Inſel Secio im Arch pelagus lebt, wohin er verwieſen worden. Von dem Berhaben des Kaiſers Mahmud, ſelbſt ins Feld zu ziehen, iſt es Itzt wieder ganz ſtille.(W..) Preßburg, den 6. Aug. Die Vorkehrungen zu dem bevorſtehenden Reichstage ſind nunmehr meiſt vollen⸗ det. Außer den Reichsſtaͤnden duͤrften auch mehrere vornehme Fremde ankommen. Die Herren Phyſiker Dr. Kraskowitz und Maͤmner, die am 3. Jun Peſt eine Lu tfahrt hielten, werden dieſes Schauſpiel waͤhrend des Reichstages auch zu Preß⸗ burg geben. Was man vorlaͤufig uͤber die Reſultate des ungariſchen Landtages wiſſen will, gehoͤrt Alles unter die zu voreiligen Angaden— Die in Ungarn, Sie⸗ benbuͤrgen ꝛtc. beſindliche kak. Regimenter liegen ruhig in ihren Standtquaärtieren; auch der laͤngs der tuͤrkiſchen Graͤnze gezogene Truppenkordon iſt gat nicht zahl⸗ reich.(.B Paris, den 9 Aug. Am 5. dieß haben Ihre Majeſtaͤten der Katſer und die Kaiſerin die Inſtitute zu Ecoduen und St Denis beſucht, die der Monarch ur Erziehung ſoſcher Toͤchter, deren Vaͤter Mitglieder der Ehrenleglon ſind exrichtet hat. Der Großkanler der Ehrenlegion hatte die Ehre Ihre Majeſtaͤten daſelbſt zu empfaung n, und Aller⸗ ⸗ hoͤchſtdie ſelben aͤußerten den Vorſteherinnen beyder Inſtitut⸗ Ihre Zu friedenheit ber den guten Unterricht, welchen die zahlreichen Zoͤglinge genießen.— Ueber die Ver— handlungen des Nationalkonziliums iſt bisher nichts zur Keuntniß des Publikums gekommen.— Zu Cherburg gehen dieſen Sommer die Arbeiten mit den groͤßten Thaͤ⸗ tigkeit fort. Der große Damm, welcher den Haven deckt, iſt ſchon ſo weit vorge⸗ ruͤckt, daß auf demſelben z ſtarke Forts zu ſeinem Schutz erbaut werden koͤnnen. Der neue Haven, welcher durch Menſchenhände gegraben wird, iſt zu neun Zehentheilen beendigt. In dem Baſſin und in dem Vorhaben werden 30 Linienſcheffe Platz ha⸗ ben. Zu Ende des naͤchſten Jahres duͤrfte Cherburg mit den gewaltigen Feſtungs— werken, die es auch von der Landſeite erhaͤlt, volleadet ſeyn. Die Englaͤnder ken⸗ neu alle Nachtheile, die ihnen durch den Haben von Cherburg erwachſen, genau; ader ſie ſind nicht im Stande, die ſelben zu verhindern. Vom 10. Aug. Ihre kaiſerl. Majeſtaͤten haben ſich nach Rambouillet begeben, um daſelbſt einige Tage zu verbleiben.— Das Befinden des Koͤnigs von Rom koͤnn— te nicht erwuͤnſchter ſeyn.— Die große Tuchmanufaktur zu Audrimont bey Verviers iſt adgebrannt. Der Schade wird auf 200,000 Franken geſchaͤtzt.(.d..) London, den 34. Jul. Unſere oſtindiſche Kompagnie befindet ſich in einer eben ſo großen Verlegenheit als der ganze Handelsſtand. Vormals ſchrieb ſie alle Jahre vier, auch mehr oͤffentliche Berkrufungen 53, wobey aus Holland, Frankreich, Deutſchland, und aus audern Laͤndern ſehr ſtarke Kommiſſtonen einliefen. Jetzt koͤnnnen dieſe Verkaufungen we— gen der Sperre des Kontinents nicht mehr Statt haben, und wenn ſie auch ausge⸗ ſchreben werden, ſo finden ſich keine Liebhaber ein. Die Magazine der Kompagnie ſind deßwegen mit ungeheuren Vorraͤthen von Waaren aller Art, als Thee, Indi— go⸗ daum wollenen Zeugen) ꝛc. angefuͤllt. Die Schulden der Kompagnie belau⸗ fen ſich auf z0 Millionen Pfund Sterling, und wenn die Stockung im Abſatz fort⸗ dauert, ſo wird ſie bald nicht mehr im Stande ſeyn, die Zinſen derſelben zu dezah⸗ len; auch die halbjaͤhrige Dibidenden werden ſehr ſchlecht ausfallen. Bisher erhielt die engliſch⸗ oſtindiſche Kompagnie ans ihren Beſtzungen in Oſtin⸗ * ndien jaͤhrlich mehrere hundert tauſend Stuͤck feine Baumwollent den Namen Maſulipatnam, Guine's ꝛc. bekannt ſind. Sie kommen von der Kuͤ— ſte Koromandel, welche gropßen Theils von Spinnern und Webern bewohnt iſt. In Deutſchland/ in der Schweiz, Franreich ꝛc. wurden dargus die ſchoͤnſten Zitze berferrigt. Dieſer Verkehr hat nun bey der Sperre des Koutinents gaͤnz⸗ uͤch aufgehoͤrt. Es gab deutſche Fabrikanten, die vormals bey den Verkaufun⸗ zgen, welche die oſtindiſche Kompegnie zu London ausſchrieb, auf einmal 50,000 Ind mehr Stoͤcke ſolcher Baumwollentuͤcher erſtanden. Vom 2. Aug. Das Befinden des Koͤnigs zu Windſor iſt leider noch immer das Naͤmliche. In der Nacht auf den 1. dieß haben Se. Majeſtät keinen Augenblick ge⸗ ſlafin. Lauge kann dieſer betruͤbte Zuſtand nicht mehr andauren.— Am 3. Jul. iſt Abmiral Keats auf dem Krlegsſchiff Wilford zu Gibraltar angekommen. Von da deglebt er ſich nach dem mittell aͤndiſchen Meer, um den Admiral Cotton imKommando Iber unſere dortige Flotte abzuloͤſen.— Die Infurrektlon gegen das Mutterlande pa⸗ mnen geht zuCarraccas und in andern Probinzen vonSuoͤda eltka unaufhaltſam fort. Gaeral Stewart it mit bielen andern verwundeten engliſchen Offiziers nach einer Fahrt von 13 Tagen von Liſſabon zu Portsmouth angekommen. Dieſe brachten Adlis Neues von Erheblichkeit ait. Lord Welliagton hatte ſein Hauptquartier noch u Pertalegte, und weder von der einen, noch von der andern Seite war etwas un⸗ ommen worden. Die große Hitze macht alle Kregsoperationen unmoͤglich.— Deſer Taen entſtand in einem hieſtgen Theater ein gewaltiger Laͤrm. Dee Anwe— ſenden berianaten gleich nach dem erſten Aktt, daß das beliebte Volkskied: Godsave e Kug, Gott erhalte den Koͤnig) ſollte abgeſung n werden. Ein Geutlemen wei⸗ ſcher, die unter * * gerte ſich, den Hut abzunehmen. Daruͤber kam es zu einem Streit, der beynahe ei— ne Stunde anhielt. Es ſehlte auch nicht an toͤchtigen Stoͤßen. Ged..) Koppenhagen, den 3. Aug. Wir ſind bieher von den engliſchen Kriegsſchiffen wenig beunruhigt worden. Taͤglich kommen hier viele Schiffe an. Seit 4 Tagen liefen deren 79 ein, und 07 ſegelten ab⸗ ohne vom Feind inkommodirt zu werden. Auch der große Belt iß in dieſem Augenblick von feindlichen Kriegsfahrzeugen frey. Wir wiſſen nicht, wo Admiral Saumarez gegenwaͤrtig ſeine Station aufgeſchlagen habe.(K..) Riga, den 28. Jul. In den ruſſiſchen Haͤven en der Oftſee ko nimen jetzt Schiffe verſchisdener Natio⸗ nen an. Dieſe neh nen kadangen bon Setreide, Hanf-SFlachs und von andern ruſſt⸗ ſchen Artikeln ein, und ſo geht der Handel jetzt ziecalich lebhaft. Da aber aus dem Innern von Rußland eine Menge Landesprodukte zugefuͤhrt werden, ſo ſteigen die Pretſe derſelben nicht. In Getreide geſchehen ſtarke Einkaͤufe, weil von der dießgaͤh⸗ rigen Aernte aus mehrern Gegenden ſchlimme Berichte eingehen.(H..) Berlin, den 6 Aug. Am 4. dieß, als am Geburtstag unſers Koͤnigs, hielt der Feldmarſchall Graf von Kalkreuth, als Gouverueur von Berin- üͤber die ſaͤ umtliche hieſige Buͤrgermi⸗— liz Muſterung. Dieſe iſt geſchmackvoll unifornirt, und zahreich.— Die freygege⸗ bene Ausſuhr des Getreides, des Bauholzes, und anderer Artikel aus den königl preußiſchen Staaten bringt wieder einiges Lebenz in den Handel.— Die vor einiger Zeit entſtandenen Geruͤchte von einem neuen Kriege im Rorden,- haben ich, wie es zu erwarten war, nunmehr gaͤnzlich verloren. Auch unter den preußſchen Regimen tern herrſcht, ſeitdem die Kuͤſten laͤngs der Oſtee bon Stettin bis Memel gegen die Englaͤnder gehoͤrig beſetzt ſind, gar keine weitere Bewezung. Leipzig, den 9 Aug. Daer Feſtungsbau von Torgau geht raſch voon Statten, weil bey demſelben mehrere tauſend Arbeiter angeſtellt ſind. Natur und Kunſt vereinigen ſich, dieſen Patz zu einer Feſtung vom erſten Rang zu machen. Demenigen Einwohnern, de⸗ ren Haͤuſer, Gaͤrten, oder Felder den aufzuf hrenden Werkern Platz machen mußten, iſt vor der Hand eine Entſchaͤdigung von 27 500 Thalern angewiefen worden...) Aachen, den. Aug. Die von hier nach Paris abgegangene Deputation iſt nun wieder zurück gekom— men. Sie hat der feyerlſchen Taufe des Konigs von Rom und der Eroͤffnang des geſetzgebenden Korps beyzewohnt. Als ſie ſich von dem Kaiſer beurtaubte, ſchenk ten Se. Majeſtaͤt Ihrer guten Stadt Aachen eine große goldene Medaille, die quch von unſern Nachkommen als ein Schatz verehrt werden wird. GA. J. Aus der Schweiz, den re. Mug. Die abwechſelnde Witterung, wo auf eine außerordentliche Hitze eine empfind liche Kaͤlte folgte, und andere Urſachen haben auch in unſern Kautons die rothe Ruhr, Rhevmatismen, Schlagfluͤſſe ꝛc. erſeugt. Auſmerkſame Arzte mochten die alte Erfahrung, daß die Ruhr etwas Auſteckendes hade.— Iu unſern Fabriken wird dieſen Sommer gar nicht ſtark zearbeitet, weil man ſich don den bevorſteenden Frankfurter und Leipziger Meſſen keine große Hoffnungen machen kanu.(A B Salbug, den 12. Aus. Die hieſigen wohlthaͤtigen Einwohner beeifern ich, den abgebronnten Einwpoh⸗ nern des Marktes Saalfelden Gutes zu erweiſen. Auf die erſte Rachricht bon den ſie betroffenen Ungluͤck gien zen von hier und auch aus andern denachbarte 1Gegenden Wa⸗ gen mit Lebensmitteln und Kleidungsſtcken dahin ab. Im hiekgen kbufgl Thea— ter wurde Jolanta zu ihrem Beſten gegeben, welche Vorſte ung zes Gulden dwarf. Vor Allen aber eilte unſer allgemein verehrter und gelie ter Kronprinz, die guten Saalfeldner werkehaͤtigſt zu unterſtuͤtzen.(S..) — Kurzgefaßte Nachrich ten. Am o Julß brannten zu Aurich unm ehemaligen Forſtenthum Oſtfriesland) ein Theil des Schloſſes die Kapelle, die Kaſerne, und 7 Haͤuſer ab. Zu gleicher Zeit zerſchmetterte een Hegelwetter, von einem heftigen Sturm begleitet, zu Eden alle Fenſer— Au Jul wmden zu Seidenwinkel bey Hoyerswerde 35 Haͤuſer und vollgefoẽte Scheunen mit viclent Vietß ein Raub der Flammen; eine bejahrte Weibs⸗ perſon berlor dabey d s Leben— Ein Pariſer Koͤnſtler hat eine neneOrgel erfunden, die er Orgus epresoit nennt, und die vonKennern ſehr geruͤhmt wird; ſie hat fuͤnft⸗ halb Oklaben ihre Toͤne ſind ſehr rein, kommen der menſchlichen Stimme naͤher⸗ aͤls die disherige Orgein, und koͤnnen nach Willkuͤhr modifizrt werden.— Am g Au uſt wurde eine Anzahl haͤbſcher Maͤdcheus zu Karlsruhe bey Ihrer kaiſerl. Hoheit der Großherzegen bon Baden zur Audien, gelaſſen. Dieſe oͤberreichten der neugebohrnen Prinzeſſin ein Koͤrbchen mit alle rley medlichem Spielwerk. Der A b Poßberwalter, Heinrich Karg, zu Feldkirch hat unter Vorbehalt der Ein⸗ willigung ſeiner Glaͤubiger ſelne dahier befindliche Poſtwirthſchaft und das dabey be⸗ findliche große Gut verkauft, ſich zahlungsunfähig erklaͤrt, und zugleich um eine guͤt⸗ iche Rachlaß verhandlung gebethen, welchem Geſuche auch willfahrt wird. Es wer— den demnach ſaͤmmtliche Glaͤubiger des beſagten Poſtberwalters Karg hiemit oͤffentlich aufgefodert, Donnerſtag den 29. Aug d. J beh unterfertigtem Landgerichte eutwe⸗ der perſoͤnlich oder durch hinlaͤnglich Bevoll maͤchtigte zu erſcheinen, ihre Foderungen unter Strafe der Ausſchließung vorzubringen und zu bdeweiſen, und uͤber ihren etwai⸗ gen guͤtlichen Nachlaß, ſo wie uͤber den geſchehenen eventuellen Gutsverkauf ſich zu Hrolokoll zu erklaͤren Fuͤßen, den zr. Juſ 1u811. RKob. Landgericht. Schill, Landr. In der Noy ſchen Buchh and lung dah er ind ganz neu um beygeſetzte billige Preiſe zu haben: Galuxa, Dr. Bernard/ die bibliſche Geſchichte der Welterloͤſung durch Je⸗ fum den Sohn Gottes. Auf Schreibpapier mit ſehr vielen fein illuminirten Kupfern. o. ierSbendieſelde auf Hruckpapier mit ilum. Kupfern. 8. 3fl. 18 kr. Auf Sruckpapier mit ſchwarzen Kupfern. 8. 1fl. 20 kr.— Die naͤmliche ohne Kupfer 8. 36 ir— Lehr⸗ und Gebethbuch fuͤr Buͤrger und Landleute, mit geſtochenem Zitel, ſchoͤnem Titelkupfer und einem kleinen Anhange M von den Pflichten in Ruͤck⸗ ſicht verſchiedener Staͤnde Schreibp. 8. Ifh zo kr. Da dieſes Buch eine vollſtaͤndige Samm lung der deſten und geiſtvollſten Gebethe iſt, welche ſich in berſchiedenen vies ſen Gebe heuchern befinden, und die Einrichtung deſſelben ſich ganz auf den gemein⸗ nuzlichen Gebrauch bezieht, womit ſich der Verfaſſer(ein gelehrter und einſichtsvoller Weltgeiſtlicher) eine ſehr geraume Zeit mit großer Muͤhe beſchaͤfftigte, ſo duͤrfte es der Hand des bethenden Chriſten nicht unangenehm erſcheinen.— *) Obiger kleiner Anhang wird auch einzeln a q kr. abgegeben. Dienſtag den Ag umd folgende Tage wird in der Kohlergaſſe in den Roſen xit. F. Nro 394 eine Mobilienauktion eroͤffnet, worinnen einige Silberſtuͤcke, gute und kalſche Perien, nebſt andern Galanterieſtuͤcken, goldene und ſilberne Sackuhren/ Hang⸗ umd Stockuhren mit Schlag⸗ und Repetierwerk, Tabacksdoſen, Perſpektiv/ Scheßgewehr und Piſtolen, ſchoͤne moderne Kommod⸗ Schreib⸗ und andere Kaͤſten do acht Nahagonyholz mit Bronce im Feuer vergoldet, und Marmorplatten, mdetts Kaͤſtchen mit Siegelſtock, mehrere GattungenSeſſel und Kanapee von Mahagony und Kirſchbaum mit ſammetnen, ſeidenen, kottonenen und pluͤſchenen leherz igen/ Spiegel,/ Luſter, Spiel⸗ und andere Tiſche mit gruͤnem Tuch und Wachstuch, Reiſechatoullen/ eſerne Kaſſen, roße Fußbodenteppich von hellgrauem und oxanienfarbem Tuch— Haut⸗ deluceteppich ein Biener Batard, nebſt andern 4 und eſitzigen Waͤgen,- Schlitten, franzoͤſiſch und deutſches Pferdgeſchirr, eine Waſchmang, Zinn, Kupfer, Meſſing, Eiſen⸗ und Kuͤchengeraͤth, ein Speisſervice zu i8 Perſonen, ein Kaffeeſervice und an⸗ deres Porcellain, Figuren und Gruppen von Dreßdner Porcellain auf einem Deſerte aufſatz, Leib⸗ Tiſch⸗ üund Bettwaſch, Better, Matratzen, KHleider, ordinaͤres Holzwerk, nebft andern nuͤhlichen Hausfahrniſſen an den Meiſtbiethenden gegen baare Bezah⸗ hung erlaſſen weroen. d 7 ro. 25. Dvttnel'ffag/ den 27. Jan. Anno 1814.- Von Staats, gelehrten, historisch- u. ökononnfchen Neuigkeiten,- Mir allerhöchsten r r, r/ö-§ r s-r. Gedruckt und verlegt von Joseph Anton Mvy, wohnhaft auf dem obern Graden in den, sogenannten Schneidhaus. ' Neapel, den 7. Jan. Wir sehen, so drückt sich ein Schreiben vom obigen Datum aus, einem äusserst wichngen Lreigmß entgegen, welches unser Land mjr denrsalisirlenMächccn^ in die schönste Harmonie bringen wird.. Maylarid, den y. Ja«. Unter diesem Datum liefert der Bote von Süvtyrol ein Schreiben folgende«- wesentlichen Jnnhalrs: Sie werden sich schwerlich von dem Zustande banger Erwartung, in der wir leben, einen Begriff machen können. Es mußte die größte Sensalivn erregen, daß in dem kaiser!..Dekret vom 26. Dez. keiner italienischen Militärdivifion gedacht war. Bey unß wären die Schreckenrmaaßrcgeln fast nvck'- rher zu entschuldigen als in Frankreich: derin nicht nm, daß dreKonscpplivn nicht: durchgesetzt wird, die Konscriptions-stüchtigen und Deserteurs rvtcen sichallenrhal- halben in große Massen zusammen, und durchsikeistn das Land. In Bergamo vnd Brescia wagen sich die Bürger nicht mehr zumLhore hinaus; alle Polizei) har aufgehört, seitdem die Gensd'armerie größtenlheils der Armee einverleibt ist. Es scheint, der Kaiser hat seine guten italienischen Völker, und Alles- was er dem Melji geschrieben, vergessen. — Unsere öffentlichen Blätter »nterhalten uns nict Beschreibungen der schrecklichenEruprion des Vesuvs am ersten Weihnachtsfeyer-- tage, mit Beschrribunzcn der neapolitanischen Truppen,, ohne'daß eigentlich entschieden würde, was wir von ihnen zu erwarte» haben- mit sentimentalen Qekla, Marionen über den gesiörten Frieden der schweizerischen Thäler, mit Präfeklurmel-- düngen einzelner französischer Departements über den Fortgang-der Konscrivrion vnd der iovo's Masse; -endlich was das Wichtigste und Schlimmste ist', mit dk»' Dekreten Sr. k k. Majestät Die enthaltsame, schlüpfrige-,und im Ganzen genommen, sehr kunstreiche Rede des-französischen Hvfstytisten Fsntanes.hatte auf einige Kurzsichtige Eindruck gemacht; - das indirekte GeständniK eines Mißbrauchs der Gewalt war unerhört Indeß war am Eingang vom Köntinentaiftieden d»c Siede, uns einer.bestimmten Erklärung der Beystkmmung-Lnglands so:geschickt ausgewichen, daß jeder Unparteiische einsah-. wie nur die Noth neue Kunstgriffe, gelehrt hatte, um die Welt zu täuschen. Nun folgt die unsern Lesern bereits bekannte Rede des Kaisers Napoleon. Dann heißt es: -Dieß, sind die Worte des großen - Mannes; sogar diealren Namen der stanz,Pxvvinzenkommen wieder.an den Tag. - Wer erriethe nichr die Bowandtuiß, die es mit der vorgeschriebenen Friedensba, siö hat? Kann die Depesche eiaes Gesandten, eines vdscsren Gesandten , - der bey seiner Durchreise durch Frankfurt den Ministern der Wirrten aufwartet,, eine Frier - densbasis, und kann der Rhein mit seine» Festungen eine Gränze, kann er ein dauerhafter Damm gegen den Ehrgeiz und-das militärischeTalentNapoleonsseyn?' Wo ist das Aktenstück, welches einem solchen Frieden zur Grundlage dienen kann ? Wo die.unbedingte Beypflichknng der Wikten,. die etwas mehr als einen bloßen. Kontineirtalsticden schließen nollen?-— So raisonniren wir diesseits der Alpen: . M ist viel Bekchrung in der Rede des Kaisers- aber für Sie Zeiten nach oerSchiachrr dry- Leipzig noch nicht genug Bekehrung.N Mayland, bet, iZ. Jan» Obige Blätter enthalten folgende Nachricht: Alle Nachrichten, die lvkr au^ dem Florentinischeu erhaten, stimmen dahin übercin, daß die Bewegungen der neapolitanischen Truppe» keifte Diversion zu unser» Gunsten andeuten. Die A» mee des Königs von Neapel verstärkt sich überdieß zu sehr, um nicht deutlich zu er» kennen, daß die Besorgnisse für Uiuentalien von Sizilien aus aufgehört haben. Auch laufen Gerüchte umher, daß die Verdündung mit General Nugeut bereits voll, zogen sey. Die Lage des Vicekönigs, dem in diesem unglücklichen Augenblicke viel, leicht nur die Prorogation der Souverainital fehlt, um einen großen Entschluß zu fast sei!, wird von Stunde zu Stunde bedenklicher. Indeß muß man gestehen, daß er sich mit Anstand, Würde und Kraft zu betragen weiß. Die Leide» seiner erlauchten, lie, benswürdige» Gemahlin in dieser schrecklichen Periode erregen den lebhaften Antheil aller Parteyen. Und doch sind alle Hoffnungen der ehemaligen Weltstürmer in die< sem Augenblick in Italien auf sie, wie in Frankreich auf die Kaiserin gerichttzk. Es ist, als habe der Himmel im Voraus den beyden schwer bedrohten Reichen die Obhut eines Schutzengels vorbereiten wollen, und als sollten zuletzt weibliche Hände den Schicksalsknoten auflösen, gegen den das Genie wie das Schwert die, fer weirberühmten Helden nichts vermochte. Trieut, den 19. Jan. Diesen Nachmittag ist der Prinz Pignacellt auf seiner Reise aus dem Neapo, Manischen nach Deutchland hier durch paffirt. Basel, den 16.Jan. Die Einleitungen, welche zu Friedensunterhandlungen gemacht worden sind, haben auf den Fortgang der Operationen nicht den geringsten Einfluß. Nach dem unter den gegenwärtigen Verhältnissen sehr richtigen Grundsätze wird nur nach un, rerzeichneten Präliminarien die Waffenruhe eintreten. — Mümpelgard scheint zu, nächst zum großen Hauptquartier bestimmt zu seyn. — Der kaiserl. russische Ge< neraladjutant Jomini befindet sich seit einigen Tagen ebenfalls hier.— Der Fürst von Schwarzendcrg ist, nachdem er die junge Garde aus Laugres vertrieben, und ihr iLKanonen abgenommen hatte, zuChaumonl (einer Stadt von 6000Einwoh, nern au der Marne in Champagne, 25 Meilen von Paris) eingerückt. Er rückt auf Troyes vor, Gen.Wrede auf Joinville, Gen. Wittgenstein auf Vezelize, und Marschall Blücher mit Zurücklaffnng eines KorpS vor Metz, in der Richtung von Chalons für Marne. Viele Pariser flüchten ihre Effekten nach Rouen. In Lha, lous für Saone sind Gesandte beysammen, welche aber nur über den Kongreßort deliberiren. Freyburg, den 15. Jan. Man lebt jetzt mehr als jemals in der angenehmen Hoffnung, daß der Friede sehr nahe sey. Die hiesige Buchdruckerey ist dieser Tage beynahe bestürmt wor, den; allein es wurde noch nichts ausgegeben, und die Sache wird noch geheim be, handelt. Wenn es wahr ist, was man versichert, so wird eiu Kongreß unverzüg, lich zusammen kommen, und binnen wenigen Wochen der Friede zu Stande ge, bracht werden. Lord Castiereagh wird jeden Augenblick hier erwartet; man versi, chert, er habe die ausgedehntesten Vollmachten vorn englischen Kabinet, umFrie, den zu schließen, ohne nöthig zu haben, zuvor Berichte und Zustimmung von Leu, don einzuholen. Es scheint indessen, daß der beschleunigte Marsch der ganze« großen Armee auf feindlichen Boden nur den Zweck habe, den Frieden schneller herbey zu führen, und daß auch Frankreich endlich einmal empfinden soll, wie drückend es ist, so viele 2 und q-beinigte Gäste umsonst erhalten zu müssen. Auch die russische Reserveartillerie, die auf dem Schwarzwalde lag, hat plötzlich Befehl erhalten, nach Frankreich aufzubrechen, und ist bereits nach Basel abgegangen» London, den 2Z. Dez. Bey Gelegenheit -es nächsten Geburtstages der Prinzessin Charlotte von Eng« land, an welchem dieselbe als Erbt« der Krone mündig seyn wird, soll ein glä„, zendes Fest zu Carlton - House gegeben werden. Die Zubereitungen dazn sind aus, serordrnrlich, nnd man darf vermnihen, daß es bloß der Anfang einer Reihe von Festen seyn wird, welche wahrscheinlich mit der Derhepralhurrg an den Erbprinzen von Dramen endigen werden. Amsterdam, den iz. Jan. Dir vorrückende Bewegung derHranzosen nach unsern Gränzen scheint in der Gegend von Tildurg nachtheiiizc Folgen für dieselben gehabt zu haben. Sie wur» den bey Gvrlle von den Preußen and Kosacken, die in weit geringerer Anzahl wa- rett, so nachdrücklich angegriffen, geworfen, und eine haide Stunde über Turm hont verfolgt. Sir verloren r6o Mann an Todten, Verwundeten und Gesänge.' oen. Die Kosacken haben 92 vollkommen ausgerüstete Pferde unff verschiedene Gefangene zu Tildurg eingebracht; eine weit größere Anzahl hat sich -mch dteWä!- der gerettet. Unsrer Seits hatten wir 5 Todte und r6 Dlefiirre. Von den Preussen , die sich übrigens aufs Tapferste geschlagen haben, ist kein Mann noch Pferd geblieben, bloß einer leicht verwundet worden. Die Engländer werden rrnverzüg-' sich die Belagerung von Berg-op- Zoom beginnen; ihre schwere Artillerie ist ein, getroffen. Dortrecht, den 16. Jan. Die kombinirte Armee hat die Franzosen unter den Mauern von Antwerpen geschlagen, wobey letztere 4200 Mann verloren haben, und dringt jetzt aufDräft sel vor. Gestern muß der Vorrrab derselben dort angekommen seyn, denn von Brüssel, wo seit einigen Tagen eine Revolution aufgebrochen ist, hatte man eine Deputation an den Gen. v.Büivw gesandt, mit dem Ersuchen schleunigst Truppen dahin zu senden. Bremen, den 18. Jan. Nachrichten aus dem Holsteinischen vom 14. dieß bestättigen nicht allein den Frieden mit Dänemark, sondern sie führen auch mehrere Artikel an. Z. B- die Abtretung Norwegens an Schweden gegen Bezahlung von einer Million Rchlr. «nd der Abtretung von Schwedisch Pommern an Dänemark. Die dänische Flöt, te sollte von England mit 400,000 Pfund.StcrÜng entschädigt werden. Altona, den 14. Jan. Gestern Morgens wurden die Franzosen tüchtig zusammen gehauen; es traf sie ein wahres Donnerwetter. Die Kosacken haben sie von Winterhude (an der Ulster) her angefaßt, und aus Harvstehude verjagt. Mehrere Häuser sind wieder in Flammen aufgegangen. Heure waren Kosacken hier. — Die Eibe steht beynahe ganz; dieß macht dem Marschall Davoust grancs Haar, und man erzählt sich, er frage jeden Morgen: Ools-r-il oricoro? OK mon Olsu, monOlou! (Friert's noch? Ach Gott, ach Gott!) Mehrere Ausfälle, weiche die Franzosen seit 2 Tagen gemacht haben, sind ihnen übel bekommen; allein dicGegend und besonders Eppendorf hat sehr gelitten. Noch gestern Nacht hörte man stark kanonircn. Die Kosacken machen gute Beute, besonders an Pferden, welche hier jetzt zu 2 bis z Louisd'or verkauft werden. Seit Einrritt des Frostes gebraucht Davoust die ar, wen Einwohner von Hamburg dazu, die Anßcnwcrke mit Wasser zu bcspühlen, um ein befürchtendes Sturmiaufen zu erschweren. Auch mußten sie das Eis auf der Außenaister durchsägen, um den Kosacken die Lust zum Spatzierreircn urrd Ne, kognvszircn zu benehmen. Leider kamen dabey 16 dieser armen gequälten Einwohner durch das von den Belagerern auf sie gemachte Feuer ums Leben. Torgau, den 17. Jan. Unter obigem Datum widerspricht eine königl. preussische Kciegskonrmissio« öffentlich dem verbreiteren Gerücht, daß sich in Tocgan ein großer französischer Schatz befinde. Die genaueste Untersuchung habe dessen Ungrund bewiesen. Des Anlaß dazu habe die am 20. Okt. erfolgte Ankunft vieler Fourgons mit der Aufschrift, Tresor imperw.1, gegeben. Allein nur wenige derselben seyen mitSildrr tzrkden srwtfrri', welches auf Befehl des Gbaftrr Narbonne in die Hauptkasse ge( schüttet worden, und in Vereinigung mir derselben die Tvtalsurnme von 881,084 Franken 44 Centimen haar, und 411,020 Franken in Tranen auf Paris ergeben-, habe. Dieses Geld habe aber nur kurze Zeit zur Bezahlung des Soldes einer Bei satzung von beynahe 30,200 Mann hingereicht. Dayreuth, den »3. Jam Nach vorläufigen Nachrichten, meldet die hiesige Zeitung , soll der König von- Meaprl Toskana für den Großherzog von Würzburg in Besitz genommen haben. Dieß war die angenehme Nachricht aus dem Hauptquartier vorn, 11. Jan., nach deren Empfang Se. k. k. Hoheit der Grvßhrrzog von Würzburg nach Basel abgereist ist. (Direkte Nachrichten aus Italien bis zum 17^ dieß melden darüber noch nichts.) Kurzgefaßte Nachrichten^ Ihre Majestät die Königin von Sizilien wird weder Preßburg noch Wien sehen, sondern nur bis Großwardein reisen, und daselbst verbleiben. — In Rußland ist bereits eine neue Reserve über Gumbinnen und Bialystock aufdem Marsch begriffen, auch soll eine starke Rekrmirung anbefohlen seyn.,— Die Londner Zeitung, the Times, vom 27. Dez. versichert, Laß nach der Aussage eines amerikanischen Schiffers,, der in der Mitte des Dezembers Bordeaux verlassen hat, man am Tage vor der Abreise desselben im Theater zu Bordeaux, während dem Zwischenakt Zettel mit den Worten: Nieder mit dem Tyrannen! ES lebe Ludwig der Acht, zehente! von den Logen hinabgcwsrftn, und über die Logen gehängt habe.— Die Preußen sind bereits Meister der Vorstadt von Antwerpen, weiche Stadt sich bey der Stimmung der Offziere und der jungen Soldaten (unglücklicher Kinder, die, ohne,Kräfte zu haben, ins Feuer geschleppt,werden) nicht vertheidigen wird. — N^ch'der. Frankfurter Zeitung geht Genera! Rapp als Gefangener nach Kiow. osaver Schund,von Meningen hat sich als zahlungsunfähig erklärt. In Folge dessen werden daher sämmtliche Gläubiger, welche an den TaverSchmid aus was iin- für einem Titel eine Forderung zu machen haben, vorgeladen, den 10. Febr. mäkigul- üanchim, den IO. März scl excipioiiüuiu, und den 14.April 1814 ^ cvucluüon- stum bey Strafe des Ausschlusses Frühe 9 Uhr in diesseitiger Kanzler) zn erscheinen. Wertingen,, den 12.Lau. 1814. K. b, Landgericht. v. Gimmi, A sse ssor. ^ Ich Cndcsuiiterzeichneter,mache hicmit,einem hochzuverchrcnden Publikum, be- syudcrs meinen Handelsfrenuden bekannt, daß ich nach deyi Tode meines scl.Schwie- äcrvaters, WicyaclMavr, die Chokolatfabrik,, welche ich mitsclbem m Gesellschaft fyhrte, , ganz allein übernommen, und selbe,unter meinem Namen, , auf meine eigene Rechnung fortführe. Es huben sich, daher die resp.Haudclssreuude, geneigte Liebhaber und Abnehmer nicht, nur allein sehr, akkurate,Bedienung, ertra ,ante Qualität der Waare,.sondern,auch aus die all.crbittigste Preise zu verlassen; womit ich mich also zugeneigten Zuspruch bestens empfehle. Augsbiira, ,den Zi. Dez. 1813. " Loh, Georg Tieftnbron, Chokointfabrirant,, , wohnhaft auf dem Mauerberg Lit.C.,Nro. 111. über eine Stiege hocjd^_ _ Montag den 21.,Febr.,und,folgende Tage,wird, in der Sr. Annagassc in der Behausung. Lit, D. Nro- 239. eine schone Sammlung von Büchern, Landkarten, Mnsika- si,en und-.K»ustsachrn. .versteigert, und. an den Meistbietenden erlassen werden. Das gedruckte Verze>chn,iss derselben kann r.»i Anfang dcs.Monats Fcbt. beym geschwornen Känflcr.Endreß, in, der Karoliiienstraße Lit. C, Nro. 22. abgelaugt werden. Bey der Vor steige rungwirdvoii Fremden und lliibekaunten sogleich, von Ander» aber in i4Ta- ge bgareBezahlung crberhen. DieM obilienanktion aus den 15.März wird angezeigt. Ich,habe die Ehre anzuzeigen,,daß bey mir,recht gutes schwarzes Tinteiipnlver zn haben ist,,.welches nmn nur mir Wasser anmachen darf, und gleich mit dieser Lin- - te sy.schpn ,schreiben kann, .als,wenn sie schon 12 bis.12 Tage angesetzt wäre. Das, Psurch,kostet 52,kt., ein ganzer Zentner 75 st.. Michael Wagner,,Lit. C«,Nro, 194. .hinterher M«W.in Augsburg.. Bevkage.. Beylage zu der Augsburgifchen Onimsirs Postzekmng. Den 27 ttn Zänner 181 ^. Rro. 2 Z. Joseph Fckler Löwenwirth zu Gundelsingen verzichtet auf seine Wechselfahigkeit, welcher hiemit.im öffentlichen ZeitungSblatt bekannt gemacht wild. Launigen, den 12. Jänner 1814« K. b . Lan dgericht . __ v. Ütt. Der königl. Advokat Anron Sebastian Held ist betritt am i7teii November iziL dahirr verstorben/ und man hat am istten ezusnem in den öffentlichen Zeitungsblät' ter» alle seine Klienten aufgefordert, sich wegen Zurücknahme der Manual e Äkten, und Berechnung der AdvokarurSgebühren bey diesseitiger Behörde zu meiden. Nachdem sich aber mehrere derselben noch nicht gemeldet haben, ungeachtet man dir Bereit» Willigkeit erklärte, ihnen das Ihrige zurückzustellen, nachdem sie dir allenfalls noch unbezahlten AdvokaturSgeönh'-en nach verrichteten Geschäften dem königl. Advokaten Held selbst, oder nach dessen druck) öffentliche Prokiamr notorisch gewordenen Sterb» falle dkin diesseitigen Gericht« als Verlassenschafis - Instanz hätten bezahlen sollen, und nachdem andecerseirs dir Perisizicung, und Verhandlung der Erbsmasse nicht möglich ist, ohne alle Klienten des Verstorbenen zissvernehmur, u:-d also den R-.likten daran liegt, daß j-ue mit den ihnen zustehende» Reklamationen nicht länger verziehen, so werde» alle diejenigen, welch« sich seines NechtSbrysiandeS, oder seiner Geschäftsführung bedient, und sich seit seinem Toterer- der VerlassenschaftS/Instanz nicht angemel» del haben, auf Bitten der R-iilten desselben hiemit aufgefordert, in Zcit von sechzig Tagen bey dem königl. Stadtgerichte dahier im sie« Kommiffions / Zimmer entwrder in Person, oder durch Bevollmächtigt« sich zu melden,, und sowohl hinsichtlich der Verrchrunq, und Grgcnberechunng der Desecvitess, als such wegen Erhebung der Manual/Akten und Papiers dar Wettere z.u vernehme», oder zu erwarten, daß man sie für säumig betrachten, und auf ihre Kosten sich diak,falls an ihre Gerichte wenden werde. Den 8- Jänner 1814. K. b. Stadtgericht'Passau. Georg von Mayer, Hosrath und Stadtrichtrr. — Vibrier. Vorladung der Charlotte Hoshrrr Förster; Tochter von Forstmühi. Die verwittibke Bräumersterin Joseph» Reiferer von Kamm gieng kürzlich mit Tod ab, und hinterließ ein gerichtlich hinterlegtes Testament, in welchem sie ihre Z Ge« schwistette, Elisabeth, Katharina, und ?lnna als Erben ernannte, und betracht! ch« Legate anSs/tzt». Die Verstorbene hat außcr brn grnammn Grschwistrigt«n noch eine Schwester Eyackottr Hosherr Försters Tochter von Forstwühl, welche schcn vor zK Jahren sich nach Ungarn begeben hat, und seither nichts mehr von sich hören ließ. Diese ihre allenfsllsige Descendenten, und übrigen Jntejiot/Erben werden hiemit auf» geködert, binnen 60 Tagen ihre Erklärung über die Anerkennung des Nriserischen Testaments um so sicherer abzugeben, als außer dessen selbes für anerkannt gehalten^ und dre Verlsssenscbaft darnach auseinander gesetzt werden wird. Denic-.Jänl,e> 2814. K b. Landgericht Kamm. B-.onvld, Landrichter. Das königl. baier. sreyhcrri. von Mandlischr Patrimonial eG-cichr Tißling zH dos Dartholomä Lechner ein verrhrlichtec ZiNTmermann und Mitbesitzer ei er halben Behausung im Markte Tißling vor oh: gefähr n Jahren von seinem Weibe entwichen seoe, und seitdem von sich nichts mehr hören ließ. Das verlassene Weib kann weaen verschiedenen Rücksichten das Anwrlrn nicht länger mshr behaupten 1 sie ist gezwungen- «ine Veränderung mir selben zu treffen. Da dies«« ohne Beystimmung ihr«« Eh-wan^ nes richt vor sich gehen kaun; so Wirt L-chner nach dem Gesuch seiner Gattinn hiemit mit tem Auftrag aufgerufen, sich in eimm Termin von z Monaten hi-ro rs .-n stelftn- uad ftiu« Ansprüche gesetzt ch gettrnd zx machen i widrigen Falls muß er sich selbst die Schuld devimssen, wenn 11,-ch abgelaufenem Termin das Anwesen wird verändert werden. Den 24 Dezember 1813. .K. b. Landgericht Aitöttingen. Ott, Landrichter^ D» drr Herr Oberlieutenant Franz Ployrr, deS köings. baierischen 7. Lin::::/ Infanterie - Negrmrnrs LLWrnstein am 30. Oktober vorigen Jahr-S in der Schlacht bey Hanau geblieben "ist; so werden seine allenfallstgr Gläubiger, oder wer sonst einen R-chrsan« sprach an ihn haben möchte, hierdurch vorgeladen, sich binnen 30 Tagen, mithin den z> des Mo:-stö Februar d> I. bey Vermeidung des Aukschlusirt vcr »nttrzeicynetee DPilitair-ÄrrichtSbehördr zu melden. Neuburg, den z. Zäunn 1^4. Das Nese vr« Bataillon der königl. baieiischen 7»n Linien - Znsaniecir - Negl.uenrs Löwenstein. F eyherr v Andcian Wecburg, Major und Kommandant, v. Lüder, Au ateu . " Zvhw n Kraus, seiner Profession ein Schuhmacher, von Schrppach diasseitig königl. LandgoichtL gebürtig, befindet sich seit 19 Jahre abwesend, ohne vorr dessen Aufenthalte dir genügst« Kenntniß zu vesitzm. Da nun de»rn Geschw frei re um Vocrufung desselben gebethen, so wird gedachter Johann KrauS hiemit aufgefordert, binnen 2 Monaten entweder in Person bey diesseitigem königl. Landgerichte zu erscheinen, oder seinen gegenwärtigen Aufenthalt durch legale Zeugnisse auszuweisen; widrigenfalls dessen bestehendes Vermögen unter seine diesseitig» Geschwister» gegen Sicherstellung vertheilt werden solle Burgau, den 17. Jänner 1814. K. b- Landgericht. Zn legaler Verhinderung des königl. Vorstandes.__Samaßa, Assessor. Wer *ut welch immer für einem Necktstitel an den gestorbenen Pfarrer Andreas Latermann zu Herbertsl-ofen «ine Forderung zu haben glaubt, wird vorgeladen, am iA. des MonarS Februar 1814 persönlich, oder durch genugsam bevollmächtigte Anwälte Hier zu erscheinen, und ,erne Forderung genügend vorzubringen, als e> außer dessen niwt mehr gehört, sohin präkludict wird. Wkrtingcn, am 6. Jänner 1814. K. b Landgericht. ___v. Nhrinl. Der Kousc iptionrpfllchtige Anton Groz von Ausnaug, königl. würtembergiichen Oberamts Leutk-rch, welcher schon seit 2 Jahr von Haus abwesend ist, wird von feinem Vater aufgefordert, sich sogleich nach Haus Zu begeben, und den Gesetzen zn unterwerfen. Lrurkirch, den iz. Jänner 1814» __ Der schon 1 Jahr von HauL abwesende Anton Speker, Wagner von Herolazho- fen, königl wdltembergisL--n Obrramt« Leutkirch, wird hiemit von seiner Mutter aufgefordert, sich s g eich nach HauS zu begeben, und sich den KonftripttoirSgesetzen zu unterwerfen. Leuckirch, den iz. Jänner 1814. __ Unschön seit lange abwcs-nde, Anton Graf Sattle., Anton Graf Müller, Leonhard Graf Schuster, sämmtliche von Hofs, und Johannes Vögele Schneider von Aderazhofrn königl. wünembergischrn OVeramtS Leutkirch, werden hiemit von ihren Värrrn und Verwandten aufgesordert, sich sogleich nach Haus zu begeben, Und den Konscriptivrisgesehrn zu unterwerfen. Leutkrcch, den 13 Jänner 1814. "Der schon srit lange von Haus abwesende AloiS Graf von Herrlazhofrn H königl. wüctrmbergischsn OberawtS Leutkirch, wird hiemit von seinen'Anverwandten aufgefordert, sich schleunigst nach Hau« zu begeben, und den Gesetzen sich zu unterwerfen. Leutkirch, den iz. Jänner 1814.__ ^Dir mit Zurücklassung eines zu den Grrichrsakten hinterlegten letzten Willens in Mültt flerhausen gestorbene Freyfrau Johanna verwitlibte von Hridenhcim gebohcnr Fcryiu von Freybrrg - Almendingen hat ihre Schwester Eleonore Freuin von Zreyberg - Almen» dingen, Stiststame von Münflerbilsru^ als Univcrsaiccbrun ihres gecrngen Nachlasses eingesetzt. Sämmtliche Jatrstaterd-n der Verstorbenen werden nun aufgefordert, sich mit ihre» etwaigen Ansprüchen binnen zo Tagen bey unterzeichneter Behörde zu melden, widrigenfalls da« Testament, als von ihnen anerkannt, in Vollzug gesetzt werden solle. Binnen der nämlichen Frist von zo Tagen haben auch all« Gläubiger der Trstie'-ecrn rhre Forderungen bev Strafe des AuS'chmssrs hierorts anzubringen. Ursbrrg imJUr^kreise, den ist- Jänner 1814. K. b. Landgerichts__v. Deutele, Landrichter. ""BeyHterzrichnerec Behörde wurden von einem Militair-Kommando s) eine versilberte mit 2 Platten, und oben mit Z, unren aber mit 6 Grleichen versehene Sack-Uhr- Kerle, b) dann ein versilberter mit 32 länglichen erhaben gearbeiteten Gelenken, worauf sich in der Mitte Rosetchen b-sinden, un" dir mit 2 Ningchen zusammen geheftet sind uns «». -' 7 " nn«! S-'-ßr-' »>s S^luk- ve seiner w-sb!;chrr Güctei, am 14. dieß d poni.t Di^ Ei;e 'hü - e hub«., sich oahier zu melde», lvorau- man iynen nach Befund der Sacke ihr E>g nihum frey an Handen stellen wud. Zlm iF- Zännrc 1814. K. b. Landgericht Mm. itz.rm._v. Mader, Landrichter. F nnz Lave-. Zeller, fte» refignirker Gras Firmianischer HofmarkSvecwalrer zu Leopolcsk on ist in di-.ftm Jag,« ohne Hinterlassung einer letztwillizen Veiocünung ge« sto den, und dar zwrv eheisiblickr Söhne hmkeclasscn. Der eine NameuS Joseph Zeller b-fa d sich als Frrl-ur in Wien; ist aber eingeholter Eifahruiigen zu Frlzr aiS lediger Mensch in hkrrsckafrlichr Dienste getretten, und von Wien srgereis r, ohne daß man geaenwärtig seinen AufenthailSsrl weiß. Der andere Sohn Leopold Zeller, ist gleichfalls Lande« abwesend. Diesen beyden Söhnen ist als Aut-sslalerbrn ihres VatecS Franz Taver Zeller durch den Tod desselben ein Vermögen von 546 si. 27 ?r. angefallen. Dieselben, cdsr ihre eheliche Descendenz werden daher vorgeladen, innerhalb z Monaten sich gehörig zur Erbschaft zu legittmiren, ihr« Ecbjerkiärungrn abzugeben, und di« väte:lichs Verlassenschaft gegen Schadlorverschreibung in Empfang zu nehmen Am Zi. D?z. istlZ- K. b Stadtgericht Salzburg. Spökmair, Skadnichter. —Wsldmüller. Johann Dinzl DaurrSsohn von Haurmelting dieß Gerichte; entfernte sich vor 28 Jahren vom Hause, wanderte alS Sattlergestll, und srit selber Zeit hat man keine Kenntniß von desselben Aufenthaltsorte/ Leben, oder Tode. Da nun die nächsten An» verwandle des f-.aglichen Dinzl um di« Ausantwvctung des dem letzter» angehörigcn älterlichen Erbguts von 6oofl. nachgesucht haben, so wird Dinzl Johann, oder seine allensallsige D-scendentschast eäiäbsliter vorgeladen, ffch biusrn iJahc, 6 Wochen, und z Tagen bey der unterzeichneten Stelle um so gewisser zu meld«,, als man widrigen» falls den obigen Vermögensbetrag an die Petenten gegen Kaution auSantwocten würde. Den 20. Dezember iZiZ« K. b. Landgericht Straubing im Ur-tecdvneukceisr. Landrichter sbs.__Freyherr von Ott I. Assessor. -Joseph Makia, Wirth in Scheuern, d. G. ist gesinnt, sein in Scheuern gelegene« Nsbengütel auS f'iyer Hand, jedoch unter gerichtlicher Leitung zu veräußern. Dasselbe besteht in einem hölzernen Gebäude, Wohnung und Stadel aneinander gebaut, und alle« mit Ziegeln gedeckt, dem dabev befindlichen Garten von 91 Dezm., mit guten Obstbäumen b-pflarijt, einen großen Hopfengarten, woben noch Z Tagwsrk. 94 Dezm. Aecker, und 1 Tagwerk 59 Dejm. Wiesen sind. Die auf diesem Anwesen haftenden Abgaben find Zi kc. 2 dl. Steuer, dann zfl. 2 kr. Stift und Küchendienst. Zur Vec» äußerung obigen Anwesens hat man nun auf Montag den 7. Februar d. I. ein» TagS. fahr anberaumt, an welchem Tage nun Kaufslustiqe hierorts in der GerichtSkanzley MorgrnS von 8 bis 12 Uhr zu erscheinen, ihr Angrbvth zu Protokoll zu geben, und sich zugleich über ihr Vermögen und ihre Aufführung legal auszuweisen haben. Pfaffenhsfen, den 8ten Jänner 1814. Königl. Landgericht Psaffmhofen. Neingruber. — Schweitfelner. Von königl. bairrischen Landgerichts wegen wird hie--mrt Jedermann, der von dem Aufenthalt eines gewissen Johann Kitzler von Gosteohoff, welcher bey dem Schreiner« meistcr Eßrc daselbst in der Lehre war, und sich von d-ms-ldei, im Februar dieses Jahre« heimlicher Weise entfernt», Kenntniß hat, aufgefordert, sofort Nachricht davon zu geben. Derselbe ist 12 Jahre alt, mittlerer Größe, mehr schlanker alk untersetzter Slaru/, hat braune Haare und dergleichen Auren, ist bla»rn und blattecnarbigtM aber vollen Angesichts. Er trug bey seiner Enkweichung ein graues Wammes, blau und weißgrsireifte lange Beinkleider, Stiefel und eine blaue Müze. Nürnberg, der» 27 Dezember 181z__K irchner. Der unterm 9. August vorigen Jahrs versuchte Verkauf des Aecaria«, Brauhause« in Lautrach hat die gnädigste Ratifikation nicht erhalten, und das unterzeichnete Nent« amt wurde von königl. Finanz »Direktion de« Jllerkreises lud Oato 26. Oktober Istrz beauftragt, «inen neuerlichen Verkauf vorzunehmen, und mit demselben zugleich in Illbticlium den Versuch einer Verpachtung auf Z Jahre zu vereinigen. Diesem gnädig, sten Auftrage zu Folg« hat das Rrntamt zum neuerlichen Verkauf den 7ten künftigen Monat- Februar benimmt, an welchem Tagt Vormittag« 9 Uhr tm Brauhaus- zu Laulrach d».se Realität d«m Lffentlichm Verkaufe autgrseht, und wenn nichtrin annehmbares Kaussanboth rrjweckt werden sollt«, «ine Verpachtung auf drey Jahr» versucht werden wird. Ein nähere« Detail der BräuhauSgedaudr sammt Zugehöc aufzuführen, hält man für überflüssig, da dieselbe bereits ;m 172 et 174 Stück der Moyschen Aug«- vucger Zeitung Jahrs istrz hinlänglich beschrieben sind. KaufSliröhabrr, welche zu birst r Versteigerung hiewit eingeladen werden, können diese« Aerarial- Bi auhauS alle Tage besichtigen, die nähere Kau keitlich zu: Versteigerung auszuschirisen. Es werden daher alle diejenige, dir ein solch verthcilhastk« Anwesen zu kaufen gedenken, ausgefo-rrt, Fccytags den 11. Febcuav beym königlichen Stadtgerichte sich zu melde«, und ihre Anboth» zu Protokoll zu geben» Don y bis i2 Uhr g«ht di: Versteigerung vor sich. Schlag 12 Uhr wird die Realität den Meistsiethrnden lslva radistcsbione zugeschlagen. Aurwarrige Kaussliebhaber baden sich über ihre Gewrr'v«f»l)igkcit und Vermög-n durch gcrichtUch« und rclizeyiiche Zeugnisse auszuweisen. Di« Einsicht der Realitäten und des Aufwu. f-P-ec« kann beym königl. Stadtgericht bis dahin nachgesucht werden. Am 14. Jänner 1814- K. b. Stadtgericht Kempten._ _ Lir. Äclierrr, Stadtrichter. — v. Frohn. Die aus den 2Z. August h. I. festgesetzt gewesene Versteigerung der Realitäten des. Handelsmann«, Ludwig Heller in Braunau, wirb, da sich bey selber kein Kauflustiger einfand, Dienstag den 1. Februar wiederholt werden. Die VersteigerungS- Objekte bestehen 1) in dem ganz gemauerten, 2 Stöcke hohen Hause am untern Startplätze zu Braunau, welchrS mit guten Gewölben versehen ist, und wobey sich eine reale HandlungSgerechtigkeit befindet. 2) In einem Augrundr von 10 Schritt Breite und 100 Schritt Länge; dir Handin-igigerechtigkeic erstreckt sich auf Schnitt» und Spezereywaaren. Der SchätzunqSpreis besteht in 2050 fl. Kauflustige, wovon sich jedoch die Unbekannten über ihre Erwerb«- und Zahlungsfähigkeit auszuweisen haben, werden daher eingeladen, am bestimmten Tage Früh y Uhr bey diesseitigem Gerichte zu erscheinen. Den zi. Dez. isiiz. K. b. Landgerrcht Braunau am In» im Saljachkrcise._Kuttner, Landrichter. In der Stettinischen Buchhandlung in Nün sind folgende geographische, statistisch» topographische Werke, die besonders gegenwärtig sehr gut ju gebrauch n, sind, z» haben: Lipikon von Italien, nach dessen neuesten Zustande, vrn P. L. H. Röder, gr. 8-1812. § fi zc> ke. — Lexikon von Schwaben, in 2 Bände» 6 fl. zo kr — Lrx kvn von Baierc, in z Banden, ncbstAnhang 9fl. — L-xckon volltanken, in 6 Bänden lyfl_Lenken von Obersachscn und der Ober - und Niederlausih, in 8Dänk,n 24 fl. zo kc. — L-xckon von dem Kur - ui,dOb«nhem. Kreis zfl. rz kr. — Lexikon von der Schweiz in 2 Bänden Zfl. zokr — Lexiken von Frankreich, in 4 Bänden 12 fl- izkr — Geographie und Stau/.ik von Würtcmüera 2 Bände, 8- 4 fl Zokr. — Neisechan, von Schlvab-n, mit angezligten Chauss en und Straßen, von Z. A. Ammann, Fol. zok . — Dieselbe auf Leinwand in Fu-terU r fl. — Beschreibung von Pari«, — Bes-rc-ibung von Ulm, — B-schreibung von SchwU ssmt, v- n Bundschuh, mir ein Plan 45 ?r. — Staat«-Und Erdbeschreibung Lek schwäbischen Kreises, und der in und um denselben gelegenen üüerceichischen Land-u. Hr-r!chaften,,2 Bände, gr 8 1779 bis 1782 6fl — Um dir Anlchassung obiger sehr nützliheU geog aphischen Worte büHera, nach v«m geäuffrrtrn Wunsche vieler Liebhaber, mög ichst zu eck'ichte n, werden solche derjenigen, welche dir ganz« Sammlung, v"er doch den größten Th.'il derselben sich anschaffen wollen, gegen bawe Ei-'s-mdung - es Ber.ogs an die untenstrh-nd- V-riagshandlung um die Hälfte der beygesetzten Ladrnp eise erlassen. Dieser geringe P.ei« kann jedoch nicht länger, ai« bi« nächste Michaelis statt haben. Nro. I. Dienſtag, den 1. Jan. Anno 1822. AugsburgiſcheOrdnariPoſtzeitung Von Staats, gelehrten, hiſtoriſch⸗ u oͤkonomiſchen Neuigkeiten. Mit allerhoͤchſten Privilegien. Redakteur: E. Frhr. v. Seida. Gedruckt u. verlegt von Joſeph Anton Moy, wohnhaft auf dem obern Graben in dem ſogenannten Schneidhaus. Zum neuen Jahre. Man wünſcht ein gluͤcklich neues Jahr, Doch tobt und preiſt man immerdar Die alte Zeit, Da Redlichkeit Noch gång und gåbe war, So ehrt und uͤbet Redlichkeit, Und ſchaffet aus der alten Zeit Ein gluͤcklich neues Jahr. BonorVM ConCorDlâ AVgVstae saLVs fLorebIt. Conrector Hoͤlzl. Wien den 27 Dez. Direkte und zuverlaͤßige Nachrichten aus Teheran vom 19 Okt haben die Versſicherung gebracht, daß der Krieg mit Persien entweder bereits beendigt iſt, oder in Kurzem aufhoͤren wird Man war am Hofe zu Teheran bloß von dem Einfalle des Prinzen Mohammed Ali Mirſa in das Paſchalik von Bagdad unterrichtet wozu man jedoch keinen Befehl gegeben zu haben bebauptete, und der morgens ohne Erfolg geblieben iſt. Dagegen wollte man nichts von Kriegsoperationen am obern Euphrat wiſſen, und verſicherte, daß, wenn in Armenien Feindſeligkeiren Statt gehabt haben follten, ſolche bloß die Sache der immer zu Krieg und Raub bereiten Kurden ſeyn koͤnnten. Gewiß iſt es, daß der Schah von Perſien aufs Beſtimmteſte erflårt hat, es ſey keineswegs ſeine Abſicht, einen Krieg mit der Pforte anzufangen, und daß dem Prinzen gemeſſenſt unterſagt worden ſey, ſich Feindſeligkeiten gegen die tuͤrkiſchen Provinzen zu erlauben Es iſt nun zu erwarten ob auf dieſe Nachrichten die Pforte ihre gegen Perſien erlaſſene Kriegserklaͤrung zuruͤck nehmen wird. Von der Kuͤſte des Mittelmeers den 16 Dez. Handelsberichte aus der Inſel Scio werden die daſelbſt erfolgte Ankunft von Getreideſchiffen aus dem ſchwarzen Meere gleichfalls waren andere Schiffe des Archipelagus von dort aus verproviantirt worden Auch zu uns gelangen noch ruſfiſche Schiffe aus Odeſſa oder weſteuropaͤiſche Schiffe die aus dem ſchwarzen Meere kommen Durch dieſe hat man Berichte über die Vermehrung der ruſſiſchen Truppen bey Tiflis wo ſich eine ſtarke Armee verſammeln ſoll, um, wie man vermuthet, nach Kleinafien vorzubringen ſobald der Krieg zwiſchen Rußland und der Pforte erklaͤrt ſeyn wird als woran Niemand zweifelt. Auf den griechiſchen Inſeln ruͤſtet man ſich zur kraftvollen Fortſetzung des begonnenen Kampfs; die Griechen ſind wieder vollkommen Meiſter im Archipelagus. Sie beſchaͤfftigen ſich jetzt ganz beſonders mit Verſtärkung ihrer Marine. Trieſt, den 24. Dez. Heute lief hier ein Schiff ein, das Smyrna erſt vor 14 Tagen verlaſſen hat. Nach Verſicherung des Kapitaͤns war daſelbſt die Ruhe vollkommen hergeſtellt, ſo daß der Markt und alle Buden wieder offen standen. Die europaͤischen Konsuln hatten dem Paſcha zugeredet; und diſer haͤlt nun mit ſeinen Soldaten ſtrenge Ordnung. Es war Feuer im Quartiewer Franken ausgebrochen; man fuͤrchtete ſich waͤhrend deſſelben ſehr vor dem tuͤrkſchen Poͤbel. Aber der Paſcha hielt denſelben im Zaum, und die franzoͤſiſche Faͤhre durfte Leute an's Land bringen um das Feuer zu loͤſchen. Aus Konſtantinopel haben wir Nachrichten, die nur 11 Tage alt ſind. Es iſt daſelbſt alles ruhig. Von der Donau, den 24. Dez. Zuverſichtliche Nachrichten aus Widdin bis zum 9. dieß erwaͤhnen nur wenig des viel besprochenen ſerbischen Aufſtandes, dagegen hat der Kapidſchi Baſchi von Salonichi dem Pascha von Widdin die Nachricht von der Vernichtung der griechischen Inſurgentenmacht auf Kaſſandra nach einer hartnaͤckigen Schlacht die 14 Stunden dauerte, und worinn die Griechen uͤber 6000 Mann verloren, amtlich berichtet. Zahlreiche Abtheilungen von Griechen legten, nach diesem tuͤrkischen Berichte, die Waffen nieder, andere fluͤchteten sich auf hydriotische Schiffe, die fortwaͤhrd die Meere der Umgegend unſicher machen. Die Letztern hatten mehrere Landungen an den Kuͤſten unternomnen, kleine Staͤdte und Doͤrfer zerſtoͤrt und Aufrufe ausgestreut. Der Pascha hat bereits Maaßregeln getroffen, diesem Unfug ein Ende zu machen; 22,000 Asiaten ſind von ihm zur Verstaͤrkung Churſid Paſcha's detaſchirt worden. Die Tuͤrken schmeicheln sich, die Belagerung des Kastells von Janina werde durch einen allgemeinen Sturm, dessen Erfolg kaum zweifelhaft iſt, enden. Bozen, den 24 Dez. Heute Fruͤh zwiſchen 6 und 7 Uhr ereignete sich auf einem Bauernhofe zu Guntſchn bey Gries, naͤchſt Botzen, ein in dieſer Gegend noch unerhoͤrter Ungluͤcksfall. Eine über beſagtem Bauernhofe gelegene betraͤchtliche Wieſe durch das kuͤrzlich eingetretene Schnee= und Regenwetter los gemacht, stuͤrzte ſich ploͤtzlich, die groͤßten Felſenſtuͤcke mitreißend unaufhaltſam auf das Haus deſſelben herab, und zertruͤmmerte deſſen ganzen hintern Theil bis auf den Grund. Der Familienvater nebſt ſeinen kleinen Kindern retteten sich mit großer Anstrengung und Geistesgegenwart von der augenſcheinlichen Todesgefahr Sein braves wirthſchaftliches Weib wurde waͤhrend des Beheizens der Stube durch obige fuͤrchterliche Lavine dergestalt bedeckt, daß, trotz aller zu ihrer Rettung getroffenen Anſtalten die Arbeiter noch nicht die geringſte Spur von der Verungluͤckten ausfindig machen konnten. Es drohen dem Anſcheine nach noch mehrere Felſen herabzustuͤrzen. Madrid, den 11 Dez. Wir ſind hier fortwaͤhrend in großen Beſorgniſſen. Der Bericht der Kommiſſion der Cortes hat keine Partey befriedigt Die eine iſt wuͤthend daß man die Ausſchweifungen des Hypor-Liberalismus zu tadeln gewagt hat, und die andere hofft wenig von der einfachen Erklaͤrung einer Verſammlung, die das Anſehen nicht genießt das ſie haben ſollte, und in wenigen Tagen auseinander gehen wird, um, wie die neueſten Wahlen vermuthen laſſen, gerade den exaltirteſten Koͤpfen Platz zu machen. Die Beſorgniß des rechtlichen Bürgers ſieht ſchon in der Ruͤckkehr des Koͤnigs vom Eskurial den Zug Ludwigs XVI von Verſailles nach Paris und fluͤchtete bereits zu dem leidigen Troſtgrunde gezwungen daß das Palais welches der Koͤnig jetzt zu seiner Wohnung gewaͤhlt hat feſt genug iſt den Anfaͤllen eines irregeleiteten Poͤbels zu widerstehen Es liegt beynahe am Ende der Stadt auf einer ſteilen Höhe zu der man nur von der Stadtſeite her gelangen kann Die Mauern haben 14 Fuß Dicke und die Thore ſind von Erz Unterirdiſche Gewoͤlbe und Gaͤnge reichen bis an den Manzanares hinab und haben mehrere Ausgaͤnge in das freye Feld von denen einer nach Caſa del Campo fuͤhrt dem Landſitze des Koͤnigs jenſeits des Fluſſes deſſen Park mit dem koͤnigl Walde von Pardo zusammen haͤngt der ſich bis an den Fuß der Guadarama-Gebirge erstreckt. die zur Zeit der franzoͤſiſchen Invaſion den wackern Guerillas ſichere nie eutdeckte Freyſtaͤtten boten. Paris, den 22. Dez. Die Beſtandtheile des neuen Miniſteriums befriedigen beynahe alle Erwartungen des ſtrengſten Ultra⸗Royalismus, aber nicht der Mehrheit der Franzoſen. Man urtheilt insgemein uͤber die politiſchen Faͤhigkeiten der neuen Miniſter nicht beſonders guͤnſtig. Die Ernennung einiger von ihnen hat ſogar das große Publikum auffallend gefunden. So fragt man ſich beſfonders, welche Anſpruͤche Herr Peyronnet auf eine Miniſterſtelle gehabt habe. Manche behaupten, daß Herr de Serre, der ſich in ſeiner Stelle gern vermißt ſehen moͤchte, dieſen Kandidaten zum Juſtizminiſter vorgeſchlagen habe. Man iſt der Meynung, daß die Liſte des neuen Miniſteriums bey Hof gefertigt worden ſey. Man ſchreibt ſie beſonders den Herrn von Duras, Damas⸗Crux und Alexis de Noailles zu. Der Koͤnig ſoll dem Andrang dieſer Partey nur mit Widerwillen und zoͤgernd nachgegeben haben. Man erzaͤhlt ſich, daß neulich Se. Majeſtaͤt, auf dieſe Ihre perſoͤnliche Geſinnung anſpielend, ſcherzweiſe ſagte: „Es freut mich, nun doch zu ſehen, wie man nach meinem Tode regieren wird.“ Nach der Natur der repraͤſentativen Regierungsform fuͤhrt ein Miniſterwechſel immer den Wechſel des Regierungsſyſtems mit ſich. Eine Folge davon iſt die Abſetzung vieler alter Beamten, die dem neuen Syſtem nicht zuſagen. Ueber das politiſche Syſtem des neuen Miniſteriums laͤßt ſich noch nicht viel ſagen. Darinn, daß es den Entwurf des neuen Zenſurgeſetzes zuruͤck nahm, hat es konſequent gehandelt. Es verſpricht dem Buchſtaben und Geiſt der Charte gemaͤß volle Preßfreyheit. Dagegen will es die Zeitungen mehreren Formalitaͤten unterwerfen. Man hat die Sitzungen der Kammer auf einige Tage eingeſtellt, damit das Miniſterium ſich zuvor orientiren, und einen Ueberblick uͤber ſeine politiſche Stellung erhalten kann. — Hier einige Notizen uͤber die neuen Miniſter. Die Herren von Villele und Corbieres werden zwar fuͤr geſcheute und biedere Maͤnner, aber fuͤr keine umfaſſende Koͤpfe gehalten. Dem Heern v. Villele ſchreibt man eine ins Kleine hinaus laufende Zirkonſpektion zu, die eben keine wahre Umſicht ſey, ſondern der Zaghaftigkeit verwandt ſcheine; den Herrn v. Corbieres wirft man einen etwas einfeitigen Eifer vor. So viel iſt gewiß, daß Villele praktiſchen Verſtand in nicht gemeinem Grade beſitzt, daß er vielleicht einen noch tuͤchtigern Miniſter des Innern als der Finanzen abgeben wuͤrde. Corbieres hat rhetoriſche Schaͤrfe, Ironie und Klugheit auf der Tribune; doch beſitzt keiner von Beyden eigentliche Rednergaben. Herr Peyronnet iſt ein Mann des rechten Zentrums, mit ſtarker Annaͤherung an die royaliſtiſche Rechte gewoͤhnlichen Schlages. Graf Clermont Tonnere, der Marineminiſter, gehoͤrt zur Partey der Kardinaliſten in der Pairskammer, die alle im rechten Zentrum ſitzen. Er iſt in der politechniſchen Schule gebildet, ein kluger, gemaͤßigter und biederer Mann, ob er politiſchen Takt beſitzt, iſt gaͤnzlich unbekannt. Marſchall Viktor erſetzt vollkommen Herrn v. Latour-Maubourg, und Herr von Latour⸗Maubourg wuͤrde vollkommen den Marſchall Viktor erſetzen. Beyde ſind uͤbrigens redliche Royaliſten. Der Vicomte Montmorency iſt ein Zoͤgling des Abbe Syes, und wurde von ſeinem Lehrer in die erſten Orgien der Revolution hinabgeriſſen; er beſann ſich aber ſpaͤter, beurkundete auf alle Weiſe feine Reue, beobachtete waͤhrend ſeiner Emigration, und unter Bonapartes Regierung — unter die er ſich niemals gebogen, — ein edles Betragen, und war außerdem noch bekannt als genauer Freund der Frau v. Stael, und ihrer Freundin Frau v. Recamier. Seit 1814 war Herr v. Montmorency in allen royaliſtiſchen Bewegungen der Kammern innig verflochten. Er iſt ein ſehr religioͤſer und wohlthaͤtiger Mann, und hat in mehreren Reden und Berichten gezeigt, daß es ihm an Verſtand nicht mangelt, und daß er auch einige eigene Ideen beſitzt, London, den 19. Dez. Der Koͤnig will das Parlament in Perſon eroͤffnen, und es werden bereits Vorbereitungen zu dieſer Situng getroſſen, welche beſonders feyerlich und glaͤn zend werden ſoll, weil ſie die erſte iſt, in welcher der Koͤnig ſeit ſeiner Kroͤnung erſcheint. Man verſichert wiederholt, daß die Partey Greenville naͤchſtens in das Miniſterium kommen waͤrde. Here Goulbourn iſt am 14. dieß in Dublin augekommen. Die Yeomanry (die freywillige Buͤrger⸗Kaballerie) iſt bereits in einigen Diſtrikten Irlands in voller Thaͤtigkeit, und hat auf ihren naͤchtlichen Streifereyen einige Waffenvorraͤthe der Aufruͤhrer entdeckt und weggenommen. Bruͤſſel, den 24. Dez. Man ſchreibt von der franzoͤſifchen Graͤnze, daß ſich allda das Geruͤcht beſtimmter als je verbreitet, daß ein ziemlich zahlreiches Truppenkorps, aus allen Feſtungen der Nordgraͤnze gezogen, unverzuͤglich marſchfertig gemacht wird, um ſich an die Pyrnaͤen zu begeben — Die Frau Graͤfin von Gothland(Koͤnigin von Schweden) iſt hier eingetroffen. Leipzig, den 24. Dez. Ein neues Geruͤcht ſagt, die Ruſſen haͤtten die Tuͤrken geſchlagen, ob es wahr iſt, wird die Zeit lehren; doch ſind mehrere der Meynung, daß zu Ende des vorigen Monats wichtige Ereigniſſe in Konſtantinopel Statt gefunden haben.— Den 21. dieß giengen bald hinter einander, von Paris kommend, ein ruſſiſcher und ein preußiſcher Kurier hier durch. — Es hat ſich ſchon eine anſehnliche Anzahl Verkaͤufer hier zur naͤchſten Meſſe eingefunden. Gebe nur der Himmel, daß beſſeres Wetter werde! Die Wege werden an manchen Stellen faſt unfahbar. Kurzgefaßte Nachricht. Demoiiſelle Karoline Schleicher, Virtuoſin auf dem Klarinett und der Violin, wird morgen, den 2. Januar, ein großes Vokal⸗ und Inſtrumentalkonzert geben. Die Bewunderung, welche ihr ſchoͤnes Kunſttalent erſt neuerlich in Speyer, Maynz, Darmſtadt, Mannheim und Wuͤrzburg erregte, und die lieblichen, netten und feinen Toͤne, die ihrem Hauptinſtrumente entquellen, verbuͤrgen dem Kreiſe ihrer Zuhoͤrer und Zuhoͤrerinnen einen entzuͤckenden muſikaliſchen Abend. Bey der heute den 29. Dez. zu Nuͤrnberg vorgenommenen 120ten Ziehung ſind folgende Numern heraus gekommen, als: 58. 81.. 63. 8. 14. Die naͤchſte 121te Ziehung geſchieht den 29. Jan., und inzwiſchen die 1161te Muͤnchener Ziehung den 8. Jan. und die 782te Regensburger Ziehung den 17. Jan. wovon der Schluß jeder Ziehung bey ſaͤmmtlichen koͤn. baier. Lottoeinnehmern allhier zu Augsburg den Tag zuvor iſt. (Bekanntmachung.) Da nach erfolgter hoͤchſter Genehmigung ſtatt der bisherigen 4 Viehmaͤrkte fuͤr die Folge 12 abgehalten werden daͤrfen, ſo wird hiemit bekannt gemacht, daß von nun an jedesmal am erſten Donnerstag im jeden Monate in Wemding Viehmarkt gehalten, und Donnerstag den 3. Januar 1822 damit der Anfang gemacht werden wird. (Nur im Falle, wenn am Donnerstag Feyertag ſeyn ſollte, ſo wird der Viehmarkt jedesmal am Mittwoch zuvor abgehalten.) Wemding, den 28. Dez. 1821. Der Magiſtrat der koͤn. Stadt Wemding. Muͤller, Stadtſchreiber. Unterzeichne er hat eine Parthie von 11 oder 12 Zentner flamming'ſche LammWolle worunter ſich auch viele Baſtart⸗Lammwolle befindet, gegen baare Bezahlung zu billigem Preiſe zu verkaufen. Joſeph Matthias Oßwald, Lodweber, Lit. H. Nro. 334. (Aufkuͤndigung.)) Unterzeichneter verkauft aus freyer Hand ſeine eigenthuͤmliche Behauſung ſammt Garten, dann einer realen Tuch⸗, Eiſen⸗, Leder⸗, Spezerey⸗ nnd Material⸗langen und kurzen Schnitt⸗Waaren⸗Handlung, ferners einer großen und kleinen Fraguerey. Aloys Hofer, buͤrgerl. Handelsmann in Neumarkt an der Rott Landgerichts Muͤhldorf. Es iſt eine ſhoͤne Wohnung zu vermiethen, und in Lit. E. Nro 48 zu erfragen; ſie kann ſogleich oder bis Georgi bezogen werden. Nro. 2. Mittwoch, den 2. Jan. Anno 1822. AugsburgiſcheOrdinarPoſtzeitung Von Staats, gelehrten, hiſtoriſch⸗ u oͤkonomiſchen Neuigkeiten. Mit allerhoͤchſten Privilegien. Redakteur: E. Frhr. v. Seida. Gedruckt u. verlegt von Joſeph Anton Moy, wohnhaft auf dem obern Graben in dem ſogenannten Schneidhaus. Wien, den 27. Dez. Der heutige oͤſterr. Beobachter enthaͤlt Folgendes Berichte aus Konſtantinopel vom 8. Dez., in welchen weder von Janitſcharen⸗​Aufſtaͤnden, noch von ſonſtigen Stoͤrungen der oͤffentlichen Ruhe die Rede iſt, enthalten unter Andern folgende Neuigkeiten: Die von der kaiſerl, oͤſterreichiſchen und der koͤnigl. großbrittanniſchen Geſandtſchaft, in Betreff verſchiedener, von fanatiſchen Individuen veruͤbten Exzeſſe, an die Pforte gerichteten nachdruͤcklichen Vorſtellungen, haben ihren Endzweck nicht verfehlt. Ein Regierungsbefehl, der die groͤßte Strenge gegen alle Vergehungen dieſer Art vorſchreibt, iſt am 30. Novb. oͤffentlich bekannt gemacht worden. Im Eingange dieſes Befehls heißt es: Die Treuloſigkeit der von der griechiſchen Nation angezettelten verraͤtheriſchen Empoͤrung hat alle Muſelmaͤnner, groß und klein, vereint, um einmuͤthig zu den Waffen zu greifen, und eine kriegeriſche Stellung anzunehmen. Es liegt aber der Regierung nur allein ob, jene der aufruͤhreriſchen Raajas zu beſtrafen, welche wirklich des Hochverraths ſchuldig ſind; dieß geſchieht auch mit Eifer und Sorgfalt, wenn ihr die des Verbrechens Ueberwieſenen in die Haͤnde fallen.— Die Abſetzung des vorigen Reis⸗Effendi hatte einige Stockung in die diplomatiſchen Verhandlungen gebracht; in den letzten Wochen haben aber verſchiedene Konferenzen mit den auswaͤrtigen Geſandten Statt gehabt, welchen der jetzige Reis⸗Effendi, der Kadiascar von Rumelien, und Ganib Effendi, einer der erfahrenſten tuͤrkiſchen Geſchaͤfftsmaͤnner, der das Amt des ReisEffendi bis zum Ausbruch der griechiſchen Rebellion verwaltet hatte, beywohnten. Trieſt, den 24. Dez. Ueber die vorgefallenen Graͤuelſcenen in Smyrna ſind ſchauderhafte Berichte in Umlauf. Die fanatiſchen Tuͤrken mordeten ohne Unterſchied alle Chriſten, die ihnen im erſten Anlauf vor den Saͤbel kamen. Die Metzeleyen dauerten vom 20. bis 28. Nov. ununterbrochen fort. Vielen Unwillen erregte das Benehmen der Englaͤnder. Als die ungluͤcklichen Chriſten ſich in Boͤten auf die Schiffe im Haven zu retten anfiengen, zog ſich das engliſche Geſchwader auf die hohe See zuruͤck; wie man behauptete, um es mit ſeinen guten Freunden, den Tuͤrken, nicht zu verderben. Deſto menſchlicher und edler handelten die Franzoſen und Oeſterreicher. Unſere Fregatte Leipzig war ganz mit unglüuͤcklichen Griechen angefuͤllt, die dem Schwerte der Tuͤrken hatten entrinnen koͤnnen. Ein ſehr unverbuͤrgtes Geruͤcht aus Corfu laͤßt den, zum Befehlshaber von Tripoliza ernannten Sir Thomas Gotdon am Gifte ſterben, das ihm von feindlicher Hand zubereitet worden ſey. ​​Marſeille, den 20. Dez. Handelsberichte von verſchiedenen Punkten melden gleichzeitig, daß die Stadt Patras von den Griechen mit ſtuͤrmender Hand genommen worden ſey, wobey die aus 3000 Mann beſtehende Beſatzung uͤber die Klinge ſpringen mußte. Aus Livorno meldet man, daß dort bereits 800 (iſt wohl uͤbertrieben) Griechenfreunde nach Morea eingeſchifft worden ſeyen. Die dortigen griechiſchen Haͤufer thun viel fuͤr die Sache. Gaiß im Kanton Appenzell, den 25. Dez. Anſtatt einen ſtillen Feſttag feyern zu koͤnnen, arbeitet faſt jedermann mit voller Thaͤtigkeit, um zerſtoͤrte Haͤuſer und Scheunen nur einigermaſſen einſtweilen auszubeſſern. Schon einige Tage hatten wir heftigen Suͤdwind, der aber geſtern, am heil. Abend, ſich zu einem Sturmwind erhob; und vergangene Nacht wuͤthete derſelbe bis Morgens um 4 Uhr mit einer ſolchen beyſpielloſen, außerordentlichen Heftigkeit, daß die aͤlteſten Leute ſich keines aͤhnlichenzu erinnern wiſſen, es war eine Nacht des Schreckens und des Jammers. Wenige Haͤuſer dieſer großen Gemeinde ſind noch ganz unbeſchaͤdigt; die Plaͤtze vor den Haͤuſern ſind mit Ziegeln uͤberdeckt; ſehr viele ganze und halbe Daͤcher, beſonders in den Bezirken Rietle, Schachen, Rothenwies und Zwislen wurden weggeriſſen; zur Rettung ihres eigenen Lebens waren viele bedacht; Scheunen und Staͤdel ſind die Menge zerſtoͤrt, und leider traf dieſes Ungluͤck auch viele Arme; Daͤcher und Blitzableiter im Dorf ſelbſt muͤſſen alle ausgebeſſert werden; und ganze Strecken von Waldungen ſind durch des Orkans Gewalt zerſtoͤrt. So wie wir vernehmen, ſoll auch in den benachbaͤrten Gemeinden Buͤhler und Appenzell großer Schaden entſtanden ſeyn, ſo wie der Schaden in unſerer Gemeinde ſelbſt ſehr groß iſt. Zu bemerken iſt auch noch, daß der Barometer noch nie ſo tief ſtand und bis der Sturm ſich zur aͤußerſten Heftigkeit erhob, immer tiefer fiel. Das Medium deſſelben iſt ſonſt in der hieſigen Gegend gewoͤhnlich 24 Zoll und 9 Linien, da wir 2000 Fuß uͤber dem Bodenſee liegen; nun ſank aber derſelbe bis auf 23 Zoll und 10 Linien; und das Thermometer nach Reaumur zeigte 4 Grad ob dem Gefrierpunkt, heute Morgen fiel es aber unter Schneegeſtoͤber bis 2 Grad ob Glace. Wenn die eingeſtoßenen Kirchenfenſter einigermaſſen ausgebeſſert ſind, ſo halten wir, will's Gott! morgen Gottesdienſt, und ſtatt heute kuͤnftigen Sonntag Kommuniontag. Altſtaͤdten im Rheinthal, den 25. Dez. Schon Abends 6 Uhr (am 24.), als ich mich Altſtaͤdten naͤherte, hoͤrte ich die Trommel ruͤhren, als Ermahnung zu Wachſamkeit vor Feuersgefahr. Der Wind war bereits heftig, und immer heftiger ward er bis gegen 11 Uhr. Da ward er zum Orkan, vielleicht weniger fuͤrchterlich als in den weſtindiſchen Inſeln; aber, ſtaͤrker als ſeit Menſchengedenken; darum nicht minder uͤberraſchend fuͤr die Bewohner dieſer Gegend. Bis gegen 4 Uhr Morgens erfolgten Stoͤße auf Stoͤße. Die Fenſter klirrten. Auf den Gaſſen klipperte es. Ziegel wurden die Menge herunter geworfen. Die Haͤuſer wackelten. Wer im Bette war, der befand ſich darinn wie in einer Wiege. Die feſteſten Haͤuſer allein moͤgen hierinn eine Ausnahme gemacht haben. Das Getoͤſe auf den Gaſſen glich einem ſtuͤrmiſchen Anmarſch ſchwerer Reiterey. Heruntergeriſſene Bretter, Balken, geſchleuderte Steine und Ziegel quaͤlten in ihrem ſteten Fallen das matte Ohr. Schlaf zu fuchen war vergebens. Auch der Ermuͤdetſte konnte ſich deſſen nicht freuen. In allen Haͤuſern war Licht bis des Morgens. Bang erwartete Jedermann das Ende dieſer Naturgraͤuel. Der Tag, aber ein finſterer, brach an. Um 8 3ſ4 Uhr brannte man beym katholiſchen Gottesdienſte noch Lichter auf dem Chor. Ein heftiger Regen war dem Sturme gefolgt. Das Barometer ſtand ungewoͤhnlich niedrig. Jetzt kroch jeder auf ſein Dach, und flickte die Loͤcher aus, und gluͤcklich, wer auszuflicken hat. Manchem armen Bauern ward die Decke ſeines Hauſes uͤber dem Kopfe hinweg geſchleudert. Es fehlt, wenigſtens augenblicklich, an Ziegeln. Die einzelnen Fuhren, die ich hin und wieder durch die Gaſſen wandernd erblickte, moͤgen nicht hingereicht haben. Doch dieß Alles wird weniger weh thun, als die Zerſtoͤrung in Wald und Feld. — Am ſchlimmſten traf es die Gegend von der Forſtkapelle bis hinter Eichberg. Ein Theil des feſten Daches der Kapelle ſelbſt ward abgeworfen. Starke Baͤume wurden mit den Wurzeln losgeriſſen und umgeſtuͤrtzt; aͤltere und ſchwache drehte der Sturm aus einander, wie Ruthen, in gekruͤmmte Splitter. Ein Wald, die ſchwarze Weide genannt, der Rhode Hinterforſt gehoͤrig, ſtrotzend von ſchoͤnem Bauholz, liegt groͤßtentheils zerſchinettert da. Der Windzug war von Oberried und Unter⸗Kamor her. In der Ecke vom Hinterforſt hatte der Wind freyen Tummelplatz. Weiter hinunter im Rheinthal ſoll er ſchwaͤcher geweſen ſeyn. Au mehreren Orten, ſelbſt in der Naͤhe von Altſtaͤdten wurden Scheunen ganz abgedeckt, auch umgeſtuͤrzt, und heute Abends 5 Uhr war man noch beſchaͤfftigt, die Fuͤtterung hervorzuziehen, waͤhrend anderwaͤrts arme Leute ihre Habe flüchten, um ſie in ihrem dachloſen Hauſe nicht den Regenguͤſſen auszuſetzen. Die Straße auf den Stoß konnte heute noch nicht befahren werden, denn die Baͤume lagen noch Abends quer uͤber die Straße hin. Von Oberried und den obern Gegenden des Rheinthals vernimmt man eben den Jammer. — Auf dem Zuͤrcherſee wuͤthete ſchon am 21. ein gewaltiger Sturm. Ein mit 32 Faͤßchen Brandtwein und audern fuͤr Glarus beſtimmten Waaren beladenes, von Horgen nach Staͤfa gehendes Schiff ward umgeworfen; 2 Schiſffer von Staͤfa, Schwiegervater und Tochtermann und ein Glarner von Retſtal ertranken. Die Ladung wuͤrde groͤßtentheils bey Uetikon und Maͤnidorf an's Ufer getrieben. — Vom 24. ſind aus den Gegenden von Sargans und Werdenberg und aus Graubuͤndten noch traurige Berichte zu beſorgen.— Der Orkan vom 24. hat auch in Appenzell ungeheuren Schrecken und großen Schaden berurſacht. Seit 1750 weiß man nichts Aehnliches — Noch andere Briefe vom 25. Abends aus Altſtaͤdten zeichnen das gleiche Bild der Verwuͤſtung aus der Umgegend bis Oberried, Eichberg ​​ ​ꝛc. dieſe geben den Barometerſtand auf 12 unter Null an. Gegen Mitternacht, meynen viele, Erdbeben verſpuͤrt zu haben; vielleicht haben die gewaltigen Windſtoͤße ſie getaͤuſcht. Glaubwuͤrdige verſichern, naͤchſt der Stadt (auch bey St. Gallen) feurige Meteoren geſehen zu haben. In St Gallen ſtuͤrmte es/ doch nicht außerordentlich. Augsburg, den 31. Dez. Den 28. Abends um 6 Uhr 35. Min. 32 Sek. erſchien am oͤſtlichen Himmel ꝓloͤtzlich ein heller, roͤthlicher und etwas feuriger Streif, welcher der ſcheinbaren Form dem Schweife des großen Kometen vom Jahre 1811 ſehr aͤhnlich war Die Richtung dieſes Streifes war ganz vertikal, gegen den Horizont etwas ſchmaͤler, oben aber breiter und mehr feuriger und ſtralichter. Die ſcheinbare Laͤnge betrug uͤber 15 Grad; es konnte aber die ganze Laͤnge nicht beſtimmt werden, weil der obere Theil von einer dichten Wolke bedeckt wurde, uͤber welcher noch eine duͤnnere Wolke einen hellen von dieſem Streife reflektirten Schein erhielt. Unter dieſem Streife bemerkte man am oͤſtlichen Horizont einen hellen ausgebreiteten Schein. Die ganze Erſcheinung dauerte nur gegen z 1ſ2 Minuten. Nebſt den meteoriſchen Erſcheinungen zeichnet ſich dieſer Monat auch in meteorologifſcher Hinſicht ſehr aus. Nach den Beobachtungen des Herrn Domkapitularen Stark war am 12. Dez. Mittags um 2 Uhr 26 Min. der hoͤchſte Stand des Barometers 26 Zoll 11 4ſ10 Lin. und am 25. Fruͤh 3 Uhr 42 Min. der tiefſte Stand 25 Zoll 6 1ſ10 Lin., auf welche Tiefe der Barometer ſchnell herab ſank, indem er Tags zuvor Fruͤh um 7 Uhr noch auf 26 Zoll 2 3ſ10 Lin. geſtanden. Waͤhrend dieſer ſchnellen Veraͤnderung der Elaſtizitaͤt der Luft am Barometer, nahm auch die Lockerheit der Luft am Manometer um 3 8ſ10 franzoͤſiſche Gran zu. Die ſchnelle Veraͤnderung des Barometers in dieſem Monate betrug 8 2ſ10 Linien, und die groͤßte ſehr auffallende Veraͤnderung deſſelben Zoll 5 3ſ10 Lin. Außer einigen heftigen Windſtoͤßen von Weſten bemerkte man am 25. in der hieſigen Gegend keine andere Folgen. Dagegen folgte auf den ſchnellen Barometerfall von 7 2ſ10 Line am 16. April 1817 Mittags von 31ſ4 bis 4 1ſ2 ein Gewitter mit ſehr heftigem Sturm, welcher Baͤume ausriß, Daͤcher abdeckte, und viele Verwuͤſtungen anrichtete, wie in dem meteorologifchen Jahrbuche von 1817 von dieſem Beobachter von Seite 13 bis 16 zu ſehen iſt. Die groͤßte Veraͤnderung des Barometers betrug damals 1 Zoll 3 7ſ10 Lin., und der tiefſte Barometerſtand war 25 Zoll 9 1ſ10 Lin.; folglich ſtand am verfloſſenen 25. Dez. der Barometer noch um 3 Lin. tiefer, welcher tiefe Stand in unſerer Gegend ganz ohne Beyſpiel iſt. Die groͤßte Kaͤlte in dieſem Monat war am 18. Fruͤh um Uhr 7 Min. von 5 4ſ10 Grad unter dem Gefrierpunkt am noͤrdlichen Thermometer nach Reaumur, und die groͤßte Waͤrme am 7. Mittags um 2 3ſ4 Uhr von 18 1ſ10 Grad am ſuͤdlichen Thermometer; mithin betrug die groͤßte Veraͤnderung der Temperatur 23 5f10 Grad. Obwohl der 7. der waͤrmſte Tag in dieſem Monat war, ſo betrug damals die Trockenheit der Luft am Sauſſur⸗ Hygrometer nur 26 3f10 Grad,, da hingegen am 28. Dez. Mittags um 3 Uhr die Trockenheit um 14 3ſ10 Grad mehr zunahm, wo das ſuͤdliche Thermometer 15 1ſ10 Grad Waͤrme anzeigte. Die uͤbrigen merkwuͤrdigen Natur⸗Erſcheinungen vom Inn⸗ und Auslande ſowohl von dieſem als dem verfloſſenen Jahre, werden mit allen meteoriſch⸗, meteorologiſch⸗ und aſtronomiſchen Beobachtungen in den Jahrbuͤchern 1820 und ​1821 von dieſem Beobachter ſobald moͤglich dem Drucke uͤbergeben werden, wofuͤr, des vermehrten Innhalts ungeachtet, der bisherige Subſcriptionspreis von 3 fl. zokr39 kr. bleibt. Auf dem ausgebrannten Aſchenhuͤgel des nun eingeſunkenen Jahres, nahe der Stunde, wo das neue Jahr ſeinen kommenden Tagen und Schickſalen, die es den Voͤlkern, wie den einzelnen Sterblichen zutheilt, ſeine Pforten oͤffnet, verſammelten ſich, wie in den uͤbrigen Tempeln Augsburgs, ſo auch in der Kirche zu St. Anna mehrere 100 Andaͤchtige, in welcher der geiſtberedte Pfarrer, Herr Geuder, ein ſchoͤnes, erhebendes Dankgebeth, ſo eingekleidet, als wenn es aus dem Herzen jedes einzelnen Anweſenden draͤnge, abwechſelnd mit Gefaͤngen ſprach. Sehr zu wuͤnſchen iſt, daß dieſe Stunde der Andacht gerade am letzten Abend des Jahres in allen chriſtlichen Kirchen der deutſchen Lande gefeyert werden moͤchte Der Unterzeichnete giebt ſich die Ehre, allen ſeinen hieſigen und auswaͤrtigen resp. Goͤnnern und Freunden hiemit oͤffentlich den aufrichtigſten Gluͤckwunſch zu gegenwaͤrtigem Jahreswechſel zu erſtatten, und ſich ſammt Familie in fortdauernde Gewogenheit und Freundſchaft zu empfehlen. Augsburg, den I. Jan. 1822. ​​Apotheker von Stahl ꝛc. Heute Fruͤh um 8 Uhr ſtarb am Schlagfluſſe unſer geliebter Vater Joſeph Maria Freyherr von Zech ab Harth, Pfleger von Weſtendorf und Killnthal und Major des k. b. Landwehrbataillons 3ter Klaſſe in Dilingen, im 64ſten Jahre ſeines Alters. Wir erfuͤllen hiedurch die traurige Pflicht, unfern ſchaͤtzbaren Anberwandten und Freunden von dieſem fuͤr uns ſo ſchmerzlichen Verluſte die ergebene Anzeige zu machen; indem wir uns zugleich zur Fortſetzung Ihres geneigten freundſchaftlichen Andenkens ferner empfehlen. Dilingen, den 27. Dez. 1821. Franz Joſeph Maria Freyherr v. Zech. Juliana Eleonore Marie Frey⸗ fraͤulein v. Zech: Rudolph Mar. Maria Freyberr Zech. Unterzeichnete iſt geſonnen, ihr Haus ſammt Handlungsgerechtigkeit, mit einem geraͤumigen Hof und Hausgarten, 4 Tagwerk Aenger, nebſt einem Krautſtuͤck, zu verkaufen. Kaufsluſtige koͤnnen ſich bey mir wegen des Naͤhern erkundigen. Freyſing, den 17. Dez. 1821. Walburga Viralin, Materialiſtin. Georg Michael Schneider Buͤrſtenbindersgeſell, von Augsburg gebuͤrtig wird von ſeinem Vater hiermit aufgefodert, ſich entwedet nach Haufe zu begeben, oder ſeinen gegenwaͤrtigen Aufenthaltsort anzuzeigen. Joh. Schneider Webermeiſter. (Haus⸗Verkauf⸗Ausbot unter ſehr biligen Bedingniſſen) Ein in der Vorſtadt gelegenes ganz frey ſtehendes, gut gebautes Haus mit 4 Wohnungen, alle mit ei ſernen Oefen verſehen, wobey ein Hof (worinn Obſtbaͤume) und Waſſer iſt, iſt taͤglich zu verkaufen, wovon auf Verlangen uur ein Paar 100 Gulden duͤrften ab bezah lt werd en und der Kaufſchilling der Art geſtellt wird, daß der Hausbeſitzer frey iſt. Das Naͤhere Lit F. Nro. 221. Ein Anger vor dem rothen Thor beym evangel. Gottesacker von 3 3/4 Tagwerk iſt unter biillgen Bedingungen auf 6 Jahre zu verpachten. Das Naͤhere iſt in Lit. D. Nro. 213. zu erfragen. Nro 3. Donnerſtag den 3. Jan. Anno 1822 AugsburgiſcheOrdinariPoſtzeitung Von Staats, gelehrten, hiſtoriſch⸗ u. oͤbonomiſchen Neuigkeiten. Mit allerhöchſten Privilegien Redakteur: E. Frhr. v. Seida. Gedruckt u. verlegt von Joſeph Anton Moy, wohnhaft auf dem obern Graben in dem ſogenannten Schneidhaus. Wien, den 28. Dez. Man glaubt nun hier wieder an eine Ausgleichung der tuͤrkiſchen Angelegenheiten, und in Folge deren ſowohl an die Raͤumung der Moldau und Wallachey, als an die Erfuͤllung der uͤbrigen Bedingniſſe Rußlands von Seite der Tuͤrken. Von der Donau, den 27. Dez. Man hat neuere Berichte aus Alexandrien in Egypten erhalten, nach welchen ſich perſiſche Agenten bey den Wechabiten beſinden, und dieſelben zu Feindſeligkeiten gegen die Pforte und zum Vorrücken bewogen haben. Einer dieſer Berichte behauptet, daß ſich bereits ein ſtarkes wechabitiſches Korps mit derjenigen perſiſchen Arnee vereinigt haͤtte, die an den Tigris vorgedrungen iſt, was aber nicht ſehr wahrſcheinlich zu ſeyn ſcheint. Nach eben dieſen Berichten herrſcht ein weit umfaſſender Plan, um dem ottomanniſchen Reiche ein Ende zu machen, und zu der Vollziehung dieſes Plans werden alle und jede Feinde der Pforte mitwirken. Daher ſchrieben ſich denn auch die verſchiedenen, in Syrien und den angraͤnzenden Provinzen ausgebrochenen Empoͤrungen, welche zum Nachtheil der verſchiedenen Paſcha's, die gegen die Perſer marſchiren ſollen nicht unbedeutende Diverſionen machen. Jedoch hatte man in Alexandrien beſtimmte Nachricht, daß Bagdad ſich nicht allein noch in der Gewalt der Tuͤrken befindet, ſondern daß die Perſer auch nicht bis in die Naͤhe dieſer Stadt vorgedrungen ſind, indem der Paſcha von Bagdad einige Stunden vorwaͤrts, in der Richtung von Baſſora, eine verſchanzte Stellung genommen hat, in welcher er die Verſtaͤrkungen, die ihm zukommen, an ſich ziehen will, bevor er die Perſer angreift. Dieſe ſeyen ihm an Streitkraͤften um das Dreyfache uͤberlegen, ſo daß man glaubte, ſie wuͤrden ihn angreifen, ehe jene Verſtärkungen eintreffen. Man verſichert auch, daß die Perſer bisher in allen Gefechten, die ſie den Tuͤrken lieferten geſiegt haͤben und daß ihre Truppen die tuͤrkiſchen in Kriegsuͤbungen weit uͤbertrefſen. — Wir haben Nachrichten aus Epirus bis gegen den 20. Nov. Dieſen zufolge hat Churfid⸗Paſcha, von allen Seiten durch die Sulioten, Epiroten und Albaneſer bedraͤngt, ſich auf ſeinen Hauptfeind Ali⸗Paſcha geworfen, um durch deſſen Vernichtung ſich Luft zu machen. Taͤglich ſtuͤrmen die Tuͤrken ſeit dem 8. Nov. das Kaſtell die betraͤchtlichſten Forts ſind dereits gefallen oder zerſtoͤrt. Ali, ſo meynen die Tuͤrken, koͤnne ſich nicht mehr lange halten. Am 20. Nov. ſollte ein allgemeiner Sturm Statt finden. Die Sulioten benutzen, dem Anſchein nach, ſchlecht dieſen guͤnſtigen Augenblick, die Tuͤrken aus ihren feſten Stellungen zu vertreiben und die Belagerer und Belagerten zugleich einzuſchließen. Die Urfache dieſer Nachlaͤßigkeit ſoll herrſchende Uneinigukeit ſehn, die kein kraͤftiges Zuſammenwirken erlaubt. Sollte Churſid ſich wirklich des Kaſtells von Janina bemaͤchtigen, ſo glauben die Tuͤrken, er werde durch die erbeuteten Schaͤtze leicht die mohamedaniſchen Albaneſerhaͤuptlinge, deren Verhaͤltniß zu den Epiroten und Sulioten ohnehin hoͤchſt zweydeutig iſt, fuͤr ſeine Sache gewinnen, wodurch die Sache der Griechen wieder ploͤtzlich eine andere Wendung nehmen wuͤrde. Odeſſa, den 16. Dez. Wir haben Nachrichten aus Konſtantlnopel bis zum 9. dieß. Ganz unerwartet haben die tuͤrkiſchen Miniſter, nach Annahme der bereits erwaͤhnten Denkſchrif des Lords Strangford, welcher zugleich ſeitdem wieder mehrere Konfeferenze mit dem Reis⸗Effendi hatte, ihre Sprache geaͤndert, und Geſinnungen geaͤußert, die mehr verſoͤhnlicher Art ſind, als die in den letzten Tagen des Novembers ausgeſprochenen. Was demnach hier von einer in Pera angeblich erfolgte Erklaͤrung der Pforte an alle fremden Miniſter, das Ultimatum unſers Hofes nicht annehmen zu wollen, mehrere Tage verlautete, iſt hiernach zu berichtigen. Neuyork, den 23. Nov. Die Caraccaszeitung vom 25. Okt. zeigt an, daß ſich Cumana dem PatriotenGeneral Bermudez ergeben hat.— Zufolge eines Briefes aus Chili vom 18. Jul. hatte Lord Cochrane eine Art Zollhaus an Bord ſeiner Fregatte errichtet, und erho von allen nach der Kuͤſte beſtimmten Schiffen 18 Prozent von der Ladung, doch gab er ihnen dieſe Abgabe von dem Theil der Waaren zuruͤck, die ſie nicht verkauft hatten. Perpignan, den 15. Dez. Zu Barcellona beſchaͤfftigt man ſich nicht mehr mit dem gelben Fieber. Die Gemuͤther gehoͤren ganz der Politik, und ſind noch immer in demſelben Zuſtand von Gaͤhrung. Der Herr Feldmarſchall Munariz iſt zum Zweytenmal berufen, um interimiſtiſch die Stelle des oberſten Xefe politico von Catalonten zu uͤbernehmen. Der Herr Feldmarſchall del Valle, dem er nachfolgt, hat ſeine Dimiſſion gegeben, und wird im Augenblick nach Madrid abgereist ſeyn. Man aͤußert den Wunſch, daß die hohen Funktionen eines General⸗Kapitaͤns der Provinz dem Genera Riego anvertraut wuͤrden. Der Gouverneur von Barcellona iſt noch immer in der Zitadelle. Was man voraus ſah, iſt eingetroffen. Man kann annehmen, daß der Kordon dadurch ſo gut wie aufgegeben iſt. Die Regimenter Aragonien und Almanza wurden davon abberufen, um ſich in die Zitadelle zu begeben. Ein Theil der Milizen vom Kordon iſt daher in die Stadt zuruͤckgekehrt. Bayonne, den 14. Dez. Der Truppenkordon an den Weſtpyrenaͤen iſt ſeit dem Eintreffen mehrerer Regimenter aus dem Innern nun vollſtaͤndig. In allen benachbarten Departementen werden die mobillen Nationalgarden organiſirt; auch erwartet man von Paris einen Generallieutenant und mehrere Stabsoffiziere. Die Beſatzung von St. Jean wurde verſtaͤrkt. Das ganze rechte Ufer der Bidaſſoa iſt mit Truppen bedeckt, die ihre Feldartillerie mit ſich fuͤhren. Paris, den 26. Dez. Durch eine heutige Verordnung des Koͤnigs wird der Herzog von Doudeauville, Pair von Frankreich, zum Generaldirektor der Poſtverwaltung ernannt. — In der vorgeſtrigen Sitzung der Kammer der Abgeordneten wurde das von der Kammer der Pairs bereits angenommenen Geſetz uͤber die Geſundheitspolizey der zweyten Kammer vorgelegt, der Geſetzantrag zu einer proviſoriſchen Steuerbewilligung mit 281 Stimmen gegen 13 genehmigt, und Herr de la Bourdonnaye mit 149 Stimmen zum Vicepraͤſidenten erwaͤhlt.* Marſeille, den 14. Dez. So eben erhalten die hieſigen griechiſchen Haͤuſer die zuverlaͤßige Nachricht, daß das im Okt. von hier abgegangene Schiff, auf dem ſich 40 bis 50 deutſche Offiziere befanden, gluͤcklich in Morea gelandet hat. Die Fremdlinge wurden von den Einwohnern mit Liebe und Zutrauen aufgenommen, und ihnen alle Beduͤrfniſſe, obwohl ſie dieſelben bezahlen wollten, unentgeldlich uͤberreicht. Dagegen aber befleißigen ſich auch dieſe wackern Maͤnner, dem deutſchen Namen Ehre zu machen, und beweiſen durch ihr muſterhaftes Betragen, daß ſie des Wohlwoͤllens der Hellenen wuͤrdig ſind. — Hier befinden ſich etwa 60 Griechenfreunde, die in der ​ naͤchſten Tagen abgehen werden. Das Schiff iſt bereits gemiethet. Das zur Reiſe erforderliche Geld, das beynahe 4500 Fr. betraͤgt, iſt ſchon ſeit 14 Tagen beyſammen. Den groͤßten Theil deſſelben haben die hier befindlichen griechiſchen, deutſchen und helvetiſchen Haͤuſer beygetragen. Die franzoͤſiſchen Kaufleute in Marſeille ſind der griechiſchen Sache durchaus nicht foͤrderlich. ​Von der Rhone, den 21. Dez. Alle aus der Levante eintreffenden Nachrichten ſind jetzt kriegeriſchen Innhalts/ und thun kund, daß der Krieg unvermeidlich iſt, wenn Rußlaund auf ſeinen Forderungen in Anſehung der Griechen beharrt, wie es jetzt ganz den Anſchein dazu hat. Die Tuͤrken wollen gar nicht begreifen, wie Rußland einen Rechtszuſtand für die Griechen fordern kann Ueberdieß duͤrften wohl die meiſten Tuͤrken gar nicht faſſen, was ein Rechtszuſtand iſt. So wie das Volk, denken die Miniſter, der Divan, und der Großherr ſelbſt.— Mehreren jungen Deutſchen iſt es gelungen, ſich in Toulon nach Morea einzuſchiffen, und beſſere Bedingungen zu erhalden, als diejenigen, die von Marſeille abgeſegelt ſind. Zu Lyon hat ſich jetzt ein Ausſchuß zur Unterſtuͤtzung der Griechenfreunde gebildet. Vormarſch (im Amte Huſum), den 6. Dez. Der erſte Dezember war gewiß fuͤr viele Bewohner der Weſtkuͤſte der Herzogthuͤmer ein gefahrvoller und fuͤr Manche Lebensgefahr bringender Tag. Ein fliegender Sturm aus Weſtſuͤdweſt entſtand, und hielt mit ſolcher Heftigkeit an, daß die Fluth innerhalb der erſten paar Stunden alles Land uͤberſchwemmte, und in den uͤbrigen Stunden zu einer Hoͤhe ſtieg, daß ſie die Warffen behnahe ganz bedeckte, in die mehtrſten Haͤuſer eindrang, Mauern unterſpuͤlte und einſchlug, Ja einzelne Haͤufer ruͤnirte. Ertrunken ſind indeß ſo viel noch bekannt, keine Menſchen, mehrere aber haben auf dem Boden und auf den Truͤmmern ihrer zerfallenen Huͤtten in wirklicher Todesangſt und Gefahr ihr Leben nur geborgen. Der Schade, welcher dadurch an den Warffen und ſonſt entſtanden iſt fuͤr alle Einwohner groß und fuͤr Viele nicht wieder herzuſtellen. Auch hat das Halligland, welches durch jede hohe Fluth ſchon leidet, durch dieſe außerordentliche Fluth unglaublich gelitten. Zudem ſind alle Waſſerbehaͤlter fuͤrs Vieh und auch viele Brunnen mit ſalzem Waſfer angefuͤut und nur einzelne Brunnen gerettete. Berlin, den 22. Dez. In Folge der bereits am 24. Sept. v. J. erfolgten Verlobung der Prinzeſſin Alexaandrine, zweyten Tochter Sr. Majeſtaͤt des Koͤnigs, mit Sr. koͤnigl. Hoheit, dem Erbgroßherzog Paul Friedrich von Mecklenburg⸗Schwerin, wird, dem Vernehmen nach, bereits im May des naͤchſten Jahrs die Vermaͤhlung des hohen Braͤutpaars hier Statt finden, auch zur Feyer dieſes fuͤr das ganze koͤnigl. Haus erfreulichen Ereigniſſes die angemeſſenen Feſtlichkeiten veranſtaltet werden.— Mit dem Anfange naͤchſten Jahrs wird im Umfange der ganzen Monarchie die Einfuͤhrung der neuen Ausgleichungsmuͤnze der Silbergroſchen, von denen 30 auf einen preußiſchen Thaler gehen, Statt ſinden, ſo daß kuͤnftig in den Kaſſen nur nach Thalern, Silbergroſchen und Pfenningen, von denen 12 auf einen Silbergroſchen gehen, gerechnet werden wird. Maynz, den 27. Dez. Man will hier, beſonders im ſuͤdlichen Theile der Stadt, am letzten Dienſtag Abends halb 8 Uhr ein leichtes Erdbeben geſpuͤrt haben; auch auf den auf dieſer Seite liegenden Doͤrfern Hechtsheim und Laubenheim ſoll es bemerkt worden ſeyn. In voriger Nacht war ein ſtarker Sturm, und der Barometer am Tage unter den Sturmpunkt gefunken.(Ein gleich tiefer Stand des Barometers hatte zu Stuttgard in der Nacht vom 24. auf den 25. Dez. Statt. Bisher hat man wahrgenommen, daß in der naͤmlichen Zeit, wo bey uns ein außerordentlich tiefer Barometerſtand war, in fernen Gegenden unſerer Erde anßerordentliche Stuͤrme auf dem Mee re, Erdbeben ꝛc. borgefallen waren. Sollte nun etwa auch die Kunde von einem in obbefagter Nacht irgendwo vorgefallenen ſchweren Naturereigniß zu erwarten ſeyn? oder war jener Barometerſtand nur mit dem Sturmwinde, der in unſerer Gegend in jener Nacht herrſchte, in Verbindung? Frankfurt, den 28. Dez. Seit einer Woche haben hier wieder mehrere Iſraeliten die Taufe erhalten; vorigen Sonntag und am 2. Weihnachtsfeyertage haben dergleichen heilige Handlungen in den hieſigen Kirchen Statt gehabt. Unter den in den Schoos des Chriſtenthums Aufgenommenen befindet ſich auch der Dr. Med. Roſenberg. Kurzgefaßte Nachrichten. Die Graͤuel der Tuͤrken haben ein Paar Toͤchter Hellas ſogar bis nach Botzen verſcheucht, wo ſie auch den Winter zuzubringen gedenken. Sie vertreiben ſich die Zeit mit Schauſpiel und Singen, fuͤr welche Kunſt es ihnen jedoch gaͤnzlich an Sinn gebricht. Beſſere Fortſchritte machen ſie in Erlernung den deutſchen Sprache, und Eine ſagt ſchon recht nett:„Pfui Teufel!“— Die in Madrid erſchienene Ankuͤndigung eines noch nie geſehenen Stiergefechtes, mit einer allegoriſchen Zeichnung begleitet, erregt dort allgemeines Intereſſe, und giebt ein ziemlich deutliches Bild don Scaud der Dinge in Spanien. Unter Anderm ſieht man den General Mina aus ſeiner auf 30,000 Stiere angegebenen Heerde, 50 wuͤthende in den Kampfplatz loslaſſen; der Kriegsminiſter und der Landeshauptmann laufen in MatadorKleidern gegen ſie an; General Toledo vertritt die Stelle des Hundes; das Geſetz ſoll bey dieſem Schauſpiele den Vorſitz haben, und in deſſen Abweſenheit der Rath der Gruͤnen; das gruͤne Band iſt naͤmlich daß Zeichen der Riegoſchen Partey. — Der Hamburger Maler Eiffe, der nach St. Domingo berufen, aber vom Koͤnige Henry ſehr harte Behandlung erfahren hatte (an deren Folge auch Eiffes Bruder ſtarb), hat nach ſeiner Vaterſtadt ein Gemaͤlde geſchickt, welches den Despoten karakteriſtiſch an Geſtalt und Aufputz darſtellt. Es wird davon ein Steinabdruck beſorgt. Am 15. Jan dieß Jahr wird zu Bobingen die Schafwende⸗Verpachtung auf 250 Stuͤcke vorgenommen, und dem Meiſtbietenden uͤberlaſſen werden. Pachtliebhaber werden eingeladen, ſich bey dem Wirth Krautheimer einzufinden. Bobingen, den 2. Jan. 1822.​ Die Anzeige des Herrn Joh. Fried. Eckhard senior in Frankfurt, daß ich ſeine Geſchaͤffte nicht ferner zu beſorgen habe veranlaßt mich zu der Eroͤffnung an meine Freunde und zahlreichen Bekannten, daß mir die Geſchaͤffte der Herren Muͤller und Treftz in Leipzig, jene des Herrn A. Auberlen in Frankfurt, und einiger anderer geachteten Haͤufer zur Beſorgung uͤbertragen ſind, und mich Gluͤckwuͤnſchbriefe uͤber mein aus frehen Stuͤcken geaͤndertes Verhaͤltniß im Waldhorn zu Ludwigsburg bis zum neuen Jahre treffen. U. Vogel. Ankuͤndigung Unterzeichneter verkauft aus freyer Hand ſeune eigenthuͤmliche Behauſung ſammt Garten, dann einer realen Tuch⸗, Eiſen⸗, Leder⸗, Spezerey⸗ und Matenlal⸗langen und kurzen Schnitt⸗Waaren⸗Handlung, ferners einer großen und kleinen Fragnerey. Aloys Hofer buͤrgerl. Handelsmann in Neuͤmarkt an der Rott Landgerichts Muͤhldorf. Am 31. Dez. Abends iſt vom hintern Perlachberg bis zum Goͤggingerthor ein perlengeſtrickter Tabaksbeutel verloren gegangen. Der redliche Finder wird erſucht, ſolchen gegen ein gutes Douceur in Lit. C. Nro. 256. abzugeben. An Lit. D. Nro . 253. ſteht ein ſechsjaͤhriges, 16 Faͤuſte hohes, geſundes Pferd, vorzůglich auf Reiſen tauglich, zu verkaufen. Es iſt eine ſchoͤne Wohnung zu vermiethen, und in Lit. G Nro 48.. zu erfragen; ſie kann ſogleich oder bis Georgi bezogen werden. Kuͤnftigen Sonntag den 6. Jan. vird bey Unterzechneter Tanzmuſik gehalten, wozu ſich beſtens empfiehlt Krafts ſel. Wittwe, im untern Pfaffenkeller. Beylage. Beylage zu der Augsburgiſchen Ordinari Poſtzeitung. Den 3. Jan. 1822. Nro. 3. E 29 —X (Bekanntmachung.) Mittwoch den 16. kuͤnftigen Monats und Jahres wird die der Hoſpitalſtiftung eigenthuͤmliche halbe Behanfung im Muͤhlviertel dahier Haus⸗ numero 66., mit dabey befindlichem Gemeindetbeil ad 1/2 Jauchert und 1/16 Tag⸗ wert Krautbeet, nebſt uͤbriger Gemeindenutzung als freyes Eigenthum an den Meiſto⸗ bietenden verkaufet. Kaufsluſtige moͤgen ſich daher am gedachten Tage Fruͤh xo Uhr in der Magiſtrats-Kanzley einfinden, und ihre Kaufsanbote zu Protokoll geben, wobeh bemerkt wird, daß Unbekannte fich ͤber Vermoͤgen und Leumuth legal auszus weiſen haben. Den 21. Dez. 1821. Magilſtrat der dnigl. Stadt Mindelheim. 7 Pernot, Baͤrgermeiſter. Da das /atel Saulohhofgut bey Kirchdorf dieß Gerichts, welches am 17. Olt. laufenden Jahrs bereits durch die RMoyfche Augsburger Zeltung Beylage Nro. 264. zum oͤffentlichen Verkaufe aus geſchrleben wurde, bisher nicht verkauft werden konnte, ſo wird auf Montag den 4. Zebruar lommenden Jahrs wiederholt Kommiſſion zur Verſteigerung angeſetzt, wozu die Kaufsluſtigen, mit den nothigen Zeugniſſen, vors geladen werden. Den 19. Dez · 1821 Kl Landgericht Moosburg. Graf, Landr· (Vorladung.) Theres Kerſchbaumer, verwittibte Handelsfrau zu Berchtes⸗ gaden, gieng am 26. Roo l. J. mit Tod ab. Nach bereus hergeſtelltem Inventar, — wird nunmeihr auf Anſuchen der Kirſchbaumeriſchen Relikten zur Richtigſtellung der Verlaſſenſchaft auf Dienſtag den z. Marz 82Zagefahrt angeſetzt. Wer immer auf den Ruͤcklaß irgend eine Forderung zu begruͤnden vermag, hat dieſelbe am Kommiſ⸗ ſionstag eutweder perſonlich oder durch zefetzlich Bevollmaͤcht igte hierorts zu liquis diren, und die weitere Antraͤge zum Verſuche einer ſchiedlichen Ausgleichung zu Pro⸗ kokoll zu geben, wornach gemaß Sod. jud. cap. 18..213 waiters verfahren werden 18. wird. Berchtesgaden, den 19. Dez. 1821. dugl. Landgericht Berchtesgaden. Nagler, Landrichter⸗ Seffentliche Vorladung.) Nachdem der buͤrgerliche Seifenſieder⸗ Sohn von Koͤſtlarn, Lampert Modier, unterm 15. dieß Monats die Bitte ſtellte, ſeinen Bruder, Franz Paul Modler, offentlich vorgeladen, damit fonach ihre Differenz wegen Thel⸗ jung des Elterngutes beendiget werden koͤnnte, ſo wird Franz Paul Modler hiemit offentlich aufgefodert, in Zeit von 6 Wochen ⸗ Daio ſch bey unterfertigtem Ge⸗ richte zu ſtellen, widrigenfalls das in ſeinem Rechtsſtreite gegen ſeinen Bruder Lam⸗ pert Modler unterm 29 May dieß Jahrs erlaſſene, unterm a5. Juni aber erdffnete, Ind rechtskraͤftig gewordene Erkenntniß des koͤnigl. Appellations⸗ Gerichts fuͤr den Unterdonaukreis ohne Weiters ad Reruuonem gebracht werden wuͤrde. Den 20. 5 Igꝛr. Koͤnigl baler. Landgericht Griesbach. Kapfinger·* Pfaͤffinger, Protok. (Ediktalladung.) Franz Jofeph Wurm von Berg kdnigl. baier. Soldat, iſt ſeit dem ruſſiſchen Feldzuge vermißt. Derſelbe oder deſſen a enfallſige Deszendenz wird nun aufgefodert, zu Empfangnahme ſeines unter Kuͤratel ſtehenden Vermoͤgens um ſo gewiſſer binnen Monaten ſich zu melden, als man ſon daſſelbe ſeinen naͤch⸗ ſien Verwandten gegen Kaution extradiren wuͤrde. Weiler, den 17. Dez. 1821. Koͤn. daler. baier. Landgericht. eeeirxl, Landrichter. TEdttalladung ·) Anton Suter von Staufen, An gl baler. Soldat, iſt ſeit dem ruſſiſchen Feldzuge vernuüßt Es wird demnach verſelbe aufgefordert, ſein dahier anier Berwaltung ſtehendes Vermoͤgen binnen 3 Monaten in Empfang zu uehmen, oder ſich hiezu anzumelden, ais man ſonſt daſſelbe ſeinen naͤchſten Verwandten gegen Fauton verabfolgen wuͤrde. Weiler, den 17. Dez 8a1 Kdnigl. haier. Landge⸗ richt.————— Feixl, Landrichter. (Ediktalladung.) Xaver Zwlsler von Berg, königl. Haier. Soldat, ist seit de« russischen Feldzuge vermißt. Derselbe oder dessen allenfallsige Deszendenz wird nuu aufgefordert, zurEmpfangnahme seines unter Kuratel stehendenVermögens um so gewisser binnen z Monaten sich zu melden, als man sonst dasselbe seinen nächsten Ver« wandten gegen Kaution ertradiren würde. Weiler, den 17. Dez. 1821. Königl. bai-r» Landgericht. _____ Leirl, Landrichter. ( Ediktalladung.) Joseph Anton Hug von Mothen hat sich vor vielen Jahres von seiner Heimath entfernt, ohne bisher von seinem Leben oder Aufenthalt Nachricht ertheilt zu haben. Derselbe oder seine gesetzmäßige Erben werden demnach anfgefordert, sich binnen z Monaten dahier zu stellen, oder von sich auf legale Art Nachricht zu ertheilen, damit ihnen sein unter Vogtey stehendes Vermögen ertradirt werden kann. Im Nichcerscheinungsfalle oder Nichtmeldimgsfalle desselben binnen diesem Termin wird sein Vermögen an seine nächste Verwandte» gegen Kaution verabfolgt werden. Weiler, den 17 . Dez. 1821. K. b. Landgericht. Leirl, Landr. (Ediktalladung.) Anton Lau von Berg, kdnigi. baier. Soldat, ist seit des russischen Feldzuge vermißt. Derselbe oder dessen allenfallsige Deszendenz wird nun aufgefordert, zur Empfangnahme seines unter Kuratel stehenden Vermögens um so gewisser binnen z Monaten sich zu melden, als man sonst dasselbe seinen nächste» Verwandtengegen Kaution ertradiren würde. Weiler, den 17. Dez. 1821. König!» baier . Landgericht. ______ Leixl, Landrichter. " (Ediktalladung.) Marr Fäßler von Oberhauser, königl baier. Soldat, ist seit dem russischen Feldzug vermißt. Derselbe oder dessen allenfallsige Deszendenz wird nun aufgefordert, zur Empfangnahme seine unter Kuratel stehenden Vermögens um so gewisser binnen z Monaten sich zu melden, als man sonst dasselbe seinen nächsten Verwandten gegen Kaution ertradiren würde. Weiler, den 17. Dez. 1821. Kdnigi. baier. Lan dgericht. _____ Leirl, Landrichter. (Ediktalladung.) Johann Wipper von Embsgritt, königl. baier. Soldat, ist seit dem russischen Feldzuge vermißt. ES wird demnach derselbe aufgefordert, sein dahier unter Verwaltung stehendes Vermögen binnen z Monaten in Empfang zu neh, men, oder sich hiezu anzumelden, als man sonst dasselbe seineu nässten Verwandte» gegen Kaution verabfolgen würde. Weiler, den r?. Dez. 1821. König!, baier. Landgerichts_____ Leirl, Landrichter. ( Ediktalladung.) Benedikt Lingenhdle von Engenberg, königl. baier« Soldat, ist seit dem russischen Feldzuge vermißt. Derselbe oder dessen allenfallsige Deszendenz wird nun aufgefordert, zurEmpfangnahme seines unter Kuratel stehenden Vermögens um so gewisser binnen z Monacen sich zu melden, als man sonst dasselbe seinen nächsten Verwandten gegen Kaution ertradiren würde. Weiler, den 17. Dez. 1821. König!, baie r. Landgerich t.___Leixl, Landricht er. (Oeffentliche Vorladung.) Simon Blum, Sohn eines Söldners zu Emershofen, und Soldat bey dem kdn. baier. irten Linieninfanterie - Regiments (v. Kinkel), ist seit dem russischen Feldzuge 1812 vermißt, und es konnte von ihm bisher nicht das Geringsie in Erfahrung gebracht werden. Da nun dessen Geschwisterte um AuSfvlg» lassung seines elterlichen Vermögens per 174 fl. zz kr. das Ansuchen gestellt haben, so wird Simon Blum, oder seine etwaige Deszendenz hiemit aufgefordert, binnen 6 Monaten a O^o sich hierorts zu melden, widrigenfalls das Vermögen der Geschwisterte gegen Kaution verabfolgt werden wird. Jllertissen, den 10. Dez. 182«. Königl. baier. Landgerich t.___ Merklin, kdn. Landrichter. (Bekanntmachung.) Am Montag den 14. Febr. 1822 wird von Früh 8 bis Mittags 12 Uhr, und Nachmittags 2 bis zum Glockenschlag 4 Uhr in der Kanzle» des untengenannren Gerichts das ludeigene Anwesen des Joseph Lutz Isnior, welches er zu Altenstadt nächst Cham besitzet, und einen z/4tel Hof bildet, nebst Vieh - und Baumannsgeräthschafteu öffentlich versteigert. Daher Kaufslustize, welche hiemit eingeladen sind, sich über ihr zum Kaufe hinreichendes Vermögen, und zugleich über Aufführung und allenfallsige Entlassung aus der Militärpflicht legal auszuweise» Haben. Dieses Anwesen besteht aus ». dem bis unter die Dräme gemauerte« Haust Mit Stallung und Schupfe, d. dem halbgemauerten Stadel und Streuschupfe, c. dem Backofen, ä. dem Hausgarten mit Obstdäumen, Point und Wiesen zu 8 1/2 Tagw., « an Aeckern zu 35 1/2 Tagw., k. den 14 Tagwerken Schwarzholz. Hinsichtlich des Viehstandes und der Baugeräthe wird bey der Versteigerung Aufschluß gegeben, -und hier bemerkt, daß dieses Anwesen entweder im Ganzen, oder in »Hälften ge. theilt, losgeschlagen werde. Die jährliche Grundsteuer beträgt 12 fl. 9 z/ntel kr., die Stadtsteuer 1 fl. sr kr. Auch ist von den der Gemeinde Altenstadt überlasseneu Gemeindegründen zur Stadtkammer dahier die Rekognition mit 5 fl. 15 kr. zu be» zahlen. Cham, den 12. Dez. 1821. Königl. Landgericht Cham. _ In leg. Verhinderung des V orstandes. Sa ur, Ase ssor.— Gsellhofer. ( Verpachtung.) Von kommenden Georgi an, nämlich vom 24. April 1822 an« fangend , werden nachstehende Oekonomie-Güter auf mehrere Jahre mit «inander »erpachtet, als: ^. Das Hofgebände Gumppenberg, i/4tel Stunde von PdttmeS entfernt, mit^s. einer bedeutenden Schäferey. dd. 24 i/4tel Morgen Garten, cv. Z8 Morgen zwey- und einmähdtgen Wiesen, und ä6.142?/8telMorgen Aecker, dann L. Das Hofgebäude Sedelbrun, 1/2 Stunde von PdttmeS entlegen, mit es. einer ebenfalls bedeutenden Schaferey, kk. z i/4tel Morgen Gärten, AZ. 135 Morgen zwey- «nd imähdige Wiesen, dti. m Morgen Aecker. Zusammen 474 z/8tel Morgen. Pacht» liebhaber können demnach von nun an über das Weiters hier bey der freyherrlich vo» Gumppenbergischen hohen Vormundschaft sich Aufklärung stündlich, undsohin bey Zei, ten erholen. PdttmeS, den 15. Dez. 1821. Das freyherrltch v. Gumppenbergische Patrimonialgericht I.Klasse Pottmes.__Scherte!, Patrimonialrichter. (Staas-ReaUtäten-Versteigerung.) Da nach erfolgtem gnädigsten Regie- ^uvgsbefehl vom 15. dieß MvnatS ^6 I^um. 5706 die unterm 6. sjusäc-m gepflogene Verkaufs - Verhandlung des Forsterhauses nebst Garten zu Friedberg die höchste Ge, nehmigung nicht erhielte; so wird gedachtes Forsterhaus und Garten, wie solches in der Ausschreibung vom zi. Okt. (Oberdonaukreis Blatt zi. Stück vom io. Nov. 1821, und Augsburgischen Ordin. Postzeitung sud I^ro. 268. 272. st 278.) näher beschrie, ten ist , künftigen Donnerstag den 17. Aan. 18-2 i« der diesseitige» Renramskanzley Vormittags 9 bis 12 Uhr einer neuen Versteigerung unterworfen. Welches hiemit öffentlich bekannt gemacht wird. Den 19. Dez. 1821. Königl. baier. Rentamt Fried, berg.__ Direnberge», Ren tbeamter. ( Edikt.') Von dem k.k. vereinten Stadt, und Landrechte des Herzogthum» Salzburg wird hiemit bekannt gemacht: Es seye schon den 2z. Sept. 1796 der hoch« fürstlich salzburgische penfionirte Hofkellner dahier, Johann Georg Schmied, mit Hinterlassung eines Kodizills, in welchem er aus seinen nächsten Anverwandten seine» Bruder, Jakob Schmied, Hofkaplan im St. Josephsspitale zu München, seine Schwester Maria Ursula, oder Sidonia Schmied, verehelichte Lautner daselbst, und seine Schwester Maria Dominika, Dominikaner - Nonne zu Dillingen, ohne Erbsetnsetzung bloß mit Legaten bedachte, verstorberr. Da nun dieselben sowohl, als überhaupt seine nächsten Jntestmerben noch größtentheils unbekannt sind, so werden sie, oder ihre allfälligen Deszendenten hiemit aufgefordert, ihre Ansprüche auf den Johann Georg Schmiedischen Verlaß binnen einem Jahre von untengesetztem Tage an, so gewiß entweder selbst, oder durch Bevollmächtigte vor diesem k. r. Stadt- und Landrechte in gesetzlicher Weise anzubringen, widrigens das Abhandlungsgeschäfft zwischen den. Erscheinenden gepflogen, und der Verlaß jenen aus den sich meldende« Erben etnge«. antwortet werden wurde, denen selber nach den Gesetzen gebühret. Salzburg, den 30. Juni 18-1. Grafv. Platz, Präsident. Joseph Edler v. Verhovitz, k.!. Land. _ roth. Joseph Eberhard Leilhner, k. k. Landrath . Nachbenannte, welche über 25 Jahr lang von hier abwesend, unbekannt, wo, sind, oder ihre etwaige Leibeserben werden auf Antrag der Anverwandten vorgeladen, in z Monaten sich Hieher zu stellen und ihr unter Kuratel befindliches Vermögen nach dem beygefügten Betrag in Empfang zu nehmen, oder doch glaubhafte Nachricht über ihren dermgligen Auftnthalt zu geben; widrigenMö sie für todt gehalten und ihr Per« mögen dennZchstenAnverwandten ohne Sicherheitsleistung verabfolgetwird. i)Bur- ?ard Bdhm. Tischler von Ldhrieth, yz fl. Z2kr., 2) Kaspar Schmier von Rddelmaier, 50 fl., z) MichelKeidel, von Neustadt, 319 fl.. 4) Johann Aquilin Stumpf zu Wu- stensachsen geboren, dessen Mutter zuletzt nach Hallstadt zog, 780 fl- 59 kr., 5) Georg Graser (Groser) Leinenweber aus Neustadt, 25 fl., 6) Kaspar Scheiner, genannt Katzenberger von Salz, -or fl. z kr. Neustadt an der Saale, im Untermainkreis, den Zi. Okt. i»2i. K. b, La nd gericht. __ Mayer, Landrichter. — Lubert . ( Bekanntmachung.) Auf Verlangen der Erben der in Lechhausen verstorbenen «Halchbrenners - Wittwe, Walburga Thüring, wird deren hinterlassenes Anwesen daselbst, bestehend meinem ganz gemauerten, fast neuen Wohnhause, ganz gemauerten besondern Stadel sammt Stallungen, und einem dem Wohnhause gegenüberstehenden Kalkofen, dann z Tagn», 52 Dezim. Gärten, y Tsgw. 25 Dezim. Acker, 7 Tagw. 26 Dezim. Wiesen und z Tagw. 5» Dezim. Holzgründe nebst Gemeindetheilen, sammt dem hiezu nöthigen Vieh, und Baumannsfshrnissen, den 22. künftigen Monats Jan. Vormittags y Uhr in der diesseitigen Landgerichts- Kanzley an den Meistbiet«, den Islva rstikicsnons der Interessenten öffentlich versteigert werden. Kaufslustige werden hiezu mit dem vorgeladen, daß sie sich durch legale Vermögens- und Leu, mundszeugnisse auszuweisen haben, und daß ihnen die nähern Kaufsbedingnisse bey der VersteigernngS-Kommission selbst werden bekannt gemacht werden. Wer von Beschaffenheit dieses Gutes sich persönlich überzeugen will, kann sich an den Vorstand der Gemeinde Lechhausen wenden, der zur Vorweisung desselben angewiesen ist. Fried- Ze rg, den 20. Dez. 1821. Kdnigl. baier. Landgericht. v. Gimmi. Landrichter. (Ediktalladnug.) Den Erben deS Johannes Rist, WeinhändlerS und Gast- -nirths zum Hasen allhier, ist eine Schuldurkunve abhanden gekommen, welche unterm 2. May 1802 von Georg Leonhard Müller zu Heimerringen über ein Darlehen »ä 500 fl. zu 5 Prozent verzinslich mit hypothekarifcherVerschreibung seines Anwesens, -soviel hiezu vonnöthen, bey der fürstlich fuggerschen Amtsbehörde zu Babenhaufen an ihren Erblasser ausgestellt worden ist. Der unbekannte Jnnhaber dieser Urk-mde wird hiemit aufgefordert, solche binnen 6 Monaten s Osw bey unterfertigter Behörde vor» zuweisen, und seine Ansprüche hieraus Varzuthun, widrigenfalls dieselbe für kraftlos erklart werden würde. Memmingen, den iz. Dez. 1821. Kdnigl. daier. Kreis - und »Stadtgerich t. ^ Ammerbacher, Direktor. Bey I. M. Daifenberger in Regensburg sind in Verlag oder in Kommission erschienen und in allen soliden Buchhandlungen zu haben: Auswahl von Grädschriften, -für jede Gelegenheit. Gesammelt auf den Grabern zu Linz, Regensdurg, Scadt, «mhvf ic. 8-45 kr. — Auswahl von Leichenreden (für Katholiken und Protestanten) «Bände. 8» 2fl. zokr. — Daisenbergers baierischer Sekretär, oder vollständigster Briefsteller. Nach der izten Aufl. des allbekannten Wiener Sekretärs bearbeitet. 2 Thle. gr. 8. ü fl. 24 kr. — Mittel, die sichersten, wider die Lungensucht und Auszehrung , nebst Trostgründen. Von einem sich selbst glücklich kurirten Menschenfreund. 4te Ausgab. 8. - fl- 12 kr. — Neumair, Dr. G. A. F., die sichersten Mittel ein sehr hohes Alter zu erreichen. Mit mehr als 7000 Beyspielen von Personen, die yo bis ,Z<5o Jahre alt geworden sind. 8- ist. Zokr. — Dessen sicherste Mittel wider die Hä- '-morrhoiden. zte verb. Aufl. 8.1 fl. Siegel, M. K., das überall bekannte Regens« churger Kochbuch. 2 Thle. 8- ifl. 45kr. — Strassers, Schullehrerklugheit, oder die vorzüglichsten Regeln der Pädagogik und Methodik. Ein unentbehrliches Handbuch für Stadt, und Landsch n llehrer. 8- 48 kr._______ ^ In allen soliden Buchhandlungen sind zu haben: Neumaier, Dr., die sichersten HMtel wider alle Kopf- und Zahnschmerzen der Menschen. 8. ifl. iskr. — Dessen AHerste Mittel wider Magenkrampf und Magenschwache, welche oft von den schlimm« Folgen find. Dritte verb. Aufl. 8- ifl. 12kr. — Unterhaltungsbuch für die lan, ^en Winterabende. 8- 1 fl. 45 kr. — Wasserreise von Augsburg nach Wien. Mit ? Kästchen. 8. ifl. iz kr. — Zwinger, Dr. Z. F., die sichersten Mittel gegen Onanie und Pollutionen, und für hie Wiederherstellung des Verlornen männlichen Ver- mygenö. K. r fl»is kr. Nro. 4. Freytag/ den 4. Jan. Anno Von Staats, gelehrten/ historisch- u. ökonomischen Neuigkeiten. Mit allerhöchsten n / r ?/. Redakteur: E. Frhr. v. Seida. Gedruckt u. verlegt von Joseph Anton Moy, wohnhaft auf dem obern Graben in dem sogenannten Schneidhaus. München, den 1. Jan. Das neueste Negierungs- und Jntelligenzblatt enthalt folgende allerhöchste Bekanntmachungen: Die Einberufung der Stände-Versammlung betreffend. Maximilian Joseph, von Gottes Gnaden König von Baiern. Nach der in Vcrfassungs-Urkunde des Reichs Tit. VII. §. 22. gegebenen Bestimmung haben Wir beschlossen, die Stande Unseres Reiches auf den 15. dieses Monats einzuberufen, und befehlen Unsern sämmtlichen Kreis-Regierungen, alle, m die zweyte Kammer aus ihrem Kreise erwählten Abgeordneten sogleich durch abschriftliche Mittheilung dieser öffentlichen Ausschreibung anzuweisen, daß sie sich an dem festgesetzten Tage unfehlbar in Unserer Haupt - und Residenzstadt einfinoen und nach ihrer Ankunft sich in dem Standehause nach Vorschrift dcs§. 61. I. Titels, III. Abschnittes des Ediktes über die Stände-Versammlung bey den Präsidenten und Sekretärs der letzten Versammlung persönlich melden; im Falle aber, daß ein Mitglied durch unabwendbare Hindernisse von der Erscheinung abgehalten seyn sollte, hat dasselbe nach Vorschrift der §§. 44. und 47., I- Titels, II- Abschnittes das Erforderliche zu beobachten. Den Tag, an welchem Wir die Sitzung der Srände eröffnen, werden Wir durch besondere Entschließung bekannt machen. Maximilian Joseph. (I.. 8) — Graf v. Neigersberg. Fürst v.Wrede. Grafv. Triva. Graf v. Rechberg. Grafv. Thürheim. Freyherr von L!erchenfeld. Graf v. Törring. Freyherr v. Zentner. — Nach dem Befehle Sr. Majestät des Königs: Egid v. Kobell. Se. Majestät der König haben in Bezug auf die X. Beylage der Verfassungs, Urkunde des Reichs, Titel I. §. 53. unterm 27. Dez. vorigen Jahrs Allerhöchsiihren Feldmarschall und erblichen Neichsrath, Herrn Fürsten Karl von Wrede, auch für die Dauer der zweyten Stände-Versammlung als ersten Präsidenten der Kammer der Reichsräthe zu ernennen und zu bestätigen allergnädigst geruht. - Wien, den 29. Dez. Die heutige Hofzeitung zeigt an, daß am 2z. Jun. d. I. ein in zz Artikeln bestehendes Uebereinkommen zur Reguiirung der Elbeschifffahrt nach den Beschlüssen des Wiener Kongresses von Seite der Bevollmächtigten der betheiligten Negierungen unterzeichnet worden, dessen Ratifikationen von Seite sämmtlicher Uferstaaten erfolgt, und am 12. dieß ebenfalls zu Dreßden feyerlich ausgewechselt worden seyen. Nach dem Jnnhalte dieser Schifffahrts-Akte, die ihren vollständigen Wortlaute nach ehestens öffentlich bekannt gemacht werden wird, ist der Elbcstrom frey erklärt; der Schiffer eines^ieden Ufersiaates wird von jedemjPunkte der Elbe frey bis in das Meer fahren, wo es ihm frommet, Fracht und Rückfracht nehmen; kein Zwangs-Umschlagrecht, kein Stappel wird auf der ganzen langen Strecke der Elbe seine Fahrt hemmen; keine Privilegien irgend einer Fischerinnung, kein Vorrecht irgend einer Stadt oder Korporation wird gegen den freyen Schiffer ausgeübt, das eigene Fahrzeug mit der eigenen Bemannung fahrt ungestört von einem Handelsorte zu dem andern. Die 35 Zolistättcu, welche früher die Ufer der Elbe.Ke- setzten, M auf dem ganzen, durch 10 Uferstaaten fließenden Strome auf 14 vermindert. Die Zölle, welche auf den Handel und die Schissfahrt so schädlich ein-- wirkten, sind nicht allein ermäßigt, sondern auch auf feste Bestimmungen zurück geführt, und dürfen ohne gemeinsame Uebereinkunftj Aller niemal erhöhet werden. Gegenstände der innern Industrie, und die ersten Lebensbedürfnisse sind nur unbedeutend belegt. Die früheren zahllosen Visitationen der Ladungen von Schiffen, welche selbst die ganze Strecke der Elbe befahren, sind vertrauensvoll auf die Revision eines Staates beschränkt. Alle Beamtenwillkühr bey Erhebung der Gebühren, und bey Untersuchung der Ladungen ist durch wohl erwogene Vorschriften von der Elbe verbannt, manche zweckmäßige polizeyliche Maaßregel getroffen, die den redlichen Schisser vor Ungebühr schützt, den Unredlichen dagegen sorgsam bewacht. Keine die Schifffahrt gefährdenden Strom - und Uferbauren sind gestattet, und wo noch im Fahrwasser des Elbestroms ein Hinderniß befunden wird, soll, so bald der Vertrag in das Leben tritt, solches ohne Verzug hinweg geräumet seyn. Die Fürsorge dieses Vertrages beschränkt sich nicht bloß auf die Verbesserung des gegenwärtigen Zustandes der Elbeschifffahrt. Wenn die neue Schifffahrcs.- Ordnung auf der Elbe wirksam seyn, wird, dürste noch mancher Wunsch laut werden, und manche neuere Erfahrung die Nothwendigkeit neuer Bestimmungen nach sich ziehen; das Bedürfniß des Handels wird sich erst dann unverholen aussprechen, wenn sich derselbe auf dem freyen Strome frey bewegen kann. Darum soll sich von Zeit zu Zeit eine periodische Zusammenkunft der Bevollmächtigten aller Uferstaaten, und zwar die erste schon nach Jahresfrist in Hamburg bilden, um nach Anhandgebung der mittlerweile bewirkten Wahrnehmungen dem zu Stande gebrachten Elbesysteme neue zweckmäßige Bestimmungen hinzufügen, und dieses System immer thätiger in das Leben einzuführen. So reifen allmählich die Früchte friedlicher Eintracht deutscher Vundesstaaten, und gewiß wird wenigstens die Nachwelt in einer Nationalangelegenheit, bey welcher so viele sich durchkreuzende Privat-Interessen zu beschwichtigen, und so viele althergebrachte Gewohnheiten und Vorurtheile zu beseitigen waren, und auch wirklich von den Uferstaaten standhaft beseitigt worden sind, die mühsamen Anstrengungen ihrer Regierungen, und die thätigen Bestrebungen jener leitenden Vorsicht, und jenes vermittelden Ausgleichungsgeistes dankbar anerkennen, dem Deutschland eine seiner Grundlagen des künftigen Wohlstandes verdanket, der freylich nach langjährigen drangvollen Verhältnissen sich nur langsam wieder zu erholen vermag, und dem mehr als jede menschliche Gewalt, mehr als jedes ungeduldige Drängen und Treiben, ein übereinstimmender Geist des Wohlwollens im Laufe der gestaltenden Zeit fröhliches Wiedergedeihen verspricht. — Am 25. Dez. Mittags erreichte hier das Barometer einen ganz ungewöhnlich niedrigen Stand von 27 Zollen 2 Linien und 3 Punkten Wiener Maaß. Nicht minder auffallend ist die hohe Temperatur der Atmosphäre, die an demselben Tage um 3 Uhr Nachmit« tags 11 Grad Neanmur über Null betrug, und die selbst durch den sehr heftigen Sturm, der in der Nacht vom 24 zum 25. Dez. bis den letzten Tag Mittags wüthete, nicht gewildert werden konnte. Wahrscheinlich werden wir durch Nachrichten aus andern Gegenden bald Aufklärung über eine so sonderbare Erscheinung erhalten. Am 29. Dez. war hier der Mittelpreis der Staatsschuldvcrschreibungen vom Jahre 1816 zu 5 Prozent in Silbermünze 73 7ss; der iprozentigen Obligationen 14 31 s4v; der Hoftammer-Obligationen vom Jahre 1S15 zu 2 is2 Prozent --; der Wiener Stadt-Banko- Obligationen zu 2 is2 Prozent 35 is8; der Curs auf Augsburg 99 i s4Uso ; Konventions. M. 249 7s3; Bankaktien 629; Rothschildische 100 fl. Loose 107; Partialobl. 94 3s4; Zertifikate 95. Italienische Gränze, den 26. Dez. Im nördlichen Albanien, das so lange ruhig geblieben ist, während in deu übrigen Theilen dieses Landes so blutig gekämpft wurde, reißt sich gegenwärtig eiu Distrikt nach dem andern bon der Pforte los, und erklärt sich unabhängig. Die I». surreltion begann hier zwischen Alesio und Dcscagino, und dehnte sich von da g«^ gen Süden aus.. Zu Petrella ist nun der Hauptsitz derselben , und die verschiede- nen albanesischen Stamme haben zur ^gemeinsamen Vertheidigung, undzurVer abredung der zu treffenden Maaßregeln, Abgeordnete dorthin gesendet. Mit dem Pascha von Skutari, der im Interesse der Pforte diese Bewegungen hatte verhindern sollen, scheinen jene albanesischen Stämme in gutem Vernehmen zu stehen. Wenigstens sind keine Feindseligkeiten zwischen ihnen vorgefallen. Der Pascha benimmt sich mit vieler Klugheit. Er hat alle seine Strcitkräfte zusammen gezogen, um sich zu sichern, und um auf jeden Fall gefaßt zu seim. Seine Widersetzlichkeit gegen die Pforte, die ihn in die Gegend von Janina beordert hatte, um den Oberbefehlshaber Chursid - Pascha zu verstärken, läßt sich aus den neuesten Vorfällen leicht erklären, und beweist, daß er die Lage der Dinge besser würdigte, als der Divan, der ihm nach einander verschiedene Befehle zu diesem Marsch ertheilte. In welches Vechältniß er sich nnnmehr mit der Pforte setzen wird, dürfte wohl von den Umständen abhängen. Seine Anwesenheit in Skutari mit den dort zusammen gezogenen Truppen kann den Albanesern, wenn sie anders nicht vollkommen mit ihm einverstanden sind, wohl nicht mit Gleichgültigkeit betrachtet werden. — Die Montenegriner, mit denen der Pascha von Skutari sonst in so langem Kampf begriffen war, verhalten sich bis jetzt noch ganz ruhig, und haben keine Bewegungen gemacht. — In dem an Nordalbanien angränzenden Theil von Mazedonien, besonders in der Gegend von Skupi, ist die Insurrektion gegen die Pforte gleichfalls ausgebrochen. Man versichert, die dortigen Insnrgentcn haben durch die benachbarten Serbicr das Versprechen einer wirksamen Unterstützung erhalten, im Fall sie angegriffen werden sollten. Jamaika, den z. Nov. Die Stadt Carthagena wurde am 5. Okt. den Jndependenten überliefert, und General Navarez zum Gouverneur erwählt. Zu einer von dem Präsidenten Boli- var wahrscheinlich gegen Panama bestimmten Expedition wurden in verschiedenen Gegenden der Republik Truppen gesammelt, und es hieß, das Geschwader des Lords Cochrane würde den von Bolivar auf Panama zu machenden Angriff unterstützen. Der berühmte Commodore Aury, der eine so ansehnliche Anzahl spanischer Schiffe gekapert hatte, ist Ende Augusts in Old»Providence gestorben. Madrid, den 14. Dez. Es ist ein Kurier aus Andalusien angekommen. Seitdem geht das Gerücht Vaiasco habe Cordova besetzt, und marschiere mit der Armee von Cadix auf Madrid zu, woselbst er mit Mina zusammen treffen will. Niego hält sich ruhig i» Catalonien und scheint zum Frieden zu rathen. Sobald das Volk von dem Beschlusse der Cortes Nachricht hatte, brachen Geschrey, Zischen, Schwüre, Verwünschungen gegen den König, die Cortes, die Minister:c. aus. Die Unordnung stieg aufs Höchste. Man verhaftete mehrere Lärmer; unterdessen dauerte das Ge, löse bis zur Schließung der Thüren fort. Der König gieng nicht nach dem Prado. Unterdessen waren die Besorgnisse nicht ungegründet; als das Vorhaben des Königs zur Abreise bekannt wurde, hörte man schreyen, daß man die Fenster seines Wagens einwerfen, die Stränge seiner Maulthiere abschneiden, und ihm zum Dableiben nöthigen würde. (Hiedurch wird die Sage von einer Nevolutiou entstanden seyn.) — Saragossa war der Schauplatz neuer Unordnungen; der Streit hat in der Vorstadt St. Michael angefangen; von Steinen ist man zu Waffen gekommen ; die Milizen und die Bürger haben sich miteinander geschlagen; hingeschickte Truppen, um den Kampf zu beseitigen, wurden angegriffen; sie haben also Feuer gegeben, es gab Todte und Verwundete; die Gährung war aufs Höchste gestiegen. Der General Alava that sein Möglichstes, um die Fortschritte des Uebels zu hemmen. Mas versichert, daß es ihm gelungen sey, daß man aber den andern Tag geglaubt habe, man befände sich auf einem Schlachtfeld. Spanische Gränze, den 17. De;. Reisende bringen von Bayonne das Gerücht mit, daß bey dieser Stadt unverzüglich ein bcdeutendesTruppenkorps unterAnführung einesMarschalls sich zusammenziehen solle. Einige nannten als solchen den Herzog von Reggio, Andere den Herzog von Nagusa. Briefe ausParis, von Umgebungen des Generals Gudin, der früher in Bayonne kommaudirte, sollen dessen baldige Ankunft daselbst ankündigen. Es muß sich bald zeigen, welche Bewandtniß es mit diesen Sagen hat. Kurzgefaßte Nachrichten. Jüngst erschien ein Zirkulare, welches die schlechten Zwecke der Carbonari auseinander setzt, damit sich künftig Niemand mehr mir Unwissenheit entschuldigen könne. Es ward in allen Hausern vertheilt, und mußte von allen Wohnparteyen jedes Hauses unterschrieben werden. In einem Hause übernahm der Thürsieher das Zirkular, und unterschrieb es gleich mit dem Bemerken: „In unserm Hause haben wir nur 2 Carbonari, einen roth - und einen weißgefütterten." Carbonari heißen nämlich die neumodischen Mäntel mit verschiedenem farbigen Futter. — Herr Professor Leander van Eß hat Rechnung über die milden Gaben zur Bibelverbrei- rung abgelegt. Vom Jun. 1818 bis Dez. 1320 i.si der Teilbetrag 118,101 Flr. und mit den frühern Beyträgen 212,446 Flr. Damit sind 399,461 Exemplare des neuen Testaments, und 8749 der ganzen Bibel erkauft nnd vertheilt worden. — Rossini ist von dem Unternehmer der königl. Oper in London (dem sogenannten liin^s i'!ie»n'v), dem Buchhändler Ebers in Vondstreit für die nächsten Saison mit zc>oc> Pfd. engagirt. Durch die Bemühungen von Ebers, der erst sert einem Jahre dieser Unternehmung sich unterzogen, hat sich die große englische Oper zudem ersten Institute dieser Art in Europa empor geschwungen. Dienstag den 15. dieses Monats witd der Stadt - oder sogenannte Hirschgraben vom Gdgginger Thor bis zur Baumschule beym Rothen Thor vom 1. Marz 1822 an auf 9 Jähre unter derBedingniß verpachtet, daß sclbervon dem Pachter immerrein- lich erhalten werde, dagegen ist demselben gestattet, die Ebne deS Grabens, so weit es den Fes!ungswerken"unschadlich ist, zum Gemüßbau umzugraben. Pachtliedhaber belieben sich am bemeldten Tag Vormittags 11 Uhr in dem Militär - Administra- tions - Kommissariats - Zimmer in derJesuiten - Gasse dahier einzufinden. Augsburg, > den 2. Jan. 1822. Konigl. Kommandantschaft. v. Epplen, General. Unterzeichneter hat die Ehre, diesen Karneval! 5 Redouten zu geben; die bestimmte Tage sind folgende: Montag den 7. Jan., Montag den 14. Jan., Montag den21. Jan., Montag den 4. Febr., Montag den 11. Febr. Das Entre für jede Person ist 1 fl. 12 kr., Gallerie 24.tr. Der Anfang jeder Nedout ist AbeudS um y Uhr, Wozu sich einem hohen Adel und hochzuvcrehrenden Publikum bestens empfiehlt ___^ I. G. Schmid, Traiteur. ^ Herrn Neuper's gegenwärtigen Anfenthalcsorte wünscht zu erfahren Pfaffenbofen an der Jlm, den Zi. Dez. 1821. ' Leopold Fnrtmair. Joh. Wilhelin Hothum gcschworucn Kansters sel. Wittwe empfiehlt sich bev eintretender Karneva'szeit einem verehrungswürdigen Publikum mit ihrer schon bekannten, auch dieses Jahr vermehrten Masquen-Garderobe, und wird durch billige und schnelle Bedienung die Zufriedenheit des verehrten Publikums zu erhalten, sich möglichst bestreben. Wohnhaft Lit. C. Nro. 27z. nächst dem Srernkloster. _ Gestern gegen 4 Uhr Nachmittag wurde vom Komtoir der Abendzeitung bis zum Herrn .^ranzftlder, Buchhändler, ein im weißen Papier eingewickelter franzosischer Buchdrucker - Korrekturbogen, mit einigen verschnittenen Blattchen, verloren. Da an diesem Verlornen sehr viel gelegen ist, und doch Niemand etwas nützen kann, so ersucht man den Finder freundlichst, solches znm Herrn Geiger, Buchdrucker im Ar- men-Hausgaßchen, gegen Erkenntlichkeit zu übergebe». - Nro. 5. Samstag, den 5- Jan. Anno l8 22. ÄugsburgischeOrdlnanPostzeitung Von Staats, gelehrten, historisch- u. ökonomischen Neuigkeiten. Mir allerhöchsten F>»-?'v^ c ?/. Redakteur: E. Frhr.v.Seida. Gedruckt ».verlegt von Joseph Anton Moy, wohnhast auf dem obern Graben in dem sogenannten Schneidhaus. Triesi, den 24. Dez. Von der Eroberung Artas am ambrakiotischcn Meerbusen ist nun die nähere Bestätigung eingetroffen. Sie ist aus einem Schreiben vom Kriegsschauplatz, nämlich aus Dragomeste in Akarnanien entnommen. Als diejenigen, welche sich dabei) durch kluge Anstalten und persönliche Tapferkeit am meisten ausgezeichnet haben, werden genannt der Kapitän Gianeky Nhangkos, der Kapitän Hiskos und der Kapitän Gogos. Der Kapitän Gianeky Nhangkos war der erste, welcher mit etwa 700 seiner Leute die steile Anhöhe des heiligen Thcodorus mit Sturm wegnahm, Hiskos nahm die Anhöhe mit der Windmühle, und Gogos die Brücke. Dieß alles geschah nach gemeinsamen Plan an einem und demselben Tage. Nachdem die beyden genannten Anhöhen, welche durch ein enges Thal von der Festung getrennt sind und sie beherrschend in den Händen der Griechen waren, richteten die Griechen von beyden Seiten das schwere Geschütz auf Einen Theil der Mauern, den sie besonders durch die Hilfe der Bomben zertrümmerten. Hierauf ward der Sturm beschlossen, und einmüthig, mit entblößten Schwertern drangen die Schlachthaufen durch die Bresche, und bemächtigten sich der ganzen Festung. Jsmael Pascha, welcher darinn eingeschlossen war, wurde zum Gefangenen gemacht, und wird in Fesseln von den Kapitanyes in Verwahrung gehalten. Hierauf theilten sich die Sieger, die eine Hälfte gieng, um die Belagerung von Prevesa, die andere, um die Belagerung von Voniza zu verstarken. Italienische Gränze, den 27. Dez. Man spricht von Aufständen in der Gegend von Usziterna und Novibazar. Es scheint aber nicht, daß sie bereits weit gediehen sind, indem mehrere Oberhäupter der Serbier bis jetzt allen ihren Einfluß angewendet haben, «m eine Insurrektion zu verhindern, wenigstens für so lange, als die Türken nicht anderswo hinreichend beschäftigt sind. Die türkischen Festungs -- und Fort-skommandanten sind übrigens auf ihrer Hut, und lassen die Fortifikationen der Plätze, in denen sie befehligen, gehörig ausbessern, so wie sie die Festungen verproviantiren lassen, um im Nothfall eine Belagerung aushallen zu können. — Ali Pascha hat seine Festung noch nicht verlassen^ allein das ganze Land zwischen Ianina und Arta ist jetzt iu, Besitz der Sulioren. Die Türken haben in mehreren Gefechten namhaften Verlust erlitten ; vorzüglich bey Zara Kobiza. Man erwartete täglich die Nachricht vom Fall von Arta. Zu Prevesa haben die Türken einen glücklichen Ausfall gemacht. Voi- Nizza war genöthigt, sich zu ergeben. Corfu, den 21. Nov. Die Zwistigkeiten derSulioten mit Ali Pascha sind ausgeglichen. Die Erster« haben, auf Anrathcn anderer Häupter der Griechen, sich gegen die Treulosigkeit des Paschas vorzusehen, im Verein mit den akarnischen Anführern ihre Anträge gemacht. Er, ihre Gewissenhaftigkeit bey Schwüren gut kennend, schlug dieselben aus. Die griechischen Häupter hatten in der That beschlossen, daß sie vor Allem den, für das Bündmß geleisteten Eid halten müßten, daß aber zugleich darauf bestanden werden ,m'ße, den Zweck zu erreichen, welche die Vefteyung des Landes von dem türkischen Joche ist. Ali Pascha wurde durch die Standhaftigkeit jener Anführer bewogen, in ihre gerechten Forderungen zu willigen. Ungeachtet des Verbotes haben die Jonier den Griechen mehr als 20,000 Gewehre mit Bajoneten geschickt. Havannah, den 12. Nov. Wir haben hier Nachrichten aus Mexiko vom iz. und aus Vera - Crux vom 29. Okt. erhalten. Ihr Innhait ist sehr wichtig, indem sie keinen Zweifel' mehr übrig lassen, daß die Jndependen; von Mexiko in der durch den Traktat von Cor- dova vorgeschriebenen Form begründet ist. Die Befreyungs-Armee, von Don Augustin de Jturbide angeführt, hielt am 27. Sept. ihren Einzug in die Hauptstadt von Neuspanien, von deren Bewohnern sie mit unbeschreiblichem Jubel empfangen wurde. General Jturbide verfügte sich sogleich nach dem Pallaste der Vizekönige, wo er Don Juan O'Donojhu antraf, und sich mit demselben, auf dem Balkon zeigte, vor welchem die ungefähr 15,000 Mann starke Armee vorbey defi- lirte. Sodann begab er sich in Prozession nach der Kathedralkirche, welche erleuchtet und ausgeschmückt war, und wo unter dem Donner der Kanonen und dem Laute« der Glocken ein Te Deum gesungen wurde. Nach beendigtem Gottesdienste bewirtheten die Behörden der Stadt beyde Excellenzen, welche Letztere sich sodann nach dem Theater begaben, und mit einem Enthusiasmus empfangen wurden, der nicht durch Worte ausgedrückt werden kann. Vater, Befreyer und ahnliche Namen ertönten von allen Seiten, als sich Jturbide der versammelten Menge zeigte. Am folgenden Tage wurde unter dem Vorsitze von Jturbide, der den Titel eines Generalissimus des Kaiserthums Mexiko zur 'See und zu Lande angenommen hatte, eine aus 5 Mitgliedern bestehende Negierung und eine Junta ernannt, von welcher letztern der Bischof von Puebla Präsident ist. Auch wurden die Minister und die die hohen Behörden bildenden Personen erwählt, welche sodann den Eid leisteten. Der einzige Flecken, der dem Mutterlande noch treu geblieben, ist das Kasiel St. Juan de Ullav, dwch welches Vera-Crux beschützt wird, das indessen, da es nur eintz Garnison von Z00 Mann besitzt, sich wahrscheinlich bald ergeben wird. Madrid, den 13. Dez. Ueber den zweyten Theil des Berichtes der Kommission der Cortes äußert sich eines unserer wüthenden Parteyblätter so: „Der zweyte Theil des Kommissions- gutachtcns hat die Hoffnungen der Patrioten getäuscht; der Jnnhalt desselben ist den Rechten des Volts wenig günstig, indem er der Macht Mittel der Unterdrückung an die Hand giebt, als: Beschränkung der Preßfreyheit :c. Der Schleyer ist zerrissen; nicht länger kann das Ministeriuni seine Absichten bergen, sie liegen offen da. Die Mehrheit des Kongresses wird einem Gutachten nicht beystimmen, das uns zu schrecklichen Uebeln führen kann; es handelt sich nicht mehr um leere Theorien, um dunkle Phrasen ; das Ministerium hat die Spaltung der Spanier beschleunigt, und die Brände der Zwietracht und des Bürgerkriegs geschleudert; es hat die richterliche Macht an sich gerissen, und sich über das Gesetz gestellt; es ist auf zu schönem Wege, um umzukehren, und es wird es dahin bringen, uns Alle an seinen Leichenwagen zu fesseln! Gesetzgeber! Euch liegt die Pflicht ob, diese Uebel zu untersuchen und zu heilen; das ganze Ministerium muß fallen, oder die Freyheit ist hoch gefährdet! Die Menschen, die letztere lieben, haben ihre Blicke auf Euch gerichtet; Spanien erwartet mit Bangigkeit Eure Entscheidung; Europa ist da, um Euch zu richten!" Quiroga hat in der gestrigen Sitzung gesagt: „Gewisse Journale suchten dem Volke Besorgnisse einzuflößen, indem sie von Republik, von Freymaurern, von Communeros, von Exhattndos sprächen; das seyen aber lauter leere Worte!" Wer indessen die Gährung der Gemüther hier beobachtet, wird Mühe haben, ihm Glauben beyzumessen. — Navarra ist in offenem Ausstände ; Alles erklärt sich gegen die neue Ordnung der Dinge; schon stehen 1200 Mann bey Pampeluna, gut bewaffnet und gekleidet versammelt; eine Junta, die sich apostolisch nennt, leircc ihre Schritte; sie selbst hat ihren Sitz zu Nuncal au der französischen Gränze. Zwar zieht Lopez-VannoS mit etwa 5 bis 600 Mann vonSt.Se- bastian undVittoria, und General Alava mit eben so vielen ausArragonicn gegen die Insurgenten; wie man aber sieht, siud beyde Erstere zusammen nicht starker «ils Letztere. Bisher ist nichts vorgefallen als ein Scharmützel zwischen den Insurgenten und einer gegen sie von Pampeluna ausgerückten Abtheilung des Regiments Toledo; Letztere zog den Kürzern, und mußte sich nach Pampcluna zurück ziehen. Zu Escombery soll auch ein Gefecht zwischen einer Guerilla Insurgenten und den Truppen vorgefallen, und einige ic>u Menschen geblieben seyn. Eine andere Guerilla erschien zwischen Leso nnd Oyarsumaufder große« Heerstraße. Man glaubt, daß auch die baskischen Provinzen, Guipuscoa, Alava und Biscaya, allgemein aufstehen werden; in ersterer soll sich schon zuVergara eine Bande Jnkonstitutionel- ler gebildet haben:c> — So eben erfährt man, daß im Lazaret von Behobie einige 40 bemittelte Personen ankamen, die sich aus Madrid nach Frankreich flüchte» wollen. Frankfurt, den zi. Dez. Seit gestern geht hier, nach. Ankunft einer Estafette von Wien, die nncrwar- tete Nachricht von Mund zu Mund, daß die Pforte in die Bedingungen des russischen Ultimatums gewilligt habe, und mithin der Ausbruch eiues Krieges nicht mehr zu besorgen sey. Das Schreiben, das die Estafette überbrachte, lautete angeblich so: „Wien, den 25. Dez., Nachts 12 Uhr. Ein heute hier angekommener Kurier bringt die wichtige Nachricht, daß das türtische Ministerium das russische Ultimatum angenommen habe. Diese Nachricht verbreitete sich mit unglaublicher Schnelligkeit, und ungeachtet des heil. Christfeyertages stiegen die Staatspapiere bedeutend. Abends ward diese wichtige Neuigkeit mit dem Zusätze bestätigt, daß der Großherr das rutsche Ultimatum am 19. Dez. angenommen habe. Nähere Nachrichten werden wahrscheinlich morgen gegeben werden können." Man kann sich vorstellen, welche Bewegung diese Neuigkeit bey der hiesigen Handel^welt, besonders bey den Papierhandlern und Macklern veranlaßte. Ungeachtet es Sonntag war, wurden doch viele Geschäffte in Staatspapieren gemacht, nnd man ist sehr neugierig auf die heutige Börse. Indessen findet die ganze Sache noch viele Zweifler. Unwahrscheinlich erscheint es unter Andern,, daß man zu Wien den 25. Dez. habe wissen können, was den 19. in Konsiantinopel vorgegangen, indem ein Kurier, wenn er auch noch so schnell den Weg von Bosporus bis zur Kaiserstadt der Donau zurück legt, gemeiniglich 12 Tage beda.f. Es muß sich bald zeigen, was an der Sache ist; sollte bis morgen keine Bestätigung von Wien kommen, so hätte man einen neuen Beweis, welche Mittel in unsern Tagen angewandt werden, ein ganzes Publikum zu hintergehen, um selbstsüchtige Zwecke zu erreichen. Vom Lech, den 1. Jan. Im 8pectsteur oriomal von Smyrna vom 7- Nov. liest man Folgendes: Am 2. Okt. steckte die türkische Flotte Galaxidi in Brand; alle im Haven befindlichen Schiffe wurden genommen oder verbrannt. Zwey tausend Albaneser, welche durch die Kapitulation vor Tripoliza die Erlaubniß erhalten hatten, sich mit Waffen und Gepäcke nach Gasiuni zurück zu ziehen, wurden von 3000 Griechen, welche sie eskortirten, inFolgc eines zwischen beyden Korps sich erhobenenStrcites ermordet. Am 3. hörte man in der Gegend von Patras eine starke Kanonade; Missolunghi wurde am nämlichen Tage bombardirt; auch die Stadt Voliza litt sehr. Am nämlichen Tage wurde die Festung Tripoliza mit Sturm erobert. Alle darinn befindlichen Türken mußten, mit Ausnahme der Anführer, über die Klinge springen. Letztere verdankten ihr Leben nur der Hoffnung der Hellenen, durch sie die Üebergabe der andern Plätze, welche die Türken noch in Morea inne haben, zu erwirken. Obgleich die türkische Flotte viele Besorgnisse einflößt, so ist man in Morea in dieser Hinsicht doch weniger beunruhigt, als man glaubt, weil man beynahe die Gewißheit hat, daß die Türken keine Landung daselbst wagen werden, so stark sie auch seyn mögen. Die Landenge von Korinth ist wohl befestigt; die Griechen befürchten nichts von dieser Seite. Modon, Koron, Napoli de Nomania, Koriitth und Patras find blocttrt. Alle Anstrengungen der Griechen werden gegen Korinth gerichtet seyn, wo, wie man versichert, die türkischen Schätze von Morea aufbewahrt sind. Der Plan des Fürsien Demetrius Ppsilanu geht dahin, nach dem Rückzug der türkischen Flotte 8000 Mann, von einein gewissen Ballistre befehligt, nach der Insel Kreta aufbrechen zu lassen, wo sie ihre Landung zu Askafia bewerkstelligen sollen; 20 der stärksten Fahrzeuge der vereinigten Flotte sollen alle Haven der Insel zu Wasser blo- ckiren. VonZeit zu Zeit werden sie dieBelagerten durch kleine Kanonaden beunruhigen, um die Türken in Athem zu erhalten, und sie zu verhindern, allster ihrenFestungen thätig zu seyn. In der Zwischenzeit werden sich dieSfachioten so viel möglich nahern. Um die Blockade zu Lande vollständig zu machen, und griechische Truppen werden zu Thodorus unter Voutier's Befehlen landen. (Thodorus ist nicht weit von Kanea entfernt.) Dieses Korps wird mit Haubizen und Kanonen versehen werden, den Platz zu beschießen; überhaupt werden alle Anstrengungen nach dieser Seite gerichtet seyn. Zur nämlichen Zeit sollen 5 von der Admiralität von Hydra ausersehene Schiffe die Inseln umsegeln, um die Primaten zu nöthigen, wenigstens die Hälfte des Tributs zu bezahlen, den der Großhcrr sonst erhob; die andere Hälfte soll zu gelegnem Zeiten bezahlt werden. _ ^_ (Bekanntmachung.) Am 14. dieß Monats wird in dem Gebäude der kon. Porzellan-Niederlage eine Parthie Perlen aus den Perlenbachen des Unterdouau - und Regenkreises an die Meistbietenden gegen baare Bezahlung versteigert. Die Lizita- tion beginnt Morgens um y Uhr, und wird um 2 Uhr Nachmittags fortgesetzt. München, den 2. Jan. 1822. Kbnigl. General-Bergwerks-Sali-ien-und Münz-Ad- . rninistrarion. __ v. Eberl. — Braun, Sekretär. Nachdem ich die allerhöchste Bewilligung zu Errichtung einer Weinhandlung erhalten habe, so gebe ich mir die Ehre, einen hohen Adel und verehrungswürdiges Publikum in Kenntniß zu setzen, daß meine Handlung von heute an ihren Anfang/ nimmt. Ich empfehle mich daher zu einem geneigten Ansprüche, denen ich mich durch reele und billige Bedienung würdig machen werde. Augsburg , den 1. Jan. 1822. Anton Eheverry, Lit. F. Nro.zyc). in der Jesuitengasse. Ein Mann von allgemein bekannter Rechtschaffenheit von etwa Zo Jahren, voll Thätigkeit, des Feldbauens, der Behandlung der Pferde, wie auch des Viehes vollkommen kundig, ohne Kinder, und dessen Frau alle wirthschaftlichen Kenntnisse besitzt, wünscht irgendwo als Hausmeister oder Verwalter, um so mehr, da er eine sehr schone Handschrift schreibt, und im Rechnen vollkommen erfahren ist, unter annehmbaren Bedingnisscn angestellt zu werden; ist auch bereit, aufVerlangeu Kaution, samt den Herrschaft!. Zengnissen zu leisten. Das Weitere ist zu er fahren Lit.C. Nro.240. Bey PH. Bronner in Eichstärr ist erschienen: Wirtmann, Jos., Kanzelrede bey der den zo. Sept. angeordneten Konkordatsfeyer in der Stadtpfarrkirche zu Hilpolt- stein. F. 6 kr. I» Kommission bey P. P. Bolling da bier. _ Es ist in einer Landstadt Baierns eine fast vollkommene Apotheken - Einrichtung zu verkaufen, und im Laden Lit.C. Nro.z. dahier kann davon ein Verzeichniß nebst dem Anbot eingesehen werden. _^_^__ Sonntag als am heil, z Konigsrage wird bey Unterzeichnetem Tanzmusik gehalten , wozu sich höflichst empfiehlt ' I . B. W-ntrich, Gastgeber zu z Rosen. Sonntag als am z Kbnigsfeste wird bey Unterzeichnetem Tanzmusik gehalten, «0M ein verehrungS.vürdiges Publikmn ergebenst einladet G-.'vrg Krbner, Gastgebe r zu den z Kö nigen. Unterzeichneter ha; die Ehre, Sonnrag den 6. dieß Tanzmusik zu geben, wozn iggebenst einladet F'. Bergdolt / Gastgeber zum goldenen Posthorn. Nro. 6. Monwg, den 7. Jan. Anno 1822. IlugsburgischeOrdinariPostzcitung Von Staats, gelehrten/ historisch- u. ökonomischen Neuigkeiten. Mir allerhöchsten ^ ?- ?' ^ / e Redakteur: E. Frhr. v. Seida. Gedruckt u. verlegt von Joseph Anton Moy, wohnhaft auf dem obern Graben in dem sogenannten Schneidhaus. München, den 3. Jan. Die Flora schreibt: „Bereits bey der letzten Stände-Versammlung wurden Entwürfe vorgelegt, aufweiche A"t die Einführung der im Nheinkreise bestehenden Institution des Landrathes im ganzen Königreiche in einem verhältnismäßigen Wirkungskreise zu Stande gebracht werden könnte. Se. königl. Majesiar wollten Ihren geliebten Unterthanen dadurch einen wiederholten Beweis Ihres väterlichen Wohlwollens geben, indem Sie am 1. Jan. d. I. die Verwirklichung dieses Landrathcs zu beschließen, den Ständen des Reichs damit entgegen zu kommen, und gleichsam als einen Nenjahrswunsch für die ganze Nation durch das Regierungsblatt bekannt machen zu lassen geruhten. Jeder Kreis wird dadurch in den Stand gesetzt, alles, was das rege Leben, nämlich die Landwirthschaft, die Gewerbe und den Handel betrifft, aus dem Munde derjenigen, die es zunächst angeht, wahrhaft ins Auge zu fassen, und die Wünsche und Anträge seiner Bezirke auf dem verfassungsmäßigen Wege zur höchsten Kenntniß zu bringen. Alle gutgesinnten Baiern werden mit dem innigsten Dankgefühl dieses neue Band der.Liebe ergreifen, wodurch sie immer näher und enger mit dem Herzen ihres hochgelicbren Souveräns vereint werden." Konstantinopel, den 11. Dez. Seit mehreren Tagen ist die Ruhe in dieser'Hauptstadt so ziemlich hergestellt, obgleich alle Straßen von bewaffneten Muselmännern wimmeln. Die Unterhandlungen der Minister von Oesterreich und England zu Erhaltung des Friedens dau- ren fort, allein es verlautet nichts Entscheidendes darüber. Obgleich die Pforte bekannt machen ließ, daß der Schah von Persien die Kriegserklärung und den Einfall seines Sohnes in Kurdistan mißbillige, so glaubt man hier noch nicht recht daran, weil den neuesten Nachrichten vom 26. Nov. zufolge die Perser noch bey Kars und Erzeruin gelagert waren. Semlin, den 24. Dez. Cassandra ist wirklich in Händen der Türken, wie ganz zuverlaßige Berichte melden. Die ganze christliche Bevölkerung hatte sich jedoch vor dem Einrücken der Türken nach allen Seiten geflüchtet, so daß diese Alles leer fanden. Corfu, den «. Okt. Auf Zante undJthaka ist die Ruhe noch nicht hergestellt; auf Cephalonien und Cerigo aber der Aufstand gedämpft. Ueberhanpt wird das Neutralitäcssystcm der jonischen Inseln strenger als je, auch gegen die Türken, befolgt. Hinrichtungen und Verbannungen sind leider noch an der Tagesordnung. Man erzählt hier, unser hoher Protektor König Georg IV- habe das strenge Benehmen unseres jetzigen Lordkommissärs gemißbilligt, und man hofft, dieser werde bald durch einen andern ersetzt werden. Madrid, den 17. Dez. Wir haben hier Briefe aus Cadix bis zum 11. Dez. Die Stadt war äußerlich ruhig. Von Zeit zu Zeit liefen Glückwünschungsschreibcn zur Addresse vom 29. Okt. und von den patriotischen Gesellschaften der „Virtuosos Descamisados" von Carthagena, Valencia, Murcia :c. Zuschriften an den Xefe politicv ein, worinn 5e erklärten, sich mit Cadir zur angeblichen Aufrechthaltung der Konstitution föde- riren zu wollen. Während dieser Zeit aber zeigt sich in Navarra und Arragonien ein Schwindelgeist anderer Art; zu Caspe^, Callatayud, Huesca und Alcanniz hat man Konstitutionssteine umgeworfen, und dabey: „Es lebe die Konstitution! Aber Tod den Republikanern!" gerufen. Man hat hie und da die freywillige Miliz entwaffnet, und die eifrigsten Konstitutionellen eingekerkert. Es ist kein Zweifel, daß hier geheime Triebfeder» spielen, und die der Regierung zugekommenen Berichte bezeichnen mehrere Geistliche, wovon einige von Bayonne heimlich nach Spanien zürück gekehrt, als die Häupter der Unruhen. Aus ihrem Benehmen sollte man schließen, daß sie ihre eigentlichen Plane noch nicht ganz an den Tag legen, sondern bloß die Gemüther, auf die sie Einfluß üben, vorbereiten und zur Folgeleistung gewöhnen wollen. — Aus Corunna sind unterm 12. Dez. Nachrichten angenehmern Znuhalts eingelanftn. General Miua hat, im Einverständnisse mit seinen untergeordneten Offizieren, den Militärbcfthl über Gallizien dem Marschall del Camps und Genieinspcktor Dou Namon-Lopez abgegeben, und den von der Negierung ihm zum Nachfolger gesetzten General de Larre^ (der bekanntlich sich an die Spitze der gallizischen Städte setzte, die es nicht mit Mina und Corunna halten wollten) feyerlich anerkennen lassen. Paris, den 29. Dez. Die Pairskammer nahm gestern den vou der Deputirtenkammer ihr zugestellten Gesetzcscntwurf wegen Bewilligung der provisorischen 3 Srenerzwölftel einmüthig an, und ernannte durchs Lvos eine große Deputation, um den König zum neuen Jahre zu beglückwünschen. — Das allmächtige russische Neich, sagt dieQuoti- dienne, wagt eine ausgedehnte, alle seine Hilfsmittel ansprechende Unternehmung. Urtheilt man nach den vorigen Kriegen, und vorzüglich nach dem von 1770, so hat man einen langen hartnäckigen Kampf zu gewarten. Unwegsame Gegenden, kahle Felder, HungerundÄrankheit werden den Türken machtige Hilfe leisten. Die mvscovitischcn Heere haben bisweilen über die Donau gesetzt, nie aber sind sie in die nördlichen Provinzen der Türken weit vorgerückt. Zahllose Hindernisse zwangen sie bald zum Rückzug, Romanzow hat der Gefahr solcher Unternehmungen am kühnsten getrotzt; der Titel Transdanubianer wurde ihm daher beygelegt, und dieser prachtige Bcynamen beurkundet die Gefahren eines Kriegs, der zum Zweck hat, das Herz des byzantinischen Reichs zu verwunden. Die Politik des Petersburger Kabinets ist nicht mehr zweifelhaft; sie will über die weibischen Nachfolger Maho- meds II. das Loos der Commenen verhängen. Werden die Russen Herren der Gestade des Vosphorus, so werden sie wahrscheinlich diesem Triebe nach dem Orient, ihrer Stammgegend hin, bald folgen. Ihre Sitten, ihre politischen und Handelsverhältnisse werden das Gepräge einer solchen Veränderung tragen. Die Nothwendigkeit ihre neuen Besitzungen zu behaupten, und das besiegte Volk daraus zu verdrängen, wird ihre ganze Sorgfalt und Macht erfordern. Auf diefe Weise hätte künftig ihre Negierung im westlichen Europa nicht mehr das Uebergewicht, daß sie seit derTheilung Polens, und besonders fettig^ erlangt hatte."— Seit einiger Zeit haben Uebelwollende eine neue Verschwörung gegen die Regierung unternommen. Sie hatten sich vorgesetzt, durch einen schnellen Streich das Schloß in Saumur wegzunehmen. Der General Iamin vereitelte jedoch dieses Unterneh.- men, von dem er zurrechten Zeit in Kenntniß gesetzt wurde, indem er am 2z. von Angers aufbrach, und mit 2 Kompagnien des 44sien Linienregimentsnach Saumur marschirte, wo am 2z. 8 Unteroffiziere der Militärschuie, dann ein Adjutant, so wie ein Scrgeantmajor desselben Regiments verhaftet wurden. Im Augenblicke der Ankunft der Truppen rettete sich ein gewisser Delon, der als ein Hauptansiif- ter des Komplotts bezeichnet wurde, du- ch die Flucht. Die Untersuchung der Verschwörung ist den Militärgerichten übergeben worden. Petersburgs den n. Dez. Die Kriegszeitung giebt ausdeutschen Blättern einen belehrenden Bericht für diejenigen, welche es in dieser entscheidenden Periode sich sehr angelegen seyn lassen, die inneren Kräfte des türkischen Reichs möglichst herabzusetzen, nicht beachtend, daß sie dadurch der Sache, welcher sie zu dienen vcrmcynen, eher schaden als nützen. „Stolze Verachtimg seines Gegners ist gemeiniglich der Vorbote einer sichern Niederlage." — Das sehnlichst crwarcere Manifest ist bis jetzr noch nicht erschienen; der Krieg bleibt indeß unbezweifelt. Die allgemeine Meynung, wie der allgemeine Wunsch sprechen sich in ganz Nußland laut dahin aus. Die Russen werden diesen Krieg wegen Zerstörung der Kirche ihrer Glaubensgenossen für eine hei» ligen Krieg halten, und wie Löwen fechten. — Am Z. dieß ist der Befehl ertheilt worden, 12 Regimenter Kosacken zu Uhlanen zu organrsiren. ' Von der Weichsel, den iü. Dez. Ein merkwürdiges Naturereignis; hatte zu Krakau am Zo. Nov. Statt. Gegen 4 Uhr ficng es zeitweise zu regnen an, bis zwischen 4 und 5 Uhr von Nordost Blitze, Anfangs von leichtem Donner, bald aber von heftigen Donnerschlägen, Sturme und leichtem Hagel begleitet, bemerkt wurden. Als die schwarzen Wolken seitwärts der Stadt vorüber zogen, gieng die Sonne in solcher Helle und mit einem so eigenen Lichte unter, daß Häuser und Thürme von weißem Feuer erleuchtet schienen. Eine Viertelstnnde später erhob sich ein heftiger Sturm, und Blitze und Donner leuchteten und brüllten ringsum. Leute, die eben auf dem Wege nach Krakau waren, können das Schaudervolle und Gefährliche dieses Naturereignisses nicht genug beschreiben. Das Feuer schien vom Himmel nieder - uud wieder aufzusteigen, und zeigte sich in den Farben des bengalischen Feuers; auch bemerkte man von der Ost - und Nordseite viele in Flammen stehende Gebäude. Vom Mayn, den z. Jan. Unter der Aufschrift: Frankfurt, den 27. Dez. schreibt der niederrheinische Kurier: „Ich habe Ihnen eine große Neuigkeit zu melden. „„Der Krieg gegen die Türken ist, in vollkommenem Einverständnisse der 5 großen Mächte, beschlossen worden."" So lauten nämlich durch außcrordencliche Gelegenheit hier angelangte Briefe aus Wien, deren Glaubwürdigkeit nicht zu bezweifeln sind. Indessen scheint es, daß diese Nachricht vielmehr einen veränderten Entschluß des öster- reichischen Kabinets anzeigen, als daß ein förmlicher, vom russischen Kaiser rati- fizirter Vertrag der 5 großen Mächte abgeschlossen sey. Auch kann das Einversiänd- niß sich wohl nicht weiter als auf den „Zweck" erstrecken. Sollte dieser erreicht seyn, dann dürften, bey einer etwaigen „Theilung", sich die größten Schwierigkeiten ergeben. Auch ist nicht abzusehen, welche Entschädigungen Frankreich und Preußen, bey den gemeinschaftlichen Anstrengungen, erhalten sollten. Dem sey nun, wie ihm wolle, so ist wenigstens so viel gewiß, daß Fürst Metternich sich schmeichelt, die bisherige Einigkeit der 5 großen Mächte werde durch den Krieg gegen die Türken nicht gestört werden ; vielmehr soll diese Einigkeit im anderweitigen Kampf gegen unruhige Völker neu befestigt werden. Trient, den 2 z. Dez. Nach zwey Monaten eines beständigen, von keinemWolkchen getrübten zweyten Frühlings, wo Blumen im Freyen, und allenthalben frisches Gras sich zeigte, auch noch immer Schmetterlinge herum flatterten, finden wir uns seit zwey Tagen auf einmal im tiefen Winter. Dieser begann also Heuer ganz richtig mit der in Kalendern ausgesprochenen Angabe des Winter - Anfangs. . Bregenz, den 25. Dez. In der verflossenen Nacht wüthete in der hiesigen Gegend ein fürchterlicher Sturm, der Dächer abtrug. Bäume entwurzelte, und auch auf dem Bodensee bedeutenden Schaden angerichtet haben dürfte. Kitzbichl, den 27. Dez. Die heurige Cbristnacht war in unserer Umgegend wirklich sehr merkwürdig, es erhob sich mitten in der sonst so rauhen Winterszeit, wo jetzt ringsum die Flureu von Schnee fast gänzlich entblößt sind, und worauf die Vieh-Hecrden ununterbrochen weydeten, von Süden herauf ein fürchterlicher Sturm, gerade in der heiligen Stunde der Mitternacht. Donnerähnliches Gebrülle mischte sich in das Klirren der Fenster und in das Krachen der in ihrer Grundfeste erschütterten Gebäude. Am schrecklichsten hauste dieser Sturm auf den Dächern , deren Schindeln und Steine, mit welchen erstere beschwert werden, mit größter Gefahr der Herumgehenden auf die Platze und Gassen geschleudert wurden, daß sie dicht den Boden bedeckten. — Vorzüglich aber tobte dieses Ungewitter in der Gegend vom Jochberge, wo es weder eines Hauses noch eines andern Gebäudes schonte. Ja viele, sehr viele wurden ihrer schützenden Hülle, der Dächer, gänzlich beraubt. Auch ganze Parthien von Wäldern wurden hingestreckt und zersplittert. Die stärksten und mas- ^vsten Eichen, die Jahrhunderte dem Sturme trvtzten, wurden entwurzelt und zerschmettert. Die ältesten Manner erinnern sich nicht, je ein so fürchterliches Schanspiel gesehen zu haben. Der dadurch verursachte Schaden ist sehr groß; «och weiß man bis jetzt noch nichts, daß dabey ein Mensch verunglückt wäre. Dank der Vorsehung! Augsburg, den 5. Jan. In unserer Stadt, die sich von jeher durch regen Sinn für Werke der Wohlthätigkeit rühmlichst auszeichnete, ist die Errichtung einer Ersparnißkasse, zu deren Begründung die berühmten Wechselhauser, Joh. Lorenz Schäzler, Carli undComp., G. G. Süßkind und Wohnlich und Fröhlich, sich vereinten, und vorläufig eine Summe von 50,000fl. in fünfprozentigen baierischen Staatspapieren zusammen schoßen, von der kon. Kreisregierung genehmigt und die Statuten derselben bestätigt worden. Der Zweck dieser am 2. Febr. 0.1. zu eröffnenden Wohlthätigkeitsanstalt ist, den weniger bemittelten Einwohnern, und vorzüglich der dienenden und arbeitenden Klasse, Gelegenheit darzubieten, ihre Ersparnis in sichere und Zinsen tragende Verwahrung zu bringen, und sich so einen Nothpfenning zu schaffen. Die Anstalt, die sich vor allen ihrer Art, außer vollkommenster Sicherstcllung, durch einen hoher» Zinsfuß auszeich- vet, hat die gerechteste Ansprüche auf die achtungsvolle Anertenung aller Menschenfreunde, so wie auf den wärmsten Dank derjenigen, denen sie zunächst gewidmet ist, (Bekanntmachung.) Von der unterfertigten Behörde werden am Mittwoch den 16. dieß Monats auf dem Salzstadel bey heil. Kreuz iu Augsburg von dem dortselbst aufliegenden Roggenvorrath von iHiy Zoo Schaffe! im Wege öffentlicher Versteigerung, unter Vorbehalt höchster Ratifikation, verkauft. Kaufsliebhaber haben sich am bemeldten Tage Vormittags 10 Uhr auf genanntem Fruchtkasten einzufinde». 'Zusmarshausen, den z. Jan. 1822. K. b. Rentamt. S chellhorn , Rentbeamter. Die auf den 14. dieß angezeigte Perlenversteigerung in München kann nicht vor sich gehen. ' K. G. B. S. u nd M. Administrati on. Unterzeichnerer hat die Ehre, diesen Karneval 5 Redouten zu geben; die bestimmte Tage sind folgende: Montag den 7. Jan., Montag den 54. Jan., Montag den 21. Jan., Montag den 4. Febr., Montag den n. Febr. Das Entre für jede Person ist 1 fl. 12 kr., Gallerte 24 kr. Der Anfang jeder Redout ist Abends um 9 Uhr, wozu sich einem hohen Adel und hochzuverehrenden Publikum bestens empfiehlt ^_ > __ I. G. Schmid, Traiteur. (Auffoderung.) Ich fodere hiemit Herrn ^. W., auf, seine bewußte Verbindlichkeit gegen mich in-kürzester Zeit z» vollziehen, widrigenfalls ich gezwungen wäre, Obgedachten öffentlich prostituiren zu müssen. Bogen, den 22. Dez. 1821. Joh. Bapt. Fleischm.i nn, Landgerichts - Apothe ker. ' In Lir. D. Nie. 158. auf dem Kesselmarkt ist ei» guter und geräumiger Sommerkeller ju vermiethen. - Nro. 7. Dienstag, den 3. Jan. Anno 1822. MgslnirgischeOrdlnariPostvcttllng Von Staats/ gelehrten, historisch- u. ökc Ä'.-üschcn Neuigkeiten. i r aller höchsten ? ^ ? ^ ? / ^ Z ? e ?/. Redakteur: E. Frhr. v. Seida. Gedruckt u. verlegt von Joseph Anton Moy, wohnhaft auf dem obern Graben in dem sogenannten Schneidhaus. München, den 6. Jan. Eine königl. Verordnung vom 22. Dez. im Jntelligenzblatte für das Königreich Baiern betrifft die Forstbezirkscinthcilung und äußere Forsidicnst-Einrichtung in den Sraatswaldungen. — Eben dieses Intelligenzblatt meldet die Verleihung der Neichsrathswürde an den Herrn Bischof zu Augsburg, Joseph Maria Freyherrn von Fiaunberg, nachdem der Bischof zu Negensburg, Herr von Wolf, diese Würde wegen seines Gesundheitszustandes und vorgerückten Alters rcsignirt hat. — Ferner zeigt dasselbe an^ daß Se. Majestät der König den Finanzrath und Bankier zu Augsburg, Johann Lorenj Schäzler, nebst seiner Descendenz beyderley Geschlechts, auf erfolgte legale Nachwcisung seiner direkten Abstammung aus dem uralt ritterbürtigenGeschlcchte der Freyherren Schäzl zuHermannsperg, Wazmanns» dvrf und Türnau, und in Anerkennung seiner mehrjährigen, mit uncrmüdeter Thätigkeit und Patriotismus, besonders um seine Mitbürger sich erworbenen viel' fettigen Verdienste, in den Freyherrnstand seiner Vorfahren zu reassumiren geruht haben. Wien, den 1. Jan. Die Nachrichten des Specrsteur viiemsi aus Smyrna (bekanntlich erscheint »ieses Blatt in Smyrna unter den Augen der dortigen türkischen Behörden) v»m Ende Nov. lauten höchst traurig, „«seit 6 Monaten, sagt er, stehen wir auf einem Vulkan; aber die Graucl vom 20. und 21. Nov. haben selbst die vom 16. Jun. übertrossen. Dießmal haben die Mörder, müde immer dieselben Opfer zu treffen, sich auch an die Franken gemacht, und nur die Furcht vor den auf der Nhede liegenden europäischen Kriegsschiffen hat sie Anfangs noch etwas im Zaume gehal. ten. Schon am 17. Abends wurde mitten im frankischen Quartier ein Slavonier, ein österreichischer Unterthan, von einem Türken ermordet, und der Mörder nahm sich nicht einmal die Mühe, sich zu verbergen, so sicher war er, nicht bestraft z« werden! Der österreichische Konfnl forderte Genugthuung; vergebens! Die folgenden Tage wurden noch mehrere Franken mißhandelt und bedroht. Da faßten Letztere den Entschluß, nicht anders als bewaffnet auszugehen, und die Konsuln konnten dagegen nichts einwenden, da die Umstände es erheischten. Die Türken wurden wüthend, als sie diesen Entschluß erfuhren, und verschworen sich in ihren Quartieren zum Untergange der Franken und zum Verderben der Stadt. Man erhielt davon am 19. Kunde, und eine düstere Unruhe bemächtigte sich aller Gemüther. Die europäischen Schiffe, benachrichtigt von den Anschlägen der Türken, näherten sich der Nhede, und die Franken hielten sich zur Vertheidigung bereit. Der Tag vergieng indessen ruhig ; allein beym Einbrüche der Nacht kam es auf dem Kai des Fischmarktes z» einem Handgemenge zwischen betrunkenen Türken und einigen Europäern von gemeinem Stande. Jene feuerten, diese auch; von diesen blieb ein Italiener; ein Neger, der es mit den Türken hielt, wurde tödtlich verwundet; Andere leicht. Die Wache wollte Frieden stiften, wurde aber zurück geworfen. Die Bestätigung, daß die Franken verborgene Waffen trugen, gieng wie ein Lauffeuer durch die Stadt, und erbitterte hie Türken. Mit Mühe konnte die Obrigkeit ei- «em nachtlichen AngrissvorbeugM; für den folgenden Tag aber schien eine blutige Krisis unvermeidlich. Wirklich graute kaum der Morgen des 20. Nov. als Banden von Mördern durch das Quartier der Frank«, stürmten. Einig: 40 linechen, die aus verschiedenen Vorwanden in der Zitadelle gefangen saßen, wurden ihnen ausgeliefert und ermordet. Die Mordthaten waren um so zahlreicher, als es gerade Festtig war, und die Glichen zutrauensvoll sich in die Kirchen begaben. Im Quartier der Franken begn'gten die Türken chsi mit warmen und Drohen; das feste Betragen der Franken und die an den Kais liegenden bewaffneten Schaluppen der europäischen Kriegsschisse hielten die feigen Mörder in Schranken. Im Innern der Stadt dagegen fiel man über die Griechen her; die griechischen Gä.:.:er empfanden vorzüglich die Mordsucht der Türken, und in den einsamem Gegenden fielen auch einzelne Franken. Gegen ic> Uhr Vormittags sendete der Vassa, der für sich selbst zu fürchten begann, einen Offizier mit einer freundschaftlichen Note an die europäischen Konsuln ab, und genehmigte die Antwort, die sie ihm znfertigten. Am 2. Jan. war hier der Mittelpreis der Staatsschuldverschreibungen vom Jahre 1816 zu 5 Prozent in Silbermünze 7z zs4; der iprozentigen Obligationen 14 3s4; der Hoffammer-Obligationen vom Jahre 1815 zu 2 is> Prozent 36 7s8; der Wiener Stadt - Banko- Obligationen zu 2 is2 Prozent 35; der Curs auf Augsburg 99 is4 Ufo; Konventions. M. 249 /s8 '.Bankaktien 630 4sz. Von der Donau, den zc>. Dez. So lange der Jsolirungskricg der Hellenen dauert, bis die europäische Politik sich zur Theilnahme entschlossen har, kann man sich auf die widersprechendsten Nachrichten gefaßt machen, erstens haben die Türken nöthig, zur Erhaltung des Muths ihrer Truppen, aus jeder Mücke die ihnen in das Netz fliegt, einen Elephanten zu machen, wie es mit den verdächtigen Vortheilen ihrer fliehenden Flotte der Fall war, und nun wahrscheinlich mit der Einnahme von Cassandra, die der Capidchi- Baschi von Salonich, dem Pascha von Widdin ohne Angabe des Tags gemeldet haben soll, der Fall seyn wird. Zweytens erfordert es das Interesse der Spekulanten auf Staatspapiere, daß der Krieg entfernt scheine, und wo möglich die Fortschritte der Griechen unbedeutend. Daher so viele Versicherungen, daß der Di- van das russische Ultimatum angenommen habe, welche am nächsten Tage sich als falsch bewähren, und 2 Tage hernach von neuem aufgewärmt zu werden. Wir bleiben bey unserem Satze: es giebt Krieg, auch wenn die Türken das Ultimatum annehmen, weil seine Exekution nicht so ruhig ablaufen kann, als die Deliberation des Divan; es giebt Krieg, nicht um die Hellenen frey zu machen, so großmüthig ist die heutige Diplomatik nicht, sondern weil es Nußlands Interesse erheischt, weil eS Niemand ernstlich hindern kann, und wahrscheinlich Niemand als England, ernstlich hindern will. Wir wollen nicht behaupten, daß die Griechen nicht wirklich frey werden, denn auch ihre Einverleibung in das russische Reich würde Freyheit für sie seyn, im Gegensatze mit dem Joche der türkischen Despotie. Wir wissen nicht einmal, ob für das Wohl der Griechen eine Uebergangsepoche von ihrem Nevolutions- zusiande zu ihrer Unabhängigkeit nicht vortheilhaft wäre, denn im Grunde wäre bey ihrer Schwäche diese Unabhängigkeit doch nur ein Wort ohne Wirklichkeit, und wäre es mehr, so liegt in ihrer Verbildung, in der erblichen Eifersucht ihrer Stamme und Familien d.'r Keim von künftigen Uebeln, die ihnen wenig Ruhe gönnen werden. Wir trauen ihnen den Muth zu, ihre Freyheit zu erringen, aber wir haben noch keine historische Ursache zu glauben, daß sie werden sie zu genießen wissen. Die Uneinigkeiten, die sogar mitten in der drohendsten Gefahr unter ihnen herrschten, können eher das Gegentheil befürchten lassen. Das größte Unheil, das ihnen aber als Resultat des Kriegs widerfahren könnte, wäre ihre Theilung unter verschiedene Mächte. Außer diesen 4 Möglichkeiten: Unabhängigkeit, russische Herrschaft, Vormundschaft oder Theilung giebt es keine mehr, und jede hat ihre fatale Seite. Eine blosi? Vormundschaft, wie die englischen auf den jonischcn Inseln, ist ober am wenigsten lockend für sie, >>d«n sie Weder die Vortheile der Unabhängigkeit gewährt, noch die Vortheile, die es als Theil eines mächtigen Reichs erwarten kann. Die Aolge wird lehren, welcher von diesen 4 Fällen eintritt, und wir wünschen bloß, daß es der vorteilhafteste für sie sey, und daß Wohlwollen, nicht egoistisches Interesse, ihr Schicksal bestimmt. Zante, den 30. Nov. Der Zustand unserer Insel ist gegenwartig nichts weniger als beruhigend. Er war dieses nicht einmal vor dem n. Oktober^ an welchem die Griechen die Türken schlugen, und wir die Flotte der Letztern, aus der ganzen Seemacht der Musel- mannen besiehend, schimpflich vor dem Voranzug der griechischen Flotte von den flrophadischen Inseln an bis in «nsern Havcn fliehen sahen. Seit dieser Zeit wurde bekanntlich das Martialgcsetz auf unserer Insel verkündigt, die gewöhnlichen Gerichtshöfe wurden suspendirt, die angesehensten unserer Landsleute wurden verhaftet, ohne daß man wußte, was man thuen zur Last lege, oder was ihnen drohe. Bereits haben die Militär- Kommissionen eine große Anzahl von Lanoieuten zum Tode verurtheilt. Nach der Hinrichtung wurden die Leichname in eiserne Käsige aufgeknüpft, und in denselben auf den nächsten Anhöhen zum Schrecken des übrigen Volks aufgehängt. Die Negierung ordnete jetzt die allgemeine Entwaffnung der ganzen Insel an. Die Einwohner der Hauptstadt, wiewohl mit Murren, ge- -horchteu, die Einwohner des flachen Landes, welche diese Entwaffnung für die größte Beschimpfung halten, widersetzten sich beharrlich. Die Negierung hat nun« mehr, um sie dazu zu zwingen, die bey dem Volke beliebtesten Bürger in die Kirche NotreDame des Petrides beschieden, dort sich ihrer versichern, und sie als Geiseln in die Zitadelle bringen lassen. Ungeachtet dieser Maaßregel bestehen die Landbewohner daranf, ihre Waffen nicht auszuliefern. Die Negierung hat Verstärkung ' an Truppen auf die Insel kommen lassen, ein englisches Geschwader ist so aufgestellt, daß seine Batterien die Stadt bestreichcn können. Viele Einwohner sind freywillig ausgewandert. Der Aufruhr ist noch keineswegs gedampft. Spanische Gränze, den 22. Dez. Das Noyalisienkorps, das sich in Navarra zusammen zog, hat sich seit den letzten Ereignissen auf i zoc, Mann vermehrt. Es gehorcht den Befehlen einer apostolischen Junta, deren Sitz gegenwartig zu Noncal ist. Die Noyalisten halten daS ganze Thal von Noncevaur bis an die französische Gränze besetzt. Einer ihrer Anführer heißt Gruchar, der eine der ersten Stützen Mina's während des Befreiungskriegs war. Die Truppen von Guipuscoa, Alava und Biskaya erhielten Befehl, nach Navarra zu ziehen, und dieß Royalistenkorps zu zerstreuen. — Nachschrift. Wie man so eben erfahrt, hat sich dieß zusammengcrottete Korps bereit» aufgelöst, als die Nachricht eingieng, daß ernstliche Vorkehrungen gegen dasselbe getroffen würden. Paris, den 31. Dez. Gestern und heute war beym Könige zahlreiche Cour. — Der Moniteur publi- zirt jetzt erst eine Verordnung vom 19. Dez., durchweiche der Generallientenant die Coetlosquet zum Generaldirektor des Personellen, und der Militärintendant de Parceval zum Generaldirektor des Materiellen im Kriegsministerium ernannt werden. — Kaum sind einige Wochen verflossen, seit wir ein neues Ministerium be- sitzen, und schon bedeckt sich unser politischer Horizont mit Wolken. Wir wollen nicht entscheiden, in wie weit das öffentliche Mißtrauen, das die Minister kontre- revolntionärer Plane beschuldigt, gegründet ist; soviel aber kann nicht gelauguer werden, daß die Staatspapiere in einem überraschenden Maaßstab fallen, und meh- rere Bankerotte ausgebrochcn sind. Seit der Ministerialveranderung sind die FondS von yo auf 32 gesunken, und man fürchtet ein noch größeres Fallen derselben. London / den 26. Dez. Die Nachrichten, welche von allen Seiten über'die Verheerungen des Orkans eintreffen, der am 17. getobt hat, sind schrecklich. Die Zahl der dadurch verunglückten Schiffe ist außerordentlich groß. — Der Kapitän Rock, Anführer der Aufrührer in Irland, hat in der Grafschaft Traley am 12. Dez. öffentlich anschlagen lassen, daß, wer den Zehnten entrichte, sterben müsse, wer sich seinen (Rocks) Befehlen zu widersetzen wage, sich auf einen baldigen nachtlichen Besuch gefaßt machen soll, wer diesen Anschlag abzureißen wage, sich den Tod zuziehe. — An mehreren Orten fand man auch Anschlage, worinn gedroht wird, daß für jeden Nockiten, der hingerichtet werde, zwey Aristokraten aufgeknüpft werden sollen. Berlin, den 1. Jan. Beynahe hatte das abgelaufene Jahr für Preußen mit einer höchst wichtigen Begebenheit geschlossen, indem wir hier vorgestern die Nachricht erhielten, daß unser Fürst Staatskanzler in Glinecke vom Schlage getroffen worden sey. Allein, dem Himmel sey Dank! gestern schon erhielten wir die tröstende Nachricht, daß die Vorsehung von diesem mit Recht so hochgeschätzten Staatsmanne jede Gefahr gnädig abgewendet habe, uud die sichere Hoffnung vorhanden sey. Ihn noch läng« das Staatsruder mit so weiser ale fester Hand führen zu sehen. Königsberg, den 21. Dez. Seit z Tagen ist der königl. Bankdirektor Leo verschwunden, ohne die geringste Spur zu hinterlassen. Als man den ganzen Tag vergeblich auf ihn gewartet hatte, schickte die beunruhigte Gattin des Entwichenen sogleich zu dem Kassenkurator Hieselbst, welcher auf der Stelle sich einer Revision der königl. Bank unterzog , und leider einen beträchtlichen Defekt entdeckte. Es sollen, dem Vernehmen nach, 95,000 Nthlr. fehlen, worunter ein Posten von 21,000 Rthlr. eben eingegangener Albcrts-Thaler sich befand. Der Direktor Leo war bisher als ein rechtlicher und thätiger Mann anerkannt, und da in seinem Charakter viel Ehrliebe vorherrschte, so fürchtet man, daß er seinen traurigen Schritt nicht überlebt hat. Mit der offiziellen Anzeige dieses Ereignisses sind sogleich Stafetten nach Berlin, Danzig :c. abgegangen. (Nach spätern Nachrichten soll sich der entwichene Bankdirektor Leo auf einem nach Amerika bestimmten englischen Kauffahrer eingeschifft haben.) (Getreidverkauf.) Das unterfertigte königl. Rentamt verkauft nach den allgemeinen Normen im Wege der öffentlichen Versteigerung am 15. dieß Monats Morgens 10 Uhr auf dem Kornprvbstevkasten zu Augsburg von den dort aufgespeicherten Fruchten 27 Schaff Feesen aus der Aernte 1820, 25SchaffKern, Zo Schaff Gersien, Zo Schaff Roggen aus der Aernte 1821; am 16. dieß Monats Morgens io Uhr in der Rentamrskanzle« von den dahier aufgespeicherten Früchten, sämmtlich aus der Aernte 1821, zSchaffKern, zSchaffGerste, 50 SchaffRoggen, 50 ^schaff Haber. Wertingen, den z. Jan. 1822. K. b. Rentamt. Pettenkofer, Rentbeamter. Es ist nun auch das dritte Bändchen des schönsten Gebethbuches (Nro.284. dieser Blatter v. I.) um 18 kr. aufoerDvmsakristey iu Augsburg zu haben. Ein junger Mann, welche sowohl praktische, als theoretische Kenntnisse von der Oekonomie besitzt, wünscht, als Verwalter oder dessen angemessenste Stelle unterzu-, kommen, nnd ist bereit, hinlängliche Kaution zu leisten. Das Nähere ist bey Käufler Spang Lit. D. Nro.5. iu der Marimiliansstraße zu erfragen. In Dorfe», kbnigl. Landgerichts Erding, ist eine Hafnersgerechtsame, mit einem nengebauten Hanse, einem Garrche» und Brennhaus, wie auch mit oder ohne Verlag, aus freyer Hand zu verkaufen. Das Nähere ist bey dem Eigenthümer im Orte Dorftn selbst zu erfragen. ^_, In dem Hause Lir. D. Nro.yü. zum Schönenfelder Hofe ist eine Wohnung mit 2 heizbaren und einem unheizbaren Zimmer, nebst Küche, Stallnng und Holzlager, täglich zu vermuthen; das Nähere ist bey dem Eigenthümer dieses Hauses zu erfragen. Beylage. Beylage zu der Augsburgischen Ordmari Postzeituug. Den 8. Jan. 1822. Nro. 7. _________ « (Schafweydeverpachtuug ) Montags den 4. Febr. kommenden Jahrs wird die Schafweyde in der Flurmarkung von Neubnrg, worauf,50 Stücke Nahrung finden für das Jahr 18-2 an den Meistbietenden verpachtet. Pachllustigc werden eingeladen, an diesem Tage Früh ciUhrin hiesiger Kanzle» sich einzufinden, und die Bedingungen zu vernehmen. Neubnrg an der Kammel, den 27. Dez. 1821. Freyherrlich von Aretinische s Herrschaftsgericht. Kolb, Herrschaftsrichter. (Bekanntmachung.) Montag den 21. künftigen Monats Jan., Mittags 52 Uhr, wird die Schafweyde zu Unterrieden in der Wohnung des Gcmeindcvv-.stehers daselbst für 175 Schafe versteigert, wozu Packtlustige eingeladen werden. Den 29. Dez. 1821. Gemeindeverwaltung Unterrieden, Landgerichts Mindelheim. Bernhard Sirch, Gemeindevorsteher. (Bekanntmachung.) Nachdem das Meistgcvvt, welches bey der öffentlichen Versteigerung unterm -y. März laufenden Jahrs auf die Realitäten des in die Gant, gerathenen hiesigen Kläremachers, Michael Gleich, geschlagen wurde, die krediror- schaftliche Genehmigung nicht erhielt, so wird dieses Besitzttmm, wie selbes unterm Z. März laufenden JalM in gegenwärtigem Henrigen Blatte Beylage zu Nro. 68. genau beschrieben ist, nach dortigen Bestimmungen gegen sogleich bsare Bezahlung oder annehmbare Zieler wiederholt Donnerstag den 17. Jan. nächsten Jahrö Vormittags 9 Uhr in diesseitiger Gerichtskanzley versteigert. Babenhausen, den 20. Dez. 1821. Fürstlich Fuggerscheö Herrscha ftsgericht . Behringer, Herrs ch aftsrichter. (Ediktal-Zitation.) In dem Schuldenwcsen des Paul Haas, Maurer zu Wei» lach, wurde durch Entschließung vom ^o. Ecpt. c. der Univcrsal-Krnfuis eikannt. Es werden daher die gesetzlichen Edikrsräge, nämlich I. Zur Anmeldung der Fode- rungen, und deren gehörige Nachweisuug auf den 7. Fcbr. konimeude» Jahrs, II. zur Vorbringung der Einreden gegen die angemeldeten Fodrungen auf den 7. März. III. zu den Schlußverhandlungen auf den ri. April, jedesmal Morgens y Uhr festgesetzt, und hiezu sämmtlich unbekannte Gläubiger des Gemeindeschuldnerö hiemit unter dem Rechtsnachtheil vorgeladen, daß das Nichterscheinen am ersten Edikrstage die Ausschließung der Federungen von der gegenwärtigen Konkursmasse, das Nichterscheinen an den übrigen Ediktstägeu aber die Ausschließung mit den an denselben vorzuneh» rnenden Handlungen zur Folge hat. Den 22. Dez. 1821. Kbnigl. baier. Landgericht Schrobenhausen. Ramsaner, Landri chter. — Knitl. (Bekanntmachung.) Joseph Renner, Soldat bey dem vormalig 6ten baier. leichten Infanterie-Bataillon, wird seitdem 1. Juli :8c>8 vermißt, ohne daß man über dessen Leben oder Tod ungeachtet der angestellten Nachforschungen etwas erfahren konnte. Derselbe oder dessen etwaige rechtmäßige Leibeserben werden daher vorgeladen, innerhalb 6 Monaten sich dahier zu melden, widrigenfalls dessen Vermögen zu «rcÄ yo fl. gegen Kaution den nächsten Verwandten ausgeantwortet werden wird. Schwabmünchen, den 26. Dez. 1821. Kbnigl. baier. Landgericht daselbst. _^_ _ v. Braunm ühl, L andrichter. Joseph Bergmann von Rieden, welcher als Gemeiner beym kbnigl. baier. 6ten National-Feldbataillvn in Frankreich im Jahre isUZ gefangen, und den 15. May 1815 abgeschrieben wurde, oder seine allenfallsiqe rechtmäßige Deszendenten werden andurch aufgefordert, binnen z Monaten sich dahier zu melden, außerdem sein Vermögen von 6-fl. ans das angebrachte Gesuch an seine nächste Verwandte gegen Kau« tivn ertradirt werden wird. Füßen, den 24. Dez. 1821. Kbnigl. baier. Landgericht. ___ , _v . Bäk, Landrichter. (Wirthschafts-Versteigerung.) Das nachbeschricbene Anwesen des Georg Pldschl, Wirthes zu Horetshausen, wir!? nach hem Antrage seiner Gläubiger Frey» tags den 25?. Jan. k. I. Vormittags von y bis n Uhr in hiesiger Landgerichtö?anzsey im Ganzen oder theilweise öffentlich versteigert werden. Dieses Anwesen besteht I. in dem zum Patrimonialgerichre Weichs erbrechtigen Acbtelgute, aufwelchem auch bisher die Wirthstaferngerechtigkeit ausgeübt worden, und zwar ^. an Gebäuden i) in dem ganz gemauerten Wohn- oder Wirthshause, welches mit Taschen gedeckt, und im guten Zustande ist; 2) in dem gut konditivnirten, vorne gemauerten, und hinten gezimmerten, mit einem Strvhoache versehenen Stadel, worunter sich auch die Vieh- siallung befindet; z) in dem ganz neu gebauten und gemauerten, mit Taschen eingedeckten Pferdstalle; 2) an Gründen: s. in 5z Dezim. Hofraum und Garten; d. in 7 Tagw. 8 Dezim. Aecker; c. in 86 Dezim. Wiesen. II. In dem halben sogenannten Brandlhof, welcher zum kdnigl. Rentamt Aichach frevstiftsweis grundbar ist, und wozu nachfolgende Gründe gehören: a. 92 Tagw. 80 Dezim. Aecker; b. 16 Tagw, 80 Dezim. Wiesen; c. z? Tagw. 4 Dezim. Holz. Sämmtliche vorstehende Realitäten sind auf 6272 fl. g richtlich-sngeschätzt, Kaufslustige werden hierzu mit dem Beysatze eingeladen, daß die hierorts unbekannten Gläubiger über Vermögen und Leumund sich auszuweisen haben. Aichach, den 15. Dez. 1821. Kdnigl. baier. Land- gericht Aicha ch._____Forster, Landri chter. (Bekanntmachung.) Joseph Schleich von Dorschhausen, Soldat des kbnigl. rite» Linien - Infanterie - Regiments, seit dem französischen Feldzuge vermißt, wird auf Ansuchen seiner Erben vorgeladen, binnen 6 Monaten um sein zurückgelassenes Emstands - Kapital von 400 fl. und verfallene Zinse sich dahier z» melden, widrigenfalls dasselbe an seine Erben gegen Kaution hinausgegcben wird. Den 29. Dez. iF^r. Kdnigl. Landgericht Mindelheim.___v. Mader, L andrichter . (Bekanntmachung.) Der Unterzeichnete gedenkt, sein eigenthümliches Anwesen in nachfolgenden Bestandtheilen als: a. AuS einem 1785 neu erbauten halbgemauer, ten, 2 Stockwerke hohen, zu ebner Erde mit einem großen Gastzimmer und 2 Nebenzimmern, Küche, Keller und Speise, dann im obern Stockwerke mit einem bequemen Tanzplatze und 6 Nebenzimmern, dann doppelten Getreidboden versehen, und in einem guten Platze entlegenen Gasthause; d. einem an das Gastbaus daran gebauten, ganz gemauerten Bräuhause, mit dem laufenden Wasser und einer guten im Bräuhause befindlichen Malzmühle; c. aus einem ganz gemauerten gewölbten Pferd - und Kühstall; ü. einer Fuhrstallung; s. einem neu erbauten Lagerbier-Keller zu looo Ey- wer Lagerbier; k. einem auf diesem Keller angebrachten Kellerhauö, und darauf angebrachter 2 Kegelstätten und Faßbodcn, Z. einem untermauerten ganz neu 1814 er, bauten Getreidstadel; K. aus einem 1/2 Stunde vom Markte entlegenen Zubaugute mit einem ganz hölzernen Hause und Stadel, bey welchem sich 26 Tagwerk Feld- und «Tagw. Wies - und 4 Tagw. Holzgrund befinden, nebst 5 Tagw. Felddodl; i. bey dem Brauhaus« selbst befinden sich 24 Tagw. Feld, 10 Tagw. zmädige Äiesgründe, aus freyer Hand sammt allen Vieh und BaumannSfahrnissen zu verkaufen. Kaufslieb, Haber wollen sich demnach an selben wenden. Thann, den 29. Dez. 1821. Andreas Dum, Bierbräuer. ( Subhastations - Patent.) Künftigen Montag den 28. Jan. 1822 wird das Anwesen des Anton Serbold Blasi zu Hausmaring an den Meistbietenden gegen baare Bezahlung öffentlich versteigert. Dieses Anwesen zu 1 Hof besteht zu Dorf: a. In einem hölzernen Wohnhaus mit untergebrachten Pferd» und Kühstallungen; K. in einem hölzernen Stadel, c. einem hölzernen Backhaus, und ä. in einem derley Schweinstall; zu Felde begreift selbes in sich 1 Tagw. 79 Dez. Garten, 1 Tagw. zi Dez. Hopfenbau, 54 Tagw. 12 Dez. Aecker, z Tagw. 72 Dez. Wiesen., 12 Tagw. »2 Dez. Holzgrund; zo Dez. Oedung; und ist zum heil. Geist,Spital Landshut mit Erbrecht grundbar. Kaufsliebhaber haben sich an obigem Tage früher Gerichtszeit im hiesigen Amrslokale einzufinden, und ihre Angebote zu Protokoll zu geben. Den 12. Dez. 1821. Königl. Landgericht Moosburg im Jsarkrei se._Gr af, Landr. (Bekanntmachung.) Mittwoch den 16. Jan. kommenden Jahrs wird von? bis 12 Uhr Vormittags das Anwesen des EraSmus Gschoßmann zu GundertShausen - z. i«2r. Konig!, baier. Landgerich t Aichach.__ Forster, Landrichter. — Fehwer, Pra kt. (Bekanntmachung.) Aus freyerHand, jedoch durch das unterfertigte Amt, wir» das Anwesen der Küfners- Wittwe, Elisabeths Kraupp dabier, worauf das vierte Küfncr-Gcwerbsrecht unschwer wieder erhalten werden kann, öffentlich versteigert, und gegen baare Bezahlung nach crfolgter Genehmigung dem Meistbietenden zuerkannt. Dieses Anwesen bestehet in der Stadt ans einen, großen gemauerten Eckhause mit Lickrung von den Seiten, zu ebener Erde ist eine geräumige Werkstätte, derley FIvtz, ein Gewölbe, Abtritt und Eingang zum Keller, über eine Stiege sind 4 Zimmer ein lichtes Flötz und Küche. Außer der Stadt ist ein Tag«. 500 Qt. Sch. Schwarzholz imMbnchebachundein schlechterer derley Hvlztheilzu 1Z2Tagw.2465Qt.Sch. imArn, schwangerholz, dazugehörig. Hieven wird zur Stadttammer jährlich 2 fl. 29 kr. ihl., und zum königl. Rentamte, außer der Gewerbs- und Familien-Steuer, 2fl> 56kr. 1 hl. bezahlt. Die Versteigerung wird in der Landgerichts-Kanzlcy am Mittwoch den 6. Febr. 1822 von Früh 8 bis Mittags 12 Uhr, und von Nachmittags 2 bis zum Glockenschlag 4 Uhr vorgenommen. Der Kaufslustige muß sich über sein hinreichendes Vermögen über Aufführung, erstandene Gewerbslehre und Wanderung, dann Erle» dignng von Militärpflicht legal ausweise». Kanfslustige werden mit dem Bemerke«» eingeladen, daß hier 2 Kommunbräuhäuser, worinn 25 Bräuer im Winter und Sommer Bier brauen, dann 4 Privat-Bräuhäuser, und z Branntweinbrenner sich befinden. Cham, den 11. Dez. 1821. Kdnigl. Landgericht Cham. Bronold, Landrichter. — Gsellhvfer. » < > > —>---. (Ocffentliche Vorladung.) Nachdem der bürgerliche Seifensieder-Sohn vor» Kdstlarn, Lampert Modler, unterm 15. dieß Monats die Bitte stellte, seinen Bruder^ Franz Paul Modler, öffentlich vorgeladen, damit sonach ihre Differenz wegen Theilung des Elterngutes beendiget werden könnte, so wird Franz Paul Modler hiemit öffentlich aufgefodert, in Zeit von 6 Wochen s vsto sich bey unterfertigtem Gerichte zu stellen, widrigenfalls das in seinem Rechtsstreite gegen seinen Bruder Lam» pert Modler unterm 29. May dieß Jahrs erlassene, unterm 25. Juni aber eröffnete, und rechtskräftig gewordene Erkenntniß des königl. Appellations-Gerichts für den UnterdonaukreiS ohne Weiters sä sxscutionsm gebracht werden wurde. Den 20. Dez. i82r. König l. baier. Landgericht Griesbach. K' pfinger. — Pfäff i nger, Protok. (Verpachtung.) Von kommendenGeorgi an, nämlichvom 24.April 1822an, fangend, werden nachstehende Oekonomie-Güter auf mehrere Jahre mit einander verpachtet, als: ^. Das Hofgebäude Gumppenberg, i/ttel Stunde v^n PdttmeS entfernt, mit ss. einer bedeutenden Schäferey, dl,. 24 i/4tel Morgen Gärten, co. Z8 Morgen zwey - und einmahdigen Wiese», und ää. 142 ?/8tel Morgen Aecker, dann L. Das Hofgcbäude Sedelbrun, 1/2 Stunde von Pöttmes entlegen, mit ss. einer ebenfalls bedeutenden Schäferey, kk. z i/4tel Morgen Garten, 135 Morgen zwey, und imähdige Wiesen, I>K. m Morgen Aecker. Zusammen 474 ?Mel Morgen. Pacht, liebhaber können demnach von nun an über das Weitere hier bey der freyherrlich von Gumppenbergischen hohen Vormundschaft sich Aufklärung stündlich, und sohln bey Zeiten erholen. Pöttmes, den 15. Dez. 1821. Das freyherrlich v. Gumppenbergische Patrimonialgericht I. Klasse Pöttm es.__ Scherlel, Parrimonialrichter. ( Staas - Realitäten - Versteigerung.) Da nach erfolgtem gnädigsten Regierungsbefehl vom 15. dieß Monats aä Xum. 5706 die unterm 6. eju5äein gepflogene Verkaufs - Verhandlung des Försterhauseö nebst Garten zu Friedberg die höchste Ge- «ehmigung nicht erhielte; so wird gedachtes Försterhausund Garten, wie solches in der Ausschreibung vom zr. Okt. (Oberdonaukreis Blartzi. Stück vom io. Nov. 1821, und Augsburgischen Ordin. Postzeitung 8ub ?^ro. 268. 272. st 278.) näher beschrie, den ist, künftigen Donnerstag den 17. Jan. 1822 in der diesseitigen Rentamskanzley Vormittags 9 bis 12 Uhr einer neuen Versteigerung unterworfen. Welches hicmir öffentlich bekannt gemacht wird. Den 19. Dez. 1821. Kdnigl. baier. Rentamt Fried» verg. Direnberqer, Rentbeamt er. ( Vorladnng.) Von dem kdnigl. baier. Landgerichte Pieinftld sind die Brüder, 1) Anton David Hausmann, und 2) Franz Seraph Hausmann, beyde in Spalt geboren, welche sich in ihrer Jugend als Schuhmacher in die österreichischen Staaten begeben haben, und von denen Ersterer seit 45, Letzterer aber seit ungefähr 40 Iah, ren nichts mehr von sich hat hören lassen, auf Ansuchen ihrer nächsten Verwandten sammt ihren Erben und Erbnehmern dergestalt öffentlich vorgeladen worden, daß sie sich binnen y Monaren, und spätestens in dem auf den zo. Julius 1822 Morgens y Uhr dahicr. vor dem Deputirten kdnigl. Landerichts - Assessor Endres, angesetzten Termine persönlich oder schriftlich melden, und daselbst weitere Anweisung, im Falle des Ausbleibens aber gewärtige» sollen, daß sie werden für todt erklärt, und daß ihr sämmtliches zurückgelassenes Vermögen ihren nächsten Erben, die sich als solche gesetzmäßig legirimiren können, werden zugeeignet werden. Pleinfeld, den 29. Sept» ?82i. Kbniql. baier. Landgericht. Wunderer, kdn. Landrichter. — Schriefcr. Von dem fürstlich Oettingen. Wallersteinischen Herrschafts - Gericht Harbnrg wird der ausKlein- Sorheim gebürtige WeberSgesell, Gottfried Kant, welcher schon vor 50 Jahren sich auf die Wanderschaft begeben hat, und in dieser langen Zeit nichts von sich hören lassen, auf Antrag seiner nächsten Verwandten nebst seinen allenfall- sigen Leibeserben dergestalten öffentlich hiemit vorgeladen, daß er binnen 9 Monaten und zwar längstens den 2 z. Sept. 1822 dahier erscheinen, und sein bisher pflegschaftlich verwaltetes Vermögen in Empfang nehmen, im Ausbleibungsfall aber zu gewärtigen habe, daß er werde für todt erklärt, und sein Vermögen seinen nächsten Verwandten als Eigenthum verabfolgt werden. Harbnrg, den 12. Dez. i82i.Fürstl. Oettingen- Wallersteinisches Herrschafts - Gericht. Schmid, Herrscha ftsrichter. (Waldparzellenverkauf.) Nach einer höchsten Entschließung der kön. Regierung des Oberdonaukreises, Kammer der Finanzen äs Oslo 12. Dez. 1821 Nro. 4825. sind nachstehende Walvparzellen wiederholt zum öffentlichen Verkaufe zu bringen, als: ». Die ite Abtheilung des Kappelyolzes per 10 Jauch. Z86 Ruthen, h. die 2te Abtheilung der Walduug Karg per 10 Jauch.Z86 Ruthen, der Schloßberg xsr 24 Jauch. Zv2 Ruthen in 2 Abtheilungen, 6. die alte Saamschule am Mühlholz per 250 Ruthen. Es werden demnach vorbenannte Waldparzellen am 6. des kommenden Monars Febr. Morgens 10 Uhr gemeinschaftlich mit dem kdnigl. Forstamte Weißingen in der hiesigen Rentamtskanzlev an die Meistbietenden unter Vorbehalt gnädigster Ratifikation öffentlich versteigert. Indem mcM Kaufsliebhaber hiezu einladet, wirv zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß 1) während der letzten z Wochen vor dem Verkaufstage der kdnigl. Revierförster Vogler zu Wertingen oder der kdnigl. Forstwart Kolb zu Ho- henreichen die zu verkaufenden Waldparzellen auf Verlangen vorzeigen wird; 2) daß Fremde, dem Rentamte nicht bekannte Käufer sich durch ein gerichtliches Vermögens, Zeugniß ausweisen müssen. Wertingen, den 1. Jan. 1822. Kdnigl. baier. Rentamt Wertingen. Pettenkofer, Ren tbeam ter. Unterzeichnete ist gesonnen, ihr Haus sammt Handlnngsgerechtigkeit, mit eiuem geräumigen Hof und Hausgarten, 4 Tagwerk Aenger, nebst einem Kraurstück, zu verkaufen. Kaufölustige können sich bey mir wegen des Nähern erkundigen. Freysing, den 27. Dez. 1821. Walburga Vita lin, Material ist!». (Ankündigung.) Unterzeichnerer verkauft aus freyer Hand seine eigenthümliche Behausung sammt Garten, dann einer realen Tuch-, Eisen-, Lcder-, Spezerey- und Material - langen und kurzen Schnitt - Waaren-Handlung, ferners einer großen «nd kleinen Fragnerey. Aloys Hofer, bürgerl. Handelsmann in Reumgrkt an der Rott Land gcrichtsMuhldorf. Nro. 8. Mittwoch, den 9. Jan. Anno 182.2» AugsburglscheOrdinmPoftzeitung Von Staats, gelehrten, historisch- u. ökonomischen Neuigkeiten. Mir allerhöchsten ^»- ? v ? / ? x / e ». Redakteur: E. Frhr. v. Seida. Gedruckt u. verlegt von Joseph Anton Moy, wohnhaft auf dem obern Graben in dem sogenannten Schneidhaus. München, de-n 7. Jan. Ihre königl. Hoheiten der Kronprinz und die Kronprinzessin sind am 5., bon Würzburg kommend/ in hiesiger Residenz eingetroffen. Wien^ den 3. Jan. Der heutige österreichische Beobachter schreibt: Durch den am 10. Dez. (nur einen Tag spater als die letzten'auf außerordentlichem Wege eingelaufenen Nachrichten) von Konstantinopel abgegangenen Posikurier hat man erfahren, daß die brittannien habe 15 Mill. Pf. Stcrl. geboten. Die Abgeordneten von Neuspauien hatten förmlich gegen diese Vorschlage protestirt. Wahrscheinlich wurde dieß Gerücht von Jturbide und seinen AnHangern aus Kriegslist verbreitet, um die Kreolen enger gegen die Spanier während der Feindseligkeiten zu vereinigen. Daubitz bey Nothenburg in Oberlausitz, den 26. Dez. In der gestrigen üten Abendstunde ward hier ein Meteor beobachtet, welches von Südost kam und nach Nordwesi verschwand. Der Barometerstand war bey der Lokalhöhe von 447 Pariser Fuß über der Meeresfläche 26 Zoll 10 Linien, demnach eine Linie über den Punkt erhaben, den gewöhnliche Barometer mit Sturm bezeichnen, und der auf Erdbeben in entfernteren Gegenden schließen läßt. Das Thermometer stand vor derErscheinung des Meteors, auf6 GradNcaum.; nach selbiger, ungefähr 2 Stunden darauf, zeigte es 2 Grad über den Gefrierpunkt. Die gestrige Nacht vom 24. bis zum 25. war sternhell, der heutige Morgen sehr stürmisch und daS Barometer hat bis jetzt einen so niedrigen Stand, daß es sich einige Linien unter Sturm und Erdbeben befindet. Uebrigens herrscht Windstille. Das Thermometer zeigte heute Früh 10 Grad Warme im Schatten, und ist gegenwärtig auf 6 Grad gesunken. Hamburg, den 28. Dez. Nach amtlichen Berichten aus Mallaga vom 5. Dez. hat dort die ansteckend/ Krankheit (die denn doch sehr bösartiger Natur gewesen) gänzlich aufgehört. Die Gesundheitsbehörden haben es bekannt gemacht. Es werden wieder reine Gesundheitspässe gegeben. Die mehrsien der Ausgewanderten find schon in ihre Häufte jurückgekehrt; auch hat der Konsul von Hamburg sein Landhaus wieder verlassen. Aachen, den 24. Dez. ' Gestern ist die von Sr. Majestät dem Könige bestätigte Bulle Sr. Heiligkeit Pius VII. vom 16. Iul. lg2i, die neue Einrichtung der Erzbisthümer und Bis- thümer im preußischen Staate betreffend, in der Domkirche feyerlich verkündigt worden. Frankfurt, den 1. Jan. Die dermal hier versammelte kirchliche Kommission zur Negulirung der Organisation des römisch - katholischen Kultus im protestantischen Deutschland hat nun bereits sieben Plenarsitzungen gehalten, seitdem sie nach Ausfertigung der Bulle des römischen Hofes von Neuem in Thätigkeit getreten ist. Da die letzte Sitzung der frühern Session die 49ste an der Zahl war, so haben im Ganzen nun 56 Sitzungen Statt gehabt, woraus man abnehmen kann, welch eine große Menge von Dingen zu beseitigen war, um diesen wichtigen Gegenstand zum erwünschten Ziels zuführen. Gegenwärtig sind indessen die Verhandlungen so weit gediehen, daA bloL noch einige neue Sitzungen erforderlich seyn dürften, um dieselben zu Eud? ju bringen. Es fehlt nur noch einigen Bevollmächtigten an hinreichenden Instruktionen. Die Kommission hat sich unter Anderm auch mit der Redaktion einer offiziellen deutschen Uebelietzung der originaliter in lateinischer Sprache abgefaßten päpstl. Bulle beschäfftigt, so wie zugleich mit der Redaktion der Begleitungsschriften , mit denen die Bulle von Seiten der betheiligten Regierungen demnächst ihrem vollständigen Jnnhalte nach bekannt gemacht werden wird. Nachher wird dnrch den von dem heiligen Stuhle eu,n kaeultstL sui,stituon Deputirte bey der Wahl gegenwärtig. Das erste Scrucinium gab 77 Stimmen für den Freyherrn von Schrenk, königl. Mi- nisterialrathe, 6z für den von Seuffert, Appellationsgerichtspräsidenten, also eine sehr große Stimmenmehrheit für beyde Individuen, welche bereits die beyden Präsidentenstellen bey der ersten Ständeversammlung bekleideten — sodann 47 Stimmen für den Freyherrn von Weinbach, Appellationsgerichtsvizepräsidenten. Bey dem scenScrutinium 55Stimmen für den Appellationsgerichtsrath vonHofsietten und 50 Stimmen für den Staatsrath Grafen von Preising. Bey dem zten und 4ten Scrutinium fand sich keine absolute Stimmenmehrheit. Bey dem 5ten Scrucinium zeigten sich 52 Stimmen für den Landrichter Häcker. Diesem zunächst stand der Pfarrer Socher mit 24 Stimmen. Diese Wahl liefert einen neuen Bewies von der Eintracht, welche unter den Abgeordneten in der 2ten Kammer herrscht. Die Negierung zeigte bekanntermassen ihre Zufriedenheit mit der ersten Wahl der bey» den Präsidenten. Die zweyte Kammer hat durch die neue Wahl neue Beweise gegeben, wie sehr sie bereit ist, die schöne Harmonie noch mehr zu befestigen, welche zwischen dem Throne und der Nation bereits besteht, wie sie dem Sinne der Negierung frey entgegen tritt, der erste Schritt der zweyten Kammer ist ein Entgenkommen der Wünschen der Regierung, denn alle Individuen erfreuen sich wohl ohne Unterschied eines allgemeinen ausgezeichneten Vertrauens. — Künftigen Montag den 21. wird die Wahl der beyden Sekretäre vor sich gehen. Wien, den 15. Jan. Der österreichische Beobachter giebt folgende, (durch außerordentliche Gelegenheit eingelaufene) Nachrichten aus Konstantinopel vom 29. Dez.: Am 26. dieß Nachmittags ist der königl. französische Herr Botschafter, Marquis de Latour- Maubourg, am Bord einer königl. Gabarre hier angekommen. Am folgenden Tage erhielt er die Besuche des diplomatischen Korps. Gestern ließ er der Pforte seine Ankunft durch den ersten Dollmetsch, Herrn Jouannin, und durch den ersten Botschaftssekretär Herrn Adanson notifiziren. Heute erhielt er den feyerlichen Besuch des Pfortendollmetschs und die bey diesem Anlasse üblichen Geschenke von Seite der hohen Pforte. — Die Pforte hat folgende Nachrichten aus Bagdad erhalten. Die Perser haben alle Feindseligkeiten eingestellt, und der Friede zwischen beyden Nachbarstaaten kann als geschlossen angesehen werden. Diese Anzeige kam durch einen Tatar Hieher, welcher Bagdad nach dem 20. Nov. verlassen hatte. Die persischen Truppen hatten die dieser Stadt zunächst gelegenen Ortschaften wiederholt angegriffen, wurden aber stets von den Truppen des Pascha's mit Verlust zurück geschlagen. Beyde Theile, müde dieses zwecklosen, seit längerer Zeit dauernden Kriegszustandes, nahmen mit Vergnügen die Vermittelung eines Scheichs an, wel» cher von den Türken jener Provinz sehr geachtet wird, und bey Schahsade Moham- med Ali Mirza, Gouverneur von Kermanschah, in hohem Ansehen steht. Eine freundschaftliche, alle Mißhelligkeiten beseitigende Uebereinkunft ward sonach zu Stande gebracht, in Folge welcher die beyden Pascha's der Kurden vorerst nicht von ihren Posten entfernt werden sollen. Abdullah Pascha wird in Sulimanije, und Mahmud Pascha in Koi- Sattschank verbleiben. Keiner derselben kann ohne die gemeinschaftliche Dazwischenkunst des Pascha von Bagdad und des Statthalters von Kermanschah von seinem Posten entfernt, noch abgesetzt werden. Die Perser machten sich verbindlich, das ottomannische Gebiet alsbald zu verlassen, und den auf demselben zugefügten Schaden unverzüglich zu ersetzen. — Spatern Nachrichten zufolge war Mohamed Ali Mirsa erkrankt, und außer Stand gewesen, die Uebereinkunft mit dem Pascha von Bagdad zu unterfertigen; es mußte dieß durch seinen ersten Ministe?bewerkstelligt werden. Dieser Umstand und die ungewöhnliche Eile, mit welcher die persischen Truppen ihren Rückzug ausführten, gewährten dem Gerüchte einigen Glauben, daß der Prinz, welcher als der Urheber und die eigentliche Triebfeder der mit der Pforte ausgebrochenen Feindseligkeiten angesehen wird, wirklich selbst mit Tode abgegangen sey. — Denselben Anzeigen gemäß hat die Seuche, Cnolera.inorKus genannt, in jenen Gegenden sehr um sich gegriffen, und vorzüglich in Schiras heftig gewüthet. Mehr als 7000 Personen, worunter die Mutter und mehrere Kinder nebst vielen andern Angehörigen, Dienern und Sklaven des Schahsade Mohammed Ali Mirsa, wurden in wenig Tagen die Beute dieser pestartigen Krankheit. Auch soll dem Vernehmen nach Herr Nich, der achtbare brittische Resident, welcher früher in Bagdad seinen Wohnsitz hatte, ein Opfer derselben geworden seyn." Am 16. Jan. war hier der Mittelpreis der Staatsschuldverschreibuvgen vom Jahre 1816 zu 5 Prozent in Silbermünze 74 Zs-n der iprvzentigen Obligationen --; der Hoftammer-Obligationen vom Jahre 181s zu 2 is2 Prozent --; der Wiener Stadt - Bank» - Obligationen zu 2 is2 Prozent 35 is2; der Curs auf Augsburg 99 iss Uso; Konventions. M. 250; Bankakcien 646 is2; Nothschildische 100 fl. Loose 112; Partialobl. 94; Zertifikate94. Triest, den s. Jan. Man hatte seit längerer Zeit nichts Neues aus Livadien und Attika erfahren. Die dortigen Gefechte zwischen einzelnen Horden von Barbaren würden wenig Aufmerksamkeit verdienen, wenn sie nicht zur Vollendung des Gemäldes, eines Kampfes, dienten, dessenZwcck immer schön und edel scheint, wenn man auch die Grausamkeit der Kämpfenden mißbilligen muß. Athen und Livadien, die Hauptfestungen des Landes, sind in der Gewalt derTürken, die mit ungefähr 2000 Mann das Land verheeren. Von Theben ist kaum eine Spur mehr vorhanden. Das Kastell von Lcpanto gehört den Türken. Zu Castri allein halten sich dieTrümmer desgrie- chisch-livadischen Heeres noch. Die Insel Kalouri ist der Sammelplatz einiger andern Insurgenten. Die Versuche des Pascha von Negropont, diese Insel einzunehmen, mißglückten bisher, weil sie von einigrn Korsaren beschützt wird, und die Türken durchaus keine Marine haben. — Trotz der Siege des Odysseus besitzen die Griechen in Thessalien keine Plätze von einiger Bedeutung. Ihre Unternehmungen gegen Larissa, welches Kastell von 5000 Türken besetzt ist, hatte keinen Erfolg. Ueberhaupt ist der Krieg hier bloß parzicl, keine Partey hat ein ordentliches Heer, und mehrere griechische und türkische Bezirke haben sich zur Erhaltuug ihrer Neutralität, gegenseitig Geißeln gegeben. Die Neutralen haben indessen viel von den griechischen Guerillas zu leiden, die zuweilen ihre Gebirgsschlupfwinkel verlassen, alle ruhige Ortschaften zerstören, und die Einwohner ermorden. Es ist unmöglich, sich eine Vorstellung des gränzenlosen Elends dieses Landes zu machen. DerHan- del hat gänzlich aufgehört, da keine Sicherheit mehr für die Kaufleute da ist, der Feldbau wird vernachlaßigt, weil es keine Bebaun mehr giebt, und weil Niemantz für Andere arbeiten will. Die ehemals so blühende Gegend des meistens vonGrie- chen bewohnten Stadtchens Pharsa oder Farsa, ist eine ganz unbewohnteWüste geworden. — So lauten die Berichte der Kaufleute, die das Glück hatten, mit Verlust ihres Vermögens, ihr Leben zu retten, und in den Seestädten Italiens Un- ttrstützung bey ihren ehemaligen Handelsfreunden suchen. Von der moldauischen Gränze, den 7. Jan. Das Hauptquartier des Grafen Wittgenstein, welches von Tnlcz'in nach Ki- schenoff verlegt werden sollte, war bis zum 4- dieß noch nicht daselbst eingerückt. Die russische Artillerie svil durch die grundlosen Wege gezwungen worden seyn. Halt zu machen. In Jassy legen die Türken große Magazine an, und verschanzen sich längs dem Pruth. Madrid, den 3. Jan. Am 27. v. M. führte der König im Scaatsrath den Vorsitz. Die Sitznng war sehr lang, die Herren Earvajal und Ballesteros sprachen mit vielem Nachdrucke über die gegenwärtigen Umstände; dem ersteren vorzüglich war es beynahe gelungen, den König zu einem Wechsel der Minister zu bestimmen; allein als Se. Majestät den Staatsrath darum befragten, setzte sich die Mehrheit dagegen, und es ist vor der Hand noch nichts entschieden. — Man vernimmt, daß Se. Majestät mehrere Afrancesados zu Mitgliedern der Akademie der schönen Wissenschaften ernannt haben, was Aufsehen erregt. Man will sogar daraus schließen, daß die Absicht Sr. Majestät dahin gehe, mchrel'en Ministern, die zur Zeit des bekannten Vertrags von Bayonne angestellt waren, das Staatsruder wieder anzuvertrauen. Die Regierung hat am 31. v. M. einen außerordentlichen Kurier erhalten , welcher die Nachrichttzvon einem am 28. zu Murcia ausgebrochenen Volksaufstande überbrachte. Die obersten Behörden der Provinz wurden abgesetzt, und das Volk ernannte den Brigadier D. Gregor Piquaro, Oberst des Infanterie-Regiments Malaga, zum Xefe politico. — Während die Parteyen Spanien in Zwiespalt setzen, und der Bürgerkrieg in allen Provinzen ausbricht, dringt Zwietracht bis in den Schooß der Cortes. Es bildet sich, wenn man den französischen Blättern glauben darf, in demselben eine mächtige und zahlreiche Partey, welche eine Reform der Konstitutionsakte beabsichtigen, und, nach der französischen Verfassungsurkunde, die Errichtung zweyer Kammern verlangen, dem Könige das unbedingte Veto bewilligen, ihm die Initiative der Gesetze zurück geben, und die permanente Deputation aufheben will. — Die Anzahl und Macht der Insurgenten in Navarra vermehrt sich, und ob sie gleich von den Linientruppen oft geschlagen werden, so gelingt es ihnen doch, sich zu organisiren und das ganze Land in Aufruhr zu bringen. Man glaubt, sie durch die Strenge, womit man sie behandelt, zur Ordnung zurück zu führen. Eine einzige Abtheilung hat 36 Priester, welche mit den Waffen in der Hand ergriffen wurden, erschießen lassen. Der Bischof von Pamplona hatte den Generat Laridabal gebeten, diese Diener Gottes, die ein unzeitiger Eifer irre geleitet hätte, mit Menschlichkeit zu behandeln. Der General antwortete, seine Absicht sey, keinem dieser Apostel der Unordnung und Anarchie Pardon zu geben; und wenn er ihnen auch Gnade angedeihen lassen wollte, so würde es ihm unmöglich sey», die Wuth seiner Soldaten im Zaum zu halten. Jrun, den 4. Jan. Briefe aus Bilbao vom gestrigen Datum sagen: Durch zwey Mönche und einen Pfarrer an der Spitze von etwa 100 schlecht bewaffneten Bauern wären wir am 27.V.M. beynahe überfallen worden; unsere Nationalmiliz hielt aber tapfer ^tand, «nd schlug die Empörer zurück, die nach einem Verlust von einem Todten und zwey Verwundeten sich nach Villaro zurück gezogen, wo sich die Insurrektion gebildet hat- tt. Zwey Kompagnien des Regimens Sevilla eilten aus dem Fort St. Sebastian herbey. Sie durchstreifen Biscaya, wo die Insurgenten von allen Seiten fliehen. Der größte Theil soll, wie es heißt, nachHause zurück gekehrt seyn. Die nämlichen Briefe wollen wissen, der Pfarrer Merino sey wieder in der Rioxa an der Spitze einer starken Bande erschienen, welche nicht so leicht auszurotten seyn dürfte/ «ls jene von Navarra und Biscaya. London, den 9.Jan. Nach Briefen, die man hier aus Zante vom 21. Nov. erhalten hat, befindet sich der bekannte Gordoll auf dieser Insel in Quarantäne, und will nach deren Beendigung über Neapel nach England zurück kehren. — Wir haben Briefe aus Thes- falonich vom 24. Nov., welche die Einnahme von Kassandra durch die Türken nach langem und blutigem Gefechte bestätigen. Die Griechen hatten so sehr auf ihre Ueberzahl gerechnet, daß sie eine große Zahl ihrer Frauen und alles ihr Kostbarstes in der Stadt verwahrt hatten. Die Türken haben sich nach Einnahme derselben der graulichsten Ausschweifungen schuldig gemacht. — Das Morning Chronicle sagt, England werde eine Observationseskadre in das mittelländische Meer schicken. Der Kurier hat diese Nachricht nicht widersprochen. Petersburg, den 23. Dez. Der Winter hat sich bey uns noch nickt eingestellt; wir sind am 28. Dez. noch im Herbsie, ein in unserm Klima beynahe unbekanntes Phenomen. Die Verbindungen sind durch diese Unregelmäßigkeit der Jahreszeit sehr gehemmt. — Inder Petersburger Hofzeitung liest man: „Es giebt Personen, die mit Bestimmtheit den baldigen Untergang des türkischen Reichs voraus sagen. Sie betrachten den Einfall der Perser in Armenien als eine Folge größerer Kombinationen. Sie weissagen eine nahe bevorstehende große Bewegung in Egypten, dessen Pascha, wie sie sagen, sich die Königskrone aufsetzen, Palastina und Phönicien wegnehmen , und ein neues R eich der Ptolomäer gründen wird." _ _ Es ist am 19. Dez. 1821 ein mit der Post aus Leipzig an die Herren I. Louis und Comp. in Berlin mit 40 Stück Wiener 100 fl. Loose von der Anleihe von 1820 gerichteter rekommandirter Brief durch einen Unbefugten von dem kdnigl. Postamre zu Berlin avgefodert worden. Die Numern erwähnter Loose sind : Stück 1. Serie 261. Nro.67,689., Stück 29. Serie654. Nro. 169,897. bis mit 169,925., Stück 1. Serie 685. Nro. 178,066., Stück6. Serie 702. Nro. 182,507. bis mit 182,512., Stück z. Serie 750. Nro. 194,745. bis mit 194,747. Es wird Jedermann vor dem Ankauf dieser Loose gewarnt, und demjenigen, der an Herrn Joh. Lorenz Schazler in Augs- burg Auskunf t giebt, eine Belohnung zugesichert. Augsburg, den 18. Jan. 1822. Es werden in einer Messingfabrik 2 Messingdratzieher gesucht. Hiezu taugliche Subjekte können sich melden bey _ Joh. Ferd. Schmid. Da ich vermöge hohen Magi'stratsbeschluß den Dienst als Tauf-, Hochzeir- und Leichensagerin erhalten habe, so gebe ich mir die Ehre, dieses dem hohen Adel und verehrungswürdigen Publikum hiemit bekannt zu machen, und mich zugleich unter Versicherung pünktlicher Bedienung zu geneigtem Zuspruch zu empfehlen. Barbara Albornin Wittwe Lit. A. Nro.6iz. an der Schlossermauer _nächst dem mittlern neuen Gang. Donnerstag den zi. Januar Mittags 11 bis 12 Uhr wird der Laden nebst Woh- «ung Lit. B. Nro. 2. an den Meistbietenden versteigert werden. Sollte aber früher ein Liebhaber den Kauf aus freyer Hand abschließen wollen, so darf man nur deßwegen mit dem Eigenthümer in Unterhandlung treten. _ Vergangenen Freytag als den 18. dieß Monats ist von der Kapuzinergasse, die Hauptstraße herunter bis zum Gogginger Thor ein Brabanter Spitz verloren worden. Der redliche Finder wird ersucht, ihn gegen ein angemessenes Douceur in das Haus «n der St. Anna - Mauer Lit. D. Nro. 242 . zu bringen. ____ Sowohl im Wirthshause zum goldenen Adler in der untern Stadt, als auch auf dem Obsimarkc sind sehr gute, gedörrte, schwarze Würtemberger Kirschen das Pfund zu 16kr. zu verkaufen. Beylage. Beylage zu der Augsburgischen Ordinari Postzeitung. Den 22. Jan. 1822. Nro. 19. (Bekanntmachung.) Bon unterzeichnetem Amte werden om 4. Febr. d. I. 54 Schäffel Roggen, y« Schäffel 5 Mätzen Feesen,i5Z Schüssel 1 Mätz. 2 V. Haber an den Meistbietenden verkauft. Die Früchte, welche zum Theil auf dem Boden zu Pfaffenhausen, zum Theil auf dem Schloßboden zu Mindelheim liegen, sind aus den Vorjahren und sehr gut kvnservirt. Mindelheim, den 12. Jan. 1822. Kon. Rentamt. ___ Bauer, Rentbeamter. Von dem unterzeichneten Amte werden am Mittwoch den 6. Februar l. I. Vor« mittags von 9 bis 12 Uhr 10 Pfundgehechelter und y Zentner 74 Pfund ungehechelter Flachs von der Aernre 1821 in einzelnen Parthien, oder im Ganzen, lal vs r-nikca- «ions an die Meistbietenden versteigert, wozu man Liebhaber einladet. Oberdorf, den «.Ja n. 182 2. Kdnigl. Rentamt. __Weinrich, Rentbeamter. ( Bekanntmachung.) Da durch den Tod des Herrn Franz Schmid die Stelle eines Musikdirektors und ersten Violinisten auf dem Chor der hiesigen Pfarrkirche in Erledigung gekommen ist, so werden inFolge hohen kais. kdn. kreisamtlichen Dekret vom 25. vorigen Monats Nro. 9550/1206 Geistl. alle jene, welche um diese Stelle zu kom, vetireu gedenken, aufgefordert, ihre Gesuche postfrey bis längstens 12. Hornung d. I. bey den hiesigen pr. Stadtmagistrate einzustellen, und zugleich erinnert, daß die Bitt« gesuche mit den gehörigen Zeugnissen über ihre theoretische, und vorzüglich praktische Kunstkeunrnisse als Direktor, und erster Violinist, wie auch allfällige Fähigkeit im Singen Unterricht geben zu können, dann über ihre deutsche Sprachkenntniß, ihre Moralität, Alter und Stande belegt seyn müssen. Mit dieser Stelle ist nebst den bey« läusig 40 fl. betragenden Kirchen - Accidentien die jährliche fire Besoldung von 400 fl» R. W. verbunden. Vom pr. Stadtmagistrar Botzen, den ro. Jan. 1822. __Peter v. May rl, p r. Bürgermeister. (Verkaufs - Bekanntmachung.) Von kdnigl. Landgerichts wegen. Nach dem Antrage der Dietrichischen Kreditoren muß das zur Sr. Antons -Pfründte in Augsburg gründ» und bestandbare Hofgut des verstorbenen Bauern, Peter Dietrich von Roß» Häupten, bestehend in einem gemauerter! Wohnhause Nro. v. mit Stallnng unter einem Dache; einem abgesondert stehenden Staocl, einem beym Hause sich befindlichen Garten von 1 i/4tel Tagwerk, da», n 26 Jauct). hieM gehöriger Accker, 2 5/8tcl Tagw. Mäder, nebst,)8relTagw. eigenen Wiesfleckel, einer wiederholten Versteigerung ir» loco Roßhaupten ausgesetzt werden. Hiezu bestimmt man nun Termin auf Montag den 4. Febr. heurigen Jahrs, an dem sich die allenfallsigen Kaufslustigen vor der am gedachten Tage im Wirthshause zu Roßhaupten eintreffenden Landgerichtskvm- misswn eivfinden, und vorbehaltlich kreditorschafrlicher Genehmigung ihre Kaufsanträge zu Protokoll erklären wollen. Burgau, den 7. Jan. 1822. Kdnigl. baier. Landgenchr. Gebharo, Landrichter. — Ketterl. (Verkaufs - Bekanntmachung.) Die Solde des Alops Mairle von Wartlstetten, bestellend in Haus und Stadel an einander, dann Gcmeindenntzen, kommt im Ere» kutiv^ege zum Verkauf. Es werden daher Kaüfsliebhaber eingeladen, Donnerstag den 7. Febr. laufenden Jahrs sich in dissseitiger Kanzley bis Frühe 9 Uhr einzufinden. Auswärtige aber haben auch Vermdgeus, und Leumunds Zeugnisse beyzubringen. Wertingen, den 7. Jan. 1x22. Kon. baier. Landgericht, v. Rheinl, Landrichter. < Ediktal-Vorladung ) Simpert Ämann, lediger Bauerssohn von Bellcnberg dieß Gerichts , befindet sich schon seit 2 1/2 Jahre unbekarnr wo auf Fuhrwerk abw»» send. Da nun gegen denselben von Karl Warmann zu Mürenberg am Main hierorts eine Schuldige von 2^6fl. izkr. angebracht worden, so wird derselbe hiemit aufge» fordert, sich hinnen einem Termin von 6 Monaten vom Tage her Einrückung dieß z» Beantwortung der Klage hierorts um so gewisser zu stellen, als nach Umfluß dieses Termins gegen ibn rechtlicher Ordnung nach in Lontumaciain verfahren werden würde. Jllerrissen,. den 29. Dez. 1821. Kon. baier. Landgerickr. Merklin, La ndrichter. ( Vorladung ^) Friedrich HaaS, 1765 zu Gleußen geboren, hat sich schon über 40 Jahre von seinem Geburtsorte entfernt, ohne seit dieser Zeit über seinen Aufenthalt Nachricht zu geben. Derselbe oder dessen allenfallsige Leibeserbcn werden hie« durch öffentlich vorgeladen, binnen einem halben Jahr und zwar längstens bis zum 8. Juli dieß Jahrs um so gewisser sich zu melden, uud das in 1204 fl. 2 kr. bestehende Vermögen in Empfang zu nehmen, alsaußsrdessen dasselbe den nächsten Verwandten gegen Kaution überlassen werden würde. Seßlach, im Obermainkreise des Königreichs Baieru, den 8. Jan. r8-». Kdnigl. Landgericht. Pauer, Landrichter. — Braun. (Bekanntmachung.) Andreas und Johann Llmmer, 1755 und 1758 zu Rar- telsdorf geboren, sind schon über 42 Jahre abwesend, ohne seither von ihrem Aufenthalte Nachricht zu geben. Auf Antrag der Verwandten werden dieselbe oder ihre allenfallsige Leibeserben hiemit öffentlich vorgeladen, um so gewisser sich binnen einem Halden Jahr, und zwar längstens bis zum 8- Juli dieß Jahrs bey unterzeichnetem Gerichte zu melden, und ihr in 1547 fl. 46 1/2 kr. bestehendes und unter Kuratel befindliches Vermögen in Empfang zu nehmen, als nach Verfluß solches an die nächste Verwandte gegen Kaution ausgefolgt werden würde. Seßlach, den 8. Jan. 1822. Kdnigl. baier. Landgeri cht. ___ Pauer, Landrichter. ' (Bekanntmachung.) Xaver Fischer von Schwabmünchen, gewesener Rentamtsschreiber dahier, ist ohne eine testamentarische Disposition über sein Vermögen gestorben. Da keine gesetzliche Erben bekannt sind, werden hiedurch alle, welche sich als solche ausweisen können, hiemit aufgefodert, binnen 6 Monate a Dato sich hier, orrs um die Erbschaft zu melden, da widrtgens selbe gesetzlicher Ordnung nach dem Staate heimfäilig würde. Zugleich aber fodert man auch alle hiedurch auf, welche an diesen Fischer eine Foderung machen können, selbe bis Dienstag den 5. Febr. dieß Jahrs vor hiesigem Landgerichte zu liquidiren, da sie widrigens von dieser Mass» ausgeschlossen würden. Schwabmünchen, den 12. Jan. 1822. Kdnigl. Landgericht. __v. Braunmühl, Landrichter. (Verschollenheitö- Erklärung.) Da sich ans die Vorladung vom z. Febr. 18ü, welches in die Beylagen zur Augsburgischen Ordinär! - Postzeitung vom 27. Febr., 8. März und 5. April, Nro. 50., 58. und 82., eingerückt worden ist, wedereiner von c>en Brüdern Lorenz und Georg Neirmaier von hier, noch Abkömmlinge verselben im ihr Vermögen gemeldet haben, so werden diese Brüder andurch als verschollen erklärt, und ihrVermdgen wird an ihre nächste Verwandte gegen Kaution hinaus gegeben werden. Niederraunau, den 7. Jan. 1822. Freyherr!, von Freybergisches Patrimonial. Gericht.___Gu mbing er, Parrimo nialrich ter. (Bekanntmachung.) Auf wiederholten Antrag der Kreditoren wird das Katharina Heisische Gantanwesen zu Goggers dieß Gerichts vorbehaltlich der Genehmigung der Glaubiger nochmals zum Verkaufe ausgeschrieben. Hinsichtlich seiner Bestand, theile wird sich auf die frühere Ausschreibung vom z. April v. I. (Beylage zur AugS, burger Moyschen Zeitung Nro. 88- cls Dato 12. April 1821) bezogen, und zur Versteigerung selbst der y. Febr. l. I. vvnVormittags y bis 12 Uhr bestimmt, wo Kaufs, tiebhaber ihre Anbote in diesseitiger Gerichtskauzley zn Protokoll geben können. Unbekannte Käufer haben sich über Leumuth und Vermögen auszuweisen. Friedberg, den 8- Jan. 1822. Kdni gl baier. L and gericht. __v. G tmmi, Landrichter. (Bekanntmachung.) Balthasar Nußbaum, Bürger in Gundelfingen, hat gemäß der lud dato Koäivrno ausgestellten Obligation sä 1000 fl. auf seine Wechfel- fähtgkeit Verzicht geleistet, welches hiemit zur öffentlichen Kenntniß gebracht wird. Lauingen, d en 14. Jan. 1822. K. b. Landgericht Lauingen. _ v. Ott, Landr. (Bekanntmachung. Waldverkauft) Zufolge höchsten Regierungs - Befehl No.54.5z. wird den 12. Febr. laufenden Jahrs die in dem Reviers, Bezirk Eurasburg unweit Bmgger und Freienried gelegene Kamera!» Waldparzelle, Waidel genannt, nach den bey den Staats, Realitäten-Verkäufen bestehenden Normen öffentlich entweder im Ganzen von 24 Tag^. 150 Qr. Rüchen, oder theilweise verkauft. Kaufslustige werden daher eiügeladen, an dem festgesctzlenTag Früh 9 Uhr im Wirthshaus? zu Har, gertswies-n, als ocm zum Verkaufe gewählten Lokale, sich elnznfinden, und ihre An» gebore zu Prorvkcll zu geben. Zugleich wird bemerkt, daß der ton. Forsiwart Scherr zu Bruggec angewiesen ist, den Kaufslustigen genannte Kameral» Waldparzelle ge, nau anzuzeigen. Friedberg, den 15. Jan. 1822. Königliches Nent- und Forstamr zu Friedbe^g. Direnberger, Rentbeamt er. We yma r, Oberfö rster. (Auffvderung.) Alle diejenigen, welche während der Amttrung des verstorbenen kdnigl. Landrichters Pisot in Jngolstadt zu den Kuratel- oder Judizial, Massen des königj. Landgerichts Jngolstadt Gelder erlegt haben, und auf die in der Depositen- kaffa des erwähnten Landgerichts vorhandenen Gelder noch rechtliche Ansprüche machen zu können glauben, werden hiemit aufgefoderr, ihre Federungen bey der von Seite des unterzeichneten Gerichtshofes zur Reinstellnng des Devosiroriums des kdn. Landgerichts Jngolstadt abgeordnet werdenden Kommission, welche das Geschäfte Montags den n. Febr. 1822 in Jngolstadt beginnen, und dann ohne Unrerbrnch fort,' setzen wird, binnen längstens 6 Wochen geltend zu machen, und zugleich die Depvsi, tionsscheine, oder andere Behelfe mitzubringen, worauf sie ihre Foderungen gründen. Amberg, den 4. Jan. 1822. Kdnigl. Appellationsgericht deS Regenkreises. v. Weber, kdn. Präsid ent. — Sedlmay r, Sekretär. ( Verpachtung.) Von kommenden Georgi an, nämlich vom 24. April 1822 anfangend, werden nachstehende Oetonomie-Güter auf mehrere Jahre mit einander verpachtet, als: ^. Das Hofgebäude Gumppeuberg, i/4tel Stunde von PöttmeS entfernt, mit ss. einer bedeutenden Schäferey, KK. 24 i/4tel Morgen Gärten, cc. 58 Morgen zwey - und einmahdigen Wiesen, und ää. 142 ?/8tel Morgen Aecker, dann v. Das Hofgebäude Sedelbrun, 1/2 «stunde vonPöttmes entlegen, mit es. einer ebenfalls bedeutenden Schäferey, 55. z r/4tel Morgen Gärten, ^Z. 135 Morgen zwey- und imähdige Wiesen, dir. m Morgen Aecker. Zusammen 474 z/8tel Morgen. Pachtliebhaber können demnach von nun an über das Weitere hier bey der freyherrlich von Gumppenbergischen hohen Vormundschaft sich Aufklärung stündlich, und sohln bey Zei, ten erholen. Pdttmes, den 15. Dez. 1821. Das freyherrlich v. Gumppenbergische Parrimvnial gericht I.Klasse Pottm es.__ Scherte!, Patrimvnialrichter. (Bekanntmachung.) Heinrich Engelbert Counet, Sekretär Ihrer königlichen Hoheit der verwittweten Frau Herzogin» Amalia vonPfalzzweybrücken, und in solcher Eigenschaft alsSekretär schon seit mehr als 18 Jahr dahier angestellt gewesen, ist un« herm 27. Aug. vor. Jahres in einem Alter von 71 Jahren, ledigen Standes, und ohne Hinterlassung einer letztwilligen Disposition verstorben, während auch unter desselben nachgelassenen Schriften sich über seine verwandtschaftliche Verhältnisse nicht der mindeste Aufschluß vorfand, und man dießfalls nur so viel in Erfahrung brachte, daß er aus Trier gebürtig sey; von daher aber die amtliche Nachricht einlief, daß noch Enkeln einer Schwester desselben in Saarburg sich befinden sollen, und auf seine Erbschaft Anspruch zu machen im Begriffe stehen, ohne sich jedoch bisher selbst dabier angemeldet, oder des Näheren ausgewiesen zu haben. Es werden daher alle diejenigen, welche auf den in Baarschaft, Pratiosen, und andern Effekten an Geld - und Schä. tzungswerth die Summe von 3344 fl. 10 kr. betragenden Nachlaß desselben, ErbschaftS- vder sonstige Ansprüche zu machen gedenken, hiemit unter der Bemerkung, daß außer den bereits bestrittenen Knr- und Letchenkdstendießorts keine Passivschulden des Ver, storbenen angemeldet, oder bekannt sind, aufgefoderr, sich innerhalb z Monaten, von gegenwärtiger Bekanntmachung an, um so mehr bey Nnrerzeichnerem Am» te zu melden, und die nöthigen Nachweise beyzubringen, als nach Verlauf jenes Termines, um das vom Sekretär Counet in der hiesigen Residenz bewohnt gewesene Lokale zu räumen, und einen großen Theil der Effekten vor alleufallsiger durch zu langes Verspertseyn zu befürchtender Verderbensgefahr zusichern, man ohne weitere mit der öffentlichen Versteigerung fürschrelten, und hinsichtlich des Nachlasses überhaupt Saö Weitere rechtlich verfügen würde, inzwischen aber gleich bey der Reseration und Auventur den Kiesigen königlichen Advokaten Dr. Carl als Anwalt für die unbekannten Jntestat - Erben ex oKiciv aufgestellt habe. Signatur» Neuburg an der Dona», den 10. Jan. 1822. Kdnigl. Landgericht Neuburg. __ Karl TbeodorBeck, Landrichter. (Bekanntmachung, Verkauf oder Verpachtung derZiegelbrennerey am Prugger betreffend.) Da sich bey der auf den 17. vorige« Monats und Jahrs zum Verkaufe »der Verpachtung der dem katholischen Studienfond dahier gehörigen, in der Moy- schen Zeitung Nro. 285., dann in dem Lokalintelligenzblatte Nro. yz., beschriebenen Ziegelbrennerey am Prugger bey EuraSburg angesetzten Tagöfahrt weder ein annehmbarer Kaufer noch Pächter eingefunden hat, so wird zum nämlichen Behufe Montag der 28. des gegenwärtigen Monats festgesetzt. Kaufs - und Pachtliebhaber werden daher eingeladen, am besagten Tage in dem Geschäfftslokale des Stifrungspflegers Philipp Schmid im Hintergebäude des Rathhauses dahier Früh y Uhr zu erscheinen und ihre Anbote zum Protokoll zu geben. Angsburg, den 12. Januar 1822. Magistrat der kdn. Stadt Augsburg. Der I. Bürgermeister v. Caspar — Lanius, Sekr. (Bekanntmachung.) Unterzeichneter gedenkt seine in der kaiserl. kdnigl. landesfürstlichen Gränzstadt Scheerding arn Jun besitzende, mitten am Hauprplatz entlegene, mit Nro, ly. bezeichnete, sgädig gut erbaute, und mir einer großen Stallung versehene Behausung sammt der hierauf radizirren reelen Weingaftgebs- und eben solcher Wierschanksgerechrtgkeit, dann einem rückwärts des Hauses befindlichen Obstgarten, worinn sich ein Sommerhaus und einem Budelkegelstatt befindet, aus freyer Hand zu verkaufen. Dieses Haus sammt Gerechtigkeiten kann mit oder ohne Zimmer, und Hauseinrichtungen, mir oder ohne Weiniager, und dann in 200 Eymern bestehenden leereu Weinfässer» mir eisernen Banden, und aufsjo Eymer eiserne Reis erkauft werden. Herren Kanföliebhaber belieben sich an Unterzeichneten zu wenden, und mir selben bis auf gerichtliche Ratifikation den Kauf abzuschließen. Uebngens wird noch erinnert, daß, da auj diesem gesammt Vermögen keine Schulden basten, eine dem Kauf angemessene Summe gegen erster Hypothek und gewohnlicher Verzinsung liegen gelassen «vird. Scheerding , den 8 Jan. 1822 Fr. Michael.Kirchbäck, Wein gastaeb allda. ( Lirerarische Anzeige.) In Unterzeichneter Buchhandlung erscheint nächstens: 1^. dascil. I^actsutius von dem Ende der Christcnvcrfolger, eine deutsche, mehr Bearbeitung, alsUebersetzung, mit kritischen und erklärendenAnmerkungen. Ein Buch, das von den Gelehrten einstimmig an Werth dem Gold gleich geschätzt wird, «nd von allgemeinem, besonders aber jetzt höchstem Interesse ist. Es giebt nicht nur allein die Triebfedern jener großen Christenverfolgimg, die unter I^ctsiniug Augen auebrachen, und anderer großer politischer Ereignisse und Veränderungen jener Zeit äu, die ohne dasselbe stets unbekannt geblieben wären, sondern zeigt auch die wundcrba, ren Wege der gdrttlichen Vorsehung und Gerechtigkeit auf eine das Gemüth tief ergreifende Art, und ist überhaupt ein Spiegel für Jedermann. Landshnt, im Jan. 1822. _. _ Webersche Buchhandlung. Die mit immer wachsenden Beyfall« in München erscheinende Unterhaltmigs- schrifr, Flora betitelt, wird auch im laufenden Jahre wieder fortgesetzt; Original- Aufsätze zur Unterhaltung und Belehrung; die Früchte einer ausgebreiteten Lektüre, Feste, Feyerlichkeiren, Korrespondenz-Nachrichten, Theater-, Musik- und Mode, berichte :c., welche letztere von nun an regelmäßig alle 14 Tage geliefert werden, machen, wie bisher, den Jnnhalt dieser Zeitschrift aus. Auch ist für die Zeit der bevorstehenden Srandeversammiung Sorge gcrragen, daß den Lesern der Flora das Wichtigste dieser Verhandlungen in möglichster Schnelle geliefert wird. — Das halbjährige Abonnement beträgt in t»co München nur z Gulden. Der Preis erhöht sich im Verhältniß der Entfernung. Die Bestellungen geschehen bey allen löbliche» Postämtern; die Hauptspedition hat die ton Ober Postamts-Ieitungs- Expedition in München übernommen. Man darf die Flora zu den wohlfeilsten Schriften dieser Art zählen, indem in der Woche 4 Nummern und 1 Anzeigeblatt erscheinen. Monatliche Bestellungen übernimmt die Lenlnersche Buchhandlung in München, so wie zede andere solide Buchhandlung. Die Redaktion der Zeitschrift Flora in München. Nro. 2o> Mittwoch, den 2?. Jan. Anno 1812» IlugsburgischeOrdinariPostzeitung Von Staats, gelehrten, historisch- u. ökonomischen Neuigkeiten. Mir allerhöchsten ?'v/ e ^ e». Redaktenr : E. Frhr.-v. Setda. Gedruckt N.verlegt von Joseph AntouMyy, wohnhaft auf dem obern Graben in dem sogenannten Schneidhaus. München, den 21. Jan. Se. Majestät der König hat unter den zu Präsidenten der Kammer derAbgs-- »rdneten vorgeschlagenen 6 Mitgliedern den Ministerialrath, Freyherrn von Schrenk jum ersten, und den Staatsrath und Avpellativnsgsrichts. Präsidenten vvn Senffert zum zweyten Präsidenten ernannt. Die Kammer hat heute Früh zu ihrem ersten Sekretär für die Dauer.dieser Sitzung den Abgeordneten Hacker mit 78 Stimmen, und zum zweyten den Abgeordneten Schulz mit 53 Stimme« gewählt. Uebermorgen werde» die Wahlen zu des Ausschüssen beginnen. — In der Kammer der Reichsräthe sind die meisten Stimmen unter den drey zur Stelle des zweyten Präsidenten vorgeschlagenen Mitgliedern derselben, anfdeu Fürsten von Oettingen- Wallsrstein gefallen, »nd zu Sekretäre» die Grafen von Leyden und von Giech gewählt worden. Augsburg, den 22. Jan. Nachdem durch eine königl. allerhöchste Entschließung vom 10. dieß das Ergebniß' der wiederholten Ersatzwahl für die hiesigen Magisiratsstellen genehmigt worden, so hatte heute Vormittags um 10 Uhr in dem großen Saale des Rathauses die feyerlcchs Einweisung und Verpflichtung des als erster» Bürgermeisters bestätigten, bisherigen königl-Regicrungsassessors, Herrn Barth, und der übrigen neuerwählten Magistratspersoncn, so wie die Eidesleistung der neuerwählten Ge- mei!Ä?eb«vollmächtigtcn Statt. Der königl. Her-r Wahlkommissär sowohl, als der angehende erste Herr Bürgermeister hielten bey dieser Handlung, deren Festlichkeit Augsburgs Bewohner durch eine sehr zahlreiche Gegenwart erhöheten, angemessene Reden. So möge denn unserer Stadt Wohlfahrt durch den stets wachen Blick der magistratischen Sorgfalt, und durch eine umsichtige und einträchtige Verwaltung je mehr und mehr empor blühen! Der abgehende erste Bürgermeister von Caspar, welcher die Stelle eines solchen nur für die ersten 3 Jahre übernahm, so wie die mit ihm zugleich ausrretenden Magistratsräthe, Dr. Geist, Deuringer, Frommel, Hederer und Wagner nehmen den Dank und die Achtung aller derjenigen mit sich, welche unbefangen das Schwierige ihrer Stellung beurtheilten, und den regen Sinn für das allgemeine und der Stadt Beste, die Einsicht, Rechtlichkeit und nnermüdete Thätigkeit dieser Männer zu kennen Gelegenheit hatten. Wien, den 15. Jan. Gestern wurde hier die Generalversammlung der Staatsbank gehalten, wobey auch der Bankier Moriz v. Bethmann aus Frankfurt' a. M. zugegen war. Der Dividend des zweyten Semesters 1821 warf sich für jede Aktie auf 11 fl. kurrent, oder 13 st. 12 kr. rhl. aus, so da? jede Aktie, mit Inbegriff des Dividenden des «.rsten Semesters zu 3 fl. kurrent und des Interesse zu 30 st. kurrent, im verflossenen Jahre 4yfl. kurrent ertrug. JmganzenJahreHerdiente diese Bank 3,061,000 fl. kurrent, woran nach Abzug der Unkosten und der Zurückläge in den Neservefoud 2,055,000 fl. kmrent zur Vertheilung kamen. Voriges Jahr stand eine solche Aktie in 530 fl. kurrent, und n»N sieht pe über 63vfl. Ein Beweis, wie vortheilhaft eine solche Staatsbank sowohl für den Staat als für das handelnde Publikum isi, daS dadurch Gelegenheit hat, seine Gelder leicht umzusetzen. Odessa, den 2. Jan. Die von Konstantinvpel gekommene Nachricht von Einstellung der Feindseligkeiten zwischen den Persern und Türken macht hier außerordentliche Sensation, und dürfte auch in Petersburg Aufmerksamkeit erregen. Ohne Zweifel haben die englischen Agenten in Pcrsicn alles Mögliche gethan, um dieses Ziel zu erreichen. Am meisten bedauert man das in Folge dieser Umstände, vielleicht selbst von seinem Vater, beschlossene, und wie einige Briefe wissen wollen, bereits erfolgte tragische Ende des persischen Prinzen Muhamed Ali Mirs., Kerman-schah, eigentlichen Thronfolgers von Persien, den aber sein Vater durch einen Machtspruch von der Succession ausgeschlossen hatte. Dieser hoffnungsvolle Prinz soll plötzlich in seinem Lager tod gefunden worden seyn, und hierauf die Perser, nach Abschluß eines Vertrags, eilig ihren Rückzug angetreten haben. -Da der Schah von Psrsien das Benehmen seines Sohnes langst mißbilligt hatte, so waren diese Zwisiigkeiten natürlich beygelegt, und zugleich für die Zukunft ein machtiger Prätendent an die Krone Pcrsiens auf ewig zum Schweigen gebracht. Es heißt, seine Mutter und seine männliche Nachkommenschaft seyen ebenfalls auf unbegreifliche Art in seinem bey Schiras gelegenem Harem rimgekommen. So vereinigen sich zu Gnnsten der Türken alle nur erdenklichen Ereignisse, und es ist daher kein Wunder, daß der Muselmann die Christen nur immer mehr verachtet, und sich für ein auserwähltes Volk hält! Er glaubt in seinem Nedermuthe, alle Christen seyen nur zu seinem Dienste auf der Welt. Die hier befindlichen griechischen-Ausgewanderte» sind durch, diese Ereignisse sehr gebeugt, wozu die Ankunft des französischen Botschafters, Latour-Mau- bourg, in Konstantinvpel, den sie als einen neuen Associe der Pforte ansehe.«, auch etwas beyträgt. Von der Donau, den 14. Jan. Nachrichten aus Widdin zufolge hat die Bewaffnung der Türken in Bosnien einige Unordnungen hervor gebracht; übrigens isi diese Provinz ruhig. Bey der letzten Einnahme von Kassandra durch die Türken (das sie aber bald darauf wieder verloren) eroberten dieselben nur 2 Kanonen und machten 200 Gefangene, die sogleich geköpft wurden. In Salomchi herrscht anscheinend Ruhe. Die Ruhestörer werden streng bestraft. Turin, den Z.Jan. Das Syndikat von Genua macht bekannt, daß zufolge eines Reglements des Divisions-Kommandanten alle in Genua wohnenden Offiziere und Adelichcn sich Sinnen 5 Tagen zu einem deßhalb eröffneten Protokolle erklären müssen, ob sie gesinnt seyen, sich gemäß des ßönigl. Edikts vom n.Dez. znr Eidesleistung nach Turin zu begeben. Im Entstehungsfalle haben sie ihre Entschuldigungsgründe schriftlich vorzulegen, welche alsdann der Generalkommandant der höchsten Entscheidung vorlegen wird. — Der nämliche Sturm, der bey uns so große Schäden nnd Verwüstungen anrichtete, hat auch an den Küsten der Normandie seine verheerenden Wirkungen geäußert. Das schlimme Wetter nahm dort am 21. Abends seinen Anfang, und am 25. war die ganze dortige Küsiengegend mit Schiffstrümmern, Waare» und Leichnamen bedeckt. Ans denHäven vonHavre, Fekamp, St.Ma- lo, Calais, Brest :c. laufen mit jedem Augenblicke Trauernachrichten ein. Rom, den 5. Jan. Mit Billeten des Staatssekretariats wurden die Kardinäle Galetti, Castig- tiolli, de Gregorio und Nivarola zu Mitgliedern der Kongregation der Ablässe und der Reliquien, u»d Monsig. Peter Marini zum Mitgliede der Kongregation der Peterskirche ernannt. — Am 27. Dez. brachen aus dem Kerker zu Vetralla acht theils zur lebenslänglichen, theils zur zeitlichen Galeerensirafe verurtheilte Ver- b?echer aus, eS wurden aber durch die Thätigkeit der PoUzeybehvrden und der Ka rabiniere schon am 31. in einem landlichen Wohnhause sechs derselben verhaftet , und wieder in ihr Gefängniß zurück geliefert. Havannah, den 28. Nov. Verschiedene Personen von Stand find von Mexiko hier angekommen, un» haben eine betrachtliche Menge Gold und Juwelen mit sich gebracht. Sie flohen darum ans Mexiko, weil sie glaubten, die Unabhängigen würden sie mißhandeln, und sie ihrer Habe berauben. Die Nachricht, die sie mitgebracht haben, ist von einiger Wichtigkeit, nämlich, daß das ganze Negierungssystem von den Patrioten ohne alles Blutvergießen eingeführt sey, und daß die Präsidenten der verschiedenen Departements ihre Stellen angetreten hätten. Unter diesen befanden sich auch einige, die unter der altspanischen Negierung in einer gleichen Anstellung geoient, sich aber jetzt mit den Freyheitsfreunden bereinigt hätten, indem sie wohl einsahen, daß Widerstand ganz zwecklos sey. — kaut Nachrichten aus Peru hatte» sich die Forts von Callao der chilischen Armee am 15. August noch nicht ergeben, und da General San Martin kein unnützes Blut zu vergießen wünschte, so hatte «r zwar der Stadt das Wasser abschneiden, aber sie noch nicht angreifen lassen. Barcellona, den 2. Jan. Barcelona hat am 30. Dez. seine Unabhängigkeit proklamirt. General Villa-- Campa versuchte vergebens sich dieser Veränderung zu widersetzen; er wendete sich an jedes Regiment besonders, um sie zum Gehorsam zurück zu führen; allein alle antworteten ihm mit dem Ausruf: Es lebe die Konstitution! Nieder mit den Ministern. Dieser General hat hierauf Barcellona verlassen. Der Aufstand wurde von dem Oberst Costa, Kommandant der Nationalgarde geleitet, der während der ganzen Zeit, wo Barcellona von der epidemischen Krankheit verwüstet wurde, die Ordnung und Ruhe aufrecht erhielt. Für Catalonien ist eine Aushebung vo« 30,000 Mann beschlossen worden. Spanische Gränze, den 9. Jan. Die schnelle Aufhebung des Gesundheitskordons und die übereilte Rückkehr der Einwohner nach Barcellona scheint diese Stadt mit einem wiederholten Angriff des gelben Fiebers zu bedrohen. Wenn die seit einigen Tagen eingetretene Kälte de» Fortschritten der Irankheit nicht Einhalt thut, so müssen wahrscheinlich die Einwohner Barcellona wieder verlassen. — Seit einiger Zeit waren zwischen Spanien und den unabhängigen südamerikanischen Staaten friedliche Unterhandlungen eingeleitet, und, dem Vernehmen nach, soll man im Begriff seyn, einen Vertrag abzuschließen. Brüssel, den 14. Jan. Die Grafin Survillers (vormalige Königin von Spanien und Gattin Joseph Bonaparte's) ist mit ihrer ältern Tochter hier eingetroffen, wo fich auch jetzt ihre Schwester, die Königin von Schweden und Norwegen, befindet. Es wird in hiesiger Stadt die Vermählungsfeyer zwischen der ältern Tochter Joseph Bonaparte's und einem von Rom hier ebenfalls angekommenen Sohne Lucian Bonaparte's Statt finden. Die jüngere Tochter der Gräfin Survillers ist nach den vereinigten Staaten von Amerika abgereist, wo sie sich in Zukunft bey ihrem Vater aufhalten wird. Joseph Bonaparte hat keine andern Kinder, als diese beyden Töchter, mithin ist die in öffentlichen Blättern, und namentlich in einem Korrespondenzartikel aus Rom in der allgemeinen Zeitung mitgetheilte Nachricht, als sey die Vermählung eineS Sohnes Joseph Bonaparte's mit einer Tochter Lucian Bonaparte's im Werke, unrichtig und auf diese Art zu berichtigen. Wie es heißt, wird sich der ältere Sohn Lucian Bonapartes, nach seiner Vermählung mit der altern Tochter Joseph Bonaparte's, mit dieser ebenfalls nach Amerika begeben, und dort bey seinem Oheim seinen künftigen Wohnsitz nehmen. Schweizer Gränze, den 15-Jan. Mit den kirchlichen Angelegenheiten unserer östlichen Kantone ist es noch immer beym Alten; die deßhalb schon so langer Zeit angeknüpften Unterhandlungen mit dem päpstlichen Hof haben bis jetzt keinen Fortgang gehabt, und es scheint auch nicht, daß sie so bald zu Ende kommen werden. Einstweilen dauert der provisorische Zustand in diesen Dingen fort. Kurzgefaßte Nachrichten. Bey der zweyten Kammer der baierischcn Stande betragt die Anzahl der Deputaten 116. Jeder derselben hat des Tages 5 fl. Diäten; hiemit bettagen die .Diäten von der zweyten Kammer für jeden Tag 53o fl. und für einen Monat von zo Tagen 17,400 fl. Bey der ersten Ständeversammlung in Baiern haben diese Diäten sich auf eine Summe von izi bis 132,000 fl. belaufen. — AufHerrn Marchand, dem ehemaligen Redakteur des kurz nach seinem Erscheinen wieder verschwundenen „Elsaßer Patrioten" scheint ein Verdacht der Theilnahme an der Verschwörung in Belfort gelastet zu haben. Am 12. Jan. wurde eine Haussuchung bey ihm vorgenommen, bey welcher sich jedoch nichts Verdachtiges fand. (Bekanntmachung.) Das Kupferschmied Konrad Grubersche Gamanwesen in Füßen, bestehend in Haus, Stadel, Stallung, Werkstatte Nro. 12z. auf dem Brodmarkt, Gemeindenutzungen und Antheil an den noch unvertheilten Gemeindegründen, wird zum Dritten - und Letztenmal Freytag den i.Febr. d. 1.8al va rstikc-njone crv- üitoruiN öffentlich versteigert, wobey sich fremde Kaufslicbhaber mit Vermbgens- «nd Leumuthszeugnissen auszuweisen haben. Fußen, den 12. Jan. 1822. K. d. Landgericht.__v. Vok , Lan drichter. An die verehrliche Mitglieder der Harmoniegeselischaft. Zur Feyer des Namensfesteö Ihrer Majestät derKdnigin ist Montag den 28. dieß lich vertheilt worden. Das zu näherer Belehrung der Einlagen besonders abgedruckte Regulativ über den G?schafftsgang, so wie über die Jinsenberechnung, wird jedem Qnittungsbüchlein vorgebunden, und den Einlegern ebenfalls unentgeldlich behändiget »erden. Denjenigen, welche noch außerdem ein oder mehrere Eremplare der Bekanntmachung sowohl, als des Regulativs zu erhalten wünschen, belieben Beydes zusammen geheftet gegen Vergütung von z kr. zum Besten der Armen bey den Armenpflegrärhen, Herren Baumer Lit.D. Nro.277., Ottmann Lir. E. Nro. 18-, Wilhelm Lit. G. Äro.yo. und bey dem endesgenannten Kassier abholen zu lassen. Der Verein der «ugsburgischen Ersparnißkasse. Nebinger, Armenpflegrath und Kassier des Vereins. Es sind bey mir Endesunterzeichnetem frischer, rother, süßer nnd rezenter Tyroler Wein, wie auch gnte, reine, alte Würzburger, Neckar, Markgrafer, rothe und weiße Elsaßer, nebst noch einigen aiidern Gattungen französischer Weine erst vor wenigen Wochen angekommen, wozu ich mich bestens empfehle. Andreas Bourgoend, vormals Joseph Sebastiany, wohnhaft _ in der Sr. Annagasse Lir. D. Nro. 26z. Im Gasthof zu z Rosen ist ein großes, massives, ganz eisernes Gitter zu einen Springbrunnen oder anderer Einfassung, eine große eiserne Kufe mit eisernen Reifen, und eine Trnche auf einen Wagen, zu gar viel Gegenständen brauchbar, auch stark mit Eisen bes chlagen, z» verkaufen. _ , In dem Hause Lit.C. Nro. 102. im Spenglergaßchen ist eine Wohnung von 2 heizbaren nnd eben so viel .unheizbaren Zimmern, nebst eignem geräumigen Boden und übrigen Bequemlichkeiten auf nächstes Georgiziel zu vermiethen, mid bey dem Hauseigeuthümer daselbst das Nähere zu erfragen. __ H Ein geschickter Setzer kann sogleich bey uns in Kondition treten. München, den -S. Ja«. -»8s». Wolfische Zeitungsdruckere 9. Nro. 21. Donnerstag, den 24. Jan. Anno 1822. AugsburgifcheOrdinariPostzeitung Von Staats/ gelehrten, historisch- u. ökonomischen Neuigkeiten^ Mit allerhöchsten ^7 ^ ?/ e Z ?'e?/. Redakteur: E. Frhr. v. Seida. Gedruckt ». verlegt von Joseph Anton Moy^ wohnhaft auf dem obern-Gmben in dem sogenannten Schneidhaus. München', den 22. Jan.- Se. Majestät der König haben geruht, den, auf sein ausdrückliches Verlangen nach 40jährigen Dicnsiesjahren in den Ruhestand versetzten, rönigl. Appelia- ticnsgerichtspräsidenten, Freyherr» vonEgker, zum wirklichen geheimen Rath in den schmeichelhaftesten Ausdrücken zu ernennen, und ihm das Dekret tax - und sie- gclfren ausstellen zu lassen. — Man hat in den letzten Tagen 3 Nächte nach einander Feuer in den Umgebungen und in der Ferne der Stadt entdeckt. Am y. dieß brannte zu Neithof im Landgerichte Erding ein Haus mit Stallung und Scheuer ab. Das Feuer brach um Mitternacht mit solcher Heftigkeit aus, daß an keine Rettung zu denken war^ Nur ein Pferd, eine Kuh und ein halbes Bette konnte der Besitzer retten, alles übrige verzehrten die Flammen.- Man weiß nicht, wie dasselbe konnte veranlaßt- worden seyn.. Wien, öen is. Jan. Der österreichische Beobachter schreibt: In den neuesten Berichten aus Kon» siantixopel vom 25. und 29. Dez. finden sich noch folgende Data: Die persischen Truppen haben sich, in Folge der Befehle von Teheran, ans allen Punkten zurück gezogen; und durch die Dazwischcnkunft ci.^S bereits abg>.gansenenKommiiiärs der Pforte dürften die Zwistigkeiten, die sich nicht sowohl zwischen den Negierungen als zwischen den Granzbehörden erhi^^n, und zu militärischen Gewaltschritten Anlaß gegeben hatten, nun in Kurzem beygelegt werden. Die Pforte hat übrigens das bey dieser Gelegenheit den Pascha's versch-eoener Gränzsiatthalterschaften zur Last fallende fehlerhafte Benehmen ernsthaft gemißbilligt — In dem Arsenal der Marine und der Artillerie wird mit der angestrengteren Thätigkeit gearbeitet, um eine gewisse Anzahl von Schiffen auszurüsten, welche den türkischen Besatzungen in den Plätzen der Morea Mund- und Kricgesvorratbe, tvoran sie großenMangel leiden, zuführen sollen. Der Hauptplatz Napoli di Ronnmia ist bisher von dex Türken mit vieler Tapferkeit vertheidigt worden; die Griechen sollen aber neuerlich beträchtliche Verstärkungen an sich gezogen haben. Sie halten auch das Schloß von Lepan- ro enge blockirt. — Die Griechen sind nun wieder im Besitz von Athen, nachdem sie ungefähr sechs Wochen lang diesen Punkt hatten aufgeben müssen. Sie machen dießmal sehr ernsthafte Ansialten, sich der Zitadelle (der alten AkropoliF), ohne welche Athen eine unhaltbare Position ist, zu bemächtigen, und haben bereits einige der äußern Befesiigungs-Linien gesprengt. — Es ist dem Pascha von Salo- nick gelungen, nach Einnahme der Halbinsel Cassandra, mit den Bewohnern des Monte Santo (Berg Athos) eine gütliche Uebereinkunft abzuschließen. Die Griechen legen die Waffen nieder; dagegen ist stipulirt, daß kein bewaffneter Türke jenew Landstrich betreten wird. Die Pforte legt ans diese friedliche Unterwerfnng einen besondern Werth, weil der Monte Santo bekanntlich die größten Heiligthümer der griechischen Kirche einschließt, und als die Pflanzschnle der griechischen Geistlichkeit- betrachtet wird- Modena, den 2. Jan. Nachdem am 13. Dez. v. I. zwischen diesem Hofe und jenem von Parma ein Granztraktat zur dauerhaften Bestimmung i>es beyderseicigen Gebietes abgeschlvs- sen worden war, so wurden die Traktats-Ratifikationen am Lc>. Dez in Reggi» zwischen den respektive» Bevollmächtigten ausgewechselt» Madrid, den 3. Jan. Die Kaoets und den 6.Aug. 1789 einstimmig zumPralaten erwählt-. Durch reinenChristuseiferauff der Kanzel und im Beichtstuhle hat er sich allgemeines Zutrauen , durch sanftes unh> liebevolles Betragen die innigste Verehrung Aller, die ihn kannten, in einem selte-- nen Grade erworben. Die katholische Religion, Wissenschaften^, Arme und vor- züglich die ganze Nachbarschaft leidet/durch sein zu frühes Hinscheiden unersetzlichem Verlurst. Seine Asche ruhe sanft, und sein Andenken bleibe ewig! (Gasthofs - Empfehlung.) Der Unterzeichnete hat die Ehre,, hiemit anzuzeigen, daß er mit dem Eintritts des neuen Jahres den hiesigen Gasthof zum Neuhause an sich gebracht habe. Er schmeichelt sich, durch prompte und billige Bedienung den gerechten Erwartungen, der ihn mir ihrer gütigen Zuspräche beehrenden Herren Gaste,, vollkommen zueutsprechen,. und empfiehlt sich auf das Angelegenste. Berchresgadrn, den 15. Jan. 1822. Anton Eisenmann , Gastgeb zum Neuhaus. Die in der Ludwigsstraße mir Lit.D. Nro. 186. 187. und 198. bezeichnete, gut gebaute Hauser, welche mit großen gewölbten Kellern,. Hof, Sralluug für 6 Pferden,. Remissen, 7 Getreidbdden und Wasserwerk versehen, sind täglich aus freyer Hand M verkaufen, worüber das Nähere im Hause Lit. F.-Nro. 266. 2 Stiegen hoch erholt- werden kaum ^____ Montag den 4. Febr. Vormittag von 9 bis 12 Uhr wird die wohlbekannte Wirthschaft zum wilden Mann Lit. A. Nro. 342. in der Bäckengasse, nebst Hofle und Sta-- del Lit. A. Nro. 351. und der am Afrawald gelegene Stadel mir z Wohnungen und einer Werkstatt mit Feuergerechtigkeit, nebst den vorzüglich guten Sommerkellern,- Gantner und Faßbbden, an den Meistbietenden versteigert werden. Sollte sich je-- doch früher ein Liebhaber zeigen, der den Kauf aus freyer Hand abschließen wollte,, so kann man sich deßwegen um die näheren Verhältnisse in dem Hause Lit. A. N0.126- oder bey dem geschrvornen Kaufler WelrLit.A. Nro.204. am Milchbergle des Nähern erkundigen, und sowohl das Jnventarinm der Wirthschaftsrequisiten, als die Hauser und Keller in beliebigen Augenschein nehmen. Jak. Welt, geschw. Käufler. Unterzeichneter giebt sich die Ehre, den Herren Stabs - und Oberoffizieren sowohl der hiesigen, als der auswärtigen Garnisonen bekannt zu machen, daß er alle Gattungen Pferdgeschirre und Sättel, und zwar Lbffelsärtel mir Bügelriemen um 21 fl., engUsche Peitschen um 19 fl. zo kr. per Stück, so wie auch Zaume verfertige. Er verbricht beste Qualitär von niederländischem Leder, prompte Ablieferung, und arbeitet »nter dem Fabrikpreise. Zugleich empfiehlt sich selber auch mit Säbelkuppeln von doppelten Borten und plattirrem Beschlag für die Herren Offiziers der Kavallerie um den Preis von i/r fl. zo kr. und ohne Garnitur um 9 fl. zy kr. Wer Sättel ins Quantum abnimmt, erhält selbe noch unter dem oben festgesetzten Preise. Augsburg, den 12. Jan.?822. Xaver Schweinhnber, Sattler im k. b. 4-ten C hev. leg.Regiments bnig . In der Maximilians - und Karolinenstraße, vom Weberhaus bis zum Obstmarkt- linker Hand, wird ein Laden zu vermietheu gesucht. Näheres zu erfragen Lir.C.No. 8 . Ein dieser Tagen gefundenes neues seidenes Regendach kann der rechtmäßige Eigenthümer desselben gegen Ersatz der Einrückungsgebühren bey mir abholen. _I. Bruglocher , Silbe rarbeiter auf dem alte n Heumarkt Lit. D. Nro. 216. Es werben in einer Messingfabrik 2 Messjngdratzieher gesucht. Hiezu taugliche. Subjekte können sich melden bey Ioh. Ferd.Schmid.- Beylage». Beylage zu der Augsburgischen Ordinari Postzeitung. Den 24. Jan. 1822. Nro. 21. " (Wald - Parzellen - Verkauf.) Zu der nach allgemeinen Staatsgüter - Verkauf«« Normen anbefohlenen Versteigerung s. des aus 17 Tagwerk 100 Qt. Ruthen beste, henden sogenannten Lechlingszellerholzes, und d.io Tagwerkzo Qt. Ruthen haltenden Harthölzels, beyde im Steuerdistrikr Wiesenbach, ist Donnerstag den 7. künftigen MonatsFebruar festgesetzt worden. Dieses wird nun allen Kaufslicbhabern mit dem Bemerken eröffnet, daß die Versteigerung sowohl der Gründe, als des darauf stehenden Holzes im Pvsthaus zu Gundelsdorf Morgens um 10 Uhr entweder im Ganzen »der in Abtheilungen vorgenommen werden wird, und die Liebhaber sich inzwischen die Verkaufs 5 Objekte durch das königl. Forsipersonal der Revier Thierhaupten und namentlich des königl. Forstwarts Mannhart zu Pdttmcs vorzeigen lassen kennen. Den 12. Jan. 1822. Königl. Rentamt Rain und Forstamt in Friedberg. kön. Rentbe amter. — Waymar, kdn. Obe rförster. (Bekanntmachung.) Die Bibliothek des zu Rvrh verstorbenen Hofkammerrathö Hauk wird nach dem Jnnbalr seiner letztwilligen Disposition nunmehr im Versteige- rungs - Wege verkauft. Sie enthält über 1000 Bände, hauptsächlich theologisch?, juridisch- und medizinischen Jnnhalts, der Katalog über solche kann bis zum Verstei, gerungstermin bey dem Bürgermeister Le Pair in Roth jeden Tag eingesehen werden. Montag den 11. Febr. 1822 geschieht die Versteigerung der Bibliothek, die sich im Hause des Bürgers und Schneidermeisters Hagenbauer zu Roth befindet, und an die, sem Tage eingesehen werden kann, auf dem Rathhause daselbst, durch die anwesende Landgerichts, Kommission. Da der Erlös aus dieser Bibliothek als ein Legat zur obern Pfarr in Thalmessingen bestimmt ist; so wird über die Genehmigung des Meistgebots höhere Entschließung erwartet. Kaufsliebhaber werden also eingeladen, sich an obenbenanntem Tage in Roth einzufindcn, ihre Angebote zu Protokoll zu geben, und erforderlichen Falles ihr Zahlungsvermögen auszuweisen. Den ,6. Jan. 1822. Königl. baier. Landgericht Pleinfeld. Wunderer, Landrichter. — Niedel. ( Vorladung.) Jakob Merz von Burgau ist schon seit zoJahren von Hause entfernt, ohne von seinem Leben und Aufenthalte seinen Verwandten bis zur Stunde Nachricht gegeben zu haben. Es wird daher derselbe oder dessen allenfallsige Deszendenz hiemit vorgeladen, binnen 6 Monaten sich bey unterzeichnetem Landgerichte zu melden, widrigenfalls mit dem hinterlassenen Vermögen nach gesetzlicher Ordnung fürgeschritten werden wird. Burgau, den 14. Jan. 1822. Königl baier. Landgericht.___ Gebhard, Landrichter. (Bekanntmachung.) Da eine der Marktskammer zu Vohburg gehörige landschaftliche Zinszahlamts - Assekuration cZevsto München den 9. Nov. 1750 per 200 fl. Kapital zu 4 Proz. zu Verlust gegangen ist, »nd von Seite des Magistrats zu Voh, bürg auf deren Amortisirung angetragen wurde, so wird der allenfallsige Besitzer derselben hiemit öffentlich aufgefordert, sich binnen 6 Monaten a Dato dahier zn melden, und über den Besitztitel auszuweisen, außerdem nach Verfluß dieser Frist die Urkunde als ungiltig und kraftlos erklärt werden solle. Jngolstadt, den 12. Jan. 182?. Kön. Landgericht Jngvlstadt. ____Ger stner, La ndrichter. (Gantcdikt.) Auf Insolvenz-Erklärung der verwittweten Schreinen«, Josephs Hdrrmann von hier, wird über derer Vermögen der Konkurs erkannt, und es werden deßfallö nachfolgende Ediktstage ausgeschrieben, r) Zur Anmeldung und Nachweisung der Forderungen, dann zum Versuche eines gütlichen Nachlasses der ,5. Hornung dieses Jahrs; bey dessen Nichterfolg 2) zur Vorbringung der Einreden gegen die angemeldetenForderungen der iz. März d.J.; z) zum Schlußverfahren der »9. März d. I., wovor, die erste Hälfte znr Abgabe der Schlußerinnerung dienet. Alle diejenige, welche am ersten Ediktstage nicht erscheinen, werden mit Ihrer Förde« rung vor, der Gantmasia ausgeschlossen, das Nichterscheinen an !den übrigen EdiktL- tagen aber.zieht den Verlurst der betreffenden Handlung nach sich. Zugleich werden alle diejenige, welche an den verstorbenen Karl Hörrmann, nunmehr dessen Wittwe Josephs Hdrrmcmn etwas zu zahlen Haben, aufgefordert^ diese Zahlung bey Vermeidung des nochmaligen Ersatzes bey dem unterfertigten Herrschaftsgerichte zu leisten» Edelstetren, den 15. Jan. 1822. Fürstlich? Esterhazisches Herrschaftsgericht. ___Stelnle, Herrschaftsrichter. (Bekanntmachung.) Der Bürger, Johann Kleinheinz zu Minbelheim, ge» weseuer Hutmacher, hat sich dem Ganrverfahren unterworfen ; es werden daher dessen sämmtliche Gläubiger zur Anmeldung und Begrnndnng ihrer Foderungen, dann zum Vergleichsversuche auf Msntag den n. künftigen Monats, für den Mißlingungsfall aber zur Einrede auf Donnerstag den 7. März, zur Schlußverhanblung und zur .Re- plik aufLienstag den 2. April und endlich zur DupPlik auf Dienstag den 16. nämlichen Monats , jedesmal Frühe 9 Uhr in hiesiger Landgerichts-Kanzley vorgeladen, und zwar am ersten Tage bey Strafe des Ausschlusses von der Masse, im Falle eines zu Stande kommenden Vergleiches aber werden die Ausbleibenden der Mehrheit beystimmend angesehen, an denen übrigen Tagen trifft sie der Verlurst der jedesmaligen Handlung. Den 14. Jan. 1822. Königl. Landgericht Mindelheim. ___v. Ma der, Landrichter. (Vorladung. ) Franz Schmelcher, Müliersschn von Untermühlhausen, stand a-ls Soldat beym königl. 6ten Linien-Infanterie - Regiment, und wird seit dem russi, schen Feldzuge vermißt. Auf Instanz der Verwandten wird nun derselbe, oder seine eheliche Deszendenz hiedurch aufgefordert, sich binnen 6 Monaten um so sicherer zu melden, als widrigenfalls er für verschollen erklärt , und sein Vermögen den nächsten Jntestaterben gegen Kaution verabfolgt werden würde. Landsberg, den 4. Jan. 1822. Kbnigl. ba ier. L andgericht Landsberg. Luzzenberger, Landrichter. (Vorladung.) Michael Kopp, bürgert. Hausbesitzer, dann Buchhalter der Franz Storno'schen Buchhandlung dahler, welche derselbe unter dieserFirma nach der Protvkollar- Erklärung des Franz Storno zugleich auch auf eigene Rechnung geführt hat, ist am y. dieß Monats im ledigen Stande und ohne Hinterlassung einer letztwil-, ligen Disposition mit Tode abgegangen. Es werden daher nicht nur alle diejenigen, welche an die Verlassenschaft des eben erwähnten Michael Kvpp, sondern auf Bitten des Franz Storno auch alle diejenigen, welche an die Franz Storno'sche Buchhand« lung ex c^uocunczus titulo rechtliche Ansprüche machen zu können glauben, hiemir aufgefordert, solche um so mehr binnen 60 Tagen in gesetzlicher Form hierorts anzu, bringen, als anßerdcssen in der Sache weiters rechtlicher Ordnung nach fürgeschritten werden würde. Den 15. Jan. 1822. Königl. Kreis, und Stadtgericht Landshnt. _ _ ^ Veqnel. — Stark. (Vorladung.) Friedrich Haas, 1765 zu Gleußen geboren, hat sich schon über 40 Jahre von seinem Geburtsorte entfernt, ohne seit dieser Zeit über seinen Aufenthalt Nachricht zu geben. Derselbe oder dessen allenfallsige Leibeserben werden hie» durch öffentlich vorgeladen, binnen einem halben Jahr und zwar längstens bis zum 8. Juli dieß Jahrs um so gewisser sich zu melden, und das in 1204 fl. 2 kr. bestehende Vermögen in Empfang zu nehmen, als außerdessen dasselbe den nächsten Verwandten gegen Kaution überlassen werden würde. Seßlach, im Obermainkreise des Königreichs Baiern, den 8. Jan. 1822. Königl. Landgericht. _ Pauer, L andrichter. — Braun. (Bekanntmachung.) Andreas und Johann Limmer, 1755 und 1758 zu Rattelsdorf geboren, sind schon über 42 Jahre abwesend, ohne seither von ihrem Aufent, halte Nachricht zu geben. Auf Antrag der Verwandten werden dieselbe oder ihre allenfallsige Leibeserben hiemir öffentlich vorgeladen, um so gewisser sich binnen ei, nem halben Jahr, und zwar längstens bis zum 8- Juli dieß Jahrs bey unterzeichnetem Gerichte zu melden, und ihr in 1547 fl. 46 1/2 kr. bestehendes und unter Kuratel be» fmdlicheö Vermögen in Empfang zu nehmen, als nach Verfluß solches, an die nächste Verwandte geges Kantion ausgefolgt werden würde. Seßlach, den Jan. igzz. Königl. baier. Landgericht . __ Pauer, La ndrichter. (Vorladung.) Andreas Paul, Sohn des verstorbenen Bürgers, Valentin -Paul ans Seßlach, 1784 geboren, gieng in seiner frühesten Jugend als Backergesell ^anf die Wanderschaft, ohne von sich wehr etwas hören zu lassen. Derselbe, oder Kessen allenfallsigen Leibeserben werden hiedurch öffentlich vorgeladen, sich binnen meinem halben Jahre, und zwar längstens bis zum 20. Juntus 1822 um so gewisser zu Melden, als anßerdesseu sein in yzü fl. 19 2/ztelkr. bestehendes Vermögen an dessen 'Nächste Verwandte gegenKaution zur Nutznießung verabfolgt werden würde. Seßlach, den 17. Dez. 1827. Königl. baier. Landgerich t.__ Pauer, Landrichter. (Bekanntmachung. Waldverkauf.) Zufolge höchsten Regierungs - Befehl No.54.5z. !w!rd den 12. Febr. laufenden Jahrs die in dem Reviers-Bezirk Eurasburg unweit Brugger und Freienried gelegene Kamera!, Waloparzelle, Waldel genannt, nach den Key den Staats-Realitäten-Verkäufen bestehenden Normen öffentlich entweder im ^Ganzen von 24 Tagw. 150 Qt. Ruthen, oder theilweise verkauft. Kaufslustige :werden daher eingeladen, an dem festgesetztenTag Früh 9 Uhr im Wirthshause zu Har« .gertswiesen, als'dem zum Verkaufe gewählten Lokale, sich einzusinken, und ihre Angebote zu Protokoll zu geben. Zugleich wird bemerkt, daß der kö». Forstwart Scherr !zu Brugger angewiesen ist, den Kaufslustigen genannte Kameral. Waldparzelle ge, -nau anzuzeigen. Friedberg, den 15. Jan. 1822. Königliches Reut- und Forstamt -zu Friedberg. Direnderger, Rentbeamter. Wevmar, O berförster. (Verpachtung.) Von kommendenGeorgi an, nämlich vom 24.April 1822an- fangend, werden nachstehende Oekonomie-Güter auf mehrere Jahre mit einander verpachtet, als: Das Hofgebäude Gumppenberg, i/4tel Stunde von Pöttmes entfernt, mit as. einer bedeutenden Schäferey, vd. 24 i/4tel Morgen Garten, 58 Morgen zwey - und einmähdigen Wiesen, und ää. 142 7/8telMorgen Aecker, dann L. Das Hofgebäude Sedelbrun, 1/2 Stunde von Pöttmes entlegen, mit c-e. einer ebenfalls bedeutenden Schäferey, Fk. z i/4te!MorgenGärten, ZA.iz? Morgen zwey- und imahdige Wiesen, KK. m Morgen Aecker. Zusammen 474 z/ztel Morgen. Pacht» liebhaber können demnach von nun an über das Weitere hier bey der freyherrlich von Gumppenbergischen hohen Vormundschaft sich Aufklärung stündlich, nndsohin bey Zei, ten erholen. Pöttmes, den 15. Dez. 1821. Das freyherrltch v. Gumppenbergische Patrimvnialgericht I.Klasse Pöttmes. __ Scherte!, Patrimonialrichter. (Edikt.) Von dem kais. königl. ob der ennsischen Stadt- und Landrechte wird biemir öffentlich bekannt gemacht , es sey auf Ansuchen eines Gläubigers der Joseph ChlistianHaydtischenKonkursmassewdieerekutiveVersteigerungdesauf85oofl.C.M. gerichtlich geschätzten bürgerlichen Hauses zu Linz Nro. 260., sammt der darauf radi, zirtenLederersgerechtigkeit gewilliget und hiezu die erste Tagsatzung auf den27. März, die zweyte auf den 24. April und die dritte auf den 22. May 1822 mit dem Anhange bestimmet worden, daß diese Realität, wenn.sie weder bey der ersten, noch bey der zweyten Tagsatzung um den Schatzungswerth verkauft werden könnte, bey der dritten auch unter demselben Hindangegeben werden würde. Kaufölustige haben daher an obgenannten Tagen selbst, oder durch gehörig bevollmächtigte vor diesem kaiserl. königl. Stadt- und Landrechte zu erscheinen. Die Lizitarionsbedingnisse bestehen kurz in folgenden: 1) Daß von dem Meistbote ic-Prozent gleich nach der Lizitation und von dem Ueberreste ein Drittheil binnen 4 Wochen, das zweyte Drittheil aber binnen 1 Vierteljahr sammt 5 Prozent Interessen erleget, das letzte Drirtheil aber, welches gegen 1 vierteljahrige Aufkündung liegen gelassen wird, so wie das zweyte durch In« tabulirung sicher gestellet werden. 2) Daß der Meistbietende vom Lizitationstage alle Lasten und Gefahren des Hauses übernehmen und die Stempel und Gebühren der Besitzausschreibung :c. allein bestreiten muß. Dagegen kann sich derselbe z) nach Erlag der 7.0 Prozent und des ersten Drittheils an die Gewähr schreiben lassen, und vom Lizitationstage an in alle Rechte und Nutzungen eintreten. Umständlicher kdn» nen diese Bedingungen bey der dießamtlichen Erpedits. Direktion eingesehen werden, .Linz, den zi. Dezember i8»l» (Bekanntmachung.) Jc sevh Zurzenthaller, vormaliger Buchhalter in der Gassen- mayrischenHandlung zu B-ughausen, brachte das Pecer Mullerische Fragner - Anwesen allhier Gantkäuflich an sich, cntftrnre sich aber vor einiger Zeit heimlich von hie? weg, ohne den Gantkaufschilling bisher gänzlich berichtiget zu haben, mir Hinterlassung eines bedeutenden Schuldsnstandes, welcher dessen aktives Vermögen übersteigt. Da noch mehrere unbekannte Gläubiger des ermeldten Zurzertthallcrs vorhanden seyn könnten; so werden dieselben hiemit öffentlich vorgeladen, bey der auf den 27. Februar dieß Jahrs anberaumten Kommission, zur Anmeldung und Liquidi- rung ihrer Forderungen, dann zum Versuche eiuer gütlichen Bsvlegung dieses Schul» denwesens persönlich, oder durch gchörig hiezu Bevollmächtigte, früher Gerichrszeit in hiesiger Landgerichts - Kanzley unter dem Präjudiz zn erscheinen. daß die Ausbleibenden die allenfalls nachtheiligen Folgen ihrer Verspätung sich selbst zuschreiben müssen, wenn dieses Schuldenwesen verhandelt, und zum Schluß geführt würde. Schließlich wird noch bemerkt, daß sich die entfernten Gläubiger zur Besorgung ihrer Rechts- nvthdnrfren an die hiesigen 2 Advokaten Dr. Lallinger und Dr. Würtb wenden mögen. Den 16. Jan. 1822. Kdnigl. baier. Landgericht Burghausen im Unterdonankreis. ____v. Ockel, La ndrichter. ( Bekanntmachung.) Von dem unterfertigten köm'gl. Rentamte wird am Donnerstag den 74. künftigen Monats Februar von dem auf dem Salzstadel in Augsburg vorräthig liegenden Roggen aus dem Jahre iFry ein Quantum von zoo Schaffe! im Wege öffentlicher Versteigerung, unter Borbehalt höchster Genehmigung, verkauft. Die Versteigerung wird auf dem Salzstadel in Augsburg vor sich gehen, woselbst die KaufölustigenVormittags roUhr sicheinzufinden haben. Zusmarshausen, den »8- Jan. 1822. Kdni gl. baier. Rentamt. Schöllhorn, Rentbeamter. ( Bekanntmachung.) Die Bergwirrhschaft zu den z Rosen balner, bestehend in einem gut gebanten Wirthschaft-Gebäude, Bräuhaus, Stall. Stadel, Kellern, Wurzgarte» und Bräu-Requisiten, worunter 16 Lagerfässer sich befinden, dann 1 Jauch. Acker, dessen Steue» kapital285 fl. beträgt, z/M Jauch, mit dem Stenerka- pitalsizfl. und 2/4telJauch, mit dem Steuerkapital 145fl., sämmtlich zehendfrey, wird vorbehaltlich der Genehmigung der Paul Bulachschen Kreditorschaft, Dienstag den 12. Febr. d. I. Vormittags 9 Uhr zum Verkauf, oder zur Verpachtung öffentlich versteigert, und Kaufs- oder Pachtlustige hiezu in die Gerichtskanzley eingeladen. Günzburg, den 15. Jan. 1822. Königl. baier. L andgericht. _ Ött, Landrichter. (Vorladung.) Franz Zi-aver Viermeyer, lediger Wagnerssohn aus Strsham dieß Gerichts, seiner Profession ein Wagner, dessen dermaliger Aufenthalt unbekannt ist, wird hiemir öffentlich aufgefodert, sich binnen 2 Monaren s Dato hierorts zn stellen, und auf die von Maria Jodlbauer, lediger Schullehrerstochter aus Baierbach, Knigl. Landgerichts Griesbach, wegen Vaterschaft und Kindesalimentation gegen ihn gestellten Klage zu verantworten, widrigenfalls auf weiters Andringen der Klä, gerin der Prozeß gegen den für ihn sx vMcio aufgestellt werdenden Anwalt fortgeführt, und weirers rechtlicher Ordnung nach verfahren werden wird. Den !?. Jan. 1822. Kdnig l. baier. Landgericht Simdach am Jnn. v. Schatte, Landrichter. (Bekanntmachung.) In der Konkurssache des Sebastian Angelmayer, Söldner In Echenbrun», wird man dessen Sdlde, Stadel, Garten und Gemeindenutzungen, 6 1/2 Morgen Ackers und 1/2Tagwerk eigenes Mahd lslvs istiüestione creclitoiurri in loco Echenbrunn den 12. Febr d. I. öffentlich versteigern, welches man hiemit bekannt macht, und die Kaufelusiige, welche sich durch Vermögens - Atteste auszuweisen haben, hiezu vorladet. Laninge», den 19. Jan. 1822. Königl. baier. Landge- richt Lauingen. v. Ott, Landrichter. (Bekanntmachung.) Auf dem hiesigen z Konigmarkr sind wir von Statt gehab- tem schandlichen Mißbrauch unserer Firma überzeugt worden, weßwegen wir hiemit Jedermann für allenfalls uns noch nicht bekannt gewordenen ahnlichen Betrügerenen warnen, und uns dießfatts als nicht haftend erklären. München, den 14. Jan. 1822. Volz und Cvmp. von Aibling. Nro. 22. Frcytag, den 25. Jan. Anno 1822. AugsburgischeOrdinariPoftzeitung Von Staats, gelehrten/ historisch- u. ökonomischen Neuigkeiten. Mir allerhöchsten 5 ?- - ^ / / e ^ ?' e Redakteur: E. Frhr. v. Seida. Gedruckt u. verlegt von Joseph Anton Moy,, wohnhaft auf dem obern Graben in dem sogenannten Schneidhaus. , Wien, den is. Jan. Der österreichische Beobachter schreibt: In Konstantinopcl und den Umgebungen ist die Ruhe neuerlich durch nichts gesiörc worden, und es geht Jedermann, Muselmann und Christ, seinen Berufsgeschäfften nach. Doch fand am 20. Dez. ein in seiner Art merkwürdiger Auftritt hier Statt, wobey die türkischen Studenten die handelnden Personen waren. Bekanntlich wird in Konsiancinopel eine große Anzahl junger Leute (manschatzt sie aufmehrcre Tausend) in den bey den Moscheen gestifteten Unterrichtsaustalten (Medresse's) erzogen, und zu künftigen Legisten gebildet. Die, welche zur Moschee Sultan Mahomcd II. gehören, genoßen stets die meisten Vorzüge, und sind alö besonders eifrige Anhänger des Jsmalism bekannt. Einer ihrer Lehrer, ein durch seine Gelehrsamkeit ausgezeichneter Mann, wurde jüngst, wegen unbescheidenen Aeußerungen über gewisse Maaßregeln der Negierung, verbannt. Als die Studenten es erfuhren, rotteten sich einige Hundert, die bald nachher bis auf 2000 anwuchsen, zusammen, zogen vor den Pallasi des Mufti, und verlangten mit Ungestüm die Zurückbernfung des Lehrers. Um zu zeigen, daß sie keine Gewaltthätigkeit verüben wollten, hatte» sie ihre Waffen abgelegt, und dagegen den Koran und andere Lehrbücher in den Gürtel gesteckt. Nichts desto weniger veranlaßte ein so großer Auflaufeinige Unruhe, und eine beym Mufti angekündigte Rathsvcrsammlung unterblieb. Der Großwesir aber, der mit seinen Wachen herbeyeilre, stellte schnell die Ordnung wieder her, und die Studenten gien- gen, mit der Hoffnung, daß der abgesetzte Muderri ihnen nächstens wieder gegeben werden sollte, friedlich aus einander. Am 19. Jan. war hier der Mirrelprcis der Staatsschuldverschreibungen vom Jahre 1816 zu 5 Prozent in Silbeimünze 74 ?s8; der iprozenrigcn Obligationen --; der Hoflammer-Obligationen vom Jahre 1815 zu 2 is2 Prozent --; der Wiener Stadt - Banko - Obligationen zu 2 iss Prozent 35 is2; dcrCursauf Augsburg 99 is3 Uso; Konvemions. M. 249 ?s3; Bankaktien 648; Nothschildische 100 fl. Loose 114; Partialobl. 94 Zf4; Zertifikate 94?ss. Von der Donau, den 16. Jan. Ueber die Verhandlungen der auswärtigen Gesandten mit dem Divan läßt sich wenig Zuversichtliches sagen; so viel ist gewiß, daß die Pforte dem Befehlshaber in der Moldau und Wallachey befohlen hat, sich zum Rückzug zu bereiten, und sich einstweilen an der Donau zu konzentriren. Der Neis-Effendi handelt mit der größten Schonung, und zeigt einige Nachgiebigkeit; dennoch ist die gänzliche Annahme des russischen Ultimatums noch nicht zu erwarten, da die Stimme des Volks und besonders derJanitscharen, die es für eine der größten Beschimpfung halten, die hohe Pforte in einer gehorchenden Stellung zu erblicken) sich zu sehr und zu laut dawider ausspricht. Man erzählt auch, die türkische Negierung hätte die Klage geführt, daß man in ganz Europa ohne Schwierigkeiten vielen Individuen erlaube, sich bewaffnet nach Griechenland, inder Absicht, dortden Halbmond zu bekämpfen, einzuschiffen, einBetragen, welches keine friedliche Gesinnungen zeige. Man er- wiederte hierauf, diese Klage sey nur in Ansehung einiger Staaten gegründet, und in diesen erlaube die politische Freyheit, auch zu Gunsten der Türken zu bewaffnen. In den letzten Zusammenkünften sprach der türkische Bevollmächtigte wieder von der Nothwendigkeit der Auslieferung der Nebellen, die sich auf russischen und österreichischen Boden geflüchtet haben. Die endlich erfolgte Anknnft des lang erwarteten französischen Gesandten, Latour-Maubourg, dürfte vielleicht zur Beendigung der Unterhandlungen wesentlich beytragen. Einige Personen meynen, er würde vereine mit dem spanischen Abgeordneten zu Gunsten der Griechen sprechen, aber die besser Unterrichteten behaupten, dieser Botschafter werdesich bloß damit begnügen, die Annahme der russischen Forderungen durchzusetzen , und erträgliche Bedingnisse zu einer allgemeinen Pazifitation der empörten Griechen zu erwirken. Man spricht viel von den prachtvollen, aus Frankreich für den Großherrn und seine Diener mitgebrachten Geschenken, deren Werth nur in den Umstand in Etwas vermindert werden möchte, daß sie von dem allerchrisilichsien König dem größten Verfolger des christlichen Glaubens gesendet wurden. Italienische Gränze, den 16. Jan. Ans Morea hat man keine neuern Nachrichten. Aus Kandien aber erfährt man, die türkische Macht sey als vernichtet anzusehen, nur die Hauptstadt, die mau freylich für unbezwingbar hält, leistet noch Widerstand. Aus Epyrus überbrachte neulich einTartar nach Koustantinopel Nachrichten, welche derDivan nicht bekannt machen ließ, daher man allgemein der Meynung ist, ihr Jnnhalt müsse für die Türken nicht erfreulich seyn. Livorno, den ic». Jan. Aus Egypten erfahrt man wenig; nach den letzten Berichten waren die Türken tief in Abyssinien eingedrungen, und hatten viele 1000 Sklaven oder Gefangene nach Egpyten abgeschickt. Die Wechabiten hielten sich ruhig. Die Ergebenheit des Pascha für die erhabene Pforte läßt sich nicht bezweifeln; indessen fährt er fort, die flüchtigen Griechen gut aufzunehmen. Die vorzüglichste Sorge dieses klugen Fürsten scheint zu seyn, die geringe Bevölkerung seiner Länder zu vermehren. — Der plötzliche Tod des Oberbefehlshabers der Perser, Prinzen Mahomed Ali Mirsa, wird noch sehr bezweifelt. Madrid, den z. Jan. In einem, gestern Abend gehaltenen Staatsrathe ist mit 19 gegen 9 Stimmen entschieden worden, daß der König gebethen werden soll, das Ministerium abzuändern. Der Staätsrath war in einer frühern Sitzung der entgegengesetzten Meynung, es scheint jedoch, daß entweder die genauere Erwägung der Gründe der Unzufriedenheit mit dem gegenwartigen Ministerium, oder die Ueberzeugung, daß die Armee großentheils die Gesinnungen der Bewohner von Cadix und Sevilla theile, den Staatsrath umgestimmt hat. Bis zum z. Jan. Nachts 10 Uhr war übrigens das, sehnlich erwartete, kön. Dekret wegen Entlassung des gegenwärtigen Ministeriums noch nicht erschienen. Nach andern Nachrichten soll die Entlassung von wenigstens 4 der gegenwartigen Minister entschieden seyn, nämlich von Felice, Minister des Innern; Cano Manuel, Justizminister; Balamal, Minister des Seewesens; Salvador, Kriegsminister. Dagegen sollen bleiben der bisherigeMinister der auswärtigen Angelegenheiten, Bardari; Pellegrin, Mini- sier der überseeischen Provinzen, und Vallejo, Finanzminisier. Paris, den 16. Jan. Briefe aus Toulon enthalten folgende Nachrichten: „Die Goelette Papillon hat Kvnstantinopel am 13. Dez. verlassen, ist am 14. in den Dardanellen vor Anker gegangen, am 15. von da abgesegelt, hat am 29. den Meerbusen von Spe- zia berührt, und ist am 4. dieses Monats zu Toulon eingelaufen. Bey ihrem Abgänge war Konstantinopel nach seiner Art ruhig, indem nur hje und dg einzeln Griechen ermordet wurden. Die Franken wurden respektirt, weder die Botschafter noch ihre Leute im Geringsten belästigt. Der neue Kapudan-Pascha kamzwen- mal an Bord desPapillon, und ertheilte die Versicherung, daß die Franzosen kommen, und ihren Handel ungestört treiben könnten. Zwey andere unserer Schiffe befanden sich wirklich in Ladung. Der Kapitän Teissere, Kommandant des Papillon, durchstreifte taglich die Straßen von Konstantinopel, und wurde nie beleidigt. Die türkische Flotte lag zum Theil vor Konstantinopel, zum Theil in den Dardanellen, um sich auszuruhen, sie hatte etwa 30 bis 40 griechische Fahrzeuge als Trophäe» mitgebracht. Der französische Botschafter wurde sehnlichst erwartet. Der Sultan befand sich in vollkommenem Wohlseyn; es war weder von seincm noch von seines Sohnes Tode die Rede." — Die Frau Herzogin von Orleans ist Abends nach 9 Uhr von einem Prinzen glücklich entbunden worden, der sogleich durch den Pfarrer von St. Roch die Nothtaufe und die Namen: Heinrich Eugen Philipp Louis von Orleans, Herzog von Aumäle, erhielt. Königsberg, den 16. Jan. Von den im Dezember eingekommenen Schiffen waren mehrere nicht auf unsere Haven bestimmt, sondern mußten nur aus Noth einlaufen. In Vergleich der vielen Unglücksfälle, welche die Stürme in andern Häven verursacht haben, sind hier nur wenige vorgefallen. Es strandeten nur 2 Schiffe, und zwar bey Memel das von Kopenhagen mit Ballast eingekommene Schiff Zeno,Kap. Hinderson; die Mannschaft ward gerettet; und dann das, inNordcrney zu Hause gehörige, unter hannöverscher Flagge, von Pillau mit Leinsaat ausgegangene, nach London bestimmte Schiff, de Jounge Jakob, Kap. I. H. Bethmann. Dieß Schiff zerschellte sogleich in Trümmern, seine Bemannung ward weder tod noch lebendig vorgefunden. London, den ii. Jan. Die heutigen Times sagen: Wir haben durch Kurier einen Brief erhalten, in dem angezeigt wird, daß der Kaiser Alexander seinen Schwager, den König von Würtemberg, aufgefordert habe, das Kommando der polnischen Armee zu übernehmen, im Fall der Krieg zwischen Rußland und der Türkei) ausbrechcn sollte. — Der König wird am 1. Febr. hier erwartet, um das Parlament persönlich zu eröffnen. — Der Kurier sagt: „Wir haben Nachrichten aus Petersburg bis zum 30. Dez., und sie sind wichtig, indem sie keinen Zweifel lassen, daß die Pforte daS russische Ultimatum nicht angenommen habe; wenigstens hatte man zu selbiger Zeit keine Nachricht davon zu Petersburg; die Schreiben sind entschieden für Krieg, und kündigen an, daß seit einiger Zeit kein Verkehr zwischen Rußland und Konstantinopel war. Briefe aus Odessa vom iS. Dez. sind voll Auseinandersetzungen von den letzten Unruhen zu Konsiantinopel, welche viel größer zu seyn scheinen, als man glaubte. Alle Briefe von Wien und Frankfurt sind auch für Krieg." — UnsereVerhaltnisse zu der Türkey betreffend, istzu bedenken, daß, was auch immsr der Karakter der Türkey und ihrer Negierung seyn mag, sie doch äe taew eine unabhängige Macht in Europa ist, und eine eigenthümliche Stelle auszufüllen hat. Sie kann nicht fallen, ohne daß dadurch die allgemeine Ordnung gestört werde. Besonders fordert es Englands Wohl, daß die Türkey die nöthige Macht behalte. Unter den gegenwärtigen Umständen ist es sogar zu diesem Zwecke eher nöthig, diese Macht zu verstärken, als zu schwächen; denn die Wirksamkeit der Türkei) ist durch 2 gewichtige Umstände gelähmt; durch ihre innere Zwietracht und durch den eigenen Karakter ihrer Militärmacht. — Nach diesen Betrachtungen werden wahrscheinlich die Instruktionen des brittischen Ministers in Konstantinvpel abgefaßt seyn. Er wird wahrscheinlich beauftragt seyn, die Aufhebung des barbarischen und fanatischen Korps der Janitscharen, die nach den eigenen Versicherungen der Pforte die bcste Bürgschaft gegen künftige Ausschweifungen seyn würde, zu unterstützen. BeÄuntlich bilden die Janitscharen ein stehendes, von der Negierung un? abhängiges, selbst berathendes und beschließendes Korps, eine militärische Korporation , mit eigenen Vorrechren. Einem Souverän in solcher Lage (in der Mahmud- ll. ist) kann man unmöglich sein Mitleid versagen, und vielleicht ist eine solche Vorstellnng dem Kaiser Alexander nicht vergeblich gemacht worden. (Man muß wohl nach den Vorgängen der neuen türkischen Geschichte an der Möglichkeit der Ausfübrung einer so entscheidenden Maaßregel, als die Aufhebung der Janitscha- ren wäre, zweifeln. Kostete doch der bloße Versuch zu einer Reform derselben dem weit kraftvollern Selim III., unterstützt von dem entschlossenen und klugen Groß-- «esir Mustapha Baimctar, Thron und Leben.) Kurzgefaßte Nachrichten. Man versichert in der Altstadt London,die Negierung habe einen Vertrag überdie Lieferung von 20,000 Fässer Pulver, welche für dieStation im Mittelmeer bestimmt seyen, abgeschlossen. — Vier schöne Strauß- von 5 Fuß Höhe sind in diesen Tagen zu London aus Indien angekommen ; sie sollen zu einem Geschenke für den König von England nach Brighton gebracht werden. — Zwischen dem niederländischen Hofe und dem Prinzen Nohan sind, wegen des Besitzes des Herzogthums Bouillon, schon seit einiger Zeit Unterhandlungen angeknüpft. Gegen eine beständige Rente von 5000 fl. an das fürstliche Haus Nohan soll jetzt Bouillon bleibend an die Niederlande kommen. ^___ (Bekanntmachung.) Sonntags den 10. Febr. d. I. Nachmittags 2 Uhr ivird die Schafweyde der Gemeinde LandenSberg im Wirthshause daselbst, auf 25oSrückScha- fe berechnet, auf ein Jahr an den Meistbietenden salv» rstilicalions versteigert werden, wozu Pachtliebhaber eingeladen werden. Burgau, den 21. Jan. 1822. Kön. baier. Landg ericht. ___ Gebhard, Landrichter. (Bekanntmachung.) Die Sommer - Schafweyde von Eppishofen im Landgericht Zusmarshausen wird am Donnerstag den 14. Febr. an die Meistbietenden öffentlich »ersteigert werden. Die Bedingnissen werden vor der Versteigerung den Pachtliebhabern bekannt gemacht. Auf dieser Schafweyde können 200 Stück unterhalten werden. Indem man hievon die Pachtliebhaber in Kenntniß setzt, bemerkt man, daß sich Unbekannte oder Ausländer mir gerichtlichen Vermbgenszeugnissen auszuweisen haben. Eppis hofen, den 24. Jan. 1822. _ Sebastian Buhl, Ortsvorsteher. Einige begüterte, in der Nachbarschaft wohnende Bürger sind entschlossen, 82Jau- chert stehendes ärarisches Holz kauflich an sich zu bringen. Zu diesem Zwecke wünschen dieselbe ein zprozentiges Kapital auf die erste Hypothek von z bis 4000 fl. mit der Bemerkung zu erhalten, daß die Empfanger die Hälfte hievon in kbnigl. 4prozen- tigen Staatspapieren annehmen, einer für alle hasten, und sich dabey gerichtlich verbindlich machen, bis Lichtmeß 182z an dem Kapital 2000 fl. und bis Lichtmeß 1824 den Ueberrest des Kapitals rückzubezahlen. Näheres ist im Hause des Huckers, Herrn Weinmaier, Lit. D. Nro. 266. im dritten Stock zu erfragen. Bey Gombart und Comp. dahier hat so eben die Presse verlassen: M. Maurer, 6 Augsburger Redout-Deutsche für das Jahr 1822, arr. für daSPianoforte, I.Par- tyie. 48kr. — B.Albert, 6Tanze für daSPianoforte. 45fr. — F. Küchler, 6neue Ansbacher Walzer und 2Dreher für d->s Pianoforte, II. Parryie. z6kr. — C. Kum- »er , z kleine Duetten für 2 Flöten, 0p. z. ifl. i2kr. In der Buchhandlung des K. N. Bürglen ist zu haben: Supplementenband der Zusätze, Berichtigungen und Ergänzungen der vollständigen Geographie des baieri- sche « Kdnigsst aats, von Jacobi. ifl. Es ist ein Waarenlager von Band-, Leinen-, Wollen - und sonstigen zum Aus- fchnirryandel gehörigen Waarm täglich ans freyer Hand zu verkaufen, und des Nähern wegen sich bey dem Kaufmann, Herrn Johami Ludwig Schürer, Lit.D. N0.86. in Augsburg zn erfragen. Friedrich Hadler, Schlossersgesell von Augsburg, geboren im Jahre 1801, wird von ftinem Barer cmfgefoderr, unverzüglich von seinem Aufenthalte Nachricht nach Haus zu ertheile»-. A,,aLbiirg, den -4. Jan. 182s. Georg Hadler, Lodweber. Nro. ^6. Mittwoch, den 50. Jan. Anno 1822. AugsburgischeOrdinariPostzettuilg Von Staats/ gelehrten/ historisch- u. ökonomischen Neuigkeiten. Mit a l l e r h ö ch st e n F> l' ^ ? / e A? e ». Redakteur: E. Frhr.v.Seida. Gedruckt ».verlegt von Joseph Auton Moy, wohnhaft auf dem obern Graben in dem sogenannten Schneidhaus. München, den 26. Jan. (Beschluß.) Was Ich Ihnen in Meiner ersten Rede von Herstellung der kirchlichen Ordnung angekündigt habe, ist in Erfüllung gegangen. — Bey der Vollziehung des, mit dem papfil. Stuhle abgeschlossenen Konkordats in Beziehung aufdie katholische Kirche und ihre Angehörigen — und der Handhabung desselben als Staatsgesetzes — bleiben jedoch die in der Verfassungsurkunde und in den derselben beygefügten Edikten, allen Meinen Unterthanen der verschiedenen, in Meinem Reiche gesetzlich bestehenden Glaubensbekenntnisse in Beziehung auf Religion, Kirchenei- genthum und kirchliche Einrichtungen — zugesicherten allgemeinen und besondern Rechte unverletzt erhalten, und ich werde keine verfassungswidrigen Eingriffe in die, jedem Religionstheile garantirtcn Rechte zulassen. — Mein Staatsminister der Finanz«« wird Ihnen die in der Verfassung vorgeschriebenen Nachweisungen vorlegen-, — es ist Mein ernster Wille, daß jede Rechenschaft, welche Ihnen gebührt, mit Offenheit und Klarheit abgelegt werde. Wenn Ihnen in der Verbesserung des Zustandes des Reiches mitMir Manches zu wünschen übrig bleibt, so werden Sie in den zurückgebliebenen Wirkungen der verflossenen, und in den ungünstigen Verhältnissen der gegenwartigen Zeiten die Ursachen finden; — dabey werden Sie aber auch die Wohlthaten dankbar anerkennen, welche Unser Staat durch seine verfassungsmäßige Regierung, besonders in Beziehung auf den öffentlichen Kredit, wirklich genießt. — Mit den Ihnen geäußerten Gesinnungen und Zuslcherungen übergebe Ich mich dem festen Vertrauen, daß Sie als Manner, — gleich erfüllt von Empfindungen der Ehrfurcht für den Thron, um welchen Sie stehen, wie der Liebe für das Vaterland, für welches Sie hier versammelt sind, — auf dem verfassungsmäßigen Wege Mir entgegen kommen, und so den erhabenen Beruf der Standschaft ehren werden." — Hierauf las der Finanzminisier Freyherr v. Lerchenfeld, da der Iustizminisier noch krank ist, den für die Mitglieder der Ständeversammlung in der Verfassungsurkunde Tit. VII. K. 25. vorgeschriebenen Eid ab, welchen auf den Aufruf des Staatsministers des Innern, Grafen v. Thürheim, die neueintretendenMitglicder der Kammer der Ncichsräthe, nämlich der Freyherr v. Frauenberg, Bischof von Augsburg, und der Freyherr v. Würzburg, dann die neueintretenden Mitglieder der Kammer der Abgeordneten: Thomasius, Frohn, Jacobi, Klein und Niedel, leisteten. Nachdem sodann der Minister des Innern, im Namen Sr. Majestät die Kammern für eröffnet erklärt, und sie zum Anfange ihrer Anetten eingeladen hatte, entfernte sich der König unter demselben lauten Jubelrufe, der ihn bey dem Eintritt in den Saal empfangen hatte. — Die erste öffentliche Sitzung der Kammer der Abgeordneten wird künftigen Dienstag, und einer der ersten Gegenstände der Verhandlung der Entwurf zur Hypothekenordnung, verbunden mit der Prioritätsordnung, seyn. Wien, den 24. Jan. Der Ausschuß der privilegirten österreichischen Nationalbank hielt am 14. dieß feine jährliche statutenmäßige Versammlung, welche der Herr Gouverneur dieser Anstalt, Joseph Grafvo-nDietrichsteitt, mit einer Rede eröffnet, ans welcher am deutlichsten entnommen werden kann, wie groß und segenreich die Wirkungen die-- ses gemeinnützigen Institutes auch in dem verflossenen Jahre waren, und wie sehr sich seine Selbstsiändigkeit und Kraft immer mehr und mehr entwickelt. — Nach den Anordnungen des höchsten Patents vom 21. März 1318, ist von den Schuld- verschreibungen der ältern verzinslichen Staatsschuld, welche im Jahre 1821 durch den allgemeinen Tilgungsfond eingelöst worden sind, ein Kapitalsbetrag von 6,506,94z fl. 40 zss kr. gestern, in Gegenwart der dazu «»fgeftelltenKomLttssion, an dem gewöhnlichen Verbvcnmmgsorte vertilgt worden, um durch die Interessen- .ers-parniß, weiche dadurch jährlich in dem Betrage von 125,000 fl. 47 kr. bewirkt wird, die aus den vorgenommenen Verioosungen entsprungene Erhöhung des jähr-- liehen Zinsenaufwandes auszugleichen. Mit Einschluß dieser Vertilgung erreichen die seit dem Jahre igiK aus dem Schuldensimrde des Staats ausgeschiedenen und öffentlich tM'NichtettnObli^ ls4kr., wofür die jährliche Zinsenzahlnug 500,004 si. 70 kr. betrug. Corfu, den 22. Dez. Die Verordnung der Negierung, daß die Landbewohner der Stadt Corfu wegen ihres Bedürfnisses eine bedeutende Quantität Getreide stellen sollten-, wurde von diesen irrig als eine Parteylichkeit der Regierung gegen eine Klasse der Unterthanen angesehen, und veranlaßte mehrere grundlose Petitionen an die Negierung. Eine Proklamation vom 20. Dez. des Generalmajors Friedrich Adam, der in Abwesenheit des Sir Thomas Maittand die Stelle eines Oberkommissars der joniscken Inseln vertritt, suchc den Irregeführten diesen grundlosen Wahn zu benehmen, und warnet sie, solchen Einstreuungen kein Gehör zu geben. Neapel, den 10. Jan. Der Prozeß der Offiziere von Monteforte ist der Entscheidung nahe. Die Verhafteten sind 66 an der Zahl, und der Abwesenden sind 44. Unter den letzcern befinden sich Carascosa, Wilhelm Pepe de ConeiliiS, Nusso und Menichmi.— Gegen Ablauf dieses Monats werden abermal 100,000 Unzien nach Sizilien abgesendet werden. — In den Umgebungen von Neapel sind dermal 10,000 Mann von der aufgelösten Armee versammelt, um daraus neue Regimenter zu bilden. Man hat bereits angefangen, 4 derselben zu organisiren, n.nulich die Regimenter König, Königin, Prinz und Bourbon. Modena, den 16. Jan. Hier ist in der alten Jcsuitenkirche zum heil. Barrholoma das Kollegium der Gesellschaft Jesu wieder eröffnet worden. Lissabon, den 29. Dez. Das visrio clo ^ovoi-nc» enthalt taglich Nachrichten von den Civilbehörden, denen zufolge die Geistlichkeit mit Erfolg daskonsiitutionelleSystem in ihren Kirchspielen predigt. — Der „Jndependente" will aus Privatnachrichten wissen, daß der Kaiser von Nußland die schnelle Abreise seines Ministers gemißbilligt habe. Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten in Brüssel habe dem portugiesischen Minister daselbst gesagt, daß, wenn zn jener Zeit ein holländischer Geschäfftsträ- ger in Lissabon gewesen wäre, derselbe gewiß nicht den beyden andern n.chgeahmr hätte. Von Paris aus will er ferner wissen, daß Herr Pasquier versichert habe, Frankreich werde nie in die innern Angelegenheiten Portugals sich mischen, sobald mau nicht die Würde des Thrones oder die Nnhe der Nationen in Gefahr setze. , Ncuyork, den 14. Dez. Nachrichten ans Neu-Orleans vom 12. Nov. bringen mit, daß die spanischen Behörden die ganze Küste von Columbia, mit Ausnahme von Porto-Cabelto, in Blockadezustand erklart haben. Ihre Schiffsmacht besieht in einer Fregatte, zwep Briggs, vier Schooner und sechs oder acht Kaperschissen. Sie haben berets sechs amerikanische Fahrzeuge, welche in verschiedene Haben der Republik bestimmt waren, mit Lebensmitteln, so wie auch einen englischen Kutter von St. Thomas, in- gleichcn ein brittischesKauffahrteyschiff vonBarbadocs genommen, nach Porto-Ca- bello geführt und dort kondemnirt. Brüssel, den 21. Ja«. Nachrichten aus Paris melden, der Malteserorden habe den Plan, aufcincr Insel des Archipels seinen Sitz aufzuschlagen; seine Bemühungen aber, die er sich deßhalb bey den Mächten gäbe, fänden von Seite Englands Verhinderungen. — Von Wien sollen Kurier? nach Petersburg und Konstaminopel mit Depeschen abgegangen seyn, welche neue Vorschlage von Seite Oesterreichs und Englands enthalten , um eine Beylegung zu beschleunigen. Nach diesen Vorschlagen sollen Rußland und die Pforte ersucht werden, in eine Art schiedsrichterlichen Ausspruch zu willigen, und die endliche Bestimmung der Bevollmächtigten einzugehen, die ernannt werden würden, über alle strittigen Gegenstände zwischen diesen beyden Mächten endlich zu entscheiden. Warschau, den 16. Jan. Zu Ende vorigen Jahres fanden sich in mehreren Gegenden der Woiwodschaft Krakau große Schwärme ganz unbekannter Vögel ein, von der Größe der Dohlen, mitpommeranzengelber Brust, und einem in allevZarben des Regenbogens spielenden Rücken, so daß ihr Gefieder in der Sonne, mit der Pracht der Saphire, Smaragden und anderer Edelsteine wetteiferte. Sie kamen von Süden, und schienen gar nicht scheu zu seyn; auch sind mehrere erlegt worden. Ihr Vaterland soll Egypten oder die Inseln des Archipelagus seyn. Entweder hat sie der in unsern Gegenden so außerordentlich milde Winter Hieher gelockt, so daß ihr Besuch nur als eine Irrfahrt anzusehen ist; oder eine in ihrer Heimath ungewöhnlich strenge Witterung hat sie von dort verscheucht. Aus dem Brandenburgischen, den 14. Jan. Vorgestern, Sonnabends, ereigneten sich zu Berlin beynahe gleichzeitig zwey Grauelthaten: Ein junger Studierender entleibte sich selbst mit mehreren Stichen. Der andere Fall ereignete sich in der Möhrenstraße, wo ein Bursche, der sich mit Sticfelputzen ernährte, nach einem kurzen Wortwechsel seine Mutter mit mehreren Hammerschlägen erschlug. Nach vollbrachter That legte er sich ruhig neben den Leichnam, und begieng Handlungen, die vou Wahnsinn zeugen, welches nur durch die gerichtliche Untersuchung ausgemittelt werden wird. — Da sich kürzlich sowohl hier als in der Umgegend mehrere Selbstmorde:c. ereigneten, so glaubt man, daß die theils stürmische und von elektrischen Erscheinungen begleitete, theils drückend warme und trübe abwechselnde Witterung vielleicht nicht ohne Einfluß auf dergleichen krankhafte Gemüthsäußerungen ist. — Nach amtlichen Nachrichten aus Warschau ist zu Brzesc in Litthauen eine sehr bösartige ansteckende Krankheit ausgebrochen, woran viele Menschen sterben. Prag, den 8. Jan. Gestern wurde das zwischen Sr. Durchlaucht dem regierenden Fürsten Neuß von Greiz :c. und ihre Durchlamht der Prinzessin Gasparine von Nohan-Noche- forc :c. vor einiger Zeit geschlossene Eheverlvbniß durch priesterliche Trauung allhier vollzogen. Kurzgefaßte Nachrichten. In Brighton lebt ein 92jähriger Greis, der in seinem Leben, nach einer bewiesenen Ausrechnung, 114 Orhoft Portwein getrunken, welches zu dem jetzigen Preise die Summe von 8902 Pf. St. ausmacht. — Zu Vermont im Staate Vir- ginien ward neulich von 40 Leuten eine große Elchhörnchenjagd angestellt; in 48 Stunden wurden 4961 Eichhörnchen getödtet; nach altem amerikanischen Brauch ward das Fleisch derselben zu einer großen Pastete verwandelt; 275 Personen wa- ren zu diesem Schmause eingeladen. — Herrn Christian Müllers Reise durch Griechenland ist in Leipzig mit verdienter Verachtung aufgenommen worden. Ueber die Triebfedern, welche diese unwürdige leidenschaftliche Parteyfchrift gegen jenes unglückliche Volk zu Tage förderte«/ sind nur sehr wenige Leute im Dunkeln. — Görres Schrift in Sachen der Nheinprovinzen, welche in den preußischen Staaten verboten wurden macht Aufsehen; doch glauben Viele, HerrGörres hatte besser daran gethan, die Grundsätze etwas mehr in den Vordergrund, und seine eigene Person weiter zurück zu stellen. — Der berühmte Componist und Violinist, Herr Spohr, welcher sich gegenwärtig in Dreßden befindet, ist zum kurfürstlichen Hofkapellmeister und Direktor der Oper zu Kassel ernannt worden. — Zu Hannover hat die allgemeine Standeversammlung am i«. Jan. ihre dießjährigen Sitzungen wieder eröffnet. — Zu Berlin wurde, auf Befehl des Königs, am 20. Jan. das Krönungs - und Ordensfest gefeyert. — Im Dezember v. I. ist die neue, 2 Meilen lange Kunststraße zwischen Halle und Merseburg eröffnet, und dadurch für den Verkehr eine der wichtigsten Verbindungen b-werkstelligt und vollendet worden. (Bekanntmachung.) Am Montag den 18. kommenden Monats Februar Nachmittags 2 Uhr werden auf den 7 Tischen zyy Klafter theils Fvrreu-, theils Fichten- Brennholz aus hiesiger Stadtaue, in größeren oder kleineren Parthien, je nach dem Wunsch der Kaufsliebhaber, au die Meistbietende versteigert werden. DieKaufs- Bedingungen werden vor der Versteigerung bekannt gemacht. Augsburg, den 29. Jan. 1822 . Stadtkckmmerey. _ O tt, Stadtkämmerer. Nachdem ich die allerhöchste Genehmigung erhalten, die mir zugefallene Kleini- sche Tabakfabrique durch eine hie;u eingerichtete Lotterie auszuspielen; so mache ich hiemit die Anzeige, daß am 1. Februar Plan und Loose zu 2fl. im 24 Guldenfuß hie- von bey mir Unterzeichnetem und bey Herrn Veit Kaula, Banquier allhier, zu haben seyn, welcher Kundmachung ich die Versicherung beyfüge, daß die Ausspielung besagter Fabrique unabänderlich am 1. Februar 1823 hier vor sich gehen werde. Augsburg, den 29. Jan. 1922. I. A . v. Pmir, kbn. H allbeamter allhier. Da die alljährige heil. Fastenzeit der Christen auch heuer wieder sich nähert, wird denselben in Erinnerung gebracht das vor Kurzem in der Nikolaus Doll'schen Buchhandlung in Augsburg erschienene alljahrige Fastenerempelbuch: Der heil. Büßer David, als alljährige Weckung, Belebung, Unterhaltung des Bußgeistes, allen Sündern vor Augen gestellt von Johann Sebastian Wittmann, einem Weltpriester und Kaplan in Aug sburg .___ Bey P. P. Bolling ist zu haben: Wittmann, I. S., das heilige Kirchenjahr in Lytaneien zu feyer n. 8- 30 kr. __ In der von Jenisch und Stageschen Buchhandlung hat die Presse verlassen, und welche in allen soliden Buchhandlungen zu haben sind: Zippers theoretisch- praktische Anweisungen zu Schlosserarbeiten, nebst den dazu gehörigen Zeichnungen und Rissen, 2 Bände, mit 48 Kupfern, gr. Fol. s 8 fl. 30 kr. — Anweisung zu Schlosserarbeiten mit Zeichnungen, z Bände, mit 36 Kupfern, als Fortsetzung vomObigem. gr. 4. 6fl. — Auf Schreibpapier 8 fl. 15 kr.— Diese 2 interessante Werke sollen mit Recht in keiner Werkstatt fehlen, weil solche nicht nur jedem Gesellen und Lehrlinge, sondern auch jedem kunsterfahrnen Meister über das ganze Geschaffte hinlängliche Auskunft ertheilen, und deßhalb mit vorzüglichem Nutzen gebraucht werden können. ^-trsAvIu, KasiiLuz, Lc-kL Wicke, schon seit iZ Jahren selbst gebaut, 100 schöne und reife Körner kosten z kr. — Mohn, von bewunderungswürdiger Größe und Schönheit in allen Farben und Spielarten, die Prise 6kr. — Ästern sehr stark gefüllt, mit den seltensten Farbenmischungen, die Prise 6 kr. — Diese Sämereyen sind zu bekommen in Mantl im Landgericht Neustadt an der Waldnaab bey dem k. b. pensionir- ten Lieutenant von Hann. Die Versteigerung des Ladens nebst Wohnung Lit. B. Nro.s. kann Hindernisse wegen erst Donnerstags den 7. Febr. vor sich gehen, Nro. iZr. Dienstag, den 29. Juli 1828. AugsburgerOrdinari Postzeitung, Von Staats, gelehrten, historisch- u. ökonomischen Neuigkeiten. ^höchsten Redakteur: Friedrich Loe. Gedruckt und verlegt von Joseph Anton Moy. München, den 27. Jlin. Sc. Hoheit der Herzog Mar werden zn Ende Augusts von Ihrer Reise nach Frankreich und England zurück erwartet, und im September wird sodann, dem Vernehmen nach, die Vermahlung mit der Prinzessin Louise k. Hoheit Statt finden.— Wer innländischen Wein nach München auf die Dult führt, und sich als Produzenten desselben gehörig ausweisen kann, darf denselben «nrer dem Reife bis zu 1/8 Eimer verkaufen. Der Minuto-Verschleiß wird ihm aber nicht gestattet. Den 17. Jul. hatte die 97ste öffentliche Sitzung der Kammer der Abgeordneten Statt. Von Seite der Regierung waren zugegen: Der königh. Staatsrath v. Knopp, die kdnigl. Ministerialrathe v. Thoma, v. Mayr, v. Knorr und Greiuei>-., Tagesordnung. I. Bekanntmachung der Eingaben. (Dem Abgeordneten v. Stachelhausen wuHe ^ein Lragiger Urlaub bewilligt.) II. Schlich der Debatte über die RechcnschaftS - Berichte rc. Es sprachen heute noch 5 Abgeordnete vom Platz aus. Hierauf nahmen noch der Referent von Dangel und der Korreferent von Utzschneidcr das Wort und die anwesenden königl. Kommissare theilten in den einschlägigen resp. RcäztiungS-Gegenständen und in Bezug auf die hierüber Statt gefundene Debatte mehrfache Aufschlüsse und Bemerkungen mit; worauf das Präsidium die Diskugion für geschlossen erklärte, und die Vorlegung der Abstimmungsfragen für die nächste öffentliche Sitzung anküudcte. III. Vertrag des 2 ten Ausschusses über die Verwendung der Staats - Einnahmen im Jahr 1825/26. IV. Vertrag des Heu Ausschusses über den Antrag des Abgeordneten v. Hagen, die Bayreuther Kontributions- «W)uld betr. V. Vertrag des 4ten Aus- schusses über den Antrag des Abgeordn. (und 2 ten Sc^tärs) v. Reindl die Passauer Staats- Schuld betreffend. Vl. Verlesung des Protokolls der Izsten öffentlichen Sitzung. Den 21 . Jul. hatte die 98 stc dffcntl. Sitzung der Kammer der Abgeordn. Start. Von Seite der Regierung waren zugegen: Der königl. L-taatsrath v. Knopp, die königl. Ministerialräthe v. Thoma, v. Knorr und Grciner. Tagesordnung. I. Bekanntmachung der Eingaben. II. Vorlegung der Fragen zur Abstimmung über die Verwendung der Staats - Einnahmen in den Jahren 1825/24 und 1824/25, dann während der isten Finanzperiode überhaupt. III. Vortrug des 2 ten Ausschusses über den Beschluß der Kammer der Reichsräthe, den Entwurf des Gewerbsteuer- Gcfctzes bctressend. Die Berathung und Schlußfassnng hierüber wurde nach dem Antrag des Freph. von Closcn, welchem sich zahlreich angeschlossen wurde, als mit dem Erwcrbsteucr-Gesetz-Entwurf konner, bis zu dem Zeitpunkt suspendirt, wo auch über dieses Gesetz die Beschlüsse der Kammer der Reichsräthe an jene der Abgeordneten gelangen werden. IV. Vortrag des 2 ten Ausschusses hinsichtlich des weiteren Schreibens der Kammer der Reichsräthe über den Malz - Aufschlaggesetz - Entwurf. Die Kammer beschloß, in die Modifikation der Kammer der Reichsräthe hinsichtlich der den standesherrlichen Gerichten zustehen follenden Judikatur in Malz-Aufschlags-Sachen nicht einzuwilligen, und auf ihrer eigenen deßfallsigen Modifikation zu bestehen. V. Verlesung des Protokolles der 96. und 97. öffentlichen Sitzung. Augsburg, den 28. Jul. Schon gestern stiegen die heißesten Gebete wegen der glücklichen Entbindung Ihrer königl. Majestät, unserer allerguädigsten Königin, aus den treuesien Herzen der hiesigen Bewohner in sämmtlichen Kirchen zum Höchsten empor. In der hiesigen Domkirche wurde ein feyerliches Hochamt mit Te Deum gehalten, welchem das königl Ncgierungspersonale, so wie der Magistrat und eine Menge der hiesigen Bürger beywohnte. Heute war große Kirchenparade von der hiesigen Garnison und der bürgerlichen Landwehre, und brünstige Gebete erfüllten die Hallen der heil. Kreuzkirche zum Wohlc Ihrer Majestät und des ueugebornen Sprößling, Prinzen Ädalbert. Wien, den 25. Jul. Der österreichische Beobachter enthält Folgendes: Den neuesten Berichten aus Bucharest vom 7. und 11, dießHufolge greift daselbst, trotz allen Bemühungen und strengen Maßregeln schmückt waren. — Aus Madrid wird gemeldet, daß die spanische Regierung rücksi'chtli'ch der auf dem Dampfschiffe Belfast in Coruuna angekommenen portugiesischen Generale und Mitglieder der Regentschaft zwar noch keinen Entschluß gefaßt habe, daß man jedoch die Ueberzeugung hege, sie werde ihrer Rückkehr nach England kein Hinderniß in den Weg legen. — Wie aus Gibraltar vom 3. dieß gemeldet wird, so kommen fast alle Fahrzeuge, die in die dortige Bay einlaufen, von den portugiesischen Küsten und haben portugiesische Flüchtlinge am Bord; die Zahl derselben in Gibraltar war schon sehr beträchtlich. — Der Konstitutionell will in Erfahrung gebracht haben, daß die mit der Anklageakte gegen das vorige Ministerium beauftragte Kommission der Meynung ist, daß die Anklage gegen die Herren v. Damaö, Chabrol und Frayssinous nicht stattnehmig sey, wohl aber gegen die Herren von Villele, Pcy- ronnet, Corbiere und Clermont-Tonnere, und daß sie von derKammer Vollmachten zu einer ausgedehnteren Untersuchung verlangen werde. — Eine Dame M — t, von der Insel Martinique wurde am 22. May in die Gefängnisse von Fort - Royal gesetzt. Sie hat eine Negerin ihrer Werkstätre lebendig begraben lassen. Man ist begierig auf das Urtheil, und ob die beleidigte Menschheit wird gerochen, oder die Straflosigkeit durch die Ausnahmgesctze fürdie Weißen begünstigt werden. — Der Courier francais sprichtwiedcr von der Absendung einer französischen Expedition nach Morea, welche aus den bey Toulon versammelten 9 bis 10,000 Mann, und aus den 3000 Mann, die man von Kadir erwarte, bestehen, und Ibrahim PaschazurRäumung von Morea zwingen solle. Der Oberbefehlshaber sey noch nicht bestimmt, man nenne unter den Kompetenten die Generale Maison, Clauzcl und selbst Loverdo. — Die Gazette de France halt-die nahe Abfahrt dieser Expedition, deren Stärke sie auf 17,000 Mann angicbt, für ganz gewiß. Vom Rhein, den 24. Iul. Portugal mag sein jetziges und künftiges Schicksal wohl verdienen, weil es dasselbe selbst geschaffen. Nur jene unglückliche Opfer müssen davon ausgenommen werden, welche ihrem angebornen Fürsten treu und gehorsam blieben, eine ungehcucheltc Anhänglichkeit für die gerechte Sache und für die Konstitution zeigten, und nun, mit gctäuschem Vertrauen auf Englands Schutz, theils in den Kerkern schmachten, theils dem Henker und seinem Beile schon übergeben wurden, und es stündlich noch werden. Wenn man diese Unglücklichen, sagen wir, allein ausnimmt, dann haben die Andern, groß oder klein, ihr jetziges und künftiges Looö verdient. Daß für sie nur RoseN blühen werden, glauben wir durchaus nicht. Gewiß, es muß eine Zeit kommen, die Zeit der Rache, die nach allen Muthmassuugen fürchrcrlich seyn wird; und wer jetzt hoch oben steht, kann leicht unter den Ersten seyn, die da fallen. Unser Auge sieht dort nur Thränen und Blut! Das Spiel, welches jetzt die Usurpation spielt, ist allzu verwegen und grausam; es kann daher nicht glücklich für sie enden. Don Miguel, der unbeschränkte König, zeigt sich ganz als Alleinherrscher; was wird Europa dazu sagen, was der rechtmäßige König Pedro? Wir glauben nicht, daß die großen Mächte diesen Akt der Ungerechtigkeit ruhig ansehen, und ihn genehmigen werden; eben so wenig sind wir der Meynung, daß Don Miguel, im Gefühle seiner Ungerechtigkeit, freywillig vom Throne wieder sserabsteigen, und den Scepter niederlegen, sondern daß er ihn im Gegentheil mit beyde» Händen festhalten wird. Ob aber Don Pedro nun so ohne Schwierigkeit eine Thronentsagung für sich und die Seimgen zu Gunsten des jetzigen gewaltsamen Besitzers unterzeichnen dürfte, daran müssen wir allerdings zweifeln. Freylich wäre dann die ganze wichtige Sache mit einem Federzuge abgemacht. Die Geschichte lehrt uns jedoch sattsam, daß ein kdnigl. Thron keineswegs unter die Gaben gerechnet werden kann, die man gern, und ohne entschiedenen Unwillen verschenkt. — Nur die Waffen scheinen uns daher das Mittel zu seyn, hier den AuS- schlag zu geben. Ein fürchterlicher Krieg! wo der Bürger den Bürger, der Landsmann den Landsmann, der Eingeborne den Eiugeborncn mordet, wo hier der Sohn gegen den Vater ficht, und dort der Vater den Sohn durch eine Kugel dahinstrcckt! Aber nicht allein ein äußerst grausames, nein, auch ein sehr gewagtes Spiel würde es von Don Pedro sey», wenn er in seiner jetzigen, in jeder Hinsicht mißlichen Lage, allein das Schwert ziehen müßte, um dieses Recht geltend zu machen. Schwerlich dürfte er dann Sieger werden. Das bisherige Benehmen der Konstitutionellen hat uns schon so manche unerwartete Blöße gezeigt, daß wir ihnen nicht viel Großes mehr zutrauen; dagegen wird sich Don Miguel, die Zeit bcnützend, durch jedes, wir sagen nicht erlaubtes, Mittel so festzusetzen, daß die Möglichkeit, ihn zu stürzen, immer unwahrscheinlicher werden wird. Es ist unendlich schwerer, dem Feinde das Schwert aus der Hand zu reißen, wenn er es einmal ergriffen hat, als zu verhindern, daß er es aus der Scheide ziehe. — In der Gegend von Antwerpen sind durch den Orkan vom K, Iul. gegen 500 Häuser und Scheunen theils umgeworfen, theils beschädigt worden. Berlin, den 22. Inl. Tilsit herrscht unter den Kindern, die voriges Jahr die Masern gehabt, dabev aber ^,'uacklämcü worden sind, der trockene Krebs, wobey den Erkrankten das Fleisch von Nase, Mund Oinen nnd Augen stückweise vom Körper sich ablöst,und abfallt, wobey sie aber bis rüm Tode anten Appetit behalten. Die ersten Anzeichen die,er Krankheit sind blaue Flecken; 3 Kinder sind bereits daran gestorben, und bey den übrigen Kranken sollen homoopathijche Hei- lnngs-Versuche angestellt werven.^^^^^ 2g. Inl. -A,re könial. Koheit die Frau Herzogin Paul von Würtemberg kamen auf der Reise von Altenburg nach Schloß Taris, und Se. Durch! der Prinz Gustav von Hetzen-Homburg mit ^ -ckl Familie auf der Reise von Dessau nach Homburg hier an und nahmen sämmtlich Ihr Nacktäuartier im Gasthof zum rothen Roß._,_ -tNTkmsiltmachunq.s' Künftigen Samstag den 2. August l. I. Vormittags 9 Uhr werden in dem Lause Lit G. Nro. 9. verschiedene Effekten, bestehend in Sesseln, Tischen und Kästen, dann Kleide n, Wäsche und Kupferstichen, gegen gleich baare Bezahlung an den Meistbieten- ' de versteigert werden. Kaufsliebhaber mögen sich an dem bezeichneten Orte zur festgesetzten 4et erfinden. Augsburg, den 26. Jul. 1828. Komgl. Kreis.und Stadtgericht. ^ Dir., der Rath Dr. Weber. — Lermer. -sUITsm erbring.) Mittwoch den iS.Aug.d. I. wirddcrThurmnebstAnbauLit.A.Nro.450. am sogenannten Eichstadel vom kommenden Ziele Michaeli an bis zum Ziele Georg, 1835 an den MeMietenden durch öffentliche Versteigerung in Pacht gegeben. Ste,gerungsl„st,ge wollen an besaatem Tage im Arbeitslokale des kbnigl. Platz- Ingenieurs mr ehemaligen evangcl,,chen Pfanl ause am rothen Thore erscheinen, woselbst die Pachtbed.ngn.sie 8 Tage vorher auch e.n- ,r sehen sind. Bemerkt wird noch, daß eder Ste.gerer sich über seine Zahlungsfahigke, und gn- h-k. Aug-bu,g, den Jul IWS D^dmg^ Militär - Lvkalbaukommission..^^ ! Pl.atzmawr. Bekanntmachung. sWeinverkauf.) Am Samstage den 16. Aug. d. Nachmittags 2 Uhr rverdn, in der Rcntamtskanzley zu Lindau ungefähr 200 bayer, Eymer l827ger L,udauer Wem an den Mcistbiethcnden in Parthien zu 10 bayer. Evmern versteigert, zu welcher Verkaufsver- Rentamt Lindau._._—' mory, mcnroeamrcr.,, -7ViK,v7rsiecherunq.) Montag den 18. künftigen Monats August, Vormittags 10 Uhr- werden da ster 8 bis 9 Stuck Mastvieh, dann Nachmittags 1 Uhr 40 bis 50 Stück fette Schafe und Hammel, gegen gleich baare Bezahlung an den Mcsilbietcnden versteigert. Schwaigangcr, den 23 Jul 1828. Die kdnigl. Militär - Fohlenhofö - Juipcttion Schwaiganger. den 20. ^ur. ^ » Seltner, Oberlieut. — Fle„chmann, Verwalter. -D^sÄnwcscu der Wittwe Maria Häuf vonKonzenberg, bestehend aus einem halbgcinauer- .... Molmbause mit Stall und Stadel unter einem Dache, dann den hiezu gehörigen GemeindS- LKWL iL d-m g.n-l>-llch,- -.Sg-sch- «««. H,-zu wird ,n n Termin auf Donnerstag den 14. Aug. l. I. angesetzt, wobey sich Kaufölielchaber einftuden, und ihre Angebothe zu Protokoll gelangen lassen mögen. D.e Eröffnung der Kauföbedingn.sie übrigens vor der zu beginnenden Kaufhandlung, nur hinsichtlich der auswärtigen, ß K lch, L°k«»>. Känft- wl,° °>-s. ml, und V.» 2/.,^missen ibrcr betreffenden O>tsobrigke,ten versehen ,eyn müssen, wenn sie der Zu- sMK'SLftsLüg °.n ^^^^ssfm'laduna ) In dem Schuldenwe,en des Krämers Gottlicb Jlz von Lechhauscn werd n nachd m des Konkurses erlassene landgerichtliche Erkenntniß vom l7 nd E v. I. in höherer Instanz bestätiget worden -st, folgende Ed ktö- tääe a b raumt: 1) zur Anmeldung und Liquidirung der Forderungen der o0. Aug., bey welcher T acf^t Misteich ci,, Vergleichsvcrsuch Zwischen dem Gant.rer und .euren Gläubigern gemacht wefcnwud -2) zur Vorbringung der Einreden der oO.Lcpt.; Z) zur Schlußvcrhandsi.ng, und werden wuo, - z ^ Dupplik der 17. Nvv. Sämmtliche Kreditoren ?7e?den auf o?i/e EdcktStägeftdeSmal bis 9 Uhr Vormittags nsit dem Rechtsnachtheile vorgeladen daß das Michrerscheinen am ersten Ediktttagc die Ausschließung von der gegenwärtigen Konkursmasse jenes an den übrigen Ediktötägen aber die Ausschließung mit den an solchen vor- 'Zunehmenden Handlungen zur Folge habe. Diejenigen, welche vom Gantirer Vermögensthelle in Handen haben, werden hiemit aufgcfoderr, solche, bey Vermeidung des Ersatzes, und mit Vorbehalt ihrer Rechte dem tdnigl. Landgerichte zu übergeben. Zugleich wird säum,erichen Gläubigern eröffnet, daß das Anwesen auf5718fl. geschätzt und auf solchen, nach demHypvrhekenbuchs 10,954fl. versicherte Schulden haften, von welchen jedoch der Gantirer 1505 st. bezahlt haben will, bisher aber hierüber keine legale Beweise beygebracht hat. Am ersten Edikisragc wird, wenn ein Vergleich nicht zu Stande kömmt, das Anwesen des GantirerS nebst der vorhandenen wenigen Mobiliarschaft versteigert. Solches besteht in einem ganz gemauerten, 2 Stockwerk hohen Hause mit Stadel und Skaluiiig, und 1 Tagw. 10 Dezim. Garten, welche Realitäten zum bdnigl. Rentancke freystifrsweise grundbar sind, dann in 7 Tagw. 57 Dezim. ludeigenen zwey- rnadigen Wiesen, und 23 Tagw. 75 Dezim. zum k. Remamre bvdenzinsiges Ackerfeld. Auswärtige Käufer haben sich mir gerichtlichen Vermögens-Zeugnissen auszuweisen, .^ctunr den 15. Iul. 1828. Köuigl. bayer. LandgerichtF> iedberg.v. Gimmi, Landrichter. (Ediktalladung.) Auf Antrag der sich legitimieren nächsten Anverwandten werden nachstehende theils schon früher, theils erst im Feldzug der vereinigten, dortmals kaiserlichen, französischen und bayerischen Armee nach Rußland im Jahr 1812^15 ausgebliebene und vermißte Unterthans-Söhne. als: Anton Baier, geboren zu Mckenhauscn 1777 den 14. Juni, Wirthssohn, gierig am 16. Juli 1798 bey dem kvn. 5ten Chev. leg. Regiment Graf von Fugger gegen 25 fi. Hand - und Anbringgeld auf 10 Jahre z», desertiere aber am 7. August aus der Garnison Neumarkt, und hat man seitdem keine Spur von ihm mehr erhalten. Johann Konrad Haußner, geboren zu Uttenhofen am 6. Nvvember 1791 Tagldhnerssohn, Gemeiner des kdn. 7ten Linien- Jnfantcrie - Regiments. Joseph Mandercr, Banerssvhn von Mdrsdvrf, Gemeiner beym kdn. Artillerie und Fuhrwesens-Bataillon, beyde seit dem Feldzug »ach Rußland vermißt, und Deren allenfalsige Erben hiermit öffentlich aufgefordert, sich binnen 9 Monaten und längstens his zum 1. May 1829 beydem unterfertigtem kdn. Landgericht einzusinden, oder genügend zu melden, und ihr Vermögen in Empfang zu nehmen, oder zu gewärtigen, daß nach fruchtlosem Ablauf des Termins ihr Vermögen an ihre benannten nächsten Anverwandte gegen gesetzliche Kaution hinausgegeben werde. Hipoltstein den 15. Juli 1828. Konigl. Landgericht. Förg, Landrichter. — roll. Wagner. (Ediktalvorladung.) Da das gegen den Johann Schwaiger zu Srammham am 10. Ja», erlassene, und am 6. Febr. pirblizirre Gantdckrer bereits die Rechtskraft beschulten hat, werden nachstehende Ediktstage ausgeschrieben: 1) zur Anmeldung derFordermige» und deren gehörigen Nachweisling auf Mittwoch den 15. Aug.; 8) zur Vorbringnng der Einreden gegen die angemeldeten Forderungen auf Mittwoch den 17. SLpl.; 5) zur Schlußverhandlung, und zwar r>. für die Replik auf Freytag den 17. Okt., b. für die Lupplik Montag den 5. Nov., jedesmal Vormittags 9 Uhr, und es werden hiezu sämmtliche unbekannte Gläubiger des Gemeinschuld- riers hiemit öffentlich und unter dem Rechtsuachtheil vorgeladen, daß das Nichterscheinen am «rften Ediktstageden Ausschluß der Forderung von gegenwärtigen Konkursmasse, das Nichterscheinen an den übrigen Edikstagen aber den Ausschluß mit den an denselben vorzunehmenden Handlungen zur Folge hat. Zugleich werden alle diejenigen, welche etwas von dem Vermögen des Gantleiders in Händen haben, aufgefodert, solches bey Vermeidung des nochmaligen Ersatzes, unter Vorbehalt ihrer Rechte, bey Gericht zu übergeben. Schließlich wird in Gemäßheck der Prioritatsordnung vom 1. Jun. 1822 §. 52. ausdrücklich erwähnt, daß der bereits zu den Akten angemeldete Passivstand 20l5fl. 29 l^4kr. betragt, daß darunter 1133 fl. L9l/4kr. Hypothekschulden begriffen sind, das Aktivvermögen des Schuldners aber nur auf 1756 st. 51 kr. gerichtlich tarckt wurde. Auch wird das Anwesen des Schuldners, bestehend aus der ludeigenen Nadelbauernhofsbchausung sammt Stadel, Hosraum, Backofen und 2 Haus- gärten, dergleichen aus dem aus l/8 Tagw. Krautbceten, 41 Leckern zu 15 3/4 Tagw., und L W-csen per 5 Tagw. bestehenden zum Pfarrgotteshaus Stainmham erbrechtsweise grundbaren Komplexe des Paulimichelhofs öffentlich zum Verkauf ausgebvtcn. Jngolstadt, den 19. Iul. 1828. Konigl. baycr. Landgericht Jngolstadt. 1. u. 1. O., v. Heydenaber, 1. Assessor. sBekaimrmachung.) Nach dem Antrag der Gläubiger der Andreas Schimppschen Relikten »011 Franenftetten wird nochmalige Derkausstagsfahrt für den Gciamnubcsitzstaud, als: bestehend in Haus, Stadel, Waschhaus, einer Mahlmühle mit 3 Mahl und einem Gerbgang, einer Lclmühle, 3/4 Tagw. Wiesen und 22 Ich« Holz, dann an walzenden Gründen 2 3/8 Jchrt. Ackers und 6 Tagw. Wiesen nebst Vieh und Pferd, Schift und Geschirr und Baumaunsfahr- rrissen auf den si. Aug. 1828 festgesetzt, und Kausvlicbhaber, mit Vermögens - und Leumunds- Zeugnissen versehen, eingeladen. Die sämmtliche Gläubiger werden aber unter dem Prajudkz vorgeladen, am obigen Tag zu erscheinen, widrigenfalls sie entweder dem Beschlusse der Mehrzahl hinsichtlich eines allenfallsigen Arrangement, oder hinsichtlich der Ratifikation des Kaufsau- Lothes angeschlossen werden. Werti'ngeu, den 22. Jul. 1828. Kdnigl. bayer. Landgericht. Gebhard, Landrichter. (Kuudinachung der Lizitativ» des ob der ennsischen ständischen Weinaufscylagsgefälls.) In Folge eines eingelangten hohen Hofkanzleydekrets vom 26. Jun. d. Jl Rro. 14,591., und Regierungs-Jntimation vom 5. d. M. Z. 18,669. wird das ständische Weinaufschlagsgefäll von allen in dem Patcnle vom 25. Aug. 793 benannten Getränken, jedoch mit Ausnahme des Biers, Obstmostes und Obstessigs, nach dem dem Patente angehängten Tariffe den 20. Aug. d. I. durch öffentliche Versteigerung im Landhause auf 6 Jahre, nämlich vom 1. Nov. 1828 bis Ende Oktober 1834 verpachtet, und bey dieser Verpachtung der nach einem sechsjährigen reinen Durchschnitts-Ertrag ausgefallene jährliche Pachtschilling pr. 29,485fl. 52 kr. Kouv. Münze zum Ausrufspreise angenommen. Ferners wird das Gefall den Meistbietenden, mit Vorbehalt der Ratifikation der hohen Hofstclle überlassen. Jeder Pachtlustige aber hat vor Anfang der Versteigerung den loprozcmigen Betrag deS Auörufspreises mit 2950 fl. Konv. Müuz als Reugeld zu Handen der Lizitations-Kommission gegen Rückstellung an die nicht meistbictendgebliebenen Liziranten nach Vollendung des Lizitariousaktcö, und der Pächter vor Anfang der Pachtung gleich nach der ihm bekannt gemachten Ratifikation zur Sicherstellung der Erfüllung der Pachtverbindlichkeittn eine Kaution im Betrage des halbjährigen Pachtschillings entweder irr Baarem oder in öffeurlicheu Fondspapieren nachdem börsemäßigenKurs oder mit einer annehmbaren Rsalbedeckung bey dem ständischen Lbereinnehmetamte zu erlegen. Die übrigen Pacht- bedingnisse und Pateute können bey dem ständischen Erpedite eingesehen oder davon Abschriften genommen werden. Linz, den 9. Jul. 1828. Vom ständisch verordneten Kollegio in Oesterreich ob der Cnus. Heinrich Edler von Schmelzing, ständischer Syndikus. Die beyden Bruder Georg Kaspar und Alexander Vogelg'sang von Kloster-Zimmern, wovon Ersterer, wenn er noch lebt, 76 Jahre alt. Letzterer aber 72 Jahr alt ist, sind schon seit etlichen 30 Jahren, unwissend wo, landabwesend, ohne daß man von ihrem Aufenthalt und Leben Nachricht erhalten hat. Da die Verwandte dieser beyde» Vogelg'sang gebeten, daß selbe für rodr erklärt, und das Vermögen derselben ihnen mit Eigenthumörccht zuerkannt werden möchte, so werden selbe, oder ihre rechtmäßige eheliche Deszendenten, unter Anberaumung einer perem- torischen Frist von 6 Monaten aufgelodert, sich dahier einzufinden, und das Vermöge» in Empfang zu nehmen, im Nichterscheinungsfalle aber werden Beyde, in Folge des vorliegenden Edikts vorn Jahr 1756, für todt erklärt, und denen sich hierum gemeldeten Verwandten das Vermögen mit Eigenthumsrecht zuerkannt werden. Wallerstein, den 14. Jul. 1828. Fürstl. Oettingen - Wallcrsteinisches HcrrschaftSgericht Wallerstein.v. Langen. — Müller. Bekanntmachung. zGutsverkauf betr.) Das unterzeichneter Verwaltungsbehörde für die hiesige Spitalstiftung an Iahlungsstatt heimgcfallene Hofgut des Landcigenthümers Simon Back zu Ummendorf, (eine Stunde von Landsberg,) wird vorbehaltlich der Ratifikation entwo, der zu ganz, oder, so ferne sich Liebhaber hiezu finden sollten, in zweyen, hinsichtlich der Grundfläche ganz gleichen Theilen auf vollkommen freyes Eigenthum an den Meistbietenden verkauft; für den Fall der Gutstheilung ist jedoch zu bemerken, daß eine Hälfte des Hofes aller Wirthschaftsgebäude entbehren würde, daß also deren Käufer solche, (wozu übrigens die passende Lokalität schon vorhanden wäre,) erst noch errichten mußte. Im eingetheilten Bestände besteht dieses Anwesen: a) aus dem Wohngebäude mit Stallungen und dem Backofen, K) aus 1 Tagw. 22 Dezinr. Gartenland, c) auS 79 Tagw. 61 Dezim. Aecker in allen 5 Feldern, ä) aus 26 Tagw. S8 Dezim. Wiesen, »nd 0) aus 23 Tagw. 48 Dezim. Holzgründen, und leistet jährlich: l)zum kdnigl. Rentamte Landöberg: a) Rustikal-Stenersimplum 5st. 51 kr. 4hl., b) Lcharwerkgeld Kfl. 27 kr. 1hl., o) Grundzins 26 kr. von dem Forstentschädigungs-Antheile; 2) zum Gotteshause Gabach, im kdnigl. Landgerichte Weilheim: cl)Crift4fl. 50kr. von dem dahin freystiftig bleibenden, kcinzigen Laichacker all 2 Tagw. 46 Dezim., (Kataster-Nro. 851. des Sreuerdi- firikles Landeberg); 3) zur Etadtpfarrey Landsberg: e) den Großzehenten. Kaufslicbhaber, welche sich, im Falle sie die Kaufsvbjekte inzwischen besichtigen wellen, deßhalb an den Spi- talhausmeister Bernhard März dahier zu wenden haben, werden nunmehr eingeladen, künftigen Freytag den 29. Aug. 1828 Vormittags 9 Uhr hierorts zu erscheinen und ihre Kaufsanbothe zu Protokoll zu gebe». Von fremden Steigeruugc-lnstigen werden die, zur Ansäßigmachung gesetz» ljch erforderlichen Nachweisungen verlangt; als erste Kaufsbedingniß aber wird die baare Erläge des Kanfschillinges mindest zum Betrage von s Drittheilen, da nur ein Drittheil desselben auf dem verkauften Anwesen zu Kapital liegen bleiben kann, hiemit schon vorläufig festgesetzt. Den SZ. Jul. 1828. Magistrat der kbnigl. bayer. Stadt Laudsberg. Thoma, Bürgermeister. (Bekanntmachung.) In dem hiesigen Domprobstey-Gebäude Lit. D. Nro. 109. hinter der Domkirche nächst dem Fraucnthor werden am Montag den 4. Aug. d. I. Vormittags aus dem Nachlasse des Herrn Domprobst, Freyherr» von Sturmfeder, mehrere Chaisen desselben, und ein Vatard mir Schwanenhals, eisernen Achsen und messingenen Büchsen, 2 Trotschken oder Würstlen, ein Leiterwagen, vorrathiges Holz, verschiedene Weine in Fässern und Bouteil- len, und ein bedeutender Vorratb von Branntwein, an den Meistbietenden gegen sogleich baare Bezahlung öffentlich versteigert werden, wozu Kaufslustige eingeladen werden? Augsburg, den 22. Jul. 1828- I. Macceri, k. Advokat, als Freyherrlich von Sturmfederscher Testamentserekutor. In I. A. Schlossers Buch - und Kunsthandlung ,'n Augsburg ist so eben erschienen und in allen Buchhandlungen zu haben: I. Seidenbau-Katechismus, oder gründliche und erschöpfende Anweisung, wie die Seide auf die möglichst einfache Weise in Deutschland gewonnen, und zum Gebrauch vorbereitet werden kaun. Mit Rücksichtnahme auf die verschiedenen Futter- gattungen der Seidenraupen, die Krankheiten, welchen dieselben unterworfen sind, und auf das Abhaspeln der Seide, so wie einige Worte über die Pflanzung und Pflcgung des Maulbeer- baums, von I. B. Niedergesees, mit einer illuminirten Kupfcrrafel und in Umschlag droch. 8. Preis 15 kr. Dieser gemeinnützige Katechismus ist bey der jährlich mehr in Aufnahme kommenden Kultur dieses wichtigen Geschafftes um so mehr empfehlenswert!), als in demselben genügend dargethan ist, daß der Seidenbau, tausendfache Zinse tragend, auch in Deutschland, in Städten wie auf dem Lande, mit geringer Mühe und Auslagen eingeführt, und ganz leicht einheimisch gemacht werden kann.— II. Der 2te Band des wohlfeilsten Tascheukonversations- Lerikon aufPränumeration 12 kr., und auf Subskription 15 kr. Unterzeichneter hat in Erfahrung gebracht, daß die Rede geht, als würden die jetzt so beliebten Seidenhüte von schwarzer Farbe roth, und nähmen überhaupt ein schlechtes Ende. Um Nachtheile und Schaden für meine.Fabrikatio» in diesem Artikel zu verhüte», fühle ich mich verpflichtet, hiermit anzuzeigen, daß dergleichen Hüte, an welchen man obige Erfahrungen gemachthat, nicht aus meiner Fabrik sind, und meine bisherigen verehelichen Abnehmer werden tlnparteyiich erklären, daß die bey mir im Preise von 4 fl. 48 kr. bis 5fl. gekauften wasserdichten Seidenhüte ihren schönen Glanz und Schwarze behalten haben. Zugleich mache ich bekannt, daß die Hüte aus meiner Fabrik, »ach jeder Mode zu den billigsten Preisen umgeändert, repa- rirt, und die Verlornen Haare wieder ersetzt werden. Endlich haben meine Hüte noch den Vortheil, daß ich selbige nach langem Tragen wieder zurücknehme, und jeder vereheliche Abnehmer kann, so oft es ihm beliebt, gegen Erlag von 5fl. 26kr. und Zurückgabe des alten Hutes sich einen neuen auswählen. Zu fernerer zahlreichen Abnahme empfiehlt sich Anton Schuster, kdnigl. privilegirter Seidenhut- und Haubenfabrikänt in Augsburg. Bey Jos. Quante ist neuer Honig - und Raygras-Saamen, Esparcette, weißer holländi- fcher Wiesenkleesaamen, nebst andern Saamereyen zur Aussaat für den Herbst zu haben. Man wünscht ein Oekonomiegut mit circa 2 ä 200 Jchrt. Waldung anzukaufen. Anträge beliebe man portofrei) an das Kommissionsbureau in Augsburg einzusenken. Unterzeichneter ist gesonnen, seiue zweyte Parthie ausländischer Thicrpflanzeu, und zwar S Stück zu ist. täglich zu verkaufen. Fried. Ehrenfried, Botaniker in Augsburg Lir. D. Nro. 164. (Bekantmachung.) Am künftigen Donnerstag den 21. Juli werden Vormittags 9 bis 12 Uhr in dem Hause Lit. V. Nro 55. hinter St. Ulrich mehrere Kleidungsstücke, Weißzeug, goldene und silberne Hauben, Leinwand, Komod-und andere Kasten, Kanapee, Sessel, Tische und Küchengeschirre rc. an den Meistbietenden gegen sogleich baare Bezahlung versteigert, wozu Kaufslustige höflichst eingeladen werden. Augskurzer Börsenkurs vom 28 . Juli 1828 . ->) Oesterreichische Staatspapiere zproz. Metalliques . . Bankaktien .... Rothschild'sches Anlehen 1820 . . . detto LL-i; 4 Proz. von Papier. Geld. j Papier. 93 Is 2 93 3 s 8 s Oblig. m. Coup. 4 Proz. . 98 ts 2 t°73 ro 7 l i detto - - L Proz. . (Landanlehen Z Proz. . 104 isz tZl izo isr k Lorr. Lvose L — iu 4 Proz. in 1 detto unverz. » io fi. . loö 7 s 8 IN 3s8 — Geld. 98 ls4 104 lc-6 Ist HS Nro. 225. Donnerstag, den 13. SepL. 1323.' AugsburgerOrdinari-Postzettung, Von Staats, gelehrten, historisch- u. ökonomischen Neuigkeiten Mit allerhöchsten Redakteur: Friedrich Loe. Gedruckt und verlegt von Joseph Anton Moy. München, deni6. Sept. Das königl. Gesetzblatt St. VIII. vorn 25. Aug. theilt folgendes Gesetz, die allgemeine Grundsteuer betreffend mit: Ludwig, von Gottes Gnaden, Kdnig von Bayern rc. rc. Durch die Nachtheile, welche eine Stenerbelegung nach verschiedenartigen Normen an und für sich im Gefolge hat, dann durch die häufigen Beschwerden über ungleichd Besteuerung veranlaßt, haben Wir das gesammte Steuer - System einer Revision unterziehen lassen, und verordnen demnach bezüglich der Grundsteuer nach Vernehmung Unseres Staatsrathes und auf Beyrath und Zustimmung Unserer Lieben und Getreuen, der Stande des Reiches, was nachfolgt: I. Kapitel. Allgemeine Normen für die Grnndbestenerung. §. 1. Das durch allerhöchstes königl. Rescript vom 15. März 1811 angeordnete Grundsteuer-Definitivum soll nach und nach in allen Theilen Unseres Königreiches nach den besonderen Bestimmungen des gegenwärtigen Gesetzes in gleichfönnige Anwendung kommen. H. 2. Die definitive Grundsteuer ist eine direkte Staatsaustage von G)'«nd und Boden. H. 5. Für die Grundsteuer wird nur eine einfache Beytragsgrdße ausgemittelt, und es bleibt-dieselbe unverändert, so lange der Besteue? rungs-Gegenstand dauert. §. 4. Da, wo der Grund und Boden mit Dominikal-und andern Reallasten, insbesondere'mit derZehentlast beschwert ist, steuert der Besitzer der Dominikal-und Zehentrenten nach dem Antheile, den er an dem Ertrage des Grund und Bodens nimmt, dem Grundeigenthümer, Nutznießer und Grundbesitzer zum Stenersimplnm bey. Der Beytrag des Grund-Eigenthümers, Nutznießers und Grundbesitzers nach Abzug aller Dominikal-und Neal- lasten ist alsdann die eigentliche Rustikalsteuer; der Beytrag der Zehentberechtigten die Ze- hentsteuer. Im Rheinkreise Hai der Besitzer deS mit einer Grundrente beschwerten Grund und Bodens die Grundsteuer allein zu tragen; dagegen darf er dem Besitzer der Grundrente nach den Bestimmungen der dort bestehenden Gesetze, und in den von denselben vorgesehenen Fallen, ein Fünftel der Rente in Abzug bringen, g. 5. Der Maaßstab der Besteuerung ist bey allen Grundstücken der, aus deren Flächen - Jnnhalt und der nach ihrer natürlichen Ertragsfähigkeit erhobene mitteljährige Ertrag desselben. Er besteht bey allen Kulturarten nur in dem Hauptprodnkte und zwar: a) bey Aeckern in dem mitreljährigen Kdrnerertrage nach Abzug der Aussaat und unter Freybelassung des Strohes, der Früchte der Brache, der Weyde und aller sonstigen ökonomischen Nebennutzungen; 1>) bey Wiesen in dem mitteljährigen Ertrage an Heu und Grumet; o) bey Waldungen in dem nachhaltigen Holzertrage nach der der Holzart entsprechenden Wirthschaft^ - Methode und unter Freybelassung der Forst-Ncbennu- tzungen; und ä) bey allen übrigen Gründen in dem den vorstehenden Hauptkultnr-Arten assimilieren Ertrage. Der Maaßsiab für die Besteuerung der Dominikal - und andern Renten ist ihr jährlicher wirklicher oder eingeschätzter Ertrag, für die Besteuerung der Zehnten, mit Ausschluß der nach H. 9. besonders zu behandelnden Klein-und Blutzehenren, der steuerbare Kdr- nerertrag der Grundstücke. Die Dominikallisten und Zehentbesitzer werden von dem Tage der Einführung des gegenwärtigen Gesetzes an, in Beziehung auf Steuernachlässe den Rnstikali- sten bey jedem Anlasse durchaus gleichgestellt. H. 7. Der Flächen - Jnnhalt der Grundstücke wird durch eine allgemeine, genaue Parzellar-Messung und Berechnung, die natürliche Ertragsfähigkeit aber durch wirkliche Ertragsausmittelnng (Bonitirung) bey gewissen Grundstücken als Anhaltspunktcn (Mustergründen) gefunden, mit welchen alle übrigen Grundstücke verglichen und hiernach in Klassen gebracht werden, tz. 8. Der Ertrag der Renken aus dem Dominikal-Verbände und anderen nutzbaren Rechten, so wie der Zehentrechte, wird durch Liquidation, Fatirnng und kontrolirende Schätzung erhoben. H. 9. Nach denselben Grundsätzen, wie tz. 6. und 8. wird erhoben, jedoch ausgeschieden, und nach abgesonderten Katastern besteuert der Ertrag; ») aus Klein-, Brach-, oder Grün-Zehenten, in so ferne die der Aus- zehentnng unterliegenden Früchte als eine bloße Nebenuutzüng, nicht aber als eine bereits in London, den y. Sept. Von Petersburg ist die Nachricht eingegangen, daß die russische Regierung über die Usur/ pätion des Don Miguel förmlich ihre Mißbilligung ausgesprochen, und sich bestimmtest entschlossen hat, auf der Anerkennung der Rechte Don Pedros an die Krone von Portugal zu beharren. — Der päpstliche Nuntius soll Lissabon verlassen. — Man glaub: allgemein zu Madeira, daß, wenn die anwesenden Truppen gesonnen seyen, die Insel zu vertheidigen, es eine Unmöglichkeit sey, daß sie eingenommen werde. Die Hilfe, welche von England geschickt werden soll, war am 10. August noch nicht angekommen. Am 28. Julius erschienen 2 portugiesische Briggs auf der Höhe von Funchal. Das englische Schiff Medina, das den englischen Konsul än Bord hatte, gicng ihnen entgegen, und nachdem es von dem portugiesischen Kommandanten erfahren harre, daß er die Insel blockire» wolle, so erklärte der Kapitän der Medina, daß er die Vertheidigung der englischen Flagge zu übernehmen die Verpflichtung habe. Die Portugiesen kündigten hierauf an, daß sie kci» englisches Schiff anhalten werden, bis ödn Großbrittannien die Blockade anerkannt sey. — Die portugiesischen Konstitutionellen. welche sich zu Portsmonth befinden, werden binnen Kurzem auf den, für sie ausgerüsteten, Schiffen Minerva. Susan, Lyra und Delphine nach Brasilien abgehen. — Es heißt nun allgemein, daß eine Uebereinkunfr zwischen den Grafen von Ofalia und Aberdeen über die Forderungen brittischer Unterthanen zu Stande gekommen sey, die die spanische Regierung mit 900,000 St. in Terminen, innerhalb 6 Monaten, vom 1. Okt. d. I. an, abtragen soll. — In dem bekannten Amphitheater von Astley in London debütirte neulich ein Elephant; es ward bey gedrängt vollem Hause ,,Blaubart", als Melodrama gegeben. Nach dem Stück sollte der Elephant in dem vor der Bühne befindlichen Circus seine Gcschicklichkeit zeigen , doch kaum hatte man ihn hineingeführt, so gebehrdeteer sich, wahrscheinlich erschreckt durch die große Menschenmasse, so äußerst widerspenstig, daß seine Führer momentan alle Gewalt über ihn verloren. Auf die ihn umringenden Zuschauer zustürzend, war es ihm bereits gelungen, beyde Vorderfüße über die den Circus umschließende Barriere zu bringen. Das Geschrey der Frauen war schrecklich; Alles drängte sich den Ausgangen zu, und es entstand eine unbeschreibliche allgemeine Verwirrung. Mehrere Dame» wurden durch des Elephanten Rüsicl leicht verletzt, eine aber so schwer, daß sie gleich zu einem benachbarten WMndarzt gebracht und zur Ader gelassen werden mußte. Mit großerSchwierigkeirgelang esendlich, des großen Ruhestörers Herr zu werden, und ihnaus dem Circus zu führen. Das gleich darauf gemachte Anerbieten der Eigner, ihn wieder heraus;» führen, damit er seine Kunststücke mache, ward, aller Versicherung ungeachtet, daß nichts mehr zu befürchte» wäre, mit dem allgemeinen Geschrey : Nein! Nein ! zurückgewiesen, worauf er dann auf der Bühne erschien, und dort, mit der allergrößten Ruhe mehrere Beweise seiner Geschicklich- keit ablegte. Lissabon, den 27. Aug. Der Konstitutionell meldet: „Man behauptet, Don Miguel habe an alle Kabinete eine eigenhändige Zuschrift, folgenden wesentlichen Inhalts, erlaßen: Er sey in Portugal mitder Absicht angekommen, den Institutionen seines Bruders Don Pedro gemäß zu regieren, aber durch die Wünsche des portugiesischen Volks, das ihn von allen Seiten zum König ausgerufen, hingerissen worden. Da er diesen Titel nicht hätte usurpiren wollen, so habe er die drey Stande des Königreichs zusammen gerufen , damit sie den Grundgesetzen des Staats gemäß entscheiden , ob diese Rechte gegründet seyen. Nach ihrer einstimmigen bejahenden Entscheidung sey er gezwungen gewesen, die ihm angebotene Krone gegen seinen Willen anzunehmen. Der Aufstand von Oporto habe nur dazu gedient, durch den auffallendsten Sieg die ihm von den Korkes ertheilten Rechte zu unterstützen. Er hoffe daher auch, daß die Souveraine sein Betragen billigen würden, da es nicht von ihm abgehangen hatte, den Wünschen der Nation zu widerstehen. Man glaubt, dieser Brief sey dem Wesen nach in Spanien entworfen , und mit einigen Modifikationen dann hier geschrieben worden. Don Miguel und seine Mutter solle», „och einige Stellen haben beyfügen »vollen, aber auf den Rath einiger ihrer Freunde davon abgestanden seyn." - Madrid, den 5. Sept. Dem König sind Vorstellungen über die Gefahr der Neuerung, eine höchste Junta zu erdichten, wobey nach früheren Nachrichten Hervas, Marquis d'Almenara und Burgos sich au der Spitze befunden haben würden, gemacht worden, »vorauf der König das in dieser Beziehung früher erlassene Dekret zurück genommen habe. Toulon, den 2. Sept. Die zweyte Ausrüstung unter dein Befehle des Generals Schneider, und bestehend aus Z Linienrcgimeutern, ist heute Früh um Z Uhr unter Segel gegangen. Eine unbeschreibliche Menge Volks von hier und der Uingegend haue sich auf die Höhen begeben, von welchen die Khede überschaut werden kam, um das imposante Schauspiel zu genießen. Unsere jungen Truppen waren im höchsten Grade enthusiasmiert. Der Zuruf der versammelten Menge wurde von den Musikchören der eingeschifften Regimenter beantwortet. Paris, den 11. Sept. Das Journal du Commerce meynt, wenn das Gerücht gegründet sey, daßdiePforte neue Truppen nach Morea senden wolle, so dürfte sie die französische Erpeditio» als einen hinlmg- lichen Grund, um Feindseligkeiten gegen Frankreich zu beginnen, betrachten. Es werde daher nothwendig seuu, daß die franz. Regierung über diese Expedition sich gegen daß Publikum und namentlich gegen das handeltreibende, kathegorisch ausspreche. Denn offenbar könnten, die in der Levante residirenden Franzosen in die größte Gefahr gerathen. — Wie groß mir allgemein die Neigung der jungen Leute zum Militärdienste in Frankreich ist, davon giebt einen neuen Beweis das Memorial Bearnais. In Bear» sind nämlich den Militärbehörden mehrere junge Konscribirte zur Bestrafung übergeben worden , weil sie sich am Körper verstümmelt haben, um dem Militärdienst zu entgehen. — Folgender Auszug eines Privatschreibens, das am Bord des Admiralschiffes der ersten Expedition nach Morea, die Stadt Marseille, und zwar auf offener See am 26. August abgefaßt wurde, ist uns, heißt es in der Gazette de France, so eben mitgetheilt worden: „Ich benütze die Gelegenheit der Abfahrt der kön. Ga- barre, die Emulation, welche nach Toulon zurückkehrt, um Ihnen einige Nachrichten von unö mitzutheilen, sein Sapienza. fern Bord, und benachrichtigten uns, daß Ibrahim seine Vorbereitungen reas betreibe, und die festen Plätze den Türken übergeben werde. Wir sind Alle mehr oder minder von der Seekrankheit ergriffen rc." Dieses Schreiben ist nämlich am ü. September, nach der Bemerkung unseres Korrespondenten, in-dem Haven von Toulon von der Gabarre überbracbr worden , auf welcher ohne Zweifel der Oberst Fabvier angekommen ist, wenn er nicht am Bord d.es Admiralschiffs geblieben seyn sollte. Nach dem Datum dieses Schreibens läßt sich annehme», daß die Expedition am 28. August im Angeflehte von Moreas Küsten erschiene» seyn konnte. Paris, den 12. Sept. Man schreibt uns aus Toulon unterm 6. September die Nachricht, daß die 2 ersten Divisionen von der französischen Erpeditio» nach Morea sich den 26. August in der Höhe von Malra, »i»d den 2g. in der Nahe von Morea befanden. Anöden Niederlanden, den d. Sept. Die Zeitung von Curacao vorn 14. Jun. meldet, daß der General Verveer mit einem der südamenkanischen Freystaaten einen Vertrag über das Durchgraben des Isthmus von Panama abgeschlossen habe. In Privatbriefen aus Curacao wird dieser Unternehmung eine große Wichtigkeit beygelegt, und die Ausführung derselben als vom größten Interesse für unsere westindischen BesiNnngcn betrachtet. Curacao, meynt inan in diesen Briefen, würde dann der Mittelpunkt der Erdkugel werden. Karlsruhe, den 12. Sept. Se. k. Hoheit der Großherzog, Hdchstwelcher in Begleitung der Herren Markgrafen Leopold, Wilhelm und Max Hoheiten, Sr. Majestät dem Könige von Frankreich und Sr. k. Hoheit dem Dauphin, aus Anlaß höchstderen erfreulichen Anwesenheit im Elsaß, einen Besuch abgestattet, und den erhabenen Reifenden die nachbarlichen Begrüßungen dargebracht hatten, sind vorgestern von Straßburg wieder hicher zurück gekommen. — Sr. Hoheit dem Herrn Markgra- fen Wilhelm verliehen Se. Majestät der König, in Erinnerung früherer Beziehungen, den Stern der Ehrenlegion, und beehrten Ihn ferner mir einer Einladung ins Lager nach Lüneville, wohin der Prinz bereits gegangen ist. Dem während der Dauer des Aufenthaltes dem Großherzog beygegebenen Offizier von der kdnigl. französischen Garde du Korps, Oberlieutenant v. Angustin, vergehen Se. königl. Hoheit das Ritterkreuz des Zähringer Löwenordens und eine reich mit brillantenem Chiffre geschmückte Tabatiere. Tegerusee, den 14. Sept. Die Jahre 1822, 24 und 25 bleiben in unserer Ortsgeschichte unauslöschlich, indem sie die Monarchen von Oesterreich und Rußland, Franz und Alexander, nebst des Erster» Gemahlin- Charlotte , den Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen mit der königl. Braut Elise von Bayern, den Erzherzog Franz Karl von Oesterreich und Herzog Johann von Sachsen mit ihren Zukünftigen, den Prinzessinnen Sophie und Amalie Auguste von Bayern, endlich die Königin Friederike von Schweden mit ihrem Prinzen Gustav in dieses einsame Thal führten, um an der Seite des unvergeßlichen Königs Maximilian Joseph, der Königin Karoline, mit den übrigen Prinzen nnd Prinzessinnen angenehme Tage zu genießen, Ersteres ist durch einen Denk stein k, der Schloß- und Pfarrkirche verewiget; das kön. Landgericht bewahrst das Verzeichniß des damals anwesenden Gefolges der allerhöchsten Höfe, in 257 Personen bestehend. — Das Jahr 1828 ist aber um so denkwürdiger, als es hier nicht nur zwey hoffnungsvolle Blühten WitkekßbachS vereinigte, sondern auch den seltenen Zirkel aller Sprosse« aus dem Hause Bayern um ihre kdn. Mutter bildete. Kurzgefaßte Nachrichten, Am 14. Sept. sind der k. k. 'österreichische Kabinetskurier Hegele vor, London nach Wien, und der k. englische Kabinetskurier Haulam von Wien nach London durch Würzburg passirt. — In Leu Umgebungen von Falaise, in der Gemeinde Villers-Cauiver, in Frankreich, hak man eine merkwürdige Entdeckung gemacht. Nahe bey diesem Dorfe zeigt sich eine unterirdische Deffnung am Fuße eines Felsens. Das Volk, das immer das Wunderbare liebt, erzählte sich darüber die sonoerbarsten Geschichten. Endlich wagte es der Eigenthümer dieser Höhle, nähere Nachforschungen anzustellen. Am ersten Tage waren seine Arbeiten umsonst. Aber am zweyten fand er einen vermauerten Gang, 'offnere denselben, und gelangte in einen viereckigen, in den Felsen eiugchaueuen Saal. Mitten in diesem unterirdischen Gemache lag ein Menschcngerippe von ungewöhnlicher Große, das mit starken Eisenkctten an den Felsen festgeschmiedet war. Neben ihm stand ein irdenes Triukgeschirr, und eine gegossene Lampe, an welcher man eine halb verwischte Ruinen -Jnnschrift bemerkte. Man hat bis jetzt noch nicht erklären können, aus wclcherZeit dieses Gerippe und diese Geräthe herstammcn mögen. So viel nur scheint gewiß zu seyn, daß dieses Gemach ein sehr altes Gefängniß ist. Die Ketten und die übrigen Gegenstände sind aus der Bibliothek zu Falaise öffentlich ausgestellt worden. (Bekanntmachung. > Am 28. dieses Monats September Früh 9 Uhr werden in Fürstcnfeld mehrere Pferde gegen gleich baare Bezahlung versteigert. Fürstenfeld, den 6. Sept. 1828. Kdnigl. Militär-Fohlenhofs -Inspektion.Hauck, Oberlieut. — Schick, Verwalrer, (Bekanntmachung.) Auf Amrag der Gläubiger des Anton Haas, Lippbauer zu Wiedenz- hausen, wird das Anwesen desselben zum Drittcumale dem öffentlichen Verkaufe untergestellt, und hiezu auf Dienstag den 7. Okt. Vormittags 9 Uhr Tagsfahrt in der diesseitigen Landgerichrs- kanzley anberaumt, wozu Kaufsliebhaber unter Bezug auf die Ausschreibung vom 29. April I. I. hienilt eingeladen werden. Dachau, den 2. Sept. 1328. Kbnigk. bayer. Landgericht Dachau. Eder, Landrichter«^ (Bekanntmachung.) Da sich bey der zum Verkaufe des Gottlieb Jlgischen Gantgutes in der dießgerichtlichen Ausschreibung vom 15. Jul. auf den 30. v. M. anberaumten Tagsfahrt kein Kamslicbhaber gemeldet hat, so wird zum Verkaufe dieses Anwesens auf den il. künftigen MonatS Vormittags 9 Uhr angesetzt, und sich wegen des Gutsbestandes auf die frühere Ausschreibung berufen. Friedberg, den 10. Sept. 1828. 'Kdnigl. bayer. Landgericht. von Gimmi, Landrichter. (Ediktalladung.) Die schon in den Jahren 1790 bis 1795 auf Wanderung gegangenen r Bruder, als Michael Salier, von Profession ein Schneider, und ^kaver Sailer, ein Bäcker, gebürtig von Unterglanheim dieß Gerichts, haben seit jener Zeit von sich nichts mehr hören lassen. Dieselben werden nun auf Andringen ihrer Geschwisterten hiedurch aufgefoderk, daß sie oder ihre allenfallsigen Deszendenten binnen 6 Monaten, von heute an, wegen Ansfolglassung des elterlichen Vermögens sä 100 st. für jeden ohne Zins schriftlich oder persönlich, und zwar um so gewisser sich hiehcr zu wenden haben, als außerdem dieses ihr Vermögen ihren noch lebenden Geschwisterten nnd iesg. Bruderskindern verabfolgt werden würde. Höchstädt an der Donau, den 9. Sept. 1828. Kdnigl. bayer. Landgericht Höchstädt. Hack, Landrichter. (Ediktalladung.) Auf Antrag der sich legitimirten nächsten Anverwandten werden nachstehende theils schon früher, theils erst im Feldzug der vereinigten, dortmals kaiserlichen, französischen und bayerischen Armee nach Rußland im Jahr 1812/13 ausgebliebene und vermißte Unterthans-Söhne, als : Anron Baier, geboren zu Mekcnhausen 1777 den 14.Juni, Wirthssohn, gieng am 16. Juli 1798 bey dem kdn. 5ten Chev. leg. Regiment Graf von Fugger gegen 25 fl. Hand - und Anbriuggeld auf 10 Jahre zu, desertiere aber am 7. August aus der Garnison Neu- niarkt, und hat man seitdem keine Spur von ihm mehr erhalten. Johann Kourad Haußner, geboren zu Uttenhofen am 6. November 1791 Taglöhnerssohn, Gemeiner des kdn. TlenLinien- Jnfanterie - Regiments. Joseph Mauderer, Bauerssohn von Mdrsdorf, Gemeiner beym kdn. Artillerie und Fuhrwesens-Bataillon, beyde seit dem Feldzug nach Rußland vermißt, und tz ercn allenfalsige Erben hiermit öffentlich aufgefordert, sich binnen 9 Monaten und längstens W zum 1. May I82y bey dem unterfertigtem kbn. Landgericht emzufinden, oder genügend';« Melden, und ihr Vermögen in Empfang zu nehmen, oder zu gewärtigen, daß nach fruchtlosem - Ablauf des Termins ihr Vermögen an ihre benannten nächsten Anverwandte gegen gesetzliche Kaution hinansgcgeben werde. Hippltstein den 15. Juli 1828. Kbnigl. Landgericht. __Fd rg, Landrichter. — coll. Wagner. (Edlktalziration.) Von dem kbnigl. bayer. Landgericht Heideu.)eim im Rezatkreise werden guf Ansuchen ihrer Verwandten, Kuratoren, und des kbnigl. Fiskus nachgenannte Verschollene: 1) Georg Wilhelm Hbrmann aus Treuchtlingen, geb. s. May 1774. Schuhmachergcselle, und seit seinem I4te» Lebensjahre abwesend; 2) Soldat Johann Paulus Lutz aus Berolzheim, geboren 19. Aug. 1777, vermißt im Feldzug nach Rußland; 0) Soldat Johann Thomas Eppellein aus Berolzheim, geboren 16. Okt. 1795, vermißt in^ Feldzug gegen Frankreich 1813; 4) Soldat Johann Georg Friedrich Westphal aus Kurzenaltheim, geboren 8. Okt. 1795, vermißt im Feldzug gegen Frankreich 1813; 5) Soldat Georg Michael Meyer aus Heidenheim, geboren 15. Jun. 1789, vermißt im Feldzug nach Rußland 1812; 6) Johann Georg Kaufmann aus Hech- lingen, dessen Geburtstag nicht ausgemkttelt werden kann, schon seit 1808 abwesend, und dessen Erben und sonstigen Verhältnisse unbekannt blieben, nebst ihren etwa zurückgelassenen Erben und Erbuehmern hiermit öffentlich vorgeladen, dergestalt, daß sie sich binnen d Monaten, und zwar längstens in dem auf den 12. Dez. d. I, Vormittags 9 Uhr bey dem hiesigen kbnigl. Landgericht anberaumten Termin persönlich oder schriftlich zu melden und daselbst weitere Anweisung, im Fall ihres Ausbleibens aber zu gewärtigen haben, daß sie werden für todt erklärt, und ihr sämmtliches zurückgelassenes Vermögen ihren bekannten nächsten Erben, die sich als solche gesetzmäßig legicimiren kdnnen, und hinsichtlich des Johann Georg Kaufmann von Hech- lingen und dessen unbekannten Erben, dem kbnigl. Frsko ohne Kaution werde zugeeignet werden. jHeidenheim, den 5. Febr. 1828. Kbnigl. bayer. Landgericht.Seiz, Landrichter. (Bekanntmachung.) Im Zwangswegs wird das zum kbnigl. Renramre dahier erbrechtsbare und handlbhnige Anwesen des Einbdbauers Johann Brunner am Riedhofe bey Raudeck, bestehend in den nöthigen Wohn- und Oekonomie- Gebäuden, 1 1/4 Tagw. Garten, 17 1/2 Tagw. Aeckern, 5 5/4 Tagw. Wiesen, 1/4 Tagw. Weydeplatz und 21 Tagw. Holzgrund im sogenannten Einwalde, nebst jährlichen Bezug 10 Klafter Rechrholzcs aus dem Randecker Forste, am Freytpg den 10. Okt. l. I. dahier in der Gerichtskanzley Morgens 9 Uhr zur öffentlichen Versteigerung gebracht, wozu Besitz - und Kaufs fähige hiemit einladet. Kehlheim, den 10. Sept.1828. Kbnigl. bayer. Landgericht.Lict. Griesl, Verweser. (Vorladung/ Michael Doll, Tagldhner vonKempfenhausen, ist schon seit dem 28. Febr. porigen Jahres vermißt, und soll am Wurmsee verunglückt seyn, worüber aber keine hinreis- chenden Beweise vorliegen, um der Wittwe die Erlaubniß zur zweyten Ehe schreiten zu dürfen ertheilen zu kbnncn. Es wird daher auf Requisition des erzbischbflichen Konsistoriums München, Freysing, Michael Doll von Kempfenhauscn cdiktaliter vorgeladen, sich in einer Ieicfrist von ß Monaten, vvm Tage der gegenwärtigen Ausschreibung an gerechnet, so gewisser bey der genannten geistlichen Behörde zu stellen, und das Weitere zu vernehmen, als außerdessen nach bereits geschehenem Anrufen seines WcibeS vorgekehrt würde, wie Rechtens ist. «Ltarnberg, pen 11. Jnl. 1828. Kbnigl. bayer. Landgericht Starnberg im Jsarkreise. Leiendecker, Landrichter. (Bekanntmachung.) Ein Vorrath von ciics 50 Zentnern Wollengarn aus innländischer guter Landwylle, vorzüglich geeignet für Lodercr und jene Tuchmacher, welche Lieferungen für das Militär machen, und für deren Aechthcit und gute Erhaltung gehaftet wird, wird am L6. Sept. l. I. Morgens 9 Uhr in dem Materiallokale im hiesigen kbnigl. Zwangsarbeitshause in großem und kleinern Parthien an die Meistbietenden gegen gleich baare Bezahlung versteigert werden. Zugleich werden auch circa 50 Ztr. sowohl gesottenes als nngesottenes Leinengarn ebenfalls in großem und kleinern Parthien gegen sogleich baare Bezahlung dem öffentlichen Striche ausgesetzt werden, wobey bemerkt wird, daß der Strang des Leinengarns 1400 bayer. Ellen enthält. Zu dieser Versteigerung werden hiemit Kaufsliebhaber zur bestimmten Zeit und am bestimmten Orte eingeladen. Wasserburg, den 8. Sept. 1828. Kbnigl. Polizeykommissa« riat des Zwangsarbeitshauses Wasserburg. _Planer. (Bekanntmachung.) Da sich die in Verlassenschaftssachen des Juden Jakob Hirsch von Fischach auf den 10. d. M. festgesetzte Liquidations-Tagsfahrt vereitelte, so wird hiezu Termin «uf den 25. d. M. mit dem Bedeuten reassumirt, daß hiemit auch ein Vergleichsversuch verbun- den wird, rind demnach Nichterscheinende den Beschlüssen der Mehrzahl der Erschienenen bey- gezählt würden. LiZ. Zusmarshausen, den 12. Sept. 1828. Kdnigl. bayer. Lanogerichr. Hefner, Landgerichts-Assessor. (Bücher,Anktions-Anzeige.) Am 13. Okt. d. I. und den folgenden Tagen werden die aus dein Nachlasse des Till. Herrn I. P. v. Cobreö noch vorhandenen micistcns nalurwisscrr- schaftlichen Bücher an den Meistbietenden versteigert. Das Verzeichniß der verkauft werdenden Bücher ist in der außerordentlichen Beylage zur Allg. Zeitung von, 17. Aug. Nro. 75. enthalten. Der Ausrufspreis ist die Halste der in dem vorigen Jahr im Julius von mir versendeten Kataloge ausgesetzten Preise. Alle mir gütigst zu ertheilenden Aufträge werde ich mir aller Pünktlichkeit besorgen, auch übernehmen Herr Jos. Seebacher dahier, so wie alle löblichen hiesigen und auswärtigen Buch- und Antiquariats-Handlungen (durch die noch Kataloge bezogen werden können) portvfrey eingesandte, mit hinlänglicher Sicherheit versehene Bestellungen» Nach beendigter Bücherauktivn werden aus dem berühmt gewesenen Cobres'schen Naturalien- kabinette mehrere Suiten der Mineralien und Konchylien partienweise versteigert. Augsburg, im September 1828. W. Birett, Antiquar Lir. D. Nro. 253. (Bekanntmachung.) Der Unterzeichnete ist Willens, aus freyer Hand nachstehende Realitäten im Wege öffentlicher Versteigerung zu verkaufen: 1) Das ganz gemauerte, 2 Stock hohe Wohnhaus, zum Wilhelm Teil genannt, nebst Dreschtennen, Stadel und gut gedeckter Kegelbahn; 2) den kleinern Stadel an der südwestlichen Seite des Hauses mit Gemäß- und Grasgarten.dabcy; 5) das Schützenhaus, -Schieß- und 2 Zielerhäuechen sammt Schießstätte von circa L Tagw., worinn sich mehrere gute Obstbäume befinden; 4) 17 Tagw. 38 Dezim. Ackerfeld an einem Stücke, in der besten Feldlage, und etwa 500 Schritte vom Wohnhaus entfernt; 5) circa 4 Tagw. zweymädige Wiesen zunächst am Hause gelegen. Sämmtliche Realitäten sind grundeigen. Die Gebäude sind nur wenige Schritte von einander entfernt, befinden sich im besten Stande, in einer schönen gesunden Lage vor der Wertachbrücke, unweit der sehr frequenten Landstraße nach Augsburg, Schongau rc., und biethen sowohl zur Ausübung der vorhandenen Schenkgerechligkeit als zum Betriebe einer Oekonomie alle erforderliche Bequemlichkeit dar. Am Kaufschilliiige wird die Hälfte baar bezahlt, während für den Nest das ganze Anwesen als erste Hypothek unterstellt, und die Verzinsung nach 5 vom Hundert entrichtet werden muß; auch siehet dem Käufer es frey, nur ein Viertheil der Kaufsnmme baar, und ein Vicrtheil in jährlichen Fristen zu 100 st. nebst 5 Prozent Zinsen zu bezahlen. Die Realitäten können täglich in Augenschein genommen werden. Der Versteigcrungstermin wird auf Donnerstag den 9. Okt. d. I. festgesetzt, an welchem Tage sich Kaufsliebhaber in der Wohnung des Unterzeichneten dahier einfindcn, die weitern Kaufsbedingnngen vernehmen, und hieraus ihre Anböte bekannt geben mögen. Kaufbeuren, den 5. Sept. 1828. -___ Karl Jakob Stecher, Maurermeiste r. (Vermißte Uhr betreffend.) Es ist eine goldene Repetieruhr mit goldener Erbsenkette und 3 goldenen Pettschaften in München abhanden gekommen. Die Uhr ist flach, hat 2 Zoll im Durchmesser, arabische Ziffer auf weiß emalirtcm Blatt, oben ein Glas, und unter dem goldenen Deckel auch ein Glas, repetirt durch Federn, aber unrichtig. Die Erbsenkette ist 10 Zoll lang, die 2 Pettschaften haben 5 blaffe rothe Karm'ole, das mittlere Pettlchaft hat einen drehbaren Schlüssel in der Mitte von blau stählerner Spitze. Wer solche in Hände bekommt oder entdeckt, wolle es im Komtoir dieser Zeitung gegen Belohnung von einer Louisdor anzeigen. Unterzeichneter hat die Ehre anzuzeigen, daß künftigen Sonntag und-Montag, als am Kirchweihfeste, bey ihm Tanzmusik gehalten wird; wozu sich höflichst empfiehlt ._,_Bernhard Sreer, Sonnenwirth in Haunstetten. Dienstag den 23. Sept. nnd folgende Tage wird in der Wirthschaft, zum Bettelhäusle genannt, Lit. A. Nro. 372. eine Versteigerung eröffnet, worinn Ringe und Ohrcnringe mit Rossten, Eß- und Kaffeelöffel, Ketten und Pfeifen und andere Gold- und Silberstücke, Leib-, Lisch - und Bettwäsche, bestehend in ganz neuen Tischtüchern, Servieten, Leintüchern, Bettdecken und Ueberzugen, Hemder und Tüchlein-, Herren- und Frauenkleider, goldene und silberne Bockeihauben, Zinn, Kupfer, Porzellan, Gläser und Küchengeräth, Tische, Sessel, Kana, pee, Komod- und hohe Kasten, Bettstätten von Kirschbaum- und anderem Holz, Spiegel, Stockuhren, Better, Eisenwerk, Pferdgeschirr, 5 neue Bunzen, 1 Chaise, 1 Würstlein und E, ein großer Vorrath von circa 500 Brettern, eine Waschmang, nebst noch mehr , ge"standen gegen 14tagige Bezahlung an den Meistbietenden erlassen werden; wozu höflichst emladet Philipp Minger. Nro. n?. Donnerstag/ den io. Sept. 1829. zeitung, Von Staats, gelehrten, historisch- u. ökonomischen Neuigkeiten. Mir allerhöchsten Redakteur: F riedrich Loe. Gedruckt und verlegt von Joseph Anton Moy. Wien, den 5. Septt Der ösierr. Beobachter meldet: Nachrichten aus Konstantinopel vom 17. Aug. zufolge ist die Pforte den Hanpt-Bestimmungen des Traktats von: 6. Jnl. beygetreten, und hat, durch die vereinten Vorstellungen der Misstonen von England, Frankreich, Oesterreich und Preußen bewogen, dem Großwesstr den Befehl ertheilt, Bevollmächtigte an den General Diebitsch znr unverzüglichen Eröffnung einer Friedens-Unterhandlung abzusenden. Von der servischen Gränze, den so. Aug. Briefe von achtbaren Handelshäusern zu Sophia melden, daß die russische Armee Adrianopel verlassen, und eine Kolonne die Straße »ach Fery am Meerbusen von Enos eingeschlagen habe, die Hauptarmee aber aufKonstantinopel marschire. Man vermuthet, daß die gegen Fery beorderten Truppen die Verbindung mit der russischen Eskadre vor den Dardanellen herstellen, sollen, und hegt in Sophia große Besorgnisse über dieß Manouvre. Es ist gewiß, daß die Erscheinung der russischen Truppen an der Küste deS Archipels die Schlosser an den Dardanellen un* mittelbar in Gefahr setzt, und daß die Hauptstadt bey der Nachricht von dieser zweyfachen drohenden Annäherung des Feindes leicht in Gährung gerathen konnte. Bey einem Volksaufstande aber würde selbst das Leben des Sultans, an das allein die Fortdauer des osmannischen Dauses und Reiches geknüpft ist, gefährdet seyn. Berlin, den 4. Sept. (Beschluß der gestern abgebrochenen Nachrichten vom Kriegsschauplatze.) „Ehe ich einen Bericht von dem erfolgten Gefechte liefere, wird eine Beschreibung von der Lage der Stadt Sliwno nicht überflüssig seyn. Dieser Ort liegt Fuße der den,elbcn umgebenden Vergeb welche die lcMen Anhdye» des W-'kanS bilden, uns deren felsige Rücken mir niedrigem, aber stachlichtem Gebüsche bedeckt sind. D>e aus den Gebirgen hier > der Kvsansche, welcher etwa 4 Werst vor Sliwno aus dem Balkan tritt, sich mit dem von Kar- uabat vereinigt, und bis znr Stadt über eine offene Flache hinlauft; 2) der von Jambol, welcher auf ebenen und offenen Thalern zu dieser Stadt führt; S) der Weg von Jansiaar flößt etwa eine Werst von Sliwno auf die Straße von Jambol; 4) ein Bergweg führt nach Ka- sanlyk und 6) ein anderer nach Starorcka. Die Scadt hat einen sehr weiten Umfang, und ist nach Jambol hin, von welcher Seite der Feind unsern Angriff erwartcre, durch Schanzen befestigt. Nachdem ich alle diese Lokalitäten in Betracht genommen hatte, ergriff ich meine Maaßregeln so, daß ich dem Feinde alle Wege abschnitt, auf denen er sich mit der Artillerie zurückziehen konnte. Deßwegen ließ ich in der Nacht vom 50. auf den si. (11. und 12. Äug.) das 7te Korps mit der ganzen Kavallerie, und der zu ihm gehörenden Artillerie, sich in der Stille auf dem Wege von Karnabat de^ Stadt Sliwno auf 8 Werst nähern. Das 6te Korps rückte um 3 Uhr-Morgens aus, dir Stc Infanterie - Division aber mit dem Grafen Pah- le», der in der Nacht eingetroffen war, nach einer kurzen Rast, um 6 Uhr, um die Reserve jener KorpS zu bilden. Das Detaschement des General- Majors Schcremetzcw, das aus Jambol auSmarschirt war, näherte sich auf diese Weise Sliwno, und machte 8 Werst von die,er Sradt ssbalt. Er hatte Befehl, mit Tagesanbruch gerade auf den Weg von Janisaar zu marfthiren und denselben zu besetzen. Am 31. (12. Aug.) um 6 Uhr Morgens, als sich das Korps des General-Lieutenants Rüdiger der Vereinigung der Wege von Kasim und Karnabat näherte, detaschirte ich sogleich dorthin das 6te Regiment der Kvsacken vom schwarzen Meere, und befahl zugleich dem I4ten Jäger-Negimente, auf eben d,e,cm Wege, einige Werst vom Balkan selbst, einen festen Posten einzunehmen. Als Reserve für selbigen bestimmte ich die 2te Brigade der Bugschen Uhlaneu-Division, um dadurch unsere rechte Flanke gegen eine plötzliche Erscheinung des Feindes von der Seite von Kosan her zu schützen. Indessen setzte ich den Marsch weiter fort. Man nähert sich der Stadt von dieser Seire auf einem von Weinbergen, Gärten und Gehölzen durchschnittenen Terrain, daher ich auch die ganze Kavallerie Ihre Mutter sieht darauf, daß sie besonders allen religiösen Pflichten pünktlich nachkomme, und begleitet sie daher jeden Sonntag zum Gottesdienste. — Londoner Nachrichten zufolge hat der Marquis Barbaccna in einer Proklamation an die getreuen Unterthanen der Königin von Portugal erklärt, es kehre dieselbe nach Brasilien zurück, um in Zukunft unter dem Schutze des Kaisers, ihres Vaters, zu leben, bis sieden Thron besteige. Don Pedro werde nie mit Don Miguel unterbandet», und es können die ihimgctreu gebliebenen Portugiesen stets auf eine Zufluchtsstätte in Brasilien zählen. , ' Paris, den 4. Scpw Vorgestern Nachmittag arbeitete Se. Majestät der König mit dem Generalintendanten des Krauses , Herrn Baron v. Vouillerie. — Ein Neveu des Herrn von Poliguae ist den 28. Aug. durch Lyon gereist, und hat sich in Begleitung eines Sekretärs nach Toulon begeben, um sich alldort nach Konstantinopcl einzuschiffen. — Lord Strangford wird sich in einer Sendung von der englischen Regierung an den Hof des Don Miguel begeben. Die Fregatte der Briton, Kapitän Gordon, hat Befehl erhalten, Se. Excellenz im Haven von Lissabon auszuschiffen. Man vermuthet, daß Don Miguel die Absicht hat, England, Frankreich und Spanien möchten ihn als König von Portugal anerkennen, wonach auch die übrigen Mächte folgen werden. — Nach den Vörsengcrüchten in dem heutigen Messager des Chambrcs verlautet, daß sich Herr von Labourdonnaye unter dem Namen eines Packs von Frankreich mir Herrn von Bourmontvom Ministerium zurückziehen werde. Auch erhält sich noch immer das Gerücht, daß im letzten Mi- nisterrath der Wechsel von 22 Präfekten beschlossen wurde. — Der Oberst Fabvier befindet sich gegenwärtig in Nancy. Frankfurt, den 5 . Sept. Se. Durch!, der regierende Fürst von Thuen und Taris sind mitHöchstihrer aus dem Bade Ems zurückkehrenden Frau Gemahlin heute hier eingetroffen und im Gasthaus „zum römischen Kaiser" abgestiegen. — Ein schreckliches Unglück hat 2 der ausgezeichnetsten Familien der Niederlande in Trauer gesetzt. Die 22jährige Gräfin de BriaS, geb. Freyin von Draeck, von Gent, welche sich in verflossener Woche mit ihrem Gemahl in die Bäder von Spaa begeben hatte, setzte sich dorr bey einem Feuer nieder; die Flamme ergriff ihre Kleidungsstücke, und die unglückliche Dame starb trotz der schnellsten Hilfe nach vierstündigem unsäglichen Leiden. Tvlz, den 5 . Sept. Heute wurde dem hiesigen Markte das Glück zu Theil, Ihre k'onigl. Majestäten von Bayern, Ludwig und Therese, zu verehren, wovon eine nach Weilheim abgeordnete Deputation des Magistrats, dann die an die Gränze gecilten k. Beamten die bestimmte Hoffnung überbrachten. He. Majestät trafen, nachdem Sie sich in Benediktbeyern verweilt hatten, von der Nationalgarde zu Pferd unter Anführung des Lieutenants Niggl eingeholt, gegen i k Uhr an, wurden von sämmtlichen Behörden und der Geistlichkeit ehrfurchtsvollst empfangen, Allerhöchstdensclben die Huldigung durch die Schuljugend dargebracht, und zwar an Ihre Majestät die Königin, welche später eintrafen, durch eine geborne Augsburgerin, Math. Mayer, gesprochen, und allerhnld- vollsi aufgenommen. Durch ein Spalier der auf der Brücke aufgestellten Schuljugend, der grünen Gebirgsschützen und Natioualgardeu fuhren Ihre k. Majestäten bis zum Schrödclbräu, wo Allerhöchstste von den in Landestracht aufgestellten Mädchen die Alpenprodukte: Butter, Kirschwasser, Leinwand, Alproscu, anzunehmen, und auf ihr Wohl zu trinken geruhten, auch einige in den Zimmern aufgestellte Probe» der Kunst, Industrie und Landwirthschaft in Augenschein nahmen. Im Garten des Vürgerbräuers tranken Se. Nkajestät beyfällig ein Glas guten Ldlzcr Biers, und Ihre Majestät die Königin nahmen hier gezogene Aprikosen gnädig an. Die Honpratioren wurden präsentirt, und Ihre Majestäten fuhren gegen 1 Uhr in einem Wagen unter unbeschreiblichem Jubel und Danke Ihre Reise nach Tegernsee fort. Abends braun, ren auf sämmtlichen Gebirge-höhen Freudenfeuer. (Die detailliere Beschreibung ist im Jnnlande enthalten.) Kaufbeurcn, den 6 . Sept. Den 4. Sept. d. I. war der höchst erfreuliche Tag, an welchem Ihre königl. Majestäten uns mit Ihrer Allerhöchsten Gegenwart beglückten. Nachmittags 1 Uhr hielten Merhöchstdie- selbeu, unter Bedeckung einer Landwehr-Kavallerie-Abtheilung hiesiger Stadt, bey der günstigsten Witterung, und unter dem lautesten Zurufen des Volkes Ihren feyerlichen Einzug. Die Empfangs-Anordnungen, durch Errichtung kolossaler,-den Kunstsinn deö hiesigen Werkmeisters Haag neuerdings bewährender Triumphbögen, durch Aufstellung der Schuljugend, der Zünfre in ausgewählter Kleidung mir ihren Jnsignien und Fahnen, die einfache und niedliche Verzierung der Häuser, dann die Paradirung und schöne Haltung des hiesigen Landwehrbatail- lons, mir'der Tags vorher fcycrlich eingeweihten Fahne an der Spitze, entsprachen vollkommen den Erwartungen^Sr. Durchlaucht des kouigl. Regierungspräsidenten, Herrn Fürsten von Occ- ringen-Wallerstei», und erregte selbst die besondere Ansmerksamkeic Ihrer königl Majestäten. Zwey Stunden genoßen wir das unerwartete Glück, unsern heißgeliebten Landesvater und unsere angebetete Landesmntter in unserer Mitte zu verehren, wahrend welcher Zeit Allerhdchstdie- selben in dem auf das Geschmackvollste eingerichteten von Wbhrbnrgischen Hanse ein Immune ä 1a kvnrcckstts einzunehmen, sich dann mir den anwesenden küiiigl. Beamten, der Geistlichkeit, mit dem Stadtmagistrat und den Gemeindebevollmachtigtcn aus daö Freundlichste und Herablassendste zu unlerl-'alccn, und im Allgemeinen Ihre Allerhöchste Zufriedenheit zu erkennen zu geben gernhren. Heil dem Edelsten aller Herrscherpaare! ewig unvergeßlich wird dieser Tag den Bewohnern Kanfbeurens bleiben, die Enkel werden sich desselben noch freuen, und die Amiale» Kausbeurcns den spatesten Zeiten dieses höchst wichtige Ereigniß aufbewahren. «Bekanntmachung.) Das nachher beschriebene Anwesen des Franz Roll von Sandharlan- den wird auf Andringen der Gläubiger zum Verkaufe im Wege der gerichtlichen Versteigerung hiemlt ausgeboten, und Sreigcrungstermin aufkommenden Donnerstag den 8. Okt. d. I. ansetzt. Kaufsliebhaber werde» daher eingeladen, an vorbemerktem Lage sich in der hiesigen Ge- richtSkanzlen einzufindcn, ihre Anbote zu Protokoll zu geben; vorder Zulagung aber Leumunds- nnd Vermdgenszeugnisse vorzulegen. Anwesensbeschreibung. 1) Das Wohnhaus, von Balken aufgeführt, mit Schiefersteinen eingedeckt, sammt Stallung unter einem Dache; 2)'das anstoßende, von Stein aufgeführte, mitSchiefersteinen eingedeckte kleine Austragöhaus; 3) das gegenüberstehende, von Srein aufgeführte, mitSchiefersteinen eingedeckte Wasch- und Backhaus ; 4) der von Balken aufgeführte, mit Stroh eingedeckte Srad» mit angebauten Schwein- ställen. Diese Gebäude sind der Brandversichcrungsanstalt um 400 st. einverleibt, und umschließen einen wohlanögedehnte» Hofraum; 5) 1 1/4 Tagw. Garten; 6) 70 Tagw. 12 Dez. Aecker; 7) 10 Tagw. 53 Dez. Wiesen, 8)18 Tagw. 72 Dez. Holz; 9i 31 Dez. Gcmeindstheilc; 10) 75 Dez. Oedung. Das Anwesen ist zur HofmarkJrnsing gründ- und jurisdiktionsbar, und der Werth desselben nach der Schätzung vom 6. v. M. auf 2640 fl. 10 4/ä kr. erhoben. Abeus- berg, den 15. Aug. 1829. Kdnigl. bayer. Landgericht AbeuSberg. Liet. Aschenbrenner, Landrichter. — cost. Heyder. tBekanntmachung.) "Das gegen Andre Vergermaier, Bauer zu Mallmersdorf, erlassene Erkenntniß anfErbffnung des Ilniversalkonkurses hat die Rechtskraft beschritten. Deßhalb werden hiemit die gesetzlichen EdiklSrage bekannt gemacht, und zwar: a) zur Meldung und Nach- weisung der Forderungen konrmender Montag der 12.Lkt. d. I. Früh 8 Uhr; 5) zur Vorlage der Einreden kommender Donnerstag der 12. Nov. d. I. Früh 8 Uhr; o) z» de» Schluß- verhandlnngen, nämlich 1) zu den Gegencrinncrungen kommender Samstag der 28. Nov. d. I. Früh 8 Uhr, 2) zu den Schlußerinncrungen kommender Samstag der 12. Dez. d. I. Früh 8 Uhr mir dem Nachtheile, daß gegen die Ausbleibenden am ersten Edikcstage der Ausschluß von der dermaligen Masse, an den übrigen Kommissionsragen aber von der betreffenden Gerichtsverhandlung vollzogen werden soll. Am ersten Ediktstage wird den Gläubigern auch das Ganrin- ventar zur Stellung der geeigneten Anträge vorgelegt werden. AbeuSberg, den 16. Aug. 1829. Königl. bayer. Landgericht. Lict. Aschenbrenner, Landrichter. — col l. Heyder. ' (Bekanntmachung.) Mittwoch den 16. Sept. 1829 Vormittags 9 bis 12 Uhr wird in dem diesseitigen Gcschäfftslokale der hierorts aufgespeicherte Aerarial-Kornvorrath guter Qualität aus der Aernce 1828 von circa 81 Schäffel salva rarilicatione dffentlich versteigert, wozu Kaufs- kiebhaber eingeladen werden. Bruck, den 7. Sept. 1829. Kdnigl. Rentamt Brück. _ Paur, Ren cbeamter. (Bekanntmachung.) Auf den Antrag eines Kunentgläubigers wird das Anwesen des Söldners Anton Sailer von Wornitzstein, im Wege der Erekurion zum öffentlichen Verkauf ausgeboten, und hiezu Termin auf den 29. Sept. l. I. festgesetzt. Dieses Anwesen besteht: 1) aus einem Haus mit Sradel und Stallung, Hausnummer 53. mit einem Garten zu 1/4 Tagw., 16 Gemeindctbeile, sämmtlich lndeigen und ohne Belastung; 2) 1/2 Jchrt. Scndenfelderacker Besitz-Nro. 155. (lndeigen ; 5) l/a Zchrt. im Mittelfeld Besitz-Nro. 136.; 4) H4 Achrr. im Fischereck Besitz-Nro. 158. Kauflustige, welche sich hinreichend über Zahlnngo,ahigkcic legi- kimiren könne», werden eingeladen, am besagten Tage in der hiesigen Landgerichrskauzley sich einzufinden und ihre Angebote zu Protokoll zu geben. Donauwdrth, den 1. Sept. 1829. K'on. bayer. Landgericht. __ Hack, Landrichter. Vom kdnigl. Landgericht EggeufeldeN. Der Bräuknccht Joseph Brnnner von Nuhmanns- feldin, königl. Landgerichts Viechtach . ist in seinem bisherigen DiM'E Zu T'wnn dieß richtS mir Znrncklassung eines in mehr al' 1000 ll. bestehenden Vermögens gesto ben. einfache Rustikal- und 8st. Gewerbs- und Familiensteuer. Nebst den Realitäten werden alle Gerätbschaftcn und Utensilien zum Betriebe der Färberey, die nöthigen Werkzeuge und Bau- inanttsfahrnisse zur Oekonomie, auch nach besonderer Uebereinkunft mit den Eigenthümern ein Theil der nothwendigen Hansfahrnisse, und der Heu-, Grumet-, Erdapfel-. Kraut-, Streu - und Obstvorräthe rc. überantwortet. Als Vcrkaufstermin ist Donnerstag der 15. Okt. heurigen Jahres bestimmt, an welchem Tage sich Sreigerungölustige Vormittags 9 Uhr hier, orts einzufiuden, mit den erforderlichen legalen Zeugnissen über Vermögen rc. zu'vcrsehcn, ihre Angebote zu Protokoll zu bringen, auch die sonstigen Bedingungen inzwischen bey Amt oder beiden Anwesensbesitzern zu erfahren haben, Herum den 20. Aug. 1829. Kon. baycr. Landgericht Weilheim.Lic. Thoina, Landrichter. Das königl. bayer. Landgericht Wercingen, vom kdnigl. bayer. Kreis - und Stadtgerichte Augsburg delegirt, die Verlassenschaft des zu Jusamaltheim verstorbenen Herrn Dekans und Pfarrers Stcegmüller zu verhandeln, fordert hieinir Jedermann auf, der an dessen Nachlaß aus was immer für einem Titel Ansprüche machen zu können glaubt, diese binnen 50 Tagen, also längstens bis zum 8. Okc. 1829 dahicr zu doziren, widrigenfalls diese Vcrlasscnschaftsmasse gesetzlich verhandelt, und keine spatere Reklamation mehr berücksichtiget werden wird. Wertingen, den I^Sept. 1829. Kdnigl. bayer. Landgericht. Gebhard, Landrichter. Da sich bey dem nach Ausschreibung in gegenwärtiger Zeitung (Stück 157. vom 9. Jun. h. I.) auf den 2. Jul. h. I. festgesetzten Termin zum öffentlichen Verkauf des Hauses Nro. 44. des Metzgers Martin Appinger zu Mittenwald kein Käufer gemeldet hat, so wird dasselbe hie- mir wiederholt auögebvten, und aufSamstag den 26. dieß Vormittags von 9 bis 12 Uhr hierorts Kommission zur Versteigerung angesetzt. Garmisch, den 2. Sept. 1829- Königl. Landgericht Werdenfels.Peperl, Landrichter. Joseph Sailer, Tagldhnerssohn aus Mittenwald, wird seit dem letzten Feldzug gegen Rußland, welchen er als Soldat in der k. bayerischen Armee mitmachte, vermißt. Derselbe oder seine allenfallsigen Deszendenten werden irun hiemit aufgefodert, sich binnen 5 Monaten hierorts zu melden, außerdessen das ihm ausgemachte Elterngut pr. 200fl. an seine Geschwister gegen Kaution ausgehändigt würde. Garmisch, den 2. Sept. 1829. Königl. baycr. Landgericht Werdenfels. Pcycrl, Landrichters (Bekanntmachung.) Auf das durch mehrere Jahre dem Unterzeichneten von einem hohen Adel, königl. Militär und verehrungswürdigcn Publikum der Stadt Augsburg geschenkte Zutrauen hält sich derselbe auf vielseitiges Verlangen bey seiner Retourreise noch eine kurze Zeit allhier auf, und bietet allen an Zahnübeln Leidenden seine thätigste Hilfe an; auch setzt derselbe künstliche Zähne ein, die nicht die mindeste Beschwerde verursachen; befestigt lockere Zahne, und hohle werden plombirt und zur möglichsten Reinheit gebracht. Armen leistet er unenrgcld- liche Hilfe. Logirt in der Sreingasse Lit. O. Nro. 64- dahier. _ S. Levi, Zahnarzt an der k. k. U niversität zu Wien. So eben ist wieder erschienen und in der Ios. wolff'schen Buchhandlung (Kollmaun und Hummer) Karolincustraße in Augsburg zu haben: Hauber, M., vollständiges christkar tholisches Gebethbuch. 7te Auflage. Mit einem ganz neuen Titelkupfer, gr.8.54 kr. schön gebunden 1 fl. 12 kr. So eben ist neu erschienen und an unsere vereheliche Abnehmer versendet worden: Die XXVIII. Fortsetzung des Verzeichnihes unserer gebundenen Bücher a»s allen Fächern der Wissenschaften, welche zu bedeutend herabgesetzten preisen zu haben sind. 2) Katalog der neuesten Bücher, welche vom Januar bis August 1829 erschiene» sind. 16 Bogen stark, Branzfeldersche Buch- und Musikhandlung (Carolinastraße D.43.) Eiserne Korbfenstergittcr, Kreuzstdckc und Läden, Thürstöcke, nebst andern Vaufahrnissen sind zu verkaufen im Gasthof zum Falken nächst dem Gögginger-Thor. Zu Lechhausen ist ein HauS, worauf eine Backersgerechtigkeit ausgeübt wird, mit Wa- genremiß, und bey welchem sich 26 Jauch. Hvlzgründe, 6 Tagw. Wiesen und einWurzgartcn befinden, aus freyer Hand zu verkaufen. Näheres sagt man im Hause Nro. 106. in Lechhausen. Dienstag den 15. Sept. und folgenden Tag wird in dem Bäckersaale Lit. C. Nro. 18. eine Mvbilienauktion eröffnet, worinn ein Sekretär, neuester Facon, Sessel, Kanapee, Auszieh-, Konsol- und andere Tische, Bettstätten, Kleider-und Schreibkästen, schönes Porzellan, Gewichterund Eisengerath, und noch viele nicht benannte Gegenstände an den Meistbietenden erlassen werden. Endreß, geschw. Kaufler. Augsburger Postzeitung Beilagen: Unterhaltungsblatt „Lueginsland“, wöchentlich zweimal (davon einmal illustriert); „Literarische Beilage“; „Sozialpolitische und volkswirtschaftliche Beilage“, je wöchentlich einmal; „Ratgeber für Haus- und Feldwirtschaft“, monatlich zweimal. Bezugspreis: vierteljährlich Mark 3.90, monatlich Mark 1.30. — Einzelverkaufspreis 10 Pfg. Anzeigen: 20 Pfg. für die 40 mm breite einspaltige Kolonelzeile, 60 Pfg. für die 80 mm breite Reklamezeile. Probenummern werden auf Wunsch durch die Geschäftsstelle jederzeit gratis zur Verfügung gestellt. Gegründet 1687. Erscheint täglich zweimal, Sonn- u.Feiertage ausgenommen. Fernsprech-Anschlüsse: Augsburg: Redaktion 60 u. 252 Geschäftsstelle u. Verlag 51 München Münchener Bureau 1440 Geschäftsstelle 40515 Verantwortlich für die Redaktion: (Chefredakteur August Menth), i. V.: Dr. Joseph Merkle, für den Inseraten- und Reklameteil: Theodor Gröschel, beide in Augsburg. Druck und Verlag des Literar. Instituts von Haas und Grabherr in Augsburg, G. m. b. H. & Co„ K.-G., (Direktor: Dr. H. Klink). Redaktionelle Beiträge sind stets an die Redaktion (nicht an einzelne Redakteure), Inserate und Reklamen stets an die Geschäftsstelle in Augsburg erbeten. Münchener Bureau (Redakteur M.Geßner): Dienerstraße Nr. 19/Il. Münchener Geschäftsstelle: Gebsattelstraße Nr. 18/I. Nr. 511 Vorabendblatt Donnerstag, 6. November Vorabendblatt 1913 Ludwig III., König von Bayern Seite 2 Vorabendblatt Mgsburger Postzertnilg. 6. November 1913. Vorabendblatt Nr». 511 Das Gesetz- und Verordnungsblatt von heute veröffentlicht die Erklärung des Prinzregenten über die Beendigung der Regentschaft und die Erledigung des Thrones. Gleichzeitig wird das gesamte Staatsministerium beauftragt, dem Landtag die Gründe, aus denen die dauernde Regierungsunfähig- deit des Königs Otto hervorgeht, bekannt zu geben. » Die Proklamation zur Thronbesteigung König Ludwigs 111. hat folgenden Wortlaut: Bayerns Herrscherhaus und Volk empfinden seit mehr als 27 Jahren mit tiefer Betrübnis, daß Seine Majestät König Otto durch schwere Krankheit an der Regierung verhindert ist. Die Art des^ Leidens, von dem Unser vielgeliebter Herr Vetter seit vielen Jahren befallen ist, schließt jede Möglichkeit einer Besserung aus. Die ernste Sorge um das Wohl des Landes haben Uns zu dem schweren Entschluß bestimmt» auf Grund der Verfassung die Regentschaft für beendigt und den Thron als erledigt zu erklären. Hiermit ist die Thronfolge eröffnet und die Krone des Königreichs Uns als dem nächsten nach dem Rechte der Erstgeburt und agnatisch-linealischen Erbfolge zugefallen. Wir haben deshalb als König die Regierung des Landes angetreten und von den Uns nach Gottes Gnaden zukommenden Königlichen Rechten vollen Besitz ergriffen. Den in der Verfassungs-Urkunde bestimmten Eid werden Wir in Gegenwart der Staatsminister, der Mitglieder des Staatsrates und der Abordnungen des Landtags alsbald leisten. Von dem verfassungsmäßigen Rechte, die während der Reichsverwesung vollzogenen Besetzungen erledigter Aemter zu widerrufen, machen Wir keinen Gebrauch, vielmehr verleihen Wir allen Ernennungen von Beamten während der Regentschaft hiermit Unsere Königliche Bestätigung. Wir verordnen, daß sämtliche Stellen und Behörden im Königreich Bayern die amtlichen Bescheide von nun an in Unserem Königlichen Namen ausfertigen und halten Uns gerne versichert, daß Unsere Beamten getreulich wie bisher ihre Aufgaben wahrnehmen werden. Unserem Heere entbieten Wir Unseren Königlichen Gruß in der festen Ueberzeugung, daß es in unerschütterlicher Treue und erprobter Tapferkeit allzeit zu seinem obersten Kriegsherrn stehen wird. Allen Angehörigen Unserer Erblande vertrauen Wir, daß sie Uns in unwandelbarer Treue anhängen und alle Pflichten gegen Uns als ihren rechtmäßig angestammten Landesherr» und von Gott gesetzten König erfüllen, wogegen Wir sie Unserer huldvollen Gesinnung versichern. Das bayerische Volk hat von jeher seinem Königshaus, das mit ihm durch ein geheiligtes Treueverhältnis verbunden ist, hingebende Anhänglichkeit bewiesen. Wir erblicken darin eine sichere Gewähr, daß die Liebe des Volkes, die wir als ein kostbares Kleinod von Unseren Vorfahren überkommen haben, auch fernerhin Unser Wirken geleiten werde, das auf das Wohl des geliebten Vaterlandes, aus sein Blühen und Gedeihen gerichtet ist. Im gläubigen Ausblick zu Gott, dessen gnädige Hand Bayern bisher geführt hat, erflehen Wir des Allmächtigen Segen und Beistand. Gegeben in Unserer Hauptstadt und Residenz München, den 5. November 1913. Ludwig. Dr. Freiherr von Hertling. Dr. Freiherr von Soben-Fraunhofen. Dr. von Thelemann. von Breunig. von Seidlein. Dr. von Knilling. Freiherr von Kretz. Auf Allerhöchsten Befehl der Ministerialrat im Staatsministerium des Innern; von Knözinger. Kuüwis ein König wicücr unü ein Volk! ihr stocken, braust'; von eurm Zu kurm! ein König wicücr unü ein Volk! so rüst'; acr vcrZcn Jubclsturm. Unü Solle; SnaNc, funkle hell ob Niese; golNncn llronrcls; vamtt vcm völkcrlcnkcr?rci; unü stuhml Ein Soll, ciN König unN ein banal vic Sage geht, am Alpcnstrn, hoch, wo nur Solle; Stürme wetz n, va hingen Stocken, Nie Zur Nacht von selber an Zu klingen geh n, von keiner McnschcnhanN bcrützrl erbrause Noch ihr hcü'gc; LrZ erschütterten in Nie rate ring; ai; crost una labial kür üa; vcrZ. wie üicfcr Märchcnglocken Schall erklinge, lrcrZ Ncr Bayern, heul'! Zu steine; König; golNncm chron trag hin äc; Jubel; vankgcläutl Stark ist üa; LrZ, stark ist Ncr Strom, stark ist üer Alpen felsenrana, Doch stärker noch ist vaycrntrcul Ein 6öit, ein König UNÜ ein IllNÜi ,4 Dr. lorenr Krapp. Stun § M- W u„. l« '>>>' «d deU Uönig Dir! hallt'; jubeln ü wicler tteul vom Sebirge bis rum Main wie in äer schönen Hsal 3 nur Rhein, Unü wo in kernen bansten bieüer UM yeimattreu ein Bayer lebt, Sie banste er rum bimmel hebt-. 0 Sott geleit' auf allen wegen Zum steil Mr Bayern; Volk unst banst Den Rönig clu mit starker st anst-, Unü gieße Beiner Mmacht Segen jn überreichem Maße au; Zink; game königliche stau;?" MM r » ! HWW»WEM -«WMM WWMM-MZ Seite 4 Augsburger Postzeitung. 5. November 1913. Nro. 511 i MW E^M^Mrinzrezent Ludwig hat als König W »Ludwig III. von Bayern den Fhron der D Wittelsbacher bestiegen. Dainit ist ge- schehen, was seit langem dringende U Ztaatsnotwendigkeiten verlangten, was das M treue Volk der Bayern seit langem ersehnt, ^ was man in dem übrigen Deutschland freudig begrüßen wird. ^ Zeit dem Jahre 1180, seit dem Leptember- tage, an dem Kaiser Barbarossa das Herzogtum Bayern, das Erbe des ungetreuen Löwen, dem Pfalzgrafen Otto von Bayern aus dem Hause der Grafen von Lcheyern oder Mittelsbach übertrug, ist das Haus Mittelsbach unlöslich mit Bayerns und Deutschlands Zchicksalen verbunden. Die Wittelsbacher waren und sind ein ritterlich Geschlecht. Kraft und Genie paarten sich in seinen Reihen. Für Kunst und Wissenschaft schufen die Mittelsbacher weltberühmte Heimstätten. Gewaltige Feldherren stellten sie dem deutsches, Schwerte. Nur war neben Fapferkeit und Freue auch das Unglück ihr steter Begleiter. Es stand namentlich an der Miege des Hausvertrages zu Paoia, der 1329 die bayerischen Lande von der Pfalz bis Oberbayern in politisch einflußlosen Hälften an die Linien verteilte und damit die Expansions- kraft des bayerischen Volkes sähmte. Das Unglück führte auch Kaiser Ludwig den Bayern nach Brandenburg, Holland und Firol, ehe in der Quelle der Kraft, in der Heimat politische Garantien für die Zukunft und der Rückhalt für den Ziegeszug ins Große geschaffen waren. Es traf Bayern, als 1651 Maximilian I., der Bayern aus seinen Frümmern neuerstehen ließ, gestorben war und in seinem Nachfolger Ferdinand Maria der Glaube erstand, Bayern könne es mit Hilfe Frankreichs aus Kosten Oesterreichs zur Weltmacht bringen. Und so wechselten im Laufe der Jahrhunderte stolze Zeiten mit starken Zchicksalsschlägen; so stößt man in der Heldengeschichte Deutschlands fortgesetzt auf blutige Zpuren bayerischen Heldentums und auf ihm nur wenig entsprechende, vom Unglück zerstörte politische Erfolge; und so kam auch die Zeit. in der des Hauses regierender Zweig unheilbar erkrankte, kam das Zchreckensjahr 1886. Bayerns Zchicksal stand wieder einmal an einem oerhängnisschweren Wendepunkte. Die Regentschaft trat in Kraft. Luit- pold starb von der Welt wie ein König geehrt. 8ein edler Lohn Ludwig ist berufen, durch die Besteigung des verwaisten Fhrones der Mittelsbacher endlich einem unhaltbar gewordenen politischen Ohnmachtszustande in Bayern ein Ende zu machen. Wir wollen in diesem feierlichen Augenblicke nicht mehr rühren an die Frage, ob es ein Fehler war, überhaupt eine Regentschaft einzusehen, oder nahezu drei Zahr- zehnte beizubehalten. Ebenso wenig Zweck hat es auch, jetzt noch zu erörtern, ob nicht dieser, ob nicht jener Weg der bessere zum Fhrone war. hier sprachen nicht starre und unvollkommene Paragraphen, hier sprachen Ltaatsnotwendigkeiten. Es wäre vielleicht besser gewesen, wenn in dem Laufe der langen und ruhmreichen Geschichte Bayerns öfters die rasche und entschlossene politische Maxime der Zelbsterhaltungspflicht und weniger oft die ewj^ zwischen Zweifeln und Wahrheit schwankende doktrinäre Gelehrsamkeit der Räte und falsche Lenti- mentalitäten entscheidend für die Zchicksale des Landes gewesen wären. Bayern wird immer dankbar des Prinzregenten Luitpold und seiner Verdienste gedenken, wird ihm», nie vergessen dürfen, daß er in einer Zeit des Unheils und der politischen Verworrenheit als treues Loldat der Mittelsbacher Herrscherpflicht das Zteuer- ruder ergriff. Bayern wird auch stets pflegen die heiligen Erinnerungen an den, um den das Volk seit 1886 trauert, und es wird pietätvoll die Gründe ehren, die den Prinzregenten Luitpold veranlaßten, der Einrichtung des verwesertums bis zu seinem letzten Atemzüge, treu zu bleiben. Die Lebenden aber haben die Pflicht, das Erbe der väter zu halten und zu mehren. Da heißt es, sich mit den Fat fachen abfinden und die Notwendigkeiten im Auge behalten. Und wer da die großen staats- politischen Gesichtspunkte sprechen läßt, der wird finden, daß eine Verweserschaft den Lebensinteressen und dem Ansehen einer Monarchie niemals übermäßig förderlich, daß ein Königtum mit einem unheilbar geisteskranken Inhaber und einem in der Bewegungsfreiheit gehemmten Repräsentanten der Krone ein Unding ist. Das Interesse der Krone und Monarchie Bayern rief nach einer vollständigen Wiederherstellung der bayerischen Königsgewalt, nach der Beseitigung der letzten Zpuren eines Unglücks. das heldenmütig getragen ward und getragen werden mußte, das aber nicht zur Quelle einer dauernden staatspoiitischen Unsicherheit nach außen und nach innen werden durste. Fn einem Königreiche will man einen amtierenden König sehen Bayern braucht einen Monarchen, der es nach außen hin mit berechtigtem Zelbst- dewußtsein vertritt, der seinen starken Zchild hält über alle Bestrebungen, die in einem Zeitalter, das politischen Ländererwerb so ziemlich ausschließt, das heutige Bayern wirtschaftlich vorwärtsbringen wollen. Und wenn man in deutschen Landen auch wieder einmal den König von Bayern, den König des zweitgrößten Bundesstaates sprechen härt, so kann das vom Ztandpunkte dynastischer Grundsätze und monarchischer Gesinnung aus nur freudig begrüßt werden. Mir schätzen die Rechte des Volkes, sein Mitbestimmungsrecht und seine parlamentarische Vertretung sehr hoch. Die Einführung der Parlamente war eine notwendige Konzession an eine historisch gewordene neue Zeit. Aber wir werden es immer für falsch und unheilvoll erachten, wenn in einer Monarchie die Hauptlast der Verantwortung aus den Zchultern der Vertrauensmänner der Krone und des Parlamentes ruht, und wenn der verschwommene halbzustand eines verwesertums zuläßt, daß der Glanz der Krone im Zturme der politischen Wirren verbleichen kann. And je kühner und trotziger die Gegner der Monarchie und des gesunden Autoritätsgedankens sich in den Organismus der Monarchie hineinbohren, je unzweideutiger sie nach der Macht im Ztaate durch die Parlamente streben, um so notwendiger ist es, daß eine wirkliche und berufene Persönlichkeit die Krone trägt und bekleidet mit der autoritativen Herrscherwllrde auftreten kann. Fn diesem Zinne grüßt das monarchisch gesinnte bayerische Volk seinen König. Es bringt dem schlichten, ritterlichen und gottesfürchtigen Monarchen und der edlen Königin ein hohes Maß von Liebe und Verehrung entgegen, und was Prinz Ludwig dem Volke war, wird König Ludwig ihm doppelt sein. Das im Kern Königstreu bis auf die Knochen gebliebene Volk wird auch zornig abweisen jeden, der als Gegner der Monarchie irgendwie sich gegen die Unantastbarkeit des rechtmäßigen Bayernkönigs verfehlen will. Die Masse des Volkes erwartet daher, daß in Bayern weder die offene, noch die indirekte Anarchie geheiligte Interessen der Monarchie straflos schmähen und schädigen kann. Die Kreise, die im Laufe der Debatten den Weg der Proklamation aus eigener Kraft vorschlugen, stützten sich aus einen gewichtigen Rechtsboden. 8ie stimmten aber rückhaltlos den Ltaatsmännern zu, als diese den Weg durch die gesetzgebenden Körperschaften wählen zu müssen glaubten. Diese Körperschaften haben gesprochen. Das Volk wird ihnen danken dafür, daß sie in der schweren Zchicksals- stunde nicht versagten. Alle Zweifel sind gelöst. Die Lücken der Verfassung sind ausgefüllt. Lsuss kinita! Es lebe der König, nieder mit seinen Feinden! Unter der Zchar der deutschen Monarchen und Fürsten wird König Ludwig III. zu den angesehensten und markantesten Erscheinungen gehören. Nicht nur deshalb, weil er Herrscher in Bayern ist. Landern vor allem auch deshalb, weil er ein deutscher König im erhabensten Zinne des Wortes ist. Er fühlt sich natürlich als Bayer, als Erbe seiner Ahnen, als souveräner König eines stolzen Landes. Und diese seine Rechte betonte schon der Prinz mit dem denkwürdigen, in Rußland gefallenen Worte: „Nicht Vasallen, sondern verbündete des Deutschen Kaisers". Es war ein Wort zur rechten Zeit. Denn in den Kreisen des deutschen Volkes soll man nie Vasallen und Louveräne zum Zchaden des monarchischen Gedankens. zum Zchaden für die Kaiser-Idee und zur Beunruhigung der an ihren Fraditionen Hangenden Ztämme gegeneinander ausspielen können. König Ludwig wird immer zu den treüesten Hütern und Freunden der Kaiserkrone gehören. „Nicht Reichsmüdigkeit, sondern Reichsfreudigkeit" lautet fein von ihm in Berlin bekannt gegebener Wahlspruch. Und als es vor einigen Monaten galt, die Wehrkraft des Reiches zu erhöhen, da war es unter den deutschen Fürsten auch der damalige Prinzregent und jetzige König Ludwig, der weitausschauenden Herrschergeistes die Bedeutung des Augenblickes erkannte. König Ludwig ist bejahrten Alters. Aber wir hoffen zu Gott, daß er, dem markigen Ztamme der Wittelsbacher Eiche entsprossen, unter der Obhut des Allerhöchsten noch lange Zahre seines Amtes walten kann — zum Legen für Bayern, zum Ruhm des bayerischen Volkes. Die Ereignisse der letzten Honate und Fage haben sich schnell entwickeln müssen. Die Bedeutung des Augenblickes für die Geschichte und die Geschicke Bayerns wird daher erst voll und ganz im Lause der Zeiten erfaßt und gewürdigt werden. Daher sagen wir: Was hinter uns liegt, liege endgültig hinter uns. Möge der kleinliche Hader verstummen vor der Größe des Augenblicks, möge er verstummen, wo die Rede ist von der Würde und der Erhaltung des Fhrones, dessen Zchicksale des bayerischen Volkes Zchicksal, dessen Zorge des bayerischen Volkes 8orge, dessen Ruhm des bayerischen Volkes Ruhm ist. Und wenn der Königssalut und der Glocken feierliches Läuten im gantzen Lande dieser Fage einschneidende Bedeutung künden, dann wird in dem Herzen eines jeden aufrichtigen Patrioten die Freude emporwallen, die stolze Freude, die entsprungen dem Bewußtsein: Wir haben wieder einen König, wir haben wieder eine Königin! rjf: eil öer König ie6ten Vatertanöe! Augsburger Postzeltrmg. izhense ^L/. 4^ i MAM EÄ.K, NE-?E: «MMÄ'. MÄ7.Ä^ -A-Ä MW WM ?^k iAH WMMM MMMM: «s'D^Ä^/^'Ä^r' -c- SÄ^^/ ' ' EK^Er ^->eASM -MAP LWHL '7> ^r-.-?N>!^-^ K4L MWMWWM KWMMM M^LÄAE! ErM MW .WM! MFW MWM ^>ArÄr,i:-?SM!S vÄüI'-WD>§-8E"H tzWK^WW MM MK'ck W^srH'88«» -^-Lr WM MMM K--M «« »»2L2LÄMÄ2 "»> 7>^ » »>»» -. Uv->v klNit! » ». !> L5ZLS»ß/,/„„,«»»»»M»1«»' MMtMMWMW n.»». Maximilian I. !.uüwig I. Maximilian». l.uawig li. l1799l 1806-1825. 1825-1848. 1848-1864. 1864-1886. Seite 6 Augsburger Postzertung, Nro. L König Mäwig i». Am 20. Januar dieses Wahres richtete der Akademische Senat der Universität München an den Prinzregenten Ludwig anläßlich der Pollendung des fünfzigsten Jahres seit Beginn seiner Studien an dieser Universität eine Adresse, in der es u. a. hieß: . und nunmehr haben Euere Königliche Hoheit, vorbereitet wie wenige Fürsten der Vergangenheit, die Regierung des Landes übernommen." An dieses stolze, aber wahre Wort darf erinnert werden heute, wo der damalige Prinzregent als König Ludwig III. den Thron der Wittels- bacher bestiegen hat. Ein kurzer Blick auf Erziehung, Bildung und Werdegang des nunmehrigen Königs besagt schon jedem, wie richtig diese Charakterisierung sein muß, entschleiert auch das Geheimnis, wie es kam, daß dieser Mann schon als Prinz sich seit langem in den weitesten Kreisen großer Liebe, Verehrung und Popularität erfreute, daß er unbegrenzte Achtung auch bei denen genoß, die in dieser oder jener Hinsicht nicht mit ihm übereinstimmten. Die Erziehung des ältesten Enkels Ludwigs I., zunächst in den Händen einer frommen Mutter liegend, war beherrscht vom Geiste echter Religiosität, von den Prinzipien der Wahrheit und Offenheit und strengen Pflichtgefühls, Grundsätzen, die sich aus lebendiger Religion von selbst ergeben. An diese grundlegenden Anfänge der Erziehung schlössen sich später vielseitige fleißige Studien und eine tüchtige militärische Ausbildung, begleitet und gefördert von gründlicher körperlicher Abhärtung. Diese Erziehung und Ausbildung war ebenso weit entfernt von stubenhockerischer Nur- gelehrsamkeit wie von übertriebener Sportbegeiste- rung, die den Muskel über die Welt der Ideen herrschen lassen möchte. So wuchs der gediegene, in sich selbst gefestigte, bewußt auf eigenen Füßen stehende Plann heran, der unbefangenen Blickes die Dinge und die Menschen um sich her betrachtete und würdigte, der willens und imstande war, selbst zu prüfen und sich ein Urteil zu bilden und nicht darauf angewiesen war, sich an ein Schema zu halten und mit schillernden Phrasen über den Kern der Sachen hinwegzugehen. Der Mann, der überall beliebt, geachtet und im besten Sinne populär war, weil die Liebenswürdigkeit gegenüber den Menschen echt war, weil sie Herzenssache war. das Produkt von Selbstzucht und wirklicher Liebe zu den Menschen, wirklicher Achtung vor ihnen war, nicht ein Ausfluß nur berechnender Herablassung. Der Mann, der seine Vielseitigkeit nicht nur zum vielfachen Spezialisten oder Dilettanten machte, sondern durch den harmonischen Zusammenklang der Vielseitigkeit zum universell gerichteten Geist, der, weil er die Einzeldinge richtig und gründlich kennt, sie auch in der rechten Weise zusammenzufassen versteht zur wohltuenden Ordnung. So wenig seine gelehrten Studien ihn im Intellektualismus und in unfruchtbarem Theoretisiereu ausgehen ließen, so wenig ist er in der praktischen Arbeit, der er sich entschlossen und erfolgreich widmete, der Einseitigkeit verfallen. So sehr er sich beispielsweise der Interessen der Landwirtschaft annahm, in ihrer Förderung beispielgebend war und verdierite Anerkennung fand, so übersah er- dabei doch nicht die Bedeutsamkeit anderer Interessen für das Ganze. Das hat er mehrfach ausgesprochen und einmal hat er sogar ausdrücklich gegen die Auffassung protestiert, als sei er ein einseitiger Förderer der Landwirtschaft. Es war im Jahre 1891 bei der Feier des siebzigsten Geburtstages seines Vaters, als er, bezugnehmend auf eine Bemerkung des Bürger- tneisters v. Stromer von Nürnberg die bedeutsamen Worte sprach: „Ich glaube, Bürgermeister v. Stromer hat mich nicht ganz richtig verstanden, wenn er mich speziell als Landwirt bezeichnete — ich bin wohl ein großer Freund der Landwirtschaft und übe sie selbst aus, mein Blick geht aber weiter: Ich wünsche, daß die Landwirtschaft und ebenso die Gewerbe, die Industrie und der Handel gedeihen. Ich wünsche, daß das Volk überall vorwärts schreite. Und wenn diese verschiedenen Sparten in einander greifen, ohne sich gegenseitig zu schädigen, dann wird das Land gedeihen." Und in Friedenfels sagte er im Jahre 1897: „Die verschiedenen Stände sollen sich nicht als Gegner, sondern als Glieder eines Volkes betrachten." Das ist das Prinzip des Aus- tz l e i ch s, des harmonischen Zusammenwirkens der Vertreter der verschiedenen Interessen, Stände und Berufe zürn Gedeihen des Ganzen. Von diesem Grundsätze ausgehend, der selbstverständlich ist für dem, der das Wohl der Gesamtheit will und die unerläßlichen Vorbedingungen kennt, wirkte er ebenso ersrig für die Verwirklichung von Projekten, an denen in erster Linie Handel und Industrie ein Interesse haben, wie im Landwirtschaftlichen Verein für den Fortschritt in der Landwirtschaft. Dieselbe Unbefangenheit, die ihn in d e n mehr praktischen Dingen auszeichnet, ist ihm auch eigen in der Betrachtung der geistigen Fragen, in der Förderung der ideellen Kultur. Der Kunst brachte er stets volles Verständnis entgegen und mit Eifer trat er, wo sich Gelegenheit dazu bot, für die Erfüllung ihrer berechtigten Wünsche,' für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse ein, wobei er sich gern auf seinen Großvater Ludwig I., den er als den Wiedererwecker der deutschen Kunst feierte, und seinen Vater, den Prinzregenten Luitpold, berief. Die Zeitungsleute erinnern sich noch gern der Rede, die er gelegentlich des Deutschen Journalisten,- und Schriftstellertages in München im Jahre 1893 hielt, in der er den Rittern von der Presse hohes Lob zollte, ihnen volle Gerechtigkeit widerfahren lieh, ihnen freilich auch aus ehrlichem Herzen einen beherzigenswerten Rat mit auf den Weg gab. Besonders bemerkenswert aber war das, was er bei dieser Gelegenheit über die Wichtigkeit der Kunst des Z e i t u n g s l e s e n s für hochstehende und höchststehende Personen sprach, über die Kunst, „sich von den Einflüssen ihrer Umgebung freizumachen und Dinge zu erfahren und zu hören, die ihnen sonst bei ihrer unvermeidlichen Isolierung mehr oder weniger verborgen bleiben". . Die R ede n. die König Ludwig als Prinz gehalten hat, sind überhaupt, neben dem Einblick in seinen Erziehungs- und Werdegang, ein wichtiger Schlüssel zu seinem Wesen und Charakter. Diese Reden sind ziemlich zahlreich. Sie wurden teils bei besonderen Gelegenheiten, bei Veranstaltungen von Vereinen und Korporationen, teils im Reichsrat gehalten, dem er fast volle fünfzig Jahre angehörte, wobei er reichlich Gelegenheit hatte, sich mit dein Gang der Politik und der Staatsgeschäfte vertraut zu machen und auf Grund seiner umfassenden Kenntnisse und seiner praktischeil Erfahrung den Interessen und Bedürfnissen von Land und Volk zu dienen. Pfn besonderes Charakteristikuin all dieser Reden, »<«e Eigenschaft, die man an so vielen Reden heutzutage immer mehr und immer schmerzlicher vermißt, ist ihre Kürze, und es bestätigt sich hier das Wort, daß in der Kürze die Würze liegt. Dieser beredte und wortgewandte Mann ergeht sich nicht in hohlen Phrasen und ewigen Wiederholungen, kurz und knapp, einfach und schlicht, sagt er klar und deutlich und treffend das, aus was es ihm ankommt. Er redet nicht, um zu reden, sondern uM etwas zu sagen, was ihm am Herzen liegt, was er im Interesse des Volkes beherzigt und befolgt sehen möchte. Oft und gern kommt er zu sprechen auf das Verhältnis zwischen den Wittelsbachern und den Bayern, zwischen Dynastie und Volk. Er weilt gern unter seinen Bayern, und mit Stolz hebt er immer wieder hervor, daß die Dynastie der Wittels- bacher aus dem Volk hervorgegangen ist, daß Wit- telsbach und Bayern seit vielen Jahrhunderten zusammengehören und sich stets, in guten wie in bösen Tagen, die Treue gehalten haben. König Ludwig ist ein echter WittelsbachA, selbstbewußt und stolz auf die Geschichte und die Traditionen seines Hauses, und ein echter Bayer. Aber auch ein guter Deutscher, und auch hier beruft er sich gern auf das Beispiel seines Großvaters, Ludwigs 1. Die „Vasalienrede' von Moskau im Jahre 1896 hätten kleine Geister, die für die Großzügigkeit des Wesens des Prinzen Ludwig kein Verständnis hatten, als Ausfluß eines gleichsam grundsätzlich oppositionellen Partikularis- mus hinstellen mögen. Das war sie aber nicht. Sie ^ wird er denken und handeln auch als König, als Wittelsbacher und Bayer und als Deutscher. ' In seinen Reden als Prinz hat König Ludwig nicht nur gern indirekt seine persönlichen Auffassungen und Ansichten, seine Absichten und Grundsätze kundgegeben, er hat bisweilen auch über sie gesprochen und dabei wertvolle Aufschlüsse über seine Persönlichkeit gegeben. So sagte er in einerRede zu Landau in der Pfalz im Mai 1894 u. a.: „Und ich darf in Wahrheit sagen, daß ich n ur d a s ö f s e n t - liche Wohl bei aller meiner Tätigkeit im Auge habe. Ich für meine Person habe nur sehr einfache Bedürfnisse und will nichts für mich." Sein Wahlspruch war eben: Luluk publieu snprenm lex v8to! Und er treibt nicht persönliche Liebhabereien, wie er in Landau damals ebenfalls betonte: „Ich ü b e r I e g e r e i f l i ch nach allen Seiten, bevor ich einen Entschluß fasse, dann aber suche ich denselben auch durchzu führe n." In derselben Rede sagte er noch: „Ich bin der Letzte, der das Alte abschaffen wollte, wöil es alt ist. Das gute Alte muß erhalten werden. Aber wo das Alte sich überlebt hat und nicht mehr gut ist, da muß es abgeschafft und geändert werden. Das Neue aber, soweit es gut ist, verdient die krmrrcgmt l.uiwoia l886-l9l2. war weiter nichts als eine notwendige Richtigstellung eines zwar wohl nicht bös gemeinten, aber unüberlegten Wortes bei einer Gelegenheit, wo freilich Unüberlegtheiten nicht vorkommen sollten. Lange vor dem Jähre 1896 hatte Prinz Ludwig genau so, wie er es auch später zu gegebener Zeit tat, immer, wieder die d e u t s ch e E i n i g k e i t, die Notwendigkeit treuen Zusammenhaltens zwischen den deutschen Fürsten und Stämmen laut betont und da^ zu aufgefordert. Dabei freilich auch mit berechtigtem Nachdruck gegenüber gedankenloser Schwärmerei für Gleichmacherei bisweilen bemerkt, daß deutsche Gesinnung und Freude am Reich Kein Anlaß zu sein brauche, dem engeren Heimat- und Vaterlande untreu zu werden. So ist er auch in dieser Hinsicht stets den gegebenen Verhältnissen gerecht geworden als gerecht denkender und weitblickender Mann, dem das Deutsche Reich ein hehres Ideal, der sich aber auch bewußt ist, daß des Reiches Festigkeit und Unerschütterlichkeit nicht zuletzt in der soliden gesunden Eigenart der deutschen Stamme und Staaten begründet ist. Neben dieser allgemeinen Tendenz hat er auch mehrfach bekundet, wie sehr es sein Wunsch ist, daß das deutsche und das bayerische Heer und die Marine auf der Höhe sei, damit Deutschland immer stark genug bleibe, um die Gegner nicht an einen Angriff denken zu lassen und so ein mächtiges Bollwerk des Friedens in Europa zu sein. Wie er als Prinz gesprochen, so sprach er auch als Prinzregent in Berlin und in Kelheim, und so Einführung." Das ist wahrhaft konservati v und zugleich wahrhaft fortschrittlich, das ist im guten Sinne modern. Darin spricht sich weder starre Reaktion noch blinde Neuerungssucht aus, sondern weise Zweckmäßigkeit, die nach Gründen handelt und nach Zielen strebt, eine gesunde Staatsweisheit, die nur das Gute will und es nimmt, wo es ihr sich bietet. Dem Bilde unseres Königs fehlte der wichtigste Zug, wenn darauf nicht auch seine Stellung zur R e - Iigion entsprechend zum Ausdruck gebracht wäre. Religiös und fromm, wie er erzogen wurde, ist er geblieben. Echte Religiosität und Frömmigkeit hat sein Leben und vor allem sein Leben in seiner Familie und das Leben seiner Familie beherrschend beeinflußt und harmonisch und vorbildlich für hoch und niedrig gestaltet. Sie hat ihm wohl auch ein strenges Pflichtgefühl zur zweiten Natur werden lassen, das ihm die Antriebe gab, sich für das Leben, für seinen hohen Beruf so vorzubilden, wie er es getan hat. AIs aufrechter Mann, der aus dem, was er ist, was ihn beseelt, auch der Welt gegenüber kein Hehl macht, hat er in seinen öffentlichen Reden gelegentlich auch sein Verhältnis zur katholischen Kirche, deren treuer Sohn er immer war, und zu den deutschen Katholiken berührt. Im Januar 1899 sprach er unter Hinweis auf die Ierusalemfahrt des deutschen Kaisers und die damalige Schenkung der üormitio K6krti88imge virgini8 von den Gefühlen der Freude und des Dankes der Katholiken über diese Tat des Kaisers und fuhr dann fort: „Die deutschen Katholiken verlangen ja nichts anderes als v o l l e G I e i ch b e r e ch t i g u n g mit den deutschen Protestanten, und zwar vom Reiche, im Reiche, in jedem einzelnen Staate des Reiches dieselbe Gleichberechtigung, deren sich in dem zweitgrößten Staate des Deutschen Reiches die Protestanten, obwohl eine Minderheit der katholischen Mehrheit gegenüber, erfreuen." Und vor ungefähr einem Jahre, am 13. Oktober 1912, hielt er in Altötting jene Rede, in der es u. a. hieß: „Es ist eine selbstverständliche Sache, daß ich katholisch bin, das bin ich durch die Taufe und ich bin es auch aus Ueberzeugung. Ich lasse mir das übrigens ebenso wenig nehmen, wie andere es sich nicht nehmen lassen." Er bezeichnete es weiter als wünschenswert, „wenn jede Äeligionsgesellschaft ihre eigenen Angelegenheiten selbständig regeln und sich möglichst wenig in die anderen einmischen würde . . . Aber darin besteht die wirkliche Toleranz, daß man sich an der Ausübung nicht stößt. Wir Katholiken stoßen uns nicht an der Ausübung anderer Religionsbekenntnisse.. Ich wünsche, daß der Friede der Konfessionen bleibe und daß keitie von ihnen Ursache zu berechtigter Klage habe." Darin spricht sich neben der katholischen Ueberzeugung die wahre Toleranz aus, die Toleranz, die sich an der Ausübung nicht stößt, nicht die „Toleranz. die sich zwar über katholische Prozessionen ärgert, die aber nichts dagegen einzuwenden hat, wenn im Fastnachtszug u. dgl. zum Höhne katholische Priester und andere kirchliche Personen nachgebildet werden". Es bekundet sich in diesen Worten auch ein feines Verständnis für den konfessionellen Frieden, der auf Gleichberechtigung und gerechter Behandlung, nicht aber aus gehässigen Ausnahmegesetzen und bewußter und gewallter Unterdrückung aufgebaut werden kann. , So steht die erhabene Gestalt unseres Königs vor uns als die eines wirklich modernen Herrschers, als die eines Mannes, der seine Zeit versteht und in die Zeit hineinpaßt: Treu und überzeugt am guten Alten festhaltend, das gute Neue freudig und dankbar hinnehmend. Zum guten Alten gehört für ihn die Religion, das Verhältnis der Menschheit zu ihrem Gott, das durch Jahrhunderte bewährte Zusammenhalten von König und Volk, von Wittelsbach und Bayern, das friedliche Nebeneinanderbestehen, aber auch das zum Wähle der Gesamtheit unerläßliche einträchtige Zusammenwirken der verschiedenen Stände und Berufe, kurz gesagt: Die christlich monarchische Staatsordnung in Bayern wie im Reiche. Auf dieser Basis sucht er dem Fortschritt der Menschheit zu dienen, einem Fortschritt, der die Menschen nicht im Irdischen aufgehen, nicht an der Erde kleben lassen, sondern sie durch Vervollkommnung der irdischen Verhältnisse vollkommen machen soll auch für das Streben nach dem höchsten und letzten Ziele und Ideal der Msn- schenbrust, das nur im Jenseits zu erreichen ist,'nur dort seiner Vollendung entgegengehen kann. Das ist und muß sein wie das Ziel jedes denkenden Menschen, jedes Menschen, der sich nicht für so überflüssig und erbärmlich hält. daß er seinen Zweck im Konsum von Eß- und Trinkwaren und derlei Genüssen erfüllt und erschöpft sieht, so auch des christlichen Monarchen. Indem er die Menschheit aus dem Wege wahren irdischen Fortschritts auch dem Himmel näher bringen hilft, verdient sich der christliche König stets von neuem den Ehrentitel eines Königs von Gottes Gnaden. Mag man den Inhalt dieses Begriffes so oder anders zu erklären suchen, mag man damit mehr das Verhältnis des Monarchen zu Gott oder mehr die Unabhängigkeit von irgendwelchen irdischen Instanzen und die alleinige'Verantwortung vor Gott betonen wollen: So lange der Titel überhaupt einen dem Wortlaut irgendwie entsprechenden Inhalt haben soll, so lange, bleibt ein Verhältnis des Monarchen zu Gott bestehen, bleiben bestehen Pflichten, die sich aus diesem Verhältnis zu Gott und aus deni Herrscheramt über die Menschen ergeben, Pflichten gegenüber Gott und Pflichten gegenüber den Menschen im Aufblick zu Gott. Das ist der tiefere Sinn des Gottesgnadentums, das nur der leugnen oder hinwegdisputieren wollen kann. dem Gott nichts mehr ist und der König nicht viel mehr. Ein erhabener Sinn fürwahr! Und ein erhabenes Amt ist auch das Amt des christlichen Herr-, schers, des Königs von Gottes Gnaden. König Ludwig ist ein christlicher Herrscher, ein überzeugter Katholik, der seine Ueberzeugung bekennt und im praktischen Leben daraus die Konsequenzen zieht. Ein konsequenter Katholik aber auch insofern, als er die wahre Nächstenliebe und Toleranz übt, die sich an der Ausübung eines anderen Bekenntnisses nicht stößt. Er ist stolz darauf, ein Katholik zu sein, aber auch stolz darauf, daß in Bayern die Protestanten gerecht und auf dem Fuße der Gleichberechtigung behandelt werden. Er meint es mit allen Landeskindern gut und bietet dadurch und mit seiner vielseitigen Bildung, seiner Klugheit und reichen praktischen Erfahrung, mit seinem Verständnis und Interesse für alle Bedürfnisse menschlicher Wohlfahrt die sichere Gewähr, daß er alles tun wird, um allen Landeskindern ein wirklicher Vater, Beschützer und Förderer in allem Guten und Schönen zu sein. So wird denn das Bayernvolk ihn, auf den es schon lange mit Wohlgefallen und Sympathie, mit Verehrung und Liebe geschaut, mit größtem Vertrauen, mit herzlicher Freude, mit Jubel und Begeisterung auf dein Thron der Wittelsbacher als den fünften Bayernkönig begrüßen. Es wird sich freuen, daß er, der einst für den griechischen Thron bestimmt schien, nunmehr die bayerische Krone trügt. Und wie es ihn als das Muster eines christlichen Monarchen, eines deutschen Fürsten begrüßt, so begrüßt es neben ihm aus den: Throne mit den gleichen herzlichen Gefühlen als das Vorbild einer echten christlichen K ö n i g i n die hohe Frau, die weithin als das Ideal einer christlichen deutschen Frau und Mutter schon lange erschien, die es wahrhaft verdient, eine Königin, eine Landesmutter zu sein, verehrt und geliebt von allen treuen Bayern, Prinz Ludwig und Prinzessin Marie Therese waren ein vorbildliches, ein ideales christliches Ehepaar und Fürstenpaar von jeher, und sie werden nunmehr sein ein ideales christliches Herrscherpaar, ein Vorbild christlicher und darum auch königlicher und bürgerlicher Tugenden. Und wenn heute Bayen glücklich ist, wieder einen wirklichen König zu haben, einen König, der regiert und repräsentiert, so ist es nicht minder glücklich, nach langer, langer Zeit auch wieder eine Königin zu baden. An diesem Glück Bayerns werden Millionen im ganzen Deutschen Reich und darüber hinaus, soweit die deutsche Zunge klingt, innigen Anteil nehmen. Weithin erbraust heute der Iubelruf: Es lebe der König! Es lebe die Königin! Und es hebt sich der Blick himmelan zum Lenker der Geschicke der Fürsten wie der einfachen Sterblichen, und im Gebete steigt zu ihm der heiße Wunsch empor: Gott segne und schütze unser Königspaar und sei mit ihm, mit Land und Volk für heut' und immerdar! D Vorabendblatt Boravendblan Seite 7 -rrv. 511 ÄUgsVNrger Postzeitung. 6. November 1913. Bei Zusammentritt des Landtags hat das Lciyerll sche Zentrum neuerdings verlangt, da? insbesondere Lieferungen für die Marine in h'yer-m Maße als bisher an die bayerischen Getvec. .-treibenden übertragen werden sollen. Inzwischen ist Admiralitätsrat Kalus von der Tanziger Werft VieserhalL mit der Handelskammer München in nähere Berbindung getreten. Es ist zu hoffen,, daß nunmehr ein regerer Geschäftsverkehr zugunsten der baycrisclstn Industrie und des Gewerbes sich entwickeln wird, und von den vielen Millionen, die nach Norden gehen, wieder eine größere Anzahl zurückfließt und die bayerische Volkswirtschaft befruchtet. Es sollte aber auch noch mehr darauf hingearbeitet werden, daß die Lieferungen für das bayerische Heer in der Hauptsache im eigenen Lande vergeben werden. In der Sitzung des Reichstages vorn 23. März 1909 verwies Abg. SchirMer auf ddn Rückgang der Arbeiterzahl in den bayerischen Militärbetrieben und auf die Zunahme der Arbeiter in den Betrieben der preußischen Heeresverwaltung und verlangte einen Ausgleich. In der Gewehrfabrik Amberg wurden damals hundert, zum Teil lange Jahre dort tätige Arbeiter ausgestellt, in den Spandauer technischen Instituten 700 Arbeiter neu eingestellt. Ein Jahr zuvor bereits waren die Betriebe der preußischen Heeresverwaltung um 1503 Personen verstärkt worden, während die Zahl der in den bayerischen Heeresbetrieben beschäftigten Arbeiter um 606 sich verringerten. Die Verschiebung des Geschäftsbetriebes zugunsten Preußens geschah also auf Kosten der Arbeiter in Bayern. Schirmer verlangte deshalb, daß sowohl die staatlichen wie die privaten Betriebe in Bayern mehr berücksichtigt würden, so daß wenigstens die für das bayerische Heer aufzubringenden Summen im Lande blieben. Damals hat der Vertreter Bayerns, der Militärbevollmächtigte Herr von Gebsattel, zugegeben, daß in den Jahren 1906 und 1907 der Bedarf der militärtechnischen Institute an Materialien, Waffen, Gesützen usw. zu einem Drittel aus Preußen bezogen worden ist. Als seinerzeit die Firma Sieger und Moradelli in München Ausrüstungsgegenstände für die Artillerie, Lästerten u. dergl., fertigte, hat die bayerische Heeresverwaltung die Firma einfach sitzen lassen. Daß diese wie die bayerische Industrie Werhaupt von der preußischen Heeresverwaltung mit Aufträgen bedacht worden wäre, davon ist nichts bekannt geworden. Aus Jndustriellenkreisen hörten wir kürzlich die Klage, daß die süddeutsche Papierindustrie, mit Ausnahme einer kleinen Lieferung, die der Württembergischen Papierfabrik in Mochenwangen seinerzeit übertragen worden sei, weder zu den Lieferungen für die Reichsdruckerei noch für solche dcr Reichspostverwaltung herangezogen werde. Und doch muß speziell Bayern Millionen jährlich an Ausgleichsbeiträgen an das Reich abliefern. Nach dem bayerischen Budgetentwurf für das Jahr 1914 und 1915 sind von den 15 Millionen Mark Ueberschuß nicht weniger als 14 Millionen an das Reich abzuliefern. , Also nochmals: Bessere Berücksichtigung der bayerischen Industrie und des Gewerbes bei Beschaffung des Kriegsmaterials und bessere Berücksichtigung auch der vorhandenen eigeneu Staatswerkstä t- ten. Die Statistik über die Entwickelung der militärischen Betriebe Bayerns zeigt, daß diese gegeii- über den preußischen Betrieben immer mehr ins Hintertreffen kommen. Nach den neuesten 1913 dem Reichstag vorgelegten Uebersicht über' die Ar beitsverhältnisse in den Betrieben der Marine- und der Heeresverwaltungen ergaben sich folgende Zahlen: Bei der Reichsmarineoetwaltung waren Ende Oktober 1908 auf den Werften, in der Torpedo - Werkstatt, bei den Bekleidungsämtern und Depots beschäftigt 23 908 Personen, davon 229 weiblich, Ende Oktober 1911 26 045, davon 247 weiblich. In den drei Berichtsjahren hat sich somit die Zahl der Arbeiter um 2137 vermehrt. Ueber die Zahl der Arbeiter bei den verschiedenen Kontingenten er-, gibt die Uebersicht folgendes: Kgl. preußische Heeresverwaltung: Proviantämter, Konservenfabriken, BekleidungsäMtet, Garnisonsverwaltungen 1908 9470 Köpfe, 1911 9514, sind mehr 44 Personen. Bei der Feldzengmeisterei, in den Munitions- und Waffenfabriken, ArtiUerie- und Traindepots waren beschäftigt 1908 zusammen 19 911 Personen; Ende Oktober 1911 waren es 21044 Personen, das sind 1133 Arbeiter mehr. Kgl. bayerische Heeresverwaltung: Bei den Proviantämtern, dem Bekleidungsamt, den Garnisonsverwaltungen waren 1908 beschäftigt 475 Arbeiter, Ende Oktober 1911 dagegen 752 Personen, das sind 277 mehr. 221 Personen, darunter 37 weibliche, entfallen auf das seit 1. April 1910 errichtete Bekleidungsamt. Vordem hatte Bayern ein derartiges Amt nicht, wie auch heute noch keine Konservenfabrik. Trotz der Zunahme der Zahl der Arbeiter irr den bayerischen Betrieben steht dieselbe, im Verhältnis der Bevölkerung, uM rund 200 Arbeiter hinter jener in den diesbezüglichen preußischen Betrieben zurück. Die Zahl der bei der bayerischen Feldzengmeisterei beschäftigten Arbeiter, also derjenigen in den Munitions- und Waffenfabriken, ist seit 1908 zurückgegangen. 1908 waren in diesen Betrieben 3700, Ende Oktober 1911 nur mehr 3572 Personell beschäftigt. In der Gewehrfabrik Amberg arbeiteten 1908 517 Mann, 1911 nur mehr 370. Anstatt Gew-Hrteile t'lst zu fertigen wtt'dm diese vielfach aus Preußen bezogen. Es dürfte zrveckmäßig sein, bei den Beratungen im bayerischen Landtag auf diese Zahlen zurückzukommen. Das Handwerk und die Parteien -- Einen recht deplazierten Vorstoß gegen die Zentrumspartei hat in der Freitagssitzung in der Abgeordnetenkammer der liberale Abgeordnete Hübsch unternommen, indem er deren Handwerkerfreundlichkeit zu verdächtigen suchte bei einem Anlaß, dcr hierzu nicht die geringste Handhabe bot. Im Interesse der objektiven Wahrhüt und um allen Legendenbildungen vorzubeugen, sehen wir uns veranlaßt, auf die fragliche Angelegenheit des näheren einzugehen. Bekanntlich hat das Justizministerium dem Landtag eine Denkschrift über die Gefan- genenarb eit vorgelegt, in der u. a. erklärt wurde, daß künftig die Gefangenen besonders beim Umbau und Neubau von Strafanstalten verwendet werden sollen. Bei den Baupostulaten für den Justizetat, die in der erwähnten Landtagssitzung behandelt wurden, wandte sich nun der Abg. Hübsch energisch gegen die Absicht der Regierung, wobei er mit Recht darauf hinwies, daß bei der derzeitigen schlechten wirtschaftlichen Konjunktur und der daraus resultierenden. großen Arbeitslosigkeit dem freien Unternehmer, Handwerker und Arbeiter keinerlei Konkurrenz durch Gesangenenarbeit gemacht werden dürfe. Er fühlte aber weiter das Bedürfnis, dem Zentrum und insbesondere dem Abgeordneten Dr. Pichler vorzuwerfen, daß es im Ausschuß nicht gleich von Anfang an in der entschiedenen Weise gegen diese Absicht der Regierung aufgetreten sei, sondern daß erst aus die Ausführungen der liberalen Abgeordneten hin ein Umschwung beim Zentrum eingetreten sei. Diese Darstellung des Herrn Hübsch ist bereits in der gleichen Sitzung durch die Abgeordneten Dr. Ein Häuser, Giehrl und den Referenten Speck richtiggestellt worden. Wie war der Hergang der Sache im Finanzausschuß? Dort stand zunächst ein Postulat von 110,000 Mark zur Erwerbung von Grundstücken für die Gcfangencnanstatz Lichtenau znr Beratung. Bei diesem Postulat schon die prinzipielle Frage der Gefangenenarbeit anzuschneiden, bestand für das Zentrum keine Veranlassung, weil ja hier nicht etwa Gelder gefordert wurden, um Löhne für die Bauarbeit an Gefangene zu bezahlen, sondern nur um einen Bauplatz zu erwerben. Seine endgültige Stellungnahme zu einem eventuellen Postulat für den Neubau selbst hat sich das Zentrum ausdrücklich vorbehalten. Es lag dann weiter ein Postulat von 310,000 Mark für die Errichtung einer Irren- abteilung und zweier Dienstwohngebäude beim Zuchthaus Straubing vor. Diese Arbeiten sollten nach den Intentionen der Justizverwaltung durch Gefangene ausgeführt werden. Dagegen hat nun das Zentrum von Anfang an entschieden Front gemacht, die Zentrumsredner haben nachdrücklichst betont, daß es sich für das Handwerk ,^und den Mittelstand darum handelt, daß bei derartigen Bauten viel Verdienst unter die Leute kommen kann. Und während der liberale Korreferent Abg. Hübsch die Etatsposrtiott irr der geforderten Höhe genehmigen wollte, stellte der Z entrunts- abgeordn ete Speck als Referent den Antrag, die Po sition um 50,000 Mark zu erhöhen, d amit d ie B a uausführung freie n Arbeitern übertragen werd e n könne. Dieser Antrag fand schließlich nicht nur die einstimmige Zustimmung des Ausschusses, sondern auch die Billigung der Staatsregierung. Was schließlich die Stellungnahme des Herrn Abg. Dr. Pichler in dieser Frage betrifft, so hat derselbe nicht, wie dcr Abg. Hübsch ausführte, ohne weiteres die Absicht der Regierung, Gefangene zu Bauarbeiten zu verwenden, gutgeheißen, sondern 'er hat sich lediglich auf den Standpunkt gestellt, daß in erster Linie eine Konkurrenz des Handwerks und Gewerbes durch Gefängnisarbeit Hintangehalten werden müsse. Wünschenswert ist lediglich die Heranziehung der Gefängnisinsasse» zu Kulturarbeiten, wie sie auch jetzt schon in Bayern in immer größerem Umfange erfolgt. Nach dieser objektiven Sächdarsteltnng wollen wir es der Beurteilung der Oeffentlichkeit überlassen, ob den Vorwürfen des Abg. Hübsch nue ein Schein der Berechtigung anhaftet. Diesel Angriff des Herrn Hübsch entsprang lediglich seinem Agitationsbedürfnis und sollte die liberale Mittelstandspolitik bei den Handwerkern und Gewerbetreibenden draußen in ein gutes Licht rücken. Tie Aufnahme der Königl. Familie S. 3 stammt aus dem Atelier des Hofphotographen Bernhard Tittmar- München. V-. .... A)er wählt rot? /tX Leicht ist diese Frage nicht zu beantworten, denn bei der durchweg geheimen Stimmabgabe bei den Wahlen läßt sich ein klares Bild über die Art der Wähler, die mit einem roten Stimmzettel zur Urne schreiten, schwer gewinnen. Es war darum eine recht schwierige, gerade deshalb aber um so dankenswertere Aufgabe, die sich Dr. Mais K lö cker gesetzt hatte, als er eine Untersuchung über „die Konfession der sozialdemokratischen Wählerschaft" (Bolksvereinsverlag) anstellte. Der scharfsinnigen, gründlichen und geduldigen Arbeit des Verfassers ist aber der kühne Wurf vortrefflich gelungen. Mit peinlicher Genauigkeit und aus Grund einer besonders konstruierten Methode hat Dr. Klöcker die Reichstagswahlen von 1907, die wegen der Eigenart der damaligen politischen Konstellation das geeignetste Material boten, seinen Betrachtungen über die Konfessionalität der sozialdemokratischen Wählerschaft zugrunde gelegt. Es kann nicht unsere Ausgabe sein, den ganzen Ge- dankcngang des Verfassers, dessen Ergebnisse unanfechtbar sind, hier wiederzugeben; es liegt uns nur daran, das wichtige Endergebnis der wissenschaftlichen Untersuchung zu unserer eigenen Genugtung und als ernste Warnung festzulegen. Auf Grund unumstößlichen statistischen Materials ist jetzt der wissenschaftliche Nachweis erbracht worden, daß mit dem Steigen der Prozentanteile der evangelischen Konfession an der Wahlkreisbevölkerung organisch und in ununterbrochener Linie die Zahl der Sozialdemokraten in stimmen und Mandaten steigt, um mit den höchsten evangelischen Beoölkernngsprozenten ihren Höhepunkt zu erreichen, während mit dem Steigen der Prozent- anteile der katholischen Konfession an der Wahlkreisbevölkerung das gerade Gegenteil der Fall ist. Von der Gesamtheit der sozialdcmokratischen Stimmen lieferten 1907 die 146 vorwiegend katholisch bevölkerten Wahlkreise 15,17 Prozent, die 251 vorwiegend evangelisch bevölkerten Wahlkreise 84,83 Prozent; von allen 43 sozialdemokratischen Mandaten stellten die vorwiegend katholischen Wahlkreise 6, die vorwiegend evangelischen 37. Die sozial- demokratischen Stinnnensummen verteilten sich mit 368 223 auf die 3 958 522 katholischen Wähler und wit 2 890 806 aus die 7 304 307 nichtkatholischen Wähler. Für den katholischen Teil der Bevölkerung ist diese wissenschaftliche Feststellung äußerst erfreulich, liefert sie doch eine treffliche Illustration zu den so oft gehörten Vorwürfen, die Katholiken seien national minderwertig und eine Gefahr für das nw- derne Staatswesen. Wie die Dinge heute liegen, läßt sich für nationale Zuverlässigkeit aber wohl kaum ein besseres Kriterium ausfindig machen als die Stellung zur Sozialdemokratie. Und gerade wenn dieser Maßstab angelegt wird, dürfen die deutschen Katholiken mit Stolz in die erste Reihe treten und, ohne begründeten Widerspruch befürchten zu müssen, sich als stärkste Schutzwehr gegen die sozialdemokratische Sturmflut hinstellen. Wie ivahr dies ist, beweist am besten die erbitterte Feindschaft der Sozialdemokratie gegen die katholische Religion und all ihre Einrichtungen, gegen das Priestertum und die katholischen Vereine, vor allem gegen den katholischen Volksverein, mit dem sich ini ganzen Reich keine Organisation in der erfolgreichen Bekämpfung der Sozialdemokratie messen kann. Es ist erfreulich, daß jetzt auch eüuit»>. der statistische Nachweis geführt worden ist, dM Dr den Staat auf die Katholiken der beste Verlaß ist, und es wäre jetzt nur zu römischen, daß die Regierungsstellen, die es angeht, aus dieser Erkenntnis auch die selbstverständlichen Folgerungen ziehen, vor allem, daß das Verlangen der Katholiken nach voller Gleichberechtigung mit den übrigen Staatsbürgern nicht nur ein Ruf der Gerechtigkeit, sondern auch eine Forderung des Staatswohls ist; daß jedwede Knebelung der katholischeil Kirche und jede Beschneidung der Rechte deutscher Katholiken eine Unterbindung der besten Kräfte ist, die für den Staat wirksam sein wollen. Die Beschaffung des Kriegsmaterials. U. li. Die Beschaffung des Kriegsmaterials für Heer und Marine erfolgt durch reichs- und staats- eigene 'Betriebe, sowie durch die Privatindustrie. Darüber, daß hierbei die süddeutschen Staaten nicht einmal verhältnismäßig beteiligt sind, besteht berechtigte Klage. Tie Augsburger Postzeitung hat in mehreren früheren Artikeln wiederholt daraus hingewiesen und insbesondere die Wünsche der Gewerbetreibenden aus Zuweisung größerer Staats- anfträge unterstützt. Seit einer Reihe von Jahren haben im Reichstag die bayerischen Abgeordneten Jrt, Schirmer und Sir dieselbe Forderung erhoben. Feuilleton. Literaturbrief- Lieber Freund! Cutschuldige, wenn ich gleich mit einer Klage ins kaus falle. Ich habe einmal wieder, wie schon öfter ieit metner literarischen Mitarbeit, eine arge Enttäuschung im Punkt Schöngeistige Literatur erleben müssen; das Hit nur allerdings nur meine Tir langst bekannte Erfahrung aufs neue bestätigt: bluacius vull ckocipi, aus gut deutsch: Trotz atlem und allem, der Schwindel gedeiht und lleibt obenauf, die Reklamcbücher, die seichten Geschichten und Romane werden getauft und „ewig" weitergegeben, die wahrhaft schönen und herrlichen Sachen aber müssen lei Literaten und Kritikern ein still beschanlick-es Dasein führen oder sie kommen höchstens über kleinace Kreise hinaus, um hier geachtet und geehrt zu werden. Ta ich um ein Beispiel für viele zu neuneu, im vergangenen Frühling ein kleines, aber seines Büchlein herausgekommen: Listo v Fo-sto von Heinrich F-e derer Verlag von Eugen Salzer, Heilbrvnn, 1913, 115 Seiten, in Leinwand gebunden 1 Mk.l. Tu hast es Tir icdensalls auf die Besprechung Tr. Krapps in dieser Beilage Nr. 28 An oder aus die vortreffliche Analyse des Redatreurs Herz in der „Bücherwelt", Mai 1913, angeschassr und bist mit diesen Rezensenten und mir der gleichen Meinung: So was an v o I l en d e t be s e e l r e r und verlebendigter Charakteristik aus der Geschichte, hier des Papstes Sirius V., im Verein mir einem wundervollen Humor. der über diese glänzend geschrn-ch'ne Abruzzengeschichke sich ansgrestt, haben wir bis jetzt kaum besessen. Man hat in einzelnen Rezensionen auf E. F. Meyer und mehr noch auf Gottfried Keller hingewiesen: Federer sei. hieß es da sehr gnädig, „ein wackerer Schweizer Trchter, der srch bald neben dem alten Züricher Seldwyla-Poeten sehen lassen dürfe". Ja, ja „bald!" Und wir behaupten ruhig und fest: nein, Federer ist Federer, der die Landsmannschaft Und Nachbarschaft KellerS gar zu fürchten braucht, Und diejenige Meyers erst recht nickn: denn Meyer hörte nie mit solcher künstlerischen Ochettiostöt die Gestalten Sfttus' V. und seines Bruders Sesto, eines Banditen und Kirchenmesners zugleich, säumen können. Ein nicht katholischer Dichter hätte diesen Stoss gar nicht so anpacken und noch viel weniger mit solch überlegener Wahrheitsliebe, ore auw den kirchlichsten Katholiken nick» verletzt, behandeln können. Ta hatte ich nun geglaubt, man werde mir aus meinen diesjährigen kleinen Sommeraiisslügen oder 50 kilometrigcn Reisetouren überall begegnen mit der Entdeckung : „Wer gehst der Federer mit seinem lliwc» o riesto, so toas ist ja großartig, eine einzig sclKne historische Novelle: wie er den Papst in Konsjikt mit seinem Amt als Rächer der Untaten und seiner Stellung als Bruder eines Mörders und Wegelagerers, dcr bei ihm samt Sohn eingekerkert wird, bringt und diese Spannung herrlich löst usw. usw." Nichts von allcdem! Liste» o Ferste» V Kenne ich nicht? Ist das ein so dickes Buch wie „Berge und Menschen"? Lese ich nicht! Habe Besseres zu tun! Meinetwegen können Sie es mir aber leihen, tvenn ich es bald fertig bringen kann!" 2o, auch noch leihen! Nein, so waskauft man sich und liest es und erquickt sich wie sonst selten und stellt es hinauf, um es bei nächster Gelegenheit wieder zur Hand zu nehmen. Leihen? Diese .Knicker und Püchmctuwrrer! Werden sie nimmer aussterbeu? Ta soll die Literatur, vollends die katholische, noch gedeihen'? Ich denke da mit Schmerz an Heu tragischen Niedcr- slug des „A a r", denk die Schwingen erlahmten, weil ihm trotz dreijähriger bewunderungswürdiger Anstrengungen die Kräfte nicht gewährt wurden, die er zum Weiter- und Höhenflug notwendig gebraucht hätte. Und im „?1ar" standen auch die ausgezeichneten „Umbri- schen Rersegeschichten" Federers und seine brillant hingeworfenen, sprudelnden und oft sprühenden „Literarischen Rundschauen". Ich möchte verzeihen Sie es, lieber Freund — sgst sagen: wenn em Backstein wie „8isto e Lcwto", das von Leben und litcrarischcr Kunst ganz erfüllt isst nicht in 10000 Exemplaren oder noch mehr „weggehen" kann, so sind wir eine solch herrliche Literatur gar nicht wert. Das wäre ivahrhastig traurig, üder- tranrig. Natürlich wird man nun dieses feine Böndchtcn nicht in jeder Loltsbibliothek brauchen können: nur wer historisch speziell in der Papst- und Kirchengeschichte und auch ethnologisch einigermaßen versiert und interessiert ist, wird Fisto o Feste» würdigen und dann genießen können; junge Leute und alte Weiblein werden nicht viel daran haben, jedoch die Schicht der befähigten Leser bleibt noch stark genug. Eine schwere Schollt» drückt mich, teurer Freund, allerdings keine moralische, aber eine ernste literarische. Ta habe ich nun gerade seit einem halben Jahre ein anderes Büchlein vor mir liegen, das in seiner Art fast ebenso hervorragend ist, und ich habe Tir bis heute noch nichts davon geschrieben, ich meine „Franz von Assisi, Legende n" von F. A. Holland (Keuchten, Kösel >913, 156 S.> brosch. 2 Mk., schön geb. 3 Mk.). Tre Fioretti, Blniirlcin des hl. Franzisius sind ja bekannt; Pater Tr. Holzapfel hat diese „Franzis- kusiegenden", die aus der gleichzeitigen rchec nach- herigen franziskanischen Literatur stammen, hübsch zusammengestellt und verdeutscht in der Sammlung Kö- s e l. Holland bietet etwas ganz Neues und Hoch- originelles, neu, indem er aus der innersten Psyche des seraphischen Heiligen heraus allerhand Erlebnisse, Reden, Verhältnisse gestaltet, wie sie mit und um F-ranzis- kus sich ergeben haben können: legendäre reizvolle Wunder an Kranken oder Toten, Verkehr mit höchst merkwürdigen Menschen oder personifizierten Symbolen: originell, er führt uns inhaltlich ziemlich weit über die Franziskus- legcnden hinaus, modernisiert sie sozusagen, ohne aber den echten Geist Franzisci zu verfälschen. Es ist mir ganz unmöglich, noch genauer die Eigenart dieser sprachlich und poetisch gleich hoch stehenden Legendengeschichten zu prüzi- sieren; ich kann Tir nur raten: Nimm und lies! Freilich, wie oft sagt man so! Tiefe Redensart wird viel mißbraucht; daß ich es auch täte, wirst Tu sicherlich nicht behaupten, wenn Tu das in prachtvollen großen Lettern gedruckte Buch innerlich gekostet hast. Tenn bloß „lesen" kann man solche Bücher nicht. Wenn nicht schon ein anderer Referent die „Klostergeschichten" unserer M. Herbert in Nr. 28 der Literarischen Beilage eingehend und warm besprochen hätte (Regensburg, Habbel 1913, 256 S-, geb. nur 2 Mk.), so hätte ich es Mt Tir gegenüber tun müssen. Denn das ist keine literarische Tutzendware, sondern ein durckzaus poetischer Charakter beschwingt und beseelt diese aus dein Leben und lebendigster Phantasie heraus gestalteten Personen. Ihren Michelangelo und ihre einzige Viktoria Cvlonna dürfen wir wiederum in einer überaus schönen Skizze grüßen. Tauchen begegnen wir ihren lieben allen Weiblein, ihren opferbereiten Ordenssck-western — herrlich ist da „Tie letzte Nachtwache der Schivester Katharina von Siena" —- und gutmütigen Männern. Obgleich Herbert nicht so dichterisch schöpfen karrn wie Federer urrd -Holland, so weiß sie doch ihre Persönlichkeiten mit ihrem eigenen dichterischen Geist so reich auszustatten, daß man bei ihr nie bloß unterhalten wird; es sind edel ausgefüllte Feststunden, die man in ihrer literarischen Gesellschaft zuzubringen Gelegenheit bekommt. 'Muß ich mick- auch entschuldigen, wenn ich Dich bisan noch nicht Paul Kellers „Stille Straßen" geführt habe München, Mlq. Lerlagögesellschasi 1913/13, Aber alle Redetüttstslücke können nicht über die Tatsache hinweghelfen, daß die Zentrumspartei im Landtag schon zu einer Zeit gegen die Ausnützung der billigen Gefängnisarbeit zum Schaden des seßhaften Handwerks aufgetreten ist, als die Liberalen ihr mittelstandsfreundliches Herz noch lange nicht entdeckt hatten. In mehreren Landtagssessionen hat das Zentrum förmliche Anträge aus Beschränkung der Gcfängnisarbeitcn eingebrach!. Die erste größere Debatte über die Frage der Gefängnisarbeit fand unseres Wissens im Jahre 1884 statt, als in einer Reihe von Petitionen die Handwerker und Handwerkerkorporationen ihren Klagen über die Konkurrenz der Gesängnisarbeit Ausdruck gaben. Der Referent über die Materie war der damalige Zentrumsabgeordnete Biehl, welcher sich wärmstens der Wünsche und Beschwerden der Petcnten annahm. Und der Zentrnmsabg^ordnete Frhr. von Papius wandte sich speziell dagegen, daß durch die Konkurrenz der Gefängnisarbeiten die Arbeitslöhne der Fabrikarbeiter geschmälert werden. Dagegen nahm der liberale Abgeordnete Seiler eine sehr zweideutige Haltung zu den Petitionen ein, und als schließlich ein Regierungskommissär die in den Petitionen vorgebrachten Klagen als un- begründe 1 hinzustellen versuchte, fand er bei den Liberalen Zustimmung. Das veranlaßte den Zentrumsabgeordneten Baumann, aus die Notlage des Handwerks hinzuweisen und die Regierung um Berücksichtigung der Handwerks- wünsche zu Litten. Möge Herr .Hübsch aus dieser kleinen Reminis- zenz ersehen, wie geringe Veranlassung die Liberalen haben, gegen andere Parteien in Mittelstandsfragen Vorwürfe zu erheben. Der neue Krupp-Prozeß;. X Berlin, 4. dkov. 13. Gegen halb 10 Uhr vormittags eröffnete Landgerichtsdirektor Tr. Karsten die Verhandlung. Der Oberstaatsanwalt teilt mit, daß Generalleutnant von Bücking noch nicht habe geladen werden können, weil dieser von Tarmstadt nach Meran abgereist sei; seine Ladung wird, ihm frühestens morgen zugestellt werden können. Infolgedessen wird auch Maior Anders einstweilen entlassen, da es empschlenÄvert erscheint, diesen Zeugen gemeinsck-aftlich mit Generalleutnant von Bücking zu vernehmen. Beide Zeugen werden für Freitag vormittags 9 Uhr geladen. Klügelt. Eccins stellt guf Grund selner früheren Aussage fest, daß er von Pcrbandt hinsichtlich der lleber- mittelnng der Kormralzer an den Reichstagsapgeordneten Tr. Liebknecht keine Rolle gespielt hat. Um mißverständlichen Tentungen vorzubeugen, konstatiere er, daß er das Gegenteil des Verdachtes gegen Herrn von Perbandt ausgesprochen habe. Untersuchungsrichter Landgerichtsrat Metzner teilt mit, daß, ihm vom Reichsmarmeantt die Mitteilung zugegangen sei, daß das Ermittclnngsverfahren gegen mittlere Beanite noch nicht abgeschlossen sei; keineswegs stehe aber Verrat militärischer Geheimnisse in Frage. Tie ganze Angelegenheit könne auf disziplinarischem Wege erledigt werden; überdies sei die Angelegenheit bereits seit März ds. Js. Gegenstand der Untersuchung. Der Gerichtshof beschließt sodann — da die gestern begonnene Besprechung der Kornwalzerangelegenheit noch nicht beendet Iverden konnte — die Oeffentlichkeit der Verhandlung auszuschließen. In ferner heutigen Aussage im Brandtprozcß wies der Zeuge von Mctzen daraus hin, daß Brandt wiederholt sich in seinem, Metzens, Privatkonto! aufgei-atten habe, auch einmal sogar den Schrank, in welchem sich die Kornwalzer befanden, offen gelassen habe. Es war dies ein Mangel an Vorsicht, der ihm, denr Zeugen, nicht passiert sei. Oberstaatsanwalt: Tann muß es eben ein Tlebst« hl gewesen sein. Dagegen spricht aber eine Bemerkung in dem Brief an den Abgeordneten Liebknecht, daß! die Kvrnivalzer in Ellen in einem Schrank des Herrn von Te- Witz aufbeioahrt seien. Tas habe natürlich der Dieb nicht wissen können. — Zeuge von Tewitz erklärt, von Metzen wußte, daß wich wo die Kornwalzer in Essen tvaren, denn er habe ihm gesagt, iiwem er aus den schränk hinwies: Tort liegen sie! — Rechtsanwalt Lüwenstein weist daraus hin, daß in dem Bries an Liebknecht fast dieselben Worte stünden, ivie in dem Briese von Wetzen an Krupp. Der Vorsitzende stellt durch Verlesung fest, daß eine wörtliche Uebereinstimmung absolut nicht vorhanden ist.' Schließlich erklärt von Metzen, er müsse ein geradezu kopfloses Rachebcdürsnis gehabt haben, wenn er die Sache,- deren Geheimhaltung ftir ihn von großem Interesse war.- der Oeffentlichkeit übergeben hätte. Energisches Handeln. Von Austriacus.- Der österreichische Zeitnngsleser horcht verdutzt, fast erschrocken nnsi: es ist etwas geschehen, was man, inr pessimistischen Fatalismus versunken, fast für unmöglich im alten Oesterreich gehalten hak: Die äußere Politik der Monarchie wird in letzter Zeit so geführt, daß man einen starken Hauch einer höchst erfrischenden Energie in ihr plötzlich zu verspüren meint. Einen solchen aber hat män lange, sehr lange Zeit hindurch nicht mehr in ihr zu entdecken vermocht. Graf Berchtold scheint des geduldigen Zuwartens endlich einmal müde geworden zu sein,, und sein neuer erster Gehilfe, Graf Forgach, wird ihn ganz gewiß in der Auffassung bestärken, daß im nahen Orient nur die gebietende Geste noch einigermaßen Eindruck aus 6.-10. Anfl., 230 S., brosch. 2,50 Mk., geb. 3 Mk.)? Ich glaube, daß Tu sie auch jetzt noch gerne gehen kannst Tenn es sind eigentlich alte Straßen Paul Kellers; wir sino sie schon mit ihm gegangen, erquickt und beglückt, da er uns doppelt „Gold und Myrrhe", ,Jn deiner Kammer" und im „Nillasschisf" als „Letztes Märchen" aus den „Fünf Maldstätten" geboten hat. Tie „Süllen Straßen" nehmen ihren Ausgang nickst aus der „Heimat" noch aus dem „Maldwinter", noch viel weniger vom „Sohn der Hagar" oder aus dcr „Alten Krone"; das war im Grund dcr „Paul Keller" nicht. Aber der ist's, der „weiß pom Lacken oder Meinen einsamer Leute, deren Glück und Schmerz aus den nrewigen Bronnen der Menschheit fließen, die von keiner glitzernden oder schmutzigen Welle der neuesten Zeit berührt sind. Kleine simple Menschen sind es, die ich aus diesen Wegen finde, aber was um sie und was über ihnen ist, das find große Tinge, der Himmel und die lebendige Natur: Geschichten von Kindern, Träumern, schnurrigen Käuzen mrd armen Beladcnen, sowie von Flüssen und Wiesen und anderen Leuten, wie ich sie eben antraf aus stillen Straßen." Einige Sachen sind ausgezeichnet, zum Beispiel die fünf „Torsjungengeschichten" und die schnurrigen Käuze; anderes ist doch mehr nur hübsche poetische Schreibübung, um nicht aus dcr Gewohnheit zu kommen: stimmungsvoll und sprachlich sauber, aber man hat Achnliches schon bei anderen Autoren ganz gleich,, nur mit anderen Worten und Wendungen gelesen; mehrere Beiträge hat er noch im „Guckkasten" zuerst veröffentlicht, so lange er ihn herausgab —, nebenbei, lieber Freund, weißt Tu schon daß dcr „Guckkasten" jetzt mit den „M e g g e n d v r f e r n" verschmolzen ist? So kann man bedächtig und behaglich auf den ^.Stillen Straßen" sich ergehen; wir begrüßen daraus liebe Menschen und gute Seelen, und unsere Augen ivei-ten sich zur „vertieften Mine" hin. Zum Schluß möchte ich Tir ein Buch in die Hand geben, von dem bis setzt fast nirgends die Rede war, das aber kulturgeschichtliche und ethnographische Novellen von einer'literarischen Art bietet, wie sie uns selten begegnet: „Aus dem Lan-d der Knechtschaft. Albanische Novellen von Maria Amelie Freiin von Godin (Wien, Verlag von Joseph Roller und Comp., 1913, 467 S., brlosch. 6 Mk.). Aus diesem zugleich sehr zeitgemäßen Buch lernt man den Charakter des albanischen Volkes, den Stolz und die Härte, die furchtbaren Rechtlosigkeiten und schmählichen Bedrückungen und Schikanierungen, die es sich oft ge- sallen lassen muß, und die energische Abwehr» zu der es Feite 8 Dorabendblan Mgsbirrger PostzeitUNA, 6. November 1913. Borabendblatt Mro. 511 --// "'> - die zügellos gewordenen Völkermassen zu machen vermag. Graf Forgach kommt von Dresden an den Ballhausplatz; in dem schönen Elbllorenz hat er freilich nicht den Orient so gründlich kennen gelernt. Aber der schneidige ungarische Herr war, ehe er nach Sachsen ging, k. u. k. Gesandter in Belgrad und hat sich dort unter sehr schwierigen Verhältnissen auf das Beste bcluährt. Er war zu jener Zeit in der serbischen Hauptstadt akkreditiert,^ als der damalige Kronprinz Georg fast täglich seine knabenhaften Anwürfe gegen Oesterreich- Ungarn richtete. Der Gras hat sie mit sicherer Ruhe abzuwehren gewußt, und eine Hofballszene, bei der Kronprinz Georg den Gesandten brüskieren wollte, was ihm aber. völlig mißlang, ist noch in aller Gedächtnis. Graf Forgach, der die Psyche der Serben sehr genau kennt, wird also ganz gewiß seinem Ehef nicht abgeraten haben, das bekannte Ultimatum in Belgrad einzureichen, das einen so schnellen, schönen und vollen Erfolg erzielte. I.'appotit viont on mumgeant! Man hat durch das serbische Intermezzo am Ballhausplatz es erfahren, n m wie viel schneller mau zum Ziel gelangt, wenn man einmal die rauhe Seite herauskehrt und sich, um mit Goethe zu reden, recht widerborstig zeigt. Das munterte mit der so glücklich begonnenen Methode nun aus, tveiter fortzm fahren. Die Gelegenheit hiezu bot sich, wie die Dinge im nahen Orient liegen, nur allzu schnell. Die gleichen begründeren Beschwerden wegen der Nichtrespekticrung der n o r d alb a nis ch e n Gre n- zen, die Oesterreich gegen Serbien erhob, konnten Italien und Oesterreich, die beiden Protektoren des neuen Staates, anstellen, wenn sie sich die merkwürdige Praxis betrachteten, die Griechenland befolgte, nm die internationale Grenzkommission, die Albaniens Südgrcnze bestimmen soll, über die Nationalität der Bevölkerung in den in Frage stehenden Landstrichen zu täusch eil. Diese Praxis beruhte nämlich darauf, alle Kutzowallachen und Albaner aus den betreffenden Gebieten mit rauher Gewalt fortzutreiben, so daß nur Griechen in ihnen vorzufinden sind. Hütte man dieses unwürdige Spiel noch länger durchgehen lassen, so würde Albanien in einer höchst ungerechten Weise verkürzt und geprellt worden sein. Die Sache aber auf die lange Bank schieben wollen, und sie, wie einige Tripleententepolitiker aus sehr durchsichtigen Gründen es anregten, abermals vor die Konferenz der Botschafter in London zu bringen, das war gänzlich unwö hch. denn dann hätten Oesterreich ivie Italien im nahen Orient ihr Prestige völlig eingebüßt, und die Asfäre würde kaum auch nur annähernd nach ihrem Willen ausgegangen sein. . ' So entschloß man sich denn in Rom und Wien abermals zu einem Akt der Energie. Man zeigte den anderen Mächten an, daß man in Athen eine gemeinsame Demarche vornehmen tverde, und zögerte auch nicht, diesen Entschluß sofort in die Tät umzusetzen. Und es steht wohl zu erwarten, daß dieser Schritt den gleichen heilsamen Erfolg auszuweisen haben wird, wie der gegen Serbien unternommene. In Kompischt, in Schönbrunn und auf dem Jagdschloß in der Göhrde, wo ja auch der deutsche Reichskanzler weilte, ist jedenfalls die griechischalbanische Grcuzfrage eines der Themen gewesen, die Stoss zum Gespräch boten, und es hat' sich in dieser Beurteilung zweifellos die völlige Uebereinstimmung der Anschauungen der deutschen leitenden Kreise mit denen der italienischen und österreichischen ergeben. Deutschland hat sich aus begreiflichen Gründen offiziell der Demarche in Athen nicht angeschlossen: aber es findet seine Aufgabe darin, der griechischen Regierung als einem ihrer nächsten Freunde den Rat zu erteilen, die gerechten Forderungen Oesterreichs und Italiens zn erfüllen. Die Dreibundmächte sind also in bezug auf die südalbanischc Grenze absolut cl'ueeorä. Es ist aber auch kaum anzunehmen, daß die Triplecntente als solche in Athen zum Widerstand anspornen wird. Rußland ist vrinzipiell gegen eine weitere Expansion Griechenlands eingenommen, es hat sich, schweren Herzens nur, aus Rücksicht auf Frankreich, in die Ueberlassung Kawnllas^ an die Hellenen gefügt, die ihm schon viel zu sehr am Balkan sich ausbreiten: es wirddaher durchaus nicht gesonnen sein, für sie die Kastanien aus dem heißen albanischen Feuer zu holen, sondern mit gelassener Ruhe dem Ausgang der Affäre zuschauen. In England wird man „bestenfalls" etwas Lärm schlagen nnd sich in hochtönenden Phrasen zugunsten der Griechen auslasten, solche aber machen das Kraut für die Nachfahren des Achilleus Nicht fett: sie haben daher den Faktor England aus ihrem Kalkül auszuschalten. Bleibt noch Griechenlands eigentlicher Manager, nämlich Frankreich. An per Seine tobt freilich bereits eine gewisse Presse und rasselt mit dem Säbel, — aber die französische Regierung, so gerne sie vielleicht auch eine neue Verwicklung sich in den letzten Zähren erhoben hat, kennen und verstehen. Es sind prachtvoll gestaltete Ausschnitte, die diese hochbegabte Dichterin hier bietet. So poetisch stark war sie in der „Sonne des Südens" und im Roman „Bene- dettctz' (beide bei Bachern, Kölns noch nicht. Leider kann ich von den vier Seiten, die ich mir als Inhaltsangabe und treffende Proben bei der überaus fesselnden Lektüre notiert habe, jetzt nichts mehr verwerten: sonst würde mein Lneraturbrief zn lang. Die Ausstattung ist im Vergleich zu den: prachtvollen Inhalt nicht ganz gediegen und schön ivie die der zwei Bachcmschen Godin-Bändc. Wer — es wird Dir da gehen wie mir — wenn ein Buch wirklich Geist nnd Gehalt, Leben nnd Seele besitzt, dann merkt man einzelne äußerliche Mangel weniger oder gar nicht. Nicht die Lettern nnd das Papier machen ein bedeutendes Buch, sondern die großeil Persönlichkeiten und die echt menschlichen Schicksale, die voll der Künstlerin meisterlich dargestellt nnd bewältigt sind. Und solch ein hervorragendes Wert sind diese neuen albanischen Novellen. Es war mir lieber Freund, eine wirlliciie Freude, heute Dir eine so wahrhaft schöngeistige Literatur empfehlen zu können. Mit herzlichem Gruß! Dein literaturfroher _ H. v. Hohcnbcrg. Altbaherns Umritte und Leonhardifahrteu. Ein gutes Zeichen unserer sonst recht Verschiiiipfiertcn Zeit ist es, daß man sich allgemein auf die gute alte Zelt wieder besinnt und sammelt, was man. geblendet von den zn mächtigen Strahlen des Glorienscheines der modernen Kultur Übersoll oder wegwarf. Viel haben wir Modernen erreicht, aber gar vieles, vieles werden Wir nie und nimmer erreichen, das weiß derjenige am allerbesten, der von den Naturgewalten am meisten abhängig ist; das ist unser Bauer. Alle Jahre erfährt crs dutzendmale, daß doch noch ein Anderer regiert als der gelehrteste Wetterprophet, von dem Lilie kommt. Der Landmaim weiß andere Propheten. Das sind leine lieben Heiligen, denen glaubt er und feiere ihre F sie, wo noch unverfälschtes Bolkstum herrscht nach alter Vater Sitte. Das ist insbesondere beim treuen Altbayernvolkc der Fall. Früher war das Festgeprängs an solchen Tagen überall. Das erzählt uns der Verfasser in seinem schönen Buche*), mit dem er einen ganz *) Von Georg Schieryhofer, Buchschmuck von Älemens Thomas. 8". München 1913. Bayerland- Leriag G. m. b. H. (XI u. 1?3 xaZ. Preis geheftet: W. 2.50 ; geb. 3.50.) heraufbeschwören möchte, wird sich, bei der Lage der Dinge, sehr wohl hüten, diesen Wunsch zu verwirklichen: denn eine empfindliche diplomatische Niederlage würde dann voraussichtlich kaum für sie zu vermeiden sein. So wird mau denn von Paris auS schwerlich den Hellenen allzu sehr den Rücken steifen wollen, und in Athen wird mau daher gut daran tun, sich mit mehr oder weniger Würde möglichst bald in das doch nun einmal Unvermeidliche zu fügen. Am Ballhausplatze ist man — spät, aber doch — zu der Einsicht gelaugt, daß auch Energie ein gutes diplomatisches Mittel zu Zeiten ist. Möge mau dieser Einsicht auch fernerhin trauen und sie zunächst in der zilizi scheu Angelegenheit abermals praktisch betütigen, man rann dann bald schon erfahren, wie gute und heilsame Folgen diese Betätigung auch in dem Fall nach sich ziehen wird! Oesterreich-Ungarn und Rußland. >- Wien, 3. Nou. 13. In den letzten Tagen ist ein langwieriger Meinungsaustausch zwischen den Kabinetten von Berlin, London und St. Petersburg zu Ende geführt worden. Sein Ergebnis führte zur Einigung über das Prinzip, daß der jetzige Besitzstand der Türkei aufrechtzuerhalten sei und daß daher in Kleinasien eine umfassende Reformation behufs Sicherung und Festigung der ottomanischen Herrschaft durchgeführt werden soll. Auch wird dem armenischen Reformprogramm der Tripelentente, eine Wiederauferstehung beschieden, und zwar in einer Form, welche die Gutheißung sämtlicher Kabinette finden dürste. Die Gegensätze in der Frage der Bagdadbahn gelten als gänzlich oder doch bis aus gewisse Details überwunden. Es ist sohin eine Aussicht auf die Schlichtung oder zumindest Vertagung von Streitfragen eröffnet, von denen man vor kurzem noch annahm, daß sie hier für die Ruhe Europas noch bedenklicher werden könnten als die Umwälzung im nahen Osten. Bezüglich Kleinasiens ist ein russis ch-d e u t- s cl: e s Einvernehmen erzielt worden. Bezüglich der cmclloliscken Bahnen gelangte man zu einem russisch-französischen Akkord. Die Klärung dieser kleinasiatischen Fragen konnte auf die Beziehungen zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland nicht ohne Rückwirkung bleiben. Wenn auch die Donaumonarchie nicht zu jenen Mächten zählt, deren Interessen durch eine künftige Entwicklung in Kleinasien unmittelbar berührt sind, so kann doch heute schon gesagt werden, daß Oesterreich-Ungarn sich, falls früher oder später das kleinasiatische Problem doch aktuell werden würde, keineswegs mit der Rolle des gänzlich unbeteiligten Zuschauers begnügen wird. Immerhin birgt die gegenwärtige Aufrechterhaltung des internationalen Kräftegleichgewichtes bezüglich Kleinasiens die Garantie in sich, daß. auch späterhin das kleinasiatische Problem zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland keinenge - fährlichenZankapfel geben wird. Bezüglich zweier anderer Momente aber war eine Gleichheit der Auffassung in den beiden benachbarten Kaiserreichen bisher nicht zu erzielen. Es ist dies die Frage der r u t h e n i s ch e n Irredenta und das Problem der zukünftigen Balkan- politik. Es ist charakteristisch, daß in beiden Punkten panslawistische Kreise ihre Hände im Spiele haben und daß es ihnen gelungen ist, einen auf diesen beiden Reibungsflächen sich etwa ergebenden Konflikt zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland stets für ihre Zwecke auszunützen. Allrussische Bewegungen unter den Ruthenen datieren schon seit ungefähr zehn Jahren her. Diese Bewegungen haben ihren Hauptsitz merkwürdigerweise nicht in Ostgali- zien als vielmehr in den ruthenischen Komitaten Ungarns. Sie finden hier sogar einen fruchtbaren Boden, da die ruthenische Nationalität in Ungarn unter den M a g y a r i s i e r u n g s b e st r e b u n- gen sehr schwer zu leiden hat und es den allrussischen Agitatoren daher nicht schwer fällt, dem urteilslosen Landvolke die Einverleibung in das allrussische große Reich als eine Art Erlösung hinzustellen. Die allrussischen Agitatoren organisieren in zahlreichen Ortschaften Wallfahrten nach russischen Gnadenorten, bei welchen die Teilnehmer auf den russischen Bahnen billige Fahrkarten, in Klöstern unentgeltlich Verpflegung erhielten. Der Zweck der Reise wird von den russischen Konsuln in Galizien bestätigt und auf Grund dieser Bestätigungen gewähren die russischen Behörden den Reisenden alle nur möglichen Erleichterungen. Es ist bezeichnend, daß diese Agitatoren den Krieg der Balkanstaaten gegen die Türkei als einen Angriff Rußlands gegen die Türkei hingestellt haben und die Nachricht verbreiteten, daß sich Rußland nach Beendigung dieses Krieges im Interesse der Befreiung der Ruthenen gegen Oestereich-Ungarn kehren werde. Es ist natürlich, daß unter solchen Umstünden die Versuche, zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland eine A nnäher u n g herbeizuführen, nicht allzu bedeutenden Beitrag zur bayerischen und deutschen Volkskunde geliefert hat. Die Geschichte der Umritte beginnt zuerst mit solchen bor Ostern. Man kannte sie bis vor kurzem noch in der Braunauer Gegend am hl. Dreikönigstag; auch an den Festen Sk. Antonins des Großen wie am St. Blaiins- tage waren Umritte im Gebrauch. Dann kommen die Osterritte, die noch an manchem Orte, ja selbst im protestantischen Sachsen, gebräuchlich sind, hier aber ohne kirchliches Gepränge; dock wird in Erinnerung an ihre kirchliche Entstehung noch die Kirche umritten. Der pompöseste Osterritt wird alljährlich am Ostermontag im Städtlcin Trau»stein abgehalten, wo der »St- Geor- giusvercin" sür sein« Abhaltung Sorge trägt. Die Feier ist ausführlichst beschrieben und durch Bilder erläutert. Auch die »Georgiritte" kennt mnn ,nock an manchen Orten; einen derartigen halt man .alljährlich zu St-Georgen an der Traun in hvchseierlicher Weiss ab. Auch »Mairitte" sind noch vielfach üblich z. B. in Ruh pol- dina, in Siegsdorf usw. Außerdem kennt man ein St. Urbausreiten, dann Kreuzritte rc. Die Psingstritte kennt man ebenfalls noch in verschiedenen Gegenden. Der zu Kötzting ist der bedeutendste; er ist seit vielen Jahren ein weitberühmtes Fest sür die ganze Gegend, zu dem sich Tausende einsinken. Weitere Mairitte gabs ehedem am St- Ulrichstage. des Mäusefraßes wegen; dann auch am St. Annatag zu Annabrunn, an St. Bartholomä rc. Die meisten der Umritte werden jedoch amSt. Leo n- harditage, den 6. November, gefeiert. Ueber hundert nnd davon in Bayern bekannt. Sie worden gefeiert in Hermating bei Wolfratshausen, in Fischhäuten am Schliersee. in Benediktbeuren, in St. Leonhard im Forst (bei Weilheim) usw. uiw. Nur bei der größten mittelalterlichen St. Leonhardskircke zu Jnchenhofcn bei Aicktach. gemeinhin »St. Leart" geheißen, seien die Umritte »ausWunsch der Geistlichkeit" abgeschafft worden (I?) Am großartigsten wird der Tag des Äauernhciligen St. Leonhard auf dem Höhenberg beiTölz gefeiert. Hier steht aus stolzer Höhe ein Küchlein, wo vordem in den heidnischen Zeiten, wie der Bolksmund spricht, eins Opferstätte, ant der nun nach dem Einzüge des Christentums ein Kapellcbe» zu Ehren der schmerzhaften Mutter Gottes erstand. An den besonderen Kult des hl. Leonhard erinnert neben dielen Votivbildern auch eine mächtige Eisen kette, die das ganze Kirchlein umspannt.. Bei einer Leonbardisabrt, beißt eS. sei einmal r,n vierspänniges Geiäort durchgegangen da gelobte der Eigenrasch vorwärts kommen und daß Rußland hier zuerst die panslawistischen Agitationen etwas eindämmen müßte, wie ja beispielsweise die zügelnde Einflußnahme des römischen Kabinetts auf die italienische Irredenta das gute Einvernehmen zwischen Oesterreich-Ungarn und Italien wesentlich gekräftigt hat. In der Frage der zukünftigen Balkanpolitik ist zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland eine Entspannung eingetreten, wie man sie noch vor einem Jahre nicht sür möglich gehalten hätte. Nach den kritischen Spannungen, wie sie insbesonders durch das intransigente Verhalten Serbiens und Montenegros zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland hervorgerufen wurden, ist zwischen den beiden Großmächten nicht die geringste Verbitterung zurückgeblieben, und heute mehr denn je die Möglichkeit eines besseren Verhältnisses der beiden Mächte vorhanden. Man hat sich seit jeher als eine unvermeidliche Konsequenz des Zusammenbruches der Türkei vorgestellt, daß es zu einem bewaffneten Zusammenstoß zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland kommen müsse. Jetzt nun na chder Beendigung der Balkankrise ist nicht nur keine Trübung der gegenseitigen Beziehungen, sondern eher eine Aufhellung derselben zu konstatieren. Die Pcmslawisten in Rußland haben an ihrem politischen Prestige sehr viel eingebüßt nnd die Stimmung der St. Petersburger Slawophilen hat sich aus rein psychischen Gründen im Sinne einer Abkühlung derrus- fischen Sympathie sür die Balkanvölker geändert. Man scheint sich in Rußland der Empfindung nicht los zu werden, daß die Russen den Balkanoöl- kern in weit größerem Maße nützliche, als verwandte, dem Herzen nahestehende Leute sind. Diese Gleichgültigkeit Rußlands gegenüber den Balkan- völkern, die seit dem Ende der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts bestanden hatte, schien in den letzten Jahren durch die slawophilen Gefühlsausbrüche der Petersburger Presse und der panslawistischen Kreise der Petersburger Intelligenz, welche eine aktive nicht nur gegen die Türkei, sondern auch gegen Oesterreich-Ungarn gerichtete Aktion Rußlands verlangten, übertüncht und überschrieen zu werden. Als aber der Krieg zwischen den Balkan- bündlern selbst ausbrach, da erfolgte jenes den realen Tatsachen entsprechende Abrücken vom Pansla- wismus und seinen politischen Schützlingen, womit zugleich eine Vorbedingung für eine österreichisch- russische Annäherung gegeben war. Man braucht deshalb noch nicht soweit zu gehen, um anzunehmen, daß in Berfolgung der durch die Potsdamer Entrevue vorgezeichneten Politik schon ein Bündnis zwischen Rußland und Oesterreich-Ungarn vor der Tür stünde, aber schon der Umstand, daß sich die Stimmen für eine österreichisch-russische Annäherung vermehren und verstärken, ist ein Beweis für die versöhnliche Haltung Oesterreich- Ungarns. Die Fäulnis in der österreichischen Zozialdemokratie. ck. Wien, 4. Nov. 13. Ueber die österreichische Sozialdemokratie bricht die Abenddämmerung herein. Gegenwärtig hält sie in Wien ihren Parteitag ab, der zunächst ein statistisches Material nns Tageslicht brachte, welches für die Partei geradezu niederschmetternd wirkt. Das Rückgrat der Partei, das sich . immer mächtiger entwickelt hatte, bilden die sogen. s-e7.fr e i en" Gewerkschaften. Die Mitglicderzunahme dieser Gewerkschaften ist in den deutschen nnd polnischen Provinzen völlig zum Stillstand gekommen; hier beträgt der Mitgliederstand zusammen etwa 330000. In den tschechischen Provinzen stehen die „zentral!stischen" Gewerkschaftsorganisationen auf dem Aussterbeetat, ivahrend die „Separatisten" um 20 000 Mitglieder mehr ausweisen und heute bereits auf 108 000 Mitglieder angewachsen sind. Die politischen Organisationen der Sozialdemokraten weisen einen Mitgliederrückgang von über 00 000 Mann auf. > Zu diesem Rückgang der Organisationen gesellt sich noch die offiziell eingestandene Hinfälligkeit der politischen Taktik der Svzialdemokra- tie. 83 Sozialdemokraten sitzen im österreichischen Parlament: die Wiener Arbeiterbezirke sind im Neichsrat ausnahmslos durch Sozialdenvikraten vertreten. Die roten „Genossen" sehen aber zn ihrer großen Verwunderung, das; die sozialpolitische Arbeit im jetzigen Hause im Vergleich zum früheren Hanse, in tvelchem die Christlichsozialen die stärkste Partei bildeten, nicht im geringsten vorwärts kommt, während der von den Sozialdemokraten als „Moloch" verschrieene „Militarismus" immer größere Op er konsumiert. Die sozialdemokratische Wählerschaft wird kopfscheu. In den Volksversammlungen wetterten ihre Führer gegen die Regierungen und deren Vorlagen, gegen das Protzentum der Bourgeois und Kapitalisten. Im Abgevrdnetenhause kann man.mit vollem Rechte von einer „k. k. Sozialdemokratie" sprechen. tümer, der mir den Seinen den Tod bor Augen sah, dem Heiligen, io er aus dieser Gefahr errettet würde, eine Kette schmieden zu lasten. Als Alle mit dem Leben davonkamen. hielt der Bauer selbstverständlich auch Wort- Heutzutage gehört diese Leonhardifahrt mit zu den besuchtesten ländlichen Festen des ganzen Vayerlandes. Es ist aber nicht etwa bloß ein hebendes Schauspiel, sondern auch eine echt religiöse F.ier, bei d?r es jedem Teilnehmer ernst um die Sacke ist. Und gerade das ist es, was dem Feste eine so urwüchsige und ticsün-üge Natürlichkeit verleiht. Das Fest ist ausführlich beschrieben. Daran schließen sich noch die »Martini-und Stesaus- ritte" an, woraus ein Verzeichnis von den Orten folgt, in denen derartige Umritte und Leonhardifahrteu gebräuchlich waren oder noch sind. Das schöne Bück, das eine wirklich echt künstlerische Ausstattung und reichen Bilderschmuck besitzt, ist nicht allein ein kulturgeschichtliches Denkmal, sondern auch ein Zeuge für das liefe religiöse Leben unseres Volkes, wie es war und wie es wieder mächtig zu erwachen beginnt, im Zeitalter der Technik und Maschine. V. Rettet das Buch! Von Heinrich Mohr. Wie ist es tot und öde geworden in den Stuben zur Winterszeit! Ter buntgefiederte Vogel mit dem seelen- vollen Gesänge singt nicht mehr, er ist verstummt — gestorben oder davongeflogen, ivcit fort in ein gastlicheres Land. Einst sang er in jeder Bürgerstube und Bauernstube; in unserer Jugend hörten wir alternde Menschen ihn am Winterabend, tvsnn weit nnd breit alles unter der Schneedecke verschlafen lag, Weg und Steg, Feld und Wald, U-cnn die roeitzen Bienlcin lautlos vor den Scheiben schwärmten und der kalte Sausewind pfeifend den Kamin herab gefahren kam. Wir saßen in der ;»armen Stube nnd beugten uns über ein Brich: da hörten wir ihn und lauschten traumverloren seinen süßen Tönen. Und im Herzen drinnen schien die Sonne, Veilchen nnd Schlüsselblumen dufteten, und der laue Wind wehte die weißen Blüten- blöttchen des .Mrschbaumes zum offenstehenden Fenster herein — es roar ei» Frühiingsfest mitten im kalten Winter. Ja, das war damals, als die Menschen noch Zeit und Ruhe hatten, um Bücher zu lesen. Aus den Büchern von Riesen und Tracks», von Kriegen und Schlachten, aus den Büchern von fernen Ländern und fernen Menschen, von frommen Heiligen und wackern Helden, aus den Büchern Regierungsvorlagen werden entweder direkt oder? durch Absentiernng von der Abstimmung unterstützt. In den Ministersalons fühlen sich die svzialdemokra- tischen Abgeordneten wie zu Hause. Aus der Parla- mentsfraktion ist eine sehr exklusive Gesellschaft zur Cxploitierung des politischen Kredites geworden. Die primitiv denkenden Genossen konnten es nicht begreifen, daß die Redakteure der Arbeiterzeitung, die so kunstfertigen Schilderer des Massenelends, in erstklassigen Automobilen aus ihre Landsitze fahren, während der müde Proletarier fein- armseliges Heim aufsucht. Alle diejenigen, die dies- nicht verstanden — und es waren ihrer nicht wenige —, stellten nun im Wege ihrer Organisationen an den sozialdemokratischen Parteitag den Antrag, die Parlamentssraktion solle Obstruktion treiben, um den Weg für eine sozialpolitische Gesetzgebung frei zu machen. Da kamen sie aber bei den sozialdemokratischen Führern schön an! Diese! sollten sich in ihrer Bequemlichkeit und in ihren zar-: ten Regierungsbeziehungen stören lassen? So be-- schloß denn der sozialdemokratische Parteitag, über derartige „naive" Anträge einfach znr Tagesordnung überzugehen. Die österreichisch- Sozialdemokratie ist und bleibt eine k. k. Regierungspartei/ Aber der Herbst 1913 ist zugleich ein Herbst der österreichischen Sozialdemokratie. Das Echo. Unter der Ueberschrift: Der Pyrrhussieg des badischen Großblocks lesen wir in Nr. 1228 der KöInis ch e n Zei», tung: Die Stichwahlen in Baden, deren Ergebnis wir mitgeteilt haben, zeigen dasselbe Bild, das von der Hauptwahl her noch im Gedächtnis ist: Die Sozialdemokraten haben ihre Niederlage vollständig gemacht. Aus eigener Kraft haben sie bei den Stichwahlen nichts mehr erreicht. In einigen Wahlkreisen, in denen ihnen die liberalen Parteien beigesprungen sind, haben sie zwar ihre Kandidaten durchgebracht, in Freiburg-Stadt II aber ist ihnen selbst das nicht einmal gelungen, dort ist der Zentrumsmann, wenn auch nur mit einer ganz geringen Mehrheit, gewählt worden. In den drei Wahlkreisen, in denen es zu keiner Einigung zwischen den drei Parteien des Großblocks gekommen ist und wo sie die Kräfte aneinander maßen, hat sich gezeigt, ivohin die Volksstimmung gegenwärtig geht. Karlsruhe-Land, Weinheim und auch Mannheim-Stadt III sind den Nationalliberalen zugefallen. Besonders kennzeichnend ist das Ergebnis in Alaun- heim. Obgleich die Sozialdemokraten zahlenmäßig --»ü Ausschlag zugunsten der Freisinnigen, die sich recht rädleal gebärdeten, hätten geben müssen, ist der nationalliberale- Kandidat, der als Reaktionär verschrien wurde, doch gewählt worden. Mit den Ergebnissen dieser Landtagswah- len, mit ihren 20 Abgeordneten, einem Gewinn von drei neuen Vertretern, könnten die Nationalliberalen - im allgemeinen zufrieden sein: aber sie werden sich wohl. nicht darüber täuschen, daß sie diese Erfolge nicht wegen, sondern trotz des Großblocks errungen haben, daß zu ihren Erfolgen auch die Taktik des Zentrums beigetragen hat, die nationalliberalen Kandidaten gegen weiter linksstehende Kandidaten tatkräftig zu unterstützen. Ini übrigen hat sich die Nationalliberale Partei allerdings auch den Kräften von rechts gegenüber behaupten können, wie natNent- lich die siegreichen Stichwahlen in Breiten, das bisher ein Bündter vertrat, und in Emmendingen, das dem Zentrum gehörte, beweisen. Die Strömung, die im Jahre 1909 den Sozialdemokraten so viele Erfolge gebracht hatte, hat eben. diesmal bei den Nationalliberalen als einer bewußt liberalen Mittelpartei halt gemacht und sie emporgetragen. Für die Nationalliberale Partei Badens gilt es jetzt, die Folgerungen aus dieser Erkenntnis zu ziehen und ernstlich zu prüfen, ob man mit der b i s h e r i g e n Bündnispo10 tik auf dem richtigen Wege ist und vor allem in der Zukunft noch sein wird. Solange das neue Wahlrecht für Baden gilt. bestand dort die Angst, daß das Land, das in der Geschichte des 19. Jahrhunderts sich als die festeste Stütze des Liberalismus bewährt hat, das sich seinen Liberalismus auch dann noch erhallen hatte, als sonst überall in den süddeutschen Landen und auch in Preußen das Zentrum in den Einzellandtagsn seine Fahne aufsteckte» eine klerikal-reaktionäre Landtagsmehrheit bekommen würde. In dem hohen Streben, diese verderbliche Entwicklung auszuhalten, fand man sich denn in Baden bereit, mit der Sozialdemokratie bei den Stichwahlen zusammenzugehen, da man als einzelne Partei dem Ansturm der vereinigten Reaktion nicht widerstehen zu können glaubte. Wenn man damit einerseits bestrebt war, die liberale Bo>.< Herrschaft im Lande zu wahren, so lud man doch anderseits mit dieser Verbindung eine schwere Verani« wortung auf sich und die Partei. Wir hab n diese Politik der Verbrüderung mit der Sozialdemokraiis von Ansang an verurteilt. Wir haben sie damals ni '>t verhindern können, sie aber auch weiterhin mit unsern Warnungen begleitet, und sind besonders auf der Hut gewesen, daß diese Politik, für die nur in Baden in den Parteioerhältnissen Entschuldigungen zu finden sind, im übrigen Reiche bei der Nationalliberalen Partei keine Schule mache. Wenn die Westfälischen Politischen Nachrichten. die nationalliberaie Korrespondenz für Westfalen, - in ihrer Nummer vom 21. Oktober die Befürchtung aus- spricht, die Kölnische Zeitung sei für die badische Eroßblock- politik eingefangen, so läßt sie merkwürdigerweise ganz außer acht, daß wir dieser badischen Politik, wie schon gesagt, von Anfang an uns entgegengesetzt haben und weiterhin entgegensetzen werden. Am 21. Oktober 1905 war es, bevor noch in Baden eine Stichwahlparole gegeben worden war, als wir z. B. folgendes schrieben: Wir stehen keinen Augenblick an, zu erklären, daß wir vom Standpunkt des allgemeinen Staatswohls aus wie mit Rücksicht auf das nationalliberale Parteiinteresse, das zwar mit dem. des, von all den Wundern der Gottesschöpfimg und der Men- scheuwerkc — aus den Blättern dieser guten und ernsten Büchern quoll das Lied des schönen Vogels hervor, das Geist u. Hers beglückte, das Gemüt beioegte und erhob, den rauhen Winterabend znm Feste machte. „Ich weiß, nichts schöneres als ein schönes Buch",, hat Maxime du Camp gesagt. Aber die Menschen unserer Tage haben vielfach das Lesen verlernt; zuerst verlernten sie die Kunst des behaglichen Erzählens im traulichen Kreise,^ dann die Kunst des behaglichen Lesens im Buche. Tos ist kein Wunder. Die Hast und Unruhe und Zerrissenheit des heutigen Lebens hat die Geselligkeit der Familie und Nachbarschaft zerstört, den Mund für das Erzählen stumm gemacht. Und die vielen Zeitungen nnd die öffentlichen Lesehallen in allen Städten, ja, die haben es mir auf dem Gewissen, daß der Sinn sür das Buch erstickt ist. Der Malm in einem der thüringischen Herzogtümer,' der elfhundert Bände Bücher sein eigen nennt, ist eine Seltenheit wie eine ausstcrbende edle Pflanze. Rettet das Buch, sacht die Freude am rechten Leser an, mit kräftigem Hauche, ehe sie vollends erlischt! Schasst schöne, gute, tiefe Bücher ins Haus, ins eigene und ins fremde, und lehrt es die Menschen, sich wieder in die Bü-. cher zu versenken! TaS ist edelste Kulturarbeit am. deutschen Volke. Es gilt, es vor innerer Verarmung und Vcr-- flachung zu betvahren, es gilt, es mit den Reichtümern wahren Wissens, wahrer Bildung, wahrer Freude zu segnen. Tie Welt wird wieder schöner, wenn jung und alt am füllen Abend aus den Blättern des Buches den Gesang des Wandervogels ersÜMllen hört. Künstlerischer Wandschmuck. Aus dem Münchener Kunstverlag von Joseph Müller liegen uns zwei große, farbige Reproduktionen vor, die Beachtung verdienen. Das eine Blatt zeigt die römö-, scho Engelsburg mit der Tiberbrücke nnd der im Hin--, tergrunde aufragenden St. Peterskirche nach einem Herr-- . lichen Gemälde des durch geistvolle Behandlung römischer Motive ausgezeichneten Malers C. Wuttke. Wie in einer Vision schaut man hier im Abendsonnengold die. gewaltigen Bauwerke Roms in majestätischer Wirkung, er- . kannt und zusammengezogen von Änem Künstlerange, das Begriff und Wesen einer „historischen Landschaft" voll - zu ersassen vermöchte. Muß solch künstlerische Gabe allseits erfreuen, so werden jene, die am Tiberuser selbst «ch mächtige Eindrücke und Erinnerungen geholt, diese! Bild besonders zu würdigen wissen und in Hm zunächst Aro. 511 Vorabendblatt Borabendblatt Gelte 9 Augsburger Postzeitung. 6. November 1913. Blocks nicht völlig gleichartig ist, jedes Wahlbündnis mit der Sozialdemokratie, und trüge es noch so sehr den Charakter eines reinen Geschäftsbündnisses, unbedingt verurteilen müssen. Die Sozialdemokratie ist eine antimonar- chische Partei mit republikanischen Zielen, sie benagt mit Maulwurfseiser und Maulivurfsfreude unablässig diesen Grundpfeiler unseres durch die monarchische Staatsform aufblühenden Vaterlandes. Es gibt wohl kaum eine Gelegenheit in den Wechselfällen der äußeren Politik der letzten Jahre, wo sie sich nicht offen und entschieden aus die Seite unserer nationalen Gegner gestellt hätte, oft in Augenblicken, die für Krieg oder Frieden geradezu von entscheidender Bedeutung waren. Sie ist ferner eine ausgesprochene Klassenpartei, die den Kamps einer einzigen Klasse gegen alle andern systematisch betreibt und dadurch den gemeinsamen nationalen und kulturellen Interessen, die ein liberaler Mann stets an die Spitze seiner Politik stellen mutz, spürbar Abbruch tut. Sieht sich deshalb ein nationalliberaler Wühler in die Zwangslage versetzt, entweder einem Ultramotanen, oder einem Sozialdemokra- lep die Stimme geben zu müssen, so gibt es unseres Erach- :ens für ihn und so auch für die badischen Nationalliberalen am kommenden Samstag nur die eine Parole: Unrec allen Umständen gegen die Sozialdemokratie! Und als trotzdem an diesem Tage zum ersten Male ein Wahlbündnis zwischen den liberalen Blockparteien und den Sozial- demokraten in den badischen Stichwahlen zustande . k im, nannten wir diesen Beschluß in Nr. 1111 vorn 25. Oktober 1905 bedauerlich und beharrten auch der vollzogenen Tatsache gegenüber bei der Erklärung, „daß uns jedes Bündnis mit der Sozialdemokratie für eine nationale und liberale Partei unbedingt verwerflich erscheint, mögen die augenblicklichen Vorteile eines solchen Bündnisses noch so leuchtend wirken". Als im Jahre 1909 das Thema des Grotzblocks für Baden zum zweiten Male auf der Tagesordnung stand, schrieben wir in Nr. 1125 vom 25. Oktober 1909: Und in der Tat, eine Partei, die nicht einsieht, daß die monarchische Regierungsform für Deutschland eine politische Notwendigkeit ist, die sich darauf steift, einzig und allein die Interessen des Lohnarbeiters zu vertreten, und allen andern Ständen je eher je lieber den Hals umdrehen möchte, ist nicht bündnissähig. Sollte es wenigstens nicht sein. Unsere Parteifreunde in Baden scheinen nickt ja zu denke I. Sie sollen beabsichtigen, den „Großblock" — Liberalismus und Sozialdemokratie gegen das Zentrum — zu erneuern, sie meinen, daß der Selbsterhaltungstrieb — sie hoffen damit 18 Mandate zu retten — ihnen diesen Schritt gebieten, und halten es für ein kleineres Uebel, sich von der roten Welle tragen, als sich von ihr begraben zu lassen. Eigenartige Landssverhältnisse, die umgänglichere Form ^-:r revisionistisch gefärbten badischen Sozialdemokratie, die Erwägung, daß der Liberalismus dauernd in den Rückstand komme, wenn er es dem Zentrum überlasse, die Vorteile aus einem Paktieren mit der Sozialdemokratie einzuheimsen, mögen den badischen Nationalliberalen den schweren Entschluß erleichtert haben. Sie mögen auch damit rechnen, daß man hier und da in nationalliberalen Reihen stillschweigend ihnen zustimmt. Das alles vorausgesetzt, wird man Milderungsgründe gelten lassen, aber billigen kann und darf man auch in Stichwahlnöten ein Bündnis mit der Sozialdemokratie so lange nicht, als diese Partei die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung grundsätzlich ablehnt. Auf diesem Standpunkt stehen wir auch heute noch. Wir wurzeln in unserem Wirtschaftsleben und können mit einer Partei, die unser ganzes wirtschaftliches System umstürzen möchte, keine gemeinsame politische Arbeit tun: wir freuen uns des unternehmenden Geistes, der uns in den letzten Jahrzehnten auf eine stolze Höhe in der Welt gebracht hat, und stehen deshalb in scharfer Gegnerschaft zü einer Partei, die mit der Unterdrückung der Persönlichkeit und mit der Verstaatlichung der Produktionsmittel den Unternehmergeist Knütteln will: wir leben der Hoffnung, daß sich manche Unebenheiten in unserem, sozialen Leben durch Maßregeln einer weisen, den Schwachen stützenden Staatspolitik beseitigen lassen, und verwerfen den Standpunkt, der die Klassen gegeneinander hetzt und es zu einer äußersten Entscheidung kommen lassen will: wir sind stolz auf unsere nationale Größe, auf unsere Staatsform, und weisen eine Partei von uns, die uns in der weltpolitischen Entwicklung rückwärts schrauben möchte, hie unsere nationalen Eigenarten verachtet und die Einrichtung der Monarchie verlästert. Das sind einige wenige Gegensätze zwischen der Sozialdemokratie und einem natibnal gesinnten Liberalismus, von denen jeder einzelne eine Arbeitsgemeinschaft verhindern sollte. Wen aber diese Gründe des politischen Gewissens nicht überzeugen Können, der sollte sich vom reinen Nützlichkeitsstandpunkt aus veranlaßt sehen, eine Großblockpolitik im Interesse der Nationalliberalen Partei zürückzu weisen. Wir haben in den letzten Jahren radikale Zeiten gehabt, wir haben gesehen, daß die Wähler in Massen in das sozialdemokratische Lager übergegangen sind; gegenwärtig beobachten wir aber, daß mit ruhigen Zeiten in diese Wählermassen auch die ruhige und gemäßigte Gesinnung zurückkehrt. Verkuppelt man sie aber gewalsam immer undimmerwiederzuwahlpolitischenZwek- kenmit d er Sozialdemokratie, so ersteht die Gefahr, daß auch die großen Gegensätze zwischen diesen Weltanschauungen verschwimmen, und daß die Sozialdemo-, Kratie schließlich liberale Wähler in sich aufsaugt. Anderseits haben wir gesehen, daß gerade in Baden streng nationalibe- rgle Männer, die diese Entwicklung fürchteten, sich von der Partei getrennt und sich Gruppen angeschlossen haben, mit deren Wesen sie innerlich nicht übereinstimmen. Die N a t i n a l I i b e r a l e Partei in Baden muß deshalb trotz des Erfolges, den sie als Partei diesmal davongetragen hat, zu der Einsicht kommen, daß die bisherige Politik des Grotzblocks eine gründliche Schlappe erlitten hat, und daß sich d i e F o I g e n, w e n n diese P o I i t i k k ü n st- lich konserviert würde, bei der nächsten eine herrsiche .üristalusation all des Großen und Schö>- nen schauen, das im Weichbilde der ewigen Stadt geernlü sich findet. Bei solcher Eigenart des erwähnten Kunstblattes ist dasselbe wohl geeignet, in erster Linie allen Rom-Freunden und -Kennern als hervorragender, stimmungsvoller Wandschmuck zu gelten. Das zweite vorliegende Bild zeigt die Gesicht des!hl. Erzengels Raphael nach einem Gemälde von Fr.. Aegi- diuS Red er, 8. l». 8., einem Künstler, dem die alten, strengen Slilsormen genau bekannt sind, der dieselben sogar mit Vorsiehe anwendet, ihnen jedoch einen Anhauch ueuzeitlicher Kunst zu geben weiß. Der Versuch, Altes mit Neuem zu amalganucren, ist schon häufig gemacht worden, nur selten mit glücklichen Resultaten. Zu günstigen Erfolgen ist jedoch Fr. Reder hierin gekommen. Als eine mit mäch-igen Fittichen umrahmte, ernste und denN- aoch freundliche Lickwgestalt steht Raphael vor uns: in ewei celiesarlig gehalrenen Bildern des Himergnmdes aus sein Schirmeramt der Familie des frommen Tobias ,innig hingewiesen- Man hal den Eindruck, daß dieser kraftvolle Engel auch anderen Menschenkindern, vor allem der Jugend Schutzgeist und Führer sein könne, daher tie Anbringung des wirinngsvvtsin Bildes besonders dort sich- empfehlen dürste, wo in Familienhänsern zuwächst die Kinder ihre Woh.w und Schlafe.',»nie haben. ck. Aus Kunst und Mssenschcrsl. Ke Qochschulnachrichten. Als Nachfolger des a. o- Professors G. Höh ist der Privaldozeut und Assistent an der chirurgischen Klinik zu Erlangen Dr. med. Wilhelm Lobend offer znni Oberarzt der chirurgischen Klinik in Würzbnrg berufen. — In der Bonner .alholisch-theologischen Fakultät habiliiiertc sich Dr. theol. Wilhelm Nenß mit einer Antrittsvorlesung über Den .Einfluß des orientalischen Mönchlnms auf das Abendland zur Karosinaerzsit". — Der außerordentliche Hochschulprofessor für Moral- und Pastoraltheologie am Kgl. bnner- Lyzcmn in Bamberg Dr. theol. Philipp Kühn ist, wie wir schon berichtet haben, rum etats- mäßigen ordentlichen Hochichuivrofessor daselbst ernannt worden. Geboren 1865 zu Bütihard (llntcrsranken), studierte er in Würzbnrg Philosopie und trat 1885 in das. Priest'erseminnr ein. um sich dem Studium der Theologie zu widmen. 1888 zum Priester geweiht, kam > als Kaplan nach Miltcnberg und erteilte zugleich Religionsunterricht an der Lateinschule daselbst. Nur Gelegenheit anihr rächen würden. Der Entschluß, zu einer neuen Politik überzugehen und die alte als einen Irrtum zu ver werfe n,wird ihr nicht leicht werd en ; aber sie möge dabei an Gutzkows Weisheit denken: Bon einem Irrtun, erlöst, aber auch so recht von ihm erlöst sein, gewährt größere Freude, als eine neue Wahrheit gesunden zu haben. Deutsches Reich Zum Kartell der schaffenden Arbeit. Gegenüber den fortlaufenden Berichten über den an-, geblich erfolgten Zusammenschluß öer drei schaffenden Stände — Industrie, Landwirtschaft und Handwerk — zur .Gemeinschaftsarbeit" stellt der geschäftsführende Ausschuß des Deutschen Handwerks- und.Gewerbekammertages fest, daß bisher die gesetzlichen Interessenvertretungen dieser drei Stände, der Deutsche Handelstag, der Deutsche Landwirtschaftsrat und der Deutsche Handwerks- und Gewerbekammertag, zu dieser Frage offiziell überhaupt noch nicht Stellung genommen haben. Zur Sache selbst würde der geschäftsführende Ausschuß des Deutschen Handwerks- und Gewerbekammertages eine Arbeit der berufenen Interessenvertretungen der drei schaffenden Stände, die je unter vollster Wahrung der eigenen Selbständigkeit von dem Streben nach gemeinsamer Verständigung und gegenseitiger Rücksichtnahme auf die Interessen der einzelnen Gruppen getragen ist, in der Erwartung begrüßen, daß die berechtigten Interessen des deutschen Handwerks und seiner Arbeit auch bei den anderen Berussgruppen ein gleiches Verständnis und gleiche Rücksicht finden. Insbesondere erklärt der geschäftsführende Ausschuß des Deutschen Handwerks- und Gewerbekammertages, daß er es als seine Aufgabe betrachtet, bei. der Vorbereitung der neuen Handelsverträge in vollem Umfange gemäß der den Handwerks- und Gewerbekammern gesetzlich übertragenen Pflicht der Vertretung sämtlicher Interessen des Handwerks alle einschlägigen Fragen zu behandeln, um möglichst aus eine Ausgleichung entgegengesetzter Interessen hinzuwirken und die vorhandenen -berechtigten Wünsche in jeder Weise, insbesondere auch durch persönliche Verhandlungen, zu fördern. Eine Abänderung der Reichsdersicherungs- orönung durch ein Notgesetz wird mit einer Petition beim Reichstag und Bundesrat nachgesucht. Der Verband der Büroangestellten (Sitz Berlin) will namens der ihm angeschlossenen 4000 Kravkenkassen- angestellten in letzter Stunde aus diesem Wege erreichen, daß die Schädigung weiter Schichten dieser. Angestellten durch-die organisatorischen Aenderungen der Krankenversicherung abgewendet wird. Am 31, Dezember 1913 werden infolge der Reichsversiche- rungsordnung zahlreiche Ortskrankenkassen geschlossen. Dadurch werden allein nach einer Feststellung dieses Verbandes bei 227 zu schließenden Ortskrcm- kenkassen 883 Angestellte stellenlos. Weil nach Ansicht des Verbandes der Büroangcstellten eine sachliche Notwendigkeit für die Anwendung dieser Bestimmungen auf die jetzigen Vorgänge nicht besteht, schlägt er in der Petition ein Notgesotz vor, das die WeiterbeschästiguNg der jetzt durch die Kassenschlie- ßungen gekündigten Angestellten bei den neuen Kassen und die Weiterzahlung der Renten an Invaliden, Witwen und Waisen von Kaffennngestellten sichert. Zur Arbeitslosenversicherung. Ueber die Frage der Arbeitslosenversicherung steht nach der „Tägl. Rundschau" alsbald nach den, Zusammentritt des Reichstages eine große Debatte zu erwarten. Die Neichsregierung wolle sich allem äußeren Anschein nach völlig ablehnend verhalten.- Bassermanngroßblockmüde? Die Rastatter Nationalliöeralen haben den schleunigen Zusammentritt einer badischen Landesoersammluug der nationalliberalen Partei verlangt. Davon will der .Mannheimer Generalanzeiger", der dem Abg. Wassermann nahesteht, nichts wissen: „Wir brauchen heute etwas ganz anderes als eine Abrechnung innerhalb der Partei über die Großblvcktaktik, eine große Aktion in diesem Augenblick, die uns nur zwecklos innere.Unruhen schaffen müßte. Tritt später im Laufe des Winters die gewohnte Landesversammlung zusammen, so wird und soll sie eine etwas weniger sensationelle Tagesordnung für die Neuorientierung der Politik der nativnallibcralen Partei erhalten. Die Tagesordnung wird sein: Wie richtet sich die nationalliberale Fraktion im neuen Landtag ein und was .sind die nächsten Ausgaben.der nationalliberalen Partei im Land? Zum ersten Punkte wird man sich dahin entscheiden, daß man die Richtlinien der Jahre 1909 bis 1913 innehalten kann, nach denen man praktisch liberale Politik in vollster Freiheit nach links wie nach rechts gemacht hat. Zu letzterem Punkt wird man erklären, daß es nur wenig Sinn haben würde, die Talt-k der Wahl von 1917 jetzt schon festlegen zu wollen. Aber ebenso klar ist es, daß die Grvßblocktatik für uns kein Dogma ist und daß wir uns der unleugbaren Fesseln, die sie der Partei auferlegt, gern entledigen kurze Zeit hatte er diese Stelle inne. Schon im Januar 1890 kericf ihn der damalige Bischof von Würzburg Dr. Franz Joseph v. Stein als Assistent in das Würzburger Priesterseminnr- 1892 promovierte er zum Dr. theol. mit einer Dissertation: .Leos I. des Groben Christologie. in systematischer Darstellung" und wurde 1898 als Nachfolger des Domkapitulars Dr. Emmerich zum Regens des bischöfl. Knabenseminars Chiliancum in Würzburg berufen. Am 29 Oktober 1903 erfolgte seine Ernennung znm a- o- Professor aur Lyzeurn zu Bamberg als Nachfolger von Pros. Dr. Heinrich Reuter. !! München, 3. Nov- 13. Die Anmeldungen um Neuaufnahme in die Akademie der bildenden Künste für das Wintersemester 1913/14 waren auch diesmal wieder sehr zahlreich. Für Aufnahme in. die Malklassen hatten sich 167 Schüler angemeldet, von denen auf Grund des Prüfungsergelmisses jedoch nur 62 aufgenommen werden konnten: in die Bildhauerklnssen konnten von 23 geprüften Schülern 12 Aufnahme finden. Mit Rücklicht auf den Dochschnlcharakter der Akademie hat die Prüfungskommission die Anforderungen an das Können und an die Vorstudien der Neunnszunchmenden beträchtlich gesteigert und auch eine strengere Prüfung der eingereichten Arbeiten vorgenommen. Das Bestreben der Direktion der Akademie der bildenden Künste geht dahin, die Frequenz der Anstalt nach Möglichkeit zu vermindern, dagegen die künstlerische Qualität der Schüler mehr und mehr zu erhöhen. Nö Zum Gedächtnis Anton von Verfalls. Den Dichter nnv Jugendschriftsteller Anton Freiherrn von Porfall im Schlierseer Gebiet, in dem er gelebt, gewirkt und geschrieben, durch Errichtung eines Denksteins dauernd zu ehren, das war die dankbare Aufgabe, die sich der Bayerische Jägervercin mit Unterstützung anderer Kreise wie des Milchner Journalisten- und Schriftsteller- vereins gestellt hatte. Ein herrlicher Spätherbsttag, der >ie Berge in ganzer Pracht zeigte, begünstigte den 2 November, den Tag der Enthüllungsseier- Die Mehrzahl der Gäste wanderte von Neuhaus zu Fuß zu der Stätte, andere folgten zu Wagen. Wenn man die Höhe des Spitzingsattels erreicht, so grüßt zur Rechten ein Erinnerungszeichen an den frohen Wanderer Tr ant- wein. der durch seine Alpenführer^ unsere Bergwelt so vielen erschlossen. Da wo die Straße sich senkt und eine Waldzunge dicht an den lieblichen See herantritt, ist ein großer Fi nd l ings b lo ck aufgerichtet, der ein Medaillon des Verewigten von Adolf von Hildebrand trägtz. Nicht, in Gehrock und Zylinder war man zu dieser intimen werden, je früher um so besser/" Das sieht doch so aus, als hätte auch der Abg. Wassermann nachgerade den Geschmack am Großblock verloren. Ausiand. Oesterreich. -Q- Oesterreich und Mexiko. Der bisherige Chef des literarischen Bureaus im Ministerium des Aeu- ßern, Freiherr von Kania, eine wegen ihrer Energie bekannte Persönlichkeit, ist bekanntlich kürzlich zum österreichischen Gesandten in Mexiko ernannt worden. Man bringt diese Ernennung mit der bevorstehenden Wahl des Parteiführers Blanquet, eines Anhängers Huertas, zum Präsidenten oder Vizepräsidenten der mexikanischen Republik in Zusammenhang. Blanquet, der jetzt bereits Kriegsminister ist, war einer der sechs Soldaten, welche seinerzeit Kaiser Maximilian, Erzherzog von Oesterreich, erschossen haben. Oesterreich will gegen die beabsichtigte Wahl Blanquets Protest erheben lassen. Ungarn. X Neuerliche Parlamentskrawalle. Im Abgeordnetenhause verlas Graf Ap-ponyi eine Erklärung sämtlicher Fraktionen der Opposition, in welcher gesagt wird, daß die' Opposition in diesem Parlament, in welchem die mit militärischer Gewalt ' ausgerüstete Parlamentswache die Redefreiheit verletze, an den Verhandlungen grundsätzlich i picht teilnehmen könne. Mit Rücksicht jedoch, daß, hier - ein. förmlicher Feldzug gegen sämtliche Versassungsgarcui-- tien und die auf der Tagesordnung stehende Vorlage über eine Resorm des Schwurgerichts, welche die Geschworcnen- iustitution iu verhüllter Form aufhebe, eine hervorragende Verfassung-garantie vernichten wolle, wolle die Opposition unter Wahrung des grundsätzlichen Standpunktes ihre Stimme bei der Beratiing der Vorlage erheben. — Der Präsident erklärte, daß der Protest gegen die durch die .Hausordnung eingeführte Parlameniswache keine Bedeutung und Wirksamkeit besitze. — Hierauf hielt der Oppositionelle Bendet eine Rede, in der er gegen die Vorlage über die Reform des Schwurgerichtsversahrens eingehend polemisierte. Gegen Schluß der Sitzung erhob sich ein großer Tumult, weil bei' der Festsetzung der Tagesordnung der oppositionelle Abgeordnete Loväszy die Beste- chnngsasfäre zur Sprache brachte. Trotz der wiederholten Mahnungen des Präsidenten verzichtete Redner nicht aus die Abschweifung von dem Gegenstand und erging sich in Schmähungen gegen die Majorität. Nach wiederholten Mahnungen des Präsidenten wurde die Sitzung aufgehoben. Die Parlameniswache erschien im Saal, um die hauptsächlichsten Ruhestörer, die Abgg. Lovaezy und Abraham und Jöhaun Justh zu entfernen. Jedoch verließen sämtliche Mitglieder der Opposition den Beratungs- - -saal, woran? die Sitzung geschlossen wurde. Frankreich. X Das französische Budget für 1914. Die Gesamtsumme der im Budget sür 1914 geforderten Kredite' beträgt rund 5,373,300,000 Ircs. Die Vermehrung der Ausgaben beträgt ungefähr 681 Millionen. Die durch die Einnahmen nicht gedeckte Summe wird aus 794 Millionen geschätzt. Die hauptsächlichen Vermehrungen werden hervorgerufen durch die Mehrkosten sür Marokko mit 202, durch die Anwendung des Gesetzes über die 3jährige Dienstzeit mit 170 und durch andere Kapitel für die nationale Verteidigung mit 157 Millionen. Der Finanzminister schlägt vpr- läufig vor, 404 Millionen für Marokko anzusetzen, i für deren Aufbringung ein Anleiheentwurf vorgelegt Wird. Der Ueberschuß von 100 Millionen aus den ° Einnahmen für 1912 wird auf das Budget 1914 übertragen. Der noch aufzubringende Rest von ungefähr 288 Millionen soll Lurch Taxberichtigung und neue Steuern beschafft werden. Darunter sind hervorzuheben cine.Zusatzsteiier für den Verkauf von Steinkohlen, eins Verdoppelung der Steuer auf Börscnoperationen, eine einprozentige Herabsetzung des Paffiergewichts in den Zollerklärungen, die Ausdehnung der Stempelsteuer auf fremde, an der Börse nicht gebündelte Wertpapiere. X Die Wiederaufnahme der Parlaments- verhaudluugen. Das Parlament hat seine Sitzungen wieder anfgenvmmen. In der Kammer legte der Finanzminister den Etatsentwurf für 1914 vor. Trotzdem Barthou erklärte, es sei unmöglich, die Wahlreform der beiden Kammern vor Ende der Legislaturperiode znm Abschluß zu bringen, beschloß , die Kammer mit 291 gegen 273 Stimmen, an erster Stelle die Wahlresorm zu erörtern. Barthou trat für die Erörterung der Entwürfe zur Verteidigung der Laienschule ein. Im Senat hat der Kriegsminister einen Ergünzungscntwurf zum DAijahres- gesetz eingebracht. ' England. -s- Die Ulsterrebellen. In einer Versammlung von über 6000 Geschäftsleuten, die ein Kapital van fast 100 Millionen Pfund Sterling vertraten, wurde einstimmig eine Resolution angenommen, nach der die Zahlung sämtlicher Steuern verweigert wird, sobald irgend ein Versuch zur Anwendung der Ho- merule-Bill gemacht werden sollte, und in der die Sympathien mit der Organisation von Freiwilligen sür Ulster ausgedrückt wird. Feier gekommen, nein, im Jagdanzug oder in der kurzen Wich-, in der auch der Gcbirgssckützenberein von Schlier- see ausgerückt war, der mit seiner Fahne neben dem Denkmal Aufstellung nahm. Nachdem der Sängerchor des Bayerischen Jägerbererns Mendelssohns prächtiges Lied „O Täler weit, o Höhen" vorgetragen- hielt Schrist- steller Karl Graf S capiuelli die Festrede, in derer dem feinsinnigen Künstler gerecht wurde, dein Dichter mit dem warmen Herzen, aus dem die Liebe zur Natur quoll, dem ausgezeichneten Beobachter und Schilderet', der auch im Kleinen das Große sah, dem auch in Schmerzen lächelnden Dichterphilosophen. dem der Tod frühe. Büchse und Feder aus derHnnd nahm- DerRedner weihte einen Kranz namens des MüuchnerJournalisten- und Schriftstellervereins. Der Vorsitzende des bayerischen Jägerd.ereiAs. Recht-anwalt Schäfer, der auch persönlich an der Errichtung des Denkmals sich große Verdienste erwarb, feierte den weidgerechten Jäger als leuchtendes Beispiel für alle Hubertnsjiinger- und Widmete ihm seinen Kranz. Rührend war, wie Verfalls Jäger, der den Siebziger schon überschritten hat. der alteJackl — in vielen Romanen Versalls erscheint seine Figur — an den Stein trat, um seinem Jagdkavalier einen Strauß zu widmen. Weiter wurden an dem Denkmal noch Kränze niedergelegt im Auftrag des Fürsten von Thurn und Taxis, der „Frnukonia" des Verschönerungsbereins Schliersee. Zu der Feier, die mit einem Jägerchor ans- klang, waren auch die Angehörigen Versalls erschienen, seine Witwe, ehemals die große Tragödin Magda Jrschick, und seine Schwiegersöhne. Em intimerer Kreis der Festgäste war bei der Witwe des Freiherrn v. Verfall zum Tee geladen. Die übrigen Teilnehmer stärkten sich in der nahen Wnrzhütte, wo man im Gespräch noch manche Erinnerungen an den lieben Menschen und den bedeutenden Schriftsteller tauschte, dessen letzte Ueberreste in dem von ihm so geliebten Schlierseer Gebiet ruhen. Ü..5V. In der Galerie Baum (Maximilianstr. 32) in München findet man zurzeitzweiKollektib-Ausstellnngen. Die eine ist von Paul Bürck, die andere von Hans Licht. Ich hätte gewünscht, daß dieser in seinem Raum mehr natürliches Licht hätte- Dieser schönheits- und freudevolle Landschafter mit seinen leicht zugänglichen Stimmungswerten verdiente es- Paul Bürck aber, der uns sc..on von der Modernen Kunsthandlung her bekannt ist, zählt unter die problematischen Naturen. Bilder wie der Verkaufte „Abend im Tal" mit seiner klaren, reinen Höhenluft und.gut entwickelten Naturformen lassen den Künstler vonffeiner- besten Seite erkennen. In anderen Parlameniarische Notizen — München, 4. Növ. 13. Zum außerordentlichen Budget sür die Jahre 1914 und 1915, hier Ausgaben Ziffer 4 „Auf Rechnung desStaatseiseilbahnan- letzeus" sind nachträglich folgende Petitionen eingelaufen: 1. der Magistrate und Gemeindeverwaltungen von Garmisch, Kohlgrub, Mittenwald, Murnan, Oberammergau, Partenkirchen, Starnberg, Tutzing und Weil- heim, der Verschönerungs-, Verkehrs- und Wintersportvereine dieser Orte, sowie von Feldafing und Pöcking,- der Alpenvereins-Sektionen Garmisch-Partenkirchen, Mittenwald, Tntzing, WeilheimMurnan, des Rodel- und Ski- klubs Partenkirchen, des Bobklubs Garmisch, der Ge- werbevereine Garmisch-aPrtenkirchen, Mittenwald und Weilheim und der Bade- und Kurverwaltung Kohlgrub mit der Bitte, beim Umbau des Starnbcrger Bahnhofes Vorsorge für die Herstellung einer oberirdischen größerem Verlehr dienlichen bequemet:, gedeckten Verbindung zwischen dein Hauptbahnhof und dem neuen Starnüerger BahUhof zu treffen: 2. des' Magistrats der Kreishauptstadt Augsburg um Erbauung eines neuen Haupt- bahnhofs, Verbesserung des Güterbahnhofs .daselbst, sowie der Bahnhöfe in Angsburg-Oberhausen und Augsburg-Hochzoll. Der Au trag des Ausschusses lautet: Die Kammer wolle beschließen, die erste der beiden Petitionen sei der K. Staatsregierung zur Würdigung hinüberzugebeil, die zweite auf nachträglichen Antrag des Abgeordneten Dir. Dirr (lib.) zur Berücksichtigung. Aus der katholischen A)eit. Der 25. Internationale Eucharistische Kongreß in Lourdes. kw. Zum 25. Eucharistischen Welt-Kongreß, der 1914 in dem berühmten Gnadenort Lourdes abgehalten wird, liegen bereits Anmeldungen aus allen Ländern der Welt vor. Auch Bayern wird dabei vertreten sein. Vlon Bayern aus fährt ein offizieller S-onderzug zum Eucharistischen Kongreß^ Voraussichtlich wird sich auch ein hoher, kirchlicher Würdenträger daran beteiligen, auch der bayerische Adel ist vertreten. In den katholischen Kreisen wird dem Unternehmen großx Sympathie entgegengebracht. Was für diesen Kongreß, der wohl der größte wird, den die Welt- je gesehen, die Hmrptsache ist, ist schon gelungen: ein sicheres, gutes und billiges Quartier zu erhalten. Schon sind die ersten Vorkehrungen sür den geplanten Nationälsonder- zug gemacht. Unter anderen bedeutenden Orten wird auch Paray-le-Monial, Ars, Lyon, Marseille, Annecy besucht. Voraussichtlich keine Nachtfahrt. Alles Nähere wird zur rechten Zeit in der Presse und iu speziellen Programmen bekanntgegeben. Dieser Jubelkongreß verspricht einen herrlichen, großartigen Verlaus zu nehmen. !! M ü nchen, 4. Näov. 13. Die neuerbäute Pfarr- kirche zu St. Margareth in Sendling, deren Grundsteinlegung am 6. Juli 1902 in Gegenwart des Prinzregenten Lnitpold erfolgte, wird am Sonntag den 16. ds. Mts. durch Erzbischos Dr. von Bettinger feierlich eingeweiht werden. Se. Kgl. Hoheit der Prmzregent halt sein Erscheinen zu dieser Feier zugesagt. Amtliche Nachrichten. Der Adelsmatrikcl wurde einverleibt: am 17. Okt. 1913 der Kaiserliche u. Königliche Oesterreich.-Ungarische Kämmerer Friedr. Graf v. Stadion-Rzyszczcwski in Thannhausen als bayerischer Staatsangehöriger in erblicher Weise bei der Grafenklasse. Armee und Marine. Der Schutz des „Kaiser-W i l helm-Ka nals" im Kriege. U. Zugleich mit dem endgültigen Ausbau ist auch, wie uns aus Mariuekreiseu geschrieben wird, eine Vermehrung des Schutzes des „Kaiser-Wilhelm-Kauals" zur Durchführung gelaugt. Zumal im Kriege ist ein vermehrter Schutz des Kanals und der Durchfahrt von größter Bedeutung. Aus diesem Grunde sind in letzter Zeit mehrfach Verstärkungen der Befestigungsanlagen durchgeführt worden,^ die zum Schutz des Kanals dienen. In erster Reihe ist bemerkenswert, daß; die Befestigung von Bruns- büttclloog bedeutend verstärkt worden ist. Besonders die Kanaleinsahrt von der Elbe aus hat mehrfache neue Sicherungen erfahren. So wurde bei Brunsbüttel ein neues Fort erbaut, und andere Befestigungen sirrd in der Gegntd geplant. Die Molen der Kanaleinsahrt haben auch einen weiteren Schutz durch neue Geschütze erhalten, deren Ait- zahl nicht mitgeteilt werden kann. Die Fortisilationl Helgolands und Cuxhavens ist im allgemeinen der einzige Schutz der Elbmündung und des Kanals. Es werden darum Maßnahmen getroffen werden müssen, durch die der Schutz der Elbmündung noch weiter als bisher verstärkt werden wird. Besonders Brunsbüttelroog steht da an erster Stelle, wo die Verstärkung einsetzen muß und man darf erwarten, daß in der nächsten Zeit Brnnsbütiel- kvog zu einen: wichtigen Stützpunkt der artilleristischen Verteidigung der Elbmündung und des Kanals werden wird. ^ Besonders im Hinblick auf die Vermehrung der Unterste- und Torpedoboote in der englischen und französischen Marine erscheint die Verstärkung dieses Stützpunktes als durchaus notwendig im Interesse unserer Küstcnvertcidigung. Die letzten Ereignisse haben gezeigt, daß auf diesem Gebiete umfassende Maßnahmen durchaus notwendig sind. Die Ausbildung der Mannschaften in der Sperrung des Kanals gehört iu zweiter Linie zu den Schutzmaßnahmen, die sür den Kriegsfall vorgesehen werden müssen. Llltch wahrend der aiwereu Arbeiten sind mamiistsache Maßnahmen getroffen worden, die für die Verwendung des „Kcsistr-Wilhelm-Kanals" im Kriegsfalle von Bedeutung werden können. So sind alle Vorbereitungen getroffen, um dieses wichtige Kriegsinstrw ment im Falle der Gefahr brauchbar zu erhalten. Landschaften überwiegt eine gewisse Kälte der Form über das Malerische. Aber diesem Weltmystiker, der nicht zufällig in der Graphik seine Phantasien niedergelegt hat, genügt die Kunstform der Landschaft nicht- Er greift zum Figurenbild, zeigt da im Porträt mitunter eine frische, scharfe Beobachtung, die seinem an die Natur gewöhnten Äuge liegt, aber dann stürmt er zu seinen mystischen Gebilden, wie der Nacht, die zwei zagende Menschen einander in die Arme führt, oder rhythmischen Figuren, die sicherlich auch mehr bedeuten sollen als sie darstellen. Aber dabei gerät Bürck in eine Art der Darstellung, die sich beinahe in- die Regionen des Trivial- Minderwertigen verliert. Auch mehr solides, handwerksmäßiges Können wäre dem Künstler im Figuralen noch zu wünschen. Es ist immer vom Uebel, wenn man ohne volle Beherrschung der Natur zum Besonderen und Außerordentlichen eilt. Dasür wäre noch zu helsen. Aber eine andere Seele wird sich der Künstler schwerlich schaffen können, und es will uns scheinen, als ob darin sein Problem liege. A)eli und Mssen. * Walburgisbtätter. Soeben, zu Beginn des November, ist das zweite Heft dieser neuen ansprechenden Mädchenzeitsckrift zur Ausgabe gelangt. Es enthält Aufsätze und illustrierte Geschichten, wie sie sich ein Mädchen nur wünschen kann; auch nützliche Winke sürHaus und Küche sind nicht vergessen und eine reizendeBrief- vlauderei, ein richtiger Heimgarten, fehlt erst recht nicht. Jeder wahreFreund und Förderer der weiblichen Jugend muß das Unternehmen des Stiftes St. Walburg begrüßen, das mit dem neuen Müdchenblatt ein vortreffliches Mittel der freien katholischen Jugendpflege geschaffen hat- Nebtzn denOrganen der katholischen Jugendvereine haben die „Walburgisblätter" ein gutes Recht zu existieren, weil sie ja in allererster Linie an diejenigen Mädchenkreisesich wenden, die nochwerktagschul- p Nichtig sind und deshalb noch keiner eigentlichen Organisation angehören können, und an diejenigen der Schulentwachsenen, die tatsü chli ch nicht organisier! sind. Solcher gibt es in Stadt und Land noch viele und wird immer diele geben- Sie zu erfreuen, sie zu fördern, haben sich die „Walburgisblätter" als Aufgabe gesetzt. Dlögen sie die wohlverdiente Beachtung aller Berufenen, der Eltern, Lehrer und namentlich der Seelsorger finden l Bestellungen beim Stift St- Walburg in Eichstätt i. B. Der Jahrgang mit 12 Heften Tostet U30 W- Wie 10 Borabendblatt Artgsburger Püstzeirung. «. Nooemver 1913. Die Erledigung der Die Königs-Proklamation in der Kammer der Abgeordneten. 1 7 0, o fse n rli ch e Sitzung. eil. M ü n ch e n, 5- 'Nov. 13. Kammer der Abgeordneten. Tie Abgeordneten lind nahezu vollzählig im Sitzungssaale anwesend; nur die Sozialdemokraten sehlen. Tie Tribünen sind aber nur ip-'iriich beseht. Am M inist-erris ch: Ministerpräsident Frhr. v o n verkling, die sämtlichen übrigen Zivilstaatsminister und der Kriegsminister sonie ein großer Stab von Regierungstommissären. 2er Beginn der Sitzung, der aus halb 10 Uhr sest- gesetzr war, verzögerte sich bedeutend; es war schon »,»10 Uhr, als Präsident Tr. v. Orterer die Sitzung eröffnete und zunächst Mitteilung über Urlaubsgesuche m allste. Tann Dkri er fort: Tas Wort nehmen Seine Exzellenz Verr -staatsminister Freiherr von vertling. Ministerpräsideni Dr. I^rhr von Herging: Ich übergebe hiermit dem Herrn Präsidenten ein Schriftstück mit den: Ersuchen, dasselbe sowrl zur Kenntnis des hohen Hauses zu bringen. Tas Vaus hur s^.-i erhoben. Im Saale herrscht lautlose Stillet Prüsideni Dr. von Orterer. erhebt sich und verliest das Allerhöchste Schreiben das die Beendigung der Regentschaft ausspricht. (Siehe auf Seite 2.) Präsident Dr. von Orterer führte dann weiter aus: Es ist mir auch noch eine iv eitere Kundgabe zugegangen, welche den, Lande sofort mitgeteilt werden soll. Der Präsident verliest hieraus den Wortlaut der bereits mitgeteilten Proklamation König Ludwigs III., die auf einer Extra-Ausgabe der „Bayerischen Staatszeitung" in blauem Letterdruck hergestellt, im Saale an die Abgeordneten verteilt wird. Weiter teilte Präsident Dr. von Orterer mit, daß an ras Kammerpräsidium unterm 3. November folgende Borlage des lSesamtministeriums gerichtet wurde: „Seine Majestät der König haben geruht, das Gesamt- ministerium zu beauftragen, dem Landtag die Zründe,aus der sich die dauerndeRegie- cun g s u n f ä h i g k e i t Seiner Majestät des Königs e r g i bt,zur Zustimmunganzuzei- z e n. Wir beehren uns daher, dem Landtag und zwar zunächst der Kammer der Abgeordneten drei ärztliche Gutachten vom 85. Oktober 1886 und vom 25. Oktober und 1. November 1913 und zwar in Urschrift mitzuteilen und den Antrag zu stellen, der Landtag wolle anerkennen, daß am 1. November die verfassungsmäßigen Voraussetzungen für die Beendigung der Regentschaft bestanden haben. Präsident Tr. v- Orrerer wandte sich dann mit folgenden p e r s önli ch e n Worten an die Abgeordneten: , . Meine Herren! Sie haben die außerordentlich bedeutsamen Mitteilungen der K- Slawsreaftruiig midi die Pro--' klamsliön Seiner Majestät unseres Allergnädigsten Königs, Ludwig tll. vernommen. tkakoinus ivtzwinl Es trifft sich gut und glücklich, daß der Versammlung! der Abgeordneten des bäuerischen Volkes zuerst die Gelegenheit zur .ffmi l d i- gung gegenüber dem Landeshcrrn geboten wird. Sie sei! kurz in treu-bayerischer Art dargebracht, indem ich Sie' bitte, meine Herren, zum 'Ausdruck unserer unwandelbaren Treue und der ehrerbietigsten Ergebenheit und unserer innigen Liebe und Anhänglichkeit an unsern Allere gnädigsten Herrn und König, mit mir aus vollem Herzen, daß es in allen Lauen unseres geliebten bayerischem Landes laut und allseitig ividerhalle, einzustimmen in den Ruf: Seine Majestät, unser vielgeliebter König Ludwig l 11-, er lebe hoch! Laut und getragen von freudiger Begeisterung erscholl das brausende Hoch durch den Saal. Präsident Tr. v. Orterer sägte dann noch hinzu: Es entstrich! dem denkwürdigen Moment, in dem wir stehen, daß wir die Sitzung aufheben. Ich bitte aber die Herrku, noch einen Augenblick zu verweilen, um die ärzklichm Gutachten und die Unterlagen entgegenzunehmen. Tie Beratungen darüber schlage ich Ihnen vor, am morgigen Donnerstag nachmittags 4 Uhr vorzunehmen. Tas Hans ist damit einverstanden. Es folgte darauf eine kurze geheime Sitzung. Kurz du c aus'wu rden am S tändehaus die bayerischen Flaggen ausgezogen und überall in den Straßen wurde die Proklamation -des Königs Ludwig lll. angeschlagen, um die sich zahlreiche Gruppen- drängten. Tie Landeslmldigung im Thronsaal der Residenz, findet am Mittwoch, den 12. November statt. Die Erklärung über die Beendigung der Regentschaft. Das Gesetz und Verordnungsblatt vom 5. November (57) veröffentlicht die Bekanntmachung über die Regentschaft, die wir hiermit im Wortlaut veröffentlichen: Allerhöchste Erklärung über die Regentschaft. Ludwig, von Gottes Gnaden Königlicher Prinz von Bayern, Regent. Seine Majestät König Otto waren schon bei Anfall ser Krone durch schweres Leiden gehindert, die Regierung des Landes zu übernehmen. Während der nun 27jährigen Regentschaft ist eine Besserung des Leidens nicht eingetreten; es besteht auch Keinerlei Aussicht, daß Seine Majestät jemals regierungsfähig werde. Gemäß Titel II 8 21 der Verfassungsurkunde des Königreichs Baysrn vom 26. Mai 1818 in der Fassung des Gesetzes vom 4. November 1913 erklären Wir hiemit die Regentschaft für beendigt und den Thron als erledigt. Wir beauftragen Unser Gesamtstaatsministerium, dem gegenwärtig versammelten Landtage die Gründe, aps denen sich die dauernde Regierungsunsähigkeit Seiner Majestät des Königs ergibt, zur Zustimmung anzuzeigen. Gegeben München, den 5. f'November 1913. Ludwig, Prinz von Bayern, des Königreichs Bayern Verweser. Dr. Freiherr von Hertling. Dr. Freiherr von Soden- Fraunhofen. v. Thelemann. v. Breunig. v. Seidlein. Tr. v. Knilliug. Freiherr v. Kreß. Ein Amnestieerlcch des neuen Königs. Die Korrespondenz Hossmann veröffentlicht nachstehenden Gnadenerlaß: König Ludwig lll. von Gottes Gnaden König von Bayern, Pfalzgraf bei Rhein Herzog von Bayern. Franken und in Schwaben usw. usw. W i r haben Uns entschlossen, Unseren Regierungsantritt durch einen umfassenden Gnadenerweis zu bezeichnen, und verfügen deshalb, was folgt: .4. I. Erlassen sind alle noch nicht vollstreckten Strasen, die von einem bayerischen bürgerlichen Gericht oder Militärgericht ausgesprochen sind 1. wegen Beleidigung Seiner Majestät des Königs Otlo. Unserer Person oder eines Mitgliedes Unseres Königlichen Hauses nach den M 95, 97 des Strafgesetzbuches; 2. wegen Verbrechen und Vergehen in Beziehung auf die Ausübung staatsbürgerlicher Rechte nach dem fünften Abschnitte des zweiten Teiles des Strafgesetzbuches; 3. wegen Vergehen und Uebertretungen nach den §Z 18. 19 des Gesetzes über die Presse: 4. wegen Beleidigung einer Behörde, eines Beamten, eines Religionsdieners oder eines Mitgliedes der bewaffneten Macht während der Ausübung des Berufs und in Beziehung auf den Beruf mach den 88 135, 186, 196 des Strafgesetzbuches; 5. wegen Ungebühr po,r .Gericht nach den. 88!.17.9, 180 des Gerichtsverfässnngsgesetzes und des K 290 Abs. 3 und' 4; der Militärstrafgerichtsordnung. Ist die Strafe mit einer wegen einer anderen strafbaren Handlung ausgesprochenen Strafe zu einer Gesamtstrafe zusammengefaßt,-sö ist von der Gesamtstrafe der volle Betrag bet Einzelstrafe erlassen. II. Erlassen sind alle noch:nscht vollstreckten Geldstrafen von rächt mehr als 100 Mark und. alte noch nicht vollstreckten Freiheitsstrafen von nicht mehr als einem Monat, ,die von einem .bayerisäM bürgerlichen Gericht oder Militärgerichte.wegen Vergehen und Uebertretungen,-die nicht unter Ziffer I genannt sind, und wegen Forstfrevel und Forstp-clizeiübcrttetungcn erkannt sind. Sind in einer oder in mehreren Entscheidungen daye>. rischer Gerichte mehrere- Strasen ausgesprochen, so sind diese in jenen Fällen, in denen ausschließlich aü-f Geldstrafen oder ausschließlich auf Freiheitsstrafen erkannt ist, Nur dann erlassen, wenn sie insgesamt Las itn ersten Absätze bezeichnete Maß nicht übersteigen, und in fernst Fällen, in denen auf Freiheitsstrafen und auf Geldstrafen erkannt ist, nur dann, wenn die Summe der an erster Stelle erkannten Freiheitsstrafen und der für den Fall der Uneinbringlichkeit der Geldstrafen festgesetzten Freiheitsstrafen nicht mehr als. einen Monat beträgt. Tabei bleiben die Strasen per Ziffer l außer Betracht. III. Ist auch aus Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte oder aus Zulässigkeit von Polizeiaufsicht oder auf Ueber- weisung an die Landbspolizeibehörde oder aus eine militärische Ehrenstrafe erkannt, so ist der Verurteilte von dem Gnadenerweis ausgeschlossen IV. Der Gnadenerlaß erstreckt sich nicht auf Nebenstra- ftn- , Die Ehrenrechte 8r. Majestät des, Königs Otto. ek. Das mittags ausgegebene Gesetz- und Verordnungsblatt für das Königreich Bayern bringt nachstehende königliche Entschließung über die Ehrenrechte Seiner Majestät desKönigsOtto: Wir tun kund und zu wissen, daß durch Unsere Erklärung von heute, wodurch Wir die Regentschaft beendigt und die Regierung als König angetreten haben, der Titel und die Ehrenrechte Seiner Majestät des Königs Otto nicht berührt worden sind. Gegeben in Unserer Haupt- und Residenzstadt München am 5. November 1913. Gez. Ludwig. Die erste katholische Königin von Bayern. ek. Die--Gemahlin des Königs Ludwig lll. 'Maria Theresia ist die erste bayerische katholische Königin. Die Beglückwünschung des Königspaares. st. München, 5. Nov. 13. Ihre Majestäten , der Ast n i g und die Köni- g i n empfingen heute nachmittag 2 Uhr 30 M,>. im Wittelsbacher Palais Seine Königl. Hoheit den Kronprinzen und sämtliche! Prinzen und Prinzessinnen des Königl: Hauses, welche dem Königspaar ihre Glückwünsche zur Thronbesteigung z.um Ausdruck brachten. Um 3 Uhr wurden sämtliche Kgl. Stäatsminister, um halb 4 Uhr die sämtlichen Hofchargen, der Chef des Zivilkabiuens, die General-- und Aügeladjiitanten, die Ordonanzossiziere,, Ler Generalkäpitän und. die.Lberoffiziere der Leibgarde der Hartschiere und die -Herren des K'amnrerdienstts vom Königspaartz.das von den Prinzessinnen-Töch- tern umgeben war, empfangen. Se. Kgl. Hoheit der Kronprinz empfing um 4 Uhr das-Staatsministerium und um halb ö Uhr den Kgl. großen Dienst im Lnitpold-Palais zur Gratuläti-ou. ' Die Bekanntmachung der Ihronbesteigung in der Hauptstadt. ek. München, 6 . Nov.. 13. Nach der Verlesung der Prok lamatiou des Königs Ludwigs in der Kammer der Abgeordneten wurde sie in den S t.r a - tzen der Stadt angeschlagen. Auch Extrablätter der Zeitungen verkündeten der Bevölkerung die Thronbesteigung des Königs Ludwig. Auf dem Wittelsbacher Palais wurde alsbald die große baye- rische Küni-gsflagge gehißt. Bald zeigten auch die Straßen der Stadt, nachdem staatliche und städtischeGebäudedie Konsulate und privaten Gebäude beflaggt, hatten, reichen Flaggen- schmuck. Heute abend L Uhr findet aus Anlaß der Thronbesteigung eine -öffentliche Festsitzung de r beiden: st ü d t-i s chp n Kollegien statt.. Die ,Bay e-r i sch e Sta ats zs itung bringt in ihrer heutigen Nummer einen „Unserm König" überschrft-benen, herzlichen- Huldig ungsar t'i ,7 ksl, der mit dem'Wünsche für ein langes und glückt- liches Wirken 'des- Königs, und der Königin zum Wähle des geliebten Vaterlandes.schließt. Die Mitteilung der Thronbesteigung an die au-ft . Mrtigeii Regierungen. eb. Kö n ig'L.udw i g' hüt kurz nach 9! Uhr den sämtlichen Bundesji'irsten telegraphisch die. Annahme dec neuen Würde bekanntgegeben, ebenso hat die bayerische Stüalsregicrung sämtlichen auswärtigen Regierungen die Thronbesteigung des Klft nigs notifiziert.- - Besuch des Königs von Lachsen bei 8r. Majestät dem König. Seine Majestät der König von Sa ch-se n trifft am 14. abends 5 Uhr 52 Min. zu Besuch des bayerischen Königspaares in.München ein. Es findet am Hauptbahnhof großer Empfang durch Seine Majestät König Ludwig III.. die Kgl. Prinzen, die Staatsminister und den großen.'Dienst statt. Eine Ehrenkömpagnie des : Infanterie-Leib-Regiments nimmt mit Fahne und Musik auf dem Perron Aufstellung. In Begleitung des Königs von Sachsen befindet sich der sächsische Minister der Auswärtigen Angelegenheiten Graf.Bitzthum von Eckstädt. der Kämmerer Generalleutnant von Erlegern, General a Is suite Generalmajor von TetteNborn, Leibarzt Dr. Seile, die Flügeladjütanten Major Freiherr ohn Koenneritz und Hauptmann von Schweinitz. Zstm Ehrendienst bei dem König von Sachsen sind kommandiert der kommendierende General des 1. Armeekorps General der Infanterie von Xylander, der .Kommandeur des 15. Inf.-Regts., dessen Inhaber der König ist, Oberst Tutschek, und Oberleutnant von Wachter, Regimentsadjutant im.1. Feld-Art.-Regt. Der König von Sachsen wird in der Residenz von Ihrer Majestät der Königin und den Prinzessinnen empfangen. Er bewohnt'die sog. Trierzimm'er. Am 14. abends findet zu Ehren des. Königs bei dem Königspaar eine Familientafel statt, woraus ditz Fest-, vorstellttug im Residenztheater besucht wird. Am 15. beabsichtigt der König, das Alpine Museum und das Deutsche Museum zu besichtigen: Nachmittags ist große Galatafel in der K. Residenz. Abends erfolgt die Abreise des Königs. tz Telegramme und letzte Posten. Die Union und Mexiko. X Washington, 4. Rov. 13. Von wohlunterrichteten'Kreisen wird zugegeben, daß im.Einklang mit WiIs 0 ns Entschlossenheit den Ausschluß Hüertas herbeizuführen, in der mexikanischen Hauptstadt ein Schriftstück übergeben 'wurde.. Es wird jedoch erklärt, daß diese Mitteilung nicht den Charük- ter eines Ultimatums hätte. Eine greuliche Mordtat, x Wien, 5. Nov. 13. Das . Neue Wiener Tagblatt meldet aus Krakaue In..der Ortschaft Jämischki bei Wilna ermordeten Banhitey die aus 12 Personen bestehende Familie'.des jüdischen Kaufmanns Monczewski. Zwanzig Verdächtige wurden verhaften . Ein Eisenbahnzusammenstoß bei Melun. X M clun ,,4. Nov. 13. Tickt vor dew Bahnhöfe klon Melun stieße in Eilzug mit einem Postzuge zusamm e 11 . Die Trümmer gerieten in Brand, mehrere Personen wurden getöteftund verletzt. Tie Rettungsarüeiten sind im. Gange. X Melun, 5. Nov, isi, .Bei.'dem- Eisenbahnzu- sammeniloß, wurden drei Wagen des Eflznges,' davon zwei der zweiten Wagenklasse, vollständig zertrümmert. Ter Postzng setzte sich zusammen kus sieben Wägest, die ebenfalls zertrümmert würden. Tiefer'Aug führte zwei Packwagen mit, in denen-sich etwa fünfzig . Postbeamte befanden. Ter Postzug, der nach Marseille ging, fuhr dem von Marseille kommenden Eilzug schräg in die Seite. 11 m Mitternacht brannten die Magen -nochi .Etwa 15 Opfer, wurden, aus den Trümmern hervorgezogen. Zehn Personen sollen getötet sein- Der.Lokowtvtivsührer des Eilznges, - der die Haltesignale' überfahren haben soll, wurde -verkästet. Nach ftiuer weiteren. Meldung aus Paris wick ..-noch -'Mitgeteilt, .daß, die Mehrzahl der Verunglückten Postbeamte sind,- die insgesamt verschwunden sind. Alan hält es für möglich, daß einzelne von ihnen von Panik und Schrecken ergriffen, verschwunden sind, befürchtet jedoch, daß. die meisten von ihnen den Verbrennungstod erlittSntzhabenl. Bis 2 Uhr wurden unter den Trümmern neun fast-gänzlich-verkohlte Leichen und 17 meist schwer Verletzte hervorgezogen. Von den Leichen konnte bisher nur die eines Lyoner Kaufmannes erkannt werden. - >< SchiiSw-ig, 4. Nov. 13. -In Sachen des geplant gewesenen Vp.rtrags ch.es Polarforsch e rsA in un d se n wird bestätigt, daß mit Rücksicht auf bestehende nationalpolitische Gegensätze,, die für Fltznsbu.rg apf-Grund des-. 8 12 des--Reichsoer- einsgesetzes für eine öffentliche Versammlung beantragte Genehmigung zum Gebrauch der der dänischen verwandten norwegischen^ Sprache- abgelehnt wurde. Ein Bortrag des Forschers in deutscher Sprache- würde nicht beanstandest Die deutsche Myschinenindustrle auf dem Weltmarkts im September 1913. Irst September'1913 bekies .sich die Einsicht an cigenckschen Mfschünen nach Deutschland, wie eine noritz Verein öeütschrr, M-äs-chmenbau-Anstalten bearbeitete Ausstellung zeigst auf 4738 Tonwen im-Werte von Mark 4 734 009 und--hälr damit annähernd denStand der.An- sangsmonaie des Jahres; die in den Sommermonaten sehr hohe Einsuhrzissest der landwirtschaftlichen Maschinen, ist weiterhin ganz erheblich zuxückgcgangen. Tie Ausfuhr der-eigentlichen Maschinen-ist gestiegen um eine Gefamt-- zisier von 47 616 Tonnen im Werte von 54911000 Mark.. Tie Monate Januar--bis September 1913 zusammengenommen brachten es in den eigentlichen.Maschinen auf eine Einfuhr von insgesamt 72519 Tonnen im Werte, von 65912000 Mark und- auf eine Ausfuhr von 418235 Tonnen iin Werie von 486461 009'Mark. Täs Gesamt-, ergebnis des ganzen Jahres 1912 stellte sich-demgegenüber in der Einfuhr aus 77 937 Tonnen niit 73278000 Mark an Wert, gegen 536 676'Tonnen mit einem Wert- beträge von 628071000 M. in der Ausfuhr. Lhariiaiwe Neugründungen in Palästina Vorsicht! Gelegentlich eines. kurzen Aufenthaltes in Baalbek im Juni 1911 hörte ich zum ersten Male'.bou einem Gerüchte über eine „wunderbare", in ihren .Einzelheiten; sehr lächerlich und läppisch dargestellte' Erscheinung der Madonna in der Nähe von Schon, diesem griechisch- katholischer Priester gehabt haben -soll. Nichtkatholischen Kreisen gab dieses,. auch än einer Beiruter Zeitung gemeldete Gerücht hinlänglich Anlaß, zu - hämischen Kommentaren. Ich. hielt die beschämende Geschichte -längst- auch .an ihrem llrsprnngsort der verdienten Vergessenheit anheimgefallen, da wurde ich vor kurzem unverhofft eines! andern belehrt durch d ie noch beschämendere Tatsache, daß die Geschichte nun auch uns deutschen K ath oliken u rill n g e n e h m zu werden droht, . ; Es kam mir ein „Aufruf" in -die Hände, datiert aus dem Hotel Bristol in Wi-'en, ausgegeben von einer Baronin U exku e l l, geschiedenen Rftpenhansen, worin zunächst die W,irllichkcit jener „Erscheinung" zu beweisen versucht, dann ein Grüuöuugsprojekt dargelegt und zur Unterstützung desselben eingeladen wird.. DieErscheinungs- ' geschichte, die sich gelegentlich eines Ausfluges- einer grö--> ßeren Gesellschaft von Herren und T-amen aus Sidou oSaida) in einer Mantara genannten Höhle auf einem. . nahest Berge zugetragen. haben soll, wird mit den Worten jenes Priestersj namens tzälabi, der dort die hl. Messe las, breit und umständlich, erzählt. Auch die Namen dxr beteiligten Personen werden genannt, übrigens.eine- nach Nationen, und Konfessionen sehr gemischte -Gesellschaft.; ein Freimaurer,'der vor'allere übrigen der Erscheinung der Mutter.Gottes mit dem. Kinde gewürdigt wurde, wird besonders hervorgehoben. Ter Berichterstatter bezw. auch die nacherzähfttwe Berrchterstatterin glauben beifügen zu müssen, daß „an jenem unvergeßlichen Tage" alle beteiligten Zeugen „normal"- gewesen seien. Tep „Fürsterzbischof".iso!> pon Schon — die Erzählerin scheint die hierarchischen Verhältnisse ihrer österreichischen Heimat einfach aus'den Orient zu.übertragen — soll die Sache untersucht und approbiert haben. Eine authentische Aeußerung irgendeiner offiziellen kirchlichen Behörde wird nicht beigebracht. Aus Grund des vorgefallenen „Wunders" „muß" ' nun laut Aufrufs folgendes' geschehen: -„1.-Tie Grotte muß, dem Privatbesitz entzogen werden. 2., Ta sie alsi dreiteiliger Raum, als Schlaft und Speiseraum und- Stall, allen Vorbeiziehenden rechtlich offensteht, so muß für diese ein Ersatz geschaffen werden. 3. Tie umgebenden Grundstücke müssen angekauft -werden. 4. Ein Hahrweg muß in Zickzacklinien hinaufgeführt-werdech 5. Eine Kirche muß über der Grotte gebaut werden. 6 . Ein Pilgerhaus muß für Fremde errichtet werden." Und schließlich heißt es! noch, daß aus den eventuellen Neb^rschüssen „auf den angekauften Terrains und später auch in änderen Teilen! Syriens die Errichtung von Waisenhäusern, Schulen, Krankenhäusern in Aussicht genommen sei" (von wem?) — Umfang und Tringlichkeit dieser „Bedürfnisse" lassen also nichts zu wünschen übrig. Zur Finanzierung der Gründung ist bereits an orientalischen Banken ein Konto eröffnet unter dem Titel „Oeuvres divines da Notre T-ame de Mantara". Verwünderlicherweise glänzt im Ausruf bereits eine ganze Reihe von klingenden- Namen österreichischer und bayerisch sr-"Höcharisto- kratie, die mit „allergnädigsten Beiträgen" Las Vorabendvlatr Mö.511 „Wert" zu beginnen ermöglicht haben. Tiefe illustre Zahl bisheriger „Wohltäter" wäre wohl beträchtlich, verringert, hätte inan sich etwa an- die deutschen Konsulate in Jerusalem und Beirut gewendet, welche wohl gerne, mit Auskünften auch persönlicher Art zur Verfügung gestanden wären. Leider bietet, nebenbei gesagt, die Urheberin durch ihre bisherige Tätigkeit im -Orient auch keinre Bürgschaft für die erfolgreiche Durchführung eines auch .nur ähnlichen und weniger seltsamen Unternehmens. Also Vorsicht! Durchaus nicht auf die gleiche Stufe mit dem eben, gekennzeichneten Gründungsobjekte möchte Einsender dieses die folgenden beiden gestellt wissen, die bereits durch Aufrufe in der deutschen katholischen Presse einer größeren -Oeffentlichkeit zur . Kenntnis gelangten. Immerhin benötigen auch diese eine sachliche Prüfung auf ihre Notwendigkeit und Durchführbarkeit. ^Zunächst handelt es sich um ein Auss ä tzi g e n heim in Jerusalem. Mit dieser Anregung konnte man sich noch eher befreunden, nicht nur aus sachlichen Gründen, sondern weil einerseits der Name der Unternehmerin,, di« sich in der Münchener Fnrs 0 rgebewegung unbestrittene Verdienste erworben hat, und andrerseits die Befürwortung durch die Benediktiner vom Berge Sion eine gewisse Garantie zu bieten imstande waren, wie denn auch tatsächlich der Aufruf offene Ohren und Hetzen gesunden haben soll- Einem Kenner der palästinensischen Verhältnisse muffen aber doch bezüglich der Dringlichkeit Kragen gestattet sein wie diese: Wieviele Pfleglinge denkt man für das zu schaffende und gewiß sehr beträchtliche Mittel erheischende Anssätzigenheim zu gewinnen, nachdem bereits von der türkischen Regierung ein Aussätzigenhaus geschaffen ist und erhalten wird, das orientalischen Ansprüchen vollauf genügt und regelmäßig den Besuch französischer B i st- zenz-S chwestern zur Waschung, Verbindung und Pflege der Inwohner erhält, nachdem auch die Protestanten ein wohlgeleitetes Anssätzigenheim unterhalten, und da bekanntlich eine oft unüberwindliche Scheu vor Kasernierung und Abschließung auf feiten dieser'„Aerm- sten der Armen" eine freiwillige Aufnahme, erschwert öder gar nicht ermöglicht (eine zwangsweise ist selbstverständlich ausgeschlossen), und da endlich in den genannten Häusern auch für die seelsortzlichen Bedürfnisse etwa dort vorhandener katholischer Pfleglinge hinreichend gesorgt ist. Wäre die Organisierung einer ambulanten Pflege der nicht! in einem Heim schon Untergebrachten, je nach Lage dess Ortes von verschiedenen karitativen Anstalten aus, eher am Platze? Sonderlich groß dürfte die Zahl der letzterem ohnehin nicht sein. Eine der wichtigsten ist aber die Platzfrage, die noch nicht gelöst ist. Sollte der, wie ich höre, in Aussicht, genommene Platz endgültig gewühlt werden, so wäre dasj Mißlingen des Unternehmens von vorneherein besiegelt. Es handelt sich um eine Stelle vor dem Torfe Kubebe, das seit den Kreuzzügen als das biblische Emmaus gilt, drei Stunden nördlich von Jerusalem — ein Hans als künftige Wohnung der Tirectrice im Orts selbst ist bereits angekauft. Denke man sich: dreiStun- den von der Stadt entfernt, nur 'zu Fuß oder reitend- auf einem denkbar schlechtesten Wege erreichbar! Wie beschwerlich und kostspielig müßte sich die Beschaffung aller Lebens- und Unterhaltsmittel und dazu die Jnanspcucch- nähme der ärztlichen Hilfe stellen! Tie einsame, allem Verkehr ferne Lage müßte übrigens auch auf die noch» zu gewinnenden Aussätzigen, die durchaus nicht vom Leben gänzlich abgeschnitten sein wollen, eher abschreckend als einladend wirken. Eine bessere Lösung der Platzsrage müßte also vor allem gesucht werden, sollte dein geplanten Unternehmen'ein einigermaßen günstiges Horoskop gestellt werden können. Auch im Interesse der Almosenspender wäre es zu wünschen, daß überhaupt die AussichS auf die Durchführbarkeit und die Lebensfähigkeit des an sich guten Werkes mehr gesichert wäre. . Aller guten Tinge sind drei, mochte sich ein Herr P. Nitsche denken, und so lanzierte er in die katholische deutsche Presse fliehe Augsb. Postzeitung Nr. 458> einen Aufruf zur Gründung eines Blindenheims in Irrn s a l e m, zu -dessen Errichtung er 100000 Mark benötigt und verlangt, die Unterhaltungskosten nicht gerechnet. Aber mit Erlaubnis: Wer ist denn der „Bauherr" P. Nn- sche? Heißt er Peter oder Paulus, oder will das P. besagen, daß er als Pater einem Orden angehört? und dann welchem -Orden? Und welckfe kirchliche Behörde hat Ihn zu einer f olchcn Gründung autorisiert?. Herr P. Nitsche hat sich bisher dem katholischen deutschen Publikum in keiner Weise vorgestellt, und fo ist man zu der Frage berechtigt: Ist Herr P. Nitsche der Mann, der durch seine Persönlichkeit allein der Oeffentlichkeit irgendwelche Garantien zu bieten imstande ist? Ist er wenigstens in Jerusalem ejne Persönlichkeit, die in einer für ein solches Unternehmen unbedingt erforderlichen Achtung stehftä überhaupt eine dort bekannte und mit » den dortigen Verhältnissen vertraute Persönlichkeit? Sein guter Wille und seine guten Absichten in allen Ehren! Aber das Publikum, dessen Wohltätigkeit in Aksponch genommen werden will, hat doch auch ein Recht aus Garantien über die sichere Zuführung feiner Almosen zu dem bestimmten Ztoeck, über die Ausführbarkeit des Pro- fettes und die Lebensfähigkeit des einmal geschaffenen Werkes. Mit welchen Garantien kann der „Bauherr" aufwarten, die ihn berechtigen, sich mit einem solchen Ausruf an das katholische Deutschland zu wenden? Zur Sache selbst ist zu sagen: Es entspricht nicht in allweg den Tatsachen, wenn es in dem Ausruf ohne. Einschränkung heißt, daß die meisten Minden Palästina? in unsäglich traurigem, menlchenunwkrdigem Zustande leben, und niemand für die Blinden etwas tue. Und doch wird in gleichem Atemzüge ein protestantisches und ein jüdisches Blindenheim naüihaft gemacht, während die mit Erfolg der Mindensürsorge sich widmenden Häuser der katholischen Vinzenzschwestern gar nicht genannt werden. Mit der Schaffung immer neuer Blindenheime allein wird übrigens dem B-lindenclend im-Orient nicht abgeholfen. Es müssen Vorkehrsmaßregeln getroffen werden, welche der so häufigen Erblindung vorbeugen. Im besagten Aufruf selbst heißt es, daß die hauptsächlichste Ui> fache des,Elends die G-leichgültialeit und Unsauberkeit des Volkes ist. Aber gerade ^ur Bekämpfung dieses Uebels wird in den vielen und mcht zuletzt katholischen Schulen und Anstalten mit Erfolg gearbeitet und damit in wirksamster Weise >der Erblindung gesteuert, also eine wahrhaft rationelle Blindenfürsorge, unvergleichlich besser als die nachträgliche Pflege in kostspieligen Anstalten. Aber selbst angenommen, daß die alarmierende „brennende Notlage" bestände, so kann es immerhin noch nicht „beschämend" für die deutschen Katholiken sein, kein eigef nes Blindenheim zu besitzen. Es ist schlechterdings ebenso unmöglich wie unnötig, im Orient jede Seite der c a r i r-a t i v e n B e tä ti g un g zu na ti 0 nalisieren und namentlich in Anbetracht des geringen Prozentsatzes der katholischen Bevölkerung zu ko n fes sio n a l isi e^- reu. Tas hieße nur eine ohnehin schon beklagte schäü- liche Hypertrophie des palästinensischen Wohltätigkeitsw--- sens fördern. Mir deutsche Katholiken tonnen wohl berechtigt darauf stolz sein, im Heiligen Lande in ganz bedeutendem Grade in materieller wie geistiger Richtung an carftativen Merken beteiligt zu sein. Es mag zugegeben werden, daß die Wohltätigkeit für Las Heilige Land noch gesteigert werden könnte und sollte. Mußte doch in den letzten Jahren eine Reihe von katholischen deutschen Instituten die ihnen sonst regelmäßig zufließenden Unterhalts- bezw. Untec- stntzungsbeiträge erheblich gekürzt und damit das Feld ihrer Wirksamkeit be-chränkt, f'a sogar ihre Lebensfähigkeit beeinträchtigt sehen. Tas Ansehen des katholischen Deutschlands erheischt es aber, mehr die bestehenden Institute lebenskräftig zu erhalten und zu stärken, als durch neue, und dazu so ungesicherte Unternehmen wie die genannten, die Kräfte der Mildtätigkeit zu zersplittern und so den bisherigen Bestand noch zu gefährden. Es kann für unseren deutschen katholischen Namen im Orient wohl keine Ehre sein, wenn ein schon seit Jahrzehnten bestehendes Haus nun vor der Alternative steht, entweder sein Hospital oder seine blühende Schule auszugeben oder einzuschränken oder ein in guter Entwicklung befindliches Sanatorium wieder zu verkaufen. Auch das bflchämend mißlungene Unternehmen eines deutschen latholftchen Kolonisationswerkes am See Ge- nesgreth - jetzt im jüdischen Besitz! — vor wenigen Jahren wäre Ursache genug, mit mehr Vorsicht neuen Projekten gegenüberzutreten. Merkwürdigerweise — auch. das darf betont - werden — gehen alle drei im Vorausgehenden besprochenen, projektierten Unternehmungen von allein stehenden Laien aus. Vorabendblatt Äugsburger Postzeitmrg. 6. Novemver 191'6. Vorabendblatt Seite 11 Uro. 511 Bayerische Nachrichten. all. München, 4. Nov. 43. Heute vormittag wurde in der Görresstrasze die 50jährige Zimmcr- tnannsfrau .Fuchs von einem Straßenbahnwagen überfahren,' sie erlitt einen Schädel- bruch und verstarb auf dein Platze. mc. Dillingen, 4. Nov. 13. Wie der „Tonaubote" aus Fa im in gen meldet, begab sich gestern die 11jährige Tochter des Oekonomen Heinle von Faimingen zum Besuche der Gräber ihrer Verwandten auf den Friedhof. Als sie einen Kranz an dem Grabsteinkreuz befestigen wollte, fiel plöst- lich der schon stark auf die Seite neigende Grabstein um und bedeckte das Mädchen. Mit gequetschten Beinen wurde das Mädchen von Friedhvfbe- suchern hervorgezogen und nach Hause verbracht. * Ballhausen, 2. Nov. 13. Am vergangenen Freitag begab sich die 27 Jahre alte Ocko- nomenfrau Anna Kling von Ballhausen mih ihrem Dienstmädchen auf den Dachboden ihres Hauses, Öffnete dort ein Fenster und berührte unoorsich- äigerweise einen elektrischen Lcitungsdraht, »vorauf sie die Hand von der Leitung nicht mehr wegbrachte. Als sie mit der andern Hand nachhelfen wollte, blieb sie auch mit dieser hängen und wurde durch den elektrischen Strom bewußtlos. Aus die Hilferufe des Dienstmädchens eilte der Mann der Verletzten herbei und befreite dieselbe aus ihrer gefährlichen Lage. Glücklicherweise erholte sie sich bald wieder von ihrer Bewußtlosigkeit, aber in beiden Arme»» und Händen hat sie bis jetzt noch keine Empfindung, so daß derselben vielleicht schtvere nachteilige Folgen von diesem Unfall bleiben. 8s. M i n d el alt heim, 4. Nov. 13. Bei einer der letzten Treibjagden im unteren Mindeltal ereignete sich ein amüsantes Vorkom'mnis, das die Veröffentlichung wohl verdient. Während ein Treiber im vorn Fabrikrauch durchzogenen unteren Mindeltal hinter Büschen stand und seinen Gedanken freien Laus gewährte, wurde er von einem verscheuchten Rehbock.in die Magengegend derart gestoßen, daß er rücklings zu Boden siel und mit den beiden Beinen zappelte. In dieser ungeahnten und keineswegs bewillkommten Lage hatte der durch diesen Stoß vom Traum erwachte Treiber doch noch Gelegenheit, seinen Gegner, der wohl durch das rege Treiben und die dröhnenden Büchsenschüsse aus seiner Ruhe gestört wurde, mit den beiden Beinen, die er wie eine Schere zusammenztwickre, festzuhalten. Nun entspann sich zwischen den beiden ein heißer Kampf, in welchem der Bock auch wieder Sieger blieb, da es ihm gelang, den Treiber eine Strecke fortzuschleppen. Schon wollten die Kräfte des Treibers in den Beinen nachlassen und war der Hosenboden heißgelaufen und durchlöchert, als andere Treiber kamen und ihren Kameraden aus seiner Qual befreiten und den Bock noch einige Zeit würgten, bis Ihm ein Jäger den Todesstoß versetzte. Bemerkt sei, daß dies kein Jägerlatein, sondern Wahrheit ist. * Bronnen, 4. Nov. 13. Der bei Herrn Gutsbesitzer Schmid dahier in Dienst stehende Dienstknecht Xaver Klöck von Rieden äußerte am Sonntagabend AU den übrigen Dienstboten, daß er sich „etwas antue". Nach dieser Aeußerung, der man keinerlei Glauben beimaß, entfernte er sich. Als Klöck nach längerer Zeit nicht mehr zurückkehrte, schickte Herr Schmid mehrere Dienstboten aus die Suche. Klöck wurde dann auch im Garten unter einem Baume liegend, mit einen» Seegrasstrick um den Hals wie leblos aufgefunden. Der schnellstens herbeigerufene Arzt, Herr Dr. Schnatterer von Waal stellte Wieder- delebungsversuche an, die erst nach längerer Zeit von Erfolg waren. Klöck wurde sodann ins Krankenhaus nach Waal geschafft. (B. A.) * Maierhöfen, 4. Nov. 13. Vor kurzem wurde der Seiler'Greiter in Anderhalbs bewußtlos in seinem Bette aufgefunden. Greiter, der 66 Jahre alt ist, hat sich selbst mit einer A x t a u s d e n K o p s aesch lagen. Sein Zustand ist sehr bedenklich. Greiter hat die Tat offenbar im Zustand geistiger Umnachtung getan. * Nördlingen, 3. Nov. 13. In der vergangenen Stacks wurden dem Gastwirt Friedrich Bretzger zu den „Drei Lilien" dahier aus dem Schlafzimmer seiner Wohnung 520 Mark aus einer offenen Geldkassette gestohlen. Unter dem entwendeten Geld war ein Vundertmarkscknein, drei Zehnmarkscheine, etwa 130 Mark in Gold, der übrige Betrag bestand aus Silbermünzen. * Friedberg, 1. Nov. 13. Einem hiesigen Restaurateur wurden am Donnerstag aus dem nicht versperrten Schlafzimmer im zweiten Stock eine Geldkassette mit 1600 Papiergeld entwendet. Die hiesige Gendarmerie nahm sich böx reits der Sache an und fahndet eifrig nach dem bis setzt noch unbekannten Diebe. Die leere Kassette soll in einem abgelegenen Stadtteile Augsburgs gesunden worden sein. * Rinnenthnl, 4. Nov, 13. Gestern nachts 10 Uhr hat die Gendarmerie von Eurasburg in der Gastwirtschaft des Benedikt Habersetzer einen g e - fährlichen Einbrecher, den sog. „Butter- mannsepp" von Ottmaring verhaftet. Man fand bei ihm eine Menge Dietriche, Schlüssel, Laubsägchen usw., also eine ganze Einbrecherausrüstung vor. Ob der Verhaftete im Sinne hatte, während der genannten Nacht in Ninnenthal sein Handwerk auszuüben, bleibt dahingestellt. Jedenfalls darf man froh sein. daß nun der gefährliche Bursche hinter Schloß und Riegel sitzt. (Fr. Gemeindebl.) " Nederzhausen. 2. Nov. 13. In der Nacht vom 31. Oktober auf 1. November trieben abermals sich Diebe herum und zwar wurde diesmal versucht, bei dem Güster Matthias Sturm einzubrechen. Der Dieb wurde jedoch durch ein Geräusch vertrieben und kannte leider infolge herrschender Dunkelheit nicht erwischt werden. " P e i t i n g. 4. Nov. 13. Sonntag abends gegen 6 Uhr wurde aus der Staatsstraße Peitiug—Steiu- gaden. außerhalb der Ortschaft Kurzeuried, der in Obereugen, Gemeinde Lauterbach. bedieustete 39jähr. Knecht AudreasStädele von einem von Stein- aaden herkommenden Automobil überfahren und sofort getötet. Der Verunglückte war stark betrunken und lief direkt in das Fahrzeug hinein, so daß dem Chauffeur keine Schuld beizu- inessen ist. Die Leiche des Verunglückten wurde in das hiesige Leichenhäus verbracht. " Zwei brücken, 4. Nov. 13. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft beim K. Landgericht in Frankenthal wurde der Berliner Nechtsanwalt-Wilhelm Reich, der Syndikus des bayerischen Laudtags- abgeordneteu Eugen Abresch (Neustadt a. H.), unter dem Verdachte des Meineids verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis Zweibrücken eingeliefert. vermischtes. X Berlin, 5. Nov. 13. Ein Banknotenfälscher, auf dessen Ergreifung das Reichsban kdirek- toriniil 3000 M. ausgesetzt hatte, ist gestern m der Person des 40jährigcu Stubeumalers Paul Prcuß ki Tempelhof ermittelt und verhaftet worden. Das Werkzeug und das Material zur Herstellung der falschen Scheine wurden in Luftschächten und m dem Küchenrohr gesundem >< Frei bürg i. Br., 5. Nvv. 13. Der Student Wang aus Karlsruhe fiel bei einen» Spazierritt so unglücklich vom Pferde, daß er eineii Schä- delbruch erlitt und starb. x Melun, 4. Nov. 13. D-icht vor dem Bahnhöfe von Melui» stieß ein Eilzug mit einem Postzuge zusammen. Die Trümmer gerieten in Brand, mehrere Personen wurden getötet und verletzt. Die Rettungsarbeiten sind in» Gange. * Paris, 2. Nov. 13. Ein phantastischer Mordansch lag, der zum Glück vereitelt wurde, erregt hier großes Aufsehen. Zwei junge Leute wurde»» vor einigen Tagen in der Rue Gatte von einem vornehmeii Herrn angesprochen, der ihnen sagte, sie könnten viel Geld verdienen. Die jungen Leute gingen darauf ein, und der .Herr gab ihnen abends auf dem nahegelegenen Kirchhof ein Rendezvous. Er versprach ihnen 200 Franes, wem» sie seine Schwiegermutter und deren Freundin, die beide in der Rue Eouibevohe wohnte»», ermorden Cwollten. Er hatte den Plan der Wohnung mitgebracht und sagte ihnen, sie könntest stehlen, was sie »rollten. Sie sollten aber die Möbel der Wohnung nicht beschädigen. ^ Die jungen Leute gingen scheinbar auf den Vorschlag ein, benachrichtigten aber die Polizei, die nachts das Rendezvous belauschte. Man ging dein Verdächtigen nach und stellte fest, daß es sich um einen gewissen Rou- quette handelte, der Professor an» College Sta- nislas ist. Rouquette wurde verhaftet und hat bereits ein Gestüildnis abgelegt. Da kein Anfang zur Ausübung des Verbrechens gemacht wurde, kann gegen ihn nach dem französischen Gesetz gerichtlich nicht vorgegangen werden. Aus den Kommunen. st. München, 4. Nov. 1. Für die Einhüllung des schönen neuen Rich.-Wag- n er-T en kma I S, das dem Münchener Winter nicht ausgesetzt »»erden kann, werden 800 Mark genehmigt. In Neuyork findet im Dezember eine Städtebau- ansst ellung statt. Die Stadt München ist in liebenswürdiger Weise eingeladen »norden, sich hieran zu beteiligen. Es »»erden infolgedessen 100 M. genehmigt, damit Pläne, Tenischriften, Gartenstadtproje.'t usw. ausgestellt werden lönnen. Die Ausgestaltung des T ül z e r pl a tz es, die für 1014 unter bestimmten Bedingungen vorgesehen »var, kann vorläufig nicht erkvlgen, da die anliegenden Grundbesitzer die Bedingungen nicht erfüllt huben. Die W e l h na chts d u l t an» Sendlingertorplatz wird in der Zelt voip 17. mit 24. Dezember abgehalten. Einem lürzlich geäußerten Wunsche zufolge »verden nun auch in den äußeren Stadtteilen Fischtochknrse abgehalten. So in der Zeit vom 3. mit 10. November (Sonntags ausgenommen) am Hosbräu- und Salvator- keller vormittags halb 10 Uhr und nachmittags 3 Uhr. Weitere Kurse im Süden und Westen, sowie in Neuhausen und SchwÄoing werden später abgehalten. , Die Flußschiffahrt aus der Jsär wird ain 15. November für dieses Jahr geschlossen. Se. Kgl. Hoheit der P r i n z r e g e n t hat bekanntlich aus Anlast des 100jährigen Bestehens des Krankenhauses l. h. I. den Betrag von' 10000 Mark für arme Kranke gestiftet. Der Magistrat, der erst heute Kenntnis von dieser Stiftung erhielt, sprach durch Oberbürgermeister Dr. von Borscht den wärmsten Tank sür diese hochherzige Schenkung aus. Von feiten einer ganzen Anzahl ott-rbauerifckx»' Ge- birgsorte wurde eine Petition an den Landtag gerichtet mit der Bitte: Es möge beim Umbau des Starn- berger Bahnhofes Sorge getragen werden für die Herstellung einer oberirdischen, größerem Verkehr dienlichen, bequemen, gedeckten Verbindung zwischen dem Hauplbabu- ^>f und dem neuen Starnberger Bahnhof. Die Petenten sind der Ansicht, hast mit einem Trennet nichts genutzt sei. Man brauche sowohl wegen des »Verkehrs nach Scarn- berg als auch »vegen der Miiienwaldcr-Dahn direkte oberirdische Verbindung znm Holzkirchener Bahnhof. Der Umstcigcvcrkchr würde unter dem Mangel einer solchen Verbindung leiden. Der Magistrat München schließt sich der Petitim» an. Das S t ra ste n L a u d c Po t an der Schlcißheimer- straste soll, wie längst beschlossen ,verlegt werden. Der Magistrat stimmte heute dem Beschlusse des Gemeindekolle- giiims bet und dewilligte 27 5M M. mit dem Bemerken, daß hiezü altes Material benützt werden darf und eine Nachiorderung nicht ausgeschlossen ist. Die Unterführn n g der Schöttl st raste unterbleibt vorläufig, weil keine Mittel vorhanden sind und auch von feiten des Staates der Ausbau des Scndlinger Bahnhofes usw. »licht in Aussicht genommen ist. Prüfungen !! München, 4. Nvv. 13. Die Prüfungen s»1 r das Lehra m t an den human»sti s che u ü nd realistischen Mittelschulen, welche Ende Se»t- tember dahier begonnen haben, »vurtzen Ende Oktober beendet. Das Ergebnis derselben ist folgendes: Zur Prüfung aus den philokogisch-hislorilche»' Fächer» 1. Abschnitt waren 87 Kandidaten gemeldet, von denen 18 zurückgetreten smd; von den geprüften 30 Kandidaten habe» 3 mit Note 1, 33 mir Note 2und 21 mit 'Note 3 bestaube», 0 haben nicht bestanden. Zinn 2. Abschnitt in den vbilolo- gisch-histori'chen Fächern Kouiursprüsiing» bitten sich 84 gemeldet, 1 Kandidat ist zurückgetreten und l8 wurden mit der Abhandlung zurückgewiesen: bestanden haben 10 mit Note 1, 43 mit' Net? 2 und 3 mit Noie 3; 3 habe» nicht bestanden. Zur Prüfung in der französischen Sprache 1. Abschnitt hatten sich 38 .üaudidaten gemeldet, 7 sind zurückgetreten: von den geprüften 31 Hase» 53 bestanden, und zwar 4 mit Note 1, 30 mit Note 2 und 40 mit Note 3, 8 haben nicht bestanden. Der Prüfung in der englischen Sprache 1. Abschnitt unterzogen sich 30 Kandidaten, von denen 4 die Prüfung mit 'Note t, 40 mit Note 2, 21 mit Note 3 bestanden haben: 4 Kandidaten fielen durch. Zum 2. Abschnitt der Prüfung für neuere Sprachen (Konkurs- prüfung) »raren 69 Kandidat?» angemeldet, 2 sind zurückgetreten und 11 wurden mir der Abhandlung zurückgewiesen: bestanden haben 8 mir Note 1, 31 mit Note 2, 15 mit Note 3, nicht bestanden haben 2 Kandidaten. Zur Prüfung aus Mathematik und Physik 1. Abschnitt waren 51 Kandidaten angemetdct, von denen 24 zurückgetreten find; von den geprüften 27 haben 2 mir' Note 1, 12 mit Note 2, 3 mit Note 3 bestanden, 7 nicht bestanden. Znm 2. Abschnitt dieser Prüfung waren 51 Kandidaten zugelassen, 3 sind znrückgetreten und 3 »mirden mit der Abhandlung zurückgewiesen: von den geprüften 42 haben 12 mit Note 1, 22 mit Note 2, 5 mit Note 3 bestanden, 3 nicht bestanden. Zur Hauvtprüsung aus den Realien hatten sich 107 Kandidaten gemeldet, von denen 16 zurückgetreten sind: bestanden haben 3 mit Note 1, 43 mit Note 2, 38 mit Note 3, nicht bestanden 7 Kandidaten. Zur besonderen (2.) Prüfung aus den Realien waren 15 Kandidaten zugelassen, von denen 5 mit Nute 1, 9 mit Note 2 und 1 mit Note 3 bestanden haben. Die Prüfung aus den Olatnrwissenschaften legten 35 Kandidaten ab, von denen 3 mit Note l, 27 mit Note 2, 4 mit Note 3 bestanden, 1 Kandidat nickst bestand. Zur Prüfung für den llnterrickst »n der Chemie »raren 18 Kandidaten zugelassen, von denen 1 znrückgetreten ist: sämtliche geprüften Kandidaten haben die Prüfung bestanden, und zwar 1 mit der Note 1, 16 mit der Note 2. Das Ergebnis der diesjährigen Lehramtsprüfungen ist ein sehr gutes, indem von insgesamt 574 Kandidaten nur 44 die Prüfung nickst bestanden haben, das ist^L Prozent der Gesamtzahl, »rührend in den Jahren 1912*und 1911 der Prozentsatz 13,8 und 15 Prozent betragen hatt Auch hinsichtlich der mit Note 1 qualifizierten Kändidaten ist das heurige Ergebnis besser als in den vorangegangenen Jahren. Volksvere'rn. — St. Ottilien, 4. Nvv. 13. Am Martinifest, Dienstag den 11. November, nachmittags 3 Uhr, findet im Seminarsaale in S r. Ottilien eine große Vv l ks v e r ei n s-Ve rs a mm tun g statt. Zu derselben »verden die katholischen Männer, ganz besonders auch die Jungmannschast, aus der Umgdbuug freundlichst eingeladen. Als Redner sind gewonnen: die Herren Landtagsabgeordneten Bäckermeister Scharnagl-München und Arbeitcrsekretär Adlhoch-Weilheim, welche über das Thema» sprechen »verden: „W^aö haben Landwirtschaft und Mittelstand am Vvlksverein'? Ein zahlreicher Besuch wäre dringend zu wünscksen. Lokales. * Nugsburg. 5. November 1913. Oi (Augsburg- L u f t fl o t t e n st ü tzvu u k t!) Augsburg würd in Kürze eine m »litä ris che Flieqerst a t i v n. erhalten, die zunächst, abgesehen von Techmkern und einem ausgebildeten Piloten, von Mannschaften des 3. Infanterieregiments bedient werden wird und auch Zivilftiegern zur Verfügung steht. Geplant ist zunächst die Erbauung eines Flugzeug s ch uppe n s, einer anstoßenden Reparaturwerkstatt»' und in die Erde eingelassener Benzintanks. Die Reparaturwerkstätte erhält Telephonvcrbindnng. In der Nähe des Flugzengschup- Pens wird ein Signalmast errichtet »verden, sowie, vermutlich auf dem Schuppen, eine Vorrichtung für Blinkfeuer, um bei nächtlichen Flügen die Orientierung zu ermöglichen. Die Station selbst wird aus dem Großen Exerzierplätze errichtet werden. Ein Ausbau der Station und die Errickstung eines Wohngebäudes für den Jonrdicnst würd mit der Vergrößerung der militärischen Luftflotte Hand in Hand gehen. Die Errichtung des Flugstützpunktes ist aus eine Verfügung des Kriegs- ministcriums zurückzuführen, die mich in anderen bayerischen Städten die Erstellung solcher Megcrstationen anordnet. * (Katholisches Kasino.) Nächsten Donnerstag ist V ereinsah end im kleinen Saale des Bereins- hauses mit einem Referat des Herrn Gcmeindebevoll- müchtigten Joseph Maye r über Streifzüge durch den städtischen Gemeindehaushalt. Anfang 8 Uhr. 2X („Sherlok" kommt nicht.) Wie wir soeben erfahren ist der vom St a d t in a g i st r a t e erworbene Polizeihund bis zum Eintreffen der Bestellung inzwischen anderweitig und zwar um 800 M. verkauft »vor den. Die städtisch?» Kollegien haben sich scheinbar zu lange Zeit gelassen, bis sie sich zum Anlauf des Tieres entschlossen haben. Es ist fraglich, ob ein anderes, gleichwertiges Tier wieder würd auszwtreibew sein. * (Für die Fremdenlegion angeworben) war offensichtlich ein Truvv Polen. 9 Personen, der gestern mittag auf der Durchreise von Rußland nach Frankreich den Hauptbahiiho» passierte und von der hiesigen Polizei angehalten wurde, da die Leute den Zweck ihre agfeise nickt anzugeben bermochteu. Offenbar aus Wunsch des Münchner russischen Konsulates dursten die Polen ihre Reise nicht fortsetzen, sondern wurden nach München weiterbefördcrtz trotz Einspruchs der mitreisende,, Agenten. Kürzlich panierte eine ähnliche.Reisegesellschaft"' den Äugsburger Hauptbahnhof, um dann in Ulm festgehalten zu »verden. * (Warnungvor einen» B a n lr s ch w i w d l e r.) Ain 3. November ds. Is, vorm. 11 Uhr versuchte ein Unbekannter bei der Bayerischen Diskontobank dahier »nittels gefälschter, auf eine hiesige, eine Mannheimer- rc. Firma lautende Wechsel den Betrag von 30 000 -K sich zu erschwindeln. Der Betrug mißlang, weil seitens der Bank die Wechsel als Falsifikate sofort erkannt wurden. Der Schwindler verfuhr Hiebes folgendermaßen: Durch ein Inserat suchte er einen Einkassierer. Diesen benützte er im ersten Augenblick, angeblich um ihn aus seine Veriässigkeit und Treue prüfen zu können, dazu» ihn zur Diskontobank zur Einholung des genannten Betrages zu schicken. Dem Betrüger gelang es, zu entkommen. Er wird beschrieben: ca. 35—40 Jahre alt, mittelgroß, mittlere Gestalt, volles Gesicht, englisch geschnittenen Schnurrbart, trug schwarzen Ueberzieher, Zylinder, Augengläser — ob Brille oder Zwicker, ist nicht bekannt. Um sachdienliche Mitteilungen zur Kriminalschntzwache wird gebeten. Verkehr. '! München, 4. Nov. 13. Am 26. und 27. November findet in Neapel die Europäische Fahr- Plan-Konferenz zur Feststellung des Svminer-Fahr- plans 1914 start. Die Bayerische Staatsbahnverwattnug würd hiebe» durch mehrere Herreu des Verkehrsmiinsteriums und des Verkehrsamtes vertreten sei». Dle bayeris chen M o t o r p o st l i n»e n. cb. Nach dem soeben ausgegebenen Rechnungsabschluß über die baycrisckzen Motorpostliine»! im Jahre 1912 betrug die Gesamteinnahme dieser Linien 1,884,551.59 M., die HKsamtausgabe 1,632,778.94 M., so daß sich eine Mehreinnahme von 251,772.35 M. ergab. Die Mehreinnahme beträgt 5,4 Proz. des bis zum Schlüsse des Jahres 1912 verausgabten Anlagekapitals zu 4,351,911 M. Im Jahre 1912 »wurden (2 ständige Linien als Sommerlinie neu errichtet, so daß am Schluß» des Jahres 35 ständige und 20 Sommerliniei» vorhanden waren mit einer Kcsamtbetriebslänge von 007 Kilvmeter. Befördert wurden aus den ständigen Linien 2,075,756 Personen und 23,449 Tonnen Güter aus den Sommerlichen 407,020 Personen. Die Zahl der Fahrzeuge ist auf 307 gestiegen. Der Betriebsstoffverbrauch an Benzin, Gummi, Ocl usw. erforderte die Summe von 503,558.53 Mark, gegen 383,985.33 M. im Vorjahre und ist von 14.4 Pf. auf 14 Pf. für das Kilometer gefallen. Die Gesamtausgaben sind von 46.3 Ps. aus 45.4 Pf. für das Kilometer gesunken, »ras insbesondere auf die iuteusioerc Ausnutzung des FaHrmaterials zurückgusühren ist. In den Jabren 1908 bis 1912 wurde eiue Gcsamt- erübrignng von 2,212,383 M. — 47.3 Proz. des Anlagekapitals' erzielt. Zivlsck)«?»! Ansbach und Winds dach wurde am 1. November ds. Is. eine M o t o rPo stl»ni e in Betrieb genommen. Es werden täglich 3 Fahrtenpaare ausgeführt. .Haltestellen: Ansbach (Postamt). Eyb, Volkersdorf, Lichtenan (Mf.), Jmmelsvorf, Windsbach. Handel und Verkehr. * Emaillier- und Tiauztuerkc vorm. Gebrüder Ullrich, Maikammer (Nheinvfalz). Einem Auszuge aus dem Rkcheusckaftsberickt für das Geschäftsjahr 19l243 entnehmen wir, daß sich der Versand der Fabrikare auf derselben Höhe gehalten habe wie im Vorjahre. Nach Abschreibungen in Höhe von 86,166 M. verbleibt einschließlich Vortrag aus dem Vorjahre ein Neberschuß von 159.409 M.; die Dividende wird wieder mit 6"/o vorgeschlagen, während sich der Vortrag aus 31,587 M. ermäßigt. Das Warenkouto ist in der Bilanz mit 1.526,917 M. ausgewiesen; gegenüber 577,095 M. Debitoren haben Kreditoren 604.817 M zu fordern. Bezüglich der Aussichten für das laufende Jahr bemerkt der Bericht, daß die Beschäftigung zurzeit zufriedenstellend »ei. Oll. Errichtung neuer Ortstelephounetze. Am 1. November wurden in Ensd ors (Obps.), Höh en- fels und Schwarzenfeld staatliche Ortstelevhon- uetze dem Betriebe übergeben. Das Ortstelephoiinetz Ensdorf (Obpf.) wurde durch die Leitung Amberg (Obpf.)-Ensdors—Schmidmüblen in das allgemeine Telephonnetz einbezogen und dem Bezirksrelephonnetz zugeteilt. Die staatlichen öffentlichen TelephonsteUcn Ensdorf (Obpf.). Rieden (Obpst), Vilshoien (Obpf.) und Wolssbach sind an das Ortstelephannetz Ensdorf (Obpf.) nngeschloffcn rvorden und gehören zu dessen Ortsbereich. Hinsichtlich der Gebührenberechnung im Fernverkehr gehört Bilshofen (Obpf.), das auch zum Ortsbereich des Ortstelephonnetzcs Sckmidmühlen gehört, zum Orts- lelephonnetze Schmidmühlen- — Das Ortstelephonnetz Hohen scls wurde durch die Leitung Kallmünz-Hohen- fels-Parsberg in das allgemeine Telephonnetz einbezogen und dem Bezirksnetz Regensburg zugeteilt. Die staatliche öffentliche Telephonstelle Hohensels. sowie die gemeindlichen öffentlichen Tclephonstellen Großbißendorf und Raitenbuch sind an das Ortstelephonnetz Hohensels angeschlossen worden und gehören zu dessen Ortsbereich.— Das Ortstelephonnetz Schwarze nfeld wurde durch die Leitung Schwarzenreld-Schwandors in das allgemeine Telephonnetz einbezogen und dem Bezirkstelephonnetz Regensburg zugeteilt. Die staatliche öffentliche Tcle- phonstelle Schwarzenfeld 1. sowie die gemeindliche öffentlich» Telephonsrelle Sckmidgaden, sind an das Ortstelephonnetz Sckwarzcnfeld angeschlossen worden und gehören zu dessen Ortsbereich. el» Die Bayerische Handelsbank teilt mit: Soweit sich das Ergebnis des laufenden Geschäftsjahres jetzt schon überblicken läßt, hoffen wir; sür das Jahr 1913 di» gleiche Dividende wie in den letzten 18 Jahren, d. i, 8,05'/«, in Vorschlag bringen zu können. ' Terrain-A.-G. Neu-Westend. Die abgehalten« Generalversammlung über das 13. Geschäftsjahr, in der 464 Aktien mit 4064 Stimmen vertreten waren, stimmt« sämtlichen Anträgen der Verwaltung nach längeren Aus« einandersetzungen über die verspätete Abhaltung der Versammlung und über die Unklarheiten in der Bilanz einstimmig zu. Die Aussichten für das laufende Jahr wurden als etwas günstiger bezeichnet. Die ausscheidenden Mitglieder des Aufsichtsrates wurden ohne Wider« spruch wiedergewählt. * Liverpool, 30. Okt. 13. (Banmwoll Marktbericht.) Nach zahlreichen Schwankungen weist unser Markt einen geringen Abschlag auf. Der Süden offeriert« fortgesetzt freimütig, und in Abwesenheit jeglicher Jndu- strienachfrage wurden die Hedgesverkäufe schwer absorbiert. Während Preise auf die ungünstigen Witternngs-- verhältnisse hin schnell anzogen, setzte der Süden semö Angebote bei jedem Aufschlage fort, und das Resultat! dieses Umstandes bildete ein Mschlag beinahe auf das niedrigste Preisniveau dieser Woche. Das hauptsächliche Merkmal der Woche bildeten verschiedene Ernteschätzungen, von denen die Mehrzahl sich in der Mhe von Ilttü Millionen Ballen bewegten. Von diesen Schätzungen verdient diejenige der Herren Neill. Bros angesichts der» korrekten Schätzung des Vorjahres besondere Beachtung, und diese Firma schätzt den Ertrag änf 13 800000 Balle»« mit einem Konsume von 14V« Millionen'Ballen. Da voH der Veröffentlichung der Schätzung bereits Gerüchte inr Uinlause waren, die beträchtliche Käufe init sich brachten, hatte die definitive Veröffentlichung wenig Einfluß aus die Preise, und die Verkäufe seitens des Südens hielten,' einen größeren Aufschlag in Schach. Die SäKtzung der» Herren Neill Bros. entspricht den allgemeinen Annahmen! betreffs des Ernteertrages, betreffs der Schätzung des vermutlichen Konsums besteht jedoch starke Zurückhaltung, und angesichts der gegenwärtigen Untätigkeit der Industrie und der Schwierigkeit, neue Kontrakte zu buchen, und bei der Wahrscheinlichkeit beträchtlicher Betriebsein- schränkungcn, sowohl in Lancashire wie auch auf deml Kontineut, betrachten die mit Jndustrieverhältuissei» wohl vertrauten Leute die Schätzung um 300000 bis 400 0 Ballen zu hoch. — Aegypter: Preise erlitten in deo letzten Woche einen Abschlag von 14 bis 17 Punkte»»^ Die Erntebewegung geht sehr schnell vor sich und die. Empfänge sind dEzufolge groß,, die Jndustrienachfrage war jedoch gut. Die Farmer sind mit den angebotene»« Preisen zufrieden und verkaufen ihre Ernte schnell, mit dem Resultate, daß jetzt in Alexandria eine gute BersorgunÄ aller Grade vorhanden ist. Die Meinungen hinsichtlich der Größe der Ernte sind immer Noch sehr verschieden« Der Handel i»^ ägyptischen Garnen verbleibt gut unt>i es verlautet, daß einige Oldham Spinnereien angefangen» haben, ägyptische Baumwolle anstatt amerikanischer zu verspinnen. * Livervool» 4. Nov. Baumwolle. Amerikanische middling Lieferungen: per Nov. 7.28. per Nov.-Dez. 7.17, vecDez.-Jan. 7.14. per Jan.-Febr. 7.14, perFebr.-März 7.13 ver März-April 7.13. per April-Mai 7.13, per Mai-Jnni 7.13, per Juni-Juli 7.11, per Jnli-Aug. 7.08, ver Aug.« Sept. 6.90, per Sevt.-Okr. 6,63. Umsatz: 12000 Ballen. Aus der Metallindustrie * London» 4. Nov. Metalle. Kupfer per Kassa 71,50. Kupfer per drei Monate 70,25, Zinn per Kassa 182,62. Zinn per drei Monate 183,62, Blei spanisch 20,62. englisch 2l—. Zink gewöhnliche Marks 20,37, spezielle Marke 21.75. Drodutten. <ü» Nürnberger Hopfenbericht voin 4. November. Jin Verkaufsgeschäfte ain Markte machte sich infolge der großen Zurückhaltnng der Brauerwelt noch immer eine gewisse Trägheit fühlbar. Der Geschäftsgang bleibt dabei ein langsame»' urid wem» auch in Anbetracht der mäßigen Lagerbcstände und kleinen Zufuhren die Umsätze ausreichend sind, so ist doch auf der ganzen Linie nirgends von einer Preisbesserung etwas zu spüren. Zweitägige Zufuhren 800 Ballen, darunter 100 vom Lande, zweitägiger Umsatz 790 Ballcrr. Stimmung ruhig. Preise unverändert. Berlin. 4. Nov. Produktenbörse. Weizen per Dez. 487.—. per Mai 195.25, ver Juli —.—. Roggen per Dez. 156.50, per Mai 162.50. per Juli —. Haber per Dez. 157.75, per Mai 161.75. Mais per Dez. —. per Mai —.—. Rüböl per Nov. —. ver Dez. 63.4(h per Mai —. * Hamburg, 4. Nov. Kasfee. Zufuhren in Mo 25000 Ballen, in Santos 69000 Ballen. Dez. 65.25, März 50 75, Mai 57.—, Juli 57.25. * Haulburg, 4. Nov. Zucker. Dez. 9.57. März 9.77, Mai 9.92, Juli 9.95. Die Wetterlage. Stuttgarter Wetterprognose. Wir stehen nunmehr vollständig unter der Herrschaft eines flachen, von Westen hereingedrungenen Tiefdrucks, Auch für Douncrstag uud Freitag ist noch meist beuwIkteS/ zeitweise reguerisches uud kühleres Wetter zu erivarteu. Münchener Wetterbericht vom 4. November 1813. Die seit mehreren Tagen zwischen »Island und Schott- land gelegene Depression ist nach Skandlnavlei» und der Ostsee vorgedrungen und hat das kontinentale Barometer- maximum, dein das heitere tzcrbstwcttcr der vergangenen Woche zu verdanken war, fast vollständig aufgezehrt. Auf der Rückseite der Depression sind leichte Niederschlüge erfolgt. Die »veitere Witterungsgestaltung wird sehr bald durch ein nenes, vor Island erschienenes Tiefdruckgebiet bestimmt »verden. Voraussichtlich: Pfalz und Nordloest- bahern weiterhin unbeständig, Ost- und Südbayern vorübergehende Besserung. Zozilüe Konferenz in Lamlierg. Montag den 10. Nov. nackm. 3 '.Ihr. vr. Sebastian, Regensburg : „(Organisation der Dienstboten". Wenn ich die Kochvorschriften auf dem Paket genau beachte, schmeckt mir Kathreiners Malzkaffee ganz vorzüglich. Machen Sie einen Versuch! 2SI5lv Seite 12 Borabendbkatt rutgsburger Postzeittmg. 6. November 191S. Borabendblatt Nro. 511 ist cies I»eclers beste Nahrung, schönste Meinung. » L ri kst Wegen Einberufung niein-S Kutschers in behördliche Dienste suche znm sofortigen Eintritt einen tüchtigen, ehrlichen, steinigen, ganz nüchternen Mann, gedienten Militär, welcher sich willig jeder vorkommenden Arbeit unterzieht und kräftig gebaut ist. Nur solche Bewerber wollen umgehend Offerte einreichen, welche auf dauernden Posten reflektieren und in der Behandlung von Rassepferden gut bewandert sind. Wochenlvhn Mk. 14.- bei sreier Kost und Wohnung, ll. 274 M Faver sehellhsrn Eisen- und Kohlenhandlung, Kempten i. Alg. in nüelt8ler Xnlio des nltolun. Doiuo«. MIM Lusseküiili von vürriiglicliein bi-slineiii, so«ie dellem 8lofs. i'Nts Küllbs, pikant« llrdbstüoks, ausrvablreialis ktlittag- und ^bsnil-Spoisakarto. OutkinZoriontsts llreuidon-, Oiuoc- und Spoissriminsr. 1'. 2452/0 Svböus Ksrlsudslls. — lurniersasl. — Lsvaratrimmer. Ülvktrisobs Seleuclttullg. kreundllods Lsdisnung. v„m Labnbok wit dor Ltrasssnbabn dirskd srreiobbar. ------- Pslepkou-kul Ikr. 124 . ------ Das hierüber: Die Erazer Pfingsischandtaten 1913. Borarlberger Volksblatt" schreibt dieser Broschüre werden aktenmäßig all die Schändlichkeiten ausgezählt, die vom 11, bis 18. Juni 1913 anläßlich oer Jubelfeier der katholischen Studentenverbindung „Carolina"von einem, akademischen und »»akademischen Mob gegen die katholische Studentenschaft verübt wurden. Der Eindruck ist überwältigend, so daß der Leser am Schlüsse beschämt dasteht, «in Deutscher zu sein und iin Lichte dsS 20. Jahrhunderts zu wandeln. Die ganze Niedertracht verkommener und verrohter Korpsstudenten, die Parteilichkeit eines liberalen Magistrates, die Saumseligkeit der Stadtpolizei und endlich im Hintergrund die schreiendste Resorm- bedürftigkeit unserer Universitäten, all das ist in Flammenschrkft dem Büchlein anvertraut. Es sei allen Gebildeten aufs wärmste empfohlen!" Zu beziehen durch das katholische AktionS- Kemitee tu Graz, Schönaugage Nr. 64 . 1 Exemplar 20 ü, 10 Exemplare L 170, 50 Exemplare L 7 50 (einschließlich Porto). Für Massenverbreitung bestens geeignet. I'. 1000:3 die eine c,i. txtt gm groß. mit 6 m laugen« gemalte» Hiuter- griind, einer Menge von Figuren und Gebäuden, darstellbar Weihnachten, hl. Trciköuig, Haus Nazareth, Hochzeit von Kann, prächtige Darstellung; die andere mit L2 geschnitzten ea. 26 sm hohe» Personen- und einer Anzahl Ltersignren, «nit schöner 2 m breiter Architektur u««d gemaltem Hintergrund, in einer baldcn Stunde ansstellbar, noch neu; ebenso einen für kleine Kirche passenden renovierten 3J verkauft ein Geistlicher. Näheres in der Exped. dS. Bl. Jeder' Rekrut, Zeder Soldat sollie besitz?«!: 1914 . Bon kaVgenil'.Kat Jahrgang, und Mctillüpiarrer Joseph Schärf!. 96 Sen-.n. Preis 20 Pig, >7» !!, SMöH j ^ Ä ch«!W Mck I/M j N-—-- E Z ^ugieick eine 3U/ Sie Mg5te Z « Zrorciiüre von HekeinirZt iloeren: » Z )Ftz!l!i'lim Ukil! S(ö!üei' - 8 Von Mirrat Zr. L-ir! Zsckem. ^ « lieüe, Meliniten !n der Ltzuixsbuvg /.u lere leid um 81 S 20. Oktober 1913. 0 ^ Xi-bst oini-rsn Lusärron, ll. 2743jl > t> I'roik >1K. 0.25, «nit llnrto K1K. 0,30. ^ 8 c:a^ou leiasondnng: V. 51k. 0,30 inIZi'iekmarksn orkolgt der W M Vei'^Lnä diiroli «11s OesekL^tsstolle äsr > « „DeSerrilLMbcke Voikneilimg", ÄreMS. - vZgllerK Lukki-eisn si-sien kilinsilen-klspSLiiäkvn. 8onn» u> k-eisi-iso 2 Vok'stsIIiLnnvn, 5 3310 Teuittiier Ikeater Dncken, 8et>Wii!!!sIki'iiss?sgs ilM 8 t 8 tie!(k?e! K. Xskslein, 1 NUNMSKl» iÄ öaMztk.tlr.lM lelopk. 11S64. Lingan^ ^vsigstrssse Snüno vssuls U«M plu»isl«. vnvn« I»l< llimmvl, kluvlitls, 0«8ll1«, Velvm U. 8tv1» in allen kirollliollou kardsu und in allen ki eiolaxov Llrcdelltspploks, Sxltren und Lirobsnvüsehs. ^u»v>»st,I«en«Iung«n kin unri t? 5 26SS/V Empfehle selbstgekelterte und direkt ouS katholischen Missionen importierte Mestwkine, msbeiondere meinen anerkannt vorzüglichen 5. 2659/20 Äiiseilt ä»ux Mul'-kerle hochw. Hrn. Bilchoss v. Chio-SoutvZ ist der Meßwein (idluevat, sso. dem« donx und doux Natur Perle) d. einzige Wrin d. Insel Samos, der mit Sicherheit zum hl. Meßopfer cinpfoblcn werden kaun. «V — — versid. Meßweiniief.. München, Landsbergernraße 7. W A'«»» Großes Lager in Tisch-, Medizinal- und Dessert- Weine», Schaumweinen und Spiritusse«. aber nicht durch sogen. Lrnnkfnchts-Heilinittel, n»i« fie in schrvindelhafter weise angepriesen n»erben, sondern durch Angewöhnung an «ine abstinente Lebensweise. Nebev Mittel nnd Wege dazu gibt kostenlos und dtskret Auskunft -er I». 1000/8 e. Verband gegen den Alksholisnrus für das katholische Deutschland. A-resse: Geistl. Dr Vektor I. Saw, Leuterdorf a. Ah. Ja - üsiiM-Ssioii llei' üenreit. Lk-n Aaabrtei« Oaiusir smpkisbit slab in und ausssr dein ttauss in allen II6I2/6* liSil', kjkNl-, !i8^II8l!Wl8- Ullll lküllki'llkl! WRIMU naoll den neuesten klodslleu 5 rüu Kertrulle lcielilenstern Ain pksnnennti«! 13 psrt. ebsmal. Lebülsrin von Lm. Ltrodel, Srolersoriu der vamöllkrisisrlliiLlil, ?aris. Onclulatlon :: sslanlcuro r: Nopfv/ascken -Xbonnements billigst. — Lesrellunx per llostkarts ^end/s-r. Ub6lÄ> tisbm !! ssinL. susyisdlys Quslifst. ^ Sutscif-isi^sn küx sins rsiclis /XuswZ>stI vOönso vverlvoiisr üsscnsnks msscism ssLkst. WWW 'LE - --'""»LdsrLillzhÄKMkr NEW MM o Ä v de > ZMM3NA5 ZickerkLitLMstorLK ? liegend und stellend, lleslt.,«» dlo neuesten Lrrungen- " sellakton der gesamten lllotorsubranvlls. Uisgsnlis k^viopsn mit t uncl 2 3ekvvungl-LllLl-n. I Stitndigos I»g«r auoll in gsllrauoktsn L! otorsu kär a vsrsalliedsits lirsunstoLks. 5. Ll 15)0 > EZiiSdiö*. NALSMSMW A. SLttne:l»sn-Li«»»ns, LlrLelllsiisn N, Vsl, 4444. SKSKlNKlSÄiSKSÄWiSrlSMSA vie glÜLklicbs Oeburt eines gesunden lllüdcbens, tteci vig, beehren sich kockerkreut sn- rureigen ?. 2746 lln. Nsn» Vivken ir. 6>mn2sls1lshrer u fnsu Nvrl«,ig geb. klsngold Augsburg, den 4. ?sov. 1913. NSSiKSWSiASSSÄiSKlSSSiSÄ s, 2278jo Le!«lvi». auch chronischr, resp veraltete Fälle, behandelt seit SO Jahren gewissenhaft mit nachweisbaren Erfolge» . 8lr>rir,1vl8 vormaliger Apothekeubesitzer, München, Npmphenburger- straße36.2. Stock. Briesl. u. t'ägl. zu sprechen 9—3 Uhr. S.856äj0 kvr-rvven nach. eigellcn Äxxti'dn in palolllslo ücjVplepempIiM Leb. OLter-rlscler' c«kf)tlcssiciuer . d1ürick,en.6eordenrtr.l 13 ttsbe )o/tzf/Dche /, 7l3MdSk1N!M!^ 7 ' i-ielon ölyll,/oD pkicnhsitigesi ksqW' sdÄllicjst:Prel^L Dh tiöcs'/lr /Xnehbenriänseo, 5. 3566c4 In einen Pfarrhof wird eine tüchtige Person als oesucht. Gest. Osserien unter 2747 an die Expedition. ÜSIMNiM !z»t kaufen aesucht.I Offerten unter"!?. 2742 an die Expeü. d. Bl. 2 KAM LMgSl dieSjähr.Frühbrut.sedorv., schnell mästend: I0Hiü,i>e35M., lORtesen- gänse 40 M., 12 Enten 22 M. unter Garantie lebender Zlnkunit. 4, kilailsl, Sk-e»Isu lI/S8» 4. S858>0 Direttion: Eavl HäuSler. Tclephon-Rni Nr. 280. Donnerstag, den 6. Nov. 1013 24, Älbonn.-Vorstellung Serie 11 Nomanliiche Oper in 4 Akten. Text von Fr. Kind Musik von E. Vc. v. Weber. Freitag, den 7. Aov. 1913 22. Abonn.-Vorstellung Serie II »Der fliegende Holländer." Oper in 3 Akten v. 8k. Wagner. Samstag, den 8. Nov. 1913 23. Abonn.-Vorstellung Serie II — „Ke'osvtsiitlukr."— Schwank in 4 Akten v. Blumen- thal und Kadelburg. Sonntag, den 9. Nov. 1913: 3. Nachmittags-Vorstellung Außer Abonnement. «V Kleine Operupreise. Anfang 2'/, Uhr. Auf vielseitigen Wunsch: - ,,TsnnkÄus«i' — und äsr Sängerlllisg ank VartburhJ Große romantische Oper in 3 Auszügen von Richard Wagner, Idtzäorlnlol. Aoikta« üen 10 . Ziovembsr 1913 nde»«!« 8 UHrir in» 8 elr»« 88 kr»d«i» 8 n»tv Attvirkauds: HokopsrvsäQgsr Volk, Kgl. Lawwsrsängsr, LIktuvllsv; das Lollnsrivorslusorcdostsr lllünollsn; lllLuvsr- und ll'rausnollor der L.UAsburgsr I-isdsttaksl. Programm: Sesidovsn, V. L^mpllovis; llisrt, Dass»; llegsr, LküserLlarl indsrdollanuisnaelltzliisrt.OsrXIÜ.I'sLlm. LlnirMeXarion ru 3.70, 2.65, ^ 2.10, 1.60, 1.05, Lvllülsr: ^ 1.05 und 0L5 bei Osrl Osdrstll, Lvua- strasss, und au der ä.llsvdkasss. 40.6>3* Ow8868 I^AZer' pelrxvAren - MÄNukaktur vsuu viollt aur I-axer, küuvsu sokort gssalluit- teu vsrdeu. MM AlNALiLrr«r«ss HZ ZzZ. D- 4' ein kieirmsteriul, velckes lbnsn 8LGZNTG durch Rauch, Ruk und üblsn Osruch dsrritst, bei Ihrem Ikohlsnkündlsr ausdrücklich l-ÄSsen Sie sich nicht mindcnvsrtlgs Marken als 70611/? gleichwertig aufdrängen. Nadelstmnnchotz-Verkanf. Am Mittwoch, de» 19. November ds. Js., vormittags 19 Uhr, kommen hier aus den herrschaftlichen Waldungen M KM skaU sllcr Ziiirkkklchkli im schriftlichen Submissionswege zum Verkauf. Losvcrzeichnisse und Verkaufsstedingmrgen stehen zur Verfügung. Schlofl-Zeil, den 22. Oktober 1913. Fürst!. DomMrealLSanzle!. 4. 3023j2_Weiger. Herbst- und Frühjahrskur I lblutreiliigsnd), schützt vor Magen- u. Vcrdauungsbcschwer- den, Stnhlverftopfung, Häinorrhviden. I» allen Avoibeken. in Augsburg: Stern-, Kreuz-, Georgs-, Marien-, Jakobs-, St. Asra-Avothekc. 5. 2373,6 s!our 8 bkiiedt vv» (itzOpg 6 y 6 tr, 63 Nl(g 68 etlL!i in ^nxbilnrss, W»! 5 . Mvinim IS 13 " (Wo nicht ausdrücklich p angegeben ist, sind 8-Kürst notiett.) 4°/. Fttft. Dliv.-Kred.-B. 1922 95.60 80, Dresdener Bank 146.— 6 Brauerei Loren» Std'tter 110.—ll De Beets ll Staalspapiere. /, Bah. Staatsani. 1920er /,*Va , , /, Bapei. Grundr. (gr. St.) /,»/« Deutsche ReichSanl. /°°/o Ocsrerr. Sllberrenle /„ . Goldrente /o Ungar. Goldrente /, » Kronenrenre v. I91U ioPortug. StaatS-Anleidelll /-0/o . » /, Rumän. tziente von 1890 /»Rnss.Slaats-Nte. v. 190- .. -Anl.v.1S05 /. Serb. ainon. Rente /, Türk. Bagdadbh.-Odl.U ^ Jrrnere Niexlkaner 7o Silber- » /o Argem. Anl. äuß.i.Gold /,0/o . . , . » ks ^ . v. 97 , . /,°/>> Ehinefen Anl. ,°/o Japaner Aitl. 99- 33. k» /470 96 SOll 34 30 76.—b. 83.80 88 30 82 75b. 80.80 61.49 98 20 92.20 8940 SS.60 78.80 77.30 7!Söb. 99.75b. 4°/, Frist. Hhp.-Kred.-B. 1922 ' 95.50 4°/, deögl. . unv.b.wlb 94.— 4"/» desgl. . „ „1917 94.50 4°/„ desgl. . a. vrrlosb- 93.50 3>/,»lo desgl- . 85 50 4'/,"/» Eiscnd.-Bank-Obl. 99.50 -ll/o Eisenbohn-Bank-Obl. 93 50 4°/z „ Renten-Bank-Obl 93 SO 4°/o Augsbrrger StadtariH 95 SOll 3-st°/, , . ' . SS SOll 8. landiv. Ma:chi. 93 -ll d. Anqsb. MaW. 91.— _ „ ä I02°/orück; . 99.50 d. Ülledinger Mäsch! 92. —ll d. Gef. s. Gasind. 87.SO d. Verein. Gasw. —.— d. Augsb.Lokalbahix 81.50? 81.25b. 8S80 ^ ^ . SS.SOb. sarrdbriefe u- Höligationeu. B.H.-u.W.-B. lOJ.unvcrl. 97.70 Bah.Hhp.-u.Wechielbk.verl. 97 50 ffo M - » » „ 86.80 . , 10J uilvcrl. 85.90 Bah. BodenkreSir-Anstalr SO. '/° desgl. Bah. vandelSb. 10 I. unp deSgl verlosb °/o desgl. 10 I. unverl. ffo desgl. verlpsb. Bahr. Landw. Kom^Obl. °/o deSgl. Psdbs. Bah. Vercinsb. 10 I. uuv. desgl. verloSb. desgl. . , Pfalz.vhp.'B.Pfd.lOJ.unv. , desgl. verloöb. , Psälz. HyP^B-Komm.-Obl. ,°/, desgl. , Südd.BvdenkredU 1922er deSgl. verlb. 80. 37.70 97.50 85.70 85.70 97.40 86 - 97.70 97.50 86.25 97.50 96.60 97.80 84.80 97.70 35.90 4>/-°/°O. 4°/, . 4V. 4°/« 4'/. 4°/° 4°/° 4«/° 4°/« 4°/° 4°/, 4°/« 4'/,°/- 8'/, Dresdener Bank 146.— 7 Nationalb. s. Deulschl. 11620b. 6,95 Deutsche Reichsbank 433.— 0 Oesterr. Kredit-Ansr. 187 V» 37'/,Münchener Rückvrrf.-Gei. 2825.— Indukrie-Aktie». Liste Dw. a) hier notiert «a »/- ll'/> Augsd. Kamingarmv. - 0 Nähfadeni. vor,». Schurer —.— 9 Bauiniv-Feinsp. —-— 5 Baumw-Spinn. Ssnkelb. .70.— d. Umon, Ziindblzf nbr.Augsk p. u. Web Augsb. —. 88 -- 90 50? . d. Kronen. . d.Haunst.Sp_ . d. AuaSb. Kattuns: - , d. A.-Lv. Senkelbach 37 — ll . d. L-c!i-EIcktr..W. 97.25? HeKerr. Prioritäten. 4°/, Elisabe.h steuerfrei 390 4°/„ Rudolfk.(Salzkaminerg.: 88.30 ll 3°/, Öestcrr.Staalsb. 1-VI1I 74 50 4°/» „ „ 89 70b. 4°/, Ungar. Lokalb. 11 86 50 Hisenöahn-Aktien. - Lombarden 21.88 7 Oesterr. Staatsbahn 150'/,b. 6 Baltimore v.-Sv.Stadtbach 9 Baunuvoll-SV.Kolbcrmoo: 0 Spinnerei Wertach 25 iiw.u.Mhsadens.Gögging. 0 Zwirn. u. Mhfad.-For.Agb. 14.58 M.Bw.-Sv.Web.Agsb. 230. 10 Mch. Bw.»Sp. Bamdcrg 11'/. . . . Bayceuth 4ff', „ , . Kaufoeuren 10 . „ „ Kempten S»/t Hannsterter Sp.'U.Wed. 0 Kunstiaühle Bobingen 17'/, Weberei Fischen 16 Mcch. Web. am MMbach 10'/, WebereiLöschlingSweller 8 Buntweberei äkiedmger 4 Neue Augsb. Kattunsabi. 142.- eb. 163.—eb. 155.-? 65.— 288.— 273. -ll 140—ll 69.—cd, 117—ll 8 A.-G. s. Bleich..F.u.A.Pnnz 0 Seilerwarensabr. Füssen 0 desgl. PriorirätS-Akt. -20 Masch.-Fabr.AugS.-Nb S Mcrsch.-Fabr.Rieoingei 13 Ldw.Masch.EvpleLBuxb. 0 Joh. Haag Masch. n. R 17'/, Zahnräderf. v.J.Renk 7 Ziegelei Augsburg — 10 Union,Zünüh.-Wichsc-Fb. 173.-eb. 5 Papierfabrik Segge 90.—? 8 LerSnacher Paprersabn! 7 Gest s. GaSind. Augsb. 6 Markt- und Kühlhallen 9 Vereinigte Gaswerke 9 Boglherrbrauerei 7 Kronenbräu Augsbg. 7'/, Äitienbrauerei z. Hasen 4 Mienbr. z. Prinz Karl 252 50 90.— 2->2.-ll 247.-? 133 — 153.—? 92.—? 148.— 140—k 97. 122.— 43.— 6 Brauerei Loren» Std'tter d) ausioäNtge: 20 Aluminium Neuhausen B Badische Anilin 30 D.Goid-u.Siib.-Scheide»A. 30 Höchster Farbwette 14 Bochumer Gußstahl 32 DeutscheWaff'enu.Munitton 10 Gelsenkirchen Bergwerk 9 Harpcncr Bergbau 18 Phönix-Bergwerk 5 Gelsenkirchen Gußstaht 9 Lindes Eis,nasch. 0 Laurahütte 14 Allstem, Elektriz.-Ges. 8 SchuckertLlektr.-Ges.Nrnb 20 Bremer Wollkämmer 10 Nordd.Wollkämmere: 7 Norddeuls cher Llohd 10 Hamburg. Paketsahri 0 Stettiner Vulkan 20 Köln-Nottweil.Pulveri 13 WeSteregelnAIkal, 20 Löwenbräu München 7 Aktienziegelei München 0 Heilmann Terrain Merziuskiche Lose. 4"/, Badische Prämien 177.90 3'/,"/» Köln-Mindener 139.50b. 4°/vMeining.Präm.-Psdbr. 138.— 4°/, österr. 1860 Lose 177.— 2'/,°/, Raab-Grazer SS.SOb. Hlnverzmsttche ^Lose. 55S.S00. 572.—d. 593.—b. 202.30 586 — 170.20 172.10 247.10 39.50 119.50 143 SO 236.10b. 144- 276.—b. 139.- eb.ll 117 25b. 13S.7Sb. 123 25 315.10 184.80 415.- - 325.-? 75 — .Tiugsburger Frerburger 15Frc. Btailänüer 10 Fre. Meininger Pappenhermer Türlenlosc per St. 34.50b. 41.25b. 34.10b. 536.- SOS.- 160.80 neuesten^ Erfahrungen der ssenen Nebenzimmer habe ich in einem, nach den -7L V» .echnik durch die Panzer A-»ü>- Berlin erbauten unter der Alinrn-Sßares. East Rand Prop. 2'/, Geduld 1 '/„ Randfontain 1"/« LIS/" „Htaylsächer" De Beers Chattercr Goldstelds ord. General Mining Johansburg Juvest. ivransvaal Land Witwatersrand Deep. lltio Tinco Otavi Minen South West Astika 1S-/.. 1 '/« 2'/.- 2-»/« 74.- 6 -/, 1'/.. Koupons u. Hetdsorlerk. 84.70 85 — 16.19 20.46 5 '.,°/« 6'/,<", 4'/-°/. Oesterr. Coupons „ Banknoten Napoleonsd'or SovereignS Zinsfuß j. Wechsel: „ s. Lombard: Privatdiskont: kmilalltt, diskrete CeMlihaste Äeratiuig in aöeil bailkgesWt. Airzeiegkllheitci!. Spezialität: ItistuBüichisrVkchliMll Binculiernng und direkte franko Zusendung erfolgt kostenlos. Briefliche Aufträge finden prompteste Erledigung. Georg Goetz Bankgeschäft, Augsburg, Karolinenstr. 38 ei billig zu Sonntags ⸗ Beiblatt der Augsburger Poſtzeitung. Erſte Jahreshälfte. № 1. 5. Januar 1845. Schweiz. Der hochwürdigſte Biſchof von Lauſanne und Genf, Peter Tobias Yenni, hat unterm 25. Nov. 1844 folgenden Hirtenbrief an die Geiſtlichkeit und die Gläubigen ſeiner Diöceſe elaſſen:„Beim Herannahen des Feſtes der unbefleckten Empfängniß der allerſeligſten Jungfrau Maria fühlen Wir Uns gedrungen, einige Worte der Erbauung an euch zu richten, um die Andacht zur Mutter des Erlöſers in euch zu beleben. In dieſer Abſicht legen wir euch einige Betrachtungen vor über einen der vorzüglichſten Gründe ihrer Verherrlichung — über den ihr unter allen Adamskindern allein zukommenden Vorzug, von der Erbſünde bewahrt und vom Augenblick ihrer Empfängniß an ohne alle Makel vor Gött geblieben zu ſeyn. Wir wiſſen und machen euch kein Geheimniß daraus, daß die Kirche die Lehre der unbefleckten Empfängniß Mariä nicht unter die Glaubensartikel aufgenommen hat; aber die hl. Väter und Kirchenlehrer ſprechen ſich faſt einſtimmig dafür aus; von einem Ende der Welt zum andern bekennen ſich die frommen Gläubigen zu dieſer Lehre; der Himmel ſcheint dieſen frommen Glauben ermuntern zu wollen durch die ganz beſondern Gaben, womit er denſelben belohnt, und durch die zahlreichen Wunder der Barmherzigkeit, die er zu Gunſten deren wirket, die Maria unter dem glorreichen Titel einer von der Zeit ihrer Empfängniß an unbefleckten Jungfrau anrufen. „Wäre Maria gleich den übrigen Adamskindern dem gleichen Geſeꜩ unterworfen und mit der Erbſünde behaftet geweſen, bevor ſie der Schlange den Kopf zertreten, ſo würde ſie auch wie jeder begreift, den tödlichen Biß der Schlange empfunden haben; bevor ſie Gottes Mutter geworden, Gottes Feindin, und bevor ſie der Tempel der Heiligkeit ſelbſt geworden, ein Tempel der Bosheit geweſen ſeyn. Aber ſolches anzunehmen weiſet der gläubige und fromme Sinn mit Abſcheu zurück. Wie, ſagte der heilige Auguſtin, hätte der Erlöſer der Menſchen, welcher das jungfräuliche Fleiſch ſeiner Mutter wegen ſeiner Würde nicht in Staub wollte zerfallen laſſen, zugeben können, daß ihre Seele auch nur einen Augenblick durch die Sünde befleckt würde? Dieſe Bemerkung machte vor 14 Jahrhunderten einen ſolchen Eindruck auf den großen Biſchof von Hippo, daß er immer, wenn er von der Sünde ſprach, Maria davon ausgenommen wiſſen wollte, aus Ehrfurcht vor Gott, den ſie zum Sohne zu haben gewürdiget worden. In gleicher Geſinnung ſchrieb Papſt Sixtus IV. in ſeiner Conſtitution von 1436 die Meſſe und das Officium zu Ehren der unbefleckten Empfängniß mit einer Oration vor, worin dieſe Empfängniß ausdrücklich die„unbefleckte“ genannt iſt. Von den gleichen Grundſätzen geleitet, drückte Papſt Alexander VII. in ſeiner Bulle: Solicitudo omnium écclesiarum, vom Jahr 1661 ſich alſo aus: „Um nach dem Beiſpiele der uns vorangegangenen römiſchen Päpſte jene Andacht und Frömmigkeit zu begünſtigen und zu pflegen, welche zur Verehrung der ſeligſten Jungfrau, als einer von der Erbſünde frei gebliebenen, antreibt, erneuern wir die Conſtitutionen und Beſchlüſſe unſerer Vorgänger, der Päpſte, zu Gunſten der Meinung, die Seele der ſeligſten Jungfrau Maria ſey von der Erbſünde befreit geblieben; eben ſo auch zu Gunſten der Feier und des Cultus der Empfängniß derſelben jungfräulichen Gottesmutter, wie ſie dieſer frommen Meinung gemäß eingeſührt worden.“ So ſehr beſorgten die Väter des hl. Concils von Trient die der beſondern Würde der Gottesmutter ſchuldige Ehrfurcht zu verletzen, daß ſie, aus Hochachtung vor der Heiligkeit Mariä, erklärten, es ſey nicht ihre Meinung, die ſeligſte und unbefleckte Jungfrau unter ihrem Beſchluß über die Erbſünde zu begreifen. „Die Kirche, unſere Mutter und Leiterin in der Heilsordnung, hat dieß wohl begriffen. Deshalb ſpricht ſie in ihrem Eifer für die Verehrung ihrer himmliſchen Beſchützerin immer von deren fleckenloſen Reinheit; ſie ladet alle ihre Kinder ein, an das unbefleckte Herz Mariä ſich zu wenden und daſſelbe als ihre Zuflucht zu betrachten; ſie weiſet dieſes Herz den größten Sündern als ein Heiligthum, wo Gottes unendliche Barmherzigkeit ſie erwartet; und den Namen unſerer liebevollen Mutter Maria, den alle Geſchlechter preiſen, dieſen Namen will die Kirche ſo zu ſagen nicht anders ausgeſprochen wiſſen, als daß man ſich dabei erinnere, daß der Hauch der hölliſchen Schlange ihren Glanz nie habe beflecken können. Es war ein glücklicher Gedanke, die Bewahrung Mariä von der Erbſünde feierlich in der Liturgie gerade dann verkünden zu laſſen, da das Blut des unbefleckten Lammes, die Quelle aller Erlöſung, auf unſern Altären vergoſſen würde. Endlich ermuthiget ſie die Biſchöfe, ſich an den hl. Stuhl zu wenden, um ohne Beirrung und Beſchränkung das ſo ſchöne und ſo troſtvolle Feſt der unbefleckten Empfängniß Mariä feiern zu dürfen. Bei ſolchem Verhalten des hl. Stuhles, welcher für alle Gläubigen der Herd des wahren Lichtes und die Säule der Wahrheit iſt, dürfen wir uns nicht wundern, daß alle wahren Verehrer Mariä einen edeln und heiligen Wetteifer zeigen, Maria im Privilegium ihrer unbefleckten Empfängniß zu verherrlichen; wir dürfen uns nicht wundern, das ſie mit Freudigkeit die kindliche und rührende Bitte ausſprechen, die ſie auf der„Wundermedaille“ geſchrieben finden:„Maria, ohne Sünde empfangen, bitte für uns, die zu dir ſich wenden!“ Verwundern wir uns nicht, daß ſie allerwärts zu Tauſenden*) ſich in die Bruderſchaften aufnehmen laſſen, welche zu Ehren des reinen und unbefleckten Herzens Mariä zur Bekehrung der Sünder errichiet worden, weil dieſes Herz der Sammelpunct aller Chriſten, die Zuflucht und Hoffnung aller Sünder geworden iſt. Verwundern wir uns nicht, daß ein frommer Cardinal**), das Licht und Vorbild des hl. Collegiums, zu Rom am 25. Dec. 1842 eine merkwürdige Abhandlung über die unbefleckte Empfängniß Mariä veröffentlichet hat, die mit folgenden ergreifenden Worten ſchließt: „Wir haben nicht nöthig zu ſagen, was unſeres Herzens ſehnlichſter Wunſch iſt. Sollte der apoſtoliſche Stuhl in der kurzen Zeit, die uns noch zu leben vergönnt ſeyn mag, von dem Lichte des heil. Geiſtes geleitet, für zweckmäßig erachten, über die wichtige Frage der unbefleckten Empfängniß Mariä ein entſcheidendes Urtheil auszuſprechen, ſo würden wir um ſo freudiger unſere Augen im Frieden ſchließen. Wir ſind auch feſt überzeugt, auf eine ſolche Entſcheidung würden unfehlbar vielfache Gnadenerweiſungen und große Barmherzigkeit erfolgen; durch die Fürbitte Mariä würde reicher Segen über Rom und über die ganze Kirche ſich ergießen, welche Maria als ihre Fürſprecherin und beſondere Beſchüꜩerin betrachtet.“ Und in der That, gel. Brüder, da Gott der ſeligſten Jung ꜩ frau unſer Schickſal anvertraut und ſie zum Canal und zur Spen ꜩ derin ſeiner Gnaden auserwählt zu haben ſcheint, ſo iſt nun das ſicherſte Mittel, ſte uns geneigt zu machen, wenn wir ſie unter dem Namen ihrer unbefleckten Empfängniß bitten und anrufen. Dann ſind wir ſicher, bei ihr Eingang zu finden, daß ſie unſern Bitten und Seufzern geneigtes Gehör ſchenkt. Was iſt dieſer „Königin der Jungfrauen“ angenehmer, als daß wir ihre fleckenloſe Reinheit preiſen, ſie frei von aller Makel nennen! Iſt dieſe gänzliche und vollkommene Heiligkeit, in Verbindung mit ihrer höhern Eigenſchaft einer Mutter Gottes, nicht der ſchönſte Grund ihrer Verherrlichung? Tief gerührt bei der Wahrnehmung dieſes auch bei Unſern vielgeliebten Diöceſanen ſich auf ſo tröſtliche Weiſe kundgebenden Eifers im Glauben und in der Andacht, die unbefleckte Empfängniß Mariä anzuerkennen, betrachteten wir es als eine Pflicht Unſeres Hirtenamtes, nach dem Beiſpiel einer großen Zahl anderer Biſchöfe an den Stellvertreter Jeſu Chriſti zu gelangen und für Unſere Diöceſe die troſtreiche Erlaubniß nachzuſuchen, der unbefleckten Empfängniß der glorreichen Jungfrau Maria ohne Beſchränkung unſere feierliche und öffentliche Verehrung darbringen zu dürfen. Mit einer heiligen Freudigkeit werdet ihr gewiß vernehmen, daß unſer Geſuch beim heiligen Stuhle günſtige Aufnahme *) Nach dem vierten Heft der Annalen der Erzbruderſchaft beläuft ſich die Zahl der Bruderſchaftsmitglieder im Verzeichniß von Notre- Dameée-des-Victoires im Jänner laufenden Jahres auf 461,017, während ſie im Jänner 1836 nicht mehr als 37 zählte. Man kann sich von der ſtaunenswerthen Ausbreitung dieſer frommen Bruderſchaft einen Begriff machen, wenn man bedenkt, wie viele ſich in die 3878 andern Bruderſchaften haben aufnehmen laſſen, die mit der Erzbruderſchaft in Paris in Verbindung ſind. **) Cardinal Staatsſecretär Lambruschini. gefunden. Ihr könnet ſomit künftig der Reihe von Lobſprüchen, womit die Kirche in ihren Litaneien die Gottesmutter preiſet, auch jenen beifügen, daß ſie ohne Erbſünde empfangen worden. Unſere ehrwürdige Geiſtlichkeit wird jetzt dem Drang ihrer liebevollen Andacht zu Maria folgend in der Präfation der Meſſe von der Empfängniß noch den Beiſatz anfügen, daß Maria ohne Sünde ſey empfangen worden. Nur in des Glaubens Gedanken und Geſinnung läßt ſich die vom hl. Stuhle bewilligte Vergünſtigung geziemend würdigen, und es gereicht Uns zur Freude, daß die ungeheure Mehrzahl der Unſerer Hirtenſorge anvertrauten Gläubigen dieſe gläubigen Gedanken und Geſinnungen theilen. Ihr werdet daher, gel. Brüder, euch mit Uns vereinigen, vor allem um dem Herrn für dieſe neue Wohlthat zu danken; dann aber auch ſie zu euerer Befeſtigung in der unverbrüchlichen Treue gegen das Geſetz Gottes und die Gebote ſeiner Kirche, zu euerer Förderung in der Liebe und Ausübung aller chriſtlichen Tugenden, mit einem Worte, zum Gelingen des Einen Nothwendigen, d. i. zu euerer Heiligung benützen. Bemitleiden wir, gel. Brüder, jene, welche nicht wiſſen, was die Andacht zu Maria Süßes und Tröſtliches in ſich hat. Der heilige Name Mariä, der ein Balſam für die wunden Herzen iſt, geht nie über ihre Lippen; die Gnaden, deren geheimnißvoller Canal ſie iſt, gelangen nicht zu ihnen; ſie entbehren der Tröſtungen und Wohlthaten, die Maria ihren treuen Dienern erwirbt. Ja, bemitleiden wir dieſe und beten wir für ſie. Für euch, geliebteſte Brüder, ſey Maria nach Chriſtus das vollkommenſte Vorbild der Tugenden, die ihr zu üben habt; betrachtet ſie als euere Mutter, als die Meiſterin in euern Wohnungen, als die Zuflucht in den Prüfungen, welche die göttliche Vorſehung euch ſenden mag. Für uns alle ſey ſie die theilnehmende Vertraute unſerer Leiden und Freuden; unſer ganzes Leben mit allen ſeinen Kämpfen und Widerwärtigkeiten ſey ihr gewidmet und geheiliget, daß es unter ihrem mütterlichen Schutze ablaufe. Möge unſer letzter Athemzug unter der kindlichfrommen Anrufung der heiligen Namen Jeſus und Maria ſich aushauchen. (Folgt nun die Verordnung ſelbſt über den Gebrauch der Bitte: „Regina, sine labe originali concepta, ora pro nobis.“ Sie wird am Schluß der Litanei unmittelbar vor dem Agnus Dei eingeſchaltet.) Das Leben der großen Heiligen Englands, von Doctor Newman. (Paßauer katholiſche Kirchenzeitung.) Seit zwei Jahren lebt Profeſſor Newman, deſſen Namen in Deutſchland mit ſo hoher Achtung genannt wird, einſam in einem von Oxford nur wenig entfernten Hauſe, wo er ſich nach Art der Cenobiten des heiligen Benedict dem aſcetiſchen Leben weiht. Wie ſo viele erleuchtete Männer, denkt auch er, daß die Wahrheit ihren Sieg nicht durch Unterjochung des Verſtandes allein, ſondern eben ſo ſehr und oft noch mehr durch Reinigung der Herzen feiere. Ueberzeugt, daß die Tugend⸗Beiſpiele jener Glaubenshelden, welche die römiſche Kirche unter die Heiligen aufgenommen hat, nicht ohne Eindruck bleiben können, ſammelte er in ſeiner Abgeſchiedenheit viele Urkunden und ſtudirte die Quellenwerke, um eine Geſchichte der Heiligen, die jene Inſel verherrlicht haben, zu ſchreiben. Er verknüpfte mit dem Werke einige Betrachtungen über die kirchlichen Zuſtände Englands in der Gegenwart; ſie überraſchen und ergreifen nicht weniger als die heiligen Biographien ſelbſt . Wir geſtehen gerne, daß wenigſtens folgende Stelle uns zu ernſtem Nachdenken anregte „In unſerer Kirche iſt ein Theil des Gottesdienſtes in Vergeſſenheit gerathen und was wir davon noch gerettet haben, ſcheint der nächſten Zutunft als Opfer zu fallen. Das göttliche Strafgericht iſt über uns hereingebrochen. Sehet! die großen Lichter des Himnels ſind verlöſcht, die Geſtirne des Firmaments haben aufgehört, unſeren Augen zu leuchten. Die Sonne wird ſich verdunkeln in ihrem Lauf, der Mond wird ſeinen Schein nicht mehr geben; denn es ſpricht der Herr: „Ich werde der Sonne befehlen, ſich am Mittage zu verbergen und Finſterniſſe werden eure Erde bedecken. Ich werde eure Feſte in Tage der Trauer verwandeln und eure Freuden⸗Geſänge in Weheklagen.“ Dieß iſt die furchtbare Drohung, welche ſich unter uns erfüllt. Die Kirche Gottes ſteht in Gefahr, ihr Licht zu verlieren. Wo unter uns iſt die Einigkeit, welche Jeſus Chriſtus von ſeinem himmliſchen Vater für die Gläubigen erbat? Wo iſt die Liebe deren Gebot er uns hinterlaſſen hat? Was iſt aus dem Glauben an die von ihm geoffenbarten Wahrheiten geworden, da heut zu Tage Jeder ſeinen eigenen Eingebungen folgt? Wo findet ſich bei uns die ſichtbare Kirche, welche das Licht der Welt iſt? Wo der majeſtätiſche Cult, welcher die Seelen mit heiliger Furcht und Zittern erfüllte? „Was wird das Ende dieſer Dinge werden? Blind, wie wir ſind, tappen wir den Wänden herum, welche uns einſchließen und von der Wahrheit ſcheiden. Wir taumeln , wie mitten ſind einem verlaſſenem Cadaver in der Wüſte gleich! Wie die Juden in den Tagen, wo ihre endliche Verwerfung ſich erfüllte, von Parteiungen zerriſſen wurden, ſo haben auch wir Engländer, gleichſam als wären wir ebenfalls vom Gräuel der Verwüſtung berührt, nicht mehr ein Evangelium. Wir zählen wohl hundert, die ihre Anhänger und Vertheidiger haben, ſo daß der Zwietracht allein unſere Religion und das Bekenntnißunſeresres Glaubens liegt. Wir kämpfen gegen einander und rufen uns Ketzer⸗Namen zu: die Unordnung heißen wir unſer Leben. Der Friede iſt uns ſo unbekannt, wie die Liebe.“ „In welcher gefährlichen Verſuchung ſchweben Jene, welche das Wort Gottes noch leſen, hören und begreifen wollen? Wer kann Gottes Gebote und die ihnen verheißene Vergeltung noch verſtehen? Wer kann ſich ohne ängſtliche Verwirrung in dieſen Gedanken vertiefen? Darf man ſich noch verwundern und zürnen, wenn Einige, welche die wahrhaften Merkmale der Gegenwart Jefu Chriſti in ſeiner Kirche über Alles ſchätzen und die unabläßig mit Erforſchung der Wahrheit ſich beſchäftigen, tief betrübt über die Verdunkelung des Lichtes und in der Hoffnung, es an fremder Stelle zu finden, uns verlaſſen und in eine andere Kirche eintreten? Für meinen Theil, ich finde in ihrem Entſchluſſe keine ſonderliche Schuld.“ „Anſtatt über unſere bedauernswürdigen Spaltungen nachzudenken und die volle Aufmerkſamkeit ihnen zuzuwenden, ſchütten wir alle Bitterkeit gegen Jene aus, welche ſich von uns trennen. Anſtatt ein aufrichtiges Geſtändniß unſerer Uneinigkeit, welche mit dem chriſtlichen Geiſte in ſchneidendem Widerſpruch ſteht, abzulegen, ſenden wir verletzende Worte ihnen nach, die uns flehen. Anſtatt die Entheiligungen zu beweinen, wodurch wir ſie geärgert haben, erheben wir uns gegen ihren Schritt, den wir als Treuloſigkeit bezeichnen. Anſtatt der Lügen, Verleumdungen, falſchen Zeugniſſe, der Schadenfreude, des Geizes und der Begierlichkeit, welche unter uns herrſchen zu gedenken, und anſtatt zu bekennen daß die göttlichen Gebote unter uns völlig gemißachtet ſind, ſprechen wir den Abgegangenen jede Spur eines frommen Wandels ab. Anſtatt dem Kreuze zu machen und zu erkennen, daß unſere Brüder uns nur verlaſſen, weil wir Gott verlaſſen haben und ſeiner nicht mehr würdig ſind, — ſtatt dieſer beſchämenden Betrachtungen und unſerer Rückkehr zu Gott, maßen wir uns an , ihre Ungeduld als Verbrechen ihnen anzurechnen und über thörichte Verblendung derſelben zu klagen. Wir träumen von Verräthern und Feinden, durch die wir umgeben ſeyen, während der Verräther in uns iſt und der Feind in unſern Herzen wohnt. Unſere Blicke ſchweifen ſpähend umher, was um uns vorgeht; aber uns ſelbſt verbergen wir vor unſeren Augen. Wir wundern uns, daß wir die Urſache unſeres Unglücks nicht entdecken, indem wir ſie nicht in der Verkehrtheit unſeres Willens finden wollen, welche uns an der Erkenntniß des Uebels hindert. Wir wiegen uns in eine betrügliche Ruhe, wenn wir auf einen ſchuldigen Mitchriſten ſtoßen, ähnlich dem falſchen Propheten, der ſein Laſtthier ſchlug , weiler Den nicht ſah, welcher vor den Augen deſſelben ſtand, den Engel des Herrn, deſſen Hände mit dem Racheſchwert bewaffnet waren.“ Wenn ein Mann, welchrr der katholiſchen Wahrheit ſo nahe ſteht, noch länger zögert, den längſt erwarteten Schritt zu thun und die ſchwachen Feſſeln zu zerbrechen, durch diee mit dem Anglicanismus zuſammenhängt, ſo möchte man ſeine Verblendung mit der Bileams zu vergleichen, ſich verſucht fühlen. Wie lange wird Newman noch gegen den Stachel ausſchlagen? Die katholiſche Miſſion in Imerethien (Georgien*). Das Kloſter der Capuciner in Kutais(Imerethien) liegt in höchſt reizender Lage, vom üppigſten Baumgrün umſchattet, am Phaſis. Die wilden Fluthen des berühmten Stromes rauſchten, ſchäumten und tobten dicht unter unſern Fenſtern, und das war uns eine gar liebe und heimliche Tafelmuſik, die neben herzlicher Unterhaltung mit den guten Vätern den imeretiniſchen Feuerwein ganz eigenthümlich würzte. Es befinden ſich im Capucinerkloſter von Kutais gewöhnlich nur zwei Geiſtliche, zufällig war aber damals noch ein dritter, der Pater Benedetto, anweſend, der, nachdem er in Tiflis verſchiedene Widerwärtigkeiten erlebt, ſich nach Kutais zurückgezogen hatte, nun zur Heimreiſe nach ſeinem Vaterland Sicilien ſich anſchickte, und die willkommene Gelegenheit ergriff die Reiſe bis Konſtantinopel mit uns zu machen. Der erſte Klo— ſtergeiſtliche war ein Italierener, der zweite ein Imerethiner aus Kutais, Zögling der Propaganda. So ſehr letzterer auch ſeinen italieniſcen Collegen an wiſſenſchaftlicher Bildung die er in Rom ſich geholt, überragte, ſtand der Italiener doch wegen ſeiner heitern Gutmüthigkeit, die er mit den meiſten italieniſchen Capucinern gemein hatt, bei den Katholiken der Stadt und der Gegend in weit höherer Achtung und Liebe als der eingeborne Prieſter. Ich war oft Zeuge der kindlichen Verehrung, welche die armeniſchen Knaben für ihn hegten, die der Capuciner in der Schule, wenn ſie fleißig waren, mit Kupfermünzen beſchenkte. Don Antonio war dafür geiſtreicher und durch ein impoſantes Aeußere begünſtigt, er hatte die ſchöne Phyſiognomie der Landeskinder, die feingeformte Adlernaſe und einen prächtigen rabenſchwarzen Bart. Mit Stolz zeigte mir dieſer unterrichtete Propagandiſt ſeine ziemliche Bibliothek, die meiſt aus italieniſchen und armeniſchen Büchern beſtand, ſonſt beſaß er auch einige franzöſiſche Werke, z. B. Boſſuet, Maſſillon ꝛc. Leider macht man es in neuerer Zeit dieſen Mönchen *) Von dem Verfaſſer der„Briefe eines deutſchen Reifenden vom ſchwarzen Meere“ in der Allgemeinen Zeitung. faſt unmöglich Bücher aus Italien zu beziehen. Ein ſchönes Büchergeſchenk war aus Rom für das Kloſter eingetroffen, nur theologiſche, durchaus unverfängliche Werke enthaltend. Die ruſſiſchen Zollbeamten weigerten ſich unter allerlei Vorwänden die Bücher paſſiren zu laſſen, ließen jedoch den Vätern heimlich ſagen, auch ohne Cenſur ſeyen die Bücher zu ihrer Dispoſition, wenn für jeden Band ein Silberrubel bezahlt werde. Da die Kloſtermittel zu dergleichen Beſtechung nicht hinreichten, ſo blieben die Bücher in den Händen der ruſſiſchen Douaniers. Es leben in Kutais und der nächſten Umgebung 800 Katholiken, größtentheils Armenier, die nur das Imerethiniſche ſprechen, doch gibt es auch ächte Imerethiner unter dieſer katholiſchen Bevölkerung. Ihre Bekehrung zum Katholicismus erfolgte in derſelben Zeit, wo der große Uebertritt vieler armeniſchen, griechiſchen und neſtorianiſchen Chriſten im türkiſchen Aſien und Perſien ſtatt hatte. Gegenwärtig iſt es den katholiſchen Miſſionären in Transkaukaſien aufs ſtrengſte verboten Proſelyten zu machen. Einer der Capuciner erzählte mir daß es ihnen, bei vollkommener Freiheit der Lehre, nicht ſchwer ſeyn würde viele von den heidniſchen und mohamedaniſchen Stämmen des Kaukaſus zu bekehren; Suaneten und Abchaſen, von welchen die meiſten noch wahre Heiden, hatten ſich in großer Zahl gemeldet, um im Kloſter von Kutais die Taufe zu empfangen, mußten aber abgewieſen werden, denn Deportation nach Sibirien bedroht den Miſſionär, der es wagt einen Götzendiener in eigen katholiſchen Chriſten umzuwandeln. Wenn das Verbot des Uebertritts zum Katholicismus oder zur evangeliſchen Kirche auf die Bekenner des griechiſch⸗ruſſiſchen Glaubens oder überhaupt auf die Bekenner aller chriſtlichen Confeſſionen ohne Unterſchied beſchränkt wäre, ſo hätte daſſelbe noch einen Sinn, es ließen ſich dafür allenfalls noch Beſchönigungsgründe finden; aber ſelbſt den Juden, Mohamedanern und Heiden zu verbieten ihr Seelenheil bei irgend einer andern chriſtlichen Confeſſion als im Schooße der herrſchenden Staatskirche zu ſuchen, dergleichen Zwang iſt, ſo viel mir bekannt, noch von keinem andern chriſtlichen Staate der Erde geübt worden. Ja lieber jüdiſche und heidniſche Unterthanen als katholiſche, ſo lautet der Sinn, die merkwürdige Weiſung, gegeben von einem chriſtlichen Staat im neunzehnten Jahrhundert! Ich ſah unter den Kloſterzöglingen einen jungen Armenier, der mit bedeutenden Geiſtesfähtigkeiten begabt iſt. Er war nach Rom beſtimmt, um in der Schule der Propaganda ſeine Ausbildung als Miſſionär zu erhalten; er ſehnte ſich mit der allerinnigſten Begeiſterung nach dieſer Beſtimmung, aber die Regierung verweigerte ihm die Erlaubniß zur Reiſe nach der Weltſtadt. Wenn Verfolgung und Druck ſo fortdauert, ſo dürfte es mit den katholiſchen Miſſionen in Transkaukaſien bald gehen wie der evangeliſchen Baſeler Miſſion welche, nachdem ſie auf mancherlei Weiſe geplagt worden, von Sr. Excel. dem Generalgouverneur Baron von Roſen endlich den förmlichen Befehl erhielt Georgien und die ruſſiſchen Provinzen zu räumen. Die guten Väter zeigten mir das Kloſter in all ſeinen Einzelheiten, und ließen mich auch dem etwas lärmenden Schulunterricht beiwohnen. Es ſaßen dreißig bis vierzig Knaben auf den Schulbänken, die laut ſchreiend laſen, zuweilen ſangen. Das Italieniſche laſen die kleinen Armenier, und Imerethiner ziemlich fertig, die Landesſprache, das Georgiſche laſen und ſchrieben ſie; kleine Geldgeſchenke der Väter ſpornten den Fleiß der Knaben. Eine ſchöne geräumige Kirche iſt neben dem Kloſtergebäude im Bau begriffen, der Koſtenbetrag iſt auf 70,000 Rubel angeſchlagen, und wird von der Caſſe der römiſchen Propaganda beſtritten. Ein großes ſchönes Altarbild iſt für das neue Gotteshaus aus Rom bereits eingetroffen, und wurde mir von Don Antonio mit Stolz gezeigt. Unter den beim Bau beſchäftigten Arbeitern befinden ſich auch ſehr viele Mohamedaner, welche ſich nicht die geringſten Scrupel machen zu dem Entſtehen eines chriſtlichen Tempels mitzuwirken, während von einer andern, nicht mohamedaniſchen Seite dem Bau viele Hinderniſſe entgegengeſetzt wurden. Bei ſo mancherlei Geplauder rückte allmälig die Stunde des Weiterziehens heran. Packpferde waren gemiethet, auch Pater Benedetto hatte ſeinen Reiſebündel geſchnürt. Noch einmal fanden wir uns bei den guten Vätern in der gaſtlichen Halle ein, und ließen zum Abſchiedstrunk die Gläſer voll Purpurweines erklingen: auf beſſere Zeiten! Japan. Crétineau⸗Toly's Werk über die Jeſuiten entnehmen wir folgende rührende Erzählung:„Ein Statthalter von Japan, der ſeinem Herrn gefallen wollte, ließ einen Kerker errichten, der allen Winden ausgeſetzt war; er beſtand aus Käfigen, in denen man ſich weder aufrecht halten, noch niederſetzen konnte, und die weder vor der Sonnenhitze noch vor dem Winterfroſt bewahrten. Dort wurde ein Jeſuit, Pater Spinola und vierzehn Ordensbrüder eingeſperrt, welche beſchuldigt waren, im Lande Keuſchheit, Mildthätigkeit und Gleichheit der Menſchen vor Gott gepredigt zu haben. Indem man ſie der Nacktheit, dem Elende, dem Hunger preisgab, wollte man den Eifer verlöſchen, der ſich ſonſt an ihren Scheiterhaufen würde entzündet haben, Doch was geſchah? Die Zahl der Gefangenen wuchs; japaneſiſche Chriſten gaben ſich ſelbſt vor Gericht an, um in jene Kerker zu gelangen, und wenn ſie dort waren, ſuchten ſie die Ehre nach, in die Geſellſchaft Jeſu aufgenommen zu werden. Spinola nahm ſie an; der Kerker ward ein Novizenhaus. Als der Gouverneur dieß gewahrte, glaubte er ſelbſt , daß es beſſer ſey, die Jeſuiten zu verbrennen. Nach drei in den Käfigen von Ormura zugebrachten Jahren wurde Spinola, ſeine Gefährten und Neophyten, ſieben an der Zahl, zum Scheiterhaufen geführt. Einunddreißig eingeborene Chriſten wurden an demſelben Tage an derſelben Stelle enthauptet. Als beide Häuflein auf dem Richtplatze angelangt waren, ſtimmte Pater Spinola das Laudate pueri Dominum an. Die Prieſter und Chriſten, die der Tod erwartete, alle ihre gegenwärtigen Freunde, Verwandte und Mitchriſten ließen die Lüfte von Lobgeſang wiederhallen. Hierauf ſprach Spinola. Vom Scheiterhaufen aus ſagte er in kurzen Worten, welcher Ehrgeiz ihn erfüllt habe und freute ſich, endlich die Güter zu beſitzen, die er geſucht habe. Während er ſprach, bemerkte er Iſabella Fernandez, die Gattin des Portugieſen, in deſſen Hauſe er ergriffen worden war. Eine ſanfte Erinnerung erfüllt ſein Herz, und er fragt die Mutter, wo ihr kleiner Ignatius ſey. Es war dieß Iſabellens Sohn, den der Jeſuit vor vier Jahren, am Tage vor ſeiner Feſtſetzung getauft hatte. Iſabella hebt das Kind in die Höhe, welches, wie alle Chriſten, ſeine ſchönſten Kleider trug, und ſagte: Hier iſt er, Vater, er freut ſich, mit uns zu ſterben! Dann wandte ſie ſich an den Kleinen:„Sieh dort den, der dich zum Kinde des guten Gottes gemacht hat, und dir ein tauſendmal köſtlicheres Leben gab, als dasjenige, das wir verlaſſen. Mein Sohn, bitte um ſeinen Segen für dich und deine Mutter.“ Ignatius ſinkt auf die Knie, und aus den Flammen hervor ſegnet der durch zwanzigjährige Leiden heimgeſuchte Bekenner den kindlichen Martyrer. Verantwortlicher Redacteur : L. Schönchen. Verlags⸗Inhaber : F. C. Kremer. Augsburger Postzeitung. Erſte Jahreshälfte. № 2. 12. Januar 1845. Die Chriſtnacht in der Kirche der Vorſtadt Au bei München. Um eilf Uhr, da ſich's eben auf den Straßen zum Beſuch der Metten zu regen begann, ſchallten Glockentöne über die Iſar her in mein Ohr. Solch einem Ton, ſilberhell, lieblich und feierlich zumal, wie man ihn ſelten anderswo hört, mochte ich nicht gern Widerſtand leiſten, und ich machte mich auf, ihm erwartungsvoll entgegen zu gehen. Als ich dann draußen ſtand im Freien, fingen auch alle übrigen Glocken der Stadt zu läuten an, und es war in der ruhigen Nacht ein Concert, ſo heimlich und ſchmeichelnd, daß die Sehnſucht nach dem, der in dieſer Stunde vom Himmel auf die Welt kommen ſollte, nur noch lebhafter ward, und es ſchien als ſtreckten die Kirchen in ihren Thürmen die Arme nach ihm aus, und als riefen ſie ihm von der Höhe je näher um ſo lauter entgegen. Ich ging über jene Brücken, auf denen in derſelben Nacht vor mehr als hundert Jahren die Schaaren des Gebirges zum Entſatze Münchens heranrückten. Sie wollten die Familie des Churfürſten, der es zudem gerade nicht auf ihre Liebe angelegt gehabt, in treuer Geſinnung aus Feindes Hand befreien, ſie wollten ein ungerechtes tyranniſches Joch abwerfen, und lieber bayeriſch ſterben als kaiſerlich verderben, aber ſchnöder Verrath zerſchnitt den wohlangelegten Plan, und die Chriſtnacht ward den heldenmüthigen Streitern bei Sendling zur Nacht des ewigen Friedens. Gutes Volk, das die Söhne jener Getreuen bilden, möge dich nie ein ähnliches Loos treffen! — Bald ſtand ich in der Nähe des ſchönen gothiſchen Baues, den eben der Mond beglänzte. Iſt er ſchon im Tageslicht ſo anziehend, durch ſein Ebenmaaß und ſeine wohlgewählte Stellung inmitten eines großen Platzes, durch die ſinnreichen Verzierungen ſeiner Portale, durch die vollaufgeblühten Roſen ſeiner Fronte, durch die vielen wohlgeformten Giebelthürmchen und durch den hohen Weiſer, der kühn, als wollte er uns den allenthalben nöthigen Muth zuſprechen, in die reineren Lüfte rankt und in eine große ſeelenerweiternde Ferne ſchaut, ſo ſcheint dieß Bild im Mondlicht faſt verklärt, mehr aber noch, weil die Lichter, die in der Kirche ſchimmerten, die herrlichen Glasgemälde erhellten, ſo daß man dieſe auch von außen in milder Beleuchtung erſchaute, und das Auge ſich bewundernd auf ihre Farbenpracht heftete. Solche Wirkung iſt bei den Glasgemälden des Mittelalters allerdings nicht zu erwarten, da ſie nur aus kleineren Partien beſtehen, aber freilich in dieſen einen ſolchen Reichthum myſtiſcher Poeſie entwickeln, daß unſre Zeit dieſelbe eben erſt zu ahnen vermag. Der Kirche ſelbſt möchte man noch eine Erweiterung ins Kreuz wünſchen, doch treten wir ins Innere, ſo findet man ſich wahrhaft überraſcht, und vergißt dieſen Wunſch gern. Welch freier bewundernswürdiger Schwung der hohen Säulenbündel, die zu oberſt ihre Zweige in einander verflechten! Jetzt, da die Kirche von wohl mehr als 300 Lichtern erhellt war, konnte man ſich zurückdenken in die Wälder hochſtämmiger Fichten und dichtlaubiger Eichen, als dort beim Schein der Fackeln noch die heiligen Geheimniſſe gefeiert wurden. Und dann die einfachen, ſinnigen Altäre, auf deren mittelſtem bald das Hochamt gefeiert werden ſollte, während der hl. Fronleichnam, die Stärke der Kranken und Schwachen, auf dem einen, und das anmuthige, heilige Gedankenweckende Bild von Mariahilf, auch ein Meiſterwerk der Kunſt, auf dem andern Seitenaltare ruht. Unter den trefflichen Glasgemälden aber, die rechts und links in fortlaufender Reihe das Leben der helfenden Gottesmutter von ihrer Geburt bis zur Himmelfahrt darſtellen, und unter denen beſonders das Bild der hl. drei Könige die Leute recht ſehr anſpricht, unter dieſen meiſterhaften Gebilden eines Ainmüller und anderer befinden ſich die Stationen des hl. Kreuzwegs aus Holz und ganz im Style der Kirche von Schönlaub recht brav geſchnitzt, ſo daß in der ganzen Kirche eines zum andern vollkommen paßt, vielleicht mit einziger Ausnahme der Kanzel, die etwas zu bund gefärbt ſcheint. So hat die Gemeinde der Güte ihres erhabenen Fürſten einen der ſchönſten Tempel zu danken, der jeden falls unter den neueren fertigen Gebäuden das zweckmäßigſte, anſprechendſte und verhältnißmäßig, wie es vom verſtorbenen Ohlmüller zu erwarten war, am billigſten gebaute zu nennen iſt; ſie weiß es aber auch zu ſchätzen, und die Liebe zu König Ludwig iſt tief in ihre Herzen eingeſchrieben. Vielleicht erfreut ſich auch ihre Nachbargemeinde, die für ihre gegenwärtige Kirche um ein Gutes zu groß geworden iſt, in nicht ferner Zeit einer neuen Kirche; eine Kirche, wie in Berg am Laim, auf der Iſarhöhe, ſie müßte einen erhabenen Anblick gewähren! Aber ich vergeſſe über den Gebäuden faſt den Gottesdienſt, obwohl dieſelben auch in plaſtiſcher Weiſe ein ſolcher ſeyn können. Das Volk war in Andacht und feierlicher Stimmung zahlreich zur Kirche gekommen. Die Weihnachts mette begann;„Venite exultemus Domino, Kommt, laßt uns frohlocken dem Herrn“ rief es vom Chore dem Volke zu, das ſich verſammelt hatte, um wie die Hirten in heiliger Nacht den menſchgewordenen Gott bei ſeiner Geburt anzubeten. Hymnen und Pſalmen feierten ſeine Ankunft, und die neun tiefſinnigen Lectionen verkündeten ihr hohes Geheimniß, das Te Deum laudamus aber brachte am Schluß der Mette Preis und Dank und neute Bitten dem Erbarmer Aller dar. Dann folgte die erſte Meſſe des hohen Feſtes. Gloria in excelsis deo et in terra pax hominibus ſcholl es, nachdem das Kyrie um Erlöſung gefleht, lauter denn ſonſt im Jahre in die Herzen. Ja Ruhm dem Gott, Frieden aber dem Menſchen; dem Ruhme des Höchſten diene der Geiſt des Menſchen, dann erlangt er ſeligen Frieden; fröhnt aber Kunſt und Wiſſenſchaft der irdiſchen Eitelkeit und ſchlägt ihre Begeiſterung etwa in Leidenſchaft über, dann wehe der Menſchheit, Hader und Elend wird ihr Loos ſeyn. Doch „et incarnatus est,“ er der allein die Menſchheit retten konnte, iſt Fleiſch geworden: Der ſelig legt der Welten Gründe, ​​Hat ſich mit Knechtsgeſtalt betraut; Daß er im Fleiſch das Fleiſch entſünde, Und nicht vernicht', was Er gebaut. Chor.⸗ und Meßbuch S. 185. Der Tonſetzer hatte das et incarnafus zum Gipfel und Centrum des eben aufgeführten Amtes gemacht, die Erlöſung iſt aber auch die Seele der Weltgeschichte und jedes wahrhaft gedeihlichen Strebens, in der katholiſchen Kirche lebt ihre Wirkung durch alle Zeiten fort und bietet ſich im täglichen Opfer der hl. Meſſe jedem Gläubigen zur Theilnahme dar. Früh Morgens im Advent, wenn es noch dunkelt, kommen dort und da, die Berge herab und die Thäler entlang, einzelne Lichtlein traulich heran zur Engelmeſſe, in der Pfarrkirche aber finden ſie ſich zuſammen und ein ungewohnter Glanz ſtrahlt nun aus dieſer hervor. So iſt's auch in der katholiſchen Kirche, manches Lichtlein wandelt dahin, noch ſeines Zieles ungewiß; verirrt es ſich in eine Schlucht, und kommt ihm kein ferner Ruf entgegen, dann iſt's um daſſelbe geſchehen; hat es aber ſein Ziel gefunden, hat es die hehre Kraft des unblutigen Opfers kennen gelernt, dann ſchwindet alle Furcht und es wird heller Tag, der nur von den Wolken der Leidenſchaft getrübt werden kann. Die Hirten bei der Krippe wußten die Wohlthat der Erlöfung und des rechten Glaubens wohl beſſer zu ſchätzen als die Hochgebildeten ſpäterer Zeit, die ſich das aber gar nicht zur Ehre rechnen dürfen; auch unſere Kinder weilen gern bei der Krippe, während die Erwachſenen im Gewühl der Leidenſchaften den Frieden des Himmels nur zu oft verlieren. Die Hirten ſpielten darum auch ihr einfaches, und als ſolches vielleicht eben kunſtreichſtes Lied vor der Krippe, in der das Chriſtkind lag, denn nicht das Geſuchte und Sinnebeſtechende iſt das Schönſte und Höchſte was die Kunſt leiſten kann, vielmehr geht in dieſem oft ihr beſſeres Weſen unter. Das Paſtorale, welches ſtatt des Offertorium nach dem Credo geſungen wurde, war allerdings jenes ſo oft und meiſtens ohne alles Gefühl oder mit ganz verfehltem Affect in unſern Kirchen geſungene von Neuner, der, ſo viel ich weiß, auch aus der Au gebürtig war; hier aber war ich einmal an den rechten Ort gekommen, denn erſt durch die Weiſe, in welcher der Chor der Mariahilfkirche ſelbes ausführte, lernte ich von ſeiner hinreißenden Schönheit mich überzeugen. Ueberhaupt wurde die Muſik des Hochamtes mit ſo viel Ausdruck und mit ſolcher Gemeſſenheit ausgeführt, wie man's ſelten von berühmteren Chören zu hören bekömmt. Der neue Chorregent verwendet aber auch Kenntniß und Fleiß für ſeinen Beruf, und verbindet damit eine ſo tüchtige Geſinnung, daß ma von ihm noch viel Gutes für die Kirchenmuſik erwarten mag. Es ſcheint dieß wohl wichtig genug , daß man im Zuſammenhalt mit dem allzu ſchwer zu verwirklichenden Gedanken eines muſikaliſchen Conſervatoriums ihm ſowohl, wie der Münchner ſtädtiſchen Singſchule eine öffentliche Unterſtützung zur Bildung junger Singkräfte wünſchen muß. Doch es iſt nur noch wenig von unſerer Chriſtnacht zu ſagen: Wandlung, Communion und Segen wurden ebenfalls mit Andacht und Würde gefeiert; das Volk aber ging freudig und getroſt nach Haus, und die irdiſchen Lichter erbleichten, das ewige Licht aber wolle immer mehr und mehr die Finſterniſſe erhellen. — Briefliche Mittheilung aus England. (Hiſtoriſch⸗politiſche Blätter.) Seit meiner Heimkehr nach England hat mir der Rückblick auf meine Reise ​durch das katholiſche Belgien und auf meinen dreimontlichen Aufenthalt in dem ſchönen und frommen Bayern ſehr viel Freude bereitet, und ich kann nicht anders als gar oft mir den Gegenſatz vor Augen ſtellen, welcher zwiſchen jenen Länddern und meinem eignen noch unkatholiſchen und unglücklichen Vaterlande beſteht. Und doch, obſchon Bayern in ſeiner Kathoſicität einen auffallenden Gegenſatz zu England bildet, ſo bietet doch Deutſchland im Allgemeinen, in ſeinen gegenwärtigen kirchlichen Zuſtänden eine erfreuliche und zu manchen ſchönen Hoffnungen berechtigende Aehnlichkeit mit England dar. Es hat gleichſam das Beiſpiel für England gegeben und ſo wie dort die Bekehrung vieler Proteſtanten zur katholiſchen Kirche einen ſehr bedeutenden Einfluß auf den denkenden Theil der Deutſchen Nation gehabt hat, ſo auch hier. In dem Charakter der Deutſchen iſt ſo Manches, was mit dem der Engländer übereinſtimmt, ein gewiſſer Ernſt und eine Ruhe der Ueberlegung, welche mit Nachdenken die Gründe des Handelns prüft. Die Gleichheit der Abſtammung darf wohl als die Urſache dieſer Uebereinſtimmung angeſehen werden. Aber auch der Zuſtand der beiden Länder bei der gegenwärtigen zur katholiſchen Kirche hinneigenden und fortſchreitenden Bewegung gleicht ſich ſehr auffallend und es macht mir daher Vergnügen, einige Augenblicke bei dieſem intereſſanten Gegenſtande zu verweilen und Ihnen Auskunft über einige Details zu geben, welche mir von den Biſchöfen und dem Klerus in verſchiedenen Gegenden Englands, die ich ſeit meiner Rückkehr beſucht, mitgetheilt worden ſind. Vieles von demjenigen, was ich Ihnen erzählen kann, werden Sie freilich hin und wieder ſchon in den katholiſchen Zeitſchriften Englands geleſen haben, aber dort ſind dieſe Dinge eben ganz vereinzelt und nicht auf eine überſichtliche Weiſe zuſammengeſtellt. Auch würden Sie, indem Sie bloß die Erzählung einzelner Fälle von Bekehrungen leſen, nicht im Stande ſeyn, über den Geiſt zu urtheilen, welcher in dieſem Lande weht. Dieſer Geiſt, obwohl wir weit von einer allgemein übereinſtimmenden Katholicität entfernt ſind, iſt doch für uns Katholiken, wenn wir auch nur auf die Zeit der letzten ſechs Jahre zurückblicken, ganz außerordentlich auffallend. Nur derjenige kann dieß ſehen und fühlen, der mehrere Jahre in England gelebt und jetzt die große Veränderung in dem Ausdrucke der Geſinnung, die ſich überall im Verhältniſſe zu den Katholiken äußert, wahrnimmt; welcher ſieht, wie die proteſtantiſchen Kirchen katholiſche Ceremonien theils offenbar annehmen, theils heimlich einführen, welcher Zeuge davon iſt, wie ſich Gemeinden bei ihren Biſchöfen beklagen, daß ihre Geiſtlichen papiſtiſche gefährliche Gebräuche einführen und wie die Biſchöfe deſſenungeachtet nicht wagen, dieſe zu verwerfen. Solche und unzählige andere Dinge ſind die Zeichen der Zeit und obgleich es noch lange dauern mag bis England ganz katholiſch wird, ſo hat dieſes Land doch nicht lange gebraucht, um einen ganz veränderten Anblick in vielen ſeiner Kirchen darzubieten, einen ganz andern Geiſt in ſeinen öffentlichen Einrichtungen kund zu geben und ſogar Ton und Sitte in ſeinen geſellſchaftlichen Verhältniſſen zu ändern. Dieſe katholiſche Richtung iſt in der That in einem ſo reißenden Fortſchritte begriffen, daß Sie neben manchen andern Beiſpielen proteſtantiſcher Befürchtungen und Vorkehrungen ſogar das in den öffentlichen Blättern angetroffen haben werden, daß der Erzbiſchof von Dublin und der Biſchof von Kildare ſich wegen der in Oxford herrſchenden Irrthümer an das Tribunal der Collegienvorſtände gewendet hat, und daß jetzt eine Commiſſion niedergeſegt worden iſt, welche die Maaßregeln berathen ſoll, um jene Fortſchritte zu hemmen. Quare fremuerunt gentes etc. Möge dieſes das begnadigte Oxford zu dem Lichte der Wahrheit und zu der erſehnten Entſcheidung bringen, welche ſo ſchön in den Worten des nämlichen Pſalms ausgedrückt wird: Dirumpamus vincula eorum. Meine Abſicht geht nun dahin, Ihnen in dieſen Zeilen nur einige Einzelnheiten von demjenigen mitzutheilen, was die Proteſtanten in ihren Kirchen und Collegien und was die Katholiken in den letzten ſechs Jahren gethan haben; Einzelnheiten, die Ihnen zwar ſchon bekannt ſeyn werden, welche ich aber ganz kurz unter einem Geſichtspunct zuſammenſtellen will. Zunächſt ein Verzeichniß der Bekehrungen beſonders ausgezeichneter Männer während jener Zeit: Revd. Bernard Smitt, ehemaliger Fellow des Magdalen College. Johnſon Grand Esgr. im St. John's College. J. H. King im Exeter College. G. Tickell, ehemaliger Fellow von Univerſity College. Edw. Douglas Esqr. Bart. in Chriſt Church. Scott. Murray Esqr. Bart. Chriſt Church M. P. für Buckinghamsſhire. Revd. G. Talbot M. A. in St. Mary's Hall. Revd. Daniel Partons M. A. im Driel College. Revd. J. Seager M. A. im Woreceſter College. R Leigh Esqr., ehem. Fellow Braſenoſe College. Peter Renouf Esqgr. im Pembroke College. W. Lockhart im Exeter College. Revd. W. G. Penny, von Chriſt Church. Die Bekehrung von minder bedeutenden Leuten dauert, wie ich auf meine Nachfrage von vielen Geiſtlichen gehört habe, ununterbrochen fort. Ja zu London ſagte man mir, daß die Proteſtanten in großer Zahl die katholiſchen Kirchen beſfuchen, daß das Suchen nach Wahrheit unter ihnen allgemein iſt, und daß ſehr Viele von der hochkirchlichen Partei, die nicht Puſeyiten ſind, zugeben: man habe unrecht daran gethan, ſich von Rom loszuſagen, und daß ſie ſich in einem Zuſtande von Zweifel und Ungewißheit befänden. Die Verwirrung (denn ſo allein kann man es nennen) des Armen Sibthorp hat der katholiſchen Sache keinen Eintrag gethan. Er bewarb ſich um Wiederaufnahme als Prediger in die anglicaniſche Kirche, wurde aber abgewieſen; er ſtehe, erzählte mir ein katholiſcher Geiſtlicher in dem Midland Diſtrikt, in einem religiöſen Briefwechſel mit proteſtantiſchen Geiſtlichen. Dagegen verſicherte mich ein ehemaliger Studiengenoſſe, daß der katholiſche Prieſter zu Oxford, ſein Oheim, gegen ihn mit der vollſten Hoffnung und Zuverſicht in Betreff der Bekehrung einer großen Zahl der jetzt noch ſchwankenden Geiſtlichen der Univerſität ſich geäußert habe. Dieſe wenigen Details werden für Sie und Ihre Leſer von einigem Intereſſe ſeyn, und während Sie mit Vergnügen von der wirklichen Bekehrung ſo vieler Menſchen in allen Theilen von England und von der wohlbegründeten Hoffnung vieler nahe bevorſtehenden Converſionen hören, ſo wie von der Annäherung zum Katholicismus in den zu London und anderwärts von den Puſeyiten erbauten Kirchen, welches alles noch beſſere Dinge erwarken läßt, ſo wird es Sie gewiß nicht minder erfreuen, zu erfahren, was die Katholiken während deſſen glücklich ausgeführt haben, ja ſogar haben ausführen müſſen, um nur einigermaaßen den Bedürfniſſen der großen Menge ihrer neuen Brüder und Genoſſen des wahren Glaubens zu entſprechen. Während des kurzen Zeitraums der letzten ſechs Jahre hat man in England vierundfünfzig neue, und unter dieſen einige ſehr große Kirchen, ſo wie ſieben neut Klöſter erbaut; neunzehn neue Genoſſenſchaften von Nonnen und neun von Mönchen ſind gegründet, und nahe an zwei Millionen katholiſcher Controversſchriften und Andachtsbücher gedruckt worden. In manchen Städten Englands, die eine Bevölkerung von mehreren Tauſend Einwohnern haben, gibtes freilich auch jetzt noch wegen Mangels an Mitteln kein Gebäude für den katholiſchen Gottesdienſt. Gerade an ſolchen Orten oft bezeugt die alte, ehrwürdige Kathedrale oder Pfarrkirche, welche von ihren jetzigen Inhabern nur ſchwach beſucht, oder faſt ganz verlaſſen iſt, mit ihrem verwitterten Portale, daß ſie lange bevor beſtand, ehe Jene gegen das heilige, anbetungswürdige Opfer, gegen die Sacramente und Gebräuche der katholiſchen Kirche und gegen die apoſtoliſchen Inſtitutionen proteſtirten; und doch war die Kirche allein für dieſe Beſtimmung erbaut. Aber je mehr der katholiſche Glaube ſich ausbreitet, dürfen wir uns der Hoffnung hingeben, daß die Wohlthätigkeit, dieſer ihn ſtets begleitende Genius, in den bekehrten Herzen der eifrigen Gläubigen eine Wohnung finden, und daß deren vermehrte Liebe dem vermehrten Bedürfniſſe begegnen wird. Können wir dann auch nicht unſer Eigenthum zurückerhalten, welchem freilich allein unſere Religion die wahre Bedeutung und den eigentlichen Werth beilegen kann, ſo wollen wir doch demüthig verſuchen, unſere ehrwürdigen Kathedralen nachzuahmen, wenn nicht in der Größe ihrer Dimenſionen, ſo doch der Heiligkeit unſerer Religion würdig und entſprechend. Das St. Galliſche Bisthum. (Schw. Kirchenzeitung.) Nicht um die Jeſuiten, ſondern um die katholiſche Kirche iſt es im gegenwärtigen Kampf zu thun. Wer ſolches nicht glauben will, der blicke nur um ſich, und wohin er ſich richtet, wird er ſich überzeugen können, daß die Bekämpfung der katholiſchen Kirche überall der Zweck der Radicalen und der großen Mehrzahl der Proteſtanten iſt. St. Gallen liefert den neueſten Beweis. Ueber die Nothwendigkeit einer definitiven Regulirung der kirchlichen Organiſation kann kein Zweifel ſeyn. Mehr als zehn Jahre wurden die dießfallſigen Unterhandlungen hinausgeſchleppt, bis endlich nach​​ langem Suchen und Markten eine magere Beſtellung zu Stande gebracht wurde. Das Kloſter St. Gallen war unter der Bedingung aufgehoben worden, daß ein Bisthum an deſſen Stelle trete und eine Million Gulden aus ſeiner Hinterlaſſenſchaft für das Bisthum verwendet werde; nun hat man aber herabgemarktet, bis nur 24,000 fl. aus dem Kloſter ⸗ oder allgemeinen Fonds für das Bisthum verwendet werden ſollen. Sind die Gegner dadurch beſchwichtiget, die Waffe ihnen entwunden, der Stachel abgebrochen worden? Im Gegentheil möchte man glauben, ſie wären erſt gereizt worden. Dieſelben Leute, welche den Aufſtand in Luzern mit Freuden begrüßten und höchlichſt beloben, hetzen dort adus Lei besträften, kämpfen gegen das Bisthum durch alle Inſtanzen; und wenn es in St. Gallen nicht zum Aufſtand gekommen, ſo liegt der Grund vielleicht einzig darin, weil die Radicalen bereits im Beſitz der Regierungsgewalt ſind. Zuerſt wurde das Volk gehetzt, die Geiſtlichkeit verleumdet, als gelüſte ſie nur nach Geld und Armengut, nach Ehre und Wohlleben; Petitionen wurden zuſammengeweibelt und der Volkswille gegen das Bisthum vorgeſchützt. Jetzt haben 10,748 Petenten, alſo ſchon die größere Mehrheit der Katholiken für das Bisthum petitionirt; nun ſchimpfen die Radicalen über das Petitioniren, dichten allen 10,748 Petenten die ſchlechteſten Zwecke an (die Radicalen haben nur heilige Zwecke!) und verleumden ſie auf jede Art. In den Behörden werden alle Künſte und Kniffe in Anwendung gebracht. Im katholiſchen Großrathcollegium begannen die Radicalen den leidenſchaftlichen Kampf, aber ohne Erfolg. Darauf ſollte der Kl. Rath ſein Gutachten über die Sanctionsertheilung abgeben: er hielt damit ſo lange zurück, daß der Große Rath nicht in die Frage eintreten konnte. Nun hat der Kleine Rath in ſeiner Mehrheit beſchloſſen, auf Sanctionsverweigerung beim Großen Rathe anzutragen. Dieß kann verfaſſungsgemäß nur geſchehen, wenn für den Staat eine Gefährde aus dem Bisthum erwachſen ſollte. Welche Gefährde dem Staat von einem Biſchof erwachſen ſoll, begreift ſich nicht leicht. Daß das katholiſche Volk und die Geiſtlichkeit das Bisthum verlangt, iſt den Radicalen geradezu ein Antrieb zur Verweigerung. Wahrlich, jeder Tag lehrt uns, daß der Radicalismus auf die katholiſche Kirche als ſolche kämpft, ein Bollwerk nach dem andern niederreißen und zerſtören will. Wie nothwendig iſt es daher, daß die Katholiken zuſammenhalten, daß ſie ſich nicht durch abweichende Anſichten über untergeordnete Dinge ſich ſpalten laſſen. Deutſchland. Trier, den 26. December. Gemäß Verordnung unſeres hochwürdigſten Biſchofs und demnächſtigen Erlaſſes des Generalvicariats vom 8. Nov. I. J. ſoll künftighin zum bleibenden Andenken an die Ausſtellung des heiligen Rockes die glänzende Kundgebung des katholiſchen Glaubens und der wahren Frömmigkeit, die dabei zum Vorſchein getreten, ein beſonderes Feſt zum heiligen Rocke in Verbindung mit den anderen vorzüglicheren Leidenswerkzeugen des Herrn, der Nägel und Lanze, wie dieß ehedem der Fall war, wieder eingeführt und auf den Mittwoch nach dem dritten Sonntag nach Oſtern verlegt werden. In dem größeren Rituale vom Jahre 1766 ſteht auch noch auf feria VI. post Dominicam in albis festum S. Tunicae, clavorum et lancae, duplex 2. class. angemerkt. Weil nun aber jener Mittwoch einmal als Bettag gefeiert werden ſollte und doch wieder bisher kein Gegenſtand des Feſtes vorhanden war, ſo daß die Geiſtlichen nicht wußten, worüber ſie an dieſem Tage predigen und was für einen Abſchnitt aus dem Evangelium ſie dem Volke vorleſen ſollten: ſo hat man ſehr paſſend und zweckmäßig jenes Feſt zum heiligen Rocke auf dieſen Tag verlegt. Er ſoll zwar einigermaaßen immer noch als Rogationstag erſcheinen und nicht ſo ſehr in äußerlicher Pracht gefeiert werden; doch aber wird allen Pfarrern dringend zur Pflicht gemacht, mit dem Hochamte eine dem Gegenſtande des Feſtes durchaus angemeſſene Predigt zu verbinden. Zu dem Ende ſoll dieß Feſt ſowohl auf Epiphania des nächſten Jahres als den Sonntag vor jenem Mittwoch dem Volke gehörig bekannt gemacht werden. Dieß iſt die beſte Antwort, die unſer Hochwürdigſter Herr Biſchof auf alle jene Schmähungen gibt, wie ſie ſeit einiger Zeit von allen Seiten her und aus ſo vielen Blättern wider ihn ausgeſpieen werden. Gewiß wird das gläubige Volk unſerer Diöceſe dieſes Feſt mit großer Freude begrüßen und auch den Pfarrern wird die Einrichtung deſſelben ſehr angenehm ſeyn. Nun wird das Froſtige, was dieſer Tag bisher im kirchlichen Leben hatte, verſchwinden; er wird ſich den übrigen Feſten würdig anreihen und eine bleibende Erinnerung an jene glorreiche Pilgerfahrt und alle damit verbundenen Segnungen ſeyn. Nun wird das Andenken an jenes koſtbare Kleinod ſo leicht ſsich nicht verlieren; vielmehr wird es fortleben im katholiſchen Geſchlechte als ein ſtetes Mahnzeichen, die Einhelt des Glaubens unzertrennlich zu bewahren, als ein Denkmal von der Macht dieſes Glaubens und als ein Triumphzeichen ſeiner Siegeskraft über alle feindlichen Mächte. So wenig laſſen wir uns durch die gemeinen und niederträchtigen Schmähungen, mögen ſie woher immer kommen, irre machen oder einſchüchtern, daß wir dieſes verhöhnte Gewand ſogar zum Gegenſtande eines kirchlichen Feſtes erheben. Was kümmern uns Jene, die ſich in frevelndem Leichtſinne vom Kleide Chriſti abgelöſ't haben? Wir aber wollen die Fäden unſeres Glaubens in unzertheilter Einheit bewahren; und daß dieſes geſchehe, davon ſoll uns des Herrn Tunica eine fürdauernde Bürgſchaft ſeyn. (Katholik.) Türkei. Konſtantinopel. Das franzöſiſche Gouvernement hat in Konſtantinopel ein Collegium gegründet, das unter der Leitung von Geiſtlichen aus dem Orden des hl. Vincenz von Paula ſteht. Dieſe Anſtalt, die bis jetzt die einzige derartige im Lande iſt, hat ſchon Erſtaunliches geleiſtet. Die Anzahl der Zöglinge nimmt mit jedem Tage zu, und es iſt einleuchtend, daß das Gebäude, ſo ausgedehnt es auch iſt, mit nächſtem erweitert werden muß, weshalb auch M. Bourquenay bereits die nöthigen Schritte bei der Pforte gethan hat. Außerdem befindet ſich auch in Sidon ein franzöſiſches Collegium, zu deſſen Unterhaltung Louis Philipp aus ſeiner Privatcaſſe alljährlich gegen 10.000 fl. beiſteuert. Türken, und ſelbſt Mollah's vertrauen ihre Kinder dieſen Schulen an, * Das Gebet des hl. Ignatius: „Anima Christi.“ Die Seele Chriſti ſey mein Heil; Durch Chriſti Leib werd' mir zu Theil Daß dieß mein Herz geſunde. Mich tränke Jeſu heil'ges Blut, Mich waſche rein und mache gut Der Quell aus Jeſu Munde. Du guter Jeſus höre mich, Heft' unzertrennbar mich an Dich, Vor Satans Pfeilen ſchirme mich, Im Todesſtreit berufe mich, In deine Nähe hole mich, Daß ich voll Jubel ewiglich Mit deinen Engeln lobe Dich. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. ^«s- - Beiü, ^ der P », Augsburger Erjte Jahreshälfte. XI? V. Postzeitnng. 1». Januar t84S. Der Sarkophag der heil, drei Könige, und der Triumplchajicn des apostol. predijitnmtes neben dem Triumuhlwgen der Schlacht lwn FNarengo zu Mailand. (Aus dein Tagebuch des P. Hcinr. Gvßlcr, über Jerusalem und die Heiligthümcr des Orients und Occidcnts i. I. ) Mailand, den l. Nov. 1844. Der Triumphbogen der Ticincsischen Pforte zu Mailand, nach Pavia und Genua führend, welchen der Kaiser Napoleon nach der Scblacht von Marcngo errichten licsx, und welcher seit 1815 die Inschrift trägt: Dem Frieden der Böller (»IIu ?aev dvi z,opoli) befindet sich am Platz St. EustorgiuS, gegenüber dem Triumphbogen des apostol. PrcdigtamteS und der Ehrensäule eines der berühmtesten Helden des Ordens der Prediger, des heil. Petrus von Verona, dessen Fest die allgemeine Kirche am 29. April feiert. Die Bildsäule des Predigers steht auf der Mitte des Platzes, und der apostolische Triumphbogen in Verbindung mit einer erhabenen in Stein gehauenen Kanzel, neben dem Eingange zu der Kirche von St. EnstorgiuS, welche zu den ersten Basiliken Mailands gehört, und im 4tcn Jahrhundert von dem heil. EustorgiuS, mailä-idischem Erzbischof, erbauet, im IZtcn Jahrhundert vergrößert und mit dem Kloster des PrcdigerordcnS verbunden worden ist. Dieselbe Kirche ist es, wo die Häupter der heil, drei Könige vor ihrer Uebcrtragung nach Köln ruhten, und der Sarkophag dieser drei Glauben-Helden, welche die aus dem Hcidcnthum bekehrte Kirche als ihre Stammväter und Proto-Konvertiten verehrt, wird noch gegenwärtig in dieser Kirche vorgezeigt mit einigen Reliquien derselben heil, drei Könige. In dieser ehrwürdigen Basilika befindet sich der Leib des heiligen Erzbischofö EustorgiuS unter dem Hochaltäre; der Leib des heil. Petrus von Verona aber in einer vorzüglich ausgestatteten Capelle nach der Evangelien-Seite; Epistclseitc: die Capelle mit dem Altare und Sarkophage der heil, drei Könige. Außerdem bewahrt diese Kirche die heiligen Leiber von drei Erzbischöfcn von Mailand, Eugenius, MagnuS und Cuö- ralruS, zweier Märtyrer, Victor und Corona, und verschiedene andere bedeutende Schätze aus dem Leben und Wirken der Heiligen der Kirche. Heute, am Allerheiligen Feste, hatten wir Veranlassung, m dieser Kirche an dem Altare der heil, drei Kö- res-Patronen nige, die heiligsten Mysterien zu feiern für die Bekehrung vcr christlichen Völker zur Einheit des Glaubens; nachd m wir gestern am Grabe und Altare des heil. AmbrosiuS angefangen hatten, und da für die besondere Bcrehrnng des heil. Carl BorromLuS in wenigen Tagen der Namenstag des großen Erzbischofö und CardinalS bevorsteht. — Der heil. Petrus von Verona, Prediger und Märtyrer des Doininicancrordcno, war zu Verona iu der Sccte der Manichäcr geboren, aber schon in früher Jugend zu der wahren Kirche zurückgekehrt, und zu Bologna, nach den UnivcrsitätSstudicn, in den Orden der Prediger-Bn'ivcr getreten. Er predigte zn Mailand in dieser Kirche seines Ordens, auch vor derselben auf eben der gekrönten Kanzel des Platzes St. EnstorgiuS, deren Inschrift gegenüber dem Triumphbogen der Schlacht von Marcngo, meldet, welchen Sieg das Schwert des Geistes durch daS Predigtamt des Evangeliums über die Irrlehre hier durch den Mund deö apostol. Predigers erfochten hat. Ein manichäischcr Bischof stand vor der Kanzel, und siehe, auf daS Gebet deö Predigers der reinen Lehre, trat plötzlich eine Wolke zwischen Kanzel und Sonne, andeutend, daß die Irrlehre die trübe Wolke ist, welche zwischen der Sonne der Wahrheit, Gerechtigkeit und GlaubcnScinhcit — und der Predigt deö reinen Glaubens sich mischet, und die GlaubcnScinhcit hindert. — Von Como nach Mailand zurückkehrend, wurde der treue GlanbcnSprc- diger von dcn Anhängern der Irrlehre ermordet im Jahre des Heiles 1252, den 29. April. — Während man ihm wiederholt mit einem Schwert das Haupt verwundete, sterbend, betete er das apostolische Glaubensbekenntnis;, welches cr als Jüngling mit GlaubcnSmuth bekannt hatte. Es schien uns der Sieg des apostol. PredigtamtcS für den Frieden der Einigkeit bei dem Anblick dicscö HciligthumS, heute am Feste aller Helden der Kirche der Heiligen, unvergleichlich erhabener als der bereits erloschene des Eroberers von Marcngo wider den Frieden der Völker, und wir seicrten das SicgcSfest der streitenden Kirche mit einem zwar weniger eroberungssüchtigen Geiste, aber sicher fruchtbarerem Erfolge au dieser heiligen Stätte. Am ersten Tage dicscö Jahres zu Rom die Kirche St. Maria dc Campitelli betretend, empfingen wir daselbst, nach dortigem alljährlichem Gebrauch, eine einfache Karte mit der Inschrift dcS Namens eines der heil. Jähes war der Name des heil. Petrus, Prcdigcror- ;ur Äicg Knabc nicht in seinem Hause sey, und mich bat, ihm denselben, falls er noch in meinem Hause sey, zuzuschicken, zugleich abcrauch den etwaigen Unwillen des Volkes zu verhüten. Ich konnte nicht gleich antworte», da ich zum Hochamte mußte; eS war Palmsonntag. Nach dem Hochamte kam R. selbst zu mir. Ich führte den Knaben, der wirklich noch in meinem Hause war, zu ihm; da dieser aber ganz blaß aussah und vor Schrecken zitterte, so getraute sich R. nicht, mit demselben über die Straße zu gehen, und bat mich, den Knaben bis auf weitere Nachricht bei mir zu behalte», was ich denn auch mit Freuden that. Am folgenden Tage Morgens 9 Uhr kam der genannte N. nebst einem Bruder desselben wieder zu mir, und verlangte den Knaben zu sprechen. Ich holte ihn gleich herbei, und bemerkte jenen, sie möchten nur Alles ciusbictcn, ihn zum Mitgehen zu bewege»; ich wollte ihnen nach Kräften behilflich seyn; nur verbat ich mir alle Gewalt und alle Schmähung gegen die christliche Religion. Wir redeten dem Knaben gemeinschaftlich zu; aber er erwiderte: „Ich will gcrue mitgehen, sobald ich nur vom Herrn Pastor getauft bin." Und so blieb dcr Knabe. Mittlerweile hatte ich auch von dem Pfarrer zu Gcsckc die herrlichste» Zeugnisse über den Knaben erhalten; auch hatte ich eS nicht unterlassen, ihn selbst zu prüfe» und vabci seine Kenntnisse vortrefflich gefunden. Zugleich hatte ich ihn auf die Beweggründe und die wichtigen Folgen seines Schrittes aufmerksam gemacht; er aber antwortete standhaft, lieber auf Alles, was die Welt ihm bieten könne, zu verzichten, als sein Vorhaben, Christ zu werden, fahre» zu lassen. Ebenso sprach cr zu seinem Onkel, dem genannten Kaufmann R. Nm 11. April Morgens 7 Uhr kam auch die Mutter des Knaben, in Begleitung des Bruders desselben. Sie machte ihm in meiner Gegenwart Borwürfe über sein Benehme» und forderte ihn auf, sogleich mit ihr zu gehen. Der Knabe antwortete: Ja Mutter, ich will mitgehen, aber zuerst muß ich getauft werden. Da stürzte die Mutter wilv auf den Knaben los, und schlug ihn so heftig in'S Gesicht, daß ihm das Wasser aus den Augen quoll und er in die Ecke des Zimmers flog. Unwillig über eine solche Behandlung bemerkte ich dcr Mutter, ich würde es ferner nicht zulassen, dcn Knaben i» meinem Hause so zu mißhcmdlen. Sie hörte aber aus meine Worte nicht mehr, sondern öffnete die Thüre, stieß dcn Knaben mit Gewalt hinaus, machte Fratzcngcsichter gegen ihn und sticß dabei alle Flüche des alten Testaments gegen ihn aus, und bemerkte ihm, sie wolle ihn gar nicht wieder haben, wenn er jetzt auch mitgehen wolle. Der Knabe blieb bei allem ruhig und gelassen, und sagte dcr Mutter beim Weggehen: „Ich will für dich und dcn Vatcr beten, daß ihr auch katholisch werdet." So blieb denn dcr Knabe bei mir bis zum 12. April. Da kam Nachmittags, in Begleitung des hiesigen Bürgermeisters G. und des pensiomrtc» Bürgermeisters K. von Soest und des älteren Bruders des Knaben, dcr Vater desselben und wünschte mit aller Artigkeit und Höflichkeit, den Knaben zu sehen und ihn allein zu sprechen. Gleich holte ich dcn Knaben und führte ihn zu seinem Vater in ein besonderes Zimmer. Nach wenigen Minuten kamen beide wieder auf das Zimmer, wo ich mich mit dcn übrigen Herren unterhielt. Dcr Vater zog ihn freundlich an sich, und sagte: „Nicht wahr, Abraham, du gehst doch mit mir." Der Knabc antwortete: Ja, gewiß! — trat aber i» demselben Augenblicke vor mich und sagte: „Bon Ihnen, Herr Pastor, muß ich aber zuvor getaust werden!" Nachdem der Vatcr und die übrigens Herren dem Knaben alle mögliche Vorstellungen gemacht hatten,! letzterer aber auf seinem Entschlüsse, nicht eher aus meinem Hauses zu gehen, als bis er getauft sey, beharrete, da verwandelte sich die Freundlichkeit des Vaters in Heftigkeit und Bitterkeit; er drohet- dem Knaben, wenn er Christ würde, so solle er die Schweine hüten; dcr Knabe gab zur Antwort: ich will mit Frcuden die Schweine hüten, wenn ich nur Christ werde. Ich hatte dem Vater bereits früher bemerkt, daß ich nicht leiden würde, dem Kinde Gewalt anznthucn; widrigenfalls würde auch ich von meiner Amtsgewalt Gebrauch machen, und dem Knaben, der nach den zuverlässigsten Zeugnissen das gcschliche vierzehnte Jahr zu- rückg'leqt habe, und nach meiner eigenen Prüfung hinlänglich im Christenthumc unterrichtet scy, und sich zugleich jederzeit, laut allen Zeugnissen, musterhaft aufgeführt habe, die heilige Taufe, die er so dringend wünsche, sofort ertheilen. Und so entfernten sich die Herren und ließen den Knaben zurück. Am 13. April (am grünen Donnerstage) Nachmittags erschien der hiesige Vürgcrmciftcr bei mir und überreichte mir eine Beschwerde, die dcr Vatcr des Kindes bei der landräthlichen Behörde zu Soest wegen gewaltsamer Vorcnthaltung seines Kindes gegen mich eingelegt hatte. Zugleich war unser Bürgermeister beschuldigt, daß er ven polizeilichen Schutz verweigert habe. Ich verfehlte nicht, der landräthlichen Behörde alsbald meine Vertheidigung zuzustellen. In Betreff des verweigerten polizeilichen Schutzes bemerkte der Bürgermeister in seinem Berichte an die landrälhlichc Behörde unter andcrm Folgendes: „Nach genauer Erwägung des Sachverhältnisscs kann eS hier meines ErachtcnS aus einen polizeilichen Schntz gar nicht ankommen. Dcr Herr Pastor A. verweigert dem Löwcnbach das Kind durchaus nicht; cr führte es ja gestern in dessen Arme zurück. Dcr Knabe weigerte sich aber, uugctauft mitzugehen. Sobald dcr Vatcr also zugibt, daß sein Sohn getauft wird, geht letzterer mit ihm. Dem Verlangen des Sohnes steht gesetzlich nichts im Wege, und hört bei dcr Frage, zu welcher Religion ein fünfzehnjähriges Kind sich bekennen will, die väterliche Gewalt auf. Löwcubach will durch sein jetziges Verfahren lediglich die Taufe seines Sohnes verhindern; cr hat dieß durch seine Worte nicht bewerkstelligen können; nunmehr ruft er die Polizei zu Hilfe, also zur Verhinderung einer gesetzlich erlaubten Handlung. Hiczu ist aber die Polizei nicht ermächtigt, da vorliegend weder ein Verbrechen begangen, noch irgend Jemand an Leben, Ehre und Gütern gekränkt werden soll. Ich werde mich also zu gewaltsamen Maaßregeln gegen dcn Herrn Pfarrer unter meiner Leitung nicht verstehen können, da ich indessen Benehmen durchaus nichts Ungesetzliches erblicke, und zudem befürchte, daß bei wirklicher Anwendung von Gewalt eine Aufregung hier entstehen könnte, deren Folgen ich nicht verantworten will." Die landräthliche Behörde zu Soest hielt sich wahrscheinlich, nachdem sie den Sachverhalt vernommen, für incompctent hier einzuschreiten, weil sie weiter keine Maaßregeln gegen mich ergriff. Jedoch kam dcr Gendarm, welcher mit obiger Beschwerde nach Wcrl geschickt war, zweimal in mein Haus, um mir dcn Knaben zu entführen. Weil ich nun, falls die landräthliche Behörde, wie - ich dieß noch immer befürchtete, mir den Knaben wegnehmen wollte, mir die unruhistcn Auftritte Seitens dcr hiesigen Stadtbewohner, die wegen der Verfolgung des Knaben schon in der größten Aufregung waren, befürchtete, so ließ ich denselben heimlich zu dcr Frau v. L. in'S Haus bringen, holte ihn aber in Begleitung deö hiesigen PolizcidicnerS zurück, und ließ ihn in meinem Hause bcwachcn. Es war der heilige Abend deö Grünen- Donnerstags. Um nun allem Unheile, was hier aus längerer Verzögerung dcr Taufhandlung hätte entspringen können, um auch dcr Unruhe dcns und Märtyrers, dessen Leib zu Mailand ruhet. Wir erstaunten, daß seines Geistes Wehen uns nach Verona führte, wo die seltene Freude uns wurde, die Frucht des Prcdigtamtes in eigenthümlicher Wirksamkeit des heil. Geistes wahrzunehmen. Heute, nach der Feier der heil. Mysterien, reichte man uns die priesterliche Stola mit dem Erbieten, das Haupt desselben heil. Petrus, welches über dem Altare seiner Capclle zu St. EustorgiuS thronet, zu eröffnen. Wir waren erstaunt, nach sechs Jahrhunderten dieses heilige Haupt so unvcrwcset zu finden, daß nicht allein die Doppelte Reihe der Zähne, die Haare des Bartes, sondern auch das aus der Wunde hervorquillendc Blut in einer Aussckwcllung sichtbar ist, welche uns zweifelhaft ließ, ob wir ein fließendes, oder ein kaum getrocknetes Blut schauten. Ohne unseren Augen allein vertrauen zu wollen, bezeugen wir die Wahrnehmung mit jener Gewissenhaftigkeit, mit welcher wir unsere Aussage vor den großen Richtcrstuhl der Ewigkeit zu tragen hoffen. — Wir verließen die Hciligthiimer von St. EustorgiuS mit neuer Stärkung in Glaube, Hoffnung und Liebe, und begaben uns zu der heiligen Einsamkeit von St. Barnabas in die Zelle neben den geweihten Zimmern, wo der große BorromäuS sich alljährlich zurückzuziehen pflegte, wo sein Kleid und Gürtel des dritten Ordens des seraphischen Fran- ciscuö, welchem er angehörte, noch aufbewahrt wird, und wo der erlauchte Franz von Sales die Herberge, zu Borrvmäus Ehren, nahm, wo beide, zu verschiedenen Zeiten, knieten und beteten, und versenkten uns in den Glanz der Erinnerungen, welchen diese großen, vclllenchtenden Sterne der wahren Kirche der Heiligen hier zurückgelassen haben. Nachtrag. Den 2. November. Die Inschriften auf dem St. EustorgiuSplatz zu Mailand haben wir heute getreu in unser Tagebuch eingetragen. 1) Inschrift über dem Hauptportal der Basilika der heiligen drei Könige: Oev Optimo Äluximo 1'emplum 8ancti LustorZii, '1'itulo Lasilieuo Lanetorum Re- gum, ol> usservuts Diva oorum Lorpora iusixniUim, >,Iuri- morum Sailctonim I^isanis venörubile, Simeti ?etri HIar- t^ris, Orclinis l^raoilieatorum, eonvionilius, mirucitlis, se- pulero olsiissimum. 2) Inschrift an der rechten Vorderseite des Dreiecks der Trinmphkanzcl des heil. Petrus von Verona: In Iiuc ^roa 8anetus I>Ltru5 >lsrlvr. Orclinis ?ruicstoruin Alunieliaoos eorgm populo tlisiiutantss eloquentia et procligiis saopigsimo conlutilvit. An der linken Vorderseite des Dreiecks: Hkio, pertingei85imo Iiuerotieorum ^ntistite provocante Sanctu8 Petrus Nartvr, Orclims praoclieatorum, mibeeulum rvpente »eeivit, coneionem inter ao Solom stare ^jussit. 3) Inschrift über dem Triumphbogen der Schlacht von Ma- rcngo, jetzt: Triumphbogen des Friedens der Völker: psci populvrum sosriitae. Die Inschrift an dem Sarophag in der Kapelle der heiligen drei Könige in der vorgenannten Basilika lautet: Sepulci-um l'rium lie^um! (Fr. K. K,) D e u t s ck l a n d. Mittheilung über die Bekehrung des Judcnknaben aus Gcsckc. (Katholik.) Die tumultuarischcn Auftritte iu Gcsckc in Folge der obcn- gcuanntcn Bekehrung sind in den Zeitungen nun fast seit Jahresfrist verschollen; das Urtheil aber über die eingezogenen Individuen, welche bei jenen Ercessen bethciligt waren, ist erst vor einigen Wochen zu Arnsberg gefällt worden. Von den zur Untcrsn- chung gezogenen 18 Personen haben 7 bis 8 zwei Jahre Zuchthaus erhalten, 4 aber drei Jahre; du> übrigen sind vorläufig freigesprochen. Dem tuniultuarischen Verfahren mag sein Recht geschehen seyn; in Betreff rer BckehruugSgeschichtc aber möchten folgende Mittheilungen von Interesse seyn. 1. Aus eiucm Schreiben des Pastors A. zu Wert, welcher den Judcnknaben getauft hat, bald nach ertheilter Taufe, 15. April 18ä3. „Vor ungefähr 7 Wochen hörte ich, ein israelitischer Knabe aus Gesekc sey hier cmackommcn, der Christ werden w^llc, nnd den man von Gcsckc bicher geschickt habe, um sein Vorhaben zu vereiteln. Ich kümmerte mich weiter um dieses Gerücht nicht, bis ich in voriger Woche ein kleines Bricfchcn erhielt, das mit dem Namen Abraham Löwenbach unterzeichnet war, worin mich dieser auf die rührendste Weise bat, ihm doch die heilige Taufe zu ertheilen. Aus einem Briefe des Vicar B. zu Gcsckc, dcr mir einige Tage früher übcrbracht war, sah ich, daß dcr Knabe von diesem Geistlichen bereits in dcr christlichen Religion unterrichtet war, und fand mich deshalb veranlaßt, an den Vicar B. zu schreiben, um mich nach dem Alter des Knaben, nach dessen Kenntnissen, Aufführung, Familienvcrhältnisscn nnd sonstigen Umständen zu erkundigen. Unterm 9. April erhielt ich über dieses Alles die vollkommenste Auskunft, und wnrde zugleich aufs dringendste gebeten, mich des braven, hartverfolgten Knaben doch liebevoll anzunehmen. Am 8. April kam der ^inabc aus eigenem Antriebe zu mir, und bat mich inständig, ihm doch die heilige Tause zu ertheilen. Nachdem ich ihm angemessene Ermahungcn gegeben und ihm gesagt hatte, daß ich seinetwegen an Vicar V. geschrieben, entließ ich ihn mit dem Versprechen, ihm das Nähere mitzuthei^ len, sobald ich Antwort von Gcsckc erhalten. Als ich am folgenden Tage Morgens aus dem Beichtstühle kam, rief inir dcr hiesige Vicar aus dcm Fcnstcr cntgcgcn: „Der Judcnknabe ist auf ihrem Zimmer; die Jurcn haben ihn verfolgt bis zum Thore Ihres Hauses." Ich traf den Knaben auf meinem Zimmer, auf welches er vor den Juden geflohen war, und ehe ich ^ noch ein Wort mit ihm geredet hatte, erschien schon dcr Sohn !dcS Kaufmanns R. dahicr, bci dcm dcr Knabe vom Vater untergebracht war, um ihn zurückzuholen. Dcr Knabe weigerte sich aber hartnäckig mitzugehen, indem er sagte, man beabsichtige, ihn wieder nach Geseke zurückzuführen, und dahin werde er nicht eher gehen, bis er getauft sey. Mich aber bat dcr Knabe dringend, ihn doch vor den Nachstellungen der Juden zu schützen und ihn zu taufen. Kaum war der junge N. weggegangen, so erschien auch der Vater desselben mit seiner christlichen Magd, und es gelang diesem unter meiner Mitwirkung, den Knaben zu bewegen, mit der Magd in sein Haus zurückkehren zu wollen; er ging auch mit der Magd von meinem Zimmer. Eine halbe Stunde später erhielt ich aber von R. einen Brief, worin er mir anzeigte, daß dcr und Angst, dic ich 6 Tage und Nächte des Knaben wegen ausgestanden, endlich ein Ende zu machen, und um vor Allem das heilige Verlangen des Knaben nach der Taufe zu befriedigen, wozu mich ja der Herr hieniedcn berufen, so entschloß ich mich, nachdem ich jedoch zuvor noch, um ja nicht gegen dic Gesetze zu verfehlen, den Nath deö Herrn Cvnsistorialrathö K. zu ArnSbcrg durch einen Boten eingeholt hatte, wodurch mir dic feste Ueberzeugung geworden, dasz hier allen gesetzlichen Vorschriften Genüge geleistet sey, den Knaben am 15. — am Charsamstag — zu taufen. Mit diesem Entschlüsse machte ich den Knaben am Charfreitag Morgens bekannt, nachdem er mir zuvor noch weiter von seinen Kenntnissen und seiner Sündhaftigkeit die rührendsten Beweise gegeben. Er jnb-ltc vor Frcndc, als er hörte, daß ihm das so lang ersehnte Gluck nach so vielen Leiden und Kämpfen endlich zn Theil werden sollte. Er bereitete sich den übrigen Tag hindurch in der erbaulichsten Weise zum Empfange der heiligen Taufe vor, und empfing dann am Charsamstag, den 15. April, nach der kirchlichen Segnung der Taufe, das Bad der Wiedergeburt. Taufzcu- gcn waren der Jnstizamtmann B. und dic Frau v. L. dahier; er erhielt die Namen Vcrnard Franz Matthias. Seit Mcnschcnge-- dcnkcn hat wohl kein kirchlicher Act hier in Werl bei der zahllos versammelten Volksmenge aus allen Standen eine so tiefe Rührung hervorgebracht, als die Taufe dieses standhaften Knaben. Kein Auge war thränenleer; er allein blieb heiter und antwortete muthig und unverzagt auf alle an ihn von mir gerichteten Fragen. Der junge Christ, von seinen reichen Eltern und Verwandten verstoßen, lebt munter und heiter bei mir im Hanse, und ich werde Alles, was in meinen Kräften steht, aufbieten, um den aufgeweckten talentvollen Knaben an der Hand der Religion Jesu Christi zu einem rechtschaffenen Bürger der Welt »nd des Himmels heranzubilden. " Der edle Herr Pfarrcr hat Wort gchaltcn; er hat unermüdlich für den Knaben gesorgt, und Alles aufgeboten, um ihm dereinst eine ehrende Stellung im Leben zu bereiten. Es gelang ihm, denselben auf das Gymnasium zu Paderborn zu bringen; aber die Eltern ruhten nicht, den Knaben zu beunruhigen und zu verfolge». Sie wußten seiner habhaft zu werden und schafften ihn heimlich nach Hamburg. Dic über solche Verfolgungen auSgebrochenen Un- ruhcu iu Gcsekc sind bekannt. Folgendes entnehmen wir aus einem Briefe, den der Knabe an seinen Wohlthäter, den Pfarrer A. in Werl, schrieb; er ist vom 11. Mai 1844. 2. Theuerster Wohlthäter! „Seit meiner Abreise von Werl hatte ich wieder traurige Tage! Sobald ich in Paderborn anlangte, vernahm ich auch schon, daß cS ganz gewiß sey, daß ich wieder zu meinen Eltern znrück müsse. Den Verlauf der Sache wird Ihnen Herr Caplan L. mitgetheilt haben. Der Herr Caplan begleitete mich nach Gcsekc. Sobald er nur weg war, wurde ich wieder mit Schimpfen und Vorwürfen überhäufe. Ich schwieg immer still, und antwortete nur dann, wenn cS meine Pflicht erheischte; war übrigens artig und gehorsam, so wie cS sich sür ein Kind geziemt. Gleich den andern Tag sagte ich meinem Vater, ich müßte zum Herrn Pastor S., indem ich noch einige Grüße an ihn zu bestellen hätte. Mein Vater aber sagte, ich solle zu Hanse bleiben, da ich noch genug znm Pfarrcr gehen könne. Ich gab nach, sagte aber, daß ich am andern Tage doch jedenfalls hingehen müßte. Am andern Tage bat ick meinen Vater wieder um Erlaubniß (denn er sollte sehen, daß ich ihm noch ganz gehorsam sey); er sagte, ich könne gehen, sobald er von einem kleinen Ausgang, den er noch zu machen/ zurückkäme. Ich freute mich schon darauf; allein, da er wieder kam, sagte er mir, ich solle mich reisefertig machen, um nach Münster zu reisen, und auf dem dortige» (katholischen) Gymnasium mein Studium fortzusetzen. Aber das war nicht seine Absicht; sondern ich wurde in einem Wagen von meinem Bruder in das protestantische Hamburg gebracht und bei einem Rabbiner cinquartirt. Hier wohne ich nun, und gehe auf das hiesige protestantische Gymnasium, und zwar ebenfalls in dic Tertia. Der Rabbiner, bei dem ich wohne, will mich mit Gewalt wieder zum Juden machen, obgleich ich ihm meine feste Ueberzeugung versichere, daß die römisch-katholische Religion und keine andere dic wahre ist; er scheint aber nicht rnhcn zu wollen. Ferner ist hier nur eine katholische Kirche; ich kenne den Pastor nicht, ich wollte gerne communiciren, darf aber nicht, ich ginge gerne, wenigstens Sonntags in die Kirche, ich darf ebenfalls nicht. Die Gebetbücher, dic ich mit anf dic Reise genommen hatte, hat mir mein Bruder weggeworfen und nnch noch dabei verhöhnt. Geld kann ich aber nicht anders erhalten, als wenn ich dem Rabbiner den Zweck sage, wozu ich es gebrauchen will. — Wenn Sie daher so gut wären und schrieben an den hiesigen Hanptpastor Sch. oder an Pastor W. über meine Lage, und legten dann auch ein Bricfchcn für mich bei. Sie haben schon so oft für mich gesorgt; o thuen Sie es anch jetzt noch und schreiben Sie an einen der obigen Herren, und schildern Sie ihm meine Verhältnisse. Ich bitte Sie darum!! :c. :c. Der edle, unermüdliche Pfarrer hatte bereits, ehe dieser Brief anlangte, sich für den Knaben bci der Königlichen Regierung verwandt. Unter dem 23. April d. I. hatte dieselbe bci dem Obcr- landesgcrichtc die Bestellung eines christlichen CuratorS für den minderjährigen Bcrnard Löwcnbach in der dringlichsten Art beantragt, der dann auch baldigst beschafft und mit der obervormund- schaftlichen Antorisation versehen wurde. Auf dessen Anklage wurde dem Vater des Knaben dic väterliche Gewalt genommen, und der Knabe von Hamburg zurückgeholt und dem ferneren Studium an einem katholischen Gymnasium gewidmet. England. Feierliche Einweihung eines Klosters. Am 20. August wurde die Abtei und Kirche des St. Bernhardsberg in der Grafschaft Leiccster feierlich eingeweiht. Dieß war zum erstenmale seit der Neformationszeit, daß eine solche Ceremonie, wie die Einweihung eines katholischen Klosters, gefeiert wurde, weßhalb auch eine große Zahl Priester und Laien derselben beiwohnten. Der 1)r. Walsh, Bischof von Campisolis, vollzog dic Weihe. Die Hauptmesse wurde vom Hr. Wyscmcm, Bischof von Mesopotamien, unter Mitwirkung des Dr. Morris, Bischofs von Troja, gehalten. Alle drei sind apostolische Vicarc. Das jetzt wieder ausgebaute Kloster datirt seine» Ursprung vom Jahre 12g(1. Die Mönche, die es auf's Neue in Besitz nahmen, gehören dem Ci- sterzienscr Orden an, der von Robert, Abt von Melesme gestiftet wurde, der den Orden des heiligen Bencdictus bildete. Die armen Mönche hatten lange Zeit in elenden Hütten gelebt, in den Wäldern von Carnwood. Verlags - Inhaber : F. C. Krem er. ? 1b ^»S» ' Der/,, Augsburgs v Erjie Jahreshälfte. der Ppstz-Ltung. ÄK. Januar Wie Friedrich Hurter katholisch wurde ^) Dcr Verfasser der Geschichte JnnocenzenS des Dritten und sei»er Zeitgenossen wurde unter den Forschungen, welche er zu diesem Behufe anstellte, aufmerksam auf den Bau dcr katholischen Kirche-, er schaute mit Wohlgefallen in die kraftige Leitung derselben Durch eine lange Reihe würdiger Oberhäupter, in deren Wachsamkeit über Einheit und Reinheit dcr Lehre. Diesem gegenüber stellte sich die Unselbständigkeit der protestantischen Kirchen ihre Abhängigkeit von den Staats - Gewalten, ihre innere Zerrissenheit und jener Individualismus, welcher die Lehre den Grübeleien dcr Kritiker, den Philosvphcmcn dcr Dogmatiker und der Subjectivität der Prediger preis gibt. In dieser Eigenschaft aber, und nachmals als kirchlicher Oberer eines protestantischen Ländchcns, betrachtete er sich gleich der Schildwache eines halb aufgegebenen Postens verpflichtet, diesen zu vertheidigen mit aller Entschlossenheit, ihn zu behaupten, so lange wenigstens als möglich; das heißt, an den Fundamcntallehren des geoffenbarten Christenthums, nämlich an denjenigen von dcr Trinität, dcr Erbsünde, der Gottheit Christi, dcr Erlösung, dem gläubigen Wandel, mit eiserner Festigkeit zu halten, sie alle zumal in Predigt -und Unterricht unablässig zu verkünden, somit entschieden alle Anwandlungen des NationaliSmnS abzuweisen. Hierüber konnte ihm nie ein Borwurf gemacht werden; zu erhalten, was »och vorhanden, das erachtete er stets als geheiligte Aufgabe seines Wirkens. Für sich selbst aber beschäftigte er sich mehr mit dem Aeußern, als mit dem Innern der katholischen Kirche, mehr mit deren Geschichte und Verfassung, als mit deren Dogma. Eines nur, hervorgehend aus seinen dogmatischen Ueberzeugungen, fiel ihm schwer, daß diejenige Fraction des Protestantismus, der er angehörte, die heilige Jungfrau gänzlich beseitigt hatte, sie vollkommen ignvrirtc, oder höchstens als eine gewöhnliche, obwohl fromme, Mutter sic behandelte. Frühzeitig, ohne Bücher zu lesen, ohne mit irgend Jemand darüber in Erörterung einzutreten, ohne alle specielle Kenntniß dcr katholischen Lehre in Betreff derselben, fühlte cr sich von unricnnbarcr Ehrsucht gegen sie crsüllt, ) Von ihm selbst erzählt. Aus dcr sc eben erschienenen „überüchlli- chrn Darstellung cer wichtigsten B lvhrungcn zur ka>h»l scheu Kirche" (Schaffhausen, H>,tter'icke Buchbandlungl !!, 3Ki» ss. ahnctc cr in ihr Fürbittcri», wcndctc cr sich in dem Hcilig- thum des Herzens an sie. Auf protestantischer Kanzel mit aller Entschiedenheit zu verwerfen, was die Stifter des Protestantismus vom Christenthum noch beibehalten haben, ist erlaubt, findet nicht selten Beifall; beibehalten oder herstellen zu wollen, was sic verworfen haben, fände lauten Widerspruch, entschicdcncn Tadel. Dr. Hurter bemühte sich, wenigstens auf die Jungfrau Maria (so wird sie doch in dem protestantischen Glaubensbekenntnis; genannt) aufmerksam zu machen, ihre höhere Beveutung in Erinnerung zu bringen. Ueber das an solchem Ort Zulässige ging er nicht hinaus. Wer dem Andern, glaubte cr, die volle Schuld redlich und gewissenhaft abträgt, sey nicht verpflichtet, über die Baarschaft, die er in der Tasche zurückbchält, ihm Rechenschaft abzulegen. Im Jahre 1840 wurde an ihn die sonderbare Frage gestellt: ob er Protestant von Herzen sey? Die Frage wurde nicht auf Ausstellungen an seinem bisherigen öffentlichen Wirken, auf Beweise, die man diesem hätte entnehmen können, begründet, sondern an jenes Gcschichtswerk und an eine Reise nach Wien geknüpft, darüberhin in das k'vrum mtvrnum gcschobcn. Dic äußere Veranlassung dazu hatte man in einem Besuche in dem Kloster St. Katharinenthal und in dcr Anwesenheit in dcr dortigen Kirche gefunden. Wenn man bei Momenten des Lebens, an welche sowohl für das äußere als für das innere Daseyn eine Reihe der merkwürdigsten Folgen sich anknüpfen, von Zufall reden kann, so war die Wahl des Tages, dcr mit dem Feste des heiligen Josephs zusammentraf, das Zufälligste von dcr Wclt. Ein Bauer machte sich den Spaß daraus, au dic Anwesenheit des 1^5. Hurter in der Kirche die grundlosesten Sagen über dessen Benehmen zu knüpfen: einigen Geistlichen waren dieselbe» willkommen als Brücke zu Vollführung dessen, wonach sic im Stillen längst schon sich gesehnt hatten. Dic nächste Folge war also jene Frage. Dr. Hurter wies dieselbe mit gerechtem Unwillen zurück, weil in ihr nicht daö positive, sondern das negative Element das Ucbcrgcwicht hatte. Wäre cr gefragt worden: ob cr Katholik sey? cr hätte mit eiucm entschiedenen Nein antworten können und müsscn. Darüber ciitstaud heftiger Hader, worin allerlei merkwürdige Elemente zusammen sich verbanden, sicher auch politischer Haß seine Beisteuer gab. Er aber sprach am Ende ein entschiedenes Wort. Jetzt stellen ihm diese Bcgcgnissc unter ganz anderem Lichte sich dar, als damals; jetzt wurde er denjenigen, über welche er in der Hitze des Kampfes unbarmherzig herfuhr, vielmehr danken, daß sie denselben erhoben; denn die „Betrübniß" hat sich in „Freude" verwandelt-, uud jetzt, da „die fricdcbringcnde Frucht der Gerechtigkeit" gereift ist, erkennt er in jenen Borgängen „die Unterweisung zu dem, was nützlich, um seine Heiligung zu erlangen." Ucbcrzcugt, daß Gott von Kindesbeinen au, wenn gleich auf weitem Umwege, ihn dahin habe führen wollen, wo er jetzt steht, muß er jenen Hader als den Wcndepunct betrachten, von dem aus sein Weg endlich vic entschiedene Züchtung gewann. Denn damals schon, als n.ich dem ersten Sturm zu reifer Ucbcrlcgung Rübe gewonnen worden, nnd im Verlauf der nachfolgenden Zeit immer mehr, bot der Umstand, daß jener Kirchcnbcsuch, welcher allem Nachhcrigen den ersten wahrnehmbaren Anstoß gab, mit dem Geburtstage zusammcnsallc, Stoff zu vielfachem Nachdenken. Hierin blieb die Erinnerung immer haften; und wenn für alles Andere in den Verhältnissen, in den gegenüberstehenden Individualitäten, in den eigenen Bestrebungen die zureichenden Gründe gesunden wurden, so blieb in diesem Zusammentreffen Etwas, worüber sich weder hinwcgschrciten ließ, noch was durch irgendwelche Combination erklärt werden konnte; man mochte es das erste, aber un- vertilgbarc, Glimmen nennen, welches im Verfolge zum hellen Lichte erstarkte. Dr. Hurter erkrankte mit seinem ganzen Hanse; zwei innigst geliebte Töchter nahm Gott zu sich; in mehr als einem schweizerischen Kloster wurden Gebete um deren. Genesung, gleichwie um die scinige, veranstaltet; diejenigen, mit denen er über drei- ßig Jahre in der engsten Verbindung gestanden, deren allseitige Interessen er mit der freudigsten Hingebung stets verfochten, erwiesen sich allermindestens als höchst thcilncihmlos; Viele derer, welche man gegen ihn aufzuregen gewußt hatte, erlaubten sich die gehässigsten Reden; der Pietismus jubilirte, als er mit drcischnei- digem Dolche noch in dem Herzen des Vaters wühlen konnte. Sollen die Bäume nach der Rinde und nicht vielmehr nach der Frucht gewürdigt werden? Soll die entgegenkommende Liebe ihr Anrecht auf des Menschen Herz an die kalte Gleichgültigkeit — um nicht mehr zu sagen — abtreten? Sollten so entgegengesetzte Erfahrungen den Menschen stumpfsinnig in der Mitte stehen lassen? Haben auch dieselben ihre anziehende Kraft nach der einen Seite nicht alsbald mit vollem Einfluß entwickelt, so führten sie doch Dr. Hurter bald genug zur klaren Einsicht, daß Friede mit Denjenigen, die einmal in solcher Weise ihm sich gegenübergestellt hatten, nicht anders herznstcllen wäre, als wenn er unter das unerträglichste Joch, welches Beengung anflcgen wollte, sich schmiege. War hier eine Wahl möglich ? Er warf Würden, Stellen, Einkünfte von sich und trat in den Privatstand, gegen den Protestantismus, der entweder als Nationalismus alle Dogmen bestreiket, oder als Pietismus mit der Moral es nicht so gcncin nimmt, gleichgültig geworden, ohne darum mit allen Lehren der katholischen Kirche einverstanden zu seyn. Können aber an einem denkenden, arbeitsfreudigcn, mit voller Muße begnadigten Manne vier volle Jahre spurlos vorübergehen, ohne ihn vorwärts oder rückwärts zu treiben? Das wird schwerlich Jemand behaupten wollen. Alles wohl überlegt, hatte die göttliche Leitung vorwärts getrieben, gezogen; sie wollte, sie konnte nicht rasten, das eigene Bestreben mnßte ihr entgegenkommen. Dircct, mit Absicht, entweder auffordernd oder mahnend, haben bicr Menschen nicht gewirkt. Es verbreitete sich über die gcsammtc Lebensbahn seit deren ersten Anfängen immer helleres Licht, und die Frage, woher und wozu dieses Alles? durste nicht länger in den Hintergrund treten. Es wurde, über den Ursprung der Glanbcnstrennung, ihre Beweggründe, die Mittel, sie zn stabiliren, zumal in England, über dcrcnEinflnß auf die politische Gestaltung der Länder mehr als eine Schrift M Hand genommen. Es lagen aus der nächsten Umgebung Beweise genug vor, wie der Radikalismus gegen die katholische Kirche schäumt, indeß er den Protestantismus, als seinen Zwecken unhindcrlich, gewähren läßt, wohl gar in innige Verbrüdcruna mir demselben tritt. Die unbestreitbare Thatsache, daß katholische Nvl^ kcr, die aus die Bahn der Revolution getrieben worden sind, wieder umzukehren vermögen, indeß protestantische immer weiter auf derselben sich verrennen, daß katholische Individuen, die von ihr sich berücken ließen, weit eher wieder zur Genesung gelangen, als protestantische, nnd diese in dem Maaß nur, als sie nicht in Feindschaft gegen die katholische Kirche gehetzt sind, diese Thatsache durste ebenfalls nicht unbeachtet, die Frage: woher dieses? eben- salls nicht nnerörtcrt bleiben. Großer Einfluß gewann der Anblick des Kampfes, welchen die katholische Kirche gegenwärtig beinahe in allen Ländern zu bestehen hat, und die Würdigung der Parteien, der Mittel, die von beiden Seiten angewendet werden. Trotz dessen ließ sich das Wehen eines bessern Geistes, von dem nicht kann gesagt werden, von wannen er kömmt, nicht verkennen; läßt sich nicht übersehen, daß die Kirche anch da, wo man noch so beflissen ist, sie zurückzudrängen, an Terrain gewinne; daß die wider sie geführten Streiche zu S-gnungcn werden, und alle Bemühungen der Gewaltigen, HorazenS Wort von der schlimmern Nachkommenschaft schlimmer Vorsahren hier zur Wahrheit zu machen, wider alles Erwarten fehlschlagen. Anncbcn war leicht zu bemerken, wie Wesen nnd Leben jener Geistlichen, deren Bestreben dahin geht, die Kirche zu verflache», das Gefügc ihres Baues zu lösen, ihre hehre Gestalt ans den winzigen Maaßstab ihrer Aufklärung zu rcducircn, dem Wesen nnd dem Leben derjenigen gegenüber in die Wagschalc gelegt, welche man durch das Wort Ultramontane verschreien zu können wähnt, das Zünglein auf deren Seite treibe. Dieses Alles zusammengenommen bot Stoffes genug, ernstlich über eine Institution nachzudenken, welche aus dem Kampfe wider so viele vereinigte, offene und verkappte, Feinde nur verjüngt und erträstigt hervorgeht. Anncbcn wurde nachgeholt, was srüher versäumt worden! das Stndinm der Dogmen, wobei des scharssinnigen MöhlerS Symbolik wesentliche Dienste leistete. War der Glaube an eine unmittelbare göttliche Einführung des Christenthums von jeher unvcrrückt festgehalten worden, so mußte das Vorgebe»: in seiner Lauterkeit habe es bloß drei Jahrhunderte bestanden und sey erst nach Verlauf vou zwölf andern Jahrhunderten durch einen in Widersprüchen sich verwickelnden Mönch und durch einen in Ehebruch und Vergeudung sich wälzenden König ans dem Wust menschlicher Zuthaten glücklich wieder heransgcgrabcn worden, eine ernste Prüfung sich gefallen lassen. Ein verklärtes Hanpt der Kirche, welches dieselbe durch so lange Zeit aller Verunstaltung preisgeben^, dann zur Herstellung in ursprüngliche Reinheit so sonderbarer Pcrsön> lichkciten sich hätte bedienen können, erschien als ein höchst seltsames Haupt. Dabei konnte die Zerrissenheit der mannigfaltigen protestantischen Sccten, deren Zertrennnng in den wesentlichsten Lehren, deren alleinige Einigung in dem negativen Elemente des Hasses und der Opposition gegen die Kirche, >, endlich die gähnende Kluft zwischen dem ersten ÄuSgangspunct nnd dem jetzigen Standpunct so vieler Lehrer und Glieder des Protestantismus nicht unberücksichtigt bleiben, am wenigsten, wenn die neuesten Erscheinungen auf dem Gebiete der protestantischen sogenannten theologischen Wissenschaft in Anschlag gebracht wurden. Die Gewißheit, bei dem Zusammentreffen mit zehen, aber römisch - katholischen, Lehrern Einklang der Lchre zu finden, neben der anderweitigen Gewißheit, bei dem Zusammentreffen mit ebensoviel protestantischen Geistlichen auf ebensovicle verschiedene Lehrsnstcme zu stoßen, war gleichfalls ein nicht unwichtiges Moment. Denn der Schemen einer unsichtbaren Kirche konnte ebensowenig Zusagen, als die Ueberlieferung der reinen Lehre durch eine endlose Reihe von Ketzereien. Zuletzt setzte das Unternehmen einer deutschen Uebersetznng von Jnnocenzens Auslegung der heil. Messe der angebahnten Ueberzeugung die Krone auf. (Schluß folgt.) Die Extreme. ( ^chw. Kirchen,.) Das katholische Volk des Kanton Luzcrn, dem am 8. Dec. verfl. I. der Vertilgungskrieg bereitet wurde, hat schon vordem , noch mehr aber seit diesem schrecklichen Tage Herz und Hände zum allmächtigen Gott erhoben, um vom Himmel Hilfe zu erlangen; Bitt- und Dankfeste werden gefeiert, ganze Schaarcn ziehen laut betend auf den Heerstraßen, ihr Ziel ist das Grab des seligen Bruder Klaus, um Frieden nnd Abwendung der drohenven Gefahren durch seine Fürsprache zu erbitten. Das Volk der Urkan- tone hat nicht bloß in Ergreifung der Waffen zur Zeit der Noth seine Treue bewiesen, sondern schließt sich dem Volke Luzcrns auch im Gebete au. Schon vor dem Kanton Luzern begann der Kanton Unterwalden das allgemeine öffentliche Gebet. Donnerstags den 9. d. war ein allgemeiner Bittgang des ganzen Landes zum Grab des heiligen Niklaus von der Flue, bei welchem das Volk aus ganz Oberwalden in Masse herbeiströmte, zu beten am Grabe dessen, welchen so viele unwürdige Eidgenossen im Munde führen, mit Gesinnung und Handlung aber stets vcrlciugncn. Gleiches geschieht in den übrigen Urkantonen, gleiches in den Kantonen Freiburg und Wallis. Selbst in der Stadt Solothurn wird seit einiger Zeit in der Kathcdralkirchc alle Abende sür Erhaltung des !Friedens gebetet. Beim Throne des Allerhöchsten finden sich die Herzen der Katholiken zusammen. Es bedarf einer vollendeten Verkehrtheit des Sinnes, um in diesemGcbctc anderes zu sehen, als das aufrichtige Sehnen und Verlangen nach Frieden, Versöhnung und Besserung; es lebt in den Katholiken noch jener Geist, in welchem unsere Vorväter uns so schöne Güter errungen haben. Es ist aber ein großer Theil des schweizerischen Volkes diesem Geiste schon seit langer Zeit entfremdet und entfremdet sich immer mehr. Nicht in Kirchen versammeln sich diese letztem, sondern in Wirthshäusern, nicht um Frieden beten sie, sondern sie wollen alle Furien des Bürgerkrieges heraufbeschwören. Ihr bis zur Besessenheit gesteigerter Haß gegen die wahre Kirche Christi concentrüc sich in maaßlos wüthenden Angriffen auf die Gesellschaft Jesu. Diese Kirche zu vertilgen gilt es einer Partei, und wenn das ganze Land darüber in Flammen aufgehen sollte; der Kampf der Parteien ist bis zu den Extremen vorgedrungen, es ist ein Kampf religiöser und politischer Gegensätze. Während Verhältniß- mäßig nur eine geringe Zahl katholischer Geistlichen, die sich meist schon im Leben ihres Standes unwürdig zeigen, zur Partei der radicalcn Zerstörer stehen und sehr wahrscheinlich noch wenigere zu ihnen stünden, wenn die Zügel des Kirchenregimenics straffer an- gezogen wären, sieht man dagegen eine Menge unevaiiqclisci'er protestantischer Prediger bei radicalcn Versammlungen und in Zeitungen auf die Gesellschaft Jesu und auf die gesammtc katholische Kirche losschlagen. Vom Bodcnscc bis zum Gcnfcrsec ist kaum ein protestantischer Kanton, der nicht einige solche Helvcu aus Straußen Schule auszuweisen hätte. Es kaun nicht in unserer Absicht liegen, die -Albernheit ihrer Jnvcctivcu zu widerlegen, den Unsinn ihres Geredes aufzuzeigen; auch das verlangen wir von den Gegnern der katholischen Kirche nicht, daß sie jene Gesellschaft lieben, welche sich in Vertheidigung der katholischen Lehre ihr erstes Verdienst gesucht hat, haben doch diese Leute überhaupt keine Liebe. Aber sragcn möchten wir: Wo waltet der christliche Geist, dort, wo alles Volk zu Gott um Hilfe betet, oder wo man Gott nnd alles Heilige lästerte Wo droht Gefahr, dort, wo die Frcischaarcn geworben, organisirt, beschützt und bezahlt werden, oder aber wo mau sich ihrer erwehren will? Ehren- werthe Protestanten sprechen mitunter Besorgnisse aus für die Zukunft, wenn der höhere Unterricht au mchrcru schweizerischen Lehranstalten den Jesuiten übertrage» würde; können sie aber im Ernste Besorgnisse haben, wenn die Katholiken im Geiste dcS Glaubens und Gebetes erzogen w.-rdcn? Sollten si? darin mehr Beruhigung finden, wenn der katholische Priester im Geiste des Unglaubens oder NadicaliSmuS erzogen würde, Daß er seine Kirche schmähen uud hassen, damit aber auch den christlichen Glauben verläng- ncn lernte? Gewiß, wer das erstere thut, wird conscaucnt auch zum letztern vorschreiten müssen-, lebendige Beispiele dienen hiefürzum Belege. Die Geister scheiden sich auS; wer zur Erkenntniß kommen will, wo der christliche Geist noch lebe, der verschließe nur seine Augen nicht vor den handgreiflichen Thatsachen. Algier. (Vcn einem französischen Reisenden,) (Kathvlik.) Sie haben ohne Zweifel die höchst interessanten Briefe des Abbe Suchet über Algier gelesen. Es ist dieses ein Gemälde, dem gar nichts fehlt als die Wahrheit. Factisch ist es, und ich wüßte nicht, was aus diesen Punct sich erwidern ließe, daß die bis jetzt unter den Eingeborenen gewirkten Bekehrungen fast gleich Null sind und cö haben, glaube ich, seit der französischen Besitznahme nur vier stattgefunden. Abbe Suchet dagegen hat jenes religiöse Gcsühl, welches in das Her; des Arabers und Mauren so ties cingcgrabcn ist und ihnen gegen den Priester, den Leiter des Gebetes, mag er auch sonst einer Religion angehören, welcher er will, eine tiefe Verehrung einflößt, für eine Hinneigung zum Christenthumc genommen. Wahr ist es allerdings, daß unsere Priester und 5Drdeuslcute durch ihre unbegränztc Liebe und maaßlose Hingebung an das Elend aller Art einen tiefen Eindruck auf die Muselmänner gemacht, allein trotz dessen besteht eine unübcr- steiglichc Schranke zwischen ihnen und uns — unsere Sitten, mehr noch als unser Glaube. Alle Versuche zum Proselytismus prallen ab an ihnen, wenn sie unsere Laster scheu, wenn sie sehen, wie wir den Frauen öffentlich sich zu zeigen und mit Männern zu verkehren erlauben, eben so stößt sie der bei uns übliche Genuß des Weines und gebrannter Getränke, besonders unser lebhafter stürmischer Charakter ab, der gerade das Gegentheil des ernsten, gemessenen Auftretens der orientalischen Völker ist. Bedenken Sie nun noch das verletzte Nationalgcfühl, das unaufhörlich gegen das Joch »ines troÄ>ernden Volk s sich sträubt, und die Hindernisse, welche unsere cigM.c Regierung der Verbreitung des Evangeliums in den Weg legt, so wird cS ihnen klar werden, warum Abbe Suchet nur ein?n Roman schreiben konnte. Sollten Sie eS wohl für möglich halten, mein theurer Freund, daß die Absurdität und der Wahnsinn so weit getrieben worden sind, daß es unsern Priestern sogar untersagt worden ist, arabisch zu lernen, aus Furcht, sie möchten sich dann mit den Eingeborenen in Verkehr setzen? daß gewisse einflußreiche Chefs der Administration, vollkommen gleichgültig gegen den katholischen Cultus, nur Rücksichten für die Muselmänner und Juden haben, welche letztere hier mehr als anderwärts sich als ein gemeines, herabgewürdigtes Geschlecht zeigen? daß diese Leute bei officicllen Festen zwar in der Moschee und Synagoge erscheinen, die Kirche aber mit keinem Fuße betreten? Und doch ist das Alles die reine Wahrheit. Hier baut man eine Moschee für einige muselmännischc Familien, und äOOt) Christen haben keine Kirche; dort wird mit 10l),Wl> für einen Kirchcnbau bestimmten Francs ein Gebäude aufgeführt, das vou der Thüre bis zum Chorgittcr zwölf Meter lang ist, überall sind die für den Cultus bestimmten Fonds unzureichend und das Wenige, was da ist, wird verschleudert. Die französischen Bischöfe unterstützen nicht den Eifer der Missionäre, vielleicht weil es ihnen selbst an Geistlichen fehlt, und wenn ausgezeichnete Persönlichkeiten aus ihren Diöcesen auetrctcn und sich dem Kirchendicnste in Algier widmen wollen, legen sie ihnen Hindernisse in den Weg, so daß der Hochwürdigste Bischof Dupuch allein mit den ihm zu Gebote stehenden Hilfsmitteln die Bedürfnisse einer Diöcese befriedigen muß, die fast so groß ist wie Frankreich, und dafür hat er in seinem großen Seminare im Augenblicke fünf Alumnen! Glücklicherweise unterstützen ihn einige religiöse Genossenschaften und besonders die Jesuiten aus allen Kräften, lieber Allen aber wacht die Vorsehung, die auch ohne uns und, wenn cS nothwendig ist, trotz uns zu ihrem Ziele zu kommen weiß. UebrigenS theilt das jüngere Geschlecht, das im Geiste unserer Gebräuche und Civilisation erzogen wird, nicht mehr den Fanatismus der älteren Generation, der im Hinscheiden begriffen ist. Später wird sich also wohl Etwas machen lassen. Für diese Generation, die Alles vom Standpuncte des Fatalismus aus zu betrachten gewohnt ist, ist Mahomed todt, der Franzose hat ihn ge- tödtet; er hätte sich vertheidigen sollen und wehe nun, da er unt.rlegcn ist, dem Ueberwundenen! Diese jungen Leute trinkest unsern Wein und nehmen allmälig Misere Kleidung an, cS in dieß nach der Ansicht Aller, welche die Verhältnisse kennen, ein bedeutender Fortschritt. Ich muß ferner, um gerecht zu seyn gegen Jedermann, noch bemerken, daß Marschall Bugeaud und der General de Bar dem Klerus einen wirksamen und mächtigen Schutz angedeihcn lassen. Madame Bugeaud und Madame de Bar sind zwei sehr fromme Damen, Madame de Bar namentlich steht au der Spitze aller guten Werke. Auch der königliche Gerichtshof und das Parquet haben sehr verdienstvolle Männer in ihrer Mitte. Man hat zwei Vereine gebildet, die eine sehr reiche Zukunft versprechen: einen halb religiösen und halb literarischen, der unter dem Schutze des heiligen Augnstin steht und schon nahe an fünfzig Mitglieder zählt, und den Verein des heiligen Franz R^gis zur Rehabilitation der Ehen. Letzterer namentlich übt auf die öffentliche Sittlichkeit einen sehr heilsamen Einfluß. So hat mir auch der Hochwllrdigste Bischof Dupuch bei einem Besuche in seinem Palais eine sehr tröstliche Thatsache erzählt, die da Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. beweist, daß der gute Samen nicht überall umsonst ausgestreut wird. Als der Prälat mir den Altar in seiner Capellc zeigte, bemerkte er mir: „der Altar, den Sie hier sehen, ist schon Zeuge von neunhundert Bekehrungen gewesen." Es ist dieses wunderbar und beweist, daß das Auge der göttlichen Vorsehung über diesem Lande wacht. Benutzen Sie nun diese Einzelnhciten, wie es Ihnen gut düukt, obgleich ich der Ansicht bin, daß Umsicht und Schonung hier am rechten Platze sind, weil es Wahrheiten gibt, die einzelne Persönlichkeiten verletzen können, — und gerade dieser Umstand ist Schuld daran, daß die Algicrischc Frage so falsch beurtheilt wird. Die Localblätter dürfen nicht Alles sagen, was sie wissen, weil die Kolonie militärisch regiert wird und der Gouverneur jeden Zeitungsschreiber, der Opposition machen würde, auf seine eigene Verantwortlichkeit nach Frankreich zurückschicken kann. Die französischen Blätter und Reisenden aber sagen nicht die ganze Wahrheit, weil sie diese Enthüllungen für unzeitig halten und der Ansicht sind, sie stifteten mehr Schaden als Nutzen. Ich könnte Ihnen darum auch noch Vieles über die kirchliche Verwaltung sagen, — allein dieser ausgezeichnete Bischof Dupuch ist so voll Eifer, Thätigkeit und Liebe, daß ich einige Puncte, die weniger genehm seyu könnten, lieber nicht berühren will. Die neunhundert Bekehrungen sind Bekehrungen von Protestanten und die Angabc schien mir so außerordentlch, daß ich mit die Zahl mehrere Male wiederholen ließ. Wenn man indessen bedenkt, daß die Mehrzahl dieser Protestanten Handwerker, Bauern und arme Leute waren, die hierher gekommen sind, um ihr Glück zu machen, und nichts Anderes gesunden haben, als ein Elend noch gräßlicher als jenes, das sie zu Hause zurückgelassen, daß sie von Allem entblößt bei dem herrlichen Bischöfe eine für ihre Bedürfnisse stets offene Hand, eine unerschöpfliche Liebe, ja, ich möchte sagen, die Zärtlichkeit ein Vaters gefunden haben, so wird es klar, daß Dankbarkeit und der Anblick der Wunder der katholischen Liebe mächtig auf ihre religiöse Ueberzeugung eingewirkt haben müssen. Es sind Bekehrungen, die mehr dem Herzen als dem Geiste entstammen, dadurch aber durchaus nichts von ihrem Werthe verlieren. Was den Marschall Bugeaud betrifft, so ist dieser der Vater und Retter der Colonie und ein wahrhaft ausgezeichneter, hochgesinnter Mann mit etwas soldatischen Formen. Bei seiner Ankunft in Algier erfuhr er, daß die Jesuiten dort sich niedergelassen, was ihm ein etwas vermessenes Unternehmen zu seyn schien. Sogleich ging er in das von den guten Vätern geleitete Waisenhaus und wurde daselbst von dem edlen Pater Brumault, der selbst lange im Heere gedient, empfangen. „Herr, fuhr ihn der General an, Sie sind ein Jesuit ? — Ja wohl, General. — Was machen Sie hier? — Ich will es Ihnen sogleich zeigen." Sie gingen darauf miteinander durch die ganze Anstalt und den General ergriff Bewunderung und eine tiefe Bewegung. „Thuen Sie also nicht mehr als das? fragte er. — Durchaus nichts. — Nun das ist brav, sehr brav. Zählen Sie künftig auf meine Unterstützung und meinen unbedingten Schutz. Seyen Sie meinetwegen der Teufel, nur stiften Sie Gutes. Das ist für mich genug. Ich habe manche Vorurtheile gegen Sie gehegt, allein ich bin nicht der Mann, der an seinen Voruriheilen fest hält, wenn ich sehe, daß sie unbegründet sind." Seit der Zeit hat er die Väter gegen alle Welt in Schutz genommen. Alle Hämmel, die nach der Schlacht am Jsly in unsere Hände fielen, wurden von ihm ausdrücklich für die Armen der Frau d e Bar aufbewahrt, der er sie zuschickte. Liebe aber führt zu Gott!__ Verlags-Inhaber: F. C. Krem er. <5 ^ ^^»HS - Dei^, v cr <» AugSburger Ppstzeitung H- Erste Jahreshälfte. ÄZ» S. Februar 1845< Noch ein Wort über den heil. Rock. -Das „offene Schreiben an Rongc, von Msriz" citirt aus Sailers Handbuch der Moral III. B. S. 35,2. die schöne Stelle: „Ich kann nicht umhin, den für einen Thoren zu halten, der im Irrthume das Wahre, im Mißgriffe das Gute nicht sieht, und über dem Begriff das Gemüth verwahrloset. Ich betete als Knabe in einer Wallfahrtskirche mit einer Andacht, die ich mir jetzt noch zurückwünsche, und mein Her; huldigte weder dort noch hier einem Irrthume oder einem Mißbrauche, dcun ich hatte nicht Zeit dazu, ich betete nur an und gelobte Gott, dem Herrn, ihm ewig anzugehören." Es ist nun nicht abzusehen, warum nicht auch noch einige verwandte Stellen aus demselben Buche ansgchobcn wurden, wo theils Sailer selbst redet, theils einige Kirchenväter reden läßt, um die richtige Ansicht über den in Frage stehenden Gegenstand fest zu stellen. Sailer sagt ebendaselbst: „Wohl wird kein Weiser auf öffentlichen Straßen ausstehen, und dem Volke sagen: „Kauf dir Bilder, und geh' wallfahrten, damit du fromm und selig werdest." Seite 351 heißt cS: „Es ist wahr, und die heiligen Väter haben es bestimmt ausgesprochen, daß es ein höchstschädlicher Irrthum sey, auf das Wallfahrten so viel Werth und Gewicht zu legen, als wenn die Seligkeit davon abhinge. Der hl. Augustin sagt: Zu Dem, der überall ist, kommt man durch die Liebe, nicht zu Schiff; der Herr sagt nicht: schiffe nach Occident, um Nachlaß der Sünden zu erhalten, sondern vergib, und eS wird auch Dir vergeben werden. Der hl. Hieronymus: Glaube nicht, daß deinem Glauben etwas mangelt, weil du Jerusalem nicht sahest, noch halte mich für besser, weil ich dort wohne: du magst da oder dort seyn, die Vergeltung Gottes richtet sich nach deinen Wer. ken. — Der hl. Gregor von Nyssa: Gib deinen Brüdern den Rath, daß sie sich anstatt nach Kappadocien, nach Palästina zu reisen, vielmehr mit ihrem Geiste zu ihrem Herrn erschwingen. — Der hl. Athanasius: Es ist gar nicht nothwendig, über das Meer zu schiffen, oder weg zu reisen, das Reich Gotteö ist überall." In Betreff der Bilder sagt Sailer sehr schön: „Daß die Bildnisse, besonders welche die Geschichte Jesu darstellen, eine wahre VolkSbibcl seyen; ist außer Zweifel. Was die LescnSun- kundigcn in der Bibel nicht lesen können, das lesen sie am Altar- blatte. .... Es wird indeß keiner wiederholten Erinnerung bc- dürscu, daß alle diese Tugendmittcl, nur für den Tugcndmittcl sind, der sie selbst durch guten Gebrauch dazu macht -c." Anders, als Sailer und die hl. Väter dachten gewiß die unterrichteten Katholiken bei ihrer Wallfahrt nach Trier auch nicht. Abcrgläübige gibt es aber auch außerhalb der katholischen Nirchc, wenn gleich auf andere Weise. Die Lehre der katholischen Kirche über Bilder und Reliquien und ihre Verehrung, wie dieselbe ihre erleuchtetsten Männer zu allen Zeiten vorgetragen und zuletzt das Concil zu Tricnt festgestellt hat, hat sich vor der schärfsten aber unbefangenen Kritik nicht zu scheuen. Hören wir unter andern hierüber einen Bischof von Augsburg aus dem löten Jahrhundert, Wie er sich in seiner Synodalrcde im Jahr 1517 auöspricht. Christoph v. Stadion sagt"): „Du umfassest mit höchster Verehrung die Asche des hl. Paulus; ich verwerfe es nicht, wenn deine Religion dabei ohne Schaden besteht: wenn du aber die stumme und todte Asche ehrest, und sein lebendiges auch jetzt noch redendes und gleichsam athmendes Bild, das in seinen Briefen aufbewahrt ist, vernachläßigst, ist da deine Religion nicht eine verkehrte? Du ehrest die Asche, bei welcher manchmal LcibcSgc- brechcn gehoben werden, warum ehrest du nicht noch mehr seine Briefe, durch welche die Krankheiten der Seele geheilt werden? Du ehrest das aus Stein oder Holz geformte oder mit Farben gemalte Abbild des Angesichts Christi; weit heiliger wird das Ebenbild seines Geistes verehrt, welches durch die höchste Kunst des heil. Geistes in den Schriften des Evangeliums ausgeprägt ist. **) Du hältst es für etwas Großes, daß du zu Hause einen Krcuzpartikcl besitzest, allein das ist nichts in Vergleich damit, wenn du das Geheimniß des Kreuzes in deiner Brust verborgen trägst. Denn wenn diese Dinge den religiösen Menschen ausmachen, was gibt es Religiöseres, als die Juden, von denen die meisten höchst gottlos waren, obgleich sie den im Fleische lebenden JcsuS mit Augen gesehen, mit Ohren gehört und mit Händen berührt haben? Was gibt es Glücklicheres als Judas, der mit ') S. «>. Rede Christ, v. Stadion -c, AugSb. ") In Bezug auf unsern Gegenstand könnte gesagt werde» - Du verehrest das von Menschenhänden gemachte Kleid des Herr», was nützt dir dieß, wenn du nicht den Rock der Gerechtigkeit Christi, seinen Geist, seine Gesinnungen:e, anziehest? „Ziehet den Herrn üesum Christum an Röm, XIII, 14, seinem Munde den göttlichen Mund geküßt hcit? So wahr ist es, l aber den schonen Vorsatz hatte, der tobenden Lust ihren ganzen daß ohne den Geist das Fleisch nichts nützt (Joh. VI. 64.), daß! Lauf ^ lassen, war ihm eine Maske zu unbequem; er trat es nicht einmal der jungfraulichen Mutter des Heilandes etwas! also in das HauS eines ihm wohlbekannten Malers, der ihm gefrommt haben würde, hatte sie Ihn nur aus ihrem Leibe ge-^ aber schon lange heimlich gram war, weil der hochadcliche junge boren und nicht auch in ihrem Geiste seinen Geist empfangen." Herr ihn so verächtlich behandelte, und ihn nur schlechtweg einen Um indeß jeden Lästermund zum Schweigen zu bringen und den sichersten Standpunct zur Beurtheilung dieser Angelehnt zu gewähren, reicht allein und vollkommen hin jener vortreffliche Ausspruch Anstreicher nannte. Der Maler empfing ihn mit verstellter Höflichkeit , und fragte, womit er diene könnte. — Ich möchte gerne an den allgemeinen Lustbarkeiten auch Theil nehmen, ant- deö Conc. zu Tricnt (25ste Sitzung am 3. und 4. Dec. 1563):^ wortctc der Junker, und mich verkleiden; doch so, daß ich für „Von der Anrufung und Verehrung, von den Reliquien der Hei-> Jedermann ganz unkenntlich bleibe, um desto ungcnirt,r recht toll ligcn u»d von den Heiligenbildern", dessen Schluß (Ausgabe von! mich gebärden zu können. Die Harle/.uins-Jackc habe ich hier schon Dr. W. Smcts S. 22!).) hier eine passende Stelle finden dürfte.! bei mir, und nun fehlt nichts weiter, als daß ihr mir das An« Es heißt dort nach Auseinandersetzn»«, der katholischen Lehre:^gesicht mit verschiedenen Farben recht närrisch verstellet. Also an- „Fcrner soll auch aller Aberglaube bei Anrufung der Heiligen, bei! streichet? versetzte höhnisch der Maler. Ja, ja, anstreichen, und Verehrnng der Reliquien und dem heiligen Gebrauche der Bilder ganz und gar überstreichen sollt ihr mich, sagte der Adeliche, gegen weggeschafft, alle schändliche Gewinnsucht verbannt, und endlich alles Schlüpfrige vermieden werden, so daß keine Bilder mit üppiger Schönheit gemalt oder ausgeschmükt, anch die Feier der Heiligen und die Bcsuchung der Reliquien nicht zum Zechen und zur Trunkenheit mißbraucht werden, als wenn die Festtage zur Ehre der Heiligen mit Schweigern und Ueppigkeit begangen werden sollten. Endlich soll von den Bischöfen solcher Fleiß und solche Sorgfalt in Bezng auf diese Dinge verwendet werden, daß dabei nichts Unordentliches, nichts verkehrt oder zusammengerafft Eingerichtetes, nichts Weltliches und Unehrbarcs gesehen werde, weil dem Hause Gottes Heiligkeit geziemt. Damit dieses desto treuer beobachtet werde, so verordnet der hl. Kirchenrath, daß eS Niemandem erlaubt seyn soll, an irgend einem Orte oder in einer Kirche, wenn sie auf was immer für eine Weise crcint wäre, ein ungewöhnliches Bild aufzustellen oder aufstellen zu lassen, wenn cS nicht von dem Bischöfe genehmigt ist, daß anch keine neue Wunderwerke zugelassen, und keine neue Reliquien aufgenommen werden sollen, wenn nicht eben derselbe Bischof davon Kenntniß genommen und sie genehmigt hat, welcher, sobald er über jene etwas erfahren hat, mit Zuratheziehung von Gottesgelchrtcn und anderer frommer Männer dasjenige thnn soll, was ihm der Wahrheit und Frömmigkeit angemessen dünket. Und wenn etwa ein bedenklicher oder schwieriger Mißbrauch auszurotten ist, oder gar über diese Gegenstände eine bedeutend schwierige Frage vorkommt, so soll der Bischof, ehe er den Strcitpunct löset, die Meinung des Metropoliten und der Mitprovincialbischöfe im Provincialconci- lium abwarten, doch so, daß nichts Neues oder bis dahin in der Kirche UngcbräulicheS ohne die Berathung des heiligsten römischen Papstes beschlossen werde." D i e Ein Fastnacht-Stück oder betrogene LU a s K e. ^ Ein adclichcr Jüngling wohnte als Akademiker in einer Stadt, wo man, wie in vielen andern, zur Faschingszeit auf offenem Markte den Unsinn aufs höchste zu treiben pflegt, uud weil er sonst überall mitmachte, wollte er auch hier nicht der Letzte seyn. Allein cS sollte doch dabei seine hohe Familie nicht beschimpft und in Verlegenheit gesetzt werden. Er nahm also zu dem in diesen Tagen so gewöhnlichen Hilfsmittel seine Zuflucht, zur Vcrunstal? tnng sciner GesichtSzüge, die ihm Gott gegeben hatte. Da er cavalicrmäßige Belohnung. Ich will alsvglcich aufwarten, cntgcg- nete der Maler, und bitte nur Platz zu nehmen; er rückte einen Sessel. Da saß nun der Narr iu seinem ganze» Costüm. Der boshafte Maler stellte mit der größten Emsigkeit die Farben zu recht, aber nebenzu ein Glas Wasser, und fing an nach Kräften anzustreichen. Allein statt den Pinsel in die Farben zu tauchen, tauchte er ihn jedesmal nur iu das Wasser, und schlug von Zeit zuZcit ein schallendes Gelächter auf über die vorgegebene abenteuerliche Verunstaltung. Die schon unterrichtete Gattin und Tochter machten beim Ab - und Zugehen den Lärm noch größer, entfernten sich aber zuletzt, unter dem Vorwande, dem Hauptspaß auf offener Straße mit zuzusehen. Das Meisterstück war nuu fertig, der Schalk von Maler konnte vor Lachen kaum zu Athem kommen, und rief auf: So eine Maske wird nirgends in der ganzen Stadt zum Vorschein kommen; der Teufel könnte nicht errathen, wer dahinter stecke. — Der Angestrichene selbst war außer sich vor Freude, und brannte vor Begierde, vor aller Welt sich zu produciren; doch verlangte er vorher einen Spiegel, um sich selbst zu besehen. Der Maler rannte gegen eine Wand DcS Zimmers, um den Spiegel herabzu- nchmen, den er indessen schon vorher auf die Seite geschafft hatte. Donner und Werter, hub er an, die verdammten Weibsleute müssen immer im Spiegel etwas zu gaffen haben. Der meinige ist anch schon wieder sort. Aber ich bitte nnr um eiu klein wenig Geduld, und will alsogleich nachsehen, ob ich ihn nicht finde. Gerade jodelte wieder ein Troß sogenannter Faßnachtsputzcn vorbei, von Gassenbuben und müßigem Pöbel allenthalben umjauchzt, und unser Adclichcr konnte sich nicht mehr halten, um das Vergnügen nicht zu verlieren, auch von der Gesellschaft zu seyn. Er drückte dem Maler ein schönes Stück Geld in die Hand, und ersuchte ihn, die Hinterthüre des HanseS zu öffnen, damit Niemand wisse, wo er herkomme. Die vermeinte Maske war nun im Freien, fuchtelte mit ihrer Peitsche, und machte hunderterlei gaucklcrische Sprünge; — aber Alles staunte und stand wie versteinert bei diesem Anblicke. Von allen Ecken her ertönte es - der Graf N. ist närrisch geworden. Er wäre bei diesem Nnfe vor Schrecken beinahe ohnmächtig darnieder gefallen; denn er merkte, daß ihn alle Leute kannten, nnd wußte nicht, woher das komme. Doch einige seiner adclichcn Kollegen ließen ihn nicht lange im Zweifel, und sprachen: Albert um's HimmclSwillen, was treibst du? — Wie, kennt ihr mich dann? fragte er zitternd und bebend. — Du hast ja keine Maske vor dem Gesichte, versetzten sie ihm. — Bin ich denn nicht durch Farben unkenntlich gemacht? fragte er weiter. Statt der Antwort nahmen sie ihn in ein nahe gelegenes HauS, und hielten ihm einen Spiegel vor das Gesicht. — Bei diesem Anblicke sank Albert, wie vom Schlage getroffen, sinnlos auf einen Stuhl, und erst nach geraumer Zeit war cr im Stande den ganzen Hergang zu erzählen. — Er hatte von nun an den Muth nicht mehr, das Haus zu verlassen, weil man durchgängig mit Fingern auf ihn deutete, und schrieb an seine Eltern einen rcumüthigen Brief, mit der dringenden Bitte, ihn an eine andere Hochschule zu versetzen, was ihm «m so leichter bewilliget wurde, weil es die Familie selbst ihrer Ehre schuldig war. Aber Albert hicng doch immer ein beschämender Flecken dieser Narrheit an, und nie konnte er an den ganzen Vorfall sich erinnern, ohne bis zu Thränen bestürzt zu werden. Würde dieß nicht auch manchem Bachantcn zur Fastnachtszeit widerfahren, wenn sie einen lebendigen Glauben an Gottes Gegenwart halten, der untrüglich weiß, wer hinter jeder häßlichen Larve steckt, und wie viele würden verschwinden, wenn sie beherzigen wollte», was der hl. Petrus Chrisologus bei einer ähnlichen Gelegenheit predigte: „Wer mit dem Teufel scherzen will, kann mit Christus sich nicht erfreuen!" Wie Friedrich Hurter katholisch wurde. (Schluß.) Das nun sind die erkennbaren Führungen, deren Gott zu dieser Konversion sich bediente, die offenen, Jedem zu Gebote stehenden Mittel, welche dazu mitwirkten; welcher Antheil daran den bloß im Himmel bekannt,» Mitteln müsse zugeschrieben werden, bleibt vor den Augen der Sterblichen verborgen. Erst nachdem die Rückkehr des Dr. Hurter in die katholische Kirche erfolgt war, kam es an den Tag, wie viele Gebete von ganzen Klöstern beider Geschlechter, von einzelnen Welrgcistlichen, von vielen Laien zu Rom, in dem übrigen Italien, in Tyrol, Bayer», in der Schweiz, in Frankreich, vielleicht anch in andern Ländern, seit Jahren schon für ihn durch Fürbitte der allerseligsten Jungfrau zu dem Vater aller Gnade gesendet, wie viele heilige Messen zu diesem Zwecke gelesen worden seyen. Noch am Tage seiner Abreise nach Rom wurde iu Paris die Erzbrudcrschaft zum unbefleckten Herzen Maria durch einen Freund des Dr. Hurter zu Gebeten für denselben in Anspruch genommen. Unter solchem fördernden und schützenden Geleite, dessen selbst unbewußt, bestieg cr am 29. Februar dieses Jahres, mit dem festen Borsatz, als treuer Sohn der liebreichsten Mutter, der römisch-katholischen Kirche, sich zu bekennen, den Postwagen. Obwohl er zu Pavia den Ucberrcsten des großen Bischofs von Hippo, die durch wohlwollende Verwendung für ihn aus dem Altar hervorgenommen und der Verehrung ausgestellt wurden, mitten unter vielen herbeigckommencn Geistlichen nur schüchtern sich näherte, und die Gefühle, welche ihn bewegten, in sein Inneres verschloß, weil der Augenblick offener Erklärung noch nicht gekommen war, dankt er doch der stillen Vcncration dieser ehrwürdigen Gebeine Festigung in seinem Vorsatz. Denn größer, preiswürdiger und anziehender mußte ihm eine Institution vorkommen, welche auch nach anderthalb Jahrtausenden noch die irdische Hülle eines Geistes ehrt, dessen Licht fortan sie erleuchtet, dessen Kraft fortan sie durchströmt, dessen Tugenden fortan als Vorbild in ihr glänzen; mag es selbst etwas mehr gewesen seyn, so trat doch in der katholischen Kirche dem ehrfurchtsvoll die Ueberreste Beschauenden ei» Grundzug des eigenen Herzens, als durch sie unter ihre bewegenden Kräfte anfgenommen, Heller vor Augen: unauslöschliche Dankbarkeit, ward diese ein mächtiges Moment der Einigung. Nicht ohne innigste Rührung, in Erncnernng der wach gewordenen Empfindnngcn, wurde bald darauf die lioln- /ione storie» cloeumviitiil» ?I itoiio satt-» hret die Wahrheit und wehret dem Irrthum, sie pflanzt und hütet, sie baut und schützt, sie reinigt und hebt, sie tröstet uud stärkt, sie betet und segnet; sie streitet und leidet, und sie geht, wie sie cö in allen Zeiten, l den, wie die Glieder des einen Leibes mit dem einen gemeinsamen! unerschütterlich auf dem Felsen Pctri, gethan, in Streit und Lei- Haupte; und darum verehren die Gläubigen in dem Bischöfe von! den, in Prüfung und Bewährung voran, zum Siege der Welt Rom dieses Leibes hochwürdigcs Haupt, den Träger der apostoli-! durch den Glauben. Wie das ErlosungSwcrk Jesu Christi die scheu Machtvollkommenheit, in Wort und Weihe, der Kirche ober- größte göttliche That, so ist unsere katholische Kirche daö großartigen Lehrer und Hirten, und ihrer aller allgemeinen geistlichen Vater. Mit dieser Kirche von Rom seyd auch Ihr durch das gemeinsame Band desselben ganzen und ungcthciltcn Glaubens und der nämlichen sieben Sacramcntc auf das innigste verbunden, geliebte Diöcesanen! Die Kirche von Rom ist auch Eure gemeinsame oberste Muttcrkirchc, und ihr Bischos ist auch Euer oberster Lehrer und Hirt und gemeinsamer Vater. Wie die Glieder eines Leibes nur Eines sind in Verbindung mit dem Einen Haupte, und wie hinwieder das eine Haupt für alle Glieder Haupt ist, so ist die römische Kirche und ihr Bischof im innigsten Wcchscllcbcn verbunden mit Euch und Ihr mit ihm. Durch und mit der römischen Kirche seyd Ihr einig in Lehre und Sakramenten, in Glauben, Hoffnung und Liebe, in Hanpt und Gliedern. Durch sie und mit ihr seyd Ihr apostolisch; denn auch nur durch sie sind Eure Hirten, Eure Bischösc und Priester ausgerüstet mit apostolischer Weihe und Gewalt, und nur durch sie s yd Ihr somit eingebaut in die Kirche Jesu Christi auf dem Fundamente der Apostel, auf dem Felsen Pctri. Durch sie allein seyd Ihr verbunden in lebendiger Gemeinschaft mit allen besondern katholischen Kirchen auf der weiten Erde, die da waren, die da sind und die da seyn werden, und durch sie allein seyd Ihr darum, was Ihr hciszct, durch sie allein seyd Ihr katholisch. — Glieder der ganzen katholischen Kirche, Mitgcnossen aller derer, welche auf der ganzen Erde, in ihr und durch sie geführt, streiten und leiste Werk GotteS auf Erden; denn sie ist des einmaligen Erlösungö- wcrkcs immerwährende Fortsetzung, bis Alle in all.» Zeiten und in allen Völkern, durch sie im Glauben geprüft und bewährt, geläutert und gereinigt, cntsündigt und geheiligt, aus Streit und Leiden erhöhen sind zur triumphirendcn Kirche. Wie ist unser katholischer Glaube so erhaben und erhebend, geliebte Diöcesanen! wie ist er voll Kraft uud Milde, voll Trost und Zuversicht, voll Heil und Segen, voll Leben und Bc- seligung, ciu kostbarer Schatz über alle Schätze der Erde! Wir schämen uns seiner nicht, denn wahrlich, er ist eine Kraft Gottes, er ist der Sieg, welcher die Welt überwindet. Und unsere heilige, einige, apostolische, katholische Kirche, wie ist sie so ehrwürdig und groß, so reich begabt und gnadenvoll in dem ihrer Hut anvertrauten Schatze des Glaubens und der Sacramcntc, eine Säule und Grundfeste der Wahrheit, ein Fels der Untrüg- lichkcit, eine Lehrerin des Glaubens, eine Spenderin der göttlichen Geheimnisse, eine Vorkämpferin im guten Streite, eine unbefleckte Braut des Herrn, und eine glorreiche, ewig fruchtbare Mutter der Heiligen. Wir verlciugnen sie nicht, denn wahrlich, sie ist uns eine liebevolle, treue Mutter von der Geburt bis zum Grab, eine Quelle alles Heils in Zeit und Ewigkeit. In ihr ist es gottgefällig leben, und in ihr ist es gut sterben. Wahrhaftig, unser Glaube ist ein gutes Bekenntniß, und unsere Kirche ist wahrhaftig die Gemeinschaft Gottes und seiner Heiligen. -— So bekennet denn anch diesen Glauben, geliebte Diöcesanen; den für das Himmelreich, und Mitgenossen aller der zahllosen bekennt ihn mit Herz und Mund, in Wort und Wandel, in Ge- Edlcn und Heilige», welche »uter ihrem Segen zu allen Zeiten sinnuug uud That, denn wer mit dem Herzen glaubt, wird ge- und in allen Völkern aus Leid und Streit eingegangen sind zum recht; wer aber mit dem Munde bekennt, der wird selig. So Siege und zur Verklärung. Und diese Kirche ist cS, welche den von Christus uud seinen Aposteln überantworteten Schatz de Glaubens unversehrt und den Gnadcnbrunncn der Sacramcnte unvcrsiegt bewahrt hat, wie für alle Völker und Zcitcn, so für Euch. Sic ist cö, welche ihre geweihten Diener als Lehrer und Hirten in Eure Mitte sendet, um Euch in alle Wahrheit einzuführen und Euch die Gnadenflllle GotteS zu spenden. Sie ist'S, die Euch durch die Taufe wiedergeboren hat zum Reiche GotteS, und Euch aus Kindern der Finsterniß erhoben hat zu Söhnen des Lichtes. Sic ist es, die Euch erfüllt hat mit dem heiligen Geiste und allcn seinen Gaben zur Erleuchtung und Stärkung im heiligen Streite. Sic ist es, die, wenn Ihr verloren wäret in Vcr- irrung und Sünde, Euch zurückgeführt und Euch Verzeihung und Sühne gebracht hat. Sie ist es, die Eure Seele genährt hat mit dem göttlichen Leibe und Blute zum ewigen Leben. Sie ist eZ, die Enre Ehe segnet zu einem heiligen Bunde und zu einem großen Sacramcntc in Christus und in ihr. Sie ist cs auch, bekennet Euch denn als Glieder der einigen, heiligen, apostolischen, katholischcn Kirche; bekennet Euch als ihre Kinder, treu und furchtlos, und haltet unwandelbar fest an ihrer segenvollen Gemeinschaft. Wachet, stehet fest im Glauben, handelt männlich und seyd stark! Streitet mit ihr einen guten Streit, damit Ihr, durch sic geführt und gestärkt, nach rechtem Streite die Krone erlanget. Durch alle Jahrhunderte ist die hl. Kirche in dem Got- tcSftreite vorangegangen, hat alle Verfolgungen und Prüfungen siegreich bestanden und hat die tausendmal Tausende ihrer Getreuen aus Prüfung und Leiden zum Siege der Welt geführt durch den Glauben; und nun rnft sic auch Euch, geliebte Diöccsa- ncn, zu demselben Streite in gleicher Prüfung, damit auch unter Euch die offenbar werden, welche in den schlimmen Tagen sich bewähren. Noch wird unsere Kirche angefeindet, wie könnte das auch anders seyn, sic blieb ja die wahre Braut des Herrn; und noch wird ihr Glaube angefochten, er biicb ja die Wahrheit! Die Weisheit der Welt widerstrebt ihm, der Unglaube haßt und vcr- 'motti^I laugnet ihn, der Irrglaube bekämpft ihn, der Stolz verachtet ihn, die Selbstsucht lehnt sich gegen ihn auf, die Lauheit weiset ihn von sich ab, die Befangenheit miszkennt ihn, die Unwissenheit entstellt ihn, und die Leidenschaft schmäht und lästert ihn; und wie der Glaube angefeindet wird, so auch seine Bewahren», unsere hl. katholische Kirche. Aber wenn sie auch leidet, so wird sie dennoch nicht zu Schanden; denn sie weiß, an wen sie glaubt, und sie halt fest an der Ueberzeugung, daß der, an den sie glaubt, Macht hat, ihre» Glauben zu wahren bis zu jenen Tagen. So haltet denn auch Ihr fest an dieser Ueberzeugung und streitet und leidet mit ihr, denn auch Ihr wisset ja, an wen Ihr mit ihr glaubet. Wenn auch Einige unter Euch sind, welche Euch verwirren mochten und das Evangelium Christi verkehren, lasset Euch von Niemand irre führen. Snt achtzchnhundert Jahren war der Herr bei seiner Kirche, und er ist es auch heute noch, wie immer, dessen seyd in freudigem Vertrauen gewiß. Wenn auch Manche wider sie ankämpfen und mit allerlei Arglist und Kunstgriffen ihren Glauben verhüllen, lasset Euch nicht erschrecken, sie bewahret immer noch die ganze Gotteskraft des ungefärbten Glaubens zum Siege über die Welt. Und sehet Ihr sie auch die Kirche bekämpfen und ihren Felsen anfeinden, lasset Euch das Herz nicht bange werden, der Fels steht fest und unerschütterlich die Kirche auf ihm, und nimmermehr sollen die Pforten der Hölle sie überwältigen. Und höret Ihr auch die Winde brausen und sehet die Wellen erzürnt sich auflhürmen und ihre schäumenden Wasser an das Schiff der Kirche schlagen, seit getrosten Muthes, der Herr ist im Schiffe, und er schläft nicht. Wenn es auch scheinen möchte, die Wuth der Winde und Wogen würden das Schiff zerschellen; der Herr schläft nicht, und er wird den Winden und Wogen Stille gebieten, wenn cö ihm gefällt. Wenn er ihnen auch in ohnmächtigem Zorne zu toben erlaubt, so ist ja eben das feine große Heilsordnung, daß er auch solches zuläßt, was ihr feindlich widerstrebt; aber es muß dennoch zuletzt Alles dahin aus- schlagcn, seine göttliche Absicht zu befördern, damit uns daraus seine Macht und Größe nur um so deutlicher sichtbar werde. Er läßt es zu, daß sein Glaube und seine Kirche angefochten werden, damit auss Neue ihre Gotteskrast sich offenbare, und damit, wie die früheren, so auch dieses Geschlecht wiederum erkennen lerne, daß der Herr selbst sie auf dem Felsen behüte und alle Macht der Hölle nichts wider sie vermöge. Er läßt seine streitende Kirche geprüft werden und Euch mit ihr, damit auch Ihr in ihr und mit ihr bestehet. Aus der Prüfung nur erwächst ja die Bewährung; der Streit nur führt zum Siege, und der Sieg allein gewinnt die Krone. So gewinnt denn die Krone in und mit der heiligen Kirche, geliebte Diöccsanen; so streitet denn mit ihr in gutem Streite, damit Eure Bewährung offenbar werde. Ziehet an die Rüstung Gottes, damit Ihr am bösen Tage widerstehen uud in Allem unerschütterlich aushalten könnet; denn wir haben nicht bloß zu streiten wider Fleisch nnd Blut, sondern auch Wider die Mächte und Gewalten, die jetzt wirksam sind in den Kindern des Unglaubens. Darum stehet fest, Eure Lenden umgürtet mit Wahrheit und angethan mit dem Panzer der Gerechtigkeit, strcitesfreudig und leidensmuthig für das Evangelium des Friedens. Ergreifet den Schild des Glaubens, au welchem alle feurigen Pfeile abprallen, und nehmet den Helm des Heiles und das Schwert des Geistes, das Wort Gottes in seiner Kirche. — Die heilige Kirche rufet Euch i» ihre Kampfcsrcihen, und wenn sie auch mit dem Propheten nicht aufhört zu rufen, so hebt sie nun besonders in diesen bevorstehenden Tagen ihre Stimme, gleich der Posaune, und rufet ihre Getreuen. Die heilige Zeit, die Zeit der vierzig-- teigigen Fasten, kehret wieder, und mit ihr kommen die gvttgcwcih- tcn Tage der Sclbstkcnntniß und Abtödtung, der Betrachtung und des Gebetes, der Buße und Besserung, des erneuerte» Glaubens, der vermehrten Hoffnung und der gesteigerte» Liebe. Die Kirche ruft — wohlan denn — so höret ihre Stimme und reibet Euch unter ihre Fahne! Wachet, stehet scst, handelt männlich und seyd stark! — Mit verdoppeltem Eifer verkünden ihre Priester in diesen Tagen vom heiligen Lchrstuhlc den von ihr in allen Jahrhunderten lauter und unversehrt bewahrten katholischen Glaube»; so kommet denn, kommt und vrrnehmet mit erneuerter Bereitwilligkeit die hohen Lehren, die der Herr ihrer unfehlbaren Obhut anvertraut hat. Mit vermehrter Hirtc-isorge öffnen ihre Priester den Gnavcnbrunnen der Kirche und bieten Euch in den Sacra- mcntcn der Buße und des Altars die Schätze der Erbarmuugcn Gottes; so kommet, kommt und schöpfet daraus das ewige Leben! — Ihr Furchtsamen und Kleingläubigen, die Ihr banget für die Kirche und ihren katholischen Glauben, uud besorgt seyd, sie werde wanken und erliegen unter den Anfeindungen und Schmähungen dieser schlimme» Zeit: kommet, kommt uud schöpfet Euch Muth und Trost in ihrem Gottvcrtrancn, ihrer Strcitcsfrcu- digkeit und ihrem Leidcnsmuthc, und lernet bei ihr, daß ihr Glaube hoch erhaben ist über alle Anfeindung und Schmähung, und daß sie selbst, auf den Felsen gebaut, unerschütterlich fest steht gegen alle Höllenpforten. Ihr Lauen und Wankenden, die Ihr den verführerischen Worten und Zweifeln eitler Wcltwcishcit, welche nur niederreißen kann, aber zum Aufbauen ohnmächtig ist, Ench zuneiget, und den Lehrern nachhänget, die die Ohren kitzeln, kommet, kommt und lernet von der Kirche, welche die Lehre und die Sacramcnte unmittelbar vom Herrn selbst erhalten hat, die wahre Weisheit, die Wissenschaft des Heils, das Licht, welches in die Finsterniß leuchtet, und den Weg zur Wahrheit uud zum Leben, und holet Euch Muth und Sündhaftigkeit, bei den Ueberlieferungen, die sie Euch gelehrt hat, in gläubiger Anhänglichkeit zu beharren. Ihr Starken und Getreuen aber, die Ihr Eurem katholischen Glauben und Eurer Kirche mit aufrichtigem Herzen anhänget und mit Her; und Mund sie bekennet, kommet auch Ihr, kommt und holet Euch neue Freudigkeit, zu streiten und zu leiden mit ihr, holet Euch gesteigerte Siegeszuversicht und vermehrte Gewißheit, daß der Herr mit seiner Kirche ist und daß sie auf dem Felsen unüberwindlich besteht bis anö Ende der Zeiten. Kommet, kommt Ihr alle, die ihr durch die eine Taufe in dem einen Glauben zu einem Leibe der katholischen Kirche eingebaut seyd, kommt und holet Euch in ihr Entsündigung und Heiligung, Erleuchtung und Erhebung, Beharrlichkeit und Stärke, Trost nnd Zuversicht zur Prüfung und Bewährung, zu einem gottgefälligen Leben und einem seligen Sterben in Glauben, Hoffnung und Liebe. Bekennet Euch laut und offen zu der einen, heiligen, apostolischen kathol. Kirche, hallet unerschütterlich fest an dem Felsen, auf den der Herr sie gebaut, und bekennet furchtlos und ohne Wanken ihren heiligen Glauben in Wort und Wandel, in Gesinnung und That. Wachet, handelt männlich und seyd stark, und machet Enren Glauben lebendig durch des Glaubens Werke, durch die Früchte des Geistes, die da sind: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Langmuth, Milde, Bescheidenheit, Enthaltsamkeit und Keuschheit. Diese Früchte bringet und beweiset Euch so als die wahren Bekenncr unseres katholischen Glaubens und unserer heiligen Kirche, als die ächten und rechte» Katholiken — in Treue und inniger Ergebung gegen Gott, in T: cuc und fester Anhänglichkeit an Euren Glauben und Eure katholische Kirche, in Treue und Ehrfurcht gegen den zum Glücke Seines Volkes von Gott gesetzten König, in Treue und Hingebung gegen das Vaterland, in Treue und Gehorsam gegen die bestellte Obrigkeit, in Treue und Unter- thänigkcit gegen die verordneten Gesetze und in Wohlwollen, Frieden und Liebe gegeu alle Menschen. Also sind wir, dem Kaiser gebend, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist, katholisch, geliebte Diocc sauen, und katholisch wollen wir seyn und bleiben; katholisch wollen wir leben, und katholisch wollen wir sterben, so uns Gott dazu verhelfe und seine Gnade! Gelobt sey Jesus Christus! — in Ewigkeit. Amen! Ein englischer Naturforscher über das Ilut des heiligen Januarius zu Neapel. (Aus FroricpS „neuen Notizen aus dem Gebiete der Natur - und Heilkunde," XXXI. Band, Nr. w.) Ueber das alljährige Flüssigwerdcn des Bluts des heiligen Januarius zu Neapel hat der bekannte Naturforscher Charles Watertou (derselbe, welcher früher schon seine „Wanderungen in Südamerika, ^VanclerinZs in soutlr-America beschrieben) in einem so eben von ihm veröffentlichten Theile seiner Selbstbiographie folgende Beschreibung milgctheilt: „Die Flasche, in welcher sich von dem Blute des heiligen Januarius befindet, ward aus der dem Heilige» geweihten Capellc genommen und auf den Hochaltar der Kathedralkirche gestellt, worauf das gesammte Volk die Litanei der allerscligsten Jungfrau absang und mehrere andere Gebete laut hersagte. Als dieß vorüber war, wurde die silberne Statne des Heiligen in feierlicher andächtiger Procession aus der Capelle geholt und ebenfalls auf den Hochaltar gestellt. Alsdann ward das Hochamt in der dicht mit Menschen gefüllten Kathedrale gefeiert und nächstdem die Flasche mit dem Blute von einem Canonicus mitten in das Schiff der Kirche getragen, damit alle Anwesenden, die Neigung dazu verspürten, das Blut wirklich sehen und die Flasche küssen könnten. Es waren zwei Flaschen vorhanden; eine große, welche von dem Blute enthielt, wie cS wahrend der Hinrichtung des Märtyrers auö dessen Wunden geflossen war, und eine kleinere, in welcher das Blut noch mit dem Sande vermischt ist, auf welchen cS bei der Hinrichtung floß. Beide waren in einem sehr starken und schön verzierten Gehäuse von Silber und Glas eingeschlossen. Ich küßte das Gehäuse und konnte mich bei dieser Gelegenheit durch den Augenschein davon überzeugen, daß das Blut fest war. Tausende von Menschen aller Stände, vom Fürsten bis zum Bettler, befanden sich in demselben Falle wie ich, und der Canonicus, welcher das Gehäuse hielt, während ich scharf in dasselbe hineinsah, bog es zum Oeftern von einer Seite zur andern, um zu zeigen, daß das Blut nicht flüssig sey, wobei er das GeHänse nur mit den Fingerspitzen berührte. Ich habe vergessen zn bemerken, daß gleich nach Abhaltung des Hochamtes eine Anzahl Frauen in die Capelle eingelassen Wurden. Dieß ist ein Vorrecht, welches gewisse mit dem heiligen Januarius verwandte Familien seit undenklichen Zeiten besitzen. Diese Frauen sagten die Litanei der seligen Jungfrau laut her und schickten andere inbrünstige Gebete zum Himmel empor, wobei sie sich in einer schwer zu beschreibenden Weise gebcrdeten. Fremde, die mit der italienischen Sprache nicht oder nur unvollkommen be- kannt sind, und die den durch einen sol-ben Act erregten Enthusiasmus nicht theile», haben behauptet, diese Frauen schimpften und schmähcten den Heiligen, weil sein Blut nicht so schnell flüssig werde, als man es wünsche; allein dieß ist durchaus ungegründet. Ich befand mich, während die Frauen beteten, dicht bei ihnen, und ich hörte weder Drohungen noch Schimvfwvrte, sondern nur Aeußerungen der andächtigsten Begeisterung. Als meiiie Uhr 1 Uhr Nachmittags zeigte, hatte sich das Blut »och in keiner Weise verändert, und viele Menschen waren nach Hause gegangen, so daß die Kirche bedeutend kühler geworden war. Genau um drei Viertel auf zwei erschien-aber Plötzlich das Blut flüssig. Der Canonicus, welcher das Gehäuse trug, ging dicht vor mir vorüber und ich begleitete ihn bis zum Hochaltar, wo ich die Flasche küßte und mein Gebet mit dem der Versammlung vereinigte, welche Gott den Allmächtigen für das Zeichen seiner Gnade pries, das er den Gläubigen so eben durch ein unergründliches Wunder ertheilt hatte. Eine Stunde später küßte ich die Flasche noch einmal und »ach Verlauf derselben Zeit von Neuem u. s. w,, im Ganzen fünfmal. Dabei sah ich denn jedesmal, daß das Blut vollkommen flüssig geblieben war und durchaus keine Neigung zum Gerinnen zeigte, obgleich um fünf Uhr Abends die Luft in der Kirche sehr kühl geworden war. Um diese Zeit küßte ich die Flasche an jenem Tage (am 19. September) zum letzten Male. Ich war über acht Stunden fortwährend in der Kirche geblieben und hatte Alles, was sich darin zutrug, mit gespanntester Aufmerksamkeit beobachtet. Am 23. September besuchte ich die Kathedrale von Neuem, in der Stunde von neun bis zehn Uhr Morgens, gleich nachdem in der Capelle des heiligen Januarius das Hochamt gehalten warben war. Ich untersuchte das Blut auss Genaueste. Es bildete einen Klumpen und War durchaus unbeweglich; der Canonicus drehte die Reliquie vor meinen Augen um und um. Dieß war keine besondere Vergünstigung. Der ärmste Mann konnte so gut, wie die Königin Wittwe, die sich gerade in der Capellc befand, in diese eintreten und die Reliquie beschauen. Wenige Minuten vor 10 Uhr wurde das Blut wieder flüssig uud ich besichtigte dasselbe wiederholt in seinem flüssigen Zustande, wie ich es am Nachmittage des 19. Septembers gethan. In meinem ganzen Leben hat nichts einen so gewaltigen Eindruck auf mich gemacht, als dieses Wunder. Alle meine früheren Erlebnisse traten vor diesen, Ereignisse in den Hintergrund zurück, und ich spreche hiermit als meine vollkommenste Ueberzeugung aus, daß das Flüssigwerden des Blutes des heiligen Januarius ganz unzweifelhaft durch ein Wunder bewirkt werde." . Das hl. Collegium am ersten Januar 1843. Am ersten Januar 1845 bestand das hl. Collegium aus 59 Eminenzen, davon 6 Cardinalbischöfe, ä3 Cardinalpriester und 10 Cardinaldiacone, wornach also 11 Titel vacant waren. Der älteste Cardinal ist zur Zeit der Hochw. Erzbischof von Genua: Pla- cidus Maria Tadini aus dem Carmeliten-Orden, geboren den II.Oct. 1759, der jüngste aber ist der Hochw. Herr Friedrich Joh. Jos. Cölestin Fürst v. Schwarzenberg, geboren den 6. April 1809, deren Geburtszeit sonach gerade ein halbes Jahrhundert auseinander liegt. Außer den sechs Cardinalbischöfcn, die, wie bekannt die Oberhirten von sechs in der Nähe von Rom sich befindlichen Kirchen sind, sind 23 Cardinäle zugleich noch Obcrhirtcn von anderen Kirchen, als Patriarchaten, Erzbisthümern oder Bis- thnnl'rn. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags - Inhaber : F. C. Krem er. <5 ^»s-- B-iz. d r " / . * / Rttgsburgev Poftzeitttng Erste Jahreshälfte ^ 1«. Februar 1845. Deutschland. Mission in Waging in Oberbayern bei Salzburg. * Ueber die Mission in Waging, welcher in der Postzcitung Nr. 16. in der Beilage erwähnt worden, schreibt nachträglich ein Augenzeuge vom Wagingersee am 6. Febr. Folgendes: Sie wünschen zu erfahren, ob die Früchte der Mission, welche vom 22. bis 28. Dec. v. I. im Markte Waging sechs Bäter des heiligsten Erlösers aus Altötting gehalten haben, auch andauernd sind? Bei Einzelnen mag der Eindruck, den ihre Predigten gemacht, wohl ein vorübergehender seyn, bei der Mehrzahl ist er aber nachhaltig. Ein Beweis hievon scheint mir die noch zur Stunde bestehende Fortdauer von Gcneralbeichtcn auch in den Waging zunächstliegenden Scelsorgen Otting nnd Tcttenhausen, von wo aus alle Predigten besucht worden; das Schweigen des sonst auch die Nachtruhe störenden Gejodels zc. ausgelassener oder betrunkener Jünglinge, und der Tanzmusik seither, auch au den Fastnachtstagen. Da ähnliche gute Früchte die Väter des heiligsten Erlösers durch ihre Predigten auch in und um Altötting bleibend hervorbrachten, so scheint dieß Veranlassung gegeben zu haben, daß sie selbst höhern Orts sollen angegeben worden seyn, „sie machten durch ihre Predigten und Lehren im Beichtstuhle Kopfhänger und Schwärmer:c.," obgleich sie sich getreu an die Moral ihres Stifters, des heiligen Alphvus Liguori, halten, welche bei ihrer Approbation in Rom das Zeugniß erhalten hat, daß sie die goldene Mitte zwischen zu großer Strenge und Leichtigkeit halte. Wie verschieden ist doch unser Zeitalter von der Mitte des vorigen Jahrhunderts! In den Archiven der vormals nach Salzburg gehörigen Seelsorgen Waging, Tcttenhausen :c., liegt noch ein obcrhirtlicheö Generale vom 7. April 1752, in welchem den Seelsorgern angezeigt wird, daß unterm 26. Febr. an alle hochfürstlichc Pflcggcrichte die geschärfteste landesherrliche Verordnung ergangen sey zur Abstellung der eine Zeit her in Schwung gehenden nnehrbarcn, starkvcrbotcnen sogenannten Walzertänze. Zugleich werden darin die Seelsorger ermahnt, auf der Kanzel wider solches unverschämtes Tanzen schärfest zu predigen, und die Uebertrctcr bei fruchtlos gütlicher Abmahnung ent weder der obcrhirtlichcn Stelle oder der weltlichen Obrigkeit anzuzeigen. — Da dieser Walzertanz jetzt allgemein gebräuchlich ist, und unstreitig, als großes Reizmittel zur Unzucht, zu den vorzüglichsten Ursachen der noch immer im Wachsen begriffenen Anzahl der vielen unehelichen Geburten gehört; so ist ja das Aufhören solcher Tanzgesellschaften durch das scgcnvollc Wirken der Väter des heiligsten Erlösers offenbar ein Zeichen erwachender religiös-- sittlicher Bildung, und nicht Folge überspannter Moral und Kopf- hängerei ! Eiferte man doch gegen die unsittlichen Folgen ungleich schuldloserer Tänze unter dem Churfürsten Maximilian dem Großen in Bayern durch eine Verordnung, die also lautet: „Weil bekanntlich durch die feiertäglichen Abcndtänzc auf dem Lande dem jungen Bauernvolke zu Leichtfertigkeiten Anlaß gegeben wird, auch daraus vielfältig Naufhcindcl und Todtschlägc oder sonst schwere Leibesbeschädigungen erfolgen; so sollen die Tänze auf den Kirchtägen und andere feiertägliche Tänze auf dem Lande im Sommer um vier Uhr, und im Winter um drei Uhr beendigt seyn, und von keiner Obrigkeit länger geduldet werden. Alle seit 1553 ncucrrichtcten Tanzpläze, und die neu angestellten Bubcntänze sollen gänzlich wieder abgeschafft, und alle Leichtfertigkeit im Tanzen, besonders das grobe Halsen, Drücken (was bei dem Walzertanze ungleich mehr geschieht), das ungeschickte, leichtsinnige Zusammenlaufen, Halten und Herzen, Herumschwingen, bei ernstlicher Strafe vermieden werden." Solche Verordnungen wären unstreitig sür unsere Jugend sehr nothwendig und heilsam, wenn sie im Uebertrctungssalle dnrch körperliche Züchtigungen unterstützt würden; denn Geld- und Gefängnißstrafen fürchtet man nicht. In einem königlichen Landgerichte, deren Vorstand die Raufer jedesmal öffentlich mit Stockschlägen züchtigen ließ, brachte man es bald dahin, daß in Gasthäusern Ruhe herrschte. Allein Beschränkung der herkömmlichen Vergnügen der Jugend und körperliche Züchtigungen werden in unserm freisinnigen Zeitalter als Verletzung der unveräußerlichen Vernunft und FrciheitSrechte betrachtet. Und doch gibt es kein anderes Erziehungsmittel für Menschen, die als Sklaven ihrer Leidenschaften sich selbst nicht beherrschen können, sie mögen in den Jahren der Kindheit oder des Mannes-Alters zur Sclbstcrzichung gci- stcönnmündig seyn. Daher in den göttlichen Urkunden Gott seinen Stellvertretern, den Eltern und Fürsten, den Gebrauch der Zuchtruthc und des Schwertes, der körperlichen Züchtigungen befiehlt, um GcisteSunmündigc in jedem Alter zur Sclbsterziehunz zubewegen, wodurch die Mcnschcnrcchte nicht verletzt werden, da Gott allein daö Recht zusieht, dieß zur Förderung seiner Ehre und zum Mcnschcnwvhl zu befehlen. Wie Eltern, wenn sie diesen Befehl Gottes nicht vollziehen, wegen Unterlassung dieser Pflicht von ihren entarteten Kindern mißhandelt werden, so die weltlichen Fürsten durch revolutionäre Unterthanen. So lehrt die Geschichte besonders in unsern freisinnigen Tagen. Wo finden aber gottes- furchtige Fürsten, wenn sie diese ihnen von Gott gebotene Pflicht erfüllen und seine Ehre fordern wollen, eine Mehrzahl von ihnen Bevollmächtigter, welche ihre Verordnungen gewissenhaft vollziehen? Auch in diesen Gegenden werden, ungeachtet der bestehenden Gesetze , die Frcinächtc fast bei alle» Hochzeiten und Frcitänzen geduldet.— Dank und Ehre unserm guten, allgcliebttn König Ludwig, der bei solchen Verhältnissen durch ein außerordentliches geistliches Erziehungsmittel, durch die Missionen der Priester des heiligsten Erlösers, der göttlichen Pflicht zu genügen, und dem moralischen Verderben des Landvolkes zu begegnen sucht! Bei der herrschenden Abneigung aber gegen Beschränkung der sündlichen Wcltver- gnü'ge», besonders bei eigennützigen Wirthen, denen mehr am zeitlichen Gewinn als am Seclenheile liegt, ist es eben kein Wunder, daß die Väter deö heiligsten Erlösers in Altötting, die schon als Wallfechrts-Priester die Sittlichkeit weithin fördern, als überspannt in ihren Predigten und Lehren im Beichtstühle verschrieen Werden, da sie durch ihr segcnreichcs Wirken an diesem Gnaven- ortc und bei den Missionen die Eltern zur HauSzucht und die Jugend zur Aufgebung der verliebten, sündhaften Bekanntschaften mit Personen des andern Geschlechtes, so wie zur Wegbleibung von den in unsern Tagen so ärgerlichen Frcitänzen bewegen. Es stehen aber deßwegen im Markte Waging und in andern Orten, Wo Missionen waren, die Gasthäuser nicht leer, nur ruhig und mäßig genießt man jetzt diese gesellige Erheiterung, und man geht jetzt vor der Polizeistunde nach Hause. Ein Wirth sagte sogar, er habe jetzt mehr Gewinn, weil ihm durch Betrunkene und Raufende keine Geschirre mehr zerschlagen werden. Auch in den Bauernhäuscrn hat der gesellige Besuch nicht aufgehört, wo die Hausväter die sogenannten Heimgarten der Liebhaber ihrer Töchter und Mägde nicht mehr gestatten. Sobald die Bußtrauer, die der Apostel nothwendig und heilsam nennt, vorüber ist, sieht man die Jugend heiterer und fröhlicher als zuvor, wo man den innern Unfrieden nur durch lärmende, ausgelassene Vergnügen zu beschwichtigen suchte. Bei so heilsamen Früchten der Missionen ist zu hoffen, daß Verlangen der Seelsorger und Gemeinden darnach bald allgemein werden wird. Das hie und da noch herrschende Vorur- thcil, durch Missionen würde das Ansehen der Seelsorger und ihrer Predigten herabgesetzt, kann nur in der Unwissenheit der Selbstgefälligkeit ihren Gründ haben, da der Apostel ausdrücklich lehrt: „Weder der ist etwas, welcher pflanzt, noch der, welcher begießt, sondern Gott, der das Gedeihen gibt." Pfarrkindcr, die auch im Markte Waging der genannten Meinung waren, wurden bei der ersten MissionS-Predigt von diesem Vorurthcile ganz befreit, als der geistvolle Prediger sagte: „Erwartet ja nicht, daß wir euch andere Wahrheiten predigen als euer Seelsorger. Er berief uns nur, weil er euch vorzüglich liebt, wie ein Arzt einen andern zu Hilfe zieht, wenn er bemerkt, daß der Kranke seine Anvrdnun- ' gen nicht befolgt, in der Hoffnung, er werde die eines andern ^ eher befolgen." — Wer weiß nicht, daß sich das Volk an die ! geistvollsten Predigten gewöhnt. Ein nie gehörter Prediger von > geringern Gaben macht der größern Aufmerksamkeit wegen ost 5 ungleich mehr Eindruck auf die Zuhörer. Ein vorzüglicher Grund 1 der Wirksamkeit der Missionen liegt aber in ihrem Außerordentlichen, s 1 daß die Rcligionsvorträgc vorzüglich über Buße und die vier letz- > tcn Dinge mehrere Tage nacheinander täglich drei odcr viermal statthaben, und durch diese geistlichen Uebungen die Zuhörer ohne nachtheiligen Einfluß der gewöhnlichen Zerstreuungen zur Selbstkcnntniß gebracht werde». Ich sage ein vorzüglicher; denn der vorzüglichste Segen der Missionen besteht unstreitig in der Wirksamkeit außerordentlicher, göttlicher Gnaden, die das Wort in den Herzen lebendig machen, und zwar auf die Fürbitte der heiligen Stifter der MissionS-Priester, was vor allen die Seelsorger beherzigen sollen, denen ja die Aussprüchc des alten und neuen Bundes über die Krast des Fürbittgcbetcs und der Verdienste der Heiligen nicht unbekannt sind. Als Gott daö Volk Israel des Götzendienstes wegen vertilgen wollte, bat MoseS um Schonung desselben, und der Herr ward versöhnt. Im dritten Buche der Könige spricht Gott zu Salomon, als er schwer gesündigt hatte, daß er wegen David, seines Dieners, die Strafe verzögern wolle. Und im vierten Buche der Könige heißt es: „Aber der Herr wollte Juda nicht vertilgen um DavivS, seines Knechtes, willen." Wenn wir im alten Bunde mehrere solche Stellen lesen, daß sich Gott um Moses' und Davids oder ihrer Verdienste und Fürbitte wegen des sündhaften israelitischen Volkes erbarmte, Jesus selbst lehrt, daß sich die Heiligen im Himmel um unser Seelenheil bekümmern, indem sie sich sreuen über einen Süudcr, der Buße thut, und der heilige Cvpricm mit dem Papste Cornelius einen Vertrag machte, „daß, wer auö ihnen zuerst zu Gott kommen würde, derselbe dessen Barmherzigkeit für die Gläubigen auf Erden unablässig anflehen sollte;" werden nicht auch durch die Fürbitte des heiligen Alvhons Liguori und der gnadenvollcn jungfräulichen Gottes Mutter, die dieser Heilige stets so vorzüglich verehrte, bei den Missions - Predigten der Priester der von ihm gestifteten Gesellschaft des heiligsten Erlösers größere, außerordentliche Gnaden der Buße und Beharrlichkeit im Guten den Zuhörern derselben zu Theil werden? Wenn die Liebe nicht stirbt, wie der gottselige Bischof von Sailer zu sagen pflegte, so werden die Gerechten nicht aufhören, auch im Himmel für uns zu bitten. Dieser Liebe wegen haben wir ein besonders großes Vertrauen auf die Fürbitte der jungfräulichen Mutter Jesu bei ihrem Sohne. Man bemerkte daher einen großen, bleibenden Eindruck iu der ersten Missions- Predigt in Waging, als der Prediger die Zuhörer versicherte, seine Mitbrüder werden während dieser Mission am Gnadenorte Alt- ötting, wo es Gott gefällt, wie einst am Teiche Vethcsda, grössere Gnaden zu ertheilen, täglich die seligste Jungfrau um Fürbitte anrufen zur Erlangung der Gnade der Buße und Heiligung. Wie im alten, so ertheilt Gott auch im neuen Bunde durch das Fürbittgebet außerordentliche Gnaden, wie die Kirchengeschichte lehrt. Um nur ein Beispiel anzuführen, lesen wir im Leben der gottseligen Schwester Maria von Valencc, das die Pariser Universität gutgeheißen hat: „Gott sprach öfters zu ihr, ihrer wegen wolle er eiue große Anzahl Seelen dem Unglauben oder der Ketzerei entziehen, ihrer wegen wolle er eine zahlreiche Menge Sünder aus ihrem Lasterleben erretten." Boudon setzt hinzu: „Sie diente in ihrem Kämmerlcin nur Gott durch Gebet und ein heiliges Leben. Während in den Augen der Menschen die Missionäre den Ruhm der Bekehrung jener bekehrten Personen davon trugen, gebührte er in den Augeu Gottes dieser armen Frau, die iu ihrer Jugend eine kurze Zeit verehelicht gewesen war." Ohne außerordentliche Gnaden würden, nach dem Verluste der ordentlichen, zahllose Seelen verloren gehen; denn das Gleichniß Jesu von der nicht gleichen Zahl der Talente lehrt, daß Gott jedem ein bestimmtes, jedoch hinreichendes Maaß der Gnaden ertheilt. Wirkt der Mensch »ach seinen Fähigkeiten mit der innern Anregung und Erleuchtung der Gnade nichl mit, begräbt er sein Talent in die Erde: so bleibt er in Zukunft bei den geistreichsten Predigten seines Seelsorgers so lange verhärtet, kalt und gleichgiltig in seinem Herzen, bis ihm Gott durch besondere Vermittlung außerordentliche Gnaden ertheilt. Dieß geschieht vorzüglich durch die Missionen auf das Fllrbittgebet ihrer heiligen Stifter zc. Die Wahrheit dieser Behauptung erwies sich auch bei der Mission in Waging. Ich hörte viele Zuhörer der Predigten derselben sagen: Ost schon hörte ich diese Wahrheiten in Predigten, im Beichtstühle, ich wußte sie schon lange, aber sie rührten mich nicht, ich erkannte mich nicht schuldig. Jetzt aber habe ich Tag und Nacht keine Ruhe, cö mahnt mich immer, ich soll meine Sünden beichten und mich bessern, anders könne ich nicht selig werden. Schon Der heilige Augustin lehrte: „Fruchtlos sind alle Predigten, wenn nicht der heilige Geist durch innerliche Erleuchtung lehrt." Möchten doch alle Seelsorger erkennen, daß ihre Wirksamkeit mehr von der göttlichen Gnade, als von ihren Predigten abhängig ist, dann würden alle nach Missions-Priestern verlangen, was zur Förderung der beharrlichen Wirkung einer Mission so heilsam wäre, da die bösen Beispiele einer Pfarrei, wo noch keine Mission gewesen, stets nachtheilig einwirken! Nachschriftlich noch, daß auch in Waging und Tettcuhausen Tngcndbündnisse der Jungfrauen im Entstehen sind, nach den Satzungen, derer sich auch die P. Nedemtoristen in Tirol zur Erhaltung der Früchte einer Mission bedienen, welche in den Betrachtungen über die Nachfolge Maria lc. (Augsburg in der Math. Rieger'schen Buchhandlung 1844.) abgedruckt sind, die den Mitgliedern empfohlen werden. Die Trappisten in Algier. Seitdem in neuerer Zeit in Frankreich so mancher ausgezeichnete und geistreiche Mann dem Ordenslcben sich zugewandt, besitzen namentlich die Trappisten unter ihren Ordensmitgliedern mehrere Aerzte, die sowohl dem Orden, als dem menschenfreundlichen Berufe, den sie in demselben pflegen, alle Ehre machen. Das Trappistenkloster (la Kruir«lv-IrÄppö) z. B. bei Mortagne hat in dem (auch durch seine literarischen Leistungen ausgezeichneten) P. Debreyne einen vortrefflichen Arzt, dessen Wissenschaft der ganzen Umgebung zu gute kommt. Auch das Trappistenkloster zu Stauelli in Algier befitzt in dem P. Mucius seinen Arzt. Ueber die Wirksamkeit dieses Missionärs bringt die Kevue möäiealk des Dr. Cayol eben den nachfolgenden Bericht. „In Afrika, wie in Frankreich, heißt es daselbst, stehen die Aerzte aus dem Trappistenorden, von den guten Brüdern unterstützt, ganz auf der Höhe ihrer Mission und widmen allen Leidenden mit der ausgesuchtesten Sorgfalt ihre Dienste. So wurde Bruder Ge'rard (vr. Henriat) eines der ersten Opfer dieser wunderbaren Hingebung, denn er trat während der kältesten Nächte sein Bett an Jene ab, welche keines hatten, und verfiel so frühzeitig dem Tode. Dctachirte Soldaten, die Kolonisten und Araber, die auch um den christlichen Kebir sich drängen, bilden die zahlreiche und verschiedenartige Kundschaft des Arztes aus dem Trappistenorden. Pater Mucius, der Verfasser der folgenden Briefe , befindet sich also in einer Stellung, in welcher er die größten Dienste leisten und mit unseren Militärärzten für die Erhal- ') Briefe über die in Algier herrschenden Krankheitsformen, welche die Revue Kleclicalc- mittheilt. tung unserer braven Soldaten Vieles thun kann. Daß die Fragen über den Gesundheitszustand von Algier von höchster Wichtigkeit und Bedeutung sind, brauchen wir nicht erst zu bemerken. Setzt ja doch das Klima der Erhaltung unserer herrlichen Eroberung und der Einpflanzung europäischer Civilisation den hartnäckigsten Widerstand entgegen; klimatische Verhältnisse hemmen den Fortgang der Intelligenz aus dem Occidcntc nach dein Oriente, vom Norden nach dem Süden, sie trennen Europa von der übrigen Welt, und der Heilkunde ist es vorbehalten solche Hinvernisse zu bewältigen und dadurch den Fortschritt der Kunst zu bewähren. Es ist allerdings wahr, daß selbst Historiker, denen die Heilknndc srcmd und die nur auf ihre Erlebnisse angewiesen waren, wie der heilige Angustin I^cle Livitatv Ovi), das nördliche Afrika als ein selbst für die Eingeborenen verderbliches Land uns schildern. Allein die Vergangcnhcit darf uns in Bezug auf Gegenwart und Zukunft nicht cntmuthigcn und trübe Aussichten wecken die edelsten Kräften zum Kampfe. P. MuciuS, der in seiner Praxis nach den Principien des hip- pvkratischcn VitaliSmuS verfährt, fördert dadurch den Fortschritt der rationellen Heilkunde in Algier. Und auch die Regierung wird hoffentlich gegen die Cvlonisationsbcstrebungcn der Trappisten nicht gleichgültig bleiben, sie wird, wir zählen darauf, die Anstalt von Stauelli, wenigstens so lange sie noch in ihrer Entwicklung begriffen ist, thätig unterstützen und ihrerseits sich nicht weigern die Arzneien uncngeltlich an Männer abzuliefern, die mit der wunderbarsten Liebe sie benutzen. In diesem Falle würde ich mich freuen durch Mittheilung der folgenden Briefe die Aufmerksamkeit der ärztlichen Welt ans die Heilkunde der Trappisten hingelenkt zu haben. Mögen diese ehrwürdigen Männer, die im Stillen so große Dinge wirken im Gegensatze zu so vielen Anderen, die viel Lärmen machen um Nichts, mir cS verzeihen, daß ich den Schleier, unter welchem ihre Bescheidenheit vor den Augen der Welt sich birgt, etwas gelüftet habe. In Frankreich kennen nur Wenige die wichtigen Dienste, welche eine Handvoll Trappisten, unsere Landsleute, der Kolonisation von Algier geleistet haben. Und doch sind sie erst seit ohngefcihr zwei Jahren dort und die Regierung hat ihnen nichts gewährt als 1000 Hec- taren wüstes ungesundes Land und eine Summe von 62,000 Francs zur Deckung der ersten Einrichtungs-- und Baukosten. Auf dem Schlachtfelde von Stauelli mit den dort gesammelten Kanonenkugeln haben sie vor zwei Jahren das Fundament ihres Baues gelegt, — und jetzt ruht mitten in dieser öden Wildniß das Auge des Wanderers auf einem harmonischen Ganzen von Bauten, unter welchen eine Capelle mit dem glorreichen Zeichen der Erlösung, ein großes Kloster und zu beiden Seiten die Gebäude der Musterwirthschaft auf den ersten Blick hervorspringen. Mehr als 100 Hcctaren Landes sind trotz des ungünstigen Klimas und der Schwierigkeiten aller Art bereits urbar gemacht. Allein eS sind auch schon sieben bis acht Ordensmäimcr von 45, welche die kleine Colonie bilden, in der Blüthe des Alters der Anstrengung und den aus dem ungesunden Boden sich entwickelnden Krankheiten erlegen. Diese Verluste haben indessen die frommen Einsiedler nur zu einem um so größeren Eifer angespornt und unter dem Schutze unserer lieben Frau von Stauelli findet alles menschliche Elend eine Zufluchtsstätte und mitleidige Herzen. Ein Hospital ist organisirl und arabische Kinder, die der Krieg zu Waisen gemacht, werden in das Kloster aufgeuommen, wo sie eine christliche Erziehung erhalten und durch Lehre und Beispiel zu guten Ackerbauern herangebildet werden. Knickerei von Seiten der Regierung gegen eine so schone, für unsere Colonie so wohlthätige und für unsere Nation so ehrenvolle Stiftung wäre also sehr am unrechten Orte." So weit unser Arzt. Wir fügen zur Ergänzung noch die nachfolgenden Notizen aus einem andern französischen Blatte bei: „ Die Anstalt der Trappisien zu Stauelli ist ihrer Vollendung nahe und wird bald eine der schönsten seyn, welche dieser Orden in Frankreich oder im Auslande besitzt. Die Mühsale, welche diese guten Brüder und der brave Oberst Marengo, der sie in so edler Weise unterstützt, zu überwinden hatten, lassen sich mit Worten nicht sclnlvcrn. Indessen lassen sie sich schon nach der Zahl der Stcrbfälle unter den Begründern bemessen. Von 38 Trappisien sind 8 im Jahre 1844 gestorben und alle Nebligen mehr oder minder krank gewesen. Bon den 150 Militärsträflin- gen, die zur Beschleunigung der Arbeit ihnen zur Disposition gestellt waren, sind 37 gestorben und alle klebrigen von schweren Krankheiten heimgesucht worden. Indessen dürfen wir hoffen, dasz die Ursachen dieser Ungcsundhcit jetzt beseitigt sind und das Jahr 1845> ohne neue Verluste sür die Trappisien vorübergehen wird. Für die Gründung dieser Anstalt in Algier hat die Negierung den Trappisien 62,000 Francs znr Disposition gestellt und alle Welt ist der Ansicht, dasz sie diese Subvention vortrefflich benutzt haben. Der Ackerbau ist weiter vorangeschrittcn und wird mehr betrieben als in irgend einem andern Dorfe, die Bauten sind im besten Fortgangc. Alle Maaßregeln sind getroffen, um neue Niederlassungen und Anlagen zu begründen: die Kalk - und Zie- gclbrenncrcicn sind im Gange, die Steinbrüche geöffnet, die Werkstätten der Tischler, Zimmcrleute und Schmiede vollständig und ökonomisch vrganisirt und in unausgesetzter Thätigkeit. Material ist in diesen Werkstätten genug vorhanden und der Preis der Handarbeit billig. Dieß sind unberechenbare Resultate, die in einem Lande, wo die Industrie gleich null ist und wir Alles erst schaffen müssen, für die Zukunft viel versprechen. Uuv so ist die Trappistencolonie in Algier eine nationale und religiöse Schöpfung, die sowohl auf die europäische Bevölkerung, die sich neben ihr niederlassen wird, als auf die Eingeborenen, deren Charakter wesentlich religiös ist, einen sehr heilsamen Einfluß äußern wird." (Katholik.) Schweiz. Schafs hausisch es Convcrtitengesetz. Am 25. Januar wurde dem Gr. Rathe eine „ehrerbietige Vorstellung" der E. schaffhausischen Geistlichkeit vorgelegt, worin die Bitte ausgesprochen wird: a) „Es möchte der Gr. Rath in Berathung ziehen, was von Seite der Gesetzgebung geschehen könne, um den Kanton vor der ihm drohenden Gefahr der Parität zu bewahren," und Ii) es möchte derselbe ein „Convcrtitengesetz" aufstellen, mit folgenden Bestimmungen: 1) „Keine Konversion darf stattfinden, bis nach erreichter Consir- mativn und Volljährigkeit. 2) Wer zur katholischen Konfession übertreten will, hat dieß zuvor seinem Geistlichen anzuzeigen, welcher sich mit ihm darüber besprechen und das Resultat der Besprechung dem Kirchcnrath berichten wird; dieser wird sodann entscheiden, ob ein weiterer Unterricht stattfinden soll oder nicht. 3) Die Konversion des Vaters oder der Mutter hat auf die vorhergcbvr- nen Kinder keinen Einfluß, sondern sie haben in der ursprüuglichcn Kirche zu verbleiben. 4) Solche, die im Auslande cvnvcrtiren wollen, haben eine Bewilligung dazu von der (schaffhausischen) Regierung einzuholen. 5) Die förmliche Aufnahme in die katholische Kirche soll n»ir dann von einem Geistlichen geschehen, wenn eine Bescheinigung vorgelegt worden, daß den obigen Bedingungen Genüge geleistet worden sey. Wobei noch als Billigkeit gegen andere Staaten beizufügen wäre: 6) Ein Angehöriger eines andern Staates darf in hiesigem Kanton nicht convcrtiren ohne Er- laubuißschcin von Seite seiner eigenen Regierung." Der Eifer der schaffhausischen Geistlichkeit für die Sache des reinen Evangeliums will somit die Schweiz mit einem Gesetze neuer Art beschenken. Die vvrortliche Behörde behauptet zwar in ihrem Kreisschreiben vom 21. Januar, „die reformirte Kirche sey in sich selbst stark genug, um den geistigen Einfluß der Jesuiten (und Katholiken) für sich und in ihrem Glauben keineswegs zu fürchten, immerhin müsse der Kampf zwischen den Confcssioncn oder innerhalb derselben auf geistigem Gebiete ausgcfochtcn werden, wenn er zur richtigen Losung kommen soll." Die protestantische Geistlichkeit SchaffhausenS ist anderer Ansicht, und glaubt die „drohende Gefahr der Parität" durch ein Gesetz, also durch die weltliche Macht abwehren zu sollen, offenbar aus dem Grunde, weil sie sich nicht stark genug fühlt gegcu die geistige Macht des Katholicismus. — Wir waren der Ansicht, Schaffhausen sey wirklich schon ein paritätischer Kanton; durch die Aufnahme der katholischen Gemeinde Namsen, welche doch politisch gleichberechtigt seyn wird wie die reformirten Gemeinden, habe Schaffhausen aufgehört ein ausschließlich protestantischer Kanton zu seyn, wo die Katholiken von politischen Rechten ausgeschlossen seyen. Welches Klaggc- schrei erhob die gesammtc protestantische Schweiz, als der ausschließlich katholische Kanton WalliS den Riegel schieben wollte, damit in seinem Gebiet nicht jeder Unfug in religiöser Beziehung getrieben werden könne; und kaum ein halbes Jahr, so unternimmt der Protestantismus Acrgeres in Schaffhauscu. Noch mehr am 8. Sept. 1644 erließ die Schaffhausische Geistlichkeit einen „Hirtenbrief," worin sie gegenüber der katholischen Kirche lehrt: „Der Mensch ist in seinen: Glauben frei von aller menschlichen Gewalt;" „unser Glaube stehet nicht auf Menschen Ansehen und Menschen Macht;" „Gott wird unö bei unserm Glauben zu schützen und zu erhalten wissen in diesen Tagen der Gefahr und des Kampfes.' Noch sind nicht fünf Monate vorüber, und schon hat die protestantische Geistlichkeit dieses ihr „evangelisches Zeugniß" vergessen, und die darin ausgesprochenen Grundsätze vcrläugncnd stützt sie sich nach altgewohnter protestantischer Weise ganz auf den weltlichen Arm und rettet ihren Glauben hinter ein Convertitcngcsetz eigener Art. Durch dieses Gesetz wird jede künftige Bekehrung zum Katholicismus vom Gutfinden der protestantischen Geistlichkeit und der weltlichen Regierung abhängig gemacht. Auffallen dürfte endlich, daß dieses Gesetz ausschließlich gegen die katholische Kirche gerichtet ist. Wir zweifeln nicht an der Annahme dieses Gesetzes; denn die Erfahrung hat gelehrt, daß die Schaffhausische Geistlichkeit starke Hebel in Bewegung zu setzen weiß, um ihrem Willen Anerkennung zu verschaffen. Wie sind auch weit entfernt, die Verwendung des katholischen Vororts gegen ein solches Gesetz zu wünschen, obwohl sie gegründeter wäre als die Einmischung der protestantischen Kantone in die religiösen Angelegenheiten der Kantone Wallis und Luzern. „Meine Wege sind nicht eure Wege", spricht der Herr. (Schw. K.-Z.) Verlags - Inhaber: F. C. Kr einer. ? » ^^»g s - Deib, der «, ^ Attgsvurger Erste Jahreshälfte. M? 8. Poftzeituttg. SZ. Februar Stellung und Beruf der Jesuiten in der Gegenwart. (Paß. ka,h, Kirchenztg.) In Vcr Geschichte der geistlichen Orden ist vielleicht die Geschichte der Jesuiten die merkwürdigste; denn kein Orden hat in so kurzer Zeit des Bestehens so Außerordentliches geleistet, keiner so wunderbare Schicksale gehabt, als der Orden der Jesuiten. Von seinen Bewunderern und begeisterten Freunden einerseits zu den Sternen erhoben, andrerseits aber von seinen Gegnern in die tiefsten Tiefen der Hölle hinabgeschleudcrt, steht er da, unter allen Genossenschaften in der Kirche am meisten die Schicksale der Kirche selbst theilend und dem göttlichen Meister, dessen Namen er trägt, an Verfolgung am meisten ähnlich geworden. Während die Bcncdictincr Männer des Friedens sind, Ackerbau und Wissenschaft und Kunst in stiller Abgeschlossenheit mit sorgsam geschäftiger Hand pflegend, sind die Jesuiten geborne Krieger, geboren in stürmischer Kriegszcit, erzogen und wohlgeubt im Felde, wohl vertraut mit allen Kriegskünsten des Feindes, abgehärtet und ausdauernd, wie kein anderer Soldat, stets wachsam und kampf- gerüstet und daher auch fortwährend unter siegreicher Fahne geschaht. Mag sich die Häresie, die Erbfeindin des Jesuitenordens, unter was immer für eine MaSke verstecken, mag sie mit roher Gewalt oder in listigem Schaafpelz versteckt, als offener redlicher Gegner oder als tückischer Meuchler auf dem Kampfplatz erscheinen: der Jesuit kennt sogleich seinen Mann, reißt ihm die Larve vom Gesicht, verfolgt ihn in alle Schlupfwinkel, «nd entwaffnet ihn. Solchen Schrecken übte noch kaum Medusens Haupt, als der Anblick eines Jesuiten auf häretische Augen; entsetzlicher schlug wohl noch nicht der grause Ton der Sturmglocke an das Trommelfell des Häretikers, als der Name — Jesuit; scheußlicher k>inn seiner Phantasie wohl auch der leibhaftige Teufel nicht vorschweben, als das Bild eines Jesuiten; ja Jesuit und Teufel sind ihm synonym. Und woher diese unversöhnliche Feindschaft, dieses Zittern beim bloßen Namen Jesuit? Fragt die Geschichte und sie wird euch die Antwort geben. Als die Häresie auf stolzem Siegeöwagen brausend einherfuhr wie eine gewaltige Windsbraut, und in Sturmeswehen das Gebäude der alten Kirche umzustürzen und den Felsen, darauf es gebaut, zu zernichte» drohte: da fielen die Jesuiten der Stür- mcrin in die Räder, und hemmten ihren stolzen Siegeslauf. Und als sie ihre Schaarcn ausschickte, um die gottgegrllndctc Fclsen- burg zu bestürmen, da standen die Jesuiten im Vordcrtreffen wie Mauern, fingen die feindlichen Gcschoßc mit undurchdringlichen Panzern auf und schleuderten selbst so geschickt die Waffen in die feindlichen Reihen, daß sie schciarenwcise hinsanken, oder in schändlicher Flucht das Schlachtfeld räumen mußten. Und als die Häresie, die Verächterin der göttlichen Autorität der Kirche, ihr jüngstes Töchterlein, die Revolution, die Verächtcrin der göttlichen Autorität der Könige, ausgeheckt hatte, da standen die Jesuiten wie ein Damm gegen die Wässer der Auflösung und Anarchie, die von allen Seiten wie eine Sündfluth hereinbrachen, und wohl nie wären jene Ströme Bürgerblutes vergossen worden, nie jene gekrönten Häupter unter dem Beile gefallen, wenn nicht die Revolutionsmänner, nicht mit geistigen Waffen, sondern mit roher Gewalt, durch List, Betrug und höllische Machinationen aller Art, deren Gräuel und teuflische Bosheit einer kaum mehr fernen Zeit aufzudecken vorbehalten ist, den Damm durchstochen und die Aufhebung des Ordens beim Hintergangenen heiligen Stuhle zu erwirken gewußt hätten. So sank die heldcnmüthige Schaar der christlichen Thebaner am Engpasse von Thermopylä, nachdem sie von Verräthershand dem Tode geweiht war, und nun ergossen sich die Barbarenhorden über das schöne Hellas, sengend und brennend und jeden ihrer Fußtritte mit Blut bezeichnend. Die Jesuiten waren gefallen, und die Revolution brach aus ihren Schlupfwinkeln hervor. Die letzte Stützt der Altäre und Throne war gesunken, ihrem Falle stürzten die Altäre und Throne nach. Der Wirkungskreis des Jesuitenordens für seine erste Periode war abgelaufen: er hatte seinen Beruf, ein Bollwerk der katholischen Kirche gegen die Häresien und den philosophischen Unglauben zu seyn, wohl ins Auge gefaßt, demselben alle seine Kräfte gewidmet, und das Glück und die Gnade von Gott gehabt, nicht wie die übrigen Orden, an innerer Erschlaffung, sondern in der Frische seiner Jahre, im siegreichen Fortschreiten auf seiner Heldenbahn begriffen, als Opfer seines Berufes zufallen, die Bewunderung der Mit- und Nachwelt, und die schönsten Zeugnisse von Freund und Feind mit ins Grab zu nehmen — bis der AuferstehungSruf Pius VII. sie zum zweitenmal» auf die Schaubühne der Welt rief, um nochmals die geeignete» Rollen in dem großen Drama der neuesten Kirchen» und Weltgeschichte zu übernehmen und der Welt zu zeigen, waö der Orden für Kräfte i» sich beschließe und für Kirche und Staat zu leisten im Stande sey. Abermals sehen wir den Jesuiten-Orden an der Spitze der Kämpfer, die mit den Söhnen Voltaire's, mit den Ruinen des französischen Pantheismus im Felde liegen; sieben Jesuiten in der Schweiz stehen gegen eine meuchlerische Bande von Radicalen, deren Absehen auf Vernichtung alles Christenthums und Lösung aller Bande der Ordnung gerichtet ist. Auch die Unterrichtsfrage in Frankreich berührt sehr nahe die Jesuiten, und sie fanden an dem Grafen Montalcmbert und dem Bischof von ChalsnS die wärmsten Vertheidiger; kurz, der Name Jesuit ist wieder zum Losungswort geworden — sie stehen wieder auf dem nämlichen Posten, den sie im Jahre 1773 verlassen hatten. Das wollen nun freilich die Männer des .lusUi-milivu nicht zugeben; die Jesuitc», sagen sie, haben zwar weiland ihre Stellung gekannt und auch ihre Stück Arbeit redlich gethan. Damals standen sie an der Spitze der katholischen Reaction gegen die Fluthcn des Protestantismus; aber hcut zu Tage ist der Kampf und die Kampfwcise eine andere geworden; der Feind ist nimmer derselbe, die Manöver sind verschieden, die Tculik geändert worden; daher seyen die Jesuiten nicht mehr für unsere Zeit, sondern es müsse auf andere Weise, als durch sie, dem gegenwärtigen Feinde begegnet werden. Das Alles ist unendlich salbungsvoll gesprochen, um sich den Magen warm zu halten, aber weiter ist mit solchem Gerede auch gar Nichts gedient. Für's erste ist, um jene Ansicht als unhaltbar darzustellen, gewiß nicht zu lciugncn, daß das Auge des Feindes am schärfsten sieht. Nun fragt die Feinde der katholischen Kirche, seyen sie orthodoxe Lutheraner oder Rationalisten oder Hegelianer und Nadicale, wer ihnen unter allen kathol. Menschenkindern am verhaßtesten ist, und dann hört ihr vor Allem den Papst nennen und dann die „Banditcngarde des Papstes" — die Jesuiten. Ihnen gilt all der Hohn, Schimpf und Spott, der von Quinct und Michclct bis zum „ewigen Juden" herab aus dem litterarischen Markt auSgeboten und von der Menge wie köstliches Confitüre gierig verschlungen wird; ihnen gelten die Kugeln der Schweizer Radicalen und die Percats in Verviers; ihnen die Reden des Protestanten Guizot in der französischen Dcputirten - Kammer. Dominicaner, Benedictincr, FranciSccmer und andere Klostergeistliche kommen überall besser weg: höchstens nennt man sie Müßiggänger, faule Drohnen, dumme Fledermäuse in finstern Löchern; aber diese Titel klingen wie Harfentöne und Engclstimmcn gegen die lieblichen Ausdrücke, mit welchen man der Jesuiten zn gedenken pflegt. Wenn im protestantischen Lapidarstyl gesprochen werden soll, dann sind die Jesuiten immer — pure Teufel; alle Schilderungen von ihnen, namentlich in Dr. Zirndorfer's Roman und in Eugene Sue'S ewigem Juden, fänden in jenen zwei Worten ihren kürzesten Ausdruck und Brcnnpunct; die weitere Ausführung ist nur gewässerte Umrcdung oder poetische Umschreibung obiger Aufschrift, die vom Protestanten dem Jesuiten als Taufnamc gegeben wird, wenn er zur Welt kommt, und als Grabschrift, wenn er aus der Welt geht. Fragt man nun, warum denn aller Ingrimm, alle Wuth, aller Hohn, alle Schmähung, alle Verleumdung, jegliche Fratze, jegliche Carricatur und jedes Pasquill sich gerade am Jesuiten zu letzen sucht, fragt man, warum man lieber alle Klöster, die je im Schovße der katholischen Kirche entstanden sind, gedulden und auskommen lassen will, die Jesuiten allein aber das ocliui» luimnni Aoiwris seyn sollen, und gegen sie,! zum Zweck ihrer Vernichtung, jedes Mittel heilig und dreimal heilig ist; so ist die Antwort zweifelsohne diese: Die Feinde des katholischen und jeden Christenthums insbesondere erblicken im Orden der Jesuiten den unversöhnlichen Gegner ihrer Bestrebungen, die stärkste Schutzmauer der Kirche gegen Revolution und Anarchie auf geistlichem wie weltlichem Gebiete, die stehende Opposition gegen die Omnipotcn; des Staates und die Anmaßungen der Bureaukratie. Zur Betrachtung der Jesuiten von diesem Gesichtspuncte aus müssen nun die Jesuitcugegner wohl ihre guten Gründe haben, sonst würden sie nicht alle Kräfte anstrengen, und jegliches auch noch so unheiligc Mittel, das zum gewünschten Ziele führt, mit Freuden begrüßen. Wüßte nicht Gnizot, daß durch Uebertragung der Lehrstellen an die Jesuiten sein und Cousin's Schooßkind, der JndifferentiSmuS und Pantheismus der Universität, das Zeitliche segnen und die Freiheit des Unterrichtes für den Klerus erringen würde, dann würde er nicht der Mühe werth gefunden habe», gegen dieselben in die Schranken zu treten; fänden nicht die Liberalen allerwärtö in den Jesuiten Freunde der gesetzlichen Ordnung, dann würden sie nicht durch Percats und Kanonenfeuer diese Bollwerke aus dem Wege zu räumen suchen. Mit einem Worte: die Abneigung der Feinde der Kirche gegen die Jesuiten ist keine erkünstelte, keine übertriebene, sondern eine instinctmäßigc und verhältnißmäßigc. Oder man nenne uns eine andere Macht, die gegenwärtig dem falschen Liberalismus und Radikalismus die Spitze böte! Man kann kaum eine andere uns nennen, außer die Reaction der Kirche überhaupt und die Tüchtigkeit und Umsicht des heiligen Stuhles. Gerade die Jesuiten aber reagiren am thätigsten und fördern am angel>gcnt- lichsten die Wünsche des heiligen Stuhles, und darum, man übersehe das nicht, hat auch der heilige Vater gerade den Jesuitenorden für die Schweiz gewünscht, wohl wissend, daß dieser dort am Heerde aller Demagogie und des wüthcndstcn NadicalismuS ganz an seinem Posten stehe und das conservativc Element am meisten zu halten und zu fördern im Stande sey. Und wenn man das Wirken der Jesuiten in der Schweiz einer nähern Beachtung unterzieht, so muß man staunen über die moralische Kraft, die Festigkeit und Energie von sieben Jesuiten, die im Kanton Luzcrn im fürchterlichsten Kreuzfeuer stehen, aber dennoch — stehen. WaS hat die Schweiz von sieben mehr, was Frankreich von einhundert zwanzig Jesuiten zu fürchten ? Und diese Männer sollten nicht mehr an ihrem Platze stehen? Sie hätten ihr Tagewerk vollendet und stünden nun müßig? Man versuche es und stelle einmal sieben andere Klvstergeistliche hin und höre, ob es die Radicalen nur der Mühe werth finden werden, sie eines bedeutsamen Blickes zu würdigen. Hat man denn schon vergessen, wie schnell Herr Guizot die Dominicaner und Benedictincr und die Weltgeistlichkcit in Frankreich abgekanzelt? Sie alle waren ihm zu „dumm', um die französische Nation erziehen zu können; nur den Jesuiten sprach er die Fähigkeit nicht ab, fürchtete aber Alles von ihrem Einflüsse für sein System. Und wer weiß nicht, daß der Säcularkleruö in der Schweiz, über dessen „Bornirthcit" und „Unfähigkeit" die Radicalen früher nicht genug zu sagen wußten, in letzterer Zeit nur deßhalb so erhoben, seine Wissenschaftlich^ und Musterhaftigkeit nur deßhalb so cmgcrühmt wurde, um die Jesuiten als entbehrlich hinzustellen und so diese gefährlichen Gegner auf eine feine Weise sich vom Leibe zu halten, lind hat die Gcrechtigkeisliebe des Journal des De'batS nicht unlängst damit herausgeplatzt, daß man die Jesuiten zum Teufel jagen soll, 120 Jesuiten! Wahrlich, die Jesuiten müssen ein lüchtigcs Salz seyn, weil die davon gebeizten Organe gar so convulsivisch sich bewegen! Wären sie dumm gewordenes Salz, ja dann fände allerdings die gegentheilige Meinung, die den Jesuiten die Bedeutsamkeit, die man ihnen !n unsern Tagen beilegt, absprechen will, eine haltbare Basis für ihre Existenz; allein wir müssen uns entschieden auf die andere Seite neigen, so lange die Feinde der katholischen Kirche dem Jesuitenorden so viele Aufmerksamkeit schenken, ihn für das vorzüglichste Vollwerk der katholischen Kirche und vorab des heiligen Stuhles gegen die Häresie halten, und durch seine Bekämpfung die katholische Kirche indircct zu bekämpfen glauben. Wir werden ferner bestimmt, den Jesuiten große Bedeutsamkeit für unsere Tage beizulegen, ja größere, als allen übrigen Orden, durch die besondere Empfehlung dcö päpstlichen Stuhles, die gewiß kein unbedeutendes Gewicht in die Waagschale ihrer Wichtigkeit für unsere Tage und Zustände legt. Ja, wir gestehen es, mit großer Spannung sehen wir auf die Väter der Gesellschaft Jesu hin, und glauben fest, daß ihnen auch in unsern Tagen noch die nämliche Aufgabe obliegt, die sie in'S Daseyn gerufen hat, nämlich auszukämpfen den großen Kampf zwischen Kirche und Protestantismus, christlicher Staatenordnung und politischer Anarchie. Diese Bedeutung geben wir ihnen nicht, als wenn etwa sie sich dieselbe gäben; nein, diese Bedeutung geben ihnen ihre Feinde, die ihre Gegner am besten kennen; diese Bedeutung gibt ihnen die Tages - Geschichte, in deren Ereignisse sie von der Hand der Vorsehung hincingeflochten werden, — denn sie haben sich nicht selbst berufen, sondern sie wurden berufen; diese Bedeutung gibt ihnen der heilige Stuhl, weil er sie gerade für die Schweiz, den Herd aller revolutionären Ideen, brauchbar befunden hat. Mögen sie nur auch wie früher treu ihrem Berufe leben und sich durch keine Schmähung und Verfolgung in ihrem Eifer ermüden lassen! Ihre ganze Haltung in der Schweiz und anverwärts beweis't es, wie sehr sie die Kunst verstehen, bei Beleidigungen zu schweigen oder doch mit Würde sich zu vertheivigen. G,rade durch solche Befehdungen der Gegner aber erstarken sie und werden beständig zum Gebet, Vertrauen auf Gott, zu einem musterhaften Leben und beständiger, angestrengter Thätigkeit aufgefordert; daher hat der heilige Jgnatius, was von knnem andern OrdcnSstifter bekannt ist, unablässig zu Gott gefleht, er möge ja seiner Stiftung es nie an Leiden und Verfolgungen fehlen lassen, und Gott hat sein Gebet auch so ziemlich erhört. Wer übrigens lesen will, wie die Jesuiten es verstehen, mit Würde ihren Gegnern zu imponiren, der lese die Schrift des berühmten Jesuiten, Abbe' Navignan, Predigers zu Notrc-Dame in Paris. „Von dem Bestände und der Verfassung der Jesuiten," München, Lent- ner'sche Buchhandlung 1844, und er wird daraus ersehen, daß die Jesuiten unserer Tage ihren Vätern keine Schande machen! Das Wunder der Eucharistie in Augsburg und die Reconciliationsfrage. (Aus dem Tagebuch des P. Heinrich Goßlar über Jerusalem und di Heiliglhümer des Orients und OccirenIS im Jahre 1844.) Augsburg, am Feste des heiligen Martin von Tours, den 11. November: „Hier, zwischen dem ehrwürdigen Dome unv der Kirche zum heil. Kreuze, in der Mitte dieses DomplatzeS, in diesen Schloß - räumen, auf welche unser Blick von Jerusalem hcrgelcnkt ist, hier wurde vor dreihundert Jahren die Augsburgischc Konfession übergebe»! — Hier, im Angeflehte des Wunders der Eucharistie, welches die Kirche zum heil. Kreuz seit 1194 bewahrt, und von dessen Wahrheit man sich dnrch den Augenschein überzeugt (eS ist vaS Wunder einer blutrothcn consecrirtcn Hostie, das allcrheiligstc Sacrament in Gestalt von Fleisch und Blut, ein durch unzweifelhafte juridische Beweise festgestelltes, durch eine bis auf die neueste Zeit fortdauernde Reihe von wunderbaren Heilungen und Gnadcnbezeugungen verherrlichtes, durch die öffentliche Verehrung und die lebhafte Andacht des gläubigen Volkes bezeugtes Wunder der göttlichen Erbarmungen), — hier, kaum hundert Schritte von diesem offenkunvigen Zeugniß für die Wahrheit der Haupt- unterscheivungölehre des reinen Glaubens von dem großen Geheimniß des Abendmahles, hier, mit der Ucbergabc der Augöbur- gischen Konfession, spaltete sich der Occivent über dem Leib des Herrn. Großes und deutliches Zeichen vom Himmel! — Dreihundert Jahre vor der Kirchenspaltung ist hier die Hostie blutroth geworden; heute, dreihundert Jahre nach der Kirchenspaltung, sechs Jahrhundert lang, steht sie noch blutroth da! — An jenem Tage, wann der Mond blutroth werden wird, und vor dem Glänze der Wahrheit die Sonne erbleicht, wird auch dieses Wun- dcrzeichen offenbar werden, von welchem wir hier Zeugniß geben. — Und wenn auch Jemand vom Himmel käme, würde er wohl Glauben finden? ! ! — Wir feierten die heiligen Mysterien für die Glaubenscinheit vor dieser blutrothcn Hostie auf dem Hoch-- altare der Kirche des heil. Kreuzes am gestrigen Sonntage, und reichten den Leib des Herrn einer großen Menge von Gläubigen zu der Meinung, daß die Kirchenspaltung mit allen Wirkungen möge aufhören, welche durch die Uebergabc der AugSburgischcn Konfession hier, im Angesichts dieses Wunders der Eucharistie, vollbracht worden ist. — Hier, heute am Feste des heil. Martin, hier, wo Martin Luther vor dreihundert Jahren austrat, wo der Kurfürst von Brandenburg den Gedanken aussprach: daß durch eine allgemeine Synode die Kirchenspaltung möchte abgewendet werden, hier in dem ehrwürdigen Dome dieser uralten bischöflichen Stadt, brachten wir heute zum zweiten Male das große, Alles vermögende Versöhnungsopfer für die Wiedervereinigung der getrennten christlichen Neligionsverwandtcn dar. — Wo die Menge der Schuld war, da wird die Ucbcrmcnge der Gnaden eintreten.—- Wo das Uebel ausgegangen ist, von da wird größeres Heil sich erneuern! — (Frkf. k.K. Z.) Woher und woz» der Rosenkranz? (Aus dem Leben des heil. DominicuS von Lacordaire.) Als der Erzengel Gabriel von Gott zu der seligen Jungfrau Maria gesendet wurde, um ihr das Mysterium von der Fleischwcrdung des göttlichen Sohnes in ihrem keuschen Schooße zu verkünden, grüßte er sie mit den Worten: Gcgrüßet seyst >Du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit Dir, !Du bist gebenedeit unter den Weibern. Diese Worte, ldie glückseligsten, die eine Creatur vernommen, wurden von Geschlecht zu Geschlecht im Herzen unv Munde der Christen wiederholt, und aus der Tiefe dieses Thales der Thränen rufen sie unaufhörlich zu der Mutter ihres Erlöses empor: Gcgrüßet seyst Du, Maria! Die Chöre des Himmels hatten einen ihrer Führer an die demüthige Tochter vom Stamme David'S abgeordnet, um ihr diesen glorreichen Gruß zu überbringen, und jetzt, wo sie hoch über den Engeln und allen himmlischen Chören thront, sendet vaS Geschlecht der Menschen, welchem sie als Tochter und Schwester angehörte, von der niedern Erde ihr den englischen Gruß zu: Gegrüßet seyst Du, Maria! Als sie ihn zum ersten Male aus dem Munde Gabriel's vernahm, empfing sie alsbalv in ihrem Leibe des Wort Gottts, und jetzt, so oft ein menschlicher Mund die Worte wiederholt, die ihre Mutterschaft ankündigten, bewegt sich ihr Her; in der Erinnerung eines Augenblicks, der nichts AehnlichcS im Himmel und aus der Erde hat, und die ganze Ewigkeit wird von dem Glücke durchdrungen, welches die Himmelskönigin empfindet. Obgleich aber die Christen immer gewohnt waren, ihr Herz in solcher Weise zn Maria zu erheben, so war doch mit dem uralten Gebrauche dieses Grußes weder eine bestimmte Regel noch Feierlichkeit veibunden. Die Gläubigen versammelten sich nicht, um solchen ihrer vielgeliebten Beschützerin darzubringen, sondern jeder folgte dabei einzeln dem besondern Aufschwünge seiner Liebe. Dominicus, der die Macht der Vereinigung im Gebete wohl kannte, hielt es für nützlich, sie auf den englischen Grnß anzuwenden, und glaubte, daß dieser gemeinsame Ruf eines ganzen versammelten Volkes mit großer Kraft zum Himmel aufsteigen werde. Die Kürze der englischen Worte selbst erforderte es, daß sie in einer gewissen Zahl wiederholt würden, jenen einfachen Zurufen gleich, womit dankbare Völker den Weg geliebter Fürsten bedecken. Die Wiederholung konnte aber leicht Zerstreuung des Geistes verursachen, und Dominicus beugte diesem dadurch vor, daß er die Grüße in mehre Absätze vertheilte und mit jedem derselben den Gedanken an eines der Geheimnisse unserer Erlösung verband, worin wir nach einander Gegenstände der Freude, der Trauer und des Triumphes der allcrheiligsten Jungfrau erkennen. Auf diese Weise vereinigte sich die innere Betrachtung mit dem öffentlichen Gebete; und indem das Volk seine Mutter und Königin begrüßte, folgte es ihr im Kerne seines Herzens überall bei den hauptsächlichsten Ereignissen ihres Lebens nach. Und um den dauernden Bestand und die Feierlichkeit dieser Bittweise noch mehr zu sichern, bildete Dominicus eine besondere Bruderschaft. Der fromme Gedanke des Heiligen wurde mit dem größten aller Erfolge, mit einem wahrhaft volkstümlichen, gesegnet. Das christliche Volk hat sich demselben von Jahrhundert zu Jahrhundert mit unglaublicher Treue hingegeben. Die Bruderschaften des Rosenkranzes haben sich ins Unendliche vermehrt, und es lebt kaum ein Christ auf der Welt, der in seinem kleinen Rosenkranze nicht ein Bruchstück jenes durch alle Welt sich fortziehenden allgemeinen Rosenkranzes besäße. Wer hat nicht am Abende in den einfachen Dorfkirchen die tiefe» Stimmen der Bauern in zwei Chören den englischen Gruß hersagen gehört? Wer ist nicht den Proccssionen von Wallfahrern begegnet, die, in ihren Fingern die Perlen des Rosenkranzes bewegend, sich den langen Weg durch die abwechselnde Wiederholung des Namens Maria versüßen? Immer, wenn eine Sache zum dauernden Bestände und zur Allgemeinheit gelangt, birgt sie in sich eine geheimnißvollc Harmonie mit den Bedürfnissen und Geschicken des Menschen. Darum mag der blöde Rationalist lächeln, wenn Reihen von Menschen an ihm vorüberziehen, die immer ein und dasselbe Wort aussprechen; wem aber ein helleres Licht aufgegangen ist, der begreift, daß die Liebe nur ein Wort hat, und daß es keine Wiederholung ist, wenn sie es immer ausspricht. Bekenntnisse eines Convertiten. Ein früherer Kandidat der protestantischen Theologie, I. G. Aorneck, sagt im Schles. Kirchenblatt unter obigem Titel unter anderm: j „Wohl wird es nicht erst eines Beweises bedürfen, daß der gegenwärtige Zustand der protestantischen Kirche ein sehr bcklagens- werther sey, der von denen gerade am tiefsten gefühlt wird, die es am aufrichtigsten und besten mit ihr meinen. Die innere Zerrissenheit und Zersplitterung derselben und der damit zusammenhängende Verfall des religiösen Lebens wird öffentlich und fast allge-> mein eigestanden, wenn man auch gern zugeben wird, daß sie noch viele achtungswerthe und kenntnißreiche Männer unter ihren Mitgliedern zählt, die es für Verrath und Feigheit achten, sie im Augenblicke der Noth zu veilasscn, weil sie von der Zukunft hoffen, was die Gegenwai t nicht zu bieten vermag. Allein diese Hoffnung konnte ich nicht theilen, weil sie nach meiner Ueberzeugung jedes Grundes entbehrt. — Abgesehen von dem Widersprüche im Prinzip der Reformation, der auf jede folgcnrcchte Fortbildung und Entwickelung nothwendig seinen Einfluß äußern, und immer von Neuem Widersprüche erzeugen muß, die doch sicher kein Kriterium der Wahrheit sind; abgesehen von der mangelhaften Berechtigung in ihrem Ursprung, die durch landesherrliche Bestimmung wohl nicht ergänzt werden konnte, und die bis auf den heutigen Tag Unsicherheit, zahlreiche Verlegenheiten und Mißgriffe zur Folge hat: — wo ist die heilige Hinterlage des Glaubens, welche Christus seiner Kirche anvertraute? Worin besteht ihre Uebereinstimmung mit der Kirche der ersten drei Jahrhunderte, die doch als Muster und Vorbild von ihr anerkannt wird, die aber von dem göttlichen Geiste also durchdrungen war, daß selbst unter Druck und Verfolgung keine ihrem eigentlichen Lebenskern feindselige Richtung in ihr aufkommen konnte, und jeder Krankheitsstoff aus dem gesunden Körper sogleich ausgeschieden wurde? Ja, meine getrennten christlichen Brüder! der Erbfeind unsers Geschlechts hat euch geführt bis an den Rand des Abgrundes; und es wird euch nichts übrig bleiben, als den Weg wieder zurück zu machen, wenn ihr ihm nicht noch weiter folgen wollt. Aber werfet vorerst ab jene traurige Mitgabe einer beweinenswerthen Vergangenheit, jenes Gemisch von Haß, Mitleid und Verachtung gegen Alles, was den Namen „katholisch" an sich trägt, das in seinem ersten Beginn allerdings den Reformatoren zur Last fällt, aber erst in dem Kampfe um die Existenz zu der riesenhaften Ausdehnung wuchs und eine feste Gestalt gewcm; lasset allda zurück jene Sammlung von gut oder schlecht erfundenen Geschichten, die euch so übel anstehen, jene Fabeln von dem Verderben der alten Kirche, ihren Menschensatzungcn und ihrer Verweltlichung, eine allerdings schwer verletzende Waffe, die aber kaum mit der Noth entschuldigt werden kann, welche sie euch in die Hand gab. Mit einem Worte, gebet auf die gcsammte protestantische Tradition, welche trotz der freien Forschung, auf Treu und Glauben angenommen, und vom Vater auf den Sohn, von einem Geschlecht auf das andere fortgeerbt wird, obgleich sie keinen andern Rechtstitcl aufzuweisen hat, als den der Verjährung, deren man sich bis jetzt als leitende Norm bei der Auslegung des Evangelii bedient, die noch heute sonst achtungswerthe Gelehrte in die Irre führt. Allerdings ist es keine geringe Forderung, die hier gestellt wird; es wird damit verlangt, den eigentlichen Lebensnerv zu durchschneiden, das Einheitsband eurer Kirchen- gcmeinschast zu zerreißen, und die Schranken zu durchbrechen, welche euch von der allgemeinen Kirche trennen. Aber bald muß die Entscheidung des großen Rechtshandels eintreten; die Acten werden bald geschlossen seyn; wir bitten Gott, einen furchtlosen und gerechten Richter zu erwecken. Verlags-Inhaber: F. E, Kremer. «kW S>i? ? ^^^aS-'K-iü. ^ . ^a, Augsvttvger Er^te Zahreshälfte. S. Postzeitttng. S. März 1845. Deutschland. Stimmen über die neuesten Separatisten-Bewegungen Dem Westphäl. Merkur wird aus Magdeburg geschrieben: „Sie fragen mich, ob dem Abfalle mehrerer Katholiken in einigen Gegenden Deutschlands, und den Bestrebungen, hier und da sogenannte apostolisch-katholische Gemeinden zu consti tuircn, wovon die hiesige Zeitung so viel Wesen macht, einiges Gewicht beizulegen, und daraus irgend eine Gefährdung der katholischen Sache zu befürchten sey. Ich erwidere Ihnen darauf, daß, so wie überhaupt die religiöse B-wcgung unserer Zeit, so namentlich dieser seit langer Zeit in Deutschland unerhörte Abfall mehrerer Mitglieder der katholischen Kirche auf einmal, und zumal von Priestern, allerdings wohl eine Beachtung verdient, daß aber für die katholische Sache in Deutschland, und insbesondere in Preußen, aus diesen Vorgängen so wenig eine Gefahr zu befürchten ist, daß dieselben vielmehr von dem Aufschwünge des kirchlichen Lebens innerhalb dieser Kirche ein kräftiges Zeugniß ablegen. Es ist nicht zu läugncn, daß auch die katholische Kirche Deutschlands in den letzten 50 Jahren eine schwere Zeit durchlebt hat. Die Gefahr für sie lag nicht so sehr in den äußern Drangsalen, die sie erlitt, in der Beraubung und Unterdrückung, der sie in mehreren Perioden der letzten Vergangenheit ausgeätzt war, als vielmehr in der allgemeinen Herrschaft des Unglaubens, der von Frankreich und dem protestantischen Deutschland ausging, und auch auf die katholische Bevölkerung Deutschlands einen höchst nachtheiligcn Einfluß ausübte. In dieser Zeit bemächtigte sich eine merkwürdige Erschlaffung der Gesinnung selbst vieler Priester, und ein großer Theil der Laicnwclt in vielen Städten hing nur zaum noch mit einigen Fäden sichtbarer Gemeinschaft mit der Kirche zusammen. Nur das eigentliche Volk, der gediegene Mittelstand und die Landbewohner haben in der katholischen Kirche auch in Deutschland nie dem Unglauben gehuldigt. Dennoch aber war bei der Verwaisung der bischöflichen Sitze, bei der Gesinnungslosigkeit so vieler Priester, und bei dem Unglauben in der gebildeten Laicnwclt das religiöse Leben des deutschen Volkes gelähmt und wurde von Vielen als wirklich crstorben betrachtet, was es in der That nicht war. Aber es konnte nicht immer so bleiben. Nachdem Deutschland von der Zeit der sogenannten Reformation bis zum Ende der Revolution alle Stadien der unsinnigsten religiösen Erregung und des eiskalten Unglaubens durchlaufen hatte, führte der natürliche Lauf der Dinge und das Walten der göttlichen Vorsehung die Gemüther wieder aus den unnatürlichen Schwankungen der natürlichen Mitte zu. Es erwachte wieder ein dem deutschen Volke doch besonders eigenes religiöses Bedürfniß, und die bittere Erfahrung der vergangenen drei Jahrhunderte weckte in den Gemüthern wieder eine Sehnsucht nach jener Zeit, wo das Vaterland im religiösen Glauben einig und politisch noch nicht unheilvoll gespalten war. Die glückliche Verbindung deutscher Gelehrten unv Künstler mit Rom öffnete diesem uralten Sitze des Glaubens und der europäischen Civilisation wieder einen wohlthätigen Einfluß auf Deutschland, und aus dem Protestantismus selbst trat eine Reihe der edelsten und gelehrtesten Männer, Stolberg, Fr. v. Schlegel, v. Haller, Schlosser, Adam Müller, Schadow, Overbeck, Phillips, Jarke u. s. w. in den Schooß der alten Kirche zurück, und trug mächtig dazu bei, besonders in der gebildeten Laienwelt die Flamme des Glaubens wieder zu entzünden. Und zu läugnen ist es nicht, daß in neuerer Zeit gerade die ausgezeichnetsten Männer aus dem Laienstandc in Deutschland mehr als irgendwo sonst dazu beigetragen haben, die religiöse Begeisterung wieder zu erwecken. Erst später schloß sich in größeren Massen das Priesterthum, und zuletzt das Episkopat, das höchste und unmittelbarste Verbindungsglied zwischen den Gläubigen und dem kirchlichen Oberhaupte, diesen Bestrebungen an. Mit diesem Anschlüsse des Episkopates, das in Clemens August seinen Vorkämpfer fand, war die religiöse Belebung eine allg. meine geworden, und das Walten eines frischen katholischen Geistes durchdrang nun ungehemmt alle Glieder der großen kirchlichen Gemeinschaft. Das Trierer Ereignis; ist in dieser Hinsicht wichtig und bedeutsam. Es ist ein Siegesfcst des wieder erwachten Glaubenslebens, bei dem der Laicnstand, die Priester und die Bischöfe zum erstenmale in Deutschland nach den Tagen der unseligen Glaubensspaltung in solcher Allgemeinheit und Innigkeit, und in so herzlicher, durch nichts getrübter Uebereinstimmung sich bcthciligten. — Nachdem so das katholische Leben in Deutschland zum Durchbrüche gekommen war, und das Walten eines neuen und kräftigen Geistes alle ') Hurt er aus neuester Zeit nicht zu vergessen. Nassen und Schichten dcr Gesellschaft zu durchdringcn begann, mußte es offenbar allen denjenigen Katholiken, die, dem kirchlichen Leben entfremdet, und in ihrem inneren Leben ersterben, sich gege» die neue Bewegung verschlossen hatten, bei ihrem bloß äußerlichen Verbände mit der Kirche unheimlich zu werden beginnen. Bisher hatten sie sich als bloße Namcns-Kathvlikcn bei dem weit verbreiteten Unglauben und der großen Kälte in Sachen dcr Religion in ihrem W.'scn gar nicht genirt gefühlt. Aber der immer mehr erwachende Glaube, das immer mehr ringsum sich her kräftigende religiöse Leben machte, daß sie immer mehr vereinsamt und hall> los dastanden. Dadurch verwandelte sich ihre frühere Glcichgiltig- kcit für den Glauben in Haß und Feindschaft gegen denselben, und es nmßtc ihnen am Ende jede Gelegenheit, mit ihrer Kirche auch äußerlich zu brechen, willkommen und erwünscht seyn. Hier haben Sie meinen Maaßstab, die Bedcutuug dcr Vorgänge in Schncidcmühl, Breslau und anderen Orten zu würdigen und zu verstehen. Sie sind kein bedenkliches Spmptom für die katholische Kirche. Es ist viclnichr ein Zeugniß von dem in ihr neu gckräftigten Lebe», daß sie stark genug ist, alles ihr Ungleichartige, alles Gestorbene und Erstarrte von sich auszuscheiden. Wo eine solche Ausstoßung des Heterogenen vor sich geht, da muß dcr Entwickclungsproccß ein gesunder und kräftiger seyn. Wohl mögen, wenn die öffentliche Macht sie begünstigt, die Vorgänge zu Schncidemühl sich noch an manchen Orten wiederholen. Denn wo wäre wohl eine Stadt, wo nicht irgend ein Residuum aus der früheren Zeit des Unglaubens und der Gesinnungslosigkeit zurückgeblieben wäre, das von dem Wesen eines besseren Geistes nicht mitcrgrifscn, und also todt und stumvs geblieben ist? Aber mögen diese immerhin von dcr Kirche abfallen; sie befreien durch ihren Abfall die Kirche nur von einer großen Last, und veranlassen tie treue» Glieder, sich nur inniger und lebendiger an die Kirche anzuschließen. — Das Ausscheiden der schlechten und erstarrten Theile ist eine nothwendige Bedingung für das Anschließen neuer und lebendiger Kreiste an die Kirche. Wenn die Bäume beschnitten, und ihrer dürren Acstc und Wassersprossen erledigt werden, dann treiben ihre neuen Zweige und tragen bessere und reichlichere Frucht. — Betrachten Sie nur die von der Kirche Abgefallenen, einen Ronge, Czcrski, Milvc, Müller u. a. dergl.; sind sie wohl Männer, auf deren Urtheil ein Gewicht zu legen wäre? Wären sie Männer von tiefem Glaubensbedürfniß — Männer von hervorragender Intelligenz oder hoher Sittlichkeit, dann freilich müßle ihr Verlust für die Kirche schmerzlich seyn. Aber Alle, denen ein tieferes Glaubcnsbedürfniß innewohnt, habe» sich wieder mit dcr Kirche versöhnt, die Wissenschaft huldigt dem Glauben, und alle bürgerliche uud gesellige Ordnung schließt sich wieder enger an die Kirche an. Aber der hohle Unglaube, daö Laster und die sittliche Feigheit erklären ihr den Krieg. Das ist gewiß ein Zeugniß für die kathol. Kirche, worauf dieselbe stolz seyn kann. Was soll ich aber nun sagen über das Benehmen mancher Protestanten in dieser Angelegenheit? Ein Priester wird wegen unsittlichen Lebenswandels von seiner rechtmäßigen geistlichen Behörde abgesetzt; er kündigt seiner Obrigkeit den Gehorsam auf, und will sich in der protestantischen Kirche mit der entehrten Person trauen lassen, während die unglücklichen Eltern des verführten Mädchens feierlich dagegen vrotcstircn, und sogleich erhebt sich in den Zeitungen das wildeste Sicgcsgcschrci ü!'cr den Sieg des Lichtes über die Finsterniß, uud Czcrski wird als Reformator gepriesen. Rouge, ein wegen seiner Vergehen suSpendirtcr Priester, ein Mann von den allcrmittclmäßigstcn Anlagen, tritt öffentlich gegen die Lehre dcr katholischen Kirche und gegen einen der ehrwürdigsten Bischöfe Deutschlands schmähend auf, und Adressen preisen ihn als einen Mann, der den größten Männern aller Jahrhunderte sich würdig an die Seite gestellt. Man wollte dadurch die Katholiken kränken und erniedrigen; aber konnte die Erniedrigung derer, die Ronge und Czcrski erhoben, wohl größer seyn? Wahrlich, es war die höchste, die allerhöchste Zeit, daß Hengstcnbcrg und andere Protestanten zur Ehrenrettung ihrer eigenen Kirche sich g gen Rongc'S und Czerski's Treiben erhoben. Der Kampf gegen die Trierer Wallfahrt war und ist nicht ein Kampf gegen die katholische Kirche allein, sondern gegen den Glauben überhaupt, und das gegen die katholische Kirche erhobene Schwert fällt nun doppelt verderblich auf die zurück welche cS erhoben haben." s «- -» In Breslau, Leipzig, Berlin, Elberfcld begeben sich jetzt wundersame Dinge. Laienconcilien treten zusammen und entscheiden per ms^ora über die Cardlnalpuncte des neuen Glaubens. Ein solches Verfahren empfiehlt sich als verständig bei Berathungen über Gesetze und Eisenbahnstatuten; da eS sich aber bei Glau- benSgcmeiuden nicht von einer Majorität der Ansichten, sondern von ciner Einheit der Ueberzeugung handelt, so dürfte die Propa-, gationSkraft eines durch schwarze und weiße Kua/lu zusammcngc- würselten Credo'S wohl Bedenken unterliegen. Bisher ist ein neuer völkerbcgcifternder Glaube überall nur aus der Einsamkeit großer Geister und Herzen geboren worden, und hat erst so, als fertige That eines Einzelnen in das geschichtliche Leben eintretend, die Gemüther ergriffen, die Massen mit sich fortgerollt. Man hat daö Unzulängliche einer solchen Debatte in ihrer Anwendung auf die göttliche» Dinge auch wohl gejühlt und darum schlirßlich bestimmt, daß wegen einzelner Meinungsverschiedenheiten Niemand aus der Gemeinde ausgeschlossen werden soll. Mit dicscr Erklärung steht man auf dem Boden der religiösen Autonomie, d. h. des Protestantismus. Dahinaus zielt auch der vogmatischc Inhalt der neuen Lehre, so wie der Grundriß dcr kirchlichen Verfassung, welche ihre Bckcnner sich geben wollen. Von den Sacramcnten der alten Kirche werden nur zwei anerkannt, Taufe uud Abendmahl; letzteres jedoch nur als Symbol einer geistigen Vereinigung mit Christus, als LiebcS- und Gedächtnißfeier, nicht im katholischen Sinn eines durch das Wunder der Transsubstantiation sich wieder-- erzeugenden Opfers. Auch die Ehe verliert den sacramcntalen Charakter, doch behält sie den einer heiligen, von der Kirche einzusegnenden Handlung. An die Stelle der Tradition als verpflichtender Erkenntnißquellc, tritt das individuelle Recht freier Forschung; das Papstthum, die Priesterweihe, die Ehelosigkeit der Geistlichen, die Ohrenbeichte werden schlechthin verworfen. Ist das nicht Protestantismus? Wenn man mit dem Primat den Centralpunct dcr Verfassung, mit dem Ordo und Cölibat die Hierarchie, die Autorität des pricstcrlichen Standes und sein Verhältniß zu den Laien, mit dcr Ohrcnbeichte das wichtigste Mittel der persönlichen Scclsorge, mit den Sacramcnten die Praxis des katholisch-religiösen Lcbcns, mit der Tradition eine dem geschriebenen Wort gleichstehende Erkenntnißquellc im katholischen Christenthum verwirft, was, fragen wir, trennt, was unterscheidet die Bckcnner dieser Lehre von denen dcr protestantischen Kirche? Allerdings noch Einzelnes, die bisher beibehaltene Messe zum Beispiel; jedoch ist klar daß auch hierin, nachdem man den katholisch-mystischen Begriff der Eucharistie aufgcgcbcn hat, kein Moment eines wesentlichen Unterschieds gefunden werden könne. Eben in dieser innerlichen Identität mit dem Protestantismus liegt aber ein sach- lichcr Grund, wcßhalb die „deutsch-katholische" oder „apostolischchristliche" Kirche, insofern sie als solche eine selbst ständige Abgeschlossenheit, eine eigenthümliche Existenz ansprechen möchte, zu keiner großen geschichtlichen Wirkung gelangen Wird. <^A. Z.) cnr>!> j)lll''ü hML it»i»k?rH> titzit Nein, es gibt wirklich zu hübsche Geschichten im gemüthlichen Deutschland, Geschichten, mit welchen sich die Nachwelt an stürmischen Abenden beim Kaminfcuer unterhalten wird, wie wir das jetzt thun mit dem gehörnten Siegfried. Da liegen nämlich vor uns die Glaubensbekenntnisse der deutsch-katholischen Kirche von Czerski und Ronge. Ist das Alles? können wir mit Frau von Stavl fragen. Das Czerski'sche ist eigentlich nichts als Negation und Prvtestation, bacirer Mißverstand der Lehren der katholischen Kirche und dazu grober Mangel an Studium. Das Nonge'sche ist der Radikalismus der Kirche, der Nationalismus mit so viel Christenthum vermischt, als der Pöbel braucht, damit er nicht merkt, daß es kein Christenthum ist. Das sind nun also die neuen Reformatoren, wie man sie in manchen protestantischen Blättern nennen hört! Als Protestant würde ich crröthen für meinen Reformator. Ums Himmels willen, was soll das heißen: die Gemeinden machen sich ihr Glaubensbekenntniß. Meint ihr, daß ein Gemcinderath vorschreiben könne, was Jeder zu glauben hat? Wenn auf solche Weise eine deutsch-katholische Kirche gegründet werden soll, so würden wir ein Analogon von dem erleben, was des Neides Rheinbund gewesen. — Vor wenigen Monaten war das Geschrei für Fortschritt gegen die Minister gerichtet, diese feiern nun ihren großen Sabbath, die Presse Hort auf, sich mit ihnen zu beschäftigen, an eine gvuverncmentale Reform wird kaum mehr gedacht; eS geht nun an ein Construircn von neuen Kirchen und Glaubensbekenntnissen, und dazu vergeuden die Sächs. Vaterlandsblätter, das Frankfurter Journal, die Elberfelder Zeitung und andere löschpapicrne Blätter ihre besten Kräfte, und wo die nicht ausreichen, müssen Theater und Romane hilfreiche Hand ans undankbare Werk anlegen. Ucbcrall sucht man die Tartuffe und Molierc'- schenTendcnzstücke, wie das „Ermuszauf'sLand" unddaSGutzkom'- sche als Mittel der Cassesüllung und als Unterstützung der Rvn- gianerkirchc auszubeuten. Das thun dieselben Leute, welche stets über die Schmach der Bühne, die Herabwürdigung der Kunst reden, als ob nicht das die ärgste Herabwürdigung der Muse sey, sie zur Tendenzkuh zu gebrauchen. (Rh. u. M. Z.) ^mm;« .InMrG»?' iß.«! ttchj^ „noK :?i>t»,.,,S i ZsttMr!7Zl)^) s-jj 2,6g sis zgN -57zg. ,,,7z6sri> N>A Es ist doch eine herrliche Sache um die deutsch-katholische Kirche; wir würden mancher Erheiterung entbehren, wenn wir dieselbe nicht hätten. In diesen Tagen hat sie sich auch in Elber- seld constituirt. Als Präsident trat auf — denn es scheint in dieser Religion statt der Pfarrer und Bischöse Präsidenten und Dircctvren zu geben, was die Religion viel humaner und gemüthlicher macht — als Präsident fand sich ein der suspen8us Pfarrer Licht aus Leiwen. Anwesend waren einige Katholiken, die aber nur diesen Namen getragen, nie zu den heil. Sacramcnten und in die Kirche gegangen. Welcher Ritus dort eingeführt, und welche Erbauung in dieser Versammlung geherrscht, konnte ich noch nicht erfahren; doch scheint es an Begeisterung eben nicht gefehlt zu habeu; denn schon nach einer Stunde kam ein Glied der neuen Kirche, ein hier ziemlich bekannter Katholik, betrunken zur Thür herausgeflogen; seine deutsch-katholischen Glaubcnsbrüvcr hatten ihm selbst diese Ehre anthun müssen. Der übrige Theil der Versammlung bestand aus Protestanten, so daß nunmehr der dortige evangelische Psarrer (Krummacher) selbst gegen diese fünfte Kirche heftig zu Felde zieht. So wunderbar dreht sich das Rad des WcltlaufS: Was eine Grube gegen den Katholicismus werden sollte, droht nun gar der evangelischen Kirche den Einfall oder will selbst eine Brücke werden, welche die Protestanten zur Kirche zurückführt. O Ungunst des Schicksals! (Luremb. Z.) wllznz? Hz nztivs) Änu ?5>'«^ Hm huim>»^ Kurze Andeutungen über den Verlanf einer Verhandlung Behufs Begründung einer nenen allgemeinen Kirche. ( SchlesischcS Kirchenblatt.) Am festgesetzten Tage Abends gegen 7 Uhr drängte sich eine große Volksmasse zur Thür des Versammlungs - Saals, und cS ruft der daselbst stehende Herr: „meine Herrschaften! ich stehe im Namen der Gemeinde da; wer lein Billet hat, kann nicht eingelassen werden!" Viele entgegnen: „was kostet das Billet, es ist ja wie in einem Theater!" Thürftehcr: Sobald wir eine Kirche haben werden, wird's ja anders werden. Ein Mann aus dem Volke belehrt unS: Nun sie Hörens ja, es ist bloß für die Gemeinen. Wir gelangen mit großer Mühe in den Saal; der Reformator betritt einen etwas erhabenen Ort, ihm zur Seite ein Secretär mit Acten, und ein Gcmeindeältestcr. Unter dem Volke in der Mitte des Saales erhebt sich ein kleiner Mann (wahrscheinlich Vertreter der Gemeinde). Alles schweigt. Reformator (im schwarzen Frack) l» ginnt: Meine Hochgeehrte Anwesende! Wir sind im Namen dessen heute zusammengekommen, der uns berufen hat zu dem wichtigen und erhabenen Werke, nämlich eine apostolisch-katholische Kirche zu gründen, wozu uns der Sieg nicht fehlen kann, und wollen daher in unserer DiScussion fortfahren; zuvor aber wollen wir noch einmal das in der letzten Versammlung Verhandelte und Abgestimmte vorlesen. Der Secretär liest: I. Wir sagen uns von Rom los, und setzt hinzu: dieß wurde ohne DiScussion angenommen. Alle: Ja! Ja! II. Wir verwerfen den Cölibat, Ohrenbeichte und Priesterweihe als vom Papste eingesetzt. Alle: ja! ja! Secretär: auch dieß wurde ohne DiScussion angenommen. III. Wir verwerfen alles Fasten, Wallfahrten und Ablässe, weil sie nur zum Gelderwerb von der römischen Hierarchie eingesetzt worden sind. Auch dieß wurde ohne DiScussion angenommen. Alle: ja! ja! Ein Mann spricht vernehmlich: Das Fasten hab ich ohnehin auf dem Striche. Der Gemeindeältcstc ) (mit ziemlich leiser Stimme): Wollten sie vielleicht bloß den Ausdruck wählen: „weil sie zur Wnkhciligkcit führen, ' denn obgleich es wahr ist, wie Sie sagen, so wollen wir doch diesen polemischen Ausdruck lassen, weil es nachzuweisen bisweilen Schwierigkeit machte. Reform.: Ja, ab-r ich glaube man muß das Volk belehren, denn viele wissen es doch nicht, und es ist geschichtlich zu erweisen, daß cS die Päpste oft zum Gelderwerb benutzt haben. Ein Herr auf dem Stuhle: Ich glaube, Herr Reformator hat Recht, man mnß das Volk belehren! Alle: ja! ja! Gcmeindeältester: O, wahr ist es, das wissen Wir alle, allein wir wollen ja bloß den Ausdruck vermeiden. ') Der Herr hat für seine gelehrte Thätigkeit im Bau der neuen Kirche das Feld gefunden, welches die alte Kirche ihm nicht dailxetcn wollte, daher er sie schinähend verließ, um als Erstling der zeitgemäßen Gemeinde einen Namen zu erlangen. Secretär: Wir verwerfen die Ehe als Sacrament, dieses wurde mit einiger DiScussion angenommen. Ein Mann aus dem Volke: „Ich halte aber die Ehe sehr wichtig und heilig!" — Allgemeines Gelächter, man muntert ihn auf, weiter zu sprechen. Gemeinde ältester: Die Katholiken sagen dann: „der Mann ist Christus und die Frau die Kirche und halten es darum für ein Sacrament." (Furchtbares Andonnern an die verschlossene Thür, und großes Geschrei, denn viele wollen herein.) Gem eind cä l te st er: Das aber steht fest, daß die Ehe ein ganz innerliches Band ist, was der Staat weder schließen, noch trennen kann, sondern die Ehegatten, daher auch der Staat, wenn das Band innerlich getrennt ist, nur sagt: ich bestätige diese Trennung. Aber eine kirchliche Weihe ist sie. Alle: ja! ja! Jener Mann aus dem Volke: „Das Wort Sacrament kommt überhaupt in der ganzen Bibel nicht vor." (Gelächter. Viele rufen: zu spät, zu spät.) Reform.: Weiter wollen wir über die Ausnahme in unsre Kirche handeln. Gcmcindcältcster: Nun ich glaube, wer eintreten will, meldet sich beim Vorstande, dann bei der Gemeinde, und wird dann vom Geistlichen abgelesen. Ein uniformirter Herr: Ich glaube, wenn man das GlaubcnSbckenntnifz ablegt, man vo ipso dazu gehöre. Viele: ja, vor der Gemeinde. Gcmeindeältestcr: Ich glaube eS, es ist nothig, sie vorzulesen, damit wir einander kennen lernen. (Furchtbares Donnern an der Thüre.) Der Herr auf dem Stuhle (langsam und mit Pathoö): Ich glaube, unsre Gemeinschaft muß jedem frei und offen seyn, damit wir mit Vernunft und Freiheit, diesem köstlichen Geschenke, glauben. Gcmeindeältestcr: Ja, unsre Gemeinde soll überhaupt von einem brüderlichen Bande umschlungen werden, so daß jeder sein Kreuz auf sich nehme und Christo nachfolge. Wie überhaupt das Leben Christi unser Vorbild ist, und wir seine Befehle und die Gesetze des Staates achten! Ein junger Herr: Wie ist es denn aber, wenn einer auStretcn will? Das Volk vor und hinter ihm: Nun, da bleiben sie weg, was ists weiter! Reform.: Wir verwerfen alle Heiligen- und Reliquien-Verehrung. Ja! ja! Der Herr a. d. Stuhle: Lassen wir den hl. Lojola gelten? Gemeinde ältester: Den lassen wir passircn. Ein junger Herr: Fade Witze, man spreche ernsthaft. Ein vornehmer Herr: Nehmen wir überhaupt Heilige an? Viele: Nein, Nein! Reform, licst: Ferner kommen wir zu dem schwierigen Puncte über das Glaubcnsbckenntniß; ich gestehe, daß dieß eine sehr schwierige Sache ist. Ein Gemcindcglicd: Wir wünschen, daß uns erst Herr Reformator seine Meinung sage. Reform: Ich wollte erst die Meinung Anderer hören um meine etwaige irrige zu verändern. Aber unser Glaubensbekenntniß muß allgemein seyn, denn cö haben mich in diesen Tagen mehrere aus Bcrlin, und dic Bewohner aus einem kleinen Dorfe bei Neisse ersucht um unser Glaubcnsbckcnntniß und um Geistliche. Ein Gemeindeglied! Ja, allgemein, denn apostolisch heißt allgemein. Reform.: Wenn cö auch in derselben Reihenfolge so lautet, wie das Schneidcmühler. Viele: ja, ja, das apostolische! Der Herr auf dem Stuhle (während Alles still ist, ganz langsam, laut und mit Pathos): Herr Reform., was ich von Ihnen gelesen habe, und ich habe nicht viel gelesen, da finde ich doch, daß Sie immer so zu sagen den Nagel auf den Kopf treffen, und alles ganz recht verstehen, darum glaube ich, daß, was Sie meinen, recht ist, darum wollen wir, weil wir es doch nicht so verstehen, annehmen, was Sie meinen. Ich höre hier nur so viele Stimmen um mich; nur müssen wir das Ganze mit Vernunft und Verstände, diesem edlen Geschenke Gottes erkennen, denn sie führt uns. Ein Anderer: Ich glaube Herr Reformator es ist gut, wenn Sie uns erst a priori ihr Glaubcnsbckenntniß vortragen, damit wir es annehmen. Reform.: Ich gestehe, es ist dieß so schwierig, daß ich es jedem gern noch überlasse und bereit bin, die Meinung anderer willig zu hören, oder cS bis nächstens zu verschieben. (Alles schweigt). Ferner genießen wir das Abendmahl nach Anordnung Christi unter beiden Gestalten. (Ja, ja!) Nun hat vielleicht der Eine oder Andere noch seine Meinung zu sagen, ich bin gern geneigt sie zu hören. Ein junger Herr: Ich wollte Sie fragen, wie viel Sie überhaupt Sacramente annehmen? Reform.: Das war schon in der letzten Discussion da. Der junge Herr: Aber es steht ja nicht im Protokoll. Secretär: Es wurde nur vorübergehend berührt. Gemcindeciltester: Zwei Sacramente gibt es, die Taufe und das Abendmahl. Der junge Herr: Aber auch von der Taufe und dem Abendmahl steht nicht in der Schrift, daß sie Sacramente seyeu. Gcmeindcältester: Aber es steht in der Schrift, wer glaubt und getauft ist »c. Der junge Herr: Damit ist aber kcineswegcs gesagt, daß sie Sacramente scycn! (Alles schweigt.) Ein Herr: Ich glaube eö geht nach Stimmenmehrheit. Ein anderer Herr: Wollten Sie mir noch eine Frage gestatten ; ich wundre mich sehr, warum Sie die Praxis der Apostel verwerfen, welche dic Ehe für ein Sacrament hielten. Reform.: Es ist schon Alles beschlossen. Secretär: Kann nichts in.hr verändert werden. Ein anderer Herr: Die Ehe ist aber ein Sacrament; denn was ist ein Sacrament anders als ein sichtbares Zeichen, was man im Leben nur einmal empfangen kann!! Viele: falsch! Jener: das versteht sich freilich von selbst, daß das heil. Abendmahl und die Buße Sacramente sind, obgleich man sie öfters empfängt! Der Gemcindevertreter auf dem Stuhle: Herr Reform.! Ich glaube, daß wir eine besondere Sitzung halten, wo bloß die Gemeindeglieder zusammen kommen, und wir erwählen ein provisorisches Comite', „aber ganz fest", und lassen die verhandelten Puncte in ein Blatt drucken. (Mißfallen dagegen.) Reform, und Gcmeindeältestcr sehen einander an, und bei leisem Geflüster von allen Seiten spricht Reform.: wie gesagt, unser Glaubensbekenntnis; ist eine so wichtige und schwierige Sache, daß ich es jedem gern bis zur nächsten Versammlung überlasse. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber : F. C. Krem er. xnuWW ,icl .zcknoiZ' mi t^bin cknls ,„^aKZn,kiN i ^ 4 ^ ^« HH« ^M. ^ ^ ,»^« ni>Ä n.;>:».'.'«5 «Ä:tl',s.ck'iU,1»g (liiu intsvch'jn ^»S" B der. tt?ii^ i«t»g du» a-ru n»!i» .iiunT n?ü noigilM ^ck nzllnö si^ 7Z>j?'/I I? ,« , N',?ii!ißt»A n »7 nuclt ,»ttf>l>! nniiWM) stz,t«j M t« ^ « tÄ/» »,ch'?n,W i-ck tiir.l , ^ V / FR ^ 4 A ^ ^ i,ct ni MhklM chup ?,^In ,-n^-sn,ö?»<> iiUüt S-iij nnvS^ts-i^ 7,öÜ^ck Poftzeitung »»M sKijUvtz »sii, »jj »»igilK zchsÜ^iZI^ziD l> 5Ntt??i , a,ssojchs,g susi»M jj,s> ss> ^'niivck l ZjtZiiK «(L .l^zfs n,ch^5i,;T' »ittÄ i?Sü „IG musii in» s. März ,u ZA5jsn,chir>M.,i-l,utl nnvl »ft n,»?»^ . n^^M«) An Jesus. n,tchslch^ n»llo chi n^,i??/i>U)ij?y^ iMick'MoZ »nnt!? ,KMll!' ÄZOllki^ -..if^Z'j Dein süße- Antlitz niemal- seh'n? zchl'iÄ ,NZt!I!l,nitN »Ä^ „Sey Du die Blum' in meinem Garten, „Sey meiner Seele Pflegekind, „Da soll sie treulich Deiner warte« „Und wiegen Dich im Arme lind. IlZII NIZl iun „Sey Du die Hoffnung meines Leben-, „Sey meinem Herzen Speis' und Trank, „O sey die Krone meines Streben-, j/,Nlti'i»^ ,!» 6»„ -K > " > „Dann werd' ich sitzen auf dem Throne, , . , ' ^ ' „Und werd mein c,g ner Herrscher seyn z „Die Sünde stürz' ich da»» vom Throne, „Dann kehrt Dein Friede bei mir ein.« ?>a MMK „O, misj?K' zjct zss j7Z/ji»ll tk^> ?i,W tti,^ nn Ali) cktt^A dock Fr. Xav. Schumacher. - nzchl-nW e,Ä znnis n7(WI^K»n anu m/cnt fortfährt, so wird die Religion vernichtet. Denn die ewige Dauer einer menschlich gemachten Religion kann niemand garantircn, nnd ob es der Mühe werth sey, sich einer zeitlichen Religion zu unterwerfen oder nur anzuschließen, das ist noch sehr die Frage. Also gar kein Fortschritt? wird man fragen. Ja wohl, ein Fortschritt des Menschen zum Gntcn durch Besserung, dnrch Uebung der Tugenden, welche die Religion Jesu vorschreibt, kei- aus der gewissenhaften Befolgung der Gebote Christi ergeben sich iene Eigenschaften und gesellschaftlichen Tugenden von selbst, ohne Religiosität sind sie aber weder von Bedcntnng, noch von Dauer. Diejenigen Katholiken, welche sich nicht von der Religion des Fortschrittes bethvrcn lassen, thun recht daran; sie halten an Christus nnd seiner Kirche fest, die bessere Führer sind, als der Wind der Tagespreise. Wir stören diese nicht in ihrem politischen Treiben, sie sollte auch die Katholiken ruhig bei ihrer Religion belassen. Das jnnge England. (Der Katholik,) Während das junge Deutschland die Verbesserung des Vaterlandes nach juughegel'schcn Philvsophcmcn und in der Emancipation des Fleisches zu erstreben sucht, eigentlich aber nichts weiter darstellt, als den bodenlosen Sumpf einer nach allen schlechten Richtungen hm und zum allgemeinen Verderben wirkenden Presse, sehen wir in England die Jugend glücklicherweise ein weit ehrenhafteres Ziel verfolgen. Davon gibt nns folgende Darstellung, welche wir a»S dem Magazin für die Literatur des Auslandes entnehmen, ein höchst erfreuliches und für Deutschland sehr beschämendes Beispiel. Zugleich ersehen wir hieraus, wie intensiv und stark jene neue in der englischen Hochkirche entstandene Bewegung ist und wie sie selbst schon ans das übrige gesellschaftliche Leben einen bedeutenden Einfluß äußert. Selten beginnt, heißt es in dem gedachten Aufsatze des Magazins, eine nenc politische Partei ihre Wutsamtcit so vorherrschend mit poetischen Productcn, als dieß bei dem sogenannten „jungen England" der Fall ist. Zu den bedeutendsten Vertretern desselben gehören auch zwei junge Männer, die bisher fast nur durch literarische Leistungen für ihre Partei gewirkt, und die auch durch ihre Jugend noch mehr als Herr d'Iöraeli berechtigt sind, das junge England zu reprLscntircn. Der älteste der beiden Schriftsteller ist noch nicht achtundzwanzig Jahre alt. Beide gehören der Aristokratie an. George Sidncy Smith ist der älteste Sohn des ViScount Strangford, Lord John ManncrS ist einer von den Söhnen des Herzogs von Ruttlanv. Auch sind ncswegS aber ein Fortschritt dnrch Aenderung dieser Religion, beide seit drei Jahren Mitglieder des Unterhauses. Die Bücher, Denn in dem wechsclvollcn Leben des Menschen ist gerade Eines ^ um derentwillen sie eine nähere Besprechung verdienen, sind i nothwendig, das nicht wechselt, Eines, welches das Unrecht der > Kngluncl's l'iusl (Englands Zuversicht) nebst anderen Gedicht n Welt, das dicßseitö nicht gesühnt wird, jenseits berichtigt, Eines, l von Lord John Manners nnd die Ilislorie s-znoies (historische Was dein gefallenen »»glücklichen Menschen die Heilmittel anbietet ^ Phantasien) von Smith. und gewährt, sich mit Gott wieder auszusöhnen. An dieser! Ein einziger Gedanke durchdringt die Gedichte des Lord John Grundlage darf aber nichts verrückt werden, denn der Mensch! Manners: dieß ist ein religiöser Gedanke, aber mit der Nüance, kann allein seiner Seele nicht helfen, er kann seine Sündhaftigkeit nicht mit einer selbstgemachten Religion heilen. Christus ist der Seelcnarzt, seine Heilsmittel, die Sacramcnte, müssen wir brauche», wc»» unsere Seele genesen soll, an ihn müssen wir glauben, nicht an uns, wenn wir ans dem rechten Wege bleiben wollen. Es verräth eine große Unkcnntniß der katholischen Religion, Wenn man den Katholiken zumutstet, sie sollen dieselbe den Zeit, ansichten unterwerfen und nach jeweiliger Eingebung der Mode ändern. Das wäre ein Fortschritt zum Verderben. Man mag ihn mit den schönsten Vorspiegelungen von Menschenwürde, Sitt- ichkeit, Humanität, Höhe der Zeit u. s. w. anrühmen, wie man die England eigenthümlich ist und die besonders die junge Schule auszeichnet. Lord John Manncrs hat an der Religion nicht das k'esumzen, was sich der Poesie zunächst darbietet, den Rausch der Extasen, die Pracht der Hymnen, die Schmerzen, die von der Resignation hingenommen u-d von der Hoffnung beschwichtigt werden. Lord John Manners hat eS weniger mit der Religion als mit den Instituten der Religion zu thun, mit der äußeren Form, die ihr in England zur politischen Hülle dient, er hat vorzüglich eine Demonstration zu Gunsten dessen gemacht, was die Engländer die bestehende Kirche, tiw estÄltlitjlrecl cliureli nennen. Für ihn ist Ungl-rnä's l'rust (Englands Zuversicht) die Kirche. Man sieht überhaupt aus den Pocsieen des Lord John MannerS, daß das junge England in der Politik ein Resultat der religiösen Bewegung ist, die vor zwölf Jahre» an der Universität Oxford sich zu entwickeln begann. Diese puseyistisch-katholische Scbule von Oxford ist selbst aus den politischen Umständen hervorgegangen. Die Lage der cmglicanischcn Kirche bietet heute einen merkwürdigen Contrast, verglichen mit dem, was sie vor zwölf Jahren war. Man befand sich damals unter dem Eindruck der Emancipation der Katholiken, die utilitarischen Ideen und der philosophische Liberalismus, die in der Neformbill ihren Sieg feierten, verfolgten damals einen aufsteigenden Weg; die alten schon angegriffenen Privilegien der Kirche sahen noch gefährlichere Stürme gegen sich heranziehen; eine parlamentarische Commission, welche für die Beaufsichtigung der Kirchenangelcgcnhciten ernannt worden, in der aber die Laien die Mehrheit bildeten, schien der geistlichen Unabhängigkeit der Kirche Gefahr zu bringen, indem sie an ihrer weltlichen Einrichtung rüttelte. In diesem Moment war cS, wo den Angriffen des philosophischen Geistes und der diss ntirendcn Sccten gegenüber einige Clcrgymen der Universität Oxford, die Herren Puscy, Palmer, Williams «nd Newman, sich in dem Bestreben vereinigten, die anglicanische Kirche auf die Basis der römische» zurückzuführen, die vergessenen Principien, welche jene mit dieser gcmci»schastlich hat, wiederherzustellen, ihr den Glanz der alten Tradition wiederzugeben, auf welcher die englische Kirche beruht, die, obwohl sie von der Gemeinschaft mit Rom getrennt ist, gleichwohl Anspruch macht, den Fundamcntal-Charak- ter des Katholicismus in sich zu bewahren. Sie schrieben erst kleine Abhandlungen, in welchen die Hauptpuncte des Glaubens und der Verfassung der anglicanischcn Kirche einer neuen Prüfung und Erklärung unterworfen wurde«: diese Brochürcn, die anonym und unter der Bezeichnung lor tlro ^imos erschienen, machten großes Aufsehen. Mitten in der Polemik, die sich um sie erhob, verbreitete sich der Geist, der sie eingegeben, bei einem Theile der UnivcrsitätS-Jugend, des jüngeren Klerus und der höheren Classe Englands. Die Schriften der ersten Theologen der anglicanischcn Kirche, in denen man den Geist des Katholicismus, je näher man der Epoche Heinrichs VIII. kommt, desto lebendiger wieder findet, sind von neuen: gedruckt und publicirt wordcu. Man hat neue Ausgaben von den Werken der alten Kirchenväter veranstaltet; noch in diesem Augenblicke gibt man das Leben der Heiligen heraus, die der Zeit angehören, wo England mit Rom in Berbindung war, geschricbeu in dcn Gesinnungen der mittelalterlichen Jahrhunderte; — doch schon fängt auch der oppositionelle Sturm an, ein furchtbares Ungcwitter heraufzuführe«, in welcher Beziehung wir namnUlich nnf einige der letzten Blätter des whiggistischen Morning Chronicle verweisen. Zu den Büchern, welche jene Bewegung hervorgerufen, gehören auch die Poesien des Lord John MamicrS. Der Enthusiasmus desselben sür die Kirche läßt sich aus ein doppeltes Motiv, auf ein doppeltes Element zurückführen. Lord John Manncrs liebt in der Kirche die Hüterin der edlen und heiligen Tugenden, die das religiöse Gefühl unterhält, und dann liebt er die Kirche wegen der Wohlthaten, die sie über sein Vaterland verbreitet hat, also aus patriotischer Dankbarkeit. Die letzte Nuance, welche vielleicht die Gefühle des Lord MannerS beherrscht, wirft auf seinen Cultus für die Kirche eine historische Fa-bc; cr macht gerne die Vergangenheit der Kirche zum Gegenstand seiner Betrachtung. Auch sind er und seine Freunde weit entfernt, das Urtheil der Protestanten in Bezug auf die Religion des MittclaltcrS zu unterschreiben, sie erblicken vielmehr in dieser Epoche die schönsten Zeiten des Christenthums. Ja cr wünscht nicht bloß die Rückkehr des alten Glanzes der Kirche, sondern auch die Vereinigung der Kirchen, die im Episkopat die apostolische Tradition bewahrt haben. Er hofft, daß sein „wicdergcborncr Glaube England an die Spitze der katholisch n Kirche stellen wird, er möchte cS gerne mit cincm heiligeren Namen als dem der Herrin der Meere geehrt sehen, mit dem Namen, den Rom in seiner blühenden Jugend trug, und den der Glaube von Ufer zu Ufer fortpflanzte, dein Namen einer Mutter der Kirchen." In einem, an Rom gerichteten Gedichte macht cr dem Papstthum Vorwürfe, die gcwiß in dcm Munde dcs Engländers bedeutsam kliugcu: „Herzloses Rom! groß ist deine Sünde, daß du «och nicht das grausame Urtheil, unter welchem wir in dcn fremden Länder« schmachten, widerrufen hast.....In reineren Tagen blieben die Kinder der Kirche fest gegen das Schisina und die Häresie. Aber jetzt wie ist mein Herz so betrübt!"..... Nach solchen Aeußerungen ist Lord John MannerS nur conscquent gewesen, wenn cr im Unterhause die Negierung aufforderte, diplomatische Verbindungen mit Rom wieder anzuknüpfen. > 7,,?!,agt die StaatSzcitung der kathol. Schweiz: „Die Könige von Frankreich, Spanien und Portugal, von drei gottlosen, mit Freimaurern und mit der autichristlichcn Secte einverstandenen Minister», Choiscul, Arenda uud Pombal, aufgehetzt, ließen sämmtliche Jesuiten, die sich in ihre» Reichen besanden, medr als 4000 unschuldige uud würdige Geistliche, unter dcn lügenhafteste» und widersprechendste» Vonvändcn, auf die himinclichreiendstc Weise, ohne Untersuchung, ohne Verhör, ohne Urtheil theils einkerkern und hinrichten, theils an einem und demselben Tage aus dem Lande dcportircn und an srcmdcu Küsten aussetzen. Aber die Nemesis blieb nicht aus, und traf schon die Söhne und Sohnssöhne dieser verblendeten Könige. Zwanzig Jahrc hernach ward der gutmüthige, aber allzuschwachc Ludwig XVI. nicht durch Jesuiten, sondern durch ihre Feinde vom Throne gestürzt, sogar dnich Hcnkershcinde auf's Schaffott geschleppt, und hatte dieses traurige Schicksal gerade sciucu gcpricscucn Concessionen, seiner falsche« Friedensliebe zu verdanken, die den Ruchlosen keinen Widerstand leisten wollte und, um das Blut von wenigen Missethätern zu schonen, dagegen das Blut von Millionen rechtschaffener Menschen in großen Strömen vergießen ließ. Die Könige von Portugal und Spanien wurden ebenfalls durch Freimaurer, d. h. durch die Todfeinde der Jesuiten, aus dem Lande gejagt. Der rechtmäßige Erbe des portugiesischen Thrones, welcher zu spät dem Uebel wehren wollte, obschon von dem treuen Volke beharrlich unterstützt, ward durch drei Mächte, die seine Freunde hätten seyn sollen, die aber unter dem Joche der Freimaurer stunden, aus seinen: Reiche vertrieben und konnte seine Zuflucht nur in Rom bei dcm von seine«, Vater und Großvater so schr gekränkten und beleidigten Haupt der Christenheit finden. Karl X., König von Frankreich, welcher zwar wider seinen Willen uud seine bessere Einsicht sich durch die uugestümen Forderungen der revolutionären Partei, durch Furcht und faischc Fiic- dcnShoffnuugcn dic Aufhebung aller Jcsuilencollcgicn abtrotzen ließ, ward gerade ein J chr nachher von eben dieser jcsuilcnfcindlichen Faction nebst seiner ganzen Familie aus dcm Lande seiner Väter verjagt; die Jesuiten hingegen blieben ruhig in Frankreich zurück, und wenn sie auch noch keine förmliche Collcgien halten, so dürfen fie doch Privatunterricht geben und üben ungehindert alle ihre geistlichen Verrichtungen aus. Auch hat die jetzige Regierung Frankreichs noch kein Dccrct erlassen, daß die zahlreichen französischen Jünglinge, welche bei den Jesuiten zu Freiburg studircn, deßwegen von allen geistlichen und weltlichen Aemtern ausgeschlossen seyn sollen. Der unlängst verstorbene König von Holland hat allein den Neu-Bcrncrn daö Beispiel eines solchen Dccrets gegeben; er wollte ebenfalls die Jugend seines Landes in anlichristliche Schulen zwingen, aber eS ist ihm übel bekommen: Katholiken und Liberale vereinigten sich; wiewohl aus verschiedenen Gründen und Absichten, gegen ihn; er ward zum Erstaunen der Welt sogar von seinen nächsten Freunden und Verwandten, dem Kaiser von Rußland, den Königen von Preußen und England, verlassen, verlor zwei Drittheilc seines Reichs, und seither blühen die Jesui- tcncollcgien in Belgien, wiewohl unter einem protestantischen und cvnstitutioncllcn König, mehr als in keinem andern Lande, sie sind sogar im eigentlichen Holland aufgenommen, und die katholische Kirche, welche man bckncchtcn wollte, ist freier, als sie vorher gewesen. Endlich wollen wir noch an ein ähnliches Beispiel auö der Schweiz selbst erinnern. Es hatte die weiland helvetische sehr radicalc Regierung in ihrer vollen Ccntralgewalt bereits dccrctirt, daß nicht bloß die Jesuiten, deren damals keine vorhanden waren, sondern sämmtliche katholische Priester dcvortirt, d. h. bannisirt und durch Landjäger oder Soldaten über die Glänze geführt werden sollen. Allein was geschah? Die Priester blieben alle im Lande, dagegen aber ward die helvetische Regierung sammt ihren Schreib- und Waffenknechtcn von ihren Sesseln in Bern herab bis an den Genscrsce geworfen; sie flehte kriechend um fremde Hilfe, fand aber selbst bei ihren Stiftern in Frankreich keine Gunst mehr, sondern ward aufgelöst und ist Todes verblichen; es mußten sogar auf französischen Befehl die von ihr aufgehobenen Klöster wieder hergestellt werden." Deutschland. Wir tragen zu dem Artikel der Postzeitung, welcher die Er- communication und Degradation Czerski'S betrifft, noch die (dort ausgelassenen) Stellen des Documentcs nach, welche die Ermah- uung an die Diöccsancn enthalten. Sie lauten wie folgt: „Wenn zu jeder Zeit, um so mehr in der gegenwärtigen, laßt uns jene wichtige Ermahnung des heiligen Apostels Petrus i'n's Auge fassen: Seyd nüchtern Brüder und wachet! Die Nüchternheit wird dazu beitragen uns wacksam zu erhalten; und die Wachsamkeit wird uns wahrnehmen lassen den Feind und Gegner, der stark und drohend um uns wie ein Löwe umhergeht und suchet, wen er verschlingen könne. 1. Pctr. 5, 8. Es ist kein geheimer, soudcrn ein offener Widersacher, der nicht schläft, «och müssig geht, sondern stets thätig ist, und alle Kraft aufbietet, um jenen Felsen, auf dem der Herr seine Kirche erbaut hat, zu zertrümmern und die Einheit derselben, die Einheit im Glauben und den heiligen Sacramcnten, wie auch in dem sichtbaren Oberhaupte der Kirche zu zerreißen und zu vernichten. Dieses Widersachers feurige Pfeile (Ephcs. 6, 16.) vermöge« wir nur durch die Kraft und Festigkeit unseres Glaubens auszulöschen. Wundert Euch übrigens nicht über alle diese gegen u»sere Kirche gerichteten Angriffe, und noch weniger ängstigt Euch darüber. Die von unserem Heilande vorhcrgcsagte Bestimmung dieser Kirche ist: stets zu leiden und mit Widerwärtigkeiten zu kämpfen. Aber Derselbe, der dieser Kirche Stürme und allerlei Ungemach vorhcrgcsagt, hat ihr auch seinen Schutz und ewige Dauer versprochen. Was die Hand des Allmächtigen gegründet und angeordnet hat. das vermag keine Macht der Menschen und selbst der Hölle umzuändern, noch viel weniger zu vernichten. Die Kirchcngeschichte stellt uns mehrfach sehr traurige Beispiele von Abfall und Verläugnung der himmlischen Wahrheit vor; aber sie berichtet gleichzeitig die schrecklichen Folgen hie- von. Wenn die verstoßene und verhöhnte Religion von den Menschen ihr leuchtendes Antlitz wegwendet, alsdann irrt die menschliche dieses Lichtes beraubte Vernunft blindlings in den Finsternissen einsam umher und wie verloren weiß sie nichts recht zu beginnen, indem sie alles verwirrt, zertrümmert und vernichtet. Ein Mensch ohne Religion ist jener Frucht ähnlich, die vor der Reife vom Baume abgeschüttelt der Fäulniß und Zernagung durch das Gewürm anheimfällt; nur mittelst der belebenden Strahlen des Glaubens gedeihtt diese Frucht zur Reife, schmücket den Baum und zur gehörigen Zeit gepflückt, wird sie zur Frucht des Lebens. In jedem Lebensalter, in jedem Zustande der menschlichen Gesellschaft, in allen Veränderungen des unstäten Geschicks, ist die Religion eine Leuchte deö Verstandes, ein Quell des reinsten Glücks, der untrüglichsten Hoffnung und Freude, wie auch ein Anker der Beseligung. Laßt uns also an diesem Anker festhalten, damit wir nicht zu Grunde gehen in den Abgründen, die unsere Gegner vor «ns bereiten! Laßt uns alle zur alten Frömmigkeit unserer Vorfahren zurückkehren, zur Festigkeit ihres Glaubens und dem Eifer für Erhaltung desselben! Laßt uns unsere Herzen zuwenden der Furcht Gottes, dem Eiser für seine Ehre und für Aufrechthaltung seiner uns gegebenen Gebote und Lehren; denn dadurch werden wir verdienen, daß Gott über uns die Gaben seiner Barmherzigkeit ergießen wird, und unsere Widersacher werde» erstaunt sprechen: Darum ist Gott geduldig mit ihnen und ergießet über sie seine Barmherzigkeit. Gccl. 18, 9. Da aber unsere Religion unS jedes Nachcgefühl verbietet, vielmehr »ns befiehlt die Feinde zu lieben und Gutes zu thun Denen, die uns hassen und verfolgen, so wollen wir demüthig und vcr- trauungsvoll uns dem Gnadenthrone unseres Gottes und Herrn nahen und Ihn anflehen: daß Er unseren Feinden ihre Schuld verzeihe. Laßt uns also Ihn flehentlich bitten für unsere unglücklichen Brüder, welche durch List des Satans und durch Betrug seiner Abgesandten neuerlich in so tiefe Finsternisse des Irrthums verfallen sind, daß der Herr sie erleuchten, zur Besinnung und Bekehrung führen und seiner Kirche zurückgeben wolle. Laßt unS bitten, daß er auch die gegenwärtigen Anfeindungen und Angriffe gegen seine Küche entkräften und ihnen keine Ucbergewalt über sie gestatten, vielmehr diese seine Kirche mit seinem mächtigen Arm beschützen und verthcivigcn möge. Laßt unS vorzüglich diesen himmlischen Hausvater bitten, Er wolle Arbeiter schicken in seinen Weinberg, der heute bei uns unter einer solchen Fülle der Ernte so verwaist ist, — Er wolle uns versorgen mit solchen Priestern, die da wirklich sind, was sie seyn sollen, das Licht der Welt und das Salz der Erde. Laßt uns Brüder, spreche ich nochmals mit den Worten des heiligen Apostels, — laßt uns nüchtern und wachsam seyn, damit der Feind nicht komme und Unkraut säe zwischen deu Waizen. Laßt unö ihm stets Widerstand leisten durch Standhaftigkeit im Glauben, unv unser ganzes Lebensziel sey dahin gerichtet, auf daß Gott sey Ehre i« der Höhe und auf Erden Friede den Menschen , die eines guten Willci-s sind. Luc. 2, 14. Verantwortlicher Redicteur: L. HchHnchen. Verlag«-Inhaber: F. S. Kremer. rt. ins., sowohl eines erleuchteten Obcrhirtcn, als auch der Gründung eines Pricster- scminars; und ein sogenanntes kleines Seminar steht in Aussicht. Nachdem die unmittelbar zwischen dem hl. Stuhl und dem königlichen Thron darüber gepflogenen Verhandlungen geschlossen, verkündete ein Hirtenbrief des apostolischen Vicar das frohe folgenreiche Ereigniß dem ganzen Volke und legt Allen die Wichtigkeit und den Segen einer kirchlichen Erziehung und Bildung klar vor Augen. „Aller Unterricht," heißt es im Anfange desselben, ,der nicht auf den Glauben gründet, alle Zucht, die nicht ans das Heil hinzielt, ist des Menschen unwürdig und für ihn werthlos, weil sie ihn nicht zu Gott führen, der sein Ursprung und Endziel, sein ewiger Herr und sein höchstes Gut ist. In der Kirche aber sind die Bischöfe und Priester, als Nachfolger der Apostel angc dieß kostbare Gut erhalten bleibt. Zuletzt sey noch aus dem herrlichen Hirtenbriefe bemerkt, daß nicht allem der König-Großherzog die ständige Besoldung des Seminarpräses und der sechs Professoren, den der Philosophie einbegriffen, sondern auch fünf ganze und zehn halbe Freitische für dürftige Zöglinge, und die bedeutenden Kosten für die Wiederherstellung des Gebäudes (des einen Flügels des ehemaligen Jesuiten- Collegiums, den dazu die Stadtbchörde zuvorkommend eingeräumt), so wie für die Anschaffung des sämmtlichen Hausgeräthes, aus der Staatscassc großmüthigst bewilligt, und überdieß aus öffentlichen Mitteln Unterstützung zur Erbauung und Einrichtung des kleinen Seminars huldreich zugesagt, auch zur Wahl und Ernennung der Obern und Lehrer dem apostol. Vicar die völlige Freiheit, wie sie ihm durch Lehre und Recht der Kirche zusteht, ungeschmälert gelassen hat. „Und so sind Wir denn," sagt derselbe, „unter dem Beistande des hl. Geistes zur Berufung der Männer geschritten, deren Händen Wir die Zöglinge des Gottesdienstes und der Seelsorge anvertrauen wollen. Die meisten derselben haben sich schon unter unsern Augen in verschiedenen kirchlichen Aemtern als treue Diener Gottes erprobt und bewährt. Einige von ihnen, nicht unserer Provinz, wohl aber unserm deutschen Baterlande entstammt, haben in schweren Stellungen sich um Glauben, Recht und Zucht der Kirche hochverdient gemacht und des ehrenden Vertrauens eines der erleuchtcsten Kirchenfürstcn unserer Zeit genossen. Vertrauensvoll ergreifen wir ihre Mithilfe bei dem wichtigen Geschäfte der Pricsterbildung. Um Ostern, das Fest der Auferstehung unsers Herrn, soll das HauS eröffnet werden, aus dem in Zukunft, wie aus einem heiligen Grabe, worin der irdische Mensch untergegangen, der neugewählte Priester wie ein wiesen, alle Völker zu lehren, sie Alles halten zu lehren, was! himmlischer Mensch hervorgehen und das göttliche Leben, dissen er der Herr ihnen geboten hat, aller Creatur das Evangelium zujvoll ist, seinen Brüdern mittheilen wird." predigen, und diese Lehre und Predigt müssen sie ohne Zweifel _ anheben bei der Jugend, deren Herz und Geist der empfängliche Boden für den Samen der heiligen und heilsamen Wahrheit ist. So kann denn auch die christl. Gesellschaft ihrem geiftl. Haupte, dem Pricstcrthum, einen vorzüglichen und durchgängigen Einfluß auf alles Erzichungs- und Unterrichtswcscn nicht versagen; . . . . nnd ist die Kirche die eigentliche nnd höchste Erzieherin und Lehrerin des Menschengeschlechts überhaupt, wie viel mehr wird es ihr obliegen nnd zustehen, die Genossen jenes Standes, dem sie ihre höchsten Angelegenheiten anvertraut, des vricsterlichcn, ausschließlich zu erziehen und auszubilden." Nachdem nun weiter ge- Rom. Fest der Erscheinung des Herrn. Um dem Herrn zu danken für das Licht des Glaubens und nach seinem Willen zu bitten um die Erweiterung seines Reiches auf Erden, stiert die ganze christliche Welt das Fest der Erscheinung des Herrn. Der Jubel und die Freude der Kirche über dieses große Geschenk kann sich nun wohl nirgends so lebhaft und ungestört auösprcchen, als in Rom, dem Mittelpuncte jener Kirche, Welche sich kraft ihres unfehlbaren Lehramtes rühmen darf, jenen hehren lcbendigmachenden Glauben, jenes Gotteswort, durch alle Jahrhunderte hindurch bis auf den heutigen Tag rein und unverfälscht erhalten und allen Nationen überliefert zu haben. Am Feste der Erscheinung bietet daher auch Rom Alles auf, um sich als die Metropole des Bischofes der Bischöfe, unter dessen Obhut von Christo alle Schafe, alle Lämmer gegeben sind, zu bewähren. Keine Stadt auf der Welt, außer Rom, hat auch solche Mittel, die Einheit und Allgemeinheit der Kirche klar und lebendig vor Augen zu stellen. Denn die Hauptstadt der Welt besitzt jene unvergleichliche Anstalt, jenes Weltscmiuar, wie kein zweites zu finden, die blühende Anstalt der Propaganda, in welcher gegenwärtig über 190 Jünglinge aus allen Völkern der Erde zu Aposteln ihres Vaterlandes herangebildet werden. Mit derselben Weisung, die einst der Herr seinen Zwölfen gab: Gehet hin und lehret alle Völker u. f. w., sendet sein Stellvertreter jährlich «uS der Propaganda Priester in die Welt, damit sie ihrem Volke die Erlösung durch Christum verkünden. Zum Zeugnisse aber, daß die Gemeinschaft der vielen Glieder mit dem Einen Haupte das wahre Leben bedingt und daß dieselbe durch Verschiedenheit der Abstammung, der Gebräuche und der Sprache nicht nur nicht gestört, sondern dadurch noch offener hervortritt, wird am Feste der Erscheinung in der HauScapelle der Propaganda das hl. Opfer in mehrerlei Ritus und Sprache dargebracht, und am Nachmittage (dieses Jahr am Nachmittage des nächsten Sonntagcö) hört man von den einzelnen Zöglingen in den verschiedensten Sprachen das Lob des Erlösers verkünden. Ganz eigenthümlich und der Weltstadt würdig ist ebenfalls die an diesem Tage beginnende achttägige Feier in der Kirche 8t. ^näroa clella Valle. Man muß selbst zugegen gewesen seyn, um in die allgemeine Meinung mitcinzu- stimmen, daß Rom fast keine schönere und bedeutungsvollere Fcst- fcier aufzuweisen hat. Der Stifter derselben ist ein schlichter, armer, demüthiger Priester aus dem Neapolitanischen, Namens Vincenz Palotta. Allgemein wegen seiner Tugenden hochverehrt, fiel es ihm nicht schwer, überall die nöthige Beihilfe zu erhalten; und so brachte er eS mit Genehmigung des Papstes zu Stande, daß in besagter Kirche die Octavc des Festes der Erscheinung im eigentlichen Sinne des Wortes als Völkerfest gefeiert wird. Außerdem, daß an jedem Morgen mehrere stille hl. Messen in verschiedenen Ritus gefeiert werden, finden täglich zwei Hochämter statt, eines in abendländischem, das andere in morgenländischem Ritus, und zwar dieses Jahr am ersten Tage das lateinische Hochamt von den Vätern des Ordens der Theatiner, das orientalische von den Armeniern. Am zweiten Tage hielten das lateinische die Patres des hl. Franz von Paulo, das orientalische die Maroniten. So wechselten diese acht Tage hindurch die lateinischen Orden in Darbringung des hl. Opfers mit den unirtcn Griechen, Syriern, Melchiten, Armeniern und Chaldäern. Die Sprache und Ceremonien waren zwar verschieden, aber ein und derselbe Glaube, dieselbe Anbetung vereinigte die Priester der verschiedensten Völker so wie am Mittelpuncte der Einheit der Lehre und Verfassung, so auch vor dem Mittelpuncte der Andacht und des Gottesdienstes. — Dann ist ferner die passende Anordnung getroffen, daß an jedem Tage die Zöglinge je irgend eines Kollegiums sowohl Morgens beim feierlichen Hochamte, als auch Nachmittags bei der Vesper und am Abend bei dem Segen assistircn, so am ersten Tage die Alumnen unseres deutschen Collegiums, mehr denn 60 an der Zahl, dann an anderen Tagen abwechselnd die der römischen, englischen, schottischen, irländischen u. s. w. Kollegien. Die übrige Zeit, wo keine Messe oder sonstige Andacht stattfand, war für die Predigten in verschiedenen europäischen Sprachen bestimmt, und zwar jedesmal eine Stunde vor Mittag. Am ersten und siebenten Tage wurde in deutscher Sprache gepredigt, uud zwar von dem Priester Franz Joseph Gehlen aus der Diöccsc Münster. Die musterhaften Vorträge des unstreitig ersten Kanzclredners in Rom, des ?. Ventura, der täglich irgend eine HcilSwcchrhcit mit besonderem Bezug aus die von der Kirche Getrennten auf die anziehendste Weise an das Evangelium von den drei Weisen anzuknüpfen und mit hinreißender Klarheit und Beredsamkeit durchzuführen wußte, wurden von Fremden und Einheimischen, selbst auch von den sich hier aufyaltcnden Protestanten, Russen und Engländern zahlreich besucht. An jedem Abende nach der italienischen Predigt sah man die nach römischem Geschmack gezierte Kirche wahrhaft festlich erleuchtet, und nach Aussetzung des hvchwürdigstcn Gutes ward alsdann abwechselnd vom Chor und dem Volke der 116te Psalm: „Lobet den Herrn alle Völker, lobet ihn alle Nationen" gesungen und dann sofort die lauretanische Litanei angestimmt. Nach derselben ertheilte jedesmal Einer der Kardinäle den hl. Segen. Wer endlich das Glück gehabt hat, dem feierlichen Tedcum am Schlüsse dieser merkwürdigen Octavc beizuwohnen und ^zu gewahren, wie vollkommen zufrieden die Christen aller Stände und so zu sagen aller Völker mit der sinnvollen Feier dieser Tage waren und wie gerührt sie Alle in dieses Schluß-Tedeum einstimmten; der wird nicht zuviel sagen, wenn er behauptet- Eine solche dem Feste der Erscheinung durchaus anpassende, hcrzerhcbendc, alle Völker wie zu Einem Volke in Christo vereinende Feier vermag nur Eine und zwar die katholische Kirche zu begehen. Nur in ihr macht es Eindruck, nur in ihr fühlt man, was cö heißen will: „Lobet den Herrn alle Völker — denn es ist bestätigt über uns seine Barmherzigkeit und die Wahrheit des Herrn bleibet in Ewigkeit." (Münst. S.-Bl.) Die katholischen Blätter aus Tirol schreiben aus Rom, Ende Januar: „Wer Rom nur nach dem beurtheilet, was seinen Blicken auf öffentlichen Plätzen, in Straßen und Gassen begegnet, dürfte keinen giltigern Schluß machen, als ein Mann, der durch eine sehr reiche Stadt gehet und sich über ihre Armuth beklagt, weil er auf den Gassen kein Gold und keine Diamanten, sondern nur gemeine Pflastersteine entdeckt. Rom, das im Schooße seiner begnadigten Erde die Gebeine vieler Tausende von Heiligen bewahret, ist noch immer eine fruchtbare Mutter, die durch Tugend und besondere Heiligkeit ausgezeichnete Kinder aus jedem Stande, jedem Alter und Geschlechte an ihrem Busen ernähret. Wie aber auf Roms heiligem Boden so manches schöne Väumchen emporwächst, blühet und himmlische Früchte trägt, ganz unbemerkt vor den Augen der großen Menge, mag unter Anderm das beweisen, was ich Ihnen eben berichte. „Am 4. October v. I. starb auf dem Quirinal im Kloster jener Frauen, welche die ewige Anbetung des allerheiligstcn Sacra- mentes zur schönen Aufgabe haben, eine fromme Klosterfrau, Maria Guisevpe mit Namen, seit vielen Jahren Oberin dieser klösterlichen Gemeinde. So wie ihr Leben, so war auch ihr Tod nur der nächsten Umgebung bekannt. Erst nach bereits einem Vierteljahre hörte ich zufällig in einer Versammlung von Priestern den Namen der Dahingeschiedenen nennen, ihre Heiligkeit preisen und die Wunder erzählen, welche nach ihrem Tode zur Bestätigung ihrer Heiligkeit geschehen sind. Ich begab mich, um an der Quelle die reine Wahrheit zu schöpfen, zur gegenwärtigen Oberin des Klosters, welche mir das schon bereits Gehörte theils bestätigte, theils berichtigte. Diese Maria Guiscppc hatte früher als Schwester des dritten Ordens drS heiligen FrcmciscuS in der Welt, jedoch sehr abgeschieden gelebt, als sie im Jahre 1808 mit mehrern frommen Frauen gleicher Gesinnung den Entschluß faßte, eine religiöse Gemeinde zur ewigen Anbetung des allerheiligsten Sacra- mcntcs zu stiften. Bekanntlich war damals der Gräuel politischer und kirchlicher Wirren in der heiligen Stadt bereits auf den höchsten Grad gestiegen; verachtet und zertreten von den Füßen eines stolzen Machthabers, seufzte die Kirche um Heil und Rettung von oben. Während ganze Schaaren wilder Raubvögel das heilige Sivn umschwirrten, und ihre eisernen Krallen an Religion und die heiligen Rechte der Kirche, ja selbst an die geheiligte Person des obersten Hirten schonungslos ansetzten, öffnete der heil. Vater diesen Tänblcin Christi recht gerne ein stilles verborgenes Obdach, wo sie unbekannt und sicher vor den Feinden der Kirche Tag und Nacht den Tabernakel des Herrn bewachen, unablässig für das Wohl der christlichen Hcerde seufzen und beten, und den gerechten Zorn dcö Herrn durch Werke der Buße und Frömmigkeit besänftigen sollten. Als Grundlage ihres geistlichen Lebens wurde ihnen die Regel dcS heil. Augustin gegeben; sie tragen ein weißes Or- dcnsklcid, haben strenge Clausur, legen die feierlichen Gelübde ab, und sind zur ununterbrochenen Anbetung des heiligsten Sacramentes verpflichtet. Maria Guiscppe gründete später auch ein ähnliches Haus in Neapel. Eine lange Reihe von Jahren lebte sie hier als Oberin ihres Klosters. Ihr Leben war das Leben einer Heilige — das vollkommenste Muster der ihr untergebenen Gemeinde. Mit ihrem uncrmüdcten Gebetscifer, in dem sie alle freien Stunden bei Tag und Nacht vor dem Allerheiligsten zubrachte, und dem selbst ihre vielen körperlichen Leiden keinen Eintrag machen konnten, verband sie eine seltene Strenge. Sie aß nur dreimal in der Woche etwas von Gemüsen; alle übrigen Tage nährte sie sich nur von Wasser und Brod, und der Boden und die Wände ihrer kleinen Zelle zeigen noch nach ihrem Tode die unverkennbaren Spuren ihres strengen Bnßlcbcns. Eine ernsthafte Krankheit heftete sie im vorigen Jahre an'S Bett, und drohte der tiefbctrübten Gemeinde ihre unaussprechlich geliebte Mutter und Oberin zu entreißen, als sie mit Hilfe des Arztes zur höchsten Freude wieder genas, und unter ihren lieben Kindern erschien — leider nur, um bald, und zwar auf immer aus ihrer Mitte zu verschwinden. Am Feste ihres einstmaligen Ordensvaters, des heiligen FranciscuS, zu dem sie eine ganz besondere Andacht hatte, ging sie, ohne daß Jemand eine so nahe Auflösung auch nur geahnet hätte, in das bessere Leben über, im 57stcn Jahre ihres Alters. Der Arzt, der sich diesen unerwarteten Tovcsfall nicht erklären konnte, bat um Erlaubniß, den Leichnam öffnen und untersuchen zu dürfen. Bei der Section fand sich, daß die Lunge bereits ganz aufgezehrt, ihr Herz aber so ungewöhnlich klein war, daß nach der Versicherung der Aerzte bei diesen Organen auch nur ein stundenlanges Leben an'S Wunderbare gränze. Die Klosterfrauen von hier beschlossen, das Herz ihrer lieben Mutter und Stisterin ihren Mitschwestcrn in Neapel als theures Andenken zu übersenden, und ein frommer KanonicuS von hier, der mit dem Kloster in geistlicher Verbindung stehet, übernahm den Transport dieses geschätzten Kleinodes. Als er in Neapel im Francnkloster angekommen war, und den tief gerührten nnd um ihn herum sich drängenden Frauen seinen mitgebrachten Schatz enthüllte, da fing dieses Herz — als wollte es sich in Liebe gegen ihre geistlichen Töchter erweitern -— im Angcsichtc Aller an, sich so bedcuicnd auszudehnen, I daß das Gefäß, in dem cS ruhte, bereits ganz davon augcsiillti Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. wnrde. Alle brachen beim Anblicke dieses wunderbaren Ereignisses in Thränen und Schluchzen, in Jubel und Lob Gottes aus. Zwei Schwestern, die in dem Kloster schwer krank lagen, wurden gleich gesund, als sie dieß Herz gläubig und vertrauensvoll an sich drückten, und sich der Fürbitte ihrer seligen Stifterin empfahlen. Auch in Rom wurde eine Frau, die an der rechten Seite ganz gelähmt war, geheilet, als man ihr das Cilicium der seligen Maria Guiseppe auf die kranke Seite legte. „Ich habe Ihnen diese Thatsache, wovon vielleicht halb Rom noch keine Notiz genommen hat, gerne mitgetheilt, da das, was Gott selbst so wunderbar öffentlich macht, nicht verborgen bleiben soll; und da es mir angenehm ist, Jenen gegenüber, welche in Rom immer nur Disteln und Unkraut sehen, wieder auf eine schöne Blume hinweisen zu können, die, wie so viele andere, in stiller Verborgenheit fortgcblühet, und auf römischem Boden zu himmlischer Schönheit sich entfaltet hat." Deutschland. Köln, 1. März. Die große Auflage des dießjcihrigen Hirtenbriefes des Herrn Erzbischof-Coadjutors ist bald vergriffen gewesen, und eine neue Auflage seit mehreren Tagen wieder erschienen. Auch in Speyer, Mainz und anderen Orten des Auslandes sind Abdrücke veranstaltet und vnl verbreitet. Nimmt man dazu die unzähligen Abdrücke, welche durch die Zeitungen (die beiden Kölner, die Düsseldorfer, Aachener:c.) und die Zeitschriften (Nathanacl, Rheinisches Kirchenblatt, das Münster'sche Sonntags« blatt :c.), so wie durch anderweitige Abdrücke in Brochürcn verbreitet worden sind, so zeigt sich, daß unser trefflicher Oberhirt ein Wort zur Zeit gesprochen, und daß unser katholisches Volk noch warme Empfänglichkeit für die glaubenstreue Sprache seiner Bischöfe hat. Und in der That: die unvcrholene katholische Gesinnung, die diesem Hirtenbriefe zur Unterlage dient, der warme Ton, der durch ihn sich durchzieht und die meisterhafte Umsicht und Schonung, womit die trüben Zeichen der Zeit unzweideutig berührt sind, können als Muster geistlicher Beredsamkeit gelten, und ertheilen diesem Pastoralschreiben eine Wichtigkeit und Bedeutung, die weit über die Gränzen des betreffenden Sprengels hinausgehen. Paßau, 2. März. Das von dem Hochwürdigsten Herrn Bischof Heinrich im Jahre 1843 begründete Knabcnseminar erfreute sich bereits im ersten Jahre seines Bestandes eines glücklichen Gedeihens. Der gesammte Seelsorgklerus wirkte unermüder vurch Wort und Beispiel für die Ausbreitung und Consolidirung des Maximilian- und Valentins-Vereines, und die Gläubigen achteten überall mit Bereitwilligkeit auf die Stimme und das Vorbild ihrer geistlichen Führer, und ließen es an großmüthigen Spenden nicht fehlen. Für die bessere Unterbringung der zahlreichen Zöglinge des KnabenscininarS wurde ein auf dem Paradcplatz gelegenes sehr geräumiges HauS nebst Garten von dem Hochwürdigsten Herrn Bischof aus Hochdessen eigenen Mitteln um die Summe von 18,500 fl. angekauft, und dasselbe dem Knaben- scminar als Geschenk zugewiesen. — Die Bruderschaft zum heiligen und unbefleckten Herzen Maria zur Bekehrung der Sünder wurde durch die zweite Hälfte des verflossenen Jahres in 15Psarr- und Filialkirchcn der Diöcesc, die Kathedralkirche ungerechnet, errichtet. — Kapellen zur Privataudacht wurden 11 erbaut. — Missionen wurden durch die ?. Redemptoristcn in 4 Pfarreien oer Diöcesc abgehalten. (Paß, k. K. Z.) _ ^ Verlags-Inhaber : F. C. Krem er. ? nn,Ä -6nu ^»j^ N?S»Sü » ^ Augsvurg-r Erste Jahreshälfte. M ostzeitttNS. SV. März t84S. Die Gebrechen unserer Zeit. (Schluß.) Es wurden im Vorigen die Hauptquellen bezeichnet, aus denen die Gebrechen unserer Zeit herfließen; wir wollen in diesem der Hauptmittel einige nennen, die, recht und sorgfältig angewendet, zur Beseitigung derselben beitragen dürften. An der Spitze dieser Mittel steht: aufrichtige, ung erheuchelte Rückkehr zum lebendigen Glauben. Oder was anders ist die innerste und tiefste Quelle der herrschenden Zcitübel als der weithin verbreitete Unglaube und die ihm ver- schwistcrte Erstorbenheit im Glauben? — Dem Umsichgreifen des Einen muß gesteuert und die verglommene Glut des Andern wieder angefacht werden. Als ein Haupthcbcl, wodurch dem sich verbreitenden Unglauben Bahn gebrochen wurde, erscheinen schlechte Bücher und irreligiöse Schriften; durch diese haben die Gesellschaftsclassen mit der überhandnehmenden Lcsesucht das Gift theoretischen Unglaubens cingcsogcn, nachdem der praktische ihm vorausgegangen und ihm einen empfänglichen Boden bereitet hatte. Suchet darum ihr, die ihr Macht und Pflicht dazu habt, die fernere Verbnitung von Schriften, die Glauben und Sitte höhnen, möglichst zu verhindern und laßt durch die schmutzige Gewinnsucht und den gewissenlosen Spcculationsgeist gewisser Leute nicht vollends die Adern alles Volkes vergiften! Andererseits gebet dem Volke gute Schriften in die Hand; begründet und fördert religiöse Lese- und Büchcrvereine! Besonders, ihr Eltern und Erzieher, überwachet sorgfältig die Leclürc eurer Söhne, eurer Tochter, eurer Zöglinge und überlasset ihnen nicht den Schlüssel zu den Geheimnissen der Verworfenheit und die Brandfackeln unreiner Lüsternheit, Wie sie Romane modernen Schlags offen und unauslöschlich, zündend enthalten! — In einer Zeit, wo die Grundsätze des Unglaubens nicht selten in öffentlichen Cirkeln laut gepredigt werden, da Ware Schweigen ein Verrath an der heiligen Sache; ,erlauben es Ort und Umstände, so mögt ihr immerhin auch den Glauben zu Wort kommen lassen und der Wahrheit ein offenes Zeugniß geben! Solche Gelegenheiten müßt ihr übrigens nicht aufsuchen und euch nicht auf's polemische Waidwcrk verlegen, jedenfalls nicht eher, als ihr euern Gegnern einigermassen sagen könnt: „Wenn ihr meinen Worten nicht glaubet, so glaubet meinen Werken!" — Es ist eine fatale Sache mit jenen Wortgefechten, so sie Satz für Satz von Thaten Lügen gestraft werden. Darum strebet vor Allem darnach, daß die heilige Sache des Glaubens euer Wesen lebendig durchdringe, daß sie das innerste Mark eurer Gesinnung werde und aus all' eurem Thun und Lassen leuchtend widerstrahle, und zwar ungesucht, ohne Kürstelei. Nichts schadet der guten Sache mehr, als jenes manierirtc, bloß die schimmernde Außenseite erkünstelnde Wesen, womit Manche ihr zu dienen meinen, dabei aber sich selbst täuschen und offene, dem leeren Scheine abholde Naturen abstoßen. Darum lebet eures Glaubens in schlichter Einfalt, wic'S unsere Väter thaten, ohne Prunk und Schein, in jeder Bewegung den Ausdruck innerer Wahrheit, im bürgerlichen Verkehr Männer von Wort und wandclloser Treue, im Hantel und Wandel grundehrlich und schon dem Scheine des Unrechtes f.ind! Wenn ihr so dastehet im bürge.lichcn Leben, geliebt und geachtet von den Gutgesinnten, ein Schrecken nur und eine unliebe Erscheinung den Schlechten, dann ist es ein Trost, es ist Siegesbürgschaft für die Sache des Glaubens, wofern ihr sie decket mit dem Schilvc eures unbefleckten, thatkräftigen Wortes; es ist ein dem Himmel und der Erde erfreulicher Anblick, so ihr in die geweihten Hallen der Religion tretet und an den Tisch des Herrn knicct, um, von seinem HimmclSbrodc gestärkt und gekräftigt, ihn hinwiederum im Lcben draußen durch Werke, die in Gott gethan sind, zu bezeugen und ihn also eindringender zu predigen, als Worte, und wärcn's die eines Apostels, vermögen. Der Thaten Kern aber ist die Liebe, so wie sie aus lebendigem Glauben, auS tiefiuncrlichcm Zusammenhange mit Gott in Christo und der kirchlichen Hcilsanstalt stammt; ohne diese in dem geoffenbart n, dreicinigcn Gott und dem kirchlichen GlaubcnSlcben wurzelnde Liebe wäre alles Prunken mit „philanthropischen Großthaten" nur das Aufflackern eines Sumpflichtcs, das durch sein nur zu schnelles Erlöschen deutlich genug seinen dunstigen Ursprung verräth. Ein solcher, die Probe des Lebens bestehender, in Liebe thätiger Glaube ist es, zu dem ihr zurückkehren und den ihr euch in Wahrheit aneignen müßt, sollen anders die Gebrechen der Zeit, und gerade diejenigen, die in ihr innerstes Mark hineingefressen, von Grund aus geheilt und nachhaltig gehoben werden. Wir gehen zu einem zweiten Heilmittel fort: es ist der Geist der Entsagung und der Genügsamkeit. Die zweite Ursache deö obwaltenden Zeitübels, die wir nanntm, ist die herrschende Genußsucht. Diese wirkt specifisch dem Geist der Entsagung und Genügsamkeit entgegen. Ein Hauptfehler unserer Zeit ist, daß man sich immer mehr Bedürfnisse schafft und erkünstelt. Hieraus fließt die überhandnehmende Verarmung, über die man durch alle Stände klagt. Kein Wunder; denn arm ist Jeder, der seine Bedürfnisse und Genüsse über die Linie seiner zureichenden Mittel hinauf steigert. Lernet darum weniger brauchen, als ihr habt — und ihr seyd reich, während der Vcrmvglichste bei unverhältnißmäßiger Genußsucht arm ist. Wenigstens ist Beschränkung snncr Bedürfnisse das einfachste Mittel, der drohenden Verarmung vorzubeugen, lernet mit Wenigem zufrieden seyn und damit ihr dieß könnet, so lernet das Wenige auf die rechte Weise genießen. Auf diese kommt es beim Genusse an, nicht auf das Viel. Oder leben nicht Tausende in Voll und Genug und haben doch keine fröhliche Stunde? Ist nicht bei den noch so rauschenden Freudenfesten unserer Tage dennoch ein peinlicher Mangel an Fröhlichkeit fühlbar? — Wollt ihr des Genusses froh werden, so gehet zu den Kindern in die Schule! Wie wenig bedarf es, um einem Kinde eine Freude zu bereiten! Und bei diesem Wenigen >— fühlt cS sich nicht reicher, als der Besitzer von Goldbergwcrken? — Und wo liegt der Schlüssel zum Geheimnisse seines Reichthumes und seines so frohen Genusses? — Lediglich in seinem genügsamen, schuldlosen Gemüthe! D'rum lernet Genügsamkeit und bewahret euch ein kindlich- reines Herz und es wird euch an Genuß, — den Gott Jedem beschiedcn, nie und nimmci fehlen! — Aber da höre ich klagen: „Warum hat Gott mir so wenig und diesem so viel beschiedcn? warum bin ich arm und jener reich?" — Ihr, die ihr also klaget, wisset ihr nicht, daß dieß die trotzige Klage des faulen Knechtes ist? Ist nicht auch dieß Wenige Gottes freie, unverdiente Gabe und thätet ihr nicht besser daran, euch durch dankbare Treue des Wenigen werth zu machcn und mit dem Einen Talente wuchernd es zu verdienen, über Vieles gesetzt zu werden? Woher hast du das Recht, dein Talent zu vergraben? Warum schätzest du es gering, da es nur von dir abhängt, daraus den Kaufpreis des Himmels zu machcn? Warum begehrst du nach^ dem Gute des Mchrbesitzcndcn und machst ihm sein BesitzthumS- recht streitig! Besitzt er sein Vieles nicht mit dem gleichen Rechte, wie du dein Weniges? — Und was klagst du über die Unterschiede von Reich und Arm, von Hoch und Nieder? Oder was wagst du an diesen Schranken gar zu rütteln? Weißt du, gegen wen du deine Hand erhebest und wen du anklagest? Wähnst du «twa, Mcnschcnwitz habe dicsc Unterschiede der VcrmögcnSverhcilt- nisse und der Stände in die Mcnschenwclt hincingclünstclt? Nun, so versuche cS einmal, sie aufzuheben, oder vielmehr blicke zurück ans die nuseligen Versuche, die man in kaum verschollenen Tagen blutiger Umwälzungen zur Verrichtung aller svcialcn Unterschiede machte. Wuchsen nicht über Nacht die alten Ungleichheiten aus dem kaum geebneten Boden wieder hervor und klüftctcn nur noch schreiender und schroffer auseinander, als zuvor? Geht daraus nicht klar hervor, daß sie nicht Mcnschenwerk sind und daß es darum für Jedweden die unverletzlichste Pflicht ist, die von einer! höhcrn Hand selbst in die Mcnschengcsellschaft hiucingeschricbcnc Ordnung der Dinge nicht anzutasten, sondern ihren unverrückbaren! Schranken sic^ in freier Resignation zu fügen ? Ein drittes Heilmittel für die Wnnden der Zeit liegt in thätiger Abhilfe der in den unteren Classen herr-j sehenden Noth. Der Schrei nach Brod —- in keiner andern l Zeit wurde er aus Tcn Hütten der Armuth allgemeiner und ver-! zweiflungsvoller gehört. Die Noth, welche die große Theurung der sicbenziger Jahre des vorigen Jahrhunderts herbeiführte, war gewaltig, aber vorübergehend und auf engere Gränzen beschränkt. Es kamen die langen Kriegsjahre und in ihrem Gefolge harte Drangsale; aber weder Mißwachs noch Krieg mit all' ihrer zermalmenden und erschöpfenden Gewalt waren im Stande, das Wohl der niedern Classen tiefer und nachhaltiger zu zerrütten, als dieß der JndustrialismuS des neunzehnten Jahrhunderts that, der über Fabriken und Dampfwagcn thronend allem Fleische Heil und allen Wunden Heilung verkündete. Im Bunde mit einem gottlosen Zeitgeiste legte er es darauf an, die menschliche Gesellschaft zu einer Maschine umzuschaffcn, die, ohne lange nach den lästigen Einflussn des Himmels zu fragen, auf dem Grunde einer unfehlbaren Berechnung mechanischer Erdkräfte die gesicherte Bürgschaft eines nicht bloß zureichenden, sondern überfließenden Unterhaltes und Erwerbes gewähre. Aber wie es dergleichen auf eitel Mcnschcnwitz gebauten Unternehmungen zu gehen pflegt, Der im Himmel thronet, lachet ihrer, und indem er sie ungehindert die höchste Spitze erreichen läßt, gibt er sie in ihrer unmächtigcn Blöße dem Spotte der Leute preis. So hat in unsern Tagen jener vielge- rühmtc JndustrialismuS durch zahllose Vermehrung der Fabriken und unglaubliche Vervollkommnung der Maschinen einen Aufschwung genommen, der nicht mehr scheint überboten werden zu können: abcr gerade jetzt hat die Noth unter den arbeitenden Classen auf den Puncten, wo die Fabrikräder am lautesten schwirren, eine schauderhafte Höhc erreicht, der zum Zeugniß der neue Name: „Pauperismus' auf eine noch nie dagewesene Erscheinung hindeutet. Es ist um so weniger eine Frage mehr, daß auf eine Abhilfe dieses schreienden Uebels gedacht werden müsse, als man Hand in Hand mit der zunehmenden Brodlosigkeit und Verarmung eine Entsittlichung und Erbitterung gehen sieht, die für den socialen Bestand nicht unbedeutende Gefahren befürchten lassen. Solchen an den äußersten Rand der Noth Gebrachten ist mit einer Predigt der Genügsamkeit und den salbungsvollen Zusprüchen des Pietismus nicht geholfen; sie sind vielmehr selbst eine lebendige, laute Predigt an die reichen und begüterten Classen: eine Predigt von der christlichen Barmherzigkeit, die länger zu überhören gegenwärtig nimmer gerathen erscheint. Das haben anch in den jüngsten Tagen Diejenigen, die Macht und Verpflichtung dazu in ihrer Person vereinigen, vielfach begriffen und allen Ernstes daran gedacht, der herrschenden Noth zu steuern. Nur schwankt man noch über die Mittel, die zur Abhilfe des unläugbarcn Nothstandes ergriffen werden sollen. Da und dort scheint man die Sache trotz des besten Willens beim unrechten Ende anzufassen und statt auf eine radicale Heilung zu denken mit Palliativen (nach Art eines schlechten Arzleo) sich zufrieden zu stellen. Uebcrzeugt euch, die ihr Willen und Macht zur Abhilfe habt, daß es zur Heilung eines so tiefwurzelnden, weitverzweigten Uebels mehr bedürfe, als der gewöhnlichen Mittel. Den Anfang müßt ihr bei euch selbst machen: ihr müßt eure eigenen Bedürfnisse, die erkünstelten, beschränken und euch mit dem süßen Gefühle freiwilliger Entbehrung („des Fastens") vertraut machen. Dieses Opfer, das ihr bringet, wird — und dieß ist der Hauptgewinn — eurem Gemüthe die ermangelnde Energie verleihen und nebenbei eure Almosencasse füllen. Schüttet ihr den immer reichlichern Inhalt derselben in die Hände der Armuth, so werdet ihr die dringendste Noth lindern; aber glaubt nicht, daß es mit Almosen, und wären sie die reichsten, gethan sey; eS gilt die Quellen der Verarmung zu verstopfen, und das fordert mehr. Wollt ihr das, so suchet den Armen in eine Lage zu versetzen, wo er sein Brod selbst verdienen kann, schon darum, weil das selbstverdiente Brod am Besten schmeckt und am Ergiebigsten ist; oder noch besser, ihr müßt den Dürftigen nicht zur völligen Brodlosigkeit herabsinken lassen und ihm frühzeitig genug unter die Arme greifen. Und da unverkennbar an dem gegenwärtigen Nothstande eine noch bcklagenswerthere moralische Verkommenheit haftet, so thut es vorzüglich Noth, dieser entgegenzuarbeiten und wieder moralischen Halt in die, eine völlige Auflösung drohenden, Massen zu bringen. Dieß wird euch gelingen, wenn ihr den Unglücklichen, nachdem ihr durch freiwillig auferlegte Entbehrung euch der lähmenden Gewalt egoistischer Genußsucht entrungen, zeiget, daß es euch wahrer Ernst sey, ihnen hilfreiche Hand zu reichen. Dieß Beispiel aufopferungsvoller Liebe, das ihr ihnen gebt, wird seine moralische Wirkung nicht verfehlen: sie werden wieder cmfathmcn unter dem harten Joche der Noth und mit dem ersten Hoffnungsstrahl wird der verzagende Muth sich heben; in die verzwciflungsstarre Hand wird neubcle- bende Kraft strömen, die sie befähiget, die dargebotene Hilfe zu ergreifen und in sich selbst den Quell selbstthätigen Aufschwunges zu eröffnen; was von allen Erfordernissen als das unerläßlichste erscheint. Wenn die verarmten Classen dem wohlwollenden Rath nicht mit Bereitwilligkeit, noch der hilfreichen That mit ihrer Mitwirkung entgegenkommen, wenn sie nicht in ihrer Mitte — Einer dem Andern zur allgemeinen Erhebung sich die Hände reichen und, von Oben unterstützt und geleitet, sich unter sich verbrüdern, so ist ihnen nicht zu helfen; ohne ihre selbstthätige Mitwirkung und innere Versittlichung würde der Abgrund nur mit jedem Tage sich bodenloser zeigen und nur um so unverschämter und bettelsiichtiger aufgähncn, je verschwenderischer man die Gaben einer unverständigen Alinosenspendung in den moralischen Schmutz desselben hineinwürfe. Mit Einem Worte, der vorhandenen, tief beklagten Noth unserer Zeit kann nur abgeholfen werden durch die Macht einer Liebe, die voll hilfreichen Erbarmens aus den Höhen der Gesellschaft in die Niederungen herabstcigt und, indem sie diese in dank barer Anerkennung Wieder jenen verknüpft, zugleich die aufgelös'ten Bande in diese» Kreisen durch gegenseitige Hilfeleistung enger schließt: diese Liebe aber — sie ist die christliche, die allein Kraft zur Aufopferung und Muth zur Entbehrung verleihen und durch alle Stände und socialen Verhältnisse ein dauerhaftes, orga- msch-einigendes Band, wie es unsere atomistisch-zerrissene Zeit so gebieterisch heischt, zu schlingen im Stande ist. Vergesse man aber nicht, daß die christliche, wahre Liebe den christlichen, wahren Glauben als ihren Lcbensgrund voraussetze und daß es ohne diesen mit der Ertunstclung jener (wovon unsere Zeit auch Beispiele darbietet) nicht angehe! — Möge Gott der Herr die Noth der Zeit im Rathe seiner waltenden Vorsehung dazu dienen lassen, daß die Gemüther sich mit gleichem Ernste zum wahren Glauben und zur rechten Liebe in kräftigem Aufschwünge erheben; dann erscheint unsere Hoffnung auf gründliche Heilung der Zcitgebrcchcn als eine festbegründete; widrigenfalls müßten wir mit dem verzweifelnden Rufe des Dichters schließen: — Die Zeit hat Glauben nicht, noch Liebe: Wo wäre denn die Hoffnung, die ihr bliebe? Das Kloster auf Sinai. Der Zugang zum Kloster wird durch eine Maschine vermittelt, welche den, der in'ö Kloster will, 40 Fuß an der Felscn- mauer emporhebt. Die Bewohner des Klosters sind sckiSmatisebc Griechen-Mönche. Im Jahre 1844 waren ihrer 22 an der Zahl, meist aus der Walachei gebürtig; aber nur 4 waren Priester. An der Spitze des Klosters steht ein Erzbischof, der den Titel vom Berge Sinai sührt, der jedoch gleichwie auch der wirkliche Vorsteher der Corporation, semen gewöhnlichen Sitz in Konstan- tinopcl hat. Das Ganze des Klosters bildet gewissermaßen ein kleines Dorf, von hohen, aus ungeheuren Granitblöcken bestehenden Maueru umgeben. Die Ringmauer bildet ein Viereck, das auf jeder Seite achtzig und einige Klafter lang ist; das Innere ist nur ein Haufen unregelmäßiger, nach verschiedenen Planen auf einem sehr ungleiche» Boden errichteter Gebäude. Mit Ausnahme der Kirche, die den großen, von Helena und Konstantin erbauten Kirchen würdig zur Seite steht, ist hier Alles ärmlich; aber überall herrscht die größte Reinlichkeit. Was der Reisende, der aus der Wüste kommt, hier am ersten und mit dem größten Vergnügen bemerkt, ist der Ucbcrfluß an Wasser, welches daselbst niemals ausgeht. Außer den Quellen, die für die verschiedenen Bedürfnisse hinreichen, gibt es hier noch einen berühmten Brunnen, der angeblich aus der Zeit der Patriarchen herrührt. Man behauptet, ganz in der Nähe desselben habe die Begegnung des Befreiers der Hebräer mit den Töchtern Jethro's stattgefunden. Das eigentliche Kloster ward im Jahre 527 durch den Kaiser Justinian erbaut. Man sieht daselbst noch das Gebäude, welches den Katholiken zur Kirche diente, und woraus sie vor l4ö Jahren durch die schismatischen Griechen, die gegenwärtig im Besitz desselben sind, vertrieben wurden. „Ich konnte meine Blicke", erzählt ei» katholischer Missionär, der den Sinai besuchte, „nicht auf dieses Denkmal heften, ohne ein lebhaftes Schmerzgefühl zu empfinden. Wenn der Himmel den Katholiken nicht zu Hilfe kommt, so werden Gold und Ränke der Griechen ihnen allmälig alle heiligen Orte entreißen, und keine einzige ihrer Niederlassungen im Orient wird in ihrem Besitze bleiben." „Als der Brnder mich zur Kirche führte, machte er mich auf eine Moschee aufmerksam, die nach seiner Aussage für die ehedem zum innern Dienste des Hauses angestellten Araber erbaut worden war. Die Schönheit der Kirche überraschte mich, sie wird dmch zwei Reihen Granitsäulm, die ein blaugcmaltcs und mit goldenen Sternen übersäetcS Gewölbe tragen, in drei Schiffe getheilt. Diese Säulen, die man höchst unpassend mit Gyps bcworfen hat, gehören verschiedenen Ordnungen der Architektur, die meisten der korinthischen, an; sie stammen aus dem sechsten Jahrhundert. Der ganze Fußboden so wie die Mauer des Heilig- thmns, besteht aus weißem und schwarzem italienischen Marmor und ist von sehr schöner Arbeit. Die Kirche wird von einer Menge silberner und vergoldeter Lampen erleuchtet, die insgesammt ein Geschenk der Russen sind, weil der Leib der heiligen Katharina, die sie sehr verehren, daselbst ruht. Die Mauern sind mit zahlreichen Gemälden i» prächtigen Rahmen geschmückt, doch ist keines darunter, dessen Malerei einigen Werth hätte." „Hierauf führte man mich in die sogenannte Capelle vom brennenden Dornbusch. Gerade aus der Stelle, wo Gott seine Gegenwart durch ein so großes Wunder an den Tag legte, ist der Ueberlieferung zufolge die Capelle erbaut, welche das Andenken daran zu verewigen bestimmt ist. Man darf nur nach abgelegter Fußbekleidung hineingehen. Das Heiligthum ist in Allem den Hciligthümern Palästina's gleich: ein hoher von Säulen getragener Altar und unter dem Altare die geheiligte Stelle." Das Kloster erhielt von Muhamed selbst e!nen Ferman, zum Schutz gegen die Anhänger des Islam. Dcmungcachtct wäre es längst zerstört, wenn die Mönche dem übermüthigen Stolze der Jslcimiten nicht den Bau einer kleinen Moschee, die gegenwärtig noch zu sehen ist, innerhalb ihrer Mauern zugestcm« den hätten. An dem rauhen Fußpfade, der zum Gipfel deö Sinai emporführt, sieht man mehrere zertrümmerte Kapellen, Ueberbleibsel von Zellen, die einst von heiligen Einsiedlern bewohnt waren. Neben diesen Clciusen befanden sich einst von Cypressen und Ocl- bäumen beschattete Gärten, und jetzt noch, da ihre Pfleger längst dahin sind, cvntiastircn diese immergrünen Bäume anmuthig mit den die GcbirgSmcisscn des Horeb und Sinai bildenden öden Felswänden. Hier auf Sinai war es, wo den Menschen vciS Gesetz auf steinernen Tafeln gegeben wurde: und nun weiß der Ort selbst, wo einst Gott in Blitzes-Flammen jenes Gesetz gab, nichts mehr von ihm!" (Paß. k. Kirchenztg.) Deutschland. VondcrWupper, im März. Neues über die hiesigen kirchlichen Zustände Ihnen zu schreiben ist kaum möglich, da die unsinnigen Wühlereien der „Elberfelder Zeitung" und ihrer Apostel nach wie vor in gewohnter Weise fortdauern und der Katholik allgemach dieses Nabcngekrächze gewohnt werden muß. Die von 17 Namen-Katholiken ausgespielte Komövie ü la Schneide- mühl wird fortgesetzt, über die zu acceptirenden Dogmen und Sacramcnte ist abballotirt (5 Sacramcnte haben schwarze Kugeln bekommen), die ncnc Gemeine unter dem Namen „deutsch-evau- gclisch-apostolisch-katholisch" permanent erklärt, und die Werbung neuer Glieder von Aufgang und Niedergang ausgeschrieben. Außer zweien suSpendnten Geistlichen (deren currieulum vitao für die Vermehrung der Gemeinen ein geistiges Prognostikon ist) enthält die Schncidcmühler Societät auch noch suspendirte Laien, und scheint durch die wirklich künstliche Mischung der verschiedenartigsten Geister in der That etwas Allgemeines zu versprechen und der Schaar der Denk-, Vernunft- und Ungläubigen aus allen Zonen ein bequemes Asyl zu bereiten. Auch der nervu8 rerum im Wuppcrthalc — Geld — strömt aus mildthätigen protestantischen Händen aus der Nähe und Ferne im Uebermaß zusammen. Doch, was Manchem sonderbar vorkommen und besonders den Wächtern des Protestantismus im Thale verdächtig dünken will: die Katholiken halten sich von der Komödie zurück; die da bauen an der neuen viclnamigen Kirche mit Wort und That, Geld und Rath, sind Protestanten; sie sammeln allenthalben die Brocken und predigen für die neue Sache das Wort. Zu den Versammlungen dieser „deutsch-cvangelisch-apostolisch-Katho- lischcn" kommen nun auch Damen, die mit ihrem Strickstrumpf und gesellschaftlichen Talent in die stereotypen Formen Variationen bringen. Nur fehlt noch das geistliche Haupt. Von den beiden „apostolischen Geistlichen" ist der Eine ein gar zu siveler Bruder, der seine Missionen gerne durch Bier- und Schnapskneipen einschlägt, und der Andere ein eigensinniger alter Starrkopf. Der Messias Wird daher noch erwartet; man hofft, Ehrcn-Nonge werde ihn von der Spree mitbringen. Sie jehen, daß sich die Sache mehr spaßig als ernst gestaltet; aber sie hat doch ihre ernste Seite, j Die anhaltenden Schmähungen gegen die Katholiken als Ultra-' mont.iue, Nömlingc, Jesuiten ic. ?c. haben hier einen ungeheuren Brennstoff aufgehäuft. Die Katholiken werden, ihres vollen Rech-^ tcö hier zu existiren und zu gelten sich bewußt, von Tag zu Tag Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. wärmer und fester in ihrem Glauben. Andrerseits kann der höchstauf- gcregte Zustand nicht lange halten und wirkt in alle Lcbcnsvcrhältnisse höchst störend ein. Und da nicht die entfernteste Aussicht da ist, daß diese Handvoll Abtrünniger oder besser (da sie nie thatsächlich zur Kirche hielten) Pseudo-Katholiken auch nur einige Prosclyten aus den katholischen Gemeinden des WupperthalS machen werde, so wird der ganze Spectakel endlich entweder in eine protestantische Fraction überschlagen (was bei dem total protestantischen Charakter der Schncidemühler eigentlich jetzt schon der Fall ist) oder wie alle Sccmdale in leeren Rauch aufgehen. Die nichts weniger als rationalistisch seyn wollenden Prediger des Thales, durch Heng- stenberg in Berlin aufgeweckt, wissen kaum mehr, wie sie sich diesem Anfangs mit Jubel begrüßten wilden Treiben gegenüber gc- berden sollen. Die für diese neumodische Kirche unter den Protestanten auftauchenden Sympathien kommen ihnen zur unrechten Stunde, und das reichlich dazu gespendete protestantische Geld, wozu sie Anfangs selbst aufgefordert, könnte (nach Auslauf dieser elenden Komödie) statt Dank ihnen Spott und Aergcr in Fülle bereiten. Habs-mt sidi! (Katholik.) Italien» In den katholischen Blättern aus Tirol liest man: „Rom, Ende Jan. Die Kirche Sant' Andrea delle Fratte, wo Ratisbonne, ein Hasser der christlichen Kirche, durch eine wunderbare Erscheinung der seligsten Jungfrau plötzlich umgewandelt vom kalten Indifferentsten ein begeisterter Verehrer und Bckenner deS katholischen Glaubens geworden ist, hat seitdem in Rom eine besondere Berühmtheit erlangt, und man trifft die Capelle, in welcher Ratisbonne die Erscheinung der seligsten Jungfrau hatte, zu keiner Stunde des Tages ohne andächtige Beter vor dem Altare, auf dem seither das Bild Mariens, so wie sie dem jungen Manne erschienen, aufgestellt ist. Zur Jahresfeier dieses wunderbaren Sieges der Gnade wurde auch Heuer ein feierliches Trivuum gehalten. Die Kirche war zu viesem Zwecke schön geschmückt. P. Ventura hielt durch alle drei Tage Abends die Predigt. Mit jedem Tage nahm die Anzahl des Volkes zu. Vornehme und Gemeine, Katholiken und Protestanten drängten sich zu dieser Feier. Der Prediger ging die Geschichte der Bekehrung durch, und bearbeitete den Verstanv und das Herz der Zuhörer auf eine sehr passende und segenvolle Weise. Die gespannteste Ausmcrksamkcit von mehrern Tausenden, die religiöse Stille (nur hie und da durch Schluchzen unterbrochen), die vielen Thränen, die sich Männer und Frauen von den Augen trockneten, waren Beweis genug, daß der Geist deS Herrn in der andächtigen Versammlung weilte und wirkte. Den Segen mit dem allerhciligsten Sacramcnte gab täglich eincr von den Herren Cardinälen. Der Schluß der Andacht war am Id. Jan., als am eigentlichen Jahrestage der wunderbaren Bekehrung, wo um Mittag zur nämlichen Stunde, m der Ratisbonne die wunderbare Erscheinung hatte, eine Predigt gehalten, und das heiligste Sacrament ausgesetzt wurde. In der nämlichen Woche empfingen zwei Juden, Beide Domestiken in vornehmen Häusern, die heil. Taufe in der Hauscapelle Sr. Eminenz des Cardinals Mezzofanti aus. den Händen dieses frommen Kirchcnfürsten. Der Herr Cardinal hielt nach vollendeter Funetion eine schöne und rührende Anrede in deutscher Sprache an die beiden Täuflinge, welche beide der deutschen Nation angehören, und schon als Juven einen tadellosen Wandel führten." Verlags - Inhaber: F. C. Kremer. -ÄHL nick nv ^ » ^^»HS - Bei/,, der Augsbuvger Ppstzeststng. Erjl- Jahreshälfte. M 6. April j1845< -Offenes Sendschreiben der Wittwe AnnaCzers- k a zu Gr. Komorsk an ihren Sohn Johann Czerski zu Schneidemühl. ^) Der Ort Gr. Komorsk im Großherzogthum Posen zählt Diejenige unter seine Bewohner, die 1813, also gerate in dem Jahre, als Europa noch ein anderes wichtiges Ereigniß erlebte, nämlich seine Befreiung von der Zwangherrschaft Napoleons, der europäischen Welt das große Kirchenlicht Johannes zur Welt gebracht hat. Wir haben ein Pamphlet vor uns liegen, das dieser Tage zu Ncgensburg die Presse verlassen hat, den oben bezeichneten Titel sührt und die Empfindungen zeichnet, von denen das Muttcrhcrz nun überfüllt ist. Empfindungen, die uns jedoch nicht den Empfindungen der maccabäischcn Mutter, sondern den Empfindungen einer heil. Monika während eines gewissen Zeitraumes ihres Lebens verwandt scheinen. An der Zuverlässigkeit, daß die Worte, wie sie in dem Pamphlete zu lesen sind, Ergüsse des Herzens der wahren und wirklichen Mutter des suspcndirtcn Priesters Czerski sind, darf nicht gezweifelt werden, da am Ende vier Signaturen und zwar die erste von Simon Czerski, älteren Bruder des Johannes Czerski, Organisten bei der Pfarrkirche zn Gr. Komorsk, die zweite von Bartholomäus Gram- matowski, Bürger von Gr. Komorsk, dessen 16 Jahre alte Stieftochter Theklci Solecka der NeoPresbyter Johann Czerski um Ostern 1342 nach Posen entführt hat, die dritte von Mathias Gutowski, Altsitzer zu Gr. Komorsk, Vater der jetzt beiläufig 22 Jahre alten Marianna Gutowska, gegenwärtigen sogenannten Frau Patriarchin, endlich die vierte vom Ortsvorstandc zu Gr. Komorsk, Erdmann, cvangcl. Konfession, worin die Acchtheit der drei voranstellenden bezeugt ist, angeschlossen sind. Wir wollen aus dem ganzen Schreiben der Mutter des be- daueruugswürdigen Czerski nur etwas weniges aushebcn, um unsere Leser zu überzeugen, daß die Schuld der Verirrungen ihres Sohnes ihr fremd ist, und daß er Dasjenige, was er nun der Welt in einer so traurigen Kunst zeigt, nicht in dem elterlichen ') Ncgensburg 1843. Verlag von G, Joseph Manz. Hause gelernt hat. Es ist die Zeichnung des Betragens CzcrS- ki's, da er im Jahre 1842 als Ncoprcsbytcr seinen Eltern und Geschwistern durch einen Besuch eine Freude machen wollte. „Als Du zu Ostern 1842 als neu ordinirter Priester hiehcr kamst, um uns die — wahrlich hohe und entzückende Freude zu gönnen, Zeugen der Verrichtung Deines ersten heiligen Meßopfers zu seyn: wer hätte es geglaubt, daß Du schon damals anfangen würdest, unsere so eben besagte Freude und Wonne in Trauer und Betrübniß zu verwandeln? Und doch ist es geschehen. Du konntest DaS? Du warst dazu fähig? Unsere Freude vaucrte wirklich nicht lange. Sehr bald sahen wir uns wegen Deiner getäuscht; gar bald Deine und unsere Zukunft getrübt. Es fiel uns und allen hiesigen Ortsbewohnern nicht wenig anf, daß Du, so eben neu geweihter Priester, die wenigen Tage vor und nach Deiner Primizfeier, welche Du hier verweiltest, so wenig mit uns und bei uns warst, und daß Du, statt Dich wenigstens zu ge- wiss.m Tagesstunden pflichtmäßig mit dem Breviere oder sonstigen gcistlich-wissenschastlichen Büchern zu beschäftigen, die meiste Zeit, sowohl bei Tage, als in der Nacht in andern, fremden und mitunter solchen Hänsern zubrachtest, deren Bewohner hinsichtlich ihrer Nüchternheit gerade nicht in dem cmpfchlcndsten Rufe waren und sind, am allerwenigsten aber uns, Deinen Blutsverwandten, in irgend welcher Beziehung nahe standen. Sage, war das von Dir anständig, und konnte das für uns erfreulich seyn? Nicht geringen Anstoß und von Dir unvciantwortlichc Veranlassung zu mancherlei bösen Redensarten gabst Du aber dadurch, daß Du Dich während dieser Zeit zn den allcrungcwöhnlichstcn Tages- und Nachtzeiten bald auf der Straße bald in den vorbczcichnetcn Familien sehen und antreffen, ja selbst nach Mitternacht, an unsere Fenster und Thüren anklopfend, mit dem, sonst nur dem gemeinsten Pöbel eigenen Hauen „Macht auf, laßt mich ein!" hören ließest. Und wenn wir am Tage vor Deiner Abreise, nachvcm uns schon so manche Verdächtigungen über Dich und Dein Betragen zugekommen waren, uns endlich erdreisteten, Dir eben so liebevolle, als heilsame nnd schonende Vorstellungen über das Ungeziemende Deines Betragens zu machen, Dn dieses aber höchst übel aufnehmend nnd unsre wohlgemeinten Vorstellungen trotzig erwidernd, ganz im Widerspruch mit Deiner bis dahin kundgegebenen Absicht, gleich den folgenden Tag nach dieser unsrer, freilich wenig erbaulichen Unterredung, von hier nach Posen, wo Du als Domvicar angestellt werden solltest, abreisetest, und für diese, um mehrere Tage beschleunigte Abreise den einzigen Grund angabst, Du könnest deßhalb bei uns nicht länger bleiben, weil wir, wie Du vernehmest, Dein Thun und Lassen und Deine sonstigen Schritte beobachten und nur tadeln: sage! war das kindliche Achtung gegen uns, Deine zwar betagten, auch sonst schlichten, aber immer ehrbaren und Dich so sehr liebenden Eltern? Sollte das als Beweis brüderlicher Liebe gegen Deine Geschwister gelten ? -- Wenn Du dann aber noch zur offenbaren Verspätung und Verhöhnung unsrer besorglichen, liebevollen elterlichen Erinnerungen und Ermahnungen, es scheint sast, als in der Absicht, um ein ungewöhnliches Aergerniß zu geben, auf der Ncisc von hier nach Ncucnburg die 16 Jahre alte Sticf- tochtcr des Einfassen GrammatowSki von hier, Namens T Hella Solecka, gewiß nach vorhergegangener Verabredung und Verständigung, förmlich von der Straße aufgriffst, und ohne Vorwissen und Genehmigung ihres Pflege- und Stiefoaters mit nach Ncucnburg und von da nach Posen mitnahmst: sage! womit willst Du diesen Mädchenraub rechtfertigen? Sollte Dich etwa der Gedanke anwandeln, letztere Thatsache läugnen zu wollen; so siehe weiter unten den Beweis: Was berechtigte Dich zu so lieblosem und grausamem Eingriffe in die Rechte deö GrammatowSki? — Wodurch willst Du diese Mädchenverführung entschuldigen, oder womit beschönigen?' — In gleicher Weise spricht sich die ticfbetrübte Mutter gegen den Schluß ihres Schreibens aus, wo sie ihrem unglücklichen Sohne noch cinmal den Abgrund, an dcm er sich befindet, vorstellt, und ihr Benehmen hinsichtlich der Veröffentlichung des ganzen Schreibens rechtfertigt. „Und was glaubst Du durch alles dieses vollbracht zu haben? Was träumst Du noch zu vollbringen? Die katholische Kirche hast Du nicht gestürzt, und wirst ihr gewiß in Nichts beikommen. Sie ist nicht das Werk ungehorsamer, starrsinniger, hartnäckiger, liebloser, undankbarer, unsittlicher, rachesüchtiger, überhaupt leidenschaftlicher Menschen, auch nicht daö Werk blind- fanatischer Jrrlehrer. Nein! sie ist die Anstalt der vollendeten Vollkommenheit Gottes, als solche selbst von der Macht der Hölle unbezwingbar, und daher von Dir und allen Deinen Helfershelfern gänzlich unantastbar. Auch der Papst, die Bischöfe, Priester und die ganze Gesammtheit der katholischen Kirche stehen zu erhaben in der sittlichen und kirchlich-religiösen Welt da, als daß sie durch Deine Schmähungen und Lästerungen an ihrer Würde und Erhabenheit auch nur im Mindesten etwas verlieren könnten. Selbst das Bestechen durch Geld kaun nicht zu demjenigen Ziele führen, welches Du und Deine Clienten Euch gesteckt habt. Ich ,z. B. habe in den mir vor wenigen Wochen von Dir geschickten li Nthlru. und in den ferner von dem Herrn Justiz- CommissariuS Simmel zu Ncucnburg mir ausgezahlte» anecrn 6 Nthlru. nichts anders, als nur den Preis Deiner verkauften Ehre und Deines Gewissens, Deiner Religion uud Deines Pricstcrstandcö erkannt. Es schien mir, nachdem ich sie unter den so bcwanvten Umständen erhalten hatte, als lägen die Judas Jschariotischcn 39 Silbcrlinge vor mir. Ein so schmachvoll von Dir erworbenes Geld konnte ich nicht an mir behalten, uud dicscö um so wcnigcr, als Du nur zu deutlich die fanatische Absicht zu crkcnucn gabst, auch mcinc Ehre uuv mein Gewissen, mcinc Religion, mein zeitliches und ewiges Glück und Seligkeit um einen so schmählichen Preis mir zn entreißen. Dieses wird Dir aber an mir und an Deinen Geschwistern nicht gelingen. So arm und der Unterstützung bedürftig ich auch bin, so wäre ich doch eher bereit, mir das tägliche Brod und die nothdürftigste Bekleidung auf gerechte Weise an den Thüren der Wohlhabender» zu erbetteln, als dafür das, was mir das Wichtigste, Ehrwürdigste und Heiligste ist, Gewissen und Religion, Glück und Seligkeit zu verkaufen. Fort daher mit solchem Gelde I Mit Entsetzen und Entrüstung habe ich Dir die 12 Rthlr. wieder zurückstellen lassen. Solltest Du mit Geld für Deine Zwecke bei Andern mehr Glück machen, so wären solche zwar nur zu bedauern; Du aber würdest die Last der Schuld Deiner Verführungen nur vermehren. Und was glaubst Tu aus Dir Selbst nun wohl gemacht, welch einen Namen Dir durch Dein schwärmerisches Auftreten und sonstiges Betragen erworben zu haben? Vernimm es! Du stehst als der Spielball der entehrendsten und niedrigsten Leidenschaften eines eben so wankelmüthigen, unrcisen und unzuverlässigen Charakters da. Dein Name als Mensch und Christ ist: Undankbarer und Sittenloser; als katholischer Pnestcr aber: Eidbrüchiger, treu- und ehrloser Apostat. Ueber Deine Folgezeit und Dein Ende mögest Du selbst nachdenken! „Mein Sohn! Du wirst etwa nicht zürnen ob des ausgesprochenen und niedergeschriebenen Tadels, der Erinnerungen und Ermahnungen. Auch wirst Du es doch wohl nicht gar schriftwidrig finden, daß ich, Deine Mutter, Dich bitte und beschwöre, in Dich zu gehen, die Fesseln der ehrlosesten und niedrigsten Leidenschaften zu zerreißen, und von Dir zu werfen, Dich von einem schanilosen Frauenzimmer zu trennen, welches nie Dein, des katholischen Priesters, rechtmäßiges Weib werden kann, und umzukehren, um auf dem Wege der Buße und Besserung wieder zu Ehre, Amt und Würde zu gelangen, und dcm zeitlichen und ewigen Verderben zu entgehen. Nur dieses ist es, was mich bestimmte, was mich als katholische Mutter verpflichtete! Vorstehendes an Dich zu richten und der Ocffcntlichkeit zu übergeben." Wir glauben sicher keine zu gewagte Vermuthung auSzusprcchen, wenn wir diese dahin aussprechen, daß jeder Leser, der dieses Acienstück lesen wird, den schmerzlichen Gefühlen einer solchen Mutter seine innigste Theilnahme zuwenden wird, die da den Ausdruck des Heilandes „glücklich die Unfruchtbaren ic." bei ihrem Schicksale mit unwiderstehlicher Kraft in ihr Inneres gedrängt finden könnte, ja, die vielleicht ihren Gatten, den der Gram vor Kurzem hinwcgnahm, schon tausendmal mag beneidet haben. Doch, sie braucht nicht Besorgniß zu haben, daß je Gesinnungen der Mutter mit Gesinnungen und Lebenswandel des Sohnes werden verwechselt werden. Sie hat ihrem gepreßten Muttcrherzen Luft gemacht, noch mehr, sie hat sich bei allen Gutvcnkenden ein Denkmal gesetzt, nm welches sie selbst Große uud Gewaltige der Erde beneiden dürsten, endlich, sie hat gewissen Menschen, die da viel von Aberglauben und Köhlerglauben der Katholiken aus den niederen Ständen zu sascln wissen, ein Argument gegeben, daß eine schlichte Bürgcrsfrau von beinahe 70 Jahren in einem einfachen Dorfe unterrichteter über die GlanbcnSwahrheitcn sey und über die der Kirche gebührende Achtung genauere Begriffe habe, als so mancher Superkluger und Lasterknecht auf seinem Dach- stüblcin. Darum freuen wir nns, daß dieses Schreiben zu Tage gefördert worden ist, das da zwar von Lasterhaftigkeit und Unwissenheit Zeugniß gibt, doch nicht von Lasterhaftigkeit und Unwissenheit, die katholischen Kirchcnmitglicdern anklebt, sondern von solcher, die nun glücklicherweise für die Ehre der Kirche unschädlich gemacht ist. (Kath. Stimmen.) Der Hochwnrdigste Bischof von Mainz über die Neligionswirren dieser Zeit. ^) Es ist Ihnen bekannt, welches Getreibe auf dem religiösen, kirchlichen Gebiete zur Zeit stattfindet. Es kann Ihnen, die Sie unsere Hessische Landeszeitung, und die in derselben tagtäglich vorkommenden Nachrichten von dergleichen Neligionswirren lesen, nicht entgangen seyn, daß an verschiedenen Orten Deutschlands, besonders in Städten und Städtchen gemischter Konfession, und wo die Katholiken erst seit drei bis vier Decennien sich angesiedelt, und eine Gemeinde zu bilden angefangen haben, Versuche zum Abfall von der katholischen Kirche und zur Bildung sogenannter deutsch-katholischer Gemeinden gemacht werden. Ob die Anreizungen dazu von den Katholiken selbst, oder mehr und minder von sonst woher ausgehen, lassen wir dahin gestellt seyn. So viel scheint aber daraus hervorzugehen, daß eS mehr nur auf eine Vereinigung im Nichtöglaubcn, auf Unabhängigkeit von aller Autorität und Beseitigung des Christenthums überhaupt abgesehen ist, wenigstens haben sich die bisher geschaffenen Glaubensbekenntnisse auf ein Christlichkleinstes eingeschränkt. Darum ist denn auch die der katholischen Kirche feindselige Presse, in ihren vielen Zeitungen, Blättern und Blättchen, äußerst bemüht, die Kirche von dem Papste loszureißen und dennoch katholisch, d. i. allgemein sie heißen zu wollen. Man gibt sich das Ansehen, als könne die Kirche, ohne mit der apostolischen Mutterkirchc und dem Bischöfe von Rom, als dem Papste und Mitlelpuncte der katholischen Einheit, verbunden zu seyn, noch als katholische fortbestehen. Man begeht darum die Perfidie, unter Verwirrung der Begriffe alle katholische Christen, die den Papst als den Mittelpunct der katholischen, d.i. allgemeinen christlichen Einheit erkennen und verehren, und als wahre Katholiken erkennen und verehren müssen, als „ultramontan" zu bezeichnen, während man mit diesem Ausdrucke von jeher nur solche Katholiken bezeichnet hat, welche dem Papste, den Bischöfen gegenüber, größere Rechte zuschreiben wollten, als demselben nach Christi Einsetzung, nach Schrift und Tradition zukommen. Unter diesen Verwirrungen, und bei den steten Schmä« hungen und Lästerungen gegen den Papst, geschieht es denn, daß ungelehrte und unbewachte Katholiken an ihrem Glauben irre werden, von demselben abfallen und von einem Drucke des Papstes träumen, von dem sie doch ihr Leben lang nichts verspürt haben. Welche Angriffe auf andere Lehren, Einrichtungen und Gebräuche unserer Kirche nebenbei versucht werden, ist Ihnen wohl ebenfalls nicht unbekannt geblieben. Wenn wir nun gleichwohl für unsern christkatholischen Glauben, für unsere heilige Kirche, die eine Grundsciulc der Wahrheit, von Christus gestiftet und auf den Felsen Petri erbaut, zu ewiger Dauer bestimmt ist, nichts zu fürchten haben, sondern der Gnade der Verheißung des Herrn vertrauend, zuversichtsvoll erwarten dürfen, daß sie die Pforten der Holle nicht überwältigen werden; so dürfen wir doch nicht glcichgiltig zusehen, wenn der Satan der Verführung umgeht und sieht, ob er eine Seele, die unserer Sorge anvertraut ist, von dem Pfade der Wahrheit und des Lebens ab, und auf den Weg des Verderbens hinüberführe. Indem wir uns daher freuen, daß Sie, wie wir zum Theil wissen, dem Gegenstände bereits Ihre Aufmerksamkeit widmen, sehen wir uns zugleich veranlaßt, Sie allcsammt zu ermuntern und dringend aufzufordern, Ihre Hirtcnsorgc zu verdoppeln, und über die ge- ') Circulare des Hcchwnrdigsten Bischofs an die bischöflichen Decane und sämmtliche PsarrgeislUchen. dachten Angriffe gegen die Kirche die sorgfältigste und umfassendste Belehrung in Predigten und Christenlehren zu ertheile», und damit und mit Ermahnung und Warnung an Ihre Parochianen fortzufahren, in aller Geduld und LehrwciShcit, Sanftmuth und Liebe, und besonders fern von allen gehässigen Seitenblicken auf Andersgläubige. Sie wissen, wie nothwendig in dieser aufgeregten und mißtrauischen Zeit es ist, in unserm Amte, Reden und Thun mit der größten Behutsamkeit zu Werke zu gehen, um nicht mißverstanden, und bei aller Unschuld verunglimpft zu werden. Fürwahr, geliebte Brüder und Mitarbeiter, mehr als jemals haben wir gewärtig zu seyn, Erfahrungen zu machen und zu ertragen, wie deren der h. Apostel Paulus (II. Kor. (>, 3 — 11.) von sich erwähnt, und mehr als jemals müssen wir uns angetrieben sühlcn, nach der Ermahnung desselben Apostels nach Gerechtigkeit, Glauben, Hoffnung, Liebe und Frieden mit Allen, welche den Herrn aus reinem Herzen anrufen, zu streben, und thörichte, zur Lehre nicht gehörige Streitfragen, die Zänkereien erzeugen, zu vermeiden. Denn ein Knecht des Herrn soll nicht zanken, sondern sanftmüthig seyn gegen Jedermann, lchr- fähig, geduldig, mit Milde zurechtweisend Die, Welche der Wahrheit widerstreben: vielleicht daß Gott ihnen Buße verleiht, die Wahrheit zu erkennen, und sie wieder auö der Schlinge des Teufels zu sich kommen, von dem sie gefangen gehalten werden. (II. Tim. 2, 22 — 26.) Im Uebrigcn sehen wir aus den Pfarreien der Diverse, in welchen Versuche der obgcdachten Art auftauchen, und Werbungen zu irgend einer GlaubenSmachcrei vorkommen sollten, wovon wir noch nichts wissen, der ungesäumten Berichterstattung entgegen. Mit den Worten des h. Paulus an Timotheus (I. Tim. 6, 20 — 21.) rufen wir, wie nns selbst, so auch, gcliebteste Brüder, einem Jeden von Ihnen zu: .Bewahre, was dir anvertraut ist, hüte dich vor unhciligcn Wortneuerungcn, und den Streit- rcden der fälschlich so genannten Wissenschaft, zu welcher Einige sich bekannten, und vom Glauben abgefallen sind." Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi sey mit Ihnen, und segne Ihre Bemühungen! j- Petrus Leopold, Bischof. Bayern. Mission in Mammendorf vom 23. Febr. bis 6. März 1845. -j Auch der Gemeinde Mammendorf wurde das große Glück einer Mission durch die P.P. Nedcmptoristen zu Theil. Und so sind auch wir Zeugen geworden von den großen Wundern der Gnade, welche die göttliche Vorsehung durch diesen neuen Orden in der Kirche wirkt. Er ist ein Orden aus unserer Zeit, und für unsere Zeit. Ein oberflächlicher Blick in das gemeine Volk zeigt jedem, daß die Grundsätze des religiösen und sittlichen Jndiffcrcntismus mehr und mehr um sich greifen, und daß diesem in reißender Progression sich anschwellenden Strome des Verderbens nicht mehr durch gewöhnliche Mittel ei» Damm gesetzt werden könne. Die Krankheit bedarf außerordentlicher Hcüomittcl. Ein solches schuf die Vorsehung in den Missions-Pricstcrn. — Wie ihr hl. Stifter von dem Markte des öffentlichen Lebens, daö er in seinen feinsten Nüaneen, in allen seinen Mängeln und Bedürfnissen kcimw gelernt hatte, in das Hciligthum berufen wurde, und worin er sich eben so durch Wissenschaft und Heiligkeit auszeichnete, wie er sich in der Welt durch Gelehrsamkeit und achtungsgebietende Tugend über seine Zeitgenossen hervorgethan hatte; so treten seine geistreichen Söhne aus dem Heiligthume in die Welt, genau bekannt mit den großen Bedürfnissen und Krankheiten des Volkes. Und wohl dem Volke, unter welchem sie das Zeichen des Kreuzes aufpflanzen. Schon der Anblick derselben und gewöhnlich die erste Predigt schlägt alle Vorurthcilc nieder, und mit jedem Vortrage reißen sie mehr und mehr hin. Keiner, der diese Reden im ganzen Zusammenhange anhört, kann unüberzcngt und ungerührt bleiben. Sie sind wahrhaft geistliche Exercitien für das Volk, die in ihrer schnellen und geregelten Reihenfolge weit mehr wirken, als die gewöhnlichen Predigten, von denen, weil sie meistens nur nach längcrn Intervallen auf einander folgen, die letzte schon lange vergessen oder verwischt ist, wenn die neue vorgetragen wird. Die Missions-Predigtcn dagegen folgen schnell auf einander, und sind mit großer psychologischer Kunst angelegt. Eine Rede beleuchtet und unterstützt die andere. Ja jeder einzelne Satz in jeder einzelnen ist an der Stelle, wo er die wohlberechnctc treffliche Wirkung hervorbringt. Allzeit wird der Verstand überzeugt, alle möglichen Einwendungen widerlegt, und dann erst auf das Gemüth und den Willen gewirkt, aber mit einer Kraft, der nichts widersteht. Es ist etwas Außerordentliches zu sehen, wie eine Volksmasse von 3 — 4000 Menschen aufmerkt, überzeugt und gerührt wird, und laut in Thränen auebricht, wie Ein Mann, und seine Versprechungen und Gelübde lant und öffentlich dem Herrn darbringt, wie Ein Mann, wie sich ein ganzes Volk gleichsam geistig erneuert. So etwas, sprachen Viele, wovon Manche bei ^5 bis 20 Stunden weit hichcr gereist waren, haben wir nie gesehen, nie gehört. Diese Tage, sagten Andere, rechnen wir unter die glücklichsten unsers Lebens, wir glaubten von der Erde in den Himmel versetzt zu scun. Aber, wird man sagen, sie regen das Volk auf. „Ja, antworte ich darauf, sie regen die Gewissen auf; denn sie gleichen einem wohlgcrüsteten Kriegsheerc, das geübt in allen Waffen-Gattungen durch eine wohlbercchncte Tactik auch nicht Eine Bewegung umsonst macht, sondern den Feind dahin drängt, wo es will, uud ihn dann zwingt, die Waffen niederzulegen, aber mit dem Unterschiede, daß sie die aufgeregten Gewissen, welchen der Feind schon Jahre lang tödtliche Wunden beigebracht hat, nicht verwunden, sondern heilen und beruhigen." Und hierin zeigt sich das Wohlthätige der katholischen Bcicht- anstalt, welche sie als Meister, in Verbindung mit den Predigten, zu verwalten wissen. Denn wenn die Vorträge aufregen, so wird gerade durch die hl. Beicht der bei Manchen seit vielen Jahren verlorene Frieden wieder gewonnen, ein neuer Mensch geboren, und Freude in Gott und aus Gott wirft dann wie ein himmlischer Lichtstrahl seine wunderbaren Reflexe auf alle menschlichen Verhältnisse, so daß alles im wahren, weil in dem höher» Farbenglanze der überirdischen Bestimmung erscheint. — Daraus widerlegen sich so manche Vorurthcile gegen die Missionen von selbst. Sie machen die Menschen nicht düster oder frcudcnschcu, sondern lehren den hohen Werth geistiger Freuden aus eigener Erfahrung kennen, und die zeitlichen in dem Maaße und in der Ordnung genießen, daß dadurch der innere Frieden nicht gestört wird. Sind doch selbst die P.P. Ne- demptoristcn, obwohl sie mit ihrem anstrengenden, die menschliche Kräfte beinahe übersteigenden Berufe noch strenge Meditation, Gebete und Fasten verbinden, die Heiterkeit selbst. An ihnen findet man den Wunsch des liebenswürdigen heil. Bischofs Fr. Tales erfüllt: „Ich wünsche, daß mein Frommer der heiterste in der Gesellschaft sey.' Und diesen sanften Geist heiliger Freude suchen sie auch ihren Beichtkindern einzuflößen. Wenigstens wurde in der Pfarrei Mammendorf nie eine solche allgemeine aus dem Innersten herausleuchtende Freudigkeit bemerkt, als gerade jetzt nach der Mission. Eben so nichtig ist das Vorurtheil, als ob das Ansehen der eigenen Seelsorger durch eine Mission verliere. Gerade dasGegentheilgeschicht. Freiwillig und aus innerm Dränge kamen nicht bloß aus allen Gemeinden Deputationen, die ihren Dank für diese geistige Wohlthat der Mission gegen den Seelsorger aussprachen, sondern von jedem Einzelnen wird öfters bei jeder Gelegenheit dieser Dank wiederholt, nnd die Bitte geäußert, daß der Seelsorger lange in ihrer Mitte bleiben möchte. Eben so wird der Sinn für Häuslichkeit und stille, verborgene Tugend und Liebe zum Throne und Vaterland geweckt. O es ist wahrhaft rührend und begeisternd zu sehen, mit welch einer Begierde das Volk, von den scheidenden Vätern in der letzten Segcnsrede die Ermahnung aufnimmt, der weltlichen Obrigkeit zu gehorsamen, für sie zu beten und namentlich für unsern erhabenen Monarchen, der in seiner hohen Weisheit auch dieses Mittel geistiger Erhebung dem Volke bot. In meinem Leben werde ich die letzten Segnungen nicht vergessen, die von den scheidenden Vätern im Namen des allgemeinen Vaters der Christenheit über Sc. Majestät unser» allerqnädigsten König und sein ganzes Haus, über das Vaterland, über alle Anwesende, und besonders über jene für welche die Mission gehalten wurde, und über all ihr Eigenthum ausgesprochen warv. Denn in meinem Leben habe ich nichts Rührcnders, nichts mehr zum Herzen Dringendes gehört. Wie viele tausend Thränen flößen da, wie viele Gebete stiegen da für unsern Landesvater und das Wohl des Baterlandes zum Himmel. Und gewiß spricht auch Gott sein Amen zu solchen Gebeten. Ob aber auch dieses Alles nachhaltig wirken werde? Bei Vielen ganz gewiß. UebrigenS ist der da pflanzet nichts, und der da bcgießct nichts, sondern Gott, der das Gedeihen gibt. Sollen wir aber deßhalb nicht pflanzen, nicht begicßen, weil das Gedeihen geben nicht unsere, sondern Gottes Sache ist? Ich wünschte nur, daß allenthalben Missionen gehalten würden, und bald würde sich Vieles anders gestalten. Aber wie ? vielleicht könnte dann der confessionclle Frieden gestört werden. Von den konfessionellen Gegensätzen kommt in der Mission gar nichts vor. Es wird rein nur zu Katholiken gesprochen, aber in einer solchen Weise, daß von all den auch bei hiesiger Mission anwesenden Protestanten nicht nur kein Einziger sich unangenehm berührt fühlte, sondern daß im Gegentheil Einer aus ihnen sich irgendwo angeboten haben soll, eine bcrcutende Summe zu geben, wenn auch an dem Orte, wo er wohnt, eine Mission gehalten wird. Aber eine solche Mission verursacht Kosten? Die P.P. Missionäre nehmen von den Gemeinden keinen Heller an, sondern gleich den Aposteln kommen sie, wo sie verlangt werden, nnd suchen nichts anders als das Seelenheil der Gläubigen, selbst indem Hause, wo sie wohnen, ! fügen sie sich in apostolischer Weise ganz in die Ordnung des Hauseö !und in die Lebensweise deö Hausvaters: Huaeeumeiue appormntur i Vodis etc. gilt in ihrer Lebensweise auf den Missionen. Segen, ewiger Segen dem erhabenen Könige und Landesvater und seinem ganzen Rcgcntenhausc auch für diese unaussprechlich ^ große Wohlthat l Ein Augenzeuge. Verantwortlicher Redattcur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Krem er. x> ^^»gs - Dei/.^ AugSburger der MNIV/Dh ?' ^s- ^ Xtz SÄ- H^MU tt Erste Jahreshälfte. Nachtgedanken. In feierlicher Stille Die Nacht am Himmel thront, Nnd ohne Wolkenhülle Strahlt mild und klar der Mond. Die gold'nen Sterne glühen , Am blauen Himmelsplan, Und seit Aeonen ziehen Sie friedlich ihre Bahn. Im Busch, auf grünen Zweigen Schläft still der Vögel Brüt, Versenkt in tiefes Schweigen Die ganze Schöpfung ruht. Mit leisen Schritten gehet Der Friede sanft und mild, Sein süßes Hauchen wehet Im schlammcrnden Gcsild. O Nacht! wie senke dein Frieden So tief sich in mein Herz, Als wär' von mir geschieden Auf ewig aller Schmerz. Ich fühlen Gottes Nähe Umwehen mich so süß, Als senkt' sich aus der Höhe Herab das Paradies. Nnd wahrlich, es hat wieder Herunter sich gesenkt, Der brachte es hernieder Der uns sein Blut geschenkt. Nnd jenes süße Wehen Im Feld, im grünen Strauch Iii wohl aus Himmclshöhcn Des Mittlers Liebeshauch. ">, >'^-'^> M- t? PpftzeLtung. KZ. April 5845. Ja! seit er hingegeben Sich hat zum Kreuzestod, Da schwand von allem Leben Die bitt're TodcSnoth. Das Herz, das einst der Thränen Des Schmerzes viel geweint, Das weint nun Licbesihränen Mir seinem Gott vereint. Doch ach, von Gram zerrissen Die Brust voll Weh und Qual, Noch Viele irren müssen In diesem Erdenthal. Sie hauchen in Gesängen Den Schmerz der Seele aus, Aus wilden Saitcnklängcn Tönt all ihr Gram heraus. Sie wollen Trost gewinnen Aus ihrer Wissenschaft, Doch ach, es fehlet ihnen . Die wahre Wissenschaft. Sie suchen nichr Genesung Wo uns ihr Brunnen quillt In Chiisli Wclrcrlosung, Die alle Schmerzen stillt. O! daß ihr doch erkenntet Daß eure Seele todt, O! daß ihr glauben könntet: Nur Eines sey euch Noth! Zum Kreuz, zum Kreuze gehet Da wird euch Trost zu Theil, Im Kreuz, das ihr verschmähet Im Kreuze nur ist Heil. München, 4. April. Fr. Xav. Schumacher. Geschichte einer christlichen Bekennerin. ^) (Katholik.) Zu Anfang des Jahres 1841 war eine nestorianischc Familie von drei Personen, eine arme Wittwe Namens Nassimou mit ihrem Sohne Nucjie! und ihrer Tochter Schimouni von Amadia gekommen und hatte sich in Arbil (in Kurdistan) niedergelassen. Da die Nachbarschaft von chalvciischcu Katholiken bewohnt war, so bildete sich bald zwischen ihnen und der nestorianischcn Familie ein freundschaftliches Verhältniß, in Folge dessen diese drei Personen zur katholischen Kirche zurückkehrten. Als nun eines Tages die junge Schimouni an dem öffcnt-^ liehen Brunnen zu Arbil Wasser schöpfte, kam ein Muselmann, eben so bekannt durch seine Laster als wegen seines Hasses gegen^ die Christen, zu ihr und machte ihr den Vorschlag, Mahometancrin - zu werden. Ohne zu antworten floh Schimouni voll Schrecken! und Abscheu zu ihrer Mutter zurück. Der Türke ließ sie aber! nicht in Frieden. Als sein erster Versuch mißlungen war, verständigte er sich mit einem musclmännischcn Weibe, dem er seine Rolle dictirtc, und am andern Morgen wurde diese Elende, nach LandcSsittc verschleiert, vor das HauS der Nassimou geführt. Di, ,t stellte sie nun der Türke in Bciseyn zweier Zeugen zur Rede und sie erklärte, sie sey Schimouni und wolle sich zum Islam bekennen. Der Betrüger führte nun sofort die Zeugen zum Kadi, um die Erklärung, welche sie so eben gehört, zu bestätigen, und der Kadi seinerseits verordnete, dasz das Mädchen ihm vorgeführt werden sollte. Nun erschien die wahre Schimouni vor dem Gerichte, wo mau sie wegen ihres AbfallcS beglückwünschte. Sie schwur nun zwar voll Unwillen und Erstaunen, dasz sie von der ganzen Sache nichts wisse, allein die Zeugen sagten aus, daß sie vor ihnen erklärt habe, sie wolle freiwillig ihre Religion wechseln. Dieß war für den Richter genug, der gesetzliche Beweis lag vor und er sprach demnach die Christin dem Propheten zu. Umsonst protcstirtc diese g gen das Urtheil, ihre Festigkeit vergrößerte nun ihr Unglück. Der Kadi befahl nämlich, daß sie in den Kerker geworfen und so lange gefoltert werden sollte, bis sie die Wahrheit ihrer angeblichen Aussage anerkenne. Sie wnrdc nun wirklich in das Gefängniß abgeführt, zu Wasser und Brod! vcrurthcilt und ihre Hände und Füße mit Ketten belastet; außer-j dem erhielt sie »och dreimal täglich die Vastvnade und zwar fünf Tage hintereinander. Alles Dieses hatte jedoch keinen Ersolg und die muthigc Jungfrau war fest entschlossen, lieber zu sterben als ihren Gott zu^ vcrläugncn. Andererseits waren auch die Muselmänner wegen der Folgen dieser Geschichte nicht ganz ohne Bedcnklichkciten, denn sie! wußten, daß vor drei Monaten der französische Consul in Bagdad ihren Händen mehr als zwanzig Christinnen cntrissn, die der Bey von Navandouzc zu Sklavinnen gemacht hatte und sie fürchteten,! er werde, wenn er diese neue Gewaltthat vernehme, mit gewöhn-! ter Energie wieder einschreiten und die Verfolgung auf das Haupt ihrer Urheber zurückfallen. Sie nahmen daher der Schimouni ihre Ketten ab nnd schlugen sie nicht länger, um jetzt die Verführung der Versprechungen an ihr zu versuchen. Allein sie widerstand anch diesen, wie sie früher den Schmerzen widerstanden hatte. Da sie jedoch jetzt, nachten: die Art ihrer Prüfungen eine andere geworden war, etwas mehr Freiheit genoß , so dachte sie an ihre Flucht, und da sie gehört hatte, daß der französische Viceconsul in Mos-^ ") Die Geschichte wird von dein P, Rieccidonna aus der Gesellschaft Iesa im neiicsien Hefte der Annalen (Nr U9.) erzählt, von woher wir dieselbe entnommen haben. sul, Herr Benni, allen Unterdrückten seinen Schutz angedeihen lasse, so entrann sie heimlich der Aufsicht ihrer Wächter und kam am 8. Juni nach Mossul, wo sie sich mit ihrer Mutter unter den Schutz des Consularagentcn stellte. Der Consul nahm sie auf wie sein eigenes Kind, lobte ihre Standhaftigkeit und sprach ihr Muth ein. Allein während sie unter seinem Schutze wieder frei zu athmen anfing, traf sie ein neues Unglück in der Person ihres Bruders Nuejm, den der Kadi von Arbil, als ihre Flucht bekannt geworden war, als Geisel hatte verhaften lassen. Der Consul verlangte jedoch seine soso» tige Freilassung und erwirkte sie wirklich, worauf auch dieses zweite Opfer nach Mossul sich flüchtete. Unglücklicherweise befand sich nun damals der Vczicr Moha- met Pascha in Mardin und in seiner Abwesenheit setzte sich der Statthalter von Mossul ebenfalls in den Kopf, Schimouni zum Abfalle zu nöthigen. Er ließ daher die Zeugen von Arbil kommen und forderte am 29. Juni den Viceconsul auf, das Mädchen seinem Gerichte auszuliefern. Der Viceconsul wies jedoch diese Znmuthung energisch zurück und statt seiner Schutzbefohlenen erschien er selbst vor dem Divan, wo er, wenn nicht gänzliche Aufhebung des Processes, doch wenigstens Aufschub desselben bis zur Rückkehr des Pascha'S verlangte. Das wollten indessen die Nichter nicht. Ucberzcugt, daß Mohamet der Christin Gerechtigkeit werde angedeihen lassen, wiesen sie jeden Aufschub zurück, stürmten, da sie die Macht in Händen hatten, ohne Rücksicht auf den Repräsentanten einer befreundeten Macht, sein Haus, und führten die nnglücklichc Schimouni fort, die, stets unverzagt und ihrem Gottc getreu, laut ausrief, sie wolle sich lieber iu Stücke zerhauen als zum Abfalle verleiten lassen. Vom Tribunale weg wurde sie iu ein abscheuliches Gefängniß gestoßen, dem die Christen nicht nahe kommen durften. Allein auch der Viceconsul blieb nicht müßig. Ein erster Courier, den er an den Vczier abgesandt, winde zwar von den Arabern der Wüste aufgefangen, allein ein zweiter war glücklicher und brachte einen günstigen Bescheid zurück. Darum aber bekümmerte sich der Statthalter von Mossul Wenig. Als die Depejchcn ankamen, berief er den Divan, beschied den französischen Agenten vor denselben und statt ihm die Befehle mitzutheilen, welche er empfangen hatte, las er den Blies des ViceconsulS vor, in welchem dieser die Beamten von Mossul wegen ihrer Gewaltthat verklagt hatte. „Sehet, rief er wüthend ans, solche Klagen wagt ein Najah gegen uns vorzubringen! Machet mit ihm, was ihr wollet, und wenn ihr glaubet, sein Tod könne den euch angethanen Schimpf sühnen, so gebe ich ihn eurer Rache preis." Indessen wagte man es doch nicht in dieser Weise bis zum Aeußerstcn zu schreiten. Dasür mußte die arme Schimouni büßen. Von Neuem vor den Statthalter beschicve», wies sie mit neuer Kraft die lügenhaften Aussagen der Zeugen zurück. Doch man wollte mit ihr zu Ende kommen. »Im Namen unserer Gesetze, sagte der Richter, erkläre ich dich zur Muselmännin." — „Und ich, rief die Gefangene aus, erkläre, daß ich eine Christin bin, daß ich es stets gewesen bin, und bis zum Tode es seyn werde." Nun befahl der Nichter von seinem Sessel aufspringend sie zu schlagen und sie empfing an diesem einen Tage nahe an hundert Stockschlägc, außerdem wurden ihr mit den Haaren ganze Stücke blutender Haut vom Kopfe gerissen. Als nun die Jungfrau während dieser Mißhandlungen mit vor Schmerz erstickter Stimme vor sich hinsprach: „So lauge noch ein LebenShauch in mir ist, so soll er Jesus Christus angehören," wandte sich der Kadi an die Schergen nnd sagte dem Statthalter: , Diese Leute thun ihre Schuldigkeit nicht. Siehst Tu nicht an ihren gelinden Hiebe», daß sie vom Biccconsul bestochen sind? Lass' mich einmal gewahren und ich mache mich anheischig, die Christin so zu züchtigen, wie ihre Hartnäckigkeit es verdient." Und er ließ sie auf einer Tragbahre in sein Haus schlepprn, um sie dort einsam und verlasse» von jedem menschlichen Troste nach Herzenslust zu foltern. Frei von jeder Controle und ohne Zeugen bclud er nun sein Opfer mit Ketten, gab sie unter diesem glühenden Himmel den sengenden Strahlen der Sonne preis und ließ sie noch außerdem, daß er ihr fast alle Nahrung entzog, jeden Tag peitschen. Die Unglückliche gerieth in Folge dessen natürlich in einen schrecklichen Zustand und ein Arzt, der sie sah, meinte, daß sie keine vier und zwanzig Stunden mehr leben könne. Ja, der Kadi sprach ihr, um diesen TodeStamxs bis zur förmlichen Verzweiflung zu steigern, unaufhörlich vor, er werde sie, wenn sie nicht Muselmäuuiu würde, den rohe» Mißhandlungen dbs türkischen Pövels preisgeben. Gott ließ indessen nicht zu, daß diese schreckliche Drohung zur Wirklichkeit wurde. Es wurde nämlich zu Mossul bekannt, daß der französische Gcueralconsul zu Bagdad bereits zu Cvnstan- tinopel geklagt hatte; auch der Viccconsul hatte von Neuem an den Vezicr geschrieben und ein wiederholter Befehl von Mvhamet dem Statthalter eingeschärft, das ganze Verfahren bis zu seiner Rückkehr einzustellen. So mußte man wohl nothgedrungrn endlich nachgeben. Nach einer vierthalbmonatlichcn Abwesenheit kehrte Mohamet endlich nach Mossul zurück und gerade an dem Tagc,> wo die chalvLische Kirche das Fest der Namenspatronin von Schi- Mvuni feiert, wurde die hcldcnmüthi.ie Neubekchrte ihrer Mutter zurückgegeben. Beide kehrten mit cincmdcr nach Amavia, ihrem Geburtsort, zurück, um dort in der Uebung der Religion und in Treue gegen den Glauben, den sie fast mit ihrem Blute besiegelt hätten, in Frieden ihre Tage zu beschließen. Ich war bei ihrer Rückkehr in der Stadt selbst cmwcsc»d. Das Eigentliche in der Zesuitenfrage. Die „Union suisse" bringt hierüber Folgendes vor: „Die Streitfrage ist nicht mehr zwischen den Jesuiten uud ihren Feinden, sagt ein neuerer französischer Schriftsteller, dieß Verfahren ist abgenutzt, und zur lächerlichen Komödie geworden. Die Streitfrage ist nun ausschließend zwischen dem Katholicismus, der Kirche, dem Papstthum, dem Episkopat und jenem modernen Nationalismus, der cS in seiner hochmüthigcn Anmaßung noch nicht weiter gebracht hat, als die Menschheit mit schottischen, englischen und deutschen Ideologien zu begaben. „Die Streitfrage ist nicht minder zwischen der Kirche und den heutigen Regierungen. Es handelt sich darum, zu wissen, welchen Antheil von Freiheit die neueren politischen Institutionen, welche aus den Revolutionen dieses Jahrhunderts entsprungen sind, der Kirche, ihrer Auctorität und ihren Instituten lassen wolle»; Europa's ganze Zuknnst hängt von der Lösung dieser Aufgabe ab, welche gleichzeitig die Geister bewegt in Frankreich, mit seinem alten Schweif von philosophischen, ketzerischen und politischen Seelen; in Belgien, mit seiner Minorität von falschen Liberalen und Freimaurern; in der Schweiz, mit ihren Radicalcn und Protestanten; in Deutschland mit seiner Hegcl'schcn Negation; in Nußland, Großbritannien und Spanien. „Mau muß sich ja nicht täuschen lassen; die in Frankreich unter dem Vorwandc der Jesuiten begonnene Polemik war nur der Anfang jenes große» Kampfes, welcher entscheiden soll, wie cö gewisse conscrvative Schriftsteller behaupten, daß alle Revolutionen und modernen Verfassungen nur zu Gunsten der Feind? des Christenthums gemacht wurden. Laßt die Frage gegen die Jesuiten entscheiden, so wird sie auch bald gegen die übrigen religiösen Orden, ja gegen die ganze Kirche entschieden seyn. Es find dieß nicht finstere Prophezeiungen, es ist Geschichte. „Ich war vor einigen Monaten in Avignon, um die herrlichen christlichen und päpstlichen Alterthümer dieser merkwürdigen Stadt zu besichtigen. Indem ich den „Auicle clu vc-vscivur" las, wurde meine Aufmerksamkeit durch folgende historische Anekdote gefesselt: „Als die Jesuiten in geordnetem Zuge das Kollegium verließen , um in die Vcibannung zu gehen, stand ei» Mönch von einem andern Orden an eine Säule des PorticuS des Kollegiums gelehnt. Er betrachtete die ausziehenden Bätcr der Gesellschaft Jesu, und freute sich mit heimlichem Lächeln ihrer Austreibung. Einer der Söhne des heil. Jgnaz, nicht minder schalkhaft, bemerke es und sagte ihm: „Lachet, lachet nur, mein Vatc>, ihr kommt mich noch cm die Reihe; wir halte» hier eine Procession, wir gehe» zwar voraus und tragen das Kreuz, ihr aber werdet hinter uns hergehen." Die Weissagung des Jesuiten erfüllte sich achtel», Jahre später; der lachende Mönch mußte ftin Kloster auch verlassen, auch ihn traf die Verbannung. „Auf die OrdenSlcutc folgte» die Bischöse und Priester, auf die Verbannung das Gemetzel. Nach der Kirche wurde das Königthum geopfert; ein unschuldiger König mußte mit seinem Kopfe die Fehler strafbarer Könige bezahlen. Kaum waren fünfzehn Jahre seit der Aufhebung des Jesuitenordens verflossen, so läutete die Sturmglocke der Revolution von 1789 schon zum Begräbnisse der Monarchie, ja der ganzen bürgerliche» Gesellschaft; die Köpfe der Minister, der Magistrate und der Philosophen, welche ZWO ihrer Mitbürger proscribirt hatten, rollten auf dem Schaffot. Man weiß das Uebrige. „Im Zcchre 1828 wollten dieselben Grundsätze und dieselben Leute die gleiche Verfolgung wiederholrn; zwei Jahre spater unterlag das Königthum einer neuen Revolution, und cine ganze Dv- ncistic wanderte zum dritten Male ins Exil." Deutschland. Fr ei bürg. Unterm 17. v. M. ist ein Hirtenbrief des Hochwürdigstcn Erzbischofs Hermann an die gcsammtc Curat- geistlicbkcit erjchicncn über die betrübenden religiösen Bewegungen der Gegenwart uud die ernste Aufgabe, welche hieraus für die Geistlichkeit erwächst; insbesondere sind als Lehren , welche in jeder Gemeinde in Behandlung komme» solle» — für den Umfang, in dem es zu geschehen hat, sind die Ortsbc- düifnissc d>r Maaßstab — aufgeführt: Die Lehren von der heiligen Schrift und Tradition, als den Quellen der katholischen Wahrheit; von der Erbsünde und Erlösuugsbedürftigkcit des Menschen; von Jesus Christus, dem wesensgleichen Sohne Gottes, und von der Menschwerdung desselben, insbesondere von den großen praktischen Wahrheiten, welche in der Idee der Menschwerdung enthalten sind; vo» deni Erlösungswerke und dessen allseitiger Beziehung zu den Bedürfnissen und Nothständen der Menschheit; von der Kirche uud ihren w scnilichcn Merkmalen, namentlich von ihrer Einigkeit, von dem Primate Pctri und seiner Nachfolger; von der Leitung der Kirche durch den heil. Geist und ihrer Unfehlbarkeit; von den Sacramenten, besonders von der Spccialbeicht »nd dem . Opfcr der heiligen Mcssc; von der Unsterblichkeit der Seele und der Ewigkeit der Höllcnstrasen u. s. w. Anßer diesen Hanptlehrcn unseres Glaubens bilden noch einen dringenden Gegenstand des genauen Unterrichtes die Lehren von der Verehrung der Heiligen, der Bilder und Reliquien, dann die mannichfachcn im katholischen Cultus üblichen Gebräuche und Segnungen n. s. w.; endlich die Kirchcngcbotc und deren Nothwendigkeit und Weisheit. Die Süddeutsche Zeitung schreibt: Bei einiger- maaßcn aufmerksamerer Erwägung mancher Nachrichten stellt sich die tiefe Besorgnis; ein, daß Herr Schreiber nicht ohne Einverständnis; mehrerer geistlichen Standcögcnosscn gehandelt habe. Die gegenkircklichcn Vcrsammlungcn oberlä'ndischcr Geistlichen in Engen und andern Orten des Obcrrheins sind bekannt, und man besorgt, das; manche solche glcichgcsinnte Standcögcnosscn nicht so fast durch offenen Abfall 'von dcr Kirche sich lossagen, als vielmehr, mit Rücksicht auf die Beibehaltung ihrer Pfründen, für dic Rongc'sche Secte auf weniger auffallende Weise und desto verderblicher in ihren Psarrgemcindcn wirken und sonach größere Abfälle vorbcrcitcn werden. Möge uns diese nnscrc trübc Aussicht täuschen! Poscn. Wie verlautet, ist zwischen dcm „Psarrcr" CzerSki und seiner Gemeinde eine Differenz zu Tage gekommen. Letztere will Nvngcanisch-katholisch seyn und dcr arme CzerSki stände sonach mit seinem apostolisch-katholischen Symbolum isolirt. Zwar hat diese Gemeinde ihrem Bekenntnisse bis in den Tod treu anzuhängen gclobt, abcr die freie Forschung hat ihr im Lichte, das von BrcSlau ausstrahlt, gezeigt, daß die Modisiccition zeitgemäß sey und daS Grundprincip durch dieselbe nicht verlassen werde. Das Thcolognmcnon, nach welchem nicht die Gemeinde ein geistiges Erzcngnif; dcS Pricstcrthums ist, sondern das umgekehrte Verhältnis; stattfindet, ist zwar wi?crchristlich und widerspricht so stark als möglich dcm Verhältniß zwischen Christus, dcm ewigen Hohenpriester, und seiner Kirche; aber es ist gleichsam die Basis der Ron- gc'schcn Reformen und macht sich auch in Artikeln bemerkbar, dic über oder vielmehr für dic Schneivcmühler Sccte geschrieben seyn wollen. In einem derselben wurde vor einiger Zeit berichtet, daß zwei polnische Baucrngemcindcn Deputationen an Czerski gesendet hätten, um wcgcn cincö Anschlusses zn unterhandln. „Dieses möchte wohl" — heißi's dann — „am besten von den gesunden Principien dieser kirchlichen Reform zeugen, insbesondere wenn man bedenkt, daß es polnische Bauern sind, gerade dieselben, welche man sonst für den Typus dcr Bigotterie zu nehmen pflegt." Also während gerade in unsern Tagen die intellectuclle Bildung bis zur Einseitigkeit betrieben wird, sollen unterrichtete Bauern über Prin- cipicniragcn entscheiden I Dic Gesundheit jener Principien macht sich in Symptomen bemerkbar, wie unter andern folgende: daß dic Bibel als einzige Quelle der Offenbarung, zugleich aber auch Sätze angenommen werden, welche vollständig nur mit Beziehung auf dic rirchristliche Geschichte, d. i. Tradition crwusen werden können; das; ferner die königl. Regierung zu Brombcrg die Bibclgcmäßheit des neuen Bekenntnisses prüfen soll, nachdem dasselbe Bekenntniß jeden Einzelnen für befähigt erklärt hat, seine Glaubenslehre selbst aus dcr Bibel zu schöpfen; daß Lebende zwar für Gestorbene beten dürfen, die vollendeten Gerechten im Himmel aber nicht für die noch auf Erden nach der Vollendung Ringenden; daß Priester nicht allein hcirathcn dürfen, sondern es auch dem alten Testamente zufolge sollen u, s. w. Daß über dic seit Jahrhunderten schwebenden Lebensfragen dcr gemeine Mann entscheiden soll, darf indeß!/ > nicht bcfremvcn; denn wer will in unsern Tagen nicht über theologische Gegenstände aburtheilen? Man spricht von Laien in dcr ^Wissenschaft und Kunst und von Priestern derselben; in dcr Theologie soll diese Unterscheidung nichts mehr gelten; in der Medicin, den Naturwissenschaften, der Jurisprudenz, Philologie u. s. w. erkennt man Autoritäten an, in dcr Theologie sind es dic Theologen, die sich zurechtgewiesen sehen als Befangene, die für die Interessen ihrer Kaste eifern, sie sind im allgemcimn Sprechsaal nicht mehr die lehrende, sondern die hörende Kirche. Und doch ist der wesentliche Inhalt dcr Theologie ein gegebener, die christliche Kirche hat eine Geschichte von achtzehn Jahrhunderten; ihr Studium letzt viele HilfS- und Vorkcnntnisse voraus; ihre Literatur ist unermeßlich, wo;u noch kommt, daß gerade auf diesem Gebiete dcr Parteigcist die ärgsten Verwirrungen angerichtet hat; der Theologe soll wo möglich allcS Wissen und Erkcnncn seincr Zcit in sich aufgenommen haben, aber höher als dieses steht SinneSadel und geistige Freiheit. An der Spitze dcr VewegungSpartei sehen wir aber Beamte, cincn Thcater-Secrctär, Industrielle und freilich auch ein paar Tbeologcn; der eine dersclben ist so überaus gelehrt, daß er Vieles vergessen mnßte, um Reformator zu werden; wie gründlich aber dcr andere scinc theologische Vorbildung betrieben hat, das offenbaren seine Sendschreiben und sein gcsammteS reformistisches Vorschrcitcn. Beide sind nahe daran überflügelt und bei Seite geschoben zu werden. Wie in Betracht des Zeichens die Wcrkleute vcrschiedur sind, so sind es auch dic Materialien, die sie. zu dem Um- oder Neubau verwenden. Hicr werden 7 Sacramente sta- tuirt, dort genügen 2, anderswo reihen sich an die 3 noch 5 kirchliche Weihen; hicr gilt die Bibel ohne, dort mit dcr Tradition als Glaubcnsurkunde; jetzt ist das Schneidemühlcr, dann das Brcs- laucr Symbolum an dcr Tagesordnung, dann wicdcr cin justs milieu (rechte Mitte)! Wenn die Lente sich recht besinnen werden, werden sie mit Erstaunen wahrnchmcn, daß sic insgesammt Protestanten oder gar über den bibelgläubigen ProtestautisinnS längst hinaus sino. Ein Satz mehr oder weniger macht es nicht; wer die Autorität dcr Kirche verwirft, um nach eigener Faeon Katholik zu seyn, hat schon aufgehört cs zu seyn. Von den Ncnkatho- likcn gehörte d.r größere Theil „durch den Zufall dcr Gcbnrt" der Kirche an und wirklich schließen sich dcr Bewegung verhältnisz- luäßig viele Protestanten an, wie es auch überall Protestanten sind, welche ihr am meisten Vorschub leisten. — Diejenigen, welche von CzerSki'S Erschein«: in Brcslan große Erfolge erwarteten, haben sich verrechnet, die öffentlichen Blätter wissen davon wenig zu sagen; nnS freilich fällt das nicht ans. Daß sich ihm cin aus dcm Seminar zu Pclvlin unfreiwillig auSgctrctencr Klcrikcr angeschlossen hat, ist schon berichtet; daß er „schr gute Zeugnisse" mitgebracht hat, versteht sich eben so von selbst, als daß ihm die Gebrechen dcr römischen Kirche im Lichte von Schncidcmühl in ihrcr Blöße offenbar geworden sind. Gott sprach: „Es werde Licht, und cs ward Licht/' — so ist CzerSki'S Rechtfertigung überschrieben. — Nach Privcttnachrichtcn werden in der Umgegend von Glogau die Schriften dcS .großen Reformators" Rongc in jede Hütte hineingetragen, sogar dic Lumpcnsammlcr treiben damit Industrie und geben sic hin für Lumpen. Das geschieht sonder Zweifel aus vem Einen und keinem andern Grunde, um die Forschrttte dcr Civilisation anschaulich zu machen, dic den weggeworfenen Lumpen zum Träger des Gedankens macht, und wie erhabener und tiefer Gedanken, Gedanken, welche die Herolde cincr neuen Zeit sind! ^ (Schlcs. K. Bl.) Verantwortlicher Rcdatteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber : F. C. Krem er. ^ ^,it o» ZK»>8 tchbin-c .n,6M iuyiM bu^L t"!' H ^»S- ' D-ib, ... AugSburger Pyftzeitttng. Erste Iahreshälft-. M ÄV. April R845 Mission zn Heike in Holland, gehalten von den hochwürdigen Vätern Nedempto- risten im Monat Februar 1845. (Sion.) In Holland gibt es eine Haide, die sowohl in Hinsicht ihrer Lage, als ihrer Bewohner und der Begebenheiten, die sich da zugetragen, wahrhaft merkwürdig ist. Dieß ist das kleine Heike (Haidchen), gelegen zwischen dem Markisate Berg-op-zoom und der Frciherrschaft von Breda. Schon seit Jahrhunderten ist dieser Ort allbekannt durch die Räuber und Diebc, die hier und da zerstreut in Höhlen, oder selbst frei zusammen in seiner Mitte haus'ten. Keine von den beiden Herrschaften hatte ihn je als einen Theil ihrer Besitzungen anerkennen wollen. Ueberall berüchtigt wegen der Plünderungen und Todtschlägc, die da verübt wurden, war er der Schrecken der ganzen Umgegend, so daß mehrere Stunden weit und breit Niemand sich sicher glauben konnte. Umsonst versuchten die Franzosen, welche Herren der Niederlande geworden waren, dieses halbwilde Volk zu zähmen und zu bilden. Selbst Napoleon, der alle Hauptanführer auf einmal hinrichten ließ, hatte an ihren fast barbarischen Sitten auch nicht das mindeste bessern können. Eben so fruchtlos blieben alle seither gemachten Bersuche ihre Anmaßungen und Grausamkeiten zu bändigen und einzuhalten. Noch sind keine zwanzig Jahre verflossen, als sich die Gerichtsbchörde mit einem fürchterlichen Hinrichtungsapparate dahin begab, und daselbst, um Allen Schrecken einzujagen und ihnen zugleich ein warnendes Beispiel vor Augen zu stellen, Viele dieser Unglücklichen auf eine schaudererregende Weise züchtigte. Auch geschah es höchst selten, daß einer aus ihnen ruhig auf seinem Bette starb; gewöhnlich wurden sie entweder auf öffentlichem Platze hingerichtet, oder sie endeten ihr Leben im Kerker, oder sie ermordeten sich selbst un'tcr einander in blutigem Gemetzel, das sie leider nur zu oft unter sich anstellten. So war dieses Volk vor der letzten Staatsumwälzung Belgiens im Jahre 1830 beschaffen. Damals trugen die Truppen, welche in diese Gegenden verlegt waren, nicht wenig dazu bei, ihre gänzliche Verwilderung zu vollenden. Die Haide wurde in dieser Epoche nur noch berüchtigter durch Unzuchtshäuser, nächtliche Tänze und andere abscheuliche Unordnungen, die allda ungestraft getrieben wurden. " Bei Allem dem war es zum Erstaunen, daß dieses in Sitten ganz verkommene Volk im Grunde noch immer Glauben und Religion beibehielt; Alle waren da getauft und bekannten sich zur katholischen Religion; es schien also, daß der Mangel an geistlicher Hilfe, und die allzu große Unabhängigkeit, worin sie sich in religiöser Beziehung befanden, die Hauptursachen ihrer groben Unwissenheit und Sittcnlosigkcit waren. Der fromme Bischof in partiliuZ, der hvchw. Herr I. van Hooydonk, apostolischer Administrator des Vicariates Breda, seufzte schon seit vielen Jahren über ihreu bedauernswürdigen Zustand, und er sann auf Mittel demselben abzuhelfen. Erst im Jahre 1840 konnte er seinem Eifer in etwas Genüge leisten, indem er eine Kirche auf diesem wüsten und verlassenen Boden aufführen ließ und einen Seelsorger dahin beschicv, der sich ganz dem schönen Werke weihte, diese zerstreuten und hirtenloscn Schafe aufzusuchen. Unterstützt durch die milde Beisteuer der Negierung und die freiwilligen Spenden seiner Diöcesa- nen, baute er außer der Kirche noch ein anständiges Pfarrhaus und eine Wohnung für vier Klosterfrauen, die mit dem Unterrichte der Mädchen dieser neuen Psarrci beauftragt wurden, indeß die Negierung auf eigene Kosten einen katholischen Schullchrcr für die Knaben bestellte. Auf solche Weise wurden ungefähr 425 Com-- municanten versammelt, welche die Pfarrgemeinde zum hl. Willi-, brord, Apostel Hollands und gewählter Schutzpatron dieser Ortschaft, ausmachten. Bald darauf bildete sich ein Verein frommer und begüterter Leute, die es übernahmen, diesem hilfsbedürftigen Volke Arbeit zu verschaffen und ihm so den Weg zu einem rechtschaffenen und ehrlichen Leben vorzuzcichncn. Auf diese Art gelang es, in Zeit von weniger als vier Jahren einer so verwilderten Menschenrasse einen Anstrich von Civilisation zu geben. Doch damit war bei weitem noch nicht Alles gethan. Dem eifrigen Pfarrer, Herrn Koes, dessen großmüthige Hingebung allgemein anerkannt ist, blieb noch eine höchst schwierige Aufgabe zu erfüllen. Derselbe bot Alles auf, um sich das Zutrauen seiner Psarrkinder zu erwerben, und sie in den Pflichten der Religion und der Gesellschaft zu unterrichten. Nach vielen Anstrengungen, die übrigens mit dem glücklichsten Erfolge gekrönt wurden, bemerkte er doch, daß, um dieß schöne Werk zu vollenden, es noch der Beihilfe Anderer bedürfe. Er war schon ost Zeuge gewesen von dem vielen Guten, das dk Missionen überall bewirkten. Deßhalb säumte er nicht, und begehrte inständigst einige Väter Redcmptoristen aus dem Kloster Witte» in Holland, unv da diese sich vorzüglich dazu widmen, gerade den verlassensten Seelen am hilfreichsten bcizu- springen, so wurden ihm dieselben leicht bewilligt. Der hochw. P. Bernard, begleitet von dem hochw. P. Janson eröffnete also die Mission am 8. Februar. Wie groß die Freude eines Volkes war, das noch i» der Wiege seiner Bildung ist, wie fleißig es den Predigten und Untcrrichtungen beiwohnte, wie aufmerksam und gelehrig, ja wie begierig es alle Uebungen umfaßte, die seine christliche Frömmigkeit nur nähren konnten, ist kaum zu beschreiben. Besonders hatte die Liebe zu Jesus Christus und die Andacht zur allerseligsten Jungfrau Maria für diese bisher so harten und unempfindlichen Herzen etwas ungcmcin Anziehendes; jede Andcichts-^ Übung, Kreuzweg, Rosenkranz, Scavulir, ja Alles w.ir ihnen! theuer; und sie umfingen AllcS mit rührender Andacht und Frömmigkeit. Der gute Herr Pfarrer hatte sich mit allerhand Gegenständen der Andacht versehen, die er unentgcldlich unter sie austheilte. Nur war es schwer, sie von der Abscheulichkeit des Lasters der Unzucht zu überzeugen. Die Erfahrung lehrt, wie sehr man in diesem Puncte sich selbst täuschen, und wie grob die Unwissenheit in dieser Sache besonders bei Solchen werden kann, die allzeit in Unordnung gelebt, und nie eine christliche Erziehung erhalten haben. Aber der hochw. P. Bernard, der es so gut versteht, sich zu den Einsichten und Fähigkeiten seiner Zuhörer herabzulassen, scheute keine Mühe, um ihnen eine ganze Stunde lang mit der Bibel auf der Kanzel zu beweisen, daß die Unkeuschheit eine Sünde, eine Tovsündc sey, bis endlich vor Rührung und Ueberzeugung Alle einstimmig ausriefen: verflucht sey die Unkeuschheit! Alle ohne Ausnahme nahten sich dem heiligen Bußsacramente; doch kann es wohl nichts Rührenderes geben, als die Gcucral- Communion, die in schönster Ordnung und mit möglichster Einge- zogenhcit gehalten wurde. Namentlich in den letzten Tagen war es ein herrlicher, hcrzerhrbender Anblick, wie die Frauen von den Ordensschwestern, unv die Männer von den hvchwürdigcn Vätern an den heiligen Tisch geführt und da mit dem Brodc der Engel gespeist wurden. Noch ein bcmcrkcnswerther Augenblick war der der Aussöhnung, welche man von Ehelcutcn forderte, ehe ihnen gestattet wurde, den göttlichen Heiland zu empfangen. Diese Uebung wurde für nöihig gehalten in einer Pfarrei, wo so viele Unordnungen zu heben, so große Aergernisse gut zu machen, so tief eingewurzelter Haß und Groll zu dämpfen war; man kann sich keinen Begriff machen, wie frech die christliche Liebe hier mit Füßen getreten, wie gewissenlos alle Schacun verbannt, und wie entsetzlich das eheliche Band hier verkannt und geschändet war. In dem Augenblicke also, wo der Herr Pfarrer die hl. Hostie in den Händen hielt, erhob der Prediger seine Stimme, und fragte feierlich die Ehemänner und Ehefrauen, ob sie sich gegenseitig Alles verzeihen, ob sie in Zukunft in wahrhaft christlicher Einigkeit leben wollten. Das heiligste Sacrament wurde nicht eher ertheilt, als bis Alle mit laut>r Stimme geantwortet hatten: Ja, wir verzeihen, wir versprechen eS. Am letzten Tage der Mission wurde der hochw. Herr Bischof van Hooydonk, der in Begleitung seines würdigen Sccretärö dahin kam, von dem guten Volke mit allen Aeußerungen der aufrichtigsten Freude empfangen. Nach einer rührenden Anrede, wobei Alle sehr ausmcrlsam waren, ertheilte er den Kindern, so wie mehreren Erwachsenen die hl. Firmung, wornach erstere im Psarrhausc ein genügsames Frühstück fanden, das ihnen die Sorgfalt ihres liebenden Hirten bereitet hatte. Bei der AbschiedSrcde, die der hochw. P. Bernard hielt, stieg die Hcrzcnsrührung aufs höchste. Es war der feierlichste Augenblick, als der Redner diese dreifache Frage an das tief bewegte Volk stellte: Wollt ihr allezeit Jesus Christus lieben, die Mutter Gottes recht ehren, und cuerm Herrn Pfarrer stets gehorchen? Die Antwort war wie Eine Stimme: Ja, wir wollen es! was zur größten Erbauung Aller gereichte, die herbeigekommen waren, um diesem interessanten Schlüsse beizuwohnen. Als der Prediger nach dem päpstlichen Segen im Namen der Missionäre von seinen Zuhörern Abschied nahm, brach die ganze Menge in lautes Weinen und Schluchzen aus. Der gewandte Redner benutzte diesen Augenblick, um den Versammelten zu äußern, daß er nur noch bedauere, ein verirrtes Schäflein, das einzige, welches der Gnade bis zum Ende widerstanden, nicht zum Schafstalle habe zurückführen können. Und in der That, noch am Vorabende hatte dieser harte Sünder eben so wenig den Einladungen seiner Freunde nachgeben wollen, als er vorher schon den Bitten und Beschwörungen der Missionäre Gehör gegeben, die kein Bedenken getragen hatten, denselben in seiner Wohnung aufzusuchen, und ihn zur Bekehrung und Aussöhnung mit seinen Feinden einzuladen. „Gewiß', rief jetzt der Missionär wie begeistert aus, „Maria hat sich diesen Sieg vorbehalten, habt nur Vertrauen, meine Brüder, und beten wir mit einander drei Ave Maria für diese arme verirrte Seele." Er hatte beinahe prophezeit, denn Tags darauf legte der Unglückliche seinen tödtlichen Haß ab, und machte die Mission mit, zum Ruhme Mariens, zum Troste und zur Zufriedenheit der Hcerdc und ihres musterhaften Hirten. An diesem Tage wurde eine Messe für die Verstorbenen der Pfarrei gesungen, und die Missionäre trugen zu den Kranken in eigener Person die Hcils- mittcl unserer hl. Religion. Die ganze Gegend ist höchst erfreut über diese segensreiche Mission, die zugleich der Bestimmung und dem Geiste der Missionäre des allerheiligsten Erlösers so sehr entspricht, und so treffend an jene erinnert, die ihr Stifter der hl. Alphonsus den Schäfern und Zicgcnhirten oder den Landbewohnern Kalabriens gab. Man hat alle Ursache zu hoffen, daß durch die Sorgfalt des weisen Prälaten und den unermüdlichen Eifer des frommen Pfarrers, welche beide die Mission begehrt haben, die Früchte derselben dauerhaft bleiben werden. Ein Verein zur Ausrottung dcö Fluchens und GotleSlästerns ist daselbst feierlich errichtet worden, so wie auch eine Sonntagsschule für die Knaben und eine für die Mädchen , nebst einer Bruderschaft zu Ehren des hl. Aloysius Gonzaga. Außerdem haben mildthätige Personen stets ein wachsames Auge gerichtet auf das Elend dieses dürftigen Volkes, das sie selbst während der Mission unaufhörlich mit Almosen unterstützten, so wie die Strenge der Jahrzeit es zu verlangen schien. Alles dieß läßt uns die trostvolle Hoffnung hegen, daß bald sowohl in bürgerlicher, als religiöser Hinsicht die Pfarre zum hl. Willibrord emporblühcn werde, eine Pfarre, die aus Leuten besteht, über welche die Religion in so kurzer Zeit und auf so befriedigende Weise vermocht hat, was nicht die Strenge der Gesetze, nicht das Schauderhafte der Blutgerüste ausrichten konnte. Deutschland. Berlin, 29. März. Was unsre Schncidcmühler angeht, so hat sich der Standpunct dieser Angelegenheit wesentlich verändert. Nachdem der ausgeworfene Köder keine Katholiken fange» will, erklärt sich der Protestantismus zur Heranbildung der neuen Sccte bereit und bittet durch die ganze norddeutsche Presse alle Welt, die Geld hat, um Unterstützung. So hat der hoch- achtbare Handelsstand zu Stettin zuerst angefangen, die Aktien auszuschreiben, auf welche der neue Weltglaube gegründet werden soll. Der Magistrat von Magdeburg, unterstützt von den Eschener Lichtfreunden, ist würdig nachgefolgt und hat auf fünf Jahre aus Communalmitteln, wozu natürlich die Magdeburger .Romlinge" mitbeisteucrn müssen, jahrliche 400 Thlr. für einen noch anzustellenden „deutsch-katholischen Geistlichen" ausgeworfen, damit der Mann Brod habe, wvhlgemcrkt, wenn sich einer findet. Potsdam und sein Magistrat hat nicht wollen zurückbleiben nnd darum eine von dem Garnison- und Hofprediger Sydow in salbungsvoller Liebseligkeit redigirte Adresse, die nichtsdestoweniger in überzuckerter Lieblosigkeit so ganz verstohlen 4000 katholische Mitbürger ohrfeigt, an den Schneidemühler Neu-Licht-Krämer abgeschickt. Wie konnte nach solchen Vorgängen und Beispielen unser Berlin, der Sitz „des Fortschrittes, des Lichtes, der Geistcsfreiheit" ohne ein Lebenszeichen gegen alle diese zurückstehen? Also; — wirklich haben wir in unsern Zeitungen, das Jntelligcnzblatt nicht ausgenommen, eine Aufforderung gelesen, mit einem voranstellenden Bibeltexte hübsch-sittig verbrämt, die alle christlich Denkende (!) aufruft, mit Geldbeiträgen dem „neu erwachten Leben in der katholischen Kirche' (sie) unter die Arme zu greisen. Das Aufgebot zu diesem Glauben auf Acticn war unterschrieben, und das ist der für die Katholiken einzig bedeutsame und bedenkliche Punct bei der ganzen Komödie, von dem Geheimen Negierungsrath v. Naunyn, der zweiter Bürgermeister von Berlin ist, von 10 Stadträthen, 7 Stadtverordneten, von im Amte stehenden Regierungsbeamten, dienstthuenden Ofsicicren, Professoren der Universität, Gymnasialdirectoren, lauter Protestanten, versteht sich, die alle das neu entglommene Licht in der katholischen Kirche kräftig anfachen wollten, auf daß es nicht erlösche. Denn diese Gefahr drohte in der That, und machte so gewaltige Anstrengungen nöthig, sintemal von den beiläufig 25,000 Katholiken Berlins, deren Seelsorger nur fünf an der Zahl sind, und darum bei der größten Anstrengung offenbar nicht immer auf die einzelnen Gemeindegliedcr in erwünschter Weise einzuwirken Zeit und Gelegenheit haben, ungeachtet dieses Mangels geistlicher Stütze nur 41 Schneidemühlisch geworden waren, von denen dann aber später 13, die noch einen Funken Glauben in sich hatten, dmch die Dazwischcnkunft der hiesigen Geistlichkeit wieder zu „Römlingen" umgewandelt wurden. Ueberhaupt kann der Eifer unsrer Geistlichen und unter ihnen namentlich des Herrn Cavlans Ruland, nicht genug gerühmt werden. Weil dem neuen Glaubenslichte das katholische Oel immer mehr ausging, sind, um es zu speisen, die Protestanten hinzugetreten, unter denen manche sich freuten, so leichten Kaufes katholisch wndcn zu können, ohne Papst und ohne Beichte, und haben die Zahl 400 voll gemacht. Darauf hat denn unser wohllöbliche Magistrat in Anbetracht des ncucrwachten katholischen Lebens der sogen, christkatholischcn-apostolischc» Gemeinde die Aula des grauen Klosters zu ihren gottesdicnstlichcn Versammlungen überwiesen. Ein Stadtgcrichts-Auscultcitor Müller war in Ermangelung des Nonge und Czcrski am Charftcitage und den Ostertagen der Pontifcr. Man sang: „Hier liegt vor deiner Majestät" und andere Gesänge unsers nicht neu-, sondern altkatholischcn Gesangbuches, die man unter dem Titel: „Lieder der christkatholischen Gemeinde zu Berlin" gedruckt, vertheilte. So stehen die Sachen jetzt; und wie steht und stellt sich zu ihnen die hiesige katholische Gemeinde? Fürs Erste fragt sich dahtcr auch der sanftmüthigste Katholik: Ist bei einem solchen Treiben bürgerliches, friedliches Zusammenleben möglich? — ferner: Gibt eö in unserm Staate Gesetze gegen Prosclytcn-, machcrei, oder betrifft ihre Anwendung immer nur Katholiken? Sind die Tractate des westphcilischcn Friedens, die Bestimmungen des Reichs-Deputativns-HauptschlusscS, die Worte, die bei der Accmisition katholischer Provinzen gesprochen wurden, immer noch bindend und gültig im deutschen Vaterlande oder nicht, oder gelten sie zwar noch für Alle, nur nicht für die Katholiken und katholisches Interesse? Das sind einzelne Fragen, die sich mi Nothwendigkeit dem Katholiken aufdrängen, wenn er die Sachen hier ihren Fortgang nehmen sieht in einer Weise, als wären sie auf dem rechtlichsten Grund und Boden erwachsen. Heute z. B. Wird in der Vossischen Zeitung öffentlich angekündiget, daß der „Pfarrer" Nonge morgen, Dominica in alliiz, in der Aula des grauen Klosters den Gottesdienst halten würde, nach welchem die Taufe mehrerer Kinder vorgenommen werden solle. So läßt man die Sache hier gehn, man läßt Pfarrer crcircn und so sich nennen, Amtshandlungen vornehmen ohne Widerspruch, man läßt Bürgermeister und Stadträthe ruhig ihre katholischen Mitbürger verletzen, Staatsbeamte jeder Gattung Theil nehmen, duldet den Titel „christkatholische Gemeinde," obgleich die bestehenden Verträge in Deutschland nur eine einzige katholische Kirche kennen. Wie gesagt, so schreiten die Sachen hier vorwärts, aber ihnen gegenüber steht die katholische Gemeinde da wie ein Mann mit dem entschiedensten katholischen Bewußtseyn. Sie hat auf alle jene Wühlereien nur durch Thaten geantwortet, das ist das Zweite in der von ihr angenommenen Stellung gegen jene feindseligen Demonstrationen. Sie hat nämlich 1) wie bekannt eine Dankadresse an den Hochwürdigstcn Bischof Arnoldi abgeschickt, die aus der Mittelklasse hervorgehend ohne irgend einen Anstoß von Seite der Geistlichkeit, und mit 1000 Unterschriften von Familienvätern versehen diesem Kirchenfürsten zeigte, daß die katholische Gemeinde in Berlin katholisch sey. Sie hat 2) an dem Bomfacius-Denkmale sich bethciliget, wodurch wir hoffentlich mit Gottes Hilfe für Spandau endlich zum Ziele kommen. Sie hat 3) in den letzten hl. Tagen eine Theilnahme am Gottesdienste gezeigt, die früher hier nicht vorgekommen. Bei der Prvccssion am Gründonnerstage z. B. (innerhalb der Kirche, versteht sich), welcher sich in den früheren Jahren kaum der Eine oder Andere angeschlossen hatte, zählte man jetzt über 0V Wachskerzen und eben so viele Träger aus den höchsten Ständen. Am Charfreitagc, wo die Kirche so angefüllt war, daß die Menschenmassc bis auf den Opernhausplatz, also quer über die Straße weg, hinausstand trotz des schlechten Wetters, konnte die Menge derer, welche dem heil. Scicramcnte folgen wollten, sich nicht entwickeln wegen Mangels an Raum. Diejenigen deßhalb, welche nicht pro- ccsfionswcise hinter dem heil. Sacramente die Kerze in der Hand ihre Ehrfurcht bezeigen konnten, bilvcten Spaliere mit den flammenden Kerzen vom Hochaltare ab durch den Mittelgang hindurch um die Kirche herum an den Seitcnwändcn. So wurde denn das hvchwllrdigste Gut einhergetragcn durch die gepreßt volle Kirche, gefolgt von zweien Fürsten, von unsern höchsten katholischen Staatsbeamten ohne Ausnahme, von den hier verweilenden katholischen Grafen, Ofsiciercn, den angeschensten Bürgern, dem Kirch-Kollegium u. s. w. Ich habe mit meinen eignen Augen gesehen, wie alten Soldaten die Thränen religiöser Rührung in den grauen Schnurbart hinunterliefen. Dieses sind die erfreulichen und segensreichen Wirkungen jener erbärmlichen Machinationen. Denen, die Gott lieben, gereichen alle Dinge zum Besten. (Münst. SonntagSbl.) 55 « X- Berlin, 10. April. Die Deutsche Mg. Ztg. bringt fol- genden Artikel, der um seiner naiven Geständnisse willen merkwürdig ist: Die neukatholische Kirche (!) hat eine Feuertaufe überstanden. So möchte ich die Experimente und Operationen nennen, denen sie in den jüngsten Tagen, gewiß gegen (?) ihren bessern Willen, hier unterworfen wurde. Bedenklich erschien vom Anbeginn an die Theilnahme, welche von protestantischer Seite ihr geschenkt wurde. Aendern ließ es sich nicht, daß eine große protestantische Bevölkerung theilnehmend und freudig Bewegungen zublickte, welche sie an den von ihren Vätern vor drei Jahrhunderten geführten Kampf erinnerten. Es wäre besser gewesen, besser sür die Sache gewiß, wenn die Protestanten sich ganz fern davon gehalten und die nach dem Lichte (!) strebenden Katholiken ihre Sache ganz allein und auf eigene Geisteskraft vertrauend hätten auöfechtcn lassen. Um so bedeutender wäre der Sieg geworden. Indessen, die Verhältnisse führten es einmal so mit sich. Rongc hatte Luther und Huß citirt, und Czerski im Namen der Schncidcmühler auf die durch die protestantischen Nachbarn geförderte Kcnntnißnahme der heiligen Schrift provocirt. Es war eine Thatsache geworden, daß die Christkatholischen (!) liebevoll und vertrauend sich ihren protkstcmtischcn Brüdern näherten und daß diese ihnen auf halbem Wege mit offenen Armen entgegenkamen. Das Bedürfniß und die innere Nothwendigkeit war mächtiger als die begangenen Versehen; unv die That lehrt uns, daß die Bewegung von allen Seiten ausbricht und, weder durch thörichte Freunde noch durch erbitterte Feinde geschädigt, schon jetzt in ihrem Entstehen einen gesunden (?), organischen (?!), gestalteten Lauf nimmt. Daß Rouge und Czerski, wenn sie hierher kämen, eine ehrenvolle Aufnahme finden würven, ließ sich erwarten, und wer mag es Jenen verdenken, welche sich drängten, sie zu sehen und auf alle Weise ihre Theilnahme ihnen zu erkennen zu geben! Aber daß auch das leicht aufflackernde Strohfeuer des Berliner Enthusiasmus sich ihrer bemächtigm würde, daß sie Gegenstände theatralischer Demonstrationen werden sollten, hätte man zum Besten der Sache selbst und der Ehre der Männer nicht erwarten sollen. Auch Das ist nun ein Factum, was sich leider nicht wegläugnen läßt, und darum ist es besser, es offen cinzugestehen. Sie sind angefestmahlt, angegessen, angetrunken und angesungen worden. Es hat Kränze, Gedichte und Ehrengeschenke geregnet, und die ernsten und ehrlichen Reformatoren haben das Loos der gefeierten Sängerinnen und Tänzerinnen theilen und dafür danken müssen! Nun ist man aus dem Rausch erwacht, und die ernsthafte Betrachtung hinkt nach, daß man etwas sehr Unziemliches arrangirt hatte, daß Männer, Welche mit Muth, Kraft und Gottesvertrauen eine ernste Lebensaufgabe sich gesetzt haben, würdiger zu empfangen sich geziemt hätte, als geschehen ist. Die Einen trösten sich damit, daß es ja in Leipzig nicht anders gewesen sey, ja daß der Empfang in Potsdam den in Berlin noch überboten habe. Aber Andere erinnern daran, wie ein ähnliches tumultucirischeS Verfahren der Sache des Localvereins geschadet, wie etwas durchaus Gutes hier wie dort dadurch verdorben worden, daß es in unrechte Hände gerathen sey. Die Litcraten als solche und im Allgemeinen sind nun einmal in dem begrünvetcn oder unbegründeten Verrüfe, daß sie in jede Bewegung der Zeit sich hineinstürzen und im Strome voranschwimmen wollen. Dem Katholik wird aus Köln geschrieben: .Daß hier in Köln ein guter katholischer Sinn leibt und lebt, zeigt sich von Tag zu Tag. Außer den vielen Dombauvereinen, welche sich unter dem Bürgcrstande bilden und fast ausschließlich einen kirchlichen Charakter annehmen und äußern, bilden sich überall noch Vereine zur Herstellung der übrigen meistens denkwürdigen Kirchengebäude in Köln; ein solcher entstand noch jüngst mit dem Ziele, unsere so schöne als verwahrloset-Minoritenkirchc wieder würdig herzustellen, obschon die städtische Armenvcrwaltung, die ein Recht auf dieselbe anspricht, dieselbe nicht als freies Eigenthum der Kirche abgeben, vielmehr, wie verlautet, dieselbe mit den anstoßenden Gc- bäulichkeiten, die ihr allerdings gehören, nach einigen Zahren zum Verkaufe zu bringen gedenkt; aber überzeugt, daß eine Kirche, die seit der Aufhebung des betreffenden Ordens fortwährend als Nebenkirche dem katholischen Cultus ohne Widerspruch gedient hat und jetzt, nachdem die noch von der Hand der allgemeinen Kirchenzerstörung übrig gebliebenen neunzehn Pfarrkirchen mit ihren wenigen Kapellen für die zahlreiche katholische Bevölkerung nicht mehr hinreichen, wahres Bedürfniß geworden ist, nicht ohne den allgemeinsten und gerechtesten Unwillen entzogen werden kann, schaart sich die katholische Bevölkerung um dieß theuere und schöne Baudenkmal unserer katholischen Voreltern und deckt mit ihrer treuen Liebe und frommen Hingebung den herrlichen Tempel, der wie schutz- und herrenlos inmitten der heiligen Stadt dasteht. Was aber das Aufblühen einer ächtkatholischen Gesinnung vorzüglich documentirt, ist das umsichgreifende warme Interesse an den Schicksalen und Werken des katholischen Glaubens, wovon ich der Kürze halber nur auf eine erfreuliche Erscheinung der neuesten Zeit hinweisen will. Mehrere hundert Männer aus allen Ständen haben sich vereinigt, in einem großen ihnen eingeräumten Locale zu bestimmten Zeiten zusammenzutreten und die katholischen Missionsberichte, so wie andere von dem Klerus ihnen empfohlene Schriften zu lesen, daneben aber auch eine anständige Unterhaltung zu pflegen. Die Lesezcit wird in dem Locale, in welchem ein großes, schönes Gemälde des heiligen Franciscus Zcaverius aushängt, mit Gebet begonnen und beschlossen und dann der weiteren Unterhaltung freie Bahn gelassen. Dabei wird für den Missionsfonds gespendet, und die Gaben sind so opferwillig geflossen, daß in dem ersten Quartale bereits mehrere tausend Thaler in der Casse des Rendanten, eines hiesigen Pfarrgeistlichen, sich befinden. Daneben haben sich andere Lesezirkel für gute katholische Schriften, Bruderschaften, u. A. die zur Bekehrung der Sünder gebildet, und alle Zeichen geben zu erkennen, daß der Klerus der Stadt Köln, wenn er seine Mission begreift und keine Mühe scheut, das schönste Feld priestcrlicher Thätigkeit vorfindet." » .„«. >" nickt >!-' « Breslau. Im Schles. Kirchenbl. erklären vier frühere Non- geaner: „Tiefste Beschämung drängt uns zu der öffentlichen Erklärung, daß auch wir uns durch die trügerischen Lobpreisungen hiesiger Zeitungen verleiten ließen, durch unsere Namensunterschrift der Secte der Neuerer beizutreten; daß wir aber durch den bittern Haß gegen alles Katholische, der sowohl in den öffentlichen Versammlungen , als in Rvnge's Schriften sich aussprach, unsere Täuschung erkannt und da die Wahrheit und wahre Christcnliebe nicht gefunden haben, wo Spott, Hohn, Bitterkeit :c. als das Licht des neunzehnten Jahrhunderts gepriesen wird. Daher kehren wir mit innigster Reue zur heiligen Kirche unserer Väter zurück." Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Krem er. ? s ^»^s-- D-ii., ^ d - / ^ MW^ AugsSurger Ppstzeitung. Erste Jahreshälfte. ^. S?. April 1845< Die Macht des Gebetes. (Schwe'z. Kirchenztg.) Gott ist der Herr der Schlachten. Das hat der Glaube von jeher gewußt, die Erfahrung bestätigt; der 31. März und 1. April hat es wieder recht auffallend bewiesen. Daher das ununterbrochene eifrige Gebet der Katholiken der Schweiz seit dem Z. December des verflossenen Jahres. Was wir in diesen Tagen erfahren, ist jedoch nichts Neues, wir finden erfreuliche Beispiele hievon schon in der Vorzeit. Je melr der Unglaube es verkennen will, welches Gewicht das fromme Gebet in die Waagschale der Zeitereignisse und der Schicksale der Völker legt, d-stv mehr fühlen wir uns aufgefordert, einen sprechenden Beweis für die Macht des Gebetes aus der Rcformationszeit anzuführen, welche unserer Zeit so nahe verwandt ist. Es schien damals d>e Zeir gekommen, wo cö sich erproben sollte, ob die katholische Religion eine wurzclhafte innerliche Kraft in sich trage, geschöpft aus den Tiefen der Gottheit, um ihre Ricsenäste auszubreiten über die Welt und die Unzcrstörlichkeit ihres We>ens Angesichts aller Feinde der Erde, trotz aller angehäuften Fäulniß, siegreich zu behaupten. Der deutsche Norden wälzte sich trotzig heran, den Felsen Petri leicht und lustig hinroegzutilgen. Die Eroberungssucht der Türken, dieser Erbfeinde der Christenheit, wurde als Bundesgenosse des Protestantismus aufgerufen; die Flotten Englands und Hollands schlangen sich um die katholischen Kräfte, sie einspinnend wie Doppelschlangen den Leib des Laokoon; die Spanier und Italic er waren in Mißtraue» getheilt, während die verrätherischm Waffen des „allerchristlichsten- Königs der katholischen Macht die empfindlichsten Wunden schlugen. Die katholische Kirchcngcwalr, das einzige Heilmittel gegen die einbrechende» Stürme, litt selbst an den Wunden einer feindliche» Zeit, in ihrer Schnellkraft gehemmt durch Anfinge nicht aus Gott. In dieser äußersten Noth barsten die Brunnen der Tiefe, die versiegelten Wasser der Kirche Gottes, aus dem tiefsten Herzen entgcgenbrausend der hereinbrechenden Irrlehre. Die göttliche Liebe, durch Gottes Geist im innersten Wesen der Kirche lebendig, schoß züngelnd hervor, wie Feuer, die Stick lust des irdischen Lebens zu reinigen, heilige Seelen berührend mit den Flammenblüthcn der religiösen Begeisterung, sie im Sturme der höhcrn Mvstik nordwärts reißend zum Kampfe mit den irren Geistern des Jahrhunderts. Unter den vielen Gottbcgcistertcn dieser Zeit, welche in stiller Einsamkeit durch ihr Gebet mächtig auf die Weltgeschichte einwirkten, wollen wir beispielsweise aus Beda Webers vortrefflicher Schrift „Tirol und die Reformation"") Giovanna Maria dclla Croce anführen, welche im Jahre l603 zu Novercdo das drittgcborne unter sieben Kindern das Licht der Welt erblickte. Ihr Vater, Giuseppe Florian!, vom Bergdorfe Nomcsino ob Mori stammend, war ein gesuchter Maler seiner Zeit, vorzüglich historischen Gegenständen zugewandt, mit aller Sorgfalt für die gemeinen Nebenarbeiten seines Berufes, ei» überaus fröhlicher Geist mit aller Lebhaftigkeit der italienischen Natur, mit einem Herzen voll Güte und zartester Weichheit, im Besitze eines sehr mäßigen Vermögens. Seine Frau, Girolama, fast sein Gegenstück, entwickelte in ihrem ganzen Wesen fast männliche Kälte, die scharfe unerbittliche Obmacht des stets klaren Verstandes, nie bestochen durch das Aufwallen eines übermächtigen Gefühles, dadurch die ordnende Seele des Hauses und der Wirthschaft, um den kostspuligen Bedürfnissen einer theuern Zeit zu genügen, nicht selten heftig gegen alles Ucbersprudcln der Empfindung in Andern. Um so freier bewegte sich der Hausvater in den idealen Gebieten der Kunst und Poesie, der liebenswürdigste Schwärmer auf der Oberfläche des Lebens, in sorgloser Behaglichkeit, nicht selten allzu sehr verloren in die Regellosigkeit des genialen Weltgenusses, nicht ganz gesügc dem Ncchnungsmaaßc seiner Gemahlin. Zwischen beiden Cha alteren, die nur durch herzliche Frömmigkeit vermittelt wa^en, blühte Giooanna eigenthümlich auf, eine zarte Gedankcn- blüthe im schwachen Leibe, im Gesichte dem Vater täuschend ähnlich, mit ihrer weichen, feuerfangcndcn Seele seine beste Seite im verstärkten Ucbermaaße ausdrückend, nur in ihren tiefern Lcbens- gründen vom vorwaltenden Ernste ihrer Mutter gestreift. Zum Mädchen erwachsen, entfaltete sie eine allbewundcitc Schönheit, große blonde Locken um das Eirund ihres zierlichen Angesichtes im frischeste» Jncarnat, besonders schöne vollglühende Augen, die mit männlicher Kühnheit und Gedankentiefe über dem allgemeinen Ausdrucke der weiblichen Zartheit leuchteten, mehr gebietend, als D!es'S Weik, da; j84t z» Innsbruck bei Wagner erschienen, behandelt die Re onn >tivn geschichle aus dem eigentlich rel.giosen Standpuncte auf höchst merkwürdige Weise. heimisch anziehend, oft fast unhcimisch einschlagend in die irdische Gemeinheit. Darüber war ein unwiderstehlicher, schwärmerischer Zug von himmlischer Anmuth und Gcsühlsschwclgcrci auSg-gössen, wie sichtbares Glühen der ticsinnc sten Feuerwcll in der bewegten Seele, all' ihr Seyn, alle ihre Bewegungen vergeistigend, i!?re schlanke Gestalt mit Urbcnnacht nach oben ziehend. Und was der personliche Ausdruck äußerlich darstellte, war als bewegendes Mo- mcnt im reichlichsten Maaße in ihrer schönen Seele vorhanden. Abgeneigt dem RcchnungSwcsrn dieser Welt, ohne Sinn für das, was auf Erden Nutzen und Vortheil heißt, hing sie mit über strömender Empfindung, mit der ganz eigenen Frühreife ihres Geistes an den zarten Bildern ihres frommen Herzens, mit allen Regungen ihnr Zuneigung hingezogn» zu ihrem gleichgestimmten Bater, in dieser Richtung nicht einmal begünstiget von ihrer Mutter, die ein weltgcmäszercS Eingehen in die Erwcrbjcite des Lebens von beiden forderte. Floriani hatte bci aller, Frömmigkeit aus seinem jugendlichen Künstlnlebcn die laute, lnstige Weise behalten, die wir im Kunstlcbcn von Italien noch jetzt antreffen, am besten geschildert im Dccameronc des Boccaccio, und im Leben des Be- ncvennto Cellini, fast eben so reizend für geniale Geister, als angefochten vom Ernste d>r berechnenden Wcltklngheit. In allen arbeitsfreien Stnnden, besonders an Sonntagen, zog cS ihn in'S Freie zn Spiel nnd Unterhaltung mit glcichdenkcndcn Freunden im süßen Leichtsinne eines warmen Blutes bei allem Aufwende von Geist und Kunstschwärmerci, bald auf die Höhen von Jsera zur Spende des berühmten WcinS, bald nach Ballung« im Hintergründe des VolanerthaleS zn Jagd und Vogelfang, bald auf die Nuincu von Marco, um dem Liebling aller Nünstlcr, d-m großen Dante, eine Libcition darzubringen. Dieses zerstreute, wcltgcmeine Auffliegen aus der geistigen Frcnde der Einsamkeit mißbilligte die zarte Tochter an ihiem Vater, sie wars sich oft weinend in's Gebet, nm den Sinn desselben zu wenden, Sie wurde aus Schmerz darüber tödtlich krank, alle Hoffnung des Lcb,ns schien verschw enden. Der Vater, seine Tochter nnendlich liebend, verlor alle Fassung, er meinte sterben zu müssen mit ihr. In der größten Bestürzung warf er sich in einem Nebenzimmer vor ein Krenzbild nieder, nnd gelobte mit lantcr Stimme sich zu bessern, wen» ihm Gott das Leben seines liebsten Kindes schenken würde. Die Erhörung blieb nicht lange aus, Giovanna gesundete, und der Vater hielt Wort. Er schloß sich mit der frömmsten Innigkeit an die Unschuld seiner Tochter an, weinend, betend, betrachtend mit ihr in heiliger Einsamkeit. Das früher in tausend Strahlen nach eitler Wcltlust auswä.tS ergossene Leben kehrte mit gesammelter Ucbcrmacht in sein edleS Selbst znrück, nnd trieb den schönsten Spätfrühling heiliger Tugenden in'S Daseyn. „O Ware ich frei, ' rief er oft ans, „ich zöge mich in die tiefste Einöde zurück, die Sünden meines vorigen Lebens zu beweinen!" Am liebsten redete er mit Giovanna vom Leiden Christi, beide weinten oft herzinnig zusammen über die TvdeSpcin ihres Gottes, und diese süße Uebung gründete in der Tochter jene Krcnzcslust, die sich gcröthct vom Blntc des Erlösers tugcndfreudig durch ihr ganzes Leben zog. Abends gingen sie mit einander spazieren, anschauend die Wundcrbildcr der südlichen Alpcnwclt, die der Vater als Maler so ost stndirt, mit andächtigem Kunstsinne aufsteigend zur höchsten Schönheit, welche Gott selber ist, weilend, ruhend in ihm mit allen zarten Emvsindnngcn ihrer Seele. Saß der Vater arbeitend an der Staffelet, so las ihm die Tochter vor, mit heiliger Begeisterung nährend seine Seele, alle genialen Funken hcrvorlockend in'S Bild. Sie selbst gewöhnte sich durch diesen innigsten Verkehr von frühester Jugend auf mit allen erwachenden Fähigkeiten an das Schöne in Gott, in der Natur und Kunst, und steigerte auf diesem Weqe ihre ohnehin empfindsame, ideale Geisteerichtung zur höchsten Feincmpsindung, die mit unerbittlicher Kraft alles Häßliche und Schmutzige von sich stieß. Und diese Geschmacksbilbung wirkte mit übermäßigem Gewichte auf ihr Inneres zurück, mit Ideale» füllend ihre Seele, alle Gemeinheit verdrängend, das moralische Zartgefühl ausbildend. Aus dieser Quelle floß der Adel ihrer Phantasie, die sich später in so kühnen Bildern über die hei igstcn Partien des christlichen Lebens ergoß. Sie verlor schnell nach einander ihre liebsten Geschwister, und stand am Ende allein bei ihren betagten Eltern als ihre letzte Stütze, ihre einzige Lebensfreude, bei allem Ucberdrange ihres Herzens nach dem Uebersinnlichcn doch keineswegs gesonnen, dem Ehestande zu entsagen, wegen ihrer Schönheit und Bildung fortwährend das Ziel vieler Bewerber, in der ganzen Stadt mit Achtung genannt als reine Jnngfrau, deren Wesen das Vorgefühl außerordentlicher Zustände wach erhielt, ost in der äußerst empfindlichen Schwebe ihres Alters nicht ohne tiefe Neige zu den erla.bten enden dieser Welt. In dieser gefahrvollen nnd cntlcheidcndcn Periode ihres Lebens erschien der berühmte Laienbruder Fra Tomaso von Bergamo in Rvveredo, aus Italien nach Deutschla.id ziehend zur Steuer der katholischen Wahrheit. Er hielt sich längere Zeit daseist im Kloster seines Ordens auf, und erkannte veim ersten Anblicke den höhern Beruf der hochbegabten Jnngfrau, mit jenem Scheraugc der innern Welt, das die verwandte GottcSslammc in befreundeten Seelen leicht durchschaut. „Der liebe Gott sucht dich," rief er ihr zu, „um dich der Zahl seiner gclicbtestcn Bräute einzureihen, und wenn du mit der unendlichen Liebe deines liebenswürdigsten Heilandes mitwukest, so wirst dn von ihm große, unMli>ze Gnaden erhalten." Giovanna fühlte sich bewegt, aber nicht bewogen zum Ueberttitie von ihren Weltgcdanken in'S jungfräuliche Gebiet einer Braut Christi. Aber Brnder Tomaso ließ nicht ab, ein ganzes Jahr kam er regelmäßig jede Mittwoche in ihr HauS, und munterte sie auf, den letzten Ansatz von Wcltsinn für den Erlöser freudig abzuschälen, während er daheim unaushörlich weinte und betete für ihr Heil. Diese Beharrlichkeit verletzte ihre noch nicht ganz erloschene Eitelkeit, sie faßte ailmälig einen unüberwindlichen Abscheu gegen den Zudringlichen, und hätte gewünscht, sich seiner lästigen Gegenwart ganz entziehen zu können. Der GotteSmann durchschaute die Gedanken ihres Herzens, und sprach voll heiligen Eiscrs: „Mag die ganze Hölle sich widers.tzcn, JesnS hat dich zu seiner Braut erkoren, er achtete deine Undankbarkeit nicht, er will und muß dich gewinn,n!" Mit diesen Worte-, verließ er Novc- redo, und zog gen Innsbruck. Mit Giovanna'S Nuhe war's nun auS, eine mahnende, mit Fra Tomaso einverstandene Stimme war in ihrem Innern wach geworden, die ihr Tag und Nacht keine Nnhe ließ, »!>d alle Seclengründc unheimlich machte; sie bekämpfte dieselbe mit aller Macht, mit der Aufopferung ihrer frischen, blühenden Gesundheit, sie siel zusammen wie eine angenagte Blume, Ängst und Mißmuth legten sich hcrzbcdrückend um ihr Daseyn. Sie suchte Zerstreuung, das sonst so gehaßte Allerwcltsleben, aber der Athem war ihr zu knrz, banges Herzklopfen pochte ihr in tiefster Brust, trostloser Sckel an allen Dingen erfüllte sie mit Furcht vor dem Gerichte ihrer eigenen Innerlichkeit. So schleppte sie ihr müdes Daseyn ein ganzes Jahr weiter, freudelos, wachsend im verstockte» Sinne zur Vergrößerung ihrer Scelcnqual. Als sie aber einst ein frommes Mädchen erblickte, das den Ermahnungen des Fra Tomaso willig gehorsamt »nd sich ganz Gott geweiht hatte, änderte ein geheimnißvoller Druck auf den Mittelvnnct ihres Lebens auf einmal ihr ganzes Wesen; in Thränen ansbrcchcnd, flog sie der Glücklichen in die Arme, pries sie selig um ihres ^ muthigen Sieges willen, und konnte nichts anderes als das Gleiche ^ wollen. Mit der Heftigkeit ihres zarten, reizbaren Charakters stürzte! sie in die tu'istc Einsamkeit zurück, weinend über die Sünde der j Verstockung, sich lossagend von jeder lockenden Aussicht dieser Welt. ^ Nach dieser glücklichen Aenderung ergoß sie sich in Gebeten und Amnuthungcn zu Gott. Sich zu Bette legend dachte sie sich im Geiste in den Garten des Oelbergcs an die Seite des verlassenen, blutschwitzcnden Erlösers, oder an'S Kreuz ihres gepeinigten Bräutigams, und seufzte: „Nur deshalb will ich meinen müden Gliedern einige Ruhe gönnen, um meinem lieben Gott meinen Gehorsam zu beweisen!" Liegend auf der linken Seite küßte sie in frommen Gedanken die Wunde seiner rechten Hand, ihre Seele in dieselbe empfehlend, ihn beschwörend bei den Schmerzen duser hochheiligen Wunde, daß er sie ja gewisz auf die rechte Seite zu allen Auserwähltcn stillen möge. Ruhend auf der rechten Seite, empfahl sie sich und alle Frommen dem blutenden Heilande am Kreuze, küssend sein heiliges Herz, flehend um Beharrlichkeit im Guten für Alle. Wenn sie die Füße bewegte, so fiel sie mit der reuige» Magdalcna zu den Füßen Jesu nieder, weinend über ihre Sünden, den Erlöser bittend, daß er sie leite auf der schlüpfrigen Bahn der Tugend. Sie legte sodann stets ihre Hände in Kreuzesform, und flüsterte zu ihrem Geliebten, daß er ihr Ruhe gewähren möchte wie seinem Jünger Johannes an seinem göttlichen Herzen, betend zugleich für alle heiligen Seelen, die ihre jungfräuliche Reinigkeit Gott aufgeopfert hatten. In der Nacht aus dem Schlafe erwachend, schämte sie sich tief, wenn sie die Heimchen, Grillen und Zikaden singen hörte, wachend und lobnid ihren Gott, während sie gcsolafen, und stieg mit ihren Nachtliedern lobend und singenv zu ihrem Schöpfer auf. Sie wendete sich mit den feurigen Glulhen ihrer Se.le an alle Stimmen der Natur, an alle Laute der Thiere, an alle Töne der Menschen, daß sie im stürmenden Zusammenklänge einfielen zu loben und zu preisen ihren Gott, den Urheber alles Lebens unv Scyns, rauschend auf den Flügeln dcS SturmwinveS, lispelnd im Hauche der Abendlust, leise sich regend als GotteSwort im Herzen der Menschen. Sie richtete eine kleine Zelle ihres elterlichen Hauses zur Einsiedelei ei», und zog sich in allen freien Stunden in die Stille derselben zurück, seufzend wie eine Turteltaube am Stamme des heilige» Kreuzes. Mittlerweile war Bruder Tomaso in Innsbruck gottselig gestorben, mit seinem Tode besiegelnd das Wort an seine Schülerin Givvanna. In einem Briefe, den er kurz vor seinem Tode an Nathshcrrn Echer in Roveredo geschrieben, sagt er: „Ucbergcben Sie sich ganz Ihrem Gott, Ihrem höchsten Gute. In diese Gnadcnsülle möge Sie Gott ganz einsenken, und kein anderes Licht leuchte Ihnen als daö himmlische, Sie selig einzuleuchten in die ewige Freude." Diese letzten Worte des Sterbende», dieses Vermächtniß des Todten an die Lebendigen, machie ans Giovcmna's Geist und Herz den nachhaltigste» Eindruck, sie spornend auf dem Wege des Heils, gedcnkenv ihres verklärten Freundes. Die außerordentlichen Wirkungen ihrer GottcSlicbe, schon lange i» leisen Anzeichen lebendig, stiegen cillmälig Heller auf, wie leuchtende Blitze in'S schwüle Leben der Erde zuckend. Sie wurde in ihrem einsamen Holzkämmerlein oft so gewaltig entzündet von der Liebe zu Gott, daß ihr der enge Raum des Gemaches krampfweckcnd auf die LebcnSgefäßc wirkte, daß sie durch unsichtbare Gewalt aus ihrer Beklemmung gerissen, trunken und voll von ihrem Erlöser, schwebend, tanzend durch die Gänge des Hauses sang und jubilirte, mit lauter Stimme ihren Bräutigam lobend und preisend. Die Mutter, schon lauge iibcl gestimmt durch die unweltförmigc Geistesrichtung ihrer Tochter, platzte heftig wie sie war mit Vorwürfen aller Art i» diese AuSbrüche der GvttcSliebe herein, schalt sie eine Närrin, und schüttelte sie gleichsam aus ihrer Verzückung. Aber ihr Vater milderte die Eingriffe der Mutter, mit der verzückten Tochter einstimmend in den Preis der göttlichen Liebe, oft selbst ganz cingeschlürft in die Wonnen einer höher» Welt. Giovanna selbst war nach jedem Erwachen aus diesem jubilircndcn Zustande tiesbeschämt, »»endlich verlegen nnd fast verzagt. „O mein Gott!" seufzte sie, „Deine göttliche Weisheit kann ja in mir wirken ohne diese äußern Zeichen! Si hst Dn nicht, daß ich meine Mutter dadurch erbittere uud kraule?" Sie drängte sich mit Gewalt in sich zurück, ankämpfend gegen das Nauschcn und Einströmen des göttlichen Geistes, »m ihr Licbcs- glück zu verberge», aber mächtiger als alle menschliche Vorsicht stürmte der innere Liebcsdrang, es barst ihr cinmcil in diesem unnatürlichen Widerstreben eine Ader in den Atbcmgängc», große Blutströmc entleerten sich gewaltsam, sie fast erstickend, eine lange Krankheit hätte sie bald getödtct, nnr mit Mühe entging sie dem frühzeitigen Grabe. Damit fing auch ihr Kränkeln an, das sie lebenslang marterte, und erst mit dem Tode aufhörte, als die eingepreßte Flamme den engen sterblichen Leib verließ, um in Gott, ihrem wahren Elemente, zu glühen. Sie bändigte sich selbst mit Wachen, Fasten und allerlei Abtödtung, sie aß kein Fleisch, trank keinen Wein, und genoß überhaupt wenig, oft wochenlang fast gar nichts bei unaushöilichcm Brechreize und empfindlichen Magcn- schmcrzcn. Fast noch zerstörender als Ueberdrang der innern Got- teStrast wirkte das Bewußtseyn der frechen Wcltsündc auf ihr Gemüth und die zarten Fühlseiden ihres LeibcS ein. Die letzten Faschingstage kam stets unnennbare Trostlosigkeit über ihre Seele, eine Düire des Geistes, die alle gute» Gedanken, alle Empfindungen der göttlichen Liebe vertrocknete. Ein marterndes Fieber befiel sie, alle Lebenskräfte gewaltsam niedcrcrrbeitcnd, so daß sie an der Aschermittwoche abgezehrt, tvdtcnblaß von ihre»! Schmer- zenslagcr erstand, unendlich froh, daß sie leiden konnte für die Sünden der Welt. (Schluß folgt.) Schweden und Norwegen. Stockholm, 2, April. Zufolge Norwegischer Zeitungen vom März ist von Seiten der Norwegischen Regierung eine Pro- Position über NeligionS- nnd Gewissensfreiheit an das so eben versammelte Storthing gelangt, und ma-r ist sehr begierig zu erfahren, wie sich dasselbe dieser interessanten Angelegenheit gegenüber benehmen werde. Die Propvsition der Regierung zeigt, vorausgesetzt, daß man nur die scandinavischc Erstarrung in spirituellen Dingen in Betracht nimmt und keine Vcrglcichung anstellt mit anderen Ländern, eine liberale Gcsin»ung. Sie lautet nämlich dahin: l) daß eö jedem Mitbürger freigestellt seyn solle zu einem anderen christlichen Religionsbekenntnis; als jenem der Staatskirche (der lutherische») sich zu halten, ohne andere Folgen, als daß er im Abwcichungssalle, als Disscntcr, zu Staats- ämtcrn unfähig sey; 2) daß eS (mit denselben Folge» für die Kinder im abweichenden Falle) den Eltern in gemischten Ehen zugestanden seyn solle, ihre Kinder in welchem christlichen Bekenntniß sie wollen zu erziehen. Zusolge derselben Berichte will man voraussehen, daß zwar das Storthing in die Proposition der Negierung rückfichtlich des ersten Punctes eingehen werde; der zweite Punct aber einige Discnssion veranlassen dürfte. Vergleicht man nun diese Norwegische Toleranz mit unscrcn Vorgängen in Schweden, so muß man billigerweise zugestehen, daß in Norwegen mehr gesunder Verstand sey als hier in Schweden; denn, wie bekannt, ist hier noch voriges Jahr einer unserer Mitbürger vom Gerichte zweiter Instanz, gegen den Wortlaut des §. 16. der Konstitution, zur Landesverweisung und zum Verlust seiner bürgerlichen und erbschaftlich cn Rechte verurtheilt worden, weil er Katholik geworden ist. Zwar gab man sich seither der Hoffnung hin, entweder daß daö oberste Reichsgericht, an welches der Vcrnrtheilte appellirr hat, dieses harte Urtheil cassiren, oder daß die NcichSständc sich gegen eine solche sophistische Deutung des genannten H. 16. verwahren und sich der Gewissensfreiheit annehmen würden. Aber weder das Eine noch das Andere ist bis auf diesen Tag geschehen. Der V,r»rthcilte wartet schon bald ein Jahr vergebens auf irgend einen Entscheid von Seiten des obersten Reichsgerichtes, so daß eS scheinen Will, als ob dieses Tribunal weder ihn zu verdammen noch frei ;u sprechen vorhabe. Die ReichSstcindc sind auch schon seit zehn Monaten versammelt, ohne daß irgend ein günstiger Laut für die Sache der Gewissensfreiheit vernommen worden wäre, im Gegentheil, die einzige Motion, die in Bezug auf diese Angelegenheit bisher am Reichstage gemacht worden ist, lief auf die Proposition hinaus, daö apostolische Vicariat in Schweden für jede Konversion eines staatskirchlichen Lutheraners zum Katholicismus verantwortlich zu macheu, d. h. beide, den apostolischen Vicar und den Konvertiten in das Exil zu schicken. Zwar sind die Stände in diese Proposition nicht eingegangen , haben aber auch nichts zu Gunsten der Gewissensfreiheit entschieden. Diese auffallende reichsständische Abneigu, g gegen Alles, was wirkliche Gewissensfreiheit heißt, hat denn auch zur Folge gehabt, daß das bekannte staatskirchliche Konsistorium zu Stockholm neuerdings wieder Muth gefaßt hat die fast entschlafene Fehde mit dem so eben in Norwegen abwesenden apostolischen Vicar wieder aufzunehmen, in der Absicht ihn alles Ernstes mit einer Znjnrienklage vor Gericht zu ziehen, weil er voriges Jahr in seiner V rthcidigung das Konsistorium der Intoleranz beschuldigt und die Consistonal-Auslieferung des Konvertiten Nilsson an das Gericht behusS der Landesoerwcisung u. s. w. eine „Verfolgung und Kreuzigung" genannt hat; wobei sich einige staatetirch- liche Blatter, Angesichts dieser Auslieferung und Verurtheilung, nicht entblöden zu behaupten, daß der apostolische Vicar durch diese Beschuldigung die Ehre der schwedischen Nation angegriffen, und daher „jedes ihm erwiesene Wohlwollen und Vertrauen nur mit der tiefsten Betrübniß könne angcsehi n werden." Welche Begriffe von Glaubensfreiheit! Aber freilich ist jrtzt die Illusion über schwedische Aufklärung und gerühmte Toleranz in Europa vorüber, — und D.iS ist es eben, was die Leute so ingrimmig macht und so schwer vergeben wird. (Kcuhoük.) Frankreich. Dem Rhein. Bcob. wi-d aus Paris geschrieben: In einem Aufsätze des Rhein. Beobachters Nro. 101 — aus Mm (i. April habe ich nicht ohne Bedauern einen meiner Ansicht und Erfahrung nach gänzlich einseitigen Angriff auf das Institut der barmherzigen Schwestern gesehen. Wer in den zahlreichen hiesigen Hospitälern das Wirün, die Aufopferung, die hohe, herrliche, christliche Humanitär dieser Perlen des Katholicismus gesehen, ich sage mehr, gefühlt, wer den U«te>schied kennt zwischen der weiblichen, zarten, aufopfernden Pflege und der rohen Faust männlicher bezahlter Krankenwärter, der kann! dem Institut der barmherzigen Schwestern (hier -es 5oeurs 6e ek-n-its genannt) nur Ehrfurcht zollen. Glücklich jedes Land, jede Stadt, wo diese frommen menschenfreundlichen Frauen ihr Zelt aufschlagen, um die ekelhaftesten Kranken oft mit überirdischer Entsagung zu Pflegen. Solche Wunder der Nächstenliebe thut nur der Glaube, und ich würde der Stadt Ulm Glück wünschen, wenn statt einer Glaubensspaltung der neuen Serien daselbst die barmherzigen Schwestern als Freundinnen und Pflegerinnen der Leidenden Eingang fänden. Da der Rhein. Beob. mehrmals ausgesprochen, er würde jeder ruhig dargestellten Ansicht seine Spalten öffnen, so liegt mir wesentlich daran, nach dem contra auch das nro in Bezug auf die barmherzigen Schwestern veröffentlicht zu sehen. Gar viele Deutsche, die, nach Frankreich verschlagen, Dienste in der Fremdenlegion nahmen und den langen Marsch durch die sranzösijchcn Provinzen machten, haben persönlich Gelegenheit gehabt, in den Hospitälern (namentlich in dem großartigen Institut von Beaune in Burgund, Lüte-cl'or) die Pflege der barmherzigen Schwestern heilsam zu fühlen. Wie viele Protestanten sind nicht von den barmherzigen Schwestern also gepflegt worden. Hier in Paris thut dieser herrliche Orden nicht bloß in den Hospitälern einen schweren täglichen, nächtlichen Dienst, sondern wo ein Kranker in der Stadt weibliche Pflege verlangt, da werden ihm die gebenedeiten Schwestern gesandt, welche unentg eidlich den Kranken besuchen, pflegen, seine Wnndcn verbinden, selbst Nachtwachen übernehmen. Wer allein, ohne Familie, in Paris lebte und diese herrliche katholische Institution um Hilfe ansprach, wird ihr eine innige, aus der Seele strömende Dankbarkeit widmen. China. Prof. Neu mann in München schreibt in der Allg. Z. über die von Einigen bestrittene Aussetzung der Kinder in China unter anderm: „Die Begleiter der Gesandtschaft des Lord Amherst und andere Engländer, die sich längere Zeit in Kanton aufhielten, namentlich der jetzige englische Konsul und Missionär Tradescant Lay, glanbten die Chinesen seyen mit Unrecht des Verbrechens des Kindercmssctzcns und Kindermordeö beschuldigt worden, weil sie nämlich nichts davon gesehen haben. Auch Professor Neumann hat während seines Aufenthaltes in China keine Kinder auf den Straßen liegcn und keine Leichname in den Flüssen schwimmen sehen. Er hat aber auch keiner Niederkunft beigewohnt, und könnte also, aus demselben Grunde, die Geburten wie die Vernichtung der Geborenen längnen. Der gewöhnliche Fremde wie die auswärtigen Gesandten winden ja bis vor Kurzem als Gefangene behandelt. Was konnten sie von deni Innern des Landes, von den bejammerungswerthcn Voi fällen innerhalb der Familienkreise vernehmen! Ueberbieß bedenke man, daß die Bevölkerung der Kreis- Hauptstadt Kuangtong durch den starken Handelsverkehr zu einer in den andern Gegenden des Reiches seltenen Wohlhabenheit gelangte, welche sie in den Stand setzt für ihre zahlreichen Angehörigen zu sorgen. Müßiggang, Armuth und Verwilderung sind aber bet allen Völkern und in allen Zonen die alleinigen Ursachen der Verbrechen. In dcn übrigen Ländern der Mitte hingegen findet der Kindermord, wie uns neuerdings noch Gützlaff als Augenzeuge versichert, statt, und zwar mit schamloser Grausamkeit, l^uins onenkll, I, 491). Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber : F. C. Krem er. ! , zianüI ^ i> ^»S- - K der Augsburgev ., PpKzeitung. Erste Jahreshälfte. - 4. Mai 1845. Die Macht des Gebetes. (Schluß.) In allen diesen wundersamen Erscheinungen, im unaus- reichenden Bestreben, den Leib mit den Strömungen der Seele in Einklang zu bringen, war die heilige Communion ihre einzige Herzstärkc, ihr süßester Gedanke bei Tag und Nacht. Schon am Vorabende erwachte in ihr eine unüberwindliche Begierde nach dieser einzigen Seelenspeisc, die sich mit jeder Stunde steigerte. Kaum konnte sie im Ueberm aße der aufgeregt!» Empfindungen vor Mitternacht ein Auge schließen, mit Schlag l2 Uhr waren alle Blntströme lebendig, alle Empfindungen aufgcstürmt, ihre Lebens jhäti^kcit dem Morgen zugewandt mit glühender Sehnsucht, mit Seufzern und Thränen. Oft riß es sie mit Gewalt auf nach een Sternen des Himmels, nach den Zeichen der tagenden Frühe, und Thränenströme netzten ihr Angesicht, wenn die vorgerückte Nacht nicht wohlthätig auf ihre Seele niedcrlcucbtetc. Ein pfcilartig schließ ndcS, weltvergessenes, blickeinwärts g kehrtcs Wesen trug sie in die Kirche, ihr Athem wurde vor Hunger nach der Himmels- kost glühend heiß, ein liefauSholendes Arbeiten der beengten Brust ließ sich vernehmen, sie war abgemagert, blaß wi- eine Leiche, ihre Augcn tief zurückgesunken in die unmäßig vergrößerte Höhle, die Lippen blutlos, unausstehliche Trockenheit in der Kehle bis hinunter in die Kammer des Herzens. „Ich kann'S nicht mehr aushalten," klagte sie öster, „mir brennen die Eingeweide vor unnennbarer Sehnsucht nach Dir, o Golt!" Im Hinzutreten cichtte sie bw'ge: „O Her; Jesu! O Herz Jesu! ich kann nicht mehr! ich kann nicht mehr!" Den Ausspeuder erblickend, empfand sie ein stürmisches Wühlen aller Säfte, ein Aussied n der tiefsten Seelen, gründe, die ihrem Heilande cntg gen je> chzten, sie lispelte ihm süße LicbeSreime zu von den Wunden Christi, angezogen durch die unsichtbare Gewalt des Gottes, den er in seinen Pricsterhändcn trug, wie an- und aufgesogen durch die Strahlen de ausströmenden Gottcofülle. Kaum hatte der heilige Leib des Erlösers ihre Zunge berührt, als duich das schäumende Uebcrmaaß von Innigkeit und Sättigungslust gleichsam eine ve-borgcne Feder ihres Organismus sprang, und die ersehnte Engclskvst auf einmal in die tiefste Seele hinabschlang, Ihr Gesicht erblühte zu frisch other Lebcnsfarbe, zu einem glänzenden Gcisteefrühling mit allen Blumen der göttlichen Liebe, das Auge trat aus der Versenkung, funken- sprühend, sie sank in tiefe Verzückung, erstarr, nd in di. scr schönsten aller geistigen Entknospungen des verbotenen Seelenlebens, ost flüsternd und lallend in unaussprechlicher Süßigkeit mit Jesus, Maria und den Heiligen. „O Wonne! O JcsuS! meine Lust! O Liebe, meine Sättigung!" hallte es leise, oft unterbrochen, aus den innersten Zillen ihr>s Lebens, „ o Himmclsfrcudc zu ruhen im liebenden Herzen meines Jesus, abgeschält von allen Gegenständen der Erde, abgesondert selbst vom eigenen Leibe i» seliger 'Vergessenheit und Entäußerung von Allem, was Gott nicht ist, im Schooßc des Erlösers, saugend die honigflh ßende Milch seiner göttlichen Weisheit." Sie trat dann sehr ost aus ivrer Persönlichkeit heraus, sich selbst als Object sirirend, ansingend alö Behältniß für daö Allerhciligste. Es war vom himmlischen Künstler gearbeitetes aus feinstem Golde und hellschimmcrnden Perlen, glänzend im r i.rsten Strahlenschmucke. In der Mitte leuchtete ein Herz auS Rubin, glübcnd im ecsciltigtsten Noth, vorn geöffnet mit einem wundeischönen Krcuzbildc, golvstrahlend. eingcschnilten in halb,rhobc»er Arbeit, darüber schwebend die heilige Hostie, weißer als Schnee. Sie wrude bei diesem Anblicke ganz verschlungen in dieses Herz, wie der Wurm eingepuppct, und von den Licbesslammen umlodert, aufge-ch-t. Der B griff unbeschreiblicher Herzcnsreinigkeit drllckle bei diesem Wuuderblicke auf ihre Seele, einlaßfordeind. „O komm, komm Reinigkeit, himmlisches Fräulein! in meine Seele. Ich r ill Dich inbrünstig umarmen und küssen, und Dich einführen in die innerste T»fc meines Heraus. Ich will mit dir leben und sterben!" Sie wurde in diesem Zustande oft vor allem Volke mehrere Spannen über die Erde erhoben, schwebend imSuömcn »nd Braus n ihrer mächtigen Gottes- gcfiihle. ÄnS diesem Flüsterlcben der reinsten Liebe ve,sank sie dann am Ende stets wieder in ein starres Versunkensevn in Gott, ohne Regung, ohne Laut, ohne Gebrauch der Sinne, ost sieben Stunde» nach «inander. Elwacht oder g weckt, fiel sie zusammen wie eine welke Blume, der irdischen Well abgeblüht, mit maßloser Sehnsucht nach dem Verlornen Himmel. Je höher die c Einschlür- fung aller Seilcnkräfte nach innen stiea, desto unzulänglicher wurde ihre Leibeskraft, desto häufiger ein seltsames, von Aerzten nicht verstandenes, keiner Ärznci weichendes, mit unerträglichem Schmerzen verbundenes Krankseyn. Aber selbst ihre Krankheit wurde zur Poesie im Hauche des Geistes, der sie bewegte. Sie kam sich selbst als ein Tonwcrkzeug vor, vvn mannichfalligen Leiden kunst reich besaitet, ertönend in süßem Wohllaut. Die tonkundigc Hand ihres Gottes spielte in den Saiten, mit dem ersten Finger spielend die Ergebung in den göttlichen Willen, mit dem zweiten das Leiden aus Liebe zu Gott, mit dem dritten die vollkommene Geduld, mit dem vierten die Gleichförmigkeit mit dem leidenden Erlöser am Kreuze, mit dem fünften das Lob Gottes in Noth und Tod, und das Rauschen dieser fünr Tvnanlagen im herrlichen Einklänge machte die lieblichste Musik in den Ohren des himmlischen Vaters! Als sie einst, von Fiebcrschincrzcn entkräftet, die Lieder der FronleichiiamSprocession erschallen hörte, zuckte eine weltumfassende Trauciniusik durch ihre Seele. Alle Leiden der Kranken, der Betrübten, der Gefangenen, der Sterbenden auf der weiten Crrc, alle Schmerzen der armen Seelen im Fcgfeucr hallten in ihre Krankheitsw^hen herein, lautrauschend im unermeßlichen Chor, klagend »wd singend den liebreichsten Gott, sie fort- r-ißcnd wie ein enlschütielndcs Bliithcnblatt in den Sicgeszug ihres Heilandes. Sie lebte sich wundersam hinein ins Kirchenjahr, und die ganze heilige Schrift des neuen Bundes war in ihrem Geist zweckmäßig vertheilt auf alle Sonn - und Festtage des Jahres. Alles gestaltete sich in ihr zu den kühnsten Bildern, die nährend, belebend, aufweckend an ihrer Seele vorüberzogen. Und aus dem schwelgenden Genusse dieser Fcstbilder erwachte sie stets flamme»- svrühcnd in Liebe und Lust zu ihrem Gott. Das Leiden Christi, die süßeste Betrachtung ihrer Seele, wiederholte sich mit crschüt tcrndcr Macht an ihrem Leibe, an ihrer Seele, mehr oder minder das ganze Jahr, besonders an Freilagen, U"d am meisten in der Charwochc. Im Jahre 1662 fiel der 17. März, der Todestag Jesu Christi nach ihrer Meinung, auf einen Freitag, da war ihr Leidensschmerz am größten. Das Haupt schwoll ihr unmäßig auf, lief an vielen Stellen roih an, als wollte Blut hervorbrechen, u>d wurde vvn den wühlendstcn Schmerzen durchbohrt. Ihr Schmerz schmachtete so krampfhaft zusammengepreßt, daß eine Obn- macht auf die andere folgte, jedes Glied war furchtbar gepeinigt Besonders schmerzhaft und blutroth aufgischwollen zeigten sich die Stellen der Wunden an Hand, Fuß und Brust. Noch größer War die geistige Noth, die Qual ilrcs Gemüthes, der gänzlichen Verlassenheit. Aber ihre Lcidcnslust stieg zu einer brennenden Heftigkeit, cS zog sie mit Gewalt an die heiligen Wundmahlen ihres MottcS, um aus seinem Leibe, aus seiner Seele den giftigen Todcsschmerz zu sauacn, um ihn zu lieben unendlich mit der That, mit den Lcidenokräften maßloser Liebe. Der übermächtige Eindruck, den ihre Seele aus der KrciizcSschau in sich aufnahm, wirkte wunderbare Erscheinungen an ihrem Leibe. An ihrer Brust bildete sich eine große M-iude, wie von cimr Lanze, heilte allmälig eins, und überzog sich mit einem zarten Häutchcn, in ihren Nieren Wuchsen drei Nägel aus dem Stoffe der Nierensteine, und im Herzen eine feste Masse, ähnlich dem Rumpfe eines Menschen, ganz daS, was die Italiener Do:so nennen. Daher rührten die grimmigen Pcinen, die sie in ihren empfindlichsten Lcbenstheilen ausstehen mußte, und erst die zerlegende Untersuchung brachte diese, aus der Betrachtung des Leidens Christi gesogenen Ursachen an den Tag. Eine crstaunungSwürdige Fcincmpsindung an allen Sinnen stellte sich ein, j.dcr Gcrnch von köstlichen Salben und Stoffen war ihr lövilich zuwider, sie fiel in ihrem Zlmmcr in Ohnmacht, wenn im Keller dcö Hauses ein starkricchendeS Arzneimittel hinterlegt war. Dadnrch wurde sie eine Macht, wirkend in die Ferne, raumvermittclnv, mit diesem Wcitausfühlen und Tüfhincin- empfinden alle Anwesenden mit Schauder erfüllend. Der Schmutz der unreinen Sünde macktc sie an dem Sünder, der ihr nach der That begegnete, ohnmächtig vor tiefcingreifcndcm Schmerz, und als sie einst durch ein Zimmer ging, wo so eben ein derartiges Vergehen stattgefunden hatte, fi l sie atsemloö zur Erde, fast erstickend in den Oünsten der Unreinigkeit, c-st »ach langer Krankheit genesend vom e> tsetzlichcn Eindrucke dieser Wahrnehmung. Sie selbst duftete dagegen in ganz eigener Lieblichkeit, ihr Zimmer, ihre Kleider, ihren jedesmaligen Standpunct mit Wohlqcrüchen durchdringend, durch das Vorausgehen der Düfte ihr Nahen verkündigend. Der Ringfinger war am duftrcichstcn, derber von frommen Seelen mit Andacht geküßt, mit dem gehcimnißreichcn Vermählunusringe, den ihr Gott nach ihrer Aussage daran gesteckt, mit Perlen und Edelsteinen in KnuzeSform abbildend die Todeslciden des Erlösers. Die ehrwürdigsten Zeugen sagten vor den Gerichten zu Novercdo aus, man habe zur Prüfung ihrer Anösage andere Ringe mit großer Gewalt an diejen Finger treiben wollen, aber stets umsonst. Sie waren nicht weiter als bis ans Hauplbeugcglied des Fingers zu bringen, dann schwoll der Finger unmäßig auf, uud gestattete kein Weitcrschicben. Wenn sie gewissen Personen in gemessene Näbe kam, so gewahrte sie im tief- innersten Raume ihres Leibes, ihrer Seclenihätigkeit den Gewissens- zustand des Angenäherten, sie brauete dann aus wie siedendes Wasser, schaudernd und schaudererregend, cS faßte sie ein wilder Schmerz im Tiefgefühle der versteckten Sünde. DaS begegnete ihr vorzüglich im Beichtstühle, das Aufschäumen der empörten Empfindung über die Sünde des Beichtvaters sprudelte in heftige Vo würfe über, in Ermahnungen zur Buße, und war der aufregende Sturm vorüber, so sank sie ohnmächtig zusammen, gebadet in Thränen über ihr Mißgeschick, ihre eigene Sünde beklagend in diesem Heraustreten der Lebenskräfte ans dem Tone einer demüthig Beichtende». Die Beichtväter selbst waren nach ihrem eigenen Geständnisse oft völlig vernichtet über die scharf ins Detail treffende Aindcckm'g ihrer GcwisscnSzuständc, und nicht alle hatten Kraft genug, diese Feuerprobe zu ihrer Besserung zu benützen. Dieses gotlerregte, alle natürlichen Zustände übersch eilende Auftreten und Eingreifen machte sie selbst den meisten Beichtvät r» unverständlich, den Getroffenen tödtlich verhaßt, dem menschliche» Kurzbticke überhaupt gefährlich als eine regellose Macht, den Sicbcnschlaf des Jahrhunderts störend. Schamlose Nachrede, bittere Verfolgung, Verstoßung von Freunde» und Verwandle» legten sich wetteifernd an die Wehrlose, um ihre Himmelokraft niederzukämpfen, mit dem Biß der Schlange umzüngclnd das kühne, gottanstrebende Wcrb. Ihre Mutter wurde brdauert, eine so unglückselige Närrin zur Welt geboren zu haben, selig gepriesen der Vater, welcher in der Gluth heiliger Jcsusliebe unter dem Gebete seiner geliebten Tochter 1624 selig im Herrn verschieden, nach dem Urtheile der Nnchlosen aller Schande entgangen war, die Giovanna auf sein Haus gehäuft. Sie selbst ohne Trost in Noth und Krankheit, versank oft in den verzagendsten Kleinmuth, irre werdend an ihren eigenen Zustände», den Einwirkungen unheimlicher Gewalten preisgegeben, an Leib und Seele gebrochen und zerschlagen. Ein ganz eigener Schauder durchrieselt den Leser, wenn er diese Kämpfe liest, dieses Aufbrodeln unsichtbarer Tcufelsgewalt, um eine große heilige Natur in ihrer schönste», zartesten Lebens- und Himmclsbl >thc zu vernichten. Aus ihrer abgetöneten Seele stiegen dann kleinliche Unmuthsgcdankcn auf, eine kindische Reizbarkeit, alle frühem GvltcSgnadcri zweifelhaft und vc.dächtig machend, blaue Flecke, wie von heftigen Schläge», erschienen an ihrem Leibe, sie konnte oft kein Glied regen vor unmäßigem Schmerz, Tage lang lag sie athemlos da ohne Speise und Trank, baldigen Tod erwartend. Die unpassenden Zuspräche der Priester, die von ihrem Zustande nichts verstanden, fielen wie glühende Kohlen peinigend in ihr tiefstes Herz, und rührten sich daselbst wie ein unheiml ches Gewürm. Sie selbst sagt, alles habe in ihr aufgehört in solchen Zustan den, Sinnliches. Geistiges, Religiöses, sie sey ihr vorgekommen wie eine große, weitgcstrcckte Heive ohne Keim und Lant, ohne Licht und Sonne blick; nur die Ergebung in den göttlichen Willen sey stets uncrschüttcrt geblieben, die ei zige Stütze in der unerhörten Angst, die sich auf Seele und Leib gelegt. Durch solche Prüfung reifte sie zur gebietenden Macht im Vatcrlande, einen neuen Geist zu wecken, und ihn über die Gränzen der Tirvleralpen hinauszuverbreitcn für das Heil der katholischen Kirche. Wie dieß geschehen, davon später. Der Hochwiirdigste Erzbischof von Freivurg über die mltitirchlichei» Wirren dieser Zeit. Wir Hermann von Vicari, durch Gottes Erbarmung und des heiligen apostolischen Stuhles Gnade, Erzbischof zu Freiburg und Metropolit der oberrheinischen Kirchenprovinz :c. entbieten sämmtlichen Hochwürdigcn Decanen und ihrer gcsainmten Capitclgeistlichkeit Unsern freundlichen Gruß, und Segen und Heil von dem Herrn. Wir leben in einer Zeit der Auflehnung gegen Alles, was von Alters her bestanden. Die umstürzenden St.ebungcn wenden sich unter Andcrm auch gcg n unsere heilige Religion. Es ist bekannt, welche Angüsse in unsern Tagen auf die Fundamente des Christenthums gemacht worden sind, und noch gemacht werden, namcntlüv, wie emsig Flug- und Tagesl^ätter auf Unglauben, religiösen Leichtsinn und Indiffcrcntismus hinarbeiten, behauptend, daß sie die Interessen der Aufklärung und des zeitgemäßen Fortschrittes vertreten. Vornehmlich aber ist cS die katholische Kirche, welche den umwühlenden Angüssen der Zeit ausgesetzt ist. Wie anders? Könnte diese große, eng vereinte und aller wühlerischen Tendenz der ewig wechselnden Tagesweisheit unzugängliche Macht gebrochen weiden, so hätte die Willkür dcc Meinung» den Sieg; eine ewige, unwandelbare Wahrhit stünde überall nicht in der Welt da, und Jeder möchte eS mit seinem Glauben halten, wie eS ihm gefiele. Um daher unsere heilige Kirche, diese Grundfeste der Wahrheit, um ihr Ansehen zu bringen, wcrden da und dort die grössten Verleumdungen gegen ihre Lehren und Institutionen ausgestreut, und wie > achvrücktich man diese Veileumdungen auch zurückweise, dieselben werden mit der gleichen Frechheit in derselben oder in eine, andern Gestalt wiederholt. Manchmal werden anch bloß Nebensachen und Äußendinge angegriffen. Aber je ungewichtigcr diese Angriffe an und für sich sei.st scheine», desto mehr sind sie für jene Menge der Obelfläch- lichen und Unwissenden berechnet, die in ihren Urtheilen über Religion und Kirchenthum keinen a dern Maaßstab haben, als eben diese Außendinge u»v Nebensachen, und dcuo willkommener sind sie jenen Sündenlüsterncn und Sünvcnbcfleckten, welche in ihrer Lüsternheit und Verkommenheit begierig nach Allem greifen, was sie von jenem Glauben befreien zu können scheint, der sie beunruhigt und hindert. Wenn die eben erwähnten Anstrcbungcn gegen positives Christenthum und katholische Kirche erfolglose Bemühungen Wären, so könnten Wir, wenn auch betrübt über dieselben, doch Uns anderseits freuen, weil sie Uns zeigten, wie wohl unterrichtet, und wie fest in ihrer christkathvlischen Ueberzeugung unsere Gläubigen seyen. Allein jene feindseligen Anstre bringen sind nichts weniger, als wirkungslos geblieben. Hier und dort sind E nigc bereits vom katholischen Glauben abgefallen; Andere sind nahe venan, das Gleiche zu thun; und wie viele Tausende seyn mögcn, welche in ihrem Herzen unruhig sind, zwcifUn, schwanken, oder wohl s.lbst schon entschieden sich vom positiven und katholischen Glauben abgewendet haben, weiß allein Gott. Ansehnlich ist deren Zahl unzweifelhaft, denn der Verführer ist selbst in die niederen Classen der Gesellschaft gedrungen. Wir leben in einer bedeutungsvollen Zeit. . Was UnS aber aus Allem, was vor Unsern Augen vorgeht, klar einleuchten muß, ist ein Zweifaches. Das Erste ist, daß sich vielfach in den mittleren Ul d se bsi in den höheren Ständen große Mangclhaftigkcit der ch.istlatho.ischcn Erkenntniß, und im Gefolge dieser Mangelhaftigkeit vornehme Mißachtung theils des positiven Christenthums, theils der katholischen Kirche zu Tage legt. Wir erkennen daraus, daß daö, was bisher für christkatho- lifchcn Unterricht und chnstkathvlische Erziehung geschehen ist, vielfach nicht zureiche, und daß die Zahl derjenigen, welche von jeder ohrcnkizelnden Oberflächlichkeit fortgciisscn, oder im Verlauf ihres Le/ens sich ihre eigene Religion zusammcn'ctzen, so groß sey, als sie cS wohl bei einem gründlichen Religionsunterricht, und bei einer schon früh gepflegten Einpflanzung der heiligen Wahrheiten in taS Herz unmöglich seyn könnte. Wir erkennen aber eben darum weiter, welche Anforcc-ungcn unsere Zeit in Ansehung des Unterrichts und der Erziehung in der katholischen Religion dringend an Jeden stelle, welcher von der Kirche eine Seelsorgc empsangen und übernommen hat. Wahrlich, eine Thätigkeit, wie sie vielleicht ehedem hinreichen mochte, genügt den Betiufnissen der Gegenwart nicht, und insbesondere die Jugend muß gründlich und vollständig unterrichtet, dann aber (was die Hauptsache ist) in die Liebe ihrer Religion und Kirche eingeweiht werden, wenn sie den Verführungen unserer Zeit gewachsen seyn soll. Namentlich hat eine Ueberzeugung, die nicht auch zugleich im Herzen wurzelt, keine Gewähr für ihre Treue. Das Andere, was UnS einleuchten muß, ist dieses, daß wir zwar in Zeiten großer Anfeindungen und Gefahren leben, daß diese Anseindungcn und Gefahren aber von der göttlichen Vorsehung in keiner andern Absicht z gelassen s yn können, als damit der Glaube unter uns an Licht, Lebendigkeit und Kraft gewinne. Es müssen Aergernisse seyn, es messen Prüfungen kommen: aber wenn wir sie getreu benutzen, so können sie der Wahrheit und Gottseligkeit nur förderlich seyn: die Unwissenden werden belehrt, die Irrenden zurechtgebracht, die Schwankenden aufgerichtet, und die Gläubigen befestiget werden. Groß aber, corwürdige B üder! erscheint nun die Aufgabe, welche uns von der Zeit, in der wir leben, oder viel »ehr, welche uns von Jeius Christus und seiner Kirche in dieser unserer Zeit zugeschicden ist. Der heilige Geist, der Leuer der Kirche Christi, hat diese Trübsale kommen lassen. Was er mit denselben will, ist, daß sie Allen und jedem Einzelnen zu seinem Besten erreichen; aber uns liegt cS ob, seinen Führungen und Gnaden mitzuwirken, und der Sache des Glaubens den nahe gelegten neuen Aufschwung zu geben. Wir drücken euch daher, ehrwürdige Brüder! ein nnbcgränztcs Vertrauen auf cucrn von der Gegenwart gebieterisch geforderten scelsorglichen Eifer aus, und sind überzeugt, daß ihr alle euere Kräfte aufbieten weidet, um Irrende zur Wahrheit zu führen, Unw ssende zu belehren, Wankende im Glauben zu befestigen, und überhaupt keine Seele, welche dem Glauben erhalten werden kann, verloren gehen zn lassen. Vorzüglich aber eunahnen Wir euch, und geben euch als euere beson- dere Hirtenvflicht auf, daß ihr nicht nur im katcchetischen Unter- richt, sondern auch in den Predigten jene Wahrheiten sorgfältig erkläret und begründet, welche von den Gegnern unserer heiligen Religion vornehmlich cmgcsocht n werden. Dahin rechnen Wir die Lehren von der heiligen Schrift und Tradition, als den Quellen der katholischen Wahrheit; von der Erbsünde und der Erldsungs- bedürftigkeit des Menschen; von Jesus Christus, dem wesensgleichen Sohne Gottes und von der Menschwerdung desselben, insbesondere von den groß n praktischen Wahrheiten, welche in der Idee der Menschwerdung enthalten sind; von dem Erlöse,'gSwcrkc und dessen allseitiger Beziehung zu den Bedürfnissen und Nothständen der Menschheit; von der Kirche und ihren wesentlichen Merkmalen, namentlich von ihrer Einigkeit; von dem Primate Pctri und seiner Nachfolger; von der Leitung der Kirche durch den heiligen Geist und ihrer Unfehlbarkeit; von den Sacramenten, besonders von eer Spccialbcicht und dem Opfer der heiligen Messe; von der Unstcrb lichkeit der Seele und der Ewigkeit der Höllcnstrafen u. f. w. Außer diesen Hanptlchren unseres Glaubens bilden einen dringenden Gegenstand eueres genauen Unterrichtes die Lehren von der Bcrebrnng der Heiligen, der Bilder und Reliquien, dann die niannichfachen im katholiften Cultus üblichen Gebräuche, Segnungen n. s. w., endlich die Kirchengebote und deren Nothwendigkeit und Weisheit. Wir wissen wohl, daß der Unterricht über die eben genannten Gegenstände, wenn derselbe zeitgemäß, d. i. überzeugend und herzgewinnend s>yn soll, namhafte Studien und die sorgfältigste Vorbereitung fordert. Allein, wo es sich um die höchst n Güter deS Menschen, und wo es sich um unsterbliche, unserer Obsorge anvertraute Seelen handelt, kann uns keine Mühe zu aroß seyn, und wenigstens dürfen wir uns nicht von der Thätigkeit u" ercr Widersacher übertreffen lassen. Die Ortsbedürinisse sind verschieden ; nnd wir müssen es dem Ermessen der einzelnen Curatcn überlassen, zu beurtheilen, in welchem Umfang unjcie gegcnwäitige Anordnung in ihrem Pastvreilk-cise nusgeführt werden müsse. Aber daß es Gemeinden gcdc, w^ dieselbe überhaupt keine Anwendung finde, müssen w r auf das Bestimmteste verneinen. Ist nämlich der Vcisuchcr (was wir gerne hoffen und glauben) auch nicht bk' zu ihnen gedrungen, so ist es doch für Alle schon an sich theils Heilsani, theils gerade;» nothwendig, über die oben angegebenen Puncte klare nnd gründliche Erkenntniß ;u haben. Hier;» kommt aber, daß man richt wissen kann, wo und wie Dieser und Jener in die Lage gerathen wiid, von seinem Glauben Rcchcn chnft geben zu müssen. Was aber jene Ortschaften betrifft, wo sich Ungläubige, Spoiler und Verächter unserer heiligen Kirche befinden, möge ja kein Seelsorger Unseren oberhirtüchen Auftrag mit der E>n>ede umgehen wollen, daß Diejenigen, welche der Belehrung bedürften, nicht in PeedieU und Christenlehre kommen. Denn einmal gibt eS doch auch Redlichere unter ihnen, die da kommen. Dann auch gibt eS Zweifelnde, Schwankende, Beunruhigte, die sogar nach Untcnicht m.d Beruhigung Sehnsucht haben. Und >v nn die Uebiige» auch nicht zu Uns in die Küche kommen, so kommen wir zu ihnen, d. h. was wie auf dem Prcdigtstuhle und i» der große Wort zu führen, nnd sich als Männer der Weisheit und des Fortschrittes verehren zu lassen. Wie d,m aber auch sey: so wird jedenfalls der verderbende Einfluß, den sie bisher auf Andere g übt, gebrochen. Freilich kommt nun Alles darauf an, daß die von uns anbefohlenen Lehrvortrcige nicht nur klar und überzeugend, sondern auch im Ausdrucke so wohl erwogen und gemessen seyen, daß Niemand — auch der Ung'äubige und Gegner — nicht verletzt werde. Die Hauptsache bleibt immer, die betreffende Lehre, frei von jedem Mißoerständniß und jeder Entstellung, so zu fassen, wie sie von der katholischen Kirche vorgetragen wird. Sehr häufig gehen die Angriffe der Gegner bloß auf angebliche, nie aber von der Kirche aufgestellte Behanptnngcn, und ihre Angriffe zerfallen sogleich in Nichts, sobald nur die wirkliche Kirchenlehre aufgestellt wird. Nächst der richtigen Fassung der betreffenden Lehre tändelt es sich um die Beweisgründe. Hier gilt die Regel: nur wenige Beweise aufzustellen, aber triftige, besonders solche, welche jedem schlichten Menschenverstände und jedem unverdorbenen Herzen einleuchten. Nam nt.ich ist gewinnend, was dem Licht, Trost und Frieden suchenden Herzen sich nahe l gt. Unser Verfahren müsse sehr vonugSweise apologetisch seyn. Der Irrthum zerfällt ovn selbst, sobald die entgegenstehende Wahrheit erkannt und geglaubt ist. Und könne» wir es nickt durchaus vermeiden, den Irrthum auch dircct abzugreifen so müsse es der Irrthum seyn, gegen den wir mit Strenge auftreten, mcht der Irrende, den wir gerne mit Milde beurtheilen und behandeln. Harte und schneidende Worte, so gerecht sie auch au sich scheinen möchten, schaff n nie Gutes, sondern erbittern und vergrößern die Spaltung. Zwar gebühren harte Worte dem Verstockten; ab.'r noch denken Wir nicht an Verstockte, sondern an Solche, deren Seelen Wir suchen, und denen Wir liebend und sanftmüthig nachg hcn. Wenn es dann endlich sich darum handeln sollte, die Sprache zu führen, welch." den Lnstocktcn gegenüb.r sich ziemt, so kommt eö nicht den einzelnen Curatcn zu. sich diese Sprache anzumaßen, weil es nicht ihnen zukommt, Jemand für verstockt zu erklären. Das Urtheil hierüber gebührt allein der Kirche. Matth. l6, 17. Bewahren Wir d.cher die Worte des Apostels, da er schreibt: „Ein Knecht des Herrn soll mit Milde zurechtweisen die, welche der Wahrheit widerstreben: vielleicht, daß Gott ihnen Buße verleiht, die Wahrheit zu ei kennen, und sie wieder ciuö der Schlinge des Teufels zu sich kommen, von welcher sie gefangen gehalten werden nach seinem Willen." 2 Tim. 2. 25. 26. Und: .Ich beschwöre dich vor Gott und Jesu Christo, der die Lcbendigen und die Todten richten wird zur Zeit seiner Wiederkunft und seines Reiches: Predige das Wort, hciltc an damit, eS sey gelegen oder ungelegen, überweise, bitte, streife — in aller Geduld und Lehrweisheit" K. 4, Die Gnade Gottes sey mit Uns Allen! Hermann, Erzbischof von Freiburg. 1. 2. Bayern. Oggersheim, 24. April. Die feierliche Eröffnung des Frnncisca »cr - Minoriten - Klv st c r s ist nunmehr ganz Chiistcnlehic vortragen, geht in die Gemeinde aus, wird in dieser bestimmt ciuf den 3. Mai, auf das F.st der Kreu;crfiudung besprochen, nnd dringt unfehlbar auch ;u den Ohren Dcjenigen, festgesetzt. Es wird eine große Volksmenge zu diesem in der welche nichts von unserem Worte wollten. Ja. hier nnd dort Pf.ilz ungewöhnlichen gestc zusammenkommen. Wir haben eine halb- trilt, bewaffnet mit der Wahrheit, die wir verkünd.t haben, em hun ertjahrige Trockene unv religiöse Düerc in der Pfalz gehabt, Gegner wider di Unwissenheit, Seichligkcit und Fe.chhcit bcrjeni- und uu erem crleuchtetcn und frommen König war eS vorbehalten gen sieghaft auf, die bisher gewohnt waren, unangefochten das drser Zeit ein Ende zu machen, (jlaih.) Verantwortlicher Nedattcur: L. Schönchen. Verlags - Inhaber : F. C. Krem er. P ^ ^ ^>WMU^ ^Ä^ch^ ^SWW^Z ' - - ^-^H-M ^ Erste Jahreshälfte. Poftzeitung. It. Mai 1845. Sendschreiben an die römisch-katholische Geistlichkeit Deutschlands. (H:st. polt. Blätter.) Liebe Brüder in Christo! Gnade, Friede, Heil und Segen sey Euch von dem Vater nnscrö Herrn Jesu Christi, der Euch schirmt und festhält in den Stürmen von außen, und der Euch kräftiget, stärkt und tröstet in den noch heißeren Kämpfen von innen. Das ist ja das wahre Kennzeichen der Kinder GottcS, und ganz besonders des rechtgläubig katholischen Priesters, daß sie kämpfen mit W.lt, Fleisch und Satan bis zum letzten Athemzug, daß sie streiten unter der Fahne des Löwen aus dem Stamme Juda, der sein siegreiches Panier entfaltet hat, damit Alle, die gläubig darauf Hinblicken, neu ausgerüstet werden mit himmlischen Waffen, um den Sieg zu erringen. Der den seufzenden Paulus in seinen Kämpfen gestärkt, der den zagenden Petrus über den Wogen gehalten . . . der ist mächtig, mich und Euch, liebe Bruder! zu retten, wenn wir mit lebendigem Glauben seine Netterband umklammern und festhalten, denn Gott versucht Niemanden über seine Kräfte ... Weil auch der Schwache in der Gnade stark ist. Es drängt die Liebe, sie gibt mir Worte, geliebte Brüder! Euch folgenvc Wahrheit mitzutheilen, über die wir nun ernste Betrachtungen anstellen wollen. In welcher Zeit leben wir? Seit fünfzig Jahren ging eine große Macht der Verführung, von Frankreich kommend, nach Deutschland über. Die französische Revolution hat einen furchtbaren Traum geträumt. Die Folgen dieses Traumes in der Wirklichkeit waren einförmige Bildung, der Staat wurde Religion, und sie gebar eine Konstitution für ideale Manschen, nicht für die in der Wirklichkeit Lcbcnvcn. Sie setzte das Haben dem moralischen Seyn voran und brachte den JndiffercntiSmus ins Leben, wie zuvor noch nie. Viele haben diesen Taumclkclch getrunken, wodurch Kopf und Herz von dem Einen, Nothwendigen weggerückt worden sind. Es geht also seit mehreren Deccnnie» in Deutschland tiefer in'S Arge hinein. Ob der Leuchter ganz umgestossen oder weggerückt wird, das können wir sündige Menschen nicht wissen. Ich kannte Geistcs- männer — weiser als ich — die von diesem Blicke abstrahirten, und an ihrer Stelle nach Kräften Gutes thaten. So wollen auch wir es machen. Des Herrn Arm ist weder lahm, noch abgekürzt, und seine Liebe noch liebend, wie die Sonne leuchtend. Auch in unserer Zeit bezeugt sich der Herr und wird von den Seinen bezeugt. In dieser Zeit des Sturmes wolle der Herr Euch Alle mit dem Troste erquicken, den Jesus seinen geliebten Jüngern im XV. Capitel des Evangeliums Johannes gegeben. An Tausenden unseres Berufes sind die Weissagungen: „Vos s>erse«e tsoient vol>i5" in Erfüllung gegangen. Der Herr blieb aber auch dem Versprechen getreu: 1>i5t.il.i» vostra vvrtetur in ggudium. O Vielgeliebte! unsere bisherigen Advcrsa sind nur Vorläufer kommender größerer Trübsale, die vielleicht auf uns warten, und oft, recht oft müssen wir uns wiederholen, ganz besonders in neuester Zeit: 8i Iioininilms nlaeeiem, Luri5li sorvus nou L88om. Also muß es auch dahin kommen, daß Ihr, geliebte Brüder! mit demselben Vorbilde ausrufet: „per Lliristum skuno'llt Lonsolatio nostra. Kon angustininur. Kon clestituimur. Kon clerolin^uiinur." Der den Lauren- tiuS, nach des Vaters SirtuS Tod, gestärkt hat zum heißesten Kampf, daß er, nur Jesum sehend, standhast blieb, wird auch Eure Stärke seyn, daß Ihr im festen Glauben an die römisch- katholische Kirche nicht wanken werdet. Dominus fortilucio tus, et Illummatio tu»! Brüder! lasset uns dankbar zu Gott aufblicken, der sich unser als Werkzeug bedient, die Binder der Kirche im Glauben zu stärken, und wenn Ihr auch, wie der Apostel Paulus, cS erfahren müsset, czuanta oportsal. >inli pro noininv vomini i so werdet Ihr gewiß antworten: I.i>»enter imnenclar. Kon laeiam nnimam meam nretiosioioin (juam mv. O welch ein Trost für wahrhaft gläubige Priester, wie reichlich entschädigt sind sie sür so manche Trübsale, die man früher zu ertragen hatte, und noch ertragen muß! Gott tröste und beruhige Euch! Er rüste Euch aus mit der Weisheit, die den Daniel vor seinen Feinden furchtbar gemacht hat! Er schütze Euch in der Lö'wengrubc. Er bewahre Euch, daß im Feuer der Trübsal kein Haar Euch versengt werde. Wir wollen mit Tobias zu dem Herrn rufen: „l'u lla^el- las — Hier, Priester des neunzehnten Jahrhunderts! ist die Stel- i lung, von der Du ausgehen mußt. Alle Verufsarten und Stände ! haben ihre Eigenthümlichkeiten, welche, nicht zu haben, eben so gefährlich ist, als der eigentlichen Tugenden derselben zu erman- , gcln. Alle Körperschaften haben ihren esnrit cle corns, und wehe dem Mitglied, dem er fehlt. — Vor Allem trachte man, ^ die Aufgabe zu lösen, seine eigene persönliche rein zu erhalten, und im evangelischen Sinne wahrer Liebe eifrig und gläubig trachte mau, GottcS Willen zu thun, doch nicht ängstlich besorgt, daß er ! durch mich, und nicht durch Andere geschehe, wenn cS Gott mir l nicht beschicken hat. Christliche Größe ist mit der sittlichen stets im Bunde, beivcs sey in uns nicht getrennt, sondern wahrhaft ' Eins. Diese Höhe werde von uns erstrebt, und ist auch in der > That das Höchste, was der Priester sich zur Aufgabe setzen kann, ' wo er der Gefahr des Irrens entgeht, und hoch genug, um den Himmel im Auge zu haben. Wenn die Elemente, mit welchen es die christliche Philosophie hauptsächlich zu thun hat, sich auf zwei zurückführen lassen: den Willen des Menschen, und den Willen GvttcS, sv versuche der Priester nicht beide zu nähern durch metaphysische Spcculationcn, als vielmehr den Menschen durch kindlichen Glauben, sich ganz dem Willen Gottes anheimzustellen. Brüder, liebe Brüver! o daß mein Wort tief in Eure Seele l dringe! Der sicherste Weg ist, gerade zu Christus hinzugehen. Wir müssen unser katholisches Christenthum nicht blvß aus unseren ^ theologischen Cvmpcndicn studirt haben, in Ihm sollten wir persönlich leben und wohnen l^aeramentum Lueliaristiae), Ihm l so nahe zu kommen trachten, daß im steten Gefühl dieses Um- ! ganges unser Leben nicht sowohl wie das Leben eines Anhängers I in so später und ferner Zeit erscheine, als wie vielmehr das eines Jüngers, der dem Erlöser selbst folgt, ihn auf dem Berge und im Tempel gehört hat, und am Kreuze neben ihm gestanden. Hier komme uns die Geschichte zu Hilfe, die Vergangenes wie Gegenwärtiges uns darstellt. Aber diese wahrhaft katholische Anschauung wäre nur ein glänzender, wacher Traum, wenn nicht in uns die Kraft des religiös-kirchlichen Wachsens vorhanden ist, welche in dieser Anschauung enthalten ist. Nicht nur der Wahrheit und Gerechtigkeit huldiget der Priester; im Herzen finde auch Platz, wo Freundlichkeit, Demuth und Ehrfurcht ihre Stellen finden. Daö sind die wahren Lichtpuncte VeS priestcrlichen Wcscnö; und, o möchtet durch die Gnade Jesu Christi Ihr solche Gefäße des Segens zum Heile Eurer gläubigen Gemeine werden. Sind wir so gesinnt, dann folgt von selbst, was die heilige Kirche von ihren Priestern fordert. a. Klericalifche Kleidung, wo wir als sengrat! a inuiulo dem Laien uns zeigen. 1). Gewissenhaftes Beten des Breviers, als eine Heiligung unserer Sprache mit Gott, in der Gemeinschaft mit der ganzen katholischen Kirche auf Erden und im Himmel, und im Gehorsam gegen die Kirche. c. Die Anhänglichkeit an den apostolischen Stuhl. Es hat Christo gefallen, dort die Petra seyn zu lassen, und dafür wollen wir Ihm danken, und an diesem centr» unitatis unö fest in Reih und Glied anschließen, als eine undurchdiinglichc Kette, die keine Macht der Hölle, also viel weniger der Erde zerreißen kann. . Dir Wogen, auf denen sie sich sanft wiegte, waren lazurblau, wir der Himmel. Frühe morgens, sobald die Gipfel der Schiffe mit den ersten Sonnenstrahlen sick vergoldet hatten, waren auch alle Masten zur Feierlichkeit des TagrS, zum Fronleichnamsfeste auf das herrlichste geschmückt. Am Vorabende, zur Zelt des Abendgebetes, wenn die Kugel des großen Gestirns in das Meer sich zu versenken begann, und noch einmal zwischen den Tauwcrken der Schiffe erschien, mitten in Räumen ohne Gränzen, hatte der Schiffs-Pater den Matrosen und der Besatzung bereits verkündet, daß morgen der Fronlcich- niimstag einfalle, das Fest Gottcö, des Herrn der Natur, der die Tiefen des Weltmeeres ausgehöhlet, und die Erde mit hohen Bergen bedeckt bat, das F. st Gvttrö, der dir Wellen bäumet, und die Saaten wachse» laßt. Unter den Menschen, die den Priester gehört hatten, war keiner, der dieses Festes sich nicht erinnern konnte, das er in seiner Stadt, oder seinem Grburtsdorfe seiern sah, da, Wo er noch bei seinen Eltern und Geschwistern war. Die Seeleute verlieren wenig von der Erinnerung an das feste Land, und haben es nöthig in den Einöden des Oeeanö. Mit Freude schickten die alten Matrosen und Schiffsjungen sich an, ihre Fahrzeuge zu verzieren. Dieser Tag hatte die Neiulichkeit und Pracht der Schiffe verdoppelt, und jedes Verdeck derselben glich dem Fußboden in einem wohlbehaltenen Hause: die langen, gcfeanzctcn Wimpel, die schmalen, lieblichen Fähnlein, entrollten und verlängerten stch, bogen wieder ein, wie Schlangen von verschiedenen Farben, und spielten hoch an den Masten. Dit von Wappen bunten Flaggen, Au« dem Französischen, und was von ältern Zelten gesagt wird, darf man wohl auch in des nrucrev sich zu Herze» nehmen. besonders die Wappen von Frankreich in ihrer majestätischen weis-- >'cn Farbe flatterten und klatschten in: Winde. Die ungeheuern Segel, gleich unermeßlichen Draperien, zeichneten sich wie breite Blumengehänge unter dem blauen Himmel aus. Daö Admiralschiff war gleichsam die Kathedrale der schwimmenden Stadt, und an seinem Bord mußte der Segen über die ganze Flotte gegeben werden. Die Bewohner der Insel hatten mit Anbruch des TageS an unsere Seeleute die ganze Ernte ihrer schönsten Blume» iiberbracht, und ihre leichten, langen Nachen, ganz mit Astwcrk beladen, gli. chen kleinen von den Wellen getragenen und geschaukslien I»srln. Die Matrose» empfingen mit freunvlichcr Erkenntlichkeit die ländlichen Gabe», und bedienten sich dieses grünenden und lieblich duftenden Tributes, um an den, Fuße des Hauptmastes dcS Admi- ralschiffeS einen herrlichen Altar herzustellen. — Es ist gewiß ein großes Vergnügen, die Blumen auf dem Boden sich entfalten sehen, wo sie entstanden; sehen. Wie die Bäume ihre Arstc über die Grasmalten ausbreiten, die sie duichbroch.» hallen, um groß zu wachsen. Aber rS war auch ein süßes Gefühl, diese Ausbeutung der Wälvcr und Gärten zu betrachten, wie sie ihre Farben und Grüne auf einem Schiffe initte» in den Wellen entsalirten; Blumen und Palmzweige getränt und verbannt von der Erde, um den A tar des Gottes der Natur zu zieren. Morgens war der Fronleichnams-Gottesdienst in den Pfarrkirchen der Insel gefeiert morde», und bis gegen Mittag konnten unsere Matrosen der Procelsion zusehen, von ihrem Auözug auö der Kirche bis on das Grab von Paulus und Virginia. Um die Majestät des Festes zur See zu verherrlichen kamen die Priester von lsle-c!e-k'rnri<:l.', und die jungen Missionäre, die nach Indien wollten, sich an die Schiffsgcistlichtut anzuschließen. Die Abendzeit war gewählt zur E.rernonie der Anbetung und dcS Segens; eine geheimniß- und anmulhovollc Stunde, eine Stunde, wo man andächtiger betet, weil man da von einem un- bestimmten Gefühle der Traurigkeit lingcnommcn ist, und die Wolken des Himmels wie purpurne, init Gold eingefaßte Drape- rien über unsern Häuptern stehen. Im Augenblicke, da man in den Städten das Zeichen zum Angeluü Domini gibt, begann die Errrmonic am Borde des Av- miralschiffs; hundert und ein Kanonenschüsse kündeten es an, und __ hohem Grade, und keine Hand kann ihnen besser geben, was ihnen mangelt, als die der Religion. Die Stimme des Priesters, der Anblick der geheiligten Hostie in der golvenen Monstranz, die Schwingungen dcS Rauchfasses, die entblätterten Blumen, die abgesungenen Hymnen, die öffentlichen Gebete verfehlen ihren Eindruck auf die Herzen der Matrosen gewiß nicht. jedes Schiff gab S^lve, und auch die Strandbatterien mischten von weitem her ihre Donner unter das erhabene Gebrüll, das von den Flotten her sich hören ließ, und auf einige Augenblicke verschwand die Rosen- und Golvfarbe des Himmels unter dem dicken Rauch so vieler Feuerschlünde. — Alle diese Donner der Menschen mißfielen Gott gewiß nicht; denn sie brachten den Tod nicht mit sich; sie waren kein Kricgs-Signal, kein Ruf zum Morden, sondern zum Gebete, zur Anbetung eines Gottes der Liebe und des Frieden.?. Bei der Ruhe die in den Lüften und auf den Fluthcn herrschte, hätte man sagen mögen, daß die Natur sich sammle und stillschweige bei der Ankunft des Schöpfers. Die Winde legten sich, und keine Welle schlug an die Seite der Schiffe. Nur hörte man von Zeit zu Zeit die Stimmen der Priester, und sah von weitem über den bloßen Häuptern der knieendcn Matrosen das Kreuz und das heiligste Sacrament, welches die Geistlichen in Processio» rings um das Admiralschiff,tru-> gen. Beim Untergang der Sonne schimmerte die Monstranz mit ihren golvenen Strahlen we eine andere Sonne, und die unschuldigen r.inen Hände der wie Engel gekleideten Kinder streuten verschwenderisch Blume» von allen Farben und Wol'lgerüchcn. Diese auf das Verdick fallenden Blume» bildeten gleichsam ^einen buntscheckigen Tcppich unter den Füßen der Priester, und bezeichnete den hl. Weg im Umkreise des Schiffes. Das a» dem Fuße des Hauptmastes errichtete Behältniß war über mehrere Staffeln erhaben, und der Altar war so gestellt, daß er von der ganzen Flotte konnte gesehen weiden. — Welch ein Tempel wäre dieß! Uncrmcßlichkeit über dem Haupte des Priesters! Uncrmcßlichkeit unter seinen Füßen! Und um den Augenblick des Segens zu verkünden , ist es nicht ein Glöcklein in den Händen des kleinen Ministranten, sondern eine Salve von .hundert Kanonen. Hundert zugleich donnernde Kanonen rufen den Soldaten, den Matrosen, dem Meere, der Erde und dem Himmel zu: „Betet hier den Gott der Hcerschaaren an!" — Wirklich dars man Menschen, die nicht beten mö>zcn, gemeiniglich nicht auf dem Meere, zwischen den Höhen der Himmel, und den Tiesc» des Abgrundes suchen; nein, der Anblick der Räume ohne Gränzen, des Unendlichen, das sie umgibt, die große Stimme d>°S Oceans, die dem Seemann ohne Unterlaß prediget, bringt ihm einen höhern Begriff der Seele bei, und lehret ihn glauben. So ist auch kein Officier, kein Matrose, kein Soldat, der nicht mit tiefer Rührung sich niederwürfe, wenn dao heilige Sacrament in den Händen des Priesters sich erhebt, die ganze Heercsmacht zu segnen. — Nun fingen die Sterne allgemach an sich an d m Himmel zu zeigen, nnd man hatte sagen sollen, auch sie wollten mit den Menschen dcu Gott anbeten, der sie an dem Firmamente ciuSgest.cut hatte, und jeden von ihnen beim Namen nennt. — Die Nacht war im Anzüge, und breitete allmälig ihre unermeßlichen Schleier über den Gesichtskreis. Die Flotten standen im Dunkeln, und der Gla»z des Festes erlosch, wie in einer gemeinen Kirche, wenn der Gottesdienst geendet ist, die Lichter auf dem Allare nebe» dem Tabernakel zu brennen aufhören, und nur Uebersicht die Lampe des Hciliglhnmö noch angezündet bleibt. . ^ m ^ . ^ . , ^ ^ , >- M... <- . ^. ^ ^- ci-',^... ^> -s .- , !der von der Versammlung des Allerhelliosten Erlo- '^ian sage nicht, dein, die ganze Feierlichkeit, die ich o eben . ^ . ^ c> - ^ » i o, >, .^,,5 - ^" > beschrieben habe, nichts anderes ais eine pomphafte und eitle Cere- l"' vom 22 Jun.us 1844 b.s l. Apr. ld45 .m Äo.ng- monie gewesen sey- 0 nein, sie war mehr als Poesie und Ueber- "'^ abgehaltenen Missionen, raschung. Sie gewährte Älte», die da anbeteten, süße Tröstungen Altötting, 1. Mai 18ä5. und heilsame Erinnerungen, Lcnte, die man weither der Hcimath^ In einer unterm 28. Mai 1844 ausgestellten und in diesem c»!ii»c» hatte, wo sie geboren waren, die einer rohen Dienstbar- Blatte mitgetheilten Erklärung hat Der Unterzeichnete die erste kcit iu>d strengen Disciplin unterworfen wurden, bedürfen auf ihren Uebersicht über die in Bayern von der Verjammlm g des Aller- von Wind und Welle» gepeitscht.» Fahrzeugen dcS Trostes in heiligsten E.löscio abgehaltene» Missionen mltgelheüt. Derselbst So wird aber das Fronleichnamsfest immer und überall herrlich gefeiert, zu Land und Meer, auf den azurnen Wogen und grünen Wiesen, in großen Stadt.n und am Borde großer Schiffe. In der Normandie und den Gegenden von Paris bemerkte man ehedem einen rührenden Gebrauch. Die Mütter führten ihre kleinen Kinder auf den Weg des hl. Sacraments, und der Vorstand der Kirche, oder der gewöhnliche Priester, der es trug, hielt inne, und setzte den Fuß der Monstranz auf das Haupt des Rindes, um ihm Stärke und Wachsthum zu verschaffen. — Auch die Kranken kamen herbei, und flehten mit ihr, n blassen Angesichtern zu Gott, um Heilung ihrer Gebrechen. Dieß machte nun freilich häusigen Aufenthalt, schadete aber der Schönheit der Ceremonie nichts, und erinnerte an das Auflegen der Hände Jesu, und seiner Apostel, da sie durch Judäa gingen, und Allen Gutes thaten, und Alle heilten, und an die Worte: Lasset die Kleinen zu mir kommen — und: Kommet Alle zu mir, die ihr mit Mühe und Armseligkeit beladen seyd, und ich will euch erquicken. — O selig der Mensch, der das, was diese Worte sagen, kindlich glaubt, vertrauensvoll auffaßt, und nicht zufrieden, an dem Triumphzuge des Heilandes Theil genommen zu haben, auch oft und würdig sich seinem Tische nahet! — » hron. Feiern diese» Tag der Liebe Christen wir im Iubclton! Dankbar op-crn unsre Triebe Wir der Liebe, Die herab sich läßt von, cw'gen Festlich triumphirt der Glaube, Der verhüllt die Gottheit sieht, Dem in stiller FriedenSlaube Hier im Staube Ewiger Vergeltung Dämm'rung glüht. Seuf-cr schweiget! Trocknet Thränen! Hoffend blickt auf cuern Freund, Der einst stillt der Herzen Sehnen Allen denen, Die die Liebe hier mit Ihm vereint! , ! glaubt im Interesse der Leser — namentlich unter dem Hochwürdigen Klerus — zu handeln, wenn er auch dieses Jahr eine solche Uebersicht mittheilt, woraus hervorgeht, daß einerseits daö Ver- langen nach den Segnungen der Missionen fortwährend im Zunehmen begriffen, andrerseits aber es der Versammlung des Aller- heiligstcn Erlösers durch Erstarkung ihrer Kräfte möglich geworden ist, diesem Verlangen in größerm Maaße als bisher zu entsprechen. Unsere vorjährige Uebersicht schloß mit der vom 25. — 30. April v. I. zu Anger abgehaltenen Mission, an welche sich, weil wegen eintretender Wallfahrtszcit zu Altötting und des Mangels an Priestern in der Versammlung während der Monate Mai und Juni keine Mission achalten werden konnte, eine Mission in der Erzdiöccse München sich anschloß, nämlich jene zu Lauierbach, Filiale der Pfarrei Einspach, Landgericht Dachau, welche vom 22. — 27. Junius 1844 abgehalten wurde. Diese Mission veranstaltete der Herr Gutsbesitzer Ritter von Röckel, und in seinem Schloßhofe wurden die vorzüglichsten Predigten im Freien gehalten. Bei der Mission waren täglich viele Fremde vom Adel der Umgegend gegenwärtig und mehrere derselben machten sie ganz mit. Die Mission wurde auch noch verherrlichet durch den Herrn Hoscapcllmcister Aibli"ger, welcher mit rein kirchlichen musikalischen Kompositionen und Liedern die vorzüglichsten Andachten der Mission begleitete, welche durch einen zahlreichen Chor von Educantinnen der Schulschwestern, die in Lauterbach eine Filiale besitzen, ausgeführt wurden. Am 25. Juni, gerade nach dem ersten Theile d>r Abendpredigt, welche von der Mutter Gottes handelte, kam der furchtbare Hagelschlag, der einen großen Theil von Allbaycrn so schrecklich verheerte. Der Prediger mußte sich, da die Predigt im Freien war, mit d.m Volke in die Kirche flücht, n, und ob- schon dasselbe anfangs sehr bewegt war und wegen des Unglückes viele Thränen vergoß, so war doch die ruhige Haltung nach einer Viertelstunde schon wieder vollkommen hergestellt und die Mission erlitt dcßungeachtet nicht die mindeste Störung. Als bei der feierlichen Abbitte vor dem Hochwürdigstcn Gute dasselbe prvcessionali- »r von der Filialkirche in den Schloßhof getragen wurde, begleitete der Herr Gutsbesitzer und die anwesenden Herren und Damen von Adel das Hochwürbigste Gut mit Lichtern und empfingen bei den Gcneralcommunioncn mit dem Volke zur Erbauung desselben den Leib des Herrn. Ein Aufsatz in der Sion beschrieb die Mission auch für solche, die nicht gegenwärtig waren. Die zweite Mission wmde in der Erzdiöccse München-Frcy- sing zu Gunzclhofen, Landgericht Brück, vom 21. — 26. Juli gehalten. Diese Mission zeichnete sich durch die Anwesenheit vieler Geistlichen, besonders aus der Augsburger Diöcese auö, welche mit besonderem Interesse den Gang dieser Uebungen verfolgten. Die dritte Mission wnrde in der Erzdiöccse München-Frcy- sing für die Pfarrei Anzing, Landgericht Ebersberg, vom 8 — 13. September gehalten. Diese Mission wurde durch viele Besuche von München, worunter Personen vom höchsten Range waren, verherrlichet. Mehrere gediegene Aufsätze iu der Augiiburger Poft- zeitung zc. beschrieben ih.e Wirkungen. Die vierte Mission wurde gehalten in der Diöcese Paßau, Pfarrei Zeilarn, Landgericht Simbach, vom 7 — 13. Oct. Ein sehr schöner Aufsatz iu der Paßaucr Kirchcnzeitung von einem ausgezeichneten Weltpricstcr beschreibt ihre Früchte. Als ein besonders rührender Act muß hier erwäh t werden, daß nach der Schlußpredigt, welche im Freien gehalten wurde, in d m sehr geräumigen Hofe dcö Pfarrhauses die Tausende, welche gegenwärtig waren, !ich um das Missionskrcuz drängten und cS zu küssen verlangten. s Die fünfte Mission wurde gehalten in der Pfarrei Sulzbach, Diöcese Paßau, Landgericht Paßau, vom 15. — 20. lOctober. Da Sulzbach an der österreichischen Gränze gelegen ist, so strömten in großen Zügen, wie bei einer Wallfahrt, die Jnn- vicrtler von Schärding und seinen Umgebungen zu Mission. Die sechste Mission wurde in der Pfarrei Reitern, Diöcese Paßau, Landgericht GrieSbach, vom 22. — 28. Octobcr gehalten. Es war dieß eine von jenen Missionen, bei welcher die Menge des hc>-zuströmendcn Volkes außerordentlich war; bei den letzten Predigten im Freien schätzte man die Vvlkszcchl auf 15.000. Die siebente Mission wurde in der Pfarrei Ampfing, Erzdiöccse München-Freysing, Landgericht Mühldorf, vom 1. — 6. November gehalten. Auch hier hat der Adel der umliegenden Gegend mit großer Theilnahme beigewohnt; besonders rührend aber war der Abschied des Volkes bei der Schlußpredigt, welche im Freien gehalten wurde. Alles drängte sich um den Prediger und reichte ihm die Hand auf die Kanzel, welche in der M>tte des Ortes aufgestellt war, und Jeder wollte dadurch den Missionären seinen Dank ausdrücken. Die achte Mission wurde in der Pfarrei Wang, Erzdiöcest München-Freysing, Landgericht Wasserburg, vom 0. -— 13. Nov. abgehalten. Die neunte Mission war in der Pfarrei Nott, Erzdiöccse München-Freysing, Landgericht Wasserburg, vom 15. — 20. Nov. Die zehnte Mission fand statt zu Ebersberg, Erzdiöccse München-Freysing, Landgericht Ebersbcrg, vom 25. — 30. Nov. Diese Mission zeichnete sich besonders aus durch die große Theilnahme, welche die vielen dascchst befindlichen Beamten für die Mission an den Tag legten; sie sowohl, als ihre Frauen gaben das schönste Beispiel, da sie sich bei den Gcncralcommunionen an der Spitze der Pfarrkindcr einfanden. Sogar bei der Abreise der Missionäre gaben sie diesen noch ausdrückliche Beweise ihrer wohlwollenden Gesinnungen. Ein schöner Aufsatz in der Sion von einer gcwandien Hand beschrieb diese Mission ausführlich. Die cilfte 'Mission wurde gehalten in Walpcrtskirchen, Erzdiöccse München-Freysing, Landgericht Erding, vom 5.— 10. December. Die zwölfte Mission war zu Lengdorf, Erzdiöccse München- Freysing, Landgericht Erding, vom 13. — 18. December. Die dreizehnte Mission wurde gcbaltcn in Wag ing, Erz- diöcese München-Freysing, Landgericht Laufen, vom 22. — 27. December. Einige schöne Aufsätze in der AugSburgcr Postzritung beschrieben ihre Wirkungen. Die vierzehnte Mission fand statt in Dingolfing, Diöcese Ncgcnsburg, Landgericht Dingolfing, und wurde vom !). - 15. Januar 1845 abgehalten. Ihre Wirkungen waren außerordentlich^ die gleich darauf folgenden Faschiagtagc gingen ohne allen Exceß vorüber, die Polizeistunde wurde püuctlich gehalten, das ^ ganze Städtchen war wie umgewandelt. Der Hvchwürdigste Herr Bischof von Rcgensburg hielt die Generalcommunion der Männer und - predigte am Schlüsse der Mission. Auch unterstutzten die Beamten auS Kräften die Misston. Die lünszchnte Mission war in Scheycrn, Erzdiöccse Mün- chen-Fikysing, Landgericht Pfaffenhvfen, vom 18. — 23. Jan. Die Hochwürdigen i?. 1>. Benedicti-^cr daselbst gaben durch die Berufung der Missionäre einen rührenden Beweis ihres Eifers für das Seelenheil ihrer Piarrtindcr, und obschon durch dtN Eiser dieses Ordens schon viel geschehen war. so war dennoch nach dem Zeugnisse des Hochwürdigstcn Herrn Prälaten und der übrigen Ordensglicder die Mission auch dort nothwendig und heilsam, und cS bewährte sich der Erfahrungssatz, daß die ungewöhnliche Erscheinung von fremden Priestern stets außerordentliche Wirkungen hervorbringt. Unermüdet war die Mitwirkung von Seite der Ordens-Mitglleder im Anhören fremder Beichtlcute, welche in ungeheuren Massen hinzuströmtcn. Die Sitcncaplle, wo die bayerischen Herzoge begraben liegen, war bei strenger Kälte einigemal so sehr mit dem von der wogenden Menschenmasse aufsteigenden Dunste erfüllt, daß vie dichte Rauchwolke für vie Wirkung eines rmsgcbrochenen Feuers gehalten wurde. Die sechzehnte Mission war jene in der Pfarrei Reisin g, Diöcese Ntgcnsburg, Landgericht Straubing, gehalten vom 8 — 13. Februar. Der Hochwürdigstc Herr Bischof beehrte diese Mission mit Seiner Gegenwart und predigte daselbst. Die sicbcnzrhntc Mission wurde «ehalten in der Pfarrei Psatter, Diöccse Regensburg, Landgericht Stadtambof, vom 15. — 2l. Februar. Es fanden sich in derselben mehrere Fremde aus Regensburg ein. Der Hochwürdigste Herr Bischof predigte auch dort. Der Landrichter und mehrere andere Beamte bezeigte,, ihre vollkommene Zufriedenheit und erklärten, daß ihrer Ueberzeugung gemäß durch die Missionen für die Störung des confes- sioncllen Friedens nichts zu fürchten sey. Die achtzehnte Mission wurde in der Pfarrei Mammen- dorf, Erzdiöcese München Frcysing, Landgericht Brück, vom 1. — 6. März abgehalten. Die neunzehnte Mission fand statt in der Pfarrei Chie- ming, Erzdiöcese Münchcn-Frcysing, Landgericht Traunsiein, vom 9—15. März. Die zwanzigste und letzte Mission in diesem Berichte wurde in der Stadtpfarrei Laufen, Landgericht Lausen, Erzdiöcese München-Frcysinq, vom 27. Mär; bis 1. Apnl abgehalten. Viele Vorurthcilc herrschten in diesem Städtchen gegen die Missionen, sie wurden aber durch die Mission selbst glänzend besiegt. Die Bekehrung war so allgemein, daß mehrere dem Guten fcindjelige 'Menschen den Entschluß faßten, diese Stadt zu vcilassen, da sie in derselben ihr bisheriges Leben nicht mehr ungestört fortsetzen konnten— das beste Zeugniß für die Mission! — Ocsterreichisch- Laufcn nahm, so weit dieß möglich war, thätigen Antheil an der Mission. Da mehrere außerordentliche Früchte der Missionen schon in den einzelnen Berichten über dieselben mitgetheilt sind, und es übcrdieß nur die Absicht des Unterzeichneten war, die einfachsten Daten über die Missionen hier mitzutheilen, so enthielt er sich gänzlich, solche näher zu berühren, kann indeß doch nicht umhin, eine Begebenheit kurz zu erwähnen, welche anderswo nicht berichtet werden tonnte, da sie zu speciell war, und dic doch ein so^ kräf^ tigcs Zeugniß ist für die ganz besondere übernatürliche Gewalt, welche eine Mission über die Menschen ausübt. In einer der genannten Pfarreien machte der Pfarrer die Missionäre' auf einen jun en Menschen aufm rksam, weicher einen besondern Haß gegen ihn hegte, so daß cr^ ihm schon mehrmals mit dem Tode gedroht hatte; „viescr", bemerkte der Pfarrer, „würde sich gewiß nicht bekehren." Und sich! doch geschah gerade das Gegentheil. Dieser junge Mensch erlangte in rer Mission eine solche Erkenntniß seines Unrechtes m-d wurde so heftig erschüttert, daß er sich aufrichtig bekehrte und den Pfarrer vor mehreren Geistlichen im Pfarrhofe «M Verzeihung bat, dic ihm dieser unter Thränen ertheilte. Wenn man diese zwanzig Missionen diöcescnweise zusammenstellt, so ergibt sich, daß vierzehn derselben in der ErMcese Münchcn-Frcysing, drei in der Diöccse Regensburg, drei aber in der Diöcese Paßau gehalten wurden. Dic Zahl der Seelen, denen in diesen zwanzig Pfarreien die Missionen gehalten wurden, beträgt 29,215; stellt man indeß die dicßjährige und vorjährige Uebersicht zusammen, so zeigt sich, daß in ganz Bayern bereits dreißig Missionen gehalten wurden: einundzwanzig in der Erzdiöcese München - Frcysing, fünf in der Diöcese Paßau, und vier in der Diöcese Regensburg — oder einundzwanzig in Oberbayern, acht in Nicderbaycrn, und eine in der Obcrpfalz; die Seelenzahl aber in diesen dreißig Missionen beträgt ^2,651. Zum Schlüsse glaubt der Unterzeichnete noch zwei Bemerkungen, namentlich für jene Hochwürdigc Herren Pfarrer beifügen zu müssen, die entweder die Absicht haben, eine Mission haltcn zu lassen, oder vie sich bereits an den Unterzeichneten um Abhaltung einer solchen gewendet haben. Vorerst theilt derselbe mit, daß Seine Majestät der König in Folge höchster Entschließung vom 2. September 1844 die Bornabme geistlicher Missionen durch die Patres Ncdemptvristcn von Altötting in Pfarrsprengeln innerhalb der Regierungsbezirke der Obcrpfalz und von Regensburg, dann von Schwaben und Ncuburg, wenn sie von dem Hochwürdigsten Herrn Vischose oder von den resp. Pfarrvorständen hiezu berufen werden, allergnädigst zu bewilligen geruht haben. Zweitens bemerkt der Unterzeichnete, daß, obgleich die Zahl der Missionäre sich seit einem Jahre bedeutend vermehrt hat, dennoch die Menge der verlangten Missionen zu groß ist — bis jetzt sind 50 Ansuchungcn aus verschiedenen Theilen Bayerns bei dem Unterzeichneten eingelaufen — als daß dieselben vor anderthalb Jahren alle erledigt werden könnten. Er bittet deßhalb die Hoch- würdigen Herren Pfarrer, die sich bereits an ihn gewendet haben, gefälligst abwarten zu wollen, bis er mit ihnen die nechern Einleitungen zu den bei ihnen abzuhaltenden Misstonen treffen könne und überzeugt zu seyn, daß jedes derartige Gesuch möglichst nach der Ordnung der Eingabe erledigt werden wird. P. Bruch mann, Ncctor der Versammlung des Allcrheiligsten Erlösers. Italien. Schon lange wurde daran gearbeitet die Krankenpflege samtL onlanev, oder die Verbindung christlicher Kinder für regelmäßige Beisteuern zum Ankauf der Kinder von Ungläubigen in China und anderer, dem Götzendienste unterworfener Länder. Bewegt durch die Berichte über das entsetzliche Looö so mancher neugeborener Kinder, vorzüglich in China, trug sich der eifrige Bischof lange mit dem Gedanken, ob nicht zu leiblicher und geistlicher Rettnng dieser bcklagenswerthen Geschöpfe ein Versuch zu machen wäre? Von der Kinderwelt sollte das schone Unternehmen ausgehen; an die Kinderwelt vorzüglich wendete er sich; ihr Gefühl über der Vorstellung des jammervollen Schicksals so vieler, durch gleiche Hilflosigkeit und gleiche zweifache Bestimmung verwandter Mitgcschöpfe bei verthierter Fühllosigkeit ihrer Erzeuger, dann bei dem Hinblick auf gedoppelte, so leibliche als geistliche Fürsorge, deren sie sich erfreuten, wollte er in Anspruch nehmen; besonderer Segen zu dem edlen Vorhaben, hoffte er, werde an dc>5 Scherflein und die Fürbitte der Kleinen sich knüpfen, und Großes hervorgehen aus dem liebeSfrcudigen Zusammenwirken unzählig vieler, an sich unscheinbarer Kräfte, gleich dem Thau, der still und unbemerkbar und dennoch lebenspendend die lechzende Flur erquickt. So eben hatte der Bischof, die christliche Kinderwelt zu seinem Zwecke gleichsam geistig um sich schciarend, ohne tcßwegcn von bereitwilligem Mitwirken auszuschließen, was jetzt schon oder in Zukunft ihr entwachsen seyn würde, dem Verein die äußere Gestaltung und diejenigen Formen gegeben, die bei dergleichen Unternehmungen in Frankreich gebräuchlich sind. Ich traf denselben, ganz belebt von seinem Vorhaben, mitten unter Charten von China, Planen der Hauptstadt Peking und verschiedenen Merkwürdigkeiten des Landes, welche der Pater Grosse, der daö ungeheure Reich von der großen Mauer bis nach Cantvn zweimal ') Aus dessen neuester Schrift: Geburt und Wiedergeburt, deren zweiten Band die Hurt er'sehe Buchhandlung in Schuss- h.iusen eben ausgegeben Hai. II, 348 ff. durchreiste, nach Frankreich gebracht hatte. Mit dem Ausdrucke der vollsten inneren Gewißheit über dem Bewußtseyn, einer segcn- reichcn Sache den ersten Impuls gegeben zu haben und von Gottes Gnade Segen und Gedeihen für dieselbe erwarten zu dürfen, sagte er mir: »O, ich erfreue mich für mein Vorhaben eines kräftigen FürbittcrS vor dem Throne der Allmacht in dem dieser Tage verstorbenen Bischof von Straßburg." Dieser, Herr Tharin, einst Erzieher des Herzogs von Bordeaux, hatte blo-sz einige Tage vorher unter der sorgfältigsten Pflege seines Freundes und vormaligen Nachbars, des Herrn Bischofs von Nancy, in dessen Hütel seine irdische Laufbahn beschlossen. Die Sache, welche der Bischof in seiner angeborenen Lebhaftigkeit mir darlegte, nahm mich wirklich in Anspruch, sein lebendiger Eifer für dieselbe riß mich hin; ich erbot mich zn dem Versuch, in Deutschland und in der Schweiz dafür zu wirken, was freudig angenommen wurde. Ich habe auch mein Versprechen treulich gehalten und wenn nicht mit großem, doch mit einigem Erfolg. Während Großbritannien Kriegsflotten und Landhecre ausrüstete, um China, welches gegen den ungehinderten Absatz des in kalter Gewinnsucht ihm aufgedrungenen, entmarkenden und zerstörenden Giftes des Opiums sich sträubte, zum Verbrauch desselben mit Waffengewalt zu zwingen; während Frankreichs oberste LandcS- Jntclligcnzen in den Bewohnern der Marquesasinselu einen Stoff fanden, dem man Bedürfnisse schaffen und aufvringen könne, um Frankreichs Erzeugnisse einen neuen Markt zu schaffen; während das fromme England den ungerechten Krieg flcg-n China als bequeme Gelegenheit betrachtete unter allmciliger Zerstörung des Herzblutes seiner Bevölkerung sie durch seine Speculantcn ausbeuten zu lassen, dagegen zu ctwelchcm Ersatz für bereiteten physischen und ökonomischen Ruin einige Bibeln und etwelche metaphysische Ideen bei dem Volk an den Mann zu bringen; während das industrielle Frankreich in jenen Inseln nur einen neuen Ernteplah für seine Fabrik-Nabobs begrüßte, reift in einem katholischen Bischof der zarte, rein christliche Gedanke, in eben jenem Reiche, welches unter Kanonendonner und Säbclklirren zum Besten einer Kaufmannsgilde mit entnervendem Gift überschwemmt werden soll, Kinder, die nur den Weg von der Geburt zu dem schrecklichsten Tode finden, diesem zu entreißen, sie durch christliche Erziehung zu Werkzeugen des geistlichen und leiblichen Wohls ihrer Landsleute, zu einstigen Lehrern und Lehrerinnen, zu Aerzten und Hebammen, .zu Kate-> dieselben ernähren, erziehen?" — „Werden Kinder krank, schrieb chisten und Priestern, selbst zu Missionären, immer-also zu einer segenrcichcn Bestimmung, erziehen zu lassen. Man suchte, bald nachdem die Kunde von dem schönen Unternehme» weiter sich verbreitet hatte, die Nachrichten über die Gewohnheit der Chinesen, viele neugeborene Kinder absichtlich dem Tode Preis zu geben, in Zweifel zu ziehen, hicmit des Bischofs der Lazarist Patcr Mouly schon vor einigen Jahren aus Peking, so wollen die Eltern durchaus nicht, daß sie im Haus sterben: um sie unkenntlich zu machen, schwärzen sie ihnen das Gesicht, werfen sie auf die Straße und überlassen sie hier ihrem Schicksal. Einige jedoch waren so glücklich, von Christen aufgehoben, getauft und verpflegt zu werden." Bemühen als ein nutzloses, auS falscher Voraussetzung hcrvvrge- Auf den Umstand, daß in den Königreichen China, Siam gangenes darstellen zu können. War es Irrthum, war es Plan? ^ und Cochinchina vaS Geld selten, mit wenigen Mitteln Vieles auS- Rcgte sich hierin jener Geist, der in dem alten Europa, wo es zurichten sey, stützte nun der Hochwürdigstc Bischof den Gedanken, ihm möglich, in jeglicher Gestalt wivcr die Kirche auftritt, mit!auf englisch-chinesischem Boden cin Haus zu bauen und Brüder verbissenem Grimm hinüberblickt über die Meere, wo immer sie^und Schwestern einer religiösen Genossenschaft dahin zu senden, eine neue Stätte ihrcö Wirkens sich ersieht, dem Herrn einen.welche die losgekauften Kinder in Pflege nähmen. Ein solches Weinberg anlegt und der Arbeiter, die dessen Pflege sich angelegen HauS könnte zugleich zum Absteigequartier der GlaubcnSboten Diese»» lassen, viele findet? Nehmen wir das Erstcrc, als das Ver-uien, die darin erzogenen Kinder würden später durch das Land zeihlichc an! Berichte, die deinem Zweifel Raum lassen, können sich verbreiten, und der Einführung des Christenthums mit rcich- denselbcn belehren. Schon der Erste, dem wir einige Nachrichten lichem Erfolge vorarbeiten. So habe einst der große Papst Gre- übcr China verdanken, Marco Polo, meldet uns, daß Kublay/gor noch als Abt von St. Andreas den Ankauf englischer Sklaven der zu dem bereits von seinen Vorfahren eroberten nördlichen und hiedurch die Verbreitung des Christenthums in England beChina auch den südlichen Theil dieses Landes sich unterwarf, ^wcrkstelligt; so habe Carl der Große junge Sachsen in Corbey solche Kinder aufsuchen und erziehen lasse. Der Venctianer vcr- erziehen lassen und durch sie das Land dem Glauben gewonnen: sichert, daß jährlich mehr als zwanzigtauscnd Kinder ausgesetzt. AehnlicheS ließe sich auch jetzt in Bezug auf China bewerkstelligen, würden, aber dnrch die Fürsorge des Chans dem Tode entrissen, Bedenkt man, welche große Summe jeder Chinese kostet, der würde ein Theil von kinderlosen Reichen angenommen, der Nest, in dem chinesischen Kollegium zu Neapel zum Christenthum erzogen träte in die Dienste oder unter die Kriegsheere der Tartaren. ^ und zum GlaubcnSboten gebildet wird, bedenkt man, wie gering Diese Rettung beruhte aber nur auf dem persönlichen Willen des die Zahl der Zöglinge ist, die während eines Jahrzehcnds aus damaligen Herrschers, das Aussetzen der Kinder blieb als cinge-^ jener Anstalt in ihr Vaterland zurückkehren; wie spärlich mithin wurzelte Sitte. Sie bestand vierhundert Jahre später noch in un- die Erfolge ihrer Thcitigk.it sind, da hier wohl mit der vollcstcn geschwächter Gewohnheit. Der holländische Gesandte Johann Bedeutung das Wort kann angewendet werden: die Ernte ist groß, Nicuhof, der in der Mitte des siebcnzehnten Jahrhunderts China .der Arbeiter sind Wenige, bittet den Herrn der Ernte, daß er durchreiste, spricht davon in sincn Nachrichten über dieses Land: ^ Arbeiter sende, so darf man wol'l gestehen, daß einzig an das Ilet Lv/untseliup cier Keerlgnrgeue-Oüt-Inclisellö Lom-, Gelingen di.seS schönen Vorhabens die Hoffnung sich knüpfen dürfte, pggnie orr «len grollten t-irtariseüen ducin, den regen-^die Christianisirung dieses unermeßlichen Reiches mit größerem Er- voordigen Keiner van Lliinn. Er gibt II, 46. mehrere Be- folge zu unternehmen und mit geringerem Aufwand unendlich mehr wcggründe dafür an: worunter auch die Lehre von der Seelen-!zu leisten, als dem chinesischen Collcgium zu Neapel und der Pro- wanderuug. '1'v clever ovrsulce, sagt er, >vort dit omliren- paganda zu Rom möglich. Wenn aber vollends im Verlaufe der gen der Minderen geennins in t'ueimeli^K, maar voor Zeit es geschehen könnte — was sich leicht denken läßt — diese eenen ^eder in l'onvnliuur geduan. ! Anstalten mit jenen, in dem Lande selbst nnternommcncn Bcmrihun- Dcr russische Collcgicnrath Peter Dorcl berichtet in einem gen in eine znsa nmenwirkende Verbindung zu bringen, dann dürfte der neuesten Werke über China i^8ent annevs en Lliino, ?aris auch ü''cr China die Morgenröthe aufgehen und der Tag anbrechen. 1842.): „Viele arme Bewohner von Canton werden durch die j Hiezu stiftete der Bischof seinen Verein, ausschließlich dem Noth gezwungen, ihre Neugcbornen zu verlassen. Häufig fallen genannten Zwecke gewidmet, den Umfang des Werkes dem Segen diese armen Crcaturcn der Gefräßigkeit von Hunden anheim, der göttlichen Vorsehung anheimstellend. Indem vorzüglich Kinder Dürftige erziehen, um hiedurch für ihr eigenes Bestehen zu sorgen, demselben beitrcten sollen, wird hiedurch den Eltern ein leichtes junge Leute zu Schauspielern, zu feilen Dirnen, den beiden ein- Mittel an die Hand gegeben, die Gesinnungen thätiger Liebe und täglichsten Gewerben im Lande. Ich hörte, es sey einst selbst Dankbarkeit gegen den Erlöser in ihnen hervorzurufen, zu nähren, bei den Reichen gewöhnlich gewesen, viclc neugeborene Kinder des Wenn das Kind des Wohlhabenden für das Kind des Armen, weiblichen Geschlechts zu erwürgen, weil eine große Zahl von welches bloß sein Gebet zu steuern vermöge, den monatlichen Sous Töchtern den Eltern zur Schande gereichte. Das war wenigstens beitrage, so übe es ein gutes Werk schon damit, daß es die Uebung in der Provinz Fo-Kien." — Nach englischen Berichten Theilnahme daran jenem möglich mache, und werde so zwischen wurden in der einzige» Stadt Peking jährlich über 3000 Kinder Allen das Band christlicher Einigung enger geknüpft. Da ferner auf den Schindanger geworfen, diejenigen nicht gerechnet, welche dem Verein dieselbe organische Einrichtung, wie demjenigen zu von Pferden zertreten, von Hunden verzehrt, bei der Gebnrt Verbreitung des Glaubens, gegeben werde, könne er zugleich als erwürgt, an Mohamedancr verkauft, oder an Orte geworfen wer- Vorbereitung dienen, um mit dem cinundzwanzigstcn Altcrsjahre den, wo man sie nicht cntdcckcn kann. Der P. Jojet, Gene- diesem bei,utrelen. Denn über dieses hinaus Dürfen nur Diejcnig-n ral-Procurator der Propaganda zu Macao, schrieb seinem Bruder in demselben verharren, welche ihren Beitritt auch zu jenem dar- zu Anfang des Jahres 18ä1: „Viele Kinder werden den Missio- thun könne». Eine weise Bestimmung, d.imit nicht durch das närcn für drei, sechs Franken zum Kauf angeboten, mit dem Bei- Besondere dem Allgemeinen und, was in unserer beweglichen Zeit satz: wenn man dieselben nicht nehme, sehe man sich gezwungen, so leicht, durch das neu Aufkommenve dem länger Bestehenden sie zu tövtcn. Nun wäre das Ankaufen zwar leicht, wie aber ^Eintrag geschehe. Die Beisteuer soll regelmäßig seyn, um auf >etwas Bestimmtes zählen zu dürfen; sie soll gering und für Alle gleich seyn, dem Armen zum Trost, dem Reichern zur Ehre. Ob auch weit aussehend in jeder Beziehung das Unternehmen, alle Hoffnung setze er auf den Beistand göttlicher Gnade. Das Reglement enthält nur die nothwendigsten Bestimmungen. Jedes getaufte Kind kann als Mitglied des Vereins eingeschrieben werden und bis zum cinundzwanzigsten Jahr es bleiben. Neben den regelmäßigen Beiträgen werden auch Subscriptionen und Geschenke angenommen. Kurze tägliche Gebite der Kinder, wo eine Abtheilung des Vereins sich findet, jährlich eine Messe, sind damit verbunden. Für Verwaltung, Leitung und Verwendung sind ein Ccntralrath und Diöcesanräthe aufgestellt. Jener wurde alsbald ernannt und bestand damals auö dem Hochwürdigstcn Herrn Bischof von Nancy, als Präsidenten (nach französischer Sitte wurde in der Person des Herrn Erzbischofs von Paris ein Ehrenpräsident aufgestellt), den Vorstehein der Missionshäuser in Paris, einigen Gencralvicaricii, neun Pfarrern der Hauptstadt und sieben Laien meist aus dem hohen Adel, so wie man denn an der Spitze aller, aus christlicher Liebe hervorgegangenen und für deren Zwecke wirkenden Verbindungen Namen desselben begegnet. Sobald das Unternehmen bekannt geworden war, erklärten zwei Cardinäle, der Nuntius zu Paris, acht Erzbischöfe und fünfundzwanzig Bischöfe, für dessen Förderung wirken zu wollen; andere versprachen das Werk zu empfehlen; Theilnahme ward ihm sofort in Belgien, Irland und England, und alle geistlichen Com- munitäten Frankreichs machten sich zum Mitwirken anheischig. Während dieses Vorhaben bei dem Herrn Bischos von Nancy gereift war, traf der früher erwähnte Pater Grosse anS China ein. Er versicherte, Anstalten zur Bekehrung vo» China könnten jetzt mit der größten Leichtigkeit errichtet werden. Unverzüglich, meinte er, sollte man Schulen eröffnen. Man könnte Kinder für zehcn, zwölf Sous kaufen, solche selbst uncntgeldlich erhalten. In den an die Engländer abgetretenen Theilen sollten die AusgangS- pnnctc begründet werden, und daß jene in dieser Beziehung günstige Gesinnungen hegten, dafür lägen Beweise am Tage. Das Fest der Himmelfahrt Christi, auf der Spitze des Oelberges, im Mai 1844. ( ^on Pater Aleronder, FranciScancr.) Schon ist bereits ein Jahr verflossen, seitdem ich das un« ncnnbare Glück genoß, auf der mittlern Spitze des Oelberges, wo der göttliche Heiland im Angesichts seiner Getreuen auf einer Wolke sich zum Himmel erhob, an der Erinnerungsfcier dieses glorreichen TriumphftstcS Theil zu nehmen; allein die Eindrücke, die das Fest mit allen seinen rührenden Umständen in meiner Seele zurückließ, schweben noch gegenwärtig in so lebendigem Farbenspiel vor mciiun Augen, daß wohl kein Umstand meines Lebens vermögen wird, diese theuren Erinnerungen je ans meinem Gemüthe zu verdrängen. Von der Feier dieses erhabenen Festes zurückgekehrt, hatte ich mich allein unter ein arabisches Gczelt zurückgezogen, und die Festlichkeit mit allen den vorgekommenen bedeutungsvollen Kirchenccremo- nien überdacht. Da fühlte ich mich — ich weiß nicht, soll ich sagen von Dankbarkeit oder Neue, von Vertrauen oder Schmerz, von Freude oder Betrübniß, oder von allen diesen Gefühlen zugleich durchdrungen. Aber wie hätte es wohl auch anders seyn können? Auf dem Platze sich befinden, wo der Sohn Gottes, unser Erlöser, einst mit seinen Aposteln und Jüngern stand und ihnen mit dem Versprechen des heiligen Geistes den Lefchl ertheilte, in der ganzen Welt seinen Namen zu verkundigen: wo Er, seine heiligen Hände erhebend, die glückliche Schciar segnete, und endlich, umgeben von Engeln und Heiligen, nr feierlichem Triumphzuge auf einer Wolke hinanzog zum Himmel, um „mit ausgebreiteten Armen", wie einst Moses, sein Vorbild, dem himmlischen Vater die untenstehenden Getreuen und Jünger zu zeigen; auf dem Platze sich befinden, wo die Apostel rmd Jünger einst standen , und mit unverrücktem Blicke gen Himmel schauend vor seliger Wonne, vor heißestem Verlangen nach dem Wohnort ihres göttlichen Meisters vergaßen, daß sie noch unten stehen auf der Erde, bis die Engel auf Wolken hcrabschwcbtcn, um sie aus ihrer Entzückung zu rufen mit den Worten: „Was steht ihr da und schauet gen Himmel?" — als hätten sie ihnen sagen wollen, daß es nicht genug sey, sich nach dem Himmel zu sehnen, daß man denselben auch verdienen müsse, daß Kampf und Leiden, Kreuz und Dornen, Liebe nnd abermals thätige Nächstenliebe die Stufen seyen, auf denen man zum Himmel emporsteige, daß der Himmel das Vaterland der unschuldig Verfolgten, der Verachteten, der ungerecht Gemißhandelten sey: — auf einem solchen Platze sich wissen, und mitwirken mit der Erinnerungsfcier dieses so lehrreichen, herzergreifenden Festes — o! wessen Seele würde da wohl nicht von den nämlichen Gefühlen und Gedanken durchdrungen worden seyn, die mein Inneres beschäftigten! Danken, beten, frohlocken und trauern, bereuen und bitten, verzeihen und vornehmen, bedauern und hoffen. Dieß und AchnlichcS war es, was in meinem tiefbewegten Herzen von einem Augenblick zum andern wechselte. Die Feier dcö Festes aber ging auf folgende Weise vor sich: Nachdem schon am Vorabend dcö FrstcS zwei Kamccle mit den nothwendigen Gcräthschaftcn beladcn auf die Anhöhe des Oelbcr- gcS geführt worden waren, wo dann auf der Ebene dieser Bergspitze nach arabischer Sitte Gezclte unter freiem Himmel aufgeschlagen wnrdcn, wandelte auch die religiöse Familie — dcrCustos des heiligen Landes in ihrer Mitte — den Weg hinan, den vor mehr als achtzchnhundcrt Jahren der göttliche Lehrmeister im Kreise seiner Trauten gewandelt hatte. Nur vier Religiösen waren zurückgeblieben, nm die nie zu unterbrechende Wache am heiligen Grabe zu halten. Alle übrigen sah man um Ein Uhr nach Mittag in geregeltem Zuge durch das östliche Stadtthor hinausziehen, dann hinab gegen das schweigsame Thal Josaphat und über die Zedronö- brllcke, links an dem Grabe Maria und an der heiligen Blutschweißgrotte, rechts an Gctjcmani und dem Oelgartcn vorüber; endlich über den st ilcn Berg zwischen freundlich lachenden Blümchen, mit denen der sonst wenig bebaute Berg um diese Zeit recht eigentlich besäet ist, hinaufsteigen, bis sie nach einer mühsamen halben Stunde die mittlere Spitze des Oelberges erreichten. Indessen kamen die Religiösen und Missionäre aus Bethlehem von d^r südlichen Seite heraus und vereinten sich mit den Brüdern aus der heiligen Stadt. Vor und nach, neben und um diesen Zug zeigten sich Gruppen von Männern in buntgefärbten Kleidern, und die Waffen um ihre Lenden; dann unter Kindern verschiedenen Alters gemischt arabische Frauen, die in ihre langen weißen Schleier vom Scheitel bis unter den Knöcheln g> hüllt langsamen Schrittes hinanzogen, und wirklich den Anschein boten, als waren viele der Hingeschiedenen aus den unten im Thalc liegenden Gräbern hervorgcstiegen, um sich mit Lebenden an der Feier dieses glorreichen Geheimnisses zu erfreuen. Auch Mönche verschiedener (nicht katholischer) Religion bemerkte ich unter der hinanklimmendcn Menge — ein Anblick, der mich mit Mitleid und Betrübniß erfüllte über ihre Verirrung, und zugleich den heißesten Wunsch in meinem Innern regte, daß doch der Herr der Verblendeten sich erbarmen, ihnen die Geistcsaugcn öffnen und sie zur Einheit des wahren, seligmachenden Glaubens führen möchte. Zu dieser Anhöhe gelangt, ruhten wir zwischen den Ruinen der ehemaligen Himmelsahrtskirche aus, wovon jetzt noch ein Theil der Mauern nebst einigen Postamenten der zertrümmerten Säulen besteht. In Mitte dieser Ruinen hatte sich noch eine kleine runde Cap-lle erhalten, in der die Fnßstapfen zu sehen sind, die der Heiland bei seiner Himmelfahrt zurückgelassen haben soll. Allein auch diese Capelle ist nun zu einer türkischen Moschee umgewandelt, und nur einmal des Jahres erhalten die FranciScaner Jerusalems um einen Tribut die Erlaubniß, darin die heiligen Functioncn zu halten. Es ist dieß eben am Feste der Himmelfahrt Jesu Christi. Nur der Wein zur heiligen Messe muß heimlich mitgenommen werden: denn weh! wenn die Türken daraufkämen. Diese Profanirung, wie sie meinen, ihrer Molchcc durch Wein >— sie dürften sie nicht dulden, und mit blutigen Köpfen und bedeutenden Geldsummen müßten selbe die Katholiken, wie schon öfter, bezahlen und aussühnen. - In dieser Moschee nun wurden zwei Altäre errichtet, und um drei Uhr vor denselben Vesper und Comvlet mit möglichster Feierlichkeit gesungen. Dann erhob sich die ganze Versammlung, und zog proccssions- weisc zwischen Wolken geweihten Weihrauchs und unter festlichem Gesänge der Allerheiligen-Litanei hinaus, und im Kreise um dieses ehemalige Hciligthum der Katholiken. Dreimal ging der Zug um dasselbe. Da war es, als zögen die Israelitin um die Mauern Jericho'S (vcssen Trümmer nicht gar ferne von hier sind), um zu flehen, daß die unhci« ligcn Mauern zusammenstürzen möchten; diese Mauern, welche dem Muselmanne zur Verrichtung seiner gedankenlosen Ceremonien in einem Orre dienen, der dem wahren Gottesverchrcr, dem Katholiken, so heilig ist, und zu dem er allein sein volles Recht ansprechen könnte. Diese erwiesene, aber nicht anerkannte Wahrheit leuchtete am heutigen Tage aus den glänzenden Wirkungen der heiligen Fcstceremonien siegreich hervor. Das Gebet der Allerheiligen-Litanei hier aus dem Munde so vieler katholischer Priester und Laien gesungen, hatte eine eigene, höhere Kraft, die in der That in die Herzen drang; und es konnte dem ruhigen Beobachter nicht entgehen, welch'einen eigenen Zauber die katholischen Ceremonien und der volltönende kräftige Choralgesang selbst auf die Herzen der Türken sowohl, als auf die der Schismatiker ausübten. Die Verse: Hl inimicos sunet.'ie Lcclesi.io liiimiliai o d n erhebest. auch sie, die in der Finsterniß und im Schatten des Todes sitzen, sehe« möchten, um einmal auch teilnehmen zu können an den Früchten Deiner Auferstehung und Himmelfahrt! Aber mit nicht minderer Rührung flehte ich zugleich, daß Gott die geistige „Scheidewand der Sünden' (Js. 39.) zerbrechen möge, damit das Gebet seiner Diener wie Weihrauch wohlgefällig vor Sein Angesicht hinaufsteige. Tief bewegt von dieser heiligen Feier reinigten darauf Religiösen und Laien, Pilger und Einheimische ihre Herzen durch die heilige Beicht, und es rührte in der That bis zu Thränen, auf verschiedenen Ecken dieses zur Buße und Frömmigkeit mahnenden Ortes demüthige Christen zu den Füßen der Stellvertreter Gottes knien zu sehen, um durch ein reuevolles Bekenntniß sich jenen Herzensfriedcn zu verschaffen, .den die Welt nicht geben kann." Kalt und freudenleer kauerten indessen mit übergeschlagenen Beinen Türken und Ketzer umher, und es schien, als wollten sie an den Wolken der brennenden Tabackspscifen ihr Inneres wärmen und trösten. Ein Cigorisalat, ein Stück Brod und ein Glas Wein machte das Abendmahl aus, und min legte sich zur Ruhe, die, obgleich nur auf hartem Boden unter einem Gezelte, doch Niemand beschwerlich fiel, weil sie durch den Gedanken versüßet wurde, daß hier „Seine (Jesu) Füße gestanden." (Ps. 131, 7.) Um Mitternacht stand man zur heiligen Mette auf, welche durchgängig gesungen wurde. Indessen brach die Morgendämmerung hervor, und die Priester begannen die heiligen Messen, deren wohl 10 oder 12 celebrirt wurden. Auch ich hatte das unaussprechliche Glück, das heilige Meßopfer auf diesem gehcimnißvollen Platze darzubringen. Gegen acht Uhr endlich wurde ein feierliches Hochamt vom Reverendissimus des heiligen Landes gehalten, und am Schlüsse abermals die Allerheiligen-Litanei angestimmt, und von Priestern und Volk nach der kirchlichen Weise beantwortet. Jetzt erst, nachdem die Majestät unseres Gottcodienstes vollendet war, jetzt erst wagten die verschiedenen Secten, die bisher scheu und wie verwirrt umhergesianden waren, mit derUnbedeutenhcit ihrer Ceremonien hervorzutreten, wobei die Anzahl der Zuschauer wohl größer seyn dürfte, als die der Andächtigen. Sie haben ihre Altäre in einem Halbkreise an den Ucberrcsten der zertrümmerten Himmelfahrtckirche hinter der ehemals den Katholiken gehörige» runden Capelle so aufgestellt, daß diese Capelle mit ihren zwei Altären gleichsam wie im Centrum stehet, etwa wie eine Fürstin dem untergeordneten Volke, das sie umkreiset, voransteht, oder wie Nachtvögel sich im Halbkreise zurückziehen vor dem Adler, der majestätisch und chrfurchtgebietcnd vor ihnen sich aufschwingt. Zuerst begannen links (bei den Orientalen die vornehmere Seite) die Armenier ihren Gottesdienst, der allein an Würde und Bedeutung dem unseren nahe kommt; dann rechts die Griechen, mit erdrückendem Pomp und Reichthum, kalt, ohne Ernst und Würde. Nach und mit ihnen die kupferbraune Kopten, und die lichtscheuen Svriancr, von deren Religion, Charakter u. s.w. ich, so Gott «M, später etwas Näheres mittheilen wc de. — Gegen eilf Uhr endlich verlor sich die Menge über den Berg hinab, und in die Stadt hinein; — gewiß vielfach von den Gedanken und Vorsätzen begleitet, mit denen das Herz der AposKl erfüllt war, als sie diesen heiligen Platz verließen, um nach Mahnung der heiligen Engel durch jene gottgefällige Liebe zu Christus, welche die thätige Nächstenliebe nicht ausschließt, sich des Himmels würdig zu machen zu dem der gute Hirt eben hinaufgestiegen war, um im Hause seines himmlischen Vaters Wohnungen zu bereiten für die, welche seine Lehre beobachten. Diese zu halten, und nach Jenen zu seufzen, war auch der Entschluß, der meine Seele beschäftigte, als ich einer der Letzten der Berg hinabstieg und in'S Kloster uirückkebrte. (Kalb. Bl. miSTirol.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber; F. E. Bremer. Äki >>udlä ^ ^I,,"»^'« cllüä >.iStt ichi'-i-Z -lu ? » » ^^»S- ' D-ii., der «, AugSvurger Pystzeitung. Erste Jahreshälfte. M SÄ. K Juni 1845. ^_-^----^^^ * Vor einem Marienbild. Mein Aug', o Jungfrau, gleitet Nicht ab von Deinem Bild, Das sich im Schauen weitet Zum herrlichsten Gefild. Da wogt vor meinen Blicken Grün Saalland, grünes Meer, Und Berg' und Thal, und Brücken Ob wilden Strömen her. Darüber blinkt und blauet Dein reiches Sterngewand; Aus seinem Schimmer thauet Dein Segen auf das Land. Du bist es, die am Morgen Mit Sonnenpracht ersteht, Und lauschet, wo verborgen Aufduftet ein Gebet. Da gehest Du verkleidet, Jungfräuliche Gestalt, Und wo die Menschheit leidet, Da hilfst Du mannichsalt. Du stehst in armer Kammer Und gibst den Kindern Brod, Indeß der Mutter Janiirer Im Kirchlein klagt die Noth. Dann sicht imin Aug', wie sinnig Die Herzen Du beschirmst, Und Mauern, tausendzinnig, Zum Schutz der Unschuld thürmst; Siebt, wie Du Frevler schreckest Durch reiner Wangcn Glühn, Wie Schwachheit, die Du deckest, Zur Riesin wird und kühn! Sicht, wie Du licht auf Meeren Umwandelst in dcr Nacht, Nachhilfe zu bcscheeren Gen Sturm und Wellenmacht; Sicht, wie die Schlachtstandartcn Des Guten siegreich weh'n, Wenn die darum-Geschaarten Um Deine Hilfe fleh'n! O Königin, nicht endet Dcr Wunder Prachtgefilv; DaS Auge, unverwendet, Erschaut es in Deinem Bild'! — So breitet sich mein Leben Vor meinen innern Sinn, Und durch das Ganze wcbcn Sich Deine Wundcr hin. Des Schwachen, dcr erlegen, Gedachtest Du beim Herrn, Und warst nun allerwegen Mir Licht und Rettungöslern. Du hast mich «»fgcrichlct, War ich zum Fall verirrt, Du hast das Netz geschlichtet, In daS ich mich verwirrt. Auf wundersamen Steigen Führst Tu mich himmelwärts! So nimm es denn zu eigen Dieß gnadbcthaute Herz; Mit Blüthcnhuldigungen Umdust' es Deine Brust: Du hast es abgerungen Der Welt und ihrer Lust! — OV auch die Hände sanken. Ob auch die Lippe schweigt Dieß innerliche Danken Du hörest es geneigt. Keine Perle rollet nieder Am Paternoster - Ring, Doch manche hin und wieder, Die an der Wimper hing. ^ H 5 Carl Thuina. Leihbibliotheken. (Nathanacl.) Im Mittclaltcr, wenn irgendwo eine ansteckende Krankheit cmsbrach und Tausende wegraffte, erhob sich wohl oft das Geschrei: die Juden hätten die Brunnen vergiftet. Natürlich wurde dadurch die grimmige Wuth des unwissenden Pöbels gegen diese armen Leute erregt; sie wurden verfolgt, vertrieben und schmählich mißhandelt. Allerdings war dieses sehr abscheulich und muß jeden wahrhaften Menschenfreund tief betrüben. Doch in unserer aufgeklärten und nach Fortschritt jagenden Zeit ist es ganz anders geworden. Wir haben jetzt wirklich vergiftete Brunnen, die zwar kein materielles Wasser enthalten und den leiblichen Durst nicht stillen können, die aber desto mehr die Dürre des Geistes laben und erquicken sollen. Und, o du Verkehrtheit! anstatt solche Giftbchältcr unter Schloß und Nicgcl zu legen und Jeden davon fern zu halte», wird ungestraft Jcdermänniglich mit süßen und einschmeichelnden Worten eingeladen, daß er doch schöpfen möge von dem Wasser, welches alle Schlacken der GcistcSfinsterniß wegschwemmen und den rechten Werth und Genuß des Lebens lehren soll. Die Wasserträger, welche immersort emsig und fleißig neuen Vorrath den Lüsternen zuführen, werden reichlich mit Lob und Geld bezahlt, und gerade dann ist ihr Lohn am größten, wenn sie recht schlammiges und faules Wasser herbeischaffen. Die lüsternen, welche wir hier meinen, sind unsere gewöhnlichen Leihbibliotheken, uud das faule, vergiftende Wasser, das sie enthalten, sind die verderblichen Bücher, welche in denselben zum Gebrauche aller Welt aufgestellt sind, welche aber, wenn man nach ihrem wahren Werthe mit ihnen verfahren wollte, in das F>uer gcwor-! fen oder unter die Stampfe des Papierfabricanten gebracht werden ^ müßten. Denn sehen wir uns dort einmal etwas näher um, was finden wir zumeist? Zuerst eine ganze Reihe von herzbrechenden und schaudererregenden Räuber- und Mordgeschichten, die ihren Helden mit seineu Lastern und Verbrechen nicht als nncn Gegenstand der Verachtung und deö AbschcueS darstellen, sondern für denselben, wenn nicht gar Bewunderung, doch wenigstens Mitleiden bei den Lesern erregen wollen. Sein lasterhaftes Leben soll ost nur die Folge eines ihn unerbittlich verfolgenden, unabwcnd- baren Schicksals seyn und nicht aus seiner sittlichen Verkommenheit entspringen. — Neben diesen finden wir die zahl- und maßlosen LicbcSgcschichtcn. Welche Liibe wird hierin geschildert? Etwa die reine, christliche Liebe, welche die einzig feste und wahre Grundlage einer glücklichen Ehe ist? Nimmermehr! Das wäre zu prosaisch und alltäglich, uud würde wenig Effect machen und wenig Anklang finden. Es spielt in diesen Schriften jene sinnliche, lcircnschaftlichc, lüsterne Liebe ihre Rolle, welche die größten und gröbsten Ausschweifungen zur Folge hat und eheliches uud Familien- Glück zertrümmert, den Frieden uud die Ruhe so vieler Herzen raubt. Die Liebe wird darin dargestellt nicht als auf wahrem Werth der geliebten Personen beruhend, nein! sie entsteht ganz anders, ganz abgesehen von dem; bald sind es blaue, bald schmachtende, bald feurige Augen, bald blonde, bald schwarze Haare, bald blühende, bald bleiche Wangen, welche den Helden des Stückes fesseln, entzücken und bezaubern, wodurch denn gleich ein Liebesverhältniß angeknüpft wird. Dabei darf es nun an Hindernissen, die zu überwinden, an Intriguen, die anzuspinnen sind, nicht fehlen; das Ganze endet mit einer Heirath, oder mit einer heroischen Entsagung und mit einem in dürren Worten gerechtfertigten Selbstmorde. In das Ganze wird gewöhnlich so viel Wonniges, Seliges, Gemüthliches, Ueberschwänglicheö, Mildig- lichcs, Thränenthauiges, Mondschimmerigcs, Blumcnäugigcs, Wun- dcrliebliches und Herzergreifendes eingeflochten, daß Verführung und Ehebruch cutschuldigt erscheinen. Zuweilen werden auch christliche Ideen eingemengt und kirchliche Anordnungen und Institute besprochen, aber durchgchcndS nur in der Absicht, sie mit Spott und Hohn zu begeifern und zu besudeln. Auch nur eiu flüchtiger Blick in die Schriften von Balzac, George Sand, Victor Hugo, Heine und dem geistreich seyn sollenden Eugene Sue u. s w. beweiset hinlänglich, daß wir die Farben nicht zu stark aufgetragen haben. Doch setzen wir unsere Musterung fort! Seht da, in einer dunkeln und dem wachsamen Auge der Polizei verborgenen Ecke finden wir einen nagelneuen Bücherstapel, der einstweilen zwar noch klein, aber doch für künftigen Zuwachs passend eingerichtet ist. Hier hat man vorsichtig die ganze Familie deö jungen Deutschlands und der frischen Hcgelinge versammelt; hier wird jedem Liebhaber die ganze Masse des commnnistischcn, frcihcit- schwindelndcn, Gott unv die Unsterblichkeit läugnendcn Unsinnes von Prutz, Hcrwegh, Beck u. s. w. zur gefällige» Abnahme dargeboten, und dabei wird großprcchlerisch in alle Welt hincingcru- fen: Durch diese Schriften muß dem Zcitgeiste eine neue Bahn gebrochen und allseitiger Fortschritt befördert werden! Dieser Fortschritt ist aber eigentlich, bei Lichte besehen, nichts Anderes, als Rückschritt zum Heideiithume und Emancipation des Fleisches. — Hiermit ist ein kleiner Theil der Schätze angegeben, in deren Besitze eine Leihbibliothek, die sich in unserer Zeit rcutiren soll, seyn muß. Wenn man nun bedenkt, daß Jeder sür einige Pfennige mit diesen sauberen Gütern sich bereichern kann, so muß die Entrüstung und der Unwille über diesen Unfug bis auf den höchsten Grad gesteigert werden. Jung und Alt, Jungfrauen und Jünglinge, Herrschaften und Dienstboten bringen schaarcnwcise mit Freuden das kleine Opfer dar, wofür sie sich Tage lang einen so köstlichen und großartigen Genuß nach ihrer Mcinung verschaffen können. Jede freie Zeit, ja, sogar manche halbe Nacht, wird ohne Beschwerde dazu verwandt, um die immer stärker werdende Lcsesucht mit solchen schlechten Büchern befriedigen zu können. Das so in die Herzen ausgestreute Uulraut sproßt bald zur bösen Saat auf und bringt die verderblichste Frucht. Unzufriedenheit mit seinen Verhältnissen, krankhafte Empfindclei und gefährliche Liebeleien sind die gewöhnlichen Folgen einer maßlosen Noman- lescrei. Immer in clysäischcn Auen, Wäldern uud Thälern schwebend, Wo sanfte Zephyre mit einander kosen und göttergleiche Gestalten auf- und nicdcrsteigen, kann man sich unmöglich mehr zurecht finden in der rauhen, kalten Wirklichkeit des täglichen Lebens. Besonders werden jüngere Leute durch das zu viele Lesen zu einer Ueberschwänglichkeit des Gefühles gebracht, wodurch sie zu allen Beschäftigungen, welche Ernst und Ausdauer erfordern, untauglich sind. Sie suchen oft unwillkürlich das, was sie gelesen haben, nachzumachen im Leben. Aehnlich den Helden und Heldinnen irgend eines Romanes, der ihnen gerade in die Hand gekommen ist, knüpfen sie an und setzen sie fort ihre auf Acußcrlichkeit beruhenden Bekanntschaften. So weiß sowohl die feinste Weltdame als auch das geringste Dienstmädchen ganz vortrefflich einen Roman zu spielen. Die sittlichen Grundsätze, die christliche Gesinnung und die Festigkeit des Charakters verschwinden allmälich. Und das Ende von All, in ist körperliche und geistige Erschlaffung, Verführung, eine unglückliche Ehe, Zerrissenheit und Zwietracht in den Familien. Dieß genüge. Bei dem Anblicke so vieler schlimmen Wirkungen der gewöhnlichen Leihbibliotheken ist man stark versucht, ein dreimaliges Wehe über solche Giftverbreitungs-Anstalten auszurufen. Doch damit wäre wenig oder gar nichts geholfen. Man muß vielmehr auf Mittel und Wege sinnen, wie diesem Uebel am besten und kräftigsten entgegen zu arbeiten sey. Ein gänzliches Verbot solcher Institute würde nichts fruchten; der industrielle und speculative Geist unserer Buchhändler würde bald geheime Winkelbibliotheken errichten, und gerade dieser Umstand wäre gar zu reizend für das lesende Publicum; wir haben ja Achnliches erlebt mit den polizeilich verbotenen Büchern. Es gibt hier keinen andern Ausweg, als die Errichtung neuer Bibliotheken, welche nur gute, nützliche, christliche Bücher enthalten. Dieses ist auch in der neuesten Zeit dringend von den höchsten Behörden Den Gemeindevorstehern und Geistlichen anempfohlen worden. Auf dem Lande wären am besten Gcmcindebibliothekcu und in den größeren Städten Pfarrbiblivthe- ken einzurichten. Als s.hr praktisch hat sich bewährt auf dem Lande die Verbindung der Missions-Vereine mit den Gemeinde- Bibliotheken. Denn mit den Jahrbüchern der Missivnsgesellschaft ist schon der Anfang zu einer Büchcrsammlung gemacht; dadurch bekommen die Landleute überhaupt Freude am Lesen; sie wollen sich auch nun mit anderen Büchern bekannt machen. Und dieses ist Grund genug, ihnen die für ihre Verhältnisse und ihre Bildungsstufe passenden nützlichen Schriften in die Hanv zu geben. In den Städten wird die Sache viel schwieriger durch die große Verschiedenheit des lesenden Pnblicums, sowohl in Hinsicht auf Bildung, als auch auf äußere LebcnSverhältnissc. Hier sey man gar nicht zu ängstlich bei der Auswahl der Bücher; d. h., um Mißverständnis; zu vermeiden: im Ansänge sey Grundsatz, recht viele angenehm und anziehend unterhaltende Bücher anzuschaffen. Und auf diese Weise bereite man die Leser vor auf ernste, wahrhaft christliche und nützliche Lcctürc. Um mit den vorhandenen schlechte» Leihbibliotheken concurriren zu können, muß der zu zahlende Beitrag möglichst niedrig gestellt werden. Sehr wünschenswert!) wäre es, wenn den UnbcmiticUen nach Umständen umsonst die Bücher geliehen werden könnten. Die Leitung und Beaufsichtigung des Ganzen kann am besten die Pfarrgeistlichkcit besorgen; sie weiß am sichersten Jedem das für ihn passende Buch auszuwählen, und sie wird auch gern sich dieser Mühe unterziehen. Hätten wir doch einmal überall derartige Gemeinde- und Pfarr- Vibliothcken, welch ein reicher Segen würde sich von hieraus verbreiten! Nicht nur würde der Einfluß unserer jetzigen Leihbibliotheken mehr und mehr unschädlich gemacht, sondern sie würden gar nicht mehr bestehen können, jeder ordentliche Mann würde sich schämen und es unter seiner Würde halten, dieselben noch ferner zu benutzen, und wahre Aufüäruug und rechter Fortschritt im christlichen Sinne würde aller Orten immer mehr verbreitet werden. Und zu diesem Zwecke darf kein Opfer uns zu groß seyn. - Die Jndenemancipativn in der Nheinprovinz. (Kalhvlik.) ' Der rheinische Landtag zu Koblenz hat sich für die Juden- Emancipation ausgesprochen. Es ist über diesen Gegenstand, sowohl dort als anderswo, schon so Vieles und so Vielerlei gesprochen, daß man schwerlich etwas hinzusetzen kann, was nicht irgendwo wenigstens schon angedeutet wäre. Es geschieht aber oft, daß durch die Menge der vorgebrachten Gründe der einzelne Grund seine volle Kraft und Bedeutung verliert, und der Gegner dann aus der Gesammtheit nur dasjenige hervorhebt und bekämpft, was er eben mit Fug und Grund angreifen kann; und dann weiß Jeder, was für Wendungen es gibt, um mit Einzelheiten, wenn es auch nur Nebendinge sind, sogleich das Ganze zu verdächtigen. Darum wollen wir, absehend von einer ausführlichen Erörterung der betreffenden Landtags-Verhandlungen, hier nur einen einzigen Punct herausnehmen, der, wie uns dünkt, gewiß eine größere Berücksichtigung gefunden haben würde, wenn ein Landtagemitglicd ihn ganz isolirt, wie sein Einziges und sein Alles, aufgestellt und immer aufs Neue vorgerückt hätte, etwa in der Catonischen Weise: k5zo autvm eensvo. Es ist aber der Inhalt dieses Lc.'N8v» nichts anderes, als: „Ich meine, das Volk will die Judcu- Emancipation nicht!" Der rheinische Landtag hat bei verschiedenen Gelegenheiten mit den freimüthigsten Ausdrücken und mit begeisterter Gewißheit seine Stellung als eine Vertretung des Volkes, seine Stimme als die Stimmung des Volkes, sein Amt als Beauftragung von Seiten des Voltes bezeichnet, und darauf sein Verhältniß zur Regierung und seine Würdigung begründet wissen wollen. Es ist auch gewiß, daß er, sowohl jetzt als früher, in vielen, ja in den meisten Schritten jene Sendung des Volkes erfüllt, wie ihm andererseits dafür das Volt die begeistertste Anerkennung gezollt hat. Aber in Betreff der Judcncmancipation sage ich, und werde immer sagen: sie ist nicht der Wille, nicht der Wunsch des Volkes. Das mit Worten zu beweisen, ist ungenügend und übe, flüssig. Mir dünkt auch, jeder Mensch, ja der Jude selbst, weiß es, was das Volk über den Juden denkt, wie es über ihn spricht, wie es mit ihm verkehrt. Aber es sind doch so viele Petitionen eingelaufen, welche die Judcncmancipation dnn Landtage an'S Herz legten! Für'S Erste Kommen dergleichen Petitionen zunächst aus größeren Städten; m ! diesen aber ist, wie Jeder weiß, Handel und baares Geld der 'HauptlcbcnSncro; und damit kann der Jude dienen, und sich be- i deutend ja unentbehrlich machen, und sich Stimmen sammeln. Die reichsten Häuser iu größeren Städten sind vielfach Juden; sie /treten mit den christlichen Matadors in ein Elikettenveihältniß, ^ geben wechselseitig Thee'S und Actien, und stehen in den familiärsten Beziehungen zu den Landtagsmitgliedern, welche die Stadt entsendet. Ferner verliebn in größeren Städten die Juden all- mälig von selbst, wenigstens scheinbar, ihr Jüdisches; die vielen öffentlichen, für Jedermann freistehenden Zusammenkünfte gleichen aus, zumal, da darin von religiös Sittlichem wenig die Rede ist, und ein religiöser JndiffcrentismuS unter dem Namen Toleranz zum guien Tone gehört. Endlich aber weiß man auch, wie es gewöhnlich mit den Petitionen hergeht; sie werden veranlaßt durch gewisse Hauptsprccher, die bei jeder Gelegenheit etwas gelten wollen, und doch meist gerade am wenigsten gelten sollten, sicherlich nicht fähig und befugt sind, den Kern des Volkes zu repräscntiren. Ich bin fest überzeugt, daß in den meisten Städten, die um Judenemancipativn petilivuirt haben, der große Mittelstand, das ist: einerseits der wahre Kern des Volkes und andererseits derjenige Stand, der am meisten von den Juden zu leiden >hat, das gerade Gegentheil, vielleicht wohl geradezu Schutz gegen die Juden petilioniren würde, wenn man ihn darnach fragte. In Köln gibt cS die Hülle und Fülle von Jndiffcrenti- sten, und gleichfalls die Fülle von Abend-Sprechern und allge- meinen Humanitätsgcistern, ja solche, die vor lauter Humanität nach inhumanen — weil unerhörten — Namen für ihre neugeborenen Kinder suchen; wer euch aber sagt, in Köln sey die allgemeine Stimmung für Judenemancipation, dem saget geradezu, er kenne Köln nicht, oder er lüge. Handwerker und redlich strebende Kaufleute des Mittelstandes rufen einstimmig: „Schützet uns vor den Juden!" Wenn nun auch wir mit einstimmen in diesen Ruf, so wollen wir doch damit durchaus nicht einen Judenverfolger abgeben, verlangen nicht, das; irgend ein positiver Druck auf ihnen laste, oder gar neue Lasten auf sie gelegt werden, sondern meinen es im Grunde gewiß redlicher mit ihnen, als diejenigen, welche ihnen die sogenannte Emancipation aufbürden wollen. Ein ächter Jude wird dieselbe gar nicht einmal wünschen können; er muß sich dem Juden in Rußland näher fühlen, als dem christlichen Deutschen, wenn er nicht seine heiligste religiöse Hoffnung wegwerfen will; und er kann in Wahrheit nicht die gesammten christlichen Rechte annehmen, wenn er nicht zugleich die gesammten christlich-bürgerlichen Pflichten übernehmen will; und das darf er nicht, da seine religiöse» Pflichten (man nehme nur die Feier des Sabbats und anderer Feste) damit nicht in Einklang stehen Frankreich. In Frankreich halten sowohl die Calviner als die augsburgische Konfession jährlich ihre Conferenzcn. Sie sollten dienen zur Erhaltung und Belebung der Religion, zur Verbesserung der Disciplin. Auf der dicßjährigen Konferenz zu Paris wurde beantragt, eine N-ationalsynode zu bilden, von ihr das Heil zu erwarten. Gegen diesen Antrag sprachen aber gerade die zwei einflußreichsten Geistlichen des Pariser Consistoriums, Monod und Cuvier, und zwar in einer Weise, daß die Auflösung und Zerrüttung des Protestantismus offen eingestanden wird. Hr. Cuvier sprach seine Meinung dahin aus, Synodalversammlungen wären unter den gegenwärtigen Verhältnissen unwirksam, ja unmöglich, nicht als würde er die Nothwendigkeit der Einheit und der kirchlichen Gewalt nicht anerkennen, sondern deßhalb, weil bei dem in der reformirten Kirche herrschenden Geist nicht zu hoffen sey, daß Synoden diesem Bedürfniß Abhilfe leisten könnten. „Dieser Geist hat sich mit dem, was Gesetz der Kirche ist, in einen geraden Gegensatz gestellt; ein solches Kirchcngcsctz ist das kirchliche Glaubensbckcnntniß und die Kirchcndisciplin. Die Synoden hätten also die Aufgabe, für Aufrechthaltung, Anwendung und Vollziehung dieses Gesetzes zu wachen. Was würden sie aber in der Wirklichkeit leisten? Es ist vorzusehen, daß sie selbst das Beispiel des Ungehorsams gäben, und mit dem eigenen Gesetz in Widerstreit gcricthcn. Gesetzt aber auch, daß sie dieß nicht thäten, daß sie vielmehr an dem Symbolum und an der Disciplin festhielten, was ist von einer Kirche zu erwarten, in der sich jeder berechtigt glaubt, zu thun was ihm gefällt, in der man Worte hört, wie sie in dieser Versammlung selbst sind ausgesprochen worden: „„Wenn die Synode etwas verordnete, was meiner Ueberzeugung entgegen wäre, so würde ich ihr nicht gehorchen;"" in welcher die Grundsätze der Ordnung, der Einheit und Subordination gänzlich abhanden gekommen sind. Wir haben beim Eintritt in den Dienst der Kirche unsere Freiheit an die Kirche abgetreten, wir sind Organe unserer Kirche und sollen nicht nach unserm Gutsindcn sprechen und handeln, sondern nach dem, was die Kirche als wahr bekennt, was wir bei Uebernahme unseres Berufes selbst als wahr anerkannt haben. Die Verantwortlicher Redacteur : L. Schönchen. Kirche soll sich nicht nach uns, sondern wir uns nach der Kirche richten." — Cuvier findet unter den obwaltenden Verhältnissen die Synoden unzureichend, sie würden ein klägliches Schauspiel darbieten. Die reformirten Kirchen bedürften eine bleibende Autorität zur Ucbcrwachung der Pastoren und Consistoricn, zur Erhaltung der Einheit in der Lehre, Disciplin und Administration — das einzige Mittel zur Beseitigung der Uebel, an denen die refor- mirte Kirche jetzt leidet und die Jedem in die Augen springen. Diese Sprache lautet so ziemlich katholisch; eine solche Kirche oder Kirchengewalt, wie sie Cuvier, der tief in die Gebrechen der reformirten Kirche blickt, als nothwendig erkennt, müßte eben jene Attribute haben, welche die katholische Kirchengewalt hat. Deutschland. In dem mehrfach erwähnten Proteste jener Scctirer in Berlin, welchen das Leipziger Glaubcnsbekcnntniß doch zu glaubensleer geworden ist, heißt es unter anderm: Wir Protestiren gegen das von den hiesigen Scparirten angenommene Leipziger Concil-Symbol. Wir würden mit dem ersten Artikel dieses Glaubensbekenntnisses einverstanden seyn, wenn wir im zweiten „den Sohn" fänden, ohne welchen man nimmer in Wahrheit den Vater hab- n kann (Ev. Joh. 5,23. 14. 6. 1 Joh. 2,23), so aber weiß der zweite Artikel von Jesu Christo nichts weiter zu bekennen, als daß er — leer und dürr gesagt— „unser Heiland" sey. Es ist damit freilich ein großer Hut gegeben, unter den auch die verschiedenartigsten Köpfe gesammelt werden können; was aber nützt die äußerliche Sammlung einer Vclheit von Köpfen, wo keine Einheit der Herzen ist in Einem Glauben, Einer Liebe, Einer Hoffnung? Konnte man in den Artikel von Gott Vater näher Bestimmendes einfügen, bei dem Artikel von Jesu Christo mußte man es, mußte es schon deßhalb, weil gerade hier die scharfe G>-änzschcide steht, wo Christenthum, Juden- thum und Hcidenthum, wo Glaube und Unglaube aus einander gehen. Ein Stillschweigen an dieser Stelle in einem christl. Glaubensbekenntniß ist, gclind gesagt, eine Schwäche, die einer sich neu bildenden christl. Kirche zu ewiger Schmach gereichen muß. Wir müssen diese Schmach von uns tilgen! Was soll die übrige Christenheit von uns halten, wenn wir im Bekennen dessen, nach dem wir uns „Christen" nennen, so sparsam, so wortkarg sind? Wovon das Herz voll ist, muß der Mund übergehen. Wir sind Familienväter; wer sichert unsern Kindern die heilsame Unterweisung in all' den heiligen Wahrheiten, für deren jede das köstliche Blut unzähliger Märtyrer geflossen ist ? Was in dem Bekenntniß der Gemeinde nicht steht, braucht weder von der Gemeinde, noch von ihrem künftigen Geistlichen bekannt zu werden. Wir fragen; man antworte uns, man antworte sich selber! Wo blcibtdie Gottheit Jesu Christi, wenn man verschweigt, was aller wahren Christen Zungen je und je bekannt haben und bekennen werden bis an'S Ende der Welt, daß Jesus Christus sey „ Gottes eingeborener Sohn, unser Herr, der empfangen ist von dem H.Geist" und „geboren von der Jungfrau Maria?" Wo bleiben die geschichtlichen Thatsachen unserer Erlösung durch Christum, die ewigen Fundamente unseres christl. Glaubens an Versöhnung mit Gott, Frieden des Gewissens, Kraft, Mull), Freudigkeit im Leben, Leiden und Sterben, wenn unser Bekenntniß verschweigt, daß Jesus Christus „gelitten unter Pontio Pilato, gekreuzigt, gestorben und begraben, abgestiegen zur Unterwelt, am dritten Tage auferstanden von den Todten, und, aufgefahren gen Himmel, zur rechten Hand Gottes sitzt, des allmächtigen Vaters, von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Todten?' Verschweigen wir das, so verschweigen wir auch, daß wir Christen sind, so ist es auch von gar keiner Bedeutung mehr, ob wir im dritten Artikel unsern Glauben an „d en hl. Geist' bekennen oder nicht. ",,,.^>' Verlags-Inhaber ? F. E. Krem er. wahren sie auch, daß Gott selbst mit ihnen ist, und sie fühlen es an der Zunahme des Lichtes und der Wärme, die in ihren Seelen sich ausdehnt. Es ist darum nicht ohne Interesse, einen Blick auf Das zu werfen, was der Verein zur Verbreitung des Glaubens in unserem eigenen Innern wirkt und wir wollen dabei weniger das Werk selbst loben, als unsern Eifer neu zu erwärmen suchen. Der Glaube ist das erste Bedürfniß der Seele und da cS keine Tugend gibt, die nothwendiger wäre als er, so ist auch keine mehr bekämpft worden, als eben er. Nicht nur in der gegenwärtigen Zeit, sondern von jeher war cS schwer und hat Mühe und Anstrengung erfordert, Das zu glauben, was den Sinnen nicht schmeichelt und Entbehrungen und Opfer erfordert. Deßhalb hat denn auch die Vorsehung zu allen Zeiten Kirchenlehrer erweckt, um den Glauben in den Schulen und auf den Kanzeln zu vertheidigen. Nicht allein aber das, sondern sie hat auch noch für die große Mehrzahl der Menschen einen so zu sagen handgreiflichen Beweis der Wahrheit, der einen noch tiefern Ein- vruck macht, den Beweis durch Thatsachen und Beispiele aufgestellt. Den Lesern der Jahrbücher der Verbreitung des Glaubens treten in dieser Beziehung zwei verschiedenartige, sehr belehrende Erscheinungen entgegen. Einerseits sehen wir den Irrthum in allen seinen Abstufungen, in seiner gcsammten vollständigen Entwickelung bei jenen großen Völkern, wo er ungestört und unvcr- hüllt auftreten konnte. So sehen wir die Ketzerei in jenen zahlreich bevölkerten Städten der vereinigten Staaten, wo jede Secte, Episkopalen, Presbhtcrianer, Quäker, Wiedertäufer u. f. v. ") ^nnsles cke la propgAütion cle Is loi. Xr. 100. Uebertragung des Katholiken. Nach der / ihren Tempel hat. AndcrwäriS, auf den Trümmern jener alten Städte dcö Morgenlandes, in alter Zeit so berühmt durch ihre großen Bischöfe und Kirchenvcrsammlnngen, gewahre» wir jetzt das Schisma in seiner tiefsten Erniedrigung. An den mcihomc- danischcn Völkern können wir sehen, wie unfruchtbar selbst der Glaubenssatz von der Einheit Gottes wird, wenn er durch den Betrug verdorben und durch ein gesellschaftliches Leben entehrt ist, das auf Gewaltthaten, auf der Sklaverei und Vielweiberei bcrnht. In noch weiterer Ferne von uns ist das Heidcnthum noch Herr und Meister in den schönen Landen von Indien «nd China; cS herrscht dort mit jenem Glänze, der cS einst bei den berühmten Völkern des Alterthums umgab; es hat seine Schule», ciuc Literatur und Künste, die ihm dienen, Gesetze, die cS schützen. Allein untc,r dieser schönen Außenseite verräth sich sein wahrer Geist durch die Menschenopfer und das Hinmordcn neugeborener Kinder. Gehen Wir noch einen Schritt weiter und durchwandern wir die Inselgruppen der Südsee, so finden wir dort bei jenen blutigen Festen, wo der Sieger den Besiegten verzehrt, die menschliche Natur in ihrer tiefsten Herabwürdigung. Denn je mehr der Geist sich verirrt, desto größer wird auch die Uusittlichkeit und Zuchtlosigkeit im Leben, und Gott läßt nicht zu, daß das Böse unter dem Scheue der Lehre allein vciborgen bleibe, sondern er treibt cS auch hinaus iu'S Lcbcu und zwingt cs auf diese Weise, sich beurtheilen zu lasse» nach seinen Werken. Von der cmdcren Seite bietet uns die Wahrheit einen ganz verschiedenen Anblick dar. Jede Mission ist ein Kamps, dessen Zeugen wir sind und das Christenthum findet dort dieselben Feinde wieder, die schon früher cS befehdeten, cS hat alle Arten von Kämpfen zu bestehen. Alle theologischen Streitfragen, welche die Vertheidiger der Kirche schon früher durchgcfochten haben, müssen dort von Neuem erörtert werden, um die ewigen Veränderungen des Protestantismus zu widerlegen, die griechischen Spitzfindigkeiten zu entwirren und die Wolken jener dunkeln philosophischen Weisheit zu zerstreue», iu welche das orientalische Götzcntinim sich hüllt. Handelt cS sich aber um barbarische Völker, wo das Evangelium keine falschen Lehren zu überwinden hat, — welche Anstrengungen sinv nicht da erst nothwendig» nm einzudringen in jene Geister,! die unterdrückt sind durch die Sinnlichkeit, und die unsterbliche. Seele von dem Fleische und Blute zu erlösen, die sie zu ersticken ^ drohen? Eben so gibt cö kein Bnßwcrk, keinen Kampf gegen - die Natur, den früher jene Einsiedler und Mönche bestanden, welche halb Europa bekehrt haben, der nicht auch in dem Helden-^ müthigcn Leben unserer Missionäre sich erneuerte, wenn sie in ihrer freiwilligen Verbannung aus stürmischem Meere, in den Wäldern, rintcr einem tödtlichcn Himmelsstriche und unter klcinmüthigcn Christen umherirre», denen ihre Anwrscnheit mitten unter lauernden Ungläubigen Schrecken einflößt. Wahrlich, sie würden oft den Einsiedler um sein spä lichcs Mahl, um die Sicherheit seiner Zelle und die Freiheit seines GcsangeS beneiden, wenn sie überhaupt des Neides fähig waren! Da aber die entscheidendste Prüfung von allen die durch Verfolgung ist, so fehlt auch diese nicht in unserer Zeit und in Tong-King sind die Gefängnisse gefüllt, in China sterben die Bckcnner in den Einöden vor Hunger, in den Städten von Corca sind die Blutgerüste aufgeschlagen, damit das Blutzcngniß für den Glauben nie aufhöre. So wiederholt^ sich also in der Kirche der Kamps in allen seinen Formen, dcr^ Kampf durch das Wort, der Kampf durch die Abtövtung, der Kampf durch das Martcrthum, und was sie zu allen Zeiten ihrer Geschichte war, das ist sie auch jetzt noch. Sie beweist dadnrch aus unwidcrsprcchliche Art ihre Unsterblichkeit, indem sie stets leidet nnd stets stirbt, ohne je zu erlöschen; sie beweist dadurch ihre Fruchtbarkeit, denn all der Schweiß und das Blut werden nicht umsonst vergossen, und trotz alles Widerstandes dehnt daö Christen- thum seine Eroberungen aus und befestiget sie. In jenen großen Reichen Asiens, wo die Mandarine das Bild dcö Gekreuzigten mit Füßen treten lassen, schaciren sich jeden Tag mehr Neophyten zum Gebete um dieses theuere heilige Bild. Auf den Felsen OcccmicnS, die früher nur durch Schiffbrüche berüchtigt waren, blühen jetzt mit der modernen Civilisation die Tugenden der ersten Zeiten auf. Denn, wie Fcnelon so scbön sagt, „die Quelle der göttlichen Segnungen versiegt nie und durch die Erfüllung seiner Verheißung zeigt Jesus Christus, daß in seiner unsterblichen Hand die Herzen aller Völker und aller Zeiten liegen." ') Sehet, so macht uns Gott die Kraft der Wahrheit fühlbar, denn er weiß, daß aufrichtige Herzen einer solchen Belehrung nicht widerstehen, schlaget jenes berühmte Sendschreiben der Gläubigen von Lyon über den Martertod des heil. Pothinus und seiner Gefährten auf und leset! Auch dort gab cs furchtsame Christen in der Stadt. Als sic aber sahen, wie ihre Brüder vor den Richter geführt wurden, als sie ihre Bekenntnisse und Antworten hörten, da wurde, wie sie erzählen, ihr Glaube wieder stark und sie rechneten eö sich zur Ehre an, öffentlich als Christen aufzutreten und laut den Erlöser zu bekennen. Dieselben Erscheinungen wiederholen sich vor unsern Augen. Die Gerichte sind nicht geschlossen, die Beile tricscn noch von Blut, wir haben die Verhöre unserer Brüder vernommen, wir haben ihre Folterqualen und ihr glorreiches Ende gesehen. Sollte da nicht auch in unsern Herzen der Glaube lebendiger und feuriger geworden seyn? Sollten da nicht auch wir, stolz auf diese Triumphe unserer Brüder, nuSruscn: Wir sind Katholiken! Wenn wir so an diesen Kämpfen der Kirche für die Ehre Gottes, an dem glorreichen Hinscheiden unserer Märtyrer, an den unerschrockenen Bekenntnissen der Neubckehrtcn, an so vielen Op- fcrn und Tugenden Antheil nehmen: so müssen wir wohl über kurz oder lang unserer selbst uns schämen und den Entschluß fassen Gott mehr zu lieben, wir müssen uns inniger anschließen an jene ewige Güte, die ohne Unterlaß die Menschen an sich zieht, und ohne Unterlaß von dem Hasse und der Verachtung zurückgestoßen wird. Und am Ende wird jene heilige Leidenschaft uns dnrchvringcn, die Bourdaloue so kräftig schildert, wenn er nachweist, „daß die Sache GotteS so in unsere Hand gelegt ist, daß wir sie führen müssen; daß daher, so ost dieselbe Schaden oder Nachtheil erleidet, Gott das Recht hat sich an uns zu halten, weil der Schaden, den sie erleidet, nur die Wirkung und eine Folge unserer schlechten Führung ist. . . . Wenn ihr für cnch selbst arbeitet, sagt er, so werdet ihr, weil ihr selbst klein seyd, bei aller Anstrengung uur Kleines und Beschränktes fertig bringen. Alles wird dem Nichts gleichen, daö von eurer Person und eurem Stande unzertrennlich ist. Wenn ihr aber für JesuS Christus arbeitet, so ist Alles, was ihr thuet, in gewisser Beziehung göttlich." ^ in der That keine leere Formel die Anrufung: „Heiliger Franciscus Zcaverius, bitte für uuS," ein Gebet, das uns das Andenken dieses Mannes, dem die göttliche Liebe nie Ruhe ließ, in das Gedächtniß zurückruft. Dieser Kreuzer, den wir alle Woche geben, ist eine Mitwirkung an der Erlösung der Welt durch das Blut Jesu Christi; dieß ist das Werk, dem wir uns anschließen. Nach dem Beispiele unseres t) Fenelon: Predigt auf das Fest der heiligen drei Könige. 2) Bourdaloue: Predigt über den Eifer. göttlichen Erlösers fangen wir zuerst an die Menschen zu lieben, ohne auf jene engeren Bande dcS gemeinschaftlichen Stammes, Vaterlandes und der Religion Rücksicht zu nehmen, wir lieben eben so viele Menschen, als der Erlöser am Kreuze geliebt hat. In jenen verkehrten, von den Reisenden verfluchten Völkern, in jenen menschenfresscndcn Stämmen, deren schreckliche Festmahle unö schon oft beschrieben worden sind, sehen wir nur noch unsterbliche Seelen, die unseres Mitleides und unserer Hingebung im höchsten Grade bedürftig sind. Wenn wir aber so dem fernen Elende bei- svrir-gen lernen, — wie könnten wir da wohl gefühllos bleiben bet dem Elende, welches wir sehen und mit Händen greisen, das an unserer Thürschwclle, auf den Straßen, in den Gefängnissen und Hospitälern auf unö harret? So leitet der Verein zur Verbreitung des Glaubens den Lauf der Liebe zwar nach fernen Landen hin, aber er entzieht darum unseren städtischen Armen nichts. Können wir dem Einsammler, der die wöchentliche Gabe abholt, dieselbe nicht versagen, so werden wir auch armen Kindern, die um Brod bei uns betteln, die Thüre nicht weisen. Und wenn arme Alvcnbcwohner, wenn die Fischer in dem Meerbusen von Genua und die irländischen Soldaten, welche in Indien dienen, sich zum Besten der Missionen ihre Nahrung am Munde absparen, so dürfen wir wohl von einer solchen Gesinnung Alles erwarten. Welche Gefühle müssen sich aber erst in uns regen, wenn Wir auf eine» höheren Standpnnct uns stellen und, irdischen Gedanken mehr entrückt, es bedenken, wohin unsere Gaben gehen. Sie nehmen denselben Weg wie unsere Gebete und gehen in jenen Schatz Gottes, wo der Pfenning der Wittwe gezählt wird, wo ein GlaS Wasser nicht verloren ist, wo Niemand gibt, ohne viel mehr dafür zu empfangen. Unsere schwachen Verdienste werden auf diese Weise Eins mit den Verdiensten der Apostel, der Märtyrer und so vieler leidenden und verfolgten Katholiken. Zwischen ihnen und uns ist Alles gemeinschasllich, wir haben eine Blume in ihren Kronen und eine jede ihrer Thränen, welche die Engel aufsammeln, bittet im Himmel für unsere Sünden und zieht Gottes Barmherzigkeit auf unsere Häupter und unsere Familien herab. In keinem ihrer Gebete werden wir vergessen, denn sie lernen für uns beten, wenn sie sehen, daß alle Jahre am Tage Allerseelen ihre Priester für die verstorbenen Mitglieder der Gesellschaft zur Verbreitung dcS Glaubens an den Altar gehen. In demselben Geiste haben die Väter der amerikanischen Kirchenversammlung zu Baltimore den Vischösen von China und Corca die Hand geboten, um uns zu segnen, ^) unv nichts kann einem so heiligen Verbände widerstehen. Wenn im scchözchntcn Jahrhundert die Hälfte von Europa den Versuchen unv Gewaltthaten der Reformation kräftigen Widerstand leistete, so wurde sie darin vielleicht mehr, als man glanbt, durch jene zahlreichen italienischen, französischen, deutsche», portugiesischen nnd spanischen Missionäre unterstützt, welebe den Glauben in die alte und in die neue Welt trugen. Vielleicht wnrde das Heil von mehr als einem Bolle durch das freiwillige Opfer jener Tausende von Christen, die in Japan starben oder durch das unschuldige Gebet jener armen Wilden in Canada entschieden, die eben erst die heilige Taufe empfingen. Und wenn wir jetzt sehen, das; so viele neue Kirchen sich gründen, daß überall in Asien, Afrika und Amerika, auf allen Inseln Oceanicnö die Gemeinden sich mehren, — scheint es da nicht, als wolle die Vorsehnng, die rings um uns her so viele Herde 1) Vrrgl, da« Sendschreiben der Väter des zweiten Concils von Baltimore un^ die Briefe des.apostolischen Viears von Siam und des Bischofs von Capsa. der Liebe entzündet, endlich auch jene alten Kirchen wieder lebendig machen, in denen seither die Erstarrung noch das Ucbcrgc- wicht behauptet? Und wir, die Mitglieder des Vereines znr Vcrbrcitnng dcS Glaubens, wir sind dazu bestimmt, diesen Plan auszuführen. Wenn in den Werften eines Hafens die Gehilfen unter den Balken sich beugen, die sie zurichten, so begreifen wohl nur Wenige derselben die Wichtigkeit ihrer Arbeit. Nnd doch bilden diese Balken alle zusammen ein Schiff, das die vaterländische Flagge mit allen ihren Erinnerungen aus allen Meeren glorreich entfalten wird. So sind auch wir die Gchilf.n und unsere Almosen sind die ^schwachen Mittel, deren Gott in seiner Gnade sich bedient, um ^ das Schiff des ApostolatcS zu bauen und flott zu machen. Dieses ! Schiff aber trägt die Fahne dcS KrcnzcS, und mit ihr die gestimmte Bildung, die gcsammtc Civilisation der Welt! Cormenin's Gespräch mit dem Ungenannten. (Aus seiner neuesten Flugschrift.) Eines Tages hielt Seine Hvchwnrdcn, ein Bruder Prediger, den ihr wohl kennet^), eine Rede; er gewahrte mich von der Höhe seines Lchrftuylcö herab, an dessen-Füßen ich mich demüthig niedergelassen hatte, um ihm zuzuhören. Er hob an, mich anszufragcn. Er: Ist cS schon lange her, Timon, daß Ihr die lächerliche Rolle eines Sacristei-Vcrthcidigcrs übernommen habt? — Ich: Mein Vater, es möchten seiidcm 23 Jahre verflossen seyn. — Der Pater meinte, das wäre doch mir eine kurze Zeit, worauf ihm Cormcnin antwortet: Es wäre genug in der jetzigen Welt, 28 Jahre lang dieselbe Meinung z» vertheidigen uud er hoffe auch noch im 30. Jahre für die nämliche Sache zu streiten. — Er: Nun ich gebe zn, daß Eure Stand- haftigkeit wirklich etwas Seltenes s,v; doch darnm handcll es sich jetzt nicht. Seyd Ihr Gallicancr? — Ich: Pah! Pah! — Er: Seyd Ihr vielleicht ein Ultramontanc? — Ich: Pah! Pah! — Er: Was sagt Ihr da? — Ich: Ich sage, mein Vater, daß ich weder das eine noch das andere bin. — Er: Timon, Timon, eins von beiden seyd Ihr gewiß. — Ich: Ich sage Euch, mein Vater, ich bin weder das eine noch das andere. — Er: Was seyd Ihr dann? — Ich: Ich bin bloß katholisch. — Er: Ihr wollt sagen, fanatisch, abergläubisch, götzendienerisch, jesuitisch, ultramontcinisch und blödsinnig; denn mit diesen Namen bezeichnen wir Andern die Katholiken. -— Ich: Ich wußte, mein Vater, daß Ihr die Katholiken mit jenen Beiwörtern beehrt. — Er: Wißt Ihr auch, daß ich in der Sorbonne wohne, ohne Doctvr derselben zu seyn? — Ich: Ja ich weiß cS, daß Ihr dort wohnt und daß Ihr kein großer Doctvr seyd. — Er: Darnm gebe ich nicht viel und ich werde doch thun, als wäre ich es; ich werde auch für Euch gut sorgen, wenn Ihr einer der Unsrigcn werden wollt. — Ich: Was meint Ihr damit: einer der Eurigcn werden? — Er: Wenn Ihr zum Beispiel sagt, daß die Religion schon sehr alt sey. — Ich: Ja mein Vater, sie ist sehr alt, so alt wie Gott, weil sie Gott selbst ist. — Er: Wenn wir aber doch, die Laterne t« der Hand, in der dunkeln Nacht, welche ruud um uns ist, mit einander eine neue Religion suchten! — Ich: Welche, mein Vater? — Er: Jene, welche Ihr wollt! — Ich: Ich wünsche mir keine bessere, und bedenkt wohl, die große Schwierigkeit liegt eben darin, eine andere zu finden. - Er: Warum nehmt Ihr nicht wie ich, den Gott an, der im großen ') Cousin. All ist, Alles in Allem seyend? — Ich: Entschuldige meine, vielleicht einfältige, Aengstlichkeit, dieses göttliche Universum, den Gott, der Alles in Allem ist, anzubeten: es ist mir nicht klar gezeigt, ob Ihr Euch selbst in diesem All begreift? — Er: Ich habe niemals gesagt, daß ich mich selbst begriffe; weit gefehlt! ich weiß nicht, warum Ihr mich verleumdet, als glaubte ich, daß ich mich selbst begriffe. — Ich: Ich sage nichts, als was die ganze Welt sagt. — Er: Anstatt mit der ganzen Welt zu sagen, daß ich mich begreife, was nicht wahr ist, thätet Ihr besser, Euch mit uns zum Angriffe gegen den päpstlichen Aberglauben der Ohren- bcicht und des Cölibats zu vereinigen. — Ich: Das konnte ich thun, um Euch gefällig zu seyn, vor übergroßer Liebe zu Euch, wenn ich wie Ihr nicht katholisch wäre. — Er: Man kann katholisch und gut katholisch seyn, ohne die Ohrcnbeicht und den Colibat anzunehmen. — Ich: Wirklich! — Er: Ich sage es Euch: und ich konnte Euch an der Sorbonne, obschvn ich dort nicht Dvctvr bin, ein ganz gutes Zeugniß der Rcchtgläubigkeit ausstellen, wie ich es vorgestern für meinen Freund M...'°) in einer hohen Kammer"") gethan habe. — Ich: Ach ein Zeugniß des katholischen Christenthums von dem Anbeter des Gott-All, der in Allem ist! Wie so ganz klar! — Er: Ich gestehe, daß ich nicht immer sehr klar bin, was vielleicht meine Weise mich auszudrücken, verschuldet. Doch erlaubt, mein Theurer, Euch zu sage», daß ich Euch über mein Zeugniß vollständig befriedigt und ibm an einem andern Orte""") und vor gelehrten Leuten völlige Giltigkcit verschafft hätte, bei dem einen, weil er der Sohn seines Vaters, bei mir, weil ich der Vater meiner Werke bin, bei einem Dritten, weil er wegen seiner Vcrurtheilung unzufrieden ist, und bei einem Halb-Duzend Anderer, weil sie sich einen Spaß daraus machen würden, des Dritten Schicksal zu theilen. — Ich: Ich danke Euch, mein Vater, für Eure Wohlgewogenheit: Ihr hättet mich mit Euren: guten Zeugnisse gewiß denen zugeschickt, welche für Schlichtung kirchlicher Angelegenheiten so compctent sind. — Er: Ja, ich wllrte Euch auch an einem dritten Orte vertreten haben, wo wir die heiligen Kanones — deß können wir uns rühmen, ein wenig besser auslegen, als der Papst, welcher, unter uns gesagt, nichts davon versteht. — Ich: Mir scheint, mein Vater, daß Ihr, ohne Gott-All zu seyn, doch Euch in dem großen All befindet und überall ein wenig hincingczwickt seyd, so daß Ihr in der Pairskammcr, in der Akademie und im Staatsrathe, also zwei-, ja dreifache Geschäfte mit der Theologie macht. — Er: Warum nicht? hab' ich etwa nöthig gehabt, die Kanones zu lese», selbst um sie nur zu verstehen? — Ich: Keineswegs! — Er: Over um sie anzuwenden? — Ich: Noch weniger. -— Er: Soll cS mir verwehrt seyn, den Staat zu vertheidigen, selbst wenn er nicht angegriffen ist? — Ich: Gewiß nicht. — Er: Geben mir die organischen Artikel nicht das Recht, mir, dem Archilaicn, selbst die Archiclcrikcr in geistlichen Sachen zu richten? — Ich: Zweifelsohne. — Er: Bin ich demnach nicht ein Stück vom All? — Ich: Wer soll das Gegentheil behaupten? — Er: Und wenn ich im All bin, warum sollte Gott nicht darin seyn? — Ich: Dieß kann Niemand widersprechen. — Er: Und wenn Gott darin ist, warum wären die Jesuiten nicht darin? — Ich: Wahrhaftig ein starker Grund, daß die Jesuiten darin sind. — Er: Und mit mir darin sind, der ich nicht mit ihnen bin? — Ich: Woraus folgert Ihr, daß wenn Ihr in ') Wickelet. "> der PaiiS. "') In der Aka^mie. Verantwortlicher Rid,ieteur: L. Schönchen. dem All seyd, man die Jesuiten daraus vertreiben müsse, weil sie nicht mit Euch sind? — Er: (reibt sich die Stirne.) Ich: Und was werdet Ihr zuletzt aus Gott machen, den Ihr noch vor der Hand im All laßt, mein Vater? — Er: Gott mag zusehen, was er werden kann: ich beschäftige mich jetzt nur mit den Jesuiten. — Ich: Ich finde es jetzt ganz natürlich, daß die Leute, welche Ihr außer dem All stellt, nichts sind, während Ihr, der Ihr Euch in dem All laßt, Professor an der Sorbonne, Würdenträger der Universität, Staatsrath, Akademiker und Pair von Frankreich seyd. — Er: Das alles, weil ich im All bin; Ihr räsonnirt ganz gut und ich sehe, daß Ihr schon den Anfang gemacht habt und unö beitretcn werdet. — Ich: Ich bin nicht ungerecht und unduldsam, wie Ihr, mein Vater; wahrscheinlich darum, weil ich kein Philosoph bin. Ich erkenne, daß Ihr ein Mann von hohen Verdiensten, gelehrt, klug, genial, beredt und feurig seyd, ich betrachte Euch als die wichtigste Person von Frankreich. — Er: Wie das, wenn ich bitten darf? — Ich: Weil Ihr alle Professoren der Philosophie ernannt habt. — Er: Und warum noch? — Ich: Weil die Professoren der Philosophie alle Tage neue Ideen aushecken. Er: Und wie macht Ihr den Schluß? — Ich: Weil die Jdcenträger stärker sind, als die Säbclträgcr. — Er: Wahrhastig, Ihr schmeichelt mir. — Ich: Ich schmeichle Euch nicht und will Euch nicht schmeicheln, indem ich, obschon anerkennend Eure Macht, auch erkenne, daß Ihr einen schlechten Gebrauch von derselben macht. — Er: Welchen Gebrauch soll ich von derselben machen? — Ich: Sagt lieber, daß Ihr keinen Gebrauch davon macht und nicht Wissen und Gewissen in Fesseln schlagt. — Er: Ach, so seyd Ihr sür die Wissenschaft? — Ich: Ja, wenn sie wahre Aufklärung ist. — Er: Und für das Gewissen ? — Ich: Ja, nach dem 5tcn Artikel der Charte. — Er: Und für den Fortschritt? — Ich: Ja, wenn er nicht rückwärts führt. — Er: Für Vernunft und Recht? — Ich: Vorausgesetzt, daß man nicht die Gründe des Stärkern gelten läßt. — Er: Für Psychologie, Ideologie, Ortologie, Embryologie und Pcmthologic? — Ich: Ja, ich will und muß sie wollen, weil sie alle in dem All sind. — Er: Für die Theologie? — Ich: Ja, aber für die, welche Ihr selbst nicht lehrt. — Er: Für die Freidenker? — Ich: Ja, unter dem Vorbehalte, daß sie mir gestatten, auch anders, als sie, zu denken. — Er: Für die Politiker, Moralisten, Philosophen? — Ich: Vollständig, nur müssen sie mir erlauben, den einen wie den andern zu sagen, daß die Politik seit Aristoteles, die Moral seit der Votschaft des Evangeliums und die Philosopie seit Plato keinen Schritt vorwärts gemacht babc. — Er: Für die Gerechtigkeit? — Ich: Wenn sie ihrem Namen Ehre macht. — Er: Für den Unterricht? — Ich: Ja, wenn er nicht in den 3 Artikeln eingereiht ist. — Er: Für die Freiheit? — Ich: Ja, s.lbst sür die ErziehungS - Freiheit. — Er: So, wie ich? — Ich: Nein, noch mehr. — Er: Mehr als ich? dieß überschreitet die Schranken einer anständigen Erörterung, und ich verschiebe mein Eraminatorium auf einen andern Tag. — Ich: Ganz zu Euren Diensten. Darüber brachen wir ab und da sich eine große Zahl Lachender auf meine Seite gestellt hatte, glaubte ich einen Augenblick an guten Erfolg. ') Nach der Übersetzung der Poss. k, Kirchenztg. Verlags-Inhaber: F. C. Krem er. H n » ^»S- ' Deii., der ' », MW s . ,«UM. ^^^HM R«gSb«rger ' . ' - -.^ ^,>« ich habe nach ihrer Entlassung Erkundignngen über sie eingezogen, harten und verstockten Herzens, mit dem schweren Gedanken, daß sie bleibt gut. Es ist noch Keiner von der Krankenstube entlassen, seine Sünden ihm AllcS, sein Glück auf Erden, die Ruhe seines «der nickt einen guten Eindruck mitgenommen hätte; ich habe oft Gewissens, die Hoffnung und Zuversicht in die Ewigkeit geraubt,! Gelegenheit gehabt, das in der seelsorglichen Behandlung der Geist er der Verzweiflung nahe, und schreckt ihn der bange Zweifel, j fangencn zu erfahren. Und wenn die Kranken auf der Genesung ob seine Seele noch Gnade vor dem Richterstuhlc GotteS finden^sind, so ist eS eine Lust zu sehen, wie die Schwestern bald ihre kann: sieht er dann an seinem Bette sitzen die barmherzige Schwe-! schwachen Kräfte zu kleinen Arbeiten zu benutzen wissen, z. B. bei ster, die auch Alles verloren, aber freiwillig Alles aufgeopfert hatten Frauen: Da haben sie eine Arbeit für das HauS oder die um Gottes und der Tugend willen, und ihm zu helfen, die jeden! Kirche unter Händen, etwas zu nähen oder zu stricken. Setzen Augenblick bereit ist, jede seiner Mienen und Geberdcn bewacht, ^sie sich damit neben die Kranken und sagen: Es ist so schön, ob sie ihm nickt eine Erleichterung , einen Trost spenden könne: etwas zum Nutzen des Hauses, das sie pflegt, oder für die Ehre Gottes thun zu können; wie gern greifen diese dann nach der Arbeit u. s. w. Mit welchem Danke und welcher Liebe die Ge. fangenen gegen ihre Wohlthäterinnen, wie sie die Schwestern oft nennen, erfüllt sind, davon habe ich oft rührende Beweise gesehen. Ich trat einmal auf das Lazarett) der kranken Männer, und fand sie zu ungewohnter Zeit zum gemeinschaftlichen Gebete um ein Crucifix gelagert. Die eben das Bett verlassen dursten, lagen knieend versammelt, die andern hatten fromm ihre Hände auf dem Bette gefaltet: das ganze Lazareth betete. Ich fragte nach der Ursache, und erfuhr: die eine Schwester war krank geworden, sie hatten sie den Tag über nicht gesehen, und beteten zu Gott um ihre Genesung. Welche Freude, als sie nach einigen Tagen wieder unter sie trat. Es ist einleuchtend, was ein jolcher Geist, der nun auf dem Lazarethe herrscht, für einen moralischen Einfluß im Ganzen üben muß. Ich muß aber hierbei bemerken, daß die Behandlung der Kranken seitens der Schwestern durchaus nicht zu weich, oder gar sentimental ist: wer die Schwestern so beurtheilen wollte, der könnte sie schlecht. So besorgt und voller Theilnahme sie für die Kranken auch sind, so Wissen sie doch jedem unbilligen Begehren derselben mit Entschiedenheit entgegen zu treten, und etwaige vorkommende Störungen und Unordnungen auf den Laza- rethen mit Ernst abzuwehren und zu beseitigen. Ich habe öfter gesehen, wie eine Schwester die Sträflinge um sich zusammentreten ließ, um ihnen eine angemessene Strafrede zu halten. Eben so wenig hat ihre Tugend und ihr Seclcneifer mit Frömmelei und falscher widerlicher Bekehrungssucht etwas gemein. Wäre das, so würde ihre Wirksamkeit auf die Gefangenen sicher geringeren oder wohl gar keinen Erfolg gehabt haben. Denn Nichts entdeckt der ohnehin so mißtrauische Verbrecher leichter, als Absichtlichkeit, und durch Nichts nimmt man denselben mehr gegen sich ein, als durch diese. Wo sie mit dem, dem Weibe eigenen, durch Uebung bei ihnen geschärften Takte sehen, daß ein Wort des Trostes oder der Erbauung oder der Ermahnung am rechten Orte seyn und Eingang finden möge, da wird es gesagt, und sein Erfolg der göttlichen Gnade und der ferneren Behandlung des Geistlichen überlassen." Italien. Bedeutung der Glocken. (Kath. Blätter aus Tirol.) Rom. Am 3. Mai zog eine seltene Feierlichkeit das römische Volk und die anwesenden Fremden in die weltberühmte Basilika Santa Maria Maggiore. Der heil. Vater weihte nämlich in Höchsteigener Person in dieser Kirche die vor einem Jahre gesprungene, Heuer nun neu gegossene, und an Werth und Gewicht vermehrte große Glocke. Nebst 20 Kardinälen und dem päpstlichen Hofstaate wohnten auch viele Bischöfe der morgen- und abendländischen Kirche, und eine große Menge hoher Herrschaften, für welche an beiden Seiten dcö Mittelschiffes Tribunen errichtet waren, der Feierlichkeit bei. Am Schlüsse der Ceremonie verkündete die Glocke zum ersten Male mit ihrer rein klingenden Stimme den Gruß des Engels. Die Glocken haben in der katholischen Kirche ein bedeutungsvolles und einflußreiches Amt. Schwebend in der Höhe zwischen Himmel und Erde, durchdringen und übertönen sie mit ihrer metallenen Stimme bald erhebend bald niederdrückend, balv begeisternd bald erschreckend, immer jedoch mahnend und predigend, das einförmige und eitle Brausen und Lärmen der unter ihnen sich herumtreibenden Menschheit. Bald ist ihr feierlicher Schall ein schwaches Echo der seligen Sicgeslieder, die aus dem himmlischen Jerusalem in unser Thränenthal herniederschallen, und in unsern Herzen das Heimweh nach der jenseitigen theuren Heimath anregen; bald ist ihr Ruf eine herzzerreißende Klagestimme, die uns die Seufzer unserer leidenden Brüder drüben verkündet, uns den Ernst und die Schrecknisse des Todes und Grabes prediget, und mit den Thränen und Seufzern der verlassenen Theuren vereinigt ein ernstes Grablied singt; bald verbreiten sie ihren feierlichen Klang über Städte und Dörfer, über Berge und Thäler, und verkünden der unter der schweren Last der Arbeit, Leiden und Sorgen gedrückten Menschheit die hohen Festtage dcö Jahres, diese so angenehmen und lrostvollcn Rast- und Nuhcpuncte auf der mühevollen Pilgerreise durch dieß Leben, und rufen mit der Stimme des guten Hirten die gläubige und hcilbegierige Heerde Christi in die Kirche zur stets offenen Gnadenquellc dcö lebendigen Wassers; balv aber hört man sie wieder in der bangen Stunde der Gefahr, wenn Donner rollen und Blitze sich durchkreuzen, oder das feindliche Schwert cntgegcnblinkt, oder die schreckliche Wuth der entfesselten Elemente wild zerstörend um sich greist, gleich einer um ihre Küchlein besorgten Henne, ihren Mark und Bein durchdringenden Angstschrei Ausstößen, und die Sorglosen an die Gefahr erinnern, die Erschreckten aber zum Gebete und Vertrauen auf Gott ermuntern; die Glocken sind es, die dem durch den nächtlichen Schlas erquickten irdischen Waller den neuen Tag verkünden, und ihm beim ersten Erwachen die Wohlthat der Erlösung in's Gedächtniß rufen, und die heiligsten Namen Jesus und Maria zum Ohr und Herzen sprechen, so wie sie wieder am Abende jedes Tages der scheinenden Sonne noch den Gruß des Engels an Maria hinter die Berge nachrufen, und dem ermüdeten Arbeiter von der Hitze und Last des irdischen Tagewerkes zur Erquickung und nächtlichen Ruhe winken. Sie haben das ehrenvolle Amt, alle Tage den an- und abwesenden Brüvcrn in der Kirche und zu Hause, auf dem Felde und auf den Höhen der Berge den hoch heiligen und höchst wichtigen Augenblick zu verkünden, in welchem der Erlöser in der Hand des Priesters gleichsam neuerdings Mensch wird, und für das Heil seiner Erlösten sich opfert; — sie sind, mit Einem Worte, die theilnehmenden Zuseher der irdischen Ereignisse, und dle mitfühlenden Verkllnder unserer frohen und lcidcnoschwcren, trüben und heileren Stunden von der Taufe an bis zum Grabe, — das kräftige Sprachorgan, durch welches der stäte Rapport des Himmels mit der Erde, der Zeit mit der Ewigkeit unterhalten wird. Ist nun dieses das Amt, und die durch die heilige Weihe noch erhobene Würde jeder kirchlichen Glocke überhaupt, und einer großen Hauptglockc insbesondere, so genießt doch Maria Liberia unter ihren vielen Schwestern in der weiten christlichen Welt ein ganz eigenes Ansehen, da sie die erste und vornehmste aller Marienkirchen der christlichen Welt schmücket, und ihr die Ehre zukommt, täglich den sieben Hügeln Romö das Lob Mariens und den Gruß des Engels zu verlunvcn. Uebrigcns hat dicse Glocke noch eine besondere Bestimmung. Sie wird täglich zwei Stunden nach Ave Maria, welches im höchsten Winter auf 7 Uhr, im höchsten Sommer auf 10 Uhr hinausgeht, eine Viertelstunde lang gelautet, damit die Jäger und Hirten, die auf der unabsehbaren Fläche der römischen Campagna im nächtlichen Dunkel herumirren, und in großer Gefahr stehen, sich gänzlich zu verirren, und Gesundheit und Leben einzubüßen, an dem Schalle dieser Glocke sich zurechtfinden, und demselben nachgehend die gehörige Richtung gegen Rom wieder finden können. So ist sie also auch ein Zeuge der alle möglichen Leiden umfassenden, und in Rom so schön sich entfaltenden christlichen Liebe, und zugleich cm schönes Bild der heiligen Mutter der Kirche, welche vom festen Thurme ihrer allumfassenden Liebe herab mit Schmerz und Mitleid hinausblickt in die tiefe Nacht der Sünde und des Un- und Irrglaubens auf die so vielen Unglücklichen, die im schauerlichen Dunkel hcrumtappend Gefahr laufen, sich immer mehr von ihrem einzigen Ziele zu entfernen, und in bodenlose Abgründe zu stürzen, und bis zu der Zeiten Ende mit rastloser Liebe bemüht ist, mit Millionen Stimmen und Millionen hilfreichen Händen die Verblendeten zu retten. Cormenin über den Satz: der Papst ist ein auswärtiger Souverän. Ich kann nicht mit Stillschweigen einen der meist schismati- schcn Einwürfe übergehen, welche mir gemacht worden sind. Die Ehre seiner Erfindung gebührt, ich sage cS, weil ich gegen Niemanden ungerecht seyn will, dem — vcrurtheiltcn Handbuch-- schreibcr. „Wenn ihr dem Papst gehorcht, gehorcht ihr einem auswärtigen Souverän." Souverän! Ihr wollt sagen: Souverän der Bischöfe? Nicht wahr, ihr weigert euch, dem Papste unter- thcinig zu seyn? Sagt es gerade heraus, daß man es wisse, was euch Schrecken einjagt, die Kanones der Kirche oder die Kanones des Papstes? Ich glaube, ihr fürchtet euch vor jenen sowohl, wie vor diesen! Auswärtiger Souverän! Ja wenn der Papst über das Zeitliche zu befehlen hätte, er ist aber nur Herr der Katholiken in geistlichen Angelegenheiten! Ist der Papst es, welcher mir das Billet übersendet, daß ich ungehindert bei den Wachen vorüber in den Palast des Bürgerkönigs treten kann? Ist er es, welcher den Gewählten ermächtigt, in der Deputirtcn-Kammer Platz zu nehmen? Hab' ich dem Papste meine monatlichen Steuern zu bezahlen? Will man keine geistliche Einheit mehr? Ihr antwortet mir, das sey eine Frage, wie jede andere. Gut, wenn dieß eine Frage ist, wie andere Fragen sind, wenn man keine geistliche Einheit mehr wünscht, wenn man will, daß ein Franzose Papst seu» müsse, wen nehmen wir dazu? Nehmen wir Duvin zum Papste! Warum sollte auch Dupin nicht unser Papst seyn, in seiner dreifachen Eigenschaft als Franzose, Häretiker und Gallicancr? Wie weit wird es noch mit uns kommen, wenn wir uns im Geistlichen abgränzen? Ist Gott ausschließlich Franzose? Ist er nicht eben sowohl Italiener, Spanier, Holländer, Jrlcindcr, Oestcrrcicbcr? Wir sind allzu gute Franzosen, um Gott zu gehorsamen. Er ist ein 'Ausländer! Da sagt mir einer: Habt auf Maistre Acht, habt wohl auf ihn Acht! hat er nicht den Papst gebeten, einen Fürsten in Deutschland im Zeitlichen abzusetzen? Da seht ihr, wie weit man mit euren päpstlichen Grundsätzen kömmt! Ich führe euch nicht so weit. Bin ich für die Uebertreibungen verantwortlich, welche Maistre vor 50 Jahren in die Welt hinansgeschlieben hat? Ich habe an meinen Fehlern zu tragen genug. Wenn Maistre royalistischcr als der König, und ultra- montaniscbcr als der Papst war, so haben weder der Papst noch der König, noch ich die Schuld daran. Laßt Maistre neben *> Duvin. _ Verantwortlicher Rcd.^tcur: L. Schönchen. seinem abgesetzten oder abzusetzenden kleinen Fürst.» ruhig im Grabe schlafen und laßt uns von unsern Angelegenheiten sprechen! Zum Beispiel wäre es eine höchst einflußreiche Sache, offen mit dem Ministerium des Cultus zu brechen, wie es ein excentrisches Kirchcnblatt gerathen hat, oder allmälig, wie ein berühmter Dichter") vorschlagen möchte. Dieß wäre eine Uebertreibung ... In Frankreich würde der Bruch zwischen Staat und Kirche große Nachtheile sür den Katholicismus nach sich ziehen, und ich bin überzeugt, daß jeder Bischof und auch der Papst meiner Meinung sey. Der «Staat muß der Kirche alle Freiheit lassen, und die Kirche darf sich nicht in Sachen des Staates mengen; beide haben ihre Bahnen nicht über-, sondern nebeneinander. Ein Austrctcn aus der Bahn führt zum Kriege zwischen den zwei Gewalten. Wer aber Krieg zwischen Kirche und Staat wünscht, ist ein schlechter Bürger, ist ein schlechter Christ. Meine Gesinnung ist: Staat und Kirche solle» in gegenseitiger Unabhängigkeit, aber in Freundschaft leben. Dieser Grundsatz wird von allen verständigen Menschen getheilt, und jedes edle Herz muß ihm Beifall zollen. Menschen, welche aufrichtige religiöse Gesinnung haben und die Verbindung zwischen der Kirche und dem Ministerium des Cultus aufgelöst sehen möchten, wissen nicht, was sie begehren: sie nehmen nicht wahr, daß sie denen einen neuen Vorwand leihen, welche den Klerus jedes Gehaltes aus der Staatscasse berauben wollen. Ida von St Elme. Die jüngst zu Brüssel im Spital verstorbene Verfasserin der „Memoiren einer Zeitgenossin", Frau von St. Elme (nicht Eldme, wie es durch einen Druckfehler in der Postzcitung hieß), war im Haag geboren als Tochter protestantischer Eltern. Nach dem Tode ihres ersten Gatten kam sie nach Paris, wo sie ihres „Esprit" und ihrer Schönheit wegen viele Bewunderer fand. Sie schloß nicht sehr chrenwerthe Verhältnisse mit den ersten Generalen der Republik und des Kaiserreichs, machte mehrere Feldzügc mit, predigte auf diese Weise lange Zeit praktisch die Emancipation der Fraucn und warf sich später auf die Theorie, indem sie sich zum St. SimonismuS bekannte. Tröstlich ist hingegen ihr Ende, das uns belgische Blätter schildern. Für menschliches Elend hatte sie stets eine mitfühlende Seele und unterstützte in den Tagen ihres Glanzes mit beträchtlichen Summen die Hilfsbedürftigen. Vielleicht haben die Gebete dieser ihr die Gnade der Erkenntniß erwirkt. Denn in den spätern Jahren ihres Lebens reifte in ihr der Entschluß, katholisch zu werden, heran, und sie führte denselben in Brüssel aus. Lange Zeit vor ihrer letzten Krankheit schrieb sie an den Ncdcmtoristcn Pilat, um sich den Unterricht in der katholischen Religion zu erbitten. Nach ihrer Bekehrung und besonders in ihrer letzten Krankheit offenbarte sie den lebendigsten Glauben, sie ertrug mit erstaunenöwerthcr Geduld die furchtbaren Schmerzen ihrer Krankheit und that ihren Mund nicht auf, als um ihre Umgebung zu erbauen. Aller Welt wünschte sie es wissen zu lassen, daß sie ihre Schriften widerrufe und ihre Vergehen verfluche, die sie gerne mit ihrem Blute ausgesühnt hätte. Sie pneö Gottes Bnrmhcrzigknt, die sich an ihr erwiesen habe, und iu ihren letzten Augenblicken drückten sich Reue und die Hoffnung aus, daß sie jetzt in ein besseres Leben hinübcrtrctc. Lamartine? Nach der Ucbcrtr.igung der Pass. k. Kirchcli zt g, Verlags-Inhaber : F. C. Krem er. ^ < H .^»s- ° Bei/., r Augsburger Erste Jahreshälfte. M? ÄS. * Zeichen der Zeit. Von Cöllen an dem Rhcine Eine Sage gehet laut: Es habe mit neuem Steine Der Dom sich angebaut. Ja, ja! das ragt und strebet Zum Himmel fort und fort. So Könige! regt und lebet Ein deutsches Königswort. Hört nur, wie im Gesteine Das „Weide!" pocht und pulst! So schafft das Wort, das Eine, — Nicht ciller Rede Schwulst. Dem fürstlichen Beginnen Hat sich das Land gesellt: Zum Gold der Königinnen Des Bürgers Gabe fällt. Aufopfernd trägt die Spenden Dcr Thürme Dreialtar Hinauf, wo das Vollenden Noch stehet immerdar. WaS hier die Herzen einte, Die sonst der Glaube schied, — Ein Traum, der sich versteinte, Ein Traum ist's und ein Lied! Ein Traum, in Stein geschrieben, Von deutscher Einigkeit! „Ein Glauben und ein Lieben!" Das Ammenlied der Zeit. Doch Jahre, viclgcraumc, Muß erst die Schrist crgrau'n, Bis vcrbemcldi im Traume Sich einst die Zeiten schau'n; Poftzeitung. SS. Juni 1845« Bis einst nicht mehr zur Lüge Des Liedes Stimme wird, Daß sich doch endlich füge Eine Heerde und Ein Hirt! Trier und Cöln. Auf und ab am RheincSstrom Klingt es tief und helle, Zwiesprach' hält von Cöln der Dom Mit dem Braus der Welle, Ja, der Rhein, er jubelt laut Auf in seiner Kläre, Seit die Mosel ihm vertraut Neue Wundcrmähre. Kunde geht von Ort zu Ort, Glockengrüßc schallen, Pilger siehst du sort und fort Nach dem Dome wallen, Wo mit Wchmulh sie und Dank Das Gewand erfüllet, Das des heil'gen Blutes trank, Und den Herrn gehüllet. — Gottes Wort ist im Gemüth Recht zum Frühling worden, Wunderblumen sind erblüht An des Altar's Borden. Merk'! es weht ein Gotteshauch Sichtend durch's Gcsilde, Blühen muß der edle Strauch Dorren muß dcr wilde. 1843. ______ Hier ergießt der alte Quell Labender die Fluthen, Fließt so klar, so himmelhell In der Sonne Gluthen: Dort, von heißem Durst geplagt, Nennt ein Volk, ein krankes, Pfützen, die der Tag gebracht, Quellen sr scheu Trankes! Blumen welken am Felsenrand, Burgen, deren Zinnen Mit der Dichtung Lichtgewand Mondlich sich umspinnen: Doch, indeß dem Zeitensturm Trümmernd sie sich neigen: Heb, sich Halle, hebt sich Thurm, Gott geweiht zu eigen. Bischöfe, die legen Grund Mit Gebet und Segen, Und im Bolke gibt sich kund Folgcsroh Bewegen. So am reinen MaubenSstrom Bauen fromme, schlichte Pilger einen geist'gen Dom In die Weltgeschichte! Noch zu serner Kunde schallt Einst sein festlich Läuten: Wer da mit gen Trier gewallt, Wird'S den Enkeln deuten, Wie auf leisen GviteSruf Sich da« Volk erhoben, Wie es diesen Tempel schuf Trotz der Feinde Toben. Zwar der Bauplan ist nicht seit Heute erst ersonnen: Nein! die gute alte Zeit Hat ihn schon begonnen: Aber jetzt, wo Fehde dräut, Jetzt ihn weiter bauen, In der glaubenSavmen Zeit — Macht den Bösen Grauen. Daß ihr Haß zur Flamme stieg: Eben das beweist es, Unser Bauwerk sey der Sieg Eines bessern Geistes. Doch wer stillt der Frevler Mund, Die ren Bauherrn') sckmähten, Auf der Kirche heil geu Grund Spott und Lüge säete»; ') Bischof Arnoldi, Sage, fahrlcS streuten sie Ihren gift'gen Samen! Sage, diesen Spöttern lieh Deutschland Schutz und Namen! — Ach was steht zu Cöln am Rhein Riesengroß geschrieben? Ist vergessen schon das: „Ein Glauben nur und Lieben!"? — Volk der Einen Kirche Du! Bau' am deutschen Horte, Ungeirret baue zu, Bau' hinein die Worte, Daß die Brüder, glaubensgleich, Einst am Eingang lesen, Was der Kirche liebcreich Losungswort gewesen! Doch — an diese Friedensschrift Muß ich Zeichen reihen, Die des Unrechts, so Dich trifft, Dein Jahrhundert zeihen. Mit dem Griffel, spitz und scharf, Grab' ich ein — die Schande, Daß Dein Glaube nicht pilgern darf Frei durch alle Lanve! Carl Thuina. Die Oblaten der allerseligsteit und unbefleckten Jungfrau Maria. In dem Maaße, als das Felv der Missionen ausgedehnter und fruchtbarer wird, beruft der Herr auch mehr Arbeiter in dasselbe. Er erweckt nicht nur einzelne Apostel zu diesem göttlichen Amte, sondern ruft auch ganz neue Kongregationen in's Leben, deren Gesammtthätigkeit allgemeine Bedürfnisse besser befriedigen kann. Unter diesen neuen Institutionen tritt eine jetzt zum erstenmale in die Missionsgeschichtc ein und Wir müssen ihre Entstehung zuerst erzählen, ehe wir von ihren Arbeiten Rechenschaft ablegen können. Die Gesellschaft der Oblaten der allerseligstcn Jungfrau (Odlats <1e Narie immaeuleo) wurde im mittäglichen Frankreich von Monsignore de Mazenod, gegenwärtig Bischof von Marseille, gegründet und besteht schon länger als achtzehn Jahre. Sie beschränkte Anfangs ihre Thätigkeit auf den Ort ihres Entstehens; als aber im Jahre 1841 Monsignor Bourget, Bischof von Montreal in Canada, in Angelegenheiten seiner Diöcesc, namentlich um Missionäre für dieselbe zu gewinnen, nach Europa kam, bat er den Hochwürdiasten Bischof von Marseille ihm eine Kolonie seiner Priester, die Oblaten Maria zu überlassen. Dem würdigen Prälaten, dem die Kirche von Canada schon so viel verdankt, wurde sein frommer Wunsch gewährt und es ward ihm der Trost zu Theil, daß er diese neuen Mitarbeiter in seine Diöcesc einführen konnte. Nachdem ihr Haus nach der Regel geordnet war, begannen sie sogleich ihre apostolischen Arbeiten, die der Herr überall mit reichlichem Segen begleitete. Die Oblaten der allerseligsten Jungfrau in Canada sind im Augenblick neunzehn Personen stark, unter welchen sich fünfzehn Missionare, welche die Gelübde abgelegt, und Vier Novizen befinden. Sie haben drei Häuser. Das erste, zu Longueil, wo der Generalvisitator residirt und das No- viciat sich befindet, ist besonders mit der Seelsorgc der Town- Ships beauftragt. Man bezeichnet mit diesem Namen die an den Gränzen von Canada und den Vereinigten Staaten zerstreut liegenden Niederlassungen, die, weil die Bevölkerung nicht zahlreich genug ist, zu Pfarreien mit einem ständig dort resivircndcn Priester nicht erhoben werden können. Es ist klar, daß die religiösen Bedürfnisse dieses stiefmütterlich bevachtcn Theiles der Hecrde eine besondere Pflege erfordern. Eine andere Genossenschaft von Oblaten Maria, die Mon- signor Signay in die Diöcese Quebcck berufen, ist in den nordöstlichen Theil des Saguenay, an die Ufer des Stromes, welcher diesen Namen trägt, verpflanzt worden. Außer den Missionen für die katholischen Pfarreien beschäftigen sich die Bäter dieser Station damit, den Wilden das Evangelium zu predigen, von denen immer noch einige Stämme an den Quellen des St. Mau- rice und Saguenay, so wie an den Ufern des Montmorency wohnen. Weiter gegen Norden, nach dem 52. Breitengrade zu, gibt es noch PapinachoiS-Jndianer, zwischen den Seen Amnitchta- gcm, Pcipimouagan und Pirretibi. Auf den rechten Ufern des St. Lorenzo, nach dem östlichen Theile von Nieder-Canada hin, sind noch die Ucberreste der MisinakS oder Gaspcsier, die früher sehr zahlreich und wegen ihrer vorangeschrittencn Civilisation bemerkenswert!) waren. Die Trümmer dieser verschiedenen noch im Heidenthume lebenden Völker wurden seit mehreren Jahren von den Mitgliedern der Kongregation von St.. Sulpice und anderen canadischen Priestern besucht, deren Eifer wirklich mit sehr schönen Erfolgen gekrönt wurde, ja mehreren ward sogar, nachdem sie dem Herrn viele Seelen gewonnen, der gewöhnliche Lohn der Hingebung zu Theil, — als Opfer ihrer Liebe unterlagen sie den Beschwerden eines so schwierigen Amtes. Gegenwärtig besorgen die Oblaten der allerseligsten Jungfrau alle diese Missionen und einige der Väter müssen jedes Jahr alle die verschiedenen Posten besuchen, wo die Indianer sich versammeln, theils um sie dem Christenthum- zuzuführen, theils um jenen, welche schon Christen sind, den Trost der Religion zu spenden. Nimmt später die Anzahl der Missionäre zu, so werden sie ihre Wanderungen bis nach Labrador und zu den EsquimoS ausdehnen, die zum Theile noch dem Götzendienste huldigen. Das dritte HauS der Oblaten Maria ist zu Bytown, Diöcese Kingston in Ober-Canada. Die Mitglieder dieser Genossenschaft sind wie jene von Montreal dazu bestimmt ihre MissionS- thätigkeit den schon bestehenden Pfarreien zu widmen und der im Innern des Landes zerstreuten katholischen Bevölkerung das Evangelium zu predigen. Tausende von Holzhauern, die seither sechs Monate im Jahre in den Wäldern zerstreut waren, um dort das Schiffsbauholz zu fällen, und in religiöser Beziehung sich in vollkommener Verlassenheit befanden, können jetzt leicht an all' den geistigen Tröstungen Theil nehmen, welche Liebe und Eifer zu vermehren wissen, sobald eS um das Heil der Seelen sich handelt. Den Vätern deö HauseS von Bytown sind außerdem noch die Algoncmins und Abbitibbes anvertraut, zwei Jndianerstümme im nordwestlichen Theile von Canada zwischen dem 50. und 52. Breitengrade. Früher zahlreich, sind diese Stämme jetzt sehr herabgekommen, denn nachdem die vielen Kriege, welche sie theils unter sich, theils gegen die Weißen geführt, sie schon gegen Ende des vorigen Jahrhunderes sehr gelichtet, hat seitdem die stets anwachsende europäische Emigration sie in die Wälder getrieben, wo die Mehrzahl derselben vor Hunger und Elend umgekommen ist. Auch der hochwürdigste apostolische Vicar der Hudsonsbay verlangt Oblaten für seine ungeheuere Diöcese und sie werden dort ihre Thätigkeit im Laufe dieses Sommers beginnen. In diesem Lande, das fast so groß ist wie ganz Europa und sich vom 7t). bis zum 142. Grade westlicher Länge und vom 48. bis zum 68. Grade nördlicher Breite, d. h. einerseits von den westlichen Gränzen Labradors bis über die Felscngebirge nach dem stillen Ocean hin, und andererseits von dem oberen See und den Gränzen der Vereinigten Staaten bis zum Eismeere erstreckt, sinv nur fünf Priester, deren ganzes, von einer Bevölkerung von ungefähr ZWO Katholiken vielfach in Anspruch genommenes Leben kaum dazu ausreicht die verschiedenen Posten der englischen Compagnie zu besuchen. Allerdings haben diese Priester bei all' ihrem Eifer bis jetzt nur hie und da den guten Samen ausgestreut in jenen ungeheueren Länderstrecken, wo die meisten Jndianerstämme ihre Unabhängigkeit noch bewahrt haben. Allein bald werden sie ihren festen Wohnsitz aufschlagen unter jenen fast noch unbekannten Völkern, die nach den Gegenden, welche sie bewohnen, verschiedene Namen führen und alle geneigt scheinen die Diener des Evangeliums mit offenen Armen aufzunehmen. (Katholik.) Aus dem heiligen Lande. Ausflug von Betlchem zur Wüste von Engaddi. Betrachtungen beim Anblick des todten Meeres. Das Dorf der Hirten. Nach dem Tagebuche von I. G. Priester der Diöcese Münster. Vetlehem, 24. April 1844. 77 Gleich nach dem Mittagessen ritten wir, unser drei Deutsche, vom Kloster ab. Das Ziel unseres Ausflugs war Davids einstmalige Zufluchtsstätte, die Wüste von Engaddi. Als Begleiter gingen mit unö zwei Betlehemitcn, auf deren Treue und Redlichkeit wir rechnen durften. Es war der Sohn des uns unvergeßlich gewordenen Commandari, des ersten Bürgers der Stadt. Wir nannten ihn gewöhnlich den kleinen David; der rechte Name aber des guten und wackeren Knaben war Antonio. Da er in der Franciscancr- oder katholischen Schule seinen Unterricht genossen hatte, so war es in der Ordnung, daß er wie überhaupt die katholischen Araber sehr gut italienisch sprechen konnte, obgleich es mitunter recht naive Ausdrücke absetzte. Der andere Begleiter, den der Vater des Knaben zu noch größerer Sicherheit mitgehen ließ, war ein alter Araber, der aber keine Sylbe italienisch verstand, wohl aber, weil er sich zur griechischen Kirche hielt, einige Worte Griechisch redete. Dieser Alte der in seiner Tracht und seinem Weißen Barte wirklich etwas Ehnurchtgcbictcndcö an sich hatte — er erinnerte uns an den heil. Joseph — sollte, im Falle sich uns Beduinen nähern würden, das Wort für unS nehmen. So ritten wir also, mit einigem Proviant versehen, den uns die guten Mönche von Betlchem als Nachmittagbrod mitgaben, ab und kamen bald am Felde der Hirten vorbei zum flachanlaufcnden Gebirge hinauf. Das F.ld der Hirten! wer könnte es passiren, ohne an das Aloria in exeeisis zu denken, was hier zum Erstenmale von EngclSstimmcn erArmz! Nnwürdigcrweffe hatten auch wir diesen hehren Hymnus. »Ze ihn die Kirche je nach den verschiedenen Festen in der heil. Messe balv feierlich, bald minder feierlich ertönen läßt, in der Nähe dieses Feldes angestimmt, und selig im Glücke, ihn an diesem Orte singen zu könncn, mehrmals wiederholt, bis wir fast die Hälfte des Gebirges erreicht hatten. So kahl und steinig die '-öcrge dahier auch seyn mögen, einige Kräuter unv — Schade, daß wir keine Botaniker waren — vielleicht manche nützliche und heilsame bringen sie doch hervor. Es ist als habe von der Fruchtbarkeit des Bodens, der einstens, wie die heil. Schrift sagt, von Milch und Honig floß, noch eine letzte Spur übrig bleiben sollen; denn alle diese Pflanzchcn und Kräuter, so verschiedenartig sie auch seyn mögen, alle geben sie einen mehr oder minder angenehmen, aromatischen Duft von sich, so daß man in den üppigsten Blumengarten versetzt zu seyn glauben würde — und ein Blinder würde eS sich nicht ausreden lassen, — wenn nicht die von aller Erde entblößten Felsen rund herum dem getäuschten Auge nur zu sehr eine öde Wüste darböten. In den Thälern links und rechts sieht man allerdings auch noch fruchtbares, von Beduinen angebautes Land. Auch mehrere Be- duinenlagcr sieht man hie und da in den Ebenen scstgestcckt. Wie schwarze Milben, die sich zu einem Häuflein zusammen gefunden hab>n, liegen sie da, die von Rauch schwarz und gelb gewordenen Zelte. In der Nähe weidet gewöhnlich eine Hcerde langohriger Schafe, und das Gebell dcö HurdcS vom Lager ciuö läßt merken, daß auch dort lebende Wesen sind. Was jedoch die armen Bewohner dieser bcduinischen Lager betrifft, so soll man in Zeiten, wo der Boden die nöthige Nahrung nicht versagt, vor diesen Beduinen wenig zu fürchten haben. Sie stehen schon im größeren Verkehre mit der Stadt, und sind ungefähr das waS bei uns die Bauern. — Zur Rechten jenseits des Thales schauten wir den himmelan sich erhebenden kegelförmigen Frankcnberg, zu dessen Füßen das Hirtcndvrflcin Thecua liegt, der Geburtsort des Pro- vhcicn Amos dcö Hirten von Thecua (vergleiche AmoS I.) Was jenen Frankcnberg betrifft, so ist er eine zum Theil künstliche Erhöhung auf dem Rücken des Gebirges, von den Kreuzfahrern, die wie auch jetzt noch alle Europäer von den Orientalen Franken genannt werde», als letzte Zufluchtsstätte benutzt, um sich vor den das Land überschwemmenden Saracenen zu retten. Ucbcrbleibsel eines Forts sollen noch vorhanden seyn. Nachdem wir endlich nach etwa 2 und ^ stündigem Ritt den Rücken des Berges erreicht hatten, bot sich uns ein überraschender Anblick dar. Das todte Meer lag dem Anscheine nach keine Stunde entfernt vor uns zu unseren Füßen. Doch man täuscht sich sehr. Die erst nach und nach sich abflachenden, kreuz und aucr herumführenden Gebirge lassen wenigstens noch 3 Stunden auf und ab steigen, ehe man das Ufer des Meeres erreichen kann. Doch dem seh, wie ihm wolle, es lag vor uns das Welt bekannte Meer, die schlimmberüchtigte Gegend von Sodom, wir sahen ans sie hinab, ohne des fast beständig darüber hängenden Nebels wegen das Ende desselben mit den Augen erreichen zu könncn. Wir vergaßen Engaddi, stiegen ab von unseren Thieren, setzten uns nieder und öffneten die Schritt. Daß wir das Glück haben sollten, bei einer anderen Ercursion das stille Ufer dieses SalzmccrcS zu erreichen, seine verbrannten schwarzen Steine zu schauen, von seinem Pcchharz ein Stück als Andenken mit in die Hcimath zu bringen, daß wir das jedem Sünder zu wünschende Gluck baden sollten, dahier mit der Natur die Folgen des Lasters und der Sünde zu schauen und zu beweinen, wie Hütten wir das erwarten dürfen, da man uns ja diese Gegend als so gar gefährlich geschildert hatte. Das war also einstens jene Gegend um den Jordan, die da war wie das Paradies der Erde, und wie Egvvten; das die Gegend, die sich Loth erwählte, als der friedliebende Abraham ihm die Wahl gelassen hatte, zur Linken oder zur Rechten zu ziehen. Lieber, so glaubten wir Abraham reden zu hören, laß keinen Zank seyn zwischen mir und dir, und zwischen meinen Hirten und deinen Hirten! denn wir sind Brüder. Siehe, das ganze Land ist vor dir, ich bitte scheide von mir; gehest du ,ur Linken, so bleibe ich zur Rechten, willst du aber die Gegend zur Rechten wählen, so ziehe ich zur Linken, l^l. Mos. 13, 8.) Wir betrachteten Loth's Schicksal, der da bei allem zeitlichen Glücke dieses nebst seiner Seele verloren hätte, wenn Gott nicht an Abraham gedacht, und um dessen willen ihn erlöset hätte von dem schrecklichen Gerichte, was über die Bewohner jener Städte verhängt und vollzogen ward. (1. Mos. 19, 29.) Dort also war es, wohin eines Abends zwei Engel kamen als Loth eben am Thore der Stadt saß. Dort in Sodom war es, wo die Männer der Stadt vom Knaben bis zum Gr.is Loth's Haus, wo jene Jünglinge nach alter Sitte gastfreundschaftliche Einkehr genommen hatten, bestürmten, und seine Gäste herausforderten, um mit ihnen, den Unschuldigen, jenes die Menschheit entehrende, Völker- und staatcn- zerrüttcndc, nicht mit Unrecht auch heutzutage noch sodomitisch genannte Laster zu treiben. Schauderlich ist es, zu vernehmen: alle umgaben sie das Haus (s pusro usczuu sei senem,) und riefen: eciue illos live, ut cognosesmug eog. l^l.Mos. 19.) Wahrlich da mußte wohl das Maaß der Langmuth Gottes voll werden; an den Engeln des Herrn selber wollten sie sich vergreisen, an Fremdlingen, an Gästen, denen doch die alte und ehrwürdige Sitte Achtung und Schutz angedcihcn ließ! Doch wie alles eigene Ehrgefühl, so war auch alles Rcchtsgefühl in Folge ihrer viehischen Lüste längst erstickt. Kein Zureden Loth's half, das vor Leidenschaft entbrannte Volk drang immer näher, die Thüren des Hauses wollte man erbrechen. Da streckten die Männer, die im Auftrage Gottes hinübergckommencn Engel, ihre Hände hinaus und Alle, die draußen waren, wurden mit Blindheit geschlagen, vom Kleinsten bis zum Größten, so daß sie die Thüre nicht finden konnten, dann offenbarten sie den Zweck ihrer Reise. Alle die dein sind, so sprachen sie zu Loth, führe aus dieser Stadt; denn wir wollen diesen Ort vertilgen, weil sein Geschrei groß geworden ist vor dem Herrn, der uns gesandt hat, ihn zu verderben. Also noch eine Nacht blieben sie verschont, jene ungerechten, in den tiefsten Abgrund von Unsittlichkeit versunkenen Menschen, sie die da verdient hatten, auf der Stelle in die tiefsten Tiefen der Erde zu versinken, sie blieben noch einige Stunden verschont. — (Schluß folgt.) Schweiz. Frciburg, 4. Juni. Letzten Sonntag wurden in der Kirche !zu Unser Lieben Frau die von dem Jesuiten P. Morel eingeführten !Maricnandachten, welche den ganzen Maimonat dauerten, mit einer !auf den Sieg der Luzerner bezüglichen Predigt des Bischofs unter ! ungeheurem Zudrang des andächtigen Volkes beschlossen. Eben > dieser von der Vorsehung geschenkte Sieg wurde auf bischöfliche i Anordnung auch in den katholischen Kirchen der Kantone Waadt, iNcucnburg und Genf gefeiert. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhab-r: F. C. Kr einer. 9* 5 ^aS» ' D-i/,^ der «, A«gsv«rgev Postzeitttng. Erlie Jahreshälfte. SS. Juni 1845. Aus dem heilige»» Lande. Ausflug von Betlehem zur Wüste von Engaddi. Betrachtungen beim Anblick des todten Meeres. Das Dorf der Hirten. Nach dem Tugebuche von I. G. Priester der Diöcese Münster. Betlehem, 24. April 1844. (Schluß.) i-s Wie schwer und hart es jedoch selbst den Gerechten, aber doch immer noch sinnlichen Menschen wird, diese Erde mit allen ihren bösen und verführerischen Menschen zu verlassen, davon gibt Loth mit den Scinigcn ein schlagendes Beispiel. Mußten ihn doch die Engel, da er zauderte, bei der Hand nehmen, und ihn fast gewaltsamer Weise hinausführen aus der unglücklichen Stadt. Und nun — als eben die Sonne aufging über die Erde, als Loth einging in Segor, als Sodom's Bewohner, von thierischen Lüsten gesättigct, in viehischen Schlaf noch versunken daliegen mochten, — da regnete der Herr über Sodom und Gvmorrha Feuer und Schwefel vom Himmel herab, und kehrte viese Städte um, und die ganze Umgegend, alle Bewohner der Städte und Alles, was da grünte auf Erden. Was aber dort geschah zu den Zeiten Loth'S, man aß, man trank, man kaufte und verkaufte, man pflanzte und baute bis zum Tage, wo Loth von Sodom auszog, und der Herr Feuer und Schwefel vom Himmel regnete und Alle vernichtete, das wird auch einstens geschehen, wenn der Mcnschen-'sohn wieder kommen wird in Macht nnd Herrlichkeit, das wird um so gewisser geschehen, als er selber bei Lukas 27, 28, ungefähr in der besagten Weise uns dieses Ende der Welt vorhcrgcsagt hat. Denn so heißt es ferner an jener Stelle: wer auf dem Dache ist und Geschirre hat im Hause, der steige nicht hinab, sie zu holen, eben so wer auf dem Felde ist, der kehre nicht zurück nach Hause u. s. w. Noch zwar ist das Maaß der Langmuth Gottes nicht voll. Noch gibt es der Gerechten in allen Länder» der Erde nicht wenige. Mehr noch denn 10, mehr denn 109, denn 1000 von reinen und unschuldigen Seelen leben in Klöstern und Einöden, bei Tag und bei Nacht ihre Hände zum rächenden Gott erhebend, und Erbarmen erflehend, kraft des kostbaren Blutes, was ein Gottessohn für uns Alle vergoß, kraft der mächtigen Fürbitte, die eine Gottesmutter bei ihrem Sohne ! einzulegen vermag. Hundert und tausend Priester stehen noch ! immer zwischen dem Vorhof und dem Altar, das Sllhnopfcr bringend für die Sünden der Welt. Dieß und dergleichen erwogen wir hier Angesicht's des todten Meeres, und wer, der mit uns diese als ewige Warntascl für das Menschengeschlecht daliegende Wasserfläche gesehen hätte, würde nicht zu ähnlichen Gedanken gekommen seyn! Dort zur Nichten hinter jenem Berge, dachten wir dann, wird Hebron liegen, und hier zur Linken Jericho. Wie oft mag Abraham diese Gegend durchwandert haben, er, dem gesagt ward: „Mache dick auf, ziehe durch das Land nach seiner Länge und Breite; denn ich will es dir geben!" (I.Mos. 13, 17.) Unter solchen Gedanken gingen wir zu Fuße weiter bis wir zu einer Höhle kamen, die uns unser kleiner David als die bezeichnete, wohin die Pilger gewöhnlich gingen, wenn sie die Wüste von Engaddi besuchten. Indessen befand sich nicht weit davon noch eine zweite ganz ähnliche Höhle, die eben so gut dafür ausgegeben werten konnte; eine dritte noch entferntere, zu der wir aber wegen Mangel an Zeit nicht hinkommen konnten, soll ebenfalls Davids Höhle genannt werden. Eine oder die Andere mag wohl die richtige seyn. Die beiden Höhlen, die wir sahen, waren fast gleich groß, und man muß staunen, wie David von Sanl nicht bemerkt werden konnte, da sie innerhalb kaum 15z Schritte weit ist. Allein wenn man bedenkt, unter wessen Schutz David stand, der da singen konnte: Doininu8 illumingtio mva 0t, 5ulus mva czuom timcko? si cvnsistgnt »«Ivvrsum nie oasln», non timvl)i1 cor meum. (Ps. 26.); wenn man bedenkt, wessen Ahnvatcr, wessen Borbild David war, der Vorfahrcr des Messias, des Sohnes Gottes, der sich nennen ließ den Sohn Davids, den Sohn Abrahams, und unsichtbar ward, als man ihn in seiner Vaterstadt Nazarcth vom Berge hinabstürzen wollte, — dann kann man auch auf David und seine Begleiter anwenden, was wir bei Luc.-4, 30. lesen: ip5v gutem transiens per mu,!. Die Stelle lautet also: „David aber zog von da hinauf und weilte in den sicheren Orten von Engaddi." Wenn man die Gegend betrachtet, so kann man unter diesen sicheren Orten unmöglich etwas anderes verstehen, als eben die steilen Felsen, die nur Steinböckcn gangbar sind, unv die durch die Natur gleichsam Festungen bilden. l^Wie dieß auch Allioli in einer Anmerkung zu dieser Stelle meint.) Im zweiten Verse ist die Rede von einer Wüste Engaddi; die Gegend, wo wir hier verweilten, glich freilich einer Wüste. VerS -1 ist die Rede von Schafhirten, deren wir im Thal überall sahen, und einer Höhle, wohin Saul, wahrscheinlich um zu schlafen, hineintrat. David und seine Männer lagen versteckt im inneren Theile derselben. Wenn eine jener Höhlen, die man für die Höhle von Engaddi anszibt, die wahre seyn soll, so können nur wenige Männer mit David darin versteckt gewesen seyn, denn wenigstens die beiden Höhlen, die wir hier sahen, sind so klein, daß 5t) Mann sie ganz ausfüllen würden. Hier also war es, wo David sich hätte rächen können an seinem Feinde, dem Verfolger, und statt dessen seine Ruhe nicht störte, sondern heimlich ein Slück von dessen spricht die Braut im hohen Liede 1, 13., ist mir eine Cypros- traube von den Weinbergen Engaddi's.) Diese Weinberge haben wohl mehr an den Abhängen der Berge, oder zwischen den Bergen, in denen auch jetzt noch fruchtbare Thäler sind, gestanden. Wir bemerkten besonders ein Thal oder einen flachen Hügel, dessen Erde halbröthlich war, ja hie und da soll auch noch wirklich Wein wachsen, und der süßliche Wein, den man in Betlchcm cvnsumirt, soll zum Theil aus dieser Gegend von Engaddi kommen. Indessen haben wir selber hier nirgends Weinpflanzung g,sehen. Nimmt man an, daß der CvproS ein Baum war, dessen Blüthen Traubenweise an besonderen Stielen hingen, und einen angenehmen Duft gaben, und statt Weines einen Balsam lieferten, von welchen Bäumen, wenn ich nicht irre, PliniuS irgendwo erzählt, und hinzufügt, daß Titns einen solchen aus Palestina nach Rom gebracht habe, so kann ich versichern, daß solche Bäume in Engaddi in der ganzen Gegend nicht mehr cristircn, wohl aber, wie schon gesagt. Kräuter, die einen aromatischen Geruch von sich geben, den selbst die, welche ich von dort in die Hcimath mitgebracht habe, bis heute noch beibehalten. Bei der Rückkehr nach Bctlehem schlugen wir einen näheren Weg ein, indem wir dort, wo man vom Gebirge am ersten in die Ebene hinabsteigen kann, hinnnterklettcrtcn, und unsere Thiere nachkommen ließen. Der Beduine, der bis dahin nicht von unserer Seite gegangen war, schlug teu Weg zum todten Meere hin ein, und entließ unö freundlich. Ja er ließ uns zuützt noch durch den Araber sagen, wenn wir ein andereömal etwa nach Jericho oder dem todten Meere gehen wollten, so wolle er eö dem Scheck, seinem Bruder anzeigen, und es solle uns eine hinlängliche Bedeckung zugeschickt werden, worauf wir jedoch nicht eingehen konnten, Da die Forderungen, welche man einzelnen Personen macht, gar zu bedeutend sind. Während wir den Berg hinunter gingen hörte ich, da ich einige hg Schritte voraus seyn mochte, von unten her einen andern Beduinen schreien. Anfangs achtete ich wenig darauf, je näher ich jedoch der Ebene kam, desto genauer bemerkte ich, daß mich das Rufen anging; ich glaubte anfangs er se» verdrießlich darüber, daß wir in seine Ebene herunter kämen, und etwa durch sein angebautes Land ziehen mußten, blieb daher stehen, bis die Anderen herbei kamen. Der Beduine war ein Schäfer unv hatte seine Hccrde weithin zurückgelassen, und schrie mir in Einem Mantel schnitt; der Herr sey mir gnädig, sagte David, daß ich, fort zu, und zwar so laut und grell, daß ich wirklich nicht anders glauben konnte, als daß ich irgend wie ein Recht verletzt hätte; ich bat daher den Araber, der uns begleitete, ihn zu fragen, was meine Hand an ihn lege; denn er ist der Gesalbte des Herrn; daher verdiente er es denn auch, daß Saul, als er jene Großthat aus Davids eigenem Mnnde vernahm, ausrief: „Du bist gerechter denn ich! denn du hast mir Gutes gethan, ich aber habe dir BvseS vergolten!" Und Saul zog dann in sein Haus zurück, David aber und seine Männer verweilten auf dem Gebirge. Wahrscheinlich lagen seine übrigen Männer in anderen Höhlen, und er mit 2 oder Z in dieser; und die Sprache, w.lche die Männer mit David führten, wird mehr durch Zeichen und Winke als in lauten Worten bestanden haben. Auch gegenwärtig scheinen die Araber sich dieser Höhlen noch zuweilen zu bedienen, denn die Decken waren schwarz von Rauch, auch die Tritte von Schafen bemerkte man inwendig, und es scheinen wie zur Zeit David'S auch jetzt noch diese Höhlen zu Schafhürden benutzt zu werden. Eine ähnliche Höhle, ähnlicher Bestimmung dienend, war auch jene heilige Grotte zu Bcllchcm, worin unser Herr und Heiland JcsuS Christus geboren werden wollte, nur war diese nicht so schwer zugänglich, er wolle, denn er höne nicht auf zu schreie» und zu rufen, und mit Händen und Füßen zu demonstriren. Und was war es, was er wollte? ein bischen Taback für sich ; dann wünschte er noch eine Handvoll mehr für seinen alten Vater. Diesen seinen einfachen Wunsch hatte er nun vielleicht 20mal wiederholt, und mit solcher Lebhaftigkeit, daß man niemals auf den Gedanken kommen konnte, daß von einer so geringfügigen Sache die Rede war. Mein Begleiter, der Taback bei sich hatte, gab ihm sofort all seinen Vorrath, und die Freude und der Dank, womit er seine Hand an Her; und Stirn legte, war rührend. Er eilte alsvbald zurück zur Hcerdc und wie wird er sich erst am Abend gcsrcut haben, als er seinem alten Vater eine kleine Hand voll Taback überbringen konnte. So sollen überhaupt die Beduinen seyn, sie sordcrn wie die Kinder Alles was sie sehen, und gibt man ihnen etwas, so sind sie zufrieden. Abschlagen dürste man ihnen nichts, das würde wie jene in der Wüste Engaddi. Wird Engaddi in der hl. Schrift! sie kränken und zur Rache aufreizen. Ein ähnlicher Fall kam mir eincSthcilS Wüste genannt, so ist an einer anderen Stelle auch ^cin anderes Mal vor, als wir ebenfalls an einer Schafhccrde vor- von den Weinbergen Engaddi's die Rede. (Mein Geliebter, so! bei kamen; als wir um ein Bischen Trinkwasser baten, reichte man uns sofort frische Milch von ihrer Heerde, und war zufrieden als Wir unsere Erkenntlichkeit mit ein paar türkischen Piastern (ein Piaster mag ungefähr 2 Silbergroschen oder 6 Kreuzer nach unserem Gelve seyn) zu erkennen gaben; als wir ihnen dann auch ein Stück frischen Brodes gaben, waS wir für die Reise mitgenommen, wußten sie uns nicht genug zu unterstützen, um uns wieder auf unsere Pferde zu helfen. Nachdem wir in die Ebene hinabgekommen, hatten wir „och einen müßigen Berg zu übersteigen um wieder in das Hirtenftld zu gelangen. Und vor uns lag Bctlehem oder vielmehr die Kreuzkirche der Geburt mit ihrem einfachen Kreuze auf dem Dache, einen Thurm hat sie nicht. Die ganze Gegend verräth die größte Einfachheit nnv hat in der That etwas Idyllisches an sich; denkt man sich, daß dieß die Gegend war, wo einstens die Hirten zur Nachtzeit bei ihren Heer- dcn wachten, wo die Herrlichkeit Gottes sie umleuchlcte (Luc. 2, g — lg.), wer möchte da nicht mit ihnen ausrufen: transeamus Letlelrem. Indeß zuvor machten wir noch einen kleinen Abstecher zum sogcnantcn Dorfe der Hirten, das eine Viertclstunve von Betlehem entfernt ist, einer der interessantesten Puncte bei Bctlehem. Denn jenes unbeschreiblich ärmliche Leben dieser Hirten, diese Kleidung der Männer und Frauen die, wie man behauptet, noch ganz ähnlich ist mit der Kleidung zur Zeit Christi, dann der Gedanke, daß dieß kleine Dörfchen es war, dessen Bcwohr.cr vor allen anderen Mensche» der ganzen Welt zuerst mit der frohen Botschaft der Geburt des freiwillig ärmsten aller Menschenkinder beglückt wurden; der Gedanke, daß die Bewohner dieses OertchenS von jeher Christen gewesen seyen, und sich bis heute zum Christenthum bekennen, wie sollte das Alles nicht mit Wehmuth und Freude erfüllen, wie nicht zu drn erhabensten Betrachtungen über Gottes Vorsehung und Leitung stimmen? Leider sind di.se armen und guten Hirten durch die Ränke der Griechen zur Zeit als sie sich in der äußersten Noth befanden, durch Gold verlockt, zur griechisch- schismalischen Kirche übergetreten. So lange Katholiken in Betlehem waren, waren sie kaiholisch; und ich glaube nicht unrecht zu haben, wenn ich b Haupte, sie seyen noch katholisch, wenn auch nicht in ihrem äußeren Bekenntnisse, so doch dem Geiste nach; auf sie kann man gewiß anwenden: „sie wußten nicht, was sie thaten," dv-rti pureres s>>ii-itu> Wir ritten mitten durch das Dorf, das nur aus einigen 20 Häusern bestehen mag, die jedoch eher Ställen als menschlichen Wohnungen ähnlich sind. Da liegen denn die Mütter mit ihren Kindern vor der Thüre mit Hausarbeit, gewöhnlich der Handspindel beschäftigt. Die Hauöthüre ist die einzige Ocssnnng des Hauses, ist sie verschloss n, so liegen sie wie in einem Stalle, der das einzige Wohnzimmer des ganzen HanscS ist. Sie schlafen auf der Erde auf einigem Stroh liegend, und ihr Kleid ist das Bett. Bei aller dieser Armnth scheinen sie je> doch froh und vergnügt zu seyn, denn sie sind cS nicht anders gewohnt, und so lange sie Brod verdienen, kennen sie keine Klage. Ucberall mögen die Sitten der Völker durch die Zeitoerhältnisse sich geändert haben, in diesem Dörfchen ist Alles geblieben, wie eö war zur Zeit, als JesuS der Welterlöscr dort geboren wurde, und die friedlichen armen Einwohner zu sich lud zu der Krippe, wo dann auch wir unverdienter Weise gegen Abend unsre Dan- kcSthränen fließen lassen konnten. Deutschland. Urtheil eines Protestanten über Ronge. Unter dem Titel „die neue deutsch-katholische Bewegung, an dem Maaßstabc der heiligen Schrift gemessen," ist in Bcannschwcig im Verlage von G. C. E. Meyer sc>n. ein sehr interessantes Schriftchen erschienen. Der Verfasser ist ein Gläubiger, und nach dun, was wir schon früher über ihn geho t haben, ein mit sehr gediegenen Kenntnissen ausgestatteter Candtdat der protestantischen Theologie, Hermann Scholz aus Wvlfenbüttcl, derzeit Informator in Lievland. Da er so dem Schauplatze der Bewegung serne steht, so ist sein Urtheil um so unbefangener. Seine Wahrheitsliebe und Aufrichtigkeit, die wir bei andern Protestanten, wenn sie über katholische Angelegenheiten schreiben, leider so oft vergeblich suchen, läßt auch nicht zu, daß cr nicht unumwunden seine Ueberzeugung aussprcche, auf die Gefahr hin, von seinen Glaubensgenossen, wie das auch nicht das Erstemal geschähe, für einen gchcimcn Anhänger der katholischen Kirche gehalten zu werde». Man muß gestehen, daß er bei Beurtheilung der Sccte überall das Richtige gefunden hat Seine größte Aufmerksamkeit hat cr dem ersten Urheber derselben, dem Apostaten Ronge selbst zugewendet. Eö wird eine Betrachtung angestellt über „Nonge'S Werth als Mensch, als Priester und als Christ." Die Bcur- thcilungSgründe werden aus verschiedenen Sendschreiben des Apo staten hergenommen und diese theils als durch sich selbst verwerflich, nichtssagend und unsinnig da-gclcgt, tbcils mit den Worten der heiligen Schrift zusammengestellt, um dadurch ihre Nichtswürdigkeit und ihr Abweichen von allen christlichen Gruudsätzxr offen bar zu »rächen. Dabci spricht sich der Verfasser unvcrholen für mehrere Glaubenslehren und Grundsätze der katholischen Kirche aus, welche der Protestantismus nicht anerkennt ;. V. für die Verehrung der Reliquien, die Priesterweihe, die mündliche Ueberlieferung, die hierarchische Ordnung, den Exorcismus bei der heiligen Tanfe und für die Ohrcnbeichte. Die Gebrechen des Protestantismus sind ihm wohl bekannt und cr verschweigt sie nicht. So sagt cr z. B. „Hat sie (die katholische Kirche) doch nie in dem Grade, als es leider i» der protestantischen Kirche geschehen ist, den Glauben verläugnet; hat sie doch nie, so wie es bei uns geschehen ist und noch geschieht, ihre Freiheit an die weltliche Macht verkauft, das Recht, sich frei nach ihrem Princip zu gestalten, das Recht, sich ihr Regiment und ihre Diener selbst zu setzen, Unwürdige von ihrem Verbände auszuschließen u. s. w. Hat sie sich doch nie zur Staatsanstalt herabwürvigen lassen! Darum scheint cS uns eine Gottlosigkeit, die römisch-katholische Kirche so mit Koth zu bcwer» fcn, wie Ronge mit seinem Anhange es thut :c." — Wir können nicht unterlassen, noch Einiges ans !c» Schlußworte» mitzutheilen: „Die katholische Kirche (heißt cS da) hat gcwisscrmaaßcu Ursache sich zu freuen, das; diese verderbten Bestandtheile ihres Körpers, welche bisher mehr verborgen zum Schaden der gcsundcn Glieder wirkten, nun von selbst wie durch ein Geschwür heraus eitern; und sollten, wie schon hie und da geschehen, auch Protc stauten dieser »cueu Gemeinde zufallen, so wäre in ihr vielleicht auch unserer Kirche ei» Ab;ugScanal eröffnet, durch den von unserer Kirche sich selbst ausschiede, was einmal nicht zu ihr gehört. Nicht vor der Verödung, sondern vor dem Lerderbniß hat sich die Kirche Gottes zu fürchten. Die Zeit ist vor der Thüre, ahnet dem Christen, wo der innere Abfall so Vieler, die jetzt im äußeren Verbände der Kirche stehe», sich in offener Loc-sagnng vom Christcnthumc offenbaren wird. Die Christenheit wird dann wohl sehr zusammenschmelze», aber was übrig bleibt, wird größtc»thcils reines Gvlv seyn. Und das wären denn die Vorboten der Wiedc» crschcinung Christi und deS jüngsten TagcS, wie er vorher gesagt hat Luc. 18, 3.: „Wenn des Menschen Sohn kommen wird, meinest du, daß er auch werde Glauben finden auf Erden?" '-Bergt. 2 Timolh. 3, 1. Iudä 13... . Ihr, die ihr euch rühmet und frohlocket, nunmehr von der römischen Kirche los zu seyn, sehet zu, ob ihr nicht vielmehr von Gott und von Christo los seyd, ^icht eine Kirche Christi, sondern Feinde seines Reiches. Wir wollen euch weissagen, was kommen wird! Ihr werdet bald so viel verschiedene Sccten als Gemeinden seyn, und eine wird die andere im Unglauben und in der Verwirrung überbieten. Die prächtigen und rührenden Redensarten, mit denen ihr eucrc Tod- tcngräbcr übertünchet, eure neuen Gottesdienste und Einrichtungen ansbictct, sollen uns nicht täusche» noch blenden. Auch die französische Revolution begann mit solchen schonen Redensarten: öffentliches Wohl, Mcnschciircchtc, Liebe, Begeisterung; und Viele ließen sich dadurch täuschen. Aber Wem das Ohr geschärft war, der hörte schon damals durch diese Flötentöne das Fallen der Guillotine, das Heulen der Sturmglocken und den schrecklichen Nnf: ü Iiss Iv Itcii! -> I)as Oicu!... O Deutschland, du einst vor allen Ländern gcbcncdcictvs, nun aber schier vor allen mit Unscgcn bcladcncs Land, dessen wankender Grund auch bei dieser neuesten Erschütterung offenbar wird; daß du dich vou deinem bösen Engel, deiner Nachbarin im Westen, die dir zur Versuchung an die Seite gestellt ist, immer mehr verführen lässest, ihr nack- uiabmcn! Wer könnte es treu mit dir meinen und sollte nicht wünsckcn, er könnte in die Speichen deiner Räder greifen und den rollenden Lauf zum Stehen bringen, der dich immer näher hinab nn den Abgrund führt? Wie lange wird ein großer Theil deiner Kinder, in die Knechtschaft der TagcSblättcr gegeben, blindlings folgen dem Zuge seiner falsche» Propheten, die ihnen Freiheit verheißen, während sie selbst Knechte des Verderbens sind? (2Petr. 2, 19.) O, daß du doch bedächtest, waS zu deinem Frieden dient, ehe dich das Strafgericht treffe, das deine Nachbarin schon ereilet! Bekehre dich zum Herrn, so wird er sich dein erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung (Jes. 55, 7.). Das walte Gott!" (Katholik.) « » « Die im Interesse des NcuglaubcnS, rcsp. Unglaubens veröffentlichten ZcitnngMrtikel tragen, wie das Schlcsische Kir- chcnblatt sehr richtig bemerkt, fast sämmtlich ein so ganz gleichartiges Gepräge, als wenn sie aus einer und derselbe» Münzstätte hervorgegangen wäre». „Ucbcrall soll der Geist für Einführung des ChnstcnlhnmS sich kund geben; überall ist der Tag, an welchem Herr Rouge in irgend einer Stadt erscheint, ein ewig denkwürdiger und wird in den Annalen derselben fortleben; überall ist tie Stunde, wo der neue Goltcsdicnst gehalten wird, von hoher Wichtigkeit; überall spricht der Redner klar und mild tief in die Herzen Vcr andächtigen Gemeinde; überall ist die Predigt tief durchdacht und macht sichtbaren Eindruck; überall werden von dem großen Ernst und heiligen Feuer, mit welchem die r ine Lehre des Herrn verkündet wird, die Gemüther mächtig ergriffen; jegliche Feierlichkeit ist wahrhaft hcrzerhcbcnd und tief erschütternd; die Vorbereitungen zur heiligen Communion sind natürlich höchst erbaulich; kurz und gut, der Gottesdienst wird in wahrhast erhebender Weise abgehalten, und so oft mit hinreißender Bcrcdtsam- teit nnd herzergreifender Innigkeit eine Predigt gehalten wird, so hört ein Jeder mit unverkennbarer Aufmerksamkeit und Andacht zu. Ob solche Phraseologie, wie sie aus einigen wenigen ZcitungS- j blättern hier zusammengestellt ist, so ganz buchstäblich Wahrheit! enthält, bleibt unentschieden, wenn auch ein schlichter Landmann! aus Obcrschlcsicn nach Brcslau reiste, um hier das Urcbristenthum zu erkennen, oder ein Stadtoberhaupt ein solennes Mittagbrod zu Hause veranstaltete; daß sie aber aus Effect berechnet ist, bedarf keines weiteren Beweises. Dieser Zweck ist allerdings hie und da erreicht worden, indem bereits mancher gutmüthige Schlesicr, der von publicistischer Diplomatie keine Vorstellung hat, der Vesorgniß Raum gab, daß sowohl der Katholicismus als Protestantismus seiner Endschaft nahe. Aber Gott sey Dank, die Sachen stehen besser; die Gotteshäuser sind überall jetzt zahlreicher als je besucht, die Anhänglichkeit und Liebe zur Lehre unseres göttlichen Erlösers beseelt Katholiken wie Protestanten gleich stark, und in Eintracht werden beide Confessivnen als im Staate gleichgestellte neben und mit einander fortbestehen." » » Dem Katholik wird geschrieben: Unlängst sollte auch das eine halbe Stunde von Mainz gelegene Dors Weisen an wiederum mit der neuen Schneidcmühlcr Hnlslchrc beglückt werden, nachdem schon früher einige Emissäre bei Einzelnen es versucht hatten, sie zum Abfalle von der katholischen Kirche zu verführen. Schon zu drei verschiedenen Malen trieb sich nämlich ein anständig gekleideter Fremder auf den Straßen Heruni, gesellte sich freundlich zu den größeren Schulkindern, fragte sie allerlei und knüpfte daran seine Belehrungen vom neuen Messiasrciche und dem Umsturz der katholischen Kirche. Unter anderem Unsinne sagte er: unser lieber Herr Gott würde wieder auf einem Esel geritten kommen und einen feierlichen Einzug halten. Dann forderte er sie auf, „deutschkatholisch" zu werden, wollte ihre Namen in ein Büchlein schreiben und bot Einigen Geld dafür an. Die Kinder, namentlich ein dreizehnjähriger Knabe, wiesen ihn jedoch mit seiner Lehre und seinem Gelde ab und hielten ihn für einen Narren. Auch in Hänsern war er, besonders bei einem anspruchslosen, frommen Winzer, zu welchem er sich begeben hatte, nachdem ihm bei den Kindern seine Spcculation nicht gelungen war. Als ihn aber der schlichte Mann fragte, welcher Religion er denn eigentlich zugehörc, hielt er es nicht unter der Würde eines Glanbcnsverkündigcrs, zu erklären: „Hier sind die Leute katholisch — da bin auch ich katholisch; und bet Protestanten bin ich protestantisch." Da cntgcgncte ihm der durch solches Glaubensbekenntnis; nicht befriedigte Winzer: „Da sind Sie also gar nichts!" wandte ihm den Rücken und ließ ihn mit Verachtung stehen. Ich kann bei der Gelegenheit die Frage nicht unterdrücken: Was würde einem Katholiken (und zwar mit Recht) geschehen, der auf so unverschämte Weise in einem fremden protestantischen Orte sich Solches erlauben würde? Wie oft hat man die Katholiken und besonders die Geistlichen als Proselytenmcichcr angeklagt, wenn sie ihre tausendjährigen Rechte ausüben und ungehindert ihrem Glauben leben wollten? Wie übel wird es aufgenommen und fast als Kriegserklärung angesehen, wenn irgend ein Katholik, der gar nicht bekehren will, sondern durch allerlei Neckereien und Verspottungen seines Glaubens und besonders der heiligen Gebräuche desselben gezwungen, endlich erklärt, daß die katholische Kirche die einzig wahre nnd alleinseligmachende sey, daß es nur eine Wahrheit gebe, also auch nur eine wahre Kirche geben könne? Und wir müssen uns von diesen Schwärmern Alles gefallen lassen! ! Freilich, die katholische Kirche ist cS schon gewohnt, stets nach einem besonderen Maaßstabe gemessen und unter dem Aushängcschildc von „Toleranz," „Aufklärung," „religiöser Freiheit" und .allgemeiner Menschenliebe" gelästert und mißhandelt zu werden. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber : F. C. Krem er. ? XV ^ays - Mei/., der Augsbttvger Iweite Jahreshälfte. lt MV ^S-tt-^c-A Utz^-A^M? -~ ^-^ Z .„^^ Poftzeitung. ^SrM^ V» «. Juli Eine freie Vetracliruna über die Heiligkeit der Kirche. 5 Wenn der Mensch in sich wahrnimmt, daß er nach höherer Vollkommenheit streben soll, ihm eine höhere Lehre sagt, daß es hienicden seine Bestimmung sey: „Gott, dem vollkommensten Wesen ähnlich zu werden," was muß sein Inneres mehr begeisternd erheben, als ein unbefangener, vorurtheilssreier Hinblick auf die römisch-katholische Kirche, die da auch heißt „heilig"?! Sie ist heilig in sich und Andere heiligend — ich mag betrachten ihre Lehre, oder ihre Satzungen, cder ihre hl. Sacramcnte, oder ihre Anstalten, Ceremonien u. dgl., überall wehet derselbe Eine Geist der Heiligkeit und Heiligung. Und Wie kann es auch anders seyn, da ihr Aus- oder Aufgang von der Höhe —- Oriens ex sl(o — aus ewigen Licht - Regionen, aus dem Reiche der Wahrheit, Heiligkeit und Gerechtigkeit ist, da ihr Stifter die Heiligkeit selbst ist, und diese seine Braut als mackel« und fleckenlos unter namenlosen Schmerzen durch Blut und Wasser am Kreuze in seinem heiligsten Herzen uns gebar. — Auch vom Kreuze herab möchte ich von der Kirche sagen: Oiieiis ex alto — ciuao est ists, ciuas procossit sieut sol . . . Lle-Lta vt sol, pulclrrg. ut Kur» . . . sieut suror» eon- suigeris . . . puletna es . . ? ! Die Seite wurde geöffnet, und es flössen die Quellen des unsterblichen Lebens, die der heiligen Kirche Daseyn und Fortdauer geben. Der Mensch, zur Welt gebore», wie armselig! Die Erbsünde mit ihren Folgen lastet auf ihm; er ist in den Augen des Allheiligen un heilig, ein Gegenstand des Zornes und Mißfallens. Wo ist nun für ihn ein Heiligungsmittel? In der Kirche, sie heiliget ihn durch daö Bad der Wiedergeburt und Erneuerung des hl. Geistes. (Tit. 3, 5.) Er wird Gott Wohlgefällig, zum Kinde Gottes neugeboren, zu Gottes Ebenbild in Christo erneuert. „In den Wicdergcborncn hasset Gott nichts"... (hl. Synod. v. Tr.) Da nun aber nach Gottes Weisheit in den Getauften noch die Begicrlichkeit, oder der Zunder der Sunde zurückbleibt — ohne aber eine wirkliche Sünde zu seyn; denn Sünde ist nur, wo Uebereinstimmung des Willens mit der Begierde ist — da das Fleisch gegen den Geist, und den Geist gegen das Fleisch gelü- . stet, beide sich entgegen stehen (Gal. 5, 17.); da der Mensch zum Kampfe gegen Welt, Fleisch und Satan auftreten soll, wer wahret ihn vor unhciligen Wegen, wer lichtet das Dunkel seines Verstandes, diese traurige Folge der Erbsünde, daß er Vöscö vom Guten unterscheide, nach dem Rathe der Bösen nicht gehe, auf rein Wege der Süudcr nicht stehe und wandle, und auf dem Stuhle der Pestilenz nicht sitze, daß die Bosheit seinen Verstand nicht verkehre, noch ersonnene Lehre seine Seele betrüge, der Zauber der Eitelkeit nicht verdunkle das Gute, und uustätc Begicrlichkeit nicht verkehre seinen arglosen Sinn, sondern daß er seinen Glauben nach seinem Taufbunde standhaft bekenne, und nach solchem — srvmm und heilig — lebe? Wer gibt seinem Willen, durch die Erbsünde geschwächt und zum Bösen geneigt, Kraft? Du bist es, heilige Kirche mit deiner heiligen Lehre und dem heil. Sacramente der Firmung, das sich zur Taufe wie Wachsthum zur Geburt verhält, die Gläubigen, die durch die Taufe unter die Fahne aufgenommen, zum Kampfe bewaffnet, ihnen Kraft und volle Stärke des Gemüthes und die Vollkommenheit zur Gnade ertheilt — die Taufgnadc vermehrt, im Glauben stärkt und zum vollkommenen Christen macht. Doch die Welt liegt im Argen, der Mensch wird mehr oder weniger nmsluthet von stürmenden MccrcSwogen reizender Lockungen auf unheiligc Pfade von innen und außen, und wird, ach! überwuudcn ein verlorener Sohn, und irret im flrnen Lande un-- hciligcr Gesellschaften, losgetrennt vom Umgänge mit dem himmlischen Vater — gottlos. Nun aber noch nicht ganz verloren, erkennt er sein Unrecht, seinen unhciligen Wandel; eine innere GottcSstimmc, das anklagende Gewissen, macht ihm bittere Vorwürfe, läßt ihn nicht ungestört bei seinem TagcSgcsä'äftc, noch im fröhlichen Zirkel trauter Freunde, noch im nächtlichen Schlafe, indem ihm nicht gilt: In paee iir i«.Ii'i??um, elvrmiam et re- cuiiescam; überall in sich beunruhigt schwebet ihm vor das zürnende Antlitz des Allhciligcn, dessen Ebenbild er in sich so undankbar und schändlich, vollgisättigt von thierischen Lüsten, verunstaltet, und die himmlische Taufgnade verloren. Unglücklicher! hast du Neue und gute Vorsätze, so verzage nicht, komm, komm! eile! der Vater zieht dich, er kann dich nicht so unhcilig und verloren sehen; eile der Kirche, dieser schönen Mutter, dieser Braut Jesu Christi, die dich sucht, in die Armc, und bekenne demüthig und aufrichtig deinen unheiligen Wandel, und sie wird mit Frcudcnthrcincn dich umhalsen, und mit der himmlischen Lösegcwalt, gleich dem barmherzigen Sa- mciritan, sacramentalischen Wein und Oel in deine Seclenwunden gießen, sie gchcimnißvvll heilend verbinden, und dich wieder mit dem Lilienklcidc der h eiligmache ndcn Gnade schmucken, worüber der Himmel sich freut, und die Hölle knirschet. Ja, noch mehr! Ein köstlich Mahl ist dir bereitet, wunderbar dich stärkend i» Dieser zweite» Taufgnadc, die du erlangt durch innern Schmerz und Bußthnincn; denn der von einer schweren Krankheit Genesene bedarf stärkender Nahrung. Diese findest du in dem allerhciligstcn Altarssacramcntc, in welchem Jesus durch seine heilige Kirche sich selbst uns zur Scclenspcisc gibt, um nicht uur die hciligmachcnde Gnade in uns zu erhalte» und zu vermehren, sondern um sich mit uns auf'S innigste zu vereinigen, von läßlichen Sünden zu befreien, die Seele vor zukünftigen Uebeln zu bewahren, die böse Lust in uns zu mindern und zu unterdrücken, und uns den Eingang zum ewigen Leben zu eröffnen. „Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, bleibt in mir und ich in ihm » . . der hat das ewige Leben." (Joy. v, 57, 59.) Wer kann unsere Seele mehr heiligen, als der Urheber allc^ Heiligkeit selbst, wenn wir uns recht ost und wohl vorbereitet mit ihm in diesem Sacramente zu vereinigen suchen? So will uns der Heiland mittelst seiner heiligen Braut, der heiligen, römisch-katholischen Kirche, heiligen, sucht den Verlornen, heiligt den Unheiligen, kräftigt ihn mit himmlischer Speise, und gebiert und führt ihn zum ewigen Leben. Der Stammbaum dcö menschlichen Geschlechtes, der Ehestand, wurzelt im Paradiese, gepflanzt, gesegnet und geheiliget von dem, der da sprach: „Wachset und vermehret euch, und erfüllet die Erde." (Genes. 1, 28.) In reiner Liebe, ferne von wilothicrischcr Lnst, in heiliger Absicht, nach Gottes heiligem und weisem Endzwecke knüpfe sich das eheliche Band zwischen Einem Manne und Einem Weibe — Mann und Männin, zwei in Einem Fleische — Ein großes Geheimniß, ein Sinnbild der Verbindung Christi mit der Kirche — Ein wichtiger Stand auf Erde», ei» scgcnvvllcr für Kirche und Staat. Segen- und gnadcnvoll für die Verehelichten, wenn sie durch Wachsthum in Rcligionskenntnisft», Gottesfurcht und Tugend in ihrem jugendliche» Stande, wie Nebckka, Joseph, Tobias, Sara ?c. sich dazu vorbereiten, uud so ihre Jugcndjahre heiligen, wozu ihnen eben wieder, wie wir bisher betrachtet, die heilige Kirche durch Lehre, Heilungsund HciligungSmitlcl heiligend an die Hand geht. Nur ein frühe veredelter und sorgfältig gepflegter Banm läßt gute Früchte erwarten. Die Jugcndjahre sollen auch in dieser Beziehung die Pflanzschule für deu ehelichen Stand seyn, deren sorgfältige Pflege der Heiligung in den Händen der Kirche liegt. Kenntnisse in der Religion, Gottesfurcht, Frömmigkeit und Tugend müssen mit den Jahren zunehmen. O gebet uns eine fromme Jugend, und Wir geben euch fromme Eltern I Im Ehestände sind der Pflichten viele und schwere, der Drangsale, anch in der glücklichsten Ehe, ost nicht wenige, hart und drückend, die Erziehung der Kinder in der Furcht des Herrn sehr schwierig, kummcr- und mühevoll; die Pflichten der Ehelcute gegen Gott, gegen cinaiwcr, gegen ihre Kinecr, Untergebene, Ncbenmenschcn :c. mannichfachc; Ehelcute sollen einander lieben, schützen, und nie verlassen, als gctrc»c Gefährten durch das ganze Leben, was immer für Trübsale und Mühseligkeiten sie treffen mögen, so wie Christus seine Kirche beständig liebt, schützt und nie verläßt. Wohl eine schwere Bürde, ihr Eheleute! lastet auf euer» Schultern. Ihr sollet in cuerm ehelichen Stande bis in den Tod gottselig verharren, und cuerc Kinder christlich erziehen. Ihr brauchet höhere Kraft, höhere Weihe, und diese wird euch vom Himmel durch die Kirche i» dem hl. Sacramcntc der Ehe, wenn dieser Stand nach Gottes weiser und heiliger Absicht angetreten und gehalten wird, uud wird er also angetreten, so ist solchen Ehclcutcu verheißen Gottes Segen, Vermehrung zcitlicher Güter und Nahruug, gotteSfürchtige und gehorsame Kinder und Kindcskiuder, und nach dem Austritte aus dieser Welt die ewige Seligkeit. Also ist es wieder die heilige Kirche, welche heiligend vorbereitet, heiliget dnrch das hl. Sacramcnt der Ehe. uud lehret und führet und leitet durch das heilige Wort und andere sacra- mcntalische Gnaden, wie auch durch tägliches Gebet, auf diesem Dornige» Pfade zum ewigen Heile. Wie bei dem Eintntte i» dieses Leben und durch den ganzen Verlauf desselben, so sucht die Kirche beim Austritte aus dieser irdische» Laufbahn den Menschen durch die hl. Sterb sacramcntc zu reinigen, mit dem Mgercchtcn auszusöhnen, zu heiligen, und so in den Schooß des ewigen Friedens zu führen; ja ihre mütterliche Liebe bleibt nicht beim Grabe stehen, sondern bethätigt sich noch eifrig über dasselbe für die leidende Kirche durch das innige Band geistiger Gemeinschaft. Wie ein tröstender Engel es scheint der Priester am Sterbebette, wenn kalter Schweiß die Stirne decket im Kampfe mit dem Tode, und sanftes Wehen eines höhern Geistes erquickend und crmuthigend durchströmet seine gläubige Seele, sey es, daß ich betrachte die hl. Sacramcntc, oder vie kraft- und salbungSvvllcn Gcbcte und Segnungen der Kirche. Die Kirche ist hier die reale Repräsentation des wahren, göttlichen, barmherzigen Snmaritan in diesem wichtigen Monuntc, von dem eine Ewigkeit abhängt, damit, w.nn der Ewigkeiten Thore sich öffnen, kühlende Luft, (wie schön ein Anderer sagt,) aus anderer Welt in das vom Todcsschweisze feuchte Angesicht beseligend wehe. Wer ist es nun aber, durch welchen die Kirche die beseligende göttliche Lehre uns ertheilt, und die Heilsqucllcu so mütterlich liebend uns öffnet, und deren Gnaden so reichlich auospcndet? Der Priestcrstand ist es, dem sie — die Kirche — auch wieder höhere Kraft und Weihe gibt, damit sie — die Priester — ihre geistlichen Aemter recht und wohl versehen mögen; besondere Gnade, vasz sie als Lichter auf dem Leuchter, als das Salz der Erde erfunden werden , daß sie gekräftigt, wie durch Worte, so vorzüglich durch Beispiel, Lehren. So ertheilt nun die Kirche dnrch jedes heilige Sacramcnt eine besondere, eigene Gnade, um durch alle Stufen und Stände des menschlichen Lebens zu reinigen und zu heiligen. O heilige Kirche, wie kann ich dich genug erheben! Wahrlich von dir rufe ich auch aus: „Saucta et immaeulala . . . eiuiliu8 to IgucIil)U8 vtlvi-am, nvseio." Oktio. K. Al. in 83dl). „Vicii civilolvm 8gnelinn ^vrusalem novam clöSLonelentom cls coolo a Duo ..." ^noe. 21. Wie glücklich, in dem Schvoßc einer so reinen und heiligen Mutter zu ruhen, an ihrem Herzen so wonniglich sich zu nähren! „Deine Brüste sind besser als Wein: sie riechen nach den allerbesten Salben: dein Name ist ein ausgegossen Oel." (Hohcl. 1, 2. 2, 10.) Wahrlich: „Dein Bauch ist wie ein Waizen- Haufen, von Lilien umlagert.« (Hohcl. 7, 2.) Was von der göttlichen Weisheit geschrieben steht, 'l)öre ich von dir sagen mit holdselig einladender Stimme, in süßer Rede von Lippen, gleich einer Purpur-Schnur (Hohel. 4. 3.). „Meine Lust ist bei den Menschenkindern zu seyn . . Höret mich, ihr Kinder: Glückselig, die meine Wege bewahren! Höret die Lehre, und werdet weise, und verwerfet sie nicht! Glückselig der Mensch, der mich höret, und der an meinen Thüren wachet, Tag für Tag, und meiner wartet an der Schwelle meiner Thüre. Wer mich findet, findet das Leben, und schöpfet daß Heil von dem Herrn," (Spr. Salom. 8, 3l — 36.) O unglückliche Brüder! die ihr gegenwartig gegen diese heilige Mutter, die euch in ihrem reinen Schooße geboren, genährt und herangezogen zum wahren Leben, so undankbar, sündhaft und höchst unehrenvoll denket, redet, schreibet und handelt, o öffnet euere Augen, und vernehmet mit euern Ohren, was ich in Verbindung mit obigen Worten diese so heilige Mutter an euch möchte aus ihrem erbarmungsvollen Mutterhcrzen sprechen lassen: „Wer aber gegen mich sündigt, verletzet seine eigene Seele. Alle, die mich hassen, lieben den Tod." (Spr. Sal.8,36.) Beherzigt auch noch die Worte des hl. Paulus: „Gleichwie aber Jannes und MambreS dem Moses widerstanden, so widerstehen auch diese der Wahrheit, Menschen verdorbenen Sinnes, verworfenen Glaubens; sie werden es aber nicht weiter treiben: denn ihre Thorheit wird Allen offenbar werden, wie es auch bei jenen geschah." (2. Timoth. 3, 8. 9.) O Jesus, seßlc mich recht innigst an diese deine heilige Braut, die ja nur aus Deinem heiligsten Herzen hervorgegangen, wie die aufsteigende Morgenröthe, schön wie der Mond, auserkoren wie die Sonne, furchtbar wie ein wohlgeordnetes Heerlager! Ja, ziehe uns Alle, daß wir alle dieser Deiner heiligen Braut nachlaufen, dem Wohlgcruche ihrer Salben, frohlocken und uns freuen in ihr, und Du uns durch sie einst führest in Deine himmlische Wohnungen! (Hohcl. 1, 3.) L. Nordamerika. (Katholik.) Die erst unlängst bekannt gewordenen Verhandlungen der ersten Diöccsansvnode von Ncw-Avrk-) enthalten sehr interessante Ausschlüsse über das innere Leben der katholischen Kirche in Nordamerika. Dr. Hughes, katholischer Bischof von New- Zjork, hielt am fünfzehnten Sonntag nach Pfingsten, als am 28. August 1842, iu New-Aork das erste Diöcesanconcilium seines BiSthumcS. 67 Priester waren zugegen; nur sechs waren aus gegründeten Ursachen zu kommen verhindert. Die Verhandlungen wurden mit aller Bescheidenheit vier Tage lang geführt, und in der dritten Sitzung 33 Synodalbcschlüsse festgesetzt zur Aufrcchthaltung des Glaubens und der Disciplin, und dann durch den Druck bekannt gemacht. Bald darauf richtete der eifrige Bischof ein Pastoralschrciben an seine Geistlichkeit und an die Gläubigen. Er drückt darin vor Allem seine Freude aus über die Bereitwilligkeit und Erbauung, mit welcher sein Klerus dcu sechstägigen geistlichen Uebungen und dann der Synode beigewohnt, so wie auch über die Einigkeit, mit welcher die Synodalbeschlüsse 8z'rwc-ce5ana Kco - LKoraeen5i5 prima Kabitk snno 1842, IXeo-LIzoraei, lz-pis Keorgii Hlitclioll. 1842.— ?asw- rsl Better ok lKv riglN Keverc-irä Dr. IlugKes lc> tlre Llorgz imci I.uit5' vl tko vioceso ol I^e>v-Vorlc. 1842. zu Stande gekommen seyen. Dann wendet er sich an das Volk und zeigt demselben, welchen Vortheil die gefaßten Synodalbcschlüsse zur Aufrcchthaltung der kirchlichen Disciplin bringen werden. Wir wollen hier das Merkwürdigste von diesen Synvdalbcschlüsscn mittheilen. Das Hauptaugenmerk ist auf die Ausspcnduug der heiligen Sacrameute gerichtet. Da in den vereinigten Staaten die katholische Kirche bisher nur dahin arbeiten mußte, sich fest zu begründen und vor äußern Anfeindungen zu schützen, so mußte in der kirchlichen Disciplin da manches geduldet werden, was nun, seitdem der Bestand der Kirche hinreichend gesichert ist, durch kirchliche Gesetze verboten werden mußte. Es warv daher verboten, in Prioathäuscrn oder au andern Orten als in der Kirche die heilige Taufe zu ertheilen, außer wenn der zu Taufende in Todesgefahr wäre; in diesem Falle müssc», wenn das Kind noch lebt, die Ceremonien später nachgeholt werden; ebenso wird dieß geduldet, wenn die Eltern mehr als drei Meilen weit von dem Seelsorger wohnen, oder wegen Armuth den Weg nicht machen können. (2. Beschluß.) Vermöge alter Gewohnheit empfingen die Kinder, außer bei Todesgefahr, erst in den Jahren, wo sie zu den heiligen Sacramcn- ten dcö Altars und der Buße zugelassen wurden, das heilige Sacramcnt vcr Firmuug; diese Gewohnheit wird gebilligt und für die Zukunft zur Regel erhoben. (4. Beschluß.) In Betreff des Bußsacramru- tes wird beföhle«, in allen Kirchen Beichtstühle zu errichten; und verboten, die Beichte des weiblichen Geschlechtes anderswo als in den Beichtstühlen derKirche anzunehmen, ausgenommen in Fällen dcrKrank- heit, Taubheit und allzu großer Entfernung. (8. Beschluß.) Auch solleu die Priester nur im Talar, mit Chorrock und Stola, in den Beichtstuhl treten. (9. Beschluß.) Was die Ausspcudung des heiligen AltcrrS- sacramentes betrifft, so wird dem Priester ausgctragcu außer iu unvorhergesehenen Fällen die Messe nie anders, als im Talare zu lesen; auch soll er die heilige Eucharistic nicht anders, als in einer anständig verzierten, von ihm auf der Brust getragenen Bursc zum Kranken bringen; ebenso wird verboten, dieses heilige Sacramcnt in einem Privatorte aufzubewahren. (6. Beschluß.) Vordem heiligenAltarssacramente soll das ewige Licht erhalten werden. (7. Beschluß,) Der Priester soll eine Ehe nicht einsegnen, wenn die Brautleute, wenigstens der eine Theil, sich nicht mindestens vier Tage vorher bei dem Seelsorger gemeldet haben. Dieser soll sie dann zum vorschristmäßigcn Empfange des heiligen Sacramcntes vorbereiten und zur Ablegung einer sacramenta-- lischen Beichte anhalten. Vor Verrichtung einer solchen Beichte darf er sie nicht einsegnen, (11. Beschluß.) Vor gemischten Ehen wird nachdrücklich gewarnt; da aber diese i» jenen Ländern doch mußten geduldet werden, so haben die Seelsorger im Geiste der ächten kirchlichen Praxis — cö gibt bekanntlich auch eine laxe, die sich gern für eine rigorose ausgeben möchte, — folgende Gesetze zu beobachte»: 1) Kein Priester soll aus was immer für eine Weise zur ehelichen Verbindung Solcher mitwirken, von denen er weiß, daß sie sich von einem hcterodoren Geistlichen haben copulircn lassen, oder wahrscheinlich Voraussicht, daß« sie dieses thun Werden. 2) Wenn das Ehchindcrniß prc>r>tc;r ilispuri- tcrtLm oultus obwaltet, so muß jedesmal vom Bischöfe DispcnS erbeten werden. 3) Der Priester darf, und zwar nur außer Kirche, und ohne alle heilige Ceremonien und kirchliche Kleidung, der Abschlicßung einer solchen Ehe nur dann beiwohnen, wenn der akatholischc Theil feierlich verspricht, dem katholischen Theile freie Ncligioncübung zu gewähren und die Kinder im katholischen Glaubcu erziehen zu lassen. (15. Beschluß.) Alle Geistlichen endlich sollen ihren Gläubigen die Gefahren solcher Mischehen an'S Herz legen. (16. Beschluß.) Weil häusige Fälle vorgekommen sind, daß Brautleute, um die Einsegnung leichter zu erhalten, anstatt an den eigenen Seelsorger, an fremde Priester sich wendeten, so wird für die Zukunft jedem Priester verboten, innerhalb eines fremden Kirchspieles, so wie Brautleute, die unter einem fremden Seelsorger stehen, ohne Erlaubniß dieses Seelsorgers einzusegnen. (12. Beschluß.) Und weil es sich ost ereignet, daß Brautleute, besonders Einwanderer, zur Eingehung einer Ehe sich stellen, ob- schon sie bereits vcrheirathct sind; so soll der Seelsorger ein Braute paar so lauge mehr einsegnen, bis jeder Zweifel, ob sie etwa vcrheirathct sind, gehoben ist. Und wenn kein anderes Mittel zur Erlangung der Giwißhcit übrigt, so sollen solche Brautleute, die verdächtig sind, angehalten werden, vor der Civilobrigkcit, oder wenigstens vor dein Seelsorger ihren eheloscn Stand mit einem Eide zu bezeugen. (lZ. Beschluß.) Kräftig wird gegen die geheimen Gesellschaften gesprochen. Die Seelsorger werden beauftragt, solche, die feierlich zu einer geheimen Gesellschaft geschworen, so lange von den Sacrcuncnten auszuschließen, bis sie jede Verbindung mit derselben gelbst haben. Thun sie das nicht, und weigern sie sich selbst auf dem Todbcttc noch die verbotenen Bande zu zerreißen, so soll ihnen das kirchliche Begräbnis; verweigert wer- dcn, (33. Beschluß.) Zugleich sollen die Seelsorger ihre Beichtkinder, sofern sie in dieser Beziehung verdächtig sind, darüber befragen. (33. Beschluß.) Eine andere Verordnung der Synode betrifft die Verwaltung des Kirchen Vermögens. Bisher verwalteten in der Diöccsc Ncw-Zork, wie in vielen anderen Theilen Amerika'S, Laien nntcr dcm Titcl kirchlicher Vorsteher (IVustees) das Kirchenver- mögcn. Da aber bei diescr VcrwaltungSart für dic Kirche manche Unannehmlichkeiten entstanden, so muhte man Abhilfe schaffen. Das vierte Provincialconcilium von BaUimorc im Jahre 1842 vcrord- nctc, daß in Zukunft keine Kirche geweiht werden sollte, bevor sie nicht dcm Bischöfe als Eigenthum übergeben worden wäre. Da aber in Ncw-Aork das alte Vcrwaltungssvstci» schon so ticf eingewurzelt war und der Bischof selbst nicht so große zeitliche Sorgen übernehmen wolltc, so schlug die Synode eincn anderen Weg ein. Man ließ den Trustecs dic Verwaltung des KirchenvcrmögcnS, verpflichtete aber dic Scclsorgrr jcder Kirche, ein Jnvcntcnium über das Kirchcnvcrmögcn zu führen und darin alle Einnahmen und Ausgaben der Kirche zu verzeichnen. Dieses Jnocntarium wird dem Bischof bei der jährlichen Visitation vorgelegt. Zugleich dürfen die weltlichen Anwälte nichts von dem Kirchcnvcrmögen verwenden, ohne ausdrückliche Erlaubniß ihres ScclsorgcrS. Aber auch diescr darf, dic gewöhnliche» Bedürfnisse abgerechnet, innerhalb eines Jahres ohne specielle Erlaubniß des Bischofs nicht mehr alv hundert Dollars bewilligen. Zugleich ward den Trustces untersagt, ohne Einwilligung ihres ScclsorgcrS ciue Pcrson zu irgend einem kirchlichen Dienste anzustellen, oder weltliche Vcrsammlungcn in der Küche, vdcr in einem andern dazu gehörigen Orte zu halten, oder die Kirchcnstühlc öffentlich zu versteigern. (Beschlüsse 24. 25. 26.) Solche und ähnliche weise Vorschriften hatte das erste Diö- ccsanconcilium von Ncw-Iork erlassen, und Bischof HngheS seinen Diöccsancn in einem Pastvralschreibcn eingeschärft. Kaum aber waren diese Verfügungen bekannt geworden, als vier politische Blätter gegen dieselben als solche, welche dic bürgerlichen Rechte und die Gewisscnc-frciheit verletzen, auftraten. Vier Zeitungsschreiber von allerlei Rcligion, einer auö der Scctc der Cougrcgationalisten, ein Prcobytcriancr, cin Jude und cin Vierter, der keine Rcligion zu haben schien, waren hier einig zur Bekämpfung der katholischen Kirche. Dagegen erließ Dr. Hughes „eine Apologie seines Hirtenbriefes, als Erwiderung auf dic Einwürfe der vier Zeitungsschreiber." -) Er beweist darin, daß solche Verordnungen nicht, wie man ihm vorwerfe, die Rechte und Freiheit der katholischen Gesellschaft verletzen. Jede religiöse Gesellschaft in den vereinigten Staaten habe das Recht, ihren Cultus durch eigene Gesetze zu ordnen, und solche Gesetze seyen für die Katholiken eben die Synodalbcschlüsse. Und da dic Verpflichtung zur Befolgung der Gesetze einer religiösen Gesellschaft nur eine moralische sey, d.h. da Jeder sich nach Belieben davon lossagen könne, so wie es Jedem frei stehe, in dieselbe einzutreten und sich ihren Gesetzen zu unterwerfen, so werde ja kein religiöser Zwang auferlegt. Nur müsse, wer die Vortheile einer Gesellschaft genießen wolle, auch deren Gesetze sich gefallen lassen. Wenn man die Beschuldigung vorbringe, daß die Geistlichkeit darauf losgehe, das Kirchengut aus den Händen der Laien an sich zu reißen, so sey dieß nicht wahr, indem die Synodalvervrdnuugen nur Mißbräuche in der Verwaltung des KirchenvermogenS beseitigen. Hierauf zeigt er in speciellen Fällen, welche Unordnungen in das alte Vcrwal- tungssystcm eingcschlichen. WaS die gemischten Ehen betreffe, so stehe cS Jedem frei, bei solchen Ehen seiner eigenen Neigung, oder den Befehlen der Kirche zu folgen; die Gewissensfreiheit werde also durch die gefaßten Beschlüsse nicht verletzt. In Betreff der geheimen Gesellschaften endlich entgegnetc er, daß cS der kirchlichen Vorstcherschaft zustehe, den Gläubigen jene Fälle zu bestimme», in welchen es erlaubt sey, Gott durch einen Eid zum Zeugen anzurufen. Durch unerlaubte Eide suchen aber einflußreiche Verführer dic armen Ka-- tholikcn, besonders öffentliche Arbeiter, für ihre ruchlose» Zwecke zu gewinnen. Gerade sie, seine Gegner, die Journalisten, sollten als Wächter der öffentlichen Ordnung solche, welche die bestehenden Verhältnisse untergraben, vorzugsweise bekämpfen. Man sieht, daß eer gesunde Menschenverstand sich in Nordamerika in einem besseren Flore befindet, als zur Zeit in Deutschland! „Wenn wir dieses Aufblühen der katholische» Kirche i» Nord- Amerika, bemerken bei der Gelegenheit dic römischen ^Vnnali clells scien/e rvli^ivse, dieses Erstarken in Wissenschaft uud Disciplin crblickcn, so sehen wir uns unwillkürlich in die ersten Zeiten der christlichen Kirche zurückverseht. Die alte Kirche suchte, von außen ringsum bekämpft, sich in ihrem Innern immer mehr zu befestigen, dic HeilSwahrhcit n immer tiefer in'S Leben einzuführen und ihre Disciplin regelmäßigcr zu ordnen; sie ließ eS aber auch an polemischen Entgegnungen gegcn die äußern Feinde nicht fehlen. Eben dieses sehen wir heutzutage in der katholischen Kirche Nordamerika's; und dabei blühet sie, und breitet sich fortwährend aus. Möchten nicht manche katholische Länder Europa'S, iu denen die Religion fast keine Triebkraft entwickelt, daraus gar Vieles zu lernen haben?" Aphovisme. Mag man sich auch in der Welt über die Schlichtheit der Landgcistlichcn lnstig machen. Kein Stand ist ehrwürdiger als dieser. Jeder dcrselbcn ist als Hirt mit dcr Sorge für seine kleine Hcerde beauftragt, die mit ihm sein frugales und arbeitsames Leben theilt. Er bringt ihnen das Wort GottcS, und predigt ihnen Unterwerfung unter die Gcsctzc. ') Lisliop IlugKvs .-Vpolog)' tor Ki8 psstor.il Dotter, iu roplx w tliL sttieUires ot to»r Ldilors ot' nolicic»! >'enSparers. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Krem er. ? 5 ^»S- - Dei/.. der Augsbttrger Zweite Jahreshälfte. M- S8. Ppstzeitung. IS Fuli 1845» Der gute Pater Thomas.*) I. Derjenige Fremde, der während der Jcihre 1815 bis 1825 Florenz besuchte, und dem die höhern Cirkcl offen standen, wird zuweilen in den Salons der vornehmen Welt einen freundlichen alten Herrn, aus dessen Augen so recht die Seele sprach, angetroffen haben. Seine Kleidung zeigte es schon an, daß er dem geistlichen Stande angehöre, aber mehr noch als sein ehrwürdiges Gewand und seine Stellung verschafften ihm seine viele Tugenden, sein menschenfreundlicher Charakter Zutritt in alle vornehmen Familien und Niemand wurde in ihren geselligen Kreisen mit größerer Verehrung, innigerm Zutrauen empfangen und behandelt wie dieser alte geistliche Herr. Wo er sich auch zeigte, es mag in dem Hause eines Fürsten, Grafen, Staatsministcrs oder Generals gewesen seyn, bcwillkommte ihn der Hausherr mit aufrichtiger Herzlichkeit und die Dame von Haus, selbst wenn sie noch jung und schön gewesen, unterhielt sich mit Niemanden lieber als mit ihm; die jungen Leute beiderlei Geschlechts umringten ihn mit zutrauensvoller Ehrfurcht, ihm am liebsten all ihre kleinen Angelegenheiten anvertrauend und selbst die kleinen Kinder hüpften ihm fröhlich entgegen. Sollte sich zufällig dieser Fremde auch in die von dem Mittelstand oder den armen Classen bewohnten Häuser in Florenz verirrt haben, so fand er auch dort nicht seltener die Gelegenheit diesen alten, freundlichen geistlichen Herrn mit seinem gutmüthigen Gesichte anzutreffen; und auch dort wurde er mit derselben Verehrung und Liebe behandelt, auch dort war sein Benehmen eben so menschenfreundlich und Vertrauen erweckend, wie in den ersten und vornehmsten Cirkcln. Aber wer war denn dieser so allgemein hochgeachtete, überall gerne gesehene, von Jung und Alt, Vornehm und Gering geliebte und verehrte Mann? Es ist der gute Pater Thomas gewesen, und in ganz Floren; gab es kein Hauö, vom Palazzo Pitti, der Residenz des Grvßherzogs an, bis zur niedrigsten Hütte, wo dieser Name nicht mit Ehrfurcht ausgesprochen Worden wäre. Mögcn Diejenigen, die es nicht begreifen wie es einen Menschen geben konnte, der ohne Neider, Verleumder oder geheime Feinde durch's Leben gewandelt seyn sollte, immerhin ihre Köpfe Pater Thomas war ein Salzburger von Geburt. ! ungläubig schütteln, es bleibt dennoch wahr, daß Pater Thomas weder Neider, Verleumder noch Feinde gehabt, und zwar hatte er deßhalb keine Neider, weil er selbst Niemanden beneidete; keine Verleumder, weil er von allen seinen Bekannten, wie und wo er konnte, nur Gutes sprach; keine Feinde, weil er keines Menschen Feind gewesen; und obwohl gegen sich sehr strenge, war er gegen die Schwachheiten seiner Nebenmenschcn nachsichtig, darum geschah es, daß selbst der Lcrdorbcnste sich dem guten Pater Thomas nicht ohne Ehrfurcht nahte, und daß die bessern Menschen aus allen Ständen ihm mit aufrichtiger Verehrung und liebevollem Zutrauen entgegenkamen. In seinen jüngeren Jahren trieb ihn reine Menschenliebe nach den Urwäldern Amerika'S, wo er während zwanzig Jahre als Missionär den wilden Indianern das Wort des Heils verkündet, und durch sein Beispiel, seinen tugendhaften, wahrhast christlichen Lebenswandel unter ihnen bekräftiget hat; und ist es ihm auch nicht gelungen, alle die er gekannt zur christlichen Glaubenslehre zu bekehren, so haben sie ihn doch alle wie ihren Vater geachtet und verehrt, er hat sie alle wie seine Kinder betrachtet und behandelt. Wie viele barbarische Mißbräuche hat er bei ihnen nicht beseitigt, wie viele Menschenleben, die unter ihren Msscrn als Opfer ihrer Rache oder sonstiger grausamen Gebräuche verbluten sollten, nicht gerettet. Besonders suchte er in die für alles Gute noch mehr empfänglichen Gemüther den Keim christlicher Tugenden zu pflanzen, aber auch bei ven Erwachsenen bestrebte er sich die Erkenntniß des wahren GotteS zu erwecken, ihre rohen Sitten, Gebräuche und Gewohnheiten zu vcredlcn. Sie Alle, Alt wie Jung, waren aber davon überzeugt, daß Pater Thomas nur ihr Bestes wünsche, darum liebten und achteten ihn selbst diejenigen Indianer, deren wilve Leidenschaftlichkeit oder schon zu tief eingewurzelte Vorurthcile seiner Ncligionslchrc unzugänglich blieben, und ließen sich von ihm in allen andern Sachen willig leiten. Es war ein Riesenwerk der Menschenliebe das er unternommen. Auf alle Bequemlichkeiten die uns Europäern zur zweiten Natur geworden, mußte er verzichten, unzähligen Gefahren muthig entgegen sehen, von einem Indianer Stamm zum andern ohne Rast und Ruhe wandern, Waldungen durchziehen, worin Tiger und Hyänen auf Beute lauer», steile Berge übersteigen, wo ein einziger Fehltritt ihm Verderben drohte, oder tiefe Moräste durchwaten, die ihn bis zum Hinfallen ermüdeten; dem Hunger und Durst Trotz bieten, den heißen Sonnenstrahlen wie der frostigen Nachtluft sein gefälltes Haupt aussetzen, und nur langsam sah er den Saamcn keime», den er mit so vieler Mühe, so vielen Anstrengungen, unter so vielen Gefahren ausgesäet hatte, aber wie sein Vertrauen auf Gott, und seine Menschenliebe, war auch seine Geduld gränzenlos. Jedoch sein zunehmendes Alter, wie seine geschwächte Gesundheit machten es ihm physisch unmöglich, solche Beschwerden noch länger zu ertragen, er wurde gezwungen, wollte er nicht unterliegen, ein milderes Klima und eine ruhigere Lebensweise aufzusuchen. Seine Sehnsucht zog ihn nach Europa zurück, wo ihm noch eine liebe Schwester lebte, die er vor seinem Ende, das er als nahe bevorstehend dachte, »och einmal zu sehen, zu umarmen wünschte. Viele tausend Indianer begleiteten den guten Pater Thomas bis zum Ccmal, der ihnen ihren lieben Gast, ihren Lehrer und Wohlthäter entführen sollte; von nah und fern strömten sie herbei um ihn noch einmal zu sehen, ihm ein letztes Lebewohl zu sagen, und als er beim Abschied mit rührender Stimme, thränenden Angcn, sie seine geliebte Ärüder, Schwestern, Kinder nannte, für deren Wohl er jeden Tag zu Gott inbrünstig beten wolle, sie mit sanften Worten bat, ihn ebenfalls nicht zu vergessen, sich seiner Lehren stets zu erinnern und sich immer mehr zu bemühen, dieselben zu befolgen, sie zur Eintracht, Gottesfurcht und Nächstenliebe ermähnte und zuletzt salbungsvoll seine zitternden Hände emporhob um sie zum Letztenmcilc zu segnen, sielen diese wilvcn Naturmenschen überwältigt von der Allgewalt seiner heiligen Worte, tief ergriffen von dem schmerzlichen Gefühl der Trennung, ihrem Wohlthäter, Freund und RcligionSlehrcr lant schluchzend zu Füßen. Auch P.itcr Thomas ließ sich auf die Kniee nieder um unter Gottes freiem Himmel gemeinschaftlich mit ihnen zu beten; sie baten für die Herstellung seiner Gesundheit, sein Wohlergehen; er für ihr Seelenheil. Selbst bis über das Meer war der Ruf des guten Pater Thomas gedrungen; denn sobald er an der Küste Italiens gelandet, erwartete ihn eine Einladung des GroszherzogS von ToSkana nach Florenz zu kommen, um an seinem Hof die Stelle eines Beichtvaters zn bekleiden; und mit derselben Bereitwilligkeit die er bezeigte, wenn ihn, während seines Aufenthalts in Amerika, ein indianischer Häuptling berief, seiner Familie oder seinem Stamm Religionsunterricht zn ertheilen, folgte er diesem Ruf; ihm galt es ja gleich in welcher Sphäre er wirkte, wenn er nur Gutes wirken konnte. Kaum war ein Jahr seit seiner Ankunft in Florenz vorüber gegangen, und schon wurde er allgemein geliebt, hochgeschätzt und verehrt, besonders aber von den Armen und Unglücklichen dieser Stadt, selbst sein Anblick erfreute und tröstete sie schon; wenn er über die Straße ging, liefen ihm Kinder von allen Seiten freundlich entgegen, gerne verließen sie ihre Spiele, um dem guten Pater Thomas ihr Händchen zu reichen, der sich stets so liebevoll gegen sie bezeigte. Stand eine Mutter ihren Sängling im Arm am Fenster, an welchem er vorüber kam, so bemühte sie sich, ihm ihren Kleinen bemerkbar zu machen. Wer an ihm vorüberging, grüßte ihn ehrfurchtsvoll, und für alle, welchem Stand der Grüßcnve auch angehörte, hatte Pater Thomas einen gleich freundlichen Gegcngrnß, für Jeden ihn Ansprechenden eine freundliche Rückantwort. Der Großhcrzog hatte ihm gleich bei seiner Ankunft eine Reihe reich eingerichteter Zimmer im Palast angewiesen, voch das geräuschvolle Leben am Hof, die lange daurcnden Mahlzeiten und der Luxus aller Art, der ihn da umgab, behagte dem guten Pater Thomas nicht sonderlich, was ihn aber besonders dazu bestimmte, bei dem Großherzog die Erlaubniß nachzusuchen, sich in eine Privatwohnung einmicthcn zu dürfen, war der Umstand, daß arme Leute in schlechter Kleidung es nicht wagten, ihn im großherzoglichcn Palast aufzusuchen; er miethete daher eine kleine Wohnung von drei Zimmern in einem schlichten Bürgershaus für sich und seine Schwester Betty, die bei der Nachricht von ihres Bruders Ankunft in Toökana herbeigeeilt war, um ihn, den sie schon so lange nicht gesehen, und der ihre einzige Stütze war, an ihr schwesterliches Herz zu drücke». (Schluß folgt.) Taufe einer Indianerin auf ihrem Sterbebett zu Paris. Der Häuptling des Indianer-Stammes der Jowavs ließ sich auf seiner Reise nach Paris von mehreren seiner Untergebenen begleiten. Er. hatte auch einen Familien-Vater eingeladen, der aber kurz vorher zwei seiner Kinder durch den Tod verloren hatte und darum sich von seinem Weibe und dem einzigen übrig gebliebenen Kinde nicht trennen wollte, bis ihm der Häuptling gestattete, beide nach Europa mitzunehmen. In England mußte das unglückliche Eltern-Paar auch noch das dritte Kind als Opfer dem Tode überlassen. Die Mutter, Oki-Wi-Mi ist ihr Name, wurde tief er- schlittert; sie wußte auch noch nach der Ankunft in Paris ihres Klagens und FastenS, denn die Wilden Amerika's drücken ihre Trauer durch Fasten aus, kein Ende. Sie nahm manchmal 3 und 4 ganze Tage hindurch keine Nahrung zu sich. Ihre Kräfte waren erschöpft und sie fiel in eine EntzündungS - Krankheit, welche trotz der sorgfältigsten Behandlung der Aerzte zu einer Lungensucht sich ausbildete. Die arme Mutter rückte sichtbar dem Tode näher. Oki-Wi-Mi machte sich und Andern kein Hehl daraus, daß ihre Auslösung bevorstehe. Der Dollmetschcr Ieffrev Doraway, ein guter Katholik, versuchte es, so weit er konnte, der Frau die Grundlehrcn des Christenthums beizubringen. Da die Indianer der Felsengebirge oft mit katholischen Missionären der Vereinigten Staaten in Berührung kommen, haben sie manche, wenn auch unbestimmte Begriffe von unserer Religion aufgefaßt. Die jüngste Tochter des Häuptlings der JowayS, welche mit ihrem Vater sich zu Paris befindet, ließ sich sogar zu St. Louis in Missuri taufen. Man hatte auch bemerkt, daß Oki-Wi-Mi während ihrer Krankheit große Vorliebe für eine Medaille der unbefleckten Empfängniß bezeigte, welche ihr einmal geschenkt worden war. Jeffrey ist der Sprache der Sacke, des Stammes, welchem die kranke Indianerin ihrer Geburt nach angehörte, nicht so mächtig, als er es wünschen mußte, um sie in alle Lehren des Christenthums einzuführen. Dieß Hinderniß fiel aber weg, als der Mann sich bereit erklärte, den Unterricht zu verdollmetschen. Eines Morgens war sie kräftiger, als gewöhnlich, da sie einen erquicklichen Schlaf genossen hatte. Plötzlich hieß sie ihren Mann vem Bette sich nähern und kündigte ihm an, daß sie sterben werde, indem der große Geist sie riefe und ihre Kinder schon die Arme nach ihr ausstreckten. Sie dankte ihm für die zärtlichen und ungeheucheltcn Beweise seiner Liebe und bat ihn, unbedenklich ihren Leib in Frankreich zu lassen; denn wenn sie auch nicht in der Heimath bestattet werde, so könne sie sich doch mit ihren Kindern und dem großen Geiste vereinigen. „Wann ich verschieden bin, so laß mich mit meinen reichen Gewändern umkleiden, und ziere meinen Leichnam mit allen den Geschenken, welche ich von den Weißen erhalten habe; aber vor meinem Begräbnisse nimm mir wieder Alles ab, dieß (sie zeigte auf die Medaille der unbe- fleckten EmPfLngniß) ausgenommen. Ich will sie behalten, weil sie mich in meiner Krankheit getröstet hat." Jeffrey, dem der Gemahl diese Worte seiner Frau übersetzte, war davon ganz überrascht und hielt den Augenblick für geeignet, sie durch den Mann fragen zu lassen, ob sie nicht die Tauft empfangen wolle. „Ja, Ja," antwortete mit schneller Bereitwilligkeit Oki-Wi-Mi. Jeffrey lief nun fort, einen Priester zu holen, und kam mit einem Caplan von St. Noche zurück. Dieser wendete sich an den Mann, ob er nichts dagegen habe, wenn seiner Frau die Tauft gespendet würde. Der Indianer erklärte seine Einwilligung, Oki-Wi-Mi erhielt die Taufe und starb als Christin. Als der Caplan sich verabschiedete, dankte ihm der Gatte voll Rührung, und bat ihn um Verzeihung, daß er ihn nicht früher gerufen habe. Die Verstorbene wurde mit alle» Ceremonien begraben, welche das Rituale bei der Bestattung katholischer Christen vorschreibt. Ihr Mann und zwei andere Indianer, dereneinernoch nichtcrwcrch- sen ist, wohnten dem Seelen-Gottesdienst in der Magdalmen-Kirche bei. Anch sprengten sie Weihwasser auf den Sarg, welchen sie i» die Erde versenken sehen wollten. Der hinterlassene Gatte bekümmerte sich noch mit Sorgfalt, welches Denkmal Der Verstorbenen gesetzt würde und er sah sich nntcr den Monumenten des Gottesackers nach einem Modelle für den Grabstein seines Weibes um. Die Marienandacht in der St. LndwigsLirche in München. Ueber die Predigten, welche die beiren PP. Redcmptoristcn während des verflossenen Maimonatcs zu München hielten, sind so alberne Gerüchte durch böswillige Leute verbreitet worden, daß wir um der Schwachen und Leichtgläubigen willen nicht umhin können, den nachfolgenden Bericht der Neuen Sion, welcher, wie wir wissen, aus zuverlässiger und wahrheitsliebender Quelle herrührt, auch diesen Blättern einzuverleiben. Die Maiandacht in der hiesigen St. Ludwizskirchc, von dem würdigen und eifrigen Scelenhirten, Herrn Stadtpfarrer Stumpf, durch die Berufung der PP. Redemptoristcn in's Lebe» gerufen, bildet ein kirchliches Ercigniß, welches wahrlich nicht spurlos an der Einwohnerschaft Münchens vorüberging. Ich beginne meincn Bericht mit den Vätern der Congrcgation des Erlösers; ihre Predigt eröffnete täglich Abends 7 Uhr die Andacht Zwei hvchwür- dige Väter waren gesandt, um abwechselnd die Vorträge zu halten. Es braucht nicht erinnert zu werden, welche Anstrengung es kostet, je des andern Tages die Lndwigskanzel zu besteigen. Uebcrdicß mußten manche Vorurtheile und feindselige Gesinnungen beseitigt und niedergeschlagen werden, wollten sie nicht umsonst gekommen seyn und ihren Orden in dem ihm eigenthümlichen schönen Lichte erscheinen lassen. Mit Gottes Gnade, hoffen wir, ist beides gelungen. Die Prcdigtstoffe waren so gewählt, wie es die Bcdürf- nisft der gegenwärtigen Zeit eisorderten; die Form der Abfassung war populär und von edler Einfachheit. So sehr die Veiten hoch- würdigen Prediger das Hauptgewicht auf die Verkündigung der evangelischen Wahrheil legten und diese in ihrer ganzen Kraft und tiefcindringendcm Ernste darstellten, so vcrnachläßigten sie darüber keineswegs die homiletische Form, wußten aber, daß diese in etwas anderem bestehe, als in sentimentalen Phrasen und hohlem Pathos, womit ein Theil des PublicumS verwöhnt und verweichlicht worden ist. Referent war Zuhörer der allermeisten Predigten und hat es sich und vor Andern gestehen müssen, daß gerade edle Einfachheit und genaue Ausarbeitung es sey, welche ihre Vorträge am Vvr- heiligcn Stifters getreu verlieren sie die natürlichste Einfachheit nie aus dem Auge. Bei der Anlage ihrer Predigten zielen sie auf Deutlichkeit und Gründlichkeit ab, und von Niemanden mag dieser Vorzug an ihnen bcstrittcn werden. Gewöhnlich lassen sie ganz natürlich die Definition, die nähere Erläuterung des angekündigten Satzes vorausgehen, erhärten dieselbe mit ausgesuchten Sprüchen von Gottcsgclehrten und schließen die Kettenreihe der Beweisgründe mit dem Gottcsworte der heiligen Schrift. Ist das geschehe», so kleiden sie die vorgetragene Wahrheit in die Form eines Gleichnisses, um sie einem Jeden, auch dem gemeinen Manne, verständlich und klar zu machen. Nun ist aber auch jeder Zuhörer überzeugt und die Beistimmuug von Seite dieser belohnt den begeistere ten Fackelträger des Lichtes himmlischer Wahrheit. Es war ein eigenes Vergnügen, schon in den ersten Predigten nntcr den Zn- hörern zu stehen und die allerersten Wirkungen zu beobachten. Bis zu einer Art Auflegung steigerte sich einige Male die crrnngcne Ueberzeugung des Gesagten bis der Prediger nach einer Reihe erschütternder, tiefeindringcnder, gewaltiger Worte den Ucbergcmg zu einem Beispiele aus der Geschichte machte. Das dars aber nicht geschehen, um den einmal aufgeregten Geist mit einer Erzählung einzuwiegen. Dieses Wußten unsere Väter gut; sie suchten dadurch nur den Totaleindruck hervorzurufen, und diesen an das anschauliche, lebendige Bild einer geschichtlichen Persönlichkeit bleibend zu knüpfen. Die schwierigen Thcmate wie das über Unkeuschhcit uud Versührung (Aergerniß), bei deren Ankündigung manchem Zuhörer das Herz besorgt zu schlagen anfing, sie waren so durchgeführt und so vorgetragen, daß sie eben so wenig das Zartgefühl beleidigten als die Sünde selbst schonten. Das Nämliche ist von der Predigt über die nächste Gelegenheit zu sagen. Mädchen, die Jahre lang in sündhaften Verhältnissen lebten, fragte der Prediger, ob sie sich in der Küche beschäftigten? „Sie sollten Acht haben, was da mit der Citrone geschehe: sie werde zuerst ausgedrückt, bis sie keine guten Säfte mehr besitze, dann werfe man sie in'S Kehricht. Das sey auch das LooS solcher Personen." Dieses Gleichniß soll hier deßhalb angeführt werden, damit sich zeige, von welch praktischem Tacte sie sich bei der Wahl der Vergleichungcn leiten lassen. Der öftere Anblick der Citrone predigt gewiß Solchen das Gesagte oft wieder. Eine Feuerprobe hatte der Pater auch zu bestehen, als er daran kam, von der Hölle, dem Höhepuncte der erschütternden Rcren, zu sprechen. Wer dürfte gute Nachrede hoffe», wenn er den Vcrdcunmungs- würdigcn von der Verdammung spricht? Mißverständnisse und Verdrehungen mußte man bei aller Gründlichkeit und Deutlichkeit sich erheben scheu. Doch auch diese Entfremdung der Gemüther wurde beseitigt, als der Prediger den I^iis i»l'i.-rnalis ^Höllenstein) weglegte und beide Patres darauf den Balsam aller Tröstungen folgen ließen. Man versöhnte sich um so liiber, als der Wohllaut der Stimme und die Gefälligkeit des Vvrtragcs beim einen, nnd die jugendliche Gestalt und die fließende Beredtsamkcit beim andern Pater die Herzen gewannen. Was hinter diesen Predigten sey, wurde bald erkannt. Die freudige Theilnahme wuchs mit jedem Tage; eine Stunde vor dem Beginne der Andacht regte cS sich schon und in größter Eilftrtigkeit ging cö da der schönen Ludwigskirche zu. Christen aus den höchsten und niedrigsten Ständen drängten sich nach dem Brode des Lebens. Daß die Wirkungen dieser Andacht nicht bloß vorübergehend seyen, sondern sehr nachhaltig bleiben, wird (wir wagen cS zu behaupten) noch die Zukunft lehren. Auf die Fragen: Wie lange schon halten Sie die gasttage, feiern Sie die Fcftzciten, haben Sie Ihr sündhaftes theilhaftesten auszeichnen. Dem Muster der Evangelisten und ihres Verhältniß aufgelöst ,c.? wird die Antwort erfolgen: „Seildem ich das und das so in der Ludwigskirche habe predigen gehört." Diese Hoffnungen glaubt Referent mit allen redlichen Katholiken um so mehr hegen zu dürfen, da er versichern kann, daß schon Gestohlenes zurückerstattet, schlechte Bücher ausgelicsert wurden. Unter den letzteren befindet sich das heillose Buch: „die Stunden der Andacht." Abergläubische, irreligiöse Bücher wurden auf der Stelle in die Hände der Patres gegeben. Wann dürfen wir uns ähnlicher Nachrichten erfreuen? Es wird viel gepredigt, ja! noch schöner und gründlicher gepredigt, aber alle 7 Tage nur Eine Predigt, sie ist zuletzt nur wie eine einzelne vorüberziehende Regen- Wolke, die den dürren Boden benetzt: alle Tage aber eine Predigt und das einen ganzen Monat lang, das bildet einen Platzregen, der auch die trockensten Herzen durchgingt. AuS den Früchten also laßt uns diese Maiandacht erkennen. Rcierent ist nicht der Erste, der durch Aufzählung der segensreichen Missionen der Re- dcinptoristen ihr Lob verbreitet und die katholische Welt zur Mit- srcudc über diese geistlichen Söhne der Gnade auffordert. Ihre Trefflichkeit ist selbst schon bei den Sprechern des Protestantismus anerkannt worden. Um sich davon zu überzeugen, hat man bloß das jüngst erschienene Hcst der protestantijchen Kirchenzcitung, redi- girt von Dr. Harlcß in Erlangen, zu lesen. Dort ruft am Ende der Darstellung einer Rcvcmptoriften-Mission der Verfasser auS: „Protestantische GlaubcnsbrüderI lernen wir uns schämen vor solchen Männern. Brüder, auf! die Söhne Loyola's ziehen in geschlossenen Reihen gegen uns ... Diese Redemptoristcn also waren in unserer Ludwigskirche und haben jedesmal die Feier eröffnet. Wenn die große Anzahl der Zuhörer so zur Andacht gestimmt war, da wurde dem Volke der Gegenstand unserer Anbetung, Jesus Christus im allcrheiligstcn Sacrcunentc des Altars ausgesetzt und unter Gesang eines Mävchcnchorcs zum Hochaltäre begleitet. Dorthin dann schrie es aus tausend und wieder tausend Herzen: „Herr, erbarme dich unser!" und aus eben so vielen tönte es nach: „Herr, erbarme dich unser!" Wen die Predigt noch nicht bezwungen hatte, der wurde von diesem Strome der Andacht unwiderstehlich mit fortgerissen. Nach vom ganzen Volke abgesungener lanrctanischcr Litancv wurde von einem Priester der Schluß der Lilancy gebetet und dazu noch die treffende Anrufung Mariens eben auS dem Büchlein der Mcnandachtcn abgelesen. Hieran schlössen sich die wundcrlicben Maricnliedcr, wie sie Herr Hofcapell- meistcr Aiblingcr cvmponirt hat. Vorgetragen wnrdcn sie unter Direktion des hvchwürdigcn Herrn crzbischöflichen SccrctärS Glink von einigen Mädchen. Gesättigt vom Brode des Lebens, das ihm die guten Patres gebrochen, erfrischt durch den Labsal hcrzerhebcnder Andacht, die wie ei» Gotlesstrom dnrch die begeisterten Schaaren tcchinwogte, beseelt und getragen von der wundnsamcn Macht religiöser Begci> sterung ging das Volk nach allen Richtungen — bis in die entlegensten Theile der Stadt — mit der freudigen Hoffnung auseinander, morgen wiederum des gleichen geistlichen Trostes und der gleichen inner» Stärkung zu genießen und wiederum eine Stufe auf der Leiter ch.istlichcr Tugend höher gefördert zu werden, auf der Gottes Barmherzigkeit und Gnade Alle segnend in den Schooß seiner ewigen Liebe führen möge! — Der Gewinn des Protestantismus aus der neuen Scctirerei. W. Menzel (im Literaturblatt) sagt hierüber bei Beurtheilung von WiggerS' „kirchlicher Statistik oder Darstellung der gesammten christlichen Kirche nach ihrem gegenwärtigen äußern und innern Zustande" (Hamburg Perthes): „Herr Wiggers sieht alles im schönsten Flore gedeihen und zweifelt nicht, daß der größte Theil der katholischen Welt noch zum Protestantismus übertreten werde. Habe sich dieser Uebertritt auch verspätet, so sey er doch unvermeidlich und zwar werde der große Abfall, die zweite Reformation, in Deutschland beginnen. Diese Worte sind noch vor dem Austreten Nonge's geschrieben worden. Allein die vermeintlichen Eroberungen sind in Wahrheit Verluste. Die negativen Elemente überwiegen bis zur unwillkürlichen Selbstvernichtung, und die französische Revolution liefert den augenscheinlichen Beweis, wie unhaltbar die Negation ist, und wie nur die das Feld behaupten können, welche die Fassungskräfte und wahren Bedürfnisse der Völker richtig beurtheilen. Daß die Leiter der katholischen nud griechischen Kirche diese ewig sich gleich bleibenden Bedürfnisse der Völker richtiger würdigen, als die Leiter der evangelischen gegenwärtig thun, dürfte nicht schwer seyn nachzuweisen. Die letzteren haben nämlich seit lange zugelassen, daß von Kathedern herab gelehrt wird, der Protestantismus involvire nicht sowohl einen Glauben und eine darauf gegründete Pflicht, als vielmehr einen Fortschritt und darcmfgegründete Berechtigungen einer maaßlosen Freiheit. Nun sucht man die positiven Elemente auszustoßen, durch die allein eine Kirche möglich und volksgerecht wird, verwirft die Bibel zc. und rühmt sich zwar, bereits das Volk gewonnen und auf seiner Seite zu haben, vergißt aber, daß die Jlluminaten sich vor fünfzig Jahren derselben Volksgunst rühmten und doch in ihren Erwartungen betrogen wurden. Holbach, Delamettric, ClootS, Chaumctte :c. beurtheilten das französische Volk weniger richtig, als Aobö Maurv, Chateaubriand, Napoleon. So wie die Leidenschaften ausgetobt hatten, füllte das Volk wieder ganz von selbst die Kirchen und wurden alle jene Prediger des Unglaubens verlassen. Abbö Maury behielt Recht, indem er sich mitten im Wahnsinn der Revolution nicht über das kirchliche Bedürfniß des französischen Volks hatte irre machen lassen. Napoleon, obgleich ein Sohn der Revolution, hatte Scharfblick genug, die Macht der alten Kirche einzusehen und er beeilte sich, dieselbe herzustellen. — Dieß Beispiel auf unsre neuern protestantischen Zustände angewandt, beweist sonnenklar, wie sehr jetzt wieder diejenigen Männer sich täuschen, welche dem Volk wieder von absoluter Freiheit, Emancipation von all und jedem religiösen Bande :c. vorreden und es mit Hilfe der com- munistischcn Theorien zu einem neuen Umsturz der Kirche aufbieten. Sie verstehen das Volk nicht, wie sehr sie auch schon glauben sich desselben bemächtigt zu haben. Das Volk wird sie täuschen. DeS Volkes wahre Natur ist dieser vorübergehende Paroxismus nicht. In seinem Kern und Grunde bleibt das Volk immer glaubensbcdürftig, in Deutschland wohl sogar noch mehr, als in Frankreich. Gelänge es daher auch unsern Licht- und Fortschrittsmännern, das Volk bis zu einer anarchischen Krise zu bringen, so würde doch, wie in Frankreich, nur eine große Abspannung und kirchliche Reaction die Folge seyn. Diese würde dann aber vielleicht weniger Stützpuncte im zerrütteten Protestantismus, als in der lateinischen und griechischen Kirche finden. Nach der Krise dürfte der Puscyismus noch eine viel höhere Bedeutung erlangen als vorher." _ - Verantwortlicher Redaeteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Krem er. ______ ^ .....^. WWW»» P für Köln im Lichte der Weisheit und in der Kraft der Tugend. Schon jetzt offenbarte sich, wie er Allen Alles werden sollte. Darum war er Freund der Gelehrten, Muster der Frommen, aber auch Freund und Vater der Armen. Seine Liebe gegen die Armen ging so weit, daß er nicht selten seine Bücher verkaufte, um den Armen geben zu können. CanisiuS hatte bereits das Ziel seines Lebens festgestellt: — Gott und der Kirche zu dienen war der Entschluß dcö Jünglings. Er folgte dem Zug!' der Gnade, schlug die edle und reiche Braut, welche der Vater für ihn bestimmt hatte, aus, zog die evangelische Armuth einer reichen Pfründe vor, lehnte deßhalb selbst ein ansehnliches Kanoniccit in Köln ab, und bat seinen Vater, ihm doch in der Wahl seines Amtes und Standes volle Freiheit zu lassen. Der Vater wußte die Gesinnung seines Sohnes zu schätzen und überließ ihn fortan seiner Neigung. Nachdem Canisius seine Studien am Gvmnasium Montanum zu Köln vollendet und unter Leitung seines treuen Führers Eschius die Gefahren des jugendlichen Lebens glücklich überstanden hatte, widmete er sich dem Studium der Philosophie, und zwar mit so glücklichem Ersolgc, daß er am Schluß des philosophischen Cursus mit dem Doctorhnt beehrt ward. Darauf studirtc er das weltliche Recht zu Köln, das geistliche zu Löwen, verwandte jedoch den größt-n Theil seiner Zeit für die theologischen Wissenschaften, und so mit gediegener Gelehrsamkeit allseitig gerüstet ward er bereits von den Gelehrten seiner Zeit anerkannt als tiefer Philosoph, gründlicher Rechtskcnner und großer Theolog- So groß er indeß in den Augen Anderer war, so klein erschien er sich selbst. Demuth war die Grundlage seines Lebens, Demuth krönte den großen Mann, und gab ihm jene Liebenswürdigkeit des Charakters, welche in die Gemüther dringt und die Menschen mit einer unwiderstehlichen Gewalt gchcimniszvoll fesselt. Die Wissenschaft blähte ihn nicht auf, denn er hatte das Geheimniß erkannt, in welchem alle Schätze der Weisheit verborgen liegen, — Jesum Christum, und dicstn als den Gekreuzigten. Man sagt von ihm, er habe, um gegen die eitle Ruhmsucht der Gelehrten sich zu bewahren, unter seinen Büchern und Papieren den Calvarienbcrg aufgerichtet. Im steten Hinblick auf den Gekreuzigten bildete sich allmcilig die bewuuderungSwürdigc Weisheit, Tugend und aufopfernde Liebe, womit alle Schritte seines Lebens bezeichnet wann. , M ^ In cin besonders nahes und freundschaftliches Verhältniß trat er mit dem berühmten kölnischen Theologen und Schriftsteller Laurentius Surius. Sie untcrhiclten sich oft über die Weise eines heiligen Lebens und über das Verlangen nach den himmlischen Gütern, und Canisius rettete seinen Freund von dem Gifte der neuen Lehre, welche ihn fast anzustecken drohte. Beide erkannte», daß das Leben kurz, die Hoffnungen der Menschen eitel und hinfällig und alle Wünsche nichtig und ungewiß seyen, wenn sie nicht den Himmel suchen. Surius trat in die Karthause des hl. Bruno in Köln. Um diese Zeit war von Paul lung unter den höhern Ständen, und seine Liebe zu den Armen hatte bereits die Herzen des Volkes ihm gewonnen. Mittlerweile starb Canisius' Vater; er eilte deßhalb nach Nvmwegen, um die Kindespflicht an ihm zu erfüllen, nahm den gesetzlichen Antheil von der Hinterlassenschaft seines Vaters in Empfang und verwandte einen bedeutenden Theil davon, um zehn seiner Genossen in Köln zu unterhalten, das Ucbrige gab er den Armen. Von Nvmwegen reisete er sogleich wieder nach Köln. Auch auf dieser Reise war er nicht unthätig. Er traf auf dem Wege drei Jünglinge, mit welchen er von göttliche» Dingen mit solcher Kraft sprach, daß diese durch seine Sieden bewogen sofort der Welt entsagten und zwei davon in den Karthäuscr-Orden traten, der dritte aber in die Gesellschaft Jesu aufgenommen wurde. Aller weltlichen Sorgen frei, vollendete nun Canisius das Opfer und wurde im Jahre 1545 im 25. Jahre seines Alters Priester. Nunmehr widmete er sich aufs Neue den Studien und es fing au, die Fülle und der g.-.nze Reichthum seines Geistes sich zu offenbaren. Am Montano - Gymnasium zu Köln wurde er zum Magister der evangelischen Geschichte erhoben, während er an der Universität über ras Sendschreiben des hl. Paulus an Timo- theuS Vorlesungen hielt. Bei Auslegung der hl. Schifft befliß er sich der Beleuchtung durch die hl. Väter, die er unermüdct studirte und dadurch einen so reich-n Schatz von Gelehrsamkeit sich erwarb, daß er in der Folge die an Gründlichkeit ausgezeichnetsten Werke schrieb. Damals schon gab er die Schriften Cyrilli des Alexandriners heraus. Er predigte in Köln mit Macht dem Volke, wies ihm dem Irrthum gegenüber die Wahrheit und begeisterte jener Orden bestätigt, welcher nach den: Plane der Vorsehung Großes für die katholische Sache und für das Heil der Menschheit wirken sollte, der Orden des hl. Jgnatius oder der Orden der Gesellschaft Jesu. Peter Fabcr, der erste Genosse des hl. JgnatiuS, war nach Main; berufen, wo er über die göttlichen Schriften lehrte, zum Volke predigte, mit den Gegnern des katholischen Glaubens disputirte und in den geistlichen Uebungen des hl. Jgnatius Anleitung gab. Die Zeit war gekommen, wo an Canisius in Erfüllung gehen sollte, was eine fromme Wittwe Ncinnlda schon in seiner Kindheit über ihn geäußert hatte. Canisius selbst bezeugt, wie sie im Kreise von Freunden oft von den schweren Ungewittcrn gesprochen, welche über den Katholicismus hereinbrechen würde», wie ein neuer Orden von Priestern entstehen würde, durch welche Gott treue Arbeiter in seinen Weinberg senden und daß er auch ihn ^Canisius) ihnen beigesellen werde. Seine Schriften und Bemühungen würden zur Zeit der Kirche vieles nützen. Sie klopfte bei dieser Gelegenheit dem Knaben Canisius, welcher damals 13 Jahre alt war, auf die SchulKr und fuhr fort: „Auch dieser wird einer aus der Familie jener Priester Jesu seyn, der die Wunde» der Kirche heilen, viel arbeiten und schwitze» wird." Kau», horte Canisius von der Stiftung dieses Ordens und von der Anwesenheit Fabcr'S in Mainz , als er Köln verließ und nach Mainz eilte. Er glaubte in Faber einen Engel des Himmels zu erkennen und übergab sich sofort und unbedingt der Leitung des großen Mannes, welcher mir der tiefsten Gelehrsamkeit eine kindliche Frömmigkeit und alle Gaben eines wahren VolkS- lchrcrs verband. Er wohnte den geistlichen Uebungen des hl. JgnatiuS bei, und noch ehe sie vollendet waren, erkannte er, daß dieses der Orvcn von Priestern sey, worüber die gottselige Nei- nalda sich geäußert hatte. Schon unter den geistliche» Uebungen äußerte Canisius den Wunsch, in die Gesellschaft Jesu aufgenom- ^ Frömmigkeit,".? die'siege'nde Macht'der Wahrheit waren die Waffen, womit sie wacker kämpften, glücklich siegten. Und bald waren Volk und Senat wieder gewonnen und den es durch Erwcckmig des wahrhaft katholischen Glaubens. In Köln schienen sich damals, um das Jahr 1546, die Unistände mißlich gestalte» zu wollen. Der Erzbischof Hermann von Wied, wenig bewandert in den göttlichen Wissenschaften, war den listigen Nachstcllnngcn der Gegner heftig ausgesetzt. Sofort erhoben sich Peter Canisius und Johannes Groper zum heiligen Kampfe für die Wahrheit. Die Gegner wußte» einige Glieder im Senate der Stadt zu gewinne» und hofften, die Zcsuiten zu vertreiben. Doch die Jesuiten wollten lieber alles Ungemach dulden, als eine kranke Stadt verlasse». Auf Befehl des Seiiates mußten Canisius und seine Genossen sich trennen. Sie blieben in Köln, äußerlich getrennt, im Herzen desto inniger vereinigt. In verschiedene Stadtviertel vertheilt, wurden sie für jeden Theil der Stadt cin Licht im Dunkel, ein Salz wider die Fäulniß der Irrlehre». icht Scmftmuth, Demuth, Geduld, Ergebenheit, wahre men zu werde» und Fabcr, der in ihm ei» würdiges Glied des! Ordens erkannte, genehmigte seinen Wunsch. Es war am Feste der Erscheinung des hl. Michael, an seinem 23. Geburtstage, am 7. Mai 1543, als Canisiuö in den Orden der Gesellschaft Jcsu eintrat. Bald nach seiner Aufnahme in den Orden wurde Canisius von Fabcr wieder nach Köln gesandt und dahin trug er nun mit der ganzen Lebendigkeit jugendlicher Kraft jenes himmlische Feuer, welches er aus dem Munde deö fromme» Mannes geschöpft hatte. Er setzte seine Studien fort, ergab sich aber der Pflege der Armen und der Uebung der LicbeSwerke mit solchem Eifer, daß seine Studien daruntcr litten. Faber milderte durch Briefe das jugendliche Feuer und gab zu bedenken, wie er an einem so wichtigen Orte, wie Köln, durch gediegene Wissenschaft festen Stand fasse» und wohl erwägen müsse, was er in Zukunft säen wollte. Canisius gehorchte und ergriff wiederum die Studien mit ungetheilter Kraft. Sein Ruhm als Gelehrter bereitete ihm bald seine Stcl- Jesuiten ward ei» freies und ungcstöiteö Wirken in Köln gestattet. CanisiuS trat wider Buzer von Straßbnrg, Melanchthon und Pistvr, die nach Bonn berufen waren, in den Kampf, bewährte sich herrlich im Kampfe für die katholische Wahrheit und wurde an der Spitze einer auserlesenen Gesandtschaft des Klerus, der Akademie und der Stadt Köln nach Lüttich gesandt, um durch den Bischvs von Lültich, Georg Austriacus, dein Sohne Kaiser Mar- milians I., auf den Kaiser für die bedrängte kölnische Kirche zu wirken. Da cr aber in Lllttich sein Geschäft nicht so schnell als er dachte und wünschte, vollenden konnte, so übernahm er, um die Stunden nicht mußig hinzubringen, nach der Weise der Gesellschaft Jesu die Kanzel, tröstete die Katholiken und gewann nicht wenige für die alte Wahrheit. Viele brachte er durch die geistlichen Uebungen des hl. JgnatiuS zu einem andern und bessern Leben. Oft predigte er drei und viermal im Tage und bekehrte Männer von den höchsten Würden. Selbst der Bischof freute sich, ihn in seiner Capelle zu hören und versprach, die Sache der Religion beim Kaiser mit seinem ganzen Ansehen zu unterstützen. (Fortsetzung folgt.) .«»mSStt« «l nHkhIln?!^, ,t» l,U»Ä ^>i, Äo m: Der qute Pater Thomas. ' (Schluß.) ^ II. In einem der von Pater Thomas gemietheten drei Zimmer schlief er selbst, in dem entgegengesetzten seine Schwester Bctty und das zwischen beiden gelegene ziemlich geräumige Gemach diente ihnen als ArbeitS-, Speise- und Empfangs-Saal. Ein Schreibtisch, auf welchem ein Bücherschrank angebracht war, stand in einer Ecke desselben, in einer andern ein Betstuhl, über welchem ein Cruzifir hing, in der Mitte erblickte man einen runden Tisch mit einem reinlichen Tiroler-Teppich bedeckt, an der Hinterwand sah man ein mit braunem Leder überzogenes Canapee, vor welchem ein kleinerer, ebenfalls mit einem Tcppich bedeckter Tisch stand; Betty's Arbeitstischchcn am Fenster, zwei Armstühle, ein halb Dutzend Sesseln, zwei heilige Gemälde an der Wand, nebst einer Penrcl- Uhr über dem Kamin, waren die Möbeln, die man in Pater Thomas' Empfcmgsaal antraf. Eines Morgens saß darin am Fenster, mit weiblicher Arbeit beschäftiget, eine Person hoch über die Vierzig. Ihr Gesicht war von Blatternarben entstellt, ihre gutmüthigen Augen schielten ein wenig, ihre Gestalt war unansehnlich, aber in diesen wenig einnehmenden Körpcrformen wohnte eine schöne Seele. Von Jugend auf an Entbehrungen, Kränkungen und Leiden aller Art gewöhnt, nahm sie dieselben mit jener Ergebung hin, welche nur denjenigen höheren Naturen eigen ist, die das Christenthum richtig auffassen und auch im Leben üben. Diese Person war Betty, die würdige Schwester des guten Pater Thomas, war auch zugleich ein getreuer Abdruck seiner edlen Seele. Heute kömmt er aber wieder gar zu lange nicht nach Hause; schon zehn Uhr durch und er hat noch nicht gefrühstückt, der arme Bruder! Die Straßen werden Menschenleer, jeder sucht Schutz in seiner Wohnung vor den heißen Sonnenstrahlen; aber er vergißt seine schwächliche Gesundheit, seine körperlichen Schmerzen und alles Zeitliche, wenn ihn sein heiliger Beruf beschäftigt hält. Kaum hatte Betty diese Worte für sich gesprochen, trat Pater Thomas in die Thüre. Guten Morgen Bctty, habe dich lange mit dem Frühstück warten lassen, nicht wahr? Nun es wird uns desto besser schmecken, redete er seine Schwester an, während sie ihm Hut und Stock abnahm und er sich den Schweiß von der Stirne abtrocknete. Meine alten Knochen wollen nicht mehr recht fort; — fügte er hinzu, indem er sich auf einen Armstuhl niederließ und seine Beine rieb — freilich haben sie in den amerikanischen Urwäldern schon ihre Dienste gethan, wahrlich es wäre von mir undankbar, mich über sie beschweren zu wollen. Gewiß das wäre es, und eö ist schon selbst undankbar, daß du sie nicht mehr schonst, lieber Bruder, entgegnete die besorgte Betty. Schelte mich nur rechtschaffen aus, ich verdiene es, schon deßhalb, weil ich deine Morgcnsuppe kalt werden ließ, sagte Pater Thomas gutmüthig lächelnd zu seiner Schwester, die beschäftigt war den Tisch zu decken, und eben im Begriffe stand das Frühstück herbeizuholen. l Als sie beim Mahle saßen und rüstig dem aufgetragenen ! Gerüchte zusprachen, frug Pater Thomas, ob während seiner Ab- 'Wesenheit Niemand nach ihm gefragt. Doch, erwiderte Betty, die Gräsin Orsini kam mit ihrer Tochter selbst vorgefahren, sie läßt dich für Montag zur Mittagstafel bitten, sie feiert an diesem Tag ein Familien-Fest und sie, wie ihr Fräulein, drangen sehr in mich, dich zu überreden ihre Einladung anzunehmen. Auch der deutsche Baron war du, er will wieder kommen, da er dich, wie er sagte, noch heute zu sprechen wünscht. Und hier sind zwei Taschenbücher, welche die Prinzessinnen Amalie und Sophie zum Geschenk geschickt. Pater Thomas nahm wohlgefällig die zwei elegant cingebun- ! denen Bände zur Hand, blätterte darinnen und sagte: — die guten ! Kinder wissen, daß ich von Zeit zu Zeit gerne an einer heiteren ^ Leclüre nasche. Auch der Jude Lapar hat nach dir gefragt — fuhr Bctty !in ihrcm Bericht fort, nachdem ihr Bruder die Taschenbüchcr wieder bei Seite gelegt, und sich wieder zu Tische gesetzt hattc. Kaum hatte Bctty diesen Namen ausgesprochen, so ficl dcm guten Pater Thomas die Gabel aus der Hand, er schlug sich unwillig vor die Stirn. Wie konnte ich auch dicscn armen M.i^n vergessen, wahrlich mein Gcdächtnijz taugt nicht mehr viel, aber, Gott sey Dank, cS ist noch nicht zu spät, erst Nachmittags würde man ihn auspfänden, wenn er seine kleine Schuld nicht bezahlen kann. Bei diesen Worten erhob er sich vom Tische, ging an sein ^ Schreibpult, zog daraus ein Papierpäckchcn hervor, worin verschiedene Münzsorten sorgfältig eingewickelt waren, zählte tas Gelb nach, wickelte cS wieder ein, steckte es zu sich, griff nach Hut und Stock und wollte sich schleunig damit entfernen, doch an der Thüre trat ihm ein Herr entgegen. Halt, ich lasse sie nicht los, sprach der Eintretende scherzhaft, ich bin schon zweimal vergebens da gewesen. Weiß es, Herr Baron, war die Antwort, wenn jedoch ihre Angelegenheit nur ein halbes Stündchen Aufschub gestattet, bitte ich, mich nicht zurückzuhalten, denn hartherzige Gläubiger verstehen keinen Spaß, würden dem armen Lazar ohne Barmherzigkeit sein bischen Hab -und Gut versteigern, ihn mit Weib und Kindern auf das Straßenpflaster setzen, wenn nicht schnell geholfen wird. Kann ich vielleicht mit meiner Börse zu dieser Hilfe etwas beitragen? fragte der deutsche Baron. Danke für dicßmal, das Sümmchen ist schon beisammen; wir andere, wir sind auch Egoisten, haben ebenfalls Vergnügen daran, aus eigenem Beutel armen Leuten aus der Noth zu helfen und so sparen wir, zwar nicht ich, denn ich verstehe mich nur schlecht darauf, aber meine Schwester Betty, um von Zeit zu Zeit in Stand gesetzt zu seyn, durch Selbstentbehrungen das Elend Nothlcidender lindern zu können. Aber hier schwatze ich mit ihnen, während der alte Lapar in Angst und Schrecken lebt. Wissen sie was Pater Thomas? Ich will sie in meinem Wagen, der vor ihrer Thüre hält, zu ihrem Lapar begleiten, dadurch gewinnen sie Zeit und ich finde Gelegenheit ihnen mein Anliegen vorzutragen, es betrifft ebenfalls das Schicksal eines Unglücklichen, der von ihnen Rettung hofft. So sehe ich es gerne, wenn mir meine guten Freunde Unglückliche zuweisen, sie sind ja meine liebste» Kinder, leider aber kann ich nicht allen helfen, doch trostlos wenigstens wünsche ich keinen zu verlassen. Der Fremde, der sich darauf mit Pater Thomas entfernte, war der zu seiner Zeit berühmte Astronom, Baron Z., ebenfalls ein edler Menschenfreund, der ihn im Wagen darum bat, die Be- gncidigung eines jungen Engländers von guter Familie, welcher mehr aus Unwissenheit als aus Bosheit, in halb betrunkenem Zustand, in einer Kirche von Pisa ein Verbrechen begangen, beim Großherzog auszuwirken, und der gute Pater Thomas war wie immer, auch in diesem Fall bereitwillig, sich für den Unglücklichen zu verwenden. Sobald er zurückgekehrt, rief er noch in der Thüre seiner Schwester zu, ihm seinen Staatsauzug zurccht zu legen, beifügend, ich muß noch vor der Mittagstafel zum Großhcrzog. Und nachecm er sich in seinem Schlafcabinet schnell umgekleidet halte, trat er wieder in den Saal zu seiner Schwester, die an seinem Anzug bald hier bald dort noch etwas zu ordnen fand, während er sie gutmüthig anlächelte und zu ihr sagte: Nicht wahr Schwester, du bist neugierig zu erfahren, was dieser so eilfertige Gang ;u bedeuten habe? Ich verrathe dir cö aber nicht, erst wenn ich mit froher Nachricht zurückkomme sollst du es von mir vernehmen. Gelingt mir mein Vorhaben, Bctty, so wollen wir heute zu Mittag eine der Bordeaux-Flaschen leeren, die der französische Gesandte mir verehrt, und ich will den Tag als einen gesegneten preisen, an welchem ich zwei Unglücklichen zu helfen Gelegenheit fand. Alle deine Tage sind gesegnet, dein ganzes Leben ist ja nur ein immerwährendes Wohlthun, dachte Betty, während sie ihrem Bruder nachsah, und Bctty hatte recht. Deutschland. Wallfahrten. Aus Obcröstcrrcich, 28. Juni. Die Kirche hat sich zu allen Zeiten für den Nutzen der Wallfahrten ausgesprochen, denn wenn diese nicht nützlich waren, wie könnte sie mit Ablässen Diejenigen beschenken, die in redlicher Absicht und mit reinem Herzen Wallfahrten anstellen an heilige Orte, wie nach Jerusalem, zu den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus, an die Gnadcnorte der heiligen Jungfrau u. f. w.? Entfernt von zeitlichen Geschäften, sind die Wallfahrer bloß mit Gedanken an Gott und göttliche Dinge beschäftigt. Sie stellen sich an den heiligen Orten Palästina'S vor, was dort geschehen: die Leiden des göttlichen Heilandes, seine Angst am Oelbcrg, seine Geißelung und Krönung, seinen schmer^ollen Gang, da er mit d-m schweren K>euz beladen war, entlieh die Kreuzigung selbst. Wie soll das Andenken an all dieß in einem Orte, wo es selbst geschehen ist, nicht von der eindringlichsten Wirkung für das Gemüth begleitet seyn? Welch ein Abscheu gegen die Sünde und welche Liebe zu Christus muß in dem Herzen Desjenigen entspringen, der bei sich erwägt: All dieß hat der Heiland mcincr Sünden wegen und um mir seine Liebe zu zeigen, an diesem Orte vollbracht. Und neue fromme Entschließungen tauchen auf in seinem Herzen; mit Gott will cr'S hinfüro halten und nicht mit der Welt, die so sehr im Argen liegt. Hiczu stärkt ihn das Beispiel von andern frommen Pilgern, die er in Andacht vor dem Gnadenaltar hingestreckt sieht, die Gott suchen von ganzem Herzen. Golt läßt nichts unbclvhnt, jeder Tritt und Schritt, der seinetwegen gethan wird, wird von ihm gesegnet; wie sollten also die vielen Tritte und Schritte eines Wallfahrers, oft unter Regen und Ungewittcr, unter den brennenden Strahlen der Sonne, oft bei ganz schmaler Kost, bei so vielem Ungemach in den Herbergen umsonst geschehen seyn? So viel Bitteres, dem man sich um Gottes w llcn unterzieht, sollte keines Lohnes werth sinn? Gewiß, wenn anders wichtigere Pflichten nicht darunter leiden. Darum wird zu Wallfahrten gemeiniglich eine Zeit gewählt, wo keine Kollision statt haben kann. Warum endlich die Kirche das Wallfahrten anrathet, ist die Rücksicht auf die Buße. Die vielen Beschwerden einer Wallfahrt nimmt sie als ein Bußwerk an, als ein Mittel die Leidenschaften zu bezähmen. Wohl also dem Wallfahrer, der in der Absicht Wallfahrten unternimmt, um die begangenen Sünden abzubüßen; denn er bezahlt damit einen Theil seiner Schuld an Gott ab. Darum ist die Beicht den Wallfahrern angerathen, damit die Buße Gott wohlgefällig sey. Bekannt ist es von der heiligen Maria von Egyp- tcn, daß sie nach Jerusalem wallfahrtend selbst auf der Reise dahin ein böses Leben führte. In Jerusalem angekommen, war sie nicht im Stande, in die Kirche vom heiligen Grabe zu treten; sie versuchte es zu wiederholten M^len, aber eine geheime, unsichtbare Gewalt hielt sie zurück. Dieß brachte sie auf den Gedanken, ihre Sünden mögen wohl Schulv seyn, daß sie nicht hincintreten könne. Da befand sich vor der Kirche ein anmuthigcs Bild der Mutter Gvtteö: vor diesem warf sie sich auf die Kniee, schluchzte und weinte ob der Größe und Menge ihrer Vergchungcn, und bat die seligste Jungfrau Maria um ihre Fürbitte bei ihrem göttlichen Sohne. Beruhigt stand sie auf und konnte nun ohne Anstand den gottgeweihtcn Ort betreten. Reue und Buße also führen uns Gott nahe. Wenn demnach so viel Gutes mit dem Wallfahrten verbunden ist, so ist es gewiß erfreulich, daß ein solcher von der Kirche gebilligter*) Gebrauch, der seit einiger Zeit etwas in Versall zu gerathen schien, wieder in Aufnahme kömmt, und zwar unter Aufsicht der Priester. In dieser Hinsicht gereicht es dem Hause Oesterreich zum besondern Lobe, daß selbst unsere Majestäten Wallfahrtsorte besuchen, wie Maria Zell, so wie auch Personen ersten Ranges, Mettcrnich, Schwarzenberg und Andere sich dieses Gebrauches nicht schämen. So geht von Wien aus unter geistlicher Begleitung jährlich eine Wallfahrt nach Maria-Zell. Und im heurigen Jahre hat auch Linz das Beispiel der Wiener nachgeahmt; denn während sonst die Wallfahrt nach Maria-Zell gemeiniglich in der Pfingstwoche ohne geistliche Begleitung unternommen wurde, ging Heuer unter Ansllhruug eines Priesters aus der Stadtpfarrkirche zu Linz eine Wallfahrt am Freitag nach Christi Himmelfahrt nach Maria-Zell vor sich. Der Zug wurde unter dem Geläute der Glocken eröffnet, und der durch seine Frömmigkeit bekannte Stadtpfarrer und Domschvlafticus Mathias Kirchstcigcr begleitete denselben unter Assistenz bis zur Donau, wo die Wallfahrer ein Schiff bestiegen, um bis Morbach unweit Maria Tafcrl zu kommen, das ein besuchter Wallfahrtsort ist, und gemeiniglich von Wallfahrern, die nach Maria-Zell gehen, besucht wird. Bei der Rückkunft dieser Wallfahrer, die 8 Tage darauf statt fand, ging der Stadt- und Landdechant wieder bis zum Prater außerhalb Linz unter Assistenz entgegen, und unter Begleitung vielen Volkes zogen die Wallfahrer in Procession in die Stadtpfarrkirche, wo ein Dankgebct für die glücklich vollbrachte Wallfahrt verrichtet wurde. (K. - Z. f. d. kath. Deutsch!.) ') „Man soll den Leib nicht nur durch Fasten übeihaupt und durch jenes insbesondere, welches die Kirche angeordnet hat, sondern auch durch Wachen, andächtige Wallfahrten, ui.d andere Arten von C,>siciungen züchlig?n, und d e fleischlichen Begierden bezähmen." e->t. Kvm, pr-i^c, sext, p. 38!. Viermae. Llrauss. ^ Verantwortlicher Suda-'teur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. ärkmer. ? » ^^»gs - Mei/., der UttgsbttVgev Iweite Jahreshälfte. »«. Poftzeitttng. S7. Juli 1845. Leben des seligen Petrus Canisius, Priesters der Gesellschaft Jesu. (Fortsetzung.) Canisius kam an das Hoflager des Kaisers und flehte im Namcn der kölnischen Universität, der Stadt und der ganzen Geistlichkeit die Hilfe des Monarchen sür Köln an. Scinc Worte fanden Gehör und er kehrte mit der frohen Botschaft nach Köln zurück, daß der Kaiser die nöthige Hilfe versprochen habe. Wirklich traf den Erzbischof nicht lange nachher der Bannstiahl. Adolph von Schauenburg folgte ihm in der bischöflichen Würde. Am Hoflagcr des Kaisers war es, wo Otho, Cardinal und Truchscß, Bischof von Augsburg, unsern CanisiuS in seiner ganzen Vortrefflichkcit kennen lernte und durchschaute. Er bestimmte ihn für das Concilium von Tricnt. Bereits war der große Theolog JasuS auf Otho'S Betrieb dorthin abgegangen. Canisius reisetc in einem Alter von 26 Jahren zum Concilium von Tnent, obwohl Köln ihn ungern gehen ließ und Stadt sowohl als Universität bei dem General des Ordens, dem heil. Jgnatius, sich um ihn verwandten. CanisiuS glänzte bald als junger Mann unter den ergrauten Kirchenfllrstcn der Versammlung und gab nicht nur mit andern Theologen scinc Meinung, sondern faßte auch das, was andere sammelten, in cine eben so schöne als kräftige Sprache. Der heil. Kirchcnrath wurde auf einige Zeit unterbrochen. Inzwischen halte ihn der heilige Jgnatius nach Rom berufen. Canisius wurde vom Papste mit allen Zeichen der Liebe und des Wohlwollens empfangen. An der Seite des heil. Jgnatius athmete CanisiuS unter den Uebungen der Demuth und des Gehorsams, die einzig große Geister auf dem Gebiete der Kirche gebildet haben, ein apostolisches Leben in reicherem Maaße. Nach fünf Monaten sandte der heil. Jgnatius ihn nach Messina in Sicilicn, wo Johannes Vega, der königliche Statthalter, das erste Kollegium der Gesellschaft Jesu gestiftet hatte. Hier wurde Canisius zum Lehrer der Rhetorik verordnet. Er, der kurz vorher in heiliger Versammlung unter den ersten Gotteö- gelchrten der ganzen Welt seine Meinung gab und die Meinung Anderer in das treffendste Wort faßte, arbeitet in demüthigstem Gehorsam als Lehrer der Jünglinge. Wenn je einer im Geiste seines Ordens, in Demuth und Gehorsam wirkte, so war es der ! ehrwürdige Canisius. Die Seele seines Lebens, Demuth und ! Gehorsam, fand man nach seinem Tode auf einem Blatte geschrieben: „Ich gelobe heilig und ohne Ausnahme, daß ich niemals trachten will, daß wir meiner Bequemlichkeit wegen irgend ein Amt oder Ort angewiesen werde. Diese Sorge und Gewalt, mit mir umzugehen, und sowohl meinen Leib als meine Seele zu regieren, überlasse ich ganz und gar meinem Vater in Christo und vorgesetztem General Jgnatius, dessen Gutbcsindcn ich mein Urtheil und mcincn Willen ganz unterwerfe, demüthig opfere und vertrauensvoll übergebe. Im Jahre Christi 1548 den 5. Februar. Petrus CanisiuS von Nymwcgcn." Mittlerweile hatte der erlauchte Herzog in Bayern Wilhelm IV., der den Glauben und die Kirche so mächtig schützte, Canisius vom heil. JgnatinS für Bayern sich erbeten. Canisius eilte auf Befehl des Vaters JgnatiuS nach Bayern und richtete sofort seinen Blick auf die Universität. Jngolstadt lag darnieder. In Verbindung mit JajuS und Salmcor erhob er die Universität bald wieder zn ihrem frühern Glänze. Canisius lehrte nicht nur die Wissenschaft, sondern er begann auch in deutscher Sprache zu predigen. Mächtig strömte sein Wort. Die größte Kirche war für die Menge der Zuhörer zu klein. Ja, er trug die Botschaft des Heils auch in die Gefängnisse, Spitäler und in die Hütten der Armen. Seine Bemühung ward gekrönt; balv wählte man ihn einstimmig zum Nector Magnificus der Universität. Dadurch hatte sein Einfluß gewonnen, und er verwandte nun seinen ganzen Einfluß und alle seine Kräfte darauf, die Gebrechen der Universität, und namentlich die Wunden, welche bereits die Irrlehre ihr geschlagen, zu heilen. CanisiuS wachte, wie ein sorgsamer Hausvater, über sein Haus. Vor Allem räumte er jene Bücher aus dem Wege, die heimlich das Gift der Irrlehre und des Lasters in die Herzen trugen. Mit dem akademischen Senate herzlich und innig vereinigt wirkte er strenge gegen alle Laster und Ungezogenheiten. Nnr die Unverbesserlichen entfernte er, andere strafte er mit Weisheit und Milde. Junge Gemüther suchte er sür Frömmigkeit und Tugend zu gewinnen. Zu dem Ende eröffnete er cine Privatschule in seinem Hause und suchte durch freundliche Gespräche nicht so den Verstand, als das Gemüth katholisch zu bilden, gegen die herrschenden Zeitübel zu warnen, zur wahren Weisheit zu ermähnen. Es lag ihm Alles daran, tüchtige Arbeiter für den Weinberg des Herrn zu gewinnen; darum wußte er junge Männer, die reich an Talenten, aber arm an Gütern waren, aus der Menge herauszufinden, sammelte für sie die nöthigen Geldmittel und unterstützte sie durch seinen Unterricht. Sein Wirken umfaßte jedoch nicht bloß die Universität, sein großer Geist durchdrang und erschaute schnell alle Verhältnisse und so blieben ihm auch die großen Uebel, an welchen ganz Ingolstadt krankte, nicht verborgen. Unter dem Volke waren mannichsachc Mißbräuche cingerissm und üble Sitten und Gewohnheiten aus dem Aberglauben und dem Mangel an gründlichem Unterricht erwachsen. Canisins durchschaute das Uebel, und unterließ nicht, alle Mittel anzuwenden, welche Liebe, Klugheit und ächt christliche Weisheit ihm eingaben, um dem Nolkc die entschiedene Richtung auf das Wahre und Gute wieder zu geben. Bor Allem mangelte es am Gebete, diesem eigentlichen Pnlsschlage des geistigen und geistlichen Lebens, woran man den gesunden und kranken Gemütszustand der Menschen und der Völker leicht erkennt. Die Leute schämten sich des Gebetes. Canisius begegnete dem Uebel. Er belehrte das Volk über das Wesen des Gebetes, lehrte die einfachste und leichteste Art zu beten und weil überall zu dem Worte das Beispiel hinzukommen muß, so ging er selbst umher, fiel auf die Kniee nieder und betete ihnen vor. Er wählte Jünglinge aus, die den Geist der Andacht hatten, und ließ sie in der Kirche voibet.n. Die Leute, aus Mangel an Unterricht, durch elende Schriften und schlechte Beispiele irregeführt und lau gemacht, vernachlässigten den Gottesdienst, begnügten sich mit der Hülste vcr heil. Messe oder gingen gar nicht hin, CanisiuS belehrte das Volk über das erhabene Geheimniß des heiligsten Opfers, unterrichtete bei Tag und bei Nacht, ermunterte, ermähnte, tröstete, belehrte, bekehrte, betete, reinigte, schmückte die Kirchen, stellte den Gottesdienst in würdevoller, katholischer Feier wieder her — und siehe, ein neuer Geist dlN'chwchte Ingolstadt und die ganze Umgegend, mau strömte zu den Kirchen und Altären, man ward froh und freudig, reich und glücklich wieder im Glauben und in der Tugend. Das Geld, welches ihm als Ncctor zufiel, nahm er niemals an. Die Akademie wählte ihn zum Prokanzler und Herzog Albert trug ihm durch ein ausdrückliches Schreiben diese Stelle an. Doch CanisiuS verschmähte den Glanz hoher Stellen; auch wollte er sich nicht dnrch diese Stelle an einen festen Ort binvcn, sondern gehen, wohin ihn die Noth und der Gehorsam gegen seinen heil. Batcr Jgnatius rief. Und wirklich rief ihn ganz Deutschland. So luv ihn Julius Pflug, Bischof von Naumburg, ein; so die Domherren zu Straßburg, so begehrten ihn die Bischöfe von Frcising und Eichstädt für das wicdercrösfnete Concilium zu Trient. Doch Herzog Albert wollte ihn aus Bayern nicht entlassen. Endlich ward Canisius von dem Schwiegervater des Herzogs Albert, dem römischen Könige Fcrvinand, nach Wien berufen und er folgte den Befehlen des Papstes und des heil. Jgna- tius. Im März des Jahres 1552 ging er von Ingolstadt nach Wien. Ein glänzendes Zeugniß begleitete ihn. In Wien eröffnete sich für die Thätigkeit des großen Mannes ein neues, weites Feld. Überall Bcrdcrbniß in Erkenntniß und Sitten und zwar nicht nur im gemeinen Volke, sondern auch im Klerus, in Klöstern, in Schulen, in allen Ständen, überall die Rcchtgläubigkcit durch den Irrthum wie verdrängt! Unter Zwanzig gab es kaum Einen wahren Katholiken. Die Seelen- Hirten in Dörfern und Städten waren meistens Miethlinge, ohne Bildung, ohne sittlichen Wandel. Die Geheimnisse der Religion wurden vernachlässiget oder verachtet. Ein betrübender Anblick für die Seele eines CanisiuS! — Vor Allem zuerst wandte er sich im . Gebete zu Gott und bat auch den heil. Jgnatius, durch sein Gerbet den Herrn zu versöhnen. Der hl. Jgnatiuö erließ an sämmtliche Mitglieder der Gesellschaft Jesu die Aufforderung, monatlich ^Einmal zur Ausrottung ter Irrthümer das heilige Opfer darzubringen. So durch Gebet und durch festes Vertrauen auf Gott gestärkt begann CanisiuS sein Wirken in der großen Hauptstadt. Älle, welche einen akademischen Grad zu erlangen suchten, wurden strenge geprüft. Er schärfte Wachsamkeit und Sorgfalt ein, damit nur ausgezeichnete Männer, welche gründliche Wissenschaft mit wahrer Frömmigkeit verbanden, zum Lehramte ausgewählt wurden. ^Um für alle Zeiten tüchtige Männer zu bilden, rieth er, ein Seminar zu stiften; hier sollten fähige Jünglinge wahrhaft kirchlich erzogen werden. Um aber das Unkraut von dem Weizen zu ! scheiden, trat er öffentlich als heiliger Kämpfer gegen den Irrthum in die Schranken und bekämpfte die neue Lehre mit den Waffen des Wortes, welches ist das Schwert des Geistes, das in ihm durch Gebet und Wissenschaft geschärft war. Viele verstummten, viele entflohen, viele schwuren den Irrthum ab. Aus dem Unglauben und Irrglauben war das Laster als nächste und notl> wendige Folge entsprungen. CanisiuS bekämpfte durch die Predigt das Laster und bestrafte ungescheut die Fehler aller Stände. Nach dem Tode des berühmten Friedrich Ncuser ernannte ihn der Kaiser zum Hofprediger von Wien. Der Donner seines Wortes brachte den Irrthum zur Wahrheit, das Laster zur Tugend. Licle bekannten ihre Sünden und die heil. Beichtanstalt, welche von den Gegnern als Tortur verschrien war, wurde für Wien wiederum eine Quelle des Friedens und der Freude. Ja, er predigte nicht allein in Wien, sondern besuchte auch die Landgemeinden, wo Priester mangelten oder Miethlinge waren. Kaiser Ferdinand erkannte die außerordentlichen Verdienste des ManncS und wollte ihn, als der Bischof von Wien gestorben war, zu dessen Nachfolger einsetzen. Auch hätte der Papst gern den erleuchteten Priester zur Würde eines Bischofes erhoben, doch aus Demuth schlug CanisiuS die hohe Würde aus und bat den heil. Jgnatius, seiner Erhebung zu widersprechen. Der heil. Jgnatius that es, invcm er dem Oberhaupte der Kirche vorstellte, „daß es im Geiste der Gesellschaft Jesu liege, dem Ehrgeize zu steuern." (Fortsetzung folgt.) Die Grundsteinlegung zur St. Johannes-Kirche in Cincinnati, am Feste Maria Verkündigung 1845. Ueber diese in der Postzeitung schon kurz erwähnte Feierlichkeit berichtet der in Cincinnati erscheinende WahrheitS- frcund: Selten noch habe ich die Feder mit freudigerem Gefühle ergriffen, um eine Mittheilung über einen erlebten frohen Tag an Jemanden zu schreiben, als ich es heute thue, um mit wenigen Worten die Feier zu schildern, welche gestern in unserer „Königin deö Westens" statt gesunden: ich meine die Grundsteinlegung zur dritten deutschen katholischen Kirche in Cincinnati, welche unter Anrufung des heiligen Johannes des Taufers an der Grccn- Straße, zwischen der Race und Vine erbaut wird. Die seit mehreren Tagen anhaltende unangenehme kalte und stürmische Witterung machte unö nicht wenig besorgt, daß die auf den 25. März festgesetzte Feierlichkeit auf eine betrübende Weise g stört oder gar verschoben werden müßte. — Aber siehe, noch am Vorabende zum Kirchenfeste der St. Marien-Kirche legte sich der seit einiger Zeit herrschende Wcchsclwind, der Mond ging wie eine Rubinen-Scheibe auf, und die hell leuchtenden Sterne waren gute Boten eines schön darauf folgenden Tages. An diesem schönen Tage wurve denn Lormittags ein solennes Pontifical-Amt vom Hochwürvigsten Herrn Bischöfe ?ui-oell in der St. Marien-Kirche gehalten, wobei der Hvchwürdige Herr Fcrne- ding die Fest-Nede hielt. Die große geräumige Kirche war dabei zum Erdrücken angefüllt, wie dies; jeden Sonntag der Fall ist, und mehrere hundert Personen standen vor den Kirchen-Thüren, welche in dem inneren Raume keinen Platz mehr finden konnten. Nachmittags gegen 2 Uhr setzten sich die mancherlei Vereine der zwei deutschen katholischen Gemeinden in Bewegung, um von ihren bezüglichen Pfarr-Kirchen. aus sich zur Ordnung anzuschicken, in welcher die Proccssion von der St. Marien-Kirche aus nach dem neuen Kirchen-Platze gesuhlt werden sollte. — Etwas nach 3 Uhr fing der Festzug an. Voran nach alter Christen-Weise das hohe Processions-Kreuz mit einem prächtigen Crucifix-Bilde, welches man erst kürzlich aus Deutschland hatte kommen lassen. Darauf folgten paarweise die Schulkinder der zwei deutschen katholischen Schulen in einer fast endlosen Reihe (die St. Marien-Schule allein zählt über 500 Kinder und hat ein recht niedliches Pannicr); nach den Kindern kam der Klerus, dem das Pontifical-Kreuz mit mehreren Ministranten vorausging. Von den 16 Geistlichen, welche dem Hochwürdigstcn Bischöfe vorangingen, waren der Hochwürdige Herr I>. Lllst, 8.^., Ceremonien-Meister, die Herren ?. Vvi'IiL^cllZii, 8.^. u. 5. >Vc>oä Lau- tores. Nach dem Hochwürdigsten Bischöfe, der in kontilivalidus zum erstenmale in Procession durch die Straßen dieser Stadt zog, folgten die '1>>istl? Johannes darauf beziehen, und suchte auch das Vcrnunstgemäße der erhabenen symbolischen Ceremonien der katholischen Kirche, insbesondere bei der Weihe eines Ecksteines zu einem neuen GotteS-Hause bemerkbar zu machen. — Das ihm von der St. Marien-Kirche her zuleuchtcudc „Kreuz in der Höhe' flößte Herrn Hammer die Zuversicht ein, daß auch das Kreuz auf dem Thurm der St. „JohanncS-Kirche" bald zur Himmels-Wcite hinauf leuchten werde. Nach dieser Anrede stieg der Klerus von der Tribüne wieder herab, setzte die Einweihung der Grundmauern fort, und beschloß beim Grundstein selbst die Weihe desselben. Alle auf diese Weihe bestimmten Psalmen wurden feierlich gesungen, wobei die Hochm. Herr» f!!>ntore8 die Schönheit unserer Ritual-Gesänge unter Gottes freiem Himmel prciswürdig entfalteten, und so Manchen zum Mitsingen unwillkürlich hinzogen. Zuletzt sprach noch einige tief ergreifende Worte der Hochw. Pontificant selbst. -—- Die eben untergehende Sonne gab ihm Gelegenheit, ganz passend zu sagen, daß die Sonne in der katholischen Welt nicht untergehe u. f. w., und nachdem er es öfter wiederholt, daß alle die voran gegangenen Gebete und Gesänge und Feierlichkeiten nur zur größeren Glorie des höchsten Herrn verrichtet worden sind, schilderte er die Armseligkeit des Anfangs der katholischen Kirche in Cincinnati, und offenbarte seine Gcmüths- Bcwcgung, die er fühlte, als er l^der Hochwürdigstc Bischof) in der Proccssion bei dem Gottesacker in der Vine-Str. l^Ecke der Corporations-Linic) vorüberging, auf dem einst die erste katholische Capcllc von Cincinnati, eher einem Stalle ähnlich, gestanden, und dann auf Rollen in die Stadt, wo jetzt die St. Peters- Kathcdralc steht, geschoben wurde u. s. w., und sprach dann seinen Wunsch aus, daß aus dem Rückwege eine Station auf diesem Gottesacker, dem ersten katholischen Kirchen-Platze von Cincinnati, gehalten werden möchte. — Der Hochwürdigstc Bischof ertheilte dann den bischöflichen Segen der anwesenden unzählbaren Volks- Mengc und die Proccssion zog zur St. Marien-Kirche zurück. Die allen Anwesenden tief in die Seele gehende Station für die verstorbenen Vvrfahrer wurde unter Absingung des Psalmes vo ?ro- lunctis und der hiczu gehörenden Oration gehalten, und nun ging es ohne Verzug zur Kirche auf dieselbe Weise zurück, auf welche der Zug von derselben ausging. — Das Pscilmodircn wurve durch die Straßen bis zum Altare der St. Marien-Kirche fortgesetzt. — Der schön erleuchtete Hochaltar mit der dabei kuicendcn Pricster- Sckaar vor dem ausgesetzten Allcrhciligstcn Sacramcnte, die beiden Seiten-Altäre mit den kunstgerechten l^zum erstenmale an diesem Tage aufgestellten) Standbildern der seligsten Jungfrau und des heiligen Josephs inmitten frischer Zedern-Bäume, der Lichtglanz im Innern der Kirche bei hcrcingcbrochcner Nacht außerhalb derselben mußte die in den Tempel zurückgekehrten Gemeinden zum Doum lauclnmus hinreißen, welches in deutscher Sprache angestimmt wurde, sobalv der Segen mit dem Hochwürdigstc» Gute gegeben und somit der Festlichkeit des ganzen Tages das Siegel des Glaubens und der Liebe vollends aufgedrückt worden war, — eines Tages, den die meisten Katholiken von Cincinnati ohne Zweifel unter die schönsten ihres Lebens rechnen werden. » » « Als eine Randglosse möchte ich noch beifügen, daß bei der Feierlichkeit — die außerhalb der Kirche begangen wurde, — auch nicht die mindeste böswillige Störung vorfiel, was den «katholischen, anders denkenden Mitbürgern zur Ehre gereicht, welches die betheiligtcn Katholiken mit Dank anerkennen und sich freuen, in einer Stadt Nord-Amerika's zu leben, wo „Religions- Freiheit" kein leerer Schall, sondern ein gediegenes Manncs- Wort ist. Der Hochwürdigste apostolische Nuntius in Köln. Der Katholik berichtet darüber unter cmdcrm: Am 30. Juni gegen Abend mit dem Dampfboote der Kölnischen Gesellschaft hier angelangt wurde der Hochverehrte Gast durch die Equipage des Herrn Erzbischofs in das Erzbischöflichc Palais abgeholt und nach kurzer Ruhe schon ein Besuch der weltberühmten Kathedrale gemacht, welche auf Se. Excellenz den vortheilhaftesten Eindruck machte und dadurch die Veranlassung wiederholter B, suche in den Tagen der Anwesenheit wurde. Am 3. Juli erschien eine aus sieben Mitgliedern bestehende Deputation der Bürgerschaft — Beamten und Kaufleute — und überreichte in schöner Bewillkommungsrede eine zahlreich unterzeichnete Adresse, deren schöner Inhalt das Herz des Stellvertreters des heiligen Vaters tief rührte und auf welche der so festlich Bewillkommte in deutscher Sprache erwiderte. Die Erwiderung, deren reine und schöne Sprache, so schwer für den an weichere und wohlklingendere Formen gewöhnten Italiener, bewundert ward, verdient ihrer in angemessener Kürze enthaltenen Gediegenheit wegen eine weitere Verbreitung. „Die Stadt Köln," so lautete dieselbe, „hat sich immer durch ihren Eifer für die katholische Kirche, durch Verehrung und Ergebenheit gegen das Oberhaupt derselben ausgezeichnet. Die Gesinnungen, die Sie mir ausgesprochen haben, beweisen, daß Sie ihrer Vorfahren würdig sind; ich wünsche Ihnen Glllll dazu! Der heilige Vater wird sich darüber freuen und groß wird auch Seine Freude seyn zu vernehmen, daß Sie dem würdigsten Prälaten, dem die Verwaltung dieser Diöccsc anvertraut ist, von ganzem Herzen ergeben sind. Ich brauche nicht, meine Herren, von der väterlichen Liebe des heiligen Vaters zu Ihnen zu sprechen, da Sie bereits überzeugt sind, daß dieselbe die innigste, die zärtlichste ist: zum Zeugnisse dieser Seiner Liebe wird der heilige Vatcr den apostolischen Segen über Sie aussprcchen und der Segen des Stellvertreters Jesu Christi auf Erden wird ein Unterpfand seyn aller jener Tröstungen und Segnungen, womit Gott Sie und diese Stadt bereichern und erfüllen wird. Fahren Sie fort, meine Herren, auf diesem Wege der Wahrheit und des Heiles durch treue Erfüllung aller Ihrer religiösen und bürgerlichen Pflichten zu wandeln, damit Köln das alte, das katholische, das heilige Köln immer sey und bleibe!" Daß diese mit Wärme und apostolischer Salbung gesprochenen Worte von den biedern und warmkirchlichcn Kölnern mit Begeisterung und nachhaltiger Treue aufgenommen, bewahrt und in weiten Kreisen verbreitet wurden, brauche ich hier wohl nicht weiter zu sagen; nur möchte ich nicht unerwähnt lassen, daß dieser schöne, wohlthuende Eindruck bei dem darauf folgenden Diner, wozu nebst anderen Honoratioren und einzelnen Geistlichen der Stadt die Herren Deputirten von Sr. Erzbischöflichen Gnaden geladen waren, in der Nähe des ausgezeichneten Prälaten noch erhöht wurde. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber : F. C. Krem er. ^»s- ' M-i/., Augsvttrger Zweite Jahreshälfte. Postzeitttng. vW^Ä.» A. August t84S. Leben des seligen Petrns Canisius, Priesters der Gesellschaft Jesu. (Schluß.) Es läßt sich denken, wie sehr die Zeit des großen Mannes in Anspruch genommen war. Als Mann des höchsten, unbedingtesten Zutrauens, welches ohne Unterschied alle Stände ihm schenkten, wurde er von Unzähligen um Nath gefragt, zum Beichtvater gebeten, in geistlichen und leiblichen Nöthen als Fürsprecher angerufen, von Kranken um Trost und Zuspruch angefleht; aber bei allen Geschäften und Mühen fand CanisiuS Zeit, Schriftsteller zu seyn. In Wien erschienen mehrere gcdiegcne Schriften, unter andern „das goldene Buch," welches in der Folge häufig in's Deutsche übersetzt wurde. Wichtig aber für die damalige Zeit und für die ganze Folgezeit, wichtig nicht allein für Deutschland, sondern für ganz Europa war das Werk, welches CanisiuS unter dem Titel: „Summe der christlichen Lehre" heraus. Durch die neue Lehre waren auch unter dem gläubigen Volke die religiösen Begriffe vielfach verwirrt. Es fehlte an einem Buche, worin der große und reiche Inhalt des katholischen Glaubens kurz und klar ausgesprochen war. Da fühlte Canisius sich gedrungen, den kurzen Inbegriff oder die Summe der christlichen Lehre ^summ-l eloctriiine Llni8liu»!>v) dem katholischen Volke mitzutheilen. Das ganze Werk zerfällt in zwei Hauptthcilc, wovon der erstere über die Weisheit, der zweite über die Gerechtigkeit handelt. In der Abhandlung über die Weisheit ist die Lehre über den Glauben und das Glaubensbekenntnis^, über die Hoffnung und das Gc^ct, über die Liebe und die zehn Gebote und die Kirchengcbotc, und über die Sacramentc aufgenommen. In dem zweiten Hauptthcilc übcr die Gerechtigkeit wird zuerst gelehrt, was man mcivcn soll: er nmfaßt die Lehre über die Sünde, — dann, was man thun soll, dieser umfaßt dic Lchrc von der Tugend. Das Werk schließt mit den letzten Dingen des Menschen, mit der Lehre über Tod und Gericht, Lohn und Strafe im jenseitigen Leben. Somit zerfällt das ganze Werk, um nach unserer Weise zu reden, in einen theoretischen und praktischen Theil oder in dic Lchrc über Glauben und Lcbcn. Nur ein flüchtiger Blick in dieses Werk läßt uns den großen Mann erkennen, welcher keinen Kirchenvater, ben in der ganzen Fülle seiner Wahrheit darzustellen. Dic Schrift war für dic damalige Zeit von unbeschreiblichem Nutzen und gewiß ist es sehr erfreulich, daß man in unsern Tagen diesem berühmten Werke deö Canisius wieder große Aufmerksamkeit geschenkt hat. Ans besondere Veranlassung des Erzbischofs von Paris wurde in einer Ausgabe vom Jahre l68(> bemerkt, daß der Katechismus des Petrus CanisiuS vielhundertmal ausgelegt und in dic Sprachen aller Völker übersetzt sey. Ferdinand würdigte zuerst dieses goldene Buch und befahl, es durch ganz Deutschland zu vertheilen und in den Schulen öffentlich vorzulesen. In allen Schulen, Gymnasien, Akademien und Tempeln wurde CanisiuS gelesen und erklärt. Philipp II., König von Spanien, berieth sich mit der hochberühmtcn Schule zu Löwen, welches Unterrichtes er in der katholischen Lchrc für sein Reich sich bedienen sollte. Alle Gelehrten dieser und anderer Hochschulen waren einstimmig, daß keine Darstellung und Erklärung der katholischen Lehre tauglicher sey, als dic des ehrwürdigen PctrnS CanisiuS. Philipp besah! daher, das Lehrbuch des Petrus Cauisius im ganzen Nönigreichc Spanien zu gebrauchen. Wohl sagte Wolfgang Wilhelm, Pfalzgraf und Herzog von Ncubnrg: „Wer Pctri Canisii kurzen Inbegriff christlicher Lehre einmal gelesen hat, der kann unmöglich mehr ein Ketzer seyn." Canisius war zwar in Wien der Gefahr des bischöflichen Amtes entgangen; indeß gebot der Kaiser, er solle wenigstens die Verwaltung des Visthums übernehmen. Jgnatiuö konnte nicht answcichcn, und gab die Verwaltung des bischöflichen Amtes zu, doch unter der Bedingung, daß Peter Canisins von den bischöflichen Einkünften nichts berühre. Der Name des apostolischen Mannes war bereits in der ganzen Welt bekannt. Man stritt sich um seinen Besitz. Besonders heiß verlangten ihn Siebenbürgen, Ungarn, Schlesien, Polen und Böhmen. Nach Böhmen entließ ihn Ferdinand: hier sollte ein Kollegium der Gesellschaft Jesu als Schutzmauer gegen dic Irrlehren errichtet wcrdcn. Doch dic Gegner kannten dic Gewalt des Mannes und fingen an, gegen ihn nicht nur in Schmähwor- tcn, sondern in einem förmlichen Aufstande zu wüthcu. Canisins kam in Gefahr, unter einem Steinregen zu erliegen oder verbrannt zu weiden, und man mußte ihn mit einer bewaffneten kein Concilium unberücksichtigt gelassen, um den katholischen Glau-i Mannschaft umgeben. Doch Solches währte nur Augenblicke. Der Mann Gottes wußte seine Widersacher durch Sanftmuth/ Demuth und Geduld, Wissenschaft und Gebet zu-entwaffnen. — Bald daraus ernannte ihn der heil. Jgnatius zum ersten Provin- cial des Jesuitenordens für ganz Deutschland. Nach einer kurzen Ruhe, die er in Bayern genoß, ward er von Ferdinand zum Reichstage nach Rcgcnsburg berufen, wo sich die Fürsten des Reiches versammelt hatten, um der GlaubcnSneucruug die geeigneten Schranken zu setzen. Viele angesehene Theolog n waren zugegen. Keiner schrieb und sprach gründlicher und mächtiger, als Canisius. Er stellte die katholische Wahrheit in ihrer ganzen Fülle und Kraft dar und ging auch aus diesem wichtigen Geschäfte mit Ruhm bcdcckt hervor. Im Jahre 1558 starb der heil. JgnatiuS. Ihm folgte als zweiter General des Jesuitenordens Jacob Layncz. In diesem Jahre war es, wo CanisiuS von Rom nach Polen abreisetc, um dem RcligionSgcsprächc in Petrikovia aus Befehl des Papstes beizuwohnen. Die Kirche war hier in der größten Vcdrängniß. Der König war schläfrig und nachsichtig. Viele Vornehme waren dem Irrtl'mne günstig; die Bischöfe hochbctagt und saumselig. Canisius erschien. Er begann mit Gebet, wie überall, weckte Bischöfe und Priester zum Kampfe für die heilige Sache, deckte den falschen Schein der Irrlehre auf, benahm dem Frommen die Furcht, vernichtete die listigen und gottlosen Unternehmungen der Gegner und vermochte selbst den Bischos Sigiömund, die Religion und die Rechte der Bischöfe zu schützen. — Eben so segensreich war seine Wirksamkeit in Augsburg, wohin er auf Begehren des Kardinals von Augsburg und des Kaisers Ferdinand sich begeben hatte. Hier war Uneinigkeit, CanisiuS stellte die Einigkeit wieder her. Er ricth den Bischöfen, in ihren Sprengeln Schulen zu errichte», wo uncntgcldlich Unterweisungen gegeben Würden, öfter Versammlungen zu halten, Seminarien zu stiften, iu welchen talcntovlle Jünglinge zu den Aemtern der Kirche herangebildet würden. Er wußte in Augsburg ein eigenes HanS zu erhalten, wo unbemittelte, aber mit GeistcSgabcn ausgestattete Jünglinge vor dem Irrthume bewahrt und in der Wahrheit gegründet wurden. Auch hier predigte CanisiuS mit solcher Gründlichkeit, Demuth und Krast, daß der Carvinal, der Bischof und das Dom- capitcl und die ganze Gemeinde ihn zum ordentlichen Prediger dringcndst verlangten. Sie erhielten ihn, behielten ihn aber nicht lange, denn er wnrdc von seinem Obern bestimmt, den Cardinal HosiuS, der vom Papste an den Kaiscrhof nach Wien abgeordnet War, dorthin zu begleiten. Nach seiner Rückkehr predigte Canisius in Augsburg mit neuer Kraft. Die Feinde konnten dem Geiste nicht widerstehen, der aus ihm redete. Als Dvmprcdigcr von Augsburg gab er das Martyrologimn deutsch heraus unter dem Titel: „Der Kir- chcnkalendcr, darin angezeigt worden die christlichen Feste und Heiligen GottcS beider Testamente, wie man dieselben das ganze Jahr in der ganzen Christenheit von Tag zu Tag begeht, auch mit Verzeichnis; unzählbarer Heiligen, wie sie gelebt und gelitten, was sie gethan und gelassen haben zu ihrem Heile und zum Exempel aller Christen." Die Vorrede dieses Werkes ist ausgezeichnet schön. Außerdem verfaßte er das „Handbüchlein für Katholiken," welches er der stubircnden Jugend wivmctc. Es enthält auserlesene, kräftige und ganz in Worten der Schrift verfaßte Gebete. Sein „Katholisches Gebetbuch," welches er selbst noch zum sechsten Male herausgab, enthält einen Schatz von Gebeten nnd Unterweisungen in einer kräftigen, deutschen Sprache. Um durch Lesung die Jugend in der Frömmigkeit zu üben, gab er die vortrefflichen Briefe des heil. Hicronymus heraus. Wegen solcher Verdienste belobte Pius IV. den apostolischen Mann in einem eigenen Sendschreiben. Inzwischen war das Concilium von Trient wieder eröffnet. Pius IV., Kaiser Ferdinand und der Cardinal HosiuS wünschien in dem heiligen Rathe die Gegenwart eines Mannes, welcher eben so fromm als gelehrt war und die Zustände Deutschlands am besten kannte. CanisiuS folgte dem Rufe und erschien in der Versammlung der Väter. Cardinal HvsinS, der krank lag, genas, als sein Haupt den alten Freund berührte. Es war dem Cardinal, als hätte in seine Glieder eine neue, wunderbare Kraft sich ergossen. Er schrieb seine Wiederherstellung den Verdiensten des Peter Canisius zu und hielt sie sür ein Wunder. Und so glaubte man allgemein, daß Gott dnrch ihn auch für die Sache der Religion heilsam wirken werde. Die Legaten und Väter der Versammlung erholten sich Raths bei ihm, und hier war es auch, wo CanisiuS, unbekümmert um das Ansehen der Person, mnthig in die Schranken trat, als es galt, dem Kaiser gegenüber die Rechte der Kirche wahrzunehmen. Kaiser Ferdinand begehrte, was dem Ansehen des römischen Stuhles und der Freiheit des Conciliums zuwider war. Zu dem Ende versammelte er mehrere Theologen zu Innsbruck, um über die Anträge, welche cr ans der Synode machen wollte, ihre Meinung zu hören. Auch Canisius fand sich ein. Mehrere Gelehrte suchten ihn auf ihre Seite zu bringen; aber CanisiuS blieb unbeweglich. Er achtete nicht die Person und das Ansehen des mächtigen Fürsten und wußte durch eine gründliche Darlegung der Wahrheit den Fürsten eines bessern zu belehren. Ucberhaupt, wohin er kam, da ward Licht, Friede, Ordnung, Einigkeit, da ward katholisches Leben, Liebe zur Kirche. Nichts vermochte seiner Demuth, Sanftmnth, Wissenschaft und Gelehrsamkeit, nichts der Kraft seines Gebetes zu widerstehen. Petrus CanisiuS war so fast die Seele des Conciliums, und wurde das Organ, durch welches das Concilium in Deutschland eingeführt wurde. PiuS IV. ernannte ihn zum außerordentlichen Nuntius. Als solcher reiscte er zu den Fruste» des Reiches und machte sie mit den Beschlüssen des Conciliums bekannt. Auf diesen seinen Reisen war cr ein wahrer Apostel, brachte das Wort des Herrn vor Fürsten und Könige, stärkte überall die Gläubigen, bekehrte die Irrenden. Wer vermag die Menge zu zählen, welche durch ihn der wahren Kirche wieder zugeführt ward! Canisius kehrte von seiner apostolischen Reise mit Segen nach Rom zurück. Indeß bestieg PiuS V. den päpstlichen Stnhl. Auch dieser würdigte die Frömmigkeit nnd Gelehrsamkeit des großen ManneS und sandte ihn im I. 1566 nach Augsburg. Mit zwei andern sehr ehrwürdigen Bätern aus der Gesellschaft Jesu wußte er die größten Schwierigkeiten zu lösen, zum Heile der Kirche und zum Segen des Staates. — Im I. 1567 kam CanisiuS nach Franken und gründete dort das Kollegium zu Würzburg. Wie überall, so predigte er auch in dieser Stadt und im ganzen Lande dem Volke, widerlegte den Irrthum, der auch dort schon Wurzel gefaßt halte, leitete die Priester zur würdigen AuSspcndnng der göttlichen Geheimnisse an und ermunterte sie zu einem heiligen Wandel. Und kaum hatte Canisius Würzburg verlassen, um in Ellwangen in gleicher Weise zu wirken, als seine Feinde das Ge- nicht auSstreuetcn, Canisius sei in Ellwangen zur neuen Lehre übergetreten. Sosort kehrte cr nach Würzburg zurück und bewies durch die That das Gegentheil. Wir übergehen die übrigen Reisen und Geschäfte des apostolischen ManneS und erwähnen nur, daß er auch »ach Westphalcn kam und eine Zeitlang in Osnabrück verweilte, dort predigte und vom Volke überaus verehrt wurde. Von Osnabrück begab er sich nach Köln, dem theuern Orte, wo er den Anfang seiner Lauf. I bahn machte und die glücklichen Jahre seiner Jugend und Studien' verlebte. Damals war es, wo er eine geschriebene Originalaus-! fertigung der Verhandlungen des Conciliums von Trient, mit! Unterschriften und Siegeln versehen, nach Köln brachte, welche > noch im Archive der städtischen Schulverwaltung aufbewahrt wird. > Die Einwohner Kölns waren über seine Ankunft hoch erfreut, denn sie verehrten ihn als den Erhalter deö wahren Glaubens. > Sie erwiesen ihm die höchsten Ehren und der städtische Senat! überreichte ihm den Ehrenwein. Er ward gebeten, die Kanzel! zu besteigen, und that es, obwohl er müde von der Reise und! noch nüchtern war. Von Köln begab er sich nach seiner Vaterstadt Nymwegen, wohin er mehrere dringende Einladungen erhalten! hatte, und obgleich dort der Irrthum eingedrungen war und gro-! ßen Hasz wider die Priester der katholischen Kirche erregt hatte,! so konnte man doch dem Manne die schuldige Achtung nicht versagen, welcher eine so große Zierde des Vaterlandes geworden War. Acht Tage schenkte er seiner Vaterstadt, begab sich dann nach Jülich und von da wieder nach Köln. Und solche Liebe hatten die Kölner zu dem ehrwürdigen Manne, dasz sie sofort den Beschluß faßten, Keinen zum Lehramte zuzulassen, bei dem man über die Reinheit seiner Lehre ungewiß sey. Mit dem Senate vereinigte sich die kölnische Universität. Keiner erlangte die theologische Doctorwürde, noch ward jemand zum Grade einer andern Facultät zugelassen, wenn er nicht zuvor die vom Oberhaupte der Kirche vorgeschriebene GlaubenSformcl beschworen hatte, worauf CanisiuS schon damals in Wicn drang. CanisiuS kam darauf nach Dillingcn, wo er ein ganzes Jahr verweilte und den ersten Theil seines Werkes wider die Centurien schrieb. Er nannte es „vom heil. Johannes dem Täufer" und widmete es dem Erzherzog Ferdinand von Oesterreich. Die Centurien waren schon im Jahre 1560 von den Magdeburgischcn Worts-Dienern herausgegeben und weil sie viele Leser gefunden, und überall Lüge statt der Wahrheit, Gift statt der Arzneien gaben, so hatten sie bereits großes Verderben angerichtet. Pius V. selbst beauftragte unsern Canisius mit Widerlegung dieses Werkes, und im Jahre 1571 verließ schon der erste Theil die Presse. Der gelehrte Cardinal Baroniuö schreibt über dieses Werk in seinen Jahrbüchern: „Der wachsame Fleiß des gelehrten und überaus gottseligen Mannes CanisiuS bezeugt, daß in diesem Werke nichts mangelt, was dazu dient, die Widersacher ihrer Uncrscchrcn- heit, Thorheit und Treulosigkeit zu überzeugen.' Allgemein wurde der Wunsch rege, CanisiuS möge auch Maria, die allcrscligstc Jungfrau und Mutter des Herrn, welche vielfach gcschmähct war, gegen die Feinde des Glaubens vertheidigen. Das Oberhaupt der Kirche verlieh dem Verfasser seinen Segen und vollkommenen Ablaß. Im Jahre 1577 vollendete CanisiuS diesen zweitcn Theil und nannte ihn „von der seligsten Jungfrau Maria." Er widmete das Werk dem Herzoge Albert von Bayern. Den dritten Theil fing Canisius an zu schreibe», konnte ihn aber nicht vollenden. Und wie war es ihm möglich, viele Bücher zu schreiben, da ihn das Oberhaupt der Kirche, der Kaiser, die ersten Fürsten und Herren und die Obern der Gesellschaft Jesu ununterbrochen in Anspruch nahmen? — Er war beständig in Geschäften, auf Rci- sen, überall und immer mit Mühe beladen. Papst Gregor XIII. sagte zu ihm, als er ihn an den Erzbischof von Salzburg, an den Herzog von Bayern und an andere Fürsten sandte: „Wir wollen, daß du nach unserm Verlangen behilflich seyest, Deutschland beizu- springcn, weil uns hinlänglich bekannt ist, wie viel deine scgcuS- Vslle Weisheit in dieser Sache vermag." Nach Vollbringung dieser wichtigen Geschäfte rief ihn Papst Gregor wieder nach Rom, um sich mit Am zu berathen über die Gründung eines deutschen Kollegiums in Rom. Es war das siebente Mal, daß der apostolische Mann zur Hauptstadt der Christenheit rcisete. — Von dort begab sich CanisiuS zum Reichstage in Negensburg. Im Jahre 1579 sandte ihn der Pater General zu Albert, dem Grafen von Fürstcnbcrg; und schon wollte er auf Befehl des Papstes mit dem Bischöfe von Breöcia znm Reichstage nach Nürnberg gehen, als ein anderes wichtiges Geschäft ihn »ach Helvetica abrief. Die Bischöfe von Konstanz, Basel und Lausanne schrieben an Papst Gregor Xlll. die große Gefahr, in welcher die heilige Sache d.s Glaubens im Schweizerlande schwcbc. Der heil. Vater ließ sofort durch seinen Nuntius, der in Deutschland war, Einsicht nehmen und dieser rieth, ein Kollegium der Gesellschaft Jesu in Frciburg zu gründen. Kaum aber verbreitete sich daö Gerücht von der Gründung eines Kollegiums der Gesellschaft Jcsu, als sich stürmisch die Jrrlchrcr erhoben. Wie i» Deutschland, so wurden auch im Schwcizcrland Schmähungcn aller Art übcr die Giscllschaft Jesu auSgegvssen. Der apostolische Nuntius berief daher im Jahre 1580 den gelehrten und gottseligen Petrus Canisius nach Freiburg. Der päpstliche Legat Bonhrm, Bischof von Versailles , führte ihn ein und begrüßte den Senat der Stadt mit den Worten: „Sehet, Freiburger, hier habt ihr einen Edelstein, einen Mann, der ein hochgcweihtes Pfand ist, das ihr mit besonderer Verehrung bewahren sollet!" — Und siehe! wohin CanisiuS kam, da flohen die Schatten der Nacht und die Nebel des ^Irrthums. Er war bald die Liebe des Volkes. Einstimmig ward >das Collcginm dcr Gesellschaft Jesu gegründet und Canisius zum I Vorsteher erwählt. Sicbenzehn Jahre lebte er in Fccibnrg und besorgte nicht nur in Frciburg, sondern auch auf dcm Lande das ^Hcil dcr Seelen. Er predigte, war Nathgcbcr, schrieb Bücher, ! sandte Briefe an die Brüder in den Collegicn, welche er gegründet, tröstete und bcgcifterte sie für Wahrheit, Wissenschaft und i Vollkommenheit. Unter solchen unuutcrbrochencn Bemühungen für die Ehre ! Gottes und das Heil der Menschen war CanisiuS Greis geworden. -Er fühlte die Abnahme seiner Kräfte und das Herannahen des ^ TodcS. Nunmehr begann die Vorbereitung zu der letzten Reise in die Ewigkeit, zur Bereinigung mit Christo seinem Herrn, dem ^er treu gedient hatte. Er verlangte sehr nach der Fürbitte from- !mcr Freunde, tödtcte seinen Leib mehr denn zuvor durch Fasten jab, obwohl seine Kräfte sichtbar von Tag zu Tag abnahmen. -Nnr die Gespräche von Gott und göttlichen Dingen gaben ihm Stcnke und erheiterten seine Seele. Durch Leiden scincm Herrn !in etwa gleich zu werden, war ihm selige Wonne. Nachdem er !vicr volle Monate au den Schmerzen der Wassersucht gelitten hatte, cntschlics er im Herrn am Feste d^s heil. Apostels Thomas, Nachmittags drei Uhr, im Jahre 1597 im 77stcn Jahre seines Lebens. Ganz Frciburg trauerte. Man beklagte seinen Tod, wie ein großes Unglück. Jeder bemühte sich, eine Reliquie von ihm zu erhalten. Man feierte ihn wie einen Heiligen. Die Frcibnr- ger setzten dem ehrwürdigen Vater ein Denkmal und nannten ihn darcmf „ihren Patron und Fürsprecher, den Erzvater dcr Kirche in der Schweiz, eine feste Säule des katholischen Glaubens, einen Mann, berühmt in der ganzen christlichen Welt." Die Verehrung steigerte sich, als man seinen Leichnam ausstellte. Man kämpfte, um die Hände und Füße des Verstorbenen zu küssen. Es wurde schwer den Leichnam zu begraben, da fast immer die Menge ihn nmlagcrte. Die geringste Reliquie von ihm war ein kostbares Kleinod und war es auch nur cin Haar, man faßte es in Silber und Seivc. Bald glänzte das Grab des gottseligen Mannes von Wundern. Sein Leib ruhcte in der Hauptkirchc des hl. Nikolaus zu Freiburg bis zum Jahre 1626, wo er unter großer Feier in die Jcsuitcnkirche übersetzt wurde. Im Jahre 1843 am 21. Nov. wurde Canisius in der Versammlung der Kongregation vom heil. Ritus selig gesprochen. Petrus Canisius gehört zu den außerordentlichen Erscheinung gen auf dem Gebiete der katholischen Kirche und zu jenen Männern der Vorsehung, welche der Herr in gefahrvollen Zeiten erweckt, damit sie Licht und Salz der Erde seyen und wie feste Säuleu die Kirche tragen; Deutschland und Europa ist dem apostolischen Manne zum Danke verpflichtet und mit Recht nennt ihn die französische Kirche „den Apostel letzter Zeiten." Der Eifer für das Haus Gottes verzehrte ihn. Glühender Eifer für die Ehre, Verherrlichung und Erhöhung der Kirche Jesu Christi, die gleich einer unauslöschliche» Flamme bis zum letzten Athemzuge in ihm lebte, bildete den Hauptzug in dem Charakter des ehrwürdigen CanisiuS. Das Glaubensbekenntnis;, welches er seiner Antwort an die Ccnturiatoren von Magdeburg vorausschickte, kann uns hiervon allein überzeugen. Der Cardinal StanislciuS HosiuS nennt es daö kostbarste Denkmal der demuthsvollstcn und hochherzigsten Hingebung, die je ein gläubiges Kind der Kirche gegen diese gute Mutter hegen kann. „Freimüthig — so heißt es unter Andern in diesem Bekenntnisse — freimüthig bekenne ich mit HieronymuS: Wer sich anschließt an den Stuhl Pctri, der ist mein Mann. Mit Ambrosius rufe ich laut aus: In allen Stücken wünsche ich der römischen Kirche zu folgen; und diese verehre ich mit Cyprian als die Wurzel und Mutter der katholischen Kirche, mit der, wie Augustin sagt, die Obergewalt des apostolischen Stuhles immer verbunden ist." Darum klagte, seufzte, weinte er über das Unglück der Irrlehre, welches über Dcntschland verheerend einbrach und Alles zu verderben drohte. „O möchte der Herr, so rief er trauernd aus, uns die Augen öffnen und unsere Herzen rühren, um die Uebel des Hauses Israel zu sehen und zu beweinen." Die Irrlehre zu bekämpfen und überall den wahren Glauben wieder herzustellen, das war sein Lebensziel. Bestimmt von der Vorsehung für diesen hohen Zweck, war er auch von ihr mit den nöthigen Gaben und Kräften dazu reichlich ausgestattet. Er besaß eine feste, aller Arbeit und Anstrengung trotzende Gesundheit, einen durchdringenden, umfassenden, gründlichen Verstand, einen eisernen Fleiß, das glücklichste, geordnetste trcucste Gedächtniß. Man erzählt sich in dieser Beziehung Dinge, die ans Wunderbare gränzen. Seine Klugheit, Bescheidenheit und Milve gewannen ihm die Herzen aller Menschen. Ueber die verschiedenartigsten Gegenstände wußte er sich mündlich und schriftlich, auf der Kanzel und in freundlichen Gesprächen, deuisch uud lateinisch, niit derselben Leichtigkeit zu erklären und auSzusprcchcn. So erklärte er den Kindern den Katechismus, unterrichtete die Erwachsenen, predigte dem Volke, schrieb Bücher, untcrrcdctc sich mit Katholiken höhcrn und niedern Standes, disputirte mit den Irrlehren,, wirkte an den Höfen der Großen, besuchte die Armen auf dem Lande, ging in Gefängnisse und Spitäler, gründete Kollegien und Seminarien, brachte Universitäten zur Blüthe, machte unzählige Reise», hielt Missionen — dieß war fünf und fünfzig Jahre seine ununterbrochene Beschäftigung, ohne daß je sein Eifer erkaltet, je seine Kraft gelähmt wäre. Unendlich viel Gu>cS wirkte er namentlich durch seine Missionen. Die Pfarrer machten unter seiner Leitung die geistlichen Uebungen nach Vorschrift des hl. Jgnatius, — und neues Leben blühete in den Gemeinden. Alle, die er fähig fand, forderte er auf und ermunterte sie, gegen die Jrrlehrer zu schreiben, und verhandelte darüber insbesondere mit dem Vater Aquavira. So sehnlich er aber wünschte, daß seine Gesellschaft recht viele Schriftsteller liefere, welche im Stande wären, die Irrthümer der Protestanten zn widerlegen, so duldete er doch keine Schrift, welche der Größe und Wichtigkeit des Gegenstandes nicht entsprach. Unausstehlich war es ihm, wenn man in solchen Schriften auf bittere Ausdrücke, auf schalen Scherz und Spott, auf frostige Anspielungen Jagd machte. Er wünschte im Gegentheile, daß Alles Ernst und Liebe, wahrhaft katholische Bescheidenheit und Mäßigung athme. So glühend sein Eifer war für die Bekämpfung der Irrlehre, so groß, tief und außerordentlich war seine Liebe für alle Ver- irrten. Nach seinem Tode fand man ein Büchlein, von seiner Hand geschrieben, und darin mehr als fünfzig Beweggründe verzeichnet, die ihn vermochten, alle Tage für alle Menschen jeden Standes und Berufes zu beten; besonders aber waren die Namen derjenigen vermerkt, die ihn verfolgten, die Feinde der Gesellschaft Jesu, die Jrrlehrer und Irrgläubigen. Unter Strömen von Thränen betete er täglich für ihre Bekehrung zu Gott. Mit diesen Gebeten verband er die strengsten Bußübungcn, die er selbst im hohen Alter und in seiner Krankheit nur im Gehorsam milderte. Wie viel überhaupt der ehrwürdige Canisius durch sein Gehet gewirkt, wer weiß es, wer kann es berechnen? — Sein ganzes Leben war ein ununterbrochenes Gebet. Um Zeit für Gebet und Betrachtung zu finden, ging er spät zur Ruhe, stand früh auf. Gewöhnlich fand ihn der weckende Bruder schon auf den Knieen liegend, die Hände gefaltet, die Augen schwimmend in Thränen. Er betete mit heiligem Ungestüm, besonders wenn er für die Bekehrung der Sünder und Ungläubigen betete, kämpfte dann (wie er sich selbst ausdrückte) wie Jakob, mit seinem göttlichen Meister, und setzte den Kampf unerinüdct so lange fort, bis er den Sieg errungen hatte. Eine besondre Verehrung bewies er von seiner ersten Kindheit bis zu seinem Lebensende gegen die allerseligste Jungfrau und Mutter Maria, uud dieselben Gesinnungen suchte er in Unterredungen , Predigten, Büchern allen Gläubigen einzuflößen. Den Kirchen aber und Kapellen, die ihrem Namen geweiht waren, verschaffte er Ablässe und andere Auszeichnungen. Vorzüglich that er dieses für die berühmte Wallfahrtseapelle unserer lieben Frau von Alt - Oetting in Bayern. Täglich pflegte er zur Ehre der heil. Mutter Gottes den Rosenkranz zu beten und in seinem hohen Alter legte er ihn fast nicht mehr aus der Hand. Er rechnete es sich zur besondern Ehre, alle zu ihrem Andenken eingeführten Andachten mitzumachen. — Groß und reich, heilig und wunderbar ist das Leben des ehrwürdigen CanisiuS nach allen Seiten und Beziehungen. Er kämpfte als guter Kämpfer in einer schweren, unhcilSvollcn Zeit den Kampf für Christum den Gekreuzigten und seine heil. Kirche. Ganz Süddcutschland hat auf seinen Schultern geruht. Bayern, Köln und Wien sind zn großem Danke ihm verpflichtet. Als Kämpfer Christi hat er gelebt und gewirkt, als Kämpfer Christi starb er. Das Bild des Gekreuzigten in der einen Hand und cS mit Zärtlichkeit küssend, die brennende, geweihte Nerze, dieses Sinnbild des lebendigen, katholischen Glaubens, in der andern, übergab er sanft seinen Geist in die Hände seines Schöpfers. Priestern und Laien kann der ehrwürdige Canisius in unserer vielfach bewegten und verwirrten Zeit lebendiges Vorbild und trefflicher Wegweiser seyn. Zugleich aber können wir nicht umhin, unsere volle Liebe und Ehrfurcht gegen die Gesellschaft Jesu auSzusprechcn, welche einen Canisius bilden und erziehen konnte. —- Verantwortlicher Red.ittcur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Krem er. H o ^^HS - Mei/,, der Attgsbttrgev Iweite Jahreshälfte. SS. Die heilige Communion. Auf de« Altare« Höhe« Da ruhet Gottes Sohn, Umglänzt von Edelsteinen, Auf golonem Königsthron! Und Schaarcn holder Engel, Mit Schwingen, blau und grün, Sie liegen da und schauen Und preisen ewig Ihn! Das sterblich Auge bräche Bor Seiner HerUichkeit, Driun wählte Seine Liebe Ein einfach Lilienkleid! Er ist der Herr der Welten, Denn Ihm entquoll ihr Seyn, Und Er löst' die Gefallnen Mit Seinem Blute ein! Uzd doch ruft Er: „O Seele, „Da unten tief im Thal! „Es sehnet mich, zu halten „Mit Dir das Hochzeitmahl! „Mach auf! Mach auf die Thüre „DeS kleinen Herzens Dein, „Mach auf, o Braut, und führe „Den Bräul'gam zu Dir ein!" Und unten tief im Thale Da steht das Hüttlein klein, Da wohnt die Menschenseele Gar dürftig und allein! Postzeittmg. August 5845. Sie trägt ein zartes Kleidchen Mit blülhenweißem Schein, Das wieder sie gewaschen Im Blut des Lammes rein! Ob des Gewandes Schimmer Ist sie erfreut gar sehr! — Da wallt der Ruf von Oben Zu ihrem Hüttchen her! — Es tönet süß und herrlich Wie Himmelsharmonicn! — Die Seele lauscht — und bebet — Und fasset nicht den S.nn! „Der König aller Wesen — „Mit mir — der Bettlerin! — „Weh mir! — Welch eine Täuschung „Verblendet meinen Sinn! — „Und doch! — die «w'ge Wahrheit „Ist's, di- hier zu mir spricht! — „Eher täuscht der Sonne Klarheit, „Eher täuscht d-r Sonne Licht!" — Da zuckt der Blitz des Glaubens Ihr durch die schwache Brust! — Sie rafft sich auf und fohlet Die reinste Himmelelust! — Sie Prüft nochmal ihr Kleidleia, Ob es auch lauter ganz, Und schmückt's mit Thränender!?» Von himmelreinem Glanz! — Dann ordnet sie noch sorgsam Ihr ganzes kleines Haus, Und z''crt's mit süßen WUnnen Und bunten Bänvcrn aus! Dann f.icher sie die Lampe Der Liebe lodernd an, Und schreitet so ^ur 'Ifortc Voll Seligkeit hinan! Sie öffnet — sie sinkt uicr>er! — Blickt zum Altarcsdom, U»d stammelt: Mein Erlöser! ?!nn komm! — Mein Jesu! Komm! — I. Sigbart. Aus dem Hirtenbriefe des hochwrirdigstcn Bischofes von Paderborn, Franz Drcppe r. Erlassen am 13, Inli 1845. Wie maiuiichfachc Wtchsclfällc und Veränderungen, wie manche Gefahren und unqünstigc Zcitvcrhältnissc bcdrohcten das altehrwür- digc BiSthum Padcrborn von der Zeit an, da der glaubensstarke Kaiser, Earl der Große, cS gründete, bis auf den heutigen Tag? Aber die gefahrdrohende» Stürme sind vorübergegangen, und der Weinberg des hl. LiboriuS, den die Rechte des Herrn gc^ pflanzt hat, besteht fort, ja ihm ist nach den überstcmdcnen Stürmen einer wechsclvollcn Vergangenheit eine Ausdehnung geworden, wie nie zuvor. In ununterbrochener Reihenfolge führten vor Uns 56 Bischöfe den Hirtcnstab über Unser Bisthum, von dem ersten und frommen Bischof Hathumar an, bis auf Unsern in Gott ruhenden ehrwürdigen AmtSoorgängcr Richard us. Unter ihnen haben viele um die Stadt und das Bisthum Paderborn sich hohe Verdienste erworben, sey cS durch das Licht herzlicher Frömmigkeit und apostolischen Eifers, womit sie ihren Untergebenen voranlcuchtcten, sey eS dnrch die tiefe Einsicht und Umsicht, womit sie dem zeitlichen und ewigen Wohlc der ihnen anvertrauten Hecrdc ihre unermüdliche Sorge wiömetcn, sey es durch den Glaubcns- und Kampfesmnth, womit sie dieselbe in bedrängnißvollen Zeiten gegen die sie bedrohenden Feinde bewachten und schützten, sey es durch die thatkräftige GotteS- und Nächstenliebe, womit sie erhebende Tempel erbauten zur Ehre des Höchsten, UnterrichtS-Anftaltcn gründeten zur Heranbildung einer gottcsfürchtigcn Jugend, oder durch milde Stiftungen bleibend fließende Quellen der Erstickung und dcS Trostes eröffneten für die leibende Menschheit. Mit dankbarer Verehrung blicken Wir hin auf die lange Reihe jener treu befundenen nnd nun in die Fr ende ihres Herrn eingegangenen Hirten. Das Andenken ihres gottgefälligen, pflichttreuen, ausdauernden Wirkens, die Erinnerung an den Schutz und Segen Gottes, der auf ihren Arbeiten ruhcte, wird auch Uns zur Ermunterung dienen, alle Unsere Kräfte dem Uns gewordenen Apostolische» Amte zu weihen, auf daß Wir zur Ehre Gottes, zum Wohle der Kirche und des Staates, und zu Eurem Heile, geliebte Diöcesanen! den Bischöfliche» Stuhl der ehrwürdigen Kathedrale einnehmen, in welcher so viele Denkmäler des Frommsinncs Unserer verklärten AmiSoorgängcr Uns umgeben. — Während Wir also im Aufblicke zum Hinimel, und im Rückblicke auf die Vergangenheit Ermunterung und Ermuthigung zur Uebernahme der schweren, Uns gewordenen Bürde finden, läßtauch die Gegenwart, so ernst und sorgcnerregcnd sie vor Uns liegt, Uns nicht ohne Trost; denn Wir sehen in Unserm Domcapitel Uns umgeben von einem Kreise ehrwürdiger, im Dienste der Kirche ergrauten Brüder, die mit dem Ncichthume ihrer Kenntnisse und Erfahrungen ihren Beistand Uns nicht versagen, vielmehr Unsere Sorgen theilen, und dnrch Rath und That die Last des heute von Uns angetretenen Amtes UnS erleichtern werden. Wir sehen in den Städten und Dörfern Unsers ausgedehnten Bisthumes ein gläubiges Volk der Hirtcnsorge würdiger Priester anvertraut, die ^mit der Wissenschaft des Heiles, mit bewährter N'nnve in Führung der Seelen, Liebe ihres hohen Berufes und einen erbauenden Wandel verbinden, die als gntc Hirten treue Sorge tragen für ldie ihnen anvertraute Hecrdc, und in Lehre und Beispiel sie hinführen auf gute Weide. Ja, bei dem Gedanken an die zahlreichen, Unsrer Sorge übcrwicscncn Kinder, die Unserm Herzen so nahe, Leiber dem Wohnsitze ihrcö Bischofs und Vaters so ferne liegen, ^ wo könnten Wir Ncruhigung finden, wenn nicht in dem Vertrauen, ^welches wir auf Eure vereinte, eifrige Mithilfe setzn, ehrwürdige Brüder und Mitarbeiter in dem Weinberge des Herrn. — In einer Zeit, in welcher so unsäglich Vieles abhängt von würdigen Priestern, die in Wort und Wandel, in Liebe, im Glaube», und i» Reinheit das Vorbild der Gläubigen, das Licht der Welt, und das Salz der Erde sind, in solcher Zeit werdet Ihr nicht täuschen die Hoffnung ! Eures Bischofs, werdet seine Freude seyn und sein Trost, werbet mit Glaubensmnth und Bernfstrcnc um ihn Euch schaeucn, mit Uhni, wie gesunde Glieder eines kräftigen Leibes Euch einen zu ^gemeinsamen heiligen Streben, ans daß Wir kämpfen einen Iguten Kampf, die Laufbahn vollenden und den Glauben bewahren. Viele aus Euch vernahmen einst aus Unserm Munde die Lehren unsers heil. Glaubens. Erweiset Euch nun als Unsre treuen Gehilfen an der Euch angewiesenen Stelle dcö göttlichen Weinberges; lasset vor den Enrcr Hirtuisorge übcrwiesencn ! unsterblichen Seelen das Licht EureS thatkräftigen Glaubens und priestcrlichen Wandels leuchten; verkündet mit Eifer das göttliche Wort, spendet mit Winde die heiligen Sacramcnte, feiert zur .Erbauung der Gläubigen das heiligste Opfer, snchct mit Liebe die ^Verlorenen, seyd Väter der Armen, Tröster der Trauernden; widmet Eure eifrige Sorge dem Unterrichte der Jugend, auf daß sie in den Geist und Zusammenhang der christlichen Hcilswahrhcitcn I tiefer eindringe, und das Wort Gottes die Leuchte ihres L.bcns ! werde, und ihr Schirm gegen die mannichfachc» Gefahren, welche !im jugendlichen Alter den Glanben und die Unschuld bedrohe». Vernachlässiget die Gnade nicht, die Euch verliehen lst mit Auflegung der Hände des Priesterthums. Ihr habet dc» Hcrr» erwählt zu Eurem Erb theile. Lasset ^ nicht erkalten die erste Liebe, womit Ihr Ihm Ench wcihctet, und Er ist es, der Euer Erbe Euch wieder erstatten wird. Aber auch an Euch alle, vielgeliebte Diöcesanen, haben Wir Worte väterlicher Liebe und Ermahnung zu richten, an dem Tage, an welchem Wir zum Erstenmale als Bischof und Hirte Enrer Seelen, als Wächter Eures Glaubens zu Euch reden. Eingedenk der Gefahren und Kämpfe, welche gegen Eure Glanbcnslrcue, und gegen Eure Anhänglichkeit an die einige, heilige, katholische, Apostolische Kirche, unsere Mutter, in unsern Tagen sich erheben, fleheten Wir heute beim Antritte Unsres Obcrhirtcnamteö für Euch Alle zu dem Vater der Erbarmungcn, und Wir werden nicht müde werden für Euch zu flehen: Heiliger Vater, erhalte sie in seinem Namen, die du mir gegeben hast. Heilige sie in deiner Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit; damit Alle Eins seyen, in lebendigem Glauben, in thätiger Liebe, und damit Keiner vvn denen, die du mir gegeben hast, verloren gehe. Wie könnten Wir es unberührt lassen, was vor Aller Augen liegt? Wir leben in Tagen, in welchen nahe und ferne in allen Theilen des großen Leibes der Kirche, neu erwachteö Leben, er- höhete Treue der kirchlichen Gesinnung, und vermehrte Theilnahme für Alles sich kund gibt, was die heiligsten F'agcn unsres Lebens, und der Kirche Wohl und Wehe berührt. Während diese Erschci- Führer; schaaret Euch um sie, als um Eure Hirten, hörct ihre Stimme und folget ihr. Gehorchet Euern Vorgesetzten und seyd ihnen Unterthan, denn sie wachen für eure Seelen als solche, die Rechenschaft geben müs- sen; damit sie dieses mit Freuden thun und nicht mit Seufzen. Dazu hat Christus in der Kirche Hirten und Lehrer verordnet, damit wir Alle gelangen zur Einheit im Glauben, und in der Erkenntnis; des Sohnes Gottes, daß wir nicht mehr Kinder seyen, die hin und her schwanken, und von jedem Winde der nung Unser Herz mit heil. Freude erfüllt, fchll es nicht an an- Lehre umhergetrieben werden, durch die Schallhastig- dern Zeichen der Zeit, welche uns Allen, geliebte BiSthumsange->kcit der Menschen, durch Kunstgriffe der Verführung, hörige! nachdrücklich die ernste Mahnung zurufen: Wach et; !sondcr» daß wir Wahrheit übend in Liebe an Allem stehet fest im Glauben, handelt männlich und seyd zunehmen, in ihm, welcher das Hanpt ist Ehristuö. stark. Lasset in dieser Zeit der religiösen Auflegung und dcsMic ihr Christum den Herrn angenommen habet, so Kampfes Euch nicht irre machen in der Ueberzeugung von dcr-wandelt in Ihm; eingewurzelt und gegründet in Ihm, Göitlickkeit jenes Glaubens, in welchem Eure Väter Frieden san- und fest im Glauben, so wie ihr gelehrt worden, und den im Leben und seligen Trost im Sterben, dem Ihr in der wachset in Ihm mit Danksagung. Sehet zu, daß euch unvergeßlichen Stunde Eurer ersten heiligen Communion Treue ^Niemand verführe durch WcltweiSheit und leeren gelobtet. Seyd und bleibt treue Söhne und Töchter jener heil. Trug, nach der Ueberlieferung der Menschen, nach Kirche, welche erbauet ist auf dem Fundamente der Pro-!den Kindheits lehren der Welt und nicht nach Christo, pheten und Apostel, deren Eckstein Er selbst ist, Jesus denn in Ihm wohnet die ganze Fülle der Gvtth.it Christus. Ihr gibt eine ruhmvolle Vergangenheit von 18 Jahr-Leibhaftig. Bleibet bei dem, was ihr gelernt habet Hunderten das Zeugniß, daß sie nicht Menschen- sondern GotteS-^und euch anvertraut ist, denn ihr wißt ja, von wem werk, daß sie jene von dem Gottessöhne zur Fortführung seines ^ihr es gelernt habet. Auch in unsern Tagen gilt die Er- Erlösuns^verkcs gestiftete Heileanstalt sty, der Er die tröstende Mahnung, die der Apostel PaulnS an die Christen in Galaticn Verhcißn.ig gegeben hat: Sehet ich bin bei euch alle Tage, sichtet?: es gibt Einige, die euch verwirren und das bis an vas Ende der Welt. Du bist Petrus, auf die-^Evangelium Jesu Christi zu verkehren suchen. Aber scn Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen. Ich will den Vater bitten, und Er wird euch einen an dern Tröster senden, damit Er bei euch bleibe ewiglich, den Geist der Wahrheit. Seit der Heiland dieses große Wort gesprochen, wie viele menschliche Schöpfungen und Werke, die eine unzcrstörlichc Dauer wenn wir, oder ein Engel vom Himmel euch predigen möchten anders, als wir euch gepredigt haben, der sey verflucht. Erweiset euch als gehorsame Kinder jener Kirche, die da gesetzt ist zum Ruhme der Jahrhunderte, deren Herrlichkeit sich erstreckt von Meer zu Meer, welcher Könige und Fürsten angehören, und die von Schaaren himmlischer Engel umgeben ist. In ihr hat versprachen, sind in den Stanb gesunken; aber des Herrn Worte-JcsuS Christus alle seine Wahrheiten und Gnadcnmittcl nieder gc- sind mcht vergangen; seine heil. Kirche nnd die bcwnndcrungo- legt, sie ist die Bcwahrcrin und Verkünderin seiner Lehre, die würdige Einrichtung und Verfassung, die Er ihr gegeben, dauert sort, und sie wird fortdauern bis zum Ende der Tage. Dessen freuet Euch in dem Herrn, vielgeliebte Divccscuic»! Freuet Euch einer Kirche anzugehören, die in ihrer Lehre, in ihren Sacramen- tcn, in ihrer Verfassung stets den unschätzbaren Vorzug der Einheit und des Apostolischen Ursprung s bewahrte, an deren Spitze als Mittclpunct der Einheit, als Wächter über die Reinheit des Glaubens ein höchstes, von Christus angeordnetes sichtbares Oberhaupt steht, welches mit der Sorge und Liebe deö Vaters wachet über das geistliche Wohl der über den ganzen Erdkreis zerstreuten Lämmer und Schaafe der Hccrde Christi. Die Biftöfe und Priester, denen größere oder kleinere Theile jener Hecrde anvertraut sind, haben ihre Sendung von Christus dem Herrn, sind Nachfolger der Apostel, habe» durch feierliche Händeauslegung die sacra- mcntalischc Weihe zu ihrem hohen Berufe empfangen. Von ihnen gilt das Wort des Herrn: Wie der Vater mich gesendet hat, also sende ich euch. — Ihr habet nicht mich erwählet, sondern ich habe euch erwählet, und dazu euch Ansspenverin seiner Gnaden. Hörct bereitwillig das göttliche Wort, welches sie Euch verkündet, bewahret cö in Enrcm Herzen, unv befolget cS in Eurem Leben, geliebte Bisthumeangchörige! Seyd Thäter des Wortes, nicht Hörer allein. Nahet Euch oft und mit würdiger Vorbereitung den heiligen Sacramcntcn der Buße und des Altars, und ihr werdet erleuchtet, gereimgct, gc- heiligct werden. Versammelt Euch oft um die Altäre des Herrn znr frommen Theilnahme an der Feier des heiligsten OpferS; in ihr werdet Ihr finden Tugend- nnd Dnlvungetraft, Trost und Frieden. Feiert mit der Kirche, nach ihrer Anleitung und mit eifriger Theilnahme die Sonn- und Festtage und die heiligen Zeiten des JahreS, und Ihr werdet immer mehr theilhaftig werden der herrlichen Segnungen, welche in den großen Wahrheiten und Begebenheiten des Christenthums verborgen liegen. Unterwerfet Euch mit gewissenhafter Treue den Geboten und Verbote» der vom heil. Geiste geleiteten Kirche; ihr ist von Jesus Christus die Gewalt zu binden und zu lösen gegeben; alle ihre Anordnungen sind Ausflüsse ihrer Weisheit und mütterlichen Liebe, und bc- bestimmt, daß ihr hingehet und Frucht bringet, und-rechnet für Euer ewiges Heil. Begnüget Euch nicht damit, äufzer- daß eure Frucht bleibe. Wer euch höret, der höret mich. Wer euch verachtet, der verachtet mich. Darum schließet an die Vorsteher der Kirche Euch an, geliebte Diöcesanen! als an Eure von Gott gesendeten Lehrer und lich der Kirche anzugehören, seyd vielmehr ihre Bekcnner in Wort und That, mit Herz, Sinn und Wandel, folget treu ihrer mütterlichen Führung auf dem Wege des Heiles, und an den Früchten, die in Eurem Herzen und in Eucrm Leben sich offenbaren, werdet ihr erkennen, daß ihr? Lehre aus Gott ist. O wie reichlich würde der Friede Gottes wohnen in Eure» Herzen, geliebte Diö- cesancn! wie würde Ordnung, Eintracht und Segen blühen in Eure» Familien und Gemeinden, wenn Ihr Alle glaubenstreuc und folgsame Kinder der Kirche wäret. Ist ja all ihr Wirken unaufhörluh dahin gerichtet, jene Gottesfurcht unter den Menschen zu verbreiten, welche der Anfang der Weisheit ist, jenen Glauben, welcher thätig ist in Liebe, jene Hoffnung, in der wir selig sind, jene Liebe, welche des Gesetzes Er' fiillung ist und das Band der Vollkommenheit; jene Liebe, ohne welche wir ein tönend Erz wären und eine klingende Schelle, ob wir auch die Sprache» aller Menschen und Engeln reden könnten und einen Glauben hätten, also daß wir Berge versetzten. Worauf ruhet Ordnung und Friede im häuslichen und öffentlichen Leben, worauf die Milde und Menschenfreundlichkeit Der Herrschaften, die Treue und Redlichkeit der Dienstboten, worauf ruhet der Gehorsam und die Treue der Unterthanen gegen die von Gott gesetzten Obrigkeiten, worauf ruhet die Pflichttreue Aller, die iu höhcrn oder mindern Aemtern thätig sind im großen Haushalte Gottes, worauf stützt sich gegenseitiges Vertrauen im Handel und Verkehr unv in allen Verhältnissen des Lebens, worauf ruhet die Treue der Ehegatten, die Hcilighaltung der Unschuld, die Sicherheit des Eigenthumes, das Wohl der Familien und Staaten? Auf jener Gewissenhaftigkeit, welche in der Stimme des Gewissens uns die Stimme Gottes erkennen und ehren lehn, uud an seine Aussprüche uns bindet mit unwiderstehlicher Gewalt, auch dann, wenn kein menschliches Auge die Uebertretung bemerkt. Die Kirche aber ist eo, welche jene zarte Gewissenhaftigkeit mit treuer Sorge in ihren Kindern pflegt, durch ihre Lehren und durch den Reichthum ihrer HcilSanstalte», insbesondere durch das scgcnbringcnde Scicrament der Buße, bei dessen Spendung der Priester dem zweifelnd-n oder irrenden Gewissen als freundlicher Lehrer, dem verwundeten als kundiger Arzt, und Allen als gottgesandter Richter erscheint zur Stärkung, Ermunterung uud Beruhigung der Seelen. So rufen Wir Euch denn, vielgeliebte Diöcesancn! nochmals die väterliche Ermahnung zu: haltet fest an der Kirche des lebendigen Gottes; ergreifet den Schild ihres erhebenden, ermunternden und trostvollen Glaubens, in allen freudigen, traurigen und gefahrdrohenden Stunden eures Lebens; seyd und bleibet wie die Glieder mit ihrem Haupte, vereinigt mit dem heiligen Apostolischen Stuhle zu Rom, mit dem Statthalter Jesu Christi, dem Vater und Lehrer der Gläubigen, dem Mittclpuncte der Einheit. Schöpfet aus den von der Kirche Euch dargebotenen Gnadenschätzcn der heiligen Sacramcnte; trinket mit Heilsbegicrde eiuS den Quellen des lebendigen Wassers, welche der Herr in ihr eröffnet hat. Ihr insbesondere, Ihr Väter und Mütter, Ihr Lehrer unv Erzieher der Jugend! lasset vor den Euch anvertrauten Kleinen leuchten das Licht Eures lebendigen Glaubens, Eures kirchlichen Sinnes, Eures christlichen Wandels; erziehet sie in der Lehre und Furcht des Herrn; pfleget in ihren zarten Herzen jene heil. Keime der Religiosität und Gottesfurcht, aus welchen allein ihr dauerndes Glück erblühet für Zeit und Ewigkeit. Seyd allzumal katholische Christen, in Wort, Gesinnung und That. Wandelt im Geiste, bringet Früchte des Geistes, die da sind: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Güte, Langmut!), Sanftmuth, Bescheidenheit, Enthaltsamkeit, Keu schh eit. Peramwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Bei unerschütterlicher Festigkeit im Glauben verletzet nicht die heilige Liebe; enthaltet Euch iu Wort und That aller Kränkungen und Feindseligkeiten gegen AndcrSglaubcnde, auch gegen diejenigen, welche euch schmähen und anfeinden. Suchet die Gegner zu belehren und von der Heiligkeit unsers Glaubens zu überzeugen, mehr durch Eure Werke und durch Euren christlichen Wandel, als durch aufgeregten Wortstreit. Erweiset Euch als würdige Nachahmer Jesu Christi, des Urhebers und Vollenders unsers Glaubens, welcher, wenn er gelästert wurde, nicht wieder lästerte; und am Kreuze für seine Feinde betete: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun. Seyd beharrlich im Gebete, erstehet insbesondere den Schutz und Segen Got- tesüber unsern heiligsten Vater, den Papst Grcgorius XVI., ciufdaß der Allgütige das würdige Oberhaupt noch lange seiner hl. Kirche erhalten wolle zum Troste der Lämmer undSchaase der großen Heerde Christi... Die Nongeaner in Schwaben. Unsere Nongcaner in Ulm und Stuttgart machen manche Schwabenstreiche. So trat der bekannte Julian Chowuitz bei der neulichcn Anwesenheit Kerblers in Ulm nach dessen Sermon vor das versammelte Publicum und forderte die „ Lusttragcnden" auf, ihre Namen auf die Liste der Gemeinde zu schreiben. Er hoffte zweifelsohnezahlreiche Beitrittserklärungen. Lautlose Stille herrschte. Aber nicht ein Mensch trat hervor sich einzuzeichnen. Sichtliche Schamröthe überflog und überzog das Angesicht der Reformatoren. Hr. Julian aber suchte sich dadurch auö der Verlegenheit zu helfen, daß er die, welche sich „geniren" hierzu unterschreiben, in seine Wohnung einluv. Dem Apostaten Kerbler soll dabei auch ein Stichvurch dcisHerz gegangen seyn, er konntedaraus sehrdcutlich abnehmen, daß sein Wort Gottes auf unfruchtbaren Boden gefallen sey. Vor einigen Tagen brachte der Schwäbische Merkur die Nachricht, daß den Deutschkirchlern nunmehr vcrstailetsey, ohne Hinderniß in der resormirten Kirche ihren Gottesdienst abzuhalten, und daß dieses ein Beweis der Humanität unserer Regierung sey, vie sich bereit zeige, billige Forderungen Ver Zeit zu unterstützen. Der neckische Zufall aber wollte es, daß dieselbe Nummer deS Merkurs eine gar merkwürdige Erklärnng brachte, worin das „Vorstandsmitglied" Buttcrftein sich gegen die Beschuldigung, als sey er Nachts in einem Straßenscandal gesehen worvcn, verwahrt. Die Häupter sind überhaupt stattliche Leute. Obenan steht Herr Julian Chownitz, Gründer der ersten Gemeinde in Schwaben, ja in Süv- Veutschlanv, erster Geschichtschreiber der von ihm gegründeten Gemeinde, Vorsitzender derselben, gewesener Nevacteur der „Ulmcr Schncllpvst," Versasstr vvn Ritter-, Räuber- und Li-besrvmanen und nisendes Genie. Folgt sodann Herr Buchbinder Leycndecker, der im heiligen Rocke eine Naht entdeckt und in seiner Noth den dicken Schreiner zu Hilfe gerufen. Hr. Würmle, „Pfarrer" der schwäbischen Gemeinden, der zwischen Ulm und Stuttgart hin- und herfährt; aber auch noch andere Gemeinden pastorirt, von denen sich die Vettern und Basen ins Ohr raunen, von .denen aber wir Uneingeweihte noch nichts verkommen haben. Da Hr. Würmle in Baden in zwölfjähriger Lerwcserei schmachtete, und zunächst keine Aussicht halte, katholischer Pfarrer zu werden, ist er nun plötzlich ohne Mühe Nvnge'scher Apostel geworden. Ueber seine Antece- denticn mögen wir nichts sagen. Jedenfalls war er nicht deßwegen unverweslicher Verweser, weil er zu fest katholisch war. Seine vieljährige Lerwcserei steht mit dem Katholicismus des Herrn Würmle nicht in der entferntesten Verbindung. Endlich folgt Herr I o se p h Butterstein, der vor einigen Monaten noch auf dem Hohenaöberg war, sodann „evangelisch" und bald darauf Rongeancr wurde, und sich jetzt gegen den Vorwurf vertheidigen muß, er sey nicht betrunken in »einem Straßenscandal" gesehen worden! (Nach dem Katholik.)__^ Verlags-Inhaber: F. C. Krem er. .ziZai-mzG ^ck -u? dus,i^Z »Z« S-mi-?? ^ m,ML ?v« M»s ^st ^ o,S,S H» nvz^T ,W-Kr dvÄ >i« .' »i« m Z7Ü^zg 77 i Z?i!iZllizG 7is 7iliml)Z Zniz's.^»K^ 0^ ,tgnö7a7ZS 777ÄNK iia noit ^gt .kÜir/M) .ittUwt Sch-nlMÄchA^d»vMittijZa-ü'in-L «7? Uchßgjzu^ zx.ZUi.-z iüM 771 ,7,iur. doS ^(.LL.LL ,7.7vS t — .09'U-K 77? tim 7>i? ?n77u7nK ^o,t7,?,j-.-t ,.iivlS,u- 7,i'.'»;uM -!uP nzS'-i 0^ mu dv-j ji„lch'i,i,M 7Zil7liiii7ss IlZUZl! ^Z? MIIllt77Ii,7i7E dkck °!7^ chi^ di."Z7M zlchM'M iW ni ÄDÄ 7iN ichil! i!ll^ -Z-In ,ni57nzi!:illoF 7Zni? tch777^ 1 >- ^^^^ ^ ^ -. - ^ - - nzchi>2»l-^7z(.-nu bZiii? 7ZÄ ni li7Z5ri^ , , d7M 7zsj7i7tL 7ZÄ ü^s MU7DN?ffl)l77It. ,«717'? für. 1!, -4 <^,^"l"'U '"l -M Fwene ^layresyalfte. . 4»««- : ü-wkiuiL i7^.. mi 7llzv!Ä7tzvT ZÄ,j ^klUsl^NIllU^lÄ II7ÄiI^dt 7UÄ »x g,!u'>!Ü7N 77^ 7iuI'l7^-^2 IN7Ä lim mo't 7ni7I!".A I!7t!zil!iI:r.',I^ 17^ . znch>7;7^ N7ÄZin7iA 7l'l .'ist lillldÄ , 7ji5itt 7Ui^II^ U7 M7>t lim lillll . »7t-7l .iuc>1s^ xu»7^ dlill ll 'Iii 77??<2 7'!7'ti!7!lt57 ^Iv? chtin 7c.üZ ,i7?ii7Z?ii^m ^..^>7. ^ c ^— . N7kii)'s iiis>i7il3 lim 7AvU! s-m z?nl^^ M7!lIZs P7UZ77I6 77 l^s NZM7I1-N7 IS-N 7-'^!. Die sieben heiligen Sacramente. (Aus dem Hirtcnbricf des Fürstbischofs ven BrcSlau.) »N7>ll!< «'s ,(.^ .IL ,0L .^L) lchomll'^V Änu .^„llZlnT Den von Adams gefallenem Stamm als neues Individuum sich ablösenden, aus der unreinen Wasscrumhüllung des Mutterleibes hervorgehenden und darum mit der Erbschuld befleckten 'Menschen empfängt in Christi Namen der reine Mutterschooß der Kirche und gebiert ihn aufs Neue zu einem schuldbefreiten Daseyn aus dem geheiligten Taufwasser und aus dem heiligen Geiste. Wie die schwere dicke Erdenluft, die zum ersten Male in die sich entfaltenden Lungen des Ncugebornen eindringt, um die junge LebenS- flamme anzufachen, sogleich auch als schmerzlicher Wehcschrci wieder auSgestoßcn wird, wc-l der neue Ankömmling sogleich das Elend des Verbannten fühlt: so dringt im Sacrament der Wiedergeburt der heilige Geist belebend in die Seele des Täuflings, uud regt hier den ersten Pulsschlag des geistigen Lebens gchcimnifzvoll an. In dem Lallen des neuen Kindes Gottes, in seinen unaussprechlichen Seufzern vernehmen dann die Himmlischen den siißcn Ruf: Abba, Vater! (Röm. 8, 15. 26.) und die Engel, die Gottes Angesicht schauen, tragen ihn wie Wcihrauchvuft vor Seinen Thron. Darum heißt die Taufe mit Recht, waö sie ist: die Wiedergeburt aus dem Wasser, und dem heiligen Geist. Wie durch die Geburt die physische LebcnScinigunz mit der Mutter l^Eoa), so wird durch die Wiedergeburt dir psychische, solidarische Schuld, verband mit Adam gelöst; der Getaufte steht, gehalten durch die Gnade der Wiedergeburt, sittlich rein auf sich selber zu neuer Sclbftcntschcidnng, neuer Frciheitsvrobc; die Makel des Falles ist an ihm getilgt. Aber noch bleibt die Narbe und mit ihr eine empfindliche Schwäche. >^ ...... ,^ . .,,,,„ Wo für den Heranwachsenden das Leben ernster, der Kampf heißer und gefährlicher wird, tritt die treue. Mutter, die Kirche, wieder herzu und salbt mit dem Salböl der Firmung den jungen Kämpfer. Geschmeidiger werden nun seine Glieder, leichter entschlüpfen sie dem Angriffe des Feindes; des Salböls Duft kräftigt seine Lebensgeister: lauter Sinnbilder lcr im Sacramcnte wirksamen innern Gnade des siebcnkräfligen heiligen Geistes. Von der Hand t>eS Bischofs empfängt er dann noch den Ritterschlag des christlichen Streiters, und tritt nun geistig gewappnet auf den Kampfplatz, des LcKnSuhjtrKiM S7tt--G Hu-»»!! 776-7M 7Zj ,i,>Li«uö)T nz4nZkn5>i,!/:ilz 5sÄ zchnnK ?nu ::zZ Aber der Kämpfer ist doch nicht immer siegreich; die vernarbte schwache Stelle wird häufig getroffcu; betäubt und verwundet sinkt er nur zu oft unter den feindlichen Streichen bewußtlos zu Boden. An Christi Statt und aus Seinem Auftrage eilt nuu die treue Mutter herbei, bringt durch eindringlichen Zuruf den Gefallenen zum hellen Bewußtseyn zurück, läßt die empfangenen Wunden sich aufdecken, reinigt nnd pflegt sie nach Befund und Bedarf mit scharfen, ätzenden oder gelinden Mitteln, legt heilsamen Verband an und entläßt dann, den Verband rechtzeitig lösend, den Geheilten zum neuen Kampfe. Auch hier wieder das tiefste Erkennen der menschlichen Natur und ihrer Bedürfnisse! — Die nach innen eiternde fressende Wunde muß geöffnet werden im Bekenntniß, damit das Gift sich nach außen entleere. Das sicbcrisch aufgeregte Blut, das schmerzlich gegen die entzündete Wunde drängt, muß beruhigt, d. h. die Gewissenequal gehoben werden, durch objective Versicherung, durch vricstcrlichcn AuSspruch der Sündenvergebung, welche die innere Einigung des kranken Gliedes mit dem Leibe Christi uud so den ruhigen Pulsschlag des geistigen Lebens wieder herstellt. So bindet und lös't die katholische Kirche aus Christi Vollmacht im Sacrament der Buße. Allein dcr Mensch bedarf auch der Nahrung; er hat kein Genügen in sich selbst, er muß fremde Stoffe aus der Natur, seiner leiblichen Nährmutter, iu sich aufnehmen. Die Natur lebt dadurch in ihm, wie er in der Natur, und beider LcbeuSprvccß ist ineinander verschlungen, ist ein stetes wechselseitiges Sich-Hingcbcn und Durchdringcn. Ihren reinsten, edelsten NahrungSstvff bietet sie ihm in Weizen und Wein, in dcr höchsten Reife und Steigerung ihrer vegetabilischen Kräfte. — So auch dcr geistige Mensch; er selbst genügt sich nicht, kann weder sich selbst behalten, noch erhalten; er muß sich einem Andern hingeben, ein Anderes empfangen. Christus, der Erlöser, gibt sich ihm leiblich und geistig, wirklich und wesentlich, und nimmt ihn zugleich in Sich auf in dem heiligen Abendmahl untcr den Gestalten des Brodes und Weines: „Wer mich ,ißt,, der bleibt in Mir und Ich in ihm." (Joh. 6, 57.) Diese völlige Hingabe Christi an die einzelnen Gläubigen setzt aber nothwendig seine erlösende Hingabe an und für die gcsammte Menschheit voraus: der Leib, dcr gegessen, das-Blut, das getrunken wird, ist hingcgcbcn, vergossen für die Erlösung dcr Welt. Darum ist das Abendmahl mit dem Opfer ^ln'Zil ux ii!i!L d,>M^ »i7s 7lis. izi^ ^iss!7g 7ivl ckü-^zl ?!!ii llji'lt unzertrennlich verbunden; und wie das irdische Daseyn und Lebens sich selbst vor Allem opfernd wie Christus für die Gemeinde, in die Zcitfolgc verfließt, und ein Tag den andern, eine Genera-!Der geistig Zcugenve entsagt der leiblichen Zeugung wie Christus; tion die andere verdrängt, so wird täglich in der Zeit und für! seine Braut ist die Kirche, seine Familie die Gemeinde; er gehört die Zeit das außer der Zeit ein für alle Mal gültige blutige;zu den Verschnittenen um des Himmelreichs willen. (Match. 19, Kreuzopfcr unblutig wiederholt, erneuernd für die mit der Zeit! 2l). — 1 Cor. 7, 32.33.) Denn das Priesterthum des neuen strömende Menschheit das blutige, um so jevcn Pulöschlag einer ^ Bundes sollte nicht wie das in dem Geschlechte AaronS sich forttäglichen Erdumwälzung, jede TageSwclle im Zcitenstrome gleich-^ pflanzende des Alten, Eigenthum und Vorrecht einer Familienkastc, sam mit dem Opferblutc der Erlösung zu durchdringen und zu ^sondern in der Universalität des Christenthums allen geistig Bc- särben, damit der versammelten Gemeinde Christus der Gekreuzigte ^ gcibtcn und Berufenen zugänglich, und darum leiblich unvererblich als Gegenstand ihrer Liebe täglich vor Augen, sein heiliges Kreuz- seyn. Deßhalb heißt es „ein ewiges Priesterthum nach der Ord- opfcr immerfort sühnend zwischen Himmel und Erde schwebe (Ga- nung Mclchisedcchs, der, ohne Vater, ohne Mutter, ohne Ge« later 3, 1.), „nd so die Erde auch für die Himmlischen die Si° schlechtofolge, Priester war, nicht nach der Vorschrift einer flcisch- gmrtur trage, womit wir sie hicnicdcn bezeichnen: eine Kugel undilichen Bestimmung, sondern in der Kraft eines unvergänglichen das Kreuz darauf. So wiro, weil mit dem rund um die Erde ^ Lebens." (Hcbr. 7, 3. Iti.) Darum soll der Priester Alles, wandernden Tage anch das katholische Opfer in ununterbrochener! auch das Theuerste auf Erden, verlassen, um Christo nachzufolgen Folge sich um sie herumzieht, des Propheten MalachiaS alte Weis-! (Luk. 44, 26.), um, wie Er, frei von allen die Ausübung sagung buchstäblich erfüllt: „Vom Aufgang der Sonne bis zum! heiliger Pflichten hemmenden Familienbcmdcn .. Cor. 7, 33.), Niedergang ist Mein Name groß unter den Völkern, und an allen! mit Christus sagen zu können: „Wer ist mein Vater, meine Mut- Orten wird Meinem Namen cm reines Opfer dargebracht." (Ma-Ztcr und wer sind meine Geschwister?" u. s. w. (Matth. 12, 48.) lachias 1, 11.) — Aber auch das eigene Wort des Herrn:!Aber nicht entfremdet soll er hierdurch seinem Lande und Volke „Schct, Ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Welt" ^ werden, sondern nnr mit Christus um so größerer Aufopferung (Matth. 28, 20.) wird in diesem Sacrament auf eine besondere und Hingebung für dasselbe fähig. — So pflanzen denn Christi wunderbare Weise, die im Manna der Bundeslade deutlich vorge-! Sendung, Hauch und Vollmacht (Joh. 2V, 21. 22.), so pflan- bildct war, erfüllt. Unter dem Schleier der Brodcsgcstalt verbor-^zcn die heiligen Flammen des ersten Pfingstfestes in der katholi- gen, scheint zwar wie dortmals in dem sturmbcdrohlen Schifflcin ' schen Kirche von Haupt zu Haupt, von Geschlecht zu Geschlecht, i^Matth. 8, 24.) der Herr anch hier zu schlummern, so still, so ^ wie in geschlossener elektrischer Kette sich fort durch die Auflegung regungslos, so gehcimnißvoll ist Alles ringoumhcr, gleich der ein-!der Hände im Sacrament der Priesterweihe, samen Lampc vor dem Hciligthnm. Allein auch hier heißt es wie ^ Als der Vater der Gemeinde ist aber der Priester auch ihr im hohen Lubcslicde: „Ich schlummere, aber mein Herz wacht." Tröster in aller Noth, zumal in der höchsten letzten Noth deö (Hohcl. 5), 2.) Er hört alle Seufzer und Klagen seiner Getreuen, Todes. In Christi Namen sendet ihn die Kirche an das Kranken- Er hört ihren Nvthschrei, Er weiß um die Gefahr des schwan-^ bett eines jeden ihrer Kinder, das heilige Ocl der Stärkung zu kcndcn Schiffes; Ein Wort — unv Wind und Wellen gehorchen gießen in die erlöschende Lcbenoflammc. Dunkel ist'S und kalt Ihm, und cö wird wieder Friede und Stille. und öde in der Nähe deö Todes; darum Oel, welches Licht und In dem Strome der Zeit aber, der das Schiff der Kirche Wärme beschließt und sinnbildct, und Gebet, welches den Ange- trägt, gehen die Jndividueu und die Generationen unter und ver- sichts des Todes einsam Verlassenen in Gottes und guter Geister schwinden von der Erde. Darum hat das alte Wort: „Wachset! Nähe bringt. Neue Kämpfe, ungeahnte, gibt es hier mit den und mcbrct euch!" seitdem der Tod dazwischen getreten ist, für die auflösenden Kräften der Natur, mit den feindlichen des GcistcrrcichS; Erde die Bedeutung erhalten: Wachset und ersetzet euch! Gerade! darum noch einmal eine Salbung für den christlichen Athleten. — das geschlechtliche Verhältniß aber ist in den Fall der Menschheit! Der Kranke genes't oder er stirbt, je nach Gottes heiligem Nath- aufS tiefste mit hineingezogen und verschlungen, wie die gräulichen schlusse: in beiden Fällen hat ihn die trcne Mutterhand der Kirche Ausartungen desselben bei allen Völkern zeigen. Deßhalb bedürfte entweder zurückgcleitet von dem dunkeln Thore des Todes oder ihn in dem Werke der Erlösung die Quelle der geschlechtlichen Erneue-! hindurchgeführt in ein anderes Leben, wo sie ihn auch dann nicht rung eines besondern höher» Schutzes und Segens, einer beson- vergißt, sondern immer noch mit ihren treuen Fürbitten und dern Heiligung, damit alle Gefahr der Entartmig möglichst bcsci- Segnungen ihn begleitet. tigt, der Vercinignng ein höheres Mittel und Band als das der l Das ist in wenigen schwachen Zügen — (denn wer vermöchte gefallenen Natur gegeben und für die höheren Pflichten des gott-/diese heiligen Geheimnisse der erlösenden Liebs ganz auszuforschen ähnlichen Bcrnss der Menschenbildung höhere göttliche Gnade und^und ciuözusvrechen?) — die Bedeutung der sieben heiligen Sacra- Kraft verliehen werde. Deshalb erhob Christus die Ehe in seiner mente, in deren Besitz und Spendung die katholische Kirche allem Kirche zum Sacrament, indem Er sie durch des Apostels Mund Spotte und Widersprüche zum Trotz mit ruhiger Sicherheit sich zum Abbild seiner heiligend.» Verbindung mit der Kirche erklärte; behauptet, getragen durch die allmächtige Kraft des göttlichen Ge- und von da an ist jedes Braut- und Ehepaar, in welchem sich berS und durch den kindlichen Dank der Millionen treuer Empfän- dicseS Abbild rein darstellt, ein ehrwürdiger, rührender Anblick für ger, die da wissen und täglich von Neuem inne werden, welche Engel und Menschen/ j reiche Quellen unaussprechlichen Trostes und Heiles ihnen hier Nicht bloß eine leibliche Zeugung aber gibt'S, sondern anch geöffnet sind. Zwar fließen diese Himmelsguellcn durch menschliche eine geistige, »nd durch diese, in der göttlichen Annahme an Kin-^Canäle als ihre Träger; aber die göttlichen Gaben sind der Will» dcsstatt vorgebildet, werden geistige Kräfte und Vorrechte geistig kür menschlicher Thätigkeit eben so entrückt, wie in der Natur die übertragen und fortgepflanzt zum Dienste der Gesammtheit. Der befruchtenden Einflüsse der Sonne, des Thaues und NcgcnS, und sie Empfangende, diesem Dienste sich Widmende leistet aber dafür sind darum an sich unabhängig von der Würdigkeit des zeitlichen auf die Ausübung niederer Kräfte und Rechte Verzicht, um ungc-! Spenders, dessen eigene Armuth GottcS Reichthum nicht beschrän- tbcilt und leiblich wie geistig frei für sein heiliges Amt zu lcbcn/ken und das Anrecht des empfangenden Gläubigen, der hier der Gläubiger des Priesters wird, nicht verkürzen kann. Das ist das sogenannte opus opsratum, d. h. die göttliche, dnrch sich selbst geltende That. In dem Empfänger aber fordern die Sacramcnte nicht minder, wie der zu befruchtende Acker: emsige Vorbereitung, reges Verlangen, demüthiges Empfangen, treues Bewahren. Und das ist das opus operinitis, d. h, die Mitwirkung mit der Gnade. Gewiß eine vor aller Vernunft sich rcchtfertigenve, und doch so oft mißverstandene und gelästerte Lehre! — Besonders merkwürdig aber ist es auch, daß die vier Dinge, die den Menschen dem Thiere am nächsten bringen: Geboren werden, Essen, Zeugen und Sterben, durch die in der katholischen Kirche daran geknüpfte sacramcntalische Gnade ihn am höchsten über sich selbst himmelwärts erheben, so daß in dieser göttlichen Hcilsökonomie dieselben Ketten, die ihn zum Sklaven der Natur knechten, durch die Gnade gebrochen und veredelt, als Ehrenzeichen aus der Brust des frcigewor- denen Kindes Gottes glänzen. So reich an Weisheit und Erbarmung, so erfinderisch ist die erlösende göttliche Liebe, Wie sie sich in der katholischen Kirche offenbart I Das tausendjährige Jubiläum zu St. Georgenberg in Tirol. 5 Vom Lech. Am 29. des vorigen Monats ging in dem Nachbarlande Tirol, zu St. Gcorgcnbcrg, eine seltene religiöse Feier, daö tausendjährige Jubiläum der dortigen Wallfahrt zu dem Bilde der schmerzhaften Gottesmutter unter der Linde, zu Ende. Ratholv, ein bayerischer Ritter von Aibling, hatte sich um die Mitte des neunten Jahrhunderts in die Einsamkeit zurückgezogen, und in der Nähe von Schweiz eine Höhle in der fast unwegsamen Thalschlucht zu seiner Wohnung gewählt, wo er nach mchrcrn Wallfahrten nach Rom und Campvstcll ein Bild der schmerzhaften Mutter Maria unter einer Linde aufstellte, bald aber eine Capelle darüber errichtete, und als Priester die hl. Geheimnisse den dort sich versammelnden Bergbewohnern feierte. Mehrcrc andere ihm gleichgcsinnte Männer bauten sich Einsiedeleien um die seinigc herum, und als diese Wohnungen dem Andränge der frommen Pilger nicht mehr genügten, beschloß man einen größern Bau auf einem benachbarten, über 359 Fuß den unten vor- bciflicßenden Wildbach überragenden Hügel auszuführen, der auch bei wunderbarer Leitung von Oben und unter freundlicher Beihilfe der benachbarten Ritter von SchlitterS, Frcundsberg und Seebcn, die gleichfalls für sich selbst dort Wohnungen erbauten, zu Stande kam. Da der Gründer seine erste Capelle dem hl. Georg, dem Kirchenpatron seines Geburtsortes gewidmet hatte, so erhielt dieser Ort den Namen St. Georgcnberg. Als Rcginbcrt, ein Ordenöpricster des Benedictinerstiftcs Ad- mont, dann Abt zu St. Peter in Salzburg, im Jahre 1125 Bischof zu Briren geworden war, gestaltete er die Wohnungen der Ritter auf St. Georgenberg in ein Kloster um, und gab den damaligen Bewohnern die Regel des hl. Benedict, welche Anordnung von Papst Jnnocenz II. im Jahre 1138 bestätiget wurde. Als aber diese Abtei, nach mehrmaliger Zerstörung durch Brand, auch von andern Unglücksfällen heimgesucht worden war, entschloß man sich nach dem vierten Brande im Jahre 17l)5 das neue Kloster nicht mehr auf dem St. Georgenberg, sondern in dem eine Stunde entfernten, am Fuße des Berges gelegenen Ficcht zu erbauen, jedoch blieben auf dem St. Georgcnbcrge immer mehrere Ordcns- pricstcr aus dem Stifte Fiecht, um den geistigen Bedürfnissen der Wallfahrter zu genügen, die stets in großer Anzahl den St. Georgenberg besuchten, wenn gleich jetzt nicht mehr, wie früher, ganze Pfarrgemcindcn aus 4 BiSthümcrn mit dem Kreuze dorthin wallfahrteten, unter welchen in vorigen Zeiten alljährlich auch die Bewohner von Aibling sich befanden. Nachdem seit ein paar Jahren von dem gegenwärtigen Kisten Abte in Fiecht, Pirmin, die Uebcrrcstc der ehemaligen Klostcrgc- bäude wieder sehr zweckmäßig erneuert, und für die Bequemlichkeit ärmerer Wallfahrter ein ganz neuer Bau hergestellt war, beschloß dieser eifrige Beförderer der Ehre GotleS und des Seelenheils seines Mitmenschen, in diesem Jahre das Gcdächtnißfcst des tausendjährigen Bestandes der Wallfahrt auf dem Gevrgenbcrgc zu feiern. Er hatte hierzu von Sr. Heiligkeit dem Papste Gregor XVI. einen vollkommenen Ablaß erlangt, und nachdem durch die wohlthätige Theilnahme der Nachbarschaft die Kirche mit mancher neuen Zieide versehen, und besonder^ auf dieses Fest einfach ausgeschmückt worden war, begann die Jubiläumsfeier am Sonntage den 20. Nachmittags mit einer feierlichen Proccssion, bei welcher daö Aller- hciligste von dem hochwürdigstcn Abte in Begleitung einer zahlreichen Volksmenge aus der Stiftskirche in Ficcht hinauf auf den St. Georgcnberg getragen wurde. Auch Se. Erccllcn; der Herr Gouverneur, Graf v. Brandts, begleitete zur allgcmcincu Erbauung diesen ersten Wallfahrtszug, und wohnte noch der darauffolgenden Eiöffnungsrcde des Herrn Prälaten, und der musikalischen Litanei bei. Nachdem so die Feier ihren Anfang genommen hatte, wurde selbe durch die neun folgenden Tage in der Art fortgesetzt, daß täglich von Morgens 3 Uhr an die Beichtväter den unzähligen Wallfahrtcrn ihre Dienste widmeten; um 6 Uhr war das erste Hochamt, wobei das Allerhciiigste ausgesetzt wurde, das bis zum Schlüsse der Nachmittagöandacht ausgesetzt blieb. Um 8 Uhr wurde die erste Predigt, dann das feierliche Hochamt gehalten? um 2 Uhr war die zweite Predigt, dann die Abbetung des heil. Rosenkranzes und eine feierliche Litanei. Abends halb 8 Uhr wurde der Tag mit abermaliger Abbetung des hl. Rosenkranzes vor ausgesetztem hochwürdigsten Gute beschlossen, aber die Beichtväter rienten noch den unzähligen Büßern bis fast zur Mitternacht. Doch der fromme Eifer der Wallfahrter ließ sich nicht aus der Kirche verdrängen, welche die ganze Nacht über mit Besuchern angefüllt blieb. Täglich kamen auch mehrere Gemeinden in zahlreichen Krcuzzügen mit ihren Seelsorgern an, und am Sonntage den 27. Juli bezeugten die Bewohner von Aibling durch ihr Erscheinen, angeführt von ihrem würdigen Seelsorger, daß sie des frommen Rathold, ihres ehemaligen Mitbürgers, noch nicht vergessen hätten, und kehrten, erbauet durch die salbungsvollen Worte ihres Seelen- Hirten, und gestärkt durch den Empfang der heil. Sacramcnte der Buße und des Altars wieder in ihre Hcimath zurück. An demselben Tage hiclt das Pontisicalamt Sc. Gnaden der Hr. Prälat des CistercienscrstifteS Stams, und sprach am Nachmittage Worte der Erbauung zu der in der Kirche versammelten, dichtgedrängten Volksmenge. Am letzten Tage den 29. Juli feierten Se. Gnaden der Hr. Prälat des Prämonstratenscrstiftcs Wildau das Pontifical- amt, und beschloß am Nachmittage mit der letzten Predigt und darauffolgenden Litanei und dem feierlichen Te Deum, dem sämmtliche anwesende Priester beiwohnten, dieses religiöse Fest. Auö Nähe und Ferne war eine nnzählige Volksmenge herbeigeströmt, und die Zahl der Communicanlcn, nur auf St. Georgcnberg, überstieg 24 Tausend; Viele aber hatten schon in den benachbarten Kirchen, oder vor ihrer Abreise in ihrer Hcimath die heil. Sacramcnte empfangen. So war dieses Jubiläum wohl ein wahres Freudenfest für Himmcl und Erde, und Unzählige werden, ausgesöhnt mit Gott, und mugcstärkt zur Tugend und Frömmigkeit, den St. Gcorgen- bcrg verlassen haben; auch hatte man, bei dem Zusammenflüsse einer so unzähligen Volksmenge, doch weder ein Unglück noch einen störenden Exceß zu beklagen, und so möge der fromme Urheber dieser seltenen Feier und seine religiöse Genossenschaft noch ferner die Früchte all des Guten genießen, das gewiß so viele fromme Gebete über sie herabgcflcht haben; aber auch die eifrigen Priester der Umgegend, die mit solcher Aufopferung und freudiger Bereit Willigkeit sich der so anhaltenden Anstrengung einer solchen Feier unterzogen, werden des Segcnö von. Oben nicht entbehren; endlich wird auch die ganze hl. Kirche, für welche nach der Meinung des hl. Vaters zur Gewinnung des vollkommenen Ablasses von so unzähligen Zungen gebetet wurde, bei diesem Feste nicht leer ausgegangen seyn, sondern bei ihren schweren Anliegen, besonders in neuester Zeit, auch in dieser Fürbitte wieder eine mächtige Stütze gewonnen haben. Ein Augenzeuge dieser Feier. n,ck pii? ^U5ni5 IckiZiF ni z^lit^IiilT 7? ? duo zgmi!i5?I?5L mchnr 77zH 71 Ave Wtaria! Gegrüßt seyst Du Maria!! - .'!.„,il^ijui:. 7ZÄ SMv,»zt/M^ lm,H zckZ75i.ttm-n>.Ä mZnzg Makellose HimmclSrose, . > I.'t^Zkt??, 't7>L zzOAiy gepriesen-^llZ^Ioi nu?u z-Z cklni »Zlz's "nzgil^ini.' nz4 rZiizvtchgM,e»j>jr ^Itt L dni^^E m? Ki^i)t Von der Engel mus di'! SvS tSHjgW^ MozMi^IIiL doÄ i,-Zvm .imvchoy 8 mU .ilzil-Z t^,y^un tchoSuL^^iittim-dlisd 7ZS >/s>u!chL) Ewig soll mein Herz Dich lieben, -- .'Z Zi: ^rud- Nimmcrmel'r Dich je betrüben, Nenn' auch mich nn„ Deinen Sohn, -c-uo 7ili7Z<.'/) lim 7-jis ?.c>! ,cy mcmcr Licbc Lohn! — 7,Io«Ichi,ll! Zia 7z?c> .nzss?Ichsz6 z!uG n,is^^7n«ch'^I nn^zys .tchon7,I!iM s,^ d^.^7AjM nztzil^nu ms Hon N'ililzjl 7>l duv -<öi-i -dls g,il WWWM'« 'mim-', 7,Ä choT ^10 N7,chu',z^ lim 7Z4Ü H/^-M^cl zchizv- . n,gnÜ7Ä7Zc- zchM ^ »1,71^ ni niÄniZMZÄ ZZLMM nzmo? . ZÜ.'.I.NZ^I^! Zt7oM i^kttimchvsi? mr/ÄteerchlhAir.-, >5irwiT sz^js,7^n,jz:,s,jZ N,ttzNi>7?^!chiZ ,N,II,MNMPtS,^Ms7Z!l ni 7Zt ux g-luuoäiZ 7Z(t nzsonT .ZÄ N,t7,i,', i!" »wifil-ivP So? uoaliW cMsi7z',n,!c7!',nom^(k tvünP .77üj! Slclle Tcincnr Sobn ui.S vor. ?er aus Allen Dich erior! - - . ^7ZL .tr>^T z^inttsg . Lnntiz7zS7^ -öW^-^F'Äs^Mt-'/i t(dm !tnU .N,7^.(^G «?nKM^MiMlN- .N,ßN.l7,T .-^7 .-SonG 7ZS tim k"»^i'^Mt Du ^u«e,i!litlL70Z-ln^il?iiHliMaÄiieivjskiiin7Zr,s,7ZLgim tio m, ö, ljt 7^0 -lnu NZLU,3 >n'/s,Y '"MÄgAMeA rn^ni-d ii-sschü,. mo Z7Z^T zNqüsiZzg NN70Ä -ch-is^nMMi^ 7,2 ni ziÄ ^7uj .n,'l7?iS U'ir.mizmmis! st->I?^ Immerdar N(I, !^r,nG sid'fiIritn7Mli7Zvs Wir nach Deinem Sohn mn meisten Dir die Wicht der Kleisten. -7(imzxj„is c,? >M» si-r- 2?v ,tl,ck,7Z'.' Ämi mck D.ch '.-crehr^ K-i hren Dir uns weih'n Dinker,ul.-e Kmder ,eyn. Sieh' mit Güte Aus d e Blüthe Deiner Binder, Die mit Freud' I hm Dich verehr'n in z'löigiw snl.II,', ,MshyU>Ä ,!T nx .wi! ,?5NA 7?Z 7,tN,/' 7^!l-!,:!^tt-,V ,l,!,^7,mck', '^^-M n-z? Mi- chij .gniMS noe n!M 7,ck!i7, y«6. ni, . S^iÄ zj!t ni d!7^n!ch76nL nztnuzn b,ck sttiM zi>t" -,», t'ins 7,Z ni zli!ü^ Ztt^ir.m'HZ^i-0^?Si^ Dänemark daS Eldorado seyn, von welchem die Poeten geträumt knicen die Priester Des Herrn, gewohnt, sonst andern zu predigen dießmal, um sich predigen zu lassen. Und was hören sie? Nichts Unerhörtes und Neues; was sie selbst schon wußten, bedachten und andern predigten, das vernehmen sie. Sie betrachten die Bestimmung des Menschen, die Bestimmung des Priesters, die Sünde in ihrer Natur und in ihren Wirkungen bei jedem Menschen und bei dem Priester insbesondere, das gräuliche Vergehen haben, während eS jetzt daS prosaischste aller Länder ist, dessen Bewohner, gebeugt unter das Joch der scandinavischen Pritchard, keine größere Seligkeit kennen als Essen und Trinken. Ich kann Ihnen alle diese Gesetze nicht wörtlich anführen. Zum Theile kennen Sie dieselben schon aus jeuen Christians V. (1683) und Christians VII. (1766), die ich Ihnen früher mitgetheilt habe, und Sie erinnern sich wahrscheinlich noch, daß nach einer sacrilegischcn Messe, des Priesters Reinigkeit, den laue» diesen Gesetzen, welche noch in Kraft sind, die Katholiken keine Priester, den Tod, das Gericht, die Hölle, und insbesondere die-freie Ausübung ihres Cultus genießen und Geistliche, Mönche Hölle des verworfenen Priesters, das Brcoicrgebet, das Leben des Priesters nach dem Geiste Jesu, den Eifer, die Bcichtanstalt, Die Beharrlichkeit zc. Aber cS ist etwas ganz anderes, über diese Gegenstände für sich nachzudenken, mehr gelcgcnheitlich, und etwas anders, acht Tage lang, entfernt von allen übrigen Geschäften — ununterbrochen von dem Allcrwichtigsten zn hören und damit mit ganzer Seele sich beschäftigen, zu hören von einem Manne, der nicht in gesuchten Worten oder Floskeln spricht, aber dasür in den einfachsten Worten den Anwesenden die Blitze der Wahrheit ins Angesicht schleudert. Gerne ließ jeder sich nkderschmettern, um als ein im Feuer der Buße gereinigter Paulus auszustehen und mit dankbar gerührtem Herzen küßte jeder im Geiste dem guten Vater die Hand für die geschlagenen Wunden, weil er auf sie ;u- uud Jesuiten sich im Lande nicht aufhalten dürfen. Jesuiten namentlich, die trotz dieses Verbotes im Lande sich betreten lassen, sollen geköpft, es soll ihnen der Kopf vor die Füße gelegt werden, wie das Gesetz sagt. Ich will mich daher für jetzt darauf beschränken, der bedeutendsten dieser Gesetze zn erwähnen und die hervorstechendsten Bestimmungen derselben heraus zuhebcn. Der größeren Klarheit willen scheint cS mir jedoch nothwendig, einige Bemerkungen über die dänische Kanzlei und die dänischen Kolonien in Wcstindien vorauszuschicken, von denen oft die Rede seyn wird. Die dänische Kanzlei ist das erste und bedeutendste der Ministerien, unter welchem die gcsammte innere Verwaltung, die bürgerlichen und religiösen Angelegenheiten des eigentlichen Däne« gleich auch so heilenden Balsam zu legen wußte. Vom Mittwoche Quarks, das heißt der Inseln und Jütlandö stehen, und welches an war Allen Gelegenheit gegeben, eine Beicht über ihr ganzes! mit Ausnahme Der Finanzen und auswärtigen Angelegenheiten bisheriges Leben abzulegen. Alle Falten DeS HerzenS waren weit! alle Attribntioncn der übrigen Ministerien in sich vereinigt. Der ausnnandcrgcrisscn und es wurde somit leicht gesehen, was man sonst vielleicht nie bemerkte und Alles — Alles ausgeschüttet. O wie süß ist cS, zu den Füßen des Beichtvaters zu liegen, wenn die Herzen so zubereitet sind! Am Samstage celebrirtc der Hochwllrdigste Herr Bischof die heilige Messe, unter welcher alle Ercrciiantcn die heilige Communion empfingen, und hielt die Schlußrede. Hochdcrsclbe war innigst erfreut und gerührt über die große Anzahl der Theilnehmer. „l^cee ciuam donuni et cruzin ^'ueunclum, Iraditaie lratres iir Jeder. Solche Tage sind Tage, War auch nur Einer unter uns, Der sie nicht Zeitlebens segnen wird? Ich gestehe, ein heimliches Heimweh beschlcicht mich, so oft ich au Hirschberg denke. Und doch bin ich anch wieder so gerne unter den Meinigen und arbeite neu belebt uud ncngestärkt in meinem Berufe. Gott erhalte die schönen Vorsätze, die gemacht worden. Verehrte Brüder, wir haben sie mit cinmüthigcm Herzen gemacht. Laßt uns einander beim Worte nehmen und uns zurufen: Ja das haben wir in Hirschbcrg miteinander ausgemacht, wenn auch, ohne ein Wort miteinander zu sprechen — treu unserm erhabenen Berufe in heiliger Liebe uns zu opfern zur Ehre Gottes für das Heil der unsterblichen Seelen. Einer der Excrcitantcn. Chef der dänischen Kanzlei ist der erste Minister des Königs, also die erste Person im Staate. WaS die dänischen Kolonien betrifft, so bestehen diese in drei kleinen Inseln von den Antillen, von welchen St. Thomas die bedeutendste ist, in einer Factorci an Guinea und in einer zweiten Factorci im cngli- Die Katholiken in Dänemark. ( Kathel.k.) Kopenhagen, 15. Juli. Wenn wir die Gesetze, Verordnungen und Nescripte überblicken, welche von der dänischen Regierung nach und nach gegen die Katholiken erlassen worden sind, so bcläuft sich die Zahl derselben auf wenigstens fünfundzwanzig. Fünfundzwanzig Gesetze in ohngcfähr einem und einem halben Jahrhundert zeugen gewiß von dem Eifer der Regierung für das der Küste von scheu Indien Von allen diesen Gesetzen nun ist nur ein einziges den Katholiken günstig, jenes vom 11. März 1682, welches die Ausübung unum." DaS fühlte gewiß! der katholischen Religion in der Stadt Friedcricia in Jütland die der Herr gemacht hat. > tolerirt. Es hatte nämlich zu dieser Zeit der Handel eine große Menge Fremder dahin gezogen. Sie dürfen sich indessen über den Begriff, welchen daö Wort Toleranz hier hat, nicht täuschen. Toleranz bedeutet hier nicht, daß jeder Einwohner von Friedcricia oom Protestantismus zur katholischen Kirche zurückkehren, oder daß ein Katholik, der eine dänische Frau gchcirathet, seine Kinder in seinem Glaubcn erziehen kann; Toleranz bedeutet hier bloß, daß die Regierung den Katholiken cS erlaubt, eine Capclle zu besuchen, die sie auf ihre Kosten erbaut haben, daß alle Kinder aus gemischten Ehen lutherisch werden müssen, und daß kein katholischer Priester außerhalb der Capclle eine Ceremonie verrichten oder in seinem geistlichen Kleide erscheinen darf. Durch die Verordnungen vom 2. Juni 1773 und vom 20. Sept. 1754 ist die Wohlthat dieses Gesetzes auch auf die Westindischen Kolonien ausgedehnt worden, unter dem Vorbehalt jedoch, daß nie ein Jesuit den Boden derselben betrete. Durch ein neueres Gesetz vom 4. Dcc. 1816 sind diese Bestimmungen bestätigt worden. Ein Decrct der dänischen Kanzlei von 1780 spricht den Zweifel aus, ob wohl überhaupt katholische Kinder in lutherischen Kirchen getaust werden könnten, wenn die Eltern sich nicht dazu verpflichten wollten, sie im evangelischen Glauben zu crzichcn. Später erschienen jedoch zwei Verordnungen, die eine am 20. Sept. 1793, die andere am 17. Januar 1806, welche bestimmten, daß die Taufe dcn Katholiken nicht versagt werden sollte, sie müsse jedoch nach lutherischem Ritus gespendet werden. Durch die Verordnungen vom 4. Juli 1795 und vom 6. Sept. 1808 erlaubt die Kanzlei dcn Katholiken das lutherische Abendmahl zu empfangen, sie ertheilt die Erlaubniß, wie dort gesagt wird, ohne dazu zu verpflichten, wenn ein Katholik gefährlich krank ist. In diesem Falle soll der Prediger dem Kranken dcn Unterschied der katholischen und lutherischen Lehre in Bezug auf Beichte und Abendmahl erklären, — man muß gestehen, daß der Augenblick vortrefflich gewählt ist, — und ihn besonders auf die Folgen Dieser seiner Communivn aufmerksam machen. Mehr als Einer unserer Bruder ist aus Schwachheit diesem heuchlerischen Gesetze schon erlegen. Die armcn Leute wollten nämlich, wenn sie wieder gesund geworden waren, wie früher zur katholischen Kirche zurückkehren; allein da hieß es Halt! Ihr seyd keine Katholiken mehr, Ihr gehöret zu uns; denn Ihr habet das Abendmahl nach der wahren Lehre empfangen. Mochten sie auch auf ihre Unwissenheit, ihrcn KrankhcitSzustand und ihre geschwächten Geisteskräfte sich beruf,n, Alles half nichts, die Ncubekehrtcn geborten von Rechtswegen der Staatskirche an. In demselben Jahre, am 31. December 1808, erschien noch ein Nachtrag zu diesem Gesetze, welcher dcn Pastoren aufgab, dcn Katholiken vorzustellen, daß selbst nach katholischer Lehre der Empfang dcS katholischen Abendmahles nicht nothwendig sey zur Erlangung cincS seligen Todes. Man benutzte also nicht allein die Beängstigungen der Krankheit, um dcn schwankenden Glauben eines Katholiken zum Falle zu bringen, sondern versuchte auch noch die etwa Wider- spcnstigcn mit ihrcn cigcncn Waffen zu schlagen. Die Verordnung vom 13. Mai 1720 gewährt einzig und allein dein lutherischen Pfarrer das Richt Brautleute verschiedener Religion zu trauen. Es ist jedoch bei solchen gemischtcn Ehen dcn Pastoren ausdrücklich vorgeschrieben, sich von dem katholiftbcn Theile einen in die Pfarrbüchcr einzutragenden Act geben zu lassen, durch welchen der katholische Theil sich feierlich verpflichtet, alle Kinder in der lutherischen Religion zu erziehen. Die Verordnungen vom 14. December 1748 und vom 30. April 1824 verbieten es den katholischen Priestern strengstens ohne besondere Genehmigung der Kanzlei eine Trauung vorzunehmen. Durch Verordnung vom 18. Mai 1827 sind jedoch die Westindischen Kolonien von dieser Bestimmung ausgenommen. Das Gesetz vom 22. Dctobcr 170 t gcbictct dcn bürgerlichen und geistlichen Behörden alle ans gemischten Ehen entsprossenen Kinder zu überwachen und bcsonrcrs dafür zu sorgen, daß die lutherische Gatlin durch die Einflüsterungen ihrcs Mannes nicht vom wahren Glauben verführt werde. Nach dem Ritual der evangelisch-lutherischen Kirche durfte früher kein Katholik nach dcn Vorschriften ihres Cultus beerdigt werden. Seitdem die Regierung jedoch für mehrere Orte besondere Privilegien ertheilt, hat die Kanzlei es sür angemessen erachtet, durch ein Gesetz vom 26. November 1616 dcn Predigern zu erlauben, auch die Katholiken zu begraben und eine Handvoll Erde aus ihre Särge zu werfen. Unsere beiden hiesigen Geistlichen, die Caplänc der österreichischen Gesandtschaft, dürfen bis jetzt dem Leichenwagen nur in bürgerlicher Kleidung folgen, sie dürfen bei einem Begräbnisse kein Krcnz vvrantragcn lassen, keinen Chorrock anziehen, unv müssen aus dem Gottesacker die üblichen Gebete so schnell als möglich verrichten. Voll Eifer und Liebe spenden sie inocsftn die Sacramcnte der Kirche Armcn und Reichen ohne Unterschied, ohne etwas dafür zu fordern, und der Fall ist noch nicht vorgekommen, daß ein Katholik von einem Prediger beerdigt worden wäre. Wenn wir indessen in Dänemark so gedrückt sind, so liegt die Schuld zum Theile an uns selbst. Würden einmal alle Katholiken in Kopenhagen eine Petition unterzeichnen und diese Petition von den Repräsentanten der katholischen Mächte unterstützt werden, so würde das die Minister wohl zu einigem Nachdenken bewegen. Früher unterstützten Frankreich und Spanien überall die katholische, Kirche mit ihrem Einflüsse, und diese beiden Mächte besaßen in ihrem GesandtschaftShütcl zu Kopenhagen eine Capclle. Seit dem Jahre 1830 indessen haltcn es die französischen Gesandten in Dänemark für überflüssig, eine heilige Messe zu hören, und der Geschäftsträger Ihrer Katholischen Majestät hat die Paramente ur>d heiligen Gefäße der spanischen Capclle unter Schloß nnd Riegel gelegt. So auf unsere eigenen Kräfte b schränkt und von allen Mächten, mit Ausnahme Oesterreichs-) verlassen, müssen wir unter der Wucht solcher Gesetze erliegen und es haben sich seit fünfzig Jahren unsere Kirchen mit jedem Tage mehr gelichtet. Nur ein Hoffnungsschimmer leuchtet unö noch. Wenn nämlich die Frage von der religiösen Freiheit zu Gunsten aller protcstirendcn Scctcn, eine Frage, die von der dänischen Presse schon mehrfach erörtert wordcn ist, vor die Ständeversammlung gebracht wird, so wird die Regierung trotz der Pastoren wohl Concessionen machen unv nach Norwegens Beispiel die religiöse Freiheit gewähren müssen. Italien. Rom, 2. Aug. Schon als Prälat entwarf der Papst dcn Plan znr Abhilfe eines Bedürfnisses in dem historischen Theil der Theologie, das zwar früher schon oft als solches aufgezeigt ward, wobei es aber beim Besprechen blieb. Er dachte dabei an die Beschaffung eines allnmsasscndcn, von jeder confcssioncllen Verschiedenheit der Parteien abstrahircnden Panovlions aus Quellen gesammelten theologischen WisscnS. Seitens der O.uellcn, auf gcschichtlichcm Grunde basircnd, sollte es somit alle wahrhaften Elemente der Kirchcngcschichtc, biblischen und patristischen Hermeneutik nnd Exegese, Literatur, Liturgik, Pädagogik, kirchlichen Archäologie, Ka- nvnistik, praktischen Theologie im engern Verstände, wo es nöthig in genetischer Entwicklung, sonst überall in der Form dcS an sich bieten. Dieser Gcsammtapparat von Wissenschaft wollte in seinen Enden das kirchliche Dogma anzeigen, ohne aber die Momente desselben zu erhärten. Der Ruf zu höhcrn Ehren und die damit überkommenen Geschäfte waren der Ausführung des Vorhabens nicht günstig. Das änderte sich zum Bessern nach der Besteigung des Stuhls Petri. Ein vom nunmehrigen Papst hochgeschätzter Hofbeamter, der Kavalier Moroni, nahm dcn Plan auf und verwirklicht ihn im Verein mit dcn auSgczcichnctstcn Thcologcu und andern Fachgelehrten, nicht ohne Mitwirkung seines Urhebers. Somit erscheint ein Werk dcS Titels: „Dixionario cli eiucii/ione storioo - eoelegiastiLSl da 8sn ?ieti-o sino ai noslii tc-mpi," das, ans ctwa 35 starke Octav- bände berechnet, schon halb vollendet ist. Keine uns bekannte Literatur besitzt einen ähnlichen Schatz für die Fachthcolvgic; merkwürdig durch seincn wahren Autor und von seltener Vollendung durch die darauf verwendcicn geistigen Mittel. l^A. Z.) ') Das Gott dafür segnen wolle. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Krem er. -5 ^»gs ' ^ei/., New-Zjork, 22. Mai 1845. Sie wissen gewiß in Frankreich, das; hier mehr als 15,0dl> Franzosen leben, von welchen mindestens die Heilste aus sehr wohlhabenden Handelsleuten besteht. Alle diese braven 5!cnle suchcn sich fortwährend mit dem Mutter- lande auf gleicher Linie zu erhalten und nehmen jede Ansicht, die aus Frankreich ihnen zukommt, wie ein Evangelium an. Nun aber lesen sie kein anderes französisches Blatt als den Courricr des EtatS^unis, eine zn Ncw-Zork erscheinende und von dem Verfasser dcö Tour dc Ncsle Herrn F. N. Gaillardct rcdigirtc Zeitung. Schon daraus können Sie den Geist dieses Blattes bemessen, das sich zwar rühmt ein Echo aller Parteien zu seyn, in der That aber nur die bissigsten Artikel des Su'clc und National gegen die katholische Kirche aufnimmt und in seinen Feuilletons den ewigen Juden und die Königin Margot veröffentlicht. Tiefes unselige Blatt liegt auf allen französischen Tischen, die Damen vcrscblin« gen seine Romane, die Männer lesen seine politischen Artikel, die nur von JcsuitismuS und den Schändlichkeiten der berüchtigten Societät faseln, und die Besseren verhüllen sich das Haupt und schämen sich, daß sie einer Religion angehören, die solche Böscwichtc duldet. An das Univers gerichtet und vom Katholik übersetzt. Indessen ist der religiöse Zustand der französischen Bevölkerung jetzt dvch viel befriedigender, als er vor einigen Jahren war. Damals hatten wir hier wahrhaftig eine Hcerde ohne Hirten. Die Männer dachten an nichts als ihr Glück zu machen, keineswegs aber an ihr Seelenheil, und die Frauen, die aus Frankreich noch gute Gesinnungen mitgebracht hatten, verloren sie in Amerika, weil sie dort keine Nahrung fanden. Es gab wohl katholische Kirchen, allein weil dort englisch gepredigt wurde und man sich bei einer Predigt langweilte, welche man nicht verstand, versäumte man es auch in die heilige Messe zu gehen. Die Kinder, besonders jene der a bcirendcn Classe, besuchten die protestantischen Schulen und ihre strafwürdigen Eltern dachten nicht einmal daran sie zur heiligen Commnuivn zu führen. Es herrschte mit einem Worte unter unscren Landslcuten in religiösen Dingen eine förmliche Auflösung. Im Jahre 18ä2 kam indessen der Hochwürdigstc Bischof d c Jorbin - Janson nach Ncw-Aork und hier wie überall waren seine Schritte von guten Thaten begleitet. Der Vinccnz von Paulo der chinesischen Kindheit versammelte die vornehmsten Franzosen um sich und redete ihnen zu, bis ihnen vor Scham das Blut in das Gesicht stieg, dasz sie noch keine eigene Kirche hätten. Nun bot der Generalkonsul die Hand, selbst der Courricr des Etats- uniS unterstützte vom Standpuncte der Nationalität aus die Sache, cine Snbscriptiou wurde eröffnet und darauf ein Grundstück angekauft und die Arbeiten begonnen. Seit zwei Jahren ist jetzt diese Kirche fertig und dem Cultus übergeben, und der würdige Abbl- Lasont ist Psarrcr derselben, ein Priester, der sich mit Leib unv Seele seiner Aufgabe widmet und an die Lösung derselben sein Leben setzen wird. Lebendige Christen sind zwar unt.'r seinen Schafen noch wenige, allein cö ist doch schon wenigstens unter den Franzosen znr guten Sitte geworden, Sonntags in das Hochamt zu gehen. Die Damen erscheinen dort in ihren elegantesten Toiletten und ihre Männer begleiten sie regelmäßig dahin. Auf dem Heimwege wird nun zwar die Predigt kritisirt und vielleicht nicht kurz und schwunghaft genug bciunden; — für diese Herren müßte man zum mindesten Bossuct wieder erwecken, — allein das Wort Gottes, welches Abbo Lasont mit einem Eifer, einem Tacte und einer Salbung ihnen verkündet, welche Bewunderung verdiene», geht an diese» Gemüthern doch nicht spurlos vorüber. Der Gottesdienst wird mir vieler Würde gehalten und es ist der Grc- gorianijchc Gesang cingcsührt worden, eine Erinnerung an das Mutterland, wclchc hier cine sehr heilsame Nencrung ist, denn in allen katholischen Kirchen Englands, Irlands und Amerika'S hört man nichts als Opcrncmcn, die von Männer- und Frauen-Chören gesungen werden. Sie können sich cinc» Begriff von der angestrengten Thätigkeit unseres Pfarrers machen, wen» Sie bedenke», daß seine Pfarr- ki»der in einer Stadt zerstreut sind, die großer ist als Paris, und daß er außer der Vorbereitung ans seine Predigten, den zweie» Messen, die er liest, den Beichten, die er hört und außer den übrigen gottcSdicnstlichcn Verrichtungen auch noch seine Kranken in diese», weiten Raume besuchen mnß. Doch Abbv Lasont hat auch noch cine Schule gegründet und ist dabei von der Voraussetzung ausgegangen, daß man nur dann wahre Gläubige habe» könne, Wenn sie von Jugend auf zur Religion herangebildet würden. Eines nach dem cmdcrcn hat er die Franzoscukindcr aus den protestantischen Lehranstalten herausgenommen und hält nun selbst 17l) Kindern Schule, die ihm viel Trost gewähren. Ebenso hat er für 2W Mädchen cinc Anstalt gegründet, die von zwei frommen Damen aus Paris geleitet wird, welche dieser edlen Mission sich widmen. Diese Schule gedeiht so sichtbar und ist so sehr geschätzt, daß selbst die Protestanten ihre Kinder gern dahin schicken. Hier in diesem häretischen Lande brauchen wir uns wenigstens mit den Chicanen der Universität nicht zu plagen und die Freiheit ist hier mehr als ein leerer Name; hier wird der Priester, der die Jugend lesen lehren will, damit sie besser denken lerne, nicht im Namen des Gesetzes durch die kleinliche Eifersucht der Schnüffler daran verhindert; das öffentliche Vertrauen fragt nicht darnach, wo er seine Diplome und Pergamente erworben und man ist überhaupt der Ansicht, daß ein frommer Priester mehr von der Sache versteht, und besser lesen und schreiben kann als kleine Kinder. Ncw-Vork, 31. Mai 1845. Ich habe Ihnen am 22. Einiges über die französische Kirche von New-Zjork geschrieben. Es ist dieses indessen nicht der einzige Tempel, der in dieser Stadt unserer heiligen Religion geöffnet ist, denn eS gibt jetzt in New- ^Zjork und den Vorstädten siebzehn katholische Kirchen und noch mehrere sind im Baue begriffen, Dank dem bewunderungswürdigen Eifer unseres Bischofs. Monsignore Hugues ist der zweite Prälat auf diesem bischöflichen Stuhle und er folgte Monsignore DuboiS nach, einem französischen Priester, den das SchreckenSregimcnt aus unserem Va-- terlcmde vertrieben und die Emigration zum Missionäre gemacht hatte. Bischof HugueS ist ein Isländer und seit seiner fünfjährigen Regierung hat das von seinem Vorgänger vorbereitete Feld schon hundertfältige Frucht gebracht. Seine Diöccse umfaßt den ganzen Staat New-Zjork, der so groß ist wie Frankreich und er durchwandert denselben unaufhörlich, taufend, firme»d, bekehrend und predigend. Seine Rede ist so ergreifend, daß selbst die Protestanten begierig darauf horchen und seine Worte wahrhafte Wunder hervorbringen. Im Angenblickc ist er mit dem Baue ciues Seminars beschäftigt, um die Zöglinge des HciligthumS in > dasselbe aufzunehmen und seine Begierde eS zu vollenden ist so ^glühend, daß er selbst den Maurern an die Hand geht, die Kelle ! ergreift und jeden Arbeiter an den rechten Platz stellt, um ein Werk zu fördern, dessen Baumeister der Vischos selbst ist. Ebenso !hat er, als ein zweiter Moritz von Snlly, selbst seine Kathedrale !gebaut, ein gothisches in gutem Geschmacke ausgeführtes Gebäude, !das im Mittelvnncte der Stadt liegt. Das Bedürfniß eines Seminars war ein wahrhaft dringliches, idenn die Kirche wird in diesem Lande erst dann feststehen, wen» !sic sich auf einen eingeborenen KleruS stützen kann, allein bis jetzt ^hatten wir hier nnr französische und irländische Missionäre. Der Bischof hat im Ganzen nur 165 Priester, die in der ungeheueren Diöccse zerstreut sinv und diese Zahl ist dermaßen unzureichend, daß er Protestanten, welche religiösen Unterricht und Erlenchtung ! verlangen, oft lange warten lassen muß. Durchschnittlich bewirkt jeder Geistliche drei Bekehrungen im Jahre. Ich habe dieses aus dem Munde des Hochwürdigsten Bischofs selbst und dieses Resultat ^ist kein geringes, wenn man bedenkt, daß diese Bekehrten keine ! einfachen im Naturzustände befindlichen Wilden sind, die ihr Auge gern dem Lichte öffnen, sondern skeptische, leichtsinnig dahin lebende ^Menschen, die seither in allen Vorurthcilcn ihrer Erziehung befan- !gcn waren. Wilde gibt es im Staate Ncw-Iork dermalen eben so wenig als wir in Frankreich noch Druiden besitzen und eS ist dadurch den Missionären mancher Trost entzogen, denn zwischen Iowas, die von Zeit zu Zeit einen Mensche» fccsscn, und übermüthigen Kaufleute» mit weitem Gewissen kann einem Seelsorger !dic Wahl nicht schwer fallen, wenn eS ihm freigestellt würde, diese ^odcr jene zu seinen Schasen zu wählen. . ^ ^ Während so der Bischof Hugueö seinen Nlerus, seine Gläubigen und alle Dissidenten erbaut, unter welchen er im Rufe der Heiligkeit und des hohen Verdienstes steht, ist der anglicanischc Bischof von New-Iork für die ganze Stadt ein Gegenstand des Aergernisses geworden. Ich erwähne dieser Geschichte nur darum, weil die Justiz bereits darüber entschieven hat. Mr. Onderdonk war nicht nur ein Fcinv des Cölibatö der Geistlichen,^ — sein Glaube gab ihm ein Recht dazu, — sondern die freie Forschung und das freie Leben hatten ihn förmlich zum musclmämnschen Polygamen gemacht. Unter den übrigen Geboten Mahomcds hatte er jedoch wieder eine Auswahl getroffen, denn der Wein hatte besondere Gnade gefunden vor seinen Augen. Auf die Klage mehrerer Prediger' hin hat nun die Versammlung der protestantischen Bischöfe Mr. Onderdonk abgesetzt unv am 20. dieses Monates nach einem zweitägigen Wahlkampse Mr. Potter an seine Stelle gewählt. ES traten bei dieser Wahl die beiden bischöflichen Parteien auf und wir können somit ihre Kräfte nach derselben bemessen. Die Statuten der Sccte bestimmen nämlich, dasz der BisthumS- Candidat von der Versammlung der Geistlichkeit vorgeschlagen, dann aber von sämmtlichen Laienabgcordneten der Pfarreien genehmigt werden muß. Die Majorität des Klerus ist puseyistisch, denn der Puscyismuö hat in Amerika gerade schon so viel Grund und Boden gewonnen wie in England, und sie wählten daher Anfangs einen Kandidaten aus dieser Schule. Nun aber kamen die Laien, welche die Ansichten ihrer Pastoren nicht theilen, denn sie sehen nicht ohne Grund in dem Puscyismus eine Hinneigung zum PapismuS, und verwarfen den Hochwiudigcn, welcher vorgeschlagen war. Mr. Pottcr, dem das Verdienst gebührt, daß er ein vollblütiger Auglicaner ist, wurde darauf zum Bischöfe gewählt. Doch es ist Zeit, daß ich Sie nach so ärgerlichen Geschichten wieder erbaue und ich will Ihnen daher Einiges von den Klosterfrauen deö heiligen Hcrzenö (clu sulliü ocieui) erzählen. Diese Ordcnsfraucn haben acht Häuser in den Vereinigten Staaten und eines in Canada, in welchen su> der Erziehung der weiblichen Jugend sich widmen. Kein Land bevnrfte in der That dieses Ordens mehr als Nordamerika, denn die hiesigen Pensionate waren nur Schulen der Eitelkeit, des PianoS und des Tanzes und begünstigten die natürlichen Neigungen der Manchen, statt daß sie dieselben auf den rechten Weg hätten leiten sollen. Sie können sich einen Begriff davon machen, wenn ich Ihnen eines der Feste beschreibe, die in diesen Pensionaten gefeiert werden. Die Zöglinge wählen sich alle Jahre eine Maikönigin, nicht die bravste, sondern die schönste; diese erhält dann Ehrcndcunen, Pagen, unv wird auf einem Throne gekrönt, alles im Beiseyn einer zahlreichen Sippschaft von Verwandten und Freunden. Nach dieser Ceremonie, rn welcher die frühreife Cogucttcrie die schönste Gelegenheit findet, sich bestens zu entwickeln, kommen Komödien und Polka's, in welche» jene glänzen können, welche bei der Wahlhandlung ohne Würde und Amt geblieben sind. Die Ordcnöfraueu des heiligen Herzens wissen besser was Erziehen hnßt und ihre Pensionate befinden sich in einem sehr blühenden Zustande. Selbst protestantische Eltern übergeben ihnen oft ihre Töchter, so groß ist das Vertrauen, dessen diese heiligen Seelen genießen. Die gegenwärtige General-Supcriorin deö Ordens in Amerika ist Madame Hardey, eine Jrlanderin; in gleich hoher Verehrung aber steht Die Frau von Kcrsaint, von der die ganze Ordcnsgenossenschast nur mit Thränen der Bewunderung im Auge sprich:. Tochter eines Admirals von Frankreich vereinigte Frau Hcnrictte von Kcrsaint in ihrer Person Alles, womit man in der Welt eine glänzende Carriere macht, und die Welt wurde darum von nicht geringer Verwunderung ergriffen, als sie sich in der Blüthe ihrer Jugend in c-'n Kloster zu O.uimper begrub. Dort war sie indessen ihrer Familie noch zu nahe und sie wollte mit Niemanden mehr Verkehr haben als mit dem Himmel. Darum war sie die Erste, welche sich stellte, als die Rede davon war ein OrdenshauS des heiligen Herzens in den Vereinigten Staaten zu gründen. Schon länger als zwölf Jahre ist sie jetzt in Amerika und wenn ein Haus gegründet ist, begibt sie sich sogleich an einen anderen Punct, um dort ein anderes zu gründen und wählt aus diese Wcisc sich selbst stets die schwierigsten und anstrengendsten Posten. Schon mehr als zwanzigmal wollten ihre Genossinnen sie zu ihrer Supcriorin ernennen, allein sie hat sich stets geweigert, diese Stelle anzunehmen und befindet sich gegenwärtig in Canada, wo sie armen Kindern Schule hält, während sie die Sorge für die reichen ihren? Kloster anvertrauten Töchter Anderen überläßt. —,- Italien. CanonisationSproceß einer Schäferin. Es schwebt gegenwärtig in Rom der CanonisationSproceß einer frommen Schäferin, Gcrmainc Cousin, aus Toulcnse. Sie ward 1579 von frommen Eltern geboren, verlor ihre Mutter früh, und wurde von einer lieblosen Vase zur Hcerde geschickt, als sie kaum zu laufen vermochte. Unter harten Leiden jeder Art wuchs sie auf, aber sie sah in Allem die Hand des Herrn nnd gewann Armuth und Verachtung lieb. Weit von der Dvrfkirchc hütete sie ihre Schafe, aber jeden Morgen ging sie zur heiligen Messe, überließ unterdcß die Hecrdc der Obhut Gottes. Jeden Sonntag suchte sie zu communicircn, und ihre Andacht zur göttlichen Mutter war so groß, daß sie stets beim Läuten des englischen Grußcs sogleich ans die Kniee siel, selbst wenn sie im Wasser stand, um ihr Gebet zu verrichten. Sie galt in ihrer kindlich frommen Lebensart nicht nur für eine Betschwester, sondern die Base hielt sie auch für untreu, da sie es für unmöglich hielt, daß dieselbe mit dem wenigen Brod, das sie erhielt, leben könne, und doch theilte sie davon noch andern Armen mit. Die Base drohte ihr daher mit einem Stocke, wenn sie nicht bekenne, und durcb- suchte ihren Schrank; doch statt einen Vorrath von Brod oder Eßwaaren zu finden, lagen duftende frische Blumenkränze darin, zu einer Zeit, wo überall nur Schnee und Eis blühte. Bon nun an hieß man sie nicht mehr die Betschwester, sondern die Heilige. Im Jahre IliOl starb die Schäferin und wurde iu der Kirche begraben; drei Jahre später starb eine andere aus gleicher Familie, ihre Base, und man wollte die Grusl der Heiligen öffnen, um diese ihr beizugesellen. Als man den Stein abhob, fand man den Leichnam der Schäferin, als ob sie erst gestern gestorben wäre. Die Spate des TodtcngräbcrS traf sie in'S Gesicht, und das rothe Blut quoll hervor, als wenn das Leben gar nie von ihr gewichen wäre; mit einem frischen Kranz auf dem Haupte und mit einer Kerze in den Händen, lag sie da und wurde von Allen gleich erkannt. Man enthob sie und setzte sie aus, bis 1t)45. Da begab cS sich, daß eine adelige Frau den Anblick des Leichnams nicht ertragen konnte; sie befahl, ihn zu entfernen. Doch nicht lange nachher erkrankte ihr Kind, sie selbst wurde von einem harte» Uebel befallen, alle Hilfe der Aerzte war umsonst. Da rieth ihr der Gemahl, sie solle die Heilige um Verzeihung bitten, daß sie dicflbe verstoßen. Sie thaten es in gemeinschaftlichem Gebete, worauf die Schäferin in unbeschreiblicher Schönheit ihn?n erschien und ihre und des Kindes Genesung ankündigte, was vollkommen -- eintraf. Von nun cm wurde sie bekannter und besucht von allen Orten. Ueber alle ihre Lebensunistände, Unvcrweolichkeit und Wunder wurden die genauesten Untersuchungen aufgenommen, und cS steht in Aussicht, daß die Schäferin, wie sie den Lohn ihrer Trene im Himmel erhalten, auch auf der Erde als eine Heilige bekannt und verehrt werden soll. Evangelischer Missionseifer. Die Verhältnisse und das Wirken der englischen MissionSge- scllschaft auf Neu-Sccland veranlaßte im englischen Parlamente eine DiScussion, die nicht weniger als drei Tage andauerte und den Beschluß eines UntcrsuchS veranlaßte, obschvn das Ministerium solchen mit aller Krast zu hindern suchte. Aus dc» Verhandlungen hat sich herausgestellt, daß die Londoner Missionogcscllschaft die Niederlassung europäischer Kolonisten auf Nen-Seeland auf jede mögliche Weise zu hindern suchte. Der Plan war kein anderer, als ein ausschließlich aus Eiugcbornen bestehendes Reich zu gründen, dessen Regierung iu den Händen der Missionäre liegen sollte. Was man an der schönen Anstalt der Jesuiten auf Paraguay als die Schattenseite dargestellt hat, das suchte der englische Missions- vercin zu verwirklichen, ohne seine Lichtseite — ohne die christliche Liebe und Aufopferung uneigennütziger Missionäre. Nicht bloß die Niederlassung von Europäern wollte man hindern, sondern auch die politische Oberhcrrlichkeit der englischen Krone über das Gebiet der Colonic. Die Missionäre suchten die Eingeborncn mit Haß gegen die Europäer zu erfüllen, was ihnen so wohl gelang, daß cö im März l. I. zu einem gräßlichen Kriege zwischen den Eingeborncn und Ausländern kam, wie der Capitän des Schiffes Midlothian aus Sidncy »ach London berichtet. Die englische Fahne wnrdc niedergerissen, die Stadt Kororika niedergebrannt, 100 Eingcboruc und 20 Engländer auf dem Schlachtfeld getövtct, die niedergelassenen Engländer muhten sich flüchten, Sir R. d'Oyley schrieb »ach England: „Die Kolonie Neu-Sccland ist für England verloren, wenn nicht die Pest neun Zehntheilc der Eingeborncn wegrafft." Man dürfte sich mit Grund verwundern, wie die MissionS- gcscllschaft im Stande war sogar die Obcrherrlichkcit Englands wenigstens übcr dcn Thcil von Ncu-Sccland zu verhindern, wo sich englische Colvnistcn niedergelassen hatten, wo England einen Gouverneur ausgestellt hatte, und im Augenblick, wo es einer Gesellschaft bcsondcrc Privilegien zur Benützung dieses Landes ertheilt hatte. Aber die Sache wird begreiflich, wenn man weiß, daß Lord Glcnelg, Chef dcS ColonialwcscnS, eines der einflußreichsten Mitgiicdcr der Missionogcscllschaft ist, nud noch viele andere solche Beamte ihr angehören, die alle darauf bedacht waren, die rium hat zwar anscheinend gesiegt; aber dieser Sieg sieht einer Niederlage vollkommen gleich. Man darf das Wirken dieser Missionäre, die nur auf Ehre und Stellen bedacht sind, nur sich selbst überlassen, der Laus der Dinge wird sie erreichen. Diese Missionäre sind auch iu Asien gleich beliebt. Man ist sc> darauf bedacht ihrer los zu werden, daß man ihnen in Syrien an einigen Orten für baarcs Geld keine LcbcnSmittcl gab, um sie zum Verlassen des Landes zu nöthigen. Zu Saphct und Abbeja hat man sie mit Gewalt fortgetrieben. Dennoch beziehen diese Herren schöne Besoldungen, in dem Grade größer, als zahlreicher ihre Familie wird. Um einige Früchte des MissionSeiserö in den obligaten Berichten ausweisen zu können, stellt der Herr Missionär einen heidnischen Bedienten an, droht ihm dann mit Fortjagen, wenn er nicht in die Predigt komme, und so ist der Convertir gemacht. Solche Bekehrungen kosten je »ach Umständen verschieden sieben Piaster des TageS oder dcn Hauszins, oder — wie zu Jerusalem — den Titel eines BisthumS-Architekten, um nichts zu bauen, oder dcn Titel eines MissionS-Dvlmctschers, um nichts zu dolmetschen. Ein ernsteres Eingehen in die protestantischen Missionen des Orients würde die erbaulichsten Scenen anö Tageslicht bringen. — Wer behauptet dieß? Nicht ein katholisches Blatt, sondern die „Presse" von Paris. Deutschland. Von der Donau. Noch sind es nicht volle fünf Jahre, seitdem das adeliche Gut W. an der Donau durch Kauf aus den Handen eines adelichcn Gutsbesitzers in die eines bürgerlichen übergegangen ist. Als Letzterer das Gut angetreten hatte, da entstanden zwischen ihm und der Gemeinde nach und nach nicht weniger denn vierzehn Processe. Ganze vier Jahre wurden dieselben mit großer Erbitterung und beiderseits nicht »»bedeutenden Kosten fortgesetzt. Das einschlägige königliche Landgericht war fortwährend mit diesen Parteien beschäftiget, aber alle Bemühungen waren umsonst. Es wollte kein Vergleich, keine Aussöhnung zu Stande kommen. Endlich fand sich der sehr würdige Land- gerichtS-Vorstand bewogen, dcn erst neulich dahin versetzten Functionär St____.... mitdemAuftragczu betrauen, scineKräftein dieser odiosen Sache zu versuchen, um endlich einmal eine Versöhnung zwischen dem Gutebesitzer und der Gemeinde zu bewirken. Mit Freude, aber inncrem Langen übernahm derselbe dieses höchst mühsame Geschäft. Im Vertrauen auf Gottes Beistand, der ein Gott des Friedens ist, begann er die Verhandlungen mit einer eindringenden herzlichen Anrede an die Parteien. Schon vorher hatte er mit voller Andacht dem heiligen Meßopfer beigewohnt nnd scin schönes Vorhaben der Fürbitte des opfernde» Und sieh da! sein inbrünstiges Gebet sand ErPriesters cmpsohlcn. Ansicdlung von Engländern zu hindern und der MissionSgescllschaft! hörung, sein wohlgemeintes FricdenSwort erweichte die Herzen. Beide Parteien wcintcn Thrcincn der Freude und reichten sich die Hand zur Versöhnung. Alle Processe wurden ausgeglichen und seitdem leben die bisher sich Feindlichen iu ungestörtem Frieden und in schönster Einigkeit. Am darauffolgenden Tage wurde zur Danksagung, auf allgemeines Verlangen, in der sehr schön gelegenen Capcllc dcö Dorfes ein feierliches Hochamt abgehalten, bei welchem kein Herz uugcrührt und kein Auge die Missionsgcscllschaft zu dieser Stelle gekommen und war ihr! ohne Thränen blieb. — So viel kann ein Beamter wirken, wenn er aus noch andern Gründen ganz dienstbar; er nnd seine Nachfolger iGercchtigkcitoliebe mit wahrer Gottesfurcht vereiniget. Ehre diesem wirkten dcn europäischen Colonistcn entgegen. Das AuSbrcchcn der!braven Manne! er hat zu Stande gebracht, was man früher für offenen Revolution gegen die Rcgieruug vermochte endlich die Auf-!unglanblich gehalten hätte! Möchte er noch recht viel Gutes mcrksamkcit dcs englischen Parlamentes zu fesseln. Das Ministe- wirken! (Sion.)___ alle Gewalt zu verschaffen. Die ColvnisativnSgescllschast that Schritte, um sich mit der MisuonSgcscllschaft gütlich abzufinden, diese aber wies jedes Ancrbictcn von sich. Die Colonisten mußten den Eiugcbornen das Land abkaufen und ihre Herrschaft anerkennen; im Grund aber waren cS die Missionäre, die alles lenkten. Capitän Hobson, der erste Gouverneur dieser Kolonie, war durch Peramwvrtlichcr Rcda-teur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber : F. C. Krem er. P 5 ^»S- ' ^ei^^ der Attgsvorger Postzeitmtg. weite Jahreshälfte. 7. Sept. 1845. Katholische Briefe aus Nordamerika. *) Ncw-?jvrk, 30. Juni 18ä5. Das kirchliche Organ Presbytcriancr in dcn Vereinigten Staaten vom Monat Juni enthält die nachfolgende merkwürdige Anzeige: „Die Generalversammlung der PrcSbvtericmcr empfiehlt den Donnerstag vor dem vierten Sonntage des Juni als einen Tag des Fastcns und des Gebetes, weil der Einfluß Gottes auf feine Kirchen im Augenblicke vollkommen aufgehört hat." Sollen wir einen Commcntar zu diesen Worten schreiben? Nein, wir wollen dieses einem anderen amerikanischen Blatte, dem „Chnrchman", überlassen, denn wir könnte» sonst i» Verdacht kommen, es fehle nnS an Liebe. Bei jenem protestantischen Blatte wird das der Fall nicht seyn und wir könnten ohnedies; die Sache nicht besser auffassen, als es bereits dort geschehen ist. „Wie, ruft der Chnrchman aus, Gottes Einfluß auf die Kirche soll suspcndirt seyn! Was will das hcißcn? Gewiß hat dieses Blatt sich in Bezug auf die Ursache des von der Generalversammlung vorgeschriebenen Fasttages getäuscht, denn cS wäre unbegreiflich, wie eine so intelligente Körperschaft auf einmal so wahnwitzig werden sollte von einer Suspension des Einflusses Gottes zu reden, da doch ein jedes ihrer Mitglieder wissen muß, daß Christus seinen Dienern und der Kirche versprochen hat, stets und bis an das Ende der Zeiten bei ihnen zu bleiben. „Ich werde alle Zeit und bis an das Ende der Welt bei Euch bleibe»; da wo Zwei oder Drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen." Die wahre Existenz einer Kirche hängt also von der Existenz des göttlichen Einflusses auf sie ab, und hat dieser Einfluß aufgehört, — was soll man da von der Kirche halten? Hat daher die Generalversammlung wirklich die in Rede stehende Verordnung erlassen und ist der Zustand der presbyteriani- schcn Kirchen wirklich der Art, wie die Versammlung in diesem E, lasse ihn schildert (was Niemand besser wissen wird als die Gc- neralvcisammlung selbst), so folgt ans dcn Worten des Heilandes in nothwendiger und logischer Weise nur so viel, daß die Gläubigen der besagten Kirchen sich nicht mehr im Namen Christi versammeln. Nach der feierlichen öffentlichen Erklärung ihrer Häupter ^) An das UniverS gerichtet und vom Katholik übersetzt. ! ist also die prcSbytcrianischc Kirche todt. Wo werden also künftig !die Blitze des Vaticans in Philadelphia ihre Kraft hernehmen, >wenn selbst Jene, welche gegen Rom am heftigsten heulen und donnern, in einem authentischen Acte eö verkünden, daß Gott sie verlassen hat? Kann durch solche Menschen der Irrthum entlarvt, kann durch solche Hände der Aberglauben auSgcrcutet wcrdcn? Sind das die Kämpen, welche die Kirche umstürzen sollen, die einen Pascal und Fcnelon hervorgebracht hat? Ich bin sicher kein Lobrcdner Roms, ich fühle keine Sympathieen für Rom, allein Nom kann trotz aller seiner Irrthümer lebendige Beweise aufzeigen, daß Gott noch mit ihm ist. Oder soll vielleicht dcn Mängeln der römischen Taufe durch jene Männer abgeholfen wcrdcn, bei welchen eine Suspension des göttlichen Einflusses stattfindet? Welcher vernünftige Mann möchte einer scheinbar religiösen Genossenschaft angehören, die ihrem eigenen Geständnisse nach nur periodisch der Wahrheit des heiligen Geistes unterworfen ist, dann aber gleich einem gcilvanisirtcn Lnchnamc, der in einigen krampfhaften Windungen ein scheinbares Leben geführt, sofort wieder in die Unbcwcglichkeit des Todes zurückfällt?" Dieses Gemälde ist getroffen und wir wollen nur noch einen Pinsclstrich hinzufügen, indem wir eine Geschichte erzählen, die sich neulich zu Ncw-Aork zugetragen hat. Ein dortiger prcobytcriani- schcr Prediger war durch seinen Haß gegen dcn Katholicismus vor allen Andcrcn ausgezeichnet und cS verging kcin Sonntag, an dem er nicht von den Infamien des Papstthums gepredigt hätte. Der Mann glich dem alten Knox, jenem angeblichen Kirchcnvlrbcsscrcr Schottlands, der einst die Kirchen zerstört und die Gräber der Könige entweiht hatte, auf'S Haar, und eö fehlte ihm wahrhaftig nicht an gutem Willen, um die Rolle seines Patrones in ihrer ganzen Ausdehnung zu spielen. Plötzlich wird dieser Unglückliche krank und ist nun schon zwei Jahre im Zustande der Lähmung an das Krankenlager gefesselt. Was sagen nun die Presbvtcriancr, um diesen Zustand zu erklären? — Die Papisten hätten durch ihre Zauberkünste Gott betrogen und diese Züchtigung vom Himmel auf ihn herabgezogen! Da dieser Fanatiker in dem Tempel, in welchem er pcrorirtc, keinen Nachfolger fand, so ist die Kirche zum Verkauf ausgcbotcn worden, und wer hat sie gekauft? Monsignvre HugueS, der katholische Bischof von Ncw-Vork. So eben ist sie consccrirt und für unseren Cultus bereits eingerichtet worden. So -. --.....-----.............. geht es aber, früher habet Ihr unsere Kirchen niedergerissen, und jetzt segnen wir die eurigcn! » » . KB. « '« ' <- * Ncw-?jork, 31. Juni 1845. Sie verlangen sü'r die Katholiken ihren Unterdrückern gegenüber die Freiheit wie in Belgien. Mit eben so viel Recht könnten Sie indessen die Freiheit wie in Amerika verlangen und wir möchten wirklich einmal sehen, wie dann der „National" gegen diese Musterrcpublik geifern würde, der er doch sonst alle seine Sympathiccn zuwendet. In den Vereinigten Staaten ist die Kirche wahrhaft frei und der Katholicismus macht unermeßliche Fortschritte, Dank diesem Regiments der Freiheit. Uebcrall erheben sich neue Kirchen und es vergeht keine Woche, in der ich nicht in den religiösen Blättern eine neue Grundsteinlegung oder die Consecration einer Kirche erwähnt finde; denn auch katholische Zeitungen gibt es in den Vereinigten Staaten und Canada, und meines Wissens haben Ncw- Aork, Philadelphia, Baltimore, Pittsburg, New-Orlcans, Montreal und Qucbcck Blätter, welche ausschließlich religiöse Fragen behandeln und besonders eine sehr gewandte Polemik gegen die protestantischen Blätter handhaben. Die Blätter dieser drei letzteren Städte werden in französischer Sprache geschrieben und auch Ncw- Aork thäte ein periodisches Blatt iu dieser Sprache Noth, um auf die französische Bevölkerung einzuwirken, welche der Courricr des EtatS-uniS an der Nase herumführt. In Ermangelung eines eigenen religiösen Blattes findet indessen die Kirche eine mächtige Stütze in einem der verbrcitetstcn politischen Blätter von New- Aork, dem Herald, der jeden Montag eine der am Tage vorher gehaltenen katholischen Predigten veröffentlicht. Diese Predigten handeln alle von höchst zeitgemäßen Gegenständen, deren Erörterung eben die Umstände erfordern, z. B. von der Suprematie des Hapstcs, der reellen Präsenz, den Gebeten für die Abgestorbenen u. s. w. und die lichtvolle Behandlung dieser Gegenstände, die von einem thcilweise protestantischen Auditorium schon einmal gehört worden ist, wird von Häretikern und wahren Gläubigen oann auch noch einmal gelesen. Nichts kann aber auch dem Eifer der katholischen Geistlichkeit Schranken setz n und die glänzenden Erfolge, welche sie bereits errungen, flößen den Predigern der dcssidircnden Secten einen nicht geringen Schrecken ein. Wenn einem tieferen Blicke schon jetzt der Augenblick nicht mehr verborgen ist, in welchem England katholisch seyn wird, so bedarf es eines viel geringeren prophetischen Geistes, um jetzt schon voraussage» zu können, daß ehe fünfzig Jahre vergehen, sich in Nordamerika die Mehrheit der Bevölkerung der Sonne der Wahrheit zugewendet haben wird. Ucbrigens führt nicht der Proselytismnö allein dieses Resultat herbei, denn die Auswanderung wirst unaufhörlich ganze Ströme ncncr Einwohner nach Nordamerika, die größtcnthcilö Jrländcr, d. h. Katholiken sind. Diese Männer opfern nun wohl ihre Nationalität, aber nicht ihren Glauben auf, und von den 400,000 Seelen New-Zjoa'ks gehören bereits l 50,000 ihnen an. Der Jrländcr, der über den Ocean geht, wird für sein Exil durch eine gewisse Wohlhabenheit entschädigt, denn in Amerika gehört das Elend zu den Ausnahmen, während es in Irland die Regel ist. UcbrigcnS ist eine gute Stiefmutter immer noch nicht im Stande das Gedächtniß der Mutter zu verwischen, die wir verloren haben, und Sie müssen mir erlauben Ihnen hier! die Geschichte eines Kindes des grünen Erin zu erzählen, die ich selbst erlebt habe. Patrik O'Cvnnor lebt des festen Glaubens, cr stamme von einem der alten irischen Könige ab nnd wie cS sich nun auch mit^ der Authenticität dieses erlauchten StammbaumcS verhalten mag,! so viel ist gewiß, daß der Gedanke daran und an seine gegenwärtige niedrige Stellung ihn tief niederdrückt. Das Feld, welches cr bebaute, sagte er mir, sey in alten Zeiten mit dem benachbarten schönen Schlosse durch Heinrich II. seinen Vorfahren genommen worden und so müßten die Nachkommen im Schweiße ihres Angesichtes jetzt das Land umpflügen, über welches ihre Ahnen einst geherrscht. Patrik also war zwölf Jahre alt und das älteste von sechs Kindern, die in einer Erdhütte von Connaught mit Vater, Mutter, Großmutter und Urgroßvater vegetirten, kein anderes Bett als eine Streu von Hcn und Stroh und zu Tisch- genvsscn zwei Schweine hatten, die mitten unter ihnen schliefen. Diese Schweine müssen sehr schmutzig gewesen seyn, wie Victor Hugo sagt. Der Vatcr, der allein arbeiten konnte, bebaute ein kleines Kartoffelfeld, um seine Familie damit zu erhalten, denn in Irland essen die Reichen unter den Armen zwei- oder dreimal täglich von diesem gesegneten Knollengewächse. Patriks Familie war indessen nicht so glücklich und der Garten brachte kaum so viel hervor, daß die zwölf Einwohner der Hütte sich einmal im Tage sättigen konnten. Nahm daher der Vorrath ab, so fastete der Vater mehrere Tage um seinen Kindern keinen Abbruch thun zu müssen. Patrik, dem diese schmerzhafte Enthaltsamkeit wehe that, wollte seine Portion oft mit dem Vater theilen, doch vergebens. Da faßte das Kind den Entschluß seiner Familie nicht mehr zur Last fallen zu wollen und da es schon oft Haufen von Emigranten gesehen, die ihr Dorf verließen und nach einem Lande zogen, wo man, wie cS hieß, sein Glück machen konnte, verließ er Nachts die Hütte und machte sich auf den Weg nach Dublin, wo cr auf einem nach Amerika segelnden Schiffe als Schiffsjunge Aufnahme fand und in kurzer Zcitfrist auf dem Pflaster von New-Aork stand. Es gibt hier nun mehrere Wohlthätigkcits-Gesellschaften jeder Nation, die ihre Landslcutc unterzubringen und zu unterstützen suchen und Patrik kam durch Vermittelung einer solchen im verflossenen Jahre als Bedienter in eine französische Familie, die sich seiner annahm. Trotz der guten Nahrung, Kleidung und Behandlung dachte indessen das arme Kind immer noch an Irland und besonders lebendig wurde die Erinnerung in ihm, wenn cr — eine Kartoffel sah. Doch nur trauriger Art sind die Erinnerungen, wclchc dicscr Anblick in sein Gedächtniß ruft: wie viel erfreu^ licher war doch die Zeit, als er mit dieser köstlichen Pflanze Blüthe» seiner Schwester Kränze wand oder daraus Sträuße für die heilige Jungfrau band. Patrik muß also diese seine theuere Blume wieder haben und sehen, allein cr lcbt in cincr großen Stadt und weit entlegen ist das Feld. FlugS reißt cr also in dcm kleinen Hofe seiner Herrschaft ein paar Steine auf und pflanzt in die Zwischcnränmc das Fragment einer Kartoffel. Jeden Morgen beschauet nun Patrik so eifrig wie ein Botaniker die Fortschritte, wclchc scin Liebling in der Vegetation gemacht, jeden Augenblick, den er von seiner Arbeit abbrechen kann, bringt cr bei der Pflanze zu und verliebt sich förmlich in dieselbe, wie der Graf von Charncv in seine Picciola. Und in der That die Blätter entwickeln, die Knöpfe bilden sich, Morgen des TageS wird die geliebte Blume sich entfalten. Patrik träumte in dicscr Nacht von dcr blassen Blumcnkrone, seiner Mutter, seinem Dorfe, von den Spielen seiner Kindheit. Allein o weh! am andern Morgen ist Alles fort, Blume», Knöpfe, Blätter und Wurzeln. Die Kinder des Hauses, die im Hofe gespielt, haben die arme Pflanze ausgc- risscn, weil ihr Spielplatz dadurch entstellt worden war! An demselben Tage — es war gestern — spcistc ich in dieser französischen Familie und bemerkte, daß Patrik, dcr uns an dcr Tafel bediente, tief betrübt war. Als ich nach der Ursache . fragte, erzählten mir die Kinder lachend diese Geschichte und sagten, der Groom sey ein großes Thier, wenn ihm diese elende Blume so leid thue. Dieses Alter kennt kein Mitleid I Ich für meine Person theilte diese Heiterkeit nicht und betrachtete Patrik mit solcher Bewegung, daß das arme Kind darüber ganz außer Fassung gericth und weinend das Zimmer verließ. O Gefühl voller Slcrne, der Du den Onkel Tobn, den Lieutenant Lescvre, den Edelmann aus der Bretagne und den Pastctcnbäckcr von Versailles so unübertrefflich geschildert, was würdest Du aus dieser Geschichte gemacht, und Du guter Ludwig XVI., der Du einst die Blume des Kartoffelkrautes stolz in dem Knopflochc Deines Königrockes getragen, mit welchem Entzücken würdest Du dieses Kind in Deine Arme geschlossen haben! Der Mariencnltus in Rom. (Aus dem dritten Bändchen von Hurter'S „Geburt und Wiedergeburt.") Es ist oft gesagt und in neuester Zeit als ausgemachte Sache wiederholt worden, daß in Rom über der Mutter der Sohn, über Maria der Erlöser, wenn nicht beinahe vergessen, doch in den Hintergrund gestellt werde. Ihr, wird gesagt, seyen die meisten Kirchen geweiht, zu ihren Festen vereinige sich die vorzüglichste Feierlichkeit, zu deren Verherrlichung werde das Meiste aufgewendet, ihr Bild an den Straßenecken und an Gebäuden am häufigsten gefunden, zu ihr am vcrtrauensvollestcn in den Kirchen gefleht, die laurctcmische Litanei am inbrünstigsten gebetet, ihr Lob schalle des Abends in Gesängen vornehmlich durch die Straßen, durch ihren Namen wolle der Arme zur milden Gabe bewegen unv als Bcthcnrung und Ausdruck des Staunens sey er im Gespräch am öftersten zu vernehmen. Beherrscht von dieser Meinung, wenn gleich nicht in ähnlichem Grade darüber entrüstet, wie manche Andere, kam ich nach Rom unv glaubte, in mancherlei Wahrnehmungen eine Bestätigung derselben zu finden. Auch ich war anfangs geneigt, dafür zu halten eine solche Hintansetzung des Erlösers zu Gunsten seiner jungfräulichen Mutter lasse sich gar nicht in Abrede stellen; eine Vernachlässigung, welcher, wenn sie wirklich statt fände, ein wahrer Christ das Wort doch niemals reden könnte. Allein auch hierüber wollte ich nicht sofort urtheilen, sondern sehen und hören. Allererst erlaubte ich mir gegen einen deutschen Geistlichen meine Besorgniß zu äußern, daß eine solche Hintansetzung schwerlich zu mißkcnnen sey. Dieser vermochte aus längerer, unbefangener Beobachtung dieselbe zu lösen, er bewies mir, daß auch diese Anschuldigung aus jener Oberflächlichkeit hervorgehe, die in Unfähigkeit, Alles sorgfältig zu beobachten und mit einander in Verbindung zu bringen, alsbald mit einem fertigen Urtheil in Bereitschaft stehe. Auch das gemeine Volk in Rom, bemerkte er mir, kenne den Unterschied zwischen Christo, der Fülle der Gnade, und Maria, der Fürbitterin um Gnade, gar wohl; und wenn auch deren Name in seinem Mund häufiger vorkomme, und wenn auch durch die Maricnfcstc die Erinnerung an sie lebhafter angeregt werde, so dürfte ich mich vollkommen überzeugt halten, daß Niemand in Rom so unwissend sey, entweder Mutter und Sohn auch nur gleich zu setzen, oder das, was dem Sohn allein gebühre, auf die Mutter übertragen zu wollen. Schon daß abwechselnd durch die Kirchen das ganze I.rhr hindurch das Sanctissimum ausgestellt sey, erhalte den Glauben an den Erlöser und die Anbetung desselben und daS Vcrtranen auf ihn stets durch das ganze Volk lebendig. Ich vernahm die gegebenen Aufschlüsse gerne, unterließ aber nicht von deren Triftigkeit durch eigene Beobachtung mich zu überzeugen. Die erwähnten Ausstellungen des Hochwürdigstcn -^aben dem Bemerkten nicht geringe Bestätigung. Eine solche Ausstellung, welche in der betreffenden Kirche Jedesmal ^0 Stunden dauert, zeigt schon in der äußern Anordnung, daß hier das Höchste j?ch finde, was dem Glauben des katholischen Christen kann dargeboten werden. Ich habe während dieser Feierlichkeit eines Abends nach der St. Pctcrskirche mich begeben. Sie gewährte einen imposanten Anblick. Auf dem Hochaltar, über den hundert Lampen um die Lonlessio der Apostclfürstcn, stand unter einem Wald brennender Wachskerzen das hochwürdigstc Gut. Dnrch jede Scitcn- capcllc verbreitete eine einzige Lampe ein unsicheres Liebt, und hinauf in die hohen Wölbungen und hinaus bis zum Eingang zerrann der Lichtglanz in das Dunkel. Hunderte von Betern knieten, in Andacht versenkt, an dem Geländer der <>c>nfessio, viele andere zerstreut in den gewaltigen Schlagschatten, welche die Pfeiler warfen. Dieß, vierzig Stunden ununterbrochen dauernd, gemahnt Jeden an die Nähe dessen, welcher der Qncll und das Ziel seines Glaubens ist. In ähnlicher Weise findet diese Ausstellung in jeder andern Kirche statt. Nun gibt cS wohl Niemand in Rom, der noch als Glied der Kirche gelten wollte, welcher nicht mehrere Male während des Jahres durch die Anbetung, die er dem Sanctissimum erwiese, lebendig dar.in erinnert würde, wer sein Haupt, wer der Quell des geistigen Lebens, wer der Grund seiner Zuversicht sey. Außerdem besteht ciue sehr zahlreiche Erz- bruderschaft vom cillccheiligsten Altarssacrament, die zur immerwährenden Anbetung desselben sich verpflichtet hat. Hiezu sendet sie unausgesetzt, Tag und Nackt, das ganze Jahr hindurch, einige ihrer Glieder in die Kirche, welche an der Reihe ist. Eine Erör. terung über den Glauben an die wesentliche Gegenwart Christi im AltarSsacrament kann in dieser Schrift nicht durchgeführt, wohl aber die Sache von dem katholischen Standpunct aufgefaßt und hicnach das Urtheil gesällt werden: daß vermöge dieser Einrichtung dem Sohn eine ganz andere Stellung und ein ganz anderes, unendlich höheres Verhältniß zu dem Gläubigen angewiesen werde, als der Mutter. Demnach würde jene Anschuldigung schon hic- ! durch entkräftet. Wahr ist es, daS Gebet, welches bei den kirchlichen Feierlichkeiten zweiten Ranges, zumal bei den Abendandachten, am öftersten in den Kirchen gehört wird, und welches der Italiener von zartester Jugend an spricht und kennt, ist die Lauretanischc Litanei, in welcher „die reinste, keuscheste, unbcileckte, licblicbc, wunderbare Mutter, die weiseste, ehrwürdige, mächligc, gütige, getreue Jungfrau, die Königin der Engel, der Patriarchen, der Propheten, der Apostel, der Märtyrer, der Beichtiger, der Jungfrauen, aller Heiligen," bei jeder dieser Eigenschaften und bei allen andern Auszeichnungen, die ihr beigelegt sind, um Fürbitt: angefleht wird. Wie sehr aber die jedesmalige Wiederholung des ! „Bitte für nns" zu jedem Ausdruck der Verherrlichung sie der l Dauer des Gebets nach hervorhebt, so tritt sie doch wieder zurück der Stellung nach, die sie in der Litanei einnimmt, und dem Gewicht der andern Seufzer nach. An Christus, an die Dreieinigkeit wendet sich das Hilft rufende Herz zu allererst; von Christo, von der Dreieinigkeit hofft es Erhörung, hofft es Erbarmen; hier allein findet es den Quell der Gnaden, leren Lc^ . Maria bloß ist; cS weiß dieß, cS ist dessen fest überzeugt, n.,>, mal seufzt cS darum, und erst nachdem es sich Bahn gemach: : nachdem es vorgedrungen ist an den Thron der Allmacbi u"d Gnade, sieht eö sich gleichsam um und erblickt Maria, wie ein«: von dem Schwerte des SchmcrzcnS durchbohrt unttr dem , so nun von Glorie umzogen an jenem stehen; es nimm: sie gleich- sam bei der Hand, zieht sie mit sich hin, daß ihr Flehen mit seinem Seufzen sich vereine. Das Herz weiß, daß Maria nicht hilft, nur mit ihm und für es bittet. Hat es dann sein Seufzen beendigt, so erwartet es volle Erhörung, Erlösung, Erbarmung doch nur von dem Lamm Gottes, „welches dahin nimmt die Sünden der Welt," und es wendet sich an dieses, welches um seiner Mutter willen Erhörung, Erlösung, Erbarmung ihm nicht versagen wird. Also auch hier wieder der Sohn vor der Mutter, über der Mutter; und das übersieht, vergißt auch der Beschränkteste, auch das Kind nicht; denn so aller Unterweisung bar, so zur Neligiousübung bloß abgerichtet, darf man, wie Manche möchten glauben machen, das italienische Volk sich nicht denken. In welchen Illusionen über Unwissenheit des gemeinen Volkes in Italien man immerhin sich wiegen möge, so unwissend ist auch der Unwissendste nicht, daß es ihm unbekannt wäre, daß die höchste, und tagtäglich in allen Kirchen und von allen Priestern begangene Feier, die heilige Messe, einzig und allein auf den drcimaleinen Gott sich beziehe; daß er, wenn er derselben beiwohne (die Zahl derer aber, welche dieses einzig auf den Sonntag und einige der vornehmsten Feste beschränken, mag sehr gering seyn), vor dem Drcimaleinen knie, zu dem Drcimaleinen bete, und diejenige Person der Dreieinigkeit gegenwärtig wisse, die uns zum Heil Mensch geworden ist. Er ruft mithin nicht nur täglich den Sohn an, sondern er nahet sich dem Sohn und der Sohn nahet sich ihm; er steht täglich in dessen und nicht in der Mutter wesentlicher Gemeinschaft; er ist darüber gar nicht im Ungewissen, wem cr die Gnadcnwirlung des heiligen Opfers zu verdanken hat, dieweil er während der ganzen Handlung mehr als einmal hört und versteht, daß Alles ihm zu Theil und wirklich und wahrhaft zu Theil werden möge dnrch „Jesum Christum, Gottes ciugeborncn Sohn, der in Gemeinschaft des heiligen Geistes mit dem Vater regieret von Ewigkeit zu Ewigkeit." Wird dabei die «selige, glorreiche, allezeit jungfräuliche Gottcögebärcrin Maria" ebenfalls genannt, so weiß jedes Kmd, daß ihr erst die nachfolgende Stelle augewiesen ist. Gleiche Bcwandtniß hat es mit dem Noscnkrauz, der am Abend gebetet wird, und dem gewöhnlich der Segen folgt. Jener wird mit Eifer gebetet, der wahre Werth aber auf diesen gelegt, die Mutter zwar gepriesen, die gchcimnißvolle Gnadenwi^- kung aber von dem Sohn erwartet, in dem alsbald von dem ganzen Volk aus dem kanAuo lin^ua angestimmten Itanium erxo dieses bezeugt, in dem darauffolgenden ^vililvri Zvnitociuv abermals der Dreimalcinc verherrlicht. Der Glaube an die persönliche Gegenwart Christi im AltarS- sacramcnt und die hicoon unzertrennliche tägliche, ja stündliche Anbetung derselben ist so innig in die ganze Anschauungsweise eines italienischen Katholiken verflochten, so unabweisbares Bedürfniß desselben, so der Pfeiler seines Glaubens, daß mir einst der berühmte Pater Ventura sagte: es hätten ihn Viele zu jeder Zeit versichert, mir die Gewißheit, Christum in ihrer Nähe zu haben, mache sie glücklich, und sie würden der Verzweiflung anheimfallen, wenn der Gedanke möglich wäre, daß der Glaube an diese Gegenwart sich anstrcitcn ließe. Wie läßt sich bei solcher Ueberzeugung und bei der hier berührten Praxis die Anschuldigung rechtfertigen, cS würde des Sohnes weniger gedacht, als der Mutter? Trete man im Vorübergehen in die nächste Kirche, während die heilige Messe cclcbrirt wird, alsbald muß man sich überzeugen, daß die Anwesenden dieser genau folgen, in dieselbe mit aller Innigkeit verflochten sind; schwerlich wird cS einem Einzigen einfallen, wenn der Ministrant zum Sanotus klingelt, statt zu Gott, zu Maria sich zu erheben, oder das Noa culps statt an den Sohn an die Mutter zu richten. Manchmal des Nachts hört man in den Straßen Rom's von Vorüberwandeludcn daö Lvivs, Nuria singen, aber vergessen wir nicht, daß es immer mit dem: ^ ^^»ss - sfii, , der a Augsburger Iweite Jahreshälfte. Xs- Dv'. Ppstzeiwng. ^ 44. Sept. 484S. Die Macht des Glaubens und Gebetes. Wir haben vor einiger Zeit begonnen, cm der gottseligen Giovanna daila Croce die Wirkung des Gebetes in den Welt- Ereignissen nachzuweisen. Jetzt wollen wir nach langer Unterbrechung den Faden wieder aufnehmen. Der gütige Leser wird sich in Gedanken zurückversetzen in die vorangegangene Darstellung wie Maria den Funken der göttlichen Liebe in sich ausgenommen, und durch das Feuer der Prüfungen geläutert zur gebietenden Macht hcrcingercist, einen neuen Geist in ihrem Vatcrlandc (Süd- Tirol) zu wecken. Die Fülle ihrer innern Gotteslicbe drängte sich mit übcrschwcllcndcr Kreist nach außen, um durch heilige Theile» den himmlischen Bräutigam zu verherrlichen, und alle Welt mit der Liebe zu ihm zu durchdringcn. Der Haushalt wurde in den schwierigen Zcitumständc» des dreißigjährigen Krieges nur mit Mühe geführt, die Kunst konnte in den unkunstmäßigcn Verhält nissen wenig gewinnen, und das angestammte Vermögen reichte nicht auS, die laufenden Togesbcdürfnissc zu decken. Daher geriet!) die Mutter Girolama ans den Gedanken, durch ihre Tochter Giovanna eine Mädchenschule eröffnen zu lassen, und dadurch ihr HauSwesen zu erleichtern. Diesen klugwirthschastlichcn Einsall fühlte die Tochter mit geistiger Ucbcrlcgenhcit auS, ihn als Mittel benutzend, die Erziehung bcs weiblichen Geschlechtes in ihrer Vaterstadt mit einem bessern Geiste zu beseelen. Wenn auch bitter verfolgt und verleumdet, hatte ihre Tugend sich doch eine so unzerstörlichc, allgemein anerkannte Geltung gewonnen, daß die reichsten und edelsten Häuser mit Freuden ihre Töchter der Obhut und dem Unterrichte Giovcinna'S anvertrauten. Sie zählte bald in die vierzig Schülerinnen, eine sehr große Anzahl beim Bestände unzähliger Anstalten dieser Art in der noch nicht so volkreichen Stadt. Von den Eltern gedrängt, nahm sie auch zehn bis zwölf in Kost und Wohnung auf, sie bei Tag und Nacht überwachend, alle ihre Schritte leitend. Ihre erste Sorgfalt ging dahin, die kindlichste Frömmigkeit in ihren Zöglingen zu wecken. Die Flammen ihrer Inbrunst schlugen begeisternd i»S zarte Gemüth der Kinder, und bildeten jene unverwüstliche GlaubcnSinnigkcit in ihnen aus, die, einmal ins weibliche Herz gepflanzt, kaum mehr ausgerottet werden kann, und in der Regel für die Tugend des ganzen Lebens entscheidet. Beständig redete sie ihnen zu: „O Kinder! nur keine ! Sünde! Tausendmal lieber Tod, Fegicuer, Hölle, alle Peiucn dic-- !ser Welt, als eine Sünde geg>n unsern Gott!" Sie sagte dieß stets mit solcher Kraft, mit einem so hcrzzermalmcudcn Nachdrucke daß viele ihrer Schülerinnen gestanden, sie hätten die erschütternde Macht dieser Ermahnung bis in ihr höchstes Alter nicht mehr vergessen können. An Communiontagcn war sie die schönste, lehrreichste Erscheinung, ein hinreißendes Gottesbilv für die alles bemerkenden Kleinen, strahlend im Gesichte von der Ueberfulle der innern Scelcnsrcuvigkcit, mit der äußern Thätigkeit dem Unterrichte geweiht im regelmäßigsten Fortgangc, aber mit allen tiesern Kreisten ihres SeynS versammelt und aufgesogen in ihren Gott. Eine ihrer geistvollsten Kostgängcrinncn, die berühmte Pcrcgrina Sai-- banti, gestand nach dem Tode ihrer Lehrerin, sie habe dieses far-- bcnfrische Bild nie mehr aus der Seele wischen können, und in scdcr Versuchung sey es ihr wie ein zürnender Geist zum Siege helfend entgegengetreten, und sie hoffe mit demselben aller Todesfurcht zu trotzen. Als sich die Nachricht vom Herandringen der Schweden verbreitete, sagte Giovanna in der Schule: „Kinder! sürchtet euch nicht! Seyd standhaft im Glauben! Wenn die ketzerischen Soldaten nach Novcredo kommen, so wollen wir mnthig für den Glauben sterben, und einen ewigen Kran; im Paradiese gewinnen!" Bei diesen Worten erglühte ihr Angesicht voll heiligen Fcncrs, jubelnd wiederholte sie: .Ja, Kinder! sterben, sterben!' Und aus allen Bänken regte sich die Unruhe der Mädchen, in die der Strahl ihres AugcS heilige Todeslust gebracht. Aus dieser Schule und Kostanstall, die viele Jahre bestand, gingen die kern- hastestcn Frauen von Novcredo hervor, die Gluth heiliger Andacht in die ersten Familien der Stadt zurücktragend, in heiliger Ehe thätig, den Jugcnduntenicht der siommcn Giovanna auf ihre Kinder fortzupflanzen. Um ihren Geist im Eifer für die gute Sache wach zu erhalte», belebte Giovanna den schon sniher eingeführten Fraucnvcrcin dnrch ihre Theilnahme, und versammelte sie alle Sonnlage Nachmittag zur frommen Lesung und Betrachtung in einer kleinen Ncbcntirchc von San Marco, mit feuriger Anregung der unerschöpflichen Hilfsmittel, die in der weibliche» Brust für die Frömmigkeit und Tuscnd schlafen. AuS ihren stets bereiten Geldspenden erhielt sie die Mittel, verwahrloste Jungsraucn aus ihrem wüsten Leben herauszureißen, und sie durch lockende Aussteuer in christlicher Ehe unterzubringen. Sie redete dieselben - .......---------- auf offener Gasse an, und hörte nicht auf zu bitten, bis sie erweicht in sich schlüge» und ernstliche Besserung gelobten. Uni alle Gefahr dcS NücksalleS abzuschneiden, nahm sie dieselben von der Gasse mit ihren ersten Ncucthräncn weg in ihr HanS, schaffte sogar Kranke dieser Art in ihr eigenes Bett, und rastete nicht, bis sie auf christliche Weise versorgt waren, trotz aller Einwendungen ihrer wirthschcistlichcn Mutter, die eine solche Belastung des Haushaltes nicht gerne sah, aber ihre unwiderstehliche Toebter gleichwohl gewähren lassen mußte. Dadurch wurde ihr Einslnß aus die Bevölkerung der Stadt und Umgebung bald unermeßlich groß, eine Art öffentlicher Macht, der »ichtZ widerstehen konnte. Dnrch ihr mächtiges Einfahren ins Her; Ader Priester wirkte sie! auf dessen bessern Theil der Geistlichkeit unendlich wohlthätig ein,! ihre Sitten reinigend, die verborgenen Funken der geistlichen Bc-I rcblsamkcit lockend, sie durchglühend zu kühner Wcltvcrachtnng im Kampfe für den Erlöser. Sie war auch in jeder öffentlichen Noth die Fürsprecherin für ihre Vaterstadt, die betend- Mittlerin zwischen Gott und ihren Mitbürgern, von NathSwcgen dazu erlesen und ersucht. Am schönsten trat sie iu dieser Eigenschaft 1(>3ö aus, wo eine grimmige Pest in Rovcredo und im ganzen Lägerthale cinrisz, sie allein nicht cntmuthiget in der allgemeinen Angst und Verivirrung. Alles flüchtete auf das Land, in einzelne abgesperrte Bitten, die Aerzte verließen ihren Dienst, die Priester warfen sich in schmähliche Flucht, die Angesteckte» starben ohne den Trost der heiligen Sacramcnle, selbst ihre Mutter erkrankte an der herrschenden Seuche, ohne daß eine lebende Seele sich ihrer angenommen hätte. Die Siraßcn standen verödet, keine weibliche Person zeigte sich auf dcnselben, die Furcht und herzlose Abwehr des Uebels hatte alle Herzen versteinert. Giovanna, damals gerade 27 Jahre alt, in ihrer schönsten Leibcsblüthe, lächelte allein voll seliger Zufriedenheit unter den Bildern des Todes umher, ihre Mutter pflegend mit eigener Hand, und sie gesund betend, die Straßen aus und ci» den Männern Muth einsprechend, die bald gezählten FranciScancr von Arco, die ihr Leben dem Tode für die Stadt Novcredo darboten, mit den feurigsten Ansprüchen ermunternd. Die rührendsten Gesichter vom ewigen Gcisterfrühlingc im Himmel uniglänzten die Glückliche, die Wohlgcrüche einer bessern Welt umströmten sie, daß sie den Jammer der Erde nicht fühlte, mitten im Leichcngestanke laut anfsang zum Preise ihres Gottes, Tag und Nacht hingeworfen an sein göttliches Herz, daß er die Stadt befreie vom schrecklichen Uebel. Und in der That, die Pest hörte Plötzlich auf, und das liebliche Bild der pcstabwehrcndcn Jnngfrau lebte unvergeßlich fort im Andenken der Geretteten. Die FranciScancr, die TvdeSgctrenc», fandcn ein eigenes Kloster zum Danke für ihre Dienste in der Stadt, und wurden von dieser Zeit an die GcwisscnSsnhrer der Giovanna, mitvcrwickelt in ihre Leiden, Thcilnehmcr an allen Arbeiten für den Glauben in Tirol, die Mittler der Ordcnsverbreituug nach Deutschland, stets von ihrem muthigcn, rastlos auf die Ehre Gottes sinnenden Geiste geleitet. AuS dicsen segcnrcichcn Wirkungen für ihre Vaterstadt trat sie allmälig in weitere Kreise über, Tirol mit ihrer Gottes- liebc umschlingend, Italien und Deutschland mit der Macht des katholischen Glaubens zur Einheit durchdringend. Sie verband sich zu diesem Zwecke mit der Wittwe Vencria Simoncini, einem Weibe ganz eigener Art, die nach dem Tode ihres Gemahles, nach der Versorgung ihrer Kinder sich ganz den Eindrücken der Giovanna hingab, leise, still ihre Befehle ausführend, Tag und Nacht gedrängt zur That für tun Erlöser, »»verrückt das hcilige Ziel im Auge, durch Schmähungen stärker, durch Verfolgungen angefeuert, im Gebiete der Giovanna trotzbictcnd allen Künsten des Widerstandes und der Lüge. Sie zogen miteinander durch das Loppiothcil ins Gebiet der Sarcci, stiegen von Riva nach Tenno hinauf, von dort über'S Gebirg nach Tionc, und hier umbcugcnd heraus nach Campo im Gebiete von Stcnico, mit der wehrlosen Unschuld gottvertrauender Seelen, mit dem Herzen voll glühender Liebe, die alle Hindernisse überwand, alle Fehlnrthcile der Welt- linge zu Schande» machte, und den, Erlöser diente in Noth und Kälte, in Hunger und Durst, bei guter und schlechter Aufnahme, den Gott ihrer Seele preisend mit unaufhörlichen Seufzern. Uebcrall gründeten sie Frauenvrreine, und gaben Unterricht im Gebete und in der Betrachtung. Giovanna, welcher die Macht des Wortes überwiegend zu Gebote stand, hielt Anreden in den Versammlungen mit erschütternder Wirkung auf die Gemüther, selbst widerspenstige Piarrer zu Thränen rührend. Der Pfarrer Betta in Bordecjndicaricn ging ihnen treulich zur Seite, und setzte das angefangene Werk mit Umsicht und Eifer fort, während seiner langen Seelsorge mit Giovanna ans das innigste verbunden zum Heile der verwahrlosten, weitabgelegcnen Thalbewvhncr. Die letztere konnte diesen Jugcndauözug nie mehr vergessen, mit besonderer Liebe blieb sie diesen rauhen Thälern zugewandt, und als sie selbst nicht mehr persönlich erscheinen konnte, sandte sie Bilder, Kreuze, Hciligthümer, die mit heilbringender Kraft durch alle Gemeinden gingen, und tausendfachen Segen stifteten. Dadurch wurde in diesen äußersten Südwcstgegenden von Tirol der erloschene Eifer wieder angezündet, und besonders das weibliche Geschlecht geweckt zu unberechenbarem Einfluß auf die Erneuung der Familien in Andacht und Gottesfurcht. Bald darauf wanderte sie mit ihrer Frcun- din nach Trient, in die reiche Residenz der Fürstbischöfe auS dem Hause Madruz, die damals unermeßlichen Reichthum entfalteten, in vier aufeinander folgenden Männern ihres Geschlechtes fast erblich in ihrer geistlichen Fürstenwürde. Hier schwand die wehrlose Jungfrau in den Augen Wcltlichgcsinnter mit ihren muthigcn Plänen zur Reformation der Sitten in völlige Ohnmacht zusammen, Angesichts des prangenden Hofes mit allen Anflügen einer üppigen Zeit, Angesichts der Kirchcnprälatcn, die fctteingcpfründet wenig Geist zeigten einer plcbcischen Jungfrau sich zu unterwerfen, Angesichts eines Adels, der durch Macht und Reichthum alle übrige Avelömacht in Tirol verdunkelte. Selbst die berechnenden Jesuiten, ihre standhaften, zurückgezogenen Freunde, mißriethen ihr das Auftreten, weil nach ihrer Ansicht keine Hoffnung aus Erfolg leuchtete. Aber die Einsame, Zurückgestoßeue blieb allein unverzagt, bauend auf den Gott in ihrer Brust, auf die Flammen der Licbe, die stärker als der Tod die Welt überwindet. Sie dachte an das Wort des Fr-r Tomasv, daö er einst im Eifer des Geistes über sie gesprochen: „O mein Gott! Wie viele Verfolgungen wird diese Seele leiden! Barmherzigkeit! Barmherzigkeit! mein Gott und mein Herr! Strase die Verfolger nicht, erwarte sie zur Buße, betrachte und durchvringe sie mit dem Blicke deiner Milde!" Die Gebetseufzcr des Hingeschiedenen gingen wörtlich in Erfüllung, Giovanna wnrde zwar lövtlich krank vor Schmerz, aber der Glaube verließ sie nicht, daß sie durchdringcn würde zur Ehre ihres Gottes. (Fortsetzung folgt.) Deutschland. Einweihung einer neuen Kirche in der Diöcesc Paßau. Auf dem hohen Wollaberg (Diöcese Paßau) mit seiner reizenden Nuudsicht zwischen dem Baver- und dem Böhmcrwcilde, den Styrer und Tyrolcr Alpcn stund über 200 Jahre ein kleines Kirchlein, längst nicht mehr ausreichend für die inzwischen mächtig angewachsene Bevölkerung der Pfarrei Wollabcrg, und bereits so baufällig, daß es nicht mehr länger den abwechselnd aus allen Richtungen anbrausenden Stürmen und Wettern hätte Widerstand leisten können. Im April vorigen Jahres wurde cs bis auf den Thurm niedergelegt, und mit einem von des Königs Majestät auf die StiftnngSconcurrcnz-Casse angewiesenen Kostenbetrag zu 18,000 fl., mittelst freiwilliger Hand- und Spanndienste der Pfarrgcmeinde nach einem allerhöchst genehmigten Plane aus unübertrefflichem feingearbeiteten Granit im gothischen Vaustyl neu erbaut. So stund der großartige, in den erhabensten Formen vollendete Bau fertig, geziert mit neuer Uhr von Manhart in München, classischem Hochaltar vom vewährten Bildhauer Ansclm Sickingcr in München, mit neuen Seitenaltärcn, deren Bilder unter Leitung der königlichen Akademie der bildenden Künste in München von den Künstlern Adler und Barth daselbst trefflich ausgeführt, dann mit Kanzel, Betstühlen und sonstiger Einrichtung Alles neu, und nach übereinstimmendem Plane von Meisterhand gefertigt, als am 25. v. M. gleichzeitig mit den ersten Sonnenstrahlen sein neues harmonisches Geläute und der hundertfältig in den Bergen wicdcrhal- lendc Donner der Geschütze das hohe Namens- und Geburtsfest des LcmdcsvaterS und zugleich das Fest der Heiligung dieses Tempels für den Dienst des Herrn verkündete, zu deren Vollzug der Hochwürdigste Herr Bischof Heinrich von Pafzau am Abend vorher von Ehrfurcht und Liebe herzlichst begrüßt, seinen feierlichen Einzug in Wollaberg gehalten hatte. Schon um 5 Uhr Morgens begann der Kirchenfürst umgehen von einem zahlreichen Klerus, im Beistyn vieler Festgäste und einer unübersehbaren Masse von Andächtigen, unter sichtbarer Freude und Rührung über die Schönheit und Großartigkeit des neuen Tempels, dessen Heiligung, und reihte derselben ein Pontificalamt mit 'l'o veum und eine Kanzel- rcde an, so voll des göttlichen Geistes, der feurigsten Gottes-, Königs- und Vaterlandsliebe, als hätten sich alle Flammen, die einst am Psingstfcst über den Häuptern der Apostel schwebten, über diesem ächt apostolischen Haupte vereinigt. Kein Auge blieb trocken, als der Bischof, selbst tief ergriffen, zunächst Gott, dann unserm ruhmwürdigen Könige für das Zustandekommen dcö so eben neugc- weihten herrlichen Tempels dankte, und dabei nicht nur selbst die heißesten Segenswünsche für des Königs und der Königin Majestät, für den Stamm der Wittclsbacher in den innigst gefühlten herzlichsten Ausdrücken darbrachte, sondern auch das Volk 'verpflichtete, mit jedem Gebet in diesem Gottcöhause auch das Gebet zu vereinen für das angestammte Regentcnhaus, für den gesegneten Stamm der Wittclsbacher, welcher mit Muth und Krast dem Vaterland das unschätzbare Gut der heiligen Religion der Väter geschirmt und erhalten hat. Anch den k. Stellen und Behörde», welche mit so viel Eifer als Pietät die Interessen der Religion, und wie diesen Bau, so andere gleich großartige Bauten für Zwecke des Cultus gefördert, und endlich der wackern Pfarrgcmeinde, welche vhngeachtet des totalen Hagelschlazes im vorigen Sommer alle Hand- und Spanndienste zu diesem großen und durch die Oertlichkeit erschwerten Baue unentgcldlich und eifrigst geleistet hat, drückte der Bischof den wärmsten Dank unter rührenden Segenswünschen aus. Am Mvrgen darauf weihte der Bischof nach einer höchst erbauenden Pontificalmcsse den neuen Kirchhof, spendete das heilige Sacrament der Firmung, nahm die Aufwartung und Danksagung der Behörden und der Vertreter der Pfarrgemeinde an, und trat, begleitet von dem Ehrcngclcite, wie beim Einzüge unter den heißesten Segenswünschen von Tausenden die Heimreise an. Ein solch Fest der christlichen Frömmigkeit und treuesten Loyalität zugleich, durch keinen Mißton, keinen Unfall getrübt, so erhebend, daß selbst dir größten VoliSmasscn, von dessen Erhabenheit getragen, im Jnbel höchster Freude jenen würdigen Ansta-d behaupteten, der jeder zur Ordnung mahnenden Schranke entbehren kann, erscheint und verdient bekannt zu werden, als eine crsrenliche Kundgabe des unwandelbaren guten alten Sinnes im lieben Vaterlande, den der Allmächtige auch fortan segnen und erhalten wolle. l^Kirchcnztg. f. d. k. Deutsch!.) 'X- -X- Mai»;, 18. Aug. Der Katholik schreibt: Unser Hoch- würdigster Bischof hat so eben die nachfolgenden zwei Verordnungen erlassen: I. Petrus Leopold Kaiser, Bischof von Mainz, an die gestimmte ehrwürdige Geistlichkeit der Diöccse. Wir glauben Euch, geliebte Mitarbeiter und Brüder im Herrn, die amlliche Anzeige nicht vorenthalten zu dürfen, daß ein Mitglied unseres Diöcesanklcrus, der bisherige Dccan und Pfarrer Winter in Alzey, von der katholischen Kirche abgefallen ist. Derselbe hat Uns, nachdem er erst wenige Wochen vorher, unterm 5. Juni, über die Umtriebe der neuen Scctirer in seiner Gemeinde mißbilligend an Uns berichtet hatte, unterm 25^ vorigen Monats den von ihm gethanen Schritt selbst angezeigt, und Wir haben darauf, als er auch auf die von Seiten Unseres Ordinariats an ihn er- gangcne Mahnung sein Beharren in seiner Vcrirrung in einem Schreiben vom 9. dieses Monats bestätigt hatte, solche Maaßregeln ergriffen, wie sie sowohl die Schwere des Vergehens, als die dringlichen Umstände der dortigen Pfarrei, in welcher übrigens das beklagenswerthe Beispiel des Hirten die GlaubcnS- trcue der Gemeinde keineswegs erschüttert hat, erforderten. Die Ercommnnicativnscrklärnng fügen Wir in untenstehendem Abdruck bei. Es wäre wohl überflüssig, geliebte Brüder, mit Euch davon zu reden, wie ticfschmcrzlich dieses in Unserm BiSthume Gottlob! so seltene Ereignis; unser Herz berühren mußte. Lieber wollen Wir Euch sagen, daß beim Gedanken an die begangene Untreue des Einen Uns. nichts besser aufzurichten vermag, als der Hinblick auf Eure Treue, die Ihr im Augenblicke des Kampfes Euch nicht als Miethlinge erfinden lasset, die da fliehen oder zum Feinde übergehen, sondern die Ihr vielmehr den beispiellosen VcUockungs- und Verführungskünstcn verkehrter Menschen mit Entschiedenheit und Besonnenheit entgegentretet, und Euch dadurch einen gegründeten Anspruch erwerbet sowohl auf linsern freudigen Beifall, als anch auf die Liebe und das Vertrauen Eurer Psarrgenosscn. Darum hegen Wir sogar die tröstliche Hoffnung, daß selbst in diesem, an sich so bedauerlichen Falle, das Böse sich als eine Veranlassung zum Guten erweisen werde. Denn Ihr, geliebte Brüder, werdet es erwägen, welches schwere Aergerniß ein Priester aus unserer Mitte so vielen gutgesinnten Gläubigen gegeben hat, und Ihr werdet deßwegen nun um so sorgfältiger in Eucrm Wandel, in Enern Amtsverrichtungen, in Eucrm Hauöwescn, Alles vermeiden, woran das ohnehin schwer geärgerte Volk Anstoß nehmen könnte; — Ihr werdet es erwägen, welche Schmach der Abgefallene, so viel an Ihm ist, durch das Beispiel seiner Apostasie auf unsern geistlichen Stand gehäuft hat, und Ihr werdet Euch dadurch um so lebendiger angetrieben fühlen, durch die vollkommenste Reinheit und Tadellosigkeit Eures Lebens, durch die genaueste Beobachtung des klericalischcn AnstandS und durch die gewissenhafteste Führung Eures heiligen Amtes dem Priester- stände die ihm gebührende Achtung zu wahren; — Ihr werdet eS endlich, beim Anblicke des traurigen Falles eines Mitbruders, erwägen, daß auch die Würde des Priestertlnims und Seclsorger- cimtcs nicht sichert vor den schwersten Fehltritten, und Ihr werdet es darum fortan desto weniger mangeln lassen an jener dem Priester so unentbehrlichen Wachsamkeit über sich selbst, werdet um so besorgter seyn, durch Gebet und Anwendung der von der Religion so reichlich uns gebotenen Heils- und Tugendmittel oft die Gnade zu wecken und zu erneuern, die Euch im Sacrcnnentc der Priesterweihe gegeben ist. Ja, geliebte Brüder, Wir erwarten es von Euch, — das wird geschehen, und der Feind, der den Abfall eines Priesters immer als einen besondern Triumph fiir seine Sache zu betrachten pflegt, wird sich auch dieszmal getäuscht haben. IlebrigcnS empfehle» Wir den Abgefallenen, der einst Euer Mitpricster war, Euer», Gebete. Flehen wir zu Gott, dasz da, wo die Sünde groß ist, vie Gnade desto großer sey, damit der Verirrte, der die Kirche Gottes auf so traurige Weise verlasse» hat, recht balv die Schwere seines Unrechts erkenne und gebessert in ihren Scbooß zurückkehre. In dieser Hoffnung geben Wir Euch i» väterlicher Liebe Unsern bischöflichen Segen, -j- Petrus Leopold, Bischof, vclt. Hcffncr. II. Petrus Leopold u. f. w. au den gewesenen Dccon und Pfarrer Unseres BiSthnms, Herrn Adam Winter zu Al- zey. Auch nach Ihrer Erklärung vom 25. vorigen Monats, in welcher Sie, wie Sie sich ausdrücken, vou der römische» Hierarchie sich lossagten, hatten wir immer noch einige Hoffnung gehegt, daß Sie, gerührt und erschüttert durch die eben so liebevolle als ernste Ermahnung Unsers Ordinariats vom 1. dieses Monats, die Ihnen varin gegebene achttägige Frist zu gewissenhaftem Nachdenken über Ihren gethanen Schritt benutzen uud zu besseren Gesinnungen zurückkehren würden. Wir mußten aber leider so^ wohl aus dem Inhalte, als aus dem Tone Ihres Anwertschrci- benö an unser Ordinariat vom 9. dieses Monats die Wahrnehmung machen, daß unsere Hoffnung grundlos war, indem Sie darin Ihren Austritt aus der katholischen Kirche wiederholt ausgesprochen haben. Hierdurch haben Sie sich aus der katholischen Kirche selbst ausgeschlossen, uud erklären Wir daher, daß Sie nach den kanoniscben Satzungen in die I^xeoinmunieatio, latss LvilwiitiuiZ, verfallen sind. In Beziehung auf Ihre weiteren Schritte müssen Wir Sie Ihrem eigenen Gewissen überlasse». « «- - Der Fürstbischof Melchior vollbrachte einen in unsern Augen bedeutungsvollen Act, indem er alc-bald nach seinem Regierungsantritte die zu Brcslau bestehenden weiblichen Kloster mit seinem Besuche erfreute. Zuerst, am 24. Jnli, besuchte er das Kloster der Ursulincrinnen. Nachdem derselbe, berichtet das Schlcsischc Kirchcnblatt, von der Frau Oberin Namens des ConvcnlS chrfurchtvollst und von den klemmen Mädchen der untersten Elcmentar-Schulclassc kindlich begrüßt worden, sangen an 600 im Nefectorüim versammelte Schülerinnen ein znm Empfang des Oberhirtcn gedichtetes Danklicd, von dessen Schlußversc derselbe Veranlassung nahm, in liebevollster Weise zu den kindlichen Hcrzm Worte der Belehrung und Mahnung zu sprechen, die gewiß einen gesegneten, bleibenden Eindruck zurückließen. Am 6. August darauf verherrlichte der Fürstbischof in demselben Kloster die Feier einer fünfzigjährigen Ordcnsproiession mit seiner Gegenwart. Er wurde' um 9 Uhr an der Klostcrpforte vom Convent und mehreren Priestern ehrfurchtvollst empfangen, wohnte dem Hochamte bei, sprach den Segen über die Jubilarin während der Litanei, betrat nach dem Schlüsse des I e Lizum den Hochaltar und sprach aus der Fülle seines reichen Gemüthes zur Jubelbraut Worte der Erbauung und Erhebung, die auf alle Anwesende» den tiefsten Eindruck machten. Er wies darauf hin, daß dieß Fest mit dem Feste der Verklärung des Herrn zusammcntrcffe und darin seine schönste Beziehung finde; daß die Jubelbraut, von Liebe zum Herrn geleitet, hier vor Zahren ihre Hütte aufgeschlagen nnd das Heil in Christo im stillen Frieden der Einsamkeit gefunden habe. Nach Beendigung dieser Jubelfeier suchte der Fürstbischof das Kloster der E lisa bc !h i n erin nen heim. Er wurde in der Klosterkirche von dem versammelten Convcnte der Jungfrauen erwartet und chrfurchtvollst empfange». Nachdcm die bei Ankunft eines Bifchvfö üblichen Gebete verrichtet worden, begrüßte der Fürstbischof am Hochaltar den Convent mir dem Gruße: „Der Friede sey mit Euch!" uud schloß daran herzliche Worte seiner Theilnahme für den Orden, der unserm göttlichen Heilande vorzüglich auf seinem Kreuzwege nachfolge und so scgeureich wirke. Nach Erthcilung des apostolischen Segens begab sich derselbe in das Nefectorium, wo !die Frau Oberm ihre Huldigung darbrachte und eine der geistlichen Schwestern ein Wcihgcdicht sprach. Der Obcrhirt erneuerte hier den Ausdruck seiner Theilnahme nnd huldvollsten Gewogenheit für diesen wohlthätigen Orden und besuchte dann die Wohnungen der Jungfrauen, die Apotheke und die Krankensäle, in deren größtem zwei arme kranke Kinder den allvcrehrten Kicchcnfürstcn, der auch hier als Vater unter seinen Kindern erschien, in einfachen Worten begrüßten, worauf derselbe nicht nur zu diesen Kindern, sondern auch zu allen Kranken sich wandte und zu Allen gcist und gcmüthvolic Worte der Belehrung, der Mahnung und des Trostes sprach, die, vom Herzen kommend, auch Aller Herzen tief ergriffen. Segnend und gesegnet schied er aus dieser Zufluchtstätte der Leiden. Polen. Bedrängnisse der katholischen Kirche. Die Nachrichten aus Pole», schreibt das Iournal deBru rclleS, werden von Tag zu Tag betrübender. Seit der Rückkehr des Kaisers nach St. Petersburg ist in diesem Lande eine Schaar von Beamten und Pspcn eingetroffen, welche den Auftrag haben, die vom Kaiser entworfenen Maaßregeln auszuführen. Die Popen legen bereits Hand an das Werk, sie durchziehen das Land, um die Bauern zur russisch-griechischen Religion zu bekehren. Eine gnte Zahl katholischer Pfarreien ist schon aufgehoben uud ihre Kirchen den Griechen zugewiesen. Die Ukase, welche den Psarrer» verbieten, außerhalb ihres Bezirkes die Sacramente zu spenden, und ihre Predigten einer vorgängigen Censur unterwerfen, werde» mit Strenge vollzogen. Ucbcrtrctung derselben hatdie Deportation nach Sibirien zur Folge. Die russischen Missionäre schämen sich auch der niedrigsten Ränke nicht, um die Polen griechisch zu machen, und wenn die In- trignc nicht ausreicht, nehmen sie zur Gewalt ihre Zuflucht und rufen militärische Hilfe an. Die Soldaten treiben die Bauern wie Heerden in die griechischen Kirchen, und dort werden sie in Masse in die Verzeichnisse der Gläubigen eingetragen. Die so bekehrten sind dann für immer von dem Schvoße der katholischen Kirche ausgeschlossen. Die russische Regierung weiß, daß die Religion eine unübcrsteigbare Scheidewand zwischen Nnßland und Polen anfgcrichtct hat und daß, so lange Pole» katholisch bleibt, ras Nationalgefühl in diesem Lande niemals ersticken werde. Kein Mittel wird verachtet, um jene Scheidewand niedcrtureisien. Vcraimvorrlichcr Redacteur: L. Schönchen. WerUgS - Inhaber: F. C. Kr cm er. L 5 ^»SS ' Mei/.^ d»5 Attgsbttvger n apostolischen Stuhl. Nach Münster zurückgekehrt, führte er ein stilles, zurückgezogenes Leben, um sich zum geistlichen Stande vorzubereiten. Am 22. Februar 1793 empfing er die heil. DiaconaiSweihc (die Subdiaconatswcihe hatte er bereits am 7. Juli 1791 empfangen) und wurvc am 1Z. Juli 1793 zu Rheinc, wo sich der damalige Wcihbischvf d'Alhaus gewöhnlich aufhielt, zum Priester gcwcihct. Mit inniger Andacht und hohem Ernste empfing er dieß heil. Sacrament, es nicht ahnend daß er berufen war dasselbe in der Folge so Vielen wieder zu spenden. Seine erste heil. Messe feierte er am folgenden Tage in der Capcllc des Schlosses Darfcld im Krcisc der Scinigcn. Die Zeit, wo Gott ihn zum Hirtcnamtc berufen wollte, kam bald. Im Jahre 1795 starb der Wcihbischof von Münster, Carl d'Alhaus, und zu seinem Nachfolger wählte der Kurfürst von Köln und Fürstbischof von Münster, Erzherzog Maximilian Franz von Oesterreich, den durch Frömmigkeit und Tugend ausgezeichneten jungen Domherrn, Freiherr» Caspar Maximilian Droste. Papst PiuS VI. bestätigte den Gewählten, und gab ihm den Titel eines Bischofs von Jericho. Die feierliche Weihe wurde auf den 6. September 1795 festgesetzt; der Kurfürst selbst nahm die heil. Handlung vor, und ncihete außer dem Wcihbischofe von Münster den Freiherr» Ferdinand von Lüning und Carl von Gruben, jenen zum Fürstbischöfe des neu errichtete» Fürstbisthums Corvcy, diesen zum Bischöfe von Paros und Wcihbischofe von Osnabrück. Bei der Weihe assistirten die damals hier in der Verbannung lebenden französischen Bischöfe von Ltmoges und Seez. Die Feierlichkeit der Consccration dieser drei Bischöse ist, wie das Münstcr'sche Jntelligenzblatt vom 7. September berichtet, „mit großer Pracht und Ordnung in der hohen Domkirche vor sich gegangen, und der Anstand und die Würde, mit denen Se. Kur- fürstliche Durchlaucht diese Function vornahmen, allgemein bewun- Abschied von unsern Freunden aus Münster, welche wir in Sicilien j dert." Bei der heil. Handlung herrschte nach demselben Berichte, obgleich die Zahl derer, die derselben beiwohnten, außerordentlich groß war, die größte Ordnung und Stille. Die Bischöfe von Liining und von Gruben sind längst gestorben; Caspar Maximilian ist ein längeres Leben bcschicdcn zum Heile und zur Freude Vieler. Seine bischöflichen Amtöverrichtungen begann Caspar Maximilian einige Tage nach seiner Consccration in der Kirche der Johanniter- Cvinmendc zu Münster. Hier spendete er am 17. September das heil. Sacramcnt der Firmung und ertheilte am 19. die höhern Weihen, lim den würdigen Empfang des heil. Sacramentes der Firmung zu befördern, bearbeitete er gleich im folgenden Jahre eine Unterweisung darüber, und veröffentlichte diese mit einer rührenden und erbaulichen Vorrede an die Kinder. Während nm diese Zeit in Frankreich der schreckliche Revo- lntionskricg wüthete und alles Heilige mit Füßen getreten wurde, während dieser Orkan, von Westen herkommend, immer höher hinaufzog und in Deutschland bereits große Kricgsrüstungcn stattfanden, da war für einen kleinen Theil desselben, für das Münsterland eine schöne Zeit, eine Zeit der Blüthe gekommen. Des unsterblichen Fürstcnbcrgs großer Geist hatte hier ein neues, kräftiges Lebe» in alle Classen des Volkes gebracht, nnd im Lande die Wissenschaft auf eine damals seltene Höhe gehoben. Er hatte die weltliche und die geistliche Regierung in Händen und wirkte in beiden Beziehungen wahrhaft segensreich. Mit eben so vieler Umsicht und Klugheit, als Rastlosigkeit und Uncrmüdlichkcit suchte er den Wohlstand des durch Krieg und Unglücksfälle tief gesunkenen Landes zu heben, und Stadt und Land in jeder Weise zu verschönern; die größten Verdienste aber erwarb er sich durch die Verbesserung des niedern und höhern öffentlichen Unterrichts, welchen er auf eine so hohe Stufe erhob, daß er seine Zeit um etwa ein Jahrhundert überflügelte. Das Glück deö Landes, welches cr so in jeder Weise beförderte, spiegelte sich in dem Privatleben dieses großen Mannes wieder; es war das Leben des Gerechten voll Heiterkeit und Nnhc. Seine großartigen Bestrebungen sür Kunst und Wissenschaft wurden besonders unterstützt durch die eben so geistvolle als fromme Fürstin Amalic von Gal litzin, welche im Jahre 1779 nach Münster kam, um dort bloß für die Erziehung iyrcr Kinder zu leben. Ihr Haus, das jedem fremden große» Manne gastfreundlich offen stand, wurde der Sammelplatz ausgezeichneter Personen. Fürsteubcrg, der um unser Land so hochverdiente Overbcrg, Katerkamp, Kistcmaker u. m. a. versammelten sich täglich in den Abendstunden bei der Fürstin, um sich über Kunst und Wissenschaft zu unterhalten. An diesen Gesellschaften nahm auch der junge Bischof Caspar Maximilian mit seinen Vrüvcrn, den, jetzigen Erzbischof von Köln, Clemens August und dem am 25. Februar 182L verstorbenen Dvmcapi- tular Ficihcrrn Franz D roste Theil. Der Umgang mit diesen Männern, zu denen sich im Jahre 1800 auch der Graf Leopold Stolbcrg gesellte, bot unserm hochwürdigstcn Bischöfe die beste Gelegenheit dar, seine Kenntnisse in jeder Wissenschaft zu erweitern nnd seinen Geist durch die Klarheit und Fülle der Gedanken seiner Freunde zu bilden. Von Fiirstenberg selbst angeleitet, konnte cr in späterer Zeit, als cr zum Diöcesanbischosc berufen ward, um so besser dessen Schöpfungen erhalten und weiter fördern; und dieß hat cr stets gethan; cr wandelte auf dem Wege seines großen Freundes rnhig und geräuschlos fort, suchte den Ruhm, den die Münstcr'scbc Diöccsc durch die treffliche Einrichtung ihrer in der schönsten Harmonie mit der Kirche stehenden Schulen und durch ihre fromme und wissenschastlicl' gebildete Geistlichkeit erlangt hatic, zu erhalten und fester zu begründen. Die Zeit der großen Bewegung am Ende des vorigen und im Anfange dieses Jahrhunderts, die Zeit, wo in Deutschland eine kalte Alles läugncnde Philosophie sich immer mehr Geltung verschaffte, verlebte Caspar Maximilian in treuer Erfüllung der Pflichten seines hohen Amtes und im Kreise der genannten Freunde. Die Gefangennehmung des Papstes Pius VI. durch die Franzosen im Jahre 1798 und dessen Tod in der Gefangenschaft zu Valence machten auf ihn einen tiefen Eindruck, und ihm war die tranrige Ehre beschicken, am 8. November 1799 im Dome zu Münster für den Verstorbenen das feierliche Seelenamt zu halten. Doch hatte er bald die Freude, für die Wahl Pius VII. Gott zum Danke das heil. Meßopfer darbringen zu können. Noch eine Begebenheit kam hinzu, welche geeignet war die Münsterlcindcr, namentlich diejenigen, welche an der weltlichen und geistlichen Regierung des Landes bisher Theil genommen hatten, in dieser so sehr bewegten Zeit zu beunruhigen. Der Fürstbischof Maximilian Franz, welcher durch den französischen Rcvolutivnskrieg aus der Residenz Bonn verdrängt, seinen Wohnsitz zuerst nach Mcrgentheim und dann nach Wien verlegt hatte, war in der Nähe dieser Stadt auf dem Schlosse Herzendorf 1801 den 27. Juli am Schlagfluß gestorben. Die Nachricht kam am 4. August durch einen Courier nach Münster und verursachte hier eine allgemeine Bestürzung. „In der so trauervvllen Zeit," sagte der Gencral-Vicar von Für- stenbcrg in einer öffentlichen Ankündigung, „welche der größte Theil der Welt seit einigen Jahren erlebt hat, verschonte die göttliche Vorsicht dieses Hochstift mit den Drangsalen, nnter welchen so viele andere Länder geschmachtet haben. Sie hatte den in Gott ruhenden, weiland Durchlauchtigsten Kurfürsten Max Franz, unsern gnädigsten Fürsten und Herrn 'zu Ihrem Werkzeuge gewählt, um durch dessen Weisheit und Patriotismus den größten Theil der drohenden Gefahr von uns abzuwenden." Am 28. August wurde im Dome zu Münster von dem Weihbischofe unter Assistenz seiner beiden vorgenannten Brüder Franz und Clemens das feierliche Seelenamt gehalten. Das Domcapitel zu Münster, dasselbe welches von Gott an die Gränzscheide der alten und der neuen Ordnung der Dinge gestellt war, übernahm gleich nach erhaltener Todesnachricht die weltliche Regierung des Landes und ernannte Fiirstenberg zum Capitels-Bicar, um die Diöcese in geistlichen Dingen wie bisher zu regiere». Man glaubte einer Säkularisation des Hochstifts nur durch eine schleunige Wahl eines neuen Fürstbischofs entgehen zu können. Die Wahl wurde bereits am 9. September, nachdem zuvor der Wcihbischof Caspar Max, assi- stirt von seinen Brüdern die Heilige-Geist-Messe gehalten hatte, vorgenommen und fiel auf den Erzherzog Anton Victor, Bruder des Kaisers von Oesterreich, welcher sogleich als neuer LandcS- sürst feierlich verkündigt wurde. Der neugewähltc Fürst trat, wie bekannt, die Regierung nicht an, vielmehr hörte Münster am 3. August 1802 auf ein sclbsistcindiger Staat zu seyn. Indessen behielt das Münsterland seine geistige Eigenthümlichkeit; es behielt die vortrefflichen Fürsteuberg'schcn Institutionen, und blieb von dem frivolen Unglauben der Zeit unberührt. Caspar Maximilian und sein Bruder Clemens August, der auf Fürstenbergs Wunsch am 18. Januar 1807 zu dessen Coadjutor nnd am 9. Juli desselben Jahres, da Fiirstenberg wegen Altersschwäche sich gänzlich von den öffentlichen Geschäften losgesagt hatte, znm CapitclS-Vicar einstimmig vom Dvmcapitcl erwählt wurde, Ware» es, welche in dieser wichtigen UcbeigangSpcrivdc unter vielen und mannichfachcn Wcchjelfällcn des Krieges die Münstcr'sche Kirche viele Jahre hindurch regierten. (Fortsetzung folgt.) Die Macht des Glaubens und Gebetes. (Fortsetzung.) , lMULS NZWUi^.A? »MNI! (ttlü. !1ZMMs ->>M !>^!/l' Während Giovanna mitten im Fieber dalag, besuchte fie eine Trientinerin, Namens Afra, eine Schwester des dritten Ordens des heiligen FranciscuS wie sie ganz hineingezogen ins wunderbare Leben der christlichen Mystik. Ohne sich wechselseitig zu kennen, ohne ein Wort zu reden, fühlten sich beive Seelen blitzschnell in einander hinein, die verwandten Flammen fuhren sprühend auf, zusammcngluhcnd in cinö, sie fielen sich wechselseitig ans Herz, lachend, jubelnd voll Hcrzenolust, beider Angesicht wurde leuchtend, mit Hellem Glanz übergössen durch die plötzlich entbundene tiesinnerstc Seelenkraft. Vencria Simoncini und alle Gegenwärtigen wurden unwillkürlich hineingcschlürft ins Flammenmeer heiliger Liebe, sie fingen ebenfalls zu lachen und zu frohlocken an, und unaussprechlich süße Thränen mischten sich in den Jubel der aufgeregtesten Herzen. Afra starb bald darauf, mit Givvauna im Geisterbunde verharrend, im Himmel vermittelnd, was diese auf Erden für den Erlöser wirkte. Die Kranke erhob sich auf einmal völlig gesund, und ging mit der größten Uncrschrockenheit ans Werk. Sie selbst bat in eigener Person die angesehensten Fraucu von Tricnt zusammen, begeisterte sie in kühner Rede zur Stiftung eines FrauenvcreinS, und wußte vom Fürstbischöfe sogleich die Erlaubniß dazu zu erwirken. Ein Domherr ließ sich auf ihre ihm ganz unerwartete Bitte herbei, die Oberleitung zu übernehmen, und am nächsten Sonntag eröffnete Giovanna denselben in erster feierlicher Versammlung in einer kleinen Kirche der Stadt. Sie blieb fortan mit demselben in unaufhörlicher Verbindung, brieflich, mündlich anmahnend zur That für JesuS, und stiftete dadurch unendlichen Segen besonders in den höhcrn Kreisen der Gesellschaft. Denn die edelsten Frauen aus den Geschlechtern Madruz, Wollenstem, Spaur. Thunn und andern waren durch den übermächtigen Geist der Jungfrau vereint worden zur Verbreitung ächtchristlicher Frömmigkeit trotz alles WiverstrebcnS feindseliger Ansicht. Während dieser Bemühungen zur Steuer der Andacht und Gottesfurcht wurde sie mit drei Personen bekannt, durch deren Einfluß sie ihre ftgenrcichcn Wirkungen bis ins Herz von Deutschland und Italien ausbreitete, und für die Ncchtgläu- bigkcit Tirols den entscheidendsten Einfluß in die Schaalc des dreißigjährigen Krieges legte. Die erste derselben war die Gräsin Sibylla von Lvdron, eine geborne Fugger aus dem berühmten Geschlechte der Fugger zu Augsburg. Sie hatte ln zarter Jugend den Grafen Maximilian von Lvdron gehcirathct, seßhaft auf seinem Schlosse in Villa Lagarina auf dem sanften Bergabhangc, Rove- rcdo gegenüber, eine überaus feingewobene Seele von der empfindlichsten Durchsichtigkeit des Gewissens und vollendeter Durchbildung in der Schule geheimer Leiven, die am schwersten auf das Men- schenhcrz drücken, weil die Abhilfe eben so selten als das Mitleid schwer zur Theilnahme zu bewegen ist. Eine Tochter Georgs Fug- gcr, der sich in Trient angesiedelt hatte, wäre sie nach der Wahl ihres Herzens gern in eine heilige Einsamkeit zurückgetreten, mußte jedoch auf den Befehl ihrer Eltern im Jahre 1602 sich vcrchc- liche». Der äußere Glanz bot wenig Entschädigung für daö innere Unglück ihres Hauses und Verhältnisses. Mit der Gluth heiliger Andacht fügte sie sich ins Unvermeidliche, und lebte 32 Jahre im Ehestande, kinderlos, geopfert ihrem Gott in allerlei Leiv uud Drangsal. Als ihr Gemahl nach zweijähriger Krankheit im Jahre 4635 starb, setzte er sie zur Erbin aller seiner Güter ein. Dadurch zwar im Besitze eines ansehnlichen Vermögens, aber von ihren nächsten Anverwandten aus Aerger über den letzten Willen ihres Gemahls aus dem bisher bewohnten, lchcnSsähigcn Schlosse schimpflich hinausgestoßen, war sie in die weite Welt gewiesen ohne Liebe und Theilnahme, geneckt in ihren Gefallen und Einkünften, und innerlich dnrch die Angst ihres unbchilflichen, über- zarten Gemüthszustandes gequält. In dieser Lage wurde sie auf einmal mit Giovanna persönlich bekannt, fand an ihr reichlich, was ihr abging, und schloß sich ganz au ihre unerschütterliche Selbständigkeit an. Allen Aussichten ans eine zweite Ehe entsagend, widmete sie sich ganz dem Gebete und der Wohlthätigkeit, und entschloß sich, aus ihrem Vermögen ein Clansscnklostcr zu Rovcredo zu stiften. Giovanna faßte nicht ohne vielfache Anfechtung von innen und außen den Entschluß, selbst in dasselbe einzutreten, und an der Spitze heiliger Jungfrauen die Fülle der Andacht und Frömmigkeit auS diesem Mittclpuncte zartester Reinheit überallhin zu verbreiten. Die ungeheuren Widerstandskräfte wurden mit ungebrochenem Muthe überwunden, das Ztlostcr eröffnet nach ihrer eigenen geschärften Regel, und sie selbst nach dem Verlaufe der ersten Jahre zur Aebtissin erwählt. Sibvlla trat als Drittordensschwestcr in dasselbe ein, um zum Wohlthu» noch stets freie Hand zu haben, als Vermittlerin im Weltverkehre eine stets sehr erwünschte Stütze der Aebtissin, besonders durch ihre Fertigkeit in der deutschen Sprache und die Bekanntschaft mit den deutschen Verhältnissen eine fast nothwendige Ergänzung derselben zur Vermittlung der italienischen GlaubcnSströmung inö deulsche Volksleben. Durch diese Absonderung halte Giovanna scheinbar sich alle Wirkungsfähigkeit für die Welt abgeschnitten, wegen dieses Schrittes selbst von ihren Freunden bitter getadelt, ja von ihrer eigenen thatkräftigen Natur fast mit Gewalt zurückgedrängt in die frühere Bewegungsfreiheit. Aber was in den Augen der Welt Thorheit war, erwies sich auf dem Wege der Gnade als die rechte Weihe der Kraft für die gottgcvpfcrtc Jungfrau. Mit dem Schleier ihres einsamstillcn KlostcrlebenS trat sie erst auf die entscheidende Höhe der Weltgeschichte als mißkannte Springfeder der meisten Begebnisse ihrer Zeit im Sinne der katholischen Kirche. Die eingezogene Klosterzelle steigerte ihr himmlisches Licbcelcbcn auf den höchsten Grad der Einigung mit Gott, aus ihm sog sie göttliche Weisheit für die Angelegenheiten dieser Erde, lichten Einblick in das Uhrwerk des großen WcllkampfcS, im Geiste nulle- bend, mitfühlend den stürmenden Puls der Zeit. Das für menschliche Beschränktheit Unheimliche in ihr erhielt eine furchtbare Kraft, denn ihre Wirkungen ins Weite führten die katholischen Streiter blind in den Sieg, und lenkten mit Obmacht die Rathschläge der Könige. Hier ergoß sich ihr mächtiger Geist zuerst in den berühmten Mattia Galasso, unter dem Namen GaltaS allen Lesern der Geschichte des dreißigjährigen Krieges wohlbekannt, mit Stolz beizuzählen den begabtesten Männern, welche Tirol in den heiligen Streit gesandt. (Schluß folgt.) Deutschland. 5 Von der Altmühl. Vom 17. bis )^3. August vc>. sammelten sich abermals aus dem Klerus der Diöccsc Eichstädt 75 Priester zur Abhaltung geistlicher Uebungen oder Exercitien zu Hirschberg bei BcilngrieS. Welchen großen höchst segenoieichcn Einfluß für Geist und Herz dieselben übten, zeigen die Worte des Dankes, welche Einer auS ihrer Mitte auf Ersuche» seiner Mit- brnder an den hochwmdigstcn Herrn Bischof, Carl August Grafen von Ncisach, der zum Schlüsse der Uebungen hergekommen war, richtete, und die also lauteten: „H ochwürdigstcr Herr Bischof! Wcnn der Tag sich geneigt und Abendruhc sich über Berg und Thal auögegossen, in den weiten Räumen dieses Schlosses nächtliches Dunkel eingetreten, dann ertönte aus der erleuchteten Capelle ein ernster heiliger Gesang, der da von des Berges Höhe weit in die Thäler hinschwebte, »nv diejenigen, die ihn horten, wundersam ergriff und zur frommen Andacht stimmte. Und wer waren sie, welche diesen feierlich ernsten Gesang anstimmten? Büßer waren cS, welche bei den Füßen Jesu Christi des Gekreuzigten ihre Sündcnschulv erkannten und vor dem Allcrheiligstc» hingesunken im Geiste und in der Wahrheit sangen: „Ui^rvre moi vvus secuncium mognam mikei'ic.'ai-cü-xn limm," welche im Gefühle herzlicher und inniger Reue bekannten: „l'ilii soli s>eeoavi et >n»Iuin cormn t» seci." ^) Ix,' gesündigct hatten wir gegen Gott, als unsern besten und licbvollsteii Vater, gesündigct hatten wir gegen Gott unsern Erlöser, unsern Hohenpriester, der doch uns zu seinen Priestern erwählte; gcsiindigct hatten wir gegen Gott den heiligen Geist, den wir betrübet, vcr doch die heilige Pricsterwürdc unS auf die Stirne unauslöschlich gezeichnet: und darum nun tönte dieser hei' ligc und ernste Gesang in die Stille der Nacht hinaus; der Geist dcr Buszc wurde in uns selbst erweckt und erprobt, um vann auch nachhaltig ihn in den Herzen der nns anvertrauten Seelen erwecken und erhalten zu können. Gleichwie die Sonne ihre erleuchtenden und erwärmenden Strahlen aussendete im Frühjahre aus dem erstarrenden Winterschlafs der Saaten freundliches Grün hervorlocket, im Sommer mit sengendem Glänze die Aehre und die Traube reiset; so ist es auch die Liebe unserer heiligen, katholischen Mut- terlirchc, die stets sorgsam bemühet ist, vaS geistige Leben ihrer Priester da, wo es erkalten will, neu zu erwärmen und zu beleben, und sie für Gewinnung der Seelen, fürs Reich Gottes erglühen zu machen. Ihr Strahl der Liebe lockte die geistigen Blumen fürs gcistigc Leben an den Höhen des Libanon, auf dem Nonlo (^U8ii,0 und in der ThcbaiS hervor, und es war dem tiefen und hohen Geiste des heil. IgnatiuS vorbehalten jene geistigen, zerstreut blühenden Blumen des pricsterlichen Lebens zu einem Strauße zusammenzufassen, der durch seine Farbenpracht wie durch seinen süßen aromatischen Duft gleich herrlich ist; und dieser geistliche Strauß warv nun auch uns gewunden. „Hingewiesen wurden wir auf unsere Bestimmung. Ja, Gott hat unS erschaffen mit Geist und Körper, um ihn zu lieben und zu verherrlichen; lcivcr aber daß dieses der Mensch nicht will, ja er trotzt der Majestät Gottes und spricht: „ich will Dir nicht gehorchen/ — und somit ist die Todsünde begangen. Und diese Beleidigung der göttlichen Majestät muß mit der Hölle bestraft werden. Doch nicht bleibt der Mensch auf ewig mit den gefallenen Engeln verdammt, die ewige Liebe erbarmte sich seiner, denn er fiel nicht aus eigener Schuld wie die verworfenen Engel, sondern durch Verführung, — und drei Blnmeu werden ihm gereicht, der Tod, das Gericht und die Hölle, auf daß er in sich gehe. Ja, der Tod trat in seiner fahlen Bleifarbe, im kalten, klebenden Lcrwesungsschwcißc vor unsere Augen und mahnte uns: Priester du mußt sterbe»! Doch das wann, wie und wo ist uns verhüllet. Hingestellt sahen wir uns vor den Nichterstuhl Gottes, um gewogen zu werden auf der unbestechlichen und untrüglichen Waage „Erbarme dich meiner, o Gott, nach deiner großen Bannhcrjigkeit," Psalm SV. '1 „Dir allein h^bc ich gesiindiget und BöseZ vor dir gethan," Ps, 50, 5. der göttlichen Gerechtigkeit^ und unser Herz erbebte. Mit der hl. Theresia und Brigitte, haben wir endlich hinabgcschaut in jenen ewigen Feucrpfuhl, wo immer und immer die Qualen dauern, und nimmer und nimmer das Feuer erlischt und nimmer der Wurm erstirbt; ja, mit Entsetzen und mit Grausen haben wir da erschaut Priester verdammt, wie sie die Verfluchungen nnd den höllischen Spott zu ertragen haben, wie ihre Seele und ihr Leib vom Feuer durchglühet brennen, und der Fluch Gottes und das unauslöschliche Priestermahl an ihre Stirne gebrannt ist. — Und es klang wie Aeolsharfcn, und der Blick wendete von der schauerlichen Tiefe sich nach oben, und eine Stimme rief uns zu: O mein Jünger, was habe ich dir gethan, daß Du Böses vor meinen Augen thun konntest?! Es war dieses die Stimme Jesu Christi vom Kreuze herab, der sprach: Mci» Jünger, was habe ich, dein Herr und Meister, dir denn gethan daß du mich beleidigest mit Stolz und Hvffart, da doch mein Haupt mit Dörnern gekrönt ist; was habe ich dir gethan, daß du verschließest dein Herz, wo ich doch mein Herz aus. Liebe für dich öffnen ließ; was habe ich dir gethan, daß du mißbrauchest deinen Körper zur Sünde, da mein Körper für deine Erlösung ans Kreuz geheftet ist? — Und niedersanken wir vor unserm gekreuzigte» Heilande und beteten: „O! sverto laoiem iu»m a peecslis nostris, et omnes micimlaws nostrss cldv;" ja mit Eine»! Herzen und mit Einen: Munde riefen wir: O Herr! wende hinweg dein heiliges Angesicht vou unsern Sünden, tilge unsere Sündcnschulv; erschaff in mir ein neues Herz, einen neuen Geist! — Die Liebe und Erbarmnng des gekreuzigten Heilandes erhörte uns. Wir reinigten im heil. Sacramcnte der Buße durch eine Lebensbeichte unsere Seelen vom Sündcnauösatzc, und der Vater nahm uns auf, wie der Vater den Verlornen Sohn, — der göttliche Sohn als seine lieben Jünger und der heil. Geist als viclbkgnadigtc Priester. Im G-suhle der uns gewordenen Gnade erneuerten wir nun zu den Füßen Jesu unsere Vorsätze: das Brevier stets «lovoto und altente zu beten, das heil. Meßopfer mit heiliger Ehrfurcht, mit Andacht und Aufcrbauung zu entrichten, nach unserm hohen Vorbilde des göttlichen Heilandes gute Hirten und Seelsorger zu seyn, die Guten auf ihrem Wege zu erhalten und die Verirrten aufzu- suchen und zur Hecrde heimzubringen; unsern Geist und Eifer zu beleben durch Meditation und geistliche Lcctürc, dagegen aber auch zu vermeiden den Besuch von Gasthäusern und derjenigen Orte uud Gelegenheiten, wo der priesterlichen Würde und der pricsterlichen Reinigkeit Gefahr drohen könnte. Und was wir da Alles zu den Füßen Jesu des Gekreuzigten gelobt haben, — heilige Gewissenspflicht soll es uns seyn, unser Gclöbniß auch treu zu halten. — „Und wem danken wir nun zunächst diese erlangten Gnaden und Segnungen? Ihnen, hochwürdigster Herr Bischof! Sie haben in Ihrer Liebe und väterlichen Sorge uns diese Exercitien bereitet, durch die wir mit Gott ausgesöhnt zu unsern Gemeinden ncugestärkt heimkehren, — und auf Ersuchen und im Namen meiner theuren hochwttrdigcn Herrn Mitbrüder bringe ich Euer hochbischöflichen Gnaden unsern gemeinsamen, tiefgefühltesten und herzlichsten Dank dar: doch nicht allein mit Worten wollen wir danken, sondern durch Thaten als treue Hirten uns bewähren, wozu ich Euere hochbischöflichc Gnaden für uns Alle um Ihren Segen bitte." Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. E. Krem er. ? ^ ^^aSS - Mei/., d»r Augsvurger Zweite Jahreshälfte. M SS l^t Postzeitttng. S8. Sept. R845 Aus dem Leben des hochwurdigsten Bischofs von Münster, Caspar Maximilian, Neichsfreiherrn Droste zu V i scherin g. (Fortsetzung.) Caspar Maximilian nahm während dieser vcrhä'ngnißvollcn Zeit die bischöflichen Verrichtungen nicht allein für die Diöccsc Münster, sondern auch iür die Katholiken in Holland, und als 181V der Wcihbischof von Köln, Clemens Angnst, Freiherr von Mcrle, Bischof von Bethseida, starb, auch siir die Erzdiöccse und einen Theil von Belgien mit großer Aufopferung und apostolischem Eifer wahr; und hat außer für die genannten Districte auch für die Diöccscn Noucn in Frankreich und Osnabrück die heiligen Ocle am Grü> cndonncrstage und aus dieser und der Diöccse Trier mehr als einmal im Dome zu Münster die Priester gcwcihct. Dazu war er seit 180») Archiriaconus von WinterSwick, nnd hatte in dieser Eigenschaft die geistliche Gerichtsbarkeit über die Kirchspiele Borken, Hcydcn, Ram-dorf, Nacsfcld, Recken, Weseke, Vclen, Geschcr, Schcrmbeck und Erle im Amte AHaus; über Dingdcn im Amte Nocholt; ühcr Holtwick und Ostcrwick im Amte Horstmar; über das ganze Amt Rhcinc-Bcvergcrn; über Hcrbcrn im Amte Wcrnc, nnd über Altcnbcrgc, Grcvcn, Hembcrgen, Nordwalde, Rinkcnrodde und Sendnihorst im Amte Wolbeck. Er verwaltete dieses Archidiaconat, bis die Circnmscriptions-Bulle über die preußischen Diöccscn vom 16. Juli 1821 sämmtliche hier bestehenden Archioiaconatc aufhob. Unterdessen waren nach der Säcularisation des Hochstifts die politischen und kirchlichen Verhältnisse. immer trüber geworden; Napoleon hatte sich zum Alleinherrscher von Frankreich gemacht, Italien und einen großen Theil von Deutschland unter seine Herrschast gebracht und den Papst, der sich seinen gewaltthätigc» Handlungen standhaft widersetzte, am 5. Juli 1809 in strenge Gefangenschaft bringen lassen. Viele Bisthümcr waren in dem neu gebildeten weiten französischen Reiche erledigt, der ganze kirchliche Organismus gehemmt. Napoleon erkannte, daß sein Reich so nicht bestehen konnte, aber er wollte nicht den von JesuS Christus bestimmten Weg gehen, sondern mit frevelndem Mulhe seinem eigenen Wille» folgen. Als der Papst seinen ungerechten Forderungen anch in der Gefangenschaft mit heroischer Standhaft tigkcit widerstand, und bei allen seinen Drohungen nach Jesu Lehre kein Zeichen der Entmuthigung und Schwäche kund gab, sondern festhielt an den göttlichen Gesetzen, da glaubte er durch eine zahlreiche Versammlung von Bischöfen seinen Willen durchsetzen zu können. Er berief zu dem Ende alle Bischöfe seines Reiches, so fern solche nicht in den Gefängnisse» bewacht wurden, auf den 9. Juni 1811 nach Paris. Es erschienen 104 Prälaten, nntcr ihnen auch der Wcihbischof von Münster, nnd eröffneten am 17. Juni mit einem großen äußerlichen Glänze die Versammlung. Die Abänderung der bestehenden Kirchendisciplin rück- sichtlich der Bestätigung und Institution der Bischöfe war die Hauptaufgabe dieses sogenannten Conciliums. Man hattc schon mchrcre Berathungen gehalten, und sich am 26. Juni versammelt, um den Entwurf einer Adresse an den Kaiser, der den sämmtlichen Bischöfen am 39. eine Audienz geben wollte, zu prüfen. Als diese verlesen und besprochen war, da erklärte freimüthig der Bischof von Jericho: „er vermisse in der Adresse dasjenige, womit daö Concilium den Anfang machen müsse. Er glaube nämlich, daß es die Pflicht der Bischöfe sey, die feierliche Audienz, welche der Kaiser dem Concilium ertheilen wolle, und welche vielleicht die Einzige sey, die das Concilium als solches haben werde, sogleich zu benutzen, den Kaiser ganz ausdrücklich und dringcndst zu bitten, daß der Pcipst in völlige Freiheit gesetzt werden möge. Geschähe dieses nicht sogleich bei der Audienz und würde dieser Augenblick versäumt, so würde sich vielleicht späterhin keine so günstige Gelegenheit wieder darbieten." Dieser Antrag wurde sogleich von vielen Bischöfen unterstützt; fand jedoch auch leider von einige» heftigen Widerspruch, aber er war Veranlassung einer engern Verbindung der gulgcsinntcn Bischöfe niit dem Oberhaupte, vielleicht auch, daß die angesagte Audienz nicht statt fand. Es war durch diesen von Vielen unterstützten Antrag, gesprochen im Augenblicke, da die StaatSgcfäng- nissc mit Geistlichen angefüllt wnrdcn, die ganze Versammlung auf ihre Stellung und Aufgabe hingewiesen, und die Mehrzahl der versammelten Prälaten setzte» von jetzt an den ungerechten kirchcn- widrigcn Eingriffen und Forderungen einer sonst unwiderstehlichen Gewalt einen unerschütterlichen Mnth entgegen. Napoleon erreichte seine Absicht nicht; man erklärte sich für incompctcnt, die Kirchen- diSciplin abzuändern. So waren die Plane des stolzen Herrschers l vanna unter Ferdinand III., dem Sohne des Kaisers, der eigent- cm wehrlosen aber vom Geiste der Kirche durchdrungenen Männern gescheitert; zum ersten Male besiegt, ließ er das Concilium am 2. Octobcr auflösen. Es wird dieses in der Kirchengeschichte niemals einen Namen erhalten, aber ein schönes Denkmal der apostolischen bleiben. Caspar liche Führer des kaiserlichen Heeres, und dadurch das gottgesegnete Werkzeug, die Geistcrschiacht Der tirolischen Beter gegen den Protestantismus mit den vereinten Mitteln der Kaiscrmacht zu unterstützen, ganz nach dcn Ansichten und Ueberzeugungen, die sich in Gesinnung vieler der dabei versammelten Prälaten!den frommen Gemüthern festgesetzt hatten. Begeistert von dem ! feurigen Zureden seiner fernen Freundin und Landsmännin, die nach j ihm gewissen Sieg prophezeite, wagte er im Jahre 1634 die ent Maximilian kehrte am 12. Octobcr 18 ll Münster znrück und erhielt später von Pius VII., nachdem dieser im Triumphe nach Rom zurückgekehrt war, ein Brevc vom 17. August 1814, worin er seinen unerschrockenen apostolischen Sinn und seine Anhänglichkeit an den Stellvertreter Christi auf Erden rühmlichst erwähnte. (Schluß folgt.) Die Macht des Glaubens und Gebetes. (Fortsetzung.) GallaS stammte aus Judicarien und bestimmte sich als Jüngling für die militärische Laufbahn, zog über die Alpen ohne anvcrcs Gepäck als seinen unverwüstlichen katholischen Sinn, der ihn unbeschwert zum muthigstcn Kämpfer für die katholische Sache machte. Er diente zuerst unter Tillv der katholischen Ligue, später im kaiserlichen Heere ansangS in Flandern, hernach in Italien und Deutschland, und schwang sich durch Geist, Gewandtheit und Heldenmut!) zu den höchsten HccrcSwürden empor. Die fliegende Eile von einem Orte zum andern, der Muth mit geringer Mannschaft eine weit überlegene Macht plötzlich anzufallen und zu schlagen, die Kunst, sich in kürzester Zeit mit Umsicht unangreislich zu verschanzen, waren seine drei vorzüglichsten Eigenschaften, und dadurch stieg er zum kaiserlichen General-Feldmarschall-Lieutcnant auf, für seine großen Dienste mit Ansehen und Reichthum kaiserlich belohnt. Mitten in diesem ehrenvollen Gewühl von Kampf und Sieg dachte er mit der Zärtlichkeit der ersten Liebe an seine Hci- math Tirol, mit der kindlichfrömmftcn Gesinnung hangend am katholischen Glanbcn, thcilnehmend an der glühend erwachten Andacht seiner Heimalhgebirge, nur von dieser Gottesbcgristerung der Gemüther Sieg für den Kaiser, Heil für das Vaterland erwartend. Seine erste Gemahlin war Jsabclla, eine Tochter des Grafen Sigmnnd von Arco, die ihm keine Erben gebar. Als er sich gegen das Jahr 1622 mit dnn Edclfräulein Dorothea Anna vcrheirathctc, einer Tochter Philipps von Lodron, wurde er mit der Giovanna näher bekannt, die damals in der Blüthe von zwanzig Jahren stand. Er knüpfte mit ihr jenen wnndersamen Geisterbnnd, der sich aus den Gebirgen Tirols leitend und ordnend ins Hccrgcwühl nach Böhmen bis an die Ostsee schlang, und alle seine Schritte mit gchcimnißooller Gottcsmacht leitete. Er stand unaufhörlich mit ihrem Beichtvater in Verbindung, und scheivende -Schlacht bei Nördlingcn gegen die Schweden, die unter Bernard von Weimar und Gustav Horn heranrückten, er stlbst glühend wie ein Jüngling in den Flammen der GvttcSbewcqung aus Tirol, getragen durch die mächtigen Schwingen des entzückten Gebetes, mit einem Kreuze auf der Brust, das ihm Giovanna als Unterpfand des Sieges geschickt, ein anderes Kreuz ebenfalls von ihr seinen Vorposten voraus, fast zu persönlich kühn, weil fortgerissen von der Sicgeöfreudigkcit, die ihm aus den tridcutini- sehen Alpen zugeflossen. Das Heer der Feinde wurde gesprengt, viele Officiere ersten und zweiten Ranges lagen todt auf dem Schlachtfcldc, andere wurden gefangen, Horn selbst verwundet, Bernard von Wcimar entging mit genauer Noth der Gefangenschaft. Durch diesen unerwarteten Schlag war das erstemal der Siegesstolz der Schweden auf deutscher Erde vernichtet, die Ucbcr- macht der Protestanten gebrochen, und ungeachtet der Krieg noch viele Jahre fortwüthcte, war die tödtliche Wunde bet Nördlingcn doch nicht mehr zu heilen. Die Gegner fühlten selbst am tiefsten die Wichtigkeit dieser Niederlage, und bis auf dcn heutigen Tag ist der Haß gegen GallaS nicht erstorben. Er stiftete im Einverständnisse mit seiner hellsehenden Freundin das Karmeliterkloster in Trient auf dem Nordsonncnabhange über der Stadt als dankendes- Siegeszeichen für die GottcShilfe aus Tirol. Das Denkmal ist gefallen wie so viele andere in Tirol im Sturme des antikathvlischen Princips, aber in den Augen kundiger GeschichtSfrcunde singen die Ostcrkränzc von tausend Pfirsichbäumen noch alljährlich von den schönen Hügeln herunter von GallaS und seinem Siege, vom Uebcrgewichtc der katholischen Sache durch die aus Gott geschöpfte Glaubenskcaft der Tiroler. Von diesem Zeitpuncte an änderte sich der Zustand der Giovanna auf einmal. Sie wurde ein wundersames Wesen, ihre vorige Schlachtenfreudigkeir war verschwunden, das Gräuclbild des dreißigjährigen Krieges zog mit tövllichen Pcincn in ihre Seele ein, mit dcm Klagegcwinsel der Sterbenden, mit dem erstorbcnen Wuthblick der Todten, mit dcm unseligen Röcheln trostloser Ketzer. Furchtbare Schmerzen zuckten durch ihren Leib, erstickende Trostlosigkeit durch ihre Seele, ihr Hcrz schien sich zu spalten in strömender Thränenfluth über das Unheil eines Krieges ohne Menschlichkeit, ohne Schonung des deutschen VluteS in deutscher Brüderschlacht. Sie sah in diesem KricgSabscheu eincS TageS die Hölle angefüllt mit Verdammten aus deutschen und italienischen Schlacht- bediente sich in seinen Briefen einer eigenen Chiffer zur Unter-^ fcldern, unv ächzte in tiefer Angst: „Das sind die Blutfrüchte schrift, um dic Quelle seiner Schlachtplätte und seines ganzen Ver- aus Deutschland und Italien! Seelen, erlöst durch Christi Blut, Haltens sorgsamst zu verdecken. Als WallcnstcinS Benehmen immer bedenklicher wurde, fragte er Giovanna um Rath, was er in dieser räthsclhaften Lage der Sachen thun solle. Sie antwortete schnell: „Wallcnstcin ist ein Verrcithcr an dcn Katholiken, und crkaust mit dem übcrschwänglichen Preise seiner Todesangst gehen jämmerlich verloren im liebclvscn Mordgewühle. Die gegenwärtigen Zeiten sind schlechter als die ersten Zeiten der Kirche im Hcidenthum und in heidnischer Blutgewalt. Damals tödtcten un- diescm Verrathe wird er zum Opfer fallen!" Auf ihr Anrathen ^ zählige Tyrannen dic heiligen Blutzeugen, diesen die Thore des machte er jenen frühzeitigen, gchcimnißoollcn Rückzug aus der Paradieses öffnend, sich selbst dcn Schlund des Verderbens. Aber nächster: Umgebung seines Oberfcldherrn, und rettete durch seine Umsicht dcn Kaiser und die Kampfchrc der katholischen Schlacht- luch. Er wurde dafür genau nach dcn VorauSsagungen der Gjodle jetzigen Tyrannen sind grausamer, sie verspritzen das Blut der Christen, und senden sie schaarenweise in die Hölle, verdammt ihnen nachzufahren, wenn sie nicht Frieden stiften I" Mit zermal- mender Gewalt schrieb sie an Gallas: „Friede! und wieder Friede! Jetzt ist die günstigste Zeit ihn abzuschließen, weiteres Blutvergießen bringt uns Katholiken keinen Vortheil!" Als man ihr einwendete, selbst Rom wolle den Frieden nicht, und rathe zum Verfolge des Sieges, gab sie mit furchtbarer Ergriffenheit ihres Gemüthes zur Antwort: „Der Kaiser hat Sieg gewonnen durch das Gebet der Gläubigen, daß er Frieden stifte, und wirkt Nvm zum Frieden nicht mit, wird es überschwemmt werden mit Blut!" Alle Glaubensmänner im Kaiserhecre und an den Gränzen der Schlachtlinie, mit denen sie in Verbindung stand, erhielten den Auftrag, mit aller Macht für den Frieden zu arbeiten. „Mit dem glühenden Herzen der allerseligstcn Jungfrau Maria," rief sie aus, .mit dem Feuereifer der Erzengel werfe ich mich ans Herz meines Gottes, bittend und flehend, daß er dem Kaiser Frieden schaffe!" Der Frieden kam leider nicht zu Stande, aber die erschütternden Vorauösagungen der italienischen Klvsterjungfrau, die mit den deutschen Zuständen ganz und gar unbekannt war, gingen wörtlicher in Erfüllung als für die katholische Sache zu wünschen gewesen wäre. Ueber zehn Jahre raste der Krieg mit Mord und Verheerung in Deutschland ohne entscheidenden Erfolg auf beiden Seiten, ohne daß sich der Siegesflug der Katholiken jemals wieder auf die Lichthöhe von Nordlingen erhoben hätte. Gallas Stern selbst erblaßte. Sein unglücklicher Zug an die Ostsee, gegen den Rath der Giovanna unternommen, gefährdete selbst den Glanz seiner glorreichsten Tage. Die einsam trauernde Freundin, in unaufhörlichen Gluthschmerzcn für das Heil der Kirche, konnte ihn nicht mehr sehen auf einem Felde, dem Gott nicht mehr günstig war, in Waffen, die ihn durch Gottes Geschick nicht mehr tragen konnten zum Siege im Sinne der gläubigen Beter in Tirol. Sie rief ihn zurück, und befahl ihm den Rest seiner Tage in Trient zuzubringen. Durch seine Räthe zum Frieden werde er dem Kaiser noch immer nützen können, fügte sie bedeutsam bei. Gallas gehorchte, und wanderte gegen das Jahr 1646 in seine Heimath zurück, durch seine herzinnige, in so vielen Schlachten bewährte Frömmigkeit alle seine LandSlcute erbauend, bis zu seinem Athemzuge der lutherischen Irrlehre tövtlich abhold. Er erzählte mit Zufriedenheit, nie habe er in seinem Leben eine Kirche dieser Sccte betreten, nie einer Predigt derselben beigewohnt. Er ließ sich zu seiner Grabesruhe die prächtige Cavelle in der St. PctcrS- vfarrkirchc zu Trient erbauen, wo die Gebeine des heiligen Knaben Simonin ruhen. Aber nicht lange genoß er die wohlverdiente Stille seiner Zurückgezogcnheit; Ferdinand 111., mächtig erregt durch de» hellsehenden Geist der Giovanna, von ihr mit einem geweihten Kreuze beschenkt, und unaufhörlich zum Frieden bestürmt, rief ihn nach Wien, um seine klugen Rathschläge für den glücklichen FriedcnSabschluß zu benützen. Daselbst starb er am Stein am 26. Mai 1647 im 62sten Jahre seines Lebens mit der herzlichsten Andacht, der längsten und süßesten Gewohnheit seines Lebens. Seine Gemahlin brachte seinen Leib nach Trient zurück und setzte ihn bei in der eben genannten Cavelle mit einem bci- gestifieten Cavlan. (Schluß folgt.) Die Feier der Cngelweihe in Einsiedeln. Der Pilger von Einsiedeln bringt hierüber einen längern Bericht, dem wir Nachstehendes entnehmen: Dort bei dem schönen Marmorbrunnen mit den vierzehn Röhren sammeln sich die Schaaren einen Augenblick. Wohl haben Manche vier, fünf und noch mehr Tagreisen zurückgelegt; aber siehe da, wie verschwunden ist auf einmal die Müdigkeit, des wunden Fußes wird nicht mehr geachtet, und entblößten Hauptes wallen Greise, Männer, Jünglinge und Knaben auf der einen, die Frauen und Töchter aus der andern Seite der breiten, schön- gcsäuberten Kirchcnsticgc processionsweise hinan zum Hause des Herrn, zum Heiligthume seiner jungfräulichen Mutter. Es ist drei Uhr Nachmittags (13. Sept.); so eben beginnt die Ponti- fical vesper, gehalten von dem päpstlichen Nuntius, Mvnsignor HieronymuS d'Andrca, Bischof von Mclitcne. Kaum hatten die letzten Töne des so schönen „Salve Regina" verklungen, als der Hochwürvige Herr P. Joachim Bachmann von Mcnzingcn, Stifts-Capitular und gegenwärtig Pfarrer von Frcicnbach, die Kanzel betrat und die EröffnungSpredigt hielt; in gemüthlicher, der Feier entsprechender Rede sprach er über die Worte der seligsten Jungfrau: „Großes hat an mir gethan, der da mächtig und dessen Name heilig ist." (Luk. 1, 49.) Im ersten Theile seines Bortragcs: Wer ist Maria? schilderte der Hochwürdige Redner die Größe und Glorie der Himmelskönigin; im zweiten: Was ist Maria dem Pilger? bezeichnete er ihre hohe Tugenden, ihre Demuth , Reinigkeit, Geduld und Liebe zu Gott und den Menschen. — Aufmerksamkeit und Andacht walteten von Anfang bis zu Ende. Unterdessen war es Abend geworden. Von allen Seiten, vom Etzel, von der Schindellegi, über den s. g. Katzcnstrick und Hacken her, langten fortwährend Wallfahrter an. Ungeachtet der allseitig getroffenen Vorkehrungen zu bestmöglicher Beherbergung der Pilger in Gast- und Privathäusern, war doch schon vor angebrochener Nacht alles überfüllt. Jetzt hatte die bisher regnerische Witterung sich gänzlich geändert; es war ein schöner Hcrbstabend, der auch durch die vortrefflichen Leistungen der hiesigen Musikgcscllschaft, die musicirend durch die wogenden Straßen zog, auf rühmliche Weise verherrlicht wurde. Die ganze Nacht hindurch erscholl Gebet und Gesang von vielen hundert frommen Pilgrimen, die im Hause des Herrn ihre Nachtherberge sich erwählt hatten; namentlich war die Muttergotteöcapclle Tag und Nacht von betenden Schaaren ringsum dicht belagert. Wahrlich, hier ertönte das Lob des Herrn und seiner gebenedeiten Mutter in mancherlei Sprachen und Gesängen ! Ein Viertel nach zwei Uhr verkündeten der hehre Klang der zwei größten Glocken und dann wieder zahlreiche Mörscrschüsse den Anbruch des hohen Festtages. Um drei Uhr begann der Nacht- gottcSdicnst im Chöre der Religiösen, worauf (um vier Uhr) Se. Gnaden der Hochwürdigstc Herr Abt Cölestin in der heiligen Cavelle das erste P vntificalamt hielt. Während dieser hohen Handlung war das Hciligthum der Gottesmutter von zahllosen Lichtern prachtvoll beleuchtet. Unmittelbar vor der heil. Capclle war auf der Höhe einer Gallerie ein großer, herrlicher Stern ! angebracht, aus dessen Mitte der Name Maria glänzend ! hervorstrahltc. Vier große, hcllschimmerndc Transparente flainm- z ten auf vier einander gegenüberstehenden Gallerten mit den Inschriften: „Heilig, heilig, heilig ist Gott im Saale der glorreichen Jungfrau! Gebenedeit sey der Sohn Mariens, der gekommen ist, ewig zu herrschen!" Die geräumige Wallfahrtskirche war gedrängt voll. Man sah Leute aller Stände. An allen Altären wurden heilige Messen gelesen. Alles athmete sichtliche Andacht und heilige Frende. Und in der That, es war ein herzcrhebendcr, »eiliger Augenblick, als des Glöckleinö silberner Ton erklang, Reich und Arm auf die Kniee niederfiel, und nun der ehrwürdige, drciund- siebenzigjährige Prälat seine Hände emporhob, Denjenigen haltend, dessen Majestät Himmel und Erde erfüllt. Hohe Andacht und rmie Liebe walte» ringsum. Die Stimme heiliger Sehnsucht ruft in tausend Herzen: „Komm', o Jesu, komm!" Und siehe, der Bräutigam kömmt! An zwei Altären (die gewöhnliche Communionbank genügt nicht mehr) wird das Brod der Engel den durch das heilige Sacramcnt der Buße gereinigten Gläubigen gespendet. So ununterbrochen bis Mittags. Die Festprcdigt (Morgens 8 Uhr) hielt der Hochwürdige Herr Pfarrer Enzlcr von Arth. Das zweite Pontifical- oder Hochamt (um halb 10 Uhr) hielt Se. Excell. der päpstliche Nuntius, der auch am Schlüsse dem Volke den päpstlichen Segen sammt vollkommenem Ablaß in gewohnter Form ertheilte. Die in jeder Beziehung ausgezeichnete Kirchenmusik, wurde in diesem Amte von zwei Orchestern auf zwei sich gegenüberstehenden Gallcricn, deren jede mit einer Orgel versehen ist, aufgeführt, was einen sehr guten und großartigen Effect machte. Inzwischen strömten immer noch große Schacircn von Pilgern herbei, so daß viele derselben Nachmittags keinen Platz mehr in der Kirche fanden. Nach der Vesper, welche abermals Se. Erccll. der Herr Nuntius hielt, predigte der Jesuit P. Dam- bcrger. Er trug mit großer Begeisterung und Wärme eine trefflich anSgcarbeitctc, ganz auf das Fest und die Zeit passende Rede vor über die Engclweihc als historisches Factum, und das Fortbestehen und Fortwirken dieses Wunders, wie es sich in der ganzen Geschichte Einsicdelns zeigt. Der Abend kam. Sah man in die Kirche, so schien alles Volk in derselben versammelt, und blickte man auf den großen, Weiten Platz vor derselben, so glich er einem wogenden, rauschenden Meere. Heftiger Regen und Wind drohten die nächtliche Proccssivn zu vcr-itcln; aber allmälig wurde die Luft milder, der Regen lies; nach; Dorf und Kloster ward beleuchtet. Die zwei großen Transparente auf der s. g. Kramgasse erhielten Farbe und Leben. Mitte innen stand der zierliche Muttergvttcsbrunncn ebenfalls überaus schön beleuchtet. Und als die große Glocke ertönte, die Trompeten schmctt-rtcn, die Fahne» und hinter ihnen der singende Klerus, bei hundert Priestern mit breimcnven Wachskerzen, in'ö Dunkel hinaustraten, da schwieg das mächtige Tosen der VolkSwogcn, und Gefühle der Anbetung unv des Dankes ergriffen jede Brust. Unten auf dem Platz, der Kirche gegenüber, stand ein flammender Altar, in dessen Mitte das Bildniß der seligsten Jungfrau prangte. Als der Klerus da angelangt, empfing der Diacon die Monstranz aus der Hand d,S pontificircndcn, Hochwürdigcn Herrn Abtes von Krcuzlingcn, und stellte das Brod des Lebens zur Anbetung auf den Altar. Eine schöne Motette für Gesang und Instrumente l^oon P. Cvnrad Stöcklin) rauscht durch die glanzvolle Nacht; und wie dann der Cclebraut im Namen des Drei- cinigcn mit dem gegenwärtigen hochheiligen Geheimniß den Segen ertheilt; da stürzt Alles auf die Kniee, und eine Stille, als wäre der weite Raum ganz öde und verlassen, bezeugt die unwiverstch- bare Macht des Glaubens über die Menschen und das lebendigste Gefühl der Anbetung. Ein solcher Moment gegenüber dem Thun und Treiben der Neu- und Ungläubigen gibt die tröstliche Versicherung, daß noch nicht alles Volk seine Kniee vor dem Baal der Gottocrgcsscnhcit gebeugt, und daß der katholische Glaube jetzt noch Wunder lhut. Die gewöhnlichen Berechner von Volksmasscn sprechen von 20,WO Personen, die da beisammen waren. Nach genauerer und nüchterner Berechnung aber glauben wir, jene Zahl auf 15,000 reducircn zu müssen. Singend kehrte die Proccssion wievcr in den Tempel, ob dessen Hauptportal der heil. Name JcsuS herrlich erglänzte, zurück, weilte eine Zeit lang vor der ehrwürdigen Maricncapcllc und zog dann hinauf in den Chor der Kirche, in welchem aus der Höhe ein flammendes Kreuz als Siegeszeichen herablcuchtete. Ein lantum erZo beschloß die Feier dieses Tages; und „Isntum ergo" stimmten wohl viel tausend Herzen ein: 1-mtum ergo! „So Vieles also" hast Du, o Herr! deinem Volke gethan, hast hier einen Gesundbrunnen errichtet, zu dem so mancher Kranke eilt, hast hier eine Burg des wahren Glaubens erbaut, gegen welche die Hölle vergebens anstürmt, hast einen Leuchtthurm errichtet, in welchem die fortwährend brennende Lampe der Verehrung Mariens dem mit vielen Sturmwogen kämpfenden Volke tröstend cntgegenwinkt. Deutschland. Köln, 15. September. Am heutigen Tage feierte der Pfarrer zu den heiligen Aposteln und Ehrcndomhcrr, Herr Geistmann, sein fünfzigjähriges Pricstcrjubilcium. Die wirklich große Thätigkeit, welche derselbe für Schule und Kirche so wie für Arme entwickelte, und sein anspruchloscS, zugängliches Wesen hatten ihm unter dem Kölner Volke eine große Popularität erworben, so daß die Theilnahme an diesem Feste sich über die Gränzen der Pfarr- Gcmcmde zu den heiligen Aposteln erstreckte. Am Vorabende des Festes, dem 14., wurde ein schöner Fackclzug nebst Serenade ihm gebracht, wobei das katholische Militär, dessen Seelsorger in Ermangelung eines eigenen Geistlichen Herr Geistmann ist, ebenfalls sich bethciligte. Um neun Uhr fand ein solennes Hochamt statt; der Herr Jubilar als Celcbrant wurde dabei von seinen jetzigen und ehemaligen Caplcincn bedient, und einer von ihnen, Pfarrer Horn von Eschweiler, hielt die Festrede. Se. Erzbischöfliche Gnaden, die der Feier die Ehre der Gegenwart, mit dem Domcapitel, schenkten, hielten am Schlüsse ebenfalls eine den Oberhirtcn wie den Gefeierten ehrende Anrede und überreichten ihm das Diplom der Ernennung zum Erzbischöflicheu Geistlichen Rathe gcl Iicmoi-es, — das erste Beispiel eines solchen Titels in der Erzdiöcesc. Ferner ward der Gefeiertc, der bereits den rothen Adlerorden vierter Classe besaß/ mit dem rothen Adlcrordm dritter Classe beschenkt. Untcr mehreren von der Psarrgemcinde und einzelnen Verehrern ihm gewidmeten schönen Festgaben zeichnete sich ein schöner vom Officiercorps ihm gewidmeter Becher aus. Das Schönste bei der ganzen Feier war die allgemeine Ueberzeugung daß der eben so anspruchslose, als eifrige Seelsorger so viele Beweise der Verehrung mit vollem Rechte verdient. Die schöne byzantinische Kirche, durch die rastlosen Bemühungen des altersgrauen aber noch jugendlich thätigen Jubilars jetzt vollständig rcstaurirt, war auf's Herrlichsie geschmückt und vermochte die Menschcnmassc kaum zu fassn. (Katholik.) . ' » ->,! L' t'^' ^ ^'k^ -'(t <>^ 'i Zu Brixcn versammelten sich, außer dem Klerus der Fürstbischöflichen Residenz, beiläufig 40 Priester, um an den Geistcs- übungcn Theil zu nehmen, welche gemäß der Anordnung des Fürstbischofs vom 4. bis 8. August daselbst stattfanden. Die zwei Jesuiten Wcningcr und Singer aus Innsbruck leiteten dieselben. Der greise Fürstbischof begann in eigner Person die heilige Feier, segnend die mit ihm in Christus dem Herrn versammelten Söhne, und hcrabrufend über sie die Gnade des heiligen Geistes. Gut gewählt und tief ergreifend waren die Vorträge der P. P. Jesuiten, und die Anwesenheit des Oberhirtcn steigerte den Eifer der Zuhörer. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Krem er. ,IN»D 5t,iK ^ <^ 1> 5»HS - Dei/., d»r ^ Augsvurgev Iweite Jahreshälfte. Postzeitmtg. U» s Oct. Au dem Leben des hochwürdigften Bischofs von Munster^ Caspar Maximilian, Neichsfreiherrn Droste zu Vischering. (Schluß.) Zwar niedergeschlagen über die traurigen politischen und kirchlichen Verhältnisse, aber mit festem Vertrauen auf Gott, der seine Kirche wohl prüfte, aber nie verläßt, kehrte Caspar Maximilian von Paris nach Münster zurück. Doch noch zwei Jahre harter Prüfung mußten vergehen, noch erst viele kirchliche Institute und Stiftungen heiliger und frommer Männer fallen, da erhörte Gott die Gebete für das unterdrückte Vaterland; auf dem Schlachtftlde bei Leipzig wurde im October 1813 Deutschlands Befreiung erfochten. Die Nachricht von dem großen Siege verbreitete sich schnell durch das ganze Land und rief überall die größte Freude hervor, feierliche Dankfefte wurden in allen Kirchen begangen. Wie der Herr die frommen Gebete der für die gerechte Sache Kämpfcnden erhörte und wie die Sieger Gott die Ehre gegeben, das legte der hochwürdige Weihbischof der Bürgcrwacht^ Mannschaft von Münster, als er die ihr von des Königs Majestät geschenkten Fahnen am 17. October 1815, am Tage vor wr Erbhuldigung, aus dem Domhvfe stierlich einweihete, nachdrücklich ans Herz, und ermähnte sie zum unumschränkten Vertrauen auf die allwaltende Vorsehung und zur unverbrüchlichen Treue gegen den König. Caspar Maximilian stellte in den kriegerischen Unruhen seine Reisen zur Ertheilung des heil. Sacramcnts der Firmung nicht ein, vielmehr besuchte er auch während derselben nicht allein einzelne Psarren der Diöccse Münster, sondern auch der Erz-- diöccse Köln. Als aber der allgemeine Friede wieder hergestellt war, konnte er seinem Eifer, für die Ehre Gottes und das Heil der Menschen zu wirken, ungestörter nachkommen. Am 26. August 1816 trat er eine große apostolische Reise an ia die Erzdiöccsc Köln und bcsuchte die ganze Rhcingcgcnd bis an die Gränzen der Niederlande. Mehrere tausend Familien strömten ihm in feierlichen Processionen entgegen, und baten für sich und ihre Kinder um das heil. Sacramcnt der Firmung, In Gladbach wurden allein m fünf Tagen 24,437, und während dieser Reise vom 27. August 1816 bis 4. Februar 1817 im Ganzen 328,597 Gläubige gefilmt. Er ertheilte auch vielen Candidaten des geistlichen Standes in dieser Zeit die heiligen Weihen; in der Domkirchc zu Köln wurden allein 63 Priester gcwcihet und 109 erhielten die andern heil. Weihen. Doch nicht allein in Köln, sondern auch in den Kirchen zu Düsseldorf, Bonn, Koblenz, Dürcn, Malme dy, Aachen und mehrerer anderer Städte spendete er das hl. Sacramcnt der Priesterweihe und zwar nicht bloß Kandidaten aus der genannten Erzdiöccsc, sondern auch aus dcn Diöcescn Trier und Lüttich und der Holländischen Mission; überhaupt wurden 97 Priester gcwcihet, und 316 empfingen die andern Weihen zum geistlicbcn Stande. Caspar Maximilian wirkte bis zum Jahre 1325 im Erzbisthum Köln als Weihbischof, eben so auch für dic Katholiken in Holland bis zum Jahre 1833. Mehr als einmal bcsuchte er die weite Erzdiöccse, in den Jahren 1822 und 1823 sogar jährlich zwei Mal; 1822 weihte er auch die Kirche zu Bcnrath bet Düsseldorf ein. In Münster war um diese Zeit die Zahl der zu Weihenden bei jeder Ordination sehr groß; alle junge Geistlichen aus den Niederlanden kamen bis zum Jahre 1833 zu diesem Zwecke dahin, eben so auch viele aus der Diöccse Osnabrück, so daß an einem Tage wohl 290 und darüber die heiligen Weihen empfingen. Caspar Maximilian hat im Ganzen mehr als einer Million Katholiken die hl. Firmung, und 3173 Diaconen die heil. Priesterweihe ertheilt, der andern Weihen, deren Zahl mlhr als das dreifache beträgt, nicht zu gedenken. Mehrcrc der von ihm gewcihctcn Priester sind in der Folge auf bischöfliche Stühle berufen worden, z. B. der verstorbene Erzbischof von Köln, Ferdinand August Graf von Spiegel, der jetzige Erzbischof, Clemens August, Freiherr von Droste, der Bischof von Lüttich, Cornelius van Bommel, der Bischof von Paderborn, Franz Drcpper, der Weihbischvf und apostolische Vicar von Osnabrück, Carl Anton Lüpkc. Zudem hat unser hochwürdigster Bischof das gewiß seltene Glück gehabt fünf Bischöfen, Joseph von Hommcr, Bischof von Trier, Richard Dammers, Bischof von Tibcrias und Weihbischof, nachher Bischof von Paderborn, Clemens August Freiherr Droste zu Vischering, Bischof von Calama und Weihbischos von Münster, nachhcriger Erzbischof von Köln, Baron van Wykersloth, Bischof von Curlum und Weihbischvf von Holland, und Franz Arnold Mclchers, Bischof von Hebron nnd Wcihbischvf von Münster, die Consecration, dein 'Abte Karl ron Kerscnbrock zu Licsborn und dem Prior Eugen im Tra- pistenkloster zu Klein-Burloe die Bcncdiction zu ertheilen. So kann mit Recht von dem würdigen Jubelgreise gesagt werden, was Paulinus vom heil. Ambrosius von Mailand erzählt: daß er allein mehr gesinnt und gcwcihet habe, als fünf seiner Nachfolger. Aber nicht allein die Tausende, denen er in Deutschland und den Niederlanden die Hände aufgelegt, sind Zeugen seiner apostolischen Thätiqkcit, und bewahren Dankbar sein Andenken, sondern auch viele Kirchen und Altäre, die er am Rhcine und in Westfalen geweiht hat, erinnern an sein langes gesegnetes bischöfliches Wirken. In der Diöcesc Münster fuhr er auch nach der Wiederbe- sctznng des bischöflichen Stuhles, welche nach einer beinahe zwanzigjährigen Erledigung am 7. Juli 1321 erfolgte, wie bisher fort, alle bischöflichen Functioncn allein zu verrichten, und vollends als der neue Bischof, Freiherr Ferdinand von Lüning nicht lange nach seinem Antritte von einer schleichenden Krankheit befallen wurde. Dieser muszte als sich seine Gesundhcits-Umstände täglich verschlimmerten, ,'m Octobcr des genannten Jahres ans Anrathen der Aerzte alle Geschäfte aufgeben; er verließ Münster, um es nie wieder zu sehen, und begab sich auf das Gut Ahsen in der Nähe von Soest, zu seinem Schwager, um hier Erholung von frühern Anstrengungen zu suchen. Bald darauf reiste er nach dem ihm so theuern Corvey, das er einst als Bischof und Fürst regierte, und beschloß hier den trüben Abend seines Lebens. Er starb am 1!). März 1825 und wurde am 22. beerdigt. Unter der Regierung des Bischofs Lüning war die Divccse Münster in Folge der Circumscriptions-Bulle vom 16. Juli 1821 bedeutend vergrößert worden, indem das Best Rcckling Hausen, früher zur Erzdiöccsc Köln gehörig, das mit der nunmehr aufgehobenen Diöcesc Aachen verbunden gewesene Herzogthum Eleve, die dem Weihbischofe von Osnabrück untergeordnet gewesene Grafschaft Oberlingcn und die von den nordischen Missionen getrennte Psarrc zu Oldenburg damit vereinigt wurden. Es hatte auch unterdessen das Domcapitel zu Münster das Recht der freien Wahl der Bischöse wieder erhalten, und machte hiervon jetzt zum ersten Male Gebrauch. Die Augen vieler waren auf den langjährigen würdigen Weihbischof gerichtet der bei der Einrichtung des neuen DomcapitelS im Jahre 1823 zum Dechant desselben ernannt war, und dadurch Gelegenheit gefunden hatte die Feier des Gottesdienstes im Dome dessen er sich immer mit Eifer angenommen noch mehr zu fördern. Die Wahl war auf den 15. Juni 1825 festgesetzt; die Feierlichkeiten dazu begannen am 12. mit einem dreizchnstündigcn Gebete, „damit der Herr, der die Herzen Aller kennt," sagt das hochwürdige Domcapitel in seinem Pastoral-Schreiben, „uns zeigen wolle, wen er erwählt habe." (Apostclgcsch. 1, 24.) Die Geistlichkeit der einzelnen Pfarren von zahlreichen Schaarcn Andächtiger aus allen Ständen begleitet, so wie die Schüler des Gymnasiums, die Studirenden der Akademie und die Alumnen des bischöflichen Seminars begaben sich abwechselnd in feierlichen Proccssioncn zur Domkirche, um von Gott die Gnade zu erflehen, daß die Wahl auf ein würdiges, das Wohl der Diöcesc und das Seelenheil seiner Untergebenen wahrhaft förderndes Oberhaupt fallen möge. Sowohl an diesem als am Tage der Wahl selbst hielt der Weihbischof die feierliche heilige Geist- Messe. Die Wahl ging am genannten Tage nach kirchlicher Regel! vor sich, und gegen 11'/^ Uhr Morgens wurde dem königl. Bevollmächtigten, Grasen von Merveldt, durch eine Deputation^ des DomcapitelS gemeldet, daß dieselbe zu Stande gekommen, worauf sich dieser ins Capitclhaus begab, vor dem versammelten Capitel Namens seiner Majestät des Königs die Wahl genehmigte und Caspar Maximilian als gewählten Bischof begrüßte. Nachdem die Wahl der im Chöre harrenden Geistlichkeit bekannt gemacht war, verkündigte der Domcapitular und Professor Brockmann dieselbe den in der Kirche zahlreich versammelten Bewohner Münsters, worauf ein dreimaliges Lebehoch unter den Gewölben der altehrwürdigcn Cathcdrale wiederhallte und die Freude der über die getroffene Wahl laut bekundete. Als Papst Leo Xll. diese durch eine Bulle vom 19. December 1825 nicht allein bestätigt, sondern auch durch zwei Sendschreiben vom nämlichen Tage der ganzen Geistlichkeit und sämmtlichen Einwohnern der Stadt und Diöccse Münster Caspar Maximilian als ihren Bischof verkündigt und sie zur Treue und zum Gehorsam gegen den neuen Oberhirten ermähnt hatte, wurde er am 4. April 1826, am Tage des heil. Ambrosius, als der dreiundsechzigstc Nachfolger des heil. Ludgerus feierlich inthronisirt. Mit jenem unerschütterlichen Vertrauen auf Gott, das ihn stets auch in den schwierigsten Zeiten beseelt hatte und voll von heiligem Eifer, trat er in sein hl. Amt ein. „Vereinigt eure Gebete mit den unsrigcn," schreibt er an die Diöcesanen, „damit Gott Unsern Bemühungen zu Seiner Ehre und zum Heile der Uns anvertrauten Heerdc Seinen Segen verleihe." Durch langjährige Erfahrung war er mit allen Verhältnissen der Diöcesc innig vertraut geworden und er konnte daher mit vollem Rechte in seinem am Tage der Inthronisation an die Geistlichkeit erlassenen Hirtenbriefe sagen: „Das Amt eines Weihbischofes haben Wir dreißig Jahre hindurch verwaltet und den Meisten von euch durch die Auflegung Unserer Hände die heiligen Weihen ertheilt; euch alle kennen Wir, zugleich sind Wir aber auch euch allen bekannt." Und so war es; ein inniges vertrauliches Verhältniß bestand zwischen dem Bischöfe und der ganzen Geistlichkeit der Diöcesc, und wurde ferner unterhalten, ein Verhältniß wie das des Vaters zn seinen Kindern. Alle Geistlichen besuchen den Bischof, wenn sie zur Hauptstadt kommen, und werden von ihm auf das freundlichste ausgenommen. Bei den Visitationsreisen, welche der eifrige Oberhirt fast jährlich unternahm, verkehrte er stets mit Pfarrern und übrigen Geistlichen nicht als Vorgesetzter, sondern als väterlicher Freund, er erkundigte sich mit der größten Theilnahme nach allen Verhältnissen, ermunterte und mahnte liebevoll zu einem hl. Eifer und cö war wahrhaft rührend, wenn er beim Abschiede, wenn auch nicht auf ein diesseitiges, doch gewiß auf ein jenseitiges frohes Wiedersehen vertröstete. Dagegen wurde er auch nicht allein von der ganzen Geistlichkeit, sondern auch von den Laien innig geliebt und hochgeehrt. Auf allen seinen Visitationsreiscn, welchen Theil der Diöcesc sie auch immer berühren mochten, wurde er immer mit Herzlichkeit und unter großen Ehrenbezeugungen von den Bürgern und Landbewohnern empfangen und gleichsam im Triumphzuge von Ort zu Ort begleitet. Uebcrall strömten Tau« sende zusammen, um den geliebten Obcrhirtcn zu sehen, ihm ihre Anhänglichkeit und Verehrung zu beweisen und seinen Segen zu empfangen; man hatte nicht allein die Kirchen und die Ocrtcr, welche er besuchte, sondern auch die Wege, durch welche er kam, festlich geschmücket. In den Jahren 1837 und 1833 wurde er von körperlichen Leisen schwer heimgesucht und konnte längere j Zeit hindurch seinen Amtsfunctionen sich nicht unterziehen. Man I hegte allenthalben Bcsorgniß um den verehrten Obcrhirtcn, groß !war daher Die Freude, als er zum ersten Male wieder im Dome ^beim feierlichen Gottesdienste erschien. Der Empfang auf seiner ersten Reise nach dieser Krankheit, im Jahre 1839, war überall festlicher als je; die eine Pfarre wetteiferte mit der andern, dem ehrwürdigen Greise ihre Liebe zu erweisen und ihre Treue gegen die katholische Kirche an den Tag zu legen. Auch die Landleute aus der Umgegend von Münster suchten, als er von der Reise zurückkehrte, diese Gelegenheit zu benutzen, ihre Verehrung gegen ihn öffentlich zu zeigen, sie empfingen den verehrten Oberhirten eine Stunde vor Münster und begleiteten ihn in großer Anzahl zu Pferde bis zu seiner Residenz. Und welche frohe Bewegung war nicht, als der Hochwürdigste Bischof am 13. Juli 1343 sein fünfzigjähriges Priester-Jubiläum feierte! Es kamen nicht allein die Geistlichen aus allen Gegenden der Dioccse in großer Anzahl, sondern auch viele Laien, um dem allverehrten Jubilar Glück zu wünschen. Die Geistlichkeit widmete ihm als Ehrengeschenk ein Stammcapital zur Errichtung eines Convictes für solche Jünglinge, welche sich dem Studium der Theologie widmen wollen, und die Vertreter der Stadt Münster sprachen bei den verschiedenen zu Ehren des Obcrhirten angeordneten Festlichkeiten ihre Achtung und Liebe gegen ihn und ihre Anhänglichkeit an den katholischen Glauben mit Entschiedenheit und wahrer Begeisterung aus. Die Bewohner Münsters namentlich sesselte der hochw. Bischof schon in ihrer Jugend an sich; alle. Kinder nämlich besuchen U,n seit Jahren am Tage ihrer ersten hl. Communion, um seinen Segen zu erbitten. Der würdige Oberhirt, ein wahrer Jugendfreund, empfängt sie stets mit der größten Liebe, ertheilt ihnen freundliche Ermahnungen und schenkt ihnen zum Andenken ein Bild oder ein Gebetbuch. Diese Bücher und Bilder werden in vielen Familien sorgfältig aufbewahrt, und haben für sie als Andenken an einen der wichtigsten Tage des Lebens und als Geschenk des verehrten Oberhirten doppelten Werth. Was die Leitung der Diöcesan-Angelegenheiten angeht, so .ließ Caspar Maximilian diese in dem ruhigen und geregelten Gange, in den sein längst verstorbener großer Freund Fürsten- bcrg sie gebracht, und suchte dessen weise Einrichtungen in Beziehung auf Kirche und Schule in jeder Weise zu erhalten und zu fördern; er belästigte die Geistlichen nicht mit unnützen Schreibereien, und besordcrte nie übermäßige Bureau-Arbeiten, aber er vernachläßigte auch diese nicht, wohl wissend, daß auch die äußern Verhältnisse der Kirche namentlich die Vermögens-Verwaltung geregelt sein und bleiben müssen; er erließ zu diesem Ende am 1. September 1837 eine Verordnung wegen einer zweckmäßigen Geschäftsführung, und befahl darin allen Geistlichen und Rirchen- bcamten sich pünctlich hiernach zu richten, um sowohl die nothwendige Ordnung in den Geschäften bei der bischöflichen Nehörde, als bei jeder Pfarre und Kirche zu erhalten. Eine andere dahin zielende Verordnung wegen Ausnahme von Inventarien über die Archive bei den Kirchen und sonstigen geistlichen Anstalten wurde bereits am 17. Juli 1832 erlassen, und bezweckt neben der Erhaltung und Sicherung der Einnahmen und Gerechtsame dieser Anstalten auch die Aufklärung der Kirchen - und Landeögcschichtc. Indessen war ihm dieses immer nur eine, wenn gleich wichtige Nebensache, die Seelsorge dagegen, wie es die göttliche Sendung fordert, die Hauptsache. Fast die ganze Geistlichkeit wuchs unter seinen Augen auf; er hat sie nicht nur gesinnt, ihren Prüfungen beigewohnt und sie zu Priestern gcwcihet, sondern er besuchte sie auch von Zeit zu Zeit und beobachtete sie in ihrer Amtsthätigkeit. Durch Wort und That wies er sie bei jeder Gelegenheit auf ihren Berns hin, für das Seelenheil der Anvertrauten zu sorgen, und führte namentlich dicserhalb die Synödalreden wieder ein, in denen entweder er selbst oder andere bewährte Männer, jedoch immer in seiner Gegenwart, die Geistlichen auf ihre wic>,l^>.. > , ^>..,i merksam machten und zu einem wahrhaft priestcrlichcn Leben und Wirken mahnten. Die Seclsorgc lag ihm so ant Herzen, daß er alle Geistlichen, auch diejenigen, welche vermöge ihres VencficiumS nicht dazu verpflichtet waren, veranlaßte, so viel möglich daran Theil zu nehmen. Auch wurden unter seiner Regierung mehrere neue Pfarren errichtet und an vielen Orlcn das Pfarrwescn neu organisirt. Aus dem Eiser für die Seclsorgc ist das Interesse hervorgegangen, welches er immer für die mit der Kirche in enger Verbindung stehenden Schulen bewiesen; auf allen seinen VisttationS- reisen widmete er den Elementarschulen und Gymnasien seine besondere Aufmerksamkeit, er besuchte sie nicht bloß, sondern ließ auch Prüfungen abhalten, und cS machte ihm immer die größte Freude, wenn er Lehrern und Schülern seine Zufriedenheit mit ihren Leistungen bezeigen konnte. „Wir ermähnen euch, ihr Schullehrer und Schullehrcrinncn," spricht er in seinem an die Divccsancn gerichteten Hirtenbriefe vom 4. April 1826, „vergesset es nicht, daß euer Amt eines der allcrwichtigsten und ehrwürdigsten auf Erven ist! Nicht nur oberflächlich müsset ihr euch hieran erinnern, sondern ihr müsset die Würde und die Wichtigkeit eures Amtes oft wiederholt so beherzigen, daß ihr davon ganz durchdrungen und aufs neue zum Eifer und Fleiße, euer Amt treu zu verwalten, erwecket werdet." In demselben Briese crmahnt er auch die Eltern, auf jede mögliche Weise für guten Unterricht und gute Erziehung ihrer Kinder zu sorgen: „Diese, sagt er, werden ewig eure Freude und Ehrcnkronc seyn, wenn sie geworden sind, was sie seyn sollen." So sehr unser Hochwürdigstcr Bischof auch von jehcr gestrebt hat, im freundlichen Einverständnisse mit den Staatsbehörden die Interessen der Kirche zu fördern, so hat er doch dieser nie etwas vergeben, vielmehr deren Rechte sowohl in früheren Jahren als Archidiacvnus als später als Bischof immer gewahrt. Sein segensreiches Wirken für Kirche und Staat wurde von Sr. Majestät dem Könige dadurch anerkannt, daß ihm im Jahre 1840 der rothe Adler-Orden erster Classe verliehen wurve. Den Adler-Orden zweiter Classe hatte er schon im Jahre 1332 erhalten. Auch des Großhcrzogs von Oldenburg Königl. Hoheit ließ ihm bei Gelegenheit seines fünfzigjährigen Pricsterjubiläumö den Großhcrzoglich Oldcnburgischcn Haus- und Verdienst-Orden mit einem Glückwunschschreiben überreichen. Die höhere Weihe empfängt endlich das Wirken des allverehrten Obcrhirten durch sein würdevolles frommes pricstcrliches Leben. So lange cs scinc Gesundheit erlaubte, brachte er an allen Sonn- und Feiertagen im Dome das hl. Meßopfer dar, hielt an den höchsten Festen selbst das Hochamt, begleitete die Proccssionen und trug am heiligen Fronlcichnamötagc, so wie bei dcr großen Procession das heiligste Sacramcnt. Jetzt, da er dieses, wenn gleich ungern, seiner Kränklichkeit wegen unterlassen muß, sieht jmcm ihn dennoch oft an Sonn- und Feiertagen zur großen Er- I bauung der Diöcesancn im Dome beim öffentlichen Gottesdienste, j nicht allein des Morgens beim heiligen Opfer, sondern auch des Nachmittags bei der Predigt. Es ist in Westfalen, im Nhcin- lande und darüber hinaus allgemein bekannt, mit welcher Würde und innerer Andacht er stets alle geistlichen bischöflichen Functioncn zur Erbauung aller Anwcscndcn vcrrichtct, wie er hierbei keine Mühe und Anstrengung scheut, sondern immer unverdrossen und bereitwillig zur Ehre Gottes und zum Heile dcr Menschen ist. Noch in den letzten Jahren konnten ihn Altersschwäche und körperliche Leiden nicht abhalten, am heil. Psingstfcste im Dome zu Münster das hell. Sacramcnt der Firmung zu spenden. Es ist ein erhebender und rührender Anblick, wenn der ehrwürdige Hirt, gestützt auf die Arme der begleitenden Geistlichen zum Altare fast getragen wird und mancher erinnert sich beim Anblick des frommen Greises, des Jüngers der Liebe, der alt an Jahren aber jugendlich kräftig im Glauben und heiliger Liebe von seinen Schülern unter die Seinen sich tragen ließ, um nur die wenigen Worte zu sprechen: „Kindlcin liebet euch unter einander." Schließlich dürfen wir nicht unerwähnt lassen, daß Theilnahme, Mitleid und die großmüthigste Wohlthätigkeit gegen die Armen schöne Züge seines Charakters sind; er unterstützte nicht nur alle wohlthätigen Unternehmungen zu jeder Zeit auf das bereitwilligste und freigebigste, sondern linderte auch das Unglück vieler Familien und gab manchen Jünglingen von Talent die Mittel, sich den Wissenschaften widmen zu können. Die Mission zu Stamsried und ihre Früchte. (Kirchen;, s. d. k. Deutschland.) Die Väter Nedcmptoristen von Altötting hielten zu Stamsried in der Oberpfalz eine Mission ab. Sie fand vom 20. bis 27. Juli statt. Der Decan und Pfarrer von Stamsried, der Hochwürdige Herr NicolauS Märkl, hat nun einen Bericht über dieselbe und über ihre Wirkungen veröffentlicht. Im Eingang sagt der Berichterstatter: „Wie groß die Macht des religiösen Glaubens, und mit welch wunderbarer Kraft unv Salbung der vom heil. Alphons Liguori gestiftete Orden der Ncvemptoristen diese Macht zu entwickeln, und in den Gemüthern der Gläubigen den lebendigsten Bußsinn, die gottseligste Umwandlung zu bewirken vermag, zeigten die Missionen, welche die ehrwürdigen PP. Ne- demptoristcn aus Altötting während der letzten Monate Juli und August im Dccanat Roding, namentlich in den Pfarreien Roding, Waldcrbach, Stamsried, Zell unv Pcnting abgehalten haben." Dann fährt er also fort: „Referent beschränkt sich hier auf die Misston zu Stamsried, und verschob den Bericht, bis er von der Nachhaltigkeit der Früchte durch thatsächliche Beweise Ueberzeugung gewann. Der für das zeitliche und ewige Wohl seiner Unterthanen gewissenhaft besorgte und frommstnnige Gutsherr von Stamsried, der Königl. Staatsrath und Minister des Innern, Herr Karl von Abcl, war es, welcher die Initiative zu den hiesigen Missionen gab, und die bedeutenden kosten der Her- und Rückreise der PP. Nedcmptoristen bcstritt. Samstag den 19. Juli hielten die ehrwürdigen Patres zu Stamsried ihren Einzug, aus innigster Achtung begleitet von sämmtlichen Beamten des königl. Lanvgerichts Roding und Rentamts Waldcrbach, empfangen von sehnsüchtiger Liebe der hiesigen Einwohner. Herr P. Bruch mann, Rector der Versammlung vom Allerhciligstcr Erlöser zu Altötting (ein in religiöser, wissenschaftlicher und oratorischer Beziehung ausgezeichneter, vielseitig gebildeter, durch körperliche Vorzüge impvnircndcr Mann von ächt katholischer Orthodoxie) eröffnete am 20. Juli die Misston mit einer ergreifenden Rede, welche ans die versammelte Masse von mehr als 4000 Gläubigen den tiefsten Eindruck machte und durch die allgemeinste Rührung die Gemüther -für die Mission stimmte. Was nun während der acht Tage dieser Gnadcnzeit der seltene Verein dcr neun durch Frömmigkeit, Seelcncifer und Rednergabe hervorragenden Rcdcmptoristcn sowohl auf der Kanzel als auch im Beichtstühle leistete, gränzt an daö Unglaubliche, und war nur möglich durch den sichtbaren Beistand des göttlichen Geistes, der mit ihnen und durch sie wirkt. Von der frühesten Morgenstunde 5 Uhr bis Abends 7 Uhr hörten die Patres mit bcwundernswerther Geduld neun Tage hindurch die Beichten dcr Büßer, und erlaubten sich nur um Mittag eine kurze Stärkung durch ein einfaches Mahl. Sämmtliche Predigten wurden unter freiem Himmel vor einem festlich decorirtcn Altar auf dem großen Marktplatze gehalten. Täglich hielten die Missionäre drei, immer länger als eine Stunde dauernde Predigte», und an den drei Tagen der allgemeinen Cvm- munion in der Kirche noch drei besondere Vortrage, jedesmal vor, bei und nach dieser heiligen Handlung. Die unsäglichen Anstrengungen wurden noch erschwert durch die drückendste Sommerhitze, und obschon die Patres in der Gluth ihres Eifers vom Morgen bis zum späten Abend im eigentlichen Sinne vom Schweiß der apostolischen Arbeit träuften, so waren sie dabei doch immer des fröhlichsten und heitersten Sinnes, Gott dankend für die besondere Theilnahme und Bekehrung der Gläubigen, nur das Wort im Munde: „Alles Gott zur Ehre! Wenn dcr Herr nur unsere Arbeit segnet!" Wirklich sprach Gottcs Geist aus diesen Aposteln. Die Schriftstelle (Act. 4, 31.) erfüllte sich von Neuem: „Alle waren mit dem heil. Geiste erfüllt, nnd sie redeten das Wort Gottes mit Zuversicht." Die Wirkungen des göttlichen Geistes durch den Mund dieser Prediger waren außerordentlich. Was David sang (Ps. 103, 30.), bewährte sich hier: „Sende herab Deinen Geist, und sie werden neu geschaffen; umwandeln wirst Du die Gestalt der Erde." Ja, eine neue Umwandlung zeigte sich in den rührendsten Zügen. Der Unterricht über Beicht und Buße, über Ziel und Ende des Menschen, über Todsünde und Aergerniß, über die Fleisches- und Zungen-Sünden, über Tod, Gericht und Hölle erschütterten die Gemüther, zeigten dem Sünder den Abgrund seines Verderbens, und schreckten ihn auf zur ernstlichen Besinnung und Selbsterkenntnis;, zur redlichen Buße und Besserung. Als die tiefcindringliche predigt vom Gottesraube stattfand, und der Redner die versammelte Schaar von 15,000 Menschen zur Abbitte der Frevel vor dem Allerheilie-sten Sacramcnt in «iner, das Innerste erschütternden Weise aufrief, da stürzten die Tausende demüthig auf die Kniee, unter einem Thrcincnstromc schluchzend, ja bei der Steigerung des AffcctS laut wehklagend, so, daß die kräftigste Stimme des Predigers erstickt ward. O cs war eine feierliche, ergreifende Scene, bei welcher selbst dcr Ungläubige die Macht des Glaubens erkennen muß; da wurde das Felsenhcrz weich, und auch der verstockteste Sünder ward ernst und zitterte. In allen Gemüthern war bei der Kreuzprcvigt der neue Bund mit Gort durch den Erlöser am Kreuze geschlossen, und die Gelübde der Besserung schallten bei dem fragenden Aufruf des Predigers aus tausend und tausend Zungen mit dem lauten, von Thränen besiegelten: „Ja, Ja, Ja," zu dem versöhnten Himmel empor. Die beruhigenden Predigten über Gottes Barmherzigkeit, über die Hilfe Mariens, über die Kraft des Gebetes und das Leiden Christi, gössen wieder den Balsam des Trostes in die zerknirschten, wunden Herzen. Die Schlußrede des P. Rector von der Beharrlichkeit im Guten setzte den vorigen Sieden die Krone auf, und befestigte in den Gläubigen den Vorsatz standhafter Besserung, welchen die Menge in lautem Schluchzen und Weinen kund gab. (Schluß folgt.) Verantwortlicher Redatteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber : F. C. Krem er. 5»SS - ^i/., «' .^M««M»«^ ^ V" / MO^^^l!^.7-///^ " ^/^^M Augsburger P-stzeitung. Iweite Jahre-Hälfte. ^ ^T. Bet. ^G^S. Die Mission zu Stamsried und ihre Früchte. ! (Schluß.) Wie bewunderungswürdig der unermüdliche Eifer der frommen Väter für das Seelenheil ihrer Mitbrüdcr, so erstaunlich war die ausharrende Geduld und Theilnahme der Gläubigen. Die Sorgen für das Zeitliche vergessend, nur noch um das Heil ihrer Seele bekümmert, verließen Alle ihre häuslichen Arbeiten, und strömten zu den Predigten und Gcneralbeichten. Die reifen Korn- Aehren riefen sehnsuchtig der Sichel: allein Niemand hatte noch einen andern Sinn, als an seiner Seele ewige Früchte zu ernten. Eltern und Kinder, Hausväter und Mütter, Knechte und Mägde, Gläubige aus allen Ständen strömten zu den Predigten, heißhungrig nach der Speise des göttlichen Wortes, die ihnen in neuer, kraftvoller besonderer Würze geboten ward. Die Menge der Andächtigen mehrte sich täglich, so daß an einig/n Tagen die Versammlung auf 15 —- 16,000 Menschen stieg; denn der Ruf von dem außerordentlichen Segen der Mission zog sowohl von den benachbarten Städten Cham, Ncunburg, Nötz zc. als auch von den weitesten, 6 Stunden entfernten Gegenden, selbst von Böhmen, Thcilnchmer herbei. Allenthalben und immer herrschte die größte, nicht durch den geringsten Vorfall gestörte Ruhe. Aus allen Gesichtern sah man nur andächtigen Ernst und die Spuren innerer Ergriffenheit. Zwei und drei Tage lang harrten die Andächtigen auf die Beichte in unglaublicher Geduld, und die Kirche war die ganze Nacht mit Büßern gefüllt, die entweder im Gebete verharrten, oder dort blieben, um den nächsten Morgen die Ersten an den Beichtstühlen zu stehen. O eS war biö zu Thränen rührend, wenn jeden Abend bei dem feierlichen Ertönen der großen Airchcn- glocke, welche eine Stunde nach dem Gebete „der Engel des Herrn" gezogen ward, in der Stille der Nacht der ganze Ort u>d alle Umgebung hinsank auf die Kniee, laut betend für die Bekehrung der Sünder. Da die PP. Nedcmptoristen nur die Beichten der Psarrgcnosscn annahmen, so wurden die zahllosen Fremden so viel möglich von den hiesigen Pfarrgeistlichen und von den zur freund liehen Aushilfe Hieher gekommenen Pciestern zur Beichte gehört. Es haben die meisten der Pfarre Angehörigen (wenige ausgenommen) Gcneralbeichten abgelegt, und die Zahl der Communiccmten mit Einschluß der Fremden beträgt gegen 5l)öl). Den regen Vußgeist, und die frischen Vorsätze der Besserung suchte unser Hvchwürdigstcr Herr Bischof Valentin zu befestigen, welcher Sonntags Den 27. Ju!i nach Stamsried kam, und die versammelten Diöccsancn in einer eben so k> ästigen als väterlichen, ge- müthvollen Rede zur Bewahrung der MissionS - Gnaden, zur Stcmdhaftigkcit im Guten, zum Ausharren bis ans Ende ermunterte. Die Wirkungen der Mission sind wunderbar. Vieljährige Adultericn und concubinarische Verhältnisse sind aufgegeben; ungerechtes Gut wird in den Pfarrhof gebracht, zur Zurückgabe an die Eigenthümer; die bittersten Feinde bieten sich die Hand, und langjährige Processe heben die Gegner auf. Fluchwortc und schmutzige Gespräche, Zottenlicder werden von den Guten gehindert. Bußgcist, GebctSliebc, andächtige Stille während dcö kirchlichen Gottesdienstes, Nächstenliebe, bescheidener und ruhiger Sinn, Mäßigkeit und Milde sinv in rührenden Zügen sichtbar. Die ledigen Leute vereinigen sich zu einem Tugendbunde; die Büßer stehen an Sonn- und Feiertagen gedrängt an den Beichtstühlen, und die Andächtigen halten an diesen Tagen in der Pfarrkirche Betstunden biö zum späten Abend. In den Gasthäusern herrscht Ruhe nnd Ordnung und sie sind geleert um die gesetzliche Stunde. Seit der Mission hielt kein Wirth mehr eine Tanzmusik. Diese wohlthätige Umwandlung, diese Beruhigung des mit Gott ausgesöhnten Gemüthes, diesen innern Hünmclsfriedcn anerkennend, und in seiner Süße suhlend, war das ganze Volk auch cntglüht vom Dank gegen ihre geistigen Wohlthäter. Wie Kinder von einem geliebten Vater, so trennten sich die Beichtkinder von den lieb gewordenen Vätern unter Schmerz und Thränen. Der heiße, aufrichtige Dank drückte sich aus in festlichen Triumphbögen, durch welche die Scheidenden den Sieg über die bekehrten Herzen erkennen sollten, durch Blumenguirlanden, womit man ihre Neisewägcn schmückte, durch Blätter und Blumen, womit man ihre Pfade bestreute, durch Anreden und Gesänge der Jugend, durch die rührendsten, unter schmerzlichem Schluchze», die Luft erschütternden Rufe der tausend Zungen: „Vergelt Gott Alles tausendmal!" — Unter diesem Rufe begleitete das Volk die Scheidenden weithin, und konnte sich kaum von den Priestern trennen, die ihm so viel Gutes thaten. Noch immer füllen sich die Augen der Gläubigen mit Thränen, wenn die Pfarrgcistlichen zur Bewahrung dcr Missionsfrüchte bei ihren öffentlichen Vorträgt» cm die Bußpredigten dcr Mission, und an die Gelübde dcr Besserung erinnern. O möchten die erfreulichen Früchte — durch standhafte Beharrlichkeit der Gebesserten — Segen für die ganze Umgegend bleiben!! — Ocftere Renovationen dürften dcr Mission die nachhaltige Wirksamkeit sichern. Die geistlichen Orden unserer Tage fördern so mächtig als ersprießlich mit ihrer rühmlichen Wirksamkeit das geistige und religiöse Wohl des Volkes; allein der Orden der PP. Ncdcmpto- risten scheint in nnscrer frivolen Zeit besonders von Gott berufen, den ticfgcsuukencn Glauben aufzurichten, und das in sinnliche Lüste und Genüsse versunkene Volk zur bußfertigen Sinnesänderung und zu christlicher Sclbstvcrläugnung zu erheben. Wahrlich die katholische Kirche feierte in den Missionen unsrer Gegend herrliche Triumphe durch die sonderbare Macht des Glaubens. Wer hierüber anders urtheilen oder die innere heilige Kraft dcr Mission bezweifeln möchte, versuche es selbst zu seiner Heilung, die Geistes ^ Übungen einer solchen Mission mitzumachen. Das innere Leben in Gott und Christus, die hicdurch bewirkte Besserung der äußeren Sitten wurde gewiß das Eigenthum jimer Gemeinde werden, wo cS den PP. Rcdcmptoristcn gegönnt ist, auszustreuen den Segen ihrer Mission, an die Gott augenscheinlich seine Gnaden heftet. Wo die Mission nichts mehr fruchtet, hat die alte Schlange ihren Thron aufgeschlagen. Die Macht des Glaubens und Gebetes. (Schluß.) Gleichzeitig war Giovanna durch den berühmten Jesuiten Alberto Albcrti in Italien thätig, der ein zartes, von aller Eitel' keit freies Wesen mit erstaunungSwürdigcm Reichthum von Gelehrsamkeit verband. Alberto nahm sich der Giovanna an, als sie arm und hilflos in dcr Welt lebte. Er sah sie selten, aber stand in fortwährendem Briefwechsel mit ihr, als sein Wirken unermeßlich weit aufgriff, wie andere Menschen es kaum möglich finden können. Während er durch alle größern Städte Italiens zog als eifernder Prediger, in Graubündcn und Valtclin gegen die nach Italien vordringcnde Irrlehre mit dcr größtcn Gefahr seines Lebens, und unzählige Werke religiösen Inhalts auf Befehl dcr Bischöfe im Puncte ihrer Ncchtglänbigkeit prüfte, schrieb er noch selbst viele und bändcreichc Bücher der verschiedensten Art; so daß seine Vielseitigkeit und GeschäftSgcwandthcit gleich sehr bewundert wurde. Mit den großartigen Ansichten dcr Giovanna vollkommen einverstanden, von ihrem Geiste getragen, durch ihre F!ammen- briesc cntzündct, ging er ganz in ihre resormircnden Bestrebungen ctn, und vernichtete in der Lombardie die Anhaltspunctc dcr Protestanten zur Verbreitung ihrer Lehre durch die Verbesserung der verdorbenen Sitten. Insbesondere reformirte er den abenteuerlichen Geschmack der Prediger in Italien, ihn zurückführend ans die natürliche Einfachheit des Styles und Vertrages ganz im Geiste seiner Freundin, die selbst so laut und so nachdrücklich gegen diese Prcdigcrunfugc geeifert. Er schrieb ein eigenes Werk gegen die Asterzicr dcr italienischen Frauen, welche schon der verkannte Bar- tholomco Saluzzo als Hciuptrcizmittel der Wollust so erschütternd und mächtig angegriffen hatte. Er vertheidigte seinen Orden, den der bekannte Kaspar Scioppius, ein Anhänger der herrschenden Irrlehre, als staatcnzerstörcnd angegriffen hatte, so nnwivcrsprech- lich, daß dcr letztere aus Gram über seine Niederlage starb. Die Wechselbeziehungen zwischen Giovanna und Albcrto bildeten sich bis in die kleinste Einzelnheit des Lebens aus, und bestätigten oft überraschend die Macht des Geisterbundes, die beide zum Kampfe für die Wahrheit in der Trunkenheit heiliger Gottcsliebe verband. So lebte er zum Beispiel zur Pest in Cremona gerade so wie Giovanna in Rovcrcdo. „Ich bin unendlich fröhlich," schrieb er aus dcr pesterfüllten Stadt an seinen Bruder, „und ganz trunken -von meinem Gott. Die Pest ist meine Vertraute geworden, ich denke nicht einmal an ihre Gefährlichkeit. Ich bin so sorglos, so heiter im Geiste als befände ich mich in der gesunden Sicherheit eines Landhauses zur Unterhaltung. Und doch erdrückt mich dcr tägliche Beichtstuhl fast, ich laufe Tag und Nacht den Kranken nach, ich bettle für die Armen von der eine» Thür znr andern, um besonders die unglücklichen Mädchen, früher schändlichem Gewerbe verfallen, in eigenen Schutzhä'usern unterzubringen. Meine Zelle ist ein Trödlcrladen voll zusammengebettelter Kleidung für die Armen!" So stand das schwache Weib in Südtirol zwischen Gallas und Alberto in der Mitte, die crusrcgende, belebende, rathende Geistes- und Gotteökraft, mit der Hand des einen die irrlehrige Schwedenhilfe niederschmetternd, mit dem Geiste des andern Ober- Italien allem Herandrängen der Irrlehre verschließend, beide vereinend in den Flammen ihrer gottgeborncn Andacht, in Deutschland die Stifter und Vertheidiger des LutherthumS entmuthigend, in Italien die Franzosen und Schweizer, ihre unnatürlichen Helfershelfer und Verbündeten, bekämpfend , dadurch die Lebensverbindung zwischen der deutschen und italienischen Nation in Gott und Kirche erhaltend. Alberto überlebte die Giovanna um drei Jahre, er starb nämlich in Rom 1676 am 3. Mai. Sein Abscheiden stellte abermals jenes überraschende Zusammentreffen dcr Zeitumständc heraus, die wir so oft an diesem hochgestellten verzückten Betern und Beterinnen zu bemerken Gelegenheit haben. Sie wurden nämlich größtcnthcils im Frühlinge der Erde entrückt, im Dufte dcr Erdenblüthe hinüberschlummcrnd in den ewigen Gcifterfrühling, der schon auf dieser Welt so mächtig in ihren Seelen getönt hatte. Sein Tod war sanft und leicht, wie ein Hereingreifcn dcr vorausgegangenen Freundin, um seine Seele zum Mitgenusse Gottes hinüber zu nehmen in die Sonne ewiger Klarheit. Der dreißigjährige Krieg war nun überstanden, er hätte die katholische Religion vernichten sollen, und siehe! die Religion war aus ihren eigenen Tiesen, durch den heiligen Geist, den keine Erdenmacht hemmen kann, wieder belebt, geläutert, entflammt worden. Für den Abfall vom Glaube» in Deutschland, für die Blutsaat des unmenschlichen Brudermordes trat reichliche Entschädigung ein durch die tiefere Innerlichkeit, Andacht und Sittcnrcin- heit der katholischen Länder, die durch die Geißel Gottcö gemahnt, durch die Begeisterung der Frommen fortgerissen, mit Herz und Leben dem Geiste dcr Kirche sich anschlössen, denkend, fühlend, wirkend in Eins, mit dieser Einheit dcr gegenüber wühlenden Zerrissenheit des Protestantismus vollkommen gewachsen. Dcr errungene, katholischcrseitö mit so viel Vorgefühl dcr Zukunft, mit so heißen Thränen hcrbeigcbetete Friede legte sich heilend auf alle Lebens- und Kirchenvcrhältnisse, und die Frommen wirkten mit dem Flammcncifcr ihrer gvticrfülltcn Brust fort am heiligen Werke dcr Wiedergeburt ihrer Hcimath in Glauben und Tugend. So insbesondere Giovanna in Tirol! Ihre Wirksamkeit hatte sie mit den ersten Staatsmännern, mit den höchsten Kirchcnfürstcn in heilsame Verbindung gebracht, und sie benutzte Dieselbe mit dcr gewissenhaftesten Sorgfalt znr Ausbreitung ihrer Grundsätze. Ihr Kloster in Noveredo wurde eine Wallfahrtsstätte, zu der Hohe und Geringe mit Andacht pilgerten, um sich Scelcntrost, Licht und Aufmunterung zur Tugend zu suchen, und wer nicht gehen konnte, suchte sie heim mit Briefen. Stundenlang lehrte sie im Sprachzimmer, mit Macht eindringend in die Gewissen, alle Bloßen aufdeckend', die Seelenwunden heilend. Ihr Heller Einblick in alle menschlichen Verhältnisse machte sie zum Gegenstände allgemeiner Bewunderung für die Guten, d.s Schreckens für die Bösen, zur Spruchbehörde für die Staatsmänner. In Innsbruck stand um diese Zeit Graf von Spaur an der Spitze der Negierung, und unter ihm Baron von Trojer, beide Männer von Auszeichnung, voll Gottesfurcht und Andacht. Sie unternahmen keine wichtige Angelegenheit ohne ihren Rath einzuholen, und konnten ihre Klugheit und Umsicht nicht genug loben. Kaiser Leopold 1. stand mit ihr in ununterbrochenem Briefwechsel, und verhandelte die wichtigsten Geschälte seines Hauses und seiner Länder nach ihren Rathschlägen. Ja! der berühmte Paul Hocher, erster Kanzler des Kaisers, mit ihr auf das innigste befreundet, nahm keinen Anstand, zu erklären: „Sie ist ohne allen Zweifel ein großes Weib! Es begegnet mir oft, daß ich sie über eine Staatsangelegenheit um Rath fragen muß. Sie gibt ihn aber so, daß ich und alle andern kaiserlichen Räthe meinen, das bloße Befolgen dieses Rathes sey schon cln und für sich so viel als die vorliegende Sache zu Grunde zu richten. Wird der Rath aber ausgeführt, so geht alles vortrefflich von Statten, und ich finde dann jedesmal, daß, wenn er nicht befolgt worden wäre, die Sache nothwendig hätte verloren gehen müssen!" Diese entschiedene Uebermacht ihres Urtheiles und Hellblickes unterwarf ihr die größten Geister in Deutschland und Italien, die demüthig von ihr Lehre und Unterricht annahmen. Die vorbeireisenvcn Gesandten, selbst von protestantischen Fürsten, legten ihr im Kloster zu Novercdo ihre Jnstructivnen vor, und ließen sich von ihr die beste Art der Ausführung dictiren. Alle damaligen Fürsten, geistliche und wellliche, besuchten sie und stärkten sich an ihrer Tugend und Weisheit. Die Masse von Briefen, die von allen Enten an sie einliefen, war ungeheuer aus allen europäischen Ländern, selbst von Ungarn, Siebenbürgen, Mähren, Polen, Nußland und Dänemark, in fast allen cnropäi- schen Sprachen, so daß sie eigene Dollmetschcr brauchte. Kein Brief blieb unbeantwortet, sie schrieb mit eigener Hand oft ganze Nächte, und ihr Secretär, Franz von Kles, ein Franciscancrmönch im Kloster zu Novercdo, berühmt durch seine äußerst zierliche Handschrift, hatte nebenbei vollauf zu thun, die übrigen nach ihrer Angabe in lateinischer Sprache zu beantworten. Selbst der gemeinste Schuster und Schneider von Stciermark, Kärnthen, Ärain, Neapel und Genua sand aus ihrer reichen LiebcSfülle eine fromme, rathende, aufmunternde Belehrung in der pünctlichsten Beantwortung seines oft äußerst schlecht und unleserlich geschriebenen Briefes. Kranke wurden heil durch ihr Gebet in weiter Ferne, verstockte Sünder auf einmal blitzähnlich gerührt, alle menschlichen Gcbrcchcn erleichtert. So hatte sie schon bei L-bzeiten eine so weit verbreitete Verehrung genossen, wie sie nur wahrhaft großen und heiligen Seelen zu Theil wird. Ganz Tirol war von ihrem Geiste durchdrungen, von ihren Worten erschüttert, durch ihr Leben im Glauben befestiget, und das Ausland hatte sich demüthig herangelassen, die Kraft der katholischen Frömmigkeit in den Gebirgen anzuerkennen. Das kirchliche Princip der Katholiken, in einem schwachen Weibe vnkörpert, war aufgewachsen wie das Scnf- körnlein, und beschattete als mächtiger Baum die umliegenden Länder. Diese Erscheinung wirkte mächtiger auf die Erhaltung der! katholischen Religion in Tirol, als der kalte Beweis, als jede Viclgeschäftigkcit irdischer Vorkehrung. Ihre Schriften, 15 Quartbände an der Zahl, ewig das eine Thema der Liebe Gottes behandelnd, mit einem Aufwande von Geist und Kraft, die kein zweites Mal in solchen Verhältnissen erscheinen möchten, siele» wie ausfahrende Blitze ins Leben der Gesellschaft, die allbedächtige Ver- stanreSopcration in ihre Schranken zurückweisend, die Schlcußcn des christlichen Gemüthes öffnend, am wirksamsten verdammend das kaltrauscheude Gewässer der Irrlehre. Am Palmsonntage 1673 erfolgte ihr Hinscheiden, welches mit dem Geläute aller Glocke» i» Novercdo angekündigt wurde. Das Bisthums-Jubiläum inMichstädt. Der Katholik bringt nachstehenden vom 14. Sept. datirtcn Artikel, der als Ergänzung unserer eigenen Berichte auch von den Lesern dieser Blätter gerne gelesen werden wird. Heute gehen unsere Festlichkeiten zu Ende. Das herrlichste Wetter begünstigte uns fortwährend, so wie auch uicht die geringste polizeiliche Störung die heilige Stimmung des Ganzen getrübt hat. Mit jedem Tage nahm die Zahl der Waller zu, cS wurde zur reinen Unmöglichkeit daß die Kirchen der Stadt sie aufnehmen, oder daß die obwohl große Zahl unablässig thätiger Priester ihren frommen Bedürfnissen ginüge» konnte. Der Zudrang zu den Beichtstühlen war so groß, daß die Beichtväter selbst nur mit Mühe zu ihren Plätzen gelangen konnten, auf welchen sie dann vom grauen Morgen bis in die späte Nacht verbleiben mußten. Um Mitternacht hat man noch Beichte gehört, und um drei Uhr in der Frühe waren 'schon die Straßen mit Menschen gefüllt und die Kirche» besetzt; so ging es zunehmend bis zum Schluhtagc, der dann Alles übertraf: 12l) Priester saßen zu gleicher Zeit Beichte und konnten bei Weitem nicht zureichen. Um sechs Uhr Abends waren die Leute oft noch nüchtern und empfingen die heilige Commuuion. Bis jetzt ist auch eine approximative Angabe der anwesenden Pilger noch unmöglich. Indessen hat man die nöthigen Erkundigungen begonnen und wird ihr Resultat nebst den Predigten der Hochwür- digsten Bischöfe als willkommenes Andenken für alle Anwesenden der Oeffentlichkeit übergeben. Ohne uns mit der Nennung der einzelnen mehr oder minder bedeutenden Frcmdc» zu befassen bemerken wir nur, daß auch der königliche Regierungspräsident von Anobach, Freiherr von Andrian, eingetroffen war und an den kirchlichen Feierlichkeiten Antheil genommen hat. Der Herr Präsident hatte sich bei dieser Gelegenheit der größten Auszeichnung und des freundlichsten Willkommens von Seiten aller hier anwesenden Prälaten zn erfreuen. Am Freitage predigte der Hochwürdigste Bischof von Würzburg, und sprach über das zu dieser Feier so passende Thema der Fortdauer des Lehr- und Pricsteramtes in der katholischen Kirchc, und obwohl seine ohnehin nicht starke Stimme bei der ungeheueren Mcnschcmnassc die wcitcn Räume des DomeS nicht zu durchdringen vermochte, so predigte doch sein würdiges Erscheinen und die mehr dem Himmel als der Erde angehörende Gestalt gleich einem in die Versammlung nicdergcsticgcnc» Engel. Am Samstage predigte der Abt des Klosters Scheuern, er hielt den Panegyricuö auf seinen Ordcnsgcnosscn den heiligen Willibald und zeigte, wie derselbe dem evangelischen Gebote in seinem Leben und in der Führung seines bischöflichen Amtes nachgekommen sey und wie jeder Christ, besonders aber die Bewohner EichstädtS, einem so rühmlichen Beispiele nach Maßgabe der jedem Einzelnen angewiesenen Sphäre nachzukommen hätten. Eine ungchcurre Wirkung machte in diesen acht Tagen die Mission der Nedemptoristen, die wahre Männer des Volkes sind und durch ihre Predigten Außerordentliches leisteten. So wirkte nach der weißen Anordnung des Hochwürdigstcn Bischofs von Eichstädt Alles zusammen, um diese Tage zu einer wahren Jubelfeier zu machen und Manchen, die vielleicht Jahre lang in bedrängtem Gewissen dahin gelebt, mit cinemmale die Fesseln der Sünde zu nehmen. Die bischöflichen Hochämter und alle Pracht im Dome fesselten die Gemüther und faßten das Herz des Menschen von der sinnlichen Außenseite, die Proccssionen und alle die Menschcnzügc, die aus weiter Ferne herbeiströmten, brachten eine eigene Stimmung der Religiosität und der Verpflichtung zu geistiger und nicht bloß äußerlicher Fcsithcilnahmc hervor, die Predigten endlich erschütterten die Seele und führten sie und hoben sie aus dem weltlichen Taumel mit cinemmale zu den Wahrheiten der Ewigkeit, und es war kein Frieden und keine Ruhe mehr, bevor nicht Jeder seine Last in der Beichte zu den Füßen des Priesters niedergelegt halte. Die acht Väter der Redemvtoristcn, unter welchen sich auch Pater HugueS, der llebcrselzer der Werke des heiligen AlphonS befand, wechselte» in den Predigten so ab, daß Jeden die seiner Individualität am meisten entsprechenden Gegenstände trafen. Hohe und Niedere nahmen an den Vorträgen unausgesetzten Antheil; selbst aus dem Augsburgischen waren ganze Gemeinden gekommen, eben so aus Württemberg. Nachdem am Sonntag Morgen der Bischof von Eichstävt die Schlußprcdigt in der Domkirche gehalten un.d in der wärmsten Begeisterung zur Bewahrung der nun gewonnenen Früchte angefeuert hatte, hielt der Hochwürdigstc Bischof von Straßbur.z das letzte Pontisicalamt und am Nachmittag die Vesper, nach welcher die Schlußproccssion in derselben Ordnung, wie die zur Eröffnung, statt fand. Die beiligen Reliquien wurden von dem jlrcuzaltar, auf dem sie bisher ausgesetzt waren, erhoben und dann in die Stadt hinaus getragen, die während dieser acht Tage immer wie am ersten Tage geschmückt geblieben war. Dann wurden sie wüdcr in dem Dome auf dem Willibaldsaitare beigesetzt, wo sie eine große Marmvrurnc bis zum künftigen Jubiläum verschließt. Nach der Rückkunft wurde die Feier mit einem feierlichen 'I'o Ooum geschlossen, und — ein schlagender Beweis, daß die Feier nur religiöse Motive auch in den Einzelnen gehabt, — in der kurzen Zeit von einer halben Stunde schien die Stadt wie geleert, alle Fremden waren verschwunden und auf der Heimreise begriffe». Am Abende brachten die Bürger der Stadt Eichstädt ihren hohen und aus weiter Ferne gekommenen Gästen, den Bischöfen, vor dem bischöflichen Palais einen glänzenden Fackclzug. Der gauze Magistrat begleitete denselben und brachte im Namen Aller den Ausdruck seines Dankes. Die hiebci so wie während der übrigen Fcstzcit an den Tag gelegte noble Haltung aller Bewohner Eich- städtS fand bei allen Fremden die vollste Anerkennung. Wunderbar ist es, daß gerade am Schlüsse aller Feste der Himmel, der sich immer bisher heiter gehalten, überzogen wurde, und es sogleich heftig zu regnen begann. Montag Morgens kam noch das Domcapitel, um den Bischöf.n seine Aufwartung zn machen. Um Mittag hatten alle unsere Mauern verlassen. Wer weiß, wann solche Tage wieder über Eichstädt kommen!" Deutschland. Der Kirchcnztg. f. d. kath. Deutschland ^frühere Paß. k. K. Z.) wird auö der Diöccsc Regensburg geschrieben: „Auch im heurigen Jahre hat unser Hochwürdigstcr Herr Bischof Valentin für seinen Diöccsan-ZllcruS geistliche Uebungen und zwar wieder an drei verschiedenen Orten — zu Amberg vom 1. bis 6., zu Metten vom 15. bis 19., und zu Regensburg vom 29. Sept. bis 4. Oct. — abhalten lassen. So ist denn zum vicrten- mal seit dem Bisthums-Antritt des Hochwürdigsten Herrn Ordinarius die große Wohlthat einer solchen Geistes-Erneuerung seinem Klerus zu Theil geworden, in welcher nach dem Ausspruche des heiligen Franz von SalcS unser Inneres -— gleich einer Uhr — zerlegt, gereinigt und wieder zusammengesetzt werden soll. Viele Priester haben in jedem dieser 4 Jahre die ihnen dargebotene Gelegenheit hiezu benutzt, und es dürfte kaum mehr hundert Geistliche in unserer weitauSgcdehnten Diöcese geben, welche des Segens dieser Uebungen sich nicht theilhaftig gemacht hätten. Doch welcher Priester sollte auch hievon sich ausschließen, da unser Obcrhirt selbst hierin mit seinem Beispiele vorlcuchtct, indem er auch Heuer wieder in Metten an diesen Exercitien Theil genommen hat! Von Metten begab sich der Hochwürdigstc Herr Bischof nach Lamm, königlichen Landgerichts Kitzing, um die dortselbst am 29. Sept. stattgefunden«: Sccimdiz des wahrhaft Hochwürdigen Ortspfarrers und geistlichen Rathes Stephan Neinhold durch seine hohe Gegenwart und durch persönliche Abhaltung der Festpredigt zu verherrlichen. Möge der Herr diesem Priester-Veteran zum Lohne seiner ausgezeichneten Verdienste im Fach ver Scclsorgc die seltene Gnade verleihen, daß er nach 7 Jahren auch das Pfcirr-Jubilcium feiern könne; denn bereits 43 Jahre sind vorüber, seit dieser musterhafte Priester des Herrn vie Verwaltung der umfangreichen Pfarrei Lamm übernommen hat, der er noch immer in voller Rüstigkeit und Thätigkeit vorsteht! Von Lamm aus reiste Se. Bischöfliche Gnaden nach Reisbach, zur Enthüllungofcicr des Monumentes, das die Bürger NcisbachS, in Vereinigung mit mehreren anderen Menschenfreunden, den drei großen und edlen ReiS- bachcrn: Maximns von Jmhof, gewesenem Augustiner, Prior und Professor der Phvsik, Jgna; von Streber, Bischof von Birtha und Domprvbst zu München, Xaver von Schwcibl, Bischof von Rc- genSburg, gesetzt haben. Dasselbe besteht in einer von Stiglmayer gelungen gearbeiteten Marien-Säule, an deren oberem Sokel die Büsten der vvrbemcrktcn Männer, aus Erz gegossen, angebracht sind. Se. Bischöfliche Gnaden hielt ein Seclenamt für die Ruhe der drei Abgeschiedenen, denen diese Feier galt, und hierauf nach der Monuments. Enthüllung am Fnße desselben eine begeisternde Rede, worin der Verdienste jener edlen Nciebacher Erwähnung geschah, und zur eifrigen Verehrung der jungfräulichen Gottesmutter und zur vertrauensvollen Anrufung ihrer Fürbitte mächtig aufgefordert wurde. Wohl gegen 109 Priester von Nahe und Ferne, selbst aus fremden Diöceseu, nahmen außer einigen weltlichen Beamten an dieser seltenen Feier Antheil, so wie an dem darauffolgenden gemeinschaftlichen Festessen, bei dessen Schlüsse der Hochwürdigste Oberhirt einen patriotischen Toast auf das Wohl Seiner Königlichen Majestät so wie des ganzen königlichen HauseS ausbrachte. Italien. Rom. Cardinal Patrizi, Generalvicar Seiner Heiligkeit, spendete am 17. August an einen 27jährigen Muselmann, Ibrahim Effcndi aus Scutari, und an einen 24jährigen Israeli ten, Joseph Namcr aus Konstcmtinopcl, die Sacramente der Taufe und der Firmung. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Krem er. ^ ^s- - D-i/./^ der .MM ^ » »-i ^> Augsburger Zweite Zahreshälftr. ?Ä »Ä- ^M^W ^st^^^M M ? 4S. ^ Danklied nach der heiligen Communion. O! weil ich Ihn nur habe, Des holten Bräutigam, Welch' eine Speis' und Labe, So süß und wundersam! Er wohnt in meiner Hütte, Er ruht in meiner Brust; — Welch eine Huld und Güte, Welch eine Himmclslust! — O könnt' ich j'tzt lobpreisen In mächt'gcn Töncn Ihn! Ich säug' in Jubilwciscn Durch alle Wellen hin. Jesus, der mich erkoren Und jetzt daZ Brautkleid bot, Er ist gar hoch geboren, Ein wahrer Gott von Gott. Wo kann gesunden werden Ein Mann, so reich, wie Er! Von Himmel und von Erden Ist Er der hohe Herr! Mein JcsuS ist gar mächtig, Was Er nur will, er kann's! Schau an! die Schöpfung Prächtig Hat er gebildet ganz! Poftzeitung. IS Kct. 1845. Wie prangt an Tugcndbelle, Dir süße Bräutigam! Ist selbst des Guten Quelle Uno aller Tugend Stamm! Er strahlt vor allen Schönen Wie goloucs Sonnenlicht! Die Engel selbst sich sehnen Zu schau'» sein Angesicht! So — was ich such' und wähle DaS hat mein Bräutigam, Der mich, sie ärmste Seele, Zur Braut heut liebend nahm! O Seligkeit in Schmerzen. Jesus? du Süß gleit! O bleib' in meinem Herzen Jetzt und in Ewigkeit! Du seyst fcrtan mein Leben, Mein Fuß soll mit Dir geh'«. Mein Mnnd soll Dich erh.ben, Auf Dich mein Auge sch'n! Bis ich auf HimmelSauen In ew'ger reinster Lust, Dich «»verhüllt darf schauen, AuSruh'n an Deiner Brust! — S i g h a r l. Ei» Dissidenten - „Gottesdienst" in Al;ei. Vom DonncrSberg, 1. Oct. Ich begab mich am 28. vorigen Monats in Die Nachbarstadt Alzci, um daselbst bei der Erthcilung dcö heiligen Sacrainentes der Firmung durch den hoch- würdigsten Bischof von Mainz gegenwärtig zu seyn und so einer Feierlichkeit anzuwohnen, die für diese Stadt unter den dermalen daselbst obwaltenden religiösen Wirren von mehrfacher Bedeutung seyn musztc. Nachdem ich diesen meinen Zweck erreicht, die schöne Ordnung, den kirchlichen Sinn der katholischen Alzcier bewundert und die treffliche Rede des hochwürdigstcu Bischofs, die bei all ^Zeichen der Erlösung äußerlich zu machen, wie es Art der Röm- linge ist, worauf unter schmelzenden Accorden die Gemeinde ihr schmachtendes „Amen" aushauchte. Jetzt hörte man ein einleitendes Lied mit einer dem neuen Mainzer Choralbuche entnommene»! Melodie; der Geistliche spricht nunmehr das Sündenbekenntniß in pomphaften Phrasen und intonirt sein „Herr erbarme dich unser," das der Chor unter Begleitung hinkend und lahm nachschnitte; dann ein abermalig Lied um gnävtge Erbarmung, in das mein jovialer -Legleiter mit mir herzlich einstimmte (versteht sich in dem Sinne, daß der Herr recht bald die Fülle seiner Gnade über die Irregeleiteten herabsenden w lle, zur Erkenntniß der Wahrheit, ihrer cmschieccn katholischen Fassung nicht ein, auch nur im Ent->die sie von sich gestoßen in frevelndem Höhne). Winter singt nun ftrntcstcn die abgefallenen Neuerer kränkendcS Wort enthielt, mit-, sein „Eh'e sey Gott in der Höhe" und der Chor antwortet: angehört, — die weitere Schilderung will ich einer geübteren Feder> „Frjcde Den Menschen" :c., unbekümmert darum, daß gerade er überlassen, — begab ich mich in eine-, Gasthof und vernahm da-^ und Consorten von demselben Schlage Unfrieden ausstreuen; wieder selbst, daß auch die T»sse»ters Nachmittags „Gottesdienst" abhal-!cin Lied verkündend dcö Allmächtigen Ehre, wobei Winter, als lcn würden. Begierig mit eigenen Augen zu sehen, mit eigenes r,c Gnneindeglieder ans dem Geleise kamen, mit einer Achilles- Ohren zu hören: beschloß ich der Versammlung anzuwohnen und ^stimme cingriff und sie so viel als thunlich in Ordnung zu brin- bceilc mich, Ihnen das Resultat mitzutheilen. Auf das Local des abzuhaltend,» „Gottesdienste gen suchte; er sang sodann der Gemeinde sein: „Herr sey mit euch" aufmcrk-^und diese erwiderte: „und mit deinem Geiste." Darauf folgte sam gemacht, fand ich dasselbe auf Alzci'S westlicher Seite in «ein Lied, Evangelium und Epistel und eine tief ergreifende Prc- cincm Gart'N^äuochcn, das ehedem zur Freimaurerloge gedient digt. Die Vernunft wird darin zur Göttin erhoben, nach weiland haben soll. In diesem kaum 70 — 8» Personen fassenden Ge. französischer Manier in den neunziger Jahren und haarscharf mit bäudc bemerkte ich an einem mit Vorhängen verhüllten Fenster Conclusionen ohne Prämissen bewiesen, d^ß Vernunft-und Christus- eine Art von Altar, auf welchem das Bild des gekreuzigten Hella des umritt.n zweier Leuchter aufgestellt war, zur Rechten ein fiändcrartigcs Kainclchen, zu beiden Seiten des Eingangs je vier Reihen von Bänken und vor denselben mehrere lehnlose Stühle, zum Sitz für die weiblichen Dissidenten - Notabilitäten Alzer's (wie ich nachher wahrnahm) bestimmt. In einer Seitcnlogc, so früher als Vogelbauer benutzt wurde, befand sich ein Kanapee, auf Religion identisch und Derjenige, der sich der Vernunft nicht bediene, ein Sklave sey und bleibe sein Leben lang, indem er so seinen Sinn dem Machwerk römischer Pfaffen gefangen gebe. Den Einwurf, ob nicht auch die Menschen ohne Christus zu dieser Vci> mmftrcligion — m Offenbarung durch Christus — hätten gelangen können, beantwortclc der Pre-dicant dahin, daß dieß wohl hätte geschehen können, aber doch erst nach langer Zeit, vielleicht nach dem ich Platz nahm, um bei ziemlich günstigem Herbstwetter den! mehreren Jahrtausenden. Zuletzt ergeht denn mit majestätischem Winter abzuwarten. Nach Verlauf einer Viertelstunde, während! Pathos, unter Flammcnblicken, mit schwülstigen Worten die Aus- wclcher sich ohngcfähr liö — 70 Menschen, Darunter zwei Drit-I forderung, sich frei der Vernunft zu bedienen — zufällig aber tel müßige Zuschauer, halbnackte Buben, zierlich gekleidete Herren, Bursche mit langröhngen, dampfenden TabackSpscifen versammelten, zündete ein armer Schlucker die beiden Wachslichter an, zu bedeuten das neue Licht, das jetzt in der durch römisch-katholische Pfaffen herbeigeführten Nacht dcö abergläubischen Götzendienstes leuchten sollte; endlich erschien denn auch mühsam und keuchend der sogenannte Pfarrhcrr der DiffcntcrS, bekleidet mit der Soutane, ein schwarzes Kävpchcn auf dem 5eopfc, und er sah eben nicht aus, als habe ihm die Last des Römerjochö bedeutend zugesetzt. Die Gcmeindcglicdcr waren gerade in traulicher Unterhaltung begriffen; Herren bccomplimcutirlen die anwesenden Damen und pflogen schmeichelnde Gespräche, ein andachtcrweckcndeS Vorspiel der beginnenden Komödie! Nachdem Winter seine compendiöse Bibel auf ein in der Mitte des rothbchängtcn AltartischcS befindliches Ruhekissen niedergelegt und ein wenig ausgeschnauft hatte, begann der feierliche Act, während dessen der neue Pontisex gegen die Zuhörer sich wandte. Als Fiihrcr dabei diente mir eine Broschüre, die ich mir Eingangs des Gartenhäuschens für 12 Kreuzer gekauft, was, wie mir der Verkäufer bemerkte, theuer sey, da die Gemeinde cmnvch klein, unansehnlich und arm wäre. Die andächtige E» bauung verlief also. Ein nobler Stutzer brachte unter dem Arme in einem Kästchen ein Instrument (vielleicht auch Ronge's Erfindung), wahrscheinlich mit Saiten überzogen, das klavicrartige Töne hören ließ; nachdem dasselbe gestimmt, räusperte sich Winter und begann: „Im Namen des VaterS' natürlich ohne das waren Leute da, die auf ihrem Antlitze deutlich lesen ließen, daß sie'von ihrer Vernunft noch gar wenig Gebrauch gemacht, zu« mal sie nicht sehr reichlich damit bestellt schienen; — mit lächelnder Freude wurde das hohe Glück verkündet, mit dieser Himmclstoch- ter „Vernunft" nun frei schalten zu dürfen, frei von knechtischem Geistesdruck, der bisher mit Centnerschwere auf ihr gelastet. „Lasset die Anderen, so schloß der Redner in seinem LicbcScifcr, lasset die Anderen äußerlich Triumphe feiern; wir feiern unseren Triumph im Innern, dieweil unsere Vernunft nicht mehr sklavisch niedergehalten ist, wir uns frei machen dürfen von Allem, was römische Priester der Christusreligion beigefügt haben." Nach einem abermaligen Liede folgte endlich das Glaubensbekenntnis;, das mit denselben Worten ungefähr also lautet: „Ich glaube an Gott Vater, den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde, ich glaube an Jesus unseren Heiland, ich glaube an den heiligen Geist, Nachlaß der Sünden, Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben." Nach angestimmtem dreimal Heilig wurde das Gebet des Herrn verrichtet und nach einem Schlußgcsange der Segen ertheilt. Alles Dieses geschah, während die Gemcindeglieder bcauem da saßen mit verschlungenen Armen und Beinen. Nach Beendigung der Andacht (!) forderte ein Mann mit grauem Haupte, vermuthlich ein Vorstandsmitglied, auf zu einer Confcren; zurückzubleiben und es blieben nach Entfernung der Zuschauer etwa zwanzig Herren und Damen zur Berathung zurück. Vergleicht mau nun diese Parodie einer Gottesverchrung und Predigt nach neugebackenem Ritus, und den Leiter und Wortführer derselben, den Expfarrcr Winter mit einem Artikel im Frankfurter > offenen Glaubensbekenntnisse ab, denn gewiß würde man eine Masse Journal (vom 27. September d. I. zweite Beilage), so muß es^von 8000 Menschen an der Ausübung desselben nicht hindern, allerdings klar werden, Wer Haß erregt, muß es jedem Unbe-^Da es sich in den Paschalikö Jakova und Ipek dermalen darum fangen.» in die Auqen springen, Wer bemüht ist, von der Kanzel handelt, Rekruten auszuhcbe», zu welchen keine Christen einverleibt herab Lügen und Entstellungen vorzubringen und wer durch boshafte werden, traf es sich, daß Viele davon ansgchvbcn wurden, welche Ausfülle andere Konfessionen zu lästern sucbt. Möge doch der nur dem Scheine nach Muselmänner sind. Um dem Dienste zu Referent jenes Aufsatzes die dem Expfarrer Winter zugegangenen entgehen, erschienen dießmal Viele derselben kühn in der Zirchc zu Ordinariatscrlasse, die derselbe doch gewiß g-lesen hat, da er Jakova, den apostolischen Präftcicn, Dionisio d'Afragala, auffor- aphoristische Sätze aus denselben citirt — ganz und unvcrstümmelt dernd, sie in den Eaialog der übrigen Katholiken einzutragen, abdrucken lassen, und es wird sich jeder Billigdcnken^c überzeugen, Der hiervon unterrichtete Seraskicr ordnete eine Zusaminentrctnng daß die oberhirtliche Stelle auf eine Weise zu dem Verirrten ge-!an, wobei einerseits die JmamS und andererseits für die heimlichen sprechen, wie mir eine sorgsame Mutter zu ihrem geliebten, auf Katholiken in Jakova der benannte Prüftet, für jene von Ipek Jrrgängc gerathenen Kinde sprechen kann; so wie hinwiederum aber der Missionär Deodato aus Cartacciana, erschienen. Die Jeder, der den Erpfar-cr kennt un? ganz Alzei cS recht wohl zu ^ Erklärung der Missionäre, daß sie und die Pfarrer gedachte Jndi- würdigcn weiß, wenn eS in diesem Aufsätze heißt, es habe dieser viduen als Katholiken anerkennen, und daß, wenn diese die Mo- scin Amt freiwillig nietergelegt :c. Wir kennen den Grunv, schcen besuchen, es nur zur Vermeidung von Bcxalwncn geschieht^ r«Z8p. bald sieben Gründe nur zu gut und schweigen aus Liebe, machte einen üblen Eindruck auf den Scraskier, der nun die Mis- sind jedoch auch nicht abgeneigt zu revcn, wenn es seyn mnß — sionäre entließ und die Jmams zu sich beschied. Auf die Erklä- oder auch, wenn es nicht bald auf anderem Wege zur aUgemeinen rung der letzteren, daß die Tissiventcn als Muselmänner zu betrach- Offcnkundigkeit gelangen sollte, >oas in der Umgegend kein Geheim- tcn seyen, l^csz er die Häuvtcr derjenigen in Ketten werfen, welche niß mehr ist, so lange man es ihr auch zu verbergen wußte, den Katholicismus offen bekennen wollten. Man berechnet, daß Ihr aufgeklärten Disscnters freuet euch nur cuerer Accniisttion! ^ bei 150 Familien sich als katholisch erklärt borten. Eine chrer- Mancher von euch gab vor, nur wegen Winters aus der Kirche ^bietige, aber energische Erklärung von Seile aller znm Katholeees- auSgetectcn zu seyn; ihr habt ihn nun wieder, den ihr nicht mehr muö dermalen im Geheimen sich bekennenden Familien jener Gcgcn- wolltet und mit den unjierlichsten Präcicaten beehrtet, ihr habt den könnte dem Uebel ein Ende machen, da man einer so groszcn ihn nun wieder und sogar als Helden des Tages! Behaltet ihn, Menge ein offenbares Recht unmöglich verweigern könnte. Am kein Katholik beneidet euch, seyd aber schön ruhig, damit, was diel 15. August, als am Tage von Maria Himmelfahrt, ist endlich römisch-katholische Liebe mit Stillschweigen bisher übersehen, durch ^»ach vielen Iahren in einer bei Scutari liegenden katholischen solche Lobhudeleien provocirt nicht am Ende ans Tagesl'cht gcsör-^Kirche, welche die schismatischcn Griechen an sich reißen wollten, dert werde. (Katholik.) ^0^^^ wieder gehalten worden. Es war dieß ein Triumvh ,_, !des katholischen Glaubens, denn anstatt 20 oder 30, wie sonst, hatten über 1000 Katholiken sich daselbst eingefundcn. Aus den katholischen Missionen. " « ^ Der „0ssvrvatc.ro '1'r,'o«linc>" veröffentlicht folgende Nach- ^ herrliche Colonie von katholischen Priestern und Or- richtcn, welche ihm aus Scutari in Albanien unterm 20. ^"^emen ist dieser Tage wieder in die Welt ausgegangen, um August zugesendet wurden- „Während des Aufenthalts der Armee ^" H"°'"'"^ das Licht drS Eoang-l.ums zu bringen. Dr. Bravv. des Seraskiers in Jakova l,at sich ein für den Katholicismus wich-?^°f Wcstaustrali-n und Snffragan des Hockwürd-gsten Erz- tigcr Vorfall ergeben. Bekanntlich hatte schon General Piccolo-^ b''^ Polding, der m Angelegenheiten seiner^Misston eine mini bei Gelegenheit der Siege der kaiserlich österreichischen Waffengemacht, ist nämlich am 10. «evtember von unter der Anführung des Markgrafen von Baden im Jahre 1689 ^°"^" «"s wieder nach Australien zurückgek.hlt. Ihn begleiten zu Pristina mit den dem österreichischen Panier ergebenen katholi-!italienische, fünf französische nno drei irische Priester, nenn fchcn Volksältesten Unterrednogen gehabt, welche für dieselben er-i Studircndc der Theologie und sechs Ordensfraucn, im Ganzen spricßliche Folgen hatten, und bei jenem Anlasse waren viele Ein-! "^undzwanzig Personen. wohner vom griechischen Ritus nach Slavonien und Ungarn einge- -- wandert, so wie auch das Patriarchat der gnechisch-illyrischen Kirche,! Deutschland. welches bis zum Jahre 1776 in Ipek bestand, nach Carlowitz ^ Der hochwürdigstc Bischof von Fulda hat nachstehenden Erlaß verlegt wurde. Die Katholiken dagegen verblieben in den Pascha- an den Dechant und Pfarrer Schaum zu Hanau und den Pfarrer liks, in welchen sie geboren warm und bis zu welchen die öster nach Amerika unter der Führung Wilhelm Pcnn'S über und nahmen das Land ei», das j-tzt Pensyl vanien heißt. Es sind etwa 300 000 in den Vereinigten Staaten und sie machen sich durch ihre auffallende Kleidung dort bemerkbar. Die Männer tragen Hüte mit breiten Krempen und ein schwarzes Kleid nach französischem Schnitte; die Weiber unterscheiden sich durch eincn Anzug, der an den unter dem Dircctorium erinnert, und bilden so eine ständige Maskerade auf den Straßen. Die Quäcker dutzcn die ganze Welt und nehmen nie den Hut ab. Sie verwerfen alle Sacramcnte, allen äußern Cultus, die ganze kirchliche Hierarchie. — Was ihre Ceremonien anbetrifft, so verhalte» sie sich anfangs bei ihrem Gottesdienste stille und unbeweglich, indem sie den hl. Geist erwarten. Bisweilen zeigt der G.ist keinen guten Willen zu kommen, nnd dann herrscht eine oder zwei Stunde» la»g ci»e solche Stille daß man einen Grashalm fallen hören würde. Plötzlich erhebt sich ei er der Anwesenden, ein Mann j oder eine Frau. Das cvnvulsivische Zittern seiner Glieder kündigt die Ankuuft des Geistes an. Er spricht dann aus dem St greife und andere folgen ihm, so daß oft fünf bis sechs predigen; zuweilen geht man auch auseinander, ohne daß einer Lust gehabt hat den Redner zu machcn. Die orthodoxen Quäcker begnügen sich mit ihren Predigten; aber es gibt auch Disscnters unter ihnen: daö sind die Tänzer. Diese letzten haben sich etwa 59 Meilen von New.-Uork aus angesiedelt und besitze: viel Ackerland. Die Gemeinde besteht aus kräftigen Männern und Frauen und ersitzt sich nur durch Proscly- tenmachcrei. Die Hciralh ist untersagt und es besteht keine Gemeinschaft zwischen den beiden Geschlechtern, die sehr weit auseinander wohnen. Den Tag über leben sie eben so getrennt und besorgen ihre Arbeit nach ihren verschiedenen Geschäften und nur am Sonntag kommen sie in einer Kirche zusammen. Ihr r.ligiöser Cultus besteht im Tanzen, Springen und im Kreiseherumdreheu unter Gesang, und ihr Gottesdienst — man möchte ihn lieber Ball nennen — dauert so lange bis sie ermüdet zu Boden sinken. Die Tänzer sind sehr reich und cS gibt immer Bewerber, die m ihre Republik aufgenommen werden wollen. Nun gibt es noch eine Secte, die sehr von der vorigen con- trastirt, nämlich durch ihre Verachtung der zeitlichen Güter. Vor zwei Jahren hat ein gewisser Miller zu predigen angefangen daß die Welt bald untergehe und man nur an sein Seelenheil noch denken müsse. Es war sogar der 24. April 1844 als der festgesetzte Weltuntergangstag bezeichnet, an welchem Tage alle Menschen in den Himmel erhoben wurden, bevor die Erde zu seyn aufhörte. Der Betrüger lud alle auf einen Berg ein, um dann dem Himmel näher zu seyn. Denn in Amerika gibt es keinen Betrüger, der nicht auch Betrogene fände. Bald darauf sah man in allen Magazinen New-Uorks lange weise Röcke unter der Benennung: Himmelfahrtsröcke. Jeder Gläubige mußte damit angethan seyn, um mit Anstand und Grazie in den Himmel zu kommen. Man führt Kaufleute an, welche Tafeln aushängen hatten, worauf stand: „Wegen des baldigen Weltuntergangs bekommt man hier Alles gratis!" Die Vorübergehenden gingen hinein, und nahmen sich ohne zu zahlen, was sie brauchten. An dein verhängnisvollen Tage waren an mehr als 2t> Orten die Berge mit Menschen angefüllt und warteten auf die Himmelfahrt; als aber der Abend kam, mußten sie alle sich nach Hanse begeben, ohne gen Himmel gefahren zu seyn. Sie schämten sich nun freilich sehr. Miller aber findet sich seit dieser Zeit mit dem Ausspruche ab: „Unglücklicherweise habe ich mich in der Zeit geirrt." Aber viele von den Prvsclyten sind noch nicht cnitäuscht und wollen kein Eigenthum mehr besitze», indem sie glauben, die Welt werde demnächst untergehen. Wir fügen hier eine Anekdote dieser Art bei. Ein Mann, der ein Anhänger dieser Secte war, übergab sein Vermögen seinem Sohne unter der Bedingung daß, wenn die Welt nicht unterginge, er das Vermögen ihm wieder zurückgeben sollte. Nun will aber der Sohn die ihm übcrgebcnen Güter nicht mehr zurückgeben und es ist daher bei den Gerichten in Ncw-Aork ein Proceß anhängig. Ich würde nun auch noch von den Mormoniten sprechen, die sich eine Stadt bauten und darin apogryphischen Urkunden gemäß leben, von denen sie sagen daß sie mehrere tausend Jahre vor Moses geschrieben worden seyen; — von den Phalcn- steriancrn, die 5 Cvlonien in den Vereinigten Staaten haben und m jedem immer mehr Falliments erleiden; — von den „Ungläubigen", die sich selbst diesen Namen gaben uud ihre Lehren überall predigen und von allen, die sich sür Jnspirirte halten und ans den Straßen ihre P-cdigen und Gesänge ausschreicn. Doch es drängt mich zur Eile :u',d so große Mannichfaltigkeit wird endlich monoton. Ich habe ja bloß zeigen wollen, wohin der Mensch kommt, wohin er sich verirrt, wenn er nicht mehr eine Autorität in religiösen und kirchlichen Sachen anerkennt. Deutschland. Köln. Es ist jetzt bestimmt, daß auch in unserer Erzdiöccse geistliche Exercitien für den DiöcesanklcruS gehalten werden sollen. Der erste Cursus wird bereits am 21. dieses Monats für diejenigen Geistlichen, die Sc. Erzbischöflichcn Gnaden um dieselben gebeten haben, beginnen. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Krem er. —— P ^ ^»gs - Mei/,^ Augsburger Iweite Jahreshälfte. der «MWD^ MA- ^^^LW. M ? a Postzeitung. s. Nov. 184S Die Verherrlichung des Kreuzes. Von schwerem Fluch beladen Ging einst auf dunklen Pfaden Dein Name durch die Welt, Kreuzholz! im Morgenlande Als Denkmal tiefer Schande Dem Laster aufgestellt. — Dn einst das Ziel des Spottes — Jetzt das Panier des Gottes, Der uns das Heil erwarb, Seit Er mit blassen Wangen An deinem Stamm gehangen, Und leidend für »nS starb. Du einst des Bannes Stempel Zur Flucht aus Stadt und Tempel Verbre.-r.crn aufgedrückt, Wardst jetzt z im Ehrenzeichen, Das in dem Grün von Eichen Die Brust des Siegers schmückt. Du strahlst auf Kriegessahnen Seit serustcr Zeit der Ahnen Dem Tapser» in der Schlacht, Und führst aus Schlamm und Sumpfe Ihn siegreich zum Triumphe Im Grau'n der Todesnacht. — Das Bild von Sieg und Leiden Siehst ans des Lebens Haiden Dem Fiominen du zugleich, Und strahlst aus fernsten Zonen Als Schmuck d-r KönigSkiouen Auf unserm Erdenreich. — Uni Dich in lichten Fernen Schlingt einen Kranz von Sternen Einst des Erlösers Hnld, Hat in der Prüfung Tagen Dich hier der Christ getragen In Demuth und Geduld. Selbst noch am Hochgerichte Winkst Du im Glaubenslichte, Führst aus dem dunkeln Nichts Den Docht, der hier verdorrte, Still durch des Todes Pforte Hinauf junl Thron des LichiS. — Sanft auf des Grabes Erde, Daß sie zum Segen werde, PZanzt in der Hosfnnng Lauf Dich der Verwesung Staube Des Christen fester Glaube Als Siegeszeichen auf. — Noch schöner wird den Deinen Einst dein Triumph erscheinen, Wenn dumpf vom Sturm nmstöhnt, Durch Neih'n gcspaltner Särge Beim Wiederhall der Berge Einst vie Posanne tönt. — Wenn ernst mit Schau'r und Schrecken Die Sündersehaar zu wecken Ihr Don-ier-Nnf sich eint, Und leuchtend jenen Tagen Von Engeln hoch getragen — Dein strahlend Bild erscheint. — Dann wird von Glanz umgeben Zu Dir sich froh erheben, Der hier im Stillen litt, Und sich zum cw'g?n Lohne Der Hcil'gen S egeokrone Durch Leiden fromm erstritt. Dann wirst mit blut'gen Malen O heilig Kreuz D» strahlen Vom Jubcllild gekrönt, DaS hoch in SionS Hallen Dir ewig einst zu schatten, — Bon Sera>ch?harfen tönt. P. S. Das Blut des heiligen Jammriils. (Aus Hnrters „Geburt und Wiedergeburt", drittes Bändchen.) (Fortsetzung.) Am folgenden Vormittag fand ich mich frühzeitig genug in der Capelle des heiligen Januarius ein, wo das Flüssigwerdcn wieder vor sich gehen sollte. Dicßmal konnte ich noch näher, noch genauer beobachten. Wieder wurde das Misererc angestimmt, und die auf den Knieen liegende Menge harrte mit Ehrerbietung und freudigem Erwarten, die Augen nach dem Altar gewendet. Mit dem Bischof von Lancaster und einem General-Bicarius aus Canada stand ich auf dessen oberster Stufe, unmittelbar neben dem Priester, welcher das Gefäß in den Händen hielt. Er behandelte es auf vollkommen gleiche Weise, wie der andere Priester am Abend vorher. Mehr als einmal hielt er mir dasselbe unter die Augen, und ich überzeugte mich von der vollkommenen Dichtigkeit und Festigkeit des Stoffes, so wie man bei gesunden Augen und klarem Bewußtseyn von irgend einer Sache nnr immer sich überzeugen kann. Jetzt so wenig, als am Abend vorher, fand auch nur von Ferne eine andere Berührung des Gefäßes statt, als in der oben beschriebenen Weise. Dicßmal jedoch dauerte es nicht so lange, bis der Stoff flüssig wurde. Es mochten kaum fünf Minuten vergangen seyn, als die Bläschen zum Vorschein kamen, die Masse vollkommen zerrcmn, das Fläschchen sich wieder gefüllt hatte, da zuvor ein ähnlicher leerer Naum zu sehen gewesen. Wieder ergoß sich die dichte Menge, welche die Januars- Capelle und außer derselben einen Theil der Domkirche gefüllt hatte, in das 1v veum. Am litzten Tage der Octave führte mich der Zufall nochmals in die Capelle des Heiligen, wo ich den Inhalt des Fläschchens in flüssigem Zustande der Verehrung ausgestellt fand. Zu dieser erschien in eben diesem Augenblick ein neapolitanische? Großer aus einem der vornehmsten Geschlechter. Er nahte sich ihm mit der gleichen Ehrerbietung, wie ein nebenan kniccnder Lazaroni, ließ es sich auf Slirne und Brust drücken wie dieser, und küßte es gleich diesem. Dieß geschah in einem 'Augenblick, von dem de? Fürst nicht wissen konnte, ob Jemand oder Niemand ihn sehen, ob von den vicrmalhnnd.rttauscnd Bewohnern Neapels dieser oder jener seiner dargebrachten Ehrerbietung Zeuge seyc, ob ein prüfender oder ein zweifelnder, ein glaubender oder ein spottender Fremdling sein Erscheinen würdigen oder belächeln würde. Dasselbe mußte also nothwendig Folge innerer Anregung seyn, denn keinerlei Berechnung konnte sich einmischen, wie man etwa von des Königs, in großem Geleite abgestatteten Besuch bei dem heiligen Blut sagen könnte: dieß sey eine, in kluger Berechnung dein Volksglauben dargebrachte Huldigung. Und was nun? Nach dem wiederholt Gesehenen, sorgfältig Beobachteten, die unerschütterliche Ueberzeugung daß hier etwas Außerordentliches, etwas Unerklärliches, Unbegreifliches statt finde, — ein Wunder, sofern man von diesem Ausdruck nicht zurückschreckt, oder denselben auf Etwas anwenden will, was alljährlich öfters vorgeht. Ich darf mit der festesten Zuversicht wiederholen daß ich weit eher mit dem entgegengesetzten Vorsatz als mit demjenigen, etwas Außerordentliches und Unerklärliches sehen zu können . in St. Clarens Kirche mich cingcfundcn, daß ich nicht übereilt einen Entscheid gefaßt, daß ich am ersten Abenv jedes Urtheil suSpenlirt habe, indem ich vorerst nochmals sehen wollte. Unbefangener bin ich allerdings schon am ersten Abend geworden durch die alsbald in meine Erinnerung tretenden Lügen der Neisebeschrci- ber von einer Manipulation des Fläschchens in warmen Händen, sammt allen den Zuthaten und Erklärungen, wodurch sie die Sache entweder lächerlich zu machen, oder in einen groben Betrug zu verwandeln sich bestreben. Nachdem ich dann am folgenden Tage bei Hellem Sonnenlicht, auf den Stufen des Altares, dicht an der Seite des Priesters , den ganzen Hergang nochmals von Anfang bis zu Ende und mit gleichem Vorsatz, blos prüfen zu wollen, beobachtet hatte, da sah ich keinen zureichenden Grund mehr, mit meinem Urtheil zurückzuhalten , oder durch hervorgesuchte Wenn und Aber dasselbe zu verclausulircn, oder es in die Schwebe zu stellen, oder an der richtigen Wahrnehmungsfähigkeit meiner Sinne zu zweifeln; sondern, wo ich befragt wurde, oder wo das Gespräch auf diese Sache sich lenkte — was zu Neapel in den der Ehre des Heiligen gewidmeten Tagen so selten nicht ist — äußerte ich mich: etwas Wunderbares, wenigstens Unerklärliches, könne hier selbst von dem Ungläubigsten, so er nur redlich und aufrichtig seyn wolle, nicht gcläugnet werden. Entweder müsse er ein solches im eigentlichen Sinne, so wie es von dem Oberhaupt der Kirche, von der ge- sammten Geistlichkeit und von dem ganzen neapolitanischen Volk dafür gehalten werde, annehmen, oder alsdann ein noch weit größeres Wunder darin anerkennen daß ein Betrug (zwischen welchem und der außerordentlichen Erscheinung eö keine Wahl geben kann), der niemals durch einen Einzigen, sondern nur unter dem Zusammenwirken Mehrerer jeweils möglich seyn kann, durch den Lauf vieler Jahrhunderte in immer gleich ungeschwächter Wirksamkeit habe fortdauern können. — Ich weiß wohl daß die Wörter Blendwerk, Pricsterlist, Habsucht, Herrschsucht als allzeitfcriige Trümpfe immerwährend in Bereitschaft liegen. Das aber sind Worte, die das Zeugniß gesunder Sinne nicht entkräften können. Stellen wir uns für den Augenblick auf den Standpunct des ! Betruges, so darf man des Vorganges nur Einmal Zeuge gewesen seyn, um sich gestchen zu müssen, daß ein solcher jedenfalls ^unmöglich Werk eines Einzigen seyn,könne, etwa eines Solchen, ! dem das Geheimniß, unter Verpflichtung sorgfältiger Ueberlieferung «an einen Nachkommenden, wäre anvertraut worden, sondern daß ! ein Zusammenwirken Mehrerer unerläßlich seyn müsse. Nun wäre ! es unbedingt eine Thatsache sonder gleichen zu nennen, wenn durch !den Verlauf mehrerer Jahrhunderte eine zahlreiche Reihe der ge- z wiss.'nlvsesten Betrüger ununterbrochen den ersten Rang unter der ^neapolitanischen Geistlichkeit hätt- einnehmen können, somit ein ^ Jeder in die Zwecke und Absichten der Vorangegangenen und der ! Gleichzeitigen mit der nämlichen Willcnlosigkeit oder Gewissenlosigkeit eingegangen wäre; indeß die Geschichte mehr als einem Erz- bischof oder ihm Nahestehenden das »»verwerfliche Zeugniß der Frömmigkeit und aller priesterlichen Tugenden beilegt. Aber auch dieses in Abrede gestellt und angenommen, was sich durchaus nicht zurückweisen läßt, daß immerfort ihrer Mehrere in das Geheimniß müßten eingeweiht seyn: wäre es nicht das unbegreiflichste aller Wunder, wenn im Verlauf so vieler Jahrhundertc, von einer so großen Zahl Wissender, nie ein Einziger je — wo nicht aus Redlichkeit und Wahrheitsliebe — doch in Beschränktheit, in unüberlegter Plaudcrhaftigkeit, in unbewachtem Augenblick, zuletzt aus Bosheit, aus Nachsucht, in Widerspruchsgeist, in Zeiten, welche dergleichen begünstigten, aus Spekulation, in Hoffnung sich in Credit setzen zu können, aus welchen lobenswerthen oder verwerflichen Gründen immer es sey, aus der Schule geschwatzt, entweder den Betrug rein aufgedeckt, oder doch genügsame Merkmale, die zu dessen Enthüllung konnten führen, an die Hand gegeben hätte. Die Vollandisten haben bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts mit der genauesten Scrupulosität sich bemüht, nicht nur die schriftlichen Zeugnisse und Berichte über diesen Vorgang aus allen Zeiten zu sammeln, sondern wiederholt an Ort und Stelle Alles zu erforschen und zu beobachten. Schon im Jahr 1661 reisten Hcnschcn und Papcbroch deßwegen nach Neapel, und waren am 1V. März in Gegenwart mehrerer anderen Personen Zeugen der Sache. Beinahe hundert Jahre später kam der Bearbeiter der Acten über den heil. Januarius in gleicher Absicht dahin, und am 21. August 1754 wurde in Gegenwart der zum Schatz Verordneten (mehrerer Herren vom höchsten Adel), vieler Geistlicher und anderer angesehener Männer durch den Erzbischof das Blut aus der Nische genommen und eine Acte über dessen Verwahrung uno Hcrvornahme aufgesetzt und unterzeichnet. In dieser heißt es: „Die ehrwürdigen Ucberblcibsel werden mit der größten Vorsicht (summa eauteiu) verwahr!; die Schreine sind aus Werkstücken von Marmor in die Miuer gebaut, durch zwei Thüren, jede in- und auswendig mit Silberblcch beschlagen, verschlösse!,. Jede Thüre hat zwei Schlösser und zwei verschiedene Schlüssel; zwei derselben verwahrt der Erzbischof, zwei ein zu der Deputation Verordneter (aber mir öfterem Wechsel der Person durch das Jahr). Blut und Haupt zugleich werden des Jahres nur Dreimal, das Letztere allein wird an mehreren hohen Festen hcrvorgcnommen. Der Erzbischof sendet alsdann einen Dclcgirten, der Verordnete findet sich in Person ein, und Zeugen geistlichen und weltlichen Standes sind immer viele anwesend. Würden aber die Verordneten nicht zur bestimmten Stunde sich cmsinden, so wäre cö unmöglich, die Ucberblcibsel hcrvorzunchmen." Man kennt die Sorgsalt, womit die Christen das Blut der Märtyrer unter allem Toben der Heiden und selbst unter dem Henkersschwcrt, nnd wären es auch nur Tropfen desselben gcwcfcn, oder hätten sie nur Tücher in dasselbe tauchen können, auffaßten, selbst mit Erde von der Nichtstätte vermischt, es zusammenrafften. Prudentius sa^zt in seinem Preisgesang auf den heil. Vincentiuö nbcr dicscn Gebrauch: lim pui'pui'llntem eornoris Hamlet erriorom lumimro ?!enciim vostvm iiimsm Ltüliiirtv tiiiguut, saiiAuiiio, l'uiamcm ut sacrum suis Lvmi rLSLi'vent, postoris. Der heilige JcrnuariuS nun war Bischof von Beneocnt, und wurde in der Cyristenverfvlgung unter Dioclctian im fünften Jähre des vierten Jahrhunderts mit einigen Gefährten nach Puzzuoli geschickt, um im dortigen Amphitheater den wilden Thieren vorgeworfen zu werden. Seine Leidensgeschichte erzählt uns, daß diese gcsänftigt zu seinen Füssen sich gelegt hätten, worauf der Richter, hierob noch wüthender geworden, Befehl zu seiner Enthauptung gegeben habe. Bei dieser faßte eine gottcSfürchlige Frau sciu Blut in zwei Fläschchcn auf, in das eine das reine und unvcrmischtc, in das andere mit Erde gemengt. Unter Kaiser Konstantin dann wurden die Gebeine des Blutzeugen von Puzzuoli nach seiner Gc-, burtsstadt Neapel gebracht und in der durch den heil. Bischof Scserus in seiner Ehre (außerhalb der Mauern) erbauten Kirche beigesetzt. Die Frau, welche sein Blut aufbewahrt hatte, brachte dem Bischof die Fläschchcn, und so wie diese dem Haupt nahe gebracht wurden, erhielt es seine Flüssigkeit wieder. Im neunten Jahrhundert belagerte Sicon, Fürst von Benevcnt, die Stadt Neapel, wobei er vor Allem Obacht hielt daß Niemand die heil. Ueberbleibscl wegtrage; denn er glaubte, dieselbe» gehörten dem Bischofssitz, nicht dem Geburtsort des Blutzeuge». Nachdem er die Stadt eingenommen und die Gebeine erhoben, brachte er sie unter großem Frohlocken nach Bcnevent. In den stürmischen Zeiten König (Kaiser) Friedrichs II. wurden sie in die Abtei Monte- Vcrginc geflüchtet und so heimlich unter dem Hochaltar eingemauert daß bei zweihundert Jahren Niemand Etw iS davon wußte. Im Jahr 1480 sollt- cin neuer Hochaltar gebaut werden, d5 wurden sie entdeckt und im Jahr 1497 mit großer Feierlichkeit wieder nach Neapel gebracht. Das Haupt indeß, nebst dem Blut, war immer in Neapel geblieben. Wer entweder i-r dem königlichen Museum zu Neapel die in Pompeji gefundenen Gegenstände, oder zu Rom in dem christlichen Museum des VaticanS, oder endlich in der Sammlung des ?. Marchi die in den Katakomben gefundene» Glasgcfäßc zu Aufbewahrung dcS Märtyrerbluts gesehen hat, der wird keinen Zweifel darüber hegen, daß auch dieses Fläschchen aus eben jener Zeit herftamme. Dessen geben ihm dann noch, ausser Mabillon, die Abbildungen Zeugniß, welche in Bvldelli's Ossizrva/ioni scipra i ss-zri eiml-teii cli S8. ^lartiii erl -mtmln Llii-isti-mi Krankheit ihr letztes Stadium erreicht zu haben. An diesem Tage war es, wo der Selige plötzlich seinen Blick zum Himmel erhob und mit verklärtem Blicke zum Heilande flehend ausrief: „Jesus! Gib mir mehr Leiden! Gib mir mehr Leiden!" — Seine Bitte ward erhört. Noch am Abende stellte sich der Todes kämpf ein. Der Zustand verschlimmerte sich von Stunde zu Stunde. Man befürchtete, er möge, ohne nochmals den Heiland empfangen zn haben, von hinnen scheiden. Der wartende Diener und die Schwestern machten ihn aufmerksam aus seinen Zustand. Man fragte ihn, ob er nicht wünsche, daß man ihm den Heiland bringe, damit er kämpfen helfe im letzten schweren Kampfe? — „O gewiß, gewiß!" war die Antwort. „Um die Gnade, Jesum in der letzten Stunde zu empfangen, habe ich mein ganzes Leben lang gebeten. Gehet geschwind, daß mein Beichtvater komme!" — Mit heißer Sehnsucht erwartete er den Erlöser, welchen seine Seele lieb hatte. Ost hörte man ihn sagen: „Ach! kommt mein Heiland noch nicht? Ich sterbe, ohne ihn zn empfangen." „O da kommt er," rief er freudig seinem Beichtvater entgegen, als dieser mit dem hochwürdigstcn Gute in's Zimmer trat. Der Beichtvater reichte ihm die heil. Wegzehrung. Zum letzten Male empfing der Selige den Heiland unter der Hülle des Brodes, um ihn bald zu schäum von Angesicht zu Angesicht. Der Herr Domcapitular vr. Keller- mann verrichtete die übrigen Gebete und ertheilte ihm am nächsten Morgen die General-Absolution. Die heil. Oeluug hatte er bereits in dem ersten Theile der Krankheit, als eine gefährliche Krise einzutreten schien, empfangen. So gelüstet als guter Kämpfer Christi erwartete er ruhig den Tod. Von dem Augenblicke, wo der Heiland bei ihm eingekehrt war, schien eS, als ob sein Leben bereits nicht mehr auf Ercen, sondern unter den verklärten Geistern sey. Die hl. Mutter Gottes Maria und der hl. Joseph, der hl. Clemens, der hl. Jgnatius Loyola, der hl. Fran- ciscuS Xaverius, StanislauS Kostka, Aloysius so wie die hl. Mutter Theresia, waren es, womit er sich vorzüglich beschäftigte. Sie hatte er vorzüglich im Leben als Muster und Vorbilder, als Schutzvalroncn und Fürbitter geehrt, sie ehrte Du bist wahrhaftig der Sohn Gottes! Uisorers mei soounelum magnam misorieorclism tu am. Erbarme dich meiner nach deiner großen Barmherzigkeit!" Der letzte Augenblick war gekommen. „Herr Jesu! komm, komm bald!" Das war das letzte Wort, welches leise über seine sterbenden Lippen kam — und der große Maun war entschlafen! — — — Selig die Todten, die im Herrn sterben, denn ihre Werke folgen ihnen nach! Deutschland. Stettin, 6. Oct. Der gestrige Tag war ein schönes Fest für uns. Se. Hochwürden der fürstbischöfl. Delegat und Propst zu St. Yedwig in Berlin, Herr Brtnkmann, welchem das Oberhaupt der Kirche die Vollmacht verliehen, in den Orten seines Dclegaturbczirkes die heil. Firmung zu ertheil-n, spendete in hiesiger Pfarrkirche an 192 Personen dieses heil. Sacrament. Es hat sich dabei wiederum bewährt, welch himmlische Stärkung, Labung und Erqnickung die Gläubigen aus dem LebenSquell der von Christus in seiner Kirche zurückgelassenen Heils- mittel schöpfen. Die Feierlich? it wird den Stcttiner Katholiken unvergeßlich bleiben. Nach Darbringung des beil. Meßopfers, welches der Herr Delegat unter Assiitenz der beiden Ortsgeistlichcn feierte, bestieg der Caplan Roland aus Berlin die Kanzel und hielt eine Gemüth und Herz tief ergreifende Rede, in welcher er auf das Wesen und die Wirkungen der hei!. Firmung hinwies und besonders hervorhob, wie die Jünger des Herrn dieß hl. Sacrament am Pfingstfcste empsa.ig:» und den Gläubigen später selbst auSgcspendct, wie die Verheißung Chriili, den hl. Geist zu senden, Allen geworden und auch heute in Erfüllung gehen solle an denen, welche sich zum Empfange der heil. Firmung hier versammelt. Nachdem der Chor die erste Strophe des Liedes: „Komm heiliger Geist," gesungen, hielt der Herr Delegat eine kurze Anrede und ertheilte hierauf den vor der Cvmmunionbank Knicenden unter Handauf- lcgung das heil. Chrisam. Die ganze Gemeinde war sichtbar ergriffen. Obgleich die Kirche, ein Saal im königlichen Schlosse, welcher zu klein ist, um an den hohen Festen alle Gläubigen aufzunehmen, auch bei dieser Feierlichkeit sehr gefüllt war, so herrschte doch di' größte Ruhe und Ordnung, denn ^eder war von tiefer Anvacht durchweht. Nach Beendigung der heil. Handlung ward das Sanctissimum exponnt, das '1's llounr angestimmt und der Segen schloß die erhabene Feier. In 11 Tagen wird der Herr Delegat wiederkehren, um bei Gelegenheit der zweiten dießjährigcn Missionoreisc auch in den Fliailirchen das Sacrament der hl. Firmung auSzuspenden. (Schles. Kirch nblatt.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber : F. C. Krem er. n ^^»S- - MeiA, der Attgsvttvger Iweite Jahreshälfte. M- »» Postzeitmtg. S. Nov. 1845 An die gebenedeite Mutter. Maria auf dem Himmelsthrone Blick' holde Mutter erdenwärts Und senk' aus deiner Strahlenkrone Nur Einen Strahl in dieses Herz. Verklärt stehst du vor deinem Sohne Und zeigest auf dein Mutterherz; O, bitte ihn, du Seelenwonne, Er möchte liniern meinen Schmerz. Sich' schmachtend lechzet meine Seele, Wie in der Wüste nach der Quelle Ein matter Wand'rer heiß sich sehnt. Erbitt' mir Labung, Trost urd Fr eden; Du bist zu trösten ja bcschicden, Wenn fromm ein Herz dich Mutter nennt. Fr. X. Das Blut des heiligen Januarius. (Aus Hurtcrö „Geburt und Wiedergeburt", drittes Bändchen.) (Fortsetzung.) So viel über den Ursprung und die Beschaffenheit des Flä'schchens und seines Inhaltes. Allein noch bis auf den heutigen Tag haben die Einen gemeint, mit etwelche» lügenhaften Berichten oder durch ein paar Witzworte die Sache abfertigen zu kön ncn. Redlichere haben cö vei sucht, verschiedene Hypothesen aufzustellen; das Einfache, irgend ein chemisches Präparat in durchaus übereinstimmendes Raumvcrhältniß zu bringen, auf durchaus gleiche Weise zu behandeln, und dann mittelst eines durchaus gleichen Eifolgcö von dem angeblichen Geheimniß den Schleier zu lüften, das ist meines Wissens noch nie versucht worden, wenigstens noch nie gelungen. Man kennt zwar wohl in der Cbcmie ein Präparat, welchem man den Namen Januarsblut beigelegt hat; dasselbe mag das Aussehen von Vlut haben, es mag seyn, daß es bet einer gewissen BehandlungSweise, bei gewissen Temp-raturgraden flüssig wird; darin liegt aber noch kein Beweis, überzeugend würde er nur bei Anwendung einer durchaus gleichen Behandlung, ohne alles Hinzutreten eines von außen einwirkenden Elementes. Daß von der brennenden und bloß bei dem Vorzeigen flüchtig bingehal- lencn Kerze auf das zwischen den bciten Gläsern isvlirt stehende Fläschchen auch nur irgendwelche Wärme ausstiömcn könne, das wird gewiß Niemand, welcher Augenzeuge war, behaupten wollen. Aber die Hand des Priesters! sagt man. Diese hält allerdings den Stiel des Gesäßes, indeß die Fingerspitzen der andern das Kreuz auf der Spitze berühren. Mache nun Jemand den Versuch mit einem Taschcnlatcrnchen, erfasse er dessen Stiel, stelle er in den leeren Raum das sensibelste Thermometer, und beobachte er, ob dasselbe nach viertelstündigem Halten auch nur unmerklich steigen werde? Nun bleibt noch die atmosphärische Wä>me in der vollen Kirche übrig. Nehme man einen Körper, der aus festem Zustande noch Welt schneller in den flüssigen übergeht, als geronnenes Oel, und bringe man denselben in vollkommen gleiche Temperatur-Verhältnisse, und sehe wieder nach, ob die Veiändernng in gleichem Zcitvcrlauf vor sich gehe, ob jedenfalls der Uebergang aus dem festen in den flüssigen Zustand mit gleicher Schnelligkeit erfolge, wie hier, wo das Flüssigwcrden nicht ein allmäliger, sondern ein rasch verlaufender Proeeß ist? Zu liescm Allem müßte noch eine höchst seltsame Voraussetzung hinzukommen: daß nämlich die höhere neapolitanische Geistlichkeit vor Jahrhunderten schon in dem Besitz chemischer Geheim isse gcwcsei sey, welche die in neuester Zeit erstaunlich vorangcschrittcne Wissenschaft bis auf den heutigen Tag noch nicht zu entziffern gewußt habe. Scllle das etwa ein hinterlassineS Eibstück des Erz;aubererö VirgiliuS gewesen seyn, von dessen Künsten Bischof Conrad von Halbersladt in seinem Reisebericht bei Arnold von Lübeck uns so merkwürdige Dinge erzählt? Bemerkenoweeth bleibt es immer, daß der berühmte Chemiker Daoy sich nicht im Fall sah, eine befriedigende Erklärung aufstellen zu können, daher der Annahme eines außerordentlichen Herganges nicht abgeneigt war. Daß sin Anerbieten zu chemischer Untersuchung der in der Flasche besinnlichen Substanz von der Hand gewiesen wurde, ist doch wohl begreiflich, weniger, daß er ein solches Anerbieten nur machen konnte. Bleibt hiemit ge-riß für immer der analytische Weg versperrt, so steht der synthetische unbedingt offen, und Niemand könnte einen Chemiker an Herstellung einer Substanz hindern, mit welcher, unter vollkommen gleichen Modalitäten, eben dasjenige sich zutrüge, was mit der Substanz in dem Fläschchen. Hören wir nun nach diesen apriorischen Schlußfolgerungen «inige Zeugnisse! Beginnen wir dabei mit einem der neuesten. — Unter die tiefsten Denker und unter die ausgezeichnetsten Gelehrten seines Fackcs, die Neapel in letzter Zeit auszuweisen hat, gehölte der Professor Nikolaus Fergola, ein Mathematiker ersten Ranges, anncben hervorgehoben durch alle jene höhern und edlen geistigen und moralischen Eigenschaften, welche die Römer unter dem Wort Virlui^ begriffen haben. Er starb als Mitglied der königlichen Akademie der Wissnschasten am 21. Juni 1824. Unter de-> Wcrthvollcn Handschriflcn, die er zurückließ, und welche von der Bibliothek des königlichen bourbonischcn Museums aufbewahrt werden, fanden sich auch vollständige, nur der Ordnung noch bedür sende Materialien zu einer Schuft, die voriges Jahr durch den Professor Flauti herausgegeben wurde unter dem Titel: 'Ivorica lic- mirnceili, »^s^osts con metoclo eiimvslraUvv so^uita da un elioorso .ipole-gotiLli sul »rirueolo pulil)ili allu muteriiZ, malemuliLiiinentiz climo- strulo. Mathematiker gelten in der Ziegel nicht als Leute, welche durch Eindrücke aus die Einbilvungck-aft leicht sich bestechen lassen; sie geh n in der Regel bei ihren Forschungen behutsam zu Werke, wollen auf den Grund der Erscheinungen dringen, begnügen sich nicht mit Schein und Möglichkeiten, sondern verlangen zwingende Beweise. Fergvla's Definition eines Wunders ist ganz kurz fol gende: „ein Phänomen, von dem sich keine natürliche Erllä-ung geben läßt;" wobei er zugleich die Unzulänglichkeit der Wölfischen und der Clark'fchcn, so wie die Frechheit der Svinoza'schen Definition nachweist. Darauf geht er zu der innern Möglichkeit der Wunder über und widerlegt die Einwendungen der Gottlosen. Nachdnn er ferner über die Natur der Wunder, deren Urheber und Zweck, und über die Energumenen seine Sätze aufgestellt und erwiesen, kommt er aus das Wunder des Bluts des heiligen Januarius. Zuerst beschreibt er mit aller Genauigkeit das Gefäß, in welchem das Fläschchen gezeigt wird, und stimmt bezüglich der Weise der sorgfältigen Aufbcwah-ung mit dem früher Erwähnten vollkommen übcrclu. Das Flüssigwcrden erfolgt 25' Male im Jahr, mithin in einem Jahrhundert 2500 Mal, obwohl es etwa zu einer Zeit unte-bleibt. Die namhaftesten Aerzte, Philologen, Kritiker Neapels sind häufig Zeugen des Vorganges gewesen, und Keiner je fand sich zu Einwenvungen dagegen veranlaßt. Das Blut, so wie es flüssig wird, zeigt keine lcimarligcn Bestandtheile, sondern wird flüssig w>« Wasser, und bleibt sich in diesem Zustande stets gleich. Ob vor den Beschauenden das Fläschchen täglich über tausendmal gedreht werde, nle wird dasselbe trübe. Fergola^ hat seiner Abhandlung eine Tabelle beigefügt, in welcher diel Wärmegrade der Kirche während drei Octaoen, nach Fahrenheil'-^ schc-n Thermometer, uud zugleich die Zeitdauer des Flüssigwerdens ^ und der Stand von diesem genau verzeichnet ist. Während der gamen Octave vom 19. bis 26. September 17^14 wechselte der Wärmegrad bloß zw s.hcn 77 und 80 G-ad Fahrcnhcit (20 bis! 21^2 Rcaumur), wahrlich ein unbedeutender Unterschied; die Zeit des glüssigwcrdenö dagegen von 5 bis 27 Minuten, und einmal nur wurde die Substanz bloß halb flüssig. Bemerkenswert!) ist,I daß am 19. Sept. bei 80 Graden 27 Minuten, am 26. aber bei bloß 77 Graden nur fünf Minuten verflossen. Vom 2. bis 10. Mai 1795 wechselte das Thermometer zwischen 67 und 80 Grad, die Zeit zwischen 2 und 41 Minuten, bei 67 Grad verflossen 15 Minuten, bei 80 Grad 33 Minuten; wonach Wä me- grad und Zeitdauer außer aller gegenseitigen Beziehung stehen. Noch merkwürdiger ist der Wechsel der Zeitdauer in dem Verhältniß zu der Folge der Tage. Man wäre vielleicht geneigt, zu glauben, die Zeit bis zum Flüssigwerden nehme im Fortschreiten der Tage ab, und wenn dasselbe heute stattgefunden, w rde es morgen um so schneller vor sich gehen. Keineswegs. Am 2. Mai verflossen 12 Minuten, am 3. bloß 2, am 4. hingegen 41 und am 5. nur 22. In den acht Tagen vom 19. bis 26. September des gleichen Jahres schwankte das Thermometer zwischen 74 und 81 Grad, die Zeit aber zwischen 3 und 32 Minuten. Auch dicßmal standen Zeit und Wärmegrad durchaus in keiner Wcchscl- verbindung. Im September erfolgt das Flüssigwcrden um 9 Uhr Vormittags, worauf das Blut aus der weit wärmern JanuarS- CaxeUe auf den Hochaltar der kältern Dvmkirche getragen wird, und bis zum Abend, wo man cS wieder in seine Nische stellt, in immer gleich flüssigem Zustande bleibt. Im Mai ist es täglich zweimal flüssig, Vormittag von 9 bis 12 Uhr; um Mittag wird das Rcligua ium verhüllt und die Kirche geschlossen. Wird hierauf Nachmittugö drei Uhr die Hülle weggenommen, so findet sich das Blut wieder in festem Zustande, bis es abermals slreßnrd wird. Das nun sind die Beobachtungen eineS Privatmannes, während des Verlaufes einer kurzen Zcitsrist. Allein seit dem Jahr 1659 werden alle Wahrnehmungen über die Beschaffenheit des Blutes bei dem Herausnehmen aus der Ni'chc, über die Umstände, unter denen es flüssig wi-d, über den Grad der Flüssigkeit, über den Zeitverlauf bis zu dieser, durch den Schatzmeister der Capcllc und einen Chorherr» Jedesmal aufgezeichnet. Würde das wohl geschehen, oder der Mühe werth eracht t werden, wenn hier Betrug statt fände? Diese Auflcichnu'gen sind zugleich ein fortlaufen^ der Commentar zu dem eidlich beschworencn Bericht des SecrctärS der zur Deputation des Schatzes Verordneten, der darüber sagt: „Manchmal veizieht sich das Flüssigwcrden, Einmal etwa erfolgt es gar nicht; bisweilen ist das Blut schon flüssig, wenn es aus dem Schrank genommen wird; nicht selten füllt es das Fläschchen so, daß die Bewegung des Flüssigen nicht kann wahrgenommen werden. Das Gleiche ist zuweilen der Fall, wenn cS ausgesetzt ist; entweder bleibt es so den ganzen Tag, oder es sinkt wieder. Jetzt wird die ganze Masse flüssig, dann wieder bleibt ein Klumpen zurück, der in dem Fläschchen umhcrschwimmt; ein anderes Mal, jedoch selten, wird es flüssig, indem es zum Küssen dargereicht wird, gewöhnlich indlß, wenn es auf dem Altare steht, wo Niemand es zu berühren im Stande ist; eine brennende Kerze wird von Zeit zu Zeit hingehalten, um zu sehen, ob das Flüssig- werden erfolgt sey. Alle diese Verschiedenheiten erzeigen sich ohne Ordnung oder Neihcngcmg, auf den etwa die Witterung Vc;ug haben könnte. Nicht nur wird zu gleicher Zeit des einen Jahres wahrgenommen, was in derjenigen des andern anders ist, ja oft in der gleichen Octave, selbst an dem gleichen Tag sind Verschiedenheiten zu bemerken." Hierin ist dann die Behauptung des Temperaturwechscls zwischen der angeblich kältern Nische, worin das Biut aufbewahrt wird, und der wärmcrn Kirche entschieden widerlegt, wenn nicht von vornherein dürfte angenommen werden, daß diese Temperatur- Verschiedenheit nicht so bedeutend seyn könne, um einen festen Körper in einen flüssigen zu verwandeln. Wäre aber auch, wovon sich nach Fergola's Untersuchungen das Gegentheil herausstellt, die Mauer-Nische wirklich kälter, als die Domkircbc, so könnte doch der Unterschied der Temperatur nicht so bedeutend seyn, um einen flüssigen Stoff in ganz kurzer Zeit in den Zustand des Gcronncn- seyns zu verwandeln. Mache man den Versuch mit dem feinsten Oel, und sehe man, ob in einer neapolitanischen Kirche je eine so niedere Temperatur eintrete, die das Oel zum Gerinnen bringen könne. Der Engländer Weedall stillte dergleichen Versuche an. Er setzte ein Glasgesäß mit Gallerte aus Kalbsfüßen mit einem Thermometer über eine F »erwärme von 73 —- 75 Grad Fahren- heit, und mußte sie fü'ns Viertelstunden drehen, bis sie zu zerfließen begann; bei steigender Wärme von 60 — 36 Graden bedürfte sie 35 Minuten, bei 105 Graden (32 ^ Reaumnr, also einer Tempcraturhöhc, die zu keiner Zeit in der Kirche vorkommen kann) 15 Minuten. Bei 78 Graden wird Butter nur in fünf Viertelstunden, und erst auf der Oberfläche weich, und bloß bei 100 ^ ivg vergeht er in 12 Minuten völlig. Eis dagegen Wurde bei 68 Grad seine Festigkeit nicht lange bewahren, doch eben so wenig, und betrüge es an Gewicht bloß eine Unze, in 12 Minuten vollständig zergehen. Hiebei ist dann nicht zu übersehen, daß alle diese Stoffe bei gleichem Wärmegrad unabweichlich in gleicher Zeitsrist sich verändern, indeß bei dem Blut des heil. JanucrriuS hierin die größte Verschiedenheit bemerkt wird, und der Wärmegrad auf die Zeit des Flüsstgwerdcns keinerlei Einfluß übt. Wie endlich soll man es erklären, daß die Flüssigkeit das Einemal das Fläschchcn füllt, ein Andermal nicht? Fergola läßt seinen Beobachtungen den Satz folgen: Ein hermetisch verschloss ncs, jedem chemischen AgcnS und jedem nußern Einfluß unzugängliches Fläschchcn ist auf zwei Dritthcile seines Raums mit einer harten Substanz angefüllt; wie kommt es nun, daß diese, in die Nähe eines andern Körpers (der Reliquien des Heiligen) gebracht, unter verschiedenen Modalitäten, j^tzt den gleichen Raum einnehmend, dann das Fläschchcn füllend, doch ohne es zu zersprengen, flüssig wird gleich Waffer, dabei niemals das Fläschch n trübt? Hierauf entgegnit er: „als Ranon der Physik steht fest: man darf zu Erklärung der Naturerscheinungen keine andern, als wahrhaftige Gründe und deren nicht mehr, als zur Erklärung nothwendig sind, beibringen." des heiligen Januars die Nacht durch aus's sorgfältigste bewache», und es würde das Flüssigwerden dennoch vor sich gehen, würden Jene wohl alsdann die Nichtigkeit der Thatsache anerkennen? Lieber würden sie das Wort der Juden wiederholen: die Wächter haben geschlafen, sie hoben von den Priestern sich überlisten lassen. Aber in der Octave der Translation bleibt das Blut immerwährend von Mittag bis drei Uhr auf dem Hochaltar des Doms, nur verhüllt, und zeigt sich Jedesmal beim Enthüllen geronnen und wird neuerdings flüssig. Wer schleicht denn am hellen Tage hinein, um die Operation des Füllens des FlaschchenS vorzunehmen?" Fergola schließt dieses Eapitel mit den Worten, welche sich auch mit vollem Recht auf di^ gelahrten Wundcrzerklärer des Neue» Testaments anwenden lassen: „Wer die Wahrheit der Wunder läugncn will, sieht sich ;u tausenderlei Tollheiten gezwungen." (Fortsetzung folgt.) Die katholische Kirche und die Secten im Orient Konstantinopcl, 27. September. ") Aus Demuth und Umsicht hebt die katholische Propaganda nicht alle Tagesereignisse hervor, welche unsere Missionäre stärken und trösten, sie vcrmci det vielmehr, so weit dieses in ihren Kräften sieht, den äußeren Glanz eines Ruhmes, der das Hciligthum entweihen oder Verdienste, die einer höheren Belohnung würdig sind, mit dem Rubine vor den Menschen aus gleiche L nie stellen würde. Zudem würden lange Listen von Bekehrungen in einem Lande, das gesetzlich die Freiheit des Gewissens noch nicht besitzt, leicht zu eben so viel Prvscriptlonslistcn in den Händen der Fei de der Kirche werden, welche stets aus ihre Wirksamkeit lauern und derselben hemmend entgegenzutreten suchen. Europa kennt darum nicht alle Fortschritte des Glaubens im Oriente und der größte Theil des Guten, welches die Missionäre wirken, bleibt und kannt. Anders geht freilich der Protestantismus zu Werke, denn dieser s tzt die Trompete an den Mund und verkündigt Ersoige, die er nicht errungen hat. Daher mochte es denn kommen, daß neulich durch franzö>ische und deutsche Zeitungen die Nachricht gelaufen ist, der Patriarch, Weiter ist es Kanon der! der Episkopat, die Geistlichkeit und das Volk der Kritik: „Die Cautelcn, welche eine Gesellschaft anwendet, um eine Nestorianer seyen zum anglicanischcn Glauben über- Thalsache gegen Betrug sicher zu stellen, müssen gewisse Gränzen getreten. Die Katholiken können indessen darüber rudig seyn! hcrbm, über welche hinaus dieselben nicht geben dürfen, denn sonst S)enn die Kirche Heirrichs VUI. und der Königin Beß, iv.lchc müßte man Cautelcn gegen die Cautelcn verlangen, was in's End-! zu Hause immer mehr altert, hat bis jetzt das Geheimniß lose getrieben werden könnte, und alle moraiische Gcwißh.it ver-i noch nicht gefunden, sich nach außmhin zu verjüngen oder gar Nichten, die Gcsellichast auflösen müßte. Unter solchem Skepticis-! neu zu gebären. Im vorigen Jahre hat sie allerdings bei den muS könnte kein Sohn sich sür rechtmäßig erkennen, kein Vertrag türkischen Nestoricrnern zwei Pred'ger, Renegaten des Pu-- giltig, gar nichts mehr gesichert seyn." seyismus, unterhalten, allein diese beiden Arbeiter im Weinberge „Aber," fährt er fort, „möchten die Nationalisten am Endeides Herrn bekümmerten sich wenig um Die, welchen sie das Evan- cinwenden: wäre es nicht denkbar daß die Priester von San ^gelium predigen sollten, sondern gericthen dn, Sendlingcn des Germano mittelst falscher Schlüssel Nachts die Capellc aufschlössen,! Methodismus in die Haare und daö Resultat des Kampfes war, das Fläschchcn aus dem Rcliguarium herausnähmen, und Men- daß beide alle Achtung in den Augen der Bevölkerung verloren struum, oder irgend cine chemische Zubereitung, in dasselbe göffn und das Feld räumen mußten, aus welchem die Dominicaner von und es bewerkstelligten, daß am folgendin Tag zu bestimmtes Mossul und die Capuciner von Mardin friedlich wie seither Stunde das Blut flüssig werde?" — Fergola beantwortete dieß fortarbeiten. Der Ncstorianischc Patriarch, den der englische Ge- mit dem Sprüchlein: „Betrug dauert selten lange," und zum sandte unter seinen besonderen Schutz genommen hat, belicht zwar Theil mit denjenigen Gründen, welche in Betreff einer Sache, die seinen monatlichen Gehalt fort, allein er steht in der Stadt Mos- unter den verschiedensten Kö>ngshäuscrn und unter Zusammenwirkens sul allein, verlassen und voll Verlegenheit, daß er nicht wenig- vicler Personen während mehrerer Jahrhunderte immer statt gcfun-Ostens einige Seelen gekapert, die er für seine Hceide ausgeben den hat, alsbald auch mir sich darboten. „Trüge man indeßkönnte. Dieß ist die ganze Geschichte, woraus die protestantischen sagt Fergola weiter, „der Einwendungen der Ungläubigen größere!- Rechnung als sie verdienen, ließe man die Mauernischen im Schatz! .) U„z Univcrs nach der Uebertragung des „Katholiken." Blätter die Neuigkeit geschmiedet haben, der Patriarch, der Episkopat, der Klerus und das Volk der Ncstorianer seyen für den anglieanischen Glauben gewonnen worden. Man hat dabei nur das kleine Verschen begangen, daß man den Theil für das Ganze genommen und für den ganzen Körper ein von dem Leibe losgetrenntes Haupt gehalten hat, das nicht aus irgend welchem religiösen Bedürfnisse, sondern bloß in der Hoffnung durch englischen Einfluß den in den Gebirgen von Kurdistan gelegenen bischöflichen Stuhl von KhodjamöS zu besteigen, unter englischen Schutz getreten ist. In zweiter Linie stehen die amerikanischen Methode sten, die jedoch bei den Nestorianern in Persien eben so unglücklich sind. Zwar berichten auch sie schon seit zehn Jahren nach Hause, daß sie den Episkopat, die Geistlichkeit und das Volk gewonnen hätten, allein auch das ist unwahr. Sie zahlen zwar den Bischöfen und Priestern in der Ebene von Urin iah einen Jahrcsgehcilt aus, in welchem Sinne sie dieselben allerdings gewonnen haben; allein das Volk hat der Bestechung Widerstanden und die unerhörten Anstrengungen, welche die intole- ranten Herren schon seit fünf Jahren machen, um die französischen La;aristcn, deren Ankunft allen ihren Bestrebungen Stillstand geboten, aus Persien zu vertreiben, sind nur zu ihrem Nachtheile auogeschlagcn, woher es auch kommen mag, daß sie j-üngnhin in ihren Briefen an daö Comite; zu Boston diese gefährdete Mission dem Gebiete der dortigen Freunde empfohlen haben. Eben so unglücklich sind sie in Griechenland, wo das Bostoner Comite wegen der störrischen Gemüthsart der Griechen zu Athen nur noch einen einzigen Missionär unterhält, eben jenen Herrn King, dem das Volk der hellenischen Hauptstadt neulich fast übel mitgespielt hätte, weil er eine Broschüre geschrieben, in welcher nach dem Geiste seiner Sects die Jungfräulichkeit und Heiligkeit der Mutter GottcS gelästert waren. Ueberhaupt bestebt ihr ganzes Missionspersonal zu Konstantinopcl, Smyrna, Brussa, Trapezuni, Erzerum, Abei im Libanon und Urmiah in Pcrsien aus dreißig verheir.itheten Herren, acht Damen und neunzehn aus den verschiedenen Localitäten stammenden Assistenten, wozu nun noch Miß Fidelia Fiek und Miß Harriet Lcwell kommen, von denen die erstere ein Erzichungoinstitut zu Urmiah mit zwei und Zwanzig Pensionärinnen leitet und die zweite eines zu Konstantinopel gründen wollte, das invissen einer gewissen Concurrenz wegen nicht zu Stande gekommen ist. Es ist in der That schwer zu begreifen^ was Miß Harriet Lowell neben den barmherzigen Schwestern ausrichten will, die schon mehr als hundert Pensionäre, über dreihundert Externe hab.n und dabei noch die Kranken ohne Unterschied der Religion und Nat ionalität verpflegen. Die Zahl der verpflegten Kranken bclief sich im vorigen Jahrc auf 22,600 und Wird dieses Jahr das Dreifache dieser Zahl erreichen. Dieser überwiegende katholische Einfluß, der sowohl im Unterrichte als in der Wirlscnnkcit der Missionäre hervo-tritt, ärgert nun allerdings gewisse Diplomaten, die von der fixen Idee besessen sind, sie müßten die papistisch jesuitischen Einflüsse bekämpfen. Sie fühlen, daß sie hier von einer unbekannten und unwiderstehlichen Kraft überflügelt Werden, deren unverzeihliches Unrecht immer noch darin besteht, daß sie eine wahre F>cundin und Beföiderin der Civilisa-^ tion ten für allgemeine Gewissensfreiheit im türkischen Reiche nicht und begnügen sich mit einzelnen Zugeständnissen, wie z. B. in der Renegatcnfrage, weil sie wohl voraussehen daß volle Glaubensfreiheit die Erfolglosigkeit der protestantischen Propaganda und die Triumphe der katholischen Wahrheit nur vermehren könne. Alle englischen Intriguen im Libanon gehen von diesem einen Principe aus. Niemand gewinnt bet diesem Verfahren der Engländer mehr als das griechisch russische Schisma. Da die Freiheit sein Tod seyn würde, so benutzt es die ihm vergönnte Frist nach Kräften, um die unter sinem Joche seufzenden Völker desto fester zu knebeln und allerwärts Schutz- und Trutzbündnisse zu schließen. So hat der griechische Patnarch jetzt die Gültigkeit der Taufe bei dcrr nichtunirten Armeniern anerkannt, eine Concession, welche von der St. Petersburger Synode dictirt worden ist und die zwei getrennten Kirchen einander näher bringt. Andererseits haben der griechische und armenische Patriarch mit dem Oberrabbiner der Juden den ganz eigenthümlichen Vertrag abgesctl> sscn, daß Keiner von ihnen Proselytcn aus der Religionsgemeinschaft deö Andern aufnehmen solle, ja sie haben sich sogar das Recht der gegenseitigen Änslicferung vorbehalten, ein lächerlicher Contract, durch welchen der Begriff der religiösen Einheit und Wahrheit in Frage gestellt wird und der unter der Maske eines gottlosen Indifferentismus nichts Anderes bezweckt, als den Pros.lytismus im Allgemeinen zu unterdrücken. Ein junger Jsraelite, den ein dunkles Gefühl zum Chiisteuthume hinzog, kam bald darauf zum griechischen Patriarchen und wurde von ihm im Namen der ebengedachten Convention aufgefordert, beim Judenthume zu bleiben. Da jeroch dieser Grund den jungen Mann nicht befriedigte, so führte ihn dieselbe Hand, die ihn zur Erforschung der Wahrheit geleitet, jetzt zu den lateinischen Missionären und der Jsraelite, der nicht schismatisch weiden durste, wurde nun katholisch. Trotz aller dieser Rücksichten auf jene nordische Macht, die im Oriente den Ucbertritt von einer Religion zur andern nicht dulden will, stehen die Angelegenheiten des griechischen Patriarchen nicht zum Besten. Er hat zwar von dem Hvspodar der Wailachei, Bibesko, einen mit sechs Pserden bespannten Wagen zum Geschenke erhalten, weil er zu der ziemlich skandalösen Ehescheidung und Wiederverchelichung dies-s Fürsten seine Einwilligung gegeben, allein sein geistlicher Credit ist rarum um nichts gebessert worden. Da er unter dem Ministerium Risa gewählt worden ist, so benutzen seine Mitbewerber diesen Umstand, ihn mit dieser heicklen Cabinetsfrage in Berührung zu bringen und es ist leicht möglich daß er bald einen Nachfolger erhalten wud, eine Absetzung, die ihn nicht nur der mit seiner Würrc neulich veebundenen politischen Ehren berauben, sondern auch der Wuth s.incr Gläubiier preisgeben wird, welche die zur Bcfö!ve?ung seiner Wahl vorgeschossenen Geldsummen noch nicht zurückerhalten haben. Frankreich. An den geistlichen Exercitien, welche jedesmal im Herbste für die Priester am Sitze ihres Bischofes abgehalten werden, ward dieß Jahr abermals mit gesteigertem Eiser Theil genommen. Auch die Vischöse wohnten meistens denselben bet. In der Diöcese Montpellier z. V. fanden sich ungefähr 409 Priester zu den ist. Diese Männer obgleich NeP^ Uebungen 'ein- die Zahl der Tyeilnehmer aus dem liberalen Poln.k, ...ter^utzen d.e französischen Bestrebungen Valcnce stieg über 20» Verlags - Inhaber : F. C. Krem er. n ^»s- - KieiK. der Attgsvurger Zweite IahreÄhlilfte. L Postzeitung. R«. Nov. Das Blut des heiligen Januarius. (Ans Hurters „Geburt und Wiedergeburt", drittes Bandchen.) (Fortsetzung.) Gehsn wir nun zurück in die Zeiten, um die ältesten Zeug- nisse über diesen Vorgang alnul'ö'en. Die Marteracteu des hnli- gen Januarius und seiner Gesägten, aus diesen die ältesten Breviere, beschreiben denselben gerade so wie er noch jetzt wahrgenommen wird. „Eine vornehme Sache," heißt es im achten Lesestück des Breviers für das Fest des heiligen JanuariuS, „ist auch sein Blut, welches geronnen in einem Glasfläsccch^n aufbewahrt wird. So wie man es in die Nähe des Hauptes des Märtyrers bringt, wird es ans wunderbare Weise flüssig, und bis auf den heutigen Tag sieht man cS dann Blasen werfen, als wäre es so eben vergossen worden," — das älteste Zeugniß mit Znt- bestimmung reicht an acht Jahrhunderte hinauf. Im Leben des heiligen Percgrinus, des schottischen Kö.iigS Malcolms Sohn, liest man: „Der heilige Percgrinus kam auch nach Neapel zu dem crlanckten Wunder des heiligen Blutzeugen Januarius. Dort werden zir»i GlaSfläschchen mit dem Blut des Heiligen aufbewahrt. Es ist stcmhart. Werden aber die Fläschchen dem Haupt des Blutzeugen genäl ert, so wird das Blut mit einem gewissen schäumenden Brodeln alsbald flussig und die Fläschchen bleiben unversehrt." — Daß wenigstens Haupt und Blut aufbewahrt werden, berichtet kein Jahrhundert später der sicilianischc Kartäuser Maral- duS. — Aencas SilviuS zählt in seinem Commentar zu den Reden und Thaten König Alfonso's vier schenswerthe Dinge in Neapel auf. „Als fünftes," sagt er, „wenn es Jemand vernehmen will, würde ich beifügen, jenes heilige Blut des heiligen Januarius, welches bald geronnen, bald flüssig gezeigt wird, obwohl es vor 12V0 Jahren für den Namen Christi vergossen worden ist." — Das älteste neapolitanische Druckwerk sind wahrscheinlich die ?an- cZeotgo muclicmglos kiluttli-iei Silvaliei, herausgegeben im Jahr 1474 von dem königlichen Leibarzt Ängclo Cato. In der Zueig- nungsschrist an König Ferdinand von Aragonien zählt derselbe zu Neapels Schätzen auch das Blut des heiligen Januarius. „Was soll ich," sagt er, „von dem Blnt dieses Märtyrers sprechen, welches zu Neapel mit größter Ehrerbietung aufbewahrt wird? Weiche Wunder immer unter den Augen der Vekenner Christi in unserer Zeit vor sich gehen mögen, wäre cincS leuchtender, unläugbarcr? Von dem Haupt entfernt, wird das Blut hart, in dessen Nähe gebracht, wird eS flüssig, eben so,- als wäre cS an diesem Tagt vergossen worden." — Aehnliches bezeugt der genuesische Dog! Frcgoso, welcher vom Jahr 1473 —- 1483 als Flüchtling zu Neapel sieb aufhielt. — Robert Gaguin erzählt in seinem Meci der Chroniken, oder Grschichtespirgel von Frankreich (.Vlii-viiLk Iivstcirial ciiz kVaneo): am 3. Mai 14S5 habe König Carl VIll. in Begleit vieler Carvinäle, Erzbischöse, Bischöfe und Prälaten in der St, Januarskirche der Messe angewohnt, darauf sey ihm Haupt und Blut des Heiligen gezeigt woilxn, letzteres stcinhart; kaum es aber einige Zeit auf dem Alrar gestanden, habe cs alobald sich zu erwärmen und zu sleßen begonnen, gleich Blut, welches so eben einem lebendigen Menschen wäre entzogen worden. Am ausführlichsten spricht darüber einer der merkwürdigsten Männer am Anfang des 16ten Jahrhunderts, der berühmte Franz Pico, Fürst von Mirnndola, nämlich der gleichnamige Vetter von jenem, welchen Scaliger das Monstrum der Gelehrsamkeit genannt hat. Derselbe gab im Jahr 1502 ein Werk heraus: cle liclcz et orclino creclencli. Darin findet sich folgende Stelle: „Zu Neapel, in der Campagna, werden die Uebcrreste d-s Blutzeugen JanuariuS aufbewahrt. Ein Gefäß enthält sein Blut, welches frommer Sinn nach seiner Hinrichtung aufbewahrte. Stellt man dasselbe in die Nähe der Glieder, so fängt es gleichsam zn schäumen an und wird flüssig und kehrt in den frühern Zustand des Blutes zurück; entfernt man cs an einen andern Ort, so gerinnt es wieder und wird fest, und nimmt die Gestalt an, wie Blut sie haben muß, das vor vielen Jahrhunderten vergossen worden. Doch geschieht dieses nicht immer; denn so bald jener Gegend irgend ein Unfall droht, oder Ruhestörung cS hindert, so deutet eS durch srine Unbeweglicbkeit die bevorstehende Plage an, wie die Landes-- bewohner aus langjähriger Erfahrung wisftn. Ich habe mit meinen eigenen Augen dieses feste und seiner Natur gemäß schwarze Blut bei der Annäherung an das Haupt roth, flüssig werden, Blasen werfen gesehen, gleich als wäre cö unmittelbar der Ader entströmt. Ich wiederhole es: ich habe es mit eigenen Augen gesehen und habe mich vollkommen überzeugt, daß dieses auf natürlichem Wege unmöglich so sich zutragen könne. Denn für den Philosophen ist es eine ausgemachte Wahrheit, daß Etwas, waö selnc Gestalt verloren hat, in dieselbe nicht wieder zurückkehren könne. Wer dieses nicht glauben wollte, den würde leicht die Erfahrung belehren: er dürfte nur Blut nehmen; wäre es erst geronnen, und nach Monaten -—- ich will nicht einmal sagen Jahren — in einen erdichten und staubförmigen Stoff verwandelt, so würde es in seine vorige Gestalt, oder nur in die Accidentien der Gestalt, d. i. Nöthe, Flüssigkeit u. s. w., nicht Wieder zurückgebracht werden können." Diesen Zeugnissen läßt sich noch eine Bulle Sixtus V. beifügen, worin er sagt: „Wir wollen, daß die in der erzbischöflichcn Kirche von Neapel gelegene Capclle, der Schatz des heil. Janua- rius genannt, wo das Haupt und das Blut dieses Heiligen aufbewahrt wird und, wie Wir vernommen haben, die göttliche Majestät beständige Wunder wirkt, mit erforderlicher Ehrerbietung besucht werde." Noch im Anfang des vorigen Jahrhunderts verfaßte ein neapolitanischer Rcchtsgelehrter in entschieden beipflichtendem Sinn iibcr diese Thatsache folgendes Gedicht: Nonclmn ereelis ^rsbs, 3o)tlriei5 czuiri Larbarus oris LnnsuZi^ »6 veriu religionis iter? ^s>)iee, pul^a Iiiee! 8tüt loriZum post Äsi^ri-z nvum Iiieorrui,,tus aclliue et sine tade eruorz Imo Iiilaris ^liseit, eonsur^it, cti8silii, arclet Oe^or, extrem-v est im^atieirs tubsc; ?erliclris sn cernis, eupiti ut eruor obvius, sirte li'rigicius et ilurus, serveut et iiciuest? Laute vel g8s»erior, vel sit iulamiiirtiiius .Vier 8aiiZuine czuin llrir» sponte linauente licrues? Gegen dergleichen Zeugnisse können nur Gegenzeugntssc, erwiesene Thatsachen, concrete Gründe Gewicht haben; bloßes Abweisen, nacktes Läugnen, wohlfeiles Spotten erklärt nichts, entkräftet nichts, hellt das Dunkel nicht auf. Der Baron Bielefelv sagte seiner Zeit freilich zu Neapel: „einen solchen zerrinnenden Stoff wissen unsere Apotheker ebenfalls zu bereiten." Aber warum haben sie es in Berlin nie versucht, diese außerordentliche Erscheinung zu rcproducircn? — Ein anderer Deutscher brachte die scharfsinnige Erklärung: es wären zwei Monstranzen vorhanden, eine mit dem harten, die andere mit dem flüssigen Blut, und während der Function Würde jene von dem Priester escamotirt. Wer auch nur einmal den Vorgang beobachtet hat, der käme hiemit wieder zu einem Wnnder, Wenigstens zu einem wahren Hexenmeister, der mit der wundcr- Werlhcstcn Leichtigkeit vor den Augen von Tausenden eine ganze Monstranz wegstipitze» könnte, ohne daß Jemand es wahrnähme.— Noch abcnteu-rlicher hat der Franzose Scrces, um das Flüssigrver- dcn zu erklären, die Nähe des Vesuvs und der Solfatara zu Hilfe genommen. Aber wie müßte es denen zu Puzzuoli und zu Nesina ergchen, wenn die Wärmcströmung von diesen beiden Puncten eine solche Wirkung bis in den Dom von Neapel ausdehnen könnte? Da er wohl fühlen mochte, dieß könne nicht gelingen, so fiel es ihm nicht schwer, zu behaupten, die Sache ginge an verborgenem Ort, bloß in Gegenwart von lcichgläubigcm Pöbel, unter Ferne- Halten gebildeter Personen, und zu einer Zeit vor, die nicht genau festgesetzt sey. Das heißt wenigstens das Lügen in ehrlicher Weise betreiben, indem auch nicht ein Pünctchen Wahrheit in dasselbe gemischt wird. Ein Engländer trug das Wunder von dem Heiligen auf seine Priester über. „Wunderbar," rief er, „sind die chemischen Kenntnisse der Priester des Schatzes von St. Januar!" — So sinnt man in Ermanglung einer zureichenden Erklärung lieber las Ungereimteste aus, als in offenem Bekenntniß seiner Unfähigkeit wenigstens das Außerordentliche und Unerklärliche zu bekennen. Man ist unendlich weit über die Zeit jenes bescheidenen und pflichtmäßigen Zweifels hinausgeschrittcn, welchen der hessische Jurist Heinrich Kornmann in seinem lateinisch geschriebenen Buch: „Ueber die Wunder der Verstorbenen," in Betreff des vorliegenden so ausdrückte: „Wiewohl die Sache allgemein bekannt ist, möchte ich doch das sichere Zeugniß Solcher vernehmen, die gegenwärtig waren und mit offenen Augen den Vorgang beobachteten." Unter den frühern Reisenden spricht Kcyßler wenigstens gemäßigt, und ohne die läppischen Zuthaten, womit spätere ihre Berichte würzen zu müssen glaubten. Da in seiner Reisebeschreibung die Zeitangaben hinsichtlich seines Aufenthalts zu Neapel mangeln, so ist es ungewiß, ob er das Flüssigwerden des Blutes selbst gesehen, oder den Hergang nur nach Berichten und aus Vermuthungen beschrieben habe. Ich bin geneigt, das Letztere anzunehmen; denn er sagt darüber Folgendes: „Die in dem Glase befindliche Materie ist braunroth und gleicht dem Lalsamo ?sru- visno, welcher auch leicht flüssig gemacht werden kann. An dem Tag, da dieses Wunder geschehen soll, steht dieses Blut vor einer Menge Lichter (unwahr, die Menge ist nicht groß und jedenfalls ragen die L'chter bedeutend hoch über das Gefäß hinauf); das Glas, worinnen es nun zwar noch in einer kleinen Phiole, die etwa eines Fingers lang, eingeschlossen ist, wird den umstehenden und zwar mit großer Begierde herzu sich drängenden Personen zum Kusse an den Mund und hernach an die Stirne gehalten (aber immer dann erst, wenn es schon flüssig ist, daher Kcvßlers Folgerung von selbst dahin fällt); bei solcher Gelegenheit stürzt der Priester dasselbe mehr als tausendmal (rein unmöglich, soll heißen ein paar Dutzendmal) um, daß der Boden oben und auf die Seite zu stehen kömmt. Di^ Wärme seiner Hände (ohne allen Einfluß, wie ich überzeugend gesehen und dargcthan habe), der Qualm der Lichter (welcher einigen Einfluß unmöglich üben kann), der Dunst, welcher aus der Menge des Volkes in einer warmen Jahreszeit (man denke an Fergola's Vergleichung »wischen Thermometer und Zeitverkauf), und endlich der warme Odem, der aus dem Munde der Küssenden kommt (nachdem das Flüssigwerden schon geschehen ist), nebst andern Umständen (deren Angabe nicht hätte sollen unterlassen werden) könnte auch eine andere vorher flüssig gewesene Malerie schmelzend machen. (In einer Anmerkung führt Keyßler an: „Im Jahr 1733 hat der bekannte Chemikus Hvfrath Ncuincmn in Berlin das Geheimniß erfunden, auf eine leichte Art und so oft er will, eine vergleiche Fließung des Blutes, wie von des heil. Janucrrius Reliquien vorgegeben wird, nachzumachen." — Für gläubige Ungläubige wäre cö interessant, dieses unter vollkommen gleichen Modalitäten, wie das Ercigniß in Neapel, sich vormachen zu sehen.) „Es wäre billig/ fährt Keyßler fort, „daß man den Ungläubigen und Ketzern genügsame F-eiheit vergönnte, die Umstände dieses Wunders genauer emzus hen (diese ist ihnen aber wirklich ohne alle Beschränkung vergönnt), anstatt daß sie sich, wie Andere, begnügen lassen müssen, daß der Priester endlich ruft: il mirsoolo e tutto, und dann mit großen Freuden das le veum Iauilunru8 angestimmt wird." Wenn Kotzebue in dem Flüssigwerden des Blutes nur einen der vielen Beweise von dem dummen Aberglauben der Neapolitaner findet, so ist er doch ehrlich genug, nicht den Aberglauben an das Ersonnene in Anspruch zu nehmen. Er sagt: „Man glaubt gewöhnlich, die Flüssigkeit der rothen Materie werde durch die Wärme der pricstcrlichen Hand hervorgebracht; aber darin irrt man. Die kleine Phiole, welche das sogenannte Blut enthält, ist in einer größcrn gläsernen Flasche eing->chlosscn, so daß zwischen beiden ein leerer Raum sich befindet, die Wärme einer Hand folglich schwerlich bis dahin dringen kann, und auf jeden Fall ein sehr unsicheres Mittel seyn würde. Wohlunterrichtete (v. h. nicht über die Sache selbst, sondern in omni seibili et aonnullig sliis sogenannte Aufgeklärte) haben mich versichert, das Wunder werde bloß durch chemische Mittel bewirkt, daher es auch oft so lange daure; aber fehlen könne es nie, wenn die Flasche nur immer brav geschüt- telt (das aber wird sie nicht, sondern bloß gewendet) werde. Wenige Leute, selbst wenige Priester, sind im Geheimniß, und es gibt unter den letztern vernünftige Leute, die steif und fest an das Wunder glauben." Elise von der Recke wollte zwar die flache Verständigkeit an 5tin Vorgange ebenfalls üben, aber ihre pretiöse Nervenschwäche vereitelte das lobwürdige Vorhaben, sie konnte es in der Kirche nicht aushalten und mußte sich zurückführen lassen. Doch gereichte es ihr zur trostreichen Beruhigung, „den Erfolg eines Experimentes nicht gesehen zu haben, dessen Geheimniß leicht zu errathen sey." Dafür gibt ihr Begleiter, Völliger, in einer Anmerkung ein Zeugniß, dessen Gewicht sicher ihm selbst nicht einleuchtete. Er sagt nämlich- .das größte Wunder an diesem Wunder sey wohl das, daß es bei dem Mitwisser, so Viele? (woher aber wußten der Hr. Hofrath dieses?), die damit zu thun haben, seit so vielen Jahrhunderten stets unverrathen geblieben sey." Also immerhin ein Wunder, und zwar allerdings dieses (ohne daß der Herr Hofrath es auch nur zu ahnen vermochten) unbestreitbar das größere, darum schwerer zu glaubende! > Der, wie durch mancherlei Geisteswerke so auch durch seine „Wahrheit in der Hermes'schen Sache bekannte königlich Preußische Staatsrath Rehfues, hat in seinem „Gemälde von Neavel" diesen Vorganz durch fade und höchst vergriffene Spässe zu beseitigen versucht. „Bekanntlich," sagt er, „wiederholt sich dieses Wunder seither beinahe jedes Jahr einigemal, und Viele haben versucht, !s natürlich zu erklären. Indeß ist es, wie vorauszusehen war, Keinem gelungen; denn wenn der Himmel einmal ein Min der thun will, so ist es natürlich, daß er es einrichtet, um nicht von jedem Zweifler erklärt werden zu können. Freilich gibt cS der Vorwitzigen genug, die, wenn sie's auch nicht erklären können, dennoch nicht glauben wollen; und es hat uns daher manchmal geschienen, als ob die Art von Wundern, welche die Siamesen von ihrem Heiligen, Pra Ariaharici, erzählen, die beste sey, weil sie alles Nachgrübeln schon von selbst verbietet." — Dann wieder: „Ich will mich nicht mit Erklärungen abgeben, wie das Wunder geschieht; denn darum ist es ja eben ein Wunder, weil man es nicht erklären kann. Genug ist es, zu bemerken, daß in Neapel auch noch andere Leute steif und fest voran glauben, als nur der Pöbel?" An einem andern Ort sagt er: „Es mag wohl seyn, daß die Weiber im Einverständniß mit den Priestern sind." (Welchen Dienst würde er der Wahrheit erwiesen haben, wenn er auch nur von ferne hätte andeuten wollen — wie und zu welchem Zweck dieses Einverständmß bestünde?) „Es gibt wenige Wunder, tue der Welt etwas genutzt hätten. Dieses gehört auch unter die unfruchtbaren; und es ist nicht abzusehen, warum der Heilige nicht lieber jedes Jahr durch eine zchnfältige Ernte seinen frommen Neapolitanern ein Liebreichen gibt." — Dann wieder: „Man Weiß, wie oft das Blut des heiligen Januars in Neapel flüssig wird; aber Niemand weiß, wie das zugeht, außer den Wenigen, welche der Himmel zu diesem Wunder gebraucht. Ich habe selbst gesehen, wie die Flasche in der Hand des Priesters that, und kann mir nur eine Erklärnng denken, welche, glaube ich, noch Niemand gemacht hat. Wie, wenn jene trockene, dunkelrothe Masse Eis wäre? welches man bekanntlich in Neapel weit b»sser zu behandeln versteht, als in Archangel. In der Hand deö Priesters vergeht eS zuverlässig, besonders wenn er die Flasche (die er gar nicht berührt) recht fest hält und andächtig dazu betet. Am bequemsten aber wird tS seyn, zu glauben." — Am bequemsten, wenigstens am leichtesten für Hrn. Rehfues wäre es gewesen, die Sache mit Eis sogleich nachzumachen, uud sein ki'^x« durch die Welt zu rufen. Daß doch oft die größten Spitzköpfe auf das AUcreinfachste nicht verfallen können! Der Franzose Misson versichert in seinen Reisen, den Vorgang „dieses angeblichen Wunders" Zweimal gesehen zu haben. Er läßt uns die Wahl zwischen einem wirklichen Wunder oder dem plumpsten Betrug (le tour le >>ius Zrossier). Indeß, sagt er, mache cS in der katholischen Kirche größeres Aufsehen, als irgend Etwas. Hr. Paschal zähle es zu den Kennzeichen der wahren Religion. Um aber als Gelehrter jeden ehrenrührigen Verdacht, als pflichtete er diesem bei, von sich abzuwälzen, führt er aus HorazenS fünfter Satyre des ersten Buchs jene Stelle an, wie heidnische Priester das Volk wollten glauben machen, sie wüßten Weihrauch ohne Kohle zu schmelzen. — Kein volles Jahrhundert später sagt Dupaty: ,,Er zwar habe dciö Flüssigwerden ebenfalls gesehen; aber es gehe ganz natürlich damit zu." Des geringfügigen UmstandeS jedoch, das Wie etwas näher zu bezeichnen, enthebt er sich gänzlich. Am Ende fügt er bei: „Seit einiger Zeit ist dieses Wunder in Mißkredit gekommen; vermuthlich wird es bald ganz aufhören. Wahrscheinlich wird eS mit Nächstem auf der Welt nur ein einziges Wunder noch geben: die Welt." Auch einige Lügenbcrichte oder läppische Witze englischer Reisender mögen folgen. Addisson fertigt die Sache mit der Benennung eines „tölpelhaften Schwankes" ab. — Middleton heftet seinen Lesern Folgendes aus seiner Einbildungskraft auf: „Während in der Kirche ein paar Messen gelesen werden, machen sich die übrigen Priester insgesammt mit dem Fläschchcn viel zu schaffen; es ist in solcher Weise aufgehängt, daß, während ein Theil, Dank der Wärme der Hände oder der Beihilfe anderer Mittel, zu zerrinnen beginnt, die Tropfen auf den leeren Grund eines andern Fläschchcns hinabfallen." — Nicht ehrlicher berichtet der Doctor Moore in seinem View et' soeiet^ »Nil HIanlier8 in ltuli, Il_,ett. 64, der Priester gebe sich viele Mühe das Fläschchcn zu erwärmen und zu streicheln. (Rein unmöglich, da er dasselbe gar nicht berühren kann.) — Ein neuerer englischer Reisender, welcher unter dem Namen EustaciuS sogenannte „Classische Reisen" herausgegcben hat, obwohl Katholik, erklärt nicht, sondern fertigt bloß ab: „Niemand," sagt er, „gibt sich die Mühe nachzuforschen; man setzt voraus, vic Thatsache rechtfertige sich durch sich selbst; die Neapolitaner behelfen sich des Grundsatzes der alten Deutschen: heiliger und ehrerbietiger ist eS, von den Göttern zu glauben, als zu wissen." (Schluß folgt.) Die Bekehrungen in England. t Katholik ) Obgleich die Rückkehr Newmciu's zur katholischen Kirche schon längst vorausgesagt worden und Jedermann da-auf gefaßt war, so hat dennoch dieser Schritt, als er endlich geschah, auf den anglicanischcn Klerus und das Publicum eine unerhörte Wirkung hervorgebracht. Noch am Tage vorher, ehe der berühmte Theologe die große That vollbrachte, wiegte sich die englische Presse in Illusionen und die Times sah in dem Umstände, daß er seine Fellowftelle am Orielcvllcg aufgegeben, nur den Wunsch des Be» theiligten von der Universität auszuscheiden, wie er schon drei Jahre früher die St. Maricnpfarrci aufgegeben hatte, um jede Kollision mit den Vorständen der verschiedenen Kollegien zu vermeiden, welche die studircnde Jugend von seinen hinreißenden Predigten fern zu halten suchten. Es scheint indessen, als habe Mr. Newman sein Glaubensbekenntnis; früher abgelegt, als er selbst ursprünglich es bestimmt hatte und Gott hat sich, entgegen den Plänen der Menschen, dieser begnadigten Seele früher geschenkt, als sie selbst die Absicht hatte sich ihm hinzugeben. Nach einem vor uns liegenden Briefe hat er am 9. Octvber das Glaubensbekcnntniß abgelegt und am 10. in der Frühe aus den Hände» eines katholischen Priesters zum erstenmal die heilige Kommunion empfangen. Mehrere seiner Freunde waren Ihm auf diesem Wege schon vorausgegangen und er selbst hatte ihnen den Rath dazu gegeben. Nach Mr. Georges Ward war Mr. Charles Bridges vom Orielcollcg der Erste, welcher der katholischen Wahrheit die Ehre gab und am 29. September entsagte Mr. Dalgairns, der zu Littlcmvre Newman'S Schüler gewesen war, in dem Kloster von Aston-Hall dem Glauben, den s,in Lehrer einige Tage später abschworen sollte. Am 2. Octvber wurde Nererend Ambros St. John zu Prior-Park in den Schooß der katholischen Kirche aufgenommen und am 9. October traten Reverend Stanton vom Vrascnosc-Collcg und Reverend Frcdertk BowlcS vom Ereier- Collrg zu Littlemvrc mit Ncwman zur katholischen Kirche -»rück, Was wir trotz einiger gegcntheiligen Gerüchte verbargen können. Unter den Personen, di' s.itdcm tn den Schvoß der katholischen Kirche aufgenommen worden sind, wird ferner ang»siihrt Reverend Albany Christie, der zu demselben Kolleg w!e Newman gehörte. Zwei andere Geistliche haben ihre Entlassung aus di sein Kollegium genommen, es scheint jedoch, daß nur Einer von ihnen es vethan hat um katholisch zu weiden; aus dem Exeter-Colleg ist in derselben Absicht Reverend Edgar Estcourt ausgetreten. Auch Reverend I. Walker vom Brasenose-Colleg, mit welchem die öffcnllichcn Blätter sich mehrfach beschäftigt, gehört jetzt zu den Kindern der Kirche. Di,ß sind die Mitglieder der Universität und anglicamscheu Geistlichkeit, welche seit drei Wochen die unserigen geworden sind. Viel zahlreichere Bekehrungen haben indessen unter den Laien stattgefunden, mehrere ehemalige Pfarrkindcr von Newman, ganze Familien, sind katholisch geworden und die Zabl Derer, welche sowohl innerhalb als auherdalb der Reihen der Geistlichen im Begriffe stehen Newman'S Beispiel zu folgen, soll sehr bedeutend seyn. Bis gegen Ende des Jahres werden wir darüber im Klaren seyn und wir wollen darum auf alle die in englischen Blättern umlaufenden Gerüchte kein besonderes Gewicht legen. Betrachten wir nun alle jene ausgezeichneten Männer, die seit Mr. Sibthorp allmälig zur katholischen Kirche zurückgekehrt sind, so drängen sich nnS vorzüglich zwei Erwägungeil auf. Die erste ist die, daß, während in Deutschland alles Gest'rel von der Kirche sich abwendet, in England gerade die ausgezeichnetsten und tiefsinnigsten Theologen, Männer, die Jahre lang gemeinsam an ^ der Regeneration der anglimnlschcn Kirche gearbeitet, nach langjährigen Studien und Forschungen zu dem Resultate gelangt sind, daß die katholische oder, um u >6 des Ausdrucks zu bedienen, die römische Kirche die -inzigc ist, in welcher sich Wahrheit, Gnade und Heil finden. Der andere nicht weniger merkwürdige Umstand ist die hcldenmüthige Uncigennüyigkeit, mit welcher di.se Männer alle ihre materiellen Interessen dieser Erkenntniß aufopfern. Wer die Reichthümer der cmglicanischcn Kirche, die Einkünfte ihrer fetten Pfründen, die glänzenden Dotationen der Kollegien an der Universität Oxford kennt, wird die Bedeutung dieser Opfer zu würdigen wissen. Und wenn wir diesen Schritt einen heldenmüthig uneigennützigen nennen, so übertreiben wir nicht, denn viele dieser anglicanischen Geistlichen, die zu uns zurückgekehrt sind, haben keine anderen Einkünfte als die ihres Amtes, viele haben durchaus kein eigenes Vermögen und dabei für eine Gattin und eine oft zahlreiche Familie zu sorgen, manche, die von ihrer Familie noch etwas zu erwarten hatten, werben jetzt enterbt, weil sie die Religion gewechselt haben. Unter so kritischen Umständen ist ein Rücktritt ein Wunder und es geht daraus hervor, wie bedeutend jener Schritt ist, den diese uneigennützigen mit allen Gaben des Geistes geschmückten Männer gethan, verzichtend auf einen sichern Reichthum und einzig vertrauend auf die Vorsehung, sie, ihre Frauen und ihre Kinder! Die englischen Papisten aber können ihnen trotz des bc- rüch'igten, in den deutschen Blättern eben wieder spukenden Jesui- tenschatzcs nichts geben, denn die katholische Kirche, die dort eben erst aus ihren Trümmern wieder sich erhebt, hat Lasten zu tragen, die ihre Hilfsquellen bei wcit-m übersteigen und kaum das Brod für ihre Diener. UcbrigenS ist das in England auch so aner-> kannt, daß selbst unter den wüthendsten Gegnern des PuscyismuS sich nicht eine einzige Stimme erhoben hat, um die Reinheit der Absichten und das uneigennützige Benehmen Newman'S zu verdächtigen, so daß am Ende, um doch etivas zu sagen, das f>ilste aller englischen Blätter die Opfer, welche Newman und seine Freunde gebracht, für Narrhcit erklärt hat. Schweiz. Die Neue Sion schreibt: Nicht nur macht sich bei uns französischer Einfluß vielfach geltend, sondern cs finden sich auch bei uns Elemente und Nahrungen, wie sie nur in Frankreich zum Vorscheine kommen und nicht selten sind wir das getreue Nachbild jenes größeren Vorbildes. Von diesem Standpuncte aus die Jesuiten-Angelegenheit betrachtet, dürfte es sich als wahrscheinlich annehmen lassen, daß die frommen Väter der Gesellschaft Jesu sich nicht in die Länge in der Schweiz mehr halten werden. Dafür sprechen Zeichen, von denen sich jetzt nicht reden läßt. Der Herr seiner Kirche läßt es zu, daß seine Kerntruppen auf eine Zeitlang da entfernt werden, wo sie nach unstrn Begriffen am unentbehilichstcn wären, daß ihnen auf die verschiedenste, aber stets unverschuldetste Weise äußere Mittel ihrer Subsistenz entzogen werden, nm sie gleichsam zur völligen Selbst- Entäußerung zu bringen, von wo aus sie lediglich zum stillen Dulden vcrurtsteilt, aber eben damit gewürdigt sind, als Nachbild ihres Herrn so mißhandelt und entblößt vor der Welt zu stehen, daß selbst da und dort ein Pilatus sagen muß: Seht, welche Menschen! Darin erblicke ich, daß Gott mit ihnen ist. Die ersten und glücklichsten Vekämpfer des Protestantismus müssen aber jedenfalls so lange bestehen, bis sie durch ihr Gebet und ihr Wirken seinen Bekennern den Rückweg zur alten, einen und einigen Kirche angebahnt haben. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Krrmer. Augsburger Zweite Jahreshälfte. ^»gs - Bei/.. ^ ... ^/ AUG ^. ^.^^ Postzeitttng. ^ M'.' ck^^ SZ. Nov. t84S Das Blut des heiligen Januarius (Aus Hurters „Geburt und Wiedergeburt", drittes Bändchen.) (Schluß.) Stellen wir nun alle Berichte, von dem neapolitanischen Arzt Matthäus SilvaticuS im fünfzehnten Jahrhundert bis auf denjenigen des englischen Natu> f>>rschers Wattrton in letzter Zeit auf die eine Seite, auf die andere Alles,,was seit Masson bis auf den neuesten Tou'isten herab, vorgegeben, geklügelt und gewitzelt worden ist, und würdigen wir die Summe von Beibcm, ohne alle Rücksicht auf die Erscheinung selbst, bloß nach ihrem Zusammenhang und nach ihrer Vcweiskra't an sich, welches Resultat gewinnen wir? Dort eine ununterbrochene Reihenfolge durchaus übereinstimmender Zeugnisse, hervorgegangen aus genauer Erkundigung, ruhiger Beobachtung, abgelegt mit Einst und Würde; hier dagegen Urthcile vom Hörensagen, aber mit der nacktesten Zuversichtlichkcit ausgesprochen, aus der Luft gegriffene Verdächtigungen, freche Verdrehung dcssen, was unter den Augen von Tausenden vorgeht, und oft gemeine Sp^sse an der Stelle von erwarteter befriedigender Erklärung. Das Milteste, was sich darüber sagen läßt, ist jenes Wort: „und ihr Zeugniß stimmte nicht überein." Unerklärliches muß Jeder anerkennen, der unbefangen sehen, redlich urtheiln will. Die Kirche aber st llt den Glauben an ein fortwährendes Wunder mit dem Blut des heiligen JanuariuS in so fern einem Jeden anheim, daß sie denjenigen, der dasselbe als solches nicht annehmen mag oder kann, deßweg-n von ihrer Gemeinschaft nicht ausschließt. Dagegen sollte man meinen, das geringste Maaß von Ehrlichkeit würde es vorziehen, die Sache auf sich beruhen zu lass n, als, um hiezu nicht sich verstehen zu müssen, mit frecher Hand nach Äuökunftsmitt.ln zu greifen, welche einen ganzen, immerhin acluenswerthen S'and durch eine lange Reihe von Jahren zu gewissenlosen Betn-gnn stempeln. Wenn der Neapolitaner die Abwendung der d-odendsten Gefahr des Vcsuv- Ausbruches vom 20. December 1631 der Fürbitte des heiligen Januarius verdankt, der Protestant dagegen dieselbe dem zufälligen Umstand zuschreibt, daß die Lava einen andern Weg genommen und das Toben des Elementes ohnedem nachgelassen habe, so stellt sich Jeder auf einen Standpunct, den er mit Gründen vertheidigen >kann; wenn aber der Letztere, um die Mangclhaftigkeit seiner Erklärung dessen, was der Andere zweifellos annimmt, nicht cingc- stehcn und vor demjenigen, was dieselbe überragt, nicht sich beugen zu müssen, seine Zuflucht entweder zu Kindereien oder zu Unredlichkeiten nimmt, dann weicht der Boden unter seinen Füße», und er sinkt unter diejenigen herab, welche das Austreiben dcr Teufel nicht anders, als durch einen Bund mit Belzcbub, dem Obersten der Teufel, erklären wollten. In jedem Fall hat die abergläubische Ungläubigkeit vor der abergläubischen Leichtgläubigkeit nichts voraus, als ihr pausbackiges Blasen. Nach allcm, mit eigenen Augen Gesehenen und sodann aus glaubwürdigen Berichten in Bestätigung desselben Vernommenen mußte ich dem Urtheil von Sabbatino am Schlüsse einer Abhandlung über das Blut des heiligen Januarius beipflichten, welcher sagt: „Ich weiß gar wohl, daß viele Ausländer, selbst Katholiken, an dem Wunder zweifeln, oder, bevor sie es sehen, nicht daran glauben. Da ich aber Solche öfters in die Schatzcapelle begleitet und sie zu genauem Beobachten veranlaßt habe, überzeugten sie sich, daß hier nicht mehr zu zweifeln wäre, und daß der Vorgang auf keine Weise einer natürlichen Ursache sich zuschreiben lasse. Nachdem sie Augenzeugen geworden waren, hat Mancher gegen mich sich erklärt: das Flüssigwcrdcn des Blutes sey wenigstens eine wunderbare Sache; Keiner, der sie beobachtet, vermochte einen Grund aufzufinden, sie ferner zu bezweifeln." — Darum mag wohl Solger, ob mich Mancher darüber die Achseln zucken dürfte, ein wahres Wort gesprochen haben, wenn er in seinen philosophischen Gesprächen sagt: „Es gehört ein weit stärkerer Geist dazu, ohne Krittelei und Erklärungssucht Wunder zu glauben, als Alles, was mit den gemeinsten Verstandesregeln nicht übereinstimmen will, matt mid feig hinwegzuläugnen." Somit war nach wiederholter genauer, aber redlicher (in den Augen aller Gegner aus bloßem Widerspruchsgeist das Unverzeihlichste) Beobachtung, die mich das Wunder, oder, wenn es milder lauten sollte, das Außerordentliche anzuerkennen zwingt, mein Urtheil festgestellt, als mir die Schrift das Abbate Luca zu Gesicht kam: 8c»j>ra ui>» eelebre eontiovLrsis iMattutü, in ^iixkil- teri-g, negli snni 1831 v 1832 intoino slla liciuesa^ioire de! 8snFuiz lti 8. Oonaro, Voseovc» o Älartiri.'. Ich entnahm derselben zu meiner größten Befriedigung, daß dreizehn Jahre früher der englische Priester Weedall in gleicher Jahreszeit Augen-s unv siehe! Kommen auch Sie und sehen auch Sie, nicht bloß an zeuge des Vorganges gewesen sey und beinahe die gleiche Argu-seinem einzigen Morgen, sondern jeden Morgen, die ganze Octave mentation über das Wunder in dem einen oder in dem andern Sinne (d. h. als Wunder des Betrugs oder als Wunder in Wahrheit) aufgestellt habe, was er in dem zu Birmingham erscheinenden Lulliolie ^lu^a/iii snrung weder menschliche Erfahrung, noch menschlicher Scharfsinn mit den gleichen Umständen, wie ich; und er begnügte sich mit dem am Abend in St. Chiara Gesehenen so wenig, als ich, sondern verschob ebenfalls sein Urtheil, bis er am folgenden Morgen -im Dom zum Zweitenmal Zeuge gewesen. Hier stand er, gleich hinreiche — darf von der reinsten Gewissenhaftigkeit dennoch die Frage gestellt werden: wozu dieses Wunder? Diese Frage darf um so unbedenklicher gestellt werden, weil die Gewissenhaftigkeit zugleich eine durchaus befriedigende Antwort zu ertheilen im Stande mir, neben dem Priester und überzeugte sich, gleich mir, daß bei ^ ist. Beobachte den Neapolitaner, wie lebhaft, wie beweglich, wie der Weise, wie derselbe das Gefäß halte, die körperliche Wärme auf den Stoff in dem Mschchcn, möge nun derselbe bestehen, woraus es sey, nicht den allergeringsten Einfluß zu üben im Stande sey. „Leichter," sagt er, „würde die an einen Leuchter gelegte Hand eine Kerze entzünden, als jene Berührung einen festen Stoff flüssig machen" Hiemit bin ich vollkommen einverstanden. Es wurde Hrn. Weedall von einem Ungenannten eingewendet: „die gebildetesten und achtungswerlhcsten Neapolitaner und der Erzbischof selbst (damals der greift Cardinal Ruffo) glaubten Wahrscheinlich nicht an das Wunder. Darüber machte Hr. Weedall die gleichen Bemerkungen, wie ich. Ich setze in das Begleiten der Procession und in den Besuch des Königs bei dem Blut nicht einmal so großen Werth, wie er; das ließe sich am Ende als Ostentation deuten; solche aber konnte sür jenes Haupt einer der ersten Familien Neapels, mit welchem ich in der Capelle zufällig zusammentraf, unmöglich Beweggrund des bloßen Privatbesuchs Werden. Auch könnte ich einen andern und zwar nicht blvß durch sogenannte Bildung, sondern durch tüchtige Wissenschaftlichkeit ausgezeichneten Fürsten nennen, der mit der vollesicn Anerkennung des Unerklärbaren mit mir darüber sprach. Ein Gelehrter, der zwar nicht genannt ist, den ich aber wohl kenne, und der zu den unter- richtctcsten und achtungswerthesten Personen Neapels gewiß mit Recht gezählt werden varf, zugleich Mitglied des Domcapitels ist, sagte zu Hrn. Weedall: „Ich will Ihnen frei meine Meinung gestehen. Ich bin nicht leichtgläubig, und prüfe Alles. Man spricht oft von Wundern, welche da oder dort sich sollen zugetragen haben. Im allgemeinen schenke ich ihnen nicht leicht Glauben. Was aber das Blut des heiligen Jcmuarius betrifft, so darüber aufgehellt. Ich halte das Flüssigwerden augenfällig ohne Bedenken für eine wunderbare Sache. Ließe sich vernünftiger Weiftannehmen, es walte unter uns ein geheimes Einverstcmdnisz? Sie kennen unsere Stellung. Wir bilden zwei getrennte Korporationen mit verschiedenen Capcllcn und ganz abweichenden Rechten und Privilegien. Mir ist nicht gestatte:, den Schatz zu betreten, als Spielball seiner Einbildungskraft er sich erzeigt! Sein Auftreten, in welcher Gestalt du ihn sehen magst, seine Gebärden, der Ausdruck seiner Sprache verräth dir schon sein wallendes Blut, seinen des Ungewöhnlichen bedürftigen Sinn. Bei einem solchen Volk könnte bloße Belehrung unmöglich lange vorhalten; dasselbe bedarf Etwas, was ihm seine Abhängigkeit von dem Höhern nicht vor die Ohren, sondern durch die Augen vor den innern Sinn bringt. Ihm ist eine gewaltige Macht nothwendig, die ihn zwi- schenein von der Erde, welche gleich einer Buhlerin alle Reize und Locknngen vor ihm enthüllt, oder deren verzaubertes Kind er ist, losreist, die ihm laut und vernehmlich zuruft: cS ist Etwas über dir, in dessen Hand dein Geschick steht, was mit Segen dich überschütten, was Landesnoth über dich herwälzen kann. Dieses Verborgene, Geheimnißvolle ist ihm, der weniger durch die Specula- tion, als durch das Wahrnehmbare sich ziehen läßt, zu unfaßbar, gewinnt unmittelbar auf ihn nicht diejenige Einwirkung, wie auf den mehr geistigen Menschen. Darum ruft jener alljährlich Wiederkehrende Vorgang, für seine Begriffe weit verständlicher, ihm zu: das Verborgene, welches jenes so Erfreuende als Bekümmernde dir zu bereiten vermag, tritt dir nahe in seinem Boten, dem heiligen Jcmuarius, der zugleich dein Anwalt vor demselben ist; in dem, was unter deinen Augen zu verschiedenen Zeiten des Jahres sich zuträgt, hast du das Siegel, daß Gott deiner gedenkt, zugleich die Weckstimme, daß du seiner ebenfalls gedenkest. An Calculatoren, welche längst schon in Groschen und Pfennigen berechnet haben, welchen Schaden dasjenige bringe, was sie Aberglauben nennen, fehlt eS nicht; möchte einmal Einer in der ist mir jeder Zweifel! Berechnung, welchen Nutzen die Beseitigung des Glaubens an dielen augenfällig und sts Wunder dem neapolitanischen Volk bringen dürfte, die Probe liefern! Wenn aber der leichtfertige, sinnliche, zu mancherlei Bösem geneigte Neapolitaner auch nur einmal des JahreS, zerknirscht oder in Anbetung hingerissen, vor dem Altar liegt, auf welchem er die verehrten Ueberreste erblickt, sollte dieses, weil er vielleicht, des anvern Tages wieder seinen gewohnten Gang fortgeht, darum gar und die Kapellane vom Schatz haben keine Befu,,niß, in unserem seinen Werth haben? Und wenn ihr eine ganze Litanei von Capitel sich cinznfindcn. Wir mögen uns gegenseitig k-nncn, eine engere Verbindung aber besteht unter uns nicht. Das Wunder geht bald in unserer Kirche, bald in der Capelle vor, und dieß durch so manche Jahrhunderte hinab, unter so vielen politischen Revolutionen, über welchen so oftmals die Interessen und die Gesinnungen der Bürger in Zwiespalt gekommen sind. Es wäre unmöglich, daß wir in verstcckier Spitzbüberei eine geheime Verabredung treffen, daß so viele unserer Vorfahren sie hatten aufstellen und festhalten können. Wer über diesen Gegenstand mich befragen mag, dem weiß ich keine andere Antwort zu ertheilen, als Schlimmem über die Neapolitaner abzukugeln Wisset, würde dieselbe sich verkürzen, wenn ihr ihm das Wunder mit dem Blut des heiligen Jcmuarius zu sequestriren vermöchtet? Die katholische Mission in Schweden. (Katholik ) Stockholm, 31. Oktober. Es hat sich hie und da die Ansicht geltend gemacht, die Schweden seyen nur darum intolerant, Komm jweil ihre Gesetzgebung sie dazu nöthige. Dagegen müssen Wir uns aber die bescheidene Frage erlauben, warum denn in diesem Falle jene verjährte Gesetzgebung nicht modificirt, warum sogar diesen barbarischen Gesetzen die Constttution geopfert wird, in welcher sie, wie Nilssons Advocat klar bewiesen hat, bereits abgeschafft sind? Der Rnchstag von 1845 hat sogar einstimmig die den Katholiken im Toleranzedicte von 1751 gewährten Rechte beschränkt, er hat z. B. den katholischen Klerus auch bei der Einsegnung rein katholischer Ehen der Controle des lutherischen Consistoriums unterworfen, er hat den katholischen Klerus genöthigt, Jeden, der zur katholischen Kirche zurückkehren will, dem Consistorium zu de- nunciren, um gegen einen Solchen eine gerichtliche Klage einzuleiten, die Geistlichkeit muß zu diesem Zwecke alljährlich eine Liste sämmtlicher Katholiken in Schweden einreichen und endlich ist der hochwürdige apostolische Vicar für alle Handlungen seines Klerus verantwortlich gemacht. Gegen Letzteren ist im Augenblicke wirklich ein Proceß von Seiten des Consistoriums anhängig, weil er 1) zugegeben, daß Nilsson in den Schooß der katholischen Kirche aufgenommen wurde und 2) daß drei Kinder lutherischer Vätc. „in der katholischen Schule, dem Gesetze entgegen, Nahrung und Kleidung," ja vielleicht auch eine Erziehung empfangen, welche die katholischen Mütter ihnen nicht geben konnten und um welche der lutherische Klerus sich nicht bekümmert hat. Ja man hat uns sogar ein Verbrechen daraus gemacht, daß wir ein Kind einer armen katholischen Mutter aufgenommen haben, obgleich sie schon lange vor der Geburt dieses Kindes von ihrem lutherischen Ehemanne verlassen worden war, obgleich das Consistorium den vier andern Kindern dieser Frau, welche es derselben vor vier Jahren Weggenommen, keine andere Versorgung hatte angedeihen lassen, als daß es dieselben aus der katholischen Schule weg in die Bergwerke geschickt hatte! Eines dieser Kinder ist indessen vor jetzt ohngrfähr zwei Jahren zurückgekommen und hat sich seit dieser Zeit, wie so viele andere, einem Raubvogel gleich in den Straßen Stockholms herumgetrieben, ohne daß das Consistorium oder die Polizei sich darum bekümmert hätten, bis der junge Verwahrloste vor Kurzem wegen Diebstahls zu Gcfängnißstrafe vcrurtheilt wurde. Es wäre nun wirklich der Untersuchung werth , ob man vielleicht zum Vortheile der Societät auch seinem jüngsten Bruder eine ähnliche Erziehung angedeihen lassen will, da man dem katholischen Klerus ein Verbrechen daraus gemacht, daß er die Absicht gehegt habe, ihm eine christliche Erziehung zu geben? Nach solchen Thatsachen wird man mich wohl nicht für parteiisch halten, wenn ich sage, daß in Schweden solch ein blinder Haß gegen die katholische Religion herrscht, daß selbst Leute, die sonst in allen übrigen Dingen ganz vernünftig und tolerant sind, in eine Art von Verrücktheit gerathen, wenn sie nur den Namen katholisch hören. Kein Blatt, mochte es nun der liberalen oder conservativen Partei angehören, hat auch nur ein Wort zu Gunsien der Gewissensfreiheit gesprochen, obgleich dieselbe durch die jüngste Entscheidung der Gerichtshöfe wieder in die unglücklichsten Zeiten des sechzehnten und sicbcnzehnten Jahrhunderts zurückgeworfen worden ist, eben weil es sich nur um einen Katholiken handelte! Ja die liberalsten Blätter weigerten sich sogar, nur ein Inserat von Nilsson aufzunehmen, in welchem dieser alle Jene, welche etwa noch ein Geschäft mit ihm abzuthun hätten, aufforderte, sich binnen drei bis vier Tagen zu melden, weil er nach Verlauf dieser 6"st das Land verlassen müsse. Auf dem Dampfboote floh, mit Ausnahme einer französischen Dame, alle Welt vor ihm, wie vor einem Verpesteten. Auf dem Reisepasse war nicht angegeben, daß der Inhaber ein rechtschaffener und tadelloser Mann sey, wohl «der, „daß er durch gnädigen Beschluß Sr. Majestät vom 27. Juni zur Landesverweisung vcrurtheilt worden sey, weil er vom LutheraniSmus abgefallen und sich zu einer falschen Lehre bekannt habe." Man hatte ihm aufgegeben, die Stadt spätestens bis zum 10. zu verlassen (der Paß ist vom 7.) und sich auf dem Canal nach Gothenburg und von da mit erster Gelegenheit zu Meer nach Kopenhagen zu begeben, ohne Rücksicht auf den Zustand seiner Frau, die eben erst aus ihrem Wochenbette sich erhoben, und der zwei armen Kinder, von denen das jünciste, selbst nach Angabe des Passes, kaum Mi Monate alt ist. Die Polizei von Gothenburg, unter deren Aufsicht Nilsson gestellt worden war, soll die ihr gewordenen Aufträge sehr gewissenhaft ausgeführt haben. Die Provincialblätter waren indessen nicht so schweigsam über ^ die Verbannung Nilssons, wie die Blätter der Hauptstadt und habe» ! sich bei dieser Gelegenheit die heftigsten Ausfälle gegen den hoch- würdigen apostolischen Vicar (Studach) erlaubt. „Wie ist cS möglich, fragte die Gothenburger Zeitung, daö liberalste Blatt Schwedens, daß dieser Mann einen solchen Weg betreten kann und Wer wagt es, ihn gegen die öffentliche Meinung und das Einschreiten des Consistoriums zu vertheidigen? Zu unserem tiefen Bedauern müssen wir eingestehen, daß Herrn Studach von einer Seite her Schutz und Unterstützung zu Theil wird, von welcher man am wenigsten eine solche Aussaat Lcr Zwietracht und Uneinigkeit erwarten sollte." So groß ist also, wie Sie aus Allem sehen, der Fanatismus in Schweden, daß ein Mann, wie Nilsson, der trotz der gehässigsten Verfolgungen seiner Ueberzeugung treu zu bleiben wagt und, wie das genannte Blatt sagt, .sein Verbrechen durch die Verbannung sühnt," das ganze Land in Bewegung bringen kann. Böswillige Menschen benutzen sogar dieses Phantom des Proselytismus, um in dem Herzen des Volkes, wie dasselbe Blatt sich ausdrückt, .einen tiefen Schmerz gegen eine Königin zu erregen, die, wenn sie nicht katholisch wäre, vom ganzen Volke angebetet werden würde," und man sprengt zu diesem Zwecke das grundfalsche Gerücht aus, das katholische Waisenhaus weide besonders durch die Beiträge Ihrer Majestät der Königin unterhalten. Sie können nun selbst errmsscn, mit wie viel Schwierigkeiten wir zu kämpsen haben und welche Zukunft unserer armen Mission bevorsteht. Nordamerika. Der katholische Pfarrer W. Schonst zu Kolumbus im Staate Ohio schreibt an die Redaction des schlcsischen Kirchcn- blattes unter Anderm: „Der Grundstein zu unserer neuen Nirche ist gelegt, und der Bau bereits drei Fuß von solidem Stcinwerk über dem Grund erhaben. Es war am Feste der heiligen Dreieinigkeit, als der hochwürdigste Bischof stlbst, von mir allein asst- stirt, die feierliche Ceremonie der Grundsteinlegung verrichtete. Eine ungewöhnlich große Menge Volkes aus allen Ständen und Konfessionen war dabei gegenwärtig. Der hochwürdigste Bischof selbst predigte dabei in eng ischer Sprache. Alle Bessergestnnt.n und die weniger Vorurthcilsvollcn wurden durch seinen Vortrag sehr erbaut. Nach ihm sprach ich in einigen Worten (über Epheser 2, 19—21.) zu unsern deutschen Landeleuten, die sich mit freudigen Augen um uns schaartcn. Die ganze Handlung, unter freiem Himmel vorgenommen, war ein Act des Triumphes unserer heiligen Religion. Bekannt mit der Bigotterie und der zügellosen Abneigung eines großen Theiles des hiesigen Volkes unv Pöl'clS gegen Alles, was katholisch heißt, muß ich gestehen, daß ich zuvor etwas besorgt war, man würde von gewisser Seite während unserer Ceremonie und Procession, die man noch nie zuvor hier gesehen, Stöcung verursachen. Allein trotz des großen Gedränges licf Alles gut ab, und die politischen Blätter der Stadt sprachen sich schon in den nächste» Tagen belobend über unser Werk und über die Erhabenheit einer solchen Feierlichkeit in der katholischen Kirche aus. Alles, was bis jetzt am Bau geschehen ist, ist mcistcntheils nur durch unserer eigenen Leute Händearbeit geschehen. Die Zeit ist aber jetzt schon da, wo wir, um vorwärts zu kommen, bedeutende Geldausgaben machen sollen. Woher das nöthige Geld nehmen, weiß ich selbst noch nicht. Meine Ansicht ist jedoch diese, durch unsere eigenen Kräfte so weit zu gehen, als wir können, hoffend, daß der Herr, ver das Anfangen gab, auch das Vollbringen geben wird. Gedrängt durch unsere Noth und aufgemuntert vom hochwürdigstcn Bischos, habe ich bereits nach Wien an den hoch- würdigsten Erzbischof und Präsidenten des Leopvldinen-Misstons- Vereins geschrieben, und um Unterstützung gebeten. Ich nähre die tröstende Hoffnung, daß unsere demüthigen Bitten nicht unerhört bleiben werden. Ich habe bis jetzt in meinem Schreiben nach Deutschland noch wenig oder gar keine Aeußerungen gethan, um Aufforderungen an meine Freunde und Bekannten, und besonders an Schlesiens Klerus ergchen zu lassen, uns hiehcr zu folgen, und ihren Wirkungskreis in diesem »och so dürftig versorgten Theile des Weinberges Christi aufzuschlagen. Die Ursache war keine andere, als weil ich gewissermaßen fürchtete, für Das Schicksal Anderer verantwortlich zu werden da, wo ich mich selbst noch von so manchen Schwierigkeiten umgeben sah. Es gibt hier so Manches, was uns zu Anfang des Hierseyns nicht gefällt; unser sinnlich schwaches Her; finvet sich vielleicht in vielen Dingen und Erwartungen getäuscht, so daß leicht Einer, der nicht von ganzem Herzen den Willen hat, zur Ehre Gottes und seiner Mitchristen Heile, so wie nicht minder auch zu seinem eigenen hier zu wirken, sich leicht getäuscht glauben, und unzufrieden werden könnte. Ich hielt eö daher für rathsam, mit dergleichen Aufforderungen behutsam zu Werke zu gehen, um uns nicht den Vorwurf, aufzubürden, Andere in eine unangenehme Lage verlockt zu haben. Da sich aber der Mangel an deutschen Priestern immer eher mehrt als »lindert, und die Umstände an manchen Orten schon bereits so sind, daß für einen Priester, der sich daselbst niederläßt, wenig Schwieriges mehr zu befürchten ist; so nehme ich jetzt keinen Anstand mehr, Diejenigen unter meinen Freunden und Bekannten, und besonders unter dem jüngern Klerus Schlesiens, die Eifer für Missionen und Liebe sür ihre Mitbrüver im Herzen fühlen, aufzu- foidcrn, sich unserm Werke anzuschließen und uns hicher zu folgen, wo nicht blos; einzelne Seelen, sondern ganze Gemeinden ihrer warten und bedürfen. Es haben sich bereits an mehreren Orten deutsche Gemeinden gebildet, die Willens und fähig sind, einen Priester für sich und die Umgegend zu unterhalten. Abgesehen von Cincinnati, wo dieses Frühjahr der Grundstein zu einer dritten deutschen (katholischen) Kirche gelegt worden ist, die bis nächstes Spätjahr fertig werden soll, sind es besonders die Orte Clcveland, Canton, Chilicote zc., wo sich deutsche Gemeinden bereits förmlich gebildet haben, und die sehr nothwendig deutsche Priester brauchen.— Auf meiner vorjährigen Reise mit dem hochwürdigsten Bischof durch die Diöccse wurde ich von deutschen Katholiken oftmals ersucht, ihnen zu helfen, und dahin zu wirken, daß sie einen Priester erhielten, der beständig bei ihnen bleiben könnte. Ich versprach cS, und äußerte öfter, ich will »ach meinem Vaterlande schreiben, und dort meine Mitbrüdcr auffordern uns Hieher zu folgen, damit Eure Wünsche befriediget werden. Der hochwürdigste Bischof selbst ersuchte mich, ich möchte dieß thun. Wenn ich es bis jetzt noch nicht besonders gethan habe, so geschah es eben aus den oben angegebenen Rücksichten. Jetzt aber, wo ich mit den Umständen des Landes und der Diöccse selbst schon mehr bekannt bin, komme ich mit der Aufforderung offen heraus, und bitte und beschwöre glaubenseifrige, fromme und thätige Priester, Hieher zu kommen und uns zu helfen. . . ." Deutschland. Am 20. September starb im 7lsten Jahre der Erzpricstcr, Krcisschulen-Jnspector und Stadtpfarrer Johann Völkel von Ziegenhals, Archipresbyterat Neiße. Ehe er seine thätige und tugendreiche Laufbahn beschloß, sollte ihm noch eine ganz ungewöhnliche Freude und Anerkennung seiner Verdienste zu Theil werden. Als nämlich der Herr Fürstbischof in Breslau die Kunde erhielt, daß zu Ziegenhals ein würdiger Priester auf schwerem Krankenlager darniedcrliege, beschloß derselbe in seiner holdseligen Milde und Herablassung bei seiner vorhabenden Durchreise nach Freiwaldau, diesen frommen Diener des Herrn mit einem Besuche zu beglücken und mit dem apostolischen Segen zu begnadigen. Am 26. September Nachmittags 4 Uhr kam dieser edle und fromme Entschluß zur Ausführung. Wiewohl der Kirchenfürst sich alle Empfangsfeierlichkeit verbeten hatte, so konnte doch nickt verhindert werten, daß sich die Gläubigen zufolge der erst zwei Stunden zuvor bekannt gewordenen Nachricht des nahen Besuches auf ven Ruf der Glocken in der schönsten Ordnung unv Ruhe um den Wagen des ankommenden Obcrhirten schnarren und der Magistrat und die Honoratioren ibre Verehrung denisclbcn bezeigten. Auf die besondere Bitte und Einladung von Seiten des Archipresbyterat? durch einen Nachbar Pfarrer beruhte derselbe den Wagen zu verlassen, durchschritt segnend die Menge und begehrte vor seinem Eintritt ins Pfarrhaus, das Hciligthum des Herrn erst zu betreten. Erfreut sah cS die Menge, wie der Hvchwürdigste mit und unter den Andern am einfache» Kcm^eUuin niederknicte unv inbrünstig betete, und dann zu>- höchsten Freude Äller den Altar bestieg, von dem er an die andächtige Menge die unvergeßlichen Wvrte sprach: „Ich bin gekommen, Euren kranken Pfarrer zu besuchen, und fordere Euch als seine Gemeinde auf, für ihn zu beten, damit Gott ihn entweder gciund weidenlasse, um noch lange unter Euch Gutes zu wirken, oder aber, wenn es sein heiligster Wille seyn sollte, ihn von snn n Erdenleiden zu erlösen, ibmdas' bessere Jenseits schenke." Darauf ertheilte derselbe den apostolischen Segen und schloß mit den Worten: „Der Friede ley mit euch! Gelobtsey' Jesus Christus!" worauf die beglückte Menge freudig ihr „ in Ewigkeit, Amen!" erwiderte. Unteideß hatte sich der Kirchhofroum mit unzähligen Gläubigen angefüllt, als der Hochwü.digstc die Ki ehe verließ uuv der Pfarrwohnung zueilte. Wer kann aber erst das freudige und trostreiche Gefühl beschreiben, als der Kirchcnfürst die schichte Wohnung des ebenfalls einfachen und frommen Priesters betiat und dem Schwerkranken seine Hände reichte, sie ihm auflegte, ihn tröiiete und seine Freude über dessen Würdigkeit und Geduld aussprach, mit dem apostolischen Segen ihn beglückte und unter Thränen und Bruderkuß herzlich von ihm schied. Der Kranke hatte bei seiner große» körperlichen Schwache keine Worte, sondern nur Thränen der Freude und des Da»keS über diesen hohe» und ^beglückenden Besuch, und auch die A wescnven vermochten nur mit j Thränen zu danken. Sichtbai gerührt, rciließ der Fürstbischof das Pfarr- !hauS und eilte seinem Wagen zu, segnend die kniccnde, zahlreich versammelte Menge, und nahm unter freundlichen Bcgiüßungen von den Gläubigen Abschied, die indeß seinen voidern Wagcnsitz mit einem schönen Blumenkranz geschmückt hatten und dem dadurch freudig überraschten Oberhirten auf die Frage: „Wer dieß gethan?" die Antwort zuriefen: „Gehorsame und fromme Kinder ihrem Vater." Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Krem er. P ^ o ^»gs - WeiH, der Augsvurger Iweite Jahreshälfte. >WHM M Postzeitttng. »«. Nov. ^84S. Kurze Darsrellnna der se^enreichen Wirksamkeit des heil. Simeon Stylites. (Kah. Blätter aus Tirol.) Die katholische Kirche dürfte unter den Tausenden ihrer Heiligen kaum einen zählen, der von den Weisen dieser Welt mehr als unnützer Schwärmer verlacht worden wäre und es noch wird, als der in der erste» Hälfte des fünften Jahrhunderts so hoch gefeierte und allgemein angestaunte heilige Simeon Stylites oder der Säulensteher, das Wunder und die hervorleuchtendste Erscheinung seiner Zeit. Gewohnt, die Wirksamk.it eines Menschen nur nach dem lauten Rennen und Treiben in's Aeußere hin zu messen, schaut der kurzsichtig? Blick der in's Materielle versunkenen Klüglinge mit Verachtung zum wunderlichen Heiligen auf der Säule empor, und kann in dem stillen Beter und Büßer höchstens einen bemitlcidcnswerthen Thoren, oder vielmehr einen des Hohnes und Spottes würdigen Müßiggänger sehen. Und doch war Simeon Stylites — kein Müßiggänger! Seine Säule war ein hehrer Schauplatz weiinmfassender Thätigkeit und eines höchst segcnvlllen Wirkens zum Wohl unzähliger Menschen, ja ganzer Bölkerstämme, und wir wagen es kühn zu be- Häupten: Eine Stunde seines edlen Lebens auf ihr trug Wohl reichere Fruchte für Gottes Ehre und des Nächsten Heil, als das ganze bewegte Leben vieler rastlos geschäftigen sogenannten Welt- bcglllcker. Im ersten Gesichte -), das er noch als Hirtenjüngling schaute, ward ihm von einer glänzenden Himmelögestalt gesagt: „Der Herr will, daß sein Name durch dich verhcnlicht Werde. Viele sollst du vom Irrthume zur Erkenntniß der Wahrheit führen; durch dich sollen die Gebote der heiligen Kirche ne e Kraft erhalten. Könige und Nichter mit ihren Unterthanen werden deinem Worte gehorchen. Sey standhast, und trage Liebe gegen Jedermann in dir!" Wiederum ward er in einer andern Erscheinung bestellt, für alle Armen Sorge zu tragen, Bedrängte zu ") Erzählt vom Priester CoSmaS, einem Zeitgenossen des Heiligen und Augenzeugen vieler Tha'en und Wunder ees großen Mannes, in einer weitläufigen Lebensbeschreibung dc°selbcu in syrischer Sprache, Sie steht unter dem Titel: ^cls s, Simeonis 8t)Iiti>«. als An. hang im zweiic» Bande der ^ct-> U-irl^ium (IriLiUslimn, herausgegeben von Stephan Eved, Asscmani. schützen, Waisen und Wittwen beizustehen, Mächtige und Neiche ohne Scheu zurecht zu weisen, und ihrem Ucbcnnuthe zu steuern. So war ihm die Ausgabe seines L-bens von Oben bestimmt, und er entsprach treu und unermüdet mit übermenschlicher Beharr^ lichkeit dem hohen Berufe, der ihm geworden. Ordnen wir die verschiedenen Wecke, denen er sich him,cgeben, und die mannich- fachen Wohlthaten, deren die Menschheit durch ihn thcilhast geworden, so finden wir nach den Berichten des erwähnten syrischen Biographen, dann seines gelehrten Freundes Thcodvret, und anderer völlig glaubwürdiger Zeugen: 1. Er hielt täglich wenigstens zweimal belehrende Vorträge an das von allen Seiten zahllos herbeiströmende Volk, mit himmlischer Beredsamkeit Alle aufmunternd, nach dem Ewigen zu trachten, GotteS und der heiligen Kirche Gebote zu halten, vom Irdischen sich loszureißen, und die Hölle zu fürchten. So bewirkte er eine Menge der auffallendsten Bekehrungen vom Laster zur Tugend. 2. Er bekehrte eine Menge Heiden, ja ganze wandernde Völkcistämme zum Christenthumc. Areber, Perser, Armenier, Jberier, selbst Britten, Gallier und Spanier vom äußersten Westen der drängten sich, begierig nach der Lehre des Heils, zu dem auf der Säule stehenden außerordentlichen Manne im fernen Mvrgen- landc. 3. Er trug wachsame Sorge für die Sittlichkeit umliegender Gemeinden, wie z. B, der Kirche von Phanir in Cölesviien, d>ren Priester eben dieser Cosmas war, der uns die aussah lichc Erzählung der Wundcrthaten des Heiligen hinterlassen. Solche Gemeinden ermunteite er sogar hie und da duich Briefe zu einem wahrhaft christlichen Lebenswandel. 4. Als Engel des Friedens legte er Zwiste bei, schlichtete die Streitigkeiten vieler ihn zum Schiedsrichter Wählenden, und hörte eines Jeden Anliegen geduldig und liebreich an, um zu ratv>n, zu trösten und zu helfen. 5. Von ungerechten Nichtern oder andern Unterdrückern Bedrängte fanden an ihm einen Vater und Netter, der seine Schützlinge meistens durch auffallende Wunder der Strafe an ihren trängcrn vertheidigte. Um des Wohles der Untergebenen willen trieb er saumselige Obrigkeiten zur eifrigern Erfüllung ihrer Pflichten an. 6. Doch nicht bloß auf einzelne Personen, Gemeinden oder Völker erstreckte sich die Wirksamkeit des großen Mannes, sondern auch für die ganze Kirche ward sie in Anspruch genommen. Zur Entscheidung der wichtigsten Angelegenheiten und Fragen seiner Zeit ward SimeonS, des berühmten Säulenstehers, weiscr Rath und vielvermögende Mithilfe nachgesucht. An Kaiser Theodos II. schrieb er zu Gunsten der Christen gegen die Juden; durch ihn bewogen entsagte die Kaiserin Enoxia der Irrlehre des EutycheS; Kaiser Marcian verkleidete sich, um frei und unerkannt mit dem von höherem Richte erleuchteten Einsiedler sich zu besprech n; Kaiser Leo befragte ihn wegen des Conciliums von Chalcedon, und der Heilige trug sehr viel dazu bei, das; sich bei der Verdammung des NcstvriuS die orientalischen Bischöfe, an deren Spitze Johannes, Patriarch von Antiochicn, stand, mit dem heiligen Cyrillus von Alexandne» und dem Concil von Epliesus vereinigten. 7. Er war der allgemeine Nvthhelfer der Leitenden jeder Art durch außerordentliche Wunder, der mit der Gabe der Heilung ausgerüstete Arzt der Kranken, der stets sorgsame Vater der Armen, und die Zuflucht aller Hilfsbedürftigen. 8. Er betete, betete viele Stunden des TageS, und mit Weniger Unterbrechung die ganze Nacht hindurch; und ein Gebet, Wie Er betete, ja — das rechte, wahre Gebet überhaupt ist kein Müßiggang, eS ist eine heilige Aibeit, ist die schönste Beschäftigung der Frommen und Heiligen hienicden, und der Seligen und Heiligen oben die ganze Ewigkeit Hindu?ch. „So großen Nutzen," sagt Theodoret, „ergoß die von Spöttern verhöhnte Sänle." Von ihrer Höhe herab flössen Segnungen des Himmels, Licht und Wärme der heiligen Lehre und Liebe. Darum ruft der syrische Lebensbeschreiber mit Recht bewundernd aus: „Wie Viele wurden durch ihn Junger der wahren Lehre, und Gefäße der Ehre! Wie viele Unzüchtige wurden keujch, wie viele Wüstlinge zur Reinigkeit bekehrt, wie viele Buhlerinnen durch seinen bloßen Anblick von serne in treue Freundinnen Christi umgewandelt! Wie viele Bedrängte sind durch sein Wort von ihren Drängern errettet, wie viele Schuldbriefe durch seine Verwendung vernichtet worden! Wie vielen Mißhandelten ward Ruhe, wie viele Sklaven wurden befreit, wie viele Waisen und Wittwen aufcrzogcn und ernährt! Er erhöhte das Ansehen der Purster Gottes, unv hielt die Verordnungen der h.iligen Kirche aufrecht. Er steuerte dem Wucher, und brachte es dahin, daß Viele sogar keine Zinsen mehr forderten." Dann verbreitet er sich staunend über die Wunde-baren Heilungen und Hilfeleistungen in der Nahe und in die Ferne hin, Heilungen von den schwersten Gebrechen und Krankheiten, Rettungen aus Gefahren zu Wasser und zu Lande, u. s. w. Ferner berichtet er, daß oft Briefe von Königen oder Gesandte derselben beim Heiligen anlangten, um sein Gebet und seinen Segen für die Reiche zu erflehen, und seine B.fehlc zum Wvhle der Unterthanen zu vernehmen. Sie nannten ihn aber im Eingange ihrer Schreiben „Vater und Lehrer, der uns von Gott gegeben wurde." llnv Simcon rieth und verordnete ihnen Alles, was Gott gefällig, zu dessen Ehre, für das Heil der Seelen ersprießlich, für die Armen vo-thcilhaft, und zur Befestigung der Herrschaft dieser Fürsten dienlich war. So lebte nach dem Zeugnisse von Zeitgenossen und Augenzeugen der Mann auf der Säule. So lebte er, eine lange Reihe von Jahre» hindurch rastlos wirkend für die Ehre seines Herrn und das Wohl seiner Vrüver, und dieß unter dem Drucke furchtbarer körperlicher und geistiger Leide», wodurch Gott sein.n Diener und Liebling prüfte unv reinigte, lind ein solches Leben wäre nur müßige Schwärmeret gewesen?! Ein Leben stete» BetenS und Leidens, der strengsten Abtödtung und Selbstverläugnung, der Belehrung und Ermahnung, der thätigsten Liebe und Erbarmung gegen Alle; ein Leben wirksamen wohlthätigen Einflusses auf Hohe und Niedere, Pri.stcr und Laien, Reiche und Arme, Gemeinden und Völkerstämme, Kirche und Staat; ein Leben, reich an den schönsten und hcldenmü'thigsten Tugenden, an Geduld und Demuth und Sanftmuth, und herzgewinnender Freundlichkeit und unbesiegbarer Standhaftigkcit im Guten, — ein so großes und edles und heiliges Leben eine müßige Schwärmerei?! Nein! Wir nennen es mit Recht voll Ehrfurcht und Bewunderung ein wahrhaft thätiges und scgenreiches Leben, einen her-lichen Baum voll der besten Früchte für das ewige Leben, eine überfließende Quelle von Wohlthaten für die Menschheit, einen Schatz des Hmm-ls f >r Kirche und Staat, einen Acker reich an Ernten für Jenseits, und Simeon Stylites ist den größten, heiligsten, einflußreichsten, verdientesten, und darum ehrwürdigsten Männern beizuzählen, die der Himmel je in seiner Huld und Gnade der hilfsbedürftigen Welt geschenkt, eine Sonne, nach allen Seiten hin ihre Strahlen versendend voll Licht und heiliger Glut. Aber — das Stehen auf der Säule? War denn nicht wenigstens diese Lebensweise Thorheit und Unsinn? Hätte er nicht auf eine andere, vernunftgemäßere Weise eben so wirken können? „Nein," ist Möhlers Meinung*); „nur so brachte er jene erschütternde Bewegung in den Gemüthern hervor. Dieß konnte nur Er wirken, und zwar in der ganz bestimmten Erscheinung, wie er stand auf der Säule" und so weiter. Katerkamp aber bemerkt im dritten Ban?e seiner Kirchengeschichte über Simeons Lebensart: „Es scheint doch der Vorsehung gefallen zu haben, durch ihn eine erschlaffte Zeit zu beschämen, und.ein Vorbild aufzustellen, was der menschliche Wille für unv durch Gott vermöge. Durch seine sonderbare Lebensweise sollten höhere Zwecke erreicht werden. So beweiset der Erfolg." Entschiedener als Katerkamp mit seinem „Scheinen" erklärten die Zeitgenossen unseres Heiligen, Cosmas und Theodoret, ihre feste Ueberzeugung, daß es ausdrücklich so Gottes Anordnung und Wille gewesen sey, ihn als Licht auf die Säule zu stellen. Eine Engelerscheinung lehrte, wie die syrischen Acten erzählen, den Heiligen die Art und Weise des Stehens und Betens; Gottes Absicht aber, bemerkt der Verfasser, sey gewesen, „weil Er die Welt wie eingeschlafen sah, durch Simeons Leiden die Menschen von der schweren Bersunkenheit zu erwecken.' Cosmas sowohl als Theodoret führen dann aus dem alten Bunde mehrere Beispiele außerordentlicher und seltsam scheinender Austräge Gottes an Propheten an, gegeben zur Wiedererweckung des gesunkenen sittlichen Lebens der Menschen, die so oft nur durch das Außerordentliche und Wunderbare aus langgewohnter Erstarrung und Erschlaffung aufgeregt werden können. So haben wir, um mit Theodoret zu reden, einen Tropfen der Wirksamkeit Simeons, des Styliten, dargestellt, um daraus auf den reichen Regen der Segnungen seines merkwürdigen und wohlthätigen Lebens schließen zu lassen. Erwägt man di-ses Leben näher, so muß man in der That mit dem heiligen Jakob von Sarug"*) gestehen, daß es über jeden Ausdruck erhaben sey, unv, wie er, Simeon einen an Triumphen reichen Kämpfer nennen, und einen auSerwähltcn Vater voll der erhabensten Großthaten. ') Vergleiche den L. Band der gesammelten Schriften und AusfStzc Mvhiers, herausgegeben ron Döllingcr. Dem berühniresten wnschcn L.rter und Lehrer nach >st. Ephräm, in seiner mctnfchcn Lvvrede auf Simeon Stylites. Diese Zeilen mögen aber dienen als vorläufige Ankündigung einer ausführlichen Darstellung des Lebens und Wirkens des großen Styliten, die der Unterzeichnete mit Zugrundelegung der syrischen Acten aus den bewährtesten Quellen, z. B. Theodoret, den Bol- landlsten u. s. w., zusammenzustellen versuchen wird. P. PiuS Zingerle, 0. S. L. Der Convertite Newman (Neue Sion.) Hat von vr. Puley, Professor der hebräischen Sprache, die »nglokatholische Partei ihren Namen, so ist Newman die Seele derselben. ") Beive Männer stehen in den kräft-gsten Jahren. Pusey wurde 18W geboren. Nachdem er im Jahr 1Z22 seinen ersten Grad in lilteris Kumsnioridus erhalten hatte, wurde er zum l^lellov) Mitglied des Kollegiums von Oriel gewählt. Im Jahr 1328 wurde er zum Professor der hebräischen Spiache ernannt, eine Stelle, mit der zugleich ein Kanonicat verbunden ist. Herr Newman, etwas jünger als Pusey, ist nicht Doctor, sondern bloß BaecalaurenS der Theologie und obwohl Mitglied i^sLllov) der Universität Oxford, ist er nicht Professor. Seine Stellung ist die eines kellc^v oder Mitglieds des Kollegiums von Oriel und Pfarrers an der Kirche der heiligen Jungfrau Maria. In letzter Eigenschaft wirkte er besonders einflußreich aus die studirende Jugend durch seine Predigten, die er, so wie m-hrcre andere Schäften theologischen Inhalts, im Druck herausgab und dadurch bald auch in weiteren Kreisen als tie'er Denker und frommer Geistlicher bekannt wurde. Einige verknöcherte A->glicaner suchten zwar die Jugend von seinen Predigten feine zu halten und eadurch seinen Einfluß zu schwächen, es schlug jed ch zu ihrem Nachtheil aus, sofern die daraus entstandenen Streitigkeiten die Zahl seiner Schüler vermehrten. Mit dem Erscheinen der „Abhandlungen für die geg?nwärt!ge Zeit" (ti-acts kor tlis times) im Jahr 1833, wurde der litem- rischen Thätigkeit Ncwmans ein neues Feld eröffnet, sofern er hier als thätiger und eifriger Mitarbeiter auftrat. B.kannt ist die 98. und zugleich letzte Abhandlung, die im Jahr 1841 erschien und deren Verfasser Newman ist. In dieser Abhandlung nämlich suchte Newman die 39 Artikel der englischen Kirche mit den Bestimmungen des Concils von Trient in Einklang zu bringen. Um zu zeigen, wie Newman htcbci verfuhr, wollen wir eine kleine Probe geben. Wie so manche Scctc, nennt auch die englische Knche die Bilververehrung eine Bildcranbetung. Wenn nun in den 39 Artikeln von Bilderanbetung gesprochen und diese verdammt wird, so sagt Newman, das habe auch die Kirchenver>ammlung von Trient gethan und die 39 Artikel verwerfen also bloß einen in jener Zeit bei den Katholiken sich findenden Mißbrauch, nicht aber die Bilderverehrung überhaupt. Mit der Lehre der katholischen Kirche war nämlich Newman schon in f.üher Zeit ganz einverstanden und er suchte dem absterbenden dürren Baum der englischen Kirche dadurch gleichsam aufzuhelfen, daß er lebenskräftige Sprossen, die er der katholischen Kirche entlehnte, jenem einpfropfte. Römischer Katholik will Newman um diese Zeit noch um keinen Preis seyn. *) Wir halten uns hiebe! besonders an die von Gvndvn verfaßte Schrift,' „vie religiöse Bewegung in England vver die Fe-rlschnile des Kuihvlicismus und die Rückkehr der anglicanischen Kirche zur Einheit.« - Diese Sehnst, die interessante Ausschlüsse über Englands gegenwäniae Lage gibt uns darum empichlenswenh ist, wuroc ms Deutsche uversetzl, Äiainz, Verlag von C. G. Knnze 13^5, In den Schriften, die vom Jahr 1833 — 37 von ihm erschienen, nennt er die römische Kirche eine verlorene. Rom ist ihm ketzerisch und hat sich mit der Sache des Antichrists verbunden, es hat die Lüge an die Stelle der Wahrheit gesetzt und muß daher geflohen werden, wie die Pest. So redet Newman i» den dreißiger Jahren! Auch in den Streitigkeiten, die durch die 9vste Abhandlung entstanden, zeigt sich noch eine große Abneigung gegen die katholische Kirche. Doch ist die Ahnung, daß in dieser Kirche jenes verlorene Paradies sey, nach dem sein Herz und G.ist so mächtig verlangt, viel stäiker und klarer. „Das Jahrhundert strebt, schreibt er, ich weiß nicht nach w-lchem unbekannten Etwaö hin, und was außerordentlich ist, die einzige religiöse Gemeinschaft, welche im Verlauf dieser letzten Jahre sich unter uns im Besitze dieses Unbekannten zeigte, ist die Kirche von Rom. Sie allein hat, trotz ihier Irrthümer und der Unbequemlichkeit ihres praktischen Systems, den innigen Gefühlen der Anbetung, der G.hcim- nisse, der Zärtlichkeit, der Ehrfurcht, der Andacht und so vieler anderer, welche man insbesondere katholische Gefühle nennen kann, eine freie und regelmäßige Entwicklung gegeben." Daß in der katholischen Kirche die volle und ungetrübte Wahrheit sey, wenigstens in der Thcvrie, das dräng/ sich ihm vom Jahr 1841 immer unabweisbarer auf und bringt ihn so weit, daß er alle Schmähungen, die er in unklarem Eifer auf sie gewälzt, öffentlich widerruft. Er kann cS kaum begreifen, daß er als einzelnes Individuum gegen eine so alte, so verbreitete Gemeinschaft, die so viele Heilige erzeugte, solche Dinge sagen konnte und entschuldigt sich damit, daß dieses eigentlich nicht einmal seine eigenen Worte seyen, sonde n die aller englischen Theologen, die, so gelehrt, so ausgezeichnet sie auch waren, sich doch in Schmähungen gegen Rom überboten. Sodann wünschte er auf diese Weise die Anschuldigung des RvmaniSmuS zurückzuweisen. Seit dieser Wiverruf bekannt wurde, erhob sich natürlich das Geschrei seiner Gegner über Romanismuö noch ärger und lauter. Man muß sich auch wirk.ich fragen, warum Newman nicht in die Katholische Kirche zurückkehrte, die er doch als die Trägerin der iWahiheit und Gnade c.kannt hatte? Eine offene, volle Antwort ^hierauf gibt ein Schüler Ncwman's in einem Schreiben, das an ^das Univers gerichtet war, um die Franzosen über den Puscyismus lzu oricntiren. „Meine Herren, schreibt dieser junge Anglvka'holik, die Demuth, die erste Bedingung jeder gesunden Verbesserung, mangelt unS nicht; wir seufzen über die Sünden, die unsere Vorfahren ^begingen, indem sie sich von der katholischen Welt trennten; wir empfinden ein heißes Verlangen, uns mit unsern Brüdern zu vereinigen; wir l eben mit ungehcuchelier Liebe den apostolischen Stuhl, den wir als das Haupt der Christenheit anerkennen, und dieß um so mehr, als die Kiiche von Rom unsere Mutter ist, welche aus ihrem Schoeße den glückseligen heiligen Äugustiu schickte, um unS ihren unerschütterlichen Glauben zu übe.bringen. Wir erkennen auch an, daß weder unsere Formulare noch auch der 5Urchcnrath ^von Trient uns an einer Vereinigung hindern. Nach allen diesen Zugeständnissen können Sie mich wohl fragen: warum kommt ihr denn nicht, euch mit uns zu vereinigend — Vorerst, meine Herren, unterscheidet Herr Newman, wahrend er sich so bestimmt über die Reinheit der von der Kirche Roms geltend gemachten Formulare auSd>ückt, immer zwischen dem System der Kirchcnver- scunmlunz von Tiient und einem andern System, welches in dieser Kirche besteht. Während er Gott dankt, daß er die Nirchenver- sammlung von allem formellen Irrthum in Glaubenssachcn bewahrt ha>e, behauptet er zugleich, daß in Sachen der Ausübung Vcr- derbnisse in der Kirchc seyen, gegen welche die Kirchenversammlung selbst die Stimme erhebt, welche aber nichts desto weniger noch bestehen und laut eine Verbesserung fordern. — Er behauptet immer, daß die Theorie der Kirche rein sey, indessen nach gewissen, zu allgemein verbreiteten Andachtsbüchern und den Erzählungen mehrerer aufgeklärten und vom gewöhnlichen Protestantismus ganz freien Reisenren fürchtet er, eS sey ein gutgeheißenes System vorhanden, welches in der Ausübung, statt der Seele des Sünderö die heilige Dreieinigkeit, den Himmel und die Hölle vorzustellen, die heilige Jungfrau, die Heiligen und das Fegfcuer an die Stelle jener setzt. Allerdings bildet alles diess keinen wesentlichen Theil des Glaubens der Kirche; indessen gesteht er, daß dieses System so laut eine Reform erheische, daß es der anglicanischen Kirche unmöglich sey, sich der römischen in die Arme zu werfen." Das sind also die Irrthümer des „praktischen Systems," die Newmcm von der Kirche ferne hielten. Das Aufgeben dieser vermeintlichen Dinge ist ihm die Reform, die er von Rom fordert, um alebald in Gemeinschaft mit demselben zu treten, „ungeachtet alles Widerspruchs der Staatsmänner und der bürgerlichen Gewalt." Man sieht hier, was Vorurthcile, anerzogener Haß vermögen, selbst bei einem Manne von so scharfem Blick und großem Geiste. Newmcm bucht anfänglich mit allen seinen Glaubensgenossen über die katholische Kirche den Stab, seine Studien lassen aber keinen Zweifel mehr in ihm aufkommen, daß alle Ergüsse des anglicanischen Eifers Bcrlcumdungcn sind; er spricht die Kirche theoretisch frei. Unbekannt mit dem katholischen Leben und Leiden trägt er das Bild, das ihm von Kindheit an von der Kirche gemacht und eingeprägt wurde, auf die Praxis über, und glaubt hier den Götzendienst, den Irrthum, die Lüge zu finden, die er in den Dogmen der Küche vergebens sucht. Will man die Thätigkeit und den Einfluß Newmcm's nach seinem ganzen Umfang kennen lernen und würdigen, so darf man den Antheil, den er an dir Herausgabe und Redaction der LritisK eritie bat, nick't übersehen. Als die cmglokatholische Partei erstarkte, schuf sie sich bald Organe, durch die sie ihre Ideen als fruchtbare Keime verbreitete. Dahin gehören die bereits erwähnten .Abhandlungen für die gegenwärtige Zeit" und die IZritisI, eritic!, deren Redaction Newmcm übernahm. Es ist dieses eine Licrteljahrschrift, die eben so Theologie als Kunst und Politik in ihren Bereich zieht und mit großer Gründlichkeit und umfassender Gelehrsamkeit vom anglokatholischen Standpunct aus beurtheilt. Die Gediegenheit und ernst, wissenschaftliche Haltung verschafften der Zntschnft sehr schnell Eingang und mit ihr auch puseyitischcn Ansichten und Grundsähen. War Ncwman geistreich und muthig genug, die Halbheit der anglokatholischen Bewegung zu durchschauen und nach gewonnener Erkenntniß in die Küche zurückzukehren (denn daß seine Ansicht von dem praktischen System ein Irrt um ist, bedarf keiner Erwähnung), so ist dieses Pusey bis jetzt nicht gelungen. Er steht noch auf dem Standpunct, den Newman vor 1841 eingenommen hat und durch die Vorgänge im Jahr 1843, wo er die bekannte Predigt hielt, wurde er nur noch mehr hineingetrieben und scheint sich festgerannt zu haben, so er nicht, durch die göttliche Gnade gezogen, endlich doch noch die Heimath findet in der katholischen Kirche. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Deutschland. 5 Kloster Oberschönefeld. In unserer Klosterkirche werden sich am 2. December wieder fromme Seelen zu einer religiösen Feier versammeln, die schon mehrmal statt fand, seitdem die schirmende Hand der Vorsehung dem völligen Untergänge unsers Stiftes wehrte, und durch ihr zum Besten unserer heiligen Religion allzeit bereites Organ, unsern Allergnäbigstcn Landesvater, dasselbe wieder in's Leben rief. Diese Feier betrifft drei Jungfrauen. Eine Laienschwester, Francisca Schwarz von Ettenbeuern, legt auf 3 Jahre ihre Prvfeß ab, und zwei Andere, von denen die erste für den Chor und die Arbeitsschule, und die zweite zu den Diensten einer Laienschwester bestimmt ist: Joscpha jetzt Alaidis Schmid von Augsburg, und Nadegunda jetzt Wendelina Joachim von Margarshausen, werden eingekleidet. Möchte uns bald ein einträgliches Institut zugewiesen werden, wodurch unsere Fortdauer hinlänglich gesichert wäre, da die oft zahlreiche Arbeitsschule armer Landmädchcn dem Kloster nichts einträgt, vielmehr große Kosten verursacht! Wie wohlthätig wäre z. B. eine Versorgungs-Anstalt für verwahrloste, unmündige, weibliche Kinder, einstweilen etwa bis auf sechs Jahre, ein Vorschlag, der gleich bei unserer Restauration, sogar in Tagblättcrn, mit vollem Beif.elle aufgenommen wlüde. Allein bis jetzt fehlen noch immer die Mittel, nm diese frommen Wünsche in Wirklichkeit zn verwandeln; doch wir vertrauen auf Gott, mit dem wir das Werk angefangen haben, und der es auch zu seiner Ehre, und zum Heile der Seelen hinausfuhren, und so die Standhciftigkeit krönen wird, womit unsere alten Conventualinnen unter hundert leidigen Zufällen in ihrem geliebten Stifte ausgehalten haben, und ihrer frommen Sehnsucht nie entsagen werden: Nur immer bei JesnS zu seyn und zu bleiben, Und alle Gedanken der Welt zu vertreiben; Ihr Ringen und Flehen geht einzig dahin, Für Ihn zu erglühen mit heiligem Sinn. Statistik der katholischen Kirche in Nordamerika. AuS dem katholischen Almanach dieses Jahres ergibt sich, daß die vereinigten Staaten, das eben anncxirte TcxaS nicht miteinbegriffen, 21 Diöcesen und ein apostolisches Vicariat, 675 Kirchen und 592 Kapellen, 572 in den Messionen beschäftigte Peicster und 137 Priester in den Kollegien und Seminarien, 22 geistliche Lehranstalten, 22 Seminarien, 28 Kollegien und höhere Bildungga stalten für die Jugend, 2g religiöse Gene ssensckaflen, 94 katholische WolMätig- kcitS-Bereine und eine katholische'Levöllerung von ungefähr 1,300,000 S.clen besitzen. Letztere Angabe beruht jedoch nur auf einer ohn- gefähren Schätzung und der wirkliche Stand der katholischen Bevölkerung ist wahrscheinlich viel stärker. Vergleicht man diese statest schen Angaben mit den älteren, so ergibt sich daraus das erfreuliche Resultat, daß unsere heilige Religion dort in steter Zunahme begriffen ist. Im Jahre 1835 gab es in den Vereinigten Staat. « nur 13 Diöcesen, 14 Bischöfe, 272 Kirchen, 327 Priester, 12 Seminarien und 9 Kollegien; im Jahre 1840 zählte man schon 16 Diöcesen. 17 Bisctöse, 454 Kirchen, 432 Priester, 18 Seminare und 11 Kollegien; und jetzt im Jahre 1845 haben wir 21 Tiöcesen, ein apostolisches Vicariat, 26 Bischöse, 675 Kirchen, 709 Peiester, 22 Seminarien und 15 Kollegien, ohne von der Zunabme der weiblichen religiöscn Genossenschaften und Töchterschulen hier zu reden. _ ^ Verlags-Jnhab.r: F. C. Krem er. ' H ^ V»Sv ' Dr,/., d»r «/ ^ ^^^"^^u^^^SV Ppftzeitttng. Iweite Jahreshälfte. ^S. 7. Dec. 18-45. Conversionen zu Rom. (Aus Huriers „Gcburr und Wlc!>ere>el'url", drittes Bändchen.) Daß in Rom Konversionen häusiger vorkommen, als sonst irgendwo, ist begreifli ch. Feblt es ja nie an Solchen, welche mit zuvor schon gehegter Absicht oder angeregter Neigung nach dem Mittelpunct der Kirche sich begebe», dieweil cs sie hinziebt, an diesem selbst offen zu bekennen, wozu inneres Sehnen oder vielleicht bereits gewonnene Ueberzeugung sie geleitet hat. Außer dem sind der Veranlassungen, der nicht zu berechnenden Einwir- kun>en, welche dergleichen anbahnen, fördern, bewerkstelligen, gar mancherlei. Ganz Rom ist für den, welcher Ohren hat, zu hören, gleichsam eine nie vc stumme« de, in dn mannichfaltigsten Redeweise an einen Jeden sprechende Pred'gt zu Bertuiidung des in das Leben einget-ctenen christlichen Glaubens. Auf Rom läßt sich das Wort des Psalms anwenden: „Der Tag übergibt dem Tag das Wort, und eine Nacht thut kund das Wissen der andern. Es gibt keine Sprache und keine Rede in der ihre Stimme nicht gehört wurde. Ihr Schall geht aus in alle Lande und an die Ende des Erdkreises ihre Wotte." Wohl möchte es nichts Anziehenderes, nichts Lehrreicheres geben, als wenn die Beweggründe, die Veranlassungen, die Einflüsse könnten zusammengestellt werden, welche während des Verlaufs bloß eines einzigen Jahres aus die verschiedenen Individuen zu deren Rückkehr in die Kirche eingewirkt haben. Ohne allen Zweifel würde man daraus sich überzeugen können und überzeugen müssen, daß bei den Bedeutendem und in jeder Beziehung Selbst- ständigen unter denselben nichts weniger unterlaufen sey, als dasjenige, was man gewöhnlich Proselytenmachcrei nennt, und von der man so gerne ganz Rom angesteckt wähnt; indeß man gewiß, wenigstens in den höhcrn Class.n, so der Geistlichen als der Laien, hier derselben so ferne steht als irgendwo, eben so viel Zartgefühl besitzt, um in die inncesten Herzensangelegenheiten eines Dritten unberufen sich nicht einmischen zu wollen, als anderwärts. UebrigenS gibt cS eine zweifache Proselytenmachcrei; und cs ist die größte Frage, welche von beiden schwunghafter betrieben werde, ind ß diejenige, welche von beiden die würdigere sey, weniger zweifelhaft ftyn kann. Es gibt eine Proselytenmacherei, welche in festbegründcter Ueberzeugung wurzelt und die Liebe als Agens hat, eine andere, welche, wenn nicht aus Wanken und Gleichgültigkeit hervorgeht, doch die Abneigung, wo nicht den Haß, zur bewegenden Kraft macht; eine, welche, glücklich im Besitz reicher und kostbarer Habe, jeden Andern zu deren Mitbesitz einladen, mit demselben ihn ausstatten möchte, eine andere, welche, auf »bre Entblößung stolz, denjenigen, der diese nicht theilt, bereden mochte, auch seines Besitzes als eines werthloscn Dinges sieh zu cntschlagcn; die eine theiet mit, die andere entzieht, denn sie kann nichts geben, im besten Fall dem Menschen nur dasjenige lassen, was der, welchen sie gewinnen möchte, längst schon gehabt hat. Die eine weiß, Daß sie das Individuum, welches sie zum Gegenstand ihrer Bemühungen wählt, in eine, über alle Zeit und allen Raum sich erstreckende und von dem Himmel zur Erde reichende Verbindung einfügt, die andere, daß sie von dieser eS losreißt, um es in eine solche zu bringen, der keine andere Bürgschaft gegeben ist, als diejenige des (immerhin wandcibarcn) guten Willens einer größern oder genngern Anzahl von Personalitäten. Jene hat einen positiven, ja mehr als positiven, einen unerschütterlichen Ausgangspunct und faßt eine positive Wirksamkeit ins Auge (wiewohl cs gutmüthigem Eifer leicht begegnen mag, daß er in dieser Beziehung allzuleicht sich täusche), jene, von Negativem ausgehend, ist außer Standes zu berechnen, wo das Endziel der Negation gesteckt sey. Aber gerade da, wo die Proselytenmachcrei aus dem Bewußtseyn des vollen Besitzes und auö einer anerkannten Verpflichtung hervorgeht, zu dessen Theilnahme auch Andern zu verhelfen, kann in untergeordneten Verhältnissen die Anwandlung zu einer gewissen, die natürlichen Gränzen leicht überschreitenden Bethätigung derselben nahe liegen. Ich will gar nicht bezweifeln, daß mancher Priester in einfacher Gutmüthigkcit seines Herzens sich verpflichtet glaubt, dieselbe versuchen zu sollen, wo nur immer Gelegenheit dazu sich darbieten mag; daß daher in Gefängnissen oder in Spitälern oder an andern derartigen Orten Mancher aus den untern VolkSclasscn in die katholische Kirche hinübergezogen wird, der sonst vielleicht nie daran gedacht hätte; daß sogar zwi-- schencin auch Mittel mögen angewendet werden, deren Rechtfertigung schwer fiele. Eine Frage aber wäre cs, ob diejenigen, welche bei vorkommenden Fällen alsbald Lärm zu schlagen bereit stehen, auch immer die Umstände kennen und, wenn sie dieselben kennen, vor Uebertreibung sich frei halten und daneben zu richtiger Beurtheilung dessen geneigt seyn möge«, was vielleicht in mehr als einem Fall den Lärm nothwendig dämpfen müßte? Es ist vor wenigen Jahren vorgekommen, rcisz mehrere nichtkatholische Sträflinge längere Zeit in einer Gefangenschaft zu Rom sich befanden. Von diesen gingen Einige, ob aus innerer Ueberzeugung, ob in Hoffnung, ihr Loos zu verbessern, ob in vollkommen freiem Willen oder überredet, weis; ich nicht, zur katholischen Kirche über. Das wurde bekannt, und augenblicklich begab sich der Hausprcdigcr einer Gesandtschaft, der in aller Zeit rorher niemals um diese Menschen sich bekümmert hatte, in die Gefangenschaft und ließ dieselben zusammen kommen. Denjenigen, welche katholisch geworden waren, machte er darüber Lorwürfe, erhielt aber die Antwort: wenn sich um die religiösen Bedürfnisse der Gefangenen diejenigen nicht bekümmerten, welche im Fall wären, darum sich erkundigen und Beistand leisten zu können, wenn der Gefangene aller Mittel zu seiner Belehrung und Tröstung sich beraubt sehe, so dürfe eS Niemand befremden, daß er zu denjenigen Mittel» seine Zuflucht nehme, die ihm freundlich dargeboten würden. Dieß Wäre die Ursache, weßwegen sie katholisch geworden wären. — Den Andern nun, welche deren Beispiel nicht gefolgt waren, gab der Prediger Namens seines Fürsten eine Geldunterstützung. Darüber beschwerten sich nun jene Erstern, indem sie meinten, sie wären, trotz ihres Ueberlrittes zu der katholischen Kirche, Unterthanen ihres Landeöherrn, so gut als jene Anvern, zumal die Zahl der unter seiner Regierung stehenden Katholiken keine geringe sey. Das hatte die Folge, daß von dem Staatssecretariat des Innern mchtkatholischen Geistlichen der Eintritt in die Gefängnisse untersagt wurde. War dieses Verbot nicht dmch jenen Vorgang gerechtfertigt? Diente aber das Geschenk als Mittel, Jene in ihrem nichtkatholischen Glauben zu festigen, ist es ein prciswürdi- gercs, als dasjenige, durch geweckte Hoffnung besserer Behandlung oder schnellerer Entlassung einen Gefangenen zur Annahme eines andern Glaubens zu bewegen? Bei manchen ungesuchten und unbeabsichtigten Bekehrungen selbstständiger Personen würde man nicht selten auf die überraschendsten Veranlassungen und Einwirkungen stoßen; auf Einwirkungen, Wenn nicht gerade so unerklärlich und wunderbar wie diejenige, welche Theodor Ratisbonne in die Kirche hineinführte, doch immer so auffallend, daß in ihren ersten Anfängen wenigstens der Finger Gotics nicht verkannt werden könnte; wie in jenem Regenschirm Welchen ein Engländer in einem Beichtstuhl zurückgelassen hatte, was zur Veranlassung wurde, ihn sammt einem Freunde wieder in die Kirche zurückzuleiten, wie Solches in Abbe Rohrbacher's „Ucberblick über die vornehmsten Bekehrungen" zu lesen ist. Einen nicht minder merkwürdigen Gang nahm die Bekehrung einer deutschen Dame, welche vorzüglich alle die Abneigung gegen das Papstthum und die Pe.son eines Oberhauptes der Küche mit sich nach Rom brachte, welche so häusig den deutschen Protestantismus aller Schattirungen und Abarten durchdringt und stachelt. Eines Tages begegnete sie unfern des Stadtthores dem Papst, der eben eine Spazierfahrt machte. Da zwang es sie mit unwiderstehlicher Gewalt, gleich Andern, auf die Knie zu fallen und den Segen des ehrwürdigen Greisen zu empfangen; was augenblicklich einen so tiefen Eindruck auf sie machte, laß sie beinahe in Thränen zerfloß und lange noch, nachdem der Papst schon vorübergefahren war, in ihrer knicenden Stellung verblieb. Als sie endlich sich aufraffte, lehrte die vorige Gesinnung zurück und sie machte sich über ihre ungeziemende Schwachheit selbst bittere Vorwürfe. Sey doch, kam es ihr hierauf zu Sinn, derjenige, bei dessen Erscheinen sie sich auf die Kniee gelassen, und der sich Oberhaupt der Kirche nenne, ein sündiger Mensch gleich Andern; warum denn ihm solche Ehrerbietung beweisen? Die Neue über ihre Schwachheit stachelte sie zum Grimm, und sie beschloß dadurch Genugthuung für dieselbe sich zu verschaffen, daß sie dem Papst seine Anmaßlichkeit, bei gemeinsamer Unvollkommendeit mit allen andern Menschen, geradezu vorhalte. Zu dem Ende ließ sie um eine Audienz bitten, gleichzeitig aber Postpferde bestellen, um unvcrweilr nach ihrer kühnen That wenigstens dem Bereich des Beherrschers des Kirchenstaates sich zu entziehen. Es war nicht schwer, die Audienz zu erhalten. Die Dame hatte wirklich den Muth, ihr Vorhaben auszuführen und dem Papst zu bemerken: wie er sich den Stellvertreter Christi auf Erden nennen könne, da er ein sündiger Mensch sey? Mit seiner anerbornen Milde antwortete er ihr: „Ungeachtet er selbst tagtäglich dieses sich sage und Gott anflehe, daß er, unangesehen dessen, zu Führung des schweren Amtes mit seiner Gnade dennoch ihm beistchen wolle, freue es ihn, wenn er auch durch Andere hieran erinnert werde, damit er stets desto lebendiger und dcmuthSvollcr dessen gedenke." Diese Antwort entwaffnete die Dame. Sie fühlte sich wieder eben so betroffen, als an dem Tage, da sie dem Papst auf offener Straße begegnet war. Man versicherte mich (und es fällt mir bei der Persönlichkeit Gregors XVI. gar nicht schwer, eS zu glauben) der Papst sey hierauf gleich einem Katecheten in einige der wesentlichsten Puncte des katholischen Glaubens mit ihr eingetreten, und habe die Audienz verlängert, um über verschiedene Differenzen die Dame zu belehren. Dieß Alles habe aus dieselbe solchen Eindruck gemacht, daß sie die Postpferde abbestellt, hierauf um einläßlichere Unterweisung sich umgesehen, endlich die volle Ueberzeugung gewonnen habe, daß der katholische Glaube der wahre, sie somit zu diesem übergetreten sey. Ein deutscher Edelmann, dem ich die Nachricht über diese gewiß höchst merkwürdige Rückkehr in die Kirche verdanke, erzählte mir, wie er in seinen frühern Jahren durch die Eitelkeiten und Zerstreuungen des Hoflebcns geradezu um allen Glauben gekommen sey. Die protestantische Lehre, in der er mit aller lebcnlosen Kälte des norddeutschen Nationalismus erzogen worden, habe er nur allzubald über Bord geworfen, die katholische dagegen gar nicht gekannt, oder höchstens nach den wegwerfenden Urtheilen, Welche in seinem Heimathlandc gewvhnheitsgemäsz über sie gefällt würden. So sey er auf Reisen nach Rom gekommen, mit dem Vorhaben, länger daselbst zu verweilen. Leichtfertigkeit und Ncu- gierde hätten ihn getrieben, einen Jesuiten um Unterricht in der katholischen Glaubenslehre anzugehen, nicht um in dieser sich umzusehen, als vielmehr, um von dein Standpunct des Rationalismus und des Protestantismus, bei sonstigem Mangel an aller innerer Ueberzeugung, demselben zu widersprechen, also gewissermaßen bloß unfruchtbar den Verstand beschäftigende Dialectik zu treiben. Mit bewundernswerther Klarheit habe der Jcsuite die wesentlichsten Lehren des Christenthums ihm dargelegt, und mit noch größerer Ruhe seine Einwendungen angehört, mit schlagenden Gründen sie zu entkräften gewußt, ohne jedoch einen andern Eindruck, als denjenigen der Achtung vor der Geistesschärfe des Mannes, dem er gegenüber stund, in ihm hervorzurufen. In seiner Rolle als entschiedener Protestant habe er sich immer wieder auf die heilige Schrift zurückgezogen und dieselbe als Schild allen noch so schlagenden B.weisen des Jesuiten entgegengehalten. Da sey ihm einst von demselben mit aller Gelassenheit bemerkt worden: sofern er dabei auf die Lutherische Übersetzung sich stütze, so führe er dasjenige, waS er beweisen wolle, zugleich wieder als Beweggrund an, drehe sich somit in einem nichtigen Kreise herum. Denn Luther selbst habe, um für den wesentlichsten >satz seines Systems einen Ausspruch der göttlichen Schrift anfuhren zu können, zuerst diese In Röm. III., 28. geändert; wie er denn dessen alsbald sich überzeugen werde, wenn er seine Uebersetzung mit der Urschrift vergleichen wolle. Mit dieser Nachweisung, die damals für ihn eigentlich eine Entdeckung gewesen sey, habe er sich nach Hause begeben, und nimmer von dem Gedanken sich losmachen können, daß es mehr als ein Wagnis; genannt werden müsse, die heilige Schrift als obersten und allgemeinen Nichter in Glaubenssachen zu proclamiren, dann aber, damit der AuSspruch dieses Richters den eigenen Meinungen eine untrügliche Sanction verleihe, eben diese Schrift zu ändern. Hiedurch sey Luthers Beruf als angeblicher Kirchen- verbesscrer vor seinen Augen in ein bedenkliches Licht, sey zugleich an die Stelle der bisherigen Gleichgültigkeit der Zweifel getreten; Habe er die frühern Entwicklungen des Jesuiten, die sonst eindrucke- los an ihm vorübergegangen wären, in seiner Erinnerung wieder hervorgenommen, die Unterredungen nunmehr mit Ernst und wahrem Verlangen nach Licht und Belehrung fortgesetzt. Aus einem kalten und widerspruchsrcichcn Dialectiker sey er in einen Wahrheit suchenden Schüler umgewandelt worden, dabei die Gnade Gottes Ihm zu Hilfe gekommen. So habe die Nothwenvigkeit des Glaubens zum wahren Leben ihm fortwährend fühlbarer sich gemacht, habe er immer mehr, immer Heller und tiefer erschaut, daß allein der katholische Glaube der wahre seyn könne, habe es ihn mit unwiderstehlicher Geistesmacht in die katholische Kirche hineingezogen. Je mehr und mehr sey ihm die Ueberzeugung aufgegangen, das; er in ihr nur das Licht finden könne, nach welchem er zuvor gar kein Verlangen gehabt, die Seelenruhe, deren Entbehrung er bisweilen nur allzu schmerzlich gefühlt, und den Trost, dessen Segensfülle er bis anhin niemals gcahnet. Wie er dann sein Bekenntniß abgelegt, sey er in jeder Beziehung inne geworden, daß eine wahre Wiedergeburt in ihm vorgegangen sey. (Schluß folgt.) Nekrolog des S°. Palmatius Dietz von Altötting. 6. November 1845. (Kirchenztg, f. d. rath. Deutschland.) Einer der letzten Veteranen jener Helden-Schaar der Söhne des heiligen Franciscus aus dem Capuzincr-Orden der bayerischen Provinz, die alle Stürme der französischen Revolution, die Schrecken der Kriegsjahre, die Gräucl der Säcularisation, den Vanda- Zismus der Deportation, die schwärzesten Verleumdungen, Verachtung, Mangel und Entbehrung mit christlicher Tugendstärke, mit einem unbeugsamen Muth und mit bewunderungswürdiger Ausdauer und Ergebung in den Willen des Allerhöchsten ertrugen und nie das Ordenskleid ablegten, — unser guter Vater, l>. Palmatius Dietz, ist nun auch seinen LndcnSbrüdern in die Ewigkrit nach- gefolgt, in der Nacht vom L. auf den 7. November in ein besseres Leben hinübergegangcn. Wer ihn kannte, liebte ihn wegen seiner Ansprnchlofigkcit und frommer Einfalt, und weil sein langes und unermüdcteS Wirken im Weinberge des Herrn zum Theil in eine so bewegte und unruhige Zeit fiel, so dürfte es der Mühe werth seyn einiger Züge aus dem verdienstvollen, an schweren Prüfungen reichen Leben dieses biedern Jubelgreises hier zu geben- ken, um so mehr aiö sein Andenken in den Herzen Vieler, die ihn näher kennen zu lernen Gelegenheit halten, noch nicht e» loschen seyn wird. Auch glauben wir nicht anzustoßen, wenn wir den Namen des Seligen dem Verzeichniß der Männer von vorzüglicher Tugend und von besonderen Verdiensten aus dem Orden der Capuzincr in Bayern anfügen. ?. Palmatius war den 11. April 1772 von wohlhabenden Eltern geboren, machte seine Studien rühmlichst zu Ambcrg und trat auf das Gutachten weiser und geistvoller Männer, welche er zu Rathe gezogen, seinem Berufe folgend, schon sehr früh in den Cipuziner-Orden, und machte zu Neumarkt sein Noviciat. Im Jahre 1795 zum Priester geweiht, begriff er wohl die Aufgabe, die ihm dadurch gesetzt ward, und war mit der Lösung derselben bei einer rüstigen und dauerhaften Gesundheit bis zum Ende seines Lebens rastlos beschäftigt. In den verschiedenen Klöstern, wohin ihn der Gehorsam rief, z. B. zu Wasserburg, Straubing, Deg-- gendorf, Schärding, München, Laufen, Burghausen :c. :c. leistete er die ersprießlichsten Dienste, durch treue Aushilfe in allen Zweigen der Scelsvrge; besonders wird aber sein Andenken gesegnet bleiben an dem Gnadenorte Allötting, wo er eine Reihe von 30 Jahren hindurch als eifriger Beichtvater uncrmüd-t thätig arbeitete. Jene unselige Zeit, wo nach Gottes unerfo, schlichen Nachschlüssel, sein heiliger Orden so schweren Prüfungen entgegenging, wo den Brüdern alle pfarrlichcn Verrichtungen untersagt, die Ausländer heimgeschickt, die alten Laienbrüder als Pfründner in die Abteien verwiesen wurden, wo allen die Pforte zum Weltpricster- stand geöffnet und die nicht wollten, in Centralklöster zusammengedrängt wurden, und da die drückendste Armuth und Noth erlitten; wo dem ?. Prvvincial die Visitation untersagt, Provincial- Capitel verboten wurden und innerhalb eines Jahres die bayerische Capuzincr-Provinz bis auf die Hälfte zusammengeschmolzen war, vermochte nicht sein festes, unerschütterliches Gottvertrauen zum Wanken zu bringen. Aufwärts zum Himmel blickte seine fromme Seele und demüthigte sich unter der Hanv des Herrn. Deßhalb konnte er auch bei allen späteren Schlägen, die ihn trafen, lächelnd sagen: () psssi graviors, clsdit Heus Ki5 czuociue linem! Als Napoleon nach Altötting gekommen war, ließ er sogleich den ?. Guardian rufen und fragte um die Ursache der Abreise der Capuzincr aus Tyrol; warum sie hiehergekommen seyen und w.r sie abberufen habe. Dieser antwortete ehrerbietig und bekannte, was er wußle. Zuletzt fragte ihn Napoleon: .Betet ihr nur für den Kaiser von Oesterreich?" „Wir beten," antwortete jener, „für alle christliche Fürsten und Potentaten." „So betet auch für mich!" sagte Napoleon. ?. PalmatiuS war ein ächter Religiöse und entwickelte als Guardian, Definitor und Provinzvicar sehr schöne Tugenden, Gewissenhaftigkeit in seiner Handlungsweise, Eiser für die klösterliche Zucht, verbunden mit Bescheidenheit und kluger Nachsicht, solide Frömmigkeit uns Eingezogenheil gepaart mit Heiterkeit und Frohsinn, Abgezogenheit unv Flucht der Welt ohne dabei einen Sonderling zu machen; er war ein sorgfältiger Vater seiner Untc-gc- benen, seine Zelle stand allen off-n, die Rath, Trost und Hckse suchten, und dieß geschah nicht selten, da er in der geistlichen K-iegSschule wohl geübt und erfahren war. Noch im hohen Aller hielt er die strenge Abstinenz, war immer der erste im Chor, der eifrigste im Beichtstuhl und Krankenbesuch und überhaupt bei allen Functionen, die von ihm gefordert wurden. Daß es hier an verschiedenen Prüfungen nicht mangeln durfte, versteht sich; aber eben diese machlcn seine Tugend noch vollkommener und bewährter. Alle persönlichen Kränkungen und Beleidigungen ertrug er mit Stillschweigen, wo es aber die Ehre Gottes galt, schwieg erricht, sondern ertheilte eine sanfte Zurechtweisung. Am 26. März dieses Jahres feierte der würdige Priester seine Secundiz und ward innigst gerührt durch die ungeheuchelten Beweise von Hochachtung und Verehrung, die ihm damals von der Liebe, die er allenthalben genoß, sprechendes Zeugniß gaben. Eine rüstige Gesundheit, deren er sich stets erfreute, versprach ihm der Jahre noch viele zum segcnvollen Wirken; doch Gott hatte es anders vor. Eine besondere Freude gewahrte ihm und dem ganzen Konvente auch noch der gnädigste Besuch unsers innigst geliebten Kronprinzen, tonigl. Hoheit, bei Hochdessen jüngster Anwesenheit in Burghanscn, wo er sich mit demselben auf das Herablassendste unterhielt. Nach langer Unterbrechung sah er auch noch kurz vor seinem Hingange durch Versetzung des Noviciats der bayerischen Provinz in hiesiges Zlloster den mitternächtlichen und täglichen Chor beginnen und unt>r einem liebevollen, würdigen Guardian die heilige Ordensdisciplin hcrcmblühen und gedeihen. Daß ?. Pcilmatius so gähling dahinstarb, darf wohl bei einem Ordensmanne wie er war, kein unvorhergesehener Tod genannt werden, da er ja täglich seine Seele mit gläubig frommem Sinne dem Herrn anempfahl: „In msrnis tug8 vomins eom- menclo s^ii-itum meum" und noch Tags vorher das heilige Meßopfer, das er immer mit großer Auferbauung dem Allerhöchsten entrichtete, wie er es öfters zu thun gewohnt war, als Wegzehrung für sich und um eine glückliche Sterbstunde applicirte. Bcmerkcnswerth ist hier noch, daß um dieselbe Zeit, da sür dcu Seligen das Ossioirim OLlmictorum gebetet ward und seine Leiche in den Sarg gelegt und in die geweihte Erde bestattet wurde, 1'. Georg, seit längerer Zeit ohne Hoffnung auf Genesung darnicde!liegend und von 1>. Palmatius mit allen heiligen Stcrb- sacramenten versehen, in die Züge griff und ruhig und gottergeben dahinstarb. Beide rühm sie nun, wie im Leben nur eine Wand ihre Zellen trennte, in Dem durch unsern vielgeliebten Oberhirten Heinrich erst bei seiner letzten Anwesenheit geweihten neuen Friedhofe im Garten der ?. Kapuziner nebeneinander. Der liebevolle Wunsch des Bischofs, den Er nach vorgenommener Feierlichkeit auosprach: „Mögen Sie noch lange von diesem Gottesacker, den ich nun im Namen der heiligen Kirche eingeweiht, keinen Gebrauch machen dürfen," ist also leider nicht in Erfüllung gegangen; darum können wir nur wünschen, daß die Schlußworte des Hochwürdigsten: „sollte aber dieß früher oder später geschehen, so möge Ihnen Die Erde leicht seyn, und der große Auferstchungs- tag uns alle -inst ei» recht freudiges Wiedersehen im Reiche des himmlischen Vaters bringen" — in Erfüllung gehen mögen. Deutschland. Wir haben unsern Lesern von dem großartigen Werke der Nächstenliebe, welches der am 11. Oct. in Salchurg verstorbene Bürger Matthias Bayrhamer in seiner lctztwilligen Beifügung ausgeübt hat, noch nicht Mittheilung gemacht. Der Inhalt des Bavrhamcr'schcn Testamentes verdient aber als ein Muster der umfangSreichsien Nächstenliebe in den weitesten Kreisen bekannt zu werden. Wir berichten deßhalb das Wesentlichste desselben im gedrängten Auszüge aus der Beilage der Salzburgce Zeitung. — Mattbias Bayrhamer, geboren am 5. Febr. 1769 zu Fischtaging bei Seckirchcn in Baiern, war der Sohn biederer, unbemittelter aber arbeitsamer Landleute. Als Kcllerjunge zu Seekirchen und später in Salzburg, und insbesondere als Hausknecht in einem damals sehr besuchten Gasthause daselbst, fand er viele Gelegenheit, sich praktische Kenntnisse im Geldgeschäfte zu erwerben, wobei ihm seine erprobte Redlichkeit und das in ihn gesetzte Vertrauen ersprießliche Dienste zu pecuniärcn Speculationen that. Im Jahre 1812 wurde er dortiger Bürger, kaufte sich sofort zwei Wohnhäuser, und betrieb seit dort bis zu seinem Tode Handel mit Zucker, Kaffee u. dgl., und vorzüglich Wechselgeschäfte. Im Februar 1844 machte Bayrhamer ein Testament, wo er 111,800 sl. als Stiftcapital zum Unterhalte für 55 arme, gebrechliche und erwerbsunfähige Genieindeglieder der Stadt Salzburg bestimmte und anwies. In Anerkennung dieser großmüthigen Nächstenliebe wurde ihm am 15. Febr. d. I. von Er. Majestät dem Kaiser von Oesterreich, Ferdinand I., die große goldene Civil-Ehrenmedaillc mit Kette huldreichst verliehen, und dieselbe am 15. Mär; feierlich übergeben. Bayrhamer überlebte diesen Freudentag nur mehr wenige Monate. Er verschied am 11. Oct. 5'^ Uhr Abend. Gleichwie schon bet Lebzeiten seine Sparsamkeit durch Wohlthun veredelt ward, so zeigte sich sein Wohlthätigkeitssinn doch vorzüglich in seinem Testamente. Außer der obenerwähnten großen Summe von 111,890 fl. zum dortigen Bürgerspitale und Bruverhause legirte er: Zu einer Armen-VersorgungSanstalt in Seekirchen 100,900 sl. Zum dasigen Irrenhause . . . 7,200 „ „ „ Leproscnhcmse . > . 4.050 „ „ „ Bürgersäckel . . . 10,000 „ „ „ Armenfonds . . . 9,980 „ „ „ Ausstattungsfonds für Bürgerssöhne 20.900 „ „ „ Knabenseminar . . . 5,000 „ Für die barmherzigen Schwestern in Schwarzach 19,900 „ Als Fonds zur Untersetzung armer Einwohner der Stadt Salzburg .... 15,000 „, Zu Handen Sr. Eminenz, des Hrn. Cardinals- Fürst-Erzbischofts sür wohlthätige Zwecke 24,930 „ Ueberdieß noch an auswärtige Fonds eine Summe von wenigstens .... 25,000 „ Und an minder wichtige Anstalten daselbst ungefähr 12,000 » Somit im Ganzen die höchst beträchtliche Summe von beiläufig .... 355,999 fl. Deßungeachtet erhielten seine dürftigen Verwandten mit Ausschluß der Realitäten ungefähr 340,009 sl.; obschon auch die Legate an Nichtverwandte und die Vorsorge für Dienstboten u. s. w. bedeutende Summen forderten. » « » München, 21. Nov. Mit der Gründung eines Klosters deutscher Benediktiner in Nordamerika soll es wirklich ernst werden. - Der kirchliche Festtag des heiligen Korbinicm ward in allen Kirchen unserer Diöcese mit Hochamt gefeiert, in mehreren Kirchen Münchens wohnten aber sehr wenig Leute demselben bei. — Man sucht gegenwärtig auf lobenswerthe Art die NeligionSwahrheitcn durch schöne Bilder dem Volke näher zu bringen und zugleich dessen Geschmack zu bilden. Besonders auszuzeichnen sind die Bildchen des Düsseldorfer-Vereins, die des Manzischen Verlages, und die äußerst billigen colorirten des hiesigen Lithographen Driendl, die den faden französischen Producten dieser Art weit voranstehen. Bischof Galura in Briren hat den ganzen Katechismus in recht sinnreiche Bildchen gefaßt, nur Schade, daß der Lithograph sie nicht besser ausgeführt hat! (K.-Z. f. d. k. D.) Nerannvorrlicher Redacteur: L. Schönchen. VeÄagS-Inhaber: F. C. Krem er. P ^ ^^»S- ' We»/^. d»r Augsburger Zweite Zahreshälste. M 5«> a Postzeitttttg^ R4 Dec. »S Die Redemptoristen in den vereinigten Staaten und die deutsche Colonisation. (Katholik.) Bekanntlich ist dcr religiöse Zustand der deutschen katholischen Kolonisten in Amerika oder wenigstens in den vereinigten Staaten zur Zeit noch dcr bedauernswcrlhcste, den man sich denken kann. Ueberall auf der großen Fläche jenes Erdtheils zerstreut, gehen sie sittlich und national unter der übrigen Masse der Bevölkerung zu G>undc. Schon lange ward daher das tiefste Bcriuf- uiß gefühlt, für diese Unglücklichen in leiblicher und geistiger Hinsicht Sorge zu tragen. Wer aber könnte eine so schwierige, bei nahe unüberwindliche, mit d,r größten Selbstaufopferung verknüpfte Aufgabe lösen? Etwa unsere deutsch - begeisterten langbärtign Jünglinge oder jene Literatcn, die fortwährend von deutscher Einheit unv deutschem Fortschritte träumen, denen es aber nur darauf ankommt, mit aller Gemächlichkeit Stellen, Geld und Popularität zu erhalten? Nein, wahrlich nicht! Denjenigen war es vorbehalten, deren geistliche Voreltern einst a»ch die rauhen Steppen und Wälder Deutschlands niit ihrem Schweiße und allen Tugenden der hclvcnmüthigstcn Selbstverläugnung anbauetcn unv lichteten. Wie damals die Söhne Vcnedicts, so auch heute sind es deutsche katholische OrdcnSmanner, welche ihre Brüder in Amerika, die dort hilflos zerstreut und im Elende umherirren, zu einem großen deutschen Nationalleben der iuigen wollen. Die seit einigen Jahren nach Amerika hinübergcsicdelien Väter des Ordens dcr Redemptoristen, die geistlichen Söhne des heiligen Liguori, haben diesen großartigen Plan gefaßt. Einer meiner Freunde, der bei diesem so höchst wichtigen und heilbringenden Unternehmen, obgleich ein Laie, mitbethciliget ist und dafür gleichfalls nach allen Kräften zu wi ken sucht, hat mir folgenden Bericht über die ganze Lage der Sache zur Veröffentlichung übcrsandt, und ich hoffe, daß seine Mittheilung sowohl die Aufmerksamkeit, als das Interesse des ganzen katholischen Dentschlands für das große Unternehmen, was hier in Neve steht, anregen wird. Vom Delci Ware. Da ich glaube, daß es nicht ohne Interesse für unser deutsches Mutterland seyn dürfte, etwas über den Zustand der katholischen Kirche unter den nach Nordamerika ausgewanderten Deutschen ;n erfahren, so sey es mir erlaubt, hier Einiges von dem mitzutheilen, was ich auf meinen Reisen durch die vereinigten Staaten in Bezug darauf antraf. Ich kann als Laie nur das mittheilen, was äußerlich vor Augen liegt, da nur der Missionär selbst im Stande ist, über das höhere Verdienst seiner Arbeiten, den innern Anbau der Seelen, zu berichten. Dazu fehlt aber unsern unermüdlichen Arbeitern theils die Zeit, theils sind sie zu'bescherten und demüthig, um ihre herrlichen Erfolge selbst zu bemerkcn, geschweige darüber vor der Welt zu reden. Wie tapfere Kämpfer schauen sie niemals wohlgefällig hinter sich, sondern haben unermüdlich und rastlos nur die unermeßliche Arbeit oor sich im Auge, so noch zu beschaffen; und dafür lohnt den frommen Helden Gottes nur Entbehrung aller Art, kaum ein anerkennendes Wort vergilt ihre Mühen, ihren sauern Schweiß. Ich sah unsere geliebten Hirten, von Krankheit heimgesucht, ohne lie Mittel zu besitznr, sich die nothwendigsten, den Gesunden unentbehrlich scheinenden Vedürsn sse zu verschaffen, ohne anderes Lbdach, als e nen elenden Brcticroe, schlag, der Kälte eben so zugänglich, wie dcr erstickenden Sommerhitze; ich sah unsere geliebten Missionäre in aller dies-r Entbehrung freudig von ihrem Strohlag r ausspringen, worauf sie das Fieber in entsetzlichem Fcosie hin und her warf, im Augenblicke, wo ein Kranker oder ein Beichtlind ihrer begehrte; ich sah sie, die kaum die Kräfte besaßen, ihren eigenen krar.ken Körper zu tragen, wie sie in diesem Zustande Meilen weit zu F^ße ibrem göttlichen Berufe nacheilten, freudig alle Schmerzen, alle Schwache, alle Krankheit verachtend, in dcr leiblichen Hoffnung, einer Seele Linderung und Trest zu bringen. Es ist unmöglich, diese nlc ruhenden Arbeiten der f-om- mcn, vom Geiste der ersten Apostel beseelten Söhne des heiligen AlphonS dc Liguori zu sehen, ohne von Bewunderung und Liebe s>r sie erfüllt zu werden u»d vom wärmsten Dankgefühle gegen Den, der ihncn allein die Kraft gab, solches zu erdulden, solches zu leisten. Nach dem Urtheile Aller, welche die Vcrhält- ! issc des Landes kennen, sind wohl wenige Orden mehr geeignet für Nordamerika, wenige arbeiten mit solchem Erfolge, wie der der Redemptoristen. Wenn andere Orden eine besondere Gnade für die Missionen unter den Wilden haben, so hat die Vorsehung den Nedemptonsten offenbar ein gewiß eben so großes Maaß dieser G»ade für die Missionen unter den civilisirtcn Ansiedlern Amerika'S ertheilt. Dieselben charakteristischen Merkmale, welche in Italien, in Tirol, Oesterreich, in Belgien, Frankreich und England die Misi?vncn dieser Väter bezeichnen, so daß man an der ganzlichen religiösen und sittlichen Umwandlung der Herzen der Bewohner die Gegend leicht unterscheidet, wo diese Apostel arbeiteten, dieselben sezenreichen Spuren sind auch hier in Amerika dem moralischen Boden tief eingeprägt, nur in einer noch enlschicdcnern Weise, da der Mensch in Amerika einfacher und direkter ist als in Europa. Und diese Merkmale sind: ernste und zwar nicht augenblicklich erkünstelte, sondern dauerhafte Bekehrung der halsstarrigsten in Sünden verknöcherten Gemüther, ein neues, heiteres, natiirlichcS, vom warm?« Hauche unseres Alles belebenden katholischen Glaubens durchwehtes Leben, Friede und Einigkeit im Herzen der Familien und der bürgerliche» Verhältnisse. Die drei großen Waffen, deren sich die Vorsehung durch diese ihre getreuen Diener überall zur 'Rettung der Seelen und zur Befestigung und muthigcn Forderung jm begonnenen Guten bediente, bewähren auch in Amerika ihre unwiderstehlich siegreiche Gewalt: die heiligen Saciamentc der Buße und des Altars unv die Andacht zu unserer geliebten Mutter, der allcrsrligstcn Jungfrau Maria. Nichts ist rührender, aber auch nichts den katholischen Muth belebender und den menschlichen Dünkel demüthigender, als diese ganz bescheidenen, ganz demüthigen, ärmlich gekleideten, gläubigen Priester Gottes mitten in dem reich-n, trotzigen, ungläubigen, amerikanischen Wohlleben, wie sie, die die Schwächsten, die Unbedeutendsten scheinen, durch die von Gott erhaltene Kraft die Gemüther bewältigen, den Trotz in Demuth und Folgsamkeit wandeln, dem ungläubigen Herzen den Glauben schenken, das in babylonischer Veiwir.ung des Sectcn- Geistes verlorene Gemüth ordnen, aufklären und zu einfach klarer Erkenntniß heranbilden. Nichts ist erhebender, ich wiederhole cö, als diese Herrschaft des einfachen kalholischen Glaubens über das hoffärtizc, heidnische Treiben der Welt. Und nirgends zeigt sich diese Herrschaft entschiedener, augenfälliger als in Amerika. Wir sehen einen einsamen, schweigsamen, in Allem die Einfachheit, die Demuth alhmenden Priester, dessen Erscheinen vielmehr äußern Beistand zu fördern scheint, als geeignet, mit der hochfahrenden, trotzigen Welt in Kampf zu treten, auf Hunderle von Meilen zu einer Missio.ecstativn gesandt, in fremdes Land, unter fremde Menschen, in fremdes Klima, versehen nur mit ärmlichen Mitteln zum W-ge, aber ausgerüstet mit seinen heiligen Gelübden der Keuschheit, der Armuth und des Gehorsams unv ausgerüstet mit dem Geiste u d der Sendung von dem, der rncher ist als die Erre, die Er geschaffen, der mäch'igcr ist als der Arm der Welt, den Er zerbricht, wie es ihm gefällt. In wenigen Wochen sehen wir denselben guten Boten Gottes umgeben von einer Gemeinde von mehreren Tausenden von Gläubigen, die vielleicht seit zwanzig. dreißig Jahren nicht mehr das G-ück hatten, einen Priester zu scheu, ihre Gewissen in der heiligen Beichte zu. reinigen, das Wort Gottes zu vernehmen, ihre Kinder taufen unv erziehen za lassen. Wir sehen ihn, den anscheinend Schwachen, wie er in wenigen Wochen Arbeiten zu Stande gebracht hat, welche die menschliche Berechnung und die menschliche Kraft veizweffeln würde in einem ganzen, langen, angestrengten Menschenleben zu vollbringen. Er hat das Zeichen in den Grund der Er« und in den Grund der Herzen gepflanzt, in welchem Gott unö allein den Sieg verheißen, und in diesem Zeichen hat er die Küche Gottes wieser unter den Menschen ause baut. Und was wir hier eben sagen, ist nicht etwa eine fromme Netcformel, eS ist die einfache, schlichte Geschichte sämmtlicher Missionen der Nctcmptoristcn in Amerika, Wie wir jetzt im Einzelnen nachweisen wollen. 1) Die ersten Nedemptoristcn kamen im Jahre 1832 aus Wien nach Nordamerika. Sie waren zehn Jahre lang aller Noth, allen Entbehrungen ausgesetzt, ohne daß sie dahin kommen k»n«. >en, ein Haus zu gründen; sie waren genöthigt, vereinzelt zu arbeiten und konnten daher keine geordneten Misstonen halten. Aber diese wahrhaft apostolischen Männer schienen von Gott gerade dazu bestimmt, die amerikanischen Bischöfe mit dem Geiste dieses Ordens bekannt zu machen; denn welches Prüfungsfeuer mag ge- eignctcr seyn, den apostolischen Beruf zu bewähren, als die Leiden, vcnen diese Männer so lange ausgesetzt waren! Der Hochwürdigste Er;bischof von Baltimore erkannte zuerst, daß dieser Orden ganz den amerikanischen Bedürfnissen entspräche und lud ihn ei» sich in Baltimore niederzulassen. Er übertrug dem Orden die deutsche Gemeinde unter der Beringung, eine Kirche zu bauen und ein Missionshaus zu gründen, um darin mit der Zeit Missionäre für Amerika zu bilden. Von dieser Zeit an, es sind etwa vier Jahre, verbreitete sich die Kongregation mit großer Schnelligkeit über Nordamerika, so daß wir in diesem Augenblicke schon neun Missionshäuser gegründet sehen. Mit dieser Ausbreitung der Redemptoristen beginnt eine neue Epoche in der religiösen Entwickelungsgeschichte dieses höchst merkwürdigen Landes: das katholische Leben unter den Deutschen, welche bis dahin fast ganz ver^ lassen waren, die fast ohne alle deutschen Priester, ohne Beichte, ohne Predigt nur aus Barmherzigkeit in den irischen Kirchen geduldet wurden, obgleich sie alle Lasten derselben gemeinsam mit den Jrländern trugen, wird selbstständig, überall bilden sich com- pacte Mass-n katholischer Deutschen von zweitausend bis zehntausend Menschen um diese Väter; Amerika, welches bis dahin nur Lcrsammlungssäle gekannt hatte, sieht die ersten Häuser Gott-S emporsteigen, die dem katholischen Begriffe einer Kirche entsprechen, während zugleich in den Herzen der Deutschen ein praktisch katho lischcs Leben erwacht, da man sich bis dahin mit dem äußern Namen begnügt hatte, der sogar oft aus feiger Menschenfurcht verheimlicht war. Es wurde eine Ehre Katholik zu seyn und zu den Gemeinden dieser Väter zu gehören, welche ohngeacktet des dirccien Gegensatzes, worin ihre Weise dem ganz »lateneUcn amerikanischen Leben gegenüber steht, doch von Allen mir Ehrerbietung und einer Art Staunen betrachtet werden wegen ihrer großen Sittenreinheit und Steenge, neben väterlicher Milde, ihrer kindlichen Einfalt vereint mit großer Erfahrung und einem Schatze von g ündlichen Kenntnissen, welcher die Oberflächlichkeit und Unwissenheit der Seelen mit Furcht erfüllt; wegen ihres ganz das eigene Interesse verschmähenden, aufopfernden Eifers für das Heil der Seelen, Der sie freudig allen ihren schweren persönlichen Mangel ertragen ließ, um nur keine Mittel dem Dienste GoiteS zu entziehen; wegen der ächt katholischen Friedfertigkeit, welche sie alle »nnvthige Controverse vermeiden ließ, und e blich wegen ihrer immer zum Geben und zum Helfen bereiten Baimherzigkeit, die sich gern selbst daö Nothwendigste versagt, um dem armen Bruder zu helfen. Welch ein Segen ist aus diesen, selbst ganz armen Brctterhciusern über Tausende, namentlich deutscher und belgischer Familien gcflossn, wie viele sind aus bitterster Noth, wie viele unsrer Ländöleute vcm Untergange gerettet worden duich die Väter der Armen! O, daß Deutschland einen Blick auf sie werfe» könnte, um zu sehen, wie sie, ohne daß das Mutterland es ahnet, als die Schutzengel und Netter seiner ausgewanderten Kinder auf diesem fremden Boden erschienen sind, um uicht allein ihren Glauben und ihre Seelen zu retten, sondern auch ihre zeitliche Existenz, ihre Ehre, ihre Nationalität. Denn seit gutkatholisch und deutsch durch die Nedemptoristcn gleichbedeutend in Amerika geworden ist, scheidet sich d'e deutsche Nationalität immer schärfer, immer vorteilhafter von der englischen, der sogenannten Jankee- Bevölkerung aus. Bis dahin gingen fast alle die Tausende jähr- licher deutscher Auswanderer in der englischen Bevölkerung unter, sie verloren ihre Sprache, ihre Nationalität, und damit fast immer den katholischen Glauben. Das ganze deutsche Leben der Katho- liken in Amerika ist jetzt aber durch diese Vater emancipirt, und entwickelt mit jugendlicher Triebkraft rasch und tüchtig eine Zukunft, welche Niemanden, der Amerika aus eigener Anschauung kennt, mehr zweifelhaft seyn kann. Und diese Entwickelung ist um so solider, um so tüchtiger, da sie ohne alle politische Einmischung, rein von innen heraus, aus dem katholischen Leben vor sich geht. Die Existenz der Nedemptoristen in Amerika ist durchaus eine deutsche National - Angelegenheit; dieß ist der Haupt- gesichtspunct, aus welchem diese Sache nächst dem ersten, allgemein religiösen Interesse zu beherzigen ist. Und wenn auch keine Nationalität von dem großherzigen universlllen Wirken der Nedemptoristen in Amerika ausgeschlossen ist, wenn sie gleich eine eigene sehr wichtige französische Missionsstation in Michigan unterhalten, so sind es doch überall die Deutschen, für welche die Vorsehung diese Väter bestimmt zu haben scheint. Wie die Bienen um ein honigreichcs Blumenfeld, so sammeln sich Schaaren arbeitsamer Deutschen um den Wvhlgeruch der Frömmigkeit dieser Redemvto- ristcnhäuser. (Schluß folgt.) Coitversionen zu Nom. (N»S Hurters „Geburt und Wiedergeburt", drittes Bündchen.) (Schluß.) Die merkwürdigste Konversion in neuester Zeit dürfte ihrer wunderbaren Verumständungen wegen diejenige seyn, welche vor kaum anrerthalb Jahren in einer andern Hauptstadt Italiens erfolgt ist. Eine Dame von sehr guter Herkunft, geistreich und wahrhaft gebildet, hatte noch als Mädchen, zusamint einer gleich- gesinnten Jugendfreundin, in den Lehren des Protestantismus diejenige Befriedigung, die Beiden Bedürfniß gewesen wäre, nicht gefunden; es dingten sich ihnen allerlei Zweifel auf, welche sie nicht zu lösen vermochten. Sie nahmen Bücher zur Hand, mittelst welcher ihnen wohl ein ctwelchcr Schimmer, nicht aber das volle Licht aufging. In dieser Ungewißheit wurden sie einig, sich an einen Geistlichen in der Nachbarschaft zu wenden, der ihre Lcctüre leitete, und in der gewonnenen Richtung sie festigte. Nicht lange hernach verheiratete sich die Eine an einen Mann, der mit dem Adel der Herkunft aus einem der edelsten und angesehensten Geschlechter seines Landes denjenigen des Geistes und des Herzens verband, dabei aber ein cntschieiencr Protestant war, indem Prote- stantiomus die allein richtige und giltige christliche Lehre cincrk nnte. Eben so festgewurzelt war bei der Frau die Neigung für die katholische Kirche, ja sie gewann an innerer Gewißheit unendlich, als später die Jugendfreundin, durch keine Rücksichten und Hindernisse gehemmt, in den Schooß derselben zurückkehrte. Aber die Frau brachte ihre Sehnsucht dem ehelichen Frieden zum Op'cr, der hic- durch nur hcitie können gestört werden. Viele Iah,, flössen über diesem bittern Kampf dahin, r-ngetiübt für ihr etliches Verhältniß, weil sie denselben in ihr innerstes Heiligthum verschloß. Indeß mächtiger ward der Zug zu dem reinen Quell aller Gnaden in ihr rege, als in dem Tod einer einzigen Tochter in der schönsten Jugendblüthe die schwerste Hiimsuchung sie traf. Doch zu keiner Zeit weniger, als eben in jenen Tagen, hätte sie es wagen dürfen, hierüber gegen ihren Mann auch nur die leiseste Andeutung verlauten zu lassen. Denn dieser hatte cbev jemals in seinen Dienstverhältnissen, aus Beweggründen, die ibm nur zur Ehre gereichen, unter Untergebenen einigt gemischte Ehen zefordert, was ihm in dem streng katholischen Lande nicht geringe Unannehmlichkeiten zuzog. Dieselben niißstimmten ihn vorzüglich gegen die katholische Geistlichkeit, welche hieran Theil hatte, und damit gegen die Kirche selbst. Entschiedener zugleich erwies er sich für den Protestantismus, dem er unzertrennlicher nicht allein für seine Person anhing, sondern welchen er auch mit aller Macht äußerer und innerer Ueberlegenheit in denjenigen zu scsiigen sich angelegen seyn ließ, auf welche er seiner Stellung gemäß einzuwirken vermochte. Dieses Auseinandcrgchen in der Erkenntniß und in den ge-- hnlgtestcn Bedürfnissen des Herzens war das einsige Schwere, was die treffliche Frau zu tragen hatte; aber auch Etwas, was durch alles Uebrige, was sonst das Leben ihr darbot, nicht konnte ausgewogen werden. In solcher Verlassenheit war sie cinsig auf eine katholische Freundin angewiesen, der sie ihre Bekümmernis; eröffnen durfte, von der sie verstanden wurde, bei der sie Theilnahme und Ermuthigung fand, in deren Haus sie einen katholischen Priester traf. Gemeinsam mit diesem wurden die Frauen einig, eine Novelle zu veranstalten, um G-'tt zu bitten, daß er dem Man» einen geneigteren Sinn in Betreff der katholischen Kirche verleihen wolle. Die Frau aber, weit entfernt, auf Kosten des in jeder andern Beziehung höchst glücklichen ehelichen Verhältnisses Gewährung ihres Verlangens gleichsam erzwingen zu wollen, hielt sich so sehr zurück, daß sie nicht einmal eine katholische Kirche betrat; nur um b i dem Mann nicht Mißstimmung hervorzurufen. Deßwegen wurde die Noocne in der Art veranstaltet, daß die Frau in dem Hause der Freundin mit dieser gemeinschaftlich betete, während gleichzeitig in der Kirche der Priester im Geist und im Gebet mit ihnen am Altare sich vereinigte. Balv hernach wurde der edlen Frau auch die Freundin durch den Tod entrissen. Welche Wunde dieser schwere, in fremdem Lande doppelt schmerzliche Verlust ihr schlug, läßt sich leichter fühlen, als aussprechen. Indeß bli bcn die Verhältnisse einige Zeit noch, wie sie seit langem gewesen waren, bis eines Tages unerwartet der Mann seiner Gattin die E-öffnung machte: er sehe wohl, daß ein unwiderstehliche Zug sie nach der katholichen Kirche ziehe; hege sie das Verlangen, stch unterrichten zu lassen, so wolle er ihr hieran nicht hinderlich seyn; nur wünsche er, daß sie in der Wahl des Geistliche seine Neigung (oder vielleicht auch noch nicht verschwundene Abneigung) berücksichtige. Dieses war nicht schwierig, indem derjenige, auf den Beide, als auf einen Landemann, leicht sich vereinigten, les vollestcn Zutrauens bei Jedcr^ mann stch erfriuen durfte. Sofort wurden die nöth-gen Vorkehrungen zu baldigem Beginn dieses Unter ichts getroffen. Da die Dienstpflicht den Mann in einer andern Stadt zurückhielt, als in derjenigen, in welcher der Geistliche wohnte, verlangte er fortwährende Berichterstattung über den Inhalt und den Erfolg des Unterrichts. Der Geistliche fA>d, daß dieses am Zweckmäßigsten durch die Frau selbst könnte übernommen werden, und veranlaßte diese, die gepflogenen Unterredungen schriftlich an den Mann gelangen zu lassen, mildem Anerbieten, Unvollständiges ergänzen, Nothwendiges b.ifögen zu wollen. Sobald er aber die ersten Früchte seiner Belehrung gelesen, überzeugte er sich alsbald, daß es der Nachhilfe von seiner Seite nicht bedürfe, wie es ihm auch erwünschter war, wenn dieser Verkehr zwischen Mann uns Frau statt fand ohne alle Dazwischcnkunst von seiner Seite. Um über die Contrvverspuncte sich selbst besser oricntiren und beurtheilt» zu können, in wie fern seine Gattin den ertheilten Unterricht auffasse, erbat sich der Mann zugleich einige Bücher über diesen Gegenstand, die er nicht allein erhielt, sondern auch mit großer Aufmerksamkeit las, also, daß der halberwachsene Sohn, der inzwischen die Mutter besuchte, die Frage: wie der Vater sich befinde? dahin beantwortete: er sitze beinahe Tag und Nacht über den Büchern, wett mehr als sonst. — Begreiflich konnte der Unterricht nicht schwierig seyn; der ausgestreute Saame fiel auf einen Boden, der schon seit zwanzig Jahren nicht nur bereitet war, sondern der Aussaat harrte. Nach wenigen Wochen konnte der Mann die Anzeige erhalten: es stehe der Aufnahme seiner Gattin in die Gemeinschaft der katholischen Kirche nichts mehr entgegen, diesilbe hänge einzig noch von seiner Zustimmung ab. Auch diese erfolgte, und zwar mit freiem und freudigem Willen. Darauf wurde der Tag und der Ort verabredet, wo diese Aufnahme vor sich gehen sollte; und zwar, damit Aufsehen vermieden werde, in einer kleinen Stadt, unfern der Hauptstadt. Doch nicht lange hernach bemerkte der Mann: er sehe eben nicht ein, warum eine andere Stadt gewählt werden sollte, als diejenige, in welcher der Geistliche, der den Unierricht ertheilt habe, und in der sie sich gerade befänden. Auch das wurde beliebt, und so brach endlich der Tag an, an welchem das vieljährige stille Sehnen der Frau an das so heiß gewiinschte Ziel gelangen sollte. Alles war bereitet; da trat unerwartet der Mann zu dem Geistlichen und fragte: ob es nicht anginge, daß auch er, gemeinsam mit seiner Gattin, das Bekenntniß deö katholischen Glaubens ablege? Die Mittheilungen aus dem erhaltenen Unterricht, i» Verbindung mit dem eifrigen Forschen in den empfangenen Bücher», hätten ihn M der gleichen Ueberzeugung geleitet, und in dieser sey auch sein Entschluß zur Rückkehr in die Kirche unerschütterlich begründet. In so wunderbarer göttlicher Gnadenhcimsuchung »lochte die beglückte Frau an diesem Tag, der nun beide Eheleute mit der Kirche vereinigte, mit dem dreifachen Ehrenkranz veS Glaubens, der Geduld und des Goltvertrauens sich geschmückt sehen un^> eines Lohnes sich freuen, den vor kurzem noch ihre kühnste Hoffnung nicht hätte erwarten dürfen. Je größer, entschiedener unv bt der 16. Sitzung erfolgte eine abermalige Suspension, weil Moriz von Sachsen, nachdem er den Kaiser verrathen, plötzlich mit feindlichen Truppen der Stadt sich näherte. Nach neunjähriger Unteibrcchung, in welcher Zeit auf I u l iu S III., MarccllusII. und Paul IV. auf den päpstlichen Stuhl g-folgt waren, wuide es endlich unter PiuS IV. am 13. Januar 1562 mit der 17. Sitzung wieder eröffnet, und bis zum 4. December des Jahreö 1563 fortgesetzt, wo es mit der 25. Sitzung bcschloss-n wurde. So ist es äußerlich zcrstückt und zerrissen, aber trotz dem im Inneren ein Werk aus einem Gusse und eben dadurch ein um so siegreicheres Zeugniß der katholischen Einheit. (Schluß folgt.) Die Redenrptoristeu in den vereinigten Staaten und die deutsche Colonisattou. (Schluß.) Kehren wir nuu zu den einzelnen Missionsstationen zurück. Wir sanden die erste in Baltimore, gegründet auf den Ruf des hochwürdlgsten Erzbischofs Samuel Eccleston. Da» erste nothwendigste Bedürfniß war der Bau einer hinreichend geräumigen Kirche für eine Gemeinde von wenigstens fünftausend Deutschen, und einer nicht geringen Anzahl Franzosen, Jrländer und Amerikaner. Zwar steuerte der Lyoner Verein, so wie die Leopoloinen- Stiftung in Wien zu diesem Baue bei, allein diese Hilfe war nicht im Stande die Ausgaben nur einigermaßen zu decken, da der Bauplatz allein 10.000 Dollars (1 Dollar — 5 Francs 30 Cent.) kostete und der Bau, wenn er ganz vollendet seyn wird, bts auf 371,00» Francs sich belaufen wird. Düse Kirche ist die bedeutendste der bisher von den Vätern in Am°rtka gebauten. Sie ist in einem einfachen gothischen Slyle, mit Vermeidung aller nicht unumgänglich nothwendigen Ornamente, gebaut. Wennauch die Gemeinte nach Kräften beisteuerte, so lastet doch noch eine große Schuldenlast auf dieser Kirche, in welcher bereits seit längerer Zeit Gottesdienst gehalten wird. Wegen dieser Schuldenlast konnte man noch nicht dazu kommen, neben der Kirche ein HauS für die Patres und Laienbrüder zu baue» und sie müssen sich noch immer mit einer alle Unbequemlichkeiten darbietenden Localität begnügen. Es befinden sich hier vier Vät.r und eben so viele Laienbrüder, wrlchc theils zur Bedienung des HauseS verwendet werden, da die Ncdcmptoristcn niemals weibliche Bedienung zulassen, theils zum Dienste der Kirche und zu Anfertigung von Tischlerarbeiten im Jlincen der Kirche, worin dieselben eine kunstreiche Ge- schicklichkcit entwickelt haben. Diese Kirche ist dem heiligen Alphon- sus von Liguori geweiht. 2) Der Herr Erzblischof übertrug der Congregation die Besorgung einer zweiten Kirche in Baltimore, der des heiligen JacobuS, mit einer Pfarrei von circa 3000 Scel,n, ebenfalls g> öszlcntheiis Deutsche, obgleich, wegen der Engländer, welche dazu gehen, bestimmt wurde, hier später auch einen englischen GvttlSvlenst abzuhalten. Neben di scr Kirche zum heiligen JacobuS Wurde ein Haus zur Aufnahm? der angehenden Missionäre gebaut, welche hier ihre Studien machen, nebst den nöthigen Wohnnngcn für die Patres, die z>> Professoren bestimmt sind und die nöthigen Laienbrüder. Von diesen beiccn Häusern aus, nämlich dem von St. Alphons und von St. JacobuS, wird auch der Gottesdienst und die geistliche Leitung des Hospitals der barmherzigen Schwestern und des StaatSgcfängnisscS besorgt, so wie den sehr verlassenen Carmcliterinn n und den schwarzen Schwestern, welche letztere sich dem Unterrichte und der Erziehung farbiger Kinder widmen, nach Kräften dagestanden. Eben so veische» die Väter von Baltimore den Gottesdienst mehrerer c^dcicr deutscher Gemeinden in größerer oder geringerer Entfernung, so in Washington, Rich- mond in Virginien und bei den zerstreut lebenden Deutschen dieser Gegenden. 3) Fast gleichzeitig mit der Gründung der Häuser in Baltimore ist die des Hauses in Pittsburg, im Jahre 1841. Es lebte» hier damals gegen 6000 katholische Deutsche, wie überall ohne geistliche Hilfe. DaS erste Bedürfniß war auch hier der Bau einer Kirche, und man mußte bauen, von Mitteln entblößt, allein auf die Vorsehung vertrauend. Der Bauplatz für die Kirche kostete 65.000 Frcs. und die Kirche, welche bereits unter Dach ist, gegen 100,000 Frcs. Und demungcachtet zeigt sich schon jetzt die Aussicht der Nothwendigkeit eine zweite Kirche zu bauen, da die Zahl der katholischen Deutschen täglich zunimmt. Die Gemeinde machte die freigebigsten Anstrengungen, um den Vätern im Bau beizustehen, da aber die meisten unvermögend sind, so sehen sich die guten Väter noch immer mit einer großen Schuldenlast beschwerte Nicht einmal an den so nothwendigen Ba» einer Wohnung für die «Geistlichen hat man bisher denken können und die armen Diener Gottes schmachten noch immer, von Hitze wie Kälte gleich gequält, in ihrem dürftigen Bretterverschläge. Einer der diesigen Väter ist fortwährend mit der Seclsorge unter den vielen Deutschen der nahen und fernen Umgegend beschäftigt und versieht die ziemlich zahlreiche Gemeinde in Wheeling am Ohio. 4) Vor zwei Jahren wurden die Nedemptoristcn durch die Wiederholten Vorstellungen des Hochwürdigsten Bischofs Kenrick von Philadelphia bewogen, daselbst eine Gemeinde katholischer Deutscher zu überncbmen, so wie den Bau einer Kirche für dieselben. Bis dahin hatten dieselben eine sehr kleine Kirche, unter der traurigen Verwaltung von Kirchcnvorstehern, wodurch fortwäh-! rendes Aerqcrniß entstand und sogar Viele die Kirche ganz mieden, j Andere die protestantischen Vcrsammlungshäuscr besuchten. Der nöthige Bauplatz wurde angekauft für 55,000 Frcö. und eine Kirche zu bauen begonnen, in welcher bereits seit einiger Zeit Gottesdienst gehalten wird. Die Unkosten dieses Baues werden, wenn er vcllendct ist, 150,000 Frcs. und zugleich um vieles die Kräfte dieser Gemeinde übersteigen, und doch hat man bei Aufführung dieses Baues kaum den allernothwendigsten Anforderungen einer Kirche entsprochen. Gegenwärtig besinnen sich hier drei Patrcö und mehrere Laienbrüder. Die gänzliche Verlassenheit der Jugend und die augenscheinliche Gefahr, worin sie sich durch den Besuch der protestantischen Schulen befanden, nöthigte hier so wie an andern Orten die Väter der Congrcgation, den Unterncht theils selbst provisorisch zu geben, durch Laienbrüder ertheilen zu lassen, oder auf eigene Unkosten Lehrer anzustellen. Da die Schulen aber durchaus nicht im Berufe des OrdcnS sind, so konnte diese Ueber nahine nur durch die äußerste Noth der armen Kinder bewirkt werben, und es ist zu wünschen, daß bald Schulbrüder ihre Stelle einnehmen. Die Zahl der katholischen Deutschen in Philadelphia ist etwa 10,000. Es befinden sich auch in der Umgegend von Philadelphia viele klmicre deutsche Gemeinden, welche sämmtlich von den Vätern besucht werden. 5) In New-Aork lebten ungefähr zwanzig Tausend katholisch- Deutsche in sehr verlassenem Zustande. Ihre Zahl mehrt sich täglich. Die Congngatio» folgte dem bringenden Wunsche des Hochwürdigstcn Herrn Hughes, Bischofs von Ncw-A rk, sich auch dieser Seele» anzunehmen und zugleich eine Kirche zu bauen. Seit zwei Jahren arbeiten nun drei Väter der Kongregation in dieser Gemeinde mit eben so großem Eifer als Erfolge. Da die Mittel biohcr fehlten zum Bau emer Küche, so hat man vorläufig einen Bauplatz für 130,000 FrcS. angekauft und eine Nolhki chc aufgeführt. Auch hier wohnen die Patres in einer Art hölzerner Barrackcu, allem Wechsel cer Temperatur ausgesetzt, 6) Derselbe Hochwürdigste Bischof von Ncw-Iock übergab der Congregation die deutsche Gemeinde von Röche st er von circa 2000 Katholiken. Zwei Patres leiten diese Mission und die Gemeinden der Umgegend. Die Unkosten des Bauplatzes und der Kirche, welche bereits unter Dach ist, werden nach Vollendung letzterer 150,000 Frcs. üb.rsteigen. 7) Vor etwa einem Jahre sandte der Orden auf Wunsch des Hochwürdigstcn Bischofs von New-Aork einen Pater »ach Buffalv. In wenigen Monaten hatte sich cinc Gemeinde von 2000 Deutschen um diesen Missionär gesammelt, von denen alle, ohne Ausnahme, ihre österlichen Pflichten erfüllten. Die Nothkirche ward hier auf Kosten des Hvchwürdigsten Bischofs aufgeführt, und es hängt von der Unterwerfung der Kircheuvorstchcr einer andern Kirche der Stadt ab, welche sich gegen den Bischof und die Diöccsangcsttze empört und vieles Aergerniß H-gröktt haben, ob die Kongregation diese Mission, welche cinc änderst wichtige und trostreiche zu werden verspricht, definitiv übernehmen und ein Etablissement auf eigene Kosten gründen wird. Hiezu- wäre freilich bedeutende Beihilfe erforderlich. Es befinden sich in Buffalo auch gegen 100 französische Familien alles pncstcrlichen Beistandes beraubt. *) In Monroe in Michtgan versehen seit achtzehn Monaten zwei Patres der Nedriuptoristen die Mission in der Stadt und der weiten Umgegend. Die Bewohner sind grvsztenthcilS cana- dischc Hieher übersiedelte Franzosen von großem religiösen Eifer und großer Sitteneiiifachhcit. Diese Missionäre haben auch die Sorge für die deutschen und englischen Ansiedler, so wie die zahlreichen am Lac St. Claire und Huron lebenden Wilden die Arbeiten der Nedemptoristcn, so bald als es möglich seyn wird, in Anspruch nehmen werden. Es ist der Wunsch des Hochwürdigstcn Bischofs von Detroit in Monroe ein Ccntralhaus für die Missionen dieser Gegenden zu gründen, wozu der Congrcgation bisher die Mittel fehlen. 9) Es wurde vor einiger Zeit in der Grafschaft Elk in Pcnnsylvanien eine katholische Kolonie, St. Maria, gegründet, auf einem zu diesem Behufe angckauftcn Landstriche von circa 5^/z deutschen Quadratmcilen. Es war cm lange gefühltes Bedürfniß, durch Ansiedelungen dieser Art dem vielen Unheile entgegenzuarbeiten, wtlchem die zerstreuten von Protestakten umgebenen Niederlassung?» ausgcs tzt sind. Abgesehen davon, daß den ersten Bedingnissen zum Gedeihen einer Kolonie, nämlich ein sicherer Rechtstitel, geeignete Lage, guter Boden, gesunde Luft und gesundes Wasser, welche leiter so häufig alle oder theilweise in diesem Land.' mangeln, in dieser Niederlassung auf das vollkommenste entsprochen ist, bictci sie dem Katholiken die noch nothwendigeren höheren Anforderungen: Gelegenheit ungestört seinen religiösen Pflichten leben und seinen Kindern eine solide, ächt katholische Erziehung geben zu können. ES ist die Meinung der drei Unternehmer dieser Kolonie hier einen Mittelpunkt für das katholische Leben und die katholische Erzicbung der teutschen Jugend in Amerika zu bilden. Die Kongregation des allerhciligsten Erlösers hat die geistliche Sorge dieser rein katholischen Kolonie übernommen , unv beabsichtigt mit der Zeit ihr StudicuhauS hierher zu verlegen. Die erste hier gebaute Kirche ist, wegen der täglich zunehmende» Zahl der Bewohner, schon zu klein, und eine zweite ist erforccrlich, größer als die in den übrige» MlssionSstaatcn erbauten, da, nach dem Urtheile Aller, St. Maria in Kürze eine bedeutende Stadt ;u werden verspricht. Dieß sind die nun bisher begründeten Missionshäuser der Kongregation des allerhciligst.n Erlösers in Nordamerika. Leider konnte den dringenden Anforderungen der Bischöfe von New-Orleans, von Orcgon, Chicago und Boston nicht entsprochen ^wcrdcn, in ihren Diöccscn Missionen zu übernehmen, da zum Unterhalte der oben angeführten die von Europa gesandten Mittel ^ bei weitem nicht ausreichen, und unmöglich ;u den frühcrcn drii- ! ckendcn zeitlichen Verlegenheiten neue hinzugefügt werden können, um auf dem betretenen Wege sich weiter auszubreiten. Werfen wir nun einen Blick auf das bisher betrachtete Feld ^ der Arbeiten dieses OrdcnS zurück, so finden wir eine so groß- ! artige MissionSthätigkeit, wie kein anderer Theil der Erde sie var- > bieten möchte. Wir sehen, wie unter der geistlichen Leitung dieser ') Die Congrcgation hat diese Mission bereits angenommen, wie wir eben erfahren. Väter ein eben so tüchtiges wie stlbststcindiges katholisches Leben einer ganzen deutschen Bevölkerung in jenem Wclttheile sich ausbildet. Niemand kann an der hohen religiösen und nationalen Wichtigk-it dieser unter sichtbarem Beistände Gottes arbeitenden Mission zweifeln. Möchte ihr daher auch die Aufmerksamkeit und die Hilfe aus dem Vatcrlandc zugewandt werden, deren sie so sehr bedarf, und ohne welche ihre großartige Thätigkeit nur gelähmt werden würde! Endlich bemerken wir noch, daß die Im letzten Sommer unternommene Visitationsreise des Hochwürdigen Pater von Held, Provincial der vereinten belgischen und amerikanischen Provinz, von den scgenreichsten Folgen für Amerila war, da er alle die vielfachen Bedürfnisse der neuen Stationen mit eigenen Augen sah, und mit ungemeincr Umsicht und Weisheit alle nöthigen Einrichtungen zur Ordnung und Befestigung seines Ordens traf. Niemand, der nicht mit eigenen Augen sah, wie diese Väter in Amerika leben, kann sich eine Vorstellung davon machen, bis zu welchem Grade sie der nöthigsten Hilfsmittel beraubt sind, indem sie bisher alle Zuschüsse lediglich zum Bau der Kirchen verwenden zu müssen glaubten, ohne an ihre eigene Erhaltung zu denken. Daß ihnen fast überall geeignete Wohnungen fehlen, haben wir gesehen; ihre Nahrung ist so dürftig, daß der ärmste Amerikaner sie zu schlecht für sich halten würde; dazu fehlen ihnen durchaus alle Bücher, und eö herrscht die größte Noth an Rechengerät!), Meßgewändern, kurz an Allem, dessen der Missionär bedarf. Je größer aber die Noth, um so lebendiger ist auch unser Vertrauen auf Den, der die Herzen der Menschen wie Wnsserbeiche leitet, daß er dahin Hilfe, baldige und wirksame Hilfe sende, wo sie einzig und allein zu seiner Ehre und zum Heile vieler Tausenden von Seelen erfleht wird! Schreiben Wiseman's an die Bischöfe Frankreichs. Dem genannten, und in der Postzeitung schon erwähnten Schreiben des CoadjutorS Bischofs Dr. Wiscman entnehmen wir folgende Stellen: „ES hat der göttlichen Vorsicht gefallen, Sie zum Hirtenamte in einem Lande zu berufen, wo die katholische Religion beinahe von sämmtlicher Bevölkerung bekannt wird; wo eine zahlreiche, sceleneif- rigc und sittlich untadelige Pnestcrschaft die Bürde ihrer Regierung erleichtert und Sie durch eine gesegnete Wirksamkeit tröget. Nach vielen Jahren der Prüfungen sehen Sie die Religion und ihre ehrwürdigen Diener geläuterter und glänzender aus dem Feucrofen kommen. Uns hingegen hat Gott in ein Land gestellt, wo lange Zeit Häresie und Spaltung herrschten und noch zur Stunde die Masse des Volkes in Finsternissen gefesselt sitzt, wo die Arbeiter im Evangelium unzulänglich für die Ernte sind, kurz, wo noch Alles zu geschehen hat, wo Kirchen gebaut, für die Erziehung gesorgt und religiöse Anstalten gegründet werden müssen. Trotz dieser Verlassenheit hat der Allmächtige eine Umwandlung hervorgerufen, welche in Trost unsere Herzen aufrichtet; er ließ einen Hoffnungsstrahl über uns leuchten, der die Nacht der Zukunft erhellt; er hat unsere Mühen versüßt und im Vergleich mit der nächst vergangenen Zeit unsere Arbeiten leicht gemacht. Unsere Vorgänger im Amte haben in Thränen gescict, und wir ernten in.Freuve, „Die ganze katholische Kirche hat mit der angenehmsten Ucberraschnng wahrgenommen, daß in England eine Erwecknng dcö religiösen Geistes sich kund gibt, welche man nicht anders denn als eine Offenbarung desselben heiligen Geistes betrachten kann, Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. der die Gewässer der Tiefe bewegte, um Ordnung und Licht zu schaffen, und in unsern Tagen das wilde Meer menschlicher Irrthümer aufzuregen scheint, um hinter dem Sturme Einheit und Wahrheit herbeizuführen und eine neue Welt religiösen Glaubens aufzubauen. Nicht allein, daß uns seine Gnade mit weit mehr Bekehrungen zum katholischen Glauben als ehemals, erfreut; die alten Vorurtheile verschwinden, man bezeugt sich gegen uns liebevoller und immer Mehrere denken an die Widcrkehr der Einigkeit und wünschen sie mit Sehnsucht herbei. „Gott der Herr hat uns dabei gegen die Gefahren des Stolzes bewahrt, indem die glückliche Umgestaltung unter Umständen vor sich ging, daß wir uns nicht einmal den kleinsten Antheil daran zuschreiben können. „Ja, die Ereignisse in England sind nicht durch die Thätigkeit der Katholiken, nicht durch die Predigten unsers Klerus nicht durch die Beredtsamkeit unserer Schriftsteller, noch durch den Eifer und durch die Frömmigkeit unserer Gläubigen hervorgerufen worden. Nicht menschliche Gewandtheit oder Klugheit oder Weisheit haben, auch nur im Entferntesten, zur Entwickelung beigetragen. Im Gegentheil scheint jede Dazwischenkamst von unserer Seite die große Bewegung zu beschleunigen und Denen, welche sich uns näherten, die Hand zu reichen, eher einen Stillstand, als einen Fortschritt zur Folge gehabt zu haben. „Keiner andern Mittel hat der Herr sich bedient, als seiner Gnadengaben, welche er in reichem Maaße sendete und indem er eine Reihe von Begebenheiten eintreten ließ, wodurch die denkwürdige Bewegung vorbereitet wurde. „Der Glaube lehrt uns, daß wir die Einflüsse seiner Gnade durch unsere Gebete fruchtbarer machen, uud die Erfahrung hat bewiesen, daß darin unsere einzige und mächtigste Hilfsquelle besteht. „Mit aufrichtigem Danke vernahmen die Katholiken in England, daß ihre Brüder in Europa und in Frankreich insbesondere, fromme Bitten mit den ihrigen vereint haben. Sie erkennen es als ein Merkmal brüderlicher Liebe, daH in inbrünstiger Andacht für Englands Wiedervereinigung mit der katholischen Kirche zu einer Zeit gestehet wird, wo Gott die Herzen einiger Protestanten gerührt und ihnen den Gedanken eingegeben hat, in dem Schooße ihrer betrübten Mutter den gestörten Seelenfrieden zu suchen. Den Einen hat der Herr zum Gebete entflammt, dem Andern hat er in seine Dunkelheit Licht gesendet: die Bekehrungen waren in einem gewissen Sinne Vergeltung des Gebetes. So mußte unser Flehen mit dem Erfolge, der es krönte, inniger und feuriger werden. Um diese Hilft, um diese LiebcSbezcugnng bittet Sie nun der niedrigste Ihrer Brüder. Eine Zeit drängt heran, von der wir uns viel Gutes versprechen; die Geister sind aufgeregter als je, und sie schwanken, was zu thun seyn. Viele sind bereitet, zu uns zu kommen, und best.hcn dabei die furchtbarsten Kämpft; sie haben nnr die Wahl, alle zeitlichen Guter zu verlieren oder der Wahrheit zu entsagen; sie müssen Menschenscheu und Vorur- theilc überwinden, auf den Verkehr mit ihren Familien Verzicht leisten und die theuersten Bande zerreißen. Schwierigkeiten aller Art thürmen sich bei manchem Uebertrittc auf, und Mehreren kostete er eine Selbstvc.läugnung, die von wahrem Heldenmuthe zeigt. „Welcher Katholik könnte sein Gebet versagen, welcher Sohn der Kirche sollte sich nicht glücklich schätzen, den in schwerem Streit Begriffenen hilfreich beizustehen? Viele sind noch unentschieden, welchen Weg sie einschlagen sollen. Wer wollie nicht den' Geist der Weisheit und der Kraft in Fülle für sie erbitten? _ Verlags-Jnhabir: F. C. Krem er. 'Kun n o <^ ^^»S ei Augsburger Zweite Jahreshälfte. ü i 5? 5 L Ppstzeitttttg. T8. Dec. Ewige Anbetung bei Maria Hilf auf deut Gudel in der Schweiz. (Schweiz. Kirchenz.) Von jeher war das glaubensvollc Gebet frommer Seelen von den Segnungen des Himmels begünstigt. Es liegt im Gebete eine wellüberwindende Kraft nicht nur für den Betenden selbst, sonder» auch für Die, für welche gebetet wird; das Gebet ist das Herz, aus welchen- gesundes Leben sich in alle Glieder ergießt. Darum haben in wichtigen Angelegenheiten unsere glaubenskräftigen Väter vor Allem ihre Zuflucht zum Gebet genommen, und wo sie wichtige Angelegenheiten zu besorgen hatten, beteten sie nicht nur selbst, sondern sorgten auch dafür, daß Andere dcn Segen dcS Himmels auf ihre Unternehmungen durch frommes Gebet herabflehcn möcht?». So finden wir im Jahrzcitbuch von Mcnzingcn einen schönen Zng von dem Glauben, welchen die Väter an des Gebetes Kraft besaßen; es heißt darin: „daß die fünf katholischen Orte zur Zeit des Kappclcrkncges 1531, als sie ihres Glaubens und ihrer Freiheit wegen hart bedrängt waren, vom 10. Wcinmonat bis zum 19. Wintcrmonat achtzehn W>ttwen aus den allcrflömmsten aus gemeinen Kosten zu Einsicccln unterhalten haben, die rann sechs und sechs wechselweise in alldvrtiger lieben Frauen Capclle Tag uud Nacht ununterbrochen für das katholische Heer beten mußten." Es ist bekannt, welch entscheidenden Sieg 632 katholische Hirten über ein auserlesenes Heer von 5000 wohlbuvaffnetcn Kriegern am 23. Weinmonat auf dem Gubcl erfochten, und wie schnell in Folge dieicö Sieges auf die Grundlage gegenseitiger Dullmnq Zwischen den verschiedenen Glaubensgenossen ein allgemeiner Landfriede zu Stande kam. Weder dcn Sieg noch den Frieden schrieben die frommen Väter eigener Tapferkeit oder Klugheit zu, sondern nächst Gott der Fürbitte der seligsten Gottesmutter und Jungfrau Maria. Darum wurde zum Zeichen des kindlichsten Dankes im Jahre 1556 auf der Wallstatt eine Capclle erbaut: „Gott dem Allmächtigen, seiner Hochwürdigen Mutter Maria, dem heiligen Bischof Severin und dem ganzen himmlischen Heere zu Lob, Ehr und Preis wegen des zu Errettung und Erhaltung unsers wahren katholischen christlichen Glaubens und geliebten !BaterlandcS gnadenreichen, wunderbar! ichen und ! tapfern erlangten Siegs." An diese Cavelle halte in der Folge Caspar Clscncr, „nachdem er aus gottseligem Antrieb das stürmische Kricgslcbcn mit dem einsamen Eremitenstandc vertauscht, mit H'.lse gutherziger Leute, besonders des Baron von Zurlauben, seines Hauptmanns, eine Ercmitenzcllc angebaut, worin er ein gottseliges Leben geführt, bis er im Jahr 1681 den 29. Mai selig im Herrn entschlafen ist." Der ausgezeichnetste unter seinen Nachfolgern auf dem Gnbcl war der fromme gottcefürchtige Pater Joseph Wiscnegger, Priester des dritten Ordens, von Salzburg gebürtig, der beinahe 46 Jahre in dieser Einsamkeit ein anferbaulicbcS Leben führte, und im Rufe der Heiligkeit im Jahre 1751 verschied. Sein Leichnam wurde in der Capellc begraben. Seit Jahrhunderten steht sie nun da, die vielbesuchte Wall- fahrtscapelle zu Maria Hilf auf dem Gubcl, von frommen Einsiedlern besorgt, mit verschiedenen Stiftungen bereichert, ein Ocnlmal wunderbarer Hilfe in der Noth, so wie auch ein Denkmal der Aussöhnung entzweiter Brüder. Schwebend zwischen dem sanften Wrün des Hügels und dem reinen Blau des Himmels blickt sie, von den Strahlen der auf- und niedergehenden Sonne wunderschön verklärt, freundlich nieder in die Thäler der Limmat und der Reuß, und mahnt mit stillem Ernste die Bewohner, festzuhalten an dem heiligen Vertrage, auf welchem unsere Väter nach langem blutige» Zwiste die Bruderhand des Friedens sich geboten. Man wird sich erinnern, wie vielfach den Grundsätzcn diescS Vertrages, auf dem, wie auf einem Fundamente, der RcligivnS- fcicve ruht, seit den dreißiger Jahren ist entg'gengehandelt worden, und wie eben darum unser Vaterland im Laufe des letzten Jahres in g'ößtcr Gefahr gestanden eine Beute jener Faction zu werden, deren Plan es ist, den blutigen ReligionS- und Bürgerkrieg herauf- zubcschwörk», um auf dcn Ruinen der bestehenden Ordnung in Kirche und Staat den Thron des AntichristenthumS aufzurichten. Um diescS boshaften Planes Ausführung zu hindern, war es nothwendig, daß die katholischen Stände vereint und muthvoll den Bcfcindungcn ihrer Kirche in: Vertrauen auf die Hilfe des göttlichen StiflcrS entgegentraten, und in dieser heiligen Absicht wurde vorzüglich zum Gebet Zustacht genommen. Regenten und Volk wendeten sich im Hinblick auf die großen ihnen drohenden Gefahren zu Maria der Himmelskönigin, um ihre vielvermögende Fürbitte bei Jesus ihrem göttlichen Sohne anzuflehen. Wo min einen Ort fand, an dem Maria in besonderer Verehrung gehalten wird, dorthin gingen zu Hunderten, dorthin oft zu Tausenden. So richteten sich auch die Blicke frommer Beter auf den Gubel zu „Maria Hilf," und es veranstaltete dorthin schon im Jahre 1843 Joseph Leu von Ebcrsol eine große Wallfahrt. Es war ein feierlicher Tag der 23ste Weinmonat, an welchem Tag jährlich die Gcdächtnißfcicr der Schlacht begangen wird, es war rührend zu sehen, wie zn Tausend und Tausend den Berg hinan- und damit bei den frommen Ordensschwestern auch Solche eine Zufluchtstätte finden können, welche den heilsamen Gciftesübungen auf einige Zeit obliegen, oder mit Thränen der Buße bei den Füßen des Heilandes den Gottesfrieden wieder finden möchten." Die liebevolle Vorsehung fügte es, daß diese Freunde bald dahin sich verständigten, Hand an's Werk zu legen, im Vertrauen auf Denjenigen, welcher wie das Wollen, so auch das Vollbringen des Guten verleiht. Es wurde sofort das Land um die Capelle mit dem darauf befindlichen Hause angekauft, und der stiegen, und zu hören, wie von Tausenden gerufen wurde-. „Hei- Plan für ein zu errichtendes Klostcrgebäudc ausgearbeitet. _ Die lige Maria, bitt für uns!" Es gedachten damals einiges Vorstände eines wohldiscipltnirten Klosters der ewigen edle Männer an das zahlreich versammelte Volk politische Reden ^ Anbetung gaben auf gestelltes Ansuchen die Zusicherung, nicht nur zu haltenallein der selige unvergeßliche Vater des Volkes Joseph lein Noviciat für dieses Filialkloster zu übernehmen, sondern dem- Len sagte zu ihnen: „Männer! des BctenS wegen sind wir an diesen Wallfahrtsort gekommen; das Gebet ist die beste Politik unserer Tage; aus dem Gebete stammen Muth zum Kampfe, und zum Rathe Weisheit." Diese Gesinnung des katholischen Volksmannes beweist! sellschaft möglich gemacht werden, sich bald als die Gesinnung des katholischen Volkes selbst. Denn als am 31. März und 1. April 1845 die Kunde erscholl, daß ein wohlgcrüsietcs Heer von 8 bis 10,900 Freischärlern in das Herz der katholischen Eidgenossenschaft schon eingedrungen sey, und daß ringsum fcmatisirtc Massen nur des Zeichens zum feindlich n Uebcrfalle harren, als die Thäler zwischen dem Sonnenbcrg und Gubel vom Donner der Kanonen erdröhnten und die Sturmglocken über den Treucbruch der Eidgenossen weitumher in schauerlichen Tönen wehklagten, da verdoppelte man das Gebet, da richtete sich manches thräncnbcnetzte Auge auch hinauf zur Capelle auf dem Gubel, die im Glänze der Frühlingssonne so freundlich niederblickte, da stiegen auö tausend schwer gepreßten Herzen Gelübde empor zu selben überhaupt alle mögliche Sorgfalt zuzuwenden, und der Hochwürdigste Bischof von Basel säumt- nicht, dem Unternehmen seine Gcncbmigung und den vbcrhirtlichcn Segen zu ertheilen. _ Die Gründung des Klosters soll durch eine zu bildende Gc- Zur Erinnerung an den 13. December 1S.SA3. (Mmister'schcs SrnntagSblatt.) (Schluß.) Die Aufgabe des Conciliums war eine dreifache; die nächste, welche das Concilium auch immer als solche im Auge behielt, war die Zurückführung der Abgefallenen. Weil aber der Abfall bereits zu einer bestimmten Irrlehre sich ausgebildet hatte, welche zugleich mit einer gänzlichen Entstellung der katholischen Lehre verbunden war, so mußte zweitens das Concilium diesen Irrlehren unv Entstellungen die reine katholische Lehre gegenüber stellen; und Maria der Helferin der Christen, und Während die bundestreucn^ weil endlich ein in der That großes Sittenverdcrbniß und großer Krieger im gefahrvollen Schlachtgcwühle kämpften, knieten die Kin- Verfall der Zucht in der Kirche bestand, welches eben dem Abfalle der der Gemeinde Menzingcn in der Gnadencapellc, erhoben ihre, die meiste Nahrung gab, so mußte drittens dieser sogenannten unschuldigen Hände zu Maria und flehten für das Leben ihrer Reformation eine wahre Reformation in der Kirche selbst cntgcgen- Vätcr und Brüder, flehten für den Sieg der gerechten Sache Nicht umsonst wurde so viel angelobt, so viel geweint, so viel vertrauungSvoll gebetet; bald erfreute die Vcängnigten die Kunde von dem glänzenden Siege. Aber jetzt vergaß man nicht der erhaltenen Hilfe in der Noth, es füllte sich auf dem Gubel nicht bloß die Capelle, es füllte sich weit umher der Hügel mit frommen Pilgern, die hinaufgceilt waren theils ihre Gelübde zu lösen,- gesetzt werden. — Wie das Concilium diese seine schweren und umfangreichen Arbeiten ausgeführt, wie tief und klar es seine große Aufgabe erkannt, in welchem Gcistc, mit welchem Eifer, welcher Klugheit es gewirkt habe, von dem allem werden wir eine Ahnung erhalten, wenn wir einiges auS der Rede, welche der Bischof Ragazoni an die versammelten Väter hielt, mittheilen. „Zweierlei Arznei, sprach er unter cmderm, mußte für ihre theils ihre dankerfüllten Herzen vor Marie- der Trösterin der Bc-i kranken und schwachen Gemüther angewendet werden: erstlich, die trübten auszuschütten, und seither pilgern täglich fromme Betcr hinauf, um durch die Fürbitte der seligsten Gottesmutter zu erflehen, daß in Folge .dieses Sieges nun auch, wie vor drei Jahrhunderten nach der 'merkwürdigen Schlacht ans dem Gubel, der holde Friede wiederkehre für unser theures Vaterland. Bei dem Anblicke so vieler Pilgcrschaarcn, und beim Hinblicke auf die Gefahren, welche unserer katholischen Schweiz noch bevorstehen, that sich zu gleicher Zeit der in den Herzen mehrerer Freunde seit längerer Zeit schon verschlossene Gedanke kund: „Bei Maria Hilf auf dem Gubel ein Klöstcrlein der ewigen Anbetung zu erbauen," damit auf diesem stillen Berge ununterbrochen Tag und Nacht fromme Ordensschwestern vor JcsuS im heiligsten Altarssacramcntc ihr Gebet verrichten „für Erhaltung und Belebung des katholischen Glaubens in unserm Vaterland, für Friede und Eintracht unter den Eidgenossen, für S tandhaftigkcit der Guten Erklärung und Bestätigung des katholischen und wahrhaft evangelischen Glaubens rückstchtlich derjenigen Dinge, die von ihnen in Zweifel gezogen werden, und die diesen Zeiten angemessen schienen unter Zerstreuung und Zernichtnng aller Finsternisse der Irrthümer darüber; zweitens die Herstellung der kirchlichen Zucht, wegen deren Entartung, Wie sie behaupten, sie vorzüglich von uns abgefallen sind. Beides haben wir, so viel an uns war, nach diesen Zcitoerhältnissen in reichem Maaße geleistet. „Denn gleich im Anfange hat dieser Kirchenrath, um gleichsam ein Fundament für seine künftigen Handlungen zu legen, und zu zeigen, auf was für Zeugnisse und Schutzmittel man bei Feststellung der Glaubenslehre fußen müsse — nachdem er gemäß der löbl. Uebung unserer Borväter das Bekenntniß des Glaubens abgelegt hatte (3. Sitzung) — die Bücher des alten und neuen Bundes, die ohne allen Zweifel anzunehmen sind, getreu und weislich, nach dem Beispiele der bewährtesten alten Concilien auf- und für Bekehrung der Sünder und Ungläubigen, gczählet, und damit nicht einmal über die Worte der verschiedenen Ucbersetzungen irgend eine Schwierigkeit entspringen könne, eine eigene und bestimmte Übersetzung aus dem GriechischlN und Hebräischen genehmiget (4. Sitzung). Sodann verordnete er, das Haupt und' die Schanze aller Irrlehren angreisend, über das ursprüngliche Verderbniß der menschlichen Natur dasjenige, was die Wahrheit selbst, konnte sie sprechen, aussprechen würde (5. Sitzung). „Ueber die Rechtfertigung — eine wichtige, und sowohl von den alten, als von den Jrrlehrern unserer Zeit auf außerordent- ltche Weise besttittene Sache — bestimmte er sodann das, was sowohl den in dieser Art verderbnißvollsten Meinungen steuerte, als auch die richtige Glauben-weise in einer bewunderungswürdigen Ordnung und mit wunderbarer Weisheit, die leicht den Geist Gottes darin erkennen läßt, darlegte (6. Sitzung). Dieser seit Menschen Gedenken treffliche Beschluß versetzet fast allen Ketzereien den Todesstoß, und vertreibet und zerstiebt sie, wie die Sonne die Finsterniß; eS leuchtet eine solche Klarheit und ein solcher Glanz der Wahrheit aus ihm, daß sich wohl Niemand mehr anstellen kann, als sähe er ein so großes Licht nicht. Hierauf folgte die heilsame Verhandlung über die sieben Sacramente der Kirche, und zwar erstlich über alle insgesammt (7. Sitzung), und sodann über jedes insbesondere. Wer aber sieht da nicht, wie genau, wie deutlich, wie umständlich, wie ltchthell und — was die Hauptur- sache ist — wie wahr dieselbe die ganze Weise dieser himmlischen Geheimnisse in sich begreifet? Wer kann in dieser großen und vielfältigen Lehre noch auf irgend eine Weise vermissen, was befolget, oder was gemieden werden müsse? Wer will bei ihnen ollen noch Platz oder Anlaß zum Irrthume finden? Wer endlich könnte fernerhin an der Kraft und Wirksamkeit dieser Sacramente zweifeln, da es sich zeiget, daß jene Gnade, welche sich täglich! durch sie, wie durch gewisse Canälc, in die Gemüther der Gläu-! bigen ergießet, damals uns so reichlich bcistand? Dazu gesellten j sich dann die Beschlüsse über das hochheilige Opfer der Messe und! über die Communion unter beiden Gestalten, und der Kinder, so! durch Heiligkeit und Nützlichkeit ausgezeichnet, daß sie mehr vom! Himmel gekommen, als von Menschen abgefaßt zu seyn scheinen.! Diesen wird heute noch die gewisse Lehre von den Ablässen, von! dem F-gfcuer, von der Verehrung und Anrufung der Heiligen, von den Bildern und Reliquien beigefügt, und durch sie nicht nur den Trügercien und Verleumdungen der Ketzer Widerstand, sondern auch rcm Gewissen der srommgcsinntcn Katholiken vollkommen Genüge geleistet werden..... „Auch der zweite Hauptthcil, in welchem von der Wiedcrbe- fcstigung der sinkenden und fast untergehenden Kirchenzucht gehandelt werden mußte, ist auf das sorgfältigste beendigt und vollendet. Künftig werden zur Uebernahme der kirchlichen Aemter solche erwählt werden, die sich durch Tugend, und nicht durch Ehrsucht auszeichnen, dem Wohle des Volkes, nicht ihrem Interesse dienen, und vielmehr beglücken, als beherrschen. Häufiger und sorgsamer wird Gottes Wort, das eindringlicher als alle Schwcrtcsschärfe ist, verkündiget und erklärt werden. „Die Bischöfe und die Uebrigen, denen Seelsorge anvertraut ist, werden bei ihren Hcerden verbleiben, und über sie wachen, und nicht von der ihnen anvertrauten Huth getrennt bleiben. Niemanden werden weder zu unreinen und lasterhaftem Wandel, noch zu böser und verderblicher Lehre, Privilegien irgend einen Vorschub gewähren; kein Verbrecher wird ohne Strafe, keine Tugend ohne Belohnung gelassen. Bestens gesteuert ist der Menge armer und um Almosen bittender Priester; jeder wird einer bestimmten Kirche, und einem bestimmten Wirkungskreise, von dem er sich nähren kann, zugezählt; der Geiz, dieses scheußlichste aller Laster, besonders im Hause Gottes, wird gänzlich aus diesem entfernt; unentgeldlich, wie billig, werden alle Sacramente ausgetheilet, aus einer Kirche werden mehrere, aus mehreren Eine gebildet, je nachdem das Wohl und der Zustand des Volkes es erfordert, und was zum höchsten Glücke zu rechnen ist, die sogenannten Allmoscnsammler, die die ihrige, nicht die Sache Jesu Christi suchend, unserer heiligen Religion großen Schaden, große Unchre zufügten, werden durchaus aus dem Gedächtnisse der Menschen ausgetilgt werden. Von daher hat unsere gegenwärtige Bc- drängniß ihren Anfang genommen; von daher hat ein endloses Uebel sich einzuschleichcn und Tag täglich weiter auszubreiten nicht aufgehört, dem die Vorsorgen und Maaßnahmen so vieler Concilien bis anhin nicht zu steuern vermochten. Wer wird eS deßwegen nicht eine sehr weise That nennen, daß dieses Glied, für dessen Heilung man sich umsonst lange und vielfach bemühet hat, weggeschnitten werde, damit es dem übrigen Körper nicht schädlich sey ? „Ferner wird der Gottesdienst reiner und pünctlicher erfüllet, und diejenigen, die die Gefäße des Herrn tragen, werden so rein werden, daß sie Andere bewegen, ihnen nachzufolgen. Vortrefflich ist hierbei der auogedachte Plan, diejenigen, welche in die heiligen Weihen erhoben werden sollen, bei jeglicher Kirche vom jugendlichen Älter an zu solchen Sitten und Kenntnissen hinanzubilden, daß dadurch gleichsam eine Pflanzschule aller Tugenden begründet wird. Endlich wurden die Provincialsynodcn wieder hergestellt: die Visitationen zur Wohlfahrt, und nicht zur Klage und Belästigung der Völker, wieder eingeführt, den Hirten die Vollmacht zur bequemern Leitung und Weidung der Ihrigen zucrtheilt, die öffentliche Buße wieder in Uebung gesetzt, die Gastfreundschaft sowohl den kirchlichen Personen, als den frommen Stsstungsortcn anbefohlen, für Die Erthcilung scclforglichcr Pricstersicllcn eine denkwürdige, fast himmlische Messe angeordnet, die sogenannte Vielheit der Benesicieu abgeschafft, der erbliche B.sitz des Hciligthumö Gottes verboten, den Excommunicationen eine Schranke gesctzet uno be- stimmt, die erste Beurtheilung der Streitigkeiten dahin, wo sie entstehen, angewiesen, der Faustkamps der Einzelnen untersagt, der Ueppigkeit, Habsucht und Zügcllosigkcit der Menschen, und besonders der dem Dienste Gottes Gewidmeten, gleichsam ein Zügel, der nicht leicht abgcworsen werden kann, angelegt, die Könige und Fürsten sorgsam an ihre Pflicht ermähnet, und mit großer Klugheit andere Dinge dieser Art mehr verfüget. Wer sieht daher nicht, daß ihr, beste Väter! auch in diesem Theile Eucre Obliegenheit in höchstem Maaße erfüllt habet?" Der Katholik sagt in einer Betrachtung zur Erinnerung an die dreihundcrtjährige Eröffnung des Trientner Concils unter anderm: „Wer auf dieser Synode nicht erschien, das waren Die, die am lauteste» darnach geschrieen: die sogenannten Reformatoren. Es wurde klar, daß es nicht um Reformation, um Verbesserung oder Herstellung der alten Lehre und Zucht zu thun war, sondern um Deformation; eine Kirchenversammlung, wie sie von der ersten zu Jerusalem oder der zu Nicäa an durch die Apostel und ihre Nachfolger, als die Oberhirtcu der Kirche, stets gehalten worden War, wollten sie nicht, sondern eine Versammlung nach umgekehrtem Princip, wo nicht die Lehrer und Väter der Kirche, die „der Herr bestellt hat die Kirche Gottes zu regieren," unterm Beistand des heiligen Geistes Rath nehmen und Beschluß fassen, sondern wo die untergeordneten Kleriker oder gar die Lernenden unterm Einflüsse des sognanntcn Zeitgeistes über Die wichtigen Gegenstände des Glaubens und der Sitten diScutircn und abstimmen sollten. Die - vom heiligen Geiste geleitete Synode zu Tricnt ist, wie die von Christo festgesetzte heilige Ordnung es wollte, abgehalten worden von den Bischösen der Kirche aller Länder und Nationen; was sie von Glaubenslehren erklärt und von Kirchengesctzen angeordnet hat, ist bis heute von der ganzen Kirche, von Millionen und aber Millionen Christen anerkannte heilige Norm; wo aber sind jene Irrlehren, gegen welche die Synode zusammentrat? wo sind z. B. die Hauptsätze der „Augsburger Confession," die heule den Protestanten (nicht aller Länder, sondern nur) eines Landes, ja nur Einer Gemeinde als Norm dienten? gegen die nicht ein „hundertfacher Protest" erhoben würde? — Wurden doch die Wenigen, die am Glauben Luthers sich festklammerten, um nicht ebenfalls in den Strudel der Denkgläubigkeit mit hinein zu gerathen, wie Scctirer gehalten und behandelt! „Auch heute, nach drei Jahrhunderten, erschallt wieder ein Ruf nach Synoden; aber nicht nach einer allgemeinen Kirchcnvcrsammlung, sondern nach Diöccsansynodcn, wie sie Das Concilium '1'ricle!»tim>m angeordnet habe. Die jetzigen Schreier sind von den damaligen verschieden, daß sie sich noch nicht außer der Kirche gestellt und das Dogma, wie es die Kirche festgesetzt, angeblich unberührt lassen. Aber im Uebrigcn gleichen sie sich, wie ein Tropsen dem andern. Geschrei um Abschaffung des Cöli- bats, der Ohrcnbeichte, der Kirchensprache, des Cercmoniendienstes, frecher, »ngemessener Tadel gegen Papst, Bischöfe und geistliche Obern, Verfluchung und Verwcltlichung der Kirchenlicht: das ist heute, wie damals, der Inhalt der bis zum Ekel wiederkehrenden Klagen und Beschwerten, Forderungen und Drohungen Derer, die nach Synoden schreien. Nber, daß auch unsere heutigen Schreier keine kirchlichen Synoden, keine Synoden in altbewährter Norm und Form wollen, liegt klar zu Tage. Laien sollen mit im hohen Rathe sitzen, und statt daß in ächtkirchlicher Weise der Bischof die' nach dem Kirchenrecht befugten Männer um sich sammelt, sollen und wollen die Schreier, die Cölibatstürmer und Bcichtfcinde den Bischof gleichsam vor sich citiren, nm durch die also leicht erreichbare Stimmenm hrheit gegen den Geist und die Gesetze der katkolischen Kirche Beschlüsse zu fassen. Synoden, die nach christ icber Weise, in althergebrachter Form, in gläubiger und frommer Gesinnung gehalten werten (Üe seyen allgemeine oder besondere) haben stets Befestigung im Glauben und Schärfung der Kirchcndisciplin >ur Folge gehabt, und würden auch heute noch denselben Erfolg haben; Synoden würden auch heute noch geschärft terc Bestimmungen gegen cingeschlichene Mißbräuche und Aergernisse, gegen anstößigen Wandel der Geistlichen, gegen Lauigkeit und Gleichgültigkeit im Empfange der Sacramenle, gegen Willkür in den liturgischen Formen :c. zur Fol e haben, gerade das Gegentheil von Dem, was die Schreier wollen. Ein neuer Beweis, daß sie nicht Synoden wollen, wie das Tndcntinum sie beschreibt, sondern Synoden in ihrem Sinne, wo das Gelüste destructiver, ze> störender Tendenzen durch Herbeizichung von Krethi und Plethi Erfolg haben lönntc. Das ist gewiß: würden unsere Bischöfe Synoden zusammenbcrufcn, We sie das Tndcntinum will, und wie seit dieser so segcnrcichen Kirchenversammlung in vielen Diöccsen (z. B. in Köln) gehalten wurden — die jetzt so nach Synoden schreien, wären die Ersten, w lche dagegen Protest erhöben! „Aber es dürfte vielleicht gut, ja nothwendig ssyn, wenn unsere Bischöfe Diöccsansynodcn, versteht sich in katholischem Sinne, abhielten? — Nothwendig ist es nicht; denn irber alle die Puncte, welche die Ncologcn in und außer der Kirche in Frage stellen, über den Cölibat, die Beichte, die Liturgie:c. hat die allgemeine Synode zu Trident die bestimmtesten Erklärungen und Vorschriften gegeben; eine Diöccsansynode wird doch Beschlüsse eines ökumenischen Concils nicht ändern, geschweige gar umstoßen wollen, wären eS auch nur Disciplinarpuncte! Und nun gar diese wichtigen Institute, das Cölibat und die Beichte, in deren Verteidigung die Kirchen der ganzen katholischen Welt Eins sind! Wohl ist es hie und da nothwendig, eine allgemeine und geläutcrtere Handhabung der Kirchendisciplin einzuschärfen; dazu bedarf es aber keiner Synode, nur der sorgfältigsten Amtsführung der Kirchen- obern, die die Kirchengesctze mit Umsicht und Gewissenhaftigkeit geltend zu machen haben. Daß in dieser Beziehung in den Gegenden, wo diese Synodenschreier sind, diese Diöccsansynodcn, wenn ihre Zusammenbcrufung nicht aus anderen Gründen unzulässig oder doch unrathsam wäre, ihr Gutes haben könnten, kann nicht gelciugnet werden; wohl möchten sie den verkommenen Klerus mancher Decanate zurcchtzuweisen, auf Zucht und Sitte in ihrem Hauswesen, ans Anstand in ihrer klerikalischcn Haltung, auf Treue in Handhabung des Bußlacraments und vieles andere Nothwendige zu dringen alle Ursache finden. Aber, wie gesagt, das ist es nicht, was die Neologen mit ihrem ungestümen Geschrei nach Synoden wollen, sondern daS, was in allen christlichen Jahrhunderten verrufen und verpönt war, das gerade Gegentheil der eigentlichen Synodalaufgabc. Was der Constanzcr Decan mit seinen Anhängern will, sind nicht solche kirchliche Synoden, welche im Leben und in den Sitten dieser eigentlichen Wcltprie- ster übervollen Anlaß zur Erneuerung und Schärfung der Kirchcndisciplin fänden, sondern geistliche Kammcisitzungcn, welche die Kirchensützungen durch Bcillvtage und Stimm,ctiel abmcichcn und im Geiste deS sprudelnden Champagners und wortreicher Toaste ihre Weihe und Kräftigung fänden. „Es ist nicht zu läugnen: auch jetzt, nach drei Jahrhunderten, ist eine trübe und wirce Zeit. Herrscht auch unter den Gliedern der katholischen Kirche mehr Einheit und Leben, als je zuvor in diesen drei Jahrhunderten, so tobt und raset eS um so mehr um sie herum; und sitzen auch auf den Bischosstühlen in allen Ländern fast durchweg tüchtige, ihre Zeit und ihre Stellung begreifende, charakte!feste Kirchenfürsten, so ist doch an allen Seiten ein Widerstreben irdischer Gewalten, ein Kampf weltlicher Elemente gegen die Zwecke der Kirche bemerkbar, wie es seit der sogenannten Reformation nie so allgemein, wenn auch in einzelnen Ländern allerdings stärker, sich zeigte. Dem Allem gegenüber hat auch jetzt, wie v,or drei Jahrhunde-ten, die katholische Kirche einen schweren Stand: aber daß die katholische Kirche, wie dazumal, aus den sie umschwärmenden Wirr- und Jrrsalen nur herrlicher hervortreten wird: deß sind wir, im Bewußtseyn unserer inneren geistigen Kraft und im Vertrauen auf den Herrn, gewiß. Der ! Rückblick auf die vor drei Jahrhunderten gehaltene Versammlung, !deren Satzungen bis heute der ganzen katholischen Welt Norm, Freude und Ruhm sind, kann uns nur in diesem Vertrauen stärken. ! Bischöfe wie Priester werden im Lause deS nenbegonncncn Jubeljahres diese ermutigenden und erstellenden Gedanken für sich und die ihnen anvertrauten Gemeinten zu benutzen verstehen. Vom Neujahr an wird das SonntagS-Beiblatt, wie schon angekündigt, im Format der Postzcitung erscheinen. Indem wir zum Abonnement einladen, bemerken wir, daß dasselbe auch auf rein Wege des Buchhandels zu beziehen ist, und zwar um den jährlichen Preis von Ist. 30 kr. oder Nthlr. 1. _ Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags. Inhaber: F. «. Krem er. A. Poſtzeitung) jaͤhrlich Neunnter Zahrgang. Preis in Augsburg für fich allein(ohne u fi. 12 kr. Durch die Poſt kann dieſes Wochenblatt nur von Abonnenten der Poſt⸗ zeitung bezogen werden, und erhöht ſich der VPreis nach Verhaältniß der Entfernung. Augsburger Sonntags-Peiblatt zur Für ſich allein, ohme die Augsburger Poſt⸗ zeitung, find dieſe Blat⸗ iter nur im Wege des Buchhandels zu be— ziehen und koſten in ganz Deutſchland, der Schweiz u. ſ. we jaͤhr⸗ lich nur Afl Zoer oder Thlr. Poſtzeitung. Zeitgedanken bei m Wechſel des Jahres. Ariſtoteles pflegte bei der Herausgabe ſeiner Phyſik zu ſagen, er habe ſie herausgegeben und nicht herausgegeben, weil ſie ſo dunkel geſchrie— ben wäre, daß Wenige ſie verſtehen werden. Noch dunkler aber iſt das Buch der Zeiten geſchrieben, und nur Wenige ſind es, die darin leſen und ſelbes zu ihrem Beſten verſtehen. Die Meiſten gehen mit der Zeit um, Aals waͤren ſie die Herren derſelben, während doch einmal Gottes Engel rufen wird:„Von uͤun an iſt keine Zeit mehr.“ Wie den einzelnen Men— ſchen, ſo ergeht es mit der Zeit der ganzen Menſchheit und den beſondern Generationen, die in der Zeit leben. Man denkt ſelten oder gar nicht an das Ende der Lebenszeit und an das Aufhören dieſer Zeit auf Erden. Und doch geben die heiligen Lehrer der Kirche ſo deutliche Kennzeichen des Weltendes und der Weltzeit an, daß es nur einer beſondern Apathie gegen alles Ueberſinnliche zugeſchrieben werden muß, wenn dieſe Kennzeichen der alternden und dahinſterbenden Welt unbeachtet bleiben. Bekannt iſt in dieſer Hinſicht die Anſicht vieler Kitchenväter, daß die ſechs Schöpfungs— tage die ſechstauſend Jahre des Weltalters vorſtellen, nach welcher dieſe Die Abnahme der Heiligen, die Zunahme der Gottloſigkeit, der Verfall des Glaubens, der uͤntergang des römiſchen Reiches, die Verkündung des Evangeliums in Welt keine zweihundert Jahre mehr exiſtiren würde. Men iihenen und die Verkehihet und Verdorbenhent der Wen ſuue ſechs Puncte, die dem aufmerkſamen Beobachter des Zeitenlaufes nicht unbemerkt entgehen. Wer mit dem Republlicaner Fröbel den Glauben an Gott und an die Unſterblichkeit des Menſchen aus dem Staate verbannt und die bindende Ehe, ſo wie das Privatrechtſund den Privatbeſitz aufge— hoben wiſſen will, der wird freilich obige Anſichten als Thorheiten ver— lachen. Allein eben dieſe vermeintlichen Thoen wären Arzneimittel für unſere fieberhaft bewegte Zeit, wenn man ſie ernſtlich überdenken und auf das Leben anwenden würde. Die Verdienſte und das Gebet der Hei— ligen ſind Säulen, welche die Welt halten Wenn aber dieſe Säulen einſtützen, was wird die Welt halten, von der man ſagen kann, was Gott von der Stadt Sodoma ſagte? Durch theoretiſchen und praktiſchen verrücker die Menſchen von Gott los, ſo daß die Frage des göttlichen Heilandes immer mehr ihre Wahrheit beurkundet„Wird wohl der Men—⸗ ſchenſohn Glauben finden auf Erden, wenn er kommt?“ Vier große Welt— reiche ſagte der Prophet Daniel vorher, das babyloniſche, das perſiſche, das griechiſche und das römiſche. Dieſe vier groͤßen Reiche haben ihren Lauf vollendet. Auch iſt das Evangelium bereits überall verkündet worden, in Indien, Japan, China, Amerika u. ſ. w. Endlich deuten die herr— ſchende Genußſucht und die aus derſelben entſtehende Fleiſchesluſt auf jene Zeit hin, welche der göttliche Heiland ſelbſt mit Noes Zeit vergleicht. Möge der Wechſel des Jahres uns veranlaſſen, dieſen kurzen Andeutungen einiges Gehör zu ſchenken in unſerer an Herbſtzeitloſen ſo überreichen Zeit! Unglauben machen die ſogenannten und eigentlichen Volks— Boffnung! „Wider Hoffen hoffen wir.“ Es handelte ſich, wenn wir auf die Bewegungen und Kämpfe des verfloſſenen Jahres zurückblicken, um reiche, große, tiefe Ideen, die im Bewußtſeyn der Völker verwiſcht, um koſtbare Güter, die verloren, um Lebensbedingungen, die längſt und ſchwer vermißt waren. Freiheit, Wahrheit, Recht war die Loſung, die durchs ganze Jahr getönt hat. Ware die Entwicklung der deutſchen Freiheit im organiſchen, lauteren, *) Nach dem Münſter'ſchen Sonntagsblatte. RMe J. Januar 8409. Sichtlichen Wege vor ſich gegangen, dann könnten wir Deutſchland Suck wünſchen, dann hätten wir die tiefen Wunden nicht zu beklagen, die gegenwärtig dem Vaterland geſchlagen ſind. Es iſt eine mißliche Sache, wenn aus der Krankheit die Geſundheit, aus der Revolution die Fretheit Worgehen ſoll, Tieferdenkende, die das Weſen der Revoluͤtion näher bachtet, in den Conſequenzen verfolgt hatten, ſchüttelten bedächtig den Epf und hatten gerechten Argwohn gegen eine Freiheit, die ihre erſten gen Wurzeln in die Barricaden geſchlägen hatte. och gegenwärtig iſt die Verwirrung der Begriffe groß, die Gefahr Dt überſtaänden, aber, wider Hoffen hoffen wir. Wir verzweifeln keineswegs, daß das deutſche Volk eben bei dem Richthum des Gemüthes, bei der Tiefe des Gedankens und der Thatkraft S Lebens, die ihm eigen iſt, im Laufe der Zeit, wenn auch nach harten Kämpfen, die tiefen und reichen Ideen von Freiheit, Wahrheit und Recht lauter und rein entwickeln, und im Herzen Europa's klar vor dem Ange— ſichte aller Völker ausprägen werde, wir verzweifeln nicht an einem gluck— lichen Gelingen und hoffen, daß Gott den Leüchter nicht von unſerm Lande rücktz und wenn auch die Hinderniſſe groß und unüberwindlich ſcheinen, dennoch hoffen wir. Die Gerichte, Gottes ſind über uns ergangen.„Lange,“ ſo ſagen erſammelten Biſchöfe zu Würzburg„hat der Herr zu den Völkern ereder mo ſte haden Ihn nicht gehört; hat durch Segnngen eut ihre Herzen erwerben wollen, und ſie haben es nicht erkannt; hat durch ernſte Prüfungen, durch Krieg und Kriegsgeſchrei, durch Krankheit und Hunger die vereitelten Gemüther zu ſich erheben wollen, und ſie haben es nicht geachtet. Da hat Er die Stürme des Aufruhrs frei gelaſſen und der Empörung, und ſie ſind über die Fürſten dahingefahren und über die Völker, und haben die Paläſte erſchüttert auf den Höhen und in Hütten in den Thälern, und viele alte Dämme durchbrochen und alte Wege zer— ſtört, ſo dgß auch die Sicheren aufgerüttelt, die Schlummernden geweckt, die Hochmuthigen gebeugt worden ſind, und— es iſt ein wahres und wahrhaftiges Wort— der Herr wird ſeine ſtrafende Hand nicht zurück— ziehen von dieſem Geſchlechte, bis daß es Ihn von Neuem erkennt, in Demuth um das verachtete Kreuz ſich ſammelt und in der Kirche, die ſich Chriſtus mit ſeinem heiligen Blut erkauft hat, die Mutter wieder ehrt, welche allein die Menſchen die Wege des Heiles führt.„Darum erhebet eure Häupter und erkennet, und zwar in dieſen euern Tagen, was zu euerm Frieden dient.“ Wirklich haben dieſe und ähnliche Gedanken in den Gemüthern mehr oder minder Anklang gefunden; man bemerkte in den Ereigniſſen etwas von Gottesgerichten, Ahnungen ſtiegen in der Seele auf, man fühlte das Wehen eines höhern Geiſtes und unwillkürlich wandte ſich manches Auge, welches lange blöde und blind auf die Erde geheftet war, auf zum Him— mel. In den Edleren und Beſſeren gab ſich ein merklicher Umſchwung der Geſinnung kund. Man verſpürte, daß die Ideen Freiheit, Wahrheit, Recht, mit ihren Wurzeln in ein göttliches Gebiet herüberreichen müſſen, um ſich richtig zu entwickeln und fruchtbringend für ein Volk werden zu können. Und wenn auch die Maſſe der wirklich Böſen groß, die Schaaren der Leichtſinnigen und Oberflächlichen Legion iſt, wenn auch eine unendliche Sündenmaſſe in Deutſchland ſich angehäuft hat und ein höheres Erkennen und beſſeres Wollen hindert,— dennoch bieten ſich auch tröſtliche Erſchei⸗— nungen unſerem Auge dar, dennoch haben ſich auch beſſere Elemente ange— ſetzt; und abermals ſagen wir: Wider Hoffen hoffen wir. Der waͤhre Katholik, der längſt ſchon treu zu ſeiner Kirche hielt, ſteht feſter, denn je, in ſeiner Ueberzeugung. Wo Alles wankte und brach, da ſtand ſeine heilige Kirche hehr und hoch auf dem Felſen und blickte in —3 das Gewühl der Völker; wo die Begriffe in einem gräulichen Chaos ver⸗ , «--- >> v D schlungen waren, sind dem Katholiken an der Hand seiner heiligen Kirche seine Grundsätze fest, seine Anschauungen klar, seine Begriffe rein geblieben. Mancher halbe Katholik, der gesinnungslos auf beiden «seilen hinkte und feige mit seiner Ueberzeugung und seinem Bekenntniß^zurückhielt, stellt sich enischieven zu seiner Kirche; nach Außen wächst die -schaar der glaubenS- treuen Katholiken und im Angesichte der Gefahren wächst die intensive Kraft. Und nachdem die Kirche lange in mütterlicher Liebe und Wehmurh geharrt, daß ihre getrennten Kinder von der-langen Wanderschaft endlich zur Heimalh zurückkehren; nachdem sie den Wind beobachtet und oft am Gestade gewandelt, ihre Arme nach den Zaudernden ausgebreitet und ihnen zugerufen, das seit Jahrhunderten entbehrte Erbtheil des Friedens in Empfang zu nehmen; — da ist vieler Orten eine Sehnsucht wach geworren nach Versöhnung und Vereinigung mit der alten Mu'terkirche. Es drängt gewaltsam im Protestantismus nach einem lebendigen GlaubenS- und Lebensquell. Darum hoffen wir. Ein Blick aber auf die gegenwärtige Stellung der katholischen Kirche Deutschlands läßt uns dieselbe in einem Lichte erscheinen, daß wir freudig jubelnd über die jugendliche Braut deS Herrn abermals ausrufen: Wider Hoffen hoffen wir. Das Unerhörte ist geschehen! DaS Unerwartete ihr zu Theil gewor den. Der Herr hat in den Ereignissen gekämpft für die Freiheit seiner heiligen Kirche. Wie die Eisdecke von lebendigem Strome, ist die Knecht- schafk von der Kirche genommen. Nachdem vor einem Jahrzehent der erste entschiedene Kampf für die Freiheit der Kirche in Clemens August an gehoben und das in Stockung gerathene katholische Herzblut wieder in lebendige Cirkulation gesetzt war, hat cö eben eines Zeitraumes von zehn Jahren bedurft, wo die Kirche still und bescheiden ihr inneres Leben pflegen und kräftigen sollte, ehedenu die politischen Ereignisse, wie ein verheerender Strom, über Deutschland und Europa hereinbrachen und Alles in ihrem Strudel begruben. DaS katholische Volksleben hatte inzwischen einen neuen, herrlichen Aufschwung genommen; mit treuen, guten, tüchti gen Hirten wurden die Bischofsstühle Deutschlands besetzt und in Clemens August war allen daS lebendige Vorbild vorgestellt, wie man unerschrocken ficht für die Rechte und Freiheiten der Kirche. Und als nun die Losung „Freiheit" durch Deutschland schallt, da erhebt sich einmüihig das katholische Volk und fordert Recht und Freiheit auch für seine heilige Kirche. Frankfurt muß der Uebermacht weichen und gibt, was cS zuerst geweigert, und jenes Land, welches am feindlichsten früher der Kirche gegenüder stand, muß am ersten in seiner Verfassung Freiheiten für die Kirche proclamiren. Die Kirche ist freier geworden — Darum hoffen wir. Und nunmehr, nachdem die Kirche freier geworden, wird sie ihre Wirksamkeit beginnen, ihre Segnungen entfalten. Schon waren die Bischöfe Deutschlands in der Stadt KilianS, im alten Würzburg versammelt, zweihundert Jahre später, als der westfälische Frieden geschloffen ward und in einer anderen Gesinnung, als zu einer unheilvollen Zeit auf einem andern Congrcß von Bischöfen sich kund gab; kort haben sie vor Allem zunächst am Altare deS dreieinigen Gottes die Gelöbnisse der Treue und deS Gehorsams dem Vater der Christenheit, unserm vielgeliebten PiuS IX., zu Füßen gelegt, dort haben sie den Glauben der heiligen Kirche nach dem Symbolum deS KirchenrathS von Trient laut und öffentlich bekannt, dort zur Erhaltung und Verbreitung dieser göttlichen Wahrheit in freudiger Eintracht sich die Hände gereicht, dort zum andern Losungswort eS sich gemacht, zu leben und zu sterben in dieser Wahrheit und für diese Wahrheit; — dort haben sie ihre Hirtenworte an die Katholiken Deutschlands gerichtet und sie sind in die Herzen gedrungen, — dort den Klerus zum Kampfe ermuthigt, zur Ausdauer ermähnt, zum Eifer und zur Gottseligkeit angespornt; — dort haben sie im Angesichte Deutschlands ihre Rechte und Freiheiten gefordert, dort ihr Verhältniß zum Skaare — beiderseitige Selbstständigkeit und wechselseitige Freundschaft — festgestellt. Der Episkopat Deutschlands ist fest im Glauben, stark in der Hoffnung, reich in der Liebe — Darum hoffen wir. Und nachdem die Kirche freier geworden, wird sie die Schätze ihres reichen, innern Lebens erschließen, ihre heilige Mission beginnen unter den Völkern Deutschlands. Sie wird auS ihrem Sckwoße Männer gebären, welche die Armuth versöhnen, wie ein Franz v. Assist, in die Wissenschaft den Keim der Gottesfurcht tiagen, wie ein JgnatiuS und PhilippuS Neri, sie wird ihre Missionen eröffnen und durch Buße und Bekehrung in dem verwilderten Volksleben ein reiueS Herz und einen neuen Geist schaffen; sie wird ihre Tempel bauen und schmücken, ihre heiligen Institute wieder tnS Leben rufen, die Herrlichkeit ihres EultuS vor den Völkern offenbaren und an ihrer Brust die heil. Künste wieder nähren, sie wiid Deutschlavd wieder groß machen durch Einheit im Glauben und in der L.ede — Solches hoffen, darum flehen wir. Und wenn auch der letzte entscheidende Kampf, wo vielleicht Glaube und Unglaube, Christus und Belial sich gegenüberstehen und die große Scheidung erfolgt, hart und heiß werden sollte, so wissen wir, was gesagt ist: „Wir leiden Trübsal, aber wir werden nicht beängstigt, wir gerathen in Noth, aber wir kommen nicht um, wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen, wir werden niedergeworfen, aber wir gehen nicht zu Grunde." Die Kirche ist bekämpft, doch nicht besiegt. Denn Christi Leben ist daS Leben seiner Kirche, sein Kreuz ihr Theil auf Erden, sein Sieg daS Unterpfand ihres ewigen Sieges. DaS ist unsere Hoffnung. Und darum haben wir „Hoffnung" als Angebinde zum neue« Jahre dem Leser dargereicht. Graf Montalembert über die letzter» römischen Ereignisse» Ich halte eS für überflüssig, Ihnen zu bemerken, meine Herren, daß ich'auf einem ganz andern Standpunkte stehe, als mein ehrenwerther Vorgänger (Lernt - Rollin); eben so wenig will ich die Regierung vertheidigen, denn sie muß sich allein zu vertheidigen wissen und vermögen; allein loben will ich sie für das, waS sie gethan hat, und gleichzeitig die Ausdehnung und Bedeutsamkeit darlegen, welche ich in meinen Gedanken ihrer Thätigkeit und ihren weiteren Absichten gebe. Ursprünglich wollte ich diese Thätigkeit hervorrufen, mein ehrenwerther College Birio ist mir indessen zuvorgekommen und ich muß heute der Regierung für ihre Initiative danken und auch der Nationalversammlung für die kräftige und sympalhi- sirende Ausnahme danken, welche die Initiative in ihrer Mitte gefunden hat. Die Mittel der Ausführung will ich hier nicht beurtheilen; ich will namentlich die römische, die päpstliche Frage vollkommen von der italienischen Frage trennen, und ich kann in dieser Beziehung mit dem Interpellanten von vorgestern, der da gesagt hat, der Knotenpunkt der Frage liege in Mailand, nicht einverstanden sepn, ein Standpunkt übrigens, auf den sich »er ehrenwerthe Herr Ledru-Roltin offenbar gestellt hat. Nein, meine Herren, der Knotenpunkt der Frage liegt nicht zu Mailand, sondern der Knoten dieser besondern Frage liegt zu Rom. Handelte eS sich hier um die italienische Frage im Allgemeinen, so hätte ich Ihnen gar Vieles zu sagen, ..... allein noch einmal, die Frage ist keine italienische und der ehrenwerthe Herr Birio bat dieses selbst gefühlt, als er ihnen sagte, daS Papstthum sey keine bloß italienische Institution, sondern eine Institution deS StaatS- und KirckenrechleS, deren Aufrechtbaltung mit der Aufrecht- haliung deS Gleichgewichtes und deS Glaubens im Auslande eng verknüpft ist. Indem ich also die Frage auf ihr rechtes Maaß zurückführe, indem ich sie in ihre Gränzen beschränke, glaube ich ihr darum nichts von ihrer Bedeutung zu rauben, ich erhebe sie vielmehr meines ErachtenS zu ihrer wahren Höhe und Bedeutung, ich mache eine Frage daraus, die weder eine italienische, noch eine französische, ja nicht einmal eine europäische, sondern die, ich wüßte mich keines andern Ausdruckes zu bedienen, eine katholische Frage ist, also die ausgedehnteste, die höchste Frage, welche in Anregung gebracht weiden kann. ES handelt sich hier nicht um eine gewöhnliche Souveräneiät, eS handelt sich nicht um einen gewöhnlichen Staat, sondern eS handelt sich um Den, der das geistige Oberhaupt von 200 Millionen Menschen und um den Staat, welcher der Mittelpunct dieser Oberherrlichkeit ist, eS handelt sich mit einem Worte um die Freiheit der katholischen Idee. Nun aber sage ich, daß eS eine gar nicht zu berechnende Ehre, ein gar nicht zu berechnendes Glück für die französische Republik, ist, daß sie ihre Thätigkeit in der politischen Welt, in den auswärtigen Angelegenheiten damit so zu sagen einweihen konnte, daß sie diese Unabhängigkeit der katholischen Idee gestützt und gerettet hat, und ich für meinen Tkeil wünsche ihr auS der Tiefe meiner Seele Glück dazu. Ich wünsche ihr Glück zu, daß sie sich die Bewunderung und den Dank der Herzen und Gewissen von so vielen Millionen Menschen, die da zerstreut sind über die ganze Welt, erworben hat. (Lebhafter Beifall.) Allerdings gibt eS auch noch andere Gründe, welche für Papst PiuS den Neunten sprechen, und ich will sie nicht mit Stillschweigen übergehen. Ist cS ja koch zu allen Zeiten, vor aller Diplomatie, vor allen politischen Manifesten, unter allen Regierungen und Verfassungen, eine Pflicht der großen Mächte gewesen, den Schwachen zu Hilfe zu kommen, — ich rede hier nicht von Mächten im diplomatischen Sinne deS Wortes, — sondern eS ist stets eine Pflicht dessen gewesen, waS groß und mächtig ist in der Welt, dem ! » -2 »r K 3 Schwachen und Leidenden zu Hilfe zu kommen. ES ist dieses ganz der-' selbe Gedanke, den Ihr unter dem Namen der „Brüderlichkeit" in Eurer Fahne führet, cS ist also eine Pflicht der großen Nationen, die Schwachen zu unterstützen und zu retten, so oft sie dieses vermögen. Nun aber hat der Papst, ganz abgesehen von seiner Eigenschaft als Oberhaupt der Christenheit, im höchsten Grade dieses Reckt auf unsern Schutz, denn er ist schwach, und diese seine Schwäche ist heilig und ehr würdig, und er, der Schwache, wird unschuldiger Weise unterdrückt. Er ist schwach, denn ihm stehen keine Heere zu Gebote, er ist nicht von Tausenden von Soldaten umgeben, wie jene Fürsten in Wien und Berlin, er hatte gegen das Attentat, dem er als Opfer gefallen ist, keinen ankern Schutz als achtzig alte Männer. Denn bemerken Sie wohl, wenn von den Schweizern die Rede ist, die aus Rom entfernt worden sind, so handelt es sich nicht von schweizerischen Regimentern, wie man nach der Darlegung deS ehrenwerihen Herrn Ledru Rollin glauben könnte, sondern ganz einfach von einer Ehrengarde, die aus achtcig alten, mit Hellebarden bewaffneten Soldaten besteht Dieß war seine Vertheidigung, oder besser gesagt, es war seine Schwäche. Ich habe ferner gejagt, daß seine Schwäche eine unterdrückte und unschulcige ist, unterdrückt durch den schwärzesten Undank Derjenigen, die er mit seinen Wohlthaten überhäuft hat, und unschuldig ..... Ach! meine Herren, hat es wohl je einen unschuldigem, einen tadellosem Fürsten gegeben, als PiuS den Neunten? Ihm kann auch nichf der Schatten einer Gewaltthat, nicht der Schatten einer Treulosigkeit, nicht der Schatten einer Unehrlichkeit vorgeworfen werden. Er hat Versprechungen gegeben, er hat sie freiwillig gegeben, und hat in allen Stücken mehr gehalten, als er versprochen har. Sein ganzes politisches Leben läßt sich i» die zwei Worte zusammenfassen: Amnestie und Reform. So viel von seiner Unschuld, so viel von den Ansprüchen; welche er auf Eure Ehrfurcht und auf Eure Unterstützung hat, denn es hat, ganz abgesehen von seiner geistlichen Oberherriichkcil, noch nie einen Fürsten gegeben, der so tadellos, so großherzig gewesen wäre. Euch also ist die Ehre geworden, daß ihr die höchste Unschuld und die größte Schwachheit, welche eS in dem gegenwärtigen Augenblicke auf der Welt gibt, stützen und reiten könnet. Allein es ist dieses, ich wiederhole es noch einmal, nicht der erste und auch nicht der bedeutendste Vortheil, welcher sich Ihnen bei piesir Frage darbietet. Der höchste Vortheil ist vielmehr der, daß Sie mit der ganzen Größe und Macht Frankreichs in dieser katholischen Frage einschreiten können, und ich bitte Sie, die Bedeutsamkeit dieser Frage nicht auS dem Auge zu verlieren. Hören Sie! Zweihundert Millionen Meirichen, die da zerstreut sind über die ganze Erde nicht nur in Europa, in Irland, in Spanien, in Polen, sondern bis in die chinesischen Missionen, und tief in die Wüsteneien des Oregongebietes hinein, diese zweihundert Millionen Menschen, die da verbreitet sind über die ganze Erde, sie werden erfahren, — WaS? Sie werden erfahren, Einer nach dem Andern, daß das Oberhaupt ihres Glaubens, der Lehrer ihres Gewissens, der Führer ihrer Seelen, mit einem Worte Derjenige, den sie alle ihrer, Varer nennen, in seinem Palaste insullirt, belagert, unterdrück! und gefangen worden ist, sie werden alle im Ingrimm und Schmerz darüber knirschen, was werden sie aber gleichzeitig damit erfahren? Sie werken erfahren, daß Frankreich mit derselben Hand, mit welcher es seit sechzig Jahren in alle seine Gesetzbücher und Verfassungen den Grundsatz der Gewissens- und Cultusfreiheit eingeschrieben, daß es mit derselben Hand nunmehr ras Schwert Karls deS Großen gezogen ..... (Unterbrechung und Lärm auf der äußersten Linken. Beifall auf anderen Bänken.). ja wohl das Schwert Karls des Großen gezogen, um die Unabhängigkeit der Kirche zu schützen, die da bedroht ist in ihrem Oberhaupte. Und raS ist für Frankreich eine gar nickt zu berechnende Ehre, es ist schon vom rein menschlichen, vom politischen Gesichtspunkte auS für die französische Republik ein gar nicht zu berechnender Glücksfall. Wenn ich an das Gefühl der Dankbarkeit und Bewunderung für Frankreich denke-, welches in alle Herzen einziehen, welches ihrem Schmerz und ihren Unwillen wieder besänftigen wird, so fühle ich selbst neben dem Schmerze und dem Unwillen, der als Christen mich ergreifen mußte, so fühle ich als Franzose eine Freude, ein Glück und einen Stolz, dessen Verkündigung auf dieser Tribüne mir zu hoher Freude gereicht. (Sehr gut!) So viel von der Ehre und dem Interesse Frankreichs. Nun aber kommt auch noch unser Recht, das Recht Frankreichs, oder vielmehr das Recht jener katholischen Majorität, auf welche der ehrenwertste Herr Ledru Rollin so eben hingewiesen hat. Ja, wir sind die Majorität der Franzosen, obgleich dieses nicht mehr in Eurer Verfassung geschrieben steht, wie es früher in der Charte geschrieben stand, allein wir sind eS doch, weil alle Welt eS anerkennt als eine Thatsache, weil unsere Religion eS ist, an die Ihr appelliret, wenn unsere großen Nationalfeste, die Constitution, die Abreise unserer Bruder nach Algier gesegnet werden sollen. Wir sind also die Majorität, und wag verlangen wir alS dir Majorität? Keine Privilegien, keine Gunstbezcugungen, sondern waS Ihr uns in der Constitution versprochen, waS wir uns selbst versprochen haben, weil wir eS sind, die die Constitution gemacht haben, — die Freiheil! Nun bemerken Sie aber wohl: die religiöse Freiheit der Katholiken in Frankreich hat zur ersten und unerläßlichen Vorbedingung die Freiheit deS Papstes; denn wenn der Papst, der höchste Richter, die letzte AppellaiionSinstauz, das lebendige Organ deS Gesetzes und des Glaubens nicht mehr frei ist, so hören wir auch auf frei zu seyn. Wir haben also daS Recht, von der öffentlichen Gewalt, von der Regierung, die uns repräseutirt, und die wir gebildet haben, cS zu verlangen, daß sie unS eben sowohl unsere persönliche Freiheit in Sachen dex Religion, als die Freiheit Desjenigen garanlirl, der für uns daS lebendige Christenthum ist. (Lebhafter Beifall auf vielen Bänken.) DaS ist cS, waS feil tausend Jahren stets gefühlt, und ich scheue mich nicht, es trotz dem Murren dorten zu wiederholen, waS seit Karl dem Großen in Frankreich begriffen worden ist. Ja, schon seit tausend Jahren haben alle katholischen Völker es begriffen, daß der Papst daS Joch keiner Macht, und merken Sie sich das wohl, eben so wenig daS Joch seiner Unterthanen, als daS Joch deS Kaisers von Oesterreich oder deS Kaisers von Rußland tragen dürfe. Was für u»S das Wichtigste ist, das ist irr Umstand, daß der Papst frei sey, frei von jedem fremden oder weltlichen Einflüsse. Warum könne» wir es nicht zugeben, daß der Papst von dem Kaiser von Oesterreich abhänge, und warum wird anderniheils Oesterreich eS nicht zugeben, daß er von der französischen R-pnblck abbänge? Weil die Autorität, die Reinheit und die vollkommene Unabhängigkeit seiner Verordnungen nie auch nur in den mindesten Verdacht kommen darf, und in diesen Verdacht würben sie kommen und zwar mil Recht, wenn er je unter das Joch einer Macht geriethe, als seiner eigenen. Dieß ist der Grund der Unabhängigkeit, der Legitimität und Unverletziichkeit, der zeitlichen Macht des Papstes. Der ehrenwcrthe Herr Ledru-Rollin bat hier gesagt, daß wir am Ende eben so sehr den Fürsten, wie den Papst vertheidigen müßte», und ich für meinen Theil erkläre, daß ich darauf zähle. (Ach! ach! Verschiedene Rufe ) Ich höre Ihre Unterbrechungen, sie sollen indtssen meine» Gedanken nicht verdrehen. Es versteht sich von selbst, daß hier der geordneten und konstitutionellen Entwickelung der politischen Institutionen in den römischen Staaten kein Hinderniß in den Weg gelegt werden sott; allein eben so wichtig ist es, daß mit der Autorität und der Person deS Papstes auch die Freiheit und Autorität des Fürsten vertheidigt weide. (Wideripruch auf der äußersten Linken.) Bemerken Sie wohl, meine Herren, daß ich mich nicht in Abstraktionen bewege, ich prüfe nicht diese oder jene Theorie, diese oder jene Eventualität, sondern halte mich rein auf dem Gebiete der Thatsachen, auf dem Gebiete der Geschickte, auf dem Gebiete Dessen, was seit tausend Jahren die Geschichte der Welt ist. Gerade in dieser Beziehung aber, ich gestehe es offen ein, sind die Mittheilungen, welche tei Chef der vollziehenden Gewalt unS gestern gemacht hat, mangelhaft, meiner Ansicht nach hat er die Mission deS französischen Agenten zu sehr beschränkt, indem er denselben nur auf den Schutz der Person deS Papstes anwieS, und ich hoffe, daß er unS in dieser Beziehung befriedigendere, empfehlendere Explikationen geben wird. (Aufregung.) Die Person deS Papstes ist unS aller» dings unendlich theuer und heilig, allein eS gibt Etwas, waS unS noch theurer und heiliger ist, — seine Autorität! Wie steht eS nun aber mit dieser seiner Autorität? Hören Sie, waS der französische Gesandte darüber berichtet: „Die Autorität dcö Papstes ist gegenwärtig vollkommen null und nichtig." Ein Mitglied der Linken. Desto besser! Graf M ontalembert. Desto b> sser! ruft man mir zu. Ich gebe diese Unterbrechung der öffentlichen Meinung preis. (Beifall aus vielen Bänken.) Also der französische Gesandte berichtet: „Die Autorität de« Papstes ist im Augenblicke vollkommen null und nichtig; sie eristirt nur noch dem Namen nach, und keine seiner Handlungen wird frei und ungezwungen seyn." So berichtet der Gesandte der Republik zu Rom. Herr Laissac. ES handelt sich hier aber doch nur von seiner zeitlichen Gewalt. (Schluß folgt.) Großbritanvte«. * Der Klerus und die Katholiken Englands und Irlands geben die rührendste» Beweise ihrer Theilnahme a« dem Schicksale deS heil. ValerS, PiuS IX. Alle Diöcescn flehen in Folge deS Aufrufe» der apostolischen s 4 Vikare und der Bischöfe Gott auf den Knieen an, dem unglücklichen Italien seine Barmherzigkeit zuzuwenden und dem so grausamen Prüfungen unterworfenen Oberhaupte der Kirche seine Gnade und seinen Segen zu verleihen. Wir bedauern, unsern Lesern nicht alte die eindringlichen Erniah nungen der Prälaten JrlandS und Englands in diesem Betreffe mittheilen zu können. Die Ausdrücke, durch welche sie ihre Anhänglichkeit an den heiligen Stuhl und ihren unerschütterlichen Glauben an die Zukunft der Kirche ausgesprochen, sind im höchsten Grade ergreifend. Wir wählen zur Bekräftigung unserer Behauptung folgende Steven auö dem Hirtenbriefe des Monsignor Walsh, apostolischen VicarS zu London, den auch dessen Coadjutor, Monsignor Wiseman unterzeichnet hat, auS: „Für Alle, geliebte und theuere Brüdcr im Herrn, welche die tiefen Geheimnisse begreifen, auf denen der Glaube ruht, und auf welche die Vorsehung sich stützt, ist jetzt der Augenblick gekommen, sich in Liebe um den Thron deS heiligen Petrus und um die geheiligte Person zu vereinigen, die ihn einnimmt. Laßt Jene, die in dem liebenswürdigen und tugendhaften Pins IX. nur einen Monarchen mehr sehen, den die ungestümen Leidenschaften eines bethörten Volkes von einem zeitlichen Thron gestoßen haben, immerhin darüber verwundert und bestürzt seyn, — sich freuen und jubeln darüber wird doch wahrlich Niemand; — aber für ein katholisches Herz, das in dieser erhabenen Person den Repräsentanten und den Statthalter Jesu Christi sieht, wird er niemals mehr mit wahrem Ruhm umstrahlt, niemals der tiefsten Verehrung und der zärtlichsten Liebe würdiger erscheinen, als wenn wie bei seinem göttlichen Meister seine erhabenen und unveräußerlichen Vorrechte sich mit dem Schmerze, mit der Gefangenschaft in den Händen seines Volkes und mit dem Verrathe vereinigen, den Jene an ihm verübt haben, welche ihm die Theuersten sind. „Wenn wir sehen, waS gegenwärtig um uns vorgeht, sollen wir uns nicht mit dem tiefsten Leid im Herzen und mit Thränen in den Augen um ihn vereinigen, ihm die feierlichsten, die aufrichtigsten Huldigungen darzubringen, um ihn mehr als jemals als das Oberhaupt der Kirche, den Herrn unseres geistigen Lebens wie unseres Glaubens und als den Wahren Stellvertreter unseres gekreuzigten Erlösers anzuerkennen? Die Worte, die wir hier aussprechen, werben ihm wahrscheinlich niemals zu Gesicht kommen, aber wir versichern ihn hiemit nichts desto weniger öffentlich und auS dem tiefsten Innern in unserem und, wie wir nicht zweifeln dürfen, auch in euerem Namen unserer unerschütterlichen Treue und unserer unwan-! delbaren Liebe. „Möge die Anhänglichkeit seiner geistigen Kinder, welche die Unbilden, die er in so hohem Maaße erdulden muß, gewiß noch vergrößern, den heiligen Vater für den Undank und die Untreue seiner Unterthanen entschädigen, — mögen die Gebete von Millionen Katholiken ihn mit einer Schutzwache umgeben, die mächtiger ist, als sein Heer! Mögen die heiligen Apostel Petrus und Paulaö aus ihren Gräbern die bittenden Hände zum Himmel erheben, um den göttlichen Schutz für die heilige Stadt zu erflehe». Mögen die Engel des FriedenS sich um den Hohenpriester Gottes versammeln und ihn gegen alle seine Feinde beschützen, und mögen alle Segnungen des heiligen Geistes in Fülle sich auf sein geheiligtes Haupt Herabsenken, damit er von Neuem mit einem irdischen Diademe gekrönt werde >" Die Katholiken von England und Irland beschränken sich nicht auf Gebete; zahlreich besuchte Versammlungen fanden statt, um zu Gunsten des heiligen VaterS, den die Undankbarkeit seiner Unterthanen genöthigek! hat, Sich von Rom zu entfernen, Anhänglichkeits- und Bewuuderungs- Avreffen zu votiren. I» einer Versammlung zu Dublin wurde der Antrag gestellt, die alte Abgabe deS „Pfennings des heiligen Petrus" wieder einzuführen, um PiuS IX. während der Dauer seiner Verbannung damit zu unterstützen. Aehnliche Versammlungen werden in allen Pfarreien gehalten Werden, um freiwillige Gaben der Gläubigen zu diesem Zwecke in Empfang zu nehmen. Die Katholiken Englands werken wohl auch nicht zögern, sich in gleicher Absicht zu vereinigen. Auf diese Weise hat also das. unglückliche, den Qualen des Hungers preisgegebene Irland in den hochherzigen Eingebungen seines Glaubens die Quelle und die Aufforderung zu! einem Unternehmen gefunden, daS ohne Zweifel bald die ganze katholische Welt nachahmen wird. Deutschland. AuS Bayern im December. ES freut mich, Ihnen auS Bayern wieder einmal etwas Erfreuliches melden zu können — und zwar vor Allem von dem Orden der Cup »einer. Schon seit mehreren Jahren hat dieser Orden durch seine Obern crnstlichst darauf hingearbeitet, die ursprüngliche Klosterzucht nach der Regel des heiligen FranciScuS wieder herzustellen, und so den Orden zu regeneriren. Und wirklich haben die ehrwürdigen Väter deS CapucinerordenS, der vielleicht der populärste unter allen Orden ist, in allen ihren Klöstern seitdem nicht nur musterhafte Ordnung, sondern auch ein segenreicheS Wirken. Der Beichtstuhl in ihren Klöstern ist sehr stark besucht, eben so der Gottesdienst in ihren Kirchen, und die mancherlei OrdenSfeste zu verschiedenen Zeiten deS Jahres bieten dem Volke häufig Gelegenheit zum Empfange der heiligen Sacramcnte, , und gar mancher Kleriker, der früher den religiösen Orden überhaupt nicht geneigt war, hat durch die neu eingeführte strenge Klosterzucht und daS erfreuliche Wirken des CapucinerordenS sein Urtheil zum Bessern geändert und zollt diesen Vätern eine aufrichtige Achtung. Um nun auch in den Stürmen der Gegenwart die OrdenSmitglieder !zu stärken und zum Wirken in diesen gefahrvollen Tagen desto tüchtiger zu machen, werden von dem Hochwürdigen Pater Superior deS Capuciner- Hospitinms zu Augsburg in allen Klöstern, welche dieser Orden in Bayern zählt, geistliche Erercitien abgehalten, auf denen gewiß Gottes Segen ruhen wird. Denn so gewiß es ist, daß der gesunde Kern der Gläubigen noch vorzüglich im Landvolke zu finden ist, so gewiß ist es auch, daß unter allen religiösen Orden keiner so sehr die Sympathien des Landvolkes hat und keiner so sehr mit dem Volke verwachsen ist, als der arme Orden der Capuciner. Ihre Armuth und ihre Entbehrungen, ihre Fasten, Nachtwachen, Disciplin und dergleichen machen sie dem Volke ehrwürdig, ihr Termin bringt sie vielfach mit dem Volke in Berührung und öffnet ihnen die Herzen der Armen und Bedrängten, um Trost und Seelenruhe bei ihnen zu suchen. WaS aber eine recht innige Begeisterung dieser Ordensmitglieder um so wüuschenswerther macht, daS ist eben die geringe Abneigung der Welt gegen diesen Beltelorven und die geringe Bedeutung, welche die Well diesem Orden beilegt. - Je geringer die Welt ihn anschlägt, um so eher wird derselbe unter den Stürmen der Zeit sich erhalten und wie die Weide am Bache sich beugen und nach dem Sturme wieder frisch dastehen, während vielleicht so manche Eiche entwurzelt am Boden liegt und verdorret. Und so wie die Kirche von dem heiligen Franciscus sagt: „ki'-moisous kic psuper et inoclieus ooelum clivos in- greclitur," so mag auch seinen Jüngern jetzt wieder Gelegenheit werden, durch Armuth und Niedrigkeit reich zu werden an Verdiensten und als Boten des Evangeliums unter den Armen viele Seelen zu gewinnen für das ewige Leben und ein nicht unbedeutendes Schärflein beizutragen, den Glauben wieder zu beleben und dem Herrn ein wohlgefälliges Volk zu bereiten. Daß der WeltkleruS nach der gewordenen Mahnung seiner Bischöfe die Hände nicht müßig in den Schooß lege, war wohl zu erwarten — und zwar um so mehr, da schon zuvor so Viele nach einer solchen Mahnung und Ermunterung zur Rechtfertigung ihres Eifers sich gesehnt harten. Nachdem nun das Streben nach Besserem durch die Stimme der Obcrhirten nicht nur gebilligt, sondern sogar gefordert ist, so sucht Jeder nach Zeit und Umständen von den oberhirtlichen Mahnungen Alles in Eifüllung zu bringen, was ihm möglich ist. So hat zum Beispiel Herr Dr. Nhrig in Würzburg von Neujahr beginnend eine politische Zeitung unter dem Namen „Würzburger Journal" angekündigt und damit die geringe Zahl der kirchlichgesinnten politischen Zeiiungen vermehrt, waS gewiß guten Fortgang haben und nicht unbedeutenden Nutzen stiften wird, zumal die Bürgerschaft Würzburgs selbst eine noch durchaus kernh'afte gut katholische ist. Nur fehlt noch einiger Muth so vielen unserer Priester, daß sie im Gebiete der Journalistik sich mehr versuchen, wozu so Mancher Kenntnisse und Geschick hat, allein aus nicht zu rechtfertigender Zaghaftigkeit, Manche leider auch auS Indolenz, sich nicht getrauen, in der Oef- ftntlichkeit mitzureden. Allein wer heut zu Tage nicht mitredet, der wird auch nicht mitgezählt! An den geistlichen Erercitien, deren öftern Abhaltung der Klerus baldigst entgegen sieht, wirb sich gewiß die größte Theilnahme beurkunden. Einstweilen werden überall die religiösen Vereine für kirchliche Freiheit verbreitet, da wir aus ähnliche Weise diese werben erringen müssen, wie eS die Jrländer gethan. Wolle nur Gott solche Männer wecken und stärken, die und daß sie uns ähnliche Führer werden, wie Daniel O'Eonuell den Jrländern war. Volksmijstonen, die noch vor einigen Jahren bei Prälaten und Pfarrern so manchen Widerspruch gefunden, sind durch die Ansprache der Oberhirten gerechtfertigt und werden gewiß so bald als möglich überall abgehalten werden, ob nun durch Vereine von Weltpriestern, die sich eigens dazu vorbereiten, oder durch Ordensleute, daS werben die Bischöfe wohl bald bestimmen. Unter solchen Umständen blicken wir dem kommenden Jahre mit ruhigem Auge entgegen und vertrauen auf den Beistand Dessen, der gesagt hat: „Hcee ego vobmoum sum omnibu8 ckiebus usgue sei consurnmstionem sseouli." (Katholik.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber r F. C. Kremer. Preis In Augsburg für fich allein (»hu« A. Postzeitung) jährlich Ist. Istkr. Durch die Post kann diese- Wochenblatt nur von Abonnenten der Postzeitung bezogen werden, und erhöht fich der Preis nach Verhältniß der Entfernung. Sonntags -Veiblatt M Augsburger Postzeitung. Für fich allein, ohne die Augsburger Postzeitung, find diese Blätter nur im Wege des Buchhandels zu beziehen und kosten in ganz Deutschland, der Schweiz u.s. w, jährlich nur 1 ft. SOkr. oder I Thlr. Neunter Jahrgang 14. Januar 184kl. Grmrrthigung. *) Es ist ein heißer Kampf In dieser Welt, Darin so manches reizt und wohlgefällt, Wo Goldesglanz und Nugenschimmer Blenden und belhören immer. Doch wirf nur tapfer deine Brust Entgegen der Welt und ihrer Lust Und kämpf' und streite stark und mnthig. Wird auch das Herz dir wund und blutig. Hast ja ein Schwert an der Seile licht. Auch schil'S an einem Helfer von Oben nicht. Laß nur im Kampf den Arm nicht sinken Bald flehst du Oeizwcig und Palme winken. Albert Werfer. Neujahr-wunsch für 184S. **) Die mit dem Strome der Zeit Schwimmenden haben sich in den Kopf gesetzt die meisten alten Gebräuche abzuschaffen, als verbrauchte Waaren, die für die Jetztzeit keinen Werth mehr haben. So erging's mit der Sitte, sich gegenseitig ein glückseliges neues Jahr zu wünschen. Ver faffer dieses, als noch zur Zopfzeit gehörend, bleibt beim alten Gebrauch, und wünscht den lieben Tirolern und allen Lesern dieser Blätter aus dem Grunde deS Herzens ein wahrhaft glückseliges neues Jahr. Man möge es mit Gott anlangen, und in seiner Gnade vollenden. Was auch immer über uns von Gott beschlossen ist, Gutes oder Schlimmes, — eS möge Euch, ihr Lieben, gefaßt, und Gott ganz ergeben finden. Um dieß zu können, wollen wir vereint in einen Spiegel blicken, der unS las Mehr oder Weniger unseres sittlichen Werthes vorzeigen, den Grad der nöthigen Reue erschauen lassen wird, damit wir von innen nach außen Ordnung im Haushalte schaffen, um vorbereitet zu sevn, wenn im Jahre 1849 der HauSvakr Rechenschaft über das geführte Hauswesen abverlangt. Gedenkt vorerst eines alten Spruches: Hin geht die Zeit, Her kommt der Tod; O Mensch, thue Recht, Und fürchte Gott! Da wir ein aufgeregtes Jahr hinter uns haben, so wurden Viele aus unö von seinen Strömungeiz mit fortgerissen. Es bedarf im neuen Jahre der ganzen Kraft des Glaubens, um sich wieder besonnen zu fassen. Deßhalb wollen wir in den Spiegel blicken; er soll uns unsere Seelen zustünde erschaubar machen, wie eS mit dem PluS oder MinuS unserer Reue beschaffen ist. Vor Allem muß jeder Mensch einsehen, daß er nicht am Ziele alles zu Erkennenden ist, wenn man gleichwohl die Jahreszahl 1849 schreibt, worüber hinaus daS Senkblei unserer Vorsehungen keinen Halt mehr findet; und sey man nicht so thöricht, den Jahrhunderten, die vielleicht »och kommen werken, die eigene beschränkte Einsicht als Mauer vorzuschieben, über welche hinaus man den Flug des Geistes nicht erheben könnte, und glaube ja nicht, daß das, was unserm blinden MaulwurfSauge undurchdringlich ist, eben so Allen vor und nach unö unerschaubar gewesen sey oder seyn w.rde. Dagegen hüte man sich auch vor einem Wissen, das dem christlichen Leben verderblich ist; denn daS vorwitzige sich Versenken in GvlteS Geheimnisse und Rathschläge dient unS überhaupt nicht zum Heile; kann ja doch unser Auge den Strahl der Sonne nicht ertragen, wenn sie in ihrem Glänze am Himmel steht — und der Mensch, Staub und Asche, ein Kind von gestern und heute, soll eS wagen nicht zufrieden zu seyn, wenn ihm noch kein tieferer Blick in die Tiefen Gottes und in die Geheimnisse der Werke seiner Schöpfung gegönnt ist! Zuerst trachte man sich selbst zu erkennen. Man überzeuge sich von seiner eigenen Ohnmacht, und man wird Gott dem Vater in Anbetung danken, einer Einsicht enthoben zu seyn, wo unsere Seelenkräfle nicht ausreichen könnten. Um Andere zu erkennen, muß man sich selbst erkennen. Blicken wir nur in den Spiegel deS Gewissens, und wir werden schauen unsere Miserabilität und die Nothwendigkeit auszurufen: ?ator, poccsvi! Zu dieser Sprache kommt aber der Mensch nur dann, wenn er von der Gnade erleuchtet wird, und die Mcntorstimme eines SeelenarzteS hören mag. Da geht gewöhnlich folgendes Seelengcspräch voran: Mensch! umsonst, waS du auch thust; eS ist keine Ruhe in dir, so lange du die Fessel der Sünde trägst. Wie viele Jahre des Lebens sind schon zu Grabe gegangen, und sind vorgemerkt jenseits — in dem Buche der Alles gerecht lohnenden und bestrafenden Vergeltung! Und die unS unbekannte und nichjl gesicherte Zukunft, was wird sie wohl bringen? O Mensch, steht doch dein Taufstein schon neben deiner Grabstätte, und daS dazwischen liegende Leben verklingt wie ein Glockengeläute, und nichts gehört uns, als der Augenblick der Gegenwart, der dem Brunnen der Ewigkeit entspringt. Der nur der gehört zur treuen Benützung für die Ewigkeit unS an. Wolle GotteS Gnade im neuen Jahre die Sehnsucht nach dem Bessern in uns anregen, nach Etwas, waö die Welt nicht geben kann. Bisher war das Auge deS LeibeS von der Wcltlust hart mitgenommen; möge im neuen Jahre daS geistige Auge sich öffnen, und das sinnliche erlökten, wo man dann mit ganz anderer Ansicht der Weltdinge Umriß erschauen wird. Aber da müssen noch Hemmnisse gehoben werden, um auf dem Wege des Heiles Fortschritte zu machen. Siehe, da sendet Gott Fäulniß dem Fleische; eö kommt zum Schweigen, und ein gewaltiger Eingriff von oben inö gewohnte Leben rüttelt mächtig auf, und — man kommt wieder einen Schritt vorwärts auf der Bahn deS Heiles. Aber kaS ist noch keineswegs eine völlige Umwandlung deS Geistes. Mit den grauen Haaren kommt erst ernstes Nachdenken, der innere Ruf: WaS war ich bisher? waS bin ich noch? wird's so noch lange fortdauern? Hier kommt eS meistens zur Entscheidung. Gingen dem Leben gute Werke in Liebe vollbracht voran, so wendet sich allmälig die Seele nach oben; hat man aber im Vergangenen der Gnade deS heil. Geistes widerstrebt, so gestaltet sich der Seelenzustand zum Schlimmern. Möge daS erstere bei uns der Fall in diesem Jahre seyn! Möge der Hammer der Gewisscnsuhr schon Schläge für und in die Ewigkeit geschlagen, der Zeiger unserer LebenSuhr zu Sonnenseite der Gnade sich gewendet haben, und die Liebe Gottes uns durchs Leben tragen, und unsern Augen. Thränen — Perlen, wollte ich sagen, der Liebesreue entlocken; bann würden wir große Fortschritte auf dem Wege LeS Heiles machen, einer ruhigern Zukunft entgegensehen, und bei allen Stürmen, die noch in diesem Jahre uns um- brausen mögen, dennoch fest im Glauben rufen: Was, wie, wo und so lange Gott will. Liebe Mitchristcn, ich wünsche Euch Allen die Gnade der LiebeSreue in diesem neu angetretenen Jahre; nur sie sichert Euer ewiges Heil. Aber dazu bedarf eö der Stärke; sie komme über Euch von oben, in Euch, und führe Euch zu Gott zurück, der Euch diese Gnade verleiht. Auf denn! In der Kraft Gottes wollen wir unS ihm nahen. Wir wollen im neuen Jahre im Vaterschooße GotteS, gleich den Kindern in der Wiege, sicher i i ") Neue Sion. ") AuS dk» kath. Bl. aus Tircl. ruhen, und jeden Augenblick vertrauen, daß eS uns an der gehörigen Nahrung der Seele nie und nimmer fehlen werde. Lasset uns liebend wirken unv leiben, bis der Engel deS FriedcnS unser leibliches Auge schließt, während baS geistige geöffnet wird zu schauen im Lichte, was wir hier nur durch den Glauben erkennen. Wir wollen noch gerne ausharren hier im Thränenthale. Der Flug der Liebe wird die Zeit abkürzen, und in unö das Heimweh nach dem ewigen Leben stillen. Christus, der Sohn GotteS, sitzend zur Rechten deines Vaters, ertheile den Bewohnern dieses Landes deinen unbegreiflichen himmlischen Frieden; ertheile ihnen daS lebendige Leben deS wahren Glaubens und daS tägliche Brod deö Leibes, und vor Allem die Nahrung de^ Seele, damit Keines aus ihnen für Zeit und Ewigkeit verloren gehe. Das ist mein NeujahrSwunsch für Euch, meine Lieben, die ich Alle in der Liebe Christi umfasse. Innsbruck, 1. Jan. 1849. Alex. Fürst Hohenlohe, Bischof von Sardika und Großpropst. - , Der dentscheEpifkopat. Bon Sebastian Brunn er*) klt unilo mors orioliatur, jucke rit» rosurzerol. I'oaelatio o in keiner Weise verpflichtet seyn kann, für alle Erneuten und Ausstände außerhalb unseres Vaterlandes solidarisch einzutreten. (Sehr gut! Lärm auf einigen Bänken.) Einen solchen Grund können nicht Sie, die ächten Republikaner, sondern nur Ihre Feinde geltend machen. Ich für meinen Theil wußte nicht, ob der unversöhnlichste und listigste Feind der republi cauischen Regieruugsform im Allgemeinen und der französischen Republik im Besondern eine schmählichere Anklage, eine gröbere Beleidigung gegen Sie aufbringen könnte, als die ist, die Republik verantwortlich machen zu wollen für alle Ausstände, für alle Erneuten, für alle Revolutionen, die sich in Europa noch auflhun werden. (Sehr gut!) Ohne dieß haben Sie, Gottlob, gegen diese Doktrinen schon selbst protestirt. In den Junitagen haben Sie eure Kriegserklärung unterzeichnet gegen diese Solidarität mit der Anarchie unv allen Revolutionen, und riefe Kriegserklärung haben Sie unterzeichnet mit dem reinsten und edelsten Blute von ganz Frankreich. (Beifall.) So viel von dieser Theorie im Allgemeinen. Wenn ich murr aber erst gar die Thatsachen, von denen in diesem Augenblicke die Rede war, auf die römischen Zustände anwenden soll, — dürfte ich eS da wohl wagen, könntet Ihr, die Ihr mich unterbrechet, könntet Ihr, französische Republikaner, irgend eine Aehnlichkeit zwischen der Lage der Dinge in Rom unv der Lage unv den Pflichten Frankreichs ausfindig machen? Könnte ich z. B. diese römische Versammlung, die ich nicht anders charaklerisiren will, als durch Verlesung einer Stelle, welche der ehrenwerihe Herr Ledru-Rollin so eben und zwar gegen uns angeführt hat: „Die Versammlung, vor deren Thüre der Mord begangen worcen, setzte rnhig die Vorlesung ihres Protokolles fort und während des ganzen Verlaufes der Sitzung wurde der Vorfall auch nicht im Geringsten erwähnt — dürfte ich wohl riefe Versammlung, meine Herren, mit der französischen Nationalversammlung, mit Ihnen vergleichen, die Sie am 15. Mai und am 23. Juni die herrlichsten Beweise von Ihrem Muthe und Ihrer Ruhe gegeben? Gleicht diese römische Versammlung uns, oder gleichen Sie ihr? (Nein; nein; sehr gut.) Darf-ich unsere Armee, so unerschrocken im Kampfe und so gemäßigt im Siege, darf ich sie mit jenen Soldaten des Papstes vergleichen (allgemeine Heiterkeit), die nicht einmal diesen Namen verdienen, darf ich sie mit jenen angeblichen römi- niischen Soldaten vergleichen, die nur stark gewesen sind gegen einen schwachen Mann, die nur muthig gewesen sind gegen ihren Vater, gegen Denjenigen, der ihr Vaterland mit Wohlthaten überhäufte und, noch einmal sey eS gesagt, keine andere Vertheidigung hatte, als achtzig alte Männer? Soll ich unsere Soldaten mit solchem Volke vergleichen? Nein, tausendmal nein! (Sehr gut! sehr gut!) Soll ich endlich unsere Naiionalgarve, die so großartig und standhaft an allen Gefahren, an allen Unternehmungen unseres HeereS gegen die Erneute sich delheiligt, soll ich sie vergleichen mit jener Bürgerwehr, die ich mit nichts Anderem charaklerisiren will, als mit den Worten Ihres Gesandten: „Der Mörder Rossi'S ist nicht verhaftet worden, man hat nicht einmal einen Versuch dazu gemacht, die Bürgergardisten, welche an Ort und Stelle waren, ließen Alles gewähren,' — soll ich unsere Nationalgarde mit dieser Civica vergleichen? (Nein, nein! Beifall.) Und weil der Name Rossi'S über meine Lippen gekommen, so erlauben Sie mir einen Rückblick, eine Erinnerung zu fiiner Ehre, von Seiten eines Mannes, der sein College und noch mehr als das, der sein Gegner gewesen ist. Ja, meine Herren, ich habe ihn gekannt, ich habe ihn bekämpft mein ganzes Leben lang in seiner Stellung als Professor, als Pair von Frankreich, als Gesandter. DaS erste Mal, als er in der PairS- kammer sprach, hatte er das Wort ergriffen, um mir zu antworten, und das letzte Mal, als er die Tiidune im Lurembourg bestieg, da geschah eS, wenn ich nicht irre, um mich zu bekämpfen. Gerade diese Erinnerungen aber legen mir die Pflicht auf, ihm hier eine feierliche Anerkennung zu zollen. (Sehr gut! sehr gut! — Lebhafter Beifall.) Welches auch die Irrthümer oder Fehler seines Lebens gewesen seyn mögen, oder wenigstens, waS ich für Irrthümer oder Fehler gehalten habe, — sie sind in meinen Augen alle ausgelöscht durch seinen herrlichen Tod. (Verschiedenartige Bewegung.) Ja, meine Herren, sein Tod macht ihn würdig, eine feierliche Anerkennung zu empfangen auS dem Munde eines ehemaligen GeguerS und zwar hier in der Nationalversammlung Frankreichs, den, er in seinem Leben so würdig gedient und durch seine» Tod Ehre gebracht hat. (Sehr gut! — Lärm auf mehreren Bänken.) Nun noch ein Wort über diese angebliche Analogie und Gemeinsamkeit der Bestrebungen, welche ich so eben bekämpft habe. Man.beruft sich unaufhörlich im Namen Italiens, im Name» NomS, welches sich empört hat und PiuS IX. unte^cksickt, anf die Interessen der demokratischen Sache. Ich habe nun diMraus nicht die Absicht, hier als Lobredner oder Apostel der Demokratie/aufzutreten . . . (Lärm aus der Linken.) Eine solche Prätcusion wäre bei mir sehr übel angebracht . . . . Eine Stimme auf der.äußersten Linken. Ja wohl, sehr übel angebracht! Graf Moutalembcrt. Finden Sie das auch? Nun so sind wir ja ganz einverstanden. (Allgemeine Heiterkeit.) Indessen werden Sie mir eS doch nicht verwehren wollen, hier offen eS auszusprcchen, daß die Demokratie daS höchste Gesetz deö Landes ist, in welchem ich bin, und der Zeit, in welcher ich lebe. Ich habe deßhalb mit Ihnen Allen dafür gestimmt, daß die Republik eine demokratische seyn soll, weil eine aristokratische oder monarchische Republik in Frankreich, im neunzehnten Jahrhunderte ein Unsinn ist. (Sehr gut!) Als ich aber für diesen Namen oder b.sser gesagt für diese Idee stimmte (und ich bin fest überzeugt, daß fast das ganze Land und die bei weitem größte Majoriät der Nationalversammlung mit mir einverstanden ist), da habe ich durchaus nicht daS gewollt, waS man j tzt in Italien den Triumph der demokratischen Dolche nennt. (Lärm auf der äußersten Linken.) V'iele Stimmen. Sehr gut! sehr gutl Auf der äußersten Linken. DaS hat aber kein Mensch gesagt! Graf Montalembert. Ueberall hat man eS gesagt in Italien, eS ist angeschlagen worden in Livorno; in den Zeitungen ist eS gedruckt zu lesen; auf den Straßen RomS ist es gesungen worden. Rossi'S Meuchelmord nennen sie den Triumph der demokratischen Sache und singen Loblieder zu Ehren des heiligen Dolches, deS demokratischen Dolches, der ihn hmgeopfert hat. Ich aber beschwöre alle wahren Demokraten, alle aufrichtigen Demokraten, alle alten Demokraten, alle honetten Demokraten sich mit mir zu vereinigen und gegen einen solchen abscheulichen Mißbrauch der Worte zu protcstiren. Frankreichs Ehre erfordert schon eine solche Pvotestation; denn wenn Frankreich sich zum Träger der Demokratie in der Well gemacht hat, so muß es in dieser seiner Eigenschaft aueb gegen die blutige Entweihung der Idee und des Namenö Protestiren, die eS zum Symbole seiner Constitution gemacht. Indem ick also die römische Frage unv die italienische Frage im Allgemeinen sorgfältig auSeinanderhalte und voraussetze, daß die Regierung in dem Maaße, als es ihr möglich ist, ihr Unternehmen auch zu Ende führen und nicht allein die Person deS Papstes, sondern auch seine Autorität schützen wird, erkläre ich, daß sie wohl gethan hat. Ich danke ihr dafür und sage weiter, Laß die Regierung der Rtpublik nichts hätte unternehmen können, waS ihr größere Ehre bringen wird in den Augen der Nachwelt und was sie mehr befestigt in dem Herzen deS französischen Volkes. (Sehr gut! sehr gut! — Lebhafter Beifall auf fast allen Bänken.) Der katholische Klerus und da- Verlangen nach Freiheit und Gleichheit. Allüberall herrscht daS Vorurtheil, oder wird wenigstens zur Verunglimpfung ausgebreitet, die Geistlichen seyen nicht aufrichtige Freunde der Freiheit und Gleichheit. Wie in Deutschland und theilweise in Frankreich, so auch ergehet wider sie diese Anklage in Italien. Darauf hat der große und fromme Philosoph Abbv RoSmini, dem, nach den neueren Berichten auS Rom, ein Portefeuille und der Vorsitz deS MinisterratheS angetragen war, in folgender Weise geantwortet: „In Wahrheit, der Klerus ist jener Stand in der Gesellschaft, der am längsten zögert, seine Anhänglichkeit an politische Revolutionen kund zu geben; eS wäre aber ein gewaltiger Irrthum, wenn man daraus schließen wollte, er liebe nicht die Freiheit, nicht die Gleichheit aller Bürger. Freiheit und Gleichheit machen so zu sagen daS Wesen deS Klerus und der katholischen Kirche auS; seine Worte sind nichts weiter und können nichts anderes seyn als Worte der Freiheit und Gleichheit; dieß ist der stete und einzige Gegenstand seiner Predigten, und nie hat er einen andern gehabt, nie kann er einen andern haben. Wollte er je davon lassen, so würde er damit aufhören daS Evan- - 7-* ' - * -, ^ 8 gelium zu predigen. Der Klerus ist nur da für das Evangelium, und das Evangelium ist die Freiheit und Gleichheit. Warum zeigt sich aber die Geistlichkeit da und dort den politischen Revolutionen, die doch nur Freiheit wollen, abgeneigt? Wollet ihr wissen den wahren Grund, soll ich ihn sagen? Gerade weil sie die Freiheit und Gleichheit liebt und stets geliebt hat. Wer irgend ein Gut wahrhaft liebt, haßt eben deßhalb dessen Zerrbild und Verfälschung. Wer deßhalb die Freiheit und Gleichheit liebt, verabscheut in demselben Grade die falsche Gleichheit und die falsche Freiheit; ihm ist eS ein schmerzliches Gefühl zu sehen, wie man den Namen dieser kostbaren Güter mißbraucht, um das Wesen und die Wirklichkeit derselben zu vernichten. Der Klerus läßt sich nicht täuschen wie daS Volk durch inhaltleere Worte, und wenn er Ursache hat zu fürchten, man treibe nur Schein und leeres Wortgcpräug, um wie mit einem Schleier die Knechtschaft und den DeSpotismuS zu bedecken, dann erhebt er sich als Gegner dieser falschen FreiheitSmänner. So handelt und so muß handeln der treue Wächter der wahren Freiheit und der wahren Gleichheit; es ist seine Pflicht, Diejenigen zu bekämpfen, welche darauf ausgehen, jene Güter, die sie mit Worten erheben, in der Wirklichkeit z» vernicht.!!. Wollet ihr nun, daß augenblicklich jeder, auch der scheinbare Widerstand der Geistlichen in Betreff der Freiheit und Gleichheit aufhöre? ES ist das leichteste von der Welt, dieß zu bewirken; ihr braucht nur zwei Dinge zu thun, die ich euch sagen will: Gebt von der Freiheit und Gleichheit eine solche Definition, worin alle und jede Zweideutigkeit vermieden ist, so daß aller Zweifel verschwindet und Jedermann überzeugt ist, ihr wollet die wahre Freiheit und die wahre Gleichheit, die wahre Freiheit für Alle und die wahre Gleichheit für Alle. Erfindet sociale Formen, wclcl e in der That die Rechte Aller gewährleisten, und zwar in der Art, daß die wahre Freiheit und die wahre Gleichheit in der Gesellschaft sich verwirklichen können. Durch diese einfachen Mittel verscheuchet ihr plötzlich jede Opposition von Seite des KleruS; noch mehr: ihr braucht ihn nur zu überzeugen, daß ihr aufrichtig diese beiden Güter suchet, und er ist mit Herz und Seele euer, er ist euer treuer Bundesgenosse in dem Ringen nach demselben Ziele. Denn um euer Freund zu werden, braucht der Klerus seine Ansicht nicht zu ändern; ihr macht ihn nicht zum Freunde der Freiheit und Gleichheit, sondern ihr findet ihn nur als daS, was er seiner Natur nach ist. Er braucht sich nicht zu ändern; aber ibr müßt euch nur besser erklären und eure Handlungen mit euren Grundsätzen in Einklang bringen, müßt finden oder doch aufrichtig suchen, was ihr bis daher noch nicht gefunden, nämlich Staatöformen, welche aus der Freiheit und Gleichheit eine Wahrheit machen. Dann erst werden beide Güter verwirklicht, und gerade das ist'S, was der Klerus will." Die H-iuSvereiue. Augsburg, 5. Dcc. „Antoni Bauernfreund" hat wieder eine kleine Flugschrift veröffentlicht unter dem Titel: Etwas Besonderes für die Katlwliken nebst einem guten Neujahrswnnsch für Alle. Darin erklärt er zuerst, waS die Bischöfe in ihrem Erlasse von Würzburg aus wollen und dringt auj Anschluß an den PiuS-Verein: gewiß zwei sehr wichtige Themale. In Beziehung auf das letztere sagt er: „Gesetzt aber auch, ein Jeglicher auS Euch Katholiken ist gesonnen, von nun an nichts mehr zu dulden, WaS Eurer Kirche feindlich entgegen ist und dieselben Rechte für Euch in Anspruch zu nehmen, die heut zu Tage jeder elende Wicht nicht erst lang in Anspruch nimmt, sondern schon wirklich hat und besitzt, sagt: wie wollt Jhr'S da machen? Bis Einer lang zum Andern geht und der dieß und jener was anderes spricht, und am Ende Keiner weiß, waS er. Eurem Pius-Vereine wollet, oder ist ein tückischer Verleumder und will und waS zu thun ist, derzeit habt Ihr schon lang den rechten Z«it-!erst ein rechter Störenfried. Denn seht, Ihr Katholiken Bayerns! Punct versäumt und man lackt Euch hinterdrein auS und sagt spöttisch: tJhr lebet unter einem katholischen Regiment und dieß katholische „ES sind halt dumme Katholiken." — Wenn Ihr nun das Alles recht! Regiment hat bis zur Stunde alle die Verordnungen erlassen und noch überlegt: so sehet Ihr von selbst ein: daß ihr Euch vereinigen müßt. nicht zurückgenommen, die die innersten Rechte und Freiheiten Eurer Kirche Ja vereinigen müßt Ibr Euch. Einen Verein müßt Ihr bilden. Jetzt so lief kränken; dieß katholische Regiment bevormundet und stellt gleichhabt Ihr das Rechte getroffen. Vereinte Kraft ist stark. Ihr seht sam unter polizeiliche Aufsicht Eure Bischöfe; während die Katholiken daS an den Wühlern und Vatcrlandöverräthern. Man fürchtet sie. Die Preußens unter einem protestantischen Regimente stehen und unter Regierung fürchtet sie, der Staat fürchtet sie. Und warum fürchtet man eben diesem protestantischen Regiment alle jene Rechte und Freiheilen sie?— Einfach darum, weil sie vereint sind, weil ihre Kräfte nicht wie ^ katholische Kirche festgesetzt werden, waö da will: in einigen Stunden ist die entsprechende Verwahrung dagegen mit taufenden von Unterschriften versehen. Und daS macht Eindruck und übt den gehörigen Nachdruck. «seht Ihr nun ein, daß Ihr einen Verein bilden müßt, soll eS Euch nicht recht übel ergehen: so ist'S nöthig, Euch zu sagen, was Ihr für einen Verein bilden müßt — Ihr müßt nicht so einfältig seyn, und jetzt gleich vor Allem auSspindisiren und überlegen und nachsinniren, was Ihr Eurem Vereine für einen Namen geben sollt. Ich sag das nicht umsonst; denn daß Ihr Euch zusammenstellt, daß Ihr Euch vereiniget, daß Ihr alsdann Euch kurz und deutlich besprechet, welche Haupt- grundsätze Ihr unabänderlich festhalten wollet: daS ist die Hauptsache. Der Name des Vereines findet sich dann schon von selbsten; ja, was sage ich, er ist schon vorhanden, der Name und der Verein, und zählt allbereits schon eine schöne Anzahl Mitglieder. Dieser Verein ist in Mainz da drunt in einer schönen Stadt am Rhein gegründet worden, heißt PiuS-Verein (weil unser heiliger Vater Pius heißt, wie Ihr wisset) und zählt bereits so 'ne 150,000 Mitglieder. Dieser Verein hat denselben Endzweck, zu dessen Verfolg ich Euch dringcnst ermähne; nämlich Weckung, Belebung des wahrhaft eingeschlafenen katholischen Bewußtseyns, und gesetzliche, friedliche Erkämpfung aller jener Rechte und Freiheiten, die man bis zur Stunde den Katholiken ungerechterweise vorenthalten hat und, wie es scheint, in alle Ewigkeit vorenthalten will. Tretet nun mit diesem PiuS Verein zu Mainz in die innigste Verbindung. Nennt euren Pius-Verein einen Zweigvercin jenes zu Mainz bestehenden HaupivereineS, und eS wirb sich dann AUeS von selbsten machen. Also nochmals und abermals: Tretet zusammen in einen Verein. Ihr auf dem Lande geht zu eurem Pfarrer — tragt ihm Euer Anliegen vor. Das Weitere wird er Euch dann schon sag^n. Aber säumt Euch nicht. Die Zeit ist kostbar. — Erzählet Anderen» waS Ihr in dieser Schrift gelesen habet, theilet sie mit zum Lesen. Besinnet Euch nicht lange, sondern denket, daß eS eine Schmach ohne Gleichen ist, die man Eurer Kirche bisher angethan hat, indem man ihr allein ganz widerrechtlich alle jene Rechte und Freiheiten versagt, die ihr von Gott und Rechtswegen zugehörcn, während mau einem Lumpen, wie der Rouge ist, Freiheit gestaltet, überall, wo er will, seinen Unsinn zu predigen. Habt Ihr diese Schmach recht überlegt (und dazu braucht Ihr keine Woche Zeit), so packt die Sache frisch und im Namen Gottes an, und arbeitet nach Kräften an immer größerer Ausbreitung des PiuS-Vereines. Ihr lernet dadurch einander selbst näher kennen, Ihr wisset dann, was Ihr wollet,, ein Jeder aus Euch weiß es, Ihr Alle wisset es, Ihr seyd dadurch auch noch inniger mit Euren kirchlichen Vorgesetzten vereiniget, und durch sie hiedurch mit unserem heiligen Vater PiuS IX., und will man nun der Kirche wieder einen Schlag versetzen (und daß man daS thun werde, dazu sind alle Aussichten vorhanden), so dürfet Ihr nicht lange mit der Stange im Nebel herumtappen und fragen: was sollen wir jetzt thun? Ihr wißt daS schon, und könnt dann durch Euer einheitliches Zusammenwirken und Euer festes Zusammenhalten eine solch' ehrfurchtgebietende Stellung einnehmen, daß man Euch die religiösen Freiheiten nicht länger vorenthalten kann, die Euch von Gott und Rechtswegen gehören. Ihr habt aber vielleicht ein Bedenken: „Ob Ihr nämlich durch Errichtung deS PiuS-Vereines nicht den Vorwurf auf Euch ladet, als störtet Ihr dadurch den religiösen Frieden zwischen Euch und Andersgläubigen?" — Wer Euch einen solchen Vorwurf macht, versteht nicht, waS Ihr mit die Trümmer einer von. Blitze getroffenen Eiche zerstreut umherliegen, >on- dcrn weil sie ihre Kräfte zusammengesammelt haben, weil sie wissen, WaS sie wollen, weil das ein Jeder von ihnen weiß, und weil sie nicht erst sich fragen müssen, was jetzt da und waS jetzt dort zu thun sey. — Gerade so müßt auch Ihr Kaiholiken eS machen; nämlich „Euch vereinigen " Ihr müßt wissen, WaS Ihr wollt, und weiß das ein Jeder aus Euch, weiß er das von A bis Z, so mag gegen die jetzt nun besitzen, die man Euch in Bayern vorenthaltet, die eben so z. B. den Katholiken Oesterreichs von eben ihrem katholischen Regimente bis zur Stunde noch vorenthalten sind. — Ein böswilliger Mensch ist daher jeder, der Euch obigen Vorwurf macht. Der PiuS- Verein hat mit der Störung deS religiösen FricdenS so wenig gemein, als der Metzgerfriedl den Frieden in seinem Dorfe gestört hat, da er die Gerechtsame wieder zurückverlangt hat, die auf dem Hause seiner Mutter gewesen ist und ihm ungerechterweffe eine längere Zeit vorenthalten wurde." Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Preis in Augsburg für sich allein (ohne A Posizeitung)jährUch I fl. I * kr. Durch die Post kau» dieses Wochenblatt nur von Abonnenten der Postzeitung bezogen werden, und erhöht sich der Preis nach Verhältniß der Entfernung. Sonntags - Weiblatt zur Augsburger Postzeitung. Wr 'sich allein, ohne dir A> »gSburger Postzeitung, sind diese Blätter nur im Wege de« Buchhandels zu beziehen und kosten in ganz Deutschland, der Schweiz u. s. w. jährlich nur I fl. »<»kr oder I Tktr. Neunter Jahrgang. ^ 3 . S r. Januar Italien. Rom. Der Conciliatore, ein in Florenz erscheinendes Blatt, bringt ein Schreiben aus Gaeta, nach welchem man dem Papste drei verschiedene VerhaltungSplane vorgeschlagen hatte. Der erste, welcher von ver retrograven Partei ausging, sprach von Reaction und von österreichischer und neapolitanischer Dazwischenkunft. Pius warf aber jede derartige Idee weit von sich und bezeugte ver Person, welche sie ihm mittheilte, seine Unzufriedenheit. Der zweite Plan, welcher durch einige Männer von höherer Einsicht ausgearbeitet war, empfahl sich durch eine großartige Auffassung. Demnach sollte der Papst einen Regenten für die weltlichen Angelegenheiten ernennen, der Zeir die Sorge überlassen, die wühlerischen Leidenschaften der Römer zu beschwichtigen, und unterdessen daS katholische Europa bereisen, und zwar Frankreich, Deutschland und Irland, um durch seine Gegenwart das katholische Princip neu zu kräftigen dort, wo es durch Schismen, Secten und Ketzereien untergraben wird. Darauf sollte der Papst ein großes europäisches Concilium zusammenberufen und in demselben einen feierlichen Act des Friedens und der Eintracht zwischen allen abweichenden Meinungen herstellen. Pius hat das Edle und Großartige dieses Plans gelobt, fand es aber zu utopisch für die gegenwärtigen Zustände Europa'S und betrachtete es als unausführbar auf Grund der Opposition, auf welche dieser Plan von Seiten ver Regierungen stoßen dürfte. Der dritte Plan endlich, welcher von den bei dem Papste resicirenden Diplomaten ausgeht, besteht darin, daß der Papst sich nach irgend einer Stuct seines Gebietes — sey es Civitavecchia, Bologna oder Ancona — begeben solle, um dort Unter- handlungen zu eröffnen, welche geeignet seyn dürften, die politischen Parteien zu Ideen der gesetzmäßigen Ordnung und der Versöhnung zurückzuführen. Man fügt hinzu, daßPiuS, als man auf eine Entscheidung drang, mit sanfter Heiterkeit antwortete: „Die Thorheit der Römer dauert »och immer; ich will die Zeit abwarten, wo die Finsterniß ihrer Vernunft vorüber seyn wird." Memorandum von Seite der Kirchenprovinz des Erzherzogtums Oesterreich an die österreichische Reichsversammlung. Hohe Reichsversammlung. Der öffentlich bekannt gemachte Entwurf der Grundrechte der österreichische» Constilution muß die Aufmerksamkeir jedes Staatsbürgers auf sich ziehen, und die unterfertigten Bischöfe des EczherzogthumS Oesterreich ob und unter der Enns sind nicht nur durch die pflichlmäßigc Theilnahme an dem Wohls des Staates, sondern auch durch das ihnen von Gott verliehene Amt verpflichtet, der hohen Reichsversammlung, welche diesen Entwurf berathen und über denselben einen Beschluß fassen wird, ihre Bemerkungen, Besorgnisse und Wünsche in Ehrfurcht vorzulegen. Jede Staatsvcrfassung bedarf zu ihrer Wirksamkeit und Dauer nach unserer innigsten Ueberzeugung einer religiösen Grundlage. Nur eine höhere moralische und religiöse Sanction gibt den Gesetzen innere Kraft und sichert die Befolgung auch in jenen Fällen, in welchen äußere Gewalt dieselbe nicht bewirken kann Eine Slaatsverfassung, die bloß auf physische Gewalt gegründet wird, wird nur zu leicht durch physische Gewalt zertrümmert. Die Geschichte aller Zeiten und Völker lehret uns, daß alle StaatS- versassungcn eine Religion zur Basis hatten, und die einzelnen mißlungenen Versuche neuester Zeit, einen Staat ohne Religion zu gründen, bewiesen die Nothwendigkeit einer religiösen Grundlage. — Nicht nnr Robespierre fand sich veranlasset, daS Daseyn Gottes zu proclamiren, sondern ganz Frankreich sah sich bemüssiget, die Religion der Mehrheit des Volkes als Staatsreligion anzuerkennen. ! Diese unterfertigten Bischöfe, welche von' der Uncntbehrlichkeit einer Religion alö Grundlage des StaatcS innigst überzeugt sind, mußte» daher !über den 8- 16 der Grundrechte erstaunen, in dem cS heißt: „Eine iStaatSkirche gibt eS nicht." Sie können ungeachtet längerer Uebcr- ckegung den Sinn dieser Worte weder deutlich, noch bestimmt auffassen, müssen aber in jedem Falle Folgendes bemerken. j Wenn dieser Satz in dem Sinne verstanden wird, daß die StaatS- chcgierung keine Religionsgesellschaft gründen, ordnen und regieren will, sondern jeder ihre Selbstständigkeit gestaltet, so würde dieses den ! Freiheiten und den Rechten der katholischen Kirche nicht entgegenstehen. Wenn man aber mit diesen Worten sagen will: „Der Staat nimmt keine Kenntniß von irgend einer Neligwn, er schützet und unterstützet ^keine derselben," so ist die Ausführung nicht möglich; denn die einzelnen Glieder des SlaateS werden sich doch zu einer Religion bekennen und jene Religion, zu welcher sich der größere Theil deS Volkes bekennet, wird die Religion des StaateS sey». Da die Glieder des hohen Reichstages Repräsentanten deS Volkes sind, so wird her Reichstag selbst jene Religion als Religion deS StaateS anerkennen müssen, zu welcher die Mehrheit deS ! Volkes sich bekennet. ! Will man mit diesen Worten aber sagen, daß die Regierung jede Religion auf gleiche Art schützet und unterstützet, so würde sie ihr eige« ! neS Werk, welches sie erbauet, selbst zerstöre», indem sie die-entgegengesetzten Lehren und Maximen unterstützet und dem Pantheismus eben so, wie dem Katholicismus ihre Hand bietet. DaS Verhältniß eines jeden Staates zu irgend einer Kirche wird durch die drei Worte: Duldung — Schutz — Unterstützung — bezeichnet. Die Unterzeichneten sind von jeder Art Unduldsamkeit oder Verfolgung gegen Menschen eines anderen Glaubens weit entfernt. Sie erkennen die bürgerliche Duldung alö eine heilige Pflicht und werden »ach der Lehre des göttlichen Stifters ihrer Religion dieselbe unter den Gläubigen zu verbreiten und zu erhallen suchen. Sie wissen, daß der Glaube nicht durch Furcht und Zwang, sondern nur durch innere Gründe bewirket werden kann, und daß cS eine heilige Pflicht ist, auch diejenigen zu liebe», die eines anderen Glaubens sind; aber sie kennen auch den Unterschied zwischen Toleranz und I n d i fferentis m n S. Indem sie die erstere als heilige Pflicht anerkennen, müssen sie letzteren als den Tod jeder Re- ligiösität ansehen und verwerfen. Wenn die hohe Reichsversammlung daher die äußere bürgerliche Duldung anderer Religionen alö ein Grundrecht der künftigen Constilution deS Reiches auSspricht, so bitten sie Dieselbe, versichert zu seyn, daß die Bischöfe der katholischen Kirche diesen Beschluß thätig unterstützen und Liebe und Duldung eifrig befördern werten. Wenn die hohe Reichsversammlung aber die Worte: „Eine StaatS- kirche gibt es nicht," — dahin erkläret, daß die katholische Kirche, zu der sich die größte Zahl der Einwohner der Monarchie bekennet, in Zukunft keinen Schutz, keine Unterstützung, oder nur jenen Schutz, nur jene Unterstützung erhalten soll, der auch den entgegengesetzten Lehren zu Theil wird, so werden alle Glieder der katholischen Kirche mit tiefer Wehmuth diesen Beschluß vernehmen, nicht sowohl, weil sie den Untergang der Kirche, die von Jesu auf einem Felsen gegründet durch Gottes Schutz und Segen erhalten werden wird, befürchten, sondern weil die äußere Wirksamkeit der Kirche durch Entziehung der äußeren Unterstützung gelähmet und geschwächet werden wird. Die katholische Kirche erkennet dankbar den Schutz und die Unterstützung, welche die Regenten Oesterreichs durch viele Jahrhunderte ihr gegeben haben. Sie wird bedauern, dieser Unterstützung entbehren zu müssen, aber sie findet ihre Beruhigung in den Worten Jesu Christi, daß Sein Reich dauern wird bis an LaS Ende der Welt. Die unterfertigten Bischöfe sehen mit Gewißheit vorher, daß die traurigen Folge n der Trennung der Kirche und des StaateS weit mehr den Sraat, alS- die Kirche treffen werden. Die katholische Kirche finvel ihren Stützpunct in dem Gewissen der Menschen; denn Gott hat sein heiliges Gesetz in daS Her; der Menschen geschrieben. Sie finvet ihre Kraft in dem unvertilgk-aren Gedanken der Fortdauer nach dem Tore und in den ihr eigenen Mitteln zum Troste uno zum Heile der Menschen. Da jede ihrer Lehren auf die natürlichen Bedürfnisse ves menschlichen Herzens gegrünvet ist, so wird eS allzeit nicht nur empfö.„gliche, sondern sich darnach sehnende Gemüther geben. Ob der Staat, getrennt vv'., dsr Kirche^ für sein^ Gesetze auch eine solche Sanction und Kraft in sich selbst finden wird, zweifeln wir. Wenn die Menschen die Gesetze nur als Aussprüche eines Theiles ihrer Mitmenschen, einer allzeit relativen Mehrheit derselben, ansehen; wenn sie nur daS Auge der Menschen, vor dem ipan sich verbergen kann, scheuen; wenn sie nur den Arm des weltlichen Richters, dem man sich leicht entziehen kann, fürchten., dann wird man bald, aber zu spät, einsehen, daß eS nothwendig sey, die Religion zu schützen und zu unterstützen. Da die katholische Kirche ferner keineswegs eine neu entstehende Kirche ist, welche zu ihrer ersten Gründung und Verbreitung die Unterstützung deö Startes in Anspruch nimmt, sondern da sie seit mehr als tausend Jahren in Oesterreich bestehet, da sie während dieser Zeit mehrere äußere Mittel ihrer Existenz und Wirksamkeit rechtlich ^erworben hat, so kann und muß die katholische Kirche auch in dem schlimmsten Falle jenen rechtlichen Schutz ihres Eigenthumes ansprechen, der dem Eigen- thume eines jeden SiaaiSbürgerS im 8> 22 der Grundrechte zugesichert ist. Wenn der Staat sich Eingriffe in die Rechte und Besitzungen der katholischen Kirche erlauben sollte, was wir nicht besorgen, so würde kein Recht mehr heilig seyn und der Hauptzweck eines jeden Staates — „Sicherheit der Rechte deS Einzelnen" — zerstört werden. Die katholische Kirche fordert für sich keine Befreiung von den allgemeinen StaatSlasten, sie machet keinen Anspruch auf die ihr einst zugestandenen Begünstigungen, aber sie fordert und zwar mit Recht, daß ihre Rechte und Besitzungen denselben Schutz sinken, welchen die eines andern Staatsbürgers genießen. Sollte wider unser Erwarten dieses der katholischen Kirche versaget werden, so würde die hohe ReichSversammlung nicht nur Gleichgiltigkeit, sonder» Feindseligkeit und Ungerechtigkeit gegen die Kirche an den Tag legen, eine Gesinnung, die wir Ihr nicht zumuihen. Die katholische Kirche ist schon gegenwärtig durch die mit allerhöchster Entschließung von, 7. Sept. v. I. verfügte Aufhebung aller Zehent- und Uibarial Bezüge, in welchen der bedeutendste Theil der Einkünfte der Kirchen und des Klerus bestand, in die drückendste und peinlichste Lage versetzet. Mehrere Pfarrer können selbst nicht mehr leben und noch weniger die. ihnen nothwendigen HilfSpriester erhalten. Auf diesen Bezügen hafteten viele Verbindlichkeiten zu Beiträgen an andere Pfarren und Schulen, an Armen-VersorgiingShäuser u. dgl. Diese können nicht mehr angespiochen und nicht mehr geleistet werten. Auf diese Bezüge sind sehr viele Stiftungen gegründet, die nach dem Willen der Stifter erfüllet werden sollen. Die Pfarr- und Kirchenpalrone verweigern die Beiträge zu Kirchen-, Pfarr- und Schulgebäuven, zur Unterhaltung der Seelsorger, in so ferne diese auf die eingebogenen Bezüge sich gründeten, oder die Leistung derselben durch die Verminderung ihrer Einkünfte ihnen nicht mehr möglich ist. Die unterfertigten Bischöfe müssen daher mit Berufung auf den § 22 der Grundrechte dringend bitten, baß die versprochene Entschädigung bald und im gereckten Maaßstabe ausgemittclt und ertheilt werde. Ohne diese Entschädigung würde die katholische Kirche in Oesterreich in ihrer Wirksamkeit gestorct, in ihrer Existenz an vielen Orten gefährdet werden. DaS in dem §. 15 ausgesprochene Grunrprincip über die freie Vereinigung einer jeden Religionögesellschaft wird durch den Beisatz: „in so ferne eine solche ReltgionSgesellschaft nicht, dem StaatSzwecke entgegenstehet," — unsicher gemacht, denn! durch diesen unbestimmten und sehr zweideutigen Ausdruck wird nicht nur die mit dem in unseren Tagen gewöhnlichen Worte .Gewissensfreiheit"! bezeichnete Duldung aufgehoben, sondern die Erlstenz einer jeden RUigionS-! gesellschaft von der Willkür abhängig gemacht, indem man den SlaaiSzweck und das Verhältniß einzelner Lehren, Gebräuche und Gesetze einer Reli- gionSgesellschast sehr leicht in Disharmonie sich denken und dadurch die Existenz einer jeden Religionsgesellschaft, also auch der katholischen Kirche, als dem StaatSzwecke entgegenstehend darstellen kann. Die unterfertigten Bsichöfe müssen dah-r wünschen und bitten, daß zur Vermeidung künftiger Coll.sionen dieser Paragraph der Grundrechte genauer und bestimmter ausgedrückt werde. In den Grundrechten einer jeden StaatSverfassung kann die Ehe, welche die Grundfeste des Glückes der Familien und deS ganzen StaateS ist, nicht mit Stillschweigen Übergängen werden. Die unterzeichneten Bischöfe finden eS daher in der Ordnung, daß in dem §. 18 der Grundrechte der Ehe erwähnt wird, müssen aber bedauern, daß man die Ehe nur als einen Civil-Contract anzusehen und so wie jeden anderen bürgerlichen Conlract ordnen zu wollen scheinet. Die Ehe enthält Pflichten, die der Staat weder zu garantiren noch zu erequircn vermag. Wenn die eheliche Treue, wenn die auch im Unglücke und Leiden unerschütterliche Theilnahme, wenn die durch Undanks !und Treulosigkeit nicht zu tilgende Liebe nur auf einen bürgerlichen Vertrag gegründet und nur durch Strafgesetze gesichert werden soll, so wird sich bald zeigen, wie schwach und locker ein solches Eheband seyn wirb. Die Römer, obwohl Heiden, unterschieden genau die 6on1srrsstio von dem Uontulwrnium und sahe» nur die im Tempel geschlossene Verbindung alö eine wirkliche Ehe an. Völker, die wir „wilde" nennen, schließen ihre Ehen unter religiösen Gebräuchen und nicht nur alle christlichen Bekenntnisse, sondern auch die Juden erkennen die Ehe als einen ReligionS- Act, in welchem die Menschen Pflichten gegen Gott übernehmen und Gott zum Garanten ihrer Verbindung machen. Nach dem vorliegenden Entwürfe der Grundrechte wird die Ehe aber nur als Civilvertrag vor der Civilobrigkeit geschlossen. Die unterzeichneten Bischöfe müssen erklären, daß diese Vorschrift gegen die Lehre und die Gesetze der katholischen Kirche ist, daß die Heiligkeit der ehelichen Verbindung und die Sicherheit der gewissenhaften Erfüllung der Pflichten dadurch zerstöret werden würden. Die traurigsten Folgen dieser Anordnung würden nicht nur die einzelnen Familien, sondern den ganzen Staat treffen. Die Erfahrung lehret bereits in jenen Ländern, in denen man die religiöse Ansicht der Ehe geschwächet hat, daß die Zahl der Ehescheidungen außerordentlich ist, und daß eine gränzenlose Unsittlichkeit um sich greiser. Die unterfertigten Bischöfe halten eS nicht für nothwendig, den Nachbarstaat zu nennen, in welchem die Regierung sich seit einigen Jahren fruchtlos bemühet, dem fürchterlichen Uebel Schranken zu setzen. Sie wird sich stets fruchtlos bemühen, so lange die Grundursache, nämlich die Anncht, die Ehe sey nur ein bürgerlicher Vertrag, vorherrschen wird. Dasselbe Nebel wird in ! Oesterreich eintreten, wenn die im 8- 18 aufgestellte Anficht von der Ehe, - ! als einem bloß bürgerlichen GesellschaftSverlrage, sich unter dem Volke l verbreiten sollte. ! Mit dieser Ansicht, nach welcher die Giltigkcit der Ehe nur von der Einwilligung beiocr Brautleute vor der vom Staate bestellten Behörve abhänget, scheinet der nächstfolgende Satz, in welchem die Zeit einer kirchlichen Trauung bestimmt wird, nicht in Harmonie zu stehen. ! Die unterzeichneten Bischöfe können ihre Verwunderung nicht verbergen, daß man in den Grundrechten der Konstitution des österreichischen Staates einer kirchlichen Trauung erwähnet, indessen doch nur von der Civil-Ehe hier die Rede ist. Will man die Giliigkeit der Civil-Ehe von irgend einer kirchlichen Trauung abhängig machen, so würde dieses im Widersprüche mit den andern Grundsätzen seyn. Ist dieses nicht der Fall, so kann und muß es dem Staate ganz gleichgiltig seyn, ob, wann, wie und von wem sich jemand kirchlich trauen lassen will. Der Staat hat nach 8- 15 kein Recht, zu einer religiösen Handlung die Zeit zu bestimmen, oder dieselbe zu verbieten. Wenn er dieses thut, so greifet er in eine !ihm fremde Sphäre und hebet den aufgestellten Grundsatz, daß eS jedem freistehet. Gott nach seiner Einsicht zu verehren, wieder auf. Im 8 19 der Grundrechte heißt eS: ! Keiner religiösen Gesellschaft darf ein leitender Einfluß auf öffentliche Lehranstalten eingeräumt werden. > Die Ausdrücke: „öffentliche Lehranstalt,' — „leitender Einfluß" — sind so unbestimmt, daß dieselben einer näheren Festsetzung bedürfen. Sind unter öffentlichen Lehranstalten nur die vom Staate gegründeten gemeint? — also die Anstalten der Privaten ausgenommen? Verstehet man unter Lehranstalten nur die eigentlichen Schulen, aber keineswegs die Erziehungsanstalten? Meinet man unter leitendem Einfluß jede Einwirkung auf die Gedanken, Gefühle, Gesinnungen ober Handlungen der Jugenv und ihrer Lehrer? oder ist nur die äußere Organisirung, der Lehrplan, die Methode für den Unterricht in einzelnen Kenntnissen ober Fertigkeiten gemeint? WaS immer gemeint seyn mag, so sind die Bischöfe der katholischen Kirche in ihrem Gewissen verpflichtet, der hohen ReichSversammlung zu erklären, daß die katholische Kirche allzeit einen Einfluß auf die Jugend und auf die Bildung derselben haben muß und haben wird. Die Kinder sind durch die heilige Taufe bereits Glieder der katholischen Kirche, und sollen von Kindheit an als solche glauben, hoffen und handeln lernen. 11 Die katholische Kirche ist verpflichtet, ihre durch die Taufe aufge nominellen Glieder ohne Rücksicht deS Alters derselben zu belehren, zu leiten, zu warnen und zu bessern. Sie kann daher deS leitenden Einflusses sich nicht einschlagen. Will man den Religionsunterricht von den öffentlichen Lehranstalten ausschließen, so würde man ganz vergessen, daß der Zweck des Jugendunterrichtes nicht allein in Beibringung gewisser Kenntnisse oder Kunstfertigkeiten, sondern in der Bildung deS Herzens bestehet; daß dem Staate mit bloß seientifisch gebildeten Verstandesmenschen wenig geuützet seyn wird, wenn diese nicht zugleich religiös gesinnte und gewissenhafte Menschen sind. Will man die Jugend der Aufsicht und Lei tung des Klerus entziehen, den Priestern verbieten, die Jugend vor irrigen Grundsätzen, falschen Lehre», historischen Dichtungen und dgl. zu warnen, die in öffentlichen Lehranstalten vorgetragen werden? Wenn dieses nicht bezweckt wird, so werden die Religionölehrer allzeit einen leitenden Einfluß haben. Jeder, der nur etwas vom Schulwesen kennet, weiß, daß die reli giöse Denk- und Gesinnungsart der Lehrer bloß weltlicher Gegenstände, nicht nur jener der Geschichte, der Philosophie, sondern auch der Naturlehre, der Technik, der Mathematik auf thr>.n Borirag, ihre Darstellung Einfluß nimmt. Da eS nun ftdem Lehrer frei stehet, seiner religiösen Ueberzeugung zu folge», so würde ihnen der verderblichste Ein fluß auf die Religiösität der katholischen Kinder gestattet seyn, indessen den Priestern der katholischen Kirche jeder Einfluß in den Schulen verboten wäre. Die religiöse Bildung der Menschen, also auch der Jugend, kann nicht auf ein eine Stunden oder Orte beschränket werden; der Kirche kann daher die Uebcrwachung, Warnung, Belehrung, Ermunterung, Besserung ihrer Glieder nie und nirgends untersagt werden. Der Staat selbst muß wünschen, daß die Kirche diese ihre Pflicht zu seinem eigenen Wohle eifrig erfülle. Man scheint in unseren Tagen den wohlthätigen Einfluß ganz zu vergessen, welchen die katholische Kirche auf den Zustand der Volksbildung und der Wissenschaft genommen hat. Jeder, der die Geschichte der verflossenen Zeilen kennet, weiß, daß Europa seine Cultur dem Klerus der katholischen Kirche zu danken hat; daß die Volksschulen in den Münstern und Klöstern entstanden stich; daß die höheren Wissenschaften in den Zeiten der Rohhcit nur von den. Gliedern deS katholischen Klerus erhalten und gepflegt worden sind. Nickt nur in den verflossenen Jahrhunderten, sondern auch in der jüngsten Zeit haben die Seelsorger die Bildung deS Volkes in den Schulen mit großem Eifer zu befördern gesucht. Sie haben nicht durch Neuerungen zu glänzen, nicht durch Schaustücke Auffthen zu machen gesucht, aber sie haben daS Nützliche und Nothwendige zu lehren sich eifrig bemühet. Jeder, der den Zustand der Volksschulen vor fünf zig Jahren, also in jener Zeit kennet, in welcher die Aufsicht und Leitung des VolkSschulweftnS den vom Staate angestellten Schulcommissären und Referenten anvertrauet war, wird, wenn er billig ist, sagen müssen, daß daS Volksschulwesen unter der Aufsicht und Leitung des Klerus nicht nur nichts verloren, sondern viel gewonnen hat. Der Klerus hat sich wirklichen Verbesserungen nie entgegengestellet, im Gegentheile würde er manche Verbesserung vorgenommen hatun, wenn er nicht durch höhere Behörden gehindert gewesen wäre. — Sucht nach Unabhängigkeit, Scheue vor der nahen fortwährenden Aufsicht, der Wunsch, Aufsehen zu machen, und die Hoffnung auf gut besoldete Directions-Aemter sind die Quellen deS RufeS mancher Menschen nach Abänderung der bis jetzt bestandenen Organtsirung. Der Gedanke, die unmittelbare Leitung des Volksschulwesens einzelnen Gemeindegliedern anzuvertrauen, ist keineswegs ganz neu; denn auch in der gegenwärtigen Schulverfassung bestehet für jede Sckule ein auS der Gemeinde gewählter OrtSschulaufseher. Wie wenig diese OrtSschulausseher mit Ausnahme einzelner daS Beste der Schule beförderten, lehret die Erfahrung. In der Einwirkung der Seelsorge fanden die braven Lehrer Schutz, Ermunterung und Unterstützung; die Eltern Aufmunterung zum Schulbesuche ihrer Kinder; die Kinder liebevolle Belehrung und Leitung, ohne zu erwähnen der materiellen Unterstützungen, welche Lehrer und Kinder, die in Noth waren, von den Pfarrern erhielten. Alle diese Vortheile werden verloren seyn, wenn die Volksschulen der Aufsicht und Leitung deS Klerus entzogen werden. Die Bischöfe, denen daS VolkSschulwesen stets am Herzen lag und liegen wird, wünschen, daß die Bildung der Jugend, wenn die Schulen der Aufsicht und Leitung deS Klerus entzogen werden sollten, wirklich gewinnen möge; aber sie fürchten daS Gegentheil und glauben, daß die Erfahrung bald, aber zu spät, die Menschen eines Andern belehren wirb. Sie müssen in jedem Falle dem katholischen Klerus jenen Einfluß auf die Jugend sichern, den JesuS ihnen zur Pflicht machte, da er sprach: „Lasset die Kleinen zu mir kommen, denn diesen ist daS Himmelreich." Auf den z. 20 der Grundrechte gründen die unterfertigten Bischöfe die Hoffnung, daß durch ein zweckmäßiges und hinreichendes Preßgesetz den Verunglimpfungen und Schmähungen der katholischen Kirche endlich werden - Schranken gesetzct werden. Wenn es jedem leichtsinnigen oder böse gesinnten Scribler freistehet, die heiligsten Lehren und Gebräuche lächerlich zu machen und mit Kvth zu bewerfen, die Priester der Religion durch die schändlichsten Lügen und Verleumdungen herabzuwürdigen, verdächtig oder verhaßt zu machen, so wird das Wirken deS Priesters zerstöret und die Religion deS Volkes untergraben. ES ist für den Staat selbst von größter Wichtigkeit, daß dieses nicht geschehe. ES kann vielleicht bald eine Zeit kommen, in der man daS Unzureichende der physischen und politischen Autorität erkennen und an die Gottesfurcht und Gewissenhaftigkeit der Menschen zu appelliren sich bewogen finden wird. Dann wird man die Mitwirkung deS Klerus wünschen und bedauern, die Achtung und das Vertrauen des Volkes zu demselben untergraben zu haben. Die unterzeichneten Bischöfe, denen daS Wohl des StaatcS nickt weniger, als jenes der katholischen Kirche am Herzen lieget, wünschen sehnlich, daß eine vollkommene Harmonie und ein gemeinsames Zusammenwirken beider Gewalten begründet und erhallen werde»! Beide können und werden zum zeitlichen und ewige» Heile der Menschen dienen, wenn sie sich wechselseitig unterstützen; wenn feine derselben sich Eingriffe in die Sphäre der andern erlaubet; wenn jede die Rechte der andern achtet und schützet. Sie erklären feierlich, daß sie als treue Staatsbürger das Wohl deS Staates befördern und die Rechte deS StaateS heilig achten werden; aber es ist Pflicht ihres Amtes und ihres Gewissens, die Freiheiten und Rechte der katholischen Kirche zu sichern, Uebergriffe und Beschränkungen von Seite deS StaateS hintanzuhalten und um jene Unterstützung zu bitten, die das wahre Interesse deS StaateS und die gedeihliche Wirksamkeit der Kirche fordern. Indem sie im Namen deS Episkopates der katholischen Kirche im Erzher,ogthume Oesterreich ob und unter der Enns diese ihre Bemerkungen, Besorgnisse und Wünsche nach ruhiger und reifer Ueberlegung der hohen Reichsversammlnng ehrfurchtsvoll vorlegen, bitten und hoffen sie, die hohe Reichsversammlung wird diese Aeußerung als einen Beweis der pflicht- mäßigen Sorgfalt für daö Wohl der Gläubigen, und deS Vertrauens zu der Einsicht und dem guten Willen der Vertreter deS Volkes annehmen und der Aufmerksamkeit nicht unwürdig achten. Wien, den 12. December 1848. Vincenz Eduard, Fürsterzbischof von Wien. — Gregor, Bischof von Linz. — Anton, Bischof von St. Pölien. Heranbildung von Missionären aus dem SäcularklernS -j- Regensburg. Unser hochwürdigster Herr Bischof hat in Betreff der Heranbildung von weltlichen Priestern zu Missionen für daS katholische Volk folgenden Hirtenbrief erlassen: Wir Valentin, durch göttliche Erbarmung und ceS heiligen apostolischen Stuhles Gnade Bischof von RegenSburg, entbieten der gesummten Geistlichkeit des BiSthumS RegenS- burg unsern Gruß und Segen im Herrn. Die hochwurdigsten Erzbischöfe und Bischöfe DeulschlandS haben in ihren Berathungen zu Würzburg vielfach die Ueberzeugung ausgesprochen, daß in unserer Zeit geistliche Erercitien für den Klerus und Missionen für daS katholische Volk nicht nur sehr heilsam, sondern in manchen Gegenden des deutschen Vaterlandes auch nothwendig seyen. Da eS aber gerathen erschien, den Zeitumstänven auch hierin Rechnung zu tragen, so wurde fast einmüthig der Wunsch geäußert, eS möchten Säcular-Priester für diese- segensvolle Geschäft ausgewählt und gehörig vorbereitet werden, damit sie dann nicht bloß in der eigenen, sondern auf Verlangen der Bischöfe auch in andern Diöcesen Deutschlands dieser apostolischen Thätigkeit sich widmen könnten. Was in Würzburg als Bedürfniß der Zeit anerkannt worden, wollen Wir im Vertrauen auf GotteS Beistand i»S Werk zu setzen versuchen. Wir lassen deßhalb vor Allem an Unsere SeelsorgS Priester die Einladung ergehen. eS mögen diejenigen auS ihnen, welche für diese apostolische Wirksamkeit Beruf und Neigung in sich finden, UnS ihre Erklärung hierüber in Bälde schriftlich mittheilen. Damit sie aber bei der Prüfung ihrer selbst die nöthigen AnhaltS- puncte haben, geben Wir vorläufig folgende Bestimmungen an: 1. Diejenigen SeelsorgS-Priester, welche sich erklären, daß sie neben der gewöhnlichen Seelsorge auch der bezeichneten Thätigkeit sich widmen wollen, müssen sich vor Allem va,u vorbereiten, d. h. sie müssen längere oder kürzere Zeit auS der ordentlichen Seelsorge treten und in irgend einem Hause unter entsprechender Leitung dem Studium der Theologie, der AScese 1S und so viel möglich den praktischen Uebungen der Seelsorge obliegen, damit sie in jeder Hinsicht für dieses Amt tüchtig werden und in Einem Sinn und Geiste zu wirken im Stande seyen. Da Uns aber gegenwärtig ein anderes geeignetes Local noch nicht zu Gebote steht, so werden Wir zu diesem Zwecke einige Zimmer in Unserm Klerical-Seminar Herrichten laffen; und da außerdem der immer noch fortdauernde Priestermangel eS nicht gestattet, zum Behufe der nöthigen Vorbereitung eine größere Anzahl Priester auf eiumal auS der Seelsorge zu entlassen, so wollen Wir für den Anfang auö denen, welche sich gemeldet, nur fünf oder sechs derselben zu dieser Vorbereitung einberufen, damit im künftigen Jahre wenigstens in einigen Pfarreien Missionen gehalten werden. Denjenigen Priestern, welche sich zwar melden, aber jetzt noch in der Seelsorge unentbehrlich sind, werden Wir Anleitung geben lassen, wie sie vorläufig, bis auch sie zur eigens lichen Vorbereitung einberufen werden können, durch Studium und geistliche Uebungen diesem Berufe näher kommen sollen. 2. Haben sie im Klerical-Seminar die nöthige Vorbildung erhalten, so kehren sie in ihren frühern Beruf als Pfarrer oder Cooperatoren zurück, stets bereitwillig, auf den Ruf deS Bischofes geistliche Exercitien zu leiten oder Missionen zu halten, nach deren Vollendung sie sich wieder der ordentlichen Seelsorge widmen. 3. Da aber zu einer segensvollen Verwaltung dieses AmteS natürliche Anlagen auch mit wissenschaftlicher Bildung nicht genügen, wenn nicht ein kräftiger und beharrlicher Wille, für die Ehre Gottes in besonderer Weise Opfer zu bringen, dem Gemüthe eine Begeisterung verleiht; so ist eS nothwendig, daß diese Priester unter sich verbunden seyen, und daher einen Verein bilden, indem sie nach bestimmten Vorschriften sich richten, wie auch von Zeit zu Zeit zusammen kommen, um in guter Nich tung sich zu erhalten und den Eifer in Gebet, Studium und Seelsorge zu beleben. Deßhalb hören sie aber nicht auf, Säcular- und Seelsvrgs- Priester zu sepu, und werden neben dem Weltpriesterstande keinen besondern Stand bilden, sondern gehören nachher wie vorher dem Säcular- KleruS selbst an. UebrigenS können in diesen Verein auch solche Priester eintreten, welche, ohne daß sie für Misstonen verwendet werden, demselben anzugehören wünschen. 4. Endlich müssen Wir zum Voraus bemerken, daß Wir jenen Priestern, welche dem beabsichtigten Vereine beitreten werden, nicht die geringsten zeitlichen Vortheile versprechen können und wollen, und daß Wir gerade darauf die Hoffnung eines desto größern Segens von Oben setzen. So lange sie entweder zur Vorbildung oder Wiederbelebung dessen, was ihres BerufeS ist, in einem Hause zusammenwohnen, oder auf Missionen sich befinden, werden sie nur auf das Noihdürftige Anspruch machen können, ohne AuSsicht auf frühere Beförderung wegen des Opfers, das sie Gott zum Heile der Seele» freiwillig bringen. Sie bleiben allen übrigen Seelsorgern in jeder Hinsicht gleichgestellt, und wenn je ein Vorzug Geltung haben soll, so kann dieser nur in einem erhöhten Streben bestehen, sein eigenes Heil zu wirken und möglichst vielen Seelen zu nützen. Durch sie soll der übrige Theil der Seelsorger, nicht zurückgesetzt, sondern vielmehr geehrt und der thatsächliche Beweis geliefert werden, daß auch der Säcular- Klerus durchweg im Staude sey, jenem dem apostolischen Wirken näher kommenden Berufe der Missionen für Priester und Volk zu genügen. Regensburg, den lö. December 1848. Valentin, Bischof. Joseph Lipf, bischöflicher Secretär. nun die Menschen Menschen und keine Engel sind, so übt das Aeußere und Innere einer Kirche einen bedeutenden Einfluß auf den Besucher derselben. Eine düstere, zu kleine und halb verfallene Kirche kann unmöglich den Menschen zur geistigen Freude an Gott und Gotteöeicnst stimmen wie eine geräumige, helle und gut erhaltene, die gleichsam ein Himmel auf Erben ist. Aber gerade an geräumigen und freundlichen Gotteshäusern fehlt eS ln unserer Zeit in gar vielen Gemeinden. Die zunehmende Bevölkerung fordert auch größere Kirchen, besonders auf dem Lande, wo oft dem Pfarrer auf jeden Sonn- und Festtag bange seyn muß wegen Unordnung und Störung beim Gottesdienste, besonders hinsichtlich der Schuljugend, die in den wenigsten Kirchen einen passenden Platz hat wegen Mangels an Raum und Stühlen. Uebergehen wir aber diesen Mißstand, der noch lange dauern wird, weil man zur Vergrößerung der öffentlichen Vergnügungsplätze eher Zeit und Geld findet, als zur bequemern Einrichtung der Gotteshäuser, und schauen wir nur die Dachungen und Gemäuer mancher Ktrchen an! Regen und Schnee dringen durch das schlechte Kirchenbuch ein, und in kurzer Zeit fällt ein Theil der Mauerdecke herab, so daß der Geistliche mit Lebensgefahr an dem einen oder andern Altar die heilige Messe celebrirt. „Hätte man unserer Kirche den Zehent gelassen, so müßte sie eine der schönsten der Gegend seyn." So antworteten mir meine Pfarrkinder auf die Frage um die baupflichrige Person. Der königl. LandgerichtSvorftanv hat schon vor zwei Jahren den Schaden angesehen und darüber an daS königl. CultuSministerium dringend berichtet. Allein die Kirche wird immer baufälliger und lebensgefährlicher und die Summe der R-paralurkosten immer bedeutender. „Gebt Gott, was Gottes, und dem Kaiser, was deö Kaisers ist." Diesen AuSspruch deS Herrn hat der Staat mit Füßen getreten und Gott genommen, was Got- leS war. Dieses ungerechte Gut hat wie der Rost das Eisen auch das Gold und Silber deS Staateö aufgefressen, so, daß Gott um Kirchen, der Kaiser um Geld betteln muß. Ruin und Ruine» in der Gegenwart «nd Zukunft. h DaS vornehmste HauS einer Stadt- und Landgemeinde ist das Gotteshaus. Hier steht die Wiege der geistlichen Wiedergeburt, der Tisch der Seelcnspeise, der Altar deS beständigen unblutigen Opfers! In der! Kirche befindet sich der heilige Schwemmleich der Buße, der Lehrstuhl des! Wortes GotteS. In der Svphienkirche zu Constantinopel war beim Ein-i gange ein großes Weihwaffergefäß mit der griechischen Umschrift, die vor-i und rückwärts gelesen den gleichen Sinn gab: , , die Propheten aufzulösen, sondern sie zu erfüllen." Und glück, lich der Staat, dessen Gesetze die göttliche Consiitulion zur Grundlage haben! WaS kann man daher von einer ReichSversammlung hoffen, die in Vielen ihrer Mitglieder des Glaubens an Gott beraubt ist, und dem Reiche eine Verfassung geben will ohne Gott?! Und mit den Beschlüssen eines solchen — des deutschen — Parlaments soll im Einklänge stehen der Neubau des deutschen Reiches; dieser Neubau soll im Einklänge stehen mit dem großen (?) Grundsätze: „Alles für daS Volk, »nv Alles durch daS Volk!" Alles für daS Volk, d. h. für sein zeitliches und ewiges Wohl! Ja, damit stimmt jeder Christ überein. Aber: „Alles durch daS Volk!" Welch eine Begriffsverwirrung, welch ein Umsturz aller Rechtsverhältnisse! Seit wann hat denn Gott, der allerheiligste und allermäch- tigste Souverän — dem Volke das Recht eingeräumt, Gesetze zu geben und Constitutivnen zu mache»? Wann und wo hat Gott daö Volk mit Souveränetät ober Machtvollkommenheit begabt? Wozu sind dann noch Fürsten und Regierungen nöthig, wenn das Volk selbst herrschen dürste? Wären sie dann noch mehr, als bloße willenSlose Werkzeuge oder Puppen deö Volkes? Dann müßten die Fürsten und Obrigkeiten dem Volke und nicht Dieses jenen gehorchen. Wie könnte aber da der Apostclsürst Petrus noch schreiben: „Unterwerfet euch um deS Herrn willen jeder menschlichen Obrigkeit — eS sey nun dem Könige, der über Alle gesetzt ist, oder seinen Stellvertretern, als solchen, die Er zur Bestrafung der Uebelthätcr, und zur Belohnung der Guten bevollmächtiget hat. — Erweiset Jedem die gebührende Achtung — liebet die Brüder, fürchtet Gott, ehret den König." Wie könnte so Paulus noch schreiben: „Jedermann sey der obrigkeitlichen Gewalt Unterthan, die über ihn gesetzt ist; denn keine Obrigkeit ist anders woher, als von Gott und die bestehenden Obrigkeiten sind alle von Gott geordnet." Röm. 13, 1 — 4. Der König ist also Regent von Gottes Gnaden und nicht von Volkes Gnaden. Darum beschloß daS sechste Concil von PariS: „Der König soll demüthig und wahrhaft glauben, daß Gott es sey, der ihm daS Reich gebe." Und Tcrtullian schreibt: „Der Christ ist Niemandem Feind, am allerwenigsten dem Kaiser, von dem er weiß, daß er von Gott angeordnet sey." Kurz: „Wie der Vater die Gewalt, mit welcher er über die Kinder herrscht, nicht von den Kindern, sondern von Gott erhält; eben so empfängt der LandeSvatcr die Gewalt, mit welcher er über die Landeskinder gebietet, nicht von diesen, nicht vom Volke, sondern von Gott." Der große Grundsatz deS christlichen Volkes, mit dem der Neubau des deutschen Reiches im Einklänge stehen soll, heißt also: „Alles für das Volk und Alles durch die ihm von Gott gesetzten Gehalten." *) 2. „Befreiung der Lehrer aus ihrer Abhängigkeit von den Geistlichen." Also die Schule soll von der Kirche getrennt, die Erziehung der christlichen Jugend soll der Kirche entrissen und dem Staate allein über- geben werden! Könnt und dürft ihr das gestatten, christliche Vater und Mütter! werdet ihr ruhig zusehen, wie eure Kinvlein, die so fähig sind für das Reich Gottes, der heiligen Mutter, Eurer Kirche, von, Herzen gerissen und einer vielleicht entchristlichten Staatöanstalt in die Arme gelegt werben, um dem wahren Glauben der Bäter und dem Himmelreiche immer mehr entfremdet zu werden? Wehe euch, wenn ihr dieß könnt, t! Wahrlich dann dürftet ihr euch nicht mehr freuen, wenn euch ein Kindlein zur Welt geboren wird. , , > 3. Verminderung des stehenden Heeres, daimt nicht die besten^ Kräfte den" Gewerben und dem Ackerbaue entzogen und die StaatsauSgaben ohne Noth vergrößert werden. Dagegen Einführung der Volksbewaffnung," ^ Wenn daS stehende Heer und mit ihm die Ausgaben des Staates vermebrt werden, wer ist Schuld daran? Tragt nicht ihr die einzige Schuld, ihr Männer der sogenannten Freiheit und Gleichheit! die ihr das Volk durch Reden und Schriften aufwiegelt zur Empörung gegen seine Fürsten und Obrigkeiten? Nennt euch ferner nicht mehr Vvlksfrcunde und Volksführer, sondern vielmehr, was ihr in Wahrheit seyd, Volksfeinde und Vvlkö- verführer Seicht durch das stehende Heer werden den Gewerben und dem Ackerbau die besten Kräfte entzogen, sondern durch eure unzähligen Volks Versammlungen, in denen ihr den Gewerbsmann und Ackersmann mit euer» erbä.mlichen Glückseligkeiislehren, an die ihr selbst nicht glaubt, einwiegt in die Träumereien der VolkShcrrlichkeit, während sie ihre Hände am Ambose oder Pfluge re. haben sollten. Und wie könnt ihr mit gutem Gewissen Einführung der Volksbewaffnung empfehlen, wenn Gewerbe und Ackerbau blühen sollen? Zst'S nicht gerade die Volksbewaffnung, die nebst der Trink- und Spielsucht, weit mehr als ein stehendes Heer, die besten Kräfte dem Gewerbe und Ackerbau entzieht? Stellt der Staat nicht eben deßhalb stehende Heere auf, damit wir vor innern und äußern Feinden beschützt den Gewerben und dem Ackerbau ungehindert nachgehen können? Doch wir wissen gar gut, warum ihr, demokratische Wühler! Verminderung deS stehenden HeercS und Einführung der Volksbewaffnung wünscht. Nicht wahr, damit ihr ungehindert euer Unwesen treiben und gleich einem Hecker und Struve als Banditen verkleidet den friedlichen Bürger überfallen und berauben könnt?! 4. „Alljährliche Zusammenberusnng der Stände, jährliche BndgetS und unbedingtes SteuerverweigerungSrccht." Die Stände kosten, alle 3 Jahre zusammenbcrufen, dem Lande ohnehin schon enorme Summen, und ihr, Volköbcglücker! wollt diese Lasten dem guten Volke alle Jahre auf den Rücken legen? Wie räumt sich das zusammen mit eurer Sorge für Verminderung der StaalSauögabcn? Nicht wahr, eure Budgetö soll das Volk bewilligen, jene der Fürsten und großen Bürde« weil Würde-Träger aber vermindern? Welch schreiende Ungerechtigkeit! Endlich verlangt ihr gar »och unbedingtes Steuerverweigerungr- recht für die Stände deS Landes! Seit wann haben denn die Repräsentanten deS Volkes von Gott daS Recht erhalten, die Steuern der gesetzlichen Obrigkeit zu verweigern? Sagt nicht der Heiland selbst: „Gebet dem Kaiser, was deS Kaisers, und Gott, was Gottes ist?" Nicht wahr, weil ihr, Freunde des RongethumS! Gott nicht mehr gebet waS GotteS ist; so wollet ihr auch dem Kaiser nicht mehr geben, waS des Kaisers ist?! Habt ihr vergessen waS Paulus an die Römer schreibt: „Gebet jedem, waS ihr ihm schuldig seyd: Abgabe, wem Abgabe; Zoll, wem Zoll; Ehrfurcht, wem Ehrfurcht; Ehrenbezeugung, wem Ehrenbezeugung gebührt." Röm. 13, 5—7. Wie aber, wenn man dem Landesfürstcn keine Steuern mehr entrichten dürfte, könnte sich da noch eine Obrigkeit erhalten? Wenn aber keine Obrigkeit mehr da wäre, würde dann nicht schnell die gräulichste Anarchie, die Schreckensherrschaft der Proletarier mit dem rohesten Faustrechte gangbar werden und keiner mehr seines Lebens und Eigenthums sicher seyn? Höre darum, christkatholischeS Volk des Algäu'S! was bezüglich hieher der Apostel Paulus an seinen Timotheus schreibt: „Vor allem ermähne ich dich, daß flehentliche Bitten und Gebete, Fürbitten und Danksagungen für alle Menschen angeordnet werden, besonders für die Könige, und für Alle, die in einem obrigkeitlichen Amte stehen, damit wir unter ihrem Schutze still und in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit dahin leben mögen. Denn daö ist gut und wohlgefällig vor Gott unserm Heilande, dessen Willen es ja ist, daß alle Menschen zur Erkenntniß der Wahrheit gelangen und selig werden." 1. Tim. 1 — 4. Dieses zum neuen Jahre Dir katholisches Algäuer Volk von Einem Deiner aufrichtigsten Freunde. Den 1. Jan. 1849. - <>*? hören die Gewalten nicht auf von Gott gesetzte Gewalten zu setzn, wenn die Fürsten ihrem Volke eine Verfassung geben, kraft welcher sie da» Volk in seinen Re- Praientantcu an der Regierung des Landes Antheil nehmen lassen. Die preußisch-protestantische Intrigue. * Unter dieser Aufschrift enthält daS Pariser Blatt „UniverS" folgenden Artikel aus Frankfurt vom 30. December 1848: Welchen Namen der Protestantismus sich auch immer geben mag, er war immer eine fricdenstörende Partei in der Kirche gewesen, und ver- läugnet diesen Charakter nun auch in der Politik nicht. Seit mehreren Monaten erschöpft sich Deutschland durch Anstrengungen, jene alte bürgerliche, politische unv militärische Einheit, unter welcher Form immer, wieder zu erringen, die ihm der LutheraniSm und die auö ihm hervorgegangenen Seelen geraubt haben. Man braucht die Lebensbedingungen der Nationen nur einigermaßen zu kennen, um zu begreifen, daß ein so weltumfassender und Völkerreicher Staat, wie Deutschland ist, sich nur unter der Bedingung zu wirklicher und dauerhafter politischer Einheit vereinigen kann, daß er durch einen erblichen Monarchen rcpräsentirt und gewissermaßen in ihm personificirt ist; das Beispiel PolenS lehrt Deutschland, was unter einem Wahl Kaiser (m der strengen Bedeutung dieses Ausdruckes) auö ihm werden müßte. Wenn man die Frage, wer zu der Würbe eines deutschen Kaisers erhoben werden soll, nur auf politischem Gebiete erörtern würde, dann wäre sie bald gelöst: die Gewohnheit, das kaiserliche Diadem auf der Stirne eines Habsburgers glänzen zu sehen, würde allein hinreichen, dem Hause Oesterreich die Oberherrschaft über alle Staaten Deutschlands zu sichern, und die Wahl des Erzherzogs Johann zum Verweser des Reichs beweist hinlänglich, welche Gesinnung in dieser Beziehung vor einigen Monaten unter allen deutschen Völkern die vorherrschende gewesen ist. Man sah damals wohl ein, daß Oesterreich mit seinen acht und dreißig Millionen Einwohnern und einem Heere, von mehr als 400,000 Mann allein mächtig genug sey, den verbündeten Staaten Deutschlavds hinreichenden Schutz zu gewähren, und man konnte sich nicht verhehlen, baß eS durch seine See-Etablissements am adriatischen Meere dem wiedergeborenen Reiche die kostbarste Mitgäbe, die eines offenen SchiffsahrtöwegcS für seine Producte auf alle Märkte des Orients zubrächte. Da wirb aber auf einmal der alte Lutheranismus, jener nämlich, der Gustav Adolph, blutigen Andenkens, dem die reformtrten Fürsten die deutsche Kaiserkrone bestimmt hatten, aus dem fernen Schweben herbeirief, von dem Gedanken, einen katholischen Fürsten an der Spitze Deutschlands zu sehen, von Furcht unv EndsHen ergriffen. Wie Briareus, einer der Ceiuimanen, dehnt er seine erstarrten Glieder, und diese Bewegung reicht ^ hin, den ganzen germanischen Boten zu erschüttern. Die katholische Kirche, ! welche in Deutschland so viele Bekenner zählt und so lange Zeit von der politischen Macht unterjoch^, war, harte plötzlich ihre Fesseln gebrochen, ik und daS Geräusch der zertiümmerlen Kellen schlug mißtönend an die prvte- ^ stantischen Ohren. In allen protestantischen Staaten so wie im Schooße der Versammlung in Frankfurt wurden Ränke geschmiedet, deren Zweck war, die Kaiserkrone dem Oberhaupte des Hauses Brandenburg aufzusetzen. Dieß war eine der ersten Wirkungen deS katholischen Congresses von Mainz und des Nanonal-Concilö in Wü^burg. Diese politische Verirrung leitete 1 mau damit ein, daß die Fraiikfurter Versammlung die Einheit der österreichischen Monarchie zu zerWren suchte, indem sie dem zu schaffenden Reiche nur den geringsten M)eil der Staaten einverleibte, aus welchen diese große Monarchie besteht, und daß sie in Folge dieses unüberlegten Actes Oesterreich eine weit geringere Anzahl von Abgeordneten und Stimmen für die beantragten beiden deutschen Kammern zugestehen wollte, als Preußen besitzen sollte. Die Schlinge war zu sichtbar gelegt, als daß die österreichische Politik sich darin hätte fangen lassen sollen. Stark durch die Siege, welche sie in Italien unv über die Aufrührer ihrer Hauptstadt erkämpft hatte, gab sie nicht undeutlich zu verstehen, daß sie sich nöthigen Falles entschließen werbe, ihre Abgeordneten von Frankfurt abzurufen, und um diesem Vorhaben einen bestimmteren und kräftigeren Charakter zu geben, entsagten der Ksiser und sein Bruder der Krone und setzten sie ihrem 18 Jahre zählenden Erben aufs Haupt, dem sie damit die Vertheidigung des kaiserlichen Adlers anvertrauten. Zu gleicher Zeit legte Herr v. Schmerling, Präsident des deutschen Reichsministeriums und einer der ausgezeichnetsten Man- 15 »er Deutschlands, seine Stelle nieder und verließ Frankfurt, um nach Oesterreich zurückzukehren. Alle diese Thatsachen sind mehr oder weniger unmittelbare Folgen der preußisch-protestantischen Intrigue, von der lch spreche. Um sich einen Begriff von den Ländermassen zn machen, die früher unter der Krone der occidentalischen Cäsaren vereinigt waren, muß man sie in drei streng abgeschiedene Zonen abtheilen. Die erste begreift die Länder in sich, die man als rein deutsche betrachtet, und die von 38 Millionen Einwohnern bevölkert sind; sie find im Norden: Hannover, Schleswig Holstein, die beiden Mecklenburg, Sachsen, die Staaten, die aus der ehemaligen Landgrafschaft Thüringen entstanden sind, das Kurfürstenthum Hessen rc.; gegen Süden: die Königreiche Bayern und Württemberg und die Großherzogthümer Baden und Hessen-Darmstabt. Die zweite Zone begreift in sich die Erbstaaten von Oesterreich nämlich: Böhmen, Mähren, daS eigentliche Oesterreich, Steier- mark, Kärnthen, Krain, Tirol und daS Küstenland (Littcrole), zusammen mir mehr als 12 Millionen Einwohnern, von welchen ein beträchtlicher Theil zur slavischen Nace gehört. Diese Zone will man allein dem deut scheu Bunte einverleiben, um Preußen, dessen Einwohnerzahl 16 — 17 Millionen beträgt, ein numerisches Uebergewicht über Oesterreich zu verschaffen. Diese Zone gehört indessen schon seit Jahrhunderten zu dem Reiche, welches man heut zu Tage österreichisches Kaiserreich nennt; unter diesen, Titel ist sie durch hundertjährige Bande mit der dritten Zone verbunden. Diese umfaßt nahe an 26 Millionen Einwohner in Italien, Galizien, und in den Uferländern der Donau, die zu Ungarn gerechnet werden Außer diesen verschiedenen Völkerschaften zählt man noch gegen 5 Millionen Italiener, und 5 Millionen Polen und RuSniaken in Galizien. Die schönen Uferländer der Donau, welche die deutschen Waffen in drei Jahrhunderten blutiger Kämpfe den Türken entrissen haben, gehören daher wirklich zu Deutschland unter dem Scepter Oesterreichs. Diese Länder werden von 5 Millionen Ungarn, 2 Millionen Romanen und Walachei,, IVs Million Deutschen und 7 Millionen Slaven bewohnt. Alle diese Länder wurde», wie gesagt, zu Ungarn gerechnet; als aber die ungarischen Demagogen sich von der Souveränctät des Hauses Oesterreich losreißen wollten, ergriffen die sie bewohnenden Völkerschaften die. Waffen und vereinigten sich mit voller Uebereinstimmung unter den kaiserlichen Fahnen. Sobald mit Hilfe ihrer treuen Waffen der Aufstand in Ungarn unterdrückt seyn wird, werden sie auf immer von dieser Nation getrennt seyn, sie werden aber auch zugleich verlangen, daß man in ihrer Verwaltung und ihrer Rechtspflege ihre National-Dialecte einführe. — Nach dieser Auseinandersetzung wird man es begreiflich finden, warum die österreichische Regierung zaudert, sich über die Anforderungen der Versammlung in Frankfurt auszusprechen, denn die vollkommene Euiverleibung seiner Eibstaaten in das neue deutsche Reich, ist für Oesterreich eine Lebensfrage. Die österreichische Regierung hat indesA, in dieser Beziehung einen Schrill gethan, den man als den Anfang der Kundgebung ihrer Absichten betrachten kann, indem sie dem Reichsverweser und der ReichSversammlung erklären ließ, daß sie diese wichtigen Fragen künftig nur auf diplomatischem Wege erörtern werde, was ihren saften Willen anzeigt, sie nicht im Schooße einer berathenden Versammlung, deren Competenz dazu sie Lestreitet, sondern mit dem ReichSveriöeser selbst, als Macht also einer Macht gegenüber, verhandeln will. Damit.man ihre entschieden vertheidigenden Maaßregeln im Voraus zu beurtheilen im Stande sey, hat sie Herrn v. Schmerling selbst den Charakter eines Bevollmächtigten bei dem Reichsverweser verliehen. Aus diesen Umständen kann man schließen, daß, im Falle die preußisch-protestantische Intrigue in Deutschland obsiegen sollte, was zwischen Katholiken und Protestanten^eine lebhafte Aufregung hervorbringen würde, Oesterreich, stark durU Ane bedeutende Territorial- unk Miliiär-Macht, geradezu versagen würde, seinen Theil des deutschen Reiches auszumachen, indem eS die Stellung eines vollkommen unabhängigen Staates annehmen und sich darauf beschränken würde, wenn es ihm vortheil- haft scheinen sollte, mit dem neuen Bunde eventuelle Bündnisse zum gegenseitigen Schutz zu schließen. Diese Frage, welche für daS System deS europäischen Gleichgewichtes von so großer Wichtigkeit ist, führt also, wie gesagt, einen Conflict herbei, der mehr religiöser als politischer Natur und weit mehr geeignet ist, in den Schooß Deutschlands unzählige Steine neuen Haders zu werfen, als ihm die Elemente der National-Einheit zu verschaffen, die man grünten will. Bauen und Einreisten. *) Der Zustand, in dem wir uns jetzt befinden, und in dem wir uns ') Von Seb. Brunner, aus dessen Wiener Kirchenzeitung. seit Einem Jahrhunderte befunden haben, ist kein normal kirchlicher, von dieser Thatsache sind aber bisher viele nicht unterrichtet gewesen; wenn wir nun den Katholiken darüber Unterricht ertheilen, so sind wir dabei der Meinung, auch etwas zur Erbauung gethan zu haben. Scheint auch in diesen antiquirten krankhaften Zuständen gar nichts sich ändern zu wollen, ja scheinen sie um den Kristallkeim herum sich immer noch in größerer Härte zu verstecken, so kann unö dieses nicht im mindesten um unsere Hoffnung bringen, und diese Hoffnung ist aufs besser und aufs lebendig werden. Wer die Zustände in Württemberg, Baden, Preußen noch vor einigen Jahren gekannt hat — und die jetzigen dagegen anschaut — der kann sich nicht genug über den plötzlichen Umschwung wundern. Wer aber den Gang der Begebenheiten genau beobachtet hat, dem wurde es lange schon klar, daß doch die kirchliche Idee, nachdem sie Jahrelang gepflegt worden, einmal zum Durchbruch kommen müffe, trotz aller Verknechtung von Seite des Polizeistaateö. Die Erbauung ist in den Geistern vor sich gegangen, und eS bedurfte nur eines Anstosses — so ist der Bau auch nach außen hin sichtbar geworden. Wir wollen eine Thatsache anführen. Die kirchlich geinnten Männer der Universität zu Tübingen, Hefele, Kühn, Welle, und in jüngster Zeit Zuckrig!, haben den wahren Geist gepflegt — sie haben gebaut, sie sind dem Joflphinischen Princip, daS im Convictsrcclor Schott, in den Professoren Geringer und Schmiele ihnen feindlich gegenüber gestanden, hart an den Leib gegangen, Hefele hat nicht selten mit der Waffe vernichtende» WitzcS dareingejchlagcn, daß die Funken davon gestorbrn sind — die jungen Theologen wurden genährt in kirchlichem Geiste, achteten ihre kirchlichen Lehrer, erlangten Liebe zur Wissenschaft — bei allem dem aber schien die bnreaulratische Polizeigcwalt noch vor zwei Jahren die kirchlichen Elemente der Universität zu unterdrücken, indem sie durch Einzwängen gewisser Individuen in den Beschlüssen der theologischen Facultät eine Stimmenmehrheit in josephini- scher Richtung hervorbringen wollte. Mögen es die Worte eines Würt-- tembergerS bezeugen, was die Bureaukratie daselbst in ihrem Uebcrmuth getrieben. Der Regens zu Rottenburg Dr. Mast sagte in seiner Rede beim Mainzer-PiuSverein unter andern: „dcßgleichen verordnete die (Würt- temberger) StaalSomnipotcnz, in die Verwaltung deS Bußsacramentö sich einmischend, daß die Hilfspricster nicht eher in die Kirche in den Beichtstuhl gehen sollten, bis Gläubige sie ausdrücklich begehrten. Nicht weniger als 17 — 18 Priester sind in einem Zeitraum von 5 — 6 Jahren nm ihrer Glaubens, reue willen bureaukratischcn Bedrückung«,» ausgesetzt gewesen; ein Lehrer aus Tübingen wurde entlassen wegen eines theologischen Votums über eine Frage, welche die ganze Kirche in Bewegung setzte. AIS Bischof Keller seinen Antrag auf Herstellung der kirchlichen Selbstständig- keit vor die Landstände brachte, wagten es fünf Repetenten des Tübinger Convictes in einem Schreiben an den Bischof ihren Dank und Beifall aus- zusprechen; sie wurden alsbald hiefür von ihren Stellen entfernt, und als Pfarrverwalter hinauSgcstossen. Dennoch konnte die Bureaukratie die immer kräftiger gedeihende Pflanze des katholischen Bewußtseyns nicht vernichten." Die Wahrheit von Mast's Worten habe» die jüngsten Ereignisse bestätigt. Die kanzleiliche Peifidie und Niederträchtigkeit hat nichts ausgerichtet, die Ideen sind ine Leben getreten, die kirchliche Richtung hat in jüngster Zeit einen glänzenden Sieg erfochten und die Anhänger deS Polizeistaales sind schmachvoll unterlegen. So ist eS im Badischen ergangen, so in Preußen. Auch dort hat man die wahrhaft bauende kirchliche Richtung — umstürzlich und revolutionär genannt, und — Fürsten und Minister sind befangen genug gewesen daran zu glauben, bis ihnen in neuester Zeit die Binde von den Augen genommen worden und sie zur Einsicht gelangt sind, daß die Revolutionen ganz wo anders herkommen. In den Kanzleien sind die Sünden gegen den heiligen Geist begangen worden, da hat man in Ernennungen und Anstellungen, in Unterdrückung und Verknechtung gegen den Geist der Kirche gesündigt, und diese Sünden gegen den heiligen Geist können der Kanzlei nicht nachgelassen werden — leider tragen wir an ihren traurigen Folgen immer noch zentnerschwer. In den Kanzleien, aus denen die absolute Polizeigcwalt wie eine Spinne ihr Netz gewoben — da herrschte der Geist deS EinreißenS und Umstür- zens, da herrschte jener feindselige Geist — der die Kirche in die traurigste Lage herabzudrücken unablässig bemüht war. Was der bureaukratische Geist im Staate gebaut hat — und waS er für unsterblich gehalten, daS hat im abgelaufenen Jahre ein einziger Sturm in ganz Deutschland über den Haufen geworfen; und daS waS derselbe bureaukratische Geist an Festungswerken, an Eskarpen, Cortinen und Laufgräben gegen die Kirche gebaut hat — daS sollte vielleicht einen längern Bestand haben? Was morsch ist sollte in Geduld weggeräumt werde», wer zu diesem Unternehmen seine Hand bietet, der ist doch wahrlich kein Einreißer — wer aber eine alte Barake, die von allen Seiten durchlöchert ist — und schon bei leichten Windstößen schwankt, mit einigen Bogen Papier verklebt, 16 und meint er habe sich durch diese Mühwaltung ein wohnliches HauS zubereitet — der macht sich allgemeinen Bedauerns würdig, und zwar um so mehr, je mehr er meint, er habe für Erbauung etwas gethan. Ueber die Stellung des Klerus. In einem Artikel der (alten) Sion über die Stellung deS Klerus zu den politischen Verhältnissen der Gegenwart finden wir folgende beach- tenSwerthe Puncte hervorgehoben: Erstens. Es ist größtentheils und fast überall mit der Würde des Priesters und seinem Ansehen unverträglich, zu politischen Versammlungen einzuladen, sie abzuhalten und zu leiten. Dieß ist vielmehr Sache der Politiker von Profession. Schreiber dieses weiß, wie sehr man einen Priester, der gegen diese Regel handelte, von geistlicher und weltlicher Seite getadelt und verunglimpft hat. *) Zweitens. Dagegen wird eS gerathen seyn, solchen Versammlungen, wenn sie in der Pfarrei oder in deren Nähe gehalten werden, beizuwohnen und nach Gelegenheit daS Wort zu ergreifen. Nur wenn mit Gewißheit vorauszusehen wäre, daß seine Anwesenheit Zorn oder Erbitterung unter den Versammelten herbeiführen würde, oder Wender mit Grund befürchten könnte, daß gegen die Religion und die bestehende Verfassung aufrührerische Reden gehalten werden, hat er sich fern zu halten. In diesem Falle aber wird er nicht ermangeln, auf geeignetem Wege seine Pfarrangehörigen und andere, auf die er Einfluß hat, zu ermähnen, daß auch sie der Versammlung nicht beiwohnen. Drittens. Damit die Gemeinde nicht der Verführung sogenannter VolkSsreunde preisgegeben werde, andererseits aber ihre politischen und konstitutionellen Rechte, gewahrt bleiben, hat der Seelsorger die Pflicht auf sich, sie zu ermahiicii, sich einem der bestehenden katholischen Vereine durch Bildung eines FilialvcreineS anzuschließen. Viertens. Hat sich ein solcher Verein gebildet, so wird eS die Sorge deS Seelsorgers seyn, daß er ihm in jeder Weise zu Diensten steht. Selbst beizutreten wird nicht in allen Fällen rathsam seyn; eS wird hinreichen, hie und da den Versammlungen — wo möglich auf Einladung — beizuwohnen, und als außerordentliches Mitglied sich einschreiben zu lassen. Fünftens. Ein Hauptaugenmerk richte er darauf, die religiösen Fragen von den politischen und bürgerlichen zu trennen. Erscheint er in der Versammlung, so erkläre er, daß er nicht als Pfarrer, sondern als Staatsbürger hier sey. Die Religion wird er immer und überall zum Motiv der Handlungsweise seiner Untergebenen machen, nicht aber in allen Tagcöfragcn religiöse Fragen erkennen. Er soll den Beweis liefern, daß die Kirche zeitgemäßen Reformen, die eS wahrhaft sind, nicht im Wege steht. Die Religion ist der Willkür der Herrscher und der Zügcllosigkeit der Völker gleich entgegen. Sie ist die Mutter der wahren Freiheit. Sie befehdet nur den Umsturz und die rohe Gewalt, die zerstört ohne aufzubauen. DaS Volk soll lernen, daß gesetzlicher Fortschritt nicht im Widersprüche stehe mit der treuen Aichängltchkeit an den Glauben und die Kirche, so wie daß eben deßhalb alle Reformen, die dem Glauben und der Kirche widersprechen, oder wogegen diese Einwendungen zu erheben hat, diesen Namen nicht verdienen. Sechs tenö. Ein Haupibcdürfniß ist eS, dem Volke begreiflich zu machen, daß alle Berge zu ebnen, alle Hügel abzutragen, alle Thäler auszufüllen auch die beste Regierung nicht vermöge. Alle menschlichen Einrichtungen tragen den Stempel der Mangelhafligkeit und Unvollkom- menheit an sich. ES ist eine,beklagenswertste Thatsache, daß irgend ein ministerieller Fehlgriff häufig schon den Sturz deS Ministers nach sich zieht. Niemand ist in allen Stücken vollkommen; die bestgemeinten Entwürfe finden oft unübersteiglichc Hindernisse, oder zeigen sich in der Anwendung als unausführbar. Davon können unsere FortschrittSminister viel erzählen. Stark in der Opposition, waren sie desto schwächer, als sie selbst anS Ruder kamen. Also nur keine 'zu hohen Erwartungen! Nur keine Wunder verlangen! Siebentens. Ein starkes Hinderniß eines wirksamen Einflusses der Geistlichen auf daS Volk ist die weit verbreitete Meinung, daß sie nur ihre StaudeSintcrcsscn im Auge haben. Man bemühe sich also, diesem Wahne die Wahrheit gegenüberzustellen. Der Priester zeige durch Wort ') Hiegegtn spricht nicht die von vielen Seelsorgern init Erfolg abgewendete Abhaltung einer Gemeinde zum Zwecke gemeinsamer Besprechung und Beschlußfassung. Wir hatten oben größere Versammlungen im Auge. Veranlwortlicher Redacteur: L. Schönchen. und That, daß er auch in seiner politischen Thätigkeit nicht für sich, sondern für seine Heerdc sorge. Er gebe, waS er geben kann, er entsage freudig für seine Person allen Privilegien und Vorrechten als Staatsbürger, waS nicht mehr zu retten ist, lasse man fahren. Man nehme so den Feinden der Kirche die Waffen auS der Hand, die sie leider mit vielem Erfolge bisher geführt haben. Durch freundliches Zuvorkommen, durch * Nachgiebigkeit und Opferwilligkeit wird man für die materiellen Verluste geistigen Gewinn eintauschen. ES ist hohe Zeit, daß sich der Klerus Freunde mache. Schon steigen neue Wolken am politischen Horizonte auf. Wünschen wir, daß sie sich vertheilen, so lasset unS einträchtiglich mit dem Volke und für daS Volk reden, schreiben und wirken und mit GotteS Gnade bessere Zeiten herbeiführen. BlumS Tod. * München, 23. Jan. Die Nachricht, daß Robert Blum vor seinem Ende, dem Deutschkatholikenthum entsagend, sich nach dem Empfang der heiligen Sacramente der katholischen Kirche sehnte und sie empfing, mußte voraussichtlich in der radicalen Presse einen Rückschlag und einen conliverablen „gesinnungstüchtigen" Lärmen erregen. In München war daS Tagblatt, daS Organ der Deutschkathchischen, also daS Orgai^. der „Liebe," eines der ersten Organe, um die Postzekvung und Konsorten auch dießmal (wie schon so oft) mit einem Schmutzwurf heHiger und '„brüderlicher, liebevoller" Schmähwort? zu überschütten,, auch nebenbei dem Psaffenfreund I)r. Hurter einen kräftigen Settenhicb zu versetzen. Nun beeilt sich ein anderes der gesinnungstüchtigen Blätter, ick einem Artikel „die heilige Landbötin und ihr Anhang» .die Bekehrung Blunl's als Lüge zu erklären und den „Pfaffen" Eines hknauSzugeben. Dasselbe Blatt schließt seine Sammlung für Blum'S Wittwe und Kinder mit der Summe von — 56 fl.! DaS ist daS Resultat beinahe eines Vierteljahres und so begeisterter Aufrufe; wenn man für Blum'S Wittwe und Kinder so viel Mitleid fühlte (und sie verdienen es auch in »Vnchcr Beziehung), hätte man nicht zweckmäßiger einen Theil der SuMie, welche die Münchner Todtenfeier für Blum kostete (Manche glauben, im Ganzen nahe an 2000 fl.) zu jenem Mit- leidszwccke verwenden können? Allein Mancher will wissen, daß es damals mehr auf eine politisch-demokratische Demonstration, als auf eine Todtenfeier abgesehen war. — Zu läugnen, daß Blum als katholischer Christ starb, eS für eine „Lüge" zu erklären, ist leicht, und eö ist in der Welt der .Gesinnungstüchtigen" gewiß auch erfolgreich, denn vr. Hurter ist ! ein „Pfaffenfreund", also unglaubwürdig, Pater Raimund ist ein „Pfaffe», also ebenfalls unglaubwürdig, der Profoß, der etwa als Zeuge dienen könnte, ist ein „Schwarzgelber», also unglaubwürdig, ergo daS Ganze eine Lüge der „Pfaffenpartei". — DaS ist allerdings ganz bequem; aber > fatal war Blum'S Bekehrung für die „Gesinnungstüchtigen", für die „Gewaltmänner der Freiheit", ein wahrer Donnerschlag; denn starb Blum als katholischer Christ, so starb er weder zagend, wie ein tröst- und haltloser armer Sünder, noch keck und trotzig, wie ein Barricadenmensch, der das Hemd von der behaarten Brust reißt, und mit gesinnungstüchiigem Pathos schreit: „hieher zielt, deutsche Brüter!" Blum kann also der Derbheit und modernen Barbarei der modernen Nothrcpublik nicht als Heldenercmpcl hingestellt werden; starb Blum als katholischer Christ, erwähnte jeder gute Katholik dieß mit aufrichtiger Freute und weihte er ihm dabei den Tribut eines anerkennenden Andenkens für eine, wenn auch späte, doch so aufrichtige und in Wahrheit demuthvolle Bekehrung, so hatte die gcsinnungstüchtige Presse einen Anlaß weniger, die glänze katholische und conservative Welt wegen ihrer Be feint ung Blum'S in die tiefste Hölle zu verwünschen; wahrlich, wäre Blum'S Bekehrung noch vor seinen verschiedenen Tvdtenfeiern bekannt geworden, man hätte unter der Zahl der „Gesinnungstüchtigen» statt sunkensprühcnoer Begeisterung so manches kühle und lange Gesicht erblickt. — Danken wir aber Gott, daß Er durch Seine Gnade den Sterbenden rührte und daß dieser dem Zug der Gnade > treu folgte. Verein der heiligen Kindheit. Der Verein der heiligen Kindheit hat in dem letzten Hefte seiner Jahrbücher einen interessanten Bericht über seine bisherige Wirksamkeit h erstattet. Seine Einnahmen betrugen vom 1. Mai 1847 bis zum 1. Mai 1848 95,834 FrancS, die Ausgaben 95,478 FrancS. Davon gingen in Frankreich 76,865 FrancS, im Auölande 18,968 FrancS ein. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Preis t» Augsburg für fich allein (ohne A. PostzeitungljLhrltch Ist. >*kr. Durch die Post kann dieses Wochenblatt nur vou Abonnenten der Post- zeitung bezogen werden, und erhöht sich der Preis nach Verhältniß der Entfernung. Sonntags-PeLbLatt zur Augsburger Postzeitung. Für fich allein, ohne die Augsburger Post» zeitnng, find diese Blätter nur im Wege de« Buchhandel« zu beziehen und kosten in ganz Deutschland, der Schweiz u.s. w. jährlich nur L fl. SOkr oder I Lhlr. Neunter Jahrgang L1. Februar L84S. Die katholische Kirche in den Bereinigten Staaten von Nordamerika. Der „Catholic Almanac" für 1849, herausgegeben von F. LucaS in Baltimore, ist so ch«l erschienen. Wir glauben im Interesse unserer Leser zu handeln, wefiw wir auH demselben auszugsweise ihnen hier eine Uebersicht von dem gegenwärtigen Stande der katholischen Kirche innerhalb der nordamerikanischen Union.vorlegen.' Innerhalb des Gebietes der^ Vereinigten Staaten waren, seitdem Oregon dazu gehört, zwei Erzbisthümer, welche, nachdem Galveston, Cleveland, Buffalo und Albany zu BiSthümern errichtet worden, 26 Bis- thümer umfassen. Die erzbischöfltchen Sitze sind Baltimore und Oregon City. Durch Verfügung des apostolischen Stuhles (20. Juli 1847) wurde auch der bischöfliche Sitz von St. Louis zum Range eines ErzbiS- thums erhoben. Auf dem nächsten (siebenten) Concilium der katholischen Kirche in den Vereinigten Staaten (welches am 4. Sonntage nach Ostern 1849 eröffnet werden soll) wird bestimmt werden, welche Liöcesen diese neue Kirchenprovinz ausmachen sollen. Gehen wir nun zu dem Stande der einzelnen Diöcesen über. 1) Die Erzdiöcese Baltimore umfaßt den Staat Marvland und den District Columbia. Sie wird regiert durch den hochwürdigsten Erzbischof Samuel Eccleston (consecrirt am 14. September 1834). Die Erzdiöcese zählt gegenwärtig 65 Kirchen, 3 im Bau begriffene, 9 Kapellen und 10 anderweitige Stationen. Geistliche sind 53 in der Mission und 40 anderwärts beschäftigt. Kirchliche Seminare sind in der Erzdiöcese 3, in welchen sich gegenwärtig 56 Stuvirende befinden. Ferner sind in derselben 5 gelehrte Anstalten für junge Männer, 5 weibliche religiöse Anstalten, 5 weibliche Pensionate »und 27 wohlthätige Anstalten. Die katholische Bevölkerung zählt 100,000 Seelen. 2) Die Diöcese Charleston, welche am 12. Juli 1820 errichtet ward, begreift die Staaten Nord- und Süd - Carolina und Georgien. Bischof der Diöcese ist der hochwürdigste JgnatiuS AloysiuS Reynolds (ward am 19. März 1844 consecrirt). Kirchen sind in der Diöcese 25, im Bau begriffen 2, Missionsstakionen 50. Geistliche zählt die Diöcese 22 und 3 Theologie Studirende. Ferner befinden sich 2 weibliche religiöse Anstalten, 2 weibliche Pensionate, 6 wohlthätige Anstalten und 7 Mäßigkeitsvereine in der Diöcese. Die katholische Bevölkerung beträgt 7000 Seelen. 3) Die Diöcese Galveston umfaßt den ganzen Staat TeraS. Bischof der Diöcese ist der hochwürdigste John Odin, welcher am 6. März 1842 consecrirt ward. In der Diöcese befinden sich 16 Kirchen und Kapellen, -4 im Bau begriffene Kirchen, 16 Geistliche, 4 Schulen und 1 Pensionat für junge Frauenzimmer. 4) Die Diöcese Neu-OrleanS', welche im Jahre 1793 errichtet ward, umfaßt den Staat Louisiana; den bischöflichen Stuhl nimmt der hochwürdigste Anton Blanc, welcher am 22. November >835 consecrirt warb, ein. In der Diöcese befinden fich 56 Kirchen und CapeUen. Geistliche sind verwandt in der Mission 60 und 14 anderwärts. In dem einen Seminare befinden sich 10 Theologie Studirende. Gelehrte Anstalten für junge Männer zählt die Diöcese 2, Pensionate für junge Frauenzimmer 7, Freischulen 3, wohlthätige Anstalten 6 und wohlthätige Vereine 3. 5) Die Diöcese Natchrz begreift den Staat Missisippi; Bischof derselben ist der hochwürdigste John I. Change, welcher am 14. März 1841 consecrirt ward. Die Diöcese besitzt 6 Geistliche und 7 Kirchen. MisfionSstationen find 14. Die Zahl der katholischen Bevölkerung ist 6 — 7000. 6) Die Diöcese NaShville. Sie umfaßt den Staat Tennessee und wird von dem hochwürdigsten Bischöfe Richard PiuS MtleS, welcher am 16. September 1838 consecrirt ward, regiert. Diese Diöcese begreift in sich 6 Kirchen. 2 Kapellen, 20 MissionSstalionen und 8 Geistliche; ferner 5 Geschäften zum heiligen Herzen, 1 Knabenschule, 1 Pensionat sür iunge Fecu nzimmer, 1 Schule für Farbige und l Hospital und Waisenhaus. Die Zahl der katholischen Bevölkerung ist 3000. 7) Die Diöcese Dubuque umfaßt den Staat Iowa; der hoch- Wüpbigste Bischof Mathias LoraS, welcher am 28. Juli 1837 consecrirt ward, ist Bischof Derselben. In dieser Diöcese sind 15 Kirchen, 10 Stationen, 2 JndianeNnissionen und 12 Geistliche; ferner 4 Theologie Stu- dirende (von denen bereits einer Subdiacon ist), 2 religiöse Akademien und eine katholische Bevölkerung von 7000 Seelen. 8) Die Diöcese Milwaukie umfaßt den Staat Wisconsin und wird von dem hochwürbigsten Bischöfe Johann Martin Henni, wel- cher am 19. März 1844 consecrirt ward, regiert. In dieser Diöcese sind bereits 44 Kirchen und Capellen erbaut und noch 23 sind im Bau begriffen. MijsionSstationen sind 42, welche von 33 Geistlichen versehen wer. den. Ferner befinden sich in derselben 1 theologisches Seminar, 1 Kollegium, 4 Ordenshäuser und eine katholische Bevölkerung von ungefähr 40,000 Seelen. 9) Die Diöcese Chicago umfaßt den Staat Illinois. Seitdem Tode deS hochwürbigsten Bischofs William Quarter ist'der Bruder "caselh.'n W. I. Quarter, Administrator der Diöcese. So eben trifft die Nachricht ein, daß der hochwürdigste Vandevelde, früher Provincial ver Gesellschaft Jesu in Missouri, von, heiligen Stuhle zum Bischöfe von Chicago ernannt worden sey. Die Diöcese zählt bereits 68 Kirchen und noch 18 weitere Kirchen sind im Bau begriffen. Die MissionSstationen sind zahlreich. Geistliche sind in der Mission 53 und anderwärts verwendet 4. Ferner sind in der Diöcese 1 theologisches Seminar, 1 Universität, 3 Akademien, 2 Convente, 6 wohlthätige Anstalten unv eine katholische Bevölkerung von 80,000 Seelen. 10) Die Diöcese Cincinnati umfaßt den Theil des Staates Ohio, welcher zwischen dem OhioZUver und dem 40" 4U nördlicher Breite liegt, und auf der andern Seite deö Ohio (Cincinnati gegenüber) die Städte Covinglon und Newport mit einem Gebiete von 3 Meilen Ausdehnung im Staate Kentucky. Die Diöcese steht unter der Jurisdiktion des hochwürdigsten Bischofs John Baptist Purcell, welcher am 13. Oktober 1833 consecrirt ward. Kirchen sind in der Diöcese 65, 4 weitere sind im Bau begriffen. Andere Stationen sind 10. In der Mission sind 58 und anderwärts 12 Priester verwendet. Ferner finden sich in ver Diöcese 1 geistliches Seminar, 10 Theologie Studirende, 1 Collegium für junge Männer, 8 OrdenSgenoffenschaslen, 6 weibliche Pensionate, 5 wohlthätige- und Unterstützungsanstalten, 9 (?) Schulen, 10 religiöse Gesell« schasten und eine katholische Bevölkerung von 65,000 Seelen. 11) Die Diöcese Cleveland umfaßt öen nördlichen Theil (über der Linie vom 40" 4U) des StaateS Ohio; sie steht unter der Jurisdiktion deS hochwürbigsten Bischofs A. Rappe, welcher am 10. Oct. 1847 in der Kathedrale zu Cincinnati consecrirt ward. In der Diöcese sind 34 Kirchen und noch einige sind im Bau begriffen. Andere Stationen find 40. In der Mission sind 28 Geistliche verwendet. In dem Seminare sind 16 Theologie Studirende. OrdenSgenoffenschaslen sind in der Diöcese 4, Pensionate für junge Frauenzimmer 2, wohlthätige Anstalten 6, Mäßigkeitö- gesellschaften 10 und die katholische Bevölkerung zählt 25,000 Seelen. 12) Die Diöcese LouiSvillc umfaßt den Staat Kentucky. Sie steht unter der JuriSdiction deS hochwürdigsten Bischofs Benedict Joseph Fläget (am 4. November 1810 consecrirt), welchem der bochwür- digste Martin John Spalding, Bischof von Lengone und Coadjutor von LouiSville, in der Verwaltung der Diöcese assistirt. Bischof Spalding ward am 10. September 1848 consecrirt. In der Diöcese find 44 Kir- 22 chen, 10 Kapellen, 75 andere Stationen und 46 Geistliche. Geistliche Anstalten find in derselben 2; Kollegien sür junge Männer 2, weibliche religiöse Anstalten 4, weibliche Pensionate 11 und 4 wohllhälige Anstalten. Die katholische Bevölkerung beträgt 30,000 Seelen. 13) Die Diöcese Hart fort umfaßt die Staaten Connecticut und Nhode-Jöland. Der Bischof der Diöcese, der hochwürdigste Win. Tylor, welcher am 17. März 1841 consecrirt ward, refidirt in Providence. In der Diöcese sind 12 Kuchen und 13 Geistliche. Ungefähr 20,000 Seelen beträgt die katholische Bevölkerung. 14) Die Diöcese Buffalo umfaßt den Theil des StaateS New- Uork, der westlich der östlichen Gränzen der CountieS Cayuga, Tompkins und Tioga liegt. Sie ist verwaltet durch den hochwürdigsten Bischof Timon, welcher am 17. October 1847 consecrirt wurde. 27 Kirchen und 30 Geistliche sind in der Diöcese. In dem Seminare befinden sich 8 Theologie Studircntc. Ferner sind in der Diöcese 1 Kollegium sür junge Männer und 5 Anstalten, die unter Leitung der barmherzigen Schwestern stehen. Die katholische Bevölkerung beträgt ungefähr 40,000 Seelen. 15) Die Erzdiöccse St. Louis. Durch ein apostolisches Schreiben von, 20 2">i >847 wurde der bischöfliche Sitz von St. Louis zum Range eines ErzbiSthumS erhoben. Wie oben bereits bemerkt, wirb erst auf dem nächsten Concilium von Baltimore bestimmt weiden, welche Diö- cesen diese neue Kirchenprvvinz bilden sollen. Dieses ErzbiSlhum wird von dem hochwürdigsten Erzbischofe Peter R. Kcnrick, welcher am 30. November 1811 consecnrt wurde, regiert. Es sind in derselben 53 Kirchen und ungefähr 25 andere Stationen. 65 Geistliche sind in der Mission und 42 anderweitig verwendet. Indianer-Missionen sind 6; 3 Seminarien, 3 Kollegien für junge Männer, 14 weibliche religiöse Genossenschaften, 9 Institute für junge Frauenzimmer, 13 Schulen und 8 wohlthätige Anstalten. 16) Die Diöcese Mobile umfaßt die Staaten Alabama und Florida. Der hochwürdigstc Michael Portier, welcher am 5 Novem ber 1826 consecnrt wurde, ist Bischof der Diöcese. 16 Kirchen sind in der Dlöcese und noch 2 weitere Kirchen sind im Bau begriffen. Stationen sind 20 und ebenfalls 30 Geistliche daselbst. Im Seminare befinden sich 5 Theologie Studirende. Ferner sind in der Diöcese I Kollegium sür junge Männer, 3 weibliche Pensionate, 3 wohlthätige Anstalten und eine katholische Bevölkerung von 11,000 Seelen. 17) Die Diöcese Little Rock begreift den Staat Arkansas und steht unter der Jurisdiktion des hochwürbigsten Andrew Byrne (am 10. März 1844 cousccrirl). 7 Kirchen sind in der Diöcese und 2 weitere sind noch nicht vollendet. Stationen sind 10 und 6 Geistliche sind in der Mission verwendet. Ferner sind 1 Seminar für junge Männer und 1 weibliches Pensionat in der Diöcese. Die katholische Bevölkerung ist nur 700 Seelen stark. 18) Die Diöcese PittSburg umfaßt den westlichen District von Pennsylvanieu, welcher von dem östlichen durch die Linie getrennt wird, welche die östlichen Gränzen der Grafschaften Bedsord, Huntingtou, Clear- field, Elk, Mac-Kean und Potter bilden. Die Diöcese wird regiert von dem hochwüldigsten Michael O'Connor, welcher am 15. August 1843 seine Consecration empfing. Kirchen sind in der Diöcese 60, Geistliche 45, Theologie Studirende 21, religiöse Genossenschaften 4 und die katholische Bevölkerung zählt 35,000 Seelen. 19) Die Diöcese Boston umfaßt die Staaten Massachusetts, Ncu-Hampshire, Bermout und Manie. Der hochwürdigste John B. Fitz- patrrck, welcher am 24. März 1844 conftcrirt wurde, ist Bischof der Diöcese. 58 Kirchen sind in derselben und noch einige andere sind im Bau begriffen. Andere Stationen sind sehr zahlreich in jedem Staate. 49 Geistliche sind in der Mission und 8 anderweitig beschäftigt. Ferner sind in der Diöcese l katholisches Kollegium für junge Männer, 1 Waisenhaus und zahlreiche Schulen. Die katholische Bevölkerung beträgt über 80,000.Seelen. 20) Die Diöcese New-Uork umfaßt (seit Errichtung der Diö- cesen Albany und Buffalo) Stadt und Counlh New-Aork nebst den Coun- tieö südlich deö 42. Grades nördlicher Breite und den östlichen Theil des StaateS Neu-Jersey und steht unter der Jurisdiktion dcs hochwürdigsten Bischofs John Hughes, welcher am 7. Januar 1838 consecnrt ward. In der Diöcese sind 56 Kirchen und 5 Kapellen. 75 Geistliche sind in der Mission und 16 anderwärts verwendet. Im Seminare befinden sich 30 Theologie Studirende. Wffseuschaflliche Anstalten für junge Männer sind in der Diöcese 2, ähnliche für junge Frauenzimmer 5, und Anstalten unter Leitung der barmherzigen Schwestern 12. Die katholische Bevölkerung beträgt 130,000 Seelen. 21) Die Dlöcese Albany begreift den Theil deS Staates New- Uork, welcher im Norden und Osten durch die Gränze des StaateS, im Westen durch die östliche Gränze der CountieS Cayuga, Tompkins und Tioga begränzt ist und im Süden bis zum 42. Grade nördlicher Breite reicht. Bischof der Diöcese ist der hochwürdigste Mac-Klos key; er wurde am 10. März 1844 consecnrt. ES sind in der Diöcese 47 Kirchen und 11 sind noch im Baue begriffen. Andere Stationen sind ungefähr 60. In der Mission sind 38 Geistliche verwendet. Anstalten, welche von barm- > herzigen Schwestern geleitet werden, sind 3 in der Diöcese. Die katho- ! lische Bevölkerung beträgt 60,000 Seelen. ! 22) Die Diöcese Detroit, welche im Jahre 1833 errichtet j ward, umfaßt den Staat Michigan. Der hochwürdigste Peter Paul Lefevre, Bischof von Zrla in ,mrt. inliä. ist Coadjutor und Administrator der Diöcese. Er wurde am 21. November 1841 consecnrt. 30 Kir» chen sind in der Diöcese und noch 7 sind im Bau begriffen; andere Stationen sind ungefähr 25. Indianer-Missionen sind 6. 27 Geistliche sind in der Mission verwendet. ES bestehen: 1 geistliches Seminar, 1 Pensionat für junge Frauenzimmer und 13 katholische Schulen. Ferner bestehen 1 Hospital und 11 wohlthätige und fromme Gesellschaften. Die katholische Bevölkerung beträgt 75,000 Seelen. 23) Die Döcese Bincennes, welche den Staat Jndiana umfaßt, steht seit dem Tode des hochwürbigsten Bischofs Bazin unter der Administration des hochwürdigen Herrn Maurice de St. Palais; den neuesten Nachrichten zufolge ist dieser vom heiligen Stuhle als Bischof der Diöcese ernannt worden. Es sind in der Dlöcese 51 Kirchen und Kapellen, und 34 Geistliche in der Mission verwendet. In dem Seminare befinden sich 7 Theologie Studirende. Religiöse Genossenschaften sind in der Diöcese 3, wissenschaftliche Anstalten für junge Männer 1, weibliche Pensionate 5, Schulen unter der Leitung von Schulbrüdern 6. Die katholische Bevölkerung beträgt ungefähr 30,000 Seele». 24) Die Diöcese Philadelphia begreift den östlichen District von Pennsylvanieu, den westlichen von Neu.Jersey und den Staat Dela- ware. Der hochwiircigste Franciö Patrick Kenrick, welcher am 6. Juni 1830 consecrirt ward, ist Bischof der Diöcese. Gegenwärtig sind in der Diöcese 77 Kirchen und 6 Kapellen. 6l Geistliche sind in der ! Mission und 8 anderweitig verwendet. 24 Theologie Studirende befinden ^ sich in dem Seminare. Wffsenichaftliche Anstalten bestehen 6 für Knaben und 5 für Mädchen. Wohlthätige Anstalten zählt die Diöcese 4, und die katholische Bevölkerung beträgt ungefähr 120,000 Seelen. 25) Die Diöcese Richmond, welche den Staat Virginien umfaßt, steht unter der JuriSbiction des hochwürdigsten Bischofs Richard B. Whei an, welcher gegenwärtig in Wheeling resivirt. Er wurde am 21. März 1841 consecrirt. Die Zahl der Geistlichen ist 9, der Kirchen l4, der Capellen 2, der Theologie Studirenden 10, der Schulen für junge Frauenzimmer 3 und der wohlthätigen Anstalten 4. 26) Die Erzdiöcese von Oregon-Cily. Das Oregon-Tern- torium ist in acht Diöcesen getheilt, welche eine Kirchenproviuz bilden, deren Metropolitansiß Oregon-City ist. Den erzbischöfliche» Stuhl nimmt der hochwürdigstc Erchischos Franciö N. Blanchet (welcher 1845 consecrirt ward) ein und verwaltet zugleich auch die Diöcese Nesgualy. — Die Diöcese von Walla-Walla steht unter der JuriSbiction des hochwürdigsten Bischofs Magloire Blanchet, welchem gleichzeitig provisorisch die JuriSbiction über die Diöcesen Fort-Hall und Collville übertragen ist. In diesem Erzbisthume sind gegenwärtig 12 Kirchen und mehrere andere Stationen. Geistliche sind ungefähr 20 in der Mission verwendet. Pensionate bestehen 3 Die katholische Bevölkerung besteht aus 6500 SavageS Indianern und 1600 katholischen Einwanderern aus Canada. Die Misfioue» des Socialismus. Wie oft und mit Recht sind die katholischen Reduktionen der Jesuiten unter den Jndianerstämmen Paraguay's gepriesen und gerühmt und jene Macht, die solche Schöpfungen hervorgerufen und sie zu erhalten vermochte, als eine sehr hohe bewundert worden; eS war dieß aber auch eine Macht, die nicht von dieser Erde stammte, sondern von Gott: eS war dieß jener lebendige Glaube, wie ihn nur die katholische Kirche auszuweisen vermag. Die Redactionen der Jesuiten in Paraguay stehen übrigens nicht vereinzelt da, wir finden außer ihnen noch in Amerika die Reductionen der Franciscaner in Kalifornien; in Asien auf den Hochebenen der Mongolei und Dsungarei zahlreiche einzeln verstreute Dörfer und Niederlassungen, Reductionen im eigentlichsten Sinne deS Wortes, angelegt und bevölkert von flüchtigen chinesischen Neophyten; ferner in Afrika unter den verschiedenen Negerstämmen auf den Küsten von Angola und Mozambique sogar christliche Königreiche unter eingeborenen Fürsten, gegründet und geleitet von katholischen Missionären und Priestern; endlich in dem jugendlichen Oceanicn gleichfalls schon katholische Dörfer und Kolonien, gleichen Ursprunges wie die Rcductionen von Paraguay. So finden wir in allen Erdlheilen, unter allen Racen deS Menschengeschlechtes die katholische Kirche, repräsentirt durch arme aber glaubenSreiche Missionäre und apostolische Männer, als Schöpferin und Erhalkerin der blühendsten Niederlassungen und Kolonien; und selbst die Europäer fühlen sich glücklich und wohl unter dem Schirme der alten, aber ewig jugendlich-kräftigen Mutter, wie dieß u. A. die Kolonie St. Marien stadt in den Bereinigren Staaten von Nerdamerika bekundet. Auch die protestantischen Secten suchten, wie in manchem Andern, der katholischen Kirche hierin nachzuahmen, und wir stoßen namerttlich auf die Secle der Herrn Hüter, die in fast allen Erdtheilen (Oceanien ausgenommen) Kolonien zu gründen versuchte und daS Muster der Nevuclionen von Paraguay (vielfach modificirt freilich nach den Satzungen ihrer Serie) bei der Ausführung ihrer Colonisations-Versuche benützte. Allein, so sehr auch diese Hcrrnhuter-Colouieu von den Herrnhutern selbst gelobt und stets als in, blühendsten Zustande befindlich geschildert wurden; so haben doch neuere Reisende, und zwar Piotestanten, eingestehen müssen, daß diese Kolonien theils wieder aufgegeben worden seyen, theils in einem nichiS Weniger alö blühenden Zustande sich befänden. Dieß gilt zunächst von den Kolonien in Afrika unter den Hottentotten und Bosjemans. Die Kolonien unter den Indianern in Nordamerika sind entweder schon im vorigen Jahrhunderte wieder spurlos verschwunden, oder — in europäische Ansiedelungen verwandelt wurden, in welchen sich auch nicht Ein Neophyte befindet. Dasselbe gilt von den wenigen Colonien im russischen Asien, z. B. Sarepla, einer Niederlassung, in welcher so wenig bekehrte Heiden oder ehemalige Nichtchristen sich aufhalten, als in den Stammsitzen Herrnhut oder Ber- thclsrorf in Sachsen. Um nichts zu übergehen, gedenken wir noch der von dem Prediger Egede im vorigen Jahrhunderte von Kopenhagen aus in Grönland gegründeten Colonien bekehrter Eskimos. Egede, — den man protestantischer Seils dem heiligen Indianer-Apostel Franz Taver an die Seite zu stellen versucht hat, — hatte große Schwierigkeiten zu überwinden, ehe es ihm gelang, einige Eskimos in Colonien a la Herrnhut zu vereinigen; kaum war er aber gestorben, so verschwanden die Neubekehrten wie Spreu im Winde und an ihre Stelle traten dänische Rvbbenjäger und Thransieder. Wir verweilten absichtlich Etwas länger bei den Kolonien der Herruhuter: sie werden ja so oft von den Gegnern der katholischen Kirche als Muster aufgestellt und sollen als Belege dafür dienen, daß der Protestantismus als solcher wohl auch im Stande sey, Colonien, ähnlich den Redactionen der Jesuiten, zu gründen und im blühenden Zustande zu erhalten. Nun wir haben gesehen, wie es mit der Erhaltung deS blühenden Zustandes dieser am meisten gepriesenen aller protestantischen Missionö- Colonien steht, und überlassen es den Lesern des MissionsblalteS sich über die weniger gepriesenen Misstonsstakionen anderer protestantischer Secten hiernach ein Urtheil zu bilden. Wir erwähnten oben der katholischen Kolonie St. Marienstadr in den Vereinigten Staaten und deuteten darauf hin, daß die katholische Kirche auch diejenige Kraft besitze, schon civilistrte Menschen — und zwar verschiedener Abstammung — zu vereinigen und ihnen Alles zu sichern, was zu einem so viel als möglich sorgenfreien Erdenleben gehört. Auch der Protestantismus und der Socialismus und Kommunismus haben sich auf diesem Felde versucht, und besonders letztere, indem sie sich die Aufgabe gestellt, den Menschen schon auf Erben glückselig zu machen, ihr Hauptaugenmerk auf die Etablirung überseeischer Niederlassungen und Colonien gerichtet. Wir begegnen auch hier zuerst wieder den Herrnhutern, die, wie schon gejagt, in fast allen Theilen der Welt europäische Colonien gegründet, welche sämmtlich dem Stammsitze Herrnhut, äußerlich wenigstens, auf ein Haar gleichen. Man kann diesen Gemeinden daS Zeugniß nicht absprechen, daß sie ein Bild äußerer Ordnung und Zufriedenheit abgeben; die inneren Verhältnisse sind aber überall sehr verworren und eine eifersüchtige Herrschsucht der Prediger und Nettesten auf der einen Seite hat auf der andern Seite vielfache Unzufriedenheit und Mißstimmung hervorgerufen, die sich zwar noch passiv verhalten, allein über kurz oder lang auf eine die Societät der Herrnhuter Brüdergemeinden vernichtende Weise an den Tag treten werden. — Wir können und wollen hier nicht alle die Anstedelungsversuche deS Protestantismus und AntikatholiciSmus aufzählen und beleuchten, wie z. B. die Versuche der Methodisten, Mormonen, des Würltembergerö Rapp u. A.; nur der Versuche von Seiten des Kommunisten Cabet sey hier ausführlicher gedacht, besonders da dieselben die öffentliche Aufmerksamkeit in unseren Tagen stark in Anspruch genommen haben. Folgendes Schreiben eines Anhängers von Cabet, das so eben die französischen Blätter mittheilen, möge unsere Leser in den Stand setzen, sich ein Urtheil zu bilden über die schaffende und erhaltende Kraft deö CommuniSmuS in Bezug auf Colonien, die von einer religiösen Ueberzeugung oder Ansicht ins Leben gerufen worden. DaS Schreiben lautet: „Ehre uno Ruhm dem Pascha Cabet und seinen Janilscharen! Jka- ricn ist begründet, Jkarien cristtrt, es ist ein Eden, ein wahres irdisches Paradies; o, wenn Ihr Jkarien sehen würbet!" so lauten die enthusiastischen Reden, mit welchen die Schafe, welche darauf hören, verlockt und dann geschoren werden sollen. „Ihr müßt mir blind vertrauen," sagt der Pascha von Jkarien. Auch ich habe wie so viele Andere bescheiden die Augen zugedrückt und mich weder um die Hilfsquelle» des Landes, noch um den Zustand ber Casse bekümmert. Keiner der Passagiere kannte die Einnahmen und Ausgaben, eben so wenig war uns die Urkunde über den Erwerb einer Million Acres Land vorgelegt worden, wir reiste» ab wie wahre Hämmel. Kaum waren wir indessen auf der See, so erklärte mir ber Stellvertreter von Cabet, daß diese angebliche Concession von einer Million AcreS Land gar nicht eristire. Es war dieses die erste Täuschung. Bei unserer Ankunft in Neu-OrleanS erfuhr ich, daß die Waarenniedcrlage zu Shrewport und die Uhren der Ikarier für 1000 FraucS versetzt seyen. Zweite Täuschung. Da ich krank war, so verlaugie ich einen Arzt; der Oberjauitschar Favard antworteie mir aber, in Neu OileanS seyen die Aerzte alle Quacksalber, meine Krankheit sey auch nicht so bedeutend, daß ich mich deßhalb aufhatten sollte, ich solle darum nur nach Jkarien gehe» und mich dort von dem Arzte der Gesellschaft behandeln lassen. Später erfuhr ich indessen, baß der Janilschar Favarv sich nie um einen Arzt bekümmert, daß er vielmehr erklärt habe, er habe kein Geld, um einen Doctor zu bezahlen. Dritte Täuschung. Wie wurde ich aber erst überrascht, als ich nach Shrewport kam und das zur Aufnahme der Frauen bestimmte Gebäude sah. ES befindet sich in einem solchen Zustande, daß die Einwohner sagten, sie möchten keinen Gaul hineinstellen! Die vierte und stärkste Täuschung war unser Zug durch die Wälder und Prairien von TeraS, während dessen wir wegen der Habgier des Oberjanitsckaren alle möglichen Entbehrungen erdulden mußten. Die letzte und traurigste aller Täuschungen war jedoch unsere Ankunft in Jkarien selbst. Wir sandcn bort keinen Menschen, sondern Leichname, keine Spur von Kultur in diesem angeblichen Paradiese, wohl aber 10,000 FrancS Schulden. Am Tage nach unserer Ankunft wurde deßhalb einstimmig mit Ausnahme von drei Stimmen beschlossen, daß die Gesellschaft aufgelöst sey und wir AlleS im Stiche lassen wollten. Der Rückzug war mit großen Schwierigkeiten verbunden und wir mußten unterwegs viele Kranke zurücklassen. Die Koffer und das gesammte Weißzeug deS letzten Zuges mußten auf den Prairien zurückgelassen werden. Wir erwarteten nun zu Shrewport Hilfe von Frankreich aus und es kam auch wirklich eine aus fünf Mitgliedern bestehende Commission am 24. Oktober an, die uns sagte, sie habe im Ganzen 4000 FrancS, während sie in der That 25,000 FrancS hatte. Jeder von unS erhielt nun 55 Francs, womit er sich nach Neu-OrleanS durchschlagen mußte. Ein Mitglied der Commission, NauienS Chaise, ging mit einem Theile dieser Summe durch, die anderen haben einen sogenannten Bruderbund gebildet, dessen Mitglieder alle Wochen 30 SouS zum Besttu der kranken und arbeitslosen Ikarier zahlen müssen. Da indess.n fast Alle, welche auS Teras zurückgekommen, krank sind unv nicht arbeiten können, so werden bloß die jungen Schafe in den Verein treten »nd bezahlen, und wenn sie je einmal Rechnung verlangen, so ward der Janitschar kommen, und ihnen sagen: .Ihr müsset uns blind vertrauen!" Ich für meinen Theil bin ohne Arbeit und habe 1000 FrancS, davon 400 FrancS auf Rechnung meines Neffen, in die Casse geschossen Da indessen mein Neffe nicht kommt, weil Eden in der Auflösung begriffen ist, so glaubte ich, daß ich diese Summe wieder bekommen würde. Als ich aber mit dem Janit- scharen Favard davon sprach, gab mir dieser Vertrauensmann deS Pascha zur Antwort: „Dein Geld wie das aller Anderen ist zum T—." Diese Änderen sind die Familien, welche noch in Frankreich sind, die ihr Geld eingeschossen haben, allein jetzt nicht abreisen werden, weil die ganze Unternehmung aufgegeben ist. In der Sitzung deS BrudervereineS von, 21. Oct. bat ich um einen Vorschuß, damit ich bis zur Ankunft neuer Geldmittel auS Frankreich leben könne. Ich erwarte Geld, denn icb habe an meine Familie darum geschrieben, unv erwarte auck meine Frau, die sitzt schon auf der Reise zu mir seyn muß, und ebenfalls 1200 FrancS eingeschossen hat. Ich versprach hoch und theuer, daß ick diesen Vorschuß zurückgeben würde, so bald mein Geld aus Frankreich ankäme; Alle wußten, baß ich ganz mittellos war und keinen Menschen in Neu-OrleanS kannte. Kraft deS Princips ber Brüderlichkeit wurde mir indessen jede Unterstützung rundweg abgeschlagen. Welch eine Lehre für mich! Möge sie den anderen Unglücklichen zur Warnung dienen, die sich durch Cabet und seine Janit- scharen verführen lassen. E. Dubuisson, Golcarbeiter." AuS diesen Andeutungen und Beispielen läßt sich.zur Genüge erkennen und die Folgerung steht fest, daß nur die katholische Kirche die Kraft besitzt, kirchliche Colonien zu gründen und zu erhalten, alle Secten aber, sie mögen heißen, wie sie wollen, find nicht im Stande, für die Dauer eine Vereinigung von Menschen zu erhalten; denn nur der katholischen Kirche stehen Glaube und Liebe zu Gebote, zwei Bindemittel, die alle anderen überdauern, selbst den Eigennutz, diese so starke Triebfeder menschlicher Leidenschaften. (Katholik.) Alvineirt« I»««,«, qnitt piilvts (AuS: Sechs Predigten über da« heilige Bußsacrament, von W. I. Franz. ') „Uemento Ilomo, guia pulvis es!" So spricht die heilige Mutter, die Kircke, mit Anfang der heil. Fastenzeit zu ihren Kindern ein ernstes Wort: Ich soll gedenken; — du sollst gevenken; — er, sie, soll gedenken; — Wir sollen gedenken! — WaS? — Ich werde sterben; — du wirst sterben; — er, sie, cS wird sterben; — wir werden sterben; — und »auf den Tod folgt das Gericht." (Hebr. 9, 27.) An den Tod sollen wir denken und was darauf weiter kommt! — O, daS ist eine alte Geschichte! sagt der FaschingSmensch, dem das Aschermittwochlied nicht gefallen will; daS ist eine alte Geschichte! Denkt man denn nicht ohnedem genug daran? Nein! sagt die Erfahrung, man denkt nicht genug daran. Stirbt ein AltcS, da sagen die Jungen: Die Jahre waren da; cS hat lange genug gehalten. — Stirbt ein junger Mensch, da sagen dann die Alten: Der oder die hat auch zu geschwinde gelebt, oder fügen, sich selber beruhigend, wohl die Bemerkung bei: Die Jungen, wenn eS zum Krankwerden kommt, reißt es meist schneller weg, als die Alten. — Stirbt ein Kranker, da sagen die Gesunden: DaS war bei dieser Krankheit vorauszusehen!... stirbt ein dem Anscheine nach Gesunder in der Fülle seiner Kraft, — da sagen die Kranken und Kränkler: Er ist ein Opfer seiner Dollblütigkeit geworden; ja sie vertrösten sich: ein oftmaliger Patient sey diel sicherer vor dem Tode, als so ein Riese; weil wer mehr mit Kränklichkeit zu thun habe, viel sorgfältiger sich zu bewahren verstehe.— Stirbt «in Armer, da denken die Reichen: Dem Menschen hat es an Nahrung, Pflege und einem guten Arzte gefehlt: sonst wäre er wohl aufgekommen! — Stirbt ein Reicher, da sagen dann die Armen: Der könnte auch noch gesund seyn, wenn er einfacher gelebt hätte, und die vielen Arzneien haben ihm vollends den Rest gegeben; — einfache Kost und Hausmittel erhalten uns länger.... So und ähnlich denken und reden Tausende, ehe nur Eines auf den rechten Grund kommt und sagt: Der ist gestorben und Die ist gestorben, weil sie sterbliche Menschen waren, wie auch ich bin und nicht weiß, weder den Tag noch die Stunde. — So und ähnlich wie die eben Geschilderten macht man es aber eben, weil man an den Tod nicht denken mag, selbst wenn man von ihm reden muß!... und dock kann nicht daS Vergessen, kann nur daS ernste, lebenSverbeffcrnde Bedenken des nun einmal unvermeidlichen TodeS, diesem seinen Stachel, diesem die vorangehende und nachfolgende Bitterkeit benehmen. Erforsche also dein Gewissen, ordne dein HeilSgeschäft im Andenken der Asche und im Spiegel des TodeS; — und waö du an dir findest, das du im Sterben nicht an dir haben möchtest, — daS ist gewiß nicht recht! Daß es aber wieder recht werbe, mit der Gnade GotteS, in jedem solchen Falle, mahnt mit verdoppelt liebevollem Rufen, mahnt mit Worten, mahnt mit Sinnbildern unsere Heilsbesorgte, liebende Mutter, die hl. Kirche, «den in der heiligen Fastenzeit. — Ein geistreicher christlicher Dichter hat diesen Fastenbußruf in folgenden Denkrcim gefaßt, mit welchem ich schließen will: Zeit der Reue, Zeit der Buße kommt auf'« Neue, Grüßet uns mit ernstem Gruße, Mensch! nicht säume, nimmer hascht eitle Träume! Ist dein Leib nicht Staub und Asche? — Ach ermesse was dir noth, Nicht vergesse deines Heilands bittern Tod! Wein' und klage, daß viel Stunden Daß viel' Tage leer und thöricht sind befunden; Andrer Gram so dich beschwert Wahrlich ist der Müh' nicht werth! Diese heilige Gesinnung und daS ihr entsprechende Thun möge unS begleiten durch die nahende Fasten, durch unsere ganze Lebenszeit! Augsburg, M. Rieger'sche Buchhandlung. Barmherzigkeit eines Priesters. „DaS freie Oesterreich" bringt unter der Aufschrift: „Handlung eines katholischen Priesters auS den Octoberragen von 1848" unter der Chiffre Dr. G. B. folgende Erzählung. Ich kam, meinen Geschäften nachgehend, am 6. October gerade in dem Augenblicke aus dem Stephansplatze an, als der blutige Zusammenstoß der Garden war, und wurde dort in ein Gedränge von Menschen hineingerissen. Bald hörte ich hinter mir Kugeln pfeifen, und viele Menschen, so wie ich, flohen in daS AlumnatSgebäuve; dort merkte ich erst, nachdem ich einigen Verwundeten Hilfe geleistet harte, daß ich selbst im Rücken von einer Kugel verwundet sey. Ich ließ mich in daS deutsche Haus führen, wo der Arzt meine Wunde für tödtlich erklärte, und wirklich hatten mich die Kräfte schon so verlassen, daß ich halb bewußtlos zusammen sank. ES wurde um einen geistlichen Herrn geschickt, und der Priester deS deutschen Ordens, der hochwürdige Pater Holzapfel kam, und versah mich mit den heiligen Sterbsacramenten. Er hatte wohl iir meinen Augen den Wunsch erkannt, ein Plätzchen zu haben, um ruhig sterben zu können, da jede Berührung mir ungeheure Schmerzen verursachte. Da erbarmte er sich, und ließ mich in ein abgesondertes Zimmer bringen, wobei er thätig Hand anlegte, deckte mich dann mit seiner eigenen Bettdecke zu, und pflegte mich mehrere Tage und Nächte unausgesetzt, so daß, wenn ich des Nachts von wüthenden Schmerzen erwachte, ich ihn neben meinem Lager (welches in der Eile auf den Boden gemacht worden war) auf dem harten Fußboden, nur seinen Kopf auf meinem Polster liegend, fand, und er mir dann stundenlang den heiligen Trost der Religion zusprach. Als ich mich so weit erholte, daß eine Operation an mir vorgenommen werden konnte, übernahm er die Kosten derselben, und verwiest mich freundlich zur Ruhe, als ich ihm sagte, daß ich ein ganz armer Mensch sey, und ihm nichts ersetzen könne. Die Operation ging glücklich von Statten, nnv er pflegte mich während meiner Wundfieber fort, so sorgsam, wie es meine eigene Mutter nicht besser hätte thun können, und behielt mich auch, nachdem ich NcconvaleScent wurde, in seinem eigenen Zimmer bei sich, wo er mir manches gar schöne Erbanungsbuch zu lesen gab. So geschah eS, daß ich, an Leib und Seele gesunder von ihm auS dem deutschen Hause entlassen wurde, als ich hineingekommen war. Gott möge cS ihm lohnen, ich kann nichts, als für ihn beten, und seinen guten Lehren folgen. Und dieß will ich auch, so wahr mir Gott helfe. PiuSvereine. BreSlau. Der hiesige Piusvercin beschäftigt sich gegenwärtig mit Errichtung von Abend- und Sonntagsschulcn für Gesellen, Lehrlinge, Arbeiter und Dienstboten. Auch hat sich ein Auöschuß zur Gründung katholischer Volksbibliotheken gebildet. — Ueberhaupt gewinnen die katholischen Vereine in Schlesien immer weitere Ausbreitung, so daß ihre Zahl bereits auf 56 gestiegen ist; die bis jetzt bestehenden entwickeln auch eine Thätigkeit, die von dem Aufschwung katholischer Gesinnung ein herrliches Zeugniß gibt. Wenn man bedenkt, daß fast sämmtliche Vereine wöchentliche Versammlungen halten; daß die meisten ihre Wirksamkeit meilenweit ausdehnen; daß die wichtigsten kirchlichen Fragen allgemach durchbesprochen, und eine gründliche Wissenschaft deS Nothwendigen Gemeingut von Tausenden wird; daß ferner die VereinSglieder eifrige Sendboten im Familien- und Freundeskreise abgeben, so kann man den Segen deS katholischen Ver- einSwerkes nicht gering anschlagen. Augsburg, 8. Febr. Vom hiesigen PiuSverein, der von Tag zu Tag an Bedeutung gewinnt und nun über 500 Mitglieder zählt, während sich bereits auch mehrere Zweigvcreine mit Hunderten von Mitgliedern angeschlossen haben, wurde in seiner gestrigen, zum erstenmal im goldenen Saale in der Jesuitengaffe abgehaltenen Generalversammlung eine Adresse an die Kammer der Abgeordneten angenommen, welche im Einklänge mit der Denkschrift der deutschen Bischöfe für die Kirche die vollständigste Freiheit in Anspruch nimmt. Verantwortlicher Redacteur: 8. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Preis iu Augsburg für sich allein (ohne A. Postzeitung) jährlich Ist I» kr. Durch die Post kaun dieses Wochenblatt nur von Abonnenten der Post- zeitung bezogen werden, und erhöht sich der Preis nach Verhältniß der Entfernung Sonntags - Beiblatt zur Augsburger Postzeitung. stür sich allein, ohn« die Augsburger Post» zeitung, find diese Blätter nur im Wege de< Buchhandels zu beziehen und kosten in ganz Deutschland, der Schweiz u.s. w. jährlich nur 1 st. »O kr. oder I Lhlr. Neunter- Jahrgang. ^ 7 . 18 . Februar 181 i-. Nicolaus, durch Gottes Barmherzigkeit und des apostolischen Stuhles Gnade Bischof von Speyer, allen Geistlichen und Gläubigen der Diöcese Gruß und Segen iu unserm Herrn Jesus Christus. Was der heilige Geist den Aposteln unsers Herrn Jesu Christi hinter dem Schleier der Zukunft gezeigt hat; was der Apostel Petrus zur Warnung, Vorsicht und Wachsamkeit späterer Zeiten vorhergesagt hat (2. Petr. 2, 1) mit den Worten: Auch unter euch werden falsche Lehrer seyn, welche Irrlehren deS Verderbens einführen, den Herrn, der sie erkauft hat, verläugnen, und schnelles Verderben unter sich herbeiführen: — das scheint in unserer Zeit sich erfüllt zu haben. ES sind zwar von jeher viele falsche Propheten in die Welt ausgegangen (1. Joh. 4, 1), welche das Wort der göttlichen Wahrheit durch ihre verkehrten Meinungen entstellt, und in vielen Gläubigen das Licht deS Evangeliums zu verfinstern gesucht haben. Allein noch in keinem Jahrhunderte, seitdem die heilige Kirche besteht, ist die göttliche Lehre deS Christenthums mit so vereinten Bestrebungen angegriffen, verspottet und verläugnet worden, wie in unsern Tagen. Noch nie waren die falschen Propheten, Lehrer und Prediger deS Irrthums und Unglaubens so zahlreich. Noch nie sind so ungescheuk die Haupimahrb,!' n des Evangeliums verdreht oder verworfen, und die verderblichsten Grundsätze allenthalben in Wort und Schrift verbreitet worden. Noch nie wurde es so frevelhaft gewagt, den Glauben an die himmlische Lehre deS Erlösers, welche die Christenheit seit mehr als achtzehn Jahrhunderten alö das Wort deS Lichtes und des Lebens, als ihr theuerstes Heiliglhum und die Quelle alles Trostes verehrt, in den Gemüthern der Unbefestigten zu erschüttern, zu vernichten, und die Kirche, die ihre Bewahrerin ist, zu zerstören. Als solche falsche Propheten und Jrrlchrer haben wir besonders die Stifter und Verbreiter der seit nicht langer Zeit entstandenen Secte zu erkennen, deren Anhänger sich da freie Christen, dort Deutsch tat ho- liken mit Unrecht nennen. Wie diese Secte in ihrem Entstehen an verschiedenen Orten unsers Vaterlandes von den Gegnern der heiligen K rche willkommen geheißen; so wird sie noch immer gepflegt, gefördert und unterstützt Diese Secte hat, unter Begünstigung der Feinde der Religion und zum Umsturz jeder rechtmäßigen bürgerlichen und kirchlichen Gewalt und Ordnung, mit dem offen ausgesprochenen Bestreben, einen allgemeinen Abfall von dem katholischen Christenthum herbeizuführen, auch in unsern Gegenden Eingang gefunden. Es ist ihr gelungen, durch trügerische Ueber- redung und andere unlautere Mittel manche laue, leichtsinnige, glaubenslose und verweltlichte Seelen zu Anhängern zu werben. Wo gibt eS aber eine Haupliehre des Christenthums, eine Grundfeste der göttlichen Wahrheit, ein aller Annahme wenheS Geheimniß des Evangeliums, welche nicht in den Schriften und Reden der Verkündiger und Theilnehmer dieser Irrlehre verkehrt gedeutet, verhöhnt und in den öffentlichen Bekenntnissen ihres Glaubens oder vielmehr Unglaubens verläugnet werden! So sehr auch diese Glaubensbekenntnisse unter einander im Wortlaute verschieden sind, so stimmen sie doch in der Aufnahme der Irrthümer aller Jahrhunderte unv in der Verneinung aller übernatürlichen Offenbarung mit einander überein. Es ist, Geliebte im Herrn, wie ihr wisset, die Grundlage, auf welcher der ganze christliche Glaube beruhet, und eö ist die UnterschetdungS- lehre der christlichen Religion von jeder anderen: baß wir den einigen Gott erkennen und anbeten sollen in drei Personen, den Vater, Sohn und heiligen Geist. Auf diese heilige Wahrheit sind nach der Vorschrift Jesu die Christen in allen Jahrhunderten getauft und zu deren Bekenntniß durch die Taufe verpflichtet worden. Allein diese höchste und tiefste Offenbarung- deS göttlichen WesenS findet in dem Bekenntnisse dieser Abtrünnigen keine ^ Stelle. Sie halten diese hochheilige Wahrheit, obgleich sie in der heiligen Schrift klar ausgesprochen, und durch die apostolische Ueberlieferung zu unS gekommen ist, für eine menschliche Erfindung und Vorstellung, die man mit Stillschweigen zu übergehen habe. Darum bekennen sie auch Jesum Christum den Herrn nicht als den cingebornen Sohn GvtteS, gleichen Wesens mit dem Vater. Sie bekennen ihn nicht als den von Gott verheißenen Heiland unv Erlöser, der gesandt worven, die abgefallene und verirrte Menschheit zu Gott zurückzuführen. Sie bekennen ihn nicht als den Sohn, durch den Gott in den letzten Tagen zu uns geredet, der daS GotleS-Wort, welches er verkündigte, durch Wunder unv Thaten bekräftiget hat; dessen Belehrung daher wahrhaftig, dessen Gebote verbindlich, dessen Verheißungen zuverlässig sind; der in jeder Hinsicht nur Worte deS Lebens hat. Diese Abtrünnigen bekennen Jesum Christum nicht als den Mittler, in welchem Gott die Well mit sich versöhnte (2. Kor. 5, 19); der durch seine Hingabe in den Tod und seinen Gehorsam bis zum Tode ces streuzeS unsere Schuld getragen, gut gemacht, unsere Rechtfertigung verdient; und der durch seine Auferstehung uns die unendliche Vaterliebe Gottes verbürgt hat. Sie bekennen ihn nicht als den, dem alle Gewalt ' '-st im Himmel und auf 'Erden. Ti. ..ek......-.» ihn nicht als den Richter der Lebendigen und der Todten, den Geber des Lebens und der Unsterblichkeit. Sie halten den Herrn Jesum Christum nicht für mehr als einen Menschen. Sie lassen ihn nur gelten als ein Werkzeug der göttlichen Vorsehung, als einen ausgezeichneten Lehrer, der die jüdische Religion verbessert, gereinigt, und die Menschen zur Erkenntniß der religiösen Wahrheiten der Vernunft gebracht habe. Die Erlösung von der Sünde durch den Tod Jesu, seine Stellvertretung unv das Vertrauen auf seine unendlichen Verdienste nenne» sie einen Wahn; da auf der menschlichen Natur keine erbliche Schuld liege und die Menschen zur Vergebung der Sünde nur eigener Besserung bedürfen. Was die heilige Schrift von der übernatürlichen Geburt deS göttlichen Heilandes, von seinen wundervollen Thaten, von seiner Auferstehung und Himmelfahrt erzählt, geben sie auS für unverbürgte Sagen und bildliche Vorstellungen der alten Welt, welche gläubig anzunehmen nicht nothwendig sey. Der heilige Geist ist diesen Abtrünnigen keine hochheilige, göttliche Person; sondern nur die geistige, religiöse Gesinnung, ja selbst daS wechselnde religiöse Bewußtseyn der Zeit. Sie lehren daher, eS sey Täuschung, vom heiligen Geist übernatürliche Gnadcnwirkungen erwarten wollen. Die heiligen Sacramente, welche diese Jrrlehrer, außer der Taufe und dem Abendmahle, verwerfen, sind ihnen daher nicht sichtbare, kräftige Zeichen der göttlichen Gnade, sondern nur Gedenkzeichcn der Ausnahme in ihre Gemeinde, Erinnerungen an Christus den Lehrer. Ja, die Taufe halten sie nicht einmal für nothwendig, da ohne dieselbe auch Juden in ihre Gemeinde aufgenommen werde». Die heilige Kirche halten diese Verirrten nur für eine menschliche Anstalt. Die kirchliche Gewalt und Gerichtsbarkeit, lehren sie, sey nur GeisteSdruck'und zur Gewissensknechtung eingeführt, von deren Fesseln man sich befreien müsse. Deßhalb hätten auch, so behaupten sie, die Gesetze, Anordnungen und Gebräuche der Kirche für die freien Gewissen keine verbindende Kraft. Sie erklären zwar, daß sie nebst der Vernunft die heilige Schrift als Quelle ihres LehrbegriffeS annehmen; aber sie verehren sie nicht als ein unter GotteS Eingebung geschriebenes Buch, und fälschen dieselbe durch verkehrte Deutung unv Auslegung. Sie ziehen die AuSsprüche der heiligen Schrift vor den Richterstuhl ihrer schwachen und doch übermüthigen Vernunft und sagen eS unverholen: daß sie nur Jenes in der heiligen Schrift für wahr erkennen, was sich mit der Vernunft, welche allein unser Denken zu leiten und zu berichtigen habe, begreifen lasse. Alles Geheimnißvolle, Wunderbare und Uebernatürliche lassen sie unbeachtet oder verwerfen eS als irrig. Sie vermessen sich zu behaupten, daß selbst die Lehre Christi, in welchem doch alle Schätze der Weisheit und Erkenntniß verborgen sind (Kol. 2, 3) und seiner Apostel, einer wettern Ausbildung und hohem Vervollkommnung fähig sey; und daß eS bei dem Christenthume überhaupt auf den Glauben nicht ankomme, sondern nur die Liebe das Wesentlichste desselben sey. AuS dieser kurzen Darstellung werdet ihr, Geliebte im Herrn, erkennen, wie wiverchristlich, wie dem Evangelium entgegengesetzt die Lehre dieser Secte ist. Ihr werdet erkennen, mit welchem Unrechte Jene, die sie angenommen haben, und ihre Anhänger, sich noch Christen und wahre Bekenner unsers Herrn und Erlöjers nennen, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist (Joh. 14, 6.). Höret den geliebten Jünger des Herrn, der mit dem größten Nachdrucke sich gegen solche Jrrlehrer erklärt (1. Joh. 2, 22. 23.). Wer ist, so spricht er, Wer ist der Lügner, alö der, welcher läugnet, daß Jesus der Christus ist. Daö ist der Widerchrist, wel- cher den Barer und den Sohn läugnet. Jeder, der den Sohn verläugnet, hat auch den Vater nicht; wer aber den Sohn bekennt, hat auch den Vater. Daran, so lehrt ferner derselbe Jünger der Liebe (1. Joh 4, 2. 3.), wird der Geist GvtleS erkannt: Jeder Geist der bekennet, daß Jesus Christus, im Fleische gekommen ist, der ist aus Gott. Jeder Geist aber, der Jesum läugnet, ist nicht auö Gott, sondern er ist der'Wider- christ. Und wieder schreibt der Jünger der Liebe (l. Jol). 5, 10. 11.): Wer an den Sohn Gottes glaubt, der hat Gottes Zeugniß in sich: wer dem Sohne nicht glaubet, der macht ihn zum Lügner, weil er an das Zeugniß nicht glaubt, welches Gott von seinem Sohne bezeuget Hai. Und oaS ist vaS Zeugniß, daß uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohne. DaS ist aber der Sinn dieser Worte dcS Apostels: Wer nicht Jesum als den eingebvrnen Sohn GotleS bekennt; wer ihn nicht hält für den Christus, den Heiland und Mittler der Menschen, der um unseier Erlösung willen in das Fleisch gekommen, Mensch geworden, und daher Gott und Mensch zugleich ist; wer ihn nicht erkennt als den Urheber veS geistigen und unsterblichen Lebens; wer an ihn nicht glaubt, durch welchen der Vater sich gcoffenbaret hat; wer hingegen seine göttliche Lehre, die er verkündigt hat, in Zweifel zieht und verwirft, der bekennt auch den Vater nicht, der kann sich auch seiner Liebe und Gnade nicht trösten. Denn Niemand kommt zum Vater alö durch den Sohn (Joh. 14, 6.). Mit noch größerer Ungebühr maßen sich diese Abtrünnigen den Namen Katholische an, und nennen sich Glieder der allgemeinen, durch alle Länder der Erde verbreiteten, auf Erden streitenden, un Himmel triumphi- renden Kirche, die erbaut ist auf den Grund der Apostel und Propheten, wovon Christus der Eckstein ist (Eph. 2, 20.); der Kirche, welche seit mehr als achtzehn Jahrhunderten die himmlische Lehre des Herrn rein, unverkürzt und unverfälscht bewahrt har, und deren Bekenntniß so viele tausend Märtyrer mit ihrem Blute besiegelt haben. Diese Abtrünnigen, wenn sie auch von uns ausgegangen sind, so waren sie doch nicht auS uns (1. Joh. 2, 10.). Sie sind daher nicht mehr erbaut auf den Grund der Apostel. Sie haben sich losgerissen als unbefestigte Steine aus dem heiligen Tempel Gottes und sind der Stadt GoilcS Fremdlinge geworden. Sie haben sich losgetrennt von dem Felsen der Küche, losgesagt von dem Mittelpunkte der Einigkeit, dem obersten Hirten, dem der Herr anvertraut hat, seine Lämmer und seine Schafe zu weiden auf Erden (Joh. 21, 15 ff.), und von den Bischöfen der Kirche, welche der heilige Geist gesetzt hat, die Kirche Gottes zu regieren (Apostelg. 20, 28.). Sie wollen nichts hören von der Gemeinschaft der Heiligen und von der liebevollen Fürbitte der gnadenvollen Mutier Gottes und der Auserwähllen im Himmel. Sie verwerfen und verachten und wollen keinen Antheil mehr haben an dem erhabenen Opfer deS Altares, an der Vollzahl der heiligen Sacramente, an allen HeilSmitteln der Kirche, an ihren heiligen Anordnungen und Uebung gen. Sie wollen nicht mehr untergeben seyn als treue Kinder der mütterlichen Pflege und Zucht der Kirche. Wie können sie also den Namen Christen und Katholiken führen, wenn nicht zur Täuschung, zur lügenhaften Verführung der Unverständigen? Wie können sie den Namen haben, als ob sie lebten, da sie doch todt sind (Geh. Off. 3, 1.)? Muß nicht, da sie dem wahren Glauben abgestorben sind, aus ihren Irrthümern der Grabesgeruch der Verwesung aller Gottseligkeit heraufsteigen? Wir haben euch, Geliebte in dem Herrn, nun den Inbegriff des Unglaubens und die Menge der Irrlehren dieser Secte, in welche Jene, die zu ihr übertreten, Viele vielleicht wiver ihrem Willen, nur angelockt und verblendet durch trügerisches Zureden verfallen, zu eurer Warnung vor Augen gestellt, damit ihr nicht jedem Geiste glaubet, sondern prüfet, ob sie aus Gott sind (1. Joh. 4, 1.). Wir aber würden unsere schwere Pflicht, zu wachen über eure Seelen, die unserer oberhirtlichen Obsorge anvertraut sind, versäumen, und große Verantwor- ! lung vor Jesus Christus, dem Hirten unv Bischöfe eurer Seelen (I.Petr. !2; 25.), uns zuziehen, wenn wir euch, die ihr den Glauben bewahret ^und dem Herrn Jesus Christus und seiner Kirche treu seyd, nicht auch die schwere Versündigung darlegten, deren Jene sich schuldig machen, welche an der Gemeinschaft der Abtrünnigen Theil nehmen, und wenn wir euch nicht auf die große Gefahr aufmerksam machten, die ihrem Seelenheile drohet. Warnend rufen wir euch daher mit dem Apostel zu: Lasset euch nicht von jedem Winde dvr Lehre hin- und Hertreiben durch die Schalkheit der Menschen, durch die arglistigen Kunstgriffe der Verführung zum Irrthume; sondern übet die Wahrheit in Liebe und nehmet zu in allen Stücken in !ihm',' der das Haupt ist, Christus. (Eph. 4, 14. 15.). Folger j dem Jünger der Liebe, welcher euch mahnt (2. Joh. 8, 9.): Sehet euch ^vor, daß ihr nicht verlieret, waS ihr erwirkt habt, sondern ^vollen Lohn empfanget. Jeder, der abweicht und nicht in !der Lehre Chrisü bleibet, hat Gott nicht; wer in der Lehre ^bleibet, der hat tz'en Vater und den Sohn. Wie aber konnten wir es in unserm bischöflichen Amte vor Gott ! verantworten, wenn wir nicht mit allem Eifer der väterlichen Liebe auch Jene, die schon am Glauben Schiffbruch gelitten, und in der Anfechtung gefallen sind, bitten und im Namen Jesu Christi ermähnen und beschwören würden, den verderblichen Irrthum zu verlassen, und zu der wahren Heerde zurückzukehren, für welche der göttliche Hirt sein Leben gelassen hat? Denn wie groß uud schrecklich ist doch die Versündigung, seinem Taufbunde untreu werden, und dem Bekenntnisse deS dreieinigen GottcS, auf welches wir in der Taufe eingeweihet werden, entsagen und dadurch auch auf die Seligkeit verzichten, die bei diesem Bunde verheißen wird! Wie unverantwortlich ist eS doch, den Herrn Jesum Christum, als den eingebvrnen Sohn Gottes, verläugnen, der unS von Gott zur Weisheit geworden ist, zur Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung (1. Kor. 1, 30.). Denn, wer an den Sohn glaubt, der hat vaS ewige Leben; wer aber dem Sohne nicht glaubt, der wird daS Leben nicht sehen, sondern der Zorn GotteS bleibt über ihm (Joh. 3, 36.). Wie vermessen und strafbar ist es doch, den Feinden der Kirche sich anschließen, und mit ihnen sich gegen sie auflehnen und empören, da sie doch die Verheißung des Wahrhaftigen hat, daß die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen werden! Wie vermessen ist eS, sich selbst aller Gna- denmiltel, Quellen und Kräfte deS Heils berauben, die uns in der Kirche dargeboten werden! Vor diesem Uuheile warnt der Apostel, wenn er an die Hebräer schreibt (Hebr.2, 3.4.): Wie werden wir entfliehen, wenn wir ein so großes Heil außer Acht lassen, welches anfangs von dem Herrn kund gemacht, dann von denen, die eS gehört, in uns befestigt worden ist, unter GotteS Mitbe- stätigung durch Zeichen und Wunder und mancherlei Krafterweisungen und Gaben deS heiligen Geistes nach seinem Willen? Und wird den unglücklichen Abtrünnigen wohl Freude und Wohlfahrt auf Erben erblühen aus ihrem traurigen Abfalle? Die Gunst der Feinde der Religion können sie zwar gewinnen; die Verführer können ihnen zeitliche Vortheile bieten, aber den Segen Gottes werden sie verlieren. WaS nützte eS ihnen aber, wenn sie die ganze Welt gewännen, an ihrer Seele aber Schaden litten (Matth. 16, 26.)? Werden ihre Kinder ihnen Freude machen durch Gehorsam und Wohlvershallen, welche sie nicht in der Zucht dcS Herrn erziehen, sondern von dem Herrn und seiner Wahrheit abwendig gemacht, unv auf den Weg des Verderbens geführt haben? Wird ihnen der Muth nicht sinken in den Tagen der Trübsal? Werden sie mit Vertrauen auf Gott unv mit Zuversicht hinzutreten können zum Throne der Gnade deS SohneS GotteS, deS Mittlers und mitleidigen HohepriesterS, den sie als solchen nicht mehr bekennen, damit sie Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden, zur Zeit, wenn sie Hilfe nöthig haben (Hebr. 4, 16.)? Werden ihnen nicht alle Quellen deS Trostes und der Beruhigung versiegen, die nur daS Christenthum seinen treuen Bekennern eröffnet? Werden die Erinnerungen ihres frühern christlichen Glaubens und deS seligen Lebens in Christo, welche sie doch in ihrer Seele nicht vernichten können, nicht einmal über daS andermal ihnen ihren schmählichen Abfall strafend vorhalten? Wird ihnen die Qual deS bösen Gewissens nicht den Frieden der Seele für immer rauben? Und endlich in der Stunde des Todes, wo alle 27 Blendwerke des Betrugs verschwinden, wo die Stimme der Verführer nicht mehr Gehör findet vor der ernsten Aussicht in die Ewigkeit; wie wird die Furcht sie nicht ängstigen und die Hoffnungslosigkeit sie umlagern, wenn sie dahin scheiden ohne Reue und Buße, unv unversöhnt erscheinen vor dem Richterstuhle dessen, der den Ausspruch gethan hat: Wer mich vor den Menschen bekennet, den will ich auch vor meinem Vater im Himmel bekennen; wer mich aber vor den Menschen ver- läugnet, den will auch ich vor meinem Vater vertäu gnen, der im Himmel ist (Matth. 10, 32. 33.). Darum nun, Geliebte im Herrn, nehmet unsere väterlich warnenden Worte der Ermahnung zu Herzen und lasset euch von Niemanden irre führen aus keine Weise (2. Thess. 2, 3.). Lasset euch nicht abwendig machen von unserm heiligen katholischen und apostolischen Glauben. Ihr aber, die ihr den Weg der Wahrheit verlassen habt, kehret reumüthig zurück und rettet eure Seelen. Damit aber Niemand sich täusche, damit Niemand unser bisheriges Stillschweigen zur Entschuldigung seiner Verirrung vorwende, indem wir bisher noch hofften, die Lethörlen würden von selbst und auf die '.Mahnung ihrer Seelsorger die Leerheit und Nichtigkeit der Irrlehre erkennen und sie verlassen, so erklären wir: 1. Daß alle Jene, welche die katholische Kirche verlassen und in die Gemeinde der neuen Irrlehre eintreten, als ihre Glieder sich einzeichnen lassen, oder das sogenannte Abendmahl der Abtrünnigen empfangen haben, wenn sie auf die wiederholte Ermahnung ihrer Seelsorger nicht ausireten aus derselben, unv Las Bekenntniß ihres Unglaubens nicht reumüthig widerrufen, in die Strafe des Kirchenbannes verfallen sind, und fortan aus dem Schooße der heiligen Kirche ausgeschlossen sind, somit aller Gnaden, heiligen Sacramente und Diensterwcisungen der Kirche Gottes verlustig werden. 2. Da das heilige Sacrament der Taufe auf dem Glauben an den dreieinigen Gott, und auf dem Erlösungstode unsers Mittlers und Heilandes Jesu Christi beruhet, welche Glaubenswahrheiten die neuen Jrrlehrer verwerfen; so müssen wir fürchten, daß sie die von dem göttlichen Heilande verordnete, rechtmäßige Weise der AuSspendung .der heiligen Taufe nicht beobachten, und die von ihm vorgeschriebenen heiligen Worte der Weihe, wovon die 'Giltigkeit der heiligen Taufe abhängt, verändern oder verstümmeln, wie schon geschehen ist. Wir verordnen daher, daß alle von diesen Seclirern getauften Kinder oder Erwachsenen, wenn sie in die Kirche ausgenommen werden wollen, bedingungsweise getauft werden sollen. 3. Erklären wir, daß alle katholischen Christen, welche den religiösen Handlungen dieser Scctirer beiwohnen, ihre Reden und Vortrage anhören, oder gar die Gründung der Gemeinden derselben begünstigen und unterstützen, sich der fremden Sünde schuldig machen, und gewtssermaaßen Antheil nehmen an ihrer Untreue. Dabei aber, Geliebte im Herrn, legen wir euch dringend an das Herz: So sehr ihr auch den Irrthum und den Unglauben euerer unglücklichen verirrten Brüder verabscheuen und meiden sollt, laßt euch nicht gegen sie erbittern; versagt ihnen die herzliche Liebe nicht; seyd immer, wie eS wahren Christen geziemt, bereitwillig zu aller Dienstleistung und Wohlthätigkeit nach eueri» Vermögen und ihren Bedürfnissen; besonders aber erweiset Barmherzigkeit ihren Seelen, die in so großer Gefahr ihres Heiles schweben; wendet zu ihrer Rettung den Einfluß an. welchen euch euer Ansehen, euer Beruf, die Bande des BluteS und der Verwandtschaft, der Freundschaft, des Umgangs und der gemeinschaftlichen Lebensvcrhällnisse auf sie gewähren; und werdet nicht müde mit Freimüthigkeit ihnen die Augen über ihren Irrthum zu öffnen, die Gefahr ihnen zu enthüllen, die ihrer Seele drohet, und sie zu warnen vor dem Verderben, dem sie entgegen gehen. Höret nicht auf mit sanftmüthigem Geiste, mit herzlich brüderlicher Liebe sie zu ermähnen und um der Liebe Christi willen sie zu bitten, zurückzukehren zu der Wahrheit, von der sie abgewichen sind; unterlasset nie, die Wankenden mit aller Treue zu dem Herrn im Glauben zu befestigen und in der Kirche zu bewahren. Ermähnet ench selbst einander, nach der Weisung des Apostels, alle Tage, so lange eS noch „heute" heißet, damit nicht Jemand verhärtet werde durch den Trug der Sünde (Hebr. 3, 13.). Verbindet aber auch mit euern Bemühungen anhaltende Fürbitte zu dem Geiste der Gnade, in Vereinigung mit der wirksamen Fürbitte der Mutter unsers Herrn und aller unserer verklärten Brüder im Himmel, daß er erwecke die Abgefallenen zur Sinnesänderung, daß er sie zurückführe auf den Weg deS Lebens und der Glückseligkeit, in die Gemeinschaft deS Sohnes Gottes und in den Schooß seiner heil. Kirche. Bedenket, was der Apostel lehrt (Jak. 5, 19. 20): Meine Brüder! wenn Jemand unter euch von der Wahrheit abgewichen seyn sollte, und Jemand ihn bekehret, der wisse, daß, wer den Sünder »so seinem Irrwege zurückführt, dessen Seele vom Tode errettet, und die Menge der Sünden bedeckt. So werdet auch ihr theilhaftig der Freude de« Himmels über die Sünder, die Buße thun. Endlich aber ermuntern wir euch, Geliebte im Herrn, selbst eure Vorsicht und Wachsamkeit zu verdoppeln in der gegenwärtigen Stunde der Versuchung, die gekommen ist über den Erdkreis, zu prüfen die Bewohner der Erde, an dem zu halten, waS ihr habt, damit Niemand eure Krone nehme (Geh. Off. 3, 10. 11.). Hütet euch, daß ihr durch den Irrthum der Thoren nicht mit fortgerissen werdet und eure eigene Fe st igkeit verlieret; wachset vielmehr in der Gnade und Erkenntniß unsers Herrn Jesu Christi (2. Petr. 3, 17. 18.); damit ihr allzeit bereit seyd zur Verantwortung gegen Jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über eure Hoffnung, doch mit Sanftmuth und Ehrfurcht (1. Petr. 3, 15. 16). Je gewaltiger und feindseliger die Bestrebungen, Mittel und Bemühungen der falschen Propheten und Jrrlehrer sind, daS Reich deS Unglaubens zu verbreiten, unv die heilige Kirche zu untergraben; desto fester stehet im Geiste und Eines Sinnes, für den Glauben deS Evangeliums zu kämpfen, und wandelt würdig dieses eures Glaubens (Phil. 1, 27.); desto enger schließet euch an einander und an eure Seelenhirten an im Glauben und in der Liebe; desto größer und aufrichtiger sey eure Ehrerbietung gegen, die heilige Kirche; desto williger sey euer Gehorsam gegen ihre Vorschriften; desto eifriger sey euer Bestreben, die heilige Religion, die ihr bekennet, zu ehren durch einen untadclhasten Wandel in aller Gottseligkeit. Denn wie ihr Jesum Christum, den Herrn angenommen habet, so wandelt in ihm, eingewurzelt und gegründet in ihm, und fest im Glauben, so wie ihr gelehrt worden, und wachset in ihm mit Danksagung (Kol. 2, 6. 7.). Die Gnade unsers Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft deS heiligen GelsteS sey mit euch Alle». Amen. Speyer, am Feste der Erscheinung deS Herrn (6. Januar) 1849. h N i c o l a u S, Bischof. Deutschland. Linz. Wir können nicht umhin unsern Lesern daS herzliche Schreiben deS hochwürdigsten Herrn Bischofes von Linz an daS ehrwürdige Kollegium der versammelten Bischöfe Deutschlands zu Würzburg nebst der Antwort hierauf mitzutheilen. Eure Eminenz, Hochwürdigstcr Herr Cardinal und Primas! Eure Excellenzen, Hoch- und Wohlgeborne, Hochwürdigste Herren Erzbischöfe, Bischöfe und Doctoren der Theologie! Sehr gerne würbe ich Ihrer so heiligen, Ihrer so hohen Versammlung, Erhabene Brüder! beigewohnt haben, hätte nicht die bedrängte Zeit, die, wie Sie wohl wissen, gegenwärtig über Oesterreichs Lande hereingebrochen, allseitig mich daran gehindert. Geleitet von meinem priesterlichen Berufe, durchdrungen von der Liebe für die katholische Kirche, die seit früher Jugend mir im Herzen glüht, gedachte ich, so schwer auch die Last der Jahre und allmälige Verfinsterung meines Augenlichtes auf mir liegen, in Begleitung eines Genossen in Ihre Mitte zu eilen. Glauben Sie meiner Versicherung, hoch und abermal hoch schätzen wir Ihre Versammlung, die, wenn je, so gewiß in unsern Tagen zur höchsten Nothwendigkeit geworden ist, auf daß der alte, angestammte Glaube vertheidiget, und die priesterliche Zucht wieder befestigt werde in den deutschen Landen. Nicht so viele Schwierigkeiten erheben sich dawider, als vorzüglich unzählbare Schaaren von Feinden, die man theils Ungläubige, theils Liberale oder Jndifferentisten zu nennen gewohnt ist. Der Haß gegen daS Christenthum muß also gemildert, das Vvrurtheil müßiger Menschen mit Sanftmuth widerlegt, und die hie und da eingerissene Lauheit der Gläubigen mit aller Kraft zur wahren Frömmigkeit zurückgeführt werden. Auf daß Ihre Bemühungen, Erhabene Brüder! dieser heiligen Absicht entsprechen, flehe ich, obwohl ferne von Ihnen, mit meinem Klerus unv meiner Heerde täglich zu Gott, um so mehr, da ich, als Bischof der Aelteste in unserm theuren, deutschen Vaterlaude, so sehr gewünscht hätte, mit meiner Wirksamkeit und Demuth, mit meiner Bereitwilligkeit und Geneigtheit in Ihrer Mitte zu weilen, und nach meiner noch geringen Fähigkeit Ihre weit stärkeren Kräfte wenigstens durch meine Winke zu unterstützen. UebrigenS wird der gute, fromme Wille und, wie gesagt, daS gemeinsame Gebet der Gläubigen meine wie immer gestaltete Leistung ersetzen. DaS Oberhaupt unterer katholischen Kirche PiuS IX. wird het- S8 irren Antlitzes Ihren heiligen Sitzungen wenigstens im Geiste beiwohnen, so wie unsere seligsten Vorfahren, ein Bonisaz, ein Kilian, ein Wilibalv, rtn Adalbero, ein Ulrich, ein Rupert, ein Benno, ein Maximilian u. s. w. Solchergestalt wird, wie vor AlterSzeit die Eine, Heilige, Apostolische, Katholische Kirche ztz Nicäa, EphesuS, Chalcedon n. s. w. auch, Ihre Versammlung in unserm geliebten Vaterlande daS Band der christlichen Einheit immer fester schlingen. O im Herrn versammelte Oberhirten! DaS Petro-apostolische Lehramt wird fest stehen, und den spätesten Nachkommen noch den ursprünglichen, reinen katholischen Glauben vermitteln. Meine „Betrachtungen", die mir die jüngst verflossenen Tage in die Feder zu dictiren schienen, lege ich demüthigen Herzens Ihrer Erwägung vor, und verspreche mein inständiges Gebet zum Himmel. Nicht minder bitte ich aber, daß Sie mir und meiner Heerde Ihren Segen ertheilen. Ihrer hochverehrten Versammlung demüthiger Bruder der Bischof von Linz' An den ehrw. Senat der zu Würzburg versammelten Bischöfe. Antwort Sr. Excellenz deS ErzbischofcS von Köln, JohannneS, im Namen des hohen CollegiumS der versammelten Bischöfe, als erwählten Präses, an den hochwürdigsten Bischof zu Linz. Eucre Excellenz, Hoch- und Wohlgeborner, Hochwürdigster Herr! In Christo geliebtester Bruder! DaS höchst angenehme Schreiben, welches Sie am 28. Octvber d. I. zugleich mit Ihren erst jüngst veröffentlichten Betrachtungen an UnS gesendet, wurde in Aller Gegenwart bei Unserer Sitzung vom 3. d. M. vorgelesen, und hat Unsere Herzen auf daS Zärtlichste berührt. Eine so besondere Reinheit und Liebe der Seele leuchtet aus selbem hervor, einen so ächten Eifer für Religion und Frömmigkeit athmet cS, daß UnS nichts Angenehmeres und Freudigeres hätte zu Theil werden können, als dieses ehrenvolle Zeugniß der Hochachtung von Seite eines solchen, eines so hochverehrten Mannes. Aber einen desto tiefern Schmerz haben Wir auch darüber empfunden, daß Wir bei Unseren Berathungen über so schwierige und so hochwichtige Gegenstände die Gelehrsamkeit, die Weisheit und daS Ansehen Unsers geliebtesten und erfahrenste» Bischof-SeuiorS entbehren müssen. Den Schmerz mildert, und Trost gewährt Ihr frommer Wille gegen unS, vermittelst welchem Sie so freundlich und gütig versprochen, mit Ihren und den Gebeten Ihrer Heerde Unsere Arbeiten und Berathungen zu unterstützen, und die Wahrnehmung^ daß Wir noch immer dasselbe, wie Sie gefühlt, und denselben Endzweck UnS vorgesetzt haben. Denn dieses Ziel werden Wir nach Kräften verfolgen, daß der katholische Glaube unverletzt bewahrt, daß das Band der allgemeinen, kirchlichen Einheit mit dem Statthalter Christi auf Erden erhalten werde, und so zugleich mit dem Wohls unseres theuren Vaterlandes daS Heil der hohen Braut Christi erblühe und weit hin erstrahle. Alles, worüber Wir gehandelt und was Wir schriftlich niedergelegt haben, werden Wir Ihnen mittheilen. Leben Sie wohl. — Würzburg, 6. Nov. 18-18. — Johannes, Erzbischof von Köln, des heiligen apostolischen Stuhles geborner Legat. Alls den katholischen Missionen. Neu-Orleans, 10. Oct. Heute, am Feste des heiligen Frau- ciScuS BorgiaS wohnten wir dem feierlichen Gottesdienste im Kollegium der Gesellschaft Jesu bei. Hohe Andacht, dankbare Freude und tiefer Schmerz waren die Gefühle, die uns während und nach dem heiligen j Opfer und der Predigt erfüllten. Auch der leichtsinnigste und ungläubigste! Mensch wird die Gefühle der Andacht mit unS theilen müssen, wenn er! in einer Kirche der Gesellschaft Jesu dem Gottesdienste beizuwohnen das! Glück hat. Der katholische Cultus, groß und erhaben, die Sinne würdig ! fesselnd und die Herzen hinreißend, bekommt in den Kirchen der Jesuiten ^ etwas eigenthümlich Kindliches, Rührendes, wir möchten sagen Seraph!-! schcS, ohne daß die Großartigkeit und Erhabenheit des Cultus darunter! litte. Woher kommt dieß? Wir antworten hierauf: dieß kommt vcn der^ aufrichtigen Demuth und dem innigen Glauben Derer, welche die heiligen ! Geheimnisse feiern. Ein Priester der Gesellschaft Jesu, am Altare das! Opfer darbringend, wird durch seine ungcheuchelte Andacht, durch die! glühende Ueberzeugung, die sich in seinen Blicken abspiegelt, stets an einen! heiligen JgnatiuS oder einen heiligen AloysiuS erinnern und gleiche Gefühle in den Herzen aller Anwesenden erwecken. ' Dieß ist der natürliche Zauber, welchen die Jesuiten in allen ihren Kirchen ausüben, in ver alten, so in der neuen Welt! — Unsere dankbare Freude fand ihren Grund in! den so zahlreich wie noch nie im Chöre versammelten Priestern und Vätern der Gesellschaft, von denen die meisten erst zu unS herübergekommen waren, um dem dankbareren Boden von Amerika die goldenen Samenkörner anzuvertrauen, die daS versteinerte und doch so morsch und faul gewordene Europa sich aufzunehmen weigert. WaS einst die Benedictiner und Prä« monstratenser für einen großen Theil unseres Mutterlandes jenseits deS OceancS geworden: Gleiches werden nun in Amerika die gottbegeisterten und glaubensfrcudigen Söhne deS heil. JgnatiuS und deS heil. AlphonS erfüllen; je finsterer eS in Europa wird, desto lichter wird eS in Amerika werden; für jeden in der alten Welt umgestürzten Altar des Allerhöchsten werden sich bei uns zwei neue erheben! Und wenn die entarteten, und in ihrer Entartung in den Dienst SatanS getretenen Europäer sich noch so sehr abmühen, der katholischen Kirche, als der einzigen Bewahren» deS Christenthumes, den GarauS zu wachen: bis über den Ocean reichen ihre teuflischen Künste nicht, und kommen sie selbst, so werden sie nur Spott und Verderben ernten, ganz so wie sie eS verdienen. Bruder Jonathan macht wenig Komplimente, am allerwenigsten mit den Gottesläugnern! Dieß können jene Herren zur Genüge bezeugen, welche zu unS herüberkamen und in New-Aork z. B. als Apostel der Rongerei aufzutreten wagten. — Tiefer Schmerz aber muß uns als ehemalige Europäer und Deutsche durchdringen, denn jedes Schiff bringt unS Kunde von der europäischen Verdorbenheit; jeder vertriebene Jesuit, jeder verbannte Liguorianer oder überhaupt jeder OrdcnSgeistliche, der unsere Gestade betritt, um bei uns Zuflucht für sich und seinen Glauben zu suchen, ist ein sprechender Beleg für die Herrschaft der Glaubenslosigkeit, Bosheit, Rohhcit und Niederträchtigkeit in dem größten Theile von Europa! Trösten kann unS hier nur die Ueberzeugung, daß die Bestrebungen der Bösen in Europa, daS Christenthum zu unterdrücken, daS gerade Gegentheil in Amerika herbeiführen, ganz so, wie vor dreihundert Jahren, wo Luther und Calvin und ihr Schwärm den Christenglauben in der alten Welt auszurotten versuchten, während die Söhne deS heiligen FranciscuS, DominicuS und JgnatiuS die neue Welt für diesen Glauben eroberten. Gott mit Ihnen und ihrem Vaterlandc! (Katholik.) Aschern»! t t w o ch. Der Jubel ist verklungen, Dahin die bunten Reih'n, Vom Grabe wird gesungen. Man segnet Asche ein. Und heute vieles meiden. Was gestern sie geliebt, Entsagen eitel» Freuden, Nicht stiehn wo's Dornen gibt, DaS Eitle ist vernichtet Es weht der Demuth Blau, DaS Auge steht gerichtet Ruf Kreuz und Marierscha». Man sieht die Blicke hangen An Jesu Krciizesbild, Mit Wchmuth, Neu' und Bangen Ist jedes Herz erfüllt. Die heiligen Altäre Sind jeden Schmuckes bar, Der Buße ernste Lehre Zeigt ihre Trauer klar. Ach! die gebroch'nen Blicke Sie sprechen von der Schuld, Die Er dort zahlt zurücke Voll Liebe, Schmerz und Huld: Viel' zieh» zum heil'gcn Orte, Gebeugten Sinnes, hin; ES tönen ernste Worte Von Tod und Grab darin. Der Schuld, die wir getragen Und die Er auf Sich lud! Wer kaun mit Worten sagen, WaS hier die Liebe thut? Sie lassen Asche streuen Auf's srcudenmüde Haupt, Und sich dem Tode weihen Der Erdenfreudcn raubt. Laßt uns den Fels besteigen Auf dem der Mittler ringt, Er wird den Pfad uns zeigen, Der auf, zu Ihm uns bringt' Sie wollen Buße üben. Den Ehristeusinn erncu'n Und heute vieles lieben, WaS gestern sie noch schcu'n. Ja laßt uns kämpfen, ringen, Laßt weinen uns und sich'», Das wird uns zu Ihm bringen Auf Seines Berges Höh'n! Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen.. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Prr!« I» Augsburg für stch allein (ohne A. Poßzeitnng) jährlich Istlr kr. Durch die P»st kaun birst« Wochenblatt »ur »eu Abonnenten brr Post- jkitung bezöge« werben, und erhöht sich der Prei« nach Verhältniß der Entfernung Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Postzeitnng. Fär sich allein, ohne die Augsburger Post« zeitnng, find diese Blätter nur im Wege de« Buchhandel« zu beziehen und kosten in » ganz Deutschland, der Schweiz u. s. w. jährlich nur L fl. SOkr. oder I Thlr. Nennter- Jahrgang. 1^2 8 SS. 184S. Hermann von Dteari, durch Gottcö und des heiligen apostolischen Stuhles Gnade Erzbischof von Freiburg, dem hochwürdigen Klerus seiner Erzdiöcese Gruß und Frieden in Christo, unserm Herrn! Hochwürdige Brüder im Herrn! Aus dem Hirtenschrciben, daS die zu Würzburg versammelten Erzbischöfe und Bischöfe an den gesummten hochwürdigen Klerus ihrer Diöcesen am 15. November v. Js. erlassen haben, habet Ihr bereits ersehen, daß die Oderhirten Deutschlands zur Wiederherstellung der von der Kirche vorgeschriebenen Diöcesansynoden sich die Hände gereichet. Die Bischöfe haben cS erkannt, baß durch die freiere Lage, in welche die Kirche durch die neuesten Zeitereignisse gekommen, eS möglich geworden, daS alte ehrwürdige Institut der Diöcesan- Synoden wieder inS Leben zu rufen, in der Art und Weise, wie es in der Kirche von Alters her bestanden, und wie eö die frömmsten und erleuchtetsten Vorsteher der Kirche zum unaussprechlichen Heil und Frommen ihres Klerus und ihrer Heerben angewendet; sie haben es erkannt, daß der lebendige Contact Leö Bischofs mit seinem Kleruö in Diöcesan- Synoden das Band der Liebe und Einigkeit zwischen beiden fester und inni- ger knüpfe, und daß durch diesen lebendigen Contact deS Vaters mit seinen in Christo innig geliebten Söhnen der Eifer und die Begeisterung für den -'heiligen Glauben, für die christliche Sitte, für das Heil der Seelen mehr angefacht, gesteigert und geträsliger werve, als es durch d>-„ seitherig-», mehr bureankralischen Verkehr zwischen Oderhirten und Hirten geschehen?- So wird denn, hochwürdige Brüder und Priester der Erzdiöcese Freiburg, auch Uns bald die hohe Freude zu Theil, Euch um U»S in Einheit und Liebe zu versammeln. Wir gedenken, so Gott Gnade verleiht und Tage des Friedens, im nächsten Fiübjahr Unsere Suffragane zu einer Provincialsynode zu rufen, und mit der Hilfe deS Allerhöchsten werden Wir sofort im Verlaufe des Jahres die Diöcesansynode feiern. Indem Ww Euch, hochwürdige Brüder! dieses mittheilen, können Wir nicht umhin, vorläufig die kirchlichen Grundsätze, die bei der Abhaltung der Diöcesansynoden von den Bischöfen beobachtet werden müssen, in Kürze darzulegen, da seit vielen Jahren bei dem — oft ungestümen — Begehren der Synoden häufig Ansichten und Wünsche sich geltend machen wollten, die außerhalb dem Kreise der kirchlichen Bestimmungen liegen, und daher auch für UnS nie als maaßgebend erscheine» können. Wir halten es vor Allem für nothwendig, den kirchlichen Begriff ' einer Diöcesansynode festzustellen. Wenn Wir die in dem berühmten Werk deS Papstes Bencdict XIV. äo 8xnoc!o clioLCLsona niedergelegten Bestimmungen zusammenfassen, so erscheint die Diöcesansynode^ als „die von dem Diöcesan-Bischofe oder von dem durch diesen Beauftragten rechtmäßig zusammengerufene Versammlung von Priestern, Klerikern, und den dazu Verpflichteten der Diärese zur Festsetzung und Bekanntmachung derjenigen Anordnungen, Bestimmungen und Vorschriften, welche der Bischof zur Erhaltung, Beförderung und Herstellung der kirchlichen Disciplin, als zur Heilung, Zurechtweisung oder Bestrafung der Gebrechen, Vergehen und Verbrechen, zur Beförderung der christlichen Sitte, zur Belehrung der Unwissenden unter seinem Klerus und Volk als nützlich und nothwendig anerkennt, und in der auch die von der Provincialsynode erlassenen Decrete zur Befolgung und Beachtung publicirt werden." ^ 1) 8. llonc. I'rict. 8oss. XXIV. csp. 2 cko rek. 2) Lk. lib. I, csp. I, §. 4 (8)-uociu8 üioecessua liisce verbis clescribitur: Iwgilims congregalio ab Lpiseopo eoaeta ex presb^teris et LIericis suao clioe- cesis, aliisve, qui acl eam seceUere tenentur, in gua cle bis, guae curae pasto- rsli incumbunt, agenclnm et üeliberguäum est), und bcs. lib. Vl. cap. I, §. I et 4 (die Stelle folgt weiter nuten). Sehet, gclicbteste Brüder in Christo! das ist der kirchliche Begriff ein.^Diöcesansynode. Nur eine solche wünscht die katholische Kirche, nur eine nach den Bestimmungen der Kirche gehandhabte wollen und werden Wir feiern, denn zum Gehorsam gegen die Kirche sind Wir durch Eid und Gewissen gebunden Nur solche Synoden haben jenen Nutzen, den Vene« dict XIV. im oben erwähnten Werke ') mit so viel Wärme schildert. .In den Synoden wird," — so sagt eine Cölner Piovincialsynode von» Jahr 1549 bei Gelegenheit deS Beschlusses, die Diöcesansynoden wieder inS Leben zu rufen, — „die Einheit wieder hergestellt, da bestrebt man sich, den Körper in seiner Unversehrtheit zu erhalten; wo das, was bei der Visitation nicht erzweckt wurde, durch gemeinschaftliche Bestrebungen erzielt wird; wo über das Haupt und die Glieder, über den Glauben und Frömmigkeit, über die Religion und den Gottesdienst, über die Sitten und cte Zucht, über den Gehorsam, über Alles, was für ein gutes christliches Leben nützlich oder nothwendig ist, gehandelt und festgesetzt wird, so daß in aller Wahrheit gesagt werden kann: das Heil der Kirche, der Schrecken ihrer Feinde, oie Stützen des katholischen Glaubens sind die Synoden, die man mit Recht die Nerven deS kirchlichen Lebenö nennen könnte. Denn durch Vernacbläßignng der Synoden zerfällt die kirchliche Ordnung, wie wenn der menschliche Körper von den Nerven abgelöst wird." — „Mir," s-gt ein berühmter Bischof von Verona, „pflegt kein Tag angenehmer zu s,y-., alö der Tag der Synode, keiner, der bei den großen Beschwerden, Ze^ mein Amt mit sich führet, meine Seele mehr tröstet und erquickt. -Denn an viesei» Tage glaube ich meine Augen, meine Ohren, meine Hände, meine Füße zu sehen." Benedict XIV. bemerkt, um den Nutzen der Diöcesansynoden kennen zu lernen, dürfe man nur die Acten derselben durchsehen, namentlich derjenigen, welche der heilige Karl BorromäuS in Mailand gehalten; man werde sehen, daß hier Decrete von der höchsten Weisheit und Klugheit zu finden, für Ort und Zeit wohl berechnet, und geeignet, die Kleriker in ihrer Pflicht zu erhalten und die verdorbenen Sitten deS Volkes zu bessern, so daß man die Diöcesansynoden anerkennen müsse als eine kräftige Stütze, die in einer Diöccse schwankende Disciplin aufrecht zu halten. Wenn Wir den kirchlichen Begriff der Diöcesansynoden, und daS, was über deren Nutzen gesagt wurde, scharf inS Auge fassen, so erscheinen viele Ansichten, die man sich in neuerer Zeit von ihnen gebildet, als völlig irrige. Keineswegs nämlich treten die Diöcesansynoden in das kirchliche Leben, wie die Landtage oder die constiluirenden Versammlungen in das politische. Keineswegs wird durch sie der Episkopat in seinen von Gott ihm verliehenen Rechten und schweren Pflichten, die Kirche zu regieren ^), beschränkt und beeinträchtigt, keineswegs wird durch sie eine sogenannte Repräsen« taliv-Negierung in die Kirche eingeführt. Die Bischöfe haben juro clivino ihre Gewalt und könnten sie, ohne aus der Gemeinschaft der katholischen Kirche zu fallen, keineswegs theilen mit sogenannten Repräsentanten deS Kleruö und des Volkes, als welche man hin und wieder die auf der Synode Versammelten betrachten will. Der weltliche Fürst, dessen Gewalt« sphäre nicht unmittelbar durch die göttliche Offenbarung bezeichnet ist, kann wohl seine Gewalt theilen mit den Vertretern seines Volkes; nicht aber der Bischof. Bei allen, noch so tief eingreifenden Veränderungen der politischen Verhältnisse und Verfassungen bleibt die Kirche fest und unangetastet stehen, die Hierarchie kann keineswegs, so lange man in der Gemeinschaft der katholischen Kirche bleiben will, umgestürzt werden. Und so erscheint auch bei der Berufung und Abhaltung der Dyöcesansynoven der Bischof immerhin als der Inhaber und Träger der Jurisdiktion, von 1) lud. I, cop. 2. 2) ^.ct. XX, 26. Lone. Iricl. 8es5. XXIII, csp. 4 cke 8scr. Oreiin. 3 » dem jede andere kirchliche JuriSdiction in der Diöcese auSfließt; die auf der Diöcesansynode versammelten Kleriker sind nicht im Besitz einer legislativen Gewalt, ilnien steht, nach der einstimmigen Lehre aller Katholiken, mir ein votum clolilxwativum, nie aber ckocisivum zu. Dem Bischof liegt die kirchliche Gesetzgebung ob, dabei aber wird er den Rath, die Wünsche, die Borschläge, die Bi?ken seines Klerus berücksichtigen. Immerhin muß demnach festgehalten werde» an dem, waS Benedict XIV. cke 8zn. ckiVeeos. Iil>. III. e. 12 , §. 7 st:s. lilr. XIII. o. 1 und 2) sagt: „/» 8'i/7tocko ckswce- snntt so/ns /s/resco/rns esst ^'ne/ew est /eArsstn/or', r/rse suo »romr'no ckec,e/a /eie/t est e/tenr/rvC ns/errr/sirrtt eonsö/ürm ew/-ose«/, non /amen ooe/r/ar- r//nck see/a/." Die Diöcesansynode» sind demnach keine Mittel, durch Welche gewisse schiSmatische Bestrebungen durchgeführt, der Kirche der Cba- rakter einer Demokratie aufgeprägt, willkürliche, der kirchlichen Einheit Widerstrebende und verderbliche Neuerungen gemacht, die Bande des Gehorsams und der Disciplin gelockert und aufgelöst, die bischöflichen Rechte geschmälert, die oberhirllichcn Anordnungen durch Stimmenmajontät der Versammelten nnnullirt werden könnten. ') O nein, die Diöcesansyno- den erscheinen UnS, nach Erlangung der kirchlichen Freiheit und Selbst- ständigkeit, deren Ermangelung am meisten der Einführung dcS Institutes seither im Wege gestanden ^), als das kräftige Mittel, die an vielen Orten so tüf gesunkene Disciplin wieder herzustellen, den ächt kirchlichen Geist zu wecken und zu befestigen, Ordnung und Einheit in das religiöse Leben deS Klerus und dcö christlichen Volkes zu bringen. Wie die Neu- belebung des Synodalwcsens ein Product deS erwachten Geistes der Freiheit und Selbststänsigkeit der Kirche ist, so wird hinwiederum gerate dieser Geist durch dasselbe Stälkc, Festigkeit, Energie und Wirksamkeit erhalten. Auf diese Weise wird durch das Institut der Diöcesansynoden eine wahre durchgreifende Reformation des Klerus und dadurch die des Volkes hervorgebracht. Daß eine solche Reformation deS Klerus und des Volkes vonnölhen, daran wird wohl Niemand zweifeln, der nur mit einiger Demuth in sein Inneres blickt, und die gegenwärtigen Zustände, wenn nur oberflächlich, betrachtet. Beherrscht denn nicht zahl lose Gemüther ein neues Heidenthum, in seinen Erscheinungen und Früchten oft viel fürchterlicher, denn das alte? Und woher dieß? Gestehen wir eS! Eine Hanptursache liegt darin, daß die ewigen Wahrheiten deS Christenthums oft von solchen, die mit dem heiligen Lehramt betraut sind, nicht mit der gebührenden Wissenschaft, Kraft und dem rechten Ernst verkündet, nicht mit Sorgfalt erklärt und nicht mit apostolischer Aufopferung vertheidigt werden! Am Salz der Erde fehlt es oft! Die Priester sollen die Walt auS den Jrrgängen dcS Unglaubens zurückführen zum Kreuze Christi; allein bei manchen ist leider des Glaubens Licht selbst erloschen! — Wie viele Seelen schmachten heut zu Tage unter der unerträglichen Tyrannei deS Egoismus. Die Priester sollen in den erkalteten Herzen wieder anfachen daS Feuer der göttlichen Liebe; allein unreine Sinnenlust und eitle Weltliebe hat in manchem priesterlichen Herzen selbst jedes höhere Gefühl ertödtet. Die Stimme solcher tönt wirkungslos in der Gemeinde. Eine Hauptaufgabe unserer Zeit ist es, durch Mildthätigkeit, durch Werke der Barmherzigkeit und durch Opfer der Liebe die Kraft des Christenthums zu offenbaren, und dadurch der Noth und den Drangsalen zu steuern; allein manche Priester, berufen, Vorbilder zu seyn christlicher Liebe und Hinopferung, verschließen in unbeschreiblicher Härte ihr Herz der Noth ihrer Brü- der und Schwestern in Christo, nicht mehr eingedenk jener heiligen conones der Kirche, die den Kleriker über Verwendung seines Einkommens belehren und zur besonderen Liebe der Armen und Leidenden verpflichten. DaS sind Erscheinungen — wer will sie in Abrede stellen! Es thut Unserm väterlichen Herzen, hochwürdige Brüter, wehe genug, baß sie vorhanden. Die große Anzahl der würdigen, glauberfüllten, gottbegeisterten, opferwilligen Priester, die in Unserer Erzdiöcese zur Verherrlichung GotteS und zum Heil der Seelen wirken, empfinden mit UnS tiefen Schmer; hierüber, und Alle kommen darin übercin, daß eine Hauptaufgabe, die dringendste, die erste, die einfluß- und segensreichste der Diöcesansynoden ist: die Reformation des Klerus, die Erweckung deS wahrhaft innern, geistlichen, glaubenSvollen und liebethätigcn LebenS der Priester. Dadurch wird die Reformation deö Volkes allein angebahnt, daran knüpft sich diese naturgemäß und leicht, wie der heilige Papst Pius V., eine Seite des pric- sterlichen Wirkens im Auge habend, ausgerufen: Oen/an r'ckoner eon/es- Ltt-nr, occe omnrnm kö/rmsstsanoTstrnr /-/euer ne/onma/r'o. Z Aus dem bezeichneten Zwecke der Diöcesansynoden leuchtet klar hervor, warum die Kirchenversammlung von Trirent (8e88. XXIV, e. 2 cke res.) so sehr auf die Abhaltung derselben gedrungen, weil ja gerade eine Hauptaufgabe der versammelten Vater eS war, eine Neugestaltung des Klerus und dadurch eine wahre Reformation der Christenheit zu bewerkstelligen. Denn ewig wahr ist es: „Xilril est, czuock nlios magis all snetatem et Dei enltum nssickue iustruat, guoin eorum vitn et exempluin, czui so clivino ministerio ckeckieaiunt, euin enim n rebus sneeuli in rckliorem suhlet! loeuin eonspieiantur; in eos, tainguain in speeulum, religui oeulos eonjieiunt, ex iisgue sumunt ^uock imitentur" sÜono. Trick. 8es8. XXII, map. 1 cke rel.). Aber eben so klar ist eS, daß allen jenen Gcijtlichen, die ihrem heiligen Dienste nicht mit voller Seele sich weihen, und einen ihrem erhabenen Berufe entsprechenden Wandel nicht führen wollten, die Diöcesan- synoden bald als ein lästiges Institut erschienen. Daß in neuerer Zeit vielfältig gerade von solchen am heftigsten, am ungestümsten die Synoden verlangt wurden, hat seinen Grund nur darin, weil man unter einer Diöcesansynode etwas ganz Anderes dachte, als sie nach den kirchlichen Bestimmungen ist, weil man durch sie nicht sich selbst, sondern die Kirche ändern, und wie man zu sagen pflegte, bessern wollte, nicht eingedenk der Wahrheit jenes herrlichen AnSsprucbs deS Aegidius von Viterbo auf dem fünften Laterancoucil: „7/omr'nes /-er saena r'mma/am' /ar es/, narr säen« /romrTres" etc. Die Wünsche Aller dieser werde» durch die Diöcesansynode, die Wir veranstalten, nicht befriedigt; denn Wir halten, wie oben schon bemerkt wurde, an den kirchliche» Bestimmungen fest. Nach diesen werden auch Wir die zur Synode Verpflichteren berufen, und dabei durch Nichts der Idee einer Repräsentativ. Regierung in der Kirche Vorschub leisten. Wenn, weil wohl in Rücksicht der Seelsorge und anderer geistlichen Berürfntsse der Gläubigen, für deren Befriedigung der Bischof auch während der Synode zu sorgen verpflichtet ist, nicht alle durch daS kirchliche Recht zur Synode Verpflichteten b) dabei erscheinen können, etwa dem Klerus 1) Die auf der Synode Versammelten haben jedenfalls als Norm und Richtschnur ihres Verhaltens die nachfolgenden drei Entscheidungen des Papstes Pius VI. zu betrachten, wie sie in seiner für die ganze katholische Kirche mit gesetzlicher Anetorität bekleideten Bulle „.lue/ore»! /eckest" cntliatten sind: IX. Vrt Onctrina, grüne staluil: ,,IIvlorinationein sbusunm circa ecclesiastieam ckiscipbnam in sz'nockis ckioecesa- uis ,nl> episcv>>o et yarocbis acguabler geirrter«; ac stabibri «telrere, nc sine übertäte ckecisionis inckebilam köre subjectionem suggestionibns et jussianibns cgiseopnrnm/ste/eier, /e»i<-r eeesta, c/re»<'»/)er /ist aur/ori/at/s /uesic« , 7-e§!mrnre> -recrerrc/rlr, .eiebcerneecer. /«rcei.e /erlernst «!o znckiees lickei, et simnl innnitnr juckicium in eansis ückei ipsis coingetere jnre yrirzrrio, et gnielem etiam yer orckinationem acceplv: rb'a/.cer, /errierari/er, nrck/rin. /i/erairr/err/ .-eebcce.eirei, cketrei/eeee.e /irrn//»// ckr/in/- teerttiien /irckie/oriettnic ckuezninstrueienr ecestcriae, ack rarrru.c crrnrieee. XI. Vrt. 8entonti<> ennncinii8, veteri »injornin institnto ab ayostolicis n.rgrie temjrorilrns ckuct», >>er nieliora eecle^iav saecula servato, recegtirm knisse, ,,nt etecreta, sut elellnitiane.n, ant sentontiae otiam mnjorrim 8eeii»m nnn acceptarentur, nisi recognitae kuissent et apgrobatae a sznueto ckioeeezana:" Deil.eer, temer-eer-ia. ckeroAernr zrro .euer Acneree/r/eile erbeckreerkreie ckedtteee eorie/rtu/rerriibu» erperrsttt/ecs.e, term et jentente!»- erd /rrererre/rreer Luz-errerr-e tc§rtrrner poterterte rnarierntrbu»', sc/«lLmer /<-cc»r et /rerere^rrn. 2) Man vergl. das Brevc Pius VIII. pom 30. Juni 1830 an die Bischöfe der »berrheinische» Kirchenprovinz. 1) Benedict XIV. sagt in dem ersten Capitel des VI. Buches seines Werkes cks tHnoel. ebneres. §. I: „generatim asseriinns, ctebere Idpiscopum in sua 8znocio constituere, griao ack vitra coercencka, virtutein yromovenckam, cko>»ravatus po- gnb innres relormanckos et ecclesiasticam ckisciirbnam ant restituenckam, aut lbvenckam, necessaria et utilia esse jnckicaverit.^ Er will deßhalb, eaß der Bi- schof vor Abhaltung der Spn.de sich eine genaue Kenntniß der Mißnande seiner Diöccse derschaffe, insbc andere möge der Bischof eiforschen, ,,guaenam grroack ackministratio- nem 8»crainentornin, verbi ckivini graeckiestionem, ckierum kesioruin cultum et observationem vickeartnr corrigencka et ernenckancka " — §. 4 sag Bcnedrct X> V.: ,,In eunstitntione eckila a üione X. in lloncilio üateranensi ckieitur, lHnockns cogi, ut ckcpraoerter ccrrrstAerrikier: guae verbs exyenckens ürasmns llbosiier in tract. cke jniisck. ete. ait: üpisenpabs 8zmockus instituta est chnatuor ex causis, e qnikns nimm bie ckesignat pontitex: primo, nt cke>>ravala corii^antur; secun- cko, »t ignvrantes instrnantnr; terti», ut regnlae worum, statutague kormeu- lur: guarto, »t guae in provineiali 8^n«rcko ckecreta sunt, in üyiseuyali zrubli- centur. — §. 5: In /^rnte/icer/i rermerrr» ita Idpiscopus praesentes allngnitur: Venerabiles consacerckntes et lratros nostri carissimi yraeinissis Oeo precibus, oportet, nl ea, guae cke ckivinis okliciis, vel sacris orckinibus, ant vtiam cke nnstris moribns, et neeessiiatibus ecclesiastieis a nobis conlerencka sunt, cum caritate et benignitate nnusgnisgne vestruiu suscipiat, summague reverentia, qusntum valet, ckomino ackjurante, yercipiat, vel guae cmenckatinns ckigna sunt, omni elovotione nnusguisgue llckelitvr stuckeat emenckare." Im Capitel 2 dcsiel- ben Buches bemerk! Bcncdi l XIV , der Brsa os solle besonders „ckecreta llune. Trick, jnnuere, novis sanctionibns bileire, eoriimeino observationem nrgere." 2 ) Wie sehr die Seelsorge bei der Abhaltung der Synode berücksichtigt werden müsse, geht hervor aus dem, was Benedict XIV. I. e. bb. III, c. 12, §. I sagt: „ja ckioecesana 8vnocko« multo magis excusancki sunt paroeki, gtios non pro- pria seck snarum ovinm necessitas remoratur: et enim non sulum non repre- benckencki, seck plniiinum cornmenckancki sunt, si ickeo ckunitaxat 8zenockum nun aececkant, gnia ab«im non babent sacerckotem, quem sibi in animarnm eura snbstitnant; ickgue praeserlim, cum in ;>aro< bia rezieriuntur intirwi tam gravi morbo laborantes, ut pruckenter timeatnr, ne sint cito ckeeessnri: gnanta enim ratio a garockis, priusgnam ack 8vnockum se accingant, babencka sit cke aegro- tis, guos in parocbia relingusnt, sstis agerte eckisserunt ss. Iseclesiarum Vnti- stites." 3) Im pontik. rom. heißt eS: „8aoerckotos et LIerici universi, gui ack 8znockum eine gewisse Wahl überlassen werden sollte, so müßte jedenfalls das bischöfliche Recht der Berufung dabei gewahrt, und jeder Gedanke einer Stellvertretung und namentlich einer Repräsentativ'Regierung entfernt werden. Hochwürdige Brüder! Erneuern wir im Geiste und nach den Vorschriften unserer heiligen Kirche das ehrwürdige Institut der Diöcesansyno- den: deS Segens Fülle wird sich über Klerus und Volk dadurch ergießen. Prägen wir Lurch Einhaltung der kirchlichen Bestimmungen den Versammlungen die erhabene heilige Würde auf, vie auf allen Handlungen der Kirche ruht; der heilige Geist wird sofort in allen Versammelten walten und mächtig wirken. Die Diecesansynvde wird das kräftigste Mittel seyn, uns im Glauben zu stärken, die Gnade, die durch Auflegung der Hände unS zu Theil geworden, zu erneuern, ^ uns zur Verwaltung unseres erhabenen Berufes zu begeistern, den Geist der Liebe und brüderlichen Einheit zu wecken und zu befestigen. Gnade, Heil und Segen, wenn wir Alle den Willen unserer Kirche vollziehen, Wehe aber uns, wenn wir von ihren heiligen Satzungen abweichen wollen. Nehmet, geliebte Brüder! diese vorläufige Verständigung mit dem Geiste der Liebe auf, mit dem Wir sie geschrieben. Nach Abhaltung der Provincialsynoke wird ras Weitere Euch mitgetheilt werden. Die Gnaee Jesu Christi sey mit Euch Allen. Gegeben Frei bürg, am Tage des heiligen PolycarpuS, den 26. Januar l849. Hermann, Erzbischof von Freiburg. Das Gleichgewicht in -er kirchlichen Regiernngsforin. *) Die kirchliche Regierungsform muß sich bei genauer Betrachtung in ihrer Idee und in ihren Grundrissen als die herrlichste und beste darstellen. Wenn die Glieder der Kirche, die einzelnen Ober- und Unterbehördcn, die Priester oder die Laien nicht überall den Geist der Kirche in ihrer Regiecke jure vel eonsueiullino venire tenentur, conveniunt in civilste vol slio loco, proul pontikox oiclin.iverit." Bciikdiet XIV. zählt im III Buch die vocsnlli gch 8znockum auf Es sind b>svvde»s die csnoniei ecelesi.ie estliechrglis, »ud psroeüi el I liest, (alle, die pe, guae oo semper, eolli- rnsiiinl, »t animsrum 8sluiem piomoveeciit, eos msxime intere88v oportuit, lpiibu8 sligus ckowiriici gregis purtio traelita erst eiistockienckii." I. c. csp. ö, 8. 1. Las diene, 1'rill. ieffimm : „rstione tarnen paroeliiaiium, ant alisrum secularinin eeeie8iarun>, ctiam annexaium, chebeantii, gui iüarum cursm gerunt, guiciingne illi 8nnt, 8zwocko intere88e ;8c8s. XXIV, cap. 2 cle rok.ss — Betreffs der Laie» führt Benediet XIV. -lili. III, cap. 9, §- 81 eine Entscheidung der Eon- greg. (ionc. Irill. an, die in eansa Oriolen. 8xn. gefragt murre: nck ^i/ne-chunt evears /afev.e, .er evnnrn conui/ro «kr ve/rt," responllit: „Lpf^cupn», „on pck»»e." Er stetil sefert felgcnde leitende Grundsätze hierüder auf: „Xv8 8tatniinu8: primum, jus commune otisistere I.aici'8, no 8znot: 8ecnnelnm, »on vlnUante liae juris soveriiale, alignich niliilo minn8 6880 chelerenchum ennlrariao coiisuetiickini, 8i alicubi jam invalue- rit: tertiuin, eliamsi Inijusmolli consuetocko nnnllnm üit inelucta, possv Lpis- cnpnm ex aligno grsvi nigenligne eauxa all 8nam 8^nollum Iaico8 allmittero, tarne?» -" incligeat; eewinnllo gnippe pvt68t ee>8 ante 8)'nollum conüuiere: guintnm llemnm, cavenllnm e88e Ir>>i8eupi8, ne 8ine vera et -zravi neee88itate Iaicv8 all 8vn»llum arc«88ant, pnullaiim enim pv88ent iili, enn8netnllini8 eilrtentn, ju8 intervenienlli 8ilri lleincep8 arro^are." 1) B-nedict XIV. bemerkt st. c. Ich. III, c. 12, 8- D, daß deßhalb, weil der Bischof allein in der Diö »sansynode llullex et I.eZisIatoe sey, die Zulassung ron Stellvertretern derjenigen, die nicht erscheinen sännen, für die Synode vvn keinem Nutzen sey „Vll tiaee, aut in prociiralurem eiigitur, gni aliax non e88vt Zz'nollo interkutu- ri»8; et hie pickest repelli tamgusn, extrsneus; aut eligitor, gui jam 8>iu juro 8)nollo inlervenit; el die eerte nun pvl68t unum coN8ilium 8vo, aüull st)8enti8 nomene, Lpi>co>io praetrero; eague >>roplvr inutile et 8upervaeaneum e8t, ut ali8enti8 guogoe per8vnam in Z^nocio peseseicket." 2) Hierycr gehöre z. B.. was Beuckict XIV. (I. c. Ich. IV, e. 1, 8- 4) sagt: evitanlla8 turl>a8 et prseeavenllu8 tumullo8, gui eerte lierent, 8i singulis lle dlleru venia llaretur reeiamanlli allver8u8 llecreta, guae in 8) null» promnl- ßantur, 8utet epücopus aiiguem c»n8tituere totius llleri prucuraturem, gui vmnium nomine, ea tame» gua llecet molleatia et reverentia llieat in 8^nollo, slleru llisplicent, gnaeguv ex Ü8, guse aut 8tatula aut 8tatuenlla 8unt, chilneilinra et asfiera villeantur; aimulgno mullum 8uxZerat, guo illa emolliri, Klerus uplaret: uinieia porru, guae nomine LIeri petierit, 8cripta trallat 8^nulli 8ecretsriu. 8 e' töricht Benediet von den 08tiarü, gui pra«8int Lccle8iae janui8 et Iaic>8 8>ne 8trep»tu ingre88um prolrilreant, et cum incipienlla e8t 8vnullu8, t-celexiae lure8 ul)8erent. 3) Waü besonders durch das Ablegen der prole88io llllei geschieht. 4i Es werden zu diesem Zwecke conse88arij aufgeilettt (I, e. 8-5) und eonciona- tore8; all noc electi, ut totins — „P iuö-Verein" sie jene nannte». Die sie an heh'rem Sonnen-Glänze Der Kirche zogen, daß der Chiistenheit Sie werd' das Banner bess'rer Zeit. Darum herbei zur wundersamen. Zur heh ren Pflanze, die im Garten Der Kirche Gottes wuchs. — „Es schaartcu »Um selbe sich in Gottes Namen „(Wird einst die Zukunft sagen) von nah und weit „Der Kirche Söhne und — errangen beff're Zeit." A. voll Lachemair. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen, Verlags »Inhaber; F. C. Kremer. Prei« i» Augsburg für sich allein (ohne A. Postzeitung) jährlich Ist. I»kr. Durch die Post kann dieses Wochenblatt nur von Abonnenten der Post- zeitung bezogen werden, und erhöht fich der Preis nach Verhältniß der Entfernung. Sonntags - Beiblatt zur Augsburger Postzeitung. Für fich allein, ohne die Augsburger Post» zeitung, find diese Blätter nur im Wege de« Buchhandels zu beziehen und kosten in ganz Deutschland, der Schweiz u.s. w. jährlich nur L fi. A«kr. oder I Thlr. Neunter Jahrgang. März 184S. Schreiben des Mainzer PiusvereineS, als Vorortes des katholischen Vereines Deutschland-, an unsern heiligen Vater Papst PinS LX. Heiligster Vater! WaS wir in unserm Schreiben vom 6. Oktober, worin wir Deiner Heiligkeit nach kindlicher Pflicht über unsern Verein Rechenschaft abgelegt, geahnet halten, daß nämlich die Wuth der Empörer selbst gegen Deine geheilige Person einen ruchlosen Plan im Schilde führe, ist leioer zu frühe eingetroffen. Nach göttlichen und menschlichen Gesetzen solltest Du, Heiligster Vater, als Nachfolger des Apostelfürsten Petrus, und als Fürst deö römischen Volkes, in Rom wohnen und regieren; aber Du mußtest, um Deine und der katholischen Kirche Freiheit zu retten, von Rom und den Römern fliehen, fliehen von dem geheiligten Grabe, von der ehrwürdigen Sckwelle Deines Vorfahren. ° Die ganze Welt war starr, als diese Nachricht überallhin sich verbreitete; denn schwerlich gibt eS einen Menschen, zu welcher Religion er auch immer sich bekennen mag, er müßte denn durch Partcihaß und blinde Verstocktheit besserer Gefühle ganz unfähig seyn, der nicht bei dem Namen PiuS IX. von Liebe und aufrichtiger Verehrung sich durchdrungen fühlte. Am meisten aber wurden durch diese Mißgeschicke Deiner Heiligkeit die Katholiken ergriffen, da sie eben so sehr durch die Gesetze und Einrichtungen ihrer heiligen Religion, als durch die Geschichte und Erfahrung so vieler Jahrhunderte hinlänglich unterrichtet sind, daß die Lage der katholischen Kirche von der Unversehrtheit und Sicherheit deS obersten Hirten der selben nie getrennt werden kann. Außerdem wissen wir Alle, wie innig die weltliche Oberherrschaft der römischen Päpste über den Kirchenstaat um der freien geistlichen Regierung der Kirche verknüpft ist, und baß eben deß halb die Vorsehung des allmächtigen GolteS den Nachfolgern des Apostel- fürsten daS Erbe des heiligen Petrus als weltlichen Staat überwiesen hat, damit sie, keiner irdischen Macht unterworfen, mit gleicher Gerechtigkeit und unbedingter Freiheit, wie eS dem Vater ver gesammlen Christenheit, dem Hirten der ganzen Heerbe des Herrn zukömmt, bei allen Fürsten und Völkern deS christlichen Erdkreises die göttlichen Gebote und die Gesetze und Rechte der Kirche schützen und aufrecht erhalten können. AuS diesem Grunde haben wir, Heiligster Vater, jenen gottlosen Aufstand in Rom, der Dich genölhiget hat, die Zügel der Regierung auf einige Zeit der Willkür verworfener und schlechter Menschen zu überlassen und ihrer Wuth nachzugeben, als ein allgemeines Unglück der ganzen christlichen Welt schmerzlich beklagt. In dieser Wehmulh hätte uns die sichere Hoffnung einigermaaßen aufrichten können, daß diese entsetzliche Verwirrung aller Verhältnisse in Rom nicht von langer Dauer seyn werde; denn wer härte glauben mögen, daß der Haufe jener Verrälher, die alles Heilige und Profane mit blinder Wuth durcheinander werfen, ihren Wahnsinn längere Zeit fortsetzen könnten, besonders da Alles, waS die römischen Päpste betrifft, ganz offenbar unter einer besondern und außerordentlichen Leitung der göttlichen Vorsehung steht. DaS aber hat uns besonders mit dem höchsten Schmerze und wahrhaft mit Trostlosigkeit erfüllt, daß die Umstände unter denen, und die Personen durch welche Dir, Heiligster Vater, diese Widerwärtigkeiten bereitet wurden, der Art sind, daß dadurch Dein väterliches Herz auf das Tiefste verwundet werden mußte. Denn nicht von Fremdlingen, o Heiligster Vater, nicht von den Feinden der katholischen Kirche, der Du durch Dein Ansehen und Deine Tugenden vorleuchtest, nicht von Ungläubigen und Heiden hast Du diese Unbild eifahrcn. Solches wäre gering zu achten und leicht erträglich dem obersten Hirten, der unter seinen Vorfahren so viele Märtyrer zählt, die von den Ungläubigen theils gelobtet, theils verfolgt wor-- dcn sind. Leider sind eS aber die Römer selbst, welche Dich so sehr mißhandelt, die Römer, denen von der. göttlicken Vorsehung und von allen Gläubigen des Erdkreises die Beschämung deS obersten LcilerS der ganzen Kirche anvertraut ist; die Römer, deren höchste Ehre und Zierde gerade darin besteht, daß in ihrer Mitte der Statthalter Christi sich niedergelassen, ein Vorzug, um welchen, wenn eS die Religion gestaltete, alle Völker sie beneiden möchten; die Römer, die'Du,v Heiligster Vater, durch so viele Beweise Deiner Liebe, durch so viele Wohlthaten, durch so viele Zeugnisse Deines höchstens Vertrauens, durch so viele freisinnige Gesetz«: und Einrichtungen, durch die vollkommenste Amnestie vieler Strafbaren und Verbrecher ausgezeichnet und beglückt hattest; die Römer endlich, die noch vor Kurzem Lurch endloses Zujauchzen, durchVzZestzüge, durch Segenswünsche und selbst durch Eitschrvüre erklärt Hatley, daß ihre Treue gegen Dich durch nichts erschüttert werden könne, ihre Liebe zu Dir ewig dauern werbe. O deS jammervollen UnbestandeS der Menschen! O abscheuliche Undankbarkeit! O deS bittern Schmerzes des lösten Vaters und Fürsten! Nach der Erstarrung, in welche-wir durch die Nachricht von diesen höchst traurigen Ereignissen versitzt wurden, haben wir bei unS erwogen, ob wir durch irgend etwas den gerechten Kummer Deiner Heiligkeit lindern könnten, als einstimmig aus allen Gegenden Deutschlands an unS, den dermaligen Vorort deS kalichlischen VereineS Deutschlands, die Auf- soioeiüng erging, vaß wir Deiner Heiügten im Namen aller Mitgiierer aller Emzel-Vereine rie Gesühl^und Empfindungen ausdrücken sollten, von denen ein jedes wahrhaft katholische Herz bei jener Nachricht auf das Tiefste ergriffen und durchdrungen wurde. Indem wir diesem Auftrage andurch nachkommen und Dir, Heiligster Vater, die Versicherung auSsprechen, daß wir mit kindlicher Liebe Deine Leiden mit Dir theilen und das von Deinen Unterthanen an Dir begangene Verbrechen ausi daS Innigste verabscheuen; fügen wir zugleich die Erklärung hinzu, daß wir durch den Anblick Deiner schweren Trübsale nicht entfernt in unserm Glauben erschüttert werden. Wissen wir ja doch, daß Du auch dazu gesetzt bist, in dieser so stürmischen Zeit das Geschick der Kirche an Deinem eigene» Geschicke darzustellen, und daß Du auch in d e m Sinne Stellvertreter Christi bist, daß Du die leider! zu sehr überhandge- nominellen Sünden deS christlichen Volkes auf Deine Schultern nehmen und durch Deine Trübsale sühnen sollst. Sicher wirb der Tag einst kommen, an welchem der Erdkreis Deine feierliche Rückkehr in Deine Stadt mit Jubel vernehmen wird; und sollte wider Erwarten der'anbetungswürdige Rathschluß Gottes Liesen Tag verzögern, vielleicht in der Absicht, Laß auch die auswärtigen Völker Deiner Ankunft, Deiner Gegenwart sich erfreuen können, dann, heiligster Vater, wolle doch nicht an Deinen Söhnen in Deutschland vorübergehen. Gewiß, wir haben eS nicht vergessen, wie durch viele Jahrhunderte der Name der Römer mit dem deutschen Reiche so innig verknüpft war; und obgleich durch die Unbilo der Zeiten es dahin gekommen, daß die Fürsten in unserm Valerlande nicht mehr dem ehrenvollen Amte als Schutzherren der römischen Kirche nachkommen können, so hat doch die Ehrfurcht und Liebe gegen den heiligen Stuhl und die römischen Päpste in den Herzen der Gläubigen nicht abgenommen. Mit welch' unaussprechlicher Freude würden wir Dich, o Pins IX., o geliebtester und liebenswürdigster Vater und Hirte, aufnehmen! Schon jetzt, bey dem bloßen Gedanken an die Möglichkeit einer solchen Reise, eilet Dir unsere ganze Seele entgegen, sehnsuchtsvoll strecken wir die Arme nach Dir auS und haben kein höheres Verlangen, als daß eS unS vergönnt seyn möchte, Dir durch die That zu beweisen, daß der Nachfolger deS heiligen Petrus, daß vorab unser PiuS IX., wohin immer er auf der weiten Welt seinen Fuß richten mag, allüberall treue und gehorsame Söhne und Römer findet. Unterdessen werden wir täglich, wie auch alle Bischöfe Deutschlands t. 34 eS angeordnet haben, andächtig zum Himmel flehen, daß Deine durch die Arglist treuloser Menschen verführten Unterthanen endlich zur Besinnung kommen, daß Dir dadurch eine glückliche und frohe Rückkehr bereitet werde, und daß Du noch viele, viele Jahre hindurch von dem apostolischen Stuhle herab über den Erdkreis und die ewige Stadt Glück und Frieden und Segen spenden mögest. Gedenke bei Deinem Segen, wir flehen darum, auch an unS, den dermaligen Vorort deö katholischen Vereines Deutschlands, segne alle Mitglieder dieses Vereines! Zu Deinen Füßen niedergeworfen empfehlen wir eben so inständig als ehrfurchtsvoll Deinen heiligen Gebeten unser deutsches Vaterland, die Lage der katholischen Kirche in Deutschland, un fern katholischen Verein und schließlich unS selbst, Deiner Heiligkeit unter- thänigste und treueste Söhne und Diener, der Vorstand des dermaligen VororlS des katholischen Vereines Deutschlands. Mainz, 20 Dec. 1848. Die Priester der Wiener Erzdiöcese an Se. Heiligkeit Pins »X.. Heiligster Vater! Die Zuchtruthe der göttliche» Gerechtigkeit ist wach worden über den Nationen und die strafende Hand des Herrn ist ausgestreckt wider sie, weil sie eS versäumt haben, Ihm zu dienen im Glauben und heiliger Furcht und verschmäht haben, sich zu erkennen allcsammt als ein Eines und einiges Volk in Seiner heiligen Kirche. Den blinden Heiden gleich wissen sie in der Eitelkeit ihres Sinnes nur von den Göttern des Landes, indem sie geboren sind, und haben sie schmählich zerrissen daS Band der geistigen Wiedergeburt, das sie in Einheit umschlungen hat; sie sind abgeirrt von dem Wege, der zum Heile führt, von der Wahrheit, die den Frieden bringt, von dem Einen Leben, das Alle belebt in Einem Geiste; denn sie haben Christus verläugnet, welcher der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Nicht erfassen sie sich als das auserwählte Geschlecht, das königliche Priesterthum, das heilige Volk, das erworbene Volk, auf daß sie die Tugenden Desjenigen verkünden, der aus der Finsterniß in Sein wunderbares Licht unS berufen hat. (i. Petr. 2, 9.) Und weil der Glaube klein geworden und die Verkehrtheit überhand genommen, ist auch die Liebe erkaltet und der Friede verschwunden, und haßerfüllt und feindselig stehen unter dem welterschütternten Rufe: „Volk gegen Volk" in gräßlicher Fehde die Nationen sich gegenüber. In diesen traurigen Kampf wollte die Verkehrtheit auch Dich verwickeln, heiligster Vater! Und bei der Würde und Stellung, wornach Du der Stellvertreter des Zeichens bist, dem widersprochen werden wird, stürmten Widerwärtigkeiten auf Dich ein, über die wir aus tiefstem Herzen mit Dir sowohl trauern, als leiden. Dennoch verzagen wir nicht. Denn obgleich die göttliche Vorsehung eS zugegeben, daß die Leiden der Kirche in Deinem Leben sich ganz besonders darstellen und gleichsam, wie die Wunden des Heilandes, sich abspiegeln, so hat sie doch weder Dich, noch uns ohne Hoffnung gelassen. Denn wir haben eine feste prophetische Rede, daß die heilige Kirche Gottes eben durch Kampf und Trübsal ihrem Triumphe entgegeneilt. In ihr wirst auch Du siegen mit dem Zeichen des Kreuzes, das Du, wie der Heiland, demüthig und sanftmüthig auf Deinen Schultern trägst. Ja Du hast schon gesiegt. Dem nachfolgend, der Dich zu seinem Stellvertreter auf Erden berufen, bist Du auf den Kampfplatz getreten, und ob auch die Mächte der Finsterniß alle Gewalt brauchten und List auf List, Trug auf Trug häuften, bist Du doch als Sieger aus dem Kampfe hervorgegangen. Dieß aber ist Dein Sieg, den Du errungen — Deine Liebe, mit welcher Du alle Gläubigen Christi, die Glieder der ganzen Kirche umfassest; Deine Liebe, die dem Hasse weder Raum gibt, noch dienen mag; jene heilige Liebe, die im Leben des ErlöserS leuchtet und die Welt im Dulten und Leiden überwindet, ist Dein überaus herrlicher Sieg. Während wir daher bei der Treue, die als Deine Söhne an Dich rinS bindet, nicht umhin können, zu trauern mit Dir, freuen wir unS zugleich, den Sieg schauen zu dürfen, den Du errungen hast. Möge daher dieses erste freie Wort der Liebe, daS unS zu sprechen vergönnt, den Weg finden zu Deinem Herzen, und wenigstens mit einigem Trost es erfüllen, indem eS Dir Zeugniß gibt, daß wir Deine treuen Söhne geblieben. Denn — konnte zwar geraume Zeit hindurch in unsern Landen der freie Verkehr gehemmt werden, durch welchen Priester und Gläubige Gemeinschaft pflegen mit ihrem Haupte, dem Stellvertreter Christi, so konnte es doch unserm Herzen nicht verwehrt werden, seinem Zuge nach jenem heiligen Sitze zu folgen, von Dem die Einheit ausgeht. Weder Mißgunst, noch Bosheit noch List und Schlauheit der Feinde deS heiligen Primates der Kirche konnte unsere treue Liebe zu Dir, Vater der Väter! bisher vermindern. Eben so werden aber auch keine Künste, von wem immer sie ausgehen, und keine Hindernisse, von wem immer sie uns in den Weg gelegt werden mögen, ein Hemmniß für unsere kirchlichen Bemühungen seyn. Wohin Du immer, heiligster Vater, Deine Schritte lenken mögest, werden unsere Herzen Dir folgen. WaS immer die göttliche Vorsehung mit Dir verfügen und wohin immer sie Dich rufen mag, wirst Du im Geiste uns mit Dir haben. Und jeden Tag, den der Herr der Ewigkeit unS erleben läßt, bitten und beschwören wir Ihn, der da ist der Vater der Barmherzigkeit und der Gott allen Trostes, daß Sein Joch Dir sanft, und Seine Bürde Dir leicht werde, und daß Er die Kraft von Oben Dir ertheile, der Du auch unsere Stärkung bist, weil wir, wie die Glieder mit dem Haupte Dir verbunden sind. ES stärke und wird uns stärken jenes erhabene Wort, das Du in Deinem Leben sowohl ausprägst, als predigst: „Der Schüler ist nicht über den Meister." (Match. 10, 24.) Und: .Haben sie Mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen." (Joh. 15, 20.) Daher werden wir nicht minder in der Trauer als in der Freude, sowohl in Nöthen und Trübsalen, als im erwünschten Frieden der Kirche, indem wir jene Gelöbnisse der Treue und des Gehorsams, welche die zu Würzburg versammelten Bischöfe dem heiligen Stuhle abgelegt haben, zu den unsrigen machen, unerschütterlich an dem nothwendigen Mittelpuncte der kirchlichen Einheit festhalten und sowohl jeder für sich, als in Vereinigung mit den Gläubigen zum Erhalter und Lenker der Kirche ohne Unterlaß beten: „Der Herr erhalte Dich und verleihe Dir Leben und Heil auf Erben und übergebe Dich nicht in die Hände Deiner Feinte." Zu Deinen Füßen knieend, flehen wir endlich, heiligster Vater, nach der Fülle Deiner zärtlichen Liebe sowohl für unS, als für die Gläubigen in Demuth um Deinen väterliche» Segen. Wien in Oesterreich, am Feste der heiligen Jungfrau Scholastik«, im Jahre deS Heils Eintausend achthundert vierzig und neun. (Folgen die Unterschriften.) Da- neue Goldland und das Christenthum. Neu-OrleanS, 3. Dec. Das Goldland Californien ist, wie Sie sich denken können, auch bei unS das dritte Wort, und Tausende sind bereits aufgebrochen, um in jenem fernen Lande sich Reichthümer auf eine leichte Weise zu sammeln. Unsere Uankees achten die Beschwerden der langen Reise für nichts und die Gefahren, welche das Klima von Califor- nien ihnen darbieten könnte, verspotten sie. Doch nicht mir NativeS aus der Union, sondern auch Einwanderer aus Europa ziehen in großen Karawanen nach dem Eldorado von Californien, und besonders sind es englische und irische Emigranten, welche heute den geldgierigen Spaniern unter Cortez und Pizarro nachahmen. Auch Franzosen und Deutsche werden noch erwartet, dürften aber wohl zu spät ankommen und eine Beute gewissenloser Agenten und Entrepreneurs werden. Die Berge und Thäler Cali- fornienS werden erstaunen über die bunte Gesellschaft, welche sich dort zusammenfindet, und eS ist ein Glück für das Land, daß es keine dichte Bevölkerung besitzt, die unfehlbar durch die Laster und Ausschweifungen der Goldsucher in kurzer Zeit geistig und leiblich zu Grunde gehen müßte. Allein auch die wenigen Ureinwohner, von denen bekanntlich eine nicht geringe Anzahl von den Vatern des heiligen FranciscuS zum Christenthume bekehrt und in festen Wohnsitzen, den bekannten Redactionen von Californien, vereinigt wurden, sind allen Gefahren und dem Verderben der Civilisation preisgegeben; denn daß diese Reduktionen, die ohnedieß in der jüngsten Zeit schon zurückgekommen waren, da die früheren Unterstützungen von Seiten der spanischen Krone seit der Unabhängigkeilserklärung der spanischen Colonien in Amerika in Wegfall gekommen und die republicanische Regierung von Merico den von Allem entblößten Franciscanern höchst großmüthig im Laufe der Jahre ein oder zweimal eine Schiffsladung voll Cigarren zukommen ließ, — daß diese Redactionen durch die Goldsucher und ihre keine Gränzen kennende Habsucht vollends den Todesstoß erleiden werden, ist nach den neuesten Nachrichten so gut als gewiß. Doch weiß Gott immerdar Alles zum Besten zu lenken, und Cali- formen wird dereinst in der Geschichte der Missionen ganz gewiß eine nicht minder bedeutende Rolle spielen, als in der Handelsgeschichte. Schauen I Sie nur einmal auf die Karte von Amerika und lassen Sie Ihre Blicke hinüberschweifen über den großen Ocean, der CalifornienS Küsten bespült, und Sie werden selbst sagen müssen, daß dieses Land der Schlüssel zu China und Japan ist, daß Monterey und Sän Franciöco so recht als l 35 MissionSstapelplätze, wenn ich mich dieses Ausdruckes bedienen darf, sich darstellen. Die armen Seelen, die da ihre Seligkeit auf den Besitz deS gelben Metalles gründen und sich nur in zeitliches und ewiges Elend stürzen, arbeiten, ohne eS zu ahnen, der Kirche rüstig entgegen, denn bald wird der amerikanische SpeculationSgeist die ferne Westküste Californiens mit den östlichen Staaten durch Schienenwege verbinden und ein Haupt- Hinderniß, daS sich bis jetzt der Christianistrung Californiens entgegenstellte, die weite Entfernung und die unsichere, höchst kostspielige Verbindung mit den bevolkerteren Landstrichen werden verschwinden, so wie auch die dünne Bevölkerung, schneller als man eS zu ahnen vermag, sich bedeutend vermehren wird. Freilich müssen die gesellschaftlichen Verhältnisse Californiens sich erst consolidiren und geregelt werden, denn jetzt geht eS dort nicht viel besser zu als in einem Lande, in welchem man eines schönen Tages alle Zucht- und Correctionshäuser auf einmal geöffnet und den bisherigen Insassen vollkommene Freiheit gegeben, ihre bisherigen Gaunereien und Schlechtigkeiten und alle ihre Lieblingslaster nach Gefallen auszuüben. Doch wird der Congreß schon dafür sorgen, daß daS für die Union so wichtige Land der habsüchtigen Spcculationswuth entrückt und die Zustände desselben gesetzmäßig geregelt werden. Ist dieß einmal geschehen, und es wird zuversichtlich bald geschehen, dann darf die Kirche nicht säumen, von dem so günstig gelegenen Lande Besitz zu ergreifen, ja sie muß schon jetzt ihre Vorposten dort aufstellen und vor Allein darauf bedacht seyn, die oben-erwähnten Reduktionen vor der Hand zu erhalten. ES haben einzelne Priester sich auch schon entschlossen, den californischen Goldsuchern zu folgen, nicht um den glänzenden Mammon mit ihnen zu theilen, sondern die Schätze des Himmels ihnen nachzutragen und den armen verblendeten Leuten, wenn sie, vorn Fieber und den Leidenschaften verzehrt, ihre unglückselige Gewinnsucht verwünschen, die Tröstungen und Heilmittel der Religion liebreich anzubieten. Auch die wenigen Eingeborenen spanischer Abkunft, so wie nicht minder die in verschiedene Stämme getheilten Indianer werden sich der verdoppelten Sorgfalt der Kirche zu erfreuen haben. Hat diese aber einmal einiges Terrain in Californien gewonnen, so wird es, bei der vollkommenen Religionsfreiheit in den vereinigten Staaten, gar keine Mühe kosten, in Californien etwa zu Monterey oder zu Sän Franciseo einen Bischofssitz zu errichten. Besonders dürfte sich Sän Carlos de Monterey zu einem solchen eignen, da eS als Hauptort des Landes an der Bay von Monterey eine äußerst günstige Lage besitzt und die dort herrschende Luft wegen der nahen Bergkette von Santa Lucia sehr gesund ist. Auch Sän Franciseo, jetzt wie Monterey freilich nur ein elendes Dorf, besitzt einen schönen Hafen, von welchem auS die Missionäre in verhältnißmäßig kurzer Zeit nach China kommen können, wenn einmal erst die Communicalion zwischen Californien und unseren östlichen Staaten hergestellt seyn wird. China selbst wird dem so mächtig nach Westen gerichteten Dränge der Amerikaner noch weniger Widerstand leisten können, als es den englischen Waffen und Flotten zu widerstehen vermochte. Jede Concession aber, die das Reich der Mitte der alle Schranken umstoßenden und alle Mauern übersteigenden Handels- thätigkeit zu machen sich gezwungen sieht, wird und muß zugleich der Ausbreitung des Christenthumes zum Vortheile gereichen, wie eS der englisch-chinesische Krieg zur Genüge bewiesen, selbst dann noch, wenn, wie gewöhnlich, die mercantilischcn Interessen dem Christenthume nicht eben hold sind. Noch ein Reich aber liegt Californien gegenüber, welches die Blicke der Missionäre schon so oft und roch bis jetzt stets vergeblich aufgesucht, Japan, daS mit Neucalifornien genau unter einer Breite liegt und auf welches die UankeeS nächstens ihre Aufmerksamkeit richten werden, was so viel heißt, als jenes Jnselreich dahin zu bringen, daß es mit ihnen in nähere Verbindung tritt. Vielleicht kommen die Allengländer dem Bruder Jonalhan zuvor, aber gleichviel: auch für Japan hat die Stunde geschla gen, in welcher daS Kreuz wieder glänzen wird über den Gräbern eines heiligen Märtyrervolkes. Und von Californien auS, daS viel günstiger gelegen als Oregon und auch wegen seines Metallreichthumes weit eher durch Eisenbahnen, Landstraßen und Canäle mit der Union verbunden seyn Wird als dieses, von Californien aus werden die neuen Apostel Japans und deS noch größtenteils verschlossenen und doch so dicht bevölkerten Osten von Asiens ausgehen und das Werk des heiligen Franz Laser vollenden, vielleicht zu einer Zeit, wo es in der alten Hcimath des Christenthumes den Gottlosen und Atheisten gelungen seyn wird, die Religion des Kreuzes zu verdrängen. (Katholik.) Säcularfeier des Benedictinerstiftes Raygern. Aus Mäbren im Januar. Raygern und sein achtes S ä- culum. DaS Benedictinerklosterstift zu Raygern in Mähren hat am 26. November 1848 daS achte Jahrhundert seiner Einweihe durch den Präger Bischof SeveruS zurückgelegt. Es war daher natürlich, daß in den Bewohnern dieses Stiftes der Gedanke auftauchte, feierlich zu begehen daS Andenken dieses hochwichtigen Momentes. Der allgeliebte Abt Victor Schlosser, welcher bei der Sorge um daS zeitliche Wohl deS Hauses stets sich gegenwärtig hält die Worte deS heiligen AugnstinnS: „Ut in omnilms glarilwvtur Heus"— setzte, nach genommener Rücksprache mit seinen Conven- tualen, den 19. Sonntag nach Pfingsten (22. Oktober) als den zur Eröffnung der Feier geeignetsten Tag fest; also zu einer Zeit, wo Oesterreichs politischer Himmel zwar umflort, aber noch nicht verfinstert, noch nickt mit Blitzen und Feuersäulen gefüllt war. Der heilige Vater PinS IX. bewilligte zur Verherrlichung des Festes einen vollkommenen Ablaß für Alle, welche nach erfüllten Bekingnngcn während der Octav die Stiftskirche besuchen würden, die Namen der Pontificanten und Festredner waren schon aufgezeichnet — kurz alle die nöthigen Anstalten besprochen. Da geschahen am 6. October die bekannten Gräuelscenen in Wien, — LatourS Blut befleckte auf immer der Residenzstadt geschichtliche Blätter, sie sah Bürger- blut und verlor die Besinnung. Die Provinzen erblaßten ob der ruchlosen That, und mehr als Eine schien daS Gleichgewicht zu verlieren; Wühler jeder Art und Gattung mehrten durch unzcitige Reden den Schrecken, schüchterten die Gutgesinnten ein und gaben Muth den Tollen. O schrecklich waren die Oclobertage, schrecklich für Jeden, dem Recht und Tugend kein leerer Schall! — Wie, und in den Tagen deS Schreckens sollte Raygern ein Fest begehen? — sprach man ja frei und offen von der Schmach deS souveränen Volkes, daS noch Klöster duldet, theilte ja aus Flugschriften voll schändlicher Lügen gegen Bischöfe und Priester! — Wie zur Zeit deS FaustrecktcS mußten die Klosterpforten verwahrt und bewacht werden, um nicht unvorbereitet vom losen, räuberischen Gesinde! überfallen zu werden — und dieß in einem katholischen Staate! — war da also noch eine Möglichkeit an ein Fest zu denken, wo die persönliche Existenz und Sicherheit so gefährdet war? — Allerdings: „Solle BretiSlaw'S Stiftung durch gottlose Hände fallen — wohlan denn, so möge sie würdig fallen" — so sprachen die Mönche, und weder der Kanonendonner, noch daS Sturmgeläute des nahen Brünn, noch der Aufruf zum Landstürme und die Züge der Proletarier hielten sie ab, den einmal gefaßten Entschluß zu verwirklichen. Es war ihnen ja nicht um weltlichen Pomp zu thun, nur ihrem Dränge, Gott zu danken, wollten sie Genüge thun. Eröffnet ward daS Fest den 21. mit einer solennen Vesper.- O wie ganz anders klang damals das „veus in scljutoriurn" in der hell umstrahlten bräutlich geschmückten Stiftskirche, wie ernst tönte das „Uonlitoor" durch die weite» Hallen, wie herzbrechend das „Vv grokuixIiZ." Man fühlte GotteS Nähe, sah sein unmittelbares Walten, die eigene Nichtigkeit — daS Grab geöffnet. Am Montage las der Brünner Bischof unter Assistenz seines Capitels daS Hochamt, das päpstliche Ablaßbreve ward öffentlich vorgelesen und eine ergreifende Rede von einem benachbarten, würdigen Pfarrer gehalten. Die Kirche war zwar zahlreich besucht, aber keineswegs in der Art, wie eS sonst bei andern minder wichtigen Gelegenheiten zu geschehen pflegte. Und wie gering war die Zahl Derer, welche durch die heilige Commuiiion ihren Willen, den Ablaß zu gewinnen, kundgaben? Mit vollem Rechte schloß man auf die Theilnamlosigkeit der Gläubigen. Auch der zweite Tag ging still vorüber; aber am dritten, vierten und den nachfolgenden, da konnte die Stiftskirche, eine der größten in Mähren, nicht mehr fassen die herbeiströmende Menge. Was bewirkte diese plötzliche Umwandlung? — der Eifer der nachbarlichen Seelsorger. Die sprachen kräftige Worte zu ihren Gemeinden, erklärten ihnen die Bedeutung deS Festes, die Zeichen der Zeit, die Nothwendigkeit deS innigsten AnschlnsseS an den Weltenlenker. Unabsehbare Schaaren pilgerten unter frommen Gesängen zur Klosterpforte, als wären sie mitten im Frieden. Junge Priester, ganz und gar ergeben ihrem Volke und dessen Heile, betraten ohne Vorbereitung die Kanzel — (denn man bestellte keine Prediger, weil man der Zeit nicht traute) — und sprachen so herrlich, wie dieß nur ein begeistertes, rein religiöses Gemüth zu thun im Stande ist. Sie mußten gehoben werden diese Redner, als sie sahen, wie ihr Volk, an dem man bereits zu zweifeln anfing, sich so empfänglich zeigt für daS allein Wahre — für Gott und Vaterland. Und fast könnte man behaupten, daß diese so angeregte religiöse Stimmung daS mächtigste Hinderniß Allen wurde, die im Solde der Umsturzpartei RaygernS Anwohner zum Landstürme gegen die k. k. Truppen, die gegen Wien zogen, bewegen wollten. Auch nicht Ein Mann folgte ihrem tollen Rufe; man vertrieb vielmehr die Wühler und bewahrte die Treue gegen daS angestammte, heißgeliebte Herrscherhaus. — Beendet ward daS Fest nach achr Tagen durch ein Ponnficalamt des HauSabteS Victor, welcher die hohe Freude hatte, zu sehen, wie Tausende, dem Rufe der heiligen Kirche folgend, die Bedingungen zur Gewinnung deS vollkommenen Ablasseö erfüllten, wie sie gestärkt die Worte deS Heiles in ihre Heimath brachten, 36 wie sie durch die Theilnahme am Feste deutlich auSsprachen, daß sie die Klöster und die religiösen Orden nicht als eine Schmach veS souveränen Volkes, sondern als von der Kirche approbirte, ihre Zwecke fördernde Institute ansehen, die der allgemeinen Achtung sich um so mehr erfreuen werden, je mehr sie die Bedürfnisse der Zeit und ihrer Aufgabe auffassen. — Und darum, lasset nur spotten und mit schalem Witze besudeln die Klöster und ihre Bewohner: ist eS diesen Ernst mit ihrem Berufe, so werden sie um so fester an ihrer Regel hängen und sich freuen, daß ihnen Gelegenheit ward, durch die That zu beweisen, daß sie der Welt und ihren Freuden abgestorben. (Katholik.) Proselyten zu machen, als sie nur immer wollen; sie dürfen bei uns zu ihrer Reise in den Himmel diejenige Landstraße wählen, die ihnen am besten gefällt, wenn sie nur überall den gesetzmäßigen Zoll bezahlen. Wir lieben die Jesuiten, wir bewundern die Jesuiten, wir ehren die Jesuiten und das alles nicht wegen ihrer schlechten Eigen« schaften, und wegen ihrer schlechten Tendenzen, sondern wegen ihrer Wissenschaft, ihrer geistigen Bildung, und wegen der Kühnheit in ihren Unternehmungen zur Verbreitung des Unterrichtes. Wir machen bei unS keinen Unterschied unter den verschiedenen religiösen Secten, alle finden bei uns Friede und Duldung." Belgische Zustände. Belgien (Lüttich). Während ringS um unS, und in fast allen Ländern von Europa die heftigste politische und sociale Aufregung, Aufstand, Krieg und blutiges Unheil herrschen, genießt unser schönes, gesegnetes Belgien einer inneren Ruhe und Sicherheit, wie man sich derselben kaum seit einem Jahrhundert zu erinnern weiß. In Belgien werden durch königliche Verordnungen Kirchen und geistliche Orden für Wohlthätigkeit, der Verein der christlichen Liebe zu Antwerpen, das HauS zum guten Hirten für die Pflege entlassener Verbrecher zu Namur, der Verein der Frauen der Barmherzigkeit zu Brüssel, freigebig unterstützt: in Belgien werden Kirchen gebaut, und mit großer Pracht eingeweiht, und dabei deS Segens und des Schutzes der göttlichen Vorsehung mit freudiger Dankbarkeit gedacht: in Belgien befiehl ein gesetzliches und geregeltes Einvernehmen zwischen Regierung und Unterthanen, und freundlicher Verkehr so zwischen Privaten, wie zwischen den Beamten deS StaateS, der Gemeinden und der Kirche. Dieses freundliche Bild von den belgischen Zuständen zeigte sich besonders neulich in Lüttich bei Gelegenheit der am 27. November mit ungewöhnlicher Feierlichkeit vollzogenen Consecration der neuen Pfarrkirche St. Veronica durch den hochwürdigsten Herrn Bischof van Bommel. Die Anwesenheit hoher Staatsbeamten, so wie der Provincial- und Gemeindebehörden und einer »»gemein zahlreichen Geistlichkeit verherrlichte das Fest, bei welchem der hochwürdigste Herr Bischof in seiner gewohnten und beredten Weise zu wiederholten Malen Worte der Erbauung, der Ermunterung und des DankeS an die verschiedenen Stände der Anwesenden richtete. Die lautlose Stille, mit welcher allemal diese Worte von der so lebhaften und beweglichen Bevölkerung von Lüttich angehört wurden, gab Zeugniß von der hohen Theilnahme, mit welcher dieselben vernommen wurde». Am höchsten stieg diese Theilnahme, als der Bischof zuletzt mit feierlich erhobener Stimme verkündigte, daß er daS Fest mit dem Gebete für den König beschließen wolle, weßhalb er alle Anwesenden auffordere, ihr Gebet mit dem Seinigen zu vereinigen, um den Segen GotteS für den vielgeliebten Herrscher, für das königliche HauS, und für ganz Belgien zu erflehen. „Möge unser schönes Land fort und fort sich jenes besonderen Schutzes der Vorsehung erfreuen, der unS vor all jenen Un g l ü cks fä l le n und Umwälzungen bewahre) hat, dergleichen wir mit Schrecken auS so manchen andern Gegenden erfahren haben!" Dieß waren die Schlußworte der Anrede am Ende deS Festes, welches um halb 8 Uhr begonnen hatte, und mit Einschluß des PontificalamteS bis 1 Uhr Mittags dauerte. DaS folgende Festmahl im Pfarrhause war ein Verein deS heitersten Frohsinns und der aufrichtigsten Herzlichkeit. (Sion.) Nordamerika. Vereinigte Staaten. Der „New-Aork Herald," ein protestantisches Journal, schrieb ohnlängst: „Wie wir erfahren, sind sieben oder acht Jesuiten cu.S dem Kloster zu Freiburg in der Schweiz mit dem letzten französischen Dampfboot in New Aork angekommen. Dem Vernehmen nach haben andere Fahrzeuge eine noch größere Anzahl von Priestern aus dcm- selbigen Orden herüber gebracht. Ueberhaupt haben wir in den sechs letzten Monaten eine größere Anzahl von Priestern auS Europa erhalten, als in vielen früheren Jahren zusammengenommen. Die Jesuiten, so wie andere, sowohl protestantische, wie katholische Geistliche, welche man in Europa um ihrer religiösen Meinungen willen verfolgt, thun recht daran, daß sie zu unS kommen; in unserem Lande steht cS ihnen frei, so viele Robert Blum. Wir haben die endliche Bekehrung deS in den RongeanismuS und rothen RepublicaniSmuS verirrten Robert Blum nach Fr. HurterS verläßlichem Zeugnisse vor einiger Zeit in der Postzeitung berichtet. Nun tritt der schon öfter genannte Gratzer Rongeaner Scholl in seinen Sonntagsblättern mit der ganzen Kraft seiner Sophistik auf, um den unglücklichen Blum auch in seinem Tode noch als Märtyrer und Helden dem Nongethum zu retten; „denn es gilt daS Bild unsers Todten rein zu halten von pfäffischer Entstellung, rein zu waschen von pfäffischen Verdächtigungen und Verleumdungen, mit welchen dieselben, die ihn im Leben gehaßt, selbst den Todten jetzt nicht verschont lassen." Man sollte nach solchem Anlaufe erwarten, Scholl werde authentische Documente vorlegen, auS denen unwidersprechlich sich zeigte, Blum sey als Rongeaner gestorben. Allein dem ist nicht so; die ganze Beweisführung besteht vielmehr in einem anonymen Artikel aus der „Jllustrirten Zeitung" von Leipüg, der durch vierte Hand den Schottenbenedictiner P. Raimund als Quelle angibt. Wir wollen über die Verläßlichkeit der erwähnten Zeitung nicht rechten, sondern theilen nur zur Bestätigung der Hurter'schen Angaben und zur vollkommenen Widerlegung aller gegentheiligen Berichte «katholischer Blätter folgenden Erlaß des fürstbischöflichen Consistoriums in Wien mit. Dieser lautet: „In Folge des anher gestellten Gesuches vom 10. dieses Monats wurde der Curat an der hiesigen StiftSpfarre zu den Schotten, P. Raimund Schwedler, welcher dem Robert Blum in seinen letzten Lebensstunden die Tröstungen der Religion zu spenden berufen war, über die in Frage gestellte Versöhnung desselben mit Gott und seiner heiligen Kirche einvernommen. Die von diesem Priester abgegebene Erklärung bestätiget, daß Robert Blum, welcher sich schon bei dem Verhöre als Katholik angegeben hatte, den ihm gemachten Ermahnungen und Belehrungen in sein Herz, welches über daS unerwartete Ende, insbesondere aber wegen des Schicksals seiner Gattin und seiner Kinder sehr bekümmert war, Eingang gewährt, und, nachdem mit GotteS Gnade bei der Erinnerung an seine Mutter und ihre Lehren der alte Glaube in ihm erwacht war, auch daS Sündenbe- kenntniß abgelegt und die heilige Wegzehrung mit sichtbarer Rührung und Andacht empfangen habe. Zuletzt dankte er diesem Priester für die gespendeten Tröstungen der Religion und starb mit den Worten: „„Vater in deine Hände empfehle ich meinen Geist."" Wien, den 27. Januar 1849. FürsterzbischöflicheS Konsistorium: Matthias Pillitzer, Bischof von Telmäse in pari., Generalvicar. Leopold Eikelhart, Kanzleidirector." Piusvereine. Trier, 12. Januar. Unser PiuSverein, der so klein und unscheinbar begonnen, ist in einem sehr erfreulichen Wachsthume begriffen. Er zählt gegenwärtig etwa 560 Mitglieder. Wir sind der festen Ueberzeugung, daß daS Wachsthum und Gedeihen deS VereinS davon abhängt, daß er als solcher keiner politischen Partei sich anschließt, als solcher keinerlei politische Bestrebungen unterstützt, sondern lediglich die Wahrung der religiösen Freiheit und die Hebung der socialen Zustände durch die vom Christenthum und der katholischen Kirche gebotenen Mittel als einziges und Hauptziel im Auge behält, und dadurch einem Jeden, zu welcher politischen Farbe er sich auch bekennen mag, wenn er nur anders ein wahrer und warmer Katholik ist, den Eintritt ermöglicht. (Ist auch die Ansicht des AugSburger PiuSvereines.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. K-'^r« ^ »7 . -7 '^->^» 7 «»^»/.^ H> Preis io AvgSburg für sich allein (ohne A. PostzeitungMhrlich Ist. Istkr. Dur» , die Post kaun diese« Wochenblatt nur von Abonnenten der Post- zeitung bezogen werden, und erhöht fich der Preis nach Verhältniß der Entfernung Sonntags - Beiblatt zur Augsburger Postzeitung. Für fich allein, ohnL die Augsburger Post- zeitung, find diese Blätter nur im Wege de« Buchhandels zu beziehen und kosten in ganz Deutschland, der Schweiz u. s. w. jähr«, lich nur I st. SO kie- «der 1 Lhlr. Neunter' Jahrgang. ^ 1 «. 11 . März 181 k». Hirtenbrief des Hochwürbigften Bischof- Peter Joseph von Limburg. Die heilige Fastenzeit, in die wir so eben eingetreten sind, gibt, wie alljährig, so besonders in diesem Jahre den von dem heiligen Geiste gesetzten Oberhirten dringende Veranlassung, Worte deS höchsten Ernstes an die ihnen anvertrauten. durch das Blut deS Gottmenschen Jesu Christi erkauften Gläubigen zu richten. Leben wir doch in einer Zeit, wo die Angriffe auf die katholische Kirche, die einzige, von Gott selbst für die Dauer der Welt gegründete Beschützerin der Wahrheit und Freiheit, maßloser, frecher und massenhafter sind, als je vordem; in einer Zeit, wo man vorgeblich im Interesse der Wahrheit, des Lichtes und der Aufklärung, die einzige und rechtmäßige Mutter und Pflegerin dieser Güter durch alle erdenkliche Mittel, durch List und Betrug, durch Hohn und Gewalt für immer aus der Welt verbannen möchte; in einer Zeit, wo man sinnlos und mit betäubendem Geschrei nach Freiheit ruft, und Gleichheit prediget und Brüderlichkeit im Munde führt, indeß so Viele den erbittertsten Haß gegen die katholische Kirche im Herzen tragen und in ihren Handlungen kundgeben, die Gleichheit in einem Sinne verstehen, der, ein absoluter Widerspruch deS Geistes und der göttlichen Weltordnung, zum Raub und zur Plünderung und nachmals zur allgemeinsten Verarmung führen müßte, und die Freiheit, welche uns Jesus Christus gebracht und die fort und fort von seiner Kirche verwirklicht und inS Leben eingeführt werden will, als unwürdige Knechtschaft verlästern, dagegen die Willkürherrschast der rohesten Leidenschaften, ein freches Ucberheben über alle göttliche und menschliche Gesetze und das Hingegebenseyn an die niedersten sinnlichen Genüsse als Freiheit anpreisen. Unter diesen Zeitverhältnissen konnten die Hochwürdigsten Erzbischöfe und Bischöfe Deutschlands nicht in Verlegenheit seyn bei der Auswahl der in ihren dießjährigcn Faslenhirtcnbriefen zu behandelnden Gegenstände, und, so viel uns biö jetzt bekannt geworden, haben sie so ziemlich allseitig die Wunden der Gegenwart berührt und die kräftigsten Heilmittel dagegen angegeben. Unter den letzter» stehen in der vordersten Reihe die Vereine der Katholiken, wie sie im vorigen Jahre in den verschiedenen Gegenden Deutschlands entstanden, bald darauf im Oktober zu Main; zu einem einzig großen Vereine zusammengetreten, und wenige Wochen daraus durch die zu Würzburg versammelten Erzbischöfe und Bischöfe gutgeheißen und allen Gläubigen nachdrücklichst empfohlen worden sind. Mit großer Vollständigkeit und Klarheit handelt von denselben der Hirtenbrief des Hochwürdigsten Bischofs Peter Joseph von Limburg, den wir deßhalb nachfolgend mittheilen, weil wir leider immer »och die traurige Erfahrung machen müssen, daß an vielen Orten kleinliche Rücksichten und ungegründete Besorgnisse die Gründung solcher katholischen Vereine hindern, indeß von der andern, feindlichen Seite Alles aufgeboten wird, die vorhandenen Kräfte zu sammeln, sie nach und nach und unvermerkt für ihre verderblichen Plane zu bearbeiten und sie sodann unter günstigern Verhältnissen zum Umstürze der Kirche, zum Verderben der Religion und Sittlichkeit wie überhaupt zum Untergang der bestehenden Ordnung zu mißbrauchen. Anknüpfend an den ernsten Zuruf deS vorigen JahreS: «Leget die Rüstung GotteS an, damit Ihr zur schlimmen Zeit Widerstand leisten und Alles besiegend das Feld behaupten könnet '). Ergreifet den Schild deS Glaubens 2), umgürtet Euch mit dem Panzer der Gerechtigkeit") und Liebes, und nehmet den Helm und das Schwert deS Geistes, welches GotteS Wort ist"). Denn der Feind, den wir zu überwinden haben, ist der Fürst der Finsterniß"), — der Gott dieser Welt, welcher den Verstand !dcr ihm dienenden Ungläubigen so geblendet hat, daß ihnen das hellste j Licht deS herrlichen Evangeliums Christi nicht leuchtet ). Nicht durch ! materielle Kräfte, nicht durch Geschütze, Festungen und Kerker läßt er sich izurückschrecken, sondern nur durch die Waffen deS Lichtes"), wenn wir, vertrauungSvoll um das so sehr verachtete und g-schmähte Kreuz des Erlösers unS schaarend, von denselben den rechten Gebrauch machen. Wie nämlich Christus am Kreuze über ihn triumphirtc, so wird Jeder auS unS siegreich gegen ihn kämpfen, der durch Glaube, Hoffnung und Liebe mit dem Heilande verbunden, sein Fleisch, sammt den Lüsten und Begierden kreuzigend "), sich und der Welt abstirbt ^), und dagegen Dem lebt, der für unS gestorben und auferstanden ist anknüpfend an diesen Zuruf beklagt der Obcrhirte, daß cS „selbst heute noch unzählig Viele giebt, welche zur Schändung ihres christlichen NamenS rücksichtlich der Erstrebung eines glücklicheren LooseS, als eS unö dermalen im Allgemeinen deschieden ist, auf die Seite Derer treten, die von Christus und seiner göttlichen Heilsanstalt, welcher doch alle civilisirten Völker ihre Gesittung und ihren Wohlstand verdanken, nichts mehr wissen wollen; den Leidenschaften, in welchen die Hauptquelle unseres Elendes liegt, — dem Stolze, der Habgier, Trägheit und sinnlichen Genußsucht noch schmeicheln und voll« Befriedigung versprechen, statt den treuen Verkünden, deS göttlichen Wortes und den sonstigen erleuchteten Männern und wahren Freunden deS Volkes zu folgen, die nur in der bußfertigen Rückkehr zu Gott, — in der Beherrschung der genannten Laster und in Pflege der denselben entgegen- gesetzten christlichen Tugenden, den Weg zum Frieden und zur Wohlfahrt erblicken. Sind vielleicht alle diese auch jetzt noch so verblendet, daß sie sich einbilden, durch dieses Verhalten ihr Gewissen nicht zu verletzen und zur Herbeiführung einer glücklicheren Zukunft mitzuwirken? Wäre dieses wirklich der Fall, so stünde eS wahrlich um sie traurig; aber noch trauriger steht eS um sie in der Wirklichkeit. Nein, Geliebte! sogar die Mehrzahl von ihnen hat noch eine bessere Ueberzeugung, handelt ihr aber auS niederer Selbstsucht, — auS Hoffnung aus vorübergehenden zeitlichen Gewinn, oder auS Furcht und Feigheit entgegen. Von ihnen läßt sich in gewissem Sinne sagen, waS einstenö der Heiland zu den Pharisäern sprach, als diese auf seine Aeußerung: „ich bin zum Gericht in die Welt gekommen, daß die Nichtsehendcn sehend und die Sehenden blind werden")," ihn gefragt hatten, ob auch sie blind seyen? „Wenn ihr blind wäret," erwiderte ihnen der Herr, «so gereichte cS euch nicht zur Sünde; nun ihr aber sprechet, wir sehen, so bleibet eure Sünde)." O, Geliebteste! wie unheilvoll ist diese herabwürdigende und unter allen Zeitverhältnissen verderbliche Gesinnungslosigkeit gerade jetzt! DaS Gute, waS die Bewegungen unserer Zeit hervorgebracht, — eine freiere, die Würde und Kraft des einzelnen Menschen, wie der Corporationen mehr ehrende Verfassung, kann dadurch, statt uns zum Segen zu gereichen, leicht zum Fluche werden. Denn diese freie Verfassung gestattet ihrer Natur nach nicht nur den erhaltenden, sondern auch den zerstörenden Kräften einen bedeutenderen Einfluß auf alle LcbenSkreise, und kann somit nur in so weit die von ihr gehegte» Hoffnungen erfüllen, als wir auS freier Selbstbestimmung weise und gerecht handeln. Welcher Zustand muß nun aber eintreten, wenn Die, welche noch den Glauben haben, daß wie für den einzelnen Menschen, so auch für die Familie und den Staat nur in Christus Heil zu finden ist, nicht zusammenhalten und mit vereinter Kraft die Segnungen deS Christenthums gegen das Verderben LeS Unglaubens zu schützen suchen? Darf «S unS dann befremden, wenn Diejenigen überall einen überwiegenden Einfluß gewinnen, welche die Freiheit nur zum Deckmantel 1) Sph. 6, 13. 2) Sph. s, 16. «, 17. «) Zoh. 13, ,1. 14, 30. 3) Sph. «.14. 4) 1. Theff. 5, 6. 5) Sph. r,'' 1) 2 Kor. 4 . 3 u. 4. 2) Rom. 13, 12. 3 ) Gal. ö, 24. 4) C»l. ö, 14. S) 2 Kor. b, 1b. S) Joh. S, 30. 7) 3«h. S, 41. der Bosheit mißbrauchen — welche auf nichts Anderes sinnen, als nach dem Umstürze alles Bestehenden sich zu Despoten über unsere materiellen, wie über unsere geistigen Güter auszuwerfen, nicht nur unser leibliches, sondern auch unser geistiges Leben zu beherrschen? Doch zu diesem äußersten Grade der Sklaverei wird eS und kann eS, wenigstens in Deutschland, nicht kommen, wenn der im verflossenen Jabre gerade im Momente der wüthendsten Verfolgung unserer heiligen Kirche inS Leben getretene, mit dem Namen, wie mit den glänzenden Tugenden unseres heiligen Vaters PiuS IX. geschmückte katholische Verein, welcher dermalen in der alten katholische» Rheinstadt Mainz, wo einst der große Apostel der Deutschen, der heil. BonifaciuS, den Hirtcnstab führte- leinen Mittelpunct hat, von dem aus er seine Wirksamkeit zur christlichen Wiederbelebung Deutschlands bereits durch alle Gauen desselben verbreitet, wenn, sagen Wir, dieser katholische Verein Deutschlands die ihm gebührende Anerkennung und Theilnahme findet. Denn wo dieser fruchtbare Ast an dem Lebensbaume unserer heiligen Kirche bis jetzt seine Verzweigungen hinge- trieben, da setzte er dem Bunde der Verblendung und Gesinnungslosigkeit nicht nur eine unüberwindliche Schranke, sondern brachte auch durch die gesunde, kräftigende Nahrung, die er bietet, Viele von den Verirrungen ihres Geistes und Herzens zurück. Darum, Geliebte! können Wir, indem Wir Angesichts deS für Deutschland noch nicht entschiedenen KampfeS zwischen dem neucrwachten Heidenthume und dem Christenthnme bei der Wiederkehr der heiligen Fasten« zeit Uns abermals verpflichtet fühlen, Euch zur freudigen Ausdauer unter der Fahne Christi zu ermuthigen, die unumwundene Erklärung Euch nicht vorenthalten, daß UnS unter den vielfachen traurigen Erfahrungen, welche UnS die Gegenwart in Unserem BcrusSkreise bicrer, nichts mehr zu trösten und zu erfreuen vermöchte, als wenn alle Gemeinden Unserer Diöcese rück- sichtlich der Gründung von Filialvereincn und deren Anschluß an den katholischen Verein Deutschlands dem schönen Beispiele folgten, welches mehrere Gemeinden deS BiöthumS bereits gegeben haben. Damit wollen Wir zwar keineswegs sagen, daß man nur alö Mitglied eines solchen Vereines sich als einsichtsvollen und gesinnungStüchtigen Katholiken bewäh ren könne; zieht ja der katholische Verein Deutschlands seine ganze Lebenskraft selbst nur a»S dem großen, von Christus gestifteten und seinem Geiste beseelten Vereine unserer heiligen Kirche; allein warum sollen, wenn die durch den Zeitgeist irregeleiteten Glieder der Kirche mit den Feinden des Christenthums gegen dieselbe gemeinschaftlich wirken, nicht auch die auS Ueberzeugung ihr treu Gebliebenen zur Förderung ihrer Lebensthätigkeit in einen engeren Verband miteinander treten? Sollen sie sich hierzu nicht um so mehr berechtiget und bestimmt fühlen, wenn die Wirksamkeit dieser Ver eine, ohne das Recht auch nur eines Einzigen zu verletzen, nicht nur das Wohl der Kirche, sondern auch das deS Staates fördert? Daß aber dieses der Fall ist, muß Jeder einräumen, der die löbliche Aufgabe, welche der katholische Verein Deutschlands mit lallen seinen Zweigvcreinen sich gesetzt, und die niitadelhaften Mittel, die er zu ihrer Verwirklichung einzig erlaubt, gehörig kennt und unparteiisch beurtheilt. Betrachtet nur, Geliebte! die Aufgabe deS katholischen Ver- einS Deutschlands im Hinblicke auf die Hauptmißstände unserer Zeit, und Ihr sehet sogleich ein, daß sie die Grundübel der Gegenwart an ihrer Wurzel faßt und durch die einzig zureichenden Mittel ihre Heilung versucht. Diese Grundübel sind, was wohl nicht erst eines Beweises bedarf: eine hie und da bis zum Hasse der christlichen Frömmigkeit gesteigerte Irreligiosität, eine durch keine Autorität in Schranken zu hallende Ungerechtigkeit und Unfittlichkeit, und endlich die aus beiden entsprungene Noth und Unzufriedenheit, welche, so lange ihre wahre Ursache nicht erkannt, und in geeigneter Weise ihr entgegen gewirkt wird, die Gefahr staatlicher und gesellschaftlicher Umwälzungen stets unterhalten. Jeder Einsichtsvolle wird zugeben, daß hier eben darum mit neuen StaatSversassungcn, Verwaltungsformcn, menschlichen Gesetzen und Einrichtungen, so weise und zweckmäßig sie auch seyn mögen, wenig geholfen ist, so lange nicht durch die Rückkehr zum lebendigen Glauben an Christum der in ihm uns offenbarte Wille Gotteö wieder als höchstes, unverletzliches Gesetz anerkannt, und durch die auS dem Glauben quellende Liebe die Erzeugerin der bestehenden Zwietracht und Noth, nämlich die Selbstsucht, überwunden wird. Soll aber das Christenthum wiederum diesen Einfluß auf die menschliche Gesellschaft erhalten, soll es die Ansichten, Neigungen, Wünsche und Bestrebungen der Menschen wiederum bestimmen, und insbesondere durch seine göttliche Autorität der weltlichen Obrigkeit den ihr gebührenden Gehorsam sichern; so darf die Trägerin desselben, unsere heilige katholische Kirche, nicht länger unter der Bevormundung deS i) i Ksr. s, 14. . . StaateS in Erfüllung ihres hohen BerufeS sich gehemmt fühlen; sondern sie muß, wie eS für den Naffauischen Theil Unserer Diöcese schon durch die landesherrliche Proclamation vom 5. März deS verflossenen Jahres verheißen und seitdem für die katholische Kirche in ganz Deutschland durch Art. 5. 8 . 17. der Grundrechte ausgesprochen worden ist, in Allem, waS zu ihrem Bereiche gehöret, — in Lehre, Gottesdienst, Anstellung und Abberufung ihrer Diener, Handhabung der Disciplin und Verwaltung ihres Vermögens frei und setbstständig werden. Dem entsprechend stellt der katholische Verein Deutschlands an die Spitze seiner Aufgabe: „Die Verwirklichung der Freiheit der Kirche und aller ihrer Rechte durch die ihm zu Gebot stehenden Mittel zu erstreben." Sieht man nun, Geliebteste! auf die Anwendung der Freiheit der Kirche, als der Grundbedingung ihrer ungeschmälerten segensreichen Wirksamkeit, so. erscheint dieselbe im Interesse der Anbahnung einer besseren Zukunft nirgends dringender geboten, als da, wo sie ihr lange Zeit am hartnäckigsten verweigert worden ist und zum Theil noch verweigert zu werden pflegt, — im Gebiete deS Unterrichtes und der Erziehung. Niemand kann es bestreiten, daß, wie hoch man auch die Leistungen deS neueren Schulwesens, insbesondere in Beziehung auf die Entwickelung der geistigen Kräfte, anschlagen mag, dieselben dock für das Wissen, wie für das Leben weit hinter den Leistungen aus der Zeit zurückstehen, wo die Kirche unbehindert Schulen errichten und leiten konnte. Zwar hat die Schule seit mehreren Decennien Alles aufgeboten, um den Verstand möglichst zu bilden, ihn mit Kenntnissen zu bereichern und den Menschen für seinen irdischen Lebensberuf zu befähigen; allein weil sie nicht vom Standpuncte des Christenthums auS in gleichem Maaße auf die Veredlung seines Herzens hinwirkte und seine ewige Bestimmung im Auge behielt: so hat diese naturwidrige Einseitigkeit sowohl der. Aneignung höherer Weisheit, als dem friedlichen Genusse deS Lebens unberechenbaren Abbruch gethan, lind konnte die Folge dieser verkehrten Richtung eine andere seyn? Wenn der Verstand nicht ein gebildetes, für die Liebe deö Ueberstnnlichcn und Göttlichen empfängliches Herz zur Begleiterin hat, so tritt er nur allzu bald in den Dienst niederer Leidenschaften; und wo diese den Menschen beherrschen, da verliucrn sie ihm nicht nur jeden Lebensgenuß, sondern trüben auch den Blick seines Geistes so sehr, daß er zuletzt die einfachsten Wahrheiten, wenn sie nicht mit der Befriedigung seiner Neigungen und Begierden in naher oder entfernter Beziehung stehen, z. B. die klarsten religiösen und sittlichen Begriffe und Grundsätze nicht mehr zu fassen vermag, — bestätigend das Wort des Apostels: „Der sinnliche Mensch nimmt nicht auf, waS des Geistes ist; ihm ist eS Thorheit und er vermag eS nicht zu fassen, weil es nur geistig gefaßt werden kann Hierin, geliebte BiS- lhums-Angehörige! liegt auch der tiefste Grund des Unglaubens der heutigen Generation und die ausreichendste Erklärung ihrer traurigen Lage. Unzählig viele Menschen haben sich nämlich eine Glaubenslehre gebildet, wie sie die Beschaffenheit ihres Herzens verlangte; aber auch eine Lage sich bereitet, wie ihr verdorbenes Herz sie verdiente. Weil sie so leben, daß sie den Himmel, den sie wohl gerne nach dem Tode annähmen, nicht hoffen können, und die Hölle, die sie freilich fliehen möchten, fürchten müssen; so läugnen sie beide und suchen den Himmel schon auf der Erde in der ungezügelten Befriedigung ihrer niederen Triebe; aber statt ihn hierin zu finden, verwandelt sich ihnen die Erbe gleichsam zur Hölle, nämlich zu einem Orte steter Unruhe und steigender Qual; indem daS, wor- nach sie haschen, sie täuscht, uns das, was sie beglücken könnte, ihren Neigungen zuwider ist. Gewiß zeugt eS darum nicht weniger von dem richtigen Blicke in die Bedürfnisse unserer Zeit, als von dem lobenSwerthe- sten Willen des katholischen VereincS Deutschlands, daß er als nächsten Theil seiner Aufgabe bezeichnet: „Die Freiheit des Unterrichtes zu erringen und zu sichern." Der Verein begnügt sich übrigens nicht damit, rücksichtlich der Förderung christlicher Weisheit und Tugend seine Fürsorge der Jugend zu widmen. Die unmittelbar folgende weitere Bestimmung seiner Aufgabe geht dahin, auch „für die geistige und sittliche Bildung des Volkes zu wirken;" und daß er dafür eine nicht minder lobende Anerkennung verdient, bedarf nach dem über den dcrmaligen geistigen und sitt- lichen Zustand des Volkes bereits Erwähnten wohl keiner Erinnerung. Wie nun der katholische Verein Deutschlands in den angeführten drei Bestimmungen seiner Aufgabe die geistigen und sittlichen Bedürfnisse der menschlichen Gesellschaft erfaßt und ihnen abzuhelfen strebt; so richtet er in der vierten, in welcher er sich vorsetzt: „zur Hebung der herrschenden socialen Mißverhältnisse und Uebelstände nach Kräften beizutragen," seine Aufmerksamkeit auf die aus der geistigen und moralischen Verkommenheit entstandene Schwankung der gesetzlichen Ordnung und Verwirrung der materiellen Verhältnisse. Unv wie er hinsichtlich jener sowohl dem Mißbrauche als der Nichtbeachtung der gesetzlichen Gewalt 3V durch Förderung der Gerechtigkeit und wahren Freiheit entgegen tritt; so sucht er diese auf eine Weise zu beseitigen, daß das bereits so sehr bedrohte Eigrnthumörecht, ohne dessen Bestand kein Staat und keine Gesellschaft eristiren kann, nicht gefährdet wird, nämlich durch freiwillige Unterstützung der Armen und Nolhleidendcn, durch Sorge für Arbeit und Verdienst, durch Belebung deS Fleißes, der Mäßigkeit und Sparsamkeit. Da aber dem Vereine die Lösung seiner Aufgabe sowohl in Ansehung auf Förderung des leiblichen, als deS geistigen Wohles deS Volkes sehr erschwert und zum Theil unmöglich gemacht würde, wenn der katholischen Kirche der Rest des Vermögens, welcher ihr nach der Säkularisation geblie teln zu ihrer Lösung, au« dem Verhalten der VereinSglieder eine gegründete Veranlassung zu Beschuldigungen hergenommen werden kann. Wir halten es übrigens nicht für nothwendig, Geliebte! im Einzelnen anzuführen, was in vieler Beziehung Euck obliegt. Ihr sehet c« wohl selbst ein, daß die Glieder eines Vereines, der sich keine geringere Aufgabe gestellt, als die Wahrheit deS Christenthums durch ein demselben entsprechendes heiliges Leben und den aus diesem entspringenden Segen gegen die alle ächte Religiosität und Sittlichkeit untergrabenden und nur Unheil und Verderben stiftenden Bestrebungen der Antichriste» unserer Tage wieder zur allgemeinen Anerkennung zu bringen, — daß die Glieder eines solchen den, noch geschmälert würde: so erkennt er eS als einen weiteren Theil VereineS gleich den Bekennen, Jesu in den ersten christlichen Jahrhunderten seiner Aufgabe, „auf geeignetem Wege dafür einzutreten, daß in allen Tugenden vorleuchten müssen, durch welche diese trotz der Vcr« katholische Stiftungen für Kirche, Schule und Wohlthätig. dächtigungen, Verleumdungen und blutigen Verfolgungen, die sie zu erdul- keit ihren Bestimmungen erhalten werden." den hatten, den Sieg über das Heideiuh»», errungen haben. Nur Eines In dem Bewußtseyn endlich, daß, wie er selbst sein Daseyn und können Wir nicht unterlassen, Euch besonders anzuempfehlen: Zeiget that- seine Wirksamkeit dem AssociationS-, d. h. dem VereinSrechte verdankt, so sächlich, daß die aufrichtige und innige Liebe, die Ihr gegen alle Men- bei Wahrung dieses Rechtes, der Gründung neuer oder Wiedereinführung scheu, welchem religiösen oder irreligiösen Bekenntnisse sie auch zugethan schon früher bestandener, unter dem Namen geistlicher Orden bekannter seyn mögen, im Herzen traget, so unüberwindlich ist, als Euer Beharren Vereine nichts mehr im Wege steht, welche Vereine zur Zeit ihrer Blüche in dem von Euer» Vätern ererbten katholischen Glauben, und daß Ihr in Deutschland für Wissenschaft, Kunst, Frömmigkeit und ganz besonders! nicht weniger gewissenhaft seyd in Erfüllung Eurer Pflichten gegen den auch für Linderung der leiblichen Noth der Armen so außerordentlich Gro- Staat, als in Ausübung derer gegen die Kirche, — daß Ihr in gleichem ßeS geleistet haben, ist eS die Schlußbestimmung deS katholischen Vereines Grade bereit seyd, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, alö Gott, Deutschlands: „DaS Recht der freien Association gegen Ein-'waS Gottes ist'), und zwar ebendarum, weil Euer katholischer Glaube griffe und Verletzungen zu wahren." >Euch so zu handeln befiehlt. Ueberblicket nun, Geliebtcste! die Aufgabe deS katholischen Vereines ^ Zeigen wir uns, geliebte BiSthumS-Angehörige! hierin als wahre Deutschlands in ihren einzelnen Bestimmungen, und Ihr werdet mit Uns Jünger deS Herrn; so mag,der Fürst der Finsterniß noch so viele Leidendste Ueberzeugung theilen, daß die Berechtigung wie die Verdienstlichkeit,'schaften gegen uns aufregen; wir werden siegreich aus dem zu bestehenden zur Lösung derselben durch Gründung von Filialvereinen mitzuwirken, so'Kampfe hervorgehen, und unser Sieg wirb nur um so glänzender, ver- wenig bestritten werden kann, als die Berechtigung und Verdienstlichkeit, dienstlicher und erfolgreicher seyn, je schwerer die Prüfung ist, die dem- im Geiste unserer heiligen Kirche dem Wohle der Menschheit seine Kräfte selben vorausgeht. Dafür bürgt uns Jesus selbst, — der Anfänger und zu widmen. Wir wissen übrigens wohl, Geliebte! daß demungeachtet über Vollender unseres Glaubens, welcher statt der für ihn vorhandenen Freude den katholischen Verein die härtestem Urtheile gefällt werden, und mitunter I baS Kreuz erduldete und der Schmach nicht achtete, nnn aber zur Rechten selbst von Solchen, die sich Katholiken nennen. Allein daS darf uns nichts des göttlichen Thrones sitzt"). Denn zuverlässig ist das Wort: sterben befremden in einer Zeit, in welcher, bei allem Stolze auf den Fortschritt > wir mit ihm, so werden wir mit ihm auch leben; dulden wir mit ihm, deS Wissens, in Ansehung auf die wichtigsten Angelegenheiten deö Lebens!so werden wir mit ihm auch herrschen"). eine Unwissenheit und Begriffsverwirrung herrscht, wie sie kaum in einer! Wer auS unS, Geliebte! fühlte sich in Erwägung dessen nicht früheren Periode der christlichen Geschichte sich findet; eS darf unS nicht! gedrungen, mit dem Apostel auszurufen: „Was kann u»S scheiden von der befremden in einer Zeit, in der Manche aus Verblendung in ihrem Hasse Liebe Christi? Trübsal? oder Angst? oder Verfolgung? oder Hunger? oder gegen die Wahrheil so weit gehen, daß sie lieber Alles für recht erklären, j Blöße? oder Gefahr? oder Schwert? .... Voller Sieg wirb uns über als daß sie der katholischen Kirche ein Recht oder die Ausübung eines sol-! dieses Alles durch ihn, der uns geliebt hat ')." Und so lasset uns den», chen zuerkennen, und stets über Verletzung des FriedenS, der Humanität und christlichen Toleranz klagen, wenn man den FanatiSmuS ihres Unglaubens nicht schweigend tolerirt, oder gar als ein Zeichen von Friedensliebe, Humanität und christlicher Toleranz gelten läßt. Oder sollten etwa die Mittel, deren sich der Verein in Erstrebung erneuern, Jesu zu leben und Jesu zu sterben, seiner Zwecke bedient, zu einer gerechten Klage Veranlassung geben? Dieß iAllen. Amen! — ist eben so wenig der Fall. Der §. 8. deS katholischen Vereines Deutschlands spricht sich hierüber folgendermaaßen auS: »Zur Erreichung seiner Zwecke wird der Verein sich aller gesetzlichen Mittel bedienen, namentlich deS freien Versammln ngS- und Ver- einörechteS, des PetitionSrechtes, deS Rechtes der freien Rede und der freien Presse: wie er auch durch Verbreitung guter Schriften und Bücher der geistigen, und durch Ausübung und Förderung aller Werke der christlichen Nächstenliebe der leiblichen Noth deS Volkes zu steuern sich bemühen wird." Geliebteste! wozu uns auch schon die bevorstehende heilige Fastenzeit auffordert, im vertrauensvollen Hinblicke auf ihn ablegen jede Bürde, nämlich die Sünde, die unS anklebt, und mit Muth die unS angewiesene Kampfbahn durchlaufen "); lasset unS mit Herz und Mund das Versprechen Seine Gnade sey mit uns Au- G a « t a. Gaäta, 3. Fcbr. Gestern, am Feste Mariä Reinigung, fand ein großartiger Gottesdienst in der Kathedrale statt, welchem die ganze königliche Familie von Neapel und der Papst beiwohnten. Nach der Messe hielt der Generalprocurator der Barnabiten eine Anrede an den Papst, welcher darauf folgendermaaßen antwortete: „Jedesmal, wo ich von der göttlichen Vorsehung berufen werde, diesen heiligen Versammlungen vorzusitzen, in Bei dem richtigen Urtheile, geliebte BiSthums-Angehörige! daS Ihr! denen mit dem Beistande des heiligen Geistes die Entscheidungen über die trotz der vielfach bei Euch gemachten Versuche, Euere treue Anhänglichkeit'Handlungen der Helden der Kirche Jesu Christi erörtert werben, erfüllen an unsere heilige katholische Kirche zu erschüttern, und durch daS Truglicht ^ mein Herz Freude und Vertraue» und Bewunderung der allweisen Fügun- einer falschen Aufklärung Euch von dem Wege der Wahrheit abzuleiten, in ^ gen Gottes, der in den Rathschlüssen seiner Liebe zum Menschengeschlechte kirchlichen Angelegenheiten bis jetzt im Allgemeinen Euch bewahrt habt, und! von Zeit zu Zeit einige seiner Diener mit seinem heiligen Geiste auSge- bei dem unter Euch sich immer weiter verbreitenden Verlangen, an den! rüstet, aus daß sie im Kriege wider die Hölle die Feinde der Wahrheit preiSwürdigen Bestrebungen des katholischen VereineS Deutschlands Theil angreifen und gegen sie den Kampf deS Herrn kämpfen. Dieser Gedanke zu nehmen, scheint UnS daS Gesagte hinreichend, um Uns der zuversicht- tröstet mich in meinen gegenwärtigen Leiden; er öffnet mein Herz zu der liehen Hoffnung hingeben zu können, daß keine gegnerischen Bemühungen Zuversicht auf den Herrn, daß er unter seinen Dienern neue gute und tm Stande seyn werden, das Wachsthum der in mehreren Gemeinden bereits erachteten, so wie die alsbaldige Gründung neuer Filialvereine in den übrigen Gemeinden der Diöcese zu verhindern. Und so erübriget Uns, um Unsererseits nichts zu versäumen, was dazu beitragen kann, recht bald von dem Troste und der Freude aufgerichtet zu werden, die Wir in dieser Hinsicht von Euch erwarten, nur noch die väterliche Ermahnung, daß Alle, welche an einen solchen Verein sich anschließen oder bereits angeschlossen haben, sich auch als würdige Glieder desselben bewähren mögen, damit eben so wenig, wie aus der Aufgabe deS VereineS und seinen Mit- getreue Rüstzeuge erwecken wird, die sich der Erleuchiung und Bekehrung deS Volkes widmen und eS von der Wunde heilen werden, die zu seinem großen Schaden und Gefahr mit jedem Tage weiter wird. Stolz, Ueber- druß aller Unterordnung und die heftige Herrschsucht Einiger führen eS einem Joche entgegen, schwerer und unheilvoller als das, welches eS zu zerbrechen trachtete. Und da jener Geist deS Stolzes geradeSweges Gott 1) Matth. 22. 21. ». 37. 5) Hebe. 12, 1. S) Heb. 13, 2. 3) 2. Tim. 2, 11. 12. S) Rom. 8, 35 angreift, so kann eö geschehen, daß der Allmächtige ihm plötzlich Einhalt thut wie einst in den Gefilden Babels. Die heilige Maria bieter uns in der Feier dieses TageS ein Beispiel, wie wir dem Stolze des Zeitalters widerstehen sollen, nämlich durch Demuth und Gebet. Möge auf ihre Fürsprache der Herr seine väterlichen Blicke auf das Elend aller seiner Kinder lenken, und vor allen auf diejenigen, welche sich in der Hauptstadt der christlichen Welt durch das verführerische Wort von Menschen haben verleiten lassen, die sie zum Glücke einluden und sie täglich betrogen haben. O Rom I Rom! Gott ist mein Zeuge, daß ich jeden Tag meine Stimme zum Höchsten erhebe und, flehend bahtngestreckl, inbrünstig bete, daß er der Geißel Einbalt thue, die täglich schwerer auf dir lastet! Ich bitte ihn, ein Ende zu machen den Vorspiegelungen jener falschen Lehren und zu entfernen aus deinen Mauern und aus dem ganzen Staate jene politischen Redner, die den Namen des Volke« mißbrauchen. Ich bitte ihn auch den König, die königliche Familie und dieses ganze Reich vor der allgemeinen Erschütterung zu bewahren. Seine Majestät verdient es durch seine Fröm-^ migkeit und sein Volk durch seinen Glauben." (Katholik.) ! Aus de» katholischen Missionen. In Algier scheint eS in kirchlicher Beziehung noch immer nicht zum Besten zu gehen. Die bischöfliche Kathedrale in der Hauptstadt steht unvollendet da und eS kann kein Gottesdienst in derselben gehalten werden; in Buffarik ist dieser Tage zwar eine Kirche eingeweiht worden, allein sie hat keinen Glockenthurm, der um so mehr vermißt wird, als Buffarik in dem Mittelpuncte der großen Ebene von Metidscha liegt und sein Geläute, wenn eS eins hätte, mehrere Stunden weit vernommen werden könnte. UebrigenS ist diese Kirche noch die schönste von allen, sie hat wenigstens Chor, Schiff und Seitengänge, während alle übrigen neugebauten Gotteshäuser bloß auS vier Mauern bestehen. Auch das Dorf Affroun in der Metidscha, welches den zuerst angekommenen Pariser Colonisten angewiesen worden ist, hat noch keine Kirche und es fehlen auch alle Mittel, eine solche zu bauen. Von den Colonisten selbst hört man indessen nur Gutes und eS scheint, daß sie ihre schlimmen Eigenschaften in dem modernen Babylon zurückgelassen haben. Während so der Kirche hier alle äußeren Hilfsmittel fehlen, wird um so eifriger an dem Ausbau deS innern Menschen gearbeitet und es wird schon nächster Tage eine neue Gesellschaft von Missionären auS der Provence, welche der Bischof von Marseille geschickt, in Blibah sich niederlassen. Diese guten Priester sind eigentlich dazu bestimmt, den Arabern daS Evangelium zu predigen, werden aber vorläufig noch die Seelsorge der in der Ebene zerstreuten Colonisten übernehmen. In der Capelle des Seminars deS heiligen Geistes wird bis Sonntag den 14. Januar Abbü Bessieur von dem hochwürdigstcn Bischöfe von LangreS unter Assistenz der MissivnSbischöfe Mvnnet und KobeS zum Bischöfe consecrirt werden. Der neue Bischof wird den Titel von Galli- polis in partibus führen und er ist für das apostolische Vicariat der beiden Guinea'S an der westafrikanischen Küste bestimmt. Monsignor Bessieur, jetzt 46 Jahre alt, stammt an- der Diöcese Montpellier und ist der einzige Ueberlebende von sechs Priestern, weiche nach Guinea auSgesandt worden waren. Am Ende war er in Gabon — ganz allein und er lebte dort achtzehn Monate lang, ohne einen Mitbruver zu sehen oder irgend eine Nachricht auS Europa zu erfahren. Während der Zeit erlernte er die Landessprache und ist derselben so vollkommen mächtig, daß er ein Wörterbuch, eine Grammatik und einen Katechismus in derselben verfaßt hat, die auf Kosten der Regierung gedruckt worden sind. Die Mission, welche die beiden Guinea'S und Scnegambien umfaßt, ist ohngefähr so groß wie ganz Europa und zählt 30 Millionen Einwohner. Von der Propaganda ist die Besorgung derselben der Congregation deS heiligen Herzens Mariä, die mit der Congregation deS heiligen Geistes jetzt vereinigt ist, übertragen worden, Monsignor Bessieur gehört derselben an und wird bei seiner bevorstehenden Abreise von seinem Coadjutor, dem hochwürdigsten Bischöfe KobeS auS der Diöcese Straßburg begleitet werden. DaS Klima von Guinea ist nämlich so gefährlich, daß die christliche Klugheit den Rath an die Hand gegeben hat, keinen Bischof mehr allein dahin ziehen zu lassen, eS muß vielmehr, wenn einer unterliegt, sogleich ein anderer an Ort und Stelle seyn, um die Lücke wieder auszufüllen. Herr KobeS ist übrigens aller Wahrscheinlichkeit nach der jüngste von allen Bischöfen der katholischen Welt, denn er ist erst 29 Jahre alt und er mußte vor seiner Consecration eine Alterödispense haben; er führt den Titel eines Bischofs von Modon in Griechenland. Ein schon längst gefaßter Plan ist jetzt seiner Ausführung nahe; die Regierung der Republik wird drei neue BiSthümer für die französischen Eolonien errichten. Dem Andenken deö gottseligen Priesters Matthias Amann, geweiht am 2. Juli 1847; gestorben am 10. Februar 1849 in WolferSdorf bei Freising. Leb' wohl, o Freund, auf Wiederseh'n . Im schönen HimmelSgarteu! Uns, die im Thränenthal noch geh'», Magst jetzo dort erwarten! Hast auf der Rennbahn nicht geweitet. Bist uns voraus zum Ziel geeilet; Schon darfst Du halten süße Rast Von Deines Tages Hitz' und Last. Erst schaut' ich Dich mit Lieb' und Lust Im neuen Priesterkleide, ES glühte noch in Deiner Brust Die erste Priestersreude, Noch duften von des Geistes Spende, Von frischer Salbung Deine Hände; — Da bricht, ich sag'S mit herbem Schmerz, — Der Tod Dein treues Pricsterhcrz. Bist mit der Lampe klarem Licht' Zum Bräutigam gekommen. Hast schöne Garben, schwer und dicht, In Freuden mitgenommen. Du hast so gern' in heißen Tagen Das süße Joch des Herrn getragen; Nun kannst Du trocknen Deinen Schweiß, — Nimm hin den ausledung'ncn Preis! Er selber ist Dein großer Lohn, Von keinem ausgewogen, Den täglich Du vom HimmelSthron' Zu Dir herabgezogen; Den Du mit liebendem Verlangen Hast täglich am Altar umfangen. — Der hält in Seinem Hochzcitsaal Mit Dir ein ew'ges Priestcrmahl. Hast Seine heii'ge, reine Braut In treuer Lieb' verehret, Hast Salems Mauern mi'gebaut, Dem argen Feind' gewchrct. Für den Dein Mund im Feuerworte Sich aufgethan am hcil'gen Orte, Den schaust Du Selbst in Seinem Licht Von Angesicht zu Angesicht. Du hast den Frieden, süße Freud', Darfst nimmer mit uns klagen; Wir Andern müssen manchen Streit Und manche Schlacht noch schlagen! Jetzt müssen wir die Kräfte einen; W:r zählten, Bruder, aus die Deinen; Drum, bricht ein solches Priestcrherz, — Verzeihe Gott des Priesters Schmerz! Die Siegeskron', die nie verblüht, Umschlinget schon Dein Haupt, Und Wonne Deine Seel' durchglüht, Die keine Macht Dir raubt. Leb' wohl, auf Wiederseh'n! — Wir kommen. Wann wir die Marterpalm' genommen. Wann wir gewaschen und erneut Im Blut' des Lammes unser Kleid! — Verantwortlicher Redacteur! L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. E. Krr«er. Prei« I» E,g«durg für Ach allein (»hne A. Pastzeitnng) jährlich Ifl IP kr. Durch die P-ß kann diese« Wochenblatt »ur »o» Abonnenten der Post- zeitung bezogen werden, und erhöht fich der Preis nach Verhältniß der Entfernung Sonntags - Deiblatt zur Augsburger Postzeitung. Ftir fich allein, ob«« dl« Ang«burger Post» zeitung. And diese Blätter nur im Wege de« Buchhandel« zu beziehen und kosten is ganz Deutschland, der Schweiz u.s. w. jährlich nur I ft. Sstst kr. oder I Lhlr. Neunter Jahr-gang. ^ 11 18. März 184». Wir Valentin, durch göttliche Erbarmung und deS apostolischen Stuhles Gnade Bischof von Regensburg, entbieten dem gesammten hochwürdigen Klerus Unsers BiSthums Gruß und Segen in dem Herrn. Wir gedenken, da eö nun endlich die Zeitverhältnisse einmal gestatten, im kommenden Sommer Euch, geliebte Milbrüoer! um UnS zu versammeln, um nach kirchlichen Vorschriften eine Diöcesan-Synode abzuhalten. Zu derselben werden alle in der Seelsorge stehenden Priester der Diöcese ein- berufen, und nur jene von der persönlichen Anwesenheit diSpensirt, welche durch Alter oder Krankheit oder auS Rücklicht auf die nothwendige Pasto- ratiou zu erscheinen gehindert sind. Da aber die beantragte Dweesaw Synode nicht länger als 3 bis 4 Tage dauern kann; theils wegen der hiemit für den versammelten Klerus verbundenen Kosten, theils weil die gotteSdienstlichen und andere Funktionen an Sonntagen keine Unterbrechung erleiden dürfen; so erscheint eS um so nothwendiger, daß schon jetzt mir umfassenden Vorbereitungen der Anfang gemacht werde. Und damit Wir auch schon bei diesen Vorarbeiten die Wünsche, Anträge und Vorschläge Unsers Diöcesan-Klerus gebührend berücksichtigen kennen, so laden "Wir" alle Priester Unserer Diöcese ein, diese ihre zur Diöcesan-Synove sich eignenden Wünsche, Anträge und Vorschläge, sie mögen nun Wiederbelebung älterer Diöcesan-Vorschriften oder Aenderungen derselben, oder den Erlaß neuer zweckdienlichen Anordnungen, die Abstellung bestehender Mißbräuche, die Mittel, dem zunehmenden Sittenvcrderben mit Erfolg zu wehren und Religiösität und Sittlichkeit zu fördern, oder die Herbeiführung größerer Einheit in allen Zweigen der Pastoration, besonders in der Kirchenzucht und ähnlichen Gegenständen betreffen, den einschlägigen Decanatämtern in Bälde einzureichen, damit sie UnS bis künftige Ostern vorgelegt werden. Auch sollen in diesen Eingaben all jene religiösen Gebräuche und Gottesdienste, welche von der allgemeinen kirchlichen Ordnung abweichen, z. B. das zu häufige Aussetzen des AUerheiligsten, die Abhaltung von Leichen- gotteSdiensten an Sonn- und Feiertagen zum Nachtheil deS PfarrgotteS- dienstcS u. s. w. genau angegeben seyn mit dem endlichen Beifügen, ob die Tage vom 19. Juni Morgens bis zum 22/ Mittags zur Abhaltung der Synode in so fern geeignet erscheinen, als an denselben die seelsorg- lichen Arbeiten minder gehäuft sind. ' Uebrigens wünschen Wir, geliebte Mitarbeiter im Herrn! daß Ihr Eure Meinung über Alles, was ihr vorbringen werdet, offen und ohne Rückhalt auSsprechet, und dieß um so mehr, als Wir zu Euch das Zutrauen haben, daß Keiner den gesetzlichen Boden der Kirche verlassen oder etwas verlangen werde, waS im Widersprüche wäre mit der Disciplin der allgemeinen Kirche, oder mit der von Gott gesetzten hierarchischen Ordnung oder auch mit den von der Kirche für die Diöcesan,-Synode erlassenen Canonen. Diese schriftlichen Eingaben gewähren auch jenen Priestern, welche der Synode anzuwohnen verhindert find, Gelegenheit, sich bei derselben zu betheiligen und dadurch zu einem gedeihlichen Erfolge mitzuwirken. Die Decanalämter werden hiermit angewiesen, die von den einzelnen Priestern eingesendeten schriftlichen Eingaben in Empfang zu nehmen und sogleich nach den Osterfeiertagen der oberhirtlichen Stelle einzusenden, da später einlaufende Wünsche und Anträge bei den Vorarbeiten eine Berück» fichtigung nicht mehr finden könnten. Sobald Wir im Stande find, die Synode zu berufen, werden Wir nicht nur über die Art und Weise ihrer Abhaltung, sondern auch über die zu verhandelnden Gegenstände dem gesammten KlcrüS ausführliche Mittheilung machen, damit auch von seiner Seite eine gehörige Vorbereitung zu derselben um so leichter möglich werde und gewiß nicht ausbleibe, da Wir dieß alS ein Haupterforderniß eines gesegneten Erfolgs bezeichnen müssen. Gegeben zu Regensburg den 25. Februar 1849. 4 Valentin, Bischof. Joseph Lipf, bischöfl. Sccrctär. Katholtkenvereine *) In einem amtlichen Berichte sind die Verhandlungen der ersten Versammlung des katholischen Vereines Deutschlands am 3., 4., 5. und 6. Oktober zu Mainz erschienen. Wer die Reden der Männer liest, die da gesprochen haben, der muß zum Geständniß gelangen: Wahrhaft, das war eine großartige, herrliche Manifestation katholischen Lebens! Sie sind zusammengekommen aus allen Gauen Deutschlands, und haben Gebrauch gemacht vom Rechte der Association im Sinne der Kirche. Wie vorauszusehen. war Oesterreich, zunächst Wien, auch hier wiederum nicht vertreten. Professor Dr. Knoodt aus Bonn, der einige Jahre hier in Wien gelebt, hat sich unser angenommen, und auS freundschaftlicher Erinnerung den -Deh'Mtey-f.ür Wien dargestellt. Unwillkürlich wird man auch was da» katholische Leben anbelangt, an daS alte komische Volkslied erinnert: „Nur langsam voran, nur langsam voran, daß die österreichische Landwehr nachzotteln kann!" Jetzt wird eS unS erst recht klar, in waS für eine kirchliche Versumpfung und Stagnation uns die nicht genug lob- und prei,würdige Schreiberherrschaft hineingeführt hat. Es ist wahrhaft jammervoll anzuschauen, wenn man sieht, wie selbst Männer, die eS gewiß ehrlich mit der Kirche meinen, noch immer von einer solchen Furcht befangen sind, die ihnen gar nicht auS den Gliedern herauszutreiben ist — baß sie immer noch an dem unseligen, wahnsinnigen Ausspruche festhalten: „Nur kein Lärm nur kein Eklat, nur Ruhe — VaS könnte diesem, und jenes könnte jenem nicht recht seyn, diese Autorität ist zu schonen, und jener Autorität ist nicht zu nahe zu treten, nur abwarten auf eine günstige Zeit, auf eine bessere Gelegenheit, nur Geduld, es wird sich schon Alles machen, und zum Bessern wenden." Nun kommt aber die Frage, wie weit sind wir bisher mit diesem geduldigen Abwarten gekommen? wie weit wären die Apostel gekommen, wenn sie abgewartet hätten? Wer einmal eine Sendung hat, der wird durch'S Abwarten nur seine Zeit verlieren, seine Pflicht ist eS, eben weil er gesendet ist, zu gehen und zu thun, waS sein Amt, seine Pflicht ihm gebietet. Jene Epochen der Kirchengerichte, die durch'S „Abwarten," daS heißt auf deutsch: durch'S Faulenzen herbeigeführt worden sind, waren traurig genug, und können gewiß nicht zu den glorreichen gerechnet werden. ES macht sich im Gebiete geistigen Lebens gar nichts selber — waS geschieht, daS muß gemacht werden. Und waS die Schonung von Autoritäten anbelangt, so will eS unS bedünken, daß eS nur Eine große Autorität gibt, und daS ist die Kirche, — und wer ihrem Geiste durch anhaltendes, hartnäckiges Entgegenstreben zuwiderhandelt, der hat aufgehört eine Autorität zu seyn. Der vernünftige Katholik erkennt in dem Verwalter eines kirchlichen AmteS, mag er was immer für eine Stellung im Priester- thume einnehmen, nur so lange eine Autorität, so lange dieser feststeht auf dem Felsen Petri. so lange er sich in lebensfreudiger Verbindung M dem Primate erhält — ist aber dieß nicht mehr der Fall, dann ist eS auch mit der Autorität auS und geschehen! Stünde eS nicht besser mit der Kirche in Norddeutschland, wenn der Klerus und daS katholische Volk zu den Zeiten der Reformation statt fich bethören und verblenden zu lassen, jenen treu- ') Au« der Wienerzeitung, und zunächst für österreichische Zustände geschrieben. 'ri- SLWL'sLL 4S losen Verräthern an der Kirche Gottes, jenen abtrünnigen Bischöfen und Erzbischöfen unerschütterlichen Widerstand entgegengesetzt hätte? Wir gestehen es offen, wir haben kein Vertrauen zu jenen Mäcklern, Welche jeven Einfluß deS Primates auf die kirchliche Lebensgestaltung um die Gunst deS absoluten PolizeistaateS zum Theil verschachert haben, und wäre eS auf ihren Willen angekommen, noch mehr und auch ganz und gar verschachert hätten! Wir haben kein Vertrauen zu den abgebrauchten Werkzeugen der Polizei, denen daS Aufflammen apostolischen Muthes von je eine Thorheit gedünket hat, die in der welthistorischen That deS Clemens August eine unbegreifliche Unklugheit gesehen haben, die nie einen Muth zeigten, wenn eS gegolten nach oben hin aufzutreten — die nur ein Müthlein besaßen, was sie nach unten an ihren Untergebenen zu kühlen versuchten! Wir haben kein Bertrauen zu Männern, die ihr ganzes Leben mit dem fadesten, glaubensleersten, rationalistischen Gc- salbaber zubrachten, die vo», Dogma nichts wissen und nichts hören wollen, unv die, wenn sie schon um deS Decorums willen von Christus sprechen mußten, in dem Erlöser und Weltheiland nichts anders sahen, als einen salbungsvollen Lehrer von Moral unv Humanität — der sich nur durch seine reine Lehre vor den Moralpredigern vor seinem Erscheinen und nach demselben ausgezeichnet hat. Durch säst vierzig Jahre (ungefähr y§n 1780— 1820) ist auch zu Wien auf manchen Kanzeln im Sinne oder auch im Unsinne dieses abgeschmackten rationalistlschen ComplotteS gepreciget worden, man hat den Unglauben mit der abgewässerten, fadenscheinigen Moral mit vollen Händen ausgesäet, und eS lst erstaunenswerih, w nn man j-tzt einige von den unchrwürrigen Ueberbleibern aus jener Zeit über JndifferentiSmus klagen hört; alS ob sich diese Leute in ihrem ganzen Leben mit etwas anderem, als mit der gewissenlosesten Verbreitung des jetzt beklagten JndifferentiSmus beschäftigt hätten — als ob ihnen nicht alle Apologetik und Polemik auf dogmatischen Grundlagen von jeher in die Seele hinein zuwider gewesen unv von ihnen nach Maaßgabe ihrer Polizeigewalt, selbst sogar verfolgt worden wäre! Was ist nun da zu thun, wie kann dem JndifferentiSmus der höheren unv mittleren Stände, wie der Jrreligiösität des von der gefesselten Kirche vernachlässigten und verwahrloststen Proletariates abgeholfen Werben? Gewiß nur einzig und allein durch die vom Josephinismus so sehr gehaßten und mit Kerker unv Kelten noch bis in die letzten Jahre verfolgten religiösen Vereine! Das Wirken Einzelner, wie eS das bereits um alle geistige Umsicht gekommene alte Polizeikirchensystem immer »och gerne haben möchte — kann hier auf die Massen rein nichts ausrichten, Vergestllschaftuiig, Vereinigung ist ja daS Princip der Kirche, unv daS muß sie verfolgen und auSbilven mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln, Eine geipliche Behörde, die eS zu verhindern und hintertreiben suchen würde, diesen einzigen Rettungsanker der Gesellschaft in die aufgewühlten Wogen deS Proletariats einzusenken, spräche sich mit einem Male entschieden als »»kirchlich, als unkatholisch auS, und schriebe hiemit das Urtheil ihres unmöglichen Fortbestandes mit eigener Hand. Gewiß immer mehr rückt die entscheidende Stunde heran. Wie der unselige Knoten sich lösen Wird, das weiß die Vorsehung, wir vermögen cS nicht vorauszusehen, nur daS wissen wir bestimmt — daß eS bei uns nicht mehr so fortgehen kann, wie es bisher gegangen ist. Zersplitterung der Kräfte führt zum offenen Abgrund, Synode» braucht der Klerus, katholische Vereine das Volk!*) Geistliche, welche diesem rettenden Bedürfniß entgegentreten, laden hiemit eine Verantwortung auf sich — mit welcher beladen wir nicht gern vor Gottes Rlchterftuht hintreten möchten! Sendschreiben des katholischen Vereins zu Oggersheim und Umgegend an den PiuSverein in Augsburg. Biedere, deutsche Männer, Liebe, katholische Brüder! Hoch schlug unser Herz, gar sehr waren wir erfreut, als Euer Sendschreiben uns zukam. Die Katholiken der Pfalz haben mit Begeisterung die lebendige Theilnahme aufgenommen, welche Ihr dem Geschicke derselben zuwendet. Sie werden nimmer vergessen, daß ihre bayerischen Brüder in Schwaben die Ersten waren, welche in ihrem Kampfe gegen den Bund deS ungläubigen Zeitgeistes und der verrotteten Schreibcrherr- schaft durch ihr Wort sie aufrichteten, und ihnen treulichen Beistand im Kampfe gegen die Feinde der wahren Freiheit und deS Christenthums zu- ) Dieser Artikel ist noch vor Verkündigung der neuen Grundrechte geschrieben. sagten. Wohl wird bald der eben in Speyer sich gebildet habende Central« Auöschuß der katholischen Vereine der Pfalz im Namen Aller die heilige Pflicht deS DankeS an Euch abstatten. Wir aber, die den Gegenstand deS Streites in ihrer Mitte haben, wir, denen das Kloster von Oggersheim doppelt werth ist, sowohl wegen der Persönlichkeit seiner Bewohner, als wegen der steten Aushilfe, welche der Seelsorge allein dadurch zu Theil wirv; — wir fühlen auch doppelt schwer die Ungerechtigkeit, welche verübt werden soll; wir erkennen nur zu gut, daß eS sich nicht bloß um dieses Kloster, sondern um unsere ganze Freiheit auch für die Zukunft handelt. Eben darum finven wir uns noch besonders getrieben, Euch katholischen Brüdern im Schwabenlande für Eure so herrliche, ganz katholische Manifestation unsern innigsten Dank auszudrücken. Dieser Dank an Euch sey unser erstes Lebenszeichen. Seyd versichert, trotz des großen Wortes, das unsere Demokraten führen, trotz ihres GebahrenS alS wenn sie die Pfalz, die ganze Pfalz wären, — unser schönes Land faßt noch viele, ächte katholische Herzen in sich. Diese werden mit der That eg beweisen; unv wie unser BiSihum in den Stürmen der Reformation nicht wankte, so wird eS auch jetzt unter dem Schutze Mariä «einer Patronin fest bleiben, Gott und der Kirche treu, werth sich zu nennen Eure treuen Brüder in Christo. Oggersheim in der Pfalz, 4. März 1849. V. Franz de Vico. Es ist seiner Zeit der leiver allzu frühe Tod deS k. de Vico aus der Gesellschaft Jesu in diesen Blättern erzählt worden. Der ,,^mi cko la kaligion" bringt nun, wie eS scheint auS der Fevcr eines MitbruterS deS Verblichenen, einen kurzen Nekrolog, auS dem wir daS Merkwürdigste hervorheben. Franz de Vico wurde zu Macerata, einer Stadt im Kirchenstaate, am 19. Mai 1805 geboren. Seine Familie war eine der angesehensten in der Provinz. Der Bischof Slrambi von Macerata, der im Gerüche der Heiligkeit gestorben ist unv dessen Canonisation man entgegen sieht, erkannte im jungen de Vico außerordentliche Gaben, segnete ihn öfter und gab ihm häufige Beweise zärtlicher Zuneigung. Frühzeitig nahm ihn die Religion, diese zärtliche Mutter und Erzieherin der Seelen, unter ihre schützende Fittige. Seine ersten Studien machte er im Collegium der Jesuiten zu Urbino, und zwar bis in die Rhetorik Als er aber Neigung zeigte, selbst in die Gesellschaft einzutreten, hofften seine Eltern, die ihn zu etwas anderm berufen glaubten, er werde davon abkommen, wenn sie ihm einen andern Ort zur Fortsetzung seiner Studien anweisen würben. So kam er zu den Plansten nach Siena. wo er den berühmten k. Jnghi- rammi zum Professor der Mathematik erhielt und daS Gymnasium absolvirte. AIs die Zeit herbeikam, wo sich de Vico für einen Beruf enlscheiven sollte, entschloß er sich, seinem Gott unv sich selber treu, auf die nicht unbeträchtlichen elterlichen Güter zu Gunsten senrcS jüngern Bruders zu verfichten, und verlangte unmittelbar darauf seine Zulassung zur Gesellschaft Jesu. Doch mußte er die Ausführung dieses seines LieblingsplanS noch verschieben. Sein Vater halte nämlich, diesen Entschluß ahnend, bei seinem Tode dem Vormunver seiner Söhne aufgetragen, ihn auf die stärksten Proben zu stellen; ja er hatte ausdrücklich angeordnet, daß man ihn am Ende seiner Studien eine Reise durch Italien machen lassen solle, um durch neue Eindrücke viesen in ihm festgewurzelten Gedanken zu verwischen. Aber diese letzte Prüfung, weit entfernt, ihn in seinem Vorsätze wankend zu machen, befestigte ihn vielmehr in demselben, und so trat er denn mit neuen Kenntnissen bereichert, am 23. December'1823 zu Rom inS Noviziat zu St. AncreaS. In der Zwischenzeit zwischen seinem Noviziat und dem theologischen Curse wurde er, nach dem Gebrauche der Gesellschaft Jesu, zum Unterricht verwendet. Er lehrte im römischen Collegium die untern Classen unv die Humaniora. Um eben diese Zeit fing er seine astronomischen Beobachtungen an. Oft erhob er sich, nachdem er drei oder vier Stunden geschlafen, vom Bette, oder,er wachte vorher einen großen Theil der Nacht hindurch. Auch während der vier Jahre, in denen er den theologischen Studien obliegen mußte, setzte er diese Forschungen fort. Nachdem er jene vollendet halte, wurde er ausschließlich für die mathematischen und astronomischen Wissenschaften verwendet. Er wurde dem p. Dumouchcl, einem französischen Jesuiten, der das Observatorium des römischen Kollegiums leitete, beigegebcn. Dieser demüthige und gelehrte Astronom war glücklich, seitdem er von den Talenten und den Fortschritten seines jungen Mitarbeiters reden konnte, und brachte ihn mit den ausgezeichnetsten Astronomen von Europa in Verbindung. Oefier als einmal bezeugte er eS am Ende seiner Laufbahn, wie viel Trost eS ihm mache, einen fähigern Nachfolger zu 43 hinterlassen, als er selber war, der durch diese erhabene Wissenschaft die Hauptstadt der Christenheit verherrlichte. In der That erlangte das Ob. servatorium des römischen CollegiumS unter der Leitung deS k. de Nico eine europäische Berühmtheit. Die Wissenschaft verdankt ihm viele und wichtige Entdeckungen. Folgende sind nach chronologischer Ordnung die vorzüglichsten: Am 28. November 1832 entdeckte er den Biela'schen Cometen auf seiner Rückkehr zur Sonnennähe und zwar in der nämlichen Nacht, in wel cher ibu Herschel zuerst in England bemerkte. Am 5. August 1835 entdeckte er den Halley'schen Cometen, der an andern Orten erst 15 Tage später entdeckt wurde. JnS Jahr 1838 fallen verschiedene Entdeckungen über die Atmosphäre des Saturn. In die Jahre 1838 — 1839 die Entdeckung der zwei nächsten Trabanten des Saluin, die vor ihm nur Herschel gesehen hatte. Diese Entdeckung geschah durch die Anwendung einer neuen Methode, die Arago eine kostbare Entdeckung nannte. In dem nämlichen Jahre bestimmte er die Zeit der periodischen Wiederkehr der 2 Trabanten deS SalurnuS. In den Jahren 1839 —40—41 erfolgte die Bestimmung der Wendung der VenuS um ihre Are. Auch diese Entdeckung Hai ungeheures Aufsehen gemacht. In den Jahren 184l —42 — 43 — 44 entdeckte er eine große Anzahl neuer Gestirne. Am 23. August 1844 folgte die Entdeckung eines neuen Cometen, genannt: „der Comel deS römischen CollegiumS." Am 4., 5. Februar 1845 entdeckte er einen andern neuen Cometen von unbekannter Umlaufszeit Am 9. Juli v. I. entdeckte er den Enke'schen Cometen bei seiner Rückkehr zur Sonnennähe. — Endlich hat I?. de Vico die Zeit und den Trost gehabt, Schüler zu bilden, die seiner würdig sind, und deren Name sich eines Tages mit dem Namen ihres Lehrers zur Vermehrung seines Ruhmes vereinigen wird. — AIS er mir allen Jesuiten, seinen Mitbrüdern, gezwungen war, das römische Kollegium zu verlassen, durchreiste er Frankreich, um sich inS Kollegium nach George- Town in den vereinigten Staaten zu begeben, wo seiner ein Observatorium harrte, das eben so reich ist an Instrumenten als das, was er eben verlassen hatte. Arago, der damals Minister war, drang in ihn, daß er in Paris bleibe. Auf seiner Reise nach London empfing er keine minder günstige Aufnahme bei den englischen Gelehrten. Aber nirgends erregte vielleicht seine Gegenwart mehr Sympathien als in den vereinigten Staaten. Es gelangten an ihn die dringend sten Einladungen, um ihn zur Niederlassung in Amerika zu ermuntern, ihn und alle italiemschlN Jesuiten, die eS fassen könne. Zahlreiche Subscripiionen organisirlen sich auS freien Stücken, um die Neberfahrt zu erleichtern und die Niederlassung zu unterstützen. Dieser Edelmulh rührte um so mehr das Herz des k. de Vico, als eS vorher betrübt war über die Beklemmung seiner Mitbrüver, die ohne Vaterland, ohne Freistätte waren Vergessend der Ermüdung und seine Kräfte verschwendend fuhr er aufs Neue über den Ocean, um die Abreise inS Land der Freiheit zu beschleunigen. Eben halte er in Liverpool die Einschiffung von 20 Erilirten geleitet und bereitete schon wieder eine neue Colonie vor, als er vorn Typhus ergriffen- wurde, der ihn am 15. Ociobcr v. I. zu London hinraffte. Eine Bruderhand hat ihm die Augen geschloffen! Die Kenntnisse deS k. de Vico waren in allen Fächern ausgezeichnet. Er halte seine Studien der Philosophie und der Theologie mit Glanz vollendet. Er war ein ausgezeichneter Musiker, und eS war für ihn eine angenehme Unterhaltung an Festtagen auf dem Chor der Zöglinge des römischen CollegiumS zu dirigiren. Auch als Composileur hat er einen berühmten Namen. Waren es die ferner Stehenden, die seine eminente Wissenschaft und seine alles umfassenden Talente bewunderten, so verehrten und schätzten seine Brüder, in deren Mitte er lebte, seine Bescheidenheit und Sanftmuth, seinen stets gleichen Humor, seine treue und beständige Beobachtung der Regel. In seinen Augen war der Unterricht ein Gebet und eine Predigt, und dieses Leben, geweiht dem Apostvlat der Wissenschaft, hat der Himmel sich gewürdiget zu beschließen in der Verfolgung für den Namen Jesu und zu krönen durch eine Art Martyrthum für die Liebe seiner Brüder. Er erreichte ein Alter von 43 Jahren, k. I. ?. (Sion.) Kirchliche Zustände in den Donaufürftenthümern. Von der untern Donau. Am 9. November v. I. hat die katholische Misston der Moldau ihren zweiunddreißigsten Bischof durch den Tod verloren. Der hcchwürdigste Herr Paul Sardi auS Val d'Aosta in Piemont war erst 55 Jahre alt und seil fünf Jahren Bischof; auf seiner letzten VisitationSreise hatte er sich erkältet und starb nach wenigen Tagen in Jassy, von seinen Missionären und Diöcesanen (70,000) tief betrauert: denn er war ein demüthiger, aufrichtiger, „wahrer Jsraelit, in welchem kein Falsch ist." In dem für Italien so stürmischen Jahre 1821 trat er in den Minoritenorden im römischen Staate ein und begab sich 1825 als apostolischer Missionär nach Konstantinopel. Dort erwarb er sich die Liebe und Achtung seiner Oberen und Mitdrüdcr, wie deS ganzen Volkes. Unverdrossen und unermüdet arbeitete er auf der Kanzel und im Beichtstühle, in der Kranken- und Armenpflege. Seinen Bemühungen war e» größtentheilS zu verdanken, daß nach dem schrecklichen Brande am 2. Aug. 183 l, welcher ganz Pera verheert halte, das Kloster St. Anton auS der Asche wiedererstand. Im Jahre 1839, als er Provincial deS OrieniS und apostolischer Prüfect von Rumelien war, führten ihn AmlSgesck'äfte nach Rom, wo gerade damals der griechische Beichtvater der PeterSkirche, der Minorilenbischof Tomaggian, gestorben war, dessen Stelle er übernahm, bis ihn Gregor XVl. im Frühjahre 1843 als Bischof und vmitotor opo- stulious in die Moldau sandte. Anch hier wußte er sich die Herzen Aller zu gewinnen, sogar von den Moldauischen Bojaren wurde er geachtet. Er hatte den Trost in kurzer Zeit mehrere neue Kirchen und zwar nicht wie die früheren von Holz, sondern von Stein zu erbauen und zu vollenden, neue Pfarreien zu gründen und viele Verbesserungen in der Mission zu machen. Leider geht Vieles mit ihm zu Grabe, wenn die römischen Wirren nicht bald gesuchter werden und der heilige Vater einen neuen tüchtigen Nachfolger an seine Stelle setzt. Es wäre aber fihnlichst zu wünschen, daß er kein sardinischer Unterthan wäre, damit die Intriguen, die Karl Albert auch hier schon seit zehn Jahren durch seine Consuln treibt, nicht weiter um sich greifen können, indem sie der Kirche ungemei» schaden. Am verstorbenen Bischöfe Sardi gedachten die Sardinier wieder ihren Mann zu finden, er war aber dafür zu ehilich und aufrichtig. So wie in Asien und den übrigen Welnheilen Frankreich die Missionen geschützt, so schützt sie in den Dvnaufürstenlhnmern und der übrigen europäischen Türkei (Konstantinopel und Smyrna machen hiervon eine Ausnahme: da ist der Schutz gemischt — einige Klöster und Kirchen stehen unter Oesterreich, die andern unter Frankreich), das Kaiserhaus. Zu dieser Ehre hat der Herr der Heerschaaren jene beiden Mächte auserkoren — und wie schön und würdevoll haben beide ihre Aufgabe bisher uneigennützig geloSt! WaS wäre auS dem heiligen Grabe zu Jerusalem schon längst geworden, wenn sich nicht Frankreich mit Macht gegen die russischen Intriguen gestellt hätte? — Die Kirche deS heiligen Grabes gehörte, von Gottfried von Bouillon an bis auf unsere Tage, ausschließlich den Katholiken, sie war von ihnen erbaut. Da sie aber 1808 abbrannte und durch die Napoleonijchen Kriegszüge verhindert, keine Unterstützungen auS Spanien, Frankreich, Deutschland und Italien einkamen, mußten die gaslsreundschaft- lichen Franciöcaner die größte Noth leiden und konnlen dte Kirche nickt wieder erbauen. Diese Gelegenheit benutzten die schlauen Griechen und halfen den Lateinern beim Wiederaufbau des Tempels, um auch ein Recht darauf zu erhalten. Von nun an dachten sie an nichts sehnlicher, als die Katholiken ganz zu verdränge». Kein Geld zu Bestechungen, keine Mühe wurde gepart, selbst Gewalt wurde oft angewandt, um den Katholiken ihren sechShunderijähngen Besitz zu entreißen. Der FanatiSmuS, daS Geld und der russische Schutz vermögen im Oriente AlleS; denn die hohe Pforte kann keinen Firman ausgehen lassen, der vollziehende Kraft hat, wenn er kein russischen Gesandten nicht guttünkt. Gewiß wären die armen Fran- ciScaner vertrieben worden, wenn Frankreich die Rechte der Kirche nicht geschützt hätte, und nicht allein auS dem heiligen Grabe, sondern a»S dem ganzen heiligen Lande. Vor vier Jahren verschaffte Herr v. Titow (der russische Gesandte in Konstantinopel) den Griechen einen Firman, um einige Baureparaturen an der Kirche des heiligen Grabes vornehmen zu können. Da man schon im Voraus wußte, wohin sie damit wollten (eS war ihnen darum zu thun, die noch übriggebliebenen und zu sehr vom alten Reckte zeugenden, lateinischen FreScogemälde und Wappen auszutilgen), so nahmen die Väter den Schutz Frankreichs in Anspruch und sie erhielten einen Gegenfirman. Der Moskowile intriguirte nun so weil, daß die Türken nickt mehr wußten, waS anders zu machen sey, als die Sacke der französischen Gesandtschaft zu entdecken. Diese allein wäre auch nicht mächtig genug gewesen, daS Recht der Franciscaner zu schützen. Da befahl Kaiser Ferdinand seinem JnternuntiuS, dem Grafen Stürmer, hinsichtlich deS heiligen Grabes und von nun an in allen Kirchenangelegenheiten gemeinschaftlich mit dem französischen Gesandten bei der Pforte zu arbeiten. Da blieben nun die Sachen, wie sie waren. Wären die österreichischen Hofagenten und Consuln in den Donau- fürstenthümern, in Bulgarien, Albanien und Bosnien nicht tüchtige Männer, denen der Schutz der Kirche so sehr wie ihrem Kaiser am Herzen liegt, dann wären unsere Missionen längst schon zerstört. Darauf arbeiten nicht sowohl die eingeborenen Schismatiker, als de« CzaarS Pläne hin, für die er überall verschmitzte Consuln hat, von welchen sogar einige Katholiken, die aber grimmiger sind als die Schismatiker, um sich in Gunst zu erhalten und irgend einen russischen Orden zu erhäschen. So hat der russische Consul von Galacz, Herr Carl Cola, ein Katholik, voriges Jahr (1847) den dortigen Pfarrer dabin bringen wollen, das „8alvnm tso" für den Kaiser Ferdinand, wie eS nach uralter Gewohnheit im ganzen Oriente an den höchsten Festtagen (in Konstantinopel und Smvrna an allen Sonn- und Feiertagen) vor dem Segen gesungen wird, einzustellen. Er behauptete, daß die Artikel deS Carlowitzer FriedenS von 1699 und jene von Passarowitz von 17l8, in welchen die Rechte der katholischen Kirche und ihrer Schutzmacht Oesterreich sanctionirt sind, durch den neuen russischen Traktat von Aerianopel aufgehoben wären. Ja, dieser Mann ging in seiner Ruffomanie so weit, daß er bet der AuferstehungS-Feierlichkeit am CharsamStage, als der Pfarrer daS „8alvum kao" anstimmte, seinen Stuhl umwarf und zum Aergernisse der Anwesenden zur Kirche hinauSstürmte. Daß er nun anfing, jenen armen Pfarrer zu verfolgen und noch verfolgt, macht seine Verdienste beim Petersburger Cabinet noch größer. Eben so wird bei jeder Messe im Gedächtnisse der Lebenden nach dem Papste der Kaiser genannt, wie in dessen eigenen Ländern. Und verdient dieser fromme Monarch eS nicht, da er die Kirche und ihre Diener so uneigennützig und herrlich schützt? (Rh. V. H.) A « s W i e n. — Wien, 4. März. Während an andern Orten, insbesondere in München und Augsburg der konstitutionell-monarchische Verein die Hydra der Anarchie mit mächtigem Arme niederkämpft und der PiuSverein in letzterer Stadt bereits sein segensreiches Wirken entfaltet: ist bei uns durch den Belagerungszustand die Thätigkeit ähnlicher Vereine darniedergehalten. Die Behörden, welche mit Fug und Recht die verdächtigen Vereine unterdrücken, würden unseres ErachlenS wohl daran thun, dem katholischen und ächt konstitutionellen Elemente im Wiener-Volke eine freiere Bewegung zu gewähren, und so eine moralische Schutzmauer für öffentliche Ruhe und Ordnung, für Achtung göttlicher und menschlicher Gesetze zu erbauen. Um so schmerzlicher mußte den gutgesinnten, katholischen Bürger WienS der in diesen Tagen an den Vorstand deS hiesigen Katholiken-VereineS ergangene Bescheid von Seite des Civil- und Militär-Gouvernements berühren, deS Inhalts: „Die Belehrung der Mitglieder des Vereines in öffentlichen Bersammlungen durch religiöse Vortrage könne nicht gestatl-t werden." Es ist dieser Bescheid um so verwundender, als er nicht zunächst im Willen deS Gouvernements beruht, sondern, wie wir Ihnen aus verbürgter Quelle berichten können, lediglich auf das Gutachten deS hiesigen erzbischöflichen ConsistvriumS sich gründet. Se. Ercellenz der Hr. Gouverneur äußerte sich mündlich gegen den Hrn. Cardinal Fürst Schwarzenberg, der hierüber mit ihm Rücksprache pflog: „Er könne leider in dieser Angelegenheit nichts thun, denn der Hr. Erzbischof von Wien sey dagegen." ES dürfte, darum für Ihre Leser interessant seyn, den Bescheid, auS welchem die Feder deS.ConstsloriumS deutlich herauSblickt, in seiner ganzen Länge zu vernehmen. Er lautet: „Die Belehrung, die der Verein cki seinen Versammlungen ertheilen wolle, könne nach den Grundsätzen unserer (?) Kircke auf dem Wege der Christenlehren und Predigten in katholischen Kirchen erreicht werken. Versammlungen für diesen Zweck in nichtkirch- lichcn Gebäuden zu gestatten, sey gegenwärtig der Zeitpunct um so weniger vorhanden, als der Verein nach seinem Programme auch politische Zwecke verfolge, daher sehr leicht in diesen Verein sich Pharisäer (!) ein- schleichen könnten, welche unter der Maske der Beförderung des Glaubens politische Glaubenslehren verbreiten könnten, welche der öffentlichen Ruhe und Ordnung nachteilig werden könnten. Für seine Thätigkeit bedürfe der Verein dieser Versammlungen in Privathäusern auch darum nicht, weil er (?) durch die dem Vereine einverleibte gutgesinnte katholische Geistlichkeit das Wort GotteS in Seinem (?) Hause spenden lassen (?) könne." Der Vorstand deS Vereines ist katholisch genug, um die Zumuthung im letzten PassuS von sich abzulehnen: „daß eS lhm zustehe, durch den Klerus im Hause GotteS daS Wort GotteS spenden zu lassen." Er will keinen Eingriff machen in die Rechte deS Bischofs, will aber auch sich nicht als .pharisäischer" Verein verdächtiget wissen. Dieser PassuS insbesondere hat die sämmtlichen VereinSglieder auf'S tiefste verletzt; und eS steht ein feierlicher Protest zu erwarten, weil der Verein auch, nach Aufhebung deS Bela- gcrungSzustandeS, sein Wirken in der Zuknifft hierdurch verdächtiget sieht. So verfährt ein geistlicher Vater mit seinen Kindern, und eS darf Sie nickt Wunder rühmen, wenn unter Laien und Geistlichen kaum Ein Herz mehr in kindlicher Liebe ihm entgegenschlägt. In kürzester Zeit wird daS Ordinariat von Wien und St Pöllen, ihrem offen vor der Welt ausgesprochenen Principe gemäß, als vereinzelter Kämpfer auf der Wahlstätte deS Bureaukratismuö dastehen; denn KlcruS und Laien sehnen und ringen nach Freiwerdung aus den papiernen Fesseln. Mag dann immerhin eine hohe kirchliche Person sich wegwerfend äußern: „Man könnte diese Leute da (vr. Brunner und Konsorten d. h. die absolute Majorität deS Klerus) suspenviren, wenn man wollte!" — Eine erfreuliche Erscheinung, unerachtet deS angelegten Hemmschuh'S, ist die sich mit jedem Tage steigernde Abon- nentenzahl auf den VolkSsreund, das Organ deS Katholiken-VereineS; sie beläuft sich im Augenblicke bereits gegen fünfthalb Tausend. — Zur allgemeinen Freude hat Kanonikus Veilh am ersten Fastensonntage die Kanzel in der Pfarrkirche am Hof bestiegen, und läßt als ein zweiter Paulus in seinen Fastenvorträgen den Wienern die Schärfe seines zweischneidigen Wortes fühlen. Nach seinem Vorbilde wirkt auch der durch und durch katholisch gesinnte niedere Klerus, auf den die Worte der Apostelgeschichte ihre Anwendung finden Kap 5. V. 41.: „Sie gingen freudig vom Ange- sichte deS hohen Rathes hinweg, weil sie gewürdiget wurden, um deS Namen Jesu willen Schmach zu leiden, und sie hörten nicht auf, täglich im Tempel und m den Häusern*) zu lehren und Christum Jesum zu verkündigen." — Ihr /X Korrespondent auS Wien ist, wie schon öfter, auch dießmal übel berichtet, wenn er Ihnen von der „ersten" konstitutionellen Ehe eines gewissen Schuhmachers Lewisch erzählt; der Lloyd widerlegt dieses Gerücht, welches durch mehrere hiesige Blätter cursirt, und schon an der Stirne daS Brandmal der Lüge trägt, auS dem Munde des Hrn. Pfarrers in der Leopoldstadt, der den benannten Hrn. Lewisch auf seine Anfrage: ob er bei Lebzeiten seiner Gattin mit einer andern Person eine Ehe als Katholik eingehen könne, ganz natürlich dahin beschtev: „Nach christkatholi- schen Grundsätzen sey dieß platterdings unmöglich. Von einer Civil-Ehe könnte nach diesen Vorbegriffen nur durch Intervention deS SchmiveS von Gretna-Green eine Rede seyn." C o b l e n z. Koblenz, 4. März. Der Hochwürdigste Herr Bischof vr. Wilhelm Arnoldi von Trier ist gestern nach Köln abgereist, wo er mehrere Tage verweilen wird. Wie man mit Bestimmtheit versichert, findet in diesen Tagen in dem Hause unseres Hochwürdigstcn Herrn Erzbischofs Johannes v. Geissel eine Versammlung der Rheinischen Bischöfe statt, in welcher wichtige Angelegenheiten besprochen werden sollen. Unter Ander,» sagt man, daß die Abhaltung von Dwcesansynoden als eine bald möglichst einzuführende Angelegenheit dort berathen werde und man will auS sicherer Quelle wissen, daß der Hochwürdigste Bischof von Trier demnächst die Geistlichkeit der Diöcese zu einer vorläufigen Besprechung um sich versammeln werde. PiuSverein e. Fulda, 8. März. In der am 6. dieses Monats dahicr abgehaltenen Versammlung deS Piusvereincs kam auch die Bildung der Ober- Schulcommission zur Sprache, und allgemeiner Unwille gab sich gegen die jeden Katholiken verletzende Zusammensetzung jener Behörde kund. Die Versammlung faßte den Beschluß, in einer energischen Adresse gegen die jetzige Zusammensetzung der Oberschulcommission zu protestiren und an das Ministerium die Forderung zu stellen, daß es unter die Mitglieder jener Commission zwei Katholiken und zwar 1) den jedesmaligen Pfarrer und Landdecbanten zu Kassel, 2) den Inspektor der höher» Gewerbschule zu Kassel vr. I. Hehl, einen sehr wackern und entschiedenen Mann, aufnehme. Zugleich soll der PiuSverein in Fritz lar aufgefordert werden, eine Adresse in gleichem Sinne zu erlassen. » Augsburg, 15. März. DaS obige „Sendschreiben deS katholischen VereinS zu Oggersheim und Umgegend an den PiuSverein in Augsburg" wurde letzterem in seiner gestrigen allgemeinen Versammlung mitgetheilt, worauf die Anwesenden ihren katholischen Brüdern in der Pfalz ein feuriges Lebehoch ausbrachten. Auf Mitrhulung deS Vorsitzenden über den Stand der OggerSheimer Angelegenheit, daß nämlich durch Regierungörescript die Minoriten in Oggersheim aufgefordert worden seyen, ihre Selbstauslösung anzubahnen, daß aber eine kräftige Petition von den Katholiken der Pfalz an Se. Majestät zur Wahrung ihrer Rechte abgegangen sey, beschloß man einstimmig, sich dieser Petition in einer Eingabe an Se. Majestät anzuschließen. ') Die Apostel haben, wie es scheint, es u cht für überflüssig gehalten, auch außer dem Tempel da« Wort Gottes zu lehren. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen, Verlags-Inhaber: F. E. Kremer. Prei« In Angtdnrg für sich allein (ohne A. Posijeitung)jthrltch Ifll » kr. Durch die Post kaun dieses Wochenblatt nur von Abonnenten der Posi- zeitung bezogen werden, und erhöht sich der Preis nach Verhältniß der Entfernung Sonntags - Deiblatt zur Augsburger Postzeitnng. Für sich allein, ohne die Augsburger Post- zeitung, find diese Blätter nur im Wege de« Buchhandels zu beziehen und kosten in ganz Deutschland, der Schweiz u.s. w. jährlich nur I fi. S«kr. oder I Thlr. Neunter Jahrgang. 12 L5 März L84S. Römische Zustände. Der Prostaatssecrctär, Cardinal Antonelli, hat im Namen des heiligen VaterS folgende Erklärung erlassen, welche die wichtigsten Ereignisse in kurzer Zusammenstellung, mit Berücksichtigung der Stellung deS heiligen VaterS zu denselben, enthüll. Gasta, 18. Februar 1849. Seit Seinem Antritt deS PontificatS hat Se. Heiligkeit nur im Auge gehabt, alle Seine Unterthanen mit zeitgemäßen Wohlthaten zu überhäufen, indem Er vor Allem für ihr Wohl sorgte. In der That, nachdem Er Worte der Vergebung für die gesprochen, welche in Folge politischer Verbrechen entweder deS Landes verwiesen waren oder im Kerfer schmachteten; die Staatsconsulta errichtet und den Ministerrath eingesetzt; bei der gebieterischen Macht der Umstände die Errichtung der Civica und daS neue Gesetz über anständige Freiheit der Presse, endlich ein Fundamentalstatut für den Kirchenstaat genehmigt, hatte Er wohl das Recht auf jene Dankbarkeit, welche Unterthanen einem Fürsten schulden, der sie nur alS seine Kinder ansieht und ihnen eine Herrschaft der Liebe versprach. Aber sehr verschieden war die Erwiderung so vieler Wohlthaten und Zugeständnisse, womit Er sie überschüttet. Nach kurzew^Kundgebungen dee Zufriedenheit, von jenen angeregt, welche schon damals die strafbarsten Gesinnungen im Herzen hegten (Kundgebungen, deren Aufhören der heilige Vater mit allen von Seinem väterlichen Herzen Ihm eingegebenen Mitteln zu erhalten strebte), erntete Er bald die bitteren Früchte des Undanks. Als eine zügellose Partei Ihm Gewalt anthat, um Ihn zu einem Kriege mit Oesterreich zu bewegen, mußte Er in dem Konsistorium von, 26. April v. I. eine Allocution halten, in welcher Er der ganzen Welt erklärte, Pflicht und Gewissen verböten Ihm, darein zu willigen. Das reichte hin, die vorbereiteten Umtriebe zu offener Gewalt gegen die Ausübung Seiner freien und vollen Macht ausbrechen zu lassen, indem eS Ihn zwang zur Theilung deS StaatSministeriumS in ein geistliches und weltliches, eine Theilung, welche Er niemals anerkannt hat. Gleichwohl hoffte der heilige Vater, indem Er an die Spitze der Ministerien fähige und ordnungsliebende Männer stellte, daß die Dinge eine bessere Wendung nehmen und die Uebel, welche schon so vieles Elend weissagten, sich theilweise würden aufhalten lassen. Aber ein mörderischer Stahl, gezuckt von der Hand eines Mörders, vernichtete die Hoffnungen, welche Er gefaßt. Dieses zu einer glorreichen Handlung erhobene Verbrechen eröffnete unklug die Herrschaft der Gewalt, der Quirinal wurde umringt von Bewaffneten, man versuchte ihn einzuäschern, feuerte Flinten auf die Gemächer ab, wo der heilige Vater sich befand und Er hatte den Schmerz zu sehen, daß einer Seiner Secretäre davon daS Opfer wurde. Endlich wollte man seinen Palast mit Kanonen beschießen und mit offener Gewalt Hineindringen, wenn Er nicht in die Zulassung deS Ministeriums willigte, welches man Ihm aufdrängte. Nachdem der heilige Vater in Folge einer Reihe eben so schauderhafter Thaten, wie die Welt weiß, der Gewaltherrschaft unterliegen mußte, sah Er sich zuletzt in die harte Nothwendigkeit versetzt, Rom und den Kirchenstaat zu verlassen, um jene Freiheit wieder zu erlangen, die Ihm geraubt war und deren Er genießen muß zur vollen Ausübung Seiner höchsten Gewalt. Dank der Fürsehung zog Er sich nach Gasta zurück und fand dort die Gastfreundschaft eines ausgezeichnet katholischen Fürsten. Dort, umgeben von einem Theile des heilige» Kollegiums und den Gesandten aller Mächte, mit denen Er in freundlicher Beziehung steht, zögerte Er keinen Augenblick, Seine Stimme vernehmen zu lassen und durch Pon- lifical-Act vom 27. November letzthin die Motive Seiner zeitweiligen Trennung von Seinen Unterthanen und die Nichtigkeit und Ungesetzlichkeit aller von dem durch Gewalt eingesetzten Ministerium ausgegangenen Acte zu verkündigen, und ernannte eine NegierungScommission, damit diese die Leistung der öffentlichen Angelegenheiten während seiner Abwesenheit aus dem ! Staate übernehme. ^ Ohne Seinem Willen Rechnung zu tragen, suchten die Urheber dieser ! ruchlosen Gewaltthaten Seine Macht bei den ungebildeten Classen noch zu ! verkleinern, und schämten sich nicht, noch größere Attentate zu begehen, lindem sie sich Rechte anmaßten, die nur dem Souverain zustehen und eine ungesetzliche stellvertretende Regierung unter dem Namen einer provisorischen und höchsten StaatSjunta einsetzten. Durch einen andern Act vom 17. Dec. letzthin protestirte der heilige Vater gegen diese neue und schwere Ruchlosigkeit, indem Er verkündigte, diese StaalSjunia sey nur eine Usurpation der höchsten Gewalt und könne folglich durchaus keine Autorität besitzen. ^ Er gab sich der Hoffnung hin, daß dieser Protest Seine verirrten ! Unterthanen zu ihrer Pflicht und Treue zurückrufen würde; aber ein neuer und schmählicherer Act offenbaren Frevels, vollständiger Rebellion, vollendete Seine harte Prüfung. ES war dieß die Zusammcnberufung der allgemeinen Nationalversammlung der römischen Staaten zur Bildung neuer politischer Formen für die Staaten deS römischen Stuhles. Hier nun protestirte Er mittels eines andern niotu propri« vom 1. Jan. gegen diesen A.-t »nd verdammte ihn alS einen gehässigen und gotteöräubcriseben Angriff auf Seine Unabhängigkeit und Seine Souveränctät, verpönt sowohl durch göttliche als menschliche Züchtigungen, und verbot Seinen Unterthanen die Theilnahme daran, sie verwarnend, daß Jeder, der eS wage, Seine weltliche Oberherrschaft anzugreifen, die Censur und die große Ercommunicatioir verwirken würde, eine Strafe, die Alle treffen würde, welche unter irgend einem lügenhaften Verwände Sein Ansehen verletzt oder sich angemaßt hätten. Und wie ward von der anarchistischen Partei dieser Protest und diese verhängnißvolle Verdammung aufgenommen! Es genügt zu erinnern, daß alles Mögliche geschah, um deren Bekanntwerden zu hintertreiben. Man drohte demjenigen mit schweren Strafen, der eS wagen würde, daS iVolk davon zu unterrichten und der nicht den Absichten der Anarchisten ! willigen Vorschub leihe. Jedoch trotz dieser unerhörten Schandthaten blieb !vie Mehrzahl der Unterthanen ihrem Souverän treu, setzte sich lieber allen Opfern, selbst denen deS eigenen Lebens auS, als ihren Pflichten als Unterthanen und Katholiken untreu zu werden. Noch mehr erbittert durch die Gefahr, ihre Plane vereitelt zu sehen, verdoppelte die Anarchistenpartei auf > tausenderlei Art ihre Schändungen und Drohungen ohne irgend welche Rücksicht auf Rang und Stellung, sondern einzig um zu jedem Preise daS Uebcrmaaß ihrer Niederträchtigkeit zu erreichen, und griff dabei sogar zu dem schändlichsten Mittel der Bestechung. Von Erceß zu Erceß gehend, mißbrauchten sie selbst die durch den heiligen Vater zugestandenen Wohlthaten, indem sie die Freiheit der Presse biö zur größten Zügellosigkeit benutzten. Nach Begehung der schändlichsten Unterschleife zur Belohnung ihrer Helfershelfer und zur Beseitigung der braven und eingeschüchterten Leute, — nach so vielen Mordthaten, die unter ihrem Schutze begangen sind, nach Verpflanzung deS Aufruhrs, der Sitteulosigkeit und der Irreligiosität nach allen Seiten hin, — nach Verführung der unerfahrenen Jugend, ohne selbst die öffentlichen Lehrgebäude zu schonen, indem man solche zur Ausnahme der verlaufenen Militärsöldlinge herabwürdigte, wollen die Anarchisten die Hauptstadt der katholischen Welt, den Sitz deS obersten Kirchen- sürsten in einen Pfuhl der Gottlosigkeit verwandeln; indem sie, wenn'S ihnen gelänge, daS oberhirtliche Ansehen gegen Denjenigen, der von der Vorsehung zur Leitung der über daS Weltall verbreiteten Kirche eingesetzt !ist, schändeten, indem sie Ihn der weltlichen Macht entsetzten, mit der Er als Patrimonium der Kirche zur Ausübung Seiner Obergewalt über die ganze Kirche angethan ist. Wie sollte so vielen Verwüstungen und Mordthaten gegenüber daö Herz des heiligen VaterS nicht tief ergriffen seyn! Dasselbe ist aber auch zu gleicher Zeit mit Besorgniß erfüllt bei dem Hilferuf Seiner treuen Unterthanen, die Ihn beständig um Seinen Schutz gegen die wilden Tyrannen anflehen. Bekanntlich richtete Se. Heiligkeit kurze Zeit nach Seinem Eintreffen in Gaöta am 4. Dcc. v. I. Seine Stimme an alle Ihm befreundeten Fürsten. Mit der Nachricht von Seiner Entfernung auS Seiner Resivenz^ und den päpstlichen Staaten unter Mittheilung der hierzu Ihn bestimmte habenden Gründe, rief Er ihren Schutz zur Vertheidigung der Rechte deS- heiligen Stuhles an. ES ist für Ihn eine angenehme Befriedigung, kundgeben zu können, daß Alle auf Sein Ansuchen liebevoll geantwortet, Ihm! die lebhafteste Theilnahme zu erkennen gegeben und die Versicherung ausgesprochen haben, zu Seinen Gunsten einschreiten zu wollen, während sie Ihm die wärmsten Gefühle persönlicher Ergebenheit und Zuneigung bezeugen. In Abwartung dieser glücklichen und großmüthigen Maaßnahmen und indem Ihre Majestät die Königin von Spanien mir so vieler Willfährigkeit einen Congreß der katholischen Mächte veranlaßt hat, um sich über Mittel zu vereinigen, wie Se. Heiligkeit unverzüglich in Ihre Staaten und in Ihre volle Freiheit und Unabhängigkeit wieder einzusetzen sey, zu welchem verschiedene Mächte ihre Zustimmung bereits ertheilt haben, und welche von andern zu erwarten steht, ist es betrübend, wahrnehmen zu müssen, daß die päpstlichen Staaten einer vollen ZerstörnngSwuth preisgegeben sind, von welcher die Partei der Auflösung aller gesellschaftlichen Zustände besessen ist, und welche unter dem Vorwande der Aufrechthaltung der Nationalität und der Unabhängigkeit nichts unterläßt, um den Gipfel ihrer Schandthaten zu erreichen. Das sogenannte Grundgesetz, welches von der römischen Costilncnte am 9. Februar decretirt worden ist, bildet einen Act des alle Gränzen überschreitenden Frevels und der scheußlichsten Gottlosigkeit. Man erklärt den Papst darin thatsächlich und rechtlich all' Sei uer weltlichen Macht über die römischen Staaten verlustig, man ruft darin die Republik auS, und in einem andern Acte decretirt man die Vernichtung der Wappen des heiligen Vaters. Angesichts solcher Verhöhnung Seiner obersten Würde als Kirchcnfürst und Souverän legt Se. Heiligkeit Verwahrung ein gegen diesen Frevel bei allen Regierungen, bei allen Völkern und bei allen Katholiken der ganzen Welt. Wenn nicht unverzüglich diesem Zustande abgeholfen wird, so könnte eS leicht eintreffen, daß die Hilfe erst dann gebracht würde, wenn die Kirchenstaaten bereits Opfer ihrer grausamsten Feinde geworden und in Asche aufgegangen seyn werde». Der heilige Vater hat gegenwärtig alle ihm zu Gebote stehenden Mittel erschöpft und sieht sich, gegenüber der katholischen Welt, durch seine Pflicht genöthigt, das Erbthcil der Kirche und die daran geknüpfte Sou- veränelät zu wahren, da solches unerläßlich für Aufrechrhaltung Seiner Freibeit und Seiner Unabhängigkeit als oberstes Haupt der Kirche ist. Gerührt von den Klagen Seiner treuen Unterthanen, welche laut um Hilfe rufen, und um sie dem eisernen Joche der Tyrannei, das sie nicht länger tragen können, zu entreißen, wendet er sich von neuem an die fremden und beschidcrS an die kachvlischen Mächte, welche mit so viel Großmut!)! und auf so glänzende Weise ihren festen Willen ausgesprochen haben, Seine! Sache zn vertheidigen. Er hat die Gewißheit, daß sie mit Eifer zusam^ menwirken werden, Ihn durch ihre moralische Intervention auf Seinen! Stuhl und in die Hauptstadt Seines StaateS wieder einzusetzen, der zur! Aufrechterhaltung Seiner vollen Freiheit und Unabhängkeit durch die Fröm-! migkcil gebildet worden, und der Ihm durch die Verträge, welche die! Grundlage deö europäischen öffentlichen Rechtes bilden, gewährleistet wor-! den ist. Und weil Oesterreich, Frankreich, Spanien unvdaS Königreich beider Sicilien durch ihre geographische Lage im Stande sind, mit ihren Armeen im Kirchenstaate die durch eine Horde Aufrührer gestörte Ordnung nachdrücklich wieder herzustellen, so ruft der heilige Vater, im religiösen Interesse dieser mächtigen Töchter der Kirche, mit vollem Vertrauen ihre bewaffnete Intervention an, um vor allem den Kirchenstaat von der Partei dieser Elenden, welche dort durch alle Arten von Verbrechen den schändlichsten Despotismus ausüben, zu befreien. ES ist dieses das einzige Mittel, die Ordnung im Kirchenstaate wieder herzustellen, und dem Papste die freie Ausübung Seiner Oberherrschaft zurück zu geben, wie eS Sein geheiligter und erhabener Charakter, die Interessen der allgemeinen Kirche und der Frieden der Völker gebieterisch verlangen. So nur kann Er das Erbtheil, welches Er bei Ueber-, nähme deö PontificatcS empfangen, bewahren, um eö Seinen Nachfolger»! in seiner Unversehrtheit hinterlassen zu können. ES ist die Sache der Ord-! nung und des Katholicismus. Der heilige Vater gibt sich deßhalb der! Hoffnung hin, daß, während alle Mächte, mit welchen Er in freundschaft-! Ilcher Beziehung steht, und welche in der Lage, worin Ihn eine anarchi-! sche Partei versetzt, Ihm so oft ihre lebhafte Theilnahme bekundet haben, der bewaffneten Intervention, welche die Schwere der Ereignisse Ihn anzurufen zwingt, einen moralischen Beistand leisten werden, die vier bezeichneten Mächte nickt einen Augenblick verlieren, das Werk, welches Er von ihnen verlangt, zu vollenden, und sich um die öffentliche Ordnung und um die Religion verdient zu machen. (Sion.) Fasten-Hirtenbrief des Hochwürdigsten Herrn CrzbischofS Hermann von Freiburg. Hermann von Vicari, durch GotteS und des heiligen apostolischen Stuhles Gnade Erzbischof von Freiburg, Metropolit der oberrheinischen Kirchenprovinz :c. rc. beim Beginne der heiligen Fastenzeit allen Gläubigen seiner Erzdiöcese Gruß und Segen von Gott dem Vater und Jesu Christo! Geliebteste! Der heilige Apostel Paulus redete bei seinem Verweilen zu Athen, wo sein Geist in ihm sich ereiferte bei der Wahrnehmung, daß die Stadt der Abgötterei ergeben war, auf dem Arcopag die Versammelten also an: „Athener! ich sehe, daß ihr in allen Dingen, ich möchte sagen, übergläubig seyd. Denn als ich umherging, und eure Götterbilder sah, fand ich auch einen Altar, auf dem geschrieben stand: Dem unbekannten Gott. Was ihr nun, ohne eS zu kennen, verehret, das verkündige ich euch." (Apvstelg. 17, 16 ff.) In einer ähnlichen Lage, wie damals der heilige Apostel, befinden auch Wir Uns, wenn Wir daS Leben und Treiben eines großen Theiles der Menschen betrachten. Ein neues Heidenthum hat sich vieler Gemüther bemächtigt. Den eiteln Götzen der Zeit eilen die armen verblendeten Sterblichen zu, weihen ihnen ihr Herz, stehen mit Leib und Leben für sie ein, preisen sie sich gegenseitig an und setzen auf sie all' ihre Hoffnung. Unbekannt ist Vielen geworden der wahre und lebendige Gott, „der die Welt gemacht hat und Alles, was darin ist, der des Himmels und der Erde Herr ist, der Allem Leben gibt und Odem und Alles; in dem wir leben, und unS bewegen und sind," der in Christo Jesu, Seinem eingebornen Sohn, die Welt erlöset, „und den Menschen verkündigt, daß Alle überall Ruße thun sollen: denn er hat einen Tag bestimmt, an welchem er den Erdkreis richten wird nach Gerechtigkeit durch Jesum, den er dazu bestellt, und Allen als glaubwürdig dargethan hat, incem er ihn auferweckte von den Todten." (Apostelg. 17, 24 ff.) Geliebteste! Verhehlen Wir es Uns nicht, — es drängt sich UnS im Hinblick auf die gewaltigen Erschütterungen, unter denen im Augenblicke unser Vaterland erbebt, und nach den so vielen herben Erfahrungen des verflossenen JahreS, — ungeachtet der nie aufgegebenen Hoffnung, daß am Ende noch Gutes und Besseres errungen, und auch das Böse zum Guten sich wenden, und daß namentlich nach einer Zeit herben Kampfes und bitterer Leiden das Kreuz Jesu Christi, und vie Braut deS Lammes, die heilige Kirche, neuen Sieg und neuen Triumph zum Heile der Menschen feiern werde, — eS drängt sich Uns, sagen Wir, bei dem allgemeinen Ueberblick unserer Zustände, die höchst traurige Wahrnehmung auf, daß ein neues Heidenthum eines Theiles der Menschheit sich bemächtigt habe, in Folge dessen Viele nicht mehr kennen den lebendigen Gott, „der mehrmals und auf vielerlei Weise einst zu den Vätern durch die Propheten, am letzten zu uns durch den Sohn geredet, welchen Er zum Erben über Alles gesetzt, durch den Er auch die Welt gemacht hat: welcher, da er der Abglanz seiner Herrlichkeit und daS Ebenbild seines -Wesens ist, unv durch das Wort seiner Kraft Alles trägt, nachdem er uns von Sünden gereinigt hat, sitzet zur Rechten der Majestät in der Höhe." (Heb. 1,1-3.) Ja, Wir sehen einerseits eine große Anzahl solcher, welchen im vollen Sinne des Wortes das Kreuz des Herrn eine Thorheit und ein Aergerniß (1- -Kor. 1, 23.) ist, welche mit allem Ernst und allem Aufwand ihrer Kräfte bestrebt sind, wie sie eS vielfach in seiner sichtbaren Erscheinung auf Erden weggeräumt, so es auch gründlich aus den Herzen herauszureißen; andererseits erblicken wir eine große Anzahl solcher, welche mit aller Ruhe und Gleichgiltigkeit solchen Bestrebungen zusehen, und, ob auch das Kreuz noch ihr Zeichen ist, so doch nicht zu wissen scheinen, waS sie haben in Christo, „in dem die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnet" (Kol. 2. 9.) „in dem alle Schätze der Weisheit und Erkenntniß verborgen sind" (Kol. 2, 3.), „der unS von Gott zur Weisheit geworden ist, zur Gerechtigkeit, Heiligkeit und Erlösung" (1. Kor. 1, 30.), der unser einziger Mittler, Hohepriester und ewige Seligkeit ist; und weil sie dieß nicht wissen, so gleicht bei ihnen daS Wort Christi dem Samen auf dem Wege, Jeglichem preisgegeben, dem es gefällt, eS wegzunehmen und dafür des Feindes Samen einzusäen. 47 Leider ist nur bei zu Vielen daS böse Werk gelungen, und in Erfüllung ist gegangen, was Paulus an die Römer schreibt: „Nachdem sie Gott erkannt hatten, haben sie ihn nicht als Gott verherrlicht, noch ihm gedankt, sondern sie wurden eitel in ihren Gedanken, und ihr unverständiges Herz ward verfinstert. Sie vertauschten die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes mit dem Gleichniß und Bild deS vergänglichen Men- scheu,. die Wahrheit Gottes mit der Lüge, verehrten und beteten mehr daS Geschöpf an, als den Schöpfer, welcher gepriesen sey in Ewig-! keit." (Röm. 1, 21 ff.) ! Wie heißen nun aber die eiteln Götzen der Zeit, denen diejenigen! huldigen, welchen der wahre, lebendige Gott ein unbekannter geworden ist?! Viele Götzenbilder fand der heilige Paulus in Athen. Und so sind auch die Götzen unserer Zeit viele, ja unzählige. Fassen wir einige derselben! schärfer ins Auge! ! Der erste der Götzen, dem Viele huldigen, ist die falsche Weis-! heit der Welt, insgemein die „Aufklärung" genannt, deren Wesen' und Höhepunct ihre Freunde darein setzen, daß sie die Religion Jesu Christi, wie sie von der katholischen Kirche seil achtzehn Jahrhunderten gelehrt und von einem Geschlecht zum andern überliefert worden ist, als Finsterniß und Unverstand, als Aberwitz und trugvolle Anmaaßung erklären, jene heilige Religion, welche den Erdkreis erneuert, welche dem menschlichen Geist seine Würde und Schwungkraft verliehen, nach allen Seiten hin sich zu entwickeln und Alles mit der Kraft deS Denkens zu durchdringen, und welche ihn zur Erkenntniß deS Geistigen und Uebersinnlichen erhoben; jene heilige Religion, welche die Herrschaft der Regierenden, wie die Freiheit der Untergebenen geheiligt und sie inS rechte Ebenmaaß gebracht, indem sie beide einem höhern Gesetze, jene dem der herablassenden Liebe, diese dem des Gehorsams unterwarf; jene heilige Religion, die unS gelehrt daß wir alle Eines Vaters sind, dessen Ebenbild wir Alle an uns tragen, daß wir Alle von der Erbschuld befleckte, schwache und sündhafte Sterbliche sind, für die Alle des Erlösers sühnendes Blut geflossen; jene heilige Religion, die uns zur höchsten sittlichen Freiheit, zur Freiheit von Irrthum und Sünde erhoben, die unS das Gebot der brüderlichen Liebe und das der Feindesliebe gegeben, und unS gelehrt, daß Geben seliger sey, als Nehmen, Gehorchen besser, als Gebieten; jene heilige Religion, welche die Menschenwürde selbst des neugebornen KindeS zur Anerkennung gebracht, es geschirmt und geschützt vor dem traurigen Loos, das in den gebildetsten Staaten des Alterthums vielen Kindern zugefallen, welche dem Kinde schon den Zugang zur Geistesbildung geöffnet, welche dem Weibe seine Würde und die ihm gebührende Stellung verliehen, die Ehe geheiligt, die Sklavenketten gelöst: kurz darin setzen die Freunde der falschen Aufklärung die höchste Wissenschaft und Bildung, als Finsterniß und Unverstand, als Aberwitz und trugvolle Anmaßung jene heilige Religion zu erklären, der wir alles Schöne, Große, Erhabene, dessen wir uns erfreuen, verdanken. Fragen wir" nur die Geschichte, welchem Boden denn die größten Weisen, Gelehrten, Erfinder und Künstler entsprossen sind, dem Boden der sogenannten Weltweisheit und .Aufklärung," ober dem Boden der Religion, deS Christenthums, der Kirche? Die Geschichte läßt unö hierüber nicht in Zweifel. Wem verdanken wir — um nur Einiges zu erwähnen — die herrlichen Dome, die als Symbole unserer heiligen Kirche stets uns mahnen an die Einheit, Größe und Herrlichkeit derselben, und unsere Seele mit heiliger Andacht und Anbetung Gottes erfüllen? Verdanken wir sie nickt gläubigen und frommen Männern? Was hat die Bauleute begeistert, diese großartigen Werke aufzuführen? Die Religion, die Liebe Jesu Christi, dessen heilige Geheimnisse in diesen Tempeln gefeiert, ja der selbst im heiligsten Sakramente in ihnen wohnen sollte! Amerika, die neue Welt — erinnert euch stets an den frommen Kolumbus. Ja selbst jene Erfindung, die durch die völlige Veränderung des Kriegswesens einen gewaltigen Umschwung im Leben der Völker hervorgebracht, ist sie nicht in der einsamen Zelle eines armen Mönches gemacht worden? Im Besitze alles dessen, was die Welt durch Geister, die durch das Christenthum und durch die Kirche ihre Reife, ihre Stärke, ihre Thatkraft und Ausdauer erlangt, empfangen hat, schaut sie nun — in ihrer eigenen Armuth und ihrem Bettelstolz — mit verachtendem Blick hin auf die Religion und die Kirche, und will sie als eine Mutier der Finsterniß und der Verdummung verhöhnen und brandmarken. Doch gerade dadurch sprechen sich die, welche sich weise dünken, ihr Urtheil. „DaS Wort vom Kreuze ist Thorheit denen, die verloren gehen; denen, die selig werden, ist eS Gottes Kraft. Denn cS steht geschrieben: Vernichten will ich die Weisheit der Weisen, die Klugheit der Klugen verwerfen. — Was vor der Welt thöricht ist, hat Gott erwählt, um die Weisen zu beschämen, und das Schwache vor der Welt hat Gott erwählt, um daS Starke zu beschämen: und daS Geringe vor der Welt, und daS Verachtete, und daS, waS Nichts ist, hat Gott erwählt, um daS, waö Etwas ist, zu nichte zu machen, damit kein Mensch sich vor ihm rühme." (1- Kor. 1, 18 — 2». 27 — 29.) ES fällt dem stolzen Sterblichen so schwer: Gott die Ehre zu geben, und zu bekennen, daß der Allerhöchste die einzige Quelle des Lichtes und der Weisheit, und daß „jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk von oben herab vom Vater des Lichtes ist." (Jak 1, 17.) Darum verwirft man die Wahrheit so, wie sie Gott geoffenbart hat; um sie willkommen zu machen, hüllt man sie in daS Gewand der Irrlehre und Weltweisheit, führt dadurch die Menschen hinweg von der Quelle lebendigen Wassers hin zu Cisternen, und bekennt nicht mit dem Apostel: man wolle nichts wissen, als Jesum Christum, und diesen als den Gekreuzigten. Die Rede und die Predigt, die „in überredenden Worten menschlicher Weisheit" besteht, gefällt mehr, als „die, welche in Erweisung des Geistes und der Kraft besteht: und doch beruhet der Glaube nicht auf Weisheit deS Mensche», sondern auf GotteS Kraft." (l. Kor. 2, 2. 4. 5.) „Niemand täusche sich daher selbst! Wenn Jemand unter euch sich weise zu seyn dünkt in dieser Welt, der werde ein Thor, auf daß er weise werde." (l. Kor. 3, >8.) Dem Götzen der falschen Aufklärung wollen aber Viele nicht entsagen. Wer in den Augen der sogenannten Weltweisen verständig und aufgeklärt scheinen will, der darf nicht gläubig Christi Kreuz umfassen, sondern der muß gleichgiltig gegen Religion und Glauben thu». Sonst anerkennt man feste LebenSansichten, Beharrlichkeit in der Behauptung und Anwendung von Grundsätzen, Ausdauer in der Verfolgung deS einmal vorgesteckten Zieles: wer aber die Weisheit GotteS nicht mit der eitel» Weisheit der Welt vertauschen will, wer fest und unerschütterlich zu Dem sich hält, der allein Worte deS ewigen Lebens hat, wer sich stützt auf die Grundfeste der Wahrheit, die Kirche, und somit sein Haus bauet auf einen Fels, das, wenn die Winde und die Wogen sich erheben, nicht einstürzet, — der wird — trotz der Freiheit, die man für alles Andere in Ansprnch nimmt, der Blindheit, deS Starrsinns, der Unduldsamkeit beschuldigt und nicht selten mit Schmach und Hohn bedeckt. Alles dieses geschieht, weil man vor dem Götzen der falschen Aufklärung die Kniee beugt und den wahren lebendigen Gott nicht kennt. Ein anderer Götze, dem viele Menschen dienen, und der daS Auge ihrer Seele so verdunkelt, daß sie nicht mehr erkennen den lebendigen Gott, ist die Habsucht, die unersättliche Gier nach irdischen Gütern, die man als die allein wahren betrachtet, die man auf jedwede Weise zu erhäschen und festzuhalten sucht. Geliebteste! Wie sehr ist in Vergessenheit gerathen daS apostolische Wort: „Wir sehen nicht hin auf daS Sichtbare, sondern auf daS Unsichtbare; denn das Sichtbare ist zeitlich, das Unsichtbare ist ewig" (2. Kor. 4, 18.); und wie wenige bekennen eS, daß „sie Pilgrimmr sind und Gäste nur auf Erden, und ein Vaterland suche», daß sie Bürger der Heiligen sind und Hausgenossen GotteS" (Hebr. 11,13. Eph. 2 19.), denen es geziemt, mit dem Apostel zu sprechen: „Unser Wandel ist im Himmel, woher wir auch den Heiland erwarten, unsern Herr» Jesum Christum." (Phil. 3, 20.) „Den Reichen dieser Welt gebiete," — so ermähnt der heilige Paulus seinen geliebten TimotheuS, — „nickt hoch- müthig zu seyn, nicht zu vertrauen aus ungewissen Reichthum, sondern auf den lebendigen Gott, .... Gutes zu thun, reich zu werden an guten Werken, gerne zu geben und mitzutheilen, sich zu sammeln einen Schah als eine gute Grundlage für die Zukunft, damit sie daS wahre ergreifen." (1. Tim. 6, 17.) Wen erschüttert nicht der Ruf deS heiligen JakobuS: „An dem Tage (der Ankunft des Herrn) weinet und heulet, ihr, die ihr dem Götzen der Habsucht gedienet, die ihr die irdischen Güter nicht als HauShälter GotteS gebrauchtet, und euren Trost und Frieden in ihnen suchtet, — weinet und heulet über euer Elend, daS über euch kommen wird. Euer Reichthum verfault, eure Kleider sind mottenfräßig, euer Golo und Silber ist verrostet und der Rost desselben wird rin Zeugniß wider euch seyn, und wird euer Fleisch fressen wie Feuer. Ihr habt euch Schätze deS Zornes gesammelt für die letzte Zeit. Siehe, der Lohn der Arbeiter, die eure Felder eingeerntet haben, welcher von euch vorenthalten worden, schreiet: und ihr Geschrei ist zu den Ohren deS Herrn der Heerschaaren gedrungen. Ihr habet geprasset auf Erden und in Wollust geweidet eure Herzen bis auf den Tag der Schlachtung. Ihr habt den Gerechten ver- urlheilet und gemordet, und Er widerstand euch nicht." (Jak. 5, 1 — 6.) (Schluß folgt.) Niederlande. In Holland scheint man immer mehr einen religiösen Zwiespalt zwischen Katholiken und Protestanten anzubahnen. ES ist bekannt, daß der Protestantismus vordem die StaatSreligion und der Katholicismus nur, zu Gunsten deö Handels, geduldet war, seine Bekenner aber keinerlei Ansprach aus Ehrenämter und besoldete Stellen hatten. Der König Lud« Wig Napoleon, Vater deS jetzigen Präsidenten der französischen Republik, verstand eS doch wohl, ausgezeichnete Männer herauszufinden und zugleich mit den Protestanten in ehrenvolle und einflußreiche Stellungen zu bringen. Seinem Beispiele folgte auch der Kaiser Napoleon; indessen ging alles dieses in der RestaurationSperiode für die Katholiken wieder verloren. Wilhelm 1 von. Nassau und sein Minister van Manen adoptirten wieder den alten, reactionären Haß der Protestanten gegen die Katholiken; die Frucht dieser traurigen Polink war bald der Verlust deS schönsten Theiles deS Königreiches: denn eine der bittersten Klagen der Belgier wider die ehemalige holländische Regierung stützte sich auf die ungleichmäßige Vertheilung der Aemter und Stellen, oder die Ausschließung der Katholiken. Die schreiende Parteilichkeit der Regierung zu Gunsten der Protestanten hat aber nicht aufgehört, vielmehr ist das alte System, die Katboliken auszuschließen, mit Leidenschaft aufrecht erhalten. Während die katholische Bevölkerung zur Nichtkatholischen sich ungefähr wie 2 zu 3 verhält, steht die Zahl der katholischen Beamten in dem Verhältniß zu den protestantischen wie 2 zu 25. Man berechnete und bewiest durch Namen und Zahlen, die veröffentlicht, und nicht widerlegt worden, daß von 18 Millionen Gulden, welche der Staatsschatz jährlich an Besoldungen und Pensionen den Beamten zahlt, kaum 2 Millionen auf die Katholiken kommen, obgleich dieselben doch über b/g der Gesammtbevölkerung ausmachen. Begreiflicher Weise konnte eine solche, klar in die Augen springende Ungleichheit die Gemüther nur aufregen. Als nun in Folge der Revolution vom 24. Februar 1848 auch König Wilhelm II. seine Politik im liebevollen Sinne ändern zu müssen glaubte, schloßen sich die Katholiken dem auS vollen Herzen an, und ihren unablässigen und einstimmigen Petitionen ist eS hauptsächlich zuzuschreiben, daß ein Artikel der neuen Constitution trotz der großen Anstrengung einer Menge Protestan ten, in der zweiten und ersten, und nachher in der doppelten Kammer durchging, der allen Staatsbürgern ohne Unterschied deS Glaubens dieselben Rechte auf sämmtliche Staatsämter zusicherte; so daß er in die jetzige Verfassung aufgenommen. Kein Minister hat sich diesem gerechten Artikel zu widersetzen gewagt, und man glaubte, das Ministerium würde sich nun endlich beeilen, alles, seit langen Jahren den Katholiken Hollands angethane Unrecht wieder gut zu machen. Allein wie sehr hat man sich getäuscht! Unter 75 von den verschiedenen Ministern seit 1. Februar 1848 bis 1. Januar 1849 Angestellten sind 71 Protestanten, 2 Juden und 2 Katholiken! Es kommen von diesen Anstellungen allein 17 auf das Ministerium deS Innern, worunter 16 Protestanten und 1 Jude. Man schreiet: „Die Katholiken sind unfähig." Allein selbst unter den 15 angestellten Schreibern und Kopisten ist kein Katholik. — Diese schreiende Zurücksetzung hat denn nun zur Folge, daß fast in allen Städten Hollands unter den Katholiken Proteste und Petitionen an den König zur Unterschrift circulircn und große Betheiligung finden, worin man sich in scharfen Ausdrücken darüber beklagt, daß beim Vergeben von öffentlichen Aemtern eine so schreiende, große Parteilichkeit zum Nachtheile der Katholiken noch immer Statt findet. (Sion.) Piusvereine. Köln, 11. März. Der hiesige PittSverein hat eine allgemeine Versammlung sämmtlicher katholischen Vereine in Rheinland und Westfalen für die zweite Hälfte des MonatS April in Köln anberaumt und auSge schrieben, und beabsichtigt dazu zugleich ausgezeichnete Persönlichkeiten im katholischen Deutschland einzuladen. Eine solche Versammlung zu gemeinschaftlicher Verständigung und Aufmunterung ist allerdings sehr wünschens- werlh, um so mehr, als hie und dort Elemente in die katholischen Vereine sich Eingang zu verschaffen drohen, welche das ehrende Merkmal derselben, die Katholicität, zu verletzen und in die noch jungen Vereine einen Bruch hineinzutragen Gefahr bieten. Kann man von dem hiesigen Piusvereine auch nicht behaupten, daß er seine Aufgabe vcrkaniu und seiner Bedeutung und Bestimmung, die kirchliche Freiheit vor Allem z» schirmen und zu wahren, nicht entsprochen habe, so hat es doch auch für ihn einzelne gefahrdrohende Momente gegeben, deren Folge freilich nur in der Zurückziehung einzelner Mitglieder bestand. Liegt die größte Gefahr für unsern katholischen Verein gegenwärtig in der die Einzelnen oft so schroff trennen- ^ den politischen Frage, so kann vor absichtlicher Besprechung dieser, Fragen im katholischen Vereine nicht genug gewarnt und daS so katholische Kennzeichen leidenschaftlicher Duldung — siuo ira r. ksp., äs expo8itiono, in lib Reg.), welche mit dem Fuße der Tugend den Kopf der alten Schlange zertreten, und welche, gestellt zwischen Christus und die Kirche (8. Lernsrä 86I-M. in eap. XII. Kpo»aI^p8.), voll der Gnaden und ganz lieblich, allzeit daS christliche Volk aus den drohendsten Gefahren gerettet, den Nachstellungen und Angriffen aller Feinde entrissen und vom Untergänge befreit, auch UnS ihre liebevolle Muttersorge zuwenden, und durch ihre unablässige und überaus mächtige Fürsprache bei Gott erflehen werde, daß er diese so traurigen und beklagenSwerthen Trübsale, diese so bittere Angst uud Noth, die Geißel seines Zornes, welche wir um unserer Sünde willen verdient haben, abwende, und daß Er die furcht« baren Stürme, die allerwärtS zu Unserem tiefsten Schmerze gegen die Kirche sich erheben, bändigen und b rühigen, und Unsere Trauer in Freude verwandeln wolle. Ihr wisset gab wohl', ehrwürdige Brüder, daß all' unser Vertrauen auf die heilige Jungfrau gesetzt ist; denn in Maria hat Gott die Fülle aller Güter niedergelegt, so daß, wenn für uns Hoffnung, Gnade, Heil bereitet, wir wissen mögen, daß eS nur durch Maria vermittelt ist, . . . weil also der Wille Dessen, welcher will, daß wir Alles durch Maria erhalten (8. Illrimrä. in nstivit. 8. Lloriau da ^gnaocluetu). Wir haben nun einige durch Frömmigkeit und theologische Wissenschaft ausgezeichnete Männer des geistlichen Standes, und eine bestimmte Anzahl Unserer ehrwürdigen Brüder, der Cardinäle der heiligen römischen Kirche, hervorragend durch Tugend, Religiosität, Umsicht, Klugheit und Kenntniß der göttlichen Dinge, ausgewählt und ihnen aufgetragen, mit ihrer Klugheit und Wissenschaft diesen so sehr wichtigen Gegenstand nach allen Seiten hin auf daS Sorgfältigste zu erörtern und sodann ihre Ansicht mit möglichster Gründlichkeit UnS kund zu machen. In allem Diesem glaubten Wir in die herrlichen Fußstapsen Unserer Vorgänger einzutreten und ihrem Beispiele nachzufolgen. Wir haben ferner dieses Schreiben an Euch gerichtet, ehrwürdige Brüder, um Eure Frömmigkeit und Eure bischöfliche Sorgfalt auf das Dringendste aufzufordern, daß jeder von Euch in seiner Diöcese nach eigenem Ermessen öffentliche Gebell anordnen und abhalten lalle, damit der gnädige Vater der Lichter daS himmlische Licht seines göttlichen Geistes über Uns auSgieße, durch den Hauch von oben UnS anzuwehen würdige, und Wir einen solchen Entschluß fassen, durch welchen seines NamcnS größere Ehre, daS Lob der seligsten Jungfrau und der Nutzen der streitenden Kirche gefördert würde. Wir wünschen aber auch dringend, daß Ihr in möglichst kurzer Frist UnS Kunde geben möget von der Andacht, welche Euer KleruS und Euer gläubiges Volk gegen die unbefleckte Empfängniß der heiligen Jungfrau hegt, und wie das Verlangen sich kund gebe, daß diese Angelegenheit vom apostolischen Stuhle entschieden werde; besonders möchten Wir aber auch Eure Wünsche in Betreff dieser Sache in Erfahrung bringen. Und wie Wir bereits dem römischen Klerus die Erlaubniß ertheilt haben, die kanonischen Hören von der Empfängniß der seligsten Jungfrau, wie sie erst jüngst zusammengestellt und in Druck gegeben worden, anstatt der im gewöhnlichen Brevier enthaltenen in Gebrauch zu nehmen, so ertheilen Wir Euch, ehrwürdige Brüder durch dieses Schreiben die Vollmacht, dem Klerus Eurer Diöcese dieselbe Erlaubniß zu ertheilen, welche Wir dem römischen Klerus ertheilten, ohne daß eS deßhalb noch einer besonderen Anfrage an UnS oder Unsere Longregstio 8gerorum rituum bedürfte. Wir zweifeln nicht im Geringsten, ehrwürdige Brüder, daß eS Euch bei Eurer besonderen Verehrung gegen die heiligste Jungfrau eine Freude seyn werde, diesen Unseren Wünschen mit aller Sorgfalt und allem Eifer nachzukommen und UnS die nöthige Auskunft balligst zuzusertigen. Für jetzt aber empfanget, als Unterpfand der himmlischen Güter, als besonderen Beweis Meines Wohlwollens gegen Euch, den apostolischen Segen; auS innigstem Herzen ertheilen Wir ihn Euch selbst, ehrwürdige Brüder, und allen Priestern und Laien der Euch anvertrauten Diöcesen. Gegeben zu Gaöta, 2. Februar 1849. Unseres PontificateS im dritten Jahre. PiuS IX. k. k. Fasten-Hirtenbrief de- Hochwürbigsten Herrn Erzbischof- Hermann von Freiburg. (Schluß.) O Stumpfsinn einer so geistig und aufgeklärt seyn wollenden Zeit, in der so Viele die Augen nicht weiter blicken lassen, als auch die Thiere thun, welche die Dinge sehen, aber weder Ursache, noch Grund, noch Hiel und Ende derselben erfassen und verstehen. O Verblendung der Mcn- chen, welche die sichtbaren Dinge, statt zur Verherrlichung Gottes und zum Heil der Seelen, durch Mißbrauch, durch abgöttische Liebe zur Schändung deS heiligsten Namens und zum ewigen Verderben anwenden; darum „seufzen alle Geschöpfe" (Röm. 8, 22.), denn durch den Mißbrauch „werden die irdischen Dinge auS Geschöpfen GotteS zu Gräueln, zur Verführung der Seelen der Menschen, zur Falle den Füßen der Thoren" (Weisheit 14, 11.). O Verhärtung der Herzen, die eS nicht begreifen wollen, daß „die Gottseligkeit zu allen Dingen nütze ist und die Verheißung hat dieses und deö zukünftigen Lebenö" (1. Tim. 4, 5.), daß „die Gerechtigkeit das Volk erhöht, die Sünde aber der Leute Verderben ist" (Sprüchw. 14, 14.), und die es insbesondere nicht fassen, daß die auS Habsucht und Geldgier entsprungene Schändung und Eutheiligung deS Sabbathes und der Feiertage zeitliche und ewige Strafe GotteS über die Frevler herabzieht, denn der Allerhöchste hat eS geboten: „Gedenke, daß du den Sabbath heiligest:" Gott ist ein heiliger und gerechter Gott, ein Eiferer für Sein Gesetz, der Seiner nicht spotten läßt. „Durch die Verstocktheit und dein unbußfertigeS Herz bäufcst du dir Zorn für den Tag deS Zornes und der Offenbarung der gerechten Gerichte GotteS" (Röm. 2, 5.). Geliebtestc! Gerade durch den Abfall so Vieler von dem Geiste deS Christenthums, daS uns die ewigen Güter allein schätzen lehrt, sind viele traurige Erscheinungen unserer Tage zu erklären, die größtentheilS in der Unzufriedenheit Vieler mit der Armuth ihre Quelle haben. Wäre der wahre lebendige Gott, den daS Christenthum verkündet, vielen Armen kein unbekannter geworden, so würden sie das LooS der Armuth nicht nur mit zufriedenem Gemüthe, sondern sogar mit einer gewissen Freudigkeit ertragen, ferne von ihnen blieb der lüsterne Blick nach dem Eigenthume der Andern, und daS Streben, um jeden Preis sich in den Besitz irdischer Güter zu setzen. Durch das Christenthum sind die, welche nach dem Urtheile der Welt die Letzten sind, die ersten geworden. Sind denn nicht die Armen die Erstgebornen der Kirche, wird ihnen nicht vor Allen das Evangelium verkündet (Luk. 4, 18.)? öffnet der Heiland auf dem Berge Seinen göttlichen Mund nicht damit, daß er die Armen selig preißt (Math. 5, 3.)? und sagt nicht der Völkerapostel: „Sehet auf eure Berufung; nicht viele Weise nach dem Fleische, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene ..... sondern was Nichts ist (vor der Welt), hat Gott erwählt." „Hat nicht Gott," so fragt der heilige JakobuS, „die Armen in dieser Welt auscrwählt zu Reichen am Glauben und zu Erben des Reiches, Welches Gott denen, die ihn lieben, verheißen hat" (Jak. 2, 5.)? Ja eine erhabene Würde verleihet der Armuth, —der mit demüthigem und frommem Sinn ertragenen Armuth, — die Religion deS ErlöserS, der selbst der ärmste unter den Armen geworden, der — obwohl Gott— „sich! selbst entäußerte, KnechtSgcstalt annahm, sich selbst erniedrigte" (Phil. 2, 7. 8.), der „für die ihm vorgelegte Freude das Kreuz erduldete, die Schmach nicht achtete" (Hcbr. 12, 2.), und von sich sagen konnte: „Die Füchse haben Höhlen, und die Böget deS Himmels haben Nester; aber der Menschensohn hat nicht, wo er sein Haupt hinlege" (Luk. 9, 58.). Des ErlöserS Bild wiederstrahlet also am herrlichsten in den Armen, Leidenden, Gedrückten. In den irdischen Königreichen gibr es Bevorzugte, die außerordentlicher Rechte und Ehren sich erfreuen, weil sie entweder durch die Geburt, oder durch ihr Amt dem Fürsten näher stehen. Der Glanz der Krone strömet auch auf sie über. Die Kirche ist auch ein Reich, doch nicht von dieser Welt; ihr Herr ist auch ein König; dieses KöuigS Krone ist aber eine Dornenkrone, deren Glanz die Leiden, Peinen, Wunden sind. Der Glanz dieser Krone strahlet daher in denen wieder, die da leiden und dulden. Seitdem der ewige König der Glorie mit der Armuth sich ver- bunden, ist sie geadelt; und deßhalb verheißt daS Evangelium Trost denen, die weinen, Nahrung denen, die hungern, ewige Freude, die leiden. „Wehe aber euch, ihr Reichen, so ruft der Herr aus, denn ihr habt euren Trost; wehe euch, die ihr gesättigt seyd, denn ihr werdet hungern; wehe euch, die ihr jetzt lachet, denn ihr werdet trauern und weinen" (Luk. 6, 24. 25.). Doch, Geliebtestc, dieses „Wehe" gilt nur denen, die Götzendiener ihres Mammons sind; nicht aber denen, die, weil sie Jesum den Armen als ihren Herrn und König anbeten, im Geiste arm sind, die Welt brauchen, als brauchten sie selbe nicht, ihre» Heiland in den armen Brü- dcrn wiedersehen, und in ihnen den Herrn lieben, deßwegen das Herz der Noth der Leidenden nicht verschließen, sondern eingedenk der Worte: „Selig ist, der deS Armen und Dürftigen gedenkt: am Tage deö Unglückes wird ihn erretten der Herr" (Ps. 40, 2.), und „Deine Sünden tilge durch Almosen" (Dan. 4, 11.), und „Selig sind die Barmherzigen, sie werden Barmherzigkeit erlangen" (Matth. 5, 7.), sich durch den falschen Mammon Freunde erwerben, die sie einst aufnehmen in die ewigen Wohnungen" (Luk. 16, 9.). Sehet, Geliebtestc, auch hierin wieder die Würde der Armuth! Durch die den Armen erwiesene Liebe, durch die ihnen gebrachten Opfer wird der Weg zum Himmel gebahnet, denn also wird sprechen der ewige Richter: „Kommet, ihr Gesegnete meines VaterS, besitzet daS Reich, welches seit Grundlegung der Welt euch bereitet ist. Denn ich war hungrig, und ihr habt mich gespeiset; ich war durstig, und ihr habt mich getränket; ich war ein Fremdling, und ihr habt mich beherberget; ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnisse, und ihr seyd zu mir gekommen. — -Wahrlich, sag' ich euch, waS ihr Einem dieser meiner geringsten Brüder getban habt, daS habt ihr mir gethan" (Matth. 25, 34. 35. 36. 40.). ! Sehet, Geliebtestc, wenn der Gott, den das Christenthum verkündigt, bekannt ist, lösen sich die Räthsel des socialen Elendes unserer Zeit. Durch den Geist deS Evangeliums wird der Pauperismus in der Wurzel zerstört. Wie auf der einen Seite Zufriedenheit, stilles, gottergebenes Dulden die Seele deS christlichen Armen schmückt, so erfüllet brüderliche Liebe und Erbarmung die Brust deS christlichen Reichen; und so wird gesteuert der Noth der Besitzlosen, ohne daß ein gewaltsamer Eingriff in daS Eigenthum der Besitzenden gemacht wird. Ein dritter Götze, in dessen Dienste zahllose Menschen zum Untergang ihrer Seelen stehen, ist die Fleisches- und Genußsucht. O furchtbar unersättliche Gier der Feinde des Kreuzes, deren Gott der Bauch ist, o unbeschreibliche Gier nach sinnlichen Genüssen, und daher das Schwinden der alten deutschen Häuslichkeit, deS stillen, so freudenreichen Familienlebens, daher die Weichlichkeit junger kräftiger Leute, die Entwöhnung von anstrengenden Arbeiten, und eine oft völlig entfesselte Schweigern! Wäre euch der wahre lebendige Gott in Seiner unendlichen Liebenswürdigkeit und Heiligkeit bekannt, ihr würdet gewiß euer Herz ihm nicht entziehen, um eS den schnödesten Genüssen zu überantworten, ihr würdet gewiß „eure Leiber als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer darbringen" (Röm. 12, 1.), denn „alle die, welche Christi sind, haben ihr Fleisch gekreuzigt sammt den Lastern und Gelüsten" (Gal. 5, 24.) und „lassen die Sünde nicht herrschen in dem sterblichen Leibe" (Röm. 6, 12.) „Die fleischliche Gesinnung ist Feindschaft wider Gott, weil sie sich dem Gesetze Gottes nicht unterwirft; welche fleischlich sind, können Gott nicht gefallen" (Röm. 8, 6 ff.) Gerade hier offenbart sich recht augenscheinlich das neue Heidenlhum: der Abfall von dem lebendigen Gott bringt den menschlichen Geist unter die Herrschaft des Fleisches. Die geistige Auflehnung gegen den Allerhöchsten endet damit, daß Gott solche treulose Geschöpfe „den Lüsten ihres Herzens überläßt, der Unreinigkeit, so daß sie ihre eigenen Leiber schänden" (Röm. 1,24.). Solche werden aberdaö Reich Gottes nicht besitzen" (1.Kor.6,9.). Geliebtestc! Wenn Wir nun viele Menschen solchen eiteln Götzen, als da sind die falsche Weisheit der Welt, die Habsucht, die Fleischeslust, nacheilen sehen — sollten Wir uns da nicht gedrungen fühlen, mit allem Ernst der Seele den unbekannten, aber wahrhaften lebendigen Gott, den Schöpfer, Erlöser und Richter der Welt zu verkünden? Gerade darin liegt ja der Grund, daß sie falsche Götter anbeten, weil der wahre ihnen unbekannt ist. Der Hauptgrund des neuen Heidenthums liegt unstreitig in dem Mangel der religiösen Bildung, der klaren, lebendigen, deutlichen Erkenntniß deS dreieinigcn GotteS, seines heiligen Willens, der Geheimnisse und der Mittel veS Heiles. Solche Erkenntniß ist die erste Pflicht deS Christen. Der Heiland rufet uns zu: „Wer auS Gott ist, höret GotteS Wort" (Joh. 8, 47.). ES ist dem Christenthum grundwesentlich, daß es nicht, wie manche der falschen heidnischen Religionen, irgendwelche Ge- heimnißlehren enthält, die nur bestimmten AuSerwählten zugänglich wären. Nein, ein Jeder ist berufen, zur Erkenntniß der geoffenbarten Wahrheiten und Geheimnisse Gottes zu gelangen. Darin sieht der heilige Paulus die wunderbare, weltumschaffende Kraft deS Christenthums, daß das Geheimniß, welches von Ewigkeit und von Geschlechtern verborgen war, nun geoffenbaret worden ist seinen Heiligen, — welches ist Christus, den wir verkündigen, in dem wir jeden Menschen ermähnen und jeden Menschen mit aller Weisheit lehren, — nach dem Auftrag „daS Wort GotteS vollständig zu verkünden, damit wir jeden Menschen vollkommen in Christo Jesu darstellen" (Col. 1, 25 ff.). Deßhalb bezeugt auch der heilige Apostel in seiner rührenden AbschiedSrede zu MiletuS: „Ich habe mich nicht entzogen, den ganzen Rathschluß Gottes zu verkünden" (Apostelg. 20, 27.). Die Kirche thut dieß für und für, aber wie wenige bemühen sich, die rechte Erkenntniß zu erlangen! Richten die Eltern heute, wie ehedem, noch ihre Hauptsorge dahin, daß ihre Kinder vor Allem eine tüchtige religiöse Bildung bekommen? — Wo ist noch die schöne Sitte, daß Vater und Mutter den Katechismus mit ihren Kindern wiederholen, oder sie prüfen, ob sie der Predigt deS Evangeliums aufmerksam angewohnt, ob sie dieselbe verstanden und beherzigt? Wo ist noch die fromme Sitte, daß die Familie an den gottgeweihten Tagen, ober nach vollbrachter Arbeit sich versammelt, um gemeinschaftlich in religiösen Unterrichts- und ErbauungS- büchern zu lesen? — Wie frühzeitig will die Jugend oft der Christenlehre sich entziehen, wie wenig besucht sind an manchen Orten, namentlich von Jünglingen und Männern, die Predigten! Solche, die den sogenannten gebildeten Ständen angehören wollen, entziehen sich oft gänzlich der religiösen Erkenntniß, und vergessen ganz und gar daS, was sie, vielleicht nothdürftig genug, in der Kindheit gelernt haben. Was Wunder, daß der wahre lebendige Gott vielfältig ein unbekannter geworden ist! Wie nun Vielen der wahre lebendige Gott ein unbekannter ist, weil sie ihn nicht kennen lernen, wie sie doch könnten und sollten, weder ihn, noch seinen Willen, seinen gnadenvollen Rath, noch sein großes Werk für uns und um uns, so ist er Anderen ein unbekannter Gott, weil sie ihn nicht lieben. Die Liebe ist in Vielen erkaltet. Und doch ist eS nur die Liebe, wie sie das Wesen und die Natur GotteS ausmacht, welche Gott, so viel es einem Geschöpfe möglich seyn kann, aufzunehmen, zu fassen, zu begreifen vermag. „Die Liebe ist aus Gott," schreibt der heilige Johannes, „und Jeder, der liebr, ist aus Gott geboren, und kennet Gott. Wer nicht liebt, der kennet Gott nicht, denn Gott ist die Liebe. Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm" (1. Joh. 4, 7. 8. 16.). Geliebteste, saget selbst, wenn diese Liebe Gottes die Herzen beseelte, wie könnte man doch so leichtsinnig die Sünden hineinschlürfen wie Wasser, wie könnte man so gleichgiltig von der Sünde sprechen, als wäre sie Nichts, wie könnte man so ruhig und hartnäckig fortleben in der Unbußfertigkeit! Ja, der Mangel der Sehnsucht nach Sündenvergebung, nach gründlicher Reinigung der Seele, nach aufrichtiger Wiederversöhnnng mit dem Vater, den man so schnöde und so undankbar verlassen, zeiget klar und deutlich, daß erkaltet ist die Liebe. Eine solche Höhe hat bereits die Selbstsucht erreicht, daß die Helden der Gottes- und Menschenliebe, die Heiligen, und besonders die Märtyrer, Vielen als Thoren erscheinen! So sind denn, Geliebteste, die Lässigkeit in der Erkenntniß der Wahrheit und die Erkaltung der Liebe offenbar die Hauptguellen der Erscheinung, daß Gott ein unbekannter geworden ist, daher denn auch die Erscheinung, daß selbst dann, wenn Gott durch außerordentliche Weltbegebenheiten sich kund gibt, Sein Walten geläugnet wird, daß die Menschen sehen und hören, aber nicht verstehen, daß sie den Finger GotteS nirgends mehr erkennen wollen, ob er auch noch so deutlich sich zeige, noch so stcht- barlich über die Völker fahre, und sie die Hand des Herrn nicht fühlen, wenn sie auch über ihnen schwebt! Geliebteste! Höret in dieser heiligen Fastenzeit den Mahnruf deS heiligen Apostels: „Dieses sage ich denn und beschwöre euch im Herrn, daß ihr nicht mehr wandelt, wie auch die Heiden wandeln in der Eitelkeit ihres Sinnes, deren Verstand mit Finsterniß verdunkelt ist, die entfremdet sind dem Leben GotteS durch die Unwissenheit, die in ihnen ist durch die Blindheit ihres Herzens ..... ihr aber habt Christum nicht so kennen gelernt," — ja wahrlich, sondern als den lebendigen Sohn GotteS, der die Reichthümer der Weisheit, der Erbarmung, der Treue und Zuverlässigkeit, der Heiligkeit und Gerechtigkeit, die Güter der zukünftigen Welt, die Hoffnungen und Schrecken der Ewigkeit euch gelehrt hat, — „wenn ihr anders ihn gehört, und euch durch ihn belehren ließet, so wie die Wahrheit in Jesu ist: daß ihr in Ansehung deS vorigen Wandels ableget den alten Menschen, der durch des Irrthums Gelüste verderbt wird. Erneuert euch aber im Geiste eures Gemüthes, und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in Gerechtigkeit und wahrhafter Heiligkeit" (Ephes. 4, 17 ff). Durch würdigen Empfang der heiligen Sacramente erneuert, lasset Euch hinfüro nimmer besiegen von dem Reize der Sünde! Kämpfet den guten Kampf der Heiligen! „Ergreifet die Waffcnrüstung Gottes, damit Ihr in diesen bösen Tagen widerstehen und in Allem unbesiegt daS Feld erhalten könnet. Stehet, die Lenden umgürtet mit der Wahrheit und angethan mit dem Panzer der Gerechtigkeit, die Füße beschuhet, bereit das Evangelium deS Heiles zu verkünden. Vor Allem aber ergreifet den Schild des Glaubens, mit welchem ihr auslöschen könnet alle feurigen Pfeile deS Bösewichtes. Nehmet auch den Helm des Heiles und das Schwert des Geistes, welches GotteS Wort ist. Mit allem Gebet und Flehen betet zn aller Zeit (Ephes. 6, 13 ff.ff. Ja, Geliebteste, harret aus im Gebete, gestützt aus die Verdienste Jesu Christi, vertrauend auf die Fürsprache der allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria, deren liebendes Herz in Barmherzigkeit zu uns sich neiget und am Throne Gottes für unS Alle fleht. Betet, kämpfet, überwindet, sieget! Bedenket eS wohl, daß die Tage des irdischen Lebens schnell und unwiederbringlich vorübergehen, und daß ihr bald stehet an der Pforte der Ewigkeit. Für eine glückselige Ewigkeit seyd ihr erschaffen, sie ist euer Ziel und Ende! Wehe euch, wenn ihr dieß Ziel und Ende nicht erreichet: ewige Strafe ist alsdann euer LooS. Darum rufen Wir noch einmal mit väterlicher Stimme: betet, kämpfet, überwindet, sieget! „Wer überwindet, dessen Name wird der Herr nicht austilgen aus dem Buche deS Lebens, sondern ihn bekennen vor dem Vater und seinen Engeln" (Matth. 10, 32. Apok. 3, 5.). Gegeben Freiburg, am Feste Mariä Lichtmeß, den 2. Febr. 1849. -f Hermann, Erzbischof von Freiburg. Sammlung für den heiligen Bater. Das Ordinariat des ErzdiSthuniS München nnd Frei sing ic. Der heiße Wunsch aller treuen Kinder der katholischen Kirche, daß der allmächtige Gott die dermalige traurige Lage unseres heiligen Vaters, des Papstes PiuS IX., erleichtern und die Tage seiner Trübsal abkürzen möchte, ist bisher nicht in Erfüllung gegangen. Unser theureö Kirchen« Oberhaupt befindet sich noch immer, von Seinem apostolischen Stuhle vertrieben und von den Quellen entfernt, aus welchen die nöthigen Mittel zu Seinem Lebensunterhalte sowohl, als zur Führung der Geschäfte der obersten kirchlichen Verwaltung fließen sollten, in einer für Seine geheiligte Person höchst drückenden, Seine Wirksamkeit für daS Wohl der Kirche beeugencen Verbannung. Ja der oberste Hirt der Heerde Christi muß eS geschehen lassen, daß die zur Förderung frommer und religiöser Zwecke bestimmten und unentbehrlichen Mittel in der Hauptstadt der Christenheit selbst von Seinen nnd unseren Feinden zum Verderben der Kirche mißbraucht und vergeudet und daß die großartigen Anstalten und Fonde, an deren Erhaltung jedem Gläubigen unendlich viel gelegen seyn muß, zerstört oder so erschöpft werden, daß auch bei einem, so Gott will, baldigen glücklichen Umschwünge der Dinge alle äußere» Kräfte zur Wiederherstellung der Ordnung und Wohlfahrt im Kirchenstaate »nv zur geregelten Führung des allgemeinen KirchenrcgimenlcS auf lange Zeit gelähmt bleiben müssen, indem da, wo jetzt nur Noth und Elend gesäet wird, ein besserer Zustand nicht anders als mit großen Opfern wieder herbeigeführt werden kann. Welchen Gläubigen wird bei dieser Lage des heiligen Vaters nicht der lebhafte Wunsch beseelen, dem verfolgten Kirchenfürsten nicht nur mit seinem Gebete, sondern auch werkthätig beispringen zu könne»? Der Einzelne vermag dieses freilich nicht. Aber wenn wir, von unserem Glauben begeistert und von christlicher Liebe durchdrungen, unsere Kräfte vereinigen, so mag unS die Freude zu Theil werden, daß unsere mit kindlichem Herzxn dargebrachten gemeinsamen Opfer den großen Dulder doch erfreuen und in Seinen Leiden trösten und stärken werden, wenn sie Ihm auch nicht zur Hebung derselben behilflich und dazu nicht hinreichend seyn können, um daS, waS die ZerstörungSwnth Ihm und der Kirche jetzt raubt und vernichtet, sogleich wieder herzustellen. — Helfen wir, soviel wir eS vermögen, dann dürfen wir um so zuversichtlicher auch auf GotteS allmächtige Hilfe vertrauen! Aus besonderem Auftrage Sr. Erzbischöflichen Ercellenz ergeht daher an sämmtliche Herren Pfarrer und in der Scelsorge angestellte Priester der Erzdiöcese hiermit die oberhirtliche Weisung, diese Lage deS heiligen VaterS, welche in der nachfolgenden Erklärung deS Päpstlichen Pro-StaatS- SecretärS CardinalS Antonelli vom 18. v. MtS. umständlich geschildert ist, am künftigen Öfter-Sonntage bei dem pfarrlichen Gottesdienste den Pfarrgenossen und Gläubigen klar, einfach und beweglich darzustellen, und sie zur Spendung milder Gaben für unsern bedrängten obersten Hirten, den Stellvertreter Christi auf Erden, mit dem Beisätze zu ermuntern, daß der allgütige Golt gewiß auch daS kleinste Schärflein seiner edlen Bestim- mung wegen wohlgefällig aufnehmen und tausendfach segnen werde. — Die wirkliche Vornahme der Sammlung hat sofort am Ostermontage oder am weißen Sonntage zu geschehen, und eS sind auch alle Gaben, die außer der Kirche gespendet werden wollen, bereitwillig und mit Dank anzunehmen. Von dem DiöcesankleruS, welcher seine treue Anhänglichkeit an die Kirche und seinen Wohlthätigkeitssinn schon so oft auf daS Entschiedenste an den Tag gelegt hat, erwarten Se. Erzbischöfliche Ercellenz, daß derselbe den übrigen Gläubigen auch hier mit einem guten Beispiele voranleuchten werde. Sämmtliche Gaben sind von den Herren Pfarrern möglichst bald an die Decanals-Vorstände und von diesen unverzüglich hierher zu senden. DaS Gesammtergebniß wird seiner Zeit amtlich bekannt gemacht werden. Wenn, wie zu hoffen ist, alle Katholiken — BayernS nicht nur, sondern unseres ganzen deutschen Vaterlandes — zu gleichen Aeußerungen der kindlichen Liebe gegen den heiligen Vater sich vereinigen, in welchen uns andere Länder theils schon vorausgegangen sind, theils sicher noch nachfolgen werden, so wird unser Bemühen, die gegenwärtigen Drangsale deS großen DulvcrS einiger Massen zu mildern und Seinen Blick in die Zukunft zu erheitern, auch dem materiellen Erfolge nach nicht ganz vergeblich seyn. München den 90. März 1849. Dr. Mart. v. Dentinger, Domprobst. I. B. Grund! er, Secretär. Sendschreiben des katholischen Central-VereineS der Pfalz an den PiuS- Verein zu Augsburg. Theuere Mitbürger, Katholische Brüder! Dieß ist die katholische Einheit. Sie hat hienieden keine Schranken, als die dem Erdkreise selbst gesetzt sind. Von den Vogesen und dem Rheine geht sie bis zum Lech und den Alpen, und über die Berge schreitet sie weiter zu dem hl. Stuhle deS Apostelfürsten zu Rom, von wo, als dem rechten Mittelpuncte, sie ihr heiliges, selbst mit der Ewigkeit verknüpftes Band um das ganze weite Erdenrund schlingt, das Band der heiligsten Liebe, der ächten Brüderlichkeit, welches weder der unwirthbare Sand der Wüste, noch daS unwegsamste Gebirge, noch des Weltmeeres surchtbare Gewalten abzuschütteln oder zu zerreißen vermögen. Ja! In der katholischen Einheit ist daS wahre Weltbürgerthum, welches alle Geschlechter der Erde in ihrer wahren Gleichheit umfaßt, um sie alle dem gleichen, einen, großen Ziele deS Jenseits entgegen zu führen. Welch eine Fülle deS Glücks, in dieser Einheit als ein lebendiges Glied eingereiht zu seyn! Welch ein Hort, sich ein treues, gehorsames Kind der herrlichsten Mutter, der römisch-katholisch- apostolischen Kirche nennen zu dürfen! DaS waren unser Aller Gedanken, als wir Euer erhebendes Sendschreiben, welches Ihr am Tage des heiligen Märtyrers Sebastian jüngsthin an uns gerichtet, mit tiefbewegtem Herzen empfingen. Wenn ein Glied leidet, leiden Alle. Ihr habt eS getreu bewiesen. Gesegnet sey Eure Bruderlieb.-! Gesegnet sey der Samen, welchen Ihr in unsere Herzen gestreut durch die Worte, die Ihr zu uns frei und entschieden gesprochen, wie eS freien Männern gebührt. Vergelt' Euch Gott den reichen Trost, welchen Ihr uns durch Euren brüderlichen Zuruf in diesen Tagen deS KampsiS und der Mühsal gespendet. Wähnet nicht, daß diese Gefühle freudigen DankeS nicht die lautersten, daß der gebotene Trost nicht der erquicklichste gewesen sey, weil wir so lange mit dieser Antwort gezögert. AIS Euere Brudcrworte zum Rheine herübertönten, hallten sie erst noch in zerstreuten Herzen wider, welche noch keine Einigung gefunden zu den großen Aufgaben, deren Lösung vor Allem in und durch die Kirche der ernste Gang der Geschichte mit lautem Mahnrufe von dem lebenden Geschlechte heischt. Jetzt aber sind bereits in unserer Heimath katholische Vereine erstanden, und sie sind mit einem KreiSausschuffe in organische Verbindung getreten, welcher sich in der Hauptstadt der Pfalz, zu Speyer, wo der Bischofsstuhl unserer Diärese steht, gebildet hat. Im Namen dieser Vereine statten wir Euch nunmehr vor Allem unsern treuen Dank ab für den brüderlichen Zuspruch, mit welchem Ihr uns in so ernster Zeit erfreut habt. Im Namen dieser Vereine erklären wir sodann, daß wir mit Euch gegen jede Unterdrückung protestiren, welche unsere wohlerworbenen Rechte als Katholiken anzutasten unternimmt. Wir erklären, daß wir fest entschlossen sind, mit Euch und allen anderen Vereinen gleichen StrebenS im engern und weitern deutschen Vaterlande alle gesetzmäßigen Mittel anzuwenden, um unser gutes Recht» um unsere volle Freiheit und Unabhängigkeit in Sachen der Religion und Kirche zu wahren. Wir erkennen mit Euch, daß eS unser höchstes Recht und unsere höchste Freiheit ist, ganz katholisch zu seyn, wie es die heilige Kirche ist und will — ganz und vollständig, ohne Abzug und ohne Zuthat. Wir erklären endlich, daß wir mit Euch fest und unverbrüchlich daran halten, auch für alle Andersgläubigen gleiches Recht und gleiche Freiheit im Vollmaaße gelten zu lassen, wie wir selbst sie im Vollmaaße unverkürzt zu genießen gesonnen sind. Wenn Ihr dazu am Schlüsse Eueres uns so theuern Sendschreibens uns darauf aufmerksam macht, daß wo wir einem unserer Rechte daS Geringste vergeben, wir sicher alle gefährden werden, so seyd überzeugt, daß diese Wahrheit tief in unseren Herzen eingeschrieben steht.— Von diesem Gesichtspunkte ausgehend erkennen wir auch,die OggerSheimer Klosterfrage in ihrer vollen Bedeutung. Zeuge davon die zahlreichen mit lausenden von Unterschriften versehenen Adressen, welche an den Thron gelangten. Nicht ein Haar breit darf die katholische Kirche in der Pfalz hier ablassen von ihrem rechtmäßigen Besitze, welcher ihr durch die bayerische Landesverfassung gewährleistet und obendrein nun durch daS Grundrecht der freien Association bestätigt ist. Wir fordern die Unantastbarkeit der bestehenden kirchlichen Institute, wir fordern daS Recht der freien Association, wie wir eö jeder politischen Partei zugestehen, auch für die Kirche, und diese Forderung muß geachtet, sie muß erfüllt werden. Maßnabmen, welche jeden verfassungsmäßigen Bodens entbehren, wie solche bereits versucht worden sind, oder noch versucht werden könnten, werten uns in unserm Rechte nicht beirren. Lasset auch Ihr Euch nicht durch solche beirren. Wenn wir zusammenstehen — wie wir thun — und unser Recht, unser gutes Recht entschieden und rücksichtslos vertreten — wie wir fest entschlossen sind — wer wird eS wagen, dasselbe anzutasten? Katholische Brüder! Empfangt mit unserm wärmsten Danke unseren Brudergruß. Empfanget die innigsten Wünsche für daS segensreiche Gedeihen Eueres VereineS. Bleibet unS zur Seite, wie wir Euch nicht verlassen werden. Dann lasset den Sturm der Zeiten hereinbrechen, lasset die Wcrkleute der Zerstörung und Zersetzung, wie sie'S nach Zulassung der göttlichen Vorsehung vermögen, vollenden, waS sie im furchtbaren Wahne begonnen, lasset daS Elend durch Europa schreiten mit noch nie gesehenem Grausen — wir werden vereint im heiligen Glauben und in der thätigen Liebe unverzagt, unverdrossen bauen an dem großen Werke der Wiedergeburt unsers theuern Vaterlandes in Staat und Kirche, wenn auch erst die Söhne in daS stattliche HauS des neuen GotteS- und Weltfriedens einzugehen gewürdigt sind Ja! Gott selbst hat unS zu diesem Werke berufen. AIS wackere, unermüdliche Bauleute wollen wir daran selbst unser Leben setzen, unablässig unS zumahnend: Wachet, betet, arbeitet! Gott mit uns! Wer ist dann wider uns? Speyer, Mitfasten 1849. Der katholische Central-Verein der Pfalz, v. EmontS, Vorsitzender. Deutschland. Augsburg. Zum dritten Male lieSt man in den Annoncen der AugSburger allgemeinen Zeitung die Ankündigung eines Original-WerkeS über die Liguorianer von einem Johannes Nordmann. Dieser entweder fingirte oder ganz obscure Name fällt mit einer wahren Berscrkerwuth über genannten Orden her, so daß auch der einfachste Verstand fragen muß: ist eS möglich, daß ein und derselbe Orden so gottlos, so verschmitzt und dabei so unvorsichtig und dumm seyn kann, daß er die Urkunden über sein entsetzliches Treiben so zu sagen selber authentisch ausstellt? — Ohne Zweifel ist jener Johannes Nordmann ein etwas amplificirter Ableger deS berühmten HanS Nord im vorigen Jahrhundert. Der letztere kündigte nämlich feierlich in allen Zeitungen an, daß er mit Haut und Haar, mit Leid und Seele in einen Krug, der, wie Jedermann sehen könne, in gar keinem Verhältnisse zu seiner (des Hans Nord) Körpergröße stehe, kriechen werde. Die berühmtesten Professoren bewiesen aus Gründen der Physik, wie Gelle« gar schön beschreibt, daß HanS Nord unmöglich Raum im Kruge habe. Allein sie kamen doch angefahren und das übrige Publicum strömte ebenfalls herbei; die Casse hatte vollauf zu thun, der Saal füllte sich ganz und Alles staunte den kleinen Krug an. Lange wartete daS Publicum, sich in Hypothesen erschöpfend. Inzwischen war HanS Nord mit der Casse verschwunden, der Krug blieb leer stehen und in welchem Krug er sich geborgen, konnte man nicht erfahren. Professoren und Publicum zogen ab, jene froh, baß ihre Beweise nicht widerlegt worden, dieses spottend über seine eigene Dummheit. — So wird eö bei diesem Großhans ebenfalls ablaufen: ist die elende Speculation auf die Dummheit eines gewissen PublicumS gelungen, so wird er sich mit dem Gelde davon machen und die 011a pvtricka zum Begaffen u. s. w. zurücklassen. Johannes Nordmann stellt nämlich 30 Bogen Druckpapier in Aassicht, gefüllt mit Scheußlichkeiten aller Art, läßt pränumeriren, wie HanS Nord, und daS Publicum das Ungeheure suchen, indeß er ihm die Tasche erleichtert und sich selbst unsichtbar gemacht hat. Die AugSburger allgemeine Zeitung mag sich damit entschuldigen, daß Annoncen Handelsartikel seyen und daß man ihr also über NordmannS Pöbelhaftigkeit keine Vorwürfe machen dürfe. Aber dann muß ich die AugSburger allgemeine Zeitung richten, wie man den Schalk am besten richtet, nämlich auS seinen eigenen Worten. Ich laS einst die würdige und ruhige Vertheidigung eines angegriffenen Mannes, welche er auf seine Kosten, also als Annonce, in die AugSburger allgemeine Zeitung einrücken lassen wollte. Allein diese nahm die Sache nicht auf, weil sie nirgends auf dem konfessionellen Gebiete anstoßen wolle. Hiemit war der Mann ab und zur Ruhe gewiesen; jetzt aber wundert er sich über diese Consequenz und Parteilosigkeit der Allgemeinen. — Doch gegen Katholiken iß Alles erlaubt; sie nehmen eö ja hin und zahlen ihre und ihrer edelsten Glieder Mißhandlung noch mit schwerem Gelde. Eine himmelschreiende Liberalität! (Neue Sion ) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. PrciS in Augsburg isir sich allein (chnc A Pcsiztitung)jL>irlich z fl. I4kr. Durch die Posi kaun dieses Wcchenblatt nur vcn Abonnenten der Post- zeirung bezogen werden, und erhöht sich der Breis nach Verhältniß der Entfernung. onntags-Deiblatt zur Augsburger Postzeitung Für sich allein, ohne die Augsburger Post« zeilung, sind diese Blätter nur im Weg« de« Buchhandels zu beziehen und kosten in ganz Deutschland, der Schweiz u. s. w. jährlich nur I fl. Lttkr. oder I Hhlr Neunter Jahrgang. M' 14 t. 8. April Christliche Märzerrungenschaften. * Man thut sich allwärts auf die politischen Märzcrrungenschaften dcS Jahres nach Christi unsers Herrn und Heilands Geburt 1848 viel zu Gutem; allein der Christ kennt viel ältere Märzcrrungenschaften, sie datiren bis aus 1816 Jahre zurück, denn im 33stcn Jahre uach Christi Geburt und, wie die Chronologisten übereinstimmen, im März jenes Jahres fand die Kreuzigung Jesu Christi statt. Betrachten wir kurz, was uuö dieser Kreuzestod gebracht hat. Er brachte uns Versöhnung mit dem Vater unseres himmlischen Vaterlandes. — Er brachte uns Freiheit, Freiheit von dem ewigen Tod der Sünde, Freiheit von der Knechtschaft der Sünde. — Er brachte unS SicgeSkraft, um die Pforten der Holle zu überwältigen, indem wir dem Fürsten dieser Welt, dem Geist der Lüge und des falschen Lichtes, nun das Kreuz auf den empörerischen Nacken setzen und ihm zurufen können: „in Iwe signo vineimus!" — Er brachte uns allgemeine Amnestie, väterliche Wiederaufnahme in das Reich und die Anwartschaft auf selige Sitze in demselben. — Er brachte unS neben der Freiheit auch Gleichheit, indem er uns Alle zu Kindern GotteS machte und uns die Schlüssel in die Hand gab, um als Erben in das himmlische Reich eingehen zu können; er brachte die Gleichberechtigung Aller vor der ewigen Mujcstät Gottes, und die Last, die Allen aufgelegt wird, so sie eingehen wollen in das Reich, ist für Alle gleich, ist das Kreuz. — lind indem wir Alle zu Kindern desselben VaterS wurden, sind wir auch Alle Bruder in Christo Jesu geworden und haben Alle, Große und Kleine, Reiche und Arme, Alte und Junge, gleichen Antheil am ewigen? Leben, gleichen Zutritt zum Tische des Herrn, zur Kirche des Herrn;! Er, indem Er Sich uns fortwähreiw aufopfert und hingibt, ist unser! gemeinsames Gut. Und so hat uns jener März in der That die höchstes Freiheit und Gleichheit, die stärkste Verbrüderung und die reinste j Gütergemeinschaft gebracht! Und indem das Christenthum sich rasch, getragen durch die Tugenden und genährt durch das Martyiblut seiner Bekenner, über alle Läiwer und Völker hin verbreitete, ergoß eS sich wie ein himmlischer Lichtstrom über die Welt, vertrieb die Nacht des Heidenlhums, überwältigte die Finsterniß des Aberglaubens, schärfte den Verftanv, erleuchtete die Vernunft, veredelte das menschliche Wesen, bändigte die Leidenschaften, milderte rohch Sitte und Lebensart, förderte Wissenschaft und Kunst, adelte das mensch- ! liche Zusammensetzn, segnete daS menschliche Wirken, kurz, dieser mächtige! Lichtstrom überwältigte siegreich die Finsterniß, den Aberglauben, die Gei- steSknechtschaft, die Verdummung; es lehrte, den Feind lieben und Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten, eS lehrte die vollkommene Freiheit des menschlichen Geistes und Willens, so daß Gottes Allmacht ihn nicht brechen, sondern bloß Seine Gnade und Liebe ihn zu Sich anlocken will, — eS lehrte die Gleichheit Aller vor Gott und daß! vor Ihm kein Ansehen der Person sey; — eS stellte den König und den! Vertier gleich in der Kirche und im heiligen Kreis der Sacramente und Segnungen; kurz eS brachte und lehrte Licht, Freiheit, Gleichberechtigung. Weltkind der gegenwärtigen sinnverwirrten und gotteSflüchtigen Zeit, öffne Dein fieberkrankes Auge und sieh den Glanz und die Macht dieser Errungenschaften, welche schon da waren und den Erdball erfüllt und neugestaltet hatten, bevor Du nock im Mutterleibe so blind warst, als Du es nun geistiger Weise außer demselben bist! Wie, Du könntest! Licht, Fortschritt, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit haben und Dir! dabei den Himmel auf Erden bereiten und den ewigen Himmel ver-! dienen und Du haschest in wilder Hast und wcltblinder Gier nach einer! anderen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die Dich eben dem sicheren Verderben zuführt, da sie Dir, als armes, getäuschtes Geschlecht! Knechtschaft der Meinungen und Tyrannei der Bösen, allgemeines Elend und gänzliche Zerrissenheit bringt? Hättest Du, o thörichte Zeit, jene uralten Errungenschaften erkannt tz»d umfaßt, Du hättest der jetzigen nicht bedurft, jg Du wärest damit — verschont geblieben! Charwoche 1849. CaruS. Der Vorort des katholischen VereinS Deutschlands an die sämmtlichen Einzelvereine. Auf vaS nach Beschluß der ersten allgemeinen Versammlung (Vl. 4.) an Se. bischöflichen Gnaden den Hochwürdigsten Herrn apostolischen Vicar Laurent von Luremburg entsendete Schreiben haben Hochdiesclben den Vorort mit der unten stehenden Antwort beehrt. Leider ist noch nicht, wie damals die Versammlung meinte, die Rückkehr deS geliebten Oberhirten in seine Diöcese erfolgt, unv es haben ohne Zweifel die Verwirrungen in Rom auch die ersehnte Lösung dieser Angelegenheit verzögert. Die Mitglieder des katholischen Vereins Deutschlands werden mit Freude und Erbauung die belehrenden Worte deS Hochwürdigsten Herrn Bischofs lese» und nicht aufhören, Gott zu bitten, daß er den eifrigen Seelenhirtcn bald wieder seinen Gläubigen zurückfuhren möge. Mainz, den 4. März 1849. Der Vorsitzende: Lennig. Der Schriftführer Moser. * Euer Hochwürden haben im Namen und Auftrage der zu Mainz versammelten Abgeordneten der katholischen Vereine Deutschlands unterm 6. Oclober d. I. eine Zuschrift an mich erlassen, worin dieselben mir ihre Anerkennung auSsprechen für meine Verwaltung deS Apostolischen Vicaria- tes Luremburg, und ihre Theilnahme bezeigen, sowohl an meiner, durch falsche Anklagen unv grundlose Beschwerden der weltlichen Regierung beim heiligen Stuhle erwirkten Abberufung von dieser Verwaltung, als an der mir vom heiligen Vater zugefügten Rückkehr in meinen Sprengel. Als Gründer nämlich eines katholischen GcsammtvereinS, der eö sich zum Zwecke gesetzt hat, die Freiheit unserer heiligen Kirche allerwärts in Deutschland zu erringen unv zu wahren, haben die ehrcnwerthen Abgeordneten der einzelnen katholischen Vereine gemeint, auch dem Wirken, Kämpfen und Leiden eines der geringsten Kirchcnhirten an der südwestlichen Gränze dcS Vaterlandes ihre wohlwollende Aufmerksamkeit zuwenden zu sollen. Obwohl nun die geringen Dienste, welche ich der heiligen Kirche in meinem beschränkten Kreise unter mannichfaltigcn Hemmungen mit meinen schwachen Kräften habe leisten können, mich einer so ehrenvollen Beachtung noch nicht würdig gemacht haben, so kann ich doch nicht umhin, über diesen Beweis katholischer Glaubensthätigkeit meine dankbarste Freude zu äußern. Mit den Gläubigen des Luremburger Landes, die stets mit treuem Sinne zu ihrem Hirten gehalten, muß ich in jener offenen Kundgebung unserer Glaubens- und StammeSgenoffen einen kräftigen Beistand erkennen wider einen doppelten Feind, der in jenem deutschen Gränzgcbiete, wie in allen deutschen Landen und i» schier allen europäischen Staaten, Religion und VolkSthum gleich Kart anficht. Dieser Feind sind einerseits jene wirklichen oder künftigen StaatSdiener, die nicht zufrieden mit der Pflege der Gerechtigkeit und Sorge für die öffentliche Sicherheit, welche der Staatsmacht obliegen und zustehen, ihr auch die Ueberwachung deS Gottesdienstes, den Unterricht der Jugend, die ausschließliche Uebung der öffentlichen Wohlthätigkeit zuweisen und vorbehalten, obwohl Liese geistigen und sittlichen Bedürfnisse der Gesellschaft nur von einer mit göttlicher Sendung und Befähigung ausgestatteten Macht besorgt und befriedigt werden können; andererseits sind cS jene vorgeblichen Volksfreunde, die zwar für sich alle Willkür zum Bösen und Schlechten uiuer dem Namen der Freiheit gebieterisch fordern, unS aber die einzig wahre Freiheit, die zum Guten, die des christlichen Glaubens und Lebens, hartnäckig verweigern, obwohl diese Freiheit sich zu allem VolkSwohle keineswegs hinderlich, vielmehr nur förderlich ja durchaus erforderlich beweiset. Freilich sind jene Staalsbiencr und diese Volköfreunde in vielen Meinungen und Bestrebungen weit von einander entfernt, ja einander gerade entgegengesetzt: allein beide nur von irdischen Gesinnungen ausgehend und nur zeitliche Zwecke verfolgend, sind sie wider die Kirche Gottes und deren Ordnung und Wirksamkeit immer einverstanden und zusammenhaltend, und sowohl die schrankenloseste Ausgelassenheit wie die eingeschränkteste Gebundenheit im bürgerlichen Leben wollen für die Kirche nur Druck und Schmach, oder gar Tod und Verderben. Wären wir in Deutschland nicht auch schon w früh zu dieser schmerzlichen Erfahrung gelangt, sie hätte sich uns in diesen Wochen aufdrängen müssen von dem Mutterlande der Kirche her, wo der allgemeine Vater der Christenheit aus seinem Gottgcgründeten Sitze hinausgedrängt worden von seinen ehr- und treulosen Unterthanen, die für die ungezügelteste Freiheit und hoffähigste Volksthümlichkeit schwärmen, wie Er vor vierzig Jahren von dem übermüthigen und undankbaren Inhaber der schrankenlosesten Gewalt von eben diesem seinem Sitze weggeschleppt ward. Gott wird die frechen Empörer schlagen, wie er den stolzen Eroberer geschlagen hat. Wir Kinder der Kirche aber vermögen dem geschlossenen Reiche des Bösen, dem die Kinder dieser Welt angehören, nur in geschlossener Einigung zu widerstehen, und daS Jahr, wo die deutschen Katholiken, von den sich aufdrängenden Befreiern eben so schmählich verrathen, wie von den Dienern der zurückgedrängten Herren mißhandelt, die Nothwendigkeit einsahen, wie Ein Mann sich zu erheben und zusammen zu stehen, um ihr gutes Recht und heiliges Gut wider Willkür und Gewaltthat zu schützen, dieß Jahr wird hoffentlich der Anfang einer bessern Zeit und der wahren Freiheit für unS alle seyn. Doch nicht für uns allein, sondern auch für die Anderen. Die Völker ringen nach Freiheit, und Deutschland strebt nach Einheit; aber nur daS Heil kann befreien und nur die Wahrheit kann einigen, und Wahrheit und Heil sind nur da, wo Gott sie den Menschen hinterlegt hat, im Schooße Seiner Kirche. Ohne allgemeine Rückkehr zu dieser Kirche, ohne allgemeine Anerkennung ihrer Wahrheit und Annahme ihres Heiles, ist weder in Deutschland noch sonst wo in der Welt Freiheit und Wohlfahrt, ist weder unter den deutschen Stämmen, noch unter den Völkern deS Erdkreises Einheit und Friede möglich. Die Erkenntniß dieser Wahrheit und den Gebrauch dieses Heiles zu verbreiten und herzustellen, so weit sein Wirkungskreis reicht, daö ist die Aufgabe des katholischen NcreinS, der sich in diesem Jahre in unserm zerrissenen Vaterlande gebildet hat. Der, welcher den Sinn und Muth zu solchem Unternehmen verliehen, wird demselben auch seinen mächtigsten Schutz und Segen nicht versagen. Ist Er doch am heutigen Tage gekommen „aus der Höhe und hat uns heimgesucht, um zu erleuchten, die in Finsterniß und im Schatten deS Todes saßen, und zu leiten unsere Füße auf den Weg deS FriedenS." DaS ist mein Wunsch und mein Gebet, die ich nicht nachlassen will dem Herrn darzubringen, während ich Euer Hochwürden bitte, für Sie und die sämmtlichen verehrten Abgeordneten der katholischen Vereine Deutschlands und alle deren Mitglieder den Ausdruck meiner tiefen Hochachtung und warmen Ergebenheir zu empfangen. Aachen, Weihnachten 1848. 7 Johannes Theodor Laurcnt , Bischof». Chersoncs, Ap. Vic. v. Lur. An Seine Hochwürden Herrn Donieapitular Lennig, d. Z. Vorsitzender deS PiuS-VereinS zu Mainz, ersten Vororts der katholischen Vereine Deutschlands. Das Klerikalsenrinar in Strastbnrg. Unser Seminar ist an daS hohe Münster angebaut und bildet mit dem daranstoßendcn Lyceum ein ganzes Ouadrat von ungefähr 200 Fuß. DaS Seminar allein besteht auS einem Viereck, dessen eine Seite jedoch von einem mit einem Dach versehenen Holzlager eingeschlossen ist. Das Gebäude hat fünf Stockwerke. Im untern Stock ist die CapeUe, der Speisesaal, die Küche uiid die Hörsäle, welche alle mit Sandsteinen geplättet sind. Im zweiten Stock (ontresol) wohnen die Köche und deren Gehilfen. Daselbst sind auch einige Fremdenzimmer, so wie noch einige andere Zimmer, welche leer stehen. Im dritten Stock wohnen der Superior, einige -Professoren und wir 130 Seminaristen, die wir zur Winterszeit in zwei Studirsälen arbeiten. Den Sommer hindurch studirt Jeder auf seinem Zimmer. Im vierten Stock wohnen der Director,- zwei Professoren und 1 Seminaristen; im fünften Stock zwei Professoren und Seminaristen. Auch unter dem Dachstuhl wohnen Seminaristen. AuS dem ersten CurS haben j immer je zwei Seminaristen ein Zimmer, von dem zweiten, dritten und ! vierten CurS hat Jedweder ein Zimmer allein. Jeder Seminarist besorgt > sich sein Zimmer selbst und reinigt auch selber sein Schuhwerk. Wie man sich selber bedient, so hat man es. Unsere Capelle ist einfach, aber recht schön; Speisesaal und Studirsäle sind geräumig und angenehm. Die bau- ^ liche Einrichtung läßt kaum etwas zu wünschen übrig. Was die Lebens- und Hausordnung betrifft, so gibt jeden Morgen um fünf Uhr ein Seminarist mit der Glocke das Zeichen zum Aufstehen. Sogleich zündet dann einer der Hausbedienten auf den verschiedenen Zimmern die Lichter an und weckt Solche, die etwa den Ruf der Glocke überhört haben sollten. Um halb sechs Uhr schallt es zur Versammlung im Studirsaale, wo gemeinsames Morgengebet stattfindet. Dieses wird abwechselnd von einem Seminaristen gehalten. Nach dem Gebet, nämlich um Uhr hält der Director eine Homilie. Um 6 Uhr wohnen wir in der Capelle der heiligen Messe bei, welche der Superior liest. Nach der heiligen Messe ist Studium bis halb 8 Uhr. Hierauf gehl eS zum Frühstück, welches in einer Suppe besteht. Gleich nachher besorgt Jeder sein Zimmer. Von 8 bis 10 Uhr ist Dogmatik; von 10 bis 11^ Uhr Privakstudium. Um 11^/) Uhr ist Besuch des allcrheiligsten AltarS- saeramcntö, und um 12 Uhr Mittagessen. Während dem Mittagessen muß ein Seminarist predigen; nur zwei Mal wöchentlich wird vorgelesen. Dieses öftere Predigen macht es möglich, daß alle Seminaristen daran kommen; sonst wäre diese wichtige Uebung nicht genugsam bedacht. Bei Tische bedienen acht Seminansten, welche aus der Küche die Speisen holen, die übrigen. Nach Tische ist Freizeit bis halb 2 Uhr. Um halb 2 Uhr hat der erste Curs Choralgesang und die Uebrigcn Ceremoniendienst. Dieß dauert bis 2 Uhr. Um 2 Uhr wird die beim Mittagessen gehaltene Predigt kritisirt, welche Kritik sehr scharf und genau ist. Von halb 3 bis 4 Uhr sind je nach den Tagen verschiedene Vorlesungen. Von 4 bis 4'/z Uhr ist frei. Von halb 5 bis 6^ Uhr ist Privatstudium. Um vor 7 Uhr findet wieder Besuch deS allerheiligsten AltarssacrameutS statt. Um 7 Uhr ist Nachtessen, während welchem ein Seminarist die Lebensgeschichte des Heiligen vorn folgenden Tage von der Kanzel herab vorlieSl. Nach dem Nachtessen ist frei bis halb 9 Uhr, worauf das Nachtgcbet im Studir- saal gehalten wird. Hierbei werden auch die Puncte der am folgenden Tage zu haltenden Homilie angegeben. Um 9 Uhr geht Alles zu Bette. Dienstag und Donnerstag sind, es mag schönes oder schlechtes Wetter seyn, Spaziergänge von 2 bis 4 Uhr. Donnerstag Abends ist Aussetzung deS allerheiligsten AltarssacrameutS mit Segen, wobei die Litanei vorn allcrheiligsten Sakramente gesungen wird. Freitag Abends um halb 7 Uhr wird der Rosenkranz gebetet. Bei allen Andachtsübungen, bei allen gemeinschaftlichen Handlungen steht der Director an der Spitze; die Altardicnste und Tischgebete verrichtet ausschließlich der Superior. Vorstände und Professoren sind im Ganzen acht Personen, nämlich der Director und der Superior und sechs Professoren. Alle sind, sowohl in religiöser wie in wissenschaftlicher Hinsicht, ausgezeichnete Männer. Was sie lehren, das leben sie und was sie leben, das lehren sie. Der Hauptgrundsatz deS ganzen Seminars, der sich wie ein Goldfaden durch das ganze innere Leben zieht, ist die Nächstenliebe, durch welche die größte Ordnung, die herzlichste Freundlichkeit, kindliche Offenheit und männlicher Biedersinn herrscht. Ueberhaupt ist das ganze Leben völlig ungezwungen; man gehorsame! nicht aus Zwang deS Gesetzes, sondern auS Liebe.*) Seit meinem Hierseyn habe ich noch nicht daS mindeste Verletzende von Seiten der Vorstände gesehen oder gehört. Der Superior, Namens Specht ist einer der größten Dogmatiker Frankreichs; der Director, Namens Möchler, ist ein Herzguter Mann und von wahrhaft christlichem Geiste beseelt. Um eS kurz zu sagen: cS sind apostolische Männer, die gleichmäßig durch ihr Wort wie durch ihren Wandel daS Evangelium predigen. Die Seminaristen sind sehr religiös und gemüthlich. Sie sind nicht so, wie man die französischen Kleriker in Deutschland oft schildern hört, wo man von Manchen, die freilich weder Personen noch Zustände recht kennen, nicht selten das Urtheil vernehmen kann, als sey der französische KleruS nur äußerlich glatt und kirchlich streng, dabei aber kalt und gemüthloS. Diejenigen, welche den französischen Klerus so beurtheilen, schreiben dann dem deutschen KleruS gewöhnlich eine etwas zu hoch gegriffene Gemüthlichkeit zu, eine Gemüthlichkeit, welche jenes französische strenge Diesen Satz mögen sich besonders die Feinde unserer heiligen Kirche merken, welche immer von hierarchischer Tyrannei, von Gewissenszwang nnd blinder Psaffenknechtschaft schwadroniren. Wer den Geist erfaßt, dem sind diese Formen nicht nur keine Last, sondern eine wahre Erleichterung und gereichen zur Freurc. (Anmerkung des Einsenders.) - - - 55 Formenwesen entbehrlich mache und unter dem Volke gedeihlicher wirke. Aber daS sind doch wahrlich nicht bloß leere Formen, sondern eS ist ein herrlicher Geist darin verborgen; eben so ist unsere deutsche Gemüthlichkeit, welche sich nur gar zu leicht von gewissen strengen aber doch sehr heilsamen klerikalischen Formen diSpensirt, wähnend: es seyen das unwesentliche Außendinge, nicht immer eben die rechte. Das katholische Volk aller Länder, so fern es kirchlich gut gesinnt ist und die hohe Würde des Priestersrandes richtig schätzt, stellt allerdings an seine Priester hohe Forderungen und sieht es lieber, wenn der Geistliche mehr ein stilles und gegen sich selbst strenges Leben führt, als wenn er unter einer sogenannten Gemüthlichkeit halb verweltlicht. Also unsere Seminaristen, ,agte ich, sind wirklich recht gemüthlich. Streitsucht, Händel, Feindschaft, Parletzänke- reicn, politische Kannegießereien und hämische Sticheleien kennt man hier gar nicht. Daö macht das ganz Seminar zu einer FriedenSstätte, wo man gerne weilt. Die Moral wird hier gelebt. Alle acht Tage geht man zur heiligen Communion; viele empfangen die heilige Cvmmumon auch Donnerstags, Sanistags und Sonntags. An Sonn- und Feiertagen gehen wir inS Münster, wo wir im Chor das Amt singen und zwar in der sclnd von dem Domcapitel gehalten lieh zwei tragen Rauchfaß und Schiffchen, zwei tragen Kerzen, zwei sind Diacon und Subtiacon, und einer trägt daö Kreuz und einer steht am bischöflichen Stuhl. Vor dem Amte ist deutsche Predigt, gehalten von dem berühmten Muehc, welcher oft ganz erstalisch begeistert auf der Kanzel wird und wundersam predigt. Ich habe noch nie einen solchen Redner gehört. Dabei besitzt er eine liefe Demuth. Cr wurde schon zum Bischof gewählt, allein er nahm eS nicht an und behielt immer die Caplan- stelle am Münster. Er schlägt jede andere Stelle aus, sein Hab und Gut verschenkt er den Armen und lebt ganz einfach und arm. Seine Thaten sind rührend und hinreißend, recht würdig eines Dieners Christi. Dieser Mann ist schon alt, lehrt im Seminar Pastoral und ist auch Beichtvater daselbst. Die Geistlichkeit arbeitet hier überhaupt sehr fleißig, waS natürlich auf die künftigen Seelsorger auch nur einen sehr heilsamen Einfluß üben kann. (Katholik.) _ Gesetz aus. Hierüber entwickelte sich der Streit; das Ministerium hatte die äußerste Linke gegen sich und fand seine Stütze in der Vereinigung aller Gemäßigten, katholischer wie liberaler Farbe. ES siegte mit 77 Stimmen gegen 17; und als darauf über die JnspectionSkosten abgestimmt wurde, verwarfen 55 Stimmen gegen 25 den Antrag der Centralscction. Zum Schlüsse muß ich noch sagen, baß, nach dem Zeugnisse aller weltlichen Schulinspectvren, seit dem Jahre 1842, wo das Gesetz über die Elementarschulen eingeführt wurde, die geistlichen Jnspectoren nie zu irgend einer gegründeten Beschwerde Anlaß gegeben, während im Gegentheile ihre Mitwirkung überall zum Gedeihen der Schulen wesentlich beiträgt." Schweiz« Aus der östlichen Schweiz. Seit einigen Wochen wird i» den ihor, angethan mit unsern Chorhemden, ^ aufgehobenen Kostern des ThnrgauS öff iitliche Steigerung abge- Kirchensprache. Beiur Amt, das abwech- Hauö- und Küchengerälhe, Kupferstiche und Gemälde werden cnr n wird, dienen acht Seminaristen; näm- Meistbietenden losgeschlagen; auch sechs kleinere und größere Kirchen-- Orgeln erwarten ihre Liebhaber, nachdem bereits 1,0 Centner Kirchensilber verpackt worden sind. Die umwohnende Bevölkerung benimmt sich dabei auf sehr verschiedene Weise; die Katholiken sehen mit Ergebung zu, wie die erlegten Klöster ausgeweidet werden; was nützte sie protestiren und klagen? sie sind nun einmal der schwächere Theil. Auch Reformirte sehen mit Widerwillen auf Entheiligung der ehemaligen Gotteshäuser und schütteln nachdenklich den Kopf, während eS nebenher nicht an Leuten fehlt die in den öden Gängen und Zellen stöbern und ihre Brutalität an Thüren und Schlössern auslassen. Der Aargau hat mit seiner Klosteraufhebung nichts gewonnen, der Kanton kommt im Gegentheile mehr und mehr zurück. Nicht besser wird eS dem Thurgau ergehen; bis alle Verbindlichkeiten, welche die Klöster den umliegenden Gemeinden schuldig sind, ich will nur Pfarrpfründen anführen, erfüllt sind, bis der PensionSsondS für die Mitglieder der aufgehobenen Stifte, und die 200,000 Fl., welche den Katholiken zugesichert wurden, ausgeschieden sind, bleibt wenig mehr übrig, als bei einigen Stiften die Gebäude allein, bei den andern zu den Gebäuden noch ein schönes Aeral von Aeckern uud Wiesen. Und nur diese letzteren sind verkäuflich; denn wer möchte alte Gebäude kaufen mit Kreuzgängen und Zellen, aller Geräthe entblößt, seit ungefähr 10 Jahren in allen Theilen vernachlässigt? die anderen, mit denen sich ein größerer Güter- Complcv mit in Kauf geben läßt (eS sind aber nur drei), möchten vielleicht eher einen Liebhaber finden, wiewohl sich bei näherer Betrachtung Manches zeigen wird, waS einen reichen Mann, z. B. einen deutsche» Herrn von Adel, abschrecken kann. Mit einem derartigen Verkaufe sind aber die nächsten Dörfer nichts weniger als zufrieden; sie haben erwartet, daß die Klostergüter Jauchert für Jauchert und Stück für Stück verkauft würden, wobei jeder Bauer im Stillen schon ausgemacht hatte, welches Stück cr ankaufen werde, und auch schon mit den andern Liebhabern abkartete, wie man sich nicht unnütz steigern müsse, damit jeder um einen billigen Preis zu etwas komme. Nun sollen diese Hoffnungen zu Wasser werbe», und dem die Sache wieder gut gemacht worden durch die Versicherung des fallen alle arme Familien, die früher von den Stiften erhalten und Ministers im Senate, daß die Regierung, wenn der Cardinal als solcher! unterstützt wurden, den Gemeinden zur Last. Außerdem ist aber die allge- außergewöbnliche Ausgaben, z. B. eine Reise nach Rom, zu bestreiten '"eine Erwartung bitter getäuscht; seit Jahren rechnete man dem Volke vor, hätte, nickt ermangeln würde, eine besondere Summe hiefür zu beantragen.! für wie viele Millionen Klostergut, todtes Gut, vorhanden sey, wie durch Entschiedener trat der Parteigeist in der Frage von den Kosten der gelst-idie Säkularisation desselben das ganze Land beglückt werden könnte, und lichen Jnspection der Elementarschulen hervor. DaS Gesetzt stehe da, der große Wurf ist gelungen^, und das Volk gewinnt im Allge- nämlich über diesen Gegenstand ordnet weltliche und geistliche Jnspectoren' meinen nichts, die Steuern sind nicht gemindert, sondern erhöht, und die an, die periodisch die Schulen zu besichtigen und darüber zu berichten haben, ^^st^st^bäude werden Passivcapitalicn, die Steuern, welche die Klöster so Belgien. Brüssel, 23. Febr. Ein Korrespondent der A. Z. berichtet über die belgischen Kammerverhandlungen unter Andern«: „Auch die Frage von den Ersparnissen nahm während der Debatten über Las Budget des Innern eine Parteifarbe an, worauf schon die bedeutende Herabsetzung des Gehalts des CardinalserzbischofS hindeutete. Als vor einigen Jahren die Rede davon war, den Erzbischof von Mecheln zum Cardinal zu erheben, ging Rom auf diesen Vorschlag nur unter der Bedingung ein, daß dem neuen Kircheusürsten ein anständiges Auskommen gesichert werke. So wurde denn sein Gehalt auf 30,000 Franken festgesetzt. Indem man diesen nun auf 21,000 Franken herabgesetzt, hat man urr Grunde einen Eingriff in die frühere Vereinbarung mit Rom gethan; auch brachte der päpstliche Nuntius seine Einwendungen dagegen an geeigneter Stelle vor. Halb ist seit jedoch so, daß die Entscheidung immer bei der Regierung bleibt. Die Kosten der geistlichen Jnspectoren wurden bisher eben so gut vom Staate getragen wie die der weltlichen; die Centralsection hatte nun aber dießmal vorgeschlagen, diese Kosten vom Budget zu streichen. Es sollte dieses der erste Schritt zur Entfernung der geistlichen Jnspection seyn, die einer gewissen Partei, welche die Volksschule ganz der Religion entfremden möchte, schon lange ein Dorn im Auge ist. Ehe man hierüber zur Abstimmung kam, trug ein Glied dieser Partei darauf an, die Kammer möge vom Ministerium begehren, daß sehr bald eine Revision der organischen Gesetze über die höheren und die Elementarschulen vorgenommen und schleunigst ein Gesetz über die mittleren Schulen vorgelegt werbe. Was die höheren und mittleren Schulen betraf, ,o erklärte der Minister des In- Deutschland, nern, es sey schon Alles vorbereitet; in Beziehung auf die Elementarschulen Wien, im März. Die Memoranden der Bischöfe, Petitionen der aber hielt cr eine Revision deS Gesetzes in diesem Augenblicke nicht für Priester, Bitten der Gläubigen, Vorstellungen der Minister und das Rechts- nvlhwendig, ja nicht für rathsam, um dem Parteigeist keine neue Nahrung und VilligkeitSgefühI des edlen Monarchen in Oesterreich haben die Kirche zu geben, und sprach sich dabei auch im Allgemeinen für das bestehende, frei gemacht. Der 6. März 1849 ist für sie ein Tag der Erlösung gewor- reichlich unter verschiedenen Titeln und bei verschiedenen Anlässen entrichten mußten, haben ein Ende, und nun reibt sich das reformirte Volk die Augen aus und fängt an zu bedenken daß eS den Baum gefällt habe, um die Früchte zu ernten. Eine schlimmere Folge zeigt sich bereits; daS Volk betrachtet die verkauften Klosterwälter nicht als rechtliches Eigenthum und kapert in denselben; welchen Anspruch auf Unverletzlichkeit soll auch daS Eigenthum im Allgemeinen haben, wenn daS Corporations Eigenthum keine Sicherheit fand, trotz aller Bundes- und LandeSgesetze, trotz feierlicher Verträge, trotz seiner wohlthätigen Wirksamkeit? (Rh. V. H.) den von schweren und schimpflichen Banden. Sie wird nun ungchinten auSschreiten und unter und nach ihrer eigenen Reform an die Reform der socialen Zustände und an die Erfüllung ihrer hohen Misston gehen, und, wie dereinst am Abschluß der Heidcnzeil, ein neues Leben in die gealterte Welt bringen, den frischen und erfrischenden Glauben. Die herrlichsten Vorbereitungen werden bereits in verschiedenen H)ivcesen getrost fen. Ein Provincial-Concilium zu Salzburg, Diöcesan-Synoden in Salzburg, Olmütz und Brunn, eben so Pastoral- und Capitel-Konferenzen werden an vielen Orten angebahnt. Sehr rege und thätig arbeiten die Katholiken-Vereine und die von ihnen herausgegebenen Blätter zur Hebung der kirchlichen Gesinnung und Befestigung und Stärkung im katholischen Glauben. Nicht minder wirken zahlreiche Frauen-Vereine zur Linderung der materiellen Noth und zur Erziehung und Pflege verwahrloster Kinder und Armer. Es hat eine hohe Begeisterung Klerus und Volk überall ergriffen, wo die Bischöfe apostolischen Muth gezeigt und wo sie der Neuzeit Rechnung getragen haben. — Aber, ach! in Wien komnir man nicht dazu. Die Frechen der Kirche liegt wie ein unbehobener Schatz da, von dem bisher Niemand einen Nutzen hat. Der Kaiser hat sie freudig gegeben, und nur von den Bischöfen hängt cS ab, wie viel sie dcubvn wollen ,'n Anspruch nehmen. Wird nun aber auch in Wien ein Gebrauch davon gemacht werden? Wird und wie viel wiro man in Anspruch nehmen zum Besten der Kirche? Wo man ausgesprochen, man wolle beim Alten bleiben, wo man sagt, daß die Synoden gar nicht an der Zeit sind, wo mail die Zusammentretung der Würzburger Bischöfe eine Un. klughcit nennt, wo man die Staatskirche bis auf den letzten Augenblick zu loben und zu laben beflissen war, wo man über ihr Verenden trauert, wo man die Freiheit der Kirche als den furchtbarsten Schlag ins Angesicht betrachtet, wo man allen Jenen, bist. auch nur ein einziges Wort dafür fallen ließen, todtgram ist, wo man'der Hoffnung lebr, es werde noch eine Zeit kommen, in welcher man sich an den Slaatskirche-Majestäts- verbrechern rächen können wird, wozu man bereits die Proscriptionölisten verfaßt: da wird man von der Freiheit der Kirche gerade so viel in Anspruch nehmen und Gebrauch machen, als der unvernünftige Kranke von der bittern Arznei und der käfiggeborne Hauövogel von, offenen Fenster. (N S.) 4k AuS Oberösterreich, im März. Es gehörte bis auf die letzte Zeit zum guten Ton, über die armen Serben zu schmähen, und über die Croaten-Horden loSzuschimpfeff. Und warum? Haupisächlich darum, weil sie dem Kaiser die geschworene'Treue hielten, und Oesterreich bis auf den letzten Blutstropfen'vertheidigen wollten. Darum wurde an den Serben und Croaten kein gims Haar gelassen. Möge aber folgender Zug beweise», welch' ein Geist selbst mitten im Kampfe jene so gelästerten Männer beseelte. Möge man daraus beurtheilen, wo wahre Humanität und Civilisation zu finden sey, ob unter den Schaaren der Rvthmänller der Frei- hcitS- und Gleichheitswuth, oder unter den Kämpfern für Ehre, Religion, Gesetz, Ordnung, Fürst und Vaterland? An der Matzleinsdolfcr-Linie in Wien marschirten die Croaten in den Octobertagen herein, stiegen über die von der Mobil-Garde bereits verlassenen Barricaden hinweg, und rückten vorwärts. Die Garde hatte sich church die Nebengassen zerstreut. Nur ein Gardist wollte den Platz nicht verlassen. Da standen die tapfern Croaten dicht vor ihm. Erschrocken warf er daS Gewehr fort, fiel auf die Knie nieder und flehte um sein Leben. Heraus anS den Reihen trat ein junger Croaten-Officier und rief ihm mit barscher Stimme zu: „Unglücklicher! Wie können sie sich bewaffnet den k. k. Truppen nahen? Kennen sie die Gesetze nicht?" Der Gardist flehte aber fortan um Gnade, da er ein Weib mir acht Kindern habe. Der Offieier erwiderte: „Wenn Sie wahr gesprochen, will ich Ihnen das Leben lassen." Er folgte nun dem Gardisten in Begleitung mehrerer Croaten in dessen Wohnung, wo er seine große Familie in der traurigsten Lage fand. Nachdem der Offieier eine Zeit lang das Elend betrachtet, wendete er sich zu dem schuldbewußten Manne mit flammendem Blicke, und richtete an ihn folgende Worte: „Herr, Sie müssen von Sinnen gewesen seyn, als Sie sich als Familienvater den Rebellen verdingten, und was für ein Teufel blieö Ihnen die Idee ein, sich als Einzelner jetzt noch zur Wehre setzen zu wollen? Ich habe aber mein Wort gegeben, und werte es auch halten. Ihnen schenke ich das Leben nicht, aber dem Weibe und diesen acht Kindern schenke ich Ihr Leben!" Mit diesen Worten verließ der edle Krieger, ohne einen Dank abzuwarten, die Wohnung des vor Freude zitternden Gardisten. Man frage, ob wähl die Magyaren, die nur Freiheit, Humanität, Civilisation im Munde führen, und die Herren Radikalen aller Nationen, welche ihnen sie nachbrüllcn, unter so kritischen Umständen so gehandelt hätten, wie jener edle Croaten-Führer? Es thut Noth, solche Züge bekannt zu geben, damit, wer noch sehen kann, sehe, was hinter dem FreiheitSgeschreie stecke, welches der Mißbrauch der edlen Freiheit immerfort noch erhebt, und man Wahrheit von der schändlichen Heuchelei unterscheiden könne. (Keuh. Bl. a. T.) * Sk * AuS der Olmützer Erzdiöcese. Zu Troppau in Schlesien befindet sich bereits seil dem Jahre 1835 ein greiser erilirter Oberhirt, welcher den Muth halle, einige Jahre zuvor dem russischen Czar öffentlich zu erklären, daß ohne Aulvrisation deS heiligen Vaters in Rom in katholischen Disciplinar. Angelegenheiten, besonders in Betreff gemischter Eben, nichts geändert werden Dürfe, und ferner, daß es am ersprießlichsten wäre, im Königreiche Polen die katholischen Schulen den Jesuiten anzuvertrauen. Dadurch gerielh der Oberhirl in allerhöchst absolute Ungnade und wurde Dann bei gesuchter Veranlassung des Landes verwiesen. ES ist der hoch- würdigste Herr Bischof von Krakau, Karl Boromäus v. Skorkowsky. Zwar ist derselbe, nachdem Krakau österreichisch geworden, von weltlichen Stellen gefragt worden, ob er zu seinem bischöflichen Sitze zurückzukehren wünsche? Der hohe Greis soll jedoch entgegnen haben, er wolle mir in dem Falle dahin zurück sich begeben, wenn der heilige Vater in Rom dieß ihm auftragen werde. Er lebr ganz zurückgezogen, ein Muster der Frömmigkeit und Andacht. DaS Landvolk kommt häufig in die Stadt, um in der Minoritenkirche der heil. Messe beizuwohnen, welche der gvttinnige Bischof, wie ein Heiliger, überaus andächtig feierst. (A. K.) Türkei. In Konstantinopeh ist ein in französischer Sprache geschriebener Almanach, eine Statistik, erschienen, worin über die Bevölkerung deS türkische» Reiches, über die verschiedenen Nationen und das religiöse Bekenntniß derselben u. s. w. sehr genaue und wichtige Nachrichten enthalten sind. Nach Angabe des wohlunterrichteten Verfassers steigt die Seelenzahl in Konftantinopcl, mit Einschluß seiner Vorstädte, auf 797,000. Darunter befinden sich 52,000 Sklaven, nämlich 5000 deS männlichen und 47,000 deS weiblichen Geschlechtes; 205,000 nicht unirle und 17,000 unirte Armenier, 137,000 Griechen, 24,000 Juden und 14,000 Franken, unter weichem Namen alle Fremden, Franzosen, Oesterreicher, Russen, Dänen, Preußen, Holländer, Amerikaner n. s. w. begriffen werden. Nach Abzug der Sklaven berechnet sich die muselinännische Bevölkerung auf 348,000 Seelen, indeß daö Militär (unter ihm 68,000 Muselmänner) und die auswärtigen Handwerker und Arbeiter zusammen 123,000 zählen. WaS die der katholischen Kirche im Umfange des türkischen Reiches angehörenden Mitglieder betrifft, so stehen dieselben unter sechs Patriarchen und neun und fünfzig Erzbischöfen und Bischöfen, welche sich nach den verschiedenen Voiköftämmen in folgender Weise vertheilen: Lateiner: ein Patriarch zu Jerusalem und siebzehn Erzbischöfe und Bischöfe; unirte Armenier: ein Patriarch auf dem Berge Libanon und eilf Erzbischöfe und Bischöfe; Marvniten: ein Patriarch auf dem Berge Libanon und sieben Erz- bischöfe und Bischöfe; Chaldäer: ein Patriarch zu Moffnl und sieben Erzbischöfe und Bischöfe; unirte Griechen oder Melkiten: ein Patriarch zu DamaSkuS und neun Erzbischöfe und Bischöfe; unilte Syrier: ein Patriarch zu Aleppo und achr Erzbischöfe und Bischöfe. Die schismaiisch-griechische Kirche dagegen besitzt, die nicht unirten Armenier, die Jakobiten, die Kopten und Nestorianer mileingcrecknct, im Ganzen zweihundert vier und fünfzig Prälaten, darunter neun Patriarchen und zweihundert sechs und dreißig theils Erzbffchöfe, theils Erarchen, theils Bischöfe. Dieser großen Zahl der Kirchenfürsten einspricht übrigens nicht eine gleichmäßige deS christlichen Volkes im Orienr; jene ist nur eine geschichtliche Urkunde über die frühere Ausdehnung der Kirche, indem noch fortwährend auf den Nannn jener Städte, in welchen früher bischöfliche Stühle gegründet waren, die aber durch die Ausbreitung des Muhameda- niSmuS für daS Christenthum verloren gingen, Bischöfe geweiht werden. (Katholik.) -8 Aus Rom. Ein Proletarier wollte die Rolle eines ungeschlachten Republicauers übernehmen, und beabsichtigte dem Marmorstandbilde eines Papstes zur allgemeinen Belustigung die rothe Mütze auszusetzen. Unter dem Hohngeschrei und Beifallsrufen deS Pöbels kletterte er die colossale Statue hinan, erfaßte die Marmorhand, diese aber brach los — und er stürzte herab auf die Stufen und brach sich beide Füße. DaS machte den lärmenden Pöbel auf einen Augenblick nachdenkend, er verstummte und schlich sich davon. (Oest. Bl.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Krem er. Preis I» Augsburg für stch allein (ohne A. Postzeitung) jährlich Ist. I»kr. Dur» dir Post kann dieses Wochenblatt nur von Abonnenten der Postzeitung bezogen werden, und erhöht stch der Preis nach Verhältniß der Entfernung. Sonntags- Beiblatt Augsburger Postzeitung. Für stch allein, ohn« die Augsburger Post« zeitung, find diese Blätter nur im Wege de» Buchhandel« zu beziehen und kosten in ganz Deutschland, der Schweiz u.s. w. jährlich nur L fl. SOkr oder I Uhlr. Neunter Jahrgang. ^ 1S 14^ April L84S. Das schwarze MuttergotteSbilb. Legende von G. Vies. ") ^ M Erstarrt am MeereSufcr hingestreckt, Geschloffen seiner Augen ^üde Lieder, Vom azurblauen Himmel überdeckt, Ruht Ritter Kuno, jung und fromm und bieder. An seiner Seit' liegt Lanze, Schwert und Schild, Und auf der Brust — das Muttergottesbild. Am heil'gcn Grabe hatte er gelobt, Im Lande Ham'ö die Heiden zu bekehren. Und ob der Sturm wie Windsbraut grimmig tobt, Als er geschifft nach fernen, weiten Meeren, Ob grause Nacht den Horizont verhüllt. Er blickt voll Muth zum Muttergottesbild, Und immer wächst die riesige Gefahr, Schon hat der Blitz des Schiffes Mast getroffen, Dem grauen Bootsmann sträubet sich das Haar, Ihn füllt ein selig, unnennbares Hoffen. Beim Webgeschrei, das durch den Schiffsraum schrillt, Küßt gläubig er sein Muttergottesbild. Ein Ruck, ein Stoß, der nächste Augenblick Sieht rettungslos das morsche Schiff zerschellen, Die Mannschaft fluchend laut dem Mißgeschick, Fand ihren Tod in sturmgepeitschten Wellen. Nur Ritter Kuno sanft an'S Land gespült, Hält fest umrankt sein Muttergottcsbild. So liegt er lang. Und Träume wunderbar Erfüllen ihn mit nie geahnter Wonne; Von ihrem Thron' wie Sonnenlicht so klar, Senkt sich herab die himmlische Madonne; Ihr hold Gesicht so lieblich, sanft und mild. Glich Zug für Zug dem Muttcrgottesbild. Ein Flöten zart, wie der Cherubim Sang, Durchwogt die Lust in nie gehörten Weisen, Darunter Stimmen, die mit Zauberklang Die Hochgebenedeite heilig preisen; Und Kuno sieht von Ahnung tief erfüllt, Die Hehre nah'n dem Muttergottcsbild. Sie neigt ihr frommes, liebes Angesicht Auf das Gebild holdselig lächelnd nieder, Indeß sie sanft zum frommen Pilger spricht: „Du Gottgeweihter! Auf! Erwache wieder! Verfolge kühn was gläubig du gewillt. Dich schütz' und schirm' dein Muttergottcsbild. *1 Den Freunden katholischer Poesie können wir die angenehme Mittheilung machen, daß von Hrn. Vies, dessen Talent und Gesinnung Treffliches erwarten lassen, demnächst eine Sammlung von Poesien erscheinen wird, welche sich auf dem kirchlichen, politischen und socialen (lyrischen) Gebiete bewegen. D. R. Doch, daß der ChristuSglaubc Wurzel schlag', Im Herzen der Bewohner dieser Zone, Daß dir die Lehre leichter werden mag Von Gott dem Vater, heil'gcn Geist und Sohne, Daß jede Brust in Nächstenliebe schwillt: Nimm dieß geweihte Muttcrgottesbild." Sie reicht ihm dar, was liebreich sie verhieß, Und schwebt empor In jene cw'gcn Räume, Aus welchen sie herab zur Erd' sich ließ, Um zu beglücke» ihres Ritters Träume. Und ncugestärkt, belebt, fast stürmisch wild, Sucht Kuno »ach dem Muttcrgottesbild. Das lächelte, wie nie ein Auge sah, Dem Staunenden mit HimmclSruh entgegen, Das schwarze Haar umfloß die Gloria, Im schwarzen Antlitz thronte Fried und Segen, Die Lippe roth, von Liebreiz überfüllt, So lag vor ihm das Muttcrgottesbild. Und wunderbar! Wohin der Fnß ihn trägt^ Begrüßt mit freud'gcr gottergebner Miene Ihn alles Volk, das gläubig fromm bewegt Von ihm erfleht der Taufe heil'ge Sühne; Das Aug' voll Glut, dem Nachgicr sonst entquillt, Blickt kindlich auf zum MuttcrgotteSbil^ Verehrt, geliebt, wie nie ein weiser Mann, Kehrt Kuno heim vom fernen Mohrenlande, Und eingedenk, was die für ihn gethan, Die ihn beschirmt, sich nimmer von ihm wandte: Erbaute er ein Kirchlein Pracktersüllt, Dort prangt bis heut das schwarz' Liebsrauenbild. Promernoria über die kirchlichen Postulate der Katholiken Bayern-. Die Erwartungen uno gerechten Forderungen der Katholik?» Deutschlands, welche stch auf die durch die merkwürdigen Ereignisse deS JahreS >1848 allen Deutschen in AuSstcht gestellte bürgerliche und religiöse i Freiheit gründen, näher auseinander zu setzen, ist nach der hierüber von jdein dentschen Gcsammtepiskopat in der von Würzburg aus erlassenen > Denkschrift nicht nothwendig, und eS versteht sich von selbst, daß die acht s bayerischen Bischöfe, die jenes Memorandum mitunterzeichnet haben, die > darin ausgesprochenen Grundsätze in Zukunft zur Norm ihres Verfahrens ^ machen werden. Die Anwendung jener Grundsätze aber auf unsere kirchlichen Verhältnisse in Bayern ist eine dringend -gebotene Ergänzung der Denkschrift, die im Nachstehenden möglichst gedrängt versucht wird. Mehr als alle andern Katholiken Deutschlands konnten die katholischen Bayern sich berechtigt glauben, die Freiheit ihrer Kirche zu begehren. Denn während im übrigen Deutschland die kirchlichen Zustände entweder nur durch bloß auf die äußerliche Dotation und Con« *) Aus dem Katholik. struction der Landeskirche bezügliche Verträge mit dem heiligen Stuhl gesichert waren, oder aber, wie i» Oesterreich, als ein merkwürdiges Ge- misch zwischen altkatholischem Besitzstand und einer seit achtzig Jahren ein- gebrungenen kirchenfeindlichen Gesetzgebung erscheinen, besitzt die katholische Kirche BayernS ein förmliches Concordat des Staatsoberhauptes mit dem heiligen Stuhle, welches im Allgemeine» der Kirche alle ihr nach ihrem Wesen und ihrer dermal geltenden Gesetzgebung gebührenden Rechte und Freiheilen sichert, und im Besondern eine Reihe der letzter» namentlich wahrt, Leren Beeinträchtigung in Bayern nach den kirchenstürmerischen Vorgängen der Periode von 1800 — 1817 vorzüglich zu befürchten war. Durch dieses Concordat war also schon vor dreißig Jahren und vor allen Stürmen der Neuzeit den Katholiken Bayerns der vollste Anspruch auf kirchliche Freiheit gegeben, der sonach nicht erst aus revolutionären Schwingungen seine Berechtigung herzuleiten hat. Die Einwendung, daß das Concordat ja doch der Krone wichtige Zugeständnisse namentlich bezüglich deS Patronates hoher und niederer Kirchenpfrünben mache, Welche der neuerwachte Geist kirchlicher Freiheit kaum anerkennen werde, ist ohne Gewicht, indem das PatronatSrecht, wenn eS auf eine mit katholischen Grundsätzen verträgliche Weise geübr wird, das Princip jener Freiheit an und für sich nicht lädirt. Allein die durch daS Concordat gewährleistete Unabhängigkeit der Kirche auf ihrem Gebiete ist den Katholiken BayernS vor dreißig Jahren wie ein gelobtes Land von Ferne gezeigt, sie sind aber nie in'das volle und ungetrübte Besitzlhum ihres ErbeS eingeführt worden. Durch einen, um offen zu reden, einer loyalen Regierung nicht ziemenden und darum ihr selbst schädlichen Staatsstreich, der noch überdieß die Nachahmung uapoleonischer Willkür war, wurde mit der rechten Hand das Concordat dem heiligen Stuhl und den Katholiken zugestanden: die linke aber, die von jener Wohlthat natürlich nichts wissen durfte, gab das-sogenannte ReligionSedict und entwickelte darin im offenbarsten und eingestandenen Widerspruch mit dem Concordat eine Reihe von Staatsprincipien, durch welche allen jenen Bedrückungen der katholischen Kirche, die von 1800 — 1817 so planmäßig und ausgedehnt geübt worden waren, wie nirgends, die Hinterthür geöffnet wurde; daß diese durch daS ReligionSedict gegebene Gelegenheil abgeneigter Bestrebungen gegen die Kirche vielfach nicht benützt, oder daS üble Gesetz bezüglich mancher Dinge ziemlich schonend angewendet wurde, ist lediglich einzelnen, der Kirche wohlwollenden Persönlichkeiten, namentlich König Ludwig I. zu danken. Die Kirche Bayerns hat dieß Unrecht und die Beschränkung der ihr von Gott und Rechtswegen zustehenden Freiheit durch daS ReligionSedict Wiederum nicht erst im Jahre 1818 zu erkennen und fühlen und auf gesetzlichem Wege dagegen reclamiren gelernt. Nein! Seit dem ersten Landtage BayernS, wo mehrere geistliche Deputirte und besonders der hochsclige Erzbischof Lothar Anselm Freiherr von Gebsattel den Eid auf die Verfassung nur mit ausdrücklicher Wahrung der kirchlichen Rechte ablegen zu können erklärten, bis zu dem Jahre 1847, wo die kirchlichen Rechte auf die verletzendste Weise angegriffen wurden, hat der bayerische Episkopat bei verschiedenen und vielfach sich darbietenden Anlässen theils in Actenftücken, dw nicht zur Kenntniß des PublicumS gekommen sind, theils in schon veröffentlichten Documenten gegen die Uebergriffe deS StaateS bezüglich deS PlacetS, der gemischten Ehen, der Religionsübertritte Minderjähriger, der Verkundung des göttlichen Wortes, der Erziehung und Prüfung deS Klerus, der Angelegenheiten der Klöster, der geistlichen Bruderschaften und Bündnisse, der Administration des KirchengutcS u. s. w. energisch protestirt, und so weit eS in seiner Macht lag, dem geschehenen Unrecht keine Folge gegeben. Eine Sammlung aller dieser Aktenstücke, welche zur Erreichung kirchlicher Freiheit hoffentlich praktisch nicht mehr nothwendig seyn wird, könnte der erstaunten Welt den Beweis liefern, wie in Bayern, in dem seit 1837 im AuSland so berühmten katholischen Bayern katholische Angelegenheiten behandelt wurden, und unter welche lburcaukratische Fesseln auch hier das kirchliche Leben gebannt war. Je gewisser eS nun ist, daß der Anspruch der katholischen Kirche BayernS auf volle Freiheit ihrer Entwickelung schon längst im geschriebenen und verfassungsmäßigen Rechte begründet, und der Kampf um dieselbe ein seit dreißig Jahren fortgesetzter ist, um so bestimmter und zuversichtlicher dürfen und müssen die Katholiken Bayerns in einem Zeitpuncte, wo jedem Staatsbürger und jeder auftauchenden Religionspartei alle nur erdenklichen Freiheiten und Rechte zugestanden werden, für die älteste Corporation, welcher Bayern seine Größe und seinen Wohlstand zu verdanken hat, für die katholische Kirche den ihr gebührenden Antheil reclamiren. Oder sollten die Katholiken BayernS hinter den katholischen Bewohnern des überwiegend protestantischen Preu- dem so eben ein wohlwollender König kirchliche Unabhängigkeit gewährleistet hat? Diese Forderungen der Katholiken lassen sich aber in die Worte zusammenfassen: Freie Entwickelung der katholischen Kirche auf der Basis des mit voller Loyalität und ohne alle wettern Hintergedanken seinem Buchstaben und Geiste nach zu erfüllenden ConcordateS und der von ihm zu Grund gelegten kanonischen Gesetzgebung, und Aufhebung des ReligionSedictS und aller sonstigen, die Freiheit der Kirche beschränkenden Staatsgesetze oder Administrativ-Verordnungen. ES kehrt hier die schon oben berührte Frage wieder, ob denn, nachdem Preußen auch die Patronatsrechte der Kirche zurückgeben will, die katholische Kirche BayernS bei dem der Krone durch das Concordat zugesicherten so ausgedehnten Patronatsrechte sich beruhigen könne. Die Antwort hierauf ist, daß der Episkopat, wie er einen Wortbruch gegen das Concordat von Seiten des StaateS bekämpfen müßte, so dem von der Kirche durch ihr Oberhaupt gegebenen Worte treu bleiben wird, so lange die gegenseitig gesetzten Bedingungen erfüllt werden. Die Entscheidung der Frage, ob kirchliche Rechte (denn dieß und nicht'ein politisches ist das Patronat), die vor dreißig Jahren einem katholischen, mit ausgedehnter souveräner Gewalt ausgerüsteten Monarchen zugestanden worden sind, noch unter dem Namen desselben von einem seiner religiösen Ueberzeugung fremden, in Zukunft möglicher Weise jüdischen Ministerium geübt werden können, steht der Competenz deS Oberhauptes der Kirche zu. So lange nicht durch den heiligen Stuhl auf dem Weg des Vertrages oder durch die allgemeine nationale Gesetzgebung Aenderungen des Rechtsbodens eintreten, wird man katholischer SeitS die Patronatsrechte ehren und anerkennen. Aber darauf wird man bestehen, daß das PatronatSrecht in kirchlichem Sinne geübt, und nicht zu einer Waffe gegen die Kirche umgewandelt, nicht zum Mittel der Schwächung deS unabhängigen kirchlichen Sinnes !m Klerus gebraucht, daß nicht einerseits »»kirchliche Tendenzen belohnt, andererseits Entschiedenheit deS Charakters zurückgesetzt werde. Die Bischöfe können und müssen fordern, daß dieses PatronatSrecht nach ihrem erholten Gutachten geübt und nicht die wichtigsten Stellen mit ihnen völlig unbekannten, manchmal gegen ihren Willen ihnen aufgedrängten Geistlichen besetzt werden; sie können und müssen verlangen, daß ihnen nicht länger ein Einfluß vorenthalten werde, den das protestantische Oberconsistorium seit lange genießt, und daß nicht länger gleichviel ob geistliche oder weltliche Referenten im Ministerium eine Instanz über ihnen bilden. Eine zweite Frage bezüglich deS ConcordateS muß hier zur Vermeidung von Mißverständnissen berührt werden. ES könnte nämlich vermuthet werden, als ob unter der vollen Ausführung desselben vor Allem die Dotation der Kirche in Grund und Boden oder auf sonstige stabile Art beabsichtigt werde. So wünschenSwerth dieß auch von dem Standpuncte kirchlicher Freiheit aus scheinen mag, so wird doch jeder Katholik diesen materiellen Anspruch dem hohem geistigen einstweilen unterordnen, und den AuStrag dieser Sache um so vertrauensvoller dem heiligen Stuhle überlassen, als die Schwierigkeiten für den Staat, nach ältern und neuesten Veräußerungen seines Grundbesitzes und seiner Grundrechte, noch solche Dotationen herzustellen, unverkennbar sind. Welches ist also, nach Beseitigung dieser Vorfragen, die Freiheit, welche auf Grund deS ConcordateS gefordert wird? Sie ist keine andere, als daß die bestehende Kirchengesetzgebung und daS volle kirchliche Leben in Bayern ungehindert geübt und entfaltet werden könne, wie dieß die eben so einfachen, als festen Gründ- und Ecksteine des ConcordateS (Art. I, XU, XVI, XVII, XVIII.) bezeichnen und garantiren. AlS Hemmnisse und Beschwerden dieser kirchlichen Autonomie und als Nickterfüllung der von Seiten deS Staates eingegangenen Verbindlichkeiten müssen aber vor Allem nachstehende Puncte beachtet werden. 1) Daß trotz des Art. V. deS ConcordateS in keiner Diöcese BayernS vom Staate gehörig dotirte Seminarien im Sinne deS Tridcn- tinums bestehen; d. h. Knabenseminarien mit höheren Klericalseminauen untrennbar verbunden, in welchen die ganze klericalische Erziehung von den ersten Rudimenten an bis zur Priesterweihe unter ausschließlicher Leitung deS Bischofes ertheilt wird, und in welcher sonach auch die nothwendigen Lehranstalten sich befinden müssen; daß daS freie VerwaltungSrecht deS Vermögens dieser Anstalten bis auf die neuesten Zeiten mehrfach beanstandet wird; daß die Bischöfe, die solche Anstalten durch eigene Opfer so wie durch Beisteuer deS Klerus und der Gläubigen gründen wollen, von der an mancherlei Bedingungen geknüpften StaatSgenehmigung beengt sind; daß man letztere zur Aufnahme von Kandidaten in die Knaben- oder Kleri» calseminarien fordert; daß man die Bischöfe in der Auswahl der Vorstände der Seminarien bevormunden wollte, und ihnen die Ernennung der Profes- > - -r-» ." 1 --"» ^ ' -.-TXT-? ^7»^k^.'--^^W7-.^:. -iZT^r. - 5S soren an den zu den Seminarien gehörigen niedern und Hähern Lehranstalten streitig macht; daß man ihnen endlich auf die Ernennung der Professoren der Theologie an der Universität keinerlei Einfluß gestattet. Nicht im Sinne desselben Artikels des ConcordateS ist eS ferner, daß die Regierung sich nicht bloß die ausschließliche Leitung der Schulen vorbehält, sondern auch durch ihre Organe (gleichviel ob geistlich oder weltlich) das Urtheil und die Verfügungen bezüglich des Religionsunterrichtes sich aneignet. 2) ES ist eine Verletzung des ConcordateS und der durch dasselbe gewährleisteten kirchlichen Freiheit, wenn der Staat durch eine einseitige, gegen Art. XVIll. (s. o.) deS ConcordateS verstoßende und offenbar irrige keinem anderen ReligionSbekenncr vorenthalten will, und daß sie jene, Interpretation dem Art. VII. den Sinn leihen will, als ob die Zahl der ^ geistigen Kampfvd-n sie mit den ibr gegenüberstehenden Parteien zu füh zu errichtenden Kloster von ihm zu bestimmen und zu beschränken sey, wäh^ren hat, nur 'siiit geistigen Waffen, nicht aber durch StaatSzwang und rend dieser Artikel lediglich den Zweck hatte, dem Staate zur geringer^ Privilegien zu entscheiden denkt. Da aber, wo sie sich mit andern Con- Sühne für daS große verschlungene Klostergut die Dotation einiger! fesstonen auf dem Gebete des äußerlichen Lebens berührt, wie z. B. bei Klöster zur Pflicht zu machen, ohne die kirchliche Freiheit der Errichtung ^ den Fragen über Simullanrecht u. s. w., ist, wie die Erfthrung gelehrt von Klöstern durch andere Mittel irgend hemmen zu wollen. ES ist eine hat, die Staatseinmischung von stetem Unsegen für beide Theile begleitet, Verletzung der kirchlichen Freiheit, die heute auf Grund des allgemein die sich wohl am besten befinden werden, wenn der geistliche Inhalt solcher gewährten Associationsrechtes gefordert werden muß, wenn der Staat, wie Fragen auf dem geistlichen Gebiete erledigt, daS bürgerliche Recht aber von dieß zur tiefsten Kränkung aller mit diesem Institute näher bekannten guten dem Nichts, nicht von der Administration entschieden wird. Katholiken bei der Kongregation der Redemptoristen geschehen ist, ohne gegenüber entschieden geltend gemacht worden sind, beruhen auf dem unter dem Vorwande der Gewissensfreiheit gegebenen, in der That aber die Hemmung jedes kirchlichen Lebens erzielenden ReligionSedict. Die Katholiken Bayerns müssen daher mit allen übrigen, wahre religiöse Freiheit wünschenden Angehörigen anderer Konfessionen, die gänzliche Abolition dieses neben dem Concordate durchaus nicht zu Recht bestehenden Gesetzes und aller daraus fließenden Verordnungen fordern; bis dieß nicht geschehen seyn wird, ist ein gedeihliches Verständniß von Staat und Kirche unmöglich. Schließlich muß zur Abwehr von Mißverständnissen noch bemerkt werden, Laß die Katholische Kirche alle jene Freiheiten, die sie selbst begehrt, jenen Recht und Untersuchung, ohne daS Gutachten der Bischöfe zu hören oder ihre Reclamationen zu achten, bestehende Klöster auflöst, Landeskinder, wenn sie ihrem Ordensgelübde treu bleiben wollen, in die Verbannung schickt, und wenn alles dieß nicht etwa auf vorliegende siaatsgefährliche Verbrechen, sondern auf daS dem Staate gar nicht zustehende Urtheil über die geistliche Wirksamkeit eines Ordens begründet wird. Es ist ein willkürlicher Eingriff in die Rechte der Kirche und in die Gewissensfreiheit der Einzelnen, wenn der Staat gegen die bestehenden kanonischen Gesetze, namentlich deS Conciliums von Trient, Verfügungen über Zeit, Dauer und Wesen der OrdenSgelübde erläßt und sich in die heiligsten Gewissensangelegenheiten einmischt. 3) Es ist eine offenbare Verletzung deS Art. VIII. deS ConcordateS, daß der Staat sich das oberste Verfügungsrecht über das Kirchengut arro- girt, nach seinem Gutdünken über kirchliche Einkünfte (Rentenüberschüsse) verfügt, die Erwerbung neuen Vermögens durch Amortisations- und sonstige Gesetze beschränkt, die Kirche, wie dieß durch das ohne Zustimmung des heiligen Stuhles erlassene Gesetz über Ablösung geschehen ist, aufs Empfindlichste in ihrem Vermögen verringert und den Bischöfen die ihnen durch kanonische Gesetze gesicherte oberste Leitung deö gesummten Kirchenvermögens ihrer Diöcesen vorenthält. 4) Es ist eine Beschränkung der durch Art. XI. des ConcordateS den Bischöfen gesicherten freien Cvllalionsrechte, daß ein von der Regierung ausgehender und von ihr geleiteter PfarrconcurS über die Befähigung zum Pfarramte entscheidet und die Bischöfe solchen, welche diesen ConcurS nicht gemacht haben, keine Pfründe verleihen sollen; ferner daß sich der Staat die Einweisung in die Pfründebezüge vorbehält. 5) ES ist eine große Verletzung der kirchlichen Freiheit und deS Art. XII. des ConcordateS, wenn der Versuch gemacht wurde, den weltlichen Einfluß selbst ik das Gramen pro geminsrio einzudrängen. Derselbe Artikel deS ConcordateS wurde und wird verletzt durch die Einmischung in die kanonischen Processe gegen Geistliche, durch die Zulassung des reeursus all prineipem und die Abhängigmachung der Wirksamkeit reingeistlicher Sentenzen von einer Staatsgenehmigung. Derselbe Art. XU. wird ferner verletzt durch die biö auf die neueste Zeit trotz aller Reclamationen des Episkopats fortgesetzte Festhaltung des PlacetS, welche freilich durch die Aufhebung der Censur factisch unmöglich wird. Endlich ist eS ein Eingriff in die kirchliche Freiheit und in die durch Artikel XU. garantirten Rechte der Bischöfe, wenn außerordentliche Andachten, geistliche Uebungen, Missionen, Wallfahrten, Bruderschaften und Bündnisse u. s. w. von einer Staatsgenehmigung abhängig gemacht werden, und wenn der Staat, welcher gezwungen wurde, politische Volksversammlungen, Associationen u. s. w. ungehindert geschehe» zu lassen, nur noch die katholische Kirche in der freien Entfaltung ihres religiösen Lebens auf die drückendste Weise hemmt. 6) Der Artikel XVI. des ConcordateS wird noch heute vielfach dadurch verletzt, daß eine Reihe aus älterer Zeit herrührender und dem Concordate geradezu widersprechender Verordnungen zur Grundlage neuer Mini- sierial- und RegierungScntschließungen gemacht werden. Alle hier aufgezählten und mancherlei andere, mehr auf'S Einzelne sich beziehende, seit dreißig Jahren tief empfundene Beschwerden der Katholiken, die, so weit sie zur Kenntniß deS heiligen Stuhles gekommen sind, auch von dort aus als Verletzungen des ConcordateS der Staat-regierung Adresse an Seine Heiligkeit Pin- LX. Der Münchener Hauptverein für constitutionclle Monarchie und religiöse Freiheit hat jüngst eine (von Hrn. Professor Ilr. Haneberg verfaßte) Adresse an Se. Heiligkeit beschlossen, welche in der Uebersetzung also lautet: „Heiltzer Vater! Die Leiden und Gefahren Eurer Päpstlichen Heiligkeit erfülleif die Katholiken BayernS mit Trauer und tiefem Schmerz. Wie sehr auch die Eile, womit sich die Verhängnisse in unsern Tagen drängen, unser Gefühl für alle andere Dinge abstumpfen mag, — die Schicksale, welche unsern geliebten Oberhirten berühren, rufen immer größere und bewegtere Theilnahme hervor. Wie bange wurde unS um die Freiheit und das Leben unseres innigst geliebten Oberhirten, als wir von dem wachsenden Undanke der mit so vieler Güte überhäuften Römer hörten; wie freuten wir unS, die geheiligte Person des Statthalters Christi in Sicherheit zu wissen, wie freudig schlug unS das Herz, als wir vernahmen, daß dem bayeruchen Gesandten durch die Vorsehung die Gnade zu Theil ward, bey Deiner Rettung die gläubige Liebe der Bayern zu dem heiligen Stuhle zu vertreten! Doch dürfen wir u»S noch immer nicht beruhigen; wissen wir ja, daß dem erhabenen Haupte der katholischen Kirche Sorgen der schwersten Art in die Fremde gefolgt sind. Welcker Kummer mag auf Ew. Päpstlichen Heiligkeit insbesondere um der Kirchen RomS willen lasten, und gerade jetzt um diese österliche Zeit! Sonst feierte der Hohepriester der katholischen Kirche auf dem Altare der uralten Basilika deS Laterans am grünen Donnerstage daS heiligste Opfer; Heuer ist eS anders. Die Gräber der Apostel sind vom kirchcnräuberischen Aufruhr umlärmt; Rom, sonst gleichsam nur Ein Gotteshaus, ist vom Gräuel der Verwüstung geschändet. O dürfte das Bayerland dem Statthalter Christi eine Zuflucht anbieten! Freilich, freilich sind wir selbst nicht ohne Kampf und Gefahr. Wohl blieben wir bisher von Krieg unv Aufruhr verschont; aber täglich ersehen wir, wie der christliche Glaube gelästert und verhöhnt wird. Wir möchten mit dem hl. Sänger (Ps. 119) sagen: „Wir wohnen neben Jenen, welche den Frieden hassen; mögen wir auch den Frieden suchen: sobald wir reden, führen sie ungerechten Krieg wider unS." Doch was immer kommen möge, wir verzagen nicht; wir vertrauen auf Gott und sind durch die starken Bande deS Glaubens und Gehorsams mit dir, heiliger Vater vereint, in welchem wir Seinen Stellvertreter verehren. Und täglich wollen wir durch inständiges Gebet für Dein Wohl dieses heilige Band immer mehr zu befestigen suchen. Das ist unser Trost, daS der feste Grund unserer Hoffnungen, daß wir unter Deiner Leitung Christo folgen dürfen, daß wir durch Dich zu jener Kirche gehören, welche von der Macht der Finsterniß zwar bekämpft, aber nicht überwunden werden kann. Daß wir nicht bloß dem Namen nach, sondern in Wahrheit und für den Himmel dieser Kirche angehören, dafür erflehen wir unS den apostolischen Segen. In tiefster Ehrfurcht Ew. Päpstlichen Heiligkeit gehorsamsten Söhne. (Folgen die Unterschriften.)" PiuSvereine. Köln, 6. März. Der Verein PiuS IX. zu Köln hat an alle zur Wahrung der Interessen der katholischen Kirche gestifteten Vereine Rheinlands und Westfalens folgende» so Schreiben erlassen: Bereits vor längerer Zeit wurde nicht nur hier, sondern auch von Mitgliedern katholischer Vereine in den Nachbarstädten mehrfach der Wunsch geäußert, daß die in Westfalen und der Rheinprovinz zur Wahrung der Interessen der katholischen Kirche gebilveten Vereine zu einem kräftigen Zusammenwirken in Verbindung treten, und daß zu diesem Behufe von Zeit zu Zeit Generalversammlungen dieser sämmtlichen Vereine stattfinden möchten. Da zugleich Köln als derjenige Ort bezeichnet wurde, der zur ersten Generalversammlung dieser Art am geeignetsten sey, so glaubt der hiesige Verein Pius IX. seiner Pflicht zu entsprechen, wenn er hiermit die Initiative ergreift und an die sämmtlichen übrigen genannten Vereine die bringende Bitte richtet, sich am 17., 18. unv 19. April dieses Jahres dahier bei einer gemeinsamen Berathung durch eine beliebige Anzahl ihrer Mitglieder zu belheiligen. AIS nothwendige Gegenstände dieser Berathung glauben wirbln Vorschlag bringen zu müssen: 1) Feststellung derjenigen organischen Einrichtungen, deren es bedarf, um das erwünschte Zusammenwirken der Vereine für die Zukunft zu erzielen; 2) Einigung über diejenigen politischen Fragen, welche für die Verhältnisse der katholischen Kirche von Bedeutung find, so wie übe? die Stellung, welche die Katholiken alö solche im Verhältnisse zu den gegenwärtig bestehenden politischen Parteien einzunehmen haben. Unter den politischen Fragen, welche für die Zukunft deS Katholicismus in Deutschland von Erheblichkeit sind, erkennen wir als die wichtigste diejenige, welche sich auf die zu erstrebende Einheit unseres Vaterlandes bezieht; 3) Berathung über die Wirksamkeit der katholischen Vereine auf socialem Gebiete, insbesondere über die Stiftung von Vereinen deS heiligen Vincenz von Paulo. Von einzelnen Mitglieder unseres VereinS ist beantragt worden, daß in derselben Generalversammlung berathen werden möge: 1) über eine von den Katholiken Rheinlands unv Westfalens zu leistende Beisteuer für den heiligen Vater, und 2) über dasjenige, was schon jetzt für die Stiftung einer katholischen Universität geschehen könne. Sonstige Anträge, welche von anderen Vereinen oder einzelnen Mitgliedern derselben beabsichtigt werben, bitten wir, zum Behufe der Feststellung des Programms, uns vor dem 14. April gefälligst mittheilen zu wollen. Wünschenswert!) scheint es uns, daß jeder eingeladene Verein wenigstens drei seiner Mitglieder hierher sende, um, falls es nöthig seyn sollte, daß die Versammlung sich in mehrere Sectionen theile, sich in jeder Sec- tion vertreten zu lassen. Köln 2. März 1849. Der Vorstand LeS VereinS Piuö IX. A. A. I. P. Bachen,, Vicepräsident. AuS dem Nassauischen, 4. April. Die Vereine für Erhaltung und Erringung religiöser Freiheit und zur Vertheidigung gegen die Angüsse der Feinde der katholischen Religion sprossen, wie man jetzt von allen Seiten unseres Landes vernimmt, üppig auf und mehret sich deren Zahl von Tag zu Tag, und gewiß würde deren Zahl jetzt schon weit größer seyn, wenn nicht anfänglich viele unserer Geistlichen auS Gemächlichkeit oder aus der ganz unrichtigen Ansicht, „die katholische Kirche bedürfe zu ihrem Schutze keiner besonderen Vereine," statt dieselben zu fördern, denselben oft geradezu entgegen getreten wären. Freilich hat der Herr seiner Kirche die Verheißung gegeben, daß ihr die Macht der Hölle nichts anhaben solle; darf darum aber der Katholik, vor allem aber der Verkünoiger des Evangeliums, die Hände in den Schovß legen, und dem lieben Gott^ eS überlassen, für seine Kirche zu sorgen? Nein, gewiß nicht. Der lieb? Gott wird seine Kirche schützen, wo es nöthig ist; er will aber auch, daß ^ deren Mitglieder mitwirken, selbst zu ihrem Seelenheils beitragen und nu? da, wo deren Kräfte nicht ausreichen, seinen Schutz in Anspruch nehmen sollen. Jeder gute Katholik, dem an seinem und seiner Kinder Seelenheils gelegen ist, hat gewiß schon lange gewünscht, daß seine Kinder in einer katholischen Schule, von in einem katholischen Seminar gebildeten Lehrer,? erzogen werden möchten. Wie viele Gemeinden haben aber ohne die^ Anregung von Seiten der katholischen Vereine daran gedacht, diese ihre Wünsche öffentlich kund zu geben? Während früher kaum zwanzig und etliche Petitionen vereinzelt an die Sländekammer gelangten, kommen nun auf Anregung der Vereine dieselben in Masse von allen Seiten deS Landes bei unserer Regierung und Ständekammer ein. Wird man hiernach noch ferner die Behauptung ausstellen können: „nicht das katholische Volk, sondern nur einige Jesuiten und ultramontane Geistlichen verlangten die Elementarschulen und Schullehrer-Seminarien nach den Konfessionen getrennt?" Ja, Aufgabe der katholischen Vereine ist eS, den Regierungen nachzuweisen, was das katholische Volk in religiöser Beziehung will, und nur dadurch werden wir eS erreichen, daß dieselben seinen gerechten Wünschen endlich entsprechen müssen. (Katholik.) j- Augsburg. Nachstehendes schöne Schreiben deS PiuSvereinS in Oitobeuren an den hiesigen Piusverein wird laut Beschluß deS letztem zur öffentlichen Kenntniß gebracht. Der PiuSverein in Oitobeuren an den PiuSverein in Augsburg. Im höchsten Grade betrübend ist eS, in Zeiten, da jeder das süße Wort „Freiheit" im Munde führt, gerade auf Seite derjenigen, deren Mund von Lobpreisungen der Freiheit überquillt, Bestrebungen wahrnehmen zu müssen, die nur zu klar an den Tag legen, wie sie dieses Gut Freiheit nicht bloß für sich allein ansprechen und andern Gleichberechtigten entziehen, sondern tollkühn und geblendet von maaßloser Selbstsucht geradezu Knechtung aller jener, die ihren gottlosen, gesetz- und ordnungswidrigen Bestrebungen ferne sind, verlangen und somit den geheiligten Grundsatz: „Recht und Freiheit für Jedermann" schamlos und frech genug mit Füssen treten. Als eine solche betrübende, unwillenerregende Erscheinung betrachten und bezeichnen wir unter andern, auch das September-Votum des Pfälzer- Landratheö, nach welchem es als unabweisbare Nothwendigkeit erscheint, — von Errichtung neuer klösterlicher Institute gar nicht mehr zu sprechen — selbst die bereits bestehenden ohne Zögerung zu entfernen. Dieselben bestehen nach dem beliebten AuSdrucke des Pfälzer-Landrathes zum Aerger der Pfälzer — jener Minorität, die einer glaubenSverkommenen Zeit entwachsen, waS an ihr ist, redlich dazu beiträgt, Religion und Gottesfurcht unter den Menschen verschwinden zu machen, und um zu diesem Ziele zu gelangen, allem, was religiös-sittlicheS Leben zu wecken, zu befestigen und kräftig und lebensfrisch zu erhalten vermag, von vornehercin auS Grundsatz gram und groll ist — dieser Minorität — ja! ihr sind derlei Institute ein Stein des Anstosses, ein Dorn im Auge, ein Gegenstand des AergerS: nie und nimmer aber wird man uns glauben machen können, daß jene kirchlichen so nutz- und segenbringenden Institute der bei weitem überwiegenden Majorität, die fest an Religion, an Recht und Ordnung hält, wie sie anderseits dem wahren, zeitgemäßen, gesetzlichen Fortschritte huldiget, zum Aerger sind. Wir können das Votum des pfälzischen Landrathes nur als Gesinnung«-Ausdruck jener Partei bemitleiden und bedauern, die in ihrem unsinnigen Anstürmen gegen Gott und Göttliches, gegen Gesetz und Ordnung das große Wort führen, sich als überwiegende Majorität hinstellen, und im Namen des Volkes sprechen zu müssen glaubt, während doch dieses selbst die von der andern Seite trüglich vorgegebene Majorität in Wirklichkeit bildend, nichts weniger, als jene gottlosen Grundsätze billiget, vielmehr mit gerechtem Unmuthe auf dieses unsinnige Thun und Treiben Hinblick? Haben wir bisher in Hoffnung des Bessern geduldig und großmüthig geschwiegen, so können wir doch jetzt nicht mehr verkennen, daß eS bereits hohe Zeit ist, der Gefahr zu begegnen, durch wenige Schreier unsers guten Rechtes, unserer heiligsten Güter beraubt zu werden. Darum erheben wir unsere Stimme, unsere Gesinnung auSzusprechen und werden nicht ablassen zu rufen, bis eS uns gelingt, durch unsern Ruf um Recht und Gerechtigkeit die Stimme deö Unrechtes und der Gottlosigkeit zu übertönen. Darum wollen wir uns zusammenschaaren, einmüthig und brüderlich einander die Hand reichen, wir alle, die wir für Recht und Wahrheit, für Ordnung und gesetzliche Freiheit im Herzen erglühet sind, und so aufS innigste miteinander vereiniget den Religions- und Rechts-Verkehrern als RechlS- und ReligionS-Verehrer unS entgegenstellen. Auf welcher Seite die Majorität ist, wird der Erfolg unserer Messung weisen. Erwünscht ist eS uns, als erste Bethätigung unsers innigsten Anschlusses, dem zu Augsburg, der Hauptstadt unserer Diöcese bestehenden Piusoereine unsere volle Zustimmung zu seinem Sendschreiben an die katholischen Männer der bayerischen Pfalz kundzugeben unv die in demselben ausgesprochen Grundsätze ganz aus unserm Herzen gesprochen zu erklären. Oitobeuren, den 4. März 1849. (Folgen 85 Unterschriften.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kr einer. ' PreK In >ug»b«rg für fich allein (ohne A. Postzeitung)jLhrlich Ist. I»kr Durch die Post kann dieses Wochenblatt nur von Abonnenten der Postzeitung bezogen werden, und erhöht fich der Preis nach Verhältniß der Entfernung. Sonntags - Peiblatt zur Augsburger Postzeitu Neunter Jahrgang. 1 « N g. Kür fich allein, ohne die Augsburger Post- zeitung, find diese Blät- V ter nur im Wege de« Buchhandels zu be- ziehen und kosten in ganz Deutschland, der Schweiz ». s. w. jähr» Ich nur 1 fl. SOkr. oder I Thlr ^ril L84N. Peterspfenning. DaS sichtbare Oberhaupt der hl. Kirche ist in Noth und Bedrängniß! Diese Kunde hat in allen Theilen der Christenheit die Gefühle des teilnehmenden Schmerzes angeregt. Die heilige Flamme der Liebe, welche die Glieder mit dem Haupte verbindet, wird stärker und zahllose Gebete und Thränen steigen täglich als gottgefällige Opfer für daS Heil der Hirten und der Heerde zu dem Thron der Erbarmungen auf. Die Lämmer sehen ihren Hirten, die Kinder ihren heiligsten Vater mit seinen Rathgcbern, den Cardinälen, auf der Flucht, dem Mangel preisgegeben — und sieh! eS becifert sich ein christliches Volk nach dem andern, sich den süßen Trost zu bereiten, dem Stellvertreter Jesu Christi auf Erden zeitliche Hilfe zu leisten. Frankreich begann die Sammlungen unter dem Namen: Werk von St. Petri-Hellcr. Welche Gesinnungen die Geber der frommen Spenden beseelt, erhellet aus den vielen rührenden Aeußerungen und Zuschriften, mit denen sie ihre Gaben begleiteten; statt vieler stehe hier eine einzige, die des Volksvertreters GaSlonde. „Mit Schmerzen," schreibt er, „habe ich die letzten Vorgänge in Rom gesehen. ES ist mehr der Staatsmann, als der Christ, den sie in mir tief betrübt haben. Für daS Papstthum ist mir nicht bange; aber bange ist mir für die Freiheit Italiens. ES ist daS LooS LeS Papstthums, wie des Katholicismus, angegriffen und verkannt zu werden; untergehen kann eS nicht. Die Freiheit Italiens aber kann ihr Grab finden in den Ausschreitungen einer wilden und zügellosen Volkshetzerei. Der Glanz der Tiara schimmert zu Gaöta eben so hell, als in Mitten der Pracht des Vatikans. Und ist die Herrscherkrone auf der Stirne PiuS IX. zerbrochen, so hat der Kirchenfürst nie größer und erhabener dagestanden, als von dem Augenblicke an, wo er die feierliche Weihe deS Undankes und der Trübsal empfangen, und der Christenheit gezeigt hat, mit welcher inneren Heiterkeit und welcher Seelengröße er beide zu ertragen wisse." „Verzeichnen Sie doch meine kleine Gabe als ein Zeugniß für meinen politischen Glauben sowohl, als für mein christliches Bekenntniß. Hoffen wir auf bessere Tage, hoffen wir, daß eS dem, welcher so muthig die erste Hand legte an die vielersehnte Wiedergeburt RomS und Italiens, auch vergönnt sey, sie unterm Zujauchzen der Völker zu vollenden. Möchten die Römer bald zurückkommen von den Bethörungen ihres irre geleiteten PatriotiSmuS, und erkennen, daß für Italien Einheit und Freiheit nicht anders möglich sind, als mit dem Papstthum und durch daS Papstthum." Unter den vielen Beiträgen, die bereits theils dem Comite für religiöse Freiheit in Paris, theils dem päpstlichen Nuntius daselbst zugestellt worden sind, wollen wir nur erwähnen: von Cambrai die Summe von 17,000 Fr., von Straßburg 20,000 Fr., von Langres 10,000 Fr., von Grenoble 6000 Fr. Der Erzbischof von PariS hat auS seiner Erzdiöcese bereits die Summe von 60,000 Fr. übergeben. AuS allen Diöccsen Frankreichs gehen fortwährend bedeutende Summen ein. Die Sammlungen in England haben einen ähnlichen Erfolg. Bischof Wiseman hat so eben 30,000 Franken, die im Distrikt von London gesammelt sind, an den Cardinal-Staatssecretär nach Gaöta abgesandt. Zu Newcastle fand eine große Versammlung statt, bei welcher die anwesenden Geistlichen jeder 25 Franken unterzeichneten und den Beschluß faßten, in allen Pfarrsprcngeln Subscriptionen zu eröffnen. Irland, daS „arme" Irland hat bereits eine erste Sendung von 150,000 Franken abgehen lassen. Die Journale von Madrid melden, daß in ganz Spanien Vereine LeS St. Petri-Heller sich gebildet haben. Von Turin auS erfährt man gleichfalls, daß die sardinischen Bischöfe in allen Diöcescn die Bildung solcher Vereine bewerkstelligt haben. — Der Cardinal-Erzbischof von Neapel hat zu gleichem Zwecke an alle Bischöfe deS Königreichs ein Rundschreiben erlassen. Zunächst und unverzüglich soll durch Unterzeichnung von einmaligen Gaben den augenblicklich dringendsten Bedürfnissen des heil. Stuhles abgeholfen, später aber sollen regelmäßige monatliche Beiträge eingesammelt werden. — Auch in Deutschland haben die Sammlungen begonnen. Ein Bischof. (Wiener .stirchenzeituug,) In einer Zeit, wo eS sich um kirchliche Freiheit handelt, wird eS nicht überflüssig seyn, daS Leben jener Männer durchzuforschen, die im Verlaufe der Kirchengeschichte als Heroen gegen die Vcrknecbtung der Kirche gestritten, und im Kampfe Verfolgung und Elend, Verbannung und selbst den blutigen Tod nicht gescheut haben. Unter diesen Männern ist Thomas Decket, Erzbffchof von Cainerbury und heiliger Martyr. Sein ganzes Leben kann als ein wahrer Bischossspiegel gelten, jeder einzelne Zug auS demselben ist daS Gepräge eines großen Charakters. Sohn deS englischen Ritters Gilbert, und einer Prinzessin aus dem Orient, die Gilbe« als Gefangener am Hofe ihres Bakers kennen lernte, und die demselben, als er befreit war, nach London folgte, dort die heilige Taufe empfing, und mit ihm in den Bund der Ehe trat, — hat eS den Anschein, als ob schon bei Becket'S Geburt jener Anfing von Romantik anf die edle Ritterlichkeit hingedeutet, welche er in der Folge so gut mit der Frömmigkeit, Leu Pflichten und Tugenden des Bischofs in Einklang zu bringen wußie. AIS Erz- diacon des Metropoliten Theobald von Canterbury wurde er, fast noch ein Jüngling, zum Reichskanzler Heinrich II. ernannt, und wußte an einem üppigen Hofe, bei einem ungeheuern Einkommen, bei Verlockungen von allen Seiten seine Tugend zu bewahren. ES gibt keine wahrhafte, christliche Seelengröße ohne Demuth. Demuth ist der Grundbau der Tugend, in ihr ist auch der wahre Muth enthalten. Denn Demuth ist nicht Feigheit und Kriecherei, wenn es gilt der Wahrheit Zeugniß zu geben; — und Aufgeblasenheit und augenblickliches Beleidigtsey» gegenüber von Untergebenen. Der Prüfstein der Demuth ist nicht darin zu suchen, wie man sich gegen Vorgesetzte, gegen Machthaber, gegen solche, von denen man waS zu erwarten hat, oder in deren Gunst man verbleiben will, benimmt, der Prüfstein der Demuth ist das Benehmen gegen Untergeordnete, gegen Untergebene, gegen Arme, gegen Irrende. Suchen wir demnach, in welchen Tugenden der Muth, welchen Thomas im Kampf für die Freiheit der Kirche bewährte, begründet gewesen ist. Auf dem Wege nach seinem erzbischöflichen Sitze gab er dem einfachen Geistlichen Herbert, der mit ihm zog, folgenden Auftrag: „Ich wünsche, daß du mich heimlich von allem benachrichtest, was du von mir zu sagen weißt, und alle Fehler mir sagst, die in meinem Betragen zu bemerken sind;*) denn eS ist wahrhaft ein Dienst, den unS unsere Feinde erweisen, indem sie uns unterstützen dadurch, daß sie BöscS von uns sagen, um unS besser kennen zu lernen, damit wir mit größerer Sorgfalt über unsere Worte oder Handlungen wachen können. Ich wünsche also vorzüglich, daß du mir alle Fehler sagst, die du an mir zu bemerken glaubst, da zwei Personen klarer sehen, als eine einzige." So berichtet uns Abbe Robert in seiner Lebensgeschichte deö heiligen Thomas Decket. Da ihm als Kanzler wenig Zeit blieb die Wissenschaft zu pflegen, so suchte er nun als Bischof das Versäumte nachzuholen, er umgab sich mit gelehrten Theologen, unter denen Bosham obenan stand, hörte auf ihre Rathschläge und befolgte sie. Einst sagte er zu einem Freunde: „Wie glücklich wäre ich, wenn mir Gott die Gnade gäbe, mich von jedem Geschäfte und jeder Sorge zu befreien, damit ich in heiliger Ruhe nur *) Er hätte ja auch sagen können: „Sage mir ja nicht- Unangenehme-, denn das greift meine Nerven an." Wir sagten nicht umscnsi, die Demuth ist der Grundstein des Muthe-; wir können auch umgekehrt behaupten, Muth ist der Grundstein der Demuth; denn e- gehört der größte Muth dazu, demüthig zu seyn — der größte Muth: dir Wahrheit unter allen Umständen fich sagen zu lassen, um ihr dienen zu können. >s- M W I' 7 «2 darauf denken könnte, mich zu nähren an seinem göttlichen Wort. Wie nützlich und vortheilhafl wäre es mir, dadurch jene Zeit zu ersetzen, deren ich durch meine früherenWeschäflignngen in der Welt verlustig geworden bin." Um Decket in seinem Derhältniffe zu dem König zu würdigen, dürfen wir nur die Ungefaßte Charakteristik beiver anführen. Heinrich H. zeigte nach außen luEine feine Erziehung, eine würdevolle Haltung, er konnte sogar leutsM und scherzhaft seyn; „aber (erzählt Robert) diese blendende Außenseite verbarg ein Herz, welches sich zu den nichtSwürdig- sten Kunstgriffen erniedrigen und mit seiner eigenen Ehre und Wahrhaftigkeit spielen konnte. Nieniand Föchte seinen Behauptungen glauben, noch seinen Versprechungen tränen." Lingard berichtet, daß der Cardinal Vivian, nachdem er einst mit Heinrich eine Unterredung gehabt, sich also über ihn äußerte: „Nie sah ichMmand, der diesem Manne im Lügen gleich käme." Lingard selber sagt von ihm: „Er war eifersüchtig über jegliche Autorität, die nicht von ihm ausging, und seinem Willen dienstbar war. Er war stolz auf seine Günstlinge, die ihm alles zu verdanken halten, Widerspruch konnte er keinen vertragen. Wer seinem Gebote zu gehorchen zauderte, oder leinen Begierden zu widersprechen wagte, ward dem Berderben geweiht und mit der unversöhnlichsten Rache verfolgt u. s. w. Stolz, Jähzorn, Hinterlist und Falschheit waren die hervorstechenden Züge seines Charakters. Hingegen wird Thomas Decket von Robert kurz also geschildert: Biederkeit, Aufrichtigkeit, Freiheit, Selbstvcrläugnung, zärtliche Liebe zu den Arme», erklärter Beschützer der Kirche, unerschrockener Vertheidiger ihrer Unabhängigkeil und ihrer Güter, ihrer Immunitäten und ihrer Freiheit; siehe diese Eigenschaften strahlen mit großem Ruhme auf der cclen und großen Gestalt deS Thomas Becket, Erzbischof von Canterbury und Prn maS von England. Wie ernst eS ihm gewesen ist, als er die oben angeführten Worte zu dem Priester Herbert sprach, das sehen wir in einem der denkwürdigsten Ereignisse seines Lebens bestätigt. AIS ihm bei der Bischofsversammlnng zu Clarendon die famosen 16 die kirchliche Freiheit verknechtendcn Artikel vorgelegt wurden, drohte der König ihn und die Bischöfe zu tödten, wenn sie nicht unterfertigen wollten. Da wird nun Thomas bestürmt von allen Seilen, um nachzugeb>n. Schrecken lag auf der Versammlung. Richard von HastingS, der Großprior der Tempelritter, die Grafen Cornwalt und Leicester, viele andere Große warfen sich dem Primaö zu Füßen, um ihn mit Thränen zur Nackigiebigkeit zu bewegen. Schon schwankte Thomas und fing an, seinen gerechten Widerstand aufzugeben. Aber die volle Entscheidung war noch nicht ausgesprochen. Wohl halte auch Thomas schon unterschrieben — aber nur mit der Bedingung, daß die Constitutionen die alten, im Königreiche üblichen seyen. AIs aber der König die Satzungen ausgearbeitet im Einzelnen vorlegte, und an Eitcsstatt von Thomas die Siegelring verlangte, da erkannte der Primas, daß er einen Verrath an der Kirche besiegeln würde. Er weigerte sich und bat sich Bedenkzeit anS. — Nun tritt jener Umstand ein, der uns den Bischof in seiner wahren Größe und Erhabenheit zeigt. Schon begann er auf dem Heimwege von Clarendon den verhängnißvollen Schlag zu erkennen, der gegen die Kirche geführt werden sollte. Die Einen seiner Begleiter, Hofschmeichlcr und Gunstjägcr lobten sein Thun und suchten ihn einzuschläfern, sie nannten ihn klug, daß er der Nothwendigkeit und der Zeiten Ungunst sich gefügt habe — und diese hörte er nicht; andere, aber wie sich denke» läßt, die geringere Zahl, doch vorn reinsten Eifer belebt, beschuldigten ihn des Verrathe« an den Interessen der Kirche. Der Erste, welcher mit dem Muthe der Wahrheit gegen ihn hervortrat, war eine sehr untergeordnete Persönlichkeit dem Rang und der Würde nach — es war sein Kreuzträger Eduard Grim,^) dieser machte dem Erzblschof lebhafte Vorwürfe, indem er sagte, daß er durch sein Versprechen diese schlechten Gebräuche beobachten zu wollen, einen Verrath an seinem Gewissen begangen, und der Nachwelt ein trauriges Beispiel gegeben habe, daß er sich mit den Dienern des SatanS gemeinschaftlich verbunden, um die kirchliche Freiheit zu zerstören. Was war nun die Folge dieses VorwurieS? Ein schwacher Apostel, ein kleiner Geist hätte solchen Vorwurf mit ewiger Ungnade, ja vielleicht sogar mit unversöhnlicher Verfolgung vergolten. Was aber hat Becket gethan? Beaulieu gibt uns die Antwort: „Dieser so beißende Vorwurf anS dem Munde eines seiner geringsten Kleriker, und dieser Eifer, der ihm übertrieben scheinen konnte, mißfiel ihm nicht. Er betrachtete nicht den, der so sprach, wer der sey, auch nicht sich selber und seine Würde, sondern glaubte vielmehr, daß seines Dieners Mund ihm GottcS Willen künde, er demüthigte sich, vernichtete sich in der Tiefe seines Herzens und ') Derselbe Grün war es, der die tödtlicbcn Schläge auf Beekcr'S Haupt mit ,euicr Hand auffing und verwundet wurde, der bis zum Tcdc bei seinem Meister aus- während die andern aus der biscl'östicken Begleitung aus Angst flohen oder sich versteckten. Grim, der dem Primas die bitterste Wahrheit sagte — stand auch mit seinem reden für denselben ein. Nicht so die Kriecher und Schmeichler. sprach in Thränen zerfließend: „Ich erkenne eS, mein Gott, daß ich gesün- diget habe; daö Verbrechen, das ich begangen, erfüllt mich mit Abscheu, und ich verdamme mich von jetzt an, mich deinem Altare zu nähern, dessen ich mich unwürdig gemacht. Du hast mich zum Wächter deiner Kirche aufgestellt, und ich unterjoche sie durch eine leichtsinnige Gefälligkeit. Ich habe durch ein Wort die ganze Frucht langer Arbeiten meiner Vorgänger zu Grunde gerichtet. Ich habe die Pforte deines Hauses den Gewaltigen der Erde geöffnet, und habe dein Heiligthum entheiligt, indem ich es den ! Profanationen der Menschen aussetzte. Du-hast mich, o mein Gott, mit !sehr großer Gerechtigkeit verlassen, da ich mich auS der Schule deS Welt- ! Heilandes zurückgezogen, aber um in Mitte des Hofes zur Regierung deiner ' Kirche erhoben zu werden. Ich will weinen und im Verborgenen bleiben, bis du mich besuchest von oben und mein Verbrechen in die Hände desjenigen zur Vermittlung stellst, welcher auf Erde der Stellvertreter deines s Sohnes Jesu Christi ist." (Schluß folgt.) Die falschen Propheten der Neuzeit. „Nach Calisornien!" erschallt von vielen Seiten der Aufruf. Erdenglück das Ziel des Feldzuges; Gold! Gold! die Losung. Doch nur Wenigen ist eS möglich, diesem Feldgeschrei auch Folge zu leisten; und manche, denen eS wohl möglich wäre, ziehen es vor, anstatt nach den Goldklumpen Californiens zu graben, nach jenen unschätzbaren Goldkörnern zu spüren, welche gotterleuchtete Männer in ihren Aussprüchen hinterlegt haben. Voll solcher Goldkörner himmlischer Weisheit sind die wenigen, aber inhaltschweren hinterlassenen Schriften deS unvergeßlichen G. W. Witt- mann, Bischofs von RegcnSburg. Ein gewichtiges Wort, das er als Seminariumsregens bei den Priestererercizien im Jahre 1828 sprach, möge hier seine Stelle finden, — um so mehr, da der heiligmäßige Mann nicht selten in ahnungsvollen Lichtblicken der Zukunft voraus eilte. Es sind, sprach er, in Deutschland, und man darf sagen, in dem ganzen cultivirten Europa drei falsche Propheten aufgestanden, die in den Gärten GotteS überall große Verwüstungen anrichten. 1. Der erste falsche Prophet hat sich bereits zum Gott der Welt creirt; ich meine den weltberühmten und überall angebeteten Lebensgenuß, dem Alt und Jung, Groß und Klein, Hoch und Nieder, Herr und Knecht, Mann und Weib, besonders Jünglinge und Mädchen Tempel, Ccipellen und Altäre bauen. Hoch stolzirend spricht er, dieser Lügen- geist: Es wundert mich selbst, wie mich die Menschen so gar in Ehren !halten, da ich sie doch arm und krank und siech mache, und ihnen am Ende znm Dank für ihre Anbetungen nichts als frühen und schmerzlichen Tod bringe, nachdem ich ihnen alle Güter deS LebenS: Gesundheit, Ehre, Religion, GewissenSruhe und häusliche Zufriedenheit geraubt habe! Sie, liebe Brüder, wissen wohl, daß wir keinen unschuldigen Genuß unschuldiger Freude verdammen; jede Erheiterung, jeder Ausdruck der Fröhlichkeit, selbst jede Lustbarkeit, wobei Maaß, Ziel und Gränze, Schain- haftigkeit und Ehrbarkeit präsidiren oder wenigstens Wache halten, gönnen wir dem muntern Geschlechte gern. Aber Genußsucht, besser Gennßwuth, ist etwas, das sich weder vor dem Urtheile der Vernunft, noch vordem Nichterstuble der Religion, ja nicht einmal vor der Tribune einer geordneten Staatspolizei wird rechtfertigen können. Dieser gesetz- und gränzenlose Lebensgenuß verschlingt in seinen unendlichen Abgrund alle Tugend, alle Ordnung, alle Achtung für Gott und das Göttliche mit dem Leben der tollen Genießer; und eS ist ein wahres Wort: „Wo sich dieser nicht mehr vcrlarvte, sondern mit offener Stirne auftretende Epikuräismus zur vorder» Thür des HauseS herein drängt, da muß der ChristianiSmuS zur Hintern Thür hinaus." 2. Der andere falsche Prophet ist Goliath der Zweite, daS große Lästermaul, das der christlichen Religion, der katholischen Kirche, dem Priesterthnme und allen frommen Kindern GotteS Hohn spricht; daS in so vielen Blättern des TageS, als wenn es ein Schutz- und Trutz- bündniß mit ihnen errichtet hätte, seinen Unsinn predigt, und im Grunde doch nur Geringachtung, Verachtung alles Heiligen, Gleichgiltigkeit gegen Religion und Ordnung herbeiführen kann. Von dem Philister sagt die Schrift, daß er 40 Tage nach einander Morgens und Abends auS seinem Lager hervortrat, und dem Volke Gottes, seinem gesalbten Könige und seinem Gott Hohn sprach, bis ihm der Hirtenknabe David, im Namen Gottes kommend, mit einem Kiesel auS seiner Schleuder die freche Stirne traf, und den Lästermund auf ewig schloß. Jeder Christ, mag er auch schwach und gering seyn wie David der Hirtenknabe, soll im Namen deS Herrn kommen, und ein zweiter David seyn gegen jeden Lästermund. «3 «3 3. Der dritte falsche Prophet ist der berüchtigte Weltkrämer, der mit seiner Schlechtwaare die Völker vergiftet, und die in Sammt und Seide verhüllten, und mit Brillanten und Perlen übersäeten Fesseln der Geistessklaverei unter der Firma „Mündigkeit und Freiheil" aller Welt feilbietet. Unsere Jünglinge stehen andächtig um das schimmernde Waarenlage des WeltkrämerS und seiner Gesellen umher, und handeln blindlings gegen Darangabe deS stillen, reinen, züchtigen Sinnes die vergoldeten Fesseln ein. Sprechend: „Wir sind frei!" tragen sie ihren Nacken schon höher, um das sanfte Joch der Gottesfurcht niio deS Respectes gegen Lehrer und Vorgesetzte abzuschütteln, daS Schwcrdrückente des rohen, groben, leidenschaftlichen, wilden Wesens sich aufhalsen zu lassen. Diese drei falschen Propheten treiben ihren Seelcnschacher unter der schönen Devise: „Der bessere Zeitgeist im Bunde mit seinen drei Repräsentanten." Gegen diese Lügengeistcr, gegen diese Widersacher der Religion, der Ordnung, der Gerechtigkeit auf den Kampfplatz zu treten, und sie mit dem Schwerte des göttlichen Wortes zu bestreiken, ist die Pflicht jedes beson neuen Mannes, jedes Christen, vorzüglich aber des Priesters und Bischofs, angesprochen und befriediget hat. Dieses kleine Land, daS jeden Zoll breit Es ist also eine wichtige Frage, die jeder von uns an sein innerstes Be-! Interessantes bietet, sollte eigentlich jedermann, der nur etwas Gelegenheit wußtseyn zu thun hat: Bist tu vollrüstig und Held genug, um ktincn Fuß! hat, kennen lernen. Der Kaufmann und Künstler, der Gelehrte und Land- breit Land dieser dreifachen Weltverführung zu überlassen — in deinem Hause, in deinem Wirkungskreise? Zwar werden sie dich bald als einen der Ordnung sich bewegend, daS Füllhorn seines Segens über uns ausschütten. Aber weil der beste Same keine gute Frucht bringt, wenn nicht das Erdreich gehörig gepflegt wird; so ergeht an jeden, der Kraft und guten Willen besitzt, der heilige Aufruf den Weg zu bereiten, damit die neue Zeit ihn nicht überrasche und er nicht rath- und thatloS die Waffen strecken müsse wenn ihr gewaltiger Hauch ihn berühret. Derlei Gedanken waren cS, die den Schreiber dieser Zeilen bewogen, die Gränzen seines österreichischen Vaterlandes auf einige Zeit zu überschreiten, um die neue Zeit mit ihren Früchten auch anderSwo kennen zu lernen. Ich übergebe diese Zeilen der Oeffentlichkeit, theils aufgefordert von wohlmeinenden Freunden, theils um den Lesern der Kirche,izeitung einen Wink zu geben, was in unseren kirchlichen Zuständen noch zu wünschen, zu ändern und zu bessern sey; muß aber gleich anfangs gestehen, daß ich durchaus keine gelehrte Reisebcschreibung liefere, sondern eben nur ein zwangloses, ganz subjeciiv aufgefaßtes Bild entwerfen will über jene Länder, die ick auf der Reise berühret. Ich wählte zuerst Belgien, weil eS mich unter allen am meisten Missionär des Aberglaubens, bald als einen Apostel der Finsterniß, und wie die unheilige Litanei ihrer Schimpfwörter weiter heißt, ausschrcien; aber gehe du im Namen des Herrn deines Weges ohne umzusehen, und ruhe in dem Schalten des Kreuzes auS; denn die Religion, zu der wir unö bekennen, ist die Religion deS Kreuzes, und keine andere. Hat der verewigte Wittmann mit dieser Schilderung seine Zeit im Auge gehabt, oder wohl gar im prophetischen Vorgefühle die unsrige gezeichnet? Ich glaube fast das Letztere. Daher will ich eine ernste Mahnung daran reihen, die er bei einer andern Gelegenheit an seine Priester- hauS Alumnen sprach. AIS er unter lautloser Stille, nur durch daS Schluchzen seiner tief gerührten Zuhörer öfter unterbrochen, ihnen in herzergreifenden Worten ihren hehren Beruf schilderte, setzte er mit bedeutsamen Nachdrucke bei: „O, meine Herren, machen Sie sich gefaßt — ick werde cS nicht mehr erleben, aber Sie erleben es noch — nicht bloß auf Verfolgungen all'v Art, sondern sogar auf das Martyrium müssen Sie gefaßt seyn. Merken Sie wohl: auch auf das Martyrium!" Und seinen horchen ^ mann wird eben so viel Stoff deö Lehrreichen vorfinden, wieder Theologe und Priester. Da sind großartige Handelshäuser, welche mit der ganzen Well in dirccter Verbindung stehen, da blühen Handel und Gewerbe, da ist Betriebsamkeit in Fabriken und kühnen Bauten, da rasseln die Räder, und sprühen die Dampfer und rauchen die Schornsteine, daß einem daS Herz dabei im Leibe lacht. Da sind keine unbeschäftigten Hände, denn der gefürchtete Stand deS Proletariates ist so viel als möglich beseitiget, und wohin daS Auge blickt, auf Häusern und öffentlichen Baute», auf Straßen und Bergen herrscht durckgehendS ein gewisser Tvpuö der Nettigkeit und des natürlichen Anstandes. Wie wohl thut es einem, wenn man das bewegte und lieblos zerrissene Deutschland verläßt, und in diese Gefilde kommt, über welchen der Engel des Friedens schwebt, und welche die Segnungen der Freiheit auf eine kluge und gesunde Weise sich zu Nutzen machen. Wenn man einen Belgier fragt, wie er zufrieden sey, so kann er nicht beredsam genug sein Glück schildern, er fühlt sich wie in einem irdischen Paradiese, und kann durchaus nicht begreifen, wie cS in anderen Ländern so toll und voll zugehen könne. Die liberale constitutio« nelle Verfassung, welche Belgien seit dem Jahre 1830 genießt, ist die den Scküle.., klangen diese Worte aus Witimanns Munde wie die eines Schöpferin seines GlückeS, und mit Liebe hängt er deßhalb an seinem Ne- gottcrfüllten Sehers, und sie haben sich dieselben wohl gemerkt. Aber auch! genten, jh,n als die beste Garantie für persönlichen Schutz und Austin Andenken deS gläubigen Volkes lebt die Ennnerung an Wittmann und! rechthaliung der Verfassung gilt, wie dieß ja auch die Ereignisse deö verfeme Worte noch lebhaft fort. Im Munde des Volkes heißt es wohl „der! flossenen Jahres bewiesen. Die Franzosen wollten die junge Republik nach heilige Bischof," und schon als er starb (1833), wollte Niemand für ihn! Belgien hinüberspielcn, und sie machten schändlich Fiasko; und als nach beten, sondern flehte ihn um seine Fürbitte an. Durchwandert der Reisende! dem Sturze Louis Philipps der König abdanken wollte, baten ihn die die weiten Hallen des herrlichen RegenSburger Domes, so findet er dort! Stände, auf seine», Posten zu verbleiben zum Wohle deS StaateS. nebst dem Grabmale des unvergeßlichen Sailer auch daS Denkmal Doch ich vergesse, daß ich ein kirchliches Neisebild geben wollte. ittmanns, an dem nicht selten viele Gläubige in den verschiedensten! - Darum versetzen wir unö in die erste belgische Stadt, die man von Aachen Herreisenb, berühret, NamenS Vcrviers. Weil die Locomotive gewechselt wurden, so hatten die Passagiere hinlänglich Zeit sich in dem weitläufigen, lururiös erbauten Bahnhöfe umzusehen, oder in den niedlichen Gärlchen, die diesen umgeben, zu späteren. AIS ich das letztere vorzog, fiel mir alsogleick eine große, majestätische Gestalt auf, die gemessenen Schrittes in schwarzen Strümpfen und Schuhen einhcrschritt. Es war ein Landpfarrer, der seinen Bruder zu besuchen hieher gekommen war. Ich sprach ihn an, und obwohl wir gegenseitig unö anfangs nur halb verstanden, indem er schlecht deutsch und ich nicht gut französisch sprach, so wurden wir roch bald recht vertraut, und nahmen in demselben Waggon unsere Plätze. Ich lernte im Verlaufe des Gespräches immer mehr seinen liebevollen und bescheidenen Charakter kennen, und die väterliche Theilnahme Ansprüche und höhere Forderungen ergingen an den. Diener des Staates Sätzen, mit der er von seiner Gemeinde sprach. Kurz ich vergaß in der Anliegen um seine Fürbitte kniecnd beten. Gesicht und Hände seiner Ab bildung sind schon ganz abgenützt von den unzähligen Küssen seiner andäch tigcn Verehrer. Eine gedrängte Geschichte seines musterreichen Lebens nebst seiner Abbildung ist bei Manz in RegenSburg 1844 in vierter Auflage erschienen. (Kath. Bl. a. Tirol.) Kirchliche Reisebilder. *) I. Belgien. Die neue Zeit, welche mit dem Frühlinge des vorigen Jahres erwachte, regte allwärts neue Ideen und frischeres Leben an, und neue freilich sind in Folge politischer Unerfahrenheit und Ungelenkigkeit so Landschaften, an denen wir voruberflogen, ich manch goldene Ideen in ihrem befruchtenden Keime ersticket worden, und d>e ^^merkung: Wenn alle ^i?>n si»s der Zwischen^ daS, was uns Glück, Heil und Segen hätte bringen können, ist uns unter dann belgisches Volk. bist du gluck ich zu p e>e - ^ s-gr solwer arti- der Hand zu Blut und verzehrendem Feuer geworren. Es liegt nicht mittönen stieg ein Studiosus von owen z , ^ ^ / Z dem Zwecke dieser Zeilen über die Ursachen des totalen Mißlingens, oder 9^' gebildeter junger Mann. ^ ^ ^ über die Mittel, mit welchen man die Pestbeulen der Zeit heilen könnender er neben uns Platz nahm und d.e Na nrl.chke.t m,t ^ Betrachtungen anzustellen. Genug, die Würfel einer neuen Zeit sind dem Landpfarrer nnterhielt. Auch ch ^. nämlich: den geworfen, und bitter täuschen würde sich derjenige, der da in naiver Be- "'/h^ als ähnliche LebenScarrieren un z chs l . Wissenschaft qnemlichkeit meinte, man könne mir nichts, dir nichts, zu den alten Fleisch- hohem GraduS, er m der juridisch ' ^ ^ -in Land alücklich ru topfen EgyptenS zurückkehren. Nein, daS neue Leben wird sich auch bei nehmen. Auch hier konnte rch ch „no es schmerzte mich »»-, WI- B ahn b,-ch-», und im G-i-I,- d-s und wm!"!« m» M da« du,fchl,°s- und ii-t-,»ch- i-d-u *) Aus der Wiener Kirchenztg. an gewissen deutschen Universitäten verglich. Schneller als ich dachte, hielt unser Train stille, und wir waren in Lütt ick. Herzlich war der Abschied von dem Landpfarrer, der mich mit Einladungen überschüttete, nachdem wir unS gegenseitig auS unseren Brevieren ein kleines Andenken gegeben harten. — Lüttich ist eine große Handelsstadt, bietet aber nur gegen den von Schiffen belebten Maaßfluß hin, den so — freundlichen Anblick belgischer Städte, sonst sind die Straßen winklig und thcilweise auch schmutzig. ES lebt und webt alles in dem Innern der Stadt und in das Gerassel der Wägen und Gewerke mischt sich daö vorn Thurme herab ertönende Glockenspiel. Mein Hauptaugenmerk war auf die Kirchen gerichtet, und ick machte mich daran, die Revue zu beginnen. Doch eS war Bormittag, und da mußte ich zu meinem freudigen Staunen hören, daß Fremden nur Nachmittags, wenn die Kirchen leer sind, die Besichtigung gestattet sey. Ich gab mich willig in daS Schicksal und schlenderte indeß in den Straßen herum, besichtigte den großartigen Justizpalast, wo ein Beamter mir mit ungemeiner Freundlichkeit ein Plafondgemälde, das das Glück Belgiens symbolisirte, erklärte. WaS mir bei dieser Häuserschau auffiel, war, daß oft ganz in der Nähe der katholischen Gotteshäuser Freimaurerlogen sich befanden, nichts zu sagen von den protestantischen und jüdischen Tempeln, welche sich in gleicher Unbefangenheit erheben. Nicht minder siel mir auf, daß die Geistlichen ohne Unterschied auch auf der Gasse ihre lange schwarze Kleidung mit dem Abbi- hute trugen, ja daß (Iwrribilo ciiotu!) Jesuiten und Redcmptoristen in ihrem Ordenöhabite gingen, ohne daß sie jemand beirrte. Da ich eben von Oesterreich kam, wo man auf diese Patres förmlich Treibjagden angestellt hatte, so glaubte ich anfangs zu träumen, und fragte einen Herrn, der mir eben unterkam, um gütigen Aufschluß. „O, meinte dieser, diese Herren können in unserem Lande ganz ungenirt leben und wirken; das Volk hat Vertrauen zu ihnen, und als vor ein paar Jahren in der Kammer der Antrag auf ihre Ausweisung gestellt wurde, widersetzten sich der protestantische König und das protestantische Ministerium, weil dieß ein Hohn der Freiheit seyn würde, und so blieben sie; ja man stellte ihnen die Militärmacht zu Diensten, falls sie in ihren Rechten sollten angegriffen werden, WaS aber bis jetzt noch nicht geschehen ist." Da sp tzte ich freilich die Ohren und bekam von der Freiheit andere Begriffe. Nachdenkend verfügte ich mich in eine Restauration, wo mir aber nichts recht munden wollte. — Nachmittags begann der Kirchenbesuch. Im Dome hatten sich eben die Canonici mit ihren hohen Baretten versammelt, und eS begann die BeSper, welche im Choral gemessen gesungen wurde. WaS mir in dem herrlichen GvtteShause abging, waren die Betstühle, welche wir in der Heimath so gewohnt sind. Die ganze Kirche steht frei da und kühn und majestätisch steigen die Pfeiler und Säulen empor, und verschlingen sich oben in zierliche Schiffchen. Diese Leere und Stille, die in allen nach französischer Manier eingerichteten Kirchen BelgienS herrscht, hat etwas eigenthümlich Ergreifendes und zur Andacht Stimmendes. Der Contrast gegen daS bewegte überfüllte Außenlcben ist zu auffallend. Die Sesseln, welche eigens zum Knien und Sitzen eingerichtet sind, befinden sich in einer Ecke der Kirche; wer einen gebraucht, bezahlet einen Sous. — Bon dem Dome weg richtete ich meine Schritte zur Kirche St. Martin, wo die Nonne Juliana der bekannten Offenbarungen gewürdiget wurde, in Folge deren man im Jahre 1246 in dieser Stadt die erste FronleichnamSprocession feierlich abgehalten. Ich besuchte noch andere Gotteshäuser, unter welchen sich durch Nettigkeit und neueren Geschmack das der Rcdemptoristen auszeichnet, mußte aber zu meinem nicht geringen Staunen bemerken, daß eigene Tafeln in den Pfeilern und Altären befestiget waren, auf welchen die Namen der Mitglieder dieser oder jener Bruderschaft ganz öffentlich verzeichnet waren; eS fanden sich auch viele van (Herr von) darunter. Eben so befremdeten mich die vielen gedruckten Annoncen, die an den Kir- chenthüren befestiget waren, und zu einer Masse von nenntägigen Andachten ihre Einladung machen. Wo nimmt denn der Belgier bei seinen Geschäften nur die Zeit dazu her? bei unS ist oft kaum an Sonntagen ein Viertclstündchen für den Geist zu erübrigen! Besonders waren eS Andachten zu Ehren Mariens. In den meisten Kirchen wird an größeren Festen für die seligste Jungfrau ein eigener Thron oft mitten in der Kirche, oder nahe am PreSbyterium cnichtet, auf dem sie reich ausgestattet prunket, und ein ganzer Wald von wohlriechenden Blumen und kleinen Bäumchcn umstellt ihn. Obwohl schon müde, wollte ich auch den PP. Jesuiten, die hier ein großes HauS haben, eine Visite machen, konnte sie aber trotz vielen Fragens nicht auffinden; die guten Patres werden sich indeß nicht gedacht haben, daß sie für einen constitutioncllcn Oesterreichs deS Jahres 4848 ein gesuchter Artikel wären. Eben so erging eS mir mit den äußerst thätigen Schulschwestern und den kröreg clo I'eools ellretisnne — ich mußte mich mit dem Lobe begnügen, das ich ihnen von allen Seiten spenden hörte. So liberal der Belgier in seinem öffentlichen bürgerlichen Leben ist, eben so genau kann er seyn, wenn eS die Prüfung deS Inneren gilt. Nirgends z. B. wird der fremde Priester so angelegentlich um seine bischöflichen Formaten u. dgl. gefragt, als eben hier. Dieß erfuhr ich in der alten Universitätsstadt Löwen, wo ich die heilige Messe crlebriren wollte. Ich wandte mich an den Geistlichen, den ich eben in der Sacristci traf, und zeigte ihm freiwillig meine Meßlicenz. Er nahm sie und laS sie wohl dreimal durch, stellte sogar die etwas auffallende Frage: on aver vous eouclier? und alS ich ihm daS Hotel cle Luecle nannte, schien er gar nicht befriedigt, wahrscheinlich, weil daselbst, wie ich später erfuhr, die neuverlodten Brautpaare ihr Absteigquartier zu nehmen pflegen. Indeß ertheilte er doch freundlich die Erlaubniß und traf selbst Anstalten, während ich meine kraoparstio verrichtete. Als ich damit fertig war, stellte ich mich zu den Paramenten, allein keine Hand wollte mir bei Anziehung derselben behilflich seyn. Dieß ist Gepflogenheit in ganz Belgien, der Priester muß sich selber an- und ausziehen, dafür hat er einen großen Spiegel in der Sacristei vor sich, daß er sieht, ob er seine Sache gut gemacht. (Fortsetzung folgt.) Die Charwoche in Köln. Köln, 9. April. Die Charwoche in der katholischen Kirche ist von wundervollen Eindrücken auf das fromme Gemüth: sie ist voller Poesie, malerisch schön und erhaben in ihren hervorstehenden Momenten; eine Charwoche in Köln liefert hiezu-die deutlichsten Belege. Der christlich classische Boden, die allwärtS in die Augen springende Denkmale einer altersgrauen Vorzeit, der vielartige Kreis antiker Tempel, der lebhafte Sinn der eigentlichen Kölner für kirchliche Feste: alles das vereinigt sich, um den eigenthümlichen Ton der Charwoche hier besonders scharf hervortreten zu lassen. Nach der Morgenfeier eröffnet um Mittag die sogenannte Römerfahrt, schmucklos und einfach, die heilige Woche; eö ist wohl kein HauS in Köln, daS nicht zu dieser Römerfahrt, die sich am GrünendonncrStage wiederholt, seine Person liefert; letztere, am Grüne ndonnerStage, scheint die beliebteste. Am späten Abend, nach eigens abgehaltenem Gottesdienste und Predigt in einer der neunzehn Kirchen, zieht die zahlreiche Procession durch die nächtlichen Straßen betend und singend, von Kirche zu Kirche, in oder vor der Kirche bestimmte Gebete verrichtend; außer und neben ihr zahlreiche einzelne Gruppen, die von gleichmäßigen Gefühlen belebt, sich zusammenfinden zu gemeinsamer Andacht. Dieß Wallen und Wandern von Kirche zu Kirche setzt sich auch am stillen Freitage fort, wo in jeglicher Kirche in eigener Weise das heilige Grab bereitet und von frommen Betern ohne Aufhören bis zum späten Abende umgeben ist. Bei der heurigen freundlichen Luft waren KölnS Straßen von früh bis spät mit frommen Pilgern gefüllt. — Das ist eben die schöne Eigenthümlichkeit des katholischen Glaubens, daß er sich in seinen Anhängern nach allen seinen Richtungen durchlebt und wie die Kirche als der unsterbliche Leib deS Herrn erscheint, so auch seine Lebeirs- und Leidensgeschichte fort und fort durchwandert. Deßhalb bedarf es bei dem Katholiken weniger deS anregenden Wortes; sein Cultus ist ihm fortlaufende Predigt, Belehrung, Ermahnung und Erbauung, eindringlicher und klarer für den schlichtesten seiner Bekenner, als alle Reden nur seyn mögen. So durchwandert der katholische Christ in stiller Enthaltung, in frommem Gebet und in anschaulichen Betrachtungen die heilige Woche, gleichsam mit dem Herrn den Kreuzweg machend, vom Triumphzuge am Palmsonntage bis zur trostlosen, schmerzvollen Grablegung. Und von gedoppelter Bedeutung wird ihm der erste Strahl der Ostersonne, das erste freudige Alleluja am Tage der Auferstehung! (Katholik.) PiuSverein e. Frankenthal, 18. März. Endlich ist auch hier der schon längst gewünschte PiuSverein inS Leben getreten, und zwar als Cantonalverein, welchem sich die Vereine in fünfzehn Gemeinden als Filialvereine angeschlossen haben. ES wäre übrigens schon früher ein PiuSverein bei unS zu Stande gekommen, wenn nicht den Freunden der kirchlichen und religiösen Freiheit die Erlangung eines VersammlungSlocaleS von der Intoleranz unmöglich gemacht worden wäre. Um so erfreulicher muß es darum erscheinen, daß sich ein Ehrenmann fand, der, begeistert für den schönen Zweck der PiuSvereine, ein Versammlungslocal eigens erbauen ließ und zwar so groß, daß 3 — 400 Menschen darin Platz finden, und so zweckmäßig eingerichtet, daß ein kleines Parlament in demselben seine Sitzungen halten könnte. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Preis in Augsburg für sich allein (ohne A. Postzeitung)jährlich I G. I«kr. Dur-b die Post kann dieses Wochenblatt nur von Abonnenten der Post- zeitung bezogen werden, und erhöht sich der Preis nach Verhältniß der Entfernung. Sonntags - Peiblatt zur Augsburger Postzeitnng. Für sich allein, ohne die AugSburger Post» zeitung, sind diese Blätter nur in, Wege de« Buchhandels zu beziehen und koste» iir ganz Deutschland, der Schwel; u.s. w. jährlich nur 1 fl. Lst»kr. oder I Thlr. Neunter Jahrgang. M L8. 6. Mai L84N. Kirchliche Reisebilber. I. B e l g i e n. (Schluß.) In Antwerpen kam ich eben recht an, (es war an einem Samstage), um einer Procesfion, welche die Bruderschaft zum allerheiligsten AltarSsakrameute abhielt, beizuwohnen. In äußerst andächtiger Stellung folgten dem Baldachin schwarz gekleidete Herren mit brennenden Kerzen in den Händen, und eben so nobel gekleidete Damen. Ueberhaupt konnte ich mich innerlich nicht genug erfreuen über den heiligen Ernst und die Erbauung, welche ich auf allen Gesichtern laS. Freilich trug das Seinigc auch der colossal majestätische Dom bei, welcher mit seinen sieben Schiffen und 125'Säulen ein wahres Wunderwerk genannt werden muß. Ihr Feinde der katholischen Kirche kommet hieher, und besehet die Liebfrauenkirche mit ihren himmelanstrebenden Gewölben, mit ihren trefflichen Glasmalereien, mit den unerreichten Schnitzwerken, und urtheilet, ob diese Kirche nicht dadurch schon unsterblich sey, daß sie die heilige Kunst so gefördert und geschützt hat! Wer, der noch einen Sinn hat für die Meisterwerke eines Rubens und van Dyck, welche in diesem Tempel Gottes verewiget sind, muß sich nicht aufgefordert fühlen, eine Kirche anzubeten und zu verherrlichen, wtkche ihnen den Stoff und die heilige Begeisterung diesen auszuführen eingeflößt hat? — Mit einem seltenen Frieden deS Herzens verließ ich den gothischen Tempel und nachdem ich in der Jesuitenkirche (man schlage ein lateinisches Kreuz) die Menge ihrer Beichtkinder an einem gewöhnlichen Tage bewundert hatte, ging ich die Scheide entlang hinaus zu dem großen Hafen, in welchem bei 500 größere oder kleinere Kauffar- theischiffe vor Anker lagen. Es war Abend geworden, und die letzten Strahlen der Sonne spiegelten sich in den leicht bewegten Fluthen. Eine heilige SabbatSruhe, so wie ich sie in meinem Inneren fühlte, schwebte über der sonst so geräuschvollen Stätte, und doppelt schön und glücklich kam mir in diesem Augenblicke daS belgische Land vor, und nur der Gedanke an mein tief erschüttterleS Vaterland trübte mich in meiner Seligkeit. WaS soll ich endlich in Kürze noch von Brüssel, dieser niedlichen, heimischen Residenz erwähnen, um die gütigen Leser mit meinem Bilde nicht zu langweilen? ES war ein Sonntag, den ich hier verlebte, also ein Tag wo man die katholischen Belgier noch mehr kennen lernen und belauschen konnte;— aber ich fand mich in meinem schon gefaßten Urtheile nur bestätiget: der Belgier ist Katholik mit Leib und Seele. Als ein kleiner Beleg hiefür mag z. B. gelten, daß, trotzdem im ganzen Lande kein SonntagSgesetz eristirt, doch die ungemeine Mehrzahl der Kaufläden und Auslagen verschlossen war. — Als ich im St. Gudula Dome mich etwas umsah, und insbesondere die colossale sinnvolle Kanzel, „ein plastisch christliches Epos" näher betrachtete, that eS mir theils um die Leute, die ich in ihrer Andacht störte, theils um den Klosterbruder leid, der mich begleitete und über und über erröthete, als man ihn als Mitstörenden mit sonderbar fragender Miene zu messen schien. DaS ist die beste Polizei — der ordnungsliebende Volkssinn. So lebt das Volk Belgienö im Segen und Frieden dahin, und genießet die köstlichen Früchte der politischen und kirchlichen Freiheit. Mit dem Fürsten, der die freie Verfassung schützet und schirmet, lebt LaS Volk, wie jüngst jemand bemerkte, wie in einer glücklichen Ehe, cS kommt höchstens zum Schmollen zwischen beiden, aber desto inniger knüpft sie wieder die Versöhnung. Der Kirche gegenüber erkennt sich der Belgier als treuer Sohn der Kirche, und weder im Handel noch Wandel, weder in der hohen Kammer noch im Gotteshause verläugnet er seine warme katholische Ueberzeugung. Weil er die Freiheit versteht, und nicht zu einer Mißgeburt verzerrt, so beschrankt er keinen seiner Mitbürger in seinem Glaubenöbe- kenntniß, sondern läßt jeden gewähren, was ihm am besten dünkt. Belgien ist daS Land, wobin wir alle mit heiligem Wetteifer blicken sollte», und gleichwie die belgische Konstitution ein Modell geworden ist für die mcisteir neueren politischen Verfassungen, so möge auch der kirchliche Zustand Belgiens unö Katholiken ein Ideal seyn, daS bei der Neugestaltung unseres Vaterlandes unS vorschweben soll! Belgien ist das Land, wo wenig gesprochen, aber viel gethan wird! — Gebt unS belgische Bischöfe und Priester, die da Hand in Hand gehen, wenn cS gilt für das Heil der Seelen zu sorgen, die da kein Opfer scheuen, wenn eS die Liebe fordert — gebt unS Freiheit, so wie sie die Kirche BelgienS genießt, — und auch unser Vaterland wird wie ein Phönir aus der Asche erstehe», und WaS daS Jahr 1830 für Belgien war, das wird daS Jahr 1849 für Oesterreich seyn. Schließlich erlaube ich mir zu bemerken, daß mein erstes Reisebild zu wenig Schatten hat. Indeß abgesehen von dem herrlich heiteren Himmel, der die Aufnahme des Bildes begünstigte, und alle Schattirungen erblassen machte, glaube ich diesen Mangel bei den nächst folgenden zwei Bildern, welche Deutschland und die Schweiz darstellen werden, ersetzen zu können. Anton Kerschbaumer. Prophetische Stimmen der Neuzeit. j- WaS war das Traurigste für die Seherin Kassandra, als daß ihr der vorausgesagte Untergang ihrer Vaterstadt Troja von ihren eigenen Mitbürgern nicht geglaubt wurde? WaS schmerzte die Propheten des alten Bundes mehr, als Laß die Juden gleichsam mit freiwillig verbundenen Augen der Assyrischen Gefangenschaft entgegen gingen? Der Sohn GotteS selbst weinte bitterlich über das schöne Jerusalem, weil eS die Zeit der Heimsuchung nicht erkannte und so nach 37 Jahren eine Beute und ein AaS der römischen Adler würde. DaS Nämliche siel mir ein, als ich da» in Einsiedeln erschienene Büchlein gelesen hatte, daS den Titel führt: „Blicke in die Zukunft" oder Geschichte eines frommen und erleuchteten Priesters in den Jahren 1828 — 1830. Metrisch dargestellt von Doctor K...f..., Professor. Wer dasselbe liest, wird sich angetrieben fühlen, eS auch Andern vorzulesen oder mitzutheilen, die um Deutschlands und Europa'S Zukunft besorgt sind. Enthält eS auch keine Glaubensartikel, so ist eS doch geeignet, den abnehmenden Glauben an GotteS Weltregicrung, welche die Schicksale einzelner Menschen und ganzer Völker lenkt, wieder mehr zu befestigen, und die leichtsinnige Lebenslust, die nur den Thiermen- schen im Auge hat, auf ernste Bußgedanken hinzuleiten. Doch ich will hier nicht vorgreifen, sondern nach der Reihenfolge der Geschichte selbst den Inhalt deS Büchleins näher untersuchen. Im Eingänge erzählt der Priester, daß er vor dem Altare Gott um Erbarmung für die'sündige Menschheit angerufen habe. Sein Seelenlciden ergriff auch den Körper, der ermattet in Schlaf sinkt, während sein geistiges Auge in den Büchern der Zukunft laS, die sich in 15 Sonntagen aufblättern. Am ersten Sonntag sah der Erleuchtete ein wunverholdeS Knäblcin, dessen süßer Hauch ihm noch sagte: „Ich will erbarmen!" Aber plötzlich lag an deS KindeS Stelle ein Mann von dreißig Jahren, den er ebenfalls um Erbarmen anflehte. Weg war Mann und Kind, und eS tobt ein Sturmwind in dem Hause, so, daß die Thüre aus den Angeln fliegt. Durch die offene Thüre strömen dichte Menschenmassen, die zum Himmel deuteten auf ein Tuch, welches von den tiefsten Fernen deS Himmels herabgelassen wurde, und woraus Nebel, Rauch und Feuerflammcn stiegen. Plötzlich wickelt sich daS Tuch zusammen und wird ein Balken, an dessen beiden Enden ein Kronen- reif und eine Geißel GotteS hängen. Die Geißel sprüht Feuerfunken, und der Balken verwandelt sich in ein Schlachtschwert, das blutroth über Städte hing und Länder. Wer denkt hier nicht an daS Vstioinium Ickclininum» daß Deutschland werde von Rußland gezüchtiget werden? Der zweite > > Bei einer Präger Barricade. Sonntag führt unS in einen Krankensaal voll crdensarbner, schmerzver- zehrter Menschen, in vessen Mille ein Mann voll erhabener Würde sitzt. Der Priester bittet ihn um Erbarmen; aber sein Gebet wird mit „Nein" beschicken; denn die Zeii eines Gerichtes, der Tennesäuberung und eines neuen Reiches sey angekommen. Die in Buhe harren und den Glauben nicht verletzen, werden gesammelt werden wie die Küchlein der Henne. Eine Deutung dieses Gesichtes möchte vielleicht seyn: „Die Glaubensfrei- heil wird die Anhänger Jesu und seiner Kirche und die Abtrünnigen aus einander scheiden. Am dritten Sonntag sieht der Priester eine wohlriechende Blume, die aber, vom giftigen Thaue berührt, plötzlich verdorrt. Die dahinsterbenden Menschen im Hospitale, die schwarzen Leichenkarren und der Trauergesang: „Kisorero mei, Daus!" erinnern nur zu deutlich an die Wiener Herbstscenen, die sich noch blutiger wiederholen werten, wenn cö auf den NadicaliSmuS ankömmt. Der vierte Sonntag ist der einzige, der auch die Deutung deS Gesichtes enthält. Der vom Thurme sich losmachende Quaderstein stellt nämlich vor den Tod deS Papstes PiuS VIII. am 6. December 1830. Der Thurm wankt zwar, aber stürzen wird er nicht wegen der Fundamente. So wankt auch gegenwärtig Petri Schifflein, aber' sinken wird eS nicht, und der Namenönachfolger PiuS des Sechsten und Siebenten, der zwar gegenwärtig auch ihr Leidensgefährte ist, wird wieder nach Rom zurückkehren und der Vertheidiger kirchlicher Freiheit seyn. Am fünften Sonntag wird der Scher im Geiste versetzt nach Egyptcn, wo die ungestalteten Nilpferde lauschen auf Beute, und das Krokodil! den gelben Rachen spaltet. Lybiens Wüste und ArabienS Felseumassen uinstarren ihn, während er im breiten Strome schrecklich einsam und verlassen steht, und als er um einen AuSweg fragt, wird er auf die dornigen, alpcnvollen und unebenen Berge, auf Schlangen und Basilisken hingewiesen, über die er schreiten muß, um zum Leben zu gelangen. Da er wieder in die Heimath zurück kommt, sieht er seine Kirche zum Waarcnmagazine verwendet, und auf dem Gottesacker reihen sich frische Leichcnhügel und viele offene Gräber aneinander. Ein in schwarzes Gewand gehüllter Fremder begegnet ihm und durchbohrt ihn mit wildem Feuerauge. Hier sind die Verfolgungen des Gottes- und Menschen- FcindeS, deS Satans, die er durch seine Diener auf Erden über die Guten verhängt, meisterhaft gezeichnet. Die zerstörte Kirche und der leichenvollc Gottesacker verkünden den Umsturz deS Christenthums in Europa und den Kampf auf Leben und Tod, den ein Religionskrieg bringen wird. DaS Gesicht des sechsten SonntageS zeigt dem Priester den Markt dieser Welt, der plötzlich durch den Ueberfall wilder Thiere aufgehoben wird. Gegen den Anfall zweier Tiger setzt er sich mit dem Messer zur Wehre, das ihm aber nichts hilft, sondern seine Kniee retten ihn, mit denen er die Thüre deS Hauses zuhält. Durch demüthigeS Gebet und Fasten könnten manche Leiden, die uns drohen, wieder zurückgenommen oder wenigstens gemindert werden. Der siebente, achte und neunte Sonntag gibt an daö Aufhören alles Gottesdienstes auf die Dauer von „Einhundert sechse" (Tage, Wochen oder Monate?), deS Predigend und Beicht- hörenS. Die Kanzeln wanken, und die Beichtstühle werden vom Sturme in die Wüste fortgeblasen. DaS aus Europa wandernde Christenthum wird sich in einem andern Welttheile eine neue Heimatb suchen. Nach Bayern, auf welchem Lande der Himmel lange heiter strahlte, werden wir am zehnten Sonntage im Geiste mit dem Scher versetzt, auf das jetzt schwere Schlossen fallen. Der auf ein Tuch von groben Linnen verschüttete Wein, den zwei Priester in das Faß zurückgießen, mag wohl das viele Gute bedeuten, vaS man da noch antrifft, wenn man eS nur auch zu benützen wüßte, und nicht zu groß die Mühe wäre, die Gutdenkenden um sich zu schaaren. Hätte man weniger Mißtrauen und mehr Vertrauen auf die Kirche, so dürfte man nicht bei Kirchen- und Königöfeinden um Rath fragen. Die Kirche hat ältern und bessern Wein, als der brausende Most der Revolution es ist. Der eilfte Sonntag zeigt unö ein Lavaland ausgebrannter Städte und Fabriken, und weist uns auf die Jncu- rabcln von St. Franciscus, die wahrscheinlich gegen die Armuth Rath schaffen sollen. Ganz Europa ist am zwölften Sonntage ein Kriegslager gegen die Kirche auf einer Felsenfeste, an welcher der Ritter in schwarzer Rüstung nebst seinem Sireitrosse zerschellt. Die drei letzten Sonntage stellen unS vor die triumphirendc Kirche, wie sie nach vielen, langen und heißen Kämpfen voll göttlicher Würde und Erhabenheit dasteht. Ergriffen von der überirdischen Schönheit der Braut Jesu sinkt der Seher an den Tcmpclstufen nieder und ruft entzückt aus: „O wie herrlich ist die Wohnung meines Gottes auf der Erde!" DaS Gesagte wirb genügen, um daö Büchlein selbst zu lesen, von dem eS wohl auch heißen mag: „Wird eS wohl Glauben finden?" Seine bescheidene und ungekünstelte Darstellung und Sprache verdient wenigstens menschlichen Glauben. Göttliche Autorität maßt sich dasselbe nicht an. Die Spuren der Juniereiguisse voriges Jahrs verschwinden allmälig; bald dürften die Narben an der Stirne des Altstädter Brückenkopfes die einzigen Erinnerungszeichen bleiben, weil doch zu erwarten steht, daß die enthaupteten Heiligen und Engel auf der Brücke nicht lange im Zustand dieser traurigen Verstümmelung bleiben sollen. Die Mühlen, der Herd deS furchtbaren Brandes, zumal haben eine glänzende Metamorphose erfahren: anstatt der elenden Bretterbuden sind palastähnliche Häuser emporgestiegen, zum Theil von kühnen Wölbungen getragen, um den Wassern freien Durchzog zu lassen. Kaum ragt der Rumpf LeS ausgebrannten Wasscrthurms über die herrlichen Bauten hinweg, seines noch zweifelhaften LooseS harrend. Ein aus den UntcrsuchungSactcn gezogenes, eben erst in zweiter Auflage bei Sommer in Wien erschienenes Schriftchen weckte die alten Erinnerungen lebhafter, und Manches, was eine gewisse Partei mit Sorgfalt zu verwischen suchte, trat in unliebsamer Wirklichkeit an's Licht. ES wird die Zeit kommen, wo die ganze Tünche sich ablösen, und daS pansla- wische Bild sich in seinen deutlichen Umrissen zeigen wird. Ich schweifte mit einem guten Freunde im Gebiete dieser Reminiscenzen herum, als:wir auf einen Verfall kamen, welcher in den stürmischen Tagen seinen Eindruck nicht verfehlte, obschon daS Gemüth so vielfältig ergriffen war. Er verdient niedergeschrieben zu werden. Die streitenden Parteien wachten besonders darüber, daß den Gegnern kein Schießbedarf zugemittelt wurde. Aus diesem Grunde mußte es sich Mancher gefallen lassen, wenn er in ruhigen Augenblicken über die, die Lager abgränzenden Barricaden kletterte, eine strenge Taschendurch- suchung zu bestehen. Da erschien auch eine alte, häßliche Frauengestalt; ihr wilder, scheuer Blick, ihr ganzes unheimliches Wesen zog die Aufmerksamkeit deS wachsamen Proletariats besonders auf sich. Sie wurde angehalten, und da sie mit Gewalt durchdringen wollte, um desto genauer visitirt. Bald wurden unter wildem Geschrei Patronen auS ihrem Busen hervorgezogen. Ging es bei der Untersuchung schon heftig zu, so gerieth die rohe Masse bei der Entdeckung in eine wahre Höllenwuth, die sich auf'S Aeußerste steigerte, als sie hartnäckig daS Geständniß verweigerte, für wen sie die Munition getragen habe. Sie lag bereits auf dem Boden, man schleifte sie herum, und mißhandelte sie ferner mit Stößen und Fußtritten, ja man drohete ihr den Tod. Ueber die letzte Drohung brach sie in daS Gelächter einer Verzweifelten aus, indem sie rief: Ich will den Tod, daS Maaß meiner Sünden ist voll! Und wirklich stürzten dann, als hätten sie den Rathschluß der göttlichen Gerechtigkeit zu vollziehen, eine Rotte Weiber über sie, und erdrosselten sie auf die schauerlichste Weise. Die Leiche wurde über die Barricade geschlendert, denn man konnte ihren Anblick nicht ertragen. AIS man später die Gebliebenen sammelte, und großen- theilS in eine gemeinsame Grube bei dem Kloster EmauS senkte, war man dagegen, dieses AaS, wie man es nannte, zu ehrlichen Leichen zu legen, und man scharrte eS besonders ein. So läßt sich die schauerliche That nach den mitunter abweichenden Erzählungen der näher Gestandenen nacherzählen. Welches sind aber die Anfänge eines solchen Endes? Wir müssen weit zurückgehen, zurückgehen in eine Zeit, welche von vielen hoch gepriesen wird, in die achtziger Jahre, und in die nächstfolgenden Jahrzehente, wo die gestreuete Saar der Achtziger da am üppigsten wucherte. Unter den vielen Klöstern Böhmens zeichnete sich eines aus, von Söhnen deS heiligen FranciScuS bewohnet. An demselben ging wohl der Geist der Scculari- sirung schonend vorüber, aber auch nur um den Preis, daß dem frivolen Weltgeist, seinem Bruder, der damals, wie heut zu Tage, der Geist der Aufklärung hieß, freier Zutritt gestattet wurde. Nachdem er längere Zeit sich umgesehen hat, fand sich der Mann, dem er seine Weihe geben konnte, und man muß gestehen, daß dieser Vorsteher des HauseS den Zeitgeist auf eine Weise begriff, und ihn zu rcpräsentiren verstand, wie vielleicht wenige seines Gleichen. Mit dem zartesten Puder war täglich der nettfnsirte Kopf angehaucht, der geschmackvollste Anzug schmiegte sich an seine Glieder. Die geschliffensten französischen Manieren machten den Mann in den elegantesten Zirkeln unentbehrlich. Die ohne Widerrede erste Romanenbibliolhek, welche er zu schaffen verstand, bot seinem Geist reichliche Nahrung und Gelegenheit auf zeitgemäße Bildung in weiteren Kreisen, besonders bei dem zarten Geschlechte einzuwirken. Das Ausgezeichnetste aber waren die HauS- feste; die überstrahlten AehnlicheS weit und breit. Von Mittag bis in die sinkende Nacht fesselten immer sich erneuernde Gaumenreize über hundert Gäste an die üppigste Tafel, und war die Nacht da, suchte man Kühlung in den Gärten, wo die schönsten Harmonien durch die duftenden Büsche drangen; da überraschte die Heiteren die Frauenwelt, und daS Ganze krönte ein abgebranntes Feuerwerk. So rauschten einige Jahre vorüber, der Mann war ein wahrer Allerwelimann, ein Ideal, wie eS die schwunghafteste 71 Fantasie eines Aufgeklärten nur malen kann. Das kaeit? 70,000 fl. Schulden, und da der Weltmann einmal nicht bei Gelb war, ein Eingriff in die Armencasse, den ein Raubanfall decken sollte, bei dem aber sehr ungeschickt die Ofenkacheln anstatt gegen daS Zimmer, vvm Zimmer aus in den Ofen eingeschlagen wurden; dann »Amtsentsetzung, etwas Geistesverwirrung, Achselzucken der Tafelfrcunte, Verachtung von Andern, — und der Tod als willkommener Freund. Allein dringt in heilige Mauern dieser Geist, so beschränkt er sich nicht mit dem Verderben Einzelner. Nur wenige vom Geiste GotjeS durch drungene Priester widerstanden dem Reize des böstit Beispieles; lese seufzten bei den üppigen Tafeleien, und athmeten ihre Wehmuth in den heiligen Psalmodien auS, für welche die Andern keine Neigung mehr hallen. Am tiefsten griff das Verderben bei einem jungen talentvollen Mann, der sich endlich auch in die Reize einer jungen Stärkhändlerin verwickelte. Sein Betragen wurde von den ernsten Vätern gerüget. Dieses erregte in seinem leiten schaftlichen Herzen einen bittern Zorn, und da sie auch seinem Streben nach einem einträglichen HauSanue im Wege standen, so kam er auf den schrecklichen Gedanken, drei mit Gift zu todten. Ob dieser Gedanke ihm ursprünglich angehörte, oder von der erwähnten Person gegeben wurde, kann ich nicht angeben; aber erwiesen ist eS, daß beide zusammenwirkten. Nach kurzer Zeit waren die Drei — Leichen. Der Fall machte großes Aufsehen, aber man glaubte an einen unglücklichen Zufall. Die Bosheit hat t, jedoch ihren Zweck nur theilweise erreicht; denn die ersehnten Haus- ämter'wurden durch Andere beseht, welche man auS fremden Häusern herbei zog. Doch das Werk war schon einmal gelungen, man wagte eS ein zweiteömal. Die Wirkung war die nämliche; abermal zwei Leichen, und mehrere Soldaten, denen die guten Patres auS Barmherzigkeit ihre Suppe reichen ließen, erkrankten heftig. Nun schritt man zu ernstem Untersuchen; fand aber den vermeintlichen Grund der Vergiftung in dem prachtvollen Kupfergeschirr, welches der glänzenden Hospitalität wegen angeschafft worden war. Nach einiger Zeit überfielen aber wieder einen Greis, der «dermal vorgezogen war, bei Tisch Uebelkeiten; die Natur half sich schnell, und er war gerettet. Erst da kam man auf die Vermuthung, daß eine absichtliche Vergiftung im Spiele sey. Niemand wagte eS einen Verdacht auf ein Mitglied des Hauses zu werfen, bis ein Knabe seine Bemerkung mittheilte, wie er zweimal gesehen, daß der Pater N. ein Papier auS der Tasche nahm und ins obere Salzfaß geleert habe. Man fand dort noch Gift. Schnell folgte daS Geständniß, und die rechtliche Folge, daß er degradirt, mit der Complice auf die Schandbühne gestellt, aus besonderer Berücksichtigung zu 20 Jahren schwerem Kerker verurtheilt wurde. Nachdem er nach einigen Jahren zu entspringen wagte, wurde er im Augenblicke ergriffen, als er sich die Eisen abzuschlagen versuchte. Deßwegen wurde ihm dann der Spielberg zum Strafortc bestimmt. Dort war er bei sieben Jahre, als er Mehrere inS Einverständniß zog, und durch einen Canal mit ihnen entfloh. Auch da wurde er aufgegriffen, und sollte sein neues Vergehen auf der Bank büßen. Von derselben stand er nicht mehr auf. So schloß ein Leben, daS einst Gott geweiht war! Die Person, welche wir von der Barricade wegschleppen sahen, war die schöne Stärkhändlerin. — DaS sind die Früchte, wenn Klöster dem Zeitgeiste ihre Pforten öffnen, an denen er wieder so frech pocht; so kann man von Gott verlassen werden, wenn man ihn leichtsinnig verläßt. — Wer steht, der sehe zu, daß er nicht falle, und je höher Einer steht, desto tiefer kann er fallen. (Kalh. Bl. a. T.) Deutschland. * Wien, 27. April. Unsere Stadt hat jetzt die Ehre eine große Anzahl ehrwürdiger Bischöfe in ihrer Mitte zu haben. Bereits sind angekommen der Cardinal Schwarzenberg, Fürstbischof Diepenbrock und der seit letzten Sonntag inthronisirte Fürstbischof von Seckau: Rauscher. Ich nenne Ihnen diese drei würdevollen Persönlichkeiten namentlich, weil die öffentliche Meinung sie als die Hauptträger deö übermorgen beginnenden bischöflichen Congresses bezeichnet. Außerdem lese ich unter den Angekommenen die Erzbischöfe von Lemberg, Olmütz und Görz, die Bischöfe von Laibach, Gurk, Budweis, Königgrätz, Lejtmeritz, Trient, St. Pölten, Tarnow, Przemyöl u. s. w. Linz und Briren sind durch Domherren vertreten. — Die Sitzungen beginnen am Sonntag (29.) und werden wahrscheinlich von Minister Bach, da Stadion noch immer kränkelt, eröffnet werken. Noch kann ich Ihnen nichts Bestimmtes über daS SitzungSlocal schreiben, aber das stellt sich immer sicherer heraus, daß man die Zusammenkunft unserer Bischöfe kein Nationalconcilium, nicht einmal eine Synode nennen kann — die Bischöfe selber protestiren dagegen. Die Berathungen werden mehr inS Politische hinübcrspielen, und von einem k. Coniiiiissär geleitet (?) werden. Auf jeden Fall ist zu bedauern, daß die Bischöfe selber über die zu verhandelnden Gegenstände nicht ganz im Klaren sind; sie wissen nur durch das Ministerium LcS Innern, daß eS sich um zwei 8 der oktroyirten Verfassung handelt. Im Publicum geht das Gerücht, daß nach Beendigung dieser mehr politischen Debatten, die Bischöfe die schöne Gelegenheit benützen, und zu einer Synode im kirchlichen sinne und Geiste sich vereinigen werden. Gott gebe cö, es thut noth! Die Nachrichten anS llngarn sind noch immer nicht befriedigend, die Bangigkeit der Gemüther nimmt zu, und wird von der nie rastenden Um- sturzpartei für ihre Zwecke benützt. Von Wien ziehen schon mehrere Familien fort. Ich glaube aber, wir können hier gane ruhig sey». Wenn Oesterreich Wien nicht mehr schützen kann, .dann beginne auch ich an Oesterreich irre zu werden, so ungern ich'S.thue. Einige wollten schon den HH- Bischöfen das Prognostikon stelle», daß eö ihnen so wie einst der gesprengten Lrientersynode ergehen werde. Doch der Herr wird über nnö wachen. Eine größere Krisis als im Jahre 1848 kann nicht mehr über Oesterreich komme», und aus jener Krisis ist eS siegreich hervorgegangen. Daß einige unserer ministeriellen Blätter solch absonderliche Corrcspondenten in Bayern und Preußen bezahlen, wie letzthin Ihr Blatt mit vollem Rechte bemerkte, darf Niemand wundern, der weiss, daß unter den Augen des Ministeriums Leute arbeiten, die mit Kvffuth unter der Decke spielen, und offen triumphircn über die Fortschritte der Insurgenten.. Wir Oesterreichcr sind doch gutmüthige Leute! — Wien, 80. April. So eben komme ich vom Dome zu St. Stephan, in welchem heute um 9 Uhr das feierliche heil. Geislamt zur Eröffnung der ersten österreichischen Bischofssynode im neunzehnten Jahrhunderte gehalten ward. Der Fürst-Erzbischof von Wien als Senior celeburtc, Präsenz leistete Se. Eminenz Cardinal Schwarzenberg, welcher, in Mille deö versammelten hochw. Episkopates, durch seine imposante Gestalt und ehrfurchtgebietende Würde hervorragte. Ich zählte im Ganzen vierundzwanzig Bischöfe auS der österreichischen Monarchie, Ungarn ausgenommen, dessen Episkopat leider durch die noch immer obschwebenden politischen Wirrnisse an der Theilnahme gehindert ist. Bischof Ziegler von Linz und Galura von Briren, beide durch Altersschwäche gehindert, sandten Delegaten. Der Dom war in allen seinen Räumen festlich erleuchtet, und reichlich mit Blumen verziert, und erhöhte die Pracht und Majestät dcS katholischen Cultus, der sich heute im vollsten Glänze vor dem Auge des Gläubigen entfaltete. Man sah auch die anwesende Menge, die alle Räume erfüllte, sichtbar ergriffen von der Feier und Bedeutung deS Festes; denn der Katholik Oesterreichs weiß, daß eS nur gilt, die Kirche in der That auf ihren freieigenthümlichen, selbstständigcn Boden zu stelle», und sie zugleich in jenen Fragen, welche Kirche» und Staat gemeinschaftlich berühren, mit dem Staate in einen harmonischen Einklang zu bringen, der allein heil- und segenbringcnv seyn wird für Oesterreichs kirchliche und politische Zukunft. Man sah Viele auS wahrem HerzenSdrange zu Gott empvrflehen um die siebenfachen Gaben deS heiligen Geistes über die kirchlichen Oberhirten, welche aus den Händen des Eelebranten die heilige Eommunion empfingen, und durch die laute Abbetung der prokessio Trickentiim eidlich betheuerten, daß sie nicht Ein Jota von dem Glauben und den Rechten der Kirche vergeben werden. Mit Vertrauen blickt Klerus und Volk auf die muthigcn Vorkämpfer, auf einen Cardinal Schwarzenberg, Fürstbischof Diepenbrock von LreSia», welcher des österreichischen Antheils von Schlesien wegen zum österreichischen Episkopate gehört, Erzbischof Sommerau von Olmütz, den Episkopat PolenS und deS Küstenlandes. — Obwohl die Bischöfe durch Minister Stadion zu einer Berathung eingeladen wurden, haben sie dock beschlossen, vor der Berathung mit den Staatsbehörden, eine kirchliche Synode zu halten, und es beginnt sonach morgen die erste Sitzung derselben, deren Endresultate gewiß der Oeffenilichkeit nickt vorenthalten werden. — Möge das I'o Oaum Imickgmus zum Schlüsse auS tausend und aber tausend freudig bewegten Herzen zum Lobe GolteS und seiner Kirche erschallen, und Wien ein zweites Würz bürg seyn! » » AuS Oberbayern, 20. April. Ihre Nachbarin, die Allgemeine, hat ihren hohen Unwillen nicht verbergen können, daß man in Bayern für Se. Heiligkeit PiuS IX. sammelt und diese Sammlungen, wie eS den Anschein hat, so ergiebig ausfallen. Sie gesteht, daß sie keine Sorge habe um daS Auskommen Pius IX. und wir hätten ihr ras allerdings ohnehin zugetraut, danken ihr aber doch für das naive Geständniß. Ob aber für das Auskommen deS heiligen Vaters hinreichend gesorgt sey, oder die Allgemeine vor protestantischer Kurzsichtigkeit nicht recht gesehen, cas möge der Leser beurtheilen. Bekanntlich hat Se. Heiligkeit Ende November v. I. Rom in großer Dürftigkeit verlassen und in Gaäta unter dem Schutze deS KönigS von Neapel eine Zufluchtsstätte sich gesucht. 72 I^H L'.i U t^-' c^>. 5^ iKi K^! Der fromme König von Neapel hat sich nun allerdings mit großer Liebe und Freigebigkeit seines hohen GasteS angenommen unv ihm jegliche Hilfe und Erleichterung zukommen lassen: aber wir bitten zu bedenken, daß PiuS nicht allein nach Gavta gekommen, sondern die ganze Regierung des christlichen ErdkreiseS: fast alle Cardinäle, viele Erzbischöfe und Bischöfe, die verschiedenen Kongregationen der geistlichen Angelegenheiten, viele getreue, aber in ihrem Leben bedrohte Anhänger und Diener des Papstes haben sich um ihn vereiniget, und die Regierung der Kirche hat keine Unterbrechung erlitten. Wir bitten auch zu bedenken, daß nach wie vor die Unterhaltung der päpstlichen Nuntialurcn dem Papste zur Last fällt: so wie auch ohne päpstliche Unterstützung manche apostolische Vicariate und Missionen schwerlich fortbestehen könnten. Ohnehin haben die Missionen schon im letzten Jahre bedeutenden Schaden erlitten, da daö Einkommen der Propaganda geschmälert wurde, und Cardinal Fransoni erklären mußte, die Propaganda sey nicht mehr im Stande, die Reisekosten der Missionäre zu tragen. Die Allgemeine hat nicht Bange für die Person Piuö IX;; sie hätte mit derselben Wahrheit sagen dürfen, sie habe keine Besorgniß 1 o. kein Interesse für die katholische Kirche. Ich möchte aber fragen: wem kommt jetzt pflichtgemäß die Erhaltung des Papstes und seiner Regierung zu, nachdem er aus seinem Lande hinausgestoßen, seines Einkommens beraubt, selbst an seinem Privatvermögen — worunter auch die Geschenke deS türkischen Kaisers sind — bestohlen wurde? Etwa dem Könige von Neapel allein? Nein, Piuö IX. ist nicht etwa bloß ein Patriarch für das Königreich Neapel, er ist der Vater der Gläubigen, er ist der Bischof aller Bischöfe, er ist der Oberhirt deS ganzen ErdkreiseS, und darum ist jetzt die ganze katholische Christenheit aufgefordert und verpflichtet, ihren gemeinsamen Vater zu unterstützen. Früher hörte man sagen: der Papst bedarf keiner weltlichen Herrschaft, wenn nur für sein Auskommen gesorgt ist, jetzt, da er seiner Herrschaft beraubt ist, will man auch von den Sammlungen zu seinem Unterhalte nichts wissen. — Ein italienischer Priester schrieb uns kürzlich einen Brief voll des Jubels über die Siege der österreichischen Armee und kann jene tapfere Armee, „die so viele Strapazen aushalten müsse, um die göttliche Gerechtigkeit in Italien zu handhaben" nicht genug preisen. Sie seyen, sagt er, so geduldig und gesittet, daß sich OrdenSIeute an ihnen spiegeln dürften. Die Zustände im Römischen schildert er, wohl mit einiger den Italienern eigenen Uebertreibung, als schaudererregend. Die Priester und OrdenSIeute, sagt er, werden ohne Scheu gleichsam zur Unterhaltung todtgeschlagen und erschossen, die heiligen Gefäße aus der Kirche geraubt. Die Stimmung der Massen, die sich bisher meistens als indifferente Zuschauer benommen, wird namentlich in TvSkana und im Römischen immer günstiger für Oesterreich. Wie oft habe ich schon im vorigen Jahre in Rom hören müssen: Wenn nur Radetzky käme, wir wollten ihm die Hände küssen. Thatsache ist, daß man schon im vorigen Sommer in Fvrli einen kleinen Aufstand mit Barrikaden versuchte und dabei rief: Xbas8o io liiwrta glmsso lo coneossioiii, ab »880 il Llinmtero vivs I'Impgrstor, vivs lXu8tris. Die charakterlose Feigheit der heutigen Italiener ist allein Schuld, daß diese in der Mehrheit der Bevölkerung herrschende Gesinnung erst jetzt nach so großen Leiben durchbricht. Hätten die Guten in Italien Vereine gehabt, wie sie die Radikalen überall haven, das Bild Italiens wäre ein ganz anderes: aber nirgends gab eö Vereine, darum thun Vereine so noth. AuS Südtirol, Mitte April. Wenn man in den Zeitungen liest, wie es in der Welt hergeht, wie unser Papst hat flüchten müssen, wie der Bsschof Marilley von Lausanne in der Schweiz gleich einem Verbrecher auf dem Schub über die Gränze gebracht worden, weil er die Rechte der Kirche vertheidigte; wenn man hört, wie in Italien die Glocken von den Kirch- thürmcn herabgenommen worden, um Kanonen daraus zu gießen u. s. w-, so entsetzt man sich, denkt aber geschwind: Gottlob, bei unS können solche Dinge nicht passiren. Daß aber auch hier zu Lande nicht Alles in Ordnung sey, das beweiset der Versuch, den man von gewisser Seite in Bregen; und in Briren gemacht, die barmherzigen Schwestern zu enrfernen. Wenn so etwas in einer bischöflichen Stadt geschehen konnte, was ist erst anderwärts zu erwarten? Dieser Orden genießt der größten Achtung in dem republikanischen Frankreich. Von Italien hört man nicht, trotz der kirchlichen Störungen, daß etwas gegen denselben unternommen sey. Die Protestanten reden mit Ehrfurcht von ihm, und wünschten ähnliche Einrichtungen zu besitzen. In Klein-Asien nennt das gemeine Volk der Türken die Schwestern Engel, und betet sie beinahe an. Nirgends wird eine Klage laut. Nur in vem katholischen Deutschland, von München auö, br.->t ein Sturm gegen dieselben loS. WaS haben sie verbrochen? WaS ist die Ursache dieses LärmenS? Ist ver Orden in Frankreich, Italien, in der Türkei, in Amerika gut und nützlich, in Deutschland aber, wo er noch vor zwei Jahren ebenfalls allgemein beliebt und gesucht war, mit einem Male nicht mehr seinem Zwecke entsprechend? Ich begreife eS nicht. AuS welcher reinen Quelle die Ankläger desselben schöpfen, mit welch redlichen Waffen sie kämpfen, was die Veranlassung ihres Grimmes ist, das ahnet man aus der Fluth von Schandschristen, Zoten und Schmutzbildcrn, welche bort wie Spülwasser über die armen Schwestern auSgegossen wird. Es scheint, die kirchlichen Orden sind überhaupt Vielen verhaßt und im Wege, unv weil/sie ihnen ein Hinderniß sind, so erklären sie dieselben für nicht zeitgemäß/ Schade nur, daß, wie billig, auch Andern zu reden vergönnt ist, und sie nicht allein daö Wort führen. — Diesen und ähnlichen Bedrängnissen unserer Kirche im Süden von Europa gegenüber kann ich mit Freuden melden, wie sie im Norden, wo sie drei Jahrhunderte lang gleichsam im TodeSschlaf lag, wieder erwacht. In England ward noch unlängst der Dienst der heil. Messe nach dem Buchstaben der LandeSgesetze mit dem Tode bestraft, und jetzt erheben sich dort Hunderte von katholischen Kirchen und Capellen und viele Klöster. Auch in Norddeutschland ist in neuester Zeit der Wendepunct eingetreten. „In Hamburg, so wird mir geschrieben, wußte man früher kaum von Katholiken. Sie waren ganz untergegangen unter der Masse von Protestanten. Nun hat die Sache ein anderes Ansehen gewonnen, seit unsere dortige Gemeinde durch einen würdigen Seelsorger vertreten wird. Die Protestanten, welche ein religiöses Bedürfniß fühlen, wenden sich entschieden dem Katholicismus zu. (Übertritte zu demselben sind häufig, besonders unter Künstlern, Malern, Bildhauern, ja sogar unter Lehrern und Erziehern der Jugend. Der katholische Geistliche hält Wöchentliche Zusammenkünfte mit glaubenSbedürftigen Protestanten, um über religiöse Fragen zu sprechen, und Zweifel zu lösen. Pater Hugucs, auch ein Hamburger, früher Calvinist, nun Katholik und Liguorianer, der durch seine Uebersetzung der Werke deS heil. Liguori auS dem Italienischen inö Deutsche bekannt ist, besuchte vergangenen Sommer seine Vaterstadt, und hatte den Trost, daß in seiner Familie und außerhalb derselben viele und auch solche, welche ihn früher gemieden hatten, sich an ihn drängten, um seinen Unterricht zu genießen." ES scheint, man hat in Hamburg andere Begriffe von den Liguorianern als in Wien, und hält sie für Leute, mit denen sich'S reden läßt, und geberdet sich gegen sie nicht so wüthig, wie HanS Nordmann, der nun schon mehrere Male auf der Rückseite der AugS- burger Allgemeinen Zeitung mit fürchterlichem Zähncknirschen gegen die Liguorianer sich hören ließ, und cS sollte Einen Wunder nehmen, wenn jene unparteiische Allgemeine, die sich in lauterer Unschulv nie um konfessionellen Hader kümmert, ihn nicht bald auf'S neue auS irgend einer Spalte brüllen ließe. Also, um wieder auf Hamburg zu kommen, viele der Besseren und Gebildeten daselbst suchen mit Mühe und Schmerzen wieder zu gewinnen, was hier von Vielen alö Zopf unv alter Plunder bei Seite geworfen wird. Lassen wir unS nicht von den Protestanten beschämen. (Kaih. Bl. a. T.) R o rn Eö wird versichert, Mazzini habe in Rom darauf angetragen, daS Pantheon, bekanntlich jetzt christliche Kirche, von all dem christlichen Unrathe zu reinigen und in einen Tempel, nach Einigen deS Ruhmes, nach Andern der reinen Vernunft zu verwandeln. ES ist wahr, daß man bis jetzt sich noch enthalten hat, in diesen Sücken der ersten französischen Revolution nachzueifern. Aber wie wahnsinnige Ideen Loch auch schon in Rom auftauchen, beweist der Umstand, daß jetzt wirklich daran gedacht wird, den Protestantismus in Rom einzuführen; so lange noch Priester da seyen, behaupten dessen Verfechter, werde auS der Republik nichts werden. (Köln. Ztg.) Griechenland. Die GesetzeSkammer von Griechenland hat die Regierung zur Wiederherstellung der früher aufgehobenen Klöster ermächtigt. (Die Zahl der aufgehobenen Klöster beträgt 400, die der bestehenden 150.) Die Regierung verspricht sich von dieser Maaßregel eine bessere Bebauung der Ländereien, als sie, bisher in Pacht gegeben, betrieben wurde, und eine daraus entspringende größere Einnahme für den Staatsschatz, so wie eine Befriedigung der religiösen Wünsche eines großen Theils des Volkes. — In der Schweiz dagegen meinen gewisse StaalSkünstler, es se» am besten gehauöt, wenn man die kirchlichen Korporationen zerstöre, ihr Besitzthum in alle Winde zerstreue; — nach den religiösen Wünschen des Volkes wird ohnehin nicht gefragt. (WhrhtSfrd.) Verantwortlicher Redacteur; L. Schönchen. VerlagS-Jnhaberr F. C. Kremer. Preis in Augsburg für sich allein (ohne U. Postzeilung)jihrlich Ist. I»kr. Durch dir Post kann dieses Wochenblatt nur von Abonnenten der Post- zeitung bezogen werden, und erhöht sich der Preis nach Verhältniß der Entfernung. Sonntags - Peiblatt zur Augsbrrrger Postzeitung. Für sich allein, ohne die AugSburger Post, zeitung, find diese Blät« ter nur im Wege de» Buchhandels zu be- ziehen und kosten in ganz Deutschland, der Schweiz u.s. w. jähr, lich nur L fl. »O kr. oder I Thlr Neunter' Jahrgang. ^ 1 « 1L. Mai 184S DaS Christenthum im Innern Afrikas. (Schluß.) Als wir Dieses geschrieben, erfuhren wir aus Egypten, daß AbbaS Pascha den Europäern den Handel im Senaar (mit welchem Lande die Gebiete von Darfur, Kordofan und von Sudan im engern Sinne*) in vielfach verschlungener Verbindung stehen) freigegeben, eine Concession, die, Wie wir nachwiesen, ganz dazu geeignet ist, Mittelafrika dem Christen- thume, das im Senaar bereits so laut an seine Pforten klopft, für immer zu öffnen, zumal auch in Folge der französischen Februarrevolution für die Missionäre in Algier jenes die Enkel des heiligen Ludwig in der. Achtung aller civilisirten Nationen so sehr herabsetzende Verbot Louis Philipps nicht mehr besteht und die Rcpublik Frankreich der Kirche faktisch weit mehr Freiheit gestattet, als die gestürzte Julivynastie. Werfen wir nun einen fernern Blick auf die Karte von Afrika, so finden wir südlich deS MondgebirgeS noch unermeßliche Länderstriche, die unS unter dem Collectivnamen Hochafrika noch viel unbekannter find, als Centralafrika. Hier hat die Kirche noch fast keinen Fußbreit Landes gewonnen, ein Umstand, der nur dazu dienen könnte, unsere. Verwunderung rege zu machen, wenn wir nicht wüßten, daß die. Küsten dieser Landstriche von Nationen occupirt werden/ die, obgleich christliche, doch ' bisher für die Ausbreitung der katholischen Kirche so gut als nichts gethan haben, wenn sie sich derselben nicht sogar widersetzten. ES besitzen auf den Ost- und Westküsten Afrikas die Portugiesen, Spanier, Engländer, Niederländer und Dänen größere oder kleinere Colonien oder Handelsniederlassungen und Factoreien; auch von den vereinigten Staaten Nordamerikas aus wurde eine Colonie freier Neger, Liberia, gegründet: allein von keiner dieser Colonien geschah Etwas, um dem Christenthums eine Bahn in daS Innere Hochafrika'S zu eröffnen. Die Niederländer, Dänen und selbst die Engländer eiferten in ihrem protestantischen Irrthume mehr oder weniger gegen die katholische Kirche und ihre Missionäre;**) die Franzosen aber haben, wie anderwärts, so auch in-Afrika, in Folge ihres frivolen JndifferentiSmuS, der Verbreitung der christlichen Religion mehr geschadet als genützt, und die Unterthanen Sr. katholischen Majestät von Spanien hatten ihr Augenmerk fast ausschließlich auf Amerika gerichtet, während sie die afrikanischen Colonien nur als bequeme EntrepotS für den von ibnen zu so grauenhafter Höhe gesteigerten Sklavenhandel betrachteten; jeder Schritt zur Ausbreitung bcö Christenthums mußte ja dazu beitragen, den Sklavenhandel in Afrika allmälig zu unterdrücken und eS lag deßhalb im Interesse der spanischen Regierung, die in Spanien und Amerika die katholische Kirche mit so eiserner Consequenz zu schützen trachtete, dieselbe unter dem glühenden Himmel deS unglückseligen Afrika zu keiner Blüthe kommen zu lasten. Gott hat diese Regierung dafür im Laufe der Zeiten mit schweren Prüfungen heimgesucht! Was nun endlich die Portugiesen betrifft, so haben diese unter den erwähnten Nationen noch am meisten für die Bekehrung der heidnischen Afrikaner gethan. Wenigstens gilt dieß von den Entdeckern der oft- und Westafrikanischen Küsten und Inseln. Der kühne Geist deS Jnfanten Heinrich deS Seefahrers war seit der Eroberung Ceuta'S im Jahre 1415 eben so rastlos bemüht in Afrika neue Entdeckungen zu machen, als in den entdeckten Landstrichen und Inseln daS Christenthum einzuführen, wozu er sich als Großmeister deS Christusordens ganz besonders verpflichtet fühlte. ') Sudan Im engern Sinne bildet bekanntlich das östlich an Nubien gränzende Negerreich Houssa, während Sudan im weiter» Sinne das ganze Centralafrika nördlich des MondgebirgeS bis zum altlantischen Ocean hinüber in sich begreift. **) Wer erinnert sich nicht jener vierzig brasilianischen Missionäre, welche auf der Höhe von Palma von den Niederländern unter Anführung SourriS so scheußlich ermordet wurden. So finden wir in den portugiesischen Colonien Afrikas noch heute die in jenen Zeiten errichteten BiSthümer von Angra auf. Terzeira, Funchal auf Madeira, St. Jago und St. Nicolo auf den Inseln des grünen Vorgebirges und St. Thomas an der Küste von Guinea. Das Biö-- thun. Ceuta wurde auch von den Portugiesen gegründet, allein nach den» Tode deö eben so frommen als unglücklichen KönigS Don Sebastian wurde Ceuta spanisch und das BiSthum von Madrid aus besetzt. Die Auffindung deS Seeweges nach Ostindiens, später die Entdeckung und Besitzergreifung von Brasilien lenkten bald die Aufmerksamkeit der Portugiese,» von Afrika ab, während der eben so unternehmende als für die Ausbreitung deö Christenthumes glühende Geist Heinrich des Seefahrers seine»» Landsleuten immer fremder und von kaufmännischer Habsucht und schnödem Eigennutze nur zu bald gänzlich verdrängt wurde. AIS nun noch im vorigen Jahrhunderte der schändliche Pombal die Gesellschaft Jesu in Portugal vernichtete, konnte von einer Verbreitung deS Christenthumes von den portugiesischen Colonial-Biöthümern auS in daS Innere Hochafrikas volle», dS keine Rede mehr seyn; da die Jesuiten schon seit einer laugen Reihe von Jahren die eigentlichen und einzigen Erhalter der christlichen Religion in» den portugiesischen Colonien gewesen waren. Ja eS konnte nicht fehlen, daß nach Entfernung dieser Ordenspriester aus Afrika die portugiesisch- ascikaÄjchc Kirche bei dem Mißbrauche dcr Vorrechte deS HvseS von Lissabon zu einem elenden Schattenbilde herabsank und sich, gleich der Kirche des Mutterlandes, in der neuesten Zeit sogar in einem faktischen Schisma befand, das zum Theil in diesen fernen, wenig bekannten Colonien zur Stunde sein Ende immer noch nicht gesunden hat. Weit schönere Früchte darf man sich Hagegen von jenen apostolischer» Vicariaten und Präfecturen versprechen, mit welchen Papst Gregor XVI. glorreichen Andenkens Hochafrika gleichsam umschlossen hat, so daß voi» allen Seiten her die christlichen Streiter wider daS Heidenthum verrücke»» können und dasselbe mit Gottes Hilfe sicherlich vernichten werden, besonders da eS Thatsache ist, daß dcr der Verbreitung deS Christenthumes so schädliche Islam daS Mondgebirge nicht zu überschreiten vermochte. So finden wir im Süden daS apostolische Vicariat deS CaplandeS, von wo aus die christlichen Missionäre sich mit den Stämmen der Hottentotten, BoSjemanS und Koffern in Verbindung setzen können und dieß zum Theil auch schon gethan haben. Im Westen stoßen wir auf die apostolische Prä- fectur von Congo, von wo auS den zahllosen Negerstämmen deS noch unerforschten Dembo-Plateaus das Christenthum gebracht werde, während das nördlicher gelegene Vicariat von Guinea die Neger landeinwärts der Körner-, Zahn- und Sklavenküste und in südlicher Richtung bis zu den» Reiche Leango hin in ChristuSbekenner umwandeln wird. Noch weiter nach Norden hin schließt sich daS jetzt in ein BiSthum verwandelte Vicariat vor» Senegambien an, welches durch die apostolische Präfectur von Marokko mit dem BiSthume Algier zusammenhängt, daS die oben angedeutete Afrika umschließende christliche Vorpostenkette auf dieser Seite schließt. Auf der Ostseite treffen wir die Präfectur von Habesch, die dem schor» besetzten Nubien und Egypten sich anreiht, aber bis jetzt leider noch bis zum Vicariate deS CaplandeS hinabreicht, so daß sich also zwischen dieser» christlichen Posten die einzige Lücke in der Besetzung der Küsten Afrikas durch die katholische Kirche vorfindet. Möchte auch diese recht bald geschlossen werden! Die Bedeutung der drei evangelischen Räthe in socialer Beziehung. I. Einst trat ein Jüngling zu Jesus heran und sprach: Guter Meister, waö muß ich thun, damit ich daS ewige Leben habe? Die Gebote Gottes, 74 er durfte es vor dem allsehenden Auge deS Herrn sagen, hatte er ron Jugend auf getreu erfüllt. Aber noch lebte in ihm ein ganz eigenthümliches Verlangen nach etwas Höherem, er fühlte sich zu einer größeren Vollkommenheit angetrieben; das war eS, waS ihm der gute Meister beuten sollte. JesuS aber sprach: Willst du vollkommen seyn, so gehe hin, verkaufe, waS du hast, und dann komme und folge mir nach! Unv ein ander Mal, als Er den Aposteln die Gesetze der Ehe erklärt hatte, so daß sie dem ehelosen Stande den Vorzug gaben, sprach Er: Es gibt Ehelose, die eS freiwillig geworden sind, um deS Himmelreiches willen. Wer eS fassen kann, der fasse eS. Und zum dritten Male, als die Apostel sich einst um den Vorrang stritten, sprach Er: Wer unter Euch der Erste seyn will, der soll der Letzte von Allen unv Aller Diener seyn. Diese drei Worte, so unansehnlich und so zufällig scheinend, gcspro- chen von Dem, der die Welt in seiner Hand trägt, sind durch alle christliche Jahrhunderte durchgeschlagen, und, zur gewaltigen Flamme in vielen Herzen entzündet, haben sie Völker gebildet, Staaten geschaffen, Jahrhunderte gelenkt, die Menschheit gerettet. Oder waren eö nicht die Armuth, die Jungfräulichkeit und die heroische Resignation, deren blutigem Siege LaS Heidcnthum zuletzt unterlag, — die anS dem Völkersturm Glauben und Wissenschaft gerettet, die die Wildnisse urbar gemacht, die noch wildern Völker mit dem Kreuze an Ordnung und Gesittung gewöhnt, die Könige und Unterthanen geleitet, in den großen Kämpfen des Mittelalters, wenn oft Anarchie oder Tyrannei Jahrhunderte erschütterten, die empörten Elemente an den ewigen Felsen der göttlichen Ordnung befestiget haben, — die der Kirche in den drangvollsten Augenblicken eine starke Wehr waren, und so die Bedingung der Entwickelung der Menschheit erhallen haben? An der Geschichte von achtzehn Jahrhunderten haben die drei Gelübde ein vollgewichtiges Zeugniß für ihre sociale Bedeutung; eS wäre lächerlich, zu läugncn, daß ihnen im Plane des Herrn der Geschichte eine ganz ungewöhnliche große Wirksamkeit angewiesen ist. Wem daö Geheimniß der Geschichte klar geworben, wer nicht mehr glaubt, daß der Menschengeist mit seinen Fort- und Rück- und Seitenschritten ihre Mitte ist, kann nicht daran zweifeln: die drei evangelischen Räthe haben die Bestimmung, die sociale Welt aufrecht zu erhallen. AIS Gott Wesen erschuf, die deS Bewußtseyns ihrer selbst und anderer Wesen fähig waren, konnte er keine andere Absicht habet?, als daß Er, das Wesen im eminenten Sinne, der Grund und AuSgangs- punct ihres Daseyns, auch eben so Grundlage und AuSgangSpunct ihrer ganzen Lcbenöthätigkeit sey. War die Ebenbildlichkeit GolteS der Vorzug der geistigen Natur, so mußte die Aufnahme des göttlichen Willens die Vollendung des geistigen Lebens seyn. Die göttliche Idee vom Menschen erforderte also nicht, daß ihm der Wille Gottes als objectives Gesetz vorschwebte, nach welchem er ängstlich und mühsam ringen und seine Schritte berechnen müßte, sondern derselbe muß lebendig in seinem Innern leben, muß die Seele seiner Seele seyn, muß so innig mit dem menschlichen Willen vereinigt werden', daß dieser nach jenem sich transfvrmirt, sich ihm, so viel es dem Geschöpfe möglich, verähnlicht, so daß zuletzt daS (geistige und Natur ) menschliche Leben von Gott getragen und gehalten war, ja, ohne Aufhebung der Freiheit, ganz im göttlichen Leben aufgegangen ist. Natürlich kann da die Freiheit keineswegs leiden, wenn jenes Leben in ihr herrschend wird. Vielmehr mag sie dann, von der Bleischwere der knechtischen Natur entlastet, in jenen reinen Höhen des göttlichen Lebens, von wann sie ja stammt und wo in ewigem Sonnen- glanze der Urfrciheit die höchste Seligkeit waltet, erst recht kräftig ihre Schwingen entfallen. So lange der Mensch, noch nicht zu der verhängnißvollen Entscheidung hingedrängt, in diesem Zustande lebte, wußte er Nichts von einem von Außen ihm gegenüberstehenden Gesetze; er trug daS Geheimniß deS göttlichen Willens in eigner Brust, und kannte kein anderes Leben, als! nach dem Zuge jener Macht, der seine Seele ganz ergeben war. Doch j als daö Unselige geschehen, alö sein Geist sich von jener nur freizwingen-^ den Macht in völligem Widerspruch losgerissen und den geheimnißvollen LcbcnSbund mit klarem Bewußtseyn aufgekündigt hatte, so konnte zwar auch dadurch die Nothwendigkeit der beständigen Gegenwart des göttlichen! Willens bei jenem wesenbewußtcn Geschöpfe, weil die Idee derselben, nicht aufhören; aber dieser Wille mußte den Charakter der Gesammtheit, der Aeußcrlichkeit in seiner Erscheinung an sich tragen, er mußte Gesetz werden, daS sich, wie früher der göttliche Wille mit dem doppelweseittlichen Ich in Verbindung gestanden, dem Menschen so auch nun geistig (Gewis-! sen) und körperlich (geschriebenes, gesprochenes Gesetz) entgegensetzte, so zwar, daß diese beiden Wege sich gegenseitig unterstützten und ergänzten.! Da aber durch jene Aufkündigung auch im Menschen selbst die Ordnung gewichen und der Geist dem Sklavenjoch des Körpers unterlegen war, so mußte sich dieß Mißverhältniß auch in der überwiegenden Kundgebung deS Gesetzes auf materiellem Wege zeigen, und der Geist auch die Demüthigung hinnehmen, daß der göttliche Wille mit ihm mehr mittelbar, durch die Natur, als unmittelbar verkehrte. DaS war das Gesetz vom Sinai. Dieser Zustand war nicht der Zweck der Menschen. Nichtsdestoweniger konnte auch Gott das Resultat der einmaligen freien That deS Menschen nicht aufheben. Wie aber, wenn er die ganze Menschheit durch ein wunderbar in sie geschaffenes Glied so mit sich verband, daß sie mit ihm, wie ein Geschlecht unter sich verbunden war, sofern nur ein Jeder auch geistig diese Gemeinschaft affirmirte? Dann war freilich der Wille Gottes im Geiste dcö Menschen wieder zu Recht gekommen und in dessen Lebensver- band überall aufgenommen, wo die gejchlechtliche Gemeinschaft mit jenem neugeschaffenen Gottmenschen auch geistig asfirmirt worden. Geschieht nun diese Affirmation, so ist „lebendiges Wasser" verheißen, die „leichte Bürde," das „sanfte Joch," dann ist das Gesetz wieder „in unsere Herzen geschrieben", unv wir sind nicht mehr „Knechte", sondern „Kinder und Erben GotteS". Geschieht die Affirmation nicht, so bleibt daS Gesetz immer ein Fremdes, ja Feindliches, wird zur Strafe. So lange die Gemeinschaft deS Geschlechtes dauert, kann die Affirmation geschehen; aber so lange auch kann sie (denn auch die Sünde ist durch das Geschlecht gekommen) wieder negirt werden, unv deßhalb ist der Wille Gottes auf Erden selbst Denen, die in ihn eingegangen, nicht nur inneres Lebenselement, sondern auch äußeres Gesetz. So trägt also der Christ den Willen GotteS wieder in eigner Brust, „die Liebe Christi drängt ihn," „die Gnade ist auSgegossen in sein Herz durch den heiligen Geist," „von Gott kommt sein Wollen und sein Vollbringen," — und zugleich steht ihm jener Wille GotteS als äußeres Gesetz gegenüber, so daß er, obgleich nicht mehr Knecht, sondern Kind GotteS, doch „sein Heil wirkt in Furcht unv Zittern". Nun ist das christliche Gesetz zwar, einem dornigen Zaun gleich, hinreichend, auf den Triften deS Heils zu bewahren und die wilden Thiere abzuwehren. Auch ist eS schon deßhalb ein Ansang der christlichen Vollkommenheit, weil geschrieben steht: „Ich bin den Weg deiner Gebote gelaufen: da hast du mein Herz erweitert." Aber wo in einer Seele der Wille GotteS, so viel eS die Erve zuläßt, herrschend geworden, welches Ziel kann da wohl die Vollkommenheit und Liebe haben? Miß die Liebe des unendlichen GotteS auS und dann sage eS mir! Welch' eine Ertövtung der Augenluft, Fleischeslust und Hoffart deS Lebens! Doch nein! welch' eine Geringschätzung alles BesitzeS alö Koth und Auskehricht, welch' ein Abscheu gegen alle Lüste der Erde, welch' eine Furcht vor dem eignen Willen — nur Gott Alles in Allem! Diese Vollkommenheit durch den innewohnenden Geist Gottes ist aber auf Erben nicht unverlierbar; denn noch besteht der Verband deS Geschlechtes und durch das Geschlecht die Sünde. — So müssen auch sie, diese Hügel und Berge auf der Trift des Heiles, mit einem Dorncnzaun, mit einem Gesetz umfriedigt werden; aber dieses Gesetz wird nicht von Gott gegeben, wie das andere, sondern von dem in Gott eingegangenen, in Gott erstarkten und in Gott freiwirkenden Willen. Denn Gott ist nicht mehr außer ihm, sondern in ihm. Und dieses selbst gegebene Gesetz höherer Vollkommenheit, dreifach nach unserer Beziehung zu uns selbst, den äußern Dingen und den Nebenmenschen, ist daS Gelübde. Gehen wir nun nach dieser nothwendigen Darstellung seines Wesens auf.seine Erscheinung in der Geschichte näher ein, so sind zuvörderst die drei ersten Jahrhunderte zu betrachten. Gewiß war in jener Zeit, da eine Sittenreinheit und GotteSliebe zur Taufe nöthig war, wie sie jetzt bei der letzten Oelung selten ist, das höchste Vorbild Jesus Christus, Er, der, obgleich der Reichste, der Seligste und der ewige König der Könige, doch der Aermste, der Mann der Schmerzen, und Aller Diener geworden ist. Doch damit nicht der Glanz der Gottheit von Seiner Nacheiferung abschreckte unv verwirrte, so hat auch dem schwachen Geschlechte Jene sich Ihm zur Seite gestellt, die da heißt „Mutter der schönen Liebe, Mutter der heiligen Hoffnung, Magd des Herrn." Man schaute nach der Sonne der Gerechtigkeit, nach dem Morgenstern hin — und dieser Blick war das Gelübde, ihnen in ihrer Vollkommenheit nachzustreben. Wie herrlich war sie da, die heilige Braut Christi, die Kirche, in der Jugendschöne heiliger Liebe und im Purpurschmuck deS Martyriums! Wie hätten damals ihre Kinder den Weg der Gelübde verfehlen können, wie „das Wort nicht fassen" sollen! Wie hätte» sie sich an die Erdengüter hängen können, die man ihnen entriß, an die Lüste der Welt, die sie verfolgte, an die Eitelkeit des Lebens, das ihnen sein Elend seine Oede und Erbärmlichkeit zu zeigen wetteiferte! Ihnen blieb Nichts, als der Herr; darum genossen sie, als genössen sie nicht, besaßen, als besäßen sie nicht, litten Verachtung und Gewaltthat, indem sie mit Entsagung den Blick auf die unverwelkliche Krone hefteten. 75 Ihr ganzes Leben war ein Gelübde. Fragst du, waS dieses Leben füi^ Früchte gebracht? Es hat die Sklaverei vernichtet, deS WeibcS Würde; hergestellt, ven heidnischen Staat als solchen gestürzt, Las Panier der Frei,! heil der Religion, der Nationalität, der Person in die ganze Welt siegreich! hinausgetragen. Doch diese heroische Zeit endete mit der politischen Anerkennung deS Christenthums, aber die Gelübde nicht. Sind sie ja doch das Herz, das Palladium desselben. Die wilden Völker zogen über die versänke römische Well hin, der morsche Koloß krachte zusammen; die rohen Horden aber-) die sich auf den Trümmern tummelten, ungeduldig, ihren Beruf zu einer bessern Ordnung der Dinge zu erfüllen, harrten einer mütterlichen Bildnerin, die sie alle mit gleicher Liebe umfassen und zur gleichen Mündigkeit und Selbstständigkeit im christlichen VölkerhauSyalt erziehen sollte. Und es begann von der immergrünen, heiligen Insel der Kirche aus auch eine Wanderung, nicht zerstörend, verheerend, sonvern von Frieden und Segen begleitet. Es waren die Jünger des heiligen Benedict, welche die Barbaren mit Einsetzung ihres Lebens in ihren Wäldern aufsuchten, ihnen die Kunde von einem gerechten und unendlich liebreichen Gott brachten, sie von den blutbespritzten Götzen Hinwegrissen, und die Wildmß ihres Landes, wie ihrer Herzen lichteten, befruchteten, belebten. Da regte sich mit einem Male eine mächtiges Treiben und Wirken in immer weiteren Kreisen um die stillen Wohnstätten der Mönche. Uralte Eichen, deren dunkle Schatten die Schlupfwinkel von Bären und Elennthieren gewesen, sanken unter den Streichen ihrer Aerte, wallende Saaten breiteten sich über die sonst mit Gestrüpp und undurchdringlichem Tnckicht bedeckten Thäler aus, in deren Mute Meiereien, Höfe, Dörfer, Städte sich an des KtvsterS heilige Mauern, wie die Kinder an das Kleid der Mutter, anschmiegten. Da wohnten gesegnete Familien und kosteten zum ersten Mal das Glück der Civilisation und segneten die Hände der Mönche, die ihnen dieselbe gebracht. War das nicht so recht das Bild deS christlichen Lebens: In der Mitte, gleichsam im Herzen, die Männer, die Frauen der Gelübde, und um sie her die zu erziehenden Geschlechter! Auch die Staaten begannen sich zu bilden; die Männer der Gelübde verfaßten Karls deS Großen Capitularien, leiteten die Könige zum Heil der Völker, senkten den Samen der Wissenschaft, die durch sie gerettet war, den Samen jeglicher Tugend in die strebsamen Geister ein, kurz sie waren die Schutzengel, die Väter der europäischen Menschheit. Nun begannen die großen Bewegungen deö eigentlichen Mittelalters, voran der Niesenstreit, das Papstthum gegen maaßlose Fürstengewalt, die die Kirche knechten wollte, um dann dle wehr- und rettungslosen Völker in die Fesseln orientalischer Sklaverei schlagen zu können. Waren es nicht auch hier die Männer der Gelübde, die sich den Ränken und Gewaltthaten der Fürsten und ihrer Knechte entgegenstellten, ein Bollwerk der Freiheit der Kirche und der Völker? Wenn es gegenwärtig den Völkern wenigstens nicht an dem Bewußtseyn ihrer Rechte und der Kraft, sie zu behaupten,*) fehlt, so haben sie dieß den Männern der Gelübde und ihren damaligen Anstrengungen zu danken. Eine andere Bewegung deS MittclaltcrS waren die Kreuzzüge. Seitdem das kleinstädtische Wesen der neuern GeschichtSbehandlung zu langweilen beginnt, begreift man allmälig, welchen ungeheuern Anstoß dieselben der geistigen Entwickelung Enropa's geben mußten, wie ohne diese große Strömung nach dem Orient die ungeschlachte Naturkraft der Völker dem Geiste nie Unterthan geworden wäre, und der Geist nie jene wundersamen, manchfaltigen Blüthen getrieben hätte, welche selbst eine Zeit, wie -die unserige, nur anstaunen kann. Es wäre überflüssig, die Wohlthaten der Kreuzzügc speciell von ihrer socialen Seite darzustellen; auch würde dadurch der innige Zusammenhang und das Großartige der mittelalterlichen Verhältnisse nur leiden. Wir können kühn behaupten, wäre unsere Zeit für einen solchen Gedanken zu begeistern, — er enthielte die Rettung der Gesellschaft und den Samen deS Glücks auf Jahrhunderte hinaus. Da^ malS aber waren die Männer der Gelübde die Träger, die Verbreiter,! die Vollender des großen Gedanken. Bei ihnen fand auch derjenige ein stilles Asyl, der sich, von der sturmbewcgten Well verfolgt, getäuscht ober auch nie getäuscht, nach Schutz und Ruhe sehnte. Bet ihnen fand jede Wunde Heilung oder Linderung, jede Noth Hilfe oder Trost. Von dem Grimm der Verzweiflung an allem Göttlichen und Menschlichen, von der socialen Zerrissenheit unserer Tage wußte man Nichts. Aber wie kam denn das? fragt man vielleicht. Ja freilich, wenn man meint, eS verstehe sich von selbst, daß Jeder so viel besitzt, genießt und regiert, als er eben kann oder auch nicht kann, dann bleibt die Zerrüttung der Gesellschaft ein unauflösliches Räthsel, sie scheint dann eben dazu bestimmt zu seyn. Dann *) Lb sie auch noch die Weisheit bewahren, ihre Kraft und ihre Stechte zu gebrauchen, ist natürlich eine andere Frage. gibt cö nur Commissionen, Vorschläge, Worte zur Hebung der Noth und es gibt am Ende keine anderen öffentlichen WohlthätigkeitSanstalten, alö Kasernen, Zuchthäuser, Narrenhäuser, Pfandhäuser, Enlbindungöhäuscr und andere Häuser. Daß aber der Uebervölkerung nur durch das Verzichten Vieler aus die Ehe gesteuert werden kann, will, obgleich eS so klar ist, alS 2X2—4, der hochweiscn Gegenwart nicht einleuchten, daß die Verarmung mir gehoben werden kann, wenn Viele dem Eigenlhume zn Gunsten der Armen entsagen und arm werden wolle», um die Armuth und Almosen mit dem Armen zu theilen, — daß der Geist des Gehorsams, die Achtung vor der Autorität, ohne die noch keine Gesellschaft bestanden, nur hergestellt werden kann, wenn Viele Angesichts der Welt sich freiwillig einem Obern untergeben und ihren Eigenwillen Gott zum Opfer bringen, — das Alles kann offenbar eine Zeit, die an Einsicht in das Wesen der Gesellschaft tief unter dem „finstern- Milielalter steht, nicht erkennen. Die Reformation, die eben Nichts war, als die Verwerfung der Geheimnisse deS Christenthums, mußte natürlich die Gelübde eben so unmittelbar über Bord werfen, als das Christenthum sie hervorgebracht; ihre Früchte, die sie nun, abgelebt, zurückläßt, sind eben die Geißeln unserer Zeit. Werden sie Europa in rasendem Kampfe zeifleischen und aufreiben? Wird Gott seine Hand zurückziehen, und sie den Kommenden ein Denkmal vollenden lassen, daß noch kein Volk ungestraft sich vom Geiste deö Christenthums lossagt? Nein, Las wird Er nicht. Groß ist das Elend und der sociale Verfall, groß, wie in der ganzen Vergangenheit zusammengenommen; aber größer noch ist die Macht, der Reichthum der Kirche, denn in ihrem unverwüstlichen Heiligthum birgt sie die Garantie der Gesellschaft, die Gelübde. Der große Kirchenbann, ausgesprochen über den Priester Joseph Aigner. Valentin, durch göttliche Erbarmung und deö heiligen apostolischen Stuhles Gnade Bischof von Regens bürg. Um noch größere Uebel und Aergernisse von der Kirche Gottes und den Unserer Obhut anvertrauten Gläubigen abzuwenden, sehen Wir U»S mit tief bekümmertem Herzen genöthigel, gegen einen Priester Unserer Diöcese, üachde,m alle Belehrungen, Ermahnungen und Bitten vergeblich gewesen, Gebrauch zu machen von der Lurch unsern Herrn unv Heiland JesuS Christus seinen Aposteln und ihren Nachfolgern (Match. 18, 15—18) übertragenen Gewalt, zu strafen und von der Gemeinschaft der Kirche auszuschließen. Im Laufe des Jahres 1848 erschien unter dem Namen Tbeoror Trautmann in zwanglosen Blättern eine Schrift mit dem Titel: Rü ckkehr zum apostolischen Christenthum, welche offen darauf hinzielt, LaS ganze positive Christenthum zu untergraben und zu stürzen. Denn eS werden darin die Grundfesten der christlichen Religion, daS Geheimniß der allerheilig- sten Dreieinigkeit, die Gottheit Jesu Christi und des heiligen Geistes, die Erbsünde, die Erlösung und daher auch alle Mysterien des Heiles, daS Opfer deö neuen BundeS und die Sacramcnte, so wie die Auferstehung der Leiber mit dürren Worten geiäugncl und bestritten, nichts davon zu sagen, daß sie damit beginnt, die ganze heilige Kirche, die bereits durch achtzehn Jahrhunderte alle Stürme siegreich überstanden, und welcher der Beistand deS heiligen Geistes verheißen ist bis zum Ende der Welt, darzustellen als in die größten Irrthümer verfallen. Bald nach dem Erscheinen der ersten Hefte dieser Schrift verbreitete sich daS Gerücht, daS auch in öffentliche Blätter überging, der wahre Verfasser der unchristlichen „zwanglosen Blätter" sey Hr. Joseph Aigner, (seil dem 13. November 1835 Stadtpfarrer und Sladtvccan zu Amberg). Wir durften nun Kraft Unseres Oberhinenamtes nicht säumen, über den Grund ober Ungrund dieses Gerüchtes Uns volle Gewißheit zu verschaffen, und beauftragten daher unter dem 2. Dezember 1848 den Herrn Decan, sich binnen gewisser Frist persönlich vor Uns zu stellen, oder wenn er der Verfasser genannter Schrift nicht sey, eine Gegenerklärung bei der oberhirt- lichen Stelle einzureichen und sie zugleich in öffentliche Blätter einrücken zu lassen. Wie groß war Unser Schmerz, alS derselbe in einer Zuschrift an Unser Ordinariat vom 10. December sich als wirklichen Verfasser der zwanglosen Blätter mit dem Beifügen erklärte: „er sey von der Wahrheit ihres Inhaltes so innig überzeugt, daß er um Alles nicht davon abstehen könne!" Ja, wie groß war Unser Schmerz, daß ein Priester Unsers BiSthumS, den die heilige Kirche so lange in ihrem Schooße getragen, eben diese Kirche so schnöde verrathen und den Gläubigen so großes Aergerniß geben könne! Wir haben sofort den Herrn Decan Aigner, der in seinem Schreiben vom 10. Dec. zugleich seine Pfarrei resignirte, unter dem 14. Dec. zu UnS beschieden, um ihn wo möglich von seinen Irrwegen zurückzurufen, 76 -«4> I. ^ . > Anstatt diesem Auftrage zu entsprechen, erklärte er, einen Widerruf veröffentlichen zu wollen, welcher auch in einem Blatte (Augöb. Postzeitung, außerord. Beilage vom 10. Dec.) erschien. Da dieser sogenannte Widerruf sich nur in eitlen Ausflüchten erging, so konnten Wir UnS damit nicht begnügen. Wir erließen daher an den resignirten Herrn Decan den kategorischen Auftrag, persönlich vor UnS zu erscheinen; zugleich wurde ihm die Feier der hl. Messe und die Ausübung der priesterlichen Funktionen untersagt (unter dem 2. Jan. 1849). Am 6. Jan. erschien derselbe vor UnS, und nach längerer Unterredung, bei welcher ihm auch unverholen gelassen wurde, daß er, falls er nicht förmlichen Widerruf leisten sollte, aus der katholischen Kirche ausgeschlossen werben müßte, erbat er sich zur Abgabe seiner Erklärung, ob er den Inhalt der zwanglosen Blätter widerrufen könne oder nicht, einen Termin von 10—12 Tagen, der ihm gewährt wurde. Auf sein Ansuchen vom 10. Januar wurde ihm dieser Termm noch um 14 Tage verlängert. Endlich unter dem 10. Febr. erklärte er sich, „er könne Wahrheit und an dem gesunden Sinn des Volkes und seiner Fürsten, welche die unheilschwangern Geschenke, so aus beiden Lagern bittend zugleich und drohend ihnen geboten wurden, mit überwiegender Mehrheit entschieden zurückgewiesen haben. So entstand die unnatürlichste aller Coa- litionen, die weithin im Umkreise und auch in unsern beiden Schwesterprovinzen nicht minder rührig ist, als sie sich dort in der Paulskirche thätig gezeigt hat. Nachdem sie dort eigenmächtig daS Reich getheilt und die eine Hälfte desselben preisgegeben, werden vielseitig schon auch hier in Rheinland und Westfalen Stimmen laut, welche unsern König, Friedrich Wilhelm IV., verpflichten wollen, die ihm dargebotene Schattenkaiserkrone über dcö Reiches andere Hälfte anzunehmen und welche vereint mit jenen frivolen Kaisermachern über jeden ächten Patrioten, der in diese Zerstückelung und Herabwürdigung Deutschland nicht einwilligen mag, als über einen Feind der Ordnung, des CesitzeS, der Freiheit und nationalen Größe des Vaterlandes ihr Anathem auSsprechen. Gegen den gemeinsamen cr..r— -r>» : ---- -.' -- — nicht widerrufen; er unterwerfe sich aber in Allem dem Glauben der Kirche INemo nill -- und opfere also seine individuelle Ueberzeugung der höhern Autorität derselben;' wähnen sie fty eö en 5?'^ 2si erst der "Sieg errungen so' " ..N.^t verbaten, sanvern die Nnrtn nnne'! ne7 Verbündet-N z.?e,ttledi: kS mögen jedoch diese seine Blätter nicht verboten, sondern die darin angeregten Reformen in Erwägung gezogen werden." Da Wir Uns bei einer solchen Erklärung nicht beruhigen konnten, so forderten Wir den resignirten Herrn Decan Aigner unter dem 16. Febr. zum dritten und letzten Male zu einem bestimmten Widerrufe auf, widrigen Falls Wir nicht länger säumen dürsten, die Ercommunication nunmehr wirklich über ihn zu verhängen. Nachdem ihm wegen Krankheit gesetzte Termin von 8 Tagen wieder verlängert worden, sprach er sich unter dem 17. März aus: „er könne den Inhalt seiner Schriften nicht widerrufen, seine Ueberzeugung stehe zu fest;« zugleich erklärte er seinen freien AuStritt aus der katholischen Kirche. Und noch einmal erfüllten Wir seine, dieser Erklärung schließlich beigefügte Bitte eine Nachschrift abzuwarten, ehe Wir daS Unheil über ihn fällen wollten. 'Diese Nachschrift erschien unter dem 25. März, und war des Inhalts, man möge ihn aus der katholischen Kirche ausschließen, hierbei jedoch mit möglichster Schonung zu Werke gehen. Im Hinblicke nun, 1) daß der Priester und ehemalige Stadtpfarrer und Stadtdecan zu Amberg, Hr. Jos. Aigner, durch seine in den zwanglosen Blättern mir dem Titel: „Rückkehr zum apostolischen Christenthum" öffentlich behaupteten und vertheidigten Irrlehren verfallen sey den Analhemalismen Welche die allgemeinen Kirchenversammlungen zu Nicäa (335), Konstantinopel (381), Ephesuö (43l), Chalcedon (451), besonders aber der hl. Kirchen-, rath von Trient ausgesprochen haben; im Hinblicke, 2) daß derselbe trotz Unserer Belehrungen und der dreimal wiederholten canonischen Ermahnungen sammt Androhung der kirchlichen Strafen hartnäckig bei seinen Irrthümern verharret sey; im Hinblicke, 3) daß derselbe in der Kirche GotteS großes Aergerniß gegeben habe, besonders auch durch die so anstößige und völlig ungegründelc Behauptung, in jeder Diöcese würde die Hälfte der Geistlichen seiner Meinung beipflichten; im Hinblicke, 4) daß derselbe selbst seinen AuStritt auS der kathosischcn Kirche erklärt habe; im Hinblicke endlich 5) auf die kirchlichen Satzungen o. 7. 8. 9. 13. X. (5. 7.) cw lureretiew o. 49. X. (5. 39.) lle sentontia sLeommuniLstionis, sprechen Wir, nachdem alle Mittel der Milde erfolglos geblieben, hiemit über den genannten Priester als einen hartnäckigen Jrrlehrer den großen Kirchenbann aus mit allen seinen gesetzlichen Folgen; Wir entsetzen ihn seiner geistlichen Würde erklären ihn verlustig aller Rechte und Privilegien des geistlichen Standes' und schließen ihn von der Gemeinschaft der Gläubigen aus — im Namen deS NaterS, des SvhneS und des heiligen Geistes. Amen. Zugleich verbieten Wir allen Gläubigen Unsers BiSthums gemäß o. 4 X. (5. 7.) cko lmeretiois die von dem aus der Kirchengemeinschast ausgeschlossenen Priester Joseph Aigner herausgegebenen zwanglosen Blätter zu lesen, zu kaufen oder zu behalten, ermähnen sie dagegen, kür diesen Unglücklichen dringend zu Gott zu flehen, damit er zu seiner Mutter, der hl. Kirche zurückkehren möge, ehe er erscheinen muß vor dem Richterstuhle Jesu Christi'! Gegeben zu RegenSburg den 13. April 1849. 4 Valentin, Bischof. ^ Joseph Lipf, bischöfl. Secretär. Aufruf an alle katholischen Gemeinden, insbesondere an alle katholischen Vereine von Rheinland und Westfalen. WaS bereits über das Jahr hinaus verwerfliche Sondergelüste und anarchische Bestrebungen gegen Deutschland gesündigt haben, ist bekannt. Wir wissen, wie eS bisher zu Schanden geworden an der Macht der gen. Dieß das Geheimniß ihre Verbindung; daher die Uebereinstimmung ihrer Forderungen. Währeno es aus der demokratisch-konstitutionellen Volksversammlung auf dem JohanniSberge zu Elberfelv zu unS herüberhallt: „DaS würtlembergische Volk ist uns mit edlem Beispiele vorangegangen! Sollten die preußischen Stämme zurückbleiben, wenn eS die Einheit und Freiheit deS deutschen Vaterlandes gilt?" erklärt der Kölner Bürgerverein: „Daß daS gegenwärtige preußische Ministerium nicht nur sich unfähig bewiesen, die deutsche Frage zu einer gedeihlichen Lösung zu bringen, sondern sich sogar dem laut ausgesprochen Willen deS preußischen Volkes feindlich entgegengesetzt hat; daß eine solche Lösung nur in der sofortigen Annahme der von der deutschen Nationalversammlung beschlossenen Verfassung und der auf dieser beruhenden Oberhauptswürve zu finden ist." Er beschließt gleichzeitig: „Diese Erklärung dem Gemeinveralhe von Köln mitzutheilen, mit vem Ersuchen, sich ihr anzuschließen und durch eine Adresse oder in sonst geeigneter Weise dieselbe Sr. Majestät dem Könige überreichen zu lassen," und ferner: „den Gemcinderath in Köln aufzufordern, sämmtliche Gemeinderäthe der Provinz einzuladen, in kürzester Frist Abgeordnete nach Köln zu schicken, um ihre Uebereinstimmung mit den obigen Beschlüssen zu erklären, eventualiter Schritte zu deren Verwirklichung zu thun." Wenn so die verschiedenartigsten Parteien sich die Hand bieten und mit den heiligsten Interessen deS Volkes unverantwortlich spielen, dann ist daS Vaterland wirklich in Gefahr! Dann thut eS Noth, daß alle guten und braven Bürger sich zusammenraffen zur Wehr gegen den gefährlichsten aller Feinde, nämlich gegen den innern Feind! Der Vorstand des VereineS PiuS IX. zu Köln, zur Zeit geschäftS-- führender Verein der katholischen Vereine von Rheinland und Westfalen, hat eS daher für seines Pflicht gehalten: 1) sämmtliche katholische Gemeinden, insbesondere alle katholischen Vereine von Rheinland und Westfalen, einzuladen, eine offene Erklärung abzufassen und zu veröffentlichen in dem VereinS-Organe, der „Rheinischen VolkS-Halle," darüber: daß eS nicht Wille deS preußischen Volkes sey, daß dem Könige und der Regierung Gewalt angethan werde, wie solche König und Regierung von Württemberg erlitten haben; daß eS eine große Lüge sey, zu behaupten, die erfolgte Ablehnung der Oberhaupts-Würde über Deutschland stehe dem laut ausgesprochenen Willen deS preußischen Volkes feindlich entgegen; ' daß vielmehr unser König, Friedrich Wilhelm IV., durch Ablehnung der OberhauptS-Würde sich um daS deutsche Vaterland hoch verdient gemacht habe; 2) sämmtliche katholische Gemeinden der Rheinprovinz dringend aufzufordern, für die Einheit und Freiheit deS gesammten deutschen Vaterlandes kräftig in die Schranken zu treten und gegen Beschlüsse, welche denselben zuwider dort voraussichtlich in Vorschlag gebracht werben, entschieden Protest zu erheben. Köln, den 1. Mai 1849. Der Vorstand des VereineS PiuS IX. Für denselben: Der Schriftführer: Der stellvertretende Präsident: C.J. Schwitz. I. P. Bachem. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kreiner. Preis in Augsburg für fich allein (ohne A. P°stzeitung)jLhr«ch Ist. ISkr. Durch die Post kann dieses Wochenblatt nur von Abonnenten der Post- zeitung bezogen werden, und erhöht fich der Preis nach Verhältniß der Entfernung. Sonntags -Beiblatt zur Äugsbuvger Poftzeitung. Für fich allein, ohne die AugSburger Postzeitung, sind diese Blätter nur im Wege des Buchhandels zu beziehen und kosten in ganz Deutschland, der Schweiz u..s. w. jährlich nur 1 fl. A«» kr. oder I Lhlr. Mirrrtee Jahrgang L« SV. Mai L84S. Reform im Klerus. *) Alles lebt und webt, alles drängt und treibt sich, die Pforte einer neuen Zukunft läßt sich nicht mehr verriegeln. Von einem Jeden heischt die Zeit, daß er sich selber klar werde, daß er seinen Standpunkt erfasse und behaupte mit der Kraft deS Geistes und deS Willens, daß er bereit sey ein Opfer zu bringen, wenn eS zum Besten der Gesammtheit ist. Bei uns in Oesterreich geht leider dieses Bewußtwerden nicht so schnell von Statten, als man Anfangs zu hoffen Ursache hatte. Schnell war wohl daS Erwachen und freundlich lachten uns die Strahlen der neuen Sonne an; allein, nach dem ersten Schrei der Bewunderung wurden die Glieder schlaff, uiid wie griesgrämige Kinder rieben wir uns die Augen. Es bewährte sich das alte, aber wahre Wort deS DichterS: Ingenium longo rubigine laemim torpet. Schreiber dieser Zeilen hatte die Gelegenheit die freundlichen Glückwünsche von Seite des katholischen AuSlandeS zu hören zu dem neu erwachten kirchlichen Leben in Oesterreich, aber in neuester Zeit zu seiner tiefen Betrübuiß auch mehrere Briefe zu lesen, in welchen daS langsame, todte, faule, schlaffe Regen in unserem Vaterlande gerügt und bedauert wurde. Wem ein katholisches Herz im Leibe schlägt, muß fich bei diesem Umstände doch die Frage auswerfen: Wo liegt die Schuld? Wer ist Ursache, daß wir in unserem kirchlichen Leben seit den Märztagen vorigen Jahres nicht viel weiter gekommen sind? daß die erhobene Stimme Einzelner verhallte, wie der Schall in der Luft? Sollen wir noch länger insbesondere von unsern katholischen Brüdern in Deutschland, die unS Gruß auf Gruß zusenden, uns schelten und bemitleiden lassen? Wie kann eS besser werden? Wenn ein Organismus krank ist, so treffe man Vorsorge zur Ausscheidung deS KrankheitSstoffeS, sonst werden auch noch gesunde Theile von ihm angegriffen, und die letzten Dinge sind schlechter als die ersten. Hätte man im löten Jahrhundert die erwachende Zeit mehr erkannt, und nicht mit Gewalt die freien Flügel deS Geistes zu binden gesucht, hätte man der Zeit ein zeitliches Opfer gebracht, so manch' trübe Ereignisse wären vermieden worden, und die unselige Spaltung wäre auch in der Gegenwart nicht die üppig wuchernde Ursache deS sich stets mehr zerklüftenden Deutschlands. Wäre man der sogenannten Reformation durch zeitgemäße Reformen von Seite der Kirche entgegengekommen (daS 'l'riäentiuum kam schon zu spät), die Kirche und das Christenthum würden freundlicher blühen, als eS jetzt der Fall ist. Ein schlechter Historiker, der sich die Vergangenheit nicht zu Nutzen macht. In unserer Zeit ist die geschichtliche Basis die einzig mögliche; man mag sie durch philosophisches Gepränge und sprudelnde Ideen zu deSavouiren suchen, aber sie bleibt, und auf ihr ruht die Gegenwart, so gut wie die Zukunft. Darum lernen wir von der Vergangenheit. Ein ähnlicher Kampf wie im löten Jahrhundert ist im 19ten Jahrhundert zu kämpfen. Dort galt eS die Autorität der Kirche, hier gilt eS die Autorität des Christenthums. Dort hat die Kirche eine Wunde erhalten, weil die Wächter derselben zu arglvS und traumselig waren, hier?? — — Der Schreiber dieser Zeilen glaubt sich hinlänglich gerechtfertigt, wenn er diesen Gegenstand hier anregt, und seinen geistlichen Mitbrüdern zum tieferen Erwägen an'S Herz legt. ES ist heut zu Tage Pflicht eines Jeden, dem der Herr daS Wort gegeben hat, seine Stimme zu erheben, und das wffs sein Inneres bewegt, auszusprechen, ohne nach rechts oder links zu schauen. ES gilt die Sache, nicht Personen, und jeder muß Bausteine Herbeitragen zum neuen Bauwerk, und Muth und Kraft und Opferwillig- keit zeigen, sonst wird eine unselige Zukunft unser Andenken verfluchen. Wer auS kleinlichen Rücksichten hinter dem Berge hält, und sich noch die Augen reibt, und sich klug und weise dünkend, alles seinen alten Schlepp, gang fortgehen läßt: der ist ein Verräiher am Staate, an der Kirche, am Priesterihum, am Volke! — DaS will ich nicht seyn, darum spreche ick. Und auf die Frage, wie kann eS besser werden? antwortet mir die Geschlchter durch Reform. Was ist Reform? Wie weit soll sie reichen? Von wem soll sie ausgehen? WaS soll alles reformirt werben? Diese Fragen möge eine anderer beantworten. Ich habe mir eine Einzelreform zum Gegenstand der Besprechung gewählt, nämlich die Reform im Klerus. Sie thut vor allen noth. Wie der Hirt, so die Heerde. ES ist meine und Vieler Ueberzeugung, daß eS in kirchlicher Hinsicht nicht so übel stände, wenn im Klerus selber mehr priesterlicher Sinn und katholisches Leben sich regte. Man klagt und weint und schilt und straspredigt. — Aber waS ist'S damit? „Kehre zuerst vor deiner Thüre", ruft man bei unS häufig dem Priester zu. Und mit Recht. Wie soll sich katholisches Leben zeigen, wenn eS nicht geweckt, gefördert, gehoben wird? Wie kann man Liebe und Vertrauen zum Klerus heischen, wenn man beideS in dem aufkeimenden Herzen gewaltsam enöctel? Ich bin hier nicht zum Richter bestellt, aber weh thut eS einem, wenn man solche Urtheile von Ausländern und sogar von Andersgläubigen hören muß. Frei will ich darum sprechen, frei und unge- ^wunoey^w.ie eS mir im Herzen lebt. Ein Schurke, der seine Ueberzeugung heuchelt, ein Schwackkopf, der in jetziger Zeit der Kraft und Mannbarkeit seine Worte überzuckert. Die katholische Kirche hat daS Eigenthümliche, daß ihre Hierarchie ein completteS Ganze, einen Organismus bildet. Leidet Ein Glied, so leiden alle Glieder, und wird daS Meer deS kirchlichen Lebens von Einem Sturm bewegt, so bewegen sich alle Wellen, und bespülen die Ufer. ES ließe sich dieses Bild vom obersten Gipfel der Hierarchie an bis zu unterst durchführen. Aber ich schweige hier von Rom, und halte mich zunächst an den Episkopat Oesterreichs. — Ein Mann der Gegenwart hat eaS schwere Wort gesprochen: „Oesterreich hat wohl Bischöfe, aber keinen Episkopat." WaS soll daS? Ja wir haben keinen Episkopat; ist auch keine unserer Diöcesen im weiten Vaterland verwaiset geblieben, so haben doch die StaalSgesetze jedes gemeinsame Streben bisher zu verhindern gesucht. Viele unserer Bischöfe standen eben in dieser Vereinzelung dem eigentlich kirchlichen Leben ferne, der äußere Pomp, der sie umgab, entfremdete ihnen die Herzen deS Volkes, und da sie nur äußerst selten mit diesem in Berührung traten, so konnte auch von Liebe und Zutrauen nicht viel die Rede seyn; denn Liebe und Zutrauen braucht auch Erkenntniß. Unsere Bischöfe weihten Priester und filmten die Kleinen, aber selten ertönte auS ihrem Munde das Wort GolteS, daS doch dem Ganzen die eigentliche Würze, und Salbung verleiht. DaS Wort eines Bischofes lebt fort in einer Gemeinde. In allen Gauen Deutschlands findet man in jedem gut katholischen Hause die erlassenen Hirtenbriefe, und jeder Bischof ergreift mit Freude die Gelegenheit, an seine Schäflein einige Worte der Warnung, der Ermahnung und Ermunterung, deS Trostes und der Liebe zu sprechen. Bei uns scheint man davon nichts zu wissen. Wir erhalten wohl alljährliche Fastenmandate, aber sehr käste und eines gleicht dem andern, als ob das Jahr 1830 dieselbe Zeit wäre wie 1849. *) Und so haben wir leider hie und da im Bischöfe nach MöhlerS treffendem Worte nicht immer die Person gewordene Liebe der Gläubigen gefunden. — Gilt dieß dem Volke gegegenüber, so gilt dieß noch mehr dem Klerus gegenüber. Ich will gestehen, daß dieser Unwille sich oft rauh und hart, manchmal sogar unpriesterlich Luft gemacht hat (der Bischof bleibt ein Apostel); aber läugnen kann man nicht, daß unselige Zustände Stoff und Veranlassung dazu an die Hand gegeben. DaS bisherige Verhältniß der Bischöfe zu dem niederen Klerus war kein apostolisch-väterliches, ') Aus der Wiener Kirchenzeitung. j ') Der Herr Älersaffer hat offenbar hier nur einige Diöcesen im Auge. D. R. ' " V" '. V' " 7 . 7 78 -7. 1 i. ' "!' k . ' I«/ eS war zu geschraubt, steif, weltlich. Die Bischöfe waren von einem Nimbus umgeben, vor Lein der einfache Priester schon in den Amichambre erzitterte. Die Thüre deS Bischofs soll jedem Priester mil Leichligkut offen stehen, und mit freudig offenem Herzen muß er sich derselben nahen können Nichts entehrt daS Audienzzimmer eines Bischofs mehr, alö Heuchelei und kriechende Verstellung, und leider wurden diese großgezogen durch manche Bischöfe selber. Wohl schwört der Priester an, Lage ,einer Ordinalion seinem Bischöfe Gehorsam, allein dieser Gehorsam ist kein sklavischer, er soll ein kindlicher seyn. Nicht Furcht, sondern Liebe soll die Peison des Oberhirten erwecken, und der B>,chof und das Presbyieral sollen zusammenstimmen, wie die Saiten zu Cylher, nach dem schönen Aussprache deS heiligen JgnaliuS. Einst waren die Bischöfe Churfürsten und Landesherren, und das hat nickt gut gethan. Es schein, fast, als ob der weltliche Schimmer die kirchliche Würde paralisiren möchte. Auch jetzt ist der Für- stentitel gar manchen zum Aergernisse geworden. In einer Zeit, wo daS Schlagwort „Gleichheit" auf eines Jeden Munde liegt, wo der Kaiser von seiner Höhe herabgestiegen ist, und der Adel so gewaltige Opfer gebracht hat, thut eS noth, daß auch die Bischöfe sich mehr dem Volke anialgamiren, sich zum niederen Klerus herablassen, und der Gegenwart Opfer bringen, um die Zukunft nicht zu verlieren. DaS heischt mir stehen verantworten. War bei uns eine Regsamkeit und Thätigkeit, wie sie allenthalben sich in ganz Deutschland kund gegeben hat, besonders seitdem Kölner Ereignisse im Jahre 1d37? Wir thaten, was unS der Loclox eivilis sagte, schrieden unsere Tauf- und Slerbeprotokolle voll, gingen wohl auch in die Schule, wo wir nichts zu besorgen hallen, und hielten unsere Predigten, wo uns ohnehin Niemand euvaS einreden duifte, denn die katholische Kirche war ja die LlaatSkirche. Ueberoieß waren wir besonders seit einigen Decennien gespalten in solche, die mehr der aScetischcn Seite huldigten, und in solche, die dieses peihorreöcirten. Regte sich irgend ein Priester und wollte er etwas Zeitgemäßes einführen, so fiel man über ihn her, und schall ihn einen Sonderling, Neuerer, einen gefährlichen Menschen. Galt er etwas bei Anderen und war sein weltlicher oder geistlicher Einfluß nicht unbedeutend, so war deS Neides und der kleinlichen Eifersucht kein Ende. Die brüderliche Liebe und Einigkeit war auS unseren Herzen gewichen, und das Band, daS unS näher hätte rücken können, daS «and der Conferenzen und Synoden, es war unS von oben her abgeschnitten. Wir kamen höchstens zu weltlichen Unterhaltungen oder bei Schul- prüfungen oder JnstallalioiiSlafeln zusammen, aber diese Rendezvous waren zu kirchlichen Besprechungen nicht geeignet. So stand jeder für sich da, sich selber überlassen, während doch nur Einigkeit Kraft verleiht. Einen der, drohender, strafender Stimme die Zeit. Die Bischöfe müssen die! Pfeil bricht man leicht entzwei, ein Bündel von Pfeilen widersteht. Auf Gegenwart erfassen, und nicht das Auge verschließen gegen die Erscheinun-! daS Paulinische: „Wenn nur Christus gtprebiget wird, möge es auf diese gen derselben. Wer mit dem Rücken am Rande eines Abgrundes steht, i oder jene Weise geschehen," hatte man ganz und gar vergessen. Dxsmpla und meint dieser eristire nicht für ihn, der täuscht sich. Sie dürfen nicht sunt ockioss. — Soll ich noch von, Beichtstühle sprechen? Im katholischen vergessen, daß sie auf dem Niveau einer neuen Zeit, nicht auf dem vor Bayern und am Rheine sind aste Wochen die Beichtstühle umlagert und sechzig Jahren stehen. Einen objectiven Slandpunct müssen sie vor allem bei uns?? Ich meinte, das Herz zerspringt mir im Leibe, als ich einmal zu gewinnen suchen, um von diesem auö die kirchlichen Verhältnisse dem hörte, wie man Beichtleute auf rauhe Weise anfuhr, ihüen die Kirchen Staate und dem Klerus gegenüber zu ordnen. Möge man sich nicht ent schuldigen, daß die Wunden und Bedürfnisse der Zeit den ergrauten Hirten nicht bekannt seyen; eS gibt ja Mittel diese Bekanntschaft zu machen, und die Kirche gibt sie selber an in dem Institute der Synoden. Da ist der lhüre vor der Nase versperrte, und geistlickerseitS über solchen Ultramon- tanismus spottete. Ich frage, wirb'S so besser werden? Christus ging den Schäflein nach, und wir, seine Jünger und Nachfolger, stossen sie von uns! Sie verlangen daS Brod des Lebens, und eS ist Niemand, der es Bischof in Mitte seiner Schäflein, da hört er ihre Stimme, und sie hören! ihnen breche! Es wäre traurig , wenn eS so weit kommen müßte, daß die die seine, da läßt sich rathen, helfen, urtheilen und entscheiden. „Wo zwei! Laien die Lehrmeister der Priester werden, und fast scheint es, als ob wir versammelt sind im Namen des Herrn, da ist er mitten unter ihnen;" um bei diesem Puncte angelangt! wie viel mehr muß dieß von den Concilien gelten, ^ck liegis exomplum Ist in dieser Hinsicht ei totus oompvnitur ordis — das möge sich jeder Kirchenobere ins Herz hinein schreiben, und darnach sprechen und handeln. Den Bischöfen zunächst stehen die Capitel (tlanonioi ostlieärslos). ES ist dieß ein schönes, und wenn eS im kirchlichen Geiste lebt, auch dieser Hinsicht eine innere Reform für den Klerus heilige Pflicht, so ist eben so eine äußere Reform im Klerus eine schreiende Forderung der Gegenwart. Zwangsgesetze bilden keinen tüchtigen Klerus, auch hier muß Liebe und Vertrauen herrschen. Wie ich daher schon oben bemerkte, das Verhältniß deS niederen Klerus zu dem höheren muß ein nützliches Institut. Es hätte bis jetzt die Ausgabe gehabt, ein Surrogat! freundlicheres, intimeres, ich möchte sagen brüderlicheres werben, als eS der Diöcesansynoden zu bilden; ob es derselben überall entsprochen hat,! bisher der Fall war. DaS Piotectionswesen, dieses Gift für die Kirche, will ich hier untersuchen. In manchen Diöcesen spielten die Capitel eine! muß fallen. Die standesgemäße Subsistenz jedes orvinirten Priesters zu zu untergeordnete Rolle, als daß ein energisches Eingreifen und Einsprechen von dieser Seite her zu erwarten gewesen wäre. ES waren Sinekuren, oder wurden eS, wenn sie es nicht schon waren, und dadurch die Zielscheibe deS ravicaleu Sportes. Die Cauonici sollten der Beirath deS Bischofes seyn, waren aber oft wenig praktisch vertraut mit den Bedürfnissen der Diöcese. Eigentlich stände, nach Analogie der Praxis in Deutschland, dem Capitel das Recht der BischofSwahl zu — ein heilig, furchtbares Recht. Die neuere Zeit dürfte damit nicht einverstanden seyn. „Eher Ministerbischöfe, als Capitelbischöfe," hörte ich mit eigenen Ohren Jemanden ausrufen. — Wag nun? Reform thut noth. Die Kanonici, welche auf den Leuchter gestellt sind, um anderen zu leuchten, müssen wirklich ausgezeichnet seyn durch priesterlichen Lebenswandel, gereifte Erfahrung, erprobte Kenntnisse, bewiesenen Muth und vor allem durch kirchliche Ge sichern, ist schreiendes Bedürfniß und heiliges Recht, indem in unserem Vaterland« die gläubigen Vorfahren hinreichend dafür gesorgt haben. Die Bischöfe werben mit aller Energie dafür einstehen, denn auf ihnen lastet die Verantwortlichkeit. — Daß auch in den häuslichen Verhältnissen, besonders auf dem Lande, vieles zu wünschen übrig bleibt, weiß Jeder, der etwas herumgekommen ist. Nur Zansinn bewegt mich zum Schweigen. Nach meiner Meinung werden die DecanatSconferenzen die beste Censur für derlei Uebelstände seun. — Die lästigen Schreibereien, welche den Klerus mehr zu einem Bureaukraten machten, und ihm nicht einmal Zeit ließen, seinen seclsorglichen Pflichten genau nachzukommen, haben mehr ober weniger aufgehört. ES läßt sich nun erwarten, daß die dadurch frei gewordene Zeit auch vom Kler-.s zum Besten der Kirche benützt werden wiro. Wenn man im AuSlanbe einen Landgeistlichen besucht, so liegen die neuesten Erschei- sinnung. Ohne diese geben sie kein gutes Beispiel, denn daS rothe Collar nungen der Literatur auf seinem Studientische, und er weiß über politische allein jagt heut zu Tage Niemand mehr Schrecken ein. Dle Achtung muß und sociale Zustände so schön und treffend zu sprechen, baß man billig aus dem Inneren stammen. Und waS sollen Leute ohne kirchliche Gesin- darüber staunen muß. Und wenn man seine Schriften, die auf dem Pulte nung für eine Garantie geben für die Wahl eines kirchlich-gesinnten Bi- herumliegen, näher durchsieht, so sind eS Skizzen zu Aufsätzen für diese schofeS? Man blicke nur nach Mainz hin nnd die neueste BischofSwahl. over jene Zeitschrift, ober wohl gar zu einem selbständigen Werke, das er Einige zweideutig gesinnte Wahlmänner haben durch ihr unglückseliges zu bearbeiten den ehrenden Auftrag erhielt. Sollte die dem Klerus erübri- Botum Klerus und Volk in zwei Parteien gespalten, und während die genbe Zeit nicht auch bei unS auf ähnliche Weise benützt werben können? Gegner der Kirche sich darüber die Hände reiben, geht die eigene katholck j— Möchten wir doch von unseren Gegnern lernen! Wie rührig sind sie sche Gesinnung indessen zu Grunde. Nein, Männer deS Geistes und Her-^ mit der Feder! Unbärtige Knaben besudeln mit derselben ehrwürdige Grei- zenS, der inneren Kraft und That sollen unsere Capitel ergänzen, dann senhäupler, und wir entfchulbigen unS und sagen: wir haben kein Geschick werden Volk und Klerus mit Vertrauen zu ihnen Hinaufblicken, und sie dazu, eS mangelr die Zeit u. s. w., wie die schalen Ausreden alle heißen ehren als nächste Umgebung ihres Oberhirten. Solche werden die Zeit und Gelegenheit, welche ihnen zur ferneren Ausbildung geboten ist, nicht unbenützt lassen, sie werden in Tugend und Wissenschaft Perlen der Diöcese seyn, würdig höher zu stehen auf dem Leuchter der Kirche. Wie steht eS mir dem niederen Klerus in Oesterreich? Brüder im Weingarten des Herrn! verhehlen wir es unS nicht, und klopfen wir reuig an die Brust, und sprechen wir: inea culpa. Ja mea culps, einen großen Theil des Fluches, der unsere Zeit getroffen hat, haben wir zu mögen. Wer Gutes thun kann, und eS nicht thut, dem lst eS Sünde. Ein grünes Zweiglein, das die Blüthe und Frucht einer besseren Zukunft in sich birgt, sind die geistlichen Bilcnngsanstalten, die Seminarien. O wenn man doch die hohe Bedeutung derselben in der Jetztzeit recht erfaßte I Welch' ungeheure Verantwortung haben deren Leiter und Führer! Die Zeit macht große Anforderungen an den jungen Priester, und weiß er diesen nicht zu entsprechen, so ist sein Wirken null und nichtig. ES ist ohnehin schon gang und gäbe geworden, den Priester, wie eine Art 79 Paria, über die Achsel anzusehen, als einen Menschen, der nicht mehr in> die Zeit laugt. An unS ist eS, diesem Vvrunheile entgegenzuarbeitend Soll aber dieses möglich seyn, so muß im Seminare schon der Grund dazu gelegt werten. 'Man hat geglaubt, es wäre besser, wenn die Theologen außer dem Seminare stunren, was Einiges für sich, aber Vieles gegen sich hat. Die sogenannte Weitläufigkeit gewinnt man auch nicht immer, wenn man im Struoel einer größeren Stadt lebt, dazu gehören! günstige Verhältnisse; wohl aber bleibt viel weltlicher Taud hängen, den^ man nicht so leicht und schnell abstreifen kann. Ich glaube eine schlichtes unverdorbene Persönlichkeit gewinnt leichter daö Herz, als eine mit allen! Lächerlichkeiten der Einkeile gesättigte Ueberschwänglichkeit. Die Soldaten halten gerne Rast vor dem Schlachttag; solch' eine Rast sind die Seminarjahre für den jungen Soldaten der Kirche. Freilich gebe ich gerne zu, daß die Einrichtungen unserer Seminare! geändert werden müssen — Reform thut noth. Ich habe mehrere Seminare! Deutschlands besucht. In einigen glaubte ich mich in ein Mönchsklosters verseht; alles war so ruhig und abgeregelt, ich glaubte lauter AloisiuS-' gesichter zu sehen. Ich muß gestehen — eS erbaute mich; aber eS befrie- ! digte mich nicht. Ascese allein genügt nicht für unsere Tage, genügt insbesondere nicht für den Klerus Oesterreichs. So sehr die Ascese zu schätzen! und theilweise unentbehrlich ist, so sehr glaube ich thut sie der Entwicklung junger Kräfte Eintrag; wenigstens habe ich selber Leute kennen gelernt,! die sich an jedem Strohhalme todt zu fallen schienen. Damit ist aber nichts geholfen. Ernstgesinnte wenden sich, als von etwas Krankhaftem, ab, Leichtsinnige spotten darüber. In anderen Seminarien wieder glaubte ich mich in Mitte von Kremnitzer Bergleuten, so trotzig und bärtig waren sie. DaS erbaute mich weder, noch befriedigte eS mich. — Die Wahrheit liegt in der Mitte. Die jungen Theologen sollen lieber mit Vertrauen behandelt werden, als mit mönchischer Strenge. Bei letzterer gehl leicht das Selbstgefühl und die eigene Willenskraft verloren. Die Seminare sollen aber selbststänvige Leute und keine Treibhauspflanzen liefern. Ein Punct, der in den geistlichen Bildungsanstalten besondere Beachtung verdient, ist die wissenschaftliche Bildung. Die theologischen Disciplinen wurden bisher mehr eingeleiert, als studirt. Man lernte die vorgeschriebenen Bücher, weil eS so seyn mußte, um ein Zeugniß zu bekommen, aber nicht aus Liebe. Daher auch die Erscheinung, daß mit dem AuStritt aus dem Alumnate gar wenige mehr ihre theologischen Studien fortsetzen und erweitern, sondern höchstens für den weiland Josephinischcn PfarrconcurS die alten Scripta auS dem Staube hervorgezogen. Dieß dürfte wohl von sich selbst anders werden, wenn die Pfarrconcurse in der vorn Trienterconcile vorgeschriebenen Weise abgehalten würben, wozu, so hoffen wir, die neuere Praxis der freien Kirche hinzuneigen scheint. Diese Behandlung der Theologie genügt nickt mehr; das scholastische Element hat sich überlebt, und mit Autoritätsprincipien fährt man nicht weit in einer Zeit, wo fatalistische Gnosis und paittheistischeS Hcibenlhum kühner als je ihr Haupt erheben. „Nun, so spricht ein gelehrter Mann der Gegenwart,*) nun, wo die Welt mit ihrem gehäuften Wissen prunkt, wo eine Unzahl neuerer, wechselnder Philosophcngebilde auftaucht, jetzss wo wie lauernde Feinde, ein grober, materialistischer Skepticismus, der starre, giftige JndifferentismuS und eine entnervende, jede ethische und gläubige Kraft töbtende Sentimentalität um sich greift, jetzt thut eS wahrhaftig noth, daß die Kirche den P hi lo sop h en m a n te l um ihre Lenden schlage, und lehrend und wissenschaftlich auftrete. Gift kann nur durch Gegengift geheilt werden, nicht wenn ich dem Vergifteten mit dem «inschmeichelnsten Tone zurufe: Mein Lieber, werden sie doch gütigst wieder ein gesundes Kind, daö an schlichter Hausmannskost, an Obst und Früchten Gedeihen findet." — Diese Worte bedürfen keines EommentarS, höchstens möchte ich deren Gewicht noch erhöhen durch das Wort eines anderen gleich tief Gelehrten der Neuzeit, der spricht: „Die Wissenschaft muß zum Gottesdienste werden." Nehmen wir nun schließlich die oben gestellte Frage: Wie kann eS besser werden? noch einmal auf, so werden wir antworten müssen: durch Reform im Klerus. Von Oben bis Unten gibtS zu reformiren, in egpito tzt M6mbr,8. Bischöfe, Capitel, Professoren, Seelsorger, kurz alle, deren Antheil der Herr geworden ist (Psalm 15) müssen die Zeit erfassen und rhr Opfer bringen, wenn, ich wiederhole eS, die Zukunft unS nicht verloren seyn soll. Es herrscht im Volke noch so viel guter, katholischer Sinn, der nur geweckt zu werden braucht, um die freudigsten Blüthen und Früchte zu bringen. Möchten wir alle wirken, so lange eS Zeit is, und wo das Brachfeld noch nicht durch die Saat des Unkrautes völlig verdorben wurde! Ein großer Act hat begonnen. Die Bischöfe des österreichischen Vaterlandes traten in Wien zusammen, um sich über kirchliche Angelegenheiten zu berathen. Wer erfaßt die Tragweite dieses Ereignisses, und wer vermag im Voraus zu bestimmen, in wie ferne unsere Bischöfe die schwierige Aufgabe nicht so im Sinne deS SiaaleS, als vielmehr im Sinne der Kirche lösen werben? Hoffe» wir! Möchten, um Goiieü willen, die Oberinnen einer neu sich gestaltenden Zeit die Augen nicht abkehren, sondern das Gute derselben in den äußeren Organismus der Kirche aufnehmen, und dem Bösen mit Energie entgegen ireien! Möchten sie nicht vergessen, daß jede gioße Katastrophe ihre Opfer heischt, und möchte» sie nicht säumen, solche Opfer zu bringen auS Liebe zur Kirche, zum Volke, zum Staate, zur Gegenwart. Vor allem andern möchie» sie Hand anlc gen an das, was vor allem andern noch lhut — an die Reform im Klerus! Sollte Jemand diese Sprache nicht gerne hören, und den Schreiber dieser Zeilen naseweise schelte», so halle ich daö alle Sprichwort vor Augen: Wer nicht hören will, muß suhlen, und die Schlußworte des NebeljungenliebeS: „Mit allem Zaudern und Zagen fort, Die Zeit braucht ein cniseliiedcn Wert! Und es ist Pflicht eines Jeden, Dem die Wahrheit im Herzen lebt, Daß er die Hand znm Schwur eihebt, Im Dienste des Herr» zn renn." A. K.er. *) Dr. Hock: Cholorodea. Der zufriedene Arme. Gar sonderbar hat der liebe Gott auf dieser Welt seine Güter ausgetheilt. Wcihrend dem Eine» Alles im Uebcrfluß zugefallen ist, hat der Andere oft kaum so viel, daß er kümmerlich sein Leben fristen kann. Der größte Theil der menschlichen Gesellschaft gehört wohl der bienencen Classe an, und muß sich in saurem Schweiße sein Brod verdienen. Aber oft ist selbst daS kaum möglich, wenn nämlich die Gelegenheit und die Kräfte dazu mangeln, oder daS Alter hereinbricht und zur Arbeit untauglich macht. Da offenbart sich dann erst recht eine schreiende Disharmonie, ein schneidender Zwiespalt im Leben, und vergebens sieht sich die menschliche Vernunft nach einem Mittel um, denselben auszugleichen, und die mit Noth und Elend kämpfende Volksmasse zu trösten und ihr Elend zu lindern. Alle ihre Vorschläge, Erfindungen und Einrichlnngen vermögen nicht dem Uebelstande abzuhelfen; im Gegentheile sind gar manche nur dazu geeignet daS Elend noch größer zu machen, die Unzufriedenheit zu vermehren, und aus Dürftigen, Arbeitslosen und Armen oft noch Verbrecher zu stempeln. Die traurigen Erfahrungen unserer Tage zeigen dieses zur Genüge, und werden eS noch sichtbarer -eigen, wenn die verkehrten Wege, den mensch- lichen Nothständen nach Möglichkeit abzuhelfen, nicht mit andern vertauscht werden, die besser znm Ziele führen. Nur die Religion allein, und zwar die katholische, nur die Auesichl auf ein anderes, besseres Leben und der Gebrauch der Mittel, die die heilige Kucke anbietet, vermögen den Men- schen in seinem mühsamen Tagwerk zu irösten und zu stärken, vermögen den Annen und Nolhleidenden zu erheitern, und Zufriedenheit und Gott- vertrauen in sein Herz einzuflößen, daß Neid und Mißgunst oder böSwil- lige bittere Gedanken darin »in meiinehr Platz finden. Einen Beleg hiesür mögen die folgenden Zeilen liefern. I In der Pfangemeinde R. lebte vor wenigen Jahren noch ein alter ! unverheiraiheter Mann, von dem man recht eigentlich sagen durfte, er ! habe nicht so viel, wohin er sein Haupt legen könnte. AuS einem Hoch- ! theile Tirols entsprossen, hatte er sich nach einem vielbewcgtei, Leben daselbst ^ eine Stätte ausgesucht, wo er gute Gelegenheit hätte der Andacht obzuliegen, durch Arbeit sich Las Notdürftigste zu verdienen, und endlich ein Ruheplätzchen zu finden für seine irdische Hülle, wenn der Herr käme um seine Seele abzufordern. DaS Wenige, waS er von seinen Eltern ererbt hatte, überließ er schon in jünger» Jahren großmüthig seiner verheiratheten ! dürftigen Schwester, und begnügte sich mit dem, waö seine Hände erwa» ! den, oder was ihm sonst der Herr beschied. So lange er noch rüstig an ! Kräften war, arbeitete er fleißig, und nahm jedes Anerbieten gern an, s wodurch er sich auf rechtmäßige Weise etwas verdienen konnte. Hatte er s dann ein kleines Ersparniß zurückgelegt, so besucht! er hie und da seine Anverwandten, um ihnen davon etwas mitzutheilen, ober er pilgerte zu irgend einem Gnadenbild in der Nähe oder in der Ferne, um daselbst dem ! Dränge seines Herzens zu genügen, und für sich und Andere Gnaden vom ! Herrn zu erflehen. Als aber die Tage des Alters heranrückten und die ! Leibeskräfte zu schwinden begannen, versiegten die Quellen deS Verdienstes 'immer mehr, und der gute Mann fest) sich oft wochenlang genöthigt, ohne "Ä-A 80 Erwerb mit dem Wenigsten sich zu begnügen, ließ ihn die Heiterkeit und Zufriedenheit nie. In kindlicher Einfalt und christlicher Ergebenheit freute er sich über jede, auch die geringste Gabe GÜtleS, und genoß sie mit Dank gegen den Vater, von dem alles Gute kommt. Halte er keine Arbeit, so er,chien er desto häufiger in der Kirche, Aber dessenungeachtet »er- > thun. Elisabeth und Vincenz von Paul und Johannes von Gott und ihr andern edlen und liebreichen und großen Seelen alle, was sind gegen euch und eure Werke die vielgepriesenen, eitlen, von der Welt bewunderten Thaten sogenannter großer Menschen? Ihr unglücklichen Urheber des Unglücks, die ihr nur geboren zu seyn und warf seine Sorgen, wenn etwa solche aufstiegen, auf den-Herrn, fest!scheint, um die Saat des Verderbens auszustreuen, Verführer jeder Art, vertrauend auf seine Hilfe zur Zeit der Noth. Dieses Leben betrachtete er stets als eine Pilgerschaft zu einem bessern, ewigen; und daher gab er oft zur Antwort, wenn er gefragt wurde, wie eS gehe, — es gehe recht gut, denn cS gehe ja stets dem Himmel zu.' Darum hing er auch sein Herz an nichts, was sonst die Menschen fesselt, und die größten Entbehrungen kamen ihm ganz leicht vor. Vier Jahre lang schlief er selten in «mein Bette; sein Lager war ein Körnbehälter oder eine Ofenbank im Hause christlicher und gutmüthiger Leute, wo er sich meistens aufhielt. Wenn er gar nichts mehr zu essen hatte, so sagte er lächelnd: Heute müsse er wieder einen Fasttag anstellen, und so wartete er geduldig, bis ihm jemand eine Suppe oder sonst etwas anbot; denn ansprechen Niemand; oder er ging mit seinem Sacke auS um Schnecken zu suchen, die er sich dann zubereitete. Im Symmer setzte er sich oft und gern an die Sonne, las in einem Buche oder betete, bis ihn manchmal der Schlummer überwältigte; oder er begab sich auf den Friedhof und kniete vor dem Missionskreuze, zu dem er besondere Verehrung trug, nieder. Zeigte sich ihm dann wieder irgend ein Geschäft, das er noch verrichten konnte, so war er dazu bereitwrllig, um sich sein tägliches Brod selbst verdienen zu können. Dabei unterließ er nie eine gute Meinung zu machen, und sehr oft empfing er die heil. Sakramente, um ja immer im Stande der Gnade zu bleiben. So verflossen diesem Manne, der allgemein geachtet war, und von dem wohl Manche logten, daß sie mit ihm sterben, aber nicht mit ihm leben möchten, seine alten Tage. Am Ende schickte ihm der Herr noch eine langwierige Krankheit, die Wassersucht; doch er ertrug auch diese mit fröhlichem Herzen. Hatte er ja die zuversichtliche Hoffnung, in Bälde die Freuden eines bessern Lebens zu genießen. Auf seinen Stab sich stützend, als ihn die stark angeschwollenen Füße nimmer tragen wollten, schleppte er sich täglich noch mühsam in daö HauS Gottes, bis seine Sterbstunde herankam. Zwei Tage vor seinem Tode ließ er sich auf vieles Zureden inS Krankenhaus des Ortes führen, und verschied dann, mit den heiligen Sterbsacramenten versehen, ruhig und sanft in einem Lehnsessel, den er dem Bette vorzog. Sein letzter Wunsch war, man möchte ihn am Fuße jenes Kreuzes begraben, vor dem er im Leben so oft gebetet hatte. Er wurde ihm auch gewährt, und so ruht dieser Arme in Christo am KreuzcSstamme, der Quelle des HeilcS für die Menschheit. Möchte sein Beispiel die Bedrängten und Nothleidenden lehren auS der Armuth eine Tugend zu machen, und sich vertrauend in GotteS Vaterarme zu werfen; viele Klagen würden dann verstummen, und Freude und Zufriedenheit in ihr Herz einkehren. (Kath. Bl. a. Tirol.) Er zog umher und that Gutes. (Apost. Gksch. 10, 38) Ja, so mochte ich durchs Leben gehen, Gutes übend und nur Gutes, mit einem Herzen voll Liebe und unermüdeter Geduld und unbestcglicher Sanstmuth und Milde Allen Gutes thuend, auS reinster Absicht, um Gottes willen, auch dem ärgsten Feinde. So zog die ewige Liebe in Menschengestalt umher, JesuS Christus unser Gott und Herr, der da gesagt: „Ich bin nicht gekommen mich bedienen zu lassen, sondern zu dienen." Sein Leben war ein Umherziehen, ein Gehen durch die Welt, indeß unter jedem seiner Tritte eine Wohlthat sproßte für Arme und Leidende, und seine Hände ringsum den reichsten Samen des Guten ausstreuten. Wer kann je genug seine Freundlichkeit, sein inniges Erbarme», sein liefeS Mitleid, seine göttliche Huld gegen die Hilfsbedürftigen alle betrachten? Mit welcher Schonung heilte dieser Arzt! Mit welcher Güte nahm er die Sünder auf, und befreiie sie von ihrer Last, und gab ihnen die Ruhe des Himmels, den Frieden der Seele wieder! „Er H»g umher und that Gutes", und nur Gutes, auch seinen Todfeinden Verzeihung erflehend am Kreuze, an daS sie ihn geschlagen, und während sie seiner höhnten. Bedenke, welch ein schönes Leben, still und sanft in geräuschloser Tugend durch die Welt zu ziehen, von ihr unbeachtet Gutes zu spenden, wo und wie du kannst, zu schönen und zu helfen und zu retten, mit einem Auge voll Liebe, einem Herzen voll Güte, mit dem süßen Bewußtseyn, Jemand eine Freude gemacht zu haben! Ich denke an so viele Heilige, deren Leben auch so ein Wandeln war durch die Welt unter lauter Wohl- Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. die ihr zu Unglauben, zu Lastern, zu Revolutionen aufreizt, und ringsum Feuerbrände schleudert, und Familien, Städte, Länder in Elend und Jammer stürzt: o daß euch ein Llcht des Himmels aufginge und ihr erkenntet, um wie viel schöner und edler und beseligender es ist, Gutes thuend durchs Leben zu gehen! Betrachter doch: wer Freude und Lust hat, BöseS zu thun, ist Kind und Genosse deßjenigen, den wir den Bösen nennen. GotteSähnlich aber ist, wer umhergeht und Gutes thut. Bedenke ferner; für jeden Menschen kommt eine Zeit, wo man von ihm sagen wird „Er war", er ist nicht mehr. Was willst du nun, daß man von dir sagen soll, wenn du auS der Welt geschieden bist? Soll auf wollte er! deinem Grabe eine Schanrsäule stehen mit der Inschrift: „Er ^that BöseS", oder „er that NichtS"? Willst du noch nach dem Tode forlsünvigen durch die Folgen deiner bösen Werke, die hier dein Leben ausmachten? Oder willst du nicht lieber, daß man dir weinend und dankend nachsage: „Er ging umher und that GuteS"? Willst du nicht lieber auch nach deinem Weggehen noch Gutes thun durch die Folgen deS Guten, daö du ausgesäet? Betrachte wieder, wie du jenseits wirst aufgenommen werden, wenn du hier herumgezogen und Gutes gethan! Du erwachst dann nicht mit leeren Händen, du findest im Buche deS Lebens aufgezeichnet jede gute That und jeden guten Willen, Gutes zu thun, und jeden Wunsch zu helfen, auch wo du in der That nicht konntest. Wenn dann der Richter sagen wird: „Du guter und getreuer Knecht, geh' ein in die Freude deines Herrn!", wenn die reichen Garben deiner Thaten belohnend um dich stehen, wenn dir die verdiente Krone entgegenstrahlt: bedenke, waS daS seyn wird für dich! Welch ein überströmendes Gefühl von Seligkeit und Wonne, wodurch jede Arbeit und Mühe und LiebeSthat überschwenglich belohnt wird! Jst'S a^o nicht der Mühe werth, Gutes zu thun? Darum „lasset uns Gutes thH^und nicht ermüden; denn zu seiner Zeit werden wir ernten, wenn wir mcht ermüden." (Gal. 6, 9.) „Da wir Zeit haben, lasset uns Gutes thun Allen!" (Ebend. 10, 10.) Ja, „werbet nicht müde, Gutes zu thun!" (2. Thess. 3, 13) Ach, eS ermüden ja auch jene Unseligen nicht, die BöseS thun! Wie arbeiten und sorgen und wühlen sie nicht, um in ruchloser Freude ja recht viel Unheil zu stiften, und stehen dann mit teuflischer Lust da, dem Brande zuschauend, den sie geschürt, zuschauend dem Strome deS Verderbens, den sie losgelassen, den wüthenden Bestien, die sie zum Würgen freigegeben! Gegenüber den nimnzerruhenden Unheilstiftern lasset uns um GotteSwillen Gutes thun, retten, waS zu retten ist, wehren, wo sich wehren läßt, helfen, wo die Noth ruft! Lasset, o ihr Guten, unö alle so leben, daß man jedem nach seinem Hinscheiden nachrufen kann: Nun ist die Menschheit wieder um einen guten Menschen ärmer;, denn der da hingegangen, „zog umher und that Gutes!" (Katholische Blätter auS Tirol.) Kirchliche Mittheilungen. Koblenz, 1. Mai. Die. auS Belgien hieher gezogenen Redempto- risten wirken zu allgemeiner Zufriedenheit, und selbst von solcher Seite, wo naturgemäß eine Abneigung gegen OrdenSgeistliche vorausgesetzt werden könnte, wird ihrem reinen und unermüdeten Wirken Anerkennung gezollt. Man geht schon mit dem Gedanken um, ein eigenes Kloster hier zu errichten, welches gerade in unserer Diöcese von großem Vortheile seyn müßte, da wir auf der einen Seite Mangel an Priestern, und auf der andern auch so viele arme Gemeinden besitzen, welche nicht im Stande sind, einen eigenen Seelsorger zu ernähren, unv denen durch geistliche Msssionen und auf andere Weise durch Klostergeistliche leicht auSgeholken werden könnte. Ungeachtet der bedrängten Zeit und der auch hier tief umwühlenden politischen Wirren dürfte dieser Gedanke reichen Anklang finden und auf Verwirklichung nicht lange warten müssen. Herr Pfarrer Clemens wendet dieser Angelegenheit große Aufmerksamkeit zu. — WaS die in Aussicht gegebene Diöcesan-Synode angeht, so sind die gespannten Erwartungen etwaS heräb- gcstimmt. Unsere Reformers fangen an, zu wittern, daß die Diöcesansy- node sie nur fester in der KirchenviSciplin einengen und manchen bisherigen Freiheiten (oder Zügellosigkeiten) ein Ende machen werde; die Träume geistlicher Parlamente und Redekämpfe fangen an zu schwinden und die wirklichen und wahren Vorstellungen von dieser kirchlichen Institution mehr und mehr sich geltend zu machen. (Katholik.) Verlags -Inhaber: F. C. Kremer. Preis in Augsburg für ffch allein (ohne A. Postzeitung)jährlich Ist. ISkr. Durch die Post kann dieses Wochenblatt nur von Abonnenten der Post- zeitung bezogen werden, und erhöht fich der Preis nach Verhältniß der Entfernung. Sonntags - Peiblatt zur Augsburger Poftzeitung. Für flch allein, ohne die Augsburger Postzeitung, find diese Blätter nur im Wege de« Buchhandels zu beziehe» und kosten in ganz Deutschland, der Schweiz u.s. w. jährlich nur L fl. LOkr. oder I Thlr Neunter Jahrgang. M 21. SV. Mai L84S. Daß Werk -er Sühmnrg. Rede vor dem Seelenamte für weiland Se. Excellenz deS k. k. Kriegsministers und FeldzeugmeisterS Theodor Grafen Baillet de Latour. Gehalten in der Pfarrkirche am Hof am 28. März 1849 von Dr. I. E. Veith. „Bis zum Tode streite für die Gerechtigkeit, und Gott wird streiten für dich," jEccl. 4, 33.) Wenn der Starke und Gewaffnete den Vorhof bewacht, so ist alles was er sein nennt, in Sicherheit. Kommt aber ein Stärkerer über ihn, so entreißt dieser ihm die Waffen und theilt die Beute auS. Diese Worte find so bekannt als ihre Deutung. Der Stärkere, der über den Starken gekommen, ihn gerichtet und hinausgestoßen, ist der Gerechte, Wahrhafte und Treue, der Gotteö Heiligkeit auf Erden verherrlicht hat. Wie erkämpfte er diesen Sieg'über Sünde und Tod? Durch seine Hingabe an den göttlichen Willen. Er überwand, indem er sich überwinden ließ; er brach den Stachel des Todes, indem er freiwillig den Tod auf sich nahm; sein Leiden war die Löhnung der Welt, sein Untergang der Aufgang der Wahrheit und des Lebens. Dafür, daß er seiner Herrlichkeit >ich entäußert, t^e) KnechtSgeftalt angenommen, und gehorsam worden nicht nur bis zum Tobe, sondern bis zum Sklavenlobe des Kreuzes, dafür hat Gott ihn erhöht, und ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist. Dieß sind die Worte, die in der PassionS- und Charwoche gleichsam die Parole der Kirche und der Gläubigen bilden. Die erhabene und wch- muthvolle Feier, die uns hier versammelt, darf unS wohl veranlassen, sie noch anderweitig anzuwenden. Lange genug haben wir mit Schmerz vor Augen gesehen, wie der Starke Gewaffnere den Borhof des glorreichen BölkerhAuseS bewachte, welches das HauS Oesterreich genannt wird. Wir haben seine Waffen kennen gelernt, womit er die Gemüther theils einschüchterte, theils bethörte, daß sie jauchzend unter seine blutige Fahne sich schaarten. ES ist aber ein Stärkerer über ihn gekommen, der seine Waffen zerbrach, und die Beute ihm auS den Zähnen riß. Er stritt für die Gerechtigkeit bis in den Tod, und Gott übernahm den Streit für ihn. Er siegte, indem er besiegt warb; er richtete daS wankende Gebäude wieder auf, indem er fiel; getreu seinem Gott, seinem Gewissen, seinem Kaiser und Baterlanbe, ist er gehorsam worden bis zum Tode, und zwar bis zum schimpflichen Tobe am Laterncnpfahl; dafür aber hat Gott ihn der- Herrlicht, also daß der Name Theodor Baillet de Latour im österreichischen Heere und Volke, unter allen christlichen Nationen, und in der Weltgeschichte leuchtet mit unverlöschlichem Glänze. Wie geschah es jedoch, baß er gerade durch seinen Tod die Mächte des Unheils bezwäng? Wie hat er dadurch, daß er dämonischem Grimm zum Opfer fiel, die Wiederkehr der gesetzlichen Freiheit vermittelt? Zar Auskunft darüber genügt ein einziges Wort, daS Siegel der Weltordnung bei allen heidnischen Völkern und noch mehr bei den Christen: daS Wort Sühnung oder Erpiation, über welches wir in dreifacher Beziehung uns verständigen wollen, und zwar nach seiner irdischen, nach seiner himmlischen Bedeutung und in seiner Anwendung auf die Zustände unserer Gegenwart. Die irdische oder rein dießseitige Bedeutung liegt unS nahe genug in der jüngsten Geschichte unserer Kaiserstadt. In diesem vielgerühmten Sitze der Treuherzigkeit und deS behaglichen Lebens war schon seit manchen Zähren Vieles faul geworden, und wo das AaS ist, versammeln fich die Geier. Bon hier aus, so war eS längst beschlossen, sollte der österreichische Kaiserstaat zertrümmert, die Fürstenhäuser Europas gestürzt, die neuen fabelhaften Reiche eines Mazzini, Ledru-Rollin, Kossuch, Hecker und MieroölavSky auf Schutt und Blut erbaut, daS Christenthum und die Kirche sammt aller Herrschaft göttlicher' Gesetze vernichtet werben. Der Wissenden und Eingeweihten waren wenige, der Getäuschten viele, fanati- sche Werkzeuge fanden sich. in- hinlänglicher Zahl; die Bestechung floß auS reicher Quelle, die Blendwerke waren zauberisch. Auf den Wegen des Verderbens geht eö rasch, mit der beschleunigten Geschwindigkeit deS Falles; so war in wenigen Monaten die Bethörung und Zerrüttung allgemein geworben, und es erfüllte sich der AuSspruch des berühmten Bayard, des Ritters ohne Furcht und Tadel: daß nichts gefährlicher sey, als Kühnheit und Macht mit der Unwissenheit im Bunde. In Mitten dieser tollkühnen Unwissenheit, umgeben von einer oft bis zur Berserker-Wuth aufgereizten Menge, und gegenüber einer Volksvertretung, in welcher die heillose Richtung überwiegend geworden, stand wie ein Fels in der Brandung, in unerschrockener Ruhe und heiterer Festigkeit, der Mann, von dem der Held von Custozza und Novara feierlich bezeugt: daß er ihm vor Allen seine herrlichen Siege verdanke.*-) Als ein Vater des Heereö, als ein Hort deS Thrones, als Vorfechter der Freiheit und des Gesetzes war er rastlos mit der schweren Aufgabe beschäftigt, die Mittel vorzubereiten, durch die allein cS möglich war, um im Osten und Süden so wie im Centrum deS Reiches dem Recht und der Ordnung den Sieg zu erringen. Die Führer und Handlanger der Zerstörung hatten dieß auch bald erlauert; die Klapperschlangen und Vipern der Tageblätter sprudelten gegen ihn ihr schärfstes Gift; die Worthelden der Linken erhoben gegen ihn ihr Wolfögeheul; immer drohender zog der Sturm heran. Stand eS nicht bei ihm, dem angeblichen Volköwillen zu weichen, seinen Rücktritt zu erklären, ober wohl gar, nach dem Rathe der Feigheit, mit den Wölfen zu heulen? Aber mit derselben Tapferkeit, womit der Krieger, der den Oberbefehl führt, überall wo eö darauf ankommt, an der Spitze seines HeereS in die offene Schlacht zieht, stand und stritt auch der greise Feldherr auf seinem sogenannten FrievenSposten, bis die Zeit deS Frevels hereinbrach, ähnlich jener, die der Herr alö die Stunde der Böswilligen, als die Macht der Finsterniß bezeichnet hat. Um daS schändliche JudaSgeld von dreißig Sil- berlingen verkauft,**) von Gleißnern zugleich geschützt und verrathen, von Pöbelhaufen überfallen, die Stiegen herabgeschleppt, hin und her gestoßen, an den Haaren gezerrt, mit einem Schmiedehammer aufs ehrwürdige Haupt geschlagen, mit Spießen und Bajonttten durchbohrt, und an einem Eisengitter gedrosselt, ward er endlich auf den Platz hinaus geschleift, mit kannibalischem Höhne beschimpft, erhöht, und gemißhandelt; und mußte bann noch zahlreichen, mit dem Ehrcnrocke der Nationalgarde verkleideten Irokesen, EhiguitoS und Botukuden zur Zielscheibe dienen, an der sie als Schützen sich erprobten. Aber kaum war die lärmende Gräuelthat vollbracht, als schon die Schmach, die Furcht und der Schrecken mit bleiernen Schwingen über die Stadt sich lagerten; so daß wir gesehen haben, wie von Zeit zu Zeit Massen von vielen Tausenden, die um den Schauplatz deS Frevels sich gesammelt, in einem Nu auSeinanderstoben, bloß weil daS Geflüster sich verbreitete: man habe von ferne her den Wirbel einer Trommel vernommen. ES ist wohl für alle verhängnißvolle Zeiten gesagt: „Wer gerecht ist, rechtfertige sich noch mehr, und wer schadet, schade noch ferner, und wer schmutzig ist, werde noch schmutziger" (Offenb. 22, 11.) damit daS Maaß i Nach eigenen Worten des Herrn F. M. Nadetzky an daS Kriegsncknisteriuni: „Es sey hier vor Allem dankbar gefeiert der Name meines gemordete» Waffenbruders, ! des biedern Kriegsministers F. Z. M. Grafen Latour, der mir, wie Keiner , eine treue i Stütze war, der mir so edel half, die meinem Kaiser und Herrn hinterlistig geraubten Länder wieder unter seinen Scepter zurück zu führen rr." Mitgetheilt im III. Abschnitte der Kriegsbegebenheiten bei der kaiserl. österr. Armee in Italien. Mailand 1848. **) Das Biutgclo, das Einer jener Mörder empsangcn, betrug in der That 30fl. sich erfülle. Und so schien zwar damals der Unfug erst recht anzugehen. I Kaiser, und fanden daS volle Bewußtseyn ihrer Stellung wieder. Wie Wie aus einem siedenden Hexenkessel schäumte die Hefe dcS Pöbels herauf, i ehedem Rudolph, Herzog von Schwaben, der dem Kaiser Heinrich IV. um das arme bethörte Bürgcrthum zu übeifluthcn; dieses rohe Volk wurde > abtrünnig geworden, die Hand, die im Gefechte bei Merseburg ihm abge- von heuchlerischen Gesetzgebern geliebkost, von deutschen Afterweisen durch!hauen worden, mit der Linken in die Hohe hob und ausrief: dieß ist die prunkende Reden aufgebläht, und von ruchlosen Sechen und Schlachtizen meineige Hand, mit der ick meinem Kaiser und Herrn die Treue geschwo- zu einer kriegerischen Rotte geordnet. Aber ein Schrei deS Entsetzens unsren! so sind jetzt alle Soldaten der Armee von der Ueberzeugung durch- LcS Abscheues war bereits durch das ganze Heer gedrungen, das in seinem drungen, daß eS unendlich besser sey, die rechte Hand, ja das Leben zu obersten Lenker und Fürsorger, in dem hochverdienten General sich aufs verlieren als die geheiligte Ehre. Und waS kann größer und wichtiger schmerzlichste beleidigt und verhöhnt sah. Ueber die Werkführer der Anar- seyn in diesem Augenblick, wo eS gegen den Ruin deS Bürgerthums, gegen chie war daS Gericht besiegelt; die Rächer und Ordnunggebieter rückten chaS Geschäft, „daS im Finstern schleicht," gegen die brütenden Mächte der von allen Seiten heran, gefübrt von großmüthigen Feldherren, die, bei Zerstörung fast keine andere Schutzwehr gibt, als die moralische Kraft deS all ihrer bewundernSwerthen Langmut!) und Milde, von schöngeistigen Heeres? Flüchtlingenden Beinamen der.„Schrecklichen" hinnehmen mußten. Genug: In der That ist Niemand gründlicher mit dieser Wahrheit bekannt, in demselben Augenblicke, da der edle Graf unter den Streichen der Mör- als das Natterngezüchte der VolkSbeglücker; daher sie auch kein Mittel der sein irdisches Leben verhauchte, war Thron und Vaterland schon ge-^ unversucht ließen, um die Krieger auf Abwege zu verlocken, und mit dem rettet. Nachdem er für die Gerechtigkeit gestritten bis zum Tode, führte Netze ihrer ecklen Vertraulichkeit zu umgarnen. Diesen tückischen Unfug von jetzt an Gott den Streit für ihn. - - nannten sie Fraternisiren; dahin zielten auch ihre Feste der Verbrüderung. Denn darin eben beruht daS. Wesen der Erpiation, daß sie im Kreise Fraternität ist eine schöne und himmlische Tugend, die auch der Apostelsürst dcS irdischen Lebens nicht abgeschlossen ist, sondern in ein.unendlich höhe- empfiehlt, aber nicht schlechthin und ohne Beisatz. Denn seine Vorschrift res Gebiet hinauf reicht. Die göttliche WeltrMrung offenbart sich dadurch,' lautet: „Die Brüderlichkeit sollt ihr lieben, Gott sollt ihr fürchten, den daß sie der menschlichen Willensfreiheit ihren Spielraum und Tummelplatz König sollt ihr ehren." (1. Petr. 2 , 17 /) Soll eine Verbrüderung rühm- überläßt, bis mitten im zügellosen Trcihen eine^roße und edle That her- lich und heilsam seyn, so muß sie von jeder Richtung sich fern halten, die vorleuchtet; bis ein Gerechter bis zum Tode sich gdlreu erwiesen, und die- dem Gesetze Gottes und dem heiligen Rechte des Kaisers widerspricht. seS Opfer dann die Bethvrlen auS,.ihren Trälnnen weckt, die Irregeführten Und so führt unS dieser Gedanke zur dritten Beziehung der Erpiation: zu zur Besinnung bringt, so daß sie aus freiem Entschlüsse der Wahrheit und ihrer Anwendung auf unser öffentliches Leben. Warum soll nicht die herz- dcm Rechte wieder sich zuwenden. Wir werden nicht mit der Vorsehung lichste Freundschaft und Eintracht bestehen zwischen dem Soldaten und hadern, daß sie diese Wege erwählt, daß sie gleichsam müßig zusieht, bis ^Bürger? Gehören sie nicht einem und demselben Vaterlande, ehren und ein solches Opfer gefallen, und daS Leben deS Gerechten nicht beschützt, lieben sie nicht einen und den nämlichen konstitutionellen Kaiser, den Trä- Wer würde den Arzt, den Seelsorger achten, der, um seine leibliche Wohl- ger der Majestät? Geht nicht der Krieger auS dem Schooße des Volkes fahrt keiner Gefahr auszusetzen, vom Felde der Ehre, oder vom Kranken-hervor, und kehrt er nicht, wenn seine Dienstzeit vollendet, in dasselbe lager sich fern hielte? Je heldenmüthiger daö Opfer, desto besser ist es! zurück? Ist das Heer nicht das Bollwerk der heimischen Sicherheit, der verwahrt und aufgehoben; denn „die Seelen der Gerechten sind in Gottes Ruhm und die Ehre des Reiches? Oder sollten etwa die Völker Oester- Hand; die Augen der Thörichten sahen nur ihren Tod; sie selbst aber sind Deichs nicht stolz seyn dürfen auf so tapfere, humane, hochgebildete Feld- im Frieden." (Weish. 3, 1.) - Herren wie Radetzky-, Windischgrätz, Jellachich, Weiden, d'Äspre, Wall- Wir können hier an einen Mann auS ritterlicher Vorzeit unS erinnern: an Robert, Herzog der Normandie, den rüstigen Kämpfer gegen die Sarazenen. Als er sterbenskrank auf eine Sänfte sich legen ließ, um aus Bithynien (Kleinasien) nach Jerusalem getragen zu -werden, näherten sich ihm einige normännische Barone, die im Begriffe waren, nach der Heimath zu ziehen, und fragten: was befiehlst du, daß wir deiiml Völkern von dir moden, Schlick, Schwarzenberg, Heß, Schönhals und noch viele Andere? Sind diese ^Heroen nicht die Retter dcS Mittelstandes, deS BürgerthumS, des Sandmanns und seines Grundbesitzes? Und sollen nicht Alle freudig und einmüthig sich jchaaren um ihren trefflichen, ernsten, vom strengsten Pflichtgefühl beseelten, jugendlichen Kaiser? DaS Seelenamt, daS wir Heute für den Frieden deS Verewigten ausrichten? Der Herzog zeigte auf die Männer, .die bereit"standen, seine feiern, gibt von dieser Gesinnung Zeugniß. Es ist durch ehrenhafte patrio Sänfte zu tragen; lauter stämmige, athleusche Leute, aber von äußerst Mische Bürger veranstaltet,*) und die ausgezeichnetsten Tonkünstler aus häßlichem, abschreckendem und verwildertem Aussehen; dann sprach er, im!dem Civilstande haben freudig Hand und Stimme dazu dargeboten- Ob Gefühle seines nahen TodeS: Sagt meinen Normanen, daß ihr eS mit angesehen habt, wie der Herzog Robert von den Teufeln in den Himmel getragen wurde! — AehnlichcS können auch rpir von dem hochherzigen der Hingeschiedene Geist des biedern Streiters schon inS Reich der Herrlichkeit aufgenommen, ob er im Gegentheile der Erpiation noch bedürfe, die durch Vermittlung deS hochheiligen Opfers und unserer FKbitte ihm Grafen Lalour erzählen: wir haben zugesehen, wie er von Dämonen in Zugewendet wird, ist unS unbekannt; jedenfalls aber hat diese Feier die Menschengestalt in die himmlische Seligkeit gefökddrt wurde. Und wir sind Mebenbestimmung: ein Fest aufrichtiger Sühne und Versöhnung zu werden berechtigt zu dieser Zuversicht; denn er starb, , wie noch seine letzten Worte zwischen dem gesummten Krieger- und Bürgerstande. Möge die Gnade es bekräftigen, nicht bloß den Tod eines Helden, den keine Furcht erschüt- GotteS immer mächtiger die Widerstehenden bewegen, daß sie die Eitelkeit tert, sondern den Tod des Gerechten, ja eines Märtyrers; er fiel als Kämpfer und Zeuge für Wahrheit und Recht, für Gesetz und Sitte, oder, wie sein erhabener Freund Radetzky von ihm rühmt: als Muster und Vorbild edler Treue. Es ist aber die Verheißung deS Herrn: „Sey getreu bis in den Tod, und ich werde dir die Krone deS Lebens reichen!" (Offenb. 2, 10.) Aber noch ein anderer Lohn ward ihm gewährt: die Frucht deS rei- und falsche Scham überwinden, und in die Reihen derjenigen eintreten, die für die wahrhafte Freiheit, für Recht und Ordnung einstehen. Möge eS den vereinten Kräften der Rechtlichen gelingen, wieder herzustellen, waS die Belialssöhne mit vereinten Kräften verwüstet haben! So viel aber ist sicher und gewiß: „Jede Bestechung und Ungerechtigkeit wird vertilgt werden, die Treue hingegen wird ewiglich bestehen. Trübsal und Angst über die Seele eines Jeglichen, der Böses thut; Herrchen Segens, den sein Opfer der irdischen Welt gebracht. Dieser Segen j lichkeit, Ehre und Friede Allen, die das Gute wirken." (Eccl. 40/ 12. gab sich gleich anfangs kund im Siege deS Lichtes. Diejenigen, die nurMöm. 2, 10.) Und wird nicht endlich daS Leben aller Menschen einem der Täuschung unterlegen, erschauderten, wie einst die Männer auf Gol-!KrigSdienste gleich geachtet? Ist eS nicht einem Jeden geboten: für die "" Gerechtigkeit zu streiten bis in den Tod? So mögen wir vom Apostel unö ermähnen lassen, daß wir als ehrenhafte Kämpfer uns erproben, die Treue bewahrend und ein gutes Gewissen, damit wir in jeder Drangsal und im letzten Augenblicke vertrauensvoll rufen können: Meine Stärke und mein Ruhm ist der Herr; und er ist mir zum Heile geworden! (1. Tim. 1, 18. Pfl 117, 14.) gotha, schlugen an ihr Herz und kehrten um. Viele der edleren Glieder der Legion und Nationalgardc entfernten sich für immer von dem jacobini- schen Gräuel. Sie hatten endlich das Scheusal der rothen socialen Republik erkannt; sie fühlten, baß all daS Gerede von Selbsthilfe und souveränem Volkswillen nur Trug sey, daß kein sophistischer Seifenschaum, er komme nun aus der Reitschule oder der Paulskirche, diese Makel zu tilgen vermöge, und besannen sich neuerdings auf die ewigen, von Gott gesetzten Grundlagen der geselligen Ordnung und Gesittung. Während dieß in der bürgerlichen Welt geschah, zeigte sich mächtiger noch die SegenSwirkung in allen Rangstufen und Reihen dcS HeereS. Der Verein für religiöse Freiheit in Frankreich an die Mitglieder des katholischen Vereines Deutschlands. In den Anrüchigen, Rostigen, Zweideutigen erwachte daS PflichttU, „ . das Schreiben, welches d-r katholische Verein Deutschlands bei Ehrgefühl mit neuer Kraft, um nie mehr einzuschlummern; die Jrregcführ-! denkwürdigen Versam mlung im October deS vorigen JahreS zu Mainz ^"'^W"nke"de>r kehrten von ganzem Herzen zu ihrer Standeöpflicht, Namentlich und vorzüglich durch den. als Herausgeber des „constituti-n-lleu Haus- zurück, suhlten sich begeistert für ihren einzig rechtmäßigen Oberherrn, den^Jörgel" in weiten Kreisen berühmten Herrn Rechnungsrath I. B. Weis. 83 an die ^8sooistion catlloliguo pour >3 libertö religieu56 in Paris zu versenden beschloß, ist von dort unterm 9. März d. I. nachfolgende Ant« Wort erfolgt: Hochgeehrte Herren und GlaubenSbrüder! Wir haben mit Freude die Adresse empfangen, mit welcher Sie uns bei Ihrer jüngst in Mainz gehaltenen Generalversammlung beehrt haben, und wir hätten gewünscht, Ihnen rascher die Freude und Erkenntlichkeit ausdrücken zu können, welche sie in unö erregt hat. Geschaart um den heiligen Stuhl, welcher jederzeit das Heiligthum der sittlichen Welt, der Herd aller Wahrheit auf Erden ist, und welcher hin- überragt über den Undank und daS Unglück in der Ehrfurcht der Nationen, trösten wir den erhabenen und hochherzigen Hohenpriester, welcher ihn ziert, durch den Anblick unserer brüderlichen Einigung. Und cS sollen selbst Jene, welche die Reinheit unseres Glaubens und die Aufrichtigkeit unserer Bestrebungen verkennen, nicht bloß von den Christen der Gegenwart sagen, wie von den Christen der Urkirche: Seht, wie sie sich lieben! sondern auch: Inmitten der Umstürze dieses schmählichen und verhängnißvollen Jahres, Sehet, wie sie glaubenl Sehet, wie sie hoffen auf Gott, auf die Kirche, welches mit der Knechtung der katholischen Kantone der Schweiz begonnen auf die Zukunft! und mit der Verbannung Pms IX. ge,chlofsen, stieg ein neues Licht für Genehmige» Sie, meine Herren, die Versicherung der Gefühle voll« uns auf, ein unverhoffter Trost ward unS gewährt. Die Emancipation kommener Sympathie und unwandelbarer Anhänglichkeit, mit welchen wir der katholischen Kirche in Deutschland hat wieder einmal der Well den freudig unS nennen Ihre hochachtungSvolleu Brüder im Glauben. Beweis geliefert, daß Gott seine Gläubigen nur erniedrigt, um sie zu. Der Präsident deS Ausschusses: Eh. v. Montalembcrt. Der erhöhen, und daß menschliche Weisheit an irgend einer Stelle^Nicepräsident: Vatimesnil. Der Schriftführer: Heinrich v. Riancey. zu kurz kommt. Die Bedrängnisse der Kirche in Ihrem Vaterlande hatten schon seit - langer Zeit unsere Sympathieen erregt. Wir seufzten über diese tiefe Knechtschaft, in welche der unsinnige Druck der Menschen und das Unheil Ans einem Wanberbuche. der Zeiten sie gestoßen. Aber welche Quelle der Hoffnung finden wir nicht Bon I)e Alban Stnl, fortan in der Bildung eines solchen Vereins, wie deö Ihrigen, in dieser i hochherzigen Begeisterung, welche die Katholiken Deutschlands in einer Zeit, wo alle staatlichen Institutionen entnervt oder. entehrt erscheinen, drängt, das Recht der VereinSbildung zu benützen, um. die Rechte, die Würde, die Unabhängigkeit der Kirche zu fordern und um durch ihren Muth die Widerherstellung ihrer alten Glorie vorzubereiten! Sie haben, meine Herren, sonach eingesehen: der Irrthum hat keine anderen Kräfte, als die Frechheit seiner Stützen und die Schwäche der Freunde der Wahrheit. Wir, die wir die Wahrheit lieben, lernen ihr dienen, ohne an ihrem Triumph zu zweifeln. Die Wahrheit entbehrt nicht der Waffen, sie entbehrt nur der Krieger. Zu Constanz ging eS auf den See. Gegen Abend erschloß sich eine ganz wunderbare Schönheit der Fernsicht. Der See und der Himmel hatten die TirolerIlpen zwischen sich genommen, und hatten sie mtt Hilfe deS abendländischen Septembersoiinenscheines sich selber assimilirt, daß sie gebaut schienen auS weißem Wasser, blauem Himmel und lichtem Schein. ES war so schön, so unsäglich schön, wie kaum der schönste Traum die Seele umschwärmt; cS schien der Himmel einen Augenblick sich herabgesenkt zu haben, und da zu ruhen, voll Silber und Luftäther und unendlicher Zartheit; die Natur schien ein süßes Kind geworden zu seyn, und holdseligst zu lächeln. — Du schöner Gott, der Du dieß schaffst und unS zeigst, Allerdings jollcn wir durch friedliche Bemühungen, durch eine strenge denn nicht Deine schöne Natur selbst, wie die Königin Saba, gegen Ehrfurcht vor der Gesetzlichkeit, laugiam zu unserem geheiligten Ziel getan-aufstehe» und sagen: warum seyd ihr so zwieträchtig und häßlich, da gen, ohne irgend etwas von jenen aufrührerischen und anarchischen Wüh-^H ^ so schön und mild bin, und ihr dvch einen unsterblichen Geist in lereicn zu eiulehnen, von denen minder heilige Strebungen einen Gebrauch tragt - den' ihr der Wahrheit nicht ausschließen wollet, machen, welcher zu ihrer ttnehre ausfällt. /r-, .. Ich blieb in Landet über Nacht und fuhr morgens um 4 Uhr mit Die Rechte der Obrigkeit, immer geheiligt in den Augen der Christen,! Stellwagen ab. Es saßen zwei Mannspersonen darin, das Gespräch muffen eö mehr als je in unsern Tagen, in diesen Zeiten allgemeiner^^ algtzcckd angezettelt. Der eine war ein Mensch von 24 bis 20 Jah- Verirrung und zügellosen Hochmuths seyn. Allein unsere Unterwürfigkeit welcher früher in einer Fabrik zu Innsbruck gearbeitet hatte, als unter die Gesetze, unsere gerechte Demuth vor den von Gott geordneten HirnA oebürtig. ^ laö manche katholische Bücher, kam Gewalten, schwächt in Nichts die kräftige Hingebung unserer Seelen an GejsUjckM in Umgang, und wurde endlich katholich. Später wurde die Rechte der Wahrheit. Es bedarf bei der Eriinguug dieser Rechte einer ^ von Geistlichen aufgefordert und unterstützt, daß er jetzt bei den Jesui- Ctandhaftigkeit und eines Eifers, welche der Verein Pflegt, und welche ohne ihn vergehen. Wenn jede Eiuung eine Kraft ist, so ist sie cS vor Allem dann, wenn Glaube, Liebe und Hoffnung die Einung bilden. Sie haben es begriffen, meine Herren, indem Sie zusammentraten von der Nordsee bis an die Alpen, von Ungarn bis an den Rhein, alö eine Legion freiwilliger Vertheidiger der Religion und der Freiheit. Sie ten studirt, um Priester zu werden; er ist aber erst in der vierten Classe. Er redete viel von der Vortrefflichkeit der Jesuiten und wie daS arg sey, daß die Geistlichen im Badischen, wie er schon gehört habe, — lange Hosen tragen. Ich erzählte ihm hernach von dem vortrefflichen Stande deS Christenthums in Westfalen, Und von der großen Verkommenheit in Frankreich, während sich Loch hier die Priester höchst orthodox tragen und anerkennen willig, daß die Katholiken Frankreichs Ihnen den Weg gezeigt; nicht, eS müsse sonach auf die Hosen nicht ankommen. — Von Zürich aber wir müssen unsererseits es bekennen, Laß Sie mit dem ersten Schutt. er mir, daß die Schullehrer Straußianer seyen, und selbst den uns ganz weit hinter sich gelassen. Fortan erübrigt unS Nichts, als Sie! Schulkindern absichtlich den Unglauben an die Gottheit Christi lehren; auch nachzuahmen und zu beneiden. ' seyen die Kirchen am Sonntag fast leer. UebrigenS wollen Sie, indem Sie unS mit Beziehungen beehren, Der andere war ein Landrichter, noch ein junger Mann, welcher Leren ganzen Werth wir erkennen, Ihre Sendung und die unsrige erwei- s^e Frau abholen wollte. Er war religiös und gläubiger Katholik, hatte lern. Sie erkennen es, für den Glauben besteht keine Gränzmarke und die Kirche ist daS gemeinsame Vaterland der Seelen. Sie wollen, daß Ihr Verein, erwachsen unter dem Schirm der Kirche, etwas von ihrer weltumspannenden Größe annehmen soll. Wir theilen Ihre Gesinnungen. Ein Tag wird kommen — und möge es ein naher seyn — wo von allen Enden der katholischen Welt Brüder im Glauben zu einem allgemeinen Congreß zum Zweck der Vertheidigung der religiösen Freiheit zusammentreten werten, welche in allen Landen dieselben Gefahren läuft, und sich nur durch dieselbe Wirksamkeit retten kann. Wenn dieser Tag kommen wird, dann wird es nicht mehr weit bis zu jenem noch schönern seyn, wo wir werden obgesiegt haben, und wo die Religion, frei, geeinigt und verehret, ihr Segenswaltcn wird entwickeln können, wo JesuS Christus, als ewiger Zeuge so vieler Wechsel, als ewiger Vergüter so vieler Fehle, wird angenommen seyn von allen Völkern als ihr Heil, von allen Regierungen als ihre Stütze, von der ganzen Welt als ihr geistiger Herrscher. Harren wir fest entgegen diesem herrlichen Tag! Die Hoffnung, vor Allem inmitten dieser Tage der Niedergeschlagenheit und Verwirrung, die Hoffnung stehr den Christen wohl an. Sie war immer für sie die Hälfte deö Siegs. Aber die Einigung allein kann so wünschenSwerthe Geschicke erzielen. selbst als Vorstecknadel ein goldenes Crucifir, aber durchaus nicht bigott. ES machte ihm, wie es schien, Freude, mir recht viel von österreichischen Verhältnissen zu erzählen; ich durfte nur einen Gegenstand anfangen, so sprach er darüber ausführlich fort und ich brauchte nur zuzuhören, wie man an einer Spieluhr daS gewünschte Stück bloß durch einmaliges Drücken beginnen und vollenden macht. Unter andern erzählte er: In Vorarlberg ist die gewöhnliche Nahrung der Bauern: Kaffee ohne Zucker, wozu aber kein Brod, sondern gesottene oder mehr noch geröstete Kartoffeln gegessen wrrden. Da speise man im Tag einige Male. Im italienischen Tirol hingegen esse man ausgelassenen Butter oder anderes Fett, nicht selten ohne Brod und AlleS; nur werde rother Wein dazu getrunken, welcher nähre, und wovon der Mann im Tag etwa eine Maaß trinke. Er sey dort in den Buschwirthschaften so wohlfeil, Laß man den Seidel um zwei Kreuzer, selbst um Einen trinke. Im Unterinnthal sey eS in geschlechtlicher Beziehung schlimm. Am wenigsten kämen derlei Vergehungen im italienischen Tirol vor, die Geistlichen seyen sehr wachsam und eifrig entgegen; übrigens sey auch der Menschenschlag im italienischen Tirol viel unansehnlicher als im Deutschen; dafür verführten sie beim Reden ein desto Ursprünglich nicht für die Veröffentlichung geschrieben. D. R. 84 lauteres und hitzigeres Geschrei. — In den höchsten Alpen seyen Dörflein, wo die Leute von Viehzucht leben; manchmal schneien sie ganz ein; in einem vorigen Winter, wo der Schnee lang und tief über den Häusern dort gelegen seyn, habe ein Pfarrer einen Gang zur Kirche unrer dem Schnee gemacht, allmälig alle Kirchenstühle geholt und verbrannt, und zuletzt auch seine Kuh geschlachtet und gegessen, weil ihm Holz und Nahrung ausgegangen waren. Allmälig wurde eö Heller und wir konnten wegen der fortwährenden Steige auSsteigen und gehen. Die Gegend ist groß unv schon; Fels und frisches Wasser geben Farbe und Leben. Als eS höher ging, sah ich ein Mädchen von etwa 11 oder 12 Jahren auf einem kleinen, zweirävrigen Wäglein mit Anstrengung und ziemlich rasch den Berg hinaufziehen. Das gezogene Mädchen schien ernstlich kiank, und hatte wahrscheinlich zur Stärkung einen halben Seidel rothen Wein in der Hand. Ich vermuthe, daß das arme Kind zum Arzt gefahren worden sey, oder waS noch trauriger wäre und wegen des eigenen BaueS der Fuhre und der offenbaren Geübtheit der größeren Schwester nicht unwahrscheinlich ist, daß eS lahm oder auszehrend ist, und so zuweilen zu Bekannten geführt wird. Hier dient Gesundheit und Kraft der Krankheit und Schwäche — und das scheint im Himmel und auf Erden, im Geistigen und Materiellen so seyn zu sollen; der Schutzengel geht dem Kinde und Sünder nach; und wer sich im Bedientseyn behagt, wo eS anders seyn könnte, der behagt sich in der Schwäche und Nichtigkeit. WaS aber die Fuhrwerke betrifft, so sah ich ganz eigenthümliche, z. B> eine Frau am Wagen und als Vorspann eine Kuh, dann einen Mann angespannt und vorne daran einen Esel; eS ist nur bis es der Blick verdaut hat zur Gewöhnung, dann macht es kein Ausstößen mehr. Weiter oben am Adlerberg kam eS allmälig an den Stationen, etwa wie man die spanischen Herbergen beschreibt, alles mögliche Volk unter einander familiär, oben darauf aber die Fuhrleute. Endlich kamen wir nach Stuben, daS Hospice des AdlerbergeS. DaS erste war die große Hausflur; eS hing eine srischgeschossene Gemse da. Wir bekamen, eS war Quatcmbermitlwoch, lauter Fastenspeisen und in namhafter Mannigfaltigkeit; und so ist es recht, daß der Wirth seinen Glauben und die Treue seiner Kirche höher häll, als daS Gelüst deS GastcS und die paar Kreuzer seines Beutels. DaS ist Charakter, katholischer Charakter, wie ihn vielleicht nur Tirol zeigt. Ich sah auf dem Tische eine kleine Broschüre liegen, abgegriffen.und umgeschlagen, so daß nur daS Innere zu seyen war; es fiel mir von selbst ein es werde eine Kalendcrschrift von mir seyn. Als ich nachsah, war eS so. Tausende wären vielleicht darüber höchlichst geschmeichelt und entzückt gewesen, mir hauchte sich nur leise und vorübergehend eine kleine Freude über die Seele hin, wie ein geringer Windstoß Abends über die ruhige See geringe Wellen kräuselt. Warum sollte ich eS mir auch als Verdienst anrechnen, wenn eS Gott beliebte, gerade mich als Feder und Dinte zu brauchen, um vielen Christen einen Brief und Mahnschreiber zuzuwenden? Da siel eS mir dann auch ein, welche Bedeutung oder vielmehr Unbedeutendheit eS mit dem Namen habe, wenn Jemand ein namhaftes Werk producirt hat. DaS Volk fragt in der Regel bei der vortrefflichsten Schrift, von welcher eS ganz erbaut ist, selten oder nie nach dem Verfasser; und fragt mit Recht nicht darnach. Denn ist eS etwas Herrliches, so ist eS nickt Menschengemächt, sondern von Gott gegeben, und eS tragt seine Herrlichkeit in sich und auS Gott. Wer wird auch die Wurzel und den Grund und Mist aufgraben wollen, wenn er einen herrlichen Baum sieht, um zu sehen, woraus er Saft gesogen hat — man schaut lieber ihn an und denkt eher noch an den schönen Himmel, unter dem'er gediehen ist. Man weiß kaum, wer die ewige Jliade geschrieben hat, wer die herrlichsten Münster gebaut hat, und die größten Maler verschmähten eS, ihre Namen auf ihre Meisterstücke zu schreiben; sie wollten nicht ihre Namen geben, sondern ihr Product. (W.K.Z.) Kirchliche Mittheilungen. Wien, 9. Mai. Die versammelten Bischöfe des KaiserstaatcS haben eine eben so wichtige als schwierige Aufgabe zu lösen. Der JvsephiniSmuS und die Bureaukratie haben die Kirche so umsponnen und umwickelt, daß der Kirche selber Gefahr zugehen kann, wenn man sich daran macht, sie von der Schlingpflanze loszubriugen. Besonders schlimm sieht eS um daS Materielle der Kirche, um ihr Vermögen, auS. Jetzt, wo man der Kirche die freie Verwaltung ihres Vermögens zurückgeben sollte, rückt man erst damit heraus, daß sehr wenig vorhanden sev, während man allgemein glaubte, daß der Religionsfonv hinlänglich kräftig sey. Man halte nie offen aufgezeigt, wie groß daS Capital sey, auch hatte Niemand Einsicht verlangt, wie man mit demselben gebahre. Jetzt erst wird offenkundig, daß dasselbe kür die zwei großen Diäresen Wien und St. Pickten, jede mit fast 500 Pfarreien und circa 1400 Priestern, nur 11 Mill. betrage unv zwar in StaalSpapieren, die so zweibeinigen Werthes sind, und deren viele noch dazu erst ihrer Verlosung entgegenharren müssen, bis sie ihren Nenuwerlh erreichen. Für die nicht verlosten hatte zwar der vormärzliche Finanzminister Kübeck der Kirche bereirS verloste Obligationen gegeben; doch wird der Kirche die freie Verwaltung ihres Vermögens zurückgegeben unv fordert dann der Staat auch seine verlosten Obligationen wieder, so kann die Kirche mit ihren unnerloSten nicht einmal die ganz gewöhnlichen Bedürfnisse decken, weil sie von diesen letztem Papieren statt 5"/g C.-M.; nur 2'°/2o in W. W. bezieht, mithin Eins von Hundert, denn daS Verhältniß der Conventioiismünze zur Wiener Währung ist gleich 1 zu 2'/?. Eben so schwierig wird es bei der Ehegesetzgebung seyn, Staat und Kirche in Einklang zu bringen. Nicht einmal Dispensengesuche wurden gerne gesehen. Am schwierigsten aber wird das Verhältniß von Kirche und Schule zu behandeln seyn. Die letzte will in der Mehrzahl ihrer Vertreter Emancipation, während doch die Mehrzahl dieser Mehrzahl diesen Zustand kaum kennt. Denn unsere Sckullehrer in Oesterreich wissen wohl lesen, schreiben, rechnen und etwa noch Musik und Singen zu lehren, weiter hinaus aher geht die Fähigkeit nur bei äußerst und außerordentlich Wenigen. Woher sollte sie auch kommen? Ein paar Jahre Praxis bei einem eben so gebildeten Schullehrer, bei welchem der Lehramtscandidat häufig zugleich Stiefelputzer unv KindSwärter ist, und ein Lehrcurs von einem halben Jahre an einer pädagogischen Vorbereitungsschule ist die ganze Bildung, die bisher ein Schullehrer in Oesterreich empfing. Sind nun solche Leute reif für das, was sie wünschen? Kann, soll, darf man unter solchen Umständen die Schule emancipiren? Liegt eS nicht im Interesse der Schule und ihrer Repräsentanten selber, daß ihr unv ihnen die Kirche eine Mutter und Führen« sey? — Ein ergötzlicher Fall kam bezüglich dieser Angelegenheit erst kürzlich vor. Im Viertel Untcr-ManhartS- bergc hatten die Schullehrer wiederholt um Emancipirung von der Kirche und Befreiung vom Drucke der Geistlichkeit peiitionirt unv sogar die Gemeinden zur Hilfe aufgerufen. Vornehmlich hatte Lehrer R ... zu S .... sich als einen der Begeistertsten für diese Freiheit geberdei und bethätigt. Da erledigte sich der Schuldienst zu E.. bei Wien, der ziemlich einträglich ist und Hrn. R. annehmbar schien. FlugS begab er sich zum geistlichen Patrone, um sein Gesuch zu überreichen, und um Berücksichtigung desselben zu bitten, was im Falle der Möglichkeit der geistliche Patron auch versprach. Die Gemeinde zu E. aber, die den Hrn. R. als einen unge- berdigen Schreier und schlechten Pflichterfüller kannte, protestirte beim geistlichen Patrone gegen Hrn. R. und der Patron machte ihm sonach dieses zu wissen. Da wurde aber von Seiten des Hrn. R. auf daS Kräftigste remonstrirt, daß die Gemeinden in Schulangelegenheitcn nichts darein zu reden haben, daß ja die Geistlichen die Leiter der Schulen seyen. „Ja, Hr. R-," entgegnete ihm der Patron, „früher konnten wir für den einen oder andern würdigen Lehrer recht leicht etwas thun; nun aber sind von den Herren Lehrern selber die Gemeinden aufgerufen worden, und haben nun diese gegen den einen oder andern der Herrn Lehrer eine Einwendung zu machen, so liegt eS nicht mehr in unserer Macht, sie zu umgehen." Und der Hr. R. mußte unverrichteter Sache abziehen. (Rh. V. H.) PiuSvereine. Frankfurt, im April. Hofrath vr. Büß hat hier eine neue Zeitschrift für die katholischeil Vereine gegründet, „der katholische Ver- einSbote für daS deutsche Reich." Dieses Blatt soll enthalten: 1. Die Besprechung der Aufgaben der katholischen Vereine Deutschlands, sowohl der bleibenden, als der nach den Wendungen der Zeit wechselnden, der allgemeinen und der örtlichen; 2. Kunde von den Leistungen deS Gesammt- vereinö und der einzelnen Landes- und OrtSvereine; 3. Nachrichten über die Verbreitung der katholischen Vereine; 4. Mittheilungen über die Leistungen der katholischen Vereine in andern europäischen Staaten; 5. Anträge auf Aenderungen der Satzungen; 6. Warnungen über unzulässige Strebungen katholischer Vereine; 7. Aufruf zu öffentlichen Kundgebungen und Handlungen der Vereine; 8. Aufforderungen zur Uebung christlicher Mildthätigkeit für leidende Glaubenöbrüder; und wird wöchentlich zweimal erscheinen. (Mimst. SonntagSbl.) Verantwortlicher Redacteur; L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Preis in Augsburg für sich allein (ohne A. Posizeitung)jährlich L fl. I S kr. Dur» die Post kann dieses Wochenblatt nur von Abonnenten der Postzeitung bezogen werden, und erhöht sich der Preis nach Verhältniß der Entfernung. Sonntags - Peiblatt zur Augsbrrrger Postzeitung. Für sich allein, ohne die AugSburger Post- zeitung, find diese Blätter nur im Wege de« Buchhandel« zu beziehen und kosten in ganz Deutschland, den Schweiz u. s. w. jährlich nur L fl. S«kr. oder I Thlr Neunter Jahrgang. IV? 22. L. Juni L84S. Ueber die zeitliche Herrschaft -es Papstes. Von I. Czerrn ak. I. Frechheit, Unwissenheit und Gedankenlosigkeit machen sich bereits seit geraumer Zeit auf daS Glänzendste breit in Bekämpfung der weltlichen Oberhoheit deS Papstes. Selbst sonst aufrichtige Katholiken betrüben sich darüber, ohne weiter viel Aergerniß zu nehmen an den verschrobensten, gang und gäbe gewordenen Aeußerungen. Andererseits gibt eS wieder Leute, die alles, waS geschehen ist, vorausgesehen haben wollen, und sich sofort über nichts, waS eben geschieht, wundern; diese nun meinen, daß daS Unglück und die gegenwärtige Erniedrigung deS päpstlichen Stuhles nur der Vordergrund einer herrlichen Perspektive sey, „in welcher die socialen Umwandlungen Eurcpa'S, ja der ganzen Welt sich entwickeln dürften," und wenn auch diese Neuerungen scheinbar der Kirche Gefahr drohen, so wissen sie doch, oder glauben sie vielmehr zu wissen, daß dieser Fortschritt (!) unfehlbar zur Ehre GotteS und zum Heile aller Seelen führen werde. Die verhängnißvolle Verwirrung der Geister erstreckt sich also auf obigen Punct, der uns zur Vorlage dient. Wie Sturmwinde die Wipfel der Bäume hin- und herschütteln und endlich knicken, so erschüttern Revolutionen den Geist deö Menschen; die Stärksten vermögen oft dem heftigen. Andrängen derselben nicht Stand zu hallen, und die Folge deS gewaltigen ZusammenstoßenS ist eine seltsame Verwirrung aller Begriffe und jeder auch auf den besten Grund gebauten Ueberzeugung. ES wird daher nicht unnütz seyn, wenn wir daS Wesen und die wahre Grundlage der weltlichen Herrschaft deS Papstes inS Gedächtniß rufen, und ungeachtet der religiösen und politischen Aufregung der Gegen wart, die Absichten der Vorsehung in der zeitlichen Oberherrlichkeit deS Papstes nach Möglichkeit zu ergründen suchen. Alle Werke Gottes tragen daS Gepräge der Größe, und zugleich der staunenswerthesten Einfachheit an sich, unv unstreitig vollführte der Sohn GotteS ein solches einfaches, und dabei doch so großes Werk, als Er einen armen Sterblichen zum obersten Haupte seiner unversehrbaren Kirche einsetzte. ES war dieß eine der wunderbarsten Darlegungen der Macht Christi, als Er zu diesem geringen Menschen, zu diesem am galiläischcn Meere aufgelesenen Sandkorn sagte: „Du bist Petrus, d. i. ein Fels, und auf diesen Fels werde ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen." Welches Eingehen in die menschlichen Bedürfnisse, welche ergreifende Vertraulichkeit liegt in diesen Worten, und zugleich welch' eine Aeußerung der göttlichen Vorsorge? Unwillkürlich erinnern wir unS hier an den AuSfpruch Fenelon'S: „DaS Wort eines aufrichtigen Menschen sagt, wie etwas ist; aber das allmächtige Wort des SohneS GotteS erfüllt, waS er sagt." Und gestehen wir es nur, dieser Mann, den Gott gesetzt, und in dem Er eine seiner größten Ideen in der Zeit verwirklicht hat, dieser Mann ist nicht bloß Gegenstand unsers Glaubens und unserer Liebe, er ist auch Gegenstand der unerschöpflichsten Bewunderung unsers Geistes. „Nie und nimmer," sagt ein neuerer katholischer Schriftsteller, „werde ich den Ein- druck vergessen, den ich empfand, als ich daS erste Mal zu Rom, unter der prunkenden Dachung von S. Maggiore den Statthalter Jesu Christi vor meinen Augen erscheinen sah! Dieser also der Papst? sagte ich mir; dieser der Nachfolger Petri, das Oberhaupt der ganzen Kirche! dieser der Mittelpunct LeS Glaubens und der katholischen Einheit! dieser die Fackel deS Lichtes und der Wahrheit, angezündet'um die Welt zu erleuchten! dieser gebrechliche Mensch die unverrückbare Grundlage deS göttlichen Bauwerkes, an dem die Mächte der Finsterniß umsonst ihre Stärke erproben! dieser der Eckstein, welcher der Stadt GotteS hier auf Erden Halt und Dauer gibt? dieses daS Haupt, aus dem die glorwüroigen Erinnerungen der Vergangenheit, alle Hoffnungen der Gegenwart und einer fortdauernden Zukunft ruhen! dieser der Fürst unter den Priestern, der Vater der Vätcr, der Erbe der Apostel, größer als Abraham durch sein Patriarchat, größer als Melchisedek in seiner Priesterwürbe, größer als MvseS in all' seiner Macht, größer als Samuel mit all' seiner Richlergewalt, — mit einem Worte, dieser der Hirt der Hirten, der Führer der Führer, der Schlüssel der katholischen Kirche! die unzerstörbare Festung der Gemeinschaft der Kinder GotteS!" Und dieses Wunder dauert nun durch mehr als 18 Jahrhunderte, ein sprechender Beweis, daß cS daS Werk einer unendlichen Macht, daS Werk GotteS sey, von Ihm zu einem ewigen Zwecke gesetzt, und bestimmt zu dauern für alle Zeiten! Fragen wir unS nun, welcher Mittel, welcher Werkzeuge sich Gott zur Vollfübrung seines Werkes und zur Erhaltung desselben auf alle Jahrhunderte hindurch bediene? Die Antwort ist kurz und bündig: Er erhält und beschützt eS und führt cS zu seinem Endzwecke, wie Er alles Uebrige von Ihm Geschaffene erhält und schützt, durch die Kraft deS Menschen, unter seinem (GotteS) mächtigen Beistand. Die Idee, daS Werk ist von Gott — das Werkzeug ist genommen von der Erde — dieß das Geheimniß der göttlichen Oekonomie. Zwei große, unmittelbar von Gott kommende Werke treten vor unser Auge, die Schöpfung und die Erlösung; beide gehen von Ihm aus, aber die Geschöpfe sind cS, durch die Er sie fortführt. In der Familie, der gesetzmäßigen und geheiligten Gemeinschaft Eines Mannes und Einer Frau. vollendet er die Schöpfung. Im christlichen Priesterthume mit seinem Oberhaupte, dem römischen Papste, alö Lehrer, Bewahrer und AuSspender der wahren Lehre, der Sittlichkeit und des evangelischen Cultus verewigt er die Lehre, das Opfer und die Wohlthaten der Erlösung. Menschen aber sind cS, und nicht überirdische Geister, die Gott mit diesem Priesterthume und mit dieser Macht bekleidet hat. Menschliche, einfache, dem Anscheine nach gemeine und natürliche Mittel sind eS, nicht aber Wunder, wodurch Er dieses sein Werk vollführt. Denn nicht immer und überall bedient sich die Vorsehung der Wunder; sondern sie hat das Gesetz gegeben, und dieses bringt die Wirkungen hervor, die eS hervorbringen soll. Wollte Gott seine Thätigkeit nicht anders äußern, als durch stete AuSnahmhandlungen von seinen eigenen Gesetzen, dann würden wir schwerlich dieses Gleichgewicht und diese schöne Ruhe in der Weltordnung bemerken, welche Augustinus „den Frieden der Werke GotteS, den Frieden der Welt" nennt. Und betrachten wir die geringfügigen, ganz gemeinen Mittel, diese intirnm, stulta, eontemptibilig, wie PauluS schreibt, und deren sich die Vorsehung bedient, so haben wir ohnedem ein immerwährendes Wunder vor Augen. In diesem Sinne ist die Kirche durch ein blutiges Wunder, daS durch drei Jahrhunderte gedauert hat, befestigt worden. Im Gegensatze zu allen menschlichen Gewohnheiten sollte sie ihr Königthum mit dem Martyrlhume beginnen. Durch drei Jahrhunderte nun, schwebend gleichsam zwischen Himmel und Erde, ohne menschliche Stütze, gekrönt mit der Tiara deS ApostolatS, der Bruderliebe und deS OpsergeisteS sandte die römische Kirche ihre ersten Päpste hin zum blutigen Bekenntnisse, und nicht Einer weigerte sich, seinem Amte und der Würde seines Stuhles dieses Zeugniß zu bringen. Nachdem aber Gott Lurch diese lange und schreckliche Erfahrung der Welt gezeigt hat, daß seine Kirche weder Furcht kenne, noch menschliche Stütze bedarf, führte er diese auf einen andern Weg, und wollte, daß sie aus seinen Händen die Herrschaft empfange, und zwar eine irdische Oberherrlichkeit, gleichsam als eine zeitliche Bürgschaft ihrer äußern Sicherheit mitten in den Stürmen der Erde. Er wollte, daß dieses menschliche Mittel zur ! Vollendung und Verewigung seines göttlichen Werkes diene, und zwar .nicht erst seil der Zeit Karls deS Großen, sondern gewissermassen schon seit !Constantin. Unstreitig bedürfen wir als Schüler des Evangeliums und ><-- >. ,H- 86 Kinder der Kirche keineswegs diese zeitliche Feststellung des päpstlichen! stehe, gehört hätten. Sogleich packte ich mein Reisegeräth zusammen, und Stuhles, um an die römisch katholisch apostolische Kirche zu glauben. Und setzte mich auf den mitgebrachten Schlitten, mit dem kaS kanadische Pferdwenn die Römer, dieses Volk, von den Aposteln Peler und Paul so sehrlchen schnell wie ein Vogel dahinflog. Allein plötzlich erhob sich ein furcht- geliebt, in ihrer gegenwärtigen Anarchie auch von, Glauben abfallen wür-! barer Sturmwind und ein Schneegestöber, das die Bahn ganz unsichtbar den waS Gott verhüte, so würde dennoch der Nachfolger Petrt, obgleich i machke. Unter donnerndem Krachen stürzten reck'tS und links riesenanige Bischof von Rom, i» psrtilms iulilleliuin das Oberhaupt der ganzen Kirche! Bäume nieder. Noch gräßlicher als selbst der Wind heulte aber ein Mann, bleiben, lind mag er die Meere durchschiffen, und, daS Evangelium in! dem wir begegneten, und dem so eben ein entwurzelter Baum daS Paar der einen Hand, die kirchliche Konstitution in der andern, in einer Statt Ochsen erschlagen hatte, das an seinem Schlitten gespannt war. Nicht oder einer Wüste der andern Hemisphäre sich niederlassen: mit Ihm wird ohne Schauer sahen wir mit eigenen Augen das gräuliche Speklakel, und Lie Kirche wandern, landen, und sich niederlassen, und wir werden nicht setzten, nachdem wir diese Barrikade glücklich passirt, unsere Reise trotz der aufhören, mit dem heiligen AmbrosiuS zu rufen: Ubi Petrus il>i eoclesis. auch uns drohenden gleichen Gefahr fort „Weil ich Sie, Pater, zu füh- Wie die Sonne, unbeweglich am Firmamente befestigt — so kann auch dieser Mann seine» Platz auf der Erde zu wechseln scheinen; aber unerschütterlich auf seiner göttlichen Grundlage, wird er immer die ganze Erde überstrahlen, die Augen der ganzen sittlichen Welt weLdin auf ihn gerichtet seyn, und er wird mit dcnu^ nantastbarsten Rechte sagen können: „Rom ist nicht mehr in Rom, eS ^Wdort, wo ich bin!" Sehen wir nun, was Europa, was Italien, waS Rom seyn würde ohne ihn. ES sind dieß Fragen, deren Wichtigkeit fast durchaus verkannt wird, und über deren religiöses und sociales JnterGss man mit dem stoi- schestcn Glcichmuthe hinauszusehen pflegt. Fürwahr, oft muß man erschrecken über daS, waS man da sagen hört; zwar ist eS nicht die römisch- ren habe," sagte mein Führer, „fürchte ich nicht daS Geringste. Gott ist gut und hält die Bäume, und wenn sie auch fallen, so fallen sie gewiß nicht auf unS." Und wirklich so geschah eS auch, obwohl ich am Rückwege auf einer Strecke von kaum 30 Schritten 12 der stärksten Bäume zählte, die der Orkan niedergestürzt hatte. Aber nun gingen wir einer neuen Gefahr entgegen. ES war schon später Abend, als ich im Schnee eine Menge Spuren von Fußtritten wilder Thiere bemerkte. Auf meine Frage, waS dieses zu bedeuten habe, entdeckte mir mein Fuhrmann nicht ohne sichtliche Angst, daß vor einigen Tagen sich in dieser Gegend ein Rudel von nahe an 200 Wölfen gezeigt habe. Zwei dieser hungrigen Bestien hätten erst unlängst eine Frau zerrissen, die ihrer Nachbarin einen katholische Kirche, für die wir erschrecken; die römisch katholische Kirche ist ^ Besuch gemacht. Der Mann, der ihr entgegen ging, traf die Wölfe noch ja alt geworden in Kämpfen; nichts verletzt sie; Verfolgungen, Verrath,! bei ihrem Raub; doch eS war schon zu spät. Ein andermal ging eine Drohungen und Neuerungen, alles um sie herum sinkt in den Staub, und ! Mutter mit ihren 2 kleinen Knaben aus. Da stürzte ein Bär daher, und »„erschüttert blickt sie herab auf die Wogen, die an ihrem Fuße sich brechen,! packte einen derselben. Zum Glücke hatte die Mutter eine Art bei sich, und auch dieser neue Kampf wird für sie nur eine Glorie mehr seyn. und schlug so wacker auf die Bestie, daß sie dieselbe erlegte. Mit solchen Aber wir erschrecken um der Seelen willen, die verloren gehen, um der Blindheit der Geisternder Selbstsucht, der Vorspiegelungen, und des Dünkels gewisser Leute wegen, die kein größeres Vergnügen kennen, asS die eben nicht kurzweiligen Geschichtchen unterhielt mich mein Führer noch länger. Doch uns begegnete weder Bär noch Wolf, und so langten wir glücklich bei dem Ziele unserer Reise, einer kleinen niedern Hütte an, die zeitliche Macht deS Papstes vernichtet zu sehen. Sie geben sich alle Mühe, statt deS Daches bloß mit einigen darüber gelegten Brettern gedeckt war. wie wir Anfangs sagten, in dieser Vernichtung eine Verjüngung der Kirche,! Mein Erscheinen erweckte unter den Leuten, welche diese Hütte bewohnten, einen Fortschritt in derselben zu sehen. Einen Kult, der an den nöthigsten! eine Freude, als wenn der Himmel sich auf die Erde niedergelassen hätte. Bedürfnissen Mangel leidet, Gefäße von GlaS und Holz, die Priester al^ Schnell wurde der Tisch gedeckt, und als die Speisen aufgetragen waren, Bettler, den Statthalter Christi als einen Mann, der nicht weiß, wohin hieß eS: „Jetzt machen Sie sich glücklich!" Dieß ist die gewöhnliche For- er sein Haupt legen soll, und in die alte Nacht der Katakomben zurück zukehren genöthigt ist — daS sind Dinge, die ihnen vor allen andern Herr lich scheinen, und die das Herz dieser erhabenen Forlschrittsmänner vor Freude zittern machen. Wir aber sind so frei, mit Hintansetzung dieser mei, guten Appetit zu wünschen. Und ich fand mich wirklich auch recht glücklich bei meiner frugalen Mahlzeit, da wir während der ganzen Reise nirgends einkehren konnten, um unsern Hunger zu stillen. Die Nacht war grimmig kalt, und da die vier Wände der Wohnung nur aus dicken über- Erhabenheit einer weit gemeinern Ansicht zu seyn; wenn wir auch freudig! einandergelegten Bäumen bestunden, zwischen welchen man inS Freie hin- bekennen, daß ein Kreuz von Holz die Welt erlöSt hat, und immer fort aussehen, und der Wind hereinsausen konnte, stand ich schlotternd vor erlösen wird, so glauben wir doch, daß eS der Kirche nicht zukommen kann, Kälte von meinem Lager auf, unv lief, in meinen Mantel gehüllt, außer sich 15 Jahrhunderte zurück zu versetzen, und gleichsam von vorne wieder der Hütte eine ziemliche Strecke auf und ab, um mich einigermaaßen zu anzufangen, sondern daß sie vielmehr den Weg zu gehen, und zu verfolgen erwärmen. Am Morgen dann ging daS MissionSgeschäfl an. Ich hörte hat, auf den Gott sie gewiesen, unv daß sie ihren, ihr von der Vorsehung geschenkten, zeitlichen Besitz zu erhalten trachten muß, um ihren geistigen Besitz zu vollenden. Wir glauben, daß eS in Rücksicht auf die Werke GotteS von unS weiser gethan ist, die Absichten, die er dabei haben konnte, zu erforschen, und in Demuth unS darnach zu richten, als unsere Hirn- gespinnste, so glänzend sie auch aussehen mögen, ihm als eine Norm vorschreiben, und seine Weisheit nach unserer Einsicht modeln zu wollen. Dieß gilt besonders da, wo eS sich um die Interessen der Kirche handelt, weil nirgends romantische Blendwerke von größerer Gefahr seyn können, in aller Kälte dasitzend Beicht bis nach 12 Uhr, las dann Messe, und theilte die heilige Kommunion aus. Abends war Religionsunterricht. Die drei folgenden Tage war eS eben -so. Gegen 30 Personen hatten auS Mangel eines Priesters 7 bis 10 Jahre nicht mehr gebeichtet. Nebst einem alten 60jährigen Manne unv einem 17jährigen Jüngling taufte ich auch mehrere Kinder von 2 bis 3 Jahren. Der letzten Predigt am Sonntag wohnten so viele Menschen bei, daß ein großer Theil außerhalb deS Hauses herumstehend sie anhören mußte. Wie dringend baten mich alle, in zwei Monaten wieder zu kommen! Als ich nach eingenommenem Mittag- alS eben hier, und wir glauben fest, daß in der ausgesprochenen Absicht mahl meinen Altar-Apparat zusammenpackte, stürzte ein Haufe wilder In GotteS die Gewissensfreiheit der katholischen Wahrheit vorsorglich mit der dianer mit so gräßlichem Geschrei in die Hütte herein, daß ich im ersten Freiheit und zeitlichen Unabhängigkeit des heiligen Stuhles vereinigt bei- Augenblicke glaubte, nun habe mein letztes Stündlein geschlagen. Mit sammen liegen. Und eben diese letztere ist es, welche von dem republica- dem Crucifir in der erhobenen Hand trat ich unter sie, wie ein anderer Nischen Frankreich, dem protestantischen England, wie von dem katholischen Johann Kapistran einst unter die Türken. Mit gellender Stimme riefen sie Spanien in den jüngsten Tagen anerkannt und proclamirt wurde. Der mir in ihrer Sprache einige Worte zu, die mir einer auS ihnen, der eng- schiSmatische Selbstherrscher aller Neusten huldigte dieser Wahrheit in der lisch verstand, dolmetschte. Sie riefen, sagte er, „Schwarzrock! Schwarz- Person Gregors deS Sechzehnten, und selbst die Pforte schickt heut zu Tage rock! ein Priester deS großen Geistes." Zwei derselben drückten ihre Freude Gesandte an den päpstlichen Stuhl. Was sollen wir jenen Vermessenen! über meine Gegenwart durch Zeichen auS, und ließen durch den Dolmetsch Weiter erwidern, welche die von der Vorsehung durch heilige Rechte an mir sagen, sie seyen Katholiken (alle übrigen waren Methodisten) und den Papst übertragene, und durch die Huldigungen fast der ganzen Erde hätten zu Hause auch zwei Schwarzröcke, ob ich sie kenne? ES sind ohne anerkannte zeitliche Oberherrlichkeit deS römischen Stuhles anzutasten wagen? Zweifel unsere Patres auf der großen Manitoulin-Insel am Huron-See. (W. K. Z.) Mission Sbericht. New-Germany (in Kanada), 26. März 1849. Eines Morgens saß ich eben am warmen Ofen, als ein mir unbekannter Mann eintrat, und mich bat, ihm in ein 28 (englische) Meilen entferntes, von 300 irländischen Katholiken bewohntes Township (DistrictS Region) zu folgen, die glücklicher Weise von meiner Ankunft, und daß ich englisch ver- AUe diese Indianer, bet 40 an der Zahl, trugen weißwollene Kozen, die bis an die Knie reichten, hölzerne Sandalien, und um die Mitte deS Leibes einen farbigen Gürtel. Sie verlangten nur Brod und PoiotoeS (Getränk), waS ihnen auch willig gereicht wurde. Am Rückwege mußte ich bei einer in Mitte deS Waldes auf halbem Wege von meinem Wohnsitze gelegenen Hütte vorüber, bei der eS mich schon am Hinwege wie mit Gewalt hineinzuziehen geschienen hatte. Auch dießmal fuhr ich vorüber, um daS Pferd nicht in der Kälte dastehen zu lassen. Doch eS befiel mich plötzlich eine mir unerklärbare Unruhe; ich wurde ganz blaß, und verlangte 87 auSzusteigen. Geraden Weges der Hütte zugehend näherte ich mich dem Feuerherde unter dem Vorwande, mich ein wenig wärmen zu wollen, weil ich vor Kälte ganz erstarrt wäre. „Das ist gewiß ein römisch katholischer Priester" flüsterten sich zwei die Köpfe zusammensteckende Personen zu. Als ich eS bejahte, richtete sich in einem unfern davon stehenden Kette «in dritter Kopf eines alten Mannes in die Höhe. ES war ein dem Tode naher Kranker. Er konnte kaum mehr reden, weinte aber die hellen Thränen, als ich zu ihm hintrat. Er habe schon lange zu Gott geseufzt, sagte er, und eg bereut, in dieß Land gekommen zu seyn, wo es so wenige Priester gebe. Ich hörte seine Beicht an, ertheilte ihm die heil. Kommunion (wir nehmen gewöhnlich einige consecrirte Hostien auf unsere MissionS- reisen mit) und die letzte Oelung. Am andern Tag war er, wie ich nachher erfuhr, bereits gestorben. Wie wunderbar ist der Herr in den Wegen seiner Vorsehung! Einen ähnlichen noch auffallenderen Vorfall hatte ich schon früher einmal gehabt. ' Endlich heimgekehrt ruht man von allen Strapazen aus, und zieht nach ein paar Tagen auf ein neues zu Feld. An Arbeit fehlt eS hier nicht. Deutsche Katholiken, in Gemeinden gesammelt, gibt eS bloß im brittischen Oberkanada, und diese sind unserer Obsorge übergeben. Ganz aus Deutschen bestehend sind nur zwei derselben, wovon jede beiläufig 1000 Seelen zählt. Dann gibt es aber noch drei andere mit Jilänvern und Franzosen gemischte. In Allem mögen bei -1000 deutsche Katholiken sich hier befinden, mit 5 Kirchen und andern Missionsplätzen, wo man auS Mangel an Capellen in elenden Hütten den Gottesdienst hält. Eine der schönsten Kirchen werben wir hier in New-Germany bekommen, die selbst in Innsbruck sich gut auSnehmen würde. Sie ist ganz von Steinen gebaut (was hier eine Seltenheit ist), hat 8 große Fenster, einen geräumigen Chor und hübschen Thurm, der nach amerikanischer Bauart, durch die Emporkirche aufsteigend, 75 Fuß sich erhebt. An Geld haben wir hiezu nicht mehr als 900 Thaler verwendet, während sie anderswo auf 3000 Thaler zu stehen gekommen wäre. Allein Holz und Steine lieferten die Leute umsonst, und alles, alt und jung, sogar Weiber und Kinder waren thätig beim Baue. Die 900 Thaler wurden bloß durch freiwillige Beiträge in einem Jahre zusammengebracht. Sie hat zwar noch keinen Fußboden, und die Mauern sind von innen und außen nicht verputzt; indessen wird schon seit dem ersten Adventsonntage regelmäßig darin Gottesdienst gehalten, und ich sah schon Leute, die 9 und 10 Stunden weit entfernt zu demselben herbeikamen. Von dieser Kirche und ihrem Patron, dem heiligen Bonifacius, hoffen wir Heil und Segen für alle deutschen Katholiken in Kanada, daß recht viele verirrte und verwahrloste Kinder unserer heil. Kirche hieher pilgern mögen, und ausgesöhnt mit der allerbesten Mutter in treuer Liede bei ihr verharren. Unterdessen flehen wir zum Herrn mit den Worten des 79. Psalmes: „Gott der Heerschaaren, wende dich zu unS: schau vom Himmel und steh, und suche diesen Weinberg heim, den deine Rechte gepflanzt hat, und baue ihn aus!" In unserer zweiten Residenz, in Wilmot, 9 Stunden von hier, wo zwei ParreS von unS mit einem Bruder sind, hatten wir unlängst eine schöne Feierlichkeit — eine Glockenweihe! Die Glocken, die zusammen 130 Tbaler kosteten, und wovon die eine 3, die andere 2 Zentner wiegt, wurden noch an demselben Sonntage aufgezogen und geläutet. O! wie viele weinten vor Freude, daß sie das Glück erlebt, wieder einmal festlichen Glocken- klang zu hören! Unsere Wirksamkeit ist aber nicht auf diese zwei Orte beschränkt. DaS Land ist in Districte oder TownshipS getheilt. Vier solche Town- syips mit den angränzenden Orten, wo kein Priester hinkommt, sind unS zur Besorgung übergeben. Jenes, wo ich bin, hat 8000 Bewohner, wovon beiläufig 1500 Katholiken sind. In den zwei angränzenden Town- stzipS, wohin ich alle 6 oder 8 Wochen fahre, ist bis jetzt weder Capelle noch Schule. Ich möchte gern beides bauen. ES ist aber hier kein Geld, ja in manchen Häusern kein Kreuzer zu finden. Alles geschieht hier auf Credit und gegen Umtausch anderer Artikel. Die meisten Einwohner sind blutarme Jrländer. Indessen sind die- Priester bei ihnen gut versorgt und in großer Verehrung. In allen Schulen wird, deutsch und englisch gelehrt. Hier in New-Germany sind 120 und oft mehr Kinder in der Schule. In einem Jahre lernen sie lesen, schreiben, rechnen, etwas Geographie und Geschichte, deutsch und englisch. Sind sie einmal zur österlichen Commu- rtion gegangen, besuchen sie die Schule nicht mehr; denn sie sind zu Hause unentbehrlich, und man hätte auch nicht Platz für sie. Wir haben unser Häuschen hier nun recht wohnlich eingerichtet, und für unsern Lebensunterhalt ist vollkommen gesorgt. Die Leute bringen unS alle Viktualien in reichlicher Menge. MelasseS (das die Stelle dcS HonigS vertritt und auS den Zuckeibäumen bereitet wird) ist im Ueberfluß vorhanden, und steht dreimal deS TageS in allen Haushaltungen auf dem Tische. Butter und Milch ist hier viel süßer und bester als in Europa; Hühner, wilde und zahme Tauben, Fische und Schwciuflcisch gibt eS genug. Beinahe alle 20 Schritte sprudelt aus lebendiger Quelle srischeS und gesundes Wasser empor. Es ist unser Neudeuischlanv der gesundeste Ort in Oberkanada. Von 1000 Seele» starb, so lauge ich hier bin — über ein halbes Jahr — ein einziger 80jähriger Mann. Sogar eine Zeitung fehlt hie und da nickt; doch für die Zeitung fehlt die Zeit. Am Ostersonntag werde ich in einem kleinen Städtchen 12 Meilen von hier englisch und deutsch predigen, und dann in einem andern nicht weit davon gelegenen Städtchen französisch und englisch. — Diesen Winter fuhr ich zweimal nach Hamilton, und einmal nach Toronto. DaS sind schöne und große Städte. Ich beneide sie aber um ihre stattlichen Häuser nicht. Anfangs ersckrack ich zwar über unser ärmliches und winziges Blockhäuschen, in welchem Kücke und Refektorium ganz identisch und unter der Erde angebracht ist. Nachdem ich aber öfter in den elenden Hütten der Jrländer, auf schlechtem Lager, aller Kälte des kanadischen Winters preisgegeben zugebracht hatte, finde ich, daß unser Wohnhaus ein wahrer Palast ist, worin sich'S recht gemüthlich wohnen läßt, während das Feuer den ganzen Tag und bis in die späte Nacht im kleinen eisernen Ofen brennt. „I,,8i guickum ogenteg, multos gutem UoeupIolantoZ." DaS tröstet und versüßt die Arbeit! Ich erhalte so eben zwei Briefe vom Generalvicar zu Toronto, worin er mich dringend bittet, i» eine 100 Meilen von hier befindliche Misston zu gehen. Sie hat einen Umkreis wie ein paar Kreise von Tirol, und ich hätte nur von einem Ort zum andern herum zu reiten, um die österlichen Beichten aufzunehmen. Allein ich kann unsere deutsche Mission nicht auf so lange Zeit aufgeben. — Einer unserer Väler, P. Lacking, Superior in New-Uork, erhielt vor Kurzem ein päpstliches Breve, worin er von Sr. Heiligkeit zum Bischof von Toronto ernannt wird. Ob er eS annimmt, weiß ich noch nicht. Der Erzbischof von Baltimore hat den heiligen Vater eingeladen dem römisch katholischen Concil im Mai d. I. beizuwohnen, und die ganze katholische Bevölkerung der vereinigten Staaten (anderthalb Millionen) und Protestanten von allen Benennungen freuen sich schon dem gefeierten Papst PiuS IX. einen herzlichen Willkomm entgegen zu rufen. Doch, er »st ja noch in Europa? Eines unserer Blätter sagt: „Wir dürfen behaupten, daß in der ganzen christlichen Welt hier allein der Papst sich vollkommener geistlicher und kirchlicher Freiheit erfreuen könnte." Wir empfehlen unsere ganze Mission in da« heilige Gebet! P. Iohann Holzer 8. 1. (K. Bl. a. T.) DaS christliche Verein-wesen in Botzen. *) Der WohlthätigkeitSsinn und praktische Verstand der Botzcner haben sich, wie zu allen Zeiten, so auch unter den Wirren und gewaltigen Anforderungen der Gegenwart glänzend bewährt. Davon gibt, neben so vielen nützlichen Anstalten aus der Vorzeit, das glänzende Resultat* der von Herrn I)r. Gaffer veranstalteten Sammlung zur Errichtung eines ObergymnasiumS Zeugniß. Davon geben namentlich auch Zeugniß die von dem geistlichen Hrn. Kukstatscher errichteten Mädchenschulen, nämlich die Näh- und Strickschule und die unter Mitwirkung edler Damen und Bürgerinnen jüngst i»S Leben getretene blühende Kleinkinderbewahranstalt. Unermeßlich ist der Segen, den diese Anstalten bereits gestiftet haben. Nicht nur sind eine Menge Töchter armer Eltern dem Beitel und den damit verbundenen Lastern entrissen und zu braven und geschickten Dienstboten und Hausfrauen herangebildet worden, sondern auch auf manche Eltern dieser sonst verwahrlosten Geschöpfe hat deren Erfolg heilsam zurückgewirkt. Sie haben sich an dem Beispiele ihrer Kinder erbaut und gebessert. Wetteifernd mit den edlen Frauen sind nun auch die Männer zusammengetreten, ihrer 250 an der Zahl, um den armen Knaben eine ähnliche Sorgfalt zuzuwenden. Diese Knaben werden durch den Verein mit Kleidung, Speise und den Schulbedürfnisien versehen, zum Schulbesuche angehalten, bei braven Bürgern und Bauern als Lehrlinge untergebracht und in der Lehre überwacht. Diese Nacheiferung der Männer hat nun den Eifer der Frauen zu neuen Fortschritten entflammt und in ihnen den äußerst heilsamen, vortrefflichen Gedanken angeregt, einen eigenen Verein zu Gunsten der erwachsenen, auS der Schule und auS der Pflege deS ersten Vereines auStretenden armen Mädchen zu stiften. An diesen ist unendlich viel Gutes zu thun. Im gefährlichsten Alter treten sie, der Aussicht und Leitung gewohnt, in das gesellige Leben über, wo tausenderlei Gefahren und Lockungen ihrer harren. Sie dagegen in Schutz zu nehmen, bei braven Hausfrauen in Dienste zu bringen, in allen nützlichen Kenntnissen und Fähigkeiten weiter zu bilden und ihnen in ihrem moralischen Wandel die *) Aus dem Tiroler Wochenblatt. Stütze eines veredelnden Umganges und der erhebenden Aufsicht aus anständige Versorgung oder Unterkunft für alle Zukunft zu gewähren, ist der Zweck dieses neuen, eben im Entstehen begriffenen VercineS. Wir wünschen ihm alles mögliche Gedeihen, Ermunterung und Unterstützung von Seite der geistlichen und weltlichen Behörden. „Den Armen wird die frohe Botschaft verkündet," sprach unser Herr zu den Jüngern des Johannes, als diese ihn fragte», ob er der verheißene MesfiaS fty. Die Erfüllung dieses göitlichen Wortes bleibt fort und fort die eindringlichste Predigt deS wahren Glaubens und die sicherste Schutzwaffe gegen die Gefahren deS CommuniSmuS und jeder Revolution. Hätte man dieß nicht so sehr vergessen, wir stünden heute nicht da, wo wir stehen. Kölner Dombaufest. Köln, 22. Mai. Allgemeines Festgeläute verkündete gestern Abend der Stadt die heutige Jahresfeier der Stiftung deS Eentral-DombauvereinS, dessen Wirken für das große, heilige Werk deutschen FrommstnnS und deutscher Kunst sein achtes Jahr beginnt. Wolle Gott, es sey ein segensreiches des Vaterlandes, wie dem Werke selbst, in dem wir daS hohe Symbol der Einigkeit deS deutschen Vaterlandes seiner Vollendung entgegenführen! Mit feierlichen Klängen begrüßten diesen Morgen früh die Glocken aller Kirchen den Festtag. Uni acht Uhr riefen die Domglocken die Freunde und Förderer des ewigen BaueS in seine Hallen, um des Himmels Segen für dessen Fortgang zu erflehen. Der Vorstand deS Central-DombauvereinS, die übrigen Vereine mit ihren Bannern und viele Mitglieder deS allgemei nen Dombau VereinS wohnten dem Hochamte bei, bei welchem auch der Herr Erzbischof zugegen war. Nach dem Schlüsse deS Gottesdienstes ordnete sich der Festzug, welchen ein Musik-CorpS und alle Werkleute der Dombau-Hülte mit den Jnsignicn ihrer Gewerke eröffneten. Dann folgte daS VereinS Banner, an welches sich der Central Vorstand, die auSwär- tigcn Depulirten, ein auS hiesigen Gesang-Vereinen gebildetes Sänger- Chor, die Mitglieder deS Central-BereineS und die übrigen Vereine anschlössen, begleitet von verschiedenen Bannern und Fahnen. Der Zug bewegte sich die Hochstraße entlang, Oben MarSpforten herunter, nach dem Gürzenich-Saale. Als sich hier die Theilnehnicr geordnet, der Vorstand auf der westlichen Estrade Platz genommen, wurde die Feier mit dem Liede: „Laßt Gesanges Jubel", eröffnet. Hierauf hielt der Präsident des Vereines, Hr. Justizrath Esser II., eine Ansprache an die Versammlung, mit herzlicher Wärme die heilige Wichtigkeit deö Werkes, dem unser Streben gilt, hervorhebend. Der VercinS-Secretär, Hr. Pfarrverwalter Thift sen, erstattete dann den Jahresbericht, und der Dombaumeister, Hr. Regierung-- und Baurath Zwirner, einen ausführlichen Baubericht, worauf zu der Wahl von den zehn nach dem Statut ausgeschiedenen Mitgliedern deS Vorstandes geschritten wurde. Ein großes Vocal- und Jnstrumental- Cyncert, unter der Leitung der königl. Musik-Directoren H. Dorn und F. Weber, an dem sich alle unsere musicalischen Kräfte mit der größten Bereitwilligkeit betheiligt, wird die Feier des TageS schließen. Sey er dem Werke ein segensreicher, an daS sich für daS gesammte deutsche Vaterland so ernste Hoffnungen und Wünsche knüpfen! (Köln. Ztg.) Jerusalem. AuS Konstantinopel schreibt ein Correspondent deS „Univers" unterm 25. April, daß die Lage der Katholiken in Jerusalem nichts weniger als beneidenSwerlh sey, daß sie viel von der Unduldsamkeit und dem Scctenhaß der Griechen zu leiden haben, und daß dem zufolge der leiten! nische Patriarch mit dem Gedanken umgehe, seinen Sitz zu verlegen, um! wenigstens den täglichen Neckereien deS schismatischen Patriarchen, gegen die er weder bei dem Pascha noch bei dem französischen Consul hinreichenden kräftigen Schutz finden könne, auszuweichen. Der englisch-preußische Protestantismus daselbst hat.diese Angriffe nicht auszuhalten; dessen ungeachtet will cö mit ihm nicht recht voran: die Armenier haben ihre Neu- giede befriedigt und kümmern sich nicht mehr um die neue Lehre und deren Verkünder. Einen Übeln Streich hat diesen und ihrer Sache, welche sie vertreten, ein Mitglied der englisch preußisch-evangelischen Mission gespielt durch Unterschlagung einer sehr bedeutenden Summe Geldes, welche für die Kirche, für daS Hospital und die Schule bestimmt war. Der Schuldige ist vor Gericht gezogen, und hat dieser Vorfall die herzliche Eintracht zwischen dem preußischen und englischen Consul bedeutend abgekühlt. In Konstantinopel dagegen haben die Katholiken den Verein des heil. Vincenz von Paul gegründet, welchem von Tag zu Tag mehr Mitglieder und Wohlthäter beitreten, so daß dessen Wirksamkeit in Linderung des leiblichen und geistigen Elendes der Armen jetzt schon die herrlichsten Früchte bringt. PiuSvereine. Trier, 14. Mai. Ich beeile mich, Ihnen die erfreuliche Mittheilung zu machen, daß der hiesige PiuSverein, in Verbindung mit dem hier bestehenden Handwerkerverein, eine Handwerker-Bild ungöan st alt gegründet, deren Protectorat der Hochwürdigste Herr mit Freuden übernommen hat, da diese Anstalt, als eine katholische, unS einen tüchtigen Handwerkerstand heranzubilden verspricht. Auch ist der Verein des heiligen Vincenz von Paulo gegründet worden und hat, so viel man bis jetzt noch sagen kann, einen ziemlich günstigen Fortgang. Derselbe beabsichtiget, wie ich höre, eine Vereinigung zu bewerkstelligen mit dem schon längere Zeit hier bestehenden Elisabeihen-Vereine und wird sich wohl in dieser Angelegenheit an den Mainzer Vorstand wenden, um von dort Näheres zu erfahren, was ihm vielleicht als Richtschnur bei seinem Vorhaben dienen könnte. (Katholik.) * » Augsburg, 24. Mai. In der gestrigen Versammlung deS hiesigen PiuS-Vereines erstatteten die HH. Schönchen und Dr. ZinSler Bericht über die allgemeine Versammlung deS katholischen VereinS Deutschlands, welche am 9., 10. und 11. d. MtS. in Breslau abgehalten worden ist. Beide Herrn sprachen wiederholt auS, daß diese Versammlung einen unbeschreiblich tiefen Eindruck auf sie gemacht habe. Unter nicht günstigen Aussichten seyen die Abgeordneten in BreSlau angekommen. Die Einen über Leipzig und DreSden reisend hätten müssen Zeugen seyn von gewaltsamer Auflehnung gegen Gesetz und Ordnung, von Rebellion, Barricaden u. s. w.; die Andern, durch die katholischen Länder Bayern und Oesterreich ziehend, um sich an dem katholischen Leben dieser deutschen Bruder zu erbauen, hätten gefunden, daß ein sehr großer Theil katholischer Christen eben nur so lange katholisch zu seyn scheine, als er sich in der Kirche befinde und im Gebetbuche blättere. Traurige Erscheinungen! Dazu kam dann noch der Belagerungszustand in Breslau. der eS zweifelhaft erscheinen ließ, ob die Versammlung überhaupt in Breslau öffentlich stattfinden könne. Dieß, so wie manches Andere sey nicht geeignet gewesen, sie in freudige Stimmung zu versetzen. Ueberreichen Ersatz dafür aber boten die Verhandlungen selbst. Da seyen Alle nur von einem Geiste beseelt, Alle von einem Gedanken durchdrungen gewesen, und jeder habe denselben in der ihm eigenthümlichen Weise möglichst kräftig und mächtig auSzusprechen gesucht und verstanden. Es wurden Berichte erstattet über die segensreiche Wirksamkeit der Vereine in den verschiedenen Gauen Deutschlands. Derselbe bestehe bereits in 30 Diöcesen (ganz Deutschland zählt mit Gnesen und Posen, Culm und Ermeland 42); in der Provinz Schlesien allein bestehen über 100 Filial-Vereine. Besonders rührend sey die Schilderung deS religiösen Eifers der Katholiken in der Mark Brandenburg und in Pommern gewesen. Diese bekommen oft Jahre lang keinen Priester zu sehen, hätten keine Kirchen, und dennoch seyen sie an Bekenntniß und That, in Leben und Sitten die treuesten Söhne der Kirche. Von den gefaßten Beschlüssen wollen wir nur zwei erwähnen. Es wurde beschlossen, daS Verhältniß der Schule zur Kirche als eine Preisfrage aufzustellen, zu deren Lösung öffentlich einzuladen mit dem Bemerken, daß die Arbeiten bis Anfangs September an den Vorort BreSlau einzusenden seyen und von einer bei der nächsten allgemeinen Versammlung zu wählenden Commission geprüft würden. Ein anderer Beschluß lautete dahin, daß auch christliche Frauen und Jungfrauen in abgesonderten Räumen, z. B. auf Galerien, als hörende — aber nicht als mitberathende und mitstimmende Mitglieder den Versammlungen beywohnen können. Zu diesem Beschlusse gab ein Vortrug deS Ver- einSabgeorcneten, Metzgermeister Falk auS Mainz Veranlassung. Derselbe hob nämlich in kräftiger Sprache hervor, wie alles Recenhallen von Kanzeln und Bühnen herab den gewünschten Erfolg nicht haben werde, wenn nicht die christlichen Frauen und Jungfrauen durch ihr Beispiel, durch ihren religiösen Sinn und Eifer in der Familie fortwährende Prediger seyen. Um sie zu diesem ihrem erhabenen Berufe zu begeistern, dürfte eS angemessen seyn, sie zum Beitritt als hörende Mitglieder cinzuladcu. Wirklich waren auch dießmal in Breölau die sehr geräumigen Galerien von Damen gedrängt besetzt. Die beiden Berichterstatter führten noch viele Einzelnheiten an, und schloffen mit der Bemerkung, daß in BreSIau ihre Glaubensfreudigkeit gehoben, ihr katholischer Muth gestärkt worden sey. (Lechbote.) Verantwortlicher Redacteur; L. Schöncheu Verlags-Inhaber: F. C. Krem er. Preis in Augsburg für sich allein (ohne A. Postzeitung)jährlich Ist. ILkr Durch die Post kann dieses Wochenblatt nur von Abonnenten der Post- zeitung bezogen werden, und erhöht fich der Preis nach Verhältniß der Entfernung. Sonntags-Peiblatt zur Augsburger Postzeitnng. Für sich allein, ohne die Augsburger Post» zeitung, find diese BlSt« ter nur Im Wege de« Buchhandels zu beziehen und kosten ia ganz Deutschland, de, Schweiz u. s. w. jährlich nur L ft. SO k,. oder I Lhlr. Neunter Jahrgang. M 23 Juni 184S. Bischof Marilley vor dem heiligen Vater. DaS „SonntagSblatt von Münster" enthält über die Reise deö Bischofs von Lausanne nach Gaöta und seinen dortigen Empfang beim heiligen Vater folgende interessante Nachrichten: Der Bischof Marilley hatte aus seiner Wanderung zum heil. Vater am 23. April den Hafen von Civitavecchia verlassen, um sich von dort nach Neapel und weiter nach dem 18 LieueS entfernten Gaöta, dem Ziele seiner Reise zu begeben. Weil in Gaöta Niemand' Ausnahme findet, der nicht gewisse Beglaubigungsschreiben vorzeigen kann, mußte er den 24. zu Neapel wegen Beisckaffung derselben zubringen, und eilte dann am folgenden Tage auf der Eisenbahn bis Capua und von da mit einem Privat- gefähr nach dem Städtchen Mola, das nur anderthalb LieueS von Gaöta selbst entfernt ist. Er suchte sich hier ein Unterkommen, weil es wegen der Menge von Fremden äußerst schwer hält zu Gaöta ein solches zu finden. Sp nahe seinem Ziele — er konnte Gaöta und den königl. Palast, der die Zufluchtsstätte deS verbannten Statthalters Christi ist, deutlich sehen — vergaß er alle seine frühern Leiden, und wurde nach der Aussage seines Begleiters in eine heitere, freudige Stimmung versetzt. Am nächsten Morgen setzte er mittelst eines Fahrzeuges über die äußerste Spitze deö Meerbusens, der Mola von Gaöta trennt, begab sich sogleich nach der Landung zu dem königlichen, nunmehr päpstlichen Palast, und ließ durch den französischen Gesandten Herrn Harcourt um Audienz bei «einer Heiligkeit bitten, die ihm auch sofort gewährt wurde. Nach der üblichen Sitte geht in solchen Fällen dem Fußkuß ein dreimaliger Kniefall vorher. Dem Bischof Marilley blieb keine Zeit dieser Sitte nachzukommen; denn als er kaum eingetreten und niedergekniet war, eilte der heilige Vater von der Estrade, wo er die Fremden empfängt, ihm entgegen, hob ihn freundlich auf, und verlangte, daß er neben ihm Platz nehme. Die Unterhaltung drehte sich natürlich zunächst um die Ereignisse, welche den Papst und Bischof von ihren Sitzen verbannt haben. Bei der Erwähnung der Bedrängnisse, die der heilige Vater ausgestanden, und der mannigfachen Leiden, die ihn auch jetzt noch umgeben, zeigte derselbe eine wahrhaft himmlische Ruhe und Heiterkeit. Verläugnung, Selbstaufopferung und Gottvertrauen ist in allen seinen Zügen ausgeprägt. Als die Maaßregeln zur Sprache kamen, welche gegenwärtig die katholischen Mächte zu seiner Wiedereinsetzung auf den Stuhl Petri ergriffen haben, konnte er seine Befürchtung nicht unterdrücken, daß Rom ehestens der Schauplatz gräßlicher Ereignisse seyn werde, und sprach bei dieser Gelegenheit ein Wort aus, welches so ganz die edle Gesinnung seines großen Herzens kund gibt. „O könnte ich doch," so sprach er, „nach Rom hinüberfliegen, um wenigstens Blutvergießen zu verhindern." Der Papst, in. gewisser Hinsicht unempfindlich gegen seine eigenen Bedrängnisse, fühlt um so lebhafter die Leiben aller Katholiken, seiner Kinder. Das zeigte sich auch in der großen Theilnahme, die er dem Bischof von Lausanne bewies. Als dieser ihm nach Erzählung seiner Kämpfe und Verfolgungen die Gründe seines Verfahrens darlegen wollte, unterbrach er ihn mit den Worten: „Nein, mein Lieber (mio csro), Sie bedürfen keiner Rechtfertigung; denn ich habe an der Reinheit Ihrer Absichten und der Gerechtigkeit Ihrer Maaßregeln niemals gezweifelt." Der Papst hatte später die Gewogenheit selbst dem Bischof eine zweite Audienz auf den folgenden Tag anzubieten, damit er alSdann, so lange er wollte, fich mit ihm unterhalten könnte. Diese Audienz, bei welcher der Papst sich gleichfalls voll Güte und Theilnahme gegen den Bischof bewies, fand am 27. April Statt, und war für den Letzten, eine neue Quelle der Tröstung und Ermuthigung. Auf den Bischof, so wie auf seinen Begleiter machte die äußere Erscheinung deö Papstes den tiefen Eindruck, von dem Alle reden, die je in seine Nähe kommen. Alle Porträrö des Papstes, schreibt ! dieser Begleiter, sind mehr oder weniger ungetreu, und geben nur den deinen oder andern seiner Züge wieder. Seine Gestalt ist, abgesehen von ihrer natürlichen Anmuth und Schönheit, der lebendige AuSdruck der Gottesfurcht, Milde, Güte und Würde, und seine Physiognomie läßt unwillkürlich auf den hohen Adel einer noch schönern Seele schließen. Am Mittag »ach der zweiten Audienz besuchte der Bischof einige Cardinälc, die in Gaöta und Umgegend einen Zufluchtsort gesucht haben. AIS er in Begleitung eines dieser Cardinäle nach Mola zu seinem Gasi- hause heimkehrte, fand er die Straßen des Städtchens, welche wie die von Gaöta sehr eng sind, mit neapolitanischen Truppe» angefüllt, die nach Rom zogen, um an der Intervention zu Gunsten deS Papstes Theil zu nehmen. Ohne daß er sich dessen versah, stand er mit einem Mal, nur um zwei Schritte entfernt, beim König und der Königin von Neapel, die von zahlreichen Soldaten umgeben waren. Der Cardinal stellte ohne Umstände den Bischof dem KönigSpaar vor; der König richtete an den Bischof einige wohlwollende Worte, und dieser wünschte dem König im Namen der Schweizer Katholiken Glück zu seinem Unternehmen für den gemeinschaftlichen Vater der Gläubigen. In diesem Augenblicke ging ein Priester mit dem heiligen Sakrament vorüber, der einem Kranke» die hl. Wegzehrung gebracht hatte. Eine fromme zu Rom herrschende Sitte verlangt, daß i,r einem solchen Falle die Cardinäle selbst den Baldachin tragen und da- heilige Sakrament bis zu der Kirche begleiten. Der Cardinal kam sofort diesem frommen Gebrauche nach. Der Priester gab dem König und der Königin beim Vorübergehen den Segen mit dem hochwürd. Gute; Beide empfingen ihn auf den Knien liegend mit einer Ehrfurcht, die nur ein lebendiger Glaube einflößen kann, begleiteten den Priester bis zur Kirche, und empfingen dort, demüihig auf dem Pflaster sich niederkniend, eine zweite Bcdiction. Das Volk aus den Straßen erbauete bei dieser Gelegenheit den deutschen Bischof durch die Beweise seines lebendigen Glaubens und seiner »«geheuchelten Frömmigkeit. Ueber die zeitliche Herrschaft deS Papste-. II. Ist unser Glaube an die Versprechungen, die Gott seiner Kirche gemacht hat, ein aufrichtiger und lebendiger, so wird er auch durch keine irdischen Ereignisse wankend gemacht werden können. Unser Vertiauen auf das Schifflein Petri wird nicht beirrt werden durch die Fluchen, die eS hin- und Herwerfen. Und wenn auch der unsichtbare Steuermann bisweilen während deö Sturmes zu schlafen scheint, fest steht der Glaube der demüthigen Waller in dem geheimnißvvllen Schiffe. Der Hinblick auf die heilige römische Kirche, diese theure und verehrungSwürdige, Jahrhunderte hindurch mit den schrecklichsten Stürmen kämpfende Mutter lehrt unS mit lauter Stimme die Macht preisen, von der sie allein ihre wahre Kraft erhält. Augenblickliche Drangsale dienen nur dazu, die göttliche Stütze, auf welche die Kirche ihre ewige Dauer gründet, um so deutlicher vor unsere Blicke hinzustellen. — Wir sagten früher, daß die Gewissensfreiheit und die Unabhängigkeit der katholischen Wahrheit in der dargelegten Absicht GotteS vorsorglich mit der Freiheit und zeitlichen Unabhängigkeit deS päpstlichen Stuhles vereinigt seyen. Sowohl die Sicherheit der Kirche, als unsere eigene fordert, daß der Papst frei und unabhängig sey. — Diese Unabhängigkeit muß eine ober herrliche seyn; der Papst muß frei seyn, und auch als solcher erscheinen, der Papst muß frei und unabhängig seyn von Innen wie nach Außen. Dieses edle Haupt, gekrönt mit der geheiligten Tiara, darf nie und nimmer sich beugen unter das Joch einer fremden Herrschaft. Der Papst ist unser Vater und König durch den Glauben und unser Gewissen; seine Freiheit ist also auch die unsere, und nie kann irgend ein Theil der großen katholischen Familie, dieser durch das Opfer am Kreuze erkauften unb durch daö Blut Christi zur glorreichen Freiheit der Kinder Gottes wieder gewonnenen Kirche zugeben, daß der erhabenste Träger des göttlichen Gesetzes, der oberste Leiter der Gewissen, der Beherrscher der Seelen unwürdig gefesselt und gefangen gehalten werde. Jedes Gewissen, jede Seele müßte darunter leiden, der Glaube, das Sittcngesetz, unsere heiligsten Interessen würden zugleich mit ihm in Bande gelegt. — Trefflich sagt Monialembert: „Die Freiheit deS Papstes ist Bedingung sine g>ia noir der katholischen Religionsfreiheit, denn wenn der Papst, unser oberster Richter, das Tribunal letzter Instanz, das lebendige Organ des katholischen GesetzeS und Glaubens nicht frei ist, wie können Wir eS seyn? Wir haben somit daS Recht von der öffentlichen Gewalt zu verlangen, daß sie unsere persönliche Freiheit in Bezug auf die Religion, zugleich mit der Freiheit dessen, der für unS die lebendige Religion ist, gewährleiste." Von diesen, Gesichtspuncte aus ist die zeitliche Oberherrlichkeit deS Papstes eine nicht bloß italische Stiftung, sondern sie ist eine europäische, «ine allgemeine, mit einem Worte eine katholische. Rom ist daö gemeinschaftliche Vaterland aller Christen; alle sind Bürger NomS, jeder Katholik ist Römer. Nnd nur dieser einzigen Ursache ist eS zuzuschreiben, daß gegenwärtig die ganze Welt über die dem Papste angethane Gewalt schmerzlich bewegt ist, und daß alle katholischen Nationen in der Tiefe ihres Herzens Verletzt sind. Damit aber die Freiheit deS Papstes eine wahre und gesicherte sey, muß sie eine ob er herrliche seyn. Der Papst kann nicht wuerthan irgend eines Monarchen seyn, er bedarf einer unabhängigen Oberherrlichkeit. Diese Wahrheit erkennen selbst jene an, welche die zeitliche Herrschaft des päpstlichen Stuhles von jeher ungünstig ansahen, und bei denen bedauernS- werthe Vorurthcile die ursprüngliche Reinheit deS Glaubens verdunkelt haben. Wie viele Geständnisse von Protestanten könnten wir hier anführen! hören wir nur Einen: „Die Stellung deS Papstes muß der Stellung jener ebenbürtig seyn, welche auf der Erde herrschen; konsequent kann also keiner das Recht haben, über ihn zn gebieten." Gewichtige Stimmen sagten, und wir können es nur wiederholen: „Die Patriarchen von Constantinopel, niedrige Spielzeuge arianischer, mono- theletischer und bilderstürmender Kaiser geben uns ein abstoßendes Bild von dem, was in Folge der Jahrhunderte auS den Päpsten, diesen unwandelbaren Säulen der Wabrheit, hätte werden können, wenn Gott nicht durch ein fortwährendes Wunder sie bewahrt, oder vielmehr aus dem Schatze seiner Weisheit und Macht nicht daS einfache und kräftige Mittel genommen hätte, die Sicherheit der Kirche durch eine unabhängige Oberherrlichkeit zu befestigen." Und wenn auch gefangen, die Wahrheit bleibt immer Wahrheit. Der heilige Johannes ChrysostomuS, der goldene Mund deS Orientö, sagt: „DaS Wort GotteS ist wie ein Sonnenstrahl, nichts kann ihn binden." Die Wahrheit wird Gebieterin bleiben im Vaiican, wie in den Mamer- tinischen Gefängnissen. Petrus ist frei auch in Fesseln, König auch in der Verbannung. Wenn ein Wunder der Kirche Noth thut, so wird Gott eS wirken; bis jetzt aber wollte er noch nicht, daß es das einzige Unterpfand deS der Kirche und den Gläubigen verheißenen FriedenS sey. Aber eS genügt nicht, daß der Papst vor seinem innern Forum frei sey; seine Freiheit muß in die Augen fallen; er muß auch als frei erscheinen, man muß wissen und glauben, daß er eS ist, es darf hierüber weder ein Zweifel, noch ein Verdacht aufkommen. Wenn er in seinem Innern! vollkommen frei wäre, und dabei doch äußerlich irgend einem Herrscher,! z. B. dem Kaiser von Oesterreich oder Rußland untergeben wäre, so könn-! tcn wir unS darüber nur betrüben, denn er würde uns nicht hinlänglich! frei erscheinen. Ein natürliches Mißtrauen würde bei Vielen, vielleicht ohne ihr Wissen, den schuldigen Gehorsam und die Achtung gegen ihn ver--! minder». Seine Handlungen, sein Wille, seine Verordnungen, fein Wort,! seine geheiligte Person müssen immer über jeden Einfluß erhaben seyn, über allen Eigennutz, über alle Leidenschaften. Diese übernatürliche, im Oberhaupte der Kirche pcrsonificirle Gewalt ist zum Wohle Aller eingesetzt/ sie darf somit nie erbärmlichen Privatintercssen oder verderblichen Leidenschaften schmeicheln, sie ist der unbeugsame Feind aller selbstsüchtigen Re/ Zungen. Ehre und Pflicht verlangen sonach von dem kirchlichen Oberhaupte, daß er weder verdächtig sey, noch eS scheine; denn Niemand auf her ganzen Erde soll jemals daS Ansehen, die Aufrichtigkeit und vollkommene Unabhängigkeit deS Papstes in Zweifel ziehen. Einem solchen Zweifel aber wären wir leicht zugänglich, wenn er unter irgend ein Joch, unter was immer für einen Druck sich beugen müßte, und wir dürften dann keine Anstrengung, kein Opfer scheuen, sein Ansehen dieser Gefahr zu entreißen; zur Bestätigung deS Gesagten berufen wir uns auf daS Beispiel und das Wort des gegenwärtigen römischen Oberhirten, auf dem die bangen Blicke der ganzen Welt ruhen, und der feierlichst gegen die ihm in Nom angethane Gewalt protestirte mit den Worten: „Einer der Hauptbeweggründe, die Uns zur Entfernung von Rom bewogen haben, ist die Nothwendigkeit der vollen Freiheit, deren Wir in der Ausübung der höchsten Gewalt deS heiligen Stuhles bedürfen, und von welcher Freiheit die katholische Welt mit Grund voraussetzen könnte, !daß sie zu Rom unter den gegenwärtigen Umständen nicht in Unsern Händen sey." Wie sich die Kirche über alle Sonderinteressen erhebt, so auch über alle nationale Eifersucht. Nach der Auflösung des römischen Reiches zerfiel die Christenheit in eine große Anzahl von einander unabhängiger Staaten; die einen waren klein und schwach, die andern groß und stark. Aber die kleinen und schwachen müssen eben so wie die großen und starken ver vollkommensten Unparteilichkeit des gemeinschaftlichen VaterS sicher seyn, unb daS Vertrauen haben, daß er nicht die einen auf Unkosten der andern begünstige. Man weiß, welches traurige Ungemach und welche schmerzliche ^ Folgen die allzugroße Abhängigkeit der Päpste zu Avignon von den fran- ^ zösischen Königen nach' sich zog. — Wir werden in einem der folgenden Blätter sehen, daß der Papst frei und unabhängig seyn muß nach Außen und von Junen, womit wir unsern Gegenstand schließen wollen. Vorher aber dürften einige Bemerkungen hier ihren Platz finden. Wir beobachten mit nicht geringem Schmerz die traurige Leichtigkeit, mit der man den Feinden deS Katholicismus, in der eiteln Hoffnung, sie zum Schweigen zu bringen, die nützlichsten und rühmlichsten Vorrechte der Kirche als Beute überläßt. Glaube man ja nicht, daß sie die Kirche mehr ach- ! ten werden, wenn wir diese vor die Welt hinstellen als ein nacktes Symbol, beraubt aller ihrer uralten Rechte. Aber diese sind ja kein Dogma, sagt man. — Freilich ist die zeitliche Oberherrlichkeit deS Papstes kein Dogma, aber ist sie nicht eine zeitliche Folge seiner geistigen Herrschaft? und wenn sie auch nicht identifieirt werden kann mit der Wahrheit des Katholicismus, ist sie deßwegen weniger innig verbunden mit der Sicherheit, der Freiheit und der Größe deS Katholicismus? Ist die Wahrheit allein Alles, und Sicherheit, Freiheit und Größe der Wahrheit, sind diese Nichts? Die Tempel, Kathedralen und Heiligthümer sind auch nicht die Religion selbst, werden wir aber darum abermals dieselben den Jconoclasten, Revolutionären und Progression preisgeben, unter dem Vorwande, daß man das heilige Opfer immerhin im Schatten der Wälder und in Felsenklüften darbringen könne? Katholiken! ist daS die Glut und der Eifer für unsern Glauben? Wir glauben, daß ^ eS nur zwei Auswege gibt, die den Papst zur allein würdigen Unabhängigkeit führen können, die Geschichte nennt sie den Vatican und die Ma- mertinischen Gefängnisse, die Glorie deS MarterthumS, oder die freie, unabhängige und oderherrliche Herrscherwürde! Eine merkwürdige Prophezeiung. Im Jahre 1838 ist bei Gelegenheit der Cölnergeschichte ein Buch erschienen unter dem Titel: „Stimme aus Berlin an die Rheinländer und Westfalen von Joöl Jacoby." Wer jetzt die Schrift durchlieSt, wird staunen über den prophetischen Geist, mit dem sie geschrieben wurde. Jacoby war damals noch Jude, im Herzen aber gewiß schon gläubiger Katholik — er ließ sich in der Folge, wie sich auS seinen Schriften deutlich ersehen läßt, in der innigsten katholischen Ueberzeugung taufen. Wenn wir den Schluß dieser „Stimme" lesen, so dünkt eS unS, als hörten wir einen der alten heiligen Seher jenes Volkes sprechen, auö dem der Verfasser abstammt. Wir lassen denselben, weil er uns beachtenswerth genug dünkt, hier wörtlich folgen: „Ein DämmrungSbild, ein ahnungsvoller Geistertraum taucht dort auf. Was webet schicksalschwer über die Nationen, was droht und naht so ungeheuer? — Europäisch Blut, wie wirst du tränken daS Gcfild, wie wirst du fließen bis an daS Meer. — Du Heller Rhein — du hörst noch dunkle Sagen, du grüner Rhein — du treibst noch rothe Wellen! Ihr Mächtigen, wie werdet Ihr gebeugt, Ihr Völker, wie werdet Ihr gemäht! — DaS ist nicht eine Wetterwolke, die dort dräut an dem Horizont; daS ist schon eine Ahnung von dem Weltgericht. Aufgeregt sind die Tiefen, aufgewühlt sind die Gräber, und auch die Todten senden ihre Boten zu diesem Kampf. Seht — wie sie kommen, wie sie schleichen, die Gespenster und die Schatten, die alten Heiden und die alten Juden, die bleichen Götter und Dämonen, und mischen ihren Ruf und mischen ihren Reigen in Europas Nothgeschrei, in Europas Geisterschlacht. Sie, die von der Kirche Bezwungenen, sie, die bei dem Kreuze Begrabenen, S1 sie schweben auf, sie schweben nieder, zu rächen ihre Schmach, zu brechen das Kreuz, zu beugen die Kirche. ES hat der Abgrund geöffnet sein Revier, und waS vermodert, was bewältigt war nach langen Kämpfen, — hervor auS der schauerlichen Tiefe schleppt eS körperlos den Schatten und ruft und grinset: Nieder mit dem Kreuz! Nieder mit der Kirche! — Und die Todten hüllen sich in neue, bunte Kleiver, setzen die rothe Mütze anf das verweste Heidenhaupt, singen in jungen, frechen Liedern den alten Judengrimm, schwingen mit der Knochenhand die scharfe Lanze, und über den Markt und über die geschäftige Gasse, heulend, höhnend, fratzenamg. wälzt sich nach dem Heiligthum der Gespensterspuck. Sinnverwirrend kosen seine Lieder, und eS locken seine Fahnen, locken geistbethörend unsre Jugend. Da erfaßt die Lebenden der Taumel, und toll, mit bacchantisch-wüstem Schauder, stürzen sie sich in den Todtenreigen, und eS tönt der Chor: Nieder mit dem Kreuz! — Nieder mit der Kirche! — Eine weite, weite Wüste von Gräbern allüberall. Blut, Blut und Wieder Blut. Zerbrochen, zertreten wird jegliches Werk und jegliche Gewalt.— Auch du, Weltsacrament der Kirche, du unwandelbares, du von Anfang an znadenvoll vorbereitetes? — Kraft deS geoffenbarten Wortes überragst, überwältigst, verklärest du die nahende Zerstörung, und mit Mutterarmen umfängst, erhebst du wieder das gesühnte, das reuevolle, daS im geläuterten Glauben gereinigte Geschlecht. — Ihr aber, edle Geister, edle Fürsten, schützet, schirmet das Kleinod; mit todeömuthigem Eifer bewahret, bewachet daS einzige Pfand einer glorreichen Zukunft. Und wer da rüttelt den Kirchenbau, ver hat verfehmt die frevelhafte Hand. Der Bau soll bleiben trotzig und unwandelbar, da alles Irdische versinkt und stürzt. Und ist des Baumes Krone auch entblättert und verwelkt: — die Wurzel sollen Frevler nicht betasten mit dem mörderischen Arm. Den Wipfel magst du peitschen, wüthiger Sturm: und beugst du ihn, — der neue Frühling bringt uns neues Laubgewind. Denn eS welkt und stirbt und verjünget sich wieder das zeitliche, wechselnde, wandelnde Grün. Jedoch — hat des GifteS leisester Hauch die Wurzel erst erfaßt, da bricht, da siecht, da stürzt der ganze Stamm. Bei der Wurzel haltet ernste GeisteSwacht, die Wurzel schirme treu der GlaubenSernst. O großer Kampf — zu streiten für des Lebens Kern und Stern; o süßer Tod, zu sterben für deS Lebens Herrlichkeit! Du Schlange dieser Welt, du schändlich Jakobinerhaupt — glaubst du, weil du benaget hast manch morschen Knabenbau. manch zeitlich Regiment — so sey der Kirche ewiger Dom, so sey der Kirche felsenstarke Säule auch preisgegeben deinem giftigen Zahn und dem verfluchten Wesen? Komm' an, du Ungethüm! — Die Völker stehen da mit nackter Brust, zu schirmen ihres HeiligthumS Asyl, zu wahren ihrer Kirche Sacrament. TodeSmuthig soll ein Wald von Schwertern dich empfangen. — Die Stein chen hast du leicht zermalmt: — beim Felsen wirst du bersten!" — Beschlüsse der zweiten Generalversammlung der katholischen Vereine Deutschlands. -j- BreSlau, 30. Mai. Unter dem Vorsitz deS LegationS-Rathes Dr. Lieber wurden von der zweiten in BreSlau zusammengetretenen Ge neralversammlung deS katholischen Vereins Deutschlands folgende Beschlüsse gefaßt: I. Commission (Formales) unter dem Vorsitz v. Secr. Nadbyl, nebst 6 Mitgliedern. Zwischen §. 3 und 4 der Geschäftsordnung (s. die amtlich herausgegebenen Verhandlungen der ersten Generalversammlung) wird eingeschaltet: die Generalversammlung wird durch eine Vorversammlung der schon anwesenden Deputirten eingeleitet. In 8- 7 der Geschäftsordnung wird anstatt „die Legitimationen leitet der Vorsitzende rc." heißen: „der Vorstand des Versammlungsortes prüft die Legitimationen der Abgeordneten." Ferner: der Vorstand und AuSschuß deS Versammlungsortes wählt aus sich höchstens 25 Abgeordnete dieses Vereins. Jeder Abgeordnete hat volles Stimmrecht. In materiellen Fragen sind ?/z der abstimmenden Abgeordneten nöthig, bei formalen Fragen entscheidet die absolute Majorität. Die Veränderungen in der Geschäftsordnung sind nur provisorisch. ES wird von nun an nur Eine Generalversammlung deS Jahres gehalten, und zwar im September, welche auch in diesem Jahre noch stattfinden soll. Dagegen soll jede Provinz gehalten seyn, wenigstens eine Provinzialversammlung jährlich zu halten, und davon vier Wochen vorher dem Vororte Kenntniß geben. Ferner: die Besorgung der geistlichen Bedürfnisse der nach Amerika auswandernden Katholiken wird dem Ludwigs- und Leopold-Vereine dringend empfohlen. Gründung eines Vereinsorgans bleibt offene Frage. Ferner: die Provinzialvereüie restiluiren dem Vororte die gehabten AuSlagen, jedoch so, daß von einer Cnilralcass.' keine Rede. Ein Memorandum an alle Kaiholiken Deutschlands über die wahre Freiheit und die Stellung der Katholiken zu ihr wird entworfen. Alle Einzelnvereine mit genauester Zahl der Mitglieder werden zusammengestellt, und dann als Anhang den Verhandlungen beigefügt. Frauen werden als hörende Mitglieder in den Verein ausgenommen. Die heilige Mutter GolleS wird als Schutzpalronin des Vereinö erwählt. Nur über Hauptfragen wird Discussion gestattet, über die übrigen wird stillschweigend hinweggegangen. II. Commission (Inneres.) Vorsitzender Härtung. Rcf. Pell- dram (Ps. u. Erzpr. in Warmbronn). Corref. Pf. Hin,ioben. Der katholische Verein Deutschlands, in Anerkennung des Grundsatzes der Unterrichts- und ErziehungS - Freiheit, erklärt, sich anschließend an den Ausspruch der hochwürdigsten Episkopalversamnilung in Würzburg: die katholische Familie hat die Pflicht, ihre Kinder katholisch zu erziehen. Die Erfüllung dieser Pflicht nicht zu verkümmern ist der Staat vermöge der Unterrichts- und Religionsfreiheit verbunden. Hierauf sich stützend spricht der katholische Verein Deutschlands auü: mit allen rechtlichen Mitteln, durch häufige Besprechungen der UnterrichtSsrage in den Versammlungen und durch Verbreitung zweckmäßiger Schriften dahin wirken zu wollen, daß daS Recht der Familie auf die Erziehung ihrer Kinder zur Anerkennung gebracht werde, so wie durch alle rechtlichen Mittel dahin zu streben, daß die katholischen Schulen in ihrer Reinheit erhalten, da, wo eS nöthig, neue gegründet, und daß die katholischen Schulstiftungcn ihrem Zweck nicht entzogen und die vielleicht ihrem Stiftungszwccke entfremdeten wieder zurückgegeben werden müssen. Ferner fordern die Katholiken vom Staat und den bürgerlichen Gemeinden, daß aus den Steuern, welche sie zahlen helfen, resp. aus dem StaatS- und Gemeinde-Vermögen nicht bloß «katholische, sondern auch katholische Schulen für sie nach Verhältniß und Bedürfniß dotirt und errichtet werden. Der Präsident wird eine Adresse an daS hochw. Episkopat fertigen, die die Anerkennung für die Auösprüche der Schulangelcgcnheit u. s. w. enthalten soll. ES wird eine Preisfrage gestellt: die möglichst beste Broschüre über Unterrichtsfreiheit, deren Beurtheilung eine Commission in nächster Generalversammlung vornehmen wird. Der Preis ist der Preis der Ehre. Die Versammlung wird daS Episkopat Deutschlands in den von ihm zu treffenden Maaßregeln zur Herstellung einer katholischen Universität kräftigst unterstützen. Von Schriften, welche Lebensfragen der katholische» Sache in entschieden zweckmäßiger Weise behandeln, wird eine entsprechende Quantität aeguirirt und verbreitet, zugleich wird der Vorort die Ccntralvereine auffordern, Flugschriften u. s. w. möglichst zahlreich im Sinne der Kirche und deS Vereins zu verfassen und möglichst wohlfeil zu verbreiten. Durch Verzeichnisse guter katholischer Bücher werde allmälig ein vollständiger Catalog der populären katholischen Literatur zu Stande gebracht, deren strenge Prüfung der Vorort übernimmt. III. Commission (sociale Frage). Vorsitzender Lor. v. Ketteler. Zur Wiederherstellung und Förderung einer christlichen Armenpflege hat das Wirken des VincenzvereinS in neuester Zeit sich als daS verdienstlichste Mittel bewährt. Daher wird den katholischen Vereinen die Errichtung von Vincenz v. Paul Vereinen dringend empfohlen. Auf Grund und Anweisung der Statuten deS genannten Vereinö soll zunächst die Linderung der leiblichen und geistigen Noth der Armen erzielt werken. Außerdem sollen nach Bedürfniß und Möglichkeit errichtet werden: ») Kleinkindcr- bewahranstalten, b) geeignete Unterrichtsanstalten für Lehrlinge und Gesellen, o) Lehr- und Sprechlocale für Lehrlinge, Gesellen und Meister an Sonntagen und Feierabenden, cl) Volksbibliotheken, e) Frauenvereine zur Pflege der Kranken Armen. Der Anschluß an den Pariser Verein unmittelbar wird den Einzelnvereinen frei gegeben. Der Verein solle sich bei der Errichtung eines Denkmals für Joseph v. GörreS bctheiligen. Die Vereinsmitglieder mögen sich nach Kräften bei den Missionö- vereinen bctheiligen. Ort der nächsten Generalversammlung im September ist Wien, im Behinderungsfalle eventuell RegenSburg. IV. Commission. (AeußereS.) Vorsitzender Domcapit. Baltzer. Die korporative Betheiligung in rein politischen Fragen und Ten- denzen bleibt von den Vereinen ganz ausgeschlossen, und es muß jevem VereinSmitgliede überlassen bleiben, welche polnische Änsicht er zu der seinen macht. Die Veriammlung warnt daher die Cinzelnoereme, auf unstatthafte Weise die politischen Fragen in den Kreis ihrer Wirksamkeit zu ziehen, und in Bezug hierauf verweist sie auf 8 7 u. 10 der Statuten. ' CS bleibt dem Vororte überlassen, die Verbindung des katholischen Vereinö Deutschlands um außerdeut>chen Brudern ii» geeigneter Weise fort- zusetzen und zu erweitern. Es werde eine populäre Schrift über daS katholische VereinSwesen in Deutschland bald möglichst verfaßt. Diese Schuft wirb in zwei Abheilungen zerfallen, deren erste Belehrung der Mitglieder, deren zweite eln Sporn für außerhalb dcö Vereins Stehende seyn soll. Diese Schuft i>l eine Preisfrage, die dem Vororte zur Prüfung eingesendet wird. Preis ist der Preis der Ehre. Die Versammlung spricht den Wunsch aus, daß die katholischen Vereine zur Wiedererweckung dcö religiösen Sinnes, der die Verherrlichung der Kirche besonders im Cult zum Zwecke hat, mitwirken sollen. BrcSlau wirb znm zeitigen Vororie envühlt; Präsiceiu dic. Wirk, und zur Erweiterung des Vororlövvlstauces werden die Herren: Canon. Pros. Dr. Baltzer, Curat. Lic. Welz, Gymnasiallehrer Dr. Baucke uud Semmar- director Licent. Baucke ernannt. Die Versammlung entsendet eine Deputation zum Danke an die Oberbchö-den, daß sie r», ^'laaeulngSznstanve die Abhaltung der Generalversammlung gestaltet haben. , ^ Präsident Dr. Lieder wird das von ihm zu verfassende Schreiben Lll S Episkopat auch selbst anöfertigeu. AIS Commission zu Herausgabe der Verhandlungen werden ernannt: Can. Baltzer, Lic. Wick, Secrei. Nacbyl unv die nreslauer Mitglieder deö Secretariatö: llr. Baucke, Sem. Dir. Baucke, Curat. Gomille. Die Beiträge an cen Vorort werden brovi nmnu bei der Generalversammlung von den Repräsentanten der Vereine mitgebracht. 6 Thlr. auf jeden Centralverein bestimmt. Der Termin zur Abgabe der PreiSschriftcn wird in den katholischen Blättern inserirt. Anträge zur nächsten Generalversammlung müssen einige Tage früher an den Vorort eingesendet werden. Liese Aiuräge muffen classisicirr und bereits gedruckt den ankommenden Abgeordneten überreicht werden. Doch dürfen die eingeh nten Anträge nur von den Ceiilralyereinen, schon wohl- geprüft, eingesandt werden. Anträge, die nur Provincial- und Local-Interessen berühren, werden von der Debatte ausgeschlossen, und nur dann vorgebracht, wenn sie sich zur speciellen Verwendung deö katholischen Vereins Deriischlandö eignen. In Ermanglung eines Gesammiorganö sollen die Cenlralvere>ne den einzelnen Filialvereineu alle in den Zweck deö LereinS einschlagenden Schriften und Schreiben des Vorortes treulich mittheilen. PiuSvereive. Schwabm ü ncken, 30. Mai. Gestern hielt der hiesige PiuSvcrein eine öffentliche Generalversammlung, zu welcher sich auf ergangene Einladung auch circa 24 Miiglicbcr deS Augöburger, und 12 Mnglieber deö LandSbergcr PiuSvcreineS eingesundeu hallen. Der eigeiullchen Versammlung voran ging ein feierlicher Gottesdienst, um den Segen deS Himmels für die VereinSbcstrebungen zu erflehen. In einer trefflich ausgearbeiteten Kanzelredc (die auf in der Versammlung gestelltes Ansuchen dem Drucke übergeben werden wird) begründete Hr. Pfarrer Helmer sein Thema: „Die Katholiken sollen und können den Bestrebungen der Feinde deS christlichen Glaubens mi Nachdruck und Eifolg entgegenwirken." Hierauf celebrirte Hr. Pfarrer Strichele das heilige Meßopfer, unter weichem ein vollstimmigrr kräftiger VolkSgesang Ohr und Herz erfreute. In der unmittelbar darnach abgehaltenen sehr zahlreich besuchten Versammlung referirtcn zuerst Hr. v. Brentano, dann Hr. llr. ZinSler Einiges über die allgemeine Versammlung des katholischen LereineS in Breslau bei welcher sie alS Abgeordnete deö AugSdurger PuiSvereins zugegen waren; dann richtete Hr. llr. P. Wittmann einige herzliche Worie an die Versammelten, worauf der Vorsitzende deö Lancsberger PiuSvereineS das Wert ergriff, in ausführlicher Rede die Nothwendigkeit der Bildung von PiuS- vcreincn und ih.cS kräftigen Zusammenwirkens darlegte, und der Schwie» Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. rigkeiten und Intriguen erinnerte, gegen welche man bei Gründung deS PiuSvereineS in Landsberg zu kämpfen gehabt habe. Deßungeachtet sey derselbe erstarkt und zähle sammt seinen Zweigvereinen in den benachbarten Ortschaften bereits 1140 Mitglieder. Der Redner sprach auch den Gedanken aus, daß die katholische Kirche keine Stammesunterschiede kenne, und daß sich Altbayern und Schwaben treuherzig die Bruderhand reichen, um mit allen rechtlichen Mitteln die Freiheit der katholischen Kirche zu erringen, welchen Gedanken besonders der Vorstand des Schwabmünchener PiuSvereineS zum Schlüsse nochmal kräftig hervorhob, nachdem zuvor noch Hr. Director Birker und Hr. Lehrer Lorenz aus Augsburg einige passende Bemerkungen gemacht hatten. Alles ging in größter Ruhe und schönster Ordnung ohne die mindeste Störung vor sich, und dauerte beinahe 6 Stunden; denn unmittelbar nach dem Gottesdienste, der um 8 Uhr begann, begab man sich in das VersammlungSlocale, welches man erst um ^2 Uhr wieder verließ. (Lechbote.) » » « Elsendorf, 29. Mai. Gestern war auf der ehemaligen Eremitage St. Anton große Versammlung deS PiuSvereineS. Auf den Kirchthürmen »er umliegenden Orte flatterten weißblaue Fahnen und an der Gränze deS FestplatzeS waren drei große Flaggen aufgerichtet: eine deutsche, eine bayerische und eine Friedenssahne (weiß mit einem rothen Kreuze). Ein Altar, die Rednerbühne und der ganze Platz prangten von Blumen und frischem Grün. Schaaren von Andächtigen kamen in Processionen mit Fahnen heran. Herr Pfarrer Eberhard predigte über den Glauben. Dann war Hochamt. Nach einer Pause wurde die Versammlung von dem Vorstands deS PiuövereinS eröffnet. Es traten vier Redner auf, die über die ReichS- verfassung, Grundrechte und andere politische Tagesfragen sprachen. Der letzte war Pfarrer Eberhard, dessen Rede der Glanzpunct der Versammlung war. Er verbreitete sich über die wahre Demokratie vorn edlen, christlichen Standpuncte aus. Vielen standen Thränen in den Augen, viele jubelten und riefen Beifall zu. Die Zahl der Anwesenden wurde auf 6000 geschätzt. (Bayer. VolkSbl.) Nn die treuen Bayern im Gebirg. *) Hinauf in Eure Berge, wo Gottes Odem weht. Wo fest, wie seine Felsen, des Volkes Treue steht, Dringt jetzt in Sturmes Nöthen zu Euch des Königs Wort, Zu Euch, Ihr wackern Männer, Ihr Baycrn'S Schutz und Hort! Die eidvergcß'nen Buben, dort unten an dem Rhein, Die wollen jetzt die Herrscher von uns Altbayern seyn. Was sagt Ihr dazu, GcbirgSleut'? Faßt Euch nicht Zornes Gluth? Erwacht in Eueren Herzen jetzt nicht der Vater Muth? Ihr Schützen von den Bergen, den Stutzen von der Wand! DaS Aug' dem Feind entgegen, die Waffe nehmt zur Hand! Ihr Männer aus den Thälern, jetzt heißt es Aufgeschaut! Denn Eurer alten Treue ist Bayern'S Heil vertraut! Ihr seyd die ächten Söhne von jener heil'gcn Schaa», Die einst auf ScndlingS Höhen treu bis zum Tode war. Balv heißt's, wie Jene zu kämpfen wohl einen wackern Streit! Für Vaterland und König! — Ihr Männer seyd bereit! Der Teufel fand wackre Gesellen wohl an der Pfälzer Brüt, Sie schwingen die rothe Fahne und lechzen nach Mord und Blut. Blau weiß ist unser Banner, dem sind wir treu bis zum Tod! Mit uns sind Gott und die Heil'gcn! — da hat es keine Noth! Wir kämpfen für die Treue, für Könlg und Vaterland! Drum Männer, nicht gesäumct, den Stutzen nehmt zur Hand! Und sollten wir auch fallen im heil'gcn Ehrenstrcit, Die Heil'gcn uns zu empfangen, sind droben dann bereit. Schon länger als ein Jahrhundert ruhn SendlingS Helden im Grab, Und rollen auch noch Jahrtausend inS Meer der Zeiten hinab, Ihr Name wird niemals sterben, gepriesen in Ewigkeit! — Drum zeigt, daß Ihr wie die Väter, altbaycr'sche Helden seyd! *) Bei einer der jüngsten Volksversammlungen im bayerischen Gebirg vertheilt. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Drei« in Aug-burg für sich allein (ohne A. Pofizeitung)jLhrlich L fl. I S kr. Durch die Post kann dieses Wochenblatt nur von Abonnenten der Post- zeitung bezogen werden, und erhöht sich der Preis nach Verhältniß der Entfernung. Sonntags - Peiblatt zur Augsburger Postzeitung. Für sich allein, ohne die Augsburger Post« zeitung, find diese Blät« ter nur im Wege de« Buchhandels zu beziehen und kosten in ganz Deutschland, der Schweiz u.s. w. jähr« lich nur L fl. Sv kr. oder I Thlr Neunter Jahrgang. I V. Juni L84S. Aufruf an die deutschen Katholiken. Von Dr. Büß') Katholiken des deutschen Reichs! Unser Elend stammt schon lang her. Jenes hohe Reich, wie eS Kirche und Staat an Weihnachten des Jahres 800 im freien Bund Papst Leo IH. und Karl der Große gestiftet, das unter die Einheit der Nation die freien Stämme in frischer Eigenthümlichkeit geeint, und die von beiden getragene Herrschaft der Welt gebracht, das der Nation nach innen den Frieden, nach außen die leitende Geltung in der Menschheit gegeben — eS leuchtete stets nur kurze Zeit in unserer Geschichte. — Nach kurzem Glan, trat immer eS in längere Nacht zurück — der Nation nur eine stolze Erinnerung, eine kühne Hoffnung. Und immer schwächlicher ist eS geworden, bis in den Wechselstreit der Kaisermacht und der Landeshoheit und andere daran sich hängende Zerwürfnisse deö Glaubens Spaltung zerrüttend eingefahren und daS Reich inS Grab gelegt. Was das deutsche Volk noch an Kraft gerettet, der 30jährige Krieg hatte eS aufgezehrt; in dem westfälischen Frieden hatte die Nation durch die Hingabe ihrer Weltgeltung und ihres Stolzes eine falsche Ruhe, nur einen Scheinfrieden erschachert, und von dieser Zeit an hin und her geschleudert zwischen feindlicher Verwüstung und heimischem Selbstverderb in jener seuchenarligen Atome yingeiränkelt, welche alle Kraft der Selbstentwicklung, alles Mannhafte bis zum Grunde ausgezehrt. Von da an hatte sie jene Schwäche^ beschlagen, welche schon vor dem Kampf am Siege gezweifelt, und jene Schaam, welche stets daS Bewußtseyn der Schuld ist. Das Vaterland lebte und zuckte nur noch in Stücken fort, und verwüstend wirthschaftete jene Kleinstaaterei, welche alles nationale Große nicht einmal begreift,'viel weniger thut. AUeS Gemeinsame zerbröckelte in jene philisterhafte Pedan- terei, welche »ach der einen Seite Hoffart, nach der andern KnechlSsinn zeigt. Wahrhaft wie ein Rcttuiigöfieber ist die französische Revolution in dieses deutsche Elend Herabgefahren und hat die in Winkeln herumliegenden Kräfte der Nation zum Widerstand herausgefordert. Aber Verrath und Hoheitsgelüste der Reichsfürsten senkten im Jahr 1806 daS deutsche Reich inS Grab, und erst die Mißhandlung durch den fremden Eroberer rief die Nation zur Schaam und zur Erinnerung. Da zuckle wieder deutsche Kraft und deutsches Leben; kaum waren aber die Schlachtenhekatomben am Altar deS Vaterlandes gefallen und daS Kreuz des Friedens auf den Schlachtfeldern wieder aufgerichtet, da hat das alte Elend von vorn wieder angefangen. Dem Feind, den die Deutschen kaum bezwungen; haben sie eS nachgemacht. Die absolutistische Wirthschaft deS französischen JmpcrialiSmuS, vo^ dem sie feig hingeknieet, haben die Einen in ihrer Verwaltung zwerghaft^ fortgeführt, die andern holten über'm Rhein den modischen Constitutiona-> liSmuS, um ohne Blick auf nationale Noth und Sitte ihn dem Volk als; Mummenschanz aufzuhängen. ! Niemand hat die Freiheit auS deS Volkes herrlichem Eigenwesen ausgeschöpft; so sind wir über ein Vierteljahrhundert im Joch der fremdländischen Formelrepräscntatiou fortgegangen; verworrener ist es immer in dem Staat geworden, und theurer und leerer auch und wüster in den Köpfen: das öffentliche Leben war voll Mißtrauens, WirrsalS und Künst- lichkeit; die Parteien vertobten sich in den Formen, spaltungSsüchtig, lügenhaft und elend. So ist der Kernguß deS alten nationalen Reichs in bröcklichte Geschiebe zergangen. DaS nationale Gewissen war verstummt: große Ge- sammtüberzeugungen fehlten, wie sie früher als Standarten ganze Stände ') Aus seinem in Frankfurt erscheinenden: Katholischen Vereinsboten. durch Jahrhunderte hin geleitet. Mit dem Genie,'»glauben erstarb auch der Gemeinsinn und die dadurch allein zu befeuernde Hingebung an daS Gemeinwesen. So elendiglich war aber der kernige Felsenflötz, der sich über deS Reichs weite Lande hingegossen, zertrümmert, weil die Kirche, die ihm Kilt und Bindung vorweg gewesen, entzwei gegangen, und diese Spaltung sich in endlos vielen, weiten Trennungen wicdcrgcbärend durch daS ganze vielfache Leben der Nation sich soit- und durchgesetzt. Alle die spaltigen Meinungen und Interessen hatten früher sich in einem der Nation angeeigneten höheren Positiven ausgeglichen. Jetzt war aber Alles frei geworden, der Staat war von. Reich, der Glaube, die Sitte, die Schule von der Kirche abgelöst: Alles ging auS einander, die Nation am weitesten. Der Staat hat seine Ablösung von. Reiche und den Kitzel seiner Landeshoheit zuerst und schwer gebüßt. — Nachdem er den Menschen von der Autorität der Kirche losgebunden, um ihn allein in Beschlag zu nehmen, hat dieser ihm angethan, was selbst der Staat früher an der Kirche verschuldet; der Einzelne als Einzelner wollte herrschen, nur der aus dem Willen der Einzelnen zusammengeblasene Gesammtwille sollte gelten; und weil er durch die zerstörten Stände nicht mehr zu einem Ge- sammtauSspruch sich einigen konnte, so setzte ,er sich in die repräsentativen Kammern nieder, und regierte selbst, statt des Volkes Rechte und Interessen gegen die Regierungen zu wahren. So waren die Regierungen zur levren Lewiamkeit herabgesunkcu: sie waren in dem Karren der wechselnden Kammermehrheiten scheinbar duldend fortgegangen, die sie aber oft genug überlistet. Start zu herrschen, hatten sie gedient. DaS hätte sich noch Dulten lassen, hätten nur die Mehrheiten die Freiheiten, Rechte, Anliegen deS Volkes selbst vertreten. Allein die Repräsentation war gefälscht: nicht Die Stände waren waren vertreten, sondern die Meinungen und diese nicht alle: Advocaten, Professoren unv derlei Leute besetzten die Kammern, aber nicht das Volk. DaS Ganze war eitles Parteigetrieb. Die eine Partei trieb die andere von, Ruder und regierte dann wie die andere fort: daS Beamtenunwesen rieb niederdrückend jede nationale Regung auf. Und wie jetzt Standschaft und Regierung einander überlisteten, beide von der stets dichter wuchernden Bureaukratie betrogen, so logen Bundestag und Landesregierungen einander unv beide die Nation wetteifernd an. DaS AuSland halte seine Freude unv seinen Hohn an uns. Dieser Zustand war unerträglich, aber zum Glück bis zur Wurzel faul. Jeder Verständige sah nahen daS Gericht. — Da schlug im Hornung vorigen Jahres der Blitz der richtenden Revolution in die organisirte Korruption Frankreichs, nicht plötzlich: — eine Verschwörung hatte den großem Theil deS Erdtheilö unterwühlt, auch Deutschland. — Die Regierungen waren gewarnt worden; sie waren blind geblieben. Kaum war die Republik über dem überraschten Frankreich errichtet, so schlug die Lohe über den Rhein. — Die alten Liberalen stellten bereit sich zusammen; Heppenheim, Heidelberg, daS Vorparlament sahen Revolutionäre in Glanzhandschuhen. Da offenbarte sich die Erbärmlichkeit der Regierungen; faul !hiS inS Herz zeigte sich dieser ganze gouvernementale Quark; faul bis inS ^Herz zeigte sich der Wust politischer Parteien, feig, schwächlich feig zeigte !sich das Büraerthum und im Volk eine Grundsatzlosigkeit, eine Verwahrlosung, eine Verwilderung, welche schlimm für die Bildung und Sittlichkeit zeugte, die ganz Europa uns willig zuerkannt. — Da trat an daS Licht >daö namenlose Elend, welches Alle verschuldet; die Knechtschaft und die !Muthlosigkeit der Kirche, die VolkSentfremdetheit des StaatS, die Selbstsucht der Parteien, die Entwurzeltheit der Sitte, der UeberzeugungSverrath der Schule, allum die Entmannung des öffentlichen Lebens. — Und alle i Schuldigen haben schon ihre Strafe. Alle die politischen Windmacher, ! welche der März 1848 auf die Höhe gewühlt, sie sind zurückgesunken ,n den Staub; der März 1849 hat sie gerichtet. — WaS die Verschwörung zur Bewegung deS vorigen JahreS gethan, das hat ihre reine Fluth getrübt und ist untergesunken; nur das Volk hat die Märzerhebung rein und gewissenhaft aufgenommen. Groß war der Jammer im Anfang und groß ist der Jammer in der Gegenwart und doch ist größer der Gewinn der Umwälzung. Die Wiedereroberung der Selbstbewegung des Volks und Jedermanns im Volk ist ein Gut, daS zehn Revolutionen werth ist. Wir haben eS, und keine Gewalt soll eS uns wieder rauben. Die Nation hat sich fühlen gelernt, und sie wird alle Jene niederwerfen, die sie verkleinern. — WaS gesund ist in dem Volk, daS darf jetzt frei sich regen, Jedes zeigen seine Macht und seinen Werth. Jede Kraft hat Raum und Recht. DaS ist viel, daS ist unendlich viel. Jetzt steigen aus der Brust der Nation, nicht mehr beklemmt durch den Alp der Bureaukratie, die eigenen Wünsche, nicht die angelogenen, die eigenen Anliegen und die eige. neu Kräfte. Am hurtigsten wollten jene Strebungen in daS Feld der Freiheit stürzen, welche die Unnatur des bisherigen StaatS am engsten niedcrgefes- sclt hatte, und welche am heißesten in der Brust deS Volks geruht. — Für diesen Glauben stellte daS katholische Volk zuerst die junge Freiheit in daS Feld. — In allen Gauen Deutschlands sammelte sich daS katholische Volk in Vereine für Freiheit der Kirche und des Unterrichts; in den wechselndsten Formen, reich, wie deutsches Leben, zogen diese Einungen ihr Band über die deutsche Erde, bald mit engerem, bald mit weiterem Ziele. Aber wie die Nation auS ihren neuer Freiheit sich erfreuenden Stämmen zur Einheit sich sehnte, die ihr zur Stunde noch nicht geworden, so sehnten sich die katholischen Vereine zu ihrer Einheit. Der Verein von Mainz, der älteste, erwarb dieß Verdienst. (Folgt nun eine Aufzählung der Ver- einSsatzungen.) _ Freiheit ein trauriges Beispiel. Wohl kenne ich eine Aufgabe für die PiuSvereine, die ihrer wahrhaft würdig und ihr Andenken im Segen erhalten müßte, und ich will sie hier auch aussprechen, selbst auf die Gefahr hin, mich einer scharfen Kritik auszusetzen: die PiuSvereine, als ! getreue Kinder der katholischen Kirche, müssen, wie diese, über den politi- ! schen Parteien stehen. Ist das einmal den PiuSvereinen möglich geworden, so sollen sie weiter gehen, sie sollen Hand anlegen, um die sich alle Tage ! zwischen den Parteien immer mehr kundgebende Spaltung so viel als möglich aufzuheben, die immer gähnender und weiter werdende Kluft auszufüllen, die immer weiter gehenden Ertreme zu versöhnen. Könnten die PiuSvereine das bewerkstelligen, so retteten sie Deutschland vom Bürgerkriege, vielleicht vom Untergänge. Aber welch' riesenmäßige Anstrengung, ! welch' ungeheure Arbeit, welche Opfermuthigkeit, welche Leidenschaftslosigkeit dazu gehört, um solches auch nur im Geringsten verwirklichen zu können, kann und darf ich mir nicht verhehlen. Aber, wenn wir bedenken, wie daS Christenthum die ganze Welt unterworfen, wie zwölf schlichte Fischer den Grundstein zur Cultivirung der ganzen Menschheit gelegt, wie namentlich bettelnde Mönche aus dem deutschen Urwald einen blühenden Garten gemacht haben, wie sollten wir da noch zweifeln, daß, wenn der Herr mit u»S seyn wird, nicht auch wir dieses Vorhaben zu erreichen im Stande wären. Unmöglich ist eS nicht — die Annahme der Unmöglichkeit dieses Projektes straft die christliche Geschichte Lügen — aber zuvörderst gehört der Muth dazu, an'S Werk zu gehen und wenn wir Muth haben, ist kein Hinderniß unübersteiglich. (Neue Sion.) Die PiuSvereine. München, 10. Juni. Die PiuSvereine sind namentlich deßhalb inS Daseyn getreten, um die Freiheit der Kirche durchzusetzen. Genau betrachtet, ist jetzt schon der Zweck ihrer Existenz ein halb, vielleicht ein ganz politischer. Es mag seyn, daß man diese Politik unter der Rubrik Kirchenpolitik begreift, gewiß aber ist, daß von anderer Seite, als von kirchlicher» die Freigebung der Kirche auch als eine ganz in das Gebiet staatlicher Politik eingreifende Sache betrachtet wurde. Wenn aber schon der Zweck ihrer Existenz ein politischer Zweck ist, so wird man die PiuSvereine nicht mit einem Streich vom politischen Gebiete rein weg in daS kirchliche versetzen können. Sollte aber nur Kirchenpolitik im Bereiche der Aufgabe der PiuSvereine liegen, so befürchte ich, es möchte die Theilnahme von Seite der Laien an diesen Vereinen sehr gering werden. Abgesehen davon, daß die meisten Laien vom kirchlich-politischen Interesse wenig verstehen, würden sie auch gegen dasselbe als eine ihnen und ihrer Sphäre größtentheilS fremde Sache ganz gleichgiltig bleiben. Will aber der PiuS- verein zu einer bloß kirchlichen Bruderschaft zusammenschwinden, so müßte ich seine Existenz als eine überflüssige bezeichnen, denn Bruderschaften gibt «S ohnehin genug. Ober soll der PiuSvercin nur für so eine Art Con- ferenz unter den Klerikern und vielleicht einigen verständigen Laien gelten, um sich über die neuesten kirchlichen Tagesfragen gegenseitig aufzuklären? Dann scheint er aber wieder überflüssig, denn solche Konferenzen finden ohnehin statt und wer nicht Gelegenheit hat, solche zu besuchen, der halte sich an eine kirchliche Zeitschrift, wo er alle diese TageSfragen besprochen und nach allen Seiten hin beleuchtet finden wirb. Es bleibt demnach nur eine Aufgabe mehr den PiuSvereinen übrig und diese ist die Bekämpfung der geistlichen Bureaukratie. Aber wie will der Piusverein hier je zu einem erfreulichen Ziele kommen, wenn die Stützen und Träger, die Begünstiger und Protektoren, die Urheber und Erhalter dieser geistlichen Bureaukratie, die doch die höchsten Aemter im Kirchenregimente bekleiden, sich nicht an daS Streben dieser PiuSvereine kehren wollen? Wir sehen also Wohl, die Politik aus dem Kreise der PiuSvereine ganz verbannen zu wollen, ist eine todtgeborne Anstrengung und heißt die PiuSvereine vernichten. Sie können nie ganz von Politik abstrahiren, weil, wie wir gesehen haben, schon der Zweck ihrer Existenz ein mehr oder minder politischer ist. Aus der „Unabhängigkeit der Kirche vom Staate" allein müssen sich eine Unzahl neuer politischer Fragen ableiten, die, will der PiuSvercin konsequent seyn und nicht den Zweck seiner Existenz vergessen, von ihm^ nicht Übergängen werden können. Zwar ist eS ganz klar, daß der PiuS- ^ den Todesstoß zu geben, nicht, wenn er wirklich sich auch aufs politische Gebiet hinaus verirrt, eine einseitige und ausschließliche Politik einschlagen dürfe; die da z. B. zum blinden Verfechter der Monarchie und zum ungerechten Lästerer der Demokratie sich hergäbe. Wohin das fuhrt, davon haben wir in München an unserm halb religiösen, halb politischen Verein für konstitutionelle Monarchie und religiöse Die AuSwanberungsfrage, eine Angelegenheit der katholischen Vereine Deutschlands. Bei dem jüngsthin zu Köln abgehaltenen Congresse der katholischen Vereine Rheinlands und Westfalens wurde von Herrn Maler Fr. Baudri der Antrag gestellt: „Der katholische Verein Deutschlands möge die Uebersiedelung auS den bedrängten Theilen deS Vaterlandes nach den untern Donauländern (zunächst nach Ungarn) mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln auszuführen suchen." — Dieser Antrag wurde mit ungetheiltem Beifalle aufgenommen, aber die Beschlußfassung darüber der allgemeinen Versammlung des katholischen Vereinö Deutschlands in Breslau überwiesen. Der Herr Antragsteller hatte die Güte, zu diesem Zwecke seine Motion in nachfolgenden Zeilen näher zu begründen. „Die Satzungen deS katholischen Vereines Deutschlands enthalten u. A. folgende Bestimmungen: II. 8- 7: „Der Verein stellt sich die Aufgabe: ci. zur Hebung der herrschenden socialen Mißverhältnisse und Uebelstände nach Kräften beizutragen." Und 8 8.: „Zur Erreichung seiner Zwecke wird der Verein sich aller gesetzlichen Mittel bedienen, namentlich deS freien Ver- sammlungs- und Vereins-RechleS, deS PetitionS-Rechtes und des Rechtes der freien Rede und der freien Presse; wie er auch durch Verbreitung gu- ! ter Schriften und Bücher der geistigen und durch Ausbildung und Förderung aller Werke der christlichen Nächstenliebe der leiblichen Noth deö Volkes zn steuern sich bemühen wird." In diesen beiden Paragraphen ist jene Thätigkeit deS VereineS unzweideutig bezeichnet, in deren Bericht der obige Antrag Rheinlands und West- phalenö fällt, und bedarf eS wegen dieser klaren Bestimmung keines weigern Beweises, daß der Antrag zur Berathung und Beschlußnahme deö ^katholischen VereinS Deutschlands geeignet ist. Sein Umfang könnte allerdings von manchen Seiten Bedenken erregen, die aber vor der Betrachtung schwinden müssen, daß der Umfang der Thätigkeit eines, durch so viele Vereine ganz Deutschland umfassenden Vereines nothwendig ein sehr weiter und mächtiger seyn muß, wenn er den Anforderungen entsprechen soll, welche aus allen Theilen des Vaterlandes, auS allen Schichten der Bevölkerung an ihn gestellt werden. WaS dem einzelnen Menschen und selbst dem engern Vereine nicht möglich ist, das darf immerhin die gesammte Kraft aller Vereine des Volkes versuchen, und keine Aufgabe darf ihr zu schwer erscheinen, wenn in ihrer Lösung daS wahre Wohl deS Ganzen gefördert und dem Einzelnen Besserung oder Erleichterung verschafft wird. Wenn außerdem in der Lösung solcher Aufgaben der Verein an Kraft und Ausdehnung gewinnt und seine Thätigkeit dadurch auch nach anderen Richtungen hin wesentlich unterstützt wird, dann ist eS Pflicht desselben, sich eines StrebenS zu bemächtigen, daS von den segensreichsten Folgen werden kann. Zur richtigen und vollen Würdigung der AuswanderungSfrage sind vornämlich drei Beziehungen in'S Auge zu fassen: s; 1) die Politische, 2) die Sociale und 3) die Kirchliche (Religiöse). Wenn gleich der katholische Verein Deutschlands kein politischer Verein im gewöhnlichen Sinne des Wortes genannt werden kann, so darf ihm doch vor Allem die politische Gestaltung Deutschlands nicht gleichgül- die Länder im Osten, welche die Donau durchströmt, öde und unbewohnt und der fruchtbarste Boden, der viele Millionen reichlich ernähren könnte, liegt dort fast unbenutzt. Alles, waS die menschliche Gesellschaft an Naturprodukten bedarf, liefert dort die Erde in reicher Fülle, allein eS fehlt an Händen, um diesen Schatz zu heben. Leider gestatteten bis jetzt die politischen Zustände cS nicht, eine Ausgleichung jener Mißverhältnisse der ,jg seun, da dieselbe auf seine Wirksamkeit, ja auf seine Eristenz vom un- Bevölkerung durchzuführen; jetzt aber, da das ganze deutsche Volk zur mittelbarsten Einfluß ist. Deßhalb wird er bei all seinen Fragen die po>! Einheit sich erhebt und die Schranken gefallen sind, welche Oesterreich von Mische Seite nicht unberücksichtigt lassen und bei der vorliegenden eS nicht uns trennte, müssen wir die günstige Zeit nicht vorübereilen lassen, ohne verkennen, daß ihre glückliche Lösung für Deutschlands politische Macht ^unsere Zukunft auf der weitesten und kräftigsten Unterlage zu gestalten, und Größe von bedeutendem Einflüsse ist. Eine Kräftigung des deutschen ^ Lohnen einerseits die Niederlassungen alle Opfer, welche sie kosten, durch Elementes im Osten und seine innigere und kräftigere Verbindung mit den ^ die Kräftigung und Vergrößerung Deutschlands, so lohnen sie andererseits übrigen Theilen kann erst Deutschland wieder zu jener Höhe erheben, auf dieselben durch die neuen Märkte, welche sie dem deutschen Gewerbcfleiße welcher eS ehedem gestanden und zu welcher eS im Herzen Europa'S beru- schaffen. Nicht nur ihr Bedarf, sondern auch der Bedarf der östlichen fen ist. — ! Nachbarstämme wird von Deutschland aus am Leichtesten befriedigt werden Näher als die politische Seite steht dem Vereine die sociale, die können; die Naturproducte dieser Landstriche dagegen, besonders die Früchte, auch bei Weitem die überwiegende in der Frage ist. > würden in Zukunft den wirklichen Mangel im Westen stets ausgleichen Die Uebel, welche an dem Marke deS Volkes zehren und die Noth ! und dadurch ein Schwanken der Preise verhüten können, wie cS von Zeit und das Elend mit jedem Tage steigern, sind bereits zu solcher Größen zu Zeit gerade die arbeitende Classe so furchtbar heimsucht. Aus diese angewachsen, daß sie nicht mehr verkannt werden können. Sie alle mit-! Weise nur wirken die Auswanderungen fortgesetzt wohlthätig auf'S Miteinander erzeugen ein neues Uebel, die Auswanderung, und treten an den tcrland zurück und bieten diesem reichen Ersatz für die Verluste, welche Tag, gleichwie ein KrankheitSstoff im Körper Lurch mancherlei Entleerungen! dasselbe durch den Abgang von Geld- und Arbeitskräfte erleidet. auf der Oberfläche sich zeigt. Je nachdem diese sind, können sie dem Kör per zur Entkräftung oder zur Genesung dienen, und Aufgabe des ArzteS ist es, dieses Letztere möglichst herbeizuführen. So wie die Auswanderungen in Deutschland bis jetzt stattgefunden, können sie nur verderblich auf all unsere Verhältnisse einwirken. Anfangs sahen wir meistens Solche auswandern, die in übervölkerten, unfruchtbaren Gegenden dem Mangel Preis gegeben waren; jetzt aber ergreift die AuS- wanderungSlust meistens kräftige, arbeitsfähige Männer, die noch Mittel besitzen, um sich ein Eigenthum zu erwerben, oder deren Fähigkeiten sie zu sehr brauchbaren Gliedern der Gesellschaft machen. Die Unzahl der Ar- beits- und Mittellosen in den Städten und auf dem Lande bleibt dort, wo die Gemeinden sie unterstützen müssen, und vermehrt nicht nur die öffentli, chen Lasten, sondern liefert fort und fort allen revolutionären Bewegungen dienstbare Streiter. So wird einerseits die Zahl der zu öffentlichen Lasten BeitragSfähigen sehr vermindert und der Mittelstand fast ganz vernichtet, andererseits durch Vermehrung des Proletariates der sichere Bestand der Gesellschaft immer mehr gefährdet, ohne daß die Ausgewanderten mit dem Mutterlande in eine, auf dasselbe wohlthätig zurückwirkende Verbindung treten. Soll aber die Auswanderung dem Vaterlande zum Heile gereichen und selbst daS LooS der Auswanderer ein minder zufälliges, ein ihren Erwartungen entsprechendes seyn, so muß durch dieselbe 1) den Gemeinden eine Erleichterung werden; 2) das Vaterland an Kraft im Innern und nach Außen gewinnen; und 3) der Auswanderer nicht mehr einem blinden Geschicke oder gar der Habsucht Anderer Preis gegeben werden. Alles dieses läßt sich vereint erreichen, wenn durch Ansiedelungen in den untern Donaugegenden allen AuSwanderungSlustigcn eine sichere Zufluchtsstätte geöffnet wird. (Schluß folgt.) Ueber die zeitliche Herrschaft de- Papste-. m. Thiers sagt in seiner Geschichte deS ConsulateS und des Kaiserrei- cheS: „Die Einsetzung deS Papstes, der die Einheit deS Glaubens aufrecht erhält, kann man nur eine bewunderungswürdige nennen. Man wirft ihm vor, daß er ein auswärtiger Herrscher sey. Danken wir Gott dafür, daß er ein solcher ist. Der Papst ist fern von Paris, und das ist gut; er ist auch weder in Madrid, noch in Wien, und darum lassen wir uns seine geistige Autorität gefallen; dasselbe wird man mit Grund zu Wien und Madrid sagen. Glaubt man etwa, daß die Spanier, oder die zu Wien seine Entscheioungen annehmen würden, wenn er zu Paris wäre? Wir können unS daher nur glücklich preisen, daß er im eigenen Lande wohnt, und nicht in dem eines Nebenbuhlers u. s. w." Obwohl wir den bald darauf folgenden Aeußerungen keineswegs beistimmen können, so verrathen obige Worte doch gewiß einen hervorragenden Geist, welcher sich mit Leichtigkeit, wenn er nur will, über die Vorurtheile seiner Zeit erheben kann. Frei und unabhängig muß der Papst seyn, aber nicht bloß nach Außen, wie wir gezeigt haben, und wie auch Thiers behauptet; sondern er muß auch frei seyn von Innen. Als den Vater aller Gläubigen und den König der großen Familie der Kinder GotteS, setzte ihn die Vorsehung auch zum Vater und König eines erwählten Volkes, einer bevorrechteten Stadt ein. Ohne Zweifel muß ihm das Wohl ihrer Bewohner am Herzen liegen; er wird ihnen daher auch im rechten Maaße die Wohlthaten einer weisen Freiheit, und einer geordneten und väterlichen Regierung schenken; und fürwahr, der Die Übersiedelungen aus den verschiedenen Gegenden Deutschlands unsterbliche PiuS IX. konnte, als er seinen Fuß aus ein fremdes Ufer in die untern Donaugegenden, zunächst nach Ungarn, können nicht zu den setzte, feierlich seine drei Millionen Unterthanen, ja die ganze Welt zu eigentlichen Auswanderungen gezählt werden, da die Donauländer deS! Zeugen anrufe», daß er freiwillig für das wahre Glück und die Frci- Lsterreichischcn Kaiserstaates Deutschland angehören und von vielen Deut-iheit seines Volkes mehr gethan habe, als irgend ein Regent von Europa, scheu bereits bewohnt sind; außerdem aber durch zahlreiche Ansiedelungen Wenn aber mit der Freiheit Ordnung herrschen muß, wenn ein Normal- für Deutschland ganz und so bleibend gewonnen werden, daß sie endlich zustand und die freie Ausübung der rechtmäßigen Gewalt überall erfor- innerhalb der deutschen Gränzen fallen. Der mächtige Donaustrom bildet derlich sind zum Glücke und zur Sicherheit der Völker, wenn die Achtung daS unauflösliche Band und den lebendigsten Verbindungsweg zwischen der bestehenden Autorität daS Gesetz deS öffentlichen FriedenS und der Anker jenem neuern und dem ältern Theile des Vaterlandes, und bald würden!deS bürgerlichen Rechtes ist: dann kann man auch in Wahrheit sagen, Schienenwege und Straßen den Verkehr so beleben, daß jede Spur einer daß die heiligsten Interessen der ganzen christlichen Welt, die Aufrechter- Trennung sich verwischte, die uns seither von der untern Donau abge- Haltung deS europäischen Gleichgewichtes verlange, daß die zeitliche Herr- schnitten. Wird auf diesem Wege die deutsche Gränze den Donaumündun- schaft des Oberhauptes der ganzen katholischen Welt unabhängig und frei gen näher gerückt, so kann es nicht fehlen, daß wir bald unS deS ganzen vom Ische innerer Factionen, wie vom Einflüsse fremder Mächte seyn müsse. Stromes bis ins Meer be.mächtigen und es verhüten, daß der nordische Offenbar würde die Sicherheit der Kirche auf daS Tiefste erschüttert Nachbar eine unserer Hauptadern unterbinde und dadurch unsere ganze werden, wenn der Papst sich im eigenen Lande müßte Gewalt anthun Leben-thätigkeit lähme. Gerade von den Fortschritten, die Deutschland im lassen, wenn er unter den Willen der rohen Masse, und die tollkühnen Osten macht, hängt seine Zukunft ab, und diese Zukunft auf eine fried- Anmaßungen einer wühlerischen und tyrannischen Partei sich beugen müßte, liche Weise groß und mächtig gestalten zu helfen, ist eine der schönsten Alle christlichen Staaten müßten zugleich mit Ihm verletzt seyn, da sie Ausgaben, die der Verein sich auf politischem Gebiete stellen kann. nicht zugeben können, daß der Papst unter einer andern Autorität stehe, Deutschland trägt besonders in seinen Fabrikcistricten und in man- als seiner eigenen. In dem Augenblicke, wo eine siegende Emeute,.den chen Gebirgsgegenden eine so große Bevölkerung, daß sie in keinem Ver-,Dolch in der blutigen Faust, den Erben des geheiligten Pontificateö und hältnisse zu seinem Boden und dem Ertrage desselben steht; dagegen sindlder Herrschaft, welche die Vorsehung seit 14 Jahrhunderten an jene geknüpft hatte, in seiner Wohnung belagerte, nachdem sie seinen Minister ermordet, sein HauS dem Brande preiszugeben, und seine treuesten Diener niederzumetzeln gedroht, und ihm sein Leben nur um den Preis einer erzwungenen Abbication und der Verschleuderung der unveräußerlichsten Rechte schenken zu wollen, beschlossen hatte: in demselben Augenblicke handelte eS sich nicht bloß um die Regierung der päpstlichen Staaten, sondern um die Sicherheit, die Würde und die Freiheit der gestimmten Kirche. Mehr als irgendwo, muß gerade zu Rom, wie PiuS IX. eS wollte, eine wahre oberherrliche Unabhängigkeil stattfinden, vereinigt mit einer edlen und weisen Verwaltung zum Wohle und zu einer vernünftigen Freiheit des Volkes, sie muß stattfinden nicht bloß um der erhabensten und allgemeinsten Interessen wegen, die dort vertreten werden, sondern auch um der göttlichen Beziehungen willen, die nur von Gottlosigkeit und Unvernunft verkannt werden können; sie muß stattfinden, weil die katholische Welt in ihrem Vater und Oberhaupte geachtet werden soll. Hurter sagt in seiner Geschichte Jnnocenz III. *): „Sicherheit des Landes und der Stadt, von welcher auö daS Oberhaupt der Kirche diese in allen Ländern ordnen, leiten, erhalten soll, bleibt immer das erste Er- forderniß, um die vielartigen Obliegenheiten so hoher Stellung wahrnehmen zu können. Wie könnte er über den mannigfach verschlungenen Verhältnissen schweben, den zahllosen Angelegenheiten aller Kirchen und kirchlichen Personen Rath, Beistanv, Entscheidung gewähren, für die Erweiterung deS GlaubcnSreicheS sorgen, unv jede wider dasselbe sich crhebmde Arglist zu Nichte machen, frei zu Königen und Völkern sprechen, und schlichten, schirmen, warnen, strafen, wenn er in dem eigenen Hause nicht Ruhe fände, und Ränke der Böswilligen, Gewalt der Frechen ihn nöthigten, den sonst die Welt umfassenden Blick auf jenes zu beschränken, unv Erhaltung und Freiheit zu erkämpfen, oder flüchtig Schutz bei andern zu suche,,?« — Und der unerschrockene, unglückliche Rosfi sagte kurz vor seinem Tode: „Die Unabhängigkeit des Papstes als Oberherr steht unter der gemeinschaftlichen Garantie aller Katholiken. Rom mit seinen, Lurch die Schätze der ganzen Welt erbauten Denkmälern, Rom, der Miitelpunct unv das Haupt deS Katholicismus gehört vielmehr den Christen an, als den Römern. Seht euch wohl vor; wir werden die Christenheit nicht ihres HanpteS berauben lassen, noch auch den Papst, wenn er je Rom verließe, wieder zurückführe», daß er euch um ein Asyl bitte, welches ihr euch mit seiner Freiheit gern theuer möchtet bezahlen lassen!" Alles dieß führt uns zu einer Bemerkung, die wir bisher nicht berührt haben, die wir aber nicht übergehen können. Der Papst muß frei und unabhängig seyn nach Außen, wie von Innen, aber von Innen, um eS auch nach Außen seyn zu können; er muß, um in immerwährender Eintracht mit allen christlichen Nationen zu leben, mitten in ihren Streitigkeiten eine versöhnende Neutralität bewahren, und unter allen Umständen der wahre Friedcnöfürst seyn, wie dieß dem göttlichen Charakter, den er repräscnlirt, zukommt; er muß immer im Stande seyn, die reinen und friedlichen Hände zu erheben, um den Geist der Eintracht und deS Friedens für die christlichen Fürsten und Völker von Oben zu erflehen. „Die Erde," sagt der heilige AugustinuS, „ist oft bewegt durch Kriege, wie daS Meer durch den Sturm. Auch das Menschengeschlecht hat seine Stürme; der Himmel trübt sich, und alles scheint bisweilen im Wirbel eines allgemeinen KriegeS dahingerissen; wenigstens eS doch wenigstens nur Ein Volk gibt, daS sich diesem Wirbel zu entziehen weiß, nur Eine Stadt, auS welcher der Friede zu kommen vermöchte." Römer, hört diese Worte, beklagt euch nicht über daS große und rühmliche Vorrecht, daS euch der Sitz des Pontifer gibt, weil eS euch von der traurigen Nothwendigkeit des KriegeS befreit, und eS euch eine friedliche, ehrenvolle und immer unabhängige Neutralität sichert in Mitte aller christlichen Nationen. *) Band II Buch 13. **! „Es liegt im Jnicrcffc des Menschengeschlechtes, sagt Voltaire in seinem: Versuch einer allgemeinen Geschul te, daß es einen Zaum gebe, den die Fürsten scheuen, und der das Lebe» der Böller sichert; dieser Zügel, wir meinen die Religion, hätte durch allgemeine Uebcecinkunft i» die Hände der Päpste gelegt werden können, und diese, welche sich in wclllichc Slreiligkeilen nicht zu mischen hätten, als um den Friede» herzustellen, die Könige,i und Völkern ihre Pflichten doihaltc», ihnen Gesetzübertretungen verweisen, und für die ärgsten Verbrechen die Ercommunication in Anwendung hätten bringe» können, diese'hätte man immerhin als Stellvertreter Gottes auf Erden ansehen mögen." Leibnitz schreibt i» einem seiner Briefe: „Ich wäre der Ansicht, daß man in Rom ein Tribunal errichten solle, um die Zwistigkeitcn der Fürsten beizulegen, und daß man den Papst zu dessen Präsidenten einsetze, so wie er wirklich zu Zeiten die Stelle eines Richters unter den christlichen Fürsten einnahm. Es ist ja erlaubt, Luftschlösser zu bauen, warum sollten wir einen Einfall verwerfen, der nnS daS goldene Zeitalter zurückführen könnte?" Erinnern wir uns schließlich noch eines Gespräches zwischen Napoleon und dem Obern von Saint-Sulpice, dem greisen Emery, in Gegenwart der in den Tuilerien versammelten Bischöfe. „Ich bestreike nicht die geistliche Macht des Papstes," sagte Napoleon, „da er sie von Christus erhalten hat; aber Christus hat ihm nicht auch die zeitliche gegeben; diese hat er von Karl dem Großen, und ich, Nachfolger Karl deS Großen bin eS, der sie ihm wieder nehmen wird, weil er sie nicht zu gebrauchen weiß, und sie ihn verhindert, seinen geistlichen Verrichtungen nachzukommen. Was denken Sie davon, M. Emery?" „ES gefällt Ihnen oft, Sire, auS Bossuct zu citiren," sagte der unerschrockene Priester, „ich will dasselbe thun. Er sagt: „Wir wissen, daß die römischen Päpste eben so rechtmäßig als irgend Jemand auf der Erde Güter, Rechte, und eine Oberherrlichkeit besitzen. Wir wissen ferner, daß diese Besitzungen, in so fern sie Gott geweiht sind, auch geheiligt sind, und daß man, ohne ruchloS zu seyn, nicht Hand an sie legen kann. Der apostolische Stuhl besitzt die Oberherrlichkeit über die Stavt und den Staat von Rom, damit er frei und sicher und in Frieden seine geistige Macht ausüben könne. Und dieß ist nicht bloß ein Glück für den römischen Stuhl, sondern für die ganze Kirche, und wir wollen unsere heißesten Wünsche vereinigen, daß dieser geheiligte Prinzipal in jeder Hinsicht unangetastet und gesichert bleibe." Die Fronleichnamsfeier in Wien. Wien, 7. Juni. Daß Oesterreich seinen Charakter als katholische Macht bewahre, zeigte die prachtvolle so eben abgehaltene FronleichnamS- Procession, welche in ihrem altherkömmlichen Pompe einen eben so erfreulichen als erbaulichen Anblick gewährte. ES war eine Huldigung, dem Herrn deS Himmels und der Erde dargebracht von den Fürsten der Erde, verherrlicht durch Alles, was die Erde an Schätzen bietet znm Dienste deS Allerhöchsten. Außer allem dem, waS man anderwärts bei dieser Gelegenheit auch sieht, erschien dabei der ganze Hofstaat in seinen verschiedenen Abstufungen. Nach den Rittern deS golvenen Vließes und dem Domcapitel von St. Stephan folgten sodann unmittelbar vor dem höchsten Gute die hier anwesenden Herren Erzbischöfe und Bischöfe im kirchlichen Ornate (Plnviale), zu beiden Seiten begleitet von ihren Jnfelträgern. ES war ein erhebender Anblick, etwa 30 Bischöfe (einige waren durch Unpäßlichkeit verhindert) vor dem hochwürdigsten Gute cinherwandcln zu sehen. Die Reihe der Bischöfe schloß der Cardinal Fürsterzbischof von Salzburg, begleitet vom päpstlichen Nuntius. Der Fürsterzbnchof von Wien trug daS hochwürdigstc Gut unter dem Baldachin. Ihm folgte zunächst Se. Majestät der Kaiser Franz Joseph, in frischer Jugendblüte alle Herzen gewinnend; sodann die Prinzen deS kaiserlichen Hauses. Diese waren: der Erzherzog Franz Karl, Vater deS regierenden Kaisers, die beiden Brüder Seiner Majestät, und der Erzherzog Joseph, Sohn deS verstorbenen Palatins. Es war ein erbaulicher Anblick, wenn beim Segen so viele Bischöfe den Platz an der rechten Seite deS Kaisers knieend füllten, der Kaiser selbst in tiefer Ehrfurcht vor dem Altrr kniete, und mit allen Zeichen wahrer Andacht den Herrn der Heerschaaren anbetete. Gewiß, wo so viele fromme Wünsche vereint zum Himmel aufsteigen, wird der Segen des Allmächtigen zu dem großen Werk der Wiederherstellung unserer vielfach zerrütteten Zustände nicht fehlen, und wir dürfen mit Vertrauen der Zukunft Oesterreichs cntgegenblicken, wenn auch zur Stunde noch dunkle Wolken den Horizont bedecken. — Als der Kaiser nach beendigter Procession auS der Kirche von St. Stephan heraus trat, wurde er von dem überaus zahlreich versammelten Volke mit ungeheurem Jubel und fast endlosem Vivatrufcn begrüßt. Die Berathungen der hier versammelten Bischöfe werden, wie verlautet, noch etwa 10, höchstens 14 Tage dauern. Der Bischof von Trieft wird wegen anhaltender Uupäßlichkeit auf Andringen dcS Arztes morgen nach Hause abreisen. Gestern ist der hochwürdigste Bischof von Agram, Haulik, hier angekommen; man sagt, er werbe auch an den Berathungen der Bischöfe Theil nehmen, wie der hochwürdigste Bischof von Fünfkirchen, der schon seit dem Anfang derselben den Sitzungen beiwohnt. Der letztgenannte Bischof hat durch die gegen Oesterreich kämpfenden Magyaren sehr große Verluste an zeitlichem Gute erlitten, die er mit bewunderns- werthem Gieichmuthe trägt. Sein Begleirer sagte mir gestern mit Bezug darauf in lateinischer Sprache die schönen Worte: „Der Herr hat eS gegeben, der Herr hat es genommen: der Herr kann eS wieder geben, und will er daS nicht, so wird es zu unserm Heile besser seyn." (K. Bl. a. T.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Preis in Augsburg für sich allein (ohne A. Postzeitung)jährlich L fl. IL kr. Durch die Post kann dieses Wochenblatt nur von Abonnenten der Post- ritung bezogen werden, und erhöht sich der Preis nach Verhältniß der Entfernung. Sonntags - Peiblatt zur Augsburger Postzeitung. Für sich allein, ohne die Augsburger Post« zeitiing, find diese Blätter nur im Wege de« Buchhandels zu beziehen und kosten I» ganz Deutschland, der Schweiz u.s. w. jährlich nur L fl. SOkr. oder I Thlr Neuntel' Jahrgang ^ 2S «4. Juni L84». Der Vorort deS katholischen VereineS Deutschlands a n die sämmtlichen Einzelvereine. Schon der erste Vorort des katholischen VereineS Deutschlands zu Mainz brachte am 3. März d. I ein kurzes Billigungsschreiben unserer VereinSsache von unserm heil. Vater PiuS IX. — Herr Dr. Büß, welcher als Präsident der ersten Generalversammlung die Zuschrift an den heiligen Vater mit der Schilderung unserer Zwecke und der Bitte um den apostolischen Segen verfaßt, hat nun eine ausführlichere Antwort von Sr. Hei- ligkeit empfangen und dem Vorort abschriftlich übersendet, welche wir zu veröffentlichen uns beeilen. Wir hoffen, die Mahnungen unseres heiligen Vaters werden von allen katholischen Vereinen wie ein heiliges Gesetz befolgt werden. BreSlau, den 24. Mai 1819. Der Vorsitzende: Lic. Wick. Der Schriftführer: Dr. Dinter. * PiuS H Geliebter Sohn, Gruß und apostolischen Segen! Was Wir in Unserm Briefe an den Capitular-Vicar der Kirche zu Mainz unter dem 10. deS vorigen Monats Februar schon kundgegeben, dasselbe, geliebter Sohn, bekräftigen Wir wiederholt und gern in diesem Schreiben: daß UnS nämlich der von Dir und andern trefflichen Männern Deutschlands gefaßte Plan zur starkmüihigen und eifrigen Vertheidigung der Sache GoiteS und der Kirche zumal bei der so großen Umwälzung der Dinge und Zeiten zum Wohlgefallen gereiche. Denn die schwerste Betrübniß zehrt an Unserm Leben Tag und Nacht, wenn die der katholischen Sache drohenden Gefahren Unserm Geist vorschweben, besonders im Hinblick auf jene zügellose Frechheit, welche ungestraft so weit hin herrscht, und vermöge welcher die Kinder deS Verderbens durch ihre giftigen Schriften unheilschwangere Lehren zu verbreiten und den schändlichsten Irrthümern Eingang zu verschaffen bemüht sind, um die Gläubigen vom katholischen Glauben und der Befolgung der göttlichen und kirchlichen Gebote abzuführen und sie dem der ges.tzlichen Gewalt schuldigen Gehorsam zu entfremden. Als Wir daher den Brief vom 6. Ociober v. I. empfingen und Kenntniß nahmen von-den Gesinnungen der Generalversammlung der katholischen Vereine Deutschlands, welchen nach Deiner Versicherung nichts anderes am Herzen liegt, als unter der Obhut deS heiligen Stuhles die Sache der heiligen Religion und ihre Rechte mit Freimulh zu schützen und zu verfechten, so konnten Wir nickt umhin, aus Eurem Eifer und Eurer Sorgfalt Trost zu schöpfen und Euer aller Bemühungen zu diesem herrlichen Zweck lobend anzuerkennen. Doch möget Ihr in dieser äußerst gefahrvollen Zeit vor Allem dafür Sorge tragen, daß Ihr die Richtschnur, welche Ihr selbst in Eurem Schreiben in so trefflichen Worten bezeichnet, um jeden Preis festhaltet, nämlich daß Ihr jeglichen Verdacht politischen Treibens mit Abscheu abweisend durch Eure Bestrebungen an Tag leget, wie Eure Frömmigkeit - und Eure Sorgfalt beschaffen und von welchem Eifer Ihr erglüht zur Erlangung und zum Schutz der Freiheit der Kirche, der einzig wahren Braut deS unbefleckten Lammes Jesu Christi, welche er mit seinem eigenen Blut sich erkauft hat. Währenv Ihr ferner darauf hinarbeitet, daß Gott gegeben werde, waS GotteS ist, saßt auch, wie sich'S ohnehin für katholische Männer ziemt, den andern Satz des göttlichen GcboteS inS Auge und zeigt Euch beständig bereit, dem Kaiser zu geben, waS deS Kaisers ist. Wir hegen die festeste Hoffnung, cS werde Euch mit der Gnade GotteS, von welchem aller Schutz und Schirm zu erwarten, glücklich nach Wunsch gelinge», daS zu erreichen, waS Ihr zu seines heiligen NamenS größerer Ehre und zum Gedeihen unserer heiligsten Religion nach Eurem so evlen UnS abgelegten Bekenntnisse sucht. WaS nun zum zweiten Dein Schreiben vom 1. Februar betrifft, so suhlen wir UnS, geliebter Sohn, gedrungen zu der Antwort, Du mögest fortfahren den allmächtigen Gott auf alle Weise zu bitten und zu beschwöre», damit die Tage unserer bittersten Bedrängr.iß abgekürzt werden. Gott selbst wollen wir mit beständigen Seufzern und häufigen Gebeten angehen, er wolle nicht die ihm und seiner heiligen Kirche zugefügten Unbilden (Beleidigungen) einst durch allgemeines Ungemach sühnen, und wollen in Anbetung der unersorschlichen Rathschlüfse dessen, der dieses zuläßt, erwarten, daß er sein Angesicht wende auf sein verwüstetes Heiligthum. Unterdessen ertheilen Wir zum Zeugniß Unseres Wohlwollens gegen Dich und jene katholischen Vereine und zum Unterpfand deS himmlischen Schutzes, Dir geliebter Sohn und jenen irr innigster Theilnahme Unseres väterlichen Herzens den apostolischen Segen. Gegeben zu Gaöta am 27. März 1849. Im dritten Jahre Unseres OberhirtenamteS. PiuS 1'. k. IX. Anrede, mit welcher die vom PiuSverein in Oberschneiving best Straubing in Nied erbayern am Pfingstdienstag, den 29. Mai 1819 berufene Volksversammlung eröffnet wurde. (Gesprochen von einem Laien.) Herzliche Liebe, freundlichsten Gruß, Verehrte Mitbürger, liebe Freunde und Bruder allgesammt! . Friede und treu inniges Zusammenhalten in guten und schlimmen Tagen unter Allen, die den festen Willen haben, zu stehen bei GotteS Gebot, bei Christi unseres Herrn heiliger Lehre, bei Recht und Gerechtigkeit, bei Treue und Gehorsam gegen Gesetz und König, und gegen jegliche von Gott verordnete Obrigkeit! Aufrichtiges Wohlwollen auch Allen, die nicht mit unS, die nicht guten, die verkehrten Willens sind, deren Anschläge wider unö sind! Fern sey jeglicher Haß, fern jegliche Leidenschaft gegen irgend Einen von denen, die unsere Brüter sind Lurch die Erschaffung, durch die auch für sie vollbrachte Erlösung, durch den auch für sie in diesen herrlichen Tagen herabgesandten göttlichen Geist der Heiligkeit. Und hätten sie auch den Geist GotteS nicht empfangen, und hätten Ihn von sich gewiesen, und hätten dem Heiligen Geiste — eS ist erschrecklich zu sagen — geflucht, so sey daS Gericht bei Gott; bei unS aber sey Barmherzigkeit und Liebe, und bis zum letzten Lebenshauche nur daS eine, kräftige Streben, auch die verirrten und falschen Brüter wieder zu gewinnen, unv mit unS zu vereinigen. DaS ist das wahre Streben nach jener Einigung, nach jener Kräftigung unseres lieben Vaterlandes, nach jener Einheit und Kraft, von welcher in unsern Tagen so manches edle Herz erfüllet ist, und von welcher jeglicher Mund überfließet. Nach diesem freundbrüderlichen und christlichen Gruß an unser gesamm- teS gottgesegneteS Bayerland, und an das gesammte große deutsche Vaterland, bitte ich Euch, Verehrte Freunde unv Brüder, mir nur aus eine kurze Weile das Wort zu gönnen, und mir mit Wohlwollen, und besonders mit Nachsicht, deren tch bedürftig bin, zuzuhören. Mehr als driithalbtausend Jahre sind eS, da schaute ein von Got* G l.S8 erleuchteter heiliger Seher weit hinaus in die Zukunft, Leiliaer Beaeisterung: irurgo, illuiniimro, ^oru-alvin; und da rief er in heiliger Begeisterung: 8urgo, illuininaro, Uoru»alvin; guis venit lumon tuuiu ot gluria Uoimiri 8Uj leuchte, Jerusalem; denn eS i st gekommen dein Licht, und der Glanz des Herrn ist über dich aufgegangen!" Und, setzt Jsaias hinzu: Ht Llinbulubuut gonto8 ln lulnino tuo, „und Böller werden wan- deln in deinem Lichte;" und dann sagl er noch weiter: k.uva in cir- «nilu 0 LN >08 tuu8 ot viele: omin.-8 i8li ooiigrogaU 8unt, vouoruut Ubi: ,Heb' auf ringsum deine Augen, und schaue; Alle diese von Tage zu Tage mehr und mehr verwirrt und verschlechtert, und nur haben sich versammelt, und sind zu dir gekommen!" Fürwahr,, darum ist Alles, was zur Heilung und Besserung derselben versucht und liebe Freunde und Bruder, wenn es an irgend einer Stelle in heiligen gethan worden ist, und noch wird, und nur darum sind alle zur Erleich- odcr weltlichen Büchern und Schriften einen Spruch gibt, der zu unserm leimig deö materiellen Nothstandes «„gerathenen und angewandten Mittel heutigen Feste paßt, so ist es der eben vernommene Spruch aus JsaiaS bis heule erfolglos geblieben, und nur darum finden wir unS in allen dem Propheten: und wenn auch jener Spruch zunächst sich beziehet aus die unsern zeitlichen Veryälinissen heute gleichsam auf die äußerste Spitze ge- Erscheinung deS Heilandes und auf Seine Verherrlichung unter den Völ-^ trieben und an den Rand eines entsetzlichen Abgrundes gedrängt, weil, und Zeitlichkeit, d. i. Staat, Gesellschaft und Haus, von einander reißen. Und das, liebe Freunde, das ist, nach den ergiebigen Vorarbeiten deS vorigen JahrhunderS, durch die von Gott getrennte Wissenschaft der gottlosen Philosophen, der Freimauerer und Jlluminaten, der vermeintlich auf. geklärten Plostssoren, Jugendlehlcr und Schulmeister, auch, und das verschweige ich nicht, vieler verweltlichten Priester, in unserm Jahrhundert gelungen; unsere zeitlichen Verhältnisse sind von dem Christenlhume losgerissen; und darum, uno nur darum haben sich dieselben seit 50 Jahren hebet auf ringsum euere Augen, und schauet! Schauet die unermeßliche Wirkungen deS nun einmal in unserer Welt überall vorhandenen Bösen Menge, deren Zahl Viele, viele Tausende ist: sie Alle haben sich versam-^nicht zu widerstehen vermögen. Ich sage eS, und bin davon innigst über- melt, sie Alle sind gekommen, vor allen Dingen durch ihre Gegenwart zu zeugt, und die Weltgeschichte hat eS mich im Verlaufe ihrer Jahrtausende bekennen, daß sie bei Gott dem Vater, bei Jesu Christo und bei dem heiligen Geiste halten, leben und sterben wollen; zu bekennen, daß ihre Ehre ist im Namen Christi, und ihr Ruhm im siegreichen Kreuze; zu bekennen, baß sie unbekümmert um Hohn und Spott der Widersacher, unrer dem Panier des Kreuzes siegen oder sterben wollen: und Keiner von ihnen ist, der nicht freudig und frohbegeistert einstimme m den Jubelruf: „Gelobt sey Jesus Christus!"*) . Ueber alles Erwarten herrlich habt ihr eingestimmt in den Jubelruf zum Preise Christi! Ist darum nicht diese Versammlung eine wahrhafte..Erscheinung Seiner Herrlichkeit? Wohlan denn. so erhebe dich, du mit feierlichst begrüßte christliche Ver- sammlung, erhebe dich, uno leuchte; denn hier ist dir dein Licht gekommen, und der Glanz Gottes ist über dich aufgegangen! Du feierst hier ein Herr- licheS Pfingstfest, und gibst Zeugniß von der allmächtigen Kraft des Gei- fieö, der über dich auSgegossen wurde: du feierst auch das Pfingstfest, das Fest der Erstlinge des allen Bundes: denn diese Versammlung ist die klar erkennen lassen, so lange nicht wieder die Staatsbürger Christen, und die menschliche Gesellschaft christlich, und die Familien Pflanzschulen deS Christenthums sind, so lange nicht Staat, Gesellschaft und Familie, Jegliches innerhalb deS Kreises seiner Wirksamkeit das Christenthum frei und unbeirrt walten, und sich selbst durch baS Christenthum gestalten und von dem Christenthum durchdringen läßt, so lange kann in Staat, Gesellschaft und Familie der Geist der Ordnung nicht zurückkehren, und eS kann nicht Ruhe und Friede werden; und, daß ich mich wieder eines BildeS bediene, das Schiff unserer Zeitlichkeit wird von dem Sturme der wild auslosenden Wogen verschlungen werden, wenn wir eS noch länger verschmähen sollten, den Nothanker auszuwerfen, und unser nothleibendeS Schiff an den Anker der Erbarmung, wie die Seeleute sprechen, anzuhängen, daS heißt, wenn wir nicht bald, bald die Rettung dort suchen, wo allein sie zu finden ist, nämlich in der Rückkehr zu unserm so leichtsinnig verlassenen Christenthume. Seht, liebe Freunde, darum habe ich, ein weltlicher Redner, einen erste, sie ist das Opfer der Erstlinge in diesen reich gesegneten Fluren, l christlichen Rebeton vor euch angestimmt, und Jeder, der eS gut meint mit Ja, Ja, daS Volk deiner Brüder, nahe und fern, muß wandeln in der-!der Menschheit, und Jeder, der Erbarmen trägt mit den schweren Drang- nein Lichte, und die Fürsten der Finsterniß werden weichen: denn, so sang!salen, welche unsere Gesellschaft betroffen haben, Jeder, der da helfen in diesen Tage» die Kirche, und so wird sie noch einmal singen: „Wenn!möchte, Noth und Elend unserer Zeit zu lindern, der kann gewiß nichts sich der Herr erhebt, so werden zerstreuet Seine Feinde, Besseres thun, als für sich selbst und vor Anderen, und bei jeglicher Grund eS fliehen vor Sein ein Ange sichte die, so Ihn h assen!"! legenheit in die christliche Rede einzustimmen, und durch die That und Aber, liebe Freunde und Brüder, ihr wundert euch vielleicht, und!durch selbsteigeneS christliches Handeln und Wirken zu beweisen, daß seine christlichen Worte und Mahnungen nicht bloß leere Reden sind. Und damit ich nun auch an einem Beispiele recht praktisch und deut. lich zeige, wie all unser politisches Streben, getrennt von Religion und Christenthum, nicht nur eitel und fruchtlos ist, sondern gerade zum Gegentheile des erstrebten Gutes hinführt, so will ich bei dem allgemeinen Lo- fraget mich: Wozu alle diese deine frommen, geistlichen Reben, da wir von dir, dem Laien und Weltmanne, vielmehr weltliche, politische, unsere bürgerlichen und geselligen Verhältnisse berührende Reden zu vernehmen hofften? Die Religion gehört in die Kirche, und um sie zu verkündigen, haben wir unsere Priester. So rede denn du von dem, was deine Sache ist, und greife nicht mit ungeweihter Hand nach dem Heiligthume deS, sungSworte unseres Jahrhunderts,'und zumeist unserer sturmbewegten Tage, Priesters! Liebe Freunde, solche und noch viel andere Einreden müßte ich ^-stehen bleiben. Freiheit, Freiheit! daS ist daS Zauberwort, daS die mir wohl fürerst gefallen lassen, wenn Ihr sie erheben wolltet. Fern von! Welt nach allen vier Winden hin in die gewaltigste Aufregung bringt, daS mir sey eS, mit unheiliger Hand daS Heiligthum zu entweihen, oder mitj selbst die Besonnensten unter unS gleichsam zu einem rasenden Veitstänze frecher Anmaßung mich einzudrängen in daS Allerheiligste, ohne dazu beru-^zu verhexen vermag. Und die Freiheit, daS ist etwas so Schönes, so fen zu seyn gleich Aaron! Aber, merket auf und erkennet mit mir, was Liebliches, so der menschlichen Natur Angemessenes, daß der nicht werth ^ ^ ' ' ' könnte. Freiheit Freiheit kann die - , ., . „ , . > die hohe Würde zwar nicht nur im Allgemeinen auf einer sogenannt christlichen Sittenlehre > ihrer ewigen Bestimmung erreichen. DaS Heidenthum erkannte keine Frei- ohne Glauben und Gottesdienst und Kirche, sondern auf dem ganzen unzer-^heit deS menschlichen Gesetzes, und dieß brauche ich nicht erst zu beweisen: theilten, geoffenbarten, positiven Christenthume mit seiner ganzen Glau-! das Christenthum aber ist gekommen, und hat die Menschheit frei gemacht; LenS- und Sittenlehre, mit seiner Kirche und seinem Gottesdienste. Und! dieses beweise ich ebenfalls nicht: wer eS nicht weiß, daß die Menschheit Liese Grundlage deS Christenthums ist für den Bau unserer Staaten, un-! durch den Sieg des Christenthums befreit, und nach und nach im Ver- serer Gesellschaft und unserer Familie etwas so absolut Wesentliches, daß ^ lause der christlichen Wiedergeburt durch die Kirche in die volle Freiheit mit dem Schwinden des christlichen Unterbaues daS ganze Staats-, gesellige und Familicngebäude nothwenig in Trümmer zerfallen muß. DaS aber ist der große, entsetzliche, auf unserm Jahrhundert lastende Fluch, eingesetzt worden ist, wer dieß nicht weiß, der mag eS aus der Geschichte lernen, oder einstweilen glauben, oder — auch nicht glauben. Diese . , .... ... , . . __ Freiheit aber stand im Christenthum unzertrennlich verbunden mit der Ge- Laß daö unausgesetzte Streben desselben dahin geht, den Staat, die Ge-^sctzmäßigkeit: „Freiheil und Gesetzmäßigkeit" das ist der durchaus sellschaft und das Haus von jener christlichen Grundlage zu verrücken, christliche Wahlspruch unseres Allerdurchlauchtigsten KönigeS. Keine Frei- unv für dieselben einen anderen, angeblich selbstständigcn Unterbau aus!hrit ohne Gesetzmäßigkeit; denn Gesetzlosigkeit, oder schrankenlose sogenannte ihnen selbst herauSzubauen und unterzuschieben. Man will Christenthum Freiheit ist Willkür jedes Einzelnen, d. i. unvermeidliche Knechtschaft Aller. Darum entstand und bestand und blühete die Freiheit im Christenthum von mehr als 5000 Versau,' vermöge deS strengen und freiwilligen Gehorsams gegen die Gebote Gottes und gegen die Gesetze der von Gott verordneten weltlichen, wie geistlichen. Obrigkeit. DaS Christenthum wieß einen Jeden, weß Geschlechtes, Stau- ') Bei dicscn Worten brach die unermeßliche Menge von mehr als 5000 Bersam- mkllcnnilt entblößtem Haupte in den dreimaligen Jubcirus aus: „Gelobt sey Jesus Christus!" ' SS deS und Alters er war, zu seinen Pflichten an, und durch die willige Erfüllung der Pflichten des Einen waren die Rechte des Andern, und in der Gesetzmäßigkeil Aller die Freiheit Aller sicher und geborgen. Die Feinde deS Christenthums begriffen dieses Wechselverhältniß nicht, oder Wollten es nicht begreifen. In Frankreich, ihr wißt eS, wurde im vorigen Jahrhundert das Christenthum in großen Massen deS Volkes nach und nach aufgelöst; in der ersten französischen Revolution wurde es zu Grabe getragen; selbst der liebe Gott wurde abgesetzt, und die befreite menschliche Vernunft in einem sauberen sehr handgreiflichen Abbilde als Göttin auf den Altar gehoben. Die Freiheit aber, für welche sich die Massen erhoben hatten, die Freiheit, ihr wißt es auch, wurde eine furchtbar grausame Hyäne, welche sich in dem Blutstrome von hunderltausenden unschuldig erwürgter Scklacht- opfer gütlich that. Wie war daS gekommen? So war es gekommen: man hatte die Freiheit losgerissen von der christliche» Gesetzmäßigkeit; da stürzten Thron und Altar, und auf ihren Trümmern erhob sich die Schreckens? Herrschaft schrankenloser Willkür zur erbarmungslosen Knechtung Aller. Und schauen wir etwas weiter herüber in die Begebnisse unserer Tage! Hat die Befeindung deö Christenthums und der Kirche in der Schweiz die Sache der Freiheit gefördert? Unsinn oder Lüge, oder beides zugleich wäre cS, solches zu behaupten: Zwingherrschaft des RadicaliSmuS, Unterdrückung deS eigentlichen Volkes durch die rohe Gewalt der augenblicklichen Macht. Haber, Raub, Gewaltthat an Leib und Seele, allgemeine Unsicherheit, das sind die Zustände der Schweiz. Ist das Freiheit? Und was wir von den Feinden der Pfaffen und Jesuiten, wie jetzt der Sprachgebrauch ist, in Wien, in Turin, in Florenz, in Rom, in Frankfurt, und noch hier und dort erfahren haben, wie sie LichnowSky, Auerswald, Latour und Rossi ermordeten, wie sie die armen Schildwachen auf ihren Posten mit verrätherischer Schießbaumwolle unversehendS und unbemerkt niederstreckten, wie sie sengten und brennten, und gewaltig thaten in allem Uebermuthe deS frechen Wortes und ihres ruchlosen Werkes: ich frage euch, liebe Freunde, ist das Freiheit? Und wenn im Namen der Freiheit die Priester und die.christliche Geistlichkeit aus der Schule ausgewiesen werden, wenn freisinnige Schullehrer, wie sie in Hünseld und noch hier und da zu Rathe saßen, LoSreißung der Schule von der Kirche verlangten, und dadurch euern armen Kindern Schulen ohne Religion und Erziehung, ohne Christenthum, zu euer Aller Schrecken in Aussicht gestellt wurden; so frage ich abermals: Ist das Freiheit? Und wenn Julius Fröbel, einer der Abgeordneten zur Nationalversammlung in Frankfurt, den Glauben an das Daseyn Gottes und an die Unsterblichkeit der Seele und die Fortdauer nach diesem Leben abgeschafft wissen will, wenn nach seinem Willen die Ehe aufgehoben und freier, gemischter und durchaus unbeschränkter Verkehr der Geschlechter eingeführt, dabei auch kein Eigenthum deö Einzelnen und besonders kein Erbrecht gestattet seyn soll; so frage ich, um euch nicht weiter zu ermüden, zum letzten Male, ist daS Freiheit? Und nun, liebe Freunde, überlasse ich es euch selbst, die zehn Gebote Gottes der Reihe nach durchzugehen, und dann werdet ihr, ohne sonderliche Mühe und Anstrengung eueres Verstandes, erkennen und begreifen, daß jegliches Gebot, wenn es gehalten wird, mittels der Gesetzmäßigkeit die wahre Freiheit fördert, und daß jegliche Uebertrctung irgend eines der Gebote, vermöge der Nngesetzmäßigkeit, die Freiheit bedrohet, und in letzter Folge zerstören muß. Oder meinet ihr, wenn das erste und daS zweite Gebot aufgehoben wären, und wir nicht mehr an Einen Gott glaubten, auf Ihn hofften, Ihn über Alles lieben und anbeten, und Seinen Namen über Alles heilig halten müßten, glaubt ihr, dann würde Freiheit seyn, oder seyn können in der Welt? Schaut nach Rom, wo im Jahr .1527 daS gegen die sogenannte heilige Liga und gegen die beklagenswerthe Politik des Papstes Clemens VII. siegende bourbonische Kriegsherr sich nach der Erstürmung Roms in wildem Uebermuthe überstürzte, und die christlichen Heiligthümer entweihte, und GotteS und Seines heiligen Na- menS vergessen, hatte in schrankenloser sogenannter Freiheit; schauet nur, welch eine furchtbare Schreckensherrschaft dort von der entfesselten Ruch- losigkeit sieben Monate lang geführt wurde. Und in HildeSheim, wo im Jahre 1513 zuerst die Schneider, und sodann, deren Beispiel folgend, die übrigen Handwerker das Bild des Kreuztragenden Heilandes der Reihe nach auf die verschiedenen Zunflhäuser brachten, und unter den entsetzlichsten Gotteslästerungen verhöhnten, und den betrübten Heiland spottend zur Theilnahme an ihrer wilden Ausschweifung einluden; Freunde, wir wissen es, zu jener Zeit war in Hildesheim Niemand frei, als nur die schmutzige, verliederlichte Rotte der Gottlosen. Und als zu Münster in Westfalen, jener altkatholischen, getreuen Stadt, jenem köstlichen Edelsteine in dem Geschmeide der Braut des Herrn, der Vaterstadt der erlauchten Brüder Clemens August und Caspar Mar Droste zu Vischering, als in Münster i. I. 1535 der König der Wiedertäufer Johann Bockhold, der Schneider von Leiden, mit seinen vierzehn Weibern, seine ruchlose königliche Herrschaft über sein himmlisches Reich bis auf die äußerste Spitze trüb, wir wissen eS, wie da in dem Reiche der Freiheit daS Blut von Freund und Feind je nach des Befreiers königlichem Willen in Srrömcn floß. Ich schweige von Frankreich und von den Dlutgräueln, welche im Namen der von den drei ersten Geboten GolteS enthobenen Freiheit verübt wurden. Und wie, mein Freund, der du, wie ich, und wie wir alle arbeiten mußt, ist nicht daS drille Gebot von der geheiliglen Ruhe deS SabbateS ein Gesetz zum Schutze deiner Freiheit? Erreiche das dritte Gebet aus, so knechtest du Jahr auS Jahr ein, und du bist der elendeste Sclave, magst du für dich, oder für andere arbeite», und deine eigene verblendete Selbstsucht, oder die Härte erbarmungelvser Dienst-, ArbettS« und Fabrikherren wird dich nie mehr von deiner Sclavenketle loslassen. Und streiche daS vierte Gebot, so werden dich deine Kinder, wen» du ihnerr im Wege stehst, auS dem Hause werfen, und dich sehr praktisch belehren, waS die Freiheit ohne GolteS Gebot ist Und in dem fünften, dem sechsten und dem siebenten Gebote, da findest, du deinen Schutz und deine Sicherheit gegen Gefährdung deS Lebens und der Gesundheit des LeibeS wie der Seele, gegen Entwürdigung deiner selbst und deS Abbildes Gottes in dir durch das Häßlichste, daS dick zum Thiere erniedrigen würbe: ja auch dein Eigensinn ist dir gesichert gegen die Gewaltthat derer, die dazu eiir ungerechtes Gelüste verspüren möchten. Und damit selbst nicht böse Lust gehegt werde nach Dingen, die zu thun oder zu besitzen verboten sind, und die wachsende Lust nicht unversehendS zur That überspringe, darum ist im neunten und zehnten Gebote selbst jegliche ungerechte Lust verboten, auf daß du ganz sicher und frei seyn könntest unter dem Schirme einer treuen Gesetzmäßigkeit. Endlich, damit nicht daS Gift der Verleumdung und die Kunst der Hölle, d. i. die Lüge, dir schade, so verbleiet daS achte Gebot daS falsche Zeugniß, und mit demselben jegliche Lüge und ungerechte, unwahre Rede wider den Nächsten. Kurz, lösche die zehn Gebote aus und vernichte ihre, zu strenger Gesetzmäßigkeit verbindende Kraft, so bist augenblicklich mit zehnmal zehn Sklavenketten gebunden, und jeglicher Freiheit bar und ledig. Wohlan, liebe Freunde und Brüder, so stehet bei den Geboten GotteS, bei Christo und Seiner Kirche, wo diese Gebote, und i» denselben die christliche Gesetzmäßigkeit, die.Grundlage so wie die Richtschnur für alle zeitlichen Verhältnisse sind. So bleiben wir treu vereint in der Gesinnung, in welcher wir heute zusammen gekommen sind, und wirken also mit vereinter Kraft, und stehen, leben und sterben mit Gott, für unsern lieben König, und für unser theureS Vaterland! Die AuswanLerungsfrage, eine Angelegenheit der katholischen Vereine Deutschlands. (Schluß.) Sind die Gründe, welche auf politischem und socialem Gebiete dem Vereine die Uebersiedclungen nach den untern Donaugegenden als eine seiner lohnendsten Aufgaben nahe legen, sehr in die Augen springend, so sind eS die religiösen Interessen nicht minder, welche einerseits die vollste Berücksichtigung verdienen. Der Verein ist zwar kein kirchlicher, d. h. kein Verein, der sich die Belebung LeS kirchlichen Sinnes hauptsächlich zur Aufgabe gestellt, oder für die Kirche einen wettern Boden zu gewinnen den «Beruf hat; allein er ist ein katholischer, d. h. seine Mitglieder gehören ^ in jeder Beziehung der katholischen Kirche an und sagt deßhalb daS Statut j 8- 12 cl: „Der Verein fühlt sich als Glied deö gesammten Körpers der ! Kirche und empfindet die Freude und den Schmerz jedes andern Gliedes. ! Er wird deßhalb bei großen, die Kirche und ihre Anliegen ergreifenden i Ereignissen, in welchem Theile der Erde sie stattfinden, seine Sympathien « an den Tag legen und die gerechte Sache mit Rath und That in brüderlicher Liebe unterstützen." 'ÄZenn daher irgendwo die Interessen der katholischen Kirche die Aufmerksamkeit deS VercineS auf sich ziehen, so ist eS vorzugsweise Ungarn, ^ wohin derselbe sieb durch Rath und That zu wenden hat. Nicht nur , daß «dieses Land ein seltenes Gemisch von Religionen und Konfessionen in sich birgt, ist dort auch, wie fast in keinem andern Lande, durch den Jndiffe- rentiSmuS unter dem Adel und dem Bürgerstande und durch die furchtbare materielle und geistige Knechtschaft deS Bauernstandes, verbunden mit einer Verkommenheit des Klerus, der erst in jüngster Zeit durch würdige Bischöfe Einhalt gethan worden, das katholische Leben entsetzlich untergraben und der wohlthätige Einfluß der Kirche fast ganz vernichtet worden. Noch steht zwar äußerlich dort die katholische Kirche auf der alten politischen Grundlage, und ist dieselbe im Besitze von unermeßlichen Gütern und ! Stiftungen; allein daS politische Gebäude, auf welches ihr Besitz gegrün-- det worden, ist morsch, eS wird bald zusammenbrechen unter den anstürmenden Wogen der Revolution, und diese wird nicht nur das verschlingen, waS die Kirche immerhin entbehren kann, sondern auch daS innerste Heilig- thum nicht schonen, wie fie im Laufe weniger Jahrzehnte eS fast in allen Ländern bewiesen. Wenn da, im Angesichle solcher fast unabwendbaren Gefahren, der katholische Verein nicht den Beruf in sich fühlt, der katholischen Kirche und in ihr seinen bedrohten Brüvern hilfreiche Hand zu reichen, und zu wahren und zu retten, waS beschützt oder erhalten werden kann, da findet er diesen Beruf auch nirgendwo. Es kaun und darf unS Katholiken Deutschlands schon um unserer selbst willen nicht gleichgiltig seyn, wie die sachlichen Verhältnisse an der untern Donau sich gestalten, denn sie hängen fast unmittelbar mit den unsrigen zusammen, und das erst so recht, wenn die politischen Gränzen fallen, welche dort gegen unS bisher bestanden haben. Besser aber vermögen wir die Interessen der katholischen Kirche dort nicht zu wahren, als indem wir durch Gründung ächt- katholischer Gemeinden dem kirchlichen Leben feste Anhaltspuncte schaffen, von denen auS dasselbe am ehesten reinigend und belebend auf die ältern Gemeinden einwirken kann. So würde der katholische Verein auf den drei Hauptgebieten der heutigen Gesellschaft, dem politischen, dem socialen und dem kirchlichen sich einen Wirkungskreis schaffen, der in seiner Anlage und in seinem Umfange Alles überbietet, waS bisher auf dem Wege der freien Association erreicht worden; allein er nur in seiner, auf katholischem Boden ruhenden Grundlage und in seiner tausendfältigen, daS ganze deutsche Volk und Land umfassenden Gliederung ist einer solchen Aufgabe gewachsen. Nimmt er dieselbe auf, so reiht er sich den segensreichen Institutionen, die fast in allen Jahrhunderten dem Boden der katholischen Kirche entsprossen, würdig an und die Erfolge seines Streben« werden nicht im politischen Strudel verschwinden, sondern sich bleibend einprägen in jene Gestaltungen, die auS den gegenwärtigen Kämpfen und Bewegungen hervorgehen. Unterliegt eS keinem Zweifel, daß die Uedersiedelung von Deutschen auS übervölkerten Distrikten in die untern Donauländer eine würdige Aufgabe deS katholischen VereineS ist, so fragt es sich zunächst, wie dieselbe auszuführen wäre. Daß jede Gemeinde vor Allem ein Interesse hat, sich der Mittellosen zu entledigen, ist keine Frage, und würde der Verein nothwendig gegen diese insbesondere seine Theilnahme richten, ohne gerade zu versäumen, auch Bemittelte für dle Uedersiedelung zu gewinnen. Der Umschwung in den gewerblichen Verhältnissen, in dem Gemeinde- und Armenwesen:c. ist in unserer Zeit ein so gewaltiger, daß durch ihn die Zahl der UnterstützungS- bedürftigen inS Unendliche sich gesteigert und kaum auf einem andern Wege, als auf dem der Uebersiedelung, eine durchgreifende Heilung erreicht werden kann. DaS drückende Uebergewicht deS Geldcapitales und die übermäßig gesteigerte Arbeiterbevölkerung sind nicht auf dem einfachen Wege der Reform in Einklang zu bringen und muß zunächst der Arbeitskraft weiterer Raum gewonnen werden. DaS furchtbare Elend der Arbeiter- bevölkerung, daS ganze Proletariat entsteht (materiell) größtentheilS dadurch, daß der Arbeiter weder ein Stückchen Erve, noch eine Hütte besitzt, um die nothwendigste Nahrung und daS unentbehrliche Obdach sich zu sichern, und daß sein Lohn in der Regel ein zu karger und unbeständiger ist. Die unzureichende und verderbliche Einrichtung deS ArmenwesenS, dem brodlose Arbeiter stets anheimfallen, wirft diesen alsbald in den furchtbaren Schlund deS PauperiSmuS, auS welchem sich wenige zu nützlichen Gliedern der Gesellschaft wieder erheben. Die materielle Noth überliefert den bis zur Verzweiflung Gesunkenen allzuleicht dem geistigen Verderben, und darf eS nicht wundern, daß Jrreligiösität, Siltenlosigkeit und Verderben auf eine schaudererregende Weise überhand nehmen. Diesen allgemein herrschenden Uebeln der Gesellschaft ist, wie bemerkt, erst dann mir Erfolg entgegenzuwirken, wenn für die Thätigkeit deS Einzelnen mehr Raum und wo möglich ein eigenes Lcsitzlhum gewonnen wird; waö wieder für uns nur durch Auswanderungen zu erreichen wäre — ein Heilmittel, zu welchem gegenwärtig sich Tausende fast instiiictarti'g hindrängen. Indem also der Verein diesen Drang zur Besserung der gesellschaftlichen Zustände zu regeln versucht, verdient er vorzüglich die kräftigste Unterstützung der Gemeinte» und aller Derer, die zum allgemeinen Wohle etwas beizutragen vermögen. Wie bei allen, in daS ganze Leben deS Volkes tiefeingrcifenden Unterneh mungen, so hängt anch hier vieles von der Art und Weise ab, wie der Verein diese Angelegenheit in die Hand nimmt. DaS ganze Unternehmen ist ein zu großartiges und sind die Verhältnisse weder hier noch in den Donauländern zu wenig demselben entsprechend geregelt, um alsbald dasselbe mit aller Kraft aufnehmen und durchführen zu können. Der erste Schritt deS VereineS in dieser Unternehmurg wäre: die Bildung eines Comitä's in jedem Vereine, der sich dem katholischen Vereine einverleibt und von dem der Verein deS Vorortes (oder eines andern durch besondere Verhältnisse dazu etwa mehr geeigneten) daS CentralcomitS bildete. Diese Comitä's empfingen zunächst die Aufgabe: 1) in ihrem Bereiche eine tabellarische Liste derjenigen anzufertigen, die sich zur Uebersiedelung entschließen und in diese Liste alle Bemerkungen (besonders über Vermögens- und Berufsverhältnisse) aufzunehmen, die für die Uebersiedelung von Bedeutung sind. 2) Freiwillige Beiträge in Geld und brauchbaren Gegenständen für unbemittelte Uebeisiedeler zu erwerben. DaS Centralcomilä würde außerdem sich mit dem österreichischen Ministerium in Verbindung setzen, um alle jene Erkundigungen einzuziehen (über die verfügbaren Landstriche, die Bedingungen ihrer Uebergabe rc. rc.), deren eS von dorther bedarf. Nach Ablauf einer gewissen Frist senden die Vereine ihre Verzeichnisse der zur Uebersiedelung Entschlossenen an daS Centralcomilü ein, so daß dieses auS denselben eine Uebersicht der Zahl und der Verhältnisse der bis dahin angemeldeten Uebersiedler erhielte. Im Besitze dieses ersten Resultates der Tkätigkeit wäre das Centralcomitä in Stand gesetzt, die weitem Schritte anzuordnen und zu thun und, je nach dem ermittelten Bedürfnisse, durch sachkundige Agenten Plätze zu Niederlassungen aufzusuchen. Die Comltü'S würden dagegen mit den Gemeindevorständen in nähere Verbindung treten und, je nach der Zahl der unbemittelten Uebersiedeler, von ihnen Kostenbeiträge erwirken. Wo diese, so wie die freiwilligen Beiträge, nicht ausreichen für die Kosten und die Ausrüstungen der Uebersiedelung, da müßte durch den CentralauSschuß aus Staatsfonds der einzelnen Länder, oder aus der ReichScaffe ein Zuschuß nachgesucht werden; wie überhaupt nichts versäumt werden darf, um möglichst reiche Beisteuern zu erzielen. Eine weitere Aufgabe des Centralcomitä'S wäre eS nun, die aufgezeichneten Uebersiedeler je nach ihrem Berufe rc. (mit möglichster Berücksichtigung ihrer Wünsche) zu gruppiren, so daß jede Niederlaff ing in Zahl und Verhältniß diejenigen geistigen und materiellen Kräfte erhalte, deren sie zu ihrem Gedeihen bedarf. Ist auf diesem Wege eine Niederlassung vollständig zusammengestellt und ausgerüstet, so würde sie durch Vermittelung deS VereineS, unter besonderer Mitwirkung der auf dem Wege liegenden Einzelvereine, an den Ort ihrer Bestimmung gebracht und unter Leitung eines vom Centralcomitä dazu Erwählten geordnet und dann einer eigenen, auS ihr gewählten Verwaltung, nach der für sie geltenden Gemeindeverfassung, übergeben. Jede solche Niederlassung oder Gemeinde bildet alsdann ein Glied deS großen katholischen VereineS und bleibt mit diesem in der innigsten Verbindung. Dieß wäre in den wesentlichsten Grundzügen die Art der Betheiligung deS katholischen Vereines an der Uebersiedelung in die untern Donau- länver; eS wird genügen, um die Bedeutung und die Ausführbarkeit für den katholischen Verein zu prüfen und bedarf eS hier dicserhalb keiner weiter» Ausführung. Möge die Versammlung der katholischen Vereine dieses hohe Werk mit jenem Gottverlrauen und jener E-nmüthigkeit erfassen, deren dasselbe bedarf, wenn es der Kirche, dem Vaterlande, der Gemeinde und jedem Betheiligten zum Heile gereichen und dem Vereine selbst einen Einfluß .verschaffen soll, der in dem Herzen deS Volkes wurzelt und dasselbe nach allen Richtungen hin segensreich durchdringl! Köln, am 1. Mai 18ä9. Fr. Baudri. Deu tschland. Wien, 20. Juni. Vergangenen Sonntag wurde die hohe Versammlung der österreichischen Bischöfe geschlossen. Sie hielten, gerade wie am Tage der Eröffnung, einen feierlichen Einzug in die Ste- phanSkirche und wohnten dem Hochamte bei, bann begaben sie sich zur Schlußsitzung in den fürsterzbischöfllchen Palast. Bereits haben die meisten derselben Wren verlassen. Am l. Juli wird fast in allen Diöccsen die Veröffentlichung der feierlichen Ansprache an daö Volk und die Geistlichkeit erfolgen, welche die frommen Oberhirlen beschlossen haben. Auch an daS Ministerium sind ihre Anträge bereits ergangen, nun ist eS an diesem seine Versprechungen zu erfüllen und durch Genehmigung der bischöflichen Anträge der Kirche die Freiheit in der That zu gewähren, ohne welche fie nicht gedeihen kann. (Oest. Volksfreund.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen, Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Vierteljähriger Abon- nementspreis im Bereiche von ganz Bayern nur 2V kr., ohne irgend einen weiteren Post-Aufschlag. Auch von Nicht Abonnenten der Postzeitung werden Bestellungen angenommen. Sonntags - Beiblatt zur Augsburger Postzeitung. Auch durch den Buchhandel können diese Blätter bezogen wer« den. Der Preis beträgt, wie bei dem Bezug durch die Post, jährlich 1 st. 2t> kr. Neunter' Jahr-gang. ^ 28 . 1. Juli 184». Erwiderung der hohen Versammlung der österreichischen Bischöse auf die Vertrauensadresse des Wiener Katholikenvereins. An den Wiener Katholikenverein für Glauben, Freiheit und Gesittung. Die versammelten Bischöfe haben in der Zuschrift deS Wiener Katholikenvereins mit Freuden den Ausdruck des frommen Muthes und der treuen kirchlichen Gesinnung gefunden, welche den Verein beseelen, und einen Beweis deS Vertrauens und der Theilnahme, die derselbe der Versammlung widmet. Sie erkennen in den katholischen Vereinen ein sehr wichtiges und heilsames Mittel zur Förderung und Befestigung deö religiösen und kirchlichen Sinnes in einer Zeit, welche die Vereine mit dem wirksamsten Erfolge für andere oft entgegensetzte Zwecke benützt, und sie erwarten von diesen Vereinen die gesegnetesten Erfolge, wenn sich dieselben innerhalb der Schranken halten, welche durch die Lehre und Verfassung der katholischen Kirche für jede Bewegung auf kirchlichem Gebiete gesetzt sind, und wenn sie auch die Bethätigung der katholischen Liebe im wirklichen Leben (durch Ausbildung der Wohlthätigkeitsvereine) anstreben. Mögen die katholischen Vereine in Oesterreich in diesem Geiste zahlreich und kräftig emporblühen! Der bischöfliche Beistand wird ihnen nicht fehlen. Wir müssen auch mit Rührung der frommen Gebete gedenken, welche für den gesegneten Erfolg unserer Berathungen, nach den Versicherungen der Adresse, von vielen Gläubigen täglich dargebracht wurden. Wir haben einen hohen Werth darauf gelegt, und wir selbst erflehen von dem Gotte alles Trostes, daß er den Segen erfülle und bekräftige, den wir hiemit über alle Mitglieder des VereineS aus der Fülle des Herzens auSsprechen. Wien, den 17. Juni 1849. Im Namen der versammelten Bischöfe: Friedrich, Cardinal und Fürsterzbischof. Die katholischen Vereine. *) ES thut Noth, diesen hochwichtigen Gegenstand immer wieder aufs Neue zur Sprache zu bringen, da die VereinSsache noch nicht so allgemein und mit jener Energie betrieben wird, wie sie eS verdient und wie unsere Zeitverhällniffe eS erheischen. Den kirchlich Gesinnten kann über die Zweckmäßigkeit der katholischen Vereine auch nicht mehr der leiseste Zweifel entstehen, nachdem das Oberhaupt der heiligen Kirche, unser glorreicher Papst Pius IX., dieselben gutgeheißen, nachdem die in Würzburg versammelt gewesenen Erzbischöfe und Bischöfe Deutschlands sie gebilliget und von da an die allermeisten Oberhirten in besondern Ausschreiben oder in ihren Pastoralbriefen sie dringend empfohlen haben. Für die Vereine stehet und spricht also die höchste Autorität. Die Ansicht der Indifferenten, der Gleichgiltigen ist von keinem Belange; denn wie sie vor der neuen Zeit, die mit dem letzten Jahre angebrochen ist, um daS Wohl und Wehe der Kirche sich blutwenig gekümmert, ja, wie sie gerade durch ihre Theilnahmlosigkeit einen guten Theil dieses Wehes, der unerquicklichen, traurigen Zustände mit herbeigeführt und dauernd gemacht haben, so liegt ihnen auch jetzt daS Schicksal der Kirche, ob sie mit Wunden bedeckt, ob sie sieggekrönt aus dem Kampfe hervorgehen wird, wenig am Herzen; sie haben höhere und andere Sorgen — wie sie ihre materiellen Interessen sichern und ihren irdischen Besitz .) Aus dem Katholik. sich unvermindert erhalten. Die Bitterkeit aber, womit die Feinde des Christenthums, der Kirche und aller socialen Ordnung die katholischen Vereine angreifen, der Höhn, der bei dem unscheinbaren Entstehen derselben um ihre Lippen spielte, der Aerger über daS unvermuthet schnelle Wachsthum, die grundlose Verdächtigung, daß durch sie der Reaction in die Hände gearbeitet werde — all dieß sind bündige Zeugnisse dafür, daß die Vereine ihre Aufgabe erfüllen, daß durch sie manche und viele Elemente gerettet worden sind, die auf eine andere Weise den Gefahren, dem Verderben nicht entrissen werden konnten. Der Wunsch und daS Streben, die Freiheit der Kirche, deS Unterrichtes und der Erziehung mit vereinten Kräften zu erringen, hat zunächst die katholischen Vereine inS Leben gerufen; die Stimme von vielen Mil« lionen Katholiken Deutschlands konnte, durfte nicht überhört werden; ihren Forderungen wurde, wenn auch nicht im größtmöglichen Maaße, Rechnung getragen, die Freiheiten und Rechte der Kirche sind anerkannt — aber von da bis zur wirklichen Durchführung im Leben ist noch ein großer, ein mühevoller Schritt. Wohl haben diesen zunächst die Bischöfe zu thun, wie sie denn auch nach gemeinsamer Berathung schon jetzt, mit Vorsicht zwar, aber auch mit Entschiedenheit die neue Bahn betreten haben; ihnen vor Allem liegt ob, strenge Wache zu halten, daß von den anerkannten Rechten und Freiheiten der Kirche nicht die eine oder daS andere unter der Hand wieder entzogen oder durch allerlei Wendungen und Maaßnahmen wirkungslos oder gar unnütz gemacht werde; aber in Diesem Wächte.ramte werden sie um so unermüdlicher, in dem Voranschreiten um so entschiedener seyn, wenn sie wissen, daß die glaubenStreuen, die eisrigen und begeisterten Katholiken geschaart hinter und neben ihnen stehen, bereit, jede rechtmäßige Forderung mit ihrem ganzen Gewichte zu unterstützen und durch pflichttreue Ausübung der als Staatsbürger ihnen zustehenden Rechte und Befugnisse, wie z. B. durch Petitionen, deren Gewährung oder Zugeständ- niß zu erwirken. Ohne Vereine werden großartige Adressen, denen Regierungen und Kammern Beachtung schenken müssen, nie zu Stande kommen, durch sie aber aus die schnellste und leichteste Weise. DaS Schul- und UnterrichtSwesen, von der geringsten Dorfschule bis hinauf zu den „Burgen der Wissenschaft," den Universitäten, liegt, wie viel auch seit Jahren darüber geredet, geschrieben, Vorschläge gemacht und Beschlüsse gefaßt worden, noch gar sehr im Argen; nicht die geringste Abhilfe der schreiendsten Mißstände, denen wir vielleicht den größten Theil der Verwirrung, der entzügelten Leidenschaften, der Frivolität, der sittlichen und religiösen Verkommenheit, verbunden mit einer entsetzlichen Anmaaßung unter der Jugend verdanken, hat bis jetzt stattgefunden; wie die Unter- richtSfreiheit erlangt, durch welche Mittel sie geschützt und gehandhabt werde, welcher Antheil an den Schulen dem Staate, welcher der Kirche zufallen soll, darüber sind sich noch die Allerwenigsten klar; der Gedanke an Schulbrüder und Schulschwestern, überhaupt an religiöse Genossenschaften, ohne welche die Freiheit deS Unterrichtes und der Erziehung nie zur vollen und lebenskräftigen Ausführung gelangen kann, liegt zur Zeit noch den Allermeisten so fern, daß selbst viele der Besseren darin eine schwere Versündigung an dem Geiste der Zeit und an seinen Forderungen erblicken. Unterdessen gehet daS Streben und Bemühen, die Schule noch mehr zu entchristlichen, als dieß wirklich schon mit ihr der Fall ist, unaufhaltsam seinen Gang; die verderblichen Ansichten und Grundsätze greifen immer tiefer und weiter um sich, und zuletzt wird der Boden so vollständig unterwühlt, daß nur mit vieler Mühe und nach hartem Kampfe ein einiger- maaßen wohnlicher Bau darauf errichtet werden kann. Denn daß der seitherige vom Grunde, vom Fundamente bis zur Spitze hinaus ein schlechter und dem Einstürze naher sey, darin stimmen Freunde wie Feinde deS Christenthums miteinander überein, wie sie auch in der Ansicht nicht voneinander abweichen, daß jener Partei, der deS Umsturzes oder der der gesetz- 102 lichen Ordnung und Freiheit, die Zukunft angehöre, welche deS Unterrichts und der Erziehung der Jugend sich bemächtiget. Gerade in der Schulftage haben die katholischen Vereine eine sehr hohe, nach unserm Dafürhalten noch nicht genug erkannte oder dargelegte Wichtigkeit. Dem katholischen Volke fehlt noch durchweg die rechte und tiefe Einsicht in die Mangel und Gebrechen deS seitherigen Schulsystems und in den tiefsten Grund derselben. Eine Aufklärung darüber, eine Enthüllung der Absichten, Pläne, Mittel und Wege der Gegner deS, nur allein durch die Kirche zu pflegenden christlichen Elementes und Geistes in der Schule, die gebührende Zurechtweisung der Verdächtigungen, welche von Seiten der modernen, aufgeklärten, emancipationssüchtigen VolkSschuliehrer und ihrer Freunde wider die Kirche »nv deren Ansprüche, die zunächst darauf sich gründen, daß sie die einzige und rechtmäßige Mutter der Schule ist, ausgestreut werden — all dieß ist nur in Vereinen möglich, wie auch andere Gegenstände von der allergrößten Wichtigkeit, wie z. B. die socialen und politisch-kirchlichen Frage», die Vorfrage» bei Wahlen n. s. w. nur in denselben mit der nothwendigen Gründlichkeit besprochen und behandelt werden können. Endlich ein dritter Punct ist die Hebung und Pflege deS kirchlichen Lebens, welche mit dem VereinSwesen auf daS Engste zusammenhängt. Dieß ergibt sich schon einfach aus der Thatsache, daß an manchen Orten aus vorhandene» Bruderschaften die katholischen oder PiuS-Vereine sich gebildet, und diese dann jenen wiederum neue Lebenskraft und Jugend- frische zugetragen haben, an andern dagegen die Vereine jetzt schon die Mutter kirchlicher Verbrüderungen geworden sind, und allerwärtS das Bedürfniß und Verlangen nach solchen geweckt haben. Die Frier kirchlicher Feste hat durch die Gesammttheilnahme der Mitglieder eines VereinS einen bedeutenden Aufschwung genommen: bei Processtonen und andern ähnlichen Aeußerungen deS kirchlichen Geistes gibt sich größere Andacht, sckönere Ordnung kund, als vordem der Fall war, und, wie Schreiber dieses schon mehrfach wahrzunehmen Gelegenheit hatte, wirkt ein Verein nach dieser Seite hin weckend und belebend nicht nur auf den Ort selbst, an dem er bestehet, sondern selbst auf eine ganze Umgegend. Damit haben wir nichts Neues, und selbst nicht einmal etwas Vollständiges gesagt; wir wollten auch nur, nach dem Scipionischen AuSspruche: eaotorum oenseo, von Neuem anregen, damit in den bestehenden Vereinen die Thätigkeit erhalten, und da, wo solche noch nicht vorhanden, zur Gründung ungesäumt geschritten werden möge. Der Beginn ist nicht so schwer, wie Manche in ihrer Aengstlichkeit glauben mögen — und mit dem Anfange ist schon das Allermeiste gethan. Kirchliche Reisebilder. *) II» Deutschland. Mit wehmüthigem Gefühle greife ich zur Feder, um mit schwachen Zügen das kirchliche Bild Deutschlands zu zeichnen. Wenn ich an die Tage denke, wo ich heiteren Sinnes die üppigen Fluren BayernS, die romtliitischen Ufer deS Rheines, und all die lachenden Gauen und gewerb- reichen Stätte durchwanderte, und damit den jetzigen Zustand vergleiche, da weht eS mich kalt an, und ein undeutscher Zug — die Melancholie — umspielt meine Züge. So wechseln die Dinge auf Erden. Im verflossenen August blickte man in Deutschland wie von einer ruhigen Warte auf daS tief zerrissene und gcwilterschwangcre Oesterreich herein; jetzt, wo noch kein Jahr verflossen, werfen wir Oesterreicher den Blick über unsere schwarzgelben Schranken hinaus, und betrachten daS grollend über Deuschland sich zusammenziehende Wolkenmcer mit bangem Gefühle, obwohl die Warte, auf der wir solche Betrachtungen anstellen, gerade keine ruhige und gefahrlose zu nennen ist. Wohin wird das noch führen? so frägt pochend das besorgte Herz. Sollte eS möglich seyn, daß daS neu erwachte Streben für Realisirung der edelsten Güter der Menschheit mit dem Falle Deutschlands zusammentreffe? Soll daö Morgengold der Freiheit zugleich die blutige Abendröthe für ein Volk seyn, das selbst in seinem rohesten Naturzustände eine Frcya zur Gottheit hatte? Soll dieses Volk, das bisher wie eine Leuchte den Völkern Enropa'S in Wissenschaft und Cultur voranging, zum Schleppträger eines fremden Herrn sich herabwürdigen, oder unfähig, ein einig Reich zu bilden, seine edelsten Kräfte versplittern, und zum Spotte der Welt sich geberden? Nein, nein, daS wird es nicht, denn deutsches Blut ist edel, tapfer, herzlich, aufrichtig, fromm und gotteSfürchtig, und nur jene Leute, die in ihrer feigen Brust Hochverrath brüten gegen König und Vaterland, und daS gutmüthige Volk aufreizen, um eS am Narrenseile zu führen, schänden den deutschen Stamm, denn sie basten daS Licht ') Aus der Wiener Kirchcnzeitung. und die offene Ehrlichkeit. Diese möge man anfeinden und meinethalben mit Spott und Hohn abfertigen, aber über eine ganze Nation wolle man nicht so leicht den Stab brechen, noch dazu über eine solche, welche so tolerant gegen alle andern Nationen sich bezeiget, wie dieß die deutsche thut. Ich habe in meinem ersten Reisebilde (Belgien) vorhergesagt, daß die zwei nachfolgenden mehr Schatten enthalten werden. Der Anfang mit dem wehmüthigen Eingänge ist gemacht, und ich werde nochmal auf daS darin Gesagte zurückkommen. Für jetzt möge sich die Stirne glätten und das Auge freundlich erheitern, denn der gewaltige Donausturm, welcher daS Dampfschiff sammt seinen Passagieren außer Engelhardszell ans Gestade trieb und beinahe an einem hervorragenden Felsen stranden ließ, ist vorüber, und ein lieblicher Regenbogen umschlingt die Berge der beiderseitigen Ufer. Ich will die gütigen Leser nicht mit Landschaftsschilderungen oder Ortsbeschreibungen behelligen, sonst könnte ich über so manche Gruppe interessante Details liefern, aber sie gehören nicht zu einem kirchlichen Reisebilde. Darum schweige ich auch über die majestätische Lage von Passau, dem alten bischöflichen Sitze, welcher einst weit und breit hin das Centrum christlicher Bildung und Sitte war, gleich den drei Wässern, welche die Mauern dieser Stadt bespülen, und im Angeflehte derselben sich brüderlich mengen und mischen. Auch an der berühmten Walhalla, die ich an einem so herrlichen Abende wie später den Hafen zu Antwerpen sah, fahre ich vorüber und lande in Regensburg. Ein gelehrter Historiker sagt von den alten Städten Deutschlands, sie stehen da wie versteinerte Capitel auS der Geschichte einer großen Vergangenheit. Diese Worte gelten besonders von Regensburg. Jeder Thurm, jede Kirche, ja fast jedes HauS weiset hin auf die große Rolle, welche einst diese Stadt auf politischem und kirchlichem Gebiete zu spielen hatte. Reichstage und Synoden, Krönungen und Friedensschlüsse, sie wurden hier gepflogen. Lange stand ich in stummer Bewunderung vor der Hauptfacade deS gothischen DomeS, welche von den letzten Abendstrahlen beleuchtet einen doppelt liefen Eindruck auf mich machte; ich wenigstens muß aufrichtig gestehen, daß selbst der Kölnerdom für den ersten Augenblick mich bei weitem leerer ließ. TagS darauf las ich an einem der ungemein lieblichen Seitenaltäre deS Domes die heilige Messe, und besah dann daS Innere desselben. Ist das eine Majestät und Herrlichkeit, eine ergreifende Einfachheit, die das Herz erschüttert! Man fühlt die Nähe Gottes und vergißt nicht, daß man in einem Tempel ist. O möchte doch auch unser St. StephanSdom in Wien solch glückliche Restauration erfahren, möchte sich ein kunstverständiger Mäcen daran machen, und daS ehrwürdige Gebäude seines heterogenen Schmuckes entledigen — so dachte ich mir im Stillen. An dem Grabe deS heiligen Wolfgang und St. Emeram bin ich lange Zeit sinnend gestanden. Was wirkten jene Männer, und was wirken wir? Jene Zeit, in der sie wirkten, gilt für barbarisch, und wir dünken uns weise und im Zenith der Cultur! Wo sinkt die Wagschaale?? Ich war theilweise froh, als ich inS Freie kam, und von den Terrassen der leider unvollendeten Thürme Hinausschauen konnte auf die üppigen Saaten und die stolz dahin wogenden Fluchen der Donau. Die Erde ist so schön und die Menschen verleiden sich selber das Daseyn! Die andern Merkwürdigkeiten übergehe ich, und ziehe eS vor, in einem Gcsammtüber- blicke dem gütigen Leser zunächst die kirchlichen Zustände BayernS vorzuführen, wie sie sich auf meiner Wanderschaft mir aufgedrängt haben. Ich wiederhole es, eS ist ein subjectives Urtheil, das ich fälle. Was zunächst den religiösen Sinn deS Volkes betrifft, so ist dieser in Bayern bereits ein charakteristisches Kennzeichen geworden. Das Landvolk geht gerne zur Kirche und hängt meistentheilS mit Ehrfurcht und Vertrauen an seinen Seelsorgern. Auch in Städten sind die Kirchen stark besucht, besonders fiel mir dieß in München und Augsburg auf, so wie ich überhaupt letzterer Stadt eine Lobrede über ihre solide katholische Haltung zu spenden gesonnen wäre. Man merkt den Leuten an, daß sie wirklich beten, und nicht bloß die Hände falten und die Lippen bewegen, es ist ein Gebet vom Herzen heraus, mit aller Frische, der innigen Ueberzeugung. Wenn öftere Kommunionen, GebetSvereine u. dgl. ein Abzeichen deS Ultramon- tanismuS sind, so sind die Mehrzahl der Bayern Ultramontanen. Gott- lob! Auch der gewöhnliche Bürger lieSt nebst dem politischen Blatte gerne ein religiöses, und folgt mit Aufmerksamkeit der Entfaltung deS katholischen Lebens in anderen Ländern. Ich bin mit ganz ordinären Leuten zusammengetroffen, die sich über kirchliche Ereignisse, und insbesondere religiöse Controversfragen sehr bündig auszudrücken wußten. Gegen die königliche Familie trägt der Bayer eine kindliche Pietät, wie ich mich dessen selber zu überzeugen Gelegenheit hatte; (über das Verhältniß mit der weiland spanischen Tänzerin spricht er schonend und entschuldigend). Den Protestanten gegenüber fand ich die Katholiken tolerant und gefällig, nirgends horte ich beleidigende Ausdrücke, wohl aber schien eS mir, als ob in den gemischten Städten die Leute viel belesener und gebildeter wären. Doch 103 muß ich auch den Protestanten, so weit ich sie in Bayern kennen lernte,'Volksversammlungen riß immer derjenige die Entscheidung an sich, der als ein ehrenvolles Zeugniß ausstellen; sie sind selbstständige Leute, Lie mit sich! der Freigebigste sich erwies oder dem souveränen Pöbel die glänzendsten abgeschlossen haben, sie haben so zu sagen, elwas fireS, auf das sie bauen, j Vortheile auf fremde Kosten in Aussicht zu stellen wußte. So waren stäte im Contraste mit den zerfahrenen Protestanten deS preußischen Norden.! Plünderungen und Bedrückungen, sowohl im Innern als nach Außen, die Besonders sprachen mich einige der theologischen HH. Professoren auf der nothwendige Folge der Volksherrschaft, die wahre LcbcnSbedingimg jener protestantischen Facultät Erlangen an, deren Vorlesungen ich besuchte?gepriesenen Freistaaten des Alterthums. Die Armen plünderten die Reichen; Diese trugen daS Gepräge der Gelehrtheit, und die jungen Theologen die Reichen hielten sich schadlos aus Kosten der bezwungenen Völker deS schienen mit Interesse dem öfter tiefes Nachdenken erheischenden Vortrage! Auslandeö; blieb der Zufluß an Beute und Brandschatzungcn von der im Nachschreibe» zu folgen. Ein Professor, den wir in seiner Wohnung i Fremde auS, so zerfleischten sich die Factivncn der Armen und der Reichen besuchten, und der vieles mit unS sprach über Günther, Veilh und Ehr^ unter einander. Die nothwendige Hinterlage des Ganzen bildete die Scia- lich, reichte unS beim Abschiede die Hand und sprach dieselbe drückend:! verei; denn nur dadurch, daß Sclaven die Felder bebauten und die Ge- »Junge Freunde, wirken wir alle zusammen, eS ist ja Ein hohes Ziel, werbe betrieben, konnten die Bürger überhaupt solche Muße gewinnen, der nach dem wir streben." Mich rührten seine Worte, und ich habe lange!Politik zu pflege», und die Reichen so viel Reichthümer aufhäufen, um über sie nachgedacht. Ja eS ist Ein hohes Ziel, nach dem wir alle stre?der unersättlichen Begierde des allgewaltigen Pöbels stets neue Nahrung ben; möchten wir es bald erreichen auf dem Wege der Sitte und Wissen- zu bieten. Daß auf diesem Wege Athen und Rom, nachdem einmal die schaft, und einander verzeihend und vergessend brüderlich die Hände reichen! Demokratie zur vollen Geltung gelangt war, schnell und unrettbar in eine Eine andere Eigenthümlichkeit des bayerischen Volkes ist auch die, daß eS gräßliche Sittcnlosigkeit und Verwirrung gcriethen, wird Jeder begreifen, seine Landeöfarbe sehr in Ehren hält, so deutsch es auch gesinnt ist. Bei Wären nicht die beständigen Kriege gewesen, und hätte nicht die Disciplin der vorwiegend deutschthümlichen HuldigungSfeier deS Erzherzog Rcichsver- im Heere der Korruption der bürgerlichen Gesellschaft einigermaaßen die tveserS, der ich in Wurzburg beiwohnte, waren unter den Standarten Wagschaale gehalten, sie hätten nicht drei Menschcnalter lang den verhce- und Fähnleins, welche ausnehmend schön die Häuser zierten, mehr blau- renden Leidenschaften widerstehen können, die sich unablässig durchwüblten. weiße, als schwarz-roth-goldene. Nicht minder gefiel mir die religiöse Deutung der Landeöfarbe», welche ganz dem bayerischen Volkscharakter entspricht: „Blau — gern zum Himmel schau'! Weiß — der Tugend dich befleiß'!" Oesterreich? ? Welche 'Deutung hatte gleichzeitig daS Schwarzgelb in (Fortsetzung folgt.) Der Krieg der Armen gegen die Reichen. *) Der Krieg der Armen gegen die Reichen war der eigentliche Krebsschaden aller sogenannten freien Staaten der vorchristlichen Zeit. Die Reichen hängten den Armen den Drodkorb möglichst hoch, forderten für geringen Lohn erdrückende Dienste, für unentbehrliche Vorschüsse oder Darlehen unerschwingliche Zinsen, und drängten ihre Schuldner mit unerbittlicher Strenge, nicht nur in Gefangenschaft und Knechtschaft, sondern im eigentlichsten Sinne deö Wortes bis auf'S Blut. Die Armen dagegen verschworen sich wider die Reichen, ertrotzten durch ihre Ueberzahl erzwungene VolkSver- Nachlässe oder völlige Tilgung der Schuldtitel, rissen in den sammlungen die Entscheidung der Staatsangelegenheiten gewaltsam an sich und gebrauchten die Macht der Gesetzgebung und der Aemterverthcilung,! Reichen allen anderen bereitet wurde, aber hier geschah eS durch so furcht die auf diese Weise in ihren Händen lag, um bald neue Vcrtheilungen von! bar gewaltsame und naturwidrige Mittel, daß man fast sagen möchte, daS Ein einziger von den freien Staaten des Alterthums machte von diesem unseligen Zustande, in welchem Reiche und Arme sich wechselseitig bald verfolgten, bald corrumpirten und stets nur auf Kosten unschuldiger Dritten sich mit einander vertrugen, eine Ausnahme, und das war der mosaischc Staat der Juden. Doch auch hier konnte nur durch eine gewaltsame Unterbrechung deS natürlichen Laufes der Dinge dem gefährlichen Gegensatze, in welchen die heidnische Gesellschaft auseinander ging, vorgebeugt werden. DaS hiezu dienende Institut war daS Jubeljahr d. h. die im dritten Buche MosiS Kap. 25 enthaltene Vorschrift, daß jedesmal nach Verlauf von 7 mal 7 Jahren ein Jahr der Ruhe und der Wiederherstellung gefeiert werde, wo alles mittlerweile von den rechtmäßigen Erben veräußerte Grundeigenthum wieder an seinen ursprünglichen Besitzer und jeder Jsraelit, der unter seinen Brudern in Knechtschaft gerathen war, wieder zur Freiheit zurückkehren solle. Alle in der Zwischenzeit vorfallenden Verkäufe von Grundstücken und Menschen sollten rücksichtlich deS PreiseS nach Verhältniß der bis zum nächsten Jubeljahr zu erwartenden Nutzungen bemessen werden. Diese Bestimmung konnte jedoch, was wenigstens die Grundstücke anbelangt, »ach den Zeiten deS EsdraS oder der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft nicht mehr in Ausübung gebracht werden. Unter den heidnischen Staaten hat zwar auch einer, nämlich Sparta, dem Verderben zu entgehen gesucht, das durch den Gegensatz von Armen und Grund und Boden, bald ergiebige Geldspenden aus dem Säckel der Reichen zu erzwingen oder irgend andere Gaben und Vortheile von diesen zu erpressen. Vergebens setzte die Faction der Reichen diesem Vordringen ihrer Gegner bald List und bald Gewalt entgegen. Sie mußte fort und Heilmittel sey ärger als daS Uebel selbst gewesen. Denn die Spartaner wurden dadurch zum herzlosesten und selbstsüchtigsten aller griechische» Völker und daS Elend der Heloten, die ihnen als Knechte daS Land bauen und alle Dienste verrichten mußten, ist sprüchwörtlich geworden zur Bezeich- fort capituliren und der Gegenpartei fast überall das Feld räumen. Um nung der härtesten und entwürdigendsten Knechtschaft, sich die Gunst des Volkes, d. h. des besitzlosen Hausens zu sichern, muß-^ Stellen wir aber diese Erfahrungen der alten Zeit zusammen mit ten die Reichen sich in allerlei kostspieligen Erfindungen erschöpfen, den denen der neuesten, wie sie unS geworden sind, seitdem die Regierungen Armen nicht bloß Nahrung, sondern auch Vergnügungen und Genüsse aller! von den Grundsätzen des Christenthums sich entfernt und den Lehren der Art zu verschaffen. So entstanden Theater, öffentliche Bäder und Spa-! Nationalökonomen mehr geglaubt und vertraut haben, als den Vorschriften zicrgängc, prachtvolle Bauten für die öffentlichen Versammlungen, rcgel-'der katholischen Kirche; so werden wir unausweichlich zu dem Schlüsse mäßige Vertheilungen von Brod und Wein u. dgl. zum Besten deS Volkes, geführt, daß der Gegensatz und-der Krieg zwischen Armen und Reichen, Erlahmte darin der Eifer der Reichen, so gab es Aufstände, blutige Scenen, in der Natur der Dinge gegründet, und unvermeidlich, uns, wofern wir kanem et Liroonses (Brod und Spiele) schrie daS Volk in Rom und um! nicht das praktische Christenthum wieder zur Grundlage diesen Preis, aber auch nur um diesen war von ihm Alles zu erlangen.! unserer Politik und unseres ganzen socialen Lebens machen, In Athen brachte das Volk d. h. der freie Pöbel der Stadt cs so weit, nur die Wahl läßt zwischen einem starren, eisernen DespotiSmuö oder einer, daß eS, für seine Stimmgebung in den Volks- und Gerichtsversammlungen bezahlt, förmlich von der Ausübung seiner staatsbürgerlichen Rechte ohne alle andere Arbeit leben konnte. Jeder Bürger, der einer Volksversammlung beiwohnte, oder einen Tag zu Gericht saß, erhielt dafür drei Obolen,! ungefähr dreizehn Kreuzer, und um die Gelegenheiten zu so bequemem Er-! werd möglichst zu vervielfältigen, waren zehn verschiedene Gerichte, jedes! mit einer anderen Competenz und mit 500 Bürgern.besetzt, in Athen eingeführt. So schlenderte der freie Athenienser als privilegirter Faullenzer j von der Bürgerversammlung ins Gericht, von diesem wieder in die Ver-> sammlung, um nichts anderes bekümmert, als an beiden Orten seine Stimme möglichst rheuer zu verwerthen. Denn daß der freie Mann nicht mit dem bescheidenen Lohne von 13 kr. in der Länge sich begnügen konnte, leuchtet ein, daher waren bei den Gerichten alle Sachen käuflich, und in den ') Aus dem Tiroler Wochenblatt. in ihren Folgen ärger, als jeder DespotiSmuS verheerenden und den Menschen herabwürdigenden Zuchtlosigkeit und Korruption. Der katholische Schullehrerverein in Bayern an den AugSburger Piusverein. Katholische Männer deS AugSburger PiuSvereinS! Christliche Freunde und Brüder! Entschuldiget vorerst, daß wir unS erlauben, in vertraulicher Sprache zu Euch zu reden. Da wir insgesammt katholische Männer sind, und als solche in brüderlichem Verhältnisse zu einander stehen, so glaubten wir ! der Euch schuldigen Hochachtung und Verehrung, die wir Euch vollkom-- s- >41 v! . e men im Innersten des Herzens zollen, nichts zu vergeben auch bei Anwen. duna der Vertrauenssprache. Mit inniger Freude haben wir, Mitglieder deS katholischen Schul- lehrervereinS in Bayern, Eure in der AugSburger Postzeitung vom 12. d. enthaltene Erklärung über Euer Verhältniß zu dem Stanve der VolkS- Schullehrer gelesen. Ihr. sprechet darin den edlen Entschluß auS, dem moralische Erziehung derselben, indem sie die Ansprüche der Religion vor Allem gewahrt wissen wollen. Somit ist die gerechteste Hoffnung vorhanden, daß fortan Kirche, Schule und Elternhaus liebevoll einander in die Hände arbeiten, harmo- nisch bei dem EngclSgesckäfte der Erziehung zusammenwirken werden. Arbeiten aber diese drei Kräfte in heiliger Eintracht, mit gemeinsamer An- vielfach bedrängten Stande der Schullehrer, den Erziehern der christlichen! strengung zusammen, wirken die heilige christliche Kirche, eine christliche Jugend, durch all Euern Einfluß und auf allen gesetzlichen Wegen auS Schule und eine christliche häusliche Erziehung einheitlich zusammen — seiner bedrängten Lage möglichst aufzuhelfen, und dahin zu wirken, daß! sollte da nicht auch eine christliche Jugend gebildet werden? Sollten diese die Lehrer ein anständiges Auskommen erhallen, daß für ihre Wittwen und! drei Kräfte, welche die Jugend ganz in ihren Händen haben, nicht im Waisen Vorsorge getroffen, daß ihre berufsmäßige Bildung erleichtert und Stande seyn, bei eifriger Pflichterfüllung die zarte Menschenpflanzung auch befördert und ihre staatliche Stellung in geeigneter Weise verbessert werbe. -^ --- ..... - - Wir können unsere Dankgefühle gegen Euch, edle Männer, für die in erwähnter Erklärung ausgesprochene Gesinnung nicht in unsern Herzen verschließen, wir fühlen unS gedrungen, Euch dieselben hiemit auszudrücken, Euch unsern aufrichtigen, herzlichen, tiefgefühlten Dank zu sagen für Eure Theilnahme an unserm leider bisher häufig sehr bedauerlichen Schicksale; für daS in Liebe gegebene Versprechen, nichts zu unterlassen, waS zur Verbesserung unserer Lage dienlich -seyn kann. » Von dem wirksamsten Erfolge werden die zur Aufbesserung seiner materiellen Zustände etwa noch nothwendigen Schritte des LehrerstanveS seyn, wenn Ihr, christliche Männer und Brüver, wenn das katholische Volk dieselben durch seinen mächtigen Einfluß unterstützt. Wir sehen daher bei bervon Euch unS zugesagten Hilfeleistung einer baldigen bessern, erfreulichern Zukunft entgegen. Unsererseits dagegen werden wir nicht versäuickn, so viel in unsern Kräften steht, zum wahren Besten, zur Gründung des zeitlichen und ewigen Wohles der heranwachsenden unS zur Bildung und Erziehung anvertrauten Jugend wirksam zu seyn. Hiezu, zur Grundlage deS Menschenwohles rechnen wir »b« wre Ihr, verehrtest« Brüver, als erstes Erforverniß eine wahrhaft christliche Gesinnung, welche in den Kindern anzustreben wir deßhalb stets als die wichtigste Aufgabe unsers AmteS ansehen werden. Da Ihr aber, und zwar gehörig zu beschützen vor den Feinden deS Heils, vor der bösen Welt und ihren Aergernissen? O gewiß. Bei einheitlichem Wirken, bei thatkräftigem Zusammenhalten der Priester, Lehrer und Eltern wird und muß mit Gottes Segen eine bessere Zukunft reifen, und den Piusvereinen wird daS Verdienst zukommen, in so weit es Menschen zugeschrieben werden kann, das Vaterland gerettet zu haben. Jedem Unbefangenen leuchtet ein, daß der Verfall desselben von der herrschenden Irreligiosität, von dem schauerlich um sich greifenden Unglauben, von der tiefen Versunkenheit in Laster aller Art herrühre. In dieser Zeit der Gefahr der Auflösung aller Ordnung, alles Bestehenden, der Unterdrückung alles Höhern und Bessern, da die Schlechtigkeit sich bereits kühn und mit Macht erhoben und all ihren Gegnern den Untergang geschworen hatte; in dieser Zeit der Scheidung, da alles Halde aufhört, Jeder sich bestimmt erklären und entweder auf die rechte oder linke Seite treten muß — erhoben sich die Piusvereine als der Kern deS katholischen Volkes, die sich entschieden für die Wahrheit auSsprechen. Ihre Hauptbestrebungen: Freiheit der Kirche von äußerm Drucke, Verschönerung derselben durch Vervollkommnung ihrer Glieder und Nach- haltigkeit des erstrebten Guten durch eine verbesserte, im Sinne deS Christenthums zu handhabende Jugendbildung — sind ganz geeignet, die Kirche in ihrer Reinheit herzustellen, daS Christenthum in seiner lebenSfrischen mit vollem Rechte, die Kirche als jene Anstalt erkennet, die von Gott Gestalt wieder hervorzurufen, und ihm den Triumph über Irrthum und .. .. . ... —- — ri, t,i>!^».- Unglauben, über Welt nnv Hölle zu verschaffen, so daß selbst die Feinde der Kirche, wenn sie aufrichtig seyn wollen, sich gestehen und sagen müssen: Seht, dieß ist die wahre Kirche! Ganz richtig hat daher jener katholische Mann gesprochen, da er die Entstehung der PiuSvereine ein Ereigniß, eine in ihren Folgen äußerst wichtige, großartige Begebenheit nannte. Darum rufen wir Mitglieder des katholischen Schullehrervereins dem Piusvereine Augsburgs so wie dem allgemeinen von ganz Deutschland begeistert ein dreimaliges Hoch zu, mit dem innigen Wnnschc, daß er die hohe ihm gestellte Aufgabe glücklich löse. Mit ausgezeichneter Verehrung empfiehlt sich Den Männern des AugSburger Piusvereins Augsburg, den 19. Juni 1849. Der katholische Schullehrerverein in Bayern. In dessen Namen der AuSschuß: Zeheter, Präsect und Lehrer am königl. Schullehrer- scminar in Erchstädt. Taver Betz, Schullehrer und Cantor in Landsberg. Joseph Stöckl, Schullehrer und Cantor in Landsberg. Honorius Lorenz, Schullehrer in Augsburg. eingesetzt worden, die Menschen ihrer Bestimmung gemäß zu bilden; da Ihr in den Priestern, den geweihten Dienern der Kirche, die Abgesandten Gottes ehret, die beauftragt sind, dieses Geschäft der Bildung und Einigung an allen Menschen, allen Gläubigen jeden Alters, «tandeö und Geschlechtes zu besorgen ; da Ihr also, und mit Euch gewiß auch alle wahr- haft katholischen Fami^nväter, die Bildung und Erziehung Eurer Kinder, in so weit Ihr dieselbe selbst zu besorgen gehindert seyd, der heil. Kirche und deren Dienern, den Priestern, mit vollem Zutrauen und aus wahrem HerzcnSdrange überlasset, so können und wollen wir, als die Mitarbeiter der Priester beim EcziehungSgeschäfte der christlichen Jugend, auch nur in diesem Sinne, in innigem Anschlüsse an die Diener der Kirche in unserm Berufe wirken. Wir werden dieß aber nicht bloß deßhalb thun, weil Ihr als Väter der von unS zu bildenden Kinder es so wollet; sondern auch auS eigenem Antriebe, in der festen Ueberzeugung, daß ein gemeinschafl- l icheS Zusammenwirken der Priester und Schullehrer für eine gedeihliche Jngendbildung durchaus nothwendig sey. Wir sind ferner der unumstößlichen Ueberzeugung, daß nur bei kirchlicher Leitung deS SchulerziehungSwesenS unter zweckmäßiger Belheilung erfahrener tüchtiger Schulmänner die Aufrechthaltung deS wichtigsten, des religiös-moralischen Princips, in demselben garanlirk sey, und schon deßhalb verwerfen wir jeden Trennungsversuch, jede Emancipation der Schule von der Kirche. Der katholische Schullehrerverein BäyernS nimmt also dankbar an, Piusvereine. Köln, 11. Juni. Der Domvicar Kolping, welcher seit einem Vier- waS Ihr, hochverehrte Brücer, in Eurer Erklärung den Lehrern anbietet, i teljahre hier angestellt ist, wirkt in schöner Weise für die socialen Zustände i,,i^ trimmt iinli »nr, in driL mnä ^ini i^Nt'N ! dpi* iRl'strslpn knt k-rpitä oi,,or» f»l « «^ ^ ^ i .. und stimmt freudig und vollkommen ein in Las, was Ihr von ihnen ver-cher Gesellen. Derselbe hat bereits einen Gesellenverein hier gegrün- langet; kann aber bei Gelegenheit dieses Dankschreibens nicht verbergen,! bet, dessen erste Anfänge zwar klein und bescheiden, aber sicher vielver- caß auS genannter Erklärung ihm noch eine dritte Perle gar lieblich ent-! sprechend sind. Die schönen Erfolge deS GesellenvereinS, den Kolping in gegen schimmere, nämlich: die kräftige Mitwirkung der häuslichen Erzie-! Elberfelv begründet hat, und seine gesunden, auS dem Leben geschöpften hung mit den Bemühungen der Kirche und Schule. ^Ansichten über die fragliche Angelegenheit, welche er bei der Generalver- Der größere Theil der PiuSvereins Mitglieder besteht auS Familien-> sammlung der PiuSvereine im April und anderwärts oft entwickelte, väter». Liegt nun nicht schon in dem Umstände, daß sich diese einem! lassen unS daS Beste hoffen. (Katholik.) Vereine einverleibt haben, der eine möglichst vollkommene Ausprägung deS Christenthums in seinen Mitgliedern zur Aufgabe sich gestellt hat, ein triftiger Grund, von denselben auch eine Kindererziehung im Sinne deS Christenthums zu erwarten? Diese erfreuliche Hoffnung wird aber noch mehr gesteigert, ja zur Gewißheit gestempelt durch den Inhalt mehrgevachter Erklärung, in welcher sie das lebhafteste Interesse auSsprechen nicht nur für die Bildung der Jugend überhaupt, indem sie sich deS LehrerstanveS so kräftig anzunehmen entschlossen sind; sondern insbesondere für eine religiös- Dusseldorf, 10. Juni. Der Piusverein hat hier einen zahlreichen'Anhang gefunden. Daß unter den Mitgliedern deS Vereins die Scheu vor der Politik groß ist, ist nicht zu verwundern. Die hiesigen Zustände zeigen nur zu deutlich die Abgründe, welche die Politik der Religion droht, und alle Ruhigdenkenven werden dahin einverstanden seyn, daß kirchliche Vereine in den reinpolitischen Fragen (wo diese die kirchliche Freiheit betreffen, find sie schon kirchlich) leicht ihr Grab finden. (Kath.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Vierteljähriger Abou- nementspreis im Bereiche von ganz Bayern nur 20 kr., ohne irgend einen weiteren Post-Aufschlag. Auch von Nicht Abonnenten der Postzeilung werden Bestellungen angenommen. Sonntags - Peiblatt zur Augsburger Postzeitung. Auch durch den Buchhandel können diese Blätter bezogen werden. Der Preis beträgt» wie bei >enr Bezug durch die Post, jährlich 1 st. 20 kr. Hleuntep Jahr-gang. ^ 27 . 8. Juli 184S. De.r Hirtenbrief der österreichischen Bischöfe. Am 1. Juli wurde der Hirtenbrief verkündet, welchen die in Wien versammelten hochwürdigsten Bischöfe an die Gläubigen ihrer Diäresen erlassen haben. Nach dem österreichischen Volksfreuud ist folgendes der wesemliche Inhalt: Der Hirtenbrief schildert, wie die Bischöfe, ihr wichtiges Werk mit Gott beginnend, am 30. April, am Feste der heiligen Katharina, in der altehrwürdigen St. Stephanskirche um den Altar des Herrn sich geschaart, den Leib deS Herrn empfangen, im Vereine mit den Gläubigen den Beistand dcS heiligen Geistes herabgefleht und als Zeugniß ihrer kirchlichen Gesinnung so wie alö Leitstern ihrer Berathungen das katholische Glau- benSbekenntniß einmüthig und feierlich vor Gott und der Welt abgelegt haben. Sie haben sich dann an den apostolischen Stuhl gewandt, um dem heiligen Vater, Christi geistlichem Stellvertreter, ihren Gehorsam, ihre innige Ehrerbietung unv treue Ergebenheit zu bezeugen und seinen Segen für ihr Werk zu erbitten, und auch dem Kaiser haben sie den Zoll ihrer Ehrerbietung und den Dank für ihre Zusammenberufung dargebracht, in dieser ein Zeugniß seiner redlichen Absicht, der Kirche gerecht zu werden, erblickend. Bei ihren Berathungen gingen sie nicht davon auS, nach der thörichten Anmaaßung unserer Tage eine neue Kirche zu gründen, sondern was sie wollten war, die von Christo gestiftete, durch sein Blut erworbene, vom heiligen Geist durchwehet« und bis anS Ende der Tage geleitete Kirche von den Hindernissen ihrer freien Entwicklung zu befreien. Daö Ergebniß der Berathungen wird, sobald eS zur Reife gediehen, in den einzelnen Diöcesen anf dem kirchlich vorgezeichncten Wege inS Leben eingeführt werden, aber vorläufig ergeht an die Gläubigen und an die Priester ein Wort der Ermahnung, der Belehrung und des Trostes. Der Hirtenbrief zählt die Gräuel unserer Zeit auf. Nicht bloße stnnenberauschte Gottvergefsenheit und stumpfe Gottlosigkeit, die zu allen Zeiten in der Welt geherrscht, sondern die sich selbstbewußte Feindschaft gegen Gott und Krieg gegen ihn und seine Gesalbten, ist jetzt die Losung. Der Grund deS Uebels ist aber auch jetzt die alte Fünfsinnen- Weisheit, die sich ein Paradies auf Erden träumt, ohne auf Krankheit, Elend, Noth, den Tod und das Gericht, die Allmacht und die Gerechtigkeit GotteS zu denken. ES gibt aber auch feinere Verlockungen, unter diesen steht die Nationalität oben an. Man vergißt, daß nur die Gliederung der Mensch heit in Nationen das Werk GotteS ist; ihre Zerfallen heil und Trennung und die Verschiedenheit ihrer Sprachen sind nur in Folge deS AbfalleS von Gott, deS Heiventhums entstanden. Das Christenthum hat die Einheit wieder hergestellt. Nach ihm sind wir Eines göttlichen Geschlechtes, geeinigt durch Liebe. Die Liebe aber kennt keine Gränzen, ihre Beschränkung auf einige wenige Stammverwandte wäre heidnische Selbstsucht. Auch von Trennung der Schule von der Kirche wird gesprochen. Das wäre aber ein Auseinanderreißen deS LeibeS und der Seele, der Erde und deS Himmels, deS ErlöserS und der Kleinen, die er zu sich kommen hieß. Man glaube dem Geschrei nicht, daß die Kirche die Wissenschaft nicht ehre. Nein, sie achtet LaS wahre, daS ächte Wissen, denn sie weiß, es gebe nur Einen Urquell der Wahrheit; der Gott der Offenbarung ist auch der Schöpfer der Geister- und Körperwelt. Sie kann getrost zur Wissenschaft sprechen: „Du forschest in der Natur, im Geist und in der Geschichte, weil du glaubst, die Räthsel deS Lebens darin zu finden; forsche recht und forsche tief, und du wirst seine ewige Kraft und Gottheit darin erkennen, den Einklang zwischen dem geoffenbarten Worte unv dem geschaffenen Werke. Ich aber darf daS mir anvertraute heilige Pfand nicht modeln lassen nach deinen noch täglich wechselnden Funden; schreite du rüstig und besonnen fort, ich erwarte dich freudig am Ziele, so du eS erreichst." ' Die mächtigste Lvckstimme der Verführung ist aber der Ruf nach Freiheit. Ein edleS Gut in ächtem Sinne und der Kirche GotteS von jeher theuer, denn wer hat schmerzlicher als sie im Verlaufe ihres 1800- jährigcn Bestandes den Druck ungerechter Tyrannei empfunden. Man denke aber gerade an die 300jährigen Christenversolgungen, und wie die Kirche sich während derselben benommen. Sie hat gesiegt, weil sie, GotteS heiliger Weltregierung vertrauend, nicht sich selbst mit Gewalt Recht verschafft, sondern Art und Stunde der Befreiung Gott überlassen hat. In diesem Glauben, daß Gott die Welt regiere, wurzelt die Grundlehre der katholischen Kirche vom Gehorsam deS Christen gegen die von Gott gesetzte Obrigkeit. Die Kirche bat unter ihren Heiligen Märtyrer und nicht Empörer. Sie beginnt das BesreiungSwerk von innen, denn sie weiß, daß ein Knecht der Sünd'e kein wahrhaft freier Mann seyn kann. Darum gilt in diesem, wie in so vielem anderen der Spruch: Suchet zuerst dar Reich GotteS und seine Gerechtigkeit, und eS wird euch dieses alles hinzugegeben werden. Darum weg mit der Gleich giltigkeit in religiösen Dingen! Wer bürgt dafür, daß der Herr nicht den undankbaren Acker, auf dem sein Wort kaum mehr eine fruchtbare Stelle findet und der Distel und Dornen trägt, brach liegen lasse und sein Reich vckn unS nehme, um eS einem fernen Volke zu geben, das die Früchte desselben hervorbringt; steht doch daS fürchterliche Strafgericht warnend vor unö, daS der Herr über daS christliche Asien verhängt hat. DaS Himmelreich leidet Gewalt, nur die Starken und Entschiedenen ziehen eS an sich und lassen eS sich nicht entreißen. Und was man im Einzelnen nicht vermag, daö erstrebe man im heiligen Bunde mit Gleichgesinnten, damit, wenn die Bösen sich schaaren zum Angriff und Umsturz, auch die Guten zur Abwehr, zur Vertheidigung der Wahrheit, deS Rechts und der Ordnung zusammenstehen. Nun wendet sich die Rede an die einzelnen Stände und Volksclassen, an die Höchstgestellten, die Gewalthaber und Volksvertreter, an die Eltern, HauSväter, Lehrer und Vorsteher, an die Angesehenern und Reichen, an die Landbewohner, daß sie daS allkatholische Brodkorn, welches ihre Väter in guten und bösen Tagen gespeiset hat zum ewigen Leben, nickt für den Windhafer einer ungläubigen Lehre hingeben, an die Armen, daß sie Gott vertrauen und ihm die Strafe für die Härte oder Unbilde, die sie etwa erleiden, anheimstellen, an die Krieger deS Heeres, die in einer wildauf- gährenden Zeit daS eiserne Richtscheit LeS GesetzeS und der Ordnung mit ^ starker Faust handhaben, Laß sie ihr Gewissen blank wie ihre Waffen erhalten, an die christlichen Mütter, auf deren Schooß die Hoffnung der Zukunft ruht, daß sie daS junge Geschlecht mit der Milch deS Christenthums auS frommem gläubigem Herzen tränken. Für jeden Stand haben hie frommen Hirten ein besonderes, freundliches, tiefergreifendes Wort der ! Lehre und Ermahnung. Den Priestern ist eine eigene Ansprache verheißen. ^ Endlich verkünden die Bischöfe, daß sie unter sich ein Bündniß katholischer Liebe, Eintracht, Treue ausgerichtet haben, um vereint für Gott und lein Reich und die ihnen anvertrauten Völker zu wirken, zu beten, zu leben >und zu sterben, wie Gott eS will, zur Erfüllung dieses Vorsatzes werde ihnen das Gebet und daS Vertrauen der Gläubigen, um daS sie bitten, behilflich seyn. DaS Schreiben schließt mit den Worten: Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi sey mit euch allen. Amen! 11)6 Der Dorort deS katholischen VereineS Deutschlands a n die sämmtlichen Einzelvereine. Seine Fürstbischöflicken Gnaden, der Hvchwürdigste Fürst-Bischof v. Lavant haben höchst ihre Billigung deS katholischen VereineS Deutschlands in folgendem Schreiben ausgesprochen, welches wir zur Kenntniß bringen. Breslau, den 25. Mai 18-19. Der Vorsitzende: Lic. Wick. Der Schriftführer: Dr. Dinier. * Hochgeehrter Borstand deS lobwürdigen katholischen VereineS! Mit vielen Freuden ergreife ich die Gelegenheit meiner Anwesenheit am altehrwürdigcn Sitze deS heiligen RnpcrluS zu Salzburg, um dem zur Ehre Gottes und zum Glänze der heiligen katholischen Küche erwachten katholischen PiuSvcreine meinen aufrichtigen Gruß zu senden und meine Freude auszudrücken über den frischen edlen Zweig, der aus dem kraft- vollen Baume unserer heiligen Kirche eben zu einer Zeit entsprossen, in welcher der gewaltige Sturm so viele dürrgewordene Zweige hinwcggeweht hat. Wir haben Ursache Gott dafür zu preisen und sind verpflichtet für den Verein den Segen von Oben zu erflehen, nachdem ja alles Gute vom Vater deS Lichtes kommt, und von seinem Sohne, der auch dem katholischen Vereine die trostreiche Verheißung gab: „Sind zwei oder drei in meinem Namen versammelt, so bin ich mitten unter ihnen." Ich habe die Satzungen deS VereineS geprüft, und die in sehr werther Zuschrift vom 6. Oktober 1848 dargelegte Gesinnung erprobt, und kann nur den Geist der Erleuchtung, der Stärke und deS guten Rathes bitten, daß er mit seiner Gnade den Verein beseele und leite, damit dieser katholische Verein immer eine feste Schutzmauer gegen die Stürme einer unö feindlichen Zeit — nie aber ein Stein deS Anstoßes für die Kirche GotteS werde. Obgleich nur ein kleiner Theil meiner Heerde deutsche Zunge spricht, so darf ich es doch nicht unterlassen, meinen theuern Schäflein ohne Unterschied der Nation eine katholische Association anzuempfehlen, die sich deS Beifalls unseres allgemeinen heiligen VaterS PiuS IX. erfreuet, und nicht nur dessen hochgeehrten Namen trägt, sondern, wie zu hoffen, auch immer in seinem apostolischen Geiste wirken wird. Lasset uns also, Hochverehrte, desto enger an einander schließen, je häufiger die Lücken werden, die ein feindlicher Zeitgeist in unsern Reihen macht; lasset unS aber auch nie vergessen, daß dieser Verein nur an der Mutterbrust unserer heiligen katholischen Kirche gedeihen und sich deS Segens von Oben erfreuen kann. Genehmigen auch, Hochgeehrter VercinS Vorstand, meinen Dank für die freundliche Begrüßung, mit der Versicherung, daß die Förderung dieses VereineS, in so lange sich derselbe auf kirchlichem Boden bewegt, im Geiste der heiligen katholischen Lehre handelt, ein besonderer Gegenstand meiner oberhirtlichen Sorge seyn werde, der ich mit Achtung und Liebe bin Salzburg am 17. April 1849. deS lobwürdigen katholischen VereineS treuer Diener in Christo Anton Martin, Fürst-Bischof von Lavant. I. B. Hirscher über die Freiheit. In dem badischcn Lande, wo jüngst im Namen der Freiheit und der Volkösouveränctät ein Haufen wilder Abenteurer die Herrschaft führte und Gut und Blut deS Volkes in einem ziel- und hoffnungslosen Kampfe vergeudete, ist im Anfange dieses Jahres eine kleine Schrift von dem bekannten und vielfach verkannten Professor Hirscher „über die socialen Zustände der Gegenwart und die Kirche" erschienen, aus der wir folgende beherzigenswerte Stellen auSheben zu sollen glauben. Die Masse denkt sich unter Freiheit die Entledigung von Allem, was hemmt und drückt; also Emancipation von Gott, von Gewissen, von Kirche, von Polizei, von oncrosen Verpflichtungen. Aber ist das Freiheit? Wenn Jeder thun mag, waö ihn gelüstet, waS schützt dann den Schwächeren vor dem Gelüsten deS Stärkeren? Ist dann nicht das Belieben deS Mäch- tigeren für den Geringeren Gesetz? Mag der gewaltige nicht jeden Mitmenschen seiner Raubsucht, seinem Hasse, seiner Fleischeslust, seiner Herrsch» sucht rc. opfern? ES ist also die Freiheit, wie sie in den Köpfen der Massen spuckt, in ihrer Verwirklichung nichts anderes, als die schrecklichste Tyrannei und wildeste Willkürherrschaft. Gott! wie müßte eS in der Welt aussehen, wenn alle Leidenschaften des Menschen Freiheit hätten. Den richtigen Begriff von der Freiheit gibt das Christenthum. Es versteht unter derselben die Herrschaft deS Geistes über Fleisch und Welt. Ihm zu Folge ist nur der Sünder ein Unfreier, weil geknechtet von seinen Leidenschaften. Wer frei ist in dem Sinne, daß er außer dem Bereich der bürgerlichen Gesetze steht, dabei aber von seinen Leidenschaften beherrscht wird, der ist frei, aber frei zur vollsten Unfreiheit, d. h. zur ungebundenen, von keinem äußeren Gesetze gezügelten Hingegebenheit in die Sklaverei seiner Gelüste. Dasselbe Christenthum, welches unS den wahren Begriff der Freiheit gibt, lehrt uns auch den wahren und einzigen Weg zur äußern oder bürgerlichen Freiheit. Die wahre und gesunde äußere Freiheit ist, nach seiner Anschauungsweise, die Frucht der inneren. In dem Maaße, in welchem der ! Mensch innerlich frei, d. h. seiner Selbstsucht Herr wird, kann und soll !ihn LaS äußere Gesetz frei geben, denn in dem Maaße ist er sich selbst Gesetz, und bedarf der äußeren Bindung nicht. DaS bürgerliche ZwangS- !gesetz ist lediglich für die sittlich Unfreien, für die Thiere, die den recht- ilichen Bestand der Gesellschaft in ihrer Selbstsucht zerfleischen würden, !wenn sie nicht durch daS äußere Gesetz gezügelt wären. Je wilder daS Thier nach Freiheit schreit, d. h. sich entfesselt sehen will, desto weniger ist eS der Freiheit fähig. Ja, gelänge eS ihm, die Schranken des zügeln- !den GesetzeS auf kurze Zeit zu brechen, so würde eine solche Herrschaft der Brutalität entstehen, daß Alles nach einem Tyrannen schrie, welcher !daS Thier wieder in Bande lege. Würde daher begriffen, wie alle bürgerliche Freiheit die sittliche Freiheit voraussetzt, und ohne innere, d. i. sittliche Freiheit die äußere nichts seyn könne, als Entfesselung der brutalen Willkür, so würde man sich von dem derzeitigen FreiheilSgeschrei mit Entsetzen abwenden, und alle Gutgesinnten würden zusammenhalten, daß daS Menschen-Thier nicht entfesselt werde. ES liegt darum Alles daran, die christliche Ansicht von der Freiheit und dem Wege zu ihr wieder allgemein zur Geltung zu bringen und damit die Prediger der Afterfreiheit in der öffentlichen Meinung zu vernichten. WaS verheißen die Männer deS Umsturzes dem Volke? WaS erwartet dieses von ihnen? Bekanntlich: Freiheit für Alle; Wohlstand für Alle; Bildung für Alle. Laßt unS diese Verheißungen und Erwartungen näher inS Auge fassen! ! „Freiheit für Alle." — ES ist hiermit die äußere oder bürgerliche Freiheit gemeint. — Wer ist bürgerlich frei? Der, welcher Herr ist seines ! Thuns und LassenS, mit der einzigen Beschränkung, die StaatSgesellschaft, !die Gemeinde, die Familie und den Einzelnen nicht widerrechtlich zu verletzen. Man kann auch sagen: frei ist Der, welcher in Entwicklung, Thätigkeit, Besitz und Genuß keiner andern, als der rechtlichen d. h. aus der ! Gleichberechtigung aller Anderen fließenden Beschränkung unterworfen ist. ^Nun, waren wir bisher nicht frei, v. h. waren wir in der Entwickelung und dem Gebrauch unserer Kräfte, im Erwerb und Genusse willkürlichen oder widerrechtlichen d. i. solchen Beschränkungen unterworfen, welche weder durch die Rechtsansprüche der Gesammtheit oder der Einzelnen geboten, noch durch die Rücksicht auf die Wohlfahrt der einen und andern gerechtfertigt sind? ES ist nicht zu läugnen, daß der sogenannte Polizeistaat seine Präventivmaaßregeln vielfach über Gebühr, wohl selbst willkürlich ausgedehnt, überhaupt daS öffentliche Leben und seine Bewegung in einer Weise bevermundet hat, welche jedem Volke, welches zu einer gewissen Stufe !der Entwickelung gelangt ist, gerade so unerträglich wird, als dem zum Jüngling oder Mann herangewachsenen Sohne die Behandlung deS VaterS, welcher ihn noch immer wie einen Knaben gängelt. Im Ganzen aber hat eS doch keineswegs an Freiheit gemangelt. Der junge Mann z. B., nachdem er die allgemeine Schulbildung erhalten, wandte sich dem Berufe, z. B. !dcm Handwerke zu, zu welchem er eben Lust hatte; er wählte sich jenen Meister, der ihm gefiel; er ging in der Folge auf die Wanderschaft, »vorhin er wollte; er nahm Arbeit und zog wieder weiter, wo und wann eS ihm gut dünkte; er kehrte in seine Heimath zurück und gründete ein eigene- ^ Hauswesen, wie eS ihm an der Zeit schien; er handthierte und gewerbte, und Niemand durste ihn verletzen. So jeder Andere. Aber auch aus dem Gebiete der geistigen Thätigkeit fehlte eS nicht an Freiheit. Wie wenig der Polizeistaat die Bewegung dcr Geister, ob er auch theilweise Versuche machte, zu bannen vermochte, beweisen deutlich genug die Ideen, welche trotz aller ernstlichen oder scheinbaren Hemmnisse ein Gemeinbekenntniß unserer Nation geworden sind. Ja die Hemmnisse sind, wenigstens hier und dort, offenbar Reizmittel dcr Bewegung unter den Geistern geworden: wie denn überhaupt Hemmnisse sehr oft nicht sowohl Beeinträchtigungen, als vielmehr Anregungen der Selbständigkeit find. Da nun aber zur Zeit der Polizeistaat und seine Bevormundung aufgehört hat, sonach nicht bloß die 107 frühere, sondern die ganze, die unverkümmerte Freiheit gewährt ist, was muß stell jetzt daS Volk unter der Freiheit, welche erst noch kommen und der Antheil Aller werden soll, denken? Offenbar nichts anderes, als die Entfernung aller Schranken, durch die sich der Egoismus und die Leidenschaft noch gehemmt sieht. Freiheit wird so viel heißen, als thun dürfen, was man will. Der Arbeiter wird sich frei denken, wenn er eine Stellung einnehmen kann neben dem Arbeitgebendcn: der Schuldner wird sich frei fühlen, wenn er nicht mehr gerichtlich zur Zahlung angehalten werden darf; der sünvenlüsterne Mensch wird unter Freiheit die Antiquirung der alten Sittengesetze, und die Aushebung der häuslichen Ordnung und Zucht verstehen; der Rohe wird damit daS Recht meinen, an Jedem, welcher ihm in den Weg tritt, die Faust zu versuchen. Allein nun haben wir nicht die Freiheit, sondern die Widersetzlichkeit, die Zügellosigkeit, die Willkür, die brutale Gewalt, die Unterdrückung und Knechtung deS Schwächeren durch den Stärkeren. Ja, die Freiheit, welche sich nicht unter daS Gesetz und seine Ordnung beugt, ist ungezügelte, maaßlose Willkür; und^ weh' Dem, welcher in ihre Hände fällt. Diese Freiheit ist wesentlich Despotie: sie spannt Alles, was sie erreichen kann, an ihren Wagen, und wenn es nicht ziehen will, treibt sie eS mit Peitschenhieben vor sich her. Sehen wir auf Die hin, die da vor Kurzem Freiheit ausriefen für Alle. Ihr Auftreten war Gewaltthat. Sie fragten nicht, Wer ihre Ueberzeugung theile, und mit ihnen ziehen wolle; sie befahlen den Zuzug unter Bedrohung mit Gefängniß und Tod. Kirchliche Reisebilber. (Fortsetzung.) Man lernt eS begreifen, wie das kirchliche Leben in Bayern sich mehr und mehr heben konnte, wenn man die Bischöfe kennt, welche die einzelnen Diöcesen leiten. Ich hatte nur die Ehre zwei bayerischen Bischöfen mich vorstellen zu können, zu Bamberg und Würzburg, und ich mußte ein Land glücklich preisen, daS solch würdige Oberhirten zieren.? Diese apostolische Einfachheit, diese schlichte und vertrauenerweckende Freund-! llichkeit, diese zarte, unwillkürlich aus allen Worten hervorleuchtende Fröm-! migkeit muß aller Herzen gewinnen, und die Schäflein heranziehen mift dem sanften Zuge gläubiger Liebe. BayernS Episkopat, so wie ich ihn aus öffentlichen Blättern und mündlichen Urtheilen, die ich entgegen nahm, kenne, steht jehrenvoll da im deutschen Baterlande, und die Würzburger- Synode war an ihrem entsprechenden Platze. ES sind meistentheilS jüngere Kräfte, welche den Hirtcnstab mit starker Hand zu führen vermögen, mitunter Schüler deS unsterblichen Bischofs Sailer, dem überhaupt Bayern Vielen Dank schuldet, was kirchliches Leben und religiöse Wissenschaft anbelangt. Dafür hängt auch das Volk, ich möchte sagen, mit Andacht und Verehrung an seinen Oberhirten, und ich war tief ergriffen, als ich in RegenSburg vor dem Grabmale deS frommen Bischofs Wittmann mehrere Personen knieen, weinen, und die kalten Hände des Monumentes küssen sah. Das Volk hat ein gut Gedächtniß für wahrhaft Gutes, und es fehlt oft nur daran, daß der schlummernde Sinn für das Gute in selbem geweckt und gepflegt wird. Eine solch kindliche Verehrung eines Bischofes ist in Oesterreich selten, denn wir haben manche unserer Bischöfe mehr fürchten, als lieben gelernt. — Würdig stehen den Bischöfen die Domcapitel an der Seite, welche wahre Muster der Gelehrsamkeit und Frömmigkeit bergen! Man braucht nur an die Namen: Benkert, Allioli, Windischmann, Mätzler, Zarbl, Schmid und den noch vor wenigen Jahren die alte RatiSbona zierenden Dicpenbrock zu erinnern. So ist eS recht, der Veirath deS Bischofes soll eine coroua surea seyn, und durch Würde und inneren Gehalt daS Ansehen desselben erhöhen und der guten Sache durch Wort und That Vorschub leisten, äcl regis exsmplsr totus componitur orbw — gilt auch hier. Der jüngere und mindere Klerus? klammert sich an die erprobte Stütze, und hegt Vertrauen zur kirchlichen ^ Behörde. Mir ist ein so tolles und volles Schimpfen über geistliche Behörden, wie eS bei uns in Oesterreich manchmal getroffen wird, in Bayern nicht vorgekommen. Wer trägt die Schuld daran? UebrigenS muß man, ^ was daS äußere geistliche Leben anbelangt, daS östliche Bayern von dem! westlichen unterscheiden. Der rheinpfälzische Geistliche bewegt sich in der^ Regel leichter, die öffentliche Kritik hat ihm keine so engen Gränzen gezogen, wie allenfalls seinem Mitbruder im Frankenlande, so wie meines Wissens die Jgnatianischen Erercitien häufiger an dem Lech und der Jsar sich vorfinden, als an den blauen Fluchen keö Rheines. Dort herrscht so zu sagen, mehr klösterlicher Geist, hier mehr weitläufiger und geselliger. BieleS mag dazu die Nähe Frankreichs und daS Zusammcnwohnen mit einer überwiegenden Anzahl von Protestanten beitragen. DaS wissenschaftliche Element findet wohl seine gebührende Stellung in den Seminarien, natürlich in verschiedenen Diöcesen verschieden, allein die Mehrzahl der in Bayern erscheinenden Bücher beweiset, daß die asketische Bildung die mehr gepflogene ist. DaS ist gut und billig, und ich wünschte vom Herzen, vaß jene Zeit sich wiederholen möge, in der die Bernarde großen Einfluß übten auf Generationen hinaus, und zwar durch die Tiefe deS Gcfühle- und die überwältigende Macht ihres sutenreinen Charakters. Aber ich halte dafür, daß unsere Zeit noch höhere Ansprüche macht an den jungen Streiter der Kirche. Mag sey», daß wir durch die Macht eines guten Beispieles die bereits katholischen Gläubigen uns erhalten, aber das ist nicht genug, wir jollen auch andere, die nicht zu nnS schwöre», anziehen und hereinführen in den wahren Schafstall Christi. Dazu gehört aber die Klugheit der Schlange eben so gut, als die Einfalt der Taube. In so ferne hat eS mir sehr wohl gethan in Würzbnrg einen Priester zu treffen, der über speculative Theologie tiefsinnige Studien gemacht hatte, obwohl sein Beruf ihn zunächst nicht auf den Katheder führte. Um das kirchliche Bild Bayerns, so weit eS mit so wenigen Pinsel, strichen möglich ist, zu vervollständigen, kann ich über die religiöse Kunst, die in diesem Lande neu erwacht ist, nicht schweigen. Durch die freigebige Huld König Ludwigs ist München zum deutschen Athen gewor- den, und eine Unzahl von Fremden, die jäbrlich seine Schätze besuchen, verlassen befriedigt diese der Kunst geheiligten Mauern. Die wunderherr- liche gothische Ankirche, daS colossale Prachtdenkmal der Bonifaciuskirche, die Ludwigs- und Hofkirche allein sind werth, daß man nach München reiset. Schon oben habe ich die kunstvolle Restauration des alten Domes zu RegenSburg erwähnt; ich habe hier nur noch den B am berge rdom, diesen seltsamen Mischling von byzantinischer und gothischer Baukunst nachzutragen, und auf den Dom nach Speyer hinzuweisen, der in Schmuck und Ehre, in Gold und Farbenzier neu zu prangen beginnt, — eine kaiserliche Pracht, wie sie den Todten gebührt, die daselbst ruhen. DaS „steinerne Räthsel" scheint sich zu lösen, und das „riesige Gedicht" verstanden zu werden, denn wie eS in MolitorS Domliedern heißt: „Wa- frech zerstört der Wälsche Mit Schwert und FciirrSgluth, Auf« Neue will e« bauen De« Deutschen frommer Muth." (Fortsetzung folgt.) Prag. Prag, im Mai. ES gibt Momente, wo daS Innere deS Menschen offener vor dem Auge des Beobachters daliegt; es gibt solche Momente auch bei Völkern. DaS Fest Leg heiligen Johannes von Nepomuk war ein solcher Moment. Deutlich war eS da zu schauen, welche Mächte im Reiche der Gemüther walten; jede derselben kämpft nach ihrer Art, jede ringet nach der Oberhand. Wie wird sich die Religion bewähren? Man sah mit Spannung dem Feste entgegen. Viel wurde gethan, um das religiöse Leben herab zu stimmen; viel wirkte daS Aergerniß zum Verderben, welches von Thoren und von Schwachen kommt; daS öffentliche Bekenntniß deS Glaubens schien von einer Partei verpönt; dazu kam noch der Umstand, daß auf daS Fest die Stadt Prag und ein bedeutender Umkreis in Belagerungszustand erklärt werden muhte, und daß sich in Folge dessen weithin die schauerlichsten Gerüchte verbreiteten: und dennoch sah man von allen Seiten die Fähnlein einher flattern, und dennoch vernahm man die weichen slawischen Weisen auf allen Wegen, unterbrochen von kräftigem deutschen Gesang. ES ist nicht zu läugnen, die Pilgerschaar war nicht so zahlreich wie wir sie in ruhigern Tagen sahen; eS fehlte jene Heiterkeit und Frische, welche diese Andacht sonst auszuzeichnen pflegte; aber wie daS Fest war, gab eS einen überzeugenden Beweis, daß viel religiöser Sinn in dem Volke wohne, der sich nach Weckung sehnt, und der gehörig geweckt und geleitet kräftig genug ist, um allem Uebel zu begegnen. Wir sehen darum mit großen Erwartungen hin auf die Versammlung unserer Väter in Wien, und harren mit Sehnsucht deS Augenblickes, wo unS ein Führer gegeben seyn wird. Jetzt ist der Drache mit dem rothen Kamm wiever mit fester Faust niedergeworfen; aber wie er sich ringelt und windet, ist zu ersehen, daß er nicht verenden wird; — ihn muß die Macht deS Kreuzes bannen. Zur Erhöhung deS Festes trug unsere gütigste Kaiserin Anna ein Großes bei, indem sie der heil. Märterin und Landespatronin Lud» milla einen Altar bauen ließ, welcher zum Feste enthüllt wurde. Die todt dahin gesunkene HI. Blutzeugin ist ein Meisterstück der Skulptur; der vaterländische Künstler Mar hat eS auS kararischem Marmor geschaffen. Ein sinnreicheres Denkmal hätte die hohe Frau im Dome nicht hinterlassen können; denn eS drückt Ihre eigene Hingebung für die Religion eben so . > i -, c W 108 aus, wie eS zeigt, was Sie dem Volke ist, eine wahre Ludmilla, d> h. eine Geliebte des Volkes. Der KriegSzustand wirkte auch auf den Katholikenverein hemmend ein; daher unterblieb die Versammlung am JohanniSfest, bei welcher man auch Mitglieder fremder Vereine erwartete. (Kath. Bl. a. T.) PiuSvereine. Mainz, 21. Juni. Die auf den 20. d. M. in AuSstcht genommene, in Wiesbaden abzuhaltende Versammlung der katholischen (PiuS-) Vereine aus der oberrheinischen Kirchenprvvinz konnte der Zeitverhältnisse wegen, namentlich da Baden und Württemberg Abgeordnete zu senden außer Stand waren, nicht in der Weise stallfinden, wie die BreSlauer allgemeine Versammlung über die allenthalben zu veranstalteten Provinziell-Versammlungen Beschluß gefaßt har. Da aber doch wegen der am 19. d. M. vollzogenen feierlichen Einweihung der neuen Kirche in Wiesbaden eine so ansehnliche Zahl von Mitgliedern katholischer Vereine aus der Diöcese Mainz und Limburg versammelt waren, daß man mit Nutzen von Dingen reden konnte, die für die katholische Vereine im Allgemeinen von Wichtigkeit sind, so wurde, nach einigen einleitenden Worten der Vorsitzenden des Wiesbadener BonifaciuS- und des Mainzer PiuS-VereinS, der Geheime LegationS-Rath Lieber, bekannter noch inner dem Namen: „der praklische Jurist" durch Acclamation auf den Präsidentenstuhl berufen, und sprach derselbe, nachdem er für die Ehre und Auszeichnung, die er, wie er bemerkte, gerne einem Andern, einem Würdigern, zugewendet hätte, unter Anderm: „ES ist ein überwältigendes Gefühl, in dem wir Alle hier versammelt sind. Versammelt hat uns daö Fest der Einweihung der katho- liichen Kirche Wiesbadens. Fragen wir unö: Wer baut katholische Kirchen? Wer hat die katholische Kirche WieöbadenS, ein in allen Beziehungen gelungenes Werk, gebaut? so ist die Antwort hierauf: Es ist der Geist der Kirche. Um unS her sehen wir die Gebäude der Menschen zerfallen, und in uns Allen lebt wohl die Ueberzeugung, daß die der europäischen Menschheit nöthige Restauration, die wiederaufbauende, nur von der Kirche ausgehen kann. Soll die Gesellschaft regenerirt werden, ich weiß, in jeder Brust von Ihnen lebt die Ueberzeugung: eg kann nur geschehen durch den schöpferischen LebenSquell, den unsere Kirche auch zu andern Zeiten schon über die Welt ausgeströmt hat. Dieß ist die Aufgabe der Kirche; sie hat ibr zu allen Zeiten entsprochen, sie wird ihr auch jetzt noch entsprechen. Alle anderen Arzneien, nehme man sie, woher man wolle, und wären sie die bestgemeinten, meine treuen lieben Genossen, sie würden nicktS helfen, — daS haben wir erfahren; sie könnten nur unzureichende Palliative seyn. Die Königreiche, die sich noch einer Macht bewußt sind, sie können die Revolutionäre züchtigen, und besitzen sie neben der Macht auch etwas Großmuth, so können sie ihnen großmüthig verzeihen; aber sie läutern, verklären, versöhnen, daS ist der irdischen Macht nicht gegeben. (Bravo!) Diese Aufgabe, eS ist die Aufgabe der Kircke^ Aber auch wohlverstanden, wenn die Kirche in dieser Zeit die Hand bieten möchte auch nur zu einem Schatten von Concessionen weiter, sie würde hingeworfen werden zu den bereits zerriebenen Institutionen, die früher dem Liberalismus und der Revolution Concessionen in Beziehung auf das Princip gemacht haben. Deßhalb ertönt jetzt von allen Seiten, vom Aufgang bis zum Niedergang, der gewaltige Ruf nach Freiheit, Unabhängigkeit, Selbstständigkeit der Kirche. Dieser Ruf, meine treuen Genossen, dieser Ruf ist es ja, der so viele wackere Männer in allen Gauen Deutschlands in den katholischen Vereinen zusammen geführt hat. Ich könnte und möchte mich gerne eine Weile darüber verbreiten, wie wir die Freiheit der Kirche zu verstehen haben, und wie wir sie verwirklicht zu sehen wünschen mögen, aber heute langt unsere Zeit nicht dazu. Ich möchte nur an Eins erinnern, daß wenn, wie ich in BreSlau mich deS Ausdrucks bediente, die katholischen Vereine die von dem Herrn berufenen Heeressäulen des Glaubens im Laienstande in dieser Zeit sind, daß wir dann Alle von der Ueberzeugung durchdrungen setzn müssen, daß, so wie ein Heer nichts taugt, so lange nicht jeder einzelne Recrut ein Lurcherer- cirter ist, so auch wir es im Verein, ehe wir mit andern Dingen uns mehr beschäftigen, erst zur allgemeinen Ueberzeugung in jedem einzelnen VercinS- gliede zu bringen haben, daß jeder an sich anfange vorerst daS Ebenbild GottcS in sich herzustellen, wenigstens zu erstreben und so durch Fortbildung auf diesem Fundamente sorge, daß er ein tüchtiger Soldat in diesem Heere werde. Wir baben auch deßhalb in BreSlau vorzugsweise uns damit beschäftigt, was in den Vereinen zu geschehen habe, welche Wirksamkeit die Vereine zu ergreifen haben, um eben die Wirkung des katholischen Bewußtseyns im Volke zu Pflegen und zu hegen. Diese Aufgabe ist und bleibt die nächste der katholischen Vereine." Gerne möchte ich den Lesern Ihres Blattes Näheres mittheilen über den ausführlichen Bericht, welchen Dr. Heinrich aus Mainz von dem abgestattet, waS in BreSlau verhandelt und beschlossen wurde, über den Vertrag des Herrn Dr. Colombel aus Hadamar, der besonders auseinandersetzte, wie die katholischen Vereine die wahren Bedürfnisse des Volkes ins Auge zu fassen haben, über die herzliche Ansprache des Herrn HosrathS Leyendecker, welche die christliche Erziehung und Bildung der Kinder vom zartesten Alter an zum Gegenstände hatte, so wie überhaupt über alle Reben und Vortrüge, welche in dieser Versammlung gehalten und mit allgemeinem Beifalle aufgenommen worden sind, wohl daS sicherste Zeichen, daß sie auch ihre Wirkung nicht verfehlen werden; aber ich beschränke mich, mit Rücksicht auf den Raum ihres Blattes, auf diese kurze Mittheilung, der ich nur noch beifüge, daß auch der Hochwürdigste Bischof von Limburg vor seiner Abreise nach Eltville der Versammlung über eine Stunde beigewohnt und sie bei seinem Weggehen dringend ermähnt hat, treu und eifrig auf der seither verfolgten Bahn fortzuwandeln. (Kath.) « Vom RHeine, 29. Juni. ES möchte in der That fast den An- schein gewinnen, als wollte der Katholik für die Unwandelbarkeit und Stetigkeit im Glauben sich gleichsam in nichtkirchlichen Dingen durch desto größere Wandelbarkeit unv Entzweiung entschädigen. Wenigstens suchen wir unter uns Katholiken in Letzterem vergebens jene Einigkeit und Festigkeit, welche in dem Festhalten an unserer Religion und Kirche unS auszeichnet. ES ist allerdings der alte Wahlspruch: Einigkeit im Nothwendigen, Freiheit im Unwesentlichen und Zweifelhaften, aber Liebe in Allem. Dieses freie AuSeinandergehen in zweifelhaften oder nicht kirchlich festgesetzten Meinungen zeigte sich lebhaft auf der in Mitte deS MonatS April in Köln zusammengetretenen Provincial - Versammlung der' PiuSvereine, wo besonders die Frage: „ob und wie weit diese Vereine an politischen Fragen sich betheiligen sollten" erörtert wurde unv die ausgezeichnetsten Persönlichkeiten katholischer Gesinnung verschiedene Behauptungen vertraten. Wer die betreffenden Verhandlungen gelesen, wird sich überzeugt haben, daß dabei im Nothwendigen Einheit, im Unwesentlichen^ volle Freiheit, in Allem aber Liede vorgewaltet. Das Ergebniß war auch ein Resultat voller Freiheit: daß es den. einzelnen Vereinen freistehe, auch mit rein politischen Fragen sich zu beschäftigen. Die historisch-politi- sehen Blätter haben sich in gewohnter einsichtiger Art über diese Verhandlungen ausgesprochen und den ausgezeichneten Vortrügen der verschiedenen Parteien volle Gerechtigkeit wieverfahren lassen. Angesichts dieser Sachlage macht nun einen höchst unangenehmen Eindruck daS Verfahren des jetzigen VorortS BreSlau dem Kölner oder Rheinischen PiuSvereine gegenüber. Der Kölner Piusverein (und mit ihm mehrere der bedeutendsten im Rheinland und Westfalen) hatten dem edlen Reichsverweser eine Dankadresse votirt für sein festes Auftreten und Ausharren in der Sache Deutschlands. Daß der NeichSverweser diesen Dank von leiten aller Vaterlandsfreunde verdient, wird keiner bezweifeln; ob eS aber zeitgemäß, ob es im Ganzen förderlich für die Sache der Kirche gewesen, daß katholische Vereine einen solchen Dank votirten, ist eine Frage, die wenigstens noch für und gegen besprochen werden kann. Und obschon wir eS unsererseits gewünscht hätten, daß in dieser ohnehin aufgeregten, durch Brudcrkümpfe so unglücklichen Zeit diese Adresse unterblieben wäre, so hatten doch die PiuSvereine daS Recht, darüber zu verhandeln und diesen Beschluß zu fassen, und, wie sich nicht läugnen läßt, dafür eben so gute Gründe, wie früher für den belobten DankeSauSspruch an unsern König, daß er die papierne Kaiserkrone nicht angenommen. Daß der katholische Vorort eine andere Ansicht hat, dazu hat derselbe ebenfalls daS Recht. Ader anstatt diese abweichende Ansicht dem Rheinischen Piusverein in brüderlicher Liebe mitzutheilen, gibt derselbe eine öffentliche mißbilligende Erklärung ab, welche sich auf eine Eiklärung teö heiligen Vaterö stützt, der übrigens nur vor politischen Umtrieben (motus civiles) warnt, legt also offen vor aller Welt in schonungsloser Weise einen unerquicklichen Zwiespalt bloß! Und waS in der ganzen Sache das Schlimmste war, was der Mißbilligung deS Vororts, wohl ohne dessen Absicht, den Stachel feindseliger Opposition verlieh, war der Umstand, daß diese Erklärung durch die „Kölner Zeitung," durch daS Blatt also dem Publicum bekannt gemacht wurde, welches im ganzen Rheinland und Westfalen als kirchenfeindlich und katholischer Gesinnung und Gesittung höchst gefährlich bekannt ist, während die „Rheinische Volkshalle" als Organ der Katholiken auf dem PiuStage in Köln und in BreSlau selbst warm empfohlen wurde. (Katholik.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Krem er. Virrtcljähriger Abon- ncmenISpreis im Bereiche von ganz Bayern nur 20 kr,, ohne irgend einen weiteren Post-Aufschlag. Auch von Nicht Abonnenten der Posizeilung werden Bestellungen angenommen. Sonntags -Peiblatt zur Augsburger Postzeitung. Auch durch den Buch« Handel können diese Blätter bezogen wer» den. Der Preis beträgt, wie bei dem Bezug durch die Post, jährlich I st. 20 kr. Neunter Jahrgang. M 28 . 15. Juli 184k». Die österreichischen Bischöfe an die Geistlichkeit. Die zu Wien versammelten Erzbischöfe und Bischöfe Oesterreichs haben außer dem schon besprochenen Hirtenbriefe an die Gläubigen ihrer Diöcesen auch ein besonderes Schreiben an die ehrwürdige Geistlichkeit ihrer Kirchensprengel erlassen. Es ist noch umfangreicher als jener, und wir müssen uns daher ebenfalls darauf beschränken, hier bloß seinen wesentlichen Inhalt und die bedeutungsvollsten Stellen wiederzugeben. ES wird auf die Strafgerichte un alten Testamente, auf den Verfall des römischen Weltreiches und den Untergang der Kirche in Asien als eben so viele Beweise deS LooseS hingewiesen, welches der Völker harrt, die als ungetreue Verwalter des Schatzes der göttlichen Offenbarung sich erweisen. Auch in unseren Zeiten hatte dieselbe Ursache denselben Erfolg. Man hatte Eisenbahnen und Dampfmaschinen, man wußte den Laus der Gestirne zu berechnen und die Pflanzen in ihre Bestandtheile aufzulösen, und man glaubte darum in unverständigem Stolze des Herrn nicht mehr nöthig zu haben; da brach das Jahr 1Ü48 herein und zeigte das Ungenügende der Grundlagen, auf denen die neuere Bildung und der neuere Staat sich aufgebaut hatte. Nun erkannten „die weisen Staatsmänner", welche der Kaiser an die Spitze der Geschäfte gestellt hat, daß eS nicht genüge, den AuSbruch deö Sturmes gewaltsam gebändigt zu haben, sondern daß man die Mächte des Geistes aufrufen müsse, die Ursachen, die ihnhervorgelockt, zu bannen, darum — „erschienen die Gesetze vom 4. März dieses JahreS." Die Bischöfe haben in den Tagen der Umwälzung, als Hohn und Drohung wider das Heiligthum anstürmte, nicht geschwiegen, und sie haben an die damaligen Letter des Staates ihre Mahnungen, Bitten und Vorstellungen gerichtet und für die Braut Christi die Freiheil verlangt, ihre göttliche Sendung ohne Hinderniß zu erfüllen, endlich hat das Gesetz vom 4. März der katholischen Kirche die Freiheit gewährt, ihre Angelegenheiten selbstständig zu verwalten, und dadurch die vielfachen Hemmnisse beseitigt, „welche in Oesterreich seit 70 Jahren die Entfaltung ihrer heilbringenden Wirksamkeit beirrten." Um diese Bestimmung der Grundrechte inS Leben einzuführen und aufS Einzelne anzuwenden, hatten „mehrere auS ihnen" bereits Vorbereitungen zu einer Versammlung der Bischöfe getroffen gehabt, als die dießfällige Einladung der Regierung erfolgte, der sie dankbar Folge leisteten. Bei ihren Verhandlungen ist ihnen stets die Wichtigkeit derselben, „die in die Geschicke der katholischen Kirche in Oesterreich lies eingreifen und über die heiligsten Interessen weit verbreiteter Länder das LooS der Entscheidung werfen" können, vorgeschwebt. Sie haben ihre Erklärungen, Wünsche und Vorstellungen der Regierung bereits übergeben, und erwarten von deren „Weisheit und Gerechtigkeit," das freudige Ergebniß der Berathungen bald verkünden zu können; inzwischen theilen sie den Priestern die Grundsätze mit, von denen sie sich leiten ließen: Man spricht viel von Fortschritt; es ist auch die Pflicht des Einzelnen, wie der gesammren Kirche, in Erkennung und Befolgung des Willens GolteS immer vorzuschreiten. Die Kirche insbesondere benützt „jedes probehältige Ergebniß der Erfahrung, jeden wirklichen Gewinn der Wissenschaft um die Lehre deS Heiles den Herzen tiefer einzuprägen, die Geheimnisse GolteS in immer weiteren Kreisen fruchtbringend zu machen, dem Irrthume zu steuern, die Lüge zu entlarven, der Leidenschaft zu gebieten und die AuSerwählten, welche sich ihrem besonderen Dienste gewidmet haben," für ihren hohen Beruf würdig auszubilden. Darum suchten die Bischöfe zuerst die Hindernisse deS ForlschrittS in der Kirche zu beseitigen. „In den Zeiten, welche den Tagen des Umsturzes vorangingen, haue die katholische Kirche in Oesterreich manchen Grund zu gerechter Beschwerde. Jede Regung ihres Lebens war von den Fäden zahlloser Verordnungen umschnürt; dem Verkehre mit dem heiligen Stuhle stellten sich fast unübc» steigliche Hindernisse entgegen; der Bischof durfte an seine Gemeinden ohne Einwilligung der Behörden kein Wort der Ermahnung richten; die mächtige Hilfe der Presse zur Belebung und Läuterung der Gesinnung anzurufen, wurde den Vertretern der Kirche beinahe unmöglich gemacht, denn über die einflußreichsten Fragen war jede Erörterung, in welchem Sinne sie immer mochte geführt werden, schlechthin verboten; die weltliche Gesetzgebung streckte über alles, waö in die äußere Erscheinung trat, ihre gebieterische Hand auS, sie unternahm cS sogar, den Gottesdienst bis inS Kleinste herab zu bestimmen, und stellte in Ehesachen sich zu dem Kirchen- gesetze in schneidenden Gegensatz." Manche dieser Bestimmungen wurden allerdings seit langem nicht befolgt, andere sehr milde gehandhabt; allein die Gesetze waren in Kraft und wurden manchmal ganz unerwartet in vollster Strenge wieder angewendet. Hier den ursprünglichen RechtSzu- stand wieder herzustellen und daS Kirchengesetz in Oesterreich zur vollen lebendigen Geltung zu bringen, war eine der wesentlichsten Bemühungen der Bischöfe. In so fern einige der Anordnungen der Staatsgewalt an und für sich zweckmäßig sind, sollen sie auf das kirchliche Gebiet verpflanzt und ihnen die kirchliche Weihe verschafft werden, auch sind die Bischöfe weit entfernt, die Rechte anzutasten, welche der katholische Monarch, als ein ausgezeichneter Sohn der Kirche, in der Kirche erworben hat. — (Daß hier auf den PfarrcvncurS und die Ernennung der Bischöfe von Seile des Kaisers angespielt sey, durfte Niemanden entgehen.) Die eigenthümlichen Zustände unserer Gesittung und vorherrschenden GcisteSrichtung verlangen besondere Vorkehrungen; auch diese wurden von den Bischöfen in Erwägung gezogen. Ueber die besonderen Bedürfnisse einzelner Kirchcnprovinzen wirb auf Prvvincialconcilien berathen werben, und auch Diöcesansynoden scheinen in der Absicht vieler Bischöfe zu liegen; denn es wird mit einem gewissen Nachdrucke hervorgehoben, daß die Bischöfe sich auch an die Priester wenden werden, um ihre Wünsche zu hören und die Ergebnisse ihrer Erfahrung und Hirtenklugheit zu benutzen. — „Sollten in der Anwendung und Näherbestimmung mancher Kirchengesetze sich Abänderungen als nothwendig darstellen, so werben die Bischöfe ihre Bitten und Anträge an dem Stuhle deS heiligen Petrus voll Ehrfurcht niederlegen, und dort, wo die Einheit deö PriefterlhumS wurzelt, die Genehmigung und Bekräftigung ihrer Beschlüsse suchen." Was die Bischöfe weder wollten noch konnten, war eine Abänderung der ewigen unwandelbaren und heilkräftigen Wahrheiten unseres hl. Glaubens oder der von Gott eingesetzten und umschriebenen Kirchengewalt. Darum konnten sie auch jener Forderung nicht genügen, daß sie, „wenn nicht geradezu ihrer Amtsgewalt entsagen, doch die Ausübung derselben an Bedingungen knüpfen sollen, unter welchen eine Kirchenregierung unmöglich ist!" ES ist hier offenbar jene unverständige Ansicht gemeint, j welche die konstitutionelle NegierungSform mit einer „gesetzgebenden" Ver- jsammlung und dieser „verantwortlichen" Ministern in die Verwaltung der ! einzelnen Diöcesen einführen will. ! ES wird nun auf die Besprechung der verschiedenen kirchenfeindlicheir j Gesinnungen übergegangen, auf jene deS unbedingten Fortschrittes, der seinen Haß gegen Kirche und Staat offen bekennt, und auf jene deS gedankenlosen, halben, der jenem in die Hände arbeitet, „der mit der Hyäne ikoSt, welche schon den Rachen aufthul, ihn zu verschlingen, und der daS ^Holz herbeiträgt, um das eigene HauS in Brand zu stecken, und daS alle» ),n Namen der Aufklärung und deS Abscheues vor aller Verdammung." >Es wird der falschen politischen Freiheit, der Zuchtlosigkeit der Jugend, und der falschen Nationalität erwähnt, und mit Hiiiweisung auf die rastlose ^ Thätigkeit der Apostel deS UmsturzeS ein ernstes Wort der Ermahnung an die Priester gerichtet, Laß sie, „welchen der Sohn GolteS daS Seelenheil seiner Erlösten anvertraut, die er in das Innerste seines HeiligthumS ein- 11V geführt und mit der Macht des PriesterthumS begabt hat, gleiche Thätigkeit, gleiche Entschlossenheit entwickeln, um der Wahrheit vie Pfade zu ebnen, den Irrthum zu verscheuchen, die Seele zu retten." Hier ist vor allein die Reinigkeit eines christlichen Wandels und die Kraft jenes Eifers erforderlich, welcher „seinen LebenShauch aus dem Wehen heiligen Geistes schöpft." DaS Schreiben endet mit dem Gebete, daß der Herr der Heer- schaaren einen Blick der Erbarmung aus diese Lande sende, welchen er in Namen sie verherrlichen, dessen Willen sie vollziehen wollten; die Größe des deutschen Reiches suchten sie in Gott und durch Gott. DaS war der Grundgedanke, der daS deutsche Kaiserreich belebte und heiligte, erhielt und erhöhte; ohne diese tiefreligiöse Grundlage wäre eS niemals zu jener hohen Stellung gelangt, die es beinahe durch ein Jahrtausend in der Völkergeschichte behauptete, die es dann erst verlor, als der lebendige, religiöse Geist nicht mehr in diesem Reiche herrschte. Diesen Werth der Religion erkannten wohl die deutschen Kaiser, und in der Hebung derselben sahen Christo, seinem eingebornen Sohn, Licht und Gnade geschenkt hat, daß er sie die Hauptaufgabe ihres kaiserlichen Wirkens. Besonders ausgezeichnet sie nicht vor seine», Angesichts verwerfe, daß er den Verirrten die Engel Lurch dieses erhabene Streben ist jedoch jener Kaiser Deutschlands, den der Liebe und Demuth sende, damit sie die Last der Begierden, welche sie die Christenheit jetzt unter den seligen Himmelsfürstcn verehrt, der heilige zur Erde beugt, von sich werfen und zum Himmel aufblicken, für den sie Heinrich. Was er für die Beförderung der Religion gewirkt, daS bezeu- geschaffen sind. „Dann wird auch ein Hauch Deines FriedenS zu uns gen nicht bloß die Bücher der Geschichte, daS hat Gott aufgezeichnet in nieverwehen, und vereint um Deinen heiligen Altar werden wir Dich prei-seinem Buche ewiger Vergeltung. sen, i» Glauben und Hoffnung, bis wir eingehen in daS selige Reich deöi Heinrich war selbst, was einem würdigen Fürsten vor Allem Noth SchauenS. Amen." tthut, in seiner heiligen Religion festgegründet, ihre heilsamen Grundsätze - ^ hatte er schon von Jugend auf in sein Herz aufgenommen, und dadurch war schon eine spatere segenvolle Regierung verbürgt. Als ihn nach dem Ueber die Nothwendigkeit der Religion zum Gedeihen Tode des Kaisers Otto III. die Wahl der deutschen Fürsten auf den Kai- eineS Staate-. *) ! serlhron erhob, ging ihm schon der Ruf der Frömmigkeit, der Gerechtigkeit, I. Wollen wir erkennen, wie nothwendig die Religion sey einem Staate zum glücklichen Bestände, Religion auf dem Throne wie beim Volke, so brauchen wir uns nur deutlich zu machen, waö denn eigentlich Religion sey. Diese ist nichts Anderes, als das Band, welches die Geschöpfe an den Schöpfer knüpft; eS ist jene Unterordnung der Geschöpfe unter ihren Schöpfer, mögen sie dieselbe auch nicht anerkennen, oder gar sich dagegen sträuben. „Gott hat unS erschaffen, sagt darum David, und er hat uns für sich erschaffen" (Ps. 99, 3.). Während nun die übrigen Geschöpfe unbewußt und unfreiwillig ihrem Schöpfer untergeordnet bleiben, soll der Mensch, mit Vernunft und Willensfreiheit begabt, seine Abhängigkeit von Gott erkennen und auS freiem Willen stets der Bestimmung treu bleiben, die ihm von seinem Schöpfer geworben ist. Er soll Gott als seinen Herrn!chem Ende Gott ihn so hoch erhoben; die Kenntniß des ganzen Umfanges erkennen, Ihn anbeten, Ihm dienen, in Allem gehorsam seinen Willen seiner Pflichten ließ er sich stets angelegen seyn, und im Gefühl der Un- der Sanftmuth und Mäßigung voraus; groß war deßhalb das Vertrauen, welches Deutschland auf seinen neuen, weisen und frommen Beherrscher setzte, und er entsprach vollkommen dem hohen Begriffe, den man sich von ihm gemacht hatte, durch die weise Verwaltung seiner Staaten wie auch durch jenen Glanz aller christlichen, königlichen und kriegerischen Tugenden, die man so selten vereinigt findet. Heinrich besaß die erste Tugend deS Christen, die auch den Fürsten auf dem Throne ziert: er war von Herzen demüthig; er wußte wohl, daß nur Gott eö ist, der dem Fürsten Ansehen und Würde, Macht und Gewalt verleihet, daß vor Ihm, dem Unendlichen und Allmächtigen, jede irdische Größe verschwindet; im Glänze kaiserlicher Herrlichkeit vergaß es Heinrich nicht, daß er einst wieder vom Thron herab inS Grab steigen und dem Weltenherrscher genaue Rechnung von seiner Regierung werbe ablegen müssen. Nie verlor er auö dem Auge, zu wel- zulänglichkeit menschlicher Kräfte zur Erfüllung so hoher Anforderungen wendete er sich im Gebete zu Gott, und bat Ihn um Weisheit, durch welche allein vie Fürsten mit Glück und Segen ihre Völker leiten können. erfüllen und dadurch ewiges Heil und ewige Seligkeit finden. Dieses ist der ganze Inbegriff der Religion. Allein nicht jede Religion ist die wahre, nicht in jeder erkennt und beobachtet der Mensch wahrhaft seine Abhängigkeit von Gott. Wie eS nur! Unablässig betrachtete er daS göttliche Gesetz, um durch daS eigene Beispiel Einen Gott gibt, so gibt eS auch nur Eine wahre Religion, es ist die eines demüthigen Gehorsams gegen GotteS Gebote seinen Völkern zur Tu- Religion Jesu Christi. Er hat uns erst recht Gott, seinen unv unsern gend voranzuleuchten. Vater, kennen gelehrt, Er hat unS den Willen unsers GotteS vollkommen! Diese aufrichtige Demuth vor Gott bewahrte unsern heiligen Kaiser und klar verkündigt, hat unS die Beobachtung desselben eindringlich anS vor jenem Fehler, dessen sich der Mensch nicht leicht erwehren kann, wenn Herz gelegl und unS gezeigt, wie die gehorsame Erfüllung deS göttlichen Macht und Gewalt in seine Hände gelegt sind, nämlich vor der Willkür. Willens unsere einzige und wahre Lebenöbestimmung jey, wie wir nur da durch wahrhaft glücklich und selig werben können. JesuS hat uns durch sein eigenes Beispiel gelehrt, wie unser ganzes Leben Gott geweiht seyn, Ihm gehören solle, wie wir in Allem nur unsers Schöpfers Ehre in Obacht nehmen, stets seine Gebote vor Augen haben unv nach ihnen unser chon von Jugend auf halte Heinrich angefangen, in der schwersten Tugend der christlichen Religion, in der Selbstverläugnung sich zu üben, ohne welche es dem Menschen unmöglich ist, mit steter Treue seinem Gott zu dienen. Er hatte sein Fleisch dem Geiste, seinen Geist aber Gott untergeordnet, so daß er niemals seinen Eigenwillen, sondern stets den Willen Leben regeln sollen. Nur der Mensch, der, wie es die Religion Jesu Gottes zu erfüllen trachtete; niemals gebrauchte er seine Macht dazu, um lehrt, stets an seinen Gott sich hält, der wird seine Bestimmung hieniedcn seine Leidenschaften zu befriedigen, und wie sehr er diese zu beherrschen erreichen und sein Ziel nicht verfehlen; wer hingegen Gott auS den Augen verstand, bezeugt unS folgende Begebenheit. Er belagerte einst im süd- verliert, wer all sein Thun und Lassen nicht auf Ihn bezieht, nicht nach lichen Italien eine aufrührerische Stadt; da dieselbe einen ungemein hart- Eeinem Willen ordnet, der fällt dem Irrthum und der Thorheit, der näckigen und erbitterten Widerstand leistete, so schwur der Kaiser in der Sünde und dem Verderben anheim. Gersten Aufwallung seines Zornes, nach Einnahme der Stadt ihre Untreue So wenig nun der einzelne Mensch ohne solche religiöse Weihe seines blutig zu rächen. Bald darnach mußten die Belagerten sich dem Kaiser Lebens sein Heil und Glück finden kann, eben so wenig mag ein Staatt ergeben, zitternd erwarteten sie die strengste Strafe für ihre Empörung; gedeihen, wenn nicht Haupt und Glieder desselben von wahrer Religion als sich aber die Thore öffneten und eine Schaar Kinder, das Bild deS durchdrungen sind. Der Staat besteht ja nur auS einer größern Anzahl Gekreuzigten an der Spitze, flehend dem Kaiser entgcgenzog, da überwand von Menschen, die sich verbunden haben, um gemeinschaftlich nach wahrem der christliche Herrscher seinen Unmuth und ließ die Empörer in keiner Glück zu ringen. Wie aber der Mensch nur dadurch glücklich werden kann, daß er gehorsam und eifrig seinem Gott anhängt, so kann auch ein Staat nur glücklich bestehen, wenn der Regent desselben, wie der Unterthan, ihre wechselseitigen Pflichten aus Gehorsam gegen Gott erfüllen — wenn Beide wahre Religion haben. Wir blicken jetzt so gerne auf daS Weise seine Rache fühlen. So verstand eS der mächtigste Herrscher der Welt, sich selbst zu beherrschen — die Religion vom Kreuze hatte ihn dieß gelehrt. Einen Thron aber, dessen Herrscher wahre Gottesfurcht im Herzen trägt, wird auch zu jeder Zeit unversehrte Gerechtigkeit umgeben. Bei ehemalige deutsche Kaiserreich zurück, und weiden uns mit Lust an der jeder Entscheidung hatte Heinrich, der Richter eines großen Volkes, daS Größe und dem Ruhm desselben. Aber haben wir denn auch schon erkannt,! Gesetz, die Wahrheit und daS Gericht deS Herrn vor Augen; nicht die was seine Größe und seinen Ruhm begründet hat? DaS war die Religion,! Person sah er an, sondern die Gerechtigkeit der Sache, dieser suchte er von welcher Beide, der Kaiser wie daS Volk, auf daS Lebendigste beseelt stets den Sieg zu erleichtern, und nichts schmerzte ihn so tief, als irgend waren; Beide strebten darnach, daS Reich GotteS auf Erden zu verbreiten Jemanden, wenn auch ohne sein Wissen, Unrecht gethan zu haben. Er und zu erhöhen, Beide erkannten Gott als ihren höchsten Herrn, dessen *) Kanzclrcdc auf das Fest des h. Kaisers Heinrich H. (15. Juli), aus der Phi- lothea, mit Weglaffung der Einleitung. hatte sich gegen den heiligen Heribert, Erzbischof von Köln, aus Mangel an gehöriger Kunde einnehmen lassen, allein er hatte nicht sobald die Ursache desselben erfahren, als er selbst zu ihm ging, ihn um Verzeihung bat, unv nicht eher sich beruhigte, als bis ihn der Oberhirte versicherte, 111 er habe ihm aufrichtig vergeben. AIS wahrer Anbeter Jesu, als treuer Diener seiner heiligen Religion wollte sich aber Heinrich nicht bloß gerecht gegen seine Unterthanen bezeigen, er lieble sie auch als Christ mit christlicher Nächstenliebe. StetS war er darauf bedacht, sein Volk nicht mit großer» Abgaben, als nöthig war, zu belasten; Kriege mit andern Völkern suchte er, ein stets sieggekrönter Held, so viel als möglich zu vermeiden, denn er wollte daS Blut der Menschen, seiner Bruder, schonen; besonders aber unterstützte er in hoher Freigebigkeit die Armen, unterdrückte sorgfältig die Mißbräuche und Unordnungen, beugte den Ungerechtigkeiten vor, sicherte das Volk gegen Bedrückungen und steuerte jeder Noth, so viel nur immer in seinen Kräften lag. Man hätte meinen sollen, baß er auf Erden keine andere Erben hinterlassen wollte, alö die Nolhleiden- den; wo er hinkam, schüttete er reiche Almosen in ihren Schooß und verbreitete allenthalben den Ruhm seiner Milde und Liebe. Wie groß, wie verehrungswürdig steht dieser Kaiser vor unS da, geschmückt mit Regententugenden, wie wir solche nur an dem Muster eines christlichen Fürsten suchen dürfen: mit Gottesfurcht und Selbstbeherrschung, mit Gerechtigkeit und Weisheit, mit Kraft und Liebe! Und welchem Stamme sahen wir diese herrlichen Blüthen fürstlicher Tugenden entwachsen? Dem heiligen, fruchtbaren Stamme wahrer, lebendiger Religiösität. In christlicher Treue und Liebe seinem Gott ganz ergeben, verlor Heinrich Ihn als sein höchstes Gut auch auf der obersten Spitze irdischer Macht nicht aus den Augen, und dafür schenkte ihm Gott Gnade, daß er sein Volk mit Weisheit und mit Glück regierte. Doch zum wahren Heile eines SlaateS genügt es nicht, daß die Religion bloß auf dem Throne herrsche; auch inS Volk muß sie tief und lebendig eingedrungen seyn, damit ein gotteSfürchtigeS Volk vereint mit seinem frommen Fürsten dahin strebe, daß der Name des Herrn geheiligt werde, daß Gottes Reich zu ihnen komme, daß der Wille deS Herrn geschehe wie im Himmel, so auch auf Erben. Der Weisheit des hl. Kaisers Heinrich war^dieß nicht verborger geblieben, daher sein Bemühen, wahre Religiosität bei seinem Volke zu verbreiten und zu beleben. Ein Brief von BaldegamaS. Die socialen und politischen Bewegungen der Neuzeit haben zu verschiedenen historischen, philosophischen und religiösen Forschungen Anlaß gegeben. Ueber daö zur modernen Frage geworbene Verhältniß der Religion zur Civilisation hat sich unlängst der spanische Gelehrte Marquis Don» so Valdegamas, gegenwärtig Gesandter zu Berlin, in einem Briefe an den französischen Pair Montalemdert ausgesprochen. Wie wahr und treffend vom katholischen Standpuncte auS in diesem Briefe „über die große Erinnerung und große Hoffnung," zwischen welchen beiden der Mensch steht, geurlheili wird, hierüber mögen die Leser entscheiden, denen wir einige Stellen im AuSzuge mittheilen. „Die Bestimmung der Menschheit ist ein tiefes Geheimniß. Ueber dieses Geheimniß erhallen wir einen zweifachen Aufschluß. Katholicismus und Philosophie sind bamir einverstanden, die Menschheit müsse dahin streben : vollkommene Civilisation zu erreichen. Aber die Civilisation, welche der Katholicismus im Sinne hat, ist himmelweit verschieden von dem, was die Philosophie '*) unter Civilisation versteht. Vereinigen lasten sich beide Ansichten nicht. Man muß entweder zu der einen ober zu der andern sich entschließen. Eklektisch zu Werke gehen, das heißt mit den Grundsätzen der einen und u»it den Folgerungen der andern einverstanden seyn, solch ein Verfahren wäre rnit den Dcnkgesetzen nicht vereinbar. Es gründet sich aber die katholische Civilisation auf die Ansicht, baß die menschliche Vernunft die Wahrheit weder finden noch erkennen kann rein auS sich selbst, doch kann sie dieselbe sehen und erkennen, wenn sie ihr gezeigt wird. Der menschliche Wille kann ferner das Gute nicht wollen und nicht vollbringen auS sich selbst, doch kann er eö wollen und vollbringen, wenn ihm dabei geholfen wird, diese Hilfe erlangt er aber nur, wenn er sich einem höhern Willen unterwirft. Es kann also die menschliche Vernunft die Wahrheit nur sehen, wenn eine untrügliche Auctoriläl sie ihr zeigt. ES kann der menschliche Wille das Gute nur wollen, wenn er eingeschränkt ist durch die Furcht vor Gott. Sobald die Vernunft sich von der Kirche, der Wille sich von Gott emancipirl, dann regiert der Irrthum und die Schlechtigkeit ohne Damm in der Welt und zwar um so mehr, als Vernunft und Wille durch die Sünde geschwächt sind. — Die moderne philosophische Civilisation hingegen geht von der Ansicht aus, daß daS Wesen des Menschen vollkommen sey. ES könne die Vernunft des Menschen die Wahr- *) Laldcgamas meint hier natürlich nur die falsche, die vom Christenthum ganz absehende, die eben herrschende pantheistische Philosophie. D. R. heit erkennen rein aus sich selbst. Es könne der Wille zum Guten sich entschließen und es vollbringen, wie cS ihm gefällt. ES komme die sich selbst überlassene Vernunft zur Wahrheit, der sich selbst überlassene Wille komme zur Ausübung deS Guten. Würde die Vernunft nie gehindert in ihrem Streben nach Erkenntniß und würbe der Wille nie gehindert in seiner Thätigkeit, so gäbe eS nichts „BöscS" auf der Erde. Je freier daher die Vernunft wäre von den Banden und je freier der Wille, desto vollkommener wäre der Mensch. Daher wäre cvnsequent die Menschheit am vollkommensten, wenn sie Gott nicht anerkennt, sondern dieses göttliche Band verwirft, ferner wenn sie die Regierung nicht anerkennt, sondern dieses bürgerliche Band zerreißt, dann wenn sie daö Eigenthum nicht anerkennt, sondern dieses sociale Band zerstört, endlich wenn sie die Familie nicht anerkennt, sondern gegen diese häuslichen Bande sich sträubt. Wer mit diesen Folgerungen nicht einverstanden ist, der kennt die moderne philosophische Civilisation nicht an. Wer aber die philosophische Civilisation nicht anerkennt, und eö auch nicht mit dem Katholicismus hält, der geht in eine Wüste von Irrthum. — Gehen wir nun von der theoretischen Frage zur praktischen über, nämlich zu der Frage: Welche von beiden Civilisationen wird im Laufe der Zeit den Sieg davon tragen? Ganz gewiß die philosophische. Damals, als der Gerechte seinen Leiden entgegen ging, kamen dre Engel-Legionen nicht vom Himmel, um sich seiner anzunehmen. Warum sollten sie heut zu Tage, da nicht ein Gotlmeusch an das Kreuz geschlagen wird, sondern da ein Mensch den andern kreuzigt, sich bewogen finden, hinabzusteigen? Warum seilten sie heut zu Tage Herabkommen, da unser Gewissen uns zuruft, daß in dem großen Trauerspiele Niemand ihre Dazwischenkunsl verdient; nicht diejenigen verdienen sie, welche daS Opfer seyn werden, und nicht jene, welche die Henker sind. Hienieden siegt gewöhnlich endlich das Schlechte über daS Gute. Den Sieg über daS Schlechte hat sich, so zu sagen, Gott selbst vorbehalten. Was zeigt die Sündflulh an? Den natürlichen Sieg deS Schlechten, und den übernatürlichen Sieg GolteS. Was ist ersichtlich beim Tode deS Heilandes? Der natürliche Sieg des Schlechten, und der übernatürliche Sieg GotteS. Am Ende der Welt, sagt die Schrift, wird der Antichrist herrschen und dann folgt das Gericht. Was wird sich bestätigen bei dieser Katastrophe? Der natürliche Triumph deS Schlechten über daS Gute und der übernatürliche Triumph Gottes über daS Schlechte. — Freilich könnte man mir entgegnen: „Wenn dem so ist, so hören wir aus zu streiten für daö Gute." Nein! Der Streit ist für uns Katholiken eine Pflicht und nickt eine Spcculation. Danken wir Gott, daß er unS zum Kampfe angewiesen hat. Die Weise betreffend, in welcher dieser Kampf geführt werden soll, meine ich, es sey zumal die Presse zu benützen. Zeitschriften müssen dazu dienen die Wahrheit zu verbreiten und zu vertheidige». Eben in bewegter Zeit sind die Menschen geneigt zur Belehrung, daher eben jetzt auch der gewöhnliche Mann zum Lesen seine Zuflucht nimmt. So verderblich Revolutionen auch seyn mögen, daS Eule haben sie doch, daß sie im Glauben befestigen und den Glauben in ein schönes Helles Licht setzen. — Dieser Brief, aus welchem die voranstehenden Citate genommen sind, wurde vor einigen Wochen zu Berlin geschrieben. Durch die Uebersctzung verliert die Diction an Schönheit und Kraft. Wünschenswert!) aber wäre es, wenn auch in unserm Vaterlande intelligente, überzeugte, katholische Männer, Juristen zumal und Aerzte, sich entschließen möchten, die Journale zu benützen, um ihre Ansichten über die TageSfragen öffentlich kund zu geben. Kirchliche Neisebilder. (Fortsetzung.) Wenn man daS Herz Deutschlands durchzieht, so muß eS ein kirch, lich gesinntes Gemüth unangenehm berühren, daß man bald bei Protestanten, bald bei Katholiken Nachtherberge nehmen muß, und eS wird einem bei Erwägung dieses MißstandeS leichter begreiflich, wie Deutschland vergebens nach Frieden und Einigkeit hascht. So lange die Divergenzen sich um Dinge drehen, die in daS innerste Heiligthum deS Menschen eingreifen, um Glauben und religiöse Ueberzeugung, so lange wird weder ein Natio- nalconvent, noch eine octroyirte preußische Verfassung Deutschland einig machen, und eS wird sich das kaustische Wort eines Dichters bewähren, der da fingt: O Deutschland, Deutschland, Du bist bei Gott, Von Innen zerrissen, nach Außen ein Spott. 112 Am meisten überwältigten mich derlei trübe Gedanken zu Frankfurt; — doch die werven den umflorten Hintergrund meines ReisebildeS abgeben. Für jetzt soll eS noch ziemlich heiter bleiben und freundlich, so freundlich und heiler die Rheinufer sind. ES ist ein ergreifender Anblick — das alte Moguntinum, bespült von den bläulichen Fluchen des Allvater Rheines. Ernst und kosende Romantik reichen sich hier die Hände. Die Charakteristik deS Rheinländers ist bald beisammen; der Grundzug seines Lebens ist Religion, alles andere reihl sich um diese Grundanschauung, wie die einzelnen Atome um den krystallnen Körper. Seine Ueberzeugung ist warm und innig, eS glicht Las Auge und schlägt höher das Herz, wenn der Mund sich öffnet zum Lobe des Herrn. Die Kirchen sind noch mehr besucht, als in Bayern, und das Verhältniß zu den Seelsorgern, hier Pastoren genannl, ist ein kindlich vertrauendes. Die Geistlichen haben in ihrem Aeußeren etwas sehr Ehrwürdiges. Die Svutanelle, die sie in der Regel tragen, kleidet gut und priesterlich. Gegen Fremde ist man am Rhein besonders artig und zuvorkommend, eö sind mehr poiirle Sitten, die einen ästhetisch guten Eindruck und die romanlische Rhcinfahrt doppelt unvergeßlich machen. Ich will keine Rainen nennen, sonst würbe ich von Mainz angefangen über Koblenz und Bonn bis Eöln hinab einen Calalvg verfertigen müssen. Vielleicht kommen einigen der so gefälligen Herren diese Zeilen zur Hand, sie mögen ihnen ein schwacher Dolmetsch meiner dankbaren Gesinnung seyn. Zwei Erscheinungen, die ich am Rhein traf, find zu wichtig, als daß ich sie übergehen könnte. Ich meine das Kölner- dombaufcst unv die PiuSvereine. DaS Kölnerdvm Laufest war eine großartige Demonstration der katholischen Gläubigen, eS war ein Triumph- fest für die Kunst und Leren heilige Pflegerin, die Kirche. Der alte Dom prangte in jugendlicher Frische, und so unbefriedigend der erste Eindruck war, als ich ihn eine Woche früher mit Gerüsten umklammert, und von, Schütte entstellt fand, so herrlich und majestätisch stand er jetzt vor meinem stalincnden Auge. Welche Kühnheit des Gewölbes, welch colossale Dimensionen, welch herrlicher Schmelz der allen und neuern Glasmalerei! Wahrlich dieß Denkmal allein wird ewig Kunde geben von der einstigen Größe deS deutschen Volkes, eö ist ein würdiges Symbol der erst zu vollendenden deutschen Einheit. Die pompösen Fackelzüge, Processionen u. s. w. übergehe ich, und will nur erwähnen, Laß ich mit eigener Lebensgefahr den Erzbischof Getssel am Altare sah, umrungen von den anderen erzbischöflichcn Gästen, und im weiten Chöre den Erzherzog-NeichS- verweser und den lorgnetlirenden König von Preußen, unv all die Depu. tirten der deutschen Nationalversammlung. ES war ein hartes Opfer, das ich dem Dombauseste brachte; denn eö gab nur Schaugcnüffe, keine geistigen, man war zu bewegt und zerstreut, und Schaugepränge sättigen bald. Darum verließ ich schon am dritten Tage des Festes die „heilige" Lolviiis, froh einer doppelten Lebensgefahr, ceS Erdrückens im Dome, und der zufälligen Steinigung bei der Ankunft veö preußischen KönigS in Düsseldorf glücklich einkommen zu seyn. Roch ein schöneres Monument hat sich der neuaufblühende Katholicismus in den PinS vereinen gesetzt. Die großartige Idee, welche diesen Vereinen zu Grunde liegt, besteht darin, daß die Laien für die Rechte der katholischen Kirche einstehen, und mir Wort und Schrift für die Freiheit derselben kämpfen. Wenn ganz Deutschland einmal von diesen Vereinen durchzogen ist, dann wird man Las Gute, LaS sie stiften, erst erfassen können; denn die Macht der Association ist die mächtigste Macht der Gegenwart. Zur soliden Association gehört aber eine solide Basis, und in dieser Hinsicht stehen die PiuSvereine auf der solidesten, und tragen daher in sich selber die Bürgschaft der inneren Kraft und bleibenden Wirksamkeit. Der Anstoß dazu wurde meines Wissens ui Mainz gegeben, und das feierlich ausgesprochene Wort fand freudigen Nachklang in den übrigen Provinzen. Ich besuchte zwei solche Vereine, zu Mainz und zu Burl- scheib bei Aachen, und die Stunden, die ich daselbst verlebte, gehören zu den genußvollsten meiner Reise. Wo noch so kräftiger Sinn für Recht unv Gesetz, so viel Liebe zur Kirche im Volke lebr, da ist noch nicht zu verzweifeln, und wenn man an verschiedenen Orten meint, daS deutsche Volk habe sich überlebt, so möge man die heilige Willenskraft, die noch im Kern LeS katholischen Volkes liegt, nicht übersehen. Ein Baum kann kranke Auswüchse haben, wenn man aber diese vom Stamme schneidet, so wird der Baum noch viel schöner blühen. So stelle ich mir daS künftige Geschick Deutschlands vor. Entweder überwuchert daS Unkraut den gesunden Baum, oder man entfernt von ihm daS erstere. Die PiuSvereine haben nach meiner Ansicht als Hauptaufgabe, die gesunde Kraft im Stamme deS deutschen Volkes zu erhalten; wenn auch sie Deutschland keinen höheren Impuls verleihen, dann verzweifle ich, denn dann hat Deutschland aufgehört katholisch zu seyn, und in sporadischer Zerrissenheit werden sich Völker und Fürsten, Städte und Länder trennen, und ArndtS Geist wird, ein verhexter Genius, die Lüfte durchziehen und ächzen: Wo ist deS Deutschen Vaterland? Die Art und Weise, wie die Versammlungen gepflogen werden, beweist, daß man am Rhein viel mehr parlamentarischen Takt kennt, als bei unS im neuerwachten Oesterreich. Der Präsident, wo möglich ein Laie, handhabt mit Geschick die Glocke, und die einfachsten Bürger hielten freie Vortrüge über religiöS-sociale Tagesfragen. WaS mir alö Fremden besonders wohl that, war die herzliche Freundlichkeit mit der man mich und meine Neisecollegen aufnahm, ich fühlte mich so heimisch in diesen Vereinen, waren eS ja nicht bloß deutsche, sondern waS noch mehr verwandt macht, katholische Brüder, die mir traulich die Hand reichten. ES drängte mich zum Worte, das man mir gerne zugestand, und waS mir die überwältigende Macht deö Augenblicks eingab, erhielt den freundlichsten Beifall. Anfangs nahm ich etwas Anstoß, daß (in Burtscheid) die Veisammlungen beim vollen Glase stattfanden, — allein der Rheinländer vergißt auch beim Glase nicht, waS dem Katholiken zieme, und die nüchterne Heiterkeit steht ihm sehr wohl an. In Oesterreich dürfte diese Praxis nicht räthlich seyn. An den PiuSverein schließt sich der con- stitutionell-mvnarchische Verein in München an, den wir gleichfalls besuchten. Als Curiosum davon erwähne ich nur, daß man, als wir von einem Mitgliede eingeführt um das Wort baten, dasselbe wohl zugesagt erhielten, aber nicht an Mann bringen konnten, weil die Sitzung früher geschlossen ward. Man schien den jungen Gästen aus Wien nicht völlig zu trauen, weil erst vor einigen Tagen verkappte Jünger der Wiener-Aula für eine fälschlich den Münchnern von letzterer verehrte Fahne sich hatten fetiren lassen, bis der vorsichtige Bürgermeister ihnen daS Handwerk legte. Ich kann diese bescheiden ausholende Höflichkeit dem Münchnervereine, obwohl sie mir anfangs wehe that, nicht übel nehmen; denn in einer wirren Zeit ist Vorsicht und Klugheit absolute Nothwendigkeit. Wir nahmen Abschied und schwiegen; jetzt aber kann ich mir'S nicht versagen, dieses Erlebniß wie einen satyrischen FaunuS in mein Reisebild hineinzumalen. (Schluß folgt.) A» Georg Herwegh. Wohin bist du, blitzschlcudcrndcr Poct, Mit deiner L eder blul'gem Zorn geflüchtet, Willst du dem „hcil'gcn" Kampfe dich entzich'n, Da Feindes Schwert die Neih'n-dev „Brüder" lichtet? Sangst du nicht einst in blutgetränktem Haffe: „Zum letzten Kampf der Frci.hcit eine Gasse;" Und da.die „FrcÜjeil" quillt aus. tausend Wunden, Bist spurlos du. wie ein Atoni^fferschwunden! Sich deines Fluches blut'gcs.Äöort erfüllt: „Reißt sie heraus die Kreuze aus der Erden, „Der Deutschen Zukunft klirrt in blankem Erz, ,Ja alle sollen blanke Schwerter werden!" Hast du nicht Jene nur als „Frei" gepriesen, Die sich die Freiheit in der Schlacht erkiesen; Und jetzt willst du als Sklave dich verkriechen, Nicht mit den Deinen fallen oder siegen? Wer peitschte je so frech und wuthentbrannt Die „Brüder" zu der „Freiheit letztem Kampfe." „Gebt mir ein Schwert" erscholl dein rasend Lied, „Daß ich die Freiheit aus der Erde stumpfe!" Und nun da tausend heiße Schwerter blinken Seh'n wir den Jüngling still von bannen hinken! Hervor aus deinem tbest, du rother Sänger, Zerschmett're deines „Volkes" stolze Dränger! Hast du doch einst mit lästerlichem Mund Selbst mit dem ew'gen Herrn des Alls gerechtet, Der „Ring um Ringe an die Kette füLt, „Die schonungslos die Völker drückt und knechtet:" Und jetzt, da in des Kampf's unset'gem Wirren Die längst gefluchtet, Kelten rollend klirren, Läßt du die Deinen in so bittern Tagen Allein die Wucht der schweren Kette tragen! O Schmach und Hohn dem feigen Lügenwort, Das mit dem Blut und Schwerte kokettirte, Und in erheuchelter Begeisterung Die stolz Bethörten kalt zur Schlachtbank führte: Wie willst du vor dem Richter einst bestehen, Wenn Tausende gen dich um Rache flehen, Die du mit deiner Lieder grauscm Schalle Gestürzet in des Orkus finstre Halle?! Tafrathshofer. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen, Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Vierteljähriger Abon- nemkntSpreis im Bereiche von ganz Bayern nur 20 kr., ohne irgend einen weiteren Post-Aufschlag. Auch von Nicht Abonnenten der Postzeilung werden Bestellungen angenommen. Sonntags - Peiblatt zur Augsburger Postzeilung. Auch durch den Buchhandel können diese Blätter bezogen werden. Der Preis beträgt, wie bei dem Bezug durch die Post, jährlich 1 st. 20 kr. Neunter Jahrgang. M 2S. SS. Juli L84S. >- König Max im Dome zu Negen-burg. RegenSburg, 9. Juli. Ehe Se. Majestät unser vielgeprüfter König von hier abreiste, besuchte er .den altehrwürdigen Dom, um eine heilige Messe anzuhören. Beim hohen Portale angelangt, reichte ihm Herr Domvecan Mengein das Weihwasser mit den Worten: „Empfangen Ew. Majestät burch dieses Zeichen Heil und Segen beim Emlritte in unsere allehrwürdige, alldeutsche Kathedrale. ES ist mir und allen Anwesenden nicht nur ein schönes Omen, daß Ew. Majestät gerade heute, am Jahrestage der Einweihung dieses erhabenen DomeS, hier erscheinen, sondern eS ist unS eine göttliche Fügung, daß Ew. Majestät an diesem Tage in diesem von Ew. Majestät königlichem Baker restaurirten GolleShause den christlichen Pflichten Genüge leisten. Viel wurde schon in diesem Dome für WittelSbach, für das liebe Vaterland, für Ew- Majestät, für Deutschland gebetet; aber heute werden alle Anwesenden in ihrem Dankgebete für die Wohlthaten des EhristenlhumS auch dessen gedenken, waö Ew. Majestät und Allerhöchst Ihre Ahnen dem Baterlande, der Kirche gethan. Unser Hohepriester wird dort am Altare mit dem Festgebele die Orstio pro rege et psce verbinden und ich selbst werde das heilige Meßopfer nach dem Wunsche Ew. königl. Majestät für das Heil BayernS und Deutschlands darbringen." Bei seinem Scheiden aus dem GolleShause entließ der hochwürdige Domdechant Se. Majestät mit den Worten: „Ew. kgl. Majestät haben den hier so zahlreich versammelten Bewohnern jedes Standes und Glaubens ein schönes Beispiel gegeben, eine große Freude gemacht. Schon viele Kirchweihsonntage sind in diesen heiligen Hallen seil ihrer Erbauung durch Bischof Leo gefeiert worden, aber kaum noch'.'einer, wie der heutige in Gegenwart eines KönigS aus dein Hifpse der WiltelSbacher, des burg- gräflichen Geschlechtes der alten Reichsstadt, da seil dem Falle Arnulf des Schyren am Ostenlhor bis zum Jahre 1809 RegenHurg nicht mehr dem engern Baterlande Bayern angehörte. Ew. MajeställHaben heute in diesem Dome mit Ihrem gläubigen Volke gewiß nicht umsonst gebetet — für Bayern, für Deutschlands Heil, für die Eintracht der deutschen Völker. Alle, die hier gebetet, freuen sich, Ew. Majestät als Ihrem angestammten LandeSvater anzugehören; aber alle wissen, daß nur in Gott und seinem Sohne Jesus Christus Einheit und Freiheit für Bayern, für Deutschland kommen könne." Hierauf erwiderte Se. Majestät: „Ich wünsche von gan zem Herzen, daß all das so seyn und werden möchte, aber )ch fürchte für das Vaterland." „Fürchten Ew. Majestät Nichts, entgegnete darauf der Herr Dvmdechant, Sie demüthigen sich vor Gott und beten zu Gott und mit Ew. Majestät betet ein gläubiges Volk. Es muß an Ew. Majestät, an einem Mar daS gesegnet werden, was Mar der Gute für Gott und Vaterland gethan, und sollten noch schwerere Prüfungen über das Vaterland kommen, die Bayern werden mit ihrem Gebete den Himmel stürmen um Heil und Segen für Ew. Majestät, für daS treue Bayern, für das annoch zerrissene deutsche Vaterland." (N. Sion) Ueber die Nothwendigkeit der Religion zum Gedeihen eines Staate-. II. Alles ist eitel, dessen Grund und Ziel nicht Gott ist, sagt der fromme Stolberg. Nichts hat dauernden Werth, nichts gereicht dem Menschen zum wahren Heil und Nutzen, waS nicht geschieht aus Liebe zu Gott, in Gottesfurcht. Gott der Schöpfer hat es einmal so eingerichtet, daß sich in seiner Schöpfung Alles auf Ihn, als sein letztes Ziel beziehen soll; wenn diese Beziehung auf Gott außer Acht gelassen wird, wo immer etwas in seinem letzten Grunde nicht wegen Gott geschieht, da ist kein ! Bestand, kein Glück, kein Segen. WaS ich so im Allgemeinen gesagt jhabe, daS gilt auch im Einzelnen, daS gilt im Besondern von, Staate. Wenn nicht Gott als höchster Herr im Staate betrachtet wird, dem sich der Fürst wie daS Volk unterordnen, wo nicht sein heiliger Wille als höchstes Gesetz gilt, welches Beide als einzig entscheidende Norm stets vor Augen haben, wo nicht Religion, Gottesfurcht und Gctteöliebe gleichsam die Seele jeder Thätigkeit im Staate ist, — ein solcher Staat ohne Religion, beim Fürsten wie beim Volke, kann nicht wahrhaft gedeihen, nicht glücklich bestehen. Er mag vielleicht eine Zeit lang durch eine» gewissen äußern Wohlstand glänzen, allein innerlich ist er faul und morsch, und wird über kurz oder lang zusammenstürzen, „denn sein Ruhm und seine Stärke war nicht die Gottesfurcht» (Eccli. 10, 25.). Die Erlebnisse der jüngsten Zeit überheben mich weiterer Bemerkungen. Religion allein vermag es, den Gesetzen eines StaateS Geltung zu verschaffen. Wie sollten wobl Menschen, die der Stimme der Natur zum Hohn Gott unv sein Gesetz verachten, wie sollten diese durch die Gesetze der Völker und einzelner Staaten in Schranken gehalten werden? Daß bloße Furcht vor äußerer Gewalt oder Strafe einen Menschen zur steten und vollständigen Erfüllung deS Gesetzes bringen können, welcher Vernünftige möchte so etwas behaupten? Wird ein irreligiöser Mensch, dem noch dazu ein gewisser Grad von Schlauheit zur Seite steht, nicht viele Gesetze ungestraft zu umgehen wissen? Oder wird nicht wenigstens die Hoffnung, der Strafe sich entziehen zu können, anreizen zur Gesttzesvcrletzuiig? Die Religion dagegen flößt Ehrfurcht ein gegen das Oberhaupt LeS Staates, denn sie lehrt, daß eS mit Gewalt und^Azisehen vorn Höchsten selbst bekleidet sey; „ES ist keine Gewalt, als von Gott; die Obrigkeiten aber, die wirklich da sind, sind von Gott geordnet" j)Rom. 13, I.Z. Die Religion gebietet dem Menschen daS Gesetz nicht bloß deS Zornes wegen, d. h. auS Furcht vor der Strafe, sondern deS Gewissens wegen zu beobachten. Fordert aber der Staat von seinen Mitbürgern bloße» Gehorsam, muß er zu seinem gedeihlichen Bestände nicht noch mehr verlangen? Ein Staat, dessen Mitgliedern Vaterlandsliebe etwas Unbekanntes ist, ist eine Unmöglichkeit. Entscheidet aber selbst, geliebte Christen, wessen Vaterlandsliebe reiner, treuer und opferwilliger ist, Dessen, der sie nur zeigt auS eitler Ruhmbegierde, oder Deßjenigen, der hierin eine großartige Ausübung deS christlichen GeboteS der Nächstenliebe erkennt, eine Nachahmung Deßjenigen, der sein Leben gelassen für seine Brüder. Wo hat die Weltgeschichte ein ähnliches Beispiel von Vaterlandsliebe auszuweisen, wie jenes deS Judaö deS MacchabäerS, der voll deS religiösen Eifers für Gott und sein Volk sein Leben tausendfachem Tode aussetzte. Zu einem glücklichen Staate ist aber nicht bloß erforderlich Gehorsam gegen daS Oberhaupt und die Gesetze deS StaateS: eS gibt auch noch Pflichten, welche die Mitbürger gegen einander zu erfüllen, Rechte, die !sie gegenseitig zu achten haben, um in Ruhe und Frieden neben einander l zu wohnen. Auch dieses zu bewirken, ist allein möglich durch Religion. Sie befiehlt, um Gottes willen nicht bloß Jedem das Seine zu lassen und zu geben, sondern auch unsern Nebenmenschen in all ihren leiblichen und geistigen Bedürfnissen zu Hilfe zu kommen, und so zum Gesammtwohle nach Kräften beizutragen. Sie stärkt unS durch den Hinblick auf den Tag der Vergeltung, wo die unterdrückte Unschuld ihre Rechte wieder erlangen wird, auch Unrecht, da« wir abwehren könnten, zu ertragen um deS Friedens willen. Wenn unS die Religion nicht beständig auf Gott unv unser Gewissen zurückführte, so würden wir bald Sclaven unserer Leidenschaften seyn, und kein Laster würde unS zu schrecklich vorkommen, so bald wir unsern Vortheil dabei fänden oder eS ungestraft begehen konnten. ES wäre ^sicherer bei Löwen und Tiger leben, als mit Menschen, die jeden Zügel der Religion von sich geworfen haben. Diese Nothwendigkeit der Religion fühlten selbst heidnische Fürsten und Völker, weil sie in Ermanglung der 114 wahren eine irrige annahmen; freilich, weil eine solche Religion nicht in der Wahrheit ihren Band hatte, so konnte sie auch dem Staate, der ihr ergeben war, keinen Bestand sichern. Aber glücklich und ruhmvoll wird jeder christliche Staat bestehen, so lange Gottesfurcht und Religiosität im Bolke leben. WaS aber unser mit der Krone geschmückte Heilige zur Beförderung der Religion bei seinem Volke that, wer vermöchte dieses Alles zu erzäh-^ unwohl, und ich verließ die Diplomatenloge und sprach zu mir selber die Worte auS dem deutschen Hiob: „Ihr großen deutschen Geister, ^ Ihr kritisirt nicht schlecht, Ihr nennt einander Lumpen lind jeder von euch hat Recht." TagS darauf ging ich mit Selbstverläugnung nochmal in die PaulSlen? Er, der sein Volk, wie wir sahen, so wahrhaft liebte und glücklich z kirche hinein, aber ich wurde bis über die Ohren roth, als ich den öfter- machen wollte, wie hätte er auch DaS versäumen sollen, was allein das reichischen Deputirten Wieser (allgemein der Kirchenleerer genannt, weil, Glück eines Volkes, das Wohl eines StaateS begründen und erhalten kann? Oftmals hielt Heinrich Versammlungen der geistlichen nnd weltlichen Großen seines Reiches, wo er denselben die Sorge für daS zeitliche, besonders aber aber für das ewige Heil ihrer Untergebenen nachdrücklichst aus Herz legte; die trefflichsten Anordnungen wurden da getroffen, um die kirchlichen Satzungen mit besserem Erfolg zu handhaben. Die Gründung von sechs neuen Bisthümern war das Werk seines glühenden Eifers für die Beförderung der Rcligiösität im deutschen Volke. Oefter bereiste er seine ausgebreiteten Staaten in der Absicht, überall der Religion emporzuhelfen. Der Himmel segnete sichtbar sein aufrichtiges Bemühen; im Volke befestigte sich der Glaube, hob sich die Frömmigkeit, wuchs die Ge- wenn er zu reden beginnt, die Hälfte der Zuhörer den Saal verläßt), wie einen bankerotten Akteur auf der Rcdnerbühne sich geberden sah, und über Metternich und Sedlitzky in einer Weise schimpfen hörte, als ob er einen Artikel von Wienerstraßenblättern von anno 18-18 konterfeit hätte. ArmeS Oesterreich, so dachte ich mir, wie mußt du in den Augen reiner deutschen Milbrüder sinken, wenn man solche Leute als deine Repräsentanten ansehen muß! Um meiner melancholischen Gedanken loS zu werden, machte ich die Runde um die Stadt, aber der Böse trieb heute schon sein Spiel mit mir, er führte mich inS sogenannte EssighauS, wo Nonge seine Orgien feierte. Gegen die sonst in Frankfurt vorherrschende Nettigkeit und Eleganz sticht rechtigkeit, und dadurch auch daS Glück, die Stärke und der Ruhm dcS diese Kneipe sehr ab. Durch eine stinkende Kloake führt der abseitige Ein- Reiches. Es war ein GotteSreich geworden, zur Verherrlichung deS christ-!gang in einen mit Bäumen schwach bepflanzten Hofraum, in dem hölzerne lichen Namens, zur Erfüllung deS christlichen Gesetzes, groß unter allen,! Tische und Stühle ohne Ordnung herumstehen. Die Atmosphäre kam mir geachtet von allen Völkern der damals bekannten Erde; denn er war mit Gott und so war Gott mit ihm. Diese glorreichen Zeiten des deutschen Reiches, wie gerne wünschten wir sie unS zurück! Doch warum mit nutzloser, unthätiger Sehnsucht diese längst entschwundenen Zeiten zurückrufen, ist ja nicht an ein gewisses Jahrhundert das Glück eines Volkes gebunden, dieses ist durch die sittliche und religiöse Beschaffenheit der Menschen bedingt. Wollen wir glücklichere und ruhmvollere Tage schauen, dann lasset uns streben, bessere, sittlichere und frommere Menschen zu werden. Und diese Besserung, diese Umkehr zur Religion und Tugend beginne jeder bei sich selbst! WaS nützt es, wenn Jeder immer nur die andern zur Besserung auffordert, wenn Keiner diese Erneuerung an sich selbst inS Werk setzen will? Da muß eS nothwendiger Weise immer beim Alten bleiben! Schließen wir unS wieder an an unsern göttlichen Heiland, von dem der Welt alles Heil, von dem allein auch unserm Baterlande Heil werden kann. Nehmen wir seine heilige Religion wieder auf in unsere Herzen, richten wir nach ihrem Glauben und Gesetze treulich unser Leben ein. Daß auch in dem Herzen unserer Mitmenschen die Religion feste Wurzel fasse, sey der Gegenstand unsers herzlichen Flehens, wenn wir beten: Geheiligt werde dein Name, zukomme dein Reich, dein Wille geschehe wie im Himmel, so auch auf Erden! Beten wir besonders für unsere Regenten, Gott möge ihnen Weisheit und Gottesfurcht einflößen, auf daß sie ihren Völkern Führer zum Glücke und Heile werden. Und Gott wird auch dieses Gebet erhören, wenn wir nur solcher Fürsten nach dem Herzen Gottes werth sind. Meine Christen, wenn so die Religion, wie zur Zeit des heiligen Kaisers Heinrich im deutschen Volke blüht, dann wird auch die Glorie deS deutschen Reiches wiederkehren, denn Gott selbst wird es erhöhen und verherrlichen. Heiliger Heinrich, sprich am Throne Gottes für dein Volk, damit Er eS bald heimsuche in seiner Gnade. Amen. Kirchliche Reisebilder. (Schluß.) Am trübsten war ich in Frankfurt gestimmt. Mit ungemeinen drückend vor, — und ich war froh, als ich die moralische Mistjauche hinter mir hatte. Es trieb mich fort von Frankfurt, und eine Droschke brachte mich in die Spielhöllen nach Homburg — leer und trostlos kehrte ich zurück. Der Schlaf floh von meinen Augen, und ängstliche Gewitterschwüle hatte sich auf die Brust gelagert. Einige Tage später hatte ich das Vergnügen Herrn Rouge persönlich kennen zu lernen, er fuhr von LudwigShafen nach Neustadt in der Pfalz in MissionSangelegenheiten (?), wozu sieben eommi8 vo^sgeurs auf dem Bahnhöfe ihm ihre Glückwünsche darbrachten. Rührend! Wir fuhren längere Zeit auf demselben Train zusammen, bis die Straßen sich trennten. Wer in Ronge etwas Apostolisches findet, muß — ein Deutschkatholik setzn. Um mein Bild nicht zu überladen, will ich nur in Eile erwähnen, daß Freiburg mit dem Perlenkranz seiner theologischen Professoren mir einigermaaßen die trüben Erinnerungen vergessen machte. Männer, wie Hirscher, Staudenmaier, Maier, Stolz, Büß u. s. w. muß man sprechen hören, um für kirchliche Wissenschaft entflammt zu werden. Die freundliche Aufnahme in Freiburg wird mir unvergeßlich bleiben. In gotteSdienstlichen Anordnungen erinnert hier vieles an Oesterreich, wie auch überhaupt die Breisgauer gerne vom österreichischen Kaiserhause sprechen. UebrigeuS ist eS sonderbar, daß im Großherzogthum Baden bei der sehr liberalen Verfassung die katholische Kirche dennoch geknechtet ist. Diese Knechtung von Seite deS StaateS und die Nachwehen deS josephinischen JntifferentismuS scheinen die Hauptgründe zu seyn, warum im Badischen großer Priestermangel ist, so zwar, daß an Sonntagen mehrere Geistliche biniren (zwei heil. Messen lesen) müssen, um den Bedürfnissen der Gläubigen zu genügen. So z. B. überhob ich im Konstanzerdom die dort angestellten Geistlichen, indem ich daS Hochamt sang. Daß unter den badtscben Katholiken viele Lauheit, und unter den älteren Geistlichen ein großer „LiberaliSmuS" herrscht, ist bekannt. Die Zeit hat die Früchte gereift. DaS Schlachtfeld im vorjährigen Freischaarenkampfe muß auf jeden Menschen einen traurigen druck machen. Wer kämpfte in selben, uud für was kämpfte man? „Wahrlich, spricht ein würdiger Kämpe der Zeit, wahrlich jeden, dem des Vaterlandes Wohl am Herzen liegt, muß dieses klägliche Affenspiel im Innersten seiner deutschen Seele mit gerechtem Zorn erfüllen. Auf eine unverantwortlichere Weise sind nie die hungernden Völker von den politischen Quack- Erwartungen betrat ich die alte Kaiserstadt, der eine so große Aufgabe in Kalbern und Marktschreiern mit Steinen, d. h. mit Phrasen und Formeln, neuester Zeit zu lösen beschieden war. Ich fühlte die hohe Wichtigkeit der! statt mit nährendem Brod abgespeist worden, als gerade gegenwärtig. Nationalversammlung und mein Herz schlug vernehmbarer, als ich die > Und nie haben die Deutschen sich ihrem eigenen wahren Geiste entfremdeter Paulskirche besuchte und die Reihen der Deputirten musterte. Ich sah z und als sklavischere Nachäffer des Auslandes, und aller seiner verderblichen Männer, vor deren Namen ick mein Haupt entblößte, und Männer, bei! Thorheiten, seiner Sünden und Verbrechen gezeigt, als in diesen unseren deren Erinnerung mich Ekel ergriff, an Einem Orte versammelt. Der Tagen, wo doch Alles von deutscher Einheit und Freiheit so voll ist." neckische Zufall führte mich gerade in eine der stürmischesten Sitzungen seit! Gegenwärtig, wo ich in der Erinnerung mein Reisebild skizzire, ist Baden dem Bestände des Parlamentes, in welcher über die Amnestiesragc verhandelt wurde. Ich hörte die Reden pro und contra, ich sah den ruhigen Hohn der Rechten und die funkensprühende Leidenschaft der Linken, — und verzweifelte daS Erstemal ernstlich an der Einheit Deutschlands. AIS aber vollends auf die renommirtc Rede Brentano's der Tumult losbrach, als die Galerien stampften und tobten, und der Glockenschall vergebens zur Besinnung mahnte, als die Deputirten wüthend ihre Sitze verließen, und auS dem Wonkampf ein Faustkampf sich zu entwickeln schien: da ward mir auf's Neue von Freischaaren heimgesucht, und rohe Gewalt und gebrand- markte Verbrecher halten die Zügel des Staates. Wohin soll das noch führen? Sollen wir Deutsche wirklich die Polen deS I9len Jahrhunderts werden? Soll sich die Prophetie Heine's erfüllen, die er vor 14 Jahren auSsprach: Man wird in Deutschland ein Schauspiel aufführen, neben dem die französische Revolution nur eine unschuldige Idylle ist? Deutschland war groß, so lange ein römischer Kaiser das Scepter führte, so lange die kirchlich fromme Treue, der Gotteöglaube und die 115 moralische Reinheit das deutsche Gemüth zierten. Der römische Kaiser muß wieder erstehen, und der christliche Sinn auf's Neue erwachen, sonst siecht das deutsche Volk dem Grabe zu, cS wird von einem kräftigeren Volke überflügelt und zu dessen Sclaven gemacht. Wohl ist der Römer in Frankfurt voll von den Bildnissen der römischen Kaiser, aber könnte nicht eine neue Reihe beginnen? Wohl ist das gegenwärtige Deutschland die Heimat des AntichristianiSmuS in seiner gründlichen und vollendeten Ausbildung, aber ist nicht gerade jetzt, wo der Protestantismus in sich selber zerfällt, der katholischen Kirche die schone und große Aufgabe gestellt, die diSpara- ten Elemente zu sammeln, Lebenskraft in die Familien zu bringen, geistige Freiheit zu fördern und brüderliche Liebe zu pflanzen, und dadurch die In tegrität Deutschlands zu retten? Zunächst stimme ich der Ansicht eines Correspondenten bei, der neulich in eine deutsche Zeitung schrieb: „Mit bangen Sorgen blicke ich hinaus in Deutschlands Zukunft. WaS wird dein LooS seyn, edle Jungfrau Germania? Wirst du die Braut oder vielmehr die Maitresse jener demokratischen Schwindler werden, wird von ihren Liebkosungen deine Blüthe schwinden, deine Jugend welken, wirst du wieder zurücksinken in deine alte Stumpfheit und Schläfrigkeit, wirst du einem neuen Zauberschlafe hingegeben werden, biö ein neuer Ritter, Gott weiß wann, erscheint, dich abermals zu wecken? DaS wolle Gott verbitten. Hoffen wir, daß die schönste, kräftigste und blühendste Tochter der Kirche, daß Deutschland noch gerettet werbe von dem Abgrund, an dem eS steht; hoffen wir, daß der gesunde Sinn, der tüchtige Kern der Mehrheit deö deutschen Volkes von unserm Vaterland diese Zerrissenheit im Innern, und diese Schwäche und Ohnmacht nach Außen abwenden wird, die daS schöne Italien so töctlich getroffen haben." .... diesen Worten schließe ich mein zweites Reisebild, dem bald das die Schweiz darstellend, folgen soll. Anton Kerschbaumer. Demokratische Vereine, diese Herde gottloser Bestrebungen, sollen daS von seinem Seligmachcr losgerissene Geschlecht beseligen? DaS heißt Drachenzähue säen, und daraus die Saal des Friedens und Glückes erwarten. Wiederum wollen sie ein Glück ohne Arbeit, ohne Anstrengung, ohne Fleiß und Ordnung, die Felder unbebaut liegen lassen und doch reiche Garbenfülle ernten? Warum sinnen die Völker auf Eitles? Sie mühen sich in unseliger Schwärmerei, auf dürren Sand, anf windige Systeme den Tempel deS GlückeS zu bancn, in der trostlosen Wüste deö Unglaubens und der Sittenlosigkeit LaS Paradies einer bloß irdischen Seligkeit zu pflanzen. dritte Mit und letzte, Ueber Völkerglück. *) Glossen zu biblischen Terten über diesen Gegenstand. I. „W«rum sinnen die Völker auf Eitles." Psalm 8, 1. Die großen Bewegungen unserer Zeit sind eine Wanderung der Völker, ihr Glück zu suchen. Wie nach der morgenländischen Sage Alexander der Große einst auSzog, die Quelle deS Lebens, der ewigen Jugend zu suchen, so ziehen in wilder Aufregung Nationen aus, das Glück der Nationalität zu erringen und so das Völkerglück zu begründen. Dem heißen Durste aber, der darnach jagte, bot sich bisher nur die tröst lose Luftspiegelung dar, die der armen, verschmachtenden Karavane in Orients Wüsten eine Sandfläche als erquickendes Wasser vormalt. Warum sinnen die Völker auf Eitles? Warum suchen sie ihr Glück, wie und wo eS nie und nimmer zu finden? „Sie haben den Herrn verlassen, die Quelle lebendigen Wasser ö." (Jerem. 17 , zZ.) „Die Quelle lebendigen Wassers haben sie verlassen, und sich Cisternen gegraben, die kein Wasser halten können." (Jerem. 2, 13.) DaS ist die Geschichte der modernen Völker und ihres Unglücks. Sie sind zum großen Theil abgefallen von Gott, vorn wahren lebendigen Glauben an ihn; die Gottesfurcht ist zu Grabe getragen, und mit ihr die Quelle wahren Glücks versiegt. Pan theiSmus und Emancipation deS Fleisches, CommuniSmuS und Revolution find die durchlöcherten Cysternen, in denen sie den Heiltrank der Beglückung zu finden wähnten. Wo ist das Volk, daS aus diesen Cysternen sein Glück geschöpft? Wo das Volk, dem der Abfall von Gott die Pforte ausschloß zu wahrer Beseligung? Wird nicht die schamloseste Lästerung gegen Gottes Wunderanstalt zur Beseligung der Völker, gegen die Religion des Sohnes GolteS, wie ein Gift zur Auflösung jeder Sittlichkeit unter daS Volk auSgegossen? Schriften, wie von Daumer und Nork, unv Feuerbach und Br. Bauer, geschleudert unter die Masse, unter die unerfahrne Jugend! Daneben weit aufgerissen die Thore der Lust, nieder mit den Schranken jeder Zucht, offen die Pforten regelloser Freiheit! Und auf solche Weise soll daS Völkerglück erblühen? „Ihr Menschenkinder, warum liebet ihr die Eitel kett und suchet die Lüge." (Psalm 4, 3.) Warum wähnt ihr, bethörte und verführte Völker, glücklich zu werden durch Abfall von Gott und feiner heiligen Offenbarung, glücklich zu werden ohne Gewissen und Sittlichkeit, ohne die Hoffnung auf Unsterblichkeit, ohne Hingabe an den Erlöser und sein Kreuz und die allein wahre Kirche? Kleine Ergebnisse großer Ereignisse. *) Die Manifestation. DaS Wort „Revolution" macht Anstalt, in PariS auS der Mode zu kommen; sollte daS nicht ein gutes Vorzeichen seyn für ganz Europa? Denn wie ehedem daS Heil von den Juden ausgegangen, so jetzt die Mode von den Franzosen, sammt der rothen Cravatte, an welcher man am 13. Juni einen „Professor deS BarrikadenbaueS" erkannt hat. Allein daS Vorzeichen will wenig bedeuten, da die Sache geblieben und nur der Name vei ändert worden ist. Die letzte Pariser Revolution, die der große Menschenfreund Ledru-Rollin im Einverständnisse mit seinen Cpicßgefährten in Rom, Debreczin, CarlSrnhe (und Gott weiß wo noch) angezettelt hat, wurde und wird, um die rothe Blutfahne weiß zu waschen, von den Theilnehmern eine bloße Manifestation, d. h. eine friedliche und harmlose Kundmachung des VolkSwillenS genannt. AIS diese Manifestation einer ungeheuern Volksmenge lärmend und wüthend durch die Straßen zog, konnten die Schreier cilf Leichcnconducte zählen, die an den AuSgängen der Seitengassen stehen bleiben, und das stundenlange Vorüberströmen der Masse abwarten mußten. DaS berühmte Wort: „lasset die Todten ihre Todten begraben" kam hier nicht zur Geltung; die vielen Tausende von geistig Todten füllten die Straßen so dicht, daß man die leiblich Todten nicht begraben konnte. Aber diese letztem waren als Opfer der Cholera gefallen; und wer Augen hat, um zu sehen, konnte und kann in dieser gehcimnißvollen Krankheit, gegenüber der Manifestation der Socialisten, eine Manifestation der göttlichen Vorsehung erkennen. Eine neue Religion. Die AuSruferinnen aus den Straßen von Wien würden, nach ihrer beliebten Formel, noch zum Ueberflusie hinzusetzen: „die wir erst gekriegt (bekommen) haben." Bei der neuen Religion, von der hier die Rede, wäre dieser Zusatz nicht bloß überflüssig, sondern auch falsch; denn eine sogenannte neue Religion besitzen wir leider schon seit langer Zeit. DaS hat jedoch den neuen Philister, seines NamcnS Leon Marie Pilatte, nicht gehindert, sich den Diener, Lehrer und Amtswalter der neuen Religion zu nennen, die vom Staate nicht besoldet sey. Angeklagt bei der Behörde, daß er öffentlich und regelmäßig wiederholte Versammlungen halte, bei welchen auch Frauen unv Kinder sich einsenden, berief er sich auf das dießsällige (im Juli 1848 erlassene) Gesetz, welches jedem religiösen Dienste (Cultus) die freie Uebung gestatte, also auch den Jüngern seiner neuen Religion nichts in den Weg legen könne. Dagegen war zunächst wenig einzuwenden. Allein die genaue Nachforschung ergab, daß die Versammlungen dcS neuen Heilslehrers durchaus mit keiner Rcli- gionSübung sich befaßten; weder von Beten und Singen, noch von Predigen und begeisterten, schwärmerischen Reden wurde hier je etwas vernommen, sondern man beschäftigte sich ausschließlich mit Verhandlungen, Beurtheilungen und wegwerfenden Kritiken über die sämmtlichen NeligionSfor- men, die dermalen in der Welt sich vorfinden. Der Meister Pilatte kam mit einer Geldbuße von 200 Francs durch. Wäre er ein deutscher Professor, ein Theolog der neuesten Schule, also ein Atheolog (ein Nicht» Gott-Lehrer) gewesen, so hätte er für die Darstellung seiner neuen Religion, die bloß eine Kritik und Läugnung aller Religion ist, eifrige Leser und darum auch ein ansehnliches Honorar erworben. Neue Heilige. Der 13. Juni ist in der großen Stadt Marseille der Tag, an welchem alljährlich eine feierliche katholische Procesfion abgehalten wird. Bei der dießjährigen Procesfion erregten zwei Fahnen ein großes und lärmendes Aufsehen. Die eine war mit dem Bilde des heiligen Ludwig und den altfranzöstschen Lilien geschmückt, die andere, die von einem Pavillon herabwehte, mit dem Bilde des — Ledru Rollin. Dort ein heil. König deS alten Frankreichs; hier daS Haupt der rothen und socialistischen Republicaner. Dort ein frommer Streiter für Christenthum und Kirche, hier der Vorfechter deS Unheils und der Unsitte, unter dem gleißenden Namen der reinen Humanität. Die städtischen Behörden, um der Aufre- 3 Aus den Hist. Blätter». *) Au« dem österreichischen Volksfreund. 116 gung zu steuern, befahlen sofort die Beseitigung beider Fahnen. Der Besitzer dcS Hauses, vor welchem die Fahne des heiligen Ludwig flalterie, gehorchte ohne Widerrede, wiewohl dieselbe seit vielen Jahren, bei jedem festlichen Zuge, diese Stelle einnahm, und von vielen Fahnen umgeben war, welche die Abbildungen anderer Heiligen zur Schau trugen. Die Jünger des Ledru Rollln ließen sich nicht stören. Der Baldachin, der baS AUerheiligste bedeckie, zog unter der Fahne des socialistischen Heiligen hin, der alles Roth im Kalender für sich allein in Anspruch nehmen möchte, und in demselben Augenblicke wurde unten im Hause neben dem ?sng6 lingua die Marseillaise angestimmt, dieses bekaniue revolutionäre Volkslied der Franzosen, das voriges Jahr auch bei uns die Runde gemacht har. Diese Demonstration (Gesinnungöäußerung) brachte übrigens keine weitere Störung hervor; die Procession ward friedlich zu Ende geführt, und dieß- mal wenigstens hat der Kampf des Socialismus gegen den Katholicismus dem letztem kein Haar gekrümmt. B. Einige Bemerkungen -es hvchw. P. Bonifaz Wimmer über das Concil in Baltimore am 8. Mai. „Ich war beim Concil, weil ich gua 1>rovineislis Lenaclielinorum einberufen wurde. ES war eine imposante Demonstration und Repräsentation. Anwesend waren 24 Bischöfe, 3 Generalvicare, die Snperioren der Sulpitianer, Lazaristen, Liguorianer, Benediktiner, Dominicaner, Augustiner, Jesuiten (3 Provinciale), 60 Priester aus allen Theilen der Union. Bei den Sessionen (am Morgen für die Bischöfe allein, Nachmittags für Bischöfe und Priester) ward nur englisch gesprochen, außer von uns Deutschen, die in lateinischer Sprache Lebaltirten. Es wurden 3 neue ErzbiS. thümer und sechs neue BlSthümer errichtet, darunter in Neumeriko mid Kalifornien, im nördlichen Wisconsin Vermont. Die immaeulata eoueeptio ward von den meisten Rednern tapfer vertheidiget, obwohl auch einige die j)ia opiuio patrocinirten, und zuletzt die Bitte um Erklärung derselben als Dogma beschlossen, wenigstens in der gemischten Session begutachtet. Verschiedene DiSciplinarpuncte, kirchliche und politische Fragen wurden erörtert. ES war ungemein interessant, dieses zu hören und diese Bekanntschaften zu machen rc." Ferner berichtet P. Bonifaz, daß er bereits 3 Plätze übernommen habe, nämlich außer Sr. Vincent, HartS-sleeping place und Newark, welche immer mit 2 Religiösen besetzt sind. Bereits hat er 13 arme deutsche Knaben zur Erziehung angenommen und bis Herbst werden noch 20 andere dazu kommen. So löset dieser rüstige Kämpfer für das Reich GotteS auf Erden seine Ausgabe, die er sich gesetzt hat. Mit welch unzähligen Hindernissen, Schwierigkeiten, Bedrängnissen rc. dieser Mann zu kämpfen, das laßt sich nur begreifen, wenn man die Verhältnisse kennt. Nur ein so felsenfester kein Hinderniß scheuender Religiös, wie P. Bonifaz, konnte mit der Gnade GotteS ein solches Resultat erzielen. Er ging mir 15 Lrüdern und Studenten allein nach Nordamerika, ohne noch gewiß zu wissen, wo er sich niederlassen sollte. Jetzt besitzt er ein neues Kloster, 8 Priester, 4 Theologen, 13 Studenten im Seminar, und 30 — 36 Brüver. DaS Alles ernährt er durch seiner Leute Arbeit, und hat dadurch den Benedictiner- Orcen ganz auf seinen Uranfang zurückversetzt, wo die Mönche und Blü der durch ihrer Hände Arbeit Wildnisse cultivirten, und ihr Brod selbst verdienten, dabei die Wissenschaften nicht vergaßen. So auch im Kloster St. Vincent in Pensylvanien. (N. Sion.) Frankreich. Wie die Religion allein im Stande ist, in den schweren Leiten, die Gott bisweilen zur Strafe und Besserung über unS kommen läßt, Hilfe, Linderung und Trost zu bringen, dazu liefert nachfolgende Schilderung einen neuen höchst erfreulichen Beitrag. In dem Departemente der Oise war es vorzugsweise eine Dorfgemeinde, in welcher die Cholera mit solcher Heftigkeit auslrat, baß mehr als die Hälfte der Einwohner davon ergriffen und bei hundertundsünfjlg Opfer durch den Tod weggerafft wurden. Der Anblick deS ungeheueren Elendes gab den Geistlichen und Laien den edlen Muth, mit Gefahr deS eigenen Lebens den Unglücklichen in jeglicher Weise beizuspringen. Selbst der hochwürdigste Bischof von BeauvaiS eilte herbei, um in dem Herzen des Volkes das Gottvertrauen und die kindliche Ergebung zu wecken und zu befestigen; der unermüdliche Pfarrer der Gemeinde wurde durch mehrere andere Priester, darunter namentlich durch den Su° perior des großen Seminars von BeauvaiS und durch zwei OrcenSgeist- liche kräftigst unterstützt, so daß mit Ausnahme von zweien, welche in wenigen Augenblicken der Heftigkeit der Seuche unterlagen, alle Sterbenden mit den heiligen Sakramenten versehen werden konnten; auch Mitglieder verschiedener religiösen Genossenschaften, wie namentlich „vom heiligen Joseph," „von der guten Hilfe" u. s. w. wetteiferten mit dem heldenmü- thigen Maire der Gemeinde, mit dem Präfecten, dem Unterpräsecten und den Aerzten rastlos Tag und Nacht in Anwendung der zweckmäßigsten Mittel zur Verpflegung der Kranken, zur Linderung der unbeschreiblichen Noth und, wenn möglich, zur kräftigen Abwehr deS Uebels. Besonders Ausgezeichnetes leisteten auch hier wie allerwärts Mitglieder deS Vereins vom heiligen Vincenz von Paul, indem sie auf die traurige Nachricht von den Verheerungen der Cholera in Pariö Alles zurückließen, um ihren unglücklichen leidenden Brüden, beizuspringen. Nachdem nun die Seuche fast gänzlich aufgehört, sind dann jene edlen Männer, welche den Geist dcS heiligen Vincenz in sich aufgenommen, unter ihnen der berühmte Arzt Belleti, nach Acy-en-Mulcien abgereist, um daselbst den gleichen Dienst j der christlichen Liebe zu versehen. Nach so schweren Heimsuchungen bedurfte !die Gemeinde Montataire eines solchen Trostes, den die Welt nicht geben kann, den wir nur bei Gott und in der Religion finden: eS fand eine mehrtägige allgemeine VolkSmission (rsti-aits göiwrals) statt, die mit einem feierlichen Todtenamte für alle Verstorbene eröffnet wurde. Jeden Tag feierte ein Priester in der gleichen Absicht das heilige Meßopfer, wobei besonders jene Familien, welche am schwersten und meisten gelitten hatten, mit einer wahrhaft ergreifenden Innigkeit und Andacht um den Altar sich drängten, auf welchem daö unblutige Opfer für die Ihrigen dargebracht wurde. An dem täglich zu verschiedenen Stunden ertheilten Unterrichte nahm die ganze Gemeinde Antheil und als Sonntags daraus die Feier geschlossen wurde, empfingen bei dreihundert Personen die heilige Commu- nion, welche auch an etwa zwanzig noch in der Genesung Begriffene in ihrer Wohnung gereicht wurde.. Am Abende desselben TageS begab sich die ganze Gemeinde in feierlicher Procession auf den Kirchhof, um noch einmal fromme Gebete für die Ruhe der Abgestorbenen zum Throne deS Allbarmherzigen hinaufzusenden. Wie mächtig der Eindruck gewesen, den namentlich die aufopfernde Liebe des Vincenz-Vereines auf die Gemeinde hervorgebracht, zeigt sich noch besonders darin, daß alsbald ein Zweigverein in der Gemeinde Montataire sich gebildet hat, der schon dreißig Mitglieder zählt unter dem Vorsitze deS würdigen Maire'S. Irland. Der heilige Vater, von Irlands Leiden gerührt, hat eine Summe von 40.000 Fr. dorthin geschickt, welche sofort unter die drei von der Hungerönoih am meisten betroffenen Grafschaften vertheilt wurde. Der Erzbischof von Tuam erhielt 20,000 Fr. für die Grafschaft Mayo; die Bischöfe von Cork und Galway jeder 10,000 Fr. für die Armen seiner Diöcese. Diese beiden Grafschaften sind die ärmsten ganz JrlandS. Pinsvereine. Fulda, 3. Jul. Am Schlüsse deS Jahres 1848 wurde in Kassel eine Oberschulcommission. gebildet und dieselbe mit der Leitung deS Schulwesens im ganzen Lande betraut. Die Katholiken KurhessenS fühlten sich lief gekränkt, als sie sahen, daß jene neue Behörde auch nicht einen Katholiken unter ihren Mitgliedern zählte. Es war dieß wieder einer jener Staatsstreiche, wie sie die kurhessische Regierung, die früher wenigstens an Katheltkenhaß der preußischen nichts nachgab, gegen einen so ansehnlichen Theil der Bevölkerung ihres Landes auszuführen pflegte. Der hiesige PiuS- verein erhob Protest gegen die oben erwähnte, höchst intolerante Maaßregel der Regierung und mit ihm protestirten unser Volksrath, der Stavt- raih zu Naumburg, zu Fritzlar und zu Neustadt in Oberhessen. Bis jetzt ist trotz dieser Protestalion keine Veränderung in dem Personale der Ober- schuicvmmission eingetreten, indessen haben hochgestellte Beamte versichert, der zeitige Pfarrer der katholischen Gemeinde zu Kassel werde in dieselbe eintreten. Aber, wie eS scheint, haben jene energischen Protestationen doch bereits ihre Wirkung gethan, indem zum Schulrefercnten bei der hiesigen Bezirksdireclion der Domcapitular und Stadtpfarrer Hohmann ernannt worden ist, und somit bet Besetzung einer höchst wichtigen Stelle, für die bereits mehrere Candidaten levioris notse bezeichnet wurden, den gerechten Wünschen der Katholiken Rechnung getragen worden zu seyn scheint. Ueberhaupt entfaltet der hiesige PiuSverein eine segensreiche Wirksamkeit und arbeitet besonders dem Einflüsse der schlechten Tagespreise nach Kräften entgegen. Deßhalb hat er auch eine Volksbibliothek zur Verbreitung guter Schriften und zu Förderung deS SiuneS für gute Lektüre begründet, die aus Geschenken von Vereinömitgliedern an Büchern, Broschüren und Zeitschriften ihren ersten erfreulichen Anfang nahm. (Sion.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen, Verlags-Inhaber: F. C. Krem er. » Vierteljähriger Abon- nementsprcis ii^ Bereiche von ganz Bayern nur 20 kr„ ohne irgend einen weiteren Post - Aufschlag. Auch von Nicht Abonnenten der Postzeituug werden Bestellungen angenommen. Sonntags - Peiblatt zur Augsburger Postzeitnng. Auch durch den Buchhandel können diese Blätter bezogen werden. Der Preis beträgt, wie bei dem Bezug durch die Post, jährlich t fl. 20 kr. Munter Jahrgang. M 30 LS. Juli L84S. Winke zur Hebung der katholischen Presse. *) Insbesondere den katholischen (PiuS-) Vereinen Deutschlands zur Beachtung empfohlen. DaS Beste, was man in dieser sturmbewegten, unheilvollen Zeit thun kann, ist, daß man, unbekümmert um die Wirren ringsumher, rast loS an einer bessern Zukunft baue. Damit sind wohl Alle einverstanden; nicht aber in Absicht auf die Mittel und Wege, die zu einer bessern Zukunft führen sollen. ES ist indessen unnölhig, in die babylonische Begriffsverwirrung dieser Zeit näher einzugehen; alle Katholiken, welche es treu mit der Kirche meinen, wissen, daß für die Zukunft kein Heil, kein Friede, keine Freiheit, kein Glück zu erwarten ist, wenn der Aufbau einer von Jedermann so genannten bessern Zeit ohne Gott angefangen und ohne Gott fortgesetzt wird. In so fern wir jetzt an einem Wendepunct der Geschichte stehen und auf die abgelaufenen drei Jahrzehnte, als auf einen in sich abgeschlossenen Zeitabschnitt zurückblicken können, müssen wir hinsichtlich der Ereignisse, die uns fast jeder Tag vorführt, sagen: dieß sind die Früchte der bis dahin ausgestreuten Saat. Und welche Früchte sind es, die jetzt anS Tageslicht treten?' ES sind solche, von denen man kurzweg und füglich sagen kann: „Man hört nichts Gutes mehr!" Wenn dieses Wort auch nicht ausschließliche Geltung hat, indem zwischen den trostlosen wüsten Steppen doch auch manche Hoffnung verheißenden Keime empor- sprossen, so lehrt doch ein prüfender Blick auf die gegenwärtigen Verhältnisse Italiens, Frankreichs, Oesterreichs und Deutschlands, daß obiges Wort im Allgemeinen wahr ist. Das aufkeimende Gute erscheint den Blicken des Beobachters in einem auffallend kleinen Verhältnisse im Vergleich zu den vielen Umsturzbcstrebungcn und Gottlosigkeiten jeder Art, von denen unser armeS Vaterland fortwährend erschüttert und beängstiget wird. Wie ganz anders war es im Mittelalter! Vollkommen war freilich auch da nicht Alles, wie denn überhaupt kein menschliches Wirken und Zusammenwirken jemals einer ungetrübten Entwickelung, einer reinen Vollkommenheit sich erfreuen kann; aber eö war denn Loch im Allgemeinen genommen eine weit glücklichere Zeit. Da und weil daS Reich GotteS dem deutschen Reiche zu Grunde gelegt war, herrschten doch geordnete Verhältnisse; Recht und Gesetz, Treue und Manneswort standen in heiligem Ansehen; Einfachheit und Genügsamkeit lebte im Volke und die schweren Wunden der damaligen Zeit heilte schnell und milde die liebevolle Mutter Kirche, welche ihr herrliches, segensreiches Leben frei entfalten konnte zum Heile des Volkes, und welche gar manchen Großen der damaligen Zeit, der eine Zeit seines Lebens hindurch der Rohheit und Genußsucht verfallen gewesen war, als reuigen Sohn in ihre Arme zu schließen das Glück hatte. Heut zu Tage will man von Buße, von Rückkehr zu Gott nichts wissen, wie man überhaupt von der Religion wenig mehr wissen mag. „Die Zeit des Betens ist vorbei," sagen die, welche sich unberufener Weise zu Führern deS deutschen Volkes auswerfen, und mit dem schlecht verstandenen Sprüch- worte: „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!" glaubt man jede höhere Richtung, jedes auf das Göttliche hinzielende Bestreben todt zu schlagen. Man sieht aber, wie weit es mit dieser von Gott entfremdeten Selbsthilfe gekommen ist; ich werde daher hier nicht vorzuführen haben, waS in Aller Munde lebt, waS zu Jedermanns Kunde gelangt ist und was man täglich sehen kann. Wenden wir uns also hinweg von den trüben Erscheinungen der Gegenwart, um unsere Blicke zu lenken auf Das, waS wahrhaft frommt, waS heilbringend in das Volk eindringt, was die verdorbenen Gesinnungen reinigt und erneuert und die Schwachen mit begeistertem Muthe zu erfüllen vermag. Unserer Aufgabe gemäß, die wir in der Uebrrschnft uns gestellt *) Aus dem Katholik. haben, wollen wir unsere Blicke jetzt einzig auf die Verhältnisse der Presse, näher: der katholischen Presse richten. Auch die Presse ist, neben andern wichtigen Anstalten zur Erziehung der Menschen, eine bedeutende Macht. Sie umfaßt alle Gebiete des Lebens und Wissens, und je nachdem ein guter oder schlechter Geist in ihr weht, wirkt sie segensreich oder sie vertilgt aus den Gemüthern die Keime der Gottesfurcht und Tugend und flößt ihnen, zumal wenn eS fein darauf angelegt ist, ganz allmälig daS Gift des Unglaubens und der Unsittlichkeit ein. Wer weiß cS nicht, welch unsägliches Unheil die aller Vernunft und Offenbarung spottenden Erzeugnisse der sogenannten freien Forschung im Volke angerichtet haben? Wer kennt nicht die gräuelvollcn Wirkungen der schändlichen Romane, der von aller Ruchlosigkeit erfüllten Zeitungen, Volkskalender und Flugblätter? Wir setzen mit gutem Rechte von denen, an die wir diese Worte richten, eine nähere Kenntniß der abscheulichen Zustände der deutschen Presse voraus, eine Kenntniß, die ihnen das nämliche Urtheil darüber abnöthigen wird, welches wir so eben ausgesprochen haben. WaS ist nun zu thun, um dem verderblichen Treiben der gottlosen und schmutzigen Presse entgegenzuwirken? Nichts Anderes ist zu thun, als daß man die katholische Presse da, wo sie schon ihre Organe hat, eifrigst fördert, und daß man da, wo noch kein Localorgan besteht, die OrtSverhältnisse aber ein solches dringend erheischen, ungesäumt ein solches gründet. Ich fasse also zunächst dtc periodisch erscheinenden Zeitungen, pplitischen wie religiösen, inS Auge; von der Beförderung einer gesunden Volksliteratur, überhaupt solcher litera- rischcn Probucte, welche in zwanglosen Heften oder Bändchen erscheinen, wird besonders noch gesprochen werden. I. Von der Förderung schon bestehender Blätter. .4. Die religiösen Blätter. — Man kann von den jetzt bestehenden religiösen Blättern wohl getrost behaupten, daß sie sich in guten Händen befinden, daS heißt: daß die Herausgeber derselben eben so wohl eine gute katholische Gesinnung haben, als auch die für die Herausgabe deS Blattes nöthige Geschicklichkeit besitzen. Allein auch der talentvollste und geschickteste Redacteur kann ein Blatt nicht allein schreiben, er bedarf der Unterstützung gleichgestnnter Freunde und Gönner. Und daS ist'S, woran eS fast überall fehlt. Die Herausgeber plagen sich um der guten Sache willen fast über ihre Kräfte*), geben sich alle mögliche Mühe, laden sich bedeutende Unkosten durch Porto und Anschaffung von HilfSblät- tcrn auf und arbeiten selbst sehr thätig an dem guten Unternehmen, während eine große Zahl von Geistlichen und gutgesinnten Laien müßig bleibt, einen ganz brauchbaren, oft recht schönen Stoff zur Verfügnng hat, aber auch nicht von fern daran denkt, durch Bearbeitung desselben ein so gemeinnütziges Werk zu unterstützen. Wie viele Geistliche und wissenschaftlich gebildete Laien gibt eS nicht, die entweder für daS reiche Gebiet der Zeitfragen, oder für wissenschaftliche Abhandlungen, oder für Kunstavfsätze (z> B. über Kirchenmusik, alterthümliche Malerei, Bildhauerei und Baukunst) oder für Reisebeschreibung oder Gegenwände deS innern Lebens (z> B. Erercitien), für literärhistorische Berichte, oder für das ErziehungS- und Unterrichtswesen u. s. w. nicht nur guten Stoff, sondern auch daS Geschick besitzen, solche Gegenstände klar und umfassend zum Nutzen vieler Mitmenschen darzustellen! So macht der Eine eine Reise nach Tyrol oder Italien oder England oder wohin eS nur immer seyn mag; er sammelt sich dabei Notizen, welche *) Daß sie es nicht auS Eigennutz, sondern wirklich um der guten Sache willen thun, beweist der Umstand, daß die Herausgeber solcher Blätter theils gar kein Honorar für ihre Bemühungen haben, theils ein so geringes, daß sie die Herausgabe des Blattes nicktt ausschließlich und allein zu ihrer Lebensaufgabe machen könne», sondern eS auch als ! Ncbengeschäft betrachten muffen. Es muß aber endlich einmal dahin kommen, daß unsere i Redactoren sich ganz ungestört ihren Blättern widmen können. Der Verf. 11Ä » viel Interessantes, Ermunterndes, Warnendes, überhaupt Lehrreiches enthalten; allein so etwas einzusenden in eine katholische Zeitschrist, die eS auch Andern mittheilen unv dadurch zu einem nützlichen Gemeingute machen würde, dazu versieht sich so ein Mann gar selten. Warum? Entweder aus Bequemlichkeit, was wohl meistens der Fall seyn wird, oder auS Vorurlhetten aller Art; äußerst selten dürfte Zeitmangel oder sonst ein beschwerlicher Umstand zum Hindernisse weroen. Ein Anderer macht in seinem geistlichen Berufe treffliche Erfahrungen im Religionsunterrichte oder im Schulwesen oder in der Krankenpflege; — allein dabei bleibt es auch. Unsere Zeitschriften vernehmen nichts von den günstigen Ergebnissen seiner Bemühungen, und so entgeht unsern katholischen Blättern mancher vortreffliche Stoff, der jedenfalls für die Wissenschaft interesftM, besonders aber geeignet wäre, der studirenden Jugend, so wie angehenden Seelsorgern und Lehrern eine gute Vorschule für das weite Feld der praktischen Thätigkeit zu seyn. Wer innern Trieb unv Lust hat, findet gewiß ein paar Mußestunden, in denen er solche Erfahrungen, Betrachtungen n. s. w. aufschreiben kann; und was die öfters verlautende Ausrede anbelangt: „ich bin nicht geübt im Anfertigen solcher Darstellungen, besitze keine Gewandtheit darin, um schnell und leicht so etwas zu liefern," so liegt die Oberflächlichkeit derselben klar am Tage. Was man in dieser Beziehung noch nicht hat, kann man sich erwerben, und wirklich würbe die Erfahrung lehren, daß eS nach einigen Versuchen schon gehen würde. ES bedarf übrigens auch gar nicht einmal so vieler Versuche, da ein Jeder durch die erworbene wissenschaftliche Bildung hinlänglich befähiget ist, um seine Gedanken und Erfahrungen verständlich niederzuschreiben. Ein Dritter wohnt in der Stadt oder auch auf dem Lande und ist Beobachter von Ereignissen und Zuständen, deren weitere Mittheilung für Viele ein großer Gewinn wäre oder doch einen sehr passenden Beitrag zur Charakteristik der Zeit (die ja solche Blätter auch liefern wollen) geben würde. Wie geschwind wäre darüber ein Corrcspondenzartikel entworfen. Aber so etwas erfordert ein wenig Zeit und eine kleine Mühe, und beide will man nicht daran wenden. Lieber läßt man ein katholisches Blatt, daS natürlich nur dann recht vielseitig segensreich wirken kann, wenn es von allen Seiten her eifrig mit Beiträgen unterstützt wird, Mangel leiben unv auS andern Blättern abdrucken, als daß man sich auf eine oder anderthalb Stunden hinsetzte und einen Beitrag zu dem katholischen Blatte lieferte. Man kümmert sich Nicht darum, ob die katholischen Blätter nach ihrem Inhalte arm oder reichhaltig sind; sie werden im Allgemeinen von nur gar Wenigen bestellt. Hält sich auch wirklich Einer gemeinschaftlich mit fünf oder sechs Andern eine solche Zeitschrift, so setzt er sich höchstens auf den hohen Stuhl vornehmer Kritik und mustert von da herab alle Artikel, die nicht ganz nach seinem Geschmack sind. DaS Bekritteln aber ist eine gar leichte und für Manchen selbst angenehme Sache. Man braucht nur ein klein wenig Schulweisheit zu besitzen; viel Urtheil gehört gar nicht dazu und Mühe kostet's ja auf keinen Fall, da man nicht daran Lenkt, eS besser zu machen, und so ist dieß Bekritteln denn eine höchst einfache, mühelose Sache. Ein Vierter endlich hätte Gelegenheit, manches Interessante auS dem Französischen zu übersetzen, z. B. Conferenzrcden, Abhandlungen, Missionöberichte u. s. w.; aber er thut es nicht; wohl wissend, daß die Presse eine große Macht ist, hat er aber keine Lust, die gute Presse zu unterstützen und zu fördern. Vergebens macht so ein lauer Freund der guten Sache die Wabrnebmung, welche Rührigkeit und Geschäftigkeit auf Seiten der schlechten Presse herrscht, er bleibt still und stumm unv tröstet sich höchstens damit, daß ja Andere schon schreiben werden. Hat die Bequemlichkeit oder das Vorurtheil sein Ehrgefühl in dieser Sache noch nicht ganz zu Boden gedrückt, so schläfert er.dasselbe doch mit dem matthcrzigen Flüstern einer falschen Demuth ein, indem er seinem Ehrgefühl etwa fol« gendeS prosaische Wiegenlied singt: .Wer wollte noch schreiben in dieser ohnehin so schreibseligen Zeit, die eine.solche Masse von Drucksachen zu Tage fördert, daß die ganze Welt davon überstrichet ist! Da ist Schweigen besser, als Schreiben; ja Schweigen ist eine Kunst!" — Hier unterbreche ich einen Augenblick das holde Wiegenlied und antworte: „Bei Solchen ist Schweigen ganz gewiß keine Kunst, die nur zu träge sind, um in den Schacht ihres Geistes hinabzuführen und dort die edlen Metalle, die Gott in sie gesenkt hat und über deren Verwendung er Rechenschaft fordern wird, an'S Licht zu fördern. Solchen Leuten fehlt eS auS lauter Demuth am Muthe." Weiter lautet die Entschuldigung: „Horaz spricht: noniim >>re- mstur in aiinuin! Also entweder etwas Tüchtiges oder lieber gar nichts!" Antwort: „ES verwehrt dir kein Mensch, etwas Tüchtiges zu schaffen und „nonuin premore in gnnurn," sofern eS etwas Wissenschaftliches oder sonst etwas Schwieriges in der Kunst gilt. Aber du mußt wenigstens etwas Tü^tigeS anfangen, sonst bringst du nichts fertig, als ein stilles Zeugniß deiner Arbeitsscheue." Weiter meinen Andere: „Man kann der guten Sache dienen, ohne daß man schreibt; die That ist die Hauptsache. Die Apostel haben auch nicht ins Schreiben ihre Hauptstärke gesetzt!" Darauf geb' ich zur Antwort: „Allerdings ist die That die Hauptsache. Es gibt aber für die Ausbreitung und Befestigung des Reiches GotteS so viel zu thun, daß das Wort: „That" nicht zur Bezeichnung ausreicht; — man muß sagen: „Thätigkeit," und dazu gehört doch gewiß auch daS Befördern der guten Presse durch Beiträge. WaS die Apostel betrifft, so haben sie freilich meist mündlich gelehrt; ich meine aber doch, eS komme uns sehr zu Gute, daß sie auch Evangelien und Episteln verfaßt und nicht wie Manche gedacht haben: „das Schreiben können Andere thun!" Man soll das Eine thun und daS Andere nicht lassen, oder anders ausgedrückt: äffe Wege müssen betreten werden, die zur Aufcrbauung, zum Schutze, zum Troste und zur Belehrung der Gläubigen führen, mag der Weg nun ein Weg'der That oder des mündlichen und schriftlichen Wortes seyn; Alles hat der eifrige Diener Gottes zur Förderung der Ehre seines Herrn fleißig zu benutzen. Und welche herrliche Vertheidigungsschriften deS Christenthums weisen nicht die erster« so wie auch die spätern Jahrhunderte auf! Heute noch segnen wir jene heiligen Männer, die solche Schriften verfaßten! Ja, ewig wird die heilSbegierige Menschheit sie segnen; denn ihre Werke reden und predigen jetzt statt ihrer und streuen fortwährend noch Samen für die Ewigkeit aus. Jede Zeit fordert ihre besondere Kampfesweise, und darnach bemißt ein eifriger Streiter Gottes seine Waffen. Er richtet sich um so mehr nach der KampfeSart seiner Zeit, als er den AuSspruch ch.es Erlösers: „die Kinder dieser Welt sind klüger als die Kinder deS Lichtes," gerne recht beherzigen möchte. UebrlgenS ist eS mit der Aufforderung zur Unterstützung der katholischen Presse auch nicht so gemeint, als müsse der zum Schreiben Befähigte in allen Mußestunden hintcr'm Schreibtische sitzen und Aufsätze liefern; es soll geschehen nach Maaßgabe deS Stoffes, der Zeit und der Fähigkeiten, so daß von einem Solchen wenigstens alle vierzehn Tage, oder alle Monate, oder alle zwei Monate u. s. w. wenigstens Etwas, wenn auch scheinbar Kleines, für die kirchliche Presse geschieht. - (Fortsetzung folgt.) CharitaS, oder das Werk der heilige» Liebe. *) Eine geheimnißvvlle Kraft wohnt und weht im deutschen Worte: Liebe. So vielfach seine Bedeutungen sind, eine jede mahnt an einen höheren überirdischen Ursprung. Was den dreipersönlichen Gott in sich einigt, waS die Welt ins Daseyn rief, den Menschen schuf in seiner Herrlichkeit, den gefallenen wieder aufrichtete, erlöste und heiligte, ist die göttliche Liebe. Auch im Menschen, als dem Ebenbilde GotteS, wohnt die hehre CharitaS, die himmlische Liebe; aber nur eines der wechselnden Gefühle der Menschenbrust verdient diesen Namen. Die geheimnißvolle Naturkraft, welche die Sinnenwesen zur Einigung drängt, daß sie in neuen Wesen sich fortpflanzen und baß eines das andere nähre und pflege; sie ist die edle CharitaS, von der wir sprechen, nicht. Auch dann, wenn der Mensch sich als ein geistiges Wesen und den Mitmenschen als ein Wesen Seinesgleichen erfaßt, und vom Mitgefühl bewegt wird, für ihn als seinen Bruder zu sorgen, auch dieses Mitgefühl ist noch nicht die heilige CharitaS, sondern nur die allgemeine Menschenliebe (Philanthropie); eine Tugend, die selten reife und nährende Kernfrucht bringt, und die oft in weichliche Gefühle entartet, die dort die Hilfe versagen, wo sie am dringencsten wäre, nämlich dort, wo die Noth in ekelhafter, schauerlicher Gestalt auftritt. Die BildungS- und WehlthätigkeitSanstalten, welche als Ableger dieser philanthropischen Ansichten besonders in den letzten Jahrzehnten auftauchten, sind, kaum inS Leben getreteten, gar schnell wieder abgewelkt. Die CharitaS, die ächte christliche Liebe, ist etwas Höhere«, sie ist die Liebe deS geschaffenen, crlöSte», geheiligten Menschen zu seinem Schöpfer, Erlöser und Heiligmacker. Sie ist unbedingt und schrankenlos, allumfassend, starkmülhig, ausdauernd, wie der, auf den sie gerichtet ist. Die CharitaS betrachtet den Mitmenschen nicht mehr als ein vereinzeltes Wesen, unS werth wegen der Stammverwandlschafl oder der geistigen Aehnlichkeit mit unS, sondern als ein Kind GotteS, berufen gleich uns zur Gemeinschaft deS Herrn in ewiger Seligkeit, als erkauft durch daS Blut unseres Heilandes, und je versunkener der Bruder unS gegenübersteht, je abschreckender sein Elend uns entgegentritt, wir verehren, lieben in ihm daS Ebenbild GotteS, den Bruder deS Heilandes. Dieses Gefühl ist jene wunderbare, heilkräftige Liebe, welche die Apostel des Herrn hinauStrieb in die weite Welt, um daS Licht und die Gnade deS Evangeliums allen Völkern zu bringen, welche so viele Heilige lehrte, sich alles Vermögens, aller Bequemlichkeiten, ja oft der nöthigsten Mittel deS Lebens zu entäußern, *) AuS dem österreichischen Volkssrcund. 119 um Andern Hilfe zu schaffen, welche die zartesten weiblichen Wesen zur^ Pflege der ekelhaftesten Kranken bewog, welche ihre Märtyrer hin in die Kerker der Verbrecher, die Schlupfwinkel des Lasters und in die «Lklaven- behälter der Türken, wie in jene der amerikanischen Pflanzer sandte, unft zu helfen, wo nur irgenv zu helfen war. Sie ist immer jung, immer > stark, unerschöpflich in ihren Erfindungen, unermüdlich in Opfern und! Anstrengungen. Ihr sind aller Orten jene großen Anstalten zu danken, die! zum Troste und zum Heile der Menschheit vom Sturme der Zeiten unge-j brachen bis jetzt sich erhalten haben; Männer wie Benedict von NurpaZ Karl der Große, Leopold IV., Franciscus von Assist,. Johann von Malha,! Johann von Gott, Vincenz von Paul, und Frauen wie Elisabeth von Ungarn, FranciSca von Chantal, Eleonore von Oesterreich rc. haben durch die Kraft dieser heiligen Liebe sie inS Leben gerufen. Diese opsermüthige Liebe, sie ist auch jetzt in der Zeit der Gleich- giltigkeit unv Zerstörung nicht erstorbe». Wie einst der Geist GolteS schaffend schwebte über den Wassern, so daß in sechs Zeitfolgen die Welt ins Daseyn trat: also schwebt auch heute die himmlische Liebe zeugend und belebend über den verwirrten Wogen der m sich selbst zerfallenen christlichen Welt. Nicht das naturwüchsige JüngligSgefühl im Dichlerwort: „Diesen Kuß der ganzen Well!" ist eS, das den Fieberkranken Heil und Segen verbürgt, sondern der im gläubigen Herzen erstandene LiebeSruf der katholischen Vereine, der den Mann zum Manne, die Frau zu Frauen drängt, um mit vereinten Kräften die schönen Zwecke zu erreichen, zu denen die Kraft des Einzelnen nicht ausreicht. DaS ist der Ursprung, daS Wesen und das Ziel der in unserer Zeit so zahlreich und so kräftig ins Leben getretenen weltlichen katholischen Vereine, die in anderer Form dasselbe zu erreichen suchen, was in früherer Zeit die klösterlichen Vereine geleistet haben: Eigene Veredlung unv Heiligung Anderer in Liebeswerkcn. Vor allen geist. und fruchtreich wirkt auf diesem Felde der seit beiläufig einem Jahrzehend bestehende Vincentius-Verein, dessen Hauptsitz in PariS ist. Im Jahre 1833 führte die geheimnißvolle Kraft der heiligen Liebe acht Pariser Studenten zusammen, anfangs um wissenschaftliche Zwecke zu verfolgen, dann aber um ihren gefährdeten Glauben zu stärken und zu vertheidigen; und diese waren der Same jenes nun über fast ganz Europa, Frankreich, Großbritannien, Italien, Belgien, Deutschland, die Türkei, sich verzweigenden, ja selbst nach Algier unv nach Merico sich erstreckenden Vereins. Dieser Vincentius-Verein sorgt in einzelnen Abtheilungen für Nahrung, Pflege unv Kleidung der Armen und Kranken. Die Mitglieder besuchen die Armen selbst, trösten und helfen liebevoll. Eine andere VereinSabtheilung sammelt verwahrloste Kinder zum sittlich religiösen Unterricht; bringt andere in die Lehre tüchtiger Meister, und tritt ihnen als leitender und berathender Beschützer bleibend zur Seite. Wieder eine andere Classe hat es sich zur Ausgabe gemacht, bereits inS Laster versunkene junge Leute in den Gefängnissen zu besuchen, zu unterrichten und zu bessern. Andere bemühen sich, arbeitslose Gesellen unterzubringen, und armen GewerbSIeuten Gcldvorschüffe zu machen und Werkzeuge zu verschaffen. Auch besondere kleine Privat-Sparcassen werten errichtet für Arme, welche nur wenige Pfennige zurücklegen können. Für Soldaten werben Lesezimmer und Büchersaminlungen angelegt, um für ihre nützliche, vorzüglich religiöse Bildung zu sorgen. Selbst jener Unglücklichen wirb nicht vergessen, welche in sogenannten „wilden Ehen" (Concubinaten) sich selbst unv ihre Kinder um Ehre, Vermögen, Frieden unv Seligkeit betrügen, und von einzelnen Abtheilungen deS Vereins wird eS ihnen möglich gemacht, in christliche Ehe zu treten, und ihre Kinder dergestalt als eheliche zu erklären (zu legitimirm). Seine Hingeschiedenen Pfleglinge begleitet der Verein noch zum Grabe und besorgt die Opfer des Gebers für sie. Und die Mittel zu so außerordentlichen Liebesgaben? Sie fließen aus vielen tausend Händen in freiwilligen Beiträgen und Geschenken, so daß sich im letzten Nechnungs-AuöweiS deS französischen Vereins von 1847 eine ausgelegte Summe von mehr als 300,000 fl. nachweist. Der Verein erstnckl sich über alle Stände, und zwar waren im Jahre 1842 unter 4000 Mitgliedern in 86 Abtheilungen, auS dem Abvocatenstande 676; Aerzte 157 ; Geijtliche 117; Militärpersonen 89; auS dem Lehrstande 153; auS dem Beamtenstand 127; Künstler 37; Kaufleute 223; von ihren Renten lebende Mitglieder 26 l; Schriftsteller 20, und sein Wirken ist so segensreich, daß Papst Gregor XVI. mit dankbarer Freude die reichsten Segnungen der Kirche über ihn ausgesprochen und PiuS IX. ihn neuerlichst mit den ermunterndsten Schreiben bestätiget hat. Auch bei unS in Oesterreich, in Wien, ist mitten unter den bösen Geistern, die uns verlockten und verwirrten, kaum daß die ersten Regungen deS freien VereinsrechteS sich zeigten, die heil. Charilaö sichtbar erschienen. ES entstand der Verein für Glauben, Freiheit und Gesittung, um diese > heiligsten Güter der Menschheit mitten auö dem Kampfe unserer Tage un-s versehn zu erretten. Belebung deS Glaubens durch die Freiheit deS geistigen Wirkens und Lebens, und Erneuerung der christliche» Liebe in allen Werken der Wohlthätigkeit — daS ist sein erhabenes Ziel. Bereits ist der eine Zweck möglichst erfüllt. Die bürgerliche Freiheit ist gewährt in der Verfassung, die uns der großmüthige Kaiser verliehen, und auch die Freiheit der Kirche ist verbürgt. Die edelste Aufgabe des KatholikenvereinS bleibt nur noch, nebst der Bewahrung und Förderung deS ächten Glaubens und der christlichen Wissenschaft, die Werke der heiligen Liebe. Und Erfreuliches hat er bis jetzt, wenn auch mit schwachen Kräften und unter mancherlei äußeren Hindernissen geleistet. Er hat gleich beim Entstehen im verflossenen Jahre durch seine mächtige Stimme viele Tausende vom Abfall zurückgerufen, viele Andere im Glauben befestiget. Er hat durch Gründung von Lese-Gesellschaften und Verbreitung von guten Schriften kräftig mitgewirkt zur bürgerlichen, wie zur religiös-sittlichen Aufklärung, und eS ist nur zu bedauern, daß er mißverständlich ebenfalls in den Bann deS Belagerungszustandes gethan wurde, und sein wohlthätiges Wirken plötzlich auf die Herausgabe deS österr. VolkSsreundcS sich beschränken mußte. Doch die Liebe, die da stärker ist als der Tod, war auch stark genug den Belagerungsstand zu überwinden; und so wurde auS dem Schovß deS gefesselten Katholckenvereinö seine lebenskräftige Tochter, der wohlthätige Fraucnverein geboren. Wie der VmcentiuSverein anderwärts, so hat unser Fraucnverein in bereits vierzehn Abtheilungen oder Bezirken in kaum sechs Monaten reichen Segen über die Hauptstadt ergossen. Tausenden hat er den nagenden Hunger gestillt, Tausenden ihre Blöße bedeckt. Wie viele Kranke hat er getröstet, gestärkt und erquickt! Wie vielen Kindern hat er den nothwendigen Unterricht möglich gemacht, und sie dem Verderben deS GasscnlebcnS entzogen. Wie viele Leidende hat er vor Verzweiflung gerettet und ihnen Glauben und Vertrauen auf Gott und die Menschheit wiedergegeben! Die hierüber erschienenen MonatSauSwcise geben nur ein schwaches Bild seines bisherigen Wirkens. Und ein Blick auf die uns verschwisterten Vereine, namentlich auf jene in so kurzer Zeit erstarkten und unS weit überholenden in Linz und Brünn, welchen Trost bietet er uns nicht! Im brausenden Sturm geboren, haben sie ihn zu überdauern verstanden, haben unterrichtende Journale inS Leben gerufen, Armenschulen gegründet, verschiedenewohlthätige Sammlungen eingeleitet, den Grund zum VincenliuSverein gelegt, FrauenwohlthäligkeitSvereine gebildet und sich lebenskräftig in zahlreichen Zweigvereincn über Oberösterreich und Mährcuverbreitet. Daß in diesen und andern katholischen Vereinen vorzüglich der geistige und geistliche Gewinn erstrebt wird, liegt auf der Hand, und kann man auch diesen geistigen Gewinn nicht mit Zahlen nachweisen, eben weil er geistig ist, so ist er doch unläugbar, und wird sich in nächster Zeit in den gebesserten Sitten, dem regeren Glauben, den würdigeren Wahlen herausstellen. Die Mitglieder selbst wissen eS wohl am besten, wie sehr das kurze katholische VcreinSIeben sie gehoben unv gestärkt hat. AuS dem französischen VincentiuSvcreiii sind im Jahre 1846 allein 60 Mitglieder in den geistlichen Stand getreten, und 12 in daS Ordensleben übergegangen. Es ist überhaupt beachtenöwerlh, daß so viele OrdenSgenosscnschaften ursprünglich Laienvereine gewesen sind, die das Bedürfniß der Zeit nach und nach in die höhern Kreise deS christlichen Lebens erhoben hat. Falls überhaupt daS Ordensleben Bedürfniß unserer Zeit ist, so werden gewiß auch aus den Vereinen der Jetztzeit die den Bedürfnissen der letzteren entsprechenden Orden hervorgehen. Doch waS auch immer in den Beschlüssen der Vorsehung liege, jetzt heißt eS sammeln, einigen, wirken, durch und für die Liebe. Darum auf, ihr Männer deS Volkes, zeigt euch als wahrhaft frei und gleichberechtigt, wetteifert mir Jedem im Glauben und in der Liebe! Ihr Mächtigen, Angesehenen, Reichen, ihr Männer der Wissenschaft, legt ab die falsche Scheu, vereinigt euch mit dem Geringen und Armen zum Bunde der Treue für Gott und seine Kirche! Ihr Seelsorger, niedrig und hoch, tretet voran in die ersten Reihen, wirket und leitet, Laß stets die rechten Bahnen eingehalten werten, und daß euch dasselbe Lob werde, LaS der VinccntiuS- Vcrein in dem Bericht für das Jahr 1842 der französischen Geistlichkeit ausgesprochen hat: „DaS innige Wohlwollen der ehrwürdigen Seelsorger, innerhalb deren Pfarrsprengel unsere Genossenschaften ihre Sitze haben, hat unserem unscheinbaren Werke nicht gefehlt, und deren wohlwollende Mitwirkung hat unsere geringen Kräfte crmuthigl, und unsere bescheidene Betheiligung am Apoftolat der Liebe gesegnet, als dessen Vorbilder und Lehrer jene Seelsorger selbst uns immer vorgeleuchtet haben." Aber in allem und jedem lebe die himmlische Eharitaö, die heilige Liebe. S. B r e l a u. Au« Scklesicn. Sie werden auS den Zeitungen erfahren haben, daß Professor Regenbrecht, erst Katholik, dann Rongeaner, dann keiner Confession angehvrig, gestorben ist. Bei ihm hat weder die Universität (denn er konnte für seine Vorlesungen kaum Zuhörer erhalten) noch die Wissenschaft (seine sänimtlichen Werke kosten 1 Sgr.) etwas verloren, aber für das kirchliche Interesse ist sein Tod von nicht geringer Wichtigkeit. AIS nämlich nach der materiellen Beraubung der katholischen Kirche Schlesiens der Staat auch gegen alle Verträge und gegen alles Recht den gel- stigen Raub an ihr beging, ihr durch Verschmelzung der Leopvldtna nul der protestantischen Universität Frankfurt die ihr zugehörige Bilbungsanslall zunehmen, wurden für die neue Universität und die einzelnen in verleiben begriffenen Facultäten Statuten und Reglements entworfen. In denen der katholisch theologischen Facultät wurde daS Kirchenrechl, wie dieß auch natürlich ist, zu den von und in ihr zu behandelnden Disciplinen gerechnet und bestimmt, daß, wenn für dasselbe kein eigentlicher ordentlicher Lehr- stuhl in der Facultät begründet werden sollte, die Stelle dieses Lehrers durch einen Professor des kanonischen Rechtes in der juristischen Facultät verireten werten und dieser an allen den Geschäften der theologischen Facultät Theil nehmen solle, welche diese Disciplin betreffen. Hieraus ergab sich von selbst, daß der oder einer der ordentlichen Professoren veS kanonischen Rechtes in der juristischen Facultät katholisch sehn mußte. Als katho- lischer Professor deS katholischen KirchenrechleS wurde nun ür. Regenbrechl von der StaatSrcgierung angestellt Zu keiner Zeit hat derjelbe feine ihm als solchem obliegenden Pflichten erfüllt, und die Folge davon waren die erheblichsten Nachtheile für die Diöccse. Zwar lasen Professor Dr. G-tzler und l)r. Grosch kanonisches Recht, aber sie konnten den Mangel eines ordentlichen Professors dieser Disciplin nicht ersetzen, und die Theologen, welche im kanonischen Rechte GraduS erwerben wollten, mußten sieb au andere Universitäten wenden. Daß nicht nach dezc Apostasie des Professors Regenbrecht die katholische Facultät und die bischöfliche Behörde Schritte thaten, um, auf die Statuten der Facultät gestützt, dessen Entfernung zu verlangen, ist ein Vorwarf, den sie nicht von sich abwälzen können. Nun, nach dem Tode deS Professors Regenbrecht, ist das Hinderniß gewichen Die juristische Facultät hat beim Ministerium aber varaus angeira- gcn, den kanonistischen Lehrstuhl einem ihrer außerordentlichen Profefioren, dem Professor Wasserschleben, einem Protestanten und eifrigen frühern Gön ner der Nongeaner, zu übertragen, dem katholischen Professor Dr. Gitzler aber den seit Unterholzner's Tobe unbesetzten zweiten Lehrpuhl deS römischen Rechtes, so daß daS katholische und kirchliche Interesse wiederum auf das Schnödeste verletzt und die vom Staate im Reglement der katholisch- theologischen Facultät eingegangene Verpflichtung nicht erfüllt worden wäre. Unter diesen Umständen hat sowohl die theologische Facultät als die bischöfliche Behörde sich genöthigt gesehen, bei dem Ministerium einzuschrcilen; Beide haben energisch die Berufung eines katholischen und katholisch gesinnten Mannes auf den Lehrsiuhl gefordert; wir wollen sehen, ob die Slaalö- regierung der Stimme der Gerechtigkeit Gehör geben wird. Möge Waffcr- schlcben Professor des protestantischen Kirchenrechtö werden, was wir sor- dern und mit Recht fordern, ist dann die Berufung eines Katholiken auf den Lehrstuhl deS katholisch-kanonischen Rechtes; wenig auch würde es nützen, wenn Professor Gitzler nebenbei die Verpflichtung, kanonisches Recht zu lesen, aufgegeben würde; das Reglement der katholisch-theologischen Facultät verpflichtet den Staat, entweder in derselben oder in der juristischen Facultät einen ordentlichen Lehrer deS kanonischen Rechtes anzustellen. Die Augen deS katholischen Theiles der Provinz sind auf diese Angelegenheit gerichtet; an ihr wird sich erproben, ob die StaatSregierung auch gegen die katholischen wissenschaftlichen Bedürfnisse Recht und Gerechtigkeit zu üben gewillt ist. (Rh. V.-H.) Wie«. Wien. Am 5. Juli hat wieder einmal eine Ausschußsitzung deS KatholikenvereinS stattgefunden. Der hauptsächliche Gegenstand der Berathung war die Beantwortung deS Schreibens deS VereineS in BreSlau, als deS gegenwärtigen Vorortes der Katholikenvereine Deutschlands, worin er um Mittheilung deS PcrsonalstandcS unsers VereinS bittet, und den Beschluß rer letzten allgemeinen Versammlung ankündct, die nächste Zusammenkunft im September d. I. hier in Wien zu halten. Jene Mittheilung, als auf Thatsachen beruhend, war natürlich kein Gegenstand der Erörterung *); allein um so lebhafter entspann sich die letztere über die *) Der Kathvlikenvcrein für Glauben, Freiheit und Gesittung in Wien, an dem Vcrhängnißvcllcii 15 Mai >848 gegründet, zählt in den Bezirken: innere Stadt, Lcvhvid- stadl, Landstraße, Mieden, Gnmvcndvrf, Sclwttenfcld, Altierckenfeld, Jcscphstadt, Alscr- vorstadt, LiäNenthal, Rcinderf, Hcrnals. mehr als 180» Mikgl eder; der ihm verbundene wohltätige Frauenrcicin hat in it Bezirken bei 900 Mitglieder. Außer Wien beziehen noch Zwcigvercinc in Würnih, Unterleobersdorf, Schöngrabcrn, Pocksiieß, Pil- hinsichts dieses Beschlusses zu ertheilende Erwiderung. Nach vielen Für- und Gegenreden, bei denen sich vorzüglich die Herren Schwarz, HäuSle, Hock, Bannert, Brunner, Buol, Gruscha, Mundigler, Pusch, und der nach langer gefährlicher Krankheit freudig wieder begrüßte Groß bethellig- !tcn, wurde endlich mit allen Stimmen gegen eine (jene LeS Herrn VereinS- j Präses, Consul Schwarz) beschlossen, dem Vororte zu schreiben, daß man j der Zusammenkunft in Wien mit Freuden entgegensehe und alles aufbieten werde, die entgegenstehenden Hindernisse zu beseitigen. Gleichzeitig solle i ein Gesuch an daS kk. Ministerium gerichtet und dasselbe mittelst einer : eigenen Eingabe und einer aus den Herren Knell, Bannert, Haubner, ! Mundigler, Putz (oder in dessen Verhinderung v. Patruban) bestehenden , Deputation dem hvchwürdigsten Herrn Fürsterzbischofe zur unterstützenden i Einbegleitung überreicht werden, worin daS Ministerium um Gestaltung ! jener Zusammenkunft so wie, zur Vorbereitung für dieselbe, einiger Plenar- Versammlungen des Wiener-Katholikenvereins gebeten wird. Die Gesuche selbst, wie sie in einigen späteren Besprechungen, an denen auch die bei jener Ausschußsitzung abwesenden Herren Bondi, Veith, Gschwandner und Bermann Theil nahmen, festgesetzt wurden, so wie ihr Erfolg werden später mitgetheilt werden. In die Ansicht des Herrn ConsulS Schwarz, jene Zusammenkunft dem Vororte gegenüber als während deS BelagerungS- standcs unthunlich darzustellen und sich die Gegenwart der deutschen Vereine für daS nächste Jahr zu erbitten, wurde ungeachtet dessen, waö für sie geltend gemacht wurde, aus dem Grunde nicht eingegangen, weil eS lieblos gegen unsere deutschen Brüdcr und feige wäre, jene für unS wie für sie so wichtige Zusammenkunft vorhinein abzulehnen, ohne zu ihrer Zustandebringung das Aeußerste versucht zu haben, und weil die Vorgänge in BreSlau wie in Berlin gezeigt hätten, daß bei der heilbringenden Richtung der Katholikenvereine selbst eine protestantische Regierung zu ihren Gunsten Ausnahmen vom Belagerungsstande gestatte. Es wurde im Laufe der Verhandlung auch der Nothwendigkeit erwähnt, daß außer Wien, auf dem flachen Lande und in den kleineren Städten, Katholikenvereine sich bilden, und dergestalt Glaube, wahre Freiheit und Gesittung in weiteren Kreisen sich befestige, und augenblicklich erboten sich mehrere Geistliche und Laien als Missionäre in diesem Sinne überall zu wirken, wo die OrtS- geistlichkeit sie rufe. (Oesterr. VolkSfr.) Aus den katholischen Missionen. In einem (in der N. Sion mitgetheilten) Briefe deS Missionärs Pater Dr. P. Lechncr O. 8. 8. <1.4. Carroltown Cambria Cosnty Pensylvania, den 2l. Mai 1849, lesen wir: „Da es allen Leuten in weit entfernten Familien nicht möglich ist, zur Kirche zu kommen, so hält man von Zeit zu Zeit in deren Häusern Messe. Da versammelt sich dann die ganze Nachbarschaft; es beichten oft 10 — 20 Personen; und die Familie, die auf solche Weise das Glück hat, Jesum sacramentalisch zu Gaste zu haben, muß zu einigem Ersatz ihn auch in seinen Gliedern gastiren. Bei solchen Meetings findet sich aus Neugierde auch hin und wieder ein Protestant ein, um den Vertrag des Priesters zu hören. AIS ich in der Pfarrei von einem Manne hörte, der nie in die Kirche ginge und nie beichte, besuchte ich ihn, und meldete ihm, daß ich kommen wollte, in seinem Hause Messe zu lesen. DaS wirkte besser, als Alles. Wenn Jesus in daS HauS kommt, dann bekehren sich auch Zöllner. WaS trifft man doch nicht Alles in Amerika? Eine Familie ist hier, deren Haupt seit 30 Jahren nicht gebeichtet, das Weib noch nicht getauft ist. Da der Mann zufälliger Weise zu mir kam, und im Gespräche dieß vorkam, meldete ich ihm sogleich, daß ich nächstens zu ihm in das Haus kommen würde, daS Weib zur Taufe zu bereden, da ja alle Kinder, 12 an der Zahl und schon groß gewachsen, getauft und gut erzogen waren. Die Thörichte sagte, es würde wohl besser seyn, dieß unterbleiben zu lassen, es würde nichts fruchten. Ich empfahl die Sache der Fürbitte deS unbefleckten Herzens Mariä, und ging in der gewissen Furcht, einen schweren Kampf bestehen zu müssen, in daS HauS. Doch sieh da, die ich als eine obstinate Heidenvettel erwartet hatte, antwortete mir auf meine Frage, ob sie denn nicht die heilige Taufe empfangen wolle, ganz bereitwillig: Ja. Und auf die Frage, ob sie auch überzeugt sey von der Wahrheit deS Christenthums, der katholischen Kirche, antwortete sie wieder: Ja. Wer habe sie überzeugt? Antwort: poormang Lsteelimm ancl otlwr doolcs. Nachdem sie Lurch Krankheit einige Wochen zu Hause zu bleiben genöthigt war, empfing sie vorgestern den 19. Mai das Sacramcnt der Wiedergeburt. Was sie schon lange gethan, ihren Mann zur Beicht zu bereden, wird sie vielleicht jetzt mit gesegneterem Erfolge thun." lichsdvrf, denen bei 400 Mitglieder bcigetreten sind. Die uns verbrüderten Vereine in Brünn, Linz, Krcmsniünsicr, Admvnt gehören als selbstständigc Gesell>chasten, die thcil- wcise wieder in vielen Ablegern sich ausgebreitet haben, nicht in unsern Pcrsonalstanv. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen.- VcrlagS-Jnhaber: F. C. Kremer. Vierteljähriger Abcn- ncmciitspreis im Bereiche von ganz Bayern nur 20 kr., ohne irgend einen weiteren Post - Aufschlag. Auch von Nicht Abonnenten der Postzeitung werden Bestellungen angenommen. Sonntags -Deiblatt zur Augsburger Postzeitung. Auch durch den Buchhandel können diese Blätter bezogen wer« den. Der Preis beträgt, wie bei dem Bezug durch die Post, jährlich 1 st. 20 kr. Neunter Jahrgang M 31. 5. August L84S. Der Censor in Nola. -j- Der römische Censor kam einmal nach Nola, einer Stadt Campa- nienS, um nach seinem 'Amte jene Gegend zu vifitiren. Weil eS aber Sommer und in jener Gegend sehr heiß war, ließ sich Niemand auf dem öffentlichen Platze sehen. Er sagte also seinem Gastfreunde, bei dem er eingekehrt war: „Freund, ich bin als Censor vom römischen Senate zur Visitation dieser Gegend abgeschickt; gehe also eilends hin und rufe alle Guten im Volke zusammen; denn ich habe ihnen im Namen der geheiligten Obrigkeit etwas zu sagen." Der Gastwirth ging zu den Gräbern der Todten, welche dort begraben lagen, und rief mit lauter Stimme: „Auf, ihr guten Männer, kommet mit mir; denn cS ruft euch der römische Censor." AIS der Censor Niemanden kommen sah, befahl er dem Gastwirthe, sie noch einmal herbeizurufen. Dieser kehrt wieder zu den Gräbern zurück und ruft: „Stellet euch ein, ihr guten Männer; denn eS ruft euch der römische Censor." Auf gleiche Weise und mit gleichen Worten wurden sie zum dritten Male gerufen. Als sie aber auch dieses Mal nicht erschienen, wurde der Censor unwillig und sprach: „Weil die guten Männer auf meinen Befehl nicht zu mir kommen wollen, so will ich zu ihnen kommen. Gehe also mit mir und zeige mir dieselben. Denn der verdient schwere Ahndung, welcher nicht hört auf den Befehl des Senales." Der arme Gastwirth nahm den Censor bei der Hand, führte ihn zu den Gräbern und rief: „Sehet, ihr guten Männer, der römische Censor ist da und will mit euch reden." Der Censor glühte auf vor Zorn und sprach: „WaS machst du da? Ich habe dich geschickt, die Lebendigen zu rufen, du aber rufest die Todten." Ihm enlgegnete der Gastfreund: „Wenn du klug bist, römischer Censor, so darf es dich nicht wundern, waS ich gethan habe; denn alle guten Männer dieser Gegend sind gestorben und unter diesen Monumenten begraben; denn durch ein gerechtes Urtheil Gottes ist eS geschehen, daß Diejenigen im Schooße der Erde ruhen, deren Umgang die Stadt nicht mehr werth war." Machen wir von dieser alten Erzählung eine Anwendung auf die neuen und neuesten Vorfälle unsers deutschen Vaterlandes, das bei allem Geschrei von Einigung niemals zerrissener war, so müssen wir mit trauriger Gemüthsstimmung sagen: „Ach, die Guten sind todt; denn sonst hätten die Bösen keine solche mächtige Oberhand!" Man hat mit dem Ungeheuer der Revolution geliebäugelt und dessen Blicke auf einen andern Gegenstand hingelenkt, vergessend, daß der Altar die Stütze deS Thrones ist. Jetzt scheint eS freilich, als sey man zu dieser Erkenntniß gekommen, allein so lange man die Kirche nicht völlig frei macht von dem Schnürleibe engherziger Bureaukratie und argwöhnischer Ueberwachung, so, daß sie ungehindert ihren göttlichen Beruf erfüllen und ihre Heilmittel anwenden kann, wird auch keine Hilfe ausreichend seyn gegen die sechs Hauptübel unserer Zeit, nämlich mißverstandenes Eigentumsrecht, falsch ausgelegte Freiheit, verirrte Bestimmung, Entheiligung der Ehe, Verwerfung jeder Autorität von Außen und endlich gegen den Lucifers-Stolz, der eine fürchterliche Demüthigung erfahren wird. Wer noch gutmüthig schläft im Grabe seiner Gleichgiltigkeit gegen diese sechs anrückenden Höllengeister, der wird von dem Posaunenschalle des Gerichtes aufgeweckt werden, daS jetzt über Deutschland hinschreitet. Darum sollen wir unS gegenseitig aufmuntern zum gemeinsamen Widerstände in Wort, Schrift und That gegen die Mächte der Finsterniß. Viele der Guten sind entschlafen im Herrn, ehe die Revolution ihre blutigen Fittige über Deutschland ausbreitete, und wir müssen sie deßhalb glücklich preisen. Aber eS schlafen auch jetzt noch nicht alle Guten, die es redlich meinen mit Gott und mit ihrer heiligen Kirche, mit dem Könige und mit dem Vaterlande. Wenn also ein höherer Censor kömmt, als der römische, und er seine Treuen prüfen will, so wollen wir denselben nicht auf die Gräber der Todten, sondern auf die Häuser der Lebendigen hinweisen, in denen noch nicht deutsches RcchtSgefühl, deutsche Zucht und Sitte völlig abgestorben ist. Ueber Völkerglück. *) Glossen zu biblischen Terten über diesen Gegenstand. II. „Von Babylons Wein tranken alle Völker, und darum taumelten sie." Irrem. 51, 7. ES ist eine Syrene, eine Hetäre, welche die Völker verführt und berauscht hat; ihr Bild die vom Propheten und später vom Seher auf PathmoS gezeichnete Babylon: sie ist daS moderne Heiden thum, im Bunde mit der Revolution. „Keine Unsterblichkeit, kein Jenseits, kein Gott, daS Christenthum weg, und dann werdet ihr glücklich seyn, frei eurer Lüste genießend", rief sie den Nationen zu, und reichte ihnen den Taumelkelch, und es tranken Massen daraus, um im Traume des Glückes sich zu wiegen. Trunkenheit also, sinnloser Taumel, LoSkettung der Bestien im Menschen, Zügellosigkeit und Unrecht sollen die Bande seyn, welche zum-Heil und Segen um die Völker sich schlingen? Diese sotten glücklich seyn auf dem Felde, worauf kein Tropfen Thau vom Himmel, kein Strahl höher» Lichtes und Trostes fällt, keine göttliche Stimme beruhigend ober den aufgeregten Wassern schwebt, sondern es wogt nur der Strom bestialischer Gelüste hindurch, siedend, verpestend, um seine Ufer der wüste Lärm sich wüthig bekämpfender Leidenschaften, daS tolle Geschrei zahlloser Taumelnder? Kann Trunkenheit und Taumel wahrhaft beglücken? Die verzehrende Glut nach Besitz und Genuß, daS Herumschwärmen im Rausche der Lust, die ewigen Erschütterungen revolutionärer Wühlereien, die wilde Jagd von Leidenschaften gehetzter Massen sollen Ruhe und Frieden gewähren, ohne die kein Glück je möglich? Wahnsinn und Raserei können nie glücklich machen. Von den Völkern, die also berauscht hintaumeln, gelten die Worte des PsalmS: „Ihr Weg wird finster und schlüpfrig seyn, und der Engel deS Herrn sie verfolgen." (Psalm 34, 6.) Von Babylons Weine, vom Becher der Lust, tranken und berauschten sich die alten Völker. Ihre Schriften und die Geschichte zeigen, wie wenig sie dadurch ihr Glück gefunden. Weht denn nicht durch die Werke der geistvollen Griechen und Römer eiu Hauch der Wehmuth, eine hoffnungslose Klage, eine stets unbefriedigte Sehnsucht, Furcht und Angst vor dem Tode ohne Etwas, daS seine Schrecken milderte? Nein, glücklich ist kein Volk, daS verblendet in ausgelassener Freude um einen Abgrund herumtanzt, der es zum ewigen Jammer aufnimmt. „Lasset uns essen und trinken; denn morgen sterben wir": diese Worte sind nicht die Aufschrift eines Thores, das zu wahrer Seligkeit einführt. So ist eS denn daS Unglück der Völker, daß sie trunken sind vom Weine Babylons, daß sie Gott und seine Lehre vergaßen, daß sie Christum lästern, daß sie emancipirt von jedem Gesetze taumeln, und immer dahin- taumeln möchten. ES ist daS Unglück der Völker, daß sie im Rausche die Wege GotteS, und der Tugend und deS Rechtes verlassen haben! Sie taumeln dem Verderben zu. ') Aus den Hiß. polit. Blätter«. . »»» »M ' 7 « 122 m. „Wisse und sieh, daß es übel und bitter ist, daß du den Herrn deinen Gott »erlassen und die Furcht vor ihm nimmer bei dir ist! Irrem. 2 , 19. Hätte ich eine Donnerstimme und stünde auf einer Anhöhe, unten an ihrem Fuße vor mir ein Volk versammelt, zerrissen von alten den Leiden der Zeit, goltcnlfremdct durch antichristliche Grundsätze, jedes Trostes bar, bar jeder Aussicht auf Besserung seiner Zustände, geknechtet von radicalen Despoten, der Armuth preisgegeben und dem Hunger; ich riefe mit weit- lönender Kraft und tiefem Mitleid und heiligzürnendem Eifer dem armen, unter der Uebel Last gebeugten Volke zu: „Wisse und steh, daß es übel und bitter ist u, s. w.! Du träumtest, wie dir erst recht die Sonne des Glückes aufgehen werde, wenn Glaube und Gottesfurcht, die der moderne Unglaube als düstere Nebel vormalte, auS deinem Leben schwinden würden. Sieh nun, wie bitter du dich täuschtest, wie unglücklich du geworden! Kann eS auch anders seyn? Frage nur die Geschichte! Wurde daS französische Volk dadurch glücklich, daß cS bei seiner ersten Revolution Gott vom Throne zu stürzen sich vermaß? Sind die Schweiz und Jialien jetzt glücklich, da sie vom gottlosen LiberaliSmuS sich zur Knechtung der katholischen Kirche und zur Revolution verleiten ließen? Und ist Deutschlands Zerrissenheit nicht größtcntheilS die bittere Frucht der Aussaat, welche der Unglaube und die Gotteslästerung mit vollen Händen ausgestreut?" Wie ist eS auch anders möglich, alö daß die Fluth des Unglücks einbricht, wenn die Dämme der Gottesfurcht gefallen? Kein Glück des Volkes ohne Barmherzigkeit von Seite der Besitzenden, ohne Arbeit und Geduld von Seite der Armen, ohne Achtung vor Gesetz und Sitte von beiden Seiten. Wo aber der Glaube an Gott und Christus, unsern Erlöser, wo der Glaube an eine ewige Vergeltung, wo der Glaube an Gottes allein wahre Heilanstalt, die katholische Kirche, zu Grabe getra- gen ist: da erheben sich Egoismus und Genußsucht bei den Besitzenden; daß sie der Armen im Volke vergessen; die Proletarier aber, der tröstenden Religion beraubt und fast nur mehr animalische Triebe kennend, müssen zu Neid und Haß und Raub erwachen. So stürmt dann ein Heer von Uebeln und bittern Leibern über daS unselige Volk ohne Gott und Gewissen, Wunden schlagend auf Wunden, und eS ist kein Arzt, der trösten und heilen könnte, weil daS verblendete den allein wahren Arzt von sich gestoßen, den einzig rechten Balsam deS Trostes, die himmlische Religion über Bord geworfen. War es ja schon bei den heidnischen Völkern so, daß mit dem Sinken der Religion, der Furcht auch vor nichtigen Göttern, daS Verderben einriß und die Sterne des GlückeS untergingen. Um wie viel mehr muß Verderben und Jammer einreißen, wenn das Licht deS Glaubens an den wahren Gott dem Dunkel deS Unglaubens gewichen! Weh also dem Volke, das den Herrn seinen Gott verlassen und bei dem keine Furcht mehr ist vor Ihm! ES wird eine Beute sich bekämpfender Leidenschaften und Laster, und stürzt ohne Halt in die Tiefe jeglichen Elends. Winke zur Hebung -er katholischen Presse. (Fortsetzung.) Die Hauptcinwendungen, die man gegen eine möglichst allgemeine Mitwirkung zur Förderung der katholischen Presse vorbringen könnte, möchten wohl in dem bereits Gesagten ihre Erledigung gefunden haben. Dennoch wollen wir übersichtlich in einigen Puncten noch den Nutzen nachweisen, den eine solche Mitwirkung bringt. 1) Bei dem heutigen Stande der Volksbildung ist das Lesen guter Schriften ein wesentliches, bei Vielen ein unerläßliches Bildungsmittel geworden. Daraus folgt, daß Diejenigen, welchen durch die Gnade Gottes Bildung zu Theil geworden ist, diese anwenden müssen, um nicht nur im engen Bezirke ihres Wirkungskreises, sondern auch in der Diöcese, im Vaterlande, ja in der ganzen Kirche in mancherlei Form und Fassung die göttliche Wahrheit immer mehr zur Geltung zu bringen, indem sie nach Kräften durch Lieferung von Aufsätzen über wichtige Gegenstände daS Ihrige dazu beitragen. Geschieht dieß, so werden jederzeit die wichtigsten Lebensfragen und Streitpuncte vom kirchlichen Standpuncte auS beleuchtet werden und das Volk (ich fasse eS hier in seiner Gesammtheit) wird der Verblendung nicht so gewissenlos überantwortet werden, als eS bisher an manchen Orten geschehen ist, wo man, trotz der vorhandenen Möglichkeit, ein kirchliches Blatt zu gründen oder ein schon bestehendes zu unterstützen und zu verbreiten, nicht dazu kam, weil philisterhafte Kleinigkeitskrämerei, lächerliche Eitelkeit und schlecht verhehlte Bequemlichkeit davon abhielt. Wie lange hat man eö katholischerseits unterlassen, die sociale Frage, die von den jetzt offen hervorgetretenen Umsturzmännern stets so stark ausgebeutet und wirklich geistreich bearbeitet wurde, in Behandlung zu nehmen? Es ist eine Schmach, daß man so lange müßig zugeschaut hat, daß man träge die Hände in den Schooß legte, bis die giftige Saat unS über den Kopf gewachsen ist. Will man sich mit der Censur entschuldigen? Gut, wir geben daS zu. Aber wie viel ist denn geschehen, seitdem die Preßfrei- heit kam? An manchen Orten hat man noch wenig Regsamkeit für die gute Sache auf dem Wege der Presse bemerkt. Die katholischen Blätter finden gar oft nur eine sehr schwache Verbreitung, und von schriftlichen Beiträgen ist eS kaum der Mühe werth zu reden. 2) Wie die rege Theilnahme an der kirchlichen Presse die rechte Erkenntniß in den Gläubigen vermehrt (eine Erkenntniß, die ihren besonderen Beziehungen nach oft nur durch die Presse und nicht durch das Lehrwort auf der Kanzel und im Religionsunterrichte befördert werden kann), also Andern nützt, so nützt sie dem Verfasser selbst sehr viel, indem durch solche Theilnahme LaS Gebiet seiner Erkenntnisse und Erfahrungen erweitert und sein Gemüth stets mehr und mehr von Eifer für Alles, was der Kirche frommt, erwärmt wird. Denn die Presse wirkt ja auf den Geist wie auf das Gemüth. Sich von der guten Presse gänzlich zurückziehen, heißt nichts Anderes, als sich vieler heilsamen Erfahrungen, vieler Belehrungen Anderer und Erbauung durch Andere berauben. Wer aber weiß, wie sehr dem Menschen die geistige Anregung Noth thut, der wird sich davon nickt zurückziehen, vielmehr dafür thun, waS ihm irgend möglich ist. Also: sowohl an Kenntnissen und Erfahrungen wird ein solcher Mitwirkender reicher, als auch reicher an innerem Leben. 3) Auch die formelle Bildung der Mitarbeiter an solchen Blättern wird durch die Mitwirkung befördert. Durch fortgesetztes Arbeiten erwirbt sich der Mitarbeiter allmälig eine solche Gewandtheit und Leichtigkeit der Darstellung und eine solche Genauigkeit und Schönheit des Ausdrucks, eine solche Umsicht und Sicherheit deS Entwurfs, daß man kaum weiß, wer hiebe! mehr gewinnt: der Verfasser solcher Aufsätze oder der Leser, für den er schreibt. 4) Ist der Mitarbeiter ein Geistlicher, so stiftet er, man kann sagen, einen doppelten Nutzen. Nicht nur für die katholische Lesewelt im Allgemeinen schreibt er; er kann seine Aufsätze über wichtige Zeitfragen u. s. w. auch sehr gut in seiner eigenen Pfarrei gebrauchen, indem er sie dem Einen oder Andern, dem damit ein Dienst zu leisten wäre, zum Lesen zukommen läßt. Beiläufig bemerkt, wirkt eine solche indirecte Belehrung bei Manchen nachhaltiger, als eine mündliche Unterredung, die nur gar zu leicht auf Nebenwege geleitet oder in Persönlichkeiten verstrickt wird. 5) Durch ein reges Zusammenwirken aller tüchtigen Kräfte in der Kirche erhalten wir nach und nach einen ganzen Reichthum guter Lectüre jeglicher Art, und die nachfolgende Generation wird sich dieses ScgenS noch zu erfreuen haben, nachdem bereits die Zeitgenossen der Verfasser einen wesentlichen Nutzen daraus gezogen haben. Die Beispiele sind nicht selten, wo ein in seinem Glauben wankend gewordener Katholik durch einen guten Aufsatz oder ein gutes Buch wiederum im Glauben befestigt ober ein der Kirche schon ziemlich fernstehender derselben wieder gewonnen wurde. Gottes Geist wirket, wo und wann er will, und so knüpft Er auch oft an solche Arbeiten einen unendlich reichen Segen für das Seelenheil Anderer. Mithin liegt hierin eine mächtige Aufforderung, seine Mußestunden zum Heil der Mitbrüder hinsichtlich des angegebenen Zweckes wohl zu benutzen. 6) Werden also die guten Blätter und Zeitschriften reichlicher unterstützt, so werden sie auch nützlicher und angenehmer und erwerben sich immer größere Leserkreise. Ist dieß der Fall, so wird auch eine solche Redaction in Stand gesetzt, Honorare zu geben, die der Verfasser zu seinem und Anderer Nutzen sehr wohl gebrauchen kann. ' Es gibt ja der UnlerstützungSzwecke so viele; sollte man denn nicht auch dahin wirken, daß die Erwerbsquellen der Unterstützungsmittel vermehrt würden? DaS möchte wohl Niemand verneinen. Während eines JahreS könnte Einer bei Benutzung einiger Mußestunden, also ohne daß sein Amt oder seine Gesundheit darunter litte, mehr erwerben, als eS aus den ersten Hinblick den Anschein haben möchte. Die Redactionen der jetzt bestehenden katholischen Blätter können in der Regel, weil ihr Unternehmen eben nicht genugsam gefördert wird, gar keine oder nur sehr geringe Honorare auswerfen. Ueberblickt man die so eben aufgeführten sechs Puncte, so liegt der zu erzielende Nutzen so klar am Tage, daß hoffentlich zu einer fernern Ausrede nach Art der im Anfang angedeuteten kein Weg mehr übrig bleibt. Wir kehren nun zu unserm engeren Thema zurück und stellen die Puncte auf, nach welchen die bestehenden religiösen Blätter gefördert werden können und sollen. Die Förderung solcher Blätter zerfällt naturgemäß in zwei Abtheilungen: in die Mitarbeiterschaft und in die Verbreitung deS Blattes, dem man seine Kräfte widmet. Zunächst also von der Mitarbeiterschast. Um Stoff zum Mitarbeiten an religiösen Blättern zu gewinnen, beachte man folgende Puncte: 123 1) Man lege sich einzelne Blätter zurecht oder mache sich geradezu ein Notizcnbüchlein, in welches man die guten und praktischen Gedanken, die Einem manchmal beim Studium oder beim Gebete oder auf einsamen Spaziergänger! oder in schlaflosen Nächten mit besonderer Klarheit vor den! Geist hintrclcn, aufzeichnet. Werden diese Gedanken auf diese Weise fest-! gehalten, so erhält man in kurzer Zeit ein Material, auS welchem sick/ ohne Mühe ein recht brauchbarer Aufsatz oder eine sehr gute Erzählung! ,i. s. w. ausarbeiten läßt. Man braucht auch oft nicht einmal ganzes Gedanken zu Papier zu bringen; wenn man nur gewisse Themata aufschreibt! und sie eine Zeit lang zum Gegenstände besonderen Nachdenkens macht, ^ wird sich ein erwünschtes Ergebniß finden. Der Verfasser des „Kalenders! für Zeit und Ewigkeit" hat dieß Verfahren schon seit langer Zeit einge-^ halten und sehr großen Nutzen darin gesunden. ! 2) Man halte sich noch ein zweites Heft, in welches man sich aller«! lei Notizen auS Zeitungen und Büchern verzeichnet. Die Erfahrung lehrt,! daß solche Notizen von großem Werthe sind, indem sich oft ganz uner-! warrct eine Gelegenheit zeigt, diese oder jene Notiz mit Erfolg anzuwenden. Besonders sollte den Erscheinungen und Zuständen der Zeit eine recht genaue Aufmerksamkeit gewidmet werden, da sie für den Aufbau einer bessern Zukunft von der größten Wichtigkeit sind und der so nützliche Ueber- blick über einen dahingeschwundenen Zeitabschnitt nur dann gewonnen werden kann, wenn man aus dem Strudel dcS AlllagstreibenS die hervor-! ragenden Momente sammelt und mit Hilfe der Wtedervergegcnwärtigung seiner eigenen Beobachtungen in ein Bild zusammenstellt. Beim Tote des berühmten Geschichtschreibers Johann von Müller fand man in dessen Nachlaß eine ungeheuere Menge derartiger Notizen und Ercerpte vor, so daß man darüber staunen mußte, wie eö diesem Manne möglich geworden war, solchen Fleiß auf so viele Gegenstände zu verwenden. Wie sehr sie ihm zu Statten kamen, wie sehr sie ihm zur Beherrschung seines Stoffes verhal- fen, zeigt ein Blick in seine geistreichen Werke. 3) Wer Gelegenheit hat, in einer Buchhandlung regelmäßig jede Woche die ncuankommenden Erzeugnisse der Literatur durchzumustern, sollte dieß ja nicht versäumen; andernfalls sollte er sich wenigstens daS Wichtigste aus seinem Fache stets zur Einsicht kommen lassen. Eine solche fortwährende Beobachtung der Literatur führt unS nicht nur manches gute Buch jn die Hände, dessen Gebrauch uns fortan von größtem Nutzen wird; sie gibt uns auch ein Bild von den literarischen Bestrebungen unserer Zeit, eine Würdigung der neuesten Leistungen und gewährt viel Lehrreiches und Anregendes. 4 Ferner ist eS nothwendig, daß man sich einige inländische gute Zeitschriften unv Blätter hatte. Wären sie für Einen allein zu kostspielig, so findet man leicht zwei oder drei Gleichgesinnte, welche sich an dem Abonnement betheiligen. Durch daS fortgesetzte Lesen solcher Zeitschriften erwirbt man manchen guten Stoff zu eigenen Arbeiten, sey eö, daß man unvollständig Geliefertes vervollständigt, oder Unrichtiges berichtigt, oder sey eS, daß man Beiträge unv Ausschlüsse über manche der dort behandelten Materien zu geben sich veranlaßt findet. Jedenfalls ist die geistige Anregung,! die man daraus schöpft, hoch anzuschlagen. I 5) Da ausländische Schriften und Blätter, z. B. französische, oft! sehr guten Stoff enthalten, so sollre man auch auf solche sein Augenmerk! richten. Beim Ucbersetzcn solcher Aussätze hat man sich aber besonders zu! hüten (und dieß gilt namentlich den Anfängern), daß man sich nicht allzu! ängstlich an das Original halte. Ich will damit nicht sagen, daß man, seine eigene Phantasie ganz rücksichtslos hinzutreten lassen solle; ich meine vielmehr, man solle da, wo es darauf ankommt, getreu zu übersetzen,! unbeschadet deS deutschen Styls, der immer seine Rechte fordert, eS thun/ aber Reflexionen u. dgl., die den Kern des Aussatzes zu sehr mit Hülsen umgeben, entweder ganz weglassen oder doch durch ganz kurze Bemerkungen eigenen Nachdenkens ersetzen. So haben eS besonders die Franzosen rm Brauch, an einen an sich kurz zu behandelnden Gegenstand oft einen unendlichen Schwall geistreich scheinender Bemerkungen anzuschließen. Wi/ geistreich solche Zugabe aber auch oft erscheinen möge, sie behält, wenn sie ins Deutsche übertragen wird, von ihrem scheinbaren Zauber wenig! mehr übrig, weßhaib man so Etwas besser wegläßt und — was ich als Grundsatz aufstelle — das Original eher bearbeitet, als übersetzt. 6) Auch im Gespräche mir Freunden über diesen oder jenen wichtigen Gegcnlland erlangt man oft einen guten Stoss. Ein solches Gespräch kann nicht selten als Vorarbeit für die zu liefernde Arbeit gelten. Man muß nur nicht versäumen, sich nachher die Sache, wenigstens flüchtig, auf'S Papier zu bringen. (Fortsetzung folgt.) Kirchliche Reifebilder. III. S ch'w « i z. Ein kirchliches Reisebild von der Schweiz zu entwerfen, hat seine Schwierigkeiten; denn Conlrastc sind ein Scaudal in einem Bilde, und an Conlrasten ist kein Land so reich als die Schweiz. UebrigenS will ich einen Versuch wagen. Ich habe drei Classen von Menschen hier getroffen: Ultraradicale, Sonderbündler, und solche, die zwischen beiden in der Mitte stehen, ich will sie Gemäßigte nennen. Sie werden uns als Staffage welker unten im Bilde begegnen. Jn einem äußerst romantischen Thale liegt die Stadt Basel. Eine Brücke über den Rhein, der mir nirgends so schön blau dünkte, als hier, verbindet die alte Stadt mit der neuen. Auf einer Anböhe steht das Uni- versitätSgebäudc, daS aber in seinem Innern sehr elendig aussieht — kein würdiges Asyl der Wissenschaft. ES that mir leid, daß eben keine theologischen Professoren lasen, Hagenbach und de Wette hätten mich sonst in- leressirt. Die Neugierde führte mich in daö städtische RathhauS hinein, wo ich mit einem höher gestellten Beamten zu sprechen kam, der zu meiner Freude und Verwunderung voll deS LobeS über Radctzky, und deS Tadels über daS Benehmen WienS war. DaS that einem österreichischen Herzen wohl im August dcS Jahres 1848, und doppelt wohl gegenüber einem republikanischen^Schweizer. Der alte Dom, in welchem einst die Vater des Concils zu Basel versammelt waren, und der revolutionären Reform, die endlich doch erfolgte, vorzubeugen suchten, ist gegenwärtig eine refor- mirtc Kirche, und um sie kurz zu beschreiben, ein Modell, wie eine Kirche nicht beschaffen seyn soll. Es wird einem zwischen den kahlen Wänden und den überfüllten schmutzigen Bänken bange, und man begreift, wie die Protestanten und Reformirlen so sehr der Naluranbetung daS Wort sprechen können. Jn der Natur ist daö Siegel der Allmacht abgedrückt, man fühlt die Nähe der Gottheit/diese reformirten Tempel aber sind eine Ironie auf ein Gotteshaus, eS sieht hier, und überhaupt in allen reformirten Kirchen auS, wie einst Professor Hefele bemerkte, als ob Mohamed Kirchen- revue gehalten hätte. Ein Besuch in der MissionSanstalt war lohnend. Solche Anstalten zeigen von einem rührigen Leben, und ich grüßte mit Achtung die jungen Leute, welche sich hier durch Studium vorbereiten, um einst fern von der Heimat vielleicht wilden Völkern daS Evangelium zu verkünden. Ich dachte unwillkürlich an die Propaganda zu Rom, die freilich viel großartiger dasteht, und jedenfalls das Vorbild für alle derlei Anstalten geworden ist. DaS Wort deS protestantischen Erlanger-ProfessorS: „Wir arbeiten alle für Einen großen Zweck," fiel mir hier wieder ein, aber — eS befriedigte nicht mein katholisches Herz. „Ein Hirt und Eine Heerde" — wann wird diese frohe Verheißung sich erfüllen?? Der freundliche Nector führte unS in den Garten zu einem auS Ostindien zurückgekehrten Missionär, der eben in einem Buche las, und sehr kränklich aussah — ich fühlte mich durch seine Ansprache geehrt. DaS kleine Museum ist in seinem ersten Entstehen, und bereichert sich von den Sendungen, welche hier gebildete Missionäre dann und wann an die Mutteraustalt gelangen lassen. An nett gebauten Villen und schmucken Gartenaulagen vorüber führt der Weg in die sogenannte Basellandschaft. Im Angesicht«: der prächtigen Landhäuser vergißt man, daß man im Lande deS CommuniSmuS ist; sogar bordirte Kutscher und Lakaien kommen einem auf dem Boden der Gleichheit entgegen! Ein näherer Fußsteig führte unS in die Nähe von Muttens, wo eben „daS Heil Deutschlands" rcsicirte, Hccker benamset. Wir waren kaum eine Viertelstunde davon entfernt, und dachten lebhaft an einen jungen Mann aus Baden, der längere Zeit auf der Eisenbahn unser Reisegefährte war, und sich einen Freund HcckerS nannte, den er zu besuchen Willens war. Sie mochten wohl eben in dem romantischen Schlosse daS republikanische Heil Deutschlands berathen haben. Prosit! Der junge Mann hatte Charakter und einen kräftigen Verstand, er war für Hecker begeistert, unv daß die Republik sein Ideal sey, verschwieg er keineswegs. Wenn derlei Gesinnte im Badischen viele sind, so läßt sich der hartnäckige Kampf, den daS Land gegenwärtig den ReichStruppen gegenüber aufgenommen hat, leicht begreifen. ES ist ein Kampf der Ueberzeugung, ein Kampf der Begeisterung für eine, wenn auch krankhafte Idee, ein Kampf der erbittertsten Leidenschaft, und darum auch mit dem zu hoffenden Siege der ReichStruppen bei weitem noch nicht ausgekämpft. Doch wir sind in der Schweiz, und wen, gerade um Kämpfe zu thun ist, der kann etwas an der Emmen brücke halten lassen, und sich die physische und moralische Niederlage der Radikalen im ersten Sonder- bundSkriege inS Gedächtniß rufen. ES mag ein harter Strauß gewesen seyn, denn daS Terrain war für beide Theile ein schwieriges. Gleichsam als wollte unS der Himmel im Vorhinein mit der dumpfen, trüben, niedergeschlagenen Stimmung der Sonderbunvökantone bekannt machen, so um- 124 florte sich immer mehr daS Firmament, und schwerfällige Wolken lagerten sich ringsum auf den Bergen, und unter kaltem GebirgSregen hielten wir unsern Einzug in Luzern. Luzern hat nicht den freundlichen Anstrich anderer Schweizerstadte, mag seyn, daß die alten FestungSmauern etwas Eintrag thun. Ich hielt noch Abends eine kleine Rundschau um die Stadt, die viele katholische Kirchen zählt. DaS Jesuitengymnasium und deren großartige Kirche ragen wie ein Fragezeichen in die Luft, als wollten sie mit einem Publicisten der Neuzeit sprechen: „Ein freies Land, wo man die Wahrheit knechtet!" Gar schön ist die ehemalige Chorherren-Kirche gelegen, die auf einem die Stadt und den See beherrschenden Hügel sich erhebt, umgeben von den Gräbern und Denkmälern vieler Jahrhunderte. Ich habe noch keinen poetischeren Friedhof gesehen. ES war bereits finster, als ich müde ins Hotel zurückkehrte, daS am Vierwaldstädtersee gelegen war. Ich starrte lange in die finstere Nacht hinaus, die nur zeitweilig von dem fahlen Monden- lichte erhellt ward und dann gespensterhafte Umrisse von Bergen und Wol. kcn schauen ließ. ES war so ruhig, daß ich Stundenweit daS Plätschern eines Dampfbootes wahrnahm, daS endlich auch dicht unter meinen Fenstern landete. Die Morgenstunden deS andern TageS benützte ich zu einem Besuche der Capucinerkirche, die in idyllischer Einsamkeit auf einem Berge gelegen ist, und feierte dort meinen Geburtstag. Die Patres sprachen deutsch und französisch, und sind sehr ehrwürdig. Die Klosterbibliothek ist gut geordnet, und scheint auch viel benützt zu werden, wenigstens war der Pater, der mich begleitete, in älterer und neuerer Literatur ziemlich bewandert. AIS ich den Rückweg antrat, hatten sich indessen die Nebel gehoben, der Regen hatte aufgehört und einige Strahlen der Sonne stahlen sich schüchtern hervor auS dem weißgrancn Gewölle. ES begegneten mir viele Kirchengeher, denn eS war ein Aposteltag, den gute Katholiken immer für einen halben Festtag halten. Darum waren auch die Kirchen voll und die Altäre festlich beleuchtet. Wenn man die Leerheit deS protestantischen Gottesdienstes einmal mitgemacht hat, so weiß man die Erhabenheit und Tiefe deS katholischen CultuS doppelt zu schätzen. Dieß fühlte ich besonders hier. Da eben ein großes Schützenfest abgehalten wurde, so lenkte ich meine Schritte zur Schießstätte, wo Gäste auS den meisten Kantonen versammelt waren. ES ist wahr, die Schweizerschützen verstehen daS Schwarze zu treffen, es war eine Freude ibnen zuzusehen. Es ward auch viel gejauchzt unv gejubelt, aber mir wollte eS nicht ganz natürlich und herzlich vorkommen, denn ich sah auch sehr ernste Gesichter. Und in der That, ist eS zu vermuthen, daß die durch Uebermacht bezwungenen Kantone so schnell all die Opfer, die sie an Blut und Gelb bringen mußten, vergessen, und wonnetrunken ihre schlachtcnmüden Hände in die bluttriefenden der brüderlichen Eidgenossen legen werden? Mag man auch hunvert- mal auf Fahnen und Scheiben die Worte: „Einigkeit und Bruderliebe" schreiben, so leben sie deßhalb noch nicht im Herzen. „Die Schweizernation hat seit einem Jahre schrecklich gealtert," schrieb im vorigen Sommer die allgemeine Zeitung. Ja wohl sie hat gealtert. Die alte Offenheit und Ehrlichkeit der Schweizer, die bisher sprichwörtlich gewesen, wird nun bald zur Ironie herabsinkcn, denn nichts entehrt eine Nation mehr als Meuchelmord und Ungerechtigkeit, ausgeübt unter dem Deckmantel der Freiheit. Die Wunde deS letzten KriegcS klafft noch weit, und harret der Bernarbung. Wo sich der Kampf aufs religiöse Feld hinüberspielt, da frißt er sich ein inS innerste Lebensmark, und erbt sich fort von Geschlecht zu Geschlecht. Leidet ja auch Deutschland jetzt noch an den Nachweisen einer doch Jahrhunderte schon sich durchwagenden religiösen Entzweiung. (Schluß folgt.) P i u s v e r e i n e. ! Köln, 23. Juli. AuS Veranlassung der Anwesenheit deS Herrn Hofrath Büß fand heute Abend eine außerordentliche Generalversammlung deS PiusvereinS statt, deren recht zahlreicher Besuch wiederum lebendiges ^ Zeugniß ablegte von der regen Betheiligung unserer Bevölkerung an der! großen Aufgabe, welche diese Vereine sich gestellt haben. Von der gegen-! wärtig so unglücklichen Lage deS deutschen Vaterlandes ausgehend, sagte ^ Herr Büß, die Hoffnungen, die man auf die Versammlung in der Pauls«! kirchc in so hohem Maaße gesetzt, seyen zwar allerorts bedeutend geschwächt,! ja fast ganz vernichtet; man solle aber nicht daran verzweifeln, sie endlich! doch noch in Erfüllung gehen zu sehen. Er sey der letzte gewesen, der die, Paulskirche verlassen, er glaube, daß die 150, welche von der Frankfurter! Versammlung der deutschen Sache treu geblieben, einzig berechtigt seyen,! daß eine neue ReichSversammlung zusammentreten und das begonnene Werk! vollenden werde; er hoffe auf die Gerechtigkeit Gottes, die eS nicht zulassen werde, daß eine Erhebung des Volkes, die so viel Blut gekostet, so viel edle und große Geister verschlungen habe, ohne Erfolg bleibe. WaS jetzt noch unmöglich sey, werde später kommen, eine Einheitsregierung müsse eintreten. Das abgewichene Jahr sey ein sehr aufgeregtes gewesen; auf die ungeheure Anspannung müsse eine Abspannung und Erschlaffung folgen.. Diese sey aber, wie bei der Nation, so leider auch bei den katholischen Vereinen, bei einigen wenigstens, eingetreten. Gründe dafür seyen zuerst die allzuraschen Hoffnungen, die man bei Gründung der Vereine gehegt, die aber bis jetzt nicht zur Verwirklichung gekommen, dann Spaltungen in den Vereinen selbst, namentlich in Betreff der Bethätigung an der Politik. Der Redner geht nun über auf den bekannten Beschluß deS VorortS der katholischen Vereine Deutschlands zu BrcSlau, den er beklagen müsse, 1. weil er auf falschem Grunde beruhe, und 2. wegen der Form einer Rüge, wozu der Vorort nicht berechtigt gewesen sey. Eben so unverzeihlich sey die Publication desselben durch eine kirchen- feindliche Zeitung. Wolle man die PinSvereine von aller Bethätigung bei der Politik ausschließen, so müßten sie unausbleiblich untergehen. ES sey Ließ aber nur ein bloßer Wortstreit, da stets der gesunde Sinn der VereinSmitglieder das rechte Maaß finden und nur solche politische TageSfragen behandeln werde, welche mit den Zwecken deS VereinS in Verbindung ständen, die Zweckmäßigkeit werde entscheiden. Herr Hofrath Büß kam nun auf das vielbesprochene Antwortschreiben deS heiligen VatcrS; die Ermahnung, von jeder Luspicio motu8 eivilis sich fern zu halten, stehe im genauesten Zusammenhange mit der in seinem Anschreiben enthaltenen Klage über den Aufruhr in Rom und sey nur hervorgerufen durch die Besorgniß deS heiligen Vaters, daß auch in Deutschland gleiche Unruhen entstehen möchten, und der Vorort habe daS Schreiben daher durchaus unrichtig aufgefaßt. Auf die PiuSvereine zurückkommend, beklagte Herr Büß nochmals, daß die Pflege derselben unmöglich sey, wenn alle politische Betheiligung ausgeschlossen würde: daS haben im Gegensatz zu den Pfälzischen, welche sogar mit eigenen Opfern für die gesetzlichen Gewalten in die Schranken getreten seyen, die badischen Vereine bewiesen, indem dort eben wegen der Nichttheilnahme der Vereine an der Regelung der politischen Bewegung die Revolution und Anarchie zur hellen Flamme emporgeschlagen sey. DaS Hauptunglück bestehe nur darin, daß zu viel gesprochen, aber zu wenig gehandelt werde; auf letzteres sey aber viel zu halten, es rufe die Nachahmung hervor, welche so wie Lehre die oberen, die unteren Schichten bessern müsse. Die Frage wegen einer rein- katholischen Universität fand darauf nochmals eine warme Vertheidigung. Herr Büß theilte mit, in Belgien eine solche besucht und die wissenschaftlichen Leistungen derselben höchst befriedigend gefunden zu haben; ausgezeichnet seyen die mit allen Vorlesungen verbundenen praktischen Anwendungen auf die Zeit. Ohne die freie Bewegung wie in Deutschland, sey sie auch frei von den deutschen Auswüchsen. Er werde den Antrag bei der Würzburger Versammlung sofort verfolgen. Auch die Mittel seyen leicht zu beschaffen: eine Auflage von 1 Kr. jährlich auf 20,000,000 bringe 300,000 Gulden, die capitalifirt für den Anfang schon genügen würden. Vorzugsweise aber müßten die katholischen Vereine bei dieser wichtigen Angelegenheit sich betheiligen, denen er die heilige Sache deßhalb nochmals dringend an'S Herz lege, znr allseitigen Besprechung und Geldsammlung. Wie eine solche Universität, die Alles auf Religion gründe, heilsam bessernd auf die oberen Schichten der Gesellschaft wirke, so seyen auf dem Lande die Schulbrüder, wie er sie in Belgien ebenfalls gesehen, leicht einführbar, um die untern Schichten zu belehren. Außerdem müsse die Presse fleißig wirken, und auS dem Grunde unterstützt statt gehemmt werden. Während die gute katholische Presse, am Rhein zumal, hart um ihre Existenz zrr ringen habe, bezahle und unterstütze man die schlechte kirchenfeindliche. DaS müsse aufhören, die katholischen Blätter müßten so viel als mö^ich unterstützt und gehoben werden. Dafür, daß daS Beispiel, waS die . ch- ahmung anrege, auf die unteren Schichten wirken müsse, führte Herr Büß wiederum aus Belgien an, Laß in Lüttich z. B. durch Bemühungen der Rckemptoriftcn unter den Waffenschmieden eine Bruderschaft gestiftet sey, durch deren segensreichen Einfluß dieß sonst so unbändige Volk ganz gesittet worden. Früher an der Spitze der Revolutionen, seyen sie nunmehr der beste Schirm gegen dieselben. Auch wir müßten die Arbeiter durch Beispiel heranziehen; daS sey der edelste Stoff für die Thätigkeit der katholischen Vereine, der auch nach der politischen Bewegung fortdauere. Herr Büß, dessen Vertrag die gespannteste Aufmerksamkeit unv den lebhaftesten Beifall der Versammlung fand, schloß nun mit dem Wunsche, die Vereine möchten nimmermehr verzweifeln und auch in ruhigen Zeiten in ihrer Thätigkeit nicht erschlaffen. (Rheinische Volkshalle.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F, C. Kremer. Vierteljähriger Abc»r- ncmciilsprcis im Be- ' reiche von ganz Bayern nur 20 kr., ohne irgend einen weiteren Post - Aufschlag. Auch von Nicht Abonnenten der Postzcilung werden Bcstclluchgen angenommen. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Postzeitung. Auch durch den Buchhandel können diese Blatter bezogen wer« den. Der Preis bclrägt, wie bei dem Bezug durch die Post, jährlich l st. 20 kr. Munter Jahrgang. M A2. LS August L84S. Entscheidung des heiligen Vaters über die Diöcesan- synoden. Auf die Anzeige von der Versammlung der deutschen Bischöfe in Würzburg ist auS Gaöta vom 17. Mai eine Antwort des heiligen VaterS erfolgt: Wie zu erwarten stand, spricht sich der heil. Vater sehr befriedigt über diese Versammlung (welche er co-reentuL //e>'brzioken§r'»' nennt) aus und legt die Ursache der so lange verzögerten Erwiderung darin, Laß er den versprochenen ausführlicheren Bericht über diese Versammlung erst habe abwarten wollen. Da dieser aber annoch nicht angelangt sey, so habe er die Antwort nicht länger hinausschieben wollen. „Nicht geringe Freude," so lautet daS Breve weiter, „habe sein Herz empfunden, da in jenem Schreiben (von der Abhaltung der Versammlung) wundervoll hervorleuchte der versammelten Bischöfe vortrefflicher Glaube und ihre Ergebenheit und Anhänglichkeit an die römische Kirche und an die Person des Nachfolgers Petri. Mit derselben Freude habe er sich von der aus den Verhandlungen her- vorgehenden großen Sorgfalt und BcrufStreue überzeugt, womit die bischöfliche Versammlung Rath gepflogen, waS in so argen und bewegten Zeit- verhältnissen für das Wohl der Gläubigen zu thun sey." Darauf geht der heilige Vater auf einzelne der gefaßten Beschlüsse ein. WaS in dem besagten Breve indessen von besonderer Wichtigkeit und von großem Interesse kür uns ist, daS ist die Erklärung des hl. VaterS bezüglich der Abhaltung der Diöcesansynoden, welche der Bischofstag zu Würzburg beschlossen hatte. Der heil. Vater äußert sich darüber folgenvermaaßen: „Die Zeilumstände seyen in manchen Diöcesen der Art, daß man allerdings fürchten müsse, die Berufung von Diöcesansynoden könne nicht ohne Gefahr statt haben. Vor- dersamft sey es ja den Bischöfen nicht unbekannt, Laß einige Geistliche in diesen bewegten Zeiten auS Neuerungssucht und um die bischöfliche Gewalt zu verkürzen, die Kirchenzucht zu untergraben und eine ungebundene Lebensweise für sich zu gewinnen, auf daö allerheftigste nach Diöcesansynoden verlangten, wodurch dann verderblichen Lehren Eingang verschafft, Entzweiungen hervorgerufen oder der Kirche verderbenbringende Neuerungen eingeführt und begünstigt werden sollten. Auch sey es eben so wenig unbekannt, daß eS in Deutschland nicht an Geistlichen fehle, welche, einer verderblichen und vom apostolischen Stuhle verdammten Lehrmeinung zugethan, auf den Diöcesansynoden sich eine entscheidende Stimme zuzuschreiben die Anmaaßung hätten, und welche diese Synoden längst nur in der Absicht wünschten, damit sie, nach Unterdrückung der dem eigenen Bischof zustehenden oberhirtlichen Gewalt, um so leichter sich die Wege dahin anbahnen und befestigen könnten, um die Rechte der kirchlichen Hierarchie zu vernichten, daö Gesetz des priesterlichen CölibatS aufzuheben, und um noch andere Dinge durchzusetzen, welche den heiligsten Grundsätzen der katholischen Religion und den Vorschriften der Kirchengesetze auf daS ärgerlichste widerstreiten. Der apostolische Stuhl habe es deßhalb nicht unterlassen, diesem verkehrten Treiben mit aller Sorgfalt entgegenzutreten, und darum an einzelne Bischöfe auch schon Zuschriften erlassen. Bei so gestalteter Sachlage erachteten eS Se. Heiligkeit für weit zweckmäßiger und heilsamer, daß die Erzbischöfe zuerst Pro- vincialjynodcn abhielten und mit den übrigen Bischöfen Rath pflegten und das festsetzten, waS sie zur Erhaltung der katholischen Religion und der Kirchenzucht, so wie zur Förderung des geistigen Wohles der Völker und der Diöcese, im Herrn mehr vortheilhaft finden möchten. ES würde Sr. Heiligkeit in der That sehr erfreulich seyn, die Verhandlungen solcher Provincialsynoden einzusehen, um alle Sorge und Macht darauf verwenden zu können, daß der Bischöfe Bemühungen und Beschlußnahme zur größern Ehre Gottes und zur Zierde und Wohlfahrt der betreffenden Kirchen und zum Heile der Seelen gereichen. Darnach aber würden Diöcesansynoden in weit nützlicherer Weise berufen werden können, indem jeder Bischof alsdann dasjenige mit seinem Klerus in Ausführung bringen könne, waS durch die Berathung mit den andern Bischöfen festgesetzt und durch daS Ansehen des apostolischen Stuhles bekräftigt worden sey." Kirchliche Reisebilber. (Schluß.) Die Sonne hatte viel zu streiten mit dem eigensinnigen Nebelmccre, und eS ließ sich nicht entscheiden, wer von beiden die Oberhand gewinnen würde. Wir zogen es deßhalb vor, längs den Ufern des Vierwaldstäeicr- sees, der mit ruhigem Stolze unS sein dunkles Grün hcraufwieS, den Weg nach Küßnacht einzuschlagen, um dem weltberühmten Rigi näher zu seyn. Allein bei der Unstättigkeit des Wetters wäre eS mehr als gewagt gewesen, die Expedition auf denselben zu unternehmen. Wir brachten- aüS Zcitersparniß daS Opfer, und entschlossen unS zu einer Wallfahrt nach Maria Einsiedeln. Durch die Tellschlucht und an der TellScapelle vorbei, führte unS der Weg in daS Gebiet des KantonS Zug hinüber. AIS ich auf dem Felsen stand, von dem, wie die Sage erzählt, Teil sein sicheres Geschoß auf Geßler gesendet, erinnerte ich mich an die Worte, die Tell gegen Ende der Schillcr'schen Dichtung ausruft: „Und die Schweiz ist frei." Ich versuchte einige Variationen über dieses Thema, aber eS wollte nicht gelingen, so disharmonisch klangen die Töne, ja zum vollen Miß-- skkorde schlugen sie um, und endigten mit der Molcadenz: „Und die Schweiz ist nicht frei." Die eigentliche Wallfahrt begann. Ein stark betretener Fußsteig e^l-aubt dem Fremdling ohne Führer die Expedition zu wagen. Durch ein anmuthigeS Thal hinauf schlängelt sich ver Pfad immer höher und höher, bald an lieblichen Baumgruppen, bald wieder an herabgerollten Felsen- trümmern vorüber, über Bächlein und stehende Wässer. Die Sonne stand nun im Zcnith, und sendete ihre heißen Strahlen auf unS herab. Je weiter wir gingen, desto mehr Leute begegneten unS, die alle, Heiterkeit auf dem Antlitze, mit dem schönen Gruße u»S grüßten: „Gelobt sey JesuS Christus!" Wir ließen unS mit den Meisten in ein kurzes Gespräch ein, und erfuhren, daß sie eben von Maria Einsiedeln zurückkehrten, wo eS heute, dem heiligen BariholomäuS zu Ehren, gar schön gewesen war. Alle gaben unS Grüße an die Mutter Gottes auf, und als wir ihnen dieselben getreulich zu entrichten versprachen, dankten sie doppelt freundlich, und einige sagten im Stillen zu einander: „DaS sind gewiß auch Sondcr-- bündler." AIS wir die höchste Spitze erklimmt hatten, sollten wir noch daS großartige Schauspiel eines Gewitters im Hochgebirge genießen. Schnell und unvermuthet war eS da. Wir saßen eben, etwas ausruhend, im Gasthause beisammen, als ferner Donner sich Vernehmen ließ. Als wir erstaunt zu den Fenstern eilten, sahen wir bereits in Sturmkolonnen die Wassermasse heranrücken mit einer Schnelligkeit, welche die deS Dampfe- weit übersteigt. Schon war die Hälfte des Rigi wie abgeschnitten, und auch von der gegenüberliegenden Bergstätte erhob sich ein langer Streifen des dichten WolkenkolosseS, der immer näher und näher rückte, bis endlich beide den Hintergrund deckten, und mit furchtbarem Gekrachc sich entluden. Groß ist der Herr und furchtbar, wenn er spricht im Rollen des Donner- und im Leuchten der Blitze! So schnell das Gewitter gekommen, so schnell war eS vorüber, und der Regenbogen, der die zwei riesigen Berge, die kurz vorher aufeinander so böse waren, friedlich umspannte, gab unS Muth und Zuversicht, daS Ziel unserer Wallfahrt noch heute zu erreichen. Die Luft war kühler geworden, und auch die Wege schlechter, um so fataler, als von nun an die Gegend immer öder pnd der Moorgrund immer weicher und schlüpfriger wurde. Auch der Tag begann sich bereits zu neigen, und wir waren noch einige Wegstunden vom Ziele. Allein so nahe dem Gnadenorte, verliert sich die Angst und Bangigkeit, und kräftig schritten wir fürbaß, so oft wir auch strauchelten aus dem mehr und mehr zum eigentlichen Bußwege sich gestaltenden Fußpfad. Es war finster, und fing zur Abwechslung wieder zu regnen an, kein HauS als Unterstand, keine Seele als Wegweiser zu erspähen, kaum daß man den Halbschimmer deS ausgetretenen Fußsteige- merkte. Doch gingS nochmal aufwärts, und auf 126 ein kahles Felsenplateau hinaus — und wir standen neben einem großen Bildniß des Gekreuzigten. Nun kann unser Reiseziel auch nicht mehr ferne seyn, dachte ich mir im Stillen, und richtig auS tiefer Tiefe glänzten Lichtlein herauf — eS war Maria Ei „siedeln. Wir vergaßen alle Beschwerde und Müdigkeit, und stimmten vor Freude, den Berg hinab- keuchend, einen lateinischen Psalter an. Es mochte zwischen 9 und 10 Uhr seyn, als wir an der Hauplfac.ade der Kirche standen. Weil wir sie noch offen fanden, traten wir ein, und brachten unsern ersten Gruß und die Grüße der Sonderbündler der „lieben Frau," unserer gemeinschaftlichen Mutter. ES macht einen erhebenden und beschämenden Eindruck, wenn man in so später Stunde bei dem einsam leuchtenden Lämpchen am „Gna- denaltare" noch einige fromme Seelen betend trifft. In aller Frühe waren Wir schon auf den Füßen, um unsere Andacht und dann am Gnadenaltare daS heilige Meßopfer zu verrichten. Wahrlich nicht um alle Schätze der Welt gäbe ich meinen katholischen Glauben hin, und wenn er mir gar nichts anderes lehrte, als die „Gemeinschaft der Heiligen." Der Katholik ist überall zu Hause, wo er einen katholischen Mitbruder trifft, und wenn auch fern von, Vaterland, ist er doch nahe den Seinen durch das Band heiliger Liebe, die am Altare ihren heiligsten Ausdruck findet. Welcher Trost liegt in der himmlischen Vereinigung der streitenden und triumphiren- den Kirche; welch innige Wonne und Seligkeit fühlt derjenige in sich, der «S versteht, in der rechten Weise die Mutter der Gnaden anzurufen! Und wer eö nicht versteht oder nicht verstehen will, der muß eS verstehen lernen, wenn er mit einem halbwegs christlichen Herzen die Schwelle eines durch Jahrhunderte geheiligten Gnadenortes betritt. ES wäre wirklich Jammerschade, wenn auch dieses Kloster, mit dessen Wirken die Bedeutung des OrteS steht und fällt, ein Opfer der radicalen Klosterplünderei werden sollte. Man scheint aber doch den Syn- derbündlern diesen Schmerz ersparen zu wollen, so wie eine mehr als radikale Blindheit und Verstocktheit dazu gehörte, um den guten Bestand der klösterlichen Schulen und den tief eingreifenden moralischen Einfluß deS Gnadenortes auf die weite Runde hin in Abrede zu stellen. Leider konnten wir, von der Zeit gedrängt, nicht länger verweilen, sondern mußten uns mit einer flüchtigen Ansicht des Stiftes und der Kirche begnügen. Die wenigen Patres, die ich sprach, fand ich ernst und gelehrt, die jungen Seminaristen heiter und offen. Ich verließ das keineswegs romantisch gelegene Maria Einsiedeln fn den Vormittagsstunden, um noch zu rechter Zeit in Rapperöwyl einzutreffen, und von da auS mit dem Dampfschiffe über den Zürichersee nach Zürich zu fahren. Ich mußte längere Zeit auf den eben herübersteuernden Dampfer warten, und hatte indeß Muße, die niedlichen Ufer zu betrachten. Macht der Vierwaldstädtersee einen schauerlich imposanten Eindruck ob der Bergklötze, die ihn umschließen, so ist der Zürichersee gerade daS Gegentheil. Nichts zu sehen von hohen Gipfeln und Gletschern, sanfte Hügel sind eS, die, geschmückt mit den herrlichsten Landhäusern und romantischen Ortschaften, ihn umsäumen — eine heilige Ruhe schwebt über demselben. Doch diese Ruhe sollte bald gestört werden. Wir mochten etwa anderthalb Stunden gefahren seyn, als ein heftiger Orkan sich erhob, der dichte Regentropfen und Schloffen mit Gewalt auf uns herabwarf. Es war nicht möglich am Verdecke zu bleiben, denn der Sturm ward immer wüthender, und die Räder des Dampfers hatten vollauf zu thun, um dem bedeutenden Schwanken des Schiffes Gegenhalt zu dielen, denn man sah es, wie die Wellen vom Ufer her sich einen gewaltigen Anlauf nahmen, und sich dann immer mehr sammelten, verstärkten und thürmten, und mit zorniger Wuth den schäumenden Gischt auf uns loswälzten. Zum Glück ließ der Orkan bald nach, und wir hatten nur wenig noch mit den brummenden und murrenden Wogen zu thun, ja der Seesturm hatte unS zu dem schönsten Weiter verholfcn, denn unter mildem Sonnenschein stiegen wir in Zürich anS Land. Zürich ist nach Bern der Hauptstapclplatz deö RadicaliSmus, oder mit einem Journale zu sprechen: „Der classische Boden, auf welchem die Trostlosigkeitsphilosophen den babylonischen Thurm der Völkerverwirrung aufbauen wollen, — das neutrale Gebiet, auf welchem Jung-Europa seine Tagsatzung hält, und den FelvzugSplan zur bürgerlichen und häuslichen Umwälzung Europa'S entwirft." Die Berufung des Christusläugners Strauß alö UniversttätSprofeffor dürfte wohl ein richtiger Barometer der Gesinnung dieser Stadt seyn. Wenn man übrigens nicht aus mannigfachen Schilderungen un^ den wuthschnaubenden ZeitungS- und Lügenblät- lern, die hier erscheinen, darauf aufmerksam gemacht würde, so möchte man schwören, daß hier lauter EngelSkinder beisammen lebten, so friedlich, einschmeichelnd, wahrhaft himmlisch ist hier die Natur. Mir hat nicht bald eine Stadt mit ihren Umgebungen so viele Vorliebe abgejagt, wie diese; und daö will viel sagen, da ich mit dem RadicaliSmuS keineswegs Bruderschaft zu trinken gesonnen bin. Aber so sind die Kontraste des Lebens! Mich wundert eS gar nicht, wenn die Pantheismen in dem All der Züricherumgegend die Gottheit entdecken und dafür schwärmen; ob sie sie aber auch in dem All der moorsumpfigen Maria Einsiedlerumgebung entdecken würden, zweifle ich, ich glaube schon deßhalb nicht, weil eS sondcr- bündliches All ist!! — Einen würdigen Beitrag für republicanischc Freiheit und evangelische Toleranz liefert der Umstand, daß in Zürich, wie mir als gewiß versichert ward, Niemand LaS Bürgerrecht erlangen kann, wenn er nicht der reformirlen Konfession angehört. Katholiken uno Lutheraner müssen Zwinglianer werden, wenn sie ein bürgerliches Gewerbe antreten wollen. ES klingt räthselhaft — aber eS ist wahr. *) Der Himmel bewahre uns vor einer solchen Freiheit und republicanischen Seligkeit! Eine ähnliche Schmach kann man, glaube ich, keinem absolutischen Staate deS 19tcn Jahrhunderts nachsagen, sie erinnert an die Sclavenemancipation. Weil ich aber eben von kirchlicher Toleranz spreche, so kann ich eine Scene nicht verschweigen. Als wir einst im Postwagen saßen, fragte unter andern einer meiner Kollegen sein Vis-a-vis: „Haben Sie auch die schöne katholische Kirche in Zürich gesehen?" und lobte sie ob ihrer Reinlichkeit und harmonischen Bauart, wie sie eS auch wirklich verdient. DaS Vis-s-vis aber erwiderte: „Ich bin'Protestant, und besuche als solcher katholische Kirchen und katholischen Cultus nicht." Mir that diese Abtrumpfung weh, weil sie eine brutale Verhöhnung der Kunst ist, die gerade in den katholischen Kirchen sich unsterbliche Denkmäler gesetzt hat. Ich scheute mich nicht, wo immer ich hin kam protestantische Tempel !zu besuchen, und habe auch einige Male «katholischem Gottesdienste beigewohnt— und doch getraue ich mir zu sagen: Ich bin Katholik. Ueber !daS Capitel „Toleranz" ließe sich überhaupt manches noch beifügen, wobei !die Wagschaale aus der katholischen Seite sinken würde, obwohl in manschen Gegenden katholisch und intolerant für synonym gehalten werden. Der ! schweizerische RadicaliSmus ist ein ärgerer Großinquisitor, als daS weiland. Dominicanertribunal unter Torquemada in Spanien. ! Die Rückreise von Zürich führte mich wieder nördlich gegen die deutsche Gränze hinauf, zu meiner Linken, als treue Begleiter, die im Sonnenlichte glitzernden Gletscher deS Berner Kantons. Daß ich den Rhein- fall bei Schaffhausen in Augenschein nahm, ist natürlich, er sollte mir die theilweise trüben Eindrücke der Schweiz etwas verwischen. Sein Anblick ist kostbar und kostspielig. In Schaffhausen selber sprach ich mehrere Leute, die sich an ihren früheren Pfarrer und AntisteS Hurter noch recht !gut erinnern. Man glaubt eS kaum, daß in einem so ländlich gelegenen ! Gebirgsstädtchen ein so großartiges Qucllenwerk, wie „Jnnocenz III." ist, ^hat entstehen können. Ein Bruder deS katholischen Hurter ist noch gegen- wärtig Pastor in Schaffhausen. — Der Kutscher, der mich nach Konstanz herausführte, erzählte mir Einiges von Louis Napoleon, Präsidenten der französischen Republik, der hier am Rheine längere Zeit eine sehr anmuthige Villa bewohnte. Hätte ich mein drittes Reisebild nicht „Schweiz" getauft, so wüßte ich noch Manches von Konstanz zu erzählen. Es mag unterbleiben. Aber Morsch ach am Bodensee muß ich wenigstens nennen, weil es zum Kan- !ton St. Gallen gehört, und ich dort einen ungemein lieblichen SonnlagS- j Nachmittag verlebte. Wir benützten nämlich die paar Stunden, während welcher das Dampfschiff vor Anker lag, und bestiegen den nächsten Berg, Mo schon vom Ufer auS ein romantisch gelegenes LaubhauS unsere Augen ? gefesselt hatte. Wir sprachen in demselben zu, und ließen uns ein Abend- mal bereiten, was in dem kleinen von Katholiken bewohnten Häuschen !viel Freude und Rührigkeit hervorbrachte. Da überdieß noch einige Schulmänner am Tische saßen, die über dieß und jenes deliberirten, so hatte der simprovisirte Besuch noch etwas Lehrreiches. Wir trennten unS schwer von diesem niedlichen Häuschen, denn einen schöneren Punct kann eS wohl nicht leicht am Bodensee geben. Zu unseren Füßen lag das lebendige Rorschach mit dem rauchenden Dampfer, links erspähte das Auge die Thürme von Konstanz und die sich ineinanderschlingenden Schweizergebirge; gerade vor uns lag deutsches Gebiet mit der stolz in die See hereinragen- den Festung Lindau; rechts endlich winkten unS die heimatlichen Triften entgegen, und der GebhardSberg bei Bregenz im Vorarlberg glänzte gar lieblich in den letzten Strahlen der Abendsonne. Es war ein schöner Abend, als ich an der Walhalla vorüberfuhr, und daS erstemal den eigentlichen Boden Deutschlands betrat; es war ein schöner Abend, alö ich im Hafen zu Antwerpen die hundert und hundert Schiffe mit ihren kosenden Wipfeln sah; aber es war der schönste Abend meiner Reise, als ich nach andert- halbmonatlicher Abwesenheit wieder die heimatlichen Gefilde schaute, und die Gränze Oesterreichs, meines Vaterlandes, betrat. Mit diesem Eindrucke will ich auch meine Reise bilder schließen. Sie sind nicht strengen Kritikern zur Beurtheilung vorgelegt, und gehören ') Jetzt nicht mehr. 127 nicht in eine Kunstausstellung, wie ich sie allenfalls zu Straßburg, Basel unv München sah. Sie sollen einfache HauSbilder seyn, an denen sich so manches katholische Herz Erheiterung, und vielleicht Belehrung holen mag. Dieß und nicht mehr hatte ich im Sinne. A. Procession, die sich von ferne her dem Oelberge nahet, bilden mit den Gruppen der ruhenden Türken und wandernden Beduinen einen anmuthigen Gegensatz, und bringen in die hehre Stille der Umgebung die wohllautend Kerschbaumer. harmonischen Töne des jetzigen Menschenlebens lnnein. Treu nach der Natur und ergötzlich für das Auge sind da die Trachten, die Stellungen, ist die gcsammte Physiognomie der verschiedenen Nationalitäten aufgefaßt. ! Der Schreiber dieser kurzen Anzeige war selbst in Jerusalem; er ist Eure tvohlferle und bequem R sg A ) ^ ^ oft an der Stätte gestanden, von welcher Herr Halbreitcr sein Bild aus« Jerusalem. «nahm. Die Freude, welche ihm daS Anschauen von LöfflerS Rundgcmäldc Eine solche bietet sich in diesem Augenblick in München dar, und sie! gewährte, kam der Freude eines wirklichen Wiedersehens nahe; eines ist eS werth, daß sie nicht bloß von den Bewohnern unserer Stadt, son-! Wiedersehens jener Gegend, nach der ein Zug deS Heimwehes ohne Auf- dern von vielen andern näher und ferner wohnenden benutzt werde, welche! hören bei Tage wie im Traum der Nächte ihn hinführt, je in ihrem Leben einmal daS Verlangen fühlten, jene Stätte mit ihren, Herr Halbleiter veröffentlichte schon vor mehreren Jahren sechzig eigenen Augen zu schauen, der an hehrer Bedeutung keine andere auf Erden naturgetreue Ansichten aus Jerusalem und Syrien in vier lithographirtcn gleichkommt. Ein edler trefflicher Künstler aus unserer Mitte, Hr. Ulrich!Blättern; ansetzt bietet er den Freunden solcher Darstellungen einen nach Halbleiter, der vor fünf Jahren daS heilige Land besuchte, hat eS sich größerem Maaßstab ausgeführten meisterhaft gelungenen Kupferstich deS dort zur ganz besondern Aufgabe gemacht, Jerusalem und seine Umgegend eben beschriebenen Panorama'S dar, welcher von einem erläuternden Tert mit möglichster Treue aufzufassen und in einer Zeichnung darzustellen, in vier Sprachen begleitet um 5 fl. zu haben ist. Der Standpunct, von welchem aus er sein Bild aufnahm, war der vor- theilhafteste von allen: er wählte sich dazu den mittleren Gipfel des Oel- bergeS, den alten niedren Thurm bei der AuffahrtScapelle, von welchem man die ganze heilige Stadt und daS Land weit umher überblicken kann. Die Gewissenhaftigkeit, mit welcher er sein Werk ausführte, ging so weit, daß er nicht nur die einzelnen Gebäude der Stadt, sondern die Fenster dcrj vr. G. H. v. Schubert, Hofr. und Pros. in München. Winke zur Hebung der katholischen Presse. (Fortsetzung.) WaS die Ausarbeitung deS Stoffes und die Versendung der Aufsätze in Fronte anstehenden Häuser ihrer Stellung und Zahl nach, daß er jedei^E^ so dürfte dabei Folgendes zu beachten seyn: Zinne der Stadtmauer, jeden Baum und Felsenblock, jede AuSzackung deS ^ ^it kleinen Aufsätzen macht man am besten den Anfang, weil fernen Gebirges beachtete und nachbildete. ES war in der That eine Arbeit im Schweiß deS Angesichtes; denn so heiß auch die Strahlen der Sonne brannten, so stark ihr Glanz daS Auge blendete, durfte dennoch der eifrige Künstler aus Furcht vor den herumstreifenden Beduinen sich keines Schirmes bedienen; der Thurm, auf dem er stand, wurde nicht selten vom Sturmwind der Wüste so stark erschüttert, daß sein morsches Gemäuer schwankte. Aber daS Werk. durch sein treffliches Gelingen, zeigte sich auch der daran gewendeten Mühe werth; man darf sagen, ein solches treu bis inS kleinste ausgeführtes Bild von Jerusalem, ein solches Panorama deS merkwürdigsten Theiles von Palästina, vom Oelberge auS, ist kaum noch anderSwo zu finden. Dem Schattenrisse der Halbreiter'schen Zeichnung hat nun ein anderer hochbegabter Künstler, August Löffler, das eigentliche Leben der Farben gegeben. Es ist ihm dieses in solcher meisterhafter Weise gelungen, daß der Eindruck, den der Anblick seines großartigen Rundgemäldes macht, in so wunderbar lebhafter Weise den Beschauer über Land und Meer dahin versetzt, in LaS Land seiner Jugendträume, als stünde er selbst leibhaft auf dem Oelberge. Der Künstler hat die Farben der Natur, er hat die Wirkung deS Sonnenlichtes und der Schatten so kräftig und zugleich so zart in seiner Hand, daß daS Bild, je länger man hineinblickt, desto mehr zu einem wirklichen Boden der Berge und deS Thales, zu einem Walde der Oelbäumc, zu einer aus festen Steinen gebauten Stadt wird. Majestätisch schon erhebt sich vor unsern Augen mit seinen prachtvollen Bauwer dabei die Geduld am wenigsten ermüdet. Hierzu eignen sich zunächst Correspondenzen und kleine Bilder aus dem Leben, Charakterzüge u. s. w. Wie Correspondenzen gehalten sevn sollen, lernt man schon aus den Blättern, die man sich hält; für letztere jedoch (Bilder auS dem Leben u. s. w.) ist es gut, wenn man sich erst gute Erzähler zu Mustern nimmt, z. B. Hebels Erzählungen deS Rheinländischen Hausfreundes, SilbertS legenden- artige Schriften u. s. w. sind treffliche Muster. Jede Woche sollte wenigstens Etwas, wenn auch nur wenig gearbeitet werden*); dann würde eS bald besser gehen und man könnte dann, wenn man Lust dazu hat, mit größeren Artikeln sich beschäftigen. Gute Muster zur Ausarbeitung solcher findet man in den bisherigen Jahrgängen deS Katholiken, der Neuen und Alten Sion, in WestermayerS Hausfreund, im Kölner PiuSblatt u. s. w. Sogleich mit einem größern Artikel anzufangen, ist nicht anzurathcn. 2) Hat man gesunden, daß man für einen bestimmten Zweig der Darstellung besondere Lust und Fähigkeit hat, so cultivire man diesen am meisten und beschäftige sich mit andern Artikeln mehr nur ausnahmsweise. ES ist natürlich besser, daß Einer nur Arbeiten von einer Art und zwar etwas Tüchtiges liefert, als Allerlei und dieses mittelmäßig. Hat man in seinem Wohnorte einige Freunde, die Lust und Fähigkeit zu solchen Arbeiten haben, so wähle man sich ein katholisches Blatt der eigenen oder benachbarten Diöcese auS, in welches man seine Arbeiten schickt. AlSLann vertheile man wo möglich die Arbeit nach den Neigungen und Talenten, so daß der Eine daS Correspondiren, der Andere die Ausarbeitung von Erlen der hehre Morija, die Stätte deS Salomonischen Tempels; weiter!^,, der dritte die Behandlung von Zeitfragen, der Vierte daS Ueber. hinanwärtS glänzt im Strahl der Sonne die Kirche des heiligen Grabes, !^n übernimmt u. s. w. Je besser diese Thätigkeit organisirt wird, und wre ein Fels, an dem sich die Wogen der Ereignisse einer langen mehr kommt eS der Zeitschrift, welcher man seine Kräfte widmet, zu Reche von Jahrhunderten brachen, ohne ihn zu verletzen, der HippikuS- 1 statten. Dieser Vorschlag ist nicht etwa bloß ersonnen, er hat sich durch thurm oder die Zionöburg. ES ist der Genuß eines Pilgrims, der von ^ Ausführung, durch die Erfahrung bereits als gut bewährt. Die Ar- einer der geweihten Stellen der hochgebauten Stadt, dieser Königm m^^en können vor dem Absenden gegenseitig zum Durchlescn und Beur- Wtttwenlrauer, zur andern wandelt, welcher hier dem Beschauer zu Theil ^ilen ausgetauscht werden. wird, wenn er zu seinen Füßen Gethsemane, im Walde der uralten Oel- ^ jst nicht gut, daß Einer mehrere Blätter zu gleicher Zeit bäume daS Thal Josaphat, durch das der Kidron seinen Lauf nahm, vor unterstütze, weil dadurch die Thätigkeit zu sehr zersplittert und die Blätter sich sieht, dann sein Auge erhebt und von dem goldnen Thore, von der ^cht gehörig unterstützt werden. Die verschiedenen Zeitschriften können ja Stalte, da Christus der Herr seinen Einzug der Palmen hielt, hinein in ^ gewünschten Vollständigkeit wegen das Wichtigste von einander auS- das Innere der Stadt blickt, wo sich ihm zur Rechten wie zur Linken die zuweise oder abdruckend entlehnen. Bloß im Falle, daß Mehrere sich zu Denkmale jener großen Ereignisse zeigen, bei denen die Erinnerung m ^nem kleinen Mitarbetler-Verein verbinden, wäre ein Unterstützen mehrerer seliger Stille feiert. Dort gegen Süden hin leuchtet der Spiegel deS todten Blätter zu billigen, wobei aber immer als Grundsatz gelten müßte, daß Meeres rm Schein der Sonne, und jenseits demselben erhebt sich das Ge. ^ Zeitschrift der eigenen Diöcese u. s. w., die man hauptsächlich unter- birge, von dessen Häuptern unS die heilige Geschichte den PiSga und den Nebo nennt; im Norden treten Ephraims Gebirge und die fernen Höhen von Samaria hervor. In der That, der Künstler hat die Weihe empfunden, welche auf der Natur dieses Landes ruht; waS er selber empfand, daS theilt sich jedem empfänglichen Beschauer seines BildeS mit. Noch ein anderer ausgezeichneter Künstler, der Historienmaler Ferdinand Piloty, hat der reichen Landschaft ihre lebenden Bewohner gegeben. Der Anblick der Pilger und einheimischen Christen, welche hier im Vorhof der Capelle die Feier deS HimmelfahrtStageS begehen oder dort im Schatten der Bäume und Zelte des schönen Festes sich erfreuen, die stützen sollte, die Hauptarbeiten zugewendet würden. WaS ich im bisher Gesagten vorgeschlagen habe, darf mir in Ausführung gebracht werden, und man wird sich von dem guten Erfolge bald überzeugen. Absichtlich bin ich bei Behandlung mancher Puncte so ziemlich inS Einzelne eingegangen, so daß eS hier und da scheinen könnte, als streife die Anleitung zuweilen an Kleinlichkeit; allein ich habe daS mit besonderer Rücksicht auf unsere Gelehrtenschulen gethan. An denselben wird ') Dieß sage ich ganz besonders in Hinsicht auf die eigene Ausbildung und Uebung der Mitarbeiter von Zeitschriften. meist den schriftlichen Arbeiten im Verhältniß zu ihrer Wichtigkeit nur allzu wenig Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt, so daß Mancher die Prima- Classe verläßt, ohne sich eine genügende Fertigkeit im schriftlichen Gedan- kenauSdrucke erworben zu haben. Auch die Gegenstände zu Aufsäßen werden dort häufig unglücklich gewählt, so daß ein Abiturient in seinen Auf- satzheftcn wohl Allerlei über Perserkriege, römische Feldherren u. dgl. stehen hat, jedoch bei Behandlung von Fragen, die jedem Menschen sehr nahe liegen, ungemein ungeschickt sich zeigt. Und das Gymnasium sollte doch wohl eine Vorschule für das Leben seyn und nicht für die abgeschlossene Welt einer Gelehrtenstube! Was aber am meisten zu beklagen, daS ist der schauerlich indifferentistische Geist, der an den meisten Gymnasien Deutschlands herrscht. An gewissen Gymnasien wollte ich'ö, falls die Wahl deS Stoffes frei gegeben wird, keinem Schüler rathen, etwas über die Ausbreitung deS Christenthums oder die segensreiche Wirksamkeit der geistlichen Orden oder gar über eine Glaubenslehre u. s. w. zu schreiben. Seine Arbeit würde gewiß mit großer Mißbilligung aufgenommen und meist zurückgewiesen werden. So arg hat sich daS Heicenlhum bei uns einge- fressen, daß unsere Philologen das Christenthum fast nicht mehr ausstehen können. Mancher Professor der alten Sprachen ist im Stande, bei der Erklärung der Zerstörung von Troja (nach Virgil) oder deS Abschiedes HectorS von Andromache (nach Homer) vor tiefer Rührung eine Thräne zu vergießen, während er für die Leiden des Gekreuzigten kein Gefühl hat, der Kirche abgeneigt ist und durch Wort und Beispiel, statt ein Erzieher der Jugend zu seyn, ihr Verderber wird. Die vielen jungen Leute, die auf Universitäten zu Grunde gehen, verdanken ihr Verderben meist den indiffercntistischen und oft sogar mit kirchenfeindlichen Lehrern besetzten Gelehrtenschulen. Ach, ihr armen Eltern in Landstävtchen und auf Dörfern — wie schändlich werdet ihr oft um eure schönsten Hoffnungen betrogen, wenn ihr euere Kinder gut und fromm auf die Gymnasien schickt und sie als entartete Jünglinge, als ReligionSspöttcr wieder zurückerhaltet, da ihr doch in dem Glauben standet, euere Kinder seyen guten Händen anvertraut gewesen! Ist auch ein tüchtiger katholischer Religionölehrer am Gymnasium, so kann der nicht Alles gut erhalten und gut machen, wenn die andern Lehrer nichts taugen und ihm entgegenarbeiten. Ihr werdet euch auch nicht trösten können, wenn euer Sohn gute Zeugnisse seines Fleißes und seiner Geschicklichkeit mit nack Hause bringt, aber den heiligen Glauben dort verloren hat; den ihr wißt, waö eS heißen will: „WaS hülfe eS dem Menschen, wenn er auch die ganze Welt gewänne, aber Schaden an seiner Seele litte?" Da eS an gar vielen Gymnasien so bestellt ist, wie ich eben gesagt habe, so darf man sich nicht wundern, wenn der akademischen Jugend und auch Solchen, die bereits im Amte stehen, daS Verfertigen schriftlicher Aufsätze in der angegebenen Richtung so ungeheuer schwer wird, und daß nachher nur wenige Lust haben, religiöse Gegenstände zu bearbeiten oder gar sich dem geistlichen Stande zu widmen. O Gott, wie viele schöne Hoffnungen gehen da zu Grunde! Und doch ist die Ernte so groß und der Arbeiter sind so wenige! Ich möchte daher sowohl den Gymnasiasten der obern Classen, als auch der akademischen Jugend dringend rathen, kleine Versammlungen oder Vereine zur Uebung in Aufsätzen über religiöse Gegenstände zu stiften und ihre Arbeiten von einem tüchtigen Manne, der in religiöser Beziehung Zutrauen verdient, etwa von einem Geistlichen, prüfen zu lassen. Da daS Ausarbeiten schriftlicher Aufgaben ein so wesentliches Bildungsmittel für Geist und Gemüth ist, so wird es, wenn es in den Dienst der Religion tritt, auch sehr viel dazu beitragen, dem Geiste und Gemüthe eine fromme Richtung zu geben und die Erinnerungen an so einen Verein werden immer zu den schönsten deS Lebens gehören. WaS ich so eben vorgeschlagen, ist wiederum auS dem Leben gegriffen, d. h. eS hat sich durch die Erfahrung als sehr heilsam bestätigt. Beherzigen wir eS nur, daß die Feder eine gewaltige Waffe ist und daß daS Reich Gottes auch sehr vieler solcher Streiter bedarf. Hat eine Unzahl unsittlicher und gottloser Menschen durch die Presse so viel Elend angerichtet, so müssen wir uns wahrhaftig zahlreich und wüthig aufmachen, auf diesem Gebiete den Feind zu verdränge». Wir haben nunmehr über die Verbreitung der religiösen Blätter zu sprechen. WaS darüber zu sagen ist, läßt sich in wenige Worte zusammenfassen. 1) Da religiöse Zeitschriften von wissenschaftlicher Haltung nicht die Bestimmung haben, unter allen Ständen verbreitet zu werden, so hat man auch nicht dahin zu streben. Aber darauf muß von nun an die Aufmerksamkeit Aller, welche die Macht der Presse zu würdigen wissen, gerichtet seyn, daß solche Zeitschriften künftighin mehr unter den Fachgenossen verbreitet werden. Man findet an manchen Orten einen Leseverein von zwanzig bis dreißig Geistlichen und Laien, die mehrere Zeitschriften halten, von jeder aber nur ein Eremplar. Dieses hat zwei Uebelstände. Erstens dauert die Circulation der Blätter zu lange, so daß Manches schon veraltet ist, wenn daS Heft einem der letzten Leser zu Handen kömmt. Zweitens können auf diese Weise die größeren Zeitschriften gar nicht bestehen. Eine größere Zeitschrift sollte nicht von zwanzig bis dreißig Männern, sondern nur von drei oder höchstens vier Lesern gemeinschaftlich gehalten werden. Die Kosten kommen dabei doch nicht zu hoch im Jahr, und für die eigene Weiterbildung so wie für die Förderung der guten Sache muß doch Etwas geschehen, wenn die vielen schönen Worte gewisser Leute, die eine gute Gesinnung bekunden, nicht bloßer Schein und Flimmer, sondern Aechtheit seyn sollen. Diesen Punct bitte ich, recht sehr zu beherzigen. Wir müssen unS durchaus und nöthigenfalls selbst mit Aufopferung dieser guten Sache annehmen, wenn Gott ihr Gedeihen geben soll. Will eS sich nicht von selbst machen, daß eine größere Zeitschrift nur von drei ober vier Theilhabern (statt von zwanzig bis dreißig) gehalten wird, so sollte eS ein eifriger Geistlicher, dem daS Aufblühen der katholischen Presse besonders am Herzen liegt, unternehmen, persönlich dahin zu wirken, sey eS durch Besuche bei seinen Mitbrüdern, sey eS durch Briefe, für den Fall, daß sie in einiger Entfernung auseinander wohnen, oder aber: eS könnte auch in den Capitels- oder Pastoral-Conferenzen u. s. w. förmlich ein deßfallsiger Antrag gestellt und Beschluß werden. Besser werden muß eö in dieser Beziehung und zwar bald, sonst steht zu befürchten, daß daS literarische Leben, um welches es ohnehin bei unS schlecht genug bestellt ist, in kurzer Zeit vollends entschlummern und wir, eines geistigen Weckers beraubt, der so nöthigen geistigen Anregung dann um so mehr entbehren müssen. 2) Religiöse Zeitschriften für das Volk (Sonntagsblätter), welche sich christliche Unterhaltung, Belehrung, Erbauung und Warnung zur Aufgabe gesetzt haben, müssen so stark verbreitet werden als nur möglich. Offenbar ist dafür an den meisten Orten viel zu wenig geschehen; man ließ den Zufall walten oder begnügte sich damit, eins oder zwei Exemplare anzubringen. Wenn ich bedenke, wie sehr solche SoninagSblätter oder religiöse VolkSblätter geeignet sind, einem Geistlichen sein Wirken in der Gemeinde zu erleichtern, daS göttliche Lehrwort zu vervielfältigen u. s. w., so muß ich erstaunen über die auffallende Gleichgiltigkeit und Nachlässigkeit, die hierin bei Vielen sich kunv gibt. Sollen solche VolkSblätter ordentlich wirken, so müssen sie in gehöriger Zahl verbreitet werden; dieses ist um so nothwendiger, als die im Lande zahlreich verbreiteten Zeitungen sich genug Mühe geben, daS Gift des Unglaubens und der Lasterhaftigkeit auszubreiten. Und mit welchem Rechte donnert denn wohl ein Geistlicher gegen die schlechten Blätter loS, wenn er nicht sich Mühe gibt und selbst, wenn nothwendig, kleine Opfer bringt, um ein besseres Blatt in der Gemeinde einzuführen? Ein solcher Eiferer könnte mir beinahe lächerlich vorkommen. Nein, hier muß ein regeres Leben erwachen, wenn die Verantwortlichkeit nicht noch größer werden soll. Die Zeiten sind vorüber, wo das Volk bloß seinen rechtgläubigen Kalender laS und sonst nichts; mit der Verbesserung der Schulen und der Beförderung der Lesekunst wuchs auch die Leselust, und wenn diese von der Zeit selbst herbeigeführt worden ist, so ist eS eine arge Gewissenlosigkeit, wenn dieser Leselust im Volke nicht die rechte Nahrung gegeben wird. Der Geistliche sollte also, mit Hilfe des Lehrers oder sonst eines gutgesinnten Laien seines OrtS, eS sich sehr ernst angelegen seyn lassen, ein solches SonntagSblatr recht zu verbreiten; er dürfte selbst-in Begleitung eines der vorhin Genannten im Orte umhergehen und für die Verbreitung deS BlatteS' wirken. Damit schadet er sich weder an seiner Würde, noch am guten Einvernehmen mit den Pfarrkindern; diese werden seinen guten Eifer vielmehr dankbar und freudig, wenn nicht sogleich, so doch später, anerkennen und werden sich von seinem Ansinnen nicht beschwert fühlen, wenn der Geistliche sagt, daß es Jeder nach seinen Kräften damit halten möge; so daß, wenn Einer allein daS Blatt nicht halten könnte, doch zwei, drei, vier oder fünf eS miteinander halten. Den Redactionen solcher Blätter aber ist bei dieser Gelegenheit nicht dringlich genug ans Herz zu legen, wie sie allen gelehrten Kram, Alles dem Volke Fernliegende, Unverständliche und alles Langweilige aus solchen Sonntagsblättern fernhalten müssen. Manche dieser Blätter nehmen noch gar keine Rücksicht oder doch viel zu wenig Rücksicht auf gute, christliche Erzählungen. Möchte doch dieser wichtige Zweig, der beliebter ist als alles Andere im Blatte, von jetzt an die verdiente Beachtung erhalten! (Fortsetzung folgt.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Vierteljähriger Abonnementspreis im Bereiche von ganz Bayern nur 20 kr., ohne irgend einen weiteren Post-Aufschlag. Auch von Nicht-Abonnenten der Postzeitung werden Bestellungen angenommen. Sonntags -Peiblatt zur Augsburger Postzeitung. Auch durch den Buchhandel können diese BlLltcr bezogen werden. Der Preis belrägt, wie bei dem Bezug durch die Post, jährlich 1 st. 2» kr. Neunter Jahrgang. M AA. 19. August 1849. Hirtenbrief des ErzbischofS von Freiburg. Freiburg. Heute Sonntag den 19. August wird in sämmtlichen Pfarrkirchen deö Landes ein Hirtenbrief vorgelesen und darauf ein feierliches Dankamt für den erfochtenen Sieg gehalten. Der Hirtenbrief enthält scharfe und ernste Worte bezüglich der jüngsten StaatSumwälzung, er saßt jene schweren Zeiten als Zeiten der Heimsuchung Gottes auf und schließt mit eindringlichen Ermahnungen an die Führer und Lenker deS Volkes, die von Gott gesetzt, an die Priester als Diener deS Herrn, und an die Lehrer, Eltern, Reiche und Arme, Städter und Landleute. Montags den 20. Aug. findet dann ein feierliches Seelen- opfer für die Gefallenen statt. Folgendes die Hauptstellen deS Hirtenbriefs: „Nachdem Gott glorreichen Sieg verliehen der gerechten Sache, die Regierung unseres vielgeliebten Großherzogs, des milden und gütigen Vaters deS Vaterlandes, wiederhergestellt, und die gesetzliche Obrigkeit zur Beruhigung und Friedigung deö Landes ihre Wirksamkeit begonnen, drängt eS Uns, in gegenwärtigem Sendschreiben einige Hirtenworte an Euch, geliebteste BiSthumSangehörige, zu richten. Eure Gemüther werden, so hoffen Wir, hinlänglich beruhigt seyn, um ein Wort deö FriedenS Christi zu vernehmen. „Vor Allem tritt im Hinblick auf die Noth und das Elend, welche durch den Aufruhr und den dadurch entzündeten Bürgerkrieg über Baden gekommen, das Beispiel unseres Heilandes Jesu Christi vor unsere Augen, der einstmals voll des innigsten Mitleids ausgerufen: „Mich jammert deS Volkes." Ja, Uns jammert deS Volkes, wenn Wir sehen, wie unser schönes, von Gott so reichlich gesegnetes Vaterland durch die Gräuel deS Aufruhrs und eines brudermörderischen KampfeS theilweise verwüstet, ent- kräftet, geschwächt ist; uns jammert deS Volkes, wenn wir Hinblicken auf die mit Blut gefallener Söhne des Vaterlandes getränkten Saatfelder, wenn wir gedenken der obdachlosen Familien, deren Hab und Gut und Wohnung eine Beute der Flammen geworden, wenn wir gedenken der Eltern, die da weinen und wehklagen über den Verlust geliebter Söhne, wenn wir gedenken der vielen Verstümmelten und Verwundeten; UnS jammert des Volkes, wenn wir Hinblicken auf den zerrütteten Staatshaushalt, und auf all' die Noth, und all' das Elend, das Euch, Geliebteste nur allzugut bekannt ist. Darum klagen wir: „Uns jammert deS Volkes." Um so bejammernSwerther ist aber diese Noth und dieses Elend, weil sie über das arme Vaterland gekommen in Folge eines Umsturzes hervorgerufen durch falsche Freunde des Volkes, „die mit süßen Worten und Schmeicheleien die Arglosen verführten," und die Fackel der Empörung unter die sonst so glücklichen, gewerbsfleißigen und ihres Wohlstandes sich freuenden Bewohner deS gottgesegneten Landes schleuderten. Ist es nicht höchst be- jammernSwerth, wenn die sieg- und ruhmgekrönten Fahnen unseres Vaterlandes verlassen werden von dessen Söhnen, getäuscht und verführt von Menschen, die „zum Deckmantel der Bosheit die Freiheit mißbrauchen, und Freiheit verheißen, da sie doch selbst Knechte deS Verderbens sind?" Ist es nicht höchst bejammernSwerth, wenn ein Theil deS badischcn Volkes sich hinreißen läßt zum Aufruhr und Empörung wider den angestammten Fürsten, der, die Güte und das Wohlwollen selbst, stets in guten wie in bösen Tagen als ein treuer Freund deS Volkes sich erwiesen, und der bei den Bestrebungen für Deutschlands Einheit, Größe und Macht so opferwillig vorangegangen? Ist eS nicht höchst bejammernSwerth, wenn Christen die schwere Sünde der Empörung wider den rechtmäßigen Fürsten und die gesetzliche Regierung begehen, da doch daS göttliche Wort so klar und so deutlich spricht: „Gebt dem Kaiser, waS deS Kaisers, Gott, waS GotteS ist, und „Jedermann unterwerfe sich der obrigkeitlichen Gewalt, denn eS gibt keine Gewalt außer von Gott, und die, welche besteht, ist von Gott angeordnet. Wer sich demnach der obrigkeitlichen Gewalt widersetzt, der widersetzt sich der Anordnung Gottes, und die sich dieser widersetzen, ziehen sich selbst Verdammnis; zu. Es ist eure Pflicht, Unterthan zu seyn, nicht nur um der Strafe willen, sondern um deS Gewissens willen.... Gebet Jedem, was ihr schuldig seyd: Steuer wem Steuer, Zoll wem Zoll, Ehr- furcht wem Ehrfurcht, Ehre wem Ehre gebührt" .... Glaubet dabcr nicht jedem Geiste, sondern prüfet die Geister, ob sie aus Gott sind; prüfet, ob ihre Lehren und Ansichten mit der Lehre der .Kirche des lebendigen GotteS, die eine Säule und Grundfeste der Wahrheit ist," übereinstimmen oder nicht. Verkündigen sie ein anderes Evangelium als daö ist, welches Ihr empfangen, so glaubet ihnen nicht, auch wenn sie in Engelögestalt vor Euch erscheinen, und noch so sehr von Volkswohl und Volksbeglückung sprechen. „ES ist, Geliebte, nicht schwer, zn erkennen, ob der Geist GotteS, oder der Geist der Finsterniß die Männer, die als Volksbeglücker unter uns sich aufgeworfen, trieb und leitete. Wir dürfen unS nur erinnern an das Wort des Herrn: „der Teufel ist ein Lügner und der Vater der Lüge," und daß Er zu den Juden, welche der Wahrheit widerstanden und die Lüge mehr liebten, gesprochen: „Ihr habt den Teufel zum Vater und wollet nach den Gelüsten eures Valerö thun." Die Lüge ist also offenbar nach dem AuSspruch der ewigen Wahrheit deS Teufels Lust und That, und die sie lieben und sie gebrauchen, thun damit nicht GotteS Werk, sondern deS Teufels Werk. Welcher Ansicht nun auch Einer seyn möge in Bezug auf die beste StaatSverfassung und Regierung, so viel muß er zugeben, soll sie bestehen, soll sie für ein Werk PotteS gelten, mit der Lüge darf sie nicht beginnen. Vor Aller Augen liegt aber, daß unsere jüngste Staatg- umwälzung mit der Lüge begonnen hat, in Lüge fortgesetzt und von der Lüge bis zum schmählichen Ende begleitet wurde. Ja nicht bloß mit einfacher Lüge hat sie begonnen, sondern mit der gröbsten und furchtbarsten Art von Lügen, mit Verrath und Meineid. Lüge war's sofort, daß man den Aufstand für einen Kamps zu Gunsten der deutschen NeichSverfaffung ausgab, während man doch, um nur Eines anzuführen, das Vaterland Fremden preisgeben wollte. Lügen waren eS, wenn unser theurer Landesvater auf die schändlichste Art verleumdet, wenn er ein Tyrann, ein VolkS- und LandcSverräther geheißen wurde, während daS ganze Land nur von seiner Güte und Liebe zu erzählen weiß. Lüge war'S, wenn man Freiheit verhieß, während doch auf den Trümmern der gesetzlichen Ordnung nur eine Schreckensherrschaft errichtet ward, unter welcher nicht einmal ein Schatten von Rede- oder Prcßfreiheit übrig blieb. Lüge war's, wenn man dem Volke Wohlstand versprach, während man doch die schwersten Opfer von ihm heischte. Lüge war'S, daß man Bildung in Aussicht stellte, während Alles an Barbarei und Verwilderung mahnte. Lügen waren die Nachrichten über den Anschluß anderer Staaten. Lügen die beständigen SicgeSberichte. Lügen wurden verkündet, bis die Wahrheit fühlbar und greifbar vor Augen stand. Wenn eS nun gewiß ist, daß Trug, Meineid, Untreue, Verleumdung, kurz die Lüge in allen ihren Formen und Gestalten die Hauptrollen spielte in dieser StaatSumwälzung, so ist hier nicht GotteS Geist thätig gewesen; die Sache war vom Argen. Und klar ist eS, daß von Solchen, die vom Geiste der Lüge sich leiten ließen, kein Heil und Glück für das Volk zu hoffen. „Sammelt man denn Trauben von den Dornen, oder Feigen von den Disteln?" Alle die daher getreu geblieben ihrem Fürsten, tragen ein frohes Bewußtseyn in ihrem Herzen, wenn sie gleich auch verkosten müssen die Bitterkeit deS LeidenSkelcheS, welcher dem ganzen Lande gereicht wird. Wir alle müssen demüthig und ergeben uns beugen unter die züchtigende Hand deS Allerhöchsten, der die Stürme zugelassen; wir müssen anbeten den, der schlägt und wieder aufrichtet, der verwundet und wieder heilet, und dessen Barmherzigkeit weithin unsere Missethat übertrifft. 130 „Wie ist eS aber denn gekommen, daß so viele Menschen Knechte ihrer Leidenschaften und ihrer bösen Lust geworden? Höret, Geliebteste, die Antwort! Weil viele Den verlassen, der, wie Er den Seesturm darnieder- gelegt und besänftigt, so auch allein die Stürme LeS menschlichen HerzenS stillt, allein Kraft und Stärke verleiht, der dreifachen bösen Lust im Menschen, cer Hoffart, der Augen- und Fleischeslust siegreich zu widerstehen; weil sie Jesum Christum, den «Lohn GotteS und Heiland der Welt, verlassen. Der stets wachsende Abfall von JesuS Christus, Deinem HI. Evangelium und Seiner heil. Kirche mußte solche Erscheinungen hervorbringen, wie wir sie in den jüngsten Tagen gesehen! WaS zunächst die Mitarbeiterschast anbelangt, so erleichtert auch hier eine Organisation der Thätigkeiten die Sache; ja sie ist geradezu nothwendig. 1) Politische Blätter erfordern theils leitende Artikel, theils Korrespondenzen. Leitende Artikel in politische Blätter zu liefern ist nicht Jedermanns Sache, weil nicht Jeder die Kenntnisse besitzt, die dazu erforderlich sind. Wer solche Artikel liefern will, muß nicht nur tüchtige Geschichts- kenntnisse haben, sondern sich auch in nachstehenden Wissenschaften: Nationalökonomie, Gewcrbewcsen, Militärwissenschaft, Jurisprudenz, Geographie (besonders Statistik). Physik, Literatur u. s. w. umgesehen haben, da sich „Wo keine Erkenntniß GotteS, da ist auch keine Liebe Gottes und kein! kaum ein leitender Artikel für ein politisches Blatt liefern läßt, ohne daß tugendhafter'"' " ' " - -------- ........ .^ ^ ^--- - erkennt mung im . und der durch Seine Auferstehung jeden Zweifel an dem zukünftigen Leben ver rächtet, im Gegentheil Unsterblichkeit und ewiges Leben in das klarste Licht gestellt , abgefallen von Christus, verlieret dieS-eele so leicht den Glauben an die Unsterblichkeit und ein ewiges Leben, und nicht mehr strebt sie durch gottgefälligen Wandel jene Seligkeit zu erlangen, die noch kein Auge gesehen, noch kein Ohr gehört, noch in keines Menschen Herz gedrungen ist, sondern sie beschränkt ihre Bestimmung aus dieft-S Erdcnlebcn, auf die Theilnahme an den Genüssen desselben, hält die Lust eines TageS für Glückseligkeit, um sofort gleich dem Thiere der Vernichtung anheimzufallen. Gestehen wir eS, Geliebteste, gerabe diese gottlose und verruchte Lehre, daß der Mensch nur für diese Erde unv ihre Genüsse geboren sey, hat in unserer Zeit vieler Gemüther auf eine schauderhafte Weise sich bemächtigt, und sie trägt am meisten bei zum Lerderbniß unseres gesellschaftlichen Zustandes, zu den Noth- und Uebelständen, unter denen die Menschen heut zu Tage seufzen. „Geliebteste! diejenigen, Lie daS Gericht deS Herrn nicht fürchten, scheuen sich nicht, um ehrgeizige Plane durchzuführen, ein ganzes Volk inS Unglück und Verderben zu stürzen. Diejenigen, die keine Hoffnung auf ein ewiges Leben haben, allwo der gütige Gott „abwischen wird alle Thränen von den Augen, und wo nicht mehr seyn wird Trauer, noch Klage, noch Schmerz," wollen nicht im Schweiße ihres Angesichts ihr Brod verdienen, und nicht die drückende Last der Arbeit fühlen, sondern begierig nach Sinnengenüssen, suchen sie abzuschütteln (nicht einmal vier Briefe hinter einander und dann einmal wieder ein und einer Kirchenzeitung gemacht werden. Doch solche leitende Artikel sind für ein politisches Blatt auch nicht streng erforderlich. Kommen solche nicht von auöwärtigen Mitarbeitern, so hat der Redacteur schon einige Männer seines Wohnorts an der Hand, welche sie nölhigenfallS liefern. Was aber dringend nothwendig, unerläßlich ist, daö sind Korrespondenzen aus den verschiedensten Gegenden des Vaterlandes und deS Auslandes — und hieran fehlt eS unsern katholischen Zeitungen außerordentlich und zwar durch unsere eigene Schuld, weil wir nichts dafür thun. Hier muß jetzt geholfen werden und zwar in ganz ähnlicher Weise, wie eS vorhin bei den religiösen Blättern angegeben wurde, nämlich durch Organisation der Thätigkeit. Wo ein kenntnißreicher Mann, der allen den erforderlichen Beziehungen genügen könnte, fehlt, da müssen mehrere Männer diesen einen zu ersetzen und darzustellen suchen. Der Eine hat also über daS Gedeihen der Feldfrüchte und des Weines nebst den darüber sich gestaltenden Preisen zu berichten, ein anderer über Vorfälle in der Stadt oder auf dem Lande, ein dritter über Veränderungen im Schulwesen, ein fünfter über Kunstprocucte u. s. w. Eö kann auch Einer mehrere dieser Beziehungen übernehmen und so wären denn zur Unterstützung einer politischen Zeitung eigentlich nur wenige Personen an einem und demselben Ort erforderlich. Die Hauptsache ist, daß der Korrespondent regelmäßig schreibt daS Joch, das sie in diesen stört, voll Neid und Mißgunst werfen sie lüsterne Blicke auf daS Eigenthum des Besitzenden, werden am Ende Diebstahl, Raub und Mord für erlaubte Mittel halten, um sich den Weg zu den Freuven dieses irdischen Lebens zu bahnen, außer welchem sie nichts Höheres kennen. Diejenigen Besitzer aber, welche keinen Richter fürchten, der Rechenschaft verlangt über die Verwendung deS ihnen anvertrauten Gutes, werden dieses nur zu Sinnengenüssen und Lebensfreuden, oder zur Befriedigung ihrer Habsucht anwenden, Vierteljahr gar nichts) und daß er schnell berichtet, damit andere Blätter ihm nicht zuvor kommen, und daß er genau berichtet (keine Lügen oder grundlose Gerüchte) unv endlich daß er leserlich schreibt, damit der Bericht nicht wegen allzu argen Gekritzels und unverständlicher Abkürzungen muß weggeworfen werden. Da die Correspondenzbriefe an Redactionen nicht frankirt werden, so erwachsen dem Korrespondenten in dieser Hinsicht auch keine Kosten; bloß ein wenig Mühe kostet eS. Die Artikel nicht aber mit demselben der Noch und dem Elende der armen Bruder und müssen niemal »»nöthiger Weise ausgedehnt werden; so kurz als möglich Schwestern steuern wollen. So wird dieser Mangel des Glaubens an die Un- sind sie zu halten. Wie oft ein Correspondent schreiben soll, das hängt stcrblichkeit oder die Glcichgiltigkeit gegen die Bestimmung deS Menschen überall von seinem Stoffe und seinem Eifer ab. ES versteht sich auch, daß ein den verderblichsten Einfluß auf unsere gesellschaftlichen Zustände ausüben und) Korrespondent das Blatt, für welches er arbeitet, halten oder eS wenigstens hat sie schon ausgeübt. Für den, der die Gerichte GottcS nicht fürchtet, gibt eS durch andere Gelegenheit lesen muß, damit er sich mit seinen Arbeitern keine Schranke, kein Maaß und kein Ziel mehr. Die Gesetze erscheinen ihm nur als lästige Fesseln seiner entfesselten Leidenschaft. Alles, waS das menschliche Herz groß und edel macht, und was erhebt über die Trübsale dieser Welt, verschwindet; und dieses Streben, welches sich anfangs als Aufklärung und Bildung geberoct, endet mit fürchterlicher Verwilderung einer gänzlichen Barbarei und Auflösung aller Bande der menschlichen Gesellschaft. „Darum, Geliebteste, erkennet die Zeichen der Zeit und lasset die Tage der Heimsuckuing Gottes nicht spurlos an Euch vorübergehen. „Ja, erkennet Ihr Alle die Tage der Heimsuchung GotteS! Ihr vor Allen, die Ihr von Gott erwählet seyd als Führer und Lenker deS Volkes, erkennet eS darnach richte. Was ein Correspondent schreiben soll, muß man seiner Einsicht überlassen; hoffentlich wird er sich mit gar zu unbedeutenden Dingen nicht befassen, noch Solches melden, waS seinem Redacteur unnöthi- ger Weise Verlegenheiten bereiten könne. Da jetzt in allen bedeutenden Stävcen unseres Vaterlandes katholische (Pius ) Vereine bestehen, die sich ja auch die Förderung der guten Puffe angelegen seyn lassen wollen, so meine ich, könnte eS bei einigem guten Willen roch gar nicht schwer werden, die wenigen katholischen Zeitungen Deutschlands durch Originalcorre- spondenzen zu unterstützen. WaS das Frankfurter Journal und andere ichmutzblätter mit Hilfe ihrer Gesinnungsgenossen fertig bringen, daS tief in Eurer Seele, daß Euer Amt ein durch GotteS Gnade Euch verliehenes, sollten, dächte ich, doch auch die „Gutgesinnten" vollbringen können. Und und daß eS Eure heiligste Pflicht ist, eS nach dem Willen deS Herrn, dessen Stell-^ wenn noch vor wenigen Monaten die preußische Regierung den Versuch Vertreter Ihr seyd, zu handhaben. . machte, durch unentgeltliche Versendung einer in Berlin gegründeten litho- „Erkennct die Tage der Heimsuchung Gottes, Ihr, Priester und Diener! graphirten Korrespondenz*) ihre Gesinnungen und Grundsätze zu verbrei- deS Herrn! Gedenket, daß Ihr seyd daS Salz der Erde, daö Licht der Welt, daß ^ ten, sollte ich meinen, müsse auch unS etwas AehnlicheS möglich seyn, eö vorzüglich an Euch gelegen, ob Gutes erwachse auS den gegenwärtigen Trüb-^ wenn wir mir unserer guten Gesinnung nicht als Lügner und mit unserm salen, oder nicht, ob wieder wahrer lebendiger ChrisluSglaube und mit ihm hei- Eifer nicht als alberne Tröpfe dastehen wollen. Wir haben ja nicht eine lige Sitte und Bürgertugcnd unter den Bewohnern unseres Landes herrschend werden, oder nicht! Der Herr hat Euch gesetzt, daß Ihr gehet und Frucht bringet, und Eure Frucht bleibe." Winke zur Hebung der katholischen Presse. (Fortsetzung.) L. Die politischen Blätter. — Wie im Vorigen, so haben wir auch die Förderung politischer Blätter in zwei Abtheilungen zu sondern: in die Besorgung der Mitarbeiterschast-und in die Verbreitung deö Blattes. Unzahl katholischer Zeitungen zu unterstützen; wenn nur die Hauptorgane, z. B. das „Mainzer Journal," die „Rheinische Volkshalle" und die „AugSburger Postzeitung" u. s. w. tüchtig unterstützt werben, so können sich die kleineren Zeitungen durch Entlehnen der Artikel schon behelfen. Eö wäre also nothwendig, daß in jeder bedeutenderen Stadt Deutschlands, z. B. Wien, Prag, Augsburg, München, Frankfurt, Mainz, Berlin, BreSIau, Köln u. s. w. sich ein paar schreibkundige Männer zum Zwecke ') Dieselbe wurde verschiedenen Redactionen unentgeltlich zugeschickt; allein wohl nur wenige mögen Gebrauch davon gemacht haben, da sich die Regierung leider kein Vertrauen zu erwerben wußte. Der Verfasser. 131 deS CorrcspondirenS vereinigten. Da Einer nicht Alles zu thun braucht, sondern die Arbeit sich nach Fächern vertheilt, so wäre auch die Mühe nicht so groß, und der Zeitaufwand nicht bedeutend. Eine solche Bethe!- ligung an der Tagespresse muß jetzt aber endlich zu Stande kommen, wenn unsere zahllosen Gegner nicht ganz und gar die Oberhand erhalten sollen. Möchte dieser Aufsatz doch im Stande seyn, solche kleine Cvrrespondenz- Wereine überall inS Leben zu rufen! So viel in Betreff des Inlandes. 2) Was das Ausland betrifft, so haben manche katholische Handelshäuser ihre regelmäßige Korrespondenz mit Paris, Lyon, Brüssel, der Schweiz, London, Mailand, Livorno, Rom u. s. w., da wäre eS ja leicht zu machen, daß solche Herren die etwanigen Neuigkeiten ihres Briefwechsels den katholischen Zeitungen mittheilten und ihre Korrespondenten noch besonders ersuchten, ihnen jedesmal auch Etwas über die neuesten Ereignisse und Gestaltungen ihrer Länder und Aufemhaltorte zu berichten. Ist «S nicht eine Schmach, daß katholische Blätter z. B. ihre Nachrichten auS Rom meist der charakterlosen „Allgemeinen Zeitung" entnehmen müssen!*) Dieß muß und kann und soll aber anders werden. Unsere Redactionen müßten sich mit solchen Handelshäusern auf freundschafilbchen Fuß setzen. ES gibt aber auch sonstige Privatpersonen, welche Briefwechsel mit bedeutenden Städten deS Auslandes unterhalten oder doch Gelegenheit hätten, sich mit einem Freunde in diesen Städten in brieflichen Verkehr zu setzen. Diese sollten es thun; dieß käme unsern Zeitungen trefflich zu Statten, und was die Vermehrung deg Porto's betrifft, so würde die Redaction solche gewiß gern erstatten, da ja durch vermehrte Original Korrespondenzen das Blatt sich auch hebt. Genug deS guten Raths über die Mitarbeiterschaft an katholischen Zeitungen; wenn derselbe nur auch williges Gehör und bereitwillige Ausführung findet! WaS die Verbreitung katholischer Zeitungen betrifft, so bitte ich die Leser, nachfolgende Puncte in ruhige und ernste Erwägung zu ziehen. 1) Durch Nichts wird eine Zeitung so sehr gehoben und verbreitet, als durch viele Inserate. Man hätte schon manches schlechte Blatt stürzen können, wenn eS nicht so viele Anzeigen hätte. Gar häufig hörte man von guten Katholiken sagen: „Wir verabscheuen die Tendenz dieses oder jenes BlatteS; aber wir müssen es der Anzeigen wegen beibehalten." Und so lebt die schlechte, gemeine Tagespresse großentheils vom Gelde der Katholiken! Kann man sich einen größer» Unsinn, eine schmählichere Mattherzigkeit denken, als dieses Treiben? Doch statt unserm gerechten Unwillen vollen Lauf zu lassen, wollen wir Vorschläge machen, wie diesem Uebelstande abzuhelfen sey. Die gewöhnlichen, ordentlichen Mittel gegen die schlechte Presse sind längst erschöpft. Die Pfarrgcistlichkeit hat an allen Orten dagegen ihre Stimme erhoben — vergebens! die Bischöfe haben in ihren Hirrenbriesen dagegen gemahnt und selbst von der Kanzel herab gewarnt — vergebens! Die katholischen (Pius-) Vereine haben die Bekämpfung der schlechten Presse für nothwendig erklärt — waS ist aber geschehen? Man zeige mir eine einzige mannhafte und beharrliche That gegen das schmutzige Gewürm der falschen Aufklärung und der schlechten Presse, und ich will die Anklage der Maltherzigkeit und tiefste» Erbärmlichkeit zurücknehmen. Alle ordentlichen Mittel sind erschöpft. WaS ist zu thun? Man muß zu außerordentlichen Mitteln schreiten. Haben Ermahnungen nichts gefruchtet, so müssen jetzt Thaten helfen. Ich schlage folgendes Verfahren vor: Nehmen wir an, in einer Stadt von 16,000 katholischen Einwohnern beständen zwei Zeitungen, eine schlechte, welche aber alle oder doch die meisten Anzeigen hat, und eine katholische, welche keine oder nur sehr wenige Anzeigen hat und auch keine bekommt. Man wird hoffentlich annehmen dürfen, daß unter 16,000 katholischen Bürgern wenigstens 200 sich befinden, welche Eifer genug besitzen, zur Vertilgung eines gotteslästerlichen Blattes Hand zu bieten. Diese 200 Bürger (meist Kaufleute und Handwerker) verpflichten sich durch ihre Unterschrist: 1) daß sie keine einzige Anzeige mehr in die kirchenfeindliche Zeitung schicken werden; 2) daß sie ihre Anzeigen ausschließlich nur in die auf gleichem Platz bestehende katholische Zeitung senden und daß sie monatlich wenigstens eine Anzeige von beliebiger Länge in die katholische Zeitung einrücken lassen wollen; 3) daß sie von vierzehn Tagen zu vierzehn Tagen bei ihren Freunden und Bekannten in der Stadt und Umgegend dahin eifrigst wirken wollen, daß Jene ein Gleiches thun wie sie. 4) Die eingegangene Verpflichtung gilt für die Dauer eines JahreS. Ein solches Bündniß gegen die schlechte Presse wird seine guten Früchte tragen; eS werden jährlich allein durch die Mitglieder dieses Bündnisses 2400 bezahlte Anzeigen in das katholische Blatt kommen, ohne diejenigen Anzeigen zu rechnen, welche durch die Freunde der Mitglieder und durch Solche noch hinzukommen, die zwar der katholischen Zeitung nicht geneigt sind, aber einsehen, daß sie, um ihre Anzeigen genugsam zu verbreiten, dieselben doch auch in die karho-- ') Die Postzcitung hat seit längerer Zeit einen zuverlässigen Correfiondcntrn in Rcm. lische Zeitung einrücken lassen müssen. Kostspielig ist dieß Verfahren für die Mitglieder deS Bündnisses durchaus nicht. Nimmt man an, daß Einer monatlich für Anzeigen (die Zeile zu 1 '/^ Kreuzer oder 6 Pfennige gerechnet) 8 Kreuzer oder ungefähr zwei Silbergroschcn ausgibt, so macht daS im Jahr einen Gulden und 36 Kreuzer oder 24 Silbergroschcn — wahrlich ein sehr geringes Opfer, wenn eS die Vernichtung der Presse gilt. Ich würde mir diese kleine Beisteuer zu Gunsten der katholischen Presse gewiß gerne am Munde abiparen, wenn cö nicht anders ginge. Ja ja, ihr Freunde der guten Presse, ihr Gutgesinnten Alle, nur durch Opfer konnt ihr die -Lchandpresse stürzen! Nehmt diesen Vorschlag nur nicht mit Achselzucken oder Kvpfschütteln auf; dieser Vorschlag, so seltsam er euch jetzt auch noch vorkommen mag, ist durch und durch praktisch und wird sich alö wirksam bewähren. Sollte eS den Mitgliedern eines solchen Bündnisses an Stoff zu Anzeigen fehlen? Keineswegs. In einem Geschäfte kommt Allerlei vor, WaS sich zn Anzeigen eignet, und selbst der Privatmann dürfte mancherlei einzurücken haben, wenn er sich darnach umsehen will. Um die nöthige Anzahl von Mitgliedern zu einem solchen Bündnisse zusammen zu bringe», würden die katholischen (PiuS-) Vereine am besten sich verwenden; eine Aufgabe, die eines solchen VercincS würdig ist und ihm ein großes Verdienst erwerben wird. DaS Verfahren hierzu wäre höchst einfach. Etwa 20 bis 30 Mitglieder des PiuSvereinS würden sich versammeln und ausmachen, wo Jeder seine Unterschriften zu sammeln hat, Jeder übernimmt eine Straße, in welcher er Theilnehmer wirbt. Wären dann, nachdem dieses geschehen, noch Straßen übrig, so würden sich die 20 bis 30 PiusvereinSmitglieder von Neuem versammeln und die noch übrigen Straßen und Plätze zur Einsammlung von Unterschriften unter sich vertheilen. Gut wäre eS wohl, wenn nach vorläufiger Schließung der Unterschriftenliste sogleich eine Generalversammlung sämmtlicher Theilnehmer an dem gegen die schlechte Presse gerichteten Bündnisse gehalten würde. Bei dieser Gelegenheit könnte man ihnen die Nothwendigkeit und Zweckmäßigkeit dieses Verfahrens dringend an'ö Herz legen, sie zu desto größerem Eifer anfeuern und ihnen auch manchen Wink ertheilen, wie hierbei am besten zu verfahren sey u. s. w. Gleichermaaßen müßte man auch die Gutsbesitzer und Geschäftsleute der umliegenden Ortschaften und Landschaft zur Betheiligung an diesem Unternehmen zu gewinnen suchen. Wir können nicht annehmen, daß es nicht noch genug gut katholische Geschäftsleute n. s. w. gebe, die einem solchen Vereine beitreten würden; aber die alte Gewohnheit, ihre Anzeigen in der schlechten Zeitung deS OrtS einrücken zu lassen, legt sich nicht sogleich ab, zumal wenn eS an einem Einheitspunct zu einem hier nothwendigen gemeinschaftlichen Handeln fehlt. Dieser EinheilSpunct würde durch einen solchen Verein gegeben werden. Ehe man diese Vorschläge als fromme Wünsche belächelt, führe man sie aus! Wenn nicht drei gescheiterte Versuche hinter unS liegen, haben wir nicht Ursache, davon abzustehen! So viel in Betreff der Anzeigen; eS ist bei einem politischen Blatte offenbar der wichtigste Punct. 2) Hat man bewerkstelligt, waS im Vorhergehenden angegeben wurde, so kann der PiuSverein deS OrtS noch ein Weiteres thun und durch seine Mitglieder allenthalben zur Abschaffung der schlechten Zeitungen ermähnen. Die Abschaffung wird dann leicht von Statten gehen, weil ein angenehmes und zugleich nach allen Seiten hin nützliches Organ aufgestellt worden ist. Er kann weiterhin auch dringend anempfehlen, diejenigen Wirthshäuser rc. nicht zu besuchen, wo nur Zeitungen von schlechter Gesinnung aufgelegt sind; er kann auch ein eigenes katholisches Casino gründen, in ^welches keiner aufgenommen wird, dessen kirchliche Gesinnung zweifelhaft ist. Wenn die Freimaurer, Lichlsreunde und Nongcancr sich das Vereiusrccht fin besagter Weise so eifrig zu Nutze machen, so dürfen wir wahrhaftig nicht zurückbleiben. Von unserm Thun wird es abhängen, ob die nach uns kommende Generation Segen oder Fluch über unS ausspricht, noch mehr: wie wir einst vor dem Richterstuhle GvtleS bestehen werden. Im Schweiße unseres Angesichts müssen wir nun einmal unser Brod essen, und so wollen wir uns denn auch keinen Schweiß verdrießen lassen, wo eS Gottes Ehre, unser eigenes Heil und das Heil unserer Mitmenschen in der Mitwelt und Nachwelt gibt. DaS Himmelreich leidet Gewalt und wer !cS gewinnen will, muß eS an sich reißen. DaS gilt nicht bloß vom innern ! Kampfe deS Menschen, eS gilt ganz gewiß auch vom Kampfe mit äußeren Hindernissen, und wenn GotleS reichster Segen sich noch nicht an unsern , katholischen Zeitungen gezeigt hat, so kommt eS wobl nur daher, weil wir Einser Werk so wenig zu Seiner Ehre und in Seinem heiligen Namen ^ beginnen und weil wir eS unS (als Gesammtheit genommen) so wenig I Anstrengung kosten lassen. Also hinweg mit dem armseligen Seufzen über j die Verwüstungen der schlechten Presse! Legen wir in GotleS Namen Hand an, und eS wird sicherlich gnr gehen; Gott wird sein eigenes Werk nicht verlassen, billig aber entzieht Er Seinen Segen allem verzagten, nach Halbheit aussehenden Beginnen. In Anbetracht unserer gewaltigen geifti- 132 gen und sonstigen Mittel kann unS Katholiken der Sieg gar nicht fehlen, wenn wir unS stark und muthig aufraffen. (Fortsetzung folgt.) Hunger und Durst — aber nicht nach der Gerechtigkeit. -j- „Ich sah einmal fünf Männer, und was konnte ich anders, als sie für wahnsinnig halten? Der Erste kauerte mit vollen Backen Meersand. Der Zweite stand an einem See und bemühte sich dessen abscheuliche und übelriechende Dünste einznathmen. Der Dritte lag vor einem Ofen, der heiß brannte, und freute sich, die glänzenden Feuerfunken mit offenem Munde aufnehmen zu können. Der Vierte saß auf der Zinne eines Tempels und zog die Luft in sich ein, und wenn sie ihm nicht stark schien, wedelte er mit einem Fächer, um sie heftiger zu bewegen, als wollte er allen Wind essen. Der Fünfte befand sich unten und verlachte die Andern, da er doch am meisten selbst das Auslachen verdiente; denn er saugte mit unglaublichem Eifer an seinem eigenen Fleische und hielt bald die Hände, bald die Arme, bald andere Körpertheile an seinen Mund. Ich hatte Mitleiden mit diesen Menschen und fragte einen Jeden um die Ursache seines Elends, und ich fand, daß alle fünf den fürchterlichsten Hunger hatten. Als ich ihre magern Angesichler betrachtete, erinnerte ich mich der Worte des klagenden Psalmiften: „„Ich bin getroffen wie Heu, und mein Herz ist dürre: denn ich vergesse mein Brod z'u essen."" „WaS nützen euch," rief ich auS, „diese Dinge? ES sind nicht die natürlichen Speisen und mehr geeignet, den Hunger zu erregen, als zu stillen. Denn das Br»d der Seele ist die Gerechtigkeit, und glücklich sind nur Jene zu preisen, die darnach Hunger haben: denn sie werden gcsättigct werden. Denn nach dem Bilde Gottes ist gemacht die vernünftige Seele, die zwar mit Allem sich befassen, aber niemals ganz zufrieden gestellt werden kann; denn sie ist fähig, Gott in sich aufzunehmen, und nichts wird ihr Verlangen ausfüllen, was weniger ist, als Gott." Dieses sonderbare Gleichniß erzählte der honigflicßenve Bernardus seinen Schülern am Schlüsse der Erklärung deS Evangeliums: „Siehe, wir haben Alles verlassen und sind dir nachgefolgt." Der altehrwürdige P. Mathias aber hat diese Parabel nach der Fülle ihres SinncS und seines frommen Herzens auf folgende sinnreiche Weise gedeutet, vie auch für unsere Zeit paßt mit ihrem Hunger und Durft — aber nicht nach der Gerechtigkeit. 1. Die Geizigen und Habsüchtigen kauen den Sand des Meeres, das ist, Geld und Gut, mit beiden Backen; aber sie werden davon so wenig satt, als wenn sie Sand essen würden. Geld und Gut nützen den Geizigen so wenig als der Sand, weil sie selbes nicht anwenden, um sich Freunde und Abvocaten für die Ewigkeit zu machen. Wenn man auch manchmal gleichwohl mit Recht über die Arroganz der Armuth klagt, so ist doch auch die Hartherzigkeit mancher Wohlhabenden eine Veranlassung zum Aufschrei deS Armen an Gott und Mitmenschen. In einem Dorfe, daS wohlbemittelte Einwohner hat, war im vorigen Sommer ein armer Leerhäuöler krank, der wegen verschuldeten AnwesenS weder Arzt noch Arznei bezahlen konnte. Der Pfarrer und der OrlSvorsteher stellten demselben ein ArmuthSzcugniß bei dem Arzte auS, und glaubten auf die Mildthätigkeit der Gemeinde rechnen zu dürfen. Aber wie bitter sah man sich bei der Armenrechnung getäuscht, als dieser Armcnposten nicht zur Bezahlung anerkannt wurde! Wer war aber der Hanptgegner deS armen Kränkelt? Ein reicher Mann, der gar leicht allein diesen Posten hätte be- streiten können. — Mit Schrecken dachte ich an die Worte deö heiligen ChrysostomuS, daß daS Almosengeben eine christliche Pflicht sey, da ja sonst die Unbarmherzigen nicht auf die linke Seite gestellt würden. Der hartherzige Reiche hat viele Feinde, während der wohlthätige vermögliche Mann an den Armen viele Freunde hat, die ihm auch in der ankern Welt noch durch ihr Gebet nützlich seyn können. 2. Die Unzüchtigen athmen den abscheulichsten Gestank aus dem Schwefelsce ihrer fleischlichen Lüste ein und auS; denn waS ist cS anders, woran sie sich erfreuen, als die schändlichste Lust, die des Menschen Seele und Leib beschmutzt, die man vor den Augen der Menschen und vor dem Angesichte der Sonne verbirgt, und die ein geschämiger Mund nicht gerne anSspricht? Doch unsere Tage haben eine solche Geschämigkeit bereits abgelegt, wie von Wien und Rastalt berichtet wurde, wo die Emancipation deS Fleisches ihre schändlichsten Triumphe feierte, so, daß man an der Schwelle von Sodoma und Gvmorrha zu stehen scheint, und Deutschland bald in die Fußstapfen deS alten Romö treten wird, daS immer mehr in Verfall geriet!), je zerrütteter, wollüstiger und treuloser der Ehestand gehalten wurde. Bereits ist es in manchen Städten und Ortschaften so weil gekommen, daß rechtschaffene Eltern für die Tugend ihrer Töchter zittern müssen, wenn sie dieselben in den Dienst geben, da eS oft gerade so viel ist, als würden sie selbe in einen Venustempel schicken. Ein Theil der Armuth kommt eben von diesem Laster her; denn ein weiser Mann sagt: „Man malt die Liebe bloß — dieß hat seine gute Bedeutung. Denn sie macht manchmal so unverschämt, kein Hemd zu dulden, und oft so arm, keines mehr zu haben." 3. Die Feuerfunken, die begierig auS dem brennenden Ofen aufgefangen und gleichsam verspeist werden, sind die glühenden Rache- und Mord-Gedanken deS Zornigen. Denn daS Herz des Zornigen gleicht einem Glutofen, auS dem wie Feuerfunken die gröbsten Beschimpfungen und gräulichsten Gotteslästerungen, die ausgesuchtesten Racheübungen und grausamsten Mordthaten herausfliegen und ganze Gegenden in Brand stecken. Der Dornbusch wäre gerne König gewesen, aber weil er eS nicht wurde, darum ging Feuer vom Dornbüsche auS und verzehrte im Zorne LibanonS Cedern, tiefsehende und rechtschaffene Männer Deutschlands, die ! sich das Gewissen vom Dornbüsche nicht wollten zerreißen lassen, aber auch I die Hütten Derjenigen, die den Dornbusch zum Könige machten, wie wir ^ in Baden und in der Rheinpsalz sehen. Der Zorn will mit Leichen gefüttert und mit Blut getränkt seyn, und die Zornwunden deS HerzenS erzeugen wieder andere Wunden, so, daß unser unglückliches Vaterland einem Manne voll Blut und Wunden gleicht, der keinen Wundarzt findet. 4. Auf der Zinne deö Tempels sitzen die Stolzen und Hoch wüthigen und fächeln sich selbst.Wind zu, wenn ihnen die Untenstehenden nicht genug schmeicheln. „Der Hochmuth derer, die dich hassen, steiget immer." Diese Worte deS königlichen Psalmensängers, die er an Gott richtete, richten auch den Hochmuth unserer Zeit, der sich vor Gott nicht mehr demüthigen, der die Wahrheit nicht anhören, der seinen armen Mitbruder nicht ansehen will. Vor lauter menschlichem Respect vergißt man den Respect vor Gott, vor lauter Complimenten und Schmeicheleien versteckt sich die Wahrheit, und der unverschulvete Arme klagt eS nicht vergeblich seinem Gott, wenn der Stolze aus besserm Lehm gemacht zu seyn glaubt und seinen Mitgeschaffenen und MiterlöSten verachtet. Von der Zinne des Tempels, den sich der menschliche Hochmuth gebaut hat, müssen wir Alle, der Eine mehr, der Andere weniger, herabstcigen in das Thal der Demuth, und der Abgrund unserer Sündhaftigkeit muß anrufen den Abgrund der göttlichen Barmherzigkeit, damit wieder Gottes Gnaden- sonne die verfinsterten Herzen und Köpfe erleuchte. Aber dazu ist vor Allem nothwendig, daß das Licht der göttlichen Gnadenanstalt auf Erden, nämlich der Einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche nicht unter den Schüssel moderner StaatSklugheit gestellt werde, sondern frei leuchte. Wenn der Staat der Stadt Gottes auf Erden die Hände bindet, so sind auch seine Hände gebunden. 5. Der weise König sagt im Buche deS Predigers: „Der Thor frißt sein Fleisch." Und der heilige Augustin vergleicht den Neid mit dem Roste am Eisen, der es verzehrt. Unter dem fünften Manne also, den BernardnS an seinem eigenen Leibe saugen, nagen und beißen sah, verstehen wir einen Menschen, dem daS bekannte Sprüchwort in den Mund gelegt wird: „Die Saat auf dem fremden Acker ist fruchtbarer, und die Kuh deS Nachbars hat ein größeres Euter." Zu dem Geize, der Unzucht, dem Zorne und Stolze gesillt sich in unserer Zeit noch der Neid und die Unzufriedenheit und richtet großes Verderben in der menschlichen Gesellschaft an. Der Bürger beneidet den Beamten, der Bauer den Bürger, und keiner von diesen will mehr in seinem Geleise bleiben, weßhalb eS geht wie auf der Eisenbahn, wenn der Wagenzug von den gelegten Schienen abweicht und in einen Abgrund stürzt. Kleiderpracht und Genußsucht sind zwei Hebel der Hölle, welche in vielen Familien den Himmel deS FriedenS und des häuslichen Glückes aufheben. Denn eben der Neid ist eS, der Keinem mehr einen Vorzug gönnen will, und die Unzufriedenheit mit seinem Stande erregt im Herzen deS Armen die Mißgunst gegen Den, der mehr hat. Die vielen Wirthshäuser, Märkte und Tänze haben der genußsüchtigen Jugend gleichsam zum Dornbüsche gedient, woran ihr Geld, ihre Ehre, ihre Gesundheit und der Gehorsam gegen die Eltern hängen geblieben ist, und ein großer Theil der Verantwortung vor dem göttlichen Richterstuhle über daS ausgebreitete Verderben unserer Zeit kommt auf Rechnung Derjenigen, die dem Volke nur zu viele Gelegenheiten zur sinnlichen Lust gaben und über daS „Pfaffengeschwätz" spotteten, und so treffen wir denn gar häufig die fünf Männer deS heiligen BernardnS an, die Hunger und Durst haben nach Geld und Gut, nach fleischlichen Genüssen, nach Rache und Blut, nach dem Rauchwerke eitler Ehre und nach den Besitzungen und Genüssen des Nächsten, aber nicht nach der Gerechtigkeit, weßhalb der Ausspruch der ewigen Wahrheit an unS erfüllt werden wird: „Die Gerechtigkeit erhöhet ein Volk: aber die Sünde machet elend die Völker." Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen.- Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Vierteljähriger Abonnementspreis im Bereiche von ganz Bayern nur 2» kr., ohne irgend einen weiteren Post-Aufschlag. Auch von Nicht-Abon- nenten der Postzcitung werden Bestellungen angenommen. Sonntags-Peiblatt znr Augsburger Postzeit nng. Auch durch den Buchhandel können diese Blätter bezogen wer» den. Der Preis beträgt, M bei dem Bezug durch die Post, jährlich 1 st. 20 kr. Neunter Jahrgang. S6 August 184S. Der heilige GenefiuS, Märtyrer unter Diokletian. -i- 26. August 286. Schon wankt im tiefen Grunde das Gemäuer, Am Gibcl leckt der Flamme lichte Glut; Die Eule flattert ängstlich in den weiten Räumen, Die schon Jahrhunderte ein Obdach ihr gewährt. Und stimmt in ängstlichem Gekrächze Wehmüthig sich die Todtenklage an. Der Riesenbau, der als ein zweites Babel Im Uebermuth des Heideuthumes sich erhob. Weicht aus den Fugen und die stolzen Meister Vermessen sich umsonst den wankenden zu stützen — Der Tag des neuen Baues ist genaht! Des Sturmes allgewaltig Brausen, Der dort im Aufgang von den hehren Zinnen Der Sionsburg, die Welt durcheilend, sich erhoben, Zieht siegreich durch des Reiches weite Marken, Vernichtend der Tyrannen frevelnde Gewalt. — Da lebte dort in der Cäsarenstadt am Tiberstrande, Die schon so viel des Märtyrbluts getrunken, GenefiuS — ein Mann im Schooß des Lasters Auf dem Theater, dem er diente, groß erzogen. Laut schallte ihm des Volkes Freuderuf entgegen. Und von des Kaisers festlicher Tribüne Begrüßte ihn des Beifalls hoher Wink, Wenn er des Spottes rohe Geißel Mit frechem Hohn über die Christen schwang. Rom widerhallte eben von dem Jubelsange, Mit dem das siegeSstolze Heer Den Kaiser Diokletian empfangen, Der seines Armes ungebeugte Kraft Bis an der Perser ferne Gränzen hingetragen. GenesiuS, des Kaisers grimmen Haß durchschauend, Mit dem er der verhaßten Christensecte Vernichtung längst und Untergang geschworen, Beschließt, im Angesichtc des Tyrannen, Umrausckt vom Beifallssturm des Volkes Der Christen heilige Gebräuche Auf dem Theater zu verhöhnen. — Er legt, ein Kranker, hin sich auf das Lager, Das auf der Scene ihm bereitet war. Indeß mit heuchlerischer Miene mitleidsvoll Der Frevcllhat Genossen ihn umstanden. „Ich fühle mich so schwer," seufzt er bewegt, „Könnt ihr mir, Freunde, keine Linderung gewähren?" „„Wie mag das seyn, fragt ihn die lose Schaar, „„Willst du wohl auf die Hobelbank „„Wie ein Stück, Holz dich legen, „„Das von des Tischlers Hand geglättet wird? „„Da wirst du sicher leichter werden!"" Darob erschallt aus allen Räumen der Rotunde Des Pöbels gellendes Gelächter Und lauter Beifallssturm umbraust die Höhnenden — »Ihr Thoren, ruft GenesiuS, vom Lager sich erhebend, „Kennt ihr sie nicht, die ungläubige Secte »Der Christen, die mit leichtem Muthe „Jedweder Bürde Druck ertragen; „Die, um die Last des Körpers zu erleichtern, selbst den Nacken „Voll freudiger Begier dem Henker bieten! »Wohlan auch ich verlange jetzt ein Christ zu werden, „Um mir des Christen LooS dort zu erwerbe», „Wenn er einst naht ihr großer Tag des Lohnes." — Nun wurden zwei von den Gefährten, Vertraut mit der Verstellung falschen Künsten Zum Bette des GenesiuS gerufen: Der Eine mit des ChristenpricstcrS heiligem Gewände angethan, 'Der Andere als Erorcist ihm dienend. ,j„So sage denn, mein Sohn, hub heuchlerisch der Priester an, Warum hast du zu uns gesendet, „„Was ist der Dienst, den du von uns begehrst?""— Da plötzlich dringt — wer will dem Herrn gebieten? Der Strahl der Gnade in des Frevlers Herz; Des Truges Nacht entschwindet seinen Blicken, Er schaut begeistert hoh'rer Wahrheit strahlend Licht, Das Herz erglüht in himmlischem Entzücken, Süß wie der Blüthe Schmelz, die aus der Knospe bricht. Erneuert von der nberird'schen Flamme, Die plötzlich ihn, wie Paulus einst Hinflössen, Entgegnet er voll ernster, heil'gcr Würde: „Ich wünsche, daß die Last, die mit des Unheils Banden „Des Geistes Ange mir umschlungen, „Gehoben werde von der Gnade Christi." — Die Lästerer, erneuten Scherz in dieser Rede wähnend, Begoßen nun, der Christen Taufe zu vollziehen. Des Kranken Stirn mit reinigendem Wasser, Umhüllten ihn mit weißem Taufgewande Und um die Bosheit zu vollenden, Ward er von einer Kricgerschaar geleitet, In schallendem Gespötte vor den Kaiser hingeführt, Um da als Märtyrer verhört zu werden. — Doch nun erwählte sich, was innen ihn ergriffen. Als er der Taufe Reinigung begehrte: In HimmelSwonne leuchtete des Auges Feuer, Entzündet von der Gnade Wunderkraft, Und mit dem heitern Muthe eines Märtyrers, Der kühn dem nahen Sieg entgegen schreitet, Begann er, heiliger Begeiferung voll, Sich zu dem Volke und dem Kaiser wendend: „Vernimm, Gebieter, höret Alle, „Der Rede hcil'gcn Sinn, die ich verkünde! „Das tiefste Nachgefühl durchwühlte mir die Seele, „Wenn nur der Name „Christ" mir in die Ohren drang, „Und mit des Grimmes Lästerworten „Beschimpfte ich — ihr wißt es — Alle, „Die den verhaßte» Namen trugen. „Ihr wäret Zeuge, wie ich der verhaßten Secte, „Die übermüthig unsers Schwertes höhnet, „Kühn mit dem Pfeil des öffentlichen Spottes „Das Lebensmark durchbohrte; „Seit ich der Christen heiligen Gebräuchen „Mit unverdroß'ner Mühe nachgeforscht, „Um sie vor euch dann zu entehren: „Nun hört und staunet! „Sobald das Wasser mir die Stirne netzte, »Und meine Zunge es gelobt, daß ich in Wahrheit glaube. 134 „Was scherzend sie aus mir gefragt; „Da sah ich eine lichtumfloff'ne Hand . ,Auf meinen Scheilel segnend nicderschweben „Und holder Engel Lichtgestaltcn „Umschwebten mich, ein Buch in Händen haltend. „Was ich verübt seit dem unsel'gen Tage, „Da ich als Kind das Gilt der Sünde „In lüsterner Begier getrunken, bis auf diese Stunde, „Da ich vor euch des ChristcngottcS Lehre „Mit frevlem Ucbermuth gehöhnt: „Das lasen sie — die tiefsten Falten meiner Seele „Wie in des Spiegels Lichte frei enthüllend — „Mir aus dem schwarzen Buche vor. „Dann tauchten sie es ein in dieses Wasser, „Mit dem man eben mich begossen. „Und siehe — es. ward weißer als der Schnee! — „Und nun crhab'ner Kaiser und ihr alle, deren Lippen „Noch von dem Hohn des Christengcttcs beben, „Vernehmt aus meinem Munde jetzt die Botschaft: „Es ist in keinem Andern Heil und keines Andern Wink „Hält mit alimächt'gcm Arm den Erdcnkrcis in seinen Angeln, „Als nur des ChristcngottcS Stärke! „Wag sind die leblosen Gebilde all der Götter, „Die stummen Zeugen irdischen Zerfalls; „Es ist nur Einer der da lebt, und Leben spendet, „Er ist der Schöpfer, kein Geschöpf, wie eure Götter! „Entstammend aus des Himmels lichten Sphären, „Die »och kein sterblich Auge je geschaut, „Hat er das Licht vom Himmel nnS gebracht, „Des Truges NäÄst, die auf der Erde lag, verscheucht. „Was sind die Lchmgchäud^urer Weisen, „Die der Natur Gesetze zu ergründen wähnen? — „Ein eitel Menschenwerk >y«r in sich selbst getheilt. „Der Christengott allein erschließt „Dem Sterblichen den Born der Wahrheit; „Erguickt das dürstende Gemüth, „DaS auf der Pilgerfahrt sich zu erfrischen sehnt. „Darum bekenne laut mit mir, crhab'ner Kaiser, „Des einz'gen Gottes Macht und alhcS'Volk lobpreise seinen Namen!"— So sprach GenesiuS. — Ein tiefes Schweigen Hält die erstaunte Menge lang gefesselt, Wie von des Höhcrn Hand gehalten! Doch eö war nur die dumpfe Schwüle, Ein Bote des anstürmenden Orkans, Der um die zorncrglühtc Stirne dcS Tyrannen Verderben drohend sich zusammenzog; „Führt ihn hinweg, rief er mit wuthcntbrannter Stimme, „Der unsern Göttern Hohn zu sprechen wagt; „Laßt auf der Folterbank ihn inne,werden, „Wie ihre Rache auf der Ferse den ereilt, „Der ihrer Macht zu spotten sich erkühnt." — Umsonst sucht der Präscet Plautinus Den gottbcgeistcrtcn Bekcnncr Schlau mit der Worte trügerischem Netze zu umgarnen. Daß er den Göttern vor dem Volke Weihrauch zünde! — GenesiuS bleibt seiner Rede treu. Vergebens wühlt der Folter Schmerz in seinen Eingeweiden, Der Rache grauser Sinrm zerschellt in seinem Muth. Ja in der Pein der ausgesuchten Qualen, Mit denen sie den Leib des Märtyrers zerfleischt, Ruft er mit lauter Stimme zu dem Christengctte, lind preist sich glücklich, leidend ihm zu dienen. „Wie lange, seufzt er, hing des Irrthums Binde „Mir um des Lasters trügerischem Bilde; „Jetzt hab' ich Ihn erkannt, dem alle Crcaturcn „J»> Himmel und auf Erden freudig dienen, „Nichts soll mich mehr von seiner Liebe scheiden, „Mein Blut fließt freudig seiner Ehre." — Und sein Gebet — es ward erhört. Plautin verzweifelte, den Muth Des Märtyrers zu beugen, Der immer lauter Christi Namen pries. GenesiuS, der noch vor wcu'gcn Stunden Mit innerin Gram des Christcngolts gefrevelt, Beut freudig jetzt sein Haupt dem Schwerte hin, Der Himmelslchre Wahrheit zu besiegeln Und seines Frevels schwarze That zu sühnen. _ Tasrathshofer. Winke zur Hebung der katholischen Presse. (Fortsetzung.) II. Von der Gründung neuer Blätter. Ueber diesen Abschnitt sind im Ganzen wenige Bemerkungen zu machen. Wir brauchen nur besonders hervorzuheben, waS schon in der Einleitung dieses Aussatzes gesagt wurde, nämlich daß man nur da, wo die Ortö- Verhältnisse dringend ein besonderes Organ erfordern, eins gründen solle. Dieß gilt eben so wohl von religiösen Blättern, als von politischen, daher wir jene Unterscheidung hier ganz fallen lassen können. Es ist ein wahres Elend, wenn man so mit ansieht, wie so zu sagen jede unbedeutende Ortschaft ihr besonderes Blatt haben will. Dadurch werden die arbeitenden Kräfte ungeheuer zersplittert und das ist eS, waS unsern Blättern meist ein kümmerliches Bestehen bereitet. Zwei nahe bei einander liegende Städte oder gar eine und dieselbe Stadt haben nicht zwei besondere Zeitungen nothwendig; eben so ist eS für eine und dieselbe Diöcese (allenfalls auch für zwei aneinandergränzende kleinere Diöcesen) nicht nöthig, zwei religiöse Blätter zu gründen. Eins verdirbt dem andern die Wirksamkeit und keinS von Beiden kann recht gedeihen. Man vereinige sich dahin, nur ein Organ zu gründen und dieses dann durch Bestellungen und schriftliche Beiträge tüchtig in die Höhe zu bringen. Die Presse sollte nicht in den Dienst gemeiner Eitelkeit und Speculation gezogen werden. Muß aber irgendwo ein besonderes Blatt gegründet werden, so find folgende Puncte zu beobachten. 1) DaS Blatt muß bei seinem Auftreten einen ökonomischen Grund und Boden haben, d. h. eS müssen Gelder zur Bestreitung oder Deckung der im Anfange nöthigen AuSlagen vorhanden seyn, auch wenn man voraussehen kann, daß sich vaS Blatt in kurzer Zeit heben wird. Die möglichst weite Verbreitung deS ProspectuS, die Anstellung eines Redacteurs, die Gewinnung von Mitarbeitern, welche nicht alle in der Lage sind, unentgeltlich zu arbeiten, Portokosten u. s. w. erfordern Geld. Ohne allen Fonds anzufangen, ist gewagt und der Nachtheil drückt in der Regel Niemanden mehr, als den Buchdrucker, der sein baareS Geld immer nöthg hat. 2) Das Blatt muß eine bestimmte Tendenz haben und diese streng festhalten und in allen Artikeln konsequent (jedoch nicht verletzend im Aus- drucke) durchführen. Bei religiösen Blättern gibt sick die Tendenz von selbst; sie muß kirchlich seyn. Aber bei politischen Blättern ist man nicht an ein bestimmtes politisches Bekenntniß gebunden. Welcher Regierungsform (die auf Ordnung und Gerechtigkeit gegründet ist) man auch daS Wort rede, man kann dabei ein ganz guter Katholik seyn. Eine bestimmte Richtung muß man aber einschlagen; damit will ich sagen: man darf nicht auS sogenannter weiser Vorsicht nach Rechts und nach Links abwechselnd hinflankircn; man darf nicht heute oder morgen, oder gar in einer und derselben Nummer, der neumodischen Demokratie ein Kußhändchen zuwerfen, dann rechts wieder einen LiebeSblick auf monarchischen Absolutismus richten, dann wieder einmal zur Abwechslung einen sympathetischen Seufzer nach der constilutionellen Partei abdrücken und zuletzt auch noch die rothe Republik mit zarten Fingern anfassen. Eine solche Wirthschaft heißt man nicht mehr Tendenz; es ist Pfuscherei im höchsten Grade, bettelhafteS Zusammenflicken der verschiedenartigsten Principien; eS ist die deutsche Zerrissenheit in Miniatur gemalt, eö ist reine Krähwinkelei, die vor übermäßiger Zweckmäßigkeit läppisch wird, und anstatt eS nach allen Seiten hin recht zu machen, von allen Seiten Ohrfeigen bekommt; ein solches Blatt ist wie ein Papagenokleid — bunt an Gefieder, aber ohne Einheit, ohne Charaker, daher lächerlich und verächtlich; ein solches Blatt kann z Niemand brauchen, gerade weil eS Jedermann mundgerecht seyn soll; ein solches Blatt verderbt mehr als eick heftig radicaleS Blatt, weil eine sieben- farbige Tendenz die Leute ganz wirr macht, während sie durch die konsequenten Rohheiten eines radicalen Blattes vielleicht schnell zur Besinnung kommen; ein solches Blatt löst sich vor übergroßer Klugheit in lauter Dummheiten auf und erhält vom gesummten Publikum gar bald einen tödtlichen Fußtritt. ES gibt jedoch ein Stehen über den Parteien, welches keineswegs zu verwechseln ist mit jenem buntgemischten MeinungSsalat, wie ich ihn vorhin angedeutet habe. Ich meine jene Anschauung, die in der Religion ihre Wurzel und ihren Grund hat; eine Anschauung, welche Gott als den Erzieher deS Menschengeschlechts betrachtet und demgemäß die verschiedenen Schicksale und Führungen der Menschheit als höchst weise und heilsame, wenn auch uncrforschliche Wege des Allbarmherzigen und Allmächtigen ansieht. Demgemäß wird eine solche Richtung sich folgendermaaßeu kundgeben. Sie wird die rechtlich bestehende Obrigkeit, als eine von Gott 135 gesetzte oder doch mit Gottes Zulassung bestehende, achten und ihr in allen rechtmäßigen Forderungen die Pflicht deö Gehorsams zugestehen, bei unrechtmäßigen Berfiigungen aber anrathen, daß sich die Unterthanen mit allen ihnen gesetzlich zu Gebote stehenden Mitteln dagegen verwahren. Die Christen der Vorzeit waren eben so gute Christen unter Nero, Domi- tian u. s. w. wie unter Konstantin dem Großen; sie waren bessere Christen wie wir eS heut zu Tage sind, wo die politische Farbe oft hoher geschätzt wird, als daS eigene Seelenheil und daS Wohl der Kirche. Gelingt die eingelegte Verwahrung nach Wunsch, so ist eS gut; beharrt die Obrigkeit auf ihrer ungerechten Bahn, so ist es besser, Unrecht leiden, als Unrecht thun. Zur Empörung wird eine solche Tendenz weder dircct noch indireci anreizen. Eine Tendenz, die auf solcher Anschauung beruht, wird sich vor Allem der zahlreichen Lebensfragen bemächtigen, welche zur Aufstellung und Handhabung einer guten Verfassung erst den Grund legen sollen; also wird sie suchen, der geistigen und physischen Verarmung und Krankhaftigkeit abzuhelfen, überzeugt, daß unS auch die beste Verfassung nichts nützen kann, wenn die Leute, denen sie gegeben wird, nicht diejenigen sind, die an gehöriger Stelle gut zu befehlen und gut zu gehorchen verstehen. Kurzum: sie wird das Reich Gottes sammt seinem Tugendschmuck, ohne welchen keine wahre Freiheit, kein wahrer Friede Aller gedenkbar ist, nach allen Beziehungen hin aufzurichten suchen. Da aber die Besserung eines tiefgesunkenen, von Gott vielfach abgefallenen Volkes nur sehr langsam von Statten geht und inzwischen doch eine Verfassung gemeinsam aufgestellt werden muß, so wird sie die christliche Gerechtigkeit (nicht die lügnerische Gerechtigkeit der von Parteiwuth kochenden Factioncn) sich zum Maaßstab nehmen und nach dem Grundsätze: „WaS du willst, daß dir die Menschen thun sollen, das thue ihnen auch!" Freiheit für sich und Freiheit für Andere begehren. Es versteht sich da von selbst, daß solche Frankfurter Lahmheiten, wie die, welche sowohl „Redemptoristen" als auch „Liguorianer" auf ewig verbannt wissen wollte, bei ihr nicht vorkommen. Die Berichte, welche pon den Kriegsschauplätzen kommen und sonstige Nachrichten, werden von einem Blatte der eben vorgezeichneten Tendenz nicht durch eine gefärbte Brille, sondern sehr vorsichtig, rein objectiv — so weit sich der Kern der Wahrheit ermitteln läßt — betrachtet und den Lesern vorgeführt werden. Gegen Lügen und sonstige Schändlichkeiten, in welchem Partei-Heerlager sie auch vorkommen mögen, wird eS ernst und entschieden zu Felde ziehen. Durch eine solche Tendenz leistet man dem Volke wahrhaft einen Dienst; der Stimme eines solchen Blattes wird es ein williges Gehör leihen und selbst die verschiedenen Parteien werden es, sofern sie nicht total verblendet sind, achten müssen, da ein solches Blatt im Dienste der höchsten Macht steht und der Wellenschlag der empörten TagcSleidcnschaften in der That nur zu seinen Füßen plätschert und ihm nie bis an den Hals kommen kann. Natürlich kann so ein Blatt sein Daseyn nicht mit bloßer Handhabung des NothstifteS fristen; eS erfordert viel Arbeit und'muß um so eifriger unterstützt werden. In einer Zeit, wo man auS dem allein richtigen „prinoi- PÜ8 obgta" ein bornirtcs obsta" machen möchte, sind Blätter von solchem Geiste von besonderer Wichtigkeit, aber leider noch sehr selten. 3) DaS dritte Erforderniß ist ein tüchtiger Redacteur, welcher sowohl den Willen als auch die Fähigkeit hat, eine gute Tendenz durchzuführen, und der auch obendrein in schriftlichen Arbeiten geübt ist. Dieser Redacteur muß sich ganz und gar dem Blatte widmen können und darum eine sorgenfreie Existenz erhalten. Wird eine Redaction nur nebenbei betrieben, so kommt nichts dabei heraus. 4) Um dem Blatte wo möglich gleich Anfangs eine ordentliche Existenz zu schaffen, thut man gut, Subscriplionen aufzunehmen; dieser Weg ist an manchen Orten noch keineswegs abgenutzt. Betheiligung durch Actien dürfte auch nicht zu verwerfen seyn, zumal bei kleineren Blättern. Man wolle überhaupt nicht gleich hoch oben hinaus mit seinen Plänen; daher lasse man daS Blatt fortwährend in einem mäßigen Formate erschei- neu, nicht in einem übermäßig großen, wie eS in neuester Zeit an manchem Ort Sitte geworden zu seyn scheint. Die Güte eines Blattes wird nicht nach Quadratmeilen, sondern nach seinem innern Gehalt bemessen; rS ist genug, wenn es täglich erscheint. Wer kann und mag täglich so ungeheuer große Blätter lesen? Ein gutes Mittel, Abonnenten anzuziehen, ist die Beigabe von gutem UnterhallungSstoff, damit auch die Frauen etwas zu lesen haben. Die Frauen haben in den Familien oft eine wichtige Stimme, wenn es sich darum handelt, eine Zeitung an- oder abzuschaffen. Ist ein neues Blatt auf diese Weise zu Stande gekommen, so bleibt, nach dem waS im Vorhergehenden über die Förderung schon bestehender Blätter gesagt wurde, nichts weiter zu erörtern übrig. Wir gehen also über zur Besprechung derjenigen Volksliteratur, welche nicht zu den periodischen gehört, sondern in zwanglosen Heften oder einzelnen Bündchen erscheint. (Schluß folgt.) Ein vertraulicher Brief an einen «katholischen Freund. 4 Deine Hand, hochgelehrter Mann, die neulich so freigebig mir zu Ehren war, gibt mit heule die Feder in die Hand, um meinen Dank Dir abzustatten, den ich Dir schuldig bin. Ich bin mit meinem Begleiter in Eure Stadt gekommen, Dir unbekannt und anderer Religion, als der Deinigen. Wir bekennen unS zur Römischen, Ihr zur AugSburger. Du hast unS als Gäste in Dein HauS geführt, das sich durch Eleganz und geschmackvolle Einrichtung auszeichnet. Nicht genug. Auch die Denkmäler Euerer Stad( und die Werkstätten der Künstler hast Du mit größter Bereitwilligkeit den Gästen geöffnet und sogar das Honorar für uns bezahlt. Deine ganze Güte gegen die Fremdlinge war eine Dienstleistung für sie; eS ist also billig, daß sie Dir zum Heile gereiche. Um dieses habe ich für Dich täglich am Altare gebetet und werde darum beten, so oft ich an selbem stehe. Möge die himmlische Gottheit meine Wünsche für Dich erhören und Dich auf den Weg führen, auf dem Du sicher in die Ewigkeit wanderst. Bester Mann, verbinde mit meinen Bitten die Deinen, damit Du wünschest, waS Dir nützlich ist. Ein Gott, Ein Glaube! Wir halten unS an den alten, Du mit den Deinigen an den neuen. Wer von unS Beiden auf dem sicherern Weg wandle, wird die gesunde Vernunft eingeben. Alt sind unsere Gebräuche, alt unsere Gesetze, alt ist bei unS Alles, wenn Du zu forschen Dich nicht weigerst. Daß Du dieses in den Glaubensartikeln Euers Martinas nicht findest, habe ich in der letzten Rede gezeigt, die ich gehalten. Gewiß, Deine Religion benimmt Dir nicht alle Furcht, die unselige kann cS nicht, weil Du sie nicht annimmst. DaS beständige Herumdrehen im Zweifel macht Dein Leben bitter, aber »och bitterer dessen AuSgang. Damit Du diesen vermeidest, wähle daS Sichere! Wenn Deine Glaubensregel, die Du inne hast, kein verläßiger Führer zur Seligkeit ist, so bitte um Belehrung; bist Du aber belehrt, so verwirf die Belehrung nicht. BeideS gibt der Vater der Lichter dem, der in Wahrheit darum bittet. Zwischen zweifelhaften Fußpfaden muß man auf dem sichern gehen, obwohl er felsig und uneben ist. Im Fortgehen wird nach und nach der Reiseweg immer mehr geebnet, so, daß es nicht nur sicher, sondern sogar angenehm ist, Weiler zu wandern. Glaube so vielen Tausenden, welche mit Vergnügen den Weg passiren, welchen Du scheuest. Rechne unter diesen auf mich zuerst, der ^ir dieses ernstlich wünscht, weil er Dein Seelenheil will. Auf diesem, Wege würde ich wahrlich nicht gehen, wenn ich mich vor Irrthum fürchten müßte. Auch Du wirst daS nicht thun, da Du weise bist. Die furchtsame Hoffnung, welche Dir eine weichlichere Lehre vorstellt, darf Dich nicht von der strengern Lebensweise abwendig machen. Unumstößlich sey Dir der Grundsatz: „Hier Irren ist ewig Irren." Aber Du klagst, Laß zwei Berge Dir entgegen stehen, nämlich die zeitlichen Güter und der vertraute Umgang mit Gleichgesinnten. O Du unglücklicher Wanderer! Du stürzest Dich mit den Deinigen in eine Grnbe, während Du sicherer mit den Uebrigen inS Vaterland gehen könntest. Nicht darauf mußt Du schauen, mit wem, sondern wohin Du gehest. Wenn Du das Ende Beider betrachtest, so richte Dein Leben nach dem Gesetze Jener ein, deren Ausgang Du wünschest. Die zeitlichen Güter liebst Du zärtlicher, als cS geziemend und nützlich ist. Wenn man sie entbehren muß, so ist eö besser, sie zu entbehren, als den Himmel zu entbehren. Den Verlust derselben kann Dir Gottes Güte im gegenwärtigen Leben noch ersetzen, und wird es auch thun, wenn es Deinem Heile zuträglich ist. Anders sollst Du nicht wollen. Du wirst Oben reicher seyn, wenn Du Unten genügsam bist Ein großer Gewinn ist eS, um Erden- tand sich den Himmel zu erkaufen. Aber diese höhere Wahrheit schreckt den Furchtsamen, der noch nickt fähig ist, Höheres zu kosten. Wage eS nur einmal im Vertrauen auf Gott, und Du wirst können. Vor Einem hüte Dick! Verriegle nicht Dein Ohr dem Rufenden. Günstige Sterne mögen Dir leuchten, daß Du recht sehest und folgest. Dazu ruft Dich die heilige Wahrheit und daS Gewissen: daß Du eS thuest, Deine ehrenvolle Stellung, und dein gutes Herz läßt eS mich hoffen. Du weißt, bester Mann, daß man einmal fortwandcrn muß auS dieser Eitelkeit. Bereite also daS zu, waS Dich hier ruhig und dort selig macht. BeideS erflehe ich Dir auS vollstem Herzensgründe von Gott und verspreche Dir meine Beihilfe im Gebete. Lebe wohl! Bonaventura'S Parabeln. 4 Da ich einmal bei einem alten Pfarrherrn in der Seelsorge Aushilfe leistete, fand ich einen neuen, noch ungekannten Schatz in dem Buche: „Die Parabeln deS Vaters Bonaventura; ein vortreffliches HilfSbüchlein für Seelsorger, Lehrer und Eltern zur Versinnlichung christlicher Wahrheit 136 und Sittenlehre." Mit Genehmigung des hochwürdigsten Ordinariats RegenSbnrg. Sulzbach, in der I. F. v. Seidel'schen Buchhandlung. Zweite unveränderte Auflage. 1835. 1 fl. Dieser Bonaventura ist der Verfasser deS „betrachteten Evangeliums," und schon dieser Umstand ist hinreichend, die weitere Verbreitung dieser Parabeln zu empfehlen, die besonders zur Lectürc nach dem Religionsunterrichte in der SonntagSschnle geeignet sind, um daS Leben von der ernsthaften Seite kennen zu lernen. Rom. Rom, 1. Aug. Die Bischöfe Neapels und Siciliens haben das Ersuchen an den König beider Sicilien gestellt, er möchte möglichst bald die P. P. Jesuiten wieder in seine Staaten zurückberufen. Der König hat das Gesuch dem heiligen Vater vorgelegt. Vielleicht haben Sie in öffentlichen Blättern gelesen, daß letzthin der General der Augustiner-Mönche im Kloster Oasü c- lUaria dahier von der Militärregierung verhaftet, und öffentlich vom Militär durch den Corso geführt wurde. Man erzählte die verschiedensten Dinge als Ursache, und die Schadenfreude war sehr geschäftig dabei. Man habe Comprvmittirte dort versteckt gehabt, sagten die Einen; Andere: man habe dort Kirchen- schätze versteckt und angegeben, die Anarchisten hätten sie ihnen gestohlen; wieder Andere: französische Officiere hätten im Kloster um Wohnung nachgesucht, und seyen dort insultirt worden; ja die Mönche seyen sogar mit Dolchen ihnen zu Leibe gegangen u. dgl. m. Ich kann Ihnen aber aus sicherer Quelle sagen, daß an all' diesen angeführten Gründen kein Wort wahr ist, und folgendes die Ursache der Verhaftung war: General Oudinot hatte in seiner Proklamation befohlen, daß, während er mit den Truppen einziehe, alle Kirchen offen seyn müssen, damit nicht etwa revolutionäre Schaaren in denselben sich sammeln, und aus die Truppen schießen, wie eS z. B. in Livorno gegcgen unsere Truppen geschehen. Die Kirche Oosü e Naria blieb aber zu, und es mußte um so mehr auffallen, als diese Kirche am Corso steht, und eine Treppe von mehreren Stufen zum Portal führt. Der Ordensgeneral erklärte, daß es nur auS Vergessenheit in jenen Stunden der größten Bewegung und Aufregung, und nicht mit der geringsten Absicht geschehen sey, worauf er sogleich wieder in Freiheit gesetzt wurde. Ein Privatbrief, welchen ich letzthin aus dem Vaterlande erhalten, enthält unter Andern: auch folgende Stelle: „Wir lasen in den katholischen Blättern auS Tirol alle die Gräuelthaten, welche in Rom überhaupt, insbesondere aber an dem Klerus, den Kirchen und Klöstern verübt wurven, mit tiefem Schmerz! Wo sind nun jene vielen mißhandelten und vertriebenen Mönche und Nonnen? Werden sie wohl je wieder in ihre Klöster zurückkehren können? u. s. w." Dieselben Fragen dürfte vielleicht mancher der Leser dieser Blätter an sich selbst und Andere stellen, daher will ich sie, so weit ich'S vermag, auch in demselben Organ beantworten. Die Jesuiten, welche, wie in der Schweiz, in ganz Italien unv Oesterreich auch hier zuerst vertrieben wurden, sind die meisten nach Amerika, England und Frankreich gezogen. Manche sind als Weltpriester in Italien herum zerstreut. Mlt ihnen hat der Krieg gegen die Kirche begonnen. Nun sehen eS viele ein, welche damals vornehm over hochgelehrt lächelten, daß man so einfältig seyn konnte, der Auflösung, Vertreibung und Verfolgung dieser OrdenSmänncr eine so große Bedeutung beizulegen. AuS andern Orden wanderten viele von hier weg, und suchten in andern Ländern und Staaten bei ihren OrdenSbrüdcrn Unterkunft. Manche lebten als Welipriester, und als diese nun auch verfolgt wurden, weltlich gekleidet als Private bei Verwandten und Freunden. Mehrere wurden Opfer: Mancher unter Menchlerhand, Andere auf sonst gewaltsame Weise. Andere erlagen dem Kummer und den leiblichen Strapazen, wie Zeitungen der verschiedensten Farben genügend berichteten. Im gestrigen Oiorimlo äi Iloma ward angezeigt, daß die Dominicaner in sopra lUinerva ein feierliches Requiem für ihren grausam ermordeten Pfarrer abgehalten haben. Laicnbrüder traten in Dienste bei christlichen Familien. Nonnen drängle man auS 4 — 5 Klöstern verschiedener Orden in eines zusammen. Manche zogen das weltliche Kleid an, und suchten eine Herberge bei Verwandten und Bekannten. Manche zogen nach Neapel und nach Frankreich. Novizen wurden seit ein paar Jahren sowohl in Männer- als Fraucnordcn, wie sich unter solchen Umständen von selbst versteht, keine mehr aufgenommen. Alte, kränkelnde und gebrechliche Personen unterlagen diesen Verfolgungen, während sie in ruhigern Zeiten und ungestört in ihren Ordenshäusern vielleicht noch viele Jahre gelebt haben würden. So ist denn die Zahl der geistlichen OrdenSmitglieder um ein Bedeutendes vermindert worden. Den Nonnen sind hier in der Hauptstadt schon wieder ein paar Klöster zurückgegeben worden; in den Provinzen wird eS wahrscheinlich im Verhältnisse auch geschehen seyn. Dasselbe ist bei den Mönchen der Fall; die Zerstreuten oder in einzelne Klöster Zusammgedrängten kehren in ihr Eigenthum zurück, und theilen die Räume brüderlich mit den französischen Truppen. DaS NoviciathauS der Jesuiten, welches nach Vertreibung derselben den alten gebrechlichen, die nicht wegziehen konnten, als Asyl gelassen ward, obgleich sie während der Republik von einem Ort zum andern geschleppt wurden, ist den noch am Leben gebliebenen Gebrechlichen wieder zum Theil zurückgegeben worden; und, wie oben gesagt, wünschen die neapolitanischen und sicilianischen Bischöfe ihre Rückkunft inS Königreich Neapel. Daß aber die Zahl der Ordenspersonen beiderlei Geschlechts vermindert bleiben oder noch mehr vermindert werden wird, ist außer Zweifel; denn der Staat ist nun so verschuldet worden, daß, wenn der Papst nicht genöthigt wird Klostergüter zu verkaufen, sie doch so schwer besteuert werden, daß eS die Aufnahme von Novizen auf viele Jahre sehr erschweren oder gar unmöglich machen, und so manche Gemeinde nach und nach völlig aussterben muß. (K. Bl. a. T.) PirrSvereine. Aachen, 3. Aug. Die katholischen Vereine hier und anderwärts, welche mit Ausnahme deS Trierer PiuSvereines die Betheiligung an der Abgeordnetenwahl jedem Mitgliede freigelassen, ohne sich als Verein für daS eine oder andere auSzusprechen, haben ohne Zweifel dadurch daS Richtige getroffen, obschon sie mit der frühern thätigen Betheiligung an den Wahlen durch die Neutralität in Widerspruch geriethen. Die katholischen Vereine haben hierin dem Grundsätze, Politisches möglichst auS ihrem Bereiche auszuschließen, faktisch beigestimmt und einen Weg angedeutet, der wohl in alleweg von ihnen einzuschlagen seyn dürfte. DaS Gebiet der Wirksamkeit für die katholischen Vereine ist, auch abgesehen von der Politik, sehr ausgedehnt; und wenn sie auf diesem reinkirchlichen Gebiete (wozu allerdings auch die sogenannten socialen Fragen zu rechnen sind) mit Eifer und Opferwilligkeit in ächtkatholischem Geiste arbeiten, so werden sie gerade dadurch auch auf die politischen Zustände einen größer:: Einfluß gewinnen, als dieß anders der Fall seyn könnte. Die Pflege einer ächtkatholischcn Gesinnung und Gesittung ist daS kräftigste Schutzmittel gegen jede politische Entartung und Abirrung; dieß können katholische Vereine nicht genug im Auge behalten, um eineStheilS nicht politischen Parteiführern in die Hände zu fallen, und anderntheilS nicht der Sache der Kirche hemmend und hinderlich zu werden. Die Kirche selbst aber hat unS in ihrem Organismus ein sicheres Mittel in die Hand gegeben, um nicht von Dem abzuweichen, was sie will. ES ist der enge Anschluß an die kirchliche Hierarchie im Allgemeinen und die vertrauensvolle Verbinvung mit dem eigenen Oberhirten insbesondere. Die katholischen Vereine sollen nur DaS, waS die Bischöfe wollen und erstreben, unterstützen und fördern, so weit eS in ihren Kräften liegt, keineswegs aber in die bischöfliche Oberhirtenpflege eingreifen wollen. Die Bischöfe sind vom Herrn bestellt, die Kirche GotteS zu regieren, und waS nur auf den katholischen Namen oder besser auf daS katholische Wesen Anspruch macht, wird nimmer in daS Kirchenregiment übergreifen, noch weniger gegen dasselbe Opposition machen wollen. Man wähne nicht, daß dieß eine Beschränkung der katholischen Vereine seyn könne. Abgesehen, daß dadurch politische Fragen keineswegs ganz ausgeschlossen seyn sollen (wie ja selbst die Bischöfe oft zur Betheiligung an dei: Wahlen aufgefordert), gibt die Zeit gewiß Veranlassung in Fülle zum Wirken, und um so ausgedehntere Veranlassung, je freier die Kirche gestellt ist. Die Gründung kirchlicher Institute (versteht sich im Sinne der Diöcesan-Oberen), die Förderung katholischer Zwecke (der Missionen, der Presse, deS Cultus:c), die Mehrung und Ausbreitung katholischen Glaubens und LebenS: dieß und anderes bietet so reiche und ausgedehnte Wirkungskreise dar, daß eine Erschöpfung und Erledigung nicht so leicht eintreten kann. Und in allen diesen Puncten ist eS die Aufgabe der katholischen Vereine, den feindseligen in der Politik oder in der bürgerlichen Gesellschaft liegenden Elementen kräftig entgegen zu wirken und für unsern Episkopat eine eherne Mauer zu bilden zu Schutz und Trutz. (Kath.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen Verlags-Inhaber; F. C. Krem er. Vierteljähriger Abonnementspreis im Bereiche von ganz Bayern nur 28 kr., ohne irgend einen weiteren Post - Aufschlag. Auch von Nicht-Abonnenten der Postzcitnug werden Bestellungen angenommen. Sonntags - Peiblatt zur Augsburger Postzeitnng. Auch durch den Buchhandel können diese Blätter bezogen wer» den. Der Preis beträgt, wie bei dem Bezug durch die Post, jährlich 1 st. 28 kr. Neunter Jahrgang. s. September 1848. Rede gehalten bei der Eröffnung der Volksversammlung in Mering von A. Lindenbaur, Pfarrer und Kämmerer in Mering, H. Vorstand des Vereins für constitutionelle Monarchie und religiöse Freiheit, am 15. Aug. 1849. VerehrungSwürdige Versammlung I Wir vollendeten so eben in den heiligen Räumen deS hiesigen Pfarr- gotteshauseS das Hauptfest eines religiösen VereinS — einer Bruderschaft, die sich eines 200jährigen Bestandes zu erfreuen hat. Nun sind wir hie- her gekommen, einen Verein für gleichfalls wichtige Zwecke durch Abhaltung einer Volksversammlung feierlich in sein Daseyn einzuführen. Mir ist die ehrenvolle Aufgabe zugefallen, die geehrte Versammlung zu begrüßen und willkommen zu heißen, dann ein einleitendes Wort zu sprechen über die Bedeutung und den Zweck deS VereinS. Um aber meiner Aufgabe genügend entsprechen zu können, möge es mir erlaubt seyn, etwas weiter auszuholen. In welchem Zeitmomente findet unsere Versammlung statt? In einem Momente, wie sie nur nach Jahrhunderten wiederzukehren pflegen; an einem Wendepuncte der Geschichte, wo die alte Ordnung in.Trümmern untergeht, und eine neue Weltperiode sich gebären will; in einer Zeit der Entscheidung, des Gerichtes, deS Schreckens, der Hoffnung, wo Alles, was nicht ewig ist, in Frage steht, wo wir, wie sonst fast niemals, in der allmächtigen Hand GotteS unS fühlen. Wer könnte dieß läugnen? Als im vorigen Jahre der Winter zu weichen und der FrühIingS- hauch zu wehen begann, wurde Europa von den SturmeSwehen einer Bewegung ergriffen, welche alle Stützen der gesellschaftlichen Ordnung erzittern machte. Alle Wünsche, gute wie böse, ungerechte wie gerechte, drangen ungestümm hervor gleich dem Gießbache, welchen der thauende Schnee geschwellt hat; alle Entwürfe, ausführbare wie unausführbare, verderbliche wie heilsame, glaubten ein Recht zu haben, in der Schnelle deS Augenblickes befriedigt zu werden. Ueber dem verworrenen Drängen und Treiben lächelte ein Stern der Hoffnung: denn manches Vermoderte sank in den Staub, dem es angehörte, nicht wenige Mißbräuche wurden abgestellt. Aber daS Glück wollte nicht kommen, und die Gerechtigkeit entfloh. Leidenschaft und Eigennutz traten mit verwegenem Trotz in den Vordergrund: die Freunde der Ordnung und des Friedens schmiegten trotz ihrer ungeheuern Mehrzahl sich schüchtern zur Seite. Frömmigkeit und Gottesfurcht wurden gehöhnt, Kirche und Geistlichkeit gelösten; die Zartheit deS Pflichtgefühls wurde als Sklavensinn und Albernheit ausgedeutet; Revolution, d. h. gewaltsame Umwälzung alles Bestehenden, ward als ein Recht der Menschheit gepriesen. Jeder Versuch, zu beschwichtigen und zu dämmen, wurde Tyrannei, Reaction, Verrath an der Freiheit gescholten, und den Herrschern, die Gott zu Schirmherren der Gerechtigkeit bestellt hat, sollte keine andere Rolle bleiben, als durch immer neue Zugeständnisse ihre eigenen Throne zu stürzen. Die Sturmglocken heulten, die Barricaden erhoben sich, der Meuchelmord schritt an sein finsteres Werk. Sachsen, Baden, Oesterreich im Kampfe mit Ungarn, Italien, die Weltstadt der Christenheit — Rom haben Mord und Brand, Leichenhügel und Trümmerhaufen der Verwüstung gesehen. Von unserm Vaterland Bayern ward nur die aufständische Pfalz mit diesen Gräueln heimgesucht. Betrachtungen dieser Art waren eS ohne Zweifel, die in unserm deutschen Vaterland Vereine zum Schutze der bestehenden Ordnung und zu ihrer gesetzlichen Fortbildung gegen gewaltsamen Umsturz hervorriefen. Auch in unserm Vaterland Bayern hat diese Betrachtung längst Jedem das Gefühl aufgedrungen, daß eS der Vereinigung aller guten und gesunden Kräfte, und der Verständigung und des Zusammenwirkens aller Edlen und Tüchtigen der Nation bedarf, um die heiligsten Güter der Menschheit durch die Sündfluth der Revolutionen in die neue Zeit zu retten; nnv diese Gesinnung war eS auch, welche die Männer beseelte, die in München im Monat Mai deS voriges Jahres zusammentraten, um den „Verein für constitutionelle Monarchie und religiöse Freiheit" zu gründen. Dieser Baum, der in der Residenzstadt BavernS so viele Wurzeln gegraben, hat mittlerweile in allen Provinzen vielversprechende Zweige getrieben. Ein solcher Zweig beginnt auch aufzublühen in unserm Landcapitel Bayrmünching, daS seine Dorfschaften in drei Landgerichte» hat: Friedberg, Bruck und LandSberg. Gemäß ihrer organischen Verbindung hat der Zweig gleiche Bestimmung wie der Baum, und gleichen Zweck. Der Zweck aber, den der Verein für constitutionelle Monarchie und religiöse Freiheit zu erreichen strebt, ist: Mit gemcinschastlichen Kräften dahin zu wirken, daß die Freiheiten, welche durch die königliche Proclama- tion vom 6. März vorigen Jahres bewilligt worden sind, einerseits nicht zum Umstürze mißbraucht, andererseits nicht zum Rückschritt beeinträchtiget werden. Der Verein wird daher streben, die Anhänglichkeit an daS angestammte KönigShauS zu befestigen, und daS gegenseitige Vertrauen zwischen Regierung und Volk in jeder Weise zu beleben und zu kräjffgen, und zu diesem Behufe an der Lösung der wichtigsten Fragen, von denen die Gegenwart bewegt wird, mitwirken. Wir sind seit lange im Besitze einer Verfassung, die alle Keime zu jeder heilsamen Verbesserung und Entwicklung auf friedlichem, gesetzlichem Wege enthält, wenn nur Jeder aus unserer Mitte mit Muth, mit Festigkeit und Thätigkeit seine Pflicht erfüllt. Ober soll unS etwa unsere Verfassung darum minder theuer seyn, weil wir sie nicht den Barricaden und vergossenem Bürgerblute, sondern dem freien Willen unsers KönigS Maximilian I. verdanken? Zwar glaubte der Hochmuth der ehemaligen Nationalversammlung von Frankfurt alle bestehenden Regierungen Deutschlands durch den Hauch ihres Mundes zerbrechen zu können, und befeindete auch unsere Verfassung. Aber die Weisheit und umsichtSvoll berechnende Klugheit unserer Regierung hat die Gefahren abgewendet. Am Frankfurter Parlament ist aber wahr geworden, was daS Sprüchwort sagt: „Hochmuth kommt vor dem Falle." Auch sollte die Welt inne werden, daß der Bestand und das Heil der menschlichen Gesellschaft nicht beruhe auf äußeren Gesetzen und StaatSfor- men, nicht auf einem künstlichen Mechanismus, nicht auf Künsten der Politik, nicht auf den Combinationen deS Handels und der Industrie, nicht auf materiellen Mitteln, nicht auf dem Gewebe egoistischer Interessen, auch nicht auf glänzender Intelligenz und umfassender Verstandesschärfe — sondern ganz und gar auf der Gesittung und dem Gewissen des Volkes, auf innerlicher Gerechtigkeit, auf versöhnender und helfender Liebe. Und diese Gesittung, dieses Gewissen, diese Gerechtigkeit, diese Versöhnung und Liebe, — ohne welche auf die Dauer auch die irdische Wohlfahrt nicht bestehen kann, — diese wurzelt allein in dem Christenthume, und schöpft nur auS ibm Wahrheit, Kraft und Leben. Wir haben deßwegen noch eine andere Verfassung, die in ihren wesentlichen Zügen göttlichen Rechtes ist, also unabänderlich, unwandelbar, über alle Zeitenstürme erhaben. Dieß ist die Verfassung der katholischen Kirche, die nach ihren Principien die festeste Stütze aller geselligen Ordnung ist. ES ist daher auch Hauptaufgabe deS VereinS, die derselben gebührenden Rechte zu wahren, die religiöse Freiheit der Kirche zu verlangen, zu behaupten, zu vertheidigen. Vom bayerischen Volke wissen wir zwar nach AuSweiS einer tausendjährigen Geschichte, daß eS mit seinen Fürsten Glück und Wohlstand genoß, so lange und weil beide der Kirche getreu geblieben, und daß ihre bürgerliche Freiheit segensvoll blühte und gedieh 138 im milden Lichte des Christenthums. Ich dürfte nur Namen nennen aus dem bayerischen Regenten-Geschlechte, wie einen Wilhelm den IV., den Standhaften, der gleichsam Blut unv Leben verpfändete für die katholische Kirche, oder seinen Sohn Albrecht den V., den Großmüthigen, den selbst die Vätcr dcS Concils von Trient die stärkste Schutzwehr der Religion und dcS heiligen Stuhles nannten; einen Wilhelm den V. den Frommen; den großen Churfürsten Marimilian I., der Bayern zu einer weltbedeutcnden Macht erhoben hat, und den die Geschichte den Retter deg Katholicismus in Deutschland im dreißigjährigen Kriege nennt: nur solche Namen darf ich nennen, um unS in Cnnnerung zu rufen, waS sie der Kirche, und waS sie ihrem Volke waren. Auch wären wir undankbar, wollten wir vergessen, daß unter König Ludwig!. Bayern sich zum ersten katholischen Staat in Deutschland und zum Rang einer eigentlichen Großmacht emporgeschwungen hat, und waS er für Kirche, Schule, Kunst und Wissenschaft gethan. Auch Marimilian II, dessen Wahlspruch Freiheit und Gesetzmäßigkeil ist, bauet sein und seines BolkeS Glück auf Religion und Kirche. Bon dieser Seile her wäre demnach für die religiöse Freiheit nichts zu fürchten, wenn eS nicht Diplomaten und Staatsmänner, Rathgeber und Volksvertreter gäbe, die, vom Geiste der Verneinung be- herrscht, etwas ganz anderes wollen. Haben wir ja doch die Worte vernommen, die ein bayerischer CultuSmiiuster in der Nationalversammlung zu Frankfurt auözusprechen wagte, indem er behauptete, vaß die Verfassung der Kirche einer radicalen Aenderung bedürfe, und von Grund auS umgestaltet werden müsse. Aber Dr. DöUinger und Dr. Sepp, diese ritterlichen Kämpfer für Kirche und ihre unantastbar heiligen Rechte, haben diesem unbefugten Reform-Projecranten eine wohlverdiente Lection gegeben, und eine totale Niederlage beigebracht. Eine ganz andere Sprache führt der gefeierte Staatöminister von der Pfordten, der am 24. Mai l. I. in der XII. öffentlichen Sitzung der Kammer der NeichSrälhc unter andern daS große Wort gesprochen: „Ich weiß nur Cine Hilfe bei diesem Zustande der Gegenwart, aber ich bin überzeugt, daß sie genügt. Jeder Einzelne halte fest an den ewigen Principien, auf denen der Staat ruht, auf welchen die Wohlfahrt des Ganzen, wie deS Einzelnen ruhen muß, an dem Rechte und der Achtung vor dem Gesetze; an der Achtung vor dem Sittengesctze, welches die tiefere Basis deS Rechtes ist, — vor der heiligen Ordnung der Dinge, die wir nicht gemacht haben, und die wir auch nicht zerbrechen können. Von öieser Achtung erfüllt thue Jeder, was seines Amtes ist, auf seinem Posten, und alle lassen sich leiten von der Liebe zum Vaterlande, von der Liebe zu unsern Brüdern, die daS höchste Gesetz ist. Wenn dieß die Gesinnung der Mehrheit wird, dann ist unS geholfen. In welcher Form, auf welchem Wege, das vermag ich noch nicht zu sagen, aber überzeugt bin ich, daß unS dann geholfen wird. „Dringt aber diese Gesinnung nicht durch, so-mögen die Räthe der Fürsten und die Fürsten selbst sinnen und thun waS sie wollen, und die Vertreter deS Volkes mögen rathen und beschließen waS sie wollen, eS wird Elend über Elend über das deutsche Volk hereinbrechen, und nach langen unabsehbaren Kämpfen wird die gewaltige Hand, die über den Menschen ist, die Ordnung wieder aufrichten, welche der Uebermuth der Menschen frevelnd vernichtet hat." Dieß ist auch meine feste Ueberzeugung. Ich schließe meine Rede mit einem Glcichniß. Ein Seeschiff eilet Monate lang durch die Weiten dcS MecreS, unter ihm der Abgrund der Fluchen, ober ihm die Stürme deS Himmels, neben ihm Klippen und Sanvbänke, und wohlbehalten kömmt es an daS ferne Ziel, weil der Schissöhauptmann und der Steuermann, der Bootsmann und der Matrose, was sie zu wissen brauchen, wissen, und mit unverdrossenem Eifer üben. Doch nehmen wir an, während die dunkel sich thürmenden Wolken schon den herannahenden Sturm verkünden, sprechen die Matrosen zum Capilän und zum Steuermann: Gleichheit ist LaS heiligste Menschenrecht: wir sehen nicht ein, warum eben du unS gebieten, und den strengsten Gehorsam fordern, warum eben du am Steuerruder dich breit machen und unserm Fahrzeuge den Weg vorschreiben sollst? Und darauf treiben sie beide von ihren Plätzen, ernennen einen Schiffsjungen zum Befehlshaber, stellen einen unwissenden Matrosen an's Steuerruder. Ohne Zweifel wird dieses Schiff daS losbrechende Ungewitter nicht bestehen, und bald alö ein unbehilflicher Wrak auf den schäumenden Wellen treiben. Eben so geht es im StaalSIeben. Jeder freie Mann ist berufen, an seinem Orte und nach seinen Kräften für die Wohlfahrt deS Ganzen zu wirken; doch nicht Jeder vermag die verwickelten Verhältnisse zu überblicken, von deren richtiger Beurtheilung daS Heil der Staaten abhängt, nicht Jeder ist befähigt in jeder Beziehung an der Uebung der Staatsgewalt Theil zu nehmen. Darum hat daS Volk seine Vertreter gewählt, die Hand in Hand mit der Regierung das Wohl' dcS Vaterlandes berathen. Im Vertrauen auf sie, wollen wir einer bessern Zukunft entgegen ^chen. Es ist nun aber Zeit, den sehr geehrten Herren Rednern, die nach )»ir aufzutreten die Güte haben, den Platz einzuräumen; nur behalte ich jmir die Ehre vor, auf des KönigS von Bayern Majestät ein Hoch auszubringen, und ich rufe mit begeisterter Seele: i Marimilian II. König von Bayern lebe hoch! Winke zur Hebung der katholischen Presse. ' (Schluß.) ^ III. Von der Förderung der übrigen Volksliteratur. ! Wenn man von der katholischen Presse im Allgemeinen redet, wie eS die Hauptüberschrift dieser Arbeit angibt, so müßte man eigentlich auch der Literatur der Wissenschaft gedenken; doch würde uns dieß hier zu weit führen. Dieser Gegenstand eignet sich besser für eine besondere Abhandlung von gehörigem Umfang, als für einen Aufsatz, ver in übersichtlicher Behandlung der katholischen Presse im Allgemeinen nur Winke zur Hebung derselben ertheilen will. Daher habe ich für diesen Abschnitt „die übrige Volksliteratur" zur Ueberschrift gewählt. Darunter verstehe ich: 1) die Kalender; 2) die UnterhaltungS- und BelehrungSliteratur, welche in Heften oder etwa in Bündchen erscheint; 3) die Flugschriften. Ueber jede dieser Gattungen soll noch im Einzelnen gehandelt werten. Die Kalender. Von dieser Gattung unterscheidet man sogleich zwei Arten: 1) die sogenannten Volkskalender, die in Quartformat erscheinen und in der Regel mit groben Holzschnitten versehen sind;— 2) die Jahrbücher oder Almanache, welche in Octav erscheinen, feiner ausgestattet und mehr für die Gebildeten deS Volks bestimmt sind. In Betreff der Volkskalender bringe ich folgende Vorschläge in Anregung und empfehle sie der Erwägung und Beherzigung aller derer, die durch Talent, Neigung, Beruf und Einfluß besondere Aufforderung haben, sich der katholischen Volksliteratur anzunehmen. 1) Für das gesammte katholische Deutschland nur einen Kalender, etwa nach Art deS Kalenders für Zeit und Ewigkeit, aufzustellen und diesen dann recht zu verbreiten, dazu würde ich nicht rathen. Ist so ein Kalender für eine gewisse Gegend oder für ein gewisses Land auch ganz vortrefflich gehalten, so paßt er doch für eine andere Gegend Deutschlands bei weitem weniger, vielleicht ganz und gar nicht. Für einen Kalender, der z. B. durch und durch nur Religionslehre enthält, wie eS namentlich die Fortsetzungen deS Kalenders für Zeit und Ewigkeit zu beabsichtigen scheinen, könnte ich gar nicht stimmen, weil dieß unmöglich daS Volk auf die Dauer dem Kalender wird geneigt machen. Die Leute sagen mit Recht: „Wir haben Christenlehre und Predigt und haben daheim den Katechismus, ein paar gute Gebetbücher und den Pater Gosfinö; — waS brauchen wir da noch einen Kalender, der über daS Kirchenjahr u. s. w. spricht? Wir haben dieß Alles schon in unserer nächsten Nähe eben so gut und vielleicht noch besser, als eS der Kalendermann abhandelt. Mit der Religion muß man auch glimpflich umgehen, darf nicht so viel Spässe, Witze und Derbheiten darein mengen, sonst versäumt der Leser über dem Lachen die Buße und der Kalender wird ganz seiner eigentlichen Bestimmung entfremdet." So ungefähr hört man die Leute reden und sie haben ganz recht, wenn sie auS einem Kalender nicht wollen ein ReligionSbuch gemacht sehen. Folgt denn nun daraus, daß etwa die Religion auS dxn Kalendern verschwinden solle? O keineswegs! Die Religion soll im Kalender herrschend seyn und bleiben, nur in anderer Weise. Ueber daS „Wie?" wird später gesprochen. Ich will hier nur geltend machen, daß eine jede Gegend ihren besondern Kalender haben muß. So muß z. B. die Schweiz, und in derselben sogar mancher einzelne Kanton, einen eigenen Kalender haben; eben so Schwaben, Altbayern, Franken, Hessen, Thüringen, Sachsen, Tirol u. s. w. Ein allgemeiner Kalender kann nicht auf die verschiedenen VolkS- Eigenthümlichkeiten und besonderen OrtSverhältnisse der einzelnen Länder Rücksicht nehmen und das müßte doch geschehen, wenn der Kalender gehörig verstanden, gehörig brauchbar werden soll. Man lasse sich es also angelegen seyn, für jeden besonderen Landstrich auch einen besonderen Kalender aufzustellen, unv trage dann dafür Sorge, daß er so viel als möglich verbreitet wird. Ich will besonders darauf aufmerksam machen, daß gutgesinnte Katholiken die Herausgabe eines Kalenders nicht jedwedem Verleger überlassen sollen. Mancher Verleger oder Drucker sieht nur auf seinen Gewinn, ohne der Religion Rechnung zu tragen, und stellt einen Kalender auf, der zwar manche platte Erzählungen, schlechte Witze und Anekdoten und abgedroschene, unhaltbare Belebrungen über Kartoffelkrankheit, Dünger, Wanzenvertilgung, Baumzucht u. s. w. enthält, aber weit entfernt ist, ein ordentlicher Kalender zu seyn. ES sollte sich in jeder Gegend eine Gesellschaft eifriger Katholiken bilden, welche sich die Ausarbeitung, AuS- 139 statiung und Verbreitung eines guten Kalenders zur Aufgabe sehte. In den einzelnen Kantonen der Schweiz haben sich schon seil Jahren die Sec- tionen der „gemeinnützigen Gesellschaft" die Herausgabe von Kalendern zur Aufgabe gesetzt und ihre Bemühungen wurden mit dem besten Erfolge gekrönt. Warum sollte daS bei uns nicht gehen? Warum sollten wir Katholiken allein nur so gewissenlos seyn, die Kalenberliteratur einem blinden Zufall und Ungefähr oder einer glaubenslosen Speculation zu überlassen? Laden wir unS denn dadurch nicht eine ungeheuere Verantwortlichkeit auf? Ich kann darauf nicht anders antworten, als „Ja!" Darum wolle man denn endlich auch hier einmal frisch anS Werk gehen! DaS Nähere wird in einem der folgenden Puncte besprochen werden. 2) Ueber die Einrichtung eines solchen VolkSkalenvers mache ich folgende Vorschläge. Da daS Volk selten zu einem richtigen Verständnisse der Zeit gelangt, in welcher es lebt — wenigstens kann eS eine solche Kenntniß nicht auS den bunt durcheinander gemischten hochtrabenden, einander oft widersprechenden und sehr häufig auch mit Parteihaß erfüllten Artikeln der Zeitungen schöpfen — so ist eS vor Allem wichtig, ihm diese Zeit in einem klaren, aber gedrängten Bilde vorzuführen, so zwar, daß der so eben erscheinende Kalender eine nach Monaten geordnete Uebersicht der Ereignisse des vorigen Jahres brächte. Diese Uebersicht müßte neben ihrer Klarheit und Vollständigkeit durchweg von einem innigen christlichen Geiste getragen und durchweht seyn und in einer gefälligen, munteren und Allen verständlichen Schreibart abgefaßt werden, wobei eS sich natürlich von selbst versteht, daß vor Allem der gelehrte Fremdwörterkram, welcher der Stolz unserer Zeitungen und die Pest der deutschen Sprache ist, wegbleiben müßte. Wo es der Gegenstand zuläßt und zu erfordern scheint, da herrsche eine muntere, mit gesundem Witz und Spott gewürzte Sprache; anderwärts aber herrsche auch wieder gewaltiger, erschütternder Ernst. Durch daS Ganze muß sich der herrliche Gedanke hinziehen, daß Gott, als Vater der Menschen, auch ihr Erzieher ist, und daß darnach auch alle Erlebnisse und Ereignisse im Menschenleben zu beurtheilen sind; eS muß dem Volke anS Herz gelegt werden, daß eS die Erziehungspläne GotteS, wie sie in dessen Fügungen und Schickungen hervortreten, verstehen lerne und darnach immer mehr sein Leben einrichte. Ich weiß eS aus verschiedenen Beispielen, daß eine solche Zeilübersicht, in Einrichtung, Geist und Sprache so gehalten, von allen Ständen LeS Volks ungemein gern gelesen wird und eine tiefe Wirkung hervorbringt. Ja man kann mit vollem Rechte sagen, daß ein Kalender, um einer so beschaffenen Zeitübersicht willen, gar nicht veraltet, immer noch nachverlangt und selbst nach zwanzig Jahren noch sehr gerne gelesen wird. Der Kalender dient dann an der Stelle der alten Chroniken und wird vom Volke, wegen deS hohen göttlichen Planes, der in demselben zur Anschauung vorgeführt wird, hoch in Ehren gehalten. Diese Zeit- Chronik würde also den Vordergrund einnehmen. Darauf würde dann eine gute Erzählung aus der alten oder neuesten Zeit folgen, und wenn sie nicht zu lang ist, würden daran noch einige kurze und merkwürdige daher wirksame Charaklerzüge u. s. w. aus dem Leben angeschlossen. Wenn über diesem Erzählungsstoffe auch nicht die Ueberschriflen stehen: „Vater unser" oder „viertes Gebot GotteS u. s. w.," so würde die Erzählung doch selbstredend nur von christlichem Geiste und Leben, ermunternd oder warnend, Kunde geben. Man würde um der schönen Hülle willen auch den heilsamen Kern der Erzählung liebgewinnen und so dürfte manche gute Lehre beim Volke einen bessern Boren finden, als wenn die Sache rein katechetisch u. s. w. angelegt worden wäre. Das dritte, was der Kalender zu bringen hätte, wären sogenannte Nützlichkeitsartikel, Recepte u. s. w. jeder Art, aber nicht als bequeme Lückenbüßer, sondern mit großer Sorgfalt ausgewählt. Dann kämen die Jahrmärkte, Post- und Dampfschiffcurse, Zinsiabellen, und zuletzt daö Einmaleins. Ein paar ordentliche Holzschnitte oder Lithographien dürften nicht fehlen. Würde dabei der Kalender auch gegen vier Bogen stark, so daß das Eremplar auf 14 Kreuzer oder 4 Sgr. zu stehen käme, — der Kalender würde um seiner Einrichtung und Haltung willen gerne gekauft werden. Laßt ihn auch meinetwegen 5 Sgr. kosten; ist er gut, so macht er sein Glück. Daß vorne der eigentliche Zeit- kalender mit Monat und Datum, sammt Bauernregeln und was noch dazu gehört, nicht fehlen darf, ist an sich klar. 3) Als Herausgeber eines solchen Kalenders wähle man einen Mann, dem eine populäre Schreibart und originelle Einfälle eigen, sind. Wollte ^ Jemand den Kalenderstyl nach diesem oder jenem Muster 'nachahmen, so! käme dadurch nur ein arges Pfuschwerk zu Stande. An jeder Stelle würde! die Papageyennatur sichtbar werben und unbefangene Leser würden sagen:! „Man sieht wohl, daß sich der Kalendermann alle mögliche Mühe gibt,! den VolkSrednerton anzuschlagen; aber gerade weil er sich solche Gewalt anthun muß, wird seine Sache ungenießbar und wäre ihm zu rathen, sich auf etwas Anderes zu verlegen." Der Kalender müßte ganz von einem und demselben Verfasser seyn, ausgenommen die landwirthschaftlichen und sonstigen gemeinnützigen Aufsätze, welche ohnehin einen ganz andren Charakter haben, als daS Vorhergehende und daher auch einen andern Vcr- fasser zulassen, ohne daß die Einheit deS Kalenders darunter leidet; daß der Kalender vor der Herausgabe der Prüfung einiger Sachverständigen unterliegen muß, mag sich von selbst verstehen. 4) Endlich ist noch über die Ausgabezeit deS Kalenders ein Wort zu sagen. Da man einen guten Volkskalender gerne so weit als möglich wirb verbreiten wollen, um auch durch einen starken Absatz einigen Vortheil zu ziehen, so kommt auf die Zeit der Herausgabe sehr viel an. Wenn manche Kalender erst im November versendet werden, so ist dieß offenbar zu spät, daher nachtheilig für den Absatz. Der Herausgeber muß dafür sorgen, daß der Kalender spätestens Ende August versendet wird. Der Einzelverkauf wird am besten den Buchhändlern und Buchbindern, und wo keine solchen sind, den Krämern übertragen. Ueber die Jahrbücher oder Almanache ist kurz Folgendes zu bemerken: 1) Vor Allem zeichne sich ein solches Buch durch Mannigfaltigkeit und Frische deS Stoffes auS. Ein lahmer, langwriligcr Styl ist hier eben so wenig zulässig, als im Bauernkalender. Die Erzählungen, Bilder u. s. w. dürfen nicht gewaltsamer Weise vom kirchlichen Gebiete herbeigeschleppt werden. Sollen eigentliche kirchliche Bilder und Scenen darin vorkomme», so müssen sie sich naturgemäß anS der Erzählung hervorfinden und dann nicht zu sehr gehäuft. Manche Herausgeber katholischer Jahrbücher oder Almanache meinen, sie thäten der guten Sache und den Lesern einen großen Gefallen, wenn sie bei jeder Gelegenbeit Mönche, Processionen, Kreuze, Capellcn u. s. w. aufmarschiren lassen. Darin besteht aber der katholische Gehalt einer Erzählung nicht, sondern in der treuen Auffassung der Wirklichkeit, die durch den religiösen Geist veredelt und auf höhere Bahnen hingewiesen wird, so daß der Leser, möchte ich sagen, mehr unbewußt den religiösen Kern der Erzählung in sich aufnimmt und nicht durch gesuchte Scenerie gewaltsam darauf hingestoßen wird, daß er eS hier mit einem katholischen Almanach zu thun habe. Die Gedichte, wie sie seither in solchen Büchern geliefert wurden, dürften entweder besser und kürzer seyn oder ganz weggelassen werden. Auch könnte auf die äußere Ausstattung mehr verwendet werden; eine gute Ausstattung ist nicht immer nothwendig theuer. Guter. Geschmack und Sorgfalt bringen viel zu Stande. Die Produkte der modernen Aufklärung bieten in Betreff der Ausstattung gute Muster dar. Zur Anfertigung schöner Zeichnungen für Erzählungen empfehle ich mit gutem Gewissen den talentvollen Maler G. A. Lasinöky zu Trier. *) 2) Wie sehr es zu wünschen ist, daß in solchen Almanachen Alles Originalarbeit, nicht Nachahmerei oder gar Nachschreiberei sey, bedarf wohl seiner besondern Auseinandersetzung. - 3) Was im vorigen über die Zeit der Herausgabe der Kalender gesagt wurde (Siehe Nr. 4.) gilt auch liier. - Wir haben unter dem Stande der Geistlichen, Professoren und Lehrer !sehr tüchtige Talente, diese sollten sich dieser Literatur mehr annehme». 'ES ist ungeheuer leicht, über schlechte Kalender loszuziehen; wäre eS nicht besser, selbst mit anzugreifen und so daS Schlechte durch Gediegenes zu verdrängen? I). Die UnterhaltungS- und BelehrungSliteratur. Sehen ^wir unS in diesem Gebiete um, so begegnen wir in der protestantischen Literatur einer Menge von Zeitschriften, welche viel Fleiß und Geschicklich- keit verrathen; auf katholischer Seite dagegen ist darin noch so viel wie Nichts geschehen. Kein Wunder also, wenn unsere katholischen Länder ! fortwährend mit solcher protestantischen Lectüre noch überschwemmt werden ^ind in Folge solcher Lectüre Gleichgiltigkeit in religiösen Dingen und irrige - Grundsätze ungestört verbreitet werden. Allerdings hat sich der BorromäuS- verein ein großes Verdienst dadurch erworben, daß er die Verbreitung guter Bücher beförderte und ein wahrhaft heilsamer Erfolg ist seitdem schon an vielen Orten sichtbar geworden. Unter den Bemühungen deS Borro- mäuövereins schätze ich auch die Gründung von OrlS-Lescbibliotheken sehr hoch; allein eS fehlt uns noch an guten Zeitschriften, die »ach der Arr der Stuttgarter Erheiterungen, der Pfennigmagazine, Spindlerö AuSland, Lewald's Europa oder nach Art der schweizerischen Unterhaltungsblättcr (z. B. die in St. Gallen und Bern) angenehme unv nützliche Unterhaltung gewährten. Professor Dr. Moritz zu Aschaffenburg hat einen Anfang damit gemacht durch Herausgabe seines „katholischen Erzählers;"*'*) aber er wurde in jeder Beziehung zu wenig unterstützt. Man kann daher auch an die zwei biS jetzt erschienenen Bändchen keinen strengen Maaßstab an- *) Zur Ausarbeitung solcher Zeichnungen muß man dem Künstler die ganze Erzählung im Manuscript schicken. Bloße Andeutung bestimmter Scenen, brieflich ihm zugesandt. kann nicht zum Ziel führen. Der Berfaffcr. ") Druck und Verlag von Florian Kupferberg in Mainz. 14 « legen. Wie wäre eS denn, wenn der BorromäuSverein und dazu noch die PiuSvereine Deutschlands dieses Unternehmen als ein gemeinschaftliches aufgriffen und durch literarische Originalbeiträge, so wie durch eifrige Verbreitung zur Blüthe zu bringen suchten? DaS könnte doch nicht so schwer halten, wenn sich so viele und so tüchtige Kräfte daran betheiligten?! Die Protestanten haben ihren „Kämpe" ihren „Harnisch" und Andere; — waS haben aber die Katholiken? Ich schlage daher vor, daß man dieser Zeitschrift, die bis jetzt in zwanglosen Heften erschien, allseitig aufhelfe in der vorhin gesagten Weise. Novellen, Erzählungen, Anekdoten, Biographien, Gedichte, Mittheilungen auS der Länder- und Völkerkunde, Reisebeschreibung, belehrende religiöse Aufsätze, Mittheilungen auS der Naturkunde u. s. w. würden ein recht gutes Werk bilden. Dem Hrn. Professor Moritz, der zur Herausgabe eines solchen Werkes gutes Geschick besitzt, würde man die Redaction des Werkes überlassen und ihn nur gehörig unterstützen. ES müßten aber wenigstens vier Bändchcn jährlich erscheinen und auch auf die Ausstattung müßte etwas mehr Sorge verwendet werden. Ordentliche Arbeiten würden wohl zu erzielen seyn durch Ausschreibung von Preisen. Da ja die Erzählungen u. s. w. nicht so lang zu seyn brauchen, so wären die Kosten leicht aufzubringen durch gemeinschaftliches Zusammenwirken. Wenn für eine Erzählung von sechs Druckbogen ein Preis von etwa 60 Thaler gesetzt würde und der Verfasser auch noch ein bestimmtes (von den Herausgebern festgesetztes) Honorar per Druckbogen erhielte, so meine ich, wäre daS eine Aufmunterung für manche unserer Schriftsteller, die nicht ohne Beachtung gelassen und nicht ohne guten Erfolg bleiben würde. ES brauchen übrigens auch nicht alle Arbeiten Anfangs honorirt werden, da ich nicht ohne Grund versichern kann, daß Viele, auS Freude, ein solches Unternehmen endlich auf katholischem Gebiete zu begrüßen, recht gerne freiwillig einige gute Beiträge liefern würden. Erstarkt nach und nach daS Werk, so daß Honorar gegeben werden kann, so wird dieß dem Unternehmen nur förderlich seyn; denn manches Talent hat mit Armuth zu kämpfen und dabei noch arme Eltern zu unterstützen, so daß cS lieber den mühsamen Weg der Privalstunden wählt, um sich Etwas zu erwerben, als den Weg der Presse. Würde vorläufig jährlich nur ein Preis oder deren zwei ausgeschrieben in die namhaftesten katholischen Blätter BayernS, Rheinlands u. s. w., so könnte sich die Sache, nebst dem daß auch die Verbreitung thätig betrieben würde, gehörig heben. Man muß dem guten Willen nur in der rechten, zweckmäßigen Weise entgegen kommen, und man wird die Erfahrung machen, daß wir nicht so arm sind, als wir aussehen. Ein würdiger Gegenstand allgemeiner Theilnahme im gesammten katholischen Deutschland wäre auch die Unterhaltung eines gemeinsamen Organs für Erziehung und Unterricht. Ich will die Sache hiemit ohne alle weitere Bemerkungen nur angedeutet haben. Sollte Ließ unsere Kräfte einstweilen noch übersteigen, so wären gewiß unsere kirchlichen Blätter, wie z. B. der „Katholik" crbötig, pädagogische Abhandlungen und Aufsätze aller Art aufzunehmen. Wir können ferner noch brauchen eine etwa in zwei mäßige Octav- bändchen zu fassende Geschichte des deutschen Volkes, recht klar und populär erzählt nach Art der Schweizergeschichte von Heinrich Zschokke; vielleicht auch mit einigen guten Holzschnitten geziert. Eben so eine solche Kirchen- geschickte für daö Volk. Und so gäbe eS der Unternehmungen noch mehr, die nach und nach ausgeführt werken könnten zum Segen der Mit- und Nachwelt; denn warum sollte nicht endlich auch daS Gute Lurch die Presse mehr um sich greifen, wenn die gottlose Aufklärung seit Jahren auf demselben Wege einen so ungeheuern Erfolg erzielt hat? Man denke nur an Rotteck'S Weltgeschichte, Zschokke'S Stunden der Andacht und Anderes dieser Art! Möchten diese Bemerkungen wenigstens das Gute stiften, daß die Sache angeregt und besprochen und endlich durchgeführt würde. Ich hoffe, dieß werde um so eher geschehen, als die schlimme Zeit denn doch gar Vielen unter unS die Augen geöffnet haben wird über daS, was Noth thut und w v'S Noth thut. U. Die Flugschriften. Diese haben die Bestimmung, in Zeiten, wo außerordentliche oder doch ungewöhnliche Ereignisse und Umstände ein treten, dem Volke schnell diejenigen Fragen, um die cS sich da eben handelt, klar zu erörtern. Gemeinsames Handeln ist auch hier, wie in andern litcrarischen Zweigen, sehr wichtig. Berührt in Deutschland eine Frage die katholische Kirche, so ist daS ganze katholische Deutschland daran be- theiligt, und warum sollte da nickt auch daS Bemühen und Zusammenwirken Aller eine und dieselbe Flugschrift, wenn sie volkSlhümlich abgefaßt ist, allseitig verbreitet werden? Der Central-Vorstand dcS PiuSvcreinö, dessen Vorort jetzt BreSlau ist, ist in den letzten Tagen in dieser Beziehung mit einem guten Beispiele vorangegangen und hat damit überhaupt eine Bahn eingeschlagen, auf welcher die katholische Presse in mehreren Hinsichten sehr befördert werden kann. Er hat nämlich zur Ausarbeitung von Flugschriften zwei Preisfragen ausgeschrieben: 1) Ueber daS Recht der ErziehungS- und Unterrichtsfreiheit für die Familie. 2) Ueber das Wesen der katholischen Vereine Deutschlands; zwei sehr praktische Fragen von höchster Wichtigkeit. Ich freue mich, daß mit diesem Verfahren schon der Anfang gemacht worden ist und denke, eS werde sich bald auch auf andere Literaturzweige erstrecken. Die Kosten zu solchen Preisaufgaben dürften um so leichter zu erschwingen seyn, als mancher reiche Katholik, der gerne für jeglichen kirchlichen Zweck etwas Namhaftes beiträgt, eine besonders reichliche Gabe zu den EinsammlungS- geldern legen würde. Haben wir in diesem Frühling der Beispiele mehrere gehabt, daß einzelne wohlhabende Katholiken für den heiligen Vater 300 ^ Thaler, 100 Thaler u. s. w. beisteuerten, so läßt sich hoffen, daß sie für seinen trefflichen litcrarischen Zweck, dessen Besorgung sie in guten Händen wissen, auch etwa 30 oder 40 Thaler geben werden. Wie nützlich die Flugschriften waren, haben wir zur Zeit der Rongeanischen Wirrsale gesehen und hatten nur zu beklagen, daß die Unkosten solcher Flugschriften ! nur zu sehr Einzelnen zur Last fielen, weil zu einer allgemeinen Verbreitung derselben (namentlich zu einer unentgeltlichen) bei Weitem nicht die nöthige Unterstützung und Mitwirkung geleistet wurde. Nun, waS damals ! nachlässig geschah, kann jetzt besser gemacht werden. Wir leben wiederum ^in einer Zeit, die von Irrthümern und Verkehrtheiten aller Art strotzt. Jetzt gilt eS, seinen oft durch schöne Worte ausgemalten Eifer durch entsprechendes Handeln zur Wahrheit, zur lebenvollen Wirklichkeit zu machen. Wohlan, wenn wir im Vertrauen auf den Beistand Gotteö, mit Gebet, rüstiger Kraft und Opferwilligkeit an's Werk gehen, so wird dieß der Boden werden, auf welchen der allbarmherzige Vater im Himmel Seinen reichlichen Segen herabgicßen wird. Täuschen wir uns nur nicht; weil wir so ins Irdische versunken, weil wir in allem Guten so entsetzlich lau und träge sind, darum kommen in dieser Zeit so schwere Leiten über unS. Kehren wir wieder zurück zur wahren Liebe Gottes und zur thätigen Nächstenliebe, so binden wir gleichsam die strafende Hand GotteS und bewegen Ihn, unö wieder gnädig zu seyn und Tage des FriedenS und Glückes zu schenken. Manche verschwenden ihre besten Geistes- und Gemüthskräfte, ja auch ihre Zeit, ihr Vermögen und ihre Gesundheit an daS Abdreschen politischer Fragen, von denen wir kein Heil zu erwarten haben. Unsere Wirksamkeit in Bezug auf Gestaltung staatlicher Verhältnisse ist äußerst gering; die Leitung dieser Angelegenheiten steht völlig in GotteS Hand. Er hat unS gezeigt, daß alle unsere Weisheit, vom hochgepriesenen Professor herab bis auf den bunten ungelehrten Abschaum der Parteien lauter Dummheit ist und die Verwirrung nur größer macht. ES kommt mir vor, als wären wir mit einem Thurmbau beschäftigt und wollten auS Versehen oder auS übergroßer Pfiffigkeit zuerst die Thurmspitze bauen, ehe nur noch ein Fundament steht. So kann es nicht gehen. Halten wir vorläufig die Freiheiten fest, die wir errungen haben und nehmen wir die zahllosen praktischen Lebensfragen in Angriff, zu welchen auch die Presse gehört, weil sie ein mächtiges Mittel ist, die zur Ausführung eines großen Werkes erforderliche Gesinnung vorzubereiten oder doch zur Reife, zur Einheit zu bringen. W ü r z b ir r g. AuS der Döcese Würz bürg. Die katholischen Vereine auf dem Lande, die im Anfange zu so glänzenden Hoffnungen berechtigten, sind dem Beispiele des VercinS in Würzburg gefolgt, und haben sich theils in Folge der fortwährenden Angriffe auf die persönliche Ehre jener Männer, die sich an die Spitze solcher Vereine stellten, theils in Folge der gewonnenen Ueberzeugung, daß dieselben von Oben nicht gerne gesehen würden trotz der Billigung Sr. Heiligkeit deS Papstes und der in Würzburg versammelten Bischöfe, großentheilS aufgelöst, wenigstens kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben. Einen traurigen Einfluß auf das kirchliche Leben übten die Märzvereine und die zahlreich abgehaltenen Volksversammlungen, auf denen als regelmäßiges Thema gemeine Schimpfereien und Verdächtigungen deS KleruS figurirte. Daher ist nicht zu verwundern, daß, wenn auch die Mehrheit des Volkes noch fest an seinem Glauben und seinen Geistlichen hält, doch Viele, welche solche Schmähungen fortwährend hören oder in Zeitungen lesen, dieselben zuletzt für wahr halten, und eine gewisse Scheue, ja Abneigung gegen die Geistlichen an den Tag legen. Selten sieht man solche Märzvereinler in der Kirche und leider haben sich bei diesen Vereinen auch Lehrer bctheiligt, die dann einen nachteiligen Einfluß auf daS Volk üben und fast immer Opposition gegen die Geistlichen bilden. (Sion.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Vierteljähriger Abou- nemenispreis im Bereiche von ganz Bayern nur 2V kr„ ohne irgend einen weiteren Post-Aufschlag. Auch von Nickt-Abonnenten der Postzeitung werden Bestellungen angenommen. Sonntags -Peiblatt zur Augsburger Postzeitnng. Auch durch den Buchhandel können diese Blätter bezogen wer» den. Der Preis beträgt, wie bei dem Bezug durch die Post, jährlich t st. 20 kr. Uountcr Jahrgang. M 8«. N. September 184N. Hermann von Lehnin. Der Lic. Theol. Beikirch hat ein merkwürdiges Buch herausgegeben unter dem Titel: Prophetenstimmen mit Erklärungen. Möglichst vollständige Sammlung aller Prophezeiungen aus alter und neuer Zeit, über die Gegenwart und Zukunft, mit Erklärung der dunklen Stellen. Ein Kalender für unsere verhängnißvolle Zeit. Mit dem Motto: „Verachtet die Weissagungen nicht. Prüfet aber alles und waS gut ist behaltet." I. Paulus an die Thess. 5, 20. 21. Paderborn bei Schöningh 1849. Das Werk enthält eine Sammlung von 35 der merkwürdigsten Prophetenstimmen älterer und neuerer Zeit, und zwar bis herab auf GörreS, der vor seinem Sterbetage am 26. Jänner 1847 noch von Ungarn sagte: „Ich sehe ein großes Leichenfeld," und über den Zustand der Völker: „Betet für die Völker, die nichts mehr sind," und über die Reiche: „Ich beklage den Untergang der Monarchien," und über das Verhältniß von Kirche und Staat: „ES ist zum Abschluß gekommen, der Staat regiert, die Kirche protestirt." Der Verfasser hat sich angelegen seyn lassen alle die Prophezeiungen mit schlagenden, kurzgefaßten Erläuterungen und Erklärungen zu versehen, und so dem in gedrängtem Raume vielumfaffen- den Buche einen eigenthümlichen Werth zu verleihen. Nachdem seit einigen Jahren die berühmte Prophezeiung deS Bruders Hermann von Lchnin in vielen Auflagen und Erklärungen erscheint — so daß die allgemeine Aufmerksamkeit auf diese Vorsage sich wendet, so wollen wir die 100 merkwürdigen Verse, in denen sie enthalten ist, mit BeikirchS kurzer Erklärung hier folgen lassen, um einerseits jene Leser, denen der Text noch unbekannt seyn sollte, damit bekannt zu machen, oder jene, die ihn bereits kennen, in Besitz desselben zu setzen, denn eben jetzt wäre die Zeit, wo die acht Schlußverse auf ihre Erfüllung warten. Hermann war ein im Rufe der Heiligkeit gestorbener Bruder des Cistercienser-KlosterS Lehnin in der Mark Brandenburg. Er lebte um daö Jahr 1270. Seine Weissagungen betreffen zuerst sein Kloster Chorin in der Uckermark. Da aber das Schicksal des Klosters aufs Innigste mit den Wechselfällen der regierenden Fürsten zusammenfällt, so bildet die Geschichte dieser Regenten den Hauptinhalt dieser Prophezeiung. Hermann sagt den Untergang deö Hauses ASkanicn voraus, schildert die hohcnzollernschen Regenten ganz bezeichnend, gibt Zeit und Umstände des Einbringens des Protestantismus an, und sagt diesem eine Dauer bis zum eilften Nach- - folger deS ersten lutherisch gewordenen Hohenzollern voraus. An das Abtreten dieses Hauses vom Schauplatze der Weltgeschichte knüpft er die Wiederherstellung deS deutschen Reiches und der allgemeinen, einigen Kirche. Dann tritt, nach dieser Prophezeiung, iil Uebereinstimmung mit Holzhäuser, eine herrliche Zeit für Staat und Kirche ein. Die Weissagung ist in 100 leonischen Versen geschrieben (b. h. in Herametern, die in der Mitte und am Ende einen Reim haben). Dieselbe VerSarr findet man auch in alten Inschriften des Klosters, ein Beweis, daß die Mönche von Lehnin mit dieser VerSart sehr vertraut waren. Nach einer allgemein geglaubten Sage soll die Handschrift von Lehnin nach Berlin gekommen seyn, und dort sorgfältig verborgen gehalten werden. (?) Sie wurde schon im Jahre 1723 von Professor Lilienthal in Königsberg nach einer alten Handschrift herausgegeben. Sie ist seit 100 Jahren oft angefochten und eben so oft vertheidigt worden. Ihre Hauptverlheidigung ist aber, daß ihre Angaben immer richtig eintrafen, und so Hermann sich als ein wahrer Prophet bewährte. Einzelne Erklärer haben auS Unverstand oder Uukenntniß der preußischen Geschichte die wunderlichsten Auslegungen gemacht. Wir wollen daher, damit ein jeder von der Wahrheit dieser Prophezeiung sich überzeugen kann, nach genauem Studium der preußischen Geschichte, so kurz und faßlich als möglich, den Text erklären, ohne ihm im Geringsten Gewalt anzuthun. Der Original Teil folgt nach einer guten Ausgabe zuerst; nachher die deutsche, möglichst wörtliche Uebersetzung mit den Erklärungen. Vati ei nimm 1rotri8 Ilurinouni sd cd I-u I, n i n. 4. Arme tibi «'um eura eono lotn lüturo, 2 . l)uou mild mcmstruvit Iluminus, ,;ui cunela cruavit. 3. Aam lieut iusigiii, siout sol, 8p!u»duo8 igi», 4. Ut, vitou, tuton, nuiic dugo8 devolom.i 5. Almudeutcjuu rite trouijudlou eommodo vitou, 6. '1umj>U8 urit tondcm, cpmd tu nun euniut um,dem, 7. Imo vix ulloi», 8ud Iiunu dixurc», imllom. 8. Ouoo tu limdovit gec>8, Imue tu 8un>puromovit, 9. tlac puruuntu puri8, neu motur omo>,iIi8 uri.8.k! 10. Ut nune oI»8(jUu nmro, prupimpiot llul>iÜ8 hurn, 11. ()uo 8tirps Ottouiü, i,o8trou ducu8 rugiui>i8 12. Nugno ruit tät«, nullu 8upur8titu „oto, 13. luiiucjuu eodu8 prinium, 8ed »cmdiim vuni.8 od imum. 14. lnterua clirm ougetur morellio »,oIi8: (miri8, minis) 15. Aon, doi»U8 Ottoiwiu liut 8peIu„co luommi, 16. cle urit uxtru8U8 vuro du 8ongui,iu s„8U8, 17- HtMudo purugrini vuiiiunt od eloudro (diorilii; 18- Oerl,eiec>8 1u8tci8 »>ox tollit 1'.ae8oric> 08tu.8, 19. 8ud porum tuto gouduliit moreln'o «cutc»; 20. kugoli8 rur8Ui» luo tendit od olturo uur8>i»i: 21- Aue dvmincm ver»8 Iioee turn, vidulut ut I,uro 5 . 22. Oumia turludmut reetore8, di»,»,o,;uu d-il,ui,t; 23- Aui>dit 08 divu8 vuxoln't undicpiu uivu8, 24. lioptolät elurum „u!Io disuriminu rurum, 25- Lt loeiunt i8ti, cjuud loetum U8t tum>»>ru <'I>ri8ti; 26- Korpora inultorui» veiuluntur uvnlro dueonii». 27- Au punitu8 du.8it tüii <;ui, muo morcluo, proumt, 28- Lx l,ui»d>8 8>irg,'8 I,i„j8 nuiiu i„el)tu H>irgi8, 29. Aueui>di8oeum, 30- LuilttjUV >Uj,08 „UU08, UVÜM8 j»-0UU(„'diu 8UU08. 31. Ilieo ti>,i vurum: tun 8tir>>8 lungouvo diuruiu. 32- Impuri>8 jiorv,8 ;>otrii8 dnminoliitur orv>8, 33- Uuliue j,ru8troti lüurmt, <;ui tunu. Iioimroti 34. Uil »08 vo8tol,a„t, I)»llii,i„8 rugliuru vutolmut. 35. 8nueudo»8 >mtr> tullit privilugi» lrutri, 36- Aue läeiut i,u8tun> „oii ju8tui», eruduru ju8tuni. 37. llusu 880 liullis VUNI8, 80 ,ti 8 (jiiu >,roeuIIi8, 38. ^lox Irotur 1orti8 8ueeudit tumporo mort,8. 39- 1^orti8 ut >»« ljuidei», 8ud vir vun>88u»U8 idum; 40. Hum eugitot montem vix 8emiduro potu8t s-untum. 41. Ln acuit un.8U8! 11i8uri v«8, o l.u1,nii>un8U8! 42. Ouid uurut srotru8, <;ui vidt ex8uiduru potre8! 43. ^Itur ol, I,ve uwrtu», 8eit ludiliuaru pur orten,, 44. 4>U8picium notm Iiie pruuhut su!ieiti»ti8, 45. <)uod dun, 8urvotur, i„gun8 surtuno porotur. 46. I1uju8 urunt not, conlorini 8vrtu I,uoti. 47 . Inlurut ot tri8tu,n jiotriuu tunu suuinino p68tem. 48- l'oemina 8urpu„tl8 tol,u eontrouto reee»ti8; 49 . Iloe u«I undunum durolut 8tumn,o vununum. 50. Lt „uiiu ,8 prodit, <;ui tu o I^ulmin „in,i8 «dit; 51. Dividit ut uultur, otliuu8, 8eortutur, odultur! 52. LueIu8,oin vo8tot, hono ruligi »80 8ul>lu,8tot. 53. Ite mou8 populus! protuetor U8t til>> nullu8, 54. Iloro donue vuniut, 1 IllIU! toilliio ,,II>0j>OIli IIi>'.08 III uriio, 8>>o ootoii 8»I>oIoii> l'ovol loriiiiiliiie ;,ioloi»: 4 tiiiuK olvmoi'ii»,, oortv liiiiio» 0880 suloruiii. loiom oovn i»»v lil, putiooto äoliovn: -lillo 80 ii 1 v 1 »imvis, ooju8 «lurotio I-rovi^; Alolo, j>oi- oilii In,», 8l!ll 1uil>iii>8 I'loin per iolom. k)oi>o lumo» in pl!j>18 Iiiulimlor ju88ili08 eju8, I» » 10 I 108 151» OOIOOlti j>»886 i>olnlo. ?»8l >>1,1,0111 I11>108 08l >>ii»00>»8 5liiro1iio»a1u8 logoiiio 1110 II 08 000 vivoro 8i>ii1 iim>1»8. Dom »iiiiiiim «roilil, iiii8oroii> >>ooii8 Io>»U8 ockil, 1^1 80 «>i»' 1 or 8ori»8 illomiiii mov lüln >>ro1orvu3. Hu ,10 voiiimil, i>u,I)U8 cko Iiurgi8 uoiiiiim Irilius. I<5> oio8«i'1 Iutu8 iimguo 8ul> >»inei,io 8lu1o8. 8oo„riiii8 j-«mli8 o.8l korliluoo irogo,iti8: 801 I ml juviiliil, >>ru«!o»liii guiiinlo ouimliil. <)»i 8>>00088or oril, >>ii1ri8 imuck V08ligiu leril. Onilo klillr68, InoI>I) 11 li 8 »00 >> 1 >n:ilv I>mlre8! Imllil i» Im» »oiiioo luoli rogi»ü»i8 011100 , IXil 8»,> 0,681 >>>.»>: V 0 I 0108 migialo oolooi! Ll jliool vvli»«4u8, 1ori8 t>UN88il1U8 ol i»1u8. Alov juvoni8 fromil, ckum »liigim >>uoi>>ori> goniil. 8ock Ij>U8 lurlmlui» >>» 108 l r 08 lrillg 0 r 0 8ln1uiu? Vovillui» limgol, 80,1 lall, orulloiii, plaogol. 4'Ii>i>1i>>U8 Iiiiio MI8III8, viliiiu vu!l oiodoro oIiiU8lris. 0»i 80 ,>uilur, >»ii,vo8 inüliilur >> 088 i,»u 8 rno8, IXon roliur iiiouli, »ou n«l8Uii1 iiumimi gonli. 11uju8 o>>o»i >>v1i1, ooil1ri>iiu8 Iiio 8>Iii 8lo1i1, Ll >>or,'1 in mul!8, duiu I»I8001 8MMMI >>rol'uncki8. IX. 11 U 8 lloroliil, guock IIOI 1 8j»6i'ii886l, Imiiodil: 80 ,1 >io>>uIu 8 1 i-i 8 li 8 lloliil 1oliii>on1iu8 i 8 ti 8 . ^liii» 8«>r1i8 miiiio vidoiilur luki venioe; L1 iiri,u'eii8 ii68oi1, cjuoll nova poloolia erteil, 't'smlom 8oe>>1ni goiil, ') iiilmiOom 8(:o>U8 iiuilol, morlo >ii»iic1mii. Ll s>c>8lol' giv^vm reoijiil, 6ioniia»iii rogom. Aliiooliiii oum4o5um ^o»i1u8 olilila muloimm, 1>>8» 8008 301 I 0 I fovoio, N6V Ullvonil ^iioilvl: 1^118011 l^oliiiiiii 8Ui'L;m>1 ei leelii (^oitiii, Ll veleri mooe (1Ieeu8 8j>Iei»1o8eet Iiooore, IXle Iuj >08 iioOili j»Io8 ii^idiiilur ovili. ^gorlsi.yuiiji folgt.) Die lateinische Sprache in der Kirche. **) Uiilcr den Fortkrungni, wclche Lic Ncucrcr in der Kirche, geistlichen unv welilichen Sinneeö, Hochgelehrte und Alltngeschreier, seit Jahren schon gestellt, nniuinhr aber, rreil die Zeilverhälinisse ihnen günstig scheinen, weil ste Lerbündete haben an den pclitischen und kirchlichen Ra- dicalen, an den Glanbene-gleichgilligeii, an den Glaubenslosen und an den Glanbenchassern, inu neuem llngeltüin wieder vorbringen, fehlet nie daö Verlangen nach Beseitigung cer luieimschen Lprache auS der ganzen Lirurgie. Wie immer ras Unstauhasle, um daö Glimpflichste zu sagen, dieses Begehrens mir überzeugenben Giüncen nachgewiesen seyn mag, die Männer, welche nun einmal um jeoen Preis Neuerungen wollen, da der alte Geist der Kirche zu ihren iieumousch aufgeklarten Hinsichten nicht paßt, möge eö selbst aus dem Wege eines förmlichen Schisma S geschehen, wiederholen uiierniüdcl ihre veralteten, längst verurlheillen Gründe, wenn auch in Schriften etwas glimpflicher uns zärter, als dieß vor Jahren auf dem Katheder geschehen ist vor Theologen, die, bald darauf in den Priester- stanv eintretend, die ganze Liturgie in der ihnen so verächtlich gemachten und wahrhaft verhöhnten lateinischen Sprache vornehmen mußten. *) Ein Eclcbrtcr, der dic Hcindsibrist in Berlin gesehen, versichert uns, es müsse nach den Zügen derselben ss reso gelesen werden (Zn gleicher Weise ist durch falsche Lesung rwn sanegeo-il der „i>l. Grat» cnistandcn, während zu lesen ist: das wahre Blut.) ") Wir cnlnchincn diesen kurzen, aber körnigen Aussatz dem vor Kurzem erschienenen Werke: „Katholisches Kirchcnlhnm, bchandeli in zwanzig Kanzcirevcii, mit besonderer, kritischer Wahrnehmung des sogenannten D c n l sei, ka 1 h 0 l i. i s 1» u s ; nebst einem An-! hange: Fresken a»S dem Krcnzgangc Bon Wilbclm Gärtner, Opcrar und Feiertags-! Prediger an der kaiscrl. königl. Wiener Universilätskirchc. Motto: b>on ksvoro, seä lichors. Wien ISIS. Verlag von Karl Gcrold." I Unter diesen Umständen dürfte eS manchem unserer Leser nicht unangenehm seyn, zu vernehmen, wie ein geistreicher Prediger diesen Gegenstand vor einem zahlreichen Publikum in der Wiener UniverstlätSkirche be, handelt hat. Nachdem er in Kürze erwähnt, wie die Sprache beim Gottes- oienste mit der katholischen Principiensrage gar nicht nothwendig zusammenhänge, da z. V. die unirten Griechen und die unirten Armenier nicht wie wir in der lateinischen, sondern in ihrer Nationalsprache den Gottesdienst verrichten und dennoch als ganz gute katholische Christen zur Kirche gehören, fährt er fort: Eine andere Frage ist eS: ob und in wie fern es rathsam und vom Heile seyn dürfte, hinfort in allen Ländern die betreffende Landessprache alS die gotteSdicnstliche einzusetzen? ES mag seyn, daß es für viele Menschen — wenn nicht schon für alle, — eine Periode des Alters gibt da man gar zu gern aufgelegt wäre, in der Welt aufzuräumen und zu refvrinireii) ich gestehe, daß eS für mich, da ich noch alle Tage mein Pensum zu machen halte, ein Lust gewesen wäre, der lateinischen Sprache i in der Kirche und noch in gar manchem Anderen, den Garaus zm machen, so zwar, Laß am Ende der ganze Gottesdienst aufgegangen wäre in der erbaulichen Strophe: „Der Celt', der Griech', der Hottcntot Verehren kindlich einen Gott." Da begegnete eS mir aber nachmals, daß ich von Kirche und Kir- chenthum mehr anzuhören bekam, als mir anfänglich lieb war; später hielt ich eS für eine Ehrensache, meinen Beruf und seinen Boden kennen zu lernen; allmälig kam mir die Kirche anders und ganz anders vor, als ich mir sie in der kindlichen Hoffarl jener Jahre, da der Mensch noch alle Tage ein paar Sacktücher braucht, gedacht halte; sie gefiel mir wohl gar, namentlich merkte ich, daß ihre Grundwerke, wie tief man ihnen auch nachgrabe, gar kein Ende nehmen wollen, sondern vielmehr durch alle Schichten der Zeit und Weltgeschichte zurückreichen bis in die Schöpfungö- tage hinein unv obend'rein wie aus einem Gusse seyen, und daß man sich in die ganze Weltgeschichte nicht hineinfinde, und der Wanderzug ihrer Völker ein Räthsel ohne „Woher?" und „Wohin?" wenn man nicht auf der Hochwane katholischer Umschau stehe; und eö begegnete mir, daß ich jetzt meine Lust und Freude habe, diese Kirche gegen ihre Gegner zu vertheidigen, wie man mir auch durch anonyme Briefe drohe, daß ich „bei der nächsten Gelegenheit werde krepiren" muffen. Darum, wenn gewisse Leute meinen, die Kirche, mit Putz und Stiel, wie eine Giftpflanze, leichter Mühe ausrotten zu können, so fällt mir ein ! eine klein winzige aber buchstäblich wahre Geschichte. In meiner Vater- j stakt hatte ein Schmid ein Stück Kette so eingeschmiedet in daö Pflaster, daß eS die Anstrengung keiner Menschenhand herausreißen konnte; und da machte eS dem drolligen Manne Spaß, wenn Jemand vorbeikam und die Kette, die ihm im Wege lag, meinte aufheben zu können. Eine solche Kette ist aber auch die lateinische Sprache in der Kirche. — Sie ist eine Kelle, die in die Vergangenheit zurückreicht, und zwar in eine Vergangenheit, die von den sieghaftesten Triumphen der Kirche über eine ganze (alle) Welt erzählt: sie ist eine Kette an der sich schon Millionen in den Him- i mel hinauf gegriffen haben; die lateinische Sprache der Kirche ferner, sie !jst, ja sie ist ja die Muttersprache der Kirche: als Kind hat die Kirche !in dieser Sprache geredet; die lateinische Sprache ist ferner eine „todte," und das macht, daß in dieser Sprache nicht mehr geflucht, nicht mehr gesündigt wird, daß Liese Sprache derzeit eine unentweih'te ist; die lateinische Sprache in der Kirche gibt dem Zöglinge des PriesterthumS den gold'nen Schlüssel zu dem Schatze alter, classischer Bildung in die Hand und macht, daß, wenn Studienpläne und UiuerrichtSwesen ihm bisher die neue Zeit verrannten, ihm doch die Retrospektive inS Alterthum geöffnet war. Die Gelehrten, die in Deutschland zusammengetreten sind, bereits stimmen sie für Beibehaltung der lateinischen Sprache als der UniversitätS- sprache; und wie, der Kirche, die mit ihr ganz anders innig verbunden ist, als die Schule, wollte man sie nehmen? Ferner: die Kirche als etwas, daS von Uebcrweltlichem herkommt, in UeberirdischcS ausgeht, hat ihr Geheimniß, ihre Mystik; einer solchen Beziehung entspricht ihre gesonderte, den Todten abgeborgte Sprache. Ferner: die Sprache der Menschen war, einst in der Urzeit, auf der ganzen Erde nur eine, eine einzige. Gründliche Sprachforscher, wie von Eichhofs, Ceyden, LepsiuS, Gulia» >noss, die beiden Schlegel, Schubert, Wilhelm von Humboldt, GörreS, wissen daS sehr gut; sie wissen, daß die bekannten 2000 Sprachen der Erde sich im Grunde ihrer Abstammung auf nur sechs Sprach- familien reduciren, unv diese sechs auf jene einzige Ur- und Muttersprache. ! Wer den Sündenfall der Stammeltern und, als Folge dessen, den Krebsgang der Menschheit durch lange Zeit hindurch recht versteht, und wer eben so versteht: wie die Kirche, wenn ich so sagen darf, abgesehen von der himmlisch hohen Aufgabe der Heiligung in ihrem Hohenpriester 143 Christus, auch ein Marschall „Vorwärts" für die rückwärts gegangene- Menschheit seyn und die Menschen wieder hinauf und zurück tragen sollte über die Stufen, über die sie, im Rückschritte nach abwäuö, hinab gcra- Der Papst an den Fürstbischof von BreSlan. BrcSlau, 30. Juli. Unser hochwürdigster Herr Fürstbischof hat then waren, der wird eS als ein bedeutungsvolles Zeichen, uno gleichsam schon vor längerer Zeit die erste Sendung der in unserer Diöcese für als einen Reflex jener einen Ursprache erkennen, daß die Kirche, alS^Se. Heiligkeit Papst Pius IX. gcsaniniellen Liebesgaben im Werthe von zugleich die Paralyse deS Sündenfalis und seiner Folgen, wieder nur von! 12,500 Gulden österreichisch an den heiligen Vater von Wien auS nach einer Sprache für Alle im Reiche GolleS wisse. > Gaoia abgehen lassen. Sc. Heiligkeit haben diese Summe sammt dem Be- Und dennoch, — merken Sie wohl auf, gibt cS noch einen andern gleiischreiben unseres hochwichtigsten Herrn Fürstbischof« erhallen und dar- Grund, der allein stark genug wäre, — die Einheit der golteödienft-! auf nachstehendes Dankschreiben an den hochwürdigsten Herrn Fürstbischof liehen Sprache für die ganze Kirche zu rechtfertigen: eingesendet. Da zeige ich denn hin auf unseren Reichstag. — Dort sitzen Mäu-> Papst Pius IX. Ehrwürdiger Bruder! Heil und ap »florier von verschiedenen Volksstämmen, zu berathen das Wohl des Vater- lischen Segen! Keine geringe Tröstung hat UnS Dein unter dem 5. landeS. WaS mußten sie aber zu allererst berathen? Nun wohl, eS war die Frage: welche Sprache ist ReichStagSsprache? Und welcher des jüngst verflossenen Monats Juni von Wien anS datirtcS Schreiben, das Wir neulich empfangen haben, bereitet. In allen Theilen offenbart Mäßigung und Vereinbarung bedurfte und bedarf es nicht in diesem Puncte nämlich dasselbe Deine ganz besondere Ergebenheit, Liebe und Ehrerbietung fort und fort? und wie ist das gesonderte Sprachoermögen nicht dennoch! gegen UnS, und den so herben Schmerz, von welchem Du, ehrwürdiger hie und da mindestens eine Schwierigkeit? Aber was ist die Völkernuschung ^ Bruder, sammt Deinem Klerus und dem gläubigen Volke ergriffen wurdest, der Monarchie gegen die der katholischen Kirche mit ihren eilfhunvert Bl> sobald nur der in so hohem Grade traurige Wechsel Unserer Verhältnisse schüfen und zweihundert Millionen Seelen? mit ihren Kirchktndern aller § dort kund geworden war. Die liebevolle Gabe aber, für deren Darbrin- Sprachen und aller Farben? !gung NamenS der Gläubigen Deiner Diöcese Du Sorge getragen, hat Wie soll dieses bunte Gemisch der Sprachen und Farben und Ratio-! Unser väterliches Herz mit nicht geringer Besorgnis, erfüllt, da in dieser nalitäten Grund für eine Kirchensprache seyn? Ich antworte: weil die!so großen Bediängniß der Welt- und Zeitereignisse die Gläubigen ihrer katholische eine ccntrale ist; well in ihr daS Princip der Einheit Liebe gegen UnS sich gar zu sehr überlassnd, dieß selbst nur mit einem Lebensprincip ist; wie nur ein Oberhaupt, so nur ein Glaube, ein!eigenen empfindlichen Nachtheil haben thun wolle». Indem Wir nun Dir Opfer, ein Gottesdienst in ihr; andererseits ist sie aber und will und solliund Jenen den größten Dank sagen, erwarten Wir von Deiner Frömmig- sie seyn für Alle; nicht für ein Landstädtchen, nicht für einen Club, nicht check, daß Du sammt ihnen es niemals unterlassen weidest, Ehrwürdiger für Winkel und Tischecken ist sie bestimmt, sie ist nicht die Kirche der Son- derung und Spaltung, nicht die Kirche nationaler Rivalitäten, auch nicht die Kirche von zwei oder drei Aufklärungöcommissären und „Compagnie," die da Actien auf den gesunden Menschenverstand ausgeben; auch mehr die Kirche von: „Meine Herren, was meinen Sie? Bleibt Artikel Eins stehen? Dulden wir unsern Herrgott noch eine Weile? Lassen wir unser Licht leuchten?" oder „WaS ist'S mit dem „„Gott"" und „„Vater,"" oder installiren wir den „„Weltgeist?"" Und was machen wir mit der unphilosophischen Canaille, die von „„Weltgeist"" und CvmmumSmuS nichts versteht?" Sie ist auch keine Kirche von und für Offenbach, keine Duodez-Sevez-Kirche, keine Kirche einiger weniger auSerwählter Frommen, oder Seher oder Besessener, die zu jeder Stunde eine Frage an den Weltgeist frei haben. Die Kirche ist eben die katholische, d. i. die Welt- und Universalkirche; und was ihr Oberhaupt an der Tiber spricht, muß der Priester in Wien und der an der Lina und der am Ohio verstehen; i,nd-der katholische Matrose muß die Messe, oder das Weihnachten, oder den Ostern- Gottesdienst, der in Bombay, oder am „gelben Meere," oder am „stillen Ocean" gefeiert wird, eben so gut verstehen und als den seinigen erkennen, wie den, Verba gefeiert wird in Hamburg oder Marseille; und wenn die Kirche ihren Reichstag, ihre allgemeine Kirchen- versammlung feiern will, so muß sie ihre ReichötagSjp-achc haben, die alle Abgeordneten der Kirche, auch die auS der Mandschurei verstehen. Sie sehen, es gibt mehr als einen guten Grund abzulehnen Laö Ansinnen: so vielerlei gottesdienstliche Sprachen in der Kirche einzuführen, als eS vielerlei Nationen Latin gibt. Und gleichwohl müßte man vielleicht in der Behandlung dieser Frage nicht allzu ängstlich seyn. Ich scheue mich nicht eS auSzusprcchen, daß es auch etwas werth ist, wenn der Priester und das gläubige Volk sich nicht nur einander verstehen, sondern dieses Verständniß bei solchen Momenten deS Gottesdienstes, die als Ansprache des Einen zu dem Anderen, oder als Wechselsprache erscheinen, auch wirklich ausgesprochen vorliegt; mit einem Worte: wenn, wie es in der Natur jedes anderen Gespräches liegt, das Kirchengespräch mit dem Gläubigen ein, beiden Theilen verständliches ist, also in der Seliger ist Gebe» als Empfangen. Zur Zeit, da der ehemalige Pair von Frankreich, Victor Hugo, noch ein berühmter Dichter war, redete er von der Tugend der Wohlthätigkeit eben so schwülstig und bilberhaft, wie von allen übrigen Gingen; er nannte sie eine Schwester LeS Gebetes und des Glaubens, er rühmte ihre süßcn Augen, als ob der Glaube, das Gebet, die Wohlthätigkeit lebendige Personen wären, die irgend einmal, da er eben beim Frühstück saß, ihm ihre Aufwartung gemacht hätten, um sich seiner Gunst zu empfehlen. Wir Anderen, die wir nichts als einfältige Christen sind, wissen ebenfalls von süßen und barmherzigen Augen zu reden; doch schreiben wir sie nicht der Wohlthätigkeit zu, sondern einer gütigen und erlauchten Wohlthärer in, die wir auch unsere Fürsprecherin nennen. Blumige Reden bringen keine Frucht, und leere Reden haben keinen Halt. Darum ist eS nicht befremdlich, Laß der geschraubte Dichter jetzt, wo er bei der Sprache der Gläubigen geführt wird. Ich meine also: das, waS Gesetzgebung mitreden soll, den Socialisten zu Gefallen seine Lobsprüche der Priester mit den Gläubigen oder zu den Gläubigen in der kirchlichen zurück nimmt, und von Wohlthätigkeit und milden Spende» nichts mehr Handlung spricht, möchte vielleicht in Gottes Namen in der Landessprache wissen will. Ihm liegt vor allem daran, alle Menschen recht selbstbewußt, gesprochen werden können; nie und nimmer aber Las, waS heilige Hand-,v. h. nach seinem verkehrten Verständniß, recht stolz zu machen. Darum lung und Sprache zwischen ihm und Gott allein ist. Und ich habe gesagt: erklärte er sich öffentlich gegen jede Art von Almosen; denn, so rief er: „vielleicht," weil daS eine Privatansicht ist, die ich wohl haben darf, in daS Almosen entwürdigt, es setzt den Menschen herab, eS erniedrigt der ich mich aber möglicher Weise irren könnte; weil ich ferner mir nicht ihn. Wen? den Geber oder den Empfänger? Darüber sprach cr sich nicht anmaaßcn darf, derlei anders als unmaaßgeblich zu meinen, da die Kirche jauS. ES ward ihm aber von Montalembert erwidert: „DaS Almosen so organisirt ist, daß jede Reform als solche, auch die kleinste, nicht gereicht sowohl dem zur Ehre, der cS gibt, als dem, der eS empfängN" anders als im verfassungsmäßigen Wege, d. i. im Wege der, der Kirche Wer versteht Liesen AuSspruch? Wer die Worte LeS Heilands begriffen Bruder, dem großen und allgüligcn Gott unaufhörliche und heiße Gebete darzubringen, damit Er seine heilige Kirche auS den so großen Stürmen, von denen sie gegenwärtig umhcrgeschlcudert wird, mit seiner allmächtigen Kraft herausreiße und sie mit den Siegen und Triumphen seiner Kinder ausschmücke und erhöhe. Wir sicher werben eö nie vergessen, in der Demuth Unseres Herzens von dem allbarmherzigen Gott zu erflehen, Laß Er die reichsten Gaben seiner Güte gnädig über Dich jederzeit ausschütte und Deine hirtcnamtlichen Sorgen segne, auf daß die Dir anvertrauten Gläubigen von Tag zu Tag sich mehr von der Sünde abwenden, daö Gute thun und auf dem Wege vorschreiten, der zum Leben führt. Endlich bekräftigen Wir Unser vorzüglichstes Wohlwollen gegen Dich durch den apostolischen Segen, welchen Wir auS dem Grunde deS Herzens Dir selbst, Ehrwürdiger Bruder, und allen Deiner Obsorge anvertrauten Geistlichen und gläubigen Laien liebreichst ertheilen. Gegeben zu Gcttcka den 5. Juli 1849. Unseres Oberhirtenamtcö im vierten Jahre, (gez.) PiuS PP. IX. An den ehrwürdigen Bruder Melchior, Bischof von BrcSlau, nach Wien. eigenthümlichen socialen Berathung von oben herab, — also auch nicht vom Bischof allein, unternommen werden darf. hat: daß Geben seliger sey, als Empfangen. Aber um Liese erhabenen Worte zu begreifen, ist nicht so sehr ein scharfsinniger Verstand erforderlich, als ein großmüthiges Herz. (Oesterr. Volköfrd.) Volksversammlung in Pfaffenhausen. Von der oberen Mindel, 30. Aug. Ihrem Wunsche gemäß folgt hiemit, wenn auch etwas spät, ein schlichter Bericht über die am 19. v. M. in Pfaffenhausen gehaltene Volksversammlung, welche vom dortigen PiuSverein veranstaltet wurde, und ein würdiges Seitenstück zu den in der Postzeitung bereits besprochenen bildete. Schon bei der am 15. v. M. in Pfaffenhausen gehaltenen consti- tutionell'monarchischen Volksversammlung hatte ein Mitglied des AugSburgcr PiuövereineS (Dr. P. Wittmann) nicht nur im konstitutionell- monarchischen, sondern vornemlich im kirchlichen Geiste zu den Schaaren des Volkes geredet, und die Gemüther für die große Sache des Pius- vereineS zu gewinnen und zu begeistern gesucht. So bildete die Versammlung am 15. gleichsam eine Vorbereitung für die auf den 19. anberaumte. Letztere schien übrigens von der Witterung nicht begünstigt. Denn in der Frühe um 5 Uhr war der ganze Himmel umwölkt, und eS regnete sogar eine Zeit lang heftig. Doch aUmälig heiterte sich der LuftkrciS auf, und in Bälde beglückte unS die Ankunft der Vorstandschaft deS PiusvereincS von Ottobeuren, und nach und nach die erfreuliche Theilnahme von 40 fremden geistlichen Herren von Nahe und Ferne. Um ^ auf 9 Uhr versammelte» sich die Mitglieder deS hiesigen PiuSvereincs auf dem Rathhause, die Geistlichen in der Pfarrwohnung. Nach 9 Uhr zogen dann beide Abtheilungen an einander geschlossen in die prächtige, außergewöhnlich große, festlich gezierte, von einer Menge Volkes angefüllte Pfarrkirche. Die Feier des Gottesdienstes begann mit einem andacht- und kraftvollen, von der Orgel begleiteten VolkSgesange: „Komm heiliger Geist rc." Herr Pfarrer Al. Klein Hans von Ober-Aurbach behandelte sofort in einer trefflichen Predigt den Zweck der PiuSvereine und die Mittel denselben zu erreichen, dann hielt der OrtSpsarrer Rott ein feierliches Amt mit einer sehr schönen Musik in ächt kirchlichem Style begleitet, und schloß mit l'o Ilouin Daucinmus. Nun sammelte sich daSVolk außer der Kirche auf dem großen Platze um und in dem innern Gottesacker, auf dessen Ringmauer eine Redner- bühne mit dem Bilde unsers schwer geprüften Heil-gen VaterS Pius IX. angebracht war. Dieselbe bestieg zuerst Pfarrer Rott, und sprach vom Staat und Kirche, ihren verschiedene», von Gott angewiesenen Zwecken, von Gott ihnen gegebenen Gewalten, wie jede für sich zur Erreichung ihres Endzweckes eine gesetzgebende, richterliche, für sich bestehende, unabhängige, von einander ganz verschiedene, in sich höchste Macht sey, die schwesterlich mit einander ihre von Gott angewiesenen Wege zur Förderung deö Wohles der Menschheit gehen sollen, ohne einander in ihren Rechten und Anordnungen zu beeinträchtigen. Nach ihm sprach Hr. Pfarrer Bach von Ried von der großen Gefahr in dieser unheilvollen Zeit unsern kaiholischcn Glauben zu verlieren, von der Nothwendigkeit deS ZusammenhaltenS in Gesinnung, Wort und That zum Besten unserer heiligen Küche, daß sie frei von weltlicher Knechtung ihre hohe Aufgabe erfüllen möge. Endlich trat noch Hr. Lehrer Hindelang auf, setzte die Statuten des PiuövereineS auseinander, dankte feierlich für die ruhige, schöne Haltung der zahlreichen Theilnchmenden und schloß mit einem allgemeinen Gebete für die Erhaltung und recht baldige Einsetzung unsers heil. VaterS jn all Seine Rechte und Besitzungen, ohne Vorbehalt. Getrost, gestärkt, wahrhaft ging nun daS Volk nach Hause. Das Pensionat zu Piehlenhofen. s RegcnSburg, 28. Aug. Der 23. August war einer jener Tage, der meinem Geiste Ecbeiterung und meinem Herzen süße Erquickung gewährte, er war der PrüfungSlag der Zöglinge in dem nur zwei Stunden von hier entfernten weiblichen ErziehungSinflilute der Salestancrinnen zu Piehlenhofen. Vor mehreren Jahren wohnte ich auf Zureden eines Freundes zum ersten Male dieser Prüfung bei, und ich konnte eS seit jener Zeit in keinem Jahre mehr unterlassen, an diesem Tage mich dort einzufinven. Wie angenehm ist nicht schon die Fahrt dahin! Morgens sechs Uhr verläßt man RegcnSburg, eilr durch daS herrlich an der Donau gelegene Winzer gegen Kneinng, fährt dann im Nabihale neben hohen Felsenwän- den nach dem schattigen Elterzhausen, verläßt da die Hauptstraße, um auf einem etwas vernachlässigten Vicinalwege zwischen waldbedcckten Felsengebirgen, durch welche der ruhige Nabfluß sich windet, eine ziemlich weite Strecke durchzumachen. Doch plötzlich erweitert sich das Thal, und bald erblickt man von ferne die von der Morgensonne vergoldeten schönen Thürme PiehlenhofenS mit der hohen Kirche und den stattlichen Klostergebäuden; nur noch eine kleine halbe Stunde, und man steht an der Pforte! Eine herrliche Lage fürwahr, hat dieses Kloster! Am Nabflusse gelegen, in einem wiesenreichen Thale, gegen Nord und Süd von Fels- und Waldgebirg begränzt, bietet es dem Freunde der Natur die schönsten Partien,, und scheint so ganz dazu gemacht zu seyn, jungen Mädchen Gesundheit und frohen Sinn zu bewahren. — Doch eS schlägt acht Uhr; die Klosterpsorte öffnet sich; die zahlreichen Gäste von Nah und Fern werden von den freundlichen Nonnen bewillkommt, und über die breiten, reinlichen und hellen Gänge in den schönen und geräumigen Prüfungssaal geleitet. Ein angenehm überraschender Anblick! Die Zöglinge sind hier aufgestellt, in einfachen weißen Kleidern, mit blauer Schärpe und weißblauem Halsbande, an dem ein silbernes Kreuz befestiget ist, alle blühenden Rosen°gleich, unbefangen und voll bescheidener, sittsamer Freundlichkeit; nichts Kopfhängerisches, nichts Finsteres ist an ihnen zu bemerken. Mit einem schönen, heiteren und mehrstimmigen Gesänge beginnen sie die Prüfung; diese umfaßt alle Gegenstände, welche Mädchen eine wahre und edle Bildung verschaffen können, nämlich: Religion, deutsche, französische und italienische Sprache, Mathematik, Geschichte und Geographie, Musik, Schönschreiben, weibliche Handarbeiten und Zeichnen. Die Schönschriften, Handarbeiten und Zeichnungen liegen zur Einsicht vor, und erregen ihrer Schönheit wegen den ungetheilten Beifall der Kenner. Bei der Prüfung selbst zeigt sich nur Wahrheit, nichts ist einstudirt, um bloß zu glänzen und Aufsehen zu machen. Ohne Buch, ganz frei stellen Lehrer und Lehrerinnen ihre Fragen, und die Zöglinge beantworten sie mit liebenswürdiger Unbefangenheit und Klarheit. Man ersucht einen der PrüfungSgäste um ein Thema zu einem Aufsätze für die größeren Zöglinge; man gewährt diesen eine Stunde zur Ausarbeitung, und ich gestehe, nie schönere und gediegenere Aufsätze als diese gelesen zu haben. Angenehme Ruhepuncte gewähren den Anwesenden die Zwischenprüfungen im Gesänge und auf dem Clavier, welche gleichfalls beweisen, daß auch in der Musik sehr viel geleistet wird. Zum Schlüsse lohnen schöne Preisebücher den Fleiß und daS gute Betragen der Zöglinge. Nun besucht man die Räume des Pensionats, die Lehr- und Arbeitszimmer, die Schlaffäle und den Speisesaal. AUeS großartig, geräumig und hellt Die breiten und langen Gänge geben den Zöglingen Gelegenheit zur körperlichen Bewegung, wenn ungünstige Witterung den Aufenthalt im Garten oder im Freien nicht gestattet. — Doch die sinkende Sonne mahnt zur Heimkehr. Welch' ein rührendes Schauspiel jetzt! Die Zöglinge nun daran, inö Vaterhaus zurückzukehren, können sich von ihren geliebten Lehrerinnen kaum trennen; jene wie diese zerfließen in Thränen; die kindliche Dankbarkeit der Einen liegt gleichsam mit der mütterlichen Liebe der Andern im Kampfe; die herzlichsten Ermahnungen von dieser, die besten Vorsätze von der anderen Seite! Endlich schließt sich die Pforte, und nach allen Richtungen eilen die Wagen mit den lieben Kindern dahin. — Ich stehe mit Piehlenhofen in keiner nähern Verbindung; allein ich habe hier viele Gelegenheit, daS Leben solcher Mädchen zu beobachten, welche in jenem Institute ihre Bildung erhallen haben, und ich überzeuge mich immer mehr von den segensreichen Früchten derselben, so daß ich den Wunsch nicht bergen kann, eS möchten alle Eltern, die ihren Töchtern eine höhere christliche und wissenschaftliche Bildung verschaffen wollen, dieselben jenem In- staute anvertrauen; sie sind da gewiß gut besorgt und aufgeboben. Die Kosten sind billig; so viel ich in Erfahrung gebracht habe, werden für die ^Verpflegung eines Zöglings 136 fl. berechnet nebst einigen Ersatzkosten für iBetl j^wenn dieses vom Institut gegeben wird), Wasch, Schreib- und ! Arbeitsmaterial und Clavierunterricht. Die Kost, bestehend in Frühstück, Mrtlagsefsen, Nachmillagöerfrischung und Abendtisch, ist gut, hinreichend und dem kindlichen Alter ganz anpassend. Für äußere Bildung und Anstand sorgt ein Tanzlehrer; ein geschickter Arzt für die Gesundheit der Zöglinge. Kurz: dieses Institut, dessen Wirksamkeit selbst die Königliche Regierung der Oberpfalz und Regensburg bereits ehrend anerkannt hat, darf mit Wahrheit allenthalben empfohlen werden. Ein Prüfungsgast. ergriffen für die gute Sache der Kirche,! Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Vierteljähriger Abonnementspreis im Bereiche von ganz Bayern nur 2« kr„ ohne irgend einen weiteren Post - Aufschlag. Auch von Nicht-Abonnenten der Postzeilung werden Bestellungen angenommen. Sonntags - Deiblatt zur Augsburger Postzeitung. Auch durch den Buchhandel könne» diese Blätter bezogen werden. Der Preis beträgt, wie bei dem Bezug durch die Post, jährlich 1 st. 2» kr. Neunter Jahrgang. sU- 37. L 6 September L84N. Der Papst an den Bischof von Münster. Münster, 14. Aug. DaS Schreiben deS Papstes an unsern hoch. würdigsten Herrn Bischof, worin Se. Heiligkeit für die Liebesgaben dankt, vie ihm aus unserer Diöcese so bereitwillig und freigebig dargebracht worden sind, lautet: PiuS P. P. IX. Ehrwürdiger Bruder! Heil und Apostolischen Segen! AuS Deinem sehr freundlichen Schreiben vom 14. Mai entnehmen Wir, mit welch' tiefer Betrübniß Du, Ehrwürdiger Bruder, zugleich mit Deinem Klerus und dem gläubigen Bolle erfüllt worden bist wegen des sehr traurigen Umschwunges Unserer Angelegenheiten, und mit welchem Eifer dort ohne Unterlaß inbrünstige Gebete dem gütigen Gott für Unsere Erhaltung dargebracht werden. In Wahrheit, keinen geringen Trost haben Uns diese Aeußerungen der Tbeilnahme gewährt, da aus denselben klar hervorgeht, wie Du, ehrwürdiger Bruder, Dich durch Treue gegen die Kirche und durch kindliche Ehrfurcht und Liebe gegen Un« auszeichnest, und wie jene Geistlichkeit und daS gläubige Volk von dem Geiste der Religion und von kindlicher Ehrerbietung und Hochachtung gegen den Stellvertreter Christi durchdrungen sind. In der That kann bei der so großen Berdorbenhetl der Zeit und bei der Herrschaft ruchloser Menschen zur Beseitigung der Bitter- keit Unserer Schmerzen Nichts kräftiger wirken, als die Erkenntniß, wie gar Viele eS noch allenthalben gibt, welche unter Gottes Beistand den schlechten Rathschlägen feindseliger Menschen ihre Ohren verschließen, den trügerischen Irrlehren gegenüber in dem Bekenntnisse der katholischen Wahrheit standhaft beharren, dem Stuhle Petri fest anhangen und ihren Ruhm darin finden, dem Nachfolger deS Apostelfürsten, dem römischen Papste, Gehorsam und Ehrfurcht zu erweisen. Obschon Wir nun aber sehr dankbar sind für daS reichliche, fromme Geschenk, welches Du, Ehrwürdiger Bruder, und die Dir anvertrauten Gläubigen UnS zu senden bemüht waren; so können Wir UnS dennoch nicht verheimlichen, daß jene Freigebigkeit Unserm väterlichen Herzen zu nicht geringer Beängstigung gewesen ist, da wir nämlich fürchten, daß Ihr, indem Ihr Eurer Liebe gegen UnS zu viel nachgegeben, dieses nur zu Eurem großen Nachtheile gethan habt. Indem Wir nun sowohl Dir als den Dir anvertrauten Gläubigen den größten Dank sagen, zweifeln Wir nicht im Geringsten, daß Du zugleich mit den Gläubigen fortfahrest, Gott, der reich ist in seinen Erbarmungen, zu bitten und zu beschwören, daß er seine heilige Kirche aus den Stürmen, von welchen sie jetzt umhergetrieben wird, errette und sie durch die Siege seiner Söhne vermehre und verherrliche. Wir unterlassen nicht, den gütigsten Herrn demüthig zu bitten, daß er mit dem Retchthume seiner göttlichen Gnade Dir immer gnädig beistehen möge und daß er Deine Hirlensorgen und Arbeiten segne, damit die Deiner Wachsamkeit anvertrauten Gläubigen mit immer freudigerem Muthe auf dem Wege deS Herrn wandeln. Und als den Vorläufer dieses Schutzes von Oben und als Unterpfand Unseres besonderen Wohlwollens gegen Dich ertheilen Wir mit der innigsten Zuneigung deS Herzens Dir, Ehrwürdiger Bruder, und allen Geistlichen und weltlichen Gläubigen Deiner Kirche sehr gerne den Apostolischen Segen. Gegeben zu Gaöta, den 28. Juni im Jahre 1849. Im Dritten Unseres PontificateS. Volksversammlung in Göggingen. Augsburg, 10. Sept. Die gestern in Göggingen durch den dortigen Piusverein veranstaltete Volksversammlung war in der That eine „feierliche", wie sie in der Ankündigung bezeichnet worden. Die ganze Gemeinde wetteiferte gleichsam, der Versammlung den Charakter eines Volksfestes zu verleihen. Nach der musikalischcn VeSper setzte sich gegen 3 Uhr der Zug deS zahlreich versammelten Volkes von dem Kirchhofe aus in Bewegung. Die Spitze des Zuges bildete in langer Reihe die festlich gekleidete Sonn- und Werktags-Schuljugend, die Knaben mit blau-weißen Fähnchen, die Mädchen sämmtlich blumengeschmückt, ein Theil derselben (gegen 30) mit weißen Kleidern und blauen Bändern geziert, prächtige Blumenkränze und Blumenkörbchen - mit gutgewählten Sinnbildern paarweise tragend. Hierauf folgte das wohlgeübte Musikcorps der Gögginger freiwilligen Wehr- männerschaar, welches muntere Weisen spielte; sofort die vom rühmlichsten Eifer beseelten Vorstände deS Gögginger PiuSvereinS, Wagnermeister Eschenloher, Privatmann Maprschhofcr, Bauerngutsbesitzer Jäger mit ihrem geistlichen Führer dem unermüdlich thätigen Herrn Caplan AlopS Schurr, dem Stellvertreter deS leider durch Gebrechlichkeit zu seinem Leidwesen verhinderten hochwürbigen Herrn Pfarrers und ProdecanS Mayer. An der Seite dieser wackern Männer, denen sich der OrtSvorsteher und andere Mitglieder der Gemeindeverwaltung anreihten, gingen die freundlich geladenen Redner und die geistlichen Vorstände benachbarter PiuSvereine. An diese schlössen sich die Schaaren deS Volkes, welche von allen Seiten herbeigeströmt waren. Als der Zug die Stelle erreicht hatte, wo von der Landstraße rechts ein Seitenweg nach Wöllcnburg sich hinzieht, bog derselbe auf letzteren ein, und gelangte bald zu einer mit frischen Tannen- zweigen und Blumengewinden reichverzierten Ehrenpforte, in deren von Säulen getragenem Giebelfeld Denksprüche aus der hl. Schrift (II. Mos. 32, 26; Matlh. 16, 16 — 18; Offenb. Joh. 21, 6 — 7.) angebracht waren, und auf deren Spitze das Zeichen deS heiligen Kreuzes prangte. Die Pforte führte in einen, vom Besitzer anf'S Bereitwilligste überlassenen, sehr ausgedehnten Grasgarten, in dessen Hintergründe eine prächtige und geschmackvolle, mehr als zwanzig Schuh hohe Nednerbühnc errichtet war, die wie ihre Tragsäulen und ihr pyramidenförmiges Dach auS lauter grünen Tannenzweigen und Blumen zu bestehen schien, und von deren Gipfel herab ein hohes Kreuz mit der Inschrift: „In diesem Zeichen wirst du siegen" — dem Volke entgegenwinkte, und gleichsam in die Seele redete. Der große Raum deS Gartens füllte sich nicht ganz; aber in weiten, dichtgedrängten Bogen sammelten sich, während Böllerschüsse den Beginn deö Festes verkündeten, bald etwa Drei Tausend Menschen um die Rednerbühne. Nach kurzer Pause ließ sich ein schönes Musikstü xx vernehmen. Sobald dieses beendet war, bestieg der obengenannte hochw. Herr Caplan die Bühne, und hielt eine treffliche Einleitungsrede mit be sonderer Rücksicht auf den herrschenden Unglauben und die Sittenlosigkeit, diese Grundübel der Zeit, diese Quellen ihres Elends, deren kräftige Bekämpfung und Verstopfung heilige Aufgabe aller Wohlgesinnten, vornemlich auch Aufgabe deS PiuS Vereines. Die Lcbehochrufe für PiuS IX. und Maximilian II. , mit welchen der hochw. Redner seinen Vortrag angemessen beendete, wurden von dem Volke mit Begeisterung neunmal erwidert, während Trompeten schmetterten und Böller auf'S Neue krachten. Nachdem sofort wieder ein Musikstück gespielt war, hielt der hochw. Herr Pfarrer F. S. He im er von Kleinaitingen einen sehr ansprechenden Vortrag, in welchem er, mit sinniger Anknüpfung an daS Fest „Mariä Namen", dieses Fest der himmlischen Patronin deS PiuSvereineS, und gleichsam der Geburtstag deS VereineS im Gögginger Bezirk, in beredten Worten darlegte, von welch' günstiger Vorbedeutung für den Verein daS Gestirn deS TageS, Maria, der Stern deS MeereS, sey, der mit seinem milden, segensreichen Licht unS Leitstern seyn werde auf dem rechten Weg zum schönen Ziele. Musik füllte abermals die kleine Pause zwischen dieser und der folgenden Rede, welche letztere der hochw. Herr Caplan I. Geiger von Augsburg in sehr lebendiger Weise vortrug. Derselbe hatte ein sinnreiches Thema gewählt, die Worte Tell'Sr 146 . . . . als wir an dir Ecke jetzt gelangt, Beim kleinen Aren, da verhängt es Gott, Daß solch ein grausam mörd'risch Ungewitter GählingS herfürbrach aus des GotthardtS Schlündcn, Daß allen Ruderern daS Herz entsank, Und meinten Alle, elend zu ertrinken. Da Hort ich'S, wie der Diener einer sich Zum Landvogt wendet' und die Worte sprach: Ihr sehet eure Noth und uns're, Herr,, Und daß wir all' am Rand des Todes schweben — Die Freiheit des Volkes, Ja die soll gedeih'» Mit der Freiheit der Kirche, Der wir freudig uns weih'n. Die Mutter, die Tochter Im inn'gen Verein, Sie müssen ja Beide Uns gleich theuer seyn. Und ob auch gewaltig Die Feinde uns dräu'n. So dürfen wir doch nicht Die Uebermacht scheu'n; Die Uebermacht ist ja Nur nichtiger Schein, Denn was nicht aus Gott ist, Kann nichtig nur seyn. Die Steuerleute aber wissen sich Vor großer Furcht nicht Rath und sind des Fahren« Nicht wohl berichtet — Nun aber ist der Tell Gin starker Mann und weiß ein Schiff zu steuern. Wie, wenn wir sei» jetzt brauchten in der Noth? Da sprach der Vogt zu mir: Tell, wenn du dir'S Getrautest, uns zu helfen aziS dem Sturm, So möcht' ich dich der Bande wohl entled'gen. Ich aber sprach: Ja, Herr, mit Gottes Hilfe Getrau' ich mirs und helf knS wohl hiedannen. So ward ich meiner Bande los. Wohlan denn zur Fahne, Ihr Brüder herbei, Zur Fahne, ihr Männer, O schwöret ihr Treu'! — Und haltet die Treue, Wie Männer, bewährt, Dann seyd ihr in Wahrheit Der Freiheit auch werth! Allsiegreich dagegen Ist jener im Streit, Der sein Ringen und Kämpfen Dem Herrn hat geweiht: Dem Herrn und der Sache Des Herrn wird der Sieg Unfehlbar, und zög' auch Die Hölle zum Krieg. Dieses Thema wußte er trefflich zu benutzen, um zu zeigen, wie auch der Kirche, dieser Nothhelferin im Sturm, die Bande während des Sturmes gelockert worden seyen, wie aber leichtlich die alten Bande im StaatS- schiff für sie bereit liegen könnten, wenn sie nicht mit gesammelter Kraft, wie der Tell, den kühnen Sprung zur vollen Freiheit wage. Auf die drei geistlichen Redner folgte ein Bürger aus Augsburg, Dr. P. Wittmann. In volkSthümlicher Weise redete derselbe eine Stunde lang zu der Versammlung von der schimpflichen Unmacht und der herrlichen Macht deS katholischen Volkes, von den Gründen und Bedingungen jener und dieser. Mit besonderem Nachdruck hob er hervor, daß die Macht des katholischen Volkes auch darum so groß, weil eS keine schlechten Bundesgenossen beizie- hen, keine schlechten Waffen anwenden, weil eS nicht an die Leidenschaften, nicht an die Habgier, die Genußsucht, den Haß und die Ungerechtigkeit appelliren dürfe, sondern nur mit den Waffen deS Geistes, des Friedens, der Mäßigung, der vollen Gerechtigkeit, der wahren ungeheuchelten Liebe gegen Alle ohne Ausnahme, den Waffen der gesetzlichen Rechte und Freiheiten streiten müsse und allein zu streiten brauche, um den sicheren Sieg zum Heile Aller zu errringen. Schließlich faßte derselbe, obwohl durchaus kein Poet, die Hauptgedanken seiner Rede in folgenden Reimen zusammen, die auf dichterische Formvollendung nicht den mindesten Anspruch machen: Zur Fahne, ihr Brüder! — Wir schwören aufs Neu': Wir bleiben der Mutter Für immer getreu. Wir stehen der Theuren Mit Männermuth bei. Wir wollen nicht rasten: — Wir machen sie frei! Drum freudig zur Fahne, Ihr Brüder, herbei! — Wir schwören der Mutter: Wir bleiben ihr treu — Im Glück und im Unglück, In Noth und in Tod: — Sie führt uns zum Siege, Zur Glorie, zu Gott. i, - O folget der Fahne Mit männlichem Muth! ES gilt ja ein hohes Ein heiliges Gut. — Die Freiheit chcS Volkes, Die dann nur erblüht, Wenn'hie Seele des Herrschers Für die Himmlische glüht, Er gilt zu erringen Die Freiheit der Braut. Die Christus, der König, Sich selber getraut, Wenn im Geist der Beherrschten Die Himmlische lebt, Daß er bei'm Gedanken Des Unrechts schon bebt. Die Freiheit der Mutter, Die Er uns verlieh, Daß sie uns auf Erden Zum Himmel erzieh'. Die Freiheit des Volkes, Die dann nur besteht. Wenn das Volk auf der Felsburg Unwandelbar steht, Die Freiheit der Kirche; — Doch sie nicht allein: Mit ihr soll die Freiheit DeS Volkes gcdeih'n! Die Gott ihm gegründet, Auf daß es sey frei Von der Knechtschaft der Hölle, Von der Welt Tyrannei: — Die Freiheit des VolkcS Die Gott nur verleiht, Indem er die Herzen Der Könige weiht, Auf der FclSburg der Kirche, Deren Mahnruf zugleich Für den König und Alle Gesetz ist im Reich, Indem er die Herzen DeS Volkes befreit Von Nacht und von Schlacken, Und so sie crneu't. Deren Glaube die Selbstsucht In Allen bezwingt. Deren Liebe ein heiliges Band um sie schlingt. Sämmtliche Reden hatten bei dem Volke vollen Anklang und lauten Beifall gefunden, so daß einer der Redner sich gedrungen fühlte, aus bewegter Brust ein dreimaliges Hoch auszubringen auf den guten Geist, die Treue, die Ausdauer deS katholischen Landvolkes. Hiemit endete unter wiederholten Böllerschüssen (gegen halb 6 Uhr) die schöne, von sonnigem Himmel begünstigte Feier, bei welcher von Anfang bis zu Ende die musterhafteste Ordnung und Ruhe geherrscht hatte. In ähnlicher Weise, wie der Zug von der Kirche ausgegangen, bewegte er sich gegen dieselbe zurück. Auf dem Platze vor derselben trennte man sich in gehobener Gemüthsstimmung. Hatte besonders der kränzegeschmückte Zug der Schuljugend zur Verherrlichung deS Festes beigetragen, so gebührte dem hochachtbaren Herrn Lehrer B. Strobel und seinem Herrn Adstanten Stockhammer die rühmende Anerkennung, daß durch ihren Eifer der gute Wille der Eltern und Kinder geweckt und geleitet worden. Und war eS erfreulich, daß ein wackerer Jüngling, NamenS M. Kugelmann, sich unsägliche Mühe gegeben, um die vielen Kränze u. s. w. zu fertigen, zu welchen mehrere Gartenbesitzer, wie Herr Mayrschhofer u. a., indem sie ihre Gärten gleichsam ausplünderten, die Blumen lieferten: so war eS eine nicht nur hocherfreuliche, sondern denkwürdige Erscheinung, daß ein, einem andern Glaubenöbekenntnlß angehörender Gutsbesitzer, Herr Particulier E. Beck, nicht nur aufs Freigebigste Blumen schenkte, sondern auch seinem sehr geschickten Gärtner erlaubte, mehrere Tage lang an Errichtung der Pforte, Rednerbühne u. s. w. zu arbeiten, und daß er überhaupt auch bei dieser Gelegenheit die freundlichste Gesinnung gegen seine katholischen Mitbürger an den Tag legte. Ehre diesem Ehrenmanne! Mit solchen Männern wäre leicht ein unzerstörbarer FriedenSbund zu schließen, dessen Grundbestimmun- gen: die Gerechtigkeit, Billigkeit, die gegenseitige Achtung und die Alles ausgleichende Liebe! Schon diese einzige Erscheinungwürde hinreichen, in jedem empfänglichen Gemüthe eine wohlthuende Erinnerung an die schöne Gögginger Volksversammlung zu hinterlassen. Die ganze Haltung deS Volkes aber hat aufs Neue den Beweis geliefert, daß in demselben noch immer ein guter Kern vorhanden ist, welcher unter GotteS Beistand zu segensreicher Entfaltung gebracht werden kann, wenn Begeisterung, Thatkraft und Einmüthigkeit statt Gleichgiltigkeit, Lahmheit und eigenliebiger Selbstgenügsamkeit in allen Denjenigen herrschen und walten, die auf daS Volk einen heilsamen Einfluß auszuüben im Stande find. Möchten diese alle wohl bedenken, daß auch die Freiheit eine köstliche Gabe GotteS, ein Pfund ist, mit dem sie wuchern müssen zur Ehre Gottes, zum Heile Seines Volkes, weil sonst der Fluch sie treffen müßte, der dem faulen Knechte gebührt, und zwar in doppelter Weise, nicht bloß weil sie faul, sondern weil sie knechtisch, weil sie Sclaven wären! 147 o. r>» Hermann von Lehnt«. (Fortsetzung.) Weissagung des Bruder Hermann von Lehnin in möglichst genauer Uebersetzung nebst beigefügten Erklärungen der unverständlichen Stellen. I. DaS Kloster Lehnin und seine Schicksale unter den anhaltischen Fürsten. r 1. Sorgenvoll singe ich, Lehnin! dir heute deine künftigen Schicksale, 2. Die mir gezeigt hat der Herr, der alles erschaffen hat. 3. Denn obgleich du jetzt in ausgezeichnetem Glänze strahlst, wie die Sonne, 4. Und dein ganzes Leben Gott geweiht hinbringst; 5. Und obgleich du, wie stch's gebührt, Ueberfluß hast an allen Vortheilen eines ruhigen Lebens; 6. Wird eine Zeit kommen, die dich nicht mehr also steht 7. Ja sogar kaum noch sieht, und wenn ich eS recht sagen soll, gar nicht mehr sieht. 8. DaS Geschlecht, das dich gründete, hat dich immer geliebt, 9. Mit seinem Untergänge gehst du auch unter, und wirst keine geliebte Mutter mehr seyn. 10. Und jetzt ohne Verzug naht die traurige Stunde, 11. In welcher Otto'S Stamm, die Zierde unseres Landes, 12. In schwerer Schickung zu Grunde geht, und kein Sohn mehr übrig bleibt. 13. Da sinkst 1>u zurück, jedoch nicht ganz bis zum tiefsten Verfalle. DaS Kloster Lehnin, von Otto!, aus dem Geschlechte der ASkanier gegründet, blühte sehr, so lange dieser Stamm regierte. Es war eine geliebte Mutter, da von ihm zahlreiche Klöster ausgingen. Als aber 1320 mit Heinrich III. der aSkanische Mannsstamm ausstard, gerieth auch Lehnin in Verfall. II. Die Schicksale der Mark unter den bayerischen Fürsten. 14. Unterdessen wird die Mark von schweren Uebeln geä^stigt, 15. Denn daS HauS der Ottonen wird eine Löwenhöhle. 16. AuSgestoßen wird der vom ächten Blute Entsprossene. Die Herzöge von Pommern, von Mecklenburg, von Braunschweig, Anhalt, Kursachsen und Böhmen fielen über die Mark her, und schrecklich litt sie unter dem Streite dieser Fürsten. So wurde das Land Otto'S einer Löwengrube gleich, worin nur wilde Menschen hausten. Der Kaiser Ludwig der Bayer schloß sogar eigenmächtig die Herzöge von Sachsen, die als ächte Sprößlinge der anhaltischen Linie von Albrecht dem Bären abstammten, von der Erbfolge auS, und nahm daS Land für sich. 17. Wenn Fremdlinge kommen zu den Wohnungen ChorinS, 18. Wird des Kaisers Klugheit den höllischen Hochmuth heben. Unter den Fremdlingen sind Augustiner-Mönche zu verstehen, die aus Bayern gekommen, in Chorin wohnten, oder der falsche Waldemar, der sich zum Fürsten der Mark erheben ließ, und so als Fremdling über das Land herrschte. Kaiser Karl IV., der sich nachher die Mark aneignete, die bayerischen Fürsten verdrängend, bändigte mit Strenge die Raublust des AdelS und dessen Hochmuth. III. Die Schicksale der Mark unter den Fürsten aus dem Hause Luremburg. 19. Doch nur kurze Zeit wird sich freuen eines sichern Schildes die Mark. 20. Der königliche Löwe wendet anderswohin seinen Lauf. Karl IV., unter dem Ruhe und Frieden im Lande herrschte, regierte nur noch kurze Zeit, und gab bei seinem Tode 1378 die Mark Brandenburg an seinen Sohn SigiSmund. Dieser aber bekümmerte sich, zum Könige von Ungarn erhoben, wenig um sein Erbtheil. Er ließ eS durch Statthalter regieren, die den trotzigen Raubritter-Adel nicht bändigen konnten. Daher heißt es weiter: 21. DaS Land wird seinen wahren Herrn und Helden nicht sehen. 22. Die Statthalter werden alles verwirren und Schaden anrichten. 23. Der reiche Adel wird allweg die Bürger plagen, 24. Und wird ohne Unterschied die Geistlichkeit berauben. 25. Ja sie werden eS machen, wie eS zu Christi Zeiten geschah; 26. Gegen alle Sitte werden die Leiber verkauft. Die Raubritter Puttlitz, Quitzow, Rochow, der eiserne Dietrich rc. plünderten die reisenden Kaufleute, die Dörfer und Städte, selbst Kirchen und Klöster, wie auS einer alten Handschrift deS Klosters Lehnin erhellt, wo ein gewisser Johannes von Quitzow die Höfe deS Klosters ausgeraubt und die Leute in die Gefangenschaft geführt hatte, die er nur gegen ein großes Lösegeld und noch dazu gelähmt wieder herausgab. Der Abt mußte für sich 100 Schock Groschen bezahlen. IV. Die Schicksale der Mark unter den Fürsten auS dem Hause Hohenzollern. Friedrichl. Burggraf vou Rürnberg. 27. Daß dir, meine Mark, nicht ganz ein Regent mangle, 28. Steigst du jetzt durch zwei Burgen berühmter auS der Niedrigkeit. Der Kaiser SigiSmund verkaufte die Mark an Friedrich, Burggrafen von Nürnberg, aus dem Hause Hohenzollern. Dieser dem niederen Adel angehörende Burggraf wurde nun Markgraf von Brandenburg, hatte also in seinem Titel zwei Burgen. 29. Du zündest die KriegSfackel an, während du prahlst in deinem Namen mit Frieden. 30. Während die Wölfe du mordest, schneidest du auch den Schafen zugleich die Brüste auf. » Obgleich Friedrich Friede reich hieß und war, so mußte er dennoch gegen den unbändigen Adel, der ihm nicht huldigen wollte, „und wenn eS ein ganzes Jahr hindurch Burggrafen regnete," einschreiten und die hungrigen „Wölfe" die Quitzow, Bredow, Jagow, Schu« lenburg, BiSmark, Holzeudorf, Knesebcck, Maltitz, Bardelcbe» rc^ zu Paaren treiben. Bei diesen Kämpfen, so wie nachher in den blutigen Hussiten-Kriegen litten seine Unterthanen, „die Schafe," nicht wenig. 31. -Ich sage in Wahrheit dir, dein Stamm von langer Dauer, 32. Wird geringe Herrschaft üben'uber vaterländische Fluren, 33. Bis die niedergeworfen sind, die damals hochgeehrt ä4. Die Städte verwüsteten, und die Herrscher zu regieren hinderten. " Der Prophet sagt diesem Hause eine längere Dauer voraus, und deutet auf die nothwendige Unterdrückung der Raubritter hin, die Friedrich die Herrschaft über das Land streitig machte». Er überwand sie alle und zerstörte ihre Burgen. Nach einer andern Erklärung wären diese Verse nicht auf die damalige Zeit zu beziehen, sondern auf die jetzige. Der Prophet hätte dann vorausgesagt: HauS Hohenzollern, du wirst zwar lange regieren, aber nie über große Strecken deS deutschen Vaterlandes (waS auch wirklich geschehen ist, da Preußen nur ein Drittel von Deutschland inne hat). Dein Name wird dauern, bis die Proletarier und RevolutionSniänner, die Hochgeehrten, niedergeworfen sind, die die Städte verwüsten und den Herrschern zu regieren verbieten, da sie selbst regieren wollen. Ist daS geschehen, dann ist daS HauS Hohenzollern am Ende seiner Geschichte angekommen. Auch diese Erklärung, die ganz auf unsere Zeit paßt, rechtfertigte den Frater Hermann als Propheten. F r i e d r i ch II. 35. Der nun dem Vater folgt, raubt dem Bruder seine Rechte; 36. Er wird aber nicht machen, daß ein ungerechtes TodeSbett für gerecht gehalten wird. Friedrich I. machte auf seinem TodeSbette nicht seinen ältesten Sohn Johannes, den er wenig liebte, sondern Friedrich, seinen zweiten Sohn, zum Regenten der Mark. ES war dieß aber gegen daS ReichSgrund- gesetz der goldenen Bulle, wonach der älteste Sohn stets dem Vater folgen mußte. Diese Anordnung war und blieb deßhalb ungerecht. Albrecht Achilles. 37. Dem durch verschiedene Kriege und Schicksalsstürme Matten 38. Folgt der tapfere Bruder um seines Todes Zeit, 39. Der zwar ein tapferer Held, doch auch zugleich sehr eitel; 40. Während er denkt den Berg zu ersteigen, kann er kaum die Brücke überschreiten. 41. Siehe! Er schärft sein Schwert! O ihr armen Bewohner von Lehnin! 42. WaS kümmern Brüdcr den, der die Väter ausrotten will! Friedrich II., voll Schmerz über den Verlust seines Sohnes, von Gewissensbissen gefoltert, unvermögend den Stürmen der Zeit Widerstand zu leisten, trat an seinen tapfern Bruder Albrecht Achilles die Regierung ab. Dieser war ein kriegerischer Herr; er liebte Pracht und prunkvolle Turniere, worin er seine Eitelkeit befriedigte. AIS er sich der Steuererhebung zum Türkenkriege in seinem Lande widersetzte, wurde er vom Papste Paul II. in den Bann gethan, und drohte mit einem Heere über die Alpenberge zu steigen, konnte aber nicht ein 148 mal die Fallbrücke überschreiten, die ihm die Mönche von Lehnin, als er in ihre Kirche wollte, vor der Nase in die Höhe zogen. Er warb darob sehr böse und hätte die Klosterbrüder gewiß eben so, wie die Väter (den Papst und die Bischöfe) bedroht, wenn sie nicht nachgegeben und ihn eingelassen hätten. (Fortsetzung folgt.) Brief eines Benedictiner-Bruders aus Amerika.*) St. Vincenz, 14. Mai 1848. Liebe Eltern, Bruder und Freunde! Gott zum Gruß! Mit der allergrößten Freude und herzlichsten Liebe, welche ich zu Euch trage, empfing ich nach abgesungener Vesper aus den Händen meines Hochwürdigften Herrn Pater Superiors Euern Brief und lese mit größter Begierde, waS Ihr mir schreibet. Aber ein Erstaunen entsetzte mich, als ich las, daß unsere liebe Schwester gestorben sey. Doch der Tod ist bei unS nicht so etwas Seltsames, weil bei uns weder Tag noch Stunde vergeht, ohne an denselben zu denken. Durch solche Beispiele kann man die Hinfälligkeit des menschlichen Lebens betrachten, unv Ihr sehet, daß daS Stützen auf Menschen nichts sey, als nur ein Band, daS der Tod zertrennt. Liebe Eltern und Brüver, lasset Euch diesen Tod nicht zu schwer fallen; denn die Urtheile Gottes sind ganz anders, als die der Menschen. Der Herr hat sie aufgelöst von den Banden des Leibes. Es freut mich doch, daß sie der Herr nicht so schnell, sondern durch eine lange Krankheit und durch den Empfang der heiligen Sterbsacramente von dieser Well abgerufen habe. Sobalo wir ihren Todfall gelesen, ist im Convente befohlen worden, für sie zu beten. Auch die Priester schließen sie ein und gedenken ihrer im heiligen Meßopfer. Denn auch sie und Ihr alle seyv Anverwandte zum Orden des heiligen Vaters BenedictuS. Darum ist eS in diesen Fällen gut, wenn eS angezeigt wird, damit man für sie beten könne. Liebe Eltern, waS mich anbetrifft, bin ich gesund und erfreut in Gott und meinem Heilande Jesus Christus, dessen Diener ich geworden bin durch die heilige OrdenSprofeß, welche ich am Tage des heiligen Mathias bei einem feierlichen Amte vor der Gegenwart GolteS und Reliquien vieler Heiligen und in Gegenwart meiner Mitbrüder, 48 an der Zahl, mit 15 Brüdern abgelegt habe, um mich ganz Gott zu weihen. WaS ich von meinem Noviciat sagen kann, ist eine Zufriedenheit, die ich nicht genug auszudrücken vermag; denn die väterliche Liebe, welche mein Hochwürdiger Pater Superior zu mir und meinen lieben Mitbrüdern trägt, zeigte sich besonders darin, daß er mir während meiner NoviciatSzeit nicht einmal ein rauhes Wort gegeben, aber nicht wegen meines Gehorsams oder guten Betragens, sondern wegen seiner großen Nachsicht, die er gegen mich und meine Mitbrüder hat. DaS Gleiche kann ich von meinem Hochwürdigen Pater Prior sagen, welcher im vergangenen Sommer mit 16 Brüdern vorn Kloster Scheyern hier in unserm Kloster St. Vincenz angekommen ist, und der uns während der Zeit des NoviciatS als Novicen- meister den geistlichen Unterricht ertheilte. Ich kann in Wahrheit sagen, daß sein Wandel nicht irdisch, sondern im Himmel ist. Ich kann über alles Dieses meine Freude nicht genug ausdrücken. Auch heute haben wir eine besondere Freude gehabt; denn es ist eine erwachsene Methodistin getauft worden, wobei viele Protestanten und PreSbyterianer gegenwärtig gewesen sind, welche heilige Handlung unser gegenwärtiger Pater Superior mit aller Feierlichkeit vorgenommen hat. Auch ihre Eltern, wiewohl ihr anfangs der Vater den Tod gedroht, sind zu diesem Zwecke bereit. Bekehrungen sind, seil wir da sind, schon recht viele erfolgt. Ich kann es nicht unterlassen, Euch von unserer Kirche etwas zu sagen. Unsere Kirche ist ziemlich groß; sie hat zwei Hauptthore und inwendig zwei Gänge und 4 Reihen Stühle, wovon jede Reihe zwanzig an der Zahl hat, und jeder Stuhl faßt sechs bis sieben Menschen. ES befinden sich darin drei Altäre. Auf beiden Seiten hat sie sechs große Fensterstöcke und zwischen den zwei großen Thoren einen doppelten Fensterstock, welcher zugleich in die Kirche und auf den Chor leuchtet. Auf dem Chor haben wir unsere Plätze, wo auch die Orgel mit 8 Registern steht. Drei Brüdcr können die Violin spielen, drei die Orgel, zwei Klarinette blasen und Viele singen. Auch ich bin daran, *) Wir geben diesen uns freundlichst mitgetheilten Brief eines schlichten Bauernsohnes aus der Gegend von Eichstädt in seiner ursprünglichen Einfachheit. Die Red. ein Instrument zu lernen. Bis auf daS heilige Pfingstfest bekommen wir Horn, Trompeten und Paucken. Der Gottesdienst an den Festtagen wird bei unS gar schön gehalten. ES wird allzeit levitirt. Im vorigen Jahre haben wir am Fronleichnamsfeste die Procession in der Kirche gehalten, wobei wir Brüder daS Hochwürdigste Gut mit brennenden Wachskerzen begleitet haben, eben so in der Auferstehung unter schöner Chormustk. Am heiligen Ostertage sind so viele Protestanten in der Kirche gewesen, daß man sagen kann, sie haben den dritten Theil vom Volke ausgemacht. WaS die Protestanten betrifft, ist eS hier wie in Deutschland. Denn sie wissen nichts, als über die Katholiken zu schimpfen, und haben noch Niemanden bekehrt von den Ungläubigen, wohl aber viele Katholiken verkehrt. Die schlimmsten sind die PreSbyterianer, welche vor Kurzem eine schändliche Schrift in die Zeitung drucken ließen über die Klöster, worin das unselige genau bezeichnet ist; aber sie wurden sogar von einem Protestanten widerlegt. Die Preacher oder Prediger der Secten machen ihren Zuhörern vor, die katholischen Priester hätten alle Hörner auf, und man glaubt es ihnen, weil sie nichts Besseres hören, als über Katholiken zu lügen. Viele aber von ihnen überzeugten sich selbst, daß sie keine Wahrheit reden, und kamen vom Irr- zum Unglauben. Liebe Freunde, das Einzige, waS fehlt, ist, daß eS zu wenige katholische Missionäre gibt, welche ihnen die Wahrheit verkünden könnten. Wenden wir unS wieder nach St. Vincenz, um zu sehen, waS die Mönche thun. Um 3^ Uhr stehen wir auf und gehen in die Kirche zum Lobe GotteS, wozu uns der Gesang der Vögel und die holde Morgenluft aufmuntert. Nach dem Chorgebet werden die Zellen ausgekehrt und die Betten gemacht. Von 5 bis 6 Uhr ist Betrachtung, um 6 bis 6'/, Uhr die heilige Conventmesse. Dann geht man an die bestimmten Arbeiten. Um 10'/z Uhr wird mit der großen Glocke daS Zeichen gegeben, um bis in die Kirche zu kommen zum Capitel. Um 11 Uhr Mittagessen, nach demselben Anbetung in der Kirche. Von 1l^ bis 12^ Uhr ist Freizeit, zu welcher geredet werden darf, und die zum Singen lernen verwendet wird. Um 12^ Uhr wird der heilige Rosenkranz gebetet, nach welchem Jeder wieder an seine Geschäfte geht bis 5'/z Uhr, zu welcher Zeit geistliche Lesung gehalten wird. Um 6 Uhr ist daS Abendessen. Von 6'/z bis 7'/2 Uhr ist Freizeit, zu welcher wir meistens englische Stunde haben. Um 7'/z Uhr wird daS Ave Maria geläutet, dann geht man wieder in den Chor bis 8'/z Uhr. Um 9 Uhr geht man schlafen. Von 7'/2 Uhr Abends bis 6 Uhr Morgens muß das strengste Stillschweigen beobachtet werden. Auch unter der Arbeit darf nur daS Nothwendigste geredet werden. DaS ist unsere Tagöordnung. Wir machen eS wie die alten Mönche. Wir bauen die Felder und auch unser Kloster selbst. Im heurigen Jahre werden wir eine neue Scheuer bauen und auch einen Theil an unserm Hause. Wir haben schon Ziegel zu machen angefangen, auch die Hölzer sind schon geschlagen. WaS meine Geschäfte sind, habe ich die Ehre, nicht mehr Bäcker, sondern Wäscher zu seyn. Da werden wohl meine liebe Mutter und meine Schwägerin lachen, und werden sagen: „O gar waschen!" Ja, meine lieben Freunde, ich wasche vor Allem das, waS man zum Opfer der heil. Messe braucht, nämlich Altartücher, Alben, Corporalien, auch Chorröcke und Handtücher. Auch bereite ich noch daS Brod zum hl» Meßopfer. Daraus könnet Ihr schließen, daß wir nicht durch faullenzen, sondern durch Gebet und Arbeit unS den Himmel zu verdienen suchen. Nach den amerikanischen Gesetzen werden Sonn- und Festtage strenge gefeiert. ES darf an denselben weder gekauft noch verkauft werden. In Amerika ist jeder Gewissenhafte frei. Nur Diebe und Todtschlä- ger werden an den nächsten besten Baum aufgehenkt. Auch die Unzüchtigen werden für etwas Schlechtes angesehen. Seit unserer Ankunft.find in unserer Kirche gegen 80 Kinder getauft worden, unter denen kein uneheliches war. Die katholischen Prediger dürfen mit der nämlichen Freiheit wie die andern Secten predigen. Der Sonntag wird von den Katholiken meistens in der Kirche zugebracht. ES ist nicht wie in Deutschland, daß man inS BierhauS oder zum Kartenspiel geht. Dergleichen ist verboten. Mit amerikanischen Werkzeugen kann man noch so viel als mit deutschen arbeiten. Mit einer Dreschmaschine, die 4 Pferde ziehen, haben wir an Einem Tage 36 Schüssel Waizen gedroschen. Ich habe mich in diesem Schreiben viel zerstreut. Doch mit der Gnade GotteS werde ich mich wieder sammeln. Frater Franz. Verantwortlicher Redacteur: 8. Schönchen Verlags-Inhaber: F. C. Kr eurer. Vierteljähriger Abon- nementSpreis im Bereiche von ganz Bayern nur 20 kr., ohne irgend einen weiteren Post - Aufschlag. Auch von Nichts Abonnenten der Postzeitung werden Bestellungen angenommen. Sonntags - Beiblatt zur Augsburger Postzeitung. Auch durch den Buchhandel können dies« Blätter bezogen wer» den. Der Preis beträgt, wie bei dem Bezug durch die Post, jährlich 1 st. 2» kr. Neuntel' Jahrgang. ^ A8. TL September L84S. Blume» auS dem Schriftgarten de- heiligen Bernardus^ Eingang. t Nicht anziehend, sondern vielmehr abstoßend sind die Blumen und Kräuter, welche der kalte Unglaube und die Sinnenlust, der ungebändigte Stolz und die kecke Absprechung über alles Göttliche und Heilige hervor- bringen. Schon ihre Namen deuten ihre Eigenschaften an. Der Klauen- baum verwundet das Erdreich des Familienlebens, die Adams nadel ritzt schon die zarte Kindheit, und die Bärenklau klammert sich an fremdem Eigenthume fest. Auf den rauhen und wilden Distel beeten der Irreligiosität und des JndifferentiSmu- wachsen der Nachtschatten oder die Sünden nächtlicher Finsterniß und der Wermuth bitterer Armuth, baS Schlangenkraut der Verführung und die Spitzkletten schlechter Gewohnheiten. Der Stachelmohn schläfert die Gewissensbisse der Sünder ein, und der Rattenfraß der Habsucht und des Neides frißt zuletzt sich selbst. Stechäpfel und ScorpionengraS vergiften alle Verhält- Nisse der menschlichen Gesellschaft, und die Nesselblumen nebst Giftlilien, Unform und Kämpfer eien umgarnen die unvorsichtige Jugend. Der SchwcinSrüssel thierischer Lust und daö TeufelSauge der fleischlichen Lüsternheit richtet großes Verderben im Garten der Unschuld an, und die Hausech el mit ihrem bocköartigen Geruch nebst dem weit verbreiteten Steinbrech brechen sich die Bahn überallhin. Endlich treffen wir noch im Höllengarten des SündenrevierS das Egel kraut und die Sauerwurz, die Zottenblume und den Hundszahn. Wer sollte gerne in einem solchen Garten lustwandeln? Aeußerst lieblich und tröstlich ist es daher, einen andern Garten zu haben, in dem der Bräutigam dcS Hohenliedes unter den Veilchen der Demuth, unter den Lilien der Reinigkeit und unter den Rosen der göttlichen Liebe die menschliche Seele weidet, wenn sie seinem Hirtenstabe folgt. In diesem Garten himmlischer Schönheit und Lust treffen wir auch eine emsige Biene an, welche anf den Kaiserkronen, Tulpen und Anemonen, auf den Königskerzen, Sammetblumen und Amaranth, auf dem Lack und Leberbalsam und auf den Glycinen honigsüße Früchte einsammelt. Diese Biene ist der heilige BernarduS, den Garten stellen seine Schriften vor, aus denen ich mit GotteS Gnadenbeistand in alphabetischer Ordnung eine kleine Blumenlese vornehmen will, die dem freundlichen Leser freundlich dargeboten, nicht aufgedrungen wird. 1. Absicht. ES ist gewiß, daß unser innerer Mensch durch die Uebungen der Tugenden von Tag zu Tag erneuert werde, da auch die Absicht, die zuerst von Erdensorgen gekrümmt war, allmälig von Unten nach Oben steigt: und die Neigung, weiche vorher vom fleischlichen Verlangen kränkelte, nach und nach zur geistigen Liebe erstarkt, und das Gedächtniß, vorher durch die Schändlichkeit der alten Werke beschmutzt, durch neue und gute Handlungen täglich weiß und heiter wird. In diesen Dreien besteht nämlich die innere Erneuerung, in der rechten Richtung der Absicht, in der Reinigkeit der Neigung und in der Erinnerung an die gute Handlungsweise, wodurch daS Gedächtniß in gutem Bewußtseyn glänzend wird. 2. A b t ö d t u n g. Bisweilen enthalte ich mich, aber meine Enthaltsamkeit ist eine Genugthuung für die Sünden, nicht ein Aberglaube für die Gottlosigkeit. Ich enthalte mich vom Weine, weil im Weine Geilheit ist: aber wenn ich krank bin, trinke ich ein wenig, nach dem Rathe Pauli. Ich enthalte mich von Fleischspeisen, damit sie nicht als zu nahrhaft zugleich dcS Fleisches Laster nähren. DaS Brod selbst will ich mit Mäßigkeit gerne. ßen, damit nicht cS den Leib beschwere, und er zum Gebete nicht aufstehen mag: und damit nicht auch mir der Prophet den Vorwurf mache: „daß ich mein Brod mit Sättigung gegessen." Aber auch mit einfachem Wasser werde ich nicht für gewöhnlich mick) anfüllen, damit nicht die Ausdehnung deS Leibeö bis zur Anreizung der*Prollust fortschreite. Wer kiug und nüchtern wandelt, dem ist Salz mit Hunger ein hinreichendes Gewürz. Wie zum Kreuze, so gehe zum Essen, d. i. nicht auS Gaumenlust, sondern aus Nothwendigkeit: der Hunger, nicht der Geschmack rufe den Appetit hervor. 3. A d v o c a t e n. Die Streitreden und Wortkämpfe der Advocaten tragen mehr zur Unterdrückung, als zur Auffindung der Wahrheit bei. Diese sind eS, welche ihre Zungen Lügen reden gelehrt haben: beredt gegen die Gerechtigkeit, erfahren in der Falschheit, weise, BöseS zu thun, mundfertig gegen die Wahrheit. Sie geben Unterricht denen, von denen sie unterrichtet werden sollten. Sie behaupten nicht daS Erfahrene, sondern daS Ihrige: sie untergraben die Einfachheit der Wahrheit und verbauen die Wege zum Gerichte. Nichts wird also ohne besondere Mühe die Wahrheit offenbar machen, als die kurze und unverfälschte Erzählung derselben. 4. Aergerniß. „SauluS, SauluS, warum verfolgst du mich?" Oder verfolgte der Christum nicht, der Christi Glieder auf Erden töttcte? Verfolgt haben Christum Jene, die seinen heiligsten Leib an daS Holz deS Kreuzes hefteten: und der sollte ihn nicht verfolgt haben, der gegen seinen Leib, der die Kirche ist, voll ungerechten Hasses wüthete? Wenn er endlich sein eigenes Blut als ErlösungSpreiS der Seelen hingegeben hat, scheint eS dir nicht, daß er von jenem eine schwerere Verfolgung ausstehe, der durch boshafte Anreizung, durch verderbliches Beispiel, durch die Gelegenheit deS Aergernisses Seelen von ihm abwendet, die er erlöSt hat, als von einem Juden, der jenes Blut vergossen hat? Erkennet, Gelicbtcste, und verabscheuet die Gesellschaften Jener, welche daS Heil der Seelen verhindern. ES ist ein fürchterlicher GotteSraub, der sogar die Uebelthat Jener zu übertreffen scheint, die an dem Herrn der Majestät ihre gotteSräuberischen Hände anlegten. ES schien die Zeit der Verfolgung aufgehört zu haben, aber, wie eS offenbar ist, hört die Verfolgung niemals auf für den Christen und auch für Christus. Und was noch schwerer ist, selbst jene verfolgen Christum, welche von ihm Christen genannt werden. Gott, deine Freunde und deine Nächsten sind gegen dich aufgestanden! Die Gesammtheit deS christlichen Volkes scheint sich verschworen zu haben gegen dich vom Kleinsten bis zum Größten; von der Fußsohle bis zum Scheitel ist keine Gesundheit: Gottlosigkeit ist ausgegangen von den Aeltesten uud Richtern, deinen Stellvertretern, welche dein Volk zu regieren scheinen. Jetzt kann man nicht mehr sagen: „Wie daS Volk, so cher Priester," weil auch das Volk nicht so ist wie der Priester. Ach, ach, Herr und Gott! Die Ersten in deiner Verfolgung sind jene, die in deiner Kirche die ersten Plätze einnehmen und die Herrschaft führen. Ihr bedauernSweriher Lebenswandel ist der Untergang deines bemitleidenSwürdigen Volkes. 5. Andacht. Wer den Samen guter Werke ausgestreut hat, der suche die Gnade der Andacht, damit die guten Werke durch den Eifer der Andacht und durch die Süßigkeit der GeisteSgnade gewürzt werden. Nämlich die Büß- werke und die Mühen der Enthaltsamkeit müssen durch die Gnade der Andacht fett gemacht werden. Denn wir sollen vorzüglich AlleS mit Freudigkeit thun. Wir beklagen uns, daß unö die Gnade fehle, aber vielleicht 150 kann sich die Gnade mit mehr Recht beklagen, daß ihr einige mangeln; denn die Gnade der Andacht, welche wir suchen, ist Herzenssache, so, daß sich derjenige dieses Geschenkes selbst beraubt, der eS verschmäht, demselben einen innern Wohnplatz anzuweisen. Hermann von' Lehnin. (Fortsetzung.) Johann Cicero. 43. Der nach diesem folgt, weiß den KriegSgolt durch Kunst zu täuschen. 44. Seinen Söhnen bereitet er eine glückliche AuSstcht in die Zukunft. 45. So lange dieß bewahrt wird, wird großes Glück erworben. 46. Seine Söhne werden durch gleiches Loos beglückt. Aus Albrecht Achilles folgte sein friedliebender Sohn Johann, der durch seine Beredsamkeit drei streitende Könige, Mathias von Ungarn, Kasimir von Polen und LadiSlauS von Böhmen, zum Frieden beredete, und so den KriegSgolt täuschte. Auch wußte er sonst durch seine Redefcrtigkeit seine Geldwünsche Hon den Landständen zu erreichen, und bekam daher den Namen Cicero. Durch seine Sparsamkeit, seine Friedensliebe, und dadurch, daß er seine Staaten sehr vergrößerte, eröffnete er seinen Nachkommen eine gute AuSstcht in die Zukunft. Seine beiden Söhne wurden Kurfürsten, hatten also ein gleich ehrenvolles LooS. Joachim ward Kurfürst von Brandenburg und Albert Kurfürst von Mainz. Joachim l. Nestor, der letzte katholische Fürst. 47. Jedoch eS wird ein Weib eine traurige Pest ins Vaterland einführen, 48. Ein Weib, von dem Gifte einer neuen Schlange contract gemacht. 49. Und dieses Gift wirb dauern bis zum eilften Stamme. Joachims Gemahlin, Elisabeth, eine Prinzessin von Dänemark, trat zur lutherischen Lehre über, und führte diese, die Hermann „eine traurige Pest" nennt, in Brandenburg ein. Nun schildert Frater Hermann in den bittersten Ausdrücken die traurige Kirchenspaltung und ihre noch traurigern Folgen; die bis in das eilsle Glied des hohenzollern- schen Hauses dauern sollen. Joachim II., der erste lutherisch gewordene Fürst. 50. Jetzt tritt der hervor, der dich, o Lehnin! übermäßig hasset. 51. Er theilt wie ein Messer, gottlos ist er, Hurer und Ehebrecher; 52. Er verwüstet die Kirche, die Güter der Kirche verkauft er. 53. Geh nur mein Volk! Du hast keinen Beschützer mehr, 54. Bis die Stunde kommen wird, wo die Herstellung geschieht. Joachim II. trat bald, gegen sein dem sterbenden Vater gegebenes Versprechen, zur lutherischen Lehre über, hauptsächlich beredet von seiner Mutter. Er führte einen ehebrecherischen Wandel, indem er sich ein ganzes Serail von Frauenzimmern hielt, und besonders mit einer Wittwe Ridow im verbotenen Umgänge lebte. Man hatte damals den beschönigenden Namen Galanterie noch nicht, und nannte solche Sünde plattmärkisch Hurerei und Ehebruch. Joachim zog nicht bloß Lehnin ein, woraus er die Mönche mit nur 20 — 30 Gulden Gna- dcngehalt forttrieb, sondern auch zahllose andere Klöster und die BiSlhümer Brandenburg, Havclberg und Lebus. Die Katholiken blieben nun in der Mark ganz ohne Beschützer, und waren und sind den Plackereien und Unterdrückungen ausgesetzt, bis die Zeit der Wiederherstellung dcS deutschen Reiches und der katholischen Kirche kommt, die vielleicht sehr nahe ist. Johannes Georg. 55. Der Sohn dieses sinnlosen Thoren billigt die Einrichtungen seines Vaters, 56. Ganz ungescheidt wird er doch den Ruf eines Frommen haben. 57. Er ist nicht strenge genug, und deßhalb heißt er der beste Herr. Joachims Sohn, Johann Georg, verfolgte die Bahn seines Vaters. Wie ein Ungescheibter verbrannte er das Bild des Papstes, duldete keine Reformirten im Lande, und hieß deßhalb „fromm." Er nahm die weibersüchtigen katholischen Mönche und Pfaffen mit großer Güte aus und hieß deßwegen der „beste Herr." 58. Diesem wird das Loos: einen aus seinem Geschlechte zu sehen, der ihm nicht gleich ist. 59. Im Trauerjahre läßt er sein Leben an einem.ehrbaren Orte. Johannes Georg sah noch seinen Enkel Johann SigiSmund, der seinem Großvater nicht gleich blieb, sondern von der lutherischen zur calvlni- schen Lehre übertrat. Er starb im Pestjahre 1598 in dem prachtvollen Schlosse Köln, nachdem er seinem Sohne dritter Ehe, Christian, die Neumark vermacht. Joachim Friedrich. 60. Der in der Stadt Geborne begehrt Herrscher zu werden deS Volkes. Der Sohn des Vorigen, Joachim Friedrich, verdrängte seinen Stiefbruder Christian aus der Neumark und wurde so Regent der ganzen brandenburgischen Lande. 61. In Hoffnung deS Uebrigen hegt er hier furchtsam seinen nachgewachsenen Erben. Da die brandenburgischen Länder immer durch Theilung zersplittert und die Macht des HauseS Hohenzollern dadurch sehr geschwächt wurde, führte er das Recht der Erstgeburt in den brandenburgischen Landen ein, so daß der Erstgeborne Kurfürst werden, alles besitzen und die jüngeren Prinzen mit Geld abgefunden werden sollten. So sorgte er, in der Hoffnung, die Vereinigung der übrigen Landestheile mit der Mark herbeizuführen, furchtsam für seinen Sprößling. 62. WaS er dunkel fürchtet, das wird sicher doch geschehen. Joachim fürchtete sehr, daß sein Sohn seine Religion verändern würde, und nöthigte ihn deßhalb, eine Erklärung zu unterschreiben, nie von der Lehre Luthers abzugehen. Doch geschah dieß dennoch, da Johann SigiSmuS zum Calvinismus übertrat. Auch fürchtete er die vorauszusehende Erb chaft der clevischen Länder, Eleve, Jülich und Berg mit andern Erbberechtigten theilen zu müssen, waS auch geschah, da der Pfalzgraf von Neuburg-Zweibrücken, Jülich und Berg, und Johann SigiSmund Eleve und die Mark erhielt. Johann SigiSmund. 63. Bald wird, mit Zulassung GotteS, die Gestalt der Dinge eine neue; 64. Er strotzet von tausend Mängeln, dessen Dauer kurz ist. 65. Vieles verwirrt er durch ein Edict, noch mehr durch einen Schlag; 66. WaS jedoch durch seine Befehle noch schlimmer wird, 67. DaS kann durch das Schicksal fürwahr zum Bessern gelenkt werden. Durch Johann SigiSmund änderten sich die Dinge in Brandenburg sehr. Um in seinem clevischen ErbschastSstreite seine reformirten Unterthanen an sich zu ziehen und sich die reformirten Holländer zu Freunden zu machen, wurde er selbst 1613 reformirt. Dieß ist die „Aenderung." Er hatte viele „Mängel;" er war jähzornig, ausschweifend und dem Trunke ergeben. Um die Unzufriedenheit über seinen Ucbcrtritt zum Calvinismus zu beschwichtigen, erließ er ein sehr strenges „Edict," worin den Predigern alle Schmähung gegen andere Konfessionen verboten wurde. Da es aber ein Haupttert aller lutherischen Predigten ist, auf andere zu schimpfen, wie die ReformationSpredigtcn bezeugen, so entstand eine große Aufregung und endlich ein Aufstand im Lande, besonders in Berlin, der nur mit Mühe unterdrückt wurde. DaS war das „Edict." Den „Schlag" aber gab er im Jähzorne zu Düsseldorf dem jungen Pfalzgrafen von Neuburg, der Ansprüche auf die clevischen Länder machte, wodurch jede friedliche Vereinigung zwischen beiden Fürsten unmöglich wurde. Je mehr „Befehle" er erließ, um so größer wurde die Aufregung, bis endlich gegen Ende seines Lebens durch Beilegung aller innern und äußern Streitigkeiten alles zum Bessern gelenkt ward. Auf Johann SigiSmund folgte Georg Wilhelm. 68. Der Sohn wird Markgraf nach dem Vater werden. (Dieß geschah.) 69. Durch seine Klugheit läßt er keinen ungerächt leben. Georg Wilhelm war wohlbewandert in der Klugheit, die die preußischen Pfiffe, ober die Kniftologie (Kniffemacherei) erfand. Er nahm sich einen katholischen Minister, von Schwarzenberg, um eS nicht mit dem Kaiser zu verderben, und sandte diesem 800 Mann zu Hilfe. Zu gleicher Zeit eilte er dem Könige von Schweden entgegen und stellte auch diesem einige tausend Mann Hilststruppcn zu Gebote. Als die Schweden geschlagen wurden, hielt er wieder zum Kaiser. So alle betrügend, rächte er sich an jedem. 70. Da er zu viel Vertrauen hegt, zerreißt der Wolf die beklagenswerte Heerde, 71. ES folgt der verderbte Diener bald dem Schicksale seines Herrn. Da der Kurfürst, als Protestant, zu den Schweden zu viel Vertrauen hegte, und sie in sein Land aufnahm, verwüsteten diese dasselbe, gleich Wölfen, auf'S Schrecklichste, und machten eS zu einer Einöde. Unter 151 dem verderbten Diener ist der Graf Schwarzenberg zu verstehen, der die Geißel Brandenburgs genannt, einige Monate nach Georg Wilhelms Tode starb (3. März 1641). Friedrich Wilhelm!. 1640 — 1688. 72. Darauf kommen, die sich von drei Burgen nennen. Jetzt folgt Friedrich Wilhelm!., der große Kurfürst genannt. Er erhielt im westfälischen Frieden Magdeburg, und fügte so das dritte Burg zu seinem Titel: Burggraf von Nürnberg, Markgraf von Brandenburg und Herzog von Magdeburg. 73. Stehe, unter dem großen Fürsten wachsen die Gränzen deS Landes. Während seiner langen Regierung erlangte er Preußen ganz, dann Halberstadt, Kamin und Minden. Er erhielt den Namen „der große Kurfürst." So hat also der Prophet wieder Recht. Und auch darin, daß die Tapferkeit dieses Fürsten seinem Volke Ruhe verschaffte, denn er schlug die Schweden bei Fehrbellin. Daher heißt es: 74. DeS Volkes Sicherheit beruht auf deS Regenten Tapferkeit. Friedrich III., der erste König von Preußen. 1688 — 1713. 75. Aber nichts nützet dieß, wenn die Klugheit kehlt. Nichts nützte die Tapferkeit deS großen Kurfürsten: denn sein Sohn,! von Eitelkeit und Prunksucht verleitet, erklärte sich selbst zum erstens Könige von Preußen, setzte sich die Krone auf und stiftete den schwär-! zen Adlerorden. Er unternahm etwas, was er besser gelassen hätte;! denn seine Unterthanen mußten die Zeche bezahlen, und Steuern über Steuern aufbringen. Für den ersten König von Preußen hat Bruder Hermann nur einen Vers. (Schluß folgt.) Die Freiheit der Kirche in Preußen. Während die Katholiken für die Freiheit der Kirche, für die Unabhängigkeit derselben vom eisernen Arme weltlicher Omnipotenz und die Ent- vormundung vom Beamtenthum schon Jahre lang vergeblich ihre Stimmen erhoben, endlich ihren gerechten und nothwendigen Forderungen, durch die Zeitumstände befürwortet, theilweise entsprochen worden ist, erheben sich die Protestanten und protestiren gegen die Freiheit der Kirche, gegen die Trennung derselben vom Staate. Es läßt sich nichts dagegen sagen, denn beide Forderungen sind in der Geschichte und der Natur einer jeden Konfession begründet. Der Protestantismus verdankt dem Staate seine Entstehung, seine Entwickelung, sein Gedeihen; der Katholicismus hingegen, älter als unsere moderne und morsche StaatSform, leitet seine Entstehung, seine Gegenwart und seine Zukunft auS höheren und unversiegbareren Quellen her. Während dieser von der weltlichen Macht geknechtet, in seinen natürlichsten Rechten bedrückt, sogar in der Ausübung seiner Pflichten gehindert wurde, wurde jenem zum eigenen Vortheile, der aus dem Nachtheile der andern Religionsgesellschaft erwuchs, unter die Arme gegriffen. Dem starken, kräftigen Manne wurde die Nahrung benommen, und dem aus unnatürlicher Doppelehe entstandenen Kinde von der Staatsamme dargereicht. So bildeten die Ueberbleibsel katholischer Dogmen den geistigen Schatz dcö Protestantismus, wozu ihm der Staat aus der Beraubung des katholischen KirchenschatzeS noch ein materielles Vermögen hinzuschuf. Würde der Prote-! stantiSmuS nun von der wohlthätigen Amme und Pflegerin verlassen, dann^ entstände allerdings die Frage, wovon er leben könnte, nachdem geistiges sowohl als materielles Vermögen aufgezehrt wäre. Die Furcht der Protestanten vor der Freiheit der Kirche erscheint daher gerechtfertigt, aber nicht minder das ernste Wort der Katholiken für die Freiheit und Unabhängig^ keit derselben von der weltlichen Staatsgewalt. Der Protestantismus ist! seiner Natur nach der irdischen Gewalt zugewiesen, und gleich den Epheu-! ranken bedarf er einer materiellen Stütze, woran er sich lehnen kann, um nicht auf der Erde sich herumschlingend von den Vorübergehenden zertreten zu werden. Der Katholicismus hingegen lebt von innen heraus, er bedarf keine weltliche Stütze, die ihm vielmehr höchst schädlich ist; denn daS Lebensprincip deS Katholicismus ist der Geist, derselbe unwandelbare Geist, in dem er gegründet wurde, 18 Jahrhunderte durchlebt hat, und bis zum Ende der Tage fortleben wird. WaS daher diesem nothwendig ist, ist jenem in demselben Verhältnisse nachtheilig und umgekehrt. Im Concreten, ist hier katholischcrseitS wohl zu berücksichtigen, daß unsere Staatsgewalt selbst dem Protestantismus angehört, und daher Freiheit der Kirche für die Katholiken der Anfang eines bessern Gedeihens, für die Protestanten der! nothwendige Anfang der Auslösung; für Beide aber, besonders aber für die letzte, eine Lebensfrage ist. Was nun den Protestationen Protestant!-! scherseitS, so wie den Forderungen katholischcrseitS für eine Rechnung getragen werten wird, muß sich bald entscheiden. DaS zögernde Verhalten der Regierung in Ausführung der betreffenden VerfassungSbestimmungen scheint dafür zu sprechen, Laß man höhern OrtS jene vorzüglich berücksichtigt. Andererseits könnte man Belege anführen, daß die Regierung die kirchliche Freiheit, welche die Verfassung »allen Religionsgesellschaften gewährleistet, in Bezug auf die katholische Kirche nicht verkümmern wird. Dafür sprechen zwei Verfügungen, welche daS CultuSministerium unlängst erlassen hat. Die eine bezieht sich auf die früher viel angefochtene Befugniß der Regierung, solche katholische Pfarrstellen, deren Patron deö PräsentationS- rechts für seine Person verlustig gegangen ist, zn ersetzen. DaS Ministerium erklärt, daß diese Besetzung fortan durch die geistlichen Oberen erfolgen könne. Durch elne zweite Verfügung ordnet der Minister an, daß die Einsammlung freiwilliger Beträge zur Bestreitung der kirchlichen Gcmein- debedürfnisse innerhalb einzelner katholischer Gemeinden künftig ohne Erlaubniß der weltlichen Behörden solle stattfinden dürfen. Allerdings schwache Belege; aber wir vertrauen der Gerechtigkeit der Regierung, daß sie ihr gegebenes Wort nicht breche, Laß ihre Versprechungen, daß der geschriebene Buchstabe Wahrheit werde. Fühlen sich einige Protestanten so schwach, daß sie glauben, ohne den weltlichen Arm, der sie wie ein unmündiges Kind am Gängelbande führt, nicht förteristiren zu können, dann verdienen sie auch nicht den Namen einer ReligionSgcsellschaft, und sind nicht werth, daß sie eristiren; diejenigen Protestanten aber, die zu ihrem Bekenntnisse Vertrauen hegen, oder nur daran glauben, werden auch Muth genug haben, ohne den Arm der weltlichen Gewalt frei inS Leben zu treten und mit den Katholiken Freiheit fordern, Freiheit und Unabhängigkeit von der Bevormundung weltlicher und verweltlichter Behörden. Jedenfalls werden die Katholiken von ihren gerechten Forderungen nicht abstehen, stets von Neuem mit Würde und Ergebung rufen: Gebt unS die Freiheit, damit ihr selbst frei werdet; und sollte e'in Staat macchiave llistisch und josephinisch genug seyn können, heut zu Tage, nachdem die Jugend in den Clubs, auf den Märkten, in den Gefängnissen den gänzlichen Bankerutt beweist, den er durch seine Erziehung gemacht hat, nachdem die allgemeine Entsittlichung, namentlich in Berlin, und die elende moralische Verkommenheit, die Unfähigkeit LeS Staates, die Functionen der Kirche auszuüben, oder zu regeln, auf die schlagendste Weise an den Tag gelegt hat; ja sollte ein Staat nach so traurigen Erfahrungen heut zu Tage eine ungerechte Hand an daS Heiligthum der Religion legen, dann mag er zum Voraus sich einen Grabstein bereiten, und hören, wie seine eigenen Maaßregeln ihm daS Miserere singen. Versammlung der PiuSverelne in Rottenburg. Rottenburg, 23. August. Der Einladung des hiesigen PiuS- vercineS zu einer Generalversammlung der verbrüderten Vereine in Würt« lcmberg wurde gestern durch die Ankunft zahlreicher Abgeordneten entsprochen. Dieselben begaben sich mit mehreren andern Männern, welche Antheil an der Sache nahmen, in geordnetem Zuge vom Seminarssaale auS in die Domkirche, wo unter Anwesenheit deS hvchwürdigsten Bischofs und DomcapitelS bei großer Betheiligung deS Volkes ein feierliches Hochamt gehalten wurde. Nach dem Gottesdienste eröffnete Herr RegenS Dr. Mast als Vorsitzender die Versammlung im Nathhauösaale; Mitglieder deS PiuS- vereinS wie andere Zuhörer von hier und der Umgegend hatten sich ein- gefundcn; Frauen nahmen von einem Nebenzimmer auS Antheil. Herr Mast, der die Verhandlungen mit sehr viel Umsicht leitete, erinnerte die Anwesenden in anziehender Rede an die Zwecke der katholischen Vereine und an die Veranlassung zur begonnenen Zusammenkunft; in letzter Hinsicht machte er auf den ausgesprochenen Wunsch der zweiten Generalversammlung der katholischen Vereine Deutschlands aufmerksam. AIS Zwecke stellte er den Statuten gemäß auf: Unterstützung der kirchlichen Obern in Erringung der religiösen Freiheit; Wahrung der Stiftungen und Schul- fondS mit gehöriger Einwirkung auf daS Schul- und ErziehungSwescn; Betheiligung an der Armenpflege und Allem, was zur Hebung der socialen Ucbelstände beiträgt; Förderung der christlichen Bildung. Den Sinn hiesür von Neuem anzuregen, sich über Einzelnes zu verständigen und zu einigen, daS sey Aufgabe der Versammlung. Den öffentlichen Ansprachen sollten specielle Berathungen im Seininargebäude folgen. Die Redner, welche sofort auftraten (Stadtpsarrer Vogt aus Lud- wigSburg, O.J.R. Holzinger auS Ellwangen, Musterlehrer Weinmann auS Ebingen, Professor Allgayer auS Ehingen, ein Landmann, Fischer auS Bühlerzell, Pfarrer Reiching auS GroßeiSlingen) wußten jeder in seiner Weise daS Publicum zu fesseln. Noch manche, welche sprechen wollten, standen mit Rücksicht auf die Zeit davon ab. 15S Herr Vogt führte sehr beredt und überzeugend den Gedanken durch, daß der kirchlichen Freiheit in der jetzigen Zeit nicht von den Regierungen, wohl aber von Seite deS Volkes, ver falschen Freiheit, Gefahr drohe. Er verwies an die französische Revolution und an seinen Namensvetter, den ReichSregenten, welcher bei allen Phrasen über religiöse Freiheil von geweihten ReligionSbuben spreche, denen man zu Leibe gehen müsse, so wie auf da» wüthende Manifest der Scbweizevvemokraten. Er schloß mit einem Ausruf an die Bedenklichen, an die Trägen und Gleichgiltigen und mit dem namentlichen Wunsche, daß die Gebildeten, denen doch der Umsturz daS Meiste gefährde, sich mehr an der VereinSsache betheiligen mögen. Herr Holzinger, der gleichfalls den lebhaftesten Beifall erntete, verbreitete sich über die Aufgabe deS VereinS in sehr belehrender und ansprechender Weise, indem er die einschlägigen Puncte der Landes- und Reichsverfassung nebst Grundrechten erklärte lind nebenbei mit den Bestrebungen der Umsturzpartei verglich, wobei er nachwiest, daß diese gerade in den Hauptpunctcn mit der Reichsverfassung im Widerspruch stehen. Auch rein politische und sociale Gegenstände erklärte er. So fand es vielseitige Zustimmung, als er die Ursachen der allgemeinen, besonders der Gewerbs- noth entwickelnd dieselben in der Verwirklichung der demokratischen Gleichmacherei aufsuchte und an einzelnen Beispielen ins Licht setzte. Die Be- amten, sagte er z. B., welche, voil*den höhern abgesehen, nicht zu viel Gehalt hätten, sollen schmäler gehalten, und viermal höher als bisher besteuert werden. Das ist schon recht, aber dafür, werden sie auch ihre Röcke länger tragen und weniger Schneider brauchen. Herr Weinma^n kritisirte den Entwurf der OrganisationScommis' fion über das Schulwesens er setzte an ihm aus, daß er Trennung zwischen Schule und Kirche durchführen wolle, während doch kein Heil von der Erziehung zu erwarten sey, bis Schule und Kirche, Volksbildung und Religion im EinheitsverMlniß zu einander stehen. Herr Allgayer be> richtete vornemlich über den Ehinger PiuSocrein, und bemerkte dabei gelegentlich, daß hauptsächlich durch Behandlung einzelner geschichtlicher Materien Interesse für die VereinSzwecke erregt werde. Herr Reiching verbreitete sich, an die anwesenden Frauen gewendet, über ihre hohe Aufgabe, in welcher sie Schule und Kirche unterstützen müßten. Herr Fischer, ein schlichter Bauer, der mit einem ungewöhnlichen Gedanken- und Redeflüsse in körniger und frischer Weise über MannS- klöster sprach und ihre Zweckmäßigkeit auS ihrer Geschichte und den Bedürfnissen der Gegenwart darzuthun versuchte, gefiel sehr; seinen oft humoristischen Ausfällen antwortete eine allgemeine Heiterkeit. — Wir müssen unS mit diesen kurzen AuSzügen auf ein mageres Gerippe beschränken, das hinter der Wirklichkeit weit zurück fleht. Die besondern Berathungen der VereinSdcputirten im Seminar schlössen sich sofort an. Diesen wohnte auch ver Hvchwürdigste Bischof bei. Er versicherte die Versammlung seiner lebhaften Theilnahme, warnte sie aber auch vor dem möglichen Abwege, nach Art eines LandcSauSschusseS in daS Kirchenregiment einzugreifen und, wie ein Aufruf ihnen erst zuge- muthct habe, „gegen die Träger der geistlichen Bureaukratie" Partei zu nehmen. Die Worte deS Hochwürvigstcn Bischofs fanden ungetheiltc Beistimmung. Aus den Gegenständen, weiche speciell berathen wurden, bemerken wir: das Verhältniß zur Politik. Es wurde nach längerer Debatte anerkannt, daß der Verein keine politischen Zwecke verfolgen solle; müsse er sich aber an politischen TageSfragen betheiligen, was nicht abzuweisen sey, so sey eS Pflicht, den destructiven Tendenzen entgegenzutreten und die christlichen Grundsätze zur Geltung zu bringen. Auch das Verhältniß zur Schule, die Zustände der Presse, ferner die Nothwendigkeit von Bezirks- VereinS-Versammlungen, Bildung von VercinScassen, kamen zur Sprache. Als Ort der nächsten, in einem halben Jahre abzuhaltenden Zusammenkunft wurde Ehingen bestimmt. Ein frugales Mittagsmahl, bei welchem Toaste auf den heiligen Vater, den anwesenden Hochwürdigsten Bischof, die katholischen Vereine, den Freiherr» von Hornstein, Regens Dr. Mast, daö deutsche Reich und die Einheit mit Oesterreich gebracht wurden, unterbrach die Verhandlungen. Die Versammlung trennte sich in herzlicher Eintracht, nachdem sie dem würdigen Vorsitzenden durch ein dreimaliges Hoch ihren Dank bezeugt hatte. Die Goethe-Feier in Wien. *) „Die Goethe-Feier im VolkSsreunde besprochen!" Wie kommt Saul unter die Propheten? Was für ein Zusammenhang ist zwischen dem großen *) Aus dem österreichischen Vclksfreund. Anhänger deS Pantheismus (der heidnischen Lehre vom göttlichen Ein und AU) und unserm Katholikenvereine? Wir könnten darauf antworten, daß kein Ereigniß der Zeit unbeachtet an unS vorübergehen soll; und ein solches ist die mehr oder minder große Theilnahme der Mitlebenden an dem 100- jährigen Geburtsfeste eines großen Mannes! Wir könnten (und sollten vielleicht) unS geradezu auf den polemischen (streitfertigen) Standpunct stellen, und gegen die bedauernSwerthe Richtung, die so viele GcisteSwerke deS deutschen Dichterfürsten bezeichnen, eifern, und Colophonium-Blitze auf eine Zeit schleudern, welche die Abgötterei mit Kunst und Künstlern wieder einzuführen, und dadurch die Opferaltäre der modernen Göttin Politik veröden zu lassen droht. Ja wahrlich, waS könnten oder sollten wir noch alles? Wir können aber auch — und dieß steht unS vielleicht am besten an! auf daS Streben unseres Vereins für Glauben, Freiheit und Gesittung hinweisen; wir können dann die unbestreitbaren Verdienste, welche Goethe sich um die deutsche Gesittung in begeisterter Rede, in Beherrschung der Form und dcö Gedankens erworben bat, nicht unbeachtet lassen; wir können in den Tagen, wo Freiheit und Frechheit gleichbedeutend geworden, seine, von den Gegnern nur zu oft aristokratisch oder für- stendienerisch gescholtenen Gesinnungen für wahre Freiheit, die in Recht und Ordnung gegründet ist, nimmer vergessen; ja wir müssen unS freuen, wenn daS Andenken solcher Männer stets lebendig erhalten bleibt! Aber der Glaube? WaS diesen betrifft, so müssen wir daran entweder schweigend vorüber gehen, oder eS doppelt beklagen, daß ein Mann von solcher Geisteskraft so sehr daS Kind seiner Zeit war, um bis zur Pforte, „die zum Leben führt" zu gelangen, und dann — stehen zu bleiben. Ist dieß jedoch so ganz gewiß und ausgemacht? Wir glauben daS nicht; ja wir gehen weiter und meinen: der Mann, welcher die, allerdings etwaö con« fuse Lehre ausgesprochen: „Ein guter Mensch in seinem dunkeln Dränge Ist sich des rechten Weges wohl bewußt," der stand wohl sehnsuchtsvoll vor der verschlossenen Pforte, deren Schlüssel er noch aufzufinden gewußt hätte, sofern er nicht vielleicht zu spät dieser Sehnsucht Gehör gegeben. Weit entfernt, die mystische Bedeutung, welche Wilhelm v. Schütz in seinem „Goethe'S Faust und der Protestantismus" dieser großen Dichtung unterlegt, unbeschränkt anzunehmen, glauben doch auch wir das Streben nach den Formen der geoffenbarten Religion, welche sich im zweiten Theile zum Faust kundgeben, nicht ganz übersehen zu dürfen. — Und so mag unS denn Goethe'S Andenken als das eines Mannes theuer seyn, dessen Streben nach Humanität, Gesittung und wahrer Freiheit unS Vorbild seyn darf; dessen Glaubensrichtung unS aber zeigen soll, wie noth „daS Eine" thut: der Glaube an einen über- und außerweltlichen (objectiven) Gott und an eine Erlösung, wenn nicht alles menschliche Wissen und Schaffen in zweck- und fruchtlosen Naturgotteödienst untergehen soll. Und nun die Gedächtnißfeier selber? Nur andeuten wollen wir in unserm Blatte, daß sie nicht gelungen genannt werden darf, da ihre Glanzmomente sich mehr im Reiche der Ton- als der Dichterkunst bewegten; daß wir namentlich die Dichtung deS Prologes als verfehlt und den Vertrag der sinnigen „Legende" als gesucht naiv (kindliche Einfalt erkünstelnd) bezeichnen müssen; endlich daß die Darstellung der „Scene im Dome" unS wieder die große Klippe zeigte, an welcher eine theatralische Schaustellung kirchlicher Feierlichkeiten immer zu scheitern pflegt, und daß wir den Engel oder Genius der Schlußscene einen ganz verfehlten und kindischen Versuch nennen müssen. Vereinigte Staaten von Nordamerika. New-Uork, 15. Aug. Die Mäßigkeitssache nimmt in den vereinigten Staaten großen Fortgang. Der von Irland zum Besuche herübergekommen Mäßigkeitsapostel, Vater Matthew, hat einen überaus warmen und glänzenden Empfang bei unS gefunden. Tausende seiner hier sich aufhaltenden LandSIeute und der übrigen Einwohner der Hauptplätze im Osten der Union haben zu seiner Fahne geschworen; in Boston hat er fast sämmtlichen dort in großer Anzahl lebenden Jrländern den Eid abgenommen. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Vierteljähriger Abon- nemenlspreis im Bereiche von ganz Bayern nur 20 kr., ohne irgend einen weiteren Post-Aufschlag. Auch von Nicht-Abonnenten der Postzeitung werden Bestellungen angenommen. Sonntags -Peiblatt zur ^ Augsburger Postzeitung. Auch durch den B»ch- handel können diese Blältcr bezogen werde». Der Preis beträgt, wie bei dem Bezug durch die Post, jährlich 1 fl. 20 kr. Neuntee Jahrgang X? SS AV. September L84A. Hermann von Lehnin. (Schluß.) Friedrich Wilhelm!. 1713 — 1740. 76. Der sein Nachfolger ist, geht nicht auf den Wegen deS Vaters. 77. Ihr Brüder betet nur, schont nicht ihr Mütter die Thränen! 78. Bei diesem trügt der Name, er ist nicht Vorbedeutung friedlicher Regierung. 79. Es ist nichts Gutes mehr! Zieht fort ihr alten Bewohner. — 80. Er liegt erblasset hier, von außen und innen zerschlagen. Auf den Wegen deS verschwenderischen Vaterö ging nicht der höchst geizige Sohn. Er war der größte Schätzesammler und der ärgste Wülhrich, unter dem, wie Voltaire sagt, die Türkei ein wahrer Freistaat gegen das damalige Preußen war. Seine größte Leidenschaft waren große Soldaten, die er überall werben und rauben ließ, wo- durch er vielen Müttern Thränen auspreßte. Seine Freude waren Soldaten, und daher sandte er allen Müttern, die in seinem Lande Knaben gebaren, ein rothe- Halstuch zu, zum Zeichen, daß die Jungen all^Soldaten werden''müßten. So hieß er Friedrich und war kein Friedereich. Viele Menschen, die In seinen Staaten wegen dieses RecrutenraubeS nicht mehr bleiben konnten, zogen nach Holland, Schlesien rc. Er starb an der Wassersucht, und sah auf seinem Paradebette so entstellt und zerschlagen aus, daß alle vor Entsetzen davon liefen. Er starb 1740, also 17 Jahre nach dem ersten Drucke dieser Prophezeiung. Friedrich II. 1740 - 1786. 81. Bald knirscht der Jüngling, während die hohe Gebärerin seufzt. Der Sobn desselben, Friedrich der Große, mit einem tüchtigen Heere von 80,000 Mann und einer vom geizigen Vater gefüllten Schatzkammer, knirschte vor KriegSlust, und fiel in Schlesien ein, während Maria Theresia, die Kaiserin, im Wochenbette lag und über diese Nachricht seufzte. 82. Doch wer kann den erregten Staat wieder zur Ruhe bringen? Dieser einmal begonnene Krieg dauerte viele Jahre. Der erste schlesische Krieg 1740 — 42. Der zweite 1744 — 45 und der siebenjährige Krieg 1756 - 63. 83. Er ergreift die Fahne, doch beklagen wird er hartes Mißgeschick. Der alte Fritz ergriff zwar die KriegeSfahne, aber oft wurde er im ^ harten Mißgeschick geschlagen, und verlor die Schlachten bei Kollin, KunerSdorf, Hochkirch, DreSden. 84. klantil)U8 Kino austris, vitam vult oreäoro cluustris. Während der Südwind von hierab weht, will er sein Leben dem Kloster anvertrauen. Hierüber hat das Leben deS alten Fritz selbst Aufschluß gegeben. AIS er von den Oesterreichern sehr bedrängt und von ungarischen Husaren einst hart verfolgt wurde, flüchtete er in ein Cisterzienser-Kloster, ließ sich vom Abte in Mönchökleidung stecken, ging mit inS Chor, und wurde von den ihn suchenden Oesterreichern nicht gefunden. Unter ! den X»8tri8 ist also nicht der Südwind zu verstehen, sondern die Oesterreicher. Wer konnte an solche AuSlegung denken? Und doch , stehen diese Worte 1723 schon gedruckt! So hat sich hierdurch die Herrmann'sche Weissagung als unzweifelhaft ächt gezeigt. Friedrich Wilhelm II. 85. Ou> soguitur, provos imitatur p688imu8 avc>8. Sein Nachfolger ahmt, als der schlechteste, die schlechten Ahnen nach- 86. Xon rokur menti, non >»ii8nnt mimina gonli. Er hat keine Geisteskraft, daS Volk ist ohne Gott. Dieser Fürst war in der .That der schlechteste von allen Hohenzollern, so wie schon Friedrich der Große, sein Oheim, vorausgesagt hatte. In Liederlichkeit, Leichtgläubigkeit, Maitressenwirthschaft, in der abscheulichsten Härte im RecrunrungSwesen floß sein ganzes Leben hin. Vom Hofe auS verbreitete sich die Sittenlosigkeit durch alle Stände, und Berlin war schon damals im höchsten Grade verdorben. Durch Wollust ward seine „Geisteskraft" ganz geschwächt; der Unglaube nahm in Folge der Sittenlosigkeit so überhakid, daß Wöllner, der Minister deS KönigS, 1788, da viele protestantische Geistliche geschworen hatten, an einem Tage zu predigen, daß di?Goltheit Jesu Ehristi ein leeres Hirngespenst sey, ein sehr strenges Edict dagegen erlasse» mußte. So trug die gepriesene Reformation schon jetzt ihre Früchte: daS Volk wurde seines Glaubens an „Gott" beraubt. 87. Luju8 opoin petit, eontrr>riu8 liie 8i'ki 8tetit. Wer dessen Hilfe sucht, der steht sich selber als Feind. Oesterreich suchte Preußens Hilfe gegen Frankreich nach. Preußen ge- ! währte sie, zog mit einer Armee nach Frankreich, ließ aber die Oesterreicher ganz im Stich, so daß diese, als die Preußerk sich zurückzogen, die ganze französische Armee auf den Hals bekamen, und schwer geschlagen wurden. So hatten die Oesterreicher durch seine Hilfe nur Unglück, und hatten am sogenannten Freunve „einen Feind." Nicht besser ging es StanitlauS von Polen, der sich auch auf die preußische, fest versprochene Hilfe verließ, die nicht kam, wodurch er seine Krone verlor. Eben so wollte Friedrich Wilhelm II. dem unglücklichen Ludwig XVI. zu Hilfe eilen, und brachte durch seinen unüberlegte» Kriegszug und seine stolzen Manifeste die Franzosen so in Wuth, daß sie den armen Ludwig tödteten. Wer also Hilfe bei ihm suchte, der that sich selber Feindschaft an. 88. Lt perlt in unclw, clum mweet 8umma prokunelw. Und er kommt im Wasser um, während er Hohes mit Niederm mischt. Nachdem so sein ganzes Leben ein Gemisch von Hohem und Niederm, starb er, von Ausschweifungen geschwächt, an der Brustwassersucht, und kam so in Wasser um. Ueriro in unäw heißt: an der Wassersucht sterben. Friedrich Wilhelm III. 89. Xatv8 llorelnt, lproc! non 8pera88ot, kolwlnt; Der Sohn wird blühen; waS er nicht gehofft, wird er besitzen. Friedrich Wilhelm III., Sohn deS Vorigen, verlor in Folge der unglücklichen Schlacht bei Jena seine meisten Länder, und Preußen ward ein ganz kleiner Staat. Wer hätte damals geglaubt, daß die Worte unsers Propheten in Erfüllung gingen? Und dennoch erlangte Preußen, nach Napoleons Sturz, waS eS nie gehofft hatte, da Friedrich Wilhelm Theile von Sachsen, ja sogar vom altfranzösischen Reiche erhielt. Und hatte er vorher nur über sechs Millionen Unterthanen geherrscht, so gebot er jetzt über 13 Millionen. 90. 8eti popnIu8 1ri8t>8 llekit temporiku8 i8ti8. Aber daS traurige Volk wird in jenen Zeiten weinen; 91. Nam 8ort>8 mirao vicientur lala voniro. Denn eines wunderbaren LooseS Schicksale scheinen zu kommen. Der französische Krieg brachte viele Thränen des (über solches Unglück trauernden) Volkes hervor; nicht minder seine, durch sokratische Lehrmethode der Bayonette eingeführte gewaltsame Union der Lutherischen und Reformirten. Endlich preßten die Angriffe, die er auf die katho- lische Kirche machte, die Gefangensetzung der Erzbischöfe, und die ZwangSgesetze über die gemischten Ehen, wonach die Kinder einer katholischen Mutter lmherisch werten mußten, viele Thränen treuer Katholiken und trauriger Mütter auS. Die Unionsgeschichte, die Bedrückung der Geistlichkeit, die ungerechten, auf Vermehrung des Protestantismus berechneten Ehegesetze, und die sich daraus entwickelnden Folgen waren gewiß „wunderbare Schicksale": diese sonderbaren Er- eiguifse waren für den frommen Propheten, der so etwas nie gesehen, gar wunderbar; darum sagt er ganz ängstlich „eines wunderbaren Looses Schicksale scheinen zu kommen." 92. IHt priuoeps no8cil, guock nova potontia crosoit. Und der Fürst weiß nicht, daß eine neue Macht wächst. Durch die Union hatte sich der König die Herzen seiner protestantischen Unterthanen entfremdet und die neue Macht der Gleichgiltig- keit in Religionssachen, und deS Mißtrauens gegen die Regierung, die gegen die Gewissen Gewalt brauchte, hervorgerufen. ES stand bei Protestanten der Wunsch auf, daß ihre Kirche unabhängig von, Staate seyn möchte. Durch die Gefangensetzung deS ErzbischofeS von Köln, und jenes von Posen, durch die ungerechten Ehegesetze hat der König die etwas lau gewordenen Katholiken erweckt, und eS entstand bei ihnen die neue Macht deS Eifers für die Religion, und der Abneigung gegen Preußen, die nur die katholische Lehre deS Gehorsams gegen die Obrigkeit in offene Flamme auSzubrechen verhindert. Dann schuf er durch Begünstigung der gott- läugnenden Hegel^schen StaatSphilosophie den Unglauben, und seine feindlichste Macht, das gottlose Schreibervolk, Liter atenproleta- riat. Durch die maaßlose Gewerbefreiheii und unbeschränkte HeirathS- Erlaubniß, wodurch die Menschen sich wie Sand vermehrten, bildete sich die arme, zahlreiche, hungernde Arbeiterclasse, das Proleta- riat, welches eine neue, nie gekannte Macht i»n Staate ward. Eden so schuf er durch die allzugroße Ausdehnung und Machtvollkommenheit deö Beamtenwesens die neue Macht der Bureaukratie, die daS Land mehr regierte, als der König, und wegen vielfacher Förmlichkeiten, Grobheit und Hochnäsigkeit (mit Ausnahme der wenigen braven Beamten, die jeder kennt) den Haß des Volkes auf den König wälzte, den man für alles verantwortlich machen wollte. So entstand die Macht der Demokratie und Revolution. Diese furchtbaren „neuen Mächte" wuchsen heran, ohne daß der König eS wußte; er war, gleich allen Fürsten, wie Holzhäuser oben schon sagte, mit Blindheit geschlagen, so daß er die kommenden Uebel nicht sah, und sich zum Kampfe nicht rüstete. Gott hat ihn noch zur rechten Zeit hinweggcnommen, und er erblickte die traurigen Früchte seiner Regierungsmaaßregeln nicht mehr. Aber er hat seinem braven, edlen Sohne eine Saat hinterlassen, deren traurige Ernte dieser jetzt sehen muß. Friedrich Wilhelm IV. 93. Hinlem SLöjilra goiil, gui ullinnis stominatis mit. Endlich führt den Scepter, der der Letzte seines Stammes seyn wird. Unser König ist von Joachim III., der zur lutherischen Lehre übertrat, der Ute in der Reihe der lutherischen Fürsten. Der 1. war Johann Georg, 2. Joachim Friedrich, 3. Johann SigiSmund, '4. Georg Wilhelm, 5. Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst, 6. Friedrich I., 7. Friedrich Wilhelm I., 8. Friedrich II., 9. Friedrich Wilhelm II., 10. Friedrich Wilhelm Illl., 11. Friedrich Wilhelm IV. Mithin stimmt NerS 49 „Der Eilfle soll der Letzte seyn" mit VerS 93 „Endlich führt den Scepter, der der Letzte seines Stammes seyn wird. Da der König keine Erben erhielt, machte dieser Umstand früher schon diese Weissagung sehr wahrscheinlich. Manche meinen, diese Worte seyen darauf zu beziehen, daß der König katholisch und Kaiser von Deutschland würde. Ob daS eine ober daS andere stattfindet, ob eS auf längere Zeit, wcnn'ö geschieht, Bestand hat, wird die Folge ausweisen. 94. Israol iickanäum 8oelu8 rnnlot, morto piauckum. JSracl wagt eine That, die mit dem Tode gesühnt werden muß. Hier ist von einem scheußlichen, todcSwürrigcn Verbrechen die Rede. Viele haben diesen VerS auf den Mordversuch deS Bürgermeisters Tschcch bezogen, den man zum Juden machen wollte. Andere beziehen ihn auf die Ermordung eines Pater Thomas in Smyrna durch die Juden; waS hat aber Pater Thomas in Smyrna mit Preußen zu thun? Andere behaupten, die That Berlins im vorigen März sey gemeint. Wieder andere legen gar andere Worte in den Text, und lesen statt „l8raol," i8 rex, tiefer König, und wollen ihn eine scheußliche That begehen lassen. Bei dem milden und frommen Sinne unseres KönigS ist an so etwas gar nicht zu denken. Andere wollen unter JSracl das Volk im Allgemeinen verstehen; dafür hatte Hermann aber ganz andere Worte. Noch andere beziehen diesen VerS auf Pius IX. und die Schandthaten des Römervolkeö. Aber was hat Pius mit Preußen zu thun! So bleibt nichts übrig, als eine nähere Erklärung von der Zukunft zu erwarten. Wörtlich übersetzt hieße der VerS: DaS Judenvolk wagt eine entsetzliche That, die mit dem Tode gesühnt werden muß. Wollte man Israel nicht wörtlich nehmen, so ließe sich der Satz also umschreiben: DaS von Gott abgefallene Volk wagt eine entsetzliche That. 95. Lt pa8tor gregem recipit, Eormania regem. Und der Hirt erhält die Heerde wieder und Deutschland einen König. Dieser Vers weist ganz deutlich darauf hin, daß Deutschland wieder ganz zu einer Kirche zurückkehrend, einig unter einem Hirten, einig unter einem Könige seyn wird. Somit stimmt denn auch diese Prophezeiung mit der von Holzhäuser über den erleuchteten Papst, und den starken Monarchen überein, die von Gott ausersehcn sind, das einige römische Reich und die Herrlichkeit der Kirche zu begründen. 96. Die Mark, ihrer alten Leiden vergessend, 97. Nährt ihre Kinder, nicht mehr freut sich der Fremdling; 98. Die alten Gemäuer von Lehnin und Chorin erheben sich wieder, 99. Und nach alter Sitte glänzt die Geistlichkeit in hohen Ehren. 100. Kein grimmiger Wolf die edle Heerde mehr bedränget. So hätten wir denn durch die geschichtlichen Thatsachen die Wahrheit dieser Prophezeiung aufs Unläugbarste nachgewiesen. Mögen nun auch noch die letzten Verse zum Heile Deutschlands und der Religion in Erfüllung gehen. Unsere protestantischen Brüder müssen dieses, wenn sie auch nur einen Funken von Vaterlandsliebe haben, mit unS wünschen. Die mütterliche Kirche, die katholische, und der gemeinschaftliche Vater, das deutsche Reich, haben schon lange sehnsuchtsvoll ihre Arme nach denen ausgestreckt, die einst Mutter und Vater verließen, und sich im kalten Norden ein eig'neS Haus bau'ten. Gott lenke ihre Herzen und ihre Schritte in seiner großen Barmherzigkeit recht bald, damit wieder ein Hirt und eine Heerde sey. Blumen au- dem Schriftgarten de- heiligen Bernardus. (Fortsetzung.) 6. Andenken an Gott. Gleichwie kein Augenblick ist, in dem der Mensch der Güte und Barmherzigkeit Gottes sich nicht bedient oder dieselbe genießt: so soll auch kein Augenblick seyn, in dem er ihn nicht in seinem Gedächtniß gegenwärtig habe. Wo du dich immer befindest, wirf deine Gedanken auf Gott, oder denke in deiner Seele an etwas Heilsames. Zu dieser Betrachtung ist ein jeder Platz geeignet. 7. Anhänglichkeit. Wenn ein reicher Mann einem armen Weibe sagen würde: „Gehe hinein zu meinem Gastmahle; lasse aber daS Kind, daS du trägst, her- außen, weil eS weint und unö lästig wird," wird sie eS thun? Wird sie nicht lieber Hunger leiden, als allein mit dem Reichen speisen, während daS theure Pfand ausgeschlossen wäre? So wollte auch MoseS nicht eingeführt werden in die Freude seines Herrn„ wenn sein Volk ausgeschlossen bliebe, dem er mit Mutterzärtlichkeit anhing, obwohl eS unruhig und undankbar dafür war. Die eigene Pein hielt er für erträglicher, als die LoStrennung von seinem Volke. 8. Ankunft Christi. Damit du dem Herrn bei seiner Ankunft entgegen kommest, brauchst du, o Mensch, keine Meere zu durchschiffen, keine Wolken zu durchdringen, keine Alpen zu übersteigen. Nicht einen langen Weg brauchst du zu machen, sondern nur bis zu dir selbst ihm entgegen zu gehen; denn sein Wort ist !auf deiner Zunge und in deinem Herzen. Komme ihm nur entgegen in Reumuth des Herzens, im Bekenntniß des Mundes, damit du wenigstens aus der Mistgrube deines Sündenelendes kommest; denn eö wäre unwürdig für den Urheber der Reinigkeit, dort einzugehen. ^ Der Arzt kommt zu den Kranken, der Erlöser zu den Verkauften, der Weg zu den Irrenden, daö Leben zu den Todten. 155 9. A n m a s s u n g. Wenn du durch eine Thüre gehst, dessen obere Schwelle niedrig ist, so schadet cS nicht, wenn du dich auch noch so sehr bückest; aber schädlich ist eS, wenn du dich auch nur um einen Zwcrgfinger breit mehr strecktest, als eS daS Maaß der Thürschwelle gestattet, so, daß du dich anstoßest und deinen Kopf verletzest. Auf gleiche Weise ist auch für die Seele keine Demüthigung zu fürchten, wohl eine jede, auch die geringste Erhebung. Vergleiche dich daher, o Mensch, nicht mit Großem, nicht mit Geringern, nicht mit Einigen, nicht mit einem Einzigen! Gleichwie der Stolz die Mutter der Anmassung ist, so kommt auch die wahre Sanftmut!) nur aus der wahren Demuth. 10. Anschauung Gottes. Du hast die Sonne, die du täglich siehst, noch nie gesehen, wie sie ist, sondern nur, wie sie leuchtet, z. B. in der Luft, auf den Berg, an die Wand. Und auch daS könntest du nicht, wenn du nicht daS Auge hättest, welches durch seine natürliche Klarheit und Durchsichtigkeit dem himmlischen Lichte ähnlich ist. Wenn aber das Auge getrübt ist, wird cS sich hart dem Lichte nahen wegen einer Unähnlichkeit mit demselben. So kann auch nur der die Sonne der Gerechtigkeit schauen, den dieselbe erleuchtet, da er einige Aehnlichkeit mit ihr hat. Niemals aber wird er sie ganz schauen, wie sie ist, weil er ihr nicht vollkommen ähnlich ist. men, sind unS gewisse Zeichen und offenbare Hindcutungen gegeben, die in dem, der sie hat, bewirken, daß er nicht verzweifle an seinem Heile. Zu diesem gehört besonders daS Wort deS Herrn: „Wer ouö Gott ist, der höret Gottes Wort." 17. Barmherzigkeit Gottes. Wo die Menschwerdung GottcS bekannt ist, kann auch seine Barmherzigkeit nicht verborgen bleiben. Denn worin konnte er mehr seine Güte zeigen, als in der Annakme meines Fleisches? Meines, sage ich, nicht deS Adams, LaS er vor der Sünde hatte. WaS zeigt so sehr seine Barmherzigkeit, als daß er selbst unser Elend annahm? WaS ist wie diese Liebe so neu, als daß Gottes Wort lag auf dem Heu? WaS ist der Mensch, daß du seiner gedenkest? Hier merke der Mensch auf, wie groß Gottes Sorge um ihn sey; hieraus lerne er, was er von ihm denken und empfinden soll. Frage nicht, o Mensch, waö du leidest, sondern was Er gelitte». Je weniger er auS sich Lurch die Menschwerdung gemacht hat, desto größer zeigte sich deine Güte. Ouiwto pro mo vilior, tunto uülli clmrior! Je. geringer Du für mich, Desto lieber hab' ich Dich! 11. A n s e h e n. Je verehrnngswürdiger das Ansehen eines Lehrers ist, desto mehr fürchtet man seine Beleidigung, und desto verwerflicher ist die Uebertre- tung seines Gesetzes. So ist eS auch besser, Gott zu gehorchen als den Menschen: und unter diesen mehr den Lehrern, als den Schülern. Weiter ist eö besser, unsern Lehrern zu gehorchen, als fremden. Wem aber leichter zu gehorchen ist, dem fällt auch der Ungehorsam um so schwerer. 12. Arbeit. Wer Arbeit und Nutzen aussäet, wird Ehre und Ruhe einernten. ES ist eine verkehrte Ordnung, vor dem Verdienste den Lohn fordern, vor der Arbeit Speise genießen, da der Apostel sagt: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen." Je schwerer die Arbeit ist, desto reichlicher wird der Lohn seyn. 13. Armut h. Das Eigenthum der Armen nicht den Armen geben, wird einem Sacrilegium gleich geachtet. Das Erbgut der Armen sind die Reichthümer der Kirchen, und mit sacrilegischer Grausamkeit wird den Armen entzogen, WaS die Diener und Verwalter deS Herrn, die aber nicht die Herren selbst sind, über den Bedarf der Nahrung und Kleidung nebmen. Denn Gott hat nicht angeordnet, daß diejenigen, welche dem Evangelium dienen, vom Evangelium sich vergnügen und prächtig kleiden, sondern daß sie davon leben: damit sie nämlich zufrieden seyen mit der Nahrung und Bedeckung des Leibes, nicht aber nach Gaumenlust und Zündstoff der Wollust und nach Eitelkeit trachten. 14. A r z t. Nicht immer heilt der Arzt mit Salbe allein, sondern auch mit Feuer und Eisen, womit er herausbrennt und schneidet Alles, was die Heilung durch Salbe verhindern könnte. So besorgt auch der himmlische Arzt, nämlich Gott, für eine solche Seele Versuchungen, er schickt ihr Leiden, um sie zu demüthigen, und ihre muthwillige Freude in heilsame Trauer zu verwandeln. 15. Auferstehung Christi. Am Holze des Kreuzes erlöste Christus am Freitage den Menschen. Am Samstag hielt er Sabbathruhe im Grabe. Am Sonntag erschien er als der Ucberwinder dcö Todes und als neuer Mensch. Tragen wir unser Kreuz und halten wir daran aus wie JesuS, dann werden wir sanft im Grabe ruhen, und am dritten Tage wird uns JesuS erwecken und unsern Leib seinem verklärten Leibe ähnlich machen. 16. A u s e r w ä h l u n g. Wer kann sagen: „Ich bin einer von den AuSerwählten? ich bin einer von den zum Leben Vorherbestimmten? ich bin auö der Zahl der Söhne?" ES ruft ihm ja die heilige Schrift entgegen: „Der Mensch weiß nicht, ob er der Liebe oder deS Hasses würdig sey." Eine Gewißheit haben wir allerdings nicht, aber eS tröstet unö daS Vertrauen der Hoffnung; damit wir durch die Angst dieses Zweifels nicht völlig umkom- Volksversammlung zu Mayhingen im RieS. Augsburg, im Scpt. Die Sonntag den 16. d. M. in Mayhingen gehaltene VollSversammlung gehört zu den erfreulichsten und bedculsamsten, welche bis jetzt von dem Piusvereine in der Diöcese Augsburg veranstaltet worden. Denn sie lieferte den Beweis, da>z auch im RieS — trotz allen Umtrieben der Nördlinger Wühlerpartei, trotz ihrem Schmierblatt, trotz ihren Wirthshaus- und Marktschreiereien an Schrannenlagen — der Geist deS katholischen Landvolkes im Allgemeinen ein guter geblieben ist, daß in demselben der Sinn für die Ordnung, für die gesetzmäßige Freiheit und den vernünftigen Fortschritt, insbesondere aber die Liebe zu seiner heiligen Kirche noch immer vorherrscht. Wäre dieß nicht der Fall, so würde der W allerstein - Fremdinger PiuSvercin schwerlich einen so schönen Aufschwung genommen, schwerlich eine so zahlreiche und ansehnliche Volksversammlung zu Stande gebracht haben. Wie viel der Piusverein zur Belebung dieses guten Geistes beigetragen, wollen wir nicht entscheide»; aber das glauben wir behaupten zu dürfen, daß, wie der PiuSvercin überhaupt, so insbesondere die von demselben veranstaltete Volksversammlung einen entschieden guten Einfluß geübt habe. Antheil an letzterer nahmen die Gemeinden Wallerstein, Frein dingen, Mayhingen, Marktoffingen und andere benachbarte, und zwar nicht nur auö Bayern, sondern auch auS dem angränzenden Württemberg, im Ganzen etwa achtzehn, wie wir auS der gleichen Anzahl von anwesenden Geistlichen schließen zu dürfen glaubten. Die Gesammt- zahl aller Theilnehmer belief sich auf ungefähr drei Tausend. Zum Versammlnngsplatze war ganz zweckmäßig der weit ausgedehnte GraSgar- ten deö ehemaligen MinoriienklosterS Mayhingen gewählt. In diesem feierlich stillen, im Hintergrund von grünen Hügeln bcgränztcn Raume schaarte sich daS Volk um eine einfache Rednerbühne, von welcher auS fünf Redner, zwei Geistliche und drei Laien, drei volle Stunden lang (3 — 6 Uhr) die mit gespannter Aufmerksamkeit und bereitwilliger Theilnahme zuhörende Versammlung über die große und heilige Sache deS PiusvcreineS zu belehren und für dieselbe zu begeistern suchten. Den Anfang machte der unermüdlich thätige Vorstand deS Wallcrsteincr Vereines, der hochw. Hr. Pfarrer I. M. Schlund, ein mit geistigen und natürlichen Mitteln trefflich ausgestalteter Redner. Mit großen Zügen schilderte derselbe die gegenwärtige Lage der Dinge, um zu zeigen, waS alle jene zu thun hätten, die eS gut und redlich meinten mit der Menschheit, mit sich selber. Einmüthigcs Zusammenhalten, Zusammenwirken in treuer Hingebung für Gott, König und Vaterland, für Glaube, Sitte, Gesetz und Ordnung, — daS müsse die Loosung seyn. Mit schneidender Schärfe widerlegte er nebenbei die Vorurtheile, welche gegen den PiuSvercin gehegt werden. Der zweite Redner war — man staune — ein Beamter, der fürstlich wallersteinische Bauinspector Hr. Broschek, ein kräftiger, stattlicher Mann, dessen liebenswürdige Persönlichkeit durch tiefe Religiosität und katholische Begeisterung alle empfänglichen Herzen wohlthuend anspricht. Derselbe wies in sehr gründlicher, gutausgearbeiteter Rede nach, daß Klerus und Volk Hand in Hand mit einander gehen und mit geeinter Macht dem Schlechten entgegenwirken und daS Rechte erstreben müssen. Insbesondere beleuchtete er auch die Anschuldigungen, welche von der BoS- lÄLLtÄÄL 156 > ! ' uv I.' i. hcit der Welt gegen die Geistlichen gewöhnlich vorgebracht werden, und würdigte dieselben ganz nach Gebühr. Nach diesem musterhaften Beamten, dem wir recht viele geistesverwandte StandeSgenosscn wünschen möchten, bestieg Hr. Fabricant C. A. von Brentano aus Augsburg die Bühne. Ein phantastereicher, enthusiastischer Redner, wie er ist, wußte er durch seinen feurigen Vorlrag über die Hauptpuncte deS PiusvereineS auch die Zuhörer, welche von den zwei früheren Rednern in ruhiger Klarheit vor- ncmlich belehrt worden waren, zu entflammen. Seine Toaste auf PiuS IX. und Mar H. fanden vollen Anklang und donnernden Widerhall. Stürmischer Beifall lohnte die fast übermäßige Anstrengung seiner Redekraft. Mit etwas weniger Feuer, aber mit gleichem Ernste und gleicher Eindringlichkeit sprach der hochw. Hr. Pfarrer I. Rathgeber von May. hingen über denselben Gegenstand, wie sein Vorgänger, aber in ganz eigenthümlicher, vervollständigender Weise. Auf diesen tüchtigen Redner folgte noch Hr. Dr. P. Wlltmann. Bürger von Augsburg, mit einem Vertrag über die drei Säße des Sprüchleins: „Jst'S wie es ist, sey'S, wie cS sey! — Besser ist'S nicht: — Gott steh' uns bei!" Diese benutzte er, um zu zeigen, daß der PiuSvcrein die Bewegung deS Jahres 1848 keineswegs schlechthin verdamme, vielmehr, so weit sie gut, d. h. so weit sie Schlechtes weggefegt und so weil sie Entfesselung der vorher gebundenen guten Kräfte, Rechte und Freiheiten mit sich gebracht und noch bringen könne, dankbar und freudig anerkenne; ob er gleich nicht verkenne, daß diese Bewegung ihren sündfluthlichen Charakter nur aus der höllischen Quelle der bösen Leidenschaften und schweren Verschuldungen in den hohen und niedern Kreisen geschöpft, und daß sie nur durch den himmlischen Einfluß deS Urquells alles Guten zum Guten habe gewendet werden können. Wenn aber der PiuSverein mit der Bewegung, so weit sie gut, in dem Grade zufrieden sey, daß er getrosten Muthes ausrufen könne: „Sey'S wie eS sey" —: so müsse er dennoch einsehen und gestehen: „Besser ist'S nicht." DaS komme daher, daß die Bauleute bis jetzt so ziemlich ohne Gott gebaut und demgemäß wenig Besseres zu Stande gebracht hätten, als Narrenthürme und Kartenhäuser, deren Einsturz jammervoll und lächerlich zugleich. ES sey also im höchsten Grade nothwendig, daS: „Gott steh' unS bei" — einmal recht ernstlich zu nehmen; und zwar müsse daS von Seiten deS Volkes geschehen, nachdem seine Weisen und Großen so vielfältig als Thoren sich erwiesen. Aber dieses große Wort: „Gott steh' uns bei" — fordere, daß auch das Volk zu Gott und seiner Kirche stehe mit all seinem Sinnen und Trachten; denn nur den Lebendigen stehe Gott bei, nicht den regungslosen Klötzen. DaS Volk müsse einmal bauen: mit Gott, aber auch mit entschiedener Thatkraft, mit Einmüthigkeit, mit Ausdauer, von Innen heraus, von der Familie, der Gemeinde aus, müsse alle seine Rechte und Freiheiten mit Gewissenhaftigkeit und heiliger Eifersucht gebrauchen, eine rüstige Bruderschaft von „freien Maurern" bilden, wie sie in aller Zeit sich gebildet, wenn eS galt, einen jener bewunderungswürdigen Dome zu erbauen. Dann werde, wenn auch, langsam, so doch allmälig ein neues, herrliches, dauerhaftes Gebäude sich. erheben: mit dem unvergleichlich schönen, alle Gutgewillten einladenden, ja gleichsam bezaubernden, lebendigen Dome der Kirche — der Tempel deS wahren VolkSstaateS, der Tempel der wahren Wohlfahrt deS Volkes. Diese Gedanken führte der Redner in einfacher, volkSthümlicher Art aus, den Ernst mit Heiterem mischend, und die Gemüther des Landvolks mit gemüthlichen Worten anregend. Um in diesen den feierlichen Eindruck, den sämmtliche Reden hervorbrachten, gleichsam zu concentnren, schloß derselbe mit den in der Gögginger Versammlung vorgetragenen Versen. Der laute Beifall und die wiederholten Lebehochrufe, welche von Seiten des Volkes nach dem Schlüsse der letzten Rede erfolgten, bewiesen deutlich, daß sämmtliche Redner die Herzen deS Volkes getroffen und mit dem Gefühle der Befriedigung erfüllt hatten. Die schöne Haltung, welche dasselbe während der ganzen Versammlung gezeigt, verdiente aber auch die vollste Anerkennung von Seiten der Leiter der Versammlung und von Seite der Redner, wie sie einer derselben mit einem freudigen Hoch auf den guten Geist, die Treue und Ausdauer des katholischen Landvolkes auSsprach. Nachdem dieses Hoch mit andern donnernd erwidert war, verlief sich daö Volk in größter Ruhe. AIS wir AugSburger nach kurzem Verweilen in der reichhaltigen Mayhinger Bibliothek und im Kreise unsrer Freunde am Abende nach Wallcrstein, den andern Morgen in die Heimath zurückfuhren, brachten wir nicht nur eine sehr angenehme Erinnerung mit, sondern die neubelebte Ueberzeugung, daß, wo immer die Geistlichen einmüthig dsr Mahnung PiuS IX. an den Klerus von Neapel folgen wollen: „Seyd die Führer des Volkes" — nicht nur der PiuSverein begründet, sondern sein großer Zweck — die Verwirklichung des Reiches Gottes und eben- damit die Wohlfahrt deS Volkes — unter Gottes gnädigem Beistand mit Macht gefördert werden könne. Aber „Virilius unitis" — muß der Wahlspruch seyn! Volksversammlung in Deußmauer. 4 AuS dem Nordgau, 23. Sept. Dort um Deußmauer schwebt heute ein rosiger Schimmer, schön, wie ihn noch selten ein Tag gesehen haben wird. Der starre Winter der Knechtschaft mit seinem kalten Schauer ! scheint Vorüber und eine heitere Sonne lächelt aus unbewölkiem Himmel ! und sendet ihre wärmenden Strahlen nieder, und von tausend und tausend ! Kehlen ergießt sich ein Lied, ein Jubel, als sey der Tod der Freiheit vom ! Leben verschlungen, als feierte die Freiheit, diese edle Tochter ihren Auserstehungsmorgen. Sie werden wissen, daß verwichenen Sonntag der Zweigverein für constitutionelle Monarchie und religiöse Freiheit in Deußmauer eine Volksversammlung hielt. Von nah und fern drängten sich alle Gutgesinnten herbei. Die Zweigvereine von ParSberg und Hohenburg kamen auf festlich geschmückten Wagen. Pfarrer Graf von Günching, dieser für alles Gute und Edle hochbegeisterte Mann, stellte seine Schuljugend, welche durch den melodischen Strom ihrer Jubellöne das Ohr ergötzte. Endlich erschienen die Festredner, die wie im Triumphzuge zur Tribüne begleitet wurden. Der VereinSvorstand uud praktische Arzt in Velburg Hr. Dr. Ring eröffnete die Versammlung, indem er in kurzen aber herzlichen Worten die Zuhörer bewillkommte und Sr. Majestät ein dreimaliges, donnerndes Hoch brächte. Nun bestieg Tischlermeister Kohl Haupt von RegenSburg die Tribüne. In festen, ernsten und entschiedenen Worten sagte er, wie wenig des Guten unS der Umschwung der Dinge gebracht hat, des Schlimmen aber sehr Vieles. Er ermunterte zur Ruhe und Ordnung, denn nur auf diesem Wege könne daS angestrebte Ziel erreicht werden. Niederreißen sey wohl leichter als Aufbauen. Hr. v. Sauer, Redacteur des Volksblattes, sprach im gemüthlichen, volksthümlichen Tone über die verschiedenen Vereine, und gab die Merkmale an, wodurch sich die guten von den schlechten unterscheiden. Eberhard, der letzte Redner, setzte der Sache die Krone auf. WaS soll ich sagen von diesem Wächter in JSrael, diesem gewaltigen Eiferer für die gute Sache! Mir war es, als hörte ich vom Rednerstuhle eine Posaune, welche wie ein gewaltigerAonner die Herzen erschüttert. Doch wie wäre eS möglich den ganzen Kranz der Vorzüge dieses Redners zu schildern! Zuerst sprach er von Politik. Mit hinreißender Beredsamkeit zeigte er, wie es eine Schmach für Deutschland, und insbesondere für Bayern sey, die Republik auf dem Leichenfelve von Millionen zu bauen; zeigte wie ein größeres Volk nur von einem Könige regiert werden könne, der mit eisernem Scepter das Laster niederhalte, dem alles mit sich reißenden Strome der Leidenschaften einen mächtigen Damm entgegensetze; wie unser Volk noch zu edel sey, als daß eS sich zum Taglöhnervolke stempeln lasse, wie Frankreich, durch Einführung der Republik; wie Bayern seinen Ruhm darein setze, von einer majestätischen Majestät regiert zu werden. Sodann warf er sich auf das religiöse Gebiet, sprach besonders von Kirchenfreiheit, als der Retterin aus dem gähnenden Abgrunde deS Verderbens, als dem kostbarsten Gute, welches unser edler König Mar unS - gewiß nicht vorenthalten werde. Auch er schloß mit einem donnernden Hoch auf unsern geliebten LandeSvater Mar. Herr Pfarrer Graf sprach noch seinen Dank auS für die große Theilnahme an diesem Feste und forderte die versammelte Menge auf, die Worte wohl im Herzen zu bewahren. Und so endete das Ganze mit einem nochmaligen Hoch auf König Mar und unsern heiligen Vater PiuS. So wäre denn Alles ruhig verlaufen. Aber daS Schreibervolk von einem benachbarten Landgerichte war auch zugegen, freilich nur wie Pharisäer, nicht um die Wahrheit zu hören und zu prüfen, sondern nur um etwas zu einer Anklage zu finden. Wer hat dir gerathen, in unser Eigenthum zu gehen? Warum jenes Toben und Wüthen, jenes Schimpfen und Lästern? Die Wahrheit könnet ihr nicht hören, darum wollt ihr euer» Geifer ausspritzen. Doch Dank dem Herrn, daß die gute Sache nicht zu Schanden wurde. Brüder haltet zusammen! ES thut noth! Brüder haltet zusammen! Seht wie sie einig sind, sie die Wenigen, wenn eS gilt, unS zu verderben. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Vierteljähriger Abon- nementspreis im Bereiche von ganz Bayern nur 20 kr., ohne irgend einen weiteren Post-Aufschlag. Auch von Nicht-Abonnenten der Postzeilung werden Bestellungen angenommen. Sonntags-Peiblatt zur Augsburger Postzeilung. Auch durch den Buchhandel können diese Blätter bezogen werden. Der Preis beträgt, wie bei dem Bezug durch die Post, jährlich 1 st. 20 kr. Neunter Jahrgang V. Lctober L 81 S. Ein Lebensbild, oder Blick auf die von Hirscher vorgeschlagenen Diöcesansyuodxn. *) Nach einem langen faulen Frieden ist endlich der Kampf losgebrochen, der zur Entscheidung führen muß. Dieß wäre nun in sich kein beklagcnS- werthe« Ereigniss; denn, bestehet einmal keine innige geistige Verwandtschaft, so bleibt nur zu wünschen übrig, daß der vorhandene innere Zwiespalt offenkundig und dadurch eine Ausscheidung herbeigeführt werde. Können die durch zu lange Verzögerung gelinderer Heilmittel in den verschiedenen Theilen deS Körpers angesammelten Krankheitsstoffe nicht anders mehr überwunden werden, dann müssen sie zu einem Geschwüre sich bilden, dessen schleunigste Entfernung nur dem Organismus die vollkommene Gesundheit wieder bringen kann. Aber im höchsten Grade beklagenswert!) ist eS, wenn Männer, die nach ihrer Stellung dazu berufen und verpflichtet" sind, zur Heilung und dazu, daß die Krankheit nicht weiter um sich fresse und bis dahin gesunde Theile ergreife, auS allen Kräften mitzuwirken, diese Stellung und ihren dadurch bedingten Einfluß zur Verschlimmerung deö Zustandes verkehren, oder wenn sie als die einzigen und unfehlbaren Heil- und RcttungSmittel solche in Vorschlag bringen, die, weil dem innern Wesen und der- normalen Entwickelung deS Organismus geradezu entgegen, unfehlbar zum Verderben desselben auöschlagen müssen. Dieß scheint unS nun, je näher und allseitiger wir die Sache prüfen, mit der Hirscher'schen Schrift im höchsten Grade der Fall zu seyn, einer Schrift, die leicht, besonders bei den gegenwärtigen Zeitverhältnissen, in ihren Wirkungen unheilvoller werden könnte, als Anfangs auch der Umsichtigste zu berechnen im Stande war. Wohl ist Hirscher'n zu keiner Zeit seines Wirkens als öffentlicher Lehrer von allen seinen Schülern unge- theilter Beifall gezollt worden, und auch , heute noch stehet, Gott sey Dank, der weitaus größte Theil selbst des Klerus in Süodeutschland, von dem nördlichen gar nicht zu reden, nicht auf seiner Seite. Aber er zählt doch unter den Geistlichen viele und sehr rührige Anhänger, und darunter solche, die in ihren Forderungen weit über seine Resormvorschläge hinausgehen, und nur als Abschlagzahlung sich dieselben gefallen lassen, werden, in der festen Ueberzeugung, baß die Fluthcn der Revolution, ist sie einmal losgebrochen, weil über die von Hirscher gesteckten Gränzen hinausstürzen und gar Manches mit sich fortreißen werden, was er unverändert zu erhalten wünschte. Die Nichtigkeit dieser Berechnung ist durch die Vorgänge auf dem politischen Gebiete gewährleistet; denn auch hier wurden die Männer, welche die Freiheil deö deutschen Volkes aufrichtig gewollt und angestrebt, gar bald von der überstürzenden Strömung verschlungen und Andere traten an ihre Stelle, welche das Vaterland bis an den äußersten Rand deS AbgrundeS geschleppt haben. Dazu kömmt das große Ansehen, welches Hirscher bei den katholischen Laien genießt. Daß ihm dar wesentlichste Erfordernis zu einem ächten Reformator in der Kirche abgehet, wissen sie nicht, und können sie nicht beurtheilen; daS gerechte Mißtrauen, welches er durch eine seiner ersten Schriften, cke gcnuina missac notiono, gegen sich erweckt und da« Verwerfungsurtheil der Kirche ist ihnen unbekannt geblieben oder sie sind durch' die spätern wissenschaftlichen Arbeiten deS Mannes vollkommen mit ihm ausgesöhnt worden, so daß ein entschiedenes und kräftiges Entgegentreten leicht großes Mißvergnügen und lauten Tadel bei ihnen erwecken kann. In der That, unS banget aufrichtig bei diesem Gedanken, und im Hinblicke auf die Vorgänge deS sechzehnten Jahrhunderts gewahren wir mit Schaudern die Parole: sackn esk alca! Mit freudiger Haft ergriffen wir in dieser GemülhSstimmung daö „offene Sendschreiben über die kirchlichen Zustände der Gegenwart an Dr. I. B. von Hirscher, Domcapitular undj Professor der Theologie in Freiburg im BreiSgau, von Dr. Fr. X. Dieringer, Professor der Theologie in Bonn," welche« so eben im Verlag von Kirchheim und Schott erschienen ist. ES ist ein von Liebe und Dankbarkeit erfüllter Schüler, welcher seinem „geliebten Lehrer und Freund" ehrfurchtsvoll nahet und' seine Bedenken und seine Besorgnisse in gedrängtester Kürze vor ihm ausschüttet. WaS immer in dem Schriftchen Gutes und Billiges enthalten ist, findet Beifall und Anerkennung; aber auch auf daS Gefährliche, Irrige und Falsche, welches leider Jener an Zahl bei Weitem übertrifft, wird, oft nur in ganz kleinen aber körnigen Sätzen, hingewiesen, jedoch immer mit dem Schmerze und dem Zartgefühle eines ebenbürtigen SohneS, der dessen kein Hehl hat, daß er dem irrenden Lehrer für die „durch ihn ihm gewordene Anregung in den Universitätsjahren und für dessen spätere väterliche Freundschaft zu stetem ' Danke verpflichtet sey." Als die gelungenste Partie in dem kurzen „Sendschreiben" (cS enthält 30 SS.), das wir hiermit unsern Lesern zur größten Verbreitung anempfehlen, erscheint uns die Schilderung der neuen Diöcesansynode, wie Hirscher sie im Auge hat. Was der gelehrte Verfasser darüber niederschreibt, ist wirklich ein Lebensbild, daS er, als Mitglied des Frankfurter -Parlamentes, getreuer als irgend ein Anderer zu zeichnen im Stande war. Nachdem er Hirscher'S Aeußerung über das berühmte Buch BenedictXlV. ckc uznncl» ckioecessua gebührend zurechtgewiesen, fährt er fort: „Sie haben daher.wohlgethan, Ihren Vorschlag nicht auf daS beste, hende Recht zu gründen, sondern sich nach anderweitigen Stützen umzusehen, und ich muß gestehen, Sie haben Einzelheiten auS der Geschichte der, drei ersten christlichen Jahrhunderte mit vielem Geschicke verwendet. Es sind aber folgende Wahrheiten Ihrer Beachtung völlig entgangen: erstens, keine Diöcesan , keine Provincial-, und keine National - Synode ist befugt, auS eigener Machtvollkommenheit von den zu Recht bestehenden kirchlichen Vorschriften abzuweichen; auf die alte Praxis dürften Sie daher nur unter der Bedingung zurückgreifen, daß entweder die Gesammtkirche in ihrer Gesetzgebung die entiprechenden Aenderungen bewerkstelligt, oder aber daS Oberhaupt der Kirche Ihnen eine Dispense von dem allgemeinen Gesetz ertheilt hätte; zweitens, die alte Sprengelsynode hatte überall die Provinzialsynode zu ihrer Voraussetzung, so oft cS Angelegenheiten von allgemein kirchlicher Wichtigkeit galt, Sie hingegen wollen von Unten nach Oben schreiten und den Bischof durch die Sprengelsynode zum Mandatar seiner Heerde machen; drittens, der theilweise Verzicht deS Bischofs aus sein ausschließliches Entscheidungsrecht zu Gunsten seines PreSbyteriumS (die hörende und geleitete Kirche hat niemals mitentschieden) war nicht bloß durch den geringen Umfang deS Sprengels und den kirchlichen Eifer der Priesterschaft gefahrlos, sondern selbst motivirt durch daS Wechselverhältniß zwischen Bischof und Priester, gemäß dessen der Letztere nach anderer Seite hin in ungleich größerer Abhängigkeit stand — Pfarrer mit eigenem Pfarrrechte, einer eigenen Pfründe, mit selbstständiger Verwaltung der PredigtamteS, der Meßfeier, deS Beichtstuhles kennt bekanntlich das von Ihnen angerufene Zeitalter nicht; viertens, die kirchliche Verfassung war überhaupt erst in der Ausbildung begriffen und strebte festen Normen entgegen; wollten Sie z. B. von der Primatialgewalt nur so viel gelten lassen, als bis auf die Tage deS heiligen Cyprian factisch zur Anwendung gekommen, so würden sich Ihre Ansichten schwerlich mit der katholischen Lehre vereinbaren können. UebrigcnS ist eS Ihnen nicht einmal möglich, unter den gegebenen Verhältnissen Ihre Berufung auf die alte Uebung allseitig wahrzuhalten. Ich komme damit auf die practische Seite Ihres Vorschlages. ^ Nach der constanten Uebung der Kirche sind alle SeelsorgSgeistlichen -nicht allein synvdalberech tigt, sondern synodalpfl ich tig, und nur die Rücksicht auf daS Wohl LeS Ganzen kann und soll den Bischof vermögen, *) MS dem Katholik, 158 Einzelne von ihrer Pflicht zu entbinden, so wie auch diese auS derselben Rücksicht von ihrem Rechte abstehen können. Da die Synoden in der Regel nur drei Tage dauern, so ist eS in kleinen Sprengeln beinahe allen Geistlichen möglich, denselben beizuwohnen. Die von Ihnen beantragte Synove dürfte aber eben so viele Monate dauern, so daß in der günstigsten Zeit deS Jahres vielleicht die Hälfte Ihres Klerus daran Theil nehmen könnte unv müßte, also in runver Summe etwa 600 Priester. Wollen Sie billig seyn unv Ihre eigenen Grundsätze nicht über den Haufen werfen, so müssen Sie jeder kirchlichen Gemeinve einen Repräsentanten gönnen, und zwar müssen Sie eS die Stimmenmehrheit der Gemeindeglieder entscheiden lassen, welcher Laie sie auf der Synode vertreten solle. Die Majorität siegt, und die Minderheit muß sich fügen, und Sie, die Kirchen- obern, müssen eS sich gefallen lassen, wenn Ihnen aufgewühlte Gemeinden statt der so sehr perhorreScirten „Einseitigen" die ärgsten Schreier und frivolsten Gesellen auf den Hals schicken. So ist'S recht; denn in Ihrem auch auf daS kirchliche Gebiet überzupflanzenden Con st Nationalismus müssen alle Parteien vertreten seyn, und da entscheidet nicht die Wahrheit, sondern der Wille, und die Wahrheit muß sich nach der größer» Zahl der Einzelwillen richte». Sie werden also 600 gcborne und 700 gewählte Synodalmitglieder haben. Ich setze nun voraus, und daS will in Ihrem Lande sicher viel heißen, das ganze Bargeschäft wäre ruhig und ohne öffentliches Aergerniß abgelaufen, Pfarrer und Capläne hätten sich friedlich über Bleiben und Gehen vereinbart, die Laienabgeordneten wären der getreue Ausdruck der kirchlichen Meinungen und Bestrebungen deS Sprengels, der Erzbischof »erstünde sich zur Stellung eines unverantwortlichen Monarchen (Venen man übrigens das Bleiben auch sauer machen kann), und die Domherren wären die verantwortlichen Minister, wie sie denn auch häufig prätendiren, daß der Bischof nichts ohne sie thun solle und dürfe, und der Generalvicar wäre der Ministerpräsident: kennen Sie die Tausendkünstler, die eS übernehmen könnten, die Leitung einer solchen Versammlung zu vollziehen, nichts zu sagen von der Schwerfälligkeit und Unverständlichkeit der Debatte? Ich fahre fort, Günstiges vorauszusetzen. Der Bischof hält eS mit Rücksicht auf bestimmte Geister und um mögliche Scandale zu vermeiden — da ja keine dogmatischen Fragen erlediget werden sollen — für zweckdienlich, von der Ablegung deS tridentinischen Glaubensbekenntnisses Umgang zu nehmen. Die 1300 Synodalen sind beisammen. ES geht mit Leitung und Debatte leidlich. ES sind drei Parteien: Rechts die Ultra- montanen, meist auS jungen Priestern und „einseitigen," zum Theil vornehmen Laien, bei manchem Minister nicht zum Besten angeschrieben; Links die Radikalen vom reinsten Wasser unter den bekannten Führern, wenn sie nicht etwa wegen weltlicher „Mißgriffe" anderswo sich aufhalten; in der Mitte die schwankenden, die zu Zeilen so und anders sind, hier aber jedenfalls den AuSschlag geben. Eö kommt in Lebensfragen zur Abstimmung. Die Rechte siegt; die Linke erhitzt, sich und lärmt, fügt sich zum Schein und wartet bessere Zeiten ab, um die Sache abermals aufzunehmen; Lxnoclus guoguo ckioo- cosiinae HUto/anms Iu>l»-untur, und waS läßt sich bei fortgesetzter (hier gesetzmäßiger) Wühlerei nicht Alles ausrichten! Die Linke siegt; die Rechte hält den Beschluß für unkirchlich, folglich auch für ungiltig, weil mit Lehre und Verfassung der Gesammtkirche im Widerstreit liegend; Ruf: man muß sich der Mehrheit beugen; AuStritt der Entschiedensten; der Bischof tritt der Mehrheit bei, daS Schisma ist da; er verweigert den Beitritt und löst die Versammlung aus; die letzten Dinge sind schlimmer als die ersten. Die Mitte siegt durch Beitritt einer der beiden Frac- tionen, und man hat entweder halbe Maaßregeln wie bisher, oder eine der beiden entgegenstehenden Parteien tritt in bleibenden Widerspruch. Sie sehen, daß ich kein „Phantast" bin, sondern die Sache concret nehme. Und einen solchen kirchlichen Landtag sollten Sie in Baden aufführen wollen, in dieser Zeit der geistigen Aufregung, unter solchen Konstellationen der geistigen Strebungen? „Regung und Bewegung muß seyn," sagen Sie (S. 30.); ja die würden Sie haben, aber Erfolge keine andern als größere Erbitterung der Parteien und vielleicht oder wahrscheinlich ein Schisma. Sie haben freilich diese Ansicht nicht, sondern behaupten : „Der gute Geist muß doch wohl, auch wenn sein Gegensatz auftritt, den Sieg davon tragen (S. 28.)." DaS macht Ihrem Herzen Ehre; aber ich wünsche Ihnen nicht, daß Sie die bittere gegentheilige Erfahrung machen müssen. Der „gute Geist" ist nur da, wo man mit der Kirche sammelt, nicht aber wo man von Vornherein ihre Vorschriften als unzeitgemäß wegwirft, und zweifelhafte weltliche Institutionen in die Kirche einführt." Möchten diese letzten Worte doch überall und von Allen recht beherziget werden! Möchten Alle erkennen, waS uns,- was der Kirche zum Frieden dienet! Ohne das innigste und engste Anschließen an die Kirche, an ihren Geist, an ihre Institutionen werden wir eS nie zu einer gedeihlichen Pflege deS lebendigen Christenthums bringen. Wünsche eine- Seelsorgers zur Berücksichtigung bei der nächsten Provincialsynode in Bayern oder Oesterreich, zur Hebung der Moralität. t Nach dem Zeugnisse der Geschichte waren die ohne Gottesfurcht zügellos herrschenden Leidenschaften, genährt durch den Rationalismus, die Ursache deS Versalls der Staaten der alten Welt, so wie der Barbarei in den ersten christlichen Jahrhunderten in den Ländern, wo man von dem Glauben und der Uebung der Lehre Jesu abfiel. Daher Zoroaster, Ho- Hi, Orpheus, MinoS rc. den Staat auf positive Religion gründeten. Die jungen Alhenienser mußten im agraulischen Tempel den Eid ablegen: „Ich schwöre bis zu meinem letzten Athemzuge für daS Wohl der Religion und des Vaterlandes zu streiten, und werde immer dem Glauben meiner Väter anhängen." Der Römer Cato fürchtete die Einführung der Philosophie der Griechen in sein Vaterland bloß aus dem Grunde, weil er vorsah, daß, wenn die Römer durch den Rationalismus die Gottesfurcht verlassen und über alles streiten, sie mit dem Unglauben und der zügellosen Herrschaft der Leidenschaften endigen und dadurch den Staat auflösen würden. DaS Princip der protestantischen Religionsparteien, der Grundsatz der freien Selbstprüfung, der allen Leidenschaften freien, vernunftlosen Spielraum gestattet, zu dem sich im unsern Tagen auch so viele sogenannte gebildete Katholiken bekennen, ist unstreitig die Grund- Ursache deS im März v. I. herrschend gewordenen StrebenS unter dem Titel eines einigen Deutschlands nach zügelloser Freiheit, die als Gesetzlosigkeit nothwendig zur Barbarei führt. Diese Katholiken schließen sich zwar selbst von der katholischen Religion auS, die Deutschland einst zu einem so mächtigen, kraftvollen einigen Volk gemacht hat. DaS Beispiel der herrschenden Leidenschaften unserer Tage wirkt aber, weil von Oben, sehr verderblich auf da« noch gläubige Volk, so daß da- Streben der Provincial- und Synodalsynoden wohl zunächst auf möglichst kräftige Unterstützung der Moralität des Volkes wird gerichtet seyn müssen. Wie die ersten Christen als Tugendbund, durch die heilige Taufe dazu berufen und geheiligt, dem damaligen gesetzlosen Zustande mit siegreicher Kraft gemeinschaftlich entgegenstanden; so muß dieß auch jetzt gegen die beginnende Barbarei durch gründliche Bekehrung zu Gott geschehen, welche durch gotteSsürchtige Priester, und durch Anwendung der kräftigsten Mittel zur wirklichen Erneuerung deS TaufbundeS wird gefördert werben können. Nur Priester, die, bei den nöthigen Kenntnissen, als Folge wahrer Rückkehr zu Gott, an ihm und in göttlichen Dingen ihre grösste Freude finden, daher sich am liebsten damit beschäftigen, werden die Moralität deS Volkes am segenreichsten fördern. Damit nur wirklich zu Gott bekehrten Theologen die Priesterweihe ertheilt werden könne, wäre zu wünschen, daß besonders daS Studium der christlichen Moral von selbst, bekehrten Lehrern in der Weise der christlichen Moral vom Bischöfe Sailer auch zu diesem Zwecke benützt wurde. Die Bekehrung und Heiligung deS Volkes würde sehr gefördert werden durch jährliche öffentliche Erneuerung deS TaufbundeS auf oberhirt- lichen Befehl zur österlichen Zeit, und durch vollständigere Bestimmungen dreier Kirchengebote. Die Jnmoralität deS Volkes ist unstreitig Folge der Nichterneuerung deS TaufbundeS, da man, ohne öffentliche Erneuerung desselben, gewöhnlich zur Bekehrung zu Gott nicht bewogen wird. Um zum ernstlichen Nachdenken über die Tauspflichten veranlaßt zu werden, ist ein oberhirt- licher Befehl zur öffentlichen Erneuerung deS TaufbundeS nothwendig. Der Gedanke, vor der Ostercommunion allen unsittlichen Reden und Handlungen als Werken des SaianS selbst vor allen, die an diesem Tage zur Osterbeicht bestimmt sind, entsagen zu müssen, würde auf ähnliche Weise, wie die, welche als Erwachsene getauft werden, die als Kinder Getauften zum ernsten Nachdenken über die Tauspflichten und dadurch zur Buße bewegen, wozu auch die Furcht beitragen würde, im Falle der Nichtbefol- gung derselben getadelt zu werden, da man gewöhnlich die Menschen mehr als Gott fürchtet. Da die als Erwachsene Getauften in Amerika sich nicht mehr volltrinken, sich der Unzucht, der Dieberei rc. enthalten, würde eine ähnliche Erneuerung des TaufbundeS nicht solche Folgen haben? Würden dadurch die Taufe und Communion aufhören, mehr nur äußere Gebräuche zu seyn, durch die man, wie einst die auf die Beschneibung stolzen Juden, vergeblich ohne heiligen Wandel, den Himmel hofft, so würden durch solche Bekehrung die Christen wieder ein heiliger Bund wer* 159 den, von dem gesagt werden könnte: „Die Menge der Gläubigen war ein Herz und Seele!" Apostelg. 4, 32., waS auch die Grundlage eines einst so einigen Deutschlandes war. Solche Christen auf dem Lande würden nur durch die Standespflichten sich in die bekannten drei Tugendbündnisse theilen. Sollen aber diese als Theile deS TaufbundeS betrachtet werden, so muß, da das Volk durch die Auctorität der obersten Kirchcnvorsteher geleitet wird, die zur Entstehung derselben nöthige Erneuerung deS TaufbundeS von dem Bischöfe befohlen, und müssen die Seelsorger als Vorsteher, und die Bünd- nisse als Befolgung deS TaufbundeS erklärt werden. Durch die Worte deS Apostels: „Habet keine Gemeinschaft mit Unzüchtigen, dem Trunke Ergebenen :c." 1. Kor. 5,9 — 11., sind offenbar die Tugendbündnisse befohlen. Die bloße oberhirtliche Genehmigung derselben verleitet daS Volk auf die irrige Meinung, als sey die Befolgung ihrer Satzungen auch in Bezug auf die christliche Pflichtenlehre etwa» zur Erlangung der Seligkeit nicht Wesentliches, sondern nur Gestattetes. ^ AuS demselben Grunde der kirchlichen Auctorität sollen, zur Förderung der Moralität, das erste, zweite und dritte Kirchengebot vollständiger ausgedrückt werden. Obgleich von Seelsorgern nicht unterlassen wird, dem Volke zu erklären, daß, wie der Sonntag, auch die von der Kirche gebotenen Feiertage heilig, zur Ehre Gottes und zum Seelenheil« zugebracht werden sollen; daß, um nicht dazu gehindert zu seyn, nicht nur die knechtliche Arbeit, sondern noch mehr die sündhaften und gefährlichen Weltvergnügen verboten sind; so werden doch an Sonn- und Feiertagen die meisten Todsünden begangen. Von dem nicht einseitig aufgeklärten Volke werden aber daS Fastengebot, und das Verbot knechtlicher Arbeit an Sonntagen fast ängstlich befolgt. Würde das Kirchengebot auch befehlen, daß an Sonn- und Feiertagen auch der Besuch der Tanzplätze, der vielstündigen Trinkgelage und Spiele, der Jahrmärkte rc. verboten seyen, so würden unstreitig auch diese Verbote der christlichen Pflichtenlehre befolgt werden, Ermahnungen der Seelsorger haben nicht die Kraft der Kirchengebote. Nach den alten Bußsatzungen mußte, wer an einem Sonntage tanzte, sich drei Jahre der Kirchenbuße unterwerfen, wie Bressanvido in seinen Katechesen erzählt. Die Geschichte lehrt, daß zur Zeit, als ohne Bekehrung Götzendiener wegen irdischer Vortheile sich taufen ließen, die Tanzmusik bei der Hochzeitfeier, die Trinkgelage und Freitänze an Sonntagen (mit der FastnachtSseier einst zum Götzendienste deS Bacchus gehörig) aus dem Heidenthume in daS Christenthum übergegangen find. Schon der heilige Gregor von Nazianz eiferte gegen einen Flötenspieler bei der Hochzeitfeier seines Freundes. Da gotteSfürchtige Eltern noch immer ihre Söhne und Töchter wegen der dabei statthabenden Aergernisse vom Besuche der Hochzeiten mit Tanzmusik ferne halten; so wäre zu wünschen, daß im fünften Kirchengebote bei der Hochzeitfeier die Tanzmusik verboten würde, als ganz ungeeignet zur Freude über den Empfang der Gnade eines heiligen SacramenteS. DaS Volk hält die Nichtbesolgung von Pflichtenlehre», die auch von der Kirche besonders geboten werden, noch immer für eine größere Sünde; daher die gewünschten Gebote und Verbote kräftige Tugendmittel seyn würden. Bluwen au- dem Schriftarten de- heiligen Vernarbn-. (Fortsetzung.) 18. B e g i e r l i ch k e i t. Die Begierlichkeit ist die Wurzel der Bosheit. Die Begierlichkeit kommt auS der Leere und Vergessenheit deS HerzenS. Denn die Seele bettelt anderswo, weil sie vergißt ihr Brod zu essen; sie hat ein heftiges Verlangen nach Irdischem, weil sie am wenigsten an Himmlisches denkt. 19. Beharrlichkeit. Bescheidenheit zeugt von einem weisen, Beharrlichkeit von einem tapfern Manne. 20. Beispiele. So lange du klein bist, und bis du vollkommener lernst, dich in GotteS Gegenwart zu denken, schaue dich um einen Erzieher um. Erwähle dir auf meinen Rath einen Menschen, dessen Beispiel so in deinem Herzen hafte, daß, so oft du an ihn denkest, du dich vor Ehrfurcht erhebest, und dich selbst ordnest und zusammen nehmest. Wenn du an ihn denkest, als wenn er gegenwärtig wäre, wird die Anhänglichkeit der gegenseitigen Liebe daS Fehlerhafte an dir verbessern. Ein großer Trost ist es im Leben, eine treue Seele zu haben, der du dein Herz eröffnen und die Geheimnisse desselben anvertrauen kannst. Liebe den uud folge ihm, der in der Traurigkeit mit dir leidet, im Unglücke dich aufrichtet, im Glücke sich mit dir freut. Glücklich eine solche Verbindung und eine solche Freundschaft; denn nichts ist schöner im menschlichen Leben, als sie. 21. Beistand GotteS. DaS Aufsteigen ist wahrlich schwer und die Bemühung vergeblich ohne GotteS Beistand. Wer also steht, wenn er nicht fallen will, der vertraue nicht sich, sondern stütze sich auf Gott. So ist eS, weder Aus- stehen zum Guten, noch Stehen im Guten können wir ohne Gott. Der du also stehst, gib Gott die Ehre, durch dessen Hand du ausrecht erhalten wirst. Nichts zeigt GotteS Allmacht deutlicher, als daß er diejenigen allmächtig macht, die auf ihn hoffen. Oder ist der nicht allmächtig, dem Alles möglich ist? So kann eine Seele, die nicht vermessen ist, sondern von Gott gestärkt wird, allerdings über sich herrschen, so, daß keine Ungerechtigkeit etwas gegen sie vermag. Keine Gewalt, keine List, kein Reiz kann den Stehenden umwerfen oder den Herrschenden unterwerfen. Vergeblich aber stützt sich der auf etwas, der sich nicht auf Gott stützt. 22. Bekehrung. Am Anfange unserer Bekehrung ist uns keine Tngend nothwendiger, als eine demüthige Einfalt und ein geschämiger Ernst. Die äußere Bekehrung allein ist keine Bekehrung. Sie hat nur die Form, nicht aber die Wahrheit einer Bekehrung. Während sie den Schein der Frömmigkeit hat, ist sie leer an Tugend. Die Engel freuen sich über die Bekehrung und Buße der Sünder. Da sie Durst haben nach dem Seelenheile der Menschen, sind die Thränen der Büßer ihr Wein, weil in denselben der Wohlgeruch deö Lebens, der Geschmack der Gnade, der Genuß der Verzeihung, die Lieblichkeit der Versöhnung, die Gesundheit der wiederkehrenden Unschuld, die Süßigkeit deS erheiterten Gewissens ist. 23. B e r ü h r u n g. Durch die Berührung wird das Feuer der wilden Lust auch bei geringer Gelegenheit aufgeregt, und wenn sie nicht auf der Stelle aufgegeben wird, bemächtiget sie sich deS ganzen LeibeS und steckt ihn in Brand. 24. Beschallung. Nichts ist angenehmer und nützlicher, als die Gnade der Beschauung. Je mehr du dich in der Betrachtung himmlischer Dinge unterhältst und in der Unterhaltung sie bewunderst, desto lieber wirst du dabei verweilen, desto fleißiger wirst du forschen, desto tiefer wirst du erleuchtet. Immer wirst du etwas finden, worüber du dich wundern und freuen wirst. Nirgends ist ein reichlicherer Stoff zur Bewunderung, nirgends eine nützlichere Ursache zur Freude. In diesen Dingen also verweile Leine Bewunderung und deine Freude. ES wird nicht nöthig seyn einen Gegenstand vor den andern zu suchen, oder mit den Gedanken von einem auf den andern zu schweifen: denn Gott erkennen ist die Fülle der Wissenschaft. 25. Bescheidenheit. Unerträglich ist der Eifer ohne Wissenschaft. Wo also großer Eifer ist, da ist Bescheidenheit vorzüglich nothwendig, welche die Liebe ordnet. Denn die Bescheidenheit setzt jede Tugend in Ordnung, und diese Ordnung gibt ihr Schönheit. Die Bescheidenheit ist also nicht so fast eine Tugend, als vielmehr die Lenkerin und Führerin der Tugenden, die Ordnerin der Affecte und die Lehrerin der Sitten. Nimm sie weg, und die Tugend wird zum Fehler. 26. Beschneidung. Weil die Gebrechlichkeit deS menschlichen Fleisches und die Schwäche deS kindlichen Alters die Beschneidung an den einzelnen Gliedern nicht aushalten könnte, hat eine höhere Anordnung mit gütiger Mäßigung dafür gesorgt, daß die Begierlichkeit vorzüglich an jenem Theile gezüchtiget werde, wo sie heftiger wüthete und gewaltthätiger Böses verübte. Denn unter allen Gliedern, welche dem Geiste widersprechen, ist jenes so widerspänstig, daß eS sich gegen alle Ueberlegung deS Willens erhebt. 27. Betrachtung. Vergeblich erhebt daS Auge deS HerzenS zur Anschauung GotteS, wer noch nicht in der Kunst, sich selbst zu kennen, erfahren ist. Denn zuerst mußt du daS Unsichtbare deines Geistes kennen lernen, ehe du geeignet bist, den unsichtbaren Gott zu schauen. Und wenn du dich selbst noch 160 nicht kennen gelernt hast, wage es nicht, daS zu erforschen, was über dir ist. Der vortrefflichste und erste Spiegel zur Anschauung GotteS ist eine verständige Seele, die sich selbst betrachtet. So lange Jemand fremde Fehler neugierig erforscht, wird er die eigenen nicht erkennen. 28. Betrübniß. ES ist eine Eigenschaft der Betrübten, daß sie eS für daS größte Glück halten, von den Lastern entledigt, und für die höchste Seligkeit, vom Elende frei zu werden. 29. B i s ch ö f e. Der heilige MartinuS, Cardinal-Priester, stand einst in Dacien einen GesandtschastSposten vor, und kehrte von demselben so arm zurück, Laß er, da ihm Geldmittel und Pferde mangelten, kaum nach Florenz kommen konnte. Dort schenkte ihm der Bischof des OrteS ein Pferd, auf welchem er nach Pisa ritt, wo wir uns damals aufhielten. TagS darauf, glaube ich, kam auch der Bischof von Florenz nach (denn er hatte einen Proceß mit einem Gegner, und der Gerichtstag war nahe) und fing an, die Hilfe seiner Freunde anzuflehen. Nachdem er einen nach dem andern gebeten hatte, kam er auch zu MartinuS. Denn er setzte um so größeres Ver- trauen auf ihn, da derselbe der frischen Wohlthat nicht leicht uneingedenk seyn konnte. Da sprach MartinuS: „Du hast mich getäuscht; denn ich wußte nicht, daß du einen Streithandel auszumachen habest. Nimm dein Pferd; eS steht im Stalle." Und zur selben Stunde leistete er Verzicht auf dasselbe. 30. B ö s e S. Das Böse ist immer von der Strafe begleitet. Wenn Jemand sein Herz noch so aufmerksam beobachtet, und wenn er in diesem Geschäfte auch viel Uebung und Erfahrung hat, so kann er doch nicht ganz genau unterscheiden daS angcborne und das eingesäete Böse. „Aber die Sünden, wer merket sie?" ES liegt auch nicht viel daran, zu wissen, woher daS Böse in unS komme, wenn wir nur wissen, daß es in unS sey. Wir sollen vielmehr wachen und beten, damit wir in selbes nicht einwilligen, eS mag wo immer her seyn. Ein böser Mensch wohnt niemals sicher bei sich, weil er bei einem bösen Menschen wohnt, und Niemand ist ihm lästiger, als er sich selbst. 31. B u ß e. So sehr Gott die Unverschämtheit des Sünders mißfällt, so sehr gefällt ihm die Schamröthc des Büßers. Wer wahrhaft seine Sünden bereut, der fürchtet sich nicht vor der Mühe der Buße, sondern er nimmt mit stillschweigendem Gewissen Alles an, waS ihm für die Schuld, die er haßt, aufgegeben wird. Der wahre Büßer befindet sich immer in Arbeit und Schmerz. Er bereut daS Vergangene, er arbeitet, um Zukünftiges zu verhüten. Denn wahre Buße ist eS, ohne Unterbrechung der Zeit seine Sünden zu bereuen. Er beweint daS Begangene, damit er nicht mehr BeweinenSwertheS begehe. Ein Spötter, nicht ein wahrer Büßer ist jener, der noch thut, wa« er beklagt. Wenn du also ein wahrer Büßer seyn willst, so stehe ab von der Sünde, und wolle nicht mehr sündigen: denn jene Buße ist eitel, welche die darauffolgende Schuld wieder befleckt. Die Keuschheit laust Gefahr bei'm Vergnügen, die Demuth im Reichthum, die Frömmigkeit in der Geschäftigkeit, die Wahrheit in vielen Reden, die Liebe in dieser bösen Welt. Fliehet auS der Mitte Babylons, fliehet und rettet eure Seelen. Fliehet in die Städte der Zuflucht, wo ihr über die begangenen Sünden Buße thun, in der Gegenwart Gnade erlangen und für die Zukunft vertrauensvoll auf Verherrlichung warten könnet. ES halte euch nicht zurück das Andenken an die Sünden; denn wo sie überschwänglich sind, da pflegt die Gnade noch über- schwänglicher zu seyn: nicht die Strenge der Buße; denn die Leiden dieser Zeit kommen nicht in Vergleich mit der nachgelassenen Schuld und mit 'der Gnade der gegenwärtigen Tröstung, noch mit der Herrlichkeit, die uns verheißen ist. Der französische Alerus. Nachdem derselbe von verschiedenen Seiten angeklagt wurde, daß er bei der Abdankung Louis Philipps so schnell den Mantel nach dem Winde gedreht, wird eS nicht uninteressant seyn, die glänzende und geistreiche Rechtfertigung zu hören, welche Ritter in der Vorrede zu seinen Vorlesungen geschrieben. Er sagt: „Man hat eS tadelnSwerth gefunden, Laß die französische Geistlichkeit nach der Februar-Revolution keine Sympathien für die vertriebenen Orleaniden an den Tag legte, sondern die Republik bereitwillig anerkannte. Die französische Geistlichkeit war den Bourbonen aufrichtig zugethan und treu, daher ihr zurückhaltendes Benehmen gegen Ludwig Philipp. In diesem aber sah sie nichts weiter als einen Usurpator, da sein Besitz sich weder auf daS Recht der Geburt, noch der Eroberung, noch der allgemeinen Volkswahl gründete. Auch seine religiöse Gesinnung war mehr als zweifelhaft, und seine Kuppelei in der spanischen Heirathsangelegenheit mußte daS sittliche Gefühl des Klerus empören. In der UnkerrichtSfrage aber war er dessen Gegner; für die Interessen deS Volks hatte er nichts gethan. ES galt, nachdem sein Thron gestürzt und er vertrieben war, daß die Geistlichkeit einen schnellen Entschluß faßte, um nicht der Partei deS CommunismuS einen Vorwand zu leihen, ihre Waffen gegen die Kirche zu kehren, und die allgemeine Unordnung zu verlängern. Die bereitwillige Anerkennung der Republik von Seiten der Kirche war die einzige Auskunft. Die improvisirte Regierung bekam dadurch einen ! Anhalt, den sie dankbar anerkennen mußte. Daß der Erzbischof Affre von PariS, von welchem die ersten kirchlichen Erlasse ausgingen, kein Feigling war, der nur seine Person retten wollte, sondern ein Mann, der für sein Vaterland sich aufzuopfern Muth besaß, dieß hat er später bewiesen. In so drangvollen Umständen, wie diejenigen nach der Februarrevolution waren, ist nichts verderblicher als halbe Maaßregeln. Nur Entschiedenheit kann retten. Diese Entschiedenheit bewies der Erzbischof und rettete Frankreich dadurch wahrscheinlich vor einer allgemeinen Auflösung. DaS verblendete Volk aber gewann die Ueberzeugung, daß die Kirche nicht zwischen ihm und seinem Idol von politischer Freiheit stehe, wodurch eS allein Rettung auS seinem Elende erwartete. Hätte Ludwig Philipp nur Einige seiner Millionen Franken verwendet, um dem schauderhaften Elende vieler unschuldigen Familien in Paris ein Ende zu machen, sey eS, daß er menschliche Wohnungen für sie baute, sey eS, daß er ihnen einen Herd in Afrika gründete, er hätte wenigstens ein dauerhaftes Andenken hinterlassen. Welche großartigen Denkmale-zum Besten der Menschheit haben die Könige und Fürsten deS Mittelalters geschaffen; prachtvolle Dome, ErziehungS- und Krankenanstalten, Klöster, meist Zufluchlstätten für Mädchen aus den gebildeten Ständen u. s. w. WaS ist auS diesen Anstalten geworden? Der Fiskus hat sie eingezogen, verkauft, verschenkt, oder sich selbst darin niedergelassen. Ja die Unterhaltung von Schulen unv Kirchen, für die jene Stiftungen sorgen mußten, fallen noch überdieß den Gemeinden zur Last, das tägliche Almosen aber, waS jene Anstalten spendeten, ist der Armuth meist verloren gegangen. Seitdem vie Völker ihre Fürsteir nur auS Geboten und Verboten kennen, und zwischen ihnen und ven Fürsten daS Heer der Beamten wie eine Wolke vor der Sonne steht, ist die Liebe und Ehrfurcht der Unterthanen erkaltet. Noch heute sind vie Jn- spectionSreisen Friedrich des Großen in Schlesien in gesegnetem Andenken. Wehe den Beamten, in deren Bezirk eine Hungerpest, wie voriges Jahr in Oberschlesien, erst nachdem sie Monate lang gewüthet, zu seiner Kenntniß gekommen wäre. Friedrichs Krücke war ein gefürchleter Zepter, aber nicht für die Unterthanen, sondern für die Behörden. Aber nicht nur, daß die Regierungen neuerer Zeit die alten wohlthätigen Institute aufgehoben, geschweige denn, daß sie selbst welche errichtet, so legten sie auch den Stiftungen von Privaten in der Regel unübersteigliche Hindernisse entgegen. Man denke an die projeclirte wohlthätige Stiftung auf Nonnenwerth. Die Kirche in Deutsch-Piekar würde wahrscheinlich heute noch nicht erbauet seyn, auf keinen Fall in so großartigem Styl, wenn eS von der Regierung in Oppeln allein abgehangen hätte. Ludwig Philipp hatte Verstand für daS Interesse seiner Dynastie, aber kein Herz für sein Volk, darum wandte eS ihm in der PrüfungSstunve den Rücken." Notiz. Im Dom zu Trier wurde eine neuntägige Andacht zur Abwendung der Cholera angeordnet. Fast in allen Pfarrkirchen (ich glaube in allen) wird täglich Beicht gesessen, und die Geistlichen haben auch wirklich im Beichtstuhl täglich viel zu thun. In der am härtesten heimgesuchten Pfarrei von St. Paulus zu Trier haben die übrigen Stadtgeistlichen bereitwillige Hilfe geleistet. Die so furchtbar auftretende Krankheit trägt heilsame Früchte; denn die in guten Tagen so oft vernachlässigte und verkannte Religion erlangt jetzt ihr volles heiliges Ansehen wieder, und Mancher bestellt jetzt seine GewissenSangelegenheiten, der ohne die drohende Zuchtruthe der Cholera vielleicht weder „Zeit" noch „Lust" dazu gehabt hätte. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kr eurer. Vierteljähriger Abon- nemcntspreis im Bereiche von ganz Bayern nur 2» kr., ohne irgend einen weiteren Post-Aufschlag. Auch von Nicht Abonnenten der Postzeitung werden Bestellungen angenommen. Sonntags - Peiblatt zur Augsburger Postzeitnng. Auch durch den Buchhandel könne» diese Blatter bezogen werde». Der Preis betrügt, wie bei dem Bezug durch die Post, jährlich 1 st. 20 kr. Neunter Jahrgang. 14- Oktober RW4S. Die -ritte Generalversammlung -er katholischen Vereine in Regen-burg. *) I RegenSburg, 2. Oct. Die dritte Generalversammlung deS katholischen VereineS Deutschlands ist nunmehr eröffnet und eS scheint, daß sie den in Mainz und Breslau abgehaltenen an Großartigkeit, an Zahl der Abgeordneten und an Wichtigkeit der Verhandlungen nicht nachstehen werde. Bei der gestern Abend abgehaltenen Vorversammlung im Reichssaale deS alten RathhauseS waren bei 200 Deputirte der Einzclvereine gegenwärtig, unter welchen zur größten Freude aller Anwesenden besonders der Katholikenvcrein in Linz stark vertreten ist. Alle anwesenden Deputirtcn nahmen, nachdem sie die nothwendigen Vorfragen schnell erledigt hatten, an der allgemeinen Versammlung deS Centralvereines von RegenSburg Abends um 7 Uhr Antheil und waren freudig überrascht beim Eintritts in die zu diesem Zwecke besonders eingerichtete St. Ulrichskirche ganz in der Nähe des prächtigen DomeS. Dieser Tempel, in welchem seit Jahren kein Gottesdienst mehr gehalten wird, ist^Mrch.die edle Freigebigkeit deS Hochwürdigsten Bischofs und durch den Kunstsinn. §sjies Mitgliedes des VereineS für die allgemeinen Versammlungen auf daS^psÄtpollste und zweckmäßigste eingerichtet. Die Rednerbühnc, der Sitz.dzKjPrsistdenlen und des Bureau's, so wie die Gallerien find mit Scharlach und . Sammet reichlich verziert;! Blumengewinde und Laubwerk durchziehen die ganze Kirche; die Büste deS heiligen Vaters PiuS IX. auf der einen und die deS KönigS von Bayern auf der andern Seite erheben sich majestätisch in einem Walde seltener Blumen und Ziersträucher, indessen das Kreuz deS ErlöserS und unter demselben das Bild der seligsten Gottenmuiter segnend und gnadeverheißend über dem Ganzen schwebt. Vor etwa 3000 Männern, Frauen und Jungfrauen eröffnete der Präsident deS RegenSburger Vereines in kurzen aber herzlichen Worten die Versammlung, worauf Stadtpfarrer Eberhard in einer tief ergreifenden und überzeugenden Rede nachwies, wie einzig und allein von der vollkomm- nen kirchlichen Freiheit auch die Erlangung der wahren, ächten Volksfrei- heit bedingt sey. Nachdem hierauf einer der Abgeordneten deS PiuSvereineS von Mainz über die Wirksamkeit deS dortigen VereineS gesprochen und darauf hingewiesen hatte, wie die katholischen Vereine leider noch nicht in der Lage sind, den WohlthätigkeitSzweck, die Werke der christlichen Nächstenliebe u. s. w. zu ihrer vorzüglichsten, geschweige denn zu ihrer ausschließlichen Aufgabe zu machen, da die kirchliche Freiheit, wenn gleich überall versprochen, noch nirgends zur Wirklichkeit, zum Leben geworden sey, »Deßhalb die Vereine nach wie vor mit Muth, mit Geduld und Ausdauer kämpfen und ringen und dazu durch daS Gebet der Einzelnen und der Gesammtheit sich stärken müssen — bestieg der edle Graf Jos. v. Stol- berg den Rednerstuhl und schilderte die Eindrücke, welche der Anblick Re- genSburgS, seiner alten Gebäude, seines Kirchhofes und deS ehrwürdigen Domes auf ihn gemacht. Auf dem Begräbnißplatze, wo die Gebeine so vieler Tausende ruhen, trat ihm mächtig ergreifend daS Bild des TodeS vor Augen — ein Sinnbild deS geistigen Schlafes, in welchem nur zu lange die Katholiken gefesselt waren. Aber daS allerheiligste Sacrament, der in demselben wahrhaft gegenwärtige Gott und Heiland verkündete ihm Auferstehung und Leben, dessen die Katholiken aber nur dann theilhaftig werden, wenn sie rein und untadelhaft, frei von Sünden in die innigste Lebensgemeinschaft mit ihrem Heilande treten, unwandelbar fest im Glauben an ihn, unerschütterlich in der Liebe und treuen Anhänglichkeit an unsere Mutter, die Kirche, opferwillig selbst bis zur Hingabe unseres Lebens die edlen Zwecke deS katholischen VereineS stets im Auge behalten und darunter besonders die Werke der christlichen Liebe in Ausübung bringen. . Nach ihm berichtete Domcapitular und Professor Dr. Baltzer aus ! BreSlau höchst Erfreuliches über die schlesischen Vereine und ermähnte in eindringender Weise, unverrückt fest zu halten in brüderlicher Liebe und Eintracht an den durch die beiden Generalversammlungen in Mainz und BreSlau aufgestellten Satzungen und Beschlüssen, weil nur dadurch, aber alSdann auch ganz zuverlässig, der endliche Sieg, wenn gleich nach großen Mühen und schweren Opfern, unS nicht fehlen werde. Der Präsident deS seitherigen Vororte», deS Centralvereines von BreSlan, Licentiat Dr. Wick, lenkte hierauf in einer überwältigenden Rede die Augen und Herzen der Anwesenden nach Rom, der Multerstadt der ganzen Christenheit. Er schilderte die Leiden, den tiefen Schmerz, die bitteren Verfolgungen deS heiligen Vaters, deS besten aller Fürsten, des glorreichen unter den großen Nachfolgern deö Apostelfürsten Petrus. Er erwähnte, wie die Feinde der Küche zu allen Zeiten und so auch in unseren Tagen vor Allem die giftigen Pfeile ihres Angriffes auf den ehrwürdigen Vater der gesammtrn Christenheit gerichtet, von der Ueberzeugung geleitet, daß, wenn das Haupt deS Leibes leide, blute und zur Unmacht herabgedrückt werde, auch die Glieder deS LeibeS bald absterben müßten. Darum sey eS nicht allein eine schöne Aufgabe, sondern eine heilige Pflicht der Vereine, den Verunglimpfungen der schlechten Presse, in welcher die Feinde des Christenthumes ihr Gift in ! überreichem Maaße ausspritzen, mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten, und durch belehrende Verträge in den VereinSvcrsammlungen und bei jeder sich darbietenden Gelegenheit eS hervorzuheben, was die ganze civilisirte Welt, was Europa und waS ganz vorzugsweise Deutschland dem apostolischen Stuhle zu Rom und den großen Päpsten, welche denselben geziert, zu verdanken habe. Daran reihte der mit vielen Beifallrufen oft unterbrochene Redner die Aufforderung zum unablässigen andächtigen Gebete, daß Gott in seiner unendlichen Güte der Christenheit verleihen möge, recht bald ein schönes Dankfest begehen zu können zur Feier der frohen Rückkehr deS heiligen VaterS in die Mauern der ewigen Stadt, in die Mitte eines Volkes, daS ihm mit Undank seine Liebe vergolten, daS sein väterliches Herz mit Bitterkeit gekränkt hat. Nach diesem ausgezeichneten Vortrage lenkte Obercaplan Ruland auS Berlin die Augen der Anwesenden auf Berlin, nicht um sie von Rom abzuwenden, sondern um nachzuweisen, wie die katholische Bevölkerung der Hauptstadt Preußens, namentlich die, welche dem Handwerker-, dem Arbeiter-, dem sogenannten niederen Stande angehört, in ihrer treuen Anhänglichkeit an die Kirche und an daS ehrwürdige Oberhaupt derselben, in ihrer lebendigen Begeisterung für alles Große und Edle, waS die Kirche schafft, schützt und pflegt, in der innigsten Ueberzeugung, daß nur in ihrem Schooße der Keim einer besseren Zukunft und die regenerircnde Lebenskraft der ganzen Menschheit ruhet — im Verhältnisse zu den geringen Mitteln und der Mühseligkeit deS Erwerbes derselben wahrhaft Slau- nenSwertheS, besonders in dem Werke der christlichen Liebe bis daher schon geleistet hat. Daran knüpfte er die Bitte, daß die bessergestellten, daß die wohlhabenden Katholiken Deutschlands den armen GlaubenSbrüdern in den dortigen Gegenden zu Hilfe kommen möchten; sey einem Jeden derselben auch ein einziger Kreuzer zu viel — dann bitte er im Namen seiner Com- mittenten wenigstens um ein Vater Unser und Gcgrüßet seyst du Maria! Zum Schlüsse sprach Herr Stadtpfarrer Frank auS Spalt darüber, wie die katholische Kirche die einzige und wahre Mutter aller Association, deS ganzen VcreinSwesenS sey; wie sie durch ihre Anstalten und Orden Alles, waS der CommuniSmus und Socialismus Wahres in sich enthalte, längst verwirklicht, aber auch den verderblichen Auswüchsen kräftig gewehrt habe, und schloß mit den ernsten Worten, daß wenn die Söhne und Kinder einer so reich begabten, von Gott gesetzten Mutter untergehen, eS lediglich durch ihre Schuld, durch ihre Trägheit und Feigheit geschehen ! könne. So schloß der zur Vorfeier bestimmte höchst genußreiche Abend und ') Berichte des Mainzer Journals, Dr. Riffel. 162 verbürgte schon diese erste Versammlung, daß der dritte Congreß des. katholischen Vereines Deutschlands nicht minder reich an großartiger Einwirkung auf die Einzelnen und auf die Gesammtheit seyn und eben so segensreich enden werde, als die zwei ersten Versammlungen in Mainz und BreSlau. Den ersten freien Augenblick werde ich dazu benutzen, weiteren Bericht abzustatten und bemerke für dieses Mal nur zum Schlüsse, daß die RegenS- burger Tagesblätter, nicht wie weilanv die radicale Mainzer Zeitung, diese Versammlung ignorirt, sondern dieselbe gleich deS anderen TageS besprochen haben; daö „Tagblatt," ein Blatt der Demokraten, in würdiger, männlich-ernster Weise, dagegen die früher von dem Hochwürdig- sten Herrn Bischof empfohlene „RegcnSburger Zeitung" mit der Gemeinheit eines ungezogenen Buben. De- Glaubens Boden. *) Erzählung auS den Papieren eines Seelsorgers. I. „Gar oft geschieht es, daß wir nicht wissen, waS wir vermögen; aber die Prüfung bringt zum Vorschein, waS wir sind." Diese Worte eines große» Meisters sind mir heute wieder einmal recht klar geworden. Die Ueberraschung deS Augenblicks, wie wenig fand sie mich vorbereitet! Auf den stillen Wegen der Seelsorge, unter den Armen und Kleinen, in deren Gemüth kein Zweifel den Eingang findet, ist eS, wenn schon mühsam, doch anmuthig zu wandeln; aber selbst auf diesen Gängen wird man zuweilen von eisigen Lüften angeweht, an welchen ein kränklicher Geist sich gar leicht verkältet. Ick suchte einen Arbeiter heim, der auf keinen irdischen Taglohn mehr rechnen konnte, und dem ich die Heilsmittel der Kirche schon früher gebracht. Mehr als einmal hatte ich hier die Großmuth und Güte eines angesehenen Arztes preisen gehört, der, so wie manchem andern dürftigen Kranken, auch diesem seine Sorgfalt widmete, und den die Familie als ihren großen Wohlthäter ehrte. Frau Ludmilla meinte, sie könnte ihn schier für einen Heiligen halten, wenn nicht der Umstand ihr einiges Bedenken machte, daß er ihrem HauSaltar mit den vielen auf GlaS gemalten Bildern keine Aufmerksamkeit schenke; die Kinder erzählten von ihm mit leuchtenden Augen. Wie groß war mein Verlangen, den edlen Mann persönlich kennen zu lernen! Als ich dießmal in das niedrige HauS eintrat, sah ich seinen Wagen vor der Thüre halten; mein Wunsch war erfüllt, er saß beim Lager deS Kranken. Ich sprach eine kurze Zeit mit der Mutter und den Kindern; der Arzt schien meiner Anwesenheit nicht zu achten. Um so öfter konnte ich, wie verstohlen, den Mann inS Auge fassen, der mir, wohl schon von lange her, genau bekannt schien. Endlich als er, um Abschied zu nehmen, sich erhob, wandte er wie zufällig seinen vollen Blick auch auf mich. Ich schrie auf, ich breitete meine Arme ihm entgegen. Blahomir, rief ich, sind Sie eS? oder träume ich nur? Lange konnte ich ihn nicht ansehen; sein gleichgiltig frostiger, ja verächtlicher Blick beschämte mich, oder schien mir wenigstens zu sagen: du bist im Irrthum, Menschenkind; eine Aehnlichkeit hat dich getäuscht; im klebrigen mag ich mit deinesgleichen nichts gemein haben; für mich bist du so viel als nicht da. In der That ward ich an meinem Urtheile irre, auch halte der Fremde ein viel zu gealtertes Aussehen, um der zu seyn, für den ich ihn gehalten. Gab ihm jedoch meine Anrede ein Recht, mir so wegwerfend zu begegnen? Noch wechselte er mit Mutter und Kindern einige freundliche Worte, und ging, ohne sich weiter um mich zu kümmern; und dieß Benehmen verstimmte mich dcrmaaßen, daß ich kaum die rechte Weise fand, um den Kranken, der täglich dem Tode entgegenharrte, zu erbauen und zu trösten. Die gute Frau Ludmilla mußte daS alles scharf genug bemerkt haben. Bester Herr Jvo, sagte sie zu mir: es gibt zweierlei Religionen in der Christenheit, eine für uns gemeine und dumme Leute, die andere für die Feinen, Gelehrten oder Vornehmen, die etwas AparteS haben. Ich meinerseits halte die unsre für bester, und möchte um keinen Preis in der Welt tauschen. Aber waS den Doctor anbelangt, so meine ich, daß sein Glauben wohl eine nachhaltige Cur nöthig hätte; eS ist mir jedoch nicht bange darum, denn Zeit und Weile sind ungleich, und wo so viel Barmherzigkeit und gute Werke vorhanden, da wird die Gnade Gottes auch nicht fern bleiben. Ja wohl, erwiderte ich; aber — und weiter sagte ich nichts, denn dieß Aber mahnte mich, daß mein Selbstgefühl gekränkt und mein Herz verbittert war. Die Beleidigung konnte oder mußte ich verzeihen; waS ich mir erlauben durfte, war der Versuch, über die Person deS vermeintlichen ehemaligen Freundes ins Reine zu kommen. Ludmilla hatte versprochen, von seinem nächsten Besuche mir gleich Nachricht zu senden, und dieß fand sich bald. Wie im Vorbeigehen und gelegentlich trat ich in die Krankenstube, wo mir von Seiten deS Arztes die nämliche Begegnung zu Theil ward. Allein je genauer ich .mir den Mann betrachtete, und seiner Stimme horchte, desto mehr ward ich meiner Sache gewiß; und so brachte ich eS endlich über mich, ihn anzureden. Herr, sprach ich, ihn fest anschauend; Sie sind dennoch Blahomir! Ich brauche eS nicht zu läugnen, erwiderte er; allein was folgt daraus? — Wenn Sie es sind, so müssen Sie mich kennen! — Warum nicht? Jedenfalls sind Sie ein Priester, und mit dieser Kaste habe ich nichts zu thun. Adieu. Hiemit ging er, und überließ mir die unangenehme Aufgabe, wie versteinert stehen zu bleiben, und ihm nachzuschauen. Wie arm und kraftlos fühlt sich der Mensch mit seinen besten Absichten, mit seiner innigsten Ueberzeugung, einem starren und unzugänglichen Gemüthe gegenüber! Selbst die Kinder machten große Augen, und auch ihre Mutter seufzte über dieß Benehmen. Sie meinte in ihrer Einfalt: wenn schon die verschiedenen Stände mit Kisten und Kasten verglichen würden, so sey ihr die Schublade, in welcher die Priester sich befinden, doch immer heilig und hochverehrt. Zeit und Weile sind ungleich, und so müsse man bald in der einen, bald in der andern, bald auch in Beiden Hilfe suchen, aber jedenfalls bleibe wahr, was geschrieben steht: der Leib ist mehr als die Speise, und die Seele ist mehr als der Leib! — Die wackere Frau ging aber noch weiter; sie hatte sich'S in den Kopf gesetzt, den Arzt auf andere Gedanken zu bringen. Dazu kam eS ihr ganz gelegen, daß wenig Tage nachher, wie sie von erster Hand, von einer Hand, welcher die Zügel anvertraut waren, nämlich vom Kutscher eS in Erfahrung gebracht, sein Geburtstag eintrat. Sie ließ das älteste Mädchen zur Krankenpflege daheim, putzte die andern Kinder aufs beste heraus, und zog mit ihnen in aller Frühe dreiviertel Stunden weit in das HauS deS ArzteS. Die Kinder durften ihren Spruch aufsagen, dann nahm Frau Ludmilla daS Wort. Gnädiger Herr, sagte sie: mir ist so leid um den hochwürdigen Herrn Jvo, der für meines Mannes unsterbliche arme Seele sorgt, wie Sie für seinen elendiglichen sterblichen Leib. DaS wäre auch ein Patient, dem Sie weh gethan haben, und dem Sie helfen könnten, wenn Sie ihn nicht so despeckirlich behandelten. Der Doctor lächelte ein wenig, und zwar (nach Ludmilla'S Bericht) ungefähr so, wie ein Sonnen- blick, der im Winter durch die gefrornen Fenster schielt; dann sprach er: dieß Capitel lasten wir auf sich beruhen. O ich weiß wohl, entgegnete Ludmilla, daß die heiligen Evangelien in verschiedene Capitel eingerheilt sind; allein gar viele darunter lehren von der Gottes- und Nächstenliebe, und daß alle Menschen als Brüder sich betrachten sollen. Gewiß, sagte der Doctor, aber wer am wenigsten von diesen hohen Lehren der Humanität begreift, daS sind eben die Priester. Aber ich will dich in deinem Glauben nicht irre machen. Hat keine Noth, erwiderte Ludmilla; gegen meinen Glauben werden Sie mit allen Ihren Recepten nichts ausrichten. Aber mit dem Herrn Jvo sollten Sie Loch eine Ausnahme machen. Einmal ist er ein Mann von aufrichtigem Herzen, und für'S andere: wer weiß, ob eS Ihnen nicht selber gut ist? Zeit und Weile sind ungleich! Mehr als daS, so setzte Ludmilla ihren Bericht fort, traute ich mir nicht zu reden, denn der Doctor ward ungeduldig, und rief: genug. Aber wir Frauen müssen nun einmal, außer im Kyrie eleison, daS letzte Wort haben. Ich blieb in der Thüre stehen; ich fragte kleinlaut: So darf ich ihm gar nichts Freundliches melden? Nun, waS er darauf erwiderte! Er war wie außer sich, und sein Blick war schrecklich; so erzürnt und verstört habe ich ihn nie gesehen! — Aber was erwiderte er denn eigentlich? — Der arme Mann! Ich hatte einst einen Freund, rief er, der mein Vertrauen betrogen, der mich unselig gemacht, der mir alles geraubt hat, was mein LebenSglück ausmachte. Jede Erinnerung an ihn empört mich; und dieser Priester, dieser Jvo — ist jenes Menschen leiblicher Bruder! — Ich crschrack über die Rede, und dießmal vergaß ich aufs letzte Wort. Zeit und Weile sind ungleich, dachte ich bei mir; nahm meine Kinder, und begab mich auf den Heimweg. (Fortsetzung folgt.) Blnme» au- dem Schriftgarten de- heiligen Bernardu-. (Fortsetzung.) 32. Danksagung. Nicht eine jede Danksagung ist Gott angenehm, außer die aus schamhaftem Herzen und reiner Einfalt kommt. AuS „schamhaftem" Herzen, sage ich wegen derjenigen, welche sich ihrer schlechten Handlungen rühmen und Gott dafür zu danken Pflegen, als wenn Gott sich über ihre böse *) Aus dem österreichischen Nelkssreuud. 163 Handlungsweise freue. Aus „reiner" Einfalt, sehe ich bei, wegen der Heuchler, welche Gott mit Worten loben, aber im Herzen zurückbehalten, was sie mit dem Munde gegeben haben. Jene schreiben Gott gottloser Weise ihre bösen Thaten, diese die Wohlthaten Gottes sich zu. 33. Demuth. Schäme dich, Asche, stolz zu seyn! Gott erniedrigt sich, und du erhöhest dich? Gott unterwirft sich den Menschen, und du willst über die Menschen herrschen und dich deinem Urheber vorziehen? So oft ich den Menschen vorzustehen verlange, streite ich mit Gott um den Vorrang. Kein Edelstein glänzt schöner am bischöflichen Ornate, als die Demuth. Ein guter Grund ist die Demuth, worauf man daS geistliche Gebäude setzen kann, damit eS wachse zum Tempel Gottes. Durch dieselbe besaßen Einige sogar die Thore der Feinde. Denn welche Tugend kann wie sie den Stolz der Teufel und die Tyrannei der Menschen bekriegen? Schlauen und hinterlistigen Menschen pflegt eS eigen zu seyn, Demuth zu heucheln, wenn sie etwas erlangen wollen. Von diesen sagt die heilige Schrift: „Ein anderer demüthigt sich schalkhaft, und sein Inneres ist voll List." Die Demuth ist eine Tugend, wodurch der Mensch sich selbst kennen und gering schätzen lernt. Die Demuth muß man fest halten, da sie die Wächten» der Reinigkeit und die Mutter der Geduld ist. Wahre Geduld kommt nur auS tiefer Demuth, ohne die jene weder erworben noch erhalten wird. Eine ehrenvolle Sache muß eS um die Demuth seyn, da sogar der Stolz sich mit dem Mantel der Demuth kleidet, damit er nicht gering geachtet werde. 34. Dreieinigkeit. Gleichwie in der Gottheit Dreieinigkeit in Personen, Einheit in der Wesenheit ist, so ist auch in der Verbindung Gottes und des Menschen Dreiheit in den Wesenheiten, Einheit in der Person. Und wie dort die Personen die Einheit nicht trennen, die Einheit aber die Dreiheit nicht aufhebt: so vermischt hier nicht die Person die Wesenheiten, noch heben die Wesenheiten der Person die Einheit auf. Jene höchste Dreieinigkeit hat uns diese Dreieinigkeit mitgetheilt, ein wunderbares, ein einziges Werk unter allen und über allen ihren Werken. Denn das Wort, die Seele und daS Fleisch kamen in Einer Person zusammen, und diese Drei sind Eins, und dieses Eine Drei, nicht durch Vermischung der Wesenheit, sondern durch Einheit der Person. 35. Ehrgeiz. Der Ehrgeiz ist ein feines Uebel, ein verborgenes Gift, eine versteckte Pest, ein Künstler in der List; die Mutter der Heuchelei, der Vater deS Neides, der Ursprung der Sünden, der Zunder der Laster, der Rost der Tugenden, die Motte der Heiligkeit, die Verblenderin der Herzen, und erzeugt auS den Heilsmitteln Krankheiten, aus der Arznei Schwäche. Welch großen Männern hat diese Pest den Fuß untergeschlagen und sie schändlich zu Boden geworfen, daß die Uebrigen, denen dieser verborgene Räuber nicht bekannt war, bei dem Falle erschracken! 36. Eifer. Zwar ist der Eifer ohne Wissenschaft immer weniger wirksam und weniger werth, meistens aber ist er sogar verderblich. Je feuriger also der Eifer und je heftiger der Geist ist, und je ausgebreiteter die Liebe, desto wachsamere Wissenschaft ist nöthig, welche den Eifer zügle, den Geist dämpfe, die Liebe ordne. 37. Einigkeit mit dem Nächsten. Die Einigkeit der Guten ist eine doppelte. Die eine rechtfertiget, die andere verherrlicht. Jene ist Verdienst, diese Belohnung. Die Einigkeit, welche gerecht macht, ist vorzüglich jetzt nothwendig. Denn sie ist die angenehme Zierde, von der der Psalmist fingt: „Wie gut und wie lieblich ist'S, wenn Brüder beisammen wohnen!" Dieß ist jene Einigkeit, welche der Apostel mit allem Fleiße zu beobachten befahl: „Seyd beflissen, Einigkeit deS Geistes zu erhalten durch das Band deS Friedens." 38. Einwilligung. Ein Anderes ist die freiwillige Beistimmung, und ein Anderes die natürliche Lust. Letztere haben wir mit den unvernünftigen Geschöpfen gemein, und diese vermag nicht dem Geiste beizustimmen, verhindert durch die Reizungen deS Fleisches. Indem uns diese mit den Thieren gemein ist, unterscheidet unS die freiwillige Beistimmung von denselben. Denn sie ist eine Eigenschaft der über sich freien Seele, die zwar angetrieben, aber nicht gezwungen werden kann. Diese freie Beistimmung ist Sache des Willens, nicht der Gewalt: sie versagt sich keinem und gibt sich keinem Dinge hin, außer auS Willen. Wenn sie gezwungen werden konnte, wäre sie der Gewalt unterworfen und nicht mehr freiwillig. Wo aber kein Wille ist, ist auch keine Beistimmung: wo aber Beistimmung, da ist Wille: weiter, wo Wille, da ist Freiheit. Und das ist nach meiner Meinung der „freie Wille." 39. Eitelkeit. Der eitle Ruhm fliegt leicht einher, dringt leicht ein: aber er versetzt keine leichte Wunde, und tödtct schnell. Ein eitles Herz bringt auch dem Körper daS Kennzeichen der Eitelkeit bei, und der äußere überflüssige Aufwand ist ein Zeichen der innern Eitelkeit. Brüder, Niemand unter euch wolle gerne gelobt werde» in diesem Leben: denn was du hier Lob annimmst, stiehlst du Gott, wenn du eS nicht auf ihn beziehst. Fäulniß und Staub, woher kommt denn dein Ruhm? 40. E l e n d. Kein Elend ist wahrer, als die falsche Freude. Alles, was daS gegenwärtige Leben betrifft, ist vom Elend ergriffen. Ich rathe dir. betrachte am meisten, was du seyest, nämlich ein Mensch, als der du geboren bist. Aber nicht nur darauf merke, als was du geboren bist, sondern auch, wie du geboren bist. Betrachte bloß den Nackten, weil du nackt auS dem Leibe deiner Mutter hervorgekommen bist. Wenn du betrachtest, waS du seyest, wird dir ein nackter, armer, elender und erbarmenswerther Mensch begegnen. „Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt eine kurze Zeit, und wird mit vielem Elend erfüllt." Viel und vielfach ist daS Elend deS LeibeS und deS HerzenS, du magst schlafen oder wachen oder dich wo immer hin wenden. In der Sünde geboren, mit einem sterblichen Leibe, thörichten HerzenS, zum Tode verurthetlt, lerne dich kennen, o Mensch! 41. Engel. Sehr viele Dinge sind es, welche den Engeln an unS gefallen, wenn sie selbe vorfinden, besonders Nüchternheit, Keuschheit, freiwillige Armuth, häufige Seufzer nach dem Himmel, Gebet mit Thränen und Versammlung deS Geistes. Doch verlangen die Engel deS FriedenS von uns vor Allem Einigkeit und Frieden. Werden sie sich nicht am meisten über die freuen, welche auf Erden daS himmlische Jerusalem vorstellen? Dagegen beleidigt sie nichts mehr und fordert ihren Unwillen mehr heraus, als Uneinigkeit und Aergerniß. Wenn du die Bedienung der Engel wünschest, so fliehe weltlichen Trost, und leiste Widerstand den Versuchungen deS Teufels! 42. Enthaltsamkeit. DaS einzige Mittel, wenn die Enthaltsamkeit erschüttert wird und wankt, ist das Entgegenhalten der Geduld und die gänzliche Verneinung der Beistimmung, mag der Reiz der Sünde noch so sehr brennen. Jene Enthaltsamkeit hat kein Verdienst bei Gott, welche menschliches Lob sucht, weil die Enthaltsamkeit den häufigen und scharfen Pfeilen deS Versuchers nicht widerstehen kann, wenn sie nicht von der göttlichen Gnade beschützt wird. 43. Erkenntniß GotteS. „Ich will ihn beschirmen, weil er erkannt hat meinen Namen." Der kennt seinen Namen nicht, der ihn nicht ehrt wie den Vater und ihn nicht fürchtet als den Herrn. Seinen Namen kennt nicht, wer ihn eitel auSspricht: „Herr, Herr", und nicht thut, was er sagt. Seinen Namen kennt nicht, wer sich zu Eitelkeiten und falschen Thorheiten wendet. Jener erkannte seinen Namen, der da sprach: „ES ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, wodurch wir selig werden sollen." Wenn wir den Namen, der über unS angerufen worden ist, erkennen, werden wir auch Verlangen darnach haben, daß er in unS gcheiliget werde, nach der Lehre Jesu: „Vater unser, der du bist im Himmel! Gcheiliget werde dein Name." DaS ist die Frucht der Erkenntniß des göttlichen NamenS, der Ruf deS Gebetes und die Erhörung deö RufeS von Seite deS Erlösers. 44. Erlösung deö Menschen. Es geziemte sich, daß bei Wiederherstellung deö Heiles ein jedes Geschlecht vertreten war, da ja auch keines bei der Sünde abging. 1 . 45. Erinnerung. Du wirst erschaffen, geheilt und beseligt. Waö von diesem kommt, o Mensch von dir her? Du konntest dich nicht erschaffen, «eil du nicht warst, dich als Sünder nicht gerecht machen, als Todter dich nicht erwecken. WaS wir vom Ersten und Letzten sagen, ist offenbar. Aber auch daS Mittlere bezweifelt Niemand, außer wer Gottes Gerechtigkeit nicht kennt und die seinige an deren Stelle setzt. Wie kommt eS denn? Du erkennst die Macht deS Schaffenden, die Herrlichkeit des Rettenden, und die Gerechtigkeit deS Heilenden kennst du nicht? Wer ist aber derjenige, welcher GotteS Gerechtigkeit nicht anerkennt? Der sich selbst gerecht macht, der die Verdienste anderswoher sich anmaßt, als von der Gnade? Welche also wahrhaft weise sind, bekennen eine dreifache Gnadenwirkung in sich, erstens die Schöpfung, zweitens die Rechtfertigung, drittens die Vollendung. 46. Erscheinung Christi. Ehe die Menschheit GotteS erschien, war seine Güte verborgen. Seine Macht war erschienen in der Schöpfung der Dinge, seine WerS- heit in ihrer Leitung, aber seine Güte erschien am meisten in seiner Menschwerdung. 47. F al l. Der Mensch wohnte im Paradiese, und sein Aufenthalt war am Orte deS Vergnügens. Er empfand keine Last und keine Noth, gestärkt mit wohlriechenden Aepfeln, erquickt mit Blumen, gekrönt mit Ruhm und Ehre und gesetzt über alle Werke der Hände des Schöpfers. Mehr noch zeichnete ihn aber aus die Gottähnlichkeit, vermöge welcher er das Looö und die Gesellschaft mit dem Volke der Engel und mit dem ganzen himm- lischen Heere genoß. Aber er vertauschte GotteS Herrlichkeit mit der Aehn- lichkeit eines KalbeS, welches Heu frißt. Daher kommt eö, daß daS Brod der Engel gleichsam Heu geworden ist, gelegt in die Krippe und unS vorgesetzt alS Thieren. Die Speise deS Menschen wurde verwandelt in Speise des VicheS, nachdem der Mensch in ein Vieh verwandelt worden. O traurige und beweinenswerlhe Verwandlung, wodurch der Mensch, der Bewohner deS Paradieses, der Herr der Erve, der Bürger des Himmels, der Hausgenosse GotteS, der Bruder der seligen Geister, der Erbe himmlischer Tugenden, sich plötzlich verändert fand: und wegen seiner «schwäche brauchte er einen Stall, wegen seiner Thierähnlichkeit Heu und wegen seiner ungezähniten Wildheit daS Anbinden an die Krippe. Erkenne jedoch, o Ochs, deinen Herrn: erkenne ihn als Vieh, den du nicht als Mensch erkannt hast. Bete den im Stalle an, den du im Paradiese flohst. Ehre die Krippe desjenigen, dessen Herrschaft du verachtet hast: iß Heu, der du Engelbrod verschmäht hast. Aber, sagst du, was ist die Ursache dieser so tiefen Erniedrigung? „Weil der Mensch, der in Ehre war, eS nicht bedachte, ist er gleich geworben den unvernünftigen Thieren." 48. Fasten. also Denjenigen, der gesagt hat, daß eS eine Sünde gebe, die weder in diesem noch m dem zukünftigen Leben nachgelassen werde, fragen, warum er dieß gesagt habe, wenn keine Nachlassung für die Zukunft oder keine Reinigung von der Sünde stattfindet? Aber eS ist kein Wunder, wenn Diejenigen, welche die Kirche nicht anerkennen, über die Weihen der Kirche losziehen, ihre Anordnungen nicht annehmen, ihren Geboten nicht gehorchen. 50. Fehler. Der gute Wille in der Seele ist die Quelle alles Guten und die Mutter der Tugenden. So ist auch im Gegentheile der böse Wille die Quelle alles Dösen und der Laster. Daher muß der Hüter seiner Seele ! immer besorgt seyn in Hinsicht der Bewachung deS Willens. ! Gleichwie bei großer Arbeit und andauernder Anstrengung die Tugen- Iden zur Neigung und Gemüthsart werden, so gehen auch die geringsten j Fehler bei Gelegenheit zu großer Nachsicht in Gewohnheit über und wer« j den gleichsam natürlich. 51. Feind. Wir haben zwar viele Feinde, nämlich das Fleisch, und kein Feind ist uns näher, als dieser; die gegenwärtige böse Welt, von welcher wir rings umgeben sind; die Fürsten der Finsterniß, welche unsere Pfade umlagern. Aber wenn wir in jenem Hause wären, das nicht von Menschenhänden gemacht ist, nämlich im Himmel, wo kein Feind hinein und kein Freund heraus geht, so hätten wir nichts zu fürchten. Nun aber sind wir drei sehr bösen und heftigen Winden ausgesetzt, dem Fleische, der Welt und dem Satan, welche die Leuchte des Gewissens auöblasen wollen, indem sie in unsere Herzen böse Begierden einhauchen: diese machen unS oft so verwirrt, daß wir kaum erkennen, woher wir kommen oder wohin wir gehen. 52. Fesseln. Drei Bande find eö, mit denen wir an Gott gebunden werden, Stricke, hölzerne und eiserne Nägel und Leim. Mit einem Stricke ist an seinen Erlöser gebunden, wer bei Versuchungen sich tapfer die Schönheit der Tugend und seine Vorsätze inS Gedächtniß ruft. An diesem Stricke kann er sich zwar hallen, damit der Vorsatz nicht ganz zu Boden falle; aber dieß ist ein hartes, lästiges und gefährliches Band, welches stocken und schnell abreißen kann. Mit Nägeln wird an den Herrn der Majestät geheftet, wen die Furcht GotteS bindet, der zwar nicht erschrickt vor dem Angeflehte der Menschen, wohl aber bei dem Andenken an die ewigen Strafen. Und zwar fürchtet ein Solcher nicht so fast das Sündigen, als vielmehr das Brennen. Doch geht dieses Band stärker und tiefer ein, als daö erste, da ersteres wankt, während daS zweite den Vorsatz festhält. DaS dritte Bindungsmittel ist der Leim, das ist, die Liebe, wodurch die Seele so lieblich uno sicher an Gott gebunden wirb, als wäre sie Ein Geist mit ihm. Der durch den Leim der Liebe mit Gott verbundene Mensch be- nützt Alles, waS er thut, und waS ihm widerfährt, zu seinem Vortheile» Christi Fasten muß allen Christen gemein seyn. Sollen denn die Glieder nicht ihrem Haupte folgen? Wenn wir das Gute von diesem Oberhaupte angenommen haben, füllen wir nicht auch das Ueble ertragen? Oder wollen wir Trauriges verwerfen und nur Lustiges annehmen? Wenn dieß so ist, so beweisen wir uns dieses Oberhauptes unwürdig. Denn Alles, was er leidet, ist für unS. Wenn wir zu träge sind, an dem Werke unsers Heiles mit ihm zu arbeiten, wo werben wir denn sonst seine Beihelfer seyn? ES ist nichts Großes, wenn mit Christus fastet der Christ, der einst mit Christus am Tische seines himmlischen Vater sitzen soll. Nichts Großes ist eS, wenn daS Glied mit dem Haupte leidet, mit dem eS einst verherrlicht werben soll. Glücklich jenes Glied, daS dem Haupte anhängt in allen Stücken und dorthin ihm nachfolgt, wohin eS vorangeht. Wenn wir unö vom Erlaubten enthalten, wird unS das Unerlaubte, welches wir begangen haben, leichter verziehen. Das Gebet erlangt die Tugend des FastenS, und daS Fasten verdient die Gnade deS Gebetes. DaS Fasten stärkt daS Gebet, raS Gebet heiliget daS Fasten und stellt eö dem Herrn vor. Je wirksamer aber jenes ist, wenn eS geschieht, wie eS geschehen soll, desto hinterlistiger pflegt eS vom Gegner verhindert zu werden. 49. F e g f e u e r. Die Häretiker glauben nicht, daß ein Feuer der Reinigung nach dem Tode zu erwarten sey, sondern baß die Seele nach der Scheidung aus dem Leibe entweder zur Ruhe oder zur Verdammniß übergehe. Sie mögen 53. F e st. Drei Dinge müssen wir an den Festen der Heiligen genau beachten, die Hilfe deS Heiligen, sein Beispiel, unsere Beschämung. Seine Hilfe, weil Derjenige, der mächtig auf Erden war, im Himmel vor GotteS Angesicht noch mächtiger ist. Denn wenn er während seines ErdenlebcnS mit ven Sündern Mitleiden hatte und für sie betete, so wird er dieß jetzt um so mehr thun, je bester er unser Elend erkennt. Er bittet für unS den Vater, der in jenem himmlischen Vaterlande seine Liebe zu ihm nicht verändert, sondern vermehrt hat. Denn er ist deßwegen nicht gefühllos geworden, weil er leibenSunfähig ist: sondern er ist jetzt voll innigsten Mitleids, da er vor der Quelle der Barmherzigkeit steht. Wir müssen auch merken auf sein Beispiel, weil derselbe, während er auf Erden lebte, nicht recht- und links ablenkte, sondern den königlichen Weg einhielt. Schauen wir an die Demuth in seinen Werken, die Macht in seinen Worten, und dann werden wir sehen, wie er sowohl durch Wort als Beispiel unter den Menschen geleuchtet hat, welche Fußstapfen er unS hinterlassen, damit wir durch selbe und auf selben gehen. Aber mit noch aufmerksamerm Auge müssen wir betrachten unsere Beschämung, weil er ein Mensch war wie wir, den Versuchungen und Leiden unterworfen, aus dem nämlichen Lehm geschaffen wie wir. Warum glauben wir also, daß eS nicht nur schwer, fondern sogar unmöglich sey, seinen Fußstapfen zu folgen? So sollen wir also an den Festen der Heiligen unS freuen und unS selbst beschämen, freuen, weil wir Patrone vorausgeschickt haben, schämen, weil wir ihnen nicht nachfolgen. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlagö-Jnhaberr F. C. Kremer. Vierteljähriger Abou- nemcntsprcis im Bereiche von ganz Bayern nur 2V kr„ ohne irgend einen weiteren Post-Aufschlag. Auch von Nicht-Abon- nenten der Postzeitung werden Bestellungen angenommen. Sonntags -Peiblatt zur Augsburger Postzeitung. Auch durch den Buchhandel können diese Blätter bezogen werden. Der Preis beträgt, wie bei dem Bezug durch die Post, jährlich 1 st. 20 lr. Neunter Jahrgang. M 42. 21. Oktober 184S. Die Bäter de- siebenten Conciliums von Baltimore an die Herren Präsidenten und Directoren des Bureau'S des Nordens und Südens für Verbreitung des Glaubens. Baltimore, den 14. Mai 1849« Geehrte Herren! Die Vater deS siebenten Conciliums von Baltimore haben nun beschlossen, daß die Erkenntlichkeit der Kirche in den vereinigten Staaten für die zahlreichen Wohlthaten, welche sie durch Ihre edle Gesellschaft empfangen haben, durch einen feierlichen Act und durch den Mund eines unserer Brüder, der in der Nähe des heiligen Stuhles sich befindet, kundgegeben werde. Kaum find 3 Jahre verflossen seit der Vereinigung der Bischöfe dieser Provinz, die damals ihrer 23 waren, und nun fitzen wieder auf derselben Stelle 2 Erzbischöfe und 20 Bischöfe, und bedauern nur die Abwesenheit zweier anderer Prälaten, die durch die zu große Entfernung an der für den Katholicismus so segensreichen Vereinigung Theil zu nehmen gehindert waren. Die Zukunft der Kirche, welche anderswo sich überall mit einer geheimnißvollen Wolke zu umziehen scheint, die, wie vorher gesagt, Momente deS KampfeS, der Prüfungen und deS Sieges entfalten wird, diese Zukunft enthüllt sich unS mit Hoffnungen, Tröstungen und mit der Stärke einer noch jungen Kirche, die wie ein neuer Weinberg immer vergrößert, und die bald unter ihren Arbeitern 6 Erzbischöfe und 30 Bischöfe zählen wird. Außer dem weltlichen Klerus haben wir als Mitarbeiter noch neun religiöse Gesellschaften, köstliche Theile der streitenden Kirche, die nicht weniger die Hirten wie die Gläubigen erbauen, und deren Zweige sich von Tag zu Tag mehr ausbreiten. Auch unsere religiösen Gemeinden bieten einen erfreulichen Anblick dar. Spitäler, Aufenthaltsörter der Waisen, Armenschulen, Pensionate für die Wohlhabenden, Institute ohne Zahl blühen unter der Leitung Gott geweihter Jungfrauen auf, und nur ein Gedanke ist eS, der unS betrübt, nämlich nicht allen Kindern den Glauben und die Wohlthaten einer religiösen Erziehung angedeihen lassen zu können. Sie werden, meine Henen, leicht die Unermeßlichkeit unserer Bedürfnisse und die Größe unserer Verantwortlichkeit ermessen können, wenn Sie erfahren, daß die europäische und katholische Auswanderung dieses Jahr die Zahl von 250,000 Köpfen überstieg. Die Auswanderer find mit geringer Ausnahme meistens arm und aller Hilfe bar, sind durch HungerSnoth und Revolution nach Amerika getrieben worden, suchen hier eine Eristenz, die ihnen die alte Welt nicht mehr bieten konnte, und diese Armen bedürfen nun Kirchen, Geistliche, ihre Kinder brauchen Belehrung, geistiges und gar oft auch leibliches Brod. Bedenken Sie, meine Herren, daß durch die jährliche Zunahme der Katholiken wir auch jährlich für 300 Priester sorgen müssen, 300 Kirchen zu erbauen und 300 Schulen zu errichten haben. — Hier unsere Lage. Die am meisten begünstigt, und am festesten stehen, die genügen dem Geschrei und dem Bedürfnisse der Menge nicht, und diejenigen, welche erst im Entstehen sind, und welche nur eine schwache, zerstreute und arme Bevölkerung haben, haben noch eine zu wenig gesicherte Eristenz, und schmachten noch immer unter dem ' Druck der Armuth. ! Die Liebe zu Jesus Christus, meine Herren, drängt uns, Ihrem Schutz und Ihrem Eifer die Kirche, deren Hirten wir sind, anzuempfehlen. Welch wichtiger Theil im Weinberg des Herrn ist sie nicht! sie breitet sich! von den Ufern deS LorenzoftromeS bis zum stillen Ocean, von Canada^ bis nach Mexiko aus, sie theilt die Schicksale deS Volkes, wo sie bereits! tiefe Wurzel gefaßt hat, und bereits dient sie ihrer südlichen Schweflet zur Stütze, da die zahlreichen zwischen Amerika und China gelegenen Inseln i erst vor Kurzem unsere Missionen zu Hilfe gerufen haben. Eine andere Thatsache, die wohl Ihrer Weisheit und Ihrer Beachtung, werth ist, ist diese, daß wir nicht auf Sand bauen, sondern daß wir hier' daS Kreuz auf einem Felsen aufpflanzen, den nichts erschüttern kann, und mit jedem Schritte, mit dem wir weiter in den Wäldern vordringen, lassen wir einen unauslöschlichen Eindruck zurück. Wir würden, meine Herren, viel weitläufiger über diesen Gegenstand verhandeln, hätten wir nicht unseren Vorsprecher ohnehin beauftragt, Ihnen die Bedürfnisse zu erklären, Sie mit unserer Lage vertraut zu machen; und Ihnen die dankbaren Gefühle unseres Herzens auszudrücken, die am besten mit den Worten dcS>,.Apostels ausgedrückt werden können: „Wir haben eine große Freude in unsern Brüdern und einen großen Trost in ihrer Barmherzigkeit, denn sie haben die Liebe der Heiligen wieder ausleben und unter uns erstarken lassen." Empfangen Sie, meine Herren, mit unsern httzlichen Segnungen die Gefühle unserer tiefsten Ehrfurcht. Ihre ergebensten Diener und Brüder in Christo. Samuel, Erzbischof von Baltimore. Michl, Bischof von Mobile, Promotor. Johann Joseph, Bischof von Natchez, Promotor. Fr. L'Homme, Secretär deS Conciliums. An die Katholiken de- deutschen Reichs. Vorwort zum katholischen VereinSboten von Dr. Büß. Schon mit dem Ansang deS Aprils d. I. hatte ich die Herausgabe eines GesammtorganS für die sich mehrenden katholischen Vereine Deutschlands beschlossen und sofort begonnen. Ich habe in 4 Probenummern dieses Blattes, dem ich den Namen: Katholischer VereinS-Bote für daS deutsche Reich gegeben, „die Entstehung der katholischen Vereine, die Gründung deS katholischen VereinS Deutschlands, der erster» Aufgabe, Verbreitung und Entwickelung deS letztem Wirksamkeit, den Zweck des Blatts" dargestellt. DaS Blatt fand bei den Katholiken freundliche Aufnahme. Allein in der Zwischenzeit traten schon die Anzeichen der Stürme ein, welche sich bald in der deutschen Reichsversammlung, deren Mitglied ich war, erhoben, und sie, die Trägerin so schwerer Pflichten und so hoher Hoffnungen, ihrer thatsächlichen Selbstauslösung entgegen führten. Unter solchen Umständen durfte ich in der AuSstcht auf bevorstehende Störungen, auf meine unvermeidliche längere Abwesenheit auf Reisen u. A. nicht die Verantwortlichkeit und Herausgabe deS BlattS übernehmen. Ich beschloß, auf gelegenere Zeit zu warten: diese ist da, und noch größer daS Bedürfniß. Der katholischen Vereine sind immer mehr geworden; aber ihre innere Befestigung ist an mehreren Orten unvollkommen geblieben. Man redet in drängender Zeit zu viel und handelt zu wenig. In manche Vereine hat die politische Erschlaffung der Nation auch die Lähmung geworfen, in andere Vereine hat sich die politische Trennung der Bürger zersetzend hinein gezogen: anderSwo ließ man die Vereine aus angeblichem Mangel an Stoff der Verhandlung erschwachen. Hie und da hatten sich die Vereine auch eine zu schwerfällige Gliederung, zum Beispiel eine zu starke Besetzung deS Vorstands, gegeben. In einigen Vereinen find förmliche Spaltungen über Hauptfragen, zum Beispiel über die Betheiligung der Vereinc an der Politik, auSgebrochen. Auch in der Wirksamkeit deS deutschen GesammtvereinS vermißten Manche die praktisch fördernde Entwickelung. Störend wirkte auch an manchen Orten der Umstand, daß gerade die höhern Stände sich von dem Vereine fern hielten, und die allem Menschlichen anhaftende Unvollkommenheit, Eitelkeit, Aufsehen suchend oder verletzt, Beugung deS VereinS in den Dienst deS politischen Interesses eines Lands oder einer Provinz. Alles das kann den Kenner der Menschen und deS öffentlichen Lebens nicht überraschen. Ist doch das deutsche VereinSwesen erst in der Wiege. Sey man doch billig: die katholischen Vereine haben in der kurzen Zeit ihres Bestehens schon wirkliche bedeutende Erfolgs Zu keiner Zeit drängte eS mehr, eine mächtige katholische öffentliche erzielt: sie haben die Freiheit der Kirche und des Unterrichts in der deut- Meinung zu gründen. Die Freiheit der Kirche und des Unterrichts besteht schen Reichsversammlung mit erringen helfen. Ihre Pflicht ist eS aber erst in einer nicht anerkannten ReichSverfassung: ihre praktische Ausführung jetzt, diese Freiheiten zu benutzen. Die lebendige praktische Regsamkeit dieser Vereine in Deutschland wird noch dadurch zunehmen, daß sich in andern europäischen Staaten, steht noch auö. Die Katholiken, mäßig und bescheiden, wie immer, wollten im Sturm der Umwälzung die Regierungen nicht drängen: inzwischen erhebt das kirchenseindliche Beamtenthum wieder sein Haupt und verweigert und selbst in Nordamerika, ähnliche Vereine bilden; für die Gründung die Vollziehung der öffentlichen Zusagen, dieses großen katholischen Bundes habe ich in Frankreich, Belgien, in der. Die Staatsgewalt wird den gerechten Anforderungen unseres Hoch- Schweiz, in England und in den Vereinigten Staaten Nordamerika's nicht würdigsten Episkopats nur dann gereckt werden, wenn sie als Verbündete ohne Erfolg Schritte gethan. Auf diesem Weg bildet sich in diesen Ver-^ desselben eine starke unüberwindliche öffentliche Meinung ersieht, einen aller katholischen Völker das Organ einer katholischen öffentlichen! Und in Sachen deS Reichs entscheidet, wenn sie nur will, die große Meinung der Welt, welche den Katholiken bei jedem Bedrängniß in irgend i katholische Mehrheit: in ihrer Hand ruht das Geschick Deutschlands und einem Staat zu Hilfe kommen wird, wenn dort die Regierung oder eine ^ folgewcise das Geschick der Welt. Partei die Rechte der Katholiken zu schädigen droht, und deren Auöspruch! Aber diese Mehrheit muß man wecken mit allen Rufen, die in der keine Macht zu widerstehen die Stirne hat. Diese Milwcrbung der Katholiken anderer Nationen wird dann auch die Katholiken Deutschlands spornen, in praktischen Arbeiten der Gesittung Brust einer großen edlen Nation wiederhatten. Viele reiche Kräfte haben in der Zeit der langen süßen Knechtschaft geruht: trefft ihr aber die Sehne deS Gewissens, dann rauschen hervor Mächte, die zu allen Zeiten die Größe mit den katholischen Vereinen anderer Völker um die Palme deö Sieges unserer Nation geschaffen und die auf der Unterlage mächtigerer materieller zu ringen. ! Mittel eine noch größere Zukunft zu schaffen fähig und bereit sind. Um aber so hohe und doch so einfache Ziele zu erreichen, bedarf eS der Sammlung der Katholiken in Deutschland, jetzt, wo vor dem Geiste Vieler, der Meisten, die Einheit des deutschen Reichs wieder einzusinken droht. Die Meisten verzweifeln schon an diesem einen deutschen Reich: ich nickt. Käme aber auch daS Reich deutscher Nation nicht, so wäre das in den katholischen Vereinen zu erbauende geistige Reich der Nation einstweilen ein Trost und ein fortlebender Aufruf zum Aufbau auch deS politischen ReichS: kommt aber dieses letztere, so wird eS nur gedeihen unter der Sonne deS religiösen GcistcrrcichS. Diesem Wiederaufbau der deutschen Nation in Kirche und Reich soll jeder Deutsche dienen, will auch ich in diesem Blatte dienen. In dieser Gesinnung und Hoffnung biete ich daS Blatt den Katholiken der ganzen deutschen Nation. ES soll enthalten: 1) Die Besprechung der Aufgaben der katholischen Vereine Deutschlands, sowohl der bleibenden, als der nach den Wendungen der Zeit wechselnden, der allgemeinen und der örtlichen; 2) Kunde von den Leistungen deS GesammtvereinS und der einzelnen Landes- und Ortövereinc; 3) Nachrichten über die Verbreitung der katholischen Vereine; 4) Mittheilungen über die Leistungen der katholischen Vereine in andern europäischen Staaten; 5) Anträge auf Aenderungen der Satzungen und ihre Begründung; 6) Warnungen über unzulässige Strebungcn katholischer Vereine; 7) Aufrufe zu öffentlichen Kundgebungen der Vereine; 8) Aufforderungen zur Uebung christlicher Mildthätigkeit für leidende Glaubenöbrüder. Auf diesem Weg gewinnen die Vereine einen der Regsamkeit und Jähhcit deS gegenwärtigen öffentlichen Lebens in Raschheit entsprechendes Band und Wechselleben. Für den amtlichen Verkehr ist schon gesorgt. Allein eben so wichtig als der amtliche Verkehr ist, weil vielfältiger und rascher, der außeramtliche. ES muß ein wahres Vereinöleben in rascher Mittheilung, gegenseitiger Belehrung, in ermuthigender Ansprache und selbst in wohlmeinender Warnung verlaufen. Die Ereignisse überraschen; nicht überall wartet die Gelegenheit zur Einsicht in den sich auf den Weg werfenden Fall: eine Aufhellung aus vcrlässiger Quelle thut Noth. Der VcrcinSbotc vermißt sich keineswegs, für die Vereine vorzugsweise leitend zu werden; sondern er tritt neben die schon bestehenden Vereinsblätter, zufrieden mit der Stellung, welche ihm daS Vertrauen der Katholiken einräumen wird. So soll daS Blatt der Träger eines großen katholischen Bunds im deutschen Reich seyn, für die Stärkung gemeinsamer Gesinnung, Hingebung, Treue und Liebe. Wir Katholiken wollen die Freiheit mit aufrichtigem Herzen, treuem Muthe; aber wir können sie ohne sittliche Grundlage nicht begreifen, wir wollen sie im Geist unserer Nation, treu den schönsten Tagen ihrer Ge schichte, ' ' . , Größe der Nation, in gegenseitiger Aufopferung für daS große gemeinsame Also nur Muth, und noch einmal Muth und wieder Muth! Frankfurt, 20. September 1849. Dr. Büß. Die -ritte Generalversammlung -er katholischen Vereine in RegenSburg. II. RegenSburg, 2. Oct. DaS feierliche Geläute der alten, herrlich in gothischem Style erbauten, aber leider nicht vollendeten Domkirche rief heute früh um 8 Uhr die Mitglieder deS katholischen VereineS Deutschlands zum Gottesdienste. Die Abgeordneten versammelten sich durch die bereits von Tausenden gefüllte Kirche auf ihren Ehrenplätzen im Chöre, und daS Hochamt, welchem der Hochwürdigste Bischof von RegenSburg mit seinem ganzen Domcapitel beiwohnte und bei welchem durch einen unsichtbaren, gleichsam überirdischen Sängerchor in wahrhaft künstlerischer Vollendung eine großartige musikalische Messe aufgeführt wurde, konnte nicht anders, als den tiefsten Eindruck auf alle Anwesenden machen und die katholischen Männer von nahe und fern zu dem wichtigen Werke, daS sie nun zu beginnen im Begriffe standen, weihen und im höchsten Grade begeistern. Aus dem Dome bewegte sich daraus der Zug der Abgeordneten in die festlich geschmückten schon überfüllten Räume der nahen St. Ulrichskirche zur ersten allgemeinen Versammlung. Nachdem der Präsident deS RegenSburger CentralvereineS in kurzer aber herzlicher Anrede die Abgeordneten begrüßt hatte, erklärte er die Versammlung für eröffnet. Zuerst bestieg der hiesige Pfarrer Eberhard, früher Hofprediger in München, die Rednerbühne und setzte in klarer, überzeugungSkräftiger Rede auseinander, wie eS ohne Freiheit der Kirche keine Freiheit deS Volkes gebe. Nach demselben erstattete Licentiat Dr. Wick, Präsident deS seitherigen Vorortes Breslau, Bericht über die Thätigkeit deS Vorortes und warnte die Vereine vor zwei gefährlichen Klippen, nämlich vor ungeeigneter Betheiligung an politischen TageSfragen und vor Mißkennung der Stellung der Vereine dem Episkopate gegenüber, mit dem Bemerken, daß die VereinSmitglieder in letzterer Beziehung als treue und folgsame Söhne der Bischöfe auf kirchlichem Gebiete nur daS und nur so viel zu thun berechtiget seyen, als die Nachfolger der Apostel, welche der heilige Geist gesetzt habe die Kirche Gottes zu regieren, ihnen anzeigten und überließen. — Herr Syndikus Schell aus Fulda vermeldete Grüße von dem Vereine in der ehrwürdigen Bonifacius-Stadt und von dem Wächter deS Grabes deS Apostels der Deutschen, dem Hochwürdigsten Bischöfe Christoph LaurentiuS Kött, und empfahl auf daS Wärmste und Dringendste, wenn die beabsichtigte katholische Universität Deutschlands inS Leben gerufen werde, möge vor allen anderen Städten Fulva, als woselbst bis zum Jahre 174 l eine Dom großartige katholische Lehranstalt bestanden, für diesen neuen Dom der in weiter Aussieht auf die Siege dieser Freiheit in der sittlichen! Wissenschaften der geeignetste Ort seyn. " ' ' ... , .. LegationSrath Dr. Lieber, der rühmlichst bekannte praktische Jurist, Vaterland. Erwähnte, nachdem er seines ehrenvollen Auftrages sich entledigt, herzliche Ich ersuche daher alle festen katholischen Männer um Mitarbeit, die, Grüße zu überbringen von dem Centralvereine in Hadamar und ganz katholischen Vereine um Mittheilung der über ihr Wirken berichtenden! besonders von dem Hochwürdigsten Bischof in Limburg, die hohen Verdienste, Blätter. Den Redactionen der DereinSblätter der einzelnen Vereine biete! welche im Jahre 1837 in dem ersten großen Kampfe für die kirchliche ich für diese den VereinSboten zum Tausch; die neu entstehenden Vereine! Freiheit, deren Verfechter der selige Erzbischof Clemens August von Köln ersuche ich um rasche Nachricht über ihre Bildung und Satzungen, alle gewesen, Bayern und daS ganze katholische Deutschland sich erworben habe. katholischen Seelen im weiten deutschen Vaterland um sittliche Unterstützung.! Sodann erwähnte er in treffender Weise, aber mit edler Sprache und 167 tiefer Gemüthlichkeit, welche Unwissenheit und Verwirrung in Sachen des Glaubens bei der sogenannten höheren Schichte der Gesellschaft herrsche, bei jener Schichte, welche auS dem Brockhaus'schen Conversationslerikon, als aus ihrem Evangelium, alle Weisheit schöpft, die keine anderen theologischen und politischen Vorlesungen hört, als die, welche jeder Commis voyageur an den TablcS d'Hote der großen Gasthöfe hält. Sodann erinnerte er, daß die katholischen Vereine, weil doch die Welt, wie sie nun einmal sey, gegenwärtig noch einen unauslöschlichen Haß wider die geistlichen Corporationen hege, in der Hand Gottes das Mittel zu seyn schienen zur Regeneration der tief zerrissenen und in religiöser und sittlicher Beziehung verkommenen Welt. Darum müßten aber auch die Mitglieder dieser Vereine die drei OrdenSgelübde in einem gewissen Sinne zu den ihrigen machen; sie müßten arm seyn im Geiste, um reich zu werden zur Linderung der Noth der Armen, keusch, nüchtern und gerecht, um nachzukommen der Forderung deS Heilandes: „Seyd vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist," gehorsam gegen die Gebote GotteS, gegen die Gesetze der Kirche und gegen die Anordnungen und Befehle der von Gott gesetzten geistlichen Oberhirten. Nach ihm entwickelte Dr. Merz auS München die seitherige Thätigkeit deS dortigen Vereines für constitutionelle Monarchie und religiöse Freiheit, und suchte daran nachzuweisen, wie die Mitglieder dieses VereinS mit denen der katholischen oder PiuSvereine im Wesentlichen dieselben Zwecke verfolgen. — Herr Domvicar Hällmaier schilderte nach ihm die den Lesern Ihres Blattes wohlbekannten Leiden und Verfolgungen der katholischen Geistlichkeit in der bayerischen Rheinpfalz während der Tage deS dortigen verderblichen AufstandeS, indessen nach ihm der Lyceal-Profefsor Dr. Reischl aus Amberg in ächt gemüthlicher Weise erzählte, wie die dortigen Bergleute ihn zur Stiftung eines PiuSvereineS genöthigt und welche auffallende Anträge an die allgemeine Versammlung sie ihm mitgegeben haben: Er sollte nämlich bei derselben beantragen und kräftig unterstützen die Gründung einer katholischen Universität Deutschlands und das Zustandekommen eines großen katholischen TagblatteS. — Graf Joseph von Stolberg wieß in der einfachsten, aber eben deßhalb ergreifendsten Weise die Macht deS katholischen Glaubens an drei Ereignissen auS der jüngsten Zeit nach, die Sie aber Ihren Lesern am besten aus den in wenigen Tagen erscheinenden vollständigen Verhandlungen mittheilen werden. Zum Schlüsse, gegen halb 10 Uhr Abends, berichtete der Subregenö aus Rottenburg, Kollmann, über die noch gar unerfreulichen kirchlichen Zustände seines engeren Vaterlandes, als woselbst auch durch die Einführung der Grundrechte sich fast noch nicht das Kleinste gebessert habe. Doch hofft er von der Thätigkeit der Vereine, von der Unterstützung durch daS Gebet aller katholichen Herzen und von der Unerschütterlichkeit seines Hochwürdigsten Bischofs eine schönere Zukunft. * » « IN. Regensburg, 4. Oct. Am gestrigen Nachmittage constituirte sich die Versammlung und wählte auf Vorschlag des Herrn LegationSrathes Dr. Lieber von Camberg unter großem Jubel den Grafen Joseph von Stolberg zu ihrem Vorsitzenden. Der Vorschlag deS Herrn v. Brentano aus Augsburg, den k. k. Landrath Franz Ritter von Hart mann auS Linz zum Vicepräsidenten auszurufen, wurde mit gleichem ungetheilten Beifalle aufgenommen. Nachdem hierauf das Bureau, bestehend auS den Herren Prediger Bram auS RegenSburg, Caplan von Pflüg! auS Linz, Seminarinspcctor Poitsch aus Regensburg, Professor Dr. Riffel aus Mainz, Professor Dr. Ritter und Domprediger Ziegler, beide auS RegenSburg, gebildet und die Ernennung der vier Ausschüsse vollzogen war (den ersten Ausschuß, unter dem Vorsitze deS UniverfitätS-SerretärS Nadbyl aus Breslau, bildeten die Herren Dr. Ernst, Seminar-RegenS aus Eichstätt, Professor Horch! er aus RegenSburg, der Redacteur der ckath. Blätter aus Tirol, Kometer, Dr. Schwarz auS Böhmerkirchen rind PräceptoratSverweser Sträub auS Schwäbisch-Gmünd; den zweiten Ausschuß, unter dem Präsidium des Herrn LegationSrathes Lieber, die Herren Caplan Gräber aus Innsbruck, SubregenS Kollmann aus Rottenburg, Professor MicheliS, Abgeordneter für Münster, Syndtcus Schell auS Fulda und Seminarinspector Sterr; den dritten Ausschuß, ainter Leitung deS Herrn Licentiaten Wick auS BreSlau, die Herren Fabrikbesitzer v. Brentano aus Augsburg, Domvicar Hällmayer auö Speyer, Buchhändler Pustet, Vorsitzender deS RegenSburger PiuSvereineS, Obercaplan Ruland auS Berlin und Caplan Sirowy auS Steyr; den vierten Ausschuß, welchem Herr CanonicuS und Professor Dr. Baltzer aus BrcSlau prästdirte, die Herren Dr. Hanauer auS RegenSburg, Seminar-Jnspector Dr. Löhner aus Metten, Dr. Paulhuber auö Jngolstadt und geistlicher Rath Dr. Zehrt auS Heiligenstadt) berichtete Dr. Wick, daß zur Lösung der in Breslau gestellten Preisfragen drei Schristchen eingegangen seyen, eins über die Schulfrage und zwei über daS VereinSwesen und beantragte die Ernennung einer Commission, welche dieselben, mit Rücksicht auf daS Gutachten deS BreSlaucr Ausschusses, noch einmal prüfen sollte. Leider lautete am Schlüsse der Versammlung (Vormittags den 5. Oktober) der Bericht und Antrag der Commission dahin, daß diesen Schriften der Preis nicht zuerkannt werden könne, den Verfassern aber der Dank der Versammlung auSzusprechcn sey, mit dem Wunsche, sie möchten dieselben unter ihrem Namen dem Drucke übergeben. Die Frage, ob die Abgeordneten der Vereine für constitutionelle Monarchie und religiöse Freiheit in Bayern den Versammlungen anwohnen und mitberathen könnten, wurde, nach längeren höchst interessanten Debatten, worin auf das Klarste ausgesprochen wurde, daß der Verein als solcher an politischen Fragen sich nicht bethciligen dürfe, vielmehr streng an den deßfallsigcn Beschlüssen festzuhalten sey, zur größten Freude aller Anwesenden mit „Ja" entschieden, wie denn auch später, auf Antrag des Herrn LegationSrathes Lieber, die ganze Versammlung sich erhob, um jenen Vereinen ihre dankende Anerkennung auSzusprechen für ihre seitherigen Bemühungen zur Erreichung jener Zwecke, welche die katholischen (PiuS-) Vereine als die ausschließlichen ihrer Bestrebungen sich vorgesteckt haben. Die Formalien bieten für die Leser Ihres Blattes wenig Anziehendes; daher bemerke ich darüber nur kurz, das die Anträge auf Permanenz oder im Ablehnungsfälle auf dreijährige Dauer deö Vorortes, auf Bildung eines Direktoriums, daS in vorkommenden Fällen zwischen dem Vororte und den Centralvereinen zu entscheiden hätte, so wie der weitere Antrag, daß der Präsident des Vorortes auch der nächsten allgemeinen Versammlung Vorsitzen sollte, abgewiesen, dagegen aber angenommen wurde, eS sollten in Zukunft die jährlichen allgemeinen Congresse wenn möglich im Monate September abgehalten, und die Legitimationen der Abgeordneten schon in der Lorvcrsammlung geprüft werden. Weitere Anträge lagen nicht vor, weßhalb zu denen des zweiten Ausschusses übergegangen wurde, welche zusammengenommen auf die Schulen, auf die Gründung einer katholischen Universität, auf die Missionen, auf Beförderung der guten und auf Unschädlichmachung der schlechten Presse und aus die Unterstützung der christlichen Kunst sich bezogen. Was für die Schulen zu thun sey, um die vorhandenen christlichen zu erhalten und die unchristlichen zu verdrängen oder durch in besserem Geiste zu gründende unschädlich zu machen, darüber waren auf der zweiten Generalversammlung in Breslau so umfassende und gründliche Verhandlungen gepflogen worden, daß eS genügte, auf dieselben hinzuweisen und die einzelnen Vereine zur Ausführung der gefaßten Beschlüsse dringend aufzufordern. Auch wurde in richtiger Anerkennung, daß der katholische Verein dem hochwürdigen Episkopate Deutschlands in Angelegenheit der Freiheit der Kirche und deS Unterrichtes nachzufolgen, nicht aber mit Rathschlägen vor- und an die Hand zu gehen habe, ein Antrag auf positive Bemühung deS VereineS zur Einführung der Schulbrüdcr und Schulschwestern zurückgewiesen, jedoch mit der bestimmtesten Erklärung, daß der Verein, sobald der Episkopat in dieser Beziehung über ein solches Bedürfniß sich ausgesprochen, alle Kräfte einsetzen werde zur Gründung solcher, unter Umständen höchst nützlicher und heilsamer Institute. Derselbe Gesichtspunct leitete die Abgeordneten bei der Verhandlung über die wiederholt in Antrag gebrachte Gründung einer katholischen Universität. Die Erhabenheit dieser Idee, so wie die Nothwendigkeit, sie von Zeit zu Zeit durch entsprechende Vorträge in den Versammlungen anzuregen und lebendig zu machen, anerkennend, waren doch Alle der Ansicht, daß von einer positiveren Thätigkeit zur Realisirung dieses Zweckes nicht die Rede seyn könne, ehe und bevor die Hochwürdigstcn Bischöfe Deutschlands darüber sich ausgesprochen und znr Bethätigung aufgefordert hätten. Als einen der wichtigsten und segensreichsten Beschlüsse erachte ich den über daS MissionSwesen gefaßten und unverzüglich, so viel an der Versammlung lag, im Leben ausgeführten. In Anerkennung deS höchst traurigen LooseS vieler tausend Katholiken, die in protestantischen Ländern, Provinzen, Städten und Dörfern zerstreut leben und oft Monate unt Jahre lang deS Trostes der Religion entbehren müssen, wurde der Antrag auf Gründung eines eigenen deutschen MissionSvereineS, unbeschadet des bestehenden allgemeinen, unter dem Namen: „BonifaciuS-Verein" mil unbeschreiblichem Jubel aufgenommen; alsbald fanden nicht unbedeutende Einzeichnungen momentaner und jährlicher Beiträge statt, Graf Joseph v. Stolberg erklärte sich bereit, auf den allgemeinen Wunsch der Versammlung, die Leitung dieser hochwichtigen Angelegenheit zu übernehmen, und so dürfen wir mit Zuversicht erwarten, daß der junge Verein, der alsbald nach dem Beschlusse eine That geworden ist, schon in der allernächsten Zeit die reichlichsten Früchte bringen werde. 168 De- Glauben- Bode». Erzählung aus den Papieren eines Seelsorgers. II. Der arme Kranke hatte seinen Leidensweg vollendet, und die Wittwe suchte ihr Hauswesen fortzuführen, so gut eS gehen wollte. Wenn Sorgen sie drückten, wenn Kinder übellaunig waren, wenn eS bald an Holz, bald an Mehl oder sonst etwas mangelte, hielt sie tapfer an ihr Trostwort: Zeit und Weile sind ungleich, aber Gott der Herr ist immer derselbe. Ihr Wohlthäter, der Arzt, vergaß ihrer nicht, er sendete ihr mancherlei Hausbedarf, und waS ihr noch lieber war, er gab ihr Arbeit; was ihr Awch, wie sie versicherte, daS liebste gewesen wäre, daS wollte sich nicht fügen. Sie wagte nicht mehr, meiner Person zu erwähnen, und noch weniger schien eS ihr rathsam, ihrem Bekehrungseifer freien Lauf zu lassen. „Dagegen beten wir für ihn jeden Abend und Morgen; und eS sollte mich Wunder nehmen, wenn daö Gebet meiner Kinder nicht erhört würde. Neulich vor Tagesanbruch wacht meine Große, die Marianka auf, sieht mich bei der Lampe sitzen und nähen. Mutter, sagte sie: Abends, während wir einschlafen, sitzest du da bis in die späte Nacht, und in aller Frühe fitzest du noch immer, und arbeitest für uns, und schläfst gar nie, und wir dummen Kinder können nicht wach bleiben und dir helfen. Und husch war sie wieder eingeschlafen. Nun, wer sollte eS ihnen nicht gönnen?" So vergingen Wochen und Monate, ohne daß, wenigstens in diesem Kreise, Zeit und Weile sonderlich ungleich wurden. Allein Ludmilla'S Wahlspruch mußte endlich doch wieder daö Feld behaupten. AIS sie des Morgens mit ihrem Einkaufskorbe ausging; erblickte sie eine dürftig, doch reinlich gekleidete, bleiche Fremde, die, ein junges Mädchen an der Hand führend, mit schwankendem Schritte ihr entgegen kam, unv die Lippen bewegte, ohne zu reden. Wo fehltS? fragte Ludmilla. — Ach, eigentlich an allem. Ich wollte mir eben ein Herz nehmen, und Sie anreden, ob Sie mir keine Wohnung wissen. Die bisherige wurde mir aufgekündigt; mein kleiner Koffer ist noch in fremden Händen. Ich habe durch Weißnähen mir fortzuhelfen gesucht, aber ein längeres Kranksehn brachte mich um Arbeit und Verdienst. Ich war einst etwas besseres gewohnt. — DaS merkt man wohl, erwiderte Ludmilla; aber Zeit und Weile find ungleich. Dabei ließ sie eS jedoch nicht bewenden; denn eS war ihre Sache nicht, sich lange zu besinnen. Bald nachher klopfte sie an meine Thüre. — Schon wieder etwas angerichtet, Herr Jvo. — WaS denn, Frau Ludmilla? — Ich habe an die Frage gedacht: „Wer ist denn mein Nächster?" Nun wer denn? Der erste lüfte, der mir auf den Fuß tritt? Nein, den mir der liebe Gott recommandirt und quer in den Weg schickt. Da ist denn eine feine, zarte, blaffe Frau bei mir im Hause, der ich nichts böseS nachsagen kann, weil Niemand sie kennt, und mit ihr ein schmuckes, gar junges Mägdlein, blond und goldhaarig wie ein Engel; denn die werden alle so gemalt, wiewohl es auch brünette geben kann, wer weiß daS? Meine Kinder sind brünett, und eben nicht die schlimmsten. Aber damit ich auch wieder zur Sache komme: da habe ich die Geschichte auf dem Halse. Ist mein Quartier so groß oder habe ich eS umsonst? Der heilige Erzengel Michael wird eS wissen, und der heilige Georg, denen man die Ehre angethan hat, sie dem Termin vorzusetzen. Nun, da müssen Sie auch ein wenig rathen und mithelfen, bester Herr Jvo. Ich überzeugte mich bald, daß die Wackere wohl gethan, da sie dem Zug ihres Herzens folgte; und als ich bei mir die vielgcquälten gutwilligen Leute musterte, bei deren Thüre ich zu Gunsten der Fremden und ihres auszulösenden KofferS anklopfen könnte, fiel mir der Arzt, oder wie ich ihn lieber nannte, Blahomir ein. Gerathener schien eS zwar, Ludmilla hingehen zu lassen; allein ich wollte diesen Anlaß zu einem letzten Versuche der Annäherung benützen. Ich setzte ihn von meiner Bitte schriftlich in Kenntniß; am nächsten Morgen trat ich in sein Vorzimmer, und ließ mich melden. Der Diener kam sehr bald zurück, brachte mir unter Siegel eine nicht geringe milde Gabe für die Hilfsbedürftige; im Uebrigen richtete er mir auS: sein Herr sey seit einigen Tagen unwohl, und könne Niemanden vorlassen. Von einem höflichen Leidwesen oder Bedauern war nicht die Rede. Dieser Trost war mir also genommen. Aber auch die arme Ludmilla sollte eines Trostes entbehren, und in der Schule der CharitaS eine Stufe weiter gehen; sie mußte auf die Befriedigung ihrer Neugierde verzichten. Johanna, so hieß die Fremde, war mit ihrer engen Dachkammer sehr zufrieden, zeigte sich stets gelassen, sanftmüthig und freundlich, sie nahm sich der Kinder an, denen sie allerhand schöne Kenntnisse und Fertigkeiten beibrachte, und die Kinder hatten an ihr und der neuen Gespielinn, die sich Marietta nannte, eine herzliche Freude. Doch über ihre LebenSgesckicke verlor sie kein Wort. Inzwischen nahm Ludmilla ihre Fantasie zu Hilfe, und da fand sie es bald heraus. Betrachtet ihre feinen Hände, Kinder, und ihre schönen Manieren. Jedenfalls ist die stille Frau so etwas, waS die Leute eine Aristokratin nennen, und mindestens eine Gräfin. Vielleicht haben die Sensen- und Dreschflegelmänner ihr Schloß angezündet, und sie vertrieben; jedoch wenn's gut geht, denn Zeit und Weil sind ungleich, wird daS prächtige Schloß wieder neu aufgebaut; dann, Kinder merkt eS euch, werdet ihr alle hinein ziehen, und ganz neue schöne Zeiten erleben! Aber um deßwillen sollt ihr euch nicht freundlich erweisen; daS wäre schmutzig, pfui doch! sondern thut ihr alles zu Liebe, rein weil es Gott so will. Habt ihr deßwegen weniger zu essen, seit das Kind mit dem aparten Namen euch die Kartoffeln schälen hilft? Aber Marietta, oder Marianka, daS geht am Ende auf eines hinaus. Doch außerdem, daß Ludmilla auf die vielen Anfragen der Nachbarinnen, Arbeitgeberinnen und Gehilfinnen keine Auskunft zu geben wußte, hatte sie noch ein anderes Leid. Ihre neue HauSgenossin wollte sich auf Unterredungen religiöser Art nicht einlassen. An der Frömmigkeit ihres Wandels wußte selbst Ludmilla, die in solchen Dingen etwas streng urtheilte, nichts auszusetzen; wohl aber an ihrer Schweigsamkeit und Zurückhaltung. Sie suchte sich dieß auS den gelegentlichen Aussagen der Marietta zu erklären, die sich erinnern konnte, daß sie mit ihrer Mutter durch vieler Herren Länder gereist, und in schönen Kutschen herumgefahren, wobei dann Ludmilla bemerkte, daß dergleichen bei einer Gräfin Kind oder Comtesse etwas Gewöhnliches sey. Um so mehr freute sie sich, als sie sah, daß der Kleinen die Kartoffeln trefflich schmeckten. Aber während Marietta zur rosigen Fülle der Gesundheit erblühte, erkrankte ihre Namensschwester Marianka. Ludmilla hatte ihre besten Hausmittel schon erschöpft, und war bekümmert, da begegnete sie dem Arzte, der sehr angegriffen aussah. Er ließ halten, rief sie heran, und als er ihre Sorge vernahm, nöthigte er sie, trotz alles Deprecirenö, gleich mit ihm nach ihrer Wohnung zu fahren. Er fand die Kranke schon im Umschwung zur Genesung, verordnete das Nöthige, und wollte eben wieder fort, als ein liebliches Kind an der halbgeöffneten Thüre erschien, und schüchtern sich entfernen wollte. Bleib' da, Marietta, riefen die Andern ihr zu. Marietta? fragte der Arzt: wer heißt so? — Pun die Kleine dort! Er war sehr bleich geworden; mit Mühe warf er sich auf einen Sessel, verhüllte sein Angesicht, und konnte doch seine Thränen nicht verbergen. — Wem gehört daS Kind? fragte er wieder. Einer armen Wittwe, erwiderte Ludmilla, die bei mir in der obern Kammer wohnt. Der Arzt ließ ihr die Muße nicht, ihren Bericht weiter auSzuspinnen, er eilte fort mit dem Versprechen, wieder zu kommen. Noch an demselben Abend erhielt ich ein Schreiben von ihm, worin er mich sehr dringend einlud, ihn sobald als möglich mit einem Besuche zu beehren. Ich staunte, ich traute meinen Augen nicht; eS war aber doch so; sein Diener, den ich schon gesehen, legte den Brief in meine Hände, und die Unterschrift lautete ganz leserlich: Ihr alter Freund Blahomir. (Fortsetzung folgt.) Augsburg. Augsburg, 14. Oct. Im Jesuitensaale hat unser Hundertpfund sein neuestes für eine Kirche bestelltes Altarbild (für eine deutsche Kirche auf Goldgrund gemalt) auf einige Tage freundlich ausgestellt. Christus, der Gekreuzigte, ist der Gegenstand. Zu seiner Rechten Maria, zur Linken Johannes. Der Kampf ist auSgestritten, die Züge des Todten gehen vom Schmerze zur Ruhe über, ein meisterhafter Ausdruck! Die Mutter deS Herrn blickt nach dem Herzen des SohneS mit jener Ergebung, die anbetet und abermals sagt: ich bin des Herrn Magd u. s. w. Wie rein, würdevoll und alles Sinnlichen bar find die Züge der Gottesmutter! Dagegen zittern im Auge des Johannes, daS sichtbar schwimmt, große Zähren. Dieses Auge blickt in das erloschene Auge des geliebten Herrn. Der sanfte Jüngling hat nicht den Schmerz völliger Ergebung; denn er steht nicht im ErlösungSwerke, wie Maria. Er deutet in stummem Schmerze mit beiden Händen auf den Todten am Kreuze. Diese Ideen springen auf den ersten Anblick Jedem inS Auge. So viele Beschauer auch daS edle Kunstwerk herbeizog — es brachte alle zur schweigenden, gewiß viele zur andächtigen Betrachtung. DaS halte ich für das schönste und lohnendste Urtheil, neben dem, daß, wenn man endlich sprechen hörte, der Eine der Darstellung deS ErlöserS, der Andere der der göttlichen Mutter, und ein Dritter der des Johannes denLorzug gab und wieder ein Vierter gar nicht zu entscheiden wagte, weil er mit sich nicht einig werden konnte. Daö aber mußte man bemerken, daß die Ausführung Hundertpfunds eine immer reinere wird. WaS sich aber am wohlthuendsten und erhebendsten auS Hundertpfunds religiösen Bildern herausfühlen läßt, ist der unläugbare Umstand, daß ihm so viel gegeben ist, weil er sich so innig in daS Heilige hineinlebt; daß er selber darin aufgeht und ihm so daS Herrlichste erst zugeht. DaS ist ein deutscher Maler, der betend malt und malend betet. (N. Sion.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Vierteljähriger Abonnementspreis im Bereiche von ganz Bayern nur SO kr., ohne irgend einen weiteren Post-Aufschlag. Auch von Nicht-Abonnenten der Postzeitung werden Bestellungen angenommen. Sonntags - Werbt att zur Augsburger Postzeitung. Auch durch den Buch- baudel können diese Blätter bezogen wer« den. Der Preis beträgt, wie bei dem Bezug durch die Post, jährlich 1 st. 2» kr. Neunter Jahrgang. M 43. S8. Octobcr L84N Gruß und Dankschreiben *) der im siebenten Provincial-Concilium zu Baltimore in den vereinigten Staaten von Nordamerika versammelten Erzbischöfe, Bischöfe und Väter an Se. Ercellenz den Hochwürdigsten, Hochgebornen Herrn Fürsterzbischof in Wien, Präsidenten deS Leopoldinen-StiftungS-VereineS, so wie an die übrigen Mitleiter und Theilnehmer desselben in den k. k. österreichischen Erbstaaten. (Aus dem Lateinischen.) Eure Ercellenz! Die wohlthätigen und frommen Gaben, welche seit mehreren Jahren durch die Großmuth deS Leopoldinen-StiftungS-VereineS unter der weisen Leitung Euerer Ercellenz und der übrigen edelmüthigen Theilnehmer unS zum Anbaue und zur Befruchtung des neuen Weinberges deS Herrn in den nordamerikanischen Freistaaten zuflössen, — haben bereits große Hilfe und wesentliche Unterstützung unseren aufblühenden Kirchen gebracht, unH nicht wenig zu unserer Beruhigung und demjenigen Troste beigetragen, welchen wir jetzt und schon seit längerer Zeit zur großen Ehre GottcS und zum Heile der unserer oberhirtlichen Sorgfalt anvertrauten Seelen in, reichlichem Maaße schöpfen. Als in dem verflossenen Jahre nach dem unerforschlichen Rathschlufft Gottes die politischen Zeitereignisse beinahe alle Theile deS christlichen Erdbodens erschütterten und nicht minder auch daS Kaiftrthum Oesterreich betrafen, — befiel unS darum eine nicht geringe Furcht, daß sie auch auf die Verwaltung deS frommen Institutes Einfluß nehmen und dessen ergiebige Hilfsquellen zum großen Nachtheil unserer Missionen versiegen machen könnten. Wir versäumten daher nicht, im lebendigen Andenken an die vielen und so großen unS von daher schon zu Theil gewordenen Wohlthaten, den allmächtigen und barmherzigen Gott demüthigst und inständigst zu bitten, er möge jene wildtobenden Stürme besänftigen und dem allbewcgten Europa den so sehnlichst gewünschten Frieden mit allen seinen himmlischen Früchten verleihen, damit die christlichen Völker Deutschlands so wie an- derer Staaten wieder ein ruhiges Leben zu führen und dem Herrn unge- kümmert und unangefochten zu dienen im Stande wären. Wir hegen das Vertrauen, daß diese unsere Bitten nicht ganz ohne Erhörung blieben; denn obgleich die gewaltsamen und heftigen Staatcn- Zerwürfnisse noch nicht ganz beigelegt sind, hat doch zu unserem großen Troste und Aller Verwunderung die so preiSwürdige Leopoldincn-Gesellschaft zu wirken nicht aufgehört, und nach einem kurzen Zwischeuraum abermals ihee wohlthätigen Spenden fortzusetzen begonnen. ES ist fürwahr ein schö neS Zeichen und daS sicherste Unterpfand einer wahrhaft christlichen Liebe, so wie eines brennenden Eifers für die größere Ehre GotteS, daß unsere Brüder unter so vielfachen Bedrängnissen Unser und unserer Missionäre nicht vergaßen. Wir können daher nicht umhin, ihnen auch, als unseren Wohlthätern, den Tribut der hohen Achtung und innigen Verehrung zu zollen, sie mit den zartesten Banden der brüderlichen Liebe zu umfassen, ihre erduldeten widrigen Schicksale und Leiden als unsere eigenen zu beklagen, und ohne Aufhören die göttliche Barmherzigkeit um jedwede nöthige Hilfe für sie anzurufen. Zugleich sprechen wir zu unserer beiderseitigen Beruhigung die freudige Versicherung auS, daß unser heiligster Glaube in diesen Ländern immer mehr und mehr verbreitet und die wahre Kirche GottcS von Jahr zu Jahr befestiget werde. *) Eingelangt an Sc. Ercellenz den Hochwürdigsten, Hochgebornen Herrn Fürsterz- bischof Viycenz Eduard Milde in Wien, am 1. Juli 181S, durch den Hochwürdigsten Herrn Bischof Dr. Michael Portier von Mobile, welcher nach Beendigung des Concils behufs der Sanctionirung der daselbst gefaßten Beschlüsse und kirchlichen Anordnungen § nach Europa an den heiligen Stuhl gesandt worden war. Wir Alle, die wir unS zur Abhaltung dieses Conciliums versammelten, müssen einstimmig bezeugen, daß die göttliche Gnade schon große Dinge in den verschiedenen Provinzen unserer Freistaaten gewirket hat; allein, obgleich schon Vieles geschehen ist, so ist doch nicht zu längneii, daß noch MehrereS und noch so Manches zu vollbringen ist. ES sind z. B. in vielen Orten neue Kirchen zu bauen, Seminarien, Kollegien und Schulen zum Unterrichte und zur religiös»! Erziehung der Jugend, so wie selbst neue Diöcesen zu errichten, ältere zweckmäßiger zu bcgränzen und einzutheilen, Allen die gehörige Kräftigung und erforderlichen Subsistenz- mittel zu verschaffen. Uns stützend auf den Eifer, die Güte und Frömmigkeit des hoch- würdigsten, erlauchten und weisen Vorstandes, so wie der übrigen Leiter und Mitglieder der ausgezeichneten Leopoldinen-Societät hoffen und vertrauen wir daher, daß sie, wie bisher, so noch durch viele folgende Jahre, Wohlthäter unserer Diöcesen und willkommene Werkzeuge in der Hand der göttlichen Vorsicht zur Ausspcndung von Gutthaten für Uns seyn und bleiben werden! — Baltimore, den 13. Mai 1849. Samuel, Erzbischof von Baltimore. Michael, Bischof von Mobile, Promotor. Johann Joseph, Bischof von Natchez, Promotor. Fr. L'H omine, Secretär des Conciliums. Die dritte Generalversammlung der katholischen Vereine in NegenSbürg. IV. Gm linden am Traunsec, 10. Oct. Verzeihen Sie Ihrem Korrespondenten, daß er den Schluß seines Berichtes über die denkwürdige Versammlung der Abgeordneten deS katholischen Vereineö Deutschlands in Rcgensburg. erst heute, und in so weiter Ferne von seiner Heimath, vor sich den herrlichen See, ringS um sich die schon niit Schnee bedeckten öberösterreichischen Alpen, niederschreibt. In dein freundlichen Linz erübrigte ihm dazu keine Zeit, da der kurze Aufenthalt daselbst mit einem AuSfluge nach St. Magdalena, von wo man eine weite Aussicht über die herrliche Gegend genießt, und mit einer sehr zahlreich besuchten Versammlung deS katholischen VereineS, wobei außer den zwei Mainzer Abgeordneten zum RegenSbnrger Kongresse auch die Herren Professor Dr. Baitz er, Licentiat Wick, beide auS Brcslau, geistlicher Rath Dr. Zehrt, Gymnasialoberlehrer Durch ard und Scminarinspector Hü- benthal, letztere drei aus Heiligenstavt, anwesend waren, ausgefüllt wurde. In der berühmten Abtei KremSmünster, welche Hurter in seinem „Ausfluge nach Wien" so trefflich geschildert hat, gab eS so viel zu sehen, darunter namentlich die Sternwarte mit ihren bedeutenden Schätzen und daS Pensionat, zu hören und zu sprechen, daß beim besten Willen zum Schreiben keine Zeit herausgefunden werden konnte. So müssen denn Sie und Ihre Leser mit einem Schlußberichte sich begnügen, der nur deßhalb weniger zusammenhängend erscheint, weil Ihr Korrespondent von der Größe und Schönheit der Natur, die er heute gesehen und von der er jetzt noch allenthalben umgeben ist, sich ganz hingerissen und überwältigt fühlt. Unter den dem dritten AuSschusse, unter dem Vorsitze deS Hrn. Licen- tiaten Wick, übergebenen Anträgen befand sich der sehr wohlgemeinte, aber vielleicht nicht reiflich erwogene auf Einführung deS altehrwürdigen Institutes der Diaconen und Diaconissinnen. Da die Thätigkeit, welche Liesen beiden Ordnungen in der alten Kirche zugefallen, längst anderen geistlichen Körperschaften überwiesen ist, und der Verein in allem Derartigen nickt die Initiative zu ergreifen, sondern einfach den Bischöfen zu fol- 170 gen Hai, so wurde über diesen Antrag zur Tagesordnung übergegangen. Wegen deS wiederholten AntrageS auf Errichtung eines Denkmales für Jos. von GörreS wurde auf den deßfallsigen in BreSlau gefaßten Be- schluß hingewiesen, über daö Wie der Ausführung aber nichts Näheres festgesetzt, obgleich man allgemein erkannte, Laß ein Lehrstuhl für Geschichte auf der neu zu gründenden katholischen Universität daö würdigste Denkmal eines so ausgezeichneten Mannes seyn würde. Daß man mit dem Plane umgehe, in dein herrlichen Dome von Köln dem großen Kämpfer und Märtyrer für die Freiheit der Kirche, Clemens August von Drvstc- Vischering, ein Monument zu setzen, erfuhr die Versammlung zunächst auS einem deßfallstgen Antrage, daß die katholischen Vereine Deutschlands sich dabei betheiligen sollten. Wie sehr auch alle Anwesenden darin übereinstimmten, daß daS ganze Leben und Wirken jenes großen Mannes mit dem Hauptzwecke deS Vereineö in engster Beziehung stehe, wie eS auch die ganze Versammlung einstimmig unter Dank anerkannte, waS daö katholische Deutschland jenem edlen Kirchenfürsten verdanke; so war man doch der Ansicht, daß bei der gegenwärtigen geldklammen Zeit, wo ohnedieß für die Armen so große Opfer erheischt werden und je nach den Entscheidungen der einzelne» Regierungen und Kammern in der Schulfrage noch größere in Aussicht stehen, eine eigentliche Aufforderung an die PiuSvereine in diesem Betreffe nicht erlassen werden dürfe. Dagegen fand ein anderer Antrag, daß die katholischen (Plus-, Vincenz- u. s. w) Vereine der auf Realschulen und Gymnasien stuvircnden, von ihren Eltern entfernten Jugend sich annehmen, sie überwachen, in guten Häusern unterbringen sollten u. s. w., den lebhaftesten Beifall. Auch der Arbeiter und wie ihr LooS am leichtesten und einfachsten zu verbessern sey, wurde gedacht und darüber der Beschluß gefaßt, daß, nach dem Muster der in Belgien bereits bestehenden, Arbeiter-Sparcassen errichtet, brave Gesellen rechtschaffenen Meistern zur Arbeit empfohlen und jenen, wenn sie auf die Wanderschaft gehen, Cerlificate mitgegeben werden sollen. Wegen Anfertigung und Einführung eines recht brauchbar und populär gehaltenen allumfassenden Gebetbuches war auch ein Antrag ein- gegangen, der aber, als zum Ressort der Bischöfe gehörig, zurückgewiesen wurde. Eben so wenig glaubte die Versammlung, sich auf Empfehlung gewisser Blätter, z. B. der nunmehrigen Deutschen Volkshalle u. dgl. einlassen zu dürfen, da nicht selten nach derartiger Empfehlung der Geist jener Organe ein ganz anderer, ein verkehrter werde, wie dieß unter Anderen an der Rhein- und Mosel-Zeitung, an der von dem Hoch- würdigsten Bischof früher empfohlenen RegenSburger Zeitung u. a. m. sich sattsam erwiesen habe; dagegen wurde es als eine Pflicht aller Mitglieder der katholischen Vereine Deutschlands erklärt, der schlechten Presse in keiner Weise Vorschub und Unterstützung zu leisten, dagegen die gute nach Kräften zu fördern. WaS die sonstigen, zum Theile wichtigen Beschlüsse beirifft, so kann ich darüber um so unbedenklicher hinausgehen, als die Verhanvlungen und Reden, Lurch Stenographen nachgeschrieben, schon demnächst im Drucke erscheinen werden. Dann mclve ich Ihnen nur noch in Kürze, falls eS nicht schon in einem früheren Schreiben geschehen ist, daß Regenöburg als Vorort und Linz als Versammlungsort des vierten Congresseö deö katholischen VereincS Deutschlands im nächsten Jahre gewählt worden ist. Die allgemeinen Versammlungen, die erste Montag Abends um 7 Uhr, die zweite Dienstags Morgens um 9 Uhr, die dritte Mittwochs Abcnvs um 7 Uhr und die vierte Donnerstags Abends um 6 Uhr wurden in der St. UlrichSkirchc vor etwa vier bis sechstausend Menschen abgehalten. Besonders verdient dabei die dankbarste Erwähnung, Laß den drei letztgenannten der Hochwürdigste Herr Bischof von NegenSburg mit großer Theilnahme beigewohnt hat, wie denn auch die prachtvolle Herstellung der Kirche zu den erwähnten Zwecken lediglich sein Werk ist. DaS gemeinsame Mit- tagScfsen am zweiten VersainmluugStage war durch fröhliche Stimmung der Anwesenden und durch sinnige Toaste gewürzt; von der nach demselben veranstalteten Wasserfahrt zur Besichtigung der nahen Walhalla sind indessen die meisten unbefriedigt zurückgekehrt. So viel in Kürze und ohne inneren Zusammenhang über eine Versammlung, die den früheren in keiner Beziehung nachsteht, und darum auch nicht verfehlen wird, in Bayern so wie in Oesterreich die schönsten Früchte hervorzubringen. De- Glaubens Boden. Erzählung aus den Papieren eines Seelsorgers. III. Blahomir war so artig gewesen, mir einen Wagen zu senden. Ich fand ihn im Bette. Verzeihung, rief er mir entgegen, daß ich Sie zu mir bemühte, statt zu Ihnen zu kommen. Sie könnten mir wohl sagen: 'Arzt, hilf dir selber. Allein ich fühle in einer Weise mich angegriffen, ibie gerade Ihren Beistand mir nothwendig macht! — Diese Rede überraschte mich, und eS mag wohl etwas SeelsorgerischeS und Salbungsvolles ! auf meinem Angesichts zum Vorschein gekommen seyn; denn er nahm gleich wieder daS Wort und sprach: Sie dürfen mich nicht mißverstehen, als meinte ich damit Ihre priesterliche Hilfe. Wenn übrigens mein früheres Benehmen unartig gewesen, so kann ich eS nur damit entschuldigen, daß ich an Ihnen überhaupt nur den Priester sah, dessen Anblick mich empört und anwidert, besonders wenn ich eben hypochondrisch bin. Denn woran erinnert mich ein Mann dieses Berufes, auch wenn er schweigt? An einen zürnenden Gort, der alle Lebensfreude verpönt, an ein Dogma, das der Natur und Vernunft widerspricht, an eine Kirche, die alles, was außerhalb ihres Zwingers lebt, verurtheilt, an eine Armesünderlehre, die alle geistige Freiheit knechtet, und an noch vieles Andere, worüber ich mich nicht ausbreiten will; denn ich habe Wichtigeres auf dem Herzen. — Schönen Dank, erwiderte ich, für daS aufrichtige Bekenntniß. War dieß nicht schon eine Art von Beichte? — Keineswegs; ich verlange vielmehr ein Bekenntniß aus Ihrem Munde. Wissen Sie von Ihrem Bruder nichts, noch von anderen Dingen, die mich angehen? — Von Zvenko? Nicht daS Geringste. Meine ersten seelsorglichen Stationen waren fern im Gebirge mir angewiesen. Erst seit einem Jahre wurde ich in einen entlegenen Winkel der Hauptstadt berufen. In der Wohnung der friedlichen Armuth war es, wo ich zum erstenmale Sie wieder gesehen; ich von meiner Berufspflicht, Sie durch Ihre Philanthropie dahin geführt. — So haben wir uns dennoch auf demselben Boden zusammen gefunden? — Dem Anscheine nach allerdings. Allein die christliche Liebe steht auf dem Boden des Glaubens, die humanitarische auf dem der Vernunft oder der Natur, wie man zu sagen pflegt. Lassen wir jetzt, sprach der Arzt, diese Fragen ruhen, die sich um Ideales und Reales drehen, wiewohl ich weiß, daß ihr in eurer Fantasie auch das Ideale als ein Wirkliches betrachtet. Der Boden, auf welchen ich bisher nothdürftig meinen Frieden gebaut, ist gänzlich erschüttert. Ich sah gestern ein blühendes Kind; die Gestalt, der Name weckten die schmerzlichsten Erinnerungen. Ich sah mein Leben wieder in seiner ganzen trostlosen Verödung vor mir, und an diesem Elend ist allerdings der Unglaube schuld, nämlich der meiner Frau. Frauen sollen auf dem Standpunct der religiösen Anschauung bleiben, das ist ihr LebenSgebirt. Allein ich selber habe sie um den Himmel ihres naiven Glaubens gebracht, und so ihre sittliche Grundfeste gelockert; mein Unglück ist mein eigenes Werk. Mit der Erkenntniß, daß die Natur die Verkörperung der ewigen Vernunft ist, und die Welt nichts anders als der werdende Mensch, mit anderen Worten: daß der Weltgeist im Menschen, als dem vollendeten Sinnenwesen, zum Bewußtseyn und Denken aufleuchtet, freilich in envlicher Beschränkung, mit solchen Erkenntnissen, und von jeder Täuschung und kindischen Vorstellung entledigt, vermag nur der Mann durchs Leben zu schreiten, und dabei seiner sittlichen Ausgabe zu genügen. Das Gemüth des WeibeS kann in dieser Region der reinen Vernunft sich nicht bewegen, sie bedarf eines überwelt- lichen Gottes, den sie im menschlichen Bilde sich vorstellen kann, bedarf eines BeseligerS im Jenseits zum Ersatz für ihre irdischen Leiden, und einer himmlischen Trösterin, deren Hoheit ihr eigenes Leben verherrlicht. Wie Sie daS alles so schön wissen, erwiderte ich, und doch so über die Maaßen ungründlich! Man soll also daS angeblich schönere und schwächere Geschlecht in einer Täuschung belassen, die daS stärkere und häßlichere Geschlecht von sich wirft. Ich halte daS einmal für ungerecht, weil dem Weibe dieselbe geistig menschliche Würde zukommt, wie dem Manne, und weil das Weib überdieß zur Erzieherin und Bildnerin der Kindheit berufen ist. Warum sollte aber die Frau in der Täuschung fortträumen, daß sie als ein Geisteswesen unsterblich sey, und wohl gar in den Himmel eingehen werde, während ihr Mann aus diese Aussicht verzichtet, und mit der Spanne Zeit vorlieb nimmt, die sein ganzes Daseyn umfassen soll? In der allen Welt, und jetzt noch im Harem und im Urwald, war der Mann der herrschende Geist, daS Weib das sich schmückende und dienstbare Thier. In der neuesten gebildeten Welt verlangt man daS Gegentheil. Den Frauen wird gestattet, an einen Vater im Himmel und an ihre persönliche Fortdauer zu glauben, während der Mann sich bloß als eine geistig gesteigerte Thierseele und als ein Individuum betrachtet, daS hier auf Erden total sich auslebt und dann zu nichte wird. Und warum verlangt man, daß die Frau in dieser Sicherheit ihres Glaubens nicht gestört werde? Einzig aus eigennützigen Beweggründen. Denn hat man einmal ihre Seele von den religiösen Vorurtheilen geläutert und auSgeklärt, so wird sie auch die Ehe als eine Verbindung ansehen, die bloß auf der Anziehungskraft beruht, und die von selbst wieder sich löset, sobald die Verwandtschaft der Seelen durch ein neues Element gestört und aufgehoben wird. Blahomir war mit einem Satz auS dem Bette, fröstelte jedoch, und 171 legte sich wieder. Jvo, rief er: woher wissen Sie alles daS? — AuS dem neuen Weltevangelium, aus den Schriften Ihrer Weisen. — Das war nicht meine Frage. Woher wissen Sie um meine Geschicke? — Ich habe keine Kenntniß davon. — Er schwieg einige Augenblicke, dann fuhr er fort. Sie werven meine Mutter noch gekannt haben. Was diese fromme Frau mir ins Herz gepflanzt, wollte nie recht bis in die Wurzel verdorren. Unkraut verdirbt nicht, sagt Ihr Bruder Zdenko, und wendet das auf die religiösen Gedanken an, gegen die ein Mann von Geist unaufhörlich zu kämpfen habe. Airs meinen Reisen durch aller Herren Lande war er mein steter Begleiter. Sein ätzender Witz, seine schwärmerische Beredsamkeit, die überall herrschende Weltanschauung halfen mir stets zu Siege. Als ich jedoch, seit meiner Rückkehr, meine unglückliche Frau kennen lernte, als ich ihre Hand erwarb, als ihre geistige Schönheit, ihre heitere Güte, ihr freudiger Glaube mächtig auf mich wirkten, da ward ich in meinen bisherigen Ansichten so unsicher, daß ich Zdenko'S Zorn und Hohn gegen mich herausforderte. Ich sehe es schon kommen, sagre er oft: deine Frau wird dich zu einem Betbruder umstaltcn, sie wird dich dadurch vor aller Welt lächerlich machen, und wenn immer eine Cur dir gelingt, wird sie es nicht deiner Wissenschaft, sondern ver Gnade Gotteö zuschreiben, und so dein An-! sehen untergraben. Denn einen frommen Arzt hält man allgemein für einen ^ Esel. Er ging aber noch weiter; er wußte mir gegen einen unbescholtener^ Mann, den meine Frau zu ihrem GewisienSrath erkoren, daS Gift dew Eifersucht einzuflößen. Es dauerte nicht lange, so gingen wir gemeinsam anS Werk, die arme Frau aus ihrem innern Frieden an daS grelle Licht deS gemeinen Weltverstandes hinaus zu führen. Nach eurer alten Mythe wurde Eva von der Schlange belogen, um dann AoamS Verlocken» zu werden; in Meinem Paradiese ließ Adam von der Schlange sich bethören, um dann seine Frau zu verderben. Diese Schlange war Zdenko, und unsere Ueberredungen und schlau angelegten Künste gelangen nur zu gut. Bei der ausnehmenden Schönheit meiner Frau konnte eS ihr, seitdem wir die Zerstreuung ihr zum Bedürfniß gemacht, an Bewunderung nicht fehlen: die Eitelkeit verleitete sie, auch als geistreich glänzen zu wollen, sie gefiel sich darin, gelegentlich etwas emancipirt zu erscheinen. Da ich dabei überall gegen Zdenko im Schatten stand, so mußte ich die Hölle der Eifersucht in meiner Brust empfinden; und wenn ich ihr Vorwürfe machte, oder gar an Gott und sein Gesetz sie mahnte, lachte sie mich aus, und war sie damit nicht ganz in ihrem Rechte? — Ich will mich kurz fassen. Als ich einmal von einer längern CommissionSreise zurückkehrte, fand ich mein Haus verödet, meinen Namen beschimpft, mein Kind mir geraubt; die Mutter hatte eS mit sich genommen, und war mit ihrem VermögenSantheile dem tückischen Freunde gefolgt; Niemand wußte wohin. Damals brach meine Kraft, ich bin seit der Zeit nimmer lebensfroh geworden. Aber meine Nachforschungen blieben erfolglos. WaS mir heule im Hause der armen Wittwe begegnete, hat aus der stumpfen Ruhe mich aufgerüttelt. Marielta! Heiliger Gott, oder heilige Natur, oder Spiel deS Zufalls — sollte eS möglich seyn? Mensch, Freund, Priester, waS wissen Sie von Marietta'S Mutter, von der Frau, die dort wohnt? Ich sagte ihm, daß sie eine feine Bildung verrathe, aber auch einen tiefen Kummer, daß sie sehr zurückhaltend sey, die Einsamkeit und die Arbeit liebe; — mehr wußte ich nicht. Seine Unruhe ward immer größer. Er bat, er beschwor mich, genauere Erkundigungen einzuziehen, mich um das Vertrauen der Fremden zu bewerben, und ihm bald möglich, und sollte eS in der Nacht seyn, Nachricht zu bringen. Ich war selber erschüttert, und wünschte den Pferden deS Lohnkut- scherS Flügel. Als ich Ludmilla's Haus erreichte, gab eS allerhand Leute vor der Thüre, und die treffliche Frau stand ebenfalls draußen, um auf mich zu warten. Erschrecken Sie nicht, bester Herr Jvo, sagte sie: eS ist etwas vorgegangen, was Sie vielleicht im Traume nicht geahnt hätten; denn Zeit und Weile sind ungleich. Drinn in die Hausflur finden Sie «inen Kirchendiener auS Ihrer Pfarre und einen Mann von der städtischen Wache. Sie haben ein Menschen hergeführt, der sehr zerlumpt und elend aussieht , und der behauptet, er sey Ihr Bruder. Ich erschrack so heftig,! daß meine Knie schlotterten; ich trat in die Thüre. Jvo, rief eine hohle! Stimme mir entgegen: kennst du mich? Jakob, kennst du deinen Bruder Esau? — (Schluß folgt.) Volk-versammlung in Ottobeureu. i Von der Günz. (Unlieb verspätet.) Der 29. September, daS Fest deS heiligen Michael, war für Ottobeuren und seine Umgegend ein wahrer Ehren- und Freudentag. Dieser Tag war eS nämlich, den sich der Ottvbeurer PiuSverein auserkoren hatte, um in einer Volksversammlung offen und frei auszusprechen, waS er wolle und mit welchen Mitteln er sein heiliges Ziel zu erreichen strebe. Der Versammlung selbst ging eine gotteSdienstlicbe Feier in der durch ihre Schönheit und Geräumigkeit berühmten Pfarr- und Klosterkirche voran. Nachdem sich bereits frühen Morgens Schaaren von Menschen auS naher und ferner Umgebung, darunter auch eine Deputation deS PiuSvereincS in Pfaffenhausen unb mehrere Geistliche der Nachbarschaft, eingefundcn hatten, begann um halb 9 Uhr nach beendigtem PfarrgotteStienste der VercinSgoiteSdicnst, welchen Hr. Pfarrvicar Bucherer von Ollarzried, eines der lbätigsien und eifrigsten Mitglieder des PiuSvereineS, mit einer ergreifenden Predigt über treue Anhänglichkeit an die katholische Kirche eröffnete. Hierauf celebrirte der greise, ehrwürdige Decan und Pfarrer, Hr. Roll, von Pfaffenhausen daS Hochamt, bei welchem die von Hrn. Ehorregcnt und Lehrer Trieb in Ottobeuren trefflich geleitete Cbormusik die Anwesenden mit Andacht und Erbauung erfüllte. Nach Beendigung der kirchlichen Feier zog die große Schaar der in Andacht Versammelten hinaus in den freien, schönen und geräumigen äußeren Klosterhof, in dessen Mitte eine Tribüne für die Redner errichtet war. Vor einer Menschenmenge, welche die Zahl von 3000 eher zu überschreiten, als nur zu erreichen schien, trat nun zuerst Hr. P Honorat Krüll, Benedictiner und der Zeit Pfarrvicar in Ottobeuren, auf, um als I. Vorstand des dortigen PiuSvereineS die Versammlung zu eröffnen. In kurzen Worten schilderte er die Zwecke deS PiuS- vercineS überhaupt, wie noch den besonderen Zweck der von diesem und ähnlich gesinnten Vereinen gehaltenen Volksversammlungen und lud hierauf die einzelnen HH. Redner ein, das harrende Volk mit der Würze ihrer freundlichst zugesagten Vortrüge zu erquicken. Auf diese Einladung hin betrat nun als der erste Redner die Bühne der als Vertheidiger der Vereins- und damit katholischen Interessen, so wie als Redner in s, scheren Volksversammlungen rühmlichst bekannte Hr. Lyceal Professor M. Merkle auS Dilingen. Der Inhalt seiner Rede erging sich in der Bezeichnung der verschiedenen Gestaltungen des Unglaubens unserer Zeit und namentlich in Hinweisung auf die nahe Gefahr, wie dieser Unglaube durch die verführerischesten und künstlichsten Mittel auch den bisher noch guten Kern deS Volkes anzustecken droht. Die begeisternde, mit gutgewählter Humoristik durchflochtene Rede erntete den ungetheiltesten Beifall. Nachdem Herr Merkle die Bühne verlassen, betrat sie der bereits erwähnte siebenundsieb- zigjährige Decan und Pfarrer, Hr. Rott, aus Pfaffenhausen, dessen ehrwürdige äußere Erscheinung allein schon hinreichte, um die Herzen Aller für sich zu gewinnen. Dem besonders in neuester Zeit aufgetauchten Vorwürfe gegen die PiuSvereine, als ob diese daS friedliche Verhältniß zwischen Kirche und Staat zu stören beabsichtigten, entgegen zu wirken suchend, wies der verehrte Redner die Nothwendigkeit einheitlichen Wirkens beider Gewalten aus dem gleichen Ursprünge ihrer Macht von Gott, so wie auS dem Ziele ihres Wirkens nach, welches auf dieser Welt zwar verschiedentlich auf geistiges und leibliches Wohl der Menschheit ausgehend dennoch darin sich einiget, daß zuletzt beide Gewalten dem Menschen doch zu dem Einen zu verhelfen suche», seinen höchsten und letzten Zweck — ewige Glückseligkeit zu erreichen. Darum sey Friede zwischen beiden Gewalten, und Gehorsam dcö Menschen gegen dieselben nothwendig und darnach, und nach nichts anderem strebe der PiuSverein. Dem mit Aufmerksamkeit und Beifall gehörten greisen Redner folgte Hr. Melchior Pcrchkold, Präfect deS Schullehrer-SeminarS zu Lauingen. Mit voller Begeisterung, welche den seinem Fache, der Schule, mit Liebe zugethanen Bildner der künftigen Lehrer verrieth, besprach der Redner die Verhältnisse zwischen Kirche und Schule und wieg die Gefahren nach, in welche die christliche Schule käme, wenn sie von der Kirche getrennt werden sollte; — Gefahren, welche selbst jetzt, wo die Schule immerhin noch einigermassen, wenn auch locker, an der Kirche hängt, in allen Elassen der Unterrichts- und Bildungsanstalten, höherer und niederer Schulen, immer drohender zu werden beginnen. Wenn alle Zuhörer, so werden gewiß am meisten die anwesenden Eltern von dem Gewichte und der Wahrheit der gesprochenen Worte ergriffen worden seyn und vielleicht zum erstenmale recht erkannt haben, wo eS mit dem unvernünftigen Geschrei« nach Trennung der Schule von der Kirche hinaus wolle. Die Zeit war indessen über Mittag vorgerückt und rief zum Schlüsse. Demgemäß betrat nun der II. Vorstand deS Ottvbeurer PiuSvereineS, Hr. Pfarrvicar Krüll, noch einmal die Bühne, um seine Freude und seinen Dank gegen die nicht bloß zahlreiche, sondern auch so aufmerksame Versammlung, welche dadurch der unter dem Volke noch herrschenden gulen Gesinnung ein so glänzendes Zeugniß gegeben hatte, zu bezeugen. Sein Dank erstreckte sich aber auch auf jenen Mann, der durch seinen apostolischen Segen dem jungen Vereine die Bürgschaft langer und thatenretcher Existenz gegeben hatte, auf den vielgeprüften und kräftigen obersten Hirten der katholichen Kirche — PiuS IX., wie auf den vielgeliebten Landesvater Maximilian II., dessen kräftige Regierung und wahrhafte Unterthanenliebe daS Vaterland vor den Gräueln der Revolution und dem drohenden Um- ! .. 17S stürze aller Ordnung und alles Rechtes schützte und dadurch auch den PiuSvereinen ein erfolgreiches Wirken vor Allem möglich machte. Ihnen — deren Namen schon im Laufe der Vortrage herzliche und laute „Lebe hoch!" hervorriefen, — sollte aber der schönste Dank dadurch gezeigt werden, daß sich auf Anregung deS Schlußredners die ganze Versammlung in die anstoßende Kirche zurückbegab und hier, durch gegenseitige, sichtbare Andacht erbaut, vor ausgesetztem heiligem Ciborium die üblichen Kirchen- gebete für Papst und König und Erhaltung deS Friedens betete. Damit schloß würdig die vom schönsten Wetter begünstigte Versammlung, bei der sich Menschen auS allen Ständen, hohen und niederen, geistlichen wie weltlichen, so zahlreich eingefunden hatten und in ihren Erwartungen sich nicht getäuscht sahen. Der stille, mit heiliger Freude vermischte Ernst der Heimkehrenden sagte eö, daß sie die Bedeutung der Versammlung ergriffen haben und für Gott und König, Kirche und Vaterland zu leben und zu sterben entschlossen seyen. Gott segne die Früchte dieser schönen Versammlung! Blumen au- dem Schriftarten -e- heilige» Bernardus. (Fortsetzung.) 54. Fleisch. Liebe dein Fleisch, das dir zur Beihilfe gegeben und zum Mitgenusse der ewigen Seligkeit bereitet ist. UebrigenS soll die Seele daS Fleisch so lieben, daß sie nicht selbst in Fleisch übergehe, und ihr vom Herrn gesagt werde: „Mein Geist wird nicht im Menschen bleiben, weil er Fleisch ist." ES liebe die Seele ihr Fleisch, aber noch weit mehr erhalte sie sick selbst: eS liebe Adam seine Eva, aber nicht so liebe er sie, daß er ihrer Stimme mehr folge, als der Stimme GotteS. 55. Fortschritt. Unser Fortschritt besteht darin, daß wir niemals das Ziel erreicht zu haben glauben, sondern Laß wir uns nach dem ausstrecken, was vor unS ist, und unS unablässig für das Bessere bemühen, und so unsere Un- vollkommcnheit den Blicken der göttlichen Barmherzigkeit aussetzen. Je weiter sich Jemand von der Wahrheit entfernt glaubt, desto näher kommt er ihr. Die wahre Tugend kennt kein Ende, schließt sich nicht mit der Zeit. Und der Gerechte sagt niemals: „Es ist genug," sondern immer hat er Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit, so daß, wenn er immer leben würde, er sich, so viel an ihm gelegen, immer mehr gerecht zu werden bemühen würde. Denn nicht auf ein Jahr over auf eine Zeit wie ein Taglöhner hat er sich dem Dienste GotteS hingegeben, sondern auf ewig. 56. Freiheit. Die Freiheit ist eine dreifache, nämlich von der Sünde, vom Elende, von der Nothwendigkeit. Die zuletzt gesetzte hat uns die Natur bei der Schöpfung gegeben. In der erster» werden wir erneuert von der Gnade, die mittlere ist unS aufgehoben im Vaterlande. Die erste soll also genannt werden Freiheit der Gnade, die zweite Freiheil des Lebens over der Glorie, die dritte Freiheit der Natur. Wir sind nämlich zu freiem Willen oder zur willkürlichen Freiheit alö edleS Geschöpf erschaffen für Gott. Die erste Freiheit hat an sich viel Tugend, die zweite viel Seligkeit, die dritte viel Ehre. Durch die erstere überwinden wir daS Fleisch, durch die zweite unterwerfen wir den Tod, durch die dritte übertreffen wir die Thiere. 57. Freude. An drei Dingen erfreuen sich die Auserwählten Gottes, nämlich an der Erinnerung deS geführten Lebenswandels, an dem Genusse der Rübe und an der Erwartung der kommenden Vollendung. Im Leben hat sie Gott getröstet, nach dem Tode führt er sie in ihre und bei der Vollendung in seine Ruhe ein. 58. Freun d. Niemand verdient mehr Zorn, als der Feind, der sich in einen Freund verstellt. 59. Friede. „Meine Ehre gebe ich keinem andern," spricht der Herr. WaS willst du uns denn geben, o Herr? „Den Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch," spricht der Herr. Er ist mir hinreichend, dankbar nehme ich an, waS du hinterlassest, und hinterlasse, was du zurückhältst. Frieden verlange ich, und weiter nichts. Wem reichst du nicht hin? Denn du bist unser Friede: dieses ist mir noth' wendig, dieses ist mir genug, ausgesöhnt zu seyn mit dir. ausgesöhnt zu seyn mit mir. Ich verzichte ganz auf die Ehre, und ich bin kein gottloser Räuber deiner Ehre. Dir, o Herr, dir bleibe ungeschmälert deine Ehre: mit mir steht eS gut, wenn ich den Frieden habe. 60. Frömmigkeit. So groß ist die Frucht der Frömmigkeit, so groß der Lohn der Gerechtigkeit, daß sie sogar von Gottlosen und Ungerechten verlangt werden. Denn auch der falsche Prophet Balaam sprach: „ES sterbe meine Seele den Tod der Gerechten, und mein E»de sey wie daS ihre!" Wer keine Frömmigkeit im Herzen hat, im Leben sie nicht zeigt, in der Einsamkeit sie nicht ausübt, der kann kein Einsamer, sondern nur ein Alleinmcnsch genannt werden. Die Einsamkeit ist für ihn keine Einsamkeit, sondern ein Verschluß und Kerker. Denn der ist wahrhaft allein, mit dem Gott nicht ist: der ist wahrhaft eingesperrt, der nicht frei in Gott ist. Die Einsamkeit ist keineswegs eine Eingeschlosscnheit aus Zwang, sondern eine Wohnung deS Friedens, und die verschlossene Thüre ist keift Schlupfwinkel, sondern Zurückgezogenheit. Denn mit wem Gott ist, der ist nie weniger allein, als wenn er allein ist. 61. Furcht. ES gibt eine doppelte Furcht, die gewöhnlich und Allen bekannt ist, die dritte ist weniger gewöhnlich und weniger bekannt. Die erste Furcht ist die, wir könnten gcpeiniget werden in der Hölle; die zweite, wir könnten ausgeschlossen werden von der Anschauung GotteS; die dritte Furcht erfüllt eine furchtsame Seele mit aller Sorgfalt, daß sie nicht von der Gnade verlassen werde. Zwar unterdrückt eine jede Furcht deS Herrn den Reiz der Sünde, wie Wasser Feuer auslöscht, diese aber am meisten, da sie bei einer jeden Versuchung sogleich widersteht, damit die Gnade nicht verloren gehe, und so der sich selbst überlassene Mensch nicht täglich vom Bösen ins Schlimmere, von der kleinen Gefahr in eine große Schuld gerathe, wie wir denn Viele sehen, welche im Schmutze leben und täglich noch schmutziger werden. Diese Furcht schmeichelt auch der Seele nicht, weder über geringere Bedeutsamkeit der Sünde, noch über die künftige Besserung. Denn durch dergleichen Schmeicheleien werden manchmal die ersten zwei Arten der Furcht verhindert. Ein hartes und verhärtetes Herz fürchtet weder Gott noch den Menschen. Wer immer die Furcht Gottes vor Augen hat, dessen Wege sind schift und alle seine Fußsteige friedereich. Wie der Anfang der Weisheit die Furcht des Herrn ist, so ist der Anfang einer jeder Sünde der Stolz. Und gleichwie auS Selbstkenntniß die Furcht GotteS und auS der Kenntniß GotteS die Liebe kommt, so geht im Gegentheile auS der Unkenntniß deiner selbst der Stolz und auS der Unkenntniß GotteS die Verzweiflung hervor. 62. Gebet. Niemand betet um etwas, außer was er glaubt und hofft. Gott will aber auch um daS gebeten werden, waS er verspricht. Und deßwegen vielleicht verspricht er vorher, waS er zu geben beschlossen, damit auS dem Versprechen die Andacht erweckt werde, und so ein andächtiges Gebet verdiene, waS er uns umsonst geben wollte. So nöthiget Gott, der alle Menschen selig haben will, zuerst unS selbst ab, WaS unS verdienstlich ist, und während er unS durch Gaben zuvorkommt, bewirkt er, daß sie ihm eS umsonst wieder geben, damit er es nicht umsonst gebe. Wolle dein Gebet nicht gering schätzen, weil eS der auch nicht gering schätzt, zu dem du betest, sondern dasselbe in sein Buch einschreiben läßt, bevor es aus deinem Munde geht. Gott ist ein Geist, und der muß im Geiste zu ihm rufen, dessen Ruf zu ihm gelangen will. Denn gleichwie Gott nicht wie ein Mensch auf daS Angesicht, sondern auf daS Herz deS Menschen sieht: so merken mehr auf die Stimme deS Herzens, als deS Leibes, die Ohren desjenigen, zu dem mit Recht gesagt wird: „Gott meines Herzens." Daher kommt eS, daß Moses, da er äußerlich schwieg, innerlich zum Herrn betete, und ihm Gott sagte: „WaS schreiest du zu mir?" Schwer ist für unS die Versuchung deS Feindes, aber noch weit schwerer ist das Gewicht deS Gebetes. Es verwundet unS seine Bosheit und Arglist, aber noch mehr quält ihn unsere Einfalt und Barmherzigkeit. Unsere Demuth erträgt er nicht, unsere Liebe brennt, unsere Sanftmuth und unser Gehorsam kreuziget ihn. Im Gebete ist Heilung der Wunden, eine Zuflucht in Nöthen, eine Ergänzung der Unvollkommenheiten, ein Heer von Fortschritten, kurz Alles, was dem Menschen nützlich, schicklich und nothwendig ist. Verantwortlicher Redacteur: 8. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Vierteljähriger Abon- »ementspreis im Bereiche von ganz Bayern nur SO kr„ ohne irgend einen weiteren Post - Aufschlag. Auch von Nicht Abonnenten der Postzcitung werden Bestellungen angenommen. Sonntags -Peiblatt zur Augsburger Postzeitung. Auch durch den Buchhandel könne» diese Blätter bezogen werden. Der Preis beträgt, wie bei dem Bezug durch die Post, jährlich 1 st. 2» kr. Munter Jahrgang 4. November 1G4S. Staat und Kirche. Trennung oder Ehe? -j- Die Kirche besteht nicht bloß aus dem Klerus, sondern auch auS den Laien; der Staat nicht bloß aus den Beamten, sondern auch auS allen andern Ständen; guililmt ex populo gehört zum Staat. Nicht guilillet ex populo aber gehört deßhalb auch schon zur Kirche, da der Staar nicht bloß aus Mitgliedern der Kirche besteht; jedes Mitglied der Kirche aber ist zugleich Mitglied des Staates. Derselbe Christ im Staate hat die Aufgabe, sich für daS ewige Leben vorzubereiten, sich zu heiligen, und er hat die Aufgabe, seine Pflichten gegen die menschliche Gesellschaft im Staate zu erfüllen; derselbe Mensch hat also eine überirdische und eine irdische Aufgabe; obwohl nur Einer, dient er doch zweien Herren; daß dieß ausführbar, ja sogar löblich und Pflicht, hat unS die ewige Wahrheit selbst gelehrt: „gebet dem Kaiser, waS des Kaisers, und Gott, was Gottes ist." Daß der Christ, weil im Dienste GotteS und weil in kirchlichen Dingen der Kirche (irn engeren Sinn, denn im weiteren bildet er selbst die Kirche mit) Unterthan, sich deßhalb nicht vom Gehorsam gegen den Staat losgebunden erachten darf, lehret unS die heilige Schrift, indem sie uns ermähnt, „unterthänig zu seyn der von Gott gesetzten Obrigkeit." Der Christ im Staate (den er im weiteren Sinn selbst mit bildet) hat demnach Pflichten gegen den Staat im engeren Sinn, d. h. gegen Gesetz und Beamte. Der Christ muß wünschen und, so viel an ihm liegt, darnach streben, daß ras Gesetz ein christliches sey, daß die Beamten christlich seyen; unter Gleichgesinnten lebt sich'S weit besser, und Alles, waS gedeihen soll, gedeiht besser; ist Gesetz und Beamtenthum (Staat im engeren Sinn) christlich und ist eS auch daS Volk (Kirche im weiteren Sinn), so ist die conoorclia saooiclotii et imperii zur Wahrheit geworden und sie wird segenövoll wirken für den Staat und für die Kirche; überall und allzeit noch, wo sie gestört wurde, entstund Unheil für Staat und Kirche. DaS WünschenSwerthe und Ideal also ist Einigkeit zwischen Staat und Kirche, res nnnimaa croseunt, dweordia -naanmcre e/r7a- -ttrr/tt»-. Mehr als je tönt gerade in unserer Zeit an unser Ohr jene rührende und heilige Bitte unsers Herrn und Heilandes auS seinem himmlischen Abschicdögebete: „o seyd Eins, Eins, so wie auch ich und mein Vater im Himmel Eins sind!" — Also Ehe, keine Trennung! Wie kömmt aber gerade heut zu Tage, gerade jetzt, wo der Geist deS AntichristenthumS sich stolz und empörerisch aufbäumt, gerade jetzt, wo klar ist, daß Heilung der Gegenwart und Rettung der Zukunft nur im Christenthum, nur in seiner Crstarkung und Wiederverherrlichung ruht, wie kömmt gerade in solcher Zeit, wo Staat und Kirche gemeinsam den gemeinsamen Feind zu bekämpfen sich verbinden sollten, dieser Drang und Ruf nach Trennung dieser beiden Reiche, die einig seyn sollten, wie Mann und Weib, innig verbunden, wie Seele und Leib, da man doch weiß, daß, wo Mann und Weib getrennt sind, die Kinder darunter leiden, daß, wo Leib und Seele sich trennen, der Tod eintritt? Der Grund liegt darin, daß der Staat im engeren Sinn sich all- mälig zum modernen Heidcnlhum oder doch zur modernen Indifferenz zu neigen begonnen, daß er kühl geworden gegen die Kirche, weil in ihm selbst nicht mehr daS wahre, warme, kirchliche Leben ist; kurz, er hat nicht mehr Sinn und Herz für die Kirche so, wie sich'S gebührte, und das fühlt die Kirche im engeren und jene im weiteren Sinn schmerzlich, sie ringt und sehnt sich nach Aenderung zum Besseren. Wenn deS Mannes Liebe zum Weibe zu erkalten beginnt, ja, wenn er sie sogar zuweilen mißhandelt, wenn er in Gefahr steht, der Verwilderung zu verfallen, — wie, soll daS Weib gleich auf Trennung dringen? Wird der Mann, einmal getrennt, dann nicht der Verwilderung ganz verfallen und jede spätere Wiedervereinigung nur um so schwieriger seyn? Und werden nicht die Kinder bei dieser Trennung der Ehe ! ebenfalls unvermeidlich leiben? WaS thut die Kirche, wenn ein Ehegatte zu ihr mit dem Gesuch um Trennung von dem anderen tritt? Willigt sie rasch ein? Nein; sie wendet Alles auf, die Trennung zu verhüten, und nur da, wo sie nicht zu vermeiden ist, willigt sie in dieselbe mit schwe- rcm Herzen und bittet und ermähnt, sich ernstlich vorzubereiten zur Wiedervereinigung. Und wenn nun die Kirche aufträte und wollte Trennung vom Staat, oder der Staat, und wollte Trennung von der Kirche, was würde Der sagen, welcher das unsichtbare Haupt der Kirche ist und welcher im Moment der Einsetzung deS ewigen LicbeSmahles und Seines Ganges in den Tod für unS gefleht hat: „v seyd EiuSl"? Und wenn Kirche im engeren Sinn und Staat im engeren Sinn sich trennen, werden nicht die Kinder darunter leiden, nämlich daS Volk? Wenn auch die Mutter (die Kirche) die Kinder zu sich nehmen wollte, werden sie ihr alle folgen? Und wenn sie auch alle bei ihr blieben, sie haben doch keinen Vater mehr und müssen oft und in vielen Dingen deS Schutzes entbehren, den nur der Vater geben kann! Darum wäre cS löblicher, wenn Mann und Weib beisammen blieben, und einander stützten und ertrügen, und daß sie sich nur dann trennten, wenn kein anderes Mittel mehr übrig bleibt. Ist eS aber zwischen Staat und Kirche wirklich schon so weit gekommen und sollte der Riß zwischen ihnen nicht mehr geheilt werden können? Dieß bedarf vor Gott und der Welt der ernstesten, der gewissenhaftesten, der ruhigsten Erwägung, der umsichtigsten Betrachtung aller Folgen der Trennung; und hierüber möchten wir in diesen Blättern Stimmen vernehmen, viele, herzliche, besonnene, denn eS handelt sich um die wichtigste Frage deS Jahrtausendes! DeS Glaubens Boden. Erzählung auS den Papieren eines Seelsorgers. (Schluß.) Meines bedauernswerthen Bruders Erscheinen wäre allein schon hinreichend gewesen, mich auS meinem Frieden aufzustören, hätte cS auch unter minder verwickelten Umständen stattgefunden. Welch ein Widerspruch von Armseligkeit und Hochmuth, von Trotz und Erniedrigung! Du bist zwar ein Priester, sagte er, aber hoffentlich Loch noch ein Mensch. Ich habe mich zu dir geflüchtet, weil mir die Mutter Natur in ihrem blinden täppischen Treiben dich zum Bruder gegeben hat. Ich habe mich auf deine Ehrwürden berufen, damit man mich nicht wie einen Vagabunden behandelte. Du weißt, oder nein, du weißt es nicht, was der große Lessing sagte: „DaS zahme Pferd wird im Stalle gefüttert und muß dienen; das wilde in seiner Wüste ist frei, verkommt aber vor Hunger und Elend." Daß Zdenko offenbar im Fieber redete, daS zeigte die düstere Nöthe auf seinen hohlen Wangen. Ehe ich ihn beruhigen und in meine Wohnung bringen konnte, war schon ein neuer Zwischenfall eingetreten. Die Kinder, die ihre Neugierde zur offenen Stubenthür geführt, waren über die Schwelle geschlichen, und hatten sich unS ziemlich genähert, als Zdenko von ungefähr seinen Blick auf Marietta wendete. Marielta schrie auf, barg sich hinter den Gespielen, und weinte; ihre Mutter, die oben den Schrei vernommen, eilte ängstlich über die Wendeltreppe herab, um nach dem Kinde zu sehen; unten angelangt, blieb sie von Schreck getroffen stehen, sie hielt sich am Geländer, sie zitterte heftig, und selbst Zdenko schien seine Fassung verloren zu haben. Allein die Verwirrung sollte noch !höher steigen. Ein Wagen rollte rasch heran und hielt vor dem Hause. 174 ES war Blahomir. Er hatte die ängstliche Spannung nimmer ertragen mögen; bald nach meiner Entfernung hatte er mit Macht sich aufgerafft, um nicht van der bangen Erwartung gefoltert zu werden. Nun trat auch er in den engen Kreis, in welchem schon so viel herber Stoff sich angehäuft; sein starrer Blick haftete zuerst auf Zdenko, dann auf Johanna. Diese bedeckte ihr Angesicht mit den Händen, und sank dann ohnmächtig zu Boden; weinend kniete Marietta neben der todeSbleichen Mutter. Lud- milla suchte bald nach Kamillenthee, bald nach herzstärkenden Tropfen; sie lief ängstlich hin und wieder, und rang sogar einmal die Hände; ein Zeichen, daß sie für diesen Augenblick ihr Sprichwort vergessen. Der Knotenpunct, in welchen hier so verschiedene auseinander gerissene Lebensbahnen sich kreuzten, machte wohl eine baldige Entwirrung und Lösung nöthig; und wem anders sollte die Aufgabe zugedacht seyn, dieses Geschäft zu fördern, als mir? Und wie sollte ich, um nichts zu verderben, eS beginnen und bei wem? Alle diese Fragen zeigten sich überflüssig. Die Aufgabe war mir keineswegs zugedacht; ich mußte eben von neuem lernen, daß man nicht immer da nothwendig sey, wo man sich für nothwendig hält. Ich ward eiligst abgerufen, es galt einen Mann noch am Leben zu finden, den der Schlagfluß getroffen. Der Weg war weit, daS Geschäft nicht schnell abzuthun, und die Familie des Sterbenden, mit ihrem eigenen Schmerz beschäftigt, hatte keinen Sinn für die Leiden, die mich bedrängten. Als ich endlich, nach einer langen Stunde, wieder dem Hause der Wittwe zueilte, war diese die erste, die ich antraf; sie hatte eben draußen nach mir umgesehen. Wie geht'S? rief ich ihr entgegen. So gut als möglich, erwiederte sie. AlS Sie fort mußten, war mir wohl bange wie alles das sich wenden möge, allein ich vertraute der Trösterin der Betrübten, und dachte mir, es werde sich schon finden, denn Zeit und Weile sind ungleich. — Wo ist Zdenko? — Ja wo? Könnten Sie eS errathen? Da zeigt sichS, daß man über Niemanden urtheilen und richten darf, auch wenn er ein halber Heide ist, wie der Herr Blahomir. Erst wechselten die beiden einige französische oder griechische Worte, die ich recht gut verstehen konnte; denn Ihr Bruder war störrisch, und der Doctor großmüthig; gleich darauf half ich ihm, den elendigen Mann in den Wagen zu bringen; der Doctor gab dem Kutscher einige Aufträge, und ließ den Kranken in seine Wohnung führen. Darüber hat der ganze Himmel sich gefreut. — Und wo ist Blahomir? — Er sitzt drinnen in der Stube, hat die kleine Fremde auf dem Schooße sitzen, plaudert mit ihr, weint und lacht, alles durcheinander. Denn damit Sie eS nur wissen: daß Marietta eine Comtesse ist, darin habe ich mich geirrt; sie ist deS Doctors Töchtcrlein in allen Ehren. — Und die Mutter? — Ja diese möchten Sie besuchen, so erschöpft sie ist; sie wünscht eS sehnlichst, und Blahomir läßt ebenfalls darum ersuchen. Sie führte mich hinauf in die ärmliche Kammer, und entfernte sich. Schweigend näherte ich mich der Leidenden, die mit geschlossenen Augen dalag, mich aber doch erkannte. Ich kann nur wenig reden, sagte sie mir leiser Stimme, aber Gott ist mein Zeuge, daß Sie keine verstockte Sünderin vor sich sehen. Die himmlische Mutter der Menschen hat ihr Auge von mir nicht abgewendet. Ich habe meine Verblendung erkannt, meinen Frevel schmerzlich bereut, und die Gnavenmittel der Kirche längst wieder empfangen. Die Leiden, die ich dulde, sind gering gegen den Schmerz über meine Thorheit und die Schmach, die ich meinem edlen Gemahl zugefügt. Muß er jedoch selber eingestehen, daß er alles Erdenkliche gethan habe, um die Leuchte des heil. Glaubens in meinem Herzen auszulöschen, und dann meine Liebe zu ihm durch stetes Zürnen und Quälen zu ermüden, so mag er auch darauf achten, daß ich den Eid, ihm allein anzugehören, nicht gebrochen habe. Ich betheure vor meinem ewigen Richter, daß ich im Wesentlichen keiner Untreue mich schuldig gemacht. Ich schauderte zurück vor dem Abgrund, der mir sich aufthat; ich verließ den Verführer heimlich, in eiliger Flucht, all meinen Besitz in seinen Händen lassend. Und mußte ich seitdem mit meinem Kinde viel Elend erdulden, so habe ich eS nicht anders verdient. Nur Eines ist, waS ich sehnlichst wünsche: meines Gemahles Verzeihung. Wieder an seiner Seite zu wandeln, verlange ich nicht; ich bin dieser Ehre nicht würdig. Aber Marietta... möchte er mir nicht nehmen! — Sie verfiel in krampfhaftes Weinen und Schluchzen, ich aber wollte nicht zu viel »»zeitige Worte machen, und ging hinab in die Wohnstube. Blahomir sah ganz verändert auS; seine harten Züge waren in milder Wehmuth verklärt. Bringen Sie mir Nachricht? rief er mir entgegen. Wir gingen hinaus; ich theilte ihm mit, was ich gehört. Blahomir schwieg, aber er drückte mir die Hand, und seine Augen füllten sich mit Thränen. Es war spät geworden; meine Berufspflicht gebot mir, nach Hause zu gehen. Ich hatte mir in Gedanken schon die stille Kammer auSersehen und eingerichtet, worin ich meinen Bruder beherbergen wollte; ich hatte schon die Opfer der Geduld und Liebe vorbcrech» net, auf die ich mich gefaßt machen mußte; eS war anders gekommen, und eS sollte mir vielleicht die Gelegenheit genommen weiden, an dem schönen Werke mein Selbstbehagen zu nähren. Am nächsten Morgen stand ich vor Zdenko'S Lager. Der verstörte Mensch blickte mit seinem gewohnten hämischen Lächeln um sich. WaS für ein honetter Kerl, sprach er, bin ich wieder geworden! Ein schön möblirteS Zimmer, bequemes Bett, schneeweiße Wäsche mit den Merkzeichen meines erhabenen Feindes, des tugcndstolzen Blahomir, und ein Pfäfflein zu meiner Seite, das mein eigener Bruder ist! Willst du mir die Seele auS- segnen, dieses wunderliche unsichtbare Ungeheuer und Unding, diesen Funken, Rauch und Hauch? — Er fing furchtbar zu husten an, eine Masse schäumenden, übel aussehenden Blutes folgte nach. Ich reichte ihm die Arznei, die bereit stand, und etwelche gute Worte. Spotte nicht immer, Zdenko, sagte ich; du stehst vielleicht schon dicht an der Pforte eines neuen LebenözustandeS; läugne nicht Gott und Dich. — Da sey ruhig, du Knecht der Kirche. Gott ist der universelle Geist, der Weltgeist, und er allein ist mein wahrhaftes Ich und Selbst; denn in mir, ohne Ruhm zu melden, hat er sein endliches Bewußtseyn. — Ich kenne diese TeufelSlehre wohl; sie ist gerade das Gegentheil von dem, waS der heilige Glaube lehrt. — Behalte ihn für dich, Brüderlein; mir wirst du ihn nicht aufzwingen. Du kennst das norddeutsche Sprichwort: „Man kann einen Esel wohl in't Mater trieven, aber nicht twingen, dat he süpt." Was ist der Tod? Die Aufhebung deS endlichen Fürsichseyns, die Rückkehr des Einzelnen in daS AU. Für meine Seele hast du also nicht zu sorgen; für meinen faulen Leib kannst du wenig thun, denn du bist ein dienender Geistlicher, und folglich ein armer Teufel; auch ist dir das pathetische Biederherz Blahomir schon zuvorgekommen. Sage ihm, er möge mich mit seinen Visiten verschonen; eS sey dann, wenn ich gerade schlummere. Er will glühende Kohlen über mein Haupt sammeln; doch wird er mich nicht dahin bringen, daß ich in dummer thierischer Dankbarkeit, wie ein Pudel, wehmüthig zu ihm aufschaue und mich schäme. Der unglückliche Mensch wurde allmälig doch etwas zahmer. Da die Behörden über ihn Auskunft verlangten, mußte er eS dulden, daß Blahomir mit ihm sprach. Auch fing er an zu klagen, daß er „daS ab- stracte Denken" nimmer recht in seiner Macht habe. Hingegen ist eS als ein schöner Zug ihm nachzurühmen, daß er in Blahomir'S Gegenwart mit Eifer und Wärme Johanna's Unschuld und unverbrüchliche Treue bezeugte, und bei dem „allgegenwärtigen Weltgeist" beschwor. Einige Zeichen, die er, deS Redens unfähig, in seinen letzten Stunden gab, und der vielsagende innige Händedruck, womit er meine Mahnungen und Fragen beantwortete, berechtigten mich, ihm die letzte Oelung zu spenden. Ich fühlte mich getröstet. Ungleich größern Trost erlebte ich an Blahomir. Er hatte seiner Frau mit schonender Güte sich genähert; sein Entschluß war nach wenigen Tagen reif geworden; sie aber zögerte; sie wagte nicht, seinem Antrage zu folgen. Marietta gab den AuSschlag. Sie war der FriedenS- cngel, der um die Getrennten daS unlösbare Band wieder enger schlang, als je vorher. Der Vater wollte sie nicht missen, er mochte auch der Mutter sie nicht rauben; da schlug diese endlich in die treue Hand, die Blahomir ihr darbot, und vor Freuden weinend rief Ludmilla: sehen Sie nun, Herr Doctor, das hat die heilige Gottesmutter so gefügt, nicht die Allmulter Natur, wie Sie zu sagen pflegen. Johanna trat in ihre früheren Rechte ein, sie erblühte wieder in Schönheit und Lebensfülle. Ob auch der Glaube wieder aufblühte in Blalwmir'S Herzen? WaS durch falsche Weltweisheit zerstört worden, will durch ächtes und gründliches Denken wieder hergestellt werden. Ich redete wohl manchmal davon, wie der Boden des Glaubens, der nicht die Erscheinungen, sondern daS Wesen der Dinge betrachtet, eben so sehr in der Dcnkkrast als in der Willensfreiheit deS Geistes zu suchen sey, und wie der gute Wille, unter der Herrschaft deS Gewissens, die Vernunft für die Wahrheit befähige. Mehr aber als auf meine Worte vertraute ich auf das Werk der Vergeltung, das Johanna an ihm ausüben werde. Denn ich gedachte deS großen AuSsprucheS, daß der ungläubige Mann geheiligt wird durch das gläubige Weib, und so hinwiederum. Inzwischen verrieth Blahomir selbst, durch Benehmen und Rede, daß er in aller Stille mit einem Umbau seiner Denkweise beschäftigt war. Wie ich mir immer Gott, oder den ewigen Weltgrund denken mag, sagte er: die sogenannte „vernünftige Nothwendigkeit" kann mir nimmer genügen; jedenfalls muß ich an eine Vorsehung glauben. Welche eigenthümliche Fügung! Ein Zufall führt mich in Ludmilla'S Haus, dort widme ich meinen geringen Dienst, zu dem ich ohnehin verpflichtet bin, dem Hausvater, dessen Leben ich doch nicht erhalten kann; dafür rettet, pflegt und tröstet die arme Wittwe mein Weib und Kind, bewahrt sie für mich, wird meine größte Wohlthäterin. Und auch Sie, Freund Jvo, den ich so thöricht verachtete, mußten inS Mittel ") Ins Wasser treiben, aber nicht zwingen, das er sanft. 175 treten, damit Zdenko'ö Dazwischenkamt mein Glück und meinen Hausfrieden befestige. WaS geschah mit Ludmilla? Marietta hing mit so zärtlicher Liebe an ihrer Marianka und den übrigen Kindern, unv die Eltern waren ihr so sehr zu Dank verpflichtet, daß sie ihren Antrag nicht ablehnen konnte. Sie übersiedelten in ein schönes Landhaus, das lem Arzt gehörte, und wo Johanna wohnte; hier ward ihr die Aufsicht über die gesummte Wirthschaft anvertraut. Besseres konnte sie sich gar nicht wünschen. Und so sprach sie auch zuweilen zu den Ihrigen: Kinder, gedenkt der Dinge, die ich euch gesagt, als unsere Herrin mit Fräulein Marietta in unser dürftiges HauS kam. Ich sagte euch damals voraus, daß sie in ihr prächtiges Schloß wieder einziehen und Euch Alle mitnehmen werde. Nun, in der Hauptsache habe ich doch recht gesehen. Ihr seyd hier in einem schonen Landhause, könnt im Garten spazieren gehen, habt reinliche und nette Kleider, und Semmeln statt deS schwarzen Brodes; auch lernt ihr, wenn ihr fleißig seyd, viel gute und nützliche Dinge. Aber bleibet nur dankbar gegen Gott und eure Wohlthäter, und werdet mir nicht hoffärtig und träge. Wie eS heute euch geht, wisset ihr; waS morgen geschehen kann, wisset ihr nicht. Denn Zeit und Weile sind ungleich. Blumen aus dem Schriftgarten des heiligen BernarduS. (Fortsetzung.) 63. Gebot. Sieben Hindernisse gibt eS, die uns vom Gehorsame gegen GotteS Gebote abhalten. Das erste Hinderniß ist der Bedarf unsers elenden Leibes, der Schlaf, Speise, Kleidung und AehnlicheS verlangt und uns dadurch ohne Zweifel häufig an geistlicher Uebung hindert. Zweitens hindern unö die Fehler deS Herzens, Leichtsinn, Verdacht, Ungeduld, Neid, Lobsucht und diesen ähnliche, welche wir täglich an unS erfahren. Als drittes und viertes Hinderniß nimm an Glück und Unglück dieser Welt. Denn gleichwie der Leib, der verweSlich ist, die Seele beschwert: so drückt der irdische Wohnort den Sinn darnieder, der an Vieles denkt. Das fünfte Hinderniß ist das schwerste und gefährlichste, nämlich unsere Unwissenheit. Denn in vielen Dingen sind wir ganz ungewiß, was wir thun sollen, so, daß wir nicht einmal, wie wir sollen, zu beten wissen. DaS sechste Hinderniß ist unser Widersacher, der wie ein brüllender Löwe herumgeht, suchend, wen er verschlinge. Und wenn wir auch von diesen sechs Widerwärtigkeiten befreit würden, möchte uns doch daö siebente Uebel nicht berühren, und uns keine Gefahr unter falschen Brüdern ergreifen! Wenn doch allein die bösen Geister uns anfallen würden mit ihren Versuchungen, und nicht auch böse Menschen unS schaden würden durch verderbliche Beispiele, durch gewaltsame Ueber- redungen, durch schmeichelhafte und ehrabschneiderische Worte und tausend andere Arten der Verführung! 64. Geburt Christi. Zweierlei Dinge betrachte ich in der Geburt deS Herrn, die nicht nur verschieden, sondern auch einander sehr unähnlich find. Denn der Knabe, welcher geboren wird, ist Gott, und die Mutter, von der er geboren wird, ist eine Jungfrau; und die Geburt selbst ist ohne Schmerz. 65. Geburt deS Menschen. Zu jenen eile ich, die durch den Tod deS LeibeS aus der Welt gingen. Wenn ich ihre Gräber betrachte, finde ich in denselben nichts, als Asche und Würmer, Gestank und Schrecken. WaS ich bin, das sind sie gewesen, und waS sie jetzt sind, werde ich seyn. WaS bin ich? Ein Mensch aus flüssiger Feuchtigkeit. Denn ich bin im Augenblicke der Em- pfängniß von menschlichem Samen empfangen. Dann ist der geronnene Schaum durch einiges Wachsthum Fleisch geworden. Darauf bin ich weinend und klagend dem Verbannungöorte dieser Welt übergeben worden: und siehe, nun sterbe ich voll Sünden und Abscheulichkeiten. 66. Gedanken. Wie der Gedanke an die Sünde entfärbt, die Begierde verwundet, so tödtet die Einwilligung die Seele ganz. Hüten wir unS also vor unnützen Gedanken, damit das Angesicht unserer Seele schön bleibe. Wenn aber doch manchmal ein schädlicher Gedanke in das Gemüth sich einschleicht, arbeiten wir mit aller Sorgsamkeit, den Schmutz schneller abzuwaschen und auszukratzen, ehe wir uns ganz beschmutzt sehen, indem wir mit dem Psal- misten rufen: „Besprenge mich mit Hyssop, so werde ich gerei- niget: wasche mich, so werde ich weisser, als der Schnee." Ein Geschäft der Teufel ist eS, böse Gedanken beizubringen, unser Geschäft, sie auszuweiden. Wie ein Abgrund nicht ausgeschöpft werden kann, so kann auch daS Herz des Menschen von seinen Gedanken nicht ausgeleert werden, sondern mit beständiger Regsamkeit treiben sie sich darin herum. „Ein großes Meer ist das Herz, daS ausbreitet seine Arme, daselbst ist Thiergewimmel ohne Zahl, Thiere, klein und groß." Denn gleichwie das Thiergewimmel im Verborgenen kriecht, und in Krümmungen und Windungen bald da bald dorthin kommt; so gehen u» Gewissen deS Menschen schädliche Gedanken ein und aus. Dieses kannte sehr wohl Jener, der da sagte: „Aller Menschen Herz ist böse und unerforsch lich: wer durchschaut eS?" Gleichwie eine mit Luft angefüllte Blase zerplatzt, so bricht auch ein mit eiteln Gedanken angefülltes Herz in starkes Gelächter aus. 67. G ed u l d. BeideS bist du mir, Herr Jesus, sowohl ein Spiegel im Leiden als auch der Lohn deS Leidenden. BeideS fordert zur Tapferkeit auf und entzündet dieselbe. Du lehrest meine Hände den Kampf deiner Tapferkeit: du krönest nach dem Siege mein Haupt mit der Gegenwart deiner Herrlichkeit. Wahre Geduld ist Leiden oder Thun gegen daS, was gelüstet, aber nicht gegen das, waS erlaubt ist. Ertrage Alles für Gott, der für dich Größeres ertragen hat! Wahre Geduld wird nicht erworben und bewahrt, außer durch tie- feste Demuth. Die Ungeduld ist daS Verderben der Seele. „Jene, welche die Anfechtungen in der Furcht deS Herrn nicht angenommen, sondern ihre Ungeduld und die Schande ihres Murrens vor den Herrn gebracht haben, die sind von dem Nerderber vertilget und von den Schlangen getödtet worden." 68. Gehet m n i ß. Drei Dinge sind verborgen, eine unerlaubte Handlung, eine hinterlistige Absicht und eine schaamlose Begierde. Eine schlechte That befleckt das Gedächtniß, eine hinterlistige Absicht den Verstand oder daS Gemüth, eine unverschämte Begierde den Willen. Gereiniget wird das Gedächtniß durch die Beicht, daS Gemüth durch Lesung, der Wille durch Gebet. 69. Gehorsam. Weder die Mühe einer guten Handlung, noch die Ruhe heiliger Betrachtung, noch auch die Thräne deS BüßerS können außer dem Gehorsam bei dem angenehm seyn, der einen solchen Gehorsam hatte, daß er lieber das Leben, als den Gehorsam verlieren wollte, „indem er gehorsam bis in den Tod." Der vollkommene Gehorsam kennt kein Verbot; er wird nicht eingeschränkt durch Gränzen, und ist nicht eingeengt durch Ablegung der Gelübde, sondern sein freigebiger Wille fliegt hinaus in die Breite der Liebe, und die Schwungkraft der Seele dehnt sich auS in unendliche Freiheit. Der Gehorsam, der den Vorgesetzten geleistet wird, wird Gott geleistet. WaS daher ein Mensch an der Stelle GotteS befiehlt, daS ist so anzusehen, als befehle es Gott, wenn eS anders nicht gewiß ist, daß eS ihm mißfalle. Denn waS ist für ein Unterschied, ob Gott durch sich oder durch seine Diener, ob er durch Engel oder Menschen unS seinen Willen kund gibt? 70. Der heilige Geist. Der Geist haßt den Schmutz, und wohnt nicht in einem Leibe, der den Sünden untergeben ist. Denn wem es eigen ist, die Sünden zu vertreiben, dem ist eS auch eigen, die Sünden zu hassen, und nicht in Einem Hause zugleich weilen Reinigkeit und Unreinigkeit. Wenn also Jemand den heiligen Geist empfangen hat durch die Heiligmachung, ohne die Niemand Gott anschauen wird, darf ein solcher eS wagen, vor seinem Angesichts zu erscheinen, als gewaschen und gereiniget, der zwar seine Hand-, lungen, nicht aber seine Gedanken bezähmt hat? Weil aber verkehrte und unreine Gedanken von Gott trennen, so muß man beten: „Ein reineö Herz erschaff in mir, o Gott, und den rechten Geist erneuere in meinem Innern. Verwirf mich nicht von deinem Angesichts, und deinen heiligen Geist nimm nicht von mirl" 71. Geist deS Menschen. Gleichwie die Seele in den Augen sieht, in den Ohren hört, mit der Nase riecht, mit dem Gaumen schmeckt, mit dem ganzen übrigen Kör- 17k per berührt: so wirkt Gott in verschiedenen Geistern Verschiedenes. So zeigt er sich z. B. in Einigen als die Liebe, in Ändern als die Weisheit, und wieder in Andern wirkt er Anderes; und bei einem Jeden macht sich der Geist zum Nutzen kennbar. 72. G e i st. Ein guter Besitz ist ein guter Geist. Ein guter und bescheidener Geist, ehe er redet, überlegt vorher, was er sage, an welchem Orte und zu welcher Zeit er eS sage. Daher geschrieben ist: „Ein weiser Mensch schweigt bis zur rechten Zeit." 73. G e i z. Der Geizige hat Hunger nach Zeitlichem wie ein Bettler, treu bewahrt er es wie ein Herr. Jener bettelt, indem er besitzt, dieser erhält eS, indem er es verschmäht. Der Geiz fährt mit einem vierräderigen Wagen; die Räder sind der Kleinmuth, die Unmenschlichkett, die Verachtung Gottes, die Vergessenheit dcS Todes. Die ziehenden Pferde sind Filzigkeit und Raubsucht, und diese leitet als Fuhrmann die Begierde nach Geld und Gut. Andere Lasier haben mehrere Diener. Der Geiz allein ist mit einem einzigen Diener zufrieden. 74. Gel ü b d e. Gleichwie eS denen, die etwas Größeres gelobten, nicht erlaubt ist, auf Kleineres Herabzugehen, daß sie nicht abtrünnig werden, so ist es nicht für Alle nützlich, vom Kleinern zum Großem überzugehen, damit sie nicht von der Hohe herabstürzen. 75. G e n u g t h u u n g. Demüthig und geschämig muß die Genugthuung seyn, wodurch die stolze Uebertretung verbessert werden soll. Eine würdige Genugthuung ist, das verübte Böse zu verbessern, und nicht zu wiederholen, was der Besserung bedurfte. 76. Genuß GotteS. „Ich muß schweigen, ich muß schweigen!" Nicht Allen wird an Einem Platze gegeben der Genuß der süßen und geheimnißvollen Gegenwart des Bräutigams, sondern wem eS vom Vater desselben bereitet ist. Denn nicht wir haben unS erwählt, sondern Er hat uns erwählt und uns gesetzt: und wohin einer von ihm gesetzt ist, da ist Er. Ein Weib fand ihren Platz zu den Füßen Jesu, eine andere bei seinem Haupte, Thomas in seiner Seite, Johannes an seiner Brust, Petrus im Schvoße des Vaters, Paulus im dritten Himmel Wer von unS kann genugsam unterscheiden diese Verschiedenheiten der Verdienste oder vielmehr der Belohnungen? 77« Gerechte. Gerecht ist, wer sich selbst am ersten beschuldigt: gerecht ist auch, wer aus dem Glauben lebt: gerecht ist ferner, wer ohne Furcht lebt. Der erste ist gut, weil er zum Leben geht, der zweite ist besser, weil er den Weg durchlauft, der dritte ist der beste, weil er sich schon dem Ziele des Lebens nähert. 78. Gerechtigkeit. Gleichwie die körperliche Sonne, obwohl sie gut und sehr nothwendig ist, durch ihre Hitze und durch ihren Glanz, wenn beide nicht gemildert werden, schwachen Köpfen und Augen schadet, dieses aber nicht Schuld der Sonne, sondern der Schwachheit ist, so verhält eS sich auch mit der Sonne der Gerechtigkeit, daher es auch heißt: „Wolle nicht gar zu gerecht seyn!" nicht, als wäre die Gerechtigkeit nicht gut, sondern weil wir schwach, muß die Gerechtigkeit durch Gnade gemildert werden, damit wir nicht etwa in Stolz und Unbedachtsamkeit verfallen. 79. Gericht GotteS. In dieser Verbannung ist Christus sanft und liebenswürdig, im Gerichte wird er gerecht und furchtbar, in seinem Reiche herrlich und "wunderbar seyn. Hier ist er der Lenker der Sitten, im Gerichte der Unterscheid er der Verdienste, in seinem Reiche der Auö theil er der Belohnungen. ES wird ein Tag kommen, an dem der Richter keinen Zeugen braucht, wo die Wahrheit die Absichten erforscht, wo die Untersuchung der Schuld in die Geheimnisse des Herzens dringt. Wo endlich jener göttliche Blick die verborgensten Schlupfwinkel der Gemüther aufspüren wird, wo bei jenem untergelegten Feuer der Sonne der Gerechtigkeit die Herzen der Menschen an den Tag geben werden, waS sie verbargen. Dort werden die Thäter und Beistimmer mit gleicher Strafe belegt werden. Dort haben die Diebe und Diebsgenossen einen gleichen Richterspruch zu erwarten. Dorr werden ein gleiches Gericht erfahren, welche zur Sünde anlocken und sich von reu Sündern verlocken ließen. Scheyern. Unter den vielen Instituten in unserm Vaterlande ist Eines, daS wenig bekannt ist, und doch mit Recht hervorgehoben zu werden verdient. Es ist daS Institut in Scheyern bei Pfaffenhofen an der Jlm.— Dort, wo einst daS Stammschloß der durch Waffenthaten in Bayern hoch berühmten Grafen von Schyren — der Ahnen unsers KönigShauseS — liegt auf einem von allen Hochstraßen abgelegenen Platze das Benedictiner-Kloster, welches König Ludwig 1838 stiftete, und daö nun seit 10 Jahren segensreich für die Bewohner der Umgegend wirkt. Mit diesem Kloster ist ein Knaben- Erziehungs-Jnstitut verbunden; wenn auch nur 3 lateinische Curse bestehen, so ist doch gerade die wissenschaftliche Grundlage eine Hauptsache, die in Scheyern gerühmt zu werden verdient. Referent hatte seinen Sohn im Institute und Gelegenheit, sich von dem innern Wesen deS Institutes hinreichend zu überzeugen. Nicht nur, daß der Unterricht in der lateinischen Sprache, so wie überhaupt in allen Gegenständen, die in den lateinischen Schulen gelehrt werden, ein gründlicher ist, sondern eS weht ein wahrhaft gotteSfürchtiger, ein religiöser Geist in diesem Institute; in allen wissenschaftlichen Fächern, wie in der ganzen Erziehungsweise überhaupt kann man dieß wahrnehmen, und es ist dieß ein großer Trost für die Eltern; denn nur diejenge Erziehung hat einen Werth, die auf einem wahrhaft christlichen Principe beruht. O wie schön ist der Bund, eine Art Bruderschaft, die in diesem Institute besteht, in welchem nur Zöglinge von erprobter Sittsamkeit aufgenommen werden können; dieser Bund ist eine Aufmunterung und Aneiferung für Jene, welche noch nicht Mitglieder sind, und eine Befestigung deS Guten bei Denjenigen, die bereits dem Bunde angehören. Aber bei all diesem sieht man nichts von Bigottem, Kopfhängerischem u. s. f. an den Zöglingen. Nicht nur, daß sie stets in ungezwungener Fröhlichkeit sich bewegen, wird auch die gehörige Rücksicht genommen aus äußere Haltung und Anstand; sie haben statt der anderswo eingeführten Turnübungen militärische Uebungen und Spiele, und zeichnen sich hierin auS, so wie in ihren Schauspielen, die sie von Zeit zu Zeit aufführen; ihre musicalischen Leistungen sind gleichfalls vorzüglich, und bei all dem die financiellen Ansprüche, die an die Eltern gemacht werden, außerordentlich bescheiden, so daß das Institut, wenigstens in Anbetracht seiner II. Abtheilung, in welcher sämmtliche Kosten nicht einmal die Summe von 100 fl. jährlich erreichen, fast als eine Wohl thätig keitS-Anstalt erscheint. ES ist aber auch ein WohlthätigkeitS-Jnstitut in geistiger Beziehung, daS einen tiefen Eindruck auf den Berichterstatter, — der noch obendrein mit Vor urtheilen eS betrachtete, ehe er es genau kennen gelernt hatte — machte. Unvergeßlich bleiben ihm die inhaltschweren Worte, die der würdige geistreiche Rector (P Ludwig) bei Gelegenheit der Preiseverthei- lung jüngst an die Zöglinge in öffentlicher Versammlung gesprochen; nachdem er die moralische Erziehung als einen Krieg, und zwar als einen Defensiv-Krieg gegen daS Böse, und einen Offensiv-Krieg für daö Gute dargestellt, und auf eine schöne Weise die militärischen Spiele der Zöglinge (in diesem Jahre 83 an der Zahl) eingeflochten hatte, schloß er mit den Worten: „Ihr möget die Studienbahn nun verlassen, oder hier, oder anderswo fortsetzen, vergesset nur nicht, daß Ihr den kostbaren Schatz Eurer einzigen Seele im unermüdlichen Kampfe zu vertheidigen habet gegen einen Feind, der seine Angriffe nickt sogleich mit dem groben Geschütze schwerer Vergehen, sondern mit dem Kleingewehrfeuer scheinbar unbedeutender Leichtfertigkeiten und Vernachlässigungen beginnt, und Euch, wenn auch langsam, doch um so sicherer in seine Gewalt bekommen wird, je sorgloser und schläfriger er Euch im Defensiv- Krieg gegen das Böse gemacht haben sollte. Ja stehet fest, rufe ich Euch nochmal mit dem großen Völkerlehrer zu, ergreifet GotteS Waffen, damit Ihr in dieser bösen Zeit Widerstand leisten, und in Allem Euch unverrückt aufrecht erhalten könnet." Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer Vierteljähriger Abon« nemnltspreis im Bereiche von ganz Bayern nur 20 kr„ ohne irgend einen weiteren Post - Aufschlag. Auch von Nicht Abonnenten der Postzcitung werden Bestellungen angenommen. Sonntags - Peibtatt zur Augsburger Postzeitung. Auch durch den Buch, Handel sönnen diese Blältcr bezogen werde». Der Preis beirägt, wie bei dem Bezug durch die Post, jährlich 1 st. 2» kr. Neunter Jahrgang M 43. 1 L. November L84S. Allocution deS ErzbtschofeS von Paris bei Eröffnung des Concils. Ehrwürdige Vater und Collegen! Geliebte Mitarbeiter! Gott erhört in diesem Augenblicke einen unserer heißesten und langgcuährten Wünsche. Ewig sey er dafür gebenedeit; denn eS ist ja das erste Bedürfniß unsers von Freude und Hoffnung erfüllten Herzens, sich zu erheben zu dein Geber und Vollbringen alles Guten, und ihm zu danken, daß Seine Hand unö vereinigt hat zu dieser heiligen Versammlung. Bitten wir ihn, daß er Sein Werk auch vollende, dadurch, daß er, getreu seinem AuSspruche, unter uns verbleibe, und uns erleuchte mil Seinem Lichte, daß er uns den Geist der Weisheit und der Stärke gebe, damit für die Kirche sowohl als für die Gesellschaft, welche beide gegenwärtig von so fürchterlichen Stürmen aufgewühlt stnv, diese Versammlung zum Heile werde, eine Versammlung, die schon dann von der höchsten Bedeutung wäre, wenn sie gar nichts anders thun würde, als den ersten Schritt verzeichnen auf dem allen, jedoch heut zu Tage neuen Wege, auf den die Vorsehung uns hingewiesen hat. Ja, die Concilien sind es, die zugleich das Heil der Kirche wirken, und auf eine kräftige Weise beitragen zum Wohle der Gesellschaft. Man hat sich genug bemüht, Kirche und Staat einander feindlich gegenüber zu stellen, die wechselseitigen Beziehungen, durch die sie eng verbunden sind, zu läugnen, unv sie für völlig von einander unabhängig zu erklären; fruchtlose Mühe! man kommt allmälig doch zur Einsicht, daß die Gesellschaft in zeitlicher unv geistiger Hinsicht einer göttlichen Grundlage bedarf, und daß beide Gesellschaften, ähnlich zwei großen Bäumen, die zwar getrennt stehen, aber in den Wurzeln vereinigt sind, einen und denselben Boden, eine und dieselbe Triebkraft besitzen. Nur zu gut haben wir dieß erfahren. Menschliche Weisheit wollte für sich allein den Staat aufbauen. Wie rühmte sie sich der geistreichen Berechnungen, die sie entdeckt hatte! Mit Stolz wies sie hin auf ihre Armeen, ihre Befestigungswerke, auf den Fortschritt der Industrie unv den Ueberfluß an Reichthümern. Und in Einem Augenblicke waren alle die materiellen Kräfte dahin. Beim ersten Andränge deS Sturmes stürzte alles über den Haufen; und eS ist etwa nicht bloß Ein Reich, Eine gesellschaftliche Form zu Grunde gegangen — nein; sondern indem der Sturm die Grundfesten der Staaten bloßlegte, konnte man sehen, daß diese Grundfesten gänzlich unterminirt, und von einem völligen Einsturz, einer vollständigen Zcrbröcklung bedroht waren. — Die Lehre war eine strenge, aber sie fand zugängliche Gemüther. Herzen, die mit eisernen Banden an daö Irdische gekettet waren, kehrten zum Himmel zurück, und ähnlich dem Matrosen, der daran ist, von den Fluthen verschlungen zu werden, riefen sie Gott in ihrem Elende zu Hilfe, und vertrauten auf die Stärke Seines Armes, und den Beistand Seiner Religion. Die Religion ist also die Lebenskraft der menschlichen Gesellschaft. Die Religion nur gibt den Frieden, die Eintracht der Gemüther, die wahre Freiheit, die wahre Menschenwürde, Liebe und Nachsicht mit den Schwachen, Gedulv und Ergebung, ächten Opfergeist, und Linderung im Unglücke, sie verleiht den Gesetzen Wahrheit, den Oberen Gerechtigkeit, den Bürgern Achtung vor der Behörde; ohne sie gibt es nur eine Herrschaft der Selbstsucht und der glühendsten Leidenschaften: ohne sie herrschen nur Genußsucht und Verachtung der Geringeren in den Reichen, und Haß gegen diese in dem Herzen der Untergebenen, bürgerliche Zwiste, brudermörderische Kriege; wo die Religion verschwunden ist, dort ist kein menschliches Band, keine Achtung vor dem Gesetze, keine Ordnung — keine Gesellschaft mehr möglich. Nun ist eö die Kirche, welche daS Ganze der religiösen Gesellschaft ausmacht, ja sie selbst ist die inS Werk gesetzte göttliche Religion. Was die Kirche an Stärke verliert, um das vermindert sich auch der Einfluß der Religion. Die Kirche wiederherstellen in ihrer Disciplin und ihrer Sitte heißt also der Religion ihre ganze Stärke wieder geben, und zugleich an dem Wiederaufbau der Gesellschaft arbeiten. — Seit mehreren Jahrhunderten her haben die, welche an der Spitze der Völker standen, durch die kläglichste Unbesonnenheit geleitet, alle Kräfte aufgeboten, der Kirche Hindernisse in den Weg zu legen, ihren Bestand zu untergraben und ihren Einfluß aufzuheben; man weiß nun, wohin dieß alles geführt hat; möchte man doch diesen Grundsatz für immer aufgegeben haben. Man fürchtete die Kirche; mau suchte in ihr eine Theilung, somit Schwächung herbeizuführen; man löste sie so sehr als möglich von ihren Häuptern und trennte die Glieder eines vom andern; besonderen Schreck hatte man vor diesen Versammlungen, a»S denen sie neue Stärke schöpft, in welchen sie eingerissene Mißbräuche abstellt und ihre Disciplin kräftigt, unv durch den Eifer ihrer bewunvernSwerthcu Hierarchie fester knüpft die Bauve der Einheit. Gegenwärtige Versammlung ist ein sprechenveS Zeugniß, daß andere Zeiten gekommen siuv, unv von nun au mehr Weisheit walte in den Beschlüssen Jener, welchen rie Geschicke veS VatörlanveS anvertraut sind. Beweisen wir, ebrwürcige Väter unv geliebte Mitarbeiter, unsern Dank dafür dadurch, daß wir hier an dem Heile der Kirche arbeiten, und dabei zu gleicher Zeit daS Wohl der Gesellschaft zu beförvern streben. Einen wesentlichen Punct dürfen wir in diesem Concilium nie auS dem Auge verlieren — denn va eS unmöglich ist, alle unsere Uebel auf einmal zu heilen, so werdet Ihr alle Eure Aufmerksamkeit auf jenes gerichtet haben, welches daS allgemeinste unv gefährlichste ist. Ihr habt die Meinung ausgesprochen, daß dieses Uebel darin zu suchen sey, weil alle Achtung vor der Autorität aus den Gemüthern verschwunden ist; und wahrlich, dieses Uebel ist die Hauptkrankheit unserer Zeit. Die Gesellschaft löst sich allenthalben auf, weil mau an keine Autorität, kein Gesetz glaubt, und jene weder liebt, noch achtet. In der Kirche glaubt man wohl an sie, aber achtet man sie auch immer? Der Sturm deS Jahrhunderts ist auch über uns dahingegangen, und hat seinen verhängnißvollen Samen ausgesäet; nun sproßt das Unkraut auf dem Felve des HauSvaterS, und eö ist Zeit, dasselbe auszujäten, daß es den Acker nicht weiter verderbe. Glück für uns, daß Gott selbst der Stifter unserer Kirche, und Er, der Ewige, immer mit unS ist. Damit die Kirche stark und blühend sey, bedarf sie weiter nichts, als daß sie frei sey. Ihr seyd im Begriffe, ehrwürdige Väter und geliebte Collegen, hier wiever eng zu knüpfen die Bande der Ergebenheit, der Liebe, der Ehrfurcht, welche unS mit dem apostolischen Stuhle vereinigen. Dieser Stuhl hatte einen Augenblick, wir werden eS nie vergessen, für unsern geliebten Papst, der ihn gegenwärtig einnimmt, eine Aehnlichkeit mit einer Säule, an welcher Christus gegeißelt und bespiecn wurde; möchte doch der Ausdruck unserer Gefühle ihm zu einiger Linderung seines Schmerzes seyn. Die allumfassende Gewalt deS Oberhauptes der Kirche, als Ausfluß und Darstellung der Gewalt Jesu Christi, ist hier aus Erden die Grundlage und Wurzel aller geistigen Gewalt. Diese ist der erste Ring, an dem sich sofort die ganze Hierarchie anschließt; diese ist der Grundstein, ohne welchen das ganze Gebäude zusammenstürzen müßte. Ihr werdet in Zukunft, so viel an euch ist, beitragen zur regelmäßigen Wiederkehr dieser heiligen Versammlungen, deren lauge Unterbrechung so viele Uebel herbeigeführt hat. Die Concilien stellen die Kraft und die lebendige Einheit der Kirche dar; sie mahnen zur Achtung der älteren Gesetze, sie geben den neueren, deren Einführung den Bischöfen nöthig erscheint, mehr Kraft und Ansehen. Diese Decrete, an sich schon bindend, in so fern sie nicht gegen die allgemeinen Kirchengesetze und nicht gegen 178 die Vorrechte deS heil. Stuhles find, werden einen noch weit ehrwürdigeren Charakter annehmen, wenn sie niedergelegt zu den Füßen des höchsten Kirchen Oberhauptes, seine Bestätigung und seinen Segen erhalten haben. Die Wiedereinführung der Synoden ist eine Folge der Provincial- Concilien. Sie repräsentiren die Einheit der Diöccse. Die Gewalt der Bischöfe stützt sich in derselben auf die Eintracht der Herzen und auf eine heilige Gemeinschaft der Gedanken und Gefühle, die ihm Liebe und Achtung sichern. Im Schooße der Synode ist es, wo jeder Bischof nach den Vorschriften deS heiligen Concils von Trient seiner Diöccse die auf dem Provincialconcil gefaßten Beschlüsse ordnungsmäßig bekannt macht. Ihr werdet auch ohne Zweifel in dieser unserer ersten Versammlung einige zu erinnern haben, welche zu vergessen scheinen, daß daS RegierungS- amt in der Kirche den Bischöfen zukommt. Diese sind die Häupter deö Klerus und der Gläubigen. Die Capitel kommen ihnen zu Hilfe mit ihrem Gebete und ihrem Rathe. Die Pfarrer sind ihre Stellvertreter bei den einzelnen Heerden, welche durch die ganze Diöccse zerstreut sind. Die übrigen Priester sind ihre Kinder und zugleich ihre Bruder und Mitarbeiter. WaS gibt eS herrlicheres und dauerhaf tereS, als solch eine Constitution, die durch Ein Glied die Pfarre nut der ganzen übrigen Diöccse, die Diöccse mit der Metropole, die Metropole mir der Mutter und Königin aller Kirchen innigst vereint, und die auS dem höchsten Kirchenhaupte, den Bischöfen, den Priestern und den Gläubigen einen Körper bildet, der gleichsam nur Ein Herz und Einen Sinn hat! Irrthümer, welche die Grundlagen der Religion und der Gesellschaft berühren, werden die gerechte Strenge und Verdammung durch das Concilium erfahren. Einige dieser Irrthümer stürzen die Grundsätze der Ge rechtigkeit um, andere die der Liebe. Auch einige mystische Irrthümer, die sich in unsern Diöcesen Geltung verschaffen wollen, werden unsere Wachsamkeit in Anspruch nehmen. Die Eintracht der Geister und Herzen wird auch die äußere Einig keit herbeiführen, und diese findet ihre Vollendung im Glauben. Sie muß sich aber auch zeigen in den Gebräuchen und Ceremonien. Ihr werdet daher, ehrwürdige Brüder, dahin arbeiten, daß letztere durchgeführt werde, dadurch, daß ihr unsern Diöcesen allgemeine Vorschriften gebet, denen au» euerer Uebereinstimmung großes Ansehen erwachsen wird. Jede Autorität muß, wenn man sie achten soll, auch geregelt seyn. Willkür und Mißbrauch der Gewalt werden von dem Geiste und den Gesetzen der Kirche gleichmäßig verworfen. Wir werden in diesem Geiste und im Sinne dieser Institutionen mit unsern Urtheilen Billigkeit, mit unserer Amtöverwaltung Weisheit, und mit der Macht Mäßigung und Barmherzigkeit in Verbindung bringen. Wie ihr wißt, ehrwürdige und geliebte Mitbrüder, gereichte der Kirche die Wissenschaft ihrer Diener von jeher zu besonderem Glänze Heut zu Tage thut eS Noth, daß diese Wissenschaft kräftiger und ausgedehnter sey, denn je, vermöge der Verhältnisse, in denen wir leben. Wir stehen nicht mehr in jenen Tagen deS Glaubens, wo die Elemente der theologischen Wissenschaften dem Priester genügten, um seinem Charakter Achtung zu verschaffen. Die Entwicklung deS menschlichen Geistes in mancherlei Beziehungen, die Verbreitung gewisser zum Theile wahrer, zum Theile falscher Ansichten, ja die Natur der Angriffe selbst, welche der Un« glaube gegen die Religion richtet, machen die Nothwendigkeit gründlichen Wissens zur dringendsten. Ihr werdet vielleicht bemerken, baß hie und da die theologischen Studien einer Verbesserung bedürfen. Denn dadurch, daß wir Priester bilden, die eben so ausgezeichnet sind durch Frömmigkeit als durch Wissenschaft, sichern wir am besten die Heilkraft der Kirche, arbeiten wir für daS allgemeine Wohl, und thun daS, was in diesem Augenblicke Vielleicht wohl das Wichtigste ist. Die meisten Uebel für die Gesellschaft entspringen auS der schlechten Kindererziehung, der schlechten Erziehung in der Familie, und nur zu oft auch in der Schule. Wenden wir auch nach dieser Seite hin unsere Sorgfalt, und trachten wir dahin, daß ein religiöser Geist Familie und Schule immer mehr durchdringe. Welchen Dienst würden wir der Kirche und der Gesellschaft erweisen durch Gründung von Anstalten, in welchen die Jugend, vor Gefahren gesichert, in Frömmigkeit, ohne welche eS keine wahre Weisheit gibt, erzogen würde, durch Vermehrung der guten und gotieS- fürchtigen Lehrer, und durch Heranbilvung einer neuen Generation, die durchdrungen von dem Bewußtseyn und den Grundsätzen deS Glaubens, sich unterscheiden wird von den jetzigen Generationen ohne Glauben und ohne Ueberzeugung, deren schwankender Geist dem Andringen der verschiedensten Meinungen Preis gegeben ist, und mit denen man nie im Stande seyn wird, für den Ruhm der Kirche oder den Frieden der Welt etwas dauerhaftes zu stiften. DaS Ziel also, daS wir uns hier vorgesetzt haben, ehrwürdige Väter und geliebte Brüder, ist ein großes und heilbringendes. Um dieses zu erreichen, haben wir nichts versäumt, weder von dem, waö die heilige Kirche vorschreibt, noch von dem, was die Klugheit gebietet. Wir baden ausgezeichnete Männer in unsere Mitte berufen, deren Weisheit und Frömmigkeit sie unserm Vertrauen gleichmäßig empfehlen; tiefcenkende Theologen und Eanonisten sind bereit, uns in allen Fragen, die einige Schwierigkeit haben könnten, mit ihren Einsichten zu Hilfe zu kommen. UebrigenS vergessen wir nie, daß alle VorstchtSnahmen fruchtlos, alle unsere Hilfsmittel eitel seyn würden, wäre Gott nicht in unserer Mitte. Nein, meine ehrwürdigen Väter und geliebten Mitarbeiter, wir für uns allein vermögen nichts; aber wir vermögen Alles in dem, der" unsere Hoffnung und unsere Stärke ist; wenden wir uns während unserer Arbeiten unaufhörlich zu ihm. LXffnen wir unsere Herzen seinen Eingebungen, und so vereinigt mit Gott und einig unter uns selbst, werden wir die Hindernisse besiegen, welche sich uns in den Weg stellen, und welche die Erreichung dieses Gutes, das wir um der Ehre Gotteö und des Heiles unserer Brüder willen, anstreben, vereiteln könnten. Reisebetrachtungen. / Im Oct. 1849. ES ist eine vortreffliche, ganz naturgemäße Einrichtung, daß Lehrern und Schülern nach langen Mühen auch eine Zeit der Erholung geboten wird. Und diese Zeit der Ruhe ist, recht angewendet, durchaus kein Stillestehen im Gebiete der Tugend und deS Wissens; sie ist es vielmehr, welche die unentbehrliche Ergänzung herbeiführt. Es erwächst in der That für den Schüler, um nur von diesem zu sprechen, in und mit dieser Ferienzeit eine neue Aufgabe. Schule und Leben begegnen sich hier. Ein jegliches macht sich geltend, und eS braucht nicht erwähnt zu werden, von welchen verschiedenen Folgen eS seyn könne, wenn Schule und Leben sich friedlich begegnen, einander fördern und heben, und so die beabsichtigte Vollendung in dem jungen Menschen herbeizuführen sich anschicken, oder wenn sie einander bekämpfen, und vernichtenden Einfluß gegenseitig auszuüben streben. Die Schule nähre sich an dem Leben, das Leben finde ihr seine Regelung. Wer mühsam zu Fuß auf der Reise sich fortschleppt, oder in einem Eil- oder Stellwagen eine oder mehrere Nächte durchführen mußte, wird dem menschlichen Geiste für die staunenSwürdige Erfindung der Eisenbahn- fahrten Dank wissen. Vermittelst dieser Gelegenheit war ich nach Kauf- beuern gekommen, und halle dort im Bahnhöfe die Freude, einen mir von früher her werthen Freund zu treffen, der ebenfalls von Ferne kommend, mir die Absicht seiner Reise sogleich dahin erklärte, daß er bei der am folgenden Tage in Psorzen bei Kaufbeuern stattfindenden Primize als Diacon sich beiheiligen wolle, und da ich dem Primizirenden ebenfalls auS früherer Zeit nicht unbekannt war, so entschloß ich mich, an seinem Feste Theil zu nehmen. Ick unterlasse eS, die schonen Veranstaltungen zur Verherrlichung der Festseier hier zu erwähnen; mich drängt eS, auf die Hauptsache hinzudeuten. Eine große Anzahl von Christgläubigen hatte sich eingesunken, der Feier beizuwohnen. In dem Angeflehte Aller drückte sich sehnsüchtiges Erwarten der Feier, und bei der Dauer derselben andächtige, glaubenSvolle Hingabe an dieselbe auS. Wie horchten sie auf die Worte des frommen, begeisterten Redners! welche Seligkeit, welch' himmlischer Friede sprach sich in ihnen auS, alö daS heilige Opfer begann, und die Töne der Musik daS Herz zu andächtigen Gefühlen stimmten! o welche Freude für den Freund des Christenthums! tief wurzelt in diesen biedern Oberländern des SchwabenlandeS der Christusglaube; nicht leicht schließt sich eine Cbristenseele mit solcher Hingabe für Christi Wort auf, wie eS bei diesen Oberländern zu sehen ist, und wenn auch die Wühler in politischen Dingen manchmal hierlandcS leider! ein bereitwilliges Ohr fanden: die Reinheit ihres Glaubens zu trüben, wird ihnen nicht gelingen. DaS Volk erscheint bei solchen Primizfeierlichkciten in der That als geschmückte Braut; denn eS weiß, daß der neugeweihte Priester daS christliche Volk, die Kirche sich zur Braut gewählt, und somit Christum Jesum den unsichtbaren Bräutigam auf Erden darstellt. Zum großen Aerger mancher läßt sich auch hier sehen, daß daS Volk seine Priester, eben auf der oben berührten Vorstellung fortgehend, noch liebt; und läßt sich auch da und dort, nicht gerade selten, ein Tadel über Seelsorger vernehmen, so ist, abgesehen davon, daß er persönliche Eigenschaften eines Priesters betreffend hie und da gegründet seyn mag, derselbe, in so fern er auS dem Munde der Pfarr« kinder kommt, oft nicht so hoch anzuschlagen. Unter diesem Tadel ist die Liebe doch nicht erloschen, wie dieses gleichnißweise auch bei einander sehr geneigten Eheleuten öfters wahrzunehmen ist; und auch daraus erkannt werden kann, daß ein Fremder nicht leicht eben so tadelnd sich über den OriSgeistlichen auSlassen dürfte. Gegen Abhaltung von Primizen haben sich indeß schon viele Stimmen, und nebenbei sehr competente, erhoben. 17S Allein eine Unterscheidung wird die Sacke leicht anders erscheinen lassen. Die kirchliche Feier bleibe; das waS sich weltlicherscitS an dieselbe anschließt, und dem Primizianten seinen Frcudentag oft ganz verbittert, daS suche man wegzuräumen. Dieß sind bekanntlich die Einladungen, daS Gastmahl, daS Opfern u. dgl. Die kirchliche Feier aber hat entschiedenen Nutzen. Bei der oben angeregten günstigen Stimmung deS NolkS wirb daS Wort GolteS fruchtbringend in die Herzen eindringen, die Pracht deS GotteS- diensteS wird die Gemüther aufs neue ergreifen, anflammen und begeistern; der ganze Mensch wird ergriffen, und für das Höhere in Besitz genommen. ES kann dieß zwar bei jedem Gottesdienste auch geschehen, unv geschieht auch; aber der Hang deS menschlichen Herzens zum Außerordentlichen, und der Eindruck deS Letztem auf dasselbe, so wie die Anerkennung deS PriesterthumS, und die Freude, daß es sich wieder um ein Glied verstärkt habe, müssen eben nicht auS der Acht gelassen werden. Und wie mancher gemüth- und talentvolle Knabe, unter der Menge ungekannt und verborgen, hat an einem solchen Tage den großen Entschluß gefaßt, das nemliche glanzvolle Ziel anzustreben, und die Erfahrung hat eS bewiesen, daß Jünglinge und namentlich Jungfrauen von der Macht dieser Feier ergriffen, sich fest entschloßen, bis zum Eintritte in die Ehe rein und unbefleckt sich zu bewahren, oder wenn ihnen dieses Glück des Bewußtseyns entflohen, eS annäherungsweise mit allem Ernste wieder einzuholen. Die freundliche Bewirthung, die ich im Pfarrhofe zu Pforzeu und im Klosterinstitute zu Kaufbeuern erfahren, im Sinne behaltend, hatte ich mich früh von Kaufbeuern aus über die schönen Anhöhen der Gegend dem Dorfe Aytrang, dort einen Freund zu besuchen, zugewendet. Morgenruhe lag noch über der Stadt, aber auf den Bergen herum gegen Süden bewegte sich daS schönste Leben. Von nahe und ferne ertönte der Klang der Dorfglocken, zum Ave Maria Gebete einladend. Da und dort wurde auch zur Messe geläutet. Man sieht bei dem Glockenzeichen, daS die Wandlung deS SacramenteS verkündet, den Landmann sein Haupt entblößen, und betend stille stehen. Als ich weiter, durch ein Buchenwäldchen hin- wanbelte, begegneten mir zwei Betende. Ich zog vor ihnen meine Mütze ab. Lebhaft erinnerte ick mich an die Worte Stauden maierS in seinem „Geist des Christenthums": „deS Menscken größte That ist das Gebet." Ja daS Gebet ist Poesie. Die ganze Pracht der schönen Natur, die majestätische Sonne, daS Sehnen der blauen Berge, der klare Spiegel der Seen, die reichen Feloer und bunten Wiesen, die heiligen Schatten der Wälder, der muntere Sängerchor der Vögel, das trauliche Geläute von der weidenden Viehhcerde hertönend — kurz die in aller dieser Pracht hervortretende Sckönheit, Liebe und Macht Gottes hebt den Menschensinn hinan in eine Region, die noch ober jener blauen Feste sich findet, zu Gott: er betet. Höheres kann der Mensch nicht thun. Und dieser Aufschwung zu Gott, diese Poesie deö Lebens ist diesem Oberländervolke recht eigen. Ja ich möchte überhaupt eS sagen: das Volk im Allgemeinen ist poetisch, und der Dichter muß die poetische Seite deS Volkes vorkehren, zu ihm sprechen, sie demselben anschaulich machen, wenn er vom Volke als Dichter anerkannt seyn will. Hier wurde mir recht klar, was der Apostel an die Römer über die Natur sagt, daß sie ihr Haupt erhebe und der Verherrlichung der Kinder Gottes entgegenhalte. (Röm. 8, 19.) Ja wahrlich, wie das Menschenherz in der Feier deS Morgens sich zu Gott gehoben fühlt, und zwar zu Gott — nicht in jenem allgemeinen, verschwommenen Begriff, wie der Deismus sich Gott auf alle mögliche Weise denken mag — sondern zu Gott, wie er uns in Christo wieder an sich gezogen hat, und durch den Geist erleuchtet; wie daS Menschenherz auf diese Weise seine Herrlichkeit sich entgegensehnt. und sie im Abrisse schon vor sich liegen zu sehen glaubt; so kam mir die Natur vor, als lebe sie, als schließe sie sich voll SehnenS und Glaubens auf, um wie der Mensch und mit dem Menschen das Göttliche in sich hineinzuziehen und in ihm glückselig zu seyn. Der Apostel sagt weiter (v. 26.), daß die Natur der Leerheit unterworfen sey, er sagt, daß eben dieses sie bewegt zu seufzen und zu jammern (v. 22.); aber sie hat die Hoffnung der Befreiung, (v. 21.) Diese Leerheit, dieses Gefühl deS Ungenügenden, welche im Menschen und in der Natur eine Folge deS Abfallens von Gott sind, will die Natur (wie der Mensch) von sich werfen. Diese ihre Lage in dem Nichts preßt ihr Seufzen auS, und ihr Schmerz. Aber dieses Seufzen, dieser Schmerz ist kein ewiger; eS leuchtet die Hoffnung auf die Befreiung. Die Befreiung kommt aber von oben, von Gott in Christo, und dorthin erheben die Guten und mit ihnen die Natur ihr Haupt, und erwarten die Freiheit und Herrlichkeit der Kinder GotteS. Diesen eben bezeichneten Charakter mutz die wahre Poesie haben; die falsche unserer Tage, die Poesie deS Weltschmerzes, krankhaften Gefühles und doch auch wieder deS Stolzes kommt zu keinem Ziele, zu keiner Rettung, und endet im Verderben, als dessen sichtbare Erscheinung so häufig die Selbstmorde mancher der neueren Dichter, oder ihr Wahnsinn sich zeigen. Sie fühlen auch ihre Leerheit, ihre Unge. nügendheit, daS Hilfsbedürftige in sich; auch sie seufzen: ein Schmerz geht durch alle ihre Gesänge; aber sie erheben das Haupt nicht nach oben, wo Rettung wäre; sie haben die Hoffnung von sich geworfen, dazu hat sie der Stolz der Brüder der Leerheit und deS Nichts verleitet. Sie sind nun im Zustande der Hoffnungö- und Nettungslosigkeit, im Verderben, im Tode. Unter diesen Gefühlen war ich endlich in dem 2 Stunden südlich von Kaufbeuern gelegenen Achtrang angekommen, und von dem dortigen Pfarrer, meinem Freunde, gut aufgenommen worden. ES herrscht in dem Orte und in der Umgegend ein sehr religiöser Sinn, und in politischer Beziehung sind die Bewohner meist sehr conservaliv; nicht eben, weil von der bekannten Seite auS keine Versuche gemacht worden, diese Gesinnung zu verdrängen, sondern weil die Bewohner gegen diese Versuche ihre richtige Ueberzeugung siegreich vertheidigten. Die „corrupte" Augsburger Abendzeitung, die Waibel'sche Kcmpterzeitung suchten sich überall einzudrängen, und die sorgsamen Väter und Pfleger dieser Erzeugnisse, Waibel und Con- sorten fanden sich auch da und dort in der Gegend ein, um in ihrem Sinne das Volk zu beihörcn. In EberSbach, an der Straße nach Kemp- ten gelegen, hielten sie Volksversammlung, und es gelang ihnen in diesem Orte etliche moralisch und ökonomisch AbgehanSte für sich zu gewinnen. Diese nun, etliche sechs, zugleich auch Anhänger der ronge'schen Maul« wurfSkirche, suchten durch allerhand Lug und Trug an einem Sonntage einige leicht Verleitbare zu einer Fahrt nach. Aytrang zu bewegen, wo auch im Sinne der Neuerer gesprochen und gelebt werden sollte. Sie fanden sich dort ein, brachten aber alsbald durch ihr Benehmen, ihre tollen Reden, und hauptsächlich auch weil sie wäbrend deS nachmittägigen Gottesdienstes nicht einmal von ihrem Treiben abließen, die dortigen Einwohner berge- stall gegen sich auf, daß sie froh seyn dursten, init heiler Haut davon gekommen zu seyn. Ich wandelte nun einsam Kempten zu. Einsam aber nicht allein. Denn jenes Wort eines alten RömerS: er sey nie weniger allein, als wenn er allein sey, fühlst du ganz, wenn du von der Natur umgeben, ihre Sprache verstehst, und sie als ein LiebeSwerk und als Offenbarung GotteS vor dir liegt. Der gläubige christliche Sinn der Oberländer zeigt sich dem Wanderer auch darin, daß in dieser Gegend sehr schöne Feldkreuze sich finden; wie dieß namentlich in der Pfarrei Thingen, der Fall ist; Christus am Kreuze ist vielfach wirklich kunstreich gemalt; in den Kirchen deS Oberlandes trifft man sehr schöne Gemälde, meistens auS der neuern Schule, welche aus diesen poetischen Gauen viele ihrer Zöglinge und Beförderer schöpft (Eberhard, Schraudolph u. a.). Wenn ich so einsam an der Straße fortwandle, und mir ein an der Seite stehendes Täfelchen den Unglücksfall eines MitbruderS meldet, stimmt dieß nicht zum Mitgefühl, welches sich im Geiste der Kircke im Gebete ausdrückt, und ist dieses nicht wiederum Gesellschaft, wenn ich hiedurch, wie die Kirche lehrt, in Verbindung mit den Abgestorbenen trete, da alle ein Leib, somit Sympathie sind? Bin ich allein, wenn ich nach einigen Sckritten weiter wieder daS Bild meines ErlöserS am Kreuze erblicke, der uns alle eint durch seinen Tod, der daS Haupt an dem Leibe ist. Da geht nun keine christliche Seele vorüber, ohne sich in daS Leiden deS Herrn zu empfehlen, und eS ist ein erhebendes Gefühl, sich noch an die verstorbenen Eltern zurück zu erinnern, von denen man diese fromme christliche Gesinnung erhalten. Ihr mit eurem kalten, geisteS- und gottlosen Geiste, ihr belächelt daS katholische Volk, und haltet eS tief unter euch, während eS gläubig sich erhebt zu der Lebenssonne — zu Gott, und ihr in der Verknöcherung und dem Froste eures thörichten Unglaubens untergeht. ES betet nicht da« Bild an; aber daS Bild erinnert ihn an seinen Heiland, den eS anbetet. Dahin hat eS der zerstörende Protestantismus, ungleich weiter aber der Calvinismus gebracht, daß er unter dem Vorgeben eine geläuterte Religion herzustellen, und den Menschen geradezu an das Wesen zu weisen, alle« an daS Höhere Erinnernde, alles Zeichen entfernte; damit hat er aber auch daS, woran LaS Bild erinnern sollte, dem Vermögen der Vorstellung entzogen. Sie errichten Statuen für verdienstvolle Männer, um daS Andenken an sie zu erhalten; und der Sohn GotteS, der uns alle durch seinen Tod wiedererwarb, wenn wir glauben, der soll dem Andenken der durch Ihn Erlösten entrückt werden? Dieß ist freilick der Plan der Hölle, und all' derer, die in ihrem Sinne wirken, daS Werk Christi zu zerstören. „Erwürget die Unverschämte", die Kirche nemlich und natürlich in ihr Christum, daS ist daS Werk Voltaires. Wer kennt nicht die Wuth Her- wegh'S: „Reißt die Kreuze auS der Erde, sagt er, und schmiedet Schwerter drauS " Der Jude Heine weiß die Menschen nicht genug zu bedauern, die vor dem bluttriefenden Todten knieen, und hofft, daß ein kommendes Geschlecht durch Aufgeben dieses Dienstes erst zur Glückseligkeit gelange. Am widerlichsten, weil am feigsten und verschlagensten ausgesprochen, hat unö UhlandS Aeußerung von einem todten Gott am Kreuze berührt. Hätten sie, um viele andere zu verschweigen, z. B. Magdalena, hätten sie einmal, diese aufgeklärt seyn wollenden, die Zelle des heiligen Thomas von Aq»in besuchen können, sie würden sich eines andern haben belehren lassen. Zu Füßen des Gekreuzigten studirte Thomas, und schrieb er seine Werke, und Niemand wird eS läugnen, daß sich Thomas zu diesen, den ersten dreien wenigstens, verhalte wie ein deutscher Dom zu einer unten -stehenden Kneipe, in welcher sich aufgehalten zu haben, nicht immer mit der Ruhe deS Gewissens zu vereinbaren seyn möchte. (Fortsetzung folgt.) Blumen au- dem Schriftgarten de- heiligen BernarduS. (Fortsetzung.) 80. Geringfügigkeit deS Menschen. DaS Fleisch ist nichts anders, als ein in gebrechliche Schönheit gekleideter Schaum. WaS eS aber immer sey, eS wird werden ein faulender Leichnam und eine Speise der Würmer. Denn wenn eS auch noch sehr gehegt wird, so ist eS doch Fleisch. Wenn du fleißig betrachtest, was durch Mund und Nase und durch die übrigen Oeffuungen deö Leibes herausgehe, hast du noch nie eine verächtlichere Schwiudgrube gesehen. Und wenn du die einzelnen elenden Zustünde desselben auszählen willst, wie eS mit Sünden beschwert^ durch Fehler verwirrt ist, von Begierden gekitzelt, von Widerwärtigkeiten abgemüht, von Täuschungen beschmutzt wird: so wirst du finden, daß eS immer geneigt ist zum Bösen und der Sünde anhängig, und so voll Schande und Schimpf sey. 81. Geschäftigkeit. „Herr, kümmert es dich nicht, daß meine Schwester mich allein dienen läßt?" Wer sollte glauben, daß im Hause, wo Christus aufgenommen wird, die Stimme deS Murrens gehört werde? Glücklich jenes HauS und selig jene Familie, wo Martha über Maria klagt. Denn für Maria ist eS ganz und gar unwürdig und unerlaubt, die Martha nachzuahmen. Oder wo lieSt man denn, daß Maria sich beklagte, „weil meine Schwester mich allein läßt in der GeschäftSlosigkeit?" ES sey ferne, eS sey ferne, daß, wer Gott dient, ein Verlangen habe nach dem geräuschvollen Leben der dienenden Brüder. Martha scheine sich nicht hinreichend und weniger geeignet, und wünsche, daß das, was sie verrichtet, Andern aufgelegt werde. Wem kein Amt anvertraut und keine Verwaltung übergeben ist, der mag allerdings mit Maria zu den Füßen Jesu oder gewiß mit LazaruS im engen Raume deS Grabes sitzen. 82. G e sch.l e ch t. So lange man diese Welt bestehen sieht, wo ein Geschlecht kommt und daS andere geht, geht den AuSerwählten kein Trost ab durch das Andenken an Gott, denen in der Gegenwart nicht vollständiger Genuß gewährt wird. Denn eS ist billig, daß denen, die das Gegenwärtige nicht erfreut, daS Andenken an die Zukunft bleibe, und daß jene, welche ihren Trost nicht in hinfälligen Dingen suchen, durch die Erinnerung an die Ewigkeit erfreut werben. Und „das ist daö Geschlecht, daS nach ihm verlanget, die da verlangen nach dem Angesichts deS GotteS Jacobs." 83. Geschrei der Armen. E« schreit der Mangel der Armen, eS schreien die Nackten, eS schreien die Hungerigen, sie klagen und sagen: „Was rhut das Gold am Zügel? Vertreibt vielleicht das Gold vom Zügel die Kälte? oder den Hunger? Während wir erbärmlich Hunger und Kälte leiden, was helfen so viele Wechselkleiber, die entweder an Stangen ausgespannt oder in Koffer eingepackt sind? Unser ist, was ihr verschwendet. Denn auch wir sind ein Gebilv GotteS, auch wir sind erlöst durch daö Blut Jesu Christi. Wir sind also eure Brüder. Sehet also, was eS sey, euere Augen zu weiden an dem j Antheile der Brüder. Euer Leben fließt im Uebcrflusse dahin. Unserer! Noth wird entzogen, was cuerer Eitelkeit geopfert wirb. Endlich kommen zwei Uebel aus Einer Wurzel deö Unrechts hervor, daß nämlich sowohl ihr eure Eitelkeiten verlieret, als auch wir durch eine Beraubung zu Grunde gehen. Euere Lastthiere sind mit Edelsteinen beschwert, während ihr unsern Füßen keine Schuhe machen lasset. Mit Ringen, Ketten,! Schellen und andern kostbaren Dingen sind sie behängen, während unser Leib kein Kleid hat. Aber es wird für unS der Vater der Waisen und der Beschützer der Wittwen einstehen und ihnen zurufen: „„Was ihr! Einem dieser Geringsten nicht gethan habt, daS habt ihr auch mir nicht gethan."" 84. Gesetz. Ein anderes ist das Gesetz, welches der Geist der Knechtschaft, um gefürchtet zu werben, bekanntmacht, und ein anderes das vom Geiste der Freiheit gegebene in Anmuth. Weber müssen die Söhne unter jenem stehen, noch leiden sie ohne dieses. Gut also und angenehm ist das Gesetz der Liebe, welches nicht nur gerne getragen wird, sondern auch die Gesetze der Knechte und Lohnarbeiter erträglich und leicht macht, indem sie zwar selbe nicht aufhebt, sondern zu ihrer Erfüllung beiträgt, indem sie jenes mäßiget, dieses ordnet, beide erleichtert. 85. G e st ä n d n i ß. Besser ist ein demüthige- Geständniß böser Handlungen, als stolze Ruhmsucht über gute Thaten. Weil gefährlicher ist ein täuschendes und stolzes Geständniß, als eine kecke und beharrliche Vertheidigung. Denn Viele, wenn sie offenkundigerer Dinge beschuldiget werden, weil sie wissen, daß, wenn sie sich vertheidigen würben, man ihnen nicht glauben würbe, erfinden einen feinern Grund zu ihrer Vertheidigung, indem sie listiger Weise sich mit einer Anklage zu verantworten suchen. Denn eS gibt Einige, die sich schalkhaft demüthigen, und deren Inneres voll List ist. VerdammenSwerthe Verstellung ist eS, die Sünde zu theilen, und an deren Oberfläche zu kratzen, aber innerlich sie nicht ausrotten. Denn die Beicht hat nur dann einen Nutzen, wenn sie im Munde wahr, im Herzen aufrichtig ist. Und wie Drei sind, die Zeugniß geben im Himmel, nämlich der Vater, der Sohn und der Geist, so sollen wir unserm Herzen und Mund die Priester als Zeugen beifügen, damit die ganze Sache aus dem Munde zweier oder dreier Zeugen beruhe. Alles wird in der Beicht gewaschen, daS Gewissen wird gereiniget, die Bitterkeit wird aufgehoben, die Sünde vertrieben, die Ruhe kehrt wieder, die Hoffnung lebt auf, die Seele erheitert sich: nach der Taufe ist unS kein anderes Heilmittel bereitet, als die Zufluchtsstätte der Beicht. ES sey also andächtig die Zerknirschung de'S Herzens, wahr daS Bekenntniß deS Mundes, vernünftig die Abtödtung deS Fleisches, schnell die Ausrottung der Sünden, freudig die Ausübung guter Werke. 86. Gewinn. O Ehrgeiz, du Kreuz der Ehrgeizigen, wie quälest du Alle, wie gefällst du Allen! Nichts kreuziget bitterer, nichts beunruhiget lästiger, und doch ist bei den bedauernSwerrhen Sterblichen nichts häufiger, als die Bemühungen desselben. Treibt nicht zu den Stufen deS apostolischen Thrones mehr der Ehrgeiz, als die Frömmigkeit? Erschallen nicht die Paläste von seiner Stimme? Schwitzt nicht nach den Gewinnsten desselben die ganze Kenntniß der Gesetze? Wiehert nicht nach seinen Geschenken mit unersättlicher Gier die ganze italische Raubsucht? 87. Gewissen. Ein schuldiges Gewissen ist gewissermaaßen eine Hölle und ein Kerker der Seele. O sicheres Leben, wo ein reines Gewissen ist! O sicheres Leben, sage ich, wo ohne Furcht der Tod erwartet wird, wo sogar die Schlachtbank der Seele, ein böses Gewissen, hinausgeschafft, und mit Süßigkeit und Andacht der Tod aufgenommen wird! Meine Sünden kann ich nicht verheimlichen, weil mein Gewissen bei mir ist, wohin ich immer gehen mag, welches mit sich trägt, was ich hineingelegt, entweder Gutes oder BöseS. ES bewahrt dem Lebenden auf, und gibt zurück dem Todten, waS eS zur Aufbewahrung übernahm. DaS Gewiss-n ist eine unzertrennliche Ehre oder Schande eines Jeden, je nach der Beschaffenheit des Anvertrauten. > Ein gutes Gewissen ist das Lob der Religion, ein Tempel SalomonS, !ein Acker deS Segens, ein Garten des Vergnügens, eine goldene Lagerstätte, die Freude der Engel, die Arche deS BunbeS, der Schatz deS KönigS, der Hos GotteS, die Wohnung deS heiligen Geistes, ein verschlossenes und versiegeltes Buch, welches am Gerichtstage geöffnet wird. Nichts ist angenehmer, nichts sicherer, nichts dauerhafter, als ein gutes Gewissen: !mag der Körper drücken, die Welt ziehen, der Teufel schrecken, so wird eS doch sicher seyn. Ein gutes Gewissen wird sicher seyn, wenn der Leib stirbt, sicher, wenn die Seele Gott vorgestellt, sicher, wenn sie mit dem Leibe l vor den fürchterlichen Richterstuhl deS gerechten Gerichteö gebracht wird. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönche n. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Vierteljähriger Abonnementspreis im Bereiche von ganz Bayern nur 20 kr„ ohne irgend einen weiteren Post-Aufschlag. Auch von Nicht-Abonnenten der Postzeitung werden Bestellungen angenommen. Sonntags-Peiblatt zur Augsburger Postzeitung. Auch durch den Buchhandel können diese Blätter bezogen wer» den. Der Preis beträgt, wie bei dem Bezug durch die Post, jährlich l fi. 20 kr. Neunter Jahrgang 46 18. November 184i-. Reisebetrachtrrngerr. (Fortsetzung.) Von da und dort auf meinem Wege tönte mir der Gesang der Feldarbeiter und Hirten — daS sogenannte Jodeln — entgegen. ES ist eine Freude, freudige Menschen zu sehen. Wenn der Chor der Vogel jubelt, wenn die Natur in erhabener Feier, die majestätischen Berge dem Allmächtigen ihre Anbetung zollen, warum soll der Mensch nicht beßgleichen thun, ja eS noch mehr thun, da er über alles dieses erhaben ist! Gesang ist erhöhte Seelenstimmung, und ist so conform dieser fortwährenden, hier sich darstellenden Erhabenheit der Natur; der FreiheitSstnn, aber der wahre, in Gott und der Natur, seinem Werk, drückt sich in diesem Jodeln recht kenntlich aus. Jetzt sah ich nun vor mir die schöne, weite Tiefung, in der die Stadt Kempten liegt. Unzählige Dörfer sieht man im Umkreise der ansteigenden Höhen, eine Menge von Seen blickt heiter dem Beschauer entgegen; südlich stehen ernst die ewigen Berge, die Berge Gottes, nach dem Ausdruck der Schrift. Wahrlich Berge GotteS; feste, unverwüstliche Denksäulen, die uns hinweisen auf die Größe und Ewigkeit GotteS, allem Schwachen und Vergänglichen der Erde gegenüber. ° Aus der Berge Himmelsbläue Hebt ein Sehnen sich empor, Das den Felsen ew'ger Treue Nie aus seinem Blick' verlor. Blick' mein Auge unverwendct Nach dem Port der Ewigkeit, Von dem Irrlicht nicht geblendet Dieser sumpsvcrlornen Zeit. Auf dem Wege von Kempten nach Lindau kam ich auch nach Jsny, in dessen Nähe das Schloß Trauchburg liegt. Da in Ihrer Zeitung die dort neu gegründete Schule schon öfters anempfohlen wurde, und an dem Tage meines DurchreisenS gerade die Prüfung abgehalten wurde, so hielt ich's für der Mühe werth, mich dorthin zu verfügen. DaS Schloß liegt sehr schön, die Schullocalitäten sind sehr heiter, und für die Gesundheit zweckmäßig; der Prüfungssaal war auf das Geschmackvollste geziert; an den Schülern, die mir 9 — 14 Jahre alt zu seyn schienen, war viel frisches, heiteres Leben geistig und körperlich zu bemerken; die Lehrer durchweg junge Männer voll Liebe zu der Jugend und ihrem Berufe; sehr viele Prüfungsgäste, namentlich Geistliche, die Herren von Zeil und WolfSegg, deren Gemahlinnen unverwandt den vorkommenden Gegenständen ihre Aufmerksamkeit widmeten, hatten sich dort eingefundcn. Die Zahl der während der dreivierteljährigen Existenz der Schule abgehandelten Gegenstände war sehr ausgedehnt, und somit auch hier dem gegenwärtigen Zeitgeiste Genüge geleistet. Während meiner dortigen Anwesenheit kam die Arithmetik und daS Griechische vor. In letzterem Gegenstände wurde auS einer Chre- stomatie, wenn ich mich nicht irre, aus WursterS, der Anfang von Pla- tons Phädon, oder über die Unsterblichkeit der Seele vorgenommen, und deutsch, so wie auch lateinisch übersetzt. Wie viele von diesen Knaben an dem Griechischen Theil nahmen, weiß ich nicht; der. aufgerufene mochte etwa 14 Jahre alt seyn. Dauerte nun sein griechischer Unterricht erst ^ Jahre, so konnte er unmöglich dieser Aufgabe gewachsen seyn, auch wenn er früher schon anderSwo sollte Unterricht genossen haben. Der Schüler lieferte allerdings die deutsche und lateinische Uebersctzung; aber wenn man die Formen, daS Grammatikalische und Syntaktische, die Wortbedeutung, den Sinn, daS Geschichtliche, daS Entsprechende der lateinischen Uebersctzung, daS heißt: warum dieser lateinische Ausdruck gewählt worden, näher urgirt hätte, so glaube ich, hätte er kaum die gehörige Grundlage gehabt, hierüber zu antworten. ES mag dieß nun allerdings eine Folge der dort eingehaltenen Methode seyn, von der man hoffen mag, schneller vorzuschreiten, und so den Tadel vieler zu beseitigen, daß man eS in den alten Sprachen trotz vieljährigcn Studiums nicht zur Fähigkeit, alle Klassiker flüchtig zu lesen und in diesen Sprachen sich leicht auszudrücken, bringe. Aber ich zweifle, ob auf dem Wege des NoreilenS dieser Zweck erreicht wird, und glaube, daß man: durch Gründlichkeit, allerdings nicht durch übertriebene, zur Gewandtheit' kommen müsse, wie dieß schon einer der Alten ausgedrückt hat; abgesehen davon, daß die alten Sprachen ein BildungSmittel der GeisteSvermögen seyn sollen, wie schon Schellcr die Sprachwissenschaft eine angewandte Logik nannte; und sollte eS auch der Fall seyn, daß Geschäftsmänner, Geistliche, Beamte, Aerzte rc. später die Fertigkeit in diesen Sprachen verlieren, wo haben sie denn daS Gepräge erhalten, welches sie so kenntlich von andern, die die alten Sprachen nicht betrieben, unterscheidet? Ist diese höhere Geistescultur, als Frucht der classischen Studien, nicht dankcns-werth? UebrigenS liegt dieß in Beziehung auf den griechischen Sprachunterricht hier Besprochene in der dort eingehaltenen Methode, die der, wie neuere Sprachen erlernt werden, gleich zu seyn scheint, und Niemand wäre mehr erfreut, auf diesem Wege vielleicht das Ziel näher gerückt zu sehen, als ich. -AaS ganze Fest schloß mit einem feierlichen Te deum laudamuS"in dem geschmackvollen Hofkirchlein. ES ist oben berührt worden', daß'die Forderung der Zeit dahin gehe, in Schulen eine größtmögliche Anzahl von Gegenständen vorzunehmen. Dieser Umstand hat kürzlich eine sehr geistreiche Besprechung in den hist.- politischen Blättern: „auö dem Leben eines früh Vollendeten" gefunden. Die ältern Anstalten, und namentlich die römischen sto propagmulv liste, prüften, waS die Schultern tragen können; den jetzigen ist eS mehr darum zu thun, recht Viel aufzuladen, um daS erstere unbekümmert. Die erster», sagen die hist.-polit. Blätter, prüfen die Beschaffenheit, Structur u. dgl. teö Schiffes, und bemessen danach den Ballast, die letztem sehen nur auf die Ladung, unbekümmert, ob daö Schiff dieselbe auch fassen und tragen könne, und unter der Last nicht breche oder sinke. Durch vielfältiges Scheinwissen will unsere Zeit prunken, unbekümmert, wie viel davon gründlich erfaßt sey; ihr Charakter ist Täuschung, um es nicht geradezu Lüge zu nennen. Damit zusammenhängend ist ihre centrifugale Richtung, ihr HinauSstrcben in die Erscheinungswelt, und ihre Abkehr von dem innern, reichen Wesen deS Menschengeistes, und dann von Gott. So weit nun die Zeit Realien, Naturgeschichte im Bereiche deS Wissens zu ihrer Parole gewählt, kämpft sie an gegen daS Menschliche — gegen seine Sprache, Geschichte, seine Vergangenheit also —; und würde dieses gelingen, so fiele dann die äußere und innere Offenbarung — die positive Offenbarung und daS Ebenbilkliche GotteS im Menschen —; somit würde Gott unS wieder in die Ferne gerückt, und der Zwiespalt der Natur mit Gott — wie nach dem Falle — wäre wieder da. Dieß ist der Kampf der Realien mit den classischen Wissenschaften, und so weit in der Sprache und Geschichte der Menschen sich Gott geoffenbart hat, — durch den Kampf mit Religion und Glauben. Es würde hier zu weit führen die Vorzüge der Wissenschaft deS Alterthums vorzuführen, und dadurch die Nothwendigkeit der letztem zu beweisen; ich mache nur darauf aufmerksam, daß daS Gelangen der Kenntniß deS Alterthums auf unsere Zeit — in seinen Schriften rc. — ein Wunder ist, und sonach der Wille GotteS sich deutlich ausspricht, daß er diese Schätze deS Alterthums aufbewahrt, benutzt, anerkannt und geschätzt wissen wollte. WaS wüßten wir ohne sie von der Leitung und Führung de- ^ Menschengeschlechtes, von der Abirrung der Heiden, und was sie in ihrem ^ Naturzustände außerhalb der positiven Offenbarung waren, über welches unS die heiligen Schriften und Väter, und in Beziehung auf daS letztere !auch die Schriften der Heiden belehren. Ich gehe nicht aus den etwaigen 182 Einwurf ein, daß all' dieses doch durch das mündliche LehramtAer Kirche gelehrt würde; ich sage nur, daß das Streben der falschen Zeitrichtung dahin geht, im Kampfe gegen das Alterthum vorzüglich auch vie Kirche zu stürzen. Welche Undankbarkeit liegt rarin, all' ras was die Menschheit bisher geleistet, was Gott an ihr gethan, der Vergessenheit überliefern zu wollen, und waö hast du für eine Versicherung, baß der Nachkomme veine Thaten und Leistungen wisse ober anerkenne, da du die Vorfahren vergissest, nur den Tag, an dem ru lebst, lobest, und den vorhergehenden nicht mebr anerkennst! Um nun aus das Alterthum im engern Sinne, das classische einzugehen, so ist allerdings über die Behandlung desselben, namentlich vom' christlichen Standpunkte auö, mit Recht schon öfters Tadel ausgesprochen worden. Viele Lehrer leben und schweben ganz im heidnischen Alterthume^ rind bringen diese ethnische Gesinnung auch den Schülern bei. Die Fol-! gen hievon sind unberechenbar schädlich, und. ein guter Theil der Elan- benSlostgkeit unserer Zeit hat hierin seinen Grund. Gott hat die Alters thumSkennlniß deßwegen auf unS kommen lassen, daß wir sehen, wie weil! im Elende der Men,ch ohne Gott gerälh/ wie er bei aller Kunst und Wissenschaft von Gott und seiner Bestimmung doch nichiö Genügendes weiß; aber auch deßwegen, daßMir^eNahren. wie in Folge dieser Unzulänglichkeit der Heide nach höherer Belehrung sich sehnte, und wir uns beschämt fühlen »lögen, wenn wir, vom Lichte umgeben, unsere Augen vor seinem Schimmer verschließen wdllen. Die äugend sehe es, unb sie erlebe «S an sich selbst, wie dK Mensch am glücklichsten ist im Vereine mit Gott, wie der Abfall in Unglück und Verderben stürzt, und nur bei Gott wieder Ruhe und Frieden zu finden ist. In diesem Geiste müssen die Klassiker gelesen werden, und wir glauben nicht, daß Herr Schöppner hierunter ein Ueberall Einmischen der ReligionSlehre finden werde. *) Der Geist ist es, der lebendig macht, der Buchstabe tobtet. Und warum soll denn das christliche Alterthum, in den Vätern und christlichen Dichtern, von den Schulen so ausgeschlossen seyn, wie bisher? Auch dem Hebräischen sollte mehr Aus- merksamkeit zugewendet werden, anstatt daß man von seiner Erlernung die Studierenden entbindet; ist denn nicht das Wort Gottes in dieser Sprache auf uns gekommen? In diesem Sinne vertheidige, ich die classischen Studien, nicht aber in jenem einseitig heidnische»; denn in-dieser Absicht hat Gott sie nicht auf unS kommen lassen, daß rpir an ihneikk Neuheiben werden sollten. Eben diese fehlerhafte Behandlun'g-Hat dir Strafe der Zeit verdient; denn ob« wohl letztere »„christlich ist, und^somit dieser schlechten Behandlungöweise der Klassiker Dank wissen sollte, so thut sie dieses doch nicht, sondern ihrem Charakter gemäß, der llndaük ist, verwirft sie ein bisheriges, ihr nicht mehr genug entsprechendes Hilfsmittel und umsaht ein anderes — den Naturalismus. Wie nun im Heidenthumd^ünb wer sich in selbes hineinlebt, die Menschheit voip Gott geirenntUvird, so löst sich im Naturalismus die Natur von der liutertpürfigkeit. gegen den Menschen ab; nicht anders also, und gerade wie wir es am Anfange unserer Geschichte sehen: da der Mensch Gott nicht mehr gehorchte, göttloS wurde, so machte auch die Natur sich ihrerseits loö von dem Menschen, und trat feindselig gegen ihn auf — Kampf dcS Naturalismus gegen den Humanismus. (Vergleiche Logt und andere Vorkämpfer diese -Richtung.) Nur daS Christenthum eint, und daher muß sich der Mensch an Gott, und die Natur an den Menschen anschließen. Im Geiste deö Christenthums, der positiven Offenbarung erscheint der Mensch und die Natur als zwei natürliche Offenbarungsweifen GottcS, und sonach alles Studiums und aller Aufmerksamkeit werth. So mochte in seiner bessern Zeit Salomo, so haben die Natur die Forscher des MittelalterS: Albert der Große rc>, in unserer Zeit Marcell de CerrcS, RingSseiS, Mützel u. a. aufgefaßt. WaS der Apostel Paulus von Christus in anderer Beziehung sagt, daß er die Scheidewand niederreiße und beides eine ^*), gilt auch hier. In Christo kehrt der Mensch zu Gott zurück, und die sich nach der Herrlichkeit der Kinder GolteS sehnende Natur im Menschen ebenfalls zu Gott. Ich darf mich enthalten, die hieraus entspringende Folgerung für daS Verhältniß der ReligionSlehre, der Humaniora und der Naturwissenschaften weiter anzuführen. Nur das erlaube ich mir zu bemerken, daß durch die Verwirklichung dieser Folgerungen das sich darstellen würbe, was unsere! ersten deutschen Dome so erhaben sinnbilden: Einigung der Natur (der^ Materie) und der Kunst (also deS Menschlichen) im Glauben (im Auf-' streben dieser Gebäude gegen den Himmel). , Ich war in Lindau angekommen und früh Morgens mit dem Dampf- ^ schiffe nach Rorschach gereist. ES ist etwas Prachtvolles, an einem schönen. Morgen über diesen See zu fahren. Weithin gleitet daS Auge über die' bläuliche Fluch; ringsum an den Ufern des SeeS erblickt es schone Landhäuser, Dörfer und kleine Städte. So fuhr nun daS Schiff hin über die Spiegelfläche deö SeeS, voll Ruhe. O möchte mein Leben in gleicher Weste durch das Zeitenmeer sich bewegen. Die Schweiz mit ihren Bergen blickte uns einladend entgegen, und in kurzer Zeit standen wir auf ihrem freundnachbarlichen Boden. Ohne mich lange in dem freundlichen Rorschach aufzuhalten, wanderte ich der Statt St. Gallen zu. Welch herrliche, zaubervolle Gegend! Diese Schweizer bewohnen ein paradiesisches Land. St. Gallen, Zürich, Baden, Basel, Städte die ich auf meiner Reise berührte, welch' herrliche Lage haben sie! welch' bezaubernde Umgegend! Und doch will eS dem Wanderer vorkommen, als seyen die meisten der Einwohner für diese Naturschönheiten unempfänglich, so daß also sich hier nach dieser Seite hin bestätigt, waö dem Menschengeschlechte im allgemeinen zum Vorwürfe gemacht werden kann: daß nemlich Naturschön- yeiten, die alle Tage sich zeigen, von dem Menschen nicht mehr geachtet werden. Die Pracht der Sonne, ihr Auf- und Niedergang, alle die gewöhnlichen Naturerscheinungen, wie wundervoll find sie! Aber weil der Mensch sie alle Tage sieht, so erkennt er kaum mehr etwas BeachtenS- werthes darin. Aber etwas Anderes läßt sich von dem Wanderer noch beachten, das ihn ungleich wehmüthiger stimmen möchte als die gerade erwähnte Erscheinung. Je mehr auf einem Lande die Schönheit dcS Himmels sich ausprägt, je mehr die Großartigkeit der Natur, diese hohen majestätischen Berge, Ströme und Seen den Menschen zum Höher» begeistern sollten, desto irdischer, sinnlicher, fleischlicher ist der Sinn und daS Streben der Bewohner. Ein drittes ferner läßt sich noch wahrnehmen: je glücklicher ausgestattet eine Gegend ist, desto unzufriedener ist die Bevölkerung. Es ist nicht nothwendig, daß ich auf alles ErwähnenSwerthe in Stadt und Umgegend eingehe, ich könnte eS auch nicht. Ein oder daS andere mag hier erwähnt werden. Die Stadt verdankt bekanntlich ihr Entstehen dem Kloster deS heiligen AbteS GalluS, der sich hier in einem Walde, der eine Besitzung deS Grasen Tatto war, mit seinem Freunde Mang niedergelassen hatte. (630 n. Chr.) Nach seinem Tode wurde unter Pipin von Heristall, und Wolfram, einem Urenkel deS Grasen Tatto, daS Kloster St. Gallen gebaut. Othmeyr, der erste Abt, gründete eine Schule, die noch bis ins lOte Jahrhundert die berühmteste Universität von Europa war, hier lehrten: Kero, Notker'Jso, Salomo u. a. Von einem freundlichen jungen Priester wurde mir die schöne Stiftskirche und die Bibliothek gezeigt. Die Kirche enthält schöne FreScomalereien von Moreto u. a. Am Eingang der Bibliothek steht die Aufschrift: (Heilmittel für den Geist). Wie wahr! Hieher sollen diejenigen, die in unserer Zeit immer von Errungenschaften sprechen, welche oft nur darin bestehen, baß sie Zerstörung alles Errungenen sind, hieher sollen sie kommen; hier oder überhaupt an jedem Orte der Art können sie sehen, was Errungenschaft ist. Die Bibliotheken enthalten in sich die Geisteswerke der hervorragendsten Menschen aller Zeiten: in ihnen ist zu finden, waS die Menschen seit ihrem Bestehen dachten, ersannen, ausführten. Durch die Jahrhunderte hin, im stillen Laufe der Geschichte, die in Gottes Hand ruht, bilden sich die Errungenschaften der Menschheit, aber nicht dadurch daß man mit der Vergangenheit bricht. Dieses heißt: alles bisher von Menschen geleistete als Nichts verwerfen, und nachdem diese Basis bei Seite geschoben, in der Luft sich festsetzen wollen; daher aber auch, wie wir eS in unsern Tagen gesehen, das Unhaltbare, und der baldige Sturz dieser Lustgebäude. Mit Gott und unter seinem Schutze muß man an dem fortbauen, waS anpere bisher unS überreicht und nicht vollendet haben. !>H ckominus aockisioaverit ckomum, in vanum lasiorant, gui ackiliognt eam. (k8»Im.) Außer andern Merkwürdigkeiten der Bibliothek wurden mir gezeigt: sogenannte 8oommata (Spottfiguren), welche Porträte der Reformatoren darstellen, umgekehrt aber eine Carikalur bilden; die Jnterlinearversionen deS Kero und Notker; eine deutsche Bibel vom Jahre 1464; eine ägyptische Mumie, ungefähr 2200 Jahre alt; Bruchstücke einer Handschrift VirgilS. ES findet sich dort auch ein sogenanntes Vooabulmium 8t. 6M; ein Wörterbuch, in dem die Schweizersprache für die Missionäre durch daö Latein erklärt wurde. (Schluß folgt.) ') Vgl. Gymnasialblättkr. 1. Jahrgang. 2tes Heft. ") Ephcs, H. 14. 1S. 16. Blumen au- dem Schriftgarten de- heiligen BernarduS. (Fortsetzung.) 88. Gewohnheit. ES ist eine schwere und allein der göttlichen Tugend mögliche Sache, daS einmal übernommene Joch der Sünde abzuschütteln: weil, wer eine Sünde begeht, ein Knecht der Sünde ist: und er kann nicht befreit werden, außer in starker Hand. Diese ist die große Barmherzigkeit, welche großen Sündern nothwendig, von welcher geschrieben steht: „Erbarme dich meiner, o Gott, nach deiner großen Barmherzigkeit, und nach der Menge deiner Erbarmnisse tilge meine Missethat." Die Gewohnheit ist eine schwere und gefährliche Kette, leichter aufzulösen, als zu brechen, so, daß hier seneS Sprichwort in Anwendung kommt, der Fleiß sey besser, als die Gewalt, und gleichwie Gewalt mit Gewalt vertrieben wird, und durch das Feuer des Geistes daS Feuer der Begierden ausgelöscht wird, so sollst du der Lift des Argen List entgegen setzen und der Gewohnheit Ueberlegung. Wenn du Reinigkeit deS Leibes mit Gewalt suchest und davon hoffest, eS werde dieselbe über die Gewohnheit siegen, so steht zu befürchlen, deine Arbeit möchte gefährlich werden, und eö könnte eher die Materie unterliegen, als die verweichlichte Gewohnheit, welche gleichsam eine zweite Natur ist. Mit dem Messer scharfer Reue muß die Wunde einer veralteten Gewohnheit ausgeschnitten werden. Wer den Regungen deö Fleisches nicht widersteht, und die Bewachung deS HerzenS vernachlässiget, der wird nach und nach so sehr von der Gewohnheit gebunden, daß er später, wenn er auch will, ihnen nicht mehr Widerstand leisten kann. 89. Glaube. Der lebendige und katholische Glaube ist ein Bild der Ewigkeit, und begreift in sich die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft als in einem sehr weiten Schooße, so, daß ihm nichts vorübergeht, nichts zu Grunde geht, nichts vorausgeht. So lange lebt Christus in unS, so lange der Glaube lebt. Aber wenn der Glaube gestorben ist, ist auch Christus gewiffermaaßen in uns gestorben. Weiter bezeugen das Leben deS Glaubens die Werke deS Glaubens, wie geschrieben steht: »Die Werke, welche der Vater mir gegeben, daß ich sie vollbringe, diese Werke, die ich thue, geben Zeugniß von mir." Von diesem Ausspruch weicht nicht ab jener, daß „der Glaube, wenn er keine Werke hat, in sich selbst todt ist." Denn gleichwie wir daS Leben des Leibes auS seinen Bewegungen erkennen, so auch erkennen wir^ das Leben des Glaubens auö den guten Werken. Und zwar ist daS Leben deS Leibeö die Seele, durch die er bewegt wird und empfindet: daö Leben deS Glaubens aber ist die Liebe, weil er durch sie wirkt, wie du beim Apostel liesest: „Der Glaube, der durch die Liebe wirksam »ist." Wenn daher die Liebe erkaltet, so stirbt der Glaube, gleichwie der Leib stirbt, wenn die Seele auS selbem zieht. Wenn du also einen Menschen siehst, der unverdrossen in guten Werken und heiter im Eifer seines Wandels ist, zweifle nicht, daß der Glaube in ihm lebe, denn du hast die unumstößlichen Beweise seines Lebens. Der Tod des Glaubens ist die Trennung der Liebe. Der Glaube ist bewährt, wenn man glaubt, waS man nicht sieht. Waö ist es Großes, zu glauben, waS man -sieht, und waS für ein Lob verdient eS, wenn du deinen Augen Glauben schenkst? ^ „Ohne Glauben ist unmöglich, Gott zu gefallen." Wer Gott nicht gefällt, dem kann Gott auch nicht gefallen: denn wem Gott gefällt, der kann Gott nicht mißfallen. Wenn wir im Glauben wandeln, wandeln wir im Schatten Christi. Und gur ist der Schatten deS Glaubens, denn er mäßiget daS Licht dem erblindenden Auge, und bereitet daö Auge vor auf daS Licht. Glauben an Gott heißt auf Gott hoffen und Gott lieben. 90. Glorie, himmlische. Vom Stand und von der Vollendung der Kirche hängt daS Ende aller Dinge ab. Nimm diese weg, und vergeblich ist „daS Harren deS Geschöpfes auf die Offenbarung der Kinder GotteS." Nimm diese weg, und weder die Patriarchen noch die Propheten werden vollendet. Nimm diese weg, und selbst die Herrlichkeit der Engel wird sinken wegen der Unvollkommenheit ihrer Zahl, und die Stadt GotteS wird sich nicht freuen über ihre Unversehrtheit. Woher also wird der Plan GotteS, die Verborgenheit seines Willens und jeneö große Geheimniß erfüllt werden? Glaubst du, daß unser Gott das ganze Lob seiner Glorie haben werde, bis Jene kommen, die dir vor dem Angesichts der Engel lobsin- gen: »Wir freuen uns der Tage, da du uns gedemüthiget hast. Der Jahre, da wir Unglück sahen." Diese Art von Freude kannten die Himmel nicht, außer durch die Söhne der Kirche. Der freur sich niemals, der niemals traurig war. Gelegen kommt nach Traurigkeit Freude, nach der Arbeit die Ruhe, nach dem Schiffbruche der Hafen. Allen gefällt die Sicherheit, aber dem noch mehr, der sich gefürchtet hat. Angenehm ist Allen daS Licht, aber noch angenehmer dem, der auö der „Macht der Finsterniß" frei wird. Vom Tode zu», Leben übcrge- gangen zu seyn, verdoppelt die Wonne deS Lebens. Glücklich wird also die Kirche in ihrer Allheit, und all ihr Ruhm übertrifft die Ursachen der Freude, nicht nur für daS, was ihr schon geschah, sonder» auch dafür, waS ihr noch geschehen muß. 91. Glorie, vergängliche. Vergeblich bemüht sich um den Gipfel des Ruhmes, wer durch Tugend nicht hervorgeleuchtet hat. Den» der Ruhm ohne Tugend ist ein unverdienter, wird zu frühe angemaßt, mit Gefahr angenommen. Ist eS denn etwas so Großes, eitel zu leuchte», oder ein wenig zu brennen? . Brennen und Leuchten ist vollständig. ES gibt aber Einige, welche nicht deßhalb leuchten, weil sie brennen, sondern welche mehr brennen, damit sie leuchten. Verderblich ist die Sucht zu leuchten, denn viel besser ist daS Brennen. Denn wenn du so heftig nach dem Glänze trachtest, sorge, daß du seyest, waS du scheinen willst: und suche zuerst daS Feuer, und eS ist kein Zweifel, daß dir auch der Glanz beigegeben werde. Anders arbeitest du vergeblich, weil der Glanz ohne Feuer eitel ist. WaS rühmst du dich deiner Heiligkeit? Der heilige Geist ist es, der heilig macht. Was ohne Willen und Beislimmung unsers gcWchen VaterS geschieht, wird dem eitlen Ruhme, nicht dem Lohne zugerechnet. 92. G l ü ck. Wie selten ist immer fest gestanden, wie hat nachgelassen an Wachsamkeit über sich und an Zucht ein nur ein wenig Beglückter! WaS daS Feuer für daS Wachs, der Sonnenstrahl für Schnee und Eiö ist, das ist das Glück für die Unvorsichtigen. Weise war David, weiser noch Salomon; aber da ihnen das Glück zu sehr schmeichelte, ist der eine theilweise, der andere ein ganzer Thor geworden. Ein großer Mann, der in Unglück fällt, verliert nicht leicht die Weisheit, aber einen kleinen Geist verlacht das Glück, das ihn zuerst angelächelt. Leichter finden wir Menschen, die im Unglücke die Weisheit beibehielten, als-solche, die im Glücke sie nicht verloren. . 93. E l u ch s e l i g k e t t. Wie ein kleiner Wassertropfen, der vielem Weine beigemischt wird, ganz zu verkommen scheint', da er sowohl Geschmack als Farbe deS WeincS annimmt; und wie ein, in Feuer geworfenes und glühendes Eisen dem Feuer sehr ähnlich wird,'indem eS die frühere und eigene Form ablegt; unv gleichwie die vom Sonnenlichte durchströmte Luft in die nämliche Klarheit deS LichteS verwandelt wird, so, daß sie nicht sowohl erleuchtet, sondern vielmehr selbst Licht zu seyn scheint: so wird in der ewigen Glückseligkeit bei den Heiligen , alle menschliche Beschaffenheit auf eine gewisse unaussprechliche Weise von sich selbst zerfließen und ganz in GotteS Willen hingegossen werden. Denn wie wird sonst „Gott Alles in Allem" seyn, wenn im Menschen und vom Menschen etwas übrig bleibt? Bleiben wird zwar die Wesenheit, aber in anderer Form, in anderer Herrlichkeit, in anderer Macht. Welch ein Glanz, glaubet ihr, wird dann an den Seelen seyn, wenn daS Licht der Leiber den Glanz der Sonne hat? Dort wird keine Traurigkeit, keine Angst, dort wird keine Mühe, kein Tod, sondern dauerhafte unv ewige Gesundheit seyn. Dort erhebt sich keine Bosheit, kein Elend deS Fleisches, keine Krankheit, kein Bedürfniß: Dort ist kein Hunger, kein Durst, keine Kälte, keine Hitze, keine Mattigkeit deS FastenS, keine Versuchung deS Feindes, kein Wille zu sündigen, keine Möglichkeit zu fallen, sondern Freude und Jubel werden daS Ganze erfüllen, und die Menschen, in Gesellschaft der Engel, werden ohne alle Schwachheit deS Fleisches in beständigem FrühlingSalter leben. Dort ist Ruhe von Arbeiten, Friede vor Feinden, Annehmlichkeit wegen Neuheit, Sicherheit wegen der Ewigkeit, Süßigkeit und Lust an der Anschauung GotteS. Dort ist kein Fremdling, sondern Diejenigen, welche dorthin zu kommen verdienen, werden sicher bleiben im eigenen Vaterland, immer erfreut, immer gesättiget von der Anschauung GotteS. (Wer die Seligkeit so schildern kann, der muß schon auf Erden einen Vorgeschmack davon gehabt haben. Wie vergeht mir die Lust an der Welt und an der Sünde, wenn mir der heilige Bernard den Himmel beschreibt! Anmerk. d. UebersetzerS.) 94. Gnade. Nicht unpassend wird wahrlich die Gnade einem Schilde deS göttlichen Schutzes verglichen, der am obern Theile geräumig und weit ist, damit er Haupt und Schultern beschütze: im untern Theile aber enger, damit er weniger belästige, besonders weil die Schienbeine dünner sind, und nicht so leicht verwundet werden, dann weil es auch nicht so gefährlich ist, an diesen Körpertheilen verwundet zu werden. So gibt auch Christus seinen Soldaten zum Schutze des untern Theiles, d. i., deS Fleisches, Dünnheit und Mangel an zeitlichen Gütern, und er will haben, daß sie sich damit nicht beschweren, „zufrieden seyen, wenn sie Nahrung und Kleidung haben," wie der Apostel sagt: der obere Theil aber, nämlich der Geist, soll weit und breit angefüllt seyn mit der göttlichen Gnade. Gesellenvereirr zu Köln. In Elberfeld besteht seit drei Jahren mit sichtbarem Erfolge ein Gesellenverein, gegründet durch Herrn Kolping, früher Caplan in Elberfeld, jetzt Domvicar in Köln. Nun ist dieser Verein auch in Köln unter der Leitung seines ersten Urhebers eingerichtet. Nachdem im vorigen Sommer eine Anzahl junger Leute für das Unternehmen vo:bereitet worden war, ist mit dem Eintreten des Herbstes und der langen Abende nun daö Ganze völlig eingerichtet und zählt bereits nahe an zweihundert Mitglieder. Der Zweck dieses Vereines ist, wie damals ausgeführt wurde, Besserung der socialen Verhältnisse an dem Nachwüchse des Bürgerstandes, an den Handwerksgesellen. Ueber die ganze Sache werden wir ihrer Wichtigkeit wegen später noch näher reden. Hier wollen wir nur einige kurze Andeutungen geben. Der Verein ging zunächst auö der Frage hervor: Wie können dem Handwerksgesellen die für ihn bisher immer verlorenen Abende der Sonntage und Montage für sein Glück und seine Veredlung nützlich gemacht werden? An diesen Abenden ist im Hause des Meisters für den Gesellen gar kein Verbleib. Daher geräth er auf die Straße, inS Wirthshaus und leicht in alle Liederlichkeit. Hat er einmal so angefangen, dann hat er bald bei geringem Verdienst und großem Verzehr keinen ordentlichen Rock mehr am Leibe. Dann schämt er sich also Sonntags bei Tage auszugehen. Also wird Sonntags den Tag über auf der Werkstätte gehockt und gearbeitet, bis man beim Abenddunkel auch in schuftiger Kleidung nach irgend einer Kneipe oder Spelunke schleichen kann. Die Nacht und der Montag werden dann, so weit vaS Geld reicht, der Liederlichkeit geweiht. Der junge Mensch ist verloren, und er wird bald der Verführer Anderer. Und doch ist das gerade diejenige Classe, welche den Nachwuchs für den wichtigsten Hauptstamm deS Volkes bildet, und auf der die ganze Zukunft der socialen Verhältnisse beruht. — Diese beiden Abende des Sonntags und Montags nimmt nun der Gcsellenverein in Anspruch, indem in ihm eine Art von Casino für die Gesellen und ähnliche junge Leute sich bildet zur Erweiterung ihrer Kenntnisse, zum freundschafilichen Verkehr mit ihres Gleichen und zur heitern gesellschaftlichen Unterhaltung. Religion und Tugend, Arbeitsamkeit und Fleiß, Brüderlichkeit und Eintracht, Heiterkeit und Scherz, das sind die vier Motto, die im Saale an der Wand angeschrieben, den Geist des Vereines bezeichnen. Abends von 5 bis 10 Uhr ist den Mitgliedern daS Local geöffnet. Geistlicher und weltlicher Gesang, Lectüre, Vortrüge über nützliche Gegenstände, die den Gesellen zum guten Christen und tüchtigen Bürger machen, freundliche Unterhaltung, bisweilen auch scherzhafte Deklamationen, Spiele oder Aufführungen, daS bildet den Kreis der Abendunterhaltungen. Zugleich hat der Verein einen gemeinschaftlichen Gottesdienst und eine Krankencasse. Wir beschränken unö auf diese Andeutungen, die aber jedenfalls schon hinreichen werden, um allen Nachdenkenden die handgreifliche Nützlichkeit deö Unternehmens zu beweisen, und sie dafür zu interessiren. Das VereinSrecht. M ü nchen, 19. Oct. ... Für heute wollen wir unser Augenmerk auf daS Wirken deS gegenwärtigen Ministeriums im Innern deS Landes selber richten. Leider können wir demselben in dieser Hinsicht nicht das gleiche Lob spenden, wie in der deutschen Frage. Nicht daß wir die Männer angreifen wollten, als hätten sie schlechte Absichten, — dieß sey ferne von uns, — allein eö zeigt sich die gleiche Rathlosigkeit, die Mißgriffe jeder Art erzeugt, wie überall in der Gegenwart. Abgesehen von dem Preßgesetz- En^vurf, den bereits das vorige Ministerium schon in die Kammer brachte, und der jetzt wieder unverändert vorgelegt wurde, obwohl alle Parteien entschieden gegen ihn sind, ist daS VereinSrecht, wenn auch nicht durchs Gesetz, so doch durch die That aufgehoben. DaS Gesetz scheint fast noch enger alö LaS österreichische gehalten; auch hier sind alle Zweigvcreiue verboten, jede Verbindung derselben unter sich untersagt. Die PiuSvereine würden eine Unmöglichkeit werden, denn der §. 22 läßt die nicht politischen Vereine, welche zugleich politische Zwecke verfolgen, schließen und die Mitglieder bestrafen. Nun aber kann jedes Wirken der PiuSvereine für die Freiheit der Kirche und der Schule als ein politisches angesehen und gedeutet und somit gegen selbe verfahren werden. Aber abgesehen von Letzterem, so sind wir eben der Ueberzeugung, daß das freie VereinSrecht nicht ein bloßes leeres Spielzeug seyn darf, das die Regierungen den Völkern gewähren, um etwa ihre Ungeduld zu beschwichtigen. Die freie Vereinigung ist ein viel größeres bedeutenderes Agens in der Geschichte der Gegenwart, als die meisten Regierungen glauben möchten. Da wo alle Verhältnisse der Gesellschaft mehr oder weniger aufgelöst oder zersetzt sind, wie durchgängig in der Gegenwart, ist eS nicht bloß natürlich, daß in der allgemeinen Fusion die Gleichgesinnten sich zusammenthun, sondern wenn eine Besserung unserer Zustände eintreten soll, so kann sie nur auf diesem Grunde sich erheben. Denn wenn es wahr ist, daß eine Gesellschaft ihre wahre Kraft und ihren Bestand nur in der innern gleichartigen Gesinnung, im gemeinsamen Bewußtseyn hat, und nur in diesem die Kraft des Wirkens liegt, wenn es wahr ist, daß diese durch keine Gesetze, durch keine Polizei ersetzt werden können, so wird auch Niemand läugnen, daß nur dadurch, daß eine gleichartige bessere Gesinnung, ein gemeinsames Bewußtseyn, eine Ueberzeugung wieder hergestellt werde, dem Verderben der Gegenwart gewehrt werden könne. Dieß kann aber nur durch freie Vereinigung geschehen. Dieß freie VereinigvngSrecht darf aber nicht ein illusorisches, nichtssagendes seyn, wie die österreichische Verfassung und der gegenwärtige bayerische Entwurf es in Gnaden gewährt, sondern eS muß in seiner Wahrheit und Ganzheit gegeben werden. Ja, wir stehen nicht an, ihm den gleichen, wo nicht noch einen viel größeren Werth beizulegen, alö der freien Presse, denn in letzterer ist nur die Freiheit als geistiger Ausdruck, im freien VereinSrecht die Freiheit als Sache gewährt. Man wende nicht ein, durch das Verbot der Verbindung der Vereine unter sich, durch das Verbot der Filialvereine würde den Vereinen, die schlechte Zwecke und den Umsturz deS Bestehenden verfolgen, am sichersten entgegengewirkt. Mit Nichten! Die Umsturzmänner hatten und haben noch ihre geheimen Verbindungen church ganz Europa hin, und sie werden selbe auch in Zukunft trotz der factischen Aufhebung des VereinsrechtS huben. Ueberdieß, wie leicht ist die Bestimmung des GesetzcS nicht zu umgehen. Also nicht das Böse wird dadurch gehindert, sondern vielmehr daS Gute. DaS Gesetz trifft die besseren Vereine, nicht die schlechten! Denn die Mitglieder der besseren Vereine, welche fremd sind allen Umsturzplanen, werden allerdings dem Gesetze gehorsam seyn, aber indem sie ihre eigenthümliche Kraft und ihr warmes Leben verlieren, werden sie wenig mehr wirken können; dagegen viele, die hätten gewonnen werden können, den Gegnern in die Hände fallen, die sich durch daS Gesetz selbst nicht beirren lassen. Und auch ist eS größtentheils den Vereinen, ihrem gemeinsamen Wirken zu verdanken, daß Bayern nicht gleich Baden der Revoltüion verfallen ist, -so daß die Regierung durch das neue Gesetz sich selbst des bedeutendsten Hebels berauben würde. Und wahrlich, die Gefahr des' Umsturzes ist noch nicht im Mindesten beseitigt, ja sie ist viel intensiver noch denn früher, und unter dünner Decke lauert das Verderben des völligen VernichtimgSkampfeS des radicalisirten hohen und niedrigen Proletariats gegen alle gesellschaftliche Ordnung, gegen jeve Bildung, Wissenschaft und Religion. Jener Grundsatz deS modernen PolizeistaateS aber, jenes „elivicio et impora", daS Theilen und Brechen jeder selbststän- digen Macht, die daraus hervorgehende AlleSregiererei und daS Streben, AUeö auch inS Kleinste herab zu überwachen und äußerlich durch Gesetze biö zur homöopathischen Verdünnung herab selbst beherrschen zu wollen, wird die kommende Krise nicht nur nicht aufhalten, sondern vielmehr beschleunigen und fördern. Wenn aber bis dahin nicht eine andere Macht, die auf gemeinsamer Ueberzeugung und Gesinnung sich erhebt, sich gebildet hat, dann wehe der Gesellschaft, wehe Europa! Diese Macht kann sich aber nur bilden einerseits in ihrer materiellen Unterlage durch daS freie VereinSrecht, andererseits in ihrer geistigen Bildung durch die Freiheit der Kirche. Nur dadurch, wenn überhaupt noch daS ! Abendland gerettet wird, ist mit Gottes Beistand Rettung möglich vor ^dem nahenden Verderben, das freilich jetzt so viele schon beseitigt glauben, ^weil der eiserne Arm deS Militärs die ersten Vorkämpfer darnieder gewor- j fen. — Hoffentlich wird aber der neue Gesetzentwurf von der Kammer eine ganz andere Gestalt erhalten! (Tiroler Wochenbl.) Verantwortlicher Redacteur; L. Schönchen. Verlags-Inhaber; F. C. Krem er. Vierteljähriger Abonnementspreis im Bereiche von ganz Bayern nur 20 kr„ ohr! irgend einen weitere. Post-Aufschlag. Auch von Nicht-Abonnenten der Postzeitung werden Bestellungen angenommen. Sonntags-Peiblatt zur Augsburger Poftzeitung. Auch durch den Buchhandel können diese Biältcr bezogen werden. Der Preis beträgt, wie bei dem Bezug durch die Post, jährlich 1 fl. 20 kr. Urunter Jahrgang. tR- 4l7. 2» November L848. Reisebetrachtungen. (Fortsetzung.) Eine lästige Eilwagenfahrt versetzte mich nach Zürich. Ein in der Bibliothek sich vorfindender Meilenstein auS der Zeit des Nerv« beweist, daß die Stadt nicht Tigurium, sondern Turicum hieß. In der Bibliothek fanden sich vor die Porträte der Reformatoren, eine deutsche Bibel vvm Jahre 1472, ferner ein griechisches alteö Testament (die Septuaginka), welches Zwingli benutzte, am Rande find hebräische Lesearten angebracht; am Ende deS BucheS verzeichnete er selbst GeburtSzeit und Namen seiner Kinder. Man sieht dort die Büsten berühmter Züricher Gelehrten, wie z. B. von Konrad Gessner, Schultheß, Hagenbach, Lavater, Pestalozzi, Salomo Gessner; ferner alle Antistites von Zwingli bis auf Heß. Es sind in Zürich auch interessante zoologische und mineralogische Sammlungen, römische, griechische und keltische Alterthümer rc. zu sehen. Inder Bibliothek finden sich altdeutsche Gemälde, welche einst in Kirchen aufgestellt, der Wuth der calvinistischen Bilderstürmer entkommen waren. Sie stellen die Einführe! deS Christenthums in Zürich und der Umgegend vor: Felix, Regula und ErpektantiuS, die am Züricher Münsterplatz enthauptet wurden und, wie die Sage meldet und das Gemälde vorstellt, die Köpfe eine Strecke weit trugen. Ein anderes Bild stellt den Schmid Eberhard vor, der den Pferden die Füße abhieb, um sie leichter beschlagen zu können. Neben ihm steht eine Here, die er im.Begriffe ist, zu bannen. Daö kirchliche Leben ist (bitter ist es, dieses auSsprechen zu müssen) in Zürich gänzlich erloschen. Ich kam an einem Sonntage in mehrere Kirchen, wo die Prediger vor einer unbeträchtlichen Anzahl von Zuhörern den Dienst deS Wortes versahen; wie z. B. in der Münsterkirche, wo sich trotz dem, daß die Pfarrei so groß ist, und noch dazu ein nationaler Bettag im Namen der Cantons-Obrigkeil stattfand, etwa fünfzig Personen, und diese zumeist dem weiblichen Geschlechte und zwar dem vorgerücktem angehörend, einfanden. Aber was mag auch"den Menschen in einen sol chen von vier Mauern umschlossenen Raum einladen! Alles 4st profan; nichts stehst ou, was dich einen christlichen Tempel hier vermuthen ließe. DaS Crucifix, das in lutherischen Kirchen noch zu sehen, ist hier nicht vorhanden. Und wie kalt, alles Übernatürlichen, alles-eigentlich Christlichen entleert, ist die Art dieser Prediger. So rächt sich der Abfall von der Kirche, in seinem Gefolge ist auck der von Christus; allerdings nicht gleich zu Anfang, aber erst später sich deutlich herausstellend. Einen wohlthuenden Eindruck macht auf den Beschauer die erst vor kurzem zur Vollendung gekommene katholische Kirche. Sie ist an das Universitätsgebäude angebaut, in schönem, gothischen Style. DaS Portal ist vortrefflich; innen finden sich schöne Gemälde von dem Maler Deschwand- ner aus Samen. Aus dem linken Seitenaltare: Christus am Oelberge; am rechten: Christi Himmelfahrt; der Künstler hat die Erniedrigung und glorreiche Erhöhung deS Heilandes meisterhaft dargestellt. So gedeiht die Kunst im Schooße der Kirche; der Geist des Christenthums verleiht ihr eine höhere, himmlische Poesie; einen Umschwung in das Ueberirdische. Und welche Predigt liegt in der Malerei, wie spricht ein christliches Gemälde zum fühlenden Christenherzen. Der Calvinismus muß auch hierin seine Verurtheilung erblicken. ES war gerade das Schutzengelfest, als ich mich in der katholischen Kirche einsand. Die ziemlich geräumige Kirche wußte kaum die Schaar der Andächtigen zu fassen. Nach der Predigt ward mir das Vergnügen, eine schöne, herzerhebende Kirchenmusik zu vernehmen. Bemerken muß ich, daß eS nicht gestattet wurde, einen Thurm und Glocken anzubringen, da nämlich das viele Läuten in der katholischen Kirche den Züricher Ohren lästig gewesen wäre. Aber zu Grunde liegt, daß die steten Schweizer die katholische Kirche in Zürich eben nur so dulden, unter der Bedingung, sich so wenig als möglich bemerkbar zu machen. Und so habe» sich die, welche für Alles Freiheit beanspruchen und haben, mir für die Kirche und das Christenthum nicht, auf die Stufe der Moslemin, gestellt, in deren Reich ebenfalls keine Glocke auf dem katholischen Gotteshanse ertönt. Vielleicht können wir aber für diese Gleichheit in dieser äußern Handlungsweise einen innern gemeinsamen Grund finden. Und sollte diesen nnS nicht das Wort Turicum (Zürich) an die Hand geben? Offenbar liegt in Turic(um) und Türk eine große Aehnlichkeit, welche eine Stammverwandtschalt der Züricher mit den Türken wahrscheinlich machen dürfte! Schade, daß die Geschichte unS diesen ErklärungSgrund verdirbt. Aber zu seinen Gunsten mag der Umstand sprechen, daß in dem durch eine Eisenbahn Zürich näher gerückten Städtchen Baden, ein oder mehrere dort erscheinende Züricher ihres zügellosen Benehmens wegen mit dem AuSdrucke: „dieß ist ein Züricher Türk, oder dieß sind Züricher Türken" bezeichnet wurden. Zürich und seine Umgegend ist ein irdisches Paradies. ES leben aber auch diese Züricher ganz und gar dieser Erde. Sie fühlen sich behaglich, und eine höhere Welt scheint sie nicht viel in Bewegung zu setzen. Ob aber an der crdhaften Richtung dieses Volkes nicht auch der Calvinismus seine gute Schuld trägt, der baS Band, das an eine höhere Welt knüpft, systematisch abgeschnitten! Der Name Zwingli kommt in Zürich noch oft vor; seine Nachkommenschaft ist eine sehr weit verzweigte, und gehört den »ermöglichen Classen an. Anderweitig aber ist auch dieser Stadt das Gepräge deS Stolzes, deS Trotzes, der Feindseligkeit, deS WeltsinneS, der in diesen und andern Reformatoren sich zu Tage brachte, auf eine merkwürdig auffallende Weise aufgedrückt. Während meines Aufenthaltes in Zürich hatte ich auch die Gelegenheit Flüchtlinge in größerer oder geringerer Anzahl da und dort zu treffen. DaS LooS dieser Leute würde Mitleid abnöthigen, wenn nicht anderseits ihr Trotz, ihre unverhohlen ausgesprochene Rachsucht gegen die Ver- anlasser ihrer unglücklichen Lage, und kurzweg ihre vielfach beurkundete Gottlosigkeit dasselbe ermäßigen oder gar zurückdrängen würde. Da wird diesem und jenem geflucht, in der Hoffnung auf Umschwung der Dinge allen Gegnern gräulicher Tod gedroht. Die Gastfreundschaft der Schweizer ist auch nicht so nachhaltig als man glaubt, und oft nur in großsprecherischen Worten bestehend, welch' letzteres überhaupt eine vielfach sich zeigende tadelhafte Eigenschaft der Schweizer ist. Gemeine Soldaten sind oft besser daran als Officiere, oder solche, die keine Handarbeit gewohnt sind. Gemeine Soldaten lassen sich als Taglöhner gebrauchen. Eine badische OsficierSfrau wußte auf folgende Weise sich mit ihrem Vermögen, das von den Preußen mit Beschlag belegt worden, zu ihrem Manne in die Schweiz zu flüchten. Die preußischen Wachtsoldaten hatte sie betrunken gemacht, und während ihres Schlafens ihr schon frühe eingepacktes Vermögen einem Fuhrmanne, der. nach Basel fuhr, übergeben; sie selbst auch war in dem Güterwagen als Waare verborgen. Geringere Schmuggeleien kommen öfter vor, z. B. daß badische Mädchen unter ihren Kleidern Waffen verstecken, und dieselben in die Schweiz zu bringen suchen. Anfangs gelang dieß, später nicht mehr. Eine Eisenbahn führt von Zürich nach Baden. Die Bäder find schon bei TacituS bekannt. (Hist. 1, 67.) Sie hießen: aguoe verbigenae oder tllermav llelvoticao. Auf einem Berge, durch dessen Fuß in einem kunstreichen Tunell die Eisenbahn geführt ist, steht eine Burgruine: der Stein zu Baden, im Mittelalter als fester Ort berühmt. Von hier war der Kaiser Albrecht an jenem verhängnißvollen Tage fortgegangen, an dem er an dem Orte, wo jetzt die Kirche (der Hochaltar) von KönigSfelden steht, ermordet wurde. Mein Weg führte mich weiter. Als ich in der Nähe von Windisch ein etwa 9jährigeS Mädchen über den Namm deS Orte« befragte, so bekam ich Auskunft mit der Nrbenbemerkung: „das ist a mal a großt Stadt gfi." 186 Windisch ist daS alte Vindoniffa, eine der größten und wichtigsten Städte HelvetknS, unv Hauptwaffenplatz der Römer gegen die Germanen. Im Jahre 511 wurde Vindonissa Sitz deS ersten Bischofes. Die Stadt war übrigens schon früher, so wie das in der Nähe von Basel einst gelegene Augusta Vauracorum (Bascl-Aeugst), großenlheilS von den Hunnen verwüstet worden. In dem Gebiete der ehemaligen Stadt Windisch liegt KönigSfelden. Hier wurde 1308 Kaiser Albrecht von seinem Neffen Herzog Johann ermorde«; an der Stelle wurde 1313 eine Kirche von der Kaiserin Elisabeth und Kenigin AgncS erbaue. Letztere nahm den Schleier und starb 50 Jahre nachher als Heilige. Ihre Zelle altdeutscher Bauart wird noch vorgezeigt. Außerdem befinden sich dort mehrere Antiquitäten auS der Römerzeil. In der Kirche sind schöne Glasmalereien; die Bildnisse der bei Sempach erschlagenen Ritter; hier ruhten die Gebeine mehrerer Glieder aus dem österreichischen Hache; sie sind indeß jetzt nach Oesterreich abgeführt worden. Im Aarthale sieht man die jetzt unbewohnten Burgen: Bruncck und Habsburg. Angenehm ist es für den Wanderer katholischer Konfession in dieser Gegend sehr schöne und große Feldkreuze auS Stein gehauen zu erblicken, auch da und dort ein Täfclchen, daS ein Unglück meldet, und worauf um ein Vater unser gefleht wird. Freundlich berührt es das christliche Herz, daS Ave Maria läuten zu hören, und früh Morgens von Thal und Berg her die Töne der zur heiligen Messe rufenden Glocke zu vernehmen, und die beiden Glocken - Absätze, welche die heilige Wandlung verkünden. Mir scheint jedesmal die ganze Natur an dem unblutigen Opfer Theil zu nehmen: voran der pflügende Landmann, mit ihm daS Pferd und daS waldige Gebirg, und der singende Vogel. So hängt die Natur mit dem Christenthum zusammen; ein Sehnen, ein Haupterheben wie eö der Apostel nennt, liegt in der Natur. ES ist weit gefehlt, daS Betrachten derselben schon als genügenden Gottesdienst anzusehen, eS ist dieß schlechtweg heidnische Verehrung der Natur, der Natur, die selbst im Gefühle ihrer Nichtigkeit nach dem Erlöser aufschaut. Christus ist über Allem. Alles ist seiner bedürftig; daS All' aber hinwiederum — die gesammte Natur — zeugt von der Allmacht, Güte und Barmherzigkeit GotteS: die Natur weckt und bestärkt daS in dir liegende Gottesbewußlseyn, die Idee von Gott. Der Glaube verklärt die Welt. Gehe an einem schönen Morgen durch die Felder, und stehe: eS glaubt die Natur, sie schließt sich glaubend aus. Es glaubt die Kunst; der Glaube gab dem Thurm die schwindelnde Höhe. Es muß der Mensch glauben. DaS ist seine höchste Vollendung. Nach oben muß alles streben. Aber es ist ein Unterschied, ob es selbst sich erhebt, oder ob eö einem höhern Wesen die Hand reicht, und ihm sich anschließend, in ihm sich zu ergänzen strebt. Der höchste Thurm ist in der Nähe der Berge ein Zwerg. DaS froschmäßige, glaubenslose Sichauf- blähen des Menschen findet sein Bild in dem babylonischen Thurm. Der Glaube aber strebt himmelan, wie die Berge. „Siehe ich mache alles neu," sagt der Geist Gottes und dieser Geist ist in der Kirche, dem Horte des Glaubens. Aber im Calvinismus ruht ein anderer Geist, nicht der deS Glaubens, sondern ein Geist egoistischer, in sich verknöcherter Selbstgenügsamkeit bei aller Affectation deS Glaubens. Bei aller Versicherung, die der Calvinismus machen mag, christlich zu seyn, konnte ich demselben doch nie wahres, inneres Christenthum abmerken. Man macht vielfältig den nämlichen Vorwarf der katholischen Kirche. Aber man irrt sich. Was bei jenem im Wesen liegt, und ihn somit unfähig macht, eine christliche Anstalt zu seyn, das liegt bei der katholischen Kirche nur darin, daß viele ihrer Angehörigen daS in ihr ruhende Christenthum — Christus mit seiner Erlösung — nicht recht in sich aufnehmen, und in sich wirken lassen. Christus, der Glaube an Christus ruht in der katholischen Kirche, und es ist eine Strafe der Seelen, daß sie, die den Glauben zu heben vorgaben, nun alles Glaubens ledig sind: sie waren letzteres aber auch schon bei ihrem Ursprünge, denn ein Auflehnen gegen die Kirche ist auch ein Auflehnen gegen den Glauben. Aber sie täuschten sich damit, daß sie einen Glauben an Christus für möglich hielten, ohne an die Kirche glauben zu müssen, da doch Christus das Haupt der Kirche ist, und sie durch sein Blut erwarb, und ein nicht Hören der Kirche als Heidenthum gilt. Ich kam auf meiner Reise auch durch die Städte Basel und Straßburg. ES würde an kein Ziel führen, die unendlich vielen Merkwürdigkeiten der erstgenannten weltberühmten Stadt aufzuführen*), den Blick LeS Wanderers zieht der Dom auf sich. Er wurde von Kaiser Heinrich II. von 1010—1019 im byzantinischen Style gebaut, nach dem Erdbeben (1356) im gothischen Style hergestellt und 1490 in seiner jetzigen Gestalt vollendet. An der Hand der Geschichte werden wir es inne, und die Kunstwerke jeder Art sagen eS uns vernehmlich: eine schöne Vergangenheit mag in dieser Stadt einst geweilt, die Kirche in ausnehmender Schönheit *) Vcrgl. Ebcl, Reiscbuck durch die Schweiz. Zürich 181 Z und Blüthenpracht sich hier entfaltet haben. „O daß du doch deine Heimsuchung erkannt hättest," möchte man auch dieser Stadt zurufen. Ihr Weltsinn, der nicht kennt, waS deS Geistes ist, warf sie den Neuerungen in die Hände. Aber ihr Vergleich mit Zürich in religiöser Hinsicht möckte sehr zu Gunsten Basels sich gestalten. Es zeigt sich in dieser Beziehung viel mehr guter Sinn, und ein milderes Wesen läßt sich nicht verkennen, !unv wie die rohe Gemüthsart Zwingli'S in seinen GeisteSkindern noch ersichtlich ist, so möchte das sanftere Wesen des OekolampadiuS an seinen Anhängern jetzt noch vernehmbar seyn. Wenn man durch den Kreuzgang wandert, gehl man vorbei an der Grabstätte des EraSmns von Rotterdam, und der deS OekolampadiuS. Hier ruhen sie diese Männer und mit ihnen eine merkwürdige, bewegte Vergangenheit. Aber bei der Lesung ihrer Namen geht ein Dämmern, und wohl auch mancher helle Schein über die Vergangenheit hin. DaS rückblickende Auge sieht ein gefährliches Wogen; oben auf den Wellen die hervorragenden Männer jener Zeit, wie sie entweder ihr Fahrzeug mühsam durch den Sturm retten, oder aber in demselben zu Grunde gehen. Der Sinn der damaligen Menschheit, den die heilige Schrift Fleisch nennt, welches gegen den Geist kämpft, und ihn nicht anerkennt, erhebt sich gegen die höhere Autorität, die durch die Kirche gehandhabt wird; er will sich selbst genügen, über sich in seinem Ueber- muthe nichts Höheres anerkennen. AuS den tosenden Wogen der aufgebrachten Zeit tönte dem Eva-Sinn der Menschen das Verführer-Wort entgegen: „ihr werdet erkennen, ihr werdet seyn wie die Götter." Der Mensch glaubt sein dunkelndes Irrlicht in sich als Licht; überall der Ruf: Licht, überall: Menschenwürde, Freiheit, gegenüber der Finsterniß und Knechtung im Papstthume. Und weil eS nach Verlauf deS Sturmes und der Gefahr viel leichter ist, sich ein Urtheil über die größere oder geringere Bedeutsamkeit von der Bewegung zu verschaffen, hinterher sich auch leichter sagen läßt, wie man sich hätte benehmen sollen, dann auch weil der Irrthum bei seinem ersten Auftreten oft sehr schön mit dem Raube, den er an der Wahrheit begangen, sich schmückt, ferner auch an die Wahrheit, die man bisher besaß, sich so manche Entstellung anheftete, die ihren klarleuchtenden Glanz dem Auge entzog; so ist eS erklärlich, daß bei dem Anfange der sogenannten ReformationS-Bewegung manche auch gutgesinnte und für die heilige Religion begeisterte Männer nicht die Beharrlichkeit und Ueber- zeugungS-Festigkeit an den Tag legten, die man von ihnen erwarten und wünschen würde. In dieser Lage war anfangs auch EraSmuS. Er hoffte von der neuen Bewegung, daß sie heilsam sich gestaltend, manches Fehlerhafte, waS sich durch menschliche Unvollkommenheit an die reine Braut deS Herrn, die ohne Makel und Runzel ist, angeschlossen hatte, beseitigen werde. Daher in jener stürmischen Zeit vieles Zweideutige, Hin- und Her- schwankenve in der kirchlichen Haltung deS EraSmuS. Als er aber daS Bodenlose, daS Gefährliche, in daS die Bewegung sich zu stürzen drohte, erkannt hatte, als er sah, baß sie bei aller scheinbaren Hebung des Chri- stuSglaubens ein Kampf gegen Christus sey, und in ihren Konsequenzen es erst recht werde, und auch als solcher sich zeigen müsse, so bemühte er sich, immer mehr von der Neuerung sich abzukehren. EraSmuS starb der Kirche getrdu, im Jahre 1536, den 12. Juli. Daß Ulrich von Hütten sein Feind war, gereicht dem EraSmuS zur Ehre. Der dem EraSmuS in leidenschaftsloser und bedächtiger Ruhe ähnliche OekolampadiuS, dessen die Grabschrift mit übersprudelndem Lobe gedenkt, hatte daS Unglück von dem Sturme der Bewegung der Kirche entrissen zu werden. Auch in ihm, der unter allen Reformatoren die meisten Sympathien für sich erregen möchte, hatte sich ein geheimer Stolz, Selbstgefälligkeit und Widersetzlichkeit gegen die Kirche gebildet. In der AbendmahlSlehre hatte er sich an Zwingli angeschlossen, daö Brod bloß als Symbol Christi betrachtend. Er starb bald, nachdem dieser sein Freund bei Kappel gefallen war. In der Gemäldegalerie finden sich viele Gemälde HolbeinS, unter andern auch der Todtentanz. Es ist in Basel eine eigene Kirche, auf deren Friedhof, um die Kirche her, früher ein Todtentanz dargestellt war. Ein Todtentanz I — was ist das Treiben und Jagen der Menschen anders, wenn eS nicht in Beziehung auf Gott und ein zukünftiges Leben eine Richtung und Regelung bekömmt. ES ist ein Kreislauf, und der ermüdete Mensch fällt von Schwindel betäubt in den Tod nieder. Und todt sind sie alle, denen Gott nicht daS ewige Leben ist, die sich vom LebenSquelle abgeschlossen — todt der Seele nach stürzen sie sich den Pforten entgegen, die sie in daS Bereich deS ewigen und doch n.e sterbenden TodeS aufnehmen. Aus der Universität hatte ich die schöne Gelegenheit ein Kirchen- geschichtS-Collegium bei dem Professor dieser Wissenschaft, Dr. Hagenbach, dem Verfasser der Kirchengeschichte deS 18ten und 19ten Jahrhunderts zu hören. Er sprach von dem Streite der Arminianer und Gomaristen, knüpfte dann einige interessante biographische Nachrichten über David Joris, genannt Brügge an. Dieser David Joris lebte längere Zeit aus einem Landgute in der Nähe BaselS, und suchte höchst verderbliche Lehren zu verbreiten, 187 die gar nichts anders enthielten, als gerade die der heutigen Communisten über Güter- und Weibergeineinschaft auch. Er verwarf die Ehe!*) Zugleich gab er sich als die dritte Person in der Gottheit, den heiligen Geist aus. Nachdem er schon einige Zeit begraben lag, wurden seine Gebeine herausgenommen und als die eines Ketzers verbrannt. Den Weg nach Slraßdurg machte ich auf der französischen Eisenbahn durch das Elsaß. ES ist widerlich zu hören und zu sehen, wie die Franzosen die Slationsorke, die durchweg deutschen Namen, in Sprache und Schrift zu entstellen suchen. StraßburgS Merkwürdigkeiten aufzuführen ist hier nicht der Ort und würde kein Ende finden, Es war am Feste Mariä Geburt, als ich dem prachtvollen Gottesdienste in dem Münster beiwohnte. Welche Masse der Gläubigen drängte sich herbei; welche Andacht war! unter ihnen sichtbar! wie hatten alle dem Worte deS Herrn ihre Herzen! erschlossen. So mochten sie einst dicht gedrängt dagestanden haben, gierig! auf GotteS Wort horchend, als Gcyler von Kaisersberg Prediger während! 30 Jahren im Münster gewesen. Er liegt in der Kirche begraben und zwei Distichen in lateinischer Sprache sagen ungefähr jolgendeS: Denn du vergießest die reichliche Thräne, du Stadt der Argcnten Fühlend den schmerzenden Schlag, den dir versetzte der Tvd — Gehler schläft an dem Ort, ob dem einst rufend erschollen Aus des begeisterten Mund Worte des ewigen Heils. macht, sind ferner auch Ursachen, die daS Ihrige zum Sturze Badens beitrugen. Ich reiste von Baden gen Württemberg über die rauhe Alp, die viele Naturschönheiten bietet, und da und dorr durch Schlvßruiucn geziert ist, meinem theuren Vaterland- Bayern zu. Zu Lauch hei»,, einem Städtchen unweit der bayerischen Gränze, nahm ich in einem Gasthanse daS Biltniß Rvngc's wahr, hängend zwischen jenen bekannten zwei Narren« bildern, auf denen der eine lacht, weil der andere weint, nnd der eine weint, weil der andere lacht. Der Wirth bcuicrkte mir, sie (dieses OrtcS Bewohner) brauchten Nonge nicht; eS gäbe derartige Thoren ohnedem genug, und sein Bild, daö ihm unlieb in die Hände gekommen, glaube er hier an der rechten Stelle angebracht zu haben. Die Eisenbahnfahrt förderte mich von Nördlingen nach München und somit nahe meinem Aufenthalte, Und so beneide ich nun die Schweizer und die Franzosen nicht um ihre Republiken und ihre Einheit — eine Einheit, die Länder eint und Herzen trennt. Ich dankte Gott ein Deutscher zu seyn, und Bayern anzugehören, wo die katholische Kirche — auch in unserer Zeit — noch viele treue Anhänger zählt. In der Martinskirche, die dem calvinistischen Cultus gewidmet ist, finden sich zwei einbalsamirte Leichname, der eines Edelmanns und ein anderer, der die Seele seiner Tochter einst barg. Der Eindruck, den die Leichname, die einst bei Lebzeiten in der üppigsten Pracht sich gezeigt haben mochten, machen, ist nicht sehr angenehm. So mochte auch einst Salomo dagelegen haben, und dem nämlichen Loose zu entgehen, kann unS keine Macht der Well gewähren. Hier vor diesen Leichnamen, die übrigens andere, wie sie kurz nach dem Abscheiden erscheinen, an Entstellung trotz deS BalsamirenS weit überbieten, wurde es mir begreiflich, wie der heil. Franz BorgiaS bei dem Anblicke der gräßlich entstellten Leiche der Kaiserin Jsabella, welche letztere bei ihren Lebzeiten von ausnehmender Schönheit gewesen, den Entschluß fassen konnte, dem Scheinglanze dieser Welt zu entsagen, und ganz dem Herrn in der Zurückgezogenheit sich zu weihen. Vermittelst der Eisenbahn war ich wieder in daS unglückliche Baden versetzt, und Rastalt, der Stätte deS Jammers vorbei, nach CarlSruhe gekommen. Die allerdings sehr regelgerecht gebaute Stadt macht wegen ihrer Einförmigkeit und modernen Stutzerei (der Bau fing 1715 den 17. Juni an) keinen günstigen Eindruck auf den Wanderer. An dieser Stadt kann man deutlich sehen, wie leer die Welt wäre, wenn die Vergangenheit nicht mehr unter unö lebte, und überall nur die Gegenwart in ihrer Armuth sich unsern Augen darböte. Die Bewohner der Stadt waren (Anfangs Sept.) ganz niedergedrückt. Die Stadt so wie daS Land schien mir einer Gegend vergleichbar, über die ein vernichtender Wettersturm hingegangen. Aber bei allem Zerbrochenseyn dieses Volkes findet man keine Reue, in so weit eS selber dieses Uebel mit herbeiführte, sondern eine im Innern sort- gährende, wüthende Rache, eine zusammengepreßte Wuth, die bei der leisesten Oeffnung und dem schwächsten Windzüge wieder neu aufzulodern droht. Aber erklärt mag man manches finden, wenn man die badische Regierung der verflossenen Zeit in ihrer Gliederung von oben bis zu unterst betrachtet. Die falsche, christus- und kirchenfeindliche Richtung war hier von der Regierung gefördert, antichristliche Lehre aus die Lehrstühle gebracht, allen zur Leitung des Volkes Berufenen auf diese Weise ein solcher Geist eingeprägt, der sich dann auch dem Volke mittheilte. Die Kirche und der gute Klerus wurde verfolgt; ein großer Theil des Klerus hatte in der Glanzperiode der Bureaukratie zum falschen Aufklärungswerke („ihr werdet erkennen") die Hand bereitwillig geboten. Wenn nun die Obrigkeit eines StaateS der höhern Ordnung den Gehorsam kündet, warum will sie sich beklagen, wenn ihre Untergebenen daö Beispiel zu ihrem Verderben nachahmen ? ES war früh Morgens, und von da und dort ertönte die Glocke, die zum Gottesdienste rief. Ich begegnete einem Metzgerjungen, der mir sagte, daß er wohl gern in die Kirche ginge, aber daS sey ihm Jahr auö Jahr ein nicht möglich, indem er gerade an Sonn- und Feiertagen den ganzen Vormittag Fleisch anzutragen habe. Aber er tröstete sich damit, daß man ja überall beten könne, überhaupt sey er auch anderweitig der Ueberzeugung, daß Gott eine bestimmte Gottesverehrung nicht wolle, eS sey gleich welcher Konfession man angehöre, wenn man nur recht handle. Die Nachbarschaft der Schweiz und Frankreichs, so wie die ungünstige Lage, welche ein kernhaftes Zusammenhalten eines Volkes unmöglich *) Er hatte auch das schon bei ältern Serien vorkommende: „Mißbrauchen des Fleisches" gelehrt. Blumen au- dem Schriftgarten be- heiligen BernarduS. (Fortsetzung.) 94. Gnade. Je mehr du wachsest in der Gnade, desto mehr erweitert sich dein Vertrauen. Ein Beweis des Stolzes ist der Entzug der Gnade. Ich habe in Wahrheit gelernt, daß nichts so wirksam sey, die Gnade zu verdienen, zu bewahren, wieder zu erlangen, als wenn du zu jeder Zeit vorbefunden wirst als einer, der nicht hochmüthig für sich weise ist, sondern sich fürchtet. Denn „glückselig der Mensch, der allzeit furchtsam ist." Fürchte also, wenn die Gnade dir lächelt, fürchte, wenn sie geht, fürchte, wenn sie wiederkehrt, und daS ist „immer furchtsam seyn." Glücklich bist du, wenn du dein Herz mit dieser dreifachen Furcht erfüllst, so, daß du fürchtest für die empfangene, für die Verlorne, für die wiedererlangte Gnade. Sey nicht langsam oder träge im Danke für die Gnade, und lerne für die einzelnen Gaben dankbar zu seyn. Betrachte fleißig, sage ich, was dir vorgesetzt wird, damit die Geschenke GotteS der schuldigen Danksagung nicht beraubt werden, nicht die großen, nicht die mittelmäßigen, nicht die kleinen. Endlich werden wir ermähnt: „Sammelt die übrig gebliebenen Stücklein, damit sie nicht zu Grunde gehen," d. i., auch die kleinsten Wohlthaten dürfen wir nicht vergessen. Geht etwa nicht zu Grunde, was man dem Undankbaren schenkt? der Undank ist ein Feind unserer Seele, der Verlust der Verdienste, die Zerstreuung der Tugenden, der Entgang der Wohlthaten, ein „brennender Wind," der die Quelle der Liebe, den Thau der Barmherzigkeit und die Zuflüsse der Gnade austrocknet. Eine dreifache Gnade erhalten wir von Gott, eine, wodurch wir bekehrt, eine andere, wodurch wir in Versuchungen gestärkt, und eine dritte, wodurch wir als bewährt belohnt werden. Die erste macht den Anfang, da sie unS ruft; die zweite bringt vorwärts, wodurch wir gerechtfertigt werden: die dritte endlich führt zum Ziele, wodurch wir verherrlichet werden. Die erste ist eine Gefälligkeit, die zweite Verdienst, die dritte Lohn. Von der ersten ist gesagt: „Von seiner Fülle haben wir alle empfangen." Von den übrigen zweien ist gesagt: „Gnade über Gnade," d. i. die Geschenke der ewigen Herrlichkeit für den Dienst LeS zeitlichen KampfeS. In wie weit das Reich der Gnade ausgebreitet wird, in so weit wird die Macht der Sünde eingeengt. 95. Gott. WaS ist Gott? In Bezug auf daS Weltall der Endzweck, in Bezug der AuSerwählung LaS Heil, in Bezug auf sich selbst: Er weiß eS. WaS ist Gott? Der allmächtige Wille, die wohlwollendste Macht, daS ewige Licht, die unveränderliche Vernunft, die höchste Glückseligkeit, der des Menschen Herz erschafft zur Theilnahme an ihm, der eS belebt zum Gefühle für ihn, der eS anregt zum Verlangen nach ihm, der eS erweitert zur Ausnahme von ihm, der eö erfüllt mit Glückseligkeit, umgibt zur Sicherheit. WaS ist Gott? Nicht weniger die Strafe der Verkehrten, als der Ruhm der Demüthigen. Denn er ist eine gewisse verständige Leitung der Gleichheit, unwandelbar und unbeugsam, die überallhin sich erstreckt, und durch die alle Verkehrtheit in Verwirrung kommt, wenn sie 188 auf selbe stößt. Wird also alles Furchtsame oder Verkehrte daran anstoßen und zerschmettert werden? Wehe dem Weltall, wenn eS jener Gleichheit entgegen wäre, die keine Nachgiebigkeit kennt! Denn er ist auch die Tapferkeit. WaS, sagst du, ist den Anschlägen so sehr widersprechend und entgegen, als immer und vergeblich sich bemühen, an ihn zu stoßen? Wehe den entgegengesetzten Anschlägen, die die Strafe ihrer Wegwendung von ihm davon tragen. WaS ist so strafbar, als immer wollen, was niemals seyn wird, und immer nicht wollen, was immer seyn wird? WaS ist so verdammlich, als ein Wille, der an diesen Zwang gebunden ist, zu wollen und nicht zu wollen, so, daß er zu Beidem so verkehrt als elend bewegt wird. In Ewigkeit wird er nicht erhalten, waS er will, und waS er nicht will, wird er nichts desto weniger in Ewigkeit aushalten müssen. Ganz billig ist eö also, daß der, welcher für das Nichts eingenommen ist, niemals zu etwas komme, was nach ihm erlaubt oder ihm gefällig wäre. („Der Thor spricht in seinem Herzen: „„ES ist kein Gott."" Gott braucht die Menschen nicht erst um Erlaubniß zu fragen, ob er seyn dürfe, und der menschliche Wille kann nichts ausrichten gegen den Willen Gottes. Wenn aber daS Geschöpf sich gegen den Schöpfer auflehnt, so gebraucht derselbe seine Macht, um zu zeigen, daß Er der Herr ist.) 96. G u n st. Wenn du durch Zeichen und Wunder leuchten wurdest, in deiner Hand geschehen sie, aber durch Gottes Macht. Oder eS schmeichelt dir die Volksgunst, weil du ein gutes und kühnes Wort vorgebracht hast? Aber Christus schenkte dir Weisheit und Rednergabe, und deine Zunge ist nichts anderes, als „die Feder eines Schreibers," und selbst diese hast du entlehnt erhalten. Alles Lob also über die Güter der viel- gestaltigen Gnade werde aus den Urheber und Geber alles LobenSwerthen bezogen I 97. Güte GotteS. ES gibt Einige, welche zwar die Beleidigung verzeihen und sich nicht rächen, aber doch eS manchmal vorwerfen. Andere gibt eS wieder, die zwar dazu schweigen, aber sie vergraben tief in ihr Herz den Groll. Von beiden ist keine eine vollständige Verzeihung. Weit gütiger als diese Menschen, ist die Natur Gottes. Er verzeiht gerne, er verzeiht vollkommen, so, daß, wo die Sünde überschwenglich, auch die Gnade über- schwänglich ist. Zeuge davon ist der Völkerlchrer Paulus, der mit Gottes Gnade mehr arbeitete, als alle Apostel. Zeuge davon ist Matthäus, der, von der Zollbank zum Apostel erwählt, der erste Evangelist deS Neuen Testamentes zu seyn gewürdiget wurde. Zeuge ist Petrus, dem nach dreimaliger Verläugnung der Ob'crhirtenstab über die ganze Kirche übergeben wurde. Zeugin endlich ist jene verschrieene Sünderin, welcher selbst am Anfange ihrer Bekehrung ein so großes Maaß von Liebe gegeben und später eine solche Vertraulichkeit gestaltet wurde. Wer hat Maria angeklagt, und mußte sie sich selbst verantworten? Wenn der Pharisäer murrt, Martha klagt, die Apostel sich ärgern, schweigt Maria, und Christus entschuldiget und lobt die Schweigende. Um wie viel gütiger und süßer die göttliche Milde, als die Menschen, ist, desto angenehmer ist sein Joch den übrigen Menschen. 98. Gut. BöseS wollen ist ein Fehler'deS WillenS: Gutes wollen ist ein Fortschritt desselben: hinreichend Gutes aber, waS wir wollen, ist dessen Vollkommenheit. Damit also unser Wollen, das wir vom freien Willen haben, vollkommen sey, bedürfen wir einer doppelten Gnaden nämlich weise zu seyn, was die Hinneigung deS Willens zum Guten ist: und auch vollständig zu können, waS die Bestärkung deS Willens im Guten ist. Weiter ist eS vollkommene Hinneigung zum Guten, wenn dem Willen nichts gelüstet, außer was anständig und erlaubt ist: vollkommene Befestigung aber im Guten, wenn dem Willen nichts abgeht, waS ihm beliebt. Dann erst wird der Wille vollkommen seyn, wenn er ganz gut und voll vom Guten ist. Er hat von seinem Entstehen an ein doppeltes Gut an sich, ein allgemeines bloß von der Schöpfung her, da er nämlich vom guten Gott nur gut geschaffen werden konnte, und ein besonderes von der Freiheit der Entscheidung, in der er nach dem Bilde desjenigen, der ihn erschuf, gemacht ist. Wenn zu diesen beiden Arten auch daS Dritte zum Schöpfer hinzukommt, so wild er nicht mit Unrecht für vollkommen gut gehalten. Denn er ist gut in seiner Allge, meinheit, besser in seiner Art, am besten in seiner Unterordnung. Unterordnung aber ist die allseitige Hinwendung des Willens zu Gott, freiwillig aus sich, ergeben und unterworfen. 99. Heiligkeit. Ein seltener Vogel auf Erden ist eS, entweder die Heiligkeit nicht zu verlieren, oder durch die Heiligkeit die Demuth nicht auszuschließen. Frankreich. Zu den von der Cholera am ärgsten mitgenommenen Ortschaften Frankreichs gehört die kleine Stadt NerondeS im Cher-Departement, wo die socialistische Brüderlichkeit unbehindert herrschte, begünstiget von einem Bürgermeister, welcher der eifrigste Apostel der socialen und demokratischen Republik ist. Der Bürgermeister war voll unerschrockenen Muthes und voll der Hingabe, so lange kein Cholerakrauker in seiner Gemeinde war; als aber die Krankheit daselbst eine gewisse Heftigkeit erreichte, verlor er mit einem Male den Kopf, und vergaß alle Grundsätze und Betheuerun- gen socialistischer Brüderlichkeit. Er machte bekannt, daß die Krankheit hauptsächlich wegen engen ZusammenwohnenS so sehr um sich greife, und forderte Alle, die eS könnten, auf, die Stadt zu verlassen. Er selbst beeilte sich, mit gutem Beispiele voranzugehen. Alle Beamten folgten demselben; der Apotheker, sämmtliche Bäcker und Metzger thaten deßgleichen, und eS blieben nur 500 Arme im Städtchen zurück, denen die Mittel fehlten, um dem guten Rathe ihres Bürgermeisters zu folgen. Nur Einer blieb bei ihnen, um die Sorge für die armen Kranken auf sich zu nehmen — der Pfarrer. Man hätte glauben sollen, daß Vie Unglücklichen, deren trauriges LooS ihn zurückhielt, mit dankbarster Ergebenheit zu ihm sich hingewandt hätten. Doch nein; — man hatte die Köpfe dieser Leute durch die socialistischen Lehren derart verdreht, und allen religiösen und kirchlichen Sinn dergestalt in ihnen vernichtet, daß sie erst nach reiflicher Ueberlegung sich seiner Pflege und Sorge anvertrauten, indem sie aus seiner jahrelang bewährten Nächstenliebe den Schluß zogen, er könne doch unmöglich ein Vergifter seyn, der im Dienste der Reaction stehe. Der eifrige Pfarrer fühlte sich balv durch die Anstrengungen bei Tag und Nacht völlig erschöpft, unv fürchtete, daß er unterliege, und so seiner armen Gemeinde die letzte Hilfe entzogen werde. Er wandte sich daher um Mitarbeiter in der Krankenpflege nach Bourges. Man schickte ihm von dorther einige christliche Schulbrüder. Allein bei ihrer Ankunft zu NerondeS verbreitete sich dort daS Gerücht, man müsse ihnen nicht trauen, sie seyen Helfershelfer der Reichen und der Reactionäre, und die Jünger der christlichen Liebe wurden ohne Weiteres von den Jüngern der socialistischen Brüderlichkeit mit Flintenschüssen zurückgejagt. Der Pfarrer verlor den Muth noch nicht. Er erinnerte sich, daß vor einigen Jahren ein Jesuit mit Beifall in seiner Gemeinde gepredigt, und die Liebe deS Volkes in hohem Maaße sich erworben hatte. An diesen schrieb er, verheimlichte ihm nicht die Gefahren, die ihm bevorstehen könnten, die Anstrengungen, die seiner harreten, und bat um seinen Beistand. Der Gebetene eilte sofort hin, in Begleitung eines jungen Mannes, der Mitglied deS VincenciuSvereinS zu BourgeS war. Sie wurden zu NerondeS ziemlich kalt empfangen; nach einigem Zaudern jedoch ließ man sich ihre Pflege und Hilfeleistungen gefallen. Der Minister de Fallour, der sich damals gerade zu NeriS aufhielt, hörte von dem fürchterlichen Elende, welches die Cholera zu NerondeS und in der Umgegend anrichte. Davon ergriffen bat er seinen Freund, den AbbS Girandin, ihn auf einem Besuche nach dem Städtchen zu begleiten, um sich von den dortigen Zuständen mit eigenen Augen zu überzeugen, und so weit möglich Abhilfe zu verschaffen. Kaum waren die beiden Herren bei dem Pfarrer eingekehrt, als ihnen angezeigt wurde, daß bewaffnete Leute sie aufsuchten, und tödten wollten, weil sie zu den Reichen und Aristokraten gehörten, und ohne Zweifel Gift bei sich führten. Fallour antwortete mit der ihm eigenen Entschlossenheit und Ruhe ganz freundlich: „Nun denn, wie könnte man einen schöneren Tod finden, als indem man Leidenden Trost und Hilfe bringt?" und fing an, mit seinem Begleiter von HauS zu HauS zu gehen, und ließ in jedem Hilfe, Trost und Beruhigung zurück. Sodann schrieb er dem Bürgermeister, er werde die an der Cholera erkrankten Arbeiter eines in der Nähe gelegenen Bauplatzes der Eisenbahngesellschaft besuchen, und hoffe ihn bei seiner Rückkehr zu NerondeS in Mitte seiner leidenden Administrirten zu sprechen. Der Bürgermeister wagte nicht, der Aufforderung de« Ministers zuwiderzuhandeln, und war zur bestimmten Zeit da; aber alle Versuche, ihn zum Bleiben in der Stadt zu bewegen, waren fruchtlos; zwei Stunden später verließ er dieselbe von Neuem. Verantwortlicher Redacteur: -.Schönchen BerlagS-Jnhaberr F. C. Kremer. Vierteljähriger Abon- nementspreis im Bereiche von ganz Bayern nur 20 kr., ohne irgend einen weiteren Post-Aufschlag. Auch von Nicht-Abon- nentcn der Postzeitung werden Bestellungen angenommen. Sonntags -Peibtatt zur Augsburger Postzeitung. Auch durch den Buchhandel löiiuen diese Blätter bezogen werden. Der Preis beträgt, wie bei dem Bezug durch die Post, jährlich 1 st. 20 kr. Neunter Jahrgang. Fürst v. HoherUohe. Bon der Sill, 22. Dec. An ihm hat die Kirche einen Glau- benShelven und einen gewaltigen Beter, die Fürsten haben an ihm einen treuen Freund, der ihnen die Wahrheit nicht verhehlte, die Völker haben an ihm eine liebende, mahnende, warnende Stimme, die leidende Menschheit hat an ihm ihren warmen Freund, ihre Stütze, ihre Hilfe verloren. Als solcher war der muthige Kämpfer allen Feinden der Kirche und der Menschheit ein Gegenstand des Hasses und der Verfolgung; darum sind sie froh, seiner loS geworden zu seyn. Aber er wird als verklärter Freund" Gottes noch thätiger und kräftiger wirken für daS wahre Wohl Alles, auch seiner Feinde, als er eS in seiner allumfassenden, gränzenlosen Liebe in diesem Leben gethan hat; und wenn alle seine Gegner spurlos und vergessen in vie Grube gesunken seyn werden, wird sein Andenken ruhmvoll und gesegnet unter den Völkern leben, fortwährend noch Gutes wirkend neben dem Fluche des Aergernisses, welches die Feinde des Glaubens auszusäen nicht müde werden. ES gibt zwar im Leben dieses Fürsten sehr viel, waS merkwürdig und wunderbar ist; waS aber gerade für ^diesen Moment seines Hinschei- denS sehr auffallend erscheint, ist der Schluß jener Leichenrede, welche der Fürst selbst am 28. November 1836*) zu VoSlau, wo er nun gestorben ist, und seine Ruhestätte gefunden hat, seiner frommen Mutter an ihrem Grabe gehalten hat. Diese Schlußworte lauten also: Und nun zpm Schlüsse eine Bitte an Sie, hochwürdiger Seelsorger dieser Pfarrgemeinde! Lassen Sie auch mir eine Ruhestätte neben der Gruft der theuern Mutter bereiten! VöSlau's Kirchhof sey von nun an für mich ein vielbedeutender Markstein für dieß vielleicht noch kurze Leben; er erinnere mich an jenen Spruch: „Für dich: bis hieher, und nicht weiter für dieses Leben!" — Klingt dieß nicht, als wenn der große Dulder gerade deßhalb so plötzlich aus unserer Mitte, wo er fern von der Heimat eine Zuflucht gefunden, dorthin eilen wollte, um diese Ahnung und sein eigenes Wort zu erfüllen? (Kath. Bl. a. T.) Die Ungleichheit der menschlichen Stellungen. **) (Theilweise nach einem Vortrage Lacordaire's.) Den Menschen unterscheidet vom Engel daS Bewußtseyn, daß und wo der Schuh ihn drückt. Dieser Schuh ist für gar Manche nur der alte Bundschuh der gemeinen Erdenpilger***); oder mit andern Worten: Vielen erscheint ihr niedriger Stand, oder überhaupt die Ungleichheit der menschlichen Stellungen als der Rad- und Hemmschuh ihres Glückes. Während der Eine reich ist und schwelgt, darbt der Andere und leidet mit den Seinen empfindlichen Mangel. Aber der Mensch forscht auch nach den Ursachen der Dinge; und dieß unterscheidet ihn von den Thieren. Es kann daher nicht befremven, wenn er, wie schon der alte Seher gethan (Irrem. 12.), nach dem Warum solcher Ungleichheit fragt. Die Erkennt- niß davon soll dann den praktischen Nutzen bringen, daß sie die Mittel und Wege zeigt, die Uebelstände aus dem Grunde zu curiren oder doch minder empfindlich zu machen. Eine Abhilfe ist aber um so nöthiger, als die Menschen, die zur wechselseitigen Liebe berufen sind, durch jene Un- *) Gedruckt bei den P. P. Mechitaristen zu Wien 1837. ") Aus dem österreichischen Volksfreund. *'*) Der Bundschuh war das Feldzeichen der Proletarier im löten Jahrhunderte, als Gegenstück zum Ritter-Stiefel. A8 T December Y ...e—> > gleichheit in unversöhnliche Parteien entzweit werden. Woher aber entsteht !die große Verschiedenheit ihrer Stellungen? Und wie ist derselben abzuhelfen? Anders wird hierüber der „»christliche, anders der religiös erleuchtete Geist sich auSsprechcn. ? Am grellsten tritt die Einseitigkeit deS Urtheils bei den Heiden hervor. Da sie die Einheit deS Menschengeschlechtes nicht kannten, und die Völker alS bloße Gebilde oder Gewächse deS Bodens betrachteten, auf dem dieselben heimisch waren, trennten sie die Menschen, wie die Gebiete, un- tviederbringlich von einander. Der Fremde galt ihnen als Feind, bloß rpeil er ein Fremder war. Diese Scheidung setzte sich in dem Innern der Völker selbst fort. So stehen bei den Jndiern oder Hindu die Kasten schroff und unversöhnlich einander gegenüber, weil nach ihrer Lehre die höheren auS den ediern Theilen", nämlich aus dem Haupte und der Brust deS Gottes Brahma, die niedern hingegen auS den minder edlen, nämlich den Füßen, entsprungen seyn sollen. Auch den gebildeteren Griechen und Römern war der Mensch nichts als ein Erzeugniß der Natur, welche sie als die Eine, allseitig thätige erkannten. Aber ungeachtet des von ihnen bewirkten Cultur Fortschrittes, ließ diese falsche Einheit die wahre nicht aufkommen. Nur eine gewisse Vereinfachung kam zu Stande: die Menschen zerfielen in Herren und Sclaven. Einer der größten heidnischen Denker erblickt, auf seinem befangenen Standpuncte, in dieser Unterscheidung sogar eine strenge Nothwendigkeit. Aber selbst in unsre Zeit ragt diese Befangenheit deS Denkens noch herein. Denn wie beschränkt ist nicht die Denkweise, die zwischen edlerem und unedlerem Blute unterscheidet, und die ächte Menschenwürde kaum erst beim Baron beginnen läßt? Anders lautet die Lehre des Christenthums. Kinder GotteS seyd ihr, ruft sie den Menschen zu, und daher gleich vor Gott. Der Natur nach aus Einem Stamme entsprossen, dem Geiste nach mit derselbe» sittlichen Anlage begabt, seyd ihr überdieß gleichgemacht durch die sühnende Kraft deS für Alle vergossenen Blutes deS ErlöserS. Von nun an, hat der Apostel gelehrt, gibt eS nicht Juden und Griechen, nicht Herren und Knechte mehr. Denn ihr seyd Alle Eins in Christo, d. h. weder die Verschiedenheit der nationalen Abstammung, noch jene der Stellungen, die ihr in der Gesellschaft einnehmt, kann mehr ein Grund seyn, euch zu trennen. AuS Einem Adam geboren, seyd ihr in Einem Christus wiedergeboren. Die trügerische Bosheit, die ein Affe der Wahrheit ist, hat sich dieser Lehre von der Gleichheit in ihrer Weise bemächtigt. Früherhin, etwa seit anderthalb hundert Jahren, hatte sie daS irdische Leben und Wohlergehen als die ganze Wirklichkeit und daS einzige Gut gepriesen. Nachdem sie das Evangelium verhöhnt, und dasselbe als trübsinnig, finster, übcrschwäng- lich und schwärmerisch in Verruf gebracht, sprach sie zu den Menschen: Naturwesen seyd ihr ganz und gar. Wie mag daher der volle Genuß der Natur euch verkümmert werden? oder wie darf man seinem eigenen Wesen feind seyn? Aller Genuß aber hängt von einer glücklichen Stellung und dem Reichthum ab; nach diesen also müsset ihr streben. Kein Wunder, daß den Menschenkindern diese Lehre gefiel. Aber einmal auf den Boden deS bloß thierischen Lebens gestellt, erging eS ihnen wie der übrigen Thier- welt; sie theilten sich in Fresser und Gefressene, in Keiler und Heuler. Mit räuberischen Händen rissen dte Mächtigen alles an sich, und vergaßen die Pflicht, die klaffenden Wunden ihrer Mitbrüder zu heilen. Nachdem so der Grund oder vielmehr der Abgrund für die Entwürdigung deS Menschen tief genug geworden, traten die Jrrlehrer neuerdings vor die Menge, aber jetzt als Wölfe im heiligen Gewände. Mit salbungsvoller Miene und im Tone deS Evangeliums riefen sie: Wahrlich, wahrlich sagen wir euch: alle Menschen sind gleich. Die Höhen müssen erniedrigt und die Thäler ausgefüllt werden. Daher muß Jedem, der da hat, genommen und dem gegeben werden, der Nichts hat. Alle haben daS Recht deö gleichen Besitzes. Es ist daher eure Pflicht, die gleichmäßige AuStheilung - - 190 deS Besitzes zu fordern. Und von jetzt an wurden zum Feldgeschrei der Massen die Worte: Theilung, Gesellschaftsverlrag, Gütergemeinschaft! Allein diese modernen Evangelisten haben vergessen, daß im wahrhaften Evangelium nebst der Gleichheit der Menschen auch die Verschiedenheit der Stellungen hervorgehoben wird. Dreierlei Sohn- oder Kindschaften sind es, welche das Christenthum unterscheiden lehrt. Dem Geiste nach bist du ein Kind GotteS, ein unmittelbares Geschöpf seiner Allmacht. Dem Leibe nach bist du bloß ein Werk der mittelbaren Schöpfung; von Adam und seiner Nachkommenschaft abstammend, und in dieser Beziehung bist du ein Sohn deS Menschen. Aber wie die Leiber von ihrem Ursprünge her gar verschieben orga- nisirt, so sind auch die Geister nicht gleich beschaffen. In den Einen waltet die Dcnkkrast, in den Andern die Willenskraft vor; die Anlagen und Fähigkeiten sind mannigfaltig; und daher die Ungleichheit der Menschen, und gewisse einzelne Vorzüge schon ursprünglich gegeben. Und welcher Mensch vermag seiner Länge eine Spanne hinzuzusetzen? Vor dieser Schranke wird daher, wie sehr er auch sich sträube, der Stolz des Menschen zurückweichen müssen. Die Betrachtung, daß diese Anorcnung ober Zulassung von dem allmächtigen und allweisen Herrn der Welt ausgehe, oder vollends die Ueberzeugung, daß sie von dem liebenden Vater der Menschen herkomme, wird den widerstrebenden Hochmuth zur Unterwürfigkeit bewegen, und endlich in freiwillige Ergebung umwandeln. Besonders entscheidend aber für die Stellung deS Menschen ist die dritte Art von Sohnschaft. Als Luo- wig XVIIl. von Frankreich sich einst von Generalen aus der Napoleonischen Schule umgeben sah, die sich von geringer Herkunft zu hohen Würden aufgeschwungen, sagte er in einer Anwandlung stolzen Selbstgefühls: «Ich gestehe Ihnen, meine Herren, daß ich sehr viel auf Ahnen halte." Auch ich, Majestät, versetzte einer der Generale; denn ich selber bin ein Ahne. Er wollte damit sagen: WaS du hast, ras bin ich. Du zählst bloß als ein Nachkomme, dessen Rang von seinen Vatern ausgeht; ich dagegen nehme meinen Ausgang ganz von mir selber. Welch ein wahres Wort! Die Sohnschaft, die von den Thaten und großen Werken sich herschreibt, ist die dritte und wichtigste. Dem Gegebenen tritt hier die Thatkraft, der Gebundenheit die Freiheit, der Schranke die Selbstbestimmung entgegen. DaS Mögliche mag immerhin versucht werden, wenn dabei nur dem Gewissen die Ehre gegeben wird! Hier «den greife jeder in sein Inneres, unv prüfe, was er verdient hat. Die Männer, die in unsrer Zeit ihre Thatkraft entfaltet, wie oft haben sie den Mahnruf deS Gewissens überhört, den geraden Gang verschmäht, der Leidenschaft und Eigensucht nachgegeben! Wie oft hat nicht die Güte GotteS die bösen Folgen ihrer Eigenmächtigkeit gehemmt oder hinausgeschoben! WaS Wunder, wenn bei fortgesetztem Widerstände der einfache Weg und die Klarheit des Gewissens verloren wirb, wenn Angst, Verdruß, Qual und Mißgeschick den Gottvergessenen befallen! Aber auch der Unschuldige ist den Leiden anheimgegeben, ohne daß diese Thatsache den Christen je aus der Fassung bringen soll. Wenn der Meister gelitten, darf der Schüler das gleiche LooS nicht von sich weisen. Sind wir nicht stolz auf die Zahl unsrer Märtyrer? Und dieser gerechte Stolz sollte in feigen Abfall sich verwandeln, weil die Reihe auch an unS gekommen, für den Glauben einzustehen und zu leiden? Allerdings stärkt den Christen nicht wenig der Blick in das Jenseits. Er weiß, daß dort die Verhüllungen ein Ende nehmen, das Verdienst als Verdienst, und die Nichtigkeit und Lüge als solche offenbar werden. Er weiß, daß die Prüfungen auf Erden dem Wetterleuchten gleichen, das spurlos verschwindet. Dieser Trost ist wahrlich kein leidiger. Aber ein Jeder in seiner Stellung, wie immer diese sich gestalte, hat auch hienieden einen erhabenen Beruf zu erfüllen. Jeder Christ soll ein Prophet, d. h. ein Verkünder der Wahrheit seyn, und zwar insbesondere der christlichen. Er soll ein König seyn, d. h. vor allem als «in Beherrscher seiner selbst, dann auch als ein vorleuchtender Leiter der Schwachen, der Unerfahrenen, und der seiner Aussicht Anvertrauten sich bewähren. Endlich soll jeder Christ seine priesterliche Stellung kennen, indem er anbetend, bittend und opferwillig, in Glaube, Hoffnung und Liebe ausharrt. Der Apostel ermähnt: Ein Jeglicher beharre in der Stellung, zu der er berufen ist. „Diese AizSdauer, wo sollte sie gewisser durchzuführen seyn, als dort, wo Liebe und Opfer, wo göttliche Erleuchtung und Stärkung das menschliche Gemeinwesen verklären? Man stelle sich einmal die Welt ohne die christliche Religion vor. Liegt sie jetzt schon jief genug im Argen, was wäre sie erst ohne jene! Findet jetzt schon der Einzelne wenig Erbarmen und Hilfe, wie erginge eS ihm erst, wenn daS Christenthum verschwände! Es ist natürlich, daß je wahrhaft christlicher der Staat sich einrichtet, desto mehr auch daS thätige Christenthum, die Werke der Nächstenliebe, in seiner Verfassung einen entsprechenden Ausdruck finden werden. Allein was vermögen äußerliche Anordnungen und Gesetze für sich zur Besserung der Zustände, wenn das Gewissen, daS RechtS- !gefühl, die Pflicht der Liebe nicht durch das Christenthum wachgerufen und lebendig erhalten werden! Die Irrlehre und die Lehre der Kirche unterscheiden sich durch die Worte: „Geh und komm." Jene sagt: Gehe so weit vor, als es dir beliebt und du nur immer kannst; denn recht ist alles waS du vermagst. Dein Gewissen sey das des Spartaners, dem nur daran gelegen war, daß er auf dem Diebstahle nicht ertappt werde. Die Kirche dagegen spricht: Komme zu deinem Vater und deinem Heilande, die dich rufen; ertrage das Geschick, daS sie dir bereiten, sey eS deS Ruhmes und Glückes, sey eS der Prüfung und der Mühen. Schon hier wirst du in deinem Innern einen mächtigen Trost finden, als den Vorboten der dereinstigcn Verklärung, in welcher daS Dornengeflechte sich zur Ehrenkrone verwandelt. Katholisches Leben,in Wien.*) „Wo find die lfterarischen Kräfte, die sich vereinen, um für die heilige Wahrheit einzustehen? Wo sind die katholischen Bürger, die um solche Unternehmungen sich kümmern, oder wenn sie inS Leben treten wol- len, sie mit einigen Opfern fundiren und unterstützen? Gute Nacht, katholisches Wien, du ehemalige Vormauer gegen den Islam!" — UnS freut diese kernige, aufrichtige Sprache des österreichischen VolkSsreundeS in einer seiner jüngsten Nummern; denn gerade dadurch bewährt er sich als aufrichtiger Freund des Volkes und macht seinem Namen Ehre, daß er sich getraut, dem Wiener die bittere Wahrheit ins Angesicht zu sagen, und wir rufen ihm zu: Nur muthig fort in diesem Tone; denn der Wiener erträgt die Wahrheit, und kann auch nur durch drastische Mittel aus seiner religiösen Apathie gerüttelt werden. Schnell und im Momente erglüht er für das Gute — doch facht man nicht fortwährend die Flamme der Begeisterung an, oder läßt man sich durch etwaige Hindernisse selber enlmuttflgen, so verglüht auch wieder im Momente daS Feuer. So steht eS zur Stunde in Wien mit der katholischen Begeisterung, welche im vorigen Jahre den Karholikenverein hervorgerufen. Mehr noch, als der Belagerungszustand und andere politische Eventualitäten haben leider! verschiedenartige Hemmnisse Hioco8 intra muros das katholische Leben im Keime erstickt. Tausende von Wienerbürgern standen im Frühlinge v. I. hinter jenem Theile deö Klerus, der es zuerst gewagt, seine Stimme öffentlich zu erheben für Gesetz und Freiheit in Kirche und Staat, der zuerst seine Mitbürger warme vor auöländistibcn Wühlereien! Diese Bürger sind nicht dagestanden mit Art und Schaufeln oder gefälltem Bajonette; sie sind dagestanden, die Hand wie MoseS zum Gebete erhoben, während Jvsue stritt. Weßhalb traten sie aber wieder unbemerkt ab vom katholischen Schauplatze? Weil sie mit Wehmuth erfahren mußten, daß diese Sprache deS Klerus ihm zum Vorwürfe gerechnet, und derselbe eines unkirchlichen Treibens angeklagt wurde in Tagen, in welchen jeder einzelne Priester für den katholischen Glauben freudig in Kampf und Tod zu gehen bereit war, in Tagen — sagen wir — in denen der Klerus das JudaSanboth eines Füster „den Bischof mit Hilfe der Legion zur Abdankung zu zwingen," mit Entrüstung zurückwies; wie auch anderen ähnlichen Anträgen, Venen vielleicht übelverstandencr Eifer zu Grunde liegen mochte, entschieden seine Zustimmung verweigerte. Ein einziger unglücklicher Priester der Wienerdiöcese fiel als beklagenSwerthes Opfer der pantheistisch-communisti- schen Demokratie anheim, während alle übrigen daS Schwert des Geistes ergriffen, und das Wort deS Glaubens nicht ferner gebunden glaubten in einer Zeit, in der daS Wort des frechsten Hohnes und Unglaubens frei auf den Straßen krächzte. Doch die Pflichterfüllung ward dem Klerus zur Schuld gerechnet, und während an andern Onen der Klerus ehrenvolle Anerkennung von Kirche und Staat empfing, ging WienS hartgeprüfte und wohlbewährte Geistlichkeit leer aus. Hätte man sich von Oben herab dieses echtkirchlichen Strebens unter Priestern und Laien zur rechte» Zeit in der rechten Weise mit aller Energie bemächtigt, wäre man ihnen Leitstern und Führer gewesen, so hätte Europa gewiß ein großartiges Schauspiel katholischen Muthes und Lebens im verflossenen Jahre erlebt, ja wir hätten vielleicht keinen Oktober 1848 zu betrauern! Allein der Zeitpunct ward verabsäumt, weder Wärme noch Kälte ward aus höheren Regionen dem katholischen Bürger fühlbar, und so sank die Sonne katholischen Lebens, die kaum in hoffnungsvoller Morgenröthe hervorgeblickt, hinter den Bergen wieder hinab; der Wienerbürger fiel wieder in Lethargie, bedauernd, daß man ihn zu leidigem Nichtsthun verunheilt, daß man die gespensterartig gefürchtete Theilnahme des Laien an kirchlichen Interessen lieber wieder vom bureaukratischen Regime, als vom gesunden Kern deS Bürgerthums vertreten wissen wollte. In diesem Umstände vornemlich liegt *) Schreiben an die Redaction der Wiener Kirchenzeitung. 191 die ticfeitenide Wunde im Katholicismus WienS zu Tage, die nicht eher vernarben wird, bis nicht ein entschiedenes Borangehen in der katholischen Sache den Muth der Bürgerschaft wieder neu belebt, so lange nicht ein großartiges politisches Tagblatt, gefördert von Allen, welchen noch Glaube, Sitte, Recht und Eigenthum dem nur mit Mühe niedergehaltenen Socialismus gegenüber heilig ist, die Interessen der Kirche im socialen wie politischen Leben mit Freimuth und Festigkeit vertritt; denn es ist hohe Zeit, daß die katholische Kirche, gegen die sich alle wie immer gefärbten Journale feindlich vereinigen, in der Ocffentlichkeit zur Macht werde, wie wir dieß in Frankreich bemerken. Weinerlicher OuietiSmuS ist eben so nichtSwürdig und verderbenbringend, als wilvanstürmender FanaliSmuS. — Vieles hätte freilich sülS katholische Leben und Wirken geschehen können, wenn Plenarversammlungcn deS Kalholikenvereins alle Bezirke hindurch gehalten worden wären. WienS katholische Bürgerschaft vermißte sie schmerzlich und wünschet sehnlichst deren Wiedereröffnung herbei. Manche Kraft wäre dem Vereine gewonnen und erhalten worden, die Plenarversammlung würde in so mancher ernsten Sache nicht mit Worten gespielt, sondern ein aufrichtiges, offenes Wort in die Wagjchaale gelegt haben. Als einziges Lebenszeichen des Vereines ist unS, außerdem trefflich redigirtcn Vereinsblatte, eine Vertrauens- und BeileidSaLressc bekannt, welche eine namhafte Anzahl von VereinSmitgliedern an den aus dem AuSschusse und der Redaction ausgeschiedenen Dr. Hock gerichtet, und in der vornemlich die Bitte enthalten ist, „sich auch fernerhin an der katholischen Sache mit gewohntem Freimuthe zu betheiligen." — Wie gerne würde es der Verein gesehen haben, wenn der für die Dauer des Belagerungszustandes bevollmächtigte AuSschuß zur Generalversammlung der katholischen Vereine nach Regensburg Abgeordnete auS seiner Mitte ge;andt, oder wenigstens ein enthusiastisches Begrüßungsschreiben übermittelt hätte! Vielleicht wäre uns nicht die tiefe Beschämung geworden, Linz den Rang als nächsten Vorort abtreten zu müssen! Wann wird denn endlich einmal das Wort unseres gefeierten Veith zur That werden: „Der Oesterreich«! ist im vollsten Sinne Deutscher, er ist aber auch Katholik; und der innige Anschluß der Katholiken in Oesterreich an jene in den übrigen Gebieten Deutschlands kann ihnen nicht andekZ^alS zur freudigen Erstarkung gereichen." (Siehe Aufwärts Nr. 7.)^/ Alles bisher Gesagte zusammengehalten, darf es uns nicht Wunder nehmen, wenn das katholische Leben in Wien dem Ersterben nahe ist, und die Feinde der Kirche über die Ohnmacht und Halbheit im katholischen Heerlager jubeln. „Nur die katholische Macht wirb Europa retten!" Dieß ist die unüberwindliche Ueberzeugung, die unS Bürgern Veith in seinen Kanzelvorträgen seit Jahren eingeprägt. Dieß und nicht mehr wollte Ihnen, Herr Redacteur! ein Wienerbürger schreiben, einerseits um die Lahmheit seiner Mitbürger in Etwas zu entschuldigen, andererseits aber, um unsern deutschen Mitbrüdern durch ihr Organ zu sagen, daß unS, d. h. denjenigen, die einmal für die Wahrheit einzustehen sich entschieden haben, „weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Stärke, weder Höhe noch Tiefe, noch irgend ein Geschöpf zu scheiden vermag von der gegenseitigen Liebe, die da ist in Christo Jesu!" (Röm. 8, 38.)' Die Schulmeister. (Von einem praktischen Schulmann.) Unter den Handlangern und Kärrnern der Revolution ist eS den Schulmeistern am übelsten ergangen. Mußten sie früher in der Komödie und dem Romane als Magister Zwack, als Wehmeier und Agesel figuriren, wurden sie von den Gelehrten über die Achsel angesehen und von dem Klerus unter dem Daumen gehalten — und zu Ersterem gaben nicht wenige von ihnen daS Muster, zu Letzterem zureichenden Grund —, so kommt nun noch der Schulmeister-Wühler und Freischärler hinzu, — zu den Gerüchlein der Geruch! Wer hat aber den Schulmeister dazu herangezogen? Wer hat ihn zum „Unbefriedigten", zum „Weltschmerzler" gestempelt? Die Art und Weise seiner Bildung, die dem Zeitgeist angehörte, welcher die jetzige Fäulniß erzeugt hat. Man sehe einmal nach, was die jungen Leute während ihrer zwei Jahre als Seminaristen erlernen sollen! Von dem Baume der Wissenschaften können nur einzelne Blätter gepflückt werden, und den Absud davon erhält dann der Schulknabe. So werden denn die Köpfe, statt aufgeklärt, verwirrt, die hergebrachte Denk- und Empfindungsweise zertrümmert, und damit alle Pietät entwurzelt; ohne Pietät aber gibt eS kein schönes Familien-, Gemeinde- und StaatSleben. Nur einige Belege. Wenn ein Knabe von 10 bis 14 Jahren dem Hausvater dreinreden will, so fertigt ihn dieser mit einem kurzen: „DaS verstehst du noch nicht" ab; derselbe Knabe aber erörtert in der Schule mit dem Lehrer die Landesverfassung und diScntirt mit ihm die beste StaatSform! Wohin muß DaS nothwendig führen? Was mürben Eltern dazu sagen, wenn sie sehen müßten, wie in einem Kreise von 40 — 80 Kindern sich eines anSzöge, und an seinem jungen Leibe zuerst Kopf, Rumpf und Glieder unterschiede, dann die Theile deS Kopses und Rumpfes, wie eS die siebente Rippe als die Gränze der Brust- und Bauchhöhle zeigte, und endlich erklärte, was sich in der Brust- und Bauchhöhle befindet? Nun, in der Schule geschieht Dieß; zwar zieht sich kein Kind aus, aber sie lesen oder hören die Beschreibung deS menschlichen LeibeS, und die Phantasie kann ja nicht anders, sie muß daS nackte Bild vor die Augen dcö Geistes stellen. So wird die sittliche Einfalt deS KindeS untergraben, nachdem man den einfältigen kindlichen Gehorsam, den Grundstein jeder Tugend, aus seinem Boren gewühlt hat. Der Inbegriff jedoch von allen Sünden der modernen Schule ist der Sprachunterricht, wie er nach irgend einer „Eprachdcuklehre" ertheilt wird. JnS Nähere darüber mag ich gar nicht eingehen, so wenig eS mir einfällt, die Unterschiede zwischen Mensch und Affe nachzuweisen; denn so ungefähr verhält sich diese Art, die Sprache zu behandeln, zu der cdeln Grammatik, die aber nicht in die Elementarschule gehört. Will man die nächste Generation vor dieser sündhaften Ueberreizung, dieser bis in daS Mark des Geistes abschwächenden Frühreife retten, so fange man damit an, wenigstens die zu Lehrern auf dem Lande, die zu Dorfschulmeistern bestimmten Jünglinge anders, d. h. zu ihrem Berufe zu erziehen. Ein Seminar dieser Art sey zugleich eine landwirthschaftliche Schule, denn der künftige Lehrer soll unter Bauern und als Vorbild der Bauern leben. Man dolire die Dorfschule, wo eS nur immer angeht, theilweise mit Land; zwei Jauchert wenigstens kann ein Lehrer anbauen, wenn man ihn nicht mit unverdautem WifsenSquark und unmöglichen und eben darum unsinnigen Anforderungen plagt. Eine Dorfschule ist eine sehr gute, wenn die Kinder in derselben mit Fertigkeit und Verständniß lesen, schreiben, rechnen, und die Kirchenlieder ordentlich singen lernen; wer für seine Kinder mehr will, findet die geeigneten Anstalten. Dann ist der Lehrer keine Abart von Professor mehr, sondern, waS er seyn soll, ein Meister in der Schule; er wird dann auch nicht den „Herrn" im Gegensatze zum Bauer spielen, denn Herrcnkleider paffen nicht zur Feldarbeit, wohl aber einem reinlichen und verständigen Bauersmann, oder wenn er lieber will, einem Landmann der besten Art gleichsehen. Jedenfalls wird er sich alsdann ökonomisch besser stellen, mehr Achtung genießen, segenSvoller wirken, und von Stolz, Neid und Unmuth weniger geplagt seyn. Au- Württemberg. * In Nr. 46. deS SonntagS-BeiblatteS zur AugSburger Postzeitung ist auch deS HerbsteramenS Erwähnung gethan, welches im verflossenen August im hiesigen Institute abgehalten wurde. Insbesondere ist auf daS Eramen im Griechischen Rücksicht genommen, in Betreff dessen in der an, geführten Stell« einige Bedenken erhoben werden. Da nun der Unterzeichnete im Institut zu Trauchburg das Griechische zu lehren hat, so erlaubt er sich einige Gegenbemerkungen dagegen, um so mehr, als jener Aufsatz dem allenfallsigen Mißverständnisse unterworfen seyn dürfte, als werde im genannten Institute in der griechischen Sprache eine bloß mechanische Fertigkeit erzielt und daS Geistbildende deS Sprachstudiums hintangesetzt. Im Uebrigen freut eS mich, daß der Verfasser jenes Artikels, welchen ich selbst gesprochen zu haben glaube, eS für der Mühe werth erachtet hat, unsere Leistungen zu berücksichtigen. Ich glaube, daß er alsbald mit mir einverstanden seyn wird, sobald er sich mit mir darüber verständigt hat, waS ein Eramen bezwecken soll. Die Zeit, welche bei einem JnstitutSeramen für die Behandlung eines einzelnen Gegenstandes bleibt, ist begreiflicher Weise wegen der Stenge der Gegenstände kurz zugemessen: und doch sollen die Schüler in ! jedem Fache Rechenschaft von ihren Leistungen geben; denn darum hält ;man ja ein Eramen! Wie muß also das Eramen gehalten werden, damit man sich von den Kenntnissen der Zöglinge überzeugen kann? Offenbar so, daß der Lehrer nicht viel spricht und salbadert, sondern ganz kurz ein Resultat verlangt. So habe ich eS gemacht. Hätte ich mehr Zeit dazu gehabt, so würde ich es vielleicht anders gemacht haben. Anstatt dir griechische Formenlehre paragraphenweise Herabsagen zu lassen, gebe ich einige deutsche Sätze, welche auS dem Deutschen inS Griechische übersetzt werden, und in welchen die Formenlehre sich schon angewendet findet. Da findet ein sachverständiger Zuhörer von selbst heraus, ob der aufgerufene Zögling die Fähigkeit hat, grammatische Formen (Aorist, Perfectrc.) oder auch syntaktische Regeln zu treffen oder nicht. ES kam mir darum, und Gegenden besonders des nördlichen Deutschland Kirchen erbaut, Pfar- die Bemerkung deS Verfassers jenes Artikels sonderbar vor, wenn er erzählt,! reicn gegründet und katholische Lehrer angestellt werden können. (Kath.) «in Schüler hätte den Anfang von Plato'S Phädon ins Deutsche und inSj Lateinische übersetzt, und dann beifügt: „der Schüler lieferte allerdings die deutsche und lateinische Uebeksctzung, aber wenn man die Formen, das Grammatikalische und Syntaktische, die Wortbedeutung, den Sinn, das Geschichtliche, daS Entsprechende der lateinischen Uebersetzung, d. h. warum dieser lateinische Ausdruck gewählt worden, näher urgirt hätte, hätte er kaum die gehörige Grundlage gehabt, hierüber zu antworten." Ein Theil dieser Behauptung ist unrichtig; denn wenn die Schüler auch Etwas auS dem Deutschen inS Griechische übersetzen müssen, und wenn sie dieß thun ohne asten Gebrauch einer Grammatik, oder eines LerikonS; so geben sie den Beweis, daß sie „die Formen, das Grammatikalische und (wenigstens theilweise) daS Syntaktische" verstehen. WaS aber weiter in dieser Behauptung verlangt wird, übersteigt großentheils den Gedankenkreis eines Knaben und die aufgestellte Forderung wäre eher an ein PräceptoratS- alS an ein Knabeneramen zu stellen. Wenn der Verfasser endlich meint, der griechische Sprachunterricht werde in Trauchburg nach einer Methode gelehrt, die der Lehrmethode der neuern Sprachen gleich sey, so hat er vollkommen Recht. Will er aber daraus den Schluß ableiten, als werde mehr auf Fertigkeit gesehen, als auf daS Gcistbildende deS Sprachstudiums; so hat er völlig Unrecht. Man muß vielmehr daS Eine thun und daS Andere nicht lassen. Daß auf Gewandtheit mehr gesehen werden muß, als früher darauf gesehen wurde, das sprechen ja unsere bedeutendsten Schulmänner und Grammatiker, wie Kühner, Franz u. A. aus, und es hieße wirklich nicht auf der Höhe der philologischen Bildung stehen, wenn die Gerechtigkeit dieser Forderung verkannt werden wollte. Trauchburg den 22. November 1649. Dr. Theobald Bischofberger. Quedlinburg. Zu Quedlinburg in Preußisch-Sachsen, einer der ältesten deutschen Städte, hat sich seit dem Jahre 1803 eine katholische Gemeinde gebildet, die aber, wie viele unserer armen verlassenen Glaubensbrüder im Norden Deutschlands, bisher nur zeitweise das Glück genießen konnte, daß ihr von einem der eigens dahin abgesendeten Priester das heilige Meßopfer dargebracht, die göttlichen Lehren verkündet und die heiligen Sacramente gespendet wurden. DaS Erste, woran die arme aber wackere und glau- benStreue Gemeinde dachte, war die Anstellung eines tüchtigen katholischen Lehrers, dem sie mit Vertrauen ihre Kinder zur Bildung und Erziehung übergeben könne. Mit großen Opfern und durch brüderliche Unterstützung der Katholiken in Rheinland und Westfalen gelang dieß seit dem Jahre 1844. Freilich waren Anfangs die Protestanten so unduldsam und ver- folgungssüchtig, daß sie dem Aufkommen dieser Schule alle Hindernisse in den Weg legten; bisweilen, wenn die städtischen Beamten gerade in übler Laune waren, wurden die katholischen Kinder sogar mit Gewalt ihrem Lehrer entrissen und in die protestantischen Schulen durch Polizeidiener geschleppt. Diese Plackereien haben nunmehr nicht allein aufgehört, sondern unter den 60 Schulkindern befinden sich gegenwärtig selbst 18 von ganz protestantischen Eltern, auf das ausdrückliche Verlangen der Letztem. Diese erklären nämlich, seit Jahren hätten sie in ihren Kirchen und auS dem Munde ihrer Prediger nichts mehr von Jesus Christus, dem Sohne GotteS, gehört; da aber der Glaube an denselben, an seine Gottheit und seinen ErlösungStod noch in der katholischen Kirche lebe und darin gepredigt werde, so wollten sie, daß ihre Kinder in diesem beseligenden Glauben erzogen würden. Unter solchen Umständen war die Anstellung eines eigenen Geistlichen dringendes Bedürfniß. Dieselbe erfolgte vor nunmehr einem Jahre; allein die äußern Verhältnisse der Quedlinburgs katholischen Gemeinde sind in so hohem Grade traurig, daß eine schleunige und ausreichende Hilfe noth thut. Abgesehen davon, daß fast Alles an Paramen- len, Gefäßen u. dgl. zur würdigen Feier des Gottesdienstes fehlt, muß dieser selbst in einer ehemaligen Bedientenstube deS Schlosses abgehalten werden, die aber, schon unpassend in sich, bei weitem nicht die 400 Seelen starke Gemeinde, geschweige denn die zahlreich sich herbeidrängenden Protestanten fassen kann. ES ist daher dringend zu wünschen, daß besonders die katholischen Vereine Deutschlands den in RegenSburg gegründeten BonifaciuSverein nach Kräften fördern und durch milde Beiträge die Mittel herbeischaffen, wodurch wie in Quedlinburg so in vielen andern Städten Luxemburg. Luremburg, 23. Nov. In diesen Tagen ist in der Kammer ein merkwürdiger Fall zur Entscheidung gekommen. Vor etwa zwei Jahren starb hier eine alte adelige Dame und bestimmte ihr HauS, 80 — 100,000 Fr. an Werth, tcstamentlich zur Wohnung deS apostolischen VicarS. Der Besitztitel war der Stadt vermacht. Die damals an der Spitze der Verwaltung stehende französische Freimaurerpartei suchte nun auS Haß gegen unseren würdigen Bischof die Absicht deS Vermächtnisses zu vereiteln und die Stadtregierung zn vermögen, die Erbschaft nicht anzunehmen, weil sie ^den ErbschaftSstempel und die Kosten der laufenden Reparaturen nicht über- ! nehmen könne. So zog sich die Sache zwei Jahre lang hin. Vorgestern nun beschloß die Kammer mit allen Stimmen gegen 2, daß die StaatScaffe die Reparaturkosten zu übernehmen habe und daß kein Stempel bezahlt werden solle. Für den Abschluß eines Concorvals, welches die Stellung unseres Bischofs in Zukunft vor ähnlichen Mißhandlungen, als er Seitens der gestürzten Regierungspartei erlitten hat, sichern würde, ist die Schenkung dieser schönen bischöflichen Wohnung eine bedeutende Erleichterung. Frankreich. AuS PariS wird in öffentlichen Blättern mitgetheilt, wie ein einfacher französischer Landpfarrer, während er andern Leuten daS Schönreden überläßt, die verführerischen Schlagworte der Neuzeit: „Bildung und Wohlstand für Alle" zu verwirklichen recht ernstlich bemühet ist. Diese Thätigkeit ist so einfach, so durch und durch praktisch und doch so reich an Segen, daß wir nicht umhin können, sie unsern Lesern zu schildern, mit dem aufrichtigen Wunsche, daß sie unter.den Geistlichen auf dem Lande recht viele Nachahmer finden möge. Der Abbs Väoey, Pfarrer in VaraigueS, einem kleinen Orte der Diöcese Perigueur, gründete vor einigen Jahren in seinem Hause eine Zufluchtsstätte für verwahrloste Kinder, und schämte sich nicht, bei dem Lehrer deS Ortes zuerst als Gehilfe in der Schule zu fungiren und, nach hinlänglich erworbenen Kenntnissen und Fertigkeiten, seine Prüfung als Schullehrer zu bestehen, wodurch er daS Recht und die Befugniß sich erwarb, seinen armen Kindern in der Religion, im Lesen, Schreiben und Rechnen Unterricht zu ertheilen. Dieß gelang vortrefflich; aber er genügte nicht dem Eifer des Pfarrers; er wollte auch die Zukunft der Kinder durch Anleitung zum Betrieb des Ackerbaues sichern und verwendete zu dieser löblichen Ausdehnung seines ersten Planes daS kleine Vermögen, welches er von seinem Vater ererbte. DaS HauS ist nunmehr gegründet, in welchem die Kinder wie zur Religiosität, so zur nützlichen Beschäftigung im Ackerbau angeleitet werden. Die obere Leitung deS ganzen Instituts liegt in der Hand des ehrwürdigen Abbä, der aber gleichzeitig darauf dachte, wie sein schönes Werk nicht nur Bestand auf lange Jahre hinaus, sondern auch größere Verbreitung finden könne. Zu diesem Ende bildet er junge eifrige und talentvolle Jünglinge als treue Mitarbeiter, und sollen dieselben später überall auf dem Lande Freischulen gründen und darin besonders die verlassenen armen Kinder wie in den nothwendigen Elementar- Gegenständen, so auch vorzüglich in dem Ackerbau unterrichten, und ihnen durch frühe Angewöhnung Liebe zur Arbeit und zu einer geregelten Beschäftigung einflößen. In daS zu VaraigueS gegründete HauS werden Kinder von 8 — 10 Jahren aufgenommen, und verlassen dasselbe erst in ihrem achtzehnten Lebensalter; aber ausgerüstet mit religiösem Sinne, mit hinreichenden Kenntnissen, gut gekleidet und mit einem kleinen Capital von wenigstens 100 Franken, welches daraus erwächst, daß jedem Kinde vom zwölften Jahre an zwanzig Centimes wöchentlich in einem eigenen Büchlein gut geschrieben und verzinst werden. Außerdem wird täglich ein Ehrenpreis vertheilt an dasjenige Kind, welches nach dem Urtheile der übrigen am fleißigsten gearbeitet hat.— Jeder, der Obiges liest, thue nach seinen Kräften und je nach den Verhältnissen daS Gleiche, und erwäge, daß Abbä Vsdey sein schönes Werk fast ohne alle Hilfsmittel inS Leben gerufen und fest begründet hat. Auch der heilige Vincenz von Paul, einer der größten Wohlthäter deS Menschengeschlechts, war arm an irdischen Gütern, aber reich an Gottvertrauen und an Eifer für vaS Wohl der unsterblichen Seelen seiner armen und unglücklichen Mitbrüder. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Vierteljähriger Abon- nementspreis im Be- reiLe von ganz Bayern nur 20 kr., ohne irgend einen weiteren Post-Ausschlag. Auch von Nicht Abonnenten der Postzeitung werden Bestellungen angenommen. Sonntags -Deiblatt zur Augsburger Postzeitung. Auch durch den Buchhandel können d!-se Blätter bezogen werden. Der Preis beträgt, wie bei dem Bezug durch^die Post, jährlich 1 st. !20 kr. Hlcuntcr Jahrgang ^ «S. s December L ten. Allerdings sind nun für diese zahlreiche», zerstreuten, katholischen Christen Missionen errichtet. Allein selbst diejenigen, die in dem Um- ! fange solcher Anstalten wohnen, sind nicht im Stande, ihre Kinder in die oft 10 Stunden weit entfernte katholische Schule zu schicken; die Uebrigen hingegen, welche außerhalb des Kreises dieser dürftigen Missionen sich befinden, entbehren nicht bloß für ihre Kinder, sondern auch für sich selbst jeder kirchlichen Hilfe. Zahlreiche katholische Kinder werden demnach in ihrem zartesten Alter in protestantische Schulen geschickt, wo sie ganz oder theilweise dem Protestantismus verfallen. „Ich kenne Missionen," schreibt ein Priester den historisch-politischen Blättern, „in deren auswärtigem Bezirke fünfzig, sechzig solche schulpflichtige Kinder, von katholischen Vä- tern erzeugt, umherlaufen ohne den Segen der Kirche; und unzerstörlich bleibt im katholischen Gemüth das Bewußtseyn dieses Segens, wenn auch nur ein Funke des Glaubens zurückgeblieben! Auch eine noch so lange Vereinzelung und Vereinsamung hat nicht alles Glaubensleben zu Grabe getragen! Es ist mancher Vater, auch manche Wittwe, sie nahen flehend dem Hirten: „„Helfen Sie, daß meinen Kindern daS beste Erbtheil werde, daß ich selig, ruhig sterben kann!"" Wie sehr daS thatsächliche Anschauen der protestantischen Leerheit und Zerrissenheit zum verstärkten Hervortreten eines solchen Wunsches beitrage, möge hiemit nur angedeutet seyn! „Je weiter nach Norden, desto apostolischer!" Bei solcher Gewißheit, daß hier der Same in ein gutes Erdreich fällt: welcher katholische Christ, der nur noch eine Spur von Liebe zn seinem Glauben und der Menschheit bewahrt hat, wird nicht Theilnahme für seine Brüder in Norddeutschland empfinden, und mit einem edlen Gefühle ausrufen: Es muß geholfen werden! Wessen Aufgabe ist es aber zunächst, dem Hilferuf zu antworten? Wäre dieß nicht die Aufgabe der bereits überall bestehenden katholischen Vereine im gesammten deutschen Bundesgebiet? Vor beinahe zwei Jahrhunderten war es Ferdinand Für- istenberg, Bischof von Paderborn, welcher daselbst jenen reichen herrlichen Fond hinterlegte, durch den noch jetzt die norddeutschen Missionen und Missionäre bestehen. WaS heut zu Tage aber die Reichen nicht mehr thun, daS vermag die Kraft Vieler, das vermögen Vereine, und zwar die katholischen Vereine Oesterreichs und Deutschlands! Die Vereine hätten vor Allem dafür zu sorgen, daß für einen bestimmten Bezirk in Norddeutschland an dem geeigneten Missionsorte „Missionshäuser" eingerichtet würden. Ohne diese Anstalten, wodurch die Kinder dem katholischen Glauben erhalten werden, können die gegenwärtigen Missionen ihren Zweck nicht erfüllen. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber r F. C. Kremer. Vierteljähriger Abon- «ementspreis im Bereiche vou ganz Bayern nur 20 kr., ohne irgend einen weiteren Post-Aufschlag. Buch von Nicht-Abonnenten der Postzeitung werden Bestellungen angenommen. Sonntags -DeiblaU zur Augsburger Postzeitung. Auch durch den Buchhandel können diese Blätter bezogen werden. Der Preis belrägk, wie bei dem Bezng durch die Post, jährlich 1 st. 20 kr. Neunter Jahrgang. ^ so 16 . December 184 S. AuS der Versammlung der Bischöfe In Wien *) Der hochwürdigste Fürsterzbischof von Ollmütz glaubte in einem an den Secular- und RegularkleruS seiner Diöcese unter dem 24. October d. I. gerichteten Hirtenbriefe die Documente der bischöflichen Konferenz in Wien, in so weit dieß mit höheren Pflichten vereinbarlich ist, nicht vorenthalten zu dürfen. Er eröffnet dieselben mit einem Schreiben deS Car- dinalerzbischofeS von Salzburg an den heiligen Vater, und einem Rückschreiben des Letzteren an jenen. Wir lassen diese Documente in deutscher Uebersetzung hier folgen. An Se. Heiligkeit Papst PiuS H Heiliger Vater! Ich würde mich fürwahr deö VersäummsscS meiner Pflicht, der kindlichen Ehrfurcht und deS Gehorsams anschulcigen müssen, wenn ich nicht der hohen Kenntniß Seiner Heiligkeit mit der gebührenden Aufrichtigkeit Alles unterbreitete, waö in der gegenwärtigen schwierigen Lage der Dinge, wo auch in unserem Vaterlande Alles, wovon religiöse Wohlfahrt und kirchliches Heil abhängt, in Schwebe gestellt ist, die Pflicht unseres schwerverantwortlichen Amtes von unö Bischöfen zu veranlassen gebot. Der jüngst bei uns auch stattgefundene staatliche Umschwung hat so viele Hoffnungen und so viele Befürchtungen herausgeführt, daß er unS, die wir einst über das unserer Obsorge anverrraule Heil der Heerden Rechenschaft ablegen müssen, zur äußersten o^erhirtltchen Sorgfalt wachrief. Denn nach den mannigfachen Zeilbewegungen, welche einen großen Theil von Europa durchliefen, und auch von den Gränzen deö österreichischen KaiscrstaaleS nicht ferne blieben und die Kirche selbst nicht leichr verwundeten, begrüßen wir freudig das von unserem erlauchten Kaiser für Oesterreichs Lande gegebene Grundgesetz, welches einerseits den Stürmen und gewaltsamen Umsturzversuchen hoffentlich ein Ziel gesetzt, andererseits aber auch die katholische Sache von den Fesseln deS SkaatSschutzeS, von denen sie. bisher umfangen war, nun endlich zu befreien und der gerechten Freiheit wiederzugeben verspricht. Indem wir dergestalt das, waö längst schon unser Herz ersehnt, wag wir längst schon Lurch Bitten zu erreichen und durch Anforderungen zu erwirken, vergebens uns gemüht, durch das oberste StaatSgesetz nun beschlossen sehen, würden wir gerne Herz fassen, un- vollendS zu beruhigen, wenn nicht andererseits mit Recht zu befürchten stünde, daß den böswilligen Zcilbestrebungen zufolge jenes kaiserliche Statut, das des Guten und Günstigen für die Kirche Gottes so viel enthält, durch mißliebige Auslegung verkehrt werde und die alsdann zu erlassenden organischen Decrcte, denen die zu allgemeinen Grundzüge deS SlalutcS nach und nach zur Ausführung zu überantworten kommen, die kaum gc. schöpfte Hoffnung der kirchlichen Freiheit wieder neuerdings zu nichte machen. Diese Gefahr deS Augenblicks unsererseits von dem Leibe der Kirche abzuwehren, und sowohl durch die Sachlage selbst, als die Einrichtungen der Kirche gemahnt, in der Einigung die Stärke und Festigkeit zu suchen, erachteten wir vor Allem als zeitgemäß, uns zu versammeln, und unsere Berathungen gemeinschaftlich zu pflegen, indem wir die StaatSregierung indeß beschwören, derartige organische Decrete, durchweiche raS Verhältniß deS StaatcS zur Kirche im Einzelnen festgesetzte würde, nicht zu erlassen, ohne früher die kirchliche Autorität gehör: und in Berathung gezogen zu haben. Da dieß von selbst billig uiw gerecht erscheinen mußte, haben die obersten Leiter der Staatsgewalt die Bischöfe aus allen Friede genießenden s) Wie aus der Verwahrung des Schreibers an den heiligen Vater, so wie aus der! Rüchchrift des Papstes an die Bischöfe hervorgeht, hatte die Versammlung nicht den Charakter einer bischöflichen Synode. > Provinzen deS KaiscrstaateS nach Wien zusammenbcrufcn, und dieser Einladung zufolge haben wir uns beeilt, am dritten Sonntage nach dem Osterfeste in dieser Hauptstadt zusammenzutreten. Durch Stimmengebung zum Vorsitzenden in der Geschäftsordnung ! erwählt, erachte ich eS für meine Pflicht, Seine Heiligkeit über das Wesen dieser Versammlung mit gebührender Verehrung in Wissenschaft zu setzen und im Namen der versammelten Bischöfe da» Zeugniß abzulegen, daß eS nicht ihre Absicht sey, eine heilige Synode nach kirchlicher Anordnung zu feiern; sonst würden sie, vermöge ibrer tiefsten Ergebung, von der sie gegen den Stuhl deS heiligen Petrus beseelt sind, und deö schuldigen Gehorsams in Bezug auf die heiligen Canoncn, im Gewissen sich verpflichtet gefühlt haben, die apostolische Genehmigung für ihr Unternehmen vorhinein zu erwirken. Die angestellten Berathungen sind nur für präliminarisch zu halten, als hervorgerufen durch die Anfrage der Regierung, auf welche die Bischöfe zu antworten am gerathensten halten, wenn sie fußend auf der gewährten kirchlichen Freiheit, die katholischen Principien in gemeinschaftlicher Darlegung auSsprechen, und die unveräußerlichen Rechte der Kirche einstimmig für sie wieder zurückverlangen, damit nicht etwa zukünftigen und entschiedenen, durch die Autorität des apostolischen Stuhles zu schließenden Verträgen, eine vorschnelle StaatSgesetzgebung hindernd in den Weg trete. Aus solche Weise hoffen wir mit Zuversicht, der in der Gegenwart uns drängenden Pflicht Genüge zu leisten, und die Billigung deS heiligen Stuhle« zu erlangen. Daß Seine Heiligkeit daS so schwierige und mühevolle Werk, an welches wir geschritten, mit väterlichem Wohlwollen begleiten, und bis eS uns gestattet seyn wird, über den Erfolg umständlicher zu berichten, mit dem Thaue deS apostolischen Segens zu befruchten Sich würdigen möge, darum flehe ich inständigst im Namen der versammelten Bischöfe, der ich im tiefsten Gefühle der Ehrfurcht und deS GehoisamS, die heiligen Hände demüthigst küsscnv, ersterbe Eurer Heiligkeit Wien, den 25. Mai 1849. Friedrich, Cardinal nnv Fürsterzbischof. PiuS P. P. IX. Unserem Geliebten Sohne Heil und apostolischen Segen. Unlängst ist zu Uns daS Schreiben gelangt, welches Wir von Dir, Unser geliebter Sohn! am 25. Mai von Wien aus dalirt und auch im Namen der übrigen gegenwärtig dort weilenden ehrwürdigen Brüvcr nnv Bischöfe deS österreichischen KaiserstaateS geschrieben, und im innigsten Gefühle der Treue, Ehrfurcht und des Gehorsams gegen UnS und den Stuhl Petri verfaßt, sofort mit bereitwilligst entgegenkommendem Herzen in Empfang genommen haben. Denn eS fiel unS höchst angenehm auf, in jenem Schreiben wiederholt zu bemerken, daß Dir und eben jenen Vorstehern nichts wichtiger sey, als in so großer Zeitbewegung auS allen Kräften daS Heil der Gläubigen zu betreuen, und mit allem Eifer die Sache der katholischen Kirche zu verfechten und ihre Rechte und Freiheit aus den Fesseln der weltlichen Gewalt herauSzukämpfen. Daher rührte Deine und der übrigen Bischöfe mächtige Freude, als durch das von Unserem in Christo geliebtesten Sohne Franz Joseph, Kaiser von Oesterreich, apostolischen König von Ungarn und König von Böhmen, für die Länder seiner Oberherrlichkeit erlassene Grundgesetz die Hoffnung aufleuchtete, eS werde die Kirche von allen jenen Fesseln, mit denen sie bisher nach allen Seiten hin umstrickt gewesen, befreit, ihre sehnlichst gewünschte Freiheit wieder erlangen. Da Du aber. Unser geliebter Sohn, und die übrigen Bischöfe höchlichst befürchtet, eS möchte die Hoffnung zur Erlangung einer solchen kirchlichen Freiheit den böswilligen Zeitbestrebungen zufolge durch organische Decrcte, die etwa 0 ^ > > , c . 198 nach dem erwähnten Gesetze erlassen würden, abgeschnitten werden: so habet ihr eS für eure Pflicht gehalten, diese Gefahr abzuwenden, und die StaatSregierung dringendst zu beschworen, die kirchliche Autorität zu Rathe zu ziehen, bevor eben diese organischen Bestimmungen erlassen würden. Diese nur ganz gerechte Forderung bewirkte auch, daß die ersten Staatsbehörden die Bischöfe auS allen Friede genießenden Provinzen deS Kaiser- ihumeS einluden, in jener Stadt zusammenzukommen. Daher hattest Du, Unser geliebter Sohn, und die übrigen ehrwürdigen Grüder, Erzbtschöfc und Bischöfe, beschlossen, alsögleich in jene Hauptstadt insgesammt zueilen, nicht wohl deßhalb, um aus eben diesen verschiedenen Provinzen eine gerneinsame Synode zu feiern, die, wie jeder von euch sehr wohl weiß, ohne Unserer und deS apostolischen Stuhles Erlaubniß nie gehalten werden könnte,! sondern auf daß in einmüthiger Gesinnung, und mit vereintem Eifer und! Rathe, eure ganze Mühe und Sorgfalt auf die Behauptung und Vertheil digung der kirchlichen Rechte und auf die Beförderung des größeren Nutzens und Heiles der katholischen Sache auf dem Pfade der heiligen Canonen verwendet werde. Wir können wahrlich nicht umhin, diesen Deinen und ^ der übrigen ehrwürdigen Brüder Entschluß mit verdienter Lobeserhebung ^ zu begleite», und Wir sind überzeugt, daß Dir und ihnen nichts mehr am! Herzen liege, als daß AUcS nach der Norm des heiligen, kirchlichen Rech- rcS mir allem Eifer emsig vollführt werde. Wir hegen ferner die Hoffnung, cS werde eben Unser in Christo geliebter Sohn, euer erlauchter Fürst,! wohl wissend, wie sehr zum Schirme der Festigkeit seines Reiches, so wie der Rnhc und deS Glückes seiner Völker, die katholische Kirche und ihre unveränderliche Lehre beitrage — nicht nur nicht zulassen, daß durch organische Decrete etwas festgestellt werde, was den heiligen Rechten der Kirche zuwider ist, sondern Er werde auch, Unseren und euren höchst gerechten Wünschen und Anforderungen Folge gebend, dahin wirken, daß die Kirche selbst in allen seinen Gebieten ihre volle Freiheit erlange, und daß die ^ geweihten Vorstände unter Leitung und Autorität deS apostolischen Stuhles ^ gänzlich frei seyen in Verrichtung deS ihnen obliegenden AmteS. Doch! wohl schon von Dir selbst siehst Du ein, Unser geliebter Sohn, daß Unö nichts so erwünscht seyn werde, als alle Verhandlungen eurer Versammlung in Empfang zu nehmen, und zugleich zu erfahren, welches der Erfolg eurer Berathungen und Arbeiten gewesen sey. Indessen aber flehen Wir in Demuth Unseres Herzens dringend zum allmächtigen Gott und Herrn: Er wolle über Dich und die übrigen dort weilenden ehrwürdigen Brüder Seine Erbarmung vervielfältigen, und reichlich auSgicßen den Geist der Weisheit und LcS Verstandes, den Geist deS Rathes und der Stärke; Er wolle eure Mühen und Arbeiten zur größeren Ehre Seines heiligsten Namens und zum Frommen Seiner heiligen Kirche unterstützen, stärken und befestigen! AIS Wahrzeichen deS göttlichen Schutzes, und als Zeugniß Unseres besonderen Wohlwollens ertheilen Wir Dir, Unser geliebter Sohn, und den übrigen ehrwürdigen Brüder» in herzlichster Liebe huldvollst den apostolischen Segen. Gegeben zu Gavta den 9. Juli 1819. Im vierten Jahre Unsers PontificatS, PiuS P. P. IX. Die Stellung der Katholiken in Holland. (Aus dem „Luxemburger Wort.«) Es ist Zeit, daß die öffentliche Aufmerksamkeit auf den in seiner Art unerhörten Druck, welchen noch im neunzehnten Jahrhundert, in dieser Zeit deS Fortschrittes und der Aufklärung, nahezu anderthalb Millionen katholischer Niederländer seitens ihrer protestantischen Mitbürger zu erdulden haben, hingelenkt werde, und daß einem edlen Volke in der Errin- gung des Besten und Nothwendigsten, ohne dessen Besitz ein Volk nicht glücklich seyn kann, der religiösen Freiheit und Gleichberechtigung nämlich, ein thatkräftiger Beistand geleistet werde. Der Druck, der auf den niederländischen Katholiken lastet, ist ein gewaltsamer, und ist ein in seinem Ursprünge sowohl, als in seinem innersten Wesen unrechtmäßiger. DaS katholische Volk ist daS eigentliche Stammvolk der Niederlande; es ist aus seinem rechtmäßigen Besitze durch eine Revolution verdrängt, und ist nur durch eine gewaltsame Unterdrückung dritthalb hundert Jahre lang der Ausübung seines unveräußerlichen und unverlierbaren Rechtes beraubt worden. Die jetzigen Niederlande sind zuerst durch die Apostel der katholischen» Kirche auf friedlichem Wege zum Christenthums bekehrt. AuS freien Stücken haben die alten Bataver dir Altäre ihrer Götter verlassen, und haben sich dem von den christlichen Aposteln gepredigten beseligenden Glauben der katholischen Kirche angc- schloffen. Die katholische Kirche hat die rauhen Sitten dieses Volles all- mälig gemildert, hat Gotteshäuser und Klöster gegründet, und durch sie Wissenschaft, Ackerbau und Wohlstand im Lande verbreitet. AIS Kaiser Kart V. die Niederlande beherrschte, waren die Städte dieses Landes die wohlhabendsten und gewerbetreibendsten in Europa. Aber eben dieser Reichthum halle auch ein Wohlleben und eine Ueppigkeit der Sitten verbreitet, die den neuen Lehren Lulher'S und Calvin'S Eingang verschafften. Jedoch waren es vorzugsweise nur die großen Städte, m denen außer einer An- zahl ehrgeiziger und neuerungSsüchligcr Reichen eine Masse rohen und entsittlichten Volkes auS allen europäischen Ländern sich umherlrieb, in denen die Neuerungen Eingang fanden. Es bildeten sich in den Niederlanden die abenteuerlichsten Seelen, welche alle vorgaben, das ursprüngliche Christenthum wieder herstellen zu wollen, und viele der berüchtigsten Schwärmer, wie Johann v. Leyden u. a., sind von dort hervorgegangen. Aber der Kern der Bürgerschaft in den Städten und vor Allen das treue und unverdorbene Landvolk hielt an dem Glauben seiner Väter fest. Auch würde es der Neulehre, die so bald schon nach ihrer Entstehung sich in verschiedene Paneiungen zerspaltete, wohl nicht gelungen seyn, sich auf die Dauer hin in den Niederlanden zu behaupten, wenn nicht eine politische Verschwörung sich mit ihr verbunden hätte, und in Folge einer siegreich durchgeführten Revolution das treue katholische Volk in Druck und Abhängigkeit gerathen wäre. Der immer ncuerungSsüchtige Pöbel der großen Städte ward durch den ehrgeizigen Adel aufgewiegelt, und mit Hilfe fremder Schaarcn aus England und Frankreich die rechtmäßige königliche Gewalt gestürzt. Die Revolutionspartei erklärte sich für den reformirten Glauben und proclamirte die Republik. Nur die südlichen Provinzen der Niederlande, daS heutige Königreich Belgien nebst dem französischen ArtoiS und Flandern wurden dem katholischen Glauben erhalten, und die Revolution, welche daselbst bereits die schrecklichsten Gräuel angerichtet hatte, beugte sich, wie heut zu Tage in Italien und Wien vor Radetzky und Windischgrätz, so vor des tapfern Alba, Farnese und Spinola siegreichem Schwert, Lurcmburg hatte nie der Neulehre Eingang gestattet, und seine tapfern LandeSsöhne waren nichr die schlechtesten Krieger in Alba's und Spinola's Heer. Desto trauriger aber war daS LooS der katholischen Niederländer in der neu entstandenen Republik. Zwar bildeten sie die entschiedene Mehrzahl der Bevölkerung, aber sie hatten nicht die Revolution gemacht und begünstigt, darum wurden sie von den Männern der Revolution, die nun alle Macht in Händen hatten, auf daS Grausamste gemißhandelt. Man beschloß, die katholische Religion in Holland mit Stumpf und Stiel auszurotten. Rohe Pöbelhaufen drangen in die Kirchen ein und zerschlugen in einer vandalischen Weise die Heiligenbilder und kostbaren Gemälde. Die heiligen Gefäße wurden entweiht, sogar mit dem heiligsten Sacramentc empörende Frevel getrieben. Man beraubte die Katholiken aller ihrer Kirchen, ihrer Pfarrhäuser und ihres rechtlich erworbenen Kir- chenvcrmögenS, und gab alles dieses den Protestanten. Man vertrieb alle katholischen Lehrer auS den Schulen. Die Priester wurden geächtet und keinem Bischöfe gestaltet, daS Land zu betreten. Die Katholiken wurden jeder Anstellung für unfähig erklärt, und die Ausübung deS katholischen Gottesdienstes wurde als schwerstes Criminalverbrechen mit der Todesstrafe bedroht. Und doch waren die Katholiken der eigentliche Urstamm der Bevölkerung, und doch bildeten sie noch lange nach dem Siege der Revolution eine bedeutende Mehrzahl der Bewohner deS Landes. Diese gewaltsame Unterdrückung der Katholiken hat in Holland fortgedauert ungefähr bis zur Zeit der französischen Revolution. Nur durch die Gewalt der Umstände gezwungen, nicht durch eine mildere, tolerantere ! Gesinnung bewogen, sind die Protestanten in der Mißhandlung und Unterdrückung der Katholiken allmälig Schritt vor Schritt rückwärts gegangen, und selbst heut zu Tage kann ihnen eine Concession zu Gunsten ihrer katholischen Mitbürger nur mit Gewalt abgenöthigt werden. Aber dafür wird um so sicherer der Tag der Rechenschaft kommen, je hartnäckiger eine Abschlagszahlung für frühere Beraubung und Gewaltthat verweigert wird. !ES ist schon erwähnt worden, daß alle Kirchen deS Landes ohne alle Ausnahme den Katholiken gewaltthätig geraubt worden sind. Der herrliche Dom zu Utrecht, der nun zum Theile zerstört ist, war der alte katholische ! Mctropolitansitz. Im Dom zu Harlem, in der onclo Kerker zu Amsterdam, in den prächtigen Tempeln zu Schiedam, Gouda und Breda, in der St. Laurenzkirche zu Rotterdam u. s. w. wurde einst daS Opfer des neuen Bunde« dargebracht, und sie sind noch immer rechtmäßiges Eigenthum der Katholiken. Nur mit Gewalt sind die Katholiken daraus vertrieben; ihr Recht daran haben sie nicht aufgegeben, sie konnten eö nicht verlieren, und eS kommt die Zeit, wo sie eS reclamiren werden. Ja, man ging so weit, daß selbst in Gegenden, die ganz katholisch blieben, wie Nordbrabant, die Katholiken auS ihren sämmtlichen Kirchen vertrieben, und solche einer ^ Handvoll von Protestanten ausgeliefert wurden. In der fast ganz katholi- 199 scheu Stadt Herzogenbusch ward die herrliche Hauptkirche nebst den drei andern Pfarrkirchen einigen Hundert Protestanten überwiesen, die zum Höhne einer zahlreichen katholischen Bürgerschaft die Kirchen entweihten, Bilvcr und Grabmäler zerschlugen, und dann sich ihren Dienst darin einrichteten, wofür eine einzige Kapelle hingereicht hätte. Währenddeß flüchteten die armen Katholiken mit den hehren Geheimnissen ihres Glaubens in verborgene Schlupfwinkel; in Kellergewölben unv Dachstuben ward das heilige Opfer dargebracht, und nur unter Lebensgefahr konnten die Priester zu den Kranken gelangen, und ihnen den Trost der Religion spenden. Jeden Augenblick mußten die Orte, wo der Gottesdienst heimlich gefeiert wurde, verändert werden, damit nicht die immer wachsamen Späher das Geheimniß entdeckten, und die Schuldigen (!) zur Strafe zögen. Roch jetzt liegen zu Amsterdam und in den andern niederländischen Städten die katholischen Kirchen großentheilS so verborgen, daß man nach dem Aeußern zu urtheilen dort keine Gotteshäuser vermuthet. Zu Amsterdam wurde ein Priester, der über dem Lesen der heiligen Messe ergriffen war, auS dem Verstecke unter dem Dache hervorgezogen, und vom fanatischen Pöbel erhängt. Wer aber kennt nicht die Geschichte der Märtyrer von Gorkum? Hier war es nicht allein der rohe Haufe dcS Volkes, der diese heldenmüthigen Priester grausam zerfleischte, sondern selbst die höchsten Behörden des Landes betheiligten sich an dieser gräßlichen Mordthat; die Kirche aber feiert ihr Andenken gleich dem glorreichsten Märtyrer aus der Zeit der heidnischen Verfolgungen. Einbrechende Kriegsgefahr nöthigte die Holländer, mit den Katholiken etwas milder und nachsichtiger zu verfahren. Man spürte ihren verborgenen Versammlungsörtern nicht mehr nach. In Nordbrabant, wo die ganze Bevölkerung katholisch war, gestattete man ihnen, statt der geraubten prächtigen Tempel auf dem Lande kleine Kirchen zu bauen.» Dieselben durften aber keine Glasfenster haben, mußten mit Stroh gedeckt seyn, und dursten nur in weiten Zwischcnräumen errichtet werden. Man nannte sie Scheunekirchen. Aber diese Scheunekirchen waren doch der Heerd katholischer Andacht, und dort entflammte die Kraft des katholischen Glaubens die Gemüther der Unterdrückten mit dem Muthe der Entbehrung und der Standhastigkeit. In diesen Scheunekirchcn, und weil der enge Raum die Gläubigen nicht alle faßte, weit um sie herum, sammelten sich an Sonn- und Feier» tagen zu Tausenden die Gläubigen, und stellten, um den dürftigen Nothaltar versammelt, durch ihre Andacht, durch ihre Glaubenstreue und brüderliche Eintracht ein lebendiges Bild der ersten Christenheit in den Zeiten der Verfolgung und der Drangsal dar; während in den weiten Räumen der den rechtmäßigen Gemeinden geraubten Kirchen der reformirtc Prädicant eine Handvoll Neugläubiger um seine Kanzel versammelte, und den Sturz des Papstthums und den Beginn des wahren Christenthums mit ellenlangen Phrasen pries. Wenn ein katholisches Kind Unterricht genießen wollte, so mußte eS die protestantische Schule besuchen, und der Lehrer benutzte die schickliche Gelegenheit nach Kräften, alles, was Haß und Unwissenheit über den katholischen Glauben vorzubringen, vermochte, den katholischen Schülern und Schülerinnen vorzuhalten. Wollten Katholiken heirathen, so mußten sie sich vom reformirten Prädicanten copuliren lassen, sonst wurde ihre Ehe vom Staate als Concubinat betrachtet. Der resormirte Prädicant ließ eine solche Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen. War sonst auch die Kirche unbesucht und leer, bei den Copulationen von Katholiken war sie überfüllt. Dann mußten die Verlobten in einem abgesonderten Kirchenstuhle Platz nehmen, und mußten nun in Gegenwart einer im höchsten Grade entzückten Menge einen ganzen Regenguß von Verwünschungen und Verhöhnungen des katholischen Glaubens über sich ergehen lassen. Erst wenn dieses geschehen war, wurden sie auS ihrem Nothstall befreit, und der Prädicant nahm die Copulation vor. Die Katholiken wurden von allen Anstellungen ausgeschlossen; nur wenn Einer den Glauben seiner Väter verleugnete, ward er sehr schnell und mit großer Bevorzugung befördert. Daß bei einem solchen fast 200 Jahre lang fortgesetzten Drucke die Zahl der Katholiken abnehmen, und daß bald die Protestanten die Ueberzahl der Bevölkerung bilden mußten, ist leicht erklärlich. Ja, eS wollte gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts fast scheinen, als sollten die Katholiken allmälig ganz und gar unterliegen. (Fortsetzung folgt.) Der alte Heine in Paris. (Oesterr. Volksfreund.) Ueber diesen wohlbekannten deutschen Dichter, der sein großes poetisches Talent durch absichtliche „Verliederlichung" eben so zu Grunde richtete, wir sich selber, berichtet ein anderer deutscher Dichter, ebenfalls ein Apostel deö Unglaubens und des RadicaliSmuS, Alfred Meißner, in seinen „revolutionären Studien auS Paris" uiucr anderm folgendes: „Als Frau Heine mir zuerst von dieser religiösen (grübelnden) Richtung in Heine'S Gemüth erzählte, wollte ich nicht daran glauben. Er sah meine Verwunderung und lächelte wieder schmerzlich wie gewöhnlich. In der That, sagte er, es ist seit einiger Zeit eine religiöse Reaction bei mir eingetreten. Weiß Gott, ob daS mit der Morphins '*), ob mit den Kataplaömen zusammenhängt. ES ist so. Ich glaube wieder an einen persönlichen Gott! Dahin kommt man, wenn man krank ist, todtkrank und gebrochen!" Indem sich Heine gegen seinen jungen Freund dann noch mit politischen Witzen entschuldigt und bittet: „ihm kein Verbrechen daraus zu machen," sagt er zuletzt: „Mein Freund, hören Sie da eine große Wahrheit: Wo die Gesundheit aufhört, wo der gesunde Menschenverstand aufhört und wo daS Geld aufhört, da überall fängt das Christenthum an." Nun wird unser Blatt wohl schwerlich von Anhängern Heine'» gelesen oder beherzigt werden; auch werden unsere Leser hoffentlich an diesem kecken Spotte nur so viel Aergerniß nehmen, als eS derselbe verdient. Allein zwischen diesen Gefühlen von Nichtbeachtung und gerechtem Unwillen drangen sich uns doch unwillkürlich ein paar erfreuliche Betrachtungen auf, die wir nicht verschweigen zu dürfen glauben. Die eine ist die Anwendung der Verse, womit ein weltbekanntes Lied von Heine selber beginnt: „Eö ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu" — nämlich die, daß fast noch jeder sogenannte Freigeist, jeder Spötter, dem Ernste der letzten Stunde gegenüber, mehr ober weniger sein nic-a cul,,a zu beten versucht, ob auch der Fürst der Welt mit allen seinen Hecrschaaren (als da sind Leichtsinn, Spott, Witz, falsche Scham, Gewohnheit, Fröbel- Feuerbach'sche Weltweisheit u. dgl.) dagegen auftrete. Vergebens sucht der hinfällige Altmeister deö Unglaubens seinem Jünger, dem Sänger deS „ZiSka" die eigene religiöse Unistimmung zu verbergen oder zu beschönigen; sie ist eben Thatsache! Er denkt an einen persönlichen Gott, den er früher mit krankhaftem Witze geläugnet, und sein Bekenntniß, wiewohl in kläglichen Scherz verkleidet, gibt, ohne daß er es zu wissen oder zu beabsichtigen scheint, einer andern großen Wahrheit, nämlich jener des Evangeliums die Ehre! Wer kennt nicht die Worte des Gottmcnschen: „Ihr alle, die ihr duldet und mit Mühsal beladen seyd, kommt zu mir und ich will euch erquicken?" AIS er die Bedingungen verkündete, von denen daS Heil abhängt, sprach er: Selig sind die armen im Geiste, d. h. nicht die GeisteSarmcn, sondern die Demüthigen, die er auch die Kleinen nannte. Jeder, der sich um daS redliche Verständniß dieser Worte bemüht hat, wird dann wissen, welche Wahrheit in jenen Worten Heine'S liegt, da ihnen ja nur der Vorder- oder der Nachsatz fehlt. „Wo die Gesundheit aufhört, wo der gesunde Menschenverstand aufhört und wo das Geld aufhört, da überall sängt daS Christenthum an." WaS ist der eigentliche Sinn dieser Worte? Wo die Kraft und Fülle deS animalischen (thierischen) Lebens untergeht, wo der gemeine Weltverstand, der nur das Materielle und Sinnliche versteht, und alles Uebersinnliche verachtet, nichts mehr helfen kann, oder wo Körperkraft und Schlauheit von der dritten Weltmacht: dem Gelde, sich ganz verlassen finden, da tritt die heidnische Gesinnung und der Götzendienst in den Schatten, und der geistige Gedanke beginnt im Gewissen und im Verlangen nach der wahren Religion sich zu regen; weil das Gefühl deS Ver- lassenseynS von den irvischen Oelgötzen die Sehnsucht nach dem wahrhaften unendlichen, und daher persönlichen (wissenden und heiligen) Gotte hervorruft. Wer hingegen die rechte Gesundheit (im Glauben und in der Hoffnung) schon besitzt, wessen Menschenverstand wirklich gesund genug ist, um sowohl Irdisches als UebersinnlicheS zu verstehen, und seines geistig sittlichen Verhältnisses zu Gott und den Menschen sich bewußt zu bleiben; endlich wem das Geld weder daS höchste Gut noch daS höchste Mittel ist, so daß er, ob reich oder dürftig, jedenfalls auf Mäßigkeit und Entsagung sich einzurichten weiß — der findet sich eben schon mitten auf dem Wege deS Christenthums, und braucht nicht erst „anzufangen," sondern hat nur die Warnung zu beachten: „Wer da meint, daß erstehe, der sehe wohl zu, damit er nicht falle," und dann wieder von neuem ansangen müsse. Schlesien. Aus preußisch Schlesien. Am 7. und 8. November waren die Abgeordneten der katholischen Vereine Schlesiens in Neiffe versammelt. ») Morphine oder Morphium, an« dem Opium bereitet, als Mittel zur Milder»»» der Schmerzen; da« Wort ist von dem Namen abgeleitet, womit einst der Gott de» Schlafe« bezeichnet wurde. > - >. i ! t > , L«0 So allgemein der Geist der Ordnung und der Treue für das angestammte Herrscherhaus sich auSsprach, so aufgeregt war man über die Maaßregeln der ersten Kammer und des CultuSministerS gegen die Kirche. Unter Andern hielt der Graf Bernhard zu Stollberg folgende Rede, die wir (nur etwas abgekürzt) mittheilen: Meine Herren! Die Eingriffe der Staatsgewalten in die kirchliche Freiheit, und ein Ereigniß, welches die Entrüstung aller Katholiken Preußens hervorgerufen hat, veranlaßt mich, einige Worte hier zu sagen: Der Graf Montalembert zieht in seiner jüngst gehaltenen Rede den Abgeordneten Victor Hugo im Ramen seiner Wähler zur Rechenschaft, waS ihn berechtige, das Beklatschen der Linken sich zu erwerben. Ich wünsche, daß Se. Majestät unser König AehnlicheS mit seinem Kultusminister gethan haben möge. Hätte der Herr von Ladenberg, der als eingefleischter, antikatholischer Bureaukrat bekannt ist, als Privatmann, gleich andern Wühlern, unsere Bischöfe geschmäht, so könnten diese sich das zur Ehre rechnen, wir könnten darüber hinweggehen und Herr von Ladenberg möchte daS Bravo der schlechten Seite der Kammer hinnehmen. Ich rede von Wühlern. Ja, meine Herren, seit 40 Jahren und känger hat unsere Bureaukratie gewühlt, namentlich gegen die Kirche, und hat zumal durch die Mittel und BundcSgenosscnschaft, die sie nicht verschmähte, daS Ihrige beigetragen, nm das Sommerhalbjahr 1848 herbeizuführen, von dem jeder Patriot sich mit Ekel und Abscheu hinweggewendet. Dock, meine Herren, ich gehe zur Sache über. Die Denkschrift des Cultusmini. sterS, die daS Gepräge bureaukratischer Perfivie nicht verläugnen kann, hat die bischöfliche Denkschrift hervorgerufen, welche auf dem heiligen, unveräußerlichen und in ganz Deutschland geschichtlich und vertragsmäßig begründeten Rechte der katholischen Völker, auf den Satzungen der Kirche, den Beschlüssen der bischöflichen Versammlung zu Würzburg und der Autorität derer, die sie erlassen haben, begründet ist. Der Herr Minister hat durch seine Erklärung vor der ersten Kammer über diese Denkschrift dem katholischen Episkopate Preußens und Deutschlands, den sieben Millionen Katholiken Preußens und den 25 Millionen Katholiken Deutschlands Hohn gesprochen. Ich habe nie von unseren Kammermajoritäten Gerechtigkeit erwartet. Die größte Despotie ist die der Kopfmehrzahl. ES steht noch sehr dahin, ob wir nicht dem TerroriSmuS, unter dem alle positiven Be- kenntnisse in der Schweiz seufzen, in unserem Vaterlande entgegengehen. Bisher sind wir mit Ruthen geschlagen worden, radicale und doctrinäre Kammern ermöglichen eS den Ministern, uns mit Scorpiouen zu peitschen. Wenn ich daS confesstonelle Volkszahlenverhältniß in Preußen, die Schlaffheit vieler Katholiken und die Intriguen vieler Gegner erwäge, die uns entgegen ihre ekelhaften Begriffe von JesuitiSmuS, UltramontanismuS u. s. w. festzuhalten sich abmühen und, keine Mittel scheuend, uns aus den Wahlen zu entfernen, in ganz katholischen Gegenden hingegen durch die Gutmü- thigkcit der Katholiken die W ollen in ihre Hände zu bringen wissen; so überzeugt mich dieß mehr und mehr, daß nach menschlichen Ansichten in unseren jetzigen Zuständen kein Recht zu hoffen ist. Ich wiederhole es: Von den machthabenden Menschen hoffe ich wenig Recht, ich glaube vielmehr, daß wir aus BöseS gefaßt seyn dürfen; aber es ist unsere Pflicht, unS gegen die Eingriffe zu verwahren und feierlichst Erklärungen abzugeben, wenn wir zeigen, daß wir fest an unsern Bischöfen halten, uns in unsere kirchlichen Verhältnisse in keiner Weise von Außen eingreifen und unser Gewissen nicht durch Gesetze beirren lassen, die unseren kirchlichen Bestimmungen entgegen sind. Halten wir fest zusammen, halten wir fest an unseren Bischöfen und durch sie an der Kirche! Mag der Kampf dann entstehen gegen Radicalistcn, falsche Constitutionalisten, gegen Bureaukra- tisten oder gegen wen immer, tragen wir die über unS verhängten Widerwärtigkeiten, wie eS Christen ziemt; der Sieg bleibt zuletzt unS. Wenn nicht alle Zeichen trügen, so gehen wir einer Zukunft entgegen, wo auch hier die alte und doch ewig junge Braut des Herrn die Fürsten und Völker Europa'S, nachdem sie die Irr- und Drangsale deS AbfalleS durchge- litten haben, zu dem Fuße deS Kreuzes niedergestreckt sehen wird, so der Herr auf den Felsen Petrus gepflanzt hat. Auch ich erlaube mir jenes bedeutungsvolle Wort der erleuchteten Jungfrau in Niedcrborn unS inS Gedächtniß zu rufen, welches sie den Priestern und Gläubigen der Pfalz und als Kind der Kirche, die über die ganze Erde ihre Strahlen wirft, Allen zuruft, die im Kampfe stehen gegen die Macht des Umsturzes und Unglaubens, nämlich das Wort: „Muth! Muth! Muth." 1 Brief des hochseligen Gubregens (spätern Bischofs) Wittmann an einen in der Seelsorge arbeitenden Mitbruder. Gnade und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus dir geliebtester Bruder in Jesu! JesuS sey in uns, und mache uns zu seinen Dienern, und lasse unS alles für Ihn hingeben, und vereinige uns untereinander in Ihm selbst, hier, um mit einander zu beten, zu arbeiten und zu leiden, und dort vor Ihm, um miteinander in Ihm vollkommen und ewig Eins zu seyn. Liebster Bruder! könnten wir nur auch öfter einander sehen, und uns in Christus miteinander besprechen! Hoffentlich wird eS jährlich doch Einmal geschehen, und unterdessen sey die Mittheilung unserer Meditationen eine wechselseitige Offenbarung unserer Gemüther gegeneinander. Sollte eS dem Herrn gefallen, unS näher vielleicht in einer nämlichen Wohnung, oder im gemeinschaftlichen Arbeiten oder Leiden miteinander zu verbinden; so wollen wir dazu bereit seyn, und wollen Gott einstweilen darum bitten. Liebster Bruder! Könntest du einmal mit unS versammelt seyn, wo wir miteinander beten, lesen, reden: ich denke, eS würde dir auch wie mir vorkommen, daß Christus wahrhaftig in Mitte unser sey. ES sind lauter unschulvvolle, von Gott begnadigte, liebcnSwürvigste Brüder. Schreibe uns nur manchmal, aber als Brüder, ohne Titel und Complimente. Und wenn Gott deine Arbeiten segnet, in Fröhlichkeit oder in Thränen (vielleicht ist'S noch besser in Thränen), oder wenn du vorzüglich fromme Seelen kennen lernest: so schreibe uns davon, damit wir uns mit dir im Herrn erfreuen. Meditationen, denke ich, werden wir dir bald schicken. Eben sagt mir der liebe Job, daß er dir unsere Verbindungsart, und die Namen der Brüder noch nicht geschickt habe (ich glaubte, er habe eS schon gethan), er wirv eS aber ganz sicher die nächsten Tage thun. Ich umfange dich Geliebtester im Geiste Jesu: Er erfülle uns mit seinem Geiste. Bete für mich Deinen RegenSburg den 25. Febr. 1803. sündigen Bruder in Christus. Glosse. In einer altberühmtcn Akademie der Wissenschaften war jüngsthin die Rede von der Thatsache: daß während eines RegenS in der Regel eine geringere Wasscrmenge auf die Dächer fällt, als bei gleicher Raumfläche auf den Erdboden oder das Straßenpflaster. Je höher das Haus, desto größer dieser Unterschied. Auf die Frage, wie daS komme? ward erwidert: eS fallen zwar bei gleicher Raumfläche eben so viele Regentropfen auf daS Dach, als auf die Erde, allein die Tropfen, welche die Erde erreichen, vergrößern sich auf ihrem länger» Wege, indem sie von den Dämpfen der feuchten Luft profitiren, die sie an .sich ziehen oder einschicken und verdichten. Somit wäre die Sache erklärt. Allein damit ist eS doch nicht abgethan; denn andere Leute behaupten, daß eS dabei auf die Jahreszeit ankomme, und daß man nicht allein die Anziehung der Dünste von Seile der fallenden Tropfen, sondern umgekehrt auch die Verdünstung der letzteren in Rechnung bringen müsse, die in der heißen Jahreszeit so groß sey, daß eine größere Waff^mafse auf die Dächer fallen könne, als auf die Erde, wovon man ebenfalls Erempel hat. Man will daraus erklären, warum die Soldaten bei heftigen Regengüssen zu den großen Feuern ihrer Bivouak'S sich stückten, wo der aufsteigende heiße Luftstrom durch die Verdünstung, die er bewirkt, ihnen anstatt eines Regenschirmes dient. Solcher Widersprüche gibt es gar viele in der Welt, weil, wie eine geistvolle Frau bemerkt hat, alles was geschieht, mehr als eine Ursache hat, und wir meistens nur Eine wissen. Die Leute unten auf der Straße blicken neidisch zu denjenigen empor, die auf dem Altan oder Dache stehen; sie meinen: die dort oben bekommen den Regen und Segen von der ersten Hand, und viel reichlicher als wir, zu denen nur spärliche Tropfen gelangen. Allein, wenn alles genau erwogen, und Einnahme mit Ausgabe verglichen wird, ist der Mittelstand, der nicht hoch hinaus will, besser und sicherer versorgt, als die Wenigen in der Höhe, eS sey dann, daß aller Regen verdampft, und aller Erwerb der Bürger verschwindet, weil der Boden unter ihren Füßen brennt; und wehe den Völkern, die einen solchen Brand anzünden. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber; F. C. Kremer. Vierteljähriger Abou- nementspreis im Bereiche von ganz Bayern nur 20 kr„ ohne irgend einen weiteren Post-Aufschlag. Auch von Nicht Abonnenten der Postzeitung werden Bestellungen angenommen. Sonntags -Peibtatt zur Augsburger Postzeitung. Auch durch den Buchhandel könne,> diese Blätter bezogen werde». Der Preis bclrägt. wie bei dem Bezug durch die Post, jährlich 1 st. 20 kr. Neunter Jahrgang. ^ SL SL December Schreiben des Benediktiners Bonifaz Wimmer in St. Bincenz an einen Theologen in München. 8. Vineonr neor 4soungstoävn ^Vesimorelonil Lountz-, 4. 4uni 1849. Euer Wohlgcboren! Die Ueberbringerin Ihres so werthen BriefchenS traf ich mit ihren Gefährtinnen zu meiner großen Freude und Uederraschung in Baltimore den 14. Mai gerade den Tag zuvor, ehe ich vom Concilium weg wieder zur Heimreise mich schickte. Sie waren alle wohl und gingen voll Vertrauen und freudigen Muthes ihrer Bestimmung entgegen, obwohl ihnen längs deS Ohio und Missisippi die Cholera überall den Weg zu verlegen suchte. Der hochwürdigste Bischof von Dubugne erwies ihnen die Gnave, daß sie unter seinem Geleite bis St. LouiS reisen durften. Ihren Brief erhielt ich erst zu Hause, weil sie ihn von Nerv-Volk auö an mich geschickt hatten. Ich sehe daraus, daß Sie und noch mehrere Ihrer Freunde gesinnt seyen, Benebictiner zu werden, und einst hier an meiner und meiner Mit- brüder Seite für die heilige Kirche zu wirken. DaS freut mich ungemein, und wird auch Sie nie gereuen, wenn der Wille zur That wird. ES freut mich ungemein, sage ich. Meine Misston schien Anfangs vielen, auch meinen besten Freunden, etwas abenteuerliches; und wenn sie die Schwierigkeit der Sache selbst und mehr noch meine Persönlichkeit sich betrachteten, so mußten sie fast zu einer solchen Ansicht kommen. Ich kannte beide so gnt und bester, als Andere; ich sah aber darüber hinweg auf die Bedürfnisse der amerikanischen Kirche und die unendliche Güte Gottes, der in den Schwachen stark ist, und folgte, meiner redlichen Absicht eben so bewußt, als anderseits meiner Unwürdigkeit und Unfähigkeit, dem innern Dränge, und fand wohl die Schwierigkeiten, die mir begegnen mußten, aber bisher allzeit auch, durch eine wunderbare Fügung der göttlichen Vorsehung, die nothwendigen Mittel, sie zu überwinden und zu beseitigen, und ehe noch 3 Jahre verflossen, konnte ich schon 3 Niederlassungen unseres Ordens hier zu Lande begründen, die mit der Zeit von unge. meiner Wichtigkeit für die amerikanische Kirche werden müssen, wenn Gottes Segen ferner auf ihnen und der Geist deS heiligen Beneblet in ihnen waltet. Ihr Brief bestärkt mich in dieser Hoffnung, weil er eine Zunahme deS OrdenSpersonaleS an Zahl und Kraft und gutem Geiste in Aussieht stellt — und deßwegen, sagte ich, freut er mich ungemein. ES wird auch Sie nie gereuen, hier zu wirken und zwar als Bene- dictiner: Hier entscheidet sich das Schicksal der Welt und die Geschicke der , Kirche Gottes, und zwar schnelle. In Jahrzehnten wird da gethan, waS draußen in Jahrhunderten nicht geschah. Die ganze christliche Kirchenge- schichte, glaube ich, wir» sich in einem Jahrhunderte Lurch alle Phasen wiederholen, wenn auch in einer neuen Auflage, weil unter ganz neuen Verhältnissen: wir gewinnen oder verspielen Alles, je nachdem wir zur rechten Zeit, oder zu spät auf dem Kampfplätze erscheinen. Wie Deutsch land nichts von Amerika erhielt, weil eS zur Zeit der Entdeckung und Besetzung keine Colonisten sandte, so würde die Kirche ausgeschlossen oder im Keime erstickt, wenn sie keine Missionäre schickte, oder nicht Anstalt macht, daß die hier wirkenden immer ersetzt, vermehrt und allen Feinden gewachsen seyen. Nur wer keine Augen hat, oder damit nicht sehen will, kann dieß verkennen. Also Priester, brave, tüchtige Priester sind hier nothwendig — und sie sind nicht hier! Wohl sind ihrer ziemlich viele; aber die hier gebildeten sind meistens sehr mangelhaft gebildet, auS Mangel an Bil- dungSanstalten; und der andern sind wenige, und alle zusammen sind weit, weit zu wenige. Tausende von Alten gehen jährlich an die Sccten „nv mehr noch an die Freimaurer verloren; und ln noch größerer Gefahr suhl die Jugend! ES ist ein entsetzliches Foclum, daß bisher die katholisch, Religion selten im dritten Gliede noch in der Familie forterbt, und man berechnet 6,000,000 Apostalenü Trotz der ungeheueren Einwanderungen zählen wir nicht viel über 1,000,000, weil die Jugend immer verlor, n geht. Das ist zwar schlimmer noch unter den Irischen; aber schlimm genug auch unier den Deutschen. Und die Ursache ist nur der Mangel an Priestern; leicht könnten wir im entgegengesetzten Falle eben so vi.le Eonvertiien haben. Wer soll also nicht wünschen, hier als Priester zu wirken, wenn er so viele Verluste verhindern, so viele Eroberungen hoffen kann? Aber als Priester — allein, verlassen, ein aufgegebener Posten — waS kann er viel thun? Er kann wirken für die Seel n; was kann er aber wirken für die Priester, daß Priester nicht fehlen, laß sie sich mehren? Auf Tagreisc» weit hat er selbst keine» Priester, den er berathen, dem er beichten, bei dem er Trost und Aufmunterung sud en könnte! AIS Welipriester ist er in Gefahr, in der größten Gefahr, selbst zu verweltlichen, weil gänzlich dem Einflüsse der Well bloßgestcUt. Wissen doch selbst die Bischöfe nicht, wa« zu thun, um einen frischen Nachwill! S an Geistlichen zu bekommen: haben entweder feine Seminarien, oder keine Professoren', oder keine Zöglinge, oder überall zu wenig! Da müssen die geistlichen Orden tnS Mittel treten. Sie waren es allzeit, die Bekehrungen im Großen gemacht und erhalten haben. Fi r unsere Deutschen in den Städten sind eS auch vorzüglich die Redemptv- risten, die sich unschätzbare Verdienste erworben und erwerben. Aber auch sie können nichts thun für Heranbildung eines jungen Klerus — eö ist gegen ihre Ordensregeln; sie haben eS versucht — ohne Erfolg — und ein- für allemal aufgegeben. Sie nehmen nur Philosophen und Theologen an. Jesuiten erziehen vorzüglich nur für die hohe Welt; Lazaristen haben im Dienste der Bischöfe deren höhere Seminarien. Für Deutsche besteht gar nichts, gar nichts, und sie sind '/, oder ^ aller Katholiken! Hört das, ihr deutschen Jünglinge, ihr deutschen Theologen und Priester! unsere deutschen LantSIeule haben hier keine deutschen Priester, oder nur sehr wenige, und unsere deutschen Knaben, die Priester werden wollten, keine einzige Anstalt, wo sie studiern könnten, wo sie zu Priestern gebildet werden könnten, um ihre deutschen Brüder und Sckwe» stern im katholischen Glauben zu erhalten! Doch nein — sie haben eine, jetzt nur eine einzige, aber eine solche, worin auch der Arme, der ganz Arme, der nicht einmal Bücher und Kleiber mitbringen kann, zum Priester gebildet werden kann, und diese ist in St. Vincenz, wo 5 Bcnedictinev Priester und 36 Benedictiner- Brüder mit dem Schweiße ihrer Hände ein Seminar eröffnet haben, in dem Heuer 13 Knaben Unterricht und Unterhalt fanden, nachdem sie mit den Kreuzern, welche bayerische HauSväter und Dienstboten zum MissionS- verein beigesteuert, ein armes Klöstcrlcin erbaut und eingerichtet hatten! DaS ist daS erste und einzige deutsche und zugleich daS erste und einzige katholische Knabenscminar für katholische Priester in der neuen Welt, und Benebictiner sind eS, die eS eröffnet, die eS leiten, die eS mit GotteS Hilfe zu einem großen Kollegium, zur Metropole vieler ähnlicher Institute machen werden. Wer sollte nicht gerne ein Benebictiner werden, wäre eS auch nur, um an einer so nothwendigen Anstalt mitzuarbeiten? In welchem Vergleiche kann das Wirken, auch des gesegnetsten Missionärs stehen zu dem Wirken eines Lehrers an einer solchen Anstalt, auS der einstens Hirten für Tausende von sonst Verlornen, weil zerstreuten und hirtenlosen Schafen hervorgehen werden! 1 ^ 'V ') Neue Sion. 202 Hiermit, mein lieber junger Freund! habe lch Ihnen zugleich „die Wege gezeichnet, die Sie einstens im Lanve Ihrer Hoffnungen zu betreten haben." Unser Orden hat die Aufgabe: der amerikanischen unv zunächst zwar, aber nicht ausschließlich, der deutschen Kirche in Amerika (weil die Kathöli'cilät keinen Sprachunterschied kennet) zu dienen in der Verwendung für Erziehung armer Knaben, die Priester werden wollen und können, zum Priesterstanoc. Seelsorgc treiben wir auch nebenher, oder, nach Zeit und Umständen, auch als Hauptsache, an Plätzen nämlich, wo wir für unsere Hauptbestimmung nicht wirken können: aber vorzügliche Rücksicht muß immer der Priesterbildung getragen werden. ES versteht sich von selbst, daß wir, da wir als Benediciiner das leisten wollen, daS Benedictinerleben zur höchsten Aufgabe haben, und Erziehung und Seelsorge nur von der Wirksamkeit nach Außen zu verstehen sind. . . ^ Ein solches Wirken ist unserem Orden nicht fremd: biö uiS I3le Jahrhundert waren die Bcnedictiner Missionäre, und alle ihre Klöster Akademien: und so lange sie es waren, blühten sie; als sie aufhörten, es zu seyn, verloren sie ihre Bedeutung, Glanz und Zucht. Es ist nicht nur historisch unrichtig, den BenedicUnern als solchen, d. h. dem Orden die Befähigung und den Beruf zu solchem Wirken absprechen zu wollen, sondern eS ist dieß vielmehr dem Orden so angemessen, daß gegenwärtig nur er das leisten kann. Freilich brauchen wir dazu tüchtige Leute, aber doch weniger Gelehrte, als gute Bcnedictiner. ES wird daher gewiß sehr erwünscht seyn, wenn Sie und Ihre Freunde einst als gut gebildete Theologen zu uns herüber kommen; eS würde aber nicht minder erwünscht seyn, wenn Sie jetzt schen des katholischen Glaubens in diesen Gegenden gefürchtet werden. Da brachen die Zeiten der französischen Revolution an, welche auch die niederländische Republik erschütterte, und die Lage der Katholiken wesentlich veränderte. Im Jahre 1094 drangen die französischen Revolutionöheere biö zur nieveren MaaS vor, und besetzten Limburg und Nordbrabant. Sie nahmen in diesen Gegenden die den Katholiken geraubten Kirchen den Protestanten wieder ab, und gaben sie den rechtmäßigen Gemeinden zurück. In dieser Zeit kam auch die herrliche Hauptkirche zu Herzogenbusch wieder rn den Besitz der Katholiken. Daß die prächtige Haupikuche zu Lreca nicht wieder m Besitz genommen wurde, lag an dir Zaghaftigkeit der katholischen Gemeinde, welche Bedenken trug, eine K.rche, deren Vermögen durch schlechte Verwaltung der Protestanten zu Grunde gegangen, unv die außerdem noch mit bedeutenden Schulden belastet war, zu übernehmen. Jetzt besitzt mitten im katholischen Lande die winzige protestantische Gemeinde noch immer diesen prachtvollen Tempel, mit seinem mächtigen Thurme. Die Marmorgräber drinnen sind zerschlagen, später aber die Stucke wieder zusammengelegt, und daS Innere der Kirche ist durch geschmacklose Emporklrchen uno Gerüste gräulich entstellt. Als die Franzosen auch daö eigentliche Holland eroberten, konnten sie hier nicht in derselben Weise verfahren, wie ui Nordbrabant und Limburg, weil die große Mehrzahl der Bevölkerung daselbst protestantisch war. Auch hatten dieselben wedcx Zeit noch religiöses Interesse genug, um mit Kraft in die inneren Verhältnisse deS Lanreö zur Verbesserung der Lage der Katholiken einzugreifen. Die alten katholischen Kirchen blieben in den Händen der Protestanten, und die Zustände blieben für'S Erste im Allgemeinen dieselben schon hier wären, und, weil voll guten Willens und guten Geistes, gleich ävic vor der Occupation. Doch hörte der gesetzliche Druck auf, allmälig am inneren KIvsterbau thätig mitwirkten, durch Ihren Eifer den Eifer der-Pelanglen auch Katholiken zu Ansehen und Aemtern, und der so lange hiesigen Novizen belebten, stärkten, förderte». Auch lernt man Amerika niedergedrückte Geist der kaiholischen Bevölkerung athmete wieder freier auf. nur in Amerika kennen. Englisch lernt sich leicht. Daö Klima ist ziemlich!Eiuschieocn besser wurde es mit dem Jahre 1800, wo die sogenannte bata- wie daS bayerische. Der Tisch überall besser, alö in Deutschland gewöhn-> tusche Republik aufgehoben, und statt deren das Königreich Holland errich- lich nur bei unS schlechter, weil eS der Regel gemäß und eine Forderung tet wurde. Der erste König war Ludwig, Napoleons Bruder, ein Mann der natürlichen Armuth ist. Reiten muß jeccr Priester lernen — und eSivon milder, edler Gesinnung, dessen Andenken noch jetzt in Holland in ist keine Kunst. Bier hat man nur in großen Städten — man vergißt! dankbarer Erinnerung fortlebt. Jetzt war sogar der Hof katholisch, und eS leicht. Wir stehen ^4 Uhr Morgens auf und gehen um 9 Uhr Abends! wenn gleich die Katholiken nichts weniger als bevorzugt wurden, so erhol- zu Bette, nehmen kein Frühstück, um 11 Uhr ein frugales Mahl, aber ttn sie sich doch sichtbar von dem lange über sie verhängten, beispiellosen .zenug für den Hunger. Sonntag, Montag, Dienstag, Donnerstag essen wir Fleisch, die andern Tage Mehlspeisen; Abenvö (0 Uhr) tägllch Mehl Drucke. An vielen Orten, besonders in Oberysscl an der westfälischen Gränze, wo die Mehrzahl der Bewohner im katholischen Glauben erhalten ipcisen, außer an Sonn nnd Festtagen. Priester außer dem Kloster auf worden ävar, wurden ihnen manche früher gewaltsam entrissene Kirchen Reisen oder Mission hallen nur die Kirchenfasten. In der Fasten essen vir nur an Sonntagen Fleisch, auch die Laien sind Lurch daö Kir theilte bot an Abstinenz gebunden die ganze erste und letzte Fastenwoche und -.lle Mittwoche, Freitage und Samstage, und halten eS pünktlich. Den Ehor beten wir um 4, 0, 9, 12, 3, 7'/2 Uhr. Wenn eS noth thut, müssen auch die Studenten zuweilen den Brüdern in der Arbeit helfen und thun eS gern. Musik wird fleißig geübt. Alle sind gesund und sehen gut anS. DaS Gebäude, worin wir wohnen, kann 100 Mann zur Noth fasse»; eS wird in zwei Monaten fertig seyn. In Carrolstown (55 Meilen von hier) sind 2 Priester und 3 Brüter; und in Newark, 9 Meilen von New Merk, sind 2 mit 1 Bruder. Letzteres eignet sich besonders zu einem wiedergegeben. An andern Orten, wo solches nicht thunlich war, wurde der Neubau katholischer Kirchen gestattet, auch wohl manchmal vvm Staate selbst unterstützt. Von dieser Zeit begann wieder ein allmäligeS Steigen der katholischen Bevölkerung der Niederlande, LaS im beschleunigten Verhältnisse zunahm und zuletzt die Zahl der Katholiken auf ein Drittel der Gesammteiuwohner des Landes brachte. Aber zu früh wurde der König Ludwig dem Lande entrissen. Napoleon hob 18 lO das Königreich Holland auf, unv verleibte daö ganze Gebiet dem französischen Reiche ein. Sehr zu bedauern ist es, daß unter der Regierung Ludwigs keine Sorge dafür getragen wor, daß die kirchlichen Verhältnisse im Einverständnisse mit dem apostolischen Stuhle Institute. Unsere Gegend ist sehr schön und gut cultivirt. Obst mehr,! geordnet, und daß Bischofssitze errichtet wurden. Als daher 1813 die als in den besten Gegenden Deutschlands; aber kein Wein. In 3 Coun-! französische Macht gebrochen, und daö HauS Oranien - Nassau auf den kieö stehen die Deutichen unter unserer Seelsorge — Westmoreland, In-! niederländischen Thron erhoben wurde, schwebten die Katholiken in Gefahr, riana, Cambria; auch Gränzbezirle anderer. DaS sind in Kürze unsere nur als eine geduldete ReligionSpartei in daS Verhältniß alter Abhängig- Verhältnisse. Die Protestanten ehren uns, manche schmähen u»S auch, keil zurückversetzt zu werden. aber Niemand hindert oder beschädiget unS. Kommen Sie bald, dann Man betrachtete protestantischer SeitS Belgien als eine gute Beute, schen Sie'S besser. Gute Gedanken schnell ausgeführt! Doch wie Gott will! als ein Land, LaS durch seine Vereinigung mit Holland protestantisirt werden sollte, und dachte nicht im Entferntesten daran, daß auS einer Verbindung mit einem ganz katholischen Lande auch den holländischen Katholiken eine Kräftigung und Erleichterung ihrer Lage erwachsen müsse. Aber ^die Katholiken in Holland begriffen nicht ihre Stellung. Statt den Belgiern die Hand zu reichen, und, mit ihnen verbunden zu einer Seelenzahl gon 5 Millionen erwachsen, sich ohne Revolution im Staate eine freie, ehrenvolle Stellung zu erringen, verharrten sie in ihrer Apathie. Belgien .dagegen ging, waS freilich bei einer solchen Behandlung durch Holland Wie groß noch nach der Mitte des vorigen Jahrhunderts die Zahl > selbst wohl zu erklären ist, den Weg der Revolution. Durch die Tren- Beruf fordert Aufopferung, und diese ist Liebe! Ihr F. Bonifaz Wimmer. Die Stellung der Katholiken in Holland. (Schluß.) der Katholiken in den Niederlanden war, läßt sich nicht genau angeben, da die Zählungen der Bevölkerung damals überhaupt noch so unvollkommen waren, und außerdem mit großer Parteilichkeit geschahen. Gewöhnlich gibt man ein Fünftel der Gesammtbevölkerung als katholisch an; vielleicht mag ihre Zahl doch wohl nahezu ein Viertel betragen haben. Auf nung BelgienS sind die Katholiken in Holland wieder auf sich selbst angewiesen, und dem Drucke einer protestantischen Ueberzahl preisgegeben. Zwar hat man ihnen seit dem Jahre 1830 nach und nach einige Brocken hingeworfen. Man bat in Nordbrabant einigen Klöstern die Aufnahme von Novizen gestattet, während in den übrigen Provinzen keine Klöster geduldet jeden Fall aber hatte durch einen anderthalbhundert Jahre lang sortgesetz-! werden. Man hat in Nordbrabant und Limburg apostolische Vicare teil Druck die katholische Bevölkerung beständig abgenommen, und ohne ^ ernannt, während in allen Hauptprovinzen kein Bischof und kein apostoli« eine besondere Hilfe der göttlichen Vorsehung mußte ein allmäligeS Erlv-j scher Vicar fungiren kann. Man gestattet ihnen, ihre Kirchen auszubauen, 203 und zwingt sie nicht mehr, ihre Versammlungsorte! zu verstecken. Aber, das Alles macht wenig aus, so lange das Wesentlichste fehlt. Holland ^ muß Bischöfe haben. Ohne Bischöfe gedeiht kein kräftiges, den Verhältnissen der Zeit gewachsenes Priesterthum; ohne Bischöfe ist rie Kirche voift Holland verwaiset, sie ist nicht eingewurzelt in den vaterländischen Boden. Die Kirche muß in Holland die Schulen wieder haben. Einige Knaben seminare und Seminaranstalten reichen nicht hin, den Betüisnifsen und Rechten der Kirche zu genüge». Die Niederlande besitzen 3 Universitäten; Wenigstens Eine muß katholisch werden. Die öffentliche» Gymnasien und Athenäen sind alle protestantisch, und werden doch vom Gelde dcS CtaatcS, also auch großen Theiles von dem Gelde der Katholiken unterhalten, das muß aufhören; 2 Fünftel der öffentlichen Anstalten müssen einen katholischen Charakter bekommen. Die Volksschule ist der Kirche entrissen, und ist wesentlich in den Händen der Protestanten. Wenn man sagt, die Schulen in Holland sind überhaupt nicht konfessionell, es wird auf das religiöse Bekenntniß des LehrerS gar keine Rücksicht genommen, so ist damit das, waS wir sagen wollten, nur bestätigt. WaS keine konfessionelle Farbe hat, ist eben dadurch schon der katholischen Kirche feindlich. Zudem hat man in Holland die Cvnfessionöschulen nur deßhalb aufgehoben, um die unabweisbaren Ansprüche der vielen ganz katholischen Gemeinden vereiteln zu können. Unter dem Vorwande, auf die Confesston dürft nicht gesehen werden, setzt man protestantische Lehrer in ganz katholische Gemeinden. Die Kirche muß ferner das freie AffociationS- und CorporationSrechl haben. Mit der vom Staate gegebenen Erlaubniß, in einigen Klöstern Novizen aufnehmen zu können, ist der Kirche wenig geholfen. Dann muß ferner die gränzenlose Parteilichkeit bei der Anstellung der Beamten aufhören. Die holländischen Zeitungen haben im vorigen Jahre die Listen aller niederländischen Beamten, hoher und niederer, mitgetheilt, und die Welt hat gestaunt. Ein solches Mißverhältniß ist mehr als Ungerechtigkeit; es ist eine wahre Verhöhnung, und die Katholiken in Holland müßten wahrlich keine Manneskraft und kein Ehrgefühl besitzen, wenn sie länger mit einer solchen Stellung sich begnügen wollten. Seit den Jahren 1806—10 gewahrte man, wie bemerkt, ein all- mäligeS Steigen der katholischen Bevölkerung, daS immer sichtbarer zunahm und bis auf den heutigen Tag beständig fortdauert. Dadurch ist das außerordentliche Mißverhältniß, welches 1750 — 80 zwischen beiden RcligioiiSparteicn stattfand, so ziemlich wieder ausgeglichen, und es läßt sich der Zeitpunct voraussehen, wo völlige Gleichheit eintreten wird. Man hat im AuSIande, wo man gewohnt war, die ganze Masse der Bevölkerung für protestantisch zu halten, gestaunt, als die ersten Zähluugen der einzelnen Provinzen veröffentlicht wurden. Nordbrabant und Limburg, die beiden südlichsten Provinzen, sind vorherrschend katholisch. -Die Protestanten machen in der einen den achten oder neunten, in der andern etwa den zwanzigsten Theil der Bevölkerung auS. In den mittleren Provinzen übersteigt die Zahl der Katholiken ein Drittel der Gesammibevötkerung und beträgt in Geltcrland und Utrecht zwei Fünstheile. Selbst in dem Herzen deö niederländischen Königreiches, in Nord- und Südholland, ist ein großer Theil der Stammbevölkerung katholisch und beläuft sich aus 300,000 Seelen. Rund um Leyden und um den Haag gibt es große Dorfsckasten, in denen nur vereinzelte Protestanten wohnen. In der Provinz Zeeland ist die Intoleranz und der Druck gegen die Katholiken wohl stäiker als irgend wo getrieben worden, und man hat sich alle erdenkliche Mühe gegeben, daö Auskommen von Gemeinden zu verhindern. Dennoch hat sich die Zahl der Katholiken vermehrt und ist durch die Verbindung mit Distrikten aus der flantern'schen Seite zu -40—50 000 Seelen gestiegen, so daß die Provinz heut zu Tage beinahe zum dritten Theile katholisch ist. Die drei nördlichsten Provinzen sind sehr überwiegend protestantisch und sichern dem Protestantismus noch für eine Zeit lang in den Niederlanden ein Uebergewicht. Dennoch kann man eigentlich nur die unbedeutende Provinz Drcnthe (67,000 Einwohner, darunter 5—6000 Katholiken) als protestantisch bezeichnen, während in Vricsland und Groningen die Anzahl der katholischen Gemeinden sehr bedeutend ist. Im Ganzen rechnet man jetzt in dem Königreiche der Niederlande über 1,200,000 Katholiken Wollte man Luremburg, welches freilich keinen Bestandtheil deS Königreiches ausmacht, hinzurechnen, so würde sich eine Zahl von 1,400,000 Katholiken ergeben. Daß bei einem solchen AuSsaugungssysteme die Katholiken noch nicht sammt und sonders an den Bettelstab gebracht sind, ist in dcr That zu verwundern. Andererseits aber flößt eS uns eine hohe Achtung vor der Gewissenhaftigkeit und GlaubenStreue der Katholiken ein, wenn wir sehen, daß sie so unerschütterlich an ihrer Religion festhalten, obwohl katholische Familien keine Hoffnung haben, daß ihre Söhne je zu einer StaatSanstel- lung gelangen. Die Katholiken haben aber recht daran gethan, daß sie sich endlich erhoben und ermannt haben. Sie haben gut gethan, daß sie den Druck, dem sie unterworfen sind, zur Kenntniß der civtlisirten Europa'S gebracht haben. Selbst in der Türkei besteht heut zu Tage nicht mehr ein solches System der Bedrückung gegen die Christen. Wenn auch nicht menschliches Gefühl, wenn auch nicht Christenthum und Toleranz die Regierung antreibt, von ihrem bisherigen Systeme abzulassen, so wird doch daS Schamgefühl sie zwingen, eine» andern Weg einzuschlagen. Mögen die Katholiken und ihre Vertreter in den Kammern ununterbrochen fortfahren mit ihre» Veröffentlichungen. Mögen sie ihren katholischen Brüdern im AuSlande die genauesten Details über die dortigen Zustände geben. Mögen sie aber auch von dem VcrcinSrechte, so sehr man eS ihnen auch verkümmern mag, den ausgedehntesten Gebrauch machen. Möge ein gemeinsamer Sinn sie alle durchkringen. Wo 1,200,000 Katholiken im vereinten Schrei deS Unwillens ihr gutes Recht fordern, wer wird eS wagen, eS ihnen noch lange zu verweigern? Vor Allem aber mögen sie sich enge zusammenschließen mit den Katholiken in Deutschland. In Deutschland wird der Kampf für die Freiheit der Kirche ausgefochten werden. Ein cngcr Anschluß an Deutschland wird den Katholiken in Holland eine große moralische Kraft verleihen, so wie die Trennung von Deutschland sie schwach gemacht, und sie der Knechtschaft überantwortet hat. Blumen au- den, Schriftgarten des heiligen Vernarbn-. (Fortsetzung.) 104. Himmelfahrt Christi. Da unser Herr JesuS Christus unS lchrcn wollte, wie wir in den Himmel auffahren sollen, lbat er selbst, waS er lehrte, und fuhr in den Himmel. Und weil er nicht auffahren konnte, wenn er nicht zuerst herab stieg: daö Herabsteigen aber oder das Auffahren die Einfachheit seiner Gottheit nicht gestattete, die nicht vermindert, nicht vermehrt oder verändert werden kann: nahm er in der Einigkeit seiner Person unsere Natur an, d. i., die menschliche, um hcrabzusteigcn und aufzufahren, und unS den Weg zu zeigen, auf dem auch wir auffahren sollten. Bleibend also-, waS er seiner Natur nach war, stieg er herab und fuhr hinauf wegen unS, indem er in unserer Natur „mächtig fortwirkte von einem Ende zum andern, und alles lieblich anordnete." Er stieg so weit herab, daß es sich nicht weiter herabznstcigcn geziemte, er fuhr so hoch auf, daß er nicht mehr höher konnte, und sein Herabsteigen bewirkte er mächtig, weil er die „Kraft" war: sein Hinauffahren ordnete er lieblich an, weil er die „Weisheit" war. ES gibt aber Stufen im Herabsteigen und Stufen im Auffahren. Im Herabsteigen ist die erste Stufe vom hohen Himmel bis zum Fleische, die zweite bis zum Kreuze, die dritte bis zum Tode. Siehe, wie tief er hinabstieg! Wir haben jetzt daS Herabsteigen gesehen, wollen wir auch daS Auffahren betrachten! Die erste Stufe desselben ist die Herrlichkeit der Auferstehung, die zweite die Gewalt deS RichteramteS, die dritte das Sitzen zur Rechten des Vaters. Vom Tode verdiente er die Auferstehung, vom Kreuze die Macht deS Richters, damit, weil er zu jenem ungerecht vcrurtheilt worden war, er von diesem daS gerechte Strafamt erhielte. Die Knechtsgestalt aber, d. t., daö Fleisch, in dem er gelitten hat, weckte er auf und erhob eS über alle Himmel, über alle Chöre dcr Engel bis zur Rechten des Vaters. WaS ist lieblicher, als diese Anordnung, wo der Tod verschlungen wird im Siege? wo die Schmach des Kreuzes verwandelt wird in Ruhm, wo sogar die Niedrigkeit dcS Fleisches von dieser Welt hinübcrgehl zum Vater. Nichts Höheres und Ehrenvolleres kann ausgesprochen oder auSgedacht werden, als diese Auffahrt. So ist der Herr durch daS Geheimniß seiner Menschwerdung herab und hinauf gestiegen, und hat unS ein Beispiel hinter lassen, damit wir seinen Fuß stapfen nachfolgen. Steigen wir herab auf den Weg der Demuth, und eS werde unS die erste Stufe zu derselben gelegt, d. i., dcr erste Schritt dazu: nicht herrschen wollen; der zweite: unterworfen seyn wollen; der dritte: in der Unterwerfung selbst alle zugefügten Unbilden gleichmüthig erdulden. Der Satan und der Mensch wollten beide verkehrt aufwärts steigen: dieser zur Erkenntniß, jener zur Macht, beide zum Stolze. Nicht so sollen wir auffahren wollen. Der erste Schritt beim Aufsteigen ist die Schuld losigkeit der Handlung, der zweite die Reinigkeit deS Herzens, der dritte die Frucht der Erbauung. Dieselben Stufen finden wir auf wundersame Weise in den obern Graden deS HerabstcigenS. Dort nämlich war der dritte Grad die Ertragung der Unbilden. Sie ist eS, welche den Lohn dieser Aufsteigung prüft, nämlich die Unschuld der Handlung. Dort war der zweite Grad die Geduld der Unterwerfung, und sie bewirkt die Reinigkeit deS Herzens, welche ist die zweite Stufe in der Auffahrt. Dazu haben wir als Lehrer die Vorgesetzten, damit wir daS Herz reinigen. Dort ist endlich der dritte Grad die Verachtung der Herrschaft, hier ist er die dritte Stufe die Frucht der Erbauung. Wer aber kein Verlangen zu herrschen hat, der steht mit Frucht den übrjgen zu Belehrenden vor. Wir behaupten, eS gebe vier Stufen der Himmelfahrt. Die erste geht zum Herzen, die zweite ist im Herzen, die dritte geht vom Herzen und die vierte über das Herz hinaus. Auf der ersten wird der Herr gefürchtet, auf der zweiten als Rath geber gehört, auf der dritten als Bräutigam verlangt, auf der vierten als Gott geschaut. 105. Himmelfahrt Maria. Die Menschen bewundern Maria, daß sie von der Erde zum Himmel aufgenommen wurde. Sie sollen vielmehr den armen Christus bewundern, dir aus der Fülle der himmlischen Herrlichkeit Herabstieg. Denn cS scheint eine weit größere Bewunderung zu verdienen, daß der Sohn Gott unter die Engel erniedrigt wurde, als daß die Mutter Gottes über die Engel erhöht wurde. 106. Hingabe an Gott. Lerne, o Christ, von CristuS, wie du Christen lieben sollst. Lerne lieben süß, lieben klug, lieben tapfer. Süß, damit wir nicht verlockt, klug, damit wir nicht getäuscht, tapfer, damit wir nicht unterjocht und von der Liebe des Herrn abwendig gemacht werken. Damit du von der Eitelkeit der Welt oder von den Lüsten deS Fleisches nicht verführt werdest, sey dir vor diesen süß die Weisheit Christi. Damit du nicht vom Wege abkommst durch den Geist der Lüge und deS Irrthums, leuchte dir die Wahrheit Christi. Und damit du durch Widerwärtigkeiten nicht ermüdet werdest, stärke dich die „Kraft GotteS," Christus. Deinen Eifer entzünde die Liebe, unterweise die Wissenschaft, stärke die Standhästig keit. Er sey feurig, er sey umsichtig, er sey unbesiegt. Er habe keine Laut gleit, er wisse zu unterscheiden, er kenne keine Furcht. Angenehm und süß sey deiner Zuneigung der Herr Jesus gegen die bösartigen jüßcn Reize des fleischlichen Lebens, und eine Süßigkeit überwinde die ankere, wie ein Nagel den andern treibt. Auch tapfer und standhaft sey deine Liebe, und sie weiche keiner Furcht, und unterliege keiner Anstrengung. Lasset unS also zärtlich, klug und stark lieben! Gott ist die Weisheit, und er will nicht nur zärtlich, sondern auch weise geliebt werden. Denn wenn du die Weisheit vernachlässigest, wird der Geist deS Irrthums gar leicht über deinen Eifer spalten können. Wahrhaft und eigentlich gehört allein der Seele jene Liebe zu, mit der sie etwas geistig liebt, z. B. Gott, Engel, Seelen; aber sie muß auch lieben die Gerechtigkeit, die Wahrheit, die Frömmigkeit, die Weis heit und andere Tugenden der Art. Denn wenn sie etwas nach dem Fleische liebt, oder vielmehr darnach verlangt, z. B. Speise, Kleidung, Herrschaft und anderlei fleischliche oder irdische Dinge, dann verdient sie mehr den Namen „Liebe des Fleisches," als der Seele. Der Beweggrund, Gott zu lieben, ist Gott, das Maaß, ihn zu lieben, ohne Maaß. AuS zweifacher Ursache, sage ich, muß Gott wegen seiner selbst geliebt werden, weil nichts billiger und nichts nützlicher ist, als ihn zu lieben. Denn viel hat er um unS verdient, ja er! hat sich unS ohne unsere Verdienste gegeben. Denn waS konnte er Besseres geben, als sich selbst? Wenn also gefragt wird um daS Verdienst GotteS, so ist eS ein vorzügliches, „weil er unS zuerst geliebt hat." Er verdient also unsere volle Gegenliebe, besonders wenn man bedenkt, wer unS geliebt, welche er geliebt hat, wie sehr er uns geliebt hat. Von einem Ungläubigen darf eS unS nicht so sehr wundern, wenn er Gott weniger liebt, den er auch weniger kennt. Doch auch ein solcher weiß, daß er sich demjenigen ganz schulde, den er als den Urheber seines ganzen DaseyuS erkennt. WaS soll also ich thun, der ich meinen Gott habe nicht nur als den unverdienten Geber meines Lebens, sondern überdieß auch als meinen reichsten Erlöser und ewigen Erhalter? ^ „Ich will dich lieben, Herr, meine Stärke, Herr, meine Veste, und meine Zuflucht, und mein Erretter, mein Gott, mein Helfer," und endlich mein Alles, waS nur immer wün schenSwerth und liebenswürdig ist, ich will dich lieben nach deiner Eingabe und nach meinem Maaße, daS zwar geringer ist, als cS^seyu sollte, aber doch unter meinem Können nicht zurückbleiben soll. Wenn ich auch dich nicht so viel lieben kann, als ich sollte, so kann ich doch nicht mehr dich lieben, als ich kann. Ich werde dich aber noch mehr lieben können, wenn du dich würdigest, mir mehr Können zu schenken, doch niemals werde ich dick, so lieben können, wie du eS verdienst. Nicht ohne Belohnung wird Gott geliebt, obschon er ohne Rücksicht auf Belohnung geliebt werden soll. Denn die wahre Liebe kann niemals leer seyn. Wahre Liebe ist mit sich selbst zufrieden, und sie hat als Belohnung daS. waS geliebt wird. Denn WaS du immer anders zu lieben scheinst, so liebst du gänzlich daS, wohin daS Ziel der Liebe dringt, nicht durch das es dringt. Wer nicht liebt, dem wird kein Lohn verheißen, dem Liebenden gebührt er, dem Ausharrenden wird er gegeben. Wenn wir Gott lieben, verlangt die Seele keine andere Belohnung außer Gott: wenn sie aber etwas anders verlangt, so ist eS gewiß, daß sie dieses Andere, nicht aber Gott liebt. Durch Schmeicheleien nicht abwendig gemacht, durch Täuschungen nicht verführt, und durch Unbilden nicht muthlos werden, das ist Lieben aus allen Kräften. Umschau. Unter den alten Griechen gab es nicht bloß große Künstler, sondern auch geschickte Wortverdreher oder Sophisten, die alles Unmögliche zu beweisen verstanden. So hat der Meister Chrysippos den Satz aufgestellt: Wenn du von einem Gegenstände redest, so geht dir dieser Gegenstand durch den Mund; wenn du also von einem Schubkarren redest, so geht dir der Schubkarre» durch den Mund." WaS kann klarer seyn? Man lernt daraus die Ursache, warum von denjenigen Dingen, von welchen am meisten gesprochen wird, oft am wenigsten g eschie ht. Sie sind eben durch den Mund gegangen. Und waS soll man, nach dieser Voraussetzung, von der deutschen Einheit halten? ES ist neuerdings von zwei großen Männern wieder geredet worden: Heinrich von Gagern, dem ehemaligen Präsidenten in der Paulskirche, und Professor GervinuS, dem ehemaligen Protektor der Deutschkatholiken. Sie feierten ihre Zusammenkunft am 5. d. in DeideSheim, um mit Ausschluß Oesterreichs den engern Bundcöstaat aufs neue zu besprechen. Sie verzehrten dabei zum Andenken Kaiser Carl's des Großen einen Kalbsbraten, weil dieser des großen Kaisers Lieblingsspeise war. Die böse Welt erzählt: der Braten sey sehr zähe und hart gewesen, und sie hätten ihn kaum hinunter gebracht; allein Gagern, der Mann deS kühnen Griffs, habe seinen Gast ermuntert zu einem küh, nen Schluck, und da sey eS mit Hilfe deS Deidesheimer Rebensaftes gelungen. In der That, da sie eben vom neuen Kaiser redeten, war eS wohl schwer, daß noch ein anderer Gegenstand durch den Mund gehen sollte. Glücklicher und glänzender ist beidcS: Essen und Reden, am 9. Dec. bei dem großen Bankett von Statten gegangen, welches in Paris durch Dupin, den Präsidenten der Nationalversammlung, dem Präsidenten der Republik zu Ehren veranstaltet wurde. Bei dem zweiten Feste, zum Jahrestage seiner Erwählung (10. Dec.) hielt der letztere eine gedrängte und gediegene Rede. Er sagte darin: daß der Sterbliche eine unwiderstehliche Kraft gewinnt, wenn er vor sich ein großes Ziel zu erreichen, und hinter sich eine große Sache zu vertheidigen sieht, nämlich daS Ziel der Befestigung der Religion, Moral und gesunden Politik, so wie die Sache der weisen und heiligen Freiheit, und des Wohlstandes der arbeitenden Classen. Die Rede fand den lebhaftesten Beifall. WaS würde jedoch unser Sophist ChrysippoS dazu sagen? „Wieder eine gute Sache und ein großes Ziel durch den Mund gegangen!" Inzwischen geht eS doch in Frankreich anders als in Deutschland. Dort ists mit dem bloßen Reden nicht abgethan; die Gerechtigkeit wird streng geübt. So ist daS revolutionäre Journal la keuplo („daS Volk") unterdrückt, fünf Redacteure desselben sind in Haft; zwei davon lebenslänglich; Einer von ihnen, Duchöne, war seit 8 Monaten in 12 Processen zusammen zu 29 Jahren Gefängniß und 59,400 Franken Geldbuße verur- theilt worden. In Deutschland wird die Gerechtigkeit mehr und mehr zum bloßen Geschreibe und Gerede. Der Sprachlehrer Grünhagen hatte zur Zeit deS Dresdner KampfeS geäußert: daS HauS Hohenzollern müsse zertrümmert werben, daS Reich Friedrich'S deS Großen werde durch seine elenden Nachfolger, von denen einer dümmer sey, als der andere, in ven Koth getreten. Die Frage an die Geschwornen: ob durch diese Worte die Ehrfurcht gegen daS jetzige Staatsoberhaupt verletzt sey? wurde verneint, und somit der Angeklagte freigesprochen. Das heißt doch wahrlich Kanüle schlucken! Aber ein Sprachlehrer muß eben viel reden, und Reden werden nicht als Thaten betrachtet. (Oest. V.-Fr.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Krem er. Vierteljähriger Abou- nementsprcis im Bereiche von ganz Bayern nur 20 kr., ohne irgend einen weiteren Post-Aufschlag. Auch von Nicht-Abonnenten der Postzeitung werden Bestellungen angenommen. onntags-Aeiblatt zur Augsburger Poftzeitung. Auch durch den Buchhandel können diese Blätter bezogen wer» den. Der Preis beträgt, wie bei dem Bezug durch die Post, jährlich 1 st. 20 kr. Neunter Jahrgang. M 32. A2D. December ^ Wer ist mein Nächster? Eine dürftige und hochbejahrte Wittwe, Namens Lctellier, hatte nach dem Tode ihres ManncS, eiiuS Arbeiters zu Dreur*), in einen Winkel der Bretagne, ihren Geburtsort, sich zurückgezogen. Hier harrte sie mit großer Sehnsucht dem Besuche ihres Enkels entgegen, der in der Linie diente, als des Einzigen, der von ihrer Familie übrig geblieben war, als sie im Juni d. I. ein Schreiben erhielt, worin er ihr meldete, Laß er zu Versailles, wo sein Regiment in Garnison lag, im Spital sich befinde. Sie wartete eine Woche um die andere; nachdem aber zwei Monate verflossen waren, binnen welchen von dem jungen Soldaten keine weitere Nachricht zu ihr gelangte, entschloß sich die arme, 82jährige Frau die Wanderung nach Versailles zu unternehmen, und so einen Weg zurückzulegen, der mehr als hundert französische Meilen beträgt. Gegen Ende des August war sie bei frühem Morgen in dem Dorfe Marolles angelangt; sie halte nun schon vier Fünftheile deS Weges vollende!, aber ihr Reisegeld war bis auf zwei Sous herabgeschmolzen. Sie klopfte an die Pforte einer Herberge, um etwas Suppe zu bekommen; da aber der Preis derselben, um den sie vorsichtig sich erkundigte, ihre ll.btttel überstieg, so war sie weise genug, „sich in die anerkannten Verhältnisse zu fügen;" sie blieb draußen auf einem Steine sitzen, und stillte ihren Hunger an einem Stück- lein trockenen Brodes. In diesem Augenblicke kam cer Steuer-Einnehmer deS Ortes vorüber; der Anblick des aiinen Mütterchens erweckle seDe Theilnahme, und nachdem sie auf seine Fragen Auskunft gegeben, nahm er sie mit in die Wohnung, ließ ihr eine Tafle Milchkaffe reichen, und schenkte ihr zwei Franken als Reisegeld. Einige Tage nachher, auf ihrer Rückkehr von Versailles, stellte sie dem Einnehmer wieder sich vor, um ihm zu danken, und Abschied zu nehmen; sie war sehr betrübt, denn sie halte ihren Enkel nimmer im Leben gefunden. Der edle Mann ward von herzlichem Mitleid bewegt; er trug der greisen Pilgern, an, einen Tag in seinem Hause auszuruhen, und als sie daselbst plötzlich unwohl sich fühlte, behielt und Pflegte er sie bis zu ihrer Wiederherstellung; worauf er ihr eine Summe von 40 Franken mit auf den Weg gab, die er in der Gemeinde für sie gesammelt. Kaum war die greise Frau in Drcur angelangt, als sie schon zu einem Notar sich begab, zu dem sie sprach: Ich besitze ein kleines HauS, und außerdem eine auf Grund und Boden versicherte JkihrcSrente von 00 Franken; da ich alle meine Anverwandten verloren habe, so wünsche ich, daß mein kleines Vermögen rißch meinem Tode dem Herrn B. Einnehmer zu MarolleS, anheimfalle. Wenige Minuten darauf war dieser letztere zum rechtmäßigen Erben der alten Mutter Letellier eingesetzt, die, nachdem sie dieses Zeugniß ihrer Dankbarkeit sicher gestellt, ohne Verzug auf den Heimweg sich begab. Wie jener Wohlthäter, den sie früher nie gekannt, sich ihr als Nächster bewährte, so wollte auch sie jetzt an ihm wie seine Nächste und Blutsverwandte handeln. (Oest. V -Fr.) Schreiben des Missionars Maximilian Gärtner in Nordamerika. Sac-Prairie, 25. Sept. DaS verehrte Schreiben vom 2. April lief eben ein, als am 11. Mai die Post unsern Brief bereits versendet hatte; wir verschoben die Antwort, weil unser hochwürdigster Herr Bischof Henny bereits Anzeige von seiner glücklichen Landung in New-Dort und baldigen Heimkehr gemacht hatte, in Hoffnung nähere Auskünfte über die dortige Heimat zu erhalten. Am Vorabende deS heiligen PfingstsefteS *) Wird gesprochen: Drö. (26. Mai) bewillkommte man den allvcrchrtcii Oberhirten wieder feierlich m seinem Sitze, und die folgende Woche schaarte sich schon derDiöcesan- Kleruö, so viel Ihunlich war, um ihn. Ausweichen, Wolljacke — gleich dem Lorv-Mayor in London — sitzend kam auch ich am Herz-Je,»feste in Milwaukie an, eilte zur neuen schönen Marien-Kirche der Deuische», hielt auf Einladung des Herrn Pfarrers Heiß das Hochamt i'.ü.i roelitu, und wohnte hierauf einer Versammlung der Katholiken bei, in welcher der Neubau einer zweiten deutschen Kirche — näher den, Hafen der Stadt — beschlossen wurde. Die nöthigen Mittel hiezu verschaffte eine Collecle unter Leitung deS hochwürdigcn Herrn Dr. Salzniann (auS Linz), dessen geistlicher Obsorge die neue Kirche untergestellt werde» soll. Der hochwürtigste Bischof erfreute mich deö andern Morgens mit vielen Beweisen seiner Gewogenheit, vorzüglich aber duich Bebändigung der vom Hvchwürvigeii Herrn CanvuikuS Tuilie in Bliren ihm für unsere Mission zugewiesenen reichen Spende von 600 fl. R. W., wofür wir unsern schuldigen Dank schon längst abgestattet haben am Altare Desjenigen, der derlei in seinem Namen und zu seiner Ehre gebrachte Opfergabe» hundertfältig zu vergelten weiß. Da die heurige Ernte nur zu den mittelmäßigen gehört, Hilfen-- früchte und Kartoffeln aber auS Mangel an Regen und in Felge eines am letzten Juli eingefallenen starken Frostes gänzlich mißrathen sind, begreift es sich leicht, wie jehr erwünscht ,,»S diese auswärtige Hilse gekommen ist, zumal von den hiesigen Gemeinden noch immer kein namhafter Beitrag beanspruch, werden kann. Die auswärtigen Stationen thun zwar ihr Möglichstes; allein die Reisekosten zehren jedesmal die Hälfte der von ihnen gespendeten Gaben auf. Aneikaunte Thatsache ist cö, daß kaum einer der hiesigen Diöcesan-Priefter so mühsame geistliche Dienste zu leisten hat, als bisher uns zu Theil geworden sind, und Laß wir also der Sache deS Herrn wohl nicht aus zeitlichem Jnter.esse diene». Nun zum rückständigen Missionöberichte! Während Mitbruder Ädalbert in den drei Biltlagen im hiesigen Seeftorgöbezllke die vorgeschriebenen Andachten hielt, rüstete ich mich zum Aueinarlche nach Madison, und kam am 15. Mai nach Jcffer- son, wo dießmal eine unverhoffte Freute meiner wartete. Eine deutsche Ealviiilstin hatte mir nämlich ihren entschiedenen Willen eröffnet, daS katholische Glaubensbekenntniß anzunehmen und öffentlich abzulegen. Die Gründe ihres Verlangens lagen, wft ich mich nach einer genauen mit ihr vorgenommenen Prüfung überzeugte, in offenbarer Gnade von oben, in aufmerksamer Anhörung meiner früher hier gehaltenen Predigten, im herzlichen Gebete, besonders zur Mutter des Herrn, in ernster Erwägung der Todes stunde, und in dem sehnlichen Wunsche ihre vorausgegangenen zwei Kinder dorr jenseits wieder zu finden. Nach ihrer Aussage trug hiezu eine Erscheinung, die sie nicht im Traume, sondern im ganz wachen Zustande gehabt haben wollte, vaS Meiste bei. Nachdem nämlich ihr erstes von mir katholisch getauftes Kind bereits vor einem Jahre gestorben, und sie mit dem zweiten der Entbindung nahe war, erschienen ihr vor ihrem Bette zwei Lichter, die nach kurzem hellen Glänze wieder verschwanden. Sie deutete dieß Phänomen alsogleich dahin, daß auch VaS zweite Kind ihr durch veu Tod würde entrissen werden. Und so geschah eö auch. Kaum hatte die ältere Schwester, eine erpichte Protestantin, das Kind in daS Bettchen gewickelt, mit der Versicherung, daß eS ganz wohl sey, erblickte die erschrockene Mutter in dessen Gestchtchen schon die Todtenbläffe, rief eiligst den Schwager, ihm die Nolhtaufe zu geben, und so wie eS diese empfangen, verschied eS. Den Schmerz der Mutter überwand der Trost, dort oben nun zwei Engel zu haben, die für sie beten würden. Natürlich knüpfte sich an dieses sonderbare Ereignis) das Verlangen nach gründlicherer Belehrung in der katholischen Religion, die ich ihr auch während meines Aufenthaltes zu ertheilen nicht unterließ. Am nächstfolgenden Sonntage sollte dir Ablegung deö Glaubensbekenntnisses feierlich » -'c > Ik >».. > 1 r lt 20b vorgenommen werden. Herzliche Theilnahme des katholischen Theiles der Bevölkerung, und begreifliche Neugier deS protestantischen hatten das möglichst gezierte Kirchlcin voll angeyn werben?! Verbannt von, Vcitcrlande deS Paradieses, werben sie gepeinigel werben in der ewigen Holle, werden niemals ein Licht sehen, niemals eine Erquickung erlangen/sondern Tausend der Tausende werden sie in der Hölle gepeiniget, niemals daraus befreit, wo der Peiniger nicht ermüdet, der Leidende nicht stirbt. Schreckliche Strafe der Hölle, wo die äußerste Finsterniß, wo kein Gcständniß, woraus für Niemand ein AuSgang ist! Wenn dich die Liebe Gottes vorn Bösen mcht abhalten kann, so schrecken dich wenigstens davon ab der Schrecken des Gerichtes, die Furcht vor der Hölle, die Stricke deS TvdeS, die Schmerzen des Feuers, der nagende Wurm, der stinkende Schwefel, die höllische Flamme und alle Uebel. O wie schlecht sind alle Schlechten gebettet! Sie sehen, um beschämt zu werden, und leben nicht, um nicht getröstet zu werden. Von wem werden sie gesehen? Von jedem Sehenden, so, daß nach der Menge der Schauenden ihre Beschämung groß ist. Und kein Auge von einer so großen Zahl der Sehenden ist ihnen lästiger, als das ihrige selbst. Sie haben nicht den Anblick- des Himmels und der Erde, den ihr finsteres Gewissen mehr fliehen will, als kann. Ich fürchte den nagenden Wurm und den lebendigen Tod. Ich fürchte, dem lebenden Tode und dem sterbenden Leben in die Hände zu fallen. Dieß ist der zweite Tob, welcher nie auf hört, sondern immer mordet. Jene Peinen und Qualen endiget kein Zeitraum, kann kein Geist hinlänglich begreifen. Wer dieß Alles, meine Brü- der, fürchtet, der hütet sich: wer cS vcrnachläßigct, der stürzt hinein. Die «HristlicHen Sehnlbrüder. DaS so allgemein gewordene Verlangen nach der Unentgelblichkeit deS Unterrichtes kann am besten befriediget werden durch die Einführung der Brüder der christlichen Schulen — gewöhnlich Schulbrüter gcnannt. Dieses Institut wurde von dem ehrwürdigen Johann Baptist Dr. von Salle, CanonicuS zu Rheimü, im Jahre 1680 gegründet, Ludwig XV. genehmigte es und durch die Bulle vom 26. Jän. 1725 wurde cS auch vom Papste gutgeheißen. AIS im Jahre 1792 alle , geistlichen Körperschaften in Frankreich unterdrückt wurden, durfte auch dieses Institut nicht mehr bestehen; allein seit 1804 kam cö wieder zum Vorschein und wurde sogar durch den Artikel 9 des Gesetzes vorn 17. März 1809 über die Organisation der Universität gesetzlich von der kaiserlichen Regierung anerkannt, von welcher Zeit an sich die christlichen Schulbrüder nicht bloß über ganz Frankreich, sondern auch über ganz Belgien und über einen großen Theil von Italien, ja selbst Amerika ausbreiteten. Ihre Aufgabe ist, die Jugend und vorzugsweise die Kinder der Armen und Handwerker unent gelblich christlich und bürgerlich zu erziehen; mit der Bedingung, daß ihnen von den Städten und Vereinen, die sie berufen, die zur Wohnung und zu den Schulen nothwendigen Räumlichkeiten gegeben nnd die zu ihrem Unterhalt erforderlichen, festbestimmten Geldbeträge gezahlt werden. Wie würde daher durch die Einführung der christlichen Schulbrüder in Wahrheit jenes allgemeine Verlangen nach der Unentgelblichkeit deS Unterrichtes realisirt werden! Und was das wichtigste ist, wie würde dadurch eine wahrhaft christliche Erziehung der Jugend wieder herbeigeführt und somit der Wahre Grund zur Verbesserung der socialen Zustände gelegt werden? In Koblenz fängt sich durch die unermüdliche Thätigkeit der beiden dortigen Pfarrer schon an ein Verein zur Berufung der christlichen Schulbrüder zu bilden. An Thcilnehmern wirb eS gewiß nicht fehlen; und wenn gleich eine Hauptschwicrigkeit in der Herbeischaffung der erforderliche« Mittel wegen der vielen anderweitigen Ansprüche, welche die herrschende Noth an die Vermögenderen stellt, bestehen wird, so ist nur zu bedenken, daß daS schnellste Mittel, der Noth abzuhelfen, nur in einer wahrhaft christlichen Erziehung gefunden werden kann, und auch diese Schwierigkeit wird'dann überwunden werden. Diaconissen und barmherzige Schwester». Von der Wupper, 6. Dec. Die asiatische GotteSgeißel, welche auch die protestantische Metropole deS Wupperthales nicht geschont, vielmehr eben so stark, als andere rheinische Städte heimgesucht hat, ist selbst von wohlthätigem Einflüsse auf die Werkthatigkeit der Protestanten gewesen; ist doch das Princip der „sols sielos" zu strohern und zu dürr, alö daß es in Menschenherzen, die nicht ganz von Gott verlassen nnd dem finstern Geiste verfallen sind, folgerechte Früchte bringen könnte. Der Versuch, nach dem Beispiele unserer barmherzigen Schwestern ebenfalls Schwestern der christlichen Liebe (also nicht der solo lickes) unter dem Namen „Diaconissen" heranzubilden, zeugt davon, daß man auf die Folgerichtigkeit der urprote- ftantischen Principien im Leben verzichten will und — muß. Diese Diaconissen sind hier wä rend der Herrschaft der asiatischen Seuche sehr thätig gewesen. Bei der Heftigkeit und schnellen Entwickelung der Krankheit war das Bedürfniß augenblicklicher unv rascher Hilfe sehr groß und daher die Anwesenheit dieser Krankenwärterinnen gewiß äußerst willkommen. Auch hat man über ihre Dienstferligkeit und Sorgfalt sich allmärtS rühmend ausgesprochen. Aber dennoch mußte der Unterschied zwischen diesen Kranken- wärlerinnen und zwischen den Ordensschwestern der katholischen Kirche jedem Kenner beider Institute gleich in die Augen springen. Die ersteren waren und sind nichts mehr unv nichts weniger als höchstens gute Krankenpflegerinnen, wie sie auch anderwärts, wo die barmherzigen Schwestern in katholischen Orten nicht ausreichten, genugsam unter der verdienstsuchcnden Bevöckerung sich fanden; solche Kran ken Wärterinnen konnte man z. L. auch in Eiberfeld (unter Katholiken und Protestanten), in Düsseldorf und Köln für Geld finden. Aber der den katholischen Instituten innewohnende OrdenSgeift, der Geist jener aufopfernden Demuth unv Selbstverläugnung, welcher der Welt durchaus abgestorben nur der hingebenden Liebe in Christo lebt, gibt den Dienstleistungen der Ordensschwestern einen himmlischen Anhauch, einen gehcimnißvollcn göttlichen Segen, den weder gesalbte Bibekerte noch auch gewanele Dienstleistungen ersetzen können. Der katholischen Gemeinde hat eS deßhalb eine große Entbehrung seyn müssen, daß sie hier weder ein eigenes Krankenhaus noch auch geistliche Krankenschwestern zur Verfügung haue, sondern auf die gewöhnlichen Hilfsleistungen beschränkt war, an denen eS die bürgerliche Verwaltung, so weit eS in ihren Kräften und in ihrer Einsicht lag, nicht fehlen ließ. Auch geschah von Seiten der Begüterten viel, um den armen Kranken in dieser rapiden Noth zu helfen. So hatte ein FabrikhauS auf eigene Kosten einen Arzt weither kommen lassen, um dessen mit dieser Krankheit vertrauten Obsorge die eigenen (sehr zahlreichen) Arbeiter zu überweisen. Wenn daher der oben ausgesprochene Vergleich zwischen den Krankenpflegerinnen deS Protestantismus unv den barmherzigen Schwestern der Kirche nicht zum Vortheil der erstem auSschlug, so soll damit den deßfallstgcn Leistungen der Protestanten kein Vorwurf, sondern im allgemeinen darauf aufmerksam gemacht werden, daß die'eigentliche christliche Krankenpflege nur eine vollkommene seyn könne, wenn der aufopfernde Geist der Demuth, welcher in der Religion Jesu uranfänglich lag und liegt und in ken geistlichen Orden fort und fort rein sich darstellt, sie begleitet und durchführt; und daß jene, welche die Diaconissen, welche sich als gute Krankenwärtcrinnen (abgesehen von den oft nicht verhehlten Pietistischen Unnatürlichkeiten) im Aufwarten der Kranken gezeigt, den katholischen Ordensschwestern gleichstellen möchten, letztere gar nicht gekannt haben müssen. Man braucht nur Solche, welche die barmherzigen Schwestern in Berlin beobachtet, zu fragen, und man wird finden, daß selbst Protestanten dort den himmelschreienden Unterschied kennen und zugeben. Um so mehr fühlen wir aber auch hier das Bedürfniß, ein solches Institut für unser Wupperthal, daS doch an 15,000 Katholiken zählt, zu erhalten; wie denn schon unter ähnlichen Verhältnissen in der meist von Protestanten bewohnten Stadt Hamm durch den rührigen katholischen Pfarrer Belmann daselbst ein solches Institut, ohne alle materielle Mittel, bloß im Vertrauen auf die Vorsehung, gegründet worden ist. Bereits regen sich auch hier unter dem Einfluß unserer Geistlichkeit die guten Katholiken, um zu ähnlichen Instituten die ersten Bausteine herbeizuschaffen; und Gott wird seinen Segen diesem frommen Beginnen gewiß nicht versagen, wie er denn auch die numerisch geringen geistlichen Kräfte (eS ist in Elberfeld ein Pfarrer mit drei Caplänen) in den Tagen der größten Noth, die besonders unter den in den ärmeren Classen zahlreichen Katholiken ihre raschen Opfer suchte, wunderbar gemehrt und gestärkt hat. (Kath.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. VerlagS-Jnhaberr F. C. Kremer. Eilfter Jahrgang. Sonntags⸗Beiblatt ​​zur Augsburger Poſtzeitung 5. Januar Nʳ· 1. 1851. Dieſes Blatt erſcheint regelmäßig alle Sonntage, Der halbjährige Abonnementspreis 40 fr., wofür es durch alle königl. bayer. Poſtämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Neujahrsgruß. Der erſte Gruß gebührt dem neuen Jahre, Das wieder Leid und Freuden mit ſich bringt; Ach gib in deinem Lauf das einzig Wahre, Wornach der Menſchengeiſt ſo kämpfend ringt! Das alte Jahr legt ernſt die Herrſchaft nieder, O neues, gib uns Ruh' und Frieden wieder! Tritt, Pilger, kühn mit heißem Sehnſuchtshoffen ​​In das bewegte, bunte Leben ein; Ein Feld des Wirkens liegt von Neuem offen, ​Der Glaube wird dein treuer Führer ſeyn Dich treiben vorwarts mächtig die Gewalten, Doch trau'! was bleibend iſt, wird Gott geſtalten. Die ernſten Looſe deines Daſeyns theilet Dort oben eine weiſe Vaterhand: Wohin auch deine Furcht und Hoffnung eilet, Die Zukunft haſt du doch noch nie gekannt! Was auch der ſchwache Menſch mag denken, träumen: ​​​Die Zukunft liegt enthüllt in Himmelsräumen. Drum wandre muthig fort an Gottes Stabe Und halt' an ſeinem heil'gen Willen feſt; Du weißt, gelangt zum dunkeln, ſtillen Grabe, Daß ja der Herr die Seinen nie verläßt. Sey fürder hart dein Kämpfen und dein Ringen, Mit Gott: und Gutes kann das Jahr nur bringen! Die katholiſche Miſſion in Centralafrika, unter Leitung des Generalvicars Dr. Ignaz Knoblecher. Die in Chartum für Centralafrika gegründete Miſſionsanſtalt hat eine Aufgabe, welche von der chriſtkatholiſchen Nächſtenliebe als eine der erhabenſten und dringendſten Pflichten erklärt wird, und von allen Katholiken die größte Theilnahme verdient; wir ſind daher überzeugt, daß unſere Leſer die Geſchichte dieſer Miſſion und 3 wuchs die Verlegenheit der Expedition von Tag zu Tag. Der P. Ryllo ernannte unter dieſen Umſtänden den Miſſionär Dr. Ignaz Knoblecher zum Generalvicar der ausgedehnten Miſſion, übergab ihm die Vollmachten, die er aus den Händen Seiner Heiligkeit empfangen, und befugte ihn, die Angelegenheiten des Vicariates nach ſeinem agenen Gutachten zu lenken und zu leiten. Die Gefahr, in der die Expedition, an welcher dieſer ſtets den wärmſten Antheil genommen, ſchwebte, bewog ihn, die ſchwere Laſt auf ſeine Schultern zu nehmen, in der Hoffnung, daß ihm Monſignor Caſolani, der ſelbſt bei der Expedition war, ſo lange mit Rath, und That beiſtehen würde, bis der heilige Stuhl zur Beſetzung der ſo viel als erledigten Stelle des apoſtoliſchen Vicars geſchritten wäre. Die Aufmerkſamkeit des Generalvicars ward nun darauf gewendet, wie er den von der Expedition gewichenen Muth wieder aufrichten würde. Die göttliche Vorſehung und die Sorgfalt des P. Ryllo half ihm ſein Vorhaben auszuführen. Jener hatte nämlich kurz vorher einen Kaufvertrag für ein Stück Gartenland, das mitten der Stadt am Nil gelegen war, geſchloſſen; dieſer ließ in dem baufälligen Gebäude Anſtalten treffen, um fo gut als möglich eine Capelle, Schule und einige Wohnfluben für die Miſſionäre einzurichten, und ſo ohne Weiters die Miſſion in Gang zu bringen. Mittlerweile ſuchte der Herr die Expedition auf eine ſehr empfindliche Weiſe heim; er entriß am 17. Juni 1848 die ſchöne Seele des nicht wieder erſetzlichen P. Ryllo aus ihrer Mitte. Ein Schlag, der, obſchon man darauf vorbereitet war, dennoch den tiefſten Schmerz verurſachte. Nachdem die irdiſchen Reſte dieſes theuren Erſtlingsopfers der Miſſion feierlich zur Erde beſtattet waren, brachte jeder Tag neue Beſchwerden. Der junge Chef lag in einem fernen Lande ohne Geld und ohne Creditbriefe an der Spitze einer Expedition, der er wenigſtens das Nothwendigſte für den täglichen Bedarf herbeiſchaffen ſollte. Auch aus dieſer Verlegenheit zog ihn die göttliche Vorſehung, da ſich Jemand herbeiließ, ihm zur Deckung des Erforderlichen für mehrere Monale eine Summe Geldes gegen einen Wechſel, der von der Propaganda aus bezahlt werden ſollte, vorzuſtrecken. Als endlich auch dieſe Angelegenheit beigelegt war, ſetzte ſich, als ob ſich alle Elemente gegen die junge Miſſion verſchworen hätten, von einer andern Seite ein Gewitter gegen dieſelbe in Anzug. Einige ihrer europäiſchen Feinde hetzten den harten Haled⸗Paſcha auf, daß er in ſeinem Fanatismus gegen dieſelbe ergrimmte und ſie zu zerreißen drohte. Dieſe erfreute ſich jedoch eines beſondern Schutzes von Oben, und überlebte trotz der ſchrecklichen Drohungen den Sturz des ägyptiſchen Machthabers in Sudan. Mittlerweile ſchickte der Generalvicar ſeine Miſſionsberichte nach Rom. Monſignor Caſolani trat ſelbſt die Rückreiſe an, und Angelo Vinco, einer der Miſſionäre, mußte ſich ſeines zerrütteten Geſundheitszuſtandes halber ebenfalls nach Europa begeben, wenn er anders dem fremden Klima nicht unterliegen wollte. Der Generalvicar blieb mit Emmanuele Pedamente, dem einzigen Miſſtonär in der Miſſion, und ſeine ganze Aufmerkſamkeit ward von nun an von der erſten, mit göttlichem Beiſtande gegründeten Station in Anſpruch genommen. Die proviſoriſche Capelle war bereits vor Pfingſten 1848 im Miſſionshauſe eröffnet, und mit einer Anzahl von kleinen Negern, die in das Haus aufgenommen worden ſind, die Pflanzſchule von künftigen Miſſionären gegründet, die den klimatiſchen Beſchwerden weniger ausgeſetzt ſind, als die Weißen. Dieſe kleinen Zöglinge werden nach Thunlichkeit in den Elementargegenſtänden unterrichtet, beſtanden nach wenigen Monaten die Prüfungen als Katechumenen, und ſind bereits ſeit dem Allerheiligenfeſte 1848 in den Schooß der katholiſchen Kirche aufgenommen worden. Dieſen kleinen Erſtlingen der neuen Gemeinde geſellten ſich andere bei, die Kleinen zogen auch Erwachſene an, und ſo vermehrte ſich die Anzahl der Auserwählten durch den Segen, den der Himmel der Miſſion angedeihen ließ. Das Kirchlein wird immer voller. Das unbefleckte Opfer des göttlichen Lammes wird täglich am Altare in jenem fernen Lande zur Sühnung der göttlichen Herrlichkeit gebracht, und heiße Gebete ſteigen aus der Bruſt der kleinen Schwarzen für die Bekehrung ungläubiger Brüder vor den Thron des Allerhöchſten 4 Der zerrüttete Zuſtand, in dem ſich Europa die letzten zwei Jahre befand; war Urſache, daß ſich die Miſſion von Inner⸗​Afrika einer gewünſchten Theilnahme von Seiten gläubiger Katholiken nicht erfreute, obſchon man ſich keineswegs beklagen konnte, daß man ihrer nicht da oder dort gedacht. Rom ſchickte ihm ſo haͤnge Unler—⸗ ſtützung, bis die Anarchie daſelbſt alle Feſſeln geſprengt hatte— drei Miſſionäre kamen 1849 im Frühjahre als eine kleine Verſtärkung in Chärtum an, ſie kamen aber als wahre Pilger, indem ſie für den Unterhalt der Miſſton nichts mitbrachten. Es ſchien alſo, daß man ſie dem harten Schickſal überlaſſen hätte; nur die Krainer gedach⸗ ten ihres Landsmannes im Junern von Afrika, und ſchickten ihm wenigſtens, ſo viel als nothwendig war, um ihm und ſeinen neuen Angehörigen das Leben zu friften Der Generalvicar ſah mit betrübtem Herzen der Zukunft entgegen: doch in der Hoffnung, daß der Herr die verhängnißvollen Tage abkürzen werde, lebte er für ſeine kleine Gemeinde, und bemühte ſich zu gleicher Zeit, von den unglücklichen Geſchöpfen, welche die geldgierigen Mäkler aus den entfernteſten Negerländern auf den Selaven—⸗ markt nach Chartum bringen, Erkundigungen über den Zuſtand, die Sitten, Spra⸗ chen, Fähigkeiten ꝛc. der zahlloſen Staͤmme ſeiner ausgedehnten Miſſion einzuziehen. Gegen die Mitte des Novembers 1849 vertraute er die Station in Chartum der Ob— ſorge zweier Miſſtonäre an, und trat mit zwei anderen eine Explorationsreiſe gegen das unbekannte Innere ſeiner Miſſton an, nachdem es ihm nicht wenige Mühe geko— ſtet hatte, die allſeitigen Hinderniſſe, die ihm von den egyptiſchen Machihabern in den Weg gelegt wurden, zu beſeitigen. Dieſe Erxpedition ſchlug ihren Weg auf dem mäch— tigen Bah'r el Abiad gegen die Urwaldungen ein, die die Scheidewand zwiſchen den ägyptiſchen Beſitzungen und den freien Negerſtämmen bilden, und die zugleich die Gränze des vorgedrungenen Islam und des Heidenthumes ſind. Sie uͤberſchritten dieſelbe binnen einiger Tage, und ſegelten den Strom hinan durch die unermeßliche Fläche des gausgedehnten Savannengebietes vorwärts— bis ſie gegen die Mitte des Mongtes Jänner d. J. bis zum Berge Logwek, der unter dem 40 9 N. Breite gele— gen, noch nie von einem Europäer betreten, gedrungen. Sie trafen auf dieſem unge— heuren Gebiete die zahlreichen Stämme der Schillukz, Dinka-, Nuér⸗, Kyk⸗, Helyab⸗, Bor⸗, Zhir⸗ und Bäry⸗Neger, die ſich in Reihenfolge in den Beſitz der Uferländer, die vom Weißen Strome beſpühlt werden, theilen. Dieſe Stämme haben mit gerin⸗ gen Ausnahmen feſte Wohnplätze, ſie leben unter ihren Ortshäuptern, die gewöhnlich den Stamm-Häuptlingen(Königen) untergeordnet ſind, und erfreuen ſich faſt durch— gehends einer im Ganzen genommen ſeht milden Regierung. Ihre Nahrung und Beſchäftigung beſchränkt ſich auf den Ackerbau, die Viehzucht, den Fiſchfang und die Jagd. Aus dem fruchtbaren Boden könnten ſie bei einer zweckgemäßen Beſtellung des Feldbaues Schätze gewinnen; das hohe Savannengras gibt ihnen fuͤr ihre Heerden Futter im Ueberfluſſe, indeſſen ihnen der Strom mit ſeinen Fiſchen, Krokodilen und Nilpferden, ſo wie die Waͤlder mit einem zahlreichen Wild, eine ſtaͤte Gelegenheit zum Fiſchfange und zur Jagd darbietet, deren Uebung ſte zum Theil in kriegeriſcher Stimmung erhält. Die Miſſionäre ſehen auf dieſer Reiſe ein unerſchöpfliches Feld für künftige Miſ— ſionen. Die aufgezählten Negerſtämme ſind durchgehends freie Neger, in geiſtlicher Beziehung verkrüppelte Söhne der Natur, die ſich ſelbſt überlaſſen, doch Dank der weiten Ferne, und den ſeltſamen Gegenden, die ſie bewohnen, manche natürliche Tugend anerkennen, die ſie ſonſt verloren hätten, wenn raffinirte Bildung ſchon zu ihnen gedrungen wäre. Wohl werden ſich aber auch der Verbreitung des Chriſtenthumes mächtige Hin— derniſſe entgegen ſtellen, da beſonders die klimatifchen Verhältniſſe der Art ſind, daß der Weiße in vielen Gegenden gar nicht, und in anderen nur mühſam ſein Leben erhalten kann. Doch vor dieſer Aufopferung läßt ſich der katholiſche Miſſtonär nicht abſchrecken; die Annalen der Verbreitung unſers heiligen Glaubens geben uns die hinlänglichſten Belege von dem Muthe, der Unerſchrockenheit und Ausdauer der Glau— bensboten. Dieſer troſtreiche Gedanke erfüllte auch den Generalvicar, als er von 5 ſeiner Reiſe in die erſte Statlon zurückgekehrt, dieſelbe dem Schutze Gottes und der Obſorge ſeiner Miſſionäre anvertraute, und im Monat Mai de i die ferne Reiſe nach Europä antrat, um bei unſern eifrigen Katholiken hilfreiche Theilnahme und thätige Mitwirkung in der Ausführung der von der göttlichen Barmherzigkeit gefaßten Rath— ſchlüſſe und ſeiner Beſtrebungen zum Wohle der vernachläſſigten Neger zu ſuchen. Um zu ſeinem Zwecke zu gelangen, braucht derſelbe fuͤr die Reiſen in den Nil⸗ regionen wenigſtens ein Paar eigene Miſſionsſchiffe, da die Miethe derſelben bei Er— öffnung der Miſſion den Miſſtonären zu hoch zu ſtehen kommen würde, und da dieſe ſonſt in eine zu ſehr abhängige Lage von geldgierigen Speculanten kommen würden, welches leider bis auf den heutigen Tag der Fall daſelbſt geweſen iſt. Um den Miſ— ſionären dauerhaften Erfolg zu ichern, und das Chriſtenthum ſelbſt in jenen Gegen— den zu verbreiten, wo es den Weißen nicht möglich wird, vorzudringen, iſt die oben— erwähnte Pflanzſchule von Eingebornen angelegt worden; die Miſſionäre haben ſich den kargen Biſſen, den ſie zur Friſtung des Lebens hatten, abgebrochen, um dieſelbe aufrecht zu erhalten. Unter den Zöglingen ſind bis jetzt nur ſehr wenige, die losge⸗ kauft wurden, und ihre Anzahl ſteht in keiner Proportion zur Ausdehnung der Miſſton, da dieſe einen Flächenraum einnimmt, der zweimal ſo groß iſt wie ganz Europa. Der Wunſch des Generalvicars iſt, dieſes Inſtitut zu vergrößern, nebſt der religiöſen Bildung den Zöglingen Unterricht im Landbau und in den, für die Geſit— tung unentbehrlichſten Handwerken zu ertheilen, und in Chartum ein Mädcheninſtitut von kleinen Negerinnen zu errichten, damit dieſe zu weiblichen Arbeiten und einem chriſtlichen Wandel geleitet würden. Wuͤrden mehrere Individuen von einem Stamme losgekauft, auf die gehörige Weiſe unterrichtet, ſo würden ſie unter Anleitung am zweckdienlichſten unter ihren Angehörigen in der Heimat wirken können. Chriſtenthum und Cultur würden Hand in Hand in die fernen Gegenden dringen, die Fintracht würde zwiſchen den Stäm— men zuwege gebracht, und der graäßlichſte Schandeck der Menſchheit, die Sclaverei der Neger, endlich zu Grade getragen. Dieß iſt die Aufgabe, die der Herr in ſeiner unendlichen Barmherzigkeit der Miſſton zur neuen Verherrlichung ſeiner Kirche und zum Heile der Neger beſchieden, als er Sr. Heiligkeit dem Papſte Gregor eingab, dieſelbe zu erxöffnen. Dieſes Be— wußtſeyn belebt die darin betheiligten Miſſtonäre, und feuert ſie zur Beharrlichkeit in ihrem Berufe an. Die aufkeimende Miſſton jenſeits der Wüſte hegt aber die ſichere Hoffnung, daß ihr die katholiſchen Herzen Deutſchlands ihre Theilnahme nicht verſagen, ſondern mildreich dieſelbe aufzubauen ſich beſtreben werden.“ Das erſte Kripplein. In manchen Gotteshäuſern und in manchen Häuſern der Menſchen, darin noch kindliche Herzen in gläubiger Liebe für den Gottmenſchen ſchlaägen, finden wir am heiligen Abend und ſofort im Verlaufe der heiligen Weihnachtszeit, in bald größerem, bald kleinerem Maaßſtabe, zierlich gebaute und feſtlich beleuchtete Nachbildungen des Stalles zu Bethlehem und ſeiner Umgebung in jener Nacht des Heiles, da der Sohn Gottes leibhaftig eintrat in die Reihen der Menſchenkinder, um für alle Generationen das belebende Glied des geiſtigtodten Geſchlechtes zu ſeyn. Allbekannt iſt es nun, daß der ſeraphiſche Heilige, Franciscus von Aſſiſi, als der Erfinder und erſte Erbauer dieſer nachgebildeten Geburtsſtätten Chriſti, kurz— hin„Krippen“ genaͤnnt, bezeichnet wird. Minder allgemein bekannt jedoch und fuͤr manchen der frommen Leſer dieſes Blattes nicht ohne Intereſſe dürfte der Vorgang bei der erſten Krippenandacht ſeyn. Dieſer Vorgang fey hier zur Erbauung erzählt, nach dem Berichte, den ein Biograph) des häligen Seraphicus davon gibt. Vogt: der heilige Franciseus von Aſſiſi. 6 FranciscuS wollte das Weihnachtsfest des Jahres 1223 auf eine eben so sinnige, als eigenthümliche Weise feiern und sich ganz in die Zeit und Umstände zurückversetzen, wo der Heiland geboren wurde. Er bat deßhalb den Papst um Erlaubniß, seinen Entschluß auszuführen, verließ zu Anfang des Monats December Rom, und begab sich nach Greccia, einem Orte im Thale von Rieti, nicht weit von dieser Stadt entfernt. Da wohnte ein angesehener Mann, Namens Johannes, von gutem Rufe und noch besserem Leben. Diesen ließ FranciscuS, der demselben seiner ausgezeichneten Eigenschaften wegen mit vorzüglicher Liebe zugethan war, fünfzehn Tage vor der Ge- burtsfcier des Herrn zu sich kommen und sprach zu ihm: Johannes, wenn du willst, daß wir bei Greccia Weihnachten halten, so rüste eilig Alles, wie ich eS dir sagen werde. Ich möchte nämlich das Gedächtniß des Jesukindes feiern, und die Noth seiner Kindestage, wie es zwischen dem Ochsen und Esel auf Heu hingelegt war*), wie mit meinen eigenen Augen sehen. Und nun bezeichnete FranciscuS die Anstalten, die Johannes treffen sollte. Dieser ordnete Alles dem Wunsche des Heiligen gemäß. Der Tag der Freude nahte heran. Aus vielen Orten wurden die Ordensbrüder des heiligen FranciscuS herbeigerufen. Männer und Weiber bereiteten mit jubelnder Seele Fackeln, um die Nacht zu erhellen, in welcher das Licht der Welt aufgegangen war über der Erde. An einer Stelle des felsigen Thales wird eine Krippe hergerichtet, Heu wird herzugetragen, der Ochs und Esel herbeigeführt. Greccia ist ein neues Bethlehem. Die Nacht wandelt sich um in einen helllichten Tag. Wie einst die frommen Hirten, so eilen jetzt die Schaaren des gläubigen Volkes zur armen Krippe hin, und jubeln mit nie gefühlter heiliger Freude dem so lebhaft vergegenwärtigten Geheimniß der Menschwerdung GotteS entgegen. Die Wälder wiederhallen von klangvollen Stimmen',, und die Brust der Felsen erwidert den tausendfältigen Jubelruf der Gott preisende Menschenbrust. Und FranciscuS? DaS Hcr-x voll süßer heiliger Seufzer, von Andacht beklommen, das ganze Wesen mit unnennbarer Wehmuth uud Wonne übergössen, die auf seinen Wangen glüht, aus seinen Augen leuchtet — so steht FranciScus an der Krippe da. Sein Mund schweigt; aber lauter, verständlicher und entzückender als je sonst widertönt in seiner Seele das Weihnachtölied des Himmels: „Oloria in oxeelsi5 Leo et in term pax!" Auf der Krippe ward dann ein feierliches Hochamt gehalten, und FranciscuS mit dem Schmucke der Leviten angethan sang mit lauter, von Freude uud Liebe durch- bebter Stimme das Evangelium: „Heut ist euch der Heiland geboren worden!" Hierauf predigte er dem versammelten Volke von der Geburt des „armen Königs," und ergoß, wie Biograph sich ausdrückt, honigsüße Worte von Bethlehem, der kleinen Stadt. Ost, wenn er Jesum Christum nennen wollte, nannte er ihn mit brennender Liebe nur „den Knaben von Bethlehem," uud mit solcher Empfindung ward er bei dem Namen erfüllt, daß ihm die Znnge fast den Dienst versagte, und er sie an den Gaumen drückte, als kostete er die Süßigkeit dieses Wortes. > An der Stelle der Krippe, wo das Weihnachtsfest auf eine so kindlich erhebende Weise gefeiert worden war, ward später eine Capelle zu Ehren dcö heiligen FranciscuS gebaut. R o m. Dem Univers wird aus Rom geschrieben: „Talbot, der Geheimsecretär Sr. Heiligkeit, versammelt um das Grab der heiligen Apostel in der Grotte des ') Dieser Umstand wird von mehreren heiligen Väi.in und kirchlichen Schriftstellern als gewiß angegeben. Auch stellen alte Glasmalereien und Bilderwerke, die man auf Gräbern des ätcn Jahrhunderts gefunden, einen Ochsen und einen Esel bei der Veburt unsers Heilandes dar. Siehe: l^itur- xis sacrs von Mahrzohl und Schneller, 4. Theil, S. I 9. *'Z „Die Ehre seu Gott in der Höhe, und Friede auf der Erde!" 7 Vaticans alle seine alten Collegen unter der protestantischen Geistlichkeit Englands und die übrigen katholischen Engländer, die in Rom wohnen, um auf dem Altare der ocmtessio die heiligen Geheimnisse zu feiern, und seine frommen Laundsleuten die heilige Communion auSzuspenden. Wer könnte die Stille, die Sammlung, die Andacht, die heilige Freude, die Unruhen, die Hoffnungen, die Wünsche und Bitten dieser Versammlung beschreiben? In der That, diese Versammlung müßte man den MertingS zeigen können, die auch auS Engländern bestehen, wo man schreit, wo man lärmt, wo man verwünscht, wo man ruft: Tod unsern Brüdern, den Katholiken! Jedoch wenu solche Erscheinungen für die von Haß Verblendeten verloren sind, so sind gewiß die eifrigen Gebete nicht vor Gott verloren. Der heilige Petrus, der Fürst der Apostel, wird sie dem Gründer der heiligen Kirche darbringen, und sie werden durch zahlreiche Bekehrungen belohnt werden. Von» Niederrhein. Vom Niederrhein, 28. Dec. Die Nachricht, daß es gegenwärtig beabsichtigt werde, in Cvblenz gleichsam den Centralpuuct für die Redemptoristen deutscher Zunge zu bilden und dorthin das Generalvicariat der Provinz zu verlegen, spricht, abgesehen davon, ob sie begründet oder nicht, wenigstens für die gegenwärtig in Preußen herrschende kirchliche Freiheit. Wir wollen gerne zugeben, daß dieselbe mehr aus der persönlichen humanen (oder auch liberalen) Denkweise der Regierenden als aus der jetzt gerade geltenden Verfassung, die übrigens dem Bestehen aller Orden in Preußen Raum gibt, hervorgeht; denn wenn kein guter Wille da ist, so weiß man namentlich in Dingen, die dem sogenannten Zeitgeiste, d. i. dem zeitung- fabricirenden Literatenschwarme nicht munden, leicht eine Handhabe zu finden, um Mißliebiges fern zu halten. Indessen hat schon lange (selbst vor dem März) das Verhalten der Regierung den Franciscancrklöstern in Westfalen gegenüber bewiesen, daß man nicht principiell und absolut gegen dieselben gestimmt sey; auch liegt seit lange in Coblenz der Beweis vor. Man hat nicht bloß schon zur Zeit als noch in Frankfurt die den „Redemptoristen und Liguorianern" feindliche Versammlung tagte, in Coblenz denselben ohne Widerspruch freien Zutritt und offene Wirksamkeit gegönnt, sondern auch später den Schul brüdern, welchen die Bürgerschaft einen Theil deö Elementarunterrichtes anvertraute, kein Hinderniß gelegt. Eben so steht's in Bezug auf die in Aachen und Köln (wo sogar ein rein beschaulicher Orden ein Haus gründete) so wie in Nonnenwerth (welches in vormärzlicher Zeit für ganz andere Zwecke gewonnen werden sollte) entstandenen Klöster. Die Katholiken der Nheinpro- vinz erkennen dieß mit Dank an und hoffen um so mehr auf eine Fortdauer dieses wahrhaft liberalen Zustandes, als demselben offenbar nur die Ueberzeugung zum Grunde liegen kann: daß die katholischen Ordensinstitute für daS in der Neuzeit so gebrechenvolle sociale Leben von dem entschiedensten Einflüsse sind. Dabei werden zweifelsohne die absichtlich von einer perfiden Presse ausgestreuten und unterhaltenen Vorurtheile von Bornirtheit, Aberg'auben, Intoleranz, Fanatismus des katholischen Klosterwesens bei einer großen Zahl des gebildeten PublicumS in ihrer Falschheit und Bosheit erkannt worden seyn, da auch noch nicht ein nennenswertheö Beispiel solcher untergeschobenen Vorurtheile an den bereits längere Zeit aufgenommenen Orden (barmherzige Schwestern sogar in Berlin und Franciscaner in Westfalen haben gewiß eine' hinreichende Probezeit geboten) nachgewiesen worden, vielmehr ihre gemeinnützige, klare Wirksamkeit für. die Moraliiät und den gerechten Sinn des Volkes bewährt ist. Bei den am meisten verschrieenen Religiösen (den Jesuiten) sind eben die eklatantesten Beweise des geraden Gegentheiles von Dem, was die Welt oder der sogenannte Zeitgeist ihnen nachsagte, an den Tag getreten. Wenn die Regierenden in solcher Weise fortfahren, auch der Kirche gerecht zu seyn und ihr wenigstens die Freiheit zu gönnen, !, die man nur zu lange un-.und gegcnchristlichen Verbindungen (von der Freimaurerei bis zu den Nongcanern und Freikirchlern) gelassen hat, so werden sie jedenfalls den doppelten Vortheil haben: den aufrichtigen Dank der Katholiken und den Beistand und Schutz des besseren Theiles im Volke; während die Gesellschaft der Gefahr der Barbarei, der Anarchie oder des Despotismus weniger ausgesetzt seyn wird. (M. I.) Berlin. Berlin, 12. Dec. Die hiesige St. Hedwigskirche und deren Gemeinde gehörte bis zum Jahre 1312 zur Mission des Bisthumö Hildesheim und steht erst seit dieser Zeit unter der Obhut des Fürstbischofs von Breslau. Bei der damaligen Festsetzung wurde dem Fiscus das ausschließliche Patronats- und Ernennungsrecht eingeräumt, welches, wie wir schon neulich gemeldet, jetzt der Cardinal Fürstbischof v. Diepenbrock, besonders in Bezug auf Wiederbcsetzuug der geistlichen Stellen, ausschließlich für sich in Anspruch nimmt, indem er sich auf die Verfassung beruft. Die Regierung zeigt sich indeß, wie man hört, fest entschlossen, ihr sogenanntes Recht dabei nicht aufzugeben, und hat bereits ein Veto gegen die von dem Cardinal für die hiesige katholische Kirche in neuester Zeit selbstständig erfolgte Ernennung von Geistlichen eingelegt. Man ist auf die Beilegung dieses Principienstreites sehr gespannt. Madrid. Madrid. Der Austritt des Finanzministers Bravo Murillo ist für die armen Pensionäre sehr unheilvoll. Noch übler, wie die Civilpensionäre, sind die armen alten Erklosterbrüder daran, die wohl auf dem Papiere, aber in der Wirklichkeit noch keinen Heller von der ihnen versprochenen Pension erhalten haben und rein von Almosen leben müssen. Die Noth dieser ehrwürdigen Greise ist groß und allgemein bekannt; folgendes hier und in ganz Spanien gängige Sprichwort möge als Beleg dienen: ei es tan pokrv ooms un ügmlinolito exeonvontusl (er ist so arm wie ein hungriger Klosterbruder). In Lumpen gehüllt, durchziehen am frühen Morgen 70- bis 8Vjäh- rige Greise die Straßen der Hauptstadt, wandern von Kirche zu Kirche um ein Meßstipendium, wenn ihnen ein"solches von irgend einer gläubigen mitleidigen Seele zu diesem Zwecke gereicht wird. Die Verkäufer und Käufer der Klostergüter leben dabei vollauf, wohnen in schönen, herrlichen Palästen und lassen cö sich wohl seyn. (Wie lange?) Großbritannien. Die „N. Pr. Z." läßt sich von ihrem Londoner Correspondenten schreiben: „Ein Friedensschluß des Ministeriums mit dem Papste, indem der letztere, den Umständen weichend, seine Bulle zurückziehen, oder wenigstens modificiren wird, steht schon fast in sicherer Aussicht. Schon in voriger Woche meldete der Morning-Herald, daß die Unterhandlungen darüber in H. Sheil's Händen seyen. Für das Ministerium ist dieß der sicherste, ja der allein mögliche AuSweg, da es sonst einerseits der Orangebewegung, andererseits den Secten gegenüber in die ärgste Klemme gerathen wäre." Daß das Ministerium wirklich schon in die ärgste Klemme gerathen ist, und daß ihm ein solcher „Friedensschluß" sehr erwünscht wäre, ist sicher; H, Sheil kennt aber seine Kirche schlecht, wenn er sich Hoffnung macht, durch diplomatische Unterhandlungen die- Zurücknahme oder Modifikation der päpstlichen Bulle bewirken zu können. Der heilige Vater ist kein englischer Minister, daß er eine Bulle zurücknehme, wie eine Bill, die der Majorität des Parlaments nicht behagt. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhavcr: F. C. Krem er- Eitfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augstmrger poiheitung. 12. Januar M- A. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis Ält kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. umsch a u. Hat ein Mensch fünfzig Jahre vollendet, so ist er gewiß auch um eine große Summe von Erfahrungen reicher geworden, und Glück und Heil ihm, wenn ihn die Erfahrung klüger gemacht hat. WaS vom einzelnen Menschen, als Glied des Geschlechtes gilt, daS sollte um so mehr Gellung finden von den Menschen, d. i. vom gesammten Geschlechte, das sich da fortentrollt nach Gottes Rathschluß im Laufe der Jahrhunderte. Fragen wir die Geschichte: Sind die Generationen klüger geworden durch die eigene sowohl als durch die Erfahrung der Vorzeit? Tritt nicht eine Gene^ ration, ein Volk blindlings nach in die Fußstapfen des andern, das, als ausgebrannte Ruine nur mehr der Geschichte gehörig, zum Aase geworden, um das sich die Adler versammeln, die eindringliche Lehre den Völkern geben könnte und sollte: „Seht! der Weg, den ihr einschlaget, ist derselbe, auf dem wir zu Grunde gegangen. Es ist der Weg der Gottverlaugnung, Selbstvergötterung, oder besser Selbstverthierung im groben und feinen Materialismus. Hochmuth kam vor dem Falle." Wir bezeichnen hier kein bestimmtes Volk als Ruine, als Beute der Adler, denn die Geschichte ist nicht verlegen um derlei Beispiele göttlicher Strafgerichte. Aber das Volk, das wir noch retten, vom Abgrunde zurückrufen möchten, das ist Europas Volk, die Generation, die wir noch zu erhalten wünschten am gesunden geistigen Leben, das ist die jetzige, und ihre Tochter, die nächstkünftige; das Jahrhundert, dem wir gerne eine ehrenvolle Zukunft am Tage des Gerichtes bereiten möchten, das ist das unsrige, daS l9te Jahrhundert. Fünfzig Jahre zählt es voll in seinem Alter. Gott gebe, es wäre um fünfzig Jahre auch klüger geworden! Zwar werden mir — dem finstern Heuler — dse Herren Lichtfreunde auS allen Confessionen vordemonstriren wollen, wie weit sie cs in diesen fünfzig Jahren mit dem Fortschritt im Glauben gebracht. O plagt mich nicht lange Ihr Herren! ich sehe es ohnehin ein. Ihr habt cs so weit gebracht, daß Jhrs nicht mehr weiter bringen könnt. Ihr seyd am Ziele! Ihr habt nur die Wahl, entweder zur Gnade des Glaubens an Christum umzukehren, den ihr mit Hohn unter die Füße der Generation getreten, oder — was euch vielleicht für den Augenblick lieber ist — einzukehren in die Kneipe eures selbstgeschaffenen Thierdienstes, und ü Is Ronge und Consorten süßen Weines oder sauren Bieres voll, aus oder unter dc» Bänken eure prophetische Begabung zu entwickeln. Von der andern Seite her werden mir — dem anrüchigen Ultramontanen — die Herren vom Handel des alten und neuen Bundes beweisen die Klugheit des Jahrhunderts, die Berge abgetragen, Thäler ausgefüllt, krumme Wege gerade, ungleiche Wege eben gemacht hat. Schau hin, du altrömische Gebirgsnatur! auf unsere eisernen Straßen und Rosse, zu Wasser und zu Land, wie wir den Handel in alle Welten verbreiten; ob wir statt hundert Tonnen OeleS fünfzig, statt hundert Malter Weizen 10 achtzig schreiben, darauf kommt's eben nicht an, vas gehört zur Klugheit deS evangelischen HauShälters. Die Herren Lichtsreunde haben uns den Weg in der Moral zu diesem Behufe geebnet. „Sey ein honetter Dieb, und siehe zu, daß du für deine alten Tage etwas erübrigst, klebt auch daran das Blut der Armen, Wittwen und Waisen." Das ist das Moralsystem unserer Führer. Sieh an, Nltramontaner! wie die Industrie in allen Zweigen zu unsern Füßen liegt. Komm' nur einmal auf die große Londoner Industrieausstellung und bewundere die Werke unsers schaffenden Genies, die Werke, die wir mit Hilfe zweibeiniger Lastthiere, v^Zo Menschenkinder genannt, vollbracht haben. Bei unS gilt der Unterschied von Geist und Natur, den ihr ultramontanen Philosophen und Theologen aufwärmt, nichts. „Die Natur ist groß, und die Industrie ihr Prophet!' Ihr habt mit eurer Unterscheidung den Sonntag und Wochentag, daS' Jenseits und das DießseitS, Gott und den Menschen geschaffen. Unsere Arbeiter und Tagwerker an Eisenbahnen und in Fabriken kennen nur einen ewigen Wochentag, und reibt sich dieses Einzel-Naturwesen, dieser Splitter der Naturkraft auf, so werfen wir den Arbeiter weg, denn wir haben für eine Generation von Arbeitern gesorgt, wir sehen eS gerne, wenn Mann und Weib im friedlichen oder unfriedlichen Concubinatc uns die Fabriksbevölkerung geben. Wir bringen so wieder den Sclavenhandel zn Ehren, durch dessen Abschaffung ihr Ultramontanen der Industrie und den Rittern derselben empfindlich geschadet habt. Nur einen Wunsch hätten wir noch, nämlich den: daß der Staat durch die Civilehe der ganzen Sache einen legaleren Anstrich verleihe. Unsere Leute sind zufrieden mit dem DießseitS, wir geben ihnen daS tägliche Fntter, und können wir sie heute oder morgen nicht mehr füttern, dann werden sie doch hoffentlich das thun , was wir zu thun gesonnen sind: Durch eine Kugel vor den Kopf oder einen Sprung inS Wasser dem DießseitS ein Ende setzen. Der Umstand wäre freilich unangenehm, wenn sie in ihrer rohen Naturkraft an unS oder unserer Habe sich vergreifen möchten. Aber da gibts ja Schutzmittel gegen wilde Thiere — die Waffen; dafür zahlen wir Steuern. Die größte Mühe hat eS unS gekostet, den „ultramundancn" Gott eurer ultramontanen Religion aus den Köpfen und Herzen der Arbeiter herauszubringen, denn so lange dieser Gott darin herrschte, faselten sie noch immer von religiösen Pflichten an Sonntagen, von Verpflichtung der Kinder zum Religionsunterrichte, von christlich garantirten Rechten deS Arbeiters u. s. w. Da haben uns nun wieder die Herren Lichifreunde aus der Noth geholfen. Während Altisrael handelt mit der Industrie, handelt Jungisrael mit der Presse und macht Voltaires Höllengebräu, wie ihr eö nennt, sür daö gemeine Volk zurecht in Tagblättern, Volksbüchern und Kalendern. Wir besitzen dieses Arca- mim für uns selbst unv unsere Kindeskindcr fortwährenv in Fülle in den neu- uud altsranzösischen und deutschen Romanen. Haben wir daS Volk dergestalt systematisch vnrchgebildet, und bringt eS etwa hie und da gar zu arge Früchte unserer Schule, so schieben wir euch die Laster des Volkes in die Schuhe, ihr werdet euch wohl erinnern, wie oft wir in den Blättern geheult und. geseufzt haben über die Nachlässigkeit deS Klerus gegenüber der zunehmenden Demoralisation der Massen. .Endlich aber wird der herrliche Tag der vollendete» Aufklärung aubrecheu, an dem man keinen Kirchthurm mehr mit dem Kreuze, sondern lauter Dampfschornsteine, und unS verklärt in den Rauchwolken der Industrie mit unserem LcbcnSatom in Rauch aufgehen sehen wird, um einer neuen Generation Platz zu bereiten. Länger als billig vielleicht habe ich mir von den Industriellen des 19ten Jahrhundertes vordociren lassen, wohl aus keinem andern Gruiwe, als weil ich selbst ein großer Verehrer der Industrie bin, aber jener Industrie, die nicht vor Allein die Welt sucht, sondern zuerst nach dem Reiche GotteS und seiner Gerechtigkeit begehrt. Die Industrie ist ja eine Pflegetochter der Kirche, sie ist in den Klöstern des „finstern" Mittelalters großgezogen worden, sie ist heimisch gewesen in den christlichen Zünften, in denen das Handwerk noch einen goldenen Boden hatte. Aber nur Industrie und nichts als Jndustrietreiben ist eine Krankheit unsers Jahrhunderts, ist eine Ablagerung der edelsten Säste der Menschheit ans die minder cdlcn Organe des Lebens, ist eine u Selbstschwächung, an der nnsere im Materialismus versumpfte Generation nothwendig radinsiechen muß. Diese „alleinseligmachende" Industrie ohne Religion ist der verkörperte Pantheismus, das goldene Kalb Israels, sie ist der golvbelctterte Lcichenstcin auf dem Grabe der großen Weltstädte London. Paris und Wien. Sie kennt nur Productio» und Consnmlion des Geschlechtes, sie hat uns den Namen „Proletarier'' beschert, eine Classe Menschen, die dem Staate ni'chen soll durch „prvlvs loi-ro» sie macht die Liebe des Nächsten im Herzen der Menschheit zum Eise des EgoiSmuS erstarren, sie schafft hungernde und lungernde Skelette in den Hütten der Armuth, sie gibt den Menschen in seiner angeborncn und durch den Erlöser erneuten Wurde der offenen Schande prerS, und ist dem Ebenbilde Gottes die Ehre in Christo genommen, so ist sein geistiger Lebensnerv gctödtcr, er ist wieder Fleisch geworden wie ehedem in den Tagen der Sündfluth, und „l'-mem et tliieeii!^, I.uxn5 et l.uxurm" ist sein Feldgeschrei. So ist denn die Rundschau auf dem socialen Weltgebietc nicht gerade zu großer Ehre deS lNen Jahrhunderts ausgefallen. Es hat sich alle Laster früherer Jahrhun- för sich, will aber, nicht zufrieden damit, in nächster Ferne wahrscheinlich die letzte Erfahrung, den socialen Tod anch noch mitmachen, es will sterben an der Entkräfluug; denn eine Generation ohne Mark und Salz, vergiftet durch den eingeimpften leiblichen und geistigen KrankheitSstoff, ist werth, aus der Reihe gesitteter Völker hinwcg- gespült zu werden. Wie ist da zu helfen? Derselbe Boden, dem die Giftpflanze entsprießt, erzeugt auch daS Gegengift; dieselbe menschliche Gesellschaft, die in ihrer Mitte heutzutage den Keim des TvdeS birgt, birgt anch den Keim des Lebens. Wir alle kennen die Heilmittel, durch welche die Charlatancrie unserer Tage die Wunden der Gesellschaft vernarben machen will! eS ist der Wahnsinn des Socialismus und dessen Anwendung auf das praktische Leben: der Commnnismus. In dieses Prokrustesbett soll sich die kranke Generation legen mit all noch ihren geistigen und leiblichen Kräs' ten, dem Einen sollen die Füße abgehauen, dem Andern in die Länge geschraubt werden, auf daß vollkommene Gleichheit sey! Und wir dürfen ja nicht glauben, daß dieß bloß Tendenz der hochrothen Presse sev, dahin zielt auch die blaßrothe, die s. g. gutgesinnte oder konservative Presse, die da in ihrer gutmüthigen Einfalt oder versteckten Bosheit für den Staat conservativ schreibt, in religiösen Dingen aber sich nicht entblödet, Freimaurerei zu treiben. Schreibt nur zu! denkt aber an die Stunde deS Gerichtes, vor der auch wir erzittern! Bedenkt, ihr schreibt nicht mit Tinte, ihr schreibt mit dem Herzblut der Völker! Doch etwa« Wahres ist im Socialismus und CommuniSmuS, und dieses Wahre zu ersassen und baldigst zu erfassen zum Heile der Völker, ist die katholische Kirche berufen. Das Wahre im Socialismus ist daS Bedürfniß, das Recht und die Frei- heil der Vereinigung znr Erreichung sittlicher erlaubter Zwecke. Das Wahre im Com- munismuS ist das Bedürfniß, daS Recht und die Freiheit der Theilnahme an den geistigen und materiellen Gütern in sittlich erlaubter Weise. WaS hat die Kirche aus diesem Felde gethan? was wird sie ferner noch thun? Um eine kirchliche Rundschau hier zu eröffnen, kann sich wohl „ein Ultramontancr" einen bessern Standpunct wählen, als die Sicbenhügelsladt Rom? Der heilige Vater hat, die Bedeutung des katholischen Socialismus und CommuniSmuS in unsern Tagen erwägend, die allenthalben neu aufblühenden katholischen Vereine mit Vatersreude begrüßt, und ihre Pflege den Bischöfen aufs Wärmste anö Herz gelegt. Diese Vereine, entwachsen dem Organismus del Kirche, sollen in ihren verschiedenen Verzweigungen im Geiste der Zeit daS werden, waö die Brüdcrvereine auf dem Grunde der katholischen Liebe der Welt im Mitlclalter gewesen. Wie pocht mir daS Herz vor Muth und Unmuth zugleich, wenn ich hinübcrblicke nach Frankreich, nach diesem Spiegelbild« Europas, wenn ich betrachte jene zwei Riefen, die dort Leib an Leib hart im Kampfe aneinander gerathen sind, die sich um nichts Geringeres bekämpfen, als um die Herrschaft der Welt. Es siud diese beiden Riesen: die katholische Liebe der Ultramontanen und die eisig frostige derte eigen gemacht, ohne ihre Tugenden IS Humanität der Mvntagnc, jene vom Himmel stammend, diese dem Boden (b.umu5) entstiegen. Die katholische Liebe zu dem armen Taglöhner und Arbeiter läßt einen Montalembert kämpfen für die Feier dcS Sonntags, die Humanität des Berges weiht ihm dafür den Geifer des Hohnes. In Belgien fordert der Katholicismus von dem „humanen'" Ministerium die Freiheit der Wohlthätigkeit, und sträubt sich gegen die Einschnürung in die bureaukratische Zwangsjacke oder gegen die Umwandlung der sinnig vertheilten katholischen Wohlthätigkeitsvereine in einen josephinischcn Verein allgemeiner Nächstenliebe mit obligaten Armeninstituts-Predigten. In England regt sich das verjüngte katholische Leben gegenüber den verzweifelten letzten Versuchen des Russell'schen GalvaniSmuS an der hochkirchlichcn Leiche. Deutschland und Oesterreich reichen sich die rührigen Hände zur Verwirklichung des katholischen Socialismus in den Vereinen. Möchte dem ungebeugten und unbeugsamen Muthe eines Büß sein Licblingsvlan gelingen, den schönsten Triumph des katholischen Socialismus durch die Gründung einer katholischen Universität zu seiern. Denn waö nützt all dieß vereinzelte Wimmern und Jammern, all dieß vereinzelte Reden und Wirken, wenn nicht die katholischen Kräfte einen Brenn- und Centralpunct gefunden, von dem aus sie ihre Missionen beginnen für katholisches Wissen und Leben. (K. Bl. a. M.) Die autikatholische Agitation in England.*) Der Sturm, den in England der apostolische Brief des Papstes und dic Besör^ ceniug eines englischen Unterthanen zum Cardinalat hervorgerufen hat, fängt an sich zu legen, wenigstens in seinen äußeren Kundgebungen. Eifrige Protestanten haben das Gedächtniß der Pnlververschwörung gefeiert und Freudenfeuer mit den Reliquien des Guy Fawkes angezündet; die Puppe des Cardinal Wiseman wurde auf einem Esel herumgeführt und in die Themse geworfen; das Bildniß dcS Papstes unter dem Prasseln des Feuers an den Galgen gehängt; in den Meetings wurde daS Gespenst dcS scharlachrothen Weibes und der H... der sieben Hügel wieder heraufbeschworen; wir haben einen der berühmtesten und einflußreichsten Prediger der anglikanischen Kirche zu Liverpool erklären hören, daß dic katholischen Priester ganz einfach die Todesstrafe verdient hätten, und darauf gesehen, wie er an demselben Abende noch in seiner Cvn- gregation Abbitte that für die entsetzlichen Lästerungen, die er am Morgen im Feuereifer seiner Rechtgläubigkeit ausgesprochen hatte; — aber nach alle Dem fragt man sich jetzt, was man denn eigentlich gegen den Papst, gegen den Cardinal und gegen die Katholiken thun kann? Die Engländer machen Witze über die Bulle des Papstes, und zeigen uns einen „Bullen," der sich den Kopf an einer Mauer einstößt; aber gleichen sie nicht selbst einem Stiere, der, in Wuth versetzt durch die Farbe eines Cardinalhutcs, mit seinen Hörnern gegen Puppen und Strohmänner anrennt? Es ist sehr zu bezweifeln, ob der Papst unter all Dem, was seinem Bildnisse Unangenehmes widerfährt, sehr zu leiden hat; darum möchte man jetzt eine wirksamere Weise entdecken, um ihn zu erreichen und wo möglich zu züchtigen. Gerade darin aber liegt die Schwierigkeit, und das Ministerium, ziemlich bloßgestcllt durch den famosen Brief Lord John Russell's, säugt an sich in bedeutender Verlegenheit zu finden. Die Hälfte des Cabinets hat sich geweigert seinem Haupte auf der von ihm betretenen Bahn zu folgen, und so steht denn Lord Russell fast allein mit Lord Palmcrston auf dem Boden, den er so leichtsinnig betreten hat. Man hat in den letzten Tagen viel von einer Rede gesprochen, die bei einem Meeting Sir Edward Sugden gehalten hat, der einer der tüchtigsten und mit Recht in großem Rufe stehenden Rechtsgelchrten Großbritanniens ist. Sir Edward Sugden hcU beim Durchwühlen der alten gegen die Katholiken erlassenen Gesetze eine unter der Regierung Elisabeths durchgegangene Acte entdeckt, welche die Einbringung Nach dem Journal des Debüts. 13 irgend einer Bulle oder eines Briefes des Papstes in England verbietet unter Androhung jener summarischen Strafe, welche die christliche Liebe jenes Geistlichen von Liverpool verlangte, nämlich der Todesstrafe. Die durch dieses Gesetz ausgesteMe Strafe ist nun zwar durch eine Parlamentsacte von 1847 abgeschafft worden; allein Sir Edward behauptet, daß daS Gesetz selbst nicht zurückgenommen worden und daß die Einbringung oder Veröffentlichung von Bullen noch immer eine Verletzung der Gesetze des Königreichs sey. Jedenfalls aber besteht die Strafe nicht mehr, und man müßte jetzt eine andere anwenden. Wird nnn die englische Regierung diese Bahn betreten wollen, wird sie dieselbe zu betreten wagen? In zwei Monaten, wenn das Parlament wieder zusammentritt, werden wir eS sehen. Schon jetzt ist das Ministerium über diese Frage gespalten. Lord John Russell ist für die Bestrafung, vor Allem weil er die Ehre hat, Russell zu heißen und einen Ahn zu haben, aus dem die Geschichte einen Märtyrer gemacht hat, obgleich er im Grunde nichts weiter war, als ein Empörer; dann weil er auf gut Glück hin seinen Brief an den Bischof von Durham in die Welt geschickt hat und allzu weit gegangen ist, um zurück zu können: endlich weil er durch Schwimmen mit dem Strome seinen Pacht mit der Gewalt zu erneuen hofft, der dem Erlöschen sehr nahe war. Lord Palmerston wird wahrscheinlich, auf seiner Seite stehen, nicht sowohl aus protestantischem Feuereifer, als aus Abneigung gegen den römischen Hof und auS Groll gegen die Politik und die gegenwärtigen Allianzen des Papstes. Zu ihnen muß man noch den nenen Kanzler Lord Truro zählen, der übrigens in England kein besonderes Ansehen genießt, nicht einmal als Gcsetzkundiger, und bei dem Banket der Eity selbst bei seinem College» Lord Campbell Aergerniß erregte durch einen Ausfall, der des Chefs der Justiz nicht sehr würdig war. Allein die anderen bedeutendsten Mitglieder des Cabinets Lord Grey, Sir Charles Wood, Lord Lansdowne sind dem Vernehmen nach weit entfernt die Uebereilung zu billigen, mit welcher Lord John Russell die Regierung in diese Lage gebracht hat; und ein Mann, dessen Stellung und Charakter nolhwendig bei diesem Anlasse von großem Gewichte seyn werden, Lord Clarendon gilt dasnr, daß er sie gänzlich mißbillige. Lord Clarendon ist nämlich Vicekönig von Irland, d. i. von jenem Theile des vereinigten Königreiches, von welchem Sir Robert Peel gesagt hat: „Dieß ist der Stein des Anstoßes." Lord John Russell kann überzeugt seyn, daß dieser Stein des Anstoßes auch für ihn vorhanden ist. Die Suprematie und das Monopol einer Kirche, die nur von 800,000 Individuen anerkannt, dagegen 3 Millionen von Widersachern aufgcdrungcn ist, ist und bleibt eine Anomalie, die in einem und demselben Hause stets Verlegenheiten bereiten wird. Die englische Regierung ist genöthigt gewesen, mit dieser hundertjährigen Ungerechtigkeit zu tranSigiren; sie hat zuerst die Emancipationsacte gegeben, und endlich die kalholischen Bischöfe von Irland officiell anerkannt. Wir unseren Theiles haben geglaubt, sie habe dieß aus Gerechtigkeitssinn eben so sehr, als aus Furcht vor der Empörung gethan: jetzt müssen wir daran zweifeln. Doch dem sey wie ihm wolle, sie hat nicht nur nicht das Recht, sondern auch nicht die Macht mehr, diese durch die Nothwendigkeit ihr entrissenen nnd durch Jahrhunderte der Unterdrückung so theuer erkauften Zugeständnisse wieder zurückzunehmen. Canning sagte, als er vom Widerrufe der Union sprach: „Die Union widerrufen! eben so gut könne man die Heptarchie wiederherstellen!" Dieses Wort läßt sich eben so gut auf die Emancipa- ticmsacte anwenden. ES darf überhaupt nie vergessen werden, daß Irland eine Schwierigkeit ist für Alles, was die Regierung in England selbst thun möchte. Irland schützt die englischen Katholiken. Wenn z. B. die Regierung und das Parlament den katholischen englischen Bischöfen untersagen wollten, Titel anzunehmen, so müßten sie dieses Verbot auch auf die Bischöfe Irlands ausdehnen. Ist eS ja doch dieselbe StaatSkirche, die zu London wie zu Dublin herrscht; die Königin ist die Souveränin der einen wie der andern. Wenn die Butte deS Papstes ein Eingriff in die katholische Suprematie in England ist, so ist sie es auch in Irland; die Wahrheit wechselt nicht 14 von einem Ufer des St. Georgcauals zum andern. Nun aber sind die Titel der katholischen Bischöse Irlands seit langer Zeil von Regierung unv Parlament anerkannt und angenommen; entweder muß man also die katholische Kirche Irlands unterdrücken, oder man muß der katholischen Kirche in England, die nur eine mit ihr ausmacht, dieselben Rechte gewähren. Gerade jetzt finden wir in den englischen Blättern eine Erklärung des Grafen von Sainr-GcrmainS, ehemaligen Staatssecretärs für Irland, und in derselben die folgenden Worte: „DaS Parlament wird, wenn es über diese Frage Gesetze macht, in folgendem Dilemma sich befinden: entweder muß eS in England untersagen, was eS in Irland erlaubt, oder eS muß in Irland untersagen, waS dort seit undenklicher Zeit ohne Hinderniß geschehen ist. Im ersten Falle wird daS Parlament die Einheit der Kirche zerstören, und dadurch ihre Stellung in Irland schwächen (und einen Eingriff in fremde Rechte sich erlauben); im zweiten Falle wird cS eine große und allgemeine Unzufriedenheit unter den Katholiken Irlands hervorrufen, die Schwierigkeit dieses Land zu verwalten vermehren, und unserm Gesetzbuche nur ein Gesetz hinzufügen, das bestimmt ist, wie so viele andere, nur ein todter Buchstabe zu bleiben." Mau hätte die Frage unmöglich besser stellen können. Wahrscheinlich betrachtet sie Lord Clarendon in dem nämlichen Lichte und ist nicht geneigt, alle Früchte feiner weisen Politik aufs Spiel zu setze«, durch welche er die Ehre gehabt bat, Irland den Frieden zu geben. Lord John Russell muß jetzt die Schmähungen bereuen, die seine Stellung als erster Minister, d. i. als Repräsentant der Interessen der ganzen Nation ohne Unterschied der Glaubensbekenntnisse, ihm mehr als irgend einem Andern untersagen mußte; er wirb cS zu bedauern haben, so leichthin als „abergläubische Mummercien" die Uebungen einer Religion qualifieirt zu haben, zu der sich mehr als zehn Millionen Unterthanen seiner Souvcränin bekennen; und waS ehemals für seinen ruhmreichen Nebenbuhler und Vorgänger im Amte eine große Schwierigkeit war, könnte für ihn wohl zur unübersteiglichen Schwierigkeit werden. A us Pari S. DaS Faubourg St. Marceau und die Schwester Rosalie. Eine der Pariser Vorstädte, die von dem schmutzigsten und zerlumptesten Pöbel, gleichsam von dem Auswürfe der Bevölkerung bewohnt wird, ist daS Faubourg St. Marceau. In keinem andern Bezirke der mit Elend und Laster aller Art so gesegneten Hauptstadt herrscht eine ähnliche Verwahrlosung der Menschen an Leib und Seele, eine solche Gleichgiltigkeit gegen die Vortheile höherer Gesittung bei so barbarischem Hasse gegen Diejenigen, die derselben theilhaftig sind, eine so cnnische Hingabe an die Unordnung und den Unflat, eine so erschreckende Bereitwilligkeit, vor jedweder Noth veS Augenblickes in abscheulicher Betäubung Schutz zu suchen und eine so mächtige Neigung zu revolutionärem Schwindel in allen Dingen. Ich sage herrscht, ich sollte vielleicht sagen herrschte, denn seitdem die Cholera im Sommer neunundvierzig diese Vorstadt, so entsetzlich heimsuchte, ist in dem Geiste und den Gewohnheiten ihrer Insassen eine merkliche Aenderung eingetreten. Die Verheerungen, die das grausame, ost so plötzlich erscheiucnde, so zauberschnell daS begon> ncne Werk vollendende Ungethüm in diesem von jeher verpesteten Häusergewinkcl anrichtete, möchten an sich schon diese rohen, aber zugänglichen Gemüther zum Jnsich- gehen bestimmt, die Hand deS TodeS, die ganze Wohnungen vom Keller bis zum Giebel ausräumte, mag sie an die unsichtbare Gegenwart einer höheren Macht gemahnt, und die das Maaß, daS doch schon hohe Maaß ihrer alltäglichen Entbehrungen uno Verlegenheiten weit übersteigende Bedrängniß im Gefolge der mörderischen Seuche wie eine Strafe des Himmels aus sie gewirkt haben. Aber hiczu kamen noch andere Triebfedern der Bekehrung und Beweggründe der Besserung. Die Religion bot all ihre Kräfte zu geistiger und körperlicher Linderung des >rH. 15 unabsehbaren Elends auf, die Priester drangen in die ekelhaftesten Behälter seit Menschengedenken aufgestapelten Unraths, wo ganze Haushaltungen mit stets sich erneuerndem Ungeziefer seit Jahren in enger mephitischer Gemeinschaft lebten, die Gesellschaften frommer Laien verdreifachten ihre Anstrengungen, religiöse Frauen aus den höhern Ständen suchten hungernde Familien mit Arznei und anderm Bedarf in ihren traurigen Stätten ans, und die barmherzigen Schwestern bewiesen sich wahrhast helden- müthig. DaS HauS dieser Spital- und Schulnonnen in dem Faubourg St. Marceau wird von einer Dame geleitet, die in ganz Frankreich nicht bloß durch ihre ausgebreitete Wohlthätigkeit und ihren Feuereifer für die Armen, fondern durch ihren vielseitigen Einfluß und die Ursprünglichkeit ihres Wesens zu einer Berühmtheit gelangt ist, nach der mancher Künstler, Politiker nnd Literator, der auf der großen Oper, im Palais Bourbon oder im Feuilleton der „Presse" ein mithin leuchtender Stern ist, vergebens trachten dürfte. Soeur Rosalie hat sich in den Junitagen als Retterin einiger Officiere der Nationalgaide und als leitende Wärterin an den Barricaden hervorgethan. Sie war daher lange Zeit auf verschiedenen Bildern in ihrer Ordenstracht, aber stark verjüngt, wie sie die Blutgier der Insurgenten stillte, zu sehen, und General Lamoriciere, damal« Kriegsminister, stellte sich mit der galanten Ungebundenheit, die ihm geläufig ist, in ihrem Hause ein und legte ihr, nebst dem Danke der Negierung, das Anerbieten des Ehrenkreuzes, das sie jedoch, glaub' ich, ausschlug, und überfluthende Versprechungen officieller Hilfe und Aufmerksamkeit zu Füßen. ' Soeur Rosalie wurde von dieser etwas martialischen Darlegung ritterlicher Svm. pathie weder verblüfft noch geblendet. Sie war an den Verkehr mit den politischen Großmächten des Landes, wie an die Dienstbarkeit von Fürsten und Ministern seit langer Zeit gewöhnt; sie hatte Zutritt bei Carl X,, und Ludwig Philipp in der Tasche, Soult hatte mit ihr wie mit einem alten KriegSgefährten sich unterhalten, und Guizot gab ihr Audienz, so oft sie es verlangte. In ganz Paris verzweigt sich ihre Macht, in allen Vierteln, in allen Ständen, in allen Parteien hat sie Bekannte und Agenten, wo sie nicht selbst anklopfen kann, läßt sie anklopfen, Gläubige und Ungläubige rekrulirt sie im Namen der christlichen Liebe für ihre Unternehmungen und sogar von Voltairianern läßt sie, sagt man, Tribut sich zahlen. Ihre Sammlungen sind oft erstaunenswerth ergiebig, sie weiß so geschickt zu bitten, und mit Liebenswürdigkeit so dringend zu fordern, man schlägt eine.r so hohen Person nicht leicht Etwas ab und wagt eS nicht, mit einer geringen Beisteuer ihr zu kommen; kurz sie besitzt das beneidenSwerthe Vorrecht, die Cassen der Armen schneller und besser als irgend eine ihrer Colleginnen zu füllen und den Reichen daS wohlthuende Bewußtseyn erhöhter Freigebigkeit zu verschaffen. (Oest. R.-Z.) Ein Mittel gegen die Sonntagsentheiligung. Den Grund zu allen religiösen Vereinen hat der Heiland selbst gelegt, in der Stiftung seiner Kirche, des großen Vorbildes aller besonderen Vereine, und in den Worten: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, bin Ich mitten unter ihnen." In diesem AuSspruche liegt die Aufforderung, jedes gute Werk in Gemeinsamkeit zu beginnen, und liegt die Verheißung deS göttlichen SegenS zu dem im Namen des Herrn begonnenen Werke. Gegenwärtig breitet sich über Frankreich wiederum ein Verein aus, der obgleich klein in seinem Ursprung, doch durch die Idee, die ihm zu Grunde liegt, allerwärts Beifall findet und Großes verspricht — „Die Bruderschaft zur Sühne der Gott dem Herrn zugefügten Unbilden." ES war im Jahre 1847, als der Pfarrer einer kleinen Pfarrei Lanone, im BiSthum LangreS, welche leider fast alleS religiösen Geistes bar geworden, bei einer veranstalteten Mission lebhaft von dem Gedanken sich ergriffen fühlte, seinen Pfarrkindern einen Verein 16 in Vorschlag zu bringen, um für die vielen Gotteslästerungen und EntHeiligungen des Sonntags Gott dem Herrn eine Genugthuung zu bereiten. Bald hatte er 200 Mitglieder, und der Bischof von Langres, der die Sache prüfte und seiner Billigung für'würdig fand, führte die „Bruderschaft" feierlich am 18. Juli 1847 ein. Noch in demselben Monate verlieh der heilige Vater als Beweis seines besondere» Wohlwollens für dieses zeitgemäße Werk derselben zahlreiche Jndulgenzen, und erhob sie unter dem 30 Juli 1847 zur Erzbruderschaft. — Auf diese Weise von der Kirche bestätigt und ihres Segens theilhaftig machte sie unglaubliche Fortschritte. Ende des Jahres 1847 waren bereits 21 ^Einschreibungen, worunter 8 Seminarien, 22 religiöse Genossenschaften und 30 Filialbruderschaften in 17 ViSthümern. Gegenwärtig bestehen nahe an 1000 Filialbrnderschaften; sie ist über 68 Diöcesen ausgebreitet und in 135 religiöse Anstalten eingeführt. DaS erste, so eben erschienene Heft der „Jahrbücher" dieser Erzbruderschaft ertheilt über ihr Wirken recht erfreuliche und überraschende Mittheilungen. Mailand. Die Bischöfe der Lombardie waren bekanntlich vom 27. Nov. bis 5. Dcc. zu einer Privatconferenz in Mailand versammelt, welche der Erzbischof dieser Stadt, BartholomäuS Earolus, mit einer lateinischen Anrede eröffnete. Es waren ihrer im Ganzen 8, nämlich außer dem Erzbischof die Bischöfe von Como, Crema, Lodi, Mantua, Pavia, Crcmona, ^Brescia. Was sie verhandelten, ist zur Zeit noch un bekannt. Ihr vom 1. Dec. datirter Hirtenbrief an die Geistlichkeit ihrer BiSthümer zeigt, welcher Gegenstand ihre Aufmerksamkeit und hirtliche Sorgfalt dermal besonders in Anspruch nehme. Sie klagen darin, daß daö Land überschwemmt sey mit Büchern und Zeitungen aller Art, welche alles, was dem Christen heilig ist, verächtlich oder lächerlich zu machen suchen, welche die Reinheit' der christlichen Sittenlehre und die Wahrheit unsers heiligen Glaubens angreifen. Die Feinde des Glaubens haben die gesetzlose Zeit der Revolution schlau benützt, um eine Unzahl von Bibeln, welche von Ketzern in die Volkssprache übersetzt und zugleich durch eingestreute ketzerische Irrthümer verfälscht worden, ins Land zu bringen, bei dem gemeinen Volk in Städten und Dörfern, bei Weibern und Kindern in Umlauf zu setzen, und so ihren Irrthümern Eingang zu verschaffen. Sie halten es daher für ihre dringendste Pflicht, den Klerus zur Wachsamkeit und Sorge aufzufordern, daß die dem wahren Glauben drohende Gefahr rechtzeitig abgewendet werde. Sie weisen hin auf die heilsame Anordnung deS apostolischen Stuhles, daß nur solche Bibelübersetzungen in der Landessprache gelesen werden dürfen, welche entweder vom apostolischen Stuhl für richtig und unverfälscht erklärt, oder mit Anmerkungen aus den heiligen Vätern oder aus andern gelehrten katholischen Schriftauslegern versehen sind. Darum sollen die Priester auf alle Weise in Liebe und Ernst dahin wirken, daß die dem Glauben und den Sitten zugleich drohende Gefahr beseitiget, und namentlich die leichtbewegliche Jugend von der Verführung gesichert werde. Man sieht aus dem Ganzen, daß die Reformation in der Revolution gute Geschäfte machte. Sie hat in jenen Gegenden, die ihr bisher unzugänglich waren, reichlichen Saamen ausgestreut. Möge eS den emsigen Bemühungen der wachsamen Hirten gelingen, ihn auszurenken, bevor er wuchernd aufgeht und das arglose Volk zerrüttet. Nordamerika. Unter den Schissbrüchigen der „Helena Sloman" (f. Postztg. vom 2. Jan.) befand sich auch, wie daö Schles. Kirchenblatt meldet, der MissionSpfarrer Schonnat aus Ohio. Er wurde zwar gerettet, hat aber Alles eingebüßt, was er an Kirchenvaramenten, theologischen Schriften ,c. auS Europa mitgenommen hatte. Berantwortlichcr Redacteur: L. Schönchen. Vn'lags-Jnhaw: F. C. Krem er. Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger poKMung. 19. Januar A. - 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnemcntsvreis 40 kr,, wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die katholische Weltanschauung. (Vorirag im katholischen Cenlralverein zu Breslau, mitgetheilt im Schles. Kirchenblatt.) ES ist in hohem Grade auffallend, liebe BereinSgenossen, daß über eine und dieselbe Sache, über eine und dieselbe Begebenheit, über ein und dasselbe Unterneh» wen ganz verschiedene, ja oft entgegengesetzte Urtheile unter den Menschen sich bilden, daß also, weil die Urtheile aus der besonderen Auffassungs- oder Anschauungsweise deS Einzelnen hervorgehen, auch die menschlichen Anschauungsweisen ganz verschieden, ja oft einander ganz entgegengesetzt sind. Kommt daS etwa davon her, daß die Urtheilenden auf sehr verschiedenen Stufen der Verstandesentwickelung sich befinden? Keineswegs, denn sonst müßten die Klugen dieser Erde, die Gelehrten, die Staatsmänner, diejenigen, welche im Rathe der Fürsten und Volker fitzen, in ihren Urtheilen über wichtige Angelegenheiten doch wohl, wenigstens der Hauptsache nach, übereinstimmen; aber daß dieß nicht der Fall ist, sagt unö die Geschichte jedeS TageS; gerade die Klugen dieser Welt gehen in ihren Urtheilen über denselben Gegenstand oft am weitesten auseinander. Auf die Urtheile der Menschen, auf ihre gesammte Anschauungsweise hat nämlich nicht allein der mehr oder minder verfeinerte Verstand einen Einfluß, sondern auch das Herz mit seinen Neigungen und Wünschen, der Wille mit seinen Bestrebungen, mit einem Worte: das Gemüth, dieser Brennpunct aller Regsamkeit in unserm Innern. Ja, von dem Gemüthe, von der gesammten inneren Verfassung deS Menschen, von seiner größern oder geringern geistigen Selbst- ständigkeit, von dem Grade seiner Ueberzeugungstreue, von seinem ganzen Charakter hängt die Beschaffenheit der menschlichen Urtheile ab. Auf die innere geistige Verfassung, auf den gesammten Charakter deS Menschen wirkt aber nichts entschiedener ein, als die Religion. Wie die Religion das Leben der Völker durchdringt, so durchdringt sie auch das Gemüth des Einzelnen. Gegen die Religion kann sich Niemand gleichgiltig verhalten, denn erkennt er ihre Macht an, dann wählt er sie auch zu seiner Leiterin im Leben; läugnet er aber ihre Macht, wehrt er sich gegen dieselbe, dann macht sie ihm erst recht viel zu schaffen; das ganze Benehmen der Ungläubigen, der Irreligiösen beweist eö; sie möchten die Religion gern hinwegspotten, hinweghöhnen, aber immer tritt sie dem Elenden wieder mahnend und strafend entgegen. Uebt nun aber die Religion einen so unverkennbaren Einfluß auf die geistige Verfassung deS Menschen aus, so übt sie ihn auch selbstredend auf ihre Anschauung aus, die eben von der geistigen Verfassung bestimmt wird. Demnach gibt eö, je nachdem der Heide, der Jude, der Christ, und hier wieder der Protestant und der Katholik verschieden über eine Sache urtheilt, eS gibt eine heidnische, ludische und christliche, eine protestantische Auffassung oder Anschauung von dem, was in der Welt vorkommt. Wir haben eS hier vorzugsweise mit der katho- 18 lischen Weltanschauung zu thun; diese steht jeder andern mehr oder weniger entgegen, je nachdem die andere mehr oder weniger von der katholischen Wahrheit in sich aufgenommen hat. So trifft die katholische Weltanschauung mit der gläubig protestantischen in recht wesentlichen Stücken zusammen, weil der Protestantismus, als er aus dem Vaterhause schied, gar viel von den dort aufbewahrten Gütern mit sich genommen hat, an denen er zum Theil noch zehrt; am meisten aber, ja fast in allen Stücken völlig entgegengesetzt ist die katholische Anschauungsweise der alten und nun wieder heraufbeschworuen modernen pantheistisch-heidnischen Weltanschauung. Dieser gegenüber soll im Folgenden die katholische Weltanschauung entwickelt werden. Die katholische Weltanschanung, wie man sich leicht vorstellen kann, hat ihre Geltung nicht bloß auf dem Gebiete des Glaubens, sondern auf allen Gebieten des Lebens, auch auf dem deS Staates, der Gesellschaft, der Kunst und Wissenschaft; sie wäre ja nicht die katholische, die allgemeine, die allumfassende, wenn irgend ein Gebiet des SeynS und Denkens von ihr nicht erreicht würde. Unmöglich kann es daher die Aufgabe dieses VortrageS seyn, die katholische Weltanschauung in ihrem Unterschiede von allen andern AuffassungSweisen in jedem Gebiete des Lebens, auf jedem Felde menschlicher Thätigkeit nachzuweisen. Nur in Bezug aus das, was das unruhige Herz fest macht (ES ist ein köstlich Ding, sagt die Schrift, daß daS Herz fest werde), nur in Bezug auf daS, was daS Leben der Gesellschaft im Innersten zusammenhält, kann ich den Nachweis führen. Die katholische Weltanschauung macht sich zuvörderst gellend in Rücksicht auf die Bestimmung sowohl veS Einzelnen als des ganzen Geschlechtes. Wenn die pantheistisch- oder heidnisch > moderne Auffassungsweisc daS Daseyn des Menschen auf der Erde für abgeschlossen hält, wenn sie von einem Leben jenseits des Grabes nichts weiß, wenn sie eine höhere unsichtbare Weltordnung, welcher der Sterbliche vorzugsweise angehört, durchaus nicht anerkennt; wenn der modernen Auf- fassungSweise Gericht, Ewigkeit, Himmel, Hölle, persönliche Fortdauer inhaltslose Worte sind, die man nur dem Unmündigen vorreden kann: so erscheint nach der katholischen Weltanschauung daS irdische Leben bloß als eine Vorbereitung für das ewige, himmlische Leben, der Mensch selbst stellt sich unS, da er nicht bloß einen sichtbaren Körper, sondern auch einen unsichtbaren Geist besitzt, der sich nach ganz eigenen Gesetzen entwickelt, der Mensch stellt sich uns dar als ein Bürger zweier Welten, der niedern sichtbaren und der höhern unsichtbaren, in welcher sein durch irdische Güter und Genüsse nie zu befriedigendes Herz erst die wahre Heimat findet. Fragt ihr bei der katholischen Weltanschauung an nach dem Ziele alles menschlichen ThunS und Treibens, alles Sinnens, Denkens und Strebens, alles Sorgens, Mü- hens und ArbeitenS, sie verweist euch nicht, wie die moderne Auffassungsweise, aus die elenden Träber der Wollust, auf etwas, was in Kurzem die Beute des Staubes und Moders wird, wohinter immer daS Gespenst des Todes euch angrinzt und Galle in den Taumelkelch der Sinnenfreude mischt, nein, die katholische Weltanschauung weist euch hinaus bis zum Throne GotteS, wo die Seraphim und Cherubim mit verhülltem Antlitz ihr dreimal heilig singen, wo das Hallelujah der millionenma! Millionen seligen Geister ertönt; sie weist euch, ihr armen Erdenpilger, euer Ziel in der Anschauung dessen an, der der Urquell alles Lebens und aller Schönheit und aller Seligkeit ist, in der Anschauung dessen, der euch überschwenglich mebr bereichern, überschwenglich mehr an euch thun kann, als ihr zu bitten und zu denken vermöget. Die katholische Weltanschauung macht sich dann geltend in Bezug auf die gegenwärtige Beschaffenheit des Einzelnen und des ganzen Geschlechtes. Wenn die moderne Auffassungsweise den Menschen an sich, den Menschen, wie er sich gegenwärtig darstellt, für ein vollkommenes Wesen, ja für das vollkommenste aller Wesen hält, da die unbewußte Naturkraft in ihm erst zum Bewußtseyn kommt, nachdem sie sich in Bildung der Elemente, in Bildung der Mineralien, der Pflanzen, der niedern und höhern Thiere versucht hat, wenn die moderne Auffassung von der Allmacht des Menschen, von seinen großen Thaten auf dem Felde 1V der Geschichte, von seiner Schöpferkraft auf dem Gebiete der Erfindungen nicht genug Rühmens zu machen weiß, wenn sie in ihrer Bewunderung bis zum Cultus deS menschlichen Genius, also zur Selbstvergötterung sich fortreißen läßt; wenn sie den Menschen, wie er da leibt und lebt, als durchaus gut und wacker preist, und die Sünde, die an ihm haftet, nur für daS werdende Gute hält; wenn sie Unzucht, Diebstahl, Raub, Mord und Brandstiftung nicht als Schuld des einzelnen Menschen gelten läßt, sondern diese und alle andern Verbrechen den gegenwärtigen Gesellschafts- cinrichtungen zur Last legt und daher diesen, nicht den Verbrechen den Krieg ankündigt; wenn sie endlich , da sie den Menschen für durchaus nobel hält, auch nichts von einem Erlöser und von einer Erlösung wissen will oder höchstens, wenn sie die Erlösungsbedürftigkeit zuläßt, den Menschen zu seinem eigenen Erlöser macht: so erscheint nach der katholischen Weltanschaunng der Mensch nur allzusehr crlösungS- bedürftig und zu nichts weniger fähig, als sich selber zu erlösen. Wahrlich, der zur Gemeinschaft mit Gott berufene uud durch Mißbrauch seiner Freiheit auS dieser Gemeinschaft-gefallene, tief gefallene Mensch ist an sich ein Sünder, und ein großer Sünder; seine ursprüngliche Gerechtigkeit, die von Gott ihm verliehene Vollkommenheit, ist verloren, des Menschen Geist ist umdüstert, sein Herz ist verderbt, sein Wille ist schwach, sein Sinnen und Denken, sein Thun und Trachten ist eitel und thöricht von Jugend auf, Gott kann an ihm, wie er da ist, kein Wohlgefallen haben, er kann ihn in seinen Himmel nimmer aufnehmen. Aber der Mensch ist erlösungssähig geblieben trotz seines tiefen FalleS; er konnte sich wieder erhe- ben, wenn der Allerbarmer ihm seine Gnadcnhand reichte, und der Allerbarmcr hat sie ihm gereicht: Gott ist Mensch geworden, um den Menschen zu erlösen; der Vater hat seinen Sohn gesendet, damit er die sündigen Menschen errette, damit er durch sein aufopferungsvolles Leben und Wirken, Leiden und Sterben die Schuld von ihnen nehme und sie zu Kindern Gottes, zu Erben der ewigen Seligkeit wiederum mache. Nicht der Mensch also ist sei» eigener Erlöser, der Sohn Gottes allein ist der Menschen Erlöser, ihr alleiniger Mittler, ihr Lehrer, Hoherpriester und König: nur durch ihn können wir zum Vater kommen. Ich breche hier ab, denn die Hoheit nnd Würde deS Erlösers, die Geheimnisse und Wunder des Erlösungswerkes > sie werden auch sonn- und festtäglich von heiliger Stätte verkündet, sie können, sie dürfen euch nicht unbekannt seyn. Hier kam es nur darauf an, euch aufmerksam zu machen auf den ungeheuern Unterschied, der in der Lehre von der Sünde und von dem Erlöser zwischen der modernen und zwischen der katholischen Weltanschauung stattfindet; jene raubt dem armen elenden Geschlechte den Erlöser unv macht es nun erst wahrhaft arm und elend; diese aber, die katholische Ueberzeugung, zeigt dem Menschen in dem hochheiligen Werke der Erlösung den Quell alles Heiles und SegenS; sie zeigt, wie dieser Quell durch die Reihe der Jahrhunderte bis hin zum Ende der Zeiten in der von Christus gestifteten nnd vom Geiste GotteS regierten Kirche durck die Verkündigung des Evangeliums und durch die Ausspeudung ver Gnadenmittel über jedes nenc Geschlecht der Menschen reinigend und läuternd, tröstend nnd lebenspendend sich ergießt, und im Einzelnen wie im ganzen Geschlechte das Ebenbild Gottes strahlend wieder herstellt und Allen, Allen, die aus diesem Strome trinken, zum Frieden auf Erden, zur Seligkeit im Himmel verhilft. Die katholische Weltanschauung macht sich serner folgerichtig geltend in Rücksicht auf die Gestaltung des irdischen Lebens, auf die Gestaltung der Formen, deren die Gesellschaft zur Erreichung ihrer Bestimmung bedarf. Der Inbegriff aller dieser Formen des GesellschaftSlebcnS ist das, waS wir den Staat nennen. Wenn nun die moderne Anschauungsweise den Staat für das Höchste im Leben, aber auch zugleich als ein bloß menschliches Product ansteht, wenn sie ihn als durch ein Ueber- einkommcn aller Classen der Bevölkerung gegründet, bloß als eine Art von gesellschaftlichem Contract betrachtet, wenn sie jedem Bürger eine Betheiligung an der Gestaltung deS Staates, an der Veränderung der Gesellschaftsformen zuspricht; wenn sie dem Volke und jedem Einzelnen im Volke Souveränität, d. h. Selbstherrlichkeit 2ft und damit das Recht zugesteht, daß das Volk nach Belieben sich entweder für eine monarchische oder für eine republikanische, entweder für eine konstitutionelle oder für eine demokratische Verfassung entscheiden darf; wenn die moderne Auffassung den Für- ften gar nicht zum Volke gehörig, ihn vielmehr im Gegensatze zum Volke betrachtet, wenn sie von keiner höheren Autorität als von der deS Volkes etwas weiß: so erkennt die katholische Weltanschauung als böchsie Autorität die göttliche an, der sich Fürsten und Völker in gleicher Weise unterzuordnen haben; die Entstehung und Entwickelung, die Blüthe und der Verfall der Staaten ist, vom katholischen Standpunkte auS, kein bloß menschliches Productz nach der katholischen Weltanschauung stehen die Geschicke der Staaten unter der Leitung der allwaltenden Vorsehung; sie verlangt für alle Einrichtungen im Staate eine religiös-sittliche, eine auf der Offenbarung ruhende Grundlage. Nach der katholischen Weltanschauung ist die Obrigkeit von Gott eingesetzt, um das Gesetz zu hanthaben, um Frieden und Ordnung unter den Menschen zu erhalten, um ihre zeitliche Wohlfahrt zu befördern; denn Gott ist kein Gott der Unordnung, und gottloses Wesen mißfällt ihm. Er will, daß seine Kinder auf Erden ein ruhiges und zufriedenes Leben führen in aller Zucht und Ehrbarkeit, unangefochten von den Friedensstörern, von den Ehrgeizigen und Ruhmsüchtigen, von den Hubgierigen und Schwelgern, unangefochten überhaupt von allen Knechten der Sünde. Da nun, wie die Schrift sagt, alle Obrigkeit von Gott ist, da jeder, der sich der Obrigkeit widersetzt, der Anordnung GotteS widerstreitet und sich das Gericht zuzieht: so verwirft die katholische Weltanschauung jece eigenmächtige Selbsthilfe, alle ClubbS- und Barricadenwirthschast, und selbst dann, wenn die Obrigkeit die von Gott empfangene Gewalt mißbraucht und selbst revolutionär wird, selbst dann verlangt die katholische Weltanschauung Gehorsam, natürlich nur einen leidenden, einen solchen, >der den Katholiken dem Despoten zurufen täßt: „Das ist dir nichl erlaubt; für deine Verletzung deS Rechtes, für deine Willkür und Grausamkeit hast du nicht nur vor dem Gerichte der Weltgeschichte, sondern auch vor dem Gerichte des Allheiligen Rechenschaft zu geben; unsere Seufzer, unsere Thränen klagen dich vor dem Herrn aller Herren an, von dem du deine Gewalt nur zum Lehen trägst." Ja, so darf der Katholik, so muß er seinem Unterdrücker gegenüber sprechen; denn thäte er eS nicht, er würde den ungerechten Machthaber in seinem Unrechte bestärken, er würde sich fremder Sünde schuldig machen. Unter keinen Umständen aber ist eS nach katholischer Weltanschauung erlaubt, offenen Aufruhr zu erregen und den gewaltsamen Umsturz des Bestehenden herbeizuführen, «denn, spricht der Herr, rächet euch nicht; die Rache ist mein, ich will vergelten." Die Tyrannei, den Despotismus betrachtet der Katholik allerdings als ein großeSZ Uebel, aber auch zugleich, wie jedes andere Uebel, als eine Prüfung und Heimsuchung, die über ein Volk wegen seiner Verschnlbung und zur Abbüßung seiner Sünden hereinbricht; der Katholik ehrt noch immer den Despoten, und kann er ihn nicht als den Vater deS Vaterlandes ehren, so ehrt er ihn als eine Geißel GotteS, berufen zur Läuterung des sündigen Geschlechtes. Vom modernen Standpuncte auS erscheint eine solche Auffassung, welche die Revolution verwirst und den Teufel nicht durch Beelzebub, den obersten der Teufel, auStreiben will, nur als Sclavensinn, die christliche Demuth, Geduld und Unterwürfigkeit wird von der modernen Weltanschauung nur für Feigheit, Wegwerfung der Menschenwürde, ja für schmähliche Niedertracht gehalten. So stehen aus dem Gebiete deS staatlichen LebenS die heidnische und die katholische Weltanschauung einander schnurstracks entgegen. (Schluß folgt.) Wolfgang Menzel über die Missionen. *) Nachdem man Misstonen in alle Weltgegenden, zu den schwarzen, gelben, rothen und olivenfarbigen Heiden geschickt hat, ist man inne geworden, daß eS auch noch in Wolfgang Menzel ist unsern Lesern als ein angesehener Historiker und Kritiker, als Redacteur des frühern Litcraturblattes zum Morgenblatt gewiß bekannt. Er ist au» Ueberzeugung 21 der nächsten Nähe, mitten in Europa und Deutschland, weiße Heiden gibt, und daß hier am Ende noch mehr zu bekehren übrig bleibt, als an den Küsten von Alt- und Neu-Guinea, Labrador und Kamtschatka. Daher findet, aus dem buntscheckigen China heimgekehrt, der große Gützlaff unerwartet einen Nebenbuhler in dem Wandcrvater aus dem rauhen Hause, und die aus Paraguay unv dem Goldland Californien längst verbannten katholischen Missionäre kommen in den dunkelgrünen Thälern unseres Schwarzwaldes und OdenwaldeS wieder zum Vorschein und predigen den Wilden im Vaterlande. Die Revolution der letzten zwei Jahre hat weniger selbst verwüstet, als die längst vorhandene „große Menschenwüste" nur entblößt, und die täuschenden Schleier von ihr weggezogen, womit Aufklärung, Polizeistaat und conventueller Anstand sie zugedeckt hielten. Man hat in den Abgrund einer sittlichen Entartung und Verwilderung hineingeblickt, welche der Staat mitverschuldet zu haben sich plötzlich bewußt geworden ist. Daher der Nothruf nach kirchlichen Mitteln, die man so lange verschmähte. Daher Emancipationen der Kirche, wie man sie noch vor drei Iahren nicht für möglich gehalten, nicht im Traume sich vorgespiegelt hätte. Daher der elektrische Schlag, der mit Wichern'S Zauberwort „innere Mission" durch ganz Deutschland fuhr, daS erste Licht in der tiefen Finsterniß, der lebendige Quell aus dem Felsen, vor dem man trostlos dürstete. Daß auch der kirchenfeindlichste Bureaukrat jetzt einsehen muß, man komme mit bloßer Polizei nicht auS und bedürfe nothwendig der Religion und ihrer Getreue», um den Dämon im Demos zu bewältigen, ist ein großer werthvoller Gewinn der neuesten Zeit. Höher aber noch schätzen wir die im Volke selbst, zunächst in den gebildeten Classen, vorgegangene Verwandlung der Gesinnung und Meinung in Bezug auf die religiösen Dinge. Der Dünkel der falschen Aufklärung ist immer mehr als solcher anerkannt worden. Wenn auch die Noth noch nicht so groß ist, dj,ß sie überall beten gelehrt hätte, so kam doch wohl auch der im gewohnten Daseyn Behaglichste in den Fall, wünschen zu müssen, daß wenigstens seine Kinder und Untergebenen lieber möchten beten, als fluchen gelernt haben. Man ist so scheu geworden vor dem Unheiligen, das auS der revolutionären Presse, aus den Clubbs, Volksversammlungen und Freischaaren mir höllischen Tönen hervorbrülltc, daß darüber die alte herkömmliche Scheu vor dem Heiligen merklich verschwunden ist. An den Katzenmusiken hat man gelernt, um wie viel lieblicher doch die Kirchenmusik sey. Wir wollen nicht schärfer untersuchen, von welchem innerlichen Widerstreben diese Bewegung zur Kirche begleitet ist und wie viele heimliche Vorbehalte sich die Furcht macht, indem sie zum ersten Male den sonst so widerwärtigen und lästigen Priester zum Beistande ruft. Wir halten uns nur an die Thatsache, daß die Bureaukraten wirklich den Priestern einmal Platz gemacht, ihnsn Vertrauen gescheut, ihnen dasselbe Volk zur Zucht empfohlen haben, welches sie der priesterlicher Zucht zu entreißen seit einem Jahrhunderte keine Gewaltthat, keine Verleumdung des Standes, keine Verspottung der Religion selbst gescheut hatten. Unter allen Wundern, welche diese Umwandlung der Stimmung seit der letzten deutschen Revolution hervorgerufen, ist wohl das Wunderbarste die freie und ungehinderte Thätigkeit der Jesuiten, welche man nicht etwa bloß gewähren läßt, sondern auch gut heißt und mit ehrfurchtsvollem Staunen begrüßt. Wer erinnert sich nicht noch des Ausbruches eines allgemeinen Ingrimmes in Deutschland» als es vor fünf Jahren der Schweizer Sonderbund wagte, zwei alle Männer von der Gesellschaft Jesu nach Luzern zu berufen? In Sachsen stieg die Wuth bis zu dem Grade von Fieberhitze, daß sogar das Knöchlein eines Jesuiten, welches man als Reliquie im Altare gläubig« Protestant, hat aber schon oft bewiesen, daß er fähig ist, Erscheinungen aus dem Gebiete der katholischen Kirche unbefangen und vorurtheilsfrei zu würdigen. Seine Beurtheilung der katholi. schen Missionen ist einem größern Aufsatze: „Die Mission auf katholischem und protestantischem Gebiete," im 4, Hefte der „Deutschen Vierteljahrsschrift." entnommen. ss einer Kirche zu entdecken geglaubt hat, daS Land beinahe in Aufruhr brachte. AIS die Radikalen in der Schweiz unter der Leitung entschiedener Gottesleugner, z. B. deS hohnlachenden Verfolgers der waadtländischen Kirche, den Sonderbund überwältigten, jubelte ihnen die gesammte deutsche Presse, mit nur sehr wenigen Ausnahmen zu, selbst Regierungsblätter nahmen damals mit Partei gegen den Sonderbund. ES sind seitdem erst drei Jahre vergangen. Wer hätte sich träumen lassen, daß die damals mit so lautem Halloh verjagten Jesuiten noch einmal wieder dießseits der Alpen mitten unter uns seyn und in aller Sicherheit predigen würden? Denn Die, von denen wir sprechen, gehören zum Theile der Gesellschaft Jesu, zum Theile dem Orden der Liguo- rianer oder Redemptoristen an. . Die im Laufe des Jahres 1850 im südwestlichen Deutschland und vorzugsweise im Schwarzwalde abgehaltenen katholischen Missionen hatten theils als Bilder des zurückgekehrten Seelen- und Landeöfricdens einen hohen idyllischen Reiz, theils offenbarten sie eine so intensive Kraft des Religiösen und Sittlichen, mitten in der Corrup- tion der Zeit, daß kein Anwesender, selbst der mit Vorurtheil dazu getreten, sich eines heiligen Schauers zu erwehren vermocht hat. Auch Zuhörer des evangelischen Bekenntnisses waren tief ergriffen und bekannten, daß hier nichts, was ihnen sremd oder feindlich hätte seyn können, vorgekommen, sondern ein wahrhaft evangelischer Geist in apostolischer Einfachheit und Kraft sich offenbart habe. Welcher Protestant wäre engherzig genug, solche Erfolge der alten Kirche mit Mißgunst ansehen zu wollen? Nur neidlose Freude kann uns bewegen, wenn wir DaS, was allen Christen gemeinsam ist, gedeihen und das Kreuz triumphiren sehen über seine Widersacher. Denn aller Gläubigen^ von welcher Confession sie seyn mögen, gemeinsamer Feind ist, der hier besiegt wurde, und nie dürfen wir vergessen: das Reich der Feinde Christi ist so weil ausgedehnt, so männervoll und streitbar, daß keine Confession für sich allein sich rühmen darf, es erobern zu können. Eine vielmehr wird der andern noch in heißem langem Kampfe helfen müssen. Es wäre eine große Ungerechtigkeit und hieße den Ernst der Zeit tief mißverstehen, wenn man, wie wohl geschehen ist, das reine evan- gelische Verfahren der Missionäre und ihr Sichfernhalten von jeder kirchlichen Polemik nur aus Berechnung und politischer Klugheit erklären wollte. Sie hatten ja gar keine konfessionelle, sondern nur eine sittliche Ausgabe, und diese haben sie redlich erfüllt. Die katholischen Missionen begannen schon im Februar in Säckingen, Kirchgarten, Schwetzingen und wurden fortgesetzt im März zu Herbolzheim und Urloffen, im April zu Gengenbach, Gerwihl, Haigerloch und Löffingen, im Juni zu Triberg und Waldthüm, im Juli zu Ellwangen, Wnrzach, Sigmaringen und Zipplingen im Rieö, im August zu Konstanz, im September zu Mcersburg:c., wobei sich nach Erkrankung des Anfangs thätigen Pater Haslacher, vorzüglich die Patres Zobel aus Tirol, Schlosser auS dem Elsaß und Rodcr auS Bayern betheiligten. Alle diese Priester sind hochbegabte Redner und brachten durch ihren apostolischen Eifer eine staunenswerthe Wirkung hervor, indem das Landvolk überall zu vielen Tausenden sich um sie versammelte und da, wo ein Jahr früher die Revolution ihre wildesten Orgien gefeiert hatte, unter Reuethränen in tiefster Zerknirschung Buße that. Zu Urloffen, unsern von Osfenburg, wo im Mai des Jahres 1849 die berüchtigte Volksversammlung gehalten worden war, die dem badischen Aufruhre den Anstoß gab, versammelten nicht zehn Monate später fromme Missionäre dasselbe Volk zu einer Verhandlung von ganz anderer Art und Natur, und eine andere Begeisterung schlug hier in Heller Lohe zum versöhnten Himmel auf. Wir müssen uns das seltsame Geschichtsbild näher vergegenwärtigen und zu seiner Ausmalung die warmen Farben eines Augenzeugen wählen: „Mitten unter den radikalen Städtchen Renchen, Obcrkirch, dem weltberühmten Demagogensitz Offenburg und'uahe dem berüchtigt gewordenen Flecken Appenweier liegt der große Ort Url offen mit seiner schönen Kirche, ganz geeignet, eine große Menge Derer aufzunehmen, welche trotz aller Wühlereien ihr katholisches Bewußtseyn nicht verloren hatten. Vom zweiten Fastensonntage an sah man Tausende aus allen Richtungen nach der Kirche wallen, welche in schöner weiter S3 Ebene fernhin einladet. Referent besuchte die Mission einige Mal und war erstaunt über die heilige, ernste Stille, die unter den Tausenden herrschte, welche zur Mission zusammengeströmt waren. Die Vergleichung mit den Jahren 1848 und 1849 drängte sich uns unwillkürlich auf. Welch wüster Lärm, welche bacchanalische Aufregung zeigte sich aus den Offenburger Volksversammlungen vom 19. März 1848 und 13. Mai 1849, wo ein Stay, ein geckenhafter Knabe Gögg, betrunkene, meineidige Soldaten an eine von Wahnsinn ergriffene Menge sprachen, und die schmählichsten Ausdrücke gegen einen der edelsten Fürsten, ja gegen alle Fürsten, den vollsten Beifall ernteten. Dagegen welche heilige, stille Freude auf dieser religiösen Volksversammlung in Urlos- fen! Welche Genügsamkeit unter diesen Tausenden, welche die wenigen LebenSmittel, die sie mitgebracht hatten, da und dort sich in Gruppen lagernd, genossen, und dann wieder zur Kirche eilten, wo dcS TageS dreimal über die wichtigsten Religionswahrheiten die ergreifendsten Vorträge gehalten wurden, welche selbst die Herzen vieler Verirrten mächtig erschütterten. Die Beichtstühle waren von Morgens 3 Uhr bis spät in die Nacht umdrängt. Die Menge zog her und zog ab in der ruhigsten Stimmung. Am dritten Fastensonntage predigte ein ausgezeichneter Gottesmann vor wenigstens 7000 Menschen, die auf dem Kirchplatze versammelt, waren, da die große Kirche solche Menge nicht zu fassen vermochte; lautlose Stille herrschte wie in der Kirche. Die Prediger faßten ihre Sache am rechten Puncte an, ihre Reden waren auch vorzüglich einzelnen Ständen gewidmet, z. B. der Jungfrau, dem Jünglinge, dem Ehegatten. Der Jungfrau wurde ihre erhabene Bestimmung erklärt, und gezeigt, wie sie durch Keuschheit, Sanftmuth, Fleiß und Gehorsam sich die Achtung ihrer Nebenmenschen verschaffen kann. Dem Jünglinge, der seinem Berufe mit Eifer obliegt, ob Landwirt!), Handwerker, Künstler oder Gelehrter, wird Fleiß, Mäßigung, Nüchternheit, Gehorsam und Sanftmuth empfohlen, die Folgen der Trunkenheit, der Streitsucht, der Unzucht in all ihren traurigen Abstufungen vor Augen gestellt, und bewiesen, daß die Laster, die er mit 18 — 24 Jahren treibt, demselben auch als Mann mit 30 — 50 Jahren, ja bis an das Grab ankleben." (Fortsetzung folgt.) Berlin. Die katholische Bevölkerung in Berlin wie in der ganzen Delegatur schreitet in dem unablässigen Bestreben, die kirchlichen Einrichtungen zu vervollkommnen und zu erweitern, mit sichtlichem Erfolge voran, ein Beweis, daß die Bahn, welche die frühern Pröpste, die Herren Brinckmann und v. Ketteler, hier betreten und eingehalten haben, auch unter der jetzigen Leitung des Herrn Pelldram nicht verlassen wird. Durch unablässiges Streben wurde der sonntägliche Gottesdienst in der Hauptstadt, welcher bei einer so großen katholischen Bevölkeruug, außer der entlegenen Jnvaliden- kirche, ausschließlich auf die.Hauptkirche zu St. Hedwig beschränkt war, auf vier Puncte ausgedehnt, das Hospital und die Garnisonskirche, die bis noch vor kurzer Zeit sehr vernachlässigte katholische Schule reorganisirt, ein treffliches SchulhauS gebaut und ein Unterricht eingeführt, welcher den Anforderungen einer tüchtigen Stadtschule entspricht. Bei der großen Zahl der hiesigen Gemeindeglieder (sie hat nach jüngster Zahlung fast 21,000 Pfarrangehörige, außerdem 470 überwiese»? Katholiken unter der hier garnisonirenden Linie) kann indeß der so sehr umfassenden Scelsorge kaum in den nothwendigsten Dingen genügt werden, zumal die Thätigkeit der bis jetzt vorhandenen fünf resp, sechs Geistlichen durch die Anhäufung der Landwehr in Berlin und die Funktion am Hospital in neuester Zeit noch wesentlich gesteigert ist. Man hat deßhalb ernstlich Bedacht genommen, einen sechsten Geistlichen definitiv zu gewinnen, der durch die Erweiterung des Hospitals und den nicht mehr zu versäumenden Religionsunterricht unter den katholischen Gymnasiasten sämmtlicher hiesigen Gymnasien noch großentheilS in Anspruch genommen werden wird. Die vielgerühmte Toleranz 84 hat es bis jetzt nicht dahin bringen können, die Directoren und Behörden der evangelischen Schulanstalten in Berlin zu vermögen, für den katholischen Religionsunterricht der hiesigen kntholischen Gymnasiasten zu sorgen, ungeachtet ihre Zahl wohl 80 bis 100 betragen möchte. Man ist jetzt entschlossen, diesem Mangel entschieden abzuhelfen, da die Parität der Consessionen eS verlangt, soll diese nicht bloß eine papierne bleiben. Man hat sich bis jetzt, wenn auch nicht entschieden geweigert, doch sehr lässige in dieser Beziehung gezeigt. Ohne Energie möchte wohl kaum etwas zu erlangen seyn, zumal der intolerante Geist früherer Zeit in den östlichen Provinzen überhaupt sich nicht selten Geltung zu verschaffen sucht. Der Magistrat von Königsberg z. B. schlug daS Gesuch der Katholiken, für den entsprechenden Religionsunterricht der 200 die städtischen Gymnasien besuchenden katholischen Gymnasiasten sorgen zu wollen, mit dem kategorischen Bescheide: „die Gymnasien seyen protestantische, und Niemand sey verpflichtet, sie zu besuchen," rund heraus ab. Erinnern wir unS hierbei, daß an den katholischen Gymnasien für den evangelischen Religionsunterricht nach Möglichkeit gesorgt wird, sobald ein einziger evangelischer Schüler vorhanden ist, dürfen wir uns der Worte Fenslon's erinnern, daß die Evangelischen die Toleranz predigen , die Katholiken sie üben. Wir halten es indeß für eine unabweisliche Pflicht deS Unterrichtsministeriums, in dieser Hinsicht die geeigneten Maaßnahmen zu treffen. Für Berlin hofft man, einen Geistlichen, welcher auch die philologischen Studien durchgemacht hat, zu gewinnen. Der FontzS sür das eine Hospital, daS gleichfalls seine Entstehung den Ideen der Herren Brinckmann und v. Ketteler verdankt, hat sich bereits auf 31,000 THIr. ausgedehnt, fast die Hälfte der Summe, welche man für die erste Anlage für nöthig erachtet, und zwar hat derselbe innerhalb zweier Jahre diese so bedeutende Höhe erreicht. Auch wird Peter von Cornelius zu Gunsten desselben ein Bild malen, welches, wie wir hören, bereits in Angriff genommen ist und in Stahl gestochen werden wird. Dasselbe wird eine Scene aus dem Leben der heiligen Elisabeth von Thüringen darstellen, welche nach der Legende den Eifer der Krankenpflege so weit ausdehnte, daß sie die armen Kranken gegen den Willen ihres Gemahls sogar im Schlosse unterbrachte. Das Bild soll nun den Moment auffassen, in welchem der Landgraf, erzürnt über die wiederholte Uebertretung seiner Gebote, selbst die Betten untersucht und beim Aufheben der Decke, durch welche Elisabeth ihm den Anblick des Kranken entziehen wollte, Christus selbst statt deS Kranken erblickt. Gewiß ein sinnreicher Stoff für die Bezeichnung der Armenpflege. Auch in der Provinz ist die katholische Seclsorge entschieden im Fortschritt. Die Zahl der früher vorhandenen sechs Pfarreien hat sich innerhalb der sechs letzten Jahre verdoppelt, und die Zahl der Schullehrer in 11 Jahren sich von 15 auf 31 erweitert. Die Zahl der Katholiken in Brandenburg und Pommern beläuft sich nach der letzten Zählung am Schlüsse deS verflossenen Jahres auf 37,000 Seelen. (Wests. M.) Wien. Wien, 3. Jan. Die ehrwürdigen Redemptoristinnen am Rennweg, deren Kloster und Kirche seit ihrer cannibalischen Vertreibung zu militärischen Zwecken verwendet wurden, haben auf ihre früher beabsichtigte Zurückkunft nach Wien verzichtet, und Haus und Kirche bereits verkauft. So eben werden die werthvollen Dekorationen aus der Kirche geräumt, um sofort mit andern Kirchen-Utensilien in eine neue Stiftung der ehrwürdigen Frauen nach Belgien gebracht zu werden. So ist auch daS Lob Gottes aus dem Munde dieser opferfreudigen Seelen sür daS dem Abgrunde der Gott- losigkeit zueilende Wien für immer verklungen. Die Zahl der Gerechten, deren Gebet versöhnend und sühnend durch die Wolken dringt, wird täglich kleiner in Wien. (Kath. Bl. a M.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlagö-Znhaber: F. C> Kremer. Eilfter Jährgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojtzeitung. 26. Januar 4. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsprcis kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Der Soldat. Tapfer stritt im Feld der Ehre Einst ein trefflicher Soldat, Der dann später seine Wehre Am Altar geopfert hat. Und er nahm zur Hand die Fahne Mit den Farben weiß und roth, Daß sie ihn an Jenen mahne, Der uns ausgesöhnt mit Gott. Diese Fahne hält entgegen Er der Hölle finst'rcr Wuth, Und mit Gottes reichstem Segen Wird belohnt sein Heldcnmuth. Denn es sammeln sich in Schaaren , - Viel der Streiter um ihn her, Und die Kirche in Gefahren Schützt sein tapfres Geisterheer. Und der Sünde starke Ketten Sprenget seines Schwertes Macht; Wer von ihm sich läßt erretten, Wird befreit aus ihrer Nacht. Neues Leben, neue Wonne Bringt des Gottesmanncs Geist, Und es strahlt die Gnadcnsonne, Die zur Seligkeit uns weist. Soll ich vor den Mann nun führen, Nennen den Soldaten dir? — Lernst von ihm du ererciren, *) Wird der Himmel dein Quartier. ._ F. X. Sch. '1 In Einfiedeln ist ein Buch in der zweiten Auflage erschienen, in drei Bänden zu drei Gulden, welches den Titel führt: „Betrachtungen über das Leben und die Geheimnisse Jesu Christi, nach der Anweisung des heiligen Jgnatius." Aus dem Französischen übersetzt von P. Claudius Perrot. Vielleicht ist die Empfehlung dieses Erercitienbuches hier nicht am unrechten Platze, klsntsre, rißsre. incrementum äsre möchten hier zusammentreffen, wenn betrachtet, nicht neugierig gelesen wird. S6 Wolfgang Menzel über die Missionen. (Fortsetzung.) Zu Gengenbach waren neun Priester unermüdlich thätig im Beichtstuhle und Vußpreoigen, und dieselben Thränen, dieselbe Zerknirschung, dieselben guten Vorsätze wiederholten sich an allen Orten, wo die Missionäre wirkten vom Elsaß bis zum bayerischen RieS und vom Odenwalde bis zum Bodensee. Ein Augen- und Ohren- zenge meldet von den modernen Nachfolgern des Columbanus und Bonifacius: „In würdigster Weise zeichnete sich unter diesen höchst würdigen Dollmetschern der strafenden Gerechtigkeit und liebevollen Barmherzigkeit Gottes der Pater supenor Ambro- siuS Zobel aus. Die Barmherzigkeit Gottes scheint diesen frommen Natursohn der Tiroler Alpen ganz besonders berufen und ausgewählt zu haben. Darum hat sie ihm die Macht volksthümlicher Veredtheit, hinreißender Sprache, eine mit vieler Erfahrung im Seelsorgerlichen Amte verbundene profunde theologische Wissenschaft und die Kunst zu erschüttern und zu überzeugen verliehen, wie nicht kickt einem Andern. Mit welchem Segen dieser Mann von hohen Borzügen wirkte, das haben ihm die Thränenströme, welche von Tausenden bei seiner Schlußrede vergossen wurden, das laute Wehklagen, in das die Anwesenden ansbrachen, am beredtesten dargethan. Nur Augenzeugen können sich von der dabei herrschenden Rührung eine gehörige Vorstellung machen. Dieses Zeugniß des katholischen Volkes für seine Wirksamkeit ist um so gewichtiger, da dieser Priester, wie seine Amtsbrüder überhaupt, nicht Rührung erkünstelte, sondern mit dem scharfen Messer der Beweise auf Ueberzeugung drang. Die ganze Reihenfolge ihrer Predigten steuerte auf dieses Ziel los, denn die dreiundzwanzig Morgenbetrachtungen legten dem Volke den reichhaltigen Schatz der Gebote Gottes und der christlichen Tagesordnung auseinander. Diesen schloß sich eine Riihe von Vorträgen an über die Gebrechen und Laster unserer Tage, welche mit diesem gottheitlichen Wirken im grellsten Widerspruche stehen und den Jammer unserer Tage geboren haben. Der Fluch dieses Unheiles für Zeit und Ewigkeit wurde in starken Zügen vor Augen gehalten, in einer Sprache, welche den allerdings großen Theil der Zuhörer fortriß zu den Richterstühlen der Buße; ja sie klammerten sich an die Beichtstühle an, harreten, Männer und Weiber, Jünglinge und Jungfrauen, hochbetagte Greise und alte Frauen meist mehrere Tage, ja Nächte, oft ganz ohne alle und jede Nahrung auS, bis sie vom Priester Worte des Trostes vernommen hatten. Wohl an 10,000 empfingen das heilige Sacrament der Buße und des Altares. Darauf folgten die Rettungsmittel unserer Tage, die in der Anerkennung des hohen Werthes der unsterblichen Seele, im Worte der Offenbarung, in der Nachfolge Christi, in der Neugeburt deS christlichen Charakters, im Familienleben, dem gegenseitigen Verkehre und in der Sonntagsfeier liegen. Der christlichen Erziehung, den besondern Pflichten der Jünglinge, Jungfrauen, Väter und Mütter waren mehrere sehr ergreifende Vorträge gewidmet. Alle diese Materien wurden mit gebührendem Zartgefühle gegen andere christliche Confessionsverwandte vorgetragen, waö gerade auch von. mehreren derselben dadurch anerkannt wurde, daß sie sehr vielen Vorträgen mit ungetheilter Aufmerksamkeit und hohem Interesse anwohnten und mit den Katholiken namentlich auch die Verehrung für den Vorsteher theilen." Was außer den eindringlichen und AlleS zu Thränen bewegenden Bußpredigten, der Beichte und Communion in vorzüglichem Grade bei den Misstonen die Gemüther ergriff, waren folgende zwei Acte: Einmal wurde knieend von den Priestern zuerst, dann vom Volke, endlich von den Kindern feierlich Abbitte geleistet vor dem Aller- heiligsten, und sodann wurde ein hohes Kreuz aufgerichtet. Ein Augenzeuge der Misston in Säckingen bemerkt dazu: „Das Volk selbst hatte die Mission verlangt. Unter dem Einflüsse der modernen Gesetzgebung, einer meist radicalen, den Unglauben fördernden Schulmeisterei und in JndifferentismuS erschlaffenden Kirchenwesens — sah das Volk auch auf seinen Bergen mit jedem neuen Jahrzehnt Blüthe um Blüthe seiner schönern und bessern Tage verwelken, alte ehrwürdige Sitte und Zucht, Glauben und 27 Treue dahinschwinden, — dagegen (besonders in den jungem Geschlechtern) Unglau« ben und städtische Sittenloflgkeit, Zerwürfniß und Zerrissenheit in Gemeinden und Familien zerstörend Platz greifen; es sah dieses voll des tiefsten Schmerzes, eS klagte laut, aber seine Klagen fanden kein Gehör, bis statt des glaubenstreuen Hauen- steiners die blutige Faust der Empörer an den Thüren klopfe. Die Revolution verschaffte der Religion wieder einige Beachtung, der Freiheitsbaum weckte die Sehnsucht nach dem Kreuzesbaume." Man sieht, wie sehr die alte Mutterkirche im Vortheile ist, da sie solche Meetings halten kann, ohne die mindeste Besorgniß vor einer Ausschweifung oder Lächerlichkeit, Vor dem tiefen Ernste ihres Sacramentcs der Buße weicht der Spott, wie das Verbrechen. Es bedarf hier keiner Concessionen und Umschweife, um den Menschen im innersten Geiste und Gemüthe zu ergreifen. Der kirchliche Gehorsam läßt nicht mit sich markten, er wird gleich ganz verweigert oder voll geleist-t. Die Autorität der Kirche wird aber den rohen Volksmassen zum dringenden Bedürfnisse am meisten dann, wenn sie eben die des Staates mit Füßen getreten haben. Es kann hier nicht übergangen werden, was in den katholischen Gebieten Deutschlands sonst noch geschehen ist, um die gesunkene Autorität der Kirche wieder zur Geltung zu bringen. Die Bedeutung jener Missionen wird dadurch um so anschaulicher. Am AuSgange des vorigen Jahrhunderts war die katholische Welt nicht weniger wie die protestantische dem Ernste des Glaubens und der Sitte entfremdet worden. Die Vornehmen huldigten dem Geiste Voltaire's, oder dem, wenn auch sittlichen, doch seichten Josephinismus. Dem letzten geistlichen Kurfürsten von Köln durfte der berüch^ ligte EulogiuS Schneider das Kompliment machen, er halte ihn für keinen Katholiken, und der Kurfürst — lächelte freundlich. In Bayern wühlten die Jlluminaten. In Wien spielte Blumaucr den kleinen Voltaire und Kaiser Joseph II. und sein Minister Kaunitz spotteten des Papstes, der bekümmert über die Alpen gekommen war. Nur noch der niedere KleruS und das „gemeine Volk" bewahrten in ihrer allgemein belächelten Dummheit den von den Vätern ererbten Hort der Frömmigkeit. Man wird den übrigen Regierungen deö damaligen Enropa kaum Unrecht thun, wenn man behauptet, Napoleon sey es zuerst gewesen, der wieder auf die große Bedeutung der Kirche aufmerksam gemacht habe, wenn er es auch nicht verstand, sie so vollkommen richtig zu behandeln, daß sie ihm ihre Gegendienste nicht hätte versagen müssen. In der Restaurationszeit herrschten Diplomatie und Bureaukratie so bequem und thaten sich nach dem langen Kampfe in Europa und den unter Napoleon erlebten Demüthigungen so viel zu gute, daß sie es sehr unsanft vermerkten, wenn in der Kirche etwa einmal das Gelüsten nach Unabhängigkeit sich regte. Man fütterte die Bischöfe und behing sie mit Orden. Man stellte ein paar Liguorianer zur Schau und ärgerte das aufgeklärte Publicum mit dem Scheine der Bigotterie, ließ aber der That nach keinerlei Ultramonlanismus aufkommen. Fürst Metternich war durch und durch Ghibelline. Es gehörte eine Revolution und ein liberales Ministerium dazu, um, vom alten Systeme abweichend, die Emancipation der Kirche zu decretiren. Nur in den kleinern katholischen Staaten Deutschlands und in den paritätischen Staaten, auf den Universitäten Bayerns, Württembergs, Badens (?) und Preußens (?) wurden die Regungen des kirchlichen Geistes nicht unterdrückt, der mit unwiderstehlicher Gewalt zuerst in Belgien und Frankreich hervordrängte. Man mußte doch endlich die Entdeckung machen, daß in dem dummen Köhlerglauben des niedern KleruS und „gemeinen Volkes" ein Fonds von unschätzbarem Werthe stecke. Man mußte rück> blickend in die Geschichte, den ungeheuern Umfang von Macht erwägen, die der alte Glaube gewähre. Alle Regierungen Frankreichs, wie rasch sie auf einander folgten, erwogen diese Macht, und wie Ludwig XVIII. und Karl X., so huldigten Ludwig Philipp und Cavaignac und Ludwig Napoleon der Kirche. Die erste französische Republik des Jahres 1792 schaffte die christliche Religion ab und überlieferte ihre Priester dem Messer der Guillotine. Die zweite vom Jahre 1843 beeilte sich, eine 28 Armee nach Rom zu schicken, um den Papst in alle seine Rechte wieder einzusetzen' und die stolzen CitoyenS, die ihren König vertrieben, knieten und senkten ihre Trico- lore vor dem Oberhirten der Kirche. (Fortsetzung folgt.) Die katholische Weltanschauung. (Schluß.) Die katholische Weltanschauung macht sich weiter auch auf dem Gebiete deS Schulwesens geltend. Wenn die moderne Weltanschauung dem Grundsatze der Theilung, Trennung und Auflösung des Zusammengehörigen unverkennbar huldigt; wenn sie eS ganz in der Ordnung findet, daß von der einen heiligen allgemeinen Kirche im Laufe der Jahrhunderte größere und kleinere Religionsgesellschaften ausge^ schieden sind; wenn sie es nicht ungern sieht, daß die von der Kirche ansgeschiedenen Genossenschaften sich mehr und mehr zerbröckeln und auf das Leben allen Einfluß verlieren; wenn die moderne Weltanschauung redlich das Ihre dazu beigetragen hat, daß die geistlichen Kongregationen, die Klöster und Orden aufgehoben worden sind, daß die weltlichen Corporationen, die Gilden, Innungen und Mittel in ihrem frühern festen Zusammenhange nicht mehr bestehen und daß von einer Bürgerschaft im alten Sinne des Wortes nicht mehr die Rede ist; wenn der modernen Weltanschauung jeder größere Grundbesitz, jedes ererbte oder aufgesammelte Vermögen, ja wenn ihr selbst die Familienverbindung und die eheliche Gemeinschaft zuwider ist; wenn sie also Alles theilen, Alles, was noch Halt hat, parcelliren und zertrümmern möchte: dürfen wir uns da wundern, daß sie auch ein Gebiet des Schulwesens nach dem andern, zuerst die Universitäten, dann die Gymnasien und hierauf die Realschulen von der Kirche getrennt hat und baß sie uun auch das letzte Gebiet noch, nämlich die Volksschulen, losreißen möchte? Der modernen Weltanschauung steht auch hier die katholische schnurstracks entgegen. Die katholische Kirche ist eine erhaltende, eine einigende Macht; sie ist auf allen Gebieten des Lebens, wie es das große Buch der Geschichte auf jeder Seite bekundet, aller Trennung, Vereinzelung und Auflösung des Zusammengehörigen abhold; und wenn es sich namentlich um die Entfremdung der Volksschule handelt, so betrachtet sie diese Angelegenheit als eine Lebensfrage und setzt Alles daran, daß die Elementarschule, die ganz allein ihr Werk ist, ihr nicht entrissen werde; denn die Elementarschule ist diejenige Anstalt, in welcher ja der junge Nachwuchs der Menschheit durch die christliche Lehre zu einem edlen menschenwürdigen Daseyn herangebildet und für den Eintritt in die Gemeinde der Erwachsenen vorbereitet wird. Wie könnte demnach die Kirche die Elementar- oder Volksschule ihren liebenden Mutterarmen entwinden lassen und sie uiichristlichcn Einflüssen überliefern? Nein, nach der katholischen Weltanschauung muß die Schule in innigster Verbindung mit der Kirche bleiben, nach der katholischen Weltanschauung muß die Schule auch wieder eine naturgemäße Unterrichtsverfassung erhalten. Die Religion muß in ihr das Alles belebende, und der Sprachunterricht, der für das Verständniß der christlichen Lehre vorbereitet, muß das Alles verbindende Element seyn. Aller bisherigen Trennung und Zersplitterung der Lehrzweige, aller Zerflossenheit nnd Zerfahrenheit, worunter die Schule noch sehr leidet, allem bunten unv schillernden Vielerlei, wobei man oft vor Bäumen den Wald nicht sieht, allem bloßen unfruchtbaren Wissen, allen pädagogischen Daumschrauben und Torturen, durch die man aus den armen Kindern herauskatechisiren, d. h. herauS- pressen wollte, was noch Niemand in sie hineingelegt hatte; allem bloßen Abrichten und Zustutzen für die Zwecke des irdischen Lebens muß Einhalt gethan werden. Die katholische Weltanschauung will allerdings, daß ein verständiges, geistig regsames, für'S irdische Leben taugliches, aber auch ein frommes, gehorsames, sittsames, für daö ewige Leben heranblühendes Geschlecht in den Schulen des Landes gebildet werde. 29 Unsere Kinder sollen allerdings um sich wissen; aber sie sollen nicht allein im Reiche der Erde, sondern auch im Himmelreiche sich zurechtfinden lernen, Daher will die katholische Weltanschauung nicht bloß den Unterricht, sondern sie will mit dem Unterrichte auch die Zucht; unsere Kinder sollen nicht bloß zunehmen an allerlei Einsicht, sondern auch an Wohlgefallen vor Gott und den Menschen; sie sollen bei Prüfungen nicht eben durch eingetrichterte altkluge Urtheile und durch eindressirte auffallende Kenntnisse Paradiren, sondern sie sollen in Unbefangenheit und Anspruchslosigkeit ihren Eltern zur Freude und zum Troste heranwachsen, indem sie sich von früh auf an die Tugenden der Bescheidenheit, deS Fleißes, der Herzensreiuigkeit, der aufrichtigen Liebe gegen Gott und gegen die Menschen gewöhnen. Indem aber die katholische Weltanschauung solche Forderungen an die Schule stellt, so verlang: sie auch von den Eltern, daß sie die Schule durch die häusliche Zucht unterstützen, daß sie bei ihrer Erziehung alle Weichlichkeit, Schwächlichkeit und Halbheit verbannen und mit Ernst und Nachdruck allen Ungezogenheiten der Kinder steueru, daß sie streng nach dem Grundsatze der Schrift verfahren: „Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es," und daß sie genau nach dem Grundsatze der Erfahrung handeln: .Man muß den Baum biegen, weil er jung ist!" Die katholische Weltanschauung läßt nicht die Einwendung überzärtlicher nnd übcrnachsichtiger Eltern gelten: „Jugend habe nun einmal nicht Tugend; man dürfe von den armen Kindern nicht zu viel verlangen, sie nicht zu sehr anstrengen und zu kurz halten, man müsse ihnen schon einige Freiheit gestalten, die schöne Jugendzeit fliehe so schnell dahin nnd kehre nimmer wieder, wer wollte auch so grausam seyn, die Freuden der Jugend zu stören, die kleinen muntern Leute um das Paradies der Kindheit zu betrügen?" Die katholische Weltanschauung erwidert hierauf: Gerade dadurch, daß ihr der Selbstsucht, dem Eigensinn, der Naschhaftigkeit, der Faulheit, der Lügenhaftigkeit, der Leichtfertigkeit eurer Kinder steuert, daß ihr sie in ihrem Thun und Treiben sorgsam überwacht, daß ihr die schädlichen Auswüchse der Ungebundenheit beseitigt, gerade dadurch erspar« ihr euern Kleinen so viele trübe Stunden, die ihre Unbesonnenheit ihnen zuzieht; gerade dadurch bewahrt ihr euern Pflegvefohlenen das Glück und die Harmlosigkeit der gold- nen Kinderjahre, gerade dadurch vertretet ihr bei euren Lieblingen die Stelle der Cherubim, die mit flammendem Schwerte das Paradies der Unschuld gegen die Macht der Sünde schützen. Müssen wir, um ein Gleichniß anzuführen, den nickt als einen verständig besorgten Mann loben, der den zwischen schattigen und beblümten Ufern sanft dahin rieselnden Bach eindämmt, damit er seine klaren Fluthen, in denen am Tage der blaue Aethcr und in der Nacht der Sternenhimmel sich spiegell, zusammenhalte und allen Umwohnenden Freude und Nutzen bringe? Können wir es etwa gut heißen, können wir es für den lieblichen Bach und seine anmuthige Umgebung ersprießlich finren, wenn ein Unbesonnener die schützenden Ufer durchsticht, um, wie er thöricht meint, den schönen Strom seiner Fesseln zu entledigen? Werden nun nicht die entfesselten Fluthen ihren geordneten Lauf verlassen, sich über die bunten Wiesen und bebauten Felder ergießen und das blühende Land in einen Teich, in Morast unv Moder verwandeln; wird der Bach nicht selbst allmälig versanden, werden nicht seine sonst so klaren Wogen in trüben Schlamm sich verkehren, werden nicht die süßen Gesänge der Nachtigallen an seinen Usern verstummen, wird nicht an ihrer Stelle der widerlichste Unkenruf sich vernehmen lassen? Nun Eltern, der klare, spicgelhelle Bach ist das schöne Jugendleben eurer Kinder: durchstecht des Baches Ufer, räumt die Dämme heilsamer Zucht hinweg und — dieß schöne Jugendleben versumpft und des Sumpfes verderbliche Ausdünstung gereicht euch, euern Kindern selbst und der ganzen Umgebung zum größten Nachtheile. Haltet darum die euch anempfohlene katholische Erziehung für keine Freuvenstörerin, erkennet sie vielmehr als die Mutter reiner unschulvsvoller Freuren für eure Kinder an. Ja, eine Freudcnbringerin ist die katholische Erziehung; sie ergibt sich ja mit Nothwendigkeit aus der katholischen Weltanschauung, und diese ist nichts weniger, 30 als eine unthätig klagende, als eine trostlos jammernde uno trübselig stöhnende: dem katholischen Standpuncte ist nichts mehr zuwider als Kopfhängern und Duckmäuserei. Freilich ist uusere Weltanschauung der modernen gegenüber eine ernste und besonnene, aber dabei ist sie auch eine heitere und fröhliche, das zeigt sich insbesondere bei unserm herrlichen und sinnvollen Gottesdienste. Wohl blicken wir in den geweihten Stunden unsers Lebens mit tiefer Wehmuth auf die eigene und fremde Sündenschuld, aber diese Wehmuth treibt uns nicht zur Trostlosigkeit oder gar zur > Verzweiflung; denn über der Erbsünde, deren Folgen allerdings auf uns so schwer lasten, übersehen wir nicht das Erbverdienst, das der Heiland uns erworben, über den Versuchungen und Fallstricken, die unserer Tugend, unserm Seelenfrieden drohen, übersehen wir nicht die herrlichen Gnadenmittel, die der Erlöser zum endlichen Siege über daS Reich der Finsterniß uns hinterlassen; wir betrüben uns wohl über den Sünder, der vom Pfade des Heils abgewichen, aber wir erblicken in ihm nur einen Verlornen Sohn, der jeden Tag wieder in sich gehen, jeden Tag wieder in die geöffneten Arme deS liebenden Vaters zurückkehren kann, und wir freuen uns, gleich den Engeln im Himmel, mit unaussprechlicher Freude, wenn der Jrrgegcmgene nuu wieder im Vaterhause aufgenommen wird. Wir stimmen allerdings oft genug das Miscrere an, wir rufen mit bewegter Seele das „Herr, erbarme dich unser!" aber wir singen auch gar bald mit frohem Sinn das Kloris in oxeelsis vsc», wir vergessen nicht deS frohlockenden Hallelujahs. Wir stimmen, wenn wir auch Adams Schulv tief beklagen, doch im Hinblick auf Christus, den zweiten vollkommenen Avam, in den Freudenruf ver Kirche ein: „O glückliche Schuld Adams, die einen solchen Erlöser uns brachte!" Darum ist denn der katholische Gottesdienst auch ein so heiterer, darum müssen die schönen Künste: Malerei, Bildhauerei, Baukunst und Tonkunst ihre trefflichsten Erzeugnisse dem Dienste des Heiligen weihen, um das katholische Gemülh über den Jammer der Erde mächtig emporzuheben, und das Herz in der Gemeinschaft mit dem im Gcheimniß seiner Liebe gegenwärtigen Heilande jene Seligkeit ahnen zu lassen, die noch kein Auge gesehen, die noch kein Ohr gehört, die noch in keines Menschen Herz gekommen. Darum steigen in unsern Kirchen Weihrauchwolken empor und erfüllen deS Gotteshauses Räume mit Wohlgeruch; darum flammen, als Sinnbilder freudiger Liebe, zahlreiche Kerzen auf unsern Altären; darum strahlen die Gewänder unserer Priester beim heiligen Dienste in seltener Farbenpracht; darum ergießen sich die Klänge der Orgel, die Harmonien der Instrumentalmusik vom hohen Chöre auf die Andächtige» herab und versetzen sie in eine froh bewegte Stimmung; darnm öffnen die Gläubigen ihren Mund nicht zu düstern, schwerfälligen, langgezogenen Chorälen, die stets wie Grablieder klingen, sondern zn heitern, gefälligen, beflügelten Sangweisen; denn die Gläubigen sind in ihrem Gott vergnügt und der in Gott Vergnügte stöhnt und jammert nicht. Das, l. V. G., ist die katholische Weltanschauung, die sich geltend macht bei allen Grundfragen deS Lebens, die in eigenthümlicher Weise das Verhältniß der Menschen zu Gott und das Verhältniß der Menschen unter einander auffaßt, die in der Erziehung, bei der Goltesverehrung, allüberall folgerichtig immer denselben Standpunct behauptet, ja die bei einzelnen, scheinbar Zusammenhangs losen Vorkommnissen oft gerade am augenfälligsten sich bethätigt. Wir haben etwas der Art in der jüngsten Zeit erlebt, und gerade bei diesem Erlebniß hat sich deutlich herausgestellt, wie verschieden unsere Auffassungsweise ist nicht bloß von jener der Religionsverächter, sondern selbst von der der gläubigen Protestanten. Siehe, weit jenseit der Berge, weit hinter den deutschen Mittel- und Hochgebirgen, im fernen Italien, in einer Stadt am Tiberstrande wählt ein, wie behauptet wird, fremder Priester, unkundig unserer Sprache und unserer Sitten, ein, wie es scheint, machtloser Mann, den die Bewohner der eigenen Stadt im vorigen Jahre von seinem Sitze vertrieben und den in diesem Jahre Fremde erst wieder zurückgeführt haben — dieser Mann wählt und ernennt sich Rathgeber und Gehilfen in Deutschland, in dem Lande, daö die Italiener sonst als ein barbarisches zu bczuchnen pflegten. Und auch unser 31 Bischof ist unter diesen erwählten und ernannten Rathgebcrn, und es zeigt sich nun allerdings: unser Bischof muß in dem Lande jenseits der Berge wohl gekannt seyn, er muß auch in jener Ferne Vertraue» besitzen; eS zeigt sich, dem Bischöfe soll eine gewisse Ehre angethan werden: aber was hat er von dieser Ehre; was ist an der ganzen Geschichte gelegen, was geht sie insbesondere uns an, die wir uns um ganz andere Sachen zu kümmern und unsere ganze Aufmerksamkeit jetzt auf die Frage zu richten haben: Ob Krieg, ob Frieden? So kann man von einem gewissen Standpuncte auS allerdings fragen und so hat man auch vielfach gefragt. Aber von diesem ordinären unkatholischen Standpuncte ist der katholische Standpunct himmelweit verschieden. Vom katholischen Standpuncte aus erscheint jene Stadt am Tiberstrande, daS ewige Rom, als das Centrum der Kirche Gottes in allen Theilen der Welt, und der Priester in Rom ist uns kein fremder, es ist PiusIX., der um das Wohl der ihm anvertrauten Heerde rastlos besorgte, schwer geprüfte heilige Vater, der Statthalter Christi auf Erden, der Nachfolger des heiligen Petrus, zu welchem der Herr sprach: „Weide meine Lämmer, weide meine Schafe, weide alle meine Gläubigen auf den Auen des ewigen Lebens!" Und die Ehre, die unserm Fürstbischof dadurch widerfahren, daß er zum Cardinal, zum Rathgeber des heiligen Vaters, zum Fürsten der römischen Kirche ernannt und als solcher mit dem Purpur geschmückt worden, diese Ehre geht uns Alle an; denn wir stehen mit unserm Bischöfe in der innigsten Liebesund Lebensgemeinschaft, so daß seine Ehre die Ehre der Diöcese, unser aller, eigene Ehre ist. Und ferner: dadurch, daß sich der heilige Vater drei deutsche Bischöfe auf einmal als seine Berather zugesellt und sie in jenes Collegium aufgenommen hat, das ihm am nächsten steht, dadurch ist ein neues Band der Liebe zwischen Deutschland und dem Mittelpuncte der katholischen Einheit geknüpft worden; herrlich stellt sich dadurch heraus, daß auch unser Geschick der heilige Vater liebend aus seinem Herzen trägt, daß auch das zerrissene, zerwühlte Deutschland ein Gegenstand seiner Vatersorge ist. Die eigenen Söhne haben mit dem edlen Vaterlande, das aus allen Wunden blutet, kein Mitleid; sie machen eS zum Spott der Nachbarvölker, aber der Mann jenseits der Berge, der ein fremder Priester, ein auswärtiger Oberer genannt wird, er hat mit unsern Zuständen das innigste Mitleid, er ehrt Deutschland, das die Deutschen entehren; er betet für Deutschlands Wohl, er hegt das sehnende Verlangen, daß eS unter uns besser werde: darum thut er, was er nur immer thun kann. Freilich, Andere werden bei der Auszeichnung, die einem ihrer kirchlichen Vorsteher von ferne her zu Theil w rd, nicht laut aufjubeln, sie werden ihre Wohnungen nicht erleuchten, nicht mit rauschender Musik, mit wehenden Fahnen, mit glänzenden Abzeichen und mit Hunderten von farbigen Lichtbällen in langen Reihen daherziehen, um dem gefeierten Manne den Tribut ihrer Huldigung zu bringen; sie werden nicht die Flammen ihrer Liebe auf die Thürme ihrer Kirchen tragen, damit diese Flammen weit hinausreichen in die trübe Novembernacht und allen Umwohnenden verkünden, was sich Ungewöhnliches in Breslau begibt; mit einem Worte: sie werden nicht thun, was wir gethan haben, und warum nicht? Nicht, weil es ihnen dazu an Mitteln fehlte: o, sie haben über ganz andere Mittel zu gebieten, als wir armen Katholiken; auch nicht, weil es ihnen an Opferwilligkeit gebräche: sie beweisen diese genugsam bei andern Gelegenheiten: nein, sie thun nicht, was wir gethan haben, einzig auS dem Grunde, weil sie nicht unsere Anschauungsweise theilen, weil sie das Verhältniß zu ihren Predigern, zu ihren kirchlichen Vorstehern ganz anders auffassen; diese sind ihnen ganz etwas Anderes, als uns der Bischof und der Papst ist. Hier habe ich Ihnen nun, l. V. G., an einem einzelnen scheinbar zusammenhangslosen Falle nachgewiesen, daß wir Katholiken in der That eine eigenthümliche Anschauungsweise haben und aaf diese dürfen wir stolz seyn; denn wenn nach ihr Alles in der Welt sich gestaltete: c cnm würde die Sünde und mit der Sünde würden Noth, Jammer und Elend immer mehr verschwinden, das Eigenthum, der gute Ruf, das Familienglück, das Wohl l cr Gemeinden, die öffentliche Ordnung, die Ruhe der 3S Staaten würde mehr und mehr gesichert, die Erde immer mehr zu einem Vorhofe des Himmels umgewandelt werden. Ja wir dürfen stolz seyn auf unsere Weltanschauung; denn sie ist inmitten aller nebelhaften Zcitmeinungen, aller immerdar wechselnden Tagesansichten allein eine feste, folgerichtige und grundsätzliche. Bleiben wir demnach der katholischen Weltanschauung tren, aber nicht bloß in einer Richtung, etwa in der kirchlichen, sondern bleiben wir ihr in allen Verhältnissen des Lebens treu, suchen wir sie überall in Anwendung zu bringen, läutern und befestigen wir sie immer mehr in uns und in Andern; ja, lassen Sie uns als Mitglieder des katholischen Vereines ernstlich sorgen, daß die katholische Weltanschauung immer mehr eine Macht werde, daß sie sich immer mehr als ein Leuchtthurm erweise, durch welchen die Lebensschiffer auf den sturmbewegten Wogen der Zeit sich zurechtfinden, mit dessen Hilfe sie sicher in den schützenden Hafen gelangen! Dänemark. In Dänemark, wo bisher, ähnlich wie in Schweden, der Lutheranismus alleinige Geltung und öffentliche Anerkennung hatte, und alle andern ReligionSgesell- schaften mit ihren Angehörigen vielfachem Druck und intoleranter Beeinträchtigung unterworfen waren, hat der Cultusminister es neuerdings durchgesetzt, daß in Uebereinstimmung mit der gegenwärtigen Verfassung anch denjenigen, welche sich nicht zur lutherischen Landeskirche bekennen, die ihnen gebührende religiöse Freiheit zu Theil werde. Mußten bisher alle christlichen Ehen, und namentlich auch alle gemischten Ehen vor einem lutherischen Prediger geschlossen werden, um öffentlich'e Giltigkeit zu haben, so soll jetzt eine dahin abzielende Erklärung und Unterschrift vor dem Magistrat genügen; mußten bis jetzt alle Kinder aus gemischten Ehen von einem lutherischen Prediger getauft und lutherisch erzogen werden, so soll diese Art der Tause künftig nicht mehr nothwendig, sondern eine Eintragung in die Geburtsliste der Gemeinde hinreichend und demgemäß es auch gestattet seyn, von einem katholischen Priester die Kinder taufen zu lassen. Die religiöse Erziehung der Kinder aus gemischten Ehen soll den Eltern freigestellt werden, so jedoch, daß sie vor Eingehung der Ehe sich darüber einigen und eine Erklärung abgeben. Nicht die sogenannte lutherische Confir- mation soll künftig mehr ven Austritt aus der Schule ermöglichen, sondern eine einfache Ausschreibung aus der Schule, oder ein Eramen. So ist doch wenigstens ein Anfang zur Freigebung der Kirche auch in Dänemark gemacht; freilich ist damit bisher noch wenig gewonnen, um so mehr, als die intoleranten dänischen Lutheraner überall Adressen gegen diese Religionsfreiheit bei der Regierung einreichen. Die Regierung aber zeigt sich gegenwärtig toleranter als das Volk. Notizen. Pfarrer Meinhold von der Insel Rügen, dessen dichterische Werke — namentlich die Bernsteinhere — vielseitiges Interesse erregten, lebt jetzt in Berlin, um zur katholischen Religion überzutreten. Sein Sohn thut denselben Schritt in Breslau, um dann daselbst katholische Theologie zu studiren. * 5 * Von den katholischen Instituten in der Stadt Berlin hat das der barmherzigen Schwestern eine wahre Popularität erlangt. Wegen der ganz besondern Vortrefflichkeit der Krankenanstalt haben sogar die Innungen Berlins die regelmäßige Aufnahme ihrer Kranken gerade in diese Anstalt nachgesucht; was freilich wegen der noch nicht entsprechenden Ausdehnung des Instituts nicht gewährt werden konnte. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. C. Krem er. CAfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt ?ß»/n kjs-T US.' sv-L/vä» N!^^ , !lM'ls..^:'T' »'^inv/.^.s.'^'j zur Augsburger Postzeitung. 2. Februar M^- A. ^851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Päpstliches Breve an die Bischöfe der Schweiz. „Ehrwürdiger Bruder! Wir sind seit Langem von Schmerz durchdrungen und mischen Unsere Thränen mit den Enrigen, wenn Wir gedenken, wie in der Schweiz Tag für Tag der unbefleckten Braut Christi herbere und zahlreichere Wunden geschlagen und ein grausamer Krieg gegen Unsere hochheilige Religion in diesem Lande geführt wird. Eure Hirtentugend, der Eifer und die Sorgfalt, die Ihr inmitten so vieler Drangsale und Kümmernisse für das Heil der Euch anvertrauten Heerve an den Tag leget, die Ausdauer und Standhastigkeit, mit welcher Ihr die Sache GotteS und seiner heiligen Kirche vertheidiget, hat nicht wenig dazu beigetragen, den Kummer Unseres Herzens zu versüßen. Wir richten daher dieses Schreiben an Euch, um diesen großen, eines katholischen Bischofes so würdigen Hcldenmuth nach Verdienst zu beloben und Euch durch Unser Wort zu ermuntern, daß Ihr bei so vielen Gefahren, gestärkt durch den Herrn und ausgerüstet mit seiner schützenden Kraft, ausharret mit immer erneuertem Eifer im Kampfe für die gute Sache, in der Bewahrung Eurer geliebten Heerde vor der ihr drohenden Gefahr und in der eben so festen als klugen Vertheidigung der Rechte der Kirche. Ihr kennet die verschiedenen und mannigfachen Fallstricke, mit welchen verkehrte und hinterlistige Menschen Geist und Herz der Einfältigen zu betrügen und sie zu ihren falschen Rathschlägen zu verführen suchen, ja, wie sie selbst der Katholiken zur Ausführung ihres Vorhabens, nämlich zur gänzlichen Zerstörung der katholischen Kirche in Eurem Lande sich bedienen. Mahnet daher unablässig mit der ganzen Wachsamkeit, die Euch auszeichnet, die Eurer Sorgfalt anvertrauten Gläubigen, aus daß sie nicht in die ihnen von ihren Feinden gelegten Schlingen fallen und daß sie den trügerischen Verlockungen ihr Ohr selbst dann versagen, wenn sich dieselben mit einem Scheine von Frömmigkeit umgeben würden. Wecket den Muth Eures Klerus, auf daß er, inmitten der Bedrängnisse, der Müh» sale und Gefahren, seine Kraft in der Hilfe Gottes schöpfend, seinen kirchlichen Eifer ohne Unterlaß mehre und denselben verwende, das christliche Volk in der wahren Lehre zu unterrichten, eS zu unerschütterlichem Festhalten an den wahren Grundsätzen unserer Religion und der Beobachtung der katholischen Borschristen aufmuntere und ihm ans Herz lege, daß je größer die Vielfältigkeit der Leiden ist, um so glänzender und zahlreicher die Kronen seyn werden, welche Denjenigen, die einen so ruhmwürdigen Kampf bestehen, aufgewahrt sind. Seyd überzeugt, daß uns, nach Unserer apostolischen Pflicht, Nichts mehr am Herzen liegt, als allen Unsern Eifer zu Eurer und der Unterstützung Eurer ehrwürdigen Brüder, der Bischöfe der Schweiz, zu verwenden und mit Unserer ganzen Kraft dahin zu wirken, um die in der Kirche Eures Landes angerichteten Verwüstungen herzustellen. Unablässig, Tag und Nacht, beten und flehen wir in der Demuth 34 Unseres Herzens, der Gott der Erbarmnisse möge in der Unerschöpflichkeit seiner Güte einen gnädigen Blick auf die Schweiz werfen, damit die heilige Kirche, befreit von ihren gegenwärtigen Drangsalen, wieder aufblühe von Tag zu Tag mehr zu ihrer vollen Kraft und Wirksamkeit. Als Beweis Unserer innigen Zuneigung für Euch geben wir mit Liebe und auS der Tiese Unseres Herzens Euch und den Eurer Pflege anvertrauten geistlichen und weltlichen Gläubigen den apostolischen Segen, daS Unterpfand aller Geschenke von Oben." Hirtenbrief des Cardinal-Fürstbischofs von Breslau. Unterm 4. Nov. v. Js. hat Se. Eminenz der Cardinal Fürstbischof von Breslau nachfolgenden Hirtenbrief erlassen: Bei dem Eintritt in daS neue Kirchenjahr, meine Geliebten, begrüßet Euch Euer Bischof dießmal in einer neuen kirchlichen Würde. ES hat nämlich Er. Päpstlichen Heiligkeit, unserm obersten Hirten gefallen, in dem am 30. September dieses Jahres zu Rom abgehaltenen geheimen Konsistorium unter mehreren andern würdigen und in der Kirche hochgestellten Männern verschiedener Länder auch mich, einen der Geringsten seiner Mitarbeiter in diesen schweren drangvollen Tagen, zu der hohen Würde eines Cardinalpriesters der heiligen römischen Kirche zu erheben; und zugleich huldreich anzuordnen, daß ich, weil die vielen wichtigen und dringenden Geschäfte dieses großen Bisthums mir eine längere Abwesenheit außerhalb desselben nicht wohl gestatten, hier in meiner Kaihedralkirche, in Mitte meines Hochwürdigen DomcapitelS und Klerus und meiner versammelten Gläubigen, mit dem Abzeichen dieser neuen Würde durch die befreundete Hand Sr. Ercellenz des Hochwürdigsten Herrn Erzbi- schofes von Carthago und Apostolischen Nuntius am Kaiserlichen Hofe angethan werde. Diese Feierlichkeit ist am heutigen Tage vollzogen worden, und ich weiß diesen Ehrentag nicht würdiger zu beschließen, als indem ich durch dieses Hirtenschreiben meine Stimme zu Euch Allen erhebe, und wie ich es mündlich heute in der Kirche gethan, nun auch öffentlich vor aller Welt zuerst meinen ehrerbietigsten Dank aussprecbe Sr. Päpstlichen Heiligkeit für daS neue Zeichen des Wohlwollens und ehrenden Vertrauens, welches er mir durch diese seltene und unerwartete Erhebung offenbaret hat. Zwar weiß ich wohl, daß so große Ehre und Auszeichnung nicht meinem persönlichen Werthe und Verdienste, deren Unzulänglichkeit ich vor Gott erkenne, und vor Sr. Heiligkeit offen aber vergeblich betheuert habe, zuzuschreiben ist, sondern daß sie nach der weisen Absicht des heiligen Vaters der katholischen Bevölkerung und dem Ehrwürdigen KleruS dieser Lande überhaupt gelten solle, welchen Se. Heiligkeit, durch die Erhebung einiger Bischöfe auf die höchste Ehrenstufe der Kirche, ein weltkundiges Zeugniß der Anerkennung ihrer, in schwerer Zeit bewährten Glaubenstreue und einen seltenen Beweis väterlicher Liebe und hohen Vertrauens hat gewähren wollen Nicht minder hat der heilige Vater dadurch unserm gnädigsten Monarchen einen ehrenden Beweis anerkennenden Dankes geben wollen für den, seinen katholischen Unterthanen und ihrer geordneten kirchlichen Freiheit gewährten gerechten und wohlwollenden Schutz. Hierdurch erhält dann aber die Sache eine um so größere Bedeutung; und wenn Ihr Alle, mein? Geliebten, in der Erhöhung Eures Bischofes Euch geehrt, und Euren kirchlichen Sinn von Dem anerkannt und belohnt findet, der uns als der oberste Hirt von Gott gesetzt ist, so werdet Ihr auch Alle zum Danke mit mir Euch vereinigen, zu einem würdigen Danke, den wir nicht mit schönklingenden Worten, sondern vor Allem mit treuen und inbrünstigen täglichen Gebeten für daS Wohl unseres edeln, so schwer geprüften heiligen Vaters vor Gott bethätigen wollen. Und — heute am Altare vor dem hohen Abgesandten und Vertreter Sr. Heiligkeit hab' ich'S ausgesprochen und wiederhole es hier laut — eS ist unser heiliger Vater in seiner guten Meinung von den Katholiken dieser Lande nicht getäuscht worden. Denn katholisch sind sie, und wollen sie in Wahrheit seyn und bleiben, und darum 35 christkatholisch, d. h. gebaut auf Christum und gefestiget in Christo, dem Grundstein und Unterpfande unseres Heiles und alles HcileS; und Römischkatholisch, d. h. geeinigt in Glaube, Liebe und Gehorsam mit dem heiligen römischen Stuhle, dem Mittelpuncte der Einheit; und treu anhänglich und verbunden, wie die Glieder dem Haupte, dem heiligen Vater, Christi Stellvertreter in seiner Kirche, welcher ist Petrus, und Petri Pachfolger. Und wie dieß von den deutschen Katholiken'dieser Lande, so gilt eö auch in nicht minderem Grade von der ihnen beigemischten slavischen Bevölkerung, deren Eifer und Treue in Bewahrung ihres angestammten katholischen Glaubens und darum auch in Bewahrung ihrer Gemeinschaft mit dem heiligen römischen Stuhle weltbekannt ist und meines LobeS nicht bedarf. Weil nun diese innige Verbindung und Gemeinschaft das Zeichen und die Bedingung ist des katholischen Lebens, so kann die heutige Feierlichkeit, welche mich, den Hirten dieses weiten Sprengels und der darin wohnenden beiderlei Bevölkerungen, in die erhabene Genossenschaft der Cardinalpriester der heiligen römischen Kirche erhebt und so dem höchsten Kirchenoberhaupte noch näher stellt, sie kann, sage ich, in der weisen Absicht des heiligen VaterS nur dazu dienen, den katholischen Glauben und das katholische Leben dieser Lande zu bewährZn,' zu stärken und zu erfrischen; und wem, sie dieß wirklich durch Gotteö Gnade in unS Allen bewirkt, fo ist das gewiß der würdigste, gottgefälligste und auch dem heiligen Vater angenehmste Dank. Wohlbedacht aber und mit Absicht, meine Geliebten, spreche ich von katholischem Glauben und katholischem Leben. Denn eS gibt ja leider einen Glauben ohne Werke, ohne Liebe, den der Apostel einen todten Glauben nennt; einen katholischen Glauben, den ein unchristliches Leben Lügen straft; einen katholischen Glauben, der aussieht, als lebte er, und ist doch eine Leiche in übertünchten, Grabe, dessen Modergeruch ein Gräuel ist vor Gott. ES steht auf dem Acker der Kirche unter dem guten Weizen eine Menge Unkraut, daö der Herr mitwachsen läßt bis zum Tage der Ernte, wo eS inS Feuer geworfen wird. Also durch den bloßen Namen katholisch sind wir noch nicht gesichert; noch auch durch jenen falschen Glaubenseifer, der selbst den Pharisäern nicht fehlte, die sich als Abrahams Kinder rühmten, eS dem Fleische nach auch waren, und denen doch der Herr sagte: daß ihnen Abrahams Werke fehlten, daß sie des Teufels Kinder seyen; was sie bewiesen, da sie den Sohn Gottes an's Kreuz schlugen. Solcher aber kann auch unter uns noch geschehen; denn der Apostel Paulus spricht auch von entarteten, ihres Namens unwürdigen Christen, die ein jeder für sich den Sohn Gottes auf ein Neues kreuzigen und verspotten. Von Euch aber, Geliebteste, füge ich mit dem Apostel hinzu,, versehe ich mich eines Besseren und daß Ihr nahe dem Heile seyd, obgleich ich so rede. Denn Gott ist nicht ungerecht, daß er vergessen sollte Eures Thuns und Eurer Liebe, die Ihr gegen seinen Namen bewiesen habet, da Ihr den Heiligen dientet und dienet. Ja, meine geliebten katholischen Schlesier, Ihr habet katholische Liebe bewiesen, als Ihr auf meinen Aufruf dem damals so schwer bedrängten, vertriebenen und seiner Hilfsmittel beraubten heiligen Vater Eure Liebesgaben darzubringen mit jedem andern katholischen Lande der Erde rühmlich wetteifertet. Ihr habet katholische Liebe bewiesen, als HungerSnoth und Seuche einen Theil der Provinz heimsuchten, und Ihr Euch beeiltet, den Verschmachtenden rettend beizuspringen mit reichen Gaben und leiblicher Hilfeleistung. Ihr habet katholische Liebe bewiesen, als ich Euch erst jüngst ermunternd aufrief, die Tausende von hinterlassenen Typhus'Waisen an Euren Familienherd aufzunehmen, und an ihnen Vater- und Mutterstelle um Christi willen zu vertreten, und als sogleich auch Tausende unter Euch um solchen Liebesdienst sich wetteifernd bewarben. Und Ihr, geliebte Oberschlesier, habet katholische Liebe und Selbstbeherrschung bewiesen, als Ihr vor mehreren Jahren auf den Weckruf Eurer eifrige» Seelsorger wie Ein Mann Euch heldcnmüthig aufrafftet, um die Sündenfessel einer, so Vielen zur andern Natur gewordenen Gewohnheit, deö Branntweintrinkenö, abzustreifen, 3K und als Ihr unter dem Schutze der heiligen Jungfrau Euch verpflichtetet, einem täuschenden Genusse zu entsagen, der so unwürdig des christlichen Namens, so verderblich für Seele und Leib, so zerrüttend für Euer ganzes Glück und Wohlseyn war. Die Welt staunte, als in einem Jahre Eure beldenmüthigc Enthaltsamkeit die Branntweinsteuer in Schlesien um eine halbe Million verminderte, und Euer edler König freute sich eines solchen Ausfalles in dem Staatseinkommen. Beharret denn in Eurem hochflnnigen Entschlüsse! Auch der heilige Vater, dessen bekümmertem Herzen ich die Kunde von Eurer schönen frommen Selbstüberwindung zu seinem Troste nicht vorenthalten habe, auch er blickt mit freudiger Theilnahme auf Euch und segnet Euch zum muthigen Beharren. Ihr Alle, geliebte katholische Schlesier, habet katholische Treue bewiesen, als Ihr vor mehreren Jahren der Lästerstimme des Hohnes und Spottes gegen Eure heilige Kirche, und der Stimme der Verlockung zum Abfalle von ihr, standhaft Gehör versagtet, und Euch dadurch nur zu neuer Belebung und Bewährung Eures kirchlichen Sinnes wecken und anspornen ließet. Und wiederum habet Ihr katholische Treue bewiesen, als Ihr vor nicht so langer Zeit, in den Tagen des politischen Schwindels und falschen Freiheitswahnes, nicht vergaßet, Gott waS GotteS, und dem Könige was des Königs ist, zu geben, eingedenk, daß wir katholische Christen der rechtmäßigen Obrigkeit nicht auS Furcht oder Augendienerei, also nur so lange sie stark und wachsam ist, gehorchen, sondern, um des Gewissens und um Gotteswilleu, auch in den schweren Tagen der Prüfung und Versuchung zu ihr stehen, wenn Unterthanentreue Opfer fordert und die Widersetzlichkeit ungestraft bleiben, der Treubruch wohl gar auf Beifall und Lohn hoffen darf. Ihr habet Eure katholische Gesinnung bewiesen und beweiset sie täglich, indem Ihr, in Mitte von Nebenmenschen und Mitbürgern verschiedenen Bekenntnisses lebend, bei aller treuen Anhänglichkeit an Euren Glauben und Eure Kirche, doch die christliche Liebe bewahret, welche alle Menschen ohne Unterschied umfaßt, und nach der ausdrücklichen Lehre des Herrn sich vor Allen gegen unsere Nächsten d. h. gegen diejenigen, in deren Mitte Gott uns gestellt hat, in Geduld, Mitleid und theilnehmender Hilfe offenbart, und, so viel an ihr ist,'den Frieden bewahret mit Jedermann. Ihr habet mir persönlich Eure ächtkatholische Gesinnung bewiesen, als Ihr vor nun fast sechs Jahren mich, den Euch unbekannten Fremdling, weil Eure berechtigten Wahlherren in rechtmäßiger Wahl mich erkoren und der heilige Vater iiese Wahl bestätigt und den Widerstrebenden im Gehorsam als Euren Bischof zu Euch gesendet hatte, mit aller Liebe und Freude und mit allein Vertrauen als von Gott gesendet unter Euch aufnähmet. Ihr habt mir Eure katholische Liebe uud Treue für Eure Kirche von da an fortdauernd und namentlich dann bewiesen, so oft Ihr mich und so oft Ihr meinen bischöflichen Stellvertreter auf unsern kirchlichen Amtsreisen mit Ehren- und Freudenbezeugungen weit über unser Wünschen und Erwarten willkommen hießet, und uns in rührender Weise mit Eurer beglückenden Liebe umgäbet. Ich allein habe in diesem Jahre mehr als fünfzig Tausenden von Euch, Alt und Jung, in Spendung des hei^ ligen Sacramentes der Firmung die segnende Hand auf das Haupt gelegt, und Auge in Auge aus fürbittendem Geiste einen weihenden Blick in ihre Seelen gesenkt bei dem heiligsten Acte der Firmung; und ich habe oftmals aus Euern gläubigen andächtigen Blicken eben so viel an Erbauung und nicht selten tiefer Rührung empfangen, als mir zu geben vergönnt gewesen seyn mag. Und Ihr, meine geliebten priesterlichen Mitbrüder, habet nicht bloß bei allen diesen kurz erwähnten Anlässen und Gelegenheiten Euere katholische Liebe und priesterliche Treue dadurch bewährt, daß ihr Euere anvertrauten Gemeinden zu solchen Kundgebungen ihrer kirchlichen Gesinnung durch Euer Wort anregtet unv durch Euer vorleuchtendes Beispiel ermuntertet, sondern vorzüglich dadurch, daß Ihr den ächten Glaubensgrund, aus welchem allein solche edle Früchte erwachsen, in den Herzen Eurer Anvertrauten mit aller Sorgfalt Pflegtet, und schon in die zarten Seelen der 37 Kinder mit treuer reiner Hand die göttlichen Keime einsenktet, welche unter dem Thaue der Gnade sich entfallend, das Himmelreich auf Erden: Gottesfurcht, Gerechtigkeit, Gewissenhaftigkeit, Liebe und Treue, fortpflanzen und dem ewigen Himmelreiche hoffnungsvoll entgegenreifen. Sehr Viele von Euch haben insbesondere ihren treuen kirchlichen Sinn auch ganz kürzlich dadurch bewährt, daß sie in großer Anzahl und so viel die Umstände eS gestatteten, an den mehrtägigen geistlichen Uebungen bereitwillig Theil nahmen, welche zur Erneuerung des priesterlichen SinneS, zur Wiedererweckung der ersten Liebe und Berufsbegeisterung so sehr geeignet, daher von der katholischen Kirche so hoch empfohlen, und gewiß auch dießmal an allen Theilnehmenden reich gesegnet gewesen sind. Alle diese Erweisungen Eurer katholischen Liebe und Treue, deren ich mich in und für Euch, wie der Apostel in seinen Corinthern, rühmen, und mit ihm mich freuen darf, daß ich mich in Allem auf Euch verlassen kann: sie sind eS ohne Zweifel, die mir eine so unverhoffte, seltene kirchliche Ehrenauszcichnung, wie die heut empfangene, eingetragen; und darum sage ich mit Wahrheit und aus inniger Ueberzeugung, daß dieselbe in der weisen huldreichen Absicht deS heiligen Vaters Euch Allen insgesammt gilt und gemeint ist. Ihr müsset alSdann aber und werdet mir auch helfen, sie würdig und ehrenvoll vor Gott und der Kirche zu tragen; damit sie nicht an mir und Euch zu Schanden werde. Und so möge denn daS Purpurgewand, womit ich heute bekleidet worden bin, durch die Gnade Dessen, der aus Liebe für uns sich in einem Purpurmantel hat verspotten lassen, ein rechtes Ehrenkleid für mein BiSthum und für mich selber werden! Es sinnbildet in seiner rothen Farbe die im Blute des LammeS gewaschene Stole, welche die Seligen kleidet, die da Macht erhalten zum Baume des LebenS und durch die Thore eingehen in die ewige Stadt. ES sinnbildet das Feuer der Liebe, welches Christus auf der Erde anzuzünden gekommen ist, und welches er am Pfingstfest auf seine Apostel herabgesendet hat, daß sie und ihre Nachfolger eS auf dem heiligen Opferaltarc der Kirche hüten und fortleuchten machen bis an's Ende der Tage. ES sinnbildet das Opferblut der Märtyrer, welches von dem Fortglühen dieses göttlichen LiebeSfeuers in der Kirche Zeugniß gibt durch alle Jahrhunderte hindurch, seit dem ersten Erzmartyrer Stephanuö bis herab zu dem ehrwürdigen Erzbischofe, der auf den Pariser Barricaden Die verheerende Glut des Bürgerkrieges mit seinem Blute zu löschen brannte. Zu gleicher Opferwilligkeit, Geliebte, wollen auch wir mit Gottes Gnade unS ermannen; dasselbe heilige Feuer wollen auch wir in unserer Brust, wir Priester vor Alle», treu hüten, vor dem Erlöschen und vor unreinem Qualm und Rauch bewahren, und durch das willig herzugetragene Kreuzholz der pflichttreuen Selbstverläugnung immer Heller anfachen, damit unS einst, nach überstandenem Kampfe, die Stole der Gerechtigkeit schmücke und uns der Lohn werde, den der Herr denen verheißen hat, die Ihn lieben. Bis dahin wollen wir mit unserer heiligen Kirche, und in diesen Tagen voll unseliger Verwirrung und banger Ahnvung inbrünstiger als je, zu dem Allmächtigen flehen: „O Gott, von dem allein kommt alles heilige Verlangen, alles rechte Beginnen, alles gerechte Thun: gib unS deinen Dienern jenen Frieden, den die Welt nicht geben kann, damit unsere Herzen deinen Geboten ergeben, und nach Beteiligung aller feindlichen Schrecknisse, unsere Zeitläufe unter deinem Schutze ruhig seyen; durch Jesum Christum unsern Herrn! (Folgt die Fastenordnung für das kommende Kirchenjahr.) Wolfgang Menzel über die Missionen. (Fortsetzung.) Seit dem Anfange des Jahrhunderts hatte sich am Rheine eine liebliche und verhängnißvolle Erscheinung gezeigt, die Romantik als Vorbotin der kirchlichen Wieder- 38 geburt, eine zarte Fata Morgana, in deren zitternden Schimmern der Kölner Dom sich höher und höher ausbaute und in seiner Vollendung erblickt wurde. Aber diese Traumbilder verschwanden wieder vor dem Trommellärme Napoleon's. Erst lange nachher, als die Rheinlande preußisch geworden waren, kehrte die romantische Sehnsucht wieder und nahm auch gleich eine ganz praktische Richtung, indem man den Kölner Dom so materiell als möglich mit Steinen und Mörtel auszubauen unternahm. Allein andere Werkleute hatten indessen in der Stille den unterbrochenen Bau deS MittclalterS in anderer Weise fortgeführt und mit Recht der Sache selbst mehr Fleiß zugewendet, als ihrem Symbol. Es war die oft verschrieene Dummheit deS niedern Klerus und „gemeinen Volkes," die, .Allen unerwartet, aus ihrer bisherigen bescheidenen Stellung, in der man sie kaum mehr betrachtet hatte, in höhere Regionen aufstieg, die vornehmern Geistlichen, die Professoren, endlich den Erzbischof selbst inficirte und plötzlich ihre volle Berechtigung in der Gegenwart ansprach. So mächtig stieß der aus dem Grabe erwachte heilige Anno mir dem Bischofstabe auf die Erde, daß sie bis Memel zitterte. Zu Trier aber schaarte sich mehr als eine Million Wallfahrer um die Bischöfe und das Pannier deS heiligen RockeS, Alles in der deutschen Dummheit, zu nickt geringer Beschämung der neuen historischen Schule, die sich so sehr im verächtlichen Rückblicke auf angeblich längst überwundene Standpuncte gefiel und nie geglaubt hätte, daß jene Dummheit doch einmal andere Ansprüche machen würde, als sich aufklären und ihren Standpunct überwinden zu lassen. Anstatt mit ächt historischem Blicke anzuerkennen, daß es sich hier von keiner Dummheit, sondern von einem tiefen Volksgefühle und natürlichen Ausdruck eines nur zu lange verkannten Zeitbedürfuisseö handle, glaubten die Aufgeklärten, sogar Gervin us, daS angebliche Gespenst des Miltelalters mit den Plattituden eineö Ronge bannen zn können, und weissagten, die Strafe für die wiedcraufgelegte Dummheit werde sofort der gänzliche Untergang der römischen Kirche seyn, an deren Stelle der DeutschkaiholicismnS das goldene Zeitalter der Vernunft hereinführen werde. Aerger hat sich der anmaßliche Verstand wohl nie über kirchliche Dinge getäuscht. Ronge ist verschollen, als ein unfähiger Charlatan gebrandmarkt, seine Gemeinden verkümmern, während die alte Kirche immer majestätischer die kolossalen Umrisse ihrer verborgenen Macht erkennen läßt. Mitten in den Stürmen der letzten Jahre traten die katholischen Bischöfe Deutschlands in Würzburg zusammen und erließen eine Denkschrift, die ihren und der katholischen Kirche Beruf für die Zukunft in brennenden Zügen auf ein dunkles Blatt der Geschichte schreibt. Nur aus solchen Vorgängen erklärt sich die Freigebung der Kirche in Oesterreich, eine der größten, vielleicht die dauerhafteste Folge der Revolution von 1848. Von Seite des katholischen Volkes bezeugten drei große Vereine den religiösen und kirchlichen Eiftr. Der BorromäuSverein hat sich zum Zwecke gesetzt, die irreligiöse Presse zu bekämpfen und unschädlich zu machen durch Verbreitung guter Bücher. Der Vonifaciusvercin sorgt für die religiösen Bedürfnisse der in nicht katholischen Ländern zerstreuten Glaubensgenossen. Der PiuSvercin endlich arbeitet unablässig für die Freiheit der Kirche, für ihre möglichste Unabhängigkeit vom Staate. Der am meisten zu den Sinnen sprechende Triumph der katholischen Kirche liegt aber in den von so unermeßlicher Popularität belohnten Missionen in dem kurz zuvor noch so revolutionär aufgeregten Schwarzwalde, jene wunderbare Erhöhung des Kreuzeö auf den Schuppen des noch athmenden Drachen. Die Negierung hat nichts dazu gethan, sie, hat die Missionäre nicht einmal gern kommen sehen, ihnen vielmehr Schwierigkeiten gemacht. Das Volk hat sich daher ganz freiwillig der Autorität unterworfen, die auS dem frommen Munde der kaum dem Namen nach bekannten Apostel zu ihnen sprach. Wenn die Regierungen den Wink, der darin liegt, nicht verstünden, wären sie mit Blindheit geschlagen. Schon lange regte sich in Freiburg im Breisgau ein so guter bischöflicher Geist, daß eS kaum begreiflich ist, wie eS unter den frühern Regierungen in Karlsruhe hat können verkannt werden. Liebevoll, sittlich, duldsam, fruchtbar in Worten und Werken der 39 Versöhnung und des Friedens hat dieser wahrhaft christlich deutsche Geist des oberrheinischen Kirchenhirten und seiner Räthe jetzt erst die ihm gebührende Genugthuung in der reumüthigen nnd freiwilligen Buße der verführten Heeroe gefunden. Hätte man, anstatt mit dem Radikalismus zu liebäugeln, dem Erzbischof gefolgt, eS wäre im Oberlande nicht so weit gekommen. Auch anderwärts, auch auf rein protestantischem Gebiete, trifft frühere Regierungen der Borwurf, den Unglauben beschützt und die Gläubigen bedrückt zu haben. Regierungsrescripte waren es häufig, die sich zum Jubel der destructiven Partei zwischen das fromme Volk und seine Priester drängten und jenen conservativen Gesinnungen Hohn sprachen, welche sie um jeden Preis hätten ehren und Pflegen sollen. Ein guter Theil jener ältern absolut unklugen Rcgierungsmaaßregeln läßt sich zwar auf Rechnung juristischer Beschränktheit setzen und findet seine Erklärung in dem herkömmlichen, den meisten Juristen und Bureaukraten zur andern Natur gewordenen Facultätswiderwillen gegen Alles, was sie Pfaff uud Scbwarzrock heißen; allein die Regierungen sollten überall so viel höhern staatsmännischen Geist bewährt haben, um solche kleinliche Standpuncte tief unter sich zu lassen. (Schluß folgt.) Die erste deutsche Capelle in Paris. Am 8. December, dem Tage der Empfängniß der allerseligsten Jungfrau Maria, wurde in Paris ein großes Fest gefeiert, nämlich die Einweihung der ersten deutschen Capelle in Paris. Es ist den angestrengten.Bestrebungen des Obern des „deutschen Werkes" gelungen, in so weit Geldmittel zu sammeln, daß die cit6 Lüsi-rguci gemiethet werden konnte. Der P. Chable wandte sich demnächst an die erzbischöfliche Behörde um die Erlaubniß, in diesem Gebäude eine vorläufige Kirche einzurichten. Er erhielt darauf folgendes Antwortschreiben: „Die nachgesuchte Erlaubniß, zuvörderst eine Capelle und später eine Kirche ausschließlich für die Deutschen im Mittelpuncte zwischen der kleinen Billette, Belleville, Faubourg St. Martin und La Chapelle, und zwar auf Ihre Kosten, durch fromme Beiträge und Subscriptioncn, die Sie erhalten können, errichten zu dürfen, ist Ihnen hiermit ertheilt. Seine erzbischöflichen Gnaden würden sich äußerst freuen, wenn dieß gute Werk so bald als möglich zur Ausführung käme, weil er sich lebhaft für die Deutschen seiner Diöcese interessirt. Paris, 30. Nov. 1850. Gez. Bautain, Generalvicar." — Ein anderes eigenhändiges Schreiben des Herrn Erzbischofs von Paris vom 6. Dec. 1850 beauftragt den Herrn P. Chable, „die neue deutsche, dem heil. Jos.ph und dem heil. Franciscus XaveriuS geweihte Capelle rue äe Ueaux Nr. 12 zu benediciren." So war denn der 8. December zu dieser Feier festgesetzt. Acht Tasie vorher war das Haus gemiethet, Arbeiter bestellt, um im ersten Stock einige Arbettssäle durch Einrcißcn der Zwischenmauern zu verbinden, und das Nöthigste zur Herstellung einer Capelle zu vollenden. Tag und Nacht ward gearbeitet, und am Vorabende des Festes war das bescheidene Gotteshaus fertig. Um 9 Uhr begann die Feier. Der P. Chable weihte die Capelle ein und hielt am Schluß im Wesentlichen folgende Anrede: „Jetzt seyd Ihr zu HausI Bisher konntet Ihr kein Plätzchen Euer eigen nennen, jetzt habt Ihr eine Wohnung. ES ist freilich einstweilen nur eine arme Werkstätte, wie die des heiligen Joseph, unter dessen Schutz ich sie stelle. Aber bedenkt, daß die tiefsten und ersten Anbetungen dem Heilande in einer solchen Werfftätte wurden. Es ist nur eine Hütte, wie die des heiligen Franz Xaver; aber diese Hütte verwandelte sich später in die prachtvollsten Kirchen, die dem Heiligen geweiht wurden. Aber was habt Ihr nun zu thun? Gott für seine Gabe zu danken. Und das thut Ihr, wenn Ihr fleißig zur Kirche kommt und eben so fleißig die Gebote GotteS und der Kirche befolgt." Darauf begann die Messe unter Begleitung der gewöhnlichen deutschen Meßlieder; und am Schluß wurde mit freudiger Begeisterung „Großer Gott, wir loben Dich" gesungen. Den Anwesenden theilte 40 der P. Chable eigens zu diesem Zwecke geprägte Medaillen auS, die auf der einen Seite daS Bild deS heiligen Joseph, auf der andern die Worte: „Deutscher JosephS- Verein zu Paris. 3. December 1850. 6it6 Llmi-r-mc!" enthalten. Die Gottesdienstordnung in dieser Capelle wird künftighin folgende seyn: 7 Uhr früh Messe, namentlich für die Kinder; 1V Uhr Messe, namentlich für die Erwachsenen, Predigt; 2 Uhr Nachmittags christlicher Unterricht; 4 Uhr deutsche Vesper, Predigt, Segen. Der Josephsverein, der der Anfang deS „deutschen Werkes" war, ist also wieder errichtet und wird ohne Zweifel nicht geringere Früchte, wie vor der Restauration, tragen. — Was die im selben Haus einzurichtenden Schulen und Krankenhaus betrifft, so ist bereits ein Brief aus Nancy eingetroffen, der die baldige Ankunft dreier deutscher Schwester aus dem Orden des heiligen Karl Borromäus, darunter eine aus Triers meldet. Der Anfang ist gemacht. Ein guter Fortgang hängt von der lebhaften Betheiligung unserer deutschen Mitbrüder in der Ferne ab. Was das Wichtigste ist, man sieht, daß diese Sache nicht ein frommer Wunsch , ein unpraktisches Vorhaben ist, sondern daß es ein fester Bau ist, wozu der erste Stein bereits gelegt ist, wozu nun aber Jeder nach Kräften beisteuern soll. (M. S.-Bl.) Oesterreichische Monarchie. Salzburg. Die jüngste Consistorialverordnung, in Betreff der Grundsätze bei Verzierung der Gotteshäuser, hat allgemeinen Anklang gefunden. ES ist in der That nichts Widerlicheres und die Andacht Störenderes, als wenn man in den Kirchen Schnitzwerke und Gemälde findet, die allen Regeln der Aesthetik widerstreiten. Wenn man auch die apostolische Einfachheit des katholischen Cultus, wie solche von gewissen Journalisten, deren Glaubensbekenntniß in der Regel auch höchst einfach klingt, nämlich: Nichts, bevorwortet wird, durchaus nicht will, so kann man doch mit der Ueberfüllung der Gotteshäuser uud deren geschmacklosen Ausstattung keineswegs einverstanden seyn. DaS Einfache, Erhabene und Kunstsinnige spricht jeden gebildeten Gläubigen wohlthätig an, erhebt ihn unwillkürlich zur Urquelle aller Schönheit, die uns in Christus ist geoffenbaret worden, den Ungebildeten aber soll man eben auf eine höhere Stufe zu heben suchen, waS gewiß zuerst dadurch geschieht, daß man ihm in der Kirche nur AesthetischeS vor Augen führt. Man hat sich daS Volk in der fraglichen Hinsicht auf einer zu niedern Stufe gedacht; gewiß selbst der roheste Mann greift eher zu dem Schönen und Natürlichen, als zu der unnatürlichen Caricatur. Die Schulconferenzen in Wien sind beendigt. Diese Berathungen, bei welchen alle Kronländer vertreten waren und der Minister selbst den Vorsitz führte, haben sich fast über alle Belange des Schulwesens verbreitet und gewähren alle Hoffnung eines segensreichen Erfolges. Die einberufenen Theilnehmer, die sich dabei sämmtlich als wirkliche praktische Schulmänner erwiesen, haben sich in allen Hauptsragen vereinigt. * » * Im st, 19. Jan. Die hiesigen barmherzigen Schwestern haben sich durch die uneigennützigste und anstrengendste Pflege des kranken Militärs besondere Verdienste erworben. Vor wenigen Tagen ist nun dem Institute sür diese menschenfreundlichen Leistungen die vollste Anerkennung von Seite des Herrn F.-M.-L. Militärcommandanten Frhr. v. Roßbach bekannt gegeben worden. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlagö-Jichaber: F. C. K» ein er. Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt «»»Mklip >>',-I N)l»lii!i?I n> l!^i!7? ^N'iliktj ^lüi>>) ^s,1 N??I/s,-U>>>?l liü^^lü^? >.jM N)ttvch1»ngi9 Muh cnu'Zi'^giminTiF ! sis>b7tIK -»^ ,»,ttN'! si? > .ll^nncit n»»IsSA't»Ä N7'^N!5 ?!« S'-?kl-U ^ü'^k ,G kilil'liylis/Z- 711? - jit'l-i^.jj.^II. II. !l sicll<( li . .:--.!^, n -l- ^ F» Februar /VT». ^_^___ Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis M kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Das Kloster vom guten Hirten in Smyrna. tllitM.'Zliotlll'-^ ?>? mz?niA INI NOÄ hl lis.'Nz k M'isMÄ? n.7'.^Nc>^ ^sil MvN flUk 5 Durch freundliche Mittheilung sind wir in den Stand gesetzt, daS nachfolgende Schreiben aus Smyrna vom i. Der., welches die Frauen des Klosters vom guten Hirten daselbst an ihr Mutterkloster zu Angers gerichtet haben, in wortgetreuer Uebersetzung mitzutheilen. „Sehr geehrte und vielliebe Schwestern! DaS Gesetz Gottes, unser Institut und Ew. Liebden sind die Freuden unserer Seele und der Gegenstand unserer unaufhörlichen Gedanken. Eine große Entbehrung auch ist es für uns in dieser Verbannung, daß es so langer Zeit bedarf, bis wir die angenehmen Mittheilungen unserer viellieben Schwestern erhalten. Lasset euch die heißen und innigen Wünsche gefallen, welche wir sür das Gedeihen unseres theuren Klosters, für die Erhaltung unserer würdigen Mutter Priorin, und die Erfüllung des heiligen Verlangens einer jeder von Euch Lieben insbesondere hegen. Wir bitten Euch, gemeinsam mit uns dem Herrn zu danken für die Einrichtung dieses Klosters, welches am Feste des heiligen Ludwig von Gonzaga in einem der katholischen Stadtviertel von Smyrna ist gegründet worden; sein Hauptzweck ist die Loskaufung und Unterrichtung der Sclaven. Der Zustand gänzlicher Hilfslosigkeit, in welchem diese theuren Seelen sich befinden, verdiente es wohl, daß der Eifer unserer hochgeehrten Oberin ihnen Hilfe bringen hieß. Diejenigen, welche bereits das Glück hatten losgekauft und getauft zu werden, erfüllen uns mit Trost durch ihre glücklichen Anlagen; wir werden Euch Lieben alle die Einzelheiten vorführen, welche Euren Eifer für das Wohl so theurer Seelen in Anspruch nehmen können. In diesem Jahre sind sehr zahlreiche Flotten mit Negerinnen angekommen, deren 5 bis 6l)l) in einem einzigen Schiffe sich befanden; man hält sie in aufrechter Stellung aneinander gekettet auf dem Verdeck, und dergestalt zusammengepreßt und gedrängt, daß sie kaum zu athmen vermögen. Der Feuchtigkeit und dem Froste während der Nacht und der Sonnenhitze unter TagS während einer Fahrt von mehreren Wochen ausgesetzt, da der größte Theil von ihnen aus der großen Saharra-Wüste kommt, wo man sie Eilmärsche machen läßt, um die Küsten der Barbarei, den Ort der Einschiffung zu gewinnen: gelangen sie im kläglichsten Zustande Hieher, und haben keine andere Nahrung als ein wenig in Wasser gekochten Mehles, bis sie an die Türken verkauft werden. Aber ihre körperlichen Leiden sind nichts im Vergleich mit den Leiden der Seele und den Banden der Ruchlosigkeit, von denen sie umstrickt sind. Indessen hat die Liebe unseres göttlichen Hirten ihnen einen Zufluchtsort in seinem Herzen und in seinem Hause eröffnet, alle jene, die wir loszukaufen im Stande sind, werden die Siegeszeichen seiner Erbarmung. Ihre Zahl ist zwar sehr klein, weil wir keine andern Hilfsquellen haben als unserer Hände Arbeit und unser kleines Pensionat; wir setzen 42 aber unser Vertrauen auf die Vorsicht unseres guten Hirten, der da woht wissen wird, wann er die Hilfsauellen dieses Werkes erschließen werde, welches ganz Seiner Barmherzigkeit überlassen ist. Die erste Sclavin, welche wir sogleich bei unserer Ankunft auf Smyrna loszukaufen das Glück hatten, erhielt in der heiligen Taufe den Namen Euphrasia; ihre Frömmigkeit und ihre guten Eigenschaften haben die fromme Gemah. l!n deS sardinischen ConsulS bewogen, sie an Kindesstatt anzunehmen. Die zweite, Namens Josephina, wurde in unser Klöster zu Tripoli gesendet, als das kostbarste Geschenk, welches wir unsern Schwestern machen konnten. Die dritte, die Neophitin Irene, 10 bis 11 Jahre alt, hat ausgezeichnete natürliche Neigungen zur Sanftmuth und Gelehrigkeit, und Trieb in unserer heil. Religion sich zu unterrichten. Mehrere fromme Personen, aufgemuntert durch die glücklichen Fortschritte dieser theuern Kinder, haben deren vier losgekauft, die sie uns zum Unterricht anvertraut. Drei von ihnen haben bereits die heil. Taufe empfangen, die andere bereitet sich mit dem größten Verlangen dazu vor. Wir hoffen mit GotteS Gnade daS nächste Jahr eine reiche Ernte zu halten. Der Herr Erzbischof hat uns seinen väterlichen Schutz zugesagt und steht uns mit allen geistigen Mitteln bei. Sein Kanzler sitzt alle Freitage für die Gemeinde zur Beicht und unser Almosenier, welcher ein Zögling der Propaganda von Rom ist, hört jeden Donnerstag zwanzig von den Kindern der PenstonSanstalt zur Beicht. Ihrer sind achtzig in zwei Classen, darunter mehrere Griechinnen, Armenierinnen, Schismatische und Protestanten, welche wir dem Gebete Eurer Gemeinde empfehlen, auf daß sie durch die Güte unseres Herrn daS Licht erhalten, welches sie in den Schooß der wahren Kirche zurückführt. Der zeitliche Unterhalt unseres Klosters ist auf die göttliche Fürsorge und unsere Arbeit angewiesen. Unser Herr Erzbischof zahlt die Besoldung unseres AlmosenierS; der Verein zur Verbreitung des Glaubens hat uns 600 Francs geschickt, unsere Lotterie hat uns 700 Fr. eingetragen. Der Sultan hat unS bei seinem Besuch auf Smyrna ein Almosen von 100 Fr. gegeben. Ein wohlthätiger Priester hat uns eine Glocke, zwei Stücke Tuch, 10 Handtücher und einen Vorrath von Thee für unsere lieben Engländerinnen geschenkt. Herr Dr. 8. cis I^ills hat uns ein Geschenk gemacht mit einer Kiste guter Bücher, die uns von großem Nutzen sind in diesen ungläubigen Landen. Große Erdbeben, von monatlanger Dauer, haben in diesem Jahre alle Häuser beschädigt, AllcS war in Bestürzung; jeden Tag hatten wir zwei bis drei Stöße. Endlich ließ unser Herr sich erflehen durch die heißen Gebete seiner Diener, kein Unfall hat sich ereignet. Wir haben viel von der Hitze leiden müssen, welche unerträglich war. Unser HauS liegt ganz nahe am Meer; wir haben zwei Hauptgebäude, welche unter sich in Verbindung stehen; in dem einen ist unser Gesellschaftszimmer, das Refectorium, die Küche, das Leinwandzimmer und nette Zellen für die Klosterfrauen. Das andere ist für die Schulen; wir haben im Ganzen 15 Zimmer und einen kleinen Garten. Wir zahlen 1500 Francs Miethzins, und haben das Glück niemals ausgehen zu müssen, indem wir blvö durch einen großen Garten zu gehen haben, der unserm Hauseigenthümer gehört, um in eine dem Herrn Erzbischofe eigene Capelle zu gelangen; wir konnten bis jetzt noch keine eigene bauen. Wir sind bloß unserer fünf Ordensschwestern, unsere hochgeehrte Mutter, Maria von Jesu, Superiorin, unsere theure Schwester Maria Angelika von Kreuz, Assistentin, Maria von St. Bernard, Engländerin, Maria von St. Francis- cuS v. Sales, Jrländerin, Maria von St. FranciscuS v. Assisi, Italienerin. Indem wir daS Glück haben von ganzer Seele im heiligen Herzen Jesu zu seyn, empfehlen sich den frommen Gebeten Eurer Liebe zc. zc. die Frauen deS Klosters vom guten Hirten in Smyrna. _ -!"^ u-.-iM Ä^tM chi)Zj^Ä m- HWn ÄMl n-ÄkS vttldÜlpstP 7,>.':' ?!^'^> m^!>u-t> SZNIKV * Es ist ein erfreuliches Zeichen der Zeit, daß man anfängt, die Nothwendigkeit der christlichen Sonntagsfeier öffentlich hervorzuheben. Im Octobcr vorigen JahreS erließen (nach dem Deutschen BolkSblatt vom 22. Oct.) mehrere Geistliche von Lud- 43 wigSburg eine Ansprache an die Gemeinden, worin sie zur fleißigen Sonntagsfeier, als einer Quelle großer Vortheile, aufmuntern, und alle einladen, zu diesem schönen Zwecke etwas beizutragen. In großartiger Weise ist dann in Frankreich durch den Grafen Montalembert, den großen Vorkämpfer des Katholicismus in jenem Lande, die Nothwendigkeit eines Gesetzes über die SonntagSfeier in der Nationalversammlung dargelegt worden. Die Heiligung des SonntageS ist kaum zu einer Zeit so mit Füßen getreten worden, wie in der gegenwärtigen. Und doch ist eS ein göttliches Gebot, welches von dem Herrn kräftigst ist eingeschärft worden. „Sehet zu, sagte Gott durch MoseS, daß ihr meinen Sabbat haltet; denn er ist ein Zeichen zwischen mir und zwischen euch in euern Geschlechtern, auf daß ihr wisset, daß ich der Herr bin, der euch heiliget." (Erod. 31, 13.) „Die Festtage sollt ihr nicht entheiligen," schreibt der heil. Ma» tyrer JgnatiuS an die Philippenser. Und der große Papst GregoriuS sagt: „Am Sonntage soll man von irdischer Arbeit abstehen und auf alle Weise im Gebete verharren, damit, wenn in 6 Tagen eine Nachlässigkeit begangen wird, dieselbe am Tage der Auferstehung deS Herrn durch Gebete gesühnt werve." Der Herr selbst legt auf die Beobachtung dieses Gebotes großes Gewicht und hat die Uebertreter desselben mit schwerer Straft bedroht. „Wer ihn (den Sabbat) entheiliget, der soll des TodeS seyn: wer an demselben ein Werk thut, dessen Seele soll ausgetilgt werden aus ihrem Volke." (Erod. 31, 14.) „Von denjenigen, sagt der heilige Augustin, welche, in allerlei Sorgen und Geschäfte verwickelt, dieses Gebot GotteS verachten, und der Betrachtung göttlicher Dinge keine Zeit schenken wollen, fürchte ich, daß ihnen der Herr, wenn sie beim künftigen Gerichte an seiner Thüre anklopfen und begehren werden, daß man sie ihnen öffne, alsdann zur Antwort geben werde: „„Wahrlich ich sage euch, ich kenne euch nicht. Weichet von mir ihr alle, die ihr Ungerechtigkeit ausübet."" Und die eS jetzt versäumen Gott zu suchen, werden alsdann von ihm verabscheut. Deßwegen, meine Brüder, soll es euch nicht beschwerlich fallen, an den Sonntagen und Festen der Heiligen dem Gottesdienste zu obliegen." O würde dieses Gebot immer gewissenhaft befolgt worden seyn, wir befänden uns gegenwärtig nicht in Zuständen, die in vieler Hinsicht beklagenSwcrth sind. Wie viel Gutes würde gewonnen, wie viel Böses verhindert, wenn diese Tage heilig begangen würden. So aber sind es gerade die Feiertage, an denen das Laster die meisten Siege über die menschliche Schwäche und Verkehrtheit davonträgt. So wird nicht bloß der Zweck des göttlichen Gebotes — Erhebung des Menschen zum Göttlichen — nicht erreicht, sondern gerade das Gegentheil davon häufig erzielt. Es ist also Zeit, daß man die Wichtigkeit dieses Gebotes erkenne. Diese Erkenntniß ist der Anfang zu bessern, glücklichern Zuständen. Die Vorsehung, welche AlleS lieblich anordnet, erweckt jetzt in verschiedener Weise den Gedanken an die würdige Feier der Festtage, und zeigt unS hierin ein Hauptmittel, um den sittlichen Gebrechen unserer Zeit abzuhelfen. Der Rohheit, der Unwissenheit, dem Unglauben und den hieraus entspringenden Lastern, wodurch sollte ihnen anders begegnet werden, als durch die andächtigen Gebete, frommen Uebungen und den christlichen Unterricht an den heiligen Tagen? ES möge daher dieser Punct der rechten Heiligung der Feiertage bei unsern ehrwürdigen Oberhirten alle Aufmerksamkeit finden. Es mögen alle Seelsorgsgeistlichen in ihren Gemeinden vorzüglich eine wahre und christliche Feier des SonntageS zu erzielen suchen, durch öftere Belehrung hierüber, durch erhebende Feier des Gottesdienstes, anziehende Verkündung des göttlichen Wortes, durch fleißige Spendung der heiligen Sucramente und passende NachmittagSandachten. Wahrlich ein Geistlicher würde seinen Beruf schlecht verstehen, der nicht begreift, daß der Sonntag der Tag des größten geistigen Gewinnes für die Gläubigen seyn kann, wenn man es an denselben an Eifer und Thätigkeit nicht fehlen läßt. Bekommen die Leute Geschmack und Freude an religiösen Uebungen, so wird der übermäßige Hang zu sinnlichen Lustbarkeiten bezähmt und vermindert, und damit 44 die Quelle vieler Uebel verstopft werden. Es wäre gut, wenn dieser Gegenstand von erfahrnen Männern besprochen, und namentlich auf Mittel hingewiesen würde, wie das Volk an heiligen Tagen am besten könnte beschäftigt und von dem Verderben abgehalten werden. Würdige Seelsorger könnten vielleicht aus dem Schatze ihrer Erfahrungen hierüber manchen heilsamen Wink geben. ES gibt gegenwärtig viele Vereine, würde nicht auch ein Verein zur Belebung der christlichen Sonntagsfeier an der Zeit seyn, oder dürften diese Gegenstände bei den schon bestehenden Vereinen nicht eine besondere Berücksichtigung finden? chn> a,Mch»k «ch jjt j> ««»a ii''U>^ ir.'!'lKS-n!'Ni,m ißi HM Wolfgang Menzel über die Missionen. (Schluß.) AuS dem nun folgenden Abschnitte über die protestantische sogenannte innere Mission dürften folgende allgemeine Bemerkungen auch für unsere Leser von Interesse seyn. Um die Bedeutung der inneren Misston, wie sie der edle Wichern ins Leben gerufen hat, richtig zu würdigen, ist erforderlich, daß man erwäge, welche Versuche, den christlichen Geist auf protestantischem Gebiete wieder mehr zu beleben, diesem jüngsten vorausgegangen sind. Wir wollen sie nicht weitläufig abhandeln, sondern nur kurz ihre Richtung bezeichnen. Seitdem der Geist der Theologie im Buchstaben abstarb, wurde die Orthodoxie überall mehr oder weniger von Aufklärung und Philosophie überwältigt, und bis in die neuere Zeit gelang es frömmeren Precigern und Seelsorgern niemals, die gesammte protestantische oder auch nur eine kleinere Landeskirche mit einem neuen christlichen Geiste zu durchdringen; sie sahen sich vielmehr genöthigt, sich in Secten abzusondern. Als die Union zu Stande kam, wurde sogar die altlutherische Kirche zur Secte heruntergebracht, sosern in ihr noch ein Rest alter Strenggläubigkeit sich nicht in der Union chemisch zersetzen lassen wollte. Allein innerhalb eben dieser Union selbst machte sich in dem Maaß, in welchem das confesstonelle Schiboleth nicht mehr so schwer ins Gewicht fiel, ein sehr achtbares Streben der Theologen bemerklich, das Interesse von dem konfessionellen Streitpuncte auf die allgemeinen christlichen Grundwahrheiten und auf praktisches Christenthum hinzulenken und den Kern christlicher Lehre, Gesinnung und That gegen die immer stürmischeren Angriffe der Philosophie zu vertheidigen. Leider hatten diese apologetischen Leistungen nicht den Vorzug einer lutherischen Kraftsprache. Ihre Gelehrsamkeit, ihre allzu feinen Distinctionen machten sie unpopulär. Der größere Theil der gebildeten Welt unr der Jugend ließ sich von der immer entschiedener antichristlich auftretenden Philosophie hinreißen, die in der schon längst heidnisch gewordenen und irrt jcdem unsittlichen Gelüste kokettirenden Poesie und zuletzt im politischen Radikalismus und Socialismus die mächtigsten und populärsten Bundesgenossen erhielt. Man darf nicht vergessen, in wessen Händen damals die Cult Ministerien und die höchsten Aufsichtsbehörden der Kirche und Schule sich befanden. Man muß sich der Männer erinnern, unter deren Auspickn die Hegel'sche Schule in Berlin und auf allen preußischen Universitäten, die Bauer-Strauß'sche in Tübingen zur herrschenden erhoben wurde, so wie in den kleinen Thüringischen Staaten des Einflusses, welchen Röhr und Bretschneider bei allen Anstellungen übten. Durch lange Uebung hatte sich in den niederen Schichten der protestantischen Gesellschaft ein geistloser Rationalismus eingenistet, der alles specifisch Christliche wie mit abstoßender magnetischer Kraft von sich hielt. An die Stelle des lebendigen ChristenthnmcS war eine dürftige Moral getreten, der Heiland der Welt war zum jüdischen Sokrates degradirt; von göttlicher Offenbarung wollte man nichts mehr wissen, nur noch von der Selbstbestimmung des Menschen durch seine Vernunft. Wer nicht mit diesem Strome schwamm, wurde als Pietist verhöhnt. Pietist hieß zuletzt Jeder, der noch 45 an die Gottheit Christi und an das offenbarte Wort glaubte. Ueber dieser rationali- strten Menge aber in den höheren Schichten der Bildung und Gelehrsamkeit wurde folgerecht der Haß gegen positives Christenthum noch entschiedener und systematischer. Je hoher die Gaben des Geistes, um so weniger kann er neutral bleiben. Er muß ganz für oder ganz wider Christum seyn, daher die antichristliche Strömung deS Geistes auf den deutschen Universitäten und in der deutschen Presse auf rcm von Hegel angebahnten Wege mit rapider Geschwindigkeit dem Abgrunde des Atheismus und Communismus zuführte. Die Lehre spitzte sich dahin zu, daß es keinen Gott gebe, als den Menschen, daß der Mensch sündeloS und zu jedem Genusse auf Erden berechtigt sey, und daß die Menschheit, als eine Republik von Göttern, sich künftig in die Genüsse theilen solle. Die Regierungen merkten endlich, ein wenig spät, daß die unter ihrem besonderen Schutze zu so großem Aufsehen gelangte Philosophie dem Staate selbst Gefahr drohe, und lenkten ein. In Preußen bewirkte zugleich die Thronveränderung, daß man sich entschieden für das christliche Princip erklärte, und nicht mehr -augenverdre- hendeS EyIertscheS Hofchristcnthum und Hegelsches Antichristenthum auS einer Tasche spielte. Allein das Ministerium Eichhorn konnte beim besten Willen nicht ans einmal die ganze Sachlage ändern. Es hatte eine unermeßliche Partei unter den Geistlichen wie Laien gegen sich, und die frommen Elemente im Volke selbst waren noch nicht so sehr wieder belebt und erstarkt, daß cS den Gegnern nicht hätte gelingen müssen, die ministerielle Frömmigkeit zu verdächtigen und ihr den Charakter einer Volkssache abzusprechen. Ueber den politischen Stürmen der letzten Jahre hat man die kirchlichen Bewegungen der kurz vorhergegangenen Periode fast schon wieder vergessen. Aber man muß an sie erinnern, wenn man die Bedeutung der Mission verstehen will. DaS Ministerium wurde verdächtigt, und die entschieden christliche Partei in der Theologie auf alle erdenkliche Weise verhöhnt und insultirt. Dieselbe Meute und Hatz gegen Hengstenbcrg in Beilin, wie gegen die Jesuiten in der Schweiz und gegen die frommen Waadtländcr. Es war damals eine Schrcckcnszeit für die kirchliche Partei. Die evangelische Geistlichkeit wetteiferte, ihren Abfall vom alten Glauben offen darzu- legen in Protesten, Adressen, Konferenzen, Beschlüssen von Provincialsynvden und Volksversammlungen. Auf der Synode zu Magdeburg erklärten am Schlüsse des JahreS 1844 nur drei Achtzehntheile der anwesenden Geistlichkeit sich »och für unbedingte Geltung der heiligen Schrift, cilf Achtjehnthcile für eine bedingte und vier für das Kriterium „deS in der Kirche lebenden Gottesgeistes." Dieser lebendige Got'eSgeist wurde aber in den „Halle'schen Jahrbüchern" und in den sogenannten Lichtversammlungen einfach als „das jedesmalige Zeitbewußtseyn" erklärt. Der Magistrat von Berlin hielt eine lange Rede an den König, deren kurzer Sinn war, es sey mit dem alten Christen- thumc aus und beginne jetzt die Religion des Zeitbewußtscyns oder deö allein göttlichen Volksgcistes, der in der Menschheit und ihrer hohen Bildung sich offenbarenden Vernunft, außer der eS nichts Göttliches gebe und bei der man den alten Gott gänzlich entbehren könne. Es wäre der Mühe wohl werth und sollte von der Mission unternommen werben, einmal allen Unsinn jener Jahre wie in einem Spiegel gedrängt zusammenzutragen, die Verhandlungen und Beschlüsse der Lichtfreunde, Freikirchler und Deulschkarholiken, das Wesentliche der Proteste und Adressen, Leitartikel und Streitschriften der Otto Wigand'schcn Presse in Leipzig, der Campe'schen in Hamburg, der Fröbel'schen in Zürich :c. Die Bewegung war weit ausgedehnt, von Königsberg, wo Rupp für die Protestanten werden wollte, waS Ronge für die Katholiken, bis zum Waadtlande, wo Drucy die gläubigen Prediger in Masse absetzte und auS dem Lande jagte, und Zürich, wo der selige Bürgermeister Hirzel dem großen Rathe feierlich verkündete: Was in ihrer guten Stadt durch die Reformation unv den großen Zwingli erwirkt worden, das sey im Begriffe, noch weit übertroffen zu werden durch den ungleich wichtigeren Fortschritt der Weltgeschichte aus dem Christenthum? heraus 46 zur Religion deS ZeitbewußtseynS unter der Bedingung des CultuS deS Genius und durch den eben nach Zürich berufenen vr. Strauß, mit dem die christliche Aera aufhören und eine neue beginnen werde. Blumen aus dem Schriftgarten des heiligen Bernardus. *) (Fortsetzung.) 189. Trieb, natürlicher. Ein Anderes ist freiwillige Beistimmung, ein Anderes dagegen der natürliche Trieb. Der letztere ist unS gemein mit den unvernünftigen Geschöpfen, und er vermag nicht beizustimmen dem Geiste, wenn er von den Reizen deS Fleisches verwirrt wird. Indem wir Venseiben mit den Thieren gemein haben, unterscheidet unS die freiwillige Beistimmung von denselben. Denn die Beschaffenheit deö Geistes ist frei für sich, so daß sie nicht gezwungen und erpreßt wird. Sie ist Sache des Willens, nicht des Zwanges, und sie versagt und gibt sich Keinem, außer aus freiem Willen. Wird sie gegen ihren Willen gewaltsam angetrieben, so ist eS Gewalt, aber kein Wille. Wo aber kein Wille ist, da ist auch keine Zustimmung. Denn eS gibt keine Zustimmung, als eine freiwillige: wo also Zustimmung, da ist Wille. Wo aber ferner Wille ist, da ist auch Freiheit. 190. Tröstung. Die Weltmenschen haben einen eiteln Trost am Neberflusse irdischer Dinge: eitel ist auch nichts desto weniger die Trostlosigkeit beim Abgange derselben. Aber daS Evangelium, ein Spiegel der Wahrheit, schmeichelt Niemanden, verführt Keinen: als einen Solchen wird ein Jeder sich in demselben finden, wie er beschaffen ist, so daß er nicht zu zittern braucht, wo keine Furcht ist, aber auch sich nicht freuen kann, wenn er BöseS that. Vergebens erhebet ihr euch zur Betrachtung der Wohlthaten, welche euch ergötzen, wenn ihr nicht vorher das Licht deS Trostes empfanget über die Verzeihung der Sünden, welche euch beunruhigen. Die Kirche trösten nach Zeit und Ort ihrer Wanderschaft zwei Dinge. Ueber die Vergangenheit tröstet sie das Leiden Christi, wegen der Zukunft der Gedanke an daS Erbtheil der Heiligen und das Vertrauen auf Erlangung desselben. Durch diese beiden Trostgründe sieht sie gleichsam mit zwei Augen rückwärts und vorwärts, sie sind ihr unersättliches Verlangen, ihr Anblick ist äußerst lieblich, und sie sind für sie eine Zufluchtsstätte in Leiden und Schmerzen. Vollständig ist nur jener Trost, der nicht nur weiß, was er erwarten darf, sondern auch, worauf er diese Erwartung gründet. Freudig und unzweifelhaft ist jene Erwartung, die auf Christi Tod gegründet ist. 191. Trübsal. Die gegenwärtige Trübsal ist der Weg zum Leben, der Weg zur Herrlichkeit, der Weg zur Stadt und Wohnung Gottes, der Weg zum Reiche. Woher wissen wir, daß Gott in der Trübsal mit unS ist? Daraus, daß wir in der Trübsal selbst sind. Denn wer könnte ohne Ihn aushalten, wer könnte ohne Ihn bestehen? Wann aber werden wir bei Ihm seyn? Wann .wir entrückt werden in Wolken, dem Herrn entgegen in die Luft, und so immerfort bei.dem Herrn seyn werden." Die Trübsal ist nützlich, welche Bewährung bewirkt und zur Herrlichkeit führt. ') Wir verweisen auf den vorigen Jahrgang. 47 „Haltet eS für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in mancherlei Anfechtungen fallet." Denn die Trübsal ist eine nothwendige Sache, die in Herrlichkeit, und die Traurigkeit, die in Freude verwandelt wird. Wahrhaft eine lange Freude, weil sie Niemand uns nehmen wird, eine vielfache Freude, eine v>Xl- ständige Freude. Die Noth ist ein größeres Gut, als das Wohlleben. Beide vergehen schnell, daS letztere hat Strafe, die erstere eine Krone zu erwarten. Ein nothwendiges Ding ist die Noth, welche eine Krone bringt. Freuen wir uns in der Trübsal, denn in ihr ist die Hoffnung auf Herrlichkeit wie im Samen die Erwartung der Frucht. Auf diese Weise, wenn nur daS Reich Gottes in unS ist, befindet sich ein ungeheurer Schatz in gebrechlichem Gefäße, in einem geringen Acker. Er ist vorhanden, sage ich, aber er ist verborgen: die Herrlichkeit ist verborgen und versteckt für uns in der Trübsal. „Ich bin bei ihm in der Trübsal," spricht Gott, und ich soll indessen etwas Anderes suchen, als Trübsal? „Mir aber ist Gott anhangen gut." „Nahe ist der Herr denen, die betrübten Herzens sind." Er steigt herab, damit Er in der Trübsal bei uns sey. Gut ist es mir, o Herr, Trübsal zu leiden, wenn nur du bei mir bist, und besser, als herrschen ohne dich, als köstlich speisen ohne dich, als sich rühmen ohne dich. Besser ist es in der Trübsal dich umfangen, dich bei mir im Feuerofen zu haben, als ohne dich sogar im Himmel zu seyn. DaS Gold prüft der Ofen, und gerechte Männer die Anfechtung der Trübsal. Dort, dort bist du mit ihnen, o Herr, und bist in der Mitte der in deinem Namen Versammelten. Was zittern, waö zaudern wir, warum fliehen wir diesen Ofen? Das Feuer wüthet, aber mit uns ist der Herr in der Trübsal. „Wenn Gott uiit uns ist, wer ist dann wider uns?" Wo eigene Flecken sind, wird auch mit Recht eigene Reinigung gefordert, und wenn daS Vergehen vielfach ist, muß auch die Trübsal vielfach seyn. Denn woher kommt die Trübsal, als vom Widerstande gegen die Sünde, als vom Kampfe des Gewissens? Denn wie viele Reize der Leib, wie viele Vergnügungen die Welt hat, so viele Trübsale leidet, so viele Anfechtungen hält aus ein gerechter Mann. Und wie Einer, der nach dem Fleische wandelt, und die Sinnenlust hoch anrechnet, so wird auch Jeder, der im Geiste auszusäen verlangt die Dörner und Disteln, welche die eigene Erde dem Fluche gemäß trägt, dieselben mehr auszurotten, als zu verbreiten sich bestreben. „In meinem Elend habe ich mich bekehrt, während der Stachel in mir haftete." Gleichwie der Arzt nicht nur der Salbe, sondern auch des Feuers und EisenS sich bedient, womit er Alles, waS bei der Heilung der Wunde überflüssig heraus- wächst, wegbrennt und wegschneidet, damit er die Gesundheit, welche aus der Salbe hervorkommt, nicht verhindere, so verordnet auch der Arzt der Seelen, Gott, für eine solche Seele Anfechtungen, schickt ihr Leiden, wodurch sie heimgesucht und gedemüthiget wird, verwandelt ihre Freute in Trauer, und läßt sie seine Offenbarung für Täuschung halten. 192. Tugend.. im« 5Mlkl ./ -! 'N U'iollUf«. -.>.!- >,i «ils,>-,..'M^) «iliistV Vergeblich strebt nach der Höhe des Ruhmes, wer sich nicht vorher ausgezeichnet hat durch Tugend. Denn was ist daS für Ruhm ohne Tugend? Er kommt wahrlich unverdient, wird voreilig geheuchelt, mit Gefahr angenommen. Der wahre Ruhm ist allein der, welcher mit Recht verdient und mit Sicherheit ertheilt wird. Groß und selten ist die Tugend, damit du, obwohl du Großes thuest, nicht wissest, daß du groß seyest, und deine Heiligkeit dir allein verborgen sey, wenn sie gleich Allen bekannt ist. Daß du wunderbar erscheinest, und dich für verächtlich haltest, das halte ich für ein größeres Wunder, als deine Tugenden. Umsonst arbeitet Jemand in der Erwerbung der Tugenden, wenn er sie anderswoher hoffen zu können glaubt, als vom Herrn der Tugenden, dessen Lehre eine Pflanzschule der Klugheit, dessen Barmherzigkeit ein Werk der Gerechtigkeit, dessen Leben ein Spiegel der Mäßigkeit, dessen Tod ein Zeichen der Tapferkeit ist. 48 Die Tugend hält sich in Mitte der Laster Ein Geschenk Gottes ist die Tugend und unter seine besten Gaben zu rechnen. Die Tugend ist anverwandt mit der Weisheit. Doch haben sie nicht Eine und dieselbe Wirkung auf die Seele, sondern sie richten sich nach den verschiedenen Bedürfnissen derselben als verschiedene Theilnehmerinnen daran. Nach diesem Grundsatze ist eS etwas anders für die Seele, von der Tugend bewegt, und wieder etwas anderes, von der Weisheit geleitet zu werden: etwas anderes in der Tugend herrschen, und wieder etwas anderes in der Annehmlichkeit sich ergötzen. Denn die Lebenskraft weiSt auf die Tugend, die Gefälligkeit der Seele auf Weisheit hin, die mit geistiger Annehmlichkeit verbunden ist. Daher ist stehen, widerstehen, Gewalt mit Gewalt vertreiben, waS zu den Geschäften der Tugend gehört, zwar eine Ehre, aber eine Mühe. Denn eS ist nicht Ein und dasselbe die Ehre mühsam vertheidigen und sie ruhig besitzen. Es ist nicht Eines, von der Tugend getrieben zu werden, und die Tugend zu genießen. Was die Tugend sich erarbeitet, daS ordnet die W«isheit. Die Weisheit überlegt, mäßiget, die Tugend führt auS. „Weisheit schreibe in der Ruhe," sagt ein ein Weiser. Also ist die Ruhe der Weisheit ihre Geschäftigkeit, und je ruhiger die Weisheit ist, desto mehr Uebung hat sie nach ihrer Art. Jbr gegenüber ist die geübte Tugend berühmter und bewährter, je pflichtgetreuer sie ist. Und wenn Jemand die Weisheit Liebe zur Tugend nennt, scheint er mir nicht von der Wahrheit abzuirren. Talent, Kunst, Verstand und andere dergleichen Dinge erlangt man umsonst, anders aber die Tugend, Denn die Tugend will mit Demuth erlernt, mit Mühe gesucht, mit Liebe behalten werden Denn da sie aller dieser Dinge werth ist, so kann sie nicht anders erlernt, gesucht und erhalten werden. Tapferkeit oder Starkmuth ist nothwendig gegen die Versuchungen zur Sünde, damit wir dem brüllenden Löwen tapfer im Glauben widerstehen und seine feurigen Pfeile mit diesem Schilde männlich aushalten. Gerechtigkeit ist nöthig, damit wir Gutes thun. Klugheit ist nothwendig, damit wir mit den thörichten Jungfrauen nicht verworfen werden. Mäßigkeit endlich ist nöthig, damit wir uns den Wollüsten nicht hingeben. „Schrecklich ist Gott in seinen Rathschlägen über die Menschenkinder." Aber wann Er schrecklich ist, so wird Er auch barmherzig gefunden, da er die Art deS künftigen Gerichtes nicht verbirgt. Eine Seele, welche sündiget, soll sterben. Der Zweig, der nicht Frucht bringt, wird abgehauen. Die Jungfrau, welche kein Oel hat, wird von der Hochzeit ausgeschlossen. Und wer Gutes empfangen hat in diesem Leben, wird im ewigen gepeiniget. Wie, wenn es sich zufällig träfe, daß bei einem Jeden derselben diese vier Dinge sich vorfinden, das wäre wahrhaft die äußerste Verzweiflung! Görlitz (in Schlesien). Am Weihnachts-Heiligen-Abend v. I. langte von Sr. Majestät dem Könige Ludwig von Bayern eine schöne, die katholische Gemeinde Hierselbst hocherfreuende Weihnachtsgabe an, welche für die hiesige neue im Bau begriffene katholische Kirche bestimmt ist. Auf Verwendung Sr. Eminenz unseres hochwürdigsten Herrn CardinalS und Fürstbischofs hatte Se. Majestät gnädigst versprochen, für die neue Kirche das Altarblatt zu schenken. Dieses königliche Geschenk, Christus am Kreuze darstellend, kam nun am Abende vor Weihnachten hier an und erregt bei Allen, die es zu sehen Gelegenheit haben, um seines hohen KunstwertheS willen ungemeineS Wohlgefallen. Die katholische Gemeinde aber wird nimmer deS Dankes vergessen, den sie dem hohen Geschenkgeber dafür schuldet. (Schi. K.-Bl.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. C. Krem er. Görlitz. X Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PoMtung. 16. Februar M'- U. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis kr., wofür es durch alle kö'nigl. baycr. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Der Pillsverein in Luxemburg an Cardinal Wiseman. Luxemburg. Der hiesige Piusvereii? hat in einer überaus zahlreichen Versammlung folgende Adresse an den Cardinal Wiseman beschlossen: Eminenz! Wenn die Mitglieder des Piusvereines zu Luxemburg von der Erhebung Ew. Eminenz zur Würde eines Erzbischofs von Westminster und zum Cardinal der Römischen Kirche eine Veranlassung nehmen, ihre Freude über dieses glückliche Ereignis) auszudrücken, und insbesondere Ew. Eminenz zu beglückwünschen, so bedürfen sie in Hochdero Augen wohl keiner Entschuldigung. Denn die Umstände, worunter diese Erhebung stattgefunden hat, sind so außerordentlich, daß die Theilnahme aller Katholiken durch sie im höchsten Grade in Anspruch genommen wird. Unsere Frende über die Wiedererrichtung der bischöflichen Sitze in England ist um so größer, je tiefer insbesondere wir Katholiken Deutschlands das herbe Mißgeschick, das seit 300 Jahren auf der Kirche Englands lastete, mitempfunden haben. Ja, es hat unS immer einen unaussprechlichen Schmerz bereitet, wenn wir auf die Verwaisung und Verödung der Kirche Britanniens hinblickten; wenn wir daran gedachten, wie ein Volk, das einst der Kirche Gottes so viele Heilige, der Sache der Religion so viele muthige Streiter geliefert hatte, seit so langer Zeit von dem Mntterbuscn der Kirche losgerissen, und in Schisma und Ketzerei versunken sey. Wohl gab es zur Zeit in England noch Solche, die sich Bischöfe nannten; aber der heilige AugustinuS, der den christlichen Glauben vor so vieleu Jahrhunderten daselbst gepredigt hat, der heil. Anselmus und der heilige Thomas würden in diesen nicht mehr ihre Genossen erkennen; sie würden jede Gemeinschaft mit ihnen als einen Abfall von der Kirche der Apostel vermeiden und fliehen. Einst kamen zu uns nach Deutschland aus Britannien die Glaubensboten, die uns in der Lehre des Heiles unterrichteten. Der heilige Vonifacius, den wir dankbar als den Apostel unsers Vaterlandes verehren, kam ja von England zu uns herüber. Wir haben den Glauben, den er uns verkündete, unverändert bewahrt; aber die, welche in England seit 300 Jahren sich Bischöse genannt haben, kannten den heiligen BonifaciuS und seine Lehre nicht mehr. Dieser hat die gläubige Heerde in Deutschland dem obersten Hirten zugeführt, zu dem Christus der Herr gesprochen hat: „Weide meine Lämmer, weide meine Schafe", und wir erblicken noch heut zu Tage in der Gemeinschaft uuserer Hirten mit diesem Stellvertreter Christi auf Erden ein sicheres Merkmal, daß wir zu der wahren Heerde des Erlösers gehören: jene aber gehen .jetzt ihre eigenen Wege, und der oberste Hirte, der aus Erden Christi Stelle vertritt, erkennet sie nicht mehr an als wahre Hirten und Nachfolger der Apostel. Der heilige Vonifacius hat endlich in den deutschen Länder» überall die Altäre de? wahren Gotteö aufgerichtet, auf denen das Opfer des neuen Bundes dargebracht werden sollte. Bei uns stehen diese Altäre noch, und wir 50 preisen Gott, daß unter uns in Mitten einer gläubigen Christenheit das hochheilige Opfer, das ja nach der Verheißung Gottes vom Anfgange der Sonne bis zu ihrem Niedergange dargebracht werden soll, noch alltäglich wie zur Zeit des heil. BonifaciuS gefeiert wird. Jene aber habe«, von neuer Irrlehre bethört, die Altäre des neuen Bundes verlassen; sie haben sich von den Quellen des Heiles entfernt, und sich selbst neue Brunnen gegraben, die kein Wasser zu halten vermögen Gerade deßhalb nun, weil das Band, daS Deutschland an die Kirche von England knüpfte, so enge war, fühlten wir uns ganz insbesondere durch die Verwaisung und Verödung von diesem schönen Theile des Weinberges Christi so schmerzlich berührt, so hart mit betroffen. Wir sahen uns selbst verwundet, weil diejenigen ihre Treue gegen die Kirche Christi gebrochen hatten, die uns zuerst Treue gegen Gott und seine heilige Kirche gelehrt. Cin gewisses Gefühl von Unbehaglichkeit und Unsicherheit hatte sich unser bemächtigt, seitdem diejenigen nicht mehr mit uns waren, die, als Stammgenossen so enge mit uns verwandt, früher so oft in den heiligsten Bestrebungen unsere Freunde, und in der Gefahr unsere Bundesgenossen gewesen waren. Seit lange waren wir von der Neberzeugung durchdrungen, daß ein vollkommener Sieg des katholischen Glaubens in Deutschland Und im Norden überhaupt nicht so bald gehofft werden dürfe, so lange nicht in dem Reiche, von wo aus das Licht des Christenthumes zu uns gebracht worden ist, die Kirche eine heimathliche Stätte wiedergefunden hätte. Mit um so größerer Theilnahme haben wir darum immer die Kämpfe und Drangsale beobachtet, wodurch die kleine ihrem katholischen Glauben treugcblicbcne Heerde in England seit Jahrhunderten ist heimgesucht worden. Von allen Seiten von der Macht ihrer übermüthigen Feinde umgeben und fast erdrückt, ist diese muthige Schaar doch nicht erlegen. Oftmals sogar am Leben bedroht, mit dem Verluste ihrer zeitlichen Güter bestraft, und lange Zeit hindurch ihres Bürgerrechtes beraubt, haben diese treuen Söhne des heil. Augustinus und Anselmus den Verlust alles Zeitlichen für Nichts geachtet gegen die Erhaltung und Rettung ihres heiligen Glaubens. Um so dankbarer preisen wir jetzt unsern Gott, daß Er eine so rührende Standhaftigkeit und Treue so herrlich belohnt hat. Die kleine Heerde ist allmälig wieder gewachsen und zu einer großen Zahl von Gläubigen erstarkt, und min endlich ist auch der Zeitpunct gekommen, wo in England wieder rechtmäßige Nachfolger der Apostel die seit fast 300 Jahren ununterbrochene Reihenfolge der Bischöfe fortsetzen. Die Kirche von England ist wieder als eine ebenbürtige Tochter eingefügt in den Bund der christlichen Völker, und nach langer, schmerzlicher Vereinsamung ist der Wittwenschleier wieder von ihrem Angesichte weggenommen. Darüber jubeln und freuen sich alle christlichen Herzen, und dankbar beugen wir unsere Kniee vor Dem, der in der Wiedererhebung des Einen Volkes allen christlichen Völkern eine so große Freude bereitet hat. Allein wir können nicht verhehlen, daß in die große Freude, womit bei der Nachricht von der Wiedererrichtung der Biöthümer in England ganz insbesondere die Katholiken Deutschlands erfüllt wurden, sich bei uns Luxemburgern ein eigenthümliches Gefühl des Schmerzes und der Wehmuth einmischt. Auch unserm Lande ward daö Licht deS Glaubens von Britannien aus gebracht. Der heilige Willibrordus kam von dort zu uns herüber, und in einer Kirche unseres Landes bewahren wir seine heiligen Reliquien als ein kostbares Unterpfand deS himmlischen Segens. Wir haben den Schatz deS Glaubens treu bewahrt, und uie konnte Schisma oder Ketzerei Raum gewinnen auf diesem durch den heiligen Willibrordus geheiligten Boden. Und dennoch ist die gläubige Heerde hicsclbst ohne einen Bischof. In ganz Deutschland ist kein Ländchen noch so klein, wenn anders die katholische Religion nicht gewaltsam unterdrückt wird, wo nicht die kirchlichen Verhältnisse durch feierliche Verträge mit Rom geordnet wären, und wo nicht rechtmäßige Bischöfe die Heerde der Gläubigen weideten: aber bei uns hat man kein Concordat, bei uns läßt man nicht zu, daß ein Nachfolger der Apostel den Hirtenstab führe; man behandelt Luxemburg als das Land einer Mission, und wendet ans dasselbe Gesetze an, die nie und nimmer auf uns Anwendung finden dürften. Ja, selbst der apostolische Vicar, der dieser Mission mit 51 so großem Segen vorstand, ein Mann mit apostolischen Tugenden und großen Verdiensten geschmückt, wurde uns nicht gegönnt. Er wurde auf den Betrieb einiger weniger Feinde der Religion von hier verdrängt, und seit fast drei Jahren weinet ein ganzes Volk um ihn die Thränen der Verwaisung. Verzeihen Ew. Eminenz, daß wir in die Bezeugung unserer Freude über daS Glück unserer katholischen Brüder in England die Erinnerung an unsern eigenen Schmerz mit eingemischt haben. Wir wußten ja, welche Theilnahme Sie der Angelegenheit der Kirche bei uns widmen, und mit welcher Liebe Sie bei der Einweihung der St. Georgskirche zu London Denjenigen ausgezeichnet haben, über dessen lange Entfernung von uuS eine gläubige Heerde von fast 200,000 Seelen trauert. Nchmeu Sie darum gnädig und wohlwollend den Ausdruck unserer innigsten Verehrung und dankbaren Liebe, und unserer heißesten Glückwünsche für sich und für die ganze katholische Kirche in England an, und ertheilen Sie allen Mitgliedern des Piusvereinö und dem ganzen katholischen Volke von Luremburg Ihren heiligen Segen. Luremburg, in der Octave des Festes der Epiphanie 1851. Cincinnati. Tod des Pater AccursiuS Gärtner. (Aus einem Schreiben ?es Missionärs P, Marimllian Gärtner, t)i-c!, Pr-Künonst,, «lä. Sac Prairie, Wisconsin, 4. Ort. 185«.) ........Laut meiuem letzten Briefe an Dich hegte ich die frohe Hoffnung, binnen kurzem den lieben Bruder AccursiuS hier zu St. Norbert begrüßen zu können, nnd mit ihm über tausend interessante Angelegenheiten zu sprechen, da er die Voranstalten zu seinem neuen Ansitze bei Cincinnati traf. Samstag Nachmittags am 4. Scpl, erhielt lch auf einem Gang zu Kranken im Städtchen Jefferson auch die Zeitung von Cincinnati, „Wahrheitöfrcund" genannt. Ich blätterte darin, da siel inciu Auge auf Trauerlinicn und ich las, zitternd an Hand und Herz: „Am 2. dieß starb hier der hochwürdige Pater AccursiuS Gärtucr nach kurzem Krankenlager, versehen mit den heiligen Sacramcnten, ergeben in den göttlichen Willen, zu dessen Ehre und Verherrlichung zu arbeiten er seit drei Monaten in diese Stadt gekommen war. GotteS Vorsehung war mit dem guten Willen zufrieden. Der Verstorbene war geboren zn Hciterwang in Tirol am 26. Sept. 1805. Er trat jung in den Franciöcanerorden, arbeitete als OrdcnSpriester theils als Professor des Gymnasiums, und später als Katechet in Neutte mehrere Jahre, bis er endlich von seinen Obern die Sendung nach Amerika erhielt, um sowohl als Missionär, als auch für die Ordenöangelegenheiten zu wirken. Gottes Wille jedoch ordnete es anders. Friede seiner Asche!" Was mußte der Eindruck dieser Nachricht seyn auf mein so hoffnungsvolles, jetzt fast hoffnungsloses Herz. Der Schlag kam wie eiu Wetterstrahl aus heiterm Himmel. Zermalmt im Innern, schwankte ich nach der armseligen Blockkirche der Mission und kniete am Altare nieder . . . nach und nach träufelte das Seufzen und Beten einen milden Trost von Oben in das Gemüth, und die Hand griff nach dein Breviere, um am Fuße des Altars andächtig die ^ommomltitiv mn'irmk: zu entrichten. Heimkehrend von den Berufsgcschäften — Ende derselben Woche — lag bereits ein Brief aus Cincinnati auf meinem Pulte, der die nähern Umstände über des seligen Bruders Krankheit nnd Hinscheiden beschrieb. Bald nach dem Besuche der Stadt fühlte er leichte Fieberschauer; dessen ungeachtet machte er Nachmittag den nämlichen Gang znr Stadt, weil Einkäufe für die Kirche drängten; aber Abends stellte sich große Ermattung , ein. Am andern Morgen las er schon um 5 Uhr die heil.' Messe, erschien jedoch nicht zum Frühstück, weßhalb die Mitbrüder in ihn drangen den Arzt zu Rath zu ziehen. Um 2 Uhr kam ein Arzt, seine Mittel bewirkten auf vier Tage einige Besserung. Am 2. Sept. aber verschlimmerte sich der Zustand. Der Beichtvater erschien. AccursiuS beichtete getrost und glaubte sogar mit der heil. Commum'on 52 bis zum nächsten Morgen zögern zu dürfen. Aber zusehends entschwand der Athem. Man brachte ihm die heilige Wegzehrung, spendete ihm die heilige Oelung und gab ihm die apostolische Absolution, bei deren Schluß er ruhig und sanft die Seele im Kreise seiner Mitbrüder aushauchte, in deren Mitte ihn Gott vor kurzem erst geführt hatte, um für sie nach den harten BerufSmühen eine stille Ruhezelle zu bauen, wozu ihn seine Emsigkeit zu Reutte hinlänglich befähigt zeigte. Der liebe Gott ordnete nicht nach der Menschen Gedanken und rief den Baumeister zu sich ... . In Betreff der weiter» Vorgänge mit der theuren Leiche schließe ich Dir den Bericht des Wahrheitsfrcundes bei. Er lautet: „Die vorige Nummer des „Wahrheits- sreundeö" erwähnte in einer kurzen Notiz den Tod des hochwürdigen Pater AccursiuS Gärtner auS dem Orden des heil. Franciscus, das Leichenbegäugniß fand am zweiten Tag nach seinem Hinscheiden, am 4. Sept. von dem Pfarrhause der St. Johannes- Kirche aus statt. Es war die erste Tvdtenfeier eines deutschen Priesters, die je m Cincinnati begangen, und so hatten sich denn anch die Amtsbrüder von fast der ganzen Stadt zusammengefunden, um dem in ihrer Mitte zuletzt Angekommenen das letzte Geleite und die letzte Ehre zu erweisen, Es that dem Schreiber dieser Zeilen ungc- mein wohl, als er nach alter deutscher Sitte die Hülle des Verstorbenen am Tage vor seiner Beerdigung in priesterlicher Kleidung auf einem „Paradebett" im Sprach- zimmer der St. Johannes-Pfarrei ausgestellt sah — wie auf einem zu den Häuptern deS im ewigen Schlafe da Ruhenden ein kleiner Altar sich erhob, ans welchem das Sinnbild und Werkzeug der höchsten Priestergewalt, der Opferkelch, die erhabene Würde des Dahingeschiedenen anzeigte. Die violette Farbe des priesterlichen Ornates, wie sie daö römische Ritnal zur Bekleidung eines Priesters im Sarge vorschreibt, war eine heilsame Mahnung für die am Leben Zurückgebliebenen, sür den Verstorbenen eifrige Gebete zum hohen Priester im Himmel emporzuschicken, daß die allenfallsigc Bußzeit im ReinigungSorte abgekürzt, und die Trauer wegen der noch nicht erfolgten Reinigung mit Gott bald in die vollste Freude der ewigen Herrlichkeit möchte verwandelt werden. Das thaten denn anch die Priester, als sie sich anschickten, die Leiche anS dem Pfarrhause in die Kirche zum Trauergottesbienst hinüber zn tragen. Der hochw. Herr Gcneralvicar und Pfarrer der St. Pauluskirche, Joseph Ferue- diug, segnete den Verblichenen unter Assistenz der hochw. Herren Jakob Wood als Diacon, und I. H. LüerS als Subdiacon im Tranerhause ein, worauf der Leichcn- zug auf der Ostseite der Kirche sich entwickelte, und unter Absingung des Psalmes „Miserere" sich zum Gotteshause hinbewegte. Sechs Priester trugen den Sarg, die andern anwesenden Geistlichen (die Priester im Chorrock und Stole) gingen demselben voraus, und die Vorsteher der Kirche begleiteten im Namen der Gemeinde die Leiche zn beiden Seiten. Alle trugen brennende Kerzen in ihren Händen. In der Kirche wnrde der „Todtenbaum" wieder auf einem Katafalk aufgepflanzt und ein feierliches Requiem vom hochw. Herrn P. Supcrior der Tiroler-Franciscaner in Nordamerika, P. Wilhelm Unterth jener, unter Assistenz oben genannter Leviten begonnen. Nach dem Libera und der Absingung der dabei vorgeschriebenen Kirchengcbcte vom hochwürdigen Herrn Gcneralvicar Ferneding, hielt P. Wilhelm Gärtner vom Altare aus eine ergreifende Leichenrede, welche auf die im Presbytern»» versammelten Priester nicht weniger tiefen Eindruck machte, als auf die von allen Kirchen Cincinnati's zusammengeströmten Gläubigen. Das schwere Gericht, daS einem Priester nach seinem Tode bevorsteht, die schweren Verantwortlichkeiten, die ein Priester bei seiner heiligen Weihe übernimmt, die mühesamen Pflichten, die ein Priester zu erfüllen hat, wareil für die katholischen Laien AneifernugSpnucte genug, um das Loos der Priester nicht zu erschweren, sondern so viel als möglich zn erleichtern, und für selbe bei ihren Lebzeiten, wie nach ihrem Tode fleißig zu beten. Nach der Predigt führte der Säuger- chor unter Leitung des Hrn. Klausmeyer eine passende Cantate recht erbaulich auf Der Todtenwagen und die Leichenbeglciter waren gerade weggefahren um die irci- schcn Ueberreste des Pater AccursiuS nach dem St. Johannes-Gottesacker (über eine Stunde Weges von der Stadt entfernt) zu bringen, da brachte in Eile ein eifriger 53 und dienstwilliger Katholik dem Ceremonienmeister dieser Leichcnfeierlichkeit, dem hoch- würdigen Herrn Hammer von der St. Marien-Kirche, die erfreuliche Nachricht, daß eben ein fremder Bischof (angeblich von Cleveland) im Pfarrhause angekommen sey. Der hochwürdige Ceremouienmeistcr stieg schnell auS und eilte zum „Wiedcu" zurück, wo er sich gleich überzeugte, daß es nicht der Bischof von Cleveland, sondern der Bischof von Charleston (in Süd-Carolina) sey, der auf seiner Reise nach seinem frühern Wirkungskreise (LouiSville in Kentuky) einige Stunden verweilte und mehr zufällig zur St. Johannes-Kirche gekommen war. Der Prälat zögerte nicht lange, den Bitten des Leiters des Begräbnisses Gehör zu geben, und die, Leiche des deutschen Priesters mit seiner Begleitung zu beehren. Derselbe hatte auch die Güte, freilich ohne Jnfnl und Stab, nur im geborgten Talare eines WeltpriesterS und im Chorrock und Stole, vom Thore des Gottesackers das Begräbniß selbst zn halten und beim Grabe die Kirchcngebete abzusingen. Auch die Auspflanzung deS Grabes-KreuzcS aus die zugeworfene frische Erde nahm er (nach dem Brirener Rituale) gefälligst au. Vom Thore des Gottesackers bis zum Grabe hatten wieder sechs Priester auf ihren Schultern ihren entschlafenen Mitbruder zu seiner letzten Ruhestätte gebracht, die beim Hauptkreuz auf dem Kirchhof zum Begräbnißplatze der deutschen Priester von den Gemeinden Cincinnatis auserlesen wurde, welche das Grundstück ankauften, und ganz altchristlich die Priester auch nach ihrem Tove noch ehren wollten. „So schläft der gute Priester im Grabe mit seinem Gesichte zum Kreuze deS Kirchhofes gewendet, während er noch einige Tage zuvor seinen Blick und sein Herz auf den Platz, nur einen Steinwurf von dem Kirchhof entfernt, gerichtet halte, der zur St. ClemenSkircke geweiht und zu einem FranciScanerkloster bestimmt ist, und nun hinter dem Entschlafenen liegt. So sind die Wege der göttlichen Vorsehung I Während der fromme und gebildete, aber im Aeußern selber anspruchslose Pater einen Plan zu einem Klöfterchen ganz eifrig zeichnete, hatte der Herr über Leben und Tod ihm bereits eine Zelle im himmlischen Konvente auSersehen, von wo alle irdischen Sorgen und Müheu ausgeschlossen und alle Prüfungen und Leiden weit außerhalb der Klausur sind, und am Tage des großen Heiligen Rosa von Viterbo, aus dem zweiten Orden deS heil. Franciscus, wurde ein Priester auS dem ersten Orden des seraphischen Vaters von seinen Brüdern aus dem schönen Gebirgsland Tirol nebst vielen Brüdern und Schwestern aus dem dritten Orden als die erste Immortelle ans dem großen Garten des heiligen Mönches von Assisi in die noch lange nicht genug geheiligte Erde der Vereinigten Staaten von Nordamerika gebracht. Der Herr lasse ihn ruhen in Frieden! „Für die Leser dieser Zeilen wird es vielleicht interessant seyn, die Allgemeinheit der katholischen Kirche, in ver Verschiedenheit der Abstammung der Geistlichen und doch liebevollste» Einheit, anch bei eben beschriebener Begräbniß zu bewunder»: Anwesend waren: Der hochwürdigste Bischof von Charleston aus Amerika: Jgnaz AloiS Reynolds; ferner die hochwürdigen Herren: Joseph Ferneding, G.-V. und Pfarrer bei der St., Pauluskirche, aus Oldenburg; Petcr Kröger, Pfr. bei der St. Pauluskirche, aus Westfalen; Clemens Hammer, Pfr. bei der St. Marienkirche, auS Böhmen; Wilhelm DeiterS, Pfr. bei der St. Marienkirche, aus Westfalen; Heinrich Ridder, Pfr. bei der heiligen Drcifaltigkeitskirche, aus Oldenburg; Andreas Stephan, Pfr. bei der heiligen Dreifaltigkeitskirche, aus Baden; I. H. Luers, Pfr. bei der St. Josephskirche, auS Oldenburg; Michael Herzog, Pfr. von Zäncsville in Ohio, aus der Schweiz; Beruard Hcngehold, Pfr. 5ei der St. Philomenakirche, auS Hannover; Mathias Dcselacrs, Pfr. bei der St. Michaelskirche, aus dem Geldernlande; Stephan Badin, Jnbilarpricstcr und Patriarch unter den lebenden Missionären in Nordamerika, aus Frankreich; Jakob Wood, Pfr. an der Kathedrale von Cincinnati, aus England; Jakob Cahil, Pfr. an der Kathedrale von Cincinnati, ans Irland; R. I. Lawrence, Pfr. an der Kathedrale von Cincinnati, aus Amerika; P. Karl DriSkoll, Pfr. an der St. Xavierskirche, aus Belgien; P. D. Kenny, Pfr. an der St. Xavierskirche, aus Irland; P. Fr. X. Wippern, Professor am XavierScollegium, 54 aus Hannover; P. Joseph PatschowSki, Pfr. in Ncwport, aus Schlesien; Peter Hartlaub, Pfr. in Covington, auS Bayern; Wilhelm Untcrthiencr, Pfr. an der St. JohanncSkirche, aus Tirol; P. Evinund Etschmann, desgleichen; P. Pirmiu Eberhard, desgleichen; P. Sigmund Koch, desgleichen; die Laienbrüder Amadäus und Jakob, aus Tirol; endlich Bruder Amadäus Mariens, Kleriker des Franciscancr- Ordenö, auS Westfalen; P. Kladiwv B. Joachimovallensis, beauftragter Berichterstatter." In der That feierlicher und erbaulicher hätte das Begräbniß kaum sonst irgendwo stattfinden können, und eS heischte von mir heilige Pflicht, den sämmtlichen Thcilneh- mern meinen und auch Euren Dank öffentlich auszusvrcchen. Du frägst vielleicht, ob Accursiuö in seineu letzten Stunden nicht auch unser gedacht habe.' Der Bericht des P. Evinund, deS nemlichen, der dort bei Euch mit mir vor 4 Jahren Abschied an der Eisenbahn nahm, lautet hierüber also: „meine Lieben der Familie allzumal sollen Erben seyn meiner — geringen Verdienste, die ich etwa durch freiwilligen Gehorsam und treue Hingabe in den heiligen Beruf mir erworben habe." WaS bliebe uns Besseres? was heilsamer und erfreulicher für Zeit und Ewigkeit? Doch schrieb ich nach Cincinnati um einige kleine Andenken aus dem sonst werlhlosen HauSrathe des seligen Bruders, damit ich den troftbedürftigen lieben Schwestern und nächsten Verwandten Balsam der Liebe auf die Herzwunde legen könnte... Vermuthlich kommt dieser Brief zunächst den beiden lieben Nichten zu Handen, und sie lesen zuerst die unerwartete Botschaft, — statt Thränen, meine Lieben! opfert ein recht herzliches Gebet dem Heiland in der wunderbaren heiligen Brodsgestalt, und flehet zu seiner benedeiten Mutter, daß sie Trösterin aller Betrübten sey, und daß Alle einst, wen» der Herr will, nach dem Abschied vom Thräncnthale mit ihr uud ihrem göttlichen Sohne und mit allen Heiligen GotteS der ewigen Seligkeit sich ersrencn mögen..... Blume» ans dem Schriftgarten des heiligen Bernardus. (Fortsetzung.) 193. U e b e r s l u ß. Fülle und Uebcrfluß am Zeitlichen bewirkt Vergessenheit und Mangel des Ewigen. Gleichwie zeitliche Glücköumstände einen thörichten Weltmenschcn tödten können, so kann auch der Uebcrfluß an geistlichem Glücke einen ungelchrten GcisteSmenschcn tödten, der also in so ferne kein GeisteSmcnsch ist. 194. U e b e r t r e t u n g. Christus hat für die Nebcrtreter, nicht aber für die Verächter deS Gesetzes gebeten. Denn nicht Ein und dasselbe ist: nicht gehorchen wollen und nicht gehorche». Dieses kommt manchmal her von Irrthum »uv Schwachheit, jenes aber ist ein Zeichen einer hassenswcrthcn Hartnäckigkeit und einer nicht zu duldenden Widerspenstigkeit. Sie widersteht nnv kämpft gegen den heiligen Geist und wird zur Gotteslästerung, die weder in diesem noch in jenem Leben verziehen wird, wenn sie fortdauert bis zum Tode. Nicht also eine jede Uebcrtretung irgend eines Gebotes enthält tödtlichen Ungehorsam, sondern das Widerstreben, das Nichtgehorchcn wollen. 195. e b u n g. Der Bauer hat starke Nerven, feste Schultern, und dieß macht die Uebung. Laß ihn müßig gehen, und er verweichlicht. Der Wille macht den Gebrauch, der Gebrauch die Uebuug, die Uebung gibt Kräfte zn jeder Arbeit. 196. U m g a n g. Keine geringe Ehre ist es für die Tugend, wenn sie unter Bösen gut lebt, und unter Verdorbenen den Glanz der Unschuld beibchält und die Sanftmuth der Sitten: 55 noch mehr aber ist es, mit denen friedlich zu seyn, die den Frieden hassen, und sich den Feinden als Freuud zu beweisen. Unter denen, mit welchen du lebest, folge den Besseren. In jedem Stande ist oft daS Beste mit dem Schlechtesten vermischt. Willst du Fortschritte machen, so schaue nicht darauf, was Andere BöseS thun, sondern was du Gutes thun willst. 197. Undank. Eine verderbliche Sache ist der Undank, ein Feind der Gnade, ein Gegner des Heiles. Ich sage euch, daß nach meinem Dafürhalte« nichts so sehr Gott mißfällt, als der Undank. Er verriegelt der Gnade den Eingang, und wo er ist, dort findet sich die Gnade nicht ein. Glücklich aber derjenige, der für jedes Gnadengeschenk dankbar ist! Er bereitet der Gnade einen Platz und verdient immer größere Gnaden. Der Undank allein hindert am meisten uns an den. Fortschreiten in der Tugend. 193. Ungehorsam. Jesus hat sür Alle gelebt Und ist für Alle gestorben. Wie kann aber Einer für Gott leben, wenn er keine Nächstenliebe hat? Wie kann der für Gott leben, der sein Gesetz nicht erfüllt und sein Gebot nicht beobachtet? Der Gott Ungehorsame lebt nicht sür Gott, er liebt nicht seinen Gott. Des Ungehorsams Mutter ist der Stolz. 199. U n g e st r a f t h e i t. Die Ungestraftheit ist ein Kind der Sorglosigkeit, die Mutter der Anmassung, die Wurzel der Schamlosigkeit, die Säugamme der Sünden. Die Sünden der Untergebenen fallen auf Niemanden mehr, als auf träge und nachlässige Vorgesetzte. 200. U n k e u s ch h e i t. Die Unkeuschheit regiert in Vielen vielfach, welche dem Urheber der Reinigkeit mit unreinem Herzen und Leibe dienen, und nicht fürchten den Engel des Herrn, der sie in Stücke zerhauen und zu Grunde richten wird, sondern cS sogar wagen, daS heilige Fleisch des unbefleckten Lammes zu berühren und ihre ruchlosen Hände zu tauchen in daS Blut des Erlösers..... So geht man zu deis Altären, so zum Psalmengesange, da doch das Lob Gottes aus dem Munde eines Solchen verworfen und sein Gebet zur Sünde wird. Sie gehen mit diesem Schmutz ein in das Heiligthum deS lebendigen GotteS und mit diesem Schmutze wohnen sie dort, den heiligen Tempel Gottes verunreinigend. Ein vielfaches Gericht wird über sie ergehen, weil sie bei solchen Vorwürfen des Gewissens sich eindrangen in das Heiligthum Gottes. Denn Solche besänftigen Goit nicht, sondern erzürnen Ihn, machen Ihn sich abgeneigt, und'ich fürchte, auch Denen: für die sie Ihn gnädig stimmen sollten. O wenn doch Diejenigen, welche sich nicht enthalten können, nicht so verwegen Vollkommenheit geloben würden oder dem ehelosen Stand sich hinzugeben sich scheuen würden! Es wäre ohne Zweifel sür sie besser gewesen, zu heirathen, als Brunst zu leiden, und auf einer niedern Stufe des gläubigen Volkes gerettet zu werden, als aus der Höhe des PriesterthnmS schlecht zu leben und strenger gerichtet zu werden. Deun Viele scheinen ihre Freiheit, in der sie gerufen wurden, zur Gelegenheit der Fleischeslust zu machen, indem sie sich von der Ehe als Gegenmittel enthalten, und dann in alle Schandthaten ausarten. 201. Untergebene. ES ist ein Zeichen einer klcinlichtcn und niedrigen Seele, von den Untergebenen keine Fortschritte zu fordern, sondern nur den eigenen Gewinn zu suchen. 5,6 202. Unterwerfung. Ich weiß zwar, daß ein jedes Geschöpf, es mag wollen oder nicht, dem Schöpfer unterworfen sey. Aber von einem verständigen Geschöpfe wird freiwillige Unterwerfung erwartet, daß es freiwillig dem Herrn opfere. Aber diese Unterwerfung muß eine dreifache seyn, daß wir das, was gewiß ist, daß es Gott wolle, wir ebenfalls ganz und gar wollen, nnd daß wir das, wovon eS gewiß ist, daß eS Gott nicht wolle, auf gleiche Weise verabscheuen. WaS aber ungewiß ist, ob Er eS wolle oder nicht, sollen auch wir nicht ganz wollen, aber auch nicht ganz nicht wollen. Hier in dieser Mitte liegt die Gefahr für OrdenSpcrsonen, indem wir nnS unglücklicher Weise schmeicheln und uns selbst verführen. Daher kommt es, daß wir uns vorstellen, den Willen des Herrn zu suchen, da wir doch sowohl den unsern thun als auch eine Entschuldigung über die Unwissenheit haben wollen. 203. Unwissenheit. Die böse Mutter Unwissenheit hat zwei böse Töchter, nämlich die Falschheit nnd die Zweifelhastigkeit. Jene ist elender, diese bcdauernSwerther, jene verderblicher, diese noch besser. Wenn der Geist redet, weichen beide. Vom Unwissenden wird man nichts wissen, er mag nun entweder von sich oder von Gott nichts wissen. Beides ist strafbare Unwissenheit, beides hinreichend zum Verderben. Schweiz. Der Observateur de Genöve entwirft folgende traurige Schilderung über die Lage der Katholiken in diesem Lande: „Die Freiheit der katholischen Kanzel ist in den Kantonen Freiburg, Graubündten, Waadt nnd St. Gallen vernichtet oder gehemmt. Die Freiheit der geistlichen Wirksamkeit ist durch die ungeheuersten Eingriffe des Staats in die Rechte der Kirche in den Kantonen Freibnrg, Waadt, Lnzern, St. Gallen, Graubündten ganz aufgehoben oder doch geschmälert. Die Civil- oder gemischte Ehe, welche durch Bundesgesetz geheiligt ist, bringt in die Ordnung der christlichen Familien ein Element, welches den Glauben der Eheleute und die christliche Erziehung der Kinder zerstört. Die amikatholische Presse überschreitet alle Schranken des Rechtes, ver Oeffentlichkeit und der Erörterung und verbreitet täglich gehässige Verleumdungen gegen die katholischen Priester und die Lehren der katholischen Kirche. Die Heiligkeit des Eideö wird entweihet und erniedrigt durch Vorschriften, welche die Freiheit tödten und der Religion zuwider sind. Die Erziehung der Jugend ist ganz in den Händen des Staats; die Familie, die Gemeinde, die Religion sind ihrer Rechte beraubt und der Unterricht wird unter Einflößung von Lehrern, welche eben so antichristlich als antisocial sind, von Lehrern geleitet, welche Männer der Regierung und Männer der geheimen Gesellschaften sind. Die Güter der Kirche sind ihren rechtmäßigen Besitzern durch Einführung eines StaatöcommuniS- muS entrissen, der nur darauf wartet, sich auch auf das Eigenthum der Einzelnen stürzen zn können. DaS Petitionsrecht der Katholiken wird nicht anerkannt, man spottet darüber nnd macht Jagd darauf. Das Hospiz des heil. Bernard ist beraubt. Und im Kanton Freiburg ist der Bischof verbannt, das Seminar geschlossen, die Pfarrer abgesetzt oder in die Verbannung geschickt, die Kirchengüter sind verkauft, die Feste abgeschafft, die Kanzel geknebelt, die OrdenSgcistlichen verjagt, ihre Güter verschleudert. . . ." Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. C. Krem er- Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt Augslmrger Pojheitung. 23. Februar ^ 8. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage» Der halbjährige Abonnementsvret« Äv kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Aus dem Leben des ersten deutschen Redemptoristen. *) Den Söhnen deS heiligen AlphonS von Liguori scheint sich gegenwärtig ein immer ausgedehnteres Feld der Thätigkeit in Deutschland eröffnen zu wollen. Noch vor wenigen Jahren nur auf Oesterreich und Altbayern allein beschränkt, sind sie nach den Stürmen des Jahres 1843 von dem Herrn, der mit allmächtiger Hand die Ereignisse lenkt und der Bosheit Plane zu nichte macht, mit den vielgeprüften Vätern der Gesellschaft Jesu in weitere Kreise des deutschen Vaterlandes hinauSgesendet worden, als Herolde der unendlichen Langmuth und Erbarmung GotteS, um dem Elende zu steuern, daS im Gefolge der Lostrennung von dem Herrn, und des frevelhaften Hohnes gegen alles Göttliche und Heilige über unsere Gauen hereingebrochen, um den wahren Gottes- und Menschenfrieden wieder zurückzubringen, der seit lange von unS gewichen. In Preußen und Württemberg, in Baden und Nassau sehen wir schon seit mehr als Jahresfrist die PP. Redemptoristen als Missionäre auftreten, und damit ihr Wirken nicht bloß ein vorübergehendes sey, werden ihnen an mehreren Orten Wohnsitze bereitet, wo sie sich niederlassen, und von wo aus sie — wenn der liebe Gott seinen Segen dazu schenkt, um den wir demüthig bitten wollen — eine bleibende segenvolle Thätigkeit entfalten können. In Coblenz besteht bereits seit nahezu zwei Jahren eine kleine Ansiedlung derselben; in der Diöcese Limburg sind gleichfalls schon einige eingeführt an dem Wallfahrtsorte Bornhofen, und in der Rottenburger Diöcese wird die Errichtung eines RedemptoristenhauseS auf dem Schöneberg eifrigst betrieben. Bei diesen Verhältnissen dürfte eö wohl den Lesern dieser Blätter nicht uninteressant seyn, mit dem Leben desjenigen ManneS bekannt zu werden, der als der erste Deutsche in die Congregation des allerheiligsten Erlösers noch zu Lebzeiten ihres heiligen Stifters aufgenommen, diese Congregation in sein Vaterland verpflanzt hat, dem wir also in gewisser Beziehung den Segen zu dcinken haben, der unS jetzt durch jene Priester zufließt. Dieser Mann ist Clemens Maria Hofsbauer. Sein Leben ist, auch abgesehen von dem oben berührten Umstände, von großem Interesse; es ist das Leben eines wahren Priesters, eines vollendeten Jüngers des Herrn, reich an erhebenden, belehrenden und erbauenden Momenten für Jeden, insbesondere aber für den Geistlichen. Johann Clemens Maria Hoffbauer wurde am Feste des heiligen StephanuS, den 26. December 1751 zu Taßwitz in Mähren geboren. Seine Eltern waren arme '1 Katholik. . ") Wir lege» bei der folgenden Skizze das Schriftchen von vr. Friedrich Pösl: Clemens Mari» Hcffbauer, der erste deutsche Redemptorist, in seinem Leben und Wirken. Rcgensburg 18-t4, zu Grund, Auch die histor. polit, Blätter haben vor einiger Zeit auf diesen ehrwürdigen Diener Gottes die Aufmerksamkeit gelenkt. , 58 Landleute, die aber einen reichen Schatz der Gottseligkeit besaßen, und den Knaben von der Wiege an zur Frömmigkeit anleiteten. Hatte das siebenjährige Kind die Woche recht gut zugebracht, so durfte eS zum Lohne dafür am Samstage zu Ehren der allerseligsten Jungfrau Maria fasten, und die wenigen Kreuzer, die eS statt seines Frühstückes von der Mutter erhielt, den Armen austheilen. Als Clemens in früher Jugend noch seinen Vater verlor, führte ihn die Mutter zu dem Bilde des Gekreuzig, ten mit den Worten: „Siehe dieser ist von nun an dein Vater; gib Acht, daß du auf dem Wege wandelst, der ihm wohlgefällig ist." Clemens wuchs in wahrer Gottesfurcht heran ; sein sehnlichster Wunsch war stet's, studiren und Priester werden zu können; bei der Armuth seiner Mutter waren indessen die Aussichten für ihn trübe. Und hier ist es in der That bemerkenswerth, auf welchen Wegen die Vorsehung den Mann, den sie zu einem auserlesenen Werkzeuge in ihrem Dienste bestimmt hatte, lange hindurch führte, und zu seinem erhabenen Berufe heranbildete. Mit fünfzehn Jahren ging Clemens, weil ihm die Mittel zur Erreichung seines Herzenswunsches gänzlich mangelten, nach Znaim, einem Städtchen in Mähren, erlernte hier daS Bäckerhandwerk und arbeitete dann eine Zeitlang als Bäcker in der Prämonstratenser-Abtei Brück bei Znaim. Bald jedoch entdeckte er hier dem Prälaten sein Verlangen zu studiren; dieser prüfte seine Fähigkeiten und ließ ihn darauf die unteren Classen der Klosterschule besuchen. In wenigen Jahren machte Clemens treffliche Fortschritte; seine innige Sehnsucht aber sich vollkommener und ungetheilter Gott weihen zu können, zog ihn mächtig hinaus in die Einsamkeit. Er wollte Einstedler werden. Rasch hatte er sich eine Stätte hierzu ausersehen, eine Wohnung errichtet. Der Ruf seines tugendhaften Lebens zog bald das Volk der Umgegend zu ihm hin; mit Freude und heiligem Eifer ergriff der gottinnige Jüngling diese Gelegenheit, Alle, die da kamen, zum Gebete und zur Liebe Jesu Christi anzufeuern. Kaum aber hatte er zwei Jahre zur Erbauung Vieler in dieser Weise zugebracht, so führte ihn der Herr, dessen Absichten andere waren, auch von hier wieder hinweg. Das Institut der Einsiedler wurde nämlich durch Kaiser Joseph II. aufgehoben; Hoffbauer verließ seinen seitherigen Aufenthalt und begab sich nach Wien. Hier ernährte er sich durch daS Handwerk, das er erlernt; doch sein Herz fand keine Ruhe in solcher Beschäftigung; eine Pilgerfahrt nach Rom, die er bald darauf mit einem Freunde, Kunzmann, der gleichfalls Bäcker war, unternahm, nährte nur die Begierde in seinem Innern, sein Leben ganz dem Dienste Gottes zu opfern. Gestärkt, aber noch ohne Licht über seine Zukunft kehrte er nach Wien zurück. Eine vortheilhafte Verbindung, welche ihm hier angeboten wurde, schlug Hoffbauer aus. Das Getümmel der Welt ward ihm, der auf den Pfaden des innern Lebens immer voranschritt, mit jedem Tage mehr zum Ueberdruß, und so wanderte er nach kurzer Zeit mit dem genannten Kunzmann zum andern Male nach Rom, den Weg kürzend durch Gebet und heilige Gesänge; dort wollte er zunächst die Einsamkeit wieder aufsuchen, deren Glück er früher genossen. Nachdem unsere beiden Pilger die Gräber der heiligen Apostel besucht, wandten sie ihre Schritte gen Tivoli, wo sie von dem ehrwürdigen Cardinalbischofe Gregor Barnabas Chiatamonti, dem nachmaligen Papste Pius VII., auf ihr dringendes'Bitten die Erlaubniß sich in seiner Diöcese niederzulassen und das Eremitenkleid erhielten. In einem Walde bei Tivoli, wo sich bereits vier andere Eremiten aufhielten, gab sich nun Hoffbauer mit aller Kraft seines gottliebenden Gemüthes lediglich den Uebungen der Frömmigkeit hin, in unablässigem Gebete und unter vielfachen Ab- tödtungen zum Herrn flehend, daß er ihn über seinen Beruf erleuchten und nach seinem heiligsten Willen führen möge. Gott erhörte das Gebet seines Dieners und ließ ihn klar erkennen, daß er ihm im Priesterstande dienen, und für daS Heil Vieler wirken sollte. Der Stimme GotteS unbedingt folgend verließ Hoffbauer die Einsiedelei, die er ein halbes Jahr bewohnt, und kehrte nach Wien zurück, um seine früher begon- neuen Studien wieder aufzunehmen und zu vollenden. Mittel hierzu hatte er heute so wenig wie damals, doch er ging im unerschütterlichen Vertrauen auf Den, der ihn 59 berufen. In der That ließ ihn der Herr in Wien bald eine fromme Wittwe finden, die sowohl für seinen Lebensunterbalt, als für alle Bedürfnisse zu seinen Studien sorgte. In Jahren bereits vorgerückt, widmete sich Hoffbauer nun mit unermüdlichem Fleiße ven Wissenschaften, ohne deßwegen von dem Gebete abzulassen. Er hatte die Quelle aller Weisheit und aller Wissenschaft längst schon kennen gelernt; dieser Quelle, unserm Heilande JesuS Christus suchte er sich immer mehr zu nähern, auf daß von hier aus Segen und befruchtende Kraft ausströme in seine Studien. Alle Sonntage sah man ihn während des ganzen Vormittagsgottesdiensteö in der St. Sal- vatorkirche ministriren. In den Ferien zog er meist zu Fuß unter harten Entbehrungen über die Alpen, um Rom und seine ihm so lieb gewordene Einsiedelei zu Tivoli wieder zu besuchen. Wie Hoffbauer überhaupt mit ganzer Seele der Kirche ergeben war, so waren auch in seinen Studien ihre Lehren allein ihm Richtschnur und er ließ sich nicht irre leiten durch den Geist der falschen Aufklärung, welcher damals in die Wissenschaft und ihre Diener hineingefahren war. Beweis hiefür möge folgender charakteristische Zug seyn. Einst trug ein Professor Sätze vor, die gegen die katholische Lehre verstießen; alsbald erhob sich Hoffbauer und sprach mit apostolischem Freimuthe: .Was Sie so eben gelehrt haben, Herr Professor, ist nicht katholisch!" und verließ sogleia> den Hörsaal. Viele Jahre nachher, da Hoffbauer schon lange Priester war, begegnete ihm einstens ein alter Herr, der ihn eine Zeitlang firirte und endlich die Frage an ihn stellte, ob er nicht als Student einmal die eben erwähnten Worte einem Professor gesagt. Auf die bejahende Antwort sagte der Herr: Dieser Professor bin ich; ich danke Ihnen für jene Zurechtweisung, die für mich zwar beschämend, aber heilsam war; ich dachte darüber nach, fand, daß sie Recht hätten und kehrte in mich. Nach Vollendung seiner philosophischen Studien betete Hoffbauer mit neuer Inbrunst zu Gott um Erleuchtung über seinen Beruf. Er stand, ohne es noch zu ahnen, nunmehr endlich nach langem Streben und Ringen dem Ziele nahe, welches » erreichen, dem Port, wo seine Seele Ruhe finden sollte. Noch ein Schritt blieb ihm zu thun übrig, und auch zu diesem lenkte ihn jetzt der Herr. Eine innere Stimme rief ihn wieder nach Rom. In Begleitung eines andern Studenten Namens Hibel, mit welchem er schon einige Zeit enge befreundet war, trat er die Reise an; eS war im Jahre 1782 oder 1783. In der heiligen Stadt angekommen, beschlossen die Freunde am folgenden Morgen in jene Kirche zu gehen, deren Glocken sie zuerst rufen würden. Um vier Uhr Früh dem ersten Glöcklein folgend, kamen sie in eine kleine ruhige Kirche, wo eben die Priester die Morgenbetrachtnng verrichteten. Erbaut durch Alles, was er hier wahrnahm, fragte Hoffbauer einen Knaben, was denn das für Geistliche seyen? „Es sind die Priester des Nllerheiligsten Erlösers und Sie werden auch ein solcher Priester werden," war die Antwort des Knaben, die auf den Fragesteller im Zusammenhange mit allen andern Momenten einen tiefen Eindruck machte. Bald suchten die Freunde den P. Rector des Hauses auf, der sie bereitwillig über den Zweck und die Regeln des Institutes unterrichtete und ihnen dann nach kurzer Unterredung ohne alle Aufforderung die Aufnahme in die Congregation anbot. Hoffbauer fühlte die barmherzige Hand des Herrn über sich und ohne einen Augenblick zu zögern nahm er das Anerbieten an. Am andern Tage folgte sein Freund Hibel seinem Beispiele und Beide wurden nun nach Frosinone in das Noviziat geschickt. Der heilige AlphonS, der damals noch lebte, freute sich innigst über den Eintritt dieser beiden ersten Deutschen in seine Congregation und im Geiste die Zukunft ahnend oder durch höhere Erleuchtung erkennend, sagte er: Gott wird unfehlbar durch die Vermittlung jener beiden Männer seine Ehre in Deutschland ausbreiten. Daß Hoffbauer ein eifriger Novize war, bedarf wohl nach dem Bisherigen keiner besondern Erwähnung. Nachdem er diese Prüfungszeit zurückgelegt und das Studium der Theologie absolvirt hatte, wurde er endlich gemeinsam mit Hibel zum Priester geweiht; er war damals 34 Jahre alt. «v So war Hoffbauer unter schwere» Kämpfen, nach langem Sehnen reif gewor- den und tüchtig zu den apostolischen Arbeiten, für welche Gott ihn erkoren hatte; alsbald sollte er damit beginnen. Schon von dem Augenblicke seines Eintrittes in die Congregation an hatte er den lebhaften Wunsch gehegt, dieselbe später in sein Vaterland zu verpflanzen; nach seiner Weihe zum Priester steigerte sich dieser Wunsch zum sehnlichsten Verlangen. Insbesondere hatte er Wien im Auge; da wünschte er eine Niederlassung der Congregation gründen zu können. Da seine Oberen dieß Vorhaben guthießen, so reiste P. Hoffbauer, zum Superior ernannt, im Jahre 1785 mit P. Hibel nach Wien ab, um wo möglich daselbst ein HauS zu errichten. Aber die damalige Zeit war solchem Unternehmen nicht günstig; es war die unselige Zeit des Zusammensturzes, deS Niederreißens; für ein Ausbauen, namentlich auf kirchlich' religiösem Gebiete war wenig Aussicht. Die Kirche, die Braut Jesu Christi , die in dem Kreislauf der Zeiten das Leben, welches ihr himmlischer Bräutigam als das seinige ihr eingehaucht, in stetem Wechsel wiederum auszuleben hat, sie war damals bereits in jene herbe und schmerzenSvolle Passionswoche eingetreten, welche in der blutigen Verfolgung und Hinschlachtung von Hunderten ihrer treuesten Diener in Frankreich, und dann in der bittern Kränkung und der wiederholten Einkerkerung ihres sichtbaren Oberhauptes den Höhepunct finden sollte. ES war der Augenblick gekommen, wo man die Braut des Herrn ihrer Kleider zu berauben begann, um sie sofort nackt und arm dem Höhne ihrer Feinde zu überliefern. Die Einziehung der Kirchengüter hatte ihren Anfang genommen, die später mit dem großartigen Acre gewaltsamer Unterdrückung, wie K. A. Menzel die Säcularisation bezeichnet, endigen sollte. Kaiser Joseph II., ergriffen von dem Alles auflösenden und zerstörenden Geiste, dessen finsteres Wehen durch die ganze europäische Gesellschaft ging, der sich ihm aber in der Truggestalt eines Lichtengels darstellte und seine Augen blendete, hatte schon in den Jahren 1781 und 1782 alle Klöster contemplativer Orden im Umfange seiner Staaten aufgehoben und durch sein Verbiet gegen den Zusammenhang der klösterlichen Institute in Oesterreich mit ihren auswärtigen Obern den Lebensnerv unterbunden, und ein Jahr vor Ankunft des P. Hoffbauer in Wien 1784 hatte er abermals eine sehr große Zahl von Klöstern und Stiftern eingezogen. Unter solchen Umständen war Wien für jetzt kein Boden für das Wirken deS P. Hoffbauer; der Segen, welchen er bringen wollte, fand dort noch keine Stätte; er entschloß sich daher sogleich, weiter zu ziehen und zwar wollte er seine Schritte nach Warschau, der Hauptstadt Polens wenden. Noch vor seiner Abreise von Wien führte ihm die Vorsehung seinen Jugendfreund Kunzmann zu, der nach kurzer Ueber- legung als Laienbruder in die Congregation eintrat und hierauf mit unsern beiden Patres nach Warschau wanderte. Hier angelangt, eilte Hoffbauer, sich mit P. Hibel dem damaligen apostolischen Nuntius, Saluzzo, vorzustellen, um durch dessen einflußreiche Verwendung die Erlaubniß, sich hier niederlassen zu dürfen, zu erlangen. Monsignore Saluzzo, der als geborner Neapolitaner die Söhne deS heiligen Alphons mit Freude begrüßte, empfahl sie sogleich dem Könige StanislauS II. und bewirkte, daß ihnen die Kirche zum heil. Benno übergeben wurde. *) In äußerster Armuth begannen die Patres ihre Wirksamkeit zu Warschau. Mit zwei Thalern Baarschaft waren sie angekommen; die Wohnung, welche ihnen angewiesen wurde, war klein und elend; eine Kammer, von deren Wänden daö Wasser herabträufelte imv deren einzige MeubleS ein Tisch und einige Stühle waren, diente ihnen zum Aufenthalte; NachtS schliefen die Patres auf dem Tische, während Bruder Emmanuel Kunzmann auf einem Stuhle ruhete, bis ihm einer der Patreö im Laufe der Nacht seinen Platz einräumte. Wie hinsichtlich der.Wohnung, so hatten sie auch bezüglich aller andern Lebensbedürfnisse die größten Entbehrungen zu ertragen. **) ') Vou dcr Kirche wurden die Rcdcmptoristen in Warschau später Bennonitcn genannt. Im Jahre 1731 ließ ihnen Pins VII., dcr durch seinen Nuntius von ihrer Armuth und i ihrem aufopfernden Wirken hörte, aus der Casse dcr Propaganda eine jährliche Unterstützung von 100 Scudi (L40 fl.) anweisen. 61 Während aber in solcher Weise der Leib den härtesten Abtödtungen unterworfen war, nahm der Geist einen um so freieren Aufschwung und eS entfaltete sich die Liebe und der Seeleneifer unseres Hoffbauer und fand bald ein weites Feld tvr Thätigkeit. Vereint mit Hibel begann er zu predigen und sich dem Beichtstuhle zu widmen. Anfangs pflegten sie das Volk auf den öffentlichen Plätzen der Stadt um sich zu sammeln unv ihm hier Belehrungen zu ertheilen; als jedoch die Regierung dieß untersagte, zogen sie sich in ihre Kirche zurück, in welcher sie nun eine ununterbrochene Mission eröffneten. Jeden Tag hielten sie Morgens und Abends Erhortationen an das Volk; an allen Sonn- und Feiertagen predigten sie viermal, zweimal für die Polen und eben so oft für die Deutschen; später kam auch noch eine französische Predigt für die anwesenden Franzosen hinzu. Diesen Eifer, der von so aufopfernder Liebe begleitet und getragen war, segnete der Herr sichtlich. Das Volk strömte in Menge zu ihrer Kirche; vom frühen Morgen bis die Nacht hereinbrach, waren ihre Beichtstühle umlagert und schon nach wenigen Jahren ihrer Wirksamkeit zählten sie in einem Jahre 19,000 Communicanten in St. Benno. Mit diesen Arbeiten war die Liebe HoffbauerS nicht erschöpft: er suchte zu gleicher Zeit auch die verlassenen Waisenkinder auf, um sie so weit es in seinen Kräften stand zu nähren, zu Pflegen und zu unterrichten. Er führte sie in die Kirche, lehrte sie beten, fromme Lieder singen und flößte ihren jugendlichen Herzen vor Allem eine innige Liebe zu dem Heilande und zu der allerseligsten Jungfrau ein. Auch die Armen und Nothleidenden jeder Art fanden an ihm einen Vater; er ging sogar öfter für sie Almosen zu sammeln, um ihr Elend zu lindern*) und suchte so unablässig Allen Alles zu werden. So wirkte Hoffbauer in den ersten Jahren seines Aufenthaltes, verehrt und geliebt von allen Guten, verfolgt und geschmäht von den Feinden der Religion. Der letzte König von Polen schätzte ihn hoch und verlieh ihm sogar den weißen Adlerorden, den übrigens der demüthige Diener Jesu Christi sorgfältig verbarg, so daß man ihn erst nach seinem Tode unter seinen Sachen fand. Die ausgedehnten Arbeiten der beiden Patres machten einen Zuwachs an Kräften nothwendig. Acht Jahre harreten sie indessen umsonst auf eine Hilfe; dann aber traten in rascher Folge viele polnische Jünglinge in die Kongregation ein und auch die Revolution in Frankreich, welche die Seminarien auflöste, führte dem Hause zu Warschau manchen Kandidaten zu. Bald erhielt die Versammlung hier eine zweite Kirche und ein Haus, das der Erzbischof ihr einräumte. Bis 1799 war sie bereits auf 25 Mitglieder angewachsen und verbreitete nach dem zunehmenden Maaße der Kräfte immer weiterhin den reichsten Segen. Unzählige Seelen bekehrten sich zum Herrn, viele Protestanten traten zur Kirche zurück. Selbst in Curland, das zum russischen Reiche gehörte, gewannen die Priester der Kongregation das Vertrauen des Volkes in so hohem Grade, daß sogar die dortigen Protestanten Stunden weit herbeikamen und ihre Kranken und Kinder zu denselben brachten, damit sie ihnen den Segen ertheilten. P. Hoffbauer that dann öfter eine beherzigenswerthe Aeußerung. „Wenn ein Priester," sprach er, „nur die Hälfte seiner Schuldigkeit thut, so wird er vom Volke beinahe angebetet; aber," setzte er hinzu, „ich weiß nicht, ob er selig wird." Cardinal Litta, der im Jahre 1800 als apostolischer Nuntius auf einer Reise durch Warschau kam und sich daselbst einen Monat aufhielt, stellte in einem Schreiben dem Wirken der Revemptoristen unter P, Hoffbauer ein glänzendes Zeugniß aus und äußerte den Wunsch, daß auch in Deutschland bald ein HauS derselben gegründet werden möge. Hierzu schien in der That nunmehr allmälig der Augenblick heranzukommen ; wenigstens eröffneten sich einige Aussichten dafür. (Schluß folgt.) *) Einst kam er bei solcher Gelegenheit in ein Gasthaus und bat um ein Almosen für Vcrun, glückte; ein roher Mensch spie ihm im Uebcrmuthc ins Angesicht. Ruhig trocknete sich Hoffbauer ab, und sprach mit würdevoller Sanftmuth: „Das war für mich, nun geben Sie mir etwas für die Armen." Damit war der Beleidiger besiegt, er bat um Verzeihung und gab ein ansehnliches Geschenk. SS Die Steinkreuze. *) In Altbayern, in Schwaben, im Fränkischen und in der Oberpfalz findet man noch hie und da an den Straßen massive Kreuze von Stein, die man nicht zu beachten pflegt und deren Ursprung man nicht allenthalben kennt. Fragt man die Leute in den Gegenden, wo solche Kreuze sich befinden, was sie bedeuten, so erhält man gewöhnlich zur Antwort, daß sie die Stelle bezeichnen, wo die im Kampfe mit den Schweden Gefallenen zusammen begraben wurden. Dieser Meinung steht entgegen, daß derlei Kreuze Jahrhunderte vor dem^ Erscheinen der Schweden vorhanden waren, und daß man in dem Gräuel der Verwüstung wohl schwerlich an die Ausrichtung solcher nicht unkostspieligen Kreuze denken konnte, um so weniger, als die Leute damals nicht hatten, womit sie ihren Hunger stillen oder ihren Körper bedecken konnten. Andere sind der Ansicht, daß diese Kreuze denselben Ursprung unv dieselbe Bedeutung haben, wie die gewöhnlich aus Holz verfertigten, die überall, wo sich das Christenthum verbreitete, an den Wegen aufgerichtet wurden, um daS Gemüth deS Wanderers himmelwärts zu lenken. Dieser Meinung widerspricht schon die ungewöhnliche Form und Materie dieser Kreuze, und wenn Andere glauben, daß sie die Stelle bezeichnen, wo unsere Ahnen zu Gericht gesessen, so fehlt dieser Ansicht die Wahrscheinlichkeit nicht bloß, sondern auch jeglicher Beweis. Zwar ist allerdings richtig, daß häufig bet Steinen Gericht gehalten wurde, doch aber nicht bei solchen, welche Menschenhände zur Stelle schafften, sondern welche die Natur gesetzt hat. Ich konnte nur wenige Notizen über diese Kreuze auffinden, doch reichen sie hin, über Ursprung und Bedeutung die erforderlichen Aufschlüsse zu geben. Wenn in den Vorzeiten Jemand erschlagen wurde, übten die Verwandten des Getödteten entweder Blutrache an dem Mörder, woraus sich nicht selten die blutigsten Fehden zwischen den betheiligten Familien entwickelten, oder aber eS mußten die nächsten Verwandten deS Ermordeten zufrieden gestellt werden durch Entrichtung des WehrgeldeS oder durch andere Bußen, die sehr mannigfaltig waren und deren Bestimmung entweder dem öffentlichen Nichter, vor welchem Klage gestellt ward, oder einem besonders hiezu aufgestellten Schiedsgerichte überlassen wurde. Daher rühren auch die Steinkreuze, von denen hier die Rede ist, wie sich aus folgendem Falle ergibt. Im Jahre 1484 ermordeten Sigmund Golter von Hebseg und Georg Erman von Zell den ZachariaS Micko von Mittelried. Da die Kinder des Erschlagenen theilweise dem Abt von Kempten, theilweise dem Marschall Alexander von Pappenhcim leibeigen waren, so stand es diesen beiden zu, denselben Genugthuung zu verschaffen. Um Blutvergießen zu verhindern, überließen sie den Austrag der Sache einem Schiedsgerichte, und dieses setzte fest: Die Thäter sollen den Todtschlag bessern: 1) dadurch, daß sie dem Erschlagenni einen Dreißigsten durch den Pfarrer von Tanheim oder einen andern lesen, 2) ihn in der Pfarr zu Münchroth besingen und U) Messen lesen lassen. 3) daß die Thäter vier Wallfahrten machen, nämlich gen Rom, Aachen, Ein,siedeln und zum heiligen Leonhard in Jachenhofen, 4) daß sie ein Steinkrcuz, das fünf Schuh lang, drei breit und ungefährlich einen Schuh dick seyn soll, setzen, wo es die Verwandten deS Erschlagenen haben wollen. Hieraus ersehen wir deutlich sowohl Ursprung und Bedeutung, als auch die Form und Größe dieser Kreuze. Letztere war nicht immer gleich, denn in einem andern Falle wurde bestimmt, daß es sechs Schuh lang seyn, in einem dritten, daß es fünf Schuh über die Erde hervorragen soll. UebrigenS waren dieselben nicht aus mehreren Steinen zusammengesetzt, sondern aus einem Stücke gearbeitet. Daß auch im Fränkischen die Setzung von Steinkrcuzen üblich war, beweist folgender Fall: „Ich habe", heißt es in den Entleibungsaclis Fritz Nppels von Vach ') vr. Witimcmn in Rndhardts Taschenbuch für vaterländische Geschichte. 63 (gegenwärtig im Landgericht Nürnberg) vom Jahr 1523, „meinen Bruder, Fritz Appel genannt, zu Vach gesessen, derselbig hat etwan in einem Zorn einen, Fritz Kaiser genannt, auch zu Vach gesessen, entleibt, darum er denn eine Zeit zu flüchten gangen, in mittler Zeit ist ihm zu solchs Todtschlags Vertrags und Büßung von des Abgeleibten Frawen und Freundschaft und mit ihr aller Willen ein Tag, sich entlich mit ihnen deßhalb zu vertragen gen Vach angesetzt und bestimmt worden, den er dann gesucht hat und solche Sach mit beder Partien sreien guten Willen und Wissen durch sieben Mann, auf jeder Seite drei und ein Obmann, mit dem daö bereift mag werden, also und zum ersten zc. Weiter ist ihm aufgelegt worden, dem Entleibten ein Kreutz zu setzen." Auch in Altbayern war es üblich, solche Steinkreuze zu setzen, wie aus folgendem Falle sich ergibt: Hans von Torring zu Seefeld, der im Jahr 1518 seinen eigenen Knecht Christian Leitgeb todt schlug, ward von dem Herzog Wilhelm von Bayern durch Vermittlung des Kurfürsten Friedrich von Sachsen unter folgenden Bedingungen wieder zu Gnaden aufgenommen: 1) mußte er dem Erschlagenen in der Pfarr zu Nlting mehrere Gottesdienste halten, 2) eine Wallfahrt nach Aachen verrichten lassen und an dem Weg von Seefeld und Alting ein steinernes Kreuz setzen und 3) den Kindern des Erschlagenen Ivv Gulden geben. Der älteste Fall, der mir bekannt geworden, gehört dem Jahre 1473 an. Bezüglich des Steinkreuzcs ward hier festgesetzt, daß solches an die Michaelskirche zu Kaufbeuren (denn daselbst fiel der Todtschlag vor) angelehnt und darnach zum Andenken deS Erschlagenen an der Stelle, welche der Stadtrath und die Anverwandten deS Getödteten bezeichnen würden, eingegraben werden soll. Im Jahr 1596 kommt der letzte mir bekannte Fall vor, daß unter Anderem die Errichtung eines SteinkreuzeS zum Andenken eines Erschlagenen festgesetzt, gleichwohl aber auf vieles Bitten deS Betheiligten wieder erlassen wurde. Bei dem gänzlich geänderten Criminalgerichtsverfahren konnte auch in der Folge, zeit von Setzung solcher Kreuze nicht mehr die Rede seyn. N a n c y. Nancy, 3. Febr. Gestern wurde hier an die Stelle der bereits sechs Jahre ihr Amt als Generaloberin deS Ordens der barmherzigen Schwestern vom heiligen Carl Borromäus verwaltenden Schwester Ludwine die bisherige Assistentin, Schwester Mechtilde aus der angesehenen Familie de Rosieres zur Generaloberin gewählt, indem die hohe Würde nicht länger als sechs Jahre von einer Vorsteherin bekleidet werden kann. Dieses wichtige Amt von sich,abzuwenden, hatte die eben so eifrige als demüthige Schwester Mechtilde die fromme List gebraucht, in der ihr vorzüglich obliegenden Korrespondenz mit den einzelnen Häusern stetö auf die Übeln Umstände ihrer sehr erschütterten Gesundheit und daö ungünstige Prognostikon der Aerzte in Bezug auf die Dauer ihrer Lebenslage aufmerksam zu machen. Umsonst. Mit großer Majorität ward sie von den Schwestern deS Ordens, die Alle vom vierten Jahre ihrer Profession an wahlberechtigt sind, als Generaloberin gewählt. Bei der Verkündigung deS Resultats fiel sie ohnmächtig zusammen. Ihr Flehen um Abnahme der wichtigen Würde und Bürde wurde aber nicht erhört. Unter der Verwaltung der Mutter Ludwine hat der Orden in wenigen Jahren eine große Ausbreitung gewonnen. Außer dem in frischem Aufblühen begriffenen Hause in Berlin wurden allein in Preußen die Häuser zu Bonn, Andernach, Eupen, Wallerfangen, Ehrenbreitstein gegründet und die Besorgung deS Haushaltes im bischöfl. Convict zu Trier übernommen. DaS Wichtigste ist jedoch die Gründung eines deutschen Mutterhauses in Trier, welche durch die aufopfernde Fürsorge deS hochwürdigllen Herrn Bischofs in Trier bewirkt wurde. Mit sehr geringen Mitteln beginnend, erfreut sich auch dieses Haus eines ganz beson- «4 dern Segens, indem nicht nur zeitliche Mittel reichlich zugeflossen, sondern auch zahlreiche deutsche Novizen in dasselbe eingetreten und unter Leitung der wackern, früher in Berlin thätigen Vorsteherin theilweise schon zur Pflege der Kranken ausgebildet sind. Eben so ist der Orden jetzt im Begriff, ein Haus in Paris, vorzüglich zu Gunsten der in Paris sich befindenden Deutschen, deren Zahl sich beinahe aus 100,000 beläuft, zu gründen, sür welche der thätige Jesuit, Pater Chable, neulich die erste deutsche Capelle eingeweiht hat. So schlingen die religiösen Interessen auch ein nationales Band für die in der Fremde befindlichen deutschen Stammesgenossen, ähnlich wie in Nordamerika der nach allen Richtungen hin sich zersplitternde Deutsche in den Kirchen der dortigen deutschen Redemptoristen einen bessern Einheitspunct für deutsche Sprache, Gesinnung und Gesittung findet, «IS in den demokratischen Clubbö und den widerlichen Zeitungsschreibereien ihrer einst in Deutschland glorificirten Frei- heitsmänner. (D. Volkshalle.) Weingarten. Weingarten, 15. Febr. Am Sonntag den 9. d. M. hat die heil. Mission bahier ihren Anfang genommen. Von Nah und Ferne strömen die Volksmassen herbei; mit jedem Tage wächst die Zahl der Andächtigen und gestern mögen eS 10 bis 12,000 gewesen seyn. Der Seeleneifer dieser hochwürdigen Patres auS der Gesellschaft Jesu ist eben so groß als prachtvoll der Tempel. Unwillkürlich fällt mir ein, waö ich vor Jahren gelesen: „die größte Schmach unseres Heilandes besteht darin, daß er in die „„Gesellschaft Jesu"" gerathen." Mein Gott, waS hat nicht schon die neue Zeit in den Tag hinein geschrieben! Sicher war der Schreiber dieser giftigen Zeiten Mitarbeiter an dem BrockhauS'schen Conversationslericon. Kommet und sehet, höret diese ehrwürdigen Männer und ihr gehet von vannen, wenn nicht geheilt, doch beschämt. P. Schlossers Vorträge werden vom Landmann denen des P. Roder vorgezogen; aber das Geistreiche, Bündige, Gemüthvolle, das Feuer heiliger Begeisterung und die den Unglauben und das Laster niederdonnernden Vorträge deS P. Roder zünden allwärts mit jenem unwiderstehlichen Lichte der göttlichen Wahrheit! Diese Männer opfern sich im buchstäblichen Sinne dem Dienste der Wahrheit. Zeugniß von dem großen Eindruck der Reden aus dem Munde der hochwürdigen Missionäre gibt die ernste Haltung des Volkes; man sieht keine Unmäßigkeit, hört kein ungebührlich Wort, nur um das nöthigste Bedürfniß zu befriedigen, werden die Gasthäuser besucht. (D. VolkSbl.) A n s b a ch. In Ansbach wurde kürzlich die Raubmörderin Christina Hilpert hingerichtet. Ein Bericht erzählt: „Die Armesünderin hatte sowohl während der dreitägigen Gnadenfrist, als auch auf dem langen Wege zur Richtstätte und bis zum letzten Augenblicke die größte Ruhe und Standhaftigkeit gezeigt, und nach der Versicherung Aller, die ihr während dieser Zeit nahe kamen, welche Versicherung auch durch die nach der Hinrichtung von Herrn Pfarrer Rabus gehaltene vortreffliche Rede ihre Bestätigung findet, tiefe Reue und namenlosen Schmerz über die von ihr verübte Gräuelthat an den Tag gelegt. Wir wollen nur einige Worte auS dieser Rede hier wiedergeben: „Was führte diese Unglückliche an die Stätte deS Entsetzens? Die Unzucht, die Lüge, der Diebstahl. Mit Hellern hat sie als Kind ihre Eltern bestohlen, und als sie zunahm an Alter, da wuchs die Sünde mit ihr, und die Lust zu fremdem Gut bethörte ihre Seele, so daß sie sich nicht entsetzte vor Raub und Mord. Dahin führt die Lüge. Was ist der Mensch, der sich der Lüge weiht? Zuerst belügt er die Andern, dann will er Gott belügen, und zuletzt hat er nur sich selbst belogen und betrogen." Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. ^. Verlags-Jnhaber: F. C. K,tme,. Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Angsbnrger PoHeitung. s. März s. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonncmcntsprcis Ätt kr., w»für es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Mein Hort. Den Pilgcrstab ,'n rüst'ger Hand, Das Herz so leicht und ohne Sorgen, So zieh' ich ans in'ö ferne Land, Und sing' mein Lied am frühen Morgen: Maria, Du mein Schirm und Hort, Begleite Du mich fort und fort. Doch bald wird mir's im Herzen schwer, Der Weg ist weit, der Fuß schon müde, O wenn ich bald am Ziele wär'! Da bau ich denn auf Deine Güte, Und fleh' zn Dir mit Zuversicht: Verlaß den armen Pilger nicht. Und wenn ich vor des Reichen Thür Mit Thränen um ein Obdach bitte, Und harter Sinn versagt es mir, So lenk ich weiter meine Schritte. Und finde Trost im süßen Wort: Maria ist mein Schutz und Hort. Und hat der Räuber bös' und wild Mich jeder Habe baar geplündert, So sieht mein Auge hin zum Bild, Das auch den größten Kummer lindert; Ich will mit kindlichem Bertrau'n Auch serner auf Maria bau'n. Und wenn in finstrer Meeresnacht Dem Schifflein droht das Grab der Wogen, So weiß ich eine höh're Macht: Ich blicke ans zum Himmelsbogcn, Da strahlt so freundlich in der Fern Maria mir als Rettungsstcrn. Und komm' ich an am schönen Ziel, Und ist die Wanderung zu Ende Durch's trügerische Weltgewühl, Dann fält ich gläubig meine Hände Und fleh: Maria sey mein Hort Auch jetzt bei Deinem Sohne dort. Clemens Bach. -ylwzmlr^ 7>t)!iN , 'S Ans einem Briefe des Missionärs Schonat. Wir haben schon erwähnt, daß sich ans dem gescheiterten Hamburger Dampfschiff „Helena Sloman" unter den Passagieren auch der nach Cincinnati zurückkehrende Missionär Pfarrer Schonat befand. Ein Brief desselben aus Cincinnati vom 15. Jan. (abgedruckt im Schlesischen Kirchenblatt) gibt eine anschauliche Schilderung der unglücklichen Katastrophe. Wir entnehmen ihm folgendes: „Wir hatten Hamburg cun 26. October verlassen und waren in Southampton in England gelandet, von wo wir nach dreitägigem Verweilen am Feste „Allerheiligen" unsere Weiterreise fortsetzten. Nachdem wir den größten Theil unserer Seereise bereits hinter unS hatten, widerfuhr uns ein Unglück, das, wie der Capitän sich äußerte, unter tausend Fällen kaum einmal vorkommt. Wir verloren am 19. und 20. November, von einem heftigen Sturme ergriffen, den Haupttheil an einem Schiffe: das Steuerruder, ganz und gar, und durch diesen Verlust auch alle Gewalt über das Schiff... Alles, waö wir thun konnten, war, uns so viel als möglich in der Fahrlinie zu halten, um so vielleicht einem andern Schiffe zu begegnen, das unS aufnehmen und retten könnte. Anfangs trieb ein starker Südostwind uns der Insel Neuschottland entgegen, von der wir ungefähr 2vl) englische Meilen entfernt waren, als der Unfall uns betraf; viele Passagiere, welche die Gefahr nicht erkannten oder nicht bedachten, die auf's Neue für unö aus der Nähe des Landes bei heftigem Sturme entstehen mußte, weil daS Schiff an der ersten besten Küste oder an den nächsten Felsenriffen scheitern konnte, schöpften Hoffnung auf Rettung; allein der Wind wendete sich und trieb uns hinaus in das weite Meer... Am vierten Tage sahen wir ein Schiff in großer Entfernung und Alles freute sich auf Rettung; allein eS zog an unS vorüber, ohne uns vielleicht gesehen zu haben, und überließ unS unserm traurigen Zustande. Von jetzt an wurde unsere Lage immer schlimmer. Das Schiff wurde oder war früher^chon leck geworden, uud das Wasser drang stark in den untern Theil ein. Die Maschine, welche die Pumpen trieb, ging nicht mehr, und es mußte daher die ganze Mannschaft, Seeleute und Passagiere, abwechselnd Tag und Nacht an den Pumpen arbeiten. Der Capitän wurde immer ernster und nachdenkender und in seinen Mienen zeigte sich nichts mehr von der frühern Heiterkeit. Da sollte das alte Sprichwort aber wahr werden: „Wo die Noth am größten ist, ist Gott mit seiner Hilfe am nächsten" — und wo menschlicher Verstand und menschliche Macht nichts mehr vermag, da wollte Gott zeigen, daß Er allein nur noch helfen könne. Und diese Hilfe kam; freilich erst nach acht langen und bangen Tagen und Nächten, und zu einer Zeit, wo die Meisten beinahe alle Hoffnung auf Rettung aufgegeben hatten; aber sie kam mit der desto stärkeren Mahnung und Ueberzeugung für einen Jeden, daß Gott in seiner anbetungswürdigen Barmherzigkeit auch noch ein Mal Erbarmen an uns gezeigt hat. Leider schien sich die Mehrzahl der Passagiere diesen Gedanken nicht sehr zu Herzen zu nehmen; einige von ihnen (cS waren junge Deutsche, Söhne auS den sogenannten bessern Familien!) waren leichtsinnig und verwegen genug, selbst in der Stunde der Gefahr ihre sogenannte Geistcsstärke darin zu zeigen, daß sie über Religion und über das, was andern ernst und heilig ist, ihren frechen Witz auöließen. Ein solches Betragen erfüllte aber einen jeden Bessergestnnten nicht nur mit Betrübniß, sondern mit Ekel, und zeigte nur zu deutlich, wie weit eS besonders in Deutschland mit einem großen Theile der sogenannten gebildeten, bessern Classe in der gegenwärtigen Generation gekommen. Ihre Bildung und Erziehung in Haus und Schule mag Alles gewesen seyn, nur keine christliche! Wenn Deutschlands Heil und Wohl von solchen Menschen und ihren Lehrmeistern abhängt, so muß man wohl an seinem Heile verzweifeln. Katholiken waren auf dem Schiffe nur wenige. Unter den Passagieren der ersten Classe war nur eine Familie. Die Mutter dieser Familie, eine brave, rechtschaffene und fromme alte Dame, trat eines Tages zu mir und sagte in ihrer Einfachheit laut, daß eS alle Umstehenden wohl hören konnten: H. P. S., ich habe in der letzten Nacht die Gottesmutter so inständig gebeten, » 67 .ititt»tvijtMi^5U» »ttHHtpsH tt->Kit!» .H'Zch.twHsÄ. ^«u^ - ^ daß sie nnS Hilfe schaffen soll, und ich glaube doch, sie wird eS thun." „Das ist eS auch, worauf ich hoffe," gab ich ihr zur Autwort, „und ich habe daS feste Vertrauen, daß nur durch ihre Macht und Fürbitte uuö noch Hilfe werden kann." Von mir selbst aber darf ich wohl sagen, daß der Name Mariens nie ans meinen Gedanken, und der wunderschöne Hymnus: ,,^ve maris stelle" Tag und Nacht nicht vou meinen Lippen kam, fest vertrauend, daß sie den Worten Gehör geben werde, die da nnter andern heißen: „monstra, tv osse malrem",.... „iter tutum" n. — Und um was wir durch sie, die Mutter der Barmherzigkeit, die Mutter der heiligen Hoffnung und der schönen Liebe, den hilfestrahlenden Stern deS McereS zu Gott gefleht, wurde unS zu Theil. Am 28. November sahen wir bei Tagesanbruch ein anderes Schiff in unserer Nähe. Nachdem wir die Nothflaggen aufgezogen und demselben zu verstehen gegeben hatten, daß wir in großer Noth und Gefahr seyen, kam es mit vollen Segeln auf uns zu, und war auf der Stelle bereit, uns aufzunehmen. Es war das amerikanische Packet-Schiff „Devonshire", unter Capitän Hovey. Die Rettung ging aber leider nicht ohne Verlust von Menschenleben vor sich. Neuu Personen kamen dabei um uud fanden in den Wellen ihr Grab: Die See war sehr unruhig, die beiden großen Schiffe konnten sich nicht nahe kommen, und wir mußten auf den kleinen Booten von einem Schiffe zum andern gebracht werden. Dieß nahm den ganzen Tag in Anspruch. Eines von diesen Booten schlug um, und 4 Matrosen und 5 Passagiere ertranken. Es war dasselbe Boot, auf dem ich selbst und Hr. Richter auS Breslau auf der vorhergehenden Fahrt gerettet waren. Der Anblick der auf den Wellen mit dem Tode Ringenden war ein schmerzlicher. ES war ein großes Gluck, daß wir den ganzen Tag Zeit zur Rettung hatten; wäre die Nacht hereinbrechen, bevor Alle gerettet gewesen wären, so hätte es ohne Zweifel noch mehr Unglück gegeben. Die Uebcrsiedelung von einem Schisse aufS andere war sehr schwierig. Die Personen mußten an Seilen heruntergelassen und eben so wieder hinausgezogen werden. Die See, vom Sturm und Regen gepeitscht, theilte sich vor den Fahrenden bald wie tieft Schluchten, in welche die Kähne hineinfuhren, bald bäumten sich ihre Wellen wieder aus, wie schroffe Hügel, auf die wir mit unsern leichten Fahrzeugen hinaufsprangcn, und wieder von ihnen herabstürzten, je nachdem die Wogen vor uns stiegen oder sielen. Dennoch ging die Rettung der Personen, unter denen viele Frauen und Kinder waren, so weit noch glücklich von Statten, bis auf jenen eben erwähnten Unfall. An Sachen ist beinahe Alles von Werth verloren gegangen. Ich selbst habe Alles, was ich in Wien und Breslau an Büchern, Kirchensachcn, Kleidung, Wäsche :c. eingekauft oder von wohlthätiger Hand erhalten hatte, verloren. Eben so die Kisten, die in BreSlau bei den Herren K. und A. gepackt waren. Doch weiß ich mich über diesen Verlust wohl zu trösten, und mit Hiob mag ich gerne ausrufen: „Ilominus cloclit, Ilcnniiius »l>5l,ulit, sit. nomen Üomini beneclietnm!" Es ging hier das Gerücht, als ob unser Schiff in Ncu- Schottland Mi's Land gezogen worden sey. Aus einem Briefe des hochwürdigsten Bischofs von Halifar, an den ich in dieser Sache geschrieben, ersehe ich aber, daß dem nicht so ist. Bei meiner Ankunft in Ncw-Aork, wo ich am 6. December anlangte und am 8. das erste Hochamt zu Ehren der unbefleckten Gottesmutter hielt, erfuhr ich, daß mein Bischof, der hochwürdigste Erzbischof von Cincinnati, auf dem Wege nach Rom und bereits von seiner Heimat abgereist sey. Erzbischof.HugheS von New - Uork ist ebenfalls dahin abgereist, um von Sr. Heiligkeit daS crzbischöfliche Pallium zu erhalten. In Cincinnati, wo man vou unserm Unglücke bereits gehört hatte, und eine Zeit lang nicht wußte, ob ich unter den Geretteten oder Untergegangenen wäre, wurde ich bei meinem Eintreffen mit vieler Theilnahme empfangen. Einen besondern Empfang hatten die Kinder unter Leitung ihrer Lehrer und Lehrerinnen ihrem Seelsorger bereitet. Dieses uud der Gedanke, daß es Gottes Wille ist, daß ich noch einmal hier mit meinen schwachen Kräften wirken soll, machte die ausgestandenen Beschwerden und Schrecken mich bald wieder vergessen....." _ G «8 Aus dem Leben des ersten deutschen Redemptoristen. (Fortsetzung.) Die apostolischen Arbeiten des Pater Hoffbauer und seiner Mitbrtider in Polen waren zu bedeutend, deren Erfolge zu gesegnet, als daß sie, namentlich in einer an solchen Erscheinungen so armen Zeit, lange hätten verborgen bleiben können. Der Ruf davon drang bald über die Gränzen des polnischen Reiches nach Deutschland hinüber und erweckte an manchen Orten die Sehnsucht, die Priester der Versammlung des allcrheiligsten Erlösers von Warschau herüber verpflanzen zu können. Von verschiedenen Seiten laugten deßfallsige Einladungen bei Hoffbauer ein; so von dem damaligen apostolischen NuutiuS in der Schweiz, welcher ein Kollegium in Constanz gegründet zu sehen wünschte; so ferner von dem Propst des Capitels zu Lindau, der sogar ein HauS sür die Congregation anbot. Gleich diesen verlangte auch der Bischof von St. Polten die Ncdemptoristen in seine Diöcese zu ziehen. Er wurde hierbei zunächst von der Absicht geleitet, durch dieselben seinem KieruS jährlich Erercitien abhalten zu lassen; zugleich wollte er, als Bischof des kaiserlichen Heereö, sie mit der Einrichtung und Leitung einer BilduugSanstalt für Feldcapläne betrauen. Alle diese Wünsche und Pläne konnten indessen bei der Ungunst der Zeiten nicht realisirt werden. Im Jahre 1801 oder 1802 wurde P. Hoffbauer wiederholt, und zwar durch einen besondern Abgeordneten, der ihn in Warschau anssnchte, um Absenkung einiger Priester der Versammlung in die Schweiz gebeten. Von wem dießmal die Einladung ausging, darüber haben wir nähere Nachrichten nicht zur Hand; auch die Eingangs erwähnte LebenSskizze bietet hierüber nichts. Hoffbauer begab sich nunmehr wirklich mit einigen Gliedern der Congregation nach Deutschland und es gelang ihm, an der Gränze der Schweiz, auf dem Gebiete vcS Fürsten Joh. Nepomuk Schwarzeuberg, der sich den Ankömmlingen sehr gewogen zeigte, eine Niederlassung zu gründen.*) Ein altcS Schloß auf einem Berge, der Thabor genannt, bei dem Dorfe Jcstettcu wurde den Cougrcgirten zur Wohnung angewiesen. Unter ähnlichen Entbehrungen, wie ehemals in Warschau, begannen die Mitglieder dieses neuen HauseS ihre Arbeiten. Ihr außerordentlicher Eifer in Predigt des Wortes Gottes und in der Verwaltung des heil. Bußsacramentes gewann ihnen in kurzer Zeit auch hier Liebe und Verehrung des Volkes und überdies) fand auch hier ihre Gemeinde selbst sehr bald einen Zuwachs an Mitgliedern. Hoffbauer, der unterdessen eine Reise nach Rom gemacht hatte, suchte im Herbste 1804 dk Seinigeu auf dem Thabor heim. Während seines Aufenthaltes in ihrer Mitte kamen Abgeordnete von Tryberg im Schwarzwalde in der damaligen Diöcese Constanz und baten den Seligen, einige Priester dorthin zu senden, wo eine besuchte Wallfahrtskirche der heil. Muttcrgottes bestand und sür die geistigen Bedürfnisse der Wallfahrer nicht ausreichend Fürsorge getroffen war. Hoffbauer, auf diese Bitte eingehend, führte selbst einige seiner geistlichen Söhne nach Tryberg. Von den Bewohner» auf das Freundlichste aufgenommen und mit allem Nöthigen versehen, fanden die PatreS hier ein weites Feld der Thätigkeit und arbeiteten freudig im heil. Wettstreite mit ihren Brüdern auf dem Thabor. So viel Gutes konnte der Mcnschenmörder von Anbeginn nicht ungehindert so, tg/cschehen lassen; wie wir heute so oft zu sehen Gelegenheit haben, eben so bot er auch damals alsbald seinen Landsturm auf gegen die Priester des allcrheiligsten Erlösers. Während daS Voll ihnen anhing, wurde ihnen von anderer Seite Haß und Verfolgung in reichlichem Maaße zu Theil, so daß sich P. Hoffbauer endlich genöthigt sah, die beiden Häuser auf dem Thabor und zu Tryberg wieder zu verlassen. Er wandte sich, durch diese Erfahrung keineswegs entmuthigt, nach Babenhauscn, *) Pater Hossbauer war bereits t?9L zum Generalvicar der Congregation diesseits der Alpen ernannt worden, und hatte als solcher freie Hand, Alles, was ihm im Interesse der Sache zu thun gut erschien, oh« wcitisrS auszuführen. G. «v welche» damalö dem Fürsten Fugger gchöte. Dieser gewährte dem Diener Gottes eine liebevolle Ausnahme und nachdem Hoffbauer von dem Bischose von Augsburg, Clemens Wenzcslauö, die nöthige Erlanbniß eingeholt, berief er seine vertriebenen Söhne hier zusammen. Sie begannen wiederum ihr heiliges Tagewerk zum Wohle der Seelen und zwar mit so großem Erfolge, daß der fromme Fürst Fugger bereits eigenhändig den Plan zum Bau eineS CollegiumS entwarf. Der Krieg hinderte die Ausführung; und mehr noch: bald mußten die guten Patreö Babenhausen ganz verlassen. Die Anfeindung und Verfolgung, jeneö Erbe, das der Heiland seinen treuc- stcn Dienern zurückgelassen hat, folgten ihnen, wohin sie sich wenden mochten; und die beständigen Kriegsunruhen jener traurigen Zeit waren ganz geeignet, die Feinde alles Guten den freiesten Spielraum finden zu lassen. Hoffbauer war während dieser Zeit nach Warschau gereist, um daö dortige HauS wieder einmal zu besuchen und die Seinigen wieder einmal zu stärken. Von der Vertreibung der Patres aus Babenhausen in Kenntniß gesetzt, gab er ihnen die Weisung sich nach der Schweiz zu ziehen. Wirklich fanden sie in Chur gastliche Aufnahme; es wnrde ihnen das ehemalige Prämonstratenser-Kloster zum heil. Lucius übergeben. Aber auch diese Ruhestätte fanden die Verfolgten nur, um sie in kürzester Frist wieder zu verlieren. Jetzt eilte Hoffbaucr, als ein für seine geistlichen Kinder besorgter Vater, selbst von Warschau herbei und es gelang ihm, jenen noch einmal einen Zufluchtsort auSzumitteln, zu Vispach im Canton WalliS. Hieraus kehrte der Selige nach Warschau zurück. Eö harreten seiner schwere Prüfungen, die schwersten wohl in seinem Leben. Die furchtbare Strafruthe Gotteö, unter deren wohlverdienten Streichen damalö fast ganz Europa blutete, traf auch das polnische Königreich; am 30. November 1306 rückten die Truppen jenes Fürsten, welchem Gott die Geissel über die Völker in die Hände gegeben, unter Murat und Davvust in der Hauptstadt Polens ein, die seitherige Regierung wurde aufgelöst und eine neue durch Napoleon im Jahr 1307 angeordnet; diese trat von vornherein feindlich gegen unsere PatreS auf und beschloß demnächst die Auflösung des dortigen Hauses. Um die despotische Willkür nicht in ihrer ganzen Nackiheit anS Tageslicht treten zu lassen, wurde eine lange Untersuchung gegen Jene eingeleitet, die zwar keine Schuld an ihnen finden ließ, deren Resultat gleichwohl daö pharisäische: Kou8 est mortis war. Während dieser Tribulationen verlor Hoffbaucr seinen treuen Freund und Mitarbeiter P. Hibel, der seit den öfteren Entfernungen des Erster» Rector des Warschauer CollegiumS gewesen. Er starb am 4. Juli 1807. DaS war die erste herbe Heimsuchung für Hoffbauer; sogleich sollte ciue noch schwerere folgen. Wenige Tage nach dem Tode deö P. Hibel, am 15. Juli, wo die Kirche daS lostum 6ivisi(iiii8 ^Vpostolorum feierte, erschien eine NegieruugS- Commission zu St. Benno, nahm die sämmtlichen Papiere, die sich vorfanden, in Beschlag, versiegelte die Schränke und Kisten, und unmittelbar darauf wurde den Patres der Beschluß der Regierung bekannt gemacht, daß die Kongregation aufgelöst sey. Soldaten umzingelten sofort das Haus; mehrere Leiterwagen sichren vor; diese mußten die PatreS besteigen und wurden unter Militärbedeckung nach der Festung Küstrin abgeführt. Wir können hier einen Nebenumstand nicht unerwähnt lassen, der uns daS wunderbare Walten der göttlichen Vorsehung recht kla? erkennen läßt. Bei der Unter- suchuugöcommissivn gegen Hoffbaucr und seine Jünger befand sich auch der berühmte ZachariaS Werner, der kurze Zeit nachher katholisch ward und später in Wien zu den trcuesten Freunden und begeistertsten Verehrern unseres Seligen gehörte. Mit der Ruhe und gottergebenen Sanftmuth eines vollendeten Gottcsmanncs verließ Hoffbauer Warschau. „Gott will uns hicr nicht mehr haben!" daS war der Trost, den er für sich und seine Leidensgefährten hatte. Doch der härteste Schlag stand ihm noch bevor. Nach eimnonallicher sehr strenger Haft in der Festung wurden nämlich die Mitglieder der Congregation je zwei und zwei entlassen und in ihr Vaterland zurückgeschickt. So sah denn Hoffbauer seine Söhne nach allen Seiten hin auö- t ' . G 70 einandergehen; eine zerstreute Hcerde ohne Hirten. Dieß brach sein Herz, wie er später erzählte. Zuletzt kam die Reihe an ihn, und da er ein Oesterreicher war, mußte er mit dem Kleriker Martin Stark dorthin sich wenden. Die Mächte der Finsterniß hatten so einen Sieg erfochten; cS war ihnen gelungen, ein Institut zu vernichten, durch welches seit mehr denn zwanzig Jahren Tau- seude von Seelen den Frieden mit Gott wieder gefunden, — eine Quelle zu verschütten, aus welcher die reichsten Ströme der Gnade und des Segens in weite Kreise sich ergossen. Wir fügen über die Periode im Leben dcS Seligen, die wir hiemit beschließen, hier nur das noch hinzu, was der österreichische Beobachter bei der Ankündigung dcS TodeS desselben darüber bemerkte (Jahrg. 1820 S. 377.): „Was unter den ungünstigsten Verhältnissen und in den schwierigsten Zeitumständen ein einziger treuer Diener Gottes, wie dieser, vermag, daö würden die Mauern von St. Benno bekräftigen, wenn nicht Tausende von lebendigen Zeugen vorhanden wären, die er gespciset, bekleidet, zu Gott und zu einem christlichen Lebenswandel zurückgeführt hat.« P. Hoffbauer wanderte nach seiner Freilassung nach Wien. Der Herr, der ihn heimgesucht, wollte ihm hier wieder einige Tröstung bereiten. Von dem frommen Erzbischof Sigismund, Grafen von Hohenwart wurde er mit väterlicher Liebe aufgenommen, und erhielt durch Vermittlung eines Baron Penkler, der ihm von nun an ein thätiger Gönner und Freund blieb, eine kleine Wohnung in dem Gebäude der italienischen Nationalkirche. Hier fand er die Einsamkeit wieder, die er in der Jugend so lieb gewonnen. Das Gebet und die Betrachtung, welchen er sich in ungestörter Ruhe hingeben konnte, gewährten ihm Trost und innere Stärkung. Fast zur selben Zeit war auch das kaum gegründete Haus zu Vispach bei dem Einrücken der Franzosen in WalliS aufgelöst worden, und die Bewohner desselben mußten gleich ihren Brüdern in Polen sich zerstreuen. So schien denn AlleS, was unser Hoffbauer in 22 Jahren der mühevollsten Thätigkeit aufgebaut, mit eiuemmalc wieder vernichtet; die Congregation, die er unter so vielen Kämpfen dießseits der Alpen angepflanzt, hatte als solche zu seyn aufgehört. Aber auch diese härteste Prüfung bestand er glänzend; seine hohen Tugenden ließen ihn jetzt im Leiden eben so bewunderungswürdig erscheinen, als.seither in seinem erfolgreichen Wirken. Doch betrachten wir nun sein Leben in Wien, daS letzte Stadium seiner irdischen Laufbahn. Der Wunsch, den er beim Eintritts in die Congregation gehegt, in Wien derselben Eingang zu verschaffen, erwachte jetzt bei seinem Aufenthalte daselbst mit neuer Lebendigkeit. Die Möglichkeit der Ausführung lag freilich unter den gegenwärtigen Zeitverhältnissen noch in weiter Ferne; Hoffbauer mußte sich vorläufig darauf beschränken, die Sache der allerseligsten Jungfrau Maria, zu deren berühmtem Gnadenbildc in der Kirche Maria Hilf er häufig seine Zuflucht nahm, in die Hände zu legen. Hoffbauers heißes Verlangen, für das Heil der Seelen thätig seyn zu können, fand allmälig auch wieder Befriedigung; schon im Jahre 18!u-L !i>> . >> .">!>-!)j:z »Hz j^." -.>l «(-ni-^npli-vA ZZ'j ÄAZtlgtiM sij L.Ünchn ') So bei Pösl S. S4, 71 Personen niederen Standes, auch solche auS den höchsten Ständen, auch Gelehrte (z. B. Friedrich von Schlegel) waren seine fleißigen Zuhörer. Seine Worte entquollen einem Herzen, das von Liebe zn Gott und den Menschen, von der Sehnsucht, recht viele Seelen für den Himmel zu gewinnen, erglüht war, und dadurch lag eine Fülle göttlicher Kraft in ihnen, welche in der That wunderbar ist. Eine kurze, ganz einfache Ermahnung ans seinem Muude hatte oft eine erstaunliche Wirkung. ZachariaS Werner erzählt ein merkwürdiges Beispiel hiervon. „Ich begegnete einst," so berichtet er, „einem Trupp junger Leute, die eben auS seiner Wohnung herausgingen und in deren Worten und Mienen sich noch eine heilige Begeisterung auösprach. Da ich glaubte, P. Hoffbauer müsse ihnen einen ganz außerordentlichen Vortrag gehalten haben, erkundigte ich mich sehr begierig um den Gegenstand seiner Rede, und waS sie denn so sehr ergriffen und bewegt habe, und man antwortete mir: Er hat uns gesagt, Seyd brav! — O Weihe der Kraft!" *) Wie dem Predigtamte, so lag Hoffbauer nunmehr auch wieder der Verwaltung des BußgerichtS mit größter Aufopferung ob, und wie eS sich nach dem Gesagten erwarten läßt, hatte er in kürzester Zeit einen überaus großen Kreis von Beichtkindern. Schon um vier Uhr in der Frühe eilte er gewöhnlich in die Kirche der Mechi- taristen, um dort zur Beicht zu sitzen, und um sechs Uhr begab er sich dann nach St. Ursula, wo wieder zahreiche Pönitenten seiner harrten. Die Anzahl der Commu- nicanten in dieser Kirche mehrte sich mit jedem Jahre und alte Leute pflegten oft zu änßcrn, P. Clemens bringe die gute Zeit der frommen Maria Theresia wieder zurück. Auch in andern Beziehungen, war P. Hoffbauer thätig. So gründete er im Vereine mit mehreren der angesehensten Männer ein Erziehungshauö für Jünglinge, in welchem sehr viele Söhne der ersten Familien eine treffliche Bildung erhielten, bis zn dem Zeitpuncte, wo die Jesuiten wieder Eingang in den Kaiserstaat fanden. (Schluß folgt.) . Berichte über Missionen. G e i s e n h e i m. Aus dem Rheing au, 16. Febr. Gestern ist die erste Mission im Rhein gau, zu Geisen heim, durch den -hochwürdigsten Bischof von Limburg feierlich eröffnet worden und wird dieselbe, von vier PatreS Nedemptoristen geleitet, durch zehn Tage hindurch währen. Wenn wir uns erinnerten an alles DaS, waö wir in jüngster Zeit über den Verfall des Glaubens und der Sittlichkeit im Rheingau gelesen und gehört hatten, so konnten wir uns in der That der Bcsorgniß nicht ganz entschlagen, es möchten die Missionspriester und ihr heiliges Werk in dieser Gegend nicht die freundlichste Aufnahme finden. Der gestrige Tag hat uns eines Andern belehrt, hat uns die Ueberzeugung gebracht, daß die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung des alten katholischen Rheingaueö dem Glauben der heiligen Kirche, dem Glauben, welchen ihre Vorfahren in allen Wechselfällen, in allen Stürmen der Zeiten als ihr theuerstes Kleinod zu schütz-n und zu bewahren gewußt, noch treu uud warm ergeben ist, und daß, wenn auch immerhiu manche, und vielleicht große sittliche Gebrechen hier, wie in andern Gegenden, im Gesolge namentlich der traurigen Erruu- genschaften des Jahreö 1848 zu Tage getreten sind, dennoch daS katholische Rheingau weit besser ist, als sein Ruf, daß nur ein kleines Häuflein glaubensloser und sittlich verkommener Schreier il»n seinen alten, wohlbegründeten Ruhm wahrer Glaubenstreue und lebendiger Religiosität geraubt hat. Schon bei ihrem Eintreffen dahicr in Geisenhcim wurden die vier Missiouärc mit Böllerschüssen und unter großem Jubel am Rheine empfangen und in die Kirche geleitet, und zu der gestrigen Eröffnungsfeier der Mission kamen die Gläubigen der Umgegend in großen Processionen schon in der Frühe in solcher Zahl herangezogen, daß die herrliche, geräumige Kirche ') So mitgetheilt bei Pööl S. 03. 72 in allen Theilen überfüllt war. Man schätzt die Anwesende» auf 7000—8000. Eine aus dem innersten Herzen hervorströmende, ergreifende Rede des Herrn Bischofs, in welcher er, ausgehend von den Worten des Heilandes: „Kommet zu mir Alle' die Gläubigen einlud, dem Rufe Gottes in der MisfionSzcit das Ohr zu öffnen und Folge zn leisten, bezeichnete den Ansang der Mission. Unmittelbar daran reihte sich die Einleitungsrede des Superiorö der Missionäre und am Nachmittag und Abend hörten wir die beiden ersten eigentlichen Missionsvorträge, die von den dichtgedrängten Schaaren mit der größten Ruhe und Aufmerksamkeit aufgeuommeu wurden und so weit wir bis jetzt in Erfahrung bringen konnten, bei Allen das höchste Interesse geweckt und Alle für die Mission begeistert haben. Der Herr, der alles Guten, Geber ist, segne das heilige Werk dahier, wie an andern Orten, damit der Glaube, der aller Wühlereien ungeachtet noch so tief im Herzen der katholischen Rheingauer wurzelt, wieder recht lebendig aufblühe und das Rheingau wiederum vor Gott und den Menschen Das werde, was es bis auf die letzten Jahrzehnte herab war, eine starke Feste deS katholischen Glaubens und der wahrhaft christlichen Zucht und heiligen Sitte, eine Perle in der Mitra seines geistlichen Oberhirten wie in der Krone seines Fürsten I (Rhein. Bl.) Weingarten. RavenSburg, 24. Febr. Gestern Nachmittag, Sonntag den 33., ging die Missionsfeier in Weingarten zu Ende, und war während ihrer ganzen vierzehntägigen Dauer von dem herrlichsten Wetter begünstigt, was wohl auch sehr viel zu dem außerordentlich zahlreichen Besuche derselben, sogar von weiter Ferne her, beigetragen haben mag. Die weiten Räume der herrlichen Kirche waren Tag für Tag mit wenigstens 6 bis 7000 Menschen angefüllt, und frommer Sinn, religiöse Stimmung und Andacht gab sich durchgängig bei diesen feierlichen Versammlungen kund. Auch die tägliche Theilnahme vieler Protestanten läßt vermuthen, daß sie viel Anziehendes und Ansprechendes in den verschiedenen Missionspredigten gefunden haben mögen. Die gehaltreiche, von Herrn Roder gehaltene Schlußrede wurde wegen der allzugroßen Menge der Znhörer in dem sehr geräumigen Klosterhofe gehalten, uud es hatten sich dabei wohl 13—14,000 Menschen eingcfunden, bei welcher Gelegenheit zum Andenken an diese Mission das MisstonSkreuz unter allgemeiner Rührung feierlichst eingeweiht wurde. Da eiucr der Herren Missionäre wegen fortdauernder Kränklichkeit nicht predigen konnte, und die Herren Roder und Schlosser daher die ganze Mission zu besorgen hatten, so muß man gestehen, daß ihre Anstrengung groß gewesen seyn muß, da täglich drei Predigten gehalten wurden, deren jede etwa l'/a Stunden dauerte, worauf sie sich erst noch mit Beichthören beschäftigten, worin sie jedoch von den vielen Geistlichen der Umgegend, deren öfters 40 bis 50 gegenwärtig waren, bedeutend unterstützt wurden. Letzten Dienstag kam der hochw. Bischos von St. Gallen in Weingarten an, und am Samstag Abends auch der hochw. Bischof von Rottenburg, um dem Schlüsse der Mission beizuwohnen. Die Anwesenheit und Theilnahme zweier Bischöfe an dieser Mission trug nicht wenig zur Erhebung und Erbauung der Gemüther bei. In Weingarten, wie früher anderwärts, hielten die Predigten sich rein auf religiösem Gebiete, und waren für Niemand verletzend, welcher Religion er auch angehören mochte. Am ansprechendsten waren die allgemeiner gehaltenen Reden, worin die vorherrschenden Fehler unserer Zeit grell beleuchtet und unnachstchtlich getadelt wurden. Ohne Zweifel werden die in diesen Predigten mit einem Eifer, der wirklich von innerer Mission zeugte, vorgetragenen Wahrheiten einen lange dauernden Eindruck in den Herzen der vielen Tausende von Gläubigen zurückgelassen haben, und Herr Roder bekannte, gerührt von dem so unverdrossen ausdauernden Eifer seiner zahlreichen Zuhörer, in seiner Schlußrede, daß ihm noch nie eine solche Menge andächtiger Hörer des göttlichen Worts auf seinen MissionSreisen vorgekommen sey, wie in Weingarten, im katholischen Oberlande. (Schwäb. M.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Vcrlags-Jnhabkr: F. C, Kvemcr. Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PsjMtung. 9. März M- KO. 2851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis M kr., wofür es durch alle königl. baycr. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Aus dem Leben des ersten deutschen Redemptoristen. (Schluß.) Neben diesen beiden Kreisen der gesegnetsten Thätigkeit bildete sich Hoffbauer noch einen dritten besonderen, wir möchten sagen, einen Familienkreis. Gott hatte ihm die Gabe, junge Leute an sich zu ziehen und deren Vertrauen zu gewinnen, in hohem Grade verliehen; und so sammelten sich nach und nach sehr viele Jünglinge und Männer um ihn, die ihm mit der kindlichsten Liebe und Verehrung anhingen. Namentlich in den Abendstunden sah man sie in die kleine Wohnung des Seligen strömen, Studirende aller Fächer, Künstler, Soldaten, Handwerker und Beamte, und es war rührend zu beobachten, mit welch' selbstvergessener Hingebung und Freundlichkeit er sie alle ausnahm, wie er sie zur Liebe des Herrn, zur Verehrung Mariä, zur Uebung einer wahrhaft praktischen Frömmigkeit anleitete. Zacharias Werner, damals schon Priester, war einer der Vorzüglichsten in diesem Kreise; seine Verehrung für Hoffbauer ging so weit, daß er keinen Anstand nahm, öffentlich auf der Kanzel bei Gelegenheit zu erklären: Jener sey ein Mann, dessen Schuhriemen aufzulösen er nicht würdig sey. Es scheint, daß sich in dieser Zeit auch einige der zersprengten Glieder der Kongregation in Wien wieder sammelten; das Schriftchen von Pösl läßt unS hierüber im Dunkeln, berichtet aber, daß P. Hoffbauer im Jahre 1815 vier Individuen aus der Versammlung auf die Bitten deS Bischof Erkolani von Nicopolis in die Bulgarei gesandt habe, die jedoch nach einigen Jahren wieder zurückberufen werden mußten. Das Jahr 1818 brachte dem Diener Gottes eine überaus große Tröstung, es war die Wiedereröffnung eines CollegiumS in der Schweiz. Die Priester der Versammlung, die seither auf verschiedenen Seelsorgposten zerstreut gewirkt, erhielten von dem Staatsrathe zu Freiburg die Aufnahme in den Kanton und ein verlassenes Klostergebäude zur Wohnung. Später siedelten sie in das alte Seminar in der Stadt Freiburg über und bald mehrte sich hier wieder die Gemeinde. Dieser Freude folgte sofort eine neue Prüfung für Hoffbauer; der Herr wollte ihn immer mehr noch läutern und zeitigen für den Heimgang in die Ewigkeit und zugleich aus dorniger Hülle endlich die Frucht hervorblühen lassen, welcher der Selige ohne Unterlaß entgegensehnte. Der Zusammenfluß so vieler Personen bei Hoffbauer hatte die Aufmerksamkeit der Polizei erregt; plötzlich erfuhr man, daß er Mitglied einer auswärtigen geistlichen Corporation sey. Da erschien denn ganz unerwartet eine Commission in seiner Wohnung; seine Schubladen und Schränke wurden durchsucht, seine Briefe und Papiere in Beschlag genommen und er selbst einem dreistündigen Verhöre unterworfen. Man stellte ihm schließlich die Alternative, entweder seinem Orden zu entsagen, oder 74 Oesterreich zu verlassen. Hoffbauer wählte unbedingt das Letztere und mußte darüber sogleich einen schriftlichen Revers unterzeichnen. Nach Beendigung dieser Procedur fragte Hoffbauer die beiden Commissäre, ob noch etwas Weiteres zu thun sey. Auf die verneinende Antwort sagte er mit erschütterndem Ernste: EineS ist noch übrig! — Was denn? fragte Einer von Jenen. — Hoffbauer wies mit dem Finger gen Himmel mit den Worten: Das jüngste Gericht! Wir erlauben uns hier kein Urtheil über die persönliche Stimmung der beiden Eommissäre, deren Namen unser Auctor wohl aus Schonung verschwiegen hat; auffaltend bleibt es übrigens jedenfalls, daß beide kurze Zeit nach dem erwähnten Vorgange am Schlage starben. Das Resultat der Untersuchung war, daß unserm Vater Clemens alsbald ein Negierungsbeschluß zukam, worin ihm auferlegt wurde, er solle die Verbindung mit seiner Cougregation feierlich aufgeben, oder binnen einer gesetzten Frist die Kaiserstaaten verlassen. So der Beschluß der Regierung; — anders aber war eS im Rathe der Vorsehung beschlossen. Baron Penkler bewies sich auch in diesem Momente als treuen Freund Hoffbauers z er eilte ungesäumt zum Erzbischofe uud berichtete ihm das Geschehene. Dieser, der den Seligen aufrichtig liebte unv seine hohen Tugenden zu schätzen wußie, begab sich hierauf zum Kaiser, welcher gerade im Begriffe war, eine Reise nach Italien anzutreten. Mit aller Wärme sprach der würdige Fürsterzbischof hier für Hoffbauer und bat, demselben wenigstens bis zur Rückkehr des Kaisers den Aufenthalt in Wien zu gestatten. „Wenn jener weggeht," äußerte sich der Prälat, „so verliere ich meinen besten Priester!" — DaS nächste Resultat dieser gewichtvollen Verwendung war, daß Hoffbauer vorläufig bleiben durfte. Nach der Rückkehr des Kaisers nahm der Fürstbischof die Sache wieder auf; er fand den Kaiser in sehr guter Stimmung für unsern P. Clemens, da der heilige Vater ihn zu Rom gelegentlich darauf aufmerksam gemacht, welchen apostolischen Mann er an jenem in seiner Hauptstadt besitze; und so war nicht nur das Bleiben desselben alsbald gesichert, sondern überdieß äußerte Kaiser Franz in seiner bekannten Herzensgüte seinen Schmerz über die kränkende Behandlung, die Hossbauer erlitten und den Wunsch, ihm eine Gnade zu erweisen. In dieser wohlwollenden Stimmung des Kaisers glaubte Hoffbauer einen Wink Gottes erkennen zu sollen. Der Augenblick schien ihm gekommen, um seinen innigsten Wunsch, die Einführung der Congregation in Wien, zu realisiren. Nach reiflicher Erwägung und nach mehrfacher Rücksprache mit hochgestellten und einflußreichen Männern, unter welchen wir den damaligen Burgpfarrer Jakob Friut, später Bischof von St. Polten, und den kaiserlichen Hofcaplan Darnaut namhaft machen, reichte Hoffbauer am 29. October 1819 ein Promemoria in diesem Betreff bei dem Kaiser ein, und fügte zugleich eine deutsche Uebersetzung der Regeln der Congregation bei. Der Kaiser nahm dieses huldvoll entgegen und gab seine vorläufige Einwilligung zur Gründung eines Kollegiums der Redemptoristen in Wien, Er beauftragte demgemäß den genannten Darnaut, einen deßfallsigen Entwurf zu machen. Diesen gab er nachher dem Herrn Frinl zur weitern Ausarbeitung mit dem Befehle, ihn nach Vollendung dem Fürsterzbifchofe zur Begutachtung und demnächstigcn Vorlage an ihn (den Kaiser) zu übermitteln. So stand denn unser trefflicher Vater Clemens wider alles menschliche Erwarten mit einemmale dem Ziele nahe, daS er sich bei dem Eintritt in den Priesterstand mit besonderer Vorliebe gesteckt, — noch näher aber stand er einem andern Ziele, dem seiner irdischen Laufbahn; die Zeit war gekommen, wo der treue Diener eingehen sollte in die Freude seines Herrn. Nachdem er gleich Moses von der Bergeshöhe mit inniger Freude hinüber geschaut in das gelobte Land seiner sehnlichsten Wünsche, ') Vergl. Pvöl S. 73. 75 wurde er hinweggenommen; betreten sollte er selbst das Land nicht; die wirkliche Einführung der Versammlung des allerheiligsten Erlösers in Wien sollte er hienicden nicht mehr sehen. Er selbst schien jetzt seinen Tod zu wünschen, denn er äußerte gerade in dieser Zeit, wo sich die Verhältnisse so günstig sür ihn gestalteten, einem seiner Zöglinge: Bisher habe ich nichts als Widerspruch, Verachtung und Verfolgung erfahren; jetzt wartet eine große Ehre auf mich. Nun möchte ich sterben, bevor dieselbe mir zu Theil wird." Gegen Ende Februar 1820 erkrankte P. Stark, der nebst einem andern Priester, P. Barjalich, bei Hoffbauer sich befand. In Folge dessen hatte dieser weit größere Anstrengungen im Beichtstühle und in der Versehung des Gottesdienstes, als er eS in der letzlern Zeit gewöhnt war. Dieß, vereint mit der ängstlichen Sorge um den Kranken, zog ihm selbst ein Leiden zu. Er achtete wenig darauf, pflegte fort seinen geistlichen Sohn und unterließ nichts von seinen gewöhnlichen Arbeiten. Einige Tage schien eS wirklich, als ob seine kräftige Natur auch in so hohen Jahren noch Herr über die Krankheit werden würde. Plötzlich aber trat wieder Fieberfrost bei ihm ein; dennoch predigte er noch am 5. März (zum letzten Male!) und hielt am darauf folgenden Tage, ungeachtet deS immer heftiger werdenden Fiebers, ein Seelenamt für eine verstorbene Wohlthäterin der Congregation. Nach Hause zurückgekehrt, .mußte er sich sogleich zu Bette begeben; unter großen Leiden brachte er einige Tage zu, durch seine kindliche Hingebung nnd Geduld Alle erbauend; doch liebevoll kürzte der Herr seine Schmerzen ab; er hatte im Leben schon genug geduldet. Am 15. März 1820 gegen die Mittagsstunde entschlief er in sanfter Ruhe, freudig seinen Herrn und Erlöser erwartend. Er war 63 Jahre und wenige Monate alt. Sein Leichenbegängniß war ein Triumphzug der Liebe; Arme und Reiche, Vornehme und Niedrige, Geistliche unv Laien drängten sich herzu, ihrem Wohlthäter, ihrem Vater und Führer aus dem Wege des Heils, ihrem Freunde die letzte Ehre zu erweisen. Die Leiche ward nach Maria-Enzersdorf, zwei Stunden von Wien, gebracht und daselbst beigesetzt. Ein Krenz nnd Stein mit der Inschrift: Hio jaeot k. I>. möns Uaris llotldausr, LonZreZationig 8. 8. Rvclempwri8 Vioanus (Fsneralis. Odüt clie Mrtü 1320 bezeichnet die Ruhestätte deS Verblichenen. Hoffbauer hatte, um hier die Worte deS PsalmensängcrS anzuwenden, sein ganzes Leben hindurch ausgesäet in Thränen; hienieden sollte er die Früchte seiner Aussaat nicht einärndten, nicht die vollen Garben freudig mit den Augen deö Leibes erblicken: jenseits aber, wo keine Trauer und kein Schmerz mehr ist, wird es ihm sicherlich vergönnt seyn, die Früchte seines Schweißes und seiner Thränen und Mühen in Deutschland reifen zu sehen; und jeder neue Erfolg des Wirkens seiner geistlichen Nachkommenschaft in nnsern Gauen, jeder Sieg der Gnade, durch ihre Missionöthätig- keit errungen, — wird neue volle Garben ihm in die Arme legen, die er vor dem Throne Dessen aufopfern kann, der ihn einst ausgesandt, daß er hingehe und Frucht bringe. Am 15. März 1820 war er gestorben und schon der 30. April desselben Jahreö brachte eine kaiserliche Anordnung, wonach die Errichtung eines Nedemptoristcncolle- giums in Wien alsbald in Ausführung gebracht werden sollte. „P. Hoffbaner kann beten!" rief der fromme Fürsterzbischof von Wien freudig aus bei dieser Nachricht. Neben dem Hanse in Wien, welches nunmehr rasch ins Leben trat, wurden bald noch mehrere in Oesterreich und späterhin das zu Altötting in Bayern gegründet. — Die Stürme der letzlvergangencn Jahre haben zwar Manches wieder zerstört, waö angepflanzt, Vieles niedergerissen, was zum Heile der Seelen aufgebaut war; aber der unsichtbare Wächter der heiligen Kirche hat diese Stürme gleichwohl so gelenkt, daß sie, während sie die Feuerstätten apostolischer Thätigkeit und Liebe in Einem Lande auslöschen wollten, nur die Funken von denselben hinüberbrausen konnten in 76 andere Länder, die der Erwärmung bedürsttg, damit sie zündeten und allmälig auch hier dasselbe göttliche Feuer eine oder die andere Stätte finden möchte, wo es auflodere zur Belebung des Glaubens, zur Entflammung der heiligen Liebe in den Herzen der Völker. __ Blumen ans dem Schriftgarten des heiligen Bernardus. (Fortsetzung.) 204. Verbindlichkeit gegen Gott. Willst du wissen, zu was und wem du verbunden seyest? Erstens verdankst du Jesu Christi dein ganzes Leben, weil Er sein Leben für daS deine einsetzte und bittere Peinen ertrug, damit du die ewigen nicht ertragen dürfest. Würden auf mich übertragen das Leben aller Kinder Avams und alle Tage der Zeit und alle Arbeiten der Menschen, die waren, sind und seyn werden: so wäre dieß nichts im Vergleiche mit jenem Leibe, der sichtbar und wunderbar ist durch himmlische Macht in seiner Em- pfängniß von der Jungfrau in Gegenwart des heiligen Geistes, durch die Unschuld seines Lebens, durch die Ausflüsse seiner Lehre, durch den Glanz seiner Wunder und durch die Offenbarungen seiner Geheimnisse. Wie also der Himmel über die Erde erhaben ist, so jenes Leben über das unsere, welches Er jedoch für das unsere eingesetzt hat. Wie das NichlS zu Etwaö keinen Vergleich gestaltet, so steht auch unser Leben in keinem Verhältniß zu seinem Leben, da nichts vortrefflicher ist, als daS seine, und nichts elender, als das unsere. Wenn ich Ihm also gebe, was ich kann, ist es nicht wie ein Stern gegen die Sonne, wie ein Tropfen gegen einen Fluß, wie ein Stein gegen einen Berg, wie ein Körnlein gegen einen Haufen? Aber bin ich denn allein ein Schuldner, dem ich kaum etwas vergelten kann? Meine vergangenen Sünden fordern von mir mein zukünftiges Leben, damit ich würdige Früchte der Buße bringe, und überdenke alle meine Jahre in der Bitterkeit meiner Seele. Und wer ist dazu tüchtig? Ich habe gesündiget über die Zahl des Sandes am Meere, meine Sünden haben sich vervielfältiget, und ich bin nicht werlh, die Höhe deö Himmels anzuschauen, wegen der Menge meiner Missethaten: ich bin umgeben von Unglück, dessen keine Zahl ist. Was aber ohne Zahl ist, wie werde ich dieses zählen können? Wie werde ich Genugthuung leisten, da auch der letzte Heller muß bezahlt werden? Aber die Sünden, wer merket sie! Und wenn er auch noch so sehr die Sünde bereut, und noch so sehr sich abtödtet und abmagert um deines Namens, nicht des Verdienstes der Buße willen, so spricht doch der Gerechte: „Sey gnädig meiner Sünde: denn ihrer ist viel." Wenn du also Alles, waS du weißt, was du hast, und was du kannst, auf diese einzige Sache verwendest, ist es etwaö oder ist es für etwas zu rechnen? WaS wirst du sagen, wenn ich dir den Dritten zeige, dem du Schuldner bist, der nicht weniger streng, aber in der That das Leben in Anspruch nimmt? Ich glaube, daß auch du ein Verlangen habest nach jener Herrlichkeit, die kein Auge uoch gesehen, kein Ohr noch gehört har, und in keines Menschen Herz noch gekommen ist, nach dem Reiche aller Zeiten, nach den ewigen Erbschaften. Ich glaube, du möchtest den Engeln GotteS gleich seyn, und ans den Straßen deS himmlischen Sion horchen auf die Gesänge der Engel, und sehen, was das sagen wolle: „Damit Gott Alles in Allem sey." Sollst dn nicht, um dieses zu kaufen, dich selbst ganz und Alles hergeben, waS immer und wo immer du es aufbringen kannst? Und wenn du auch Alles gethan hättest, so halte ich doch dafür, daß die Leiden dieser Zeit oder deö Leibes nicht zu vergleichen sind mit der zukünftigen Herrlichkeit, die an unS offenbar werden wird. WaS wirst du endlich sagen, wenn ich dir den Vierten vorführe, dem du verbindlich bist, und der haben will, daß das Recht der Oberherrschast Ihm die obigen drei abtreten? Siehe wer steht vor der Thüre, der Himmel und Erde erschaffen hat. Er ist auch dein Schöpfer, und du bist sein Geschöpf. Du bist der Knecht, Er der 77 Herr: Er ist der Töpfer, du das Geschirr. Ganz bist du dem verpflichtet, von dem du das Ganze hast, jenem Herrn vorzugsweise, der dich gemacht und dir Wohlthaten erwiesen hat, der für dich lenkt den Lauf der Gestirne, den Wechsel der Luft, die Fruchtbarkeit der Erde u. s. w. 205. Verdacht. Was ist schändlicher für einen Vorgesetzten, als kleinliche Sorge zu tragen für das Tischgeräthe und für das geringe Vermögen, Alles zu erforschen, nach Allem zu fragen, vom Verdachte gepeiniget und durch jeden geringen Verlust und durch jede Vernachlässigung in Aufregung zu kommen? Zur Beschämung Einiger sage ich dieses, die täglich das ganze Vermögen durchgehen, Einzelnes zählen und über Kleinigkeiten und Heller Rechenschaft fordern. Nicht so machte es jener Egvptier, der den Joseph über Alles setzte und um nichts wußte, als um daS Brod, das er aß. Es schäme sich der Christ, der dem Christen nicht traut, da doch der Mann ohne Glauben seinem Diener traute und ihn setzte über Alles. Und dieser war ein Fremdling. Es ist wunderbar, daß es Menschen gibt, die für das Kleine große und für das Wichtigste geringe oder keine Sorge tragen. Ich bitte dich, der du Andere lehrst, belehre dich selbst, lerne dich selbst höher schätzen, als das deinige. Vergängliches, das um keinen Preis aufgehalten werden kann, lasse vorübergehen, aber nicht an dir. Der fließende Bach untersrißt das Ufer, so das Hin- und Herlaufen in zeitlichen Dingen das Gewissen. Wenn der Gießbach auf die Felder laufen kann ohne Beschädigung der Saaten, so glaube, daß auch du ohne Verletzung des Gewissens mit jenen umgehen könnest. Nur rathe ich dir, daß du dich bemühest, die Anhäufung derselben abzuweisen. Wisse Vieles nicht, vom Meisten lasse dir nichts merken, und vergiß Manches. 206. V e r d i e n st. Alles Gute oder Böse, was du gethan hast, und was nicht zu thun dir frei stand, wird mit Recht als Verdienst angerechnet. Und wie nicht nur Derjenige mit Recht gelobt wird, der Böses thun konnte, und es nicht that, sondern auch Derjenige, der Gutes nicht thun konnte, nnd es doch that, so hat auch Derjenige ein böses Verdienst, der Böses nicht thun konnte, und eS doch gethan hat, gleich Demjenigen, der Gutes hätte thun können, und es nicht that. Wo aber keine Freiheit, da ist auch kein Verdienst. Daher haben die unvernünftigen Geschöpfe keine Verdienste, weil ihnen wie die Ueberlegung so auch die Freiheit mangelt. Sie werden durch Sinnlichkeit getrieben, von der Gewalt beherrscht, von der Lust hingerissen: denn sie haben keine Urtheilskraft, mit der sie sich beurtheilen oder regieren könnten, ja nicht einmal daS Hilfsmittel des Urtheiles, das ist, die Vernunft. Daher kommt es, daß sie nicht gerichtet werden, weil sie nicht urtheilen können. Denn auf welche Weise könnte man von ihnen Rechenschaft fordern, da sie sich selbst nicht Rechenschaft geben können? Diese Gewalt leidet von der Natur der Mensch allein nicht, und daher ist auch er allein unter den Geschöpfen frei. (Wozu also das Geschrei so vieler Menschen in unsern Tagen nach Freiheit, die sie ohnehin schon haben? Ach, der Thicrmensch ruft auS dem Gefängnisse seiner Sinnlichkeit, in daS ihn der Mißbrauch der Freiheit gebracht hat, nach Erlösung, und will doch von einem Erlöser nichts wissen! Unserm Neu- Heidenthum ist der Erlöser kein Licht zur Erleuchtung der Heiden, sondern ein Zeichen des Widerspruches, keine Verherrlichung d es Volkes Israel, sondern ein schmählicher Fall. Man denke nur an das demokratische Leichenbegängnis des Jonas Dörr in Frankfurt, wobei ein Jude daS christliche Kreuz der Bahre voraus trug, und ein Deutschkatholik die Grabrede hielt, und es steht vor uns ein trauriges Bild der innern Zerrissenheit und Charakterlosigkeit unserer an Glauben so armen und an Sittenlosigkeit so reichen Zeit. Bei solchen Erscheinungen möchte man sast Jenen glauben, die da sagen, anno 1353 werde der Antichrist geboren. Seine Vorläufer sind wenigstens schon angekommen.) 207. Verführer. Dem Verführer reicht die Hand, wer sie dem Lehrer zu geben versagt, und 78 wer die Schafe ohne Hirten auf die Weide gehen läßt, ist kein Hirt der Schafe, sondern ein Hirt der Wölfe. 203. Verkleinerung. Jeder, der verkleinert, verräth sich selbst zuerst, daß er leer an Liebe sey. Dann beabsichtiget der Verkleinerer, daß derjenige, den er verkleinert, denen verhaßt und verächtlich werde, bei denen er ihn herabsetzt. Er schlägt also die Liebe in Allen, die seine böse Zunge anhören, und tödtet sie, so viel an ihm ist, in sich selbst vom Grunde aus. Beinahe überall finde ich im Kreise junger Weibspersonen solche, welche die Handlungen einer Braut vorwitzig beobachten, um sie herabzusetzen, nicht um sie nachzuahmen. Das Gute an ihren ältern Mitmenschen ist ihnen zur Pein, durch daS Böse werden sie befrieviget. Du kannst sie mit einander gehen, zusammen kommen und zusammen sitzen sehen, und bald werden sie den spitzigen Zungen zur verabscheuenS- würdigen Ohrenbläserei den Lauf gestatten. Eine verbindet sich mit der andern, und sie kommen kaum zu Athem, so groß ist ihre Begierde zu verkleinern, oder die verkleinernde anzuhören. Sie schließen Freundschaft zur Verleumdung und Ehrabschnei- dung, sie sind einig im Zwietrachtstiften. Sie machen unter sich die friedlichsten Freundschaften, und stimmen in der Bosheit zusammen. Durch die Leidenschaft wird eine solche hassenswerthe Verbindung hergestellt. So machte es einst Herodes und PilatuS, von denen das Evangelium erzählt, daß sie an jenem Tage Freunde wurden, nämlich am Tage des Leidens des Herrn. Der Tod steigt durch unsere Fenster, wenn wir einander mit aufgesperrten Ohren und mit offenem Munde den tödtlichen Becher der Verleumdung und Ehrab- schneidung darzureichen uns beeifern. Meine Seele komme nicht in die Versammlung der Verkleincrer, weil sie der Herr haßt. Ich kann es nicht genau sagen, was verdammlicher sey, zu verleumden, oder den Verleumder anzuhören. Der schlimmste Fuchs ist ein heimlicher Verleumder, aber um nichts besser der feine Schmeichler. Der Weise wird sich vor diesem hüten. 209. Vernunft. Die Seele, welche wünscht, daß Christus durch den Glauben in ihrem Herzen, d. i., in ihr selbst wohne, sehe zn und hüte sich sorgfältig, daß nicht ihre Glieder untereinander uneinig seyen, nämlich die Vernunft, der Wille und das Gedächtniß. ES sey also die Vernunft ohne Irrthum, damit der Wille gut passe. Denn eine solche liebt der Wille. Auch der Wille sey ohne Bosheit, weil einen solchen die Vernunft billigt. Außerdem wenn die Seele sich selbst verurtheilt wegen Bosheit des Willens in dem, was sie durch die Vernunft gutheißt, entsteht innerer Krieg und gefährliche Zwietracht, weil einen solchen Willen die Vernunft immer verspottet, anklagt, richtet, verdammt. Deßwegen sagt der Herr im Evangelium: „Vereinge dich mit deinem Widersacher ohne Zögern, so lange du mit ihm auf.dem Wege bist, damit dich nicht der Widersacher dem Richter übergebe." So sey auch das Gedächtniß ohne Schmutz, damit keine Sünde darin bleibe, die nicht durch aufrichtige Beicht und durch würdige Früchte der Buße getilgt sey. Außerdem haßt der Wille das Gedächtniß, in dem eine Sünde verborgen ist, und die Vernunft verwünscht es. Berichte über Missionen. G e i f e n h e i m. AuS dem Rheingau, 27. Febr. Die Misston in Geisenheim wurde am 25. des Nachmittags geschlossen. Die Zahl der täglichen Zuhörer betrug an Werktagen stets 6000 bis 7000; Sonntags und beim Schlüsse der Mission steigerte sie sich auf mehr als 10,000. Das Urtheil aller Unparteiischen über dieselbe fällt übereinstimmend dahin aus, daß dieselbe etwas Erhabenes und Außerordentliches gewesen sey. Außer allem Zweifel steht es, daß diese zehn Tage, der Buße, der 79 Erbauung, Belehrung und christlichen Betrachtungen gewidmet, einen entscheidenden Einfluß auf die Kräftigung des christlichen Bewußtseyns und der Sittlichkeit haben werden. Ja es sind unS die unermeßlichen Schätze unserer heiligen Kirche, die ewigen Grundwahrheiten des Christenthumes so recht klar enthüllt und in ihrer ernsten Herrlichkeit auf das.Überzeugendste entwickelt worden. Weit entfernt, unserer berufstreuen, würdigen Geistlichkeit zu nahe treten zu wollen, muß eS doch offen zugestanden werden, daß die äußern Umstände bei der Mission, die glänzende Rednergabe der PatreS die freudige, begeisterte Theilnahme der Zuhörer, Geist und Herz für jedes Wort empfänglicher machten, als eö sonst im gewöhnlichen Alltagsleben zu geschehen pflegt. Die guten Folgen der Mission zeigen sich aber auch jetzt schon im bürgerlichen Leben. Langjährige Feindschaften sind gehoben und einer aufrichtigen Nächstenliebe gewichen; — fremdes Eigenthum wird häufig zurückgegeben und das Raisonuiren in Wirths- localen :c., es läßt nach. Ein schon erstarkler Baum sällt schwerlich auf einen Hieb und so wird der Rheingau auch jetzt noch Manches zu wünschen übrig lassen. Wird aber unsere Hoffnung, die Mission im Rheingau oft und bald wiederholt zu sehen, erfüllt, so darf man sich überzeugt halten, daß der Rheingau in moralischer und religiöser Hinsicht seinen alten Ruhm wieder erlangen wird; und ist das einmal erreicht, so wird der gütige Schöpfer und Herr auch den zeillichen Segen unS nicht vorenthalten. — Bei der ganzen Mission ist auch nicht eine einzige absichtliche, böswillige Störung vorgekommen; alle Anwesenden waren ein Herz und eine Seele. Den protestantischen und israelitischen Zuhörern begegnete man allseitig aufö zuvorkommendste, und auch sie verließen nie das Gotteshaus, ohne sichtbar von dem Gehörten ergriffen zu seyn, und der Jsraelit S. S. glaubte, im Herrn Superior wären Salomon und JesaiaS vereinigt. Einen Tadel, der die Mission von gewisser Seite trifft, darf ich jedoch nicht unerwähnt lassen. Es wurde nämlich bei den Vortrügen über die Standespflichten auf's strengste darauf gehalten, daß nur solche Persomn zugelassen wurden, die dem Stande, für den die Predigt gerade gehalten wurde, angehörten. Die Gründe für dieses Verfahren sind jedoch so einleuchtend und für Jeden, der einen klaren Kopf hat, so überzeugend, daß es eine böswillige Tadelsucht verräth, sich hierüber mißbilligend zu äußern. Möge der gütige Gott dem beendeten MissionSwerke den nachhaltigsten und reichsten Segen für Zeit und Ewigkeit schenken! (Rhein. Bl.) Mainz. Von der Nahe, 13. Febr. Ein reges Leben haben wir gegenwärtig hier; in dem kleinen Dorfe Pfasfenschwabcnheim werden im Verlaufe dieser Woche Volksmissionen gehalten, was um so bemerkenswerther ist, da der Ort selbst nur ein Filialdorf und die Kirche simultan ist. Es sind diese Missionen in der That wahre Volksmissionen, denn die Einladung zu denselben geschah lediglich durch daS Volk, das ist durch die katholischen Bewohner von Pfaffenschwabenheim, wie mir das mit Gewißheit versichert wurde, die sowohl den Herren Missionären als auch den zur Aushilfe nothwendigen Geistlichen ans der Nachbarschaft die freundlichste Aufnahme boten. Der Hochwürdigste Herr Bischof Wilhelm Emmanuel wußte aber auch ein so edleS Benehmen seiner Pfaffenschwabenheimer zu würdigen, ordnete nicht nur die Mission an, sondern kam selbst, um die Stelle des einen der Missionäre, deS Herrn Pater Werdenberg, der in Straßburg erkrankte, zu übernehmen. Nachdem an dem ersten Sonntage, theils wegen des Simultangebrauchcs der Kirche, theils auch wegen der sehr regnerischen Witterung, die Kirche nicht sehr stark besucht war, das Wetter jedoch am Montage sich schon zu bessern anfing, und am Dienstage die Erde gefroren, die Witterung am Nachmittage sehr schön geworden, der Hochwürdigste Herr Bischof auch bereits am Montage Abends angekommen war, hatten sich die Besucher der Mission schon bis zu 5000—6000 vermehrt, so daß die große ehemalige Klosterkirche, welche, wenn sie, das Chor mitgerechnet, gedrängt voll ist, gegen 80 8000 Menschen nach ihrem Flächeninhalte fassen kann, bereits so angefüllt war, daß bis zum Portale Kopf an Kopf stand. Es läßt sich leicht denken, daß cS auch hier nicht ohne Neckereien abgeht. So wurde schon Montags erzählt: zwei Personen, nicht katholisch, Mann und Frau seyen des NachtS von Räubern überfallen und jämmerlich zerschlagen worden, und daS habe Niemand Anders gethan, als — die Jesuiten, oder sie haben eS wenigstens thun lassen. Dieser Mann und diese Frau sind nun allerdings jämmerlich zerschlagen worden, aber, wie man sagt, von — ihrem eigenen Sohne, der in die Stube einbrach, der Mutter die eine Hand entzweischlug, dem Vater den Kops u. s. w. verwundete und sich dann aus dem Staube machte. Während am Dienstage über daS schändlichste Laster der gegenwärtigen Zeit und die schönste Tugend unserer deutschen Voreltern gepredigt wurde, ertönte ein gellender Pfiff in die Kirche hinein, und mehrere edle Zuhörer der Predigt bliesen fortwährend aus Tabakspfeifen dicke Rauchwolken ihren Nachbarn ins Gesicht. Auch hielt der Hochwürdigstc Bischof eine ergreifende Anrede an die in der Kirche versammelte Schuljugend der Umgegend. Heute fiel keine derartige Unart mehr vor. Möge der Erfolg dieser Misston von dem Segen Gottes eben so gekrönt werden, wie anderwärts! (Rhein. Bl.) _ Der Kirchenfurst in der Hütte der Armuth. Eineö Tages fuhr ein herrschaftlicher Wagen einen Berg in N. hinauf. Oben stand eine ärmliche Bauernhütte, ringsum gestützt, daß sie nicht zusammenstürze. Vor der Hütte spielten drei mit Lumpen bedeckte Kinder, deren Gesichter von Hunger und Entbehrung zwar gebleicht, doch in unschuldiger Freude lächelten. Der Fremde im Wagen ließ stille halten und stieg aus. Wie einst der göttliche Kinderfreund, begrüßt er freundlich die Kleinen und begehrte von ihnen in die Hütte geführt zu werden. Die Kinder, welche, wie Kinder überhaupt, bald merkten, wer sie lieb habe, faßten Zutrauen zu dem fremden Herrn und hüpften freudig vor ihm her, ins Stübchen hinein, wo der Großvater, ein blinder Greis, allein saß und die eben gesottenen Kartoffeln, seine und seiner Enkel einzige Mittagskost, bedächtig befühlte, ob sie wohl schon genießbar seyen. Mit freundlicher Stimme, die zu Herzen ging, fragte der Fremde den Alten um seine Umstände und erfuhr, daß der Greis und die übrigen Bewohner dieser Hütte sehr dürftig leben mußten. Aber wie getraut ihr euch, fragte er weiter, in dieser so baufälligen Hütte, die alle Tage einzustürzen droht, zu leben? Ach, entgegnete der Greis, es würde zwar nur 80 fl. kosten, sie wieder herzustellen; aber woher so viel Geld nehmen, da daö Essen schon so theuer zu stehen kommt? Der Fremde tröstete den Greis, ermunterte ihn zum Vertrauen auf den „Vater unser, der Du bist im Himmel" und steckte ihm ein Papier in die Hand, mit der, Mahnung, es wohl zu verwahren, bis die Eltern der Kleinen, die bei der Feldarbeit dienten, nach Hause kämen. Er ließ auch kalte Küche aus seinem Wagen hereintragen und speiste vie hungernden Kindlein und den armen Großvater. Nach der Mahlzeit, wobei sowohl der Mund der Kleinen, um die gar so guten Bissen zu verspeisen, als auch ihre Augen, um den schönen, großen, so lieben Mann mit dem blinkenden Riug am Finger zu betrachten, genug zu thun hatten, segnete dieser Groß» Vater und Enkelchen und fuhr von dannen. Abends, als die Eltern von der Arbeit heimkehrten, sprangen die Kleinen ihnen munter entgegen und plauderten, wie gut sie heut gegessen, wie ein großer, schöner, fremder Herr dagewesen, der daS Essen mitgebracht und dem Großvater habe er ein Papier gegeben; sie hätten eS aber nicht nehmen und sehen dürfen! Neugierig eilte man in die Hütte und das geheimnißvolle Papier war eine UZV fl. Banknote! Wie waren die armen Leute so glücklich und segneten den großen, schönen, fremden Herrn und seine Barmherzigkeit! Und dieser Herr? Aus der Beschreibung der Kinder und aus Nachfragen auf der nächsten Station ergab sich endlich, daß der mitleidige Vater der Armen kein Anderer war, als der hochwürdigste Cardinal Melchior. (NegenSburger Zeitung 1347.) Die Nutzanwendung können sich die Leser, vorzüglich die großen Herren, selber machen/ (Schl. K. BI.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. VcrlagS-Jnhahcr: F. C. Kremer. Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt Augsburger PostMtung. ^_._ 16. März ^ IN 1851. _ ! ____ Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsvrcis 4V kr., wofür es durch alle köm'gl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Maria, die Helferin der Christen. Ocffnc, Seele, deine Kehle, Singe von der hohen Braut, Die von fernen lichten Sternen Gnädig auf uns niederschaut! Auserwählte, Gottvermähltc, ^. Sey, Maria, uns gegrüßt! Du, o Reine, bist's alleine, Die den Himmel uns erschließt! Wend' uns Armen das Erbarme» Deines lieben Sohnes zu; Daß wir finden, los von Sünden, Bei Ihm Gnad' und Seelenruh'! Hcil'ges Wesen, auserlesen, O Maria, Königin! Himmelsgüter send' hernieder, Du, der Christen Helferin! Woll'st befeuchten und erleuchten Harter Herzen finstern Sinn Mit dem Regen und dem Segen, Deß, der Adams Fluch nahm hi». Alle Lehren, die verkehren, Zeig' in ihrem falschen Licht, Daß sich wenden die Getrennten Zu der Kirch', die Wahrheit spricht! Weib vom Range, zeig der Schlange Feindschaft zwischen Dir und ihr! Zeig die Namen zweier Samen Allen Völkern nach Gebühr! Die mit Thränen dich bekennen. Stammen von dem Sohne her, Und die Massen, die dich hassen, Hängen an dem Bösen mehr. .hulih-is!^ Seit dem Falle theilen alle Menschen sich aus diese Art: Bis zur Rechten die Gerechten Du hast vor den Sohn geschaart. Dann wird sinken auf der Linken, Der dem Feind gcdienct hat; Dann wird stehen und bestehen Du, o Frau, und deine Saat! > ^ Drum so rüste, o Gegrüßte, Dich mit uns zum harten Streit! Sieh, die Schlange macht uns bange, I^KMWWMliih^Mi^!^^ >!'.>,',? Sich, es kommen alle Frommen, Rufen flehentlich dich an; Die sich wandten, dich nicht kannten, >Ucbcrall zu dir sich nah'n!^? O der Zeiten schwere Leiden Drücken unser armes Land! Ach , wir müssen es jetzt büsscn; Unsre Sünden sind bekannt! Schon entzünden unsre Sünden Gottes Zorn zum Strafgericht; Darum stehen wir und flehen: Wend' des Zornes Angesicht! Bitt', o bitte, voll der Güte, Jungfrau, Mutter, Helferin, Zu dem Sohne deiner Wonne: Bitt' für uns, o Mittlerin! — Wo die Sünden schwer sich finden, Dringe mächtiger herab Auf die Erde, die beschwerte, Stell' ihr vor das Sündcngrab! Denn es mögen tief bewegen Deiner Sternenblicke Kraft Eitle Herzen, die nnr scherzen Mit der Sünde, die Gott straft. Doch wenn heben, voll von Leben, Deine Augensterne sich; So erflehen aus den Höhen Sie uns Hilfe mächtiglich. O so richte deine lichte Augen, wenn der Feind uns drückt, Hin zum Throne zu dem Sohne, Dann sind wir mit Sieg beglückt! — Alan Aman. 83 Hirtenbriefe deutscher Bischöfe. Vom hochwürdigsten Bischöfe von Wiirzburg. Der Herr hat die Welt erschaffen, um die unendlichen und ewigen Herrlichkeiten, die er im Innern seines göttlichen Wesens trägt, durch die Schönheit seiner Werke auch nach außen kund zu geben. Der Herr hat die Welt erschaffen, um durch die Theilnahme an diesen seinen Herrlichkeiten jedem seiner Geschöpfe jene Gluckseligkeit mitzutheilen, deren das Geschöpf nach seinem Wesen und seiner Natur fähig und empfänglich ist. Der Herr hat insbesondere den Menschen erschaffen, hat ihn mit Vernunft und Freiheit begabt, hat ihn mit übernatürlichen Gnadengaben ausgestattet, und ihn nach dem Sündenfalle im Blute Jesu Christi die Erlösung wieder finden lassen, auf daß er im Lichte der heiligen Offenbarung seinen Gott erkenne, durch Erfüllung des göttlichen Willens mit Hilfe der Gnade ihm diene und einst im ewigen Leben vollendet und selig werde. So hat also der Herr das Weltall erschaffen — Sich selbsten zur Verherrlichung und den Geschöpfen zur Glückseligkeit; er hat ein Reich unter uns Menschen gegründet, dessen wundiervoller Bau hienieden im Glauben begonnen und jenseits im Schauen vollendet werden soll. Um aber diesem seinem Reiche Grundlage, Bestand und Gestaltung zu geben, die Zustände auf Erden friedlich zu ordnen, und dem Menschen hienieden in der Zeit die Vorbereitung auf eine glückselige Ewigkeit möglich zu machen, hat der unsichtbare Gott zu seiner sichtbaren Stellvertretung die beiden Gewalten eingesetzt, die geistliche und weltliche Gewalt, die der Kirche und die des Staates. Beide stammen von Dem, der über Himmel und Erde gebietet; beide sind eben deßhalb ihrer innersten Natur nach heilig und unverletzlich; beide sind verpflichtet, sich wechselweise anzuerkennen, zu ehren und zu unterstützen; beide sind Dienerinnen deS Herrn, von oben beauftragt, jede in dem von Gott ihr angewiesenen Wirkungskreise, jede mit den Mitteln, welche der Herr ihr in die Hand gegeben, zum Heile der Völker zu wirken; beide sind beru-- fen, als Töchter desselben himmlischen VaterS in schwesterlicher Liebe sich zu vereinen, um, den ganzen Menschen umfassend, dessen zeitliches und ewiges Wohl zu fördern. So ist also der König von Gott gesetzt, hat von oben Krone und Scepter erhalten, um sie im Dienste deS Herrn der Welt und zum Heile der Völker zu tragen, und daher das Wort der Schrift (1. Petr. 2, 17): „Fürchtet Gott und ehret den König!" So ist die Kirche die Braut deS Herrn, ihr Fingerzeig weist auf die Ewigkeit, ihr Mund ist aufgethan, die Wahrheit zu lehren, ihre pricsterlichen Hände spenden den Segen der Welterlösung, und Alle, die da^ selig werden wollen, sind berufen, in dieser Kirche ihr Heil zu wirken. So sind die beiden Gewalten vom Himmel gesandt, um durch Förderung deS Menschenwohles die Ehre ihres Herrn zu mehren, unv ihre Träger sind Stellvertreter des Allerhöchsten. Geliebteste Diöcesanen! Wie schön ist die Welt, die der Herr erschaffen, wie herrlich die Ordnung, die er gegeben, wie heilig die Gewalten , die er gesetzt, und wie erhaben das Ziel, das er durch sie erreichen will! Wenn nur der Mensch immer Augen hätte, um die Wunder des Herrn zu schauen, Ohren, um auf die Stimme der Wahrheit zu merken, und ein Herz, um es ganz und ungetheilt Dem zu lassen, der in seinem Wesen unendlich gut, und so groß und wunderbar in seinen Werken ist. Um aber das richtige Verhältniß der Untergebenen zu den Vorgesetzten, wie im engern Kreise deS Familienlebens, so im großen öffentlichen Leben, im Leben der Völker herzustellen, hat der Herr daS vierte Gebot gegeben: „Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß du lange lebest auf Erden," — und hat durch dieses große Gebor vor aller Welt es ausgesprochen, daß, wie das Kind seinen Eltern, so der Diener seinem Herrn, der Unterthan seinem Fürsten, der Christ seiner Kirche, jeder Untergebene seinem Vorgesetzten in Liebe, Treue und Ehrerbietung müsse gehorsam und ergeben seyn. Würde dieses Gebot, in der Natur der Sache so tief gegründet, von der Vernunft nach seiner Wahrheit so klar erkannt, und so feierlich von Gott selbsten auf Sinai verkündet, würde, geliebteste Diöcesanen! dieses große Gebot nach dem 84 ganzen Ernste seiner Bedeutung von allen Menschen gewürdigt und heilig gehalten, zahllose Klagen, wie im Schooße der Familien, so im Bereiche deS öffentlichen Lebens müßten bald verstummen, und die Segnungen, welche der Herr an die Erfüllung dieses Gebotes geknüpft hat, sich wie in Strömen über die Welt ergießen. Aber gerade hier, Geliebteste! begegnen wir einem Gebrechen unserer Tage, dessen unglückselige Wirkungen wir nicht genug beklagen können. Denn, leider! können wir unS nicht verhelilen, daß eines der größten Uebel der Gegenwart die Mißachtung jener Pflichten, welche daö vierte Gebot auferlegt, der Mangel an jener Ehrfurcht, jenem Gehorsame und jener Liebe ist, die wir denjenigen schulden, welche Gott gesetzt hat, an unS seine Stelle zu vertreten; und während Eltern und Lehrer klagen, daß Erziehung und Unterricht mit jedem Tage schwerer werden, während die steigende Verwilderung der Jugend einen bangen Blick in die Zukunft öffnet, zieht der Geist einer neuen Weisheit, der Geist deS Unglaubens und deS Ungehorsams, von Land zu Land, um den Völkern das größte Gut, daS Kleinod deS heiligen Glaubens zu rauben, um Gewalt an der öffentlichen Ordnung zu üben, um frevelnde Hand an die von Gott gesetzten heiligen Gewalten zu legen, um, wenn es möglich wäre, die Säulen irdischer Wohlfahrt und ewigen Heiles, den Thron wie den Altar zu stürzen. Zwar sind die trüberen Tage der jüngsten Vergangenheit, Dank dem Herrn! vorübergegangen, die Wetterwolken haben sich zertheilt und sind zum Theile dahingezogen, ein mehr freundlicher Sonneublick scheint eine friedlichere Zukunft zu verheißen, und daß der Herr der Allmacht und der Liebe unS den heiligen Frieden geben und in seiner Gnade erhalten wolle, — wir heben die Hände und beten zu Ihm. Der böse Geist der Zeit aber hört darum nicht auf, seine verbrecherischen Plane zu verfolgen; ist eS ihm unmöglich geworden, am offenen Tage zu wirken, so ist seine Hand im Finstern thätig; während die Leute schliefen, sagt daö Evangelium (Matth. 13, 25), kam der Feind, und säete Unkraut unter den Waizen, und wenn daö heilige Wort Jesu Christi: „Wachet und betet, auf daß ihr nicht in Versuchung fallet" (Matth. 26, 41) zu allen Zeiten seine ernste Bedeutung hat, doppelt ernst erschallt eS jetzt, wo der Gang der Zeit die Geister prüft, und der Herr, um seine Tenne zu reinigen, die Wnrfschaufel in Händen trägt, um die Spreu vom Waizen zu sondern. In diesen Tagen der Prüfung, in so schwerer, verhängnißvoller Zeit — waS sollt, was werdet da Ihr thun, (Beliebteste! Werdet ihr zur Rechten oder zur Linken gehen, den engen Weg, der zum Himmel führt, oder die breite Straße des Verderbens betreten? Folget nicht dem Geiste dieser Welt; sein Ursprung ist nicht auS Gott, sein Streben auf den Herrn der Ewigkeit nicht gerichtet, er ist der Sohn der Finsterniß, und daS Ende, daS er seinen Jüngern bereitet, ist Verderben, Tod und ewiger Untergang. Ihr aber seyd Schüler Jesu Cbristi, Kinder der heiligen katholischen Kirche, ihr habt daS süße Joch, die Religion der Demuth, deS Gehorsams, der Selvstverläugnung auf eure Schultern genommen, ihr müßt den Herrn in seinen Gesalbten ehren. Seyd darum treu eurem Könige, nicht auS Furcht oder Zwang, sondern um des Gewissens willen, in Liebe, Ehrerbietung und Gehorsam; — so verlangt eS Gottes heiliges Wort, so ist eS der Wille deS Allerhöchsten. Denn so spricht Gott schon im alten Bunde (Sprichw. 8, l5. 16): „Durch mich regieren die Könige, und beschließen das Rechte die Geber der Gesetze." Und das Buch der Weisheit (6, 4) sagt: „Von Gott ist euch, o Könige! die Macht gegeben, und die Gewalt vom Allerhöchsten." Der heilige Paulus aber lehrt (Röm. 13, 1. 2): „Ein jeder unterwerfe sich den obrigkeitlichen Gewalten, denn eS gibt keine Gewalt, außer von Gott; die aber da sind, die sind von Gott geordnet. Wer also der Obrigkeit widerstrebt, der widerstrebt der Anordnung Gottes, diejenigen aber, die ihr widerstreben, ziehen sich die Verdammniß zu." In seinem Briefe an seinen Schüler TituS (3, 1) schreibt er: „Ermähne sie (die Christen), daß sie den Fürsten und Machthabern unter- 85 than, ihrem Worte gehorsam, und zu jedem guten Werke bereit seyen." Und an seinen Schüler TimotheuS läßt er (1. Tim. 2, 1—3) das ernste Wort ergehen: „Vor allen Dingen ermähne ich nun, daß Bitten, Gebete, Fürbitten und Danksagungen geschehen für alle Menschen, für die Könige und alle Obrigkeiten, aus daß wir ein stilles und ruhiges Leben führen in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit. Denn dieß ist gut, und Gott unsern Heilande wohlgefällig." Ja, der Heiland selbst gibt unS das große Gebot (Matth. 22, 21): „Gebt dem Kaiser, was deS Kaisers ist, und Gott, was GotteS ist." Wie eS nun der katholischen Kirche durch den Beistand des heiligen Geistes gegeben ist, das gesammte Erbgut der göttlichen Offenbarungslehre unverfälscht zu bewahren, um es, vom Irrthume unberührt, zum Gemeingute aller Menschen zu machen, so hat sie auch dieses Gebot zu allen Zeiten rein erhalten. Seit achtzehn hundert Jahren verkündet sie den Gläubigen das Wort des Herrn: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist." Seit achtzehnhundert Jahren läßt sie die Mahnung des heiligen Petrus (1. Peir. 2, 17) immer von Neuem erschallen: „Fürchtet Gott! ehret den König!" Und so lange Petrus in seinen Nachfolgern die Heerde Jesu Christi weiden wird, — bis hin anö Ende der Zeiten — wie eS bisher gewesen, so wird es auch fortan daS unausgesetzte Bemühen der heil. Kirche GotteS seyn, durch Verbreitung deS heiligen Glaubens und durch Förderung christlichen Lebens mit der Furcht deS Herrn auch die Ehrfurcht gegen dessen Slell- Vertreter in die Herzen der Völker einzupflanzen, und eben dadurch, daß sie die Seelen für den Himmel bildet, auch dem Fürsten treue Unterthanen, dem Staate gute Bürger zu erziehen. Soll aber die Treue, die Ehrerbietung und die Liebe, welche der Unterthan seinem Fürsten schuldet, fest und unerschütterlich seyn, soll sie Werth vor Gott haben, und auf den Namen und Adel einer christlichen Tugend Anspruch machen können, so muß sie nothwendig in Gott, und eben darum in der Kirche wurzeln. ES gibt eben keine wahre Tugend, die nicht aus Gott geboren ist, und daS Gebäude christlicher Gerechtigkeit steht nimmer fest, wenn eS nicht auf dem Felsen der Kirche ruht. Seyd darum treu unserer heiligen katholischen Kirche! Dieß ist die inständige Ermahnung, die Wir, geliebteste Diöcesanen! aus der Tiefe des Herzens an euch richten. Seyd treu der heiligen Kirche, die sich der Weltheiland zur Braut erwählt, seyd treu der jungfräulichen Mutter, die uns für Gott geboren hat; seyd treu der heiligen Führerin, die uns die Hand reicht, um durch die Jrrsale des ErdenlebenS an den Klippen des Irrthums und der Sünde vorüber uns glücklich in den Himmel zu geleiten. „Wer euch hört", spricht der Herr zu seinen Jüngern (Luc. 10, 16), «der hört mich , und wer euch verachtet, der verachtet mich; wer aber mich verachtet, der verachtet Den, der mich gesandt hat." Und an einer andern Stelle (Matth. 13, 17): „Wer die Kirche nicht hört, der sey dir wie ein Heide und Zöllner." Und ein heiliger Kirchenvater sagt: „Der hat Gott nicht zum Vater, der die Kirche nicht zur Mutter hat." Im Schooße der Kirche sprudelt eben jener Quell, welcher Licht und Wahrheit ist, der Quell der heiligen Offenbarung, und alle Welt ist eingeladen, daS Licht zu schauen, die Wahrheit zu vernehmen, die Großthaten GotteS kennen zu lernen und zu bewundern, und den Allbarmherzigen anzubeten, der so viel für unser Heil gethan. In ihrem Schooße ergießt sich der Strom der lebendigen Wasser, die ins ewige Leben hiyüber fließen, und Alle, die nach Gott dürsten, sollen von diesen Wassern trinken, und gesund und heilig und selig werden. Wie fest aber die heilige Kirche Gottes steht, wer, der Augen hat, zu sehen, darf sagen, daS er dieses nicht klar und deutlich erkenne? Die Gedanken der Sterblichen sind veränderlich, die Meinungen der Menschen wechseln mit dem Tage, Irrlehren in tausend Gestalten sind in der Zeit entstanden und mit der Zeit vorübergegangen; aber die Kirche ändert ihre Lehre nicht, und kann und darf ihre Lehre nicht ändern, weil sie die Kirche deS ewigen und unveränderlichen GotteS ist; die Kirche ist sich immer gleich, sie lehrt immer und zu allen Zeiten daS eine und dasselbe Wort 86 des Herrn, und der Heiland Jesus Christus spricht: „Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen" (Match, 24, 35). Während die Welt im Argen liegt, Sünden auf Sünden, Laster auf Laster häuft, und der Zorn der Hölle sich ergießt, um gegen den Herrn unsern Gott zu streiten, predigt die heil, katholische Kirche in immer gleicher Weise Tugend und Gerechtigkeit, und ähnlich dem guten Hirten, der in die Wüste gegangen ist, um das Verlorne Lamm aufzusuchen, geht auch sie mit jedem Tage aus, um nach ihrer göttlichen Sendung und mit Gewalten, die sie von oben empfangen hat, die Krankheiten der Seelen zn heilen, die Gefallenen aufzurichten, die Sünder zu Gott zurückzuführen, und den Gerechten das Brod des Lebens zu reichen. Während die Welt, besonders in unsern Tagen, wie in Gähruug begriffen ist, die Zustände der Gegenwart nach so vielen Seiten hin in Frage stehen, die Grundpfeiler der öffentlichen Ordnung erschüttert sind, und die menschliche Weisheit sich selbsten fragt, wie es möglich werden möge, die zerrissenen Verhältnisse zn lösen, eine neue Ordnung der Dinge herzustellen, und der Welt einen dauernden Frieden zu sichern; steht die Kirche ruhig da, wie unberührt von den Stürmen der Zeit, verkündet immer dieselbe Lehre, spendet zu allen Zeiten dieselben heiligen Sacramentc, bringt mit jedem Tage dasselbe Opfer der Welterlösung dar, und'wird im heiligen Geiste von einem geweihten Priesterthuine unter einem gemeinsamen Oberhaupte, dem Papste, dem allgemeinen Vater der Christenheit geleitet. Wie herrlich ist doch dieser Bau der Kirche! Die Weisheit des Herrn hat den Plan entworfen, die Allmacht das Werk aufgeführt, und die Gnade und die Liebe hier Wohnung genommen, um von hier auS die Welt zu erlösen. Wäre diese heilige Kirche von allen Menschen in ihrem Lichte erkannt und in ihrer Liebe verstanden, aller Zwiespalt müßte bald von selbst sich heben, und das Räthsel des Friedens wäre gelöst. Wie fest diese Kirche steht, einen hell leuchtenden Beweis hiefür liefert uns die Kirchengeschichte der «jüngst vergangenen Zeit. Zwei Jahre nämlich sind eS bereits und darüber, daß der heilige Vater Papst Pius IX., der große und edle Dulder, um drohenden Gefahren zu entgehen, Rom und den Kirchenstaat verlassen und im Königreiche Neapel zu Cajeta und Portici seine Wohnung genommen hat. Der weltliche Thron deS heiligen Vaters schien zu wanken, aber das Papstthum, der Stuhl deö heiligen Petrus, das vom Herrn gesetzte oberste Hirtcnamt deS Stellvertreters Jesu Christi auf Erden wankte nicht. Wo immer der heilige Vater weilen mag, seine geistliche Gewall umschlingt den Erdkreis und überall findet ihn die Liebe, die Treue, die Ehrerbietung, die Ergebenheit und der Gehorsam seiner Kinder wieder. Zwar war die Prüfung hart und schwer, aber dem Herrn gefiel es, sie zuzulassen. Wir weinten Thränen kindlichen Schmerzes, aber verzagen konnten und durften wir nicht. Wir rangen im Gebete unsere Hände, aber wir wußten auch, daß wir sicher Erhörung finden mußten. Denn so geben die Wege des Herrn — durch Kreuz zum Heile. Er läßt die Winde wehen und die Stürme brausen zur Prüfung und Läuterung seiner Kirche, aber er spricht auch zur rechten Stunde: Bis Hieher und nicht weiter. Er läßt die Fluthen steigen und die Wetterwolken sich ergießen, um nach jeder Trübsal, die sie bestanden hat, seiner Kirche neue Glorie zu verleihen. Und so ist auch unter dem Schntze des Allerhöchsten der heilige Vater zurückgekehrt, um wieder von Rom aus die Kirche Gottes zu leiten; er weilt wieder an der geweihten Stätte, wo die irdischen Ueberreste der heiligen Apostelfürsten Petrus und Paulus und so vieler Tausende anderer Heiligen dem Tage der Auferstehung entgegenschlummern; die Hand deS Herrn hat sich gezeigt, der Glaube neuen Schwung empfangen, wir preisen unS doppelt glücklich, Kinder der Kirche zu seyn, und im Hochgefühle unseres GlückeS rufen wir mit neuer Begeisterung: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen." Im Dienste dieser unserer heiligen Kirche habt ihr, Geliebteste! vor nicht langer Zeit auch die Oberhirten der BiSthümer im Königreiche Bayern versammelt gesehen. Ihr kennt nämlich selbst die Gebrechen der Zeit, die Verderbnisse unserer Tage. Ihr 87 wißt, wie Glaube und Gottesfurcht zerfällt, wie frommer, kirchlicher Sinn, Zucht und gute Sitte immer mehr verschwindet, wie das zunehmende Vergessen auf die Erfüllung deS vierten Gebotes nicht nur das Familienleben, sondern selbst die öffentliche Ordnung bedroht, und wie ein neues Heidenthum seine Apostel sendet, um daS Wort vom Kreuze zu lästern, den Glauben an unsern Herrn und Golt, und hiemit die Ehrfurcht und den Gehorsam gegen dessen Stellvertreter den Herzen zu entwinden, ein neueS Evangelium, das des Fleisches, der Welt zu verkünden, und so nicht bloß der öffentlichen Ordnung Gefahr zu bringen, sondern auch unsterbliche Seelen auf ewig zu verderben. Tief bekümmert über die Wehen einer solchen Zeit und über den Untergang so vieler Seelen, und vom Streben beseelt, den schweren Pflichten zu genügen, die das Oberhirtenamt auferlegt, sind also die Bischöfe Bayerns am Grabe des heil. Corbinian in der Stadt Freysing zusammen getreten, um dort in stiller Zurückgezogenheit vor dem Angesichte GotteS zu erwägen, was da Alles geschehen könne, um den Glauben und die Gottesfurcht wieder anzufachen, den Geist der Frömmigkeit neu zu beleben, bessere Zucht und christliche Sitte einzuführen, das schwer verletzte vierte Gebot zum Segen der Menschheit in bessere Uebung und Geltung zu bringen, den Geist des Gehorsams, der Liebe und Ehrerbietung gegen Eltern, Lehrer und Vorgesetzte in den Gemüthern mehr anzuregen und zu fördern, den Schmuck des Hauses des Herrn, die Feier des öffentlichen Gottesdienstes, die Heilighaltung der Sonn- und Festtage zu heben und zu sichern, kurz, sie sind zusammengetreten, um zu erwägen, was da Alles geschehen könne und ihrerseits geschehen müsse, um zur Heilung der Wunden Israels in diesem Thale des großen Weinberges des Herrn das Mögliche nach Kräften beizutragen. Und sie haben reif und vor Gott erwogen, wohl wissend, daß eS eben so dem Staate wie der Kirche frommt, wenn Glaube, Gottesfurcht und christliches Leben unter den Völkern gefördert wird; sie haben reif und vor Gott erwogen, haben hiernach ihre Entschließungen gefaßt, und nun ist es an euch, Ge- liebteste! den Vater der Erbarmungen anzuflehen, daß er diesen ihren Entschließungen seinen heiligen Segen geben wolle. Möge aber auch der heilige Corbiuian, an dessen Grab die Oberhirten versammelt waren, mögen die Schutzheiligen der ihnen unvertrauten Diöcesen, mögen alle Auserwählten, möge insbesondere unsere Mutter, die allerseligste Jungfrau Maria, Fürbitte am Throne Gottes niederlegen. Geliebteste Diöcesanen! Die herannahende Fastenzeit hat die Gelegenheit unS dargeboten, diese oberhirtliche Ermahnung an euch zu richten: Seyd treu eurem Könige, treu der heiligen Kirche GotteS, suchet den Herrn in seinen Gesalbten zu ehren, und im Gehorsame gegen die heiligen Gewalten, die Gott gesetzt, selig zu werden. Wir haben aber noch ein anderes Wort der Ermahnung an euch: Betet nämlich alle Tage, betet besonders in dieser heiligen Zeit, in welcher die Kirche länger als zu andern Zeiten im Gebete verweilt, um die Erbarmungen GotteS herabzurufen, betet in der Inbrunst des Herzens für Alle, welche der Allerhöchste ausersehen, seine Stelle ans Erden zu vertreten. Vetet für den heiligen Vater, Papst PinS IX., der Arm der Allmacht möge seine Stärke seyn, und die Anstrengungen und Gebete segnen, womit er alle Welt möchte selig machen. Betet für unsern allergnä- digsten König Maximilian, die Hand des Herrn möge schirmend und schützend über der Krone walten, die Regentensorgen segnen und erleichtern, und die Reichthümer aller Gnaden über das ganze königliche Haus und das gesammte Vaterland sich ergießen lassen. Betet für euern Oberhirten, ja für alle Bischöfe der katholischen Welt, daß sie, dem Beispiele der heiligen Apostel folgend, nur «Eines im Auge habe -— GotteS Ehre und euer Seelenheil. Betet für alle Vorgesetzte, daß sie, jeder in seinem Kreise, die Stelle Gottes würdig vertreten, daS anvertraute Amt treu verwalten, und am Tage der Rechenschaft bestehen mögen. Betet endlich für alle Menschen, Vorgesetzte und Untergebene, daß sie alle in der Furcht des Herrn wandeln, in heiliger Liebe einander entgegen kommen, und durch vollkommene Unterwerfung unter den Willen des Allerhöchsten die Krone des Lebens zu erstreben suchen. Opfert auch in diesem Sinne in der herannahenden heiligen Zeit ener Fasten und eure Buße auf, 88 gedenket mit Gott euch wahrhaft zu versöhnen, und tretet, gereinigt von aller Sünde, zum Tische des Herrn, um würdig daS Brod des Lebens zu essen, und dann in neuer Kraft eure Gebete auSzugießen. So wandelt, Geliebteste! durch die Erdenthale, gestärkt durch Fasten und Gebet und durch würdigen Empfang der heiligen Sacra- mente; wandelt in der Furcht des Herrn, im Gehorsame gegen seine Gesalbten, in der Uebung aller Tugend und Gerechtigkeit; — bis die Wallfahrt auf Erden vollendet und die Krone des Lebens erstritten ist, und wir glücklich dort anlangen werden, wo der Fürst seine Krone am Throne GotteS niederlegt, wie das Oberhaupt der Kirche den Hirtenstab, wo dann alle Auserwählten in der Gemeinschaft deS LebenS, der Liebe und der Seligkeit Einem dienen, und über Alle Einer herrscht, — der König der Könige, der oberste der Hirten, Jesus Christus, unser Herr und Gott. Und daß ihr glücklich dahin gelangen möget, Wir beten für euch, Geliebteste! heben Unsere Hände zu Gott, und ertheilen euch ven oberhirtlichen Segen im Namen deS Vaters und deS Sohnes und des heiligen Geistes. Amen. Gegeben zu Würzburg, den 1. Februar 1851. t Georg Anton, Bischof von Würzburg. Berichte über Missionen. Aus dem Sauer lande (in Westfalen) wird der D. V.-H. Ende Februars berichtet: „Der große Meister, welcher vor achtzehn Jahrhunderten so bedeutungsvoll gesprochen: „Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern daS Schwert!" ist auch in unsre Berge eingezogen, die „Wurfschaufel in der Hand, um den Waizen von der Spreu zu sondern"; die heilige Mission hat mit dem 19. d. M. in Atten- dorf begonnen und wird darnach in Wenden, Neheim und noch andern meist bedeutenderen Städten und Landgemeinden deS SauerlandeS abgehalten werden. Zwar sind unsere Missionäre nicht Jesuiten, die anderwärts ihre alt- und neubekannte Virtuosität auch auf diesem Felde des Wirkens so wunderbar bekunden, und die der liebe Herrgott für ihre frühere unverdiente Erniedrigung jetzt erhöhen zu wollen scheint, sondern ein einfacher Weltpriester nebst zwei Söhnen von der Armuth deS heiligen FrauciscuS. Wer aber dieseu Männern Kraft und Salbung, wie sie ein so hoher Beruf erfordert, absprechen will, der hat sie entweder noch nie gehört und ihr Wirken beobachtet, — und dann möge er kommen und hören und sehen und verstummen, — oder er ist ein geschworener Feind alles wahren Guten. DaS Verlangen unserer Bergbewohner nach der heiligen Mission ist so allgemein, daß eS schwerlich schon in diesem und dem folgenden Jahre ganz wird befriedigt werden können. Wahrlich ein schönes Zeichen vom geistig-religiösen Standpuncte unseres Volkes! Ich habe immer eine Versuchung zum Stolze in mir verspürt, so oft ich die Bewohner des westfäli- schen SauerlandeS mit den Tirolern, diesen wackern Söhnen der Mutter Natur und der edlern Mutter Kirche, vergleiche» hörte, und habe trotz aller politisch-religiösen Wühlereien der Jahre 1843 und 1849 den Glauben an den gesunden und tief religiösen Sinn derselbe» festgehalten. Und heute haben wir die Bestätigung. Wohl dem Volke, welches nach der heiligen Mission schmachtet!" Kurze Nachrichten. In Trier haben ein Protest. Professor am Gymnasium zu Halle, und ein Protest. Pfarrer convertirt, und beide fiudiren nun Theologie. In Baden mindert sich die Zahl der kath. Priester immer mehr. Nach dem dießjährigen erzbischöfl. Directorium übersteigt die Zahl der Verstorbenen die der Neugeweihten schon wieder um das Zweifache. Am Ende bleibt noch der Erzbischos, wenn eS so fort geht, allein in seinem Sprengel übrig. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. C. Krem er. Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Aygsburger poiiMung. 23. März 12. ^851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsprcis kr., wofür es durch alle königl. baycr. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Hirtenbriefe deutscher Bischöfe. Vom hochwürdigsten Bischöfe von Trier. „Mit Deiner immer wachenden Güte sey Du, o Herr, der treue Hüter Deiner Familie, damit sie, weil sich ihre Hoffnung auf Deine himmlische Gnade allein stützet, nun auch unter Deinem Schutze stete Sicherheit finde!" Also flehet die heilige Kirche an dem heutigen Tage zu Gott um Schutz und Erbarmen für die ganze große Familie der Gläubigen hienieden und dieses ihr Gebet selbst ist eine ernste Mahnung au jede einzelne Familie, sich täglich dem Schutze Gottes zu empfehlen, und einzig von Seiner Gnade und von Seinem Segen alles Glück oeS Lebeus zu erwarte». Und wahrlich, es thut Noth in unsern Tagen, auf diese Mahnung der Kirche zu horchen, wo die gegründetsten Klagen immer lauter und allgemeiner sich vernehmen lassen. Woher die traurige Zerrüttung des Hauswesens, der Verfall so vieler Familien, die Klagen über unglücklichen Ehestand, über mißrathene Kinder, über Noth und Elend aller Art, über täglichen Unfrieden im Hause? Das Alles rührt zum großen Theile daher, daß man deS Herrn, seines Gottes vergessen, daß man den lebendigen Glauben an Ihn und den Gehorsam gegen Seinen heiligen Willen verlassen hat. Denn nur durch Gottesfurcht kann eine christliche Familie eine glückliche und gesegnete werden und bleiben; sie allein lehrt die Eheleute in Liebe und Treue leben und sich wechselseitig heiligen; sie auch allein gibt Weisheit und Kraft, die Kinder recht zu erziehen, der Familie vorzustehen und alles Widerwärtige in diesem Leben standhaft und gottvertraucnd zu ertragen. Treffend entwirft ein Schriftsteller der ersten Jahrhunderte das Bild einer solchen christlichen Ehe und Haushaltung: „Zwei Gläubige, verbunden zu einer Hoffnung, zu gleichem Dienste. Sie sind in Wahrheit zwei in einem Fleische, ein Leib und ein Geist. Gemeinschaftlich ist ihr Gebet, gemeinschaftlich ihr Fasten; sie belehren, ermähnen und unterstützen sich wechselseitig. Miteinander sind sie in der Kirche Gottes, miteinander am Tische des Herrn, vereint in Nöthen, in Leid und Freude. Sie verhehlen einander nichts, und keiner ist dem Andern beschwerlich. Frei besuchen sie die Kranken, Pflegen die Armen, geben Almosen ohne Zwang. Ohne Zwang besuchen sie das heilige Opfer, üben die tägliche Andacht ohne Hinderniß und oft bezeichnen sie sich mit dem Kreuze und unter ihnen verstummt das Tischgebet nicht; wetteifernd singen sie Psalmen und Lobgesänge. Solches schauet und höret Christus und freuet sich; solchen sendet Er Seinen Geist. Wo Zwei sind,.da ist auch Er, und wo Er ist, da ist nicht der Arge" (IsrtuII. 1. 2. sä uxor.). Das ist die heilige Lebens- und Liebesgemeinschaft in Christo, durch die Religion geläutert und geheiligt, getragen von gegenseitiger Achtung, Treue und milder Nachficht, und darum dauerhaft und wohlgefällig vor Gott. » 90 Der Mann ist deS Haupt des Weibes, wie Christus das Haupt Seiner Kirche ist, die Er geliebt und für die Er Sich hingegeben hat, um sie zu heiligen. Und wie die Kirche Christo unterworfen ist, so auch ist das Weib dem Manne unterlhänig, wie dem Herrn (Ephes. 5, 32—26). Der Hausvater ist Christi Stellvertreter in der Familie und sein Wahlspruch ist mit dem Gerechten des alten Bundes: „Ich und meine Söhne und meine Brüder, wir wollen dem Gesetze unserer Väter gehorchen." (1. Macchab. 2, 19). Mitten unter dem Götzendienste der Eitelkeit, der Habsucht und der Weltlust, der in so vielen Familien die wahre Gottesverehrung nicht aufkommen läßt, pflanzt «r die Fahne Jesu Christi auf, zu welcher er geschworen, und bekennt Ihn laut vor den Menschen, und betrachtet sich als Hüter und Wächter unsterblicher Seelen, die er für Christus und für daS ewige Leben heranzuziehen und zu bewahren hat. Und in gleichem Geiste wirkt im Innern des Hauses die Mutter in Liebe und Sorgfalt, mit ganzer Seele hält sie ihren hohen Beruf erfaßt, durch Milde und Ernst die zarten Herzen ihrer Kinder zu bilden und sie vor Allem zur Gottseligkeit anzuleiten. Wie jede Kunst frühe gelernt werden muß, so besonders die höchste Kunst und Wissenschaft, fromm zu leben und selig zu sterben. Darum empfängt das Kind aus dem Munde der Mutter die ersten Eindrücke der göttlichen Lehre; auf ihrem Schooße lernt es schon den Vater im Himmel kennen und den Er gesandt hat, Jesum Christum, und mit stammelnder Zunge Seinen hochheiligen Namen anrufen. Und diese religiösen Eindrücke prägen sich meist für daö ganze Leben unauslöschlich dem kindlichen Herzen ein. So konnte der heilige Augustin, den seine Mutter frühe mit dem Kreuze bezeichnet und den Namen Jesus aussprechen gelehrt hatte, später lange Zeit keinen Geschmack an heidnischen Schriften finden, weil dieser Name nicht darin vorkam. Und ein frommer und gelehrter Mann unseres Jahrhunderts spricht im hohen Alter noch voll Dank und Rührung: „Ewig bleib' ich Dein Schuldner, geliebte Mutter! So oft mir Dein Blick, Deine Gebehrde, Dein stilles Wandeln vor Gott, Dein Leiden, Dein Schweigen, Dein Geben und Arbeiten, Deine segnende Hand, Dein stilles, stetes Gebet vor Augen trat, von den frühesten Jahren an ward das ewige Leben, das Gefühl der Religion mir gleichsam neu eingeboren, und dieses Gefühl konnte nachher kein Begriff, kein Zweifel, kein Reiz, kein entgegengesetztes Beispiel, kein Leiden, kein Druck, selbst keine Sünde todten. (Sailer.) Der Mutter erste Sorge ist, dasz die Kinder Gott recht erkennen, recht lieben lernen, und da sie selbst mit aller Lehre und Ermahnung uicht ausreicht, so übergibt sie dieselben frühe in die mütterliche Hand der Kirche, damit sie am Busen dieser heiligen Mutter zur Frömmigkeit herangebildet werden und auf dem Pfade des Glaubens ihre wankenden Schritte befestigen. Ist eS doch die Kirche, welche von Oben den Geist der Weisheit empfangen hat, zur Erleuchtung und wahren Bildung des Menschengeschlechts. Unsere Mutter, die Kirche, hat Milch sür die Kleinen und kräftigere Speise für die Starken. Sie führt die einen an der Hand, die andern trägt sie liebevoll auf den Armen, und für Alle hat sie heilsame Zucht und Lehre, Milde und Ernst, Ermahnung, Beispiel und Trost. Groß und heilig ist das Werk der Erziehung, und eS kann nur gelingen, wenn das HauS, die Kirche und die Schule in voller Eintracht daran arbeiten. Keine Menschcnweisheit wird ausreichen, wenn nicht Religion und Gottesfurcht mit den Kindern aufwächst und groß wird lind sie durch das Leben begleitet. Erziehet eure Kinder in der Lehre und Zucht des Herrn (Ephes. 4, 6), mahnt ernstlich der Apostel- Alles andere Wissen ohne die Wissenschaft des ewigen Heils ist wie Spreu zu achten, und darum werden gotteSfürchtige Eltern vor Allem gewissenhaft darauf sehen, daß ihre Kinder den nothwendigen Unterricht in dem Höchsten und Wichtigsten, in der Lehre des Herrn nicht versäumen, welche allein den Weg zur Wahrheit, zum Frieden und zur ewigen Seligkeit- zeigen kann. Mit der Lehre aber verbinden sie auch die Zucht des Herrn, die den Geist des Kindes zur Demuth und seinen Willen zum Gehorsam bildet, seine schlimmen Ange- » 91 Wohnungen zügclt, seine Leidenschaften und Begierden beherrschen lehrt und dasselbe von jedem Unrechte und jeder Lieblosigkeit und von allem Unanständigen fern hält. Die Gottesfurcht ist für die Eltern selbst die Quelle wahrer Erziehungsrveisc. — Aus ihr müssen sie schöpfen die rechte Anwendung von Milde und Ernst, das rechte Maaß im Lehren und Strafen, die rechte Geduld und Mäßigung, die rechte Wachsamkeit und die nothwendige Abwehr des gefährlichen Umgangs uuv der mannigfachen Fallstricke der Verführung und des Verderbens, das im Finstern schleicht. Die Gottesfurcht allein auch lehrt die Eltern einsehen, wie keine Erziehung gedeihen kann, wie alles Lebren und Ermähnen, alles Hüten und Wachen vergeblich ist, wenn nicht die Eltern durch das eigene Beispiel, welches stärker und mächtiger als alle Worte wirkt, den Kindern ein leuchtendes Vorbild sind der Frömmigkeit und des treuen Wandels vor Gott. Betrachtet nur eine solche christliche Familie in ihrem häuslichen Leben. Da ist vas Haus eine Kirche, wo Gottes Wort hoch in Ehren gehalten wird, als das Licht auf dem dunkeln Lebenswege, als das Brod des Lebens, als fester Stab und mächtiger Schild in Noth und Versuchung. Es ist ein solches Haus eine Kirche, worin viel gebetet wird, worin die geringste Gabe alle Glieder der Familie zum Danke gegen Den vereint, Dessen Gnade wir unausgesetzt bedürfen, und ohne welche wir nichts für unser ewiges Heil zu thun im Stande sind, ja ohne welche selbst unsere Mühen und Arbeiten für dieses Leben nicht gedeihen können. Durch Gebet wird in einer solchen Familie die Arbeit geheiligt und wird zum Gottesdienste, indem Jeder freudig und im Hinblicke auf Gott seine Berufspflicht erfüllt, wohl wissend, daß es Keinem in Gottes großer Haushaltung gestattet ist, müßig zu gehen, und daß, wer nicht arbeiten will, auch nicht zu esse» verdient. Aber über den Sorgen und den Arbeiten für das tägliche Brod und inmitten der pflichtgemäßen zeitlichen Geschäfte wird nimmer das erste und wichtigste aller Geschäfte vergessen: Suchet zuerst d,as Reich GotteS und seine Gerechtigkeit! (Matthäus 6, 33.) Und wo vor Allem nach dem Reiche Gottes und nicht vorerst nach den Gütern viescr Welt gestrebt wird, da schlägt, selbst bei geringem zeitlichen Segen, Ruhe und Zufriedenheit ihre» Sitz auf; denn ein sicherer Schatz ist da für immer geborgen — Gottseligkeit mit Genügsamkeit (1. Timoth. 6, 6). Und mit diesem himmlischen Schatze ist noch ein anderes unbeschreiblich großes Gut unzertrennlich verbunden, nämlich vas christliche Mitleid und die Barmherzigkeit mit den Armen und Bedrängten. Der Arme hilft dem Armen am liebsten, und was in großen und reichen Häusern oft nicht gefunden wird, das findet sich in einer armen Hütte — zwei Schwestern, die eine heißt: Gebet, die andere: Es wird Euch gegeben (Luc. 6, 38). Unter solchem Beispiel nun blühen die Kinder heran in Unschuld und Frieden Gottes, und die heiligen Engel halten Wache über sie. Und wer sie sieht in dem Tempel, am Tische des Herrn, geziert mit heiterer Jugeudschöne, geschmückt mit Bescheidenheit und Schamhaftigkeit, der preiset Gott und fühlt sich gedrungen, auszurufen: Wie schön ist ein keusches Geschlecht, unsterblich ist sein Andenken. Bei Gott und den Menschen ist es geehrt (Weish. 4, 1). Wahrlich, diese Jünglinge, diese Jungfrauen sind durch Gehorsam und Treue der Eltern Trost und Freude, sie sind im Alter durch Liebe und Dankbarkeit ihre Stütze. Und was der Priester beim Brautsegen den Eltern verkündet, das hat sich durch GotteS Gnade und Erbarmung erfüllet: Siehe, also wird der Mann gesegnet, der den Herrn fürchtet! Die Arbeit deiner Hände wirst du genießen; selig bist du und glücklich. Deine Kinder sind wie Oel- bäumchen um deinen Tisch her. Gott segne dich von Sion aus und lasse dich schauen Jerusalems Heil alle Tage deines Lebens! (Ps. 127.) . An dem gottseligen Beispiele einer solchen christlichen Familie erbauen sich Alle, die mit derselben in Berührung kommen; eS ist ein leuchtendes und erwärmendes Licht sür alle Hausgenossen. In solcher Umgebung finden wir heilige Dienstboten, die GotteS Segen herbeiführen und bewahren helfen. Denn nicht nur wird bei der Wahl derselben auf die Tugend, als aus die vorzüglichste Eigenschaft eines guten Dienstboten, 92 die erste Rücksicht genommen, sondern sie gelten auch in der Familie als Miterlösetc, als Brüder und Schwestern in Christo und sind geachtet und geliebt von allen Gliedern der Familie; nicht nur wird Sorge getragen für gerechte und dillige Behandlung derselben in zeitlichen Dingen, sondern sie finden auch an dem Hausherrn einen Vater, der für ihr ewiges Heil wachet nnd sorget, und an der Hausfrau eine Mutter, die liebevoll in jeder Noth und Gefahr ihnen hilfreich zur Seite steht. Darum dienen sie auch gern und gehorchen mit aufrichtigem Herzen in Christo, nicht etwa bloß als Augendiener, um den Menschen zu gefallen, sondern als Diener Christi, die den Willen Gottes von Herzen thun, wohl wissend, daß Jeder sür daS Gute, das er thut, vom Herrn belohnt wird (Koloss. 3, 22—26). Man darf aber ja nicht wähnen, eö müsse eine so durch Religion und Gottesfurcht beglückte Familie ohne häusliches Leiden und Kreuz seyn. Mit dem menschlichen Leben und mit dem christlichen vor Allem sind harte Prüfungen und Leideu unzertrennlich verbunden; doch im vertrauenden Aufblicke zu Gott, der sie auf diesem Wege läutern und für den Himmel vorbereiten will, erträgt die christliche Familie Alles in Liebe und Geduld, und beflissen, die Einigkeit deS Geistes zu erhalten durch daS Band des Friedens (Koloss. 3, 12—13). Eben die gottesfürchtigcn Familien werden oft besonders schwer vom Herrn heimgesucht; denn also pflegt der himmlische Vater die Gerechten durch Leiden zu prüfen, zu reinigen, in der Tugend zu befestigen nnv zur Vollkommenheit zu führen, wie wir eS in dem Hause des frommen Dulders Hiob und deS gerechten Tobias sehen. ES kommt Armuth und schwere Sorge für daS Auskommen, aber der Gerechte hat mit Pauluö gelernt, sich mit dem, was er hat, zu begnügen, und weiß sich in Demüthigung und Ueberfluß zu schicken (Phil. 4, 11—12). Er wirft seine Sorgen auf den Herrn, der wird für ihn sorgen (I.Petr. 5, 7), und selbst beim Verluste aller irdischen Güter spricht er unbeirrt in seinem Glauben und Gottvertrauen mit dem Hartgcprüsten des alten Bundes: „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat eS genommen, der Name des Herrn sey gepriesen!" (Hiob 1, 21.) Es kommt Verlust der lieben Angehörigen: „Wie eö der Wille im Himmel ist, so soll es geschehen!" (I.Macchab. 3, 6V.) Es kommt Krankheit und harte Bedrängnis; von Seite böser Menschen; aber der Gottesfürchtigc verzagt nicht, denn er weiß, daß wir durch viele Trübsale in daS Reich Gottes eingehen müssen, daß Alle, welche in Christo ein gottseliges Leben führen wollen, Verfolgung zu leiden haben, daß Denen, die Gott lieben, Alles zum Besten gereicht. Und darum auch hebt er, gestützt auf seinen Glauben und geleitet von seiner Gottesfurcht, unter den harten Schlägen, die ihn treffen, vertrauensvoll seinen Blick nach oben und tröstet sich mit deik Apostel Paulus: „Allenthalben leiden wir Trübsal, aber wir werden nicht beängstigt; wir gerathen in Noth, aber wir kommen nicht um. Wir werden verfolgt, aber nicht verlassen; wir werden niedergeworfen, aber wir gehen nicht zu Grunde" (2. Kor. 4, 8—1V). Wie herrlich bestätigt sich hiernach in dem Leben der christlichen Familie die Wahrheit der apostolischen Lehre: „Die Frömmigkeit ist zu allen Dingen nützlich; denn sie hat die Verheißung dieses und des zukünftigen LebenS" (1. Timoth. 4, 8), Deutlicher noch werden wir aber diese Wahrheit einschen, wenn wir den Zustand eines Hauses betrachten, in welchem Glauben und Gottesfurcht wenig gelten oder wo überhaupt diese Grundlagen deS zeitlichen und ewigen Heiles fehlen. Wie wird es bei der Schwachheit und Unbeständigkeit deS menschlichen Herzens, bei der Verschiedenheit der Charaktere, Neigungen und Gewohnheiten ohne tiefgegründete Religiosität und Gottesfurcht möglich seyn, auf die Dauer jene Liebe und Treue, jene heil. Liebesgemeinschast zu bewahren, welche auf Christus gegründet seyn und in Ihm Krast und Bestand gewinnen muß, zur wechselseitigen Heiligung und zur treuen Erfüllung der großen und ernsten Pflichten des ehelichen Standes? Wo der Gott der Liebe und des Friedens nicht im Hause herrscht, da werden bald Unfriede, Abneigung, Eifersucht und bittere Zwietracht um die Herrschast streiten, und statt des Ertragens, des VcrzeihenS und der Aufopferung im Hinblicke auf Gottes heiliges Gesetz zeigt die Geschichte deS Tageö nichts als traurige 93 Zerwürfnisse, Trennungen und Aergernisse aller Art — Ehen, ohne Gott geschlossen und darum in jeder Beziehung höchst unglücklich. Aber selbst da, wo solche betrübende Erschein nungen nicht offenkundig werden, wie trostlos ist es um ein HauS bestellt, wo man den Namen GotteS nicht täglich in kindlicher Ehrfurcht anrnft, wo man aufsteht und schlafen geht ohne Gebet zu dem Herrn des Lebens, wo man ißt und trinkt ohne einen dankbaren Ausblick zum Geber aller guten Gaben, oder wo solches zwar geschieht, aber ohne Geist und Leben, ohne Glauben und Liebe, ohne tiefes Gefühl des eigenen Elends und der gänzlichen Hilflosigkeit: wo Alles bloß Sache der Gewohnheit und Gedankenlosigkeit ist? Das ist denn auch der Grund, weßhalb es in manchem Hause mit der Erziehung der Kinder nicht glücken will, und weßhalb trotz der sorgfältigsten Leistungen der Schule, trotz des vielen Lernens und Unterrichtens das Ergebniß oft so kläglich ausfällt. Eö mangeln die drei wesentlichen Bedingungen zur wahren Erziehung: das Beispiel der Gottesfurcht, die Lehre der Gottesfurcht, die Uebung der Gottesfurcht. Wie werdet ihr die Kinder mit Erfolg zur Tugend und Religiosität heranbilden können, wenn ihr selber ihnen darin nicht vorleuchtet, wenn euer Wandel nicht, kräftiger als alle Worte, ihnen die Liebe GotteS, den Gehorsam gegen sein heiliges Gesetz prediget und Abscheu gegen die Sünde einflößet? Wie wird das Evangelium Jesu Christi, diese Gotleskraft zur Heiligung und Bcseligung Aller, die daran glauben, Wurzel schlagen und Frucht bringen, wenn eS nicht frühe in das unverdorbene und empfängliche Herz des Kindcö gepflanzt und sorglich gepflegt wird? Wie wird daS Wort des Lebenö, wie cS die Kirche verkündet, die Seele der Erziehung bilden können, wenn eS im Hause nicht wicdcrklingt, wenn gar im Hause das gerade Gegentheil gelehrt und gethan wird, wenn die Bücher, welche die häusliche Lesung darbieten, die Gespräche, welche ihr führet, so wie der tägliche Umgang Zweifel, Unglauben und Unsittlichkeit begünstigen? Wenn Niemand im Hause darüber wachet, daß die Kinder und Dienstboten gewissenhaft dem christlichen Unterricht beiwohnen? Religion und Gottesfurcht sind nicht Worte und Begriffe für den kalten Verstand allein, sondern sie sinv vor Allem Sache des Herzens, des Lebens. „Der Gerechte lebt auS dem Glauben" (Habak. Z, 4). Wie sollte aber daS ein Leben auS dem Glauben seyn, wenn nicht alle Glieder der Familie ihren Glauben öffentlich, wie im stillen häuslichen Kreise bekennen, wenn nicht gemeinsames Gebet und Hausandachten, nicht der öftere Empfang der hl. Sacramente und Befolgung der Gebote Gottes und der Kirche den Beweis liefern, daß man Gott über Alles verehrt uud liebt? Da mag viel vorgepredigt, viel gewarnt und Alles gethan werden, um den Kindern eine angemessene Erziehung zu gebe», um sie in der Welt emporzubringen; da mag man alle möglichen Kenntnisse ihnen beibringen, nur nicht die Erkenntniß der ewigen Wahrheit, nicht die Erkenntniß ihrer selbst; Fertigkeiten aller Art in Kunst und Gewerbe, aber keine Fertigkeit, keine Uebung in Dem, was gottgefällig macht, was der Seele Frieden bringt, was die Macht der Leidenschaften zügelt und das jugendliche Alter vor Unordnung und Sünde schützt. Wohl wachen da der Wächter viele, aber umsonst, wenn das Auge dessen, der Israel hütet, nicht die Jugend bewacht, wenn das heilige Gesetz des Herrn nicht die Leuchte ist auf dem dunkeln gefahrvollen Wege durch das Leben. Ach, wie viel reichbegabte und edle Seelen sind eben deßhalb, weil die Gottesfurcht ihnen nicht als das Erste und Höchste nahe gelegt wurde, so frühe schon auf Abwege gerathen, sind um die Ruhe dcS Gewissens gekommen und haben am Glauben Schiffbrnch gelitten! Allerdings hören wir viel Rühmens von der Höhe der Bildung, auf welcher wir stehen, wir prunken mit dem Scheine von Aufklärung und Anstand, aber hinter dieser glänzenden Außenseite gewahrt das scharfblickende Auge oft eine trostlose Oede, grausen- hafle Verwilderung und Verwesung im Innern — junge Leute beiderlei Geschlechts voller Anmaßung uud Dreistigkeit in der Gesellschaft, kein Gebot achtend, keine Regel kennend, als ihren Eigensinn und ihre verkehrte Lust, früh vertraut mit Dingen, von denen ihr Alter noch nichts wissen sollte, frech sich rühmend ihres Trotzes und ihrer Ungebundenheit: Das ist die Frucht einer Erziehung ohne Religion und Gottesfurcht. 94 Dazu wird bei solcher Erziehung die ernste Mahnung des Herrn: „Suchet zuerst vaS Reich Gottes und seine Gerechtigkeit" (Match. 6, 33) ganz außer Acht gelassen Alles Sinnen und Trachten des Herzens, alle Wünsche und Sorgen bewegen sich in dem niedrigen Kreise der täglichen Bedürfnisse, des Erwerbens und Genießens der vergänglichen Güter. Dagegen wird alle Zeit, welche den Angelegenheiten deS ewigen Seelenheils gewidmet wird, für verloren geachtet. Man fürchtet sich, wie der heilige Augustin sagt, das Zeitliche zu verlieren, und denkt nicht an das ewige Leben, und so verliert man beides. Mit eigener Klugheit und mit eigenem Fleiße will man Alles ausrichten, und siehe, es gelingt nicht, es gedeiht nicht, weil Gott nicht dabei ist, weil sein Segen nicht gesucht wird. Vergebens steht man früh auf und legt sich spät nieder zur Ruhe und ißt sein Schmerzenbrod, wenn der Herr nicht mitwirkt (Ps. 126, 2). Gott theilt nach seiner ewigen Weisheit und nach unerforschlichem Rathschlusse seine Gaben auS und Niemand darf mit Ihm rechten und fragen: Warum thust Du also? Aber von deS Menschen Willen allein hängt cS ab, beides zum Quell des Segens zu machen und sein ewiges Heil zu wirken, sey es im Wohlstand, sey eö in oer Dürftigkeit. Der gottessürchlige Reiche hängt sein Herz nicht an die vergänglichen Güter, er betrachtet- sich mir als den Verwalter des himmlischen Hausvaters, der bestellt ist, wohlzuthun und Segen zu spenden, und mit dem trüglichen Reichthum« sich Freunde zu verschaffen, die ihn am Tage, wo er alles Irdische verlassen muß, in die ewigen Hütten aufnehmen. Ist aber die Gottesfurcht nicht seine Führerin, siehe, so vergißt er die Rechenschaft, die er über die Verwendung seines Vermögens abzulegen hat; er wird übermüthig, setzt sein Vertrauen nicht auf den lebendigen Gott, sondern auf den Mammon, dem er dient. Er vergißt des Herrn, seines Gottes, dem er Alles zu verdanken hat, wird übermüthig und aufgeblasen und begegnet mit Stolz und Härte dem Armen und Niedrigen. Oder er mißbraucht die Gaben Gottes zu einem schwelgerischen und sündhaften Leben, zum eigenen Verderben und zum Unglücke vieler Andern. Bezeichnend schildert diesen Uebermuth der Psalmist, wenn er sagt: „Von menschlichem Ungemach erfahren sie nichts, die irdischen Heimsuchungen kennen sie nicht. Darnm übermannt sie der Stolz, sie sind von Unrecht und Bosheit überdeckt. Wie aus Fett quillt ihre Sünde hervor, sie thun nach ihres Herzens Gelüsten, denken und sprechen Sündhaftes, reden Lästerungen von der Höhe herab" (Pf. 72, 4—9). Aber falsch ist diese Ruhe, und scheinbar dieses Glück. Denn wie könnte das ein glückliches Leben seyn, wo die Hoffart täglich aufblähet, wo die Wurzel alles Bösen, die Habsucht, in zahllose Sorgen, Ungerechtigkeiten und lieblose Handlungen verwickelt? wo Ueppigkeit und Wollust die Seele verweichlichen und ein Feuer entzünden, das hinabbrenut bis in die Tiefe der Hölle? Daher läßt Gott alltäglich in Erfüllung gehen, was an den Uebermüthigen in grauer Vorzeit als warnendes Beispiel aufgestellt ist, „Ihre Missethat war: Ucbermuth, Sättigung an Brod und Ueberfluß und ihre und ihrer Töchter sorgenlose Ruhe; sie reichten dem Armen und dem Dürftigen nicht die Hand, sondern sie erhoben sich und übten Gräuelthaten vor mir: Darum raffle ich sie hinweg", spricht der Herr (Ezcch. 16, 49. 5V). Und wenn auch nicht überall der Wohlstand deS Gottvergessenen wie Spreu vor dem Winde verfliegt, und wenn auch nicht, waö so oft geschieht, ungeralhcne Kinder, in Müßiggang und Weichlichkeit erzogen, denselben als zweischneidiges Schwert zu ihrem zeitlichen und ewigen Verderben mißbrauchen; es kommt bald der Tag, da der Herr richten wird den Armen und den Reichen, den Gerechten und den Gottlosen: Dann wird die Zeit seyn aller Sachen, aller Händel und aller Werke (Predig, 3,17), und dann erscheint das reichste HauS arm unv beklagenswert!), wenn es nicht reich ist vor Gott an Werken deS Glaubens und der Liebe.. Betrachten wir nun aher auch einen Armen ohne Gottesfurcht, der nicht gelernt hat, daö Wenige, was Gott gegeben, dankbar aus seiner Hand anzunehmen und weise zu benutzen. Er ist verzagt nnd klcinmüthig und suhlt sich unglücklich in seiner Lage, und eS bcschleicht ihn der Neid über Andere, die seiner Meinung nach es besser haben. „Wie lebt doch der und der so glücklich", spricht Mancher, „wie reich und angesehen ist er!" 95 Schau aber nur auf die ewigen Güter, so wirst Du leicht sehen, daß alles irdische Gut nichtig , sehr unzuverlässig unv mit vielen Mühseligkeiten verbunden ist, und ohne Furcht und Angst nicht besessen werden kann. (Nachfolge Christi 1, 22). Wie manchem Unzufriedenen könnte man mit Recht erwidern: Du bist wahrhaft unglücklich, nicht weil Du arm bist, sondern weil Du nicht auf Gott vertrauest, weil Du, mit dem Unentbehrlichen nicht zufrieden, nach Uebcrflüssigem trachtest. Wie Viele klagen über Gott und die Welt, weil sie das, was für sie und die Ihrigen zum Unterhalte ausreichte, in Unmäßigkeit und Schwelgerei vergeudet. Wie Viele darben und klagen, weil sie in der Jugend ihre Geistes- und Körperkräfte nicht geübt, sich nicht bestrebt haben, ein-stilles Leben zu führen, ihr eigenes Geschäft zu treiben, mit ihren eigenen Händen zu arbeiten, wie eS der Apostel befohlen hat (I.THess. 4, 11); während sie ihre eigene Trägheit und ihr müßiges unthätiges Leben anklagen sollten. Während der gottselige Hausvater für das Geringe, was ihm erübrigt, Gott dankt und mit Vertrauen zu Ihm betet, und -zu seinen Kindern spricht: Wir führen zwar ein armes Leben, aber wir sind reich genug, wenn wir Gott fürchten, vor jeder Sünde fliehen und Gutes thu» (Tob. 4, 23), hören wir in dem Hause, wo Gott vergessen wird, die wildesten Ausbrüche von Verwünschungen und Flüchen über Weib und Kind, und statt des heiligen Gebetes furchtbare Gotteslästerungen. Wie kann der Segen des Ewigen über ein Haus kommen, in welchem Sein Name täglich entheiligt wird? Und was soll ich sagen von der Unredlichkeit, von den Kunstgriffen der Lüge und des Betruges, womit man sich durchzuhelfen sticht? Was von den Beispielen der Unmäßigkeit, von den schändlichen Reden selbst in Gegenwart der unschuldigen Kleinen? Von jener Versunkenheit und Gleichgiltigkeit gegen Gott und Seine heilige Kirche? Und welche Namen verdienen Vater und Mutter, die ihre eigenen Kinder an Leib und Seele verwahrlosen, die da ruhig zusehen oder selbst noch dazu mitwirken, daß sie dem Laster und der Schande sich preisgeben? Siehe, das heißt unglücklich seyn, das heißt schlechte Haushaltung führen: wenn im Hause die Sünde herrscht. Nicht Armuth, nicht Krankheit, nicht Gefahr und Noth machen das Unglück einer christlichen Familie aus, sondern die Gottvergessenheit. Wenn man tausend Sünden begeht, so kümmert man sich darum wenig, wenn aber nur ein kleines Unglück kommt, läßt man den Muth sinken, wird verzagt und des Lebens überdrüssig. Um deßwillen, spricht der heilige Chrysostomus, ist das gegenwärtige Leben voll der Mühseligkeiten und Beschwerden, damit auch die roher gearteten Menschen, die sich ganz an das Zeitliche hängen, mürbe werden, des Zeitlichen und Irdische» entleivet, der Liebe zum Himmel nachtrachten und für den Tag des Gerichtes sich vorbereiten. Weil Viele dem Fleische dienen und, von der Tyrannei des Zeitliche» gefesselt, wie Thiere in ihren Höhlen liegen und sich darin behaglich fühlen, so will Gott durch Unglück diese Neigung auS ihnen ausreißen und hat ihnen deßhalb viel Mühsal, TrauerSorgen, Kämpfe, Gefahren, das ganze Heer der körperlichen Leiden und «sei anderes Ungemach geschickt, auf daß sie, durch diese Wolke von Uebeln erschreckt, in den ruhigen Hafen zu gelangen streben und den ewigen Frieden zu gewinnen trachten, wo nicht Gutes uud Böses vermischt, sondern nur Gutes allein sich findet (B. 12, S. 338). In der Furcht des Herrn, Geliebte, ist einzig Heil und Seligkeit. Sein Auge merkt sorgend auf die Frommen und Sein Ohr ist ans ihr Flehen geneigt; Sein Zornblick aber trifft die Uebelthäter. Kommen auch viele Leiden über die Gereckten, aus allen rettet sie der Herr (Psalm 33. 16—20). Die Gnade unsers Herrn Jesu Christi sey Mit euch Alle»! Amen (2. Thess. 3, 18). Gegeben zu Trier, am fünften Sonntage nach dem Feste der Erscheinung deS Herrn 1851. 5 W i l h e l m, Bischof. Dr. N. Knopp, Geh. Secretär. 96 Toledo. (Aus einem Pnvatschrciben in der Dentschen Volkshalle.) Es gibt keine Stadt in Spanien, wo die neue Ordnung der Dinge mehr Unheil gestiftet hat, als in dem spanischen Köln, Toledo oder Toledoth, wie die Juden diese Stadt nannten. Nichts als Ruinen. llucxl non teeerunt Lgrbsri, seoerunt Larbsrini, wie die Römer sagen; dieß Sprichwort kann auch auf Toledo angewandt werden. Was die rohe Soldateska eines Napoleon dort verschont hatte, das haben die Freunde des Lichtes und der Aufklärung des 19ten Jahrhunderts dem Erdboden gleich gemacht. Die schönsten Kirchen und Klöster, Denkmäler der Kunst, die der berühmte Pons in seinem VisZe 5 < tt»Hkuni»KAÄ 6ms S»M tpiA Oeffentlicher Widerruf des ehemaligen Pfarrers zu Auras Jofeph Nitfchke. Am 13. Juli 1845 entsagte ich meinem Pfarrnmte, verließ die katholische Kirche und schloß mich in vollkommener Verblendung der rongeschen Secte an. Gottes Gnade und Erbarmung aber ließ mich meine schwere Verirrung erkennen und gab mir Kraft, mich derselben zu entreißen. Vor der ganzen Diöcese und vor allen katholischen Christen, deren Verzeihung ich des von mir gegebenen Aergernisses wegen in aller Demuth meines Herzens mir erbitte, spreche ich es daher öffentlich und feierlichst aus, daß ich nieinen Abfall von unserer heiligen katholischen Kirche, meinen Ungehorsam gegen die heiligste Mutter, welche getreu ihrem göttlichen Berufe und Auftrage für das ewige Heil aller ihrer Kinder liebevoll sorgt, auf daS tiefste und lebendigste verabscheue und bereue, und widerrufe ich AllcS, waS ich zur Verbreitung und Befestigung des Irrthums und der Sectirerei geredet und gethan habe. Durchdrungen von der heiligen Ueberzeugung, daß die katholische Kirche die von Gott gestiftete und durch den heiligen Geist geleitete HeilSanstalt und darum in ihren unendlich beseligenden Lehren wahr und unfehlbar sey, ist eS daher mein heiligster Vorsatz, unter dem Beistande Gottes fortan in ihrem und ihres göttlichen Stifters Geiste zu wirken, zu lehren und zu leben, und das große Aergerniß, das ich allen 104 treuen Glaubensgenossen durch meinen Abfall gegeben habe, nach Kräften wieder gut zu machen. Dazu verleihe der allmächtige Gott mir seine Gnade und seinen Beistand. Neustadt, im März 1851. Joseph Nitschke. Mainz. Frankfurt. Mainz, 18. März. So allseitig sich die Entrüstung unserer Bürgerschaft über das am 10. d. M. durch A. Seebold in hiesiger SeminariumSkirche verübte Attentat geäußert, eben so groß ist auch die Theilnahme, welche dieselbe dem verehrten Regens, dem Herrn Dr. Nickel, widmet. Von alleit Seiten und aus allen Kreisen erhält derselbe zahlreiche Beweise des Beileides und zugleich der Achtung, die dem schändlichen Sacrilegium gegenüber auf alle besser gesinnten Bewohner unserer Stadt den günstigsten Eindruck hervorbringen, da eS sich auf diese Weise bestätigt, waS ein ehrenwerthes Mitglied der ersten Kammer zu Darmstadt äußerte: daß nämlich in Mainz daS religiöse Gefühl noch icht erstorben sey. Mit den dankbarsten Gefühlen aber ward es aufgenommen, daß unter den Ersten, welche Herrn vi. Nickel nach dem auf ihn ausgeführten Mordansalle ihre Theilnahme versichern ließen, Ihre Königlichen Hoheiten unser allverehrter Großherzog nebst Hoch- dessen Frau Gemahlin nebst der ganzen Großherzoglichen Familie sich befanden, welche dem hochwürdigsten Bischöfe und durch diesen dem Herrn Regenö brieflich ihr Beileid bezeugten, wie denn über das Attentat Seebolds und die Behandlung der Mainzer Geistlichkeit überhaupt in den höchsten Kreisen sich die größte Entrüstung ausspricht. Kaum war in Darmstadt die verruchte That bekannt geworden, als auch schon von Seiten der Großherzoglichen Negierung eine Commission, bestehend aus zwei Gr. Ministerialräthen, abgeordnet wurde und in Mainz erschien, sowohl um Herrn Dr. Nickel die Theilnahme der Regierung auszudrücken, als auch um an Ort und Stelle nähere Erkundigungen und etwaige Maaßregeln vorzubereiten. — Von den a»S Mainz selbst am SchmerzenSlager des hochwürdigcn Herrn Regens sich Einfindenden erwähnen wir, außer Sr. bischöflichen Gnaden, welche täglich den Leidenden mit ihrem Besuche erfreuten, nur die hohen Militär- und Civilbehörden unserer Stadt und Bundcsfestuug, das hochwürdige Domcapel und den PfarrkleruS, nebst einer Menge Bürger und Freunde des Herr» Dr. Nickel, die sich aus der Nähe und Ferne hcrzudrängten, um auf die rührendste Weise ihre Theilnahme auszudrücken. Dieß Alles sind Erscheinungen, die ganz dazn geeignet sind, dem Auslande gegenüber den Ruf unserer Stadt in einem bessern Lichte erscheinen zu lassen, sie liefern nicht minder den Beweis, daß die Achtung vor der Religion und deren Dienern in unserm Großherzogthumc eben so gut auf dem Throne wie in den verschiedensten Kreisen der bürgerlichen Gesellschaft sich immer noch in ungetrübtem Glänze wiederfindet. (M. I.) Aus Frankfurt a. M. vom 23. März wird dem M. I. geschrieben: „Zum Beweise, daß die Nohheiten unserer sogenannten civilisirten Generation nicht bei Ihnen allein zu Hause sind, mag Ihnen das Factum dienen, daß nnser Stadtpfarrer Beda Weber sich genöthiht gesehen hat, wegen der absichtlichen Störungen deS sonntäglichen FrühgottesdienstcS im Dome bei hiesigem Polizeigerichte Klage zn fuhren. ES dürfte nicht absichtslos geschehen, wenn in einer Zeit, wo gegen die „schwarze Pest" mit allen Mitteln der Hölle angekämpft wird, weil sie fast allein es ist, welche den Umsturzplänen einer nichtswürdigen Partei muthig entgegentritt, auch frühere Erzeugnisse einer lügenhaften Schandpresse wieder auftauchen. So sieht man gegenwärtig dahier eine kleine Schrift „der ostfränkische Reformator AmbrosiuS" von Georg Lommel, Frankfurt 1847, cursiren. Schon der Name deS Autors, früher Bibliothekar in Würzburg, wird erkennen lassen, waS dem unkundigen Volke in einer sonst pikanten Schreibart geboten wird." Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. C. Krem er. > Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt ' M^^'^^A Augsburger Psjtzeitung. 6. April ^ läl 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonuementspreis kr., wofür es durch alle köm'gl. baycr. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. An Wilhelm Molitor. *) Gesprochen am Tage seiner Primiz den 16. März 1851 von Oskar v. Redwl'tz. O, wenn des Liedes ew'ger Hort Mir doch ein recht begnadigt Wort In dieser Stunde schenken wollt'! Ein Lied, wie ächtes, lautres Gold, Ein Lied, wie lichten Stcrnenglanz, Ein Lied mit frommem Engelsfrieden, Das ich als heitern Festeskranz, Umrciht von himmlischem Juwele, Um solch ein liebes Haupt dürft' schmieden! Doch ach! Du heißgeliebte Seele! Wie ich für Deinen heil'gen Tag Mein tiefstes Herz so still belauscht. Da hat es mählig so gerauscht, Als ob es eine Harfe wäre Mit jubelreichcm Saitenschlag, — Da stürzte fluthend Zähr' um Zähre, Ein Schauer rann durch alle Glieder, Und ich ward stumm — d'rum, o vcrgieb! Das Herz nur faßt so sreud'ge Lieb' — Zu klein dafür sind alle Lieder! Und ach, steh' nur, wie nah und sern Sie all' aus Lieb' gekommen sind, Wie Kinder sich zu sreu'n im Herrn, Der Dich, der Kirche treues Kind, So väterlich begnadigt heut'! Im thränenschwercn Mutterblick, O sieh' die sel'ge Mutterfreud' Um Dein gesegnetes Geschick! Dem Bruder sieh' in's Angesicht! Uns Alle sieh', wie freudenreich Ein Leuchten aus dem Auge bricht! ") A. d. D. BolkShallt> los Denn ach, was ist der Würde gleich, Mit der der Herr Dich heut' geschmückt? Ein Amt, das Engelsschultern drückt, Deß Helligkeit kein Mund kann sagen, Das soll nun Deine Schulter tragen! — Doch wie auch schwer die Bürde ist, An Dir soll Keiner doch verzagen, Denn wie getreu dem Herrn Du bist, Deß Aug', der stets in's Herz Dir sah, , Der Herr im Himmel weiß es ja! Der Herr, der aus barmherz'ger Lieb' Mit seiner Gnadenmacht Dich trieb, Dich loszumachen von den Banden, Und in den heil'gcn Strom zu springen, Nach gottessreud'gcm Mannesringen Geweiht am Heiligthum zu landen; Der Herr, der solchen hohen.Hirt Dir gab zum Vorbild und zum Leiter, Der Dir als Diener und als Streiter Allzeit voll Liebe helfen wird; Der Herr, er lass' in jeder Stunde Als seinen Diener Dich aus Erden,- Der Engel Freud' im Himmel werden! — Das sey aus tiefstem Herzensgrunde Für Dich erflehet von uns Allen! Und nun laßt froh die Gläser schallen, Daß Jeder freudiglich es leere! Luilelmus hoch! — dem Herrn die Ehre! Ansprache des heiligen Vaters Papst Pins »X. im geheimen Konsistorium am 17. Febr. 1851. Ehrwürdige Brüder! Unter den neuen Bischöfen der verschiedenen Kirchen, die wir Euch, Ehrwürdige Brüder, in diesem Consistorium vorschlagen sollen, findet sich auch der ehrwürdige Bruder Joseph de Silva TorreS, Erzbischof von Palmyra, mit inbegriffen, welchen wir unserm geliebten Sohne Peter Paul Figuereido, Cardinal der heiligen römischen Kirche, Erzbischof von Braga, als Coadjutor mit künftiger Nachfolge beizugeben vorhaben. Aber wir erachten es für geeignet, den Grund dieser Bestimmung kurz darzulegen, auf daß es Jeglichem kund sey, nachdem die vorhergehenden Umstände vorgeführt worden, aus welchen Gründen und mit welcher Vorsicht wir uns entschlossen haben den genannten Joseph zur künftigen Leitung der Kirche von Braga zu berufen. Derselbe Joseph, wie Ihr wißt, war Erzbischof von Goa in Ostindien. Gregor XVI., seligen Angedenkens, unser Vorfahr, hatte ihm die Leitung dieser Kirche im geheimen Consistorium vom 19. Juni 1843 anvertraut. Aber in der Zahl und der unermeßlichen Ausdehnung dieser morgenläudischen Gegenden, über welche sich bereits sowohl die gewöhnliche als Metropolitan-Jurisdiction des ErzbischofS von Goa erstreckte, gab eS damals Bischöfe und apostolische Vicare, welche keineswegs diesem Erzbischofe untergeben waren, und welche der heilige Stuhl hier eingesetzt hat, weil die Interessen der katholischen Religion es also erheischten. Denn außer denjenigen, welche gewöhnlich in die unermeßlichen Regionen des chinesischen Reiches und die angränzenden Länder, durch die apostolischen Briefe Jnnocenz XII., ehrwürdigen Angedenkens, unseres BorfahrS, für immer von den Diöcesen Peking, Nanking und 107 Makao und der Metropolitan-JuriSdiction der Kirche von Goa getrennt, gesendet, und außer denen, welche in der Folge für verschiedene Plätze von Indien bestimmt wurden, hatte Gregor XVI. selber neun apostolische Vicare in provisorischer Eigen- schaft in der Diöcese der Kirche von Goa und sein.en Metropolitan-Provinzen eingesetzt. Das war der Zweck der sehr bekannten Briefe desselben Papstes, welche mit den Worten ansangen: Uults pi-geolsre, gegeben unter dem Fischerring, den 24. April i338, eben so wie verschiedener anderer apostolischer Briefe, und verschiedener Decrete der Kongregation der Propaganda, welche diesen Schreiben vorangingen oder nachher erlassen wurden. Die veränderte Lage, der Schutz und die Verbreitung des katholischen Glaubens in Indien verlangten diese größere Fürsorge Unseres Vorgängers. In der That, in dem Maaße als der wahre Glaube, sich immer mehr ausbreitend, evangelische Missionen und immer zahlreichere Arbeiter verlangte, waren die Priester, welche die Portugiesen in jene Gegenden zu senden oder unter den Eingebornen auszuwählen pflegten, völlig nicht mehr im Stande eine solche Bürde zu tragen, besonders seitdem ein großer Theil von den der portugiesischen Macht bereits unterworfenen Orten in die Hände anderer Fürsten gefallen waren, mit Ausnahme der Städte Goa und Makao und noch einigen, der letzten Mißgeschicke deS lusitanischen Königreiches zu geschweige», in Folge deren die Sachen bis zu dem Puncte gelangt waren, daß, nachdem alle Verbindung zwischen dem hl. Stuhl und der portugiesischen Regierung abgebrochen war, die Kirche von Goa und ihre Suffragankirchen zu gleicher Zeit verwaist standen. Da wagten eS nun die Kleriker, welche damals diesen Kirchen sey eS unter dem Titel kanonischer Delegirter deS Capitels, sey eS unter welch anderem Titel immer, indem sie ihr eigenes Interesse und nicht das Jesu Christi suchten, sich den von Gregor XVI. abgeschickten apostolischen Vicaren zu widersetzen, und sich die geistliche Autorität über die Kirchen und die von dem apostolischen Stuhle ihrer Sorge anvertrauten Gläubigen anzumaßen; und auS dieser Missethat entsprangen ernste Zerwürfnisse, Zwietracht und Aergerniß. Dieß war die Lage der Dinge in Indien, was die Religion anlangt, als die Verbindungen der portugiesischen Regierung mit dem heiligen Stuhle wieder hergestellt wurden, und hierauf unsere in Jesu Christo geliebte Tochter Maria, die glaubenstreue Königin von Portugal und Algarbien, unserm Vorfahr den genannten Joseph de Silva TorreS zur Erhebung aus den bischöflichen Stuhl von Goa präsentirte. Die Stadt Goa und ihre Umgebung gehörte damals, wie noch heute, der portugiesischen Herrschaft, und war keinem der apostolischen Vicare anvertraut. Kein Hinderniß waltete ob, dieser Kirche einen Prälaten zu geben. Es war zu hoffen, daß die früher ernannten apostolischen Vicare keine Schwierigkeiten erheben würden betreffs deS genannten Joseph. In der That hatte Gregor XVI., noch bevor er sich für die Promotion entschied, zahlreiche und glänzende Zeugnisse hinsichtlich seines Glaubens, seiner Lehre und seiner Unbescholtenheit erhalten und wußte überdieß, daß er durch den apostolischen JnternuntiuS und Delegaten, welcher damals in Lissabon residirte, von den Pontificaldecreten betreffs der apostolischen Vicare unterrichtet wäre. Endlich hatte derselbe Joseph in besonderen Schreiben seinen Gehorsam und seine Unterwerfung unter den römischen Papst dem apostolischen Stuhl betheuert. Unser Vorfahr wollte nichtsdestoweniger selber den neuen Erzbifchof aufklären in Betreff der apostolischen Vicare und der Verbindlichkeit, ihre Autorität unverletzlich anzuerkennen durch päpstliche Briefe, die er am 8. Juli 1843 an ihn richtete und die ihm in Lissabon zugleich mit den apostolischen Acten, welche seine Erhebung zur Erzbischöflichen Würde in Goa bestätigten, eingehändigt wurden. Aber im folgenden Jahre, 1344, hielt sich der Erzbifchof Joseph, nachdem er in Goa angekommen, keineswegs in den Gränzen seiner Pflichten; er strebte darnach das alte Ansehen seiner Vorgänger an sich zu reißen, selbst über die Orte, welche der Fürsorge der apostolischen Vicare anvertraut waren. Auch gehorchte er nicht den Briefen, durch welche unser Vorfahr Gregor und nach ihm Wir ihn zu weiseren 108 Entschlüssen zu bewegen Sorge trugen. Daraus mußten Wir leicht zur Einsicht kommen, daß es schlechterdings nothwendig sey, diesem Erzbischvfe die Leitung der Kirche von Goa zu entziehen. Aber wir erwogen zugleich, daß der Schritt mit ernsten Schwierigkeiten und Gefahren verbunden sey, wenn die Regierung von Portugal in diesem Puncte nicht Hand in Hand mit uns ginge. Daher trugen Wir Unserem außerordentlichen Jnternuntius und apostolischen Delegaten, welcher im Jahre 1847 in Rom war und nach Lissabon zurückkehren sollte, ans, mit der königl. Regierung wegen der Zurückberufung des Erzbischofs von Goa zu unterhandeln und dieß Geschäft mit aller Sorgfalt und möglichstem Eifer zu betreiben. Als die Verhandlungen eingeleitet waren, ermangelte er (der Delegat) nicht, NnS im folgenden Jahre 1848 über die vorzüglichsten Bedingungen in Kenntniß zu setzen, auf welche hin die Sache, wie er glaubte, sich beilegen ließe; und Wir trugen Sorge, ihm unsere deßfallsige Meinung mitzutheilen. Aber der Brief, clci. 8. Juli, geschrieben von Unserem Cardinal-Staatssecretär, war in der Zeit der Wirren aufgefangen oder durch andere Umstände zurückgehalten worden, in dem Augenblicke, wo wir gegen Ende des nämlichen Jahres, gezwungen Rom zu verlassen, Unsern Aufenthalt in Gaeta nahmen. Hier erhielten wir Depeschen und Documcnte von Unserem Nuntius übersendet, aus welchen hervorging, daß zwischen ihm und der königl. Regierung im vorigen 2l. October ein Uebereinkommen getroffen worden sey, daß der Prälat Joseph von der Metropole von Goa auf irgend eine andere Metropolitankirche in paitiku8 inticlelium versetzt werden solle, und daß er, ohne Verzug nach Lissabon zurückkehrt, provisorisch mit der Stelle eines Kommissärs der Bulle für die Kreuzzüge betraut und in der Folge zum Coadjutor des Erzbischofs von Braga mit künftiger Nachfolge ernannt werden solle, nachdem er Uns durch seine Briefe jedenfalls den Beweis seiner Unterwerfung und seiner Ergebenheit gegen den apostolischen Stuhl gegeben hätte; und daß endlich, um alle nachfolgenden Streitigkeiten bei der Einsetzung eines neuen Bischofs zu Goa zum Vorhinein abzuschneiden, in dem apostolischen Acte, welcher dem erwählten Prälaten die erzbischöfliche Würde überträgt, ausdrücklich die Gränzen gezogen werden sollen, die er bei der Ausübung seiner Autorität nicht überschreiten darf. Wir erfuhren zugleich, daß die portugiesische Regierung auf Befehl der sehr getreuen Königin an 5en Erzbischof Joseph geschrieben hätte, um ihn von Alldem in Kenntniß zu setzen, und ihn dringendst aufzufordern, unverzüglich nach Lissabon zurückzukehren. Zu gleicher Zeit lag uns der portugiesische Gesandte beim heiligen Stuhl, welcher uns nach Gaeta gefolgt war, inständig an im Namen seiner Regierung, dem Prälaten, dessen Rückkehr nach Portugalbevorstand, zuzusichern, nicht bloß das Amt eines Commissärs der Bulle für die Kreuzzüge so lange zu führe», bis der Sitz von Braga vacant wäre, sondern ihn auch als Coadjutor des Erzbischofcs dieser Kirche mit nachfolgender Succession in dem gerade bevorstehenden Consistorium zu ernennen, denn eS wäre kein Zweifel, sagte der Gesamte, daß der Prälat sich beeilen würde, sobald als möglich das erwartete Unterwerfungsschreiben an Uns zu lichten. In Mitte der Bedrängnisse, von denen Wir umgeben waren, erregte diese Forderung, der Brief des päpstlichen Jnternuntius, von dem Wir gerade sprachen, und vor allem der Punct der Uebereinkunft bezüglich der künftigen Succession in der Kirche von Braga für den Erzbischof Joseph, unsere Besorgnisse in nicht geringem Maaße. Wir riefen uns all das Schlimme in das Gedächtniß zurück, welches sich dieser Prälat in seinen Verrichtungen als Erzbischof von Goa hatte zu Schulden kommen lassen; auf der andern Seite stand aber sehr zu befürchten, daß Wir, wenn Wir Uns weigerten den Vertrag Unseres Jnternuntius zu ratificiren, nicht allein Unsere Hoffnung, welche wir geschöpft hatten, diesen Prälaten auS Indien zu ent- fernen, aufgeben müßten, sondern auch zu erwarten hätten, daß er und seine Parteigänger von dieser Weigerung Anlaß nehmen würden, in diesen Gegenden ernstere Zerwürfnisse zum Nachtheile der Religion hervorzurufen. Es ließ sich jedoch hoffen, daß der Prälat, welcher übrigens in wissenschaftlicher und moralischer Beziehung nicht 109 ohne Verdienste ist, sobald ihm einmal die Gelegenheit, welche ihn zu Goa zu Verkehrtheiten verleitete, würde genommen seyn, durch die Gnade Gottes zu besserer Einsicht kommen, und in der Führung seiner neuen Kirche sein und seiner Heerde Wohl zu fördern bestrebt seyn würde. Deßhalb haben Wir uns entschlossen, nachdem Wir AlleS erwogen, wie es die Klugheit rieth, nachdem Wir einige Mitglieder Eurer erlauchten Würde zu Rath gezogen, und Uns die von Unseren Vorfahren mehr als einmal in Umständen von gleicher Wichtigkeit und Schwierigkeit getroffenen Maaßregeln vor Augen geführt hatten, dem an UnS gestellten Verlangen Unsere Zustimmung zu ertheilen, indem Wir jedoch vorher die stärksten Garantieen verlangten, wie sie die Natur der Sache erheischte. Wir befahlen daher Unserem Cardinal-Unterstaatssecretär in seiner Antwort an den portugiesischen Gesandten klar und unumwunden zu erklären, daß wenn er eS wünschte, Wir das Band lösen wollten, welches den Bischof Joseph an die Kirche von Goa fesselte, daß Wir ihn an eine andere Metropolitankirche in psrtibus inlicl«- lium tranöferiren, und endlich daß Wir ihm das Amt eines Commissärs der Bulle für den Kreuzzug zusichern wollten; daß aber der heilige Stuhl, da er, wie der Gesandte wohl wisse, gegründete Ursache zu Beschwerden gegen die Acte des ErzbischofeS in der Regierung der Kirche von Goa hat, aus Gewissenhaftigkeit nicht im Stande ist, ihm die künftige Succession der Kirche von Braga zu übertragen, ohne von ihm vorher schriftlich oder durch irgend welchen überzeugenden Act den Beweis erhalten zu haben sowohl von seinem Schmerze über das was er Uebles gethan, als auch von seinem festen Vorsatze, niemals fürderhin mehr von seiner Pflicht sich abkehren zu wollen. Der Gesandte trat dieser Erklärung bei, und da er keineswegs zweifelte, daß der Prälat die verlangten Erklärungen unverzüglich abgeben würde, drang er darauf, alles von Uns zu erhalten, was in dieser Sache unmittelbar von UnS geschehen konnte. Deßhalb tranöfcrirten Wir den 22. December 1843 in dem zu Gaeta abgc- baltenen Consistorium den Bischof Joseph von der Kirche zu Goa an das ErzbiSlhum von Palmyra in partikus inkclelium und im folgenden Monate übertrugen Wir ihm das Amt eines Commissärs der Bulle für den Kreuzzug. Als nach Verlauf einiger Monate der Prälat in Portugal angekommen war und sich in Lissabon aufhielt, verordneten Wir, daß man ihm aufs neue zu verstehen geben solle, welchen Schmerz Uns verursacht hätte sowohl was er in Indien, die Gränzen seiner Autorität überschreitend gegen den Willen des heiligen Stuhles zu thun sich nicht fürchtete, als auch gewisse Dinge, die er sich erlaubt hätte vor seiner Abreise in einigen seiner Briefe oder seiner Schriften. Jetzt aber thut es Unserem Herzen wohl, Euch, ehrwürdige Brüder, verkündigen zu können, daß der Erzbischof von Palmyra in der Weise UnS zufrieden gestellt hat, daß Wir denken müssen, er sey von ganzem Herzem durch die Gnade Gottes zu besserer Einsicht gekommen. Wir' haben von ihm einen Brief erhalten 6ä. 18, Nov. v. Jahrö, in Ausdrücken eines Mannes abgefaßt, der seine Verirrungen verabscheut, der entschlossen ist, fürderhin eine bessere Aufführung an den Tag zu legen, und durch seine Handlungen unerschütterlich seine Anhänglichkeit und seinen Gehorsam gegen den heiligen Stuhl zu erwahren. Wir legen Euch diesen Brief vor und Ihr werdet ihn nebst unserer Antwort lesen, in welcher Wir dem Prälaten Unsere Ansichten darlegen. Nach All diesem ist es Unsere Absicht, wie Wir Eingangs gesagt, heute Unsern ehrwürdigen Bruder Joseph de Silva Torres, Erzbischof von Palmyra, zum Coad- jutor Unseres geliebten Bruders und Kardinals, des ErzbischofS von Braga zu erheben, indem Wir hiemit das Recht verbinden ihm in der Negierung dieser Kirche zu succediren. Indem Wir diesen Entschluß fassen, haben Wir nur im Auge, das größere Gedeihen der Religion, und eine größere Ruhe und eine glücklichere Lage der apostolischen Missionen in Indien herbeizuführen; deßhalb tragen Wir die feste Hoffnung, daß diese von Uns ergriffene Maaßregel durch den Segen GotteS diesen Zweck erreichen und sich zum Besten der Kirche von Braga gestalten werde. 110 Das ist eS, was Wir durch Bitten und Gebete und. gottgefällige Werke zu erhalten streben vom Vater der Barmherzigkeit, durch JesuS Christus seinen Sohn, und Wir erwarten es zu Euerer Frömmigkeit, Ehrwürdige Brüder, daß Ihr nicht ablassen werdet, Euer Bitten und Gebet mit dem Unsrigen zu vereinen. * 5 * Der Inhalt des Briefes, welchen der Erzbischof von Palmhra an Se. Heiligkeit Papst Plus IX. schrieb, ist auszugsweise folgender: Im Eingange beklagt der Prälat, dem hl. Vater Schmerz verursacht zu haben durch sein Betragen und seine Abschiedsallocution in Goa, bittet dann Se. Heiligkeit, diesen Brief wohlgefällig aufzunehmen, und gesteht, daß er sein Betragen weder rechtfertigen noch loben könne. Die Promulganon der Bullen sey nicht von ihm in der Absicht geschehen, um dem hl. Stuhle zu opponiren; der Prälat wolle immerhin die Geheimnisse des hl. Stuhles bewahren, und verspricht immerwährenden Gehorsam gegen das Haupt der katholischen Kirche. Er gibt dann die Schuld der meisten Vorwürfe, die ihm gemacht worden, gewissen Schriftstellern, welche die Gränzen der Liebe und der Achtung nicht eingehalten, und endlich schließt der Brief mit dem feierlichen Bekenntnisse der Unterwerfung und Anerkenntniß der Autorität des Papstes und der Bitt? um seinen Segen. Das Antwort-Schreiben Sr. Heiligkeit vom 6. Jan. 1851 lautet im Wesentlichen dahin: zuerst werden alle Versprechungen des Erzbischofes einzeln wiederholt, dann spricht sich der hl. Vater dahin aus, daß er glaube, alle diese Versicherungen kämen aus einem reinen Herzen, und berechtigten daher zur Hoffnung, daß in Zukunft alle Handlungen und Ansichten mit diesen Versicherungen übereinstimmen werden. „Denn du darfst keineswegs vergessen, ehrwürdiger Bruder, daß es für einen katholischen Bischof nichts Theureres, nichts Verbindlicheres gebe, als die oberste Gewalt des heiligen Stuhles Petri anzuerkennen, von welchem die priesterliche Einheit ausgeht, die Einsetzung der Bischöfe und die Leitung der Kirche entspringt, als aus allen Kräften die Rechte dieses Stuhles, welche nicht auf menschliche sondern auf göttliche Autorität sich stützen, zu ehren und zu wahren, dem römi« ^ schen Papste getreulich anzuhängen, jegliche Achtung und allen Gehorsam demjenigen zu erweisen, welcher, auf diesen Stuhl gesetzt, in der Person des hl. Apostelfürsten Petrus von Unserm Herrn selbst die Macht erhalten hat, die Schafe und die Lämmer zu weiden, zu herrschen und zu regieren über die ganze Kirche auf der weiten Welt." Der hl. Vater legt dem Prälaten ans Herz, wie unselig und gefährlich es seh, von dem Gehorsam zum hl. Stuhle abzuweichen, und die Einheit der Kirche zu stören. Der hl. Stuhl erwarte zu ihm, daß der Prälat das gegebene Beispiel wieder gut mache, und die schlimme Meinung über ihn in eine gute umwandle. In dieser Hoffnung wird ihm der apostolische Segen zu Theil. Erinnerung an einen Kirchenschatz. *) Als jüngst die katholischen Blätter die Nachricht brachten, Bamberg sey wieder im Besitze eines Theiles des ehrwürdigen Schatzes seiner Kathedrale, da nahmen wir an der Freude der Metropole den herzlichsten Antheil und wünschten, eS möchten die zurückgekehrten Heiligthümer auch jenen Schatz des Glaubens und der Frömmigkeit wieder gefunden oder neu belebt haben, wodurch jene Zeiten ausgezeichnet waren, an welche sie so lebhaft erinnern. Ihre Beschreibung weckte indeß auch die wehmüthige Erinnerung an ein Kleinod auf, dessen Besitz dereinst Bamberg'S bischöfliche Suffragankirche Eichstätt vor allen übrigen auszeichnete, dessen Rückkehr sie aber niemals mehr freudig wird begrüßen können. Zwar hat Eichstätt nie das Glück verloren, die Priestergewande seines ersten Bischofes zu besitzen, und noch immer stellt es dieselben am Feste deS Heiligen zur Seite seines Altares zur Verehrung auS; dvH früherhin war eS erlaubt, an diesem -) Kath. Bl. a. Franken. "*) Wir haben darüber kürzlich im Feuilleton der Postzeitung berichtet. 111 Tage auf demselben Altar noch einen Schmuck zu bewundern, der weniger durch Kunst als durch den Reichthum ausgezeichnet war, welchen die Frömmigkeit zu Gottes Ehre geopfert hatte. Abb6 Migne hat erst vor einigen Jahren in seiner Encyklopädie der katholischen Liturgie, so wie sie in der Uebersetzung vor uns liegt, die Monstranz der Domkirche von Eichstätt als die kostbarste der Christenheit bezeichnet und bei Erwähnung ihres Werthes beigefügt, daß Niemand ihren verschwenderischen Reichthum tadeln werde, da er zur Ehre des Heiligsten der Sacramente verwendet ist. Leider hat jetzt das Allerheiligste diese Ehre, die Schatzkammer der Domkirche ihren werthvollsten Schmuck verloren, von welchen Nichts als der Schatten übrig geblieben, eine Abbildung nämlich, die in der bischöflichen HauScapelle aufbewahrt wird. Wie sich an alles Bewunderungswürdige die Sage anschließt, so hat sie eS auch hier zu thun nicht unterlassen. Sie erzählt von Bischof Johann Conrad von Gemmingen, daß er seine Jugend als Edelknabe am Hofe der Königin Elisabeth von England zubrachte und dort am Hochstifte Eichstätt präbendirt wurde. Bei der Abreise entläßt ihn die Königin mit dem Versprechen, würde dereinst eine Insel ihm zufallen, so werde sie ihm und seiner Kirche ein Andenken übersenden. Conrad bestieg, nachdem er vorher noch Domdechant von Augsburg geworden, 1595 den Stuhl des heiligen Willibald, und ein reiches Geschenk an Gold und Edelgestein bestätigt, daß die Königin ihr Wort nicht vergessen. Ein Ornat mit Perlen besetzt und eine Monstranz, die kostbarste der Welt, sollte der Nachwelt Zeugniß geben, wie ein Bischof von Eichstätt seinen Reichthum zu Gottes Ehre zu verwenden gewußt habe. Wir lassen den Werth dieser Erzählung, die nur jüngere Geschichtschreiber ken- nen, dahin gestellt seyn, genug, noch heute liest man, was ConradS Nachfolger ihm auf das Grab geschrieben, daß er bei weiser Sparsamkeit mitten in Kriegsläuften, die sein Hochstift gefährdeten, seiner Kirche einen reichen Schatz gesammelt, dessen berühmtester Theil die Monstranz gewesen. Wir haben eine Beschreibung dieses kostbaren heiligen Geräthes im Manuskript vor uns, welcher im Zusammenhalte mit der noch vorhandenen Abbildung folgende Einzelheiten entnommen sind. Augsburg hat den Ruhm, durch einen seiner Künstler die werthvollste Monstranz der Christenheit verfertigt zu haben. Jakob Bayer vollendete im Laufe eines JahreS (1610-1611) das Werk und erhielt für seine Arbeit 3000 Gulden ausbezahlt. Er wählte die Form eines Rebstockes mit 66 Trauben aus orientalischen Perlen und Edelsteinen, die das Ostensorium mit einigen kleinen Statuen umschließen und in einen Stern von Diamanten auslaufen, deren größter auf 7000 Gulden gewerthet ist. DaS Ganze wog 22 Pfund feines Dukatengold; 1400 Perlen, 350 Diamanten, 250 Rubinen und einige andere orientalische Edelsteine schimmerten vom Fuße bis zur Spitze der Monstranz. Der gesammte Werth ist auf 150,000 Gulden angegeben. Während der traurigen Zeit des 30jährigen Krieges, in welchem der Nachfolger ConradS v. Gemmingen nicht bloß sein Hochstift oftmals geplündert, sondern auch mit sterbendem Auge seine Hauptstadt in Asche gesunken sehen mußte, bewahrte die protestantische Reichsstadt Nürnberg vierzig Jahre hindurch das heilige Gefäß in ihren Mauern, bis eS endlich, wie wir einer andern Handschrift entnehmen, am 23. Dec. 1637 nach Eichstätt zurückkam, nachdem Johann Euchar das Kleinod um 60,000 Gulden wieder ausgelöst hatte. Dieser Bischof selbst erlebte nicht mehr die Freude, sie wieder auf dem Altare des heiligen Willibald zu sehen, auf dem sie am 7. Juli 1698 zum erstenmale wieder ausgesetzt werden konnte. An diesem Festtage des Heiligen sah man sie fortan jedes Jahr an derselben Stelle, gewöhnlich von vier Grenadieren bewacht. Wer da weiß, warum eS jetzt keine fürstlich eichstättischen Grenadiere mehr gibt, dem kann nicht unbekannt seyn, weßhalb er dermalen am 7. Juli vergeblich die goldene Arche des heiligsten der Sacramente auf dem Altare deö Willibaldchores snchen wird. Denn für diese Welt IIS wenigstens hatte Bischof Conrad umsonst auf den Fuß der Monstranze die Worte graben lassen: I'rsnsksrens incle vel slien3ns snatnems sir! *) S. Th. v. A. Aus dem dritten Jahresbericht des Bereines zum heil. Vineenz von Paul in Augsburg. Getreu dem Grundsatze deS Vincentiusvereins: „Aus Liebe zu Gott, also wegen Gott, die dürftigsten, ärmsten Menschen, die in unsern Mauern wohnen, aufzusuchen, sie mit vereinten Kräften zu unterstützen, auf ibr geistiges und körperliches Wohl heilsamen Einfluß, zugleich zu unserer eigenen Heiligung zu üben" — wirkte der Verein auch in diesem Jahre stille fort. Die Beiträge der Mitglieder haben Gottlob im letzten Jahre durch Mehrung der Vereinsmitglieder, sowohl der ordentlichen, deren Zahl nun 96 ist, als auch der außerordentlichen, deren wir nun 13 zählen, in erfreulicher Weise zugenommen.^) Es ward uns hiedurch möglich, 109 Arme zu unterstützen, und zwar: 1) mit Brod im Betrage von .... . 243 fl. 24 kr. 2) mit Suppe „ „ „ . . . . 7 „ 36 » 3) mit Fleisch (1328 Pfund)..... 245 ., 3 ,/ 4) mit Holz...... 12 „ 44 /, 5) mit Geld zu Miethzinsbeiträgen u. a. m. 70 ., 42 » Ferner gaben wir aus: 6) Pedell-Lohn (zugleich als Unterstützung) 49 „ — «/ 7) für lithographische Arbeiten, als Brod- Fleischkarten, Listen u. s. f. ^...... 12 „ 23 » 8) für die Vereinsbibliothek ..... 27 „ 6 » Summa 667 fl. 58 kr. Außerdem wurden noch mehrere Arme mit Kleidungsstücken, Geschenken von Mitgliedern, unterstützt. AIS einen erfreulichen Anhang zu unserm Armenberichte müssen wir noch der Verein Sbibliothek erwähnen, die im Sommer 1850 Gottlob zu Stande kam, und bereits aus 800 Bänden, — theils Jugendschriften, theils Schriften religiösen sowohl, als gemeinnützigen Inhaltes überhaupt — besteht. Katholische Männer verschiedenen Standes in und außer dem Vereine haben den größten Theil als ein Geschenk dem Vereine überlassen, wofür er heute den wärmsten Dank zollt, so wie den milden Gebern, welche die Summe von 93 fl. 18 kr. zur Erhaltung und Vermehrung der Bibliothek beitrugen, und deren Verwendung der Ausschuß sorgfältig berieth. Eben so erfreulich ist es aber auch, berichten zu können, daß bereits eine nicht unbedeutende Anzahl von Büchern durch Vereinsmitglieder (insbesondere die hochwürdige Geistlichkeit der fünf Pfarreien) unter die Jugend sowohl, als Erwachsene ausgeliehen ist, und mit Gottes Beistand heilsam und segensreich wirken wird — gegenüber dem verderblichen Gifte der schlechten Presse, die täglich ihr Unheil drohendes Haupt erhebt. — Wir schließen mit dem Wunsche, daß die Theilnahme an unsern Vereinsbestrebungen eine immer ausgedehntere werde, und ihre Segnungen sich über Geber, wie Empfänger ausbreiten mögen. ') Wer sie entfernt oder veräußert, sey dein Kirchenbann? verfallen. '*) Wären die Frauenvcrcine für arme Kranke, wie anderwärts, mit dem Vinccnzverein verbunden, so würden natürlich weit größere Summen sich ergeben, da jene im letzten Jahre in unsern fünf Pfarreien wieder über 3000 Gulden zusammengebracht haben. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. -_ Verlags-Znhaber: F. C. Krem er. Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur AUgsZmrger pojhMmg. 13. April AK. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonncmentspreis 40 kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Am Charfreitage. Wer mag ohne Thränen schauen Dieser Liebe wunderbare Flamme, Wenn der Heiland sterbend segnet Seine Feinde an dem Kreuzesstamme? Die so schwer geseufzt, die Erde, Hat den Einen Retter nun gefunden: Von des Opfcrblutcs Sühne Mag erquickt die schmachtende gesunden! Als die Erdcnsonne düster Ihren Blick in bange Trauer hüllte Und beklomm'ne Nacht und finstres Grauen Den erbebten Erdenrund erfüllte: Da ergoß des Himmels Sonne Auf das Erdendunkcl fich hernieder Und erwärmte die erstarrte Unter ihrer Strahlen Glanzgefieder! Und wie bei des Aufgangs Gluten Die erschreckten Nachtgebilde weichen; So cntflohn die düstern Schatten Bor dem Gnadcnlicht des Kreuzeszeichen. Wer mag zählen all die Völker, Die getragen von dem Zeitenstrome Durch das Thrüncnthal der Prüfung, Hingepilgert zu dem Kreuzesdome? Wer ergründet diesen Bronnen, Aus dem Millionen schon getrunken, Deren Herz von Gram gebrochen Still am Lebenswege hingesunken! Darum sey uns hochgefeiert SchmcrzenstaZ, der in dem Tod tzas Leben Mit der Himmelsgütcr höchstem Der in Sünde starren Welt gegeben.! _ ' Tafrathshofer. 114 Die heilige Woche in Jerusalem. (A»S einem Bericht des P. Johann, Secretär» des heil. Landes, an den Gencralcommissär in Wien, ) für Kartoffel und Hülsenfiüchte . . . . 108 „ 13 „ e) für Kleidungsstücke und Bettwäsche . . . 601 „ 48 „ y für Holz........ 706 „ — ., 8) für Zinsbeiträge und Prämien an die Einleger in die ZinSsparcasse ....... 560 „ 30 „ k) für verschiedene zweckmäßige Unterstützungen . . 355 „29'/?,, 1) Ausgaben für den Vereinsdiener und Local-Utenstlien 47 „ 36 „ Demnach hat der Verein seit seinem 22monatlichen Bestehen 4256 fl. 45'/, kr. verausgabt; an dieser Summe participirten mehr als 400 Arme. 118 Man begnügte sich aber nicht damit, die Armen materiell zu unterstützen, sie wurden auch von Vereinsmitgliedern in ihren Wohnungen besucht, in ihrem Thun und Lassen überwacht, und so viel als möglich moralisch gehoben, und sicherlich wurde ihnen dadurch noch mehr genützt, als durch die gespendete Gabe. Der Verein erfreut sich der Bestätigung von Seiten der höchsten kirchlichen Autorität, und ist erst jüngst vom heil. Vater Papst Pius IX. mit Ablässen begnadigt worden. Er hat auch bereits an mehrern Orten, wie in Straubing, und selbst in dem entfernten Köln und zu Gmünd in Württemberg Filialvereine. Wenn je ein Institut geeignet ist, die Wunden der Zeit heilen zu helfen, so ist es hier gegeben. Wem daher immer an einer bessern Zukunft gelegen ist, der möge sich an unsern Verein bethciligen. Den Armen muß geholfen werden, dann hilft Gott auch den Reichen. Der Arme muß wieder einsehen lernen, daß in den vornehmen und bessern Ständen ihm wohlwollende Herzen schlagen, dann wird er die Reichen und Vornehmen nicht mehr hassen und zu ihrem Untergange sündhafte Verbindungen eingehen, sondern sie als Wohlthäter lieben und mit Blut und Leben vertheidigen. Daß hiezu der Vincentiusverein ein geeignetes Mittel ist, zeigen seine Statuten. Man hört überdieß so vielfältig über den Straßenbettel klagen. Auch gegen dieses Uebel böte der Vincentiusverein ein Heilmittel. Würde ein Jeder jene Gaben, die er im Laufe eines Jahres an so manchen unwürdigen Armen verschwendet, sammeln und an den Vincentiusverein abgeben, so könnte er mit Fug unv Recht den Bettel im eigenen Hause abstellen. Der Verein würde aber durch die reichlichen Mittel, die ihm auf solche Weise zuströmen, bald in der Lage seyn, allen wahrhaft Dürftigen seine Hilfe angedeihen zu lassen. Mögen diese Andeutungen jene Beherzigung finden, wie sie die Wichtigkeit des Gegenstandes verdient. Der Ausschuß des St. Vincentiusvereins in RegenSburg. vr. Wiser, Kanonicus, d. Z. Vorstand. Berichte über Missionen. C o b l e n z. ----- Koblenz, 2. April. Die Zeit der dahier abgehaltenen Missionen ist nun vorüber. Sie wurden heute Abend, nachdem die Pfarrei zu Unserer lieben Frau sich in feierlicher Processton und in Begleitung der sämmtlichen Pfarrgeistlichkeit und der Patres Missionäre nach der St. Castorkirche begeben, durch eine ans dem freien Platze vor dieser Kirche gehaltene Predigt des RectorS S.Müller geschlossen, hierauf das Tedeum angestimmt und zum Schlüsse der sacramentalische Segen ertheilt. Bei diesem Schlußakte mögen wenigstens 7—800(1 Gläubige anwesend gewesen seyn. Ein erhabener Anblick und zugleich das beste Zeugniß für die Aufnahme, für daS Wirken der ehrwürdigen Väter. Möchten alle die guten Vorsätze, welche in der kurzen Zeit gefaßt worden sind, treulich gehalten werden. Doch wenn dieses auch nur bei Vielen, ja sollte es sogar nur bei Wenigen der Fall seyn, so wäre das schon Grund genug, uns über die Mission zu freuen, und Gott für die gespendeten Gnaden zu danken. So sehr man in unserer Stadt auch an einen recht fleißigen Kirchenbesuch gewohnt ist, so muß man es doch gesehen haben, um zu glauben, wie groß der Andrang zu den Predigten, zu den Beichtstühlen der Patres gewesen. Von dem Empfange der heiligen Sacramente kann man sich einen Begriff machen, wenn versichert wird, daß beiläufig zwei Drittheile aller Communicanten dieselben in dem kurzen Zeitraume von zwölf Tagen empfangen haben. Koblenz hat bei dieser Gelegenheit bewiesen, wie treu es an dem Glauben seiuer Väter festhält, und wie empfänglich die Herzen seiner Bewohner für die Heilswahrheiten der katholischen Kirche sind, und die wenigen Feinde dieser Wahrheiten haben zu ihrer Beschämung gesehen, wie wenig Hoffnung sie haben, unser Volk von dem Wege der Wahrheit, der allein zum Leben 119 führt, abzubringen. Möge Gott auch sie zur Besinnung, zur Besserung bringen; möge er auch ihnen seine göttliche Gnade zu dieser Bekehrung schenken. Von den Vorträgen deö Pater Gemminger ist alles entzückt, und kann ich nicht umhin Ihnen ein Beispiel mitzutheilen, was dieser eminente Kanzelredner über die Gefühle seiner Zuhörer vermag. Bei der Aufrichtung des MissionSkreuzeS hatte derselbe zum Gegenstande der Predigt sich die Aufgabe gestellt, die beiden feindlichen Heerlager, daS der Bösen unter Anführung des Vaters der Lüge, daS der Guten unter unserm göttlichen Heiland, dem Geiste der Zuhörer vorzuführen. Im ersten Theile schilderte er nun auf unübertreffliche Weise die Eigenschaften des Bösen, seine Soldaten, seine Fahne und seinen Sold — den Sold der Sünde. Hier schon blieb kein Auge thränenleer, als er eine gefallene Unschuld im Wahnsinn beim AuSgange der Kirche erscheinen läßt, und nachdem alle vergebens nach der Ursache der Erscheinung fragen, endlich ein alteS Mütterchen sich vordrängt, der Menge zuruft: — das ist der Sold der Sünde. Im zweiten Theile jedoch erreichte die Rührung den höchsten Gipfel. Nachdem er die Eigenschaften deö guten Feldherrn — Wahrheit im Munde, die Wohlthat in der Hand, die Liebe im Herzen — auf unsern Heiland angewandt, auseinandergesetzt und gezeigt hatte, wer seine Soldaten, was seine Fahne, waö sein Sold — der Lohn der Tugend — sey, suhr er fort: Nun, meine liebe Christen, nahet für euch die Zeit der Entscheidung. Welchem der beiden Feldherren wollet ihr folgen? Wollet ihr dem guten Feldherrn folgen, so antwortet mir mit einem kräftigen: Ja. Nun, wollet ihr unserm göttlichen Heiland folgen? — Was folgte? Ein einstimmiges „ja" der Männer. Und die Frauen? — Die weiten Räume der Kirche hallten von ihrem lauten Schluchzen nieder, und lange dauerte es, bis die Ruhe so weit hergestellt war, daß fortgefahren werden konnte. Seine heute Morgen »ach der Generalcommunion der Männer gesprochenen Abschiedsworte werden uns ewig unvergeßlich seyn. Dank ihm, herzlichen Dank ihm und allen den guten Vätern für daS, was sie in der kurzen Zeit an unS und für uns gewirkt haben. Gott begleite sie, Gott segne ihr Wirken, und mögen sie sich eben so gern unser erinnern, wie wir stets mit Wonne auf ihr Hierseyn zurückblicken werden. Osnabrück. Osnabrück, 26. März. Die am l6. d. M. von den hochwürdigen Jesuiten PP. Burgstahler, Mar Klinkowström und Mair im hiesigen Dome begonnene VvlkS- mission ist am gestrigen Festtage, Maria Verkündigung, beendigt. Während der Mission wurden an jedem Tage, mit wenigen Ausnahmen, drei Predigten und außerdem an den ersten Tagen für die Zöglinge des katholischen Gymnasiums und die Volksschüler am Dome und an St. Johann Religionsvorträge gehalten. Nicht bloß die Katholiken auS jenen beiden Stadlkirchspielen, sondern auch die auö den benachbarten Landkirchspielen strömten in langen Zügen zum Gotteshause, worin zu früher Morgenzeit schon die Andächtigen zum Gebete sich versammelten. Die Theilnahme an den Vorträgen der Missionäre war eine ganz allgemeine. Dazu waren vom frühesten Morgen bis zum späten Abende die Beichtstühle von Andächtigen umstellt; die Zahl derer, welche im Dome und in St. Johann die heiligen Sacramente empfingen, kann man auf 6000 schätzen. Die Rührung der Zuhörer bei den Kanzel- vorträgen, der gestärkte Eifer der Katholiken für ihre heilige Religion, so manches erhebende Zeichen einer reumüthigen, aufrichtigen Bekehrung lassen mit Sicherheit erwarten, daß der nächste Zweck der Mission: Belehrung, Befestigung im Glauben und Aussöhnung mit Gott, bei den meisten Theilnehmern erreicht sey. Hoffen wir, daß davon die weitere Folge sey, daß bei recht Vielen eine vollkommene Besserung eintritt. Mit diesem Wunsche schloß in einer eindringlichen, rührenden Rede der hochwürdigste Herr Weihbischof Dr. Lüpke die Mission, und hierin, so wie in den Dank, den er den hochwürdigen Herren Missionären darbrachte, stimmen alle hiesigen Katholiken aus vollem Herzen ein. Ueber die hochwürdigen Herren Missionäre ist nur eine Stimme der vollsten Befriedigung. Ihr Vortrag war klar, bestimmt, überzeugend und ansprechend; verständlich dem Landvolke und zusagend den gebildeteren 120 Ständen. Sie haben eS verstanden, Allen zu genügen. Kein Mißton hat die heilige Feier gestört. Wohl hat sich Osnabrück nach jenem unheilvollen Friedensschlüsse von 1648 die FriedenSstadt genannt; allein ich glaube, daß die gute Stadt noch nie so viele Herzen voll Frieden besessen hat, als wie beim Schlüsse dieser Volksmission. (D. Vollst).) Heiligen st ad t. Heiligenstadt, 26. März. Auch das Eichsfeld erfreut sich der Wohlthat der heiligen Missionen. Gestern wurde hier eine Mission geschlossen, welche am 13. begonnen hatte, und welche gewiß in der Erinnerung unserer Stadt unvergeßlich bleiben wird. Dieselbe ist von den hochwürdigen Vätern der Gesellschaft Jesu, Ketter er, Dann und von Waldburg-Zeil abgehalten worden. Täglich wurden in unsern beiden schönen gothischen Pfarrkirchen abwechselnd drei Predigten gehalten und von Tag zu Tage wuchs die Theilnahme und Begeisterung der hiesigen Bewohner. Die ungeheuchelle Frömmigkeit und herzgewinnende Liebe der Väter, die Verstandesschärfe deS Herrn P. Ketterer, die Herzlichkeit deS Herrn P. von Waldburg-Zeil, und die glühende Begeisterung deS Herrn P. Dann wirkten unwiderstehlich auf den Geist und das Herz der Zuhörer, und bei den Tausenden, welche an der Mission Theil genommen haben, ist nur Eine Stimme über die Vortrefflichkeit des Misstonsinstituts überhaupt und den ausgezeichneten Erfolg der hier abgehaltenen Mission insbesondere. Alle Stände, und die höheren am meisten, wetteiferten in der Theilnahme, und bei dem gestern gehaltenen Schlüsse konnten die weiten Räume der Kirche die Menschcn- masse nicht mehr fassen. Der Besuch der Beichtstühle zeigte insbesondere, wie zer- knirscht die Herzen waren, und welches große Vertrauen die Herren Missionäre als Beichtväter genießen, lim die Wirksamkeit der Mission für die Zukunft zu sichern, haben die Väter zur Theilnahme an dem Missionsvereine eingeladen, und an dem Eifer der Jugend, sich in den Verein einschreiben zu lassen, sieht man, welchen Einfluß die Mission auf dieselbe geübt hat. Namentlich haben sich die Zöglinge des hiesigen Gymnasiums und des katholischen SchullehrerseminarS bei der Mission so ausgezeichnet, daß der Herr P. Ketterer sich bewogen fand, dieß bei der Schlußpredigt öffentlich anzuerkennen. — Hier in Heiligenstadt und auf dem Eichsfelve herrscht im Ganzen noch ein gläubiger, gotteSfürchtiger Sinn. Die Versuchungen und Verführungen sind in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts jedoch so groß gewesen, daß für den Fortbestand dieses gläubigen, gotteSfürchtigen Sinnes sehr zu fürchten ist. Die Hoffnung, daß die Mission zur Weckung und Belebung deS guten Sinnes recht viel beitragen werde, scheint mehr als gerechtfertigt zu seyn, und ich glaube, daß wir unter den jetzigen Auspickn getrost die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts antreten können. (D. VolkSh.) _ Bonifaciusverein. Rottenburg. Seitdem der edle Graf Joseph von Stolberg das Project eines BonifaciuSvereineS bei uns persönlich beteieb, ist darüber fast Alles verstummt, obgleich die Idee in Vieler Herzen einen guten Anklang fand. In der letzten Zeit aber verlautete, daß für den Bonifaciusverein doch etwas Reelles geschehen soll. Bisher flössen alle für Missionszwecke'eingehenden Gelder der Diöcese, die in den letzten Jahren auf eine bedeutende Summe gestiegen waren, in den großen Verein zur Glaubensverbreitung in Lyon. Nicht weil man die dem letzteren Vereine von anderer Seite her gemachten Vorwürfe, als ob er vorzugsweise französische Interessen verfolgte, für wahr hielte, fand doch der hochwürdigste Bischof von Rottenburg für gut, sich mit den in der Diöcese bestehenden Vereinen für auswärtige Missionen an den Lud- wigSverein in München anzuschließen, jedoch mit der ausdrücklichen Bestimmung, daß der dritte Theil der eingegangenen Missionsbeiträge für arme, unter Protestanten lebende Katholiken in Deutschland (Bonifaciusverein) verwendet, ein Drittheil nach Lyon geschickt und der Rest im Interesse deS Ludwigs-MissionSvereineS verrechnet werde. (N. S.) _ Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Berlags-Znhaber: F. C. Krem er. Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojtzeitung. 20. April A«. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsvrcis kr., wofür es durch alle kvnigl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Zur ersten heiligen Commnnion. Vorüber steuert des Stromes Fluth, Ein Knabe ruht daneben. Klar ist sein Auge, sein Herz voll Gluth, Und süße Träum' ihn umschweben. Er träumt von einem Königssaal, Der ihn umleuchtct sonnig, Er träumt von einem Königsmahl, Das ganz ihn erfüllet wonnig. Und friedlich, wie Schwäne des Abend« zleh'n Mit leise gehobenen Swingcn, So hört er heilige Melodie'n Ein 8snclu8, 8anctu8 singen. Wie ist ihm so wohl, so voll sein Herz Von heiliger Gluth und Klarheit! Da schrickt er empor und ruft mit Schmerz: Ach! wäre dieß Traumbild Wahrheit! Die Fischlein auf ihrer Wasscrfahrt — Sie hören die Klag' und säumen, Die Blumen betrachten ihn minnig zart, Als wüßten sie um sein Träume». Des Lenzes Lüfte ruhelos Umkosen ihm Haar und Wangen — Ihm aber ist eine Sehnsucht groß Im Herzen aufgegangen. Und siehe — was blinkt auf der Wasscrbahn, WaS rauschet so süß durch die Wogen, Als käm' ein singender, goldener Schwan Den Strom herabgezogen? Eine Gondel ist'S, lichtsonnig erhellt, Mit Segeln so rein und weiße, Und süßes Klingen die Segel schwellt — Aushorcht der Knabe leise. Ihm ist's, als hört' er den lieblichen Ton, Der ihn entzückt im Traume — Da ist die Gondel gelandet schon; Wer steigt aus des Schiffes Raume? 122 tt Il M G-^ Wer ist der hehre Gondolier, Deß Antlitz göttliche Klarheit, Umwallt von fürstlicher Locken Zier? O Knabe, dein Traum wird Wahrheit! Das ist der König im Königssaal, An dem dein Aug' sich geweidet, Er will dich führen zum Königsmahl, Das wunderbar Er bereitet. Dort trinkst du göttliches Lcbensblut Ans seines Herzens Pokale, Dort issest du Manna, so himmelgut, Ans heiliger goldener Schaale. Dort wirst dn erglänzen, ein Lichtrnbin, Wohl ohne Makel und Fehle. Und heilige, himmlische Melodien Durchzittcr» deine Seele. Da faßt es den Knaben mit süßer Gewalt, Schon hat er die Gondel erstiegen, Die Ruder rauschen Schaumnmwallt, Die weißen Segel fliegen. Und eingewieget von Himmelslust, Von Hymnen, wundertönig, So ruhen beide, Brust an Brust, Der Knabe und der König. O Knabe, seliger Knabe du, Laß nicht von des Königs Kusse! Und du, lieb Schifflcin, sahr immer zu Auf wallendem Zcitenflusse; Und bring' mir den Knaben an sichern Port An's Ufer der Seligkeiten; Dort möge der König nach seinem Wort Das himmlische Mahl ihm bereiten! Michael Helmfauer. Zur Statistik der katholischen Kirche. ( Allgemeine Zeitung.) Einer der Beamten im päpstlichen Staatssecretariate, Girolamo Petri, hat unter dem Titel: „Lemretua clella santa dliiesa eatwlic» gpostolica romima sl 1 kennaio 1851" (Rom, in der Druckerei der apostolischen Kammer. 308 S. 8.), ein Buch herausgegeben, welches dadurch, daß es einen vollständigen und bequemen Ueberblick der gesammten Institutionen deö Katholicismus in den verschiedenen Welt- gegcnden gewährt, nicht ohne mannigfaches Interesse ist. Der römische Staatskalender, welcher nach dreijähriger Unterbrechung in diesem Augenblick wieder erscheint, pflegte eine solche Uebersicht zu enthalten; hier aber ist dieselbe nicht nur besser georvnet, sondern durch eine Menge historischer Notizen bereichert, welche man freilich zum Theil reichhaltiger, zum Theil genauer wünschen möchte, die aber doch immer sehr willkommen sind, in so fern sie die Ausbreitung des Christenthums nach den verschiedenen Jahrhunderten anschaulich machen und so in der Kürze eine gedrängte Geschichte derselben geben. Hierbei zu verweilen kann nicht der Zweck dieser Anzeige seyn, welche eS hingegen mit einigen statistischen Daten zu thun hat, die bei der Durchsicht dieses nützlichen und fleißigen Buches gewonnen wurden. Dasselbe beginnt mit dem heiligen Stuhle und dem Cardinalat. Von den siebenzig Cardinalstiteln, welche das heilige Collegium zählt, sind nur drei vacant: die Bischöfe und Priester sind vollzählig, jene 6, diese 50; von den Diaconen sind nur 11 statt 14 vorhanden. Der älteste der 1S3 Cardinalpricster (als Cardinal) ist der Erzbischof Oppizzoni von Bologna, der jüngste der Fürstbischof Dicpenbrock von Brcslau Eils Cardinälc haben den Hut noch nicht empfangen und somit auch noch keinen Titel von römischen Kirchen. Die Zahl der Erzbisthümer in Europa beträgt 104. Es kommen davon auf Italien 46, auf Frankreich 15, auf Deutschland 13 (österreichische Staaten 8, Preußen 2 — Köln und Gncscn^Posen —, Bayern 2 — München-Freising und Bamberg, oberrheinische Kir- chcnprovinz Freiburg), auf Spanien 8, auf Ungarn mit Dalmatien 4, Irland 4, europäische Türkei 4, Portugal 3, Nußland 3, Griechenland und jonische Inseln 2 (Naros und Corfu), England 1 (Westminster), Belgien 1 (Meckcln). Unter diesen 104 Metropoliten stehen 427 BiSthümcr. Außerdem sind 78 Bisthümer immediat dem heiligen Stuhle untergeben, nämlich: 4 deutsche (Brcslau, Ermeland, Hildcsheim und Osnabrück), 4 schweizerische (Basel, Chur, Lausanne-Genf und Sitten), 2 spanische (Leon und Ovicdo), Chelm in Volhynicn, Malta-Rhodus und NikopoliS in der Bulgarei; alle übrigen in den italienischen Staaten. So beläuft sich die Zahl der europäischen BiSthümcr, mit Einschluß der wenigen an der nordafricanischcn Küste oder auf portugiesisch-spanischen Inseln, die unter europäischen Metropoliten stehen, wie Algier, Ceuta, Tanger, Angola, S. Jago vom grünen Vorgebirge, Teneriffa, Canaria, oder aber französischer Colonie-BiSthümer, wie Guadeloupe und Martinique, auf 609. Die unter der Leitung der Congregation der Propaganda Fide stehenden apostolischen Vicanate und Präfecturen in Europa sind 18 an der Zahl; sie umfassen die aScanischen Herzogtkümer, Königreich Sachsen, Graubündten, WalliS, Norddeutschland mit Dänemark, Schweden, Holland in 4 Bezirken, Schottland in 3 Bezirken, Herzegowina, Königreich Griechenland, Bosnien, Walachei, Moldau, Bulgarei, Konstantinopel, endlich Gibraltar. Die englischen apostolischen Vicariatc, 8 an der Zahl, sind, wie man nur zu gut weiß, im Laufe des letzten Jahres in 12 BiSthümcr mit Benennungen von englischen neugeschaffenen Diöccsen umgewandelt worden. Die Vicariatc stehen zum Theil unter den Jntcrnunticn zu München und im Haag, theils werden sie durch Titular-Bischöse in psrtilius, oder durch andere geistliche Würdenträger verwaltet. Einen untergeordneten Rang haben die Präfecturen, welche einfachen Priestern übertragen werden, denen die einzelnen Missionaricn zugegeben sind. Letzteres bezieht sich namentlich auf Asien und Afrika, besonders auf den ersteren viescr Welttheile, in welchem eS 47 unter der Leitung der Propaganda stehende Vicariatc, Delegationen und Präfecturen gibt. Von diesen sind 28 in China, Siam, Cochinchina, Tonkin, Japan u. s. w., die übrigen in Kleinasien, Libanon, Aleppo, Mcsopotanien mit Kurdistan und Klcinarmenicn, Pcrsien und Ostindien, letztere 16 an dcr Zahl. Afrika zählt außer seinen 9 unter europäischen Metropoliten stehenden Bischöfen 14 Vicariatc und Präfecturen, in Habesch, den Gallas, Ccntralafrika, Cap dcr gutcn Hoffnung, Congo, Egypten für die Lateiner und Kopten, Guinea, MadagaScar, Marocco, Senegal, Tunis, Tripoli u. s. w. Die meisten dieser Vicariatc sind neuer Crcation, nämlich auö dcr Zeit Gregors XVI. und selbst des regierenden Papstes. In Amerika gibt es 8 Vicanate und Präfecturen, zu Cayenne, Cura?ao, Jamaica mit dcn Bahama-Jnseln, in Englisch-Guyana, Ncu-Mcrico, St. Picrre und Miauclon, Snrinam und im Gebiet der Vereinigten Staaten östlich von den Rocky-Mountains. Allc diese Vicariatc sind in den Jahren 1837 bis 1350 in- stituirt worden. Süd- und Mittelamerika aber haben ihre seit Jahrhunderten bestehende Hierarchie spanischen und portugiesischen Ursprunges, welcher sich neuerdings die in Nordamerika angeschlossen hat. Zehn Metropoliransitze in dcn beiden erstgenannten Regionen deS Welttheilcs haben 41 Bisthümer unter sich; jene sind: S. Salvador in Brasilien mit 9 Suffraganeaten, Venezuela mit 2, Guatimala mit 4, la Plata mit 3, Cuba mit 1, San Jago in Chili mit 3, Lima mit 5, Quito mit 2, Santa Fe di Bogota mit 6, San Domingo mit 1 (Portorico). Nordamerika hat Erzbischöfe zu Mexico, Neu Orleans, New York, Baltimore, Cincinnati, Orcgoncity, Quebec, St. Louis (Missouri) und Port d'Eöpagne auf Trinidad, im Ganzen 9 124 mit 49 Suffraganen. Die Gesammtzahl der amerikanischen ErzbiSthümcr beträgt demgemäß 19 mit 90 BiSthümern. Oceanien zählt 2 ErzbiSthümer zu Manila und Sidney mit ll Bisthüuiern und 9 apostolischen Vicariaten, deren Crcation ganz der neuesten Zeit angehört. Nun ist noch übrig, der Patriarchal-Kirchen, so wie der Bisthümer in riartilius insiclelium zu erwähnen, über welche beive wir in dem Pctri'schen Buche genügende Auskunft finden. In europäisch-christlichen Staaten haben nur zwei Kirchen den Patriarchat Titel: Venedig (von der Vereinigung mit Aauila-Grado) und Lissabon (durch Verleihung Papst Clemens XI. im Jahre 1716). Die orientalischen Patriarchate sind zum Theil bloße Titel, wie Konstannnopel lateinischen RituS, Alcrandria, Antiochia lateinischen NituS, welche an Mitglieder der Prälatnr, die in Rom selbst residiren, verliehen zu werden pflegen. So ist Patriarch von Alerandria Mousignor Daulo Augusto FoScolo, einst als Kanzclreducr berühmt, bekannter aber noch durch die Wechselfälle cineö stürmischen Lebens in und außerhalb Italiens, jetzt ein bejahrter und kranker Mann. Auch Jerusalem war ein bloßer Titel dieser Art, biö Papst Pins IX. im Jahre 1347 mittels einer Ucbcreinkunft mit der Pforte Residenz und Jurisdiction des lateinischen Patriarchats wieder herstellte, zu welchem Monsignor Valerga, ein Lignre, ernannt wnrde. Die übrigen Patriarchate sind die der Melchi- ten in Antiochia mit der zeitlichen Residenz in Damaskus, der Maronitcn in Antiochia mit der Rcsircnz im Kloster Canvbin in CheSroan, der Syrer in Antiochia mit der Residenz zn Aleppo, der Chaldäer von Babylon mit der Residenz in Mussul, der Armenier von Cilicien mit der Residenz in einem der Klöster des Libanon, endlich das spanische Patriarchat für die westindischen Besitzungen, welches von Leo X. institnirt wurde. Die sechs vorderasischen Patriarchalkirchen nebst den crzbischöflichcn Kirchen von Babylon für die Lateiner, Konstantinopel für die Armenier, Jerusalem für die Syrer, Smyrna und Goa haben 53 SuffragaU'Sprengcl unter sich. Die Gesammtzahl der katholischen ErzbiSthümer, mit Einschluß der wirklichen Patriarchate, beläuft sich also auf 136, wovon 104 in Europa, 11 in Asien, mit Einschluß AleraudriaS, 19 in Amerika, 2 in Oceanien; die Gesammtzahl der BiStbümer auf 763, von denen 6(19 auf Europa und einige Kolonien mit Nordasrika, 53 auf Asien, 90 auf Amerika. 1! auf Oceanien kommen, so daß eS im Ganzen 899 katholische Bischofssitze in den Verschiedenen Weltthcilen gibt. Die Titel als Bischöse in pgrtidus werden an die päpstlichen Botschafter, die jedesmal Erzbischvfe seyn müssen, an Mitglieder der Prälatnr, welche in Rom selbst Aemter oder Würden bekleiden, an die Coaojutorcn oder Suffragane von Erzbischösen und Bischöfen, an hochgestellte Mitglieder von Domcapiteln, oder auf besondere Anlässe hin verliehen. Wir finden 31 Erzbischöfe aufgeführt, deren Reihe mit dem Grafen Mercy d'Argcnteau, vormaligem Nuntius in München, beginnt, und unter denen sich Monsignor di Pietro, Nuntius in Lissabon, Erzbischof von BcrytuS, Monsignor Viale Prela, Nuntius in Wien und Erzbischof von Carthago, Monsignor Garibaldi, Nuntius in Paris und Erzbischof von Mira, Monsignor Antonucci, Nuntius in Tnrin (zur Zeit abwesend), und Erzbischof von TarsuS, Monsignor Brunelli, Nuntius in Madrid und Erzbischof von Thessalonika, Monsignor Fernen, Nuntius in Neapel und Erzbischof von Sida, Monsignor Gonella, Nuntius in Brüssel und Erzbischof von Neo-Cäsarea; neben ihnen die vormalig» n Numicn Monsig. d'Andrea, Morichini, Maciotti, St. Marsan. Die Zahl der crzbischvflichen Kirchen in nkirtilzus, bei denen noch dem Namen nach die alte Eiulhcilung der Sprengel mit ihren Suffra- ganeatcn besteht, beläuft sich nach den hier gegebenen Verzeichnissen, die indeß schwerlich ganz vollständig sinv, in Europa auf 19, in Asien auf 41, in Afrika auf 14, somit im Ganzen auf 74. Die der bischöflichen beträgt in Europa 64, in Asien 234, in Afrika 74, zusammen 372. Rechnet man dazu noch 15 andere außerhalb dieses vormaligen DiöcesanverbandeS stehende Titel, die jetzt vergeben sind, so beträgt die Gesammtzahl der Kirchen in psrtidus inliäelmm nicht weniger als 461, so daß eS im Ganzen 1360 katholische Bischofstitel gibt. 125 Bekehrungen in Jerusalem. (Au« dem in der letzten Nummer bereits benutzten Schreiben des Scerclärs des heiligen Landes, Paier Johann, clil. Jerusalem 8. April 1350.) Der Geist Gottes hat zu allen Zeiten wunderbar auf das Menschcnherz gewirkt, und fährt zu deren Heil fvrt zu wirken. Dieses gestehen hier Jene, welche unS, wie der Kirche GotteS, früher fremd waren. Ich bin ermächtiget sie zu nennen. Herr Franz Ansclm Lair Patterson, Professor am DreieinigkeilS-Collcginm zu Oxford, und Herr Franz Maria Vymon, Mitglied deö Kollegiums der Verstorbenen daselbst, beide sehr bekannte und würdig geachtete Zöglinge der Orfordcr Universität, deren heutiger religiöser Geist aller Welt bekannt ist, legten bei uuö ihr katholisches Glaubensbekenntnis) ab. Ich genoß die Gelegenheit, mit ihnen zumeist zu convcrsircn, und sie theilten mir mit, wie sie auf ärztlichen Rath die Wiederherstellung ihrer körperlichen Gesundheit ans Reisen gesucht, und Gott sey gedankt, gefunden. Beide waren schon daheim von den katholischen Grundsätzen durchdrungen, und von dem Verlangen der Rückkehr in die wahre Kirche beseelt. In Egypten angelangt fühlten sie ihre Gesundheit schon vollständig consolidirt. Auf der Nilfahrt besprachen sie sich eines TageS über Religion, das dringlichste Anliegen ihreö HcrzcnS. Dieser Fluß, sagte Patterson, wie daö Meer, der milde Himmel, die reine Luft, die reichlichen Reiseerfahrungen, o Gott, wie wunderbar haben diese zur Wiederherstellung unserer Kräfte beigetragen! Nun befinden wir uns schon wohl; wenn unS aber Gott in dem heiligen Lande noch mit der Wohlthat der Religion beschenken würde, wer wäre glücklicher denn wir beide! — In der Vorosterfastcn hierorts angelangt hatten sie sich dem hochwürdigen CnstoS mit dem Bemerken vorgestellt: „sie seyen zwar Protestanten, wären aber Freunde der Katholiken." Von jenem Augenblicke an besuchten sie die heiligen Stätten Jerusalems fleißig, wobntcn unsern gottesdienstlichen Handlungen immer an, unterließen aber keine einzige in der Charwoche; und waS war der Erfolg davon? Jener, daß sie unmittelbar nach Beendigung der Charfreitagöprocession dem P. Custoö melden ließen, sie seyen nicht mehr protestantisch, sondern schon katholisch und wünschten mir der katholischen Kirche förmlich einverleibt zu werden. Da man nach gepflogenen Unterredungen, Prüfungen und nachträglichem Unterrichte die vollkommene Ueberzeugung von dein wahren Berufe, von der tiefen Gelehrtheit, von dem vollkommenen Einverständnisse mit den katholischen Dogmen und dem festen Glauben an dieselben gewonnen hatte, ward ihre Bitte endlich gewährt. Die Rückkehr so gebildeter und ausgezeichneter Individuen hatte in Jerusalem ungemeine Sensation erregt. Zu mir sprach gleich bei ihrem Anlangen eine innere Stimme, daß tiese Herren in ihrem Inneren katholisch sind; denn ich bemerkte eine seltene Unschuld auf ihrem Antlitze, alles Tugendhafte in ihren Handlungen, Kenntniß und Weisheit in ihren Worten. Wenn SilviuS Pellico spricht: „O! wie tröstend und geisteöcrhebend ist eine wahrhafte Rückkehr zur Religion!" so hatte ich Grund, mich zu freuen; wie sich aber die Nückgekehrten selbst freuten, gaben ihre Dankcswortc an den P. Custos nach Vollendung der heil. Handlung zu erkennen, welche sie, von süßer Rührung ergriffen, und freudestrahlend mit diesem Ausdrucke beschlossen: „als wir das erstemal zu Ihnen hincintraten, war unser Herz noch ziemlich ferne von Gott; heute aber haben wir Ihn in uns; gebcnedciet in Ewigkeit." Noch glaube ich erwähnen zu dürfen, wie der Protestant I. Spencer Nonlhvte, auS Philadelphia, im Begriffe, sich von dem hochwürdigcn P. Custoö zu verabschieden, sich in meiner Gegenwart ausgesprochen: „Ich schcive von Jerusalem, dankerfüllt für Ihre Aufmerksamkeiten, und noch dankbarer für Ihre Feierlichkeiten dieser Tage. Ich wünsche Ihnen Glück da-,», und empfehle mich Ihrem Gebete, auf daß der in mir gefaßte Beschluß, zum Katholicismus überzutreten, in Erfüllung gehen könne. Es wäre mir auch lieb gewesen, hier, auf dem Grabe des göttlichen Erlösers, den Irrthum abzuschwören; ich habe aber aus guten Gründen beschlossen, diesen Act in meiner Heimat, von der ich bereits zwei Jahre entfernt bin, zu vollziehen. Beten Sie also, auf daß mir diese Gnade von Gott werde. Ich habe den Entschluß gefaßt. Ihre Charwoche hat die letzte Hand anS Werk gelegt." Und hiermit trat er ab. IS« Da ich von Bekehrungen spreche, so kann ich nicht unerwähnt lassen, daß sich gegenwärtig 17 zum Katholicismus rückkehrende Griechen, 5 Kopten und 1 armenischer DiaconnS bei uns im Religionsunterrichte befinden, und kürzlich 2 Jsraeliten, nach einer langen Lern;eit, getauft worden sind. Außer diesen einzelneu BckehruugSfällcu muß ich jenen von 173 armenischen Familien aufführen, welche seil dem Herbste des v. I. bis zum heutigen Tag durch daS seeleneisrigc Wirken unseres P. GuardianS in Aleppo der heiligen Muttcrkirchc zugeführt worden sind. Ich erlaube mir seinen dicßfälligen neuesten Bericht an mich hier anzuführen: „Die Bekehrungen der schismatischen Armenier zu Adana in Kleinasien und eigentlich in Caramanien, unfern Tharsus, gehen, wie ich cS in meinem früheren Schreiben gemeldet hatte, fort; die Anzahl der convertirten Familien bcläuft sich dermalen auf 173 mit 7V0 Personen. Die im Schisma Zurückgebliebenen setzen zwar Alles aufs Spiel, um die Neubekehrten zurückzuführen; auch strengt sich ein eigens dazu auS Constnntinopel gesandter Gelehrter aufs Aeußerste an, selbe zum Rückfalle zu vermögen. Allein diese Versuche scheitern an dem festen Character der Armenier; denn die stete Erfahrung belehrt uns nur zu sehr, wie der Armenier, und namentlich der dem weltlichen Stande angehörigc, nur nach reifer Ueberlegung zu irgend einer wichtigen Handlung schreitet, uud hat er zu solcher den Entschluß gefaßt, ihn gewiß auch um jeden Preis durchführt, und wo er ihn durchgeführt, nie mehr in seinem Leben ändert. Die neubekehrtcn Familien hatten den Entschluß der Union vorlängst gefaßt, und ich habe nur ans Ersuchen und Befehl die Reise dahin angetreten, und nach geprüfter Lauterkeit der Absicht seitens der Ersuchenden das Bckehruugöwerk daselbst und die wichtige Mission übernommen, die Flehenden in den Schooß unserer heiligen Kirche aufzunehmen. Seit September v. I. weile ich dahier, die Neulinge der Kirche mit Gottes Segen im Euren bekräftigend, nud da ich von ihrer Standhafligkeit überzeugt biu, so werde ich diese in so wenigen Tagen durch den Thau dcS Himmels blühend gewordene Ernte im Kurzen der Leitung von katholischen Priestern ihres Ritus, die, vom Libanon her gerufen, bereits angelangt sind, anvertrauen. Die Bahn ist nnn gebrochen, und ich schätze mich glücklich, sie im Namen unserer Mis- sivns-Custodie zuerst versucht zu habe»; die größten Schwierigkeiten sind überwunden, und Alles ist zu künftigen höchst zahlreichen Früchten vorbereitet. Unterlassen Sie nicht, den Ewigen immer mehr mit warmen Gebeten anzuflehen, um die im Schisma Gebliebenen zu erleuchten, und den neuen Kindern der heiligen Muttcrkirchc die Gabe der Beharrlichkeit zu verleiheu. Dort, wo der Katholicismus wieder aufblühen wird, und darauf hoffe ich fest, auf seinen alten Sitzen von Lycien, Pamphilien, Cilicien, Cappadocien, o welches Heil sehe ich der Menschheit, welches Verdienst unserer Misston vorbereitet, welche immer ans gleicher Höhe bleibend, die Vortheile der Mühewaltung zn keiner Zeit in Betrachtung zog; denn sie ist bereit und entschlossen, auf der Bahn des heiligen Evangeliums, wie durch die verwichcnen sechs Jahrhunderte, so auch in Zukunft, im Morgenlande fortzuwandelu, GotteS Wort predigend, Unwissende belehrend, Sünder bekehrend, uud die durch ihr apostolisches Wirken Bekehrten nachher der Leitung solcher Geistlichen anvertrauend, die, vereint mit der katholischen Kirche, von dem bezüglichen Ritus sind. Wenn daher die Melchitischen Griechen, die Armenier und Marouiten gegenwärtig in Aleppo, in Damaskus, in Nazarelh, in Jaffa, Cairo und andern Orten eine zahlreiche Hecrde besitzen, so verdanken sie selbe stets unserer Mission, welche sie ihnen mitten unter stürmischen Zeiten bewahrt, vermehrt, und dann in den Tagen des Friedens übergeben hat. Daß schließlich der Libanon katholisch geblieben, ist dem Blute unserer Missionäre zn verdanken. So wenig aber Adana der erste unserer Ruhmesplätzc ist, so wenig wird es der letzte derselben seyn. O! möge uns Gott seine Hilfe freigebig spenden, auf daß wir sein Werk vollbringen können." — Dieß sind die Worte deö P. Quardians. In der Folge werde ich Euer Hochwürden über diese Bekehrung MehrcrcS berichten. 1S7 Eine eigenthümliche Nothtanfe. Ein zuverlässiger Mann berichtete unö vor kurzein folgende Begebenheit: Im Herbst des verflossenen Jahres hielt Pfarrer zu Metz in der dortigen Pfarrschule die Katechiömusstunde. Eben war von der Nothwendigkeit der heiligen Taufe zur Seligkeit die Rede, als die Kinder mit einer eigenthümlichen Besorgniß nach der kleinen Esther, ihrer jüdischen Mitschülerin, hinsahen, die in einer Ecke der Schule über ihrer Lection sitzen geblieben, der aber auch kein Wort von dem christlichen Unterrichte entgangen war. Kaum war der Unterricht zu Ende, als die christlichen Freundinnen der kleinen Esther mit großer Bekiunmerniß sich nahen, da ihre Gespielin ja augenscheinlich in großer Seclengefahr sich befand. Auch Esther war sichtlich verstört und bedürfte es von Seiten der Kinder nichl vieler Ueberredung, sie zur Taufe zu bewegen. ES wurde uun Rath gehalten, was anfangen. Man ging mit Estherchen zum Pfarrer, damit dieser doch ihrem Wunsche, getauft zu werden, willfahren möchte. Der Pfarrer belehrte die Kinder, daß dazu die Einwilligung der Eltern des JudenmädchenS durchaus erforderlich sey, sonst dürfe er die Taufe nicht vornehmen. Mit der Ermahnung, für Estherchen zu beten, entließ er gerührt die guten Kinder. Was nun anfangen? Die besten Freundinnen Estherchens gehen mit ihr zu den Eltern, die natürlich den Kindern ihre Bitte rund abschlagen. Die Kinder, Estherchen nicht ausgenommen, sind untröstlich, da ja ohne Taufe es unmöglich ist, selig zu werden. „Aber," sagt eines von den Mädchen, „hat der Herr Pfarrer nicht gesagt, daß im Nothfälle ein Jeder, selbst wenn er ein Heide wäre, taufen könne? Und hier ist gewiß ein Nothfall, denn Estherchenö Seele ist in Gefahr, der Pfarrer darf nicht taufen, die Eltern wollen die Taufe uicht zugeben. Estherchen, bist du damit zufrieden, wenn wir dich taufen?" Estherchen ist überfroh, daß sie doch min noch getauft und selig werden könne; sie ist mit Allem zufrieden. Nun halten die Mädchen Rath, wie sie Alles einrichten wollen. Die dem weiblichen Geschlechte angeborene Schlauheit in allen eigenen Angelegenheiten kommt ihnen zn Statten. Zuerst beginnt der Unterricht. In den Spielstunden, wenn Niemand ihnen nachspürt, gehen sie mit Estherchen hinter die Kirche vor das Kreuz knien, beten die lauretanische Litauei, rufen den heiligen Geist an, setzen sich dann im Kreise um die liebe Freundin und unterrichten sie im christlichen Glauben. Ihr Eifer uud ihre Sorgfalt lassen nichts zu wünschen übrig. Und vorsichtig uud verschwiegen sind sie alle, Estherchenö Seelenheil steht ja auf dem Spiele. So treiben sie's geraume Zeit, bis sie glauben, nun sey'S genug, nun könne Estherchen getauft werden. Die Pfarrkirche steht dort zumeist den ganzen Tag offen, Mittags ist sie in der Regel völlig menschenleer; auch daö Taufbecken ist nicht verschlossen. Das AlleS haben die Mädchen wohl erwogen und abgeschaut. Nun wirv ein Tauftag augesetzt und Vorbereitung gemacht wie zu nuem Feste. Wie zum Spiel versammeln sich die Bethciligten zu festgesetzter Stunde vor der Kirche, schlüpfen hinein — richtig, kein Mensch stört sie in ihrer Andacht. Da fällt es, gerade als man im Begriffe steht, die heilige Handlung vorzunehmen, einem der Mädchen ein, daß der Pfarrer gesagt: auch im Falle der Nothtaufe solle die Taufe nicht durch eine Frau geschehen, wenn ein Mann zu haben wäre. Nnn aber spielten gerade mehrere Kuaben vor der Kirche. Das Mädchen machte ihre Gespielinnen auf diesen Umstand aufmerksam. Neue Verlegenheit. Doch rasch entschlossen, eilt eines der Mädchen zur Kirchthüre und ruft dem Theodor, dem Nachbarssohne, der ja anch in den christlichen Unterricht geht. Der weist die Ruferin zuerst barsch ab, da sie ihn im Spiele stört, doch endlich kommt er doch, uud wird nun in der Eile in das Geheimniß eingeweiht. „Da eine Frau nicht tanfen soll, wenn ein Mann zu haben ist, Dn aber ein Mann bist, so komme und taufe Estherchen! Wir haben Alles fertig." So lautete die Schlußrede. Theodor bedenkt sich nicht lange und tritt in die Kirche. Die andern Mädchen sitzen mit Estherchen am Muttergotteöaltare uud beten die Vorbcreituugsgebete zur h. Taufe, die lauretanische Litanei und rufen dann den heiligen Geist an. Dann wird eine Wache an die Thüre 128 postirt und Estherchen getauft. An der nothwendigen guten Meinung hat eö Allen nicht gefehlt. Die Kinder sind überselig, danken der guten Gottesmutter für ihren Schul) und gehen dann nach Hause, als ob nichts vorgefallen. Estherchen aber selbst ist so glücklich, alö ob sie bereits schon mit einem Fuß im Himmel stände. Drei Tage darauf erkrankt Marie-Estherchen und zwar sehr bedenklich. Nun erst beginnt recht eigentlich die Noth der Kinder. Weinend kommen sie zum Pfarrer und erzählen AlleS, waö vorgefallen. Da war guter Rath theuer, denn mit Juden ist in solchen Dingen allein nicht gut handeln. Während man überlegt, waö zu thun, und der Pfarrer eben mit den Eltern Estherchens über das Vorgefallene sich benehmen will, anch wieder zaudert, um dem kranken Kinde nicht unnöthige Unruhe zu machen, stirbt Marie-Estherchen am siebenten Tage. Der Pfarrer, ein sehr geachteter Mann, verfügte sich sofort zn ihren Eltern und erzählt ihnen, waS die Kinder mit einander ausgeführt. Estherchen sey giltig getauft und als Christin gestorben. Er könne sie zwar nicht gesetzlich dazu anhalten, ihr todtes Kind christlich beerdigen zu lassen, indeß bäte er sie sehr darum. DaS gestehen endlich die jüdischen Ellern zu, und für die Gespielinnen des keinen Engels gibt'S ein neueö, aber leider, wie sie meinen, trauriges Fest. Wenige Tage nachher meldeten sich die Eltern der Verstorbenen beim Pfarrer und baten um christlichen Unterricht und die Taufe. Marie-Estherchen hat im Himmel mehr über das Elternherz vermocht als auf Erden. (F. St.) Berichte über Missionen. Kiederich, 4. April. Gestern kamen die mit frommer Sehnsucht erwarteten vier hochwürdigen Väter Redemptoristen, Superior Hampl und die Patreö KastI, Riegger und Roß maier hier an, um für daS obere Rheingau eine Mission zu halten. Die Kunde davon hatte sich mit Blitzesschnelle weithin verbreitet und schon in aller Frühe deö heutigen TageS eilten die Gläubigen von allen Seiten herbei, um die erhabenen Wahrheiten des Christenthumes aus beredtem Munde zu vernehmen. Die Zahl der Anwesenden kann wenigstens auf sechs bis acht Tausend angenommen werden. Der Zndrang der Gläubigen war so groß, daß die zweite Predigt um zwei Uhr des Nachmittags unter freiem Himmel auf dem geräumigen Kirchhofe abgehalten werden mußte, und zwar von der Kanzel der im reinsten gothischen Style erbauten Capelle, die zu den schönsten kirchlichen Gebäuden deS ganzen Rheiugaueö gehört. Der Anfang ist viel versprechend, und es ist kaum zu zweifeln, daß die Theilnahme, wie dieses allerwärts der Fall war, von Tag zu Tag zunehmen werde, so daß die Mission am 13. d. M. mit einer wahrhaft erhebenden Feier schließen dürfte. Besonders ergreifend ist am Abend um acht Uhr der Ton der Bußglocke, der die Gläubigen einladet, für ihre eigene und für die Bekehrung aller Sünder zu beten. Noch immer Hort man von neuen Rückerstattungen gestohlener Sachen oder deren Geldwert!) an die frühern Eigenthümer, als Folge der in Geisenheim stattgehabten Mission. In einer von dem Orte der Mission schon entfernter liegenden Gemeinde deS Rhein- gaueS sind unS noch dieser Tage drei Fälle bekannt geworden. Solche Vorfälle geben Zeugniß von der außerordentlichen Wirkung der Missionen, und daß sie bei Vielen den festen Vorsatz hervorgerufen, sich zu bessern und die frühern Vergehen nach Kräften wieder gut zu machen. In solchen außerordentlichen Zeiten, wie die unsrigen, in welchen der crasseste Unglanbe bis in die niedersten Volksclassen sich verbreitet hat, können auch nur solche außerordentliche Mittel, wie sie die katholische Kirche darzu» bieten hat, noch helfen. (M. I.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen, VerlagS-Jnhaber: F. S, Kremer. Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojtzeitung. 27. April /G"' K? «851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsprcis 4V kr., wofür es durch alle köm'gl, baycr, Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Ueber Pastoralconferenzen. Der Fürstbischof von Seckau und Bislhumsverweser von Leoben, Joseph Othmar, hat unterm 17. März d. I. an den Klerus seiner Diöcesen einen Hirtenbrief in Betreff der Abhaltung von Pastoralconferenzen gerichtet. Wir entnehmen demselben die Eingangsstellen, welche sich im Allgemeinen über Bedeutung und Zweck solcher Konferenzen auösprechen: Der Buchstabe ist bestimmt, der Träger des Gedankens zu seyn; der Gedanke, welchen er uns bringt, kann mächtig seyn, zu erleuchten und zu entflammen und er ist es oft gewesen Allein gewaltiger noch greift das Wort, welches auS dem Herzen zum Herzen tönt, in daö Innerste deS Menschen ein. Darum hat die Kirche, über welcher der Geist der Weisheit schwebt, bei allen ihren Einrichtungen dem lebendigen Worte große Geltung gegeben. Als die Apostel ausgingen, um das Angesicht der Erde zu erneuern, kamen sie nicht mit der heiligen Schrift in der Hanv und sprachen: Leset, liebe Leute, was hier geschrieben steht! Vielmehr blühten schon viele Gemeinden von Gläubigen in der Fülle eines Eifers, von welchem unsere Tage nur vereinzelte Beispiele sehen, bevor ein einziges Buch der heiligen Schrift des neuen Bundes geschrieben war. Als Boten der Gnade, deren begeisterndes Walten auS ihrem ganzen Wesen hervorleuchtete, traten sie vor die Ungläubigen, welche das Joch des Gottesdienstes und des Lasters trugen, und predigten den Auferstandenen in E» weisung des Geistes und der Kraft. Wir besitzen nun die heilige Schrift, in welcher Gott selbst daS Wort seiner Wahrheit uns zum Unterrichte und zur Ermaknung niedergelegt hat. Wir besitzen viele und vortreffliche Werke, in welchen Männer voll himmlischer Erleuchtung DaS, was der Herr sie gelehrt, für ihre Brüder aufbewahr» haben. Die Bücher, einst ein theurer, Wenigen zugänglicher Schatz, sind wohlfeil geworden und die verbreitete Kunst des Lesens hat sie sogar in die bescheidene Wohnung des Landmannes eingeführt. Demungeachtet verordnet die Kirche so lringend wie vor einem Jahrtausenve, daß die christliche Gemeinde sich versammle, um die Verkündigung des Evangeliums zu hören und läßt keineswegs die Entschuldigung gelten, daß man ja auch zu Hause die schönsten Predigten lesen könne: denn „wo Zwei oder Drei in meinem Namen versammelt sind, dort bin ich mitten unter ihnen" spricht der Herr. Der Christ soll den Unterricht, welchen daS geschriebene Wort gewähren kann, mit Eifer benutzen, aber er soll deßhalb nicht versäumen, den Samen deS lebendigen Wortes in Mitte der gläubigen Gemeinde in sein Herz aufzunehmen. In demselben Sinne gestaltete die Kirche auch die Einrichtungen, durch welche sie die Lehrer deS Volkes, die Verwalter der Geheimnisse Gottes in ihrem heiligen Berufe zu kräftigen und zu vervollkommnen sucht. Der Priester soll, damit seine äußere Thätigkeit an Segen reich sey, nicht bloß für die äußere Thätigkeit leben; er 13V soll gewohnt seyn, i» sich selbst einzukehren und in der Betrachtung der Wahrheiten, die er Andern zu verkündigen hat, sich dem Throne teS Allerhöchsten zu nähern; er soll aber auch gewohnt seyn, der Vervollständigung jeder Erkenntniß, welche seinem Berufe frommt, eine entsprechende Zeit zu widmen, damit er den Auftrag deS Apostels erfüllen und wie mit Geduld so auch mit Lehrweisheit ausgerüstet ermähnen und predigen könne. ES ist seine Pflicht, in der heiligen Schrift niemals fremd zu werden, sondern in ihren reichen gotterfüllten Sinn immer tiefer einzudringen. ES ist aber auch seine Pflicht, keine Kenntniß gering zu achten, welche ihn leiten kann auf dem Wege, wo er die Verirrten zu suchen und die Schwachen zu stützen hat. Zu Bewahrung und Förderung eines solchen, ächt priesterlichen Strebens kann die Anregung, welche ein Verein von Gleichgesinnten und der Austausch ihrer Ueberzeugungen gewährt, als wirksames Hilfsmittel dienen. Um unter den Priestern eine solche heilbringende Gemeinschaft zu vermitteln, hat der schöpferische Geist, welcher in den katholischen Einrichtungen waltet, Vieles gethan und Vieles begründet. Namentlich rief er zu diesem Zwecke die Zusammenkünfte hervor, welche man Pastoralcon- ferenzen zu nennen pflegt. Die Pastoralconferenzen sind Versammlungen, auf welchen die Seelsorger eincS größeren oder kleineren Bereiches sich vereinigen, um Fragen, welche die Verwaltung der Seelsorge betreffen, gemeinsam zu erwägen. Unstreitig ist es möglich, daß der Einzelne sich im einsamen Gemache mit denselben und vielen andern Dingen auf eine sehr nutzbringende Weise beschäftige. Allein für uns Alle ist es heilsam, daß ein äußerer Antrieb den innern manchmal verstärke und ergänze. Nichts wird so leicht versäumt als Dasjenige, wozu man nicht durch eine vollkommen bestimmte Pflicht gerufen wird. Daß der Priester sich mit dem, was er in den theologischen Studien erlernte, nicht begnügen, daß er die Kenntnisse, welche er dort empfing, nicht bloß bewahren und durch die Erfahrung beleben, sondern auch vervollkommnen und erweitern solle, dieß wird wohl von Niemanden geläugnet. Darum findet man auch, daß eS gut und löblich sey, in diesem Sinne zu handeln und nimmt sich vor, eS zu thun. Aber den Meisten scheint es anlockender und leichter, im äußern Leben zu wirken, alS sich viel mit den stummen Büchern zu beschäftigen und die Gedanken anhaltend zum Erwägen und Studiren zu sammeln. So geschieht es, daß man von der Ausführung deS guten Vorsatzes fast unmerklich abgelenkt wird. Heute ergibt sich dieß, morgen jenes Geschäft; jetzt ist man unwohl, jetzt nicht aufgelegt. Allein nun wird ein Tag für die Pastoralconferenz festgesetzt. Man will nicht ausbleiben, man will aber auch nicht kommen, ohne etwas Gründliches sagen zu können. Man schenkt den vorgelegten Fragen eine Stunde der Erwägung. Man schlägt in diesem oder jenem Buche nach und lieSt dabei auch Vieles, was zu dem Gegenstande in entfernterer Beziehung steht. Bei der Pastoralconferenz selbst vernimmt man daS Ergebniß der Erfahrungen und Forschnngcn Anderer. Der lebenvolle Verkehr wirkt aber nicht nur durch die Mittheilungen, welche man empfängt, sondern auch durch die Anregung der eigenen geistigen Thätigkeit. Der heilige Papst GregoriuS macht hierüber eine merkwürdige Aeußerung, welche er auS dem seltenen Reichthums seiner innern Erfahrung schöpfte: „Häufig, sagt er, geschah eS, daß mir Vieles auS der heiligen Schrift, welches ich, wenn ich allein war, nicht verstand, wenn ich mit meinen Brüdern war, deutlich wurde." Uebcrdieß soll die Pastoralconferenz nicht bloß für Entwicklung und Bereicherung deS Wissens dienen, sondern vor Allem die Gesinnung, in deren Dienste allein daS Wissen Werth hat, ermuntern und kräftigen. Man sagt mit Recht: Beispiele wirken mehr als Worte; aber die Ueberzeugung, für welche das Wort und neben dem Worte das ganze Aeußere zum Ausdrucke dient, ist auch ein Beispiel. Bei einer Pastoralconferenz, wie sie von der Kirche gewünscht und empfohlen wird, entzündet der Hirteneiser deS Einen sich an dem Hirteneifer des An, dern und jeder nimmt Licht oder Wärme als seinen Antheil mit sich nach Hause. Die Pastoralconferenzen haben den Wandel menschlicher Dinge erfahren. Sie begegnen uns schon in frühen Zeiten der Kirche, wenn auch unter verschiedenen Namen 131 und Formen. Im neunten Jahrhunderte standen sie ausgeprägt da und erst als das Mittelaltcr sich zu Ende neigte, schienen sie zu ersterben; allein sie glichen den Keimen, welche in winterlicher Erde ruhen und des Frühlings harren. Der heilige Karl BorromäuS, dessen Eifer für die wahre Reformation der Kirche kein Hilfsmittel der Erneuerung übersah, erweckte auch die Pastoral- (oder Capitel-) Conferenzen zu verjüngter Wirksamkeit; von neuem verbreiteren sie sich in der katholischen Kirche und trugen vielfache Früchte deS Heils. Wieder ermattete der Eifer, auch die Ungunst äußerer Verhältnisse wandte sich wider diese harmlosen Zusammenkünfte und als das achtzehnte Jahrhundert schloß, waren sie fast überall spurlos verschwunden. Allein sie traten sehr bald wieder hervor und fanden in mchrern Ländern Aufnahme und Pflege. In diesem jüngsten Zeitraume ihrer Thätigkeit waren sie nicht aller Orten von dem Geiste beseelt, in welchem sie von den frommen Hirten der Vorzeit gegründet und von dem heiligen Karl erneuert wurden. In einem hartgeprüften Kirchsprengel erkor eine Partei, welche die Lehre, die Verfassung und Disciplin der katholischen Kirche haßt, schon vor Jahrzehnten die Pastoralcvnferenzen zu ihrem Werkzeuge und theilweise gelang es ihr, auf den Pastoralconferenzen zu herrschen. Allein man soll sich nicht scheue«, den Weizen zu säen, weil das Unkraut dazwischen aufsprossen kann. Darum wandte die bischöfliche Versammlung, welche im Mai und Junius 1849 zu Wien gehalten wurde, den Pastoralconferenzen ihre Sorgfalt zu und vereinigte sich zu dem Beschlusse, daß die Wiederherstellung derselben dringend zu empfehlen sey..... Der glaubenslose Priester. -j- Der glaubenslose Priester ist wahrlich ein armer, armer Mensch, und wer einen Solchen zurückbringen könnte zum Glauben, ihn wiedergeben der Würde seines Berufs, deren Gewänder er bloß trägt, der wäre in der That ein großer Wohlthäter! Denkt Euch den glaubenslosen Priester in Gesellschaft, wo schlechte Blätter gelesen ober gelobt werden, und wo man über die Pfaffen, über die „betrogenen Betrüger" loszieht. O du Armer! was wirst du thun? Du wirst ihnen Recht geben im Innern, und da du deines RockeS und Standes nun einmal nicht so leicht los werden kannst, wie sitzest du da in solcher Gesellschaft! Da sitzest du. stumm, weil du dich noch deines GewandeS einigermassen schämtest, wenn du Beifall klatschen wolltest, und du redest nicht, wo du reden, nämlich die Ehre deines Standes und deiner Kirche männlich vertheidigen solltest; so sitzest du da und spielst eine jämmerliche Rolle, du armer, armer Mensch! Und wenn du im Beichlstuhl sitzest und hörst das demüthige Bekenntniß so mancher gläubigen und frommen Seele und schauest hinein in ihr ganzes Leben und verlachst bei dir selbst „die dumme Offenherzigkeit" und kömmt dir selber ganz curios vor, daß du der dummen frommen Seele eine Absolution ertheilen sollst, die du nicht verdienst und an die du nicht glaubst, — und bist „neugierig", was dir wohl dieses und jenes Beichtkind anvertrauen werde, sitzest lauernd im Beichtstuhl, wie die lauernde Spinne im Holzwinkel, um die harmlos heranfliegende Mücke zu fangen; — mit welchem Gefühl magst du wohl oft auö dem Beichtstuhl gehen und in deine entweihte Wohnung zurückkehren, o du armer, armer Mensch! Und am Altare!--Dort, wo du, Heuchler vor Gott und den Menschen, das heiligste aller Geheimnisse feiern sollst an einem Ort, den deine unwürdige Gegenwart entehrt; was fühlst du wohl während der ganzen heiligen Messe? Was fühlst du besonders, du armer, armer Mensch, wenn der Augenblick der heiligen Wandlung kömmt, wenn Hunderte gläubiger Christen, die hinter deinem ehrwürdigen Gewand nicht den unehrwürdigen Heuchler ahnen, voll heißer Andacht, voll inniger Liebe auf die Kniee sinken, — was fühlst du da wohl? Unv waS fühlst du, wenn du, glaubenslos und gewissenlos, bei der heiligen Communion, die du mit äußerlichem Respect 13s celcbrirst und innerlich belächelst oder doch gleichgiltig betrachtest, daran bist, dir den Tod und daS Gericht hincinzuessen, du armer, armer Mensch? Und wenn vu, ein hohler Kürbiß, äußerlich schön bemalt, die Kanzel besteigst; o du Acrmster! Wo sollst du Gedanken, wo heilige Eingebungen, wo fromme Gefühle, wo hinreißende Begeisterung hernehmen? Wo willst du, im Schweiß deines uurvü» digen Angesichts, Worte und Wendungen hernehmen, um „die Dummköpfe da unten", die zu dir mit frommem, heilöbegierigem Blick hinaufschauen und die Kanzel, die. du entehrst, so sehnsüchtig, ehrerbietig betrachten, zu satisfaciren? In welche falsche Begeisterung wirst du dich hineinlügen, welche Glaubens- und Sittenlehren wirst du vorheucheln; wie wirst du dich abmühen, um vor deinem Publicum das Elend deiner GlanbenSIosigkeit zu verberge»? So bist uud bleibst du denn ein armer, armer Mensch, und besonders, wenn dir so recht innige, warme, fromme Serien in den Weg kommen, da muß dir (o sey nur aufrichtig!) denn doch zuweilen seyn, als läge der Donner des Gerichts über deinem Haupte! Ihr, die ihr so unglücklich seyd, glaubenslose Priester zu seyn, wendet Euch nicht ab von diesem Spiegel, in dem ihr euer Bild nur allzu Wohl erkennet, — schaut sie an, diese unerquicklichen Züge, und möge durch die Fürbitte Dessen, an den Ihr nicht glaubt, Eure Seele durch die Gnave Gottes im Innersten erschüttert, Euer Herz bewegt, das Schaamroth auf Eure Wangen getrieben werden, möge Euch ein Strahl der Gnade den fürchterlichen Abgrund beleuchten, an dessen Rand Ihr steht, um, gleich den gefallenen Engeln, hinabzustürzen, anstatt daß Ihr mit Glauben und Reue zurückgekehrt zum Herrn, der so süß »nd lieblich ist, ein englisches Amt, eine wahrhaft königliche Würde verwalten und Euch und Andern zum Heil, zur Rettung, zur heiligen Freude werden könntet! Geschrieben in der Charwoche 1851. C. Eine Mission im Jahre 171«. k. In unsern Tagen, wo die Missionen einen so großen Aufschwung erhielten, dürfte es nicht unwillkommen seyn, die Art und Weise einer Mission darzustellen, wie selbe im Jahre 1716 zu Neuburg a, D> stattfand, und in welcher Gestalt selbe allenthalben um diese Zeit gehalten wurden. Es bildet dieß einen nicht unwichtigen Beitrag zur Sittengeschichte deS 18ten Jahrhunderts. Wir beginnen sogleich mit der Erzählung derselben. Nachdem Churfürst Carl Philipp sowohl als daö hvchwürdige Ordinariat Augeburg das Vorhaben, eine Mission zu Neuburg halten zu dürfen, genehmigt hatten, wurde mit allein Eifer alles hiezu Erforderliche veranstaltet und hergerichtet. Bor Allem wurden die zu diesen christlichen Verrichtungen für die bayerische Provinz bestimmten vier Patres Jesuiten einberufen. Zwei, nämlich Pater Georg Loserer und P. Conrad Herdegen, befanden sich in Düsseldorf, wohin sie auf Verlangen und Kosten der Frau Churfürstin 1714 geschickt weeden mußten, der dritte P. Caspar Rieger war Prediger bei S>. Martin in Landshut, der vierte P. Carl Walliardo Missionär in der Schweiz. Die beiden Erstem kanien den 17. October in Neuburg an, die Andern etwas früher. Hierauf wurde die Mission von den Kanzeln dem Volke verkündet und dasselbe ermähnt, den Predigten und Erercitien fleißig beizuwohnen. Die vornehmsten Einwohner der Stadt, so wie die Geistlichkeit lud man durch eigene Abgeordnete hiezu ein. Letztere sprachen ihren Beifall hiezu aus und boten auch ihren Beistand dazu an. Nun wurde vor dem Rathbause aus einem freien Platze zu den öffentlichen Vorträgen und andern geistlichen Verrichtungen, die dabei gewöhnlich waren, eine eigene Bühne errichtet und der Anfang der Misston auf den 22. October festgesetzt. Schon am Vorabende deS ersten MissionstageS drängte sich Nachmittags 3 Uhr eine ungeheure Menge Volkes in die St. PeterS- Pfarrkirche, um dem Ansang der Mission beizuwohnen. Dieser hatte auf folgende 133 Weise stattgefunden. Der Stadtpfarrer trat mit dem Missionär zum Hochaltare und übergab demselben ein Kreuz, als das Symbol deS vorhabenden heiligen Geschäftes mit einer kurzen Anrede, worin er ihm das Heil der Stadt und der Einwohnerschaft empfahl. Der Missionär empfing dieses heilige Unterpfand mit großer Ehrfurcht und versprach alle seine Kräfte auS Liebe zu dem Gekreuzigten, und dem Seeleuheile deS Volkes zu widmen. Hierauf wurde die erhabene Himmelskönigin um ihren Beistand zu diesem Unternehmen angefleht, und eine Procession angestellt, welcher auch die FranciScaner und barmherzigen Brüder beiwohnten; der Zug begab sich in die Hofoder Jesuitenkirche, wo der Hymnus verii scmetö 8pii'itus gesungen und über den Tert 2. Cor. 5, 20: So sind wir nun Botschafter an Christi Stadt:c. eine Predigt gehalten wurde. Diesem feierlichen Anfange wohnten nicht allein die Bürger, sondern auch alle Hofleute und fürstlichen Räthe und Beamten bei, trotz der übelsten Witterung und heftigen Regens. Während der Procession sangen die Studenten eine in Verse gebrachte deutsche Litanei, die man auch abendS in der Kirche und in den Straßen vernahm. Nachdem die Predigt beendigt, wurde der Segen gegeben und das Bolk entlassen. AbendS 7 Uhr begann die Gewissenserforschung in der Kirche und vor derselben wieder eine kurze Anrede, worin fünf Puncte auseinander gesetzt und jeder derselben den Zuhörern zur Ueberdenkung vorgelegt wurde. — Der folgende, also der erste Missionstag, begann mit einer Predigt, welche schon früh Morgens 6 Uhr über die Absicht der Ausübung guter Werke gehalten und nach derselben eine hierauf bezügliche Formel vorgetragen und von allen Anwesenden mit lauter Stimme nachgesprochen wurde. Nun folgte die heilige Messe ohne Musik, nur als der Priester mit dem Hochwürdigsten den Segen ertheilte, antwortete der Chor. Um 1 Uhr Nachmittags wurden den Mädchen in der Hofkirche, den Knaben in der St. PeterSkirche die vorzüglichsten Glaubenslehren erklärt. Um 2 Uhr führte man aus erstgenannter Kirche die Mädchen und die Frauen, aus der andern die Männer mit den Knaben in schönster' Ordnung zum MissionSplatz. Hier bielt ein Pater wieder eine Anrede über das Thema: „was zur Besserung unseres Lebenwan- delS erfordert werde." Nach geendigter Rede wurde aus der Kirche das Hochwürdigste unter Begleitung des Adels und der Vornehmsten der Stadt getragen und auf einen eigens dazu errichteten Altar der öffentlichen Verehrung ausgesetzt. Bevor der Priester dem Volke den Segen damit gab, forderte einer der Missionäre, angethan mit Chorrock und Stola, dasselbe in einer nachdruckövollen Rede zum Glauben und zur schuldigsten Ehrerbietung gegen dieses Schauder und Zittern erregende Geheimniß auf. Das Zurücktragen des Hochwürdigsten in die Kirche geschah ohne Begleitung, indem jetzt wieder eine andere Predigt, die eigentliche Bußpredigt, begann. Diese hatte den Zweck, die Gemüther aufzurütteln und zur Furcht Gottes zu bewegen. Damit aber der Prediger nicht allein durch Worte, sondern auch durch die That auf seine Zuhörer wirke, begann er gegen das Ende seiner Rede sich öffentlich zu geißeln. Während der 10 Tage, als die Mission währte, wurde dreimal unter der Messe das Officium der unbefleckten Jungfrau und deS heiligen Franz v. Xaver gesungen, und in dessen Namen ein Wasser geweiht, das stark abgeholt wurde. Gegen die Nacht versammelten sich, wie bisher die Männer in der St. Peterskirche, die Frauen in der Hofkirche, um Bußübungen vorzunehmen. Beide Abtheilungen begaben sich auf den MissionSplatz und durchzogen von da aus, jedoch besonders abgetheilt, die Hauptstraße der Stadt. Den Männern ging der Missionär mit einer eisernen Geißel versehen voraus und gab durch unaufhörliche Hiebe, die er sich beibrachte, den Pönitenten Muth dasselbe zu thun. An der Spitze der Frauen schritt eine adeliche Dame, in. einem BufMide, barfuß, das Bildniß deS Gekreuzigten in den Händen tragend Einige von den PatreS und Brüdern der Jesuiten, einen Strick um den HalS und eine Dornenkrone aus dem Haupte, trugen Vorstellungen (tereuls) deS Leidens Christi, andere schleiften Kreuze. Auch die Schüler der Volksschulen und die Studenten bildeten einen Zug. Derf P. Präfect als Kreuzträger, einen Strick um den HalS und eine Dornenkrone au 134 dem Haupte, führte denselben, und die Studenten folgten gleich ihrem Führer ebenfalls daS Haupt mit einer Dornenkrone umwunden. Die Zahl der Pönitenten, welche Kreuze trugen, oder mit knotenvollen Stricken, mit eisernen Ketten und Geißeln ihren Körper zerschlugen oder ihren Rücken zerfleischten, war sehr groß, und eS befanden sich darunter nicht blos gemeine Leute, sondern auch hochgestellte, adeliche Personen. WaS diese Selbstpeinigung noch um vieles empfindlicher machte, war eine kalte Nacht und Regenwetter. Indessen wurde alles dieses Ungemach mit fröhlichem Muthe ertragen Aber nicht allein unter den Männern bestand der Eifer zu Bußübungen, auch Frauen, adeliche Frauen, ahmten das Beispiel derselben nach, zogen daS Kreuz oder geißelten sich. Selbst daS zarte Alter verließ das jugendlich Fröhliche, nahm einen heiligen Ernst an und schwang mit nicht leichter Hand die Geißel. Dieser Eifer wurde vorzüglich durch die öffentliche am Platze gehaltene feurige Bußpredigt uud dadurch entflammt, als man sah, wie der Prediger sich selbst geißelte. Allenthalben erhob sich Weinen, Stöhnen und Geheul, wodurch die Zuhörer die Schmerzen und Reue über ihre Sünden an den Tag legten. Unter Andern machten auch einen besondern Eindruck zwei Ehefrauen, welche unbedeckten Angesichts, schwere Kreuze ziehend daher kamen. Alle, die sie sahen, wurden durch diesen Anblick sehr gerührt und aufs Innigste bewegt. In den letzten drei Tagen der Mission strömten auS weit entfernten Orten so viele Landleute, theils schaarcnweise, theils in Processionen geordnet, mit Fahnen und ihren Geistlichen herbei, daß der geräumige Hauptplatz der Stadt, wo die Mission gehalten wurde, kaum die Menge fassen konnte. Bei dem letzten Umzug schätzte man die Zahl der männlichen Büßer allein über 40t>l). Den Tag bevor die Misston geendigt wurde, ermähnte der Missionär seine Zuhörer zu einer eifrigen Verehrung Mariens und sprach mit solcher Rührung, daß alle Anwesenden in Thränen auSbrachen. Nach geendigter Rede bat er öffentlich um Verzeihung und Nachsicht über seine Fehler und gab, wenn er allenfalls, auf waS immer für eine Art, die gehofften guten Früchte der Mission in etwas gemindert haben sollte, seinem Körper öffentlich wieder die Geißel. Um an dem darauffolgenden Feste Allerheiligen Unordnung und alles die Andacht Störende zu vermeiden, wurden für die verschiedenen Stände eigene Stunden zur heiligen Communion bestimmt. In der Hofkirche allein, ohne die andern Pfarr- und Klosterkirchen, zählte man 7VW Communicanten. Um N Uhr bestieg der Hauptprediger die Kanzel, ermunterte die Zuhörer zur Standhaftigkeit in ihren guten Vorsätzen, forderte sie auf, alle Gelegenheiten zum Sündigen zu vermeiden, öfters die heiligen Sacramente der Buße und deS Altares zu empfangen. Hierauf wurde der Ambrosianische Lobgesang gesungen, Gott für die gewährte heilige Mission gedankt, nach I Uhr Nachmittags der vom Papste Elem- menS II. verliehene Segen gegeben und so die Mission beschlossen. Die englische Kirche. Der bekannte Historiker Professor Leo in Halle (Protestant) gibt im „VolkS- blatt für Stadt und Land" folgende bemcrkenswcrthe Erörterung: Von der Art und Weise, wie König Heinrich VIII. die Reformation in England ein- und durchführte, kann man getrost auSsprechen, daß sie durch und durch sündhaft und abscheulich gewesen sey, sowohl in ihren Motiven, als in ihren Proceduren — seine ehebrecherischen Gelüste und seine Habsucht bildeten die Motive, Gewaltsamkeit, Tyrannei, die schauderhafteste Kirchenbedrückung war die Procedur. Die englische Kirche ward durch die Reformation nicht zu geistlicher Freiheit, sondern zu , ehester Sclaverei geführt, uud Elisabeth, die ein uneheliches, ja ein Kind deS Ehebruchs gewesen wäre, nicht daS mindeste Recht auf den englischen Thron gehabt hätte, wenn man Heinrichs Thun nicht als berechtigt anerkannt hätte, mußte in dieser Kirchentyrannei beharren, wenn sie Königin von England bleiben wollte. Diese 135 Kirchentyrannei aber bestand darin, daß in England der König an die Stelle deS Papstes getreten war — ohne irgend ein Recht, ohne irgend eine Befähigung dazu. Zwar sollte nachher eine Art parlamentarische Repräsentation der Kirche in der ähnlich dem weltlichen Parlamente eingerichteten geistlichen Convocation stattfinden; allein die Könige mochten wohl fühlen, daß von dieser Seite ihrer ganzen päpstlichen Stellung und (oa diese mit der königlichen auf das Innigste verwebt war) auch ihrer königlichen Stellung gelegentlich große Gefahren drohten; sie haben also dieß kirchliche Organ nie zu tüchtiger Ausbildung kommen, haben es nun seit langer Zeit ganz eingehen lassen. Die Verfolgung der protestantischen Richtungen unter der katholischen Marie hatte zahlreiche Engländer auf dem Festlande, wohin sie geflohen waren, mit der HerzenSrichtung der protestantischen Welt bekannter werden lassen — mit ihrer Rückkehr unter Elisabeth begann ihre Mission für diese Richtung, deren geistig unabhängiger Fluch bald in Elisabeth Besorgnisse entstehen ließ — die Besorgnisse führten zu Bedrückungen, die sich unter Jakob I. und Karl I. steigertens aber mit der Bedrückung ward der Trieb, der unterdrückt werden sollte, nur heftiger, zuletzt krankhaft revolutionär, und eS ist bekannt, in welch' grauenhafter Weise sich endlich diese Tyrannei durch die Ausbildung deS JndependentiSmuS, den sie erzog, selbst bestrafte. Aber in diese Entwickelung war das, was wahr war in dem kirchlichen Streben deS JndependentiSmuS, selbst so versetzt worden durch die Allianz mit der Revolution, mit dämonischen Trieben, daß er nichts schaffen, daß er, wenn er herrschend blieb, die Revolution perennirend machen und das Land verderben mußte. Cromwell's Heldenherz ist im Anblick dieser Teufelsmühle, die er eine Zeitlang getrieben, zuletzt gebrochen, da er sah, wie auch er weder von ihr loskommen, noch in ihrem Treiben sie aufhalten konnte. AIS nach seinem Tode die Stuarts zurückkehrten, ließ die Erschöpfung und Ermüdung der Generation, die die Rebellion durchlebt hatte, zuerst um nur den JndependentiSmuS sicher loS zu werden, die frühern kirchlichen Verhältnisse wieder herstellen, mit aller Ausschließung deS Katholicismus, mit völliger Bedrückung und Verfolgung aller protestantischen Dissenters. Die Könige waren wieder Päpste — als sie aber selbst das Hohle, Haltlose uud Unberechtigte dieser Stellung fühlten, und sich, da sie nach der Seite der protestantischen Dissenters ihrer ganzen Stellung nach nicht neigen konnten, der römischen Kirche entgegen bewegten, war inzwischen als Erbe aus der frühern Rebellion jene völlige Neutralisirung kirchlicher Richtung zur Ausbildung gekommen, die man den englischen Deismus zu benennen pflegt, und ihre Bewegung zitterte, wie die Ringe um einen inS Wasser geworfenen Stein, von ihren ausgesprochenen Repräsentanten aus in immer schwächeren Wellen zwar, aber doch durch die ganze Nation hindurch und machte allein diese Staats- und Kirchen- carricatur möglich, die seit Vertreibung der StuartS in England bestanden hat. Wir fühlen wohl, wie sich viele Herzen empören werden dagegen, daß wir diese englischen Zustände, die hochgepriesenen, als Carricatur bezeichnen; aber man erlaube uns, zu bemerken, daß wir die Vortrefflickkcit und hohe Ausbildung des parlamentarischen Staates für sich in England gar nicht bestreiten. auch nicht als Carricatnr bezeichnen, und eben so wenig läugnen wollen, daß sich in dem der Hauptsache nach todten, mechanischen Gehäuse der englischen Kirche doch eine Menge christlicher LebenSelemente aufgehoben hat — aber das war und ist Earricatur, daß man neben einen lebendigen, freien Staat, der sich fortbewegen und entwickeln konnte, die Autorität einer schablonenartig zugeschnittenen Kirche stellte, die außer der Convocation gar kein Mittel hatte lebendiger Fortentwickeluug, und der man dieses Mittel fortwährend entzog, indem man die Convocation nur als antiquirteS, gewissermaaßen staatsgefährliches Institut behandelte. Das war Carricatur, und die Möglichkeit der Herstellung derselben beruhte allein in der inzwischen eingetretenen kirchlichen Gleichgiltigkeit, welche recht wohl damit bestehen kann, daß die kirchlich einmal ausgebildeten Formen noch auf tausend Puncten von subjectiv höchst lebendigen Christen ausgefüllt werden. Das Resultat aber war doch immer ein Staat in Schlachtordnung, der seinen Gott nicht mit sich in lebendigem Herzschlag der Reihen, sondern im Rücken in einer wohlauf- 136 gefahrenen Wagenburg kirchlicher Institutionen hatte, auf welche Wagenburg die Schlachtreihe nur taktische Rücksicht nahm. DaS lebendige kirchliche Bedürfniß hat sich denn auch neben jener Wagenburg geltend gemacht, zuerst als der Jndifferentis- mus schon daS ganze Leben zu verschlingen drohte im Methodismus, dann als dieser für GewissenSsragen selbst schon bedeutend die Gewissen wieder geschärft hatte, die Lage Irlands als daS Facit eines zweiten entsetzlichen Sündenregisters die StaatS< männer auch von der politischen Seite drängte und man nun die Katholiken emanci- pirt hatte, in dem sich ausbreitenden Katholicismus, der, wie neuerdings ganz richtig ausgeführt worden ist, sich noch reißender verbreitet haben würde, wenn nicht der PuseyiSmus als ein Versuch, der englischen Staatskirche wieder mehr eigenes Leben zu gewinnen, vermittelnd dazwischen getreten wäre. — So steht nun in diesem Augenblicke der englische Staat sowohl nach der kirchlichen, als nach der politischen Seite vor einer Krisis, die leicht auch eine Katastrophe werben kann. Der Methodismus konnte sich ausbreiten, ohne dus kirchliche Gerüst des Staates von England zu bedrohen; die römische Kirche bedroht dieses Gerüst ihrer Natur nach, auch wenn sie eS nicht ausdrücklich will — sie ist nicht bloß eine geschlossene Macht, sondern zugleich ein vollkommen organisch gebautes und vollendetes Wesen. Der Methodismus hat nur ein Herz — der Kopf fehlt seinem Daseyn und Mit ihm die organische Geschlossenheit, was sich in seiner politischen Ohnmacht der Staatökirche gegenüber eben so sehr, als in seiner Neigung, wieder in eine Reihe von Spaltungen und Secten zu zerfahren, darstellt. Seit Jakobs II. Vertreibung war die kirchliche Wagenburg, die im Rücken der Staatslinie aufgefahren war, nicht wieder bedroht gewesen — man hatte sie ruhig stehen lassen können, so daß allmälig die Räder sich tief in den Rasen senkten und unbeweglich wurden. Ab und zu holte man Munition und Proviant aus ihr; — hatten Einzelne in ihren eigenen Taschen Munition und Proviant bei sich, so störte daS nicht. Mit einem Male ist die Wagenburg im Innern und von Außen bedroht. Im Innern, denn neben der ursprünglichen linearischen Ordnung der Wagenburg hat sich ein bequemes Gehenlassen der einzelnen Wagenführer gebildet — mit der Zeit muß daraus Verwirrung folgen — Philpotts dringt auf Herstellung der alten präcisen Ordnung, seine Gegner schreien, die lebendige Entwickelung der Bequemlichkeit habe auch ihr Recht — also Streit zweier Haufen im Innern, und während dessen fährt mit einem Male eine andere Macht, die in der vornstehenden staatlichen Schlachllinie eine gute Anzahl Kämpfer hat, eine neue Wagenburg neben der alten auf. Im Kleinen, für die irländischen Mitkämpfer, hatte man daS aber schon gestattet — waS nun? entweder muß auch die Ordnung der römischen Hierarchie für Irland abgefahren werden, oder man muß auch die neu aufgefahrene Wagenburg für die englischen Streiter stehen lassen. Thut man aber daS, so werden immer mehr, die es ihrer subjectiven Stellung nach näher haben, denen Munition und Proviant in der neu aufgefahrenen Wagenburg besser zusagen, auch aus den englischen Reihen dahin laufen — eS wird Verwirrung entstehen und am Ende die im Rasen eingewachsene Staatskirchenwagenburg im Tumult bei Seite geräumt und geplündert werden, da sie bald nur als ein hinderliches, halb vermorschtes Gesckleppsel erscheinen wird. Noth in allen Ecken und nun zugleich die Noth vorn in der Schlachllinie — es ist, wie wenn Jemand, der an einem Magenübel leidet, ein Hautleiden dazu bekömmt — die Arznei, die ihn vom Hautleiden befreien könnte, verschlimmert das Magenübel und so umgekehrt — da ist eS gar nicht so unmöglich, daß über lang oder kurz des guten kuZ 6v Wllrss Prophezeiung eintrifft und England einen gewaltigen PlumpS thut - : ^rißletorre rie sers plu5. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. C. Krem er. Gilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsöurger Pojtzeitung. -t. Mai ^ L8. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis TV kr., wofür es durch alle köirlgl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die Sacramente der Liebe. Noch kann ich nicht von Liebe sprechen, Ich hab noch kaum ein Glied gerührt, Doch will ich schon mit Allem brechen, Was nicht zu deiner Liebe führt. Wie ich dir schon gestanden habe, Mein Herz bleibt ewig nur bei dir, Das Kind nicht blos, jetzt auch der Knabe Gibt dir sein heilig Wort dafür. Ich konnte wohl der Liebe fehlen Und straucheln auf der Bahn der Treu', Doch Eines kann ich nicht verhehlen, Daß, was ich that, ich auch bereu'. So bin ich vollends eins geworden Mit dir, du meines Lebens Herz, Du trittst an deines Himmels Pforten, Mich hebt die Liebe himmelwärts. O welche Dreihcit, die sich einet: Ein Mensch, geweiht an deiner Statt, Reicht dich, der selbst als Mensch erscheinet, Dem Menschen, der geweiht sich hat. Ich kann die Lieb' allein nicht tragen, Die unter Engeln selbst getheilt. Ein Herz muß es dem andern sage», Das ist allein was Liebe heilt. Und hemmt der Tod des Herzens Sprache, Verwehret seinen warmen Schlag, So lern' ich noch am letzten Tage Von dir, o Gott, was Lieb' vermag. vr. «. Barth. Hirtenbrief des hochwürdigften Bischofs von Mainz, bei dem Anfange der Fastenzeit 1351. Wilhelm Emmanuel, durch Gottes Erbarmung und des heiligen apostolischen Stuhles Gnade Bischof von Mainz u. In dem ersten Hirtenbriefe, den ich von dieser erhabenen Stelle an Euch, Geliebte in Christo unserm Herrn, richtete, erklärte ich eS als meine höchste Pflicht: ') Dieser Hirtenbrief, von dem bereits die Kte Auflage erschien, ist es, der die Wuth der DeutschkattMen Hervorries. .HNtM^t die Hinterlage der ewigen Glaubenswahrheiten treu zu bewahren, die der Sohn GotteS, JesuS Christus, seiner Kirche anvertraut hat. Schon jetzt glaube ich diese Pflicht erfüllen zu müssen. Ich habe nunmehr ein halbes Jahr in Eurer Mitte zugebracht. Blicke ich auf diese Zeit zurück, so muß ich mit gerührtem Danke mein Herz und meine Hände zu Gott erheben. Er, der mächtig und dessen Name heilig ist, hat mir seinen gnaden- vollen Beistand nicht versagt. Seine Barmherzigkeit hat mich bisher von Stelle zu Stelle begleitet, und so ist eS geschehen, daß ich auch unter Euch so viel Liebe und Vertrauen angetroffen habe; eine solche Geneigtheit Eurer Herzen, daß ich dadurch mein eigenes Unvermögen weniger empfunden habe. In der Stadt und auf dem Lande, wo immer ich zu Euch gekommen bin, habt Ihr mich in einer Weise aufgenommen, die mir tief zu Herzen ging, die mir Eure Liebe zu Christus verkündete, der mich gesandthat; die mich ohne Unterlaß an meine Pflicht erinnerte, mich Eurem Seelenheile ganz aufzuopfern. Und wenn ich gar an die Missionen denke, die bisher abgehalten sind, an die heilige Begeisterung, mit der Ihr dort weither zusammen eiltet, um das Wort Gottes zu hören und die heiligen Sacramente zu empfangen; an die erbauliche Ordnung, mit der Ihr dort, viele Tausende als Brüder versammelt, im Gebete, wie von Einem Geiste und Einer Seele durchdrungen, ausharrtet, — wie vermag ich da Gott gebührend zu preisen und Euch meinen Dank und meine Liebe hinreichend auszudrücken. Viele Hindernisse, die ich dagegen erwartete, sind gänzlich verschwunden, und ich kann noch keinen Namen in dem ganzen Lande nennen, von dem ich eine persönliche Kränkung erfahren hätte. Je mehr ich aber hiernach verpflichtet bin, Euch zu lieben und mit allen Kräf, ten für Euer Seelenheil zu arbeiten, desto mehr mußte es mich betrüben, daß der Geist des Unglaubens sich auch in Eurer Mitte eine Stätte aufgeschlagen hat und sich das Ansehen gibt, als gehöre er dem Volke an, das mir Gott zu leiten übergeben hat. So ist eS aber nicht. Der Same des Unglaubens ist nicht hier gewachsen, er ist ein fremder Same, den man hierher getragen hat. Die Säeleute des Unglaubens sind nicht von hier, sie haben nichts gemein mit Eurer Geschichte, mit Eurem Volke, sie sind Euch nicht durch Bande des Blutes und der Abstammung verwandt. Der Same und die Säeleute sind Fremdlinge in der Geschichte der Diöcese Mainz.. Das könnte mich trösten, wenn ich nicht sehen müßte, daß auch dieses fremde Unkraut angefangen hat, hier und dort aufzugehen, und daß viele der mir anvertrauten Seelen es gar nicht zu ahnen scheinen, von welcher Art dieses giftige Unkraut ist, welche Gefahr dem ganzen Volke, der ganzen Nachkommenschaft droht, wenn es sich weiter verbreiten sollte. Um nun den Wächtern nicht zu gleichen, die da schliefen, während der Feind daö Unkraut säete, habe ich ohne Unterlaß Gott angefleht, er möge mir offenbaren, was ich zu thun habe, um diese Gefahr von Euch und Euren Kindern fern zu halten, und ich glaube nunmehr, daß eS meine Pflicht ist, Euch zu warnen und den offenen Feinden des christlichen Glaubens offen entgegen zu treten, Feinden, die eS wagen, einem katholischen Volke ins Angesicht zu sagen, daß die römisch-katholische Kirche barer Aberglaube sey, die so Eure ganze Vergangenheit schmähen, Eure Eltern bis in das fernste Glied, die dieser Kirche mit Liebe anhingen und also Diener des Aberglaubens gewesen wären, wenn die Kirche Aberglauben lehrte. Nichts aber darf mich abhalten, eine so ernste Pflicht zu erfüllen. Ich weiß zwar, wie man mein Verfahren nennen wird. Man wird über Intoleranz und Gewissenszwang klagen. Man wird schöne Namen: Liebe, Friede, Freiheit gebrauchen, um gegen mich zu kämpfen. Man wird von Inquisition, Bann und Ketzergerichten sprechen. Ihr aber, Vielgeliebte, werdet Euch in der Beurtheilung meines Verfahrens durch den schönen Klang leerer Worte nicht irre machen lassen. Ist es Intoleranz, wenn ich als von Gott bestellter Bischof Eurer Seelen die Wahrheit, den Glauben, die Offenbarung Gottes gegen den plattesten Unglauben 139 vertheidige, der je aufgetreten ist; oder bin ich nicht vielmehr ein schlafender Wächter, wenn ich schweige? Man sagt Euch, auf Glaubenssätze, auf die Dogmen der Kirche komme eS nicht an. Was sind denn die Glaubenssätze, die Dogmen der Kirche? Eine Anzahl Wahrheiten, von denen wir behaupten, daß Gott selbst sie den Menschen geosfcnbaret hat; Wahrheiten über die letzten Gründe aller Dinge, über die Bestimmung des Menschen, über die Mittel deS Heiles, über Tod und Ewigkeit. Und auf solche Wahrheiten soll es nicht mehr ankommen? Ehre, Geld, Haus und Hof darf man beschützen und vertheidigen, daS ist nicht intolerant; ewige Wahrheiten aber vertheidigen, soll intolerant seyn? WaS ist denn mehr werth, das Geld oder die Wahrheit? Es soll intolerant seyn, wenn die von Gott bestellten Wächter deS Glaubens, die Oberen der Kirche die Wahrheiten über daS Verhältniß zwischen Gott und den Menschen schirmen und hüten — und was thun dieselben Menschen, die sich selbst zu Hütern deS Unglaubens gemacht haben? Sind sie auch so tolerant in Bezug auf andere Grundsätze? Ohne Zweifel sind politische Ansichten nicht von so hoher Bedeutung, wie die religiösen Wahrheiten. Diese lehren das Verhältniß zwischen Gott und dem Menschen, dem Menschen und der Ewigkeit; jene, die politischen, das Rechtsverhältniß der Menschen zum Staate; diese greifen in das innerste Leben der Seele und der Familie, jene nur in die äußern Beziehungen zum Nebenmenschen ein. Man sollte also glauben, daß Menschen, die keine Glaubenssätze mehr vertheidigt haben wollen, auch keine politische Streitfragen mehr erheben würden. Sie sagen: es ist intolerant, GlaubenSwahrheiten zu vertheidigen, intolerant, die Ansicht Andersgläubiger zu verwerfen, Glaubenssätze stiften Unfrieden, und es kommt nur darauf an, daß wir unS Alle lieben; man sollte also glauben, daß sie folgerecht sagen würden: es ist intolerant, politische Systeme zu vertheidigen, intolerant, die Anhänger anderer politischen Systeme zu bekämpfen; politische Systeme stiften Unfrieden, und eS kommt nur darauf an, daß wir uns einander lieben. Sie sagen: es ist intolerant, darüber zu streiten, ob Christus der Sohn Gottes ist, ob es eine Ewigkeit, eine Strafe deS Bösen, eine Hölle, einen Himmel gibt, davon soll man nicht sprechen, deßhalb Niemanden beunruhigen, das könnte Streit veranlassen, und daS sind doch Wahrheiten von unendlichem Belange; — man sollte also glauben, sie würden folgerichtig sagen: es ist intolerant, darüber zu Kreiten, ob eine oder zwei Kammern bestehen, ob man mit 20 oder 2l Jahren wahlfähig werde u. s. w. So, sollte man glauben, würden sie denken. Aber da kommt die unermeßliche Jnconsequenz oder Heuchelei zu Tage. Während man sich nicht schämt, die Kirche zu schmähen, weil sie ihr Dogma mit heiliger Sorge bewacht, den Unglauben aber verabscheut, während man im Namen der Liebe unS auffordert, geduldig zuzusehen, wenn man uns die höchsten Güter, den Glauben, von dem wir bekennen, daß eS ohne ihn unmöglich ist, Gott zu gefallen, zu entreißen strebt, und zugleich einen Spott, Haß und Hohn auf Kirche, Priester und Glauben ergießt, wie die Seelen deS heidnischen Spötters Lucian und des Apostaten Julian dessen nicht sähig waren, hielt man eS nicht wider die Liebe, politische Dogmen zu schmieden, sie als unfehlbare Glaubenssätze aufzustellen, ihretwegen alle Andersdenkenden mit Erbitterung zu verfolgen. Gegen die Wahrheiten, die von Gott kommen, sollen wir gleichgiltig seyn, ihre Meinungen aber sollen mir vergöttern. Ich verwerfe jeden JndifferentismuS. Der Geist des Menschen ist für die Wahrheit bestimmt, und er darf diese Bestimmung nicht durch indifferentes Verhalten gegen irgend welche Wahrheit verläugnen. Ich verkenne deßhalb auch nicht den Werth politischer Kämpfe und halte sie für gut, wenn sie anders mit sittlich erlaubten Mitteln geführt werden. ES ist aber eine unselige Geistesverirrung oder eine schmachvolle Heuchelei, wenn jene im Namen der Liebe in göttlichen Dingen den JndifferentismuS predigen, die sich nicht scheuen, um politischer Meinungen willen die Welt in Flammen zu setzen. Oder ist es GlaubenSzwang, wenn ich als von Gott bestellter Bischof Eurer Seelen erkläre, daß jene nicht mehr der Kirche angehören, die dem Glauben der Kirche entsagt haben? So will man es gerne darstellen, aber wie unwahr ist auch 14« diese Auffassung! Ist es denn ein ungebührlicher Zwang, wenn der Hausvater fordert, daß Jeder, der in seinem Hause wohnen will, sich auch der Ordnung des Hauses unterwerfe? Ist eS ein ungebührlicher Zwang, wenn der JSraelit verlangt, daß ein Mitglied der Synagoge eben ein Jude und kein Christ sey? Ist eS gegen die Freiheit, gegen die Liebe, ist es ein ungebührlicher Gewissens- und UeberzeugungSzwaug, wenn ein politischer Verein nur Gleichgesinnte, d. h. nur Solche, die sich zu denselben politischen Grundsätzen bekennen, als Mitglieder zuläßt? Gewiß nicht! Und weß- halb nicht? Weil eS jedem Kinde klar ist, daß ein Verein, der sich gewisser Grundsätze wegen versammelt, nur bestehen kann, wenn die Mitglieder in den Grundsätzen einig sind. Nun wohlan, so gebe man ehrlich der katholischen Kirche, waS man jedem HauSvater, jeder Synagoge, jedem politischen Vereine zugesteht, und nenne nicht das in der katholischen Kirche Glaubens- und Gewissenszwang, was man überall als ein Naturgesetz jedes Vereines anerkennt. Wir wollen Niemanden zwingen, in die katholische Kirche einzutreten oder in ihr zu verbleiben, wir fordern aber von Jedem, der als Mitglied der katholischen Kirche angesehen sevn will, daß er die ewigen Wahrheiten der Kirche glaube, und daß er vor Allem das Princip, auf dem die Kirche ruht, die Lehre von der göttlichen Autorität und Unfehlbarkeit der Kirche vollständig anerkenne; wir fordern daS Recht, jedem Katholiken, der die Grundsätze und Glaubenslehren, also das Dogma der Kirche verwirft, sagen zu dürfen, daß er Alles seyn kann, nur kein Mitglied der katholischen Kirche. Wie weit ist es durch das lügenhafte Geschrei der Feinde der Kirche über Gewissenszwang bei uns gekommen? Gibt eS noch einen Verein auf Erden, der es, wie die Kirche, dulden muß, daß Menschen, die vor der ganzen Gemeinde als Ungläubige oder gar als Feinde der Kirche dastehen, von denen eS bekannt ist, daß sie von der katholischen Kirche nichts an sich haben, als den Platz für den Namen in einem katholischen Taufregister, sich nicht nur katholisch nennen, sondern gar an der Leitung der wichtigsten Angelegenheiten der Kirche Antheil nehmen? Gibt eS noch einen Verein auf Erden, wo eS geschehen kann, daß eine ganze gläubige katholische Gemeinde es oft dulden muß, daß Männer als Vorstände an der Verwaltung der äußern Angelegenheiten der Kirche, oder als Lehrer an dem Heiligsten, an der Erziehung der Kinder Antheil nehmen, die alle Gebote der Kirche verachten und ihren Glauben verspotten? Wahrlich, daS darf nicht so fortdauern, ich bin es dem katholischen Volke schuldig, das nicht zu dulden. Wer nicht katholisch glaubt und lebt, dem bin ich berechtigt es zu sagen, er mag Priester, Vorstand, Lehrer oder Laie seyn; er kann dann werden waS er will, er kann nur kein katholischer Priester, Vorstand, Lehrer oder Laie seyn. Das ist ein Naturrecht für jeden Verein, ein Recht, ohne welches kein Verein bestehen kann, und die Kirche, die, ganz abgesehen von ihrer göttlichen Einsetzung, an Alter und rechtmäßigem Bestände alle andern Vereine so weit überragt, kann diesen in dem natürlichsten aller Rechte, dem Rechte der Selbstvertheidigung und Selbsterhaltung, nicht nachstehen. Die möglichen Anklagen der Gegner dürfen mich also nicht abhalten, meine Pflichten als Wächter des Glaubens zu erfüllen. Dagegen hätte eine andere Erwägung mich vielleicht bestimmen sollen, noch zu schweigen. Unter denen, die in den letzten Jahren von dem Glauben der Kirche sich getrennt haben, gibt es so viele, die nur der Verführung und schwerer Versuchung unterlegen, die nur durch Unwissenheit und Irrthum zu viesem Schritte verleitet sind. Hätte ich eS da nicht der Zeit und der Gnade Gottes überlassen sollen, bis auch sie zurückkehrten, wie schon so manche, die mit dem Glauben den Frieden ihres Herzens wieder gefunden haben? Muß ich nicht fürchten, durch meine Worte, die ihnen vielleicht hart scheinen, sie zu verletzen, zu reizen, abzuschrecken, und dadurch ihre Bekehrung zu erschweren? O möge Gott mich und meine Worte davor bewahren. Ich rede nicht, weil ich ihnen Böses sagen will, sondern weil ich vor Gott weiß, daß ich sie liebe, weil ich die Pflicht habe, ihnen die Wahrheit zu sagen und ihnen den Abgrund aufzudecken, in den sie gerathen sind. Ich möchte daS Beispiel des heiligen Apostel 141 Petrus nachahmen. Als dieser dem Volke, das den Tod Christi gefordert und ihn dem Barrabas nachgestellt hatte, denselben Jesum Christum als den Welterlöser und Gottessohn predigte, da sprach er offen zu ihnen, und verbarg es ihnen nicht, waS sie gethan hatten. „Der Gott Abraham's, der Gotl Jsaak'S, der Gott Jakob'S, der Gott unserer Väter hat seinen Sohn Jesum verherrlichet. Diesen habt ihr zwar überliefert und verläugnet vor dein Angesichts deS Pilatus, der da urtheilte, ihn loSzu« lassen; und ihr habt den Heiligen und Gerechten verläugnet, und verlangt, daß man euch den Mörder schenkte. Den Urheber des Lebens habt ihr getödtet, welchen Gott euch erweckt hat von den Todten, deß sind wir Zeuge." So sprach der heilige Petrus, aber voll Liebe und Erbarmen setzte er hinzu: „Und nun, ihr Brüder, ich weiß, daß ihr es aus Unwissenheit gethan habt..... So thut nun Buße und bekehret euch, damit eure Sünden getilgt werden." O, meine Brüder, die ihr ehemals mit unS Kinder derselben Mutter, der Kirche wäret, ich darf es euch nicht verbergen, auch ihr habt Jesum Christum verläugnet, und den Urheber des Lebens durch cuern Unglauben in euerm Herzen getödtet, — aber ich weiß, ihr wußtet nicht, was ihr thatet, sonst hättet ihr es nicht gethan; nun aber fürchtet euch nicht, kehret zurück, damit eure Sünde von euch genommen werde. Ja ich muß reden, gerade um der Verirrten willen, und noch mehr um Derer willen, die zwar noch nicht den letzten Schritt, der sie von Christus und seiner Kirche trennt, gethan haben, die aber vielleicht, von Verführungen umstrickt, bereits am Rande des Abgrundes stehen. Ihr wißt längst, Vielgeliebte in Christo unserm Erlöser, wovon ich rede. Alle feindlichen Bestrebungen gegen die katholische Kirche in dieser Diöcese vereinigen sich gegenwärtig in jener Partei, welche sich die „Deutschkatholische" nennt. AIs diese Secte vor sechs Jahren entstand, da gaben die Verbreiter der neuen Lehre vor, sie wollten katholisch bleiben, und nur einige Mißbräuche beseitigen. Deßhalb nahmen sie den Namen „Deutschkatholisch" an. Darum wurden Viele irre geführt, die mit Schauder von dieser Partei zurückgetreten wären, wenn man ihnen gleich Anfangs gesagt hätte: wir wollen nichts Anderes, als Alles läugnen, was alle Gerechten im alten Bunde seit Anbeginn gehofft, was die ganze Christenheit seit achtzehnhundert Jahren als das Höchste und Heiligste geglaubt und geliebt hat. Zwar ist inzwischen die Wahrheit mehr und mehr an das Licht gekommen, allein noch immer sind nicht Wenige von einer unbegreiflichen Verblendung befangen. Deßhalb muß ich nunmehr deutlich und bestimmt auSsprechen, was der sogenannte Deutsch- katholiciSmus ist, und in welchem Verhältniß er zur katholischen Kirche und zum Christenthume steht. Vor Allem verwahre ich mich gegen daS Recht dieser Partei, den Namen „Deutschkatholiken" zu tragen. Wo immer Menschen auf Erden beisammen wohnen, ist es Ordnung und Gebrauch, daß ein Name, in dessen Besitz eine Gesellschaft, ein religiöser, ja sogar ein Handelsverein sich befindet, nicht von einem neu entstehenden Vereine angenommen werden darf. Was einer Handelsfirma gewährt wird, hätte wahrlich der katholischen Kirche nicht vorenthalten werden sollen, einer Kirche, die ihren Namen und ihr Recht so tief in die Geschichte Deutschlands verwebt hat. Nur die eine heilige, katholische, apostolische Kirche, die unter der Oberleitung des Nachfolgers deS heiligen Petrus unter den Völkern der deutschen Zunge besteht, hat daS Recht, den Namen der deutschen katholischen Kirche zu tragen. Dann aber erhebe ich, als Wächter des katholischen Glaubens von Gott bestellt, vor Euch Allen meine Stimme und erkläre, daß die religiöse Gemeinschaft der sogenannten Deutschkatholiken gar nichts gemein hat mit der katholischen Kirche; daß sie in Allem das gerade Gegentheil der katholischen Kirche ist; daß der sogenannte Deutschkatholicismus nicht bloß in dem einen oder andern Puncte von ihr abweicht, sondern der vollendete Abfall von dem gesammten Lehrgebäude der katholischen Kirche, der vollendete Abfall von dem wirklichen und wahren Christenthume, ja daS entschiedene Antichristenthum ist. Keine Irrlehre hat seit dem Anfange des Christenthums der I4S Kirche und der Religion Jesu Christi so fern gestanden. Der sogenannte Deutschkatholicismus ist der Inbegriff aller Irrlehren, welche die Kirche jemals, im heil, Geiste versammelt, verworfen hat. Selbst der gläubige Jude steht dem Christenthume weit näher, als der sogenannte Deutschkatholik. Um Euch die volle Wahrheit dieser Behauptung zu zeigen, will ich die Grundlehren der Kirche und die Grundsätze des sogenannten Deutschkatholicismus neben einander stellen. DaS ganze Christenthum beruht auf der Einen großen Wahrheit, daß JesuS Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist; daß Er der Abglanz der Herrlichkeit des Vaters, das Ebenbild seiner Wesenheit ist; daß in Ihm die Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt; daß Er das Haupt aller Oberherrschaften und Gewalten ist; daß Er die ganze Schöpfung durch das Wort seiner Allmacht aus dem Nichts ins Daseyn gerufen hat. — O was ist AlleS in dem Glauben an den Gott enthalten, der aus Liebe zu uns und zu einem Jeden aus uns,, obwohl er in der Gestalt Gottes, Gott in Allem gleich war, es nicht verschmäht hat. KnechtSgestalt anzunehmen und sich erniedrigte bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuze; an das ewige Wort, das da von Ewigkeit bei Gott und Gott selbst war und dennoch Fleisch geworden ist, um unter uns zu wohnen voll Gnade und Wahrheit. Wer diese Eine große Wahrheit, welche, wie gesagt, das Wesen des ganzen Christenthums ausmacht, nicht glaubt und bekennt, der ist kein Christ, sondern ein Widerchrist und macht Jesum Christum und Gott den Vater selbst zum Lügner. Wer an den Sohn Gottes glaubt, der hat Gottes Zeugniß W 151 Mission in Ehingen. Eh in gen, 4. Mai. Es ist wirklich bewunderungswürdig, mit welchem Eifer und mit welcher Hingebung die hochwürdigen Herren Missionäre daS Werk ihrer Sendung begannen, fortsetzten und zu Ende brachten. Von Morgens 5 Uhr bis Abends 8 Uhr, mit Ausnahme einer einzigen halben Stunde zur Essenszeit, sind sie ununterbrochen beschäftigt entweder mit Predigten oder mit Beichthören. Ihre äußerst geistvollen Vorträge unterstützen sich gegenseitig durch eine sehr ineinandergreifende, Schlag auf Schlag wirkende, zweckmäßige Reihenfolge, welche sowohl sämmtliche Grundlehren des Christenthums umfassen, als auch die ganze Sitten- und Pflichtenlehre in sich aufnehmen. Die Beweise für die von ihnen aufgestellten Lehren und Grundsätze, hergenommen aus der heiligen Schrift, aus der Geschichte, auS der Natur, auS der Vernunft, gewürzt und durchflochten mit den anmuthigsten Bildern, Parabeln, Gleichnissen und Erzählungen, vorgetragen in einer fließenden, kräftigen, abgerundeten Sprache, begleitet mit einer :u jedem Ausdrucke passenden Gebärde und dem geeigneten Tone der Stimme, diese Beweise sind so treffend und gründlich, daß der Gelehrte ihnen nicht widersprechen könnte, der Gebildete sich ganz befriedigt findet, der sogenannte Halbgelehrte oder Aufgeklärte sich geschlagen und gefangen fühlt, der gewöhnliche Bürgers-, Handwerks- und Bauersmann hinreichend überzeugt wird, ja daß selbst Kinder und von Natur auS dürftig begabte Menschen gar sehr angezogen und belehrt werden. Wer einmal angefangen hat, die Missionsvorträge anzuhören, fühlt sich davon so sehr eingenommen, daß er höchst ungerne einen einzigen Vortrag versäumt, wozu man nur durch Geschäfte oder andere driugeude Verhältnisse sich bewegen läßt. Wenn Morgens früh von halb 6 Uhr bis 6 Uhr der junge Pater Smeting eine Betrachtung z. B. über den Paulus vor, während und nach seiner Bekehrung, in sanftem und gemüthlichem Vortrage gehalten; wenn sodann P. Roder von 9 bis 10 Uhr über daS Thema: „Was sind wir, daß Jesus im heiligen Altars- sacrament zu uns kommen will, was ist JesuS, der zu unS kommen will, und was ist die Absicht, in der er zu uns kommen will," in meisterhafter Rede entwickelt; wenn serner P. Schlosser von 2 bis 3 Uhr die Standespflichten z. B. der Eltern in markiger Kraftsprache und schlagender Gedankenfolge abgehandelt und seinen Zuhörern anS Herz gelegt hat; wenn endlich AbendS von 6 bis 7 Uhr P. Roder oder P. Schlosser durch eine ergreifende Rede über das letzte Gericht, über die Hölle, die Buße, die Barmherzigkeit Gottes ic. die Gemüther erfaßt und hingerissen hat: so befindet man sich auf den künftigen Tag in einer um so größcrn Spannung und Erwartung, mit je mehr Befriedigung und Ueberzeugung man die Kirche Tags zuvor verlassen hat. Den höchsten Grad der Begeisterung erregte eineö Abends eine Rede, ja ein Meisterstück der Beredtsamkeit deS P. Rober, welche über das Thema: „Liebet einander und verzeihet einander," zum Zwecke deS Versöhnungsfestes gehalten wurde, während welcher ein in Hellem Lichtglanze strahlendes Kreuz aufgestellt und daS Aller- heiligste ausgesetzt war. Der Eindruck dieser Rede war so rührend, so mächtig, so allgemein ergreifend, daß kein Auge der Tausende von Zuhörern thränenleer blieb, daß Seufzen und Schluchzen von allen Seiten vernommen, ja baß lautes Weinen gehört wurde. Keine Feder ist im Stande, daS Erhebende, daS Ergreifende dieser Stunde zu schildern; ich hätte nie geglaubt, daß es einem Redner möglich wäre, einen so großen, allgemeinen Eindruck hervorzubringen. Daß aber auch die Theilnahme an der Mission von Seiten der Gläubigen eine allgemeine war, geht daraus hervor, daß die sehr geräumige Kirche von Morgens 5 Uhr bis Abends 8 Uhr immer zum Erdrücken voll war, daß ferner schon mehrere Vorträge im Freien gehalten werden mußten und noch mehrere daselbst gehalten worden wären, wenn eS nicht die Unbeständigkeit der Witterung verhindert hätte. Rege Theilnahme bewiesen insbesondere die geistlichen Herren aus der Nähe und Ferne, deren Anzahl durchschnittlich sich zwischen 40 bis 50 herausstellte, und welche daS Werk der Mission durch eifriges Beichthören, nicht nur in der Pfarrkirche, sondern auch in den beiden andern Stadt- 15S kirchen, getreulich förderten und unterstützten. Die rührenden Schlußfeierlichkeiten der Mission und die Einweihung deS MissionSkreuzes wurden durch die Anwesenheit deö hochwürdigsten Herrn Bischofs von Rottenburg bedeutend erhöht. Die geräuschlose und andachtsvolle Stille einer oft gegen 8000 bis 10,000 Köpfe starken Zuhörerschaft, ihr eifriges Bestreben in Anhörung des göttlichen Wortes und ihre tagelange Unver- drossenheit in Vollziehung und Vollendung ihres Heilögeschäfteö berechtigt zu dem Schlüsse, daß das Werk dieser Mission bei Tausenden nachhaltige Früchte hervorbringen werde. (So berichtet der Schwab. Merkur!) Mainz. In Mainz hat sich in der jüngsten österlichen Zeit, trotz aller vorhergegangenen Wühlereien, ein kirchlicher Eifer Seitens der Bevölkerung geltend gemacht, dessen sich kaum noch die ältesten Leute zu erinnern wissen. Besonders trat dieser Eifer in der eigentlichen Festwoche, vom Charsamstage bis zum weißen Sonntage, in auffallender Weise an den Tag. So hatte z. B. die Zahl der Communicanten im hohen Dome am Morgen des ersten Ostertages bereits diejenige weit überstiegen, welche im Jahre 1849 und selbst noch im vorigen Jahre am Schlüsse der österlichen Zeit in derselben Kirche sich herausstellte. Daß auch sonst die Kirchen während der heiligen Zeit zu jeder Stunde deS TageS (an Sonn- und Festtagen beginnt der Gottesdienst in unsern Pfarrkirchen um 4 Uhr Morgens und wähn ununterbrochen bis 9 Uhr Abends) von zahlreichen Andächtigen aus allen Ständen besucht waren, dürfte nach dem Vorhergesagten wohl kaum zu erwähnen nöthig seyn, vor Allem aber zogen die Predigten unseres hochwürdigsten Herrn Bischofs während der ganzen Fastenzeit stets viele Tausende von nah und fern herbei, so daß dann der geräumige Dom die Zuhörer kaum zu fassen vermochte. Eine fernere recht erfreuliche Kundgebung deS wieder erwachten kirchlichen Lebens in unserer Stadt bieten auch die bei uns bestehenden kirchlichen Bruderschaften und Vereine dar- Ohne der segenreichen Thätigkeit deS Vincentiuö- und Elisabethenvereines hier näher und ausführlicher zu gedenken, erwähnen wir von den übrigen Bruderschaften und Vereinen nur zwei, und zwar die Herz-Maria-Bruderschaft und die Jung- gescllen-Sodalität. Jene hat unser hochwürdigster Herr Bischof erst vor wenigen Monaten Hierselbst ins Leben gerufen und schon wenige Tage nach der Einführung betrug die Anzahl der eingeschriebenen Mitglieder auS allen Ständen bereits mehrere Tausende, eine Zahl, die sich mit jedem Tage vergrößert und sich bis heute fast verdoppelt hat. Die Andachten dieser Bruderschaft, welche jeden Sonntag Abends von sieben bis neun Uhr im hohen Dome gefeiert werden und stets mit einer Predigt verbunden sind, haben sich bei allen katholischen Bürgern unserer Stadt der größten Theilnahme zu erfreuen und werden sowohl von hiesigen alö von Bewohnern der benachbarten Ortschaften sehr zahlreich besucht. Eines gleichen Anklanges dürfte sich unzweifelhaft auch die gleichfalls von unserm hochwürdigsten Bischöfe angeordnete Marie nandacht erfreuen, welche, unbeschadet deS üblichen Maigebetes in den übrigen Pfarrkirchen, während des Monates Mai in unserer schönen Lieb-- frauenkirche allabendlich abgehalten wird und der jedesmal eine passende Predigt vorhergeht. — Was die Sodalität der Junggesellen betrifft, so haben sich die Mitglieder dieser für die Aufbesserung unserer sittlichen Zustände so höchst wichtigen und bedeutungsvollen Bruderschaft seit Kurzem, seitdem nämlich die Statuten revidirt worden, gerade um zwei Drittheile vermehrt, und scheint unser hochwürdigstcr Bischof, der das Präsidium in höchsteigener Person übernommen, derselben eine ganz besondere Aufmerksamkeit zu schenken, was denn nicht verfehlen kann, auf unsere jüngere Generation den vortheilhaftesten Eindruck hervorzubringen, so daß wir in kirchlicher Hinsicht wirklich einer schönen Zukunft entgegen zu sehen berechtigt sind. (M. Journal.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. C. Krem er. Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augslmrger PostMtung. N'iln-N n,ki« N^WNI^ I!^ '1^ 'i'i! >-'>!, ! !^ii'^Ä^/jttM^ NUi '1?7N« ^ 18. Mai ^ 2«. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsprei« TV kr., wofür es durch alle königl. bayer, Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Hirtenbrief des hochwürdigsten Bischofs von Mainz, bei dem Anfange der Fastenzeit 1851. (Schluß.) In dieser offen vorliegenden Thatsache kann ich nur das Bestreben erkennen, die politische Bewegung für religiöse Tendenzen auszubeuten. Unter dem Vorgeben, Politik zu treiben, will man das Volk deutschkatholisch machen. Dagegen muß ich mich erheben und dagegen sollten sich mit mir alle Katholiken erheben, von welcher politischen Partei sie immer seyn mögen. Als die Arianer vor anderthalbtausend Jahren unter dem Schutze der römischen Kaiser bis nach Mainz vorgedrungen, um nicht etwa, wie eS jetzt geschieht, Christus zu einem bloßen Menschen zu machen, sondern um ihm seine ewige Geburt vom Vater abzusprechen, da trat der Bischof von Mainz, der heilige Marimus, der Nachfolger des heiligen Märtyrers Lucius, wider sie auf, durchwanderte barfuß mit seinen Priestern das Land, um seine Heerde vor dieser Irrlehre zu schützen. Ohne andere Macht, als die der Wahrheit, kämpfte er gegen die übermächtigen Arianer. Er wurde sieben Mal von ihnen ergriffen, öffentlich geschlagen und vertrieben, aber wie Christus durch den Tod den Tod überwand, so überwand er durch Leiden das Leiben und die Verfolgung, und befestigte von Neuem seine Heerde in dem Glauben an den Sohn Gottes. Seitdem bis auf die neueste Zeit hat eS Niemand mehr gewagt, in der Mitte des Volkes, von dem Ihr abstammt, die Gottheit Christi offen anzugreifen; mir und meinem Vorgänger war der Schmerz aufbehalten, diese Unthat erleben zu müssen. Wenn ich auch an Verdienst nicht werth bin, dem heiligen Marimus die Schuhriemen aufzulösen, so theile ich dennoch sein Amt und seine Pflichten. Für denselben Glauben, den er vertheidigte, habe ich an derselben Stelle meine Stimme erhoben, und wenn eS nöthig seyn sollte, so bin ich bereit, auch seine Leiden für diesen Glauben zu tragen. Vielgeliebte in unserm Herrn Jesuö Christus! Wie die Zeiten vor unS waren, so werden sie auch nach uns seyn. Nur wir Menschen vergehen schnell, wie die Blume verblüht, wie daS Blatt vom Baume fällt. In dem alten Mainz wandeln wir auf Gräbern. Unwandelbar besteht nur die Kirche bis an das Weltende. Wird aber auch die Stadt und die Diöcese Mainz Christus und seiner Kirche unwandelbar treu bleiben? Werdet Ihr und Eure Nachkommen, wenn die Posaunen des Weltgerichts Euch und Eure Voreltern aus den Gräbern hervorrufen werden, daS Zeichen desselben Glaubens an der Stirne tragen, das sie so treu nnter allen Glaubenskämpfen bewahrten? oder werden sie mit dem Zeichen des MenschensohneS und Ihr mit dem Zeichen seines Widersachers dastehen? i54 Ich hoff,: zu Gott, Vielgeliebte, wir werden den guten Kampf für Christus siegreich bestehen. Dennoch dürfen wir nicht verkennen, daß wir an einem Zeilpuncte der ernstesten Entscheidung stehen, der Entscheidung jjir Christus oder wider Christus, für Goic oder wiver Gott. Die heilige Schrift ist voll von Aussprüchen, daß am Ende der Zeiten trübe Tage kommen, daß der Antichrist ausstehen und ein ungeheurer Abfall geschehen werte. Wie ernst sind "die Worte des Heilandes: „ES wird alsdann eine große Trübsal seyn, dergleichen vom Anbeginne der Welt bis jetzt nicht gewesen ist, noch fernerhin seyn wird. Und wenn die Tage nicht abgekürzt würden, so würde kein Mensch gerettet werden: aber um der Auserwählten willen werden jene Tage abgekürzt werden. Wenn alsdann Jemand zu Euch sagt: Siehe, hier ist Christus, over dort! so glaubt es nicht. Denn eS werden falsche Christi und falsche Propheten aufstehen: und sie werden große Zeichen und Wunder thun; so daß auch die Auöerwahlten, wenn cS möglich wäre, in Irrthum geführt würden." „Siehe, ruft der Heiland, ich habe eS euch vorhergesagt: Es werden Viele unter meinem Namen kommen, und sagen: Ich bin eS, und werden Viele verführen." Der Apostel Paulus aber sagt im Geiste seines Meisters: „Lasset euch von Niemanden irre führen auf keinerlei Weise (nämlich, als sey die zweite Ankunft des Herrn damals schon nahe bevorstehend), denn zuvor muß der Abfall kommen und offenbar werden der Mensch der Sünde, der Sohn deS Verderbens, der sich widersetzt, und sich erhebt über Alles, was Gott heißt ober göttlich verehrt wird, so daß er sich in deu Tempel GotteS setzt und sich für Gott ausgibt." Dem TimotheuS aber schreibt derselbe Apostel: „DaS aber wissen wir: daß in den letzten Tagen gefährliche Zeiten kommen werden; denn eS werden die Menschen seyn voll Eigenliebe, habsüchtig, prahlerisch, hoffärtig, Lästerer, den Eltern ungehorsam, undankbar, lasterhaft, lieblos, unfriedsam, verleumderisch, uncnihaltsam, grausam, schonungslos, Verräther, muthwillig, aufgeblasen, die Lüste mehr liebend, als Gott, die zwar einen Schein der Religion haben, aber die Kraft derselben verläugnen. Diese aber vermeide. Wann diese letzte Zeit kommen wird wissen wir nicht; nur daS wissen wir, daß wir ihr mit jedem Jahrhundert näher rücken, und daß unS diese Worte gesagt sind, um unö zu warnen: „Siehe, ich habe eS euch vorhergesagt.« Das wissen wir, daß dem letzten großen Abfall, wo selbst die Auserwählten, wenn eS möglich wäre, verführt werden würden, Zeiten deS Unglaubens, deS Irrglaubens und großer Lasterhafter verhcrgehen werden, und daß selbst dieser Irr- und Unglaube, selbst dieses Geschlecht der Hoffärtigcn, der Ungehorsamen gegen die Eltern, der Verräiher, der Diener der Lüge den Schein der Religion annehmen wird. DaS wissen wir, daß schon seit dem Erscheinen,Christi auf Erden der Antichrist und sein Anhang wider den Sohn GotteS streiten. „Wie ihr gehört habet," sagt der heilige Johannes, „wird der Widerchrist kommen, ja schon jetzt sind viele Widerchristen geworden.... Sie sind von unS ausgegangen, aber sie waren nicht von unS; denn wenn sie von uns gewesen wären, so würden sie bei uns geblieben sevn. Wer ist der Lügner, als der, welcher läugnet, daß JesuS Christus sey. Das ist ein Antichrist, welcher den Vater und den Sohn läugnet. Jeder, der den Sohn verläugnet, hat auch den Vater nicht." Was ist nun in diesen Tagen vor unsern Augeu geschehen? „ES sind falsche Lehrer unter unö aufgestanden, welche Irrlehren des Verderbens einführen, den Herrn, der sie erkauft hat, verläugnen, und schnelles Verderben über sich hereinführen. Viele folgen ihrer Schwelgerei, und sie lästern den Weg der Wahrheit." Darum habe ich nicht im eigenen Namen, sondern im Namen Gottes und seines SohneS JesuS Christus zu Euch geredet, um Euch zum Wachen und Gebet aufzufordern, damit Ihr nicht in Versuchung gerathet. An Euch wende ich mich noch insbesondere, die Ihr als Stellvertreter GotteS mit unS Priestern berufen seyd, daS Heil der Euch anvertrauten Seelen zu wirken. Wachet mit unS, Eltern, Lehrer, Herrschaften, Meister, wachet über die Gesellschaften, die Eure Pflegbesohlenen besuchen, wachet über die Bücher und Blätter, die sit 155 lesen, wachet darüber, wie sie ihre Pflichten gegen Gott und seine Kirche erfüllen. Die Verführung naht sich vor Allem dem jugendlichen Herzen. „Sie," sagt der Apostel PetruS, „nämlich die falschen Lehrer, die die Lust eines TageS für Glückseligkeit halten, sie locken an sich die leichtfertigen Seelen." Die Jugend ist >o leichtfertigen HerzenS, deßhalb hat ihr Kolt Eltern, Vorsteher und Führer gegeben, die sie vor Sünde und Verführung bewahren sollen. Gott hat im Allen Bunde dem Heli geschworen, „daß die Missethat seines HauseS nicht gesühnt werde durch Opfer und Gaben bis in Ewigkeit." Und worin bestand diese Missethat? O höret cS, geliebte Eltern, in der Sünde, „daß er wußte, daß seine Söhne BöseS thaten, und sie nicht bestrafte." Und worin bestand das Böse, daS die Söhne thaten? „Darin, daß sie die Leute vom Opfer deS Herrn abhielten." Wie viel größer ist aber die Sünde christlicher Kinder, die sich durch den Besuch schlechter Gesellschaften in die Gefahr begeben, Glauben und Tugend zu verlieren, wie viel größer die Missethat christlicher Eltern, die daui schweigen. Wie tief mußte cS mich daher schmerzen, zu erfahren, daß es hier Männer und Frauen geben soll, die zwar mit den Ihrigen Katholiken bleiben wollen, und dennoch nicht nur selbst Versammlungen und Vortrügen der sogenannten „Deulschkatholileu" beiwohnen, sondern auch gestalten, daß ihre Kinder, Jünglinge und Jungfrauen, hingehen. Ich aber sage Euch, geliebte Eltern, mit dem Apostel Paulus und mii der kaiholischen Kirche: Ihr müßt diese Versammlungen vermeiden. Unmöglich ist cS, Christum als seinen Heiland und die Kirche als eine Anstalt GotteS, als eine Säule und Grundfeste der Wahrheil zu bekennen, und Versammlungen anzuwohnen, wo Christus als ein weiser Jude, die Kirche aber als eine Anstalt voll Schmach und Schande behandelt wird. „Wie lange werdet Ihr, rufe ich mit EliaS auS, auf beiden Seiten hinken? Ist der Herr Gott, so folget ihm, ist Baal Gott, so folget ihm." O, möchte meine Stimme auch Euch erreichen, fremde Brüder, die Ihr die Quellen des lebendigen Wassers in der Kirche GotteS verlassen habt, und an den Cistcrnen deS Unglaubens Euren Durst nach Glückseligkeit zu stillen bemüht seyd. Möchte insbesondere Euch mein Wort nicht hart und lieblos erscheinen. Ich habe so gesprochen, weil ich glaubte, eS zu müssen, weil ich glaube, daß kein anderer Name dem Menschen gegeben ist, um selig zu werden, als der Name dcö Gottmenschen Jesus ChristuS; weil ich also glaube, daß daS höchste allein wahre Gut unS mit dem wahren Glauben entrissen wird. Man hat Euch mit Haß gegen die Kirche und ihre Priester erfüllt, aber ich sage Euch, was ein würdiger Priester seinen LandSleuien zurief: Ihr haßt nicht die Kirche und ihre Priester, sondern das Lug» und Trugbild, daS der Geist der Lüge Euch von der Kirche entwirft. Kenntet Ihr die Kirche, diese von Gott unS gegebene Mutter, wie Eure Eltern sie kannten, so würdet Ihr sie lieben, wie sie sie liebten. Prüfet die Geister, die sich Euch nahen, die Euch belehren wollen, ob sie dem Geiste GotteS oder dem Geiste der Lüge entstammen. Wodurch haben sie eS Euch bewiesen, daß sie eS redlich mit Euch meinen, daß sie Euch wahrhaft lieben? Ist der schon immer unser Freund, der unsern Leidenschaften, unserm Stolze, unserer Sinnlichkeit schmeichelt? Sind Adam und Eva dadurch Götter geworden, daß ihnen der Teufel sagte: „Ihr werdet wie Götter werden?" Und welche andere Beweise der Liebe hat man Euch gegeben? Man erfüllt Euch mit Haß gegen unS. Man stellt Euch daS Leben einiger schlechten Priester vor, und wirft dann den Schein der Habgier und der Bosheit auf unS Alle, und auf die Kirche. Kann aber die Kirche ihren Priestern die Freiheit nehmen? Kann sie eS ihnen wehren, wenn sie sich verdammen wollen? Ist ChristuS schuld, daß unter den Jüngern ein JudaS war, oder sind alle Apostel gottlos, weil JudaS ein Verrälhcr war? Wie könnt Ihr einem so groben Truge folgen? Ja, eö gibt auch einzelne nichtSwürdige Priester, die daS unendlich heilige Amt schänden, das sie bekleiden, die der Kirche die tiefsten Wunden schlagen, die die Kirche, ihre Ehre, ibre Göttlichkeit, das Heil der ihnen anvertrauten Seelen verrathen, wie JudaS — Christum verrathen hat; ja, cS gibt auch schlechte Priester, und wie die Engel um so tiefer fielen, je höher sie standen, 15« so auch die Priester; und wie die gefallenen Engel die Verführer der Welt wurden und daS größte Elend anrichteten, so auch schlechte Priester; ja, es gibt auch schlechte Priester. — O, gäbe es keine! Wären wir Alle, wie die Kirche uns will, wie wir es der Kirche geschworen haben, wie würde cS dann anders in der Welt werden, waö könnte dann noch der Wahrheit und Schönheit der Kirche widerstehen? Aber warum sehet Ihr auf diese unseligen Nachfolger deö Judas, über die die Kirche wehklagt und jammert, und nicht auf die große Schaar heiliger Männer, die zu jeder Zeit Gut und Blut dem Heile ihrer Mitbnider geopfert haben? Abermals frage ich, welche andere Zeichen der Liebe, als den Hohn über die Kirche, haben sie Euch gegeben? Welche Opfer, welche Entsagungen umd Selbstverläuanuiigen haben sie Euch gebracht? O wahrhaft, prüfet die Geister. Wir aber, Geliebte, wollen Euch zeigen, daß wir Euch lieben, daß wir nichts suchen als Eure Seele. Ich bin wenigstens nicht zu Euch gekommen, weil ich keinen andern Aufenthalt auf Erden hatte, oder weil ich zeitliches Gut bedürfte. Ich habe in meiner Heimat viele tausend Seelen, von denen ich mich mit Schmerz losgerissen, die mich mit Jubel und Liebe wieder aufnehmen würden; ich habe dort Gelegenheit genug, auch iu zeillichem Wohlergehen zu leben, wenn ich das suchte. Ich bin auf Befehl des heiligen Vaters zu Euch gekommen, und ich bin bereit, Euch meine Zeit, meine Kräfte, mein Habe und mein Leben zu opfern, und nichts für mich zu suchen bis an das Ende meines LebenS; und viele meiner Mitbrüder unter den Priestern sind dazu bereit, daS wollen wir Euch zeigen. Prüfet dann, wer ver Miethling ist, der nicht Gott und seine Heerde, sondern sich und das Seiuige sucht. Prüfet aber auch Cure Seele, Euer Gewissen in ver Gegenwart des allwissenden Gottes, prüfet Euch, nachdem Ihr gebetet habt, prüfet Euch, ob daS der Weg ist, der Euch wahrhaft glücklich gemacht hat, auf dem Ihr der Ewigkeit entgegen gehen wollt. O, möchtet Ihr zu dem guten Hirten Eurer Seele zurückkehren! Heute, wenn Ihr meine Stimme höret, verhärtet nicht Eure Herzen. „Glaubet an das Licht, so lange Ihr das Licht noch habet, damit Ihr Kinder des Lichtes seyd." So bitte ich Euch mit den Worten Jesu Christi. Lasset die Zeit nicht vorübergehen, wo Euch das Gnadenlicht noch leuchtet. Habt Ihr die Gnadenzeit erschöpft, entzieht Euch Gott die Gnade, ohne welche wir nicht glauben können, o dann würden sich an Euch die fürchterlichen Worte erfüllen, die von den Juden geschrieben stehen: Darum konnten sie nicht mehr glauben; denn JsaiaS hat abermals gesagt: „Er hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verstockt, daß sie mit den Augen nicht sehen und mit dem Herzen nicht verstehen, noch sich bekehren, noch ich sie selig mache." Ihr Alle aber, geliebte Diöcesanen, die Ihr an Jesum Christum glaubt und durch ihn selig werden wollt, ich bitte unv ermähne Euch, benutzet die Gnadeuzeit, die uns jetzt bevorsteht, die heilige Fastenzeit im Geiste der Kirche. Wenn Gott der Sünde gedenken will, wer wird dann vor ihm bestehen? Vereiniget Euch mit unS Priester,»! im Gebete, damit Gott seine heilige Liebe in unsere Herzen ausgieße, betet für die Kirche, den heiligen Vater, die Bischöfe und Priester, daß Gott sie mit Weisheit, Gnade und Kraft erfülle, betet inständig für unsere lieben verirrten Mitbrüder, daß sie zur Heerde Jesu zurückkehren mögen. Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi sey mit Euch Allen! Gegeben zu Mainz am Tage des heiligen Willigis, 23. Februar 1851. -j- Wilhelm Emmanuel, Bischof. Der Missionär P. Gawronski. Es war ungefähr im Jahre 1843, als ich auf meinem in dem ruthenischen Theile GalizienS gelegenen Landsitze in 55» ein Schreiben des lateinischen Pfarrers von 55», ^ Diöcese die lateinisch-christliche Bevölkerung meines Gutes gehörte, erhielt, worin er mir anzeigte, daß der Priester Gawronski, der von der Regierung die Erlaubniß erhielt, die in Ruthenien zerstreuten und von ihren respectiven Pfarren 157 entfernten polnischen Bauernfcimilien in kirchlicher Mission behufS einer religiösen Belehrung zu besuchen, nächstens auch in mein Territorium einkehren und daselbst seine Missionsarbeit beginnen werde. Eine solche außergewöhnliche Erscheinung, die meines Wissens hier früher nie stattgefunden, mußte, eben wegen der Seltenheit, verschiedene Gedanken erwecken, wovon der glimpflichste in dem Träger einen blinden Fanatiker darstellte. Die Anstalten zu seinem Empfange waren gemacht; ein Hintergedanke jedoch, den vielleicht zu weit getriebene Vorsicht eingab, rieth auch für eine gewisse Ueberwachung des sonderbaren Gastes zu sorgen. Tage und Wochen vergingen, der Missionär ließ sich nicht sehen, der Glaube, daß er — vielleicht auS Ursachen, welche daS hier stelS noch wach erhaltene Mißtrauen jeder nicht normalen Erscheinung so bereitwillig substituirte — höhern Orts verhindert, nicht mehr ankommen weide, nahm Immer mehr überHand und schien sich bewahrheiten zu wollen. Da wurde mir eines TageS Jemand gemeldet, der mich zusprechen wünsche. Meine Aufforderung, hereinzutreten, blieb lange erfolglos — ich trat demnach hinaus. An der Eingangsthüre des Vorzimmers stand eine kleine gebückte Gestalt, angethan in ein schwarzes, ziemlich abgetragenes priesterlichcs Gewand. Stellung, Geberde und Aussehen machten mich glauben, ein Mitglied vom Orden der barmherzigen Brüder stehe in Angelegenheiten seines Klosterspitals vor mir Erst als wir eingetreten waren, erfuhr ich, daß es der Missionär Gawronski war» Kalt und mit etwas gedämpfter Stimme machte er mich mit dem Zwecke seines Hierseyns bekannt, wies entschieden alle Erfrischungen, die man in Galizien fast jedem angekommenen Gaste zu bieten pflegt, ab, wollte eben so wenig von der für ihn bereit gehaltenen Wohnung Gebrauch macheu, indem er bei einem Bauer schon aufgenommen sey, und entfernte sich eben so anspruchlos und bescheiden, ja demüthig, möchte ich beinahe sagen, aber auch kalt, wie er gekommen war, und ohne länger, als gerade zu diesen Verhandlungen nöthig gewesen ist, sich aufgehalten zu haben. Dieser erste Eindruck war nicht weniger als günstig; ich erfuhr, daß er auf einem gewöhnlichen Bauernwagcn angekommen, sich zu dem ersten besten Bauer lateinischer Confession habe fahren lassen und sich von diesem einen Winkel in der Scheune und darin ein wenig Stroh zur Lagerstätte ausbat, das er mit einem einfachen Kotzen überdeckte. Außer diesem und einem ganz kleinen Reisekoffer hatte er nichts mehr. Zur Nahrung verlangte er etwas Milch und dasselbe Brod, das im Hause gebacken wird und das wahrlich nur von dem, der von Jugend auf an nichts Besseres gewohnt ist, verzehrt werden kann. Beides aber gegen eine angemessene Entschädigung. Seine erste Frage war nach den Kindern, nach Zeit und Ort, wann und wo sie ohne Abbruch ihrer Beschäftigung getroffen oder um ihn versammelt werden könnten; dann besuchte er die polnischen Familien und blieb lange in ihren Hütten, und überall, wo er einkehrte, ließ er Freunde und Freude zurück. Kaum verging ein Tag, als schon im ganzen Dorfe, selbst unter der ruthenischen Bevölkerung, die bekanntlich der griechisch-unirten Kirche angehört, sich eine freudige Regung bemerkbar machte. Jedes sprach mit einer gewissen Weihe von dem neuen Gaste, sein Lob quoll von allen Lippen, es war in der That wie ein wohlthätiger Zauber, der mit seiner Nähe Alle überkam. Diese Freundlichkeit, die er in den Hütten der Armuth entwickelte und die ihm so schnell alle Herzen gewann, pikirte mich, hatte er doch mein herzliches Entgegenkommen kalt und theilnahmSlos erwidert. Sollte dieß, dachte ich bei mir, die Maske seyn, die sich ein unversöhnlicher Demagog umhängt, um das Landvolk bearbeiten zu können? Oder ist's ein lichtscheuer Fanatiker, der instinctartig eine nähere Berührung mit mir scheut? Ich beschloß, der Sache auf den Grund zu kommen. Ich lud ihn zur Tafel und beauftragte mit dieser Einladung einen Beamten, dem ich an'S Herz legte, sich auf keinen Fall abweisen zu lassen. Der Missionär kam; sein dießmaligeS Erscheinen war von seinem ersten in Nichts verschieden, nur sprach er mehr, auch nahm er den ihm an der Tafel ange- wiesenen Ehrensitz ohne Anstand an, aber er berührte die Speisen nicht. Er faste heute, war seine Augrede, doch sey er gekommen, weil er mir nicht gerne etwas abschlagen wollte, oder eigentlich weil ich eS gewünscht. Sein Gespräch verrieth 158 einen Weltmann, der die Falten des menschlichen Herzens und den Tang des Lebens kennt, seine Ansichten waren praktisch; Altem, was er vorbrachte, lag eine tiefe Kenntniß und richtige Würdigung der menschlichen Dinge und der jetzigen Weltver-- hältiiisse zu Grunde — aber all' mein Bestreben, ihn einzunehmen, war erfolglos, er blieb kalt und zurückhaltend, nahm jedoch mein wiederholtes Anerbieten, bei uns zu wohnen und an meinem Tische wenigstens zu — sitzen, an; in der Folge erfuhr ich, daß er dieß Opfer meinen Kindern brachie; denn seine Bemühungen waren vorzüglich der Jugend zugewandt, mit der er sich auch beinahe ausschließlich beschäftigte. Er versammelte die Dorfkinder nach vollbrachter TageSardcit, also AbentS, um sich, und eS war in der That ein erhebender Anblick, wie diese Kinder, die TagcSmühen vergessend, die halben Nächte hindurch begierig seinen Lehren lauschten, und wie sein Wort lebendig in ihnen war. Er pflegte in jedem Orte eines der geschicktesten auszusuchen und lehrte eS lesen, waS ihm auch immer im Verlaufe von einigen Wochen gelang. Dieser Knabe wurde dann in der von ihm organisirten Schule der Lehrer, dem er die Fürsorge über seine Pflanzung überließ, wenn er weiter zog, denn nie blieb er über einige Wocben an einem Orte. Er »heilte unter daS Landvolk von ihm verfaßte leichtfaßliche Lehrbücher und eine Art Kalender aus. Der Lehrmeisterknabe hatte die Mission, nicht nnr mit der andern Jugend an Sonn« und Feiertagen die empsangenen Lchren zu wiederholen und ihnen zum Lesen der erhaltenen Katechismen anleitend behilflich zu seyn, er sollte auch den Familien selbst den Inhalt der Bücher erklären und über alle Fortschritte und Rückgänge genaue Register führen, um sie bei der Wiederkehr des Missionärs vorweisen zu können. In den Gebirgsgegenden, wo die Dorfhütten nicht wie in der Ebene in einem Kranze beisammen, sondern vereinzelt weit weg von einander stehen, wo also eine solche Vereinigung der Kinder am Abende nicht leicht möglich ist, dort sucht sie der Missionär auf den Triften der Berge, wo sie das Vieh weiden, auf und bringt ganze Tage, ihre Beschäftigung theilend und sie dort belehrend, mit ihnen zu. Die große Wichtigkeit seiner Mission wird aber erst begriffen, wenn man die Zustände der lateinischen Christen in dem ruthenischen Theile Galiziens kennt. Außer in den Städten und in einigen Ortschaften ist hier die polnische Bevölkerung auf den Dörfern sehr sparsam zwischen den Nuchenen zerstreut, daher eS kommt, daß ein polnischer Pfarrbezirk sehr weit und breit ausgedehnt ist, zu dem auS manchem Dorfe nur drei oder vier Familien gehören, die zumal, wenn sie weit abliegen, von ihren Seelsorgern kaum erreicht und nothwendiger Weise vernachlässigt werden; als Polen gehen sie zwar in die ruthenischen Kirchen, aber nicht in den ruthenischen Religionsunterricht und verwildern, sich und ihrem Jnstincte überlassen. Besonders ist dieß im Gebirge der Fall, wo eS nicht selten vorkommt, daß nicht nur die Gebete, sondern selbst die Religionsbegriffe nicht bekannt sind, und sich die Menschen im rohen Naturzustande befinden. Die lateinische Pfarrgeistlichleit hat weder Zeit noch Beruf, ihre Pfarrfinder auf diesen entlegenen Orten aufzusuchen und im Glauben zu erziehen; die ruthenische jener Orte aber fühlt gegen diese keine Verpflichtungen und ist mit eigenen Angelegenheiten und ihrem Wirthschaflsbctriebe zu sehr in Anspruch genommen, um selbst ihren Berufspflichten gegen die eigenen Pfarrkinder gehörig nachzukommen, waS auch bei der ungemeincn Entfernung der Dorfwvhnungen von einander in der That äußerst schwierig ist. Es herrscht auch tief in den Karpathen entsetzlicher Aberglaube. Haben sich doch selbst in abgelegenen Thalgegenden noch bis tief in die 30ger Jahre die Herenprobe erhalten, die darin bestand, daß man die dessen verdächtigten weiblichen Personen inS Wasser t nichen ließ u. dgl. m., waS selbst in meiner unmittelbaren Nachbarschaft, eine Meile von der Kreisstadt entfernt, sich zutrug. Ein wahrer Apostel zieht nun der Missionär durch diese Gebirge mit dem Anfang des Frühlings, um in den rohen menschlichen Gestalten das Wort GotteS, daS Licht der Aufklärung zu erwecken und sie zu Menschen zu machen; mit der Annäherung deS Herbstes, der viel früher in den Gebirgen beginnt, steigt er in die Ebenen nieder und sucht die von ihren Pfarren entferntesten Orte und darin die verwahrlosesten 259 Christe» auf. Freilich, was kann hier ein Einziger thun? und Missionär Gawronski steht ganz allein und ohne Nachahmer. Aber man muß die kleine, gebückte, unansehnliche, ja demüthige Gestalt nur einmal aus dem Predigerstuhle sehen! seine im gewöhnlichen Leben gedämpfte Stimme herab von der Kanzel hören! Man traut den eigenen Ohren nicht. Ein begeisterter Prophet steht verklärt vor uns, seine Stimme dringt wie der Donner tief ergreifend in daö tiefinnerste Wesen, und die Zuhörer, ersaßt von einer unsichtbaren unwiderstehlichen Gewalt, horchen mit feuchtem Blick dem lebendig gewordenen Worte. Nie werde ich vergessen, welchen Eindruck seine Predigten anf mich gemacht, nie den ich am Antlitz der Umstehenden sah! Nur wer dieses sah und an sich erlebte, kann die Wirkungen dieses Mannes — so vereinzelt er auch dasteht — begreifen. Ich habe ihn im Jahre 1849 im Franciscanerkloster in Lemberg, wo er die Wintermonate zuzubringen pflegt, besucht; die ganze Einfach' heit und Bedürfnißlosigkeit, die er auf seinen Reisen zur Schau trägt, fand ich in seiner Zelle wieder. In Ermanglung eines Stuhles setzten wir unS auf Bücher, die überall herumlagen und außer dem Unentbehrlichsten das einzige Ameublement ausmachten. — Man glaube aber ja nicht, darin die gewöhnliche Folge der Armuth zu sehen. Freilich hat er nichts, weil er Alles Bedürftigen gibt, aber zum Geben hat er immer und oft auch viel, weil durch seine Hcu,de der Reichthum der Armuth Trost und Linderung zuschickt. Ich selbst bat ihn, als er meinen Landsitz verließ, für den Religionsunterricht, den er täglich durch zwei Stunden meinen Kindern ertheilte, ein kleines Reisegeld wenigstens und das Bettgewand, das er benützte, für seine Gebirgs- reisen ein nothwendiger Artikel, anzunehmen. Er gab meinen Bitten nach, aber er brauchte weder das eine noch das andere für sich. Nur um mir wohlgefällig zu seyn, ließ er daö Bettgewand während seines Hierseyns bei Tage auf dem Bette, gebrauchte eS aber bei Nacht nicht, er verschenkte eS an eine arme, einst wohlhabende Familie, und mit dem Gelde that er dasselbe. Und ein Fanatiker ist dieser Mann nicht. Er besitzt ein tiefes und gründliches Wissen und nicht in der kirchlichen Dogmatik allein. Das Buch des Lebens ist vor seinen Augen aufgeihan, und er versteht es, darin zu lesen. Ich habe Nächte mit ihm durchgewacht, ich bin reiner, geläuterter geworden. Ich wußte nicht, ob eS Sokrates, ob Plato ober ein Priester des Herrn ist, aber ich wußte, daß ich mich in der Nähe eines höhern Wesens befinde. Die Tage, die er in meinem Hause zubrachte, sind wie ein Lichtpunct in meinem Denken, den eine wohlthätige aber außerordentliche Erscheinung zurückgelassen, und diese gebrochene Gestalt steht hochaufgerichtet und ruhig, in die Wolken reichend, vor meinem geistigen Auge, von dem sie manchen trüben Wahn verscheuchte. Gawronski gehört keinem Kloster, keiner Kongregation, keiner Körperschaft an, er ist einfach ein Priester und zwar ohne irgend eine feste Stellung, waö man gewöhnlich so zu nennen pflegt. Seine außerordentliche Erscheinung, die wohl an die ersten Christen erinnert, hat ihm ein uubegränzteS Vertrauen der Kirche, der Regierung und die Herzen Aller, die ihn kennen, für immer gewonnen. Franz v. Florenconrt. Schwerin, 29. April. Die am 19. d. M. hier erfolgte Rückkehr deS Herrn Franz v. Flore ncourt zur katholischen Kirche ist bereits durch die öffentlichen Blätter gemeldet. Wir lassen einige nähere Mittheilungen über dieses für alle Katholiken höchst erfreuliche Ereigniß und insbesondere über den feierlichen Act der Aufnahme hier folgen. Herr v, Florcncourt, durch sein allbekanntes Streben für Recht und Wahrheit schon seit Jahren zur katholischen Kirche hingedrängt, gelangte in diesem Frühjahre zur völligen Ueberzeugung von der Wahrheil der katholischen Lehre. Hier in Mecklenburg, auf dem Gute eines Freundes, bereitete er sich einige Zeit zu seiner Rückkehr in die katholische Kirche vor, und entschloß sich, am heiligen Charsamötag in der hiesigen katholischen Kirche sein Glaubensbekenntnis; abzulegen. 160 Da sein Entschluß hier bekannt geworden, so versammelten sich am Charsamstags- Abend schon frühzeitig zahlreiche Katholiken und Protestanten in der katholischen Kirche. Gegen 7'/z Uhr trat Herr v. Florencourt ein in Begleitung von zwei angesehenen Milgliedern der hiesigen katholischen Gemeinde. Am Tausbrunucn, wo Herr Pastor Brocken im kirchlichen Ornat ihn erwartete, begehrte er, bedingungsweise, nämlich für den Fall, wenn er nicht recht getauft sey, die heilige Taufe zu empfangen. Dieselbe wurde ihm ertheilt; an der tiefen Stille, welche während dessen in der ganzen Kirche herrschte, bemerkte man den großen Eindruck, welchen die feierlichen Cere- monieen, unter denen unsere Kirche die heilige Taufe spendet, auf alle Anwesenden machten. Dann trat Herr v. Florencourt vor den Altar, wo Herr Pastor Brocken in einer ergreisenden Rede auseinandersetzte, welch' ein großes Glück ihm durch die Aufnahme in die katholische Kirche, die allein im Besitze der wahren Lehre Christi und der wahren Sacramente sey, zu Theil werde. Hier kniere Herr v. Florencourt vor der Communionbank und las, während zwei Chorknaben ihm mit Lichtern zur Seite standen, deutlich und mit scharfer Betonung das tridentinische Glaubenöbekennt- niß ab uns wurde dann, nachdem er feierlich gelobt hatte, als ein treuer Sohn der heiligen katholischen Kirche leben und sterben zu wollen, in die Gemeinschaft der heiligen Kirche aufgenommen. Viele von den Anwesenden haben sich während dieser Feierlichkeit die hellen Thränen auö den Augen gewischt. Man kann denken, daß diese öffentliche und feierliche Conversion dieses ausgezeichneten, in ganz Deutschland rühmlichst bekannten Mannes sowohl hier, als in ganz Mecklenburg auf Protestanten wie Katholiken einen tiefen Eindruck gemacht hat. Belgien. DaS „Jonrnal de Brurelles" enthält einen längern Aufsatz über die Lage der Katholiken in den Niederlanden, dem wir Folgendes entnehmen: „Die holländischen Protestanten sind heute noch, was sie stets gewesen: übermächtig an Zahl und Despoten im Regieren. Ihre Unduldsamkeit und ihr Fanatismus kennen keine Gränzen. Gesetze, Verwaltung und Presse, ja Alles wird auf die Beine gebracht; ihren ganzen Einfluß machen sie geltend, um auch die letzte Spur des Katholicismus zu vernichten. Zu diesem Ende haben sie eine vollständige Propaganda organisirt, und wenn nicht selbst die rasfinirtesten Verfolgungspläne im Kampfe gegen die Kirche ohnmächtig wären, so müßte man für eine Zukunft der Katholiken in Holland die Hoffnung aufgeben. So viel die Protestanten unter sich auch uneinig und getheilt seyn mögen: wenn es gilt, die Rechte und die Freiheit der Katholiken zu bekämpfen, dann scheinen Uneinigkeit und ehrgeizige Eifersucht unter ihnen verschwunden zu seyn, ja im Hasse gegen den Katholicismus sind Alle unter sich einig. Da gibt es keine Radi- cale, keine Ultraconservative, keine konstitutionelle mehr, der gemeinschaftliche Haß füllt auf einmal die Kluft, die sie kurz vorher noch trennte; ein Versöhnungöfest wird gefeiert, um dem Gegner zu Leibe zu gehen. Die Presse folgt derselben Fahne. Die dem Glauben der Väter getreu geblieben sind, werden täglich mit den ungerechtesten und den schmählichsten Verleumdungen überschüttet. Bei jeder Gelegenheit wird das Phantom der „klericalen Herrschast," der „katholischen Theokratie" und der „JesuitiSmus" zu Markt getragen, und erstaunt fragt der Leser: „Wie ist es möglich, daß man ein solches Unwesen doch dnloet?" Obgleich zwei Fünftel der gesammte» Bevölkerung der katholischen Kirche angehören, so sind dennoch die Katholiken von der Verwaltung des Landes strenge ausgeschlossen; die Protestanten regieren ohne Controle, in den Gemeindebehörden wie im Rathe deS Königs, in den Elementarschulen wie auf den Kathedern der Hochschulen sind sie ausschließlich die Meister. Mit einem Worte: die Katholiken werden als Heloten behandelt. Und dennoch nennt man sie „Unterdrücker". -—---—_——. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. C. Krem er- Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. 25. Mai ^ 21. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis Tilis, nach deutscher und nach wälscher Art," einen Folioband von Johann Wilhelm aus Frankfurt am Main vom Jahre 1618, dann weiter, nach ausschlietzlich wälscher Art, des Barozzi Vignola „Buch von den fünf Säulen-Ordnungen," sodann ein Heft aus dem Jahre 1792, „Zeichnungen nach dem neuesten Geschmack" betitelt, und endlich vom Jahre 1793 ein sich so nennendes „Ideen-Magazin" mit Abbildungen in chinesischem, griechischem (!) und ägyptischem Geschmacke, darunter auch ein wunderlich barockes Gartenhäuschen mit der Unterschrift: „Sommerhaus im gothischen Style."*) — So sehen wir die Nachfolger der Erbauer der Liebfraucnkirche, jener kraftvollen, lebensfrischen Werkmeister, in ein schwachsinniges Geschlecht ausgeartet, dem die pariser Tapezierer und Galanteriehändler die „Ideen" liefern. Dahin ist eS gekommen, weil man Leben, Wissen und Können verschiedene Straßen ziehen ließ, weil man seine Nationalität, seine Geschichte, seine heiligsten Ueberlieferungen verläugnet hatte! Der Dünkel, die Vornehm- und Gelehrtthucrei haben hauptsächlich der deutschen Kunst ihr frühes Grab gegraben und das freudige Leben hinweggenommen, welches vormals in ihr pulsirte. Zum Glück wird der Schmerz über diesen Wechsel der Dinge durch den Gedanken gelindert, daß wieder ein neuer Umschwung begonnen hat, ein Umschwung zum Besseren; daß eö den Anschein gewinnt, als ob jenes freudige Leben um deßwillen sich in die Tiefen gezogen habe, um dort zum neuen Springquell sich zu sammeln. Allerwärts drängen in diesem Sinne sich die Zeichen. Schon baut wieder die mächtigste Nation der Erde am Themsestrande das HauS ihrer Vertreter auS dem alten Steinmetzengrunde mit nie gesehener Pracht auf, und der Dom zu Köln treibt auf allen Seiten wieder Zweige, Blätter und Blüthen: multa rensseentur czuse jam oeciclere. (Domblatt.) Die heilige Mission in Regensburg. Die schönen Tage der Mission, sie sind vorbei — doch nein, sie dauern immer noch — denn das Himmlische, das Göttliche kennt kein Ende. Dem kalten, unfreund- ") Recht interessant ist noch das auf der städtischen Bibliothek zu Trier beruhende Steinmetzen- amtS-Protocollbuch, welches die Jahre 1670 bis 1721 umsaßt und die lateinische (!) Aufschrift führt: „proloeollum inslilulum ipzo ^,inici? Il?ttil,m z^lir,!i>t^^ MliÄ. östZ >I/I1'/>I^^) ^tttldchf Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis 4V kr., wofür es durch alle königl, bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Magdalena Herzogin von Bayern, Pfalzgräfin bei Rhein ic. von Carl August Voehaimb, Caplan in Neuburg a D, (Fortsetzung.) Magdale nens Nächstenliebe. Wie sie wohl wußte, daß der bloße Wortglaube und die unthätige Wortliebe nichts nützen, so war sie auch überzeugt, daß selbst eine gewisse Empfindung von Gottes Liebe oft trüge und vor Gott ohne Werth sey, wenn diese Empfindung nicht zu reger Nächstenliebe antreibt. Daher bestrebte sie sich mit nicht geringem Eifer, dieser Pflicht in jeder Beziehung auf ihre Mitmenschen, besonders als Gattin, als Mutter und in einem gewissen Sinne als Haus- und Landesmuiler volltommen Genüge zu leisten. Sie war nicht in den Ehestand getreten um desto glänzender leben zu können, sie erkannte und bedachte die heiligen Pflichten, die durch ihre hohe Stellung eineSiheils, anderntheils durch ihren Beruf als Gattin und Mutter ihr auferlegt waren, und fühlte die Kraft in sich, diesen Pflichten mit dem Beistande GotleS auch nachzukommen. Eheliche Liebe und Treue gegen ihren Gemahl waren ihr daher so heilig, daß nach dem Zeugnisse eines Mannes, der sie näher kannte, ihr ganzes Benehmen in dieser Hinsicht eine lebendige Darstellung der Ermahnungen des Apostel PauluS an die christlichen Ehefrauen war. ^) Sie liebte und ehrte ihn, nach Christus und des Apostels Sinn, als ihren Herrn. Seine Zufriedenheit, sein Wohlseyn, sein Umgang galten ihr mehr als alle Bequemlichkeiten, Vergnügen und Schätze dieser Erde und im überströmenden Gefühle bezeugte sie einst, daß sie im strengsten Sinne um keinen Preis der Welt sich entschließen könnte, ihm auch nur die kleinste, unbedeutendste Beleidigung zuzufügen. Sie ließ eS an Nichts fehlen, wodurch sie seine Zuneigung gewinnen konnte, horte in Allem gerne seinen Rath, trachtete ihn stets mit dem zu erfreuen, woran er Vergnügen hatte. Ein Sinn, Ein Rathschluß, Ein Wille, Ein Geist, einigte Beide. Herzog Wolfgang Wilhelm hing aber auch daher mit ganzer Seele an ihr, ehrte und erwiderte ihre treue Liebe und äußerer öfter: „daß er seine Gemahlin für eine Heilige halte und nur bedaure, sie in ihren hohen Tugenden nicht erreichen zu können." — Nebst dieser Ueberzeugung fesselten ihn auch ihre großen Fähigkeiten und >>!i!i MZ ^Wliz t.?'»,jD.M nl ,z??lß?klv H^zHo Hirttt!-"' - ' UtUMNÄ *) Ihr Frauen seyd euren Männern Unterthan, wie sichs geziemt, ,'m Herrn. Im Briefe an die Colofser Z, IS. Und: die Frauen sehen ihre» Männern unterthänig, wie dem Herrn. An die Epheser S, LL. 186 die für ein Frauenzimmer seltenen Kenntnisse. Nicht nur verstand sie gründlich und sprach geläufig die italienische, französische, spanische und lateinische Sprache, sondern auch iu der Kirchen- und Weltgeschichte war sie sehr erfahren, sprach gründlich davon, so daß jene, die ihre Aeußerungen hörten, oft behaupteten, Neuburgs Herzogin besitze einen solchen Grad von Weisheit, daß sie ein ganzes Land zu beherrschen im Stande wäre; besonders beliebt, sowohl bei ihrem Gemahl als auch bei Allen, die sie näher kannten, machte sie sich durch ihre Bescheidenheit, Ungeachtet ihrer tiefen Einsichten und mannigfaltigen Kenntnisse, war sie keineswegs stolz darauf, sondern fragte oft um Rath, hörte bei jeder Gelegenheit gerne die Meinungen Anderer und unterwarf sich unbedingt, vorzüglich in Gewissenssachen, dem Rathe ihres Beichtvaters. Wie sie als Gattin ihre Pflichten treu erfüllte, so auch als Mutter. Gewiß das schönste Geschenk, das ein Weib dem Vaterlande machen kann, sind wohlgesittete Kinder, welche angeleitet und eingeübt sind ihre Pflichten gegen Gott und die Mitmenschen zu erfüllen, nnd durch ihre persönliche Auszeichnung zum Nutzen und Frommen des Vaterlandes beizutragen; dieselbe Gabe legte als Opfer auf ten Altar des Vaterlandes auch Magdalena nieder. Es war der erste Landtag, den ihr Gemahl im Jahre 1615 zusammenberufen hatte. Von ihm ließ sich wegen der von ihrem Gemahle gemachten Veränrerungen wenig Gutes erwarten. Um nun ein günstigcs Resultat zu erzielen, hatte Magvalena nicht nur selbst viel gebetet, sondern auch sogar an andern Orten, z. B. in Jngolstadt, beten lassen. Der Landtag ging glücklich vorüber und zum Schlüsse desselben gebar sie am 24. Nov. 1615 zur höchsten Freude ihres Gemahles einen gesunden Prinzen. Dieser wurde vom Bischöfe von Augsburg, Heinrich von Knöringen, am St. Nikolaustage getauft und ihm der Na- men seiner Taufpathen Philipp III. Königs von Spanien und Wilhelm V. Herzogs in Bayern beigelegt. Auch während des Wochenbettes bewies die fromnK Herzogin ihren religiösen Sinn, indem sie von ihrem Lager aus täglich die heilige Messe anhörte, welche ihr Beichtvater in einem anstoßenden Zimmer lesen mußte, was auch sonst immer geschah, wenn sie krank darnieder lag. Die in jeder Hinsicht vortreffliche Mutter sorgte mit rastlosem Eifer für die gute Erziehung ihres Sohnes und da ihr Herz so ganz an Gott und der Religion hing, so drang sie auch vorzüglich auf religiöse Bildung. Schon im dritten Jahre legte der Prinz Philipp Wilhelm eine öffentliche Probe seiner glücklichen Fortschritte in dieser Hinsicht ab. AIs nämlich am 21. Oktober 1613 die Hofkirche in Neuburg eingeweiht wurde, empfing er die heilige Firmung, nach welcher Handlung er sogleich bei mehreren dürftigen Personen die Pathenstellen übernahm. Hiebei betrug er sich mit so sichtbarer Andacht und Anstand, daß er den Bischof und die Anwesenden, die bis zu Thränen gerührt wurden, in das größte Erstaunen setzte. Als der Prinz in das sechste Lebensjahr ging, übergab sie ihn dem Pater Christoph Brandts zur Geistes- und Herzensbildung, Philipp Ludwig machte auch unter der Leitung dieses geschickten und rechtschaffenen ManneS so glückliche Fortschritte, daß er nach allem Rechte mit einem Preise öffentlich beschenkt wurde und schon in seinen frühesten Jahren sich die ungetheilte Liebe, Verehrung und Bewunderung aller, die ihn kannten, erwarb. Unter Thränen der Freude bemerkten eö die Eltern besonders, als der Prinz in seinem zehnten Lehensjahre in einem Schauspiele mit den Studirenden auftrat, wie sein Herz und Geist, so wie sein äußerer Anstand zu den schönsten Hoffnungen berechtigten, die sie gleich beim Uebertritte in die Jünglingsjahre zu ihrem größten Troste erfüllt sahen. In rühmlicher Harmonie mit den Grundsätzen des Lehrers bestrebte sich die frommliebende Mutter zu gleicher Zeit, ihrem Prinzen vorzüglich Liebe und Hochachtung gegen die Religion und Lust zum Gebete einzuprägen. Wenn, wie es damals öfter geschah, eine Procession gehalten wurde, und sie selbst wegen Krankheit dieselbe nicht begleiten konnte, so mußte ihr Sohn von dem eine Stunde entfernten Jagdschlosse Grünau, wo er sich damals öfters aufhielt, in die Stadt eilen, um dem Bittgange beizuwohnen, und dann erst war es ihm erlaubt zur Tafel zu kommen. Ihre zärtliche Mutterliebe suchte sie öfters unter dem Schleier des Ernstes zu bergen, 4 187 und doch war derselbe so rein und heilig, daß sie oft mit sichtbarer Rührung sagen konnte: So sehr ich meinen Sohn liebe, so würde ich doch wünschen, ihn nicht geboren zu haben, wenn ich wüßte, daß er Gott und der Religion untreu würde. Auch auf ihrem Sterbebette noch besorgt, ihn zu einem würdigen und glücklichen Regenten zu bilden, gab sie ihm noch kurz vor ihrem Tode mit unerschütterlicher Standhaftigkeit die schönsten Lehren. Die nachmalige Regierung Herzog Philipp Wilhelms zeugte noch von den Grundsätzen und der vortrefflichen Bildung, welche er unter der Leitung einer in jeder Hinsicht so verehrungswürdigen Mutter erhalten hatte. Schon in seinem eilften Jahre gab er in einem freundschaftlichen Gespräche den schönen Grundsatz zu erkennen: „Lieber einer kleinen Provinz würdig vorstehen, als einst über die Negierung eines großen, mächtigen Reiches Gott Rechenschaft ablegen!" Man bewunderte auch an ihr die kluge Aufmerksamkeit und Sorge, welche sie dem Betragen ihrer Dienerschaft widmete, und die unwandelbare Sorgsalt, womit sie die Furcht Gottes und die Liebe zur Tugend bei ihnen unterhielt. Stets drang sie auf ein rechtschaffenes, tadelloses Betragen derselben. Fehler gegen die Sittlichkeit blieben ihrer sonstigen Nachsicht und Duldsamkeit ungeachtet nie ungerügt. Alles, was immer nur den Frieden stören konnte, suchte sie zu verbannen und deßhalb durste Niemand mit Wort oder in der That beleidigt, niemand verleumdet oder verschwärzt werden. Im höchsten Grade billig, gütig und gerechtigkeitslicbend dachte und sprach sie selbst von Jedem nur Gutes, schien fremde Fehler nicht zu kennen, und wie sie selbst nie davon redete, so durfte es auch Niemand anderer wagen, der Ehre eines Andern auch nur im Geringsten zu nahe zu treten. Dagegen fand aber das redliche Geständniß eines begangenen Fehlers und das Versprechen der Besserung sichere und schleunige Vergebung, ja die huldvolle Fürstin achtete es nicht unter ihrer Würde, selbst um Vergebung zu bitten, wenn sie besorgte, im Rügen eines Fehlers zu große Strenge bewiesen zu haben. Dafür ehrten sie auch alle, die in ihren Diensten standen, wie ihre Mutter, während sie auch von ihr wie Kinder geliebt wurden. Kurz der sprechendste Beweis ihrer unermüdeten Sorge, Liebe und Wachsamkeit sür ihre Untergebenen war die allgemeine Aeußerung: „daß dieser Hof in Hinsicht der dort herrschenden Sittlichkeit und Religiosität mehr einem Kloster als einem weltlichen Palaste gleiche" und wie man die Tugenden am Hofe des Kaisers Theodosius prieß, so konnte man auch diesem Hofe hiebei die gleiche Achtung nicht versagen. Ihre mütterliche Theilnahme und Liebe umschloß auch vorzüglich alle Arme und Hilfsbedürftigen, die einen der wichtigsten Gegenstände für ihr forschendes Auge bildeten und gerade hiebei ist einer der wichtigsten und auffallendsten Züge ihres Bildes vorhanden. Sie spendete ihre Gaben entweder selbst oder durch Andere, wodurch es erst recht bekannt wurde, daß das jährliche Almosen, welches sie nicht nur katholischen, sondern auch den protestantischen Armen ohne Unterschied ertheilte, von wahrhaft fürstlicher Freigebigkeit zeugte. Hierin glich sie einer ächten barmherzigen Samariterin, die nicht darauf sah, ob der Arme ihres Glaubens sey oder nicht sie ließ es dabei beweiiden, daß sie um Gotteswillen angesprochen wurde, und daß der Hilfsbedürftige Mensch und ihr Nächster sey. Alles wurde hiebei oft zu Hilfe angerufen; wo bedeutende Hilfe und Unterstützung nöthig war, da nahm sie fürbittend ihren Gemahl oder andere fürstliche Personen in Anspruch. Oft^ wünschte sie mehr Einkommen zu besitzen, um mehr Elend lindern zu können, und erinnerte an-daS alte Sprichwort sich gerne: „daß man durch Almosengeben nicht arm werde." Außerordentlich war auch ihre Aufopferung für die Kranken. Nicht selten besuchte sie arme Kranke, brachte ihnen Trost durch Religionsgrunde, Gelduntcrstützung aus ihrer Privatcafse, Speisen, die sie gleich einer zweiten Landgräfin Elisabeth von Thüringen mit eigener Hand bereitet hatte, und wenn sie selbst nicht gehen konnte, so sandte sie auf die edelmüthigste Weise es durch Andere. Durch eine solche großmüthige und beharrliche Thätigkeit, verbunden mit ihren Gaben, trug Magdalena sür die Bedürfnisse der armen verlassenen Kranken Sorgfalt und eS ist hiebei nicht möglich alle Handlungen ihrer unerschöpflichen Wohlthätigkeit und Hilfe aufzuzählen. 188 Haben wir nun Magdalena als Mutter der Armen unv Kranken bewundert, so wollen wir sie nun auch noch als eine Mutter gemeinnütziger AnstaUen kennen lernen. Ueberzeugt, daß das künftige Wohl des Landes unv vie Beförderung ächt christlicher Sitten besonders durch eine gut unterrichtete Jugend bezweckt werden könnte, hatte ihr Gemahl sein Augenmerk besonders auf Errichtung von Schulen gerichtet. Er errichtete nicht nur in der Stadt selbst, sondern besonders auf dem Lande, wo eS damals nur ganz wenige Schulen gab, Volksschulen und stiftete im Zahre 1617 zu Neuburg ein Gymnasium, womit er später ein Lyceum verband. An diesen neuen Stiftungen hatte Magdalena großen Antheil, denn sie wußle gar wohl, daß nur durch einen gründlichen Unterricht die Herzen der Menschen für daS Heilige der Religion und für alleö Edlere und Höhere empfänglich gemacht werden können; daher ehrte sie auch die Lehrer uud flößte ihrem Sohne alle Ehrfurcht für seine Lehrer ein. Ihrer vorzüglichen Huld erfreuten sich deßhalb auch die Studircnden. Sie zeichnete dieselben durch Unterstützung aller Art, durch tägliche oder wöchentliche, und durch unzählige Beweise von Huld und Herablassung vor vielen andern aus. Einen Beweis ihrer Achtung gab sie auch dadurch zu erkennen, daß sie, als an die Stelle der allen baufällig gewesenen akademischen Kirche in Dilingen eine neue war vollendet worden und vom Bischöfe von Augsburg eingeweiht wurde, nebst ihrem Gemahle dieser EinweihuiigSfeierlichkeil am 11. Juui 1617 beiwohnte und eben so im Jahre I6l9 bei einer ähnlichen Feierlichkeit, nämlich bei Einweihung der Schutzengelkirche in Eichstädt, anwesend war. Bei den öffentlichen Prüfungen und der feierlichen Preisevertheilung, sowohl in den deutschen als lateinischen Schulen, war sie stets an der Seite ihres Gemahles zugegen, belobte und beschenkte die Fleißigen reichlich und bewieß eine ungetheilte Aufmerksamkeit und ausnehmende Herzlichkeit. Eben so angenehm waren ihr die im Laufe des Schuljahres aufgeführten Schauspiele, Concerte und Declamaiorien der Studirendcn. Wenn schon anck manchmal nicht ohne Unbequemlichkeit, besuchte sie dieselben doch, um durch ihre Theilnahme die Studircnden zu noch größerem Fleiße und Wohlverhallen anzuspornen. Magdalenens Freigebigkeit gegen die Kirche. Eine Frau, die von so hochherzigen Gesinnungen erfüllt war, konnte nun auch daS Haus Gottes und die Diener der Religion nicht außer Acht lassen, und so stellt sich uns nun auch ihre Freigebigkeit für dme dar. Unwissenheit und Kälte gegen die Religion, der herrschende Mangel an Priestern und ein tiefer Sittenverfall zeichnete die damalige Zeit sehr unrühmlich auö. Der nicht gar lange vorher entstandene Orden der Jesuiten ward daher mit Recht als eine mächtige Stütze der Kirche anerkannt; wie denn auch die Wiederherstellung und Erhaltung der katholischen Religion in einigen Ländern großenlheils durch die gränzenlosen Bemühungen derselben bewirkt wurde Die Verdienste der Jesuiten um die kacholische Kirche, um Unterricht und Bittunz der Jugend, um das Aufkeimen und Fortblühen so manches Guten, besonvers in Deutschland, wurden damals von allen Gutgesinnten dankbar anerkannt. Wie viel dieser Orden im Herzogthume Neuburg für die kailwlische Religion gearbeitet und geleistet hat, läßt sich daraus abnehmen, daß die Wiederherstellung des wahren Glaubens, so wie der Unterricht nur wenigen Mitgliedern dieser Gesellschaft oblag. Bei dem Mangel an Priestern mußten sie in den ersten Iahren beinahe ganz allein die Irrenden von der Wahrheit überzeugen, in den Schooß der Kirche zurückführen, die Jugend und Erwachsenen durch Christenlehren, Predigten, Beichthören und Privatgespräche in der Religion unterrichten, Einwürfe gegen dieselbe mündlich unv schriftlich beantworten, die lateinischen Schulen besuchen, Kranken und Sterbenden Hilfe leisten, Hindernisse, die ihnen in den Weg gelegt wurden, überwinden. Kein Wunder also, wenn von ihren Leistungen und Verdiensten überzeugt, Magdalena unv ihr Gemahl ihnen daS große Werk der Wiederherstellung deö katholischen Glaubens übertrugen, ihren Prinzen ihrer Sorgfalt und Unterrichte 189 überließen, und ihr Gemahl es unter seine Lebensfreuden zählte, ein mäßiges Mittag-- mahl bei ihnen einzunehmen. Kein Wunder, wenn dieses fromme, für die katholische Religion so innig fühlende Fürstenpaar ihnen alle Hulv und Auszeichnung erwieS und mit fürstlicher Freigebigkeit sie unterstützte. Als die Stände des HerzogthumeS Magdalcnen zum Wochenbette ein Geschenk von 7VVV fl, bestimmten, schenkte sie im folgenden Jahre die Zinsen von 250 fl. den Jesuiten, mit dem Versprechen, die nämliche Gabe jährlich, zu wiederholen. Mit gleicher Gewogenheit war sie auch den andern Priestern deS Landes zugethan und unterstützte sie auf alle mögliche Weise. Aber nicht bloß gegen die Diener der Kirche war sie so freigebig, ihr frommer Sinn ließ sie der Worte des Psalmisten: „Herr ich liebte die Zierde deines Hauses und den Ort deiner Wohnung," nicht vergessen und so verwendete sie, um den Glanz der Kirchen zu erhöhen, so viel in ihren Kräften stand, auf kostbare Altarzierden, heilige Gefäße und andere Paramente, die sie von Augsburg, München ja bis von Florenz kommen ließ; für die neu eingeweihte Hofkirche verwendete sie im geringen Anschlage die Summe von 15M0 fl., nebst einem von ihrer Hand selbst gestickten sehr reich und kostbar verzierten Traghimmel zur Fronleichnamsprocession, dessen Werth ebenfalls auf einige tausend Gulden geschätzt wurde. Auf ihren Befehl wurden in derselben Kirche auch zwei neue Altäre zu Ehren des heiligen Jgnaz und Franz Zaver errichtet und eine neue ganz silberne Ampel, vor dem Altare des heiligen Jgnaz, den sie besonders verehrte, aufgehangen, wozu noch eine große gewichtreiche Wachskerze kam. Durch ihre Freigebigkeit wurden die Leiber der heiligen Märtyrer Sulpiz, Charilauö, Aurelia und Flavia aus das Prachtvollste verziert und in der Hofkirche zur Verehrung ausgesetzt. Im letzten Jahre ihres Lebens noch schenkte sie dieser Kirche ihr kostbar von Goldstoff verfertigtes, mit den künstlichsten Blumen geziertes Brautkleid, woraus ein Meßgewand und noch andere Paramente gefertigt wurden. Aber auch viele andere Kirchen erhielten von ihr kostbare Altarzierden und Paramente, namentlich Meßgewänder, die größtentheils durch ihre eigene Handarbeit verfertigt wurden; wie sie denn ihr Brod nicht müßig essen wollte, und sich keineswegs schämte mit ihren Fingern die Spindel und die Nadel zu führen. Mail zeigt in Bergen oder Baring *) noch ein Meßgewand vor, das ungeincin reich und geschmackvoll geziert ist, welches die fromme Herzogin selbst stickte und dorthin verehrte. Dieß waren die hohen Tugenden, durch welche die unvergeßliche Herzogin Mag- dalena ihren im strengsten Sinne ächt christlichen und fürstlichen Charakter aussprach und es übrigt uns nur noch die Mittel kennen zu lernen, deren sie sich hiebet bediente. (Schluß folgt.) »mün .>N5?Yi)' nilviZe. s»i HU Reform der Orden. Rom, 8. Mai. Es ist bekannt, welche große Aufmerksamkeit der heil. Vater von den ersten Tagen seiner Regierung an den geistlichen Orden schenkte. In ihnen den Geist und Eifer, welcher ihre Stifter belebte, wieder zu erwecken, war uud ist noch immer eine seiner vorzüglichsten Sorgen. Was er in dieser Absicht zu Gunsten der Reformen, die man namentlich in dem Benediktiner- und Dominicanerorven angefangen halte, gethan, ist wohl schon bekannt. Man könnte glauben, dieser Weg sey nicht nur der sicherste, sondern auch der einzige, der zum Ziele führe, daß man näm- Bergen oder Baring, Pfarrdorf im Landgerichte Neuburg und BiSthumS Eichstädt, Hier stand ein Benedictincr Nonnenkloster, gestiftet 076 von Wiltcraud, Kaiser Ottos des Großen Tochter und Wittwe des Herzog Bertholds von Bayern, das aber 154Z aufgehoben wurde. Die in Mitte des vorigen Jahrhunderts aufgebaute große majestätische Kirche besitzt einen Theil des heil. Kreuzes, dann Theile von der Säule, Lanze unv Dornenkrone unsers Erlösers, so wie treffliche Frcskogcmäloc von Baumgarten aus Augsburg. Sowohl dieses als die Kirche selbst, die ihrer Bauart wegen jeder Stadt zur Zierde gereichen würde, und die im byzantinischen Style gebaute Gruft und noch einige Steinköpfe an der hinter» Seite der Kirche sind sehenswert!) und bewirken noch immer eine ziemlich stark besuchte Wallfahrt dahin. 190 lich denjenigen, welche zur ursprünglichen Zucht zurückkehren wollen, besondere Ordenshäuser anweiset und es ihnen erleichtert, sich auszubreiten. Da nämlich fast alle, welche die Welt verlassen, ein wahres Ordensleben suchen, so pflegen diese Reformen viele Novizen zu haben, während die andern allmälig aussterben. Wollte man dagegen diese letztern mit Strenge zur Befolgung der ursprünglichen Regel anhalten, so würde man ihnen erstlich damit nicht auch den ursprünglichen Geist, auf den doch endlich alles ankommt, einflößen, und überdieß zu nicht ganz unbegründeten Beschwerden Veranlassung geben. Es ist allerdings wahr, daß die nach und nach entstandene Milderung der Ordensregel, besonders in Bezug auf das Gelübde der Armuth, zu Mißbräuchen zu führen pflegt, die weder gutgeheißen noch geduldet werden können; aber jene Milderungen selbst sind doch meistens vom heiligen Stuhl gestattet, oder wenigstens geduldet. Es können also die Ordensleute einwenden, daß sie ihre Gelübde abgelegt, als diese Milderungen rechtlich bestanden, und daß man sie also nicht zu einer größern Strenge, als wozu sie sich verpflichtet, anhalten könne. Wenn demnach die Sonderling, von der ich oben redete, das einfachste und kräftigste Mittel ist, so hat doch der heilige Vater auch andere, durch die derselbe Zweck wenigstens zum Theil erreicht werden kann, nicht unversucht gelassen. Auf seinen Befehl haben sich die Generäle derjenigen Orden, in welchen eine Abweichung von der ursprünglichen Verfassung Statt gefunden hat, zuerst vor ihm selbst, dann öfter unter sich versammeln müssen, um sich über die Maaßregeln, die zu ergreifen seyen, zu beratheu. Es handelt sich bis jetzt hauptsächlich darum, das gemeinsame Leben, wenn nicht in seiner ganzen Strenge, doch zum großen Theile wieder einzuführen. Dieß ist denn ohne Zweifel auch der wichtigste, aber eben deßhalb auch der schwierigste Punct. Um die Frage recht zu verstehen, muß man wissen, daß in manchen Orden die Sitte eingeführt ist, den einzelnen Ordensleuten für ihre Kleidung und andere kleine Bedürfnisse jährlich eine gewisse Summe Geldes zu geben, mit der sie sich dann das Nöthige selbst verschaffen. Da es nun aber auch uicht gerade gegen daS Wesen des Gelübdes der Armuth ist, daß ein Ordensmann mit Erlaubniß seiner Obern Geschenke oder auch, was ihm für Dienstleistungen geboten wird, annehme, und — wiederum mit Erlaubniß der Obern — verwende, so folgt, daß die Ordcnsleute eine mehr oder wenigerreiche Privatcasse haben, auS der sie sich mancherlei, was vom Kloster der ganzen Gemeinde nicht verabreicht wird, anzuschaffen pflegen. Wie gefährlich nnn eine solche Sitte dem Geiste der klösterlichen Armuth und Enthaltsamkeit, dem brüderlichen Gemeinsinn und dem innern Frieden werden muß, ist leicht abzusehen. Dahin also geht das Bestreben, die ursprüngliche Sitte, die aber natürlich auch noch in vielen Orden, z. B. in dem der Passionisten, Redemptoristen, Jesuiten u. s. w. herrscht, wieder einzuführen, daß nämlich daö Kloster für alle — wahren — Bedürfnisse der Individuen sorge, und jene Privatcassen abgeschafft werden. Manche Ordensobern haben in dieser Absicht einstweilen Verordnungen getroffen, durch welche dieselben zwar nicht verboten, aber doch sehr beschränkt wcrven. DaS gemeinsame Leben nämlich in seiner ganzen Reinheit einzuführen, wäre eine durchgreifende und fast allgemeine Reform; denn wie man leicht einsieht, hängt diese Sitte mit einer Menge anderer Gebräuche zusammen. Wo man also das gemeinsame Leben einführt, da geht man auch leicht zur vollen Beobachtung der ganzen ursprünglichen Regel zurück: — uud es ist hauptsächlich deßhalb, daß, wie ich oben sagte, eine Scheidung nothwendig scheint. Doch hat der General der Franciscaner ein Rundschreiben erlassen (datirt vom 14. Januar, aber erst kürzlich öffentlich mitgetheilt), in welchem er Anordnungen trifft, die ohne eine eigentliche Trennung in verschiedene Zweige des Ordens eine solche Umgestaltung herbeiführen sollen. Es gibt nämlich schon feit langer Zeit in jeder Provinz dieses Ordens wenigstens Ein Haus, in welchem die Regel in ihrer ursprünglichen Reinheit beobachtet, und von der eingeführten Milderung kein Gebrauch gemacht wird. Es ist dieß das sogenannte ketiro oder Seevssus. In ciu solches Haus der strengen Observanz ziehen sich die Ordensleute, welche wollen, aus freier Wahl zurück. Außerdem war bereits vorgeschrieben, daß die Novizenhäuser auf dieselbe Weise eingerichtet würden. Nun 181 befiehlt aber der General in dem erwähnten Rundschreiben, daß außer diesen beiden Häusern in jeder Provinz eines oder das andere, in welchem die juugen Ordensleute ihre Studien machen, dieselbe Einrichtung erhalten, und auch diese sotten den Religiösen, welche sich nach der ursprunglichen Reinheit ihres Ordenslebens sehnen, offen stehen. Den Provinzen aber, in welchen sich keine der ältern Ordensmänner für solche Häuser meldeten, wird die Aufnahme der Novizen untersagt. Zudem soll auch jede Provinz ein besonderes Haus für die Missionäre haben, und auch in diesem das gemeinsame Leben streng beobachtet werden. Auf diese Weise erhält man binnen wenigen Jahren Ordensleute, die von Anfang an in strengerer Zuckt gelebt, und wie zu erwarten ist, durch Hilfe derselben deu wahren Geist ihres Berufes bewahrt nnd gestärkt haben. Und so kann es dann nicht schwer seyn, die Häuser der strengen Obser- vanz nach und nach zu vermehren, nnd die andern aussterben zu lassen. (M. Sbl.) Carmelitenkloster in Reisach. Die kath. Bl. aus Tirol schreiben: „Wie wir ans einem unö mitgetheilten Schreiben des hochwürdigen Herrn Gregorius s. 8, Ilieros., Priors des Karmeliten- klosters Reisach in Bayern, ersehen, wurde daselbst ein Noviziat eröffnet. Es befinden sich gegenwärtig sechs Priester im Kloster und vier Laienbrüder nebst einem Novizen. Nach dem Wunsche des hochwürdigen P. Ordensgeneral zeigen wir hiemit dieses öffentlich an, damit es zur Kenntniß solcher Jünglinge komme, die alle Eigenschaften guter Kandidaten besitzen, und sich gern dem beschaulichen Leben widmen möchten. Reisach liegt einige Stunden von Knfstein im bayerischen Gränzbezirke, ist ein schönes Kloster in einer angenehmen, gesunden Gegend. Früher aufgehoben, wurde es neuerdings wieder hergestellt, wie wir hören, in Folge des Concordats." « .lonAD n<«>l'Z ti)H - m»H 5,'iu sr,!T Der letzte Wille eines Seelsorgers. Es ist eine ganz gewöhnliche Erscheinung, daß die meisten Menschen selbst dann noch mit einer sündhaften Begierde uud einem hartnäckigen Geize an ihren irdischen Gütern hängen, wenn der Tod schon auf ihren Lippen schwebt, und daß sie in einer solch' üblen Geistesverfassung auch ihren letzten Willen bestimmen. Ich will daher einmal etwas Außergewöhnliches berichten. Vor einiger Zeit starb in der olmützer Diöcese ein Priester, eln Mann nach dem Herzen Gottes. Sein Reichthum waren die Armen, seine Freude hatte er am Gebet, seine geistige Erhebung fand er in der Einsamkeit, er war auch ein großer Freund der Jugend und in seinem ganzen Benehmen verrieth sich eine kindliche Einfalt und Gutmüthigkeit. Er wollte daher auch im Tode seyn unter den Kleinen, die er im Leben nach der Vorschrift seines Heilandes und Erlösers sich immer zum Muster genommen hatte. Sein letzter Wunsch ist erfüllt — sein Grab ist unter den Gräbern der Kinder. Er war ein armer Dorfpfarrer, seinen Namen verschweigen wir nicht; er hieß: Theophilus Nietsch. Friede seiner Asche! (Schl. K.-Bl.)__ Berlin. Köln. In Berlin sind bereits die Pläne zu dem neuzuerrichtenden Krankenhause der barmherzigen Schwestern eingetroffen nnd haben ungethcilten Beifall gefunden. Herr Architekt v. Statz aus Köln, Werkführer am Kölner Dombau, hat die Pläne (Krankenhaus nebst Capellc) im reinsten gothischen Style entworfen, und den Beweis geliefert, daß derselbe allen Bedürfnissen der Gegenwart, insbesondere auch dem Bedürfnisse möglichster Wohlfeilheit entspricht. Binnen ganz kurzer Frist wird der Grundstein zu besagter Anstalt gelegt werden. — In Köln sind die hochw. PP. Lazaristen am 12. Mai angekommen; von dem hochw- Domcapitular Herrn Strauß wurden sie empfangen und gastlich ausgenommen. 292 -» Der Baumeister. Ein Tempel steht errichtet Von eines Meisters Hand, Vom Himmclsschci» umlichtct Auf rauhem Ackerlands Des Tempels Eingangshallen Benetzet Thränenthau Der Büßer, die gefallen Aus Gottes Gnadcnau. Hier waschen sich die Sünder Durch Liebesrlnc rein, Und werden die Verkünder Der Buße süßer Pein. Sie treten zur Capelle Der rechten Seite hin; Es tröstet bald die Seele Gcheimnißvoller Sinn, In freudigen Aecordcn Ertönt das Krippenlied: „Das Wort ist Fleisch geworden," Das uns zum Himmel zieht. Es weicht aus der Capelle, Die steht zur linken Hand, Des Tageslichtes Helle? Sie glänzt vom Opfcrbrand. Es kommt die Nacht der Schmerze», Es haut die Geißel ein Des Abendmahles Kerzen ',ssl mtm(M'i ii'.^lis! IlliUI,^ »»! ??H« Es glänzt der Stern der Weisen Am hohen Firmament; Nach Bethlehem sie reisen Vom fernen Orient. ES segnet voll der Freuden Die Mutter und den Sohn, Es zeigt das Schwert der Leiden Der greise Simcon. I^lxt Zi^v'tt .1'n7MjilM!ÄG iZki Die Braut im Hohenlieds Sucht ihren Bräutigam, Wird nicht des Suchcns müde, Bis sie an's Herz Ihn nahm. Doch ach, zum Myrrhenhügel Wird nun geführt die Bra«t, Wo sie der Liebe Siegel 2m Blutgcwande schaut. !ttt2 sU^ iuh Vertritt der Fackelschein. Die Finsterniß der Sünde Bedeckt den Erdenkrcis, Und ach, der Hölle Schlünde Erglühen scharf und heiß. Doch heißer brennt die Liebe Am hohen Krcuzcsstamm; Es trägt des Todes Hiebe Das reinste Gottcslamm. <1Ml mmt'vj N^js^IÄNl)?) 7?illv Des Friedens Regenbogen Erglänzt am Kreuzaltar; Aus der Verzweiflung Wogen Hebt sich der Sünder Schaar. Es tritt die Ostcrsonne Aus finstrer Wolkennacht, Und strahlt auf ihrem Throne In Majestät und Pracht. chiw j>mss,s.pv.-^^ii'.G mi'li'i 'chlv's Den Hochaltar umkränzet Der schönsten Feste Zier, Und Jesu Liebe glänzet Geheimnißvvll allhier. Der Erercitien-Meister Hat jenes Haus gebaut, Worin im Licht der Geister Dieß Alles wird geschaut. Den Eingang, zwei Capellen Und dann den Hochaltar Vermagst du selbst zu wählen Im ganzen Kirchenjahr. -Diuci?/ Und wer da fromm betrachtet Das Rosenkranzgebet, Dem bleibt nicht unbeachtet, Wo dieser Tempel steht. ^ ' > - _ Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. » -) Wolfgang Wilhelm Herzog zu Neuburg widmet dem Vaterlande und der Gesellschaft Jesu mit frommem Gefühle dieses Herz 16SS. 189 «Zslense Lom psl. kkem vuciss» kojosriav 1629 in der pfalzncuburgischen herzoglichen Gruft zu Launigen.*) Aus Veranlassung dcS Rectors am Neuburger Gymnasium, Carl Resch, alö Officiator der Hofkirche, wurde am Allerseelentage 18l9 in der verzierten und beleuchteten Gruft ein Seelengotteödienst gehalten, wodurch sich jener das mit Dank anerkannte Verdienst erwarb, das Andenken an die vormaligen herzoglichen Personen Neu- burgs erneuert zu haben, welche Gedächtnißfeier ehedem am St. Loreuz und Asratage bei geöffneter Grnst und schwarz dekorirten Altären mit Vigil und Seelamte alljährlich gehalten wurde. Dieser Seeleugottesdienst wird noch alljährlich am Tage aller Seelen in der geöffneten Gruft gehalten. Schluß. Und nun zum Schlüsse möchte ich diese Biographie nicht ohne alles Zeugniß in die Welt entsenden, und daher ein paar unverwerfliche Zeugnisse für die ungeheuchelte Tugend und Seeleugröße Magdalenens anführen. Ein durch Adel und Würde sehr ausgezeichneter Mann, protestantischer Religion, welcher sehr oft Gelegenheit hatte, die Herzogin im Leben, so wie auch bei ihrem Tode genauer kennen zu lernen und zu beobachten, scheute sich nicht zu sagen: „wenn ich je Heilige im Himmel verehren und sie um ihre Fürbitte anflehen wollte, so würde ich mir keinen andern Schutzheiligen wählen, als die Herzogin Magdalena." Als Gustav Adolph König von Schweden mit seiner Gemahlin Marie Eleonore am 13. Octobcr 1632 nach Neuburg kam und die Hofkirche und das Jesuiten - Colle- gium besichtigte, blieb seiue Gemahlin bei dem Porträte der verstorbenen Herzogin Magdalena lange stehen und rühmte die erhabenen Tugenden und außerordentliche Gottseligkeit dieser frommen Fürstin mit großer Beredsamkeit und unter den herrlichsten Lobsprüchen. Gewiß wahrhaft redende Beweise von den Tugenden der Verklärten, für den Adel ihrer Seele, die Frömmigkeit ihres Herzens und die Erhabenheit ihres Geistes. So war das zwar kurze aber an edlen Thaten reiche Leben einer Herzogin beschaffen, die von Fürsten und Volk, von Katholiken und Protestanten, von Allen, die sie kannten, bewundert und geliebt, als Fürstin, Gattin und Mutter gleich verehrungswürdig uns erscheint. Ihr Ringen und Streben hatte das Ziel erlangt, der Schöpfer rief sie zu sich und wir dürfen unö der angenehmen Hoffnung hingeben, daß sie eingegangen ist in die ewige Herrlichkeit und den vergänglichen irdischen Glanz gegen den unvergänglichen himmlischen Glanz vertauscht habe. Entdecken wir aber eine Aehnlichkeit unserer Neigungen und Gesinnungen mit den ihrigen, einen harmonischen Einklang mit den Gesiunungen und Handlungsweisen, eine eigentliche Geistesverwandtschaft, dann ist unser Herz nicht nur angesprochen, eS wird angezogen, durchdrungen von Verehrung und Liebe gegen eine solche, zwar ^ugekanute, aber uns deuuoch theuer gewordene Person und unser Geist schwingt sich hinüber ins bessere Land, wohin sie längst geschieden ist, um mit ihr einen ewigen Frenndschaftsbnnd zu schließen. Ihr Andenken wird, wie daS deS Gerechten, stets gesegnet seyn. Sie ist zwar nicht heilig gesprochen, doch wenn Gott ihr, wie nach ihrem irdischen Leben zu erwarten, die Krone deS ewigen Lebens für ihre Treue gegeben, so ist sie ja auch unter denen, die wir an dein Tage aller Heiligen anrufen. Möge sie auch für uns bitten. S p e y e r. Speyer, 14. Juni. Die Mission gewinnt einen außerordentlichen Fortgang. Die Zuhörer wechseln unverändert zwischen zwei bis vier Tausenden. Die Abenv- vorträge weisen regelmäßig letztere Zahl auf; nur zwei Tausend mögen erst ein- und ") Das Herz «nd die Eingeweide der Maria Magdalena, Psalzgräfin bei Rhein, Herzogin in Bayern 1SSS. 200 das anderemal zugegen gewesen seyn. Der Eindruck ist tief, die Theilnahme allgemein. Das Erschütterndste aber und der Beweis der nachhaltigen Wirksamkeit ist besonders dieß, wenn die Tausende von Menschen Abends gegen 9 Uhr aus dem Dome heimziehen, so still, so in sich gekehrt, daß man kaum ein Gemurmel hört. Da besonders drückt sich so recht der Contrast zwischen einer solchen Versammlung und einer demokratischen aus. Letztere speculirt nur mit den menschlichen Leidenschaften und erregt sie; diese dagegen regelt und beschwichtigt sie. Daher der ingrimmige Haß dieser Leute. So rief voll Unmuth dieser Tage ein rothbärtiger Gesinnungs- mann am Dome: So lange noch das Volk von diesen Jesuiten sich gängeln läßt, erhalten wir keine Republik! Auch bei Protestanten findet die Mission Anerkennung. Gestern Abend kam noch Pater Schlosser an. Pater Noder hat sich schon Blutspeien angepredigt. Alles war tief ergriffen, als er gestern mit seiner „crstorbenen" Stimme, wie er sagte, nur noch halb vernehmbar, aber durch sein Auftreten allein schon hinreißend und belehrend, die Pflichten der Eheleute vor 3000 bis 3500 Menschen in eben so zarter als tiefer und wahrer Weise auseinandersetzte. Noch kein Wort kam vor, das den Feinden der Mission zu Verleumdungen oder Verdächtigungen Anlaß geben könnte. Wäre nicht eben die Zeit des TabaksetzenS, mit dem alle unsere Landleute vollauf zu thun haben, der Tempel wäre zu klein, und wir müßten ins Freie ziehen. Ob bis Morgen und Fronleichnamstag es nicht so der Fall seyn wird, steht dahin. (M. I ) _ Köln. Köln, 15. Juni. Heute feierte der von Herrn Domvicar Kolping gegründete und geleitete Gesellenverein in der Minoritenkirche sein Stistungssest. Der hochwürdigste Weihbischof Dr. Buudri hielt das Hochamt und reichte nach der Communion an 300 jungen Mitgliedern dieses Vereines das heilige Abendmahl. Die Haltung dieser jungen Männer machte auf die Anwesenden, welche die große Kirche fast ganz füllten, einen höchst günstigen, ja rührenden Eindruck. Während der ganzen Feier wurde eine einfache Choralmesfe durch Vereinsglieder mit einer Kraft und Präcision gesungen, daß die Vorzüge des alten Chorales auch dem wärmsten Freunde der neuen Kirchenmusik einleuchten mußten. Diesen Abend wird im Locale deS Ge- sellenvereineS eine Versammlung stattfinden. (M. I.) Großbritannien. London, 16. Juni. Von Seiten seeleneifriger Hochkirchler ist bekanntlich für die Dauer der Industrieausstellung Fürsorge dafür getroffen, daß von protestantischen Predigern in verschiedenen Sprachen gepredigt wird. Es sind gegen zehn fremde Prediger hier anwesend. Für die Katholiken predigt der Pater Ravignan aus der Gesellschaft Jesu. Die Sache hat einem bekannten Puseyiten, dem Rev. W. Richards, Anlaß zu einem ächt puseyitischen Schreiben an den Bischof von London gegeben. Er sagt: dadurch, daß mehrere anglicanische Pfarrer protestantischen Predigern erlaubten, in ihren Kirchen zu predigen, werde in den Augen Europa'S die „apostolische Kirche von England" den „modernen protestantischen Serien" gleichgestellt. Er verweist dann auf einen Canon, der dadurch verletzt werde. Die Sache sey ganz anders, wenn Pater Ravignan in einer anglicanischen Kirche predigen wolle: ihn sehe die englische Kirche als einen Priester der „allgemeinen Kirche" an, er brauche nur gewisse in jenem Canon angegebene Artikel zu unterschreiben, um in der englischen Kirche alle priesterlichen Functionen vornehmen zn können; protestantische Prediger dagegen könne die englische Kirche nur als Laien betrachten. Diese Auffassung ist sehr merkwürdig, und consequent puseyitisch. Der Bischof von London ist vorsichtig genug gewesen, nicht darauf einzugehen; er hat einfach geantwortet, die Sache solle untersucht werden. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlage-Inhaber: F. C. Kremer. Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. ^t.^slZllf ikH Ztt ,^i?!'kli^ Kkvn l'HttMsMi!?» ltNiiA L9. Juni M^- 2«. ^851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonncmentsvrcis M kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die Katholiken in Holland. Amsterdam, 3. Juni. Unter diesem Datum hat das „Univers" Briefe auS Holland erhalten, welche Ereignisse der traurigsten Art verkünden. Wir bedauern, fügt das angezogene Journal hinzu, daß das Gesetz des Unterzeichnens unS nicht erlaubt, sie so mitzutheilen, wie wir sie empfangen haben. Indem wir sie jedoch zu den unsrigen machen, wollen wir zuerst beiläufig bemerken, daß die folgenden Mittheilungen aus einer Quelle fließen, welche allen Glauben verdient. Es ist eine ausgemachte Thatsache, und in Holland selbst hegen viele in den politischen Angelegenheiten erfahrene Männer keinen Zweifel mehr, daß im Schooße des holländischen Protestantismus eine große Arbeit vorgenommen wird, deren Ziel sehr einfach, wenn auch die Art und Weise, wie man dasselbe zu erreichen sucht, sehr mannigfach ist. Man will nämlich den Katholicismus vernichten, oder ihn zum wenigsten so knechten, daß seine gänzliche Zerstörung — so schmeichelt man sich — nach einiger Zeit nicht ausbleiben kann. Die großen Begünstiger dieses Unternehmens sind jedenfalls die geheimen Gesellschaften, aber sie sind eS nicht allein. Zuvörderst wollen wir einige Symptome andeuten, welche das verrathen, was im Rathe der Rädelsführer, die der Haß gegen Rom fast verzehrt, vorgeht; hieraus kann man ungefähr schließen, welches Loos man den Katholiken der Niederlande zu bereiten sucht. Lassen wir aber denen Gerechtigkeit widerfahren, welchen diese gebührt. Man wird sich wahrscheinlich wundern, wenn wir behaupten, daß dem liberalen Ministerium und einer großen Anzahl von Männern, welche die liberale Partei in den Generalstaaten repräsentiren, besonders die Achtung der holländischen Katholiken gebührt. Hier ist die Mehrzahl der Mitglieder der liberalen Partei weit entfernt, so absolut zu verfahren, weder in ihren Grundsätzen, noch in ihren Bestrebungen, noch auf sonst irgenv eine Weise. Ueber das Ende, welches der Liberalismus im absoluten Sinne nimmt, kann man sich keine Illusionen machen. Die in jenen Ländern, wo der absolute Liberalismus zur Herrschast gelangt ist, gemachten Erfahrungen haben es gezeigt, wenn die Theorien es auch nicht bezeugten. Der Liberalismus der holländischen Regierungspartei ist von diesem jedoch himmelweit verschieden. Durch den Einfluß des Charakters der Nation modificirt und gemäßigt, ist der Liberalismus in den Niederlanden sehr gelinde, und strebt durchaus nicht nach der Verwirklichung der unsinnigen Träumereien der Staatssuprematie, welche ihn in andern Ländern überall auszeichnen. Die Bestrebungen eines niederländischen Liberalen gehen, im Allgemeinen genommen, dahin, den Boden von den alten oligarchischen Institutionen zu säubern, welche der protestantischen Herrschaft allein nützten, und die dieselbe um jeden Preis fortwährend erhalten wissen wollte. Das Benehmen deS Ministeriums und der ministeriellen Partei in den Kammern läßt ebenfalls hoffen, daß sie den Wünschen der Katholiken Gerech- >tzltt»i tigkeit widerfahren lassen werden, wenn der Augenblick gekommen seyn wird, sich über die Gesetze des Unterrichtes und des Beistandes anszusprechen. Ein entgegengesetztes Benehmen würde die große Leichtigkeit vernichten, deren sich, Dank dem Geiste der Mäßigung der Regierung, jetzt Alle erfreuen, die freie Schulen gründen wollen, welche sich die Katholiken eben nicht zu allerletzt zu Nutze machen. Andererseits hat auch das Ministerium das größte Interesse, gerecht zu seyn: in den Kammern sowohl, als auch im Lande bilden die Katholiken eine neutrale Partei, deren Unterstützung vaS Uebergewicht nach der Seite hinneigt, wohin sie sich wendet. Wenn sich daö Ministerium gegen sie erklärte, so wäre der Sturz desselben unvermeidlich. ES hat zu viele Beweise von Einsicht und Klugheit gegeben, als daß es sich über die Lage täuschen oder ihr keine Rechnung tragen sollte. Aber was immer für eine gnte Meinung man auch vom gegenwärtigen Ministerium und der ministeriellen Partei in den Kammern haben mag, so würde man sich dennoch sehr täuschen, wenn man diese Partei, vu massv genommen) von jenen Irrthümern und Leidenschaften, welche den Liberalismus zum Vorläufer der traurigsten politischen nnd socialen Umwälzungen machen, befreit glauben wollte. „In keinem Lande", sagte unlängst ein Minister des protestantischen Bekenntnisses, „gibt es zwei Minister unserer Religion, welche über die allerwichtigsten religiösen Fragen dieselben Ansichten hätten." Die Ausrichtigen unter den Protestanten gestehen cö selbst ein, daß ihre Minister fast alle von rationalistischen Grundsätzen durchdrungen sind, und daß ihr Unterricht, sey es nun auf den Kathedern der theologischen Facultät, oder sey es der, der dem Volke ertheilt wird, im Grunde die Principien einer jeden übernatürlichen Religion zerstört. Wenn eS nun so in den Reihen der sich „heilige Miliz" Nennenden aussieht, welches mag der sittliche und intellectuelle Zustand der großen Menge seyn? In den protestantischen Kirchen hören sie von Christus nnr in nichtssagenden Redensarten sprechen, außerdem sind sie in gemischten Schulen erzogen, wo es in Religionssachen untersagt ist, etwas Anderes zu lehren, als die Einleitung zum Unterrichte der dogmatischen Wahrheiten. So wird denn der religiöse Glaube auf eine unaussprechliche Weise geschwächt, und geht folgeweise gänzlich verloren. Hierdurch wird natürlich auch die Zahl derjenigen immer größer, welche die StaatSomnipotenz predigen, sey cS nun in Bezug auf die Religion oder den Unterricht oder die Armenunterstützung, oder auf was immer für eine andere Sache. Man biancht wohl nicht daran zu erinnern, daß diese Anbeter des Staats-Gottes die Reihen der Armee verstärken, welche aufs Heftigste gegen die Freiheit der Kirche, so wie gegen alle anderen Freiheilen, welche von dieser eine Folge sind, in den Kampf zieht. Aus demjenigen, was im Nachfolgenden über den Charakter, wie er sich bei dem größten Theile der holländischen Protestanten zeigt, gesagt werden wird, kann man auf die Anzahl jener Götzendiener schließen. Wozu sind diejenigen, die keinen religiösen Glauben mehr haben, und, unbekümmert nm die Moralität ihrer Handlungen, thalsächlich die Heiligkeit des Zweckes procla- miren, nicht fähig? Man wird sich daher nicht wundern, wenn die eifrigsten Mitglieder und Apostel der protestantischen geheimen Gesellschaften sich gerade aus solchen Leuten recruliren. Obschon sie jedes positive Dogma, jede geoffenbarte Religion verachten, so nennen sie sich doch die Erhalter und die Vertheidiger des Protestantismus. Der Haß gegen den Katholicismus ist allerdings die Grundlage und das Verbindungsmittel dieser finstern Gesellschaften, und auf diesen Titel hin haben sie ein Recht, daran Theil zu nehmen. Der Hauptzweck dieser geheimen Gesellschaften besteht darin, die Bevölkerung deS Landes gegen die Katholiken aufzuhetzen; und um ihn zu erreichen, weichen sie vor Nichts zurück. Die Schändlichkeit der Mittel, welche sie anwenden, müßte, wie cö scheint, jedes ehrbare Herz empören, aber Thatsachen beweisen, daß sie dennoch Einfluß ansüben, selbst ans solche Leute, die ihr Rang uud ihre Stellung eines Bessern belehren, und die zum wenigsten einsehen müßten, wie gefahrvoll derartige geheime Gesellschaften in einer Zeit sind, wie die unsrige ist. Aber anstatt sich ihrem verabscheuungswürdigcn Einflüsse zu entziehen, wie cö Pflicht für sie wäre, halten 203 sie dieselben aufrecht, bestärken nnd beschützen sie. So ist es denn gekommen, daß riese Gesellschaften, welche ursprünglich aus prolestaulischen Predigern zusammengesetzt waren, welche den Verlust ihrer Revenuen noch mehr befürchteten, als den Fortschritt deS KatholiciSmnS, Leute ohne Glauben und Gesetz, denen der katholische Glaube und die katholische Moral Schrecken einjagt, nun auch eine große Anzahl hochstehender Personen in ihrer Mitte zählten. ES ist dieses wohl zu bemerken, denn diese Personen bekleiden hohe Aemter, nähern sich dem Könige, und sind seine vertrauten Freunde; sie suchen ihre eigenen Gesinnungen dem Herzen deS Königs mitzutheilen, und daS wird früh oder spät die traurigsten Folgen hervorrufen, nicht allein für die Dynastie, sondern für das ganze Land. Diese Folgen lassen sich mit Bestimmtheit vorhersehen, wenn man bedenkt, was sich unlängst in der Hauptstadt zugetragen hat. Der König gab bei seinem zeitweiligen Aufenthalte in dieser Stadt verschiedenen Personen und Deputationen Audienz. Für die Deputation der protestantischen Prediger wußte er kaum genug höfliche Worte zu finden, und munterte sie auf zum Kampfe, den sie mit den Katholiken aufgenommen hätten. Dagegen wurde die Deputation der katholischen Geistlichkeit, welche aus den achtbarsten Priestern der Hauptstadt zusammengesetzt war, kalt und auf eine so abstoßende Weise empfangen, daß in Zukunft der katholische Priester seines Charakters wegen wird Anstand nehmen müssen, sich zu den königlichen Audienzen zu begeben, in der bloßen Absicht, den König zu begrüßen. Traurige und gefährliche Wirkungen des Einflusses, den Leute, die durch die beklagenswcrthcsten Leidenschaften geblendet sind, auf ihn ausüben. Das Ministerium und die Majorität, welche dasselbe in den Kammern unterstützt, sinv eben so, wie die Katholiken, den geheimen protestantischen Gesellschaften und den Rationalisten, die den Eifer für den Protestantismus vorschützen, nm ihren Haß gegen die Katholiken zu verbergen, ein Gegenstand des Abscheues. Denn sie haben keine Hoffnung, daß der Premierminister Herr Thorbecke mit ihnen jemals gemeinsame Sache machen, oder daß er ihre Bemühungen, die protestantische Suprematie wieder herzustellen, und den Geist der Verfolgung zu erneuern, unterstützen wird. Herrn Thorbecke und seinen Freunden scheint nichts mehr am Herzen zu liegen, als Allen gerecht zu seyn, den Protestanten sowohl, als auch den Katholiken. Das mißfällt den geheimen Gesellschaften, und daher wird die Abneigung derselben gegen Herrn Thorbecke und seine Collegen von Tag zu Tag größer. Der Haß dieser unglücklichen Sectirer ist daS größte Lob, welches man dem gegenwärtigen Ministerium und seinen Freunden in der Kammer zollen kann. Wir haben schon bemerkt, daß Leute, die wegen ihres Unglaubens die Anhänger deS ausgeprägtesten Liberalismus seyn müßten, sich im Gegentheile den absolutesten Monarchisten zugesellen. Diese, nämlich die orthodoxen Protestanten, die Anhänger der Artikel der Synode von Dortrccbt, Freunde der vor der Emancipation der Katholiken im Jahre 1793 gegebenen Berfassuug, sind weit entfernt, die Hilfe, welche die rationalistischen Protestanten allen denen zu leiste» scheinen, die mit ihnen die politische und sociale Unterdrückung der Katholiken so sehr anstreben, zu verschmähen. In der Religion, in der Politik, in den socialen Ansichten haben sie untereinander Nichts gemein, kein Band, welches sie aneinander fesselt; aber der Haß gegen den Katholicismus macht alle Zwistigkeiten verschwinden, er ist daS gemeinsame Terrain, auf dem sich die entgegengesetztesten Geister erkennen und die Hand reichen. Kann man nun glauben, daß sie bald dasselbe Banner aufpflanzen, und daß die in so vielen Beziehungen unversöhnlichen Feinde nochmal den Befehlen desselben Führers Folge leisten werden? Wir befürchten eS. Die Orthodoren sprechen von den geheimen Gesellschaften mit der größten Schonung, und scheinen die Bestrebungen derselben so viel als möglich eher zn rechtfertigen, als zn verdammen. Nach dem Geständnisse einer großen Anzahl von Protestanten ist der Chef der geheimen Gesellschaft, Van Dam van Seselt, Mitglied der zweiten Kammer, moralisch vernichtet, und zwar durch die Stöße, die er von allen Seiten erhalten hat, zuletzt und besonders noch von dem Autor der Broschüre: „lllno söunro cl 5<>«-i6t6 schrote I^m'tgs," So haben nun diese Verbindungen durch ihre Organe Herrn Groen de Prinsterer, das 804 Oberhaupt einer orthodoxen Faction, eingeladen, sich an die Spitze der Armee zu stellen, welche Rom auf Leben und Tod bekämpfen, und ihre Befehle mit unerschütterlicher Treue befolgen will. ES ist also höchst wahrscheinlich, daß sich diese feindlichen Kräfte eines Tags verbinden werden, um die niederländischen Katholiken zu vernichten: diese dürfen sich sicherlich kampfbereit halten, und Europa wird ein skandalöses Schauspiel sehen. Aber an jenem Tage wird auch die Partei, die heute Holland regiert, mit den Katholiken zugleich fallen oder siegen. Nach Allem, was man hört, scheint der Augenblick eines entscheidenden Kampfes heranzunahen. Sollte es wohl wahr seyn, was man versichert, daß man bereits einen Staatsstreich vorbereitet, der die Katholiken sowohl, als auch die ministerielle Partei vernichten soll, und daß dieser Staatsstreich von einigen konservativen vorbereitet wird, die ehemals Liberale waren, und sich nun auf die Orthodoxen und einige Mitglieder der geheimen Gesellschaften stützen, und daß alle Anstalten diesen Streich, der dem Lande die Con- stitution von 1314 wieder geben soll, schon getroffen, und sogar weit vorgerückt sind? Sollte eS, wie man versichert, wirklich wahr seyn, daß man ernstlich daran denkt, das Ministerium zu entlasse», die Kammern auszulösen, und das Grundgesetz von 1348 über Bord zu werfen, daß man von Neuem erklären will, der König müsse sich zur reformirten Religion bekennen? Wir wagen es nicht zu behaupten. So viel ist aber gewiß, nnd höhern OrtS ist bereits Rede davon gewesen, daß man auf die Unterstützung einer hohen Person rechnet, welche unglücklicher Weise nur für die Protestanten Sympathien hegt, nämlich für die drei Fünftel des holländischen Volkes, und welche, wie eS scheint, die Katholiken, die übrigen beiden Fünftel der Nation, von sich abwenden will. Wir wollen indeß glaube», daß sie die Interessen deS Landes und ihrer Dynastie zu gut kennt, und daher so unglückselige Vorschläge mit Schaudern zurückweisen wird. Gott gebe, daß eS doch noch nicht so weit gekommen ist, wie man versichert, oder daß die frühzeitige Veröffentlichung so schmählicher Pläne dieselben vernichten möge. Die Lage ist eine ernste, und verdient von allen einsichtsvollen Männern der Niederlande wohl erwogen zu werden. DaS Kirchenfest in Salzburg. Gmunden am Traunsee, 3. Juni. Da ich heute von einem Ausflüge nach Salzburg komme und dort Zeuge eines großen kirchlichen Festes gewesen bin, so mag es Ihnen vielleicht lieb seyn, wenn ich dieser Feier mit kurzen Worten gedenke. Am 1. d., vorgestern, empfing der vom päpstlichen Stuhle confirmirte Fürsterzbischof von Salzburg, Maximilian Joseph von Tarnoczy, die bischöfliche Weihe, gestern daS Pallium. Der Bischof von Lavant, ein ausgezeichneter Kanzelredner, hielt am Sonntag um 8 Uhr die Predigt in der Domkirche. Leider hinderte mich meine entfernte und erhöhte Stellung in einem der beiden Oratorien des Chors, der Predigt zu folgen. Mir gegenüber nahm das andere Oratorium die bekanntlich in den Schooß der katholischen Kirche zurückgekehrte Gräf« lich von Lippe'scke Familie ein; morgen wird, wie ich vernommen, der Graf nebst zweien seiner Kinder von Sr. Eminenz dem Cardinal Fürsten Schwarzei.bcrg daS Sacrament der Firmung empfangen. Graf von der Lippe wohnt gegenwärtig ein Stündchen oberhalb Salzburg auf dem Kreuzhofe z eS ist eine wunderschöne Gegend, und besonders der Besuch des kaiserlichen Schlößchens Hellbrunn jedem Reisenden zu empfehlen. Indessen, ich habe von dem Feste in der Domkirche zu melden. Als die Predigt beendigt war, läuteten alle Glocken des DomS, und das hohe Domcapitel, der Herr Prälat von Sr. Peter mit den Geistlichen seines Stiftes, — dieses Stift hat nämlich das Vorrecht dcö unmittelbaren Anschlusses an das Domcapitel, — serner die geistlichen Räthe und Ruraldecane und vann der gesammte übrige Klerus von Stadt und Land versammelten sich in den Chorstühlen. Vor 9 Uhr zog dieser versammelte Klerus feierlich zu den sürsterzbischöflichen Gemächern (in der k. k. Residenz), S05 wo sich die an dem Acte bethciligten Bischöfe bereits versammelt hatten. Von hier auS begaben sich nun die Bischöfe mit dem KleruS in höchst feierlichem und glänzendem Zuge in die Kathedrale. Die ProccssionSordming war diese: der Träger des Capitelkreuzes mit zwei Akolythen, die fürsterzbischöflichen Alumnen, der gcsammte Säcularklerus, die Herrn geistlichen Räthe, die Geistlichkeit der beiden Collegiatstiste Seekirchen und Mattscn, die Stiftsadministration mit dem Prior von Michaelbcuern, die StiftSgeistlichkeit von St. Peter in Flocken, das Domcapitel in cgppa; nun folgten der Cardinal und der Fürsterzbischof, in Begleitung der Fürstbischöfe von Trient und von Sekkau, dcS Bischofes von Lavant und deS Weihbischofes von Salzburg. Der Fürstbischof halte ungefähr dieselbe Tracht, wie der Cardinal; ob als leggtus nsws, ich weiß es nicht. Die Handlung war überaus feierlich; ich habe gleichen und ähnlichen Festen nicht selten beigewohnt, aber ich erinnere mich kaum, diese Eindrücke empfangen zu haben. Da ich ein Pontificale Romanum bei mir hatte — Dank der Gefälligkeit eines dem Fürstbischöfe nahestehenden Priesters — so konnte ich Wort für Wort der heiligen Handlung folgen; die Kirche erscheint auch hier so erhaben und so schön, daß die bloße Lesung Geist und Herz bewältigen müßte. Dazu nun der alle Sinne dem Dienste des Geistes unterwerfende riws der Kirche, der dnrch eine fromme Strenge zugleich vollendete und geheiligte Zauber der Trachten, der Farben, der Haltung, der Bewegungen Und endlich, was den Act zu einem durchaus einzigen stempelte, die Persönlichkeit des Kardinals. Komme man, woher man wolle, glaube, denke man, waS man wolle, wer diesen Mann sieht und hört, und noch einen Funken von guter Art und reiner Bestrebung in sich trägt, dessen Herz wird er unfehlbar an sich ziehen. Der Cardinal ist ein schöner Mann, von stattlichem, schlankem Bau, er scheint jünger, als er ist, kaum verräih hier und da ein weißeS Haar, daß er die eigentliche Jugendzeit deS LebenS beschlossen hat. Er ist durch und durch Fürst, und doch ist keine Faser in ihm, die nicht von der Weihe seines hochpriesterlichen Standes durchdrungen wäre; der Fürst ist nicht dem Bischöfe gewichen, aber der Fürst ist ganz Bischof. Wer mehr will, will weniger. Der Cardinal ist aber als Bischof nicht bloß Fürst geblieben, er ist Alles geblieben, waö er je gewesen; der erhabene Kirchenfürst, der gewandte, ritterliche Edelmann ist zugleich ein überaus liebenswürdiger Mensch; ja mehr, als daö, in dem kirchlichen Oberhirtcn, in dem Manne von vollendeter reifer Weltbildung steckt noch jetzt oaS Kind, so unversehrt, so lauter, daß man den Mann kaum sehen kann, ohne die Mutter herbeizuwünschen, um mit ihr deS Sohnes froh zu seyn. Gestern, am Montage, empfing der neugeweihle Fürstbischof das Pallium. DaS Fest begann um 7 Uhr; von der Sludienkirche aus bewegte sich eine glänzende Procession zur Domkirche, voran die Zünfte, Bruderschaften, die Schulen mit Ein^ schluß deö Gymnastums, dann die Klostergeistlichen, der Pfarrklcrus, die Alumnen, die StiftSgeistlichkeit von St. Peter, daö hohe Domcapitel, dabei zwei das Pallium und die Bullen tragende Domherren, endlich der Fürsterzbischof und die übrigen Bischöfe (der Cardinal nahm an der Procession nicht Theil), und den Schluß bildeten der Gemeinderath und andere Honoratioren der Stadt. Se. Eminenz der Cardinal erschienen in der Kirche, wurden zu dem Hochaltare geleitet und begannen das Hochamt zur Anrufung deS heiligen Geistes, und nach Beendigung desselben hängte er als päpstlicher Kommissär das Pallium über die Schultern des vor dem Altare kniecn- den FürsterzbischofS. So ist also der Stuhl von Salzburg wieder besetzt. Man kann nicht sagen, daß das Fest ein ungetrübt freudiges gewesen. Wo ein Cardinal Schwarzen berg scheidet, da läßt sich unmöglich alle Trauer unterdrücken. Maximilian Joseph besitzt, wie man überall vernimmt, sehr ausgezeichnete Eigenschaften; sein Erscheinen verräth einen Mann von großer Einsicht, von ernstem Charakter und praktischer Tüchtigkeit. Er ist von mittlerer Größe, fest, behend; er erinnert an den hochwürdigsten Bischof von Münster, hat aber auch manche frappante Ähnlichkeit mit einem berühmten deutschen Cardinale, der Ihnen persönlich wohl bekannt ist. — Unter den assistirenden 206 Bischöfen, die alle mit Einschluß des WeihbischofeS auf mich einen sehr wohlthuenden Eindruck »icichten, kann ich nicht umhin, von dem Fürstbischöfe von Grätz besonders zu sprechen. Daö ist ein Mann! Welche gemessene Kraft, welche Nnhe, welche Klarheit und Einfachheit! Als ich Clemens August vor mehr als zwanzig Jahren in Münster zuerst sah, war ich ganz ähnlich berührt. „IXem.ini 5«zvumlu5" — so lautet ein Urtheil eines hohen kirchlichen Würdeträgers, der, obwohl fremd, das katholische Deutschland, wie kein Anderer, kennt. Wie der Cardinal Fürst Schwarzenberg sich über den Fürstbischof Rauscher auSspricht, darf ich vielleicht, ohne indiscret zu seyn, Ihnen nicht mittheilen. Aber da wir uns in den größten geistigen Kämpfen bewegen, so kann ich doch nicht mit vollem Stillschweigen an den größten geistigen Kräften, an den Feldherren der Kirche vorübergehen, die vielleicht bald auch die Märtyrer des neuen Deutschlands seyn werden. Erlauben Sie mir, diese Kirchenfürsten, die in Salzburg auch berathend versammelt waren, dem Geber Ihrer Leser zu empfehlen, sie und ihre Gebiete und das ganze Oesterreich. (D. Volks!).) Die Mission in Speyer. Speyer, am Abende des Fronleichnamsfestes. Die Mission der Väter Jesuiten ist zu Ende, und ich berichte Ihnen sogleich unter den Eindrücken des Tages. Wohl war schon am verflossenen Sonntage der Dom nicht fähig die Menge der herbeiströmenden Menschen zu fassen, und die Theilnahme täglich, namentlich von Baden her, besonders zum Empfange der heiligen Sacramente, im Zunehmen. Der heutige Tag aber entwickelte hier eine Erscheinung, wie sie vielleicht seit Jahrhunderten das religiöse Leben unserer Gegend nicht aufweisen kann, Wohl gegen 15,000, sage sünfzehntausend fremde Menschen, wenn nicht noch mehr, mögen sich heute dahier zusammengefunden haben. Daß der Dom nur die kleinere Menge fassen konnte, ist begreiflich. Wer Speyer und seine lange, gerade und breite Hauptstraße kennt, wird einen Begriff von der Menge erhalten, wenn ich sage, daß diese ganz voll erfüllt war, sammt dem Dome und seinen freien Plätzen. Es war darum auch im Dome selbst eine unbeschreibliche Anfüllung und Ohnmachten nicht seilen. Beim glänzenden Zuge der Prvcession konnte sich nur die kleinere Zahl gehörig entwickeln uud am Zuge betheiligen. Namentlich waren viele Mannheimer aus den bessern Ständen gekommen, so viele, daß der Eisenbahnzug nach Speyer im eigentlichen Sinne des Wortes ganz überfüllt gewesen seyn soll. DaS beste Zeugniß dafür, was die Mission in Mannheim gewirkr! Pater Roder hielt die drei Schlußpredigten, in denen er ganz ausgezeichnet sprach. Die tiefste Erregung war sichtlbar; alle, auch die härtesten Naturen wurden gebrochen. Leget Menschenfurchl ab; seyd beharrlich; liebet Christum; seyo katholisch, waren die Themata. Als er von den Gegenständen, welche er dem Gebete empfehle, in der Schlußpredigt sprach, und da namentlich unser deutsches Vaterland hervorhob, welches einstenS die auSerwählle Nation Gottes im Neuen Bnnde und der Schrecken seiner Feinde gewesen, nun aber wegen seiner Sünden so gesunken und der Spott und die Verachtung der Welt geworden sey; da mußte jedes Auge in Thränen schwimmen. So hatten sich denn die Missionäre die ungetheilte Liebe und Verehrung gewonnen. Küsse als Verehrungszeichen sind dem Pfälzcr eben nicht gelegen; als Pater Noder den Dom nach der letzten Predigt verließ, drängte sich aber Alles hin, feine Hände zn küssen. So haben denn auch die Bürger, so haben die Jungfrauen ihm nach dem Schlüsse der Mission in Deputationen feierliche Danksagungen abgestattet, die Mädchen Kränze und Guirlanden dargebracht. Welcher Enthusiasmus unter der katholischen Menge herrschte, die einer kleinen Völkerwanderung zu vergleichen war; welches selige Bewußtseyn es sey, innerhalb der Kirche einem Vereine anzugehören, der von Gott gestiftet an den Pforten der Ewigkeit steht, und selbst ewig und göttlich eine sel'ge E>vigkeit allen seinen Gliedern verbürgt: dieß konnte nnr gesehen, aber nicht beschrieben werden. Und bei dieser Menge nicht die geringste Unordnung, 207 kein Fluchen, Schelten, Stoßen, keine Trunkenheit; Aller Gesichter freudestrahlend und die Herzen friedenerfüllt — kurzum es war ein Festtag der reinsten, edelsten, ächtchristlichen Huiuauität. Derselbe Geist ging durch die Theilnehmer aus allen Classen und Bilduugsstufen. Professoren, Beamte und Taglöhner, Damen und Mägve, alle Classen und Stände waren dabei vertreten. AuerkennuugSwerth ist aber namentlich auch das edle Benehmen der protestantischen Bevölkerung, welche nicht bloß zahlreich an den Predigten Theil nahm, sondern auch nicht durch den mindesten Mißklang die Freude uud die religiöse Weihe ihrer Mitbürger uud Mitmenschen störte. Von Rohheiten oder Demonstrationen im Sinne uud Geiste der „Speyerer Zeituug" war eben so wenig etwas zu schauen, als von dem von ihr prophezeiten Glüheuden-Zangen-Zwicken der Jesuiten. So verlief sich die ganze Mission ohne den geringsten Unfall, ohne die mindeste Störung. Es war innere und äußere Harmonie. Wohl berichtet die Speyerer Zeitung vom 13. Juni: die Mission sey „gegen den Willen des Herrn v. Hohe," unseres Regierungspräsidenten, abgehalten worden, und daS rothe Blatt scheint sich etwaö zu Gute darauf zu thun, einmal mit Herrn v. Hohe einstimmig zu seyn. Wir können nicht sagen, ob DaS vollkommen begründet sey; aber EiueS wissen wir, daß eS wohl nichts gibt, was jeden Verständigen mehr über die Missionen belehren könnte, als eben diese Stellung der Demokratie zu ihr. Herr v. Höbe wird sich wohl für die Ehre bedanken, hierin mit der Speyerer Zeitung übereinzustimmen. Wir halten auch unsern Präsidenten für einen zu gewiegten Staatsmann, als daß er einen solchen Bund deS schaalsten Zvpf-BureaukratiSmuS mit der rothen Demagogie (welcher bei einem Bekämpfen oder Chikaniren, oder polizeilichen Jnvigiliren der Mission doch wieder augewendet seyn müßte) nicht in seinem Werthe und seiner rechten Bedeutung erkennen und von sich stoßen sollte. In gewissen Sphären in München mag unter bekannten Einflüssen wohl wieder die chikanöse Strategie gegen die Kirche beliebt und versucht werden; Herr v. Hohe ist nicht so befangen, in der Knechtung des Religiösen durch die Polizei das Heil des Staates zu suchen. So waren denn auch Militär- und Gcudarmeriepersonen nur als Christen an der Mission autheilnehmend zu erblickeu. Rühmend muß noch hervorgehoben werden, daß der hochwürdigste Herr Bischos und sein ganzes Capitel, so wie die gesammte Geistlichkeit der Stadt ununterbrochen allen Predigten und gottcSvienstlichen Verrichtungen der Mission beiwohnten uud durch ihr Beispiel das Volk nicht wenig erbaute». Am letzten Tage war eS trotz der hiesigen zahlreichen Geistlichkeit rein unmöglich die Beichten aller hierzu Bereiten abzunehmen. Hunderte konnten nicht ankommen. Wie eS darum mit dem kirchlichen Leben der Katholiken bei uns stehe, mögen Sie hieraus entnehmen. (M. I.) Das Vincenz- und Elisabethen-Hospital in Mainz. Dr. Heurich gibt (in den Rheinischen Blättern) folgendes kuud: „Nach mit ganz unbedeutenden Symptomen aufgetretener, kaum halbtägiger Erkrankung wurde am Abende des 3V. Mai ein hiesiger Arbeiter von der Wasserscheu befalle». Da ich mich als Arzt drmgend verpflichtet fühlte, seine Umgebung und Nachbarschaft gegen jede mögliche Gefahr so schnell wie thunllch sicher zu stellen, so verfügte ich mich augenblicklich in daS Vincenz-Hospital und muß gestehen, daß ich durch die freundlichste Bereitwilligkeit der Schwester Oberin, den Kranken augenblicklich aufzunehmen, aus das Angenehmste überrascht war. Die Schwester Oberin hat ausschließlich und ganz allein diesen Kranken gepflegt und bedient; und ich gestehe cS offen, ich bin in Verlegenheit, mit welchen Worten ich die Saiiftmuth, die Geduld, die Selbstaufopferung dieser eben so würdevollen alö demüthigen Pflegerin auösprcchen soll. Alle ärztlichen Vorschriften wurden von ihr mit so großer Pünkllichkeit, Verständigkeit, Schnelligkeit und Gewandtheit ausgeführt, daß auch der größte ärztliche Pedant nichts zu tadeln gehabt haben würde. Mehr aber vielleicht als unsere Arzneien haben die würdevollen 208 und ächtchristlichen Religionströstungen dieser frommen Schwester zur momentanen Beruhigung des Kranken in seinem furchtbaren Leiden beigetragen. Wie sehr diese frommen Schwestern von ihrem hohen Berufe durchdrungen sind, und mit welch' edler, seelenbegeistertcr Resignation sie auch ihre schwersten, gefährlichsten Pflichten freudig und wohlgemuth erfüllen, davon mußte ich mich überzeugen, als ich dieser muthigen Krankenpflegerin vorstellte, daß bei der nun weit vorgeschrittenen Krankheit die Krankenpflege des Unglücklichen nicht ohne Gefahr für sie selbst seyn möchte, und daß sie meiner Ansicht nach wohlthue, wenn sie dieselbe einem starken Manne überlasse und sie nur überwache; und sie nun mit selbstbewußtter Seelenruhe und demuthsvoller Ergebung mir erwiderte: „Meine Pflicht ist eS, die Kranken zu pflegen; und ich würde eS nicht verantworten können, dadurch einen andern Menschen einer möglichen Gefahr näher zu bringen, daß ich mich derselben entzöge. Soll mir ein Unglück widerfahren, so mnß ich es mit demüthiger Ergebung in den Willen des Herrn ertragen." Und in diesem gottergebenen Sinne handelnd, hat diese vortreffliche Frau den gefährlichen Wartedienst bis zum letzten Athemzuge deö Kranken ganz allein besorgt. Ich habe durch diese Veranlassung Gelegenheit gesunden, die übrigen Krankensäle und sämmtliche HauSeinrichtungen dieses Hospitales kennen zu lernen. In den Krankensälen begegnete ich neben der allerstrengsten Ordnung und einer bewun- dernSwerthen Reinlichkeit auch auf den Gesichtern aller Kranken dem Ausdrucke der Zufriedenheit und des Wohlbehagens in ihrer Lage. In dem ganzen Hospitale wallet der Geist der Ordnung und des innern Friedens. Glücklich die Armen — die erkrankend doppelt arm sind — wenn ihnen eine solche ausgezeichnete, tadellose Krankenpflege zu Theil wird!" Literarisches. Mainz. Wir glauben die Leser dieser Blätter auf eine kleine literarische Erscheinung, die in diesen Tagen dahier vollendet wurde, aufmerksam machen zu müssen. Als nämlich daS Cardinalbiret dem Herrn Erzbischof von Köln im vorigen Jahre überreicht wurde, erhob sich die Streitfrage, ob nicht schon früher ein Erzbischof von Köln Cardinal gewesen sey, namentlich ob nicht Hermann II., welcher vom Jahre 1035 — 1056 die erzbischöfliche Würde in Köln bekleidete, neben dem römischen Erzkanzleramte, daS ihm von Leo IX. übertragen wurde, auch die Cardinalswürde erlangt habe. Der Streit wurde anfangs in kirchlichen und politischen Blättern geführt, bis Binterim mit bekannter Gereiztheit eine ganze Broschüre schrieb, worin er eben nach seiner Weise mit apodiktischer Gewißheit nicht ohne wegwerfende Aeußerungen über die Gegner dem erwähnten Hermann die Cardinalswürde vindicirte. Dagegen hat nun Professor Hennes ein Schriftchen unter dem Titel: „Hermann II. Erzbischof von Köln" (gr. 8. S. XVI. und 54.) dahier erscheinen lassen. Die Streitfrage ist mit mit richtigem Takt in die Vorrede verlegt, und wird hier kurz und bündig dahin entschieden, daß die einzige Urkunde, auf welche Binterim sich stützt, unwiderleglich unächt sey, wie auch ein ausführlich mitgetheiltes Schreiben des berühmten Dr. Böhmer in Frankfurt, welcher bekanntlich in Bezug auf Erklärung von Urkunden die erste Autorität Deutschlands ist, mit schlagenden Gründen beweiset, so daß fernerhin kein Zweifel mehr seyn wird, daß der jetzige Erzbischof der erste von Köln ist, welcher zur Cardinalswürde erhoben wurde. Das Werkchcn selbst nun legt das Leben und Wirken Hermanns auf eine schöne und anschauliche Weise dar, bald gedrängt und in bündiger Kürze, bald ausführlich und nach Art von Episoden, wie es die einzelnen Thatsachen verlangen oder die uns überlieferten Nachrichten erlauben: überhaupt gibt es ein anmuthiges und lebendiges Bild der frommen Denkweise jener Zeit. Auch die Mainzer Geschichte wird nicht selten darin berührt, namentlich die Synode daselbst im Jahre 1049 S. 41—43. ausführlich beschrieben. (Rhein. Bl.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. C. Krem er Eilfter «Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Angsburger Pojtzeitung. 6. Juli 27. 185.1. a?ÄM!U"i i.: ,^^nk»Z> mstnttjzmkjnHiK^KlMLs^.ÄA"lütt..Mq^^vZUmZrs. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsprei« kr., wofür es durch alle königl. daher. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Katholisches Leben in einer französischen Provinzialstadt. *) Vom Berge St. Quintln herab sieht man in einer geräumigen von Hügeln umschlossenen, von der Mosel in mehreren Armen durchfurchten Ebene die alte Bischofsstadt Metz an beiden Ufern und über die Inseln des .Flusses ausgebreitet liegen. Der gewaltige schwarze Dom gebietet noch jetzt in so vornehmer Ruhe über alles andere neuere Bauwerk, daß selbst die vielen starken, jetzt gegen Deutschland gerichteten Festungswerke von der Stadt den alten kirchlichen Ausdruck und Charakter nicht ganz zu nehmen vermögen. Vom heiligen Clemens herab, dessen steinerner Thron noch heute im Dom bewahrt wird, alle Jahrhunderte hindurch legen einzelne Denkmale Zeugniß ab von der bischöflichen Macht und Fürsorge, bis noch ein Bischof aus dem Hause Coislin unter Ludwig XV. eine große Caserne, die ein ganzes Stadtviertel ausfüllt, auS eigenen Mitteln erbaute, um die Bürger von der Last der HauSeinau,articrung zu befreien. Hier in Metz weilte oft unser großer erster Karl, nahe den Stammgütern seiner Ahnen, unter welchen der heilige Arnulf selbst ein Bischof von Metz war, in dem Mittelpuncte seines Reiches, in dem austrasischen Lande, daS, der treueste Ausdruck der Verschmelzung germanischen und gallisch-römischen Wesens, später von seinem Enkel Lothar den Namen für alle Zeiten beibehalten sollte. Hier auch weilte einst der vierte Karl, fern von der böhmischen, aber nahe der luxemburgischen Heimat, als er, umgeben vom glänzendsten Hofstaat aus allen wälschen Vasallenlanden, dem heiligen römischen Reiche deutscher Nation die letzten Capitel der goldenen Bulle verkündigte, in deren Eingang für eine lange Zukunft die Weissagung gilt: „Jedes in sich gespaltene Reich wird verwüstet werden, denn die Fürsten desselben sind Gesellen der Räuber geworden, weßhalb der Herr unter sie den Geist deS Schwindels gemischt hat, daß sie am Mittage wie in der Finsterniß tappen... Du Neid hast daS christliche Reich, das auf Glaube, Hoffnung und Liebe gebaut war,... in Trümmer zu stürzen versucht!" Hier endlich stand auf demselben St. QuintinSberge zuletzt noch Kaiser Karl V., als der allerunheilbarste Spalt schon durch Deutschlands Herz gegangen war, als er, selbst durch Kummer uud Kranlheit gebrochen, zur Belagerung von Metz und zur Wiedereroberung auS den Händen der Franzosen fast verzweifelnd die letzten Anstrengungen machte; aber vergeblich, denn die deutsche Nation schien ihr eigenes heiliges Reich schon nicht mehr zu wollen und ") Aus dem „Katholiken." Der vorliegende Aussatz rührt, so viel wir wissen, von einem ausgezeichneten deutschen Staatsmanne her, der einen der berühmtesten Namen der Gegenwart trägt, und dürfte das Seinige dazu beitragen, manche Vorurtheile zu zerstreue», die sich bis jetzt noch in katholischen und protestantischen Kreisen geltend zu machen suchen. 2io, ihre Fürsten glaubten bald zur Sicherung ihrer Gewissensfreiheit mit demselben feindlichen Frankreich unterhandeln zu müssen. Doch nicht um bittern Gefühlen Raum zu geben, ergriffen wir die Feder; lassen wir die stolze nationale Vergangenheit und suchen wir unter den Ruinen der Gegenwart in aller Demuth eine Stelle wieder auf, wo vor dem unbefangenen Auge, das von Nationalität, Politik und Parteiwesen abzusehen vermag, die ewig sich verjüngende christliche Cultur, wenn auch jetzt auf französischem Boden, ein tröstliches Bild kräftiger Aussaat für die Zukunft zu entfalten scheint. In der That war Metz wohl niemals eine ganz deutsche Stadt geworden; ein Kern der romanischen Bürgerschaft muß sich immer, auch unter den Merowingern erhalten haben und nur die alltägliche Ergänzung der untern Stände, der dienenden Classe besonders, die noch zur Hälfte aus der nahen Landbevölkerung emporwächst, kann daS deutsche Gepräge in den GesichtSzügen, wie im Leben des Metzer Bürger- standeS erklären. DiescS solidere, elwaö schwerfällige und altmodische Gepräge unterscheidet den Wohlstand von Metz sehr vortheilhaft von den Städen deS innern Frankreichs und selbst von manchen modernen deutschen Residenzen, die bei gleicher Größe und einer gleichen Bevölkerung vost 50,000 Seelen vielleicht mehr Intelligenz oder Anspruch darauf besitzen, aber weniger ächten Bürgersinn, weniger Einsicht in die wahren Bedürfnisse, weniger guten Geist, um dieselben mit nachhaltigen Opfern auszugleichen, Metz hat aus den Zeiten vor der ersten französischen Revolution von frühern Stiftungen wenig mehr als die Mauern der Kirchen und Hospitäler gerettet; die alten Klöster leben nur in den Straßcnnamen fort. Alle Umwälzungen, wie zuletzt auch die von 1848 haben zwar ihre glorreichen Devisen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit wieder auf dieselben nackten Mauern hingepinselt und durch den abstractcn Satz der Verpflichtung der Commune gegen ihre Armen in den Gesetzbüchern sich verewigt, für das Leben aber keine Hilfsquellen, sondern nur Schulden, Bedürfnisse und unstillbare Ansprüche zurückgelassen. Der Bürgersinn muß also aus sich selbst, auS seinem Jahreseinkommen, alle Mittel finden: aber zum Glück fühlen sich die Einwohner nicht blos als Bürger der steuererhebenden Civilgemeinde, sondern die Mehrzahl auch als Bürger der katholischen Welt und als solche finden sie Muth, Kraft und Freude, in dem nächsten Gesichtskreise ihrer Stadt überall zu steuern, wo der christlichen Liebe die freie Bewegung gelassen ist. Sollte ich darin zu günstige Eindrücke empfangen haben, sollten manche der Einrichtungen, die ich erwähnen werde, nicht in freiwilliger Liebe, sondern in der eisernen Noch ihren Ursprung haben, in der Furcht, in dem Vorgefühle, daß, ohne die äußersten Anstrengungen heute, die gesellschaftliche Ordnung übermorgen ein Raub deS Wahnsinnes und der Zerstörung, der Schauplatz eines modernen Sklavenkrieges werden kann; sollte endlich auch ein Einzelnes für deutsche Verhältnisse nicht maßgebend erscheinen, nun, so schätze ich Frankreich doch glücklich, daß daS Uebermaß der Auflösung dorten bereits den Anfang einer Neubildung hervorbringt, und ich erkenne es gerade als wesentlichen Vorzug an, daß AlleS so nüchtern und praktisch begonnen wird, nichts die Spuren eines vorübergehenden poetischen Aufschwunges, eines idealen ErperimentirenS an sich trägt. Uebrigens hat Metz keine eigentliche Fabrikbevölkerung, kein gefährliches Proletariat und man kann gar nicht sagen, daß örtlich die Noth so groß wäre. Ein solider Binnenhandel, mit bedeutendem Frachtfuhrwerk, reichliche Märkte und öffentliche Arbeiten verschaffen den ärmern Classen in der Regel gesicherten Verdienst. Trotz der bekannten Parteinuancen, die auch in Metz vertreten sind, ist die Bürgerschaft doch ziemlich gleichartig und verträglich, alle Fractionen sind in einem gemeinsamen Bürger-Casino (bereis) vereinigt, nur die der äußersten Rothen nicht. Von ungleichartigen Elementen ist die geringe protestantische Gemeinde von 500 Seelen kaum zu nennen, die zahlreichen Juden haben trotz der prächtigen, von den neugläu- bigcn Reichen erbauten Synagoge, in der Bürgerschaft doch keinen Einfluß; nur der eine nicht einheimische Bestandtheil, die starke oft über 14,000 Mann betragende 211 Garnison, ist für die Stadt von großem Gewichte und spielt durch die vielen einem großen Waffenplatze eigenthümlichen Anstalten, worunter die höchste Artillerie- und Gcnieschule (keole cl'gppliestion), eine bevorzugte Rolle. Die städtische Bevölkerung theilt sich in folgende Kirchspiele, wovon jedes seinen Pfarrer und mehrere Vicare hat. ^otre Dame, 8t. Mrtin, 8t. Noximin, 8t. ku- cairo, 8t. 86goIöno, 8t. Vineent, 8t. 8imon. Durch den Umstand, daß der Dom, der dem Bischof und Capitel allein gehört, keine eigne Gemeinde bildet, erklärt es sich, daß die weiten und herrlichen Hallen dieser Wohnung des Herrn an Menschen meist sehr verödet erscheinen; in den leeren Seircngängen sind Berge von käuflichen Stühlen aufgethürmt, aber trotz dem, daß täglich von den Domherren ein Hochamt gehalten und Chor gesungen wird, sind die Räume doch nur bei besondern größern Gelegenheiten oder in den Predigten während der großen Kirchenzeiten einigermaßen ausgefüllt. Die ganze innere Ausstattung, selbst Ordnung und Reinlichkeit lassen viel zu wünschen übrig und erst allmälig wird cS dem gegenwärtigen Herrn Bischof gelingen, dem praktischen WohlthätigkeitSsinn die Richtung auf diese ästhetische Anforderung zu geben. Noch weniger Hoffnung ist zum Ausbau der Kathedrale vorhanden, an deren reinem und kühnem gothischen Schwung Ludwig XV. durch ein ganz unpassendes antikes Portal und die Neuzeit durch den kindischen Aufsatz einer dünnen Spitze auf die noch stumpfe erste Hälfte des einen Thurms, sich gröblich versündigt haben. Für jetzt werden wenigstens die Glasmalereien der Riesenfenster in den Seitenschiffen nnd im Chor gereinigt und rcstaurirt. Wie gesagt, der Sinn der Metzcr ist nicht nach den idealen Höhen der Dome gerichtet; die kirchliche Heimat der katholischen Familien ist die rmroissez im täglichen Leben muß bei den Franzosen die Kunst und selbst die Wissenschaft nachstehen der Uebung, der simeti^ue. Man übt die Religion ganz oder man hat gar keine; die breite Mittelstraße wird den Deutschen überlassen. Dieß ist französische Ansicht, aber auch Thatsache, uuv gilt vorzüglich auch von der Geistlichkeit. Es wird vielleicht nicht schwer seyn aus dem Klerus von ganz Deutschland 50 Namen zu nennen, die durch Tiefe, Geist oder andere besondre Gaben in erster Linie überall anerkannt werden; aber der französische KleruS ist ganz wie auS einem Guß und verdient jetzt, wie ich glaube, seinen Ruhm der Disciplin, deS Eifers und der Sittenreinheit in hohem Grade. Ein für den heiligen Kampf geweihtes Heer, welches seit 60 Jahren unausgesetzt im Angesichte deS Feindes steht, kann wohl nicht viele Streiter zählen, die keinen wahren Beruf im Herzen, die nur zum Lebensunterhalt oder gar zu Paraden den Waffendienst gewählt haben. Das ungeheure, aber seltene Triumphgeschrei des Feindes, sobald ein Einziger, der Got- teSfahne untreu, aus dem Lager entweicht oder nur um einen Schritt sich verirrt, ist wohl die sicherste Bürgschaft für die geringe Zahl der Ausnahme und für die Solidarität der Mannözucht. Die strenge äußere Sitte, die gleichartige Tracht sind wohl nur äußere Bürgschaften und Stützen ; sie geben vielleicht nicht daS Recht, von einem anders und verschiedenartig gekleideten KleruS die geringe Meinung zu hegen, daß nur Mangel an Achtung des eigenen Standes und Menschensurcht ihn abHalle, überall und immer Priester seyn zu wollen; aber gewiß ist es, daß der französische Klerus mit jenen äußern Mitteln und mit jener rücksichtslosen Festigkeit sich zu einer unabhängigen äußern Stellung und zur Anerkennung von Freund oder Feind curchgckämvfl hat; daß die von Jugend auf geübte strenge Gewohnheit nicht bloß einen äußern Halt, sondern auch eine Schule des innern Lebens und der Demuth enthält. In der neuern Zeit, besonders aber seit der Februarrevolution ist auch die gallicanische Richtung und die bei der Geistlichkeit sehr unpassende Nalionalitätseilelleil im Abnehmen begriffen. Die Diöcese Metz, die mehr als zur Hälfte deutsch ist und mit Trier in so mannigfacher Berührung steht, bildet eine sehr erfreuliche Vermittlung beider Nationalitäten. Schon zwei Obere deS bischöflichen Seminars waren geborne Deulsche und haben sich um diese gegenseitige Verständigung wahre Verdienste erworben. Man würde sich auch sehr irren, wenn man in diesen Seminarien, welche nach den Umrissen des tridentinischen Concils, in Frankreich besonders durch die von Olier gegrün- SIS dete Schule in 8t. Sulpice ihr Gepräge erhielten, bei der Priestcrjugend Träumerei und finsteren Zwang zu finden vermuthete. Wenn einmal der Beruf erwacht, der Muth zur Vcrzichtleistuug gesaßt ist, so sind die Uebungen der täglichen Entsagung stets mit denen der größten Thätigkeit gepaart und jeder Fortschritt wird durch größere Geisteöfreihcit, Festigkeit und Ruhe belohnt. Allerdings herrscht in Frankreich nicht, wie bei der deutschen Bureaucratie, die Ansicht vor, daß die dem Priester nöthige Mcnschenkenntniß am sichersten dadurch erworben werde, daß junge Leute, bevor sie noch vorbereitet und sittlich gestählt sind, von vornherein der Wasser- und Feuerprobe eines meist heidnischen Gymnasial-Unterrichts und den Gefahren der Berührung mit jeder Gemeinheit deS Studcntcnlebens überantwortet werden. Bei aller Anerkennung für die Zahl derjenigen, welche in Deutschland auS diesen grausamen Prüfungen geläutert hervorgehen und sich gleichsam selbst erzogen haben, gibt man in Frankreich doch für die Mehrzahl dem zuverlässigern Wege der Vorbildung durch die kleinen Seminarien den Vorzug, wo immerhin den Knaben selbst und ihren Eltern eine lange und vielsältige Probe vor der Entscheidung über den Lebensberuf gelassen ist. Nur stufenweise und mit langsamer Eingewöhnung in die Weihen deS innern Lebens nähert sich der junge Priester seinem heiligen Ziel und die Welt kommt endlich mit ihm erst dann in Berührung, wenn er nichts mehr von ihr erwartet und verlangt. Daher kömmt eS, daß wie in Metz die Priester eines ganzen Sprengels derselbe Geist belebt, dieselbe Pietät gegen den Oberhirten, unter dessen Obhut und Leitung ganze Generationen ausgewachsen sind, dessen Wünsche und Entscheidungen sie wie die eineS VaterS ehren; dadurch kommt eS, daß Priester auS dieser Schule der Selbstverläugnung sich niemals zu einer Beförderung, eS sey denn Missionen über'S Meer, ungefragt melden, sondern die Entscheidung über den Ort ihres Lebens- opferS von höherer Hand abwarten. Daß aber, eben so wie die Geistlichkeit für einen Nachwuchs von gleichem Schlag bemüht ist, auch daS Volk solche entschiedene Priester schätzt und verlangt, dafür ist ein Beweis, daß der gegenwärtige Herr Bischof von Metz, der fromme und gelehrte, über alles aber milde Ns^r. vurwnt «lo5 l^ogss in diesem Augenblick denken kann, für sein Knabenseminar in der Nähe der Stadt ein großartiges Gebäude, daS auf mehrere hunderttausend Franken angeschlagen wird, allein auS dem Ertrag von freiwilligen Sammlungen in der Diöcese neu zu erbauen. (Fortsetzung folgt.) Forschungen in den Katakomben. Rom, i0. Juni. Der rühmlichst bekannte Pater Marchi aus der Gesellschaft Jesu und der Cav. Joh. Bapt. de Rossi theilen in der letzten Nummer der „Civilts Cattolica" folgenden höchst interessanten Bericht mit über ihre dießjährigen Forschungen in den Katakomben: „Wie von jeher üblich, wurden auch in diesem Jahre mit dem Verlauf deS Monats Mai die jährlichen Nachgrabungen beschlossen, welche die Päpste mit dem Gelde der apostolischen Datarie seit zwei und einem halben Jahrhundert in den ehrwürdigen Begräbnißstätten deS unterirdischen RomS anstellen lassen. 5) In den sechs verflossenen Monaten haben wir in sünf dieser Begräbnißstätten beträchtliche Arbeiten ausführen können, und zwar in der von Saiurninus in der neuen Via Salaria, von St. AgneS an der Nomentana, von St. MarcellinuS uud PetruS an der Labicana, von St. SirtuS zwischen der Via Latina und Appia, von St. PrätertatuS rechts von der Via Appia. - „Vier dieser unterirdischen Begräbnißstätten waren bereits hinreichend bekannt ") Sobald,die heiße Sommersaison eintritt, können die Arbeiten in den Katakomben ohne die größte Gefahr nicht mehr fortgesetzt werden, weil die Lust in denselben sofort Fieber erzeugt. 213 durch die Forschungen und Illustrationen der PP. VosiuS, Boldetti und Marangoni. Bei cilledcm haben unsere dießjährigen Nachgrabungen u»S die Wiedereröffnung vieler unterirdischen Straßen möglich gemacht, welche unS wieder mit Gemälden bekannt machten, die zwar von Bosins schon veröffentlicht, aber seitdem für verloren erachtet wurden. Wir erinnern besonders an die Crypta oder unterirdische Kirche des heiligen MarcellinuS und PctrnS, welche in drei getrennte Räume eingetheilt ist. Die Gemälde in derselben, obgleich wohl nicht vor der Mitte des 4ten Jahrhunderts gearbeitet, sind für die Geschichte der christlichen Kunst von großem Interesse. Vor „„Marcellinus, PetruS, GorgoniuS TiburtiuS"" findet sich nicht der Titel „„SancluS"", der nach der Meinung eines Fremden vor den Bildern von Cäcilia, Catharina und Cyriaca in den Katakomben von St. Cyriaca an der Via Tiburtina gefunden sey, und zwar sollen nach seiner Angabe diese letztem Bilder auS dem 3ten, höchstens 4ten Jahrhundert herrühren, während die Kritik, welche unS stets leitet, unö nöthigt, sie noch späicr, als aus dem 8ten Jahrhundert anzusetzen. „Wcrthvoller noch war der Fund, den wir am äußersten südlichen Ende der Katakomben deS PrätcrtatuS machten: nämlich zwei ausgemalte Grabkammcrn, von denen sich im BosiuS nicht einmal eine Ahnung findet. Wir erinnern uns nicht, daß man jemals in den Katakomben diese Verbindung der Figuren gefunden hat: nämlich einen MoscS, der mit dem Schlag der Ruthe eine Quelle auS dem Felsen entspringen läßt, die sofort zum Flusse wird: dann einen Fischer, welcher seine Angel in diesen Fluß geworfen hat und nun zwei Fische an derselben emporzieht: dann einen Mann, welcher derselbe scheint mit den beiden erstem, seine Hand legend auf daS Haupt eines nackten, wie eS scheint, eben erst aus dem Flusse aufgetauchten KindeS: den Gichtbrüchigen, welcher eben gesundet, sein Bett auf den Rücken nimmt und wandelt: zuletzt einen Tisch, an dem Mehrere wie zum Mahle fitzen. Also eine Andeutung der vier ersten Sacramente, der Taufe, Firmung, der Eucharistie und der Buße. „Eben so lehrreich waren die Entdeckungen in den Katakomben von St. SirtuS, in welche wir seit mehreren Jahrhunderten zuerst wieder eindrangen, indem wir unS vermittelst einer alten Sandgrube, welche unS auf Katakomben zu deuten schien, den Eingang dazu bahnten. Außer den wiederholten Bildern deS heiligen PetruS und Paulus trafen wir das Bild deS heiligen Sirius. Auch hier war das 8018 nicht vor die Namen Petrus, Paulus und Systus gesetzt, obgleich die Bilder schon spät, etwa auS dem Ende deS 4ten Jahrhunderts sind. In dem Bogen über genannten Bildern ist eine allegorische Darstellung der Geschichte der keuschen Susanna. Ein Lamm in einer gewissen, Scheu verrathenden Stellung geht in der Mitte und über demselben bemerkt man die Worte: 8us3nns. Zwei reißende Wölfe nähern sich grimmig, um jeneS in Stücke zu zerreißen, mit der Inschrift: 8enic>res. ES ist dieß gleichsam ein Schlüssel für die Beurtheilung der übrigen symbolischen Bilder aus den ersten christlichen Jahrhunderten. „Ueber Erwarten viele Grabsteine mit Inschriften haben wir seit sieben Monaten aufgefunden; sie belaufen sich auf mehr als 20». Der heilige Vater hat sie in den Lateranpalast bringen lassen nebst vier von unS in den Katakomben von SirtuS gefundenen Sarkophagen. Sie sollen den Grund legen zur Bildung eincS neuen christlichen MuseumS, wozu der Lateran mehr als jedes andere Gebäude NomS geeignet ist. Eine merkwürdige Inschrift, mit einem Grabstichel in Kalk eingegraben, konnte noch nicht transportirt werden, ist aber von Vielen an Ort und Stelle besichtigt ES scheint ein Spruch von einem rechtgläubigen Christen zur Zeit deS AriuS zu seyn, und zwar wollte er zum Bekenntniß des Glaubens an Christum den Allmächtigen Gott das deS Glaubens an das Fegfeuer hinzufügen: LL>kMLKMII 80K0KI KM08ae in pscL ^ VIII k^l. 0LV8 LIIKI8IV8 0AMI?0IL?>8 8I>IkiIIVm IVum KLkrlLMI IN ^ 814 „Die klein gedruckten Buchstaben waren verwischt. Ein ähnliches vvus rein ßeret, spiritum tuum befintel sich im Museum deS römischen Collegö. „Wir erwähnen »och dreier merkwürdiger Zeichen, welche man an dem Schlußstein der Gräber angebracht, um daran die Zeit deS TodeS zu erkennen. Jemand, der alle Gräber von ihm theuren Personen unter den übrigen bezeichnen wollte, wählte dazu ein historisches und chronologisches Zeichen, nämlich Münzen deS Mari- mianus FarculeuS, dieses grausamsten aller Verfolger der Christen. Wir lösten sie ab und fanden an der Kehrseite die gewöhnlichen Worte: Alonvt» ^uzZ. — Ein Anderer hatte dazu eine kslera gewählt. Sie trägt das Bild eines weiblichen KopfeS und ist in der Mitte durchbohrt, um sie am HalS tragen zu können. Sie, wie noch drei andere in geringerer Größe, sind von calcedonischem Sapphir, und zwar haben sie als Prämie für Soldaten gedient. — Ein Dritter hatte sich zu demselben Zwecke eines sardonischen Edelsteins bedient, der zu einer Camoce mit dem Bildnisse deS Oetavianus Augustuö gebildet war. Kunstkenner beurtheilen sie als eine ausgezeichnete, in ihrer Art einzige Arbeit." — Pater Marche spricht am Schlüsse die Hoffnung aus, seine Entdeckungen der Art in einer periodischen Zeitschrift zu veröffentlichen. Die Errichtung der St. Petri-Brnderfchaft für den Dombau zu Köln. Köln. Die diesjährige Vigilie deS Festes der heiligen Apostelsürsten Petrus und PauluS hat für den Kölner Dom eine ganz besondere Bedeutung gewonnen, indem an diesem Tage ein längst gewünschter und oft besprochener Priesterverein für den Bau dieses in der Ehre deS heiligen Petrus gegründeten Tempels in der Form einer Bruderschaft vom heiligen Petrus ins Leben getreten ist. In Folge einer aus den Wunsch Sr. Eminenz deS CardinalS Herrn v. Geissel, unsers hochwürdigsten Herrn ErzbischofS, von dem zur Gründung dieser Bruderschaft zusammengetretenen Comite ergangcnen Einladung hatte sich die städtische Geistlichkeit und die Alumnen deS Seminars in dem großen Saale deS erzbischöflichcn PriesterscminarS eingefunden, woselbst auch das hochwürdige Domcapuel versammelt war und Se. Eminenz der Cardinal mit dem Herrn Weihbischofe gegen 10 Uhr erschienen. Im Namen deS Comites richtete der zeitige Decanatsverweser, Herr Oberpfarrer Schnepper an den Herrn Cardinal folgende Worte: „Eminenz! DaS Comit6, welches sich mit Wissen und Gutheißung Ew. Eminenz unter leitender Mitwirkung unseres hochwürdigsten Herrn Weihbischofes und Gencral- vicarS über die Wiedererrichtung der ehemaligen unter dem Patronate der heiligen Apostel Petri und Pauli so segensreich bestandenen Dombaubruderschaft berathen, hatie vor Kurzem die Freude, die entworfenen und vorgelegten Statuten zu dieser Bruderschaft von Ew. Eminenz gulbefunden, demnach genehmigt und die Bruderschaft kanonisch sanctionirl zu sehen. Die nunmehr zu bewerkstelligende Publicirung und Eröffnung der Bruderschaft, glaubte daS Comite, könne nicht angemessener, als vor dem versammelten ehrwürdigen KleruS der Stadt Köln, und nicht passender, als an dem Tage der Vigilie der heiligen Apostel PetruS und PauluS, und nicht würdiger und feierlicher geschehen, als unter der hohen Gegenwart und Autorität Ew. Eminenz. Und Ew. Eminenz hatten die Gnade, sich gern bereitwillig zu erklären, an diesem Tage in eigener Gegenwart die Statuten der Bruderschaft publiciren zu lassen und die Bruderschaft Selbst zu eröffnen. Deßhalb hat sich die gcsammle Geistlichkeit dieser Stadt in Folge der an sie ergangcnen Einladung heute ehrfurchtsvoll vor Ew. Eminenz versammelt. Möge eS nun Ew. Eminenz gefallen, die unter dem Patronate der heiligen Apostelfürsten kirchlich sanctionirte Dombaubruderschaft mit deren Statuten publiciren zu lassen, dieselbe zu eröffnen und unter Ihrem begleitenden erzbischöflichen Segen inö Leben einzuführen. Möge durch den neuen Eifer und die erhöhte Begeisterung, welche Ew. Eminenz letzter Hirtenbrief für die heilige Dombausache allgemein lL,5 hervorgerufen hat, auch diese neu errichtete Bruderschaft eine eifrige Theilnahme und allgemeiue Aufnahme unter dem gesammten Kleruö finden, und dieser sich auch hierin als würdige Nachkommenschaft jener heiligen Männer erweisen, wovon im heutigen Tagesofficium gesagt ist: Illi viri misorienrcliae! sunt, quorum pietstes non clvsue- runt, nereclitss ssneta nepote8 enrum," Se. Eminenz ertheilten hierauf dem Domcavitular Herrn Strauß den Auftrag, die Statuten der Bruderschaft und die von Höchstdeuselben vollzogene GenehmigungS- Urkunde zu verlesen. Nach Verlesung dieser Urkunde richtete Se. Eminenz eine Anrede an die Versammelten, worin dieselben zunächst Ihre Freude über dieses Begebniß des heutigen TageS auösprachen und unter Hinweisung auf die verschiedenen Beweggründe, auS welchen bisher die Thätigkeit für den Dombau hervorgegangen, cS als die Sache deS Priesters bezeichneten, der Religion, deren Dienste er sich gewidmet, auch die äußere Darstellung zu verschaffen, die in unserm Dombau in einer so großen Vollendung hervorträte. In dem weitem Verlaufe der Rede zeigten Se. Eminenz, rrie bedeutungsvoll gerade die Kölnische Metropole der PeterSdom genannt werde, und wie sich auch hierin wieder das ehrenvolle Bestreben der Kölnischen Kirche zeige, die zweite Stadt in der Christenheit zu seyn nach Rom, daS in seinem PeterSdome ein Symbol der Einheit der ganzen auf dem Erdkreise verbreiteten Kirche besitze. In den auf den Ausbau unsers PeterSdomes gerichteten Bestrebungen des Klerus erkannten Se. Eminenz auch dieses höhere Streben, begrüßten mit hoher Freude die Kundgebung desselben in der Neuerweckung der in frühern Jahrhunderten in Köln bestandenen St. Petri.Bruderschaft, fügten den Wunsch hinzu, daß diese sich nicht allein über unsere ganze Erzdiöcese, sondern über die fernsten Kreise deS Vaterlandes ausbreiten möge, verkündeten alödaun die St. Petri-Bruderschaft in kanonischer Form für errichtet, und ertheilten, während alle Anwesenden niederknieten, derselben Ihren oberhirtlichen Segen, Se. Eminenz zeichneten nun Höchstihren Namen in die Liste der Verbrüderten, und hatten die Freude, die anwesenden Geistlichen Ihrem Vorgange folgen zn sehen. So ist denn wieder eines der herrlichen Institute der Vorzeit in daS Leben getreten, in denen uusere großen christlichen Bauwerke die Quellen für die erforderlichen Geldmittel fanden. Zwar beschränkt eö sich jetzt noch auf Priester, aber wenn diese, wie nicht bezweifelt wird, in großer Zahl sich daran werden bctheiligt haben, so ist die Form leicht gefunden, in welcher auch die Laien ihren Antheil an dem heiligen Werke haben werden. Der durch diese Bruderschaft für unsern Dom gewonnene kirchliche Boden ist reich an Quellen, die für göttliche Zwecke fließen. GotteS Segen leite sie dem heiligen Werke deS DombaueS zu! (D. V. H.) Mission in Saarlouis. Saarlouis, 26. Juni. Der verflossene 15. Juni war für unsere Stadt der Anfang einer gesegneten Zeit, die hoffentlich noch recht lange in ihren Wirkungen fortdauern wirk^ An diesem Tage nämlich, als am Feste der heiligen Dreifaltigkeit, begann Pater Zobel, dieser aus frühern Missionen, besonders aus Offenburg und Luxemburg rühmlichst bekannte Missionär, nebst sechs andern Redemvtoristen, die mit ihm seit einigen Monaten in der unS nahe gelegenen Congregation dieses Ordens, in Teterchen, weilen, bei uns eine Mission, die für unsere Stadt seit ihrem Bestehen die erste ist. Der Charakter unserer Stadt ist vorwiegend französisch; in Bezug auf das religiöse Leben war bisher Gleichgiltigkelt (um sich keines stärkern AuscruckeS zu bediene») das in hohem Grade hervortretende Merkmal, so daß der Misston nicht ohne große Besorgniß entgegengesehen wurde. Wohl war die Theilnahme vom ersten Tage an eine sehr bedeutende. In den Abendvorträgen, die Pater Zobel durchgängig selbst hält, ist die Kirche regelmäßig bis zum Erdrücken gefüllt, so daß daS Auditorium jedesmal sich auf 5—7000 Menschen beläuft und viele noch weit hinaus 216 vor dem geöffneten Portale auf dem Paradeplatze stehen. Trotz dieser Theilnahme war der Eindruck in den ersten Tagen bei Weitem nicht der beste, vielmehr zeigte sich Unwillen und Aufregung, wie das sehr natürlich ist. Aber schon gegen Ende der Woche wurde die Stimmung eine andere. Es wäre auch mehr als zu verwun- dern und gewiß ein trauriges Zeichen für eine Stadt, wenn man den Vortragen deS Pater Zobel, den man wohl einen gcbornen Missionär nennen kann, widerstehen könnte. Wer nicht fortgerissen wird durch die Kraft der Ueberzeugung, mit welcher dieser für die heilige Sache glühende Sendbote spricht, der wird sicher erschüttert und erweicht durch seine unermüdete Anstrengung und Aufopferung. Leider sind durch die sortgesetzte Anstrengung seine Brust und sein Hals so afficirt, daß eine stehende Heiserkeit ihm die abendlichen Vorträge sehr erschwert. Nichts desto weniger spricht er jeden Abend fünf Viertel bis anderthalb Stunden und sitzt von früh Morgens bis spät AbendS im Beichtstuhle. Dieser seiner sich ganz hingebenden Aufopferung für das Gute, so wie dem uuermüdeten Eifer der übrigen Patres, deren Vorträge eben so gern gehört werden, ist eS wohl zuzuschreiben, daß seit dem Anfange dieser Woche unsere Mission eine vollkommen gelungene genannt werden kann. Die sieben Missionäre nebst den drei Pfarrgeistlichen von hier sitzen von Morgens bis AbendS fast ununterbrochen im Beichtstuhle. Die Theilnahme, besonders der Männer auS allen Ständen ist eine großartige und rührende. Die Zufriedenheit, ja die Liebe zu den Missionären wird täglich größer und fehlt es nicht an Beweisen dieser Liebe. So war z. B. heute Morgen schon um vier Uhr der Weg aus dem Pfarrhause in die Kirche mit Rosen bestreut. Ich verspreche mir eine großartige Schlußfeierlichkeit, welche am 6. Juli, dem Feste Mariä Heimsuchung, stattfinden wird. — Weil die französische Sprache hier neben der deutschen noch gleiche Rechte behauptet und eS noch Manche hier gibt, die nur französisch sprechen, so wird vom folgenden Montag ab jeden Tag außer den drei deutschen noch eine französische Predigt gehalten werden. Die vier letzten Tage der Mission werden wahrscheinlich der hiesigen Garnison, die jetzt überwiegend katholisch ist, gewidmet seyn. (M. I.) Münster, 14. Juni. Vor einigen Tagen nahm der bisherige Pfarrer von Hopsten, Richard Freiherr von Ketteler, Abschied von Westfalen, um seine Reise nach Tyrol zu den Kapuzinern anzutreten. Vor ungefähr zwölf Jahren stand er noch als Ofsicier bei den blauen Husaren in Düsseldorf, er nahm seinen Abschied, studirte Theologie, trat in das Priesterseminar zu Münster, ward Caplan, dann Pfarrer, ging init den Soldaten aus Westfalen als Seelsorger nach Holstein und Jütland, ritt kühn mitten im Kugelregen mit der Stola bekleidet an ihrer Seite, half auf dem Schlachtfelde den Verwundeten und Sterbenden, ward Ritter des rothen Adlerordens, sollte zum Propste in Berlin ernannt werden und gab zur Antwort: „Ich werde ein armer Capuziner." — Bei seinem Abschiede als Officier ließ einer seiner Vorgesetzten die bittere Bemerkung fallen: „Ihre Aussicht im geistlichen Stande ist nicht günstig, denn der Erzbischof von Köln ist noch jung." Er gab zur Antwort: „Sie haben meine Beförderung nicht zu fürchten, denn ich will so katholisch leben, daß ich bei dem jetzigen System niemals persons Zrats werde; — ich verlange nichts, als den Himmel von der Barmherzigkeit Gottes." — Durch seinen Eintritt in das Novi- ziat der Capuziner hat er seine damalige Aussage bestätigt. — In der letzten Zeit laS er fleißig das Leben des heil. Gottfried, Grafen von Kappenberg, der mit seinem Bruder Otto zur Zeit des heil. Norbertuö so viel für Westfalen gewirkt. Nach ihrem Beispiele verlangte er alles Besitzthum der Welt abzustreifen. In unserer materiellen und durchaus selbstsüchtigen Zeit gereicht unS ein solcher Entschluß und seine feste Ausführung zu desto größerer Freude. — Gott wird'S lohnen. (D. V.H.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. VerlagS-Jnhaber: F. C. Kremer Eilster Jahrgang. Sonntags-Beiblatt it'!i7'cZi!ii .1!!./ ^!^^!!^^ i.!^ nj »!itch>7)G M< „,s,7^ „j .^j^ I,!,,^!,! ^ 13. Juli 28. ^I.li'ü ,1^-/ !!^^-!^^ !Hsl!>!i chlill , inöit 1851. /?7? »5 I^IlI>?^«Zs^8 - Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreia 4tt kr., wofür cS durch alle kvnkgl. baycr. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. ,l6nl<1 hlluZiiÄ' sllslo ll'^Is,l»!.iii»7)üT 7»Ä chiw7^V 7ü1 ilZli)? il> iw »^Il^t tu»k(T ..4»ss ^ij!ilicl.i'jfs.b!f nz^g ichviZ ,mnn57 Ueber die Sacramentcilien und ihre Wirksamkeit ist man schon lange ganz glcichgiltig, weil man der irrigen Meinung ist, daß man auch ohne für sie empfänglich gewesen zu seyn, selig sterben könne. Diese Meinung wird auf die Bemerkung gegründet, daß durch die Anrufung des Namens Jesu und das Kreuzzeichen zc. nur in den ersten christlichen Jahrhunderten, wo alle Christen heilig lebten, und in den spätern Jahrhunderten auch nur durch Heilige außerordentliche Wirkungen erfolgten. Dieser Schluß ist allerdings richtig, weil die Wirksamkeit der Sacramentalien auch vom heiligen Wandel der Gläubigen abhängig ist, und nur höchst selten nach Gottes gütigen Absichten ohne solchen eine Wirkung erfolgt. Ganz irrig ist aber die Meinung, daß man doch selig sterben könne, ohne heilig gelebt zu haben, und für ihre Wirksamkeit empfänglich gewesen zu seyn. Dieser Irrthum beruht auf der irrigen Meinung von der Selig- und Heiligsprechung der Kirche uud der in der Kindheit empfangenen Taufe. Man meint, die Kirche spreche nur solche Christen heilig, die ihrer außerordentlichen hcldenmüthigcn Tugenden wegen eine höhere Glorie im Himmel genießen, daher auch mehr vermiß gende Fürbitter bei Gott seyen. Man bedenkt nicht, daß man ohne außerordentliche Offenbaruug uicht wissen könne, wie hoch ein Heiliger im Himmel erhöht wurde; daher die Kirche, wenn sie den Lebenswandel der Selig- oder Heiligzusprechenden sorgfältig geprüft hat, nur erklärt, daß sie ohne schwere Sünde, durch gelreue Erfüllung der durch die Taufe übernommenen Pflichten, gestorben sind, und daher zur Nachahmung empfohlen und um Fürbitte angerufen werden dürfen. In das Himmelreich können nur die eingehen, welche ohne schwere Sünde von Kindheit an oder nach bußfertiger Rückkehr zu Gott gelebt haben; denn Jesus sagt ausdrücklich: „Nicht Jeder, der zu mir Herr, Herr! sagt, wird in den Himmel eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters thut" (Matth. 7, 2l.). WaS der Wille Gottes ist, lehrt der Apostel Paulus mit diesen Worten: „Das ist der Wille Gottes, daß ihr heilig lebet," d. h. ohne schwere Sünde, weil kein Mensch ohne geringe Sünden leben kann (I. Thess. 4, 3.). „Denn nicht die F>orer des Gesetzes sind gerecht bei Gott, sondern die Befolge? deS Gesetzes werden gerechtfertigt werden" (Röm. 2, l3.). So glaubte man allgemein in den ersten christlichen Jahrhunderten; daher schrieb der heilige Märtyrer in 4 «am «diU si-i» ,n>ll»«t ii/ssiN s-lchm'iiWn,4»»66n;k,!iT mtnnkizH «os '.«H», ') Aus der eben (bei Manz in RegenSbuig) erschienenen sehr empfehlenSwcrthcn Schrift: „Nvthwendigcr Unterricht für jeden Christen über die Wirkungen des gläubigen Gebrauchs des Namens Jesu, des Krcu^elchcn«, des geweihten Wasscrs und anderer geweihter Dinge, und «her den >5r»rci>?mus, Nach (5. Meunc von Psanviear S, Buchfclncr." 218 Justin im Jahre i67 in seiner Schutzschrift der Christen: „Wenn man Einige .findet, die nicht so leben, wie Christus lehrte, so muß man die nicht für Christen halten, wenn sie auch getauft sind und die Lehre Christi im Munde führen; denn JesuS hat nicht dem mündlichen Bekenntnisse, sondern nur Jenen den Himmel versprochen, die wie Jesus leben." Wer in den Himmel eingehen will, muß heilig, d. h. ohne schwere Sünde leben, nach der Lehre und dem Beispiele Jesu, und für die Wirkung der Sacramen- talien empfänglich seyn. So lebten die Christen in den ersten und alle Gerechten in den folgenden Jahrhunderten, und in diesem Glauben, der sich durch einen heiligen Lebenswandel zu erkennen gab, liegt der Grund der Wirksamkeit der von ihnen gebrauchten Sacramentalien. Seit der Zeit, als die Christen nicht mehr heilig nach der Lehre nnd dem Beispiele Jesu leben, bleiben die Sacramentalien ohne Wirkung. Solchen bloßen Namenchristen hat aber JesnS, schreibt der heilige Märtyrer Justin mit den Aposteln, auch den Himmel nicht versprochen. Christen, bei denen der Gebrauch der Sacramentalien ohne alle Wirkung bleibt, sind daher in großem Irrthume, wenn sie glauben, doch in den Himmel kommen zu können, und daher gegen sie gleichgiltig sind. Damit wollen wir aber nicht sagen, daß die Sacramentalien in allen Anliegen sich wirksam erzeigen müßten; denn von Krankheiten und andern zeitlichen Prüfungen und gerechte» Züchtigungen wird Gott uns nur dann durch sie befreien, wenn sie zu unsrer Besserung und Vervollkommnung nicht mehr nöthig sind., Wenn aber die Sacramentalien anch unwirksam bleiben, wenn sie angewendet werden als Schutz- und Bewahrungsmittel gegen Versuchungen und Sünden, dann glauben wir die Unwirksamkeit derselben und die Gleichgiltigkeit gegen sie als Kennzeichen der Nothwendigkeit der Buße durch wirkliche Erneuerung des Taufbundes ansehen müssen, die in wahrer Bekehrung zu Gott besteht, welche aber nur von einer kleinen Anzahl erfolgt seit der Zeit, als die heilige Taufe den Kindern nach ihrer Geburt ertheilt wird. Die ersten Christen, denen man erst nach gründlicher Bekehrung zn Gott die heilige Taufe ertheilte, erneuerten nicht nur jährlich am Tage des Empfangs derselben, sondern an allen Sonntagen bei dem heiligen Meßopfer das Versprechen, dem Teufel, seinen Versuchungen, und der Gemeinschaft mit seinen Anhängern nach der Ermahnung des Apostels (2. Thess. 3, 6.) zu entsagen und aus Liebe zu Gott die Lehre Jesu zu befolgen. Sie glaubten, daß ihnen ohne vorhergehende Besserung die vor der Taufe begangenen Sünden durch sie nicht nachgelassen, und ihnen ohne heiligen Lebenswandel der versprochene Himmel nicht zu Theil werde. Wie zur Zeit Jesu die Juden durch die Beschneidung sich für Söhne Abrahams hielten, ohne die Werke Abrahams zn thun; so hoffen jetzt die meisten Christen den Himmel, weil sie als Kinder getauft worden sind, dem Meßopfer und den Predigten beiwohnen, und die heiligen Sacramente empfangen. Zwar sollte jever Empfang des BußsacramenteS eine Erneuerung des TaufbundeS seyn, weil auch die nach der Taufe begangenen Sünden durch die Lossprechung des Priesters ohne vorhergehende Besserung nicht nachgelassen werden; eS werden aber von den Meisten von einer Beicht zur andern die alten Sünden der Hoffart, der Gotteslästerung, der Unzucht, wenigstens durch unkcusche Reden, der Unmäßigkeit, der Habsucht, Feindschaft u. s. f. begangen. Man glaubt, mit dem gegebenen Versprechen, daß man sich bessern wolle, schon Verzeihung der Sünden zu erhalten. Wie wenig solche Namenchristen über die durch die Taufe übernommene Verpflichtung eines heiligen Lebens, um durch sie in den Himmel eingehen zu können, nachdenken, kann man daraus erkennen, daß die meisten Söhne und Töchter, so wie die Hausväter, vou den bekannten Tugendbündnissen nichts wissen wollen, obgleich man den Himmel nicht erlangt, wenn man die Satzungen dieser Bündnisse, die nur die christlichen Standespflichten enthalten, wozu die heilige Taufe sie verpflichtet, nicht befolgt. Man will der Kleiderhoffart in Seide, Gold und Silber, den künstlichen Haargeflechten, welche die Apostel verbieten (1. Tim. 2, 9.; 1. Petr. 3, 3.), den Bekannt- 219 schaften, den Tanzgesellschaften, den Besuchen der Personen deö andern Geschlechtes, den Spiel- und Trinkgelagen, welche Werke des Satans sind, und womit der Sonntag entheiligt wird, nicht entsagen, noch weniger will man durch AndachtSübungcn, Lesen >» geistlichen Büchern, den oftmaligen Empfang der heiligen Sacramente, durch Selvstverläugnuug und Abtödtung, nach der Lehre und dem Beispiele Jesu, ein heiliges Leben führen, wozu doch die empfangene heilige Taufe jeden Christen nach der Lehre der Apostel verpflichtet. Da ohne heiligen Lebenswandel, nach dem Beispiele Jesu und der Christen in den ersten Jahrhunderten, der Gebrauch der Sacramentalien der Kirche, aus Mangel an lebendigem Glauben, ohne Wirkung bleibt, so wollen wir noch auf die Verpflichtung durch die empfangene Taufe zu einem heiligen Leben aufmerksam machen, um zur Buße zu bewegen, welche die Kinder schon bedürfen durch Unterwerfung ihres Willens und ihrer Neigungen unter Gottes Willen, um so mehr, da nur Jenen durch die Taufe der Himmel verheißen ist, die nach der Lehre und dem Beispiele Jesu heilig leben. Möchten wir, um den Sacramentalien Wirksamkeit zu geben und unsre Erwählung zum Himmel durch die Taufe sicher zu stellen, folgende Ermahnungen der Apostel so beherzigen, als wollten wir uns durch ihre Befolgung erst deS Empfangs der Taufe würdig machen, um die verminderte oder Verlorne Gnade derselben durch den würdigen Empfang deS Bußsacramentes wieder zu erhalten! — Der Apostel Paulus sagt: „Wisset ihr nicht, daß wir Alle, die wir in Christo Jesu getauft sind, in seinem Tode (daß auch wir der Sünde absterben sollen) getauft worden sind? Wie ChristnS von den Todten auferstanden ist, sollen auch wir im neuen Leben wandeln" (Rom. 6, 3. 4.). „Ihr Alle, die ihr in Christo getauft seyd, habt Christum angezogen" (Gal. 3, 27.). Jesum Christum ziehen wir nur dann an, wenn wir die heiligen Gesinnungen Jesu annehmen, und, wie er, ein heiliges Leben führen. Daher schreibt der Apostel an die Epheser, welche die heilige Taufe empfangen hatten: „Seyd also Nachahmer Gottes. Unzucht und jede Unreinigkeit, oder Geiz werde unter euch nicht einmal genannt, wie es Heiligen geziemt, noch komme vor unkeusche Reden, Zotten und Possen. Denn daS sollet ihr wissen und wohl bedenken, daß kein Unzüchtiger oder Geiziger einen Erbtheil am Reiche Christi und GotteS habe" (Eph. 5, 1—5.). „Die Christo (durch Nachfolge) angehören, kreuzigen ihr Fleisch sammt den Lüsten und Begierden" (Gal. 5, 24.). Wie JesuS von den Weltfreuden dachte, lehren folgende Worte: „Hütet euch, daß eure Herzen nicht etwa beschwert werden durch Nöllerei, Trunkenheit und irdische Sorgen und jener Tag euch plötzlich überrasche" (Luk.2l, 34.). „Weh euch, ihr Reichen! ihr habt euren Trost! Weh euch, die ihr gesättigt seyd (die ihr eure irdischen Wünsche immer erfüllt seht, alle Weltverguügen genießet), ihr werdet hungern. Weh euch, die ihr jetzt lachet (und tanzet im Genusse der Welt); denn ihr werdet trauern und weinen (in der Hölle). Weh euch, wenn euch die (Welt)-Menschcn loben" (Luk. 6, 24-26.). Der heilige Apostel Petrus ermähnte die Christen mit diesen Worten zu einem heiligen Wandel: „Ergebet euch nicht mehr den Lüsten, wie vorher in eurer Unwissenheit (als Heiden), sondern wie der heilig ist, der euch berufen hat (durch die Taufe), so sollet auch ihr heilig werden in eurem ganzen Wandel" (1. Petr. 1, 14. 15.). Um sie noch mehr dazu zu bewegen, erinnerte er sie an den großen Gerichtstag und an die Verbrennung der Erde durch das Feuer, und setzte dann hinzu: „Da diesem Allem eine Zerstörung bevorsteht, wie sehr sollt ihr euch bestreben, im heiligen Wandel und in Gottseligkeit zu leben" (2. Petr. 3, 11.). Um wie viel mehr sollen dieß wir thun, da wir der Ankunft des Antichrists, dessen Lehre vom Genusse der Welt ohne Selbstverläugnung von seinen Vorgängern 22V schon verkündet wird, dem allgemeinen Gerichtstage lind der Verbrennung der Erde durch das Feuer, nach HolzhanserS Erklärung der Offenbarung JvhanniS unv des AbteS Charbonnel, und einer Offenbarung über Frankreich von Orwals (Passau, Ambrosische Buchhandlung 18-18), schon sehr nahe sind! Nach dieser Offenbarung, die seit mehr als fünfzig Jahren in Erfüllung ging, werden bis 1857 oder 1858 furchtbare Kriege und ein Zustand großer Verwirrung entstehen, zuletzt dic Stadt Paris durch Feuer ganz zerstört werden. Unter dem Herzoge von Bordeaux als König von Frankreich wird dann 13'/z Jahr Friede herrsche», England und drei Fürsten und Könige werden zur katholischen Kirche zurückkehren, di/ herrlich zur Stärkung auf die hierauf wiederkommenden letzten LeidenStage blühen wird. Um das Jahr 1885 werden der Antichrist, Enoch und Elias erscheinen und hierauf wird das Weltende erfolgen. ^) .^.'!!<-W nnill NWiM!'...-? -1.7'.: 'ZIIU Sinlü-W '-.' '! .^!ki!i7,,tt M(i DaS Haus selbst ist besonders nach der Straßenseile nicht schön; es besteht aus einem ganzen System von kleinern, nach und nach zusammengekauften Gebäuden und Höfen; aber ein großer schöner Garten, der in Terrassen nach der Moselseite hinunter sich ausbreitet, rundet das Ganze ab und gewährt den Raum zu einem neu und planmäßiger zu erbauenden Hause. In der freundlichen Hauscapelle, worin etwa 200 Personen Platz haben, kann der ersten heiligen Messe auch der auswärtige Besucher auf einer Emporbühne beiwohnen. Da wird er, bevor die Kinder in langer Reihe zwei und zwei unten eintreten und nach der Verbeugung vor dem Altare die Räume und Bänke in der Mitte ausfüllen, auf beiden Seiten an den Wänden die Damen und Schwestern noch im Absingen ihres ersten Officiums begriffen finden und er wird glauben, aus den abwechselnden himmlisch reinen Stimmen den Chor der Schutzengel nachklingen zu hören, welche die Nacht hindurch die Schaar der Kinder in unschuldigem Schlummer in ihren weiten Schlafsälen behütet haben. Während der heiligen Messe wird auch von den, Kindern gesungen und an Sonn- und Festtagen die Orgel gespielt. Den übrigen Tag kindurch wechseln in öftern kurzen Zwischcn- räumen die halbstündigen Unterrichtögegenstände mit den vollen Stunden, welche zur Vorbereitung, zu weiblichen Arbeiten, zu Musik und Zeichnen oder zu andern Privat- stunren bei städtischen Lehrern bestimmt sind, sodann mit den Erholungen und den vier täglichen Mahlzeiten. Was man von der Verwandtschaft des weiblichen Ordens vom heiligen Herzen Jesu mit dem männlichen der Gesellschaft Jesu so häufig hört, erscheint äußerlich besonders in der großen, frischen und unermüdlichen Thätigkeit, welche verbunden mit den innigsten Uebungen deö innerlichen Lebens das eigene 227 „Selbst" und „Ich" ganz vergessen, für andere zu leben und in diesen jugendlichen Andern den Heiland zu bedienen, zu ehren und immer zu lieben lehrt. Außer dieser gleichen Widmung für die Erziehung der Jugend besteht zwischen bciven Orten weder in Metz noch anderwärts eine engere Verbindung. Die Väter linsen nicht einmal die regelmäßigen Beichtväter der Damenklöster seyn, sondern nur die jährlichen geistlichen Uebungen für die Zöglinge sowohl als für die Klosterfrauen selbst halten. Der Hausgeistliche oer Anstalt wirv von dem Bischof auö den Weltpriestern und zwar unter vielen sorgfältig gewählt und eigens angestellt. Nur in katholischen Ländern, wo auf die Frage: „wozu bist du erschaffen?" einfach und frisch geantwortet wird: „um Gott zu erkennen, zu lieben und zn dienen;" nur in katholischen Familien kann der Begriff eines weiblichen religiösen LebenslaufeS, kann dessen Erkenntniß und Fvlgeleiftung eine rücksichtslose Geltung haben. Der abstracle Beruf zum Unterricht ist allerdings nicht häufig, nicht unmittelbar und selbstständig in die weibliche Natur gelegt; er läßt sich auch weder erzwingen noch andichten. Aber es ist auch nicht der abstracte Beruf zum Lehrfach, sondern der lebendige Ruf des Herrn zu seinem eigenen Dienste, zu dem Dienste in seinen Kindern, denen ihr Erbthcil, das Himmelreich, offen gehalten werden soll, es ist die unwiderstehliche Stimme des guten Hirten, der die liebende Seele bei ihrem Namen ruft, daß sie aus Dankbarkeit für das eigene Glück der Erkenntniß, ohne Zögern, mit dem freudigen Opfer von Schönheit und Jugend auch andern zeigen muß, Gott zu erken-- nen, zn lieben und zu dienen, sobald, so weit und so wie er es gerade will. Wenn dann auch die innern und äußern Kämpfe nicht mit einem Male weggenommen sind, so findet doch jeder Erdensieg schon hier seine Himmelskrone, uuv ein Heimweh zurück mich der überwundenen Welt ist unerhört. Hier werden zahlreiche Stimmen aus der Welt, auS der überwindlich gebliebenen Welt vielleicht einwerfen: „Aber der Beruf der Mädchen ist das Hcirathen und die Familie; Nonnen zu werden ist für sie nicht natürlich; wie kann man auch seine Töchter solchen der Welt unkunvigen Nonnen anvertrauen, die wahrscheinlich ihr Möglichstes thun werden, ikncn künstlich gleichfalls diesen Beruf aufzudrängen?" Auf den ersten Einwurf ist nicht viel Anderes zu erwidern, als daß die hier angerufene Natnr, welche übrigens die Bestimmung der Menschen nicht gleich, sondern mannigfaltig erscheinen läßt, nicht das höchste Gesetz ist in den Augen von Christen, deren eigentliche und letzte Bestimmung vielleicht eine übernatürliche ist; daß auch die wahre christliche Ehe eine übernatürliche Weihe nnd Ergebenheit, also eine Vorschule verlangt, wodurch die eigenwillige Natnr gebrochen wirv, und daß endlich die unfreiwillige, ungeweihte Ehelosigkeit der auf's Heiralhen allein abgerichteten und vertrösteten Mädchdn eine wachsende trostlose Plage der Gesellschaft wird. Solche Eltern, welche einen religiösen Beruf ihrer Töchter überhaupt für unzulässig oder für ein Unglück halten, mögen allerdings wohl daran thnn, sie nicht in die Lage zu setzen, die 'Stimme des guten Hirten zu vernehmen und das ernste, doch so liebevolle Vorbild seiner Bräute täglich vor Augen zu haben. Für schwankende Gemüther möge jedoch der zweite Einwurf hier einer bestimmtern Beruhigung begegnen. Abgesehen davon, daß das beschauliche Leben den Geist und dessen Thatkraft durchaus nicht schwächt und daß auö solcher Schule, wie leicht nachzuweisen, schaffende Geister vorzugsweise hervorgehen, sind die Vorsteherinnen der Erziehungs- klöster der Welt so wenig unkundig, daß sie den Eltern oft auf den ersten Blick ansehen oder am ersten Brief durchfühlen, in welcher irdischen oder ge stigen Luftschichte sie leben; auch nehmen sie wie natürlich auf bestimmte Familienverhältnisse und besondere Wünsche gern alle Rücksicht, da ja sonst wiederholte Klagen dem Kloster, als Erziehungsanstalt, das Vertrauen weit und breit entziehen würden. Aber es ist anch in der That die Gefahr nicht groß, daß die Bäume in den Himmel wachsen, und nicht allein, daß der Beruf mit dem vollen guten Willen schwer und selten ist, auch dem guten Willen fehlen oft noch die Fähigkeiten, so daß manche jnnge Postulantin nach wenigen Tagen verzichten muß, unter den Novizen aber weit mehrere als nicht bc- SS8 fähigt entlassen werden, als aus eigener Enttäuschung zurücktreten. Wenn die Novizen nach zweijähriger Prvbe in den Noviziaten zu Paris oder Kinzheim (in der Nähe von Colmar) ihr erstes Gelübde auf sechs Jahre abgelegt haben und eingekleidet sind, werden sie nach Maßgabe ihrer besondern Eigenschaften durch die Generalvbcrin in eines der 6V Häuser abgesandt, wo sie dann als Damen ihre Nummer in der Gemeinschaft uud ihre Verwendung im Pensionate von der örtlichen Oberin erhalten und die Mauern der neuen Heimat nicht wieder verlassen, als mit dem Tode oder durch Abberufung und Versetzung in ein anderes Haus, was zuweilen sehr plötzlich geschieht. Als Unterlehrerin unter der steten Leitung älterer Damen macht die Ncu- eingetretene dann ihre ersten praktischen Proben; sie erhält nicht einmal eine eigene Zelle, da sie als Aufseherin in einem der Schlafsäle zubringt, und die Lossagung von aller Gewohnheit des Eigenthums geht so weit, daß während Kleidung und Wäsche nur von der Gemeinschaft verwaltet und herausgegeben wird, die Klosterfrauen, welche noch keine eigene Zelle habe», keinen andern Ort als ihre Schlafstelle, auch zur Aufbewahrung ihres Gebetbuchs, als ihnen eigen benutzen können. Aber mit welcher bewundernden Aufmerksamkeit, mit welcher Rührung werden solche kleine Züge von den Kindern, welche oft nicht viel jünger sind, als ihre Vorbilder, beobachtet und durch liebevolle Folgsamkeit belohnt; die Entdeckung einer einzigen schweren, doch stillen Entsagung wirkt oft tiefer, als sonst die Lehre einer ganzen Woche. (Fortsetzung folgt.) Das hundertjährige Jubiläum der Hofkirche in Dresden. Dresden. Am Sonntag den 29. Juni feierte die hiesige katholische Gemeinde das hundertjährige Jubiläum der Einweihung ihres herrlichen Gotteshauses, der königl. katholischen Hof- und Pfarrkirche, dieser Zierde unserer freundlichen Stadt. Die Geschichte dieses prachtvollen Tempels muß jeden katholischen Christen mit dem innigsten Danke erfüllen gegen den Gründer desselben, der dieses Denkmal seiner Frömmigkeit so prachtvoll ausstattete, gegen dessen Nachfolger und alle Glieder des königl. Hauses, welche zur Herstellung und Erhaltung eines würdevollen Gottesdienstes in demselben unablässig beitrugen, gegen den König, welcher erst bei der jüngsten Restaurirung des Innern der Kirche für die Ausschmückung der Altäre, Capellen u. s. w. die größten Opfer brachte, aber auch gegen die Regierung, welche zu dieser Erneuerung einen nicht unansehnlichen Beilrag aus der Staatscasse bewilligte. ES war also diese Jubelfeier recht eigentlich ein Fest, an welchem die Dresdener katholische Gemeinde ihren Dank und ihre Freude an den Tag zu legen halte, und von diesem Grundsatze scheint die Festordnung ausgegangen zu seyn, welche der hochwürdigste Herr Bischof entworfen hatte. Ihre Majestäten, der König und die Königin, so wie die übrigen in Dresden anwesenden hohen Mitglieder der königl. Familie nahmen in ihren Oratorien an der Feierlichkeit Theil, der Hofstaat befand sich in den südlichen Logen der Kirche, in den nördlichen wohnten der Feierlichkeit, welche von Morgens 10 bis 12 Uhr dauerte, als eingeladene Gäste bei: die Herren Minister, viele Herren Officiere, Räthe der höbern Kollegien, und im Namen des Stadtrathes von Dresden, welcher ein sehr entsprechendes Glückwunschschreiben geschickt hatte, Herr Bürgermeister Ritter :c. Pfotcnhauer. Die Feierlichkeiten begannen mit einer großen Procession, welche, nachdem sie am Hauptporlale die Ankunft deS hochwürdigsten Herrn Bischofs erwartet hatte, sich durch die ganze Kirche an alle Altare bewegte, vor denen die üblichen Ceremonien stattfanden. Die Spitze der Procession bildeten in sür das Auge höchst wohlthuender Weise die weiblichen Zöglinge des hiesigen katholischen Stiftes, dann Mädchen aus den andern katholischen Schulen, weiß und grün gekleidet; — zwei von ihnen trugen je ein weißes grüneingefaßtes AtlaSkissen, auf deren einem sich „Worte des Dankes" ein Gedicht im Namen der Gemeinde Sr. Majestät dem Könige gewidmet, welches 229 dasselbe Kind später mündlich an Se. Majestät richtete, auf deren andern, sich der NamenSzug Sr. Majestät in Blumen befand. Ihnen folgten Knaben, dann die Lehrer der hiesigen katholischen Schulen, und zwischen dem bisher genannten Theile des Zuges vier prachtvolle Fahnen. Den Lehrern folgten die Kirchen- und Schulväter, dann zwölf besuchende, hiesige und fremde Priester, ihnen die zehn amtirendcn Geistlichen, endlich der hochwürdigste Herr Bischof; den Schluß machten eine Anzahl durch Karten besonders eingeladener Honoratioren der hiesigen katholischen Gemeinde, in erster Reihe Se. Erlaucht Graf Kuefstein, k. k. österr. Gesandter am hiesigen königl. Hofe. Ein feierlicher Choral, comp. vom Kapellmeister Reißigcr, begleitete den ersten Theil der Feier. Nachdem der Zug am Hochaltare angelangt war, leitete ein Lied die Predigt ein. Der hochwürdigste Herr Bischof hielt die Predigt selbst über den Tert: „Heute ist diesem Hause Heil widerfahren," und bewährte dadurch von Neuem seinen langjährigen Ruf als ausgezeichneter Kanzelredner. Der Predigt folgte ein zu dieser Feier vom Kapellmeister Reißiger besonders componirter Festgesang, ausgeführt vom Sängerchore der königl. Hofkirche. Während desselben verfügte sich der hochwürdigste Herr Bischof an den Communionaltar, legte dort die kirchlichen Gewänder an, schritt zum Hochaltäre und stimmte dort das herrliche Hasse'sche Te Deum an, nach dessen meisterhafter Ausführung durch die vollzählige königl. Capelle ein feierliches Hochamt folgte, welches durch zahlreich assistirende Priester (23 im Ganzen) in ihren herrlichen Gewändern einen besonders erhabenen Charakter gewann. Der hochwürdigste Herr Bischof war während der Feier mit demselben goldenen Kreuze geschmückt, welches dem Dechant von Bautzen Wosky von Bärenstamm vor 100 Jahren zur Einweihung der Kirche von der Königin Josephine geschenkt worden war. Dem Hochamte folgte eine ebenfalls von Reißiger componirte Musik, und den Schluß der ganzen schönen Feierlichkeit, welche unter außerordentlich zahlreicher Theilnahme stattfand, bildete ein Gebet, für Se. Majestät den König und das ganze Königshaus verrichtet, worein gewiß nicht nur jeder anwesende Katholik, sondern jeder Sachse mit voller Seele einstimmte. (Fr. S.-Z.) Urtheil eines Generals über Josepbinische Zustände. Der ritterliche und geniale Fürst Friedrich Schwarzenberg (gegenwärtig k. k. General) welcher sich auch in der deutschen Literatur durch sein Werk: AuS dem Wanderbuche eines verabschiedeten Lanzknechtes einen bedeutenden Ruf erworben, hat jüngst den zweiten FaScikel seiner „Antediluvianischen Papierschnitzel" (von 1842 bis 1847) als Manuscript für Freunde drucken lassen. ES sind in die- sein Bande auch Aphorismen enthalten, welche für ein katholisches Lescpublicum um so interessanter seyn können, da sie von einem Cavalier und Soldaten herrühren. Wir wollen hier einige folgen lassen: „Die Josephinische Epoche sollte dem Demokraten d. h. Volks mann, noch verhaßter als vom Standpuncte des Aristokraten erscheinen. Dem Aristokraten griff sie nur an den Beutel, — dem Volke an daS Herz, denn im Herzen des Volkes klingen zwei Stimmen vernehmlich, es ist die Muttersprache, d. h. die Sprache, welche die Mutter zum Kinde sprach, — dann die Worte, mit welchen der Priester ihm Trost und Hilfe von Oben zusichert. Wer diese beiden Zungen aus dem Halse reißt, ist ein Hochverräther am Volke, Nationalität und Kirche, — Glaube an seine Race und seinen Gott sind Heiligihümer deö gemeinen Mannes. Der sie ihm raubt, versündigt sich mehr an ihm, als an dem Fürsteil und Grafen, dessen Wappenschild er in den Staub tritt. Ich will nicht eben behaupten, daß ich täglich in die Frühmesse gehe, und noch weniger, daß ich nicht zuweilen gerne ein Glas Champagner mit Accompagnement einer Trüffelpastete zu Leibe nehme. Würde man mir aber verwehren wollen in die Messe zu gehen, und mich zwingen täglich Champagner zu trinken und Pasteten zu essen, ich spränge beim Dach- 230 ftnster hinaus, lim in die Kirche zu laufen, und man müßte mir die Zähne aus- brcchen, um mir den Champagner einzugießcn und die Pastete in den Hals zu stopfen. — So kömmt mir aber die Joscphinische Epoche vor, — und noch dazu war es mit dem Champagner und den Pasteten auch nicht so ganz richtig, und die Herren Philosophen hatten allerhand Teufelsdreck und Laugensalz beigemischt, welches sie nicht, wie bei der Hochzeit zu Canaan, zu trinkbarem Wein zu verwandeln verstanden." „Wenn Mehemed Ali, dem als Türke und Moslemin wenig an der egyptischen Vorzeit liegen kann, eine Pyramide in einen Kavallerie-Stall verwandelt, oder die Asche einer Nekropole in die Lüfte, streuen läßt, so schreit ganz Europa: Anathema! über den Barbaren. Wenn aber nach den Josphinischen Verordnungen Kirchen und Klöster, welche als ehrwürdige Monumente unserer eigenen Vergangenheit in die Gegenwart hineinragten, zu Casernen und Zuchthäusern verwandelt, wenn die Asche unserer eigenen Kaiser und Helden, — eines Niklas Salm z. B., — ja jene der Babenberger und sogar Habsburger, — (wie in der Karthause zu Gaming in den achtziger Jahren) :c. :c. ic. in die Lüfte gestreut und der Vergessenheit übergeben wurden, so findet man Fortschritt und lobenswerthe Sanitäts-Obhut darin!" „Es gab eine Zeit, in welcher die Fechtenden, — die Männer deS Schwertes, — die Männer deö Pfluges und des Gewerbes regierten, weil sie die Stärkern waren, aber sie selbst standen unter der Vormundschaft der Kirche, — (der Männer deS Geistes, oder vielmehr der Seele, — der Geistlichen.) — Damals bezeichnete das Chorhemd und die Eisenrüstung die Führer der menschlichen Gesellschaft. Da kamen die Klugen, — die Männer der Feder, — und sie besudelten das Chorhemd mit Galle und Schmutz, bis es in Fetzen zerfiel, und bis in dieser Lauge auch der Stahlpanzer vom Rost zerfressen warv; und seitdem ist der Purpurmantel, das Pallium und die Rüstung zum Kostüm, zum Theateranzug geworden, und eS regieren die Leute im schwarze» Frack, — die Schreibenden! — Die Leute aber ohne Chorhemd, ohne Panzer, ohne Frack, — die Leute, die arbeiten, und eben deßwegen meistens blos in Hemdärmeln functioniren, — haben keine große Veränderung dabei erlebt, und schwitzen dabei auch im Hemde genugsam, ohne gerade die obenbenannten Habite besonders dazu zu benöthigen, sollen aber jetzt mitfechten, mitdenken, und zur Noih mitlesen und mitschreiben. Mit der Zeit werden Andere, welche blos fechten, und eS darin zur Superiorität gebracht haben, sich wieder vereinigen, und die blos Denkenden oder blos Arbeitenden, die eS natürlich nicht mit ihnen aufnehmen können, wieder unter das vorige Joch bringen. Die Schreibenden werden argu- mentiren, aber die Fechtenden dagegen decidiren, bis sie ermüdet vom Kampf und zuletzt vom Sieg wieder deu Schreibern Platz machen werden." „Wo aber werden dann die Geistlichen herkommen, welche nach den Blut- und Tinte-Kämpfen die Aufgabe des VersöhuenS, Trösteus und Mildernö übernehmen werden?" „Die Kirche, das große Spital für alles irdische Leiden und allen Jammer, der weite Verbandplatz für Wunden, Schmerzen und Erdenkämpfe, wird zerstört und verwüstet seyn, der Dämon deS Unglaubens wird vor ihrer Schwelle stehen, und der kämpfenden, sich zerfleischenden Menschheit nichts lassen als daS trostlose Hinscheiden der Verzweiflung!" „Seitdem die Welsen und Gibellinen, Kirche und Staat, sich feindlich gegenüberstanden, ist das christliche Reich, — die Christenheit zerfallen, und die Könige und Regierungen haben die Revolution, — ich meine die große, wahrhaft diabolische, — eben so befördert, — namentlich im Z7ten und 18ten Jahrhundert, — alS später die Lonvention rmtionslk: und ihre Blutmänner." „Ein Mensch ohne Religion ist nichts mehr und nichts weniger als ein böser fleischfressender Äffe." „Man kann nicht durch reine administrative Formen das eigentliche Wesen 231 christlicher Institutionen ersetzen. Hunderte von Armenvätern und Tausende von Bettelvögten ersetzen noch keine heilige Elisabeth oder FranciScus de Paulo! DaS ist eben die Wesenheit der christlichen Charitas, daß sie nicht durch den Staat, sondern durch die Individuen, oder die sie anSschließlich repräscn- tirende Kirche ausgeübt werden muß." Ilr Knoblecher. Brixen, 9. Juli. Der Missionär Jgnaz Knoblecher kam heute früh auS Innsbruck hier an. Er wurde von unserm hocbwürdigsten Fürstbischof, dem die Gründung der Missionsstation in Chartum viele Freude macht und große Hoffnungen für die armen Neger einflößt, mit besonderer Freundlichkeit empfangen, und mit einer glänzenden Gabe entlassen. Er besuchte auch die Domherren, von denen er gleichfalls schöne Geschenke erhielt. Es gingen aber in unserer Bischofs- und Kreisstatt auch noch weitere namhafte Beiträge für ihn ein, z. B. 36 fl. von unsern Theologen im Seminarium. Leid war es uns aber, daß wir diesen merkwürdigen Mann in seinem orientalischen Anzüge nur wenige Stunden sehen und hören konnten. Um 1 Uhr setzte er seine Reise nach Rom fort, und nahm unsere heißesten Segenswünsche zu seinem großen heiligen Werke mit. ES war uns außerordentlich angenehm von ihm zu hören, daß unser Kaiser und die Minister die Mission unter ihren besondern Schutz nehmen, und daß sich in Wien ein Comite unter dem Protektorate des Cardinais Schwarzenberg zur Unterstützung derselben gebildet habe, welches auch die aus Chartum einlangenden Berichte über den Fortgang der Mission von Zeit zu Zeit veröffentlichen werde. Knoblecher, ein Landsmann deS berühmten Missionärs Barraga in Amerika, ist in Unterkrain zu St. Canzian in der Diöcese Laibach im Decanate St. Marein am 6. Juli 1819 geboren. (K. Bl. a. T.) Mission in Gernsbeim. Am Sonntag (13. Juli) Abend wurde die hier gehaltene Mission unter den größten Feierlichkeiten beendet. Sie nahm am 28. Juni deS Nachmittags ihren Anfang und wurde gehalten von dem hochwürdigsten Bischof von Mainz selber, von dessen hochwürdigem Bruder, dem Freiherrn Richard von Keitel er, dem Pater Schlosser aus der Gesellschaft Jesu, zu denen in den drei letzten Tagen noch der Pater Ketterer auS derselben Gesellschaft hinzu kam. Am Sonntag war der Zu- drang zu den Missionsprcdigten ein sehr großer, der dnrch die vielen Processionen, die von allen benachbarten Orten herbeikamen, noch verstärkt wurde. Mau sah sich deßhalb des Mittags genöthigt, da die Kirche in Gernsheim die Menschenmasse zu fassen nicht im Stande war, nach Einsiedeln zu pilgern, um dort die beiden Nachmittagspredigten im Freien abzuhalten. Das Wetter begünstigte diese großartige Procession. An den beiden folgenden Tagen entsprach der Besuch der Predigten nicht den Erwartungen der Herren Missionäre. Es waren hieran eines Theils die Heuernte, die sich freilich nicht gut verschieben ließ, andern Theils die Vorbereitungen zu dem WallfahrtStagc, der in diesem Jahre auf den 2. Juli, Mariä Heimsuchung, gesetzt war, Schuld. Doch schon am Vorabende vor diesem schönen Feste sah man die Kirche angefüllter. An dem Fest- und Wallfahrtstage selber strömte eine ungeheure Menschenmasse, größtentheils in wohlgeordneten Processionen, die von den Pfarrgcistlichen geleitet wurden, zusammen. Man hatte dieses schon vorhergeschen und daher festgesetzt, daß daö Hochamt und alle drei Predigten vor der Wallsahrts- Capelle CinsieDeln abgehalten werden sollten. Die Menschenmenge wurde auf 10 bis 12MV angeschlagen. Damit alle, die die heiligen Sacramente zu empsangcn wünschten, hierzu hinreichende Gelegenheit fänden, wurde von den Missionären in der Kirche 23S zu Gernsh'.'im, von den andern zahlreich herzugekommenen Pfarrgeistlichen an dem Wallfahrtsorte, wo im Freien viele Beichtstühle aufgeschlagen waren, von des Morgens vier Uhr an Beicht gesessen, mehreren Tausenden wurde die^heilige Communion gcsvendet. Der hochwürdigste Herr Bischof hielt die erste Predigt und bewies darin mit seiner gewohnten Beredsamkeit die Gottheit Jesu Christi; ihm folgte deS Nachmittags zwei Uhr sein hochwürdiger Bruder, der die Nothwendigkeit der Beichte darthat und um vier Uhr betrat der hochwürdige Pater Schlosser die Kanzel, um den zahlreichen Zuhörern recht eindringlich die Verehrung der heiligen Mutter Gottes anS Herz zu legen. Bon diesem Tage an nahm die Mission eine andere Wendung. Es war an demselben viel gebetet und die Mission ganz besonders unter den Schutz dieser großen Himmelskönigin gestellt worden, zu der man nie umsonst seine Zuflucht nimmt. Dieses sah man bereits am andern Morgen, wo die geräumige Kirche zu GernSheim, auS der man zudem alle Bänke, um mehr Platz zu gewinnen, entfernt hatte, schon bei der ersten Predigt ganz angefüllt war; die Beichtstühle fingen an umlagert zu werden, besonders der des vielgeliebten Oberhirten, welcher auch von vier Uhr Morgens an, gleich nach seiner heiligen Messe, bis zum Abend (wenige nothwendige Erholungsstunden abgerechnet) in dem Richterstuhle der Buße thälig war, aber desungeachtet seine Beichtkinder alle zu hören nicht im Stande war. Von dieser Zeit an bemerkte man ebenfalls, wie die Leute sich nicht mehr damit begnügten, die Mission sehr schön zu finden und sie anzupreisen, sondern wie sie allmälig in sich gingen und an sich die ernste Frage stellten: Wie steht eS mit dir? Wie siehts mit deinem Seelenheile aus? daher dieser feierliche Ernst, der auf den Gesichtern Aller zu lesen war. Einen besonders günstigen und tiefen Eindruck machten die feierliche Wiederversöhnung, die in der Kirche vor dem ausgesetzten Allerheiligsten unmittelbar nach der Predigt über die Feindesliebe vorgenommen wurde, die Abbitte vor dem hochwürdigsten Gut wegen all der Unbilden, die dem göttlichen Heiland in dem hochheiligen Sacrament zugefügt worden sind und noch tagtäglich zugefügt werden, die Erneuerung der Taufgelübde und endlich die Einweihung des großen MissionS- krenzes, welches am Sonntag Nachmittag gegen vier Uhr in großer Processivn von 200 Jünglingen von der Kirche zum Gottesacker abwechselnd getragen und dort aufgepflanzt wurde und darauf folgende Schlußpredigt, in der die versammelten Zuhörer zur Beharrlichkeit nochmals und sehr eindringlich aufgefordert wurden. (M. S.-Bl.) Mainz. Mainz. Eine besondere Feierlichkeit war unlängst mit der in unserer Liebfrauen- (Seminar-) Kirche stattfindenden Muttergottesandacht verbunden. Die seit längerer Zeit bereits hier wohnende Gräfin Jda Hahn-Hahn hat nämlich ein goldenes, aus ihrem abgelegten Geschmeide verfertigtes Herz der heiligen Muttergotteö zum Weihgeschenke dargebracht. Sie übergab es der Bruderschaft vom heiligen Herzen Maria, damit es diese dem Gnadenbilde der Liebfrauenkirche als Gabe der ganzen Bruderschaft widme. Das ist am erwähnten Tage durch Herrn Domkapilular Lennig, als Präses der Bruderschaft, in der Weise geschehen, daß derselbe an diesem Abende nach gehaltener Predigt über die Worte „Ave Maria" von der Kanzel herab auf das geschenkte Herz, welches dem Gnadenbilde der seligsten Jungfrau zum erstenmal war angelegt worden, Bezug nahm. Ehre der Geberin, die seit ihrem Verweilen in unsern Mauern sich stets als eine milde Wohlthäterin und eifrige persönliche Pflegerin der Dürftigen bewiesen hat, überall, wo zu einem guten Werke Gelegenheit gegeben ist, mit regster Thätigkeit voransteht, und'auch hier wieder einen Beweis ihres edlen Sinnes, ja gerade hier einen Ausdruck dessen, was, ihr Inneres erfüllend, sie zu jeglichem guten Werke kräftigt und begeistert, gegeben hat. (K. Sbl.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. VerlagS-Jnhaber: F. C. Kremer Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt ^ zur Augsburger Pojheitung. itj ',,^1lU. 27. Juli 3V. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis 40 kr., wofür es durch alle königl. baycr. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Was das Mährchen von Oskar v. Redwitz uns Schullehrern erzählt.*) „Und ach! vor Allem die Mütter ich bitt', Ich bitt' sie drum aus ganzem Herzen: Bringt doch auch ja die Kindlcin mit! So bittet in zarter Weise der Mährchenerzähler die heiligen Sonnen der Kinderwelt zu sich, um ihnen sein Mährchcn vom .Waldbächlein und' Tannenbaum zu erzählen. Ja Mütter! kommt heran mit Euren Kindlein und vernehmet, welch' schöne Mähre der Dichter Euch singet! Der Tannenbaum ist Euer ewig grüneS Herz, das Euch die Gottheit in den Busen gelegt hat und daS nur dann nicht Thaten vollbringet, wenn Ihr es nicht kennet. Würdet Ihr kennen, wie edel und erhaben Euch die Gottheit geschaffen, würdet Ihr den Segen und den Adel wissen, der in Eurer Seele liegt, Ihr würdet stolz seyn, daß Ihr wie der Tannenbaum über Eure Pfleglinge wachen dürfet. Und sehet: der liebliche Sagensänger sagt eS Euch — unv wie zart, wie lieblich und doch wie kräftig! Des Morgens in der frühesten Stunde, Da schüttelt er sacht mit weichem Munde Den Himmelsthau zum Fclsenbcckcn, Dc« jungen Brünnlcins Aug' zu klären, Und ihm des Lebens Kraft zu nähren. Das seyd Ihr, Mütter, wenn Ihr des Morgens das geweihte Wasser über Eure Lieblinge schüttelt und mit dem Kusse Eures Lebens Leben ihnen einathmet. Da gab cö wegen der Sonncnglut Alltäglich wieder neue Sorgen. Was gab er sich nicht da für Mühe Und bog darüber sein dichtes Reis, Daß ja kein Mittagsstrahl zu heiß In seinen frischen Spiegel glühe. Welch herrlich Bild der Mütter! Wird eS dem Kinde zu heiß, ein kühlend Dach birgt es vor den Sonnenstrahlen, über des freundlichen Engels Haupt errichtet von der Mutter. Und also singt das Mährchen fort: Die Blumen all' und Vögc- lein ruft der Tannenbaum zusammen, um sein Brünnlein, das er sich zu Füßen gelegt, zu schützen, zu erheitern, zu erlustigen. DaS sind die feinen geheimnißvollen Künste alle, die die Mutter sucht und in sich findet, um ihrem Kinde Daseyn und ") Aus dem „Organ des Berc-'nS katholischer Schullchrcr in Bayern", welches pädagogische Blatt wir bei dieser Gelegenheit bestens empfehlen wollen. A. d. R. 234 Leben suß und wonnig zu machen. Und das Brünnlein, das ist das Kind, das aus dem Schooße der Mutter getreten, an ihrem Leibe hängt und klammert, so lange die Fuße eS nicht tragen, auch dann noch von der Mutter Hand nicht läßt, bis eS mit erkräftetem Fuße den Boden drückt und stampft und nun zum Selbstbewußtseyn kommt, daß es stehen könne. Da stellt eS sich auf und schaut als persönliche Selbst- heit stolz umher und steht nimmer ein, warum es sich führen und leiten lassen solle. ES tritt aus der Mutter schützendem Liebesarm und läuft hinaus in die Welt, vergessend aller Liebeserweise, die es zu Hause erfahren. Und die Mutter, sie fragt, Ist's für ein Kind im Muttcrarm Denn gar so arg darin zu ruh'n? und klagt: Vom Walde klang ein Klagen dumpf: Ums Bächlein rief der Tannenbaum. Doch daS Brünnlein Grub durch Gestein und Moos Sich links den Weg und macht sich los. Und mied den Weg zur rechten Hand. Bald aber kam eS in einen Strom, und endlich mußte eS bei einer Ucber- schwemmung mithelfen. Nachdem diese abgelaufen, lag es nun entblößt und zerrüttet da Die Sonne sank in blut'ger Pracht. Du arme Mutter, gute Nacht! O Bächlcin! Gott erbarm' sich Dein. Da schickt ihm aber der Tannenbaum einen Zweig, der das sehnende Kindlein zurückführt. Die Freude ist groß im Tanncnhaus. S' ist ausgcsehnt! s' ist ausgetrauert! So freut sich die edle sinnende Mutter, wenn ihr Kind aus der Fremde, die ihm Verführer war, reuend und sehnend zurückkehrt. Solche Lehre gibt der Sänger Amaranths den Müttern und Kindern im Mährchen. Dazu hat er sie zum Moossitze gerufen. Der Ruf ist aber weiter gedrungen, als des TannenbaumeS Gipfel schauen, er ist all' überall hingedrnngen, hat gut vernehmende Ohren getroffen, und Dieser hat Jenes und Jener sich Dieses abgelernt. Also will es der Dichter. Schon seh' ich vor mir Gast an Gast, Ich spring' vom Moos mit raschem Fuß: Sey mir willkommen, edle Schaar, So Mann wie Fräulein, Mutter, Kind! Darum bitten wir Lehrer den süßen Sänger, er möge auch uns horchen lassen am tiefen Sang, daß auch wir lernen vom Tannenbaum und Brünnlein. Bitten wir ihn, daß er zu uns sage: Komin' setz' sich traulich mir zu Füßen, 2ch lad' auch dich zum Horchen ein. Es ist uns zur große» Ehre, in der Reihe Platz finden zu dürfen; denn nicht nur „Jungherren" und „Jungfräiilein" sitzen in der Runde, sondern graue und ernste Häupter viel, die auf hohen Stühlen sich wundgesessen und im sanften MooS bei jungem Sang sich das Herz verjüngen wollen. Die manch' Brünnlein schon zur Ruhe und Ordnung gewiesen, die mancher Quelle den Todtensegen schon gegeben, sie sitzen all herum um den Tannenbaum und horchen still und stumm, und ihre Hand nimmt die Richtung zur Brust, um der Wahrheit Recht zu geben. Drum eilen wir Lehrer hin auch und hören wir, was da gesprochen wird. Es war einmal ein Tannenbaum, Der stand am dunkeln Bergcssaum Wohl viele hundert Jahre schon. 235 Einst lag umher ein todter Moor, Nicht Laub, nicht Blume sproß hervor, Nur Schierling wuchs und Schilf und Dorn Vom Tanncnbaumc treu umdacht, Von mächt'gcr Wurzeln Arm umfaßt, In tiefem Moosumblühtcn Schacht, Gar frisch ein junges Brmmlcin quoll; Noch war es nicht des Wassers voll. Was dem er that, das denkt ihr kaum! Ja sonder Rasten Tag und Nacht War um sein Brünnlcin er bedacht — Das treuste Mntterhcrz auf Erden Kann für sein Kind nicht sorglicher werden. Und sprach zu ihm mit frommem Wort Von seinem Lieben, seinen Sorgen, Und wie er sey sein Himmclshort, Bei dem allein es treu geborgen, > Bis eö des Wassers Fülle gewonnen. Dieß ist der AusgangSpunct und der erste Abschnitt des großen Drama'S, das daö Weltbrünnlein abspielt und mit sich abspielen läßt. Es ist aber auch der erste Abschnitt der christlichen Pävagogil. „Einst lag umher ein todter Moor." Die die Jugendbildung vor dem den Nebeln entstiegenen Tannenbaum Christus in Händen hatten, die jüdischen und heidnischen Familien und Staaten, konnten ihrer Thätigkeit das rechte Cnvziel und den rechten AusgangSpunct nicht setzen, und so blieb verworren und sumpfig das ganze Bilduugswerk. Während die Einen National- und Patriarchalstolz zur Frucht sich wünschten, glaubten die Andern, deS Menschen Bestimmung erreicht zu haben, wenn sie dem Körper eine schöne oder kräftige Form gegeben hätten. Daß die Gottheit allein und ihr Genuß der Begriff unsers Lebens sey, und in ihr die Welt erst gewonnen werden müsse, das war ihrem Geiste verborgen. DaS Brünnlein war verschüttet und seufzte tief unter Gestein und Schlamm Da zogen die Nebel von danncn und ein Tanncnbaum erschien in klarem Lichte, der Heiland der Welt. Er räumte das Gestrüpp vom Platze und zog daS armselige Quellchen zum Tageslicht, setzte ihm Gränze uud Rinnsal und blieb an dessen Ufer stehen, zur Wache, zum Schutze. Doch das Gestrüpp war des Teufels Werk und der Kampf gegen ihn endete mit deS Heilandes Tode — und Siege. Nun hat der Schützling guten Lebens genossen, mit dem Safte der Tanne ward er gesäftigt und getränkt. Der Erlöser, Mittelpunct der Welt, wird auch Mittelpunct der Bildung und Civilisation. Lange, viel hundert Jahre, ward dieß anerkannt vom Brunnen; deß sind Zeuge die ersten Christen. Ihnen war des Tannenbaumes Wort und Geheiß Gesetz; wie er eS andeutete, setzten sie ihren Kinvern Bilbungsziel und Bildungömittel — und befanden sich wohl dabei. Nicht haben sie jedoch in Höblen und Kerker ihre Kinder eingepfercht und der Sonne Licht ihnen entzogen, nur des „Wassers Fülle," daS volle Wissen des Glaubens, und die volle Kraft des kirchlichen Lebens ihnen vorher gegeben, ehe sie in die Welt und ihr Geschäfte sie entließen. DaS war die Zeit der katholischen Pädagogik. So hat man auch uns Lehrern allen, als wir noch in den Schülerbänken saßen, einen Tannenbaum zur Seite uns gesetzt. Die Lehre Christi und der Kirche ist uns eingegossen und der Religion segnende Mittel uns als Waffen mitgegeben worden. Wir waren brave hörende Kinder und nicht wahr? es war unS wohl! Wie süß ist die Erinnerung an unsere erste Communion, wie süß daö Gedenken mancher Lehre, die unS im Seminar gegeben und vor unS wohl schon durch das Leben bestätigt worden. Ja! eS ist eine selige Zeit, zu den Füßen christlicher Lehrer, zu den Füßen 236 des Herrn zu sitzen. Unser Herz bestätigt es, wenn auch der alberne Verstand es nicht einsieht. Darum Lehrer, macht diese Zeit den Kindern süß! Auch unter Eurer schützenden Obhut liegen solch glückliche Brünnlein, die ihr als Tannenbäume zu bewachen und zu beschützen habet. O schaut auf zu des MährchenS Tannenbaum, lernt es ab von ihm, wie solche Kinder zu lieben, zu bewachen, zu führen sind. Es ist ein hohes Ding ein solches Brünnlein! Sonst hätte der Mährchenbaum nicht also sehr bei Tag und Nacht Wache gestanden. Noch sind Eurer Pfleglinge Wasser nicht voll! Macht sie voll und mit rechtem Wasser! Gebt ihnen JesuS inS Herz, nicht in den Verstand! Hier wird er einst verloren, während er dort, wo deS Menschen wahr'stc und kräftigste Stelle ist, nur verdunkelt, nie vergessen werden kann. Ja! macht sie voll mit rechtem Wasser! Noch ist es Zeit, bald nimmer! Ich hör' das fremde Vögelein schon pfeifen! Darum eilt! Doch wie es oft so gehen mag, Da kam einmal vor'm früh'sten Tag Ein fremdes Vög'lein hergeflogen, Mit schillerndem Flaum, mit Schlangcnhaut; Das aber sprach mit lauerndem Blick: „O Brünnlein, wie jammert mich dein Geschick, Daß deine junge selige Zeit Du so verdirbst in Einsamkeit. Und daß dein blutjung freies Leben Für ewig willst gefangen geben An diesen alten Tannenbaum, Der dich ja doch nur darum liebt, Weil ihm dein Wasser das Leben gibt! DaS Wort ward gehört und der Sprecher nicht abgewiesen. Wohl kostete es harten Kampf, das Brünnlein vom Tannenbaum zu ziehen, allein es gelang. Der fremde Vogel hatte gesagt: Nun Brünnlein, nun ist's hohe Zeit, Jetzt oder nie wirst Du befreit! Ist frei dein Wille, so magst du's zeigen! DaS traf; das Selbstgefühl, der Stolz ward rege; das Brünnlein wollte zeigen, daß „frei sein Wille" und fiel. Es grub Sich links den Weg, und macht sich los; Und mied den Weg zur rechten Hand. Es wollte nur ein wenig zum Walde hinauögucken, und dann wieder umkehren zum Tannenbaum; allein Wie's in die Weite den Blick möcht senden, Die ferneste Ferne war wunderbar, Und wollte der Zauber sich nimmer enden > Da schwanden dem Bächlein die Sinne ganz. Der Tannenbaum war vergessen: es kehrte nicht zurück. Vom Walde klang ein Klagen dumpf — Um's Bächlcin rief der Tannenbaum. Die Pädagogik war lange zu den Füßen der heiligen Kirche gesessen, wohl gehütet und erfreut. Sie konnte sich in süßer Ruhe in sich erstarken und kräftigen. 237 Da kam aber vom 12ten Jahrhundert an ein fremdes Vögelein, Vorläufer des Protestantismus, uud Humanismus geheißen, und pfiff drei Jahrhunderte hindurch ein feincS Lied von Knechtung und Freiheit, von Dunkelheit und Licht; daS Brünnlein der wahren Menschenbildung hat lange dagegen gestritten und sich von ihm abgewendet; allein als das Vögelein im Höhne die Menschen kraft- und saftlos gescholten, da hielten diese nimmer zu des Tannenbaumes Wort, sondern zogen allmälig weiter und weiter vom alten Horte weg. Auch sie wollten nur ein paar sreie Blicke in die Welt werfen und dann Rückkehr nehmen zum guten Alten. Allein der Blick in Freiheit und Ungebundenheit war zu lockend und zu entzückend, als daß der letzte Schritt nicht gethan werden sollte. Und eS geschah. Die Reformation des löten Jahrhunderts hat die Pädagogik von der Kirche gerissen; diese hat die alte Mutter vergessen, auf eigene Faust im Leben sich gegründet; sie hat vergessen, ihr Wasser sich vorher zu füllen, ehe sie des Vogels Stimme erwogen. Von jenen Tagen schreibt sich , wie die Weltsärbung der Welt, so die der Pädagogik. Ob sie sich gut gebettet, soll daS Mährchen uns weiter erzählen. Und wie es die Zeit gemacht zu jeder Zeit, so auch die Menschen, so ehemals, so jetzt. Welch' reicher, schöner Quell ist des LehrerS Herz, wenn eS sich nährt an der Lehre Jesu, sich die Adern füllt mit seinem Blute. So hat eS vor wenig Jahren nicht übel ausgesehen um den Lehrerstand. Hatte er auch der Mängel manche in seinen Geist mit aufgenommen, die die Welt nach seinem Eintritte in dieselbe ihm eingeschmuggelt, so war das Gemüth noch frei geblieben und der Wille besonders war gut, rege und gelenk. Da aber kam der fremde Vogel auch und pfiff zu den kleinen Fenstern der allerdings gedrückten Männer hinein und rief ihnen zu: Ich sehe kein Brod in Eurem Haus! Kommt mit, kommt mit! Ich will's Euch geben! Eure Mädchen und Buben, sie haben kein Kleid! Kommt mit, kommt mit! Ich will sie schmücken! Der Pfarrer, der ist ein harter Herr! Kommt mit, kommt mit! Wir wollen ihn jagen! Kommt mit, kommt mit! Das war die lose Stimme der Emancipation und viele haben mit Aufmerksamkeit ihr gehorcht. „Der Hunger thut auch gar so weh! und die hohen Herrn sie leben so üppig. Wenn nur die Brosamen unser wären! mehr auch wollen wir nicht. Hält das Vöglein sein Wort und gibt uns mehr, gut dann! wir nehmen es nur in den Kauf. Wir folgen!" So sprachen Manche in Baden und am Rhein, „wohl hüben und drüben." Doch horch! ich höre einen Schuß! Wie schmiegen sich jetzt auch so traulich und zart die Kinderherzen an Euch, ihr Lehrer der Jugend! Doch hört ihr nicht schon manchmal so einen Pfiff, wie wenn er aus der Seele deS Kindes käme? und draußen vor den Schulfenstern, da schwirren der fremden Vögel so viele an den Häusern vorbei, setzen sich den Schulkindern aus die Schulter und singen ihnen in die Ohren: Glaubt nicht Alles, waS der Lehrer sagt! und viel, viel sagt er Euch gar nicht! Kommt mit, kommt mit hinter die Hecke, ich will Euch was gar Süßes sagen! Da länft so mancher blühende Knabe und manches vorwitzige Mädchen nach, und wenn sie aus dem Verstecke komme», trauen sie Euch nicht mehr ins Auge zu blicken. Lehrer! der Vogel hat gepfiffen! Gib Acht! gib Acht! Und erst, wenn die Schulbänke zerschlagen sind und die Knaben Buben, die Mädchen aber Dirnen geworden sino, dann singt der Vogel Tag und Nacht! am Felde, in der Scheuer, am Nocken und im Stalle! Und schauet um, wie viele dem Lockvogel die Thüre gewiesen? Keiner; er würde sonst nimmer mehr rufen. Ja! unsere Kinder sind schlimm, unsere Buben noch schlimmer! Gott lasse uns sterben, ehe sie Männer werden! Vom Walde klingt ein Klagen dumpf Uni's Bächlcm ruft der Tannenbaum, (Fortsetzung folgt,) 238 Katholisches Lebe» in einer französischen Provinzialstadt. (Fortsetzung.) Im Range und in der mannigfaltigsten Wirksamkeit aufsteigend, gelangen die guten jungen Damen zum großen Gelübde auf Lebenszeit, obgleich eS nur ein Beispiel gibt, daß das Opfer nicht beim ersten schon innerlich fürs ganze Leben gebracht war, — sie erhalten mit der Zeit den Ehrennamen von Müttern, und können Oberinnen in demselben Hause oder in einem andern werden; endlich können sie Provinzialen, also Aufseherinnen aller Häuser einer Ordensprovinz und Assistentinnen der Generaloberin seyn, deren vier mit der letztern die Regierung des Ordens führen. In jedem einzelnen Hause sind die Klosterfrauen noch unterschieden in Damen und Schwestern, welche letztere in der Kleidung kaum erkennbar, so viel wie in andern Orden die Laienschwestern sind und die niederen Verrichtungen der Hausordnung, des Kochens u. s. w. ausüben. In der Gemeinschaft stehen sich aber alle gleich und einer schlichten Laienschwester, einer besonders gotterfüllten Magd deS Herrn, werden in dem verborgenen Leben der Gemeinschaft Vorzüge eingeräumt, welche die Oberin sich selbst versagt, und deren Grund Auswärtigen unerklärlich, ja der Auserwählten selbst unerklärt und unbewußt bleibt. Doch kann auch der fremde Besucher unter diesen Schwestern, die meist der dienenden Classe entstammen, oft eine ungewöhnliche Würde und milde veredelte Züge entdecken, und es ist immerhin wichtig, daß auch in den Beziehungen zu der Bedienung die Kinder sich des Klanges von Gezänke, Schreien und unnützem Geschwätze so lange Zeit entwöhnen. Im Uebrigen werden sie in der Bedienung so wenig, als in der Kost und Pflege verweichlicht. In manchen Stücken wie in der Heizung findet man in Frankreich die deutschen Kinder allzu weich und üppig gewohnt; in Paris und in den südlichen Provinzen versetzen auch die Bedürfnisse der Kost, wie sie die Deutschen mitbringen, die französischen Damen in Erstaunen; doch bilden die Häuser von Metz, Kinzheim und Blumenthal (M Lim- burgischen, bei Aachen) hierin den naturgemäßen Uebergang und der westdeutsche, besonders aber der luxemburgische Appetit wird als weltgeschichtliche Thatsache respectirr. Die Fasten sind äußerst mäßig. Zur Zeit der großen Fasten dürfen die artigsten Kinder die Ersparnisse des Klosters, oder eigentlich die von den Zöglingen auS freien Stücken am Munde ersparten Confitüren vom Vieruhressen, umgesetzt in Linsen und Bohnen, wöchentlich den armen Frauen vom guten Hirten in einer kleinen Deputation zum Geschenk hinbringen. Andere dürfen zur Belohnung an gewissen Tagen bei der Bewirthung der heiligen Familie im Kloster die eingeladenen Armen bedienen; auch an sonstigen guten Werken dürfen die älteren Mädchen sich schon selbst betheiligLn. Also mit Versuchen und Uebungen der Wohlthätigkeit machen die Zöglinge ihren Uebergang zum Leben in der Welt. Mag dann in dieser Welt später der Tanzmeister noch Einiges nachzuholen haben, es wird nicht so schwer werden, wenn der Körper durch gesunde Pflege und gerade Haltung, die Seele aber durch die Würde der Unschuld zur anmuthigen Erscheinung unter den Menschen vorbereitet ist. Wenn man in Deutschland überhaupt eine zu geringe Vorstellung von dem haushälterischen Berufe der französischen Weiber hegt, so gilt dieß mit besonderm Unrechte von den klösterlichen ErziehungShäusern. Nicht allein werden die weiblichen Arbeiten, von dem niedrigsten Strumpfflickwerke und dem einfachsten Saume bis zur feinsten Stickerei, auf das Gründlichste und Strengste betrieben, sondern auch durch Rechnungsfertigkeit und eigene Verwaltung der kleinen Ausgaben wird die künftige sparsame Hausfrau schon herangebildet. Reinlichkeit, unerbittliche Ordnung und Rührigkeit zu jeder Arbeit werden stündlich geübt; schwärmerische Freundschaften, Weltschmerz, Blaustrümpfigkeit, kurz jede Art anerzogener, angelogener Phrasen sind verpönt; dagegen liebt und begünstigt man eine freie und heitere Entfaltung aller Anlagen des Charakters, aller guten Einfälle; man überläßt den Kindern abtheilungsweise die Erfindung und Ausführung von allerlei Spielen, erlaubt ihnen, um die Wette ihre Vorstellungen zu 239 geben, weiß jedoch die Charaktere, Alter und Nationalitäten so zu mischen, daß ein Gleichgewicht erhalten bleibt; strenge Kritik wird nach dem Maaß der Fähigkeiten und der Anstrengung nicht gespart; so wird der Wille vielfach geübt in der Unterwerfung, der Charakter dagegen im Wollen und der gute Wille im Können und in der Beharrlichkeit. Was aber endlich als das höchste Lob einer gelungenen Erziehung betrachtet wird und wofür wir in Deutschland das rechte einzige Wort fast eingebüßt haben, ist die Einsalt. Wir müssen jetzt nur noch eine der Verbindungen berühren, durch welche die Klosterfrauen vom heiligen Herzen Jesu nicht allein für sich zur Unterhaltung ihrer Menschenkenntnis) von der Welt sich belehren lassen, sondern auch ihrerseits die Fäden ihres wohlthätigen Wirkens unter den Weltkindern durch Rath, Gebet und Werke fortspinnen. Die Belohnungen der Kinder werden theils von den Gespielinnen durch Wahl zu gewissen Ehrenämtern mit besondern Bändern ertheilt, theils von den Damen in einem eigenen Capitel beschlossen und durch Aufnahme in kleine geistliche Genossenschaften, wie die des Kindleins Jesu, dann aufsteigend die der heiligen Engel und zuletzt die der Muttergotteökinder bewerkstelligt. Diesen letztem Ehrennamen mit der Medaille, worauf das Herz Jesu und die schöne Inschrift: „dor meum jungatur vodis" (Mein Herz bleibe mit Euch verbunden) vie Vorderseite zieren, behalten die belohnten Kinder, auch wenn sie zu der Familie in die Welt zurückkehren; ja Damen aus der Welt, wie selbst die Gemahlin eines Präsecten, machen sich eine Freude daraus, unter die weltlichen Marienkinder sich ausnehmen zu lassen. Beide zusammen haben im Kloster jede Woche ihre eigene heilige Messe und einen Tag der Zusammenkunft, wobei Arbeiten für bestimmte mildthätige Werke verfertigt werden, z. B. Meßgewänder für die armen Kirchen der ganzen Diöcese. Die Bräute schenken dahin ihre reichen Hochzeitskleider, eine jährliche Lotterie aber liefert die reichsten Beiträge zu jenen Kirchenschätzen, welche am Ende des Jahres dem Herrn Bischof zur Vertheilung, nach seinem Ermessen, überbracht werden. Dem 8serö eosur steht am nächsten, sowohl nach dem Geiste des OrdenS, als nach der Bestimmung für die höhern Stände, das Erziehungskloster Maria Heimsuchung (vam . Und aus den brausenden Finsternissen Stach Blitz um Blitz auss Bächlein ein, Gleich einem brennend bösen Gewissen. Da wollte es umkehren zum Tannenbaum. Doch Wie es so für sich gedacht, Da hatten sich viel' lockre Genossen , . Zum Bächlein schnell hcrbcigemacht; .... Und sangen M spöttische Ammen die Weise: „Schön eia Popei, im Himmel gehn Viel Schäflcin weiß wie srischcr Schnee! Das Kindlein wollt' auf die Beine steh'n, Da fiel es um und that sich weh!" Da war daS Brünnlein verloren und eS lief mit. Nun hatten die andern Wellen einen Sturm schon lange unter sich auSgesonnen wider die Feinde deS Böge- leinS, in dessen Sold sie standen. Da mußte das Tannenbrünnlein denn mit. Da traf der entfesselte dräuende Strom Zuerst auf einen riesigen Dom..... Vom Thurme stieg das Kreuz in's Blau, Die ganze Erde sah es prangen. Und eine Schlange rief: Hichcr! und stürzt nur den Tempel um! Doch umsonst! Sie zogen weiter. Da trafen sie ein Königshaus. Und von dem stolzen Bau gedeckt Stand manch ein prunkender Palast, Die üppige Freude saß zu Gast .... Der Sturm begann; die Wächter alle hatten die Hut hintangesetzt und bald wäre es gelungen. Doch Da sank im stummen bleichen Kreis So still auf's Knie die Königin, Und hob ihr Kind zum Himmel hin, Und betete so tics und heiß. Ihr Gebet fand Erhörung und Gott rettete den König und sein Haus. Die Wellen zerstoben. Und ach! mit den empörten Wogen War auch das Bächlein überall « In blindem Laufe mitgezogen. Da bracht' es auf den letzten Wegen Ein friedlich Hüttlcin noch zu Fall; D'riu sprach eine Mutter den Abendsegen, Und drückte gcrad' in frommer Lust Ihr Kindlein an die junge Brust; Da stürzten die Mauern und sargten sie ein. O Bächlein, Gott erbarm' sich dein! DaS mag beim Beginne der Reformation ein lustiges Leben gewesen seyn. Die Thüren der Klöster wurden erbrochen und verdorbene Mönche konnten Nonnen in die Arme sinken und lang ersehnte Genüsse kosten. Gold gab es vollauf, und der Wein floß über die Straßen: denn die Kisten und Keller der geistlichen Häuser wurden aufgeschlagen. Da ging es manch Jahr in cluloi subilo und die Pädagogen liefen mit. Die hatten es seit jenen Tagen gar gut. Die Sorge ward den Fürsten überlassen, sie striechen gemach die Gehalte ein, und aßen höchstens als Nachtisch- Ideen von Menschen- unv Bürgerthum. Doch bald begann auch die Arbeit. Die Wasser ergossen sich in alle Lande und hier gab es eine Kirche, dort einen Adelssitz zu erstürmen, die Pädagogik mußte voran, um manches Herz in die Festungen selbst herüber zu ziehen. Viel gelang, viel nicht. War aber vorher in Allem Sicherheit und Einheit, so fiel jetzt Alles in Kampf und Zersetzung. Ja! Uneinheit und Trennung ist seit jenen Tagen der Grundcharakter der Pädagogik. Bekanntlich ist sie eine Nachgeborene und nimmt ihre Grundsätze und Mittel aus andern Wissenschaften. Die Wissenschaft aber, wie das Leben, hat seitdem verschiedene Gänge gemacht, ist von Stufe zu Stufe auf der Gottesleiter der Wahrheit herabgestiegen und hat sich festgesetzt. Da liefen nun die Pädagogen je nach des eignen Herzens Drang in die Apotheken der Gelehrten und holten sich der eine destillirte Frömmigkeit, der andere christianisirteS Heidenthum, der dritte sociales Bürgerthum, der vierte absolute Ab- straction und jeder erhielt, was er verlangte. In unsern Tagen endlich hat man sich mit Divinität nicht weiter mehr begnügt, sondern holte sich aus der großen Garküche der Philosophie jene dekannte Salbe, die in geordneter Weise gebraucht, den Menschen Gott gleich macht. Das wird den losen Vogel freuen, daß daS Brunn- lein so treu ihm nachgelaufen. Ja er ist ihm nachgelaufen, der Brunnen der Cultur, unv hat mitgeholfen seines guten Theiles an allen Versuchen, die in den verschiedenen Landen von Wittenberg bis Rom zum Umsturz der Altäre und der Throne gemacht wurden. Sie mag so manche Mutterseele in den Abgrund geworfen, und die Kinder ihr nachgeschleudert haben. Warum nicht? Schaut an unsere Frauen, die Frauen der Zeit und des Fortschrittes! Sind sie Mütter voll Liebe, Ernst und Gottesfurcht? 243 Ehemals waren die schlechten Weiber gezierte Puppen, heute sind sie blutige Löwinnen, die ihre Kinder dem Irrthum der Albernheit und dem Verderben übergeben und so die Seelen ihnen aus dem Herzen reißen lassen. Darum hat die Pädagogik viel gesündigt! Möge sie vom Mährchenbrunnen sich erzählen lassen, was der Sünde folgen solle. Doch die Großhändler können durch ihre Waaren nicht schaden, wenn die Kleinkrämer sie nicht verschleußen. Die Wissenschaft mag Tollheit lehren, sie wird so lange wenig schaden, bis sie unter das Volk gelangt. Wahrheit und Irrthum aber kommt unter das Volk und dadurch erst in das Herz der Welt durch uns Schullehrer. Das ist unsere Bedeutung in der Welt, der Segen, den wir geben, aber auch der — Fluch, darum hat auch uns, zumal in den letzten Tagen, der schlaue Vogel so eifrig zugesungen: Komm mit! Komm mit! Und wir, wir sind mitgegangen, haben mitgeschrieen, mitgestürmt. Der Schuß, den ich vorhin hörte, war aus der Büchse eines Mannes gekommen, der sonst die Feder und den Griffel führte. Wen hat er wohl getroffen? Vielleicht ein ehemaliges Schulkind, das er lehrte, wie der Soldat seinem Fürsten zu gehorchen habe, seinem Fürsten, den er aber nun selber verrieth. Schaut hin nach Baden und über den Rhein! Die Wahrheit schwimmr auf seinen Gewässern. Doch halt! ich höre wieder einen Knall! wer fiel? „Der Schullehrer Hofer, standrechtlich hingerichtet!" „O Büchlein! Gott erbarm sich dem!" Darum wollen auch wir zum Mährchenbrunnen eilen und ihn fragen, wie er die Rückkehr zum Tannenbaum fand. Wir sollen Reine machen, und wessen Herz nicht selber rein, der kann nicht Reinheit geben. Ja! Lehrer, gebet alle Euren Kindern reine und Wahrheit und Recht liebende Herzen. Bald treten sie aus Eurer Hand in das Leben. Bisher hat der Schlangenvogel nur leise gerufen, daß ihr es nicht hören möchtet, aber nun ertönt seine Stimme hell und keck. Wen hat er zu fürchten? Den Vater? Der hat nicht Zeit, auf seine Kinder zu sehen. Die Mutter? Die hat es schon lange verspielt! Den Pfarrer? Was merkt der Vogel auf den Pfarrer? Den Landrichter? Der hat die Vögel nicht einmal ungern. Den Polizeidicuer? Jcr! den fürchtet er noch am meisten; doch seit er keinen Stock mehr schwingen darf, ist ihm der Stachel auch genommen. So singt er also lustig, Land auf und ab, morgen lustiger als heute; denn jeder Tag mehrt seine Siege. Da laufen sie denn hin, wohin der Vogel sie schickt, und jetzt nimmer hinter die Hecke. Das- ist nicht weiter nöthig. Im Salon wird gegen die alte Tanne der Zucht, auf der Tribüne gegen die alte Tanne der Religion, und auf freiem Felde gegen die alte Taune des Gesetzes losgezogen — losgestürmt. Ja! manches, manches Edelreis, das jetzt Ihr Lehrer zu des Herrn Füßen legt, wird ein wilder Apfelbaum werden,, manches Brünnlein, das ihr mit Gottes Wasser jetzt noch nährt, wird eine ungezügelte Woge werden, die mithilft bei der großen Überschwemmung, deren herannahendes Rauschen wir erst vernommen. Wehe den Palästen, den Kirchen und den Hütten! Gar mancher loser Bube wird aus unsern Händen kommen, der seine Kraft am Einwerfen prüfen wird. StetS aber wird es gehen, wie eS im Mährchen ging: Die Wogen werden zerschellen. Hebt darum das Mährchen auf, daß unsere Nachkommen darin lesen können, wie's dem Brünnlein ging und was eS that, als es ihm also begegnet war! Jetzt wollen aber wir hören, was eS that! Da lags dann da im schwarzen Moor, Das arme Büchlein, so stolz zuvor, Da lag's verlassen mit seinem Harm, Da lag's nun frei, daß Gott erbarm! Und vor ihm lag mit blutigem Haare Das bleiche Weib auf sumpf'gcr Bahre, Zur Seit, vom Herzen ihr gerissen, Das Kind mit schmerzlichem Gesicht; 244 Da starrt es hin in dumpfem Schmerz: Da lieg' ich nun, o Höllcnlug! In meiner ganzen Herrlichkeit. Da kam das Vögelein; das Brünnlein macht ihm Vorwürfe. Jenes aber spottet: Doch sag! Hab' ich dich denn geheißen, Des Users Bande zu zerreißen? Hast du es nicht von selbst gethan? Nach solchen Reden ist das Brünnlein endlich zur Einsicht gelangt und ruft: Fluch über dich und deine Brüt! Ich kenn' dich nun,' dein Spiel ist au«! Du und die Schlange find nur eins — Und in der Hölle steht dein Haus. Ja! laß die Wasser wieder schwellen, Daß sie die Erde überschwemmen! Ich werd' mich vor den Tempel stellen. Und ihnen mich cntgegenstcimnen! Und nun wendet sich des Brünnleins Sinnen zurück zum Tannenbaum und fleht im Herzen um Verzeihung und Rückkehr. Aber die Tanne hatte es längst ve» nommen und sendete ihm einen Tannenzweig entgegen, der in Gesellschaft von andern braven Vögelein dem Brünnlein entgegenging. Die nahmen Grüße mit vom Tannenbaum und den Blümlein allen, die dort den Brunnen umgeben hatten. Die Röslcin baten: Ach thut uns die Bitt' Nehmt doch auch von uns ein Blättchen mit, Und grüßt es von uns aus tröstendem Herzen! Sonst könnt' es von uns das Bächlein schmerzen! Und unterdessen hatte daS Brünnlein gefleht: O Tanncnbaum! sich' wie ich weine! Und hör' mein Jammern reueticf! Verschmachtend dich mein Herze sucht, O laß' mich finden auch das Deine! Was ich gefehlt, das sey verflucht! Und alsogleich stieg aus dem Moor So ernst der Tanncnzweig und sprach: „Du rufst und sich, ich steig empor"." ES ward, nun im Jubel zurückgetragen Da sank es leise weinend nieder, Und war beim Tannenbaumo wieder. Das Drama ist vollendet. Es war cm wehmüthig-heiteres Tranerspiel. Und also muß die Pädagogik ihren LcbenSlauf, den sie durch die Jahrhunderte macht, abschließen, will sie nicht beim Vöglein bleiben und in seinem Neste Wohnung nehmen. DaS möchte sie aber doch nicht wollen. Darum zurück! Nachdem sie ihre Jrrgänge gegangen, ist sie, wie daS im Reiche des Geistes nothwendig ist, bei der Negation jeder christlichen Grundsätze, bei der Negation ihrer selbst angekommen. Fragt die Koryphäen unter den jetzt lebenden Pädagogen um die Bestimmung des Menschen, um den Seelenzustand desselben, auf dem aufgebaut werden müsse, fragt sie um die Tugenden, die die Erziehung geben, und um die Fehler, die sie nehmen müsse; ihr werdet von denselben die euch höhnende Antwort erhalten: Der Mensch ist 245 Gott, vollkommen betritt er die Welt, seine Natur ist die absolute Vollkommenheit, seine Krone ist die Läugnung aller Autorität, sein einziger Fehler: das Glauben! Gebt solchen Leuten Eure Kinder in Erziehung, daß sie Götter daraus machen; dann erspart ihr dem Vögelein die Arbeit! Die Pädagogik ist aufgefahren und sitzt fest. Ruft sie nicht nach dem Tannenbaum, sie ist verloren! Sie führt die Kinder zur Schlange, von der ja jenes Wort ist: Ihr sollt seyn wie die Götter! Die Wahrheit aber ist die Bestimmung, die Gott gegeben! Der Grund aller Erziehung, der Zustand der zwar erlösten aber zum Bösen neigenden Seele! Die Mittel, die Seele im Guten festzumachen, sind in erster Reihe die von Christus gegebenen Heiligungsmittel. Aus, durch und für Christus! sey das Princip aller Bildung! Er ist der Tannenbaum des Brünnleins Pädagogik. Was macht wohl Hofers Weib und Kind? Es mag manche Thräne ihnen aus dem jammernden Auge geflossen seyn? Und die Flüchtlinge, die über dem Meere vor den Gendarmen Ruhe suchten — verlassend die heiligen Gräber, in die sie ihren Vater oder ihre Mutter gelegt hatten — wie mögen sie sich wohl befinden? Und die Unglücklichen, die dem Arme der Gerechtigkeit verfielen und jetzt öffentlich vor den Augen ihrer Schulkinder aus dem Gefängniß zur Anklagebank und von da zurückgeführt werden, wie mögen sie sich fühlen? Wohl nicht am Besten! Der Rausch ist ausgeschlafen, die Folgen dauern lange. Davon, ihr übrigen Alle, die ihr Eure Mitschuld zu verbergen wisset, die ihr dieselbe Lust nur aus Klugheit zurückgehalten, und ihr, die ihr den Vogelpfiff durchschauend treu bliebet, nehmt Euch ein Erempel! Ungestraft ist das Brünnlein nicht vom Tannenbaum gewichen. Darum, und weil es also vernünftig und christlich ist, wollen wir Alle Wahrheit, Gesetz und Gottes Wort ehren. Wir wollen halten zu dem Herrn! und weil der Herr zu seinen Verwaltern Kirche und Staat gesetzt hat, wollen wir zu diesen uns schlagen. Und fordert ein Beamter auch mit stolzer Miene die Steuer und ein Pfarrer mit unfreundlichen Worten den Dienst — was beunruhigt uns die Form: das Wesen ist daS Wort der Autorität, die sie zu vertreten haben. Laßt ihnen ihre harten Herzen und gehorchet! Knechte und Sklaven braucht ihr deßhalb nicht aus euch machen zu lassen! Ihr sollt nur freie Diener seyn! Freie Diener um Gottes willen! Ja kehren wir Alle, wir Lehrer der Jugend, zurück zu Gott. Er ist unser Tannenbaum uns armen Brunnen. Dann werden wir auch im Stande seyn, das Verderben wenigstens zu schwächen, daS der fremde Vogel in unsere Kinder hineinpfeift, wir werden im Stande seyn, wenigstens daS Bild und die Erinnerung deö Tannenbaums tief in die jungen Herzen zu graben. Wohl wird manches Kind, das jetzt noch ganz harmlos in der Schulbank sitzt, einst andere Wege gehen, denn jetzt. ES mag stolz an Gottes- und Königshäuscrn vorübergehen und vielleicht mit verbissenem Grimme die Steine vor denselben mit dem Fuße wegschleudern; es mag manchen Damm sprengen, den Recht unv Zucht aufgebaut und nur die Schwäche zu hüten vergessen; manches Blümlein, daS lustig und heiter in die Welt geblickt und alle reinen Herzen entzückt hatte, mag es in traurigen Augenblicken knicken — allein eS wird auch für dasselbe der Tag des Unglückes, des Elendes und der Reue kommen. Haben wir dann die Lehre vom Tanncnbaum fest ins Herz, gelegt, dann wird der Tannenzweig auS der untersten Seele des unglücklichen Verbrechers heraufsteigen, Heilung und Rettung bringen. Mögen alle jungen Sünder nnd Sünderinnen dann die Rückkehr zum Tannenbaum finden; denn der Tannenbaum ist Gott, der allein sie dann retten kann. Das nun habe ich dem Mährchen vom Tannenbaum und Brünnlein abgelesen; aber AlleS ist das nicht. Noch viel mehr liegt drin verborgen. Wer ein reines Herz hätte, der könnte den Schau erheben. Darum, liebe Freunde vom katholischen Schullehrcrverein, verschafft Euch das Buch. Es ist so wunderbarlich schon und sinnig, daß ich eS Euch nicht zu sagen vermag. Es enthält die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Schule. 246 Und da Jeder von uns ein Brüunlein war, oder ist, oder doch werden kann, so schreiben wir die Schlußworte des Mährchens uns tief ins Herz: Doch horch! Im Tanncnbaum, wie's schauert! Er rauschet mahnend: Wacht und betet! Katholisches Leben in einer französischen Provinzialstadt. (Fortsetzung.) Die freundliche, neue gothische Capelle der Schwestern von St. Chrötienne, im besten Style mit Glasmalereien und gelungenen Fresken vor wenigen Jahren vollendet, wird dem Fremden als eine der Sehenswürdigkeiten von Metz gezeigt. Ueberbaupt scheint der junge Orden einer großen Verbreitung und Blüthe entgegen zu gehen. Zwischen drei und vierhundert Schwestern mögen jetzt schon in Lothringen und den benachbarten Departements in den Städten und größeren Flecken vertheilt seyn. Da die Schwestern aber nach den Ordensregeln nicht einzeln ausgehen und sich niederlassen dürfen, können sie auf dem Lande in kleinen Flecken und Örtschaften nicht wirken. Hiefür ist also ein anderer Orden nöthig gewesen und er hat nicht lange gefehlt. Die Schwestern der Vorsehung nämlich bestehen zwar schon länger und waren bereits in der Capitelversammlung aller Barmherzigen Schwestern und verwandten Orden vertrete», welche Napoleon unter dem Vorsitze seiner Mutter 1807 abhalten ließ; allein der Stamm des gegenwärtigen Ordens hat nach mancherlei Schicksalen und Verpflanzungen erst in den letzten fünfzehn Jahren gesunde Wurzeln geschlagen, seitdem er durch seinen Almosenier und Reformator, den noch lebenden frommen und unglaublich unternehmenden Domherrn H.... in dem Schlößchen Peltre, anderthalb Stunden von Metz, angesiedelt worden ist. Von diesem jetzt umgebautcu und erweiterten Schlößchen tragen die Klosterfrauen aligemein den Namen Schwestern von Pelrre, sie haben daselbst ihr Noviziat und ein Pensionat sür Kinder von wohlhabenden Familien aus dem Bauernstande, worauf Unterricht und Erziehung speciell berechnet sind. Die Schwestern von Peltre also haben vorzugsweise die Bestimmung für die Landgemeinden und zwar nicht allein für den Schulunterricht der Mädchen, sondern auch für Armen- und Krankenpflege auf dem Lande, weßhalb die Ordensregeln ihnen gestatten, auch einzeln, auf die Ortschaften zu gehen. Es werden dazu von Seiten der Gemeinde Verträge mit dem Orden eingegangen, wie dieß auch bei andern Schulschwcsteru der Fall ist, und das Wirken einer einigen solchen Schwester ist in der Regel so segenreich und ein so großer Trost sür eine Gemeinde, daß die Beispiele äußerst selten ftyn werden, wo man sich von diesen Verträgen seitens der Ortsbehörde wieder lossagt. Den guten Schwestern soll durch die weltlichen Schullehrer zuweilen das Leben etwas sauer gemacht werden, allein ihre Demuth erwirbt ihnen doch meistens den geeigneten Schutz, und die stetig zunehmende Nachfrage und Bewerbung der Ortschaften liefert den besten Beweis, daß hier einem Bedürfnisse des Volkes nach Wunsch entsprochen wird. Peltre liegt gerade an der im Bau rasch voranschrcitcnden Eisenbahn von Metz nach Saarbrücken. Dadurch wird der nothwendige häufige Verkehr zwischen den Schwestern und dem Mutterhaus in der Diöcese nicht allein sehr erleichtert werden, sondern es können auch die deutschen Nachbarn aus den Diöcesen Trier, Speyer und Mainz in wenigen Stunden Kenntniß nehmen 'von einer wahrhaft praktischen Anstalt, welche gewiß auch bei uns verlangt und nachgeahmt werden würde, wenn das Volk eS einmal wieder selbst erfahren hätte, daß die Quellwasscr, welche von ven Höhen rieseln, einen reinern gesündern Geschmack haben, als das Wasser, welches für seinen Durst ihm jetzt aus Cisternen und Filtrirmaschinen zufließt. ES ist eine große Gnade Gottcö und eS gehört ein mächtiger innerer Beruf dazu, wenn eine einfache Tochter 247 des Landvolkes durch eine Schule und Einübung von wenigen Jahren innerhalb der Gemeinschaft so weit im Unterrichte gelangt und sich im geistigen Leben so ganz befestigt, daß sie ohne Gefahr allein, ohne höhere oder gegenseitige Aufsicht, in entlegene Orte ausgesandt werden kann, wo sie an ihr Gelübde streng gebunden, Allen nützlich werden soll, ohne von Jemanden etwas ansprechen zu können, als nur vom Ortspfarrer den nöthigen geistlichen Trost und Rath. Aber die uneigennützige, unentgeltliche Widmung, die unbezahlte Dienstleistung der christlichen Liebe stickt doch dem Bauer wie dem Handwerker so in die Augen, daß der Lebensberuf der Schwestern von Peltre bereits ein Ehrenstand geworden ist, und daß auch angesehene Familien der lothringischen Landbevölkerung es als ein Glück und eine Ehre für sich betrachten, wenn ihre Mädchen den Beruf bekommen und etwa auö dem Pensionate sogleich in den Orden eintreten. Doch wir kehren in die Stadt zurück und verfolgen weiter die Wege, auf welchen katholische Liebe die Bedürfnisse deS heutigen Volkslebens, wenn auch die traurigsten, zu stillen sucht. Da begegnen uns denn noch zwei Anstalten, die wir nicht unerwähnt lassen dürfen. Zunächst die sogenannte Natermtö, Entbindungsanstalt und FiudelhauS, eine städtische Einrichtung, in welcher jetzt durch die Anstrengungen eines verdienten alten Arztes und die einsichtsvolle Fürsorge desselben thätigen Domherrn, der die Schwestern der Vorsehung erneuert hat, die angestellten Pflegerinnen durch kurze Gelübde allmälig aus Miethlingen zu Berufenen umgebildet werden (8vvurs cle 8ts. I^Iicie). Im Vorbeigehen mag hier angeführt werden, wie die verschiedenen Orden vom Volke vorzugsweise nach der Dauer der Gelübde, als nach dem Grade und Werthe ihres Lebensopferö, abgeschätzt und behandelt werden. Nach diesem Maaßstabe stehen denn am allerhöchsten Diejenigen, die sich selbst am tiefsten stellen und für ihr ganzes Leben zu den Verworfensten der Erde gesellen, die Frauen vom guten Hirten. Sie werden zwar nicht in obigem Verhältnisse vom Volke mit allen Mitteln versehen und mit Almosen unterhalten, denn Wer denkt so leicht an jenen heimlichen Winkel ewiger freiwilliger Verbannung deS Lasters, — so lange arme Waisen und Kranke öffentlich nach dem Almosen die Hand ausstrecken, sie sind vielmehr ost wie vergessen und der härtesten Entblößung preisgegeben. Dafür haben sie die Ehre, den Herrn und Meister auf jenem Pfade, wo ihm von den Pharisäern rie Herablassung zu den Sündern als Sünde vorgeworfen wird, stets allein zn begleiten; die Frauen vom guten Hirten können sich niemals auf grüner heiterer Wiese bei den gesunden und unscknlvigen Lämmern ausruhen. Diese meist den höhern Ständen angehörigen erhabenen Seelen tragen unschuldig und freiwillig das Kreuz der Sünden einer ganzer Stadt mit unbegreiflicher Ueberwindung jeder menschlichen Regung nach Freude und Erholung; sie scheinen selbst des heiligen Jg- natins dritten Grad der Demuth hinter sich zu lassen, indem sie nicht allein Armuth, Krankheiten und Verachtung lieben und aufsuchen, sondern auch fast unausgesetzten sittlichen Ekel, indem sie, wie man glauben sollte, eine Hölle auf Erden von dem Herrn sich erbitten und von den Menschen sich auflegen lassen. Welche Bnße, welche Härte kann den Sünderinnen hart erscheinen, wenn sie sehen, daß die edelsten, reinsten Wesen der Erbe ein so hartes Leben aus freier Wahl mit ihnen theilen; der Anblick solcher übermenschlichen Widmung wird gerade den wahren Magdalenen Anfangs fast unerträglich, aber auch nur unter solchen Eindrücken bleibt die Reue unermüdct und lange, lange unersättlich an Buße. Den Büßerinnen steht der erste Eintritt wie der Austritt frei; Zwang und Strafe findet gegen die Austretenden nur dadurch statt, daß ihnen ein zweiter Eintritt unerbittlich versagt ist. Die Büßerinnen sind natürlich in verschiedene Grade abgetheilt, auch iu der Kleidung von einander unterschieden; in einem besondern Verhältnisse und von den eigentlichen Büßerinnen ganz getrennt stehen die von ihren Eltern zur Aufsicht und Besserung übergebenen gefallenen, oder sittlich sonst gefährdeten jungen Mävchcn. Endlich haben die Frauen vom guten Hirten auch wenige andere Kinder zur Erziehung bei sich, eine Last, die bei ihnen fast als eine Erholung erscheinen könnte. So sind ihnen einige, durch 248 einen frommen italienischen Priester aus der Sklaverei in Egypten befreite Negerkinder zur Pflege anvertraut, für deren Unterhalt, wenn ich nicht irre, ihre Tauf- pathinnen, die oben erwähnten Marienkinder, Sorge tragen. Uebrigens ist eS nicht leicht und für männliche Besucher ganz untersagt im Kloster zum guten Hirten weirer als bis zur Capelle oder zum Sprachgitter der Vorsteherinnen vorzudringen. Der Neugierde, welche so selten etwas bringt, wird hier auch wenig zu suchen gestatten; auf Touristen sind überhaupt die Klöster der ernsten neubelebten Orden nicht eingerichtet. (Fortsetzung folgt.) Bonn» Bonn. 22. Juli. Der berühmte Pater Jgnatius (Lord Spencer) hält sich seit einigen Tagen hier bei^uns auf, um auch hier für seine heiligen Zwecke zu wirken, und findet überall, nicht bloß bei seinen Glaubensbrüdern, sondern auch bei den fremden Glaubensgenossen die liebevollste und freundlichste Aufnahme. Ungemein rührend und erhebend war es, wie er in der Generalversammlung der Mitglieder des Nincenzvereins, die am vergangenen Sonntage im hiesigen Convictorium stattfand, das Wort ergriff, und die Versammlung mit dem Zwecke seiner Mission in einer herzlichen Ansprache bekannt machte, deren Inhalt auch für einen weitem Kreis von Interesse seyn dürfte, und den wir daher auf seine specielle Erlaubniß nachstehend zur Kenntniß Ihrer Leser bringen: „Mit großer Dankbarkeit ergreife ich die Gelegenheit, die mir der Herr Präsident gütig gegeben hat, um dem Hauptzwecke meiner Reise durch Deutschland zu dienen. Ich komme, um Hilfe für die Bekehrung Englands, meines Vaterlandes, zu erbitten oder, wie ich zu sagen gewohnt bin, um meinen Kreuzzug für die Ueberwindung Englands zu predigen und an allen Orten Soldaten für die heilige Armee zu werben. ES ist nicht nöthig, zu bemerken, daß dieser Krieg nicht mit irdischen Waffen geführt wird, die den menschlichen Körper tödten. Nein, die Waffen, womit wir kämpfen, sind nicht fleischlich, sondern göttlich, stark, daS Herz deS Menschen zur Unterwerfung unter Christus zu bringen und gefangen zu nehmen. Und welche sind diese Waffen, womit die Kreuzfahrer versehen seyn müssen? Sie sind dreifach: Erstens Gebete, zweitens das heilige Beispiel, drittens die christliche Lehre und Unterweisung. Und welches sind die Classen, auS deuen diese Soldaten gewählt seyn müssen? Alle Classen; aber besonders die Armen, die Kranken und die Kinder, jene, sage ich, die Gott selbst für sich auSer- wählt hat: die Armen, die Verachteten, die Verworfenen der Welt, aber die reich sind durch den Glauben; und dieses ist eS, was mich antreibt, mich Euch zu empfehlen, eifrige Nachfolger des heiligen Vincentius, des Vaters der Armen. Ihr besorget die Armen; Ihr erquicket sie in allen ihren geistigen und leiblichen Leiden und Bedürfnissen, und darum seyd Ihr es, die ihre Herzen bewegen können. Vielleicht werbet Ihr mir bemerken: Ja, es ist wahr, unser armes Volk kann wohl für England beten, aber wie kann eS England durch das Beispiel und durch den Unterricht zu Hilfe kommen? Es ist wahr, sie können es nicht; aber mir müssen auch an unsere irrgläubigen Brüder in Deutschland denken. Warum sollen wir in diesem Unternehmen auf England allein schauen? Wir können hoffen, daß, wenn England katholisch wird, dieses der Todesschlag deS Protestantismus auf der ganzen Welt seyn wird. Und Ihr solltet für Englands Rettung mehr besorgt seyn um Deutschlands, als um Englands willen. Der Vorschlag also, den ich, wie es auf meinem kleinen Zettel steht, zu machen wage, ist, daß alle Katholiken der ganzen Welt ihre getrennten Brüder überall in den Schooß der Mutterkirche durch heilige, liebevolle Gewalt zu kommen nöthigen, uud daß sie diese Brüver selbst einladen, Gott zu bitten, er möge sie alle zur Einheit in der Wahrheit führen." (D. Volksh.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. C. Krem er. Cilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburgrr Pojheitung. 10. August M- 2851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsvrei« 40 kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Deutsche Mission in Paris unter dem Schutze deS heiligen Joseph. Für daS in der Uebcrsckrift bezeichnete ^ute Werk hat sich in Paris ein Comitö gebildet, besteh.nd aus dem Gencralvicar Bautain, den Volksvertretern Graf Mon» , talembert, de CoetloSauet, de Foblant, de Heeckeren, Prudhomme, dem Bicomte de Lambel und dem Grasen Arco-AaUey, bayerischem Reichörath. Protecioren sind: der Erzbischof von Paris und die Bischöfe von LangreS und Slraßburg. Dieses Comilö hat folgende Ansprache erlassen: „In Paris und seinem Weichbilde wohnen 60- bis 80.000 katholische Deutsche; darunter sinv Handwerker, Taglöhuer und Dienstleute, deren große Mehrzahl nie eine hinreichende Kenntniß der französischen Sprache erlangt, um von dem in den Pfarrkirchen eriheilten religiösen Unterrichte Nutzen ziehen zu können. So ist diese ganze Bevölkerung durch ihre unglückliche Lage dem Vergessen ihr^r Religion, der Gleichgilligkeil gegen dieselbe und allen Uebeln, welche davon die Folge sind, im Voraus überliefert. Wenn eine so traurige Thatsache in der neuen Welt, in Indien oder China sich zeigte, würde man sich nicht verpflichtet fühlen, den Eifer des KleruS uuv die christliche Liebe der Gläubigen anzurufen? Sollten wir denn gleichgillig dabei bleiben, da sie in der Haupistart des katholischen Frankreich, im Herzen der civili- sirtcn Well besteht? Diese Tausende von Seelen, die durch das Blut unseres göttlichen Heilandes losgekauft und dnrch die heilige Taufe wiedergeboren, die auch Kinder unserer Mutter, der Kirche, sind, — sollen wir sie mitten unter uns irren und verloren gehen lassen, diese armen Schafe ohne Hirt und Hurte? Stehen sie unS nicht lausend Mal näher, müssen sie uns nicht tausend Mal theurer seyn, diese katholischen Seelen, als jene nicht wiedergeborenen Seelen wilder und heidnischer Länder? Welche Gefahr mochte zudem der ihrigen gleichkommen? Die tiefste Unwissenheit, Unsiitlichkeit, Gottlosigkeit, Abfall vom Glauben, schleuniger und verderblicher Rück- fall in eine wahrhaft sittliche und religiöse Barbarei, sollen das die Früchte ihrcS Aufenthaltes unter uns seyn? Sollen sie diese früher oder später in ihr Vaterland mitnehmen? In unsern eigenen Häusern zählen wir Tausende von Kindermägdcn, Erzieherinnen und Dienstleulen deutschen Ursprungs; das heilige Interesse der Familie ist also mit dem Interesse der Stadt, der menschlichen Gesellschaft, der unsterblichen Seelen auf'S Innigste verknüpft. In Paris hat man kein gutes Werk vergessen, nur mit diesem hat man sich noch nicht ausreichend beschäftigt. Rom, London, New- Uork, New-Orleans besitzen Kirchen für die Franzosen und für die Deutsche«; Wien hat eine Kirche für die Franzosen gegründet. Sollte Paris allein zurückbleiben? Nein, die Welt ist von Paris solcher Ausnahmen nicht gewohnt! S50 Die Missionäre beginnen ihr Werk, indem sie im Mittelpuncte der Gegend, die sie bekehren wollen, ein Kreuz auspflanzen. So ist auch vor Allem eine Kirche nöthig, welche, groß und woblgelegen, in ganz Paris bekannt und den Deutschen ausschließlich vorbebalten ist, ncbst Wohnung für sechs oder acht Missionäre, welche sich bereit halten, überall da zu wirken und dahin sich zu begeben, wo es Noth thut. Ferner sind Schulen für Knaben und Mädchen erforderlich, besonders Abendschulen und Sonntagöschulen. Die armen Kinder, welche genöthigt sind, selbst ihr tägliches Brod zu verdienen, lernen nicht allein niemals Lesen und Schreiben, sondern erlangen auch nicht die geringste Kenntniß ihrer Religion, wenn man sie nicht in ihren Freistunden dazu anleitet. Es gibt Hunderte von erwachsenen Jünglingen und Jungfrauen, welche ihre erste heilige Commnnion nicht gehalten haben, ungerechnet zwci oder drei Tausend von geringerm Alter. Endlich wäre noch ein Asyl zum vorübergehenden Aufenthalte junger Mädchen, die ohne Arbeit und ohne Stelle sind, so wie ein kleines Hospital für diejenigen Unglücklichen, welche als Fremde keine Unterstützung und keine Ausnahme in den städtischen WohlthätigkeitSanstalten finden, oder denen der Aufenthalt in dieselben nicht bis zur völligen Wiederherstellung vergönnt ist, zu gründen. Bis jetzt ist Folgendes geschehen: In einigen Pfarrkirchen wird Religionsunterricht gehalten; aber bei allem guten Willen und der größten Zuvorkommenheit von Seiten der Herren Pfarrer wird der Pfarrdienst dadurch beeinträchtigt und die Stunden sind nicht zweckmäßig. So kann die Sache nicht vorangehen, und eS zeigt sich deutlich, daß ein eigenes Gotteshaus da seyn mnß. Es ist deßbalb ein Gebäude in der Nähe einer Barriere des Faubourg St. Martin gemiethet und in eine provisorische Capelle umgewandelt worden. Schulsäle für die Knaben sind auch beschafft, so wie eine erträgliche Wohnung für vier deutsche Schwestern vom heiligen Karl Borro- mäus aus Nancy, welche die Kranken in ihren Wohnungen besuchen und schon 300 junge Mädchen unterrichten. Da aber die provisorische Capelle nicht für ein Viertel der Gläubigen, welche sich zum Kirchenbcsuche drängen, hinreicht, mußten wir für ein größeres Gotteshaus sorgen, wäre eS auch nur von Brettern gebaut. Wir haben daher einen Bauplatz nebst einer kleinen Wohnung mit dem Rechte des Ankaufs gepachtet, der in der Nähe aller Verbindungswege nach Deutschland liegt. Dort soll der Angelpunct der Mission seyn; dort ist das Centrum einer Bevölkerung von ungefähr 2(1,(10» Deutschen, welche eine halbe Stunde von jeder Kirche entfernt wohnen. Im Ganzen haben wir für Miethe 7000 Franken jährlich zu zahlen, wozu noch die Unterhaltung deS Personals kommt. Die göttliche Vorsehung ist unsere einzige Hilfsquelle!" Das Comitv beabsichtigt, die Mittel zu vorstehend auseinandergesetzten Zwecken durch freiwillige Beiträge und Subscriplionen für regelmäßige monatliche oder jährliche Zahlungen zusammenzubringen, und nimmt auch Geschenke von Kirchengerälhen, Stoffen zu Gewändern, Leinwand u. s. w. mit Dank an. Direktor deS Vereins ist der geistliche Herr I. I. Chable, Rue Lafayette 126. Ein besonderes Comite, auS Damen bestehend, hat sich für die Errichtung der deutschen Armenschulen gebildet; unter mehrern französischen Namen bemerken wir dabei die der Gräfin Elisabetb von Bergh-TripS aus Düsseldorf und der Gräfin Anna Maria von Wald- burg-Zeil und Trauchburg. Cassirer dieses Comites ist Herr Bourlez, Place du Pantheon 1. — Indem wir die Gründung dieses verdienstlichen Werkes hiermit zur Kenntniß des deutschen Publicums bringen, hoffen wir, daß eS bei allen deutschen Katholiken lebhaften Anklang finde. Katholisches Leben in einer französischen Provinzialstadk (Fortsetzung.) Doch wir dürfen noch nicht ermüden in der Aufzählung der Erziehungsanstalten von Metz, so lange wir noch mit keinem Worte der Schwestern vom heili- S51 gen Vincenz von Paulo erwähnt haben, welche daselbst in so mannigfacher Wirksamkeit thätig sind. Ihnen ist nämlich die gan;e Waisen- und Krankenpflege der Stadt überlassen. In zwei getrennten Häusern werden die Waisenknaben und die Waisenmädchen, beide aber ganz allein aus dem Ertrag jährlicher freiwilliger Subscriplionen unterhalten und diesen Umstand müssen wir besonders hervorheben. Wenn man bei manchen hier gerühmten Anstalten vielleicht einwerfen könnte, daß man dafür ja auch bei unS ähnliche Einrichtungen von Staats wegen angeordnet und controlirt finde, so wird man doch nicht verkennen, daß ZwangSan- stalt'.'N eben keine Seltenstücke zu den hier besprochenen Beispielen zu liefern vermögen. Die freiwilligen WohlthätigkeitSanstalten der katholischen Kirche sind die ersten gesunden Elemente einer Decentralisation in Frankreich, also daS specifische Heilmittel für den gestörten Blutumlauf, wodurch jeden Augenblick die Schlagansälle dem Haupte deS Landes, der Capitole Paris, drohen, um von da aus periodisch auch die Glieder zu lähmen, nämlich die armen Provinzen, die eines solchen Wechsels nachgerade müde werden. ES war mir oft schwer zn begreifen, wie es möglich sey, daß dieselben Personen, welche von Staats wegen schon so hart besteuert sind, welche auch für die Stadt ihren gezwungenen Antheil tragen, außerdem auch noch für fünf oder zehn freiwillige gute Werke jährlich mit vollen Händen ihr Opfer bringen, und daß nicht allein einzelne Reiche, sondern auch viele gute Bürger aus den Mittelklassen für solche Anstalten einmal für allemal in ihrem Rechnungsüberschlage des Jahres verhältnißmäßig bedeutende Posten ansetzen. Aber eine solche Opferwilligkeit und großmüthige Gewohnheit würde gewiß auch unter-den besten Bürgern nicht so andauern und wachsen, wenn Christen nicht daS Brod, welches sie heute auf fließendes Wasser legen, am dritten Tage wiederfänden; wenn sie nicht von ihrer Arbeit, von ihrem einträchtigen Wirken Dank und Freude ernteten. Daß Letzteres der Fall ist, liegt in dem rechten Geiste der Unternehmungen und in der Wahl der rechten Mittel, welche sich in Metz unter dem doppelten Schutze und Segeu des heiligen Vincenz von Paulo täglich erproben; eS liegt darin, daß die thätigsten Christen, organisirt als Vincentiusverein, ihre Almosen nicht in dunkle Kasten werfen, sondern sie in die Familien der Armen tragen, an deren Herd die Werke der Liebe selbst ausüben, für die verlassenen Einzelnen aber, für die Waisen besonders, durch neue geweihte Bereinigung sorgen und diese auS freiwilliger Liebe gegründeten Anstalten den barmherzigen Schwester» vom Orden desselben großen Apostels der Armenpflege anvertrauen. Wir dürfen über diese lieben Schwestern hier nur ein Wort sagen; theils weil ja ein Jeder, der sehen und hören will, der nicht absichtlich nichts oder aus schlechtem Gewissen nichts Gutes hören und sehen will, viel besser thut, die ersten Sendlinge, die wir so glücklich sind in mehrern deutschen Kirchenprovinzen bereits zu besitzen, an Ort und Stelle selbst zu besuchen; theils weil Alleö, was Clemens Brentano*) von den Schwestern des heiligen Carl BorromäuS zu Nancy mit beredter unübertrefflicher Einfachheit gesagt hat, fast ohne Ausnahme auch von den Schwestern des heiligen Vincenz gilt. Wenn jene in der Auswahl und Aufnahme strenger sind, so scheinen diese in ihrem rücksichtslosen Gottvertrauen noch unternehmender zu seyn. Diese frommen Seelen, deren Mutterhaus und großes Noviziat in Paris ist, deren Pflanzschulen aber auch schon in Straßburg und in München unS nahe gerückt sind, werden im übrigen Deutschland hoffentlich nicht weniger guten Boden finden, als in Algier, Nordamerika und China. So oft ich in Metz zwei solcher lieben Schwestern mit den breiten weißen Flügeln ihrer Hauben durch das Straßcngewühl der Sackträger und Schacherjuden, durch Gassenjungen und Soldatenhaufen unberührt und leichtgetragen hindurchschweben sah, kamen sie mir immer vor, wie die Tauben, die gleichfalls ungestört und von den Menschen unbemerkt sich auf den Straßen niederlassen und ebenso unberührt ') In dem vortrefflichen Buche: „Die barmherzigen Schwestern in Bezug .ins Armen- um Krankenpflege/- Coblenz bei Hölscher 1S31. 852 wieder weiter fliegen. Betreten wir zuerst daS Waisenhaus der Knaben, wo die Schwestern nur als Mütter erscheinen, so finden wir in den Morgenstunden die jüngsten der anwesenden Kinder in ihren Schulclassen versammelt; eine Abtheilung von 45 Knaben von 10 bis 14 Jahren von einer Schwester, die kaum 30 Jahre erreicht haben kann, in ganz musterhaficr Zucht und doch in vertraulicher Liebe zu- sammengehalten; die ä leren Zöglinge, nur zum Theil unter Overgesellen von fünf Hantwerken in verschiedenen Werkstätten, im Hofe unv im untern Stocke vertheilt, während ein anderer Theil schon in der Frühe zu guten Meistern in die Statt geführt worden ist; die Schlassäle zum Lütten weit geöffnet, Küche, Vorrathskammern und Keller, besonders aber daS einfache Hauscapellchen in reinlichster Ordnung, Alles, waS zur Verwaltung gehört, wiederholt sich in sämmtlichen Anstalten, die den Schwestern übergeben sind, unv findet sich natürlich am sorgkältigsten da geordnet, wo ihnen auch die Leitung und Rechnungsführung unmittelbar anvertraut ist, wie hier in beiden Waisenhäusern. DaS der Märchen ist viel zahlreicher, viel geräumiger. Hier ist natürlich daS Nähen und Behandeln der Wäsche die Hauptsache; der Wech- zcugvorrath ist die Schatzkammer, und dieses ganze Fach bildet die künftige Lautbahn der Zöglinge. Wenn sie entlassen werden, treten sie unter den Schutz eines besondern religiösen Francnvereins (I'oeuvre clo jcrmes seoriomes), welcher sie in eigenen Werkstätten oder Arbeilksälen unter Auflicht eines Mitgliedes vereinigt, ihnen Beschäftigung gibt, ihre Sparpfennige anlegt, ihnen für passende Dienststellen sorgt, in einem Worte, mit ihnen in Verbindung bleibt, um sie vor der Nothwendigkeit und den Gefahren .anderer zufälliger und zweifelhafter Verbindungen zu schützen. In dem Mädchenwaisenhause zu Metz, einem ehemaligen Klostergebäude, ist der schöne lange Schlifsaal berühmt. Es ist damit auch eine Apotheke verbunden, in welcher vier Schwester von besonders guten Anlagen und Vorkenntnissen, unter zeitweiliger Anweimng eines Provisors au>a der Start, die Arzneimittel für das Haus und für die Stadiarmen bereiten. Wie sie dabei die Schwierigkeiten und Vornrthcile der Zunft überwinden, hat schon Brentano beschrieben unv gerechtfertigt. Müssen nicht auch unsere gelehrten ungläubigen Aerzte vom Glauben an ihre große Wissenschaft leben? Unv man frage die aus Hospitälern beiderlei Arten entlassenen Kranken, an Wen sie mehr glauben? ob ihnen besser mit der liebevollen Wartung, dem Troste unv den Hausarzneien der Schwestern, over vielleicht mit den gelehrten Recepten wirklicher geheimer Hofräche und den Mieihlingshandlhierungen ächt weltlicher Krankenwärter qevient gewesen sey? Glücklicher Weise nimmt doch allenthalben die Zahl der einsichtigen Aerzte zu. die sich nicht mehr gegen den Anblick der demüthigen, gehorsamen Schwestern mit Scheuledern bewaffnen; müssen sie ja doch schon in vielen protestantischen Gegenden Deutschlands die viel schwierigere Schule der D>acomssen durchmachen. Unter den beiden städtischen Hospitälern zu Metz, welche den Schwestern vom heiligen Vincenz von Paulo vertragsweise übergeben sinv, ist das eine, an der Mosel gelegen (Aotre vamo cls linn seoourg), von geringerm Umfange und nur für vor- übergehcnve Krankheiten und Unfälle berechnet; eS trägt hier AlleS den thätigen, hoffnungsvollen Charakter einer balv bestandenen Prüfung; das große Bürger- hoSpiial (8t Aielgs) dagegen zählt unter der Aussicht und Pflege von einigen zwanzig Schwestern mehr als 700 Seelen, und darunter eine große Anzahl Unheilbarer und Pfründner. Das HauS hat sei' en eigenen Aumonivr, der den beschwerlichen und mannigfaltigen Pflichten seines Priesteramtes nur mit äußerster Anstrengung allein .^ugen kann. Ein bloßes Durchwandeln der Höfe, zahlreichen Treppen unv Gär;e .'ch drei Stockwerke hindurch ist eine halbe Tagereise. Der Anblick so mancher ubschnckenden Gestalten in dieser vollzähligen Sammlung und Aufstellung menschlicher Gebrechen, Laster und Leiden erfüllt den Zuschauer mit der Ueberzeugung, daß eS hier nicht auszuhalten ist, ohne eine bestimmte Sendung von Gott; und wenn er sich in mancher Stunde eingebildet bat, daß er doch auch ein Herz für seinen Nächsten habe und daß gute pflichtmäßige Vorsätze für alle Fälle im Leben ausreichen L53 müßten, so verläßt er dieß HauS sicherlich mit schwerer Seelenermüdung, mit tiefer Beschämung und behält für's Leben eine ehrfurchtsvolle Erinnerung an die geheiligten Wesen, die einer unausgesetzten Gnade GotteS würdig seyn müssen, um auf immer und stündlich ein gleiches Band feuriger Liebe flechten zu können durch die hundertfachen Verwickelungen von Schmerz und Ekel, von selbstverschulvetem Siechthum und von scheinbar „unverdientem Büßen für der Väter Missethaten." Unter den thätigen Schwestern sind vielleicht sechs bis acht ältere, gesetzte Matronen, welche ihren Schlüsselbund mit kerniger Faust schwingen und stämmigen Schrilles durch die Säle schreilend, mit festen Blicken bald rechts bald links, in der gemischten Gesellschaft Ordnung und Frieden durch ihre bloße Anwesenheit gebieten. Aber bei weitem die meisten sind rührend junge Mädchen, denen, wie ich eS einst vernahm, das allererste Anklopfen des Meisters das Herz getroffen hat und die ihm unverwandten Blickes bis hierher gefolgt sind, wo sie seine Gegenwart täglich in der unkenntlichsten Gestalt aufsuchen und ehren, wo sie nur, wenn daS müde Auge sich am Abend schließt, das lohnende Wort zu vernehmen glauben: „DaS hast du mir gelhan " Da sieht man bald die eine mit einem Korb voll Arzneiflaschen von einem Bett zum andern schweben, den Leidenden, die wohl ihr zu Liebe so gerne einnehmen, freundlich ernst zunicken; die zweite kniet vor einem Bette und verbindet den von einem Hufschlage zerschmetterten Fuß eines rüstigen Bauernburschen mit so anmuthiger Einfalt und Würde, daß der Dulder nur daran zu denken scheint, wie auch er sich in stummem Anstand? gegen die liebe, vornehme und doch wieder demüthige Schwester einfach ergeben und dankbar, verhalten soll; einer dritten hat eben ein armer Bauer in einem Korbe sein Bübchen mit zerbrochenem Beine übergeben; sie hat eS gebettet und sitzt nun bei ihm mit einem Bilderbuch«. Wenn unter den vier so eben beschriebenen, den barmherzigen VincentiuS-Schwestern anvertrauten Anstalten die beiden erstgenannten ganz von freiwilligen Beiträgen, also vom öffentlichen Vertrauen leben, so haben wir nun noch eine Stiftung zu erwähnen, die von einem einzigen noch lebenden Ehepaar gegründet und zur Stunde nicht ganz vollendet, aber der Einweihung in kurzer Zeit entgegensehend, wahrscheinlich in dieselben treuen Hände übergehen wird. ES ist dieß das künftige Waisenhaus der heiligen Constan- tia, so benannt nach dem einzigen, im sechzehnten Jahre nach unsäglichen Leiden heimgerufenen Töchterchen des Herrn H........, Notars zu Metz. Der Staub dieses einen gebrechlichen KindeS wird nun bald in der Gruft der neuen Capelle ruhen; aber den trostlos gewesenen Eltern erblüht auf der Erde der Verwesung, der auch sie bald angehören werden, ein immergrüner neuer Stamm; denn am Todestage faßten sie den Entschluß, vierzig Waisen, wenn ich nicht irre, vorzugsweise von unverschuldet verarmten Eltern an KindeSsiatt anzunehmen, und diese werden hier daS Andenken des frühen Opfers ihrer kleinen Schwester Eonstantia feiern. Nicht allein der schöne Bau, der sich auf der St. Vincenzinsel in Hufeisenform nach der Mosel hin erstreckt und dessen offne Säulengänge einen freundlichen Garten umschließen, also nicht allein die Räume und Mauern wurden von den wohlhabenden und wohlthuenden Gatten gegründet, sondern sie sollen auch die vierzig Freistellen schon vollständig sundirt haben. In solchen Zügen, wie wir sie seither betrachtet haben, könnten wir fast stolz werden, den Bürgersinn der alten deutschen Reichsstadt verwandtschaftlich wieder erkennen zu dürfen, wenn nur von unserer Seite die Ahnenprobe ohne Scham zu bestehen wäre. Aber wo sind denn drei Namen auS dem gesammten deutschen Adel, die Fürsten mit einbegriffen, die auf ihrem Stammbaume in der ganzen ersten Hälfte dieses Jahrhunderts auch nur ein Denkmal wie daS des Metzer Bürgers aufzuweisen vermöchten; geschweige denn des christlichen Sinnes im neuern deutschen Bürgerstande, der in der reichsten und stolzesten freien Reichsstadt die Stiftungen seiner bessern Vorzeit zwar conservativ fortverzehrt, die Gräber seiner Vorfahren aber, wie die seiner Ehegatten und ehelichen Kinder beschatten läßt von dem Alles überragenden Denkmal einer auswärtigen, ich meine von der babylonischen Schule. Man wird 254 zwar sagen, solche Stiftungen, wie das HoSpital de St. Constance in Metz, möchten voch auch in dem katholischen Frankreich eine Seltenheit, eine zufällige Ausnahme seyn. Allein obgleich es nicht die Absicht des Schreibers war, an Ort und Stelle Notizen mit Namen und Zahlen zu sammeln, und überhaupt einen Bericht zu erstat- ten, zu welchem ihm jetzt erst nur sein Gedächtniß zu Gebote steht, so können hier doch noch einige Beispiele hinzugefügt werden, welche allein aus Metz und aus den letzien Jahren entnommen, die Ausnahme fast zur Regel erheben. Ein Fräulein S. hat beim Antreten ihrer elterlichen allerdings bedeutenden Erbschaft sogleich den größern Theil unter die milden Stiftungen ihrer Vaterstadt vertheilt und z. B. den Waisen 60.000 Franken geschenkt. Ferner von Werken der Baukunst, zu weichen sonst unter Tausenden collectirt wird, sind neuerlich durch drei einzelne Damen aus Metz drei neue Kirchen in nächster Umgebung der Stadt ganz allein auS ihren Pri- vatmitteln, ohne besondere oder ohne alle Verpflichtung erbaut worden und zwar in Trepy bei Peltre eine kleine Basilika mit gemalten GlaSfenstern, gewiß nicht weniger als 80,000 Franken anzuschlagen, durch Mad. P. de C.; sooann zu Noiseville eine gleichfalls sehr anständige ländliche Kirche durch Fräulein M.; endlich aber in Woip- pieS, eine Stunde von Metz, die meisterbaft und im reinsten Style durchgeführte kleine gothische Kirche, welche über 130,000 Franken gekostet hat, durch Frl. M. Wir können noch ein weiteres Beispiel hinzufügen. Eine würdige Dame hört, daß ein junger Priester eö sich besonders eifrig angelegen seyn läßt, auS der zahlreichen Garnison, welche, wie die ganze Armee, keinen Aumonier mehr hat, die guten christlichen Gemüther aufzusuchen und ihnen mit Rath und That, mit Unterricht und geistlichem Troste nach Kräften beizustehen, Sie stellt ihm einen Saal in ihrer Wohnung zur Verfügung, worin er bald eine kleine militärische Gemeinde von 60 — 100 Mann versammelt Der Herr Bischof hilft nun seiner Seits nach; er enthebt ihn seiner bisherigen Vicarstelle und übergibt ihm förmlich die Sorge für die selbstgcbildete Gemeinde. Diese nimmt täglich zu und verbreitet immer größern Segen. Die Räume deS SaaleS reichen nicht hin und können zum kirchlichen Gebrauche nicht schicklich dienen. Da baut unsere hochherzige Dame Mad. P____sofort im Hofe ihres Hotels eine freundliche, ja geschmackvolle Mariencapelle an, welche ihr 46,000 Franken kostet. Die militärische Gemeinde ist nun bereits auf 800 Mann angewachsen; zwar nur ein kleiner Theil der großen Garnison, aber auS lauter Freiwilligen bestehend, welche noch obendrein Schwierigkeiten zu bekämpfen haben, um ihre Capelle öfter besuchen zu können. Die Wohlthäterin hat aber keinen andern Lohn von ihrer Stiftung, als daß sie in ihrer nichtsichtbaren Seitenloge im Chor täglich sich dem Dankgebete so vieler frommen und tapferen Soldaten anschließen kann Derselbe würdige junge Priester, Abb6 M., welcher gleichzeitig auch einen Handwerkerverein von mehreren hundert Mitgliedern gebildet hat und diesen sowohl als seinen Soldaten täglich Morgens die heilige Messe lieSt, Abends KatcchiSmuS und geschichtliche Vorträge hält, ist ein geborner Metzer und ein Liebling seiner Vaterstadt. Eö ist ein ganz kindliches aber feuriges Gemüth, und weiß, indem er sich selbst bescheiden zurückhält, seine Leute bewundernswürdig zur Selbstthätigkeit und zur Verbreitung seiner guten Werke anzuleiten. Anfangs sah die Militärbehörde seine Bemühungen mit Mißtrauen und einige Chefs argwöhnten legitimistische Umtriebe; junge Officiere mußten ihn eine Weile beobachten. Er aber wußte die letztem durch seine unwiderstehliche liebenswürdige Einfalt unbewußt so sehr zu beschämen, daß sie nicht allein zn seinen Gunsten zeugten und ihm Freunde und Zuhörer warben, sondern jetzt selbst mithelfen, den Soldaten in den Abendstunden allerlei nützlichen Unterricht zu ertheilen. Auch Schüler der Leols ä'gppliestion mit Officiersrang kann man da oft bis zehn Uhr AbendS noch mit der Kreide an der Tafel stehen und lehren sehen. Der jetzige Kriegsminister, General Randon aber, obgleich selbst Protestant, hat als Gouverneur von Metz noch vor wenigen Monaten der Einweihung der Capelle beigewohnt und begünstigt daö gute Beispiel auf alle Art. sSchluß folgt,) 255 England. Durch die definitive Annahme der Titel bill in der Sitzung deS Hauses der Gemeinen vom 4. Juli ist der umviderlegliche Beweis für die Unduldsamkeil der ang- licanischen Kirche vor aller Welt geliefert. Die englische Geistlichkeit wollte sich den ruhigen Besitz ihrer unermeßlichen Reichthümer, so wie die ausschließliche Herrschaft über daS religiöse Bewußtseyn der Bewohner der britischen Inseln sichern, und das ist ihr in so weit gelungen, als eS von ihr selbst und von dem unter ihrem Einflüsse stehenden Parlamente abhängt. Zweierlei wird durch dieses Ereignis, offenbar: erstens, daß der Katholicismus in England bereits dergestalt gekräftigt ist, um die Eifersucht und die Besorgnisse eines Bekenntnisses zu erregen, daS aus der Genußsucht eines englischen Königs hervorgegangen ist; zweitens, vaß man die englische Nationalität vorzugsweise als die Verfolgerin deS Katholicismus betrachten muß Daß der katholische Glaube in England täglich mehr Kraft und Ausdehnung gewinnt, unterliegt um so weniger einem Zweifel, je mehr man nicht bloß die Zahl der dort fast täglich stattfindenden Uebertritle zum Katholicismus, sondern auch die hohe sociale Stellung vieler Personen in daS Auge faßt, welche daö Schisma verlassen und in den Schooß der wahren Mutter der Völker zurückkehren. Unwiderleglich geht auch aus der Geschichte unserer Tage hervor, daß der Haß und die Verfolgung deö Katholicismus jetzt mehr als je ein Charakterzug der englischen Nationalität ist. Allerdings zeigt zu unsern Zeiten der Nachrichter dem Volke nicht mehr das Haupt eines Hingerichteten Thomas MoruS, allerdings färbt das Blut englischer Märtyrer nicht mehr daS Schaffst, dennoch ist es leider eine unbestreitbare Thatsache, daß die englische Verfolgung an Grausamkeit nicht abgenommen, wohl aber an Schlauheit zugenommen hat. Elend' und Hunger reiben in Irland die katholische Bevölkerung auf, und das reiche Albion weiß kein Mittel, will keines finden, ihre Leiden zu mildern. Binnen wenigen Jahren hat die katholische Bevölkerung Irlands um zwei Millionen abgenommen. AIS im Jahre 1829 die Emancipationsbill die königliche Genehmigung erhielt, hatte eS den Anschein, als sollte der katholische Cultus von seinen Fesseln befreit werden. Da schmiedet sie plötzlich nach einundzwanzigjähriger PrüfungSzcit Lord Russell wieder fester. Dadurch hat er ein Werk vernichtet, dessen Zustandebrin- gung dem Herzog von Wellington tausendmal mehr zur Ehre gereicht, als seine Siege in Spanien und Belgien. Es fehlte im englischen Parlamente keineswegs an vielfachen Betheuerungen des Liberalismus und der Toleranz; es waren aber nur leere Worte, nur höhnische Phrasen. In dem zwanzigjährigen Zeilraum, während welchem das Joch anglikanischer Unduldsamkeit minder schwer drückte, athmete der Katholicismus wieder auf und gewann frische Kraft, und bereits bedrohte die in ihm liegende Wahrheit die Herrschaft deS AnglicauismuS. Auch die den Katholiken noch belassenen bürgerlichen Reckte werden ihnen wieder entrissen werden, sobald ein kaiho- lischeS Votum dem Protestantismus auch nur einen Schatten von Besorgnis) einflößen wird. (Bilancia.) K öl n. Köln, 24. Juli. Gestern fand im großen NathhauSsaale dieser Stadt die Generalversammlung der Vjricenz vereine in (Nord-) Deutschland statt. Vertreten durch Deputirte waren die Vereine von Aachen, Düsseldorf, Neuß, Bonn, Koblenz und Andern ach; von den übrigen Vereinen, deren entferntester in Schwerin mit vielem Erfolge sich gebildet, waren die Berichte an den Provin« zialrath eingelaufen, welche, nachdem die persönlich Anwesenden ihre Vorträge geHallen, vorgelesen wurden. Die Versammlung war (durch die hiesigen zahlreichen Con- ferenzen) sehr groß, auch der Oberbürgermeister, welcher mit großer Bereitwilligkeit den schönen NathhauSsaal zu dem Zwecke eingeräumt kalte, so wie der Präsident der 25k Armenverwaltung, Herr Geheimrath BerghauS, waren von Anfang bis zum Ende zugegen. Das Präsidium führte Baron Devivere, den Ehrcnvorsih, da der Herr Cardinal abwesend, der hvchwürdigste Herr Wcihbischos. Die mannigfachen, aus verschiedenen Landestheilen eingehenden Berichterstattungen über die gesegnete, oft wunderbare Wirksamkeit dieses schönen Vereines und die Anwesenheit mehrerer mit dem Geiste und Zwecke des Vereines in engerm Zusammenhange stehende Ordenspriester machten diese Versammlung zu einer eben so interessanten als anferbauenden. Pater Jgnatius (Spencer) brachte aus Altengland seinen frommen Brmergruß und flehte in rührender Ansprache (er spricht schon recht verständlich die deuische Sprache) nm Gebete für sein Vaterland. Der Superior der erst seit einigen Monaten hier eingezogenen MissionSpriester (Lazaristen) Herr Hire hielt zum Schlüsse, im Namen seines Ordens — der Söhne deS heiligen Vincenz — über die Werkihä- tigkeit deS Glaubens in ächter Christenliebe eine ergreifende Rede. Die Versammlung schloß wie sie auch begonnen mit Gebet. Keine der frühern Generalversammlungen deS hiesigen Provinzialrathes war so zahlreich gewesen, keine so interessant und wichtig durch ihre Resultate: der Geist deS großen Heiligen waltete sichlbar in« mitten der Brüder und gibt die zuversichtliche Hoffnung, daß die junge Pflanze, kein erotisches, sondern ein heimatliches Gewächs, zum kräftigen Baume auf Deutschlands Boden heranwachsen werde. (M. I.) Köln. Für den Dombau ist bekanntlich eine Bruderschaft zusammengetreten, deren Statuten wir hier mittheilen: 8. 1. Unter dem Titel: St. Peters-Bruderschast wird eine Bruderschaft von Priestern errichtet, welche für den Foribau des hochbe-- rühmten Kölner Domes fromme Gaben beizuschaffen bezweckt. Z. 2. Die einzelnen Mitglieder dieser Bruderschaft übernehmen folgende Verpflichtungen: 1. Daß sie das gottgefällige Werk des DombaueS mit frommem Gebete unterstützen. Deßhalb werden sie an jedem Sonn- und Feiertage die unten angegebenen Gebete verrichten. 2. Daß sie außer derjenigen Gabe, welche sie aus eigenen Mitteln opfern, jährlich wenigstens 3 Thaler unter den Gläubigen einsammeln, indem sie jede Gelegenheit wahrnehmen, wo sie dieses sromme Werk der christlichen Freigebigkeit am besten zu empfehlen im Stande sind. 3. Daß sie, wenn sie ein Testament machen, in demselben eine beliebige Gabe zur Vermehrung des DombaueS vermachen. 4. Daß sie jährlich einmal das heilige Meßopfer verrichten für das Wohl der Bruderschafts-Mitglieder und aller Wohlthäter des frommen Unternehmens. §. 3. Zur möglichst leichten Organisation ist die Bruderschaft so eingerichtet, daß je zehn benachbarte Mitglieder einen unter sich haben, der als Vorsteher das von den Einzelnen aufgebrachte Gelo empfängt und jährlich zur rechten Zeit mit einer Nachweiseliste nach Köln in die Kasse der Bruderschaft schickt. Wenn diese Zehnzahl auf irgend eine Weise abnimmt, so hat dieser Vorsteher so bald wie möglich für ihre Wiederergänzung sich Mühe zu geben. Dieses Zusammentreten der zehn, so wie die Bestimmung ihres Vorstehers ist der freien Einigung der Bruderschafts-Mitglieder überlassen. Wenn eS aber in irgend einer Gegend Schwierigkeiten fände, so wird die geistliche Behörde dafür Sorge treffen. §. 4. Der hochwürdigste Herr Erzbischof von Köln ernennt aus der Zahl derjenigen Mitglieder, welche in Köln wohnen, drei Verwalter, welche der gesamm- ten Bruderschaft vorstehen. §. 5. Das aufgebrachte Geld wird an die Erzbischöfliche Kasse übergeben und jährlich muß in der Octave von Pein Pauli darüber Rechnung gelegt werden. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. VerlagS-Jnhabcr: F. C. Krem er. Eilster Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur c Augslmrger postSeitung. 17. August M»- zz. issi. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonncmentspreis M kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die Fortschritte des Katholicismus. Unter dieser Neberschrift brachte jüngst die „Neue Bremer Zeitung" einen Leitartikel, den wir wegen der seltenen Unbefangenheit und Gerechtigkeit, die er zu erkennen gibt, seinem ganzen Inhalte nach vorlegen zu müssen glauben. Er lautet: „Eine der großartigsten Erscheinungen unserer Zeit, ja wir dürfen Wohl sagen, die großartigste, ist die Wiedererhebung des Katholicismus aus dem tiefen Verfalle, in welchen derselbe, gleich dem Protestautismus, in Folge der so lange unaufhaltsam um sich greifenden Verbreitung jener flachen Aufklärerei gesunken war, die sich noch heute unrechtmäßiger Weise mit den Namen der Bildung und der Philosophie schmückt, während sie doch das Gegentheil jeder wahren Bildung ist, und jeder tieferen philosophischen und wissenschaftlichen Begründung entbehrt. Die revolutionären Bewegungen der Jahre 1348 uns 1849 bezeichnen den Wendepunct, der den Sieg des Katholicismus über die Gefahren entschieden hat, die ihn in den vornehmsten Mittelpuncten seiner Macht mit dem Untergange bedrohten. Noch sind kaum zwei Jahre vergangen, seit der Papst nur unter dem Schutze fremder Bajonette in die Hauptstadt zurückkehren konnte, aus der ihn der Aufruhr vertrieben; und heute sehen wir die römische Hierarchie eine weltgebietende Macht entwickeln, wie sie dieselbe seit jenen Tagen veö MittelallerS nicht mehr geübt hat, wo Völker und Fürsten vor den Bannstrahlen deS Vatikans zitterten. In Italien, im Kirchenstaate selbst, ist diese Macht zwar auch jetzt noch keineswegs befestigt; sie wird hier nur durch die fremde Gewalt aufrecht gehalten, welche die Revolution äußerlich unterdrückt hat, und die nicht zurückgezogen werden darf, wenn die in die Gemüther zurückgedrängte Gähruug nicht von Neuem in hellen Flammen ausbrechen soll. Aber die Macht der römischen Hierarchie ist, als eine geistige, an keinen Ort gebunden. Der Nachfolger deS heiligen PetruS kann seinen Sitz an jeden beliebigen Punct der Erdoberfläche verlegen; unv er wird die katholische Kirche, die ihn als den Stellvertreter Gottes auf Erden anerkennt, seinen Geboten eben so gehorsam -finden, als wenn seine Befehle von Rom ausgingen. Auch dürfen wir die Zustände Italiens nicht nach dem äußern Scheine beurtheilen; hier, wie beinahe in dem ganzen übrigen Europa, ist den finstern Mächten der Revolution nur ein Theil der sogenannten gebildeten Stände verfallen. Die Massen der ländlichen und selbst der städtischen Bevölkerungen hallen noch fest an dem allen Glauben; und die Revolution verdankt ihr Ucbergewichl nur dem allgemeinen Hasse gegen die Fremden, den sie geschickt zu ihren Zwecken zu benutzen weiß. In Frankreich hat der katholische Klerus nicht trotz, sondern in Folge der Februarrevolution einen Einfluß gewonnen, den demselben alle Begünstigungen der Restauration während ihrer ganzen fünfzehnjährigen Dauer nicht zu gewähren vermochten. Die Ursache liegt aber keineswegs darin, wie man wohl zu behaupten 238 versucht hat, daß die revolutionäre Bewegung von 1848 in Frankreich Überhaupt keinen gegenreligiösen Charakter gehabt habe. Die Grundsätze der Revolution sind heute dieselben, die sie im Jahre 1789 und die sie im Jahre 1793 waren. Aber die Machthaber, welche durch die Ueberraschung des 24. Februar die Gewalt an sich rissen, mußten zu ihrem Schrecken wahrnehmen, daß selbst die irregeleiteten Arbeiter- Massen, die sie in Bewegung setzten, von religiösen Gefühlen durchdrungen waren, unv sie wagten es deßhalb nicht, diesen Gefühlen entgegenzutreten. Die Freiheit der Religionsübung und die Freiheit des Unterrichts, welche die demokratische Verfassung von 1848 aussprach, hatte gewiß nicht zum Zwecke, den Einfluß deS katholischen Klerus zu erweitern; aber durch diese Bestimmungen wurden die Schranken niedergerissen, welche die frühere revolutionäre Gesetzgebung dem Einflüsse des Klerus gesetzt hatte, und mehr bedürfte derselbe nicht, um durch die Kraft seiner natürlichen Ausdehnung von dem ganzen weiten Gebiete Besitz zu ergreifen, von dem er bisher durch die Gesetze des Staates ausgeschlossen war. Zu dieser Stunde ist in dem größten Theile von Frankreich der ganze niedere und mittlere Unterricht in den Händen des katholischen Klerus, den allerdings auch die gegenwärtige Regierung begün» stigt, weil sie in ihm neben der Treue des durch die Bande der Disciplin zusammengehaltenen, und von bewährten Anführern befehligten Heeres die festeste Stütze der Ordnung sieht. Nicht weniger bedeutsame Eroberungen, wie in Frankreich, hat der Katholicismus bei uns in Deutschland gemacht; und man darf es sich nicht verbergen, auch bei uns ist es viel weniger die Gunst der katholischen Regierungen, als die durch die revolutionären Verfassungen verkündete Freiheit, welche ihm das Feld eröffnet und eingeräumt hat. Die Schranken sind gefallen, welche die weltliche Macht auch in den katholischen Staaten zu ihrem Schutze gegen die römische Hierarchie aufgerichtet hatte. Mehr ist selbst in Oesterreich nicht geschehen, und Alles, was wir von dem beherrschenden Einflüsse vernehmen, zu dem hier die katholische Geistlichkeit gelangt sey, läßt sich darauf zurückführen, daß jene Bestimmung der Verfassung vom 4. März 1849, welche „„jeder gesetzlich anerkannten Kirche und Neligionsgesellschast"" das Recht zugesteht, „„ihre Angelegenheilen selbstständig"" zu ordnen unv zu verwalten, ausnahmsweise in Bezug auf die katholische Kirche zur Ausführung (?) gebracht ist. Wenn wir nun sehen, wie die römische Hierarchie durch die der katholischen Kirche eingeräumte Selbstständigkeit sich zu einer imponirenden Macht erhebt, der gegenüber der in sich gespaltene, durch den Unglauben bedrängte Protestantismus beinahe vollkommen rathlos und hilflos erscheint, so finden wir eS zwar leicht begreiflich, daß ans unserer, der protestantischen Seite, die ernstesten Besorgnisse entstehen; wir können eS aber unmöglich billigen, wenn man die Herausforderungen und Angriffe, zu denen das doch nur auf irriger Schätzung der Kräfte beruhende Gefühl der überlegenen Macht von der andern (katholischen) Seite nur zu häusige Veranlassung gibt, durch gleiche Herausforderungen und Angriffe erwidern zu dürfen glaubt. Wir haben nicht den Katholicismus zu bekämpfen, mit dem wir in den wesentlichsten Fragen einig sind, wenn auch in andern, doch immer weniger wesentlichen, eine noch so weite Kluft uuS trennt. Wir sollen vielmehr durch das erhebende Beispiel, das der Katholicismus uns.gibt, uns zur Nacheifcrung anfeuern lassen. Wir sollen vor allen Dingen da, wo es uns an der festen kirchlichen Ordnung fehlt, aus welcher der Katholicismus seine siegreiche Macht schöpft, mit Ernst daran gehen, auch in unsern Reihen die Ordnung herzustellen. Sobald wir dieß gethan haben, werden auch wir im Stande seyn, unsern wahren Feind', den Unglauben, der sich in unsere Mitte eingeschlichen hat, mit Erfolg zu bekämpfen; und dann können wir auch den Angriffen, welche die römische Hierarchie gegen uns richten mag, getrost und unbesorgt entgegen sehen." 859 Katholisches Leben in einer französischen Provinzialstadt. (Schluß.) Doch eS ist Zeit, nach der Aufzählung so vieler einzelnen Werke und Anstalten katholischer Liebe und Thätigkeit, zu dem AuSgangSpuucte zurückzukehren, zu dein Kerne der bürgerlichen und christlichen Gesellschaft, welche in der französischen Pro- vinzialstadt zweiten Ranges solche Beispiele zu geben vermag. Von der städtischen Verwaltung, der Municipalität von Metz, wollen wir nur so viel erwähnen, daß sie als solche sich gegenüber der Kirche und den religiösen Interessen streng auf ihre gesetzliche Verpflichtungen, wie auf eine neutrale Stellung zurückzieht, jedoch mit Humanität unv dankbaren Rücksichten denjenigen wohlthätigen Vereinen entgegenkommt, deren Wirksamkeit da anfängt, wo der verpflichtende Buchstabe des Gesetzes aufhört. Wir setzen voraus, daß den Lesern die innere Einrichtung der Vincentiuö- vereine bekannt ist, wie dieselbe überall in einem und demselben Geiste, gleichsam als weltliche Ordensregel angenommen ist. Wir können daher von Metz sogleich einige Besonderheilen angegeben. Der Verein, welcher von P. Lacordciire gestiftet, jetzt dreizehn Jahre besteht und mehr als 100 wirkliche thätige Mitglieder zählt, hat sich demohngeachtet noch immer in einer einzigen Conferenz zusammengehalten, und die öfter vorgeschlagene Trennung in mehrere Abtheilungen bis jetzt noch nicht ausgeführt. Er zählt außerdem 36 Wohlthäter (welche den veräußerlichen Theil des Reservefonds durch ein Capital vermehrt haben), 140 Ehrenmitglieder und mehrere hundert eingeschriebene Kchenker und Schenkerinnen. Ein Frauenverein, wie die deutschen Elisabethenvercine, steht ihm in Metz nicht zur Seite, aber vier barmherzige Schwestern sind eigens für die entsprechenden Zwecke deS Vereines in beständiger Thätigkeit. DaS jährliche Budget beträgt durchschnittlich etwa 12,000 FrcS., welche gruncsätzlich, wie überall, nicht baar, sondern in Anschaffungen an die Armen gelangen. Einen Auszug der letzten Jahresrechnung wollen wir aus den letzten NechnungSablagen hier beifügen. 5) Der Jahresbericht wird jedesmal vor Neujahr in einer größern öffentlichen Versammlung erstattet. Hiebei pflegt der lebenslängliche Präsident Herr F. seit einer Reibe von Jahren immer mit musterhafter christlicher Beredsamkeit und der Bescheidenheit und Herzlichkeit, welche nach dem Geiste des Vereines Gesetz ist, die vorzüglichsten Erlebnisse des zurückgelegten Zeitraumes zu ') Einn ah in e n. Uebcrschuß Vom vorigen Jahr einschließlich des veräußcrlichcn Reservefonds Wöchentliche und außerordentliche Sammluugcn..... Beiträge der Mitglieder ........ Ertrag der jährlichen Lotterie........ Von der Commission der Bälle........ Zinsen des vcräußerlichcn Reservefonds Gaben zu bestimmten Zwecken...... Verkauf von Brod-, Kohlen- und andern Anweisungen Summa . . . t7,YS2 Pfund Brod . 504 Kil, S00 gr, Fleisch , .50,444 Kil. 500 gr. Steinkohlen 11,440 Lit. Holzkohlen Ofcnmiethen Kosten der Bibliothek Burcaukostcn, Auslage, Ausfälle Kleiningssiücke, Bettungen u, s, w> Gcfänanißwcrk . . . . Acrztliche Auslagen . . Jahr 1850 vermehrt um 2150 Frcs. Ausgaben. Summa 4425 Frcs. 52 Ct. 1155 — 85 — 3921 — so — — 90 — 450 ^ „ 364 — 20 — 332 —' ,» ^ 318 — „ — 14560 — 7 — 3140 — 35 — 454 — ' S 1049 — 25 — 1235 — 80 — 5S1 — 35 874 — 90 — 176 ' — » ^ 49 — 90 - 7621 — 6» — crvcfond hatte sich im 2«0 schildern und die Gesellschaft wird in der Regel auch von Seiten des Herrn Bischofs mit einem Lobe und einer Aufmunterung erfreut. Außer der gewöhnlichen Armenpflege dnrch die besuchenden Mitglieder hat sich der Verein von Metz besonders in folgenden zum Theil neuen Richtungen vervoll, kommnet. Die Bibliothek, wodurch der furchtbaren Ueberschwemmung der siltenver- derblichen und selbst gotteslästerlichen Literatur der Leihbibliotheken Concurrenz gemacht wird, beträgt jetzt 4000 Bände, welche im letzten Jahre 44,500 Leser gefunden hatten, und unter den Handwerkern schon anfangen, eine katholische öffentliche Meinung zu bilden. Ein Versuch war nur erst gemacht worden mit einer Hausmiethen- sparcasse. Dagegen hatte das gute Werk des Besuchs der Militärgefängnisse dem Verein schon reichen Lohn deS Erfolges gebracht. Man sieht hieraus, daß auch die Militärautoritäten dem heilsamen Einfluß christlicher Aufopferung die Thüren öffnen und es nicht unter ihrer Würde achten, mit dem Vincentiusverein über das LooS eines armen Sträflings sich zu verständigen. Allerdings wird dieß den Besucher nicht wundern, der etwa als Mitglied eines auswärtigen VincentiuSvereinS in Metz an einem Freitag Abend in die Conferenz eingeführt und als Bruder aufgenommen worden ist; denn da erblickt er mitten in der Reihe greiser Bürger auS allen Ständen auch eine ganze Anzahl von Officieren, theils pensionirte alte Schnurrbärte der großen Armee, theils active Stabsofficiere, theils auch junge Fähndriche der Artillerieschule in voller Uniform und in voller eifriger Thätigkeit. Er wird nicht allein die Geschäftsübung und Geläufigkeit in der Behandlung der vorgeschlagenen Anforderungen, sondern viel mehr noch die heitere Stimmung, daS herzliche gegenseitige Vertrauen bewundern, mit welchem die Fürsprecher bald für alte noch nicht gerathene, bald für neue Pflcgbefohlene in der Versammlung behandelt werden. Er fühlt klar, daß es sich bei den Anwesenden nicht darum gehandelt hat, sich mit den Armen pflichtmäßig abzufinden, sondern daß sie eine beständige Lehre und Uebung der eigenen Besserung gefunden haben und den Armen für ihren Beitrag auch dankbar sind. Die Conferenz von Metz darf wohl als eine Schule der Demuth und Würde unter den Vereinen gerühmt werden. Der gute Geist, der in einer Stadt die Unternehmungen christlicher Liebe mir geringen Mitteln und kleinen Anfängen belebt, erscheint zuweilen als die Inspiration eines einzigen ManneS. In Metz waren Viele geneigt, alles Gute, was lange geschehen ist, auf Rechnung des Abbö Chalendon zu setzen, eines gebornen Lyoners, der viele Jahre allerdings höchst segenreich in Metz gewirkt hat; allein nachdem derselbe, jetzt Bischof von Thaumacum, seit einem halben Jahre zum Coadjutor mit Nachfolgerecht in Bellay ernannt und dahin abgegangen ist, überzeugt man sich, daß im Weinberge des Herrn der Segen christlicher Arbeit, wenn derselbe gute Wille nur bleibt, nicht von der Kunst eines einzigen Winzers abhängig gemacht ist. Man hört auch wohl im Volke in den Kaufläden Urtheile und Erzählungen von einzelnen wackern Männern aus dem Verein; „dieser hat den armen Schulbrüdern ein HauS gebaut für die christliche Volksschule; aber die zc. sind auch alle brav, sie sind eS immer gewesen;" „jener war früher St. Simonianer, er kennt deßhalb die Menschen und ihre Irrthümer um so besser, er hat alles reichlich gut gemacht;" „da sehen Sie Herrn v. P., der hat nun alle Menschenfurcht überwunden, er trägt ihnen einen Kranken auf seinen Schultern nach Hause uud läßt ihn von seinen Mädchen pflegen und doch ist er nicht mehr reich." Aber von denselben also.gelobten Männern hört man das Anerkenntnis- „nein, unsere Handwerker geben uns oft die treffendsten Beispiele; an ihrer Einfalt und praktischen Weltkcnntniß müssen wir uns spiegeln." Der Vincentiusverein setzt nun eine Ehre darin, nickt eines von den vielen guten Werken, welche von ihm ausgehen, oder mit ihm in Verbindung stehen, verfallen zu lassen. Wir wollen deren nur noch zwei nennen: den Schutzverein für unbemittelte sparsame Mädchen (loeuvre tle8 jc-unes 6ecmomo5) mit Arbeitsschulen unter Leitung von fünf barmherzigen Schwestern und einem eignen Budget von durchschnittlich 7000 Frcs. und den Verein vom heiligen Franciscuö RegiS, S61 welcher den ganz speciellen Zweck hat, durch Verwendungen aller Art die wilden Ehen unter den Armen zu gesetzlichen zu machen. In Metz und nächster Umgegend wurden so im vorigen Jahre 80 Ehen legalisirt und 33 Kinder durch Hilfe des Vereins legitimirt. Die letzten hier angeführten Thatsachen und Zahlen sind den gedruckten Jahresberichten entnommen und könnten durch viele interessante Bemerkungen aus denselben Quellen bereichert werden; die ganze frühere Erzählung dagegen ist auS planlos und zufällig empfangenen Eindrücken, aus gelegentlichen Besuchen und Wahrnehmungen entstanden. Wer auf den Fußstapsen des Berichterstatters mit Fleiß und Absicht dasselbe Feld besuchen wollte, würde ohne Zweifel eine reichere Aehrenlese halten. Ich weiß wohl, daß eS eine große Illusion wäre, den Zustand der französischen Welt nach Schilderungen aus Lothringen oder auö der Bretagne und Franche- Comit6 zu beurtheilen, die wie Goldadern in unermeßlichen Steinmassen erscheinen können; allein noch irriger wäre es, wenn man das Leben des Volkes, des überwiegend noch katholischen Volkes der Franzosen nach den Pariser Zeitungen und unsern meist daraus nachgeklalschten deutschen Blättern aburtheilen'wollte; selbst Paris hat seine katholische Seite, die nur die wenigsten Fremden kennen lernen. Frankreich hat in nächster Zeit noch große nothwendige Krisen und Prüfungen zu bestehen; eS hat große Sünden in der Weltgeschichte zu büßen, allein dort werden sich bald die wahren urgründlichen Gegensätze im Kampfe einfach und klar gegenüber stehen; möge dann Gott das feurige Gebet so vieler auserwählter Seelen erhören und ihre Sühnopfer in Gnaden annehmen, als welchem gewiß Viele, gleich dem Erzbischof Affre, ihr eignes Leben der Rettung ihres ganzen Geschlechtes auS dem Verderben zu weihen bereit stehen. Auch für uns können dort Siege errungen werden. Denn wenn gleich das Leben der Heiligen mit gutem Rechte von der eignen Nationalität für sich in Anspruch genommen wird, so kennt doch ihr Tod keine engen LandeSgränzen; das Blut der Märtyrer gehört der katholischen Welt. 5) Blumen aus dem Schriftgarten des heiligen Bernardus. **) (Fortsetzung.) 210. Versuchung. Es kann der Feind die Bewegung der Versuchung erregen, aber an dir liegt eS, ob du ihm Beistimmung geben oder versagen wollest. In deiner Macht steht eS, *) Wir können uns nicht versagen, in Bezug auf die Verdienste einzelner christlichen Helden und ganzer Orden, einen verwandten Gedanken aus Cl. Brentano's „barmherzigen Schwestern" hier wieder abzudruckein „Daß diese heilbringenden Orden so häufig in Frankreich sind, ist eine Gnade, die Frankreich durch die heiligen Priester und gottseligen Menschen zu Gute kömmt, welche diese scgcnbringcnden Institute mit Gottes Beistand gegründet und unterhalten haben. Der Staat bezahlt diese'wohlthätigen Orden nicht, er schützt sie und gibt ihnen seine Hilfsbedürftigen zur Pflege, weil er diese Pflege besser uud wohlfeiler bei ihnen erhält; ja der Staat hat sie sogar in seinen revolutionären Rasereien zertrümmert, gemartert und gemordet, nnd doch sind sie demüthig und ohne Rache zurückgekehrt, als er sie wieder wünschte. Wenn nun andere Länder die Wohlthat solcher Institute in solchem Maaße entbehren, daß sie bei dem oberflächlichen Anblicke derselben schon in Staunen gerathen, so ist dieses ein Beweis, daß sie nicht in den unmittelbaren Bereich der Gnaden gehören, welche die heiligen Stifter dieser Orden ihrem Vatcrlandc vorzugsweise errungen haben, daß sie kein Erbrecht auf diese Gnaden haben, welche man nicht mit Geld erkaufen kann, sondern die aus dem religiösen Zustande des Vaterlandes selbst erwachsen. Man ist in vielen Ländern gewohnt, ans Frankreich zu schmähen, weil man gewohnt ist, alles Ueble an Grnndsätzcu, Sitten und Moden mit vielem Gelde dort zu erkaufen, während man den übergroßen Schatz des Guten nnd Heiligen dort leichtsinnig am Wege liegen läßt, und kaum zu würdigen, viel weniger aus eigenem Grnndc Aehnliches zu erzeugen vermag, welches Letztere doch, so man auf die rechten Grundlagen baute, möglich seyn müßte, denn Frankreich hat Solches auch aus sich selbst erzeugt, und zwar in seinen lururiösestcn Zeiten. Es sind aber diese Heilsanstaltcn einzig und allein die Früchte der kirchlichen Einigkeit und der großen Seelen, die aus ihr hervorgegangen." S, Nro, 10 des Sonntagsbciblattcs, S6S ob du deinen Feind zu deinem Knecht machen willst, daß dir alle Dinge zum Besten dienen. Denn siehe, der Feind entzündet daö Verlangen nach Speise, er bringt Gedanken der Eitelkeit oder Ungeduld bei, oder auch er erregt der Wollust Reiz. Stimme nur durchaus ihm nicht bei, und wie oft du Widerstand geleistet hast, so oft wirst du gekrönt werden. Wir selbst tragen unsern Fallstrick und den eigenen Feind überall herum: dieses Fleisch meine ich, das von der Sünde empfangen, in der Sünde genährt, durch die böse Gewohnheit verdorben ist. Desselben bedient sich zum Angriffe gegen uns die überaus listige Schlange, die kein anderes Verlangen, keine andere Mühe, kein anderes Geschäft hat, als das Blut der Seelen zu vergießen. Sie ist eS, die beständig auf Böses gegen nns sinnt, Sie ist eS, die unsere Hände mit unserm eigenen Bande bindet,, damit das Fleisch, welches uns gegeben ist zur Beihilfe, für uns zum Untergange und Fallstricke werde. Doch an uns ist cö gelegen, ob wir gebunden werden wollen: und Niemand von uns wird in diesem Kampfe gegen seinen Willen unterliegen. Unter dir, o Mensch, soll ihre Begier seyn, und du sollst über sie herrschen. Aber wer sind wir, und welches ist unsere Stärke, daß wir so vielen Versuchungen zu widerstehen vermögen? DaS war es sicherlich, was Gott suchte, das war es, wohin er unS zu führen sich bemühte, daß wir unsere Schwäche einsehen, und daß wir, weil wir keine andere Hilfe haben, in tiefster Demuth zu seiner Barmherzigkeit hineilen. Beschwerlich ist uus die Versuchung deS Feindes, aber weit beschwerlicher ist ihm unser Gebet. Es verletzt uns seine Bosheit und Arglist, aber weit mehr peiniget ihn unsere Einfalt und Barmherzigkeit. Unsere Demuth kann er nicht enragen, er wird gebrannt durch unsere Liebe, er wird gekreuziget durch unsere Sanftmuth und unsern Gehorsam. Das will ich euch im Voraus ermähnen, daß Niemand auf Erden ohne Versuchung siegen werde: damit derjenige, der vielleicht auS einer Versuchung kam, eine andere sicher und furchtsam erwarte, und wenn er bittet, davon befreit zu werden, daß er in diesem Todesleibe sich niemals eine vollständige Freiheit oder Ruhe zu versprechen wage. In diesem Stücke müssen wir die gütige Anordnung der göttlichen Liebe betrachten, daß sie unS in einigen Versuchungen längere Zeit zu schaffen gibt, damit nicht vielleicht noch gefährlichere uns begegnen. Von andern aber befreit sie unS schneller, damit wir wieder in andern, von denen sie voraussieht, daß sie uns nützlicher seyen, geübt werden können. So voll von Versuchungen ist unser Leben, daß es, nicht mit Unrecht, selbst eine beständige Versuchung genannt werden muß. Wenn wir also den Anfall der Versuchung im Gedanken empfinden, so wollen wir sogleich zn Golt fliehen und demüthig um seine Hilfe flehen. Denn die Menschen können fallen, so lange sie auf Erden zurückgehalten werden. Einige fallen, Andere fallen nicht, weil Gott die Hand unterlegt. Aber wie werden wir sie unterscheiden können, daß wir trennen die Gerechten von den Ungerechten? Aber dieser Unterschied ist zwischen ihren Fällen, daß der Gerechte vom Herrn aufgehoben wird, und so stärker aufsteht: der Ungerechte aber, wenn er gefallen ist, wird nicht wieder ausstehen, ja er fällt sogar noch einmal, nämlich in schädliche Scham oder in Schamlosigkeit. Denn entweder entschuldiget er, was er gethan hat, und das ist die Scham, welche die Sünde herbeiführt, oder er wird wie die Stirne einer Hure, und fürchtet weder Gott noch Menschen mehr, und rühmt sich öffentlich seiner Sünde wie Sodoma. Der Gereckte aber fällt auf die Hand des Herrn, und auf eine gewisse wunderbare Weise verhilft ihm die Sünde selbst zur Gerechtigkeit. Oder verhilft uns jener Fall nicht zum Guten, durch den wir besser und vorsichtiger werden? Nimmt nicht der Herr jenen Fallenden auf, der von der Demnth aufgehoben wird? In der Schöpfung, in der Erlösung und in allen übrigen Wohlthaten ist er der Gott Aller: aber in ihren Versuchungen haben ihn einzelne Auserwählte ganz besonders eigen; 263 denn so ist er bereit, den Fallenden aufzunehmen und den Fliehenden herauszureißen, daß man es sehen kann, er verwende die Mühe auf Einen, während die übrigen zurückläßt. Daher ist es für jede Seele heilsam, immer auf Gott zu merken, nicht nur als auf ihren eigenen Helfer, sondern auch Zuschauer. Man weiß nämlich, daß die Teufel das Menschengeschlecht um sein doppeltes Glück beneivcn; sie wetteifern, die Menschen um ihr beiderseitiges Wohl zu betrügen, nämlich um ihr himmlisches und irdisches, jedoch mehr um den Thau des Himmels, als um das Fett der Erde. Das ist von großem Nutzen zu wissen, auf welcher Seite die hartnäckige Menge der Feinde heftiger andringe. Dort nämlich muß man um so eifriger entgegen kämpfen, wo eine größere Versuchung drängt, wo daS ganze Gewicht des Krieges droht, wo der Grund des Kampfes liegt. Daher steht entweder den Besiegten eine schmähliche Gefangenschaft oder den Siegern ein triumphiren- der Ruhm bevor. Denn eS ist bekannt, daß uns die Teufel zwar um Himmlisches unv Ewiges mehr beneiden: doch geschieht dieses nicht, damit sie erhalten, was sie unersetzlich verloren haben, sondern damit nicht der auS dem Staube gehobene Arme dorthin gelange, von wo sie, geschaffen in Herrlichkeit, unwiderbringlich gefallen sind. Ihre verstockte Bosheit ist unwillig und schwillt auf vom Neide, daß die menschliche Gebrechlichkeit erhalte, waS sie selbst zu behalten nicht verdient hat. Aber wenn sie zuweilen Jemanden zeitlichen Schaden zuzufügen sich bemühen, oder sich freuen, wenn einer zugefügt wirv, so zeigt sich ihre ganze Bosheit besonders darin, daß der äußere Schaden, der einem Menschen zugefügt wird, entweder diesem selbst oder einem Andern Gelegenheit zu innerm werde. Denn das ist der ganze Kampf der Schalkheitsgeister gegen uns, daß sie unS verführen und hinführen auf ihre Wege und zu dem bestimmten Schicksale, daS ihnen bereitet ist. „Auf Nattern und Basilisken wirst du wandeln, und treten auf Löwen und Drachen." Was wird der menschliche Fuß unter diesen thnn? WaS für eme menschliche Zuneigung kann gegen solch fürchterliche Ungeheuer bestehen? ES sind nämlich die Bosheitsgeister, und zwar mit nicht unpassenden Namen bezeichnet. Wer kann aber wissen, ob unter ihnen die Handlungen der Bosheit vertheilt sind, die Geheimnisse der Schlechtigkeit, so, daß sie nach den verschiedenen Verrichtungen oder vielmehr Uebelthatm auch verschiedene Benennungen erhalten haben? Einer heißt Natter; ein anderer Basilisk, einer Löwe, ein anderer Drache, weil sie nämlich auf ihre unsichtbare Weise auch verschieden schaden, einer durch den Biß, der andere durch den Anblick, einer durch Gebrüll und Anfall, der andere durch Hauch. ES ist nicht nachzugeben, noch zurückzuweichen, auch wenn eine heftige Hitze der Versuchungen den beiderseitigen Zustand deS Menschen belästiget. Wählen wir lieber zu brennen, als einzuwilligen. Was will ich mit dem Siege, wenn ich nicht einmal im Treffen gewesen bin? Unverschämt masse ich mir Ruhm an ohne Sieg, oder Sieg ohne Kampf. Vier Arten von Versuchungen gibt es, welche unS durch prophetische Rede so beschrieben werden: „Wie ein Schild umgibt dich seine Wahrheit, du darfst nicht fürchten nächtlichen Schrecken: nicht den Pfeil, der am Tage fliegt, nicht das Ding, so im Finstern wandelt: nicht den Anfall des mittägigen Teufel.S." Dieß sind die vier Versuchungen, die unS überall umgeben und eS nöthig machen, daß wir auch umgeben scpen durch den Schild deö Herrn, daß er uns zur Rechten und Linken, vor unS und hinter unS sey. Die Wahrheit aber umgibt, weil er der Wahrhastige ist, der eö verspricht. So stachelt die Erstlinge unserer Bekehrung zuerst die Furcht auf, die sogleich den Eintretenden einjagt die Strenge einer beschränkenden und ungewohnten Zucht. Und diese Furcht wird nächtlicher Schrecken genannt, weil in der heiligen Schrift die Nacht das Widerwärtige zu bezeichnen pflegt, und wir wegen des Guten, daS Wir nicht sehen, uns fürchten, die gegenwärtigen Uebel zu ertragen. S64 Haben wir aber diese Versuchung überwunden, so müssen wir uns nichts desto weniger gegen die Lobsprüche der Menschen waffnen, welche ihren Stoff vorzüglich vom lobenswerthen Leben nehmen. Sonst werden wir ausgesetzt seyn der Verwundung des am Tage fliegenden Pfeiles, welcher der eitle Ruhm ist. Der Ruf fliegt, und zwar am Tage, weil er kommt aus Werken des Lichtes. Wenn derselbe als eine leere Luft ausgeblasen wird, bleibt uns übrig, daß wir uns Festigkeit aneignen wegen der Reichthümer und Ehren, damit nicht Würden suche, der um das Lob unbekümmert ist. Außerdem würden wir hintergangen werden von dem Ding, so im Finstern wandelt, welches die Verstellung ist. Denn sie kommt vom Ehrgeize, und im Finstern ist ihre Wohnung, weil sie verbirgt, was sie ist, und lügt, waö sie nicht ist. Sie macht Geschäfte zu jeder Zeit, behält die Gestalt der Frömmigkeit bei, und eignet sich ihre Gewohnheit und alle Ehren zu. Die letzte Versuchung ist der mittägige Teufel, der am meisten den Vollkommenen nachzustellen pflegt, die als Männer der Tugenden AlleS überwunden haben, Vergnügen, Gunstbezeigungen und Ehren. Denn was bleibt dem Versucher anrcrs übrig, wcßwegen er gegen Solche offen kämpfen könnte, da er sieht, daß sie auf jede Weise die Gerechtigkeit lieben und daS Unrecht hassen? Warum könnte das nicht geschehen, daß er das Unrecht zudecke mit der Larve der Tugend? ES soll also viertens diese Versuchung gefürchtet werden, und je höher Jemand sich stehen sieht, desto wachsamer hüte er sich vor dem Anfall des mittägigen Teufels. Ich halte dafür, daß dieser Teufel deßwegen der mittägige heiße, weil eS unter der Anzahl der bösen Geister einige gibt, die wegen ihres finstern und hartnäckigen Willens mit Recht Nacht und ewige Nacht sind: doch sie verstehen eS, sich als Tag auszugeben, um uns zu täuschen, nicht nur als Tag, sondern sogar als Mittag. Und dann erscheint der Versucher als Mittag, d. i., als größerer Glanz, wenn er den Schein des größern Guten annimmt. Jene Versuchungen werden leicht besiegt und leicht durch die Vernunft angegriffen, welche entweder an sich verdächtig sind, oder gleich beim ersten Anblicke sich als bös zu erkennen geben. Welche aber unter dem Schein dcS Guten sich eiuschlei- chen, werden schwerer unterschieden und gefährlicher zugelassen. Denn gleichwie eS schwer ist, in dem Maaß zu halten, was man als gut glaubt, so ist auch nicht immer das Verlangen nach jedem Guten sicher. Aller Versuchungen aber und böser und unnützer Gedanken Grund ist der Müssiggang. Sache der Teufel ist eS, böse Eingebungen beizubringen, unsere Sache ist eS, ihnen nicht beizustimmen. Denn so oft wir widerstehen, überwinden wir den Teufel, erfreuen die Engel, ehren wir Gott. Denn er selbst ermahnt uns, daß wir kämpfen, er hilft uns, daß wir siegen: er schaut den Kämpfenden zn, er richtet die Wankenden auf, er krönt die Siegenden. Aber wehe, wehe! Weder das Meer kann ohne Fluthen, noch dieses Leben ohne Versuchungen seyn: und.es kann kein fester und dauerhafter Friede seyn, außer im Reiche Gottes. Der Satan ist eS, der beständig auf Böses sinnt, der verschlagen redet, künstlich beibringt, schlau hintergeht, unerlaubte Begierden anbläst und giftige Gedanken entzündet: er erregt Kriege, ernährt den Haß, reizt die Eßlust, erzeugt die Wollust: er stachelt an die Begierden des Fleisches, bereitet Gelegenheiten zur Sünde, und hört nicht auf, durch tausend Künste die Herzen der Menschen zu versuchen. (Sowohl für Beichtväter als auch für Beichtkinder möchte dieser etwas längere Artikel von der Versuchung von großem Nutzen seyn, in welchem der heilige Bernard sich als Meister der wahren Selbstkenntniß zeigt. Auch erinnert daran das Comple- torium des Priestergebetes alle Tage.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. C. Krem er. Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. 24. August M- A^. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis kr., wofür es durch alle kom'gl. baycr. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kaun. Die Kirche und drei Gegner derselben. *) I. Es liegt in der Natur der Sache, daß, je mehr die Kirche sichtbar vor allen Augen im Ringen gegen den alles Menschliche und Göttliche verhöhnenden Zeitgeist an äußerer Lebenskraft gewinnt, je gefährlicher sie der vor 30V Jahren geborenen und nun zum Riesen herangewachsenen Revolution zu werden droht, desto mehr die schlimmen Mächte, auf welche diese sich stützt, sich aufraffen, um den gemeinsamen Feind in seinem Vorwärtsschreiten zu hemmen oder zurückzudrängen. Sie kommen allwärtS in Gährung, und versuchen, jede auf ihre Art, gegen die mit der Leidenskrone des Herrn gerüstete und unter diesem Waffenschmucke unbesiegbare Braut desselben einen Schwertschlag zu sühren. Die großartige katholische Bewegung, welche in verschiedenen katholischen und protestantischen Ländern sich kundgibt, hat vorab und hauptsächlich den Ingrimm der Religionspartei auf sich gezogen. Diese begnügt sich nicht mehr damit, von dem vermeintlichen Höhepuncte ihres geistigen Aufklärichts auf die sogenannte Ver- dummungslehre der Kirche oder den Köhlerglauben der Menge herabzublicken, und sie mit den Waffen des Spottes in den literarischen Producten ihres unreinen Geistes anzugreifen und zu untergraben; sie fühlt die Macht, die in der Kirche, in dem von ihr verkündeten und beobachteten Glauben, liegt; sie sieht die Gefahr, welche aus einem neuen Aufschwünge des religiösen GemülheS deS Volkes für die Fortschritte und den Bestand ihrer selbst liegt, und wendet sich darum mit ihrem ganzen Grimm gegen die Kirche und ihre Vertreter. Das von der Revolution durchwühlte, ihr theilweis schon anheimgefallene, ohne Oesterreichs Armeen und die Schweizer in Neapel ihr gänzlich zur Beute werdende Italien wird in seinem politischen Wahnwitze von den ChesS der Revolution vorzüglich jetzt gegen die Kirche gehetzt. Im Jahre l848 fand sich der Chef der Propaganda, Mazzini, noch bewogen, mit dem verführerischen Anerbieten vor Pius IX. zu treten, ihn zum Herrn der Welt machen zu wollen, wenn er sich an die Spitze der Revolution stelle. Dem Antrage folgte unmittelbar die Enttäuschung; man wagte aber nachher dennoch nicht, direct seine Angriffe auf daS Pastthum und die Kirche zu richten, und Mamiani gab daher bei Eröffnung der römischen Kammern dem Papste die höchst bequeme und für die Revolution ungefährliche Rolle, „sitzend im heiteren Frieden religiöser Dogmen zu beten, zu segnen und zu verzeihen." Die Revolutionspartei fühlt, daß sie damals irre gegangen ist; sie denkt nicht mehr daran, dem Papste die Rolle eines Weltbeherrschers anzubieten, oder nach Zerstörung ') A. d. D. Volkshall«. 266 der Throne und neben der politischen Revolutionsanarchie das Papstthum „im heitern Frieden seiner Dogmen" bestehen zu lassen; sie sieht eS ein, daß die stärkste Gegnerin der Revolution die auf dem Felsen Petri ruhende Kirche ist, und ihr gilt daher vorab ihr Haß und ihre Zerstörungswuth. Die Schweiz, wo die Revolution — man kann sagen, mit Erlaubniß der europäischen Diplomatie — auf den Thron gekommen ist, führt unS die gleiche Thalsache vor Augen. Die Thätigkeit der RevolutionSpartei in diesem Lande ist gegenwärtig hauptsächlich auf Ruin der Kirche gerichtet. Die beiden großen katholischen Cantone Luzern und Freiburg seufzen unter einem unerhörten Tcrrorismus, der in dem erstem vermittelst der frechsten Wahlverfälschungen, in dem letztern aber ganz nackt und offen und ohne Wahlen ausgeübt wird; sie seufzen hauptsächlich unter diesem TerrorismuS, weil daS Volk dieser beiden Cantone katholisch gesinnt ist. Die Schweiz besitzt gegenwärtig nur noch zwei Lehranstalten, wo ein katholischer oder christlich gesinnter Vater mit Beruhigung seinen Sohn hinschicken kann; das ErziehungS- Systcm wird allenthalben systematisch so eingerichtet, daß in kurzer Zeit der christliche Glaube sowohl in den katholischen als in den protestantischen Cantonen auS den Herzen der Jugend ausgerottet seyn muß, und die nächste Generation als eine dem Unglauben verfallene von der Revolutionspartei schon jetzt begrüßt werden kann. Wie weit der Hohn gegen den Katholicismus an einigen Orten schon jetzt getrieben wird, beweist die von Ihrem Blatte berichtete Thatsache, daß unter den Augen der obrigkeitlichen Versteigerungsbehörde Juden die gekauften Reliquien aus den aufgehobenen Thurgauer Klöstern, nachdem sie dieselben von ihrer werthvollen Einfassung befreit hatten, auf den Misthausen warfen, wo sie der protestantische Hausknecht voll Empörung über diesen Frevel aufhob und einem andern Ehrenmanne übergab. Die gegenwärtig projectirte Hochschule soll nichts Anderes, als die Krone dieses Entchrist- lichungSsystemS und vorzüglich ein specieller Hohn auf den Katholicismus seyn, indem man sogar auch die Lehrstühle der katholischen Theologie nach Zürich, dem Sitze dcS Zwinglianismus, verlegen will. In Frankreich schlägt die Revolutionspartei in ihrem Anlauf gegen daS Christenthum und die Kirche einen andern Weg ein. Sie hat in Frankreich die durch den Februarsturm errungene Staatsgewalt wieder auS den Händen verloren; sie kann daher nicht wie in der Schweiz und Sardinien von StaatSwegen am Ruin der Kirche arbeiten; sie geht deßwegen dort darauf los, das Christenthum, mit seinem göttlichen Stifter an der Spitze, zu einer communistischen Fratze herunterzuzerren und auf die Art alle religiöse Pietät in den Herzen des gemeinen Volkes auszurotten. Deutschland hatte schon lange das Privilegium eines das Christenthum verhöhnenden Unglaubens; eS mangelte nur noch Eines, eine gerichtliche Bestätigung dieses Privilegiums; das katholische Bayerland hat nun auch dieses ausgestellt. Kirchliches Leben in Frankreich. „Die Idee der kirchlichen Einheit" — so schreibt ein mit den dortigen Zuständen vertrauter römisch-katholischer Freund — „die Idee der Solidarität der kirchlichen Interessen war in Frankreich nie lebendiger als jetzt. Der Materialismus weicht einem höhern Lebenstriebe. Ein bezeichnendes Symptom ist daS Gedeihen zahlreicher Vereine für kirchliche und religiöse Zwecke. Der Verein des heiligen Vincenz von Paul, 1833 durch acht Studenten in Paris gegründet, dehnt jetzt sein Netzwerk nicht bloß über Frankreich, sondern zugleich über große Theile von Deutschland, Holland, England, Amerika, so wie über ganz Belgien aus. Er hat ein Jahresbudget von mehrern Millionen und übt und fördert eine ganze Reihe von Liebeswerkcn, bei denen stets der Schwerpunct auf der persönlichen Aufopferung im Geiste des Gebets gelegt ist. Früher schon war der lyoner MissionSverein in ähnlicher Weise aus einem unscheinbaren Samenkorne erwachsen. SK7 Beide breiten sich trotz der Noth der Zeit — vielleicht durch die Noth der Zeit — von Tag zu Tag immer mehr aus. In neuester Zeit hat sich ihnen der Verein für den freien Unterricht beigesellt, an dessen Spitze der bis dahin wahrlich nicht durch ultramontane Tendenzen bekannte Graf Mo 16 sieht, — welcher Verein bereits viele von der Universität und ihrem freigeisterischen Anhange unabhängige Bildungsanstalten gegründet hat —, ferner der Verein der heiligen Kindheit Jesu, der Verein für die Bekehrung der Sünder, und eine Menge von Gebetsvereinen. Hieran reihet -sich das Zunehmen der Klöster, besonders für Werke christlicher Liebe, die Erfolge der Missionen, der stets steigende Zudrang zu den Beichtstühlen, zu den Predigten, zu dem Gottesdienste. Ein Capucinerkloster ist durch freiwillige Beiträge gegründet worden. Vor zwanzig, vor zehn, ja, noch vor fünf Jahren hätte eine Capu- cinerkutte ganz Paris in Aufruhr versetzt. Jetzt umgibt die Ehrfurcht deS Volks die tonsurirten Väter trotz alles Schnaubens und Geiferns der revolutionären Zeitungen. Voltaire ist kaum noch für den Pöbel genießbar, so wahr es auch ist, daß eine nicht unbedeutende Fraction deS Volkes unter noch viel vewerflicheren Einflüssen als den volta irischen steht, — wodurch aber die Gegensätze auf die Spitze getrieben und die zerstörenden Principien heilsam entlarvt werden. Man erkennt mehr und mehr, daß das Heil nur kommen kann von den vielfachen auf Gott vertrauenden Seelen, von ihren Gebeten und Thaten, von Organisationen, die in der Pflicht, in der Opferwilligkeit wurzeln, von der Rückkehr zu Gott. Eng mit diesem Erwachen der Kirche hängt das Wiederaufleben der christlichen Kunst zusammen, die, wie so manches andere Wahre und Hohe, vormals an dem französischen Königshofe ihr Grab gefunden hat. Aus diesem Gebiete kann man die falschen Principien als bereits überwunden ansehen. Zwei großartige Vereine, von denen der eine in Paris centraliflrt ist und von der Regierung geleitet und genährt wird, während der andere in eifrigster Concurrenz seine Wurzeln in den Provinzen durch alle Volksschichten treibt, haben schon wahrhaft Außerordentliches geleistet für die Geschichte und die Monumente des christlichen Frankreichs, für die Erhaltung des Alten, wie für die Erschaffung von Neuem im Geiste des Alten. Das Geburtsland des Rokkoko steht unbestreitbar an der Spitze der Reaction zum katholischen Mittelalter hin. Prachtwerke aller Art, periodische Schriften, zahllose Monographien, theilweise mit der reichsten Ausstattung, u. s. w. bilden bereits eine fast unübersehbare Literatur für die christlich-nationale Kunst und Kunstgeschichte. Daß dieß nicht etwa bloß Modesache ist, beweist schon die lange Dauer und die stets wachsende Stärke dieser Strömung, mehr aber noch die bedeutenden materiellen Opfer, welche allerwärtS dafür gebracht werden. Vor einigen Monaten noch brachte der CultuSminister einen Gesetzvorschlag ein auf Bewilligung eines außerordentlichen Fonds von 80 Millionen Franken, um die Kathedralen, bischöflichen Paläste und Seminarien gründlich im Geiste ihrer Erbauer wieder herzustellen, und schon hat die betreffende Commission ihre Zustimmung ertheilt. Wenn man die Finanznoth denkt und an die ohnehin schon sehr bedeutenden regelmäßigen Verwendungen für diese Zwecke, so wird man einer solchen Bewilligung ihre tiefe Bedeutung nicht absprechen, David und seine Schule nicht bloß, sondern noch bis in die neueste Zeit die Aca- demie betrachteten die gothischen Kathedralen und sonstigen Monumente als etwas durchaus „Ueberwvndeneö" (verzeihen Sie den Literaten-Jargon!), an das die Gegenwart in keiner Weise mehr anknüpfen könne, Und nun treten diese Schöpfungen wieder mitten in das Leben ein und werden die Begründer einer Schule, welche vor Allem darauf ausgeht, die Fäden wieder aufzusuchen, welche das sechszehnte Jahrhundert in leichtsinniger Neuerungssucht hat fallen lassen. Als Beleg hierfür erwähne ich den Bau einer Wallfahrtskirche bei Rouen (notre clome <1u Kon secour8), eines großartigen Quaderbau'S im reichsten gothischen Styl mit 36 brillanten Farbenfenstern ausgestattet. Binnen wenig Jahren ist dieser Bau lediglich von freiwilligen Gaben aufgerichtet worden, in Frankreich, wo man mehr als in irgend einem andern Lande gewohnt war, für Alleö die Behörden sorgen zu lassen, in dem gelob- 268 ten Lande der Vielregiererei. Ich brauche nicht erst hervorzuheben, daß solchen keines- wegeS vereinzelten Thatsachen Ideen zum Grunde liegen, die weit hinausreichen über das ästhetische Gebiet, wie denn überhaupt das Reich des Schönen nicht bloß hineinreicht in das deS Wahren, sondern auf die Wesentlichkeiten gesehen, damit zusammen fällt." (N. Pr. Z.) _ Blumen aus dem Schriftgarten des heiligen Bernardus. (Fortsetzung.) 211. Verstand. Zwei Dinge in uns müssen gereiniget werden, der Verstand und der Wille: der Verstand, damit er erkenne, der Wille, damit er wolle. Diese sind sich öfter einander entgegen, so, daß der eine das Höchste, der andere das Niedrigste zu verlangen scheint. Wie groß aber ist der Schmerz, wie schwer die Qual der Seele, wenn sie von ihr selbst so zerstreut, so zerrissen, so zertrennt wird. Der Verstand aber wird herabgedrückt, wenn er vieles denkt, wenn er sich nicht sammelt bei Einer und einzigen Betrachtung, welche angestellt wird über jene Stadt, die sich zur Gemeinschaft zusammenfügt. Ein solcher Verstand muß fallen und zerstreut werden in vielen Dingen unv auf viele und vielerlei Weisen. Die Neigungen aber werden bei der Verderbtheit deS Leibes von verschiedenen Leidenschaften eingenommen, und können niemals beruhiget, geschweige denn geheilet werden, bis der Wille Eine sucht und auf Eine merkt. 212. Vertraulichkeit. Es ist ein gemeines Sprüchwort, daß zu große Vertraulichkeit Verachtung erzeuge. 213. Verzeihung. Es gibt Einige, welche das Unrecht so verzeihen, daß sie sich nicht rächen, doch öfter darüber Vorwürfe machen. Wieder Einige gibt eS, welche zwar schweigen, in deren Gemüth eS jedoch tief vergraben bleibt, und im Herzen behalten sie einen Groll. Keine von den beiden ist eine volle Verzeihung. Weit gütiger, als diese Menschen, ist die Natur der Gottheit: sie handelt großmüthig, verzeiht vollkommen, so, daß wegen des Vertrauens der Sünder (aber der bußfertigen) dort, wo die Sünde überschwänglich war, auch die Gnade überschwänglich zu werden pflegt. Zeuge ist der Vvlkerlehrer Paulus, der mit der göttlichen Gnade mehr, als Älle, wirkte. Zeuge ist Matthäus, der vom Zollstuhle zum Apostel erwählt, dem auch gegeben wurde, der erste Schriftsteller des neuen Testamentes zu werden. Zeuge ist der Apostel, dem nach dreimaliger Verläugnung die Hirtensorge der ganzen Kirche übergeben wurde. Zeugin ist endlich auch jene verrufene Sünderin, welcher selbst im Anfange ihrer Bekehrung eine solche Fülle der Liebe geschenkt wurde, und nach einer solchen Verzeihung eine so große Gnade der Vertraulichkeit. Wer hat Maria angeklagt, und mußte sie für sich reden? Wenn der Pharisäer murrt, wenn Martha klagt, wenn die Apostel ungehalten werden, Maria schweigt, Christus entschuldiget, ja lobt sogar die Schweigende. 214. Verzweiflung. DaS Vollmaciß einer jeden Sünde bringt die Verzweiflung. Die Verzweiflung kommt von der Unkenntniß Gottes. Wenn uns die Unkenntniß Gottes festhält, wie werden wir auf den hoffen, den wir nicht kennen? Wir wissen aber, daß die Verzweifelnden keinen Theil oder keine Gemeinschaft haben am Lovse der Heiligen. Aber lasset unö sagen, wie die Unkenntniß GolteS die Verzweiflung erzeuge! ES mag Jemand in sich gehen unv an sich selbst ein Mißfallen haben wegen deö LS9 Bösen, das er gethan, und daran denken, weise zu werden und umzukehren von allem bösen Wege und seinem fleischlichen Umgange, wenn er nicht weiß, wie gut Gott sey, wie süß und sanft und wie geneigt zum Verzeihen, wird ihn nicht seine fleischliche Gesinnung anklagen und sagen: Was thust du? willst du dieses und jenes Leben verlieren? Deine Sünden sind sehr groß und zahlreich, keineswegs kannst du, wenn du dir auch die Haut abziehest, hinreichende Genugthuung für so viele und so große Sünden leisten. Die Verbindung ist eine zarte, das Leben ist so bequem, die Gewohnheit wirst du schwer überwinden. An diesem und Aehnlichem verzweifelt der Elende, fällt ab, indem er nicht weiß, wie leicht die Güte deS Allmächtigen (die keinen zu Grunde gehen lassen will) alle diese Schwierigkeiten lösen könne, und eS erfolgt die Unbußfertigkeit, welche das größte Verbrechen und eine unverzeihliche Gotteslästerung ist. 215. Vier letzte Dinge. „In allen deinen Werken gedenke an deine letzten Dinge, so wirst du in Ewigkeit nicht sündigen." Nämlich dieser Gedanke macht am meisten gottesfürchtig. Die Furcht vertreibt die Sünde", damit die Nachlässigkeit sie nicht zulasse. Unsere letzten Dinge aber sind der Tod, das Gericht, die Hölle. WaS ist fürchterlicher, als der Tod, was schrecklicher, als das Gericht. Denn Unerträglicheres kann nichts gedacht werden, als die Hölle. WaS wird der fürchten, der bei diesen Dingen nicht zittert, nicht erblaßt, nicht erschüttert wird? In allen deinen Werken gedenke an deine letzten Dinge: an die Schrecken des Todes, an den zitternden AuSgang des Gerichtes, an die Angst vor dem Brande der Hölle. Entferne nie zu weit aus den Augen deines Herzens die letzten Dinge. Fürchte, o Mensch, daß du im Tode getrennt wirst von allen Gütern dieses Leibes, und das süße Band deS Fleisches und der Seele wird durch die bitterste Ehescheidung zerschnitten werden. Fürchte, daß du in dem schauerlichen Gerichte vor den hingestellt wirst, in dessen Hände zu fallen eS schrecklich ist. Wenn der dich durchforscht, dem nichts verborgen ist, und an dir Unrecht befunden wird, so wirst du entfremdet der Ruhe und Herrlichkeit und ausgeschieden von der Zahl der Seligen. Fürchte, daß du in der Hölle ewigen und unermessenen Peinen ausgesetzt werdest im Antheile des Teufels und seiner Engel im ewigen Feuer, daS ihnen bereitet ist. Mein Sohn, gedenke an deine letzten Dinge! Woher, meine Brüder, kommt unsere Verstellung? Woher diese so verderbliche Lauigkeit, woher diese so verwünschenswerthe Sicherheit? Was hintergehen wir Elende uns selbst? Sind wir vielleicht schon reich geworden, sind wir schon Herrscher? Umlagern nicht die Thüre unsers HauseS jene schrecklichen Geister? Warten nicht auf unsern Ausgang jene Gespenstergesichter? Welch ein Schrecken wird das seyn! O meine Seele, wenn du Alles verlassen mußt, dessen Gegenwart dir jetzt so angenehm, dessen Anblick so lieblich, dessen Umgang so vertraulich ist, wenn du allein gehen mußt in unbekanntes Land,' wenn du die abscheulichsten Ungeheuer auf dich zukommen und haufenweise auf dich stürzen siehst, wer wird dir zu Hilfe kommen am Tage dieser Bedrängniß? Wer wird dich schützen vor den Brüllern, die bereit sind, dich zu fressen? Wer wird unS trösten, wer entreißen? — Meine Söhne, geden-- ken wir an diese unsere letzten Dinge, damit wir nicht sündigen! 2l6. Vollkommenheit. DaS Böse wollen ist ein Fehler des Willens. Das Gute wollen ist ein Fortschritt desselben: genug seyn aber zu allem Guten, was wir wollen, ist seine Vollkommenheit. Damit wir also unser Wollen, welches aus freier Wahl kommt, inne haben, bedürfen wir eines doppelten Geschenkes der Gnade, und zwar weise zu sey», welches die Hinneigung deS Willens zum Guten ist, und auch vollkommen zu können, welches die Befestigung desselben im Guten ist. Weiter besteht die vollkommene Hin- 270 neigung zum Guten darin, daß nichts gefällt, was sich nicht geziemt: die vollkommene Befestigung im Guten, daß nicht fehlt, was gefällt. Nicht vollkommen seyn wollen heißt nachlassen. Nirgends erkennt sich das Maaß der menschlichen UnVollkommenheit besser, als im Lichte deS Angesichtes Gottes, im Spiegel der göttlichen Anschauung. 217. V ö l l e r e i. Die Gaumenlust, welche heutigen Tages so hoch geschätzt wird, enthält kaum die Breite von zwei Fingern, und doch wird dieser kleine Theil, dieses geringe Vergnügen mit so großer Sorgfalt gepflegt, daß eine Last daraus entsteht! Durch die Gaumenlust werven die Nieren und die Schultern unnatürlich ausgedehnt, die Bäuche schwellen, werden nicht so sast stark, sondern vielmehr mit Fett angefüllt, und weil dann die Gebeine die Last deS Fleisches nicht aushalten können, werden auch verschiedene Krankheiten erzeugt. So kommt man zu dem reizenden Schlund der Sinnenlust durch Bemühung und Aufwand mit Verlust der Ehre und mit Lebensgefahr, indem der brennende Schwefelgestank die Wüthenden mit Stacheln treibt, und der hartnäckige Slich der vorüberfliegenden Bienen, wo sie auf boshafte Weise angenehmen Honig ausgießen, die getroffenen Herzen verwundet, worauf Angst, Verwün- schung, Schande und das Ende der Vollere! vollkommen erkannt werden. Daß eS übrigens Eitelkeit der Eitelkeiten und nichts sey, kann man sogar nach dem Namen beurtheilen; eitel ist also auch die Mühe, die auf diese Eitelkeit verwendet wird. O Ehre, Ehre, spricht der Weise, in Tausenden von Sterblichen ist nichts, als eitle Aufgeblasenheit der Ohren, und was glaubst du, was diese glückliche Eitelkeit für ein Unglück sey, welches das eitle Glück erzeugt? Daher kommt die Blindheit deS Herzens, wie geschrieben steht: „Mein Volk, Diejenigen, welche dich erfreuen, führen dich in Irrthum." Daher kommt die eigensinnige Wuth der Herzhastigkeit, daher die mühevolle Last des Verdachtes, daher die grausame Marter deS NeideS und die erbärmliche Kreuzigung der Mißgunst. So ist auch unersättlich die Liebe zu den Reichthümern,' plagt weit mehr die Seele durch Verlangen, als sie durch Genuß erquickt: denn es zeigt sich, daß ihr Erwerb voll Mühe, ihr Besitz voll Furcht, ihr Verlust voll Schmerz ist. Angefüllt den Bauch mit Bohnen, das Herz mit Stolz, verdammen wir die fetten Speisen, als wenn es nicht besser wäre, weniges Fleisch nach Bedürfniß zu essen, als sich mit blähenden Gemüsen bis zum Erbrechen zu übersättigen, besonders da Esau nicht wegen deS Fleisches, sondern wegen ves Gemüses getadelt, Adam wegen deS Baumes, nicht wegen des Fleisches verurtheilt wurde, Jonathas wegen Genusses des Honigs, nicht deS Fleisches in das Todesurtheil verfiel. Im Gegentheile Elias aß meistens Fleisch, Abraham bewirthete die Engel mit köstlichem Fleische, und Gott selbst befahl, daß ihm Fleisch geopfert werde. Aber eben so ist es auch besser, wegen Schwäche des Magens ein wenig Wein zu genießen, als sich auS Gierde mit vielem Wasser zu überschwemmen, weil auch Paulus dem TimotheuS rieth, ein wenig Wein zu trinken, und der Herr selbst Wein trank, so daß er ein Weinsäuser genannt wurde, und auch seinen Aposteln zu trinken gab: überdieß hat er aus dem Weine das Geheimniß seines BluteS bereitet: aus der Hochzeit gestattete er nicht das Wassertrinken, und an dem Wasser des Zankes strafte er fürchterlich daS Murren deS Volkes. Auch David fürchtete sich das Wasser zu trinken, das er verlangt hatte, und jene Männer deS Gedeon, welche gierig mit gebogenen Knieen aus dem Flusse tranken, wurden nicht für würdig geachtet, in den Kampf zu gehen. Nichts von der heiligen Schrift, nichts vom Heile der Seelen kommt bei Gastmählern vor: sondern Possen, Gelächter und Worte werden in den Wind gesprochen. Wie bei Tische der Gaumen mit Gerichten, so werden die Ohren mit Gerüchten genährt, auf die du merkest, und so kein Maaß im Essen zu beobachten weißt. Unterdessen werden Speisen auf Speisen aufgetragen, und statt des Fleisches, dessen man sich enthält, werden die Stücke großer Fische verdoppelt. Und obgleich du mit 271 dem vorigen gesättiget wärest, wenn du angenehme verkostest, scheinst du noch keine Fische gegessen zu haben. Mit solcher Sorgfalt nämlich und solcher Kochkunst ist Alles zubereitet, daß, wenn du auch vier oder fünf Gerichte verschlungen hast, die erstem die letztern nicht hindern, und die Sättigung die Eßlust nicht vermindert. Zu was aber Alles dieses, als daß Rath geschafft werde gegen Ekel? Darum wird Sorge getragen, daß die Gestalt der Dinge von außen so erscheine, damit sowohl daS Gesicht als der Gaumen ergötzt werde, und wenn auch der Magen durch häufiges Aufstoßen sein Vollseyn anzeigt, so ist doch der Vorwitz noch nicht gesättiget. Aber während die Augen durch die Farben, der Gaumen durch die Wohlgerüche gereizt werden, wird der unglückliche Magen, den nicht einmal die Düfte besänftigen, während er Alles aufzunehmen gezwungen wird, mehr erdrückt und erstickt, als erquickt. Der Mensch hat keinen härtern Dränger, als den Bauch. Süße Weine und fette Speisen dienen dem Leibe, nicht dem Geiste. Du magst sie auS den Händen reißen, nicht die Seele wird gesättiget, sondern der Leib: Pfeffer, Ingwer, Zimmet und Salbei kitzeln zwar den Gaumen, entzünden aber die Fleischeslust. Wer klug und mäßig lebt, dem ist Hunger mit Salz ein hinreichendes Gewürz. 218. Vorgesetzte. Hören sollen die Vorgesetzten, die den ihnen Anvertrauten beständig zur Furcht, selten zum Nutzen seyn wollen: „Laßt euch weisen, die ihr Richter seyd auf Erden!" Lernet Mütter, nicht Herren der Untergebenen zu seyn. Bemühet euch, mehr geliebt, als gefürchtet zu werden, und wenn auch manchmal Strenge nothwendig ist, so sey sie väterlich, nicht tyrannisch. Stellet Mütter vor in der Liebe, Väter bei der Strafe. Werdet sanft, leget ab die Wildheit: sparet die Ruthe, zeiget die Brüste, die von Milch, nicht aber von Stolz voll seyn sollen. Warum erschweret ihr das Joch derjenigen, deren Lasten ihr vielmehr tragen sollet? Warum flieht der von der Schlange gebissene Knabe die Mitwissenschaft des Priesters, zu dem er vielmehr wie in den Schooß der Mutter hätte sich flüchten sollen? Wenn ihr geistig seyd, so unterweiset Solche im Geiste der Sanftmuth, indem ein Jeder auf sich merkt, damit er nicht auch versucht werde. Sonst wird er sterben in seiner Sünde, aber sein Blut will ich von deiner Hand fordern. 219. V o r st e h e r. Die Vorsteher der Kirche müssen ertragen ihre Untergebenen, die sie zurechtweisen, und zurechtweisen, die sie ertragen. Daher ließ Salomon an den Gestellen des Tempels deS Herrn daS Bild eines Löwen, eines Ochsen und eines Cherubs aufstellen. WaS bezeichnen die Gestelle anders, als die Vorsteher der Kirche? Diejenigen, welche die Sorge der Leitung übernehmen, tragen wie Gestelle die aufgelegte Last. Cherubim bedeutet die Fülle der Wissenschaft. Durch den Löwen wird die Furcht vor der Strenge vorgebildet. Dnrch den Ochsen aber wird die Geduld der Sanftmuth angezeigt. Auf den Gestellen stehen die Löwen nicht ohne Ochsen, die Ochsen nicht ohne Löwen, weil die Vorsteher der Kirche manchmal strenge, ein anders Mal sanft zurechtweisen müssen, manchmal mit Worten, manchmal auch mit Geißeln, weil derjenige, der durch sanfte Worte nicht gebessert wird, strengere Behandlung verdient. Mit Schmcrzon müssen jene Wunden weggeschnitten werden, welche auf leichte Weise nicht mehr zu heilen sind. Der Weg zum Teufel. ES führen zwei Wege von erschrecklich ernsthafter Bedeutung durch das menschliche Leben hindurch: der eine ist des Teufels Landstraße, glatt, eben, von anscheinender Bequemlichkeit und voller Juchhe! und Freuden; — der andere ist der schmale S7S Hv>^I II < ^Ä ^!'! Pfad unseres lieben Herrn und Heilands Jesu Christi; dieser Pfad aber ist zum Theil mit Dörnern bewachsen, zum Theil steinigt, zum Theil scharf bergaufführend und mühsam, so daß eS viel Schweiß und Anstrengung kostet, denselben zu wandeln, und Freuden scheinen auf diesem Pfade nicht viele zu blühen und zu wachsen. Aber was kümmert uns der Schein? Fort mit dem Schein! — wir fragen nur nach dem Ziele. Und welches sind die Ziele beider Wege? Die breite Landstraße deö Teufels führt zur Verdammniß, zum ewigen Tode der Seele; sie führt zur Hölle, wo der gesammte Schwärm der Leidenschaften und Lüste als ein scheußliches und wuthentbranntes Ungeziefer ohne Aufhören an der verlorenen Seele nagt und saugt, daß eS ein Stück Eis erbarmen möchte; sie führt zur Hölle, wo niemals ein Wort des Friedens, des Trostes, der Liebe und des Erbarme'ns ertönt, wo nur Rache, Wuth, Verzweiflung und rasende Sündenlust kocht und die gräßlichste Gotteslästerung und schändlichste Schmähung alles Heiligen ihren siedenden Giflschaum aufspritzt; — sie führt zur Hölle, wo die auf ewig verfluchten Seelen, in die Scheu- salSgcstalten der Teufel gekleidet, mit unerhörter und unbegreiflicher Wuth und Kraft gegen einander einen niemals endenden Vernichtungskampf kämpfen, wo die ausgelassenste Verfolgung tobt, wo daö furchtbarste Verzweiflungsgeschrei und Schmerz- gestöhn unausgesetzt die Räume erfüllt und Qualen ohne Maaß und Ziel auf ewig, auf immerdar die Verdammten foltern. Wehe denen, welche die sanft bergabführende breite Landstraße des Teufels wandeln! Die kurzen Freuden werden in endlose Leiden, das ausgelassene Freudengelächter und blinde Genießen in das entsetzlichste Schmerz- gcbrüll und in Bitterkeiten über alle Bitterkeiten und in unaussprechlichen Ekel verwandelt werden. Eure bleibende Wohnstätte wird seyn unter den Verfluchten, welche nur immer von Anfang an mit Hellem Bewußtseyn und hochmüthigem Trotze gegen Gott den Vater, Jesum Christum den Sohn, und den heiligen Geist gestritten und gekämpft haben; das Blut Jesu Christi und seiner heiligen Bekenner und Märtyrer wird über euch kommen und euch mit um so fürchterlicherer Pein umschlingen, je mehr ihr auf Erden in verruchten Freuden geschwelgt und gottlose Pläne ausgeführt habt. Aber der schmale Pfad Jesu Christi, ob er auch steil, dornenvoll und mühsam ist, führt zur ewigen Glückseligkeit. An den Dornen dieses PfadeS erblühen die Rosen der Keuschheit, der Königin unter den Tugenden, die Rosen der göttlichen Liebe, der Demuth, des heiligen GottvertrauenS, der Andacht, der Nächstenliebe, deS Eifers für alles Heilige und Heilsame, des festen Glaubens und der Beharrlichkeit, welches die Krone des ewigen Lebens in der glückseligen Anschauung GotteS zu Theil wird. AuS den Kelchen dieser Rosen duften dem mühseligen Waller die stär- kendsten Gnaden entgegen und erquicken ihn mit Trost, Frieden und sanfter, heiliger Herzensfreude. Die scharfen Steine, welche auf diesem Pfade deinen Fuß verwunden, sind köstlicher zu achten als die werthvollsten Edelsteine, da sie dir zur heilsamen Buße und Reinigung von deinen Sünden und UnVollkommenheiten dienen. Die Beschwerden und Mühen der Wanderung ober stärken dich allmälig zu immer größerem Eifer und zur Ausdauer. (Kath. Sbl.) B r e S l a n. Die „Schles. Ztg." bringt folgende Mittheilung: „Ein Artikel in der „Schles. Ztg." gibt den Beweis, daß die unter unsern protestantischen Brüdern eingetretene Zurückströmung in die alte Mutterkirche ein großes Interesse für sich in Anspruch nimmt. Es wird daher nicht unwillkommen seyn, mit Rücksicht auf die Hauptstadt unserer Provinz zu vernehmen, daß in ihr ein einziger kathol. Geistlicher binnen drei Jahren durch Katechumenen-Unterricht über 600, und auf dem Krankenbett gegen 120 zur kathol. Kirche zurückgeführt, also im Ganzen zwischen 7—800. Dazu kommen die vereinzelt durch andere Geistliche, welche keine fortdauernde Katechumenenschule halten, noch Aufgenommenen hinzu." Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. C. Krem er. Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojtzeitung. 31. August 6 - zi? 1l>6 ikD mz?Z? mz6 nf, s4n»vt iimk)H KNvjttK' «E, ,?tck1n?ä DWKÄQ S8L 5) Außerdem erklären wir, daß die besagten Collegien wegen der großen und wesentlichen Gefahren, welchen nach dem Urtheil des apostolischen Stuhls in denselben der Glaube und die Sitten der studirenden katholischen Jugend ausgesetzt sind, der Art sind, daß sie von gläubigen Katholiken, welche den Glauben höher schätzen müssen, als alle irdischen Vortheile, in jeder Weise zu verwerfen und zu meiden sind. 6) Damit aber die Gläubigen des unserer Obsorge anvertrauten Volkes, über deren Glauben und ewiges Heil wir Gott strenge Rechenschaft geben müssen, durch unser Schweigen keinen Schaden leiden, werden wir in dem im Namen dieser Synode zu erlassenden Hirtenbriefe die vom heiligen Stuhle erwähnten großen und wesentlichen Gefahren, welchen die katholische Jugend in diesen Collegien ausgesetzt ist, anzeigen und alle Gläubigen mit ernsten und liebevollen Worten mahnen, sich des Besuchs dieser Collegien gänzlich zu enthalten, damit ihr Glaube nicht befleckt und sie nicht von verderblichen Lehren angesteckt werden. 7) Die Bischöfe der Orte, wo die Collegien bestehen, sollen darüber wachen, daß diese Statuten, nachdem sie vom heiligen Stuhle bestätigt sind, von allen Priestern beobachtet werden, und daß von ihnen den Befehlen des apostolischen Stuhles die gebührende Ehrfurcht und den Statuten dieses Concils Gehorsam und Unterwürfigkeit bewiesen werde. Endlich halten wir eS, um für die gute Erziehung der katholischen Jugend zu sorgen, und die wiederholten Empfehlungen des apostolischen Stuhls zu befolgen, für unsere Pflicht, mit allen Kräften dahin zu streben, daß möglichst bald sür die Errichtung einer katholischen Universität in Irland gesorgt werde. Heidelberg. Zur „Entgegnung und Verständigung" bringt die Allg. Ztg. folgenden Bericht über die hiesige Misston und ihre Gegner: Predigten und Andachtsübungen bilden keinen Gegenstand der Besprechung für die politische Tagespresse und sollen keinen solchen Gegenstand bilden; es ist darum sehr begreiflich, und zugleich sehr zu billigen, daß in diesen Blättern von den durch die Väter der Gesellschaft Jesu geleiteten Missionen, welche in dem südlichen Deutschland und am Niederrhein in der neuesten Zeit gehalten wurden, entweder gar nicht oder nur in kurzen Notizen vorübergehend die Rede war. Wenn jedoch in solchen Fällen außer dem kirchlichen und theologischen Interesse allgemeinere culturhistorische oder polnische Momente von selbst in Verbindung stehen, oder damit künstlich in Verbindung gebracht werden, so ergibt sich dadurch ein Gegenstand von allgemeinerm Interesse, und etwas, das besser in dem Innern der Kirche eingeschlossen geblieben wäre, muß auf dem lauten Markt deS Lebens sich verhandeln lassen. Aus diesem Grunde dürfte wohl ein genauerer Bericht über die zu Heidelberg abgehaltene und in diesen Tagen geschlossene Mission auch für diese Blätter, als nicht ungeeignet, erscheinen. Der Bericht soll sich wahrheitsgetreu und einfach nur auf das Thatsächliche beschränken; nur am Schlüsse möge eS vergönnt seyn, einige wenige, kurze Reflexionen beizufügen. Die Missionen begannen in unserm Großherzogthum Baden im Anfang des vorigen JahrS, zur Zeit, als das preußische Heer bei uns im Lande war, und der Kriegszustand durch die preußischen Befehlshaber gehandhabt wurde. ES wäre unter diesen Umständen sehr leicht gewesen, diese Misstonen zu verhindern, unter dem Vorwand, daß das dadurch veranlaßte Zusammenströmen einer großen Menschenmenge sich mit dem Kriegszustande nicht vereinigen lasse; aber solche Hindernisse wurden nicht erhoben, was dem gerechten und erleuchteten Sinn der preußischen Kriegsbe- hörden zur größten Ehre gereicht und gewiß stets in dankbarer Erinnerung bleiben wird. Auch rechtfertigte der Erfolg das dadurch bewiesene Vertrauen, indem auch bei den noch so zahlreich besuchten Missionen überall die vollkommenste Ruhe und Ordnung herrschte. Der Anfang damit wurde in dem obern Theil deö Großherzog- 283 thumS gemacht, in Säckingen, an dem Ort, von wo aus im sechsten Jahrhundert St. Fridolin das heidnische Alemannien zum Christenthum führte. Von da folgten die Missionen dem Laufe deS Rheines: sie wurden gehalten in Freiburg, Offenburg, Mljngen, Mannheim, Schwetzinge«; an einigen Puncten in Württemberg; in der neuesten Zeit bekanntlich in Bonn, Köln, Düsseldorf. Ueberall fanden sie die lebhafteste Theilnahme von Seite des katholischen Volkes, und waren von einer entschiedenen religiösen und sittlichen Wirkung auf die Gemüther. Wenn auch unter den Katholiken selbst manche dagegen waren; wenn sogar einige wenige Stimmen aus dem katholischen KleruS gegen dieses von der Kirche im allgemeinen und von den deutschen Bischöfen insbesondere gebilligte und empfohlene Institut sich erklärten und wenn auch in einigen Zeitungsartikeln dagegen gesprochen wurde, so verschwand diese Opposition in der großen, lebhaften Theilnahme, welche die Mission überall auch bei dem Volke fand. Auch gabeu die Missionen nicht Veranlassung zu konfessionellen Zerwürfnissen. Die evangelischen Geistlichen und übrigen evangelischen Glaubensgenossen ließen die Missionen als einen in den Raum der katholischen Kirche beschlossenen Vorgang gewähren, wenn auch bei den Predigten im allgemeinen darauf Rücksicht genommen wurde; sie äußerten sogar, in Anbetracht dessen, daß die allen Christen gemeinsamen Heilöwahrheite'a in den Geistern und in den Herzen aufs neue geweckt und befestigt wurden, ihre anerkennende und wohlwollende Theilnahme. Nach diesen Vorgängen lMte man gewiß allen Grund anzunehmen, daß auch die ueueste Mission in Heidelberg auf keine Schwierigkeiten stoßen würde, und eS war gewiß ein natürlicher Wunsch einer Anzahl von Mitgliedern der dortigen katholischen Gemeinde, wenn sie diese von der gesetzlichen kirchlichen Autorität gebilligte und anderwärts mit so gesegnetem Erfolg begleitete Anstalt zur Erweckung und Befestigung des religiösen und kirchlichen SinneS auch bei ihrer Gemeinde eingeführt sehen wollten. Man wußte wohl, daß in gewissen Schichten der Gesellschaft und der Presse allen denjenigen in beiden christlichen Konfessionen, welche sich mit einiger Konsequenz zu den erhaltenden Grundsätzen bekennen, wenn sie wie jeder andere Mann des Volkes ihre Kirche regelmäsiig besuchen und dabei für Wiederherstellung einer vernünftigen Freiheit der Kirche sich erklären, das Wort „Jesuit" entgegengerufen wird; man wußte wohl, daß denjenigen, welche überhaupt gegen das Christenthum oder gegen die Religion aus GemüthssNimmung oder grundsätzlich feindselig auftreten, eine solche katholische Mission höchst widerwärtig war, und daß sie viel lieber die frühere Mission von Feuerbach hier wiederholt gesehen hätten; aber solche Rücksichten konnten doch, wie natürlich, nich t von Entscheidung seyn. Selbst wenn man dachte, daß mancher ehrenwerthe Protest ant die katholische Mission hier lieber nicht abgehalten sehen würde, so konnte doch bMigerweise nicht verlangt werden, daß der andere Theil darum auf ein Recht und auf eine wohlthätige und wirksame konfessionelle Einrichtung verzichten sollte. Jene auf den frühern Vorgängen und auf der Natur der Sache gegründete Erwartung, die Mission werde zu Heidelberg ungefähr denselben Verlauf nehmen wie an andern Orten des GroßherzogthumS, ging jedoch nicht ganz in Erfüllung. Kaum war eS bekannt, daß der Erzbischof, dessen Entscheidung der Pfarrer deS OrteS die Sache anheimgestellt hatte, eine Misston für Heidelberg angeordnet habe, so wurde sofort nicht bloß in Zeitungsartikeln sehr lebhaft dagegen gesprochen, sondern eö wurden heftige polemische Flugschriften, neu verfertigte und ältere, so wie auch satirische bildliche Darstellungen um wenige Kreuzer verkäuflich verbreitet, überdies; zwei 'Wochen, lang vorher, ehe die Mission hier begonnen hat, sehr stark gegen dieselbe von den protestantischen Kanzeln gepredigt. Man wird unö ein näheres Eingehen im diese Polemik erlassen. Die Missionäre sollten Sonntag den 3. August Morgens ihre Vorträge beginnen. Die. damalige Überschwemmung verhinderte sie zur bestimmten Zeit einzutreffen. Der Geistliche verkündigte der in der Kirche zahlreich versammelten Menge diesen Umstand, und bemerkte: daß, wenn die erwarteten Prediger noch frühzeitig genug einträfen- um des Nachmittags zu predigen, so würde die Gemeinde davon durch 284 Zusammenläuten der Glocken in Kenntniß gesetzt. Um die Mittagszeit trafen die drei Väter der Gesellschaft Jesu endlich ein, und sogleich nach ihrer Ankunft wurden alle Glocken geläutet. Auf diese Weise wurde ihnen durch die Gunst des Zufalls ein glänzenderer Empfang zu Theil als ihnen zugedacht war. Denselben Nachmittag, kurz nach ihrer Ankunft, bestieg einer der Patres die Kanzel in der dichtgefüllten Kirche, verkündete zuerst die äußere Ordnung, in welcher die Mission abgehalten werden sollte, und sprach dann über den Zweck und die Bedeutung einer solchen Mission, indem er den Tert zu Grunde legte: „Lehret alle Völker." Er setzte auseinander: Christus habe seiner Kirche die Mission gegeben die Menschen zu lehren und zu bessern; dieser Mission entspreche sie durch ihre ganze Einrichtung, durch die Spendung der Sacramenle, durch die Predigt. DaS sey die allgemeine und beständige Misston; durch sie seyen den Gläubigen alle Mittel zu einem christlichen Leben gewährt, wenn sie dieselben gehörig benutzten. Da dieses aber nicht mehr geschehe, so habe die Kirche schon seit langer Zeit solche außerordentliche Missionen angeordnet, wozu die gegenwärtige gehöre. Es werde da nichts anderes gelehrt und geübt als was sonst in der Kirche gelehrt und geübt werde; aber dadurch, daß man eine gewisse Zeit ausschließlich oder vorzugsweise dem Nachdenken und den Andachtsübungen für das Heil der Seele widme, daß die Lehrvorträge nahe zusammengedrängt und in innerer Verbindung aufeinander folgten, werde die Wirkung verstärkt. Manche, welche sonst für religiöse und kirchliche Gegenstände sich weniger interessirten, würden durch das Neue und Außergewöhnliche der Mission, wenn auch anfangs nur auö Neugierde, dahin gelenkt und zum Andenken darüber veranlaßt. Auf bloß äußere Schaustellung oder vorübergehende Rührung sey es nicht abgesehen, sondern auf ernste Belehrung, auf Besserung. Eben so wenig soll in den Predigten polemistrt werden; christliches Leben nach der Lehre der katholischen Kirche zu erwecken und zu befördern sey der Zweck der Misston. Alles dieses wurde in einer klaren, kräftigen, unbefangenen und dabei würdigen Weise ausgesprochen; der Redner selbst machte sowohl durch seine äußere Erscheinung, als durch das was er sagte, den Eindruck eines kräftigen, natürlichen, verständigen, offenen Mannes. Manche der Anwesenden hatten sich wohl unter einem Jesuiten jedenfalls eine unheimliche, verdächtige oder überhaupt absonderliche Gestalt gedacht, und sahen nun zu ihrer Ueberra- schung einen katholischen Priester, gleich den besten und am meisten Vertrauen erweckenden Genossen dieses Standes. Dieser erste Eindruck war entschieden günstig. Am Abend desselben Tages fing sofort der Kreis der Predigten selbst an. Der Obere der Mission unter den drei Priestern predigte über den Glauben an einen persönlichen Gott, und suchte in einem klaren und eindringlichen Vortrag zu zeigen, daß der Glaube an einen persönlichen Gott ein Bedürfniß der menschlichen Vernunft, ein Bedürfniß des menschlichen Herzens und ein Bedürfniß des gesellschaftlichen Lebens sey. Am folgenden Morgen predigte der dritte Missionär über die Sünde und die Strafen der Sünde. Von diesem Tag an wurden dann vierzehn Tage lang jeden Tag drei Predigten gehalten, zum größten Theil über allgemein christliche Glaubens- und Sittenlehre, als: über die Unsterblichkeit der Seele, über die zehn Gebote, über die Gottheit Christi; in mehreren Vorträgen über die christlichen Standespflichten u. dgl.; unter den dem katholischen Bekenntnisse eigenthümlichen Lehren wurden in den Vorträgen behandelt: die katholische Lehre von dem Bußsacramcnt, von dem Abendmahl und von dem Primat des Papstes. Zwei der Väter waren Opfer der Gewaltthat, welche man früher in der Schweiz gegen die katholische Schweiz ausübte, ohne daß der Areopag der europäischen Cabinette dieses europäische Scandal hindern konnte oder wollte; der dritte, ein ganz junger Mann, gehört einem oberschwäbischen fürstlichen Geschlechte an. Wenn die beiden ersten durch ihr früheres Schicksal bei jedem Mann von Rechtsgesühl, welchen Glaubens er auch seyn mag, Theilnahme erregen müssen, so kann man allen dreien die Achtung und die Theilnahme nicht versagen, welche Kraft, Muth, freiwillige Aufopferung für einen Zweck, den man für gut und groß hält, bei Jedermann finden muß. S8S Wie der ganze Cyclus der Vorträge ein wohl bemessenes, in einander greifendes Ganze bildete, so wirkte die verschiedene Individualität eines jeden der drei Prediger auf verschiedene Kreise der Zuhörer, und alle zusammen doch unverrückt zu Einem Ziele. Der Priester, welcher am ersten Tag die Mission eingeleitet hatte, gab seinen Vorträgen bei aller Popularität doch zugleich einen wissenschaftlichen Gehalt und eine wissenschaftliche Form in der Art der Conferences der französischen Prediger, und manche seiner Vorträge können den Vorträgen des Pater Lacordaire an die Seite gestellt werden, so wie er denn selbst mit gleicher Fertigkeit deutsch und französisch predigt. Der jüngste unter seinen Mitgliedern stellte sich die Aufgabe einer gründlichen, aber einfachen Belehrung wie für Katechumenen, und wußte dabei die Herzen zu bewegen und zu gewinnen; der dritte bildete eine gute Vermittlung dieser beiden Pole. Die Konferenzen jenes ersten Redners wurden von einem großen Theile der studirenden Jugend mit sichtbarem Interesse gehört, und füllten für die Katholiken unter denselben, wenn freilich nur vorübergehend, eine an der Universität Heidelberg als badische Landesanstalt bestehende Lücke aus. Es sind nämlich an derselben zwar zwei evangelische Universitätsprediger angestellt, aber kein katholischer; auch besteht nicht wie etwa sonst wohl bei paritätischen confessionellen Verhältnissen der Bevölkerung, wie z. B. an der Universität Bonn, ein Statut oder eine Uebung, wornack man bei den Lehrstellen der Geschichte und der Philosophie auf die katholischen Söhne des Landes Rücksicht nähme. So werden dann die meisten derselben, weil sie bei fast ausschließlich entgegenstehenden Einflüssen zu einer etwaS bessern Einsicht in das Wesen der katholischen Kirche und einer wissenschaftlichen und überhaupt geistigern Auffassung hierin nicht gelangen, ihrer Religion gänzlich entfremdet, was für ihre eigene Person und, wenn sie einmal Antheil an der Verwaltung und Gesetzgebung nehmen, auch für die allgemeinen Interessen nicht anders als höchst nachthcilig seyn kann. Unter den Zuhörern bemekte man auch Studirende der protestantischen Theologie, welche sehr eifrig nachschrieben. Wenn ihre Aufzeichnungen etwa als Grundlage künftiger Kritiken gelten sollen, so ist nur zu wünschen, daß diese Aufzeichnungen mit dem gehörigen Geschick und mit der nöthigen Unbefangenheit gemacht wurden. Derjenige unter den drei Vätern, welcher die dogmatische Begründung zur Aufgabe hatte, trat ohne Anmaßung, aber doch mit großer Sicherheit und Entschiedenheit auf; er erklärte sich bereit, jedem einzelnen Zuhörer, welcher es verlange und welcher neue Einwendungen zu machen habe, Rede stehn oder doch weitere Erläuterungen und Auflösungen der Bedenken geben zu wollen. Bei ihm, so wie bei den übrigen beiden Rednern bemerkte man unverkennbar, wie man auch die individuelle Befähigung jedes einzelnen beurtheilen mag, daß sie auf dem Boden kräftiger Ueberzeugung und eines festen, konsequenten, durch das Nachdenken und die Lebenserfahrungen von Jahrhunderten gegründeten, in lebendiger Tradition erhaltenen Lehr- und Lebenssystems standen. Die Theilnahme an den Predigten so wie an der Ausspendung der Sakramente war sehr zahlreich und die Wirkung eine bedeutende: für die Katholiken anregend und kräftigend; für manche Gegner der Mission eine andere Ansicht bewirkend, wenn schon, wie in solchen Fällen natürlich ist, der größere Theil der entschiedenen Gegner auch jetzt seine Ansicht festhalten wird. Zum Schlüsse nur noch Folgendes. Wir haben die Ueberzeugung, daß, unabhängig davon, ob diese Missionen angenehm oder unangenehm seyn mögen, die stärksten sittlichen, rechtlichen, politischen Gründe dafür sprechen, daß ihnen von Seiten der Katholiken, von Seiten der Protestanten, von Seiten der Regierungen keine Hindernisse in den Weg gelegt werden. Für die Katholiken, wenn auch einer oder der andere sich von der Güte des Institutes nicht überzeugen würde, ist die Sache ganz einfach entschieden: wenn der Katholik bei der Kirche bleiben will (und ob er dieß thun will oder nicht, steht in seinem Willen), so kann er einer Anordnung, welche auf alter, allgemeiner kirchlicher Uebung beruht und von der zuständigen kirchlichen Autorität, von dem deutschen Episkopate, aufs neue angeordnet und empfohlen worden ist, nicht ohne die größte Inkonsequenz entgegen treten; das ein- S86 zelne Individuum hat sich hier wie in analogen Fällen im Staate und in jeder Gesellschaft dem Allgemeinen unterzuordnen. Die Protestanten können, wenn sie nicht ihrem ganzen Princip der freien Forschung untreu werden wollen, nicht durch materielle Mittel, noch weniger durch Schmähungen einen Gegner unterdrücken wollen. Ueberdieß ist die höchste Noth vorhanden, daß alle Bekenner des Christenthums, ja der positiven Religion überhaupt, gegen das Andrängen eines gemeinschaftlichen Feindes gemeinschaftliche Front machen. Bei den heftigen Ausfällen, welche man in der neuesten Zeit gegen die Missionen der Väter der Gesellschaft Jesu gehört hat, liegen zwei offenbare Irrthümer zu Grunde (denn dafür wollen wir sie nehmen). Der erste Irrthum besteht darin, daß man die Jesuiten von der katholischen Kirche trennt, da sie doch durchaus nichts anderes predigen, als was in jedem katholischen Katechismus steht, und da sie von den zuständigen Behörden, deren Urtheil sich jeder Katholik unterordnet, gebilligt und empfohlen sind; der zweite Irrthum besteht dann, daß man so denkt und so sich ereifert, wie wenn es in unserer Zeit, bei unsern jetzigen politischen und rechtlichen Verhältnissen wahrscheinlich oder auch nur vernünftig denkbar wäre, daß die Protestanten oder die Katholiken mit Zwang um ihren Glauben, um ihre Kirche gebracht werden könnten. Es ist doch wahrhaft seltsam von ein paar katholischen Priestern, welche über nichts zu befehlen haben, deren Namen man auf alle Weise herabwürdigt und in allgemeinen Mißcredit gebracht zu haben glaubt, Gefahren für das Bestehen deS Protestantismus in Deutschland zu befürchten, wo er außer seinen rechtlichen und politischen Garantien, in der Geschichte der Vorzeit, in der Denkweise der Gegenwart so viele andere Garantien hat. Die Staatsmänner werden sich aber jetzt doch wohl überzeugt haben, daß man die kirchlichen Verhältnisse nicht wie andere administriren kann; daß nach den Forderungen des Rechts, der vernünftigen Freiheit, im Interesse des Volkes und der Fürsten, die Aufgabe der weltlichen Obrigkeit nur darin besteht, die Ordnung und den Frieden unter den verschiedenen im Staate anerkannten Confessionen durch Gesetz und durch die vollziehend« Gewalt zu handhaben, im übrigen aber die Geister gewähren zu lassen. Blumen aus dem Schriftgarten des heiligen Bernardus. (Fortsetzung.) 225. Weg des Geistes. Es gibt Einige, die im Fleische wandeln, die alle Sorgfalt darein setzen, wie sie den Beschwerden deS Fleisches entgehen, die ihre Tugenden auf die Probe stellen, und doch, während sie die Beschwerden des Fleisches durchaus vermeiden wollen, seinen bösen Gelüsten nicht widerstehen können. Diesen sagt der Apostel: „Wandelt im Geiste", das ist, leget ab eure Sorge, wie ihr den Beschwerden des Fleisches entkommet. Auf diesem Wege des Geistes sind zwei Stufen, eine höhere und eine niedere. Auf der niedern Stufe wandelt der Mensch in seinem Geiste: auf der höhern Stufe im Geiste Gottes. Auf der niedern Stufe wandelt der Mensch, wenn er, zu seinem Herzen gekehrt, rücksichtlich der Neigungen desselben besorgt, in sich tadelt, was er als der Tugend entgegen erkennt. Auf dieser Stufe bringt er Gott das Opfer eines betrübten Geistes unv zerknirschten Herzens durch die Reue. Von dieser Stufe steigt er zur höhern, fängt an, der Wohlthaten Gottes zu geden- ken, wendet sich zur Danksagung und bringt Gott das Opfer des Lobes durch die Andacht. Auf beiden Stufen sieht er Christum, auf der ersten gekreuzigt, auf der zweiten mit Ruhm und Ehre gekrönt. 226. Welt. Den mit irdischen Gelüsten beschäftigten Geist flieht die heilige Unterhaltung, und es kann nicht vermischt werden Wahres mit Eitelm, Ewiges mit Hinfälligem, >287 Geistiges mit Körperlichem, Höchstes mit Niederstem, so, daß du zugleich kosten könntest, was oben, und was auf Erden ist. Jedes Vergnügen dieser W'elt, ihr ganzer Ruhm, und was man in ihr verlangt, ist ganz und gar wenig im Vergleich mit der Seligkeit jenseits: wenn man eS doch noch wenig nennen will, und nicht vielmehr nichts, einen Dunst, der kurze Zeit erscheint. Alles Irdische ist zweifelhaft und hinfällig. Sage mir, wo sind die Liebhaber der Welt, die vor kurzer Zeit mit uns waren? Nichts ist von ihnen übrig geblieben, als Asche und Würmer. Merke fleißig auf, was sie sind, oder was sie waren. Sie waren Menschen wie du, sie aßen, tranken, lachten, brachten ihre Tage im Wohlleben zu, und fuhren zur Hölle in einem Augenblick. Hier ist ihr Fleisch für die Würmer, dort ihre Seelen den Feuerflammen bestimmt, bis sie, dm*ch daS unglückselige Band wieder vereiniget, den ewigen Flammen übergeben werden, weil sie Genossen in den Lastern waren. Denn in Eine Strafe werden verwickelt, die Eine Liebe im Verbrechen verband. Was nützte ihnen der eitle Ruhm, die kurze Freude, die Macht der Welt, die Lust des Fleisches, der falsche Reichthum, die zahlreiche Familie, die böse Begierlichkeit? Wo ist nun das Gelächter, wo der Scherz, wo die Prahlerei, wo die Anmassungl Welch ein Leid auf solche Freude! Welches Elend auf solches Wohlleben! Aus jenem Jubel verfielen sie in große Trübsal, in tiefen Abgrund, in heftige Peinen. WaS ihnen begegnete, kann auch dir widerfahren, weil du ein Mensch bist. Ein Erdenmensch vom Erdboden, Koth vom Kothe. Aus der Erde bist du, von der Erde lebst du, in die Erde kehrst du zurück, wann jener letzte Tag kommt, der plötzlich kommt, und vielleicht heute seyn wird. Gewiß ist, daß du sterben wirst, aber ungewiß, wann und wie oder wo: weil dich also der Tod überall erwartet, so wirst du, wenn du weise bist, ihn ebenfalls überall erwarten. Täuschend ist der Ruhm der Welt, und mit Recht wird er verachtet. Eine Heublume ist er, ein kurzer Dunst. Hat nicht seine Beschaffenheit selbst mehr Angst, als Annehmlichkeit? Wenn du dich rächest, vertheidigest, wenn du darum beneidest, in Argwohn gerathest, wenn du immer liebst, was du nicht hast, und wenn nach einigem Erfolg die Begierde darnach nicht vermindert wird, was ist das für eine Ruhe in deinem Ruhme? Doch wenn es auch einen gibt, so vergeht die Annehmlichkeit, und kehrt nicht wieder: und eS bleibt die Angst, die ihn nicht verläßt. NebrigenS magst du sehen, wie Viele ihn nicht erlangen, und wie Wenige ihn verachten. Warum das? Wahrlich deßwegen, weil er Vielen nothwendig und bei Wenigen eine Tugend ist. O nichtswürdige Welt, die du allein deine Freunde so zu beglücken pflegst, daß du sie zu Feinden Gottes machest, und folglich auch unwürdig der Gesellschaft der Seligen! Denn allerdings wird der ein Feind GotteS, der dein Freund seyn will. Der Freund der Welt also wird ausgeschlossen aus der Gesellschaft der Freunde Gottes. Gering und zu Nichts nütze ist der weltliche Trost, und WaS noch mehr zu fürchten ist, sogar ein Hinderniß des wahren und heilsamen Trostes. Gleichwie bei der Abnahme des Holzes daS Feuer abnimmt, so vergeht die Welt und ihre Begierlichkeit. Ohne Zweifel auch die Freude. Eine weltliche Seele sehe und erkenne, daß auf die Freude Traurigkeit folge. Denn hier ist daS Ende der vergänglichen Freude, hier die Frucht des zeitlichen Ruhmes. 227. W e l t l u st. Die genossene Lust wird gerne wiederholt, die wiederholte schmeichelt sich ein. Wenn die Lust auswacht, schläft die Vernunft ein, und die Gewohnheit fesselt sie. Wie viele schlechte Vergnügungsmittel eS gibt, so viele herbe Peinen wird eS geben in der Strafe: davon werden wir gestraft, worin wir uns sündhaft ergötzen. Durch die Berührung wird das Feuer der Lust bei geringer Gelegenheit ange- 288 facht, und wenn eS nicht gleich ausgelöscht wird, nimmt es plötzlich den ganzen Leib ein, brennt und entzündet ihn. Zuerst reizt sie das Fleisch durch einen Gedanken, dann beschmutzt sie dir das Herz mit schändlichem Wohlgefallen, und zuletzt unterjocht sie durch Einwilligung in die Schlechtigkeit den Geist. 223. Widerwärtigkeit. Keine Widerwärtigkeit wird uns schaden, wenn uns keine Sünde beherrscht. 229. Wille. Unser Wille, von Gott gut geschaffen, wird nicht vollkommen seyn, so lange er seinem Schöpfer nicht vollkommen unterworfen ist. Denn Diejenigen, welche selbstständig, ja Götter werden wollten, wissend Gutes und Böses, sind, geschweige denn selbstständig, sondern sogar des Teufels geworden. So macht uns also der freie Wille zu uns selbst, der böse zu des Teusels, der gute zu Gottes Eigenthum. Ich bringe waS ich kann, guten Willen, und von euch fordere ich ihn mit seinen Früchten. David gefiel dem Herrn durch Tanzen, nicht wegen des Tanzes, sondern wegen der Begeisterung. Ans gleiche Weise wurde auch daS Weib, welches die Füße des Herrn salbte, von Christus gelobt, nicht weil sie salbte, sondern weil sie liebte, und wurde gerechtfertiget, weil sie gab, was sie hatte. Ein guter Wille im Herzen ist der Ursprung alles Guten und die Mutter aller Tugenden. So wie im Gegentheile ein böser Wille die Quelle alles Bösen und aller Laster ist. Daher soll der Hüter seiner Seele sehr besorgt seyn um die Bewachung seines Willens. Durch den guten Willen wird in uns daö Bild der Gottähnlichkeit hergestellt. Fulda. Fulda, 21. August. Heute Morgen gegen sieben Uhr hörten wir die ernst feierlichen Töne der Steinglocke unseres DomeS wohl eine Viertelstunde lang erschallen, sie läutete einem edlen Todten zur ewigen Ruhe. Der hochwürdige Pater Da- mian Arnd, Conventual der ehemaligen Benedictinerpropstei Holzkirchen in Franken, die zum Hochstifte Fulda bis zu dessen Auflösung gehörte, war in seiner Geburtöstadt und seinem letzten Aufenthaltsorte zu einem bessern Leben heimgegangen. Ein ehrwürdiger Jubelpriester, hoch in den achtzig Jahren, war der Verstorbene hochgeehrt und geachtet von Allen, die ihn kannten. Er war ein ausgezeichneter Math«, matiker und dem Studium dieser Wissenschaft bis in sein hohes Alter unermüdlich ergeben. Nach Aufhebung der Propstei Holzkirchen, über deren weitläufige Besitzungen er eine sehr genaue mathematische Karte angefertigt hatte, zog sich der kennlniß- reiche und dabei so anspruchslose Mann in das stille Dörfchen TreiSbach, zwei Stunden von hier zurück, versah den Gottesdienst bei der dasigen Kapelle und lebte nebenbei den Beschäftigungen der Landwirthschaft, die er gründlich verstand und rationell betrieb, wie seinen mathematisch-physikalischen Studien. Der Kriegslärm des vorigen Spätherbstes scheuchte den frommen Mann auö seinem stillen Asyle und hier ist es an der Zeit es laut auözusprechen, daß preußische Officiere aus Rücksicht gegen den ehrwürdigen GreiS im Silberhaare sich den größten Beschränkungen im Quartiere unterwarfen, um den freundlichen Alten nur nicht in seiner Ruhe zu stören, während Bayern keine Schonung und Rücksicht kannten, so daß der alte Mann sein kleines Besitzthum verließ und zu seinen Verwandten in Fulda eilte, um unter ihrer Pflege die letzten Tage eines reinen, würdigen Lebens hinzubringen. Viele Rheingauer werden sich des Bruders des Verstorbenen, des Pater Karl, Kellermeisters auf dem Johannesberge, noch erinnern. Mögen beide edle Brüder nun im Frieden ruhen! (M. I.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schöucheu. Verlags-Jnhaber: F. C.> Kremer. itftltz Cilster Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojtzeitung. 14. September S7. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsvre!« Tt> kr., wofür es durch alle köm'gl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Zwei Predigten von Joseph Othmar, Fürstbischof von Seckau, BiSthumsverweser von Leoben. I. Reue. „Ein Herz voll Zerknirschung und Demuth wirst du, o Gott nicht verwerfen." Pf» SV, 19. Fern auS der Urzeit herauf tönt eine Stimme der Klage, welche spricht: „Der Mensch vom Weibe geboren lebt eine kurze Zeit und ist voll der Plagen. Er keimt wie eine Blume auf und wird zertreten, er flieht wie ein Schatten und bleibt nimmer im selben Stande." Es ist die Stimme Job's, welchem die heilige Schrift daS Zeugniß gibt, daß er Gott fürchtete und sich vom Bösen rein hielt und seines Gleichen nicht auf Erden hatte. Der Mensch hat von der Wiege bis zum Grabe den Schmerz zum Begleiter. Sein Leib ist Dem verfallen, von welchem der heilige Seher auf PathmoS spricht: „Und sieh! es kam ein fahles Roß; der auf ihm saß, wurde der Tod genannt und das Todtenreich folgte ihm nach. Ihm wurde Macht gegeben, in den vier Theilen- der Erde durch Schwert, Hunger, Krankheiten und wilde Thiere zu tödten." Unzählig sind die Beschwerden und Wehen, durch welche der Erdgeborne erinnert wird, daß sein Leib unter der Herrschaft des Todes stehe, und manchmal steigern sie sich zu Peinen, welche das ganze Gefühl deS Daseyns durchdringen; aber sie reichen nicht an die Zahl und Bitterkeit der Leiden, welche seine Seele treffen. Der Mensch verlangt nach den Gütern der Erde und sie fliehen vor ihm; erreicht er sie, so genügen sie ihm nicht. Der Besitz ist von der Sorge umringt und wird durch die Begierde noch mehr zu erlangen entwerthet. Dem gierigen Genusse folgen Ekel und Selbstvorwurf. Der körperliche Schmerz wird durch die Furcht vor demselben vervielfältigt und geschärft. Die Täuschungen der Hoffnung, die Kränkungen der Selbstliebe, Neid und Eifersucht, Haß und Angst und Reue und Verzweiflung schlagen ihre Klauen in das menschliche Herz. Ueber den Zwischenräumen der Befriedigung schwebt das Bewußtseyn der Vergänglichkeit gleich einer finstern Wolke. Wie, leben wir nicht in der Welt, von welcher geschrieben steht: Und Gott sah Alles, was er gemacht hatte, und sieh! es war gut? Warum entstellet die dunkle Makel deS Schmerzes daS Werk der sechs schaffenden Tage? Waltet nicht Der, welcher unS erlaubt, ihn unsern Vater im Himmel zu nennen, allmächtig und allschauend über unsern Geschicken? Wie kömmt eS, daß die Qual sich unabwendbar an die Ferse der Menschenkinder heftet? -) Die beiden Predigten heißen „Reue und Erneuerung des Lebens" und sind bei den feierlichen Bittgängen der Jubiläumszcit am 3. und 19. Mai d. I. in Gratz gehalten worden. 290 Die Antwort gibt uns eine andere, unheimliche Gestalt, welche vielfach das Angesicht wechselnd über den Söhnen AdamS schwebt und ihre Huldigungen empfängt: es ist die Sünde. „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst und die Wahrheit ist nicht in uns." So spricht kein grämlicher, mit sich und der Welt unzufriedener Sittenrichter, sondern der Jünger der Liebe, er, welcher bei dem großen Liebesmahle an der Brust deS Heilandes ruhte, der heilige Johannes. Aber der Sold der Sünde ist der Tod, der Tod des Leibes uud der Seele. „Durch Einen Menschen, spricht der Apostel Paulus, ist die Sünde in diese Welt gekommen und durch die Sünde der Tod und so ist der Tod auf alle Menschen übergegangen." Der Alierbarmer hat uns dem Verderben nicht hilflos anheimgegeben, sondern durch Wunder der Gnade den Gefallenen Heil und Rettung bereitet; die kurzen Trübsale aber, welche übrig bleiben, verwandelu sich, sobald wir wollen, in einen Schatz der Verdienste, welcher hinterlegt ist für den Tag der Ewigkeit. Wir feiern so eben den Sieg, welchen der Sohn Gottes über Tod und Hölle errungen, wir seiern die Auserstehung unsers Herrn und Meisters, welche dem Tode seinen Stachel und dem Grabe seine Schrecknisse genommen hat. Allein wenn die Osterzeit uns auf die Herrlichkeit hinweist, zu deren Erben wir berufen sind, so läßt sie an unS auch die laute Mahnung ergehen, deS Reiches Gottes fähig und würdig zu werden. Dazu ermuntert und hilft in der Osterzeit dieses JahreS die Kirche uns in ganz besonderer Weise: denn sie ladet durch den Jubiläumsablaß uns ein, neue Menschen zu werden; gegen den Preis inniger, daS ganze Leben beherrschender Neue verheißt sie wie von der Schuld so auch von den Strafen der Sünde uns vollkommen zu entbinden. Wir haben im feierlichen Zuge begonnen, die Bedingungen, an welche die Gewinnung des Ablasses geknüpft ist, andächtig zu erfüllen; bemühen wir uns auch, den Eifer der Buße in unserm Herzen mächtig zu erwecken: denn durch ihn erhält unser Gebet und Flehen Kraft. Ein Herz voll Zerknirschung wirst du o Gott nicht verwerfen. So sprechen wir voll Zuversicht: denn, waS wir sprechen, hat das Wort Gottes uns gelehrt. Wir haben oft gebeichtet, wir haben oft Reue und Leid erweckt. Aber waren die guten, frommen Worte, welche uns auf den Lippen schwebten, auch ein treuer Ausdruck der Gesinnung, welche unser Innerstes bewegte? Sammeln wir uns also vor dem Angesichts des allschauenden Gottes und fragen wir uns: Wie soll die Reue deS Christen beschaffen seyn und an welchen Anzeichen können wir erkennen, ob die wahre Reue uns heilbringend durchdrungen habe? Die Neue ist unstreitig ein Schmerz der Seele, welcher auS dem Bewußtseyn, irgend eine Handlung vollbracht oder unterlassen zu haben, hervorgeht und mit dem Wunsche, diese Handlung nicht vollbracht oder nicht unterlassen zu haben, verbunden ist. Denken wir uns einen Fall, welcher sich viel öfter als gut ist, wiederholt. Ein junger Mensch vernachlässigt seine Studien, er lernt nichts, als sich unterhalten. Seine Unterhaltungen sind von der schlimmsten Art. Er wirft sich der unreinen Lust in die Arme und die unreine Lust zieht ihn auf's Krankenlager. Die bedenkliche Miene deS ArzteS verkündigt ihm, daß sein Siechthum sehr gefährlich sey. Sein Vermögen Hai er im Taumel der Leidenschaft vergeudet, eS bleiben ihm nur Schulden übrig. Dürftig, verlassen, gequält liegt er in einem schlechten Winkel und zittert vor dem langsam nahenden Tode. Nun reut eS ihn, daß er seine Zeit nicht verwendet hat, um sich zu einem einträglichen, ehrenvollen Amte zu besähigen, nun reut es ihn, daß er bei seinen Ausschweifungen nicht klüger Maaß gehalten, nicht größere Vorsicht beobachtet hat. Der Gedanke, daß er Vermögen und Gesundheit so leicht bewahren und noch viele Jahre hindurch in Lust und Freude hätte leben können, erfüllt ihn mit der peinlichsten Empfindung, er zürnt sich selbst, daß er so thöricht gewesen. Dieß ist zwar eine Neue, aber keine segenbringende Reue: denn ein Herz voll Zerknirschung und Demuth fehlt dem Unglücklichen. Allerdings wünscht er Vieles, was mißfällig war vor dem Herrn, ungeschehen machen zu können, aber er wünscht es nur darum, weil er sich selbst geschadet und zwar an zeitlichen Gütern geschabet hat. Daß die Werke, durch welche er sein zeitliches Glück zerstört hat, L91 biHiuüIzÄ H?ZM7n6iN «;ÖM»ß!z6??L? ':'-^ (lM zZziZ z)-» ^M7k!T W)^ ?ov 5ji sündhaft waren, kümmert ihn sehr wenig; er bejammert eigentlich nur, daß er sich unfähig gemacht, von dem Taumelkelche der Sünde zu kosten. Soll die Neue zum ewigen Leben frommen, so muß das Schmerzgefühl, in welchem sie sich kundgibt, durch die Erkenntniß, wie verabscheuungswürdig die begangene Sünde sey, hervorgerufen werden. Allein dieß ist um die Reue zu heiligen zwar nothwendig, aber nicht hinreichend. JudaS Jscharioth verräth den Herrn, welcher ihn seinen Aposteln bei- s gesellte, überliefert für klingende Münze den Sohn Gottes in die Hände seiner Feinde. AIS er aber vernimmt, daß der Haß der Pharisäer und Schriftgelehrten zum Aeußer- sten schreite, daß der verrathene Meister am Kreuze sterben solle, da tritt er vor die Mitschuldigen seines Frevels und spricht: Ich habe gesündigt, daß ich unschulviges Blut verrieth. Sie antworten mit dem kalten Höhne, welchen der verhärtete Sünder für die Gewissensbisse seiner Spießgesellen zu haben pflegt: WaS geht das uns an? da sieh du zu! Und er wirft das Geld hin, eilt von bannen und erhenkt sich. Unstreitig machte der Unselige sein Herz gänzlich von dem Gewinne loS, welchen er durch solch eine That erkauft hatte: denn er stellte den empfangenen Sündenlohn den Häuptern der Juden zurück; unstreitig wünschte er auf's glühendste, seine That aus d?m Buche des Daseyns auslöschen zu können und erkannte vollkommen, daß diese That eine Sünde, eine furchtbare Sünde sey: denn die Erinnerung an die Schuld, womit er sich befleckt hatte, erfüllte ihn mit der Bitterkeit eines Schmerzes, welcher ihm das Leben als eine unerträgliche Last erscheinen ließ. Dennoch war der Geist GotteS von seiner Reue ferne und der Allerhöchste nahm die Zerknirschung seines HerzenS nicht an: denn die Demuth war der Zerknirschung nicht beigesellt. Der Schmerz, dessen Toben ihn in wildem Wirbel fortriß, entsprang aus der unreinen Quelle der verirrten Selbstliebe und schied ihn auf ewig von Dem, an dessen Gnade er verzweifelte. Ganz andere Mächte bewegten das Herz der Sünderin, über welche der Herr bei dem Gastmahle des Pharisäers das huldvolle Wort der Verzeihung sprach. Sie hat den Schatz der Unschuld verloren und die frechen Lüste, in deren Dienstbarkeit sie sich begab, haben sie zum Ziele wohlverdienter Verachtung gemacht. Nun fallen die Schuppen von ihren Augen; sie erkennt die Größe der Schuld, durch welche sie sich befleckt hat, nicht minder lebhaft ais JudaS das Entsetzliche des verübten Verrathet» erkannt hat, und bei den Menschen darf sie keinen Trost erwarten; während JudaS von den Häuptern seines verblendeten Volkes als ein getreuer Sohn Abrahams, als ein Eiferer für die Gerechtigkeit gepriesen wird, sieht man in ihr nur das ehrlos gewordene Weib. Dennoch verläßt sie ihr einsames Gemach; sie tritt in den Saal, wo der Heiland umgeben von den Vornehmsten der Stadt zu Tische sitzt. Man staunt, sie zu sehen. Wie, denken Simon und seine Gäste, ist denn in diesem Weibe daS Schaamgefübl bis zum letzten Reste ersterben? Wie kann sie wagen, unter uns zu erscheinen? Blicke deS Unwillens treffen sie, ein Murmeln der Entrüstung zieht durch den Saal; sie aber wirft sich vor dem Heilande nieder und benetzt seine Füße mit Thränen und als sie sich wieder, erhebt, gehört sie zu den Begnadigten, von welchen der Sohn GotteS sprach: „Wahrlich, wahrlich sag' ich euch, eö wird im Himmel mehr Freude seyn über einen Sünder, welcher Buße thut als über neun und neunzig Gerechte, welche der Buße nicht bedürfen." Wie kam es, daß diesem tiefgesunkenen Weibe solch eine Huld zu Theile ward? Der Herr selbst belehrt unS darüber, denn er spricht: Ihr ist viel vergeben, weil sie viel geliebet hat. Sie fühlte im tiefsten Herzen, wie schändlich, wie würdig deS AbscheueS und der Strafe die Sünde sey, deren Joch sie getragen hatte; aber es ward ihr auch in lebendiger Ahnung klar, wie herrlich, wie würdig der Anbetung und des Dienstes der Herr sey, von welchem sie durch die Sünde sich losgetrennt. Der bittere Schmerz, die heiße Schaam, womit sie ihrer Schuld und Schmach gedachte, war geheiligt durch die Sehnsucht der Liebe, war verklärt durch das innige Verlangen, vor Gott dem Urbilde der Vollkommenheit Versöhnung unix Gnade zu finden. Die Reue, welche auö der Liebe stammt und sie allein ist jene Reue, welche sss groß ist vor dem Throne der Liebe und der Verheißungen des ErbarmerS theilhaftig wird. Die Reue, welche auS der Liebe stammt, und sie allein ist eS auch, welche alle Segnungen deS JubiläumsablasseS auf uns niederrufen kann. O Gott, cS ist mir von Herzen leid, daß ich dich beleidi"get habe, weil du das höchste Gut und aller Liebe würdig bist. Dieß oder Aehnliches werden wir ohne Zweifel sprechen oder aus dem Gebetbuch? lesen, bevor wir in den Beichtstuhl treten und wenn wir in Wahrheit wegen unserer Sünden ein tiefes, herzliches Leid empfinden und wenn wir eS darum empfinden, weil Gott das allerhöchste Gut ist, so danken wir Dem, ohne welchen wir nichts vermögen: denn diese und keine andere Gesinnung ist eS, welche er von dem ächten Büßer verlangt. Aber leider I sehen wir Menschen uns meistens durch das gefärbte Glas der Eigenliebe. Wie vermögen wir also deutlich zu erkennen, ob diese Gesinnung rein und mächtig in unS walte? Werfen wir noch einen Blick auf die Begnadigte, deren Liebe unser und ihr Erlöser preiset. Sie fühlt den Stachel der Verachtung, welche im Hause des Gastmahles der Entehrten bezeigt wird; aber sie erträgt ihn in stiller Ergebung, ohne eine Regung deS Zornes oder der Rachbegier; sie ist überzeugt, daß sie nichts Besseres verdiene; sie scheut sich nicht vor der hohnlächclnden Versammlung auf die Kniee zu sinken und Thränen der Reue zu vergießen: der Heiland ist es, den sie sucht, die Gerichte Gottes sind es, die ihr vor der Seele schweben. Wahrlich ihr Herz war nicht nur voll Zerknirschung, sondern auch voll Demuth und die Demuth ist daS erste, das sicherste Kennzeichen einer von der Liebe beseelten Reue. (Schluß folgt.) Zur Mission in Heidelberg. Pfarrer Dittenberger sagte seinen Zuhörern von der Kanzel herab unter Anderm ungefähr Folgendes, was allerdings den Begriff übersteigt, den ich mir seither von einem christlichen Prediger gemacht hatte: „ES ist dieser Tage in der Kirche unserer hiesigen katholischen „„Schwestergemeinde"" von der Kanzel gesagt worden, daß wir die Fahne des Jesuitenordens beschmutzt hätten. Das, meine lieben christlichen Zuhörer, ist aber nicht so, denn dieser Orden hat selbst die Brandmale der Schlechtigkeit, deS Hasses, der Zwietracht, der Feindseligkeit und deS Unfriedens durch seine Thaten an sein Banner geheftet, und die Geschichte hat hiervon Urkunde genommen, die so lange bestehen wird, so lange die Welt steht. Diese Menschen haben sich bei der Gründung ihres Ordens zur Täuschung der abergläubischen Masse den Namen unseres Heilandes beigelegt und haben durch ihr Wirken demselben nur Schmach und Schande bereitet. Wisset ihr noch, meine christlichen Freunde und Brüder, wie die Jesuiten Städte und Dörfer verheerten und verbrannten? Die Mitglieder dieses saubern Ordens sind dieselben, welche das heutige Evangelium, das mir Gott in die Hand gab, als die falschen Propheten bezeichnet, die in Schafskleidern zu Euch kommen, inwendig aber raubgierige Wölfe sind; hütet Euch darum vor ihnen, seyd mannbaft und stark, denn der heilige Apostel Paulus ruft unS zu: Habet Mannskraft und Geistesstärke, werdet mündig u. f. w. Ihr wisset und kennet die Thätigkeit und die Werke dieser falschen Propheten in unserer gesegneten Pfalz von frühern Zeiten her; ich brauche Euch nicht erst damit bekannt zu machen. Wer sie aber noch nicht kennen sollte, der kaufe'sich diese Geschichte, wie solche In unserer Stadt — wo sich seit 14 Tagen die falschen Propheten eingenistet haben — überall zu kaufen ist. An ihren Früchten werdet Ihr sie erkennen, und ihr Aufenthalt hier hat uns schon reichliche Früchte getragen: unsere Kirche ist heute überfüllt; ich hoffe, daß dieß auch noch nach der Jesuitcnmission der Fall seyn wird, und nicht, daß die Kirche stets wieder leer bleibt, wie dieß vor derselben der Fall war!" — Da haben Sie ein gewiß eben so merkwürdiges, als originelles Probestückchen der neuesten Heidelberger Toleranz! Was mögen wohl die Jesuiten dem guten Pfarrer Dittenberger zu Leide gethan haben? — Dieß war jedoch begreiflicherweise noch lange nicht 293 Alles, waS der beredte Kanzelredner seinen Zuhörern zum Besten gab. Gleich einer zweiten Here von Entor rief er nunmehr die Schatten der Vergangenheit in die Gegenwart zurück, so den Papst Clemens XIV., der als Oberhaupt der Kirche den Jesuitcnorden aufhob, natürlich weil er erkannt hatte, daß dieser Orden die Schlechtigkeit selbst war. Daß Clemens XIV. die Aufhebung deS Jesuitenordens, zu wel- cher er durch die dem Geiste deS VoltairianiSmuS verfallenen Höfe genöthigt worden war, bis zu seinem Tode bereute, und im Grunde nur darum vollzog, um AergereS zu verhüten; daß ferner die heiligsten und ehrwürdigsten Päpste der Kirche den Je, suitenorden gutgeheißen und vortrefflich erfunden und deßhalb denselben bei mehr alS tausend Gelegenheiten gegen seine Feinde in Schutz genommen; daß endlich die Nachfolger j-neö Clemens XIV. sich beeilten, den Jesuitenorden wieder herzustellen, davon schwieg Herr Pfarrer Dittenberger auS leicht begreiflichen Gründen und zog eS vor, auf die Geschichte Dr. Luther'S überzuspringen, dessen Reise nach WormS und Verhalten vor dem Reichstage eben so wie die unvermeidliche „Ablaßkrämerei" den Zuhörern in den lebhaftesten Zügen vorgeführt wurden. ES war wirklich zum Erstaunen, welchen Jdeengang der vortreffliche Pfarrer einzuschlagen verstand, obgleich er eS schuldig blieb, anzugeben, auf welche Weise sich Dr. Luther und die Ablaßkrämerei mit der Heidelberger „Jesuitenmission" zusammenreimen. Zum Ruhme der Heidelberger Protestanten muß ich indessen anführen, daß nicht wenige derselben, den gebildeteren Ständen angehörend, gegen die Dittenberger'sche Predigt sich höchst mißbilligend ausgesprochen haben. (M. I.) Blumen aus dem Schriftgarten des heiligen BernarduS. (Fortsetzung.) 230. Wissenschaft. Die wahre Wissenschaft ist, zu wissen, daß wir sterblich, hinfällig und gebrechlich seyen, und daß in dieser Verbannung, in diesem Kerker, auf dieser Wanderschaft, in diesem Thale der Thränen Schmerz und Trauer empfunden werden sollen. Es gibt Einige, welche wissen wollen nur in der Absicht, damit sie wissen, und dieß ist schädliche Neugierde. Wieder Einige gibt eS, die wissen wollen, damit man auch von ihnen wisse, dieß ist gefährliche Eitelkeit. Diese werden wahrlich dem spottenden Satyriker nicht entgehen, der dem, der so beschaffen ist, Folgendes zusingt: „Dein Wissen ist nichts, wenn nicht der Andere eS weiß, daß du eS weißt." Und wieder Einige gibt es, die wissen wollen, damit sie ihre Wissenschaft verkaufen, z. B. für Geld, für Ehren, und dieß ist schändlicher Gewinn. Aber eS gibt auch Einige, welche wissen wollen, damit sie erbauen, und dieß ist Liebe: und noch Einige, die wissen wollen, damit sie erbaut werden, und dieß ist Klugheit. Unter allen Diesen trifft man nur bei den zwei Letzten keinen Mißbrauch der Wissenschaft an, da diese nur deßhalb wissen wollen, damit sie GuteS thun. Wer ißt, und die Speise nicht verdaut, kommt in Gefahr. Eine unverdaute Speise nämlich erzeugt böse Säfte, und schwächt den Körper, anstatt ihn zu nähren. Wird nicht auch so die Vielwisserei, verschluckt vom Magen der Seele, vom Gebächtnisse, wenn sie nicht verkocht ist am Feuer der Liebe, und so nicht durch die Glieder der Seele in die Sitten und Handlungen gegossen und vertheilt wird, damit die Seele selbst von den guten Sitten, indem das Leben davon Zeugniß gibt, gut werde, zur Sünde angerechnet werden als eine in böse und schädliche Säfte verwandelte Speise? Und ist nicht die Sünde ein böseS Blut? Sind nicht die bösen Sitten böse Säfte? Wird nicht Blühungen und Schmerzen Der im Gewissen empfinden, der so beschaffen ist, der nämlich das Gute wußte, und nicht that? Hat nickt ein Solcher das Urlheil des TodcS und der Vcrdammniß in sich, so oft ihm in'S G-edächtniß kommt der AuSspruch deS Herrn- „Jener Knecht aber, der den Will-n 294 seines Herrn gekannt, und sich nicht bereit gehalten, und nicht gethan hat, waS er wollte, wird viele Streiche bekommen." Viele Wissenschaften der Menschen gibt eS, aber keine ist besser, als jene, wodurch der Mensch sich selbst kennen lerut. »Isat uz . dn,i7armi!!^L »nn^MK 5:6 ./IX Hiü-unIV ktt- ^6 cknu ,tiji ?»W 233. Wort, d. i. Sohn Gottes. Wir sprechen von einem geistigen, verlautbarten und eingefleischten Worte. DaS erste brachte Kenntniß, daS zweite Bekehrung, daS dritte Leben- digmachung. Das erste brachte Schaden, weil die Menschen, nachdem sie Gott erkannt hatten, ihn nicht verherrlicht haben, noch ihm gedankt, sondern eitel in ihren Gedanken wurden, und ihr unverständiges Herz verfinstert wurde. DaS zweite nützte nicht, weil kein Gesetz gege, den worden ist, das lebendig machen könnte. DaS dritte lebt, weil eS durch Fleisch uns erlöste. Das erste war bloß äußerlich, daS zweite äußerlich und innerlich, das dritte durchaus nur innerlich. Bemerke auch, daß das, was ausquillr, auö der Fülle deö Ausqmiiendm kommt, und gleichsam den Geschmack -9 seiner Wesenheit hat. Und deßhalb heißt es von der eingefleischten Weisheit, daß sie alle Fülle in sich habe, nämlich im Geiste die Erkenntniß, im Worte die Bekehrung, im Leiden die Belebung. Das Geheimniß der Menschwerdung Christi enthält in sich drei Dinge zur Betrachtung, nämlich die Gestalt der Niedrigkeit, den Beweis der Liebe, daS Geheimniß der Erlösung. Die Gestalt der Erniedrigung zeigt uns daS Weinen des Kindleins, der Ort der Herberge, das Liegen in der Krippe, die Ein- wickelung in Windeln: den Beweis der Liebe gibt sein gütiger Tod. Eine größere Liebe als diese hat Niemand, daß er nämlich sein Leben für seine Feinde hingibt. Das Geheimniß der Erlösung beurkundet eine dreifache Macht der Gottheit, nämlich daß sie aus Nichts etwas machte, das Veraltete erneuerte und daS Zeitliche verewigte. ^ ^ »5?ni!i!---!^WM„ isT ,'>,i.j'iÜch'«^^Nj;.,'m-ilsiitt)^.s^ iWD^Alj'-jnL «m.i-ä iivS'Snu P Filch!ii«a'HH >»iil? .u,u-iü-iiik>>/' 'q!"7Ä^?Ä'l«^uH''MksÄjtbv ?5(ilchl l'N't tzuv . Nils/l Ni>6 Wenn Gott durch gute Werke gesucht wird, darum, da wir Zeit haben, lasset unS Gutes thun Allen, besonders da der Herr deutlich voraussagt: „Es kömmt die Nacht, da Niemand wirken kann." WaS träumst du von einer Verzeihung, die dir in Mitte ewiger Flammen zu Theil werden würde, da die Zeit des Erbarmens vorüber ist? Es bleibt kein Opfer für die Sünden dir übrig, der du in Sünden gestorben bist. Der Sohn Gottes wird nicht noch einmal gekreuziget, er ist Einmal gestorben, und stirbt nicht wieder. Es steigt nicht zur Hölle hinab daö Blut, daS auf Erden vergossen. ES trinken davon alle Sünder der Erde. Die Teufel können sich nichts davon anmassen, um ihre Feuerherde abzukühlen, noch auch die Menschen in Gesellschaft der Teufel. Einmal ist dort hinabgestiegen nicht das Blut, sondern die Seele, und das war der Antheil Jener, die im Kerker waren, nämlich jener einzige Besuch, welcher damals durch die Gegenwart der Seele geschah, als der Leib leblos auf Erden war. Das Blut hat die trockene Erde begossen, daS Blut ist auf die Erde geflossen und hat sie berauscht. DaS Blut hat das, waS auf Erden und im Himmel ist, gereiniget. Nicht aber JeneS, waS in der Hölle ist, außer daß (wie ich gesagt habe) seine Seele Einmal dorthin kam nnd theilweise Erlösung brachte, damit nicht einmal jenem Augenblicke die Werke der Liebe mangelten, aber weiter wird er nichts mehr thun. Jetzt also ist die gnalxn- reiche Zeit, die zum Suchen gelegene Zeit, in der vollständig findet, wer sucht, wenn er nur auch da sucht, wo er suchen soll. Niemand von euch schätze die Zeit geringe, die in müßigen Gesprächen hingebracht wird: denn jetzt ist die gnadenreiche Zeit, jetzt ist der Tag deS Heiles! DaS Wort fliegt unwiderruflich, die Zeit fliegt unwiederkommlich, und doch bemerkt eS der Thor nicht, waS er verliere. Nichts ist kostbarer, als die Zeit, aber ach, nichts wird heutigen TageS geringer geachtet, als die Zeit. ES vergehen die Tage deS Heiles, und Niemand denkt daran: Niemand klagt sich an, daß er viele Zeitaugenblicke zu Grunde gerichtet habe, die nie wiederkehren. Halte jede Zeit für verloren, in der du nicht an Gott denkst. Alle Dinge sind eines Andern, nur allein die Zeit ist unser. Wer für sich beten will, muß Ort und Zeit beachten. Die Zeit der Ruhe von den Tagsgeschäften ist bequemer und passender, am meisten aber kommt d«-» Gebet freier und reiner auS der Seele, wenn der tiefe nächtlicb? ^^.x »» ^ «>. . ^ >. ^ - ^u^ias Vtllle vcr« kündet; und es steigt aus d-r NaA ^5 empor, dessen Zeuge nur Gott ist und der Engel, der eS aufnimmt, um eS auf den Hochaltar des Himmels zu legen Ich sage nicht, waS ich thue, sondern waS ich wollte, das ich thäte, und was mich reut, daß ich eö nicht gethan habe. > , ^ ' 235. Zeitlich 5 """«"w»? 6nu Zeitliches gibt uns der himmlische Vater mit größter Güte auö doppelter Ursache- 296 damit wir ihn nicht für feindlich gesinnt halten und verzweifeln, wenn er es uns versagen würve, und damit die zu große Sorge um dasselbe nicht zum Nachtheile werde für die Uebungen deS Geistes. Denn ohne dasselbe können wir weder leben, noch Gott dienen. UebrigenS je eingeschränkter, desto besser. Allerdings gibt Christus seinen Dienern zur Erhaltung deS untern Menschen, d. i., des Fleisches, Mangel an zeitlichen Dingen, damit sie nicht durch Ueberfluß beschwert werden. Für daS Obere aber gibt er einen größern Umfang und einen Ueberfluß geistlicher Gnade. Schweiz. Der „Kirchenzeitung" von Solothurn, welche in Aufnahme von Mittheilungen sehr vorsichtig ist und von keinem Unbefangenen der Uebertreibungen beschuldigt werden kann, wird auS dem schwer geprüften katholischen Freiburg geschrieben: „Viel Aufsehen erregt das Schicksal, das hie und da kirchenfeindliche Menschen trifft und Viele wollen hierin den Finger Gottes erkennen. In Bulle hat sich ein Verfolger der Priester erhängt; in Romont erschoß sich Derjenige, der im November 1347 (bei der Besetzung von Freiburg durch die Truppen der radicalen Kantone) auf den dortigen Chorherrn Wuilleret die Waadtländer Soldaten hetzte, welche ihn auch fast bis zum Tode mißhandelten. In Freiburg starb jüngsthin ein Herr, der zur nämlichen Zeit den (f. g.) eidgenössischen Truppen mit seinem Finger vom Fenster auf die Priester wies, die sich aus Furcht verkleidet hatten; er starb merkwürdiger Weise an einem Uebel, daö zuerst den Zeigsinger angriff. Ein Mann, der oft den Wunsch äußerte, Priester und RistouS (Konservative) verbrennen zu sehen, fand den Tod in den Flammen seiner brennenden Hütte. Ein Großrath, der die Wegschaffung einer Kapelle durchgesetzt hatte, wurde von heftigen Schmerzen in dem Augenblicke befallen, als man den Altar wegbrach, und ist bis jetzt noch nicht geheilt." (Tir. Ztg.) Lesefrüchte. z:z Ein Elternpaar, daS sich sonst nicht viel um den lieben Gott und die heilige Religion bekümmerte, hatte daS einzige Kind durch Tod verloren. Da ergossen sich vie Eltern nicht nur in die bittersten Klagen, sondern sie murrten auch über GotteS Vorsehung, wie eS denn der Brauch ist, daß gerade diejenigen, die am wenigsten an Gott denken, fordern, daß er desto mehr an sie denken, und sie und all das Ihrige wie seinen Augapfel bewahren soll. Sie fragten ihren Seelsorger, wenn Gott, wie die Schrift sage, die Liebe sey, warum er denn ihnen ihr einziges geliebtes Kind genommen habe. Der Seelsorger, ein wahrer GotteSmann, antwortete: „Ihr wollt von mir wissen, warum Gott euer Kind zu sich genommen habe? Ich antworte: Er will aus eurer Familie auch Eins in dem Himmel haben. Ihr Alten wollt nicht in den Himmel, und hättet daS Kind, wäre eS das Eurige geblieben, auch nicht hineingelassen. Darum hat eS der Herr zur rechten Zeit zu sich genommen. Wenn ihr ein Elternherz habt, lauft dem Kinde nach, und suchet eS auf dem Wege der Äugend und Gottseligkeit, und ihr werdet eS wieder finden und nicht ferner verlieren." Ein Klosterbruder bat seinen Abt um ein Buch, datauS er lernen konnte, vollkommen zu werden. Da gab ihm der Abt ein Cruclfirbild und sprach: Sieh fleißig in dieses Buch hinein, lies fleißig in diesem Buche, betrachte in diesem Buche, und du wirst vollkommen werden. Berantwsrtllch« Redacteur: L. SchSache«. Verlags-Jnh aber: F. E. Kremer. Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. 21. September S8. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis 40 kr., wofür eS durch alle könlgl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Tröstung für die Zweifelnden. In den Jahren 1843 und 1849 sind, was die Hebung kirchlicher und klerikaler Zustände, waS die freie canonische Entfaltung deS kirchlichen Organismus anbelangt, von allen Seiten her verschiedene Verheißungen gemacht worden; und eS läßt sich nicht läugnen, daß manche von diesen Aeußerungen außerordentlich feierlich, ja man möchte fast sagen pathetisch geklungen haben. ES ist eine schöne Sache um daS wahre Pathos — denn daS wahre Pathos ist eine Sprache, die entweder selber That ist, oder der die That unmittelbar folgt, wie der Donner dem Blitze; das falsche PalhoS aber ist nur eine Nachahmung deS wahren, eS ist theatralisch, eS sind Worte ohne Handlung; es sind Worte mit einer fingirten Darstellung. Da gibt eS nun viele Leute, die eS mit der Sache der Wahrheit und deS Rechtes sehr ehrlich meinen, die aber alsogleich in Verzweiflung gerathen, wenn sie das, was sie kona licie angehofft haben, so gar nicht in Erfüllung gehen sehen. Diese guten Leute zu trösten und zu beruhigen, halten wir für eine nicht zu umgehende Pflicht; denn die Dinge stehen ja im Grunde gar nicht so verzweifelt, als sie aussehen. WaS wachst, macht keinen Lärm. Die Gedanken von der Freiheit der Kirche, von dem Erwecken ihres Lebens nach allen Richtungen und Aeußerungömöglichkeiten hin — diese Gedanken sagen wir, leben bereits in der Elite deS katholischen Klerus; und die Denk- und Thalfaulen, die Genießer und Prahler, die Brosamenbettler am Staatsmahle und Verächter der Gaben deS heiligen Geistes — die den Apostel Paulus selbst für einen Thoren gehalten hätten, als er in seiner ärmlichen Erscheinung sich vor den Areopag zu Athen hinstellte (weil ihnen Weihe und Sendung und Geist nichts gilt; und weil sie den ganzen Werih auf die äußerlichen Glücksgüter legen), diese sagen wir: sind bereits machtlos geworden, weil sie ohne die Staatsmacht sich gar nicht mehr halten können. Wehe dem Staat, der sich auf solche Kirchenmänner verläßt; denn der ist sicher verlassen! Wer kein Vertrauen auf sich selber, auf seine Sache hat — wie soll denn der Andern helfen? Und für die Staaten rückt heran die Zeit des KirchenschutzeS; die Zeit, in der nur die Kirche mit dem Schwert ihres heiligen Wortes die StaatSfeinde besiegen kann. DaS Schwert aus Eisen hat einmal auf eine höchst ehrenhafte, ruhmvolle Weise seine Pflicht gethan. Opfer und Todesmuth verschaffte den legitimen Regierungen durch ihre tapfern Armeen einen glorreichen Sieg. Die Kirche hat zum Siege keinen andern Weg. Durch Ränke, Selbstsucht, Faulheit ihrer Diener hat sie, wie die Geschichte lehrt, noch nirgends einen Sieg errungen — nur mit den Waffen des Geistes, geweiht und gefestigt vom Paraklet, hat sie ihre siegreichen Colonnen in der Weltgeschichte vorwärts geschoben; nur durch diese hat sie Boden gewonnen I Der Herr wird seine Kirche nicht verlassen. Erstehen werden die Männer des 298 Geistes und des Opfermuthes. In der Kirche wacht ein neues, herrliches Leben auf. Die Feinde in und außer der Kirche vermögen eS nicht mehr niederzuhalten. Mögen sie auch die eine oder die andere Stimme auf eine Zeitlang zum Schweigen bringen — der Geist geht seinen Weg; er fragt sich nicht mit einer Bittschrift an, wo er wehen darf; er weht, wo er will! (W.K.-Z.) Zwei Predigten von Joseph Otpmar, Fürstbischof von Seckau, BiSthumsverweser von Leoben. I. (Schluß.) Der Apostel ermahnet uns und Alle, welche das Wort der Allmacht in'S Daseyn rief: WaS hast du, das du nicht empfangen hättest? Wenn du eS aber empfangen hast, warum rühmest du dich dessen? Jedes Geschöpf und darum auch der erschaffene Geist hat AlleS, was eS ist und besitzt, von Gott seinem Erschaffer und die Chöre der Engel, welche unberührt von der Schuld den Thron des Herrn umgeben, haben aus sich denn doch nichts Anderes gethan, als daß sie von den freien Geschenken göttlicher Huld keinen Mißbrauch machten. Je vollkommener der Geist ist, desto höher steht er an Erkenntniß und je höher er an Erkenntniß steht, desto deutlicher sieht er ein, daß er alles Gute von Gott empfangen hat und jeder Vorzug, welcher ihn schmückt, nur ein Abglanz ist der ewigen Sonne. Darum je vollkommener der Geist ist, desto vollkommener ist auch die Demuth, in welcher er sich vor dem Allerhöchsten beugt. Die wundervolle Jungfrau, welche der Erde den Heiland brachte und von Himmel und Erde staunend als Mutter GotteS begrüßt wird, kennt keinen höheren Ruhm als die Magd des Herrn zu seyn. Wir aber sind Sünder und Kinder des Sünders. Das Lamm GotteS hat unS zwar Versöhnung gebracht und SohneSrecht erworben bei Gott unserm Vater. Allein wir sind nicht getreu geblie- be.n, sondern haben daS Gewand der Unschuld, welches wir in der Taufe empfingen, durch vielfache Verschuldungen befleckt. Darum sind wir vor Dem, der da ist, nicht nur Geschöpfe, welchen er die Kraft des Lebens und jede Befähigung zum Guten ohne ihr Zuthun geschenkt hat, sondern wir sind auch Sünder, und seiner Gerechtigkeit verfallen. Dieß erkennt der Christ um so lebendiger, je weiter er an wahrer Vollkommenheit vorschreitet. Darum ist die Demuth, mit welcher wir an unsere Brust schlagen und sprechen: Herr sey mir armem Sünder gnädig! zugleich der sichere Höhenmesser unserer -geistigen Vollkommenheit. Wie? die Demuth, diesen Knechteswahn erzeugt im Schooße der tiefsten Finsterniß, diese Sklaventugend, welche der Tod des Lichtes und der Freiheit ist, versucht man heute noch uns zu rühmen? Mitbrüder in Christus unserm Herrn, wenn euch Leute oder Schriften vorkommen sollten, welche diesen Ton anstimmen, so denket an die Worte der heiligen Schrift: „Sie sind von ihm abgewichen und wollen seine Wege nicht verstehen." Die christliche Demuth ist weit entfernt, den Geist niederzudrücken; sie erhebt ihn vielmehr. Unstreitig enthält sie ein kraftvolles Bewußtseyn der eigenen Nichtigkeit, Schwäche, Sündhaftigkeit, aber sie enthält noch viel mehr. Der unselige Verräther JudaS wußte sehr wohl, wie verabscheuungSwürdig er durch seine That geworden war; und dennoch fiel kein Funke der Demuth in seine nachtbedeckte Seele, sonst wäre er statt den Strick des Selbstmordes zu schlingen, dorthin geeilt, wo an diesem selben Tage der schon des TodeS harrende Mörder die Verheißung empfing: Heute wirst du mit mir im Paradiese seyn! Sonst hätte er am Kreuze sich Magdalenen der Büßerin mit Thränen der Reue beigesellt. Er sah nur sich und daS Brandmahl, welches die Schuld seiner Seele eingedrückt hatte; zu Gott erhob sein verfinstertes Auge sich nicht. Aber die Demuth, wie der Geist GotteS sie uns lehrt, ist die Tochter und unzertrennliche Gefährtin der Liebe. Je reiner die Ahnung ist, in welcher der menschliche Geist sich Dem nähert, welcher ihn nach sei- 299 > nem Ebenbilde schuf, desto deutlicher steht ihm seine UnWürdigkeit vor dem Bewußtseyn, desto inniger ist der Schmerz, mit welchem er seiner Sünden gedenkt. Allein eben darum schwingt der Blick, den er in das Heiligthum des Allerhöchsten wirft, sich um so höher empor, je tiefer das Bewußtseyn der eigenen Ohnmacht und Un- lauterkeit hinabdringt. DaS Wohlgefallen an dem lieben Selbst, in welchem kleine Geister sich behaglich wiegen, verliert der Demüthige allerdings; aber hat er daran etwas verloren? mag der Mensch sich auch von dem Reiche der Wahrheit losreißen, ' dennoch muß er wider Wissen und Willen der Wahrheit das Zeugniß geben. Anmaßung und Selbstgefälligkeit wird zwar häufig geübt, schon von den Knaben geübt und es ist Mode daS kecke Pochen auf die Vorzüge, welche man sich selbst zuspricht, als edles Selbstgefühl zu preisen; allein Niemand liebt eS dergleichen an Solchen, mit welchen er zu verkehren hat, anzutreffen; man mag sich selbst noch so hoch stellen, Jene, an welche man irgendwie Forderungen zu richten hat, möchte man doch stets voll Bescheidenheit finden und gesteht dadurch unwillkürlich, die Demuth sey eine ganz gute Sache, wofern man sie nur nicht selbst zu üben brauche. Wenn der Sünder dem Herrn ein Herz voll Zerknirschung darbringt, so bewegt iF. nothwendig auch daS aufrichtige Verlangen, der göttlichen Gerechtigkeit genug zu thun und dieß Verlangen ist das zweite Kennzeichen der in der Liebe begründeten Reue. Die Sünde verdient Strafe. Das Bewußtseyn der Nothwendigkeit, daß daS menschliche Thun und Lassen auf der Wage der Gerechtigkeit gewogen werde, ist eben so unaustilgbar, wie das Gewissen, und kann von Denen, welche das Auge vor dem Lichte der Wahrheit schließen, eben so gemißbraucht werden wie das Gewissen. Die Heiden, welche von der Erkenntniß Gottes abgefallen waren, machten sich Götzen; der Mensch, welcher von dem Gesetze der Heiligkeit abgefallen ist, macht sich ein Wahnbild der Pflicht und um eS zu vertheidigen, ruft er ein Wahnbild der Gerechtigkeit zu Hilfe. So ist es ergangen, seit der Cherubim mit dem Flammen- schwerte vor die Pforten deS verschlossenen Paradieses trat und so wird es ergehen, bis die Posaune deS Engels daS Weltgericht verkündigt. Uns aber ist es vorbehalten zu sehen und zu hören, wie dieß gottverlassene Treiben den vollen Wahnsinn seiner Widersprüche entwickelt. Man macht förmlich ein Gewerbe daraus, den Leichtgläubigen ein irdisches Paradies zu versprechen. Man nimmt Gott dem Herrn das Geschäft ab, Himmel und Erde neu zu machen. Alles soll anders werden, die Menschen, so verheißt man, werden in vollkommener Freiheit leben, Keiner wird mehr und anders arbeiten als ihm angenehm ist und Jeder die Fülle sinnlicher Genüsse haben. Dazu, so wird versichert, gehört nichts als Bruderliebe und abermals Bruderliebe, welche daS höchste und einzige Gesetz des menschlichen Lebens ist. Diese Bruderliebe ohne Gott umfaßt Alles, was man bis jetzt als Sünde, als Verbrechen bezeichnete, mir überfließender Zärtlichkeit. Eine Verletzung der Keuschheit zu rügen, ist ein erschrecklicher Frevel wider die Humanitär. Die Begierden, welche sich dem sinnlichen Genusse zuwenden, hat die Natur uns eingeflößt und der Natur zu gehorchen ist nicht nur erlaubt, sondern geboten. Für Diebe, Räuber und Mörder gibt man, in so weit man durch sie nicht selbst zu Schaden gekommen ist, die zarteste Theilnahme kund; eS ist aber nicht die Theilnahme der christlichen Liebe, welche in dem Verbrecher einen gefallenen Bruder sieht und ihm Erneuerung und Trost von oben zu vermitteln sucht. In der neuen Ordnung der Dinge ist das Verbrechen pri- vilegirt; es muß mit achtungsvoller Schonung behandelt werden und genau genommen sollte man es gar nicht bestrafen: denn die Leidenschaften sind heilig und die Gesellschaft hat die Pflicht für Befriedigung derselben zu sorgen; hätte man aber alle Wünsche jener Unglücklichen befriedigt, so würden sie schwerlich gestohlen, geraubt oder gemordet haben. Allein die Eiferer für Humanität und Bruderliebe verändern daS Angesicht, so bald eö sich um Solche handelt, welche von jenem irdischen Paradiese, wo GotteSläugnung und Haß deS Eigenthums blühen, nichts wissen wollen. Jetzt führen sie nicht mehr die Milde, die Schonung, die Liebe, sondern nur die Gerechtigkeit im Munde. Diese Frevler wollen die Menschheit um das ihr gebührende 300 Glück betrügen, nur Blut kann ihre Schuld sühnen. Hängt sie an die Laternen, schleppt sie aufS Blutgerüst, erwürgt sie wo und wie ihr könnt; ihr vollbringt ein heiliges Werk der Gerechtigkeit! AlS die Republik der brüderlichen Gleichheit zum ersten Male gegründet wurde, galt die Beschuldigung, ein Aristokrat zu seyn, einem TodeSurtheile gleich und um den Aristokraten beigezählt zu werden, brauchte eS nicht viel; man brauchte nicht einmal zwei Röcke zu besitzen; eS genügte, wenn man durch ein Wort oder eine Miene verrieth, daß man mit der Herrschaft der Guillotine nicht einverstanden sey. In neuester Zeit hat ein gesinnungstüchtiger Held der Bruderliebe berechnet, daß, wenn die Menschheit glücklich werden solle, zwei Millionen Köpfe fallen müssen. Dieß ist die Gerechtigkeit Jener, welchen die Gerichte deS lebendigen GotteS eine Thorheit, ein Aberglauben, ein Gräuel sind. Der von Gott geschiedene Mensch ist vielleicht in Dingen, welche ihm wenig oder gar nicht am Herzen liegen, sehr großmüthig und sentimental; wofern man das berührt, waS ihm ernstlich am Herzen liegt, so ist sein Grimm gleich dem Grimme der Hyäne und seine Rache ein unauslöschliches Feuer. Zwischen die göttliche Gerechtigkeit und die Schuld tritt an der Hand der Barmherzigkeit die Buße. WaS die Buße sey und was die Buße wirke, zeichnet daS Evangelium uns in dem Bilde deS Verlornen Sohneö mit lebenvollen Zügen vor. AIS der verl-orne Sohn durch das Licht höherer Erkenntniß erneuert wird, ist er sogar von dem Nothdürftigen entblößt und seinen Hunger zu stillen nicht im Stande. Dennoch macht er sich auf den Weg nach dem Vaterhause, welckeS durch weite Räume von ihm getrennt ist. Dabei leitet ihn keineswegs die Hoffnung, in die verscherzten Sohnesrechte wieder einzutreten, er schmeichelt sich nicht in der nachsichtigen Liebe des VaterS für daS vergeudete Erbe Ersatz zu finden. Ungemildert von den Täuschungen der Eigenliebe steht die ganze Bedeutung seiner Sünde vor ihm da; er weiß, dasz er keinen Anspruch habe, bei seinem Vater fernerhin als Sohn zu gelten und sein Verlangen ist auf nichts gerichtet alö unter den Knechten einen Platz zu finden. Mit reicher Habe verließ er in jugendlichem Uebermuthe die Heimath; barfuß und in grobem, zerrissenem Gewände soll er nun heimkehren, als ein Sünder, welchen die Strafe der Sünde schon hienieden ereilt hat, soll er in Armuth und Hunger sich dem Vater darstellen, welchen er beleidigt hat, soll er vor dem Bruder erscheinen, dessen LooS er nicht theilen wollte, und für die Knechte, welchen er einst gebot, im besten Falle ein Gegenstand deS MitleidenS werden. Allein daS Bewußtseyn der Gerechtigkeit, welche er zu sübnen begehrt, drückt die Regungen deS Stolzes nieder und das Verlangen, dem gekränkten Vater seine Schuld und Reue darzulegen, hält ihn aufrecht auf dem lan« gen Wege; als er aber an'S Ziel gekommen ist, als er den Aufenthalt seiner schuldlosen Jugend wieder betritt und der Vater sich vor seinen Blicken zeigt, da sinkt er auf die Knie nieder und ruft: Vater ich habe gesündigt vor dem Himmel und vor dir und bin nicht mehr werth dein Sohn zu heißen, halte mich nur wie Einen deiner Taglöhner! Aber der Vater, der in seinem Herzen lieSt, hebt ihn auf und spricht: Bringt das beste Gewand und legt eS ihm an, gebt einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße: denn dieser mein Sohn war todt und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist wieder gefunden worden. Wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöhet werden, spricht der Herr und herrlich erfüllt sich diese Zusicherung an dem Sünder, welcher umkehrt von seinen bösen Wegen und wahrhaft Buße thut, herrlich bewährt diese Verheißung sich an Allen, welche mit der Gesinnung, deren Beispiel uns in dem verlernen Sohne gezeigt wird, sich zu Gott ihrem Vater wenden. Benützen wir die dreißig Tage der Jubiläumsfeier, um durch Gottes Gnade unter die Zahl dieser Begnadigten einzutreten. Schon das heidnische Alterthum wußte sehr wohl, daß die Selbsterkcnntniß der Anfang aller Weisheit sey. Gehen wir mit uns selbst inS Gericht, vergleichen wir alle unsere Worte, Werke und Gedanken, jede Regung unseres Begehrens und StrebenS mit dem Gesetze Dessen, welcher gesprochen hat: Seyd vollkommen wie euer Vater im Himmel vollkommen ist! Wie, sollten wir finden, daß Alles ganz rein und heilig sey, 301 sollten wir gar nichts entdecken, wofür wir der göttlichen Gerechtigkeit ein Opfer der Genugthuung schuldig wären? Groß ist die Zahl der geistig Blinden. Sie sind von aller Begierltchkeit deS Fleisches voll, wie die Fäulniß von Würmern, sie lassen dem Stachel ihrer Zunge freien Lauf, wo eS sich um Gewinn und Fortkommen handelt, scheuen die Falschheit, Trug und Ränke nicht; sie setzen die Gebote der Kirche mit Gleichgiltigkeit bei Seite oder verhöhnen sie sogar mit Frechheit, und dennoch wenn sie, weil sie gute Christen sind, nach einem langen Jahre vielleicht wieder einmal dem Sacramente der Buße nahen, so wissen sie kaum, waS sie bekennen sollen: sie klagen sich kurzabgebrochen in allgemeinen Ausdrücken einiger UnVollkommenheiten an, wie sie auch der treueste Diener GotteS in den Tiefen seines Herzens findet: denn freilich, sie haben keine Thüren erbrochen, keinen Straßenraub begangen, Niemanden ermordet und keine Feuersbrunst angelegt. Wie, sollten auch wir den Schaaren dieser kläglich Bethörten uns beigesellen? Nein, daS sey ferne! Großer Gott, dessen Blick in die Geheimnisse der Herzen dringt, verleihe, daß wir unS selbst erkennen, so wie wir von dir erkannt werden! Verleihe« daß wir AlleS, waS wir thun und wollen und gethan und gewollt haben, so schauen, wie wir eS schauen werden, wenn eS am Tage des Gerichtes hüllenlos daliegt vor den Augen der versammelten Welt! Herr der Heerschaaren neige dich nieder zu unS und laß daS Vorbild der Heiligkeit, welches du unS gegeben, mächtig in unserer Seele leuchten, damit wir unserer Ohnmacht und Sünde vollkommen und mit tiefer Beschämung inne werden! Gott der Huld und Gnade, der du deinen eingebornen Sohn für unS hingegeben hast, erwecke in unS daS flammende Verlangen, für alle Uebertretungen und Versäumnisse deiner Gerechtigkeit ein Opfer der Genugthuung darzubringen in Vereinigung mit dem großen Versöhnungsopfer, auf welchem allein unsere Kraft und Hoffnung ruht! Lehre in dieser JubiläumSzeit unS nicht mit dem Munde, sondern mit dem Herzen sprechen: Vater ich habe gesündigt vor dir und dem Himmel und bin nicht mehr würdig, dein Kind zu heißen! Vater der Barmherzigkeit, erschaffe in unS ein Herz voll der Zerknirschung und Demuth und laß unS Verzeihung, laß unS volle Erneuerung finden, wie der Verlorne Sohn sie gefunden hat! Amen. Die Londoner Industrieausstellung. Die große Industrieausstellung zu London gibt allen periodischen Blättern so viele Veranlassung zu interessanten Besprechungen, daß wohl auch vom katholischen Standpuncte aus derselben einige Berücksichtigung gewidmet werden kann. Wenn auch die katholischen Sonntagöblätter wenig mit der Industrie sich zu beschäftigen haben, so liegt doch die Kunst und der Geist, der sich in den Bestrebungen der Gegenwart kund gibt, in dem Kreise ihrer Aufgaben. Die große Weltausstellung zu London zeigt in einer alle Beschauer hinreißenden Fülle und Vollendung den Triumph deS menschlichen Geistes über die sinnliche Natur. ES offenbart sich da, mit welcher Kraft und Ausdauer der menschliche Geist eS versteht, sich alle Elemente dienstbar zu machen, und nicht nur die erhabensten Kräfte der Natur sich zu unterwerfen, sondern auch die kleinsten und unbedeutendsten Gegenstände der Schöpfung zur wohlthätigsten Wirksamkeit zu erheben. Dessenohngeachtet sieht man darin auch eine gewisse Sklaverei deS menschlichen Geistes. „Im Schweiße deS Angesichtes sollst du dein Brod verdienen," dieser Gedanke befällt uns bei jedem einzelnen der ausgestellten Gegenstände. Sie sind daS Ergebniß eines unbeschreiblichen Fleißes, einer lebenslänglichen Mühe und Anstrengung. Viele Sorgen, Thränen und Opfer waren nöthig, um Kunstwerke von solcher Vollendung darzustellen. Und wenn man nun diese industrielle Herrlichkeit als daS höchste Ziel menschlicher Bestrebungen hinstellt, so ist die Sclaverei deS Geistes, die materielle Versunkenheit unserer Zeit in der ganzen Einseitigkeit ausgesprochen. — Wohl sind daS große Wohlthäter der Menschheit, welche durch Fleiß und Ausdauer, durch Erfindungen und 302 Kunstfertigkeit so viele nützliche Werke hervorbringen. Allein die Veredlung des Herzens, die sittliche Vollendung der Seele, die Ausübung der Tugend ist jedenfalls höher anzuschlagen und dankbarer zu verehren, als alle industrielle Herrlichkeit deS GlaSpalafteS. Unter den Ausstellern in London scheinen nur die Belgier diesen höhern Gedanken erfaßt zu haben. Um nämlich mit ihren kostbaren Kirchengewändern einen höhern Gedanken auszusprechen, und den Geschmack zugleich im besten Lichte zu «eigen, haben sie mit denselben drei Wachsfiguren bekleidet, und diese in Glaskasten aufgestellt. Der mittlere Glaskasten enthält eine Wachsfigur, bekleidet mit den Jnsignien eines CardinalS. Sie trägt eine reich mit Gold gestickte Mitra, einen würdevoll gearbeiteten Chormantel und was sonst noch zum prachtvollen Anzüge eines in kirchlichen Functionen begriffenen CardinalS gehört, die rechte Hand ist segnend ausgestreckt, der Blick freundlich auf das beschauende Volk gerichtet. Der Glaskasten aber trägt die Ueberschrift! „Der Cardinal von Belgien." Das Wachsbild zu seiner Rechten stellt einen Erzbischof dar mit ernstem Angesichts. Nicht minder kostbar und kunstreich sind die auf Sammt in reichem Goldschmuck gestickten Gewänder. Seine Rechte ist wie zur Belehrung und Warnung erhoben. Die Ueberschrift besagt: „Der Märtyrer von Canterbury." Zur Linken des CardinalS ist ein dritter Erzbischof im vollendetsten Glänze prachtvoller Kirchengewän- der aufgestellt. Freundlich lächelnd blickt er nach oben, seine Gestalt ist noch jugendlich, sein Auge freudig strahlend, die Linke hält den Stab, die Rechte folgt der Richtung der Augen wie zum Lobe und Preise Gottes, und die Aufschrift heißt: „Der Märtyrer von Paris." Man erinnert sich noch, wie die Ernennung deS Herrn Wiseman zum Cardinal und Erzbischof von Westminster Veranlassung gegeben hat, die Cardinalswürde sammt Papst und Katholicismus zu verhöhnen. Fast hätte man fürchten mögen, daß die Kleidung katholischer Kirchenfürsten vor dem Publicum in London keine Gnade finden Würde. Aber gerade daö Gegentheil findet statt. Vor den Wachsfiguren der Belgier verweilt stets eine große Zahl von Beschauern, und es ist leicht wahrzunehmen, daß die Erinnerung der Belgier an die Verdienste und die Freimüthigkeit katholischer Kirchenfürsten mit einer gewissen Ehrfurcht aufgenommen wird, die weit entfernt ist von dem Geschrei, womit hoher und niederer Pöbel erst vor Kurzem die Straßen füllte, und Cardinäle verbrannte. Im Uebrigen ist die katholische Kunst in dem GlaSpalaste nur schwach vertreten. Katholische Kirchengewänder, Kelche und Monstranzen sind zwar auch aus England, Frankreich, Bayern, Oesterreich und Spanien eingesendet. Aber die plastische Kunst, die so vielen Schmuck und so großartige Bildsäulen geliefert, sie hat in kirchlichen Gegenständen fast nichts geliefert. Man vermißt biblische Darstellungen, Heiligenbilder, Crucifire und Madonnen, während man die Hauptgänge mit Bildern angefüllt sieht, die in Erz, Bronce und Marmor in rühmlicher Vollendung ausgeführt sind, aber unS beinahe in die heidnische Zeit zurückversetzen, indem sie meistens nur ihren Werth in der Nachbildung nackter Leiber suchen, und nur sinnliche Ideen, wie Körperkraft, Muth, Schmerz, Unerschrockenheit, Angst, irdische Liebe darstellen. So fehlt dem Geiste sein höchster Schwung zum Himmlischen, und die Ausstellung erscheint ohne Einheit, ohne Mittelpunct, ohne geistige Erhabenheit und Größe. Den nämlichen Eindruck machen die im letzen Jahrhundert erbauten Kirchen der Stadt. Ihre Thürme ragen hoch in die Lüfte empor, und beurkunden den Reichthum wie die Opferwilligkeit der Erbauer. Allein sie machen den Eindruck des Mangelhaften, Unvollendeten, weil die Hauptsache, der Mittelpunct, die Einheit fehlt. Diese Thürme endigen nämlich oben in eine Plattform, umgeben von vier kleinen Thürmchen, die auf den Ecken angebracht sind, und ohngefähr wie große Schornsteine sich auSnehmen, weil die gothische Pyramide oder das spitze Schieferdach, worauf das Kreuz und der Hahn prangen müßten, gänzlich fehlt. ES scheinen die Baumeister damit die englische Hochkirche finnbildlich dargestellt zu haben, welche sich 303 von dem Oberhaupte und Mittelpunce der Christenheit getrennt hat, und zwar noch Bischöfe aber keinen obersten Bischof mehr besitzt. Die Thürme der Stadt, welche aus der frühern, mehr an die katholischen Jahrhunderte reichenden Zeit stammen, laufen noch in die christliche Spitze aus, und gewähren einen weit befriedigendem Anblick, wenn man auch nur auf die ästhetische Anforderung und künstlerische Vollendung sehen will. Die Ausstellung im Jndustriepalaste wird an Sonntagen nicht geöffnet. Eben so ruhen in London des Sonntags alle Geschäfte. Alle Läden sind unwiderruflich geschlossen. Der Londoner Geschäftsmann ist die ganze Woche hindurch so thätig, daß er nicht an den Himmel denken, noch sonst einer ernsten Erinnerung Raum geben kann. Am Sonntage nimmt er daher keinerlei Arbeit vor, dieser soll für ihn wahrhast ein Tag der Ruhe und Erholung werden. An Werktagen qualmt der Steinkohlendampf in Vereinigung mit dem feinen Nebel so nahe über den Häusern der Stadt, daß man das blaue Himmelsgewölbe nicht sehen kann. Am Sonntage erlö, schen die meisten der riesenhaften Feuerungen und man kann etwas freier nach Oben blicken. Gerne aber entflieht der Londoner am Sonntage der Stadt, um in der frischen Natur sich zu erinnern, daß eS auf Erden auch noch andere Schöpfungen gebe als Häuser, Kaufläden und Maschinen. — Wie der Steinkohlendunst den Anblick beS Himmels entzieht, so umnebelt die Industrie das geistige Auge und raubt ihm die Aussicht nach den höhern Regionen. Daher hat selbst die Kirchlichkeit deS Anglica« ners noch einen industriellen Anstrich. Er betrachtet Gott als einen sehr schätzbaren Geschäftsfreund, dem er an Sonnlagen seine Huldigung in Ehrfurcht und Andacht darbringt, dem er für alle Geneigtheit dankt und dessen Lehren er dankbar benützt. Aber in dieser Gottesfurcht erhebt er sich nicht über den Kreis seiner Geschäfte. Sehr deutlich spricht sich dieß aus in der Benützung der berühmten Westminster-Abtei. Die aus alten Zeiten stammende gothische Kirche ist die Grabstätte aller großen Männer Englands, deren Asche hier zum Lohne ihrer Verdienste beigesetzt und durch Grabmäler von weißem Marmor verherrlicht wird. Gewiß ein erhabener Gedanke, welcher der Nation zur Ehre gereicht und alle kommenden Geschlechter erfreut. Dessenungeachtet machen diese Grabmäler einen ungünstigen Eindruck. Die Männer, welche hier ruhen, haben sich verdient gemacht, indem sie dem zeitlichen Wohle, der irdischen Herrlichkeit, dem Handel, der Schifffahrt, den sinnlichen Vergnügen und der weltlichen Bildung Vorschub leisteten. Der Marmor ist daS Mittel, wodurch die Hand des Künstlers der Nachwelt die Körpergestalt und die Verdienste dieser großen Männer bewahrt. Da sehen wir die Minister im goldgestickten Fracke Gesetze entwerfen; die Generäle, wie sie Schlachten commandiren; Dichter, welche Verse machen; Mathematiker, welche Figuren zeichnen und Maschinen bauen. Daher wollen die Grabmäler durchaus nicht zum Style der Kirche passen. Während sonst in alten ehrwürdigen Kirchen die Bilder der Verstorbenen betend, knieend oder im Grabe lie^ gend dargestellt wurden, ist hier das weltliche Gewand und die irdische Beschäftigung der einzige Schmuck. Während sonst die Grabmäler im Baustyle der Kirche ausgeführt und als Zierde in die Wänve eingefügt wurden, erscheinen sie hier wie an die Wand angeklebt von einem Geschlechte, das den Geist, den Werth des Gotteshauses nicht kennt, oder nicht zu würdigen versteht. — So reich die Grabmäler sind, so arm sehen sie aus, weil daran jedes christliche Zeichen fehlt. Die Unsterblichkeit ist nur dargestellt als ein Fortleben in dem dankbaren Andenken der Menschen, und als ein Fortwirken ihrer ehemaligen Leistungen sür Nutzen und Vergnügen. Von einer Belohnung durch Gott, von einer Begnadigung durch Christus wissen die stolzen Denkmäler nichts zu erzählen. Nicht zu verwundern ist's daher, daß man in dieser ehemals katholischen Kirche keinen Opferaltar, kein Heiligenbild, kein Crucifix mehr sieht. Ja manche Blende, wo das Bild der seligsten Jungfrau oder eineö Heiligen gestanden, ist jetzt leer und zerfallen, während daneben ein Grabmal von weißem Marmor allerlei Figuren zeigt, deren Haltung niemals christlich, oft nicht einmal anständig ist. Es ist, als ob an die Stelle der Religion der sinnliche Vortheil, an 304 die Stelle der Tugend die Industrie, an die Stelle der Heiligen die weltliche Freude, an die Stelle deS Welterlösers der armselige Mensch sich gesetzt hätte. So ist die berühmte Westminster-Abtei ein Denkmal deS allmäligen materiellen VersinkenS, wie der GlaSpalast gleich einer schillernden Seifenblase den vergänglichen Triumph der Wirklich vollbrachten materiellen Versunkenheit unserer Tage darstellt. (K. S.-Bl.) Aus der Diöeese Eichstädt. Aus dem Altmühlthale. Der 17. August war für die Gemeinde Buchen- hill, so wie für alle frommen Christen in unserm Altmühlthale ein Tag hoher Freude, da an diesem Tage der seit 260 Jahren stehende, in diesem Jahre wieder renovirte Kreuzweg auf dem Fußsteige von Eichstädt nach dem Marienkirchlein in Buchenhill feierlich eingeweiht, und diese Feier noch durch die Anwesenheit Unsers hochwürvigsten Herrn Bischofes Georg erhöht wurde. Schon TagS vorher wurden unter Leiiung deS Herrn Pfarrers Simon von Preith, wohin die Filiale Buchenhill gehört, Ehrenpforten zum würdigen Empfang unsers hochwürdigsten Herrn Bischofes aufgerichtet. Die Bewohner Buchenhills verzierten ihre Häuser, und suchten auf alle mögliche Weise zu zeigen, wie wichtig ihnen der kommende Tag sey. Der Empfang und Einzug deö hochwürdigsten Herrn Bischofes am 17. August im Filialorte war wie ein Triumphzug; alle Anwesenden drängten sich herbei, um die väterlichen Worte deS geliebten Oberhirten zu hören, und auf den Knien den bischöflichen Segen zu empfangen. Nach Beendigung der im Freien gehaltenen feierlichen Pontificalmesse, bei welcher die HH. Alumnen des Klerikalseminars sangen, begann die Procession, in deren Mitte unser hochwürdigster Herr Bischof segenspendend einherschritt, zur ersten Station. Den Act der Weihe vollzog P. Po licarp aus dem FranciScanerkloster in Jngolstadt. Nach der Weihe einer jeden Station trat der Herr Domvicar Martin Wirth, von Sr. bischöflichen Gnaden eigens als Prediger zu dieser Einweihung bestimmt, vor über 3000 Zuhörern gemischten Standes und Religion auf, und sprach in 14 kurz gefaßten Predigten vom Leiden Jesu Christi, von unserer Erlösung durch dasselbe in einer Weise, die alle Anwesenden ergriff und zu Thränen bewegte, zumal der Prediger auf unsere so verkommene Zeit zu sprechen kam, und Alle bei der letzten Station in tiefeindringenden Worten zum treuen Festhalten an dem heiligen katholischen Glauben, zum Frieden unter uns, zum Gehorsam und Gebete für die Obrigkeiten aufforderte. Rührend war eS zu sehen, wie unser hochwürdigster Herr Bischof nicht nur jedem Wort des Predigers folgte, sondern auch zuerst unter den Anwesenden bei den einzelnen Stationen auf die Knie sank, um durch die vorgeschriebenen Gebete den heiligen Ablaß zu gewinnen, und so dem versammelten Volke daS schönste Beispiel apostolischer Demuth gab. Obwohl eine unzählige Menschenmenge gegenwärtig war, so herrschte doch überall die auferbaulichste Andacht und musterhafte Ruhe, und man konnte auf dem Angesichts eines jeden lesen, daß die Worte deS Predigers, noch mehr aber daS demuthsvolle Beispiel des geliebten Oberhirten einen tiefen bleibenden Eindruck bei allen Anwesenden bewirkt habe. (Volksb.) Böhmen. Die Fürstin Hohenzollern-Sigmaringen, geb. Fürstin Hohenlohe, welche gegenwärtig mit ihrem erlauchten Gemahl daS Schloß Bistritz bei Klattau bewohnt, zeigt sich den Armen der Umgegend als Engel wahrer christlicher Nächstenliebe und Wohlthätigkeit. Ihr jährliches Nadelgeld von 12,000 Gulden geht zum größten Theil in die Hände der Nothleidenden. Der Fürst baute ein Krankenhaus für Arme, und die Fürstin ist Willens ein Mädchen-Erziehungsinstitut zu gründen. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. E. Krem er. Ellster Jahrgang. Sonntägs-Beiblatt zur Augsburger PoAzeitung. S8. September SS. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abounementspreis TV kr., wofür es durch alle köni'gl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werde» kaun. Zwei Predigten von Joseph Othmar, Fürstbischof von Seckau, BiSthumsverweser von Leoben. II. Erneuerung des Lebens. „ES ist nun Zeit vom Schlafe aufzustehen." Rom. 13, 11. Zum zweiten Male haben wir uns versammelt, um das Gebet, durch welches wir die Gnade des JubiläumSablasseS zu erwerben hoffen, dem Herrn unserm Gott und Vater gemeinsam darzubringen. In der Zwischenzeit sind wohl die Meisten von Euch, theure Miterben der Verheißungen Christi, zu dem Brunnen der Läuterung hingetreten, welchen die göttliche Barmherzigleit unö eröffnet, und haben'durch ein reumüthigeS Bekenntniß ihrer Sünden sich des Wortes der Lossprechung würdig gemacht; die Uebrigen gedenken dieß in den nächsten Tagen zu thun und Jeder von uns bringt in dieß Gotteshaus fromme Gedanken und gute Vorsätze mit. Die guten Vorsätze, welche wir fassen, gleichen aber nicht weniger als die guten Lehren, welche wir anhören, einem Samenkorn, dessen Geschicke mannigfach sind. Der Tröster, welchen der Heiland uns gesandt hat, ist ein Licht, welches jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kömmt. ES gibt keinen zum Bewußtseyn erwachten Menschen, welcher nicht im Lause seines Lebens höhere Regungen mahnend und einladend gefühlt hätte, und die Erde trug wohl auch niemals noch einen Missethäter, welcher diese höhern Regungen immerdar mit gleicher Verstockung von sich gewiesen, welcher in gar keinem Augenblicke seines Lebens guten Wünschen und frommen Vorsätzen irgendwie Raum gegeben hätte. Auch der Sünder, welcher sich am frechsten wider das Gesetz der Heiligkeit empört, welcher in den dichtesten Finsternissen selbstgewählter Verblendung wandelt, hat wenigstens in frühen Jugendtagen Stunden gehabt, zu welchen seine Seele sich den Einsprechungen des Himmels aufschloß und es bleibt ihm davon auch eine Erinnerung, welche manchmal warnend emporstrebt. Wäre das Himmelreich durch gute Vorsätze zu erobern, so würde die breite Straße, welche zum Verderben führt, einsam und verlassen daliegen. Allein sehr häufig sind unsere guten Vorsätze ein Samenkorn, welches Wurzel zu fassen nicht vermag, oder sie bringen zwar einige Keime der Werke hervor, aber der Eifer welket schnell dahin oder die sündige Begierde tritt ihnen entgegen und erstickt sie. „O ihr Menschenkinder, ruft der heilige Geist uns strafend zu, wie lange wird euer Herz noch träge seyn, wie lange werdet ihr die Eitelkeit lieben und die Lüge suchen I" Nein nicht mehr lange: denn eS ist nun Zeit, vom Schlafe aufzustehen. Wer den Zweck will, der muß auch die Mittel wollen; sonst geräth er mit sich selbst in Widerspruch «nd dieß will sich, wo es die Güter dieser Welt betrifft, Niemand .jzlw?p<>1i^, iMiN nachsagen lassen, wir aber wollen uns vorzüglich in Dingen, welche unser Seelenheil betreffen, davor hüten. Wir wünschen des Jubiläumsablasses theilhaftig zu werden und indem wir diese Kirche zum Gebete besuchen, erklären wir öffentlich unsern Entschluß, die Bedingungen zu erfüllen, unter welchen die Kirche unS die Nachlassung der zeitlichen Strafen verkündet. Wir wissen, daß die Kirche nicht minder die Hüterin des Gesetzes der Heiligkeit als die AuSspenderin der Erbarmungen Gottes ist; wir wissen, daß, wenn die Ablaßverkündigung für uns Früchte des Heiles tragen soll, unsere guten Vorsätze wahr und treu seyn und sich in Werken des Glaubens und der Liebe bewähren müssen. Wohlan! so laßt unS nicht auf halbem Wege stehen bleiben, sondern im Vertrauen auf Ihn, durch welchen wir Alles vermögen, das gut Begonnene zu gutem Ende führen. Dieser Tag, Geliebte im Herrn, sey für uns ein Tag der Erneuerung: denn er sey der Tag, an welchem wir vom Schlafe aufstehen, um auf dem Pfade, welchen daS Wort des Herrn unS vorzeichnet, mit der Gesinnung wahrer Christen zu wandeln. Eines thut Noth, sprach der Herr, als Maria zu seinen Füßen Worte des Lebens suchte, und eine einzige Forderung stellt er an unS: Sohn, spricht er, gib mir dein Herz! Die Antheilnahme^ welche wir nur zu oft an Geld und Gut, an Gunst und Achtung der Menschen, an flüchtige Vergnügungen, vielleicht an sündige, befleckte Genüsse verschwendeten, wollen wir unserm gnadenreichen Gotte und seinem heiligen Gesetze mit dem Eifer eines guten Kindes zuwenden. Dann ist uns wahrhaft Erneuerung geworden. So wollen wir denn auf die Bedeutung des menschlichen Lebens einen Blick der Betrachtung werfen; wir wollen insbesondere die Zeit, in welcher zu leben uns geordnet ist, prüfend ins Auge fassen und uns ermuntern, ungehemmt von der »geistigen Ermattung, von der Kraftlosigkeit zum Guten, deren Beispiele zum Schlummer einladen, uns mit dem Eifer der treuen Diener Gottes zu gürten und der Ankunft des Herrn mit brennenden Lampen zu harren. Als MoseS, bevor er auf den Berg Nebo stieg und starb, den Kindern Israels das Gesetz des Herrn noch einmal vorhielt, sprach er zu ihnen: „Der Herr läßt euch Versuchung erfahren, damit eS offenbar werde, ob ihr ihn liebet?" Dadurch ist die Bedeutung des menschlichen Lebens kurz und treffend bezeichnet. Wir sind nach Gottes Ebenbilde, wir sind, um Gott zu lieben und ihm allein zu dienen, geschaffen. Dieß weiß, so weit das Christenthum seine Lichtkreise zieht, jeder Schulknabe und der Weiseste der Weisen vermag nichts Höheres als in den Sinn dieses großen Wortes tiefer einzudringen. Weil wir aber ein Ebenbild Dessen sind, welcher sprach: ES werde Licht! und eS ward Licht, so sollen wir auch mitwirken, damit sein heiligster Wille erfüllt und das Reich der Geister, in welchem seine Herrlichkeit und Liebe sich abspiegelt, vollendet werde ringsumher um seinen ewigen Thron. Die Gestirne, welche in unermeßlichen Kreisen über unsern Häuptern dahinziehen, gehorchen willenlos dem allmächtigen Willen, welcher sie ins Daseyn rief; der geschaffene Geist soll mit der Gnade des Herrn freithätig mitwirken, damit er zu der ihm bestimmten Vollkommenheit gelange und in der Geisterwelt den Platz einnehme, welchen die Huld des Allerbarmers ihm beschicken hat. Die Liebe ist eine freie Gabe und Der, welcher dem Herrn sie darzubringen geschaffen ist, soll beweisen, daß er sie mit freiem Entschlüsse darbringe. Darum war den Engeln eine Zeit der Prüfung geordnet und nicht Alle blieben getreu; es fiel der glänzende Lucifer, eS fielen seine Genossen und ihre Stätte ward im Himmel nicht mehr gefunden. Darum ist auch den Menschen eine Zeit der Prüfung geordnet und unS, deren Stammvater am Baume der Erkenntniß von dem Herrn abtrünnig ward, ist eine Erde, über welche der Fluch der Sünde sich verbreitet hat, zum Schauplatze des Prüfungslebens angewiesen. «Ich selbst werde dein übergroßer Lohn seyn, sprach der Herr zu dem Vater der Gläubigen." Die Liebe Gottes ist wie die Bestimmung und Pflicht, so auch die Seligkeit des Menschen. Wenn der geschaffene Geist den Hocherhabenen, Hochheiligen nach dem Maaße der ihm zugetheilten Fähigkeit schaut und in getreuer Liebe mit ihm vereinigt ist, so spannt die Sehnsucht ihren Bogen ab: denn er hat Alles, waö 307 er zu haben berufen und fähig ist. Allein hier in dem Lande der Pilgerschaft kann das Sehnen, mit welchem das Menschenherz sich der ihm bestimmten Seligkeit unbewußt zuwendet, auf böse Irrwege gerathen und zwischen dem Dränge nach Bestie, digung und dem Bewußtseyn der Nothwendigkeit Gott allein zu dienen, tritt Entzweiung ein. So fühlt der Mensch sich zwischen zwei Gewalten gestellt; es lockt und zieht ihn das Verlangen, in einem Zustande der Befriedigung zu seyn und dennoch weiß er sehr wohl, daß eS etwas Höheres gebe, als die eigene Befriedigung zu suchen: weshalb sogar Jener, welcher seinen Vortheil mit dem kältesten Eigennutze berechnet und wägt, eS sür eine Beschimpfung hält, wenn man ihn eigennützig nennt. Dieß ist der Kampf, welcher in jedem menschlichen Herzen muß auSgefochten werden, dieß ist der Kampf, von welchem der Mcnschensohn spricht: „Wer überwindet, soll bei mir auf dem Throne sitzen: gleichwie ich überwunden habe und bei meinem Vater auf dem Throne sitze." Der Apostel Jakob lehrt mit vollem Rechte: „Jeder wird versucht, indem er von seiner Begierlichkeit gereizt und gelockt wird, und wenn die Begierlichkeit empfangen hat, so gebiert sie die Sünde." Indessen haben die Worte und Beispiele Jener, in deren Mitte wir leben, große Macht, die böse Begierde zu ermuthigen und die warnende Stimme des Gewissens zu entkräften. Thut es nicht Dieser und Jener, warum soll eben ich es mir versagen? Diese Schlußfolge ist weder bündig noch geistreich, aber sie übt über Hohe und Niedere, über Gelehrte und Ungelehrte weit mehr Gewalt, als sie wissen und einzugestehen geneigt sind. Derjenige, ohne dessen Willen kein Haar von unserm Haupte fällt, wägt und zählt auch die Einflüsse, durch welche die Abweichung von seinem Gesetze uns ohne unser Zuthun nahe gelegt wird, und läßt nicht zu, daß wir über unsere Kräfte versucht werden. Allein damit wir seiner Hilfe würdig seyen, müssen wir auf die Mahnung hören: „Wachet, damit ihr nicht in Versuchung fallet." Der Mensch bleibt immer schwach und die göttliche Gnade bleibt immer mächtig. ES war keine Zeit, wo die Kirche nicht unwürdige Mitglie, der in ihrer Mitte sah und eS wird keine seyn. ES war keine Zeit, wo die Kirche nicht durch Beispiele der Glaubenskraft und Heiligkeit geschmückt wurde, und es wird keine seyn. Allein die vorherrschenden Geistesrichtungen und Stimmungen wechseln im Laufe der Jahrhunderte, daher wechseln auch die Einflüsse, unter welchen der Christ seine Lebensaufgabe vollziehen soll. Wer durch Arabiens glühende Sandwüsten ziehen will, der muß sich mit einem Vorrathe an Wasser versorgen; sonst könnte eS ihm begegnen, daß er den langsamen Tod des VerschmachtenS stürbe. Dieß hat, wer hoch im Norden wandert, nicht zu fürchten: dagegen muß er daran denken, sich wider den Frost zu verwahren, sonst kann er auf dem schneebedeckten Felde in tödt- liche Erstarrung sinken. So soll auch der verständige Christ wider jene Abirrungen, zu welchen die vorwaltenden Auffassungen und Stimmungen seiner Zeit ihn hinziehen, sich mit besonderer Sorgfalt waffnen und wahren. Wenn wir also heute vom Schlummer aufstehen und in der Kraft des Herrn zum Berge GotteS wandeln wollen, so lohnt es sich der Mühe zu fragen: Welche Versuchung ist eS, die der sogenannte Zeitgeist uns besonders nahe legt? Unsere Zeit findet viele und wortreiche Lobredner. In den stürmischen Tagen, welche die Freiheit als einzige Herrscherin und die Freiheit der Meinungen als das höchste Menschenrecht priesen, war es sehr gefährlich zu bezweifeln, daß wir in einem Zeitalter hoher Vollkommenheit leben und nur noch eines kleinen Fortschrittes bedürfen, um ganz Licht und Tugend zu seyn. Andere sind anderer Meinung und statt volltönender Worte bringen sie Thatsachen: denn sie weisen auf eine lange, klägliche Reihe von Lastern und Thorheiten hin. Allein wann war die Menschheit an Freveln arm? Als die warnende Erinnerung an das Verlorne Paradies noch frisch war, erschlug Kain von Neid gejagt seinen Bruder. In Israels ruhmvollsten Tagen, als David siegte und sang, frevelte Ammon an der Keuschheit seiner Schwester, übte Absalon durch Brudermord Rache und streckte die Hand nach des Vaters Reich und Leben aus. Auch das Schlangenhaupt der Gotteslästerung zischte bereits, wenn auch 308 in verborgenen Winkeln: denn, wie unS allen aus dem Psalme bekannt ist, sprach schon damals der Gottlose in seinem Herzen: ES ist kein Gott. Haben wir AergereS, haben wir auch nur all das Arge erlebt, welches Israel in den Tagen seines großen Königes sah? Aber wenn der Hagel einige Strecken verwüstet, so ist damit noch nicht gesagt, daß das Jahr unfruchtbar sey; vielleicht bringt eS sogar Wein und Obst und Korn in seltener Fülle hervor. Wir müssen nicht nur nach den Beispielen des Lasters, sondern auch nach den Beispielen der Tugend fragen. Gräuelthaten, welche alle Bande der sittlichen Ordnung verhöhnen, sind ein furchtbares Zeugniß des Ab- grundeö, in welchen der Mensch, der seinen eigenen Lüften dienet, versinken kann. Doch wenn er dadurch zum Gegenstande des verschuldeten Abscheues wird, wenn einzelnen Beispielen wilden Frevels viele und herrliche Beweise sittlicher Kraft zur Seite stehen, wenn den wüthenden Leidenschaften gegenüber der Eifer für Gott und sein Reich sich mächtig waltend erhebt, so ist die Zeit gar mäht so schlimm und segenlos. Lasset es wachsen bis zum Tage der Ernte, spricht der Herr. Daß eh' der große Tag der Ernte kömmt, das Unkraut gänzlich ausgerottet werde, können wir nicht hoffen, wir müssen zufrieden seyn, wenn daS Unkraut nicht zu hindern vermag, daß der Weizen in vollen, reichen Aehren aufsprosse. Allein kann unsere Zeit sich Dessen rühmen? Daß wir an grellen AuSbrüchen des Frevels keinen Mangel haben, weiß Jeder- . mann. Dennoch sind scharf ausgeprägte, kühn zugreifende Leidenschaften seltener geworden. Der heiße Durst nach Sinnengenuß und Befriedigung der Eitelkeit, der bittere Neid gegen Alle, welche haben, was man zu haben begehrt, herrschte niemals über so viele Gemüther wie eben jetzt; aber wenn eS von Worten zu Thaten kommen soll, so gibt sich eine scheue, furchtsame Berechnung kund. Die Männer des Umsturzes sind ungemein verwegen, wo sie wenig oder gar keinen Widerstand besorgen; sie stacheln sich mit bluttriefenden Redensarten zu gan^ entsetzlichen Unthaten auf und würden sie ohne Zweifel verüben, wofern sie nur wüßten, daß für sie selbst keine Gefahr dabei sey. Sie möchten es gerne bis zum tobenden Wahnsinn bringen und bringen es meistens nur bis zu Fieberträumen. Das Böse ist an Kraft und Entschlossenheit arm geworden. Aber mit Beschämung müssen wir eS bekennen, noch ärmer an Kraft und Entschlossenheit ist das Gute geworden. (Schluß folgt.) Die Mission in Laupheim. *) (Vom 31. August bis 14. September 1351.) ES liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen Und das Erhab'ne in den Staub zu zieh'u. Längst schon hatte ich gewünscht, einer Mission anzuwohnen, aber immer hatten sich der Erfüllung dieses Wunsches die verschiedensten Hindernisse in den Weg gestellt. Endlich, als die Misston in Laupheim begann, sollte eS mir vergönnt seyn, meinen Wunsch zu befriedigen. Alles, waö ich seither in den Blättern über die Missionen gelesen, und von Freunden, die solchen beiwohnten, über sie gehört, ließ mich ahnen, daß die Missionen zu den großartigsten Erscheinungen unserer an Erhabenem so armen, an Erbärmlichkeiten leiver so reichen Zeit gehören müssen und die Lästerungen und Schmähungen der religionsfeindlichen Presse machten mir den großartigen Charakter der Missionen vollenvs zur Gewißheit, denn stets wurde daS wahrhaft Große und Erhabene am meisten gelästert und mit den Waffen der Bosheit, mit Lüge und Verleumdung bekämpft. Auf den Flügeln der Sehnsucht eilte ich daher hinauf in die Gauen Ober» schwabenS, nach Laupheim, dem einstigen Sitze der Freiherren von Weiden, wo die P. P. Schlosser, Rover und ZeU das Werk der Mission begonnen hatten. Leider -) D. Kr. 309 war ich nicht so glücklich, der Misston von Anfang beiwohnen zu können, ich mußte, mich deßhalb über das, was ich versäumt hatte, mit Berichten begnügen. Der Zweck der Misston ist bekanntlich kein anderer, als die Erneuerung und Belebung deö alten katholischen Glaubens. Die Kohlen, die in der Asche glühen, sollen angefacht werden zur hellen Flamme, welche die Sünde und die Lust der Welt verzehrt, der todte Glaube soll aus seinem Grabe erweckt und verwandelt werden in einen durch Liebe thätigen Glauben. Sehen wir, auf welche Weise die Misstonäre das Ziel zu erreichen suchen, daS sie sich gesteckt haben. Die Dauer einer Misston ist gewöhnlich auf 14 Tage bestimmt, während dieser Zeit werden täglich drei Predigten gehalten. Durch diese Vorträge sowohl als durch verschiedene ergreifende Feierlichkeiten, welche wir bald näher kennen lernen werden, suchen die Missionäre auf den Verstand und auf daS Gemüth gleichzeitig einzuwirken. Die Mission beginnt mit einer Predigt über die Bestimmung des Menschen, welche zum Zwecke hat, dem Auge des Geistes klar zu machen, daß nicht die Erde, nicht die materiellen Genüsse das Ziel seyn dürfen, nach welchem der Mensch zu streben hat, sondern daß sie nur daS Mittel zum Zwecke, zur Ausbildung für ein überirdisches, göttliches Leben seyen. Hieran reihen sich dann die Predigten über die Sünde im Allgemeinen, über die vier letzten Dinge, Himmel, Hölle, Tod und Gericht und über die sieben Todsünden und die Belehrungen über die Standespflichten. In ergreifender Weise werden jedem Stande, den Jünglingen, den Jungfrauen, den Eheleuten, den Eltern, den Dienstboten und Dienstherrschaften:c. die besondern Pflichten ihres Standes eingeschärft. Alles, was den Verstand aufklären und daS Herz erschüttern kann, wird in den Predigten über die Sünde zc. den Zuhörern zu Gemüthe geführt, bis die Gläubigen, aufgelöst in heiße Bußthränen, sich hinwerfen vor dem Richterstuhle GotteS, und seinem Stellvertreter auf Erden ein reumüthigeS Bekenntniß ihrer Sünden ablegen und ihm wahre aufrichtige Besserung versprechen. Gewöhnlich beweist sich bei diesen Missionen die Aufrichtigkeit der Reue auf mannigfache Weise, jahrelange Feindschaften hören auf, unzufriedenen Eheleuten kehrt der häusliche Friede wieder, ungerechtes Gut wird vielfach zurückerstattet, ärgerliche Verhältnisse zwischen Leuten verschiedenen Geschlechtes schwinden. Wenn die Predigten über die Sünde und ihre Folgen vorüber sind, wenn der Mensch ganz darniedergebeugt in den Staub durch das Bewußtseyn seiner Schuld vor Gott sich gedemülhigt und am Thron seiner Barmherzigkeit um Gnade gefleht hat, dann beginnt mit der Predigt über die göttliche Barmherzigkeit eine gar schöne trostreiche Seite der Misston, dann wird Alleö, was die katholische Religion Erhebendes und Tröstendes hat, vor den Augen der Gebeugten ausgebreitet, dann wird die katholische Glaubenslehre als eine stärkende Arznei ihnen dargereicht. Die Misston in Laupheim hatte, wie oben bemerkt, am 3l. August begonnen. Ich kam am 6. September Morgens frühzeitig genug an, um gleich der ersten Predigt beiwohnen zu können. Pater Roder predigte vor einer zahlreichen Versammlung in der Kirche über die Sünde deS Geizes und der Habsucht. Mit beißendem Spotte griff der Prediger dieses Hauptgebrechen der Zeit an, trefflich charakterisirte er seine Wirkungen. „Um Geld, sagte er unter Anderm, thun die Menschen heutzutage Alles, um Geld werden Meineide geschworen, um Geld zu gewinnen versäumt man den Gottesdienst und daS Gebet. Der Himmel fiele ein, wenn man nicht alle Sonntage arbeitete. DaS Kirchengehen, das Beten zc. bringt mir kein Geld in die Tasche, sagen unsere Philosophen im Bauernkittel, und darum muß eS wahr seyn. Ein einziger Gulden, der verloren geht, erweckt mehr Thränen, als ein Dutzend Todsünden." Die Predigt zerfiel in zwei Theile, im ersten Theile sprach der Redner von den Gefahren der Habsucht, im zweiten von den Heilmitteln derselben, unter den letztern wurde namentlich der Ersatz deS ungerechten Gutes angeführt. Um unsere Leser über den wahren Werth dessen, was Ulmer Schnellpost, Beobachter und andere Lügen« 310 blätter über die unmoralischen, sittenverderbenden Grundsätze der Jesuiten und über die von ihnen gepredigte Werkheiligkeit schmieren, s eoutrariv aufzuklären, heben wir nur noch folgenden Satz aus der Predigt des Pater Roder hervor: „Niemand meine mit Gebet, mit Messenlesen, mit Almosen, daS ungerechte Gut ersetzen zu können, damit ist dem Beschädigten nicht geholfen, das ist nur dann zulässig, wenn ein Ersatz auf andere Weise absolut unmöglich ist." Klarer, durchdringender Verstand, beißende Ironie, eine vollendete Form, eine glänzende Sprache, treffende Bilder und Vergleichungen, ein lebendiger eindringlicher Vortrag zeichnen die Predigten deS Pater Roder aus, der es sich hauptsächlich und vor allen Andern zur Aufgabe gemacht zu haben scheint, auf den Verstand zu wirken. Am Mittag des 6. September predigte Pater Schlosser über die Pflichten der Eltern. Die Predigten dieses Pater haben meist katcchetische Form, sind für daö Volk berechnet, äußerst klar und verständlich und bemühen sich namentlich durch öftere Wiederholungen der Fassungskraft der unteren Volköclassen den Gegenstand möglichst klar zu machen. Abends predigte Pater Zeil über die Barmherzigkeit GotteS. Bei diesem Redner vereinigt sich Alles, um auf das Gemüth einen tiefen Eindruck zu machen. Eine schöne jugendliche Gestalt, ein klangvolles Organ, ein fließender, eindringlicher Vortrag, eine gefühlvolle Sprache, ihm hörte man selten mit trockenen Augen zu, die Thränen flößen reichlich, wenn er sprach. Am Sonntage mußte wegen deö großen Andrangs von Fremden im Freien gepredigt werden, eben so am Montag, den 8. September, am Festtage Mariä Geburt, wo sich zwischen 12 und 15,000 Personen eingefunden hatten. An diesem Tage begannen die verschiedenen Feierlichkeiten, welche einen Theil der Mission bilden, mit der Empfehlung unter den Schutz der Gottesmutter Maria. Pater Roder hielt die Predigt über die Verehrung Mariens, worin er zunächst dem Vorwurfe begegnete, als würde die Gottesmutter von den Katholiken angebetet und sodann auS dem katholischen Dogma nachwies, wie berechtigt die Verehrung der heiligen Jungfrau sey. Vor dem Beginn der Predigt war ein Marienbild von mehr als hundert Jungfrauen begleitet, welche alle Kränke in den Haaren trugen, in feierlicher Procession auf den freien Platz hinausgetragen worden. Ich hatte die Gewohnheit, die meisten Predigten nachzuschreiben, aber heute war es mir unmöglich den herrlichen, begeisterten Schluß dieser Marienpredigt niederzuschreiben, heiße Thränen füllten mein Auge und benetzten das Papier, auf das ich schrieb, der Bleistift entsank meiner Hand, ich weinte wie ein Kind. Und was müßte auch daS für ein Herz gewesen seyn, das gefühllos geblieben wäre bei diesen herrlichen, ergreifenden Worten, bei dem Anblick dieser andächtigen Menge, welche tief ergriffen nnter dem in den letzten Strahlen der Abendsonne glühenden Firmamente mit feierlicher Stimme die Formel der Empfehlung in den Schutz der Gottesmutter und daö Gelöbniß eines reinen und frommen Lebenswandels nachsprach. Als der Prediger geendet hatte, zog man in feierlicher Procession 'unter dem Geläute der Glocken wieder in die Kirche zurück, wo auf dem mittlern Altare im Schiff der Kirche der Namenszug der Himmelskönigin mit der Krone flammte. Der ganze Weg, den die Processton nahm, und die breite Kirchenstaffel waren von andächtigen Landleuteu mit entblößten Häuptern belagert und es gemahnte mich dieser Anblick an jene frommen altdeutschen Bilder, auf denen man immer fromme Beter, meist Landleute mit gefalteten Händen und barhaupt vor einem Crucifir oder einem Muttergottesbilde knieen sieht. Die Predigt deS Pater Roder hatte sichtlich einen tiefen Eindruck gemacht, denn man verdankte ihr den rührenden Anblick, daß man, als die Glocken zum englischen Gruße läuteten, ganze Gruppen in den Straszcn knieen und andächtig beten sah. Am darauf folgenden Tade fand die zweite der die Mission begleitenden Feierlichkeiten, die Versöhnung mit den Feinden vor ausgesetztem Allerheiligsten und einem beleuchteten Kreuze statt. In erschütternder Rede stellte Pater Zeil daS Sündhafte deS Hasses und der Feindschaft seinen Zuhörern vor und forderte Alle auf, einander 311 gegenseitig zu verzeihen und um Verzeihung zu bitten. Die ganze Kirche war in Thränen aufgelöst, über eine halbe Stunde lang hörte man fortwährend lautes Schluchzen, tief ergriffen ging die fromme Versammlung auseinander und gewiß blieb die schöne ächt christliche Feierlichkeit nicht ohne gute Folgen. Und solchen Thatsachen gegenüber, die gewiß besser sprechen als alle Worte, gibt eS Boshafte genug, welche fortwährend behaupten, die Jesuiten predigen Intoleranz, Haß und Verachtung. Wie grundlos diese Verdächtigungen sind, mag am Besten durch einige Stellen aus der Predigt des Pater Roder über die Nothwendigkeit der Kirche bewiesen werden. Nachdem der Redner nachgewiesen, daß daö Christenthum ohne Kirche nicht denkbar ist, nachdem er mit beißender Satyre die Hohlheit des Satzes: Auf die Religion kommt nichts an, alle Religionen sind gleich, charakterisirt, fährt er fort: „Ich achte und ehre einen Jeden, welcher eine Ueberzeugung hat, wenn auch eine irrige. Denn Irrthum ist des Menschen Looö, und wer eine Ueberzeugung hat, thut, was er kann, steht nur materiell im Irrthum, formell, vor Gott, steht er nicht im Irrthum, weil er nicht irren will, weil er für seinen Irrthum nichts kann. Einen Jeden solchen werde ich achten, denn er erfüllt seine menschliche Bestimmung." Und am Schlüsse der Rede sagte der Prediger weiter: „Hoffentlich wird Niemand sagen, man müsse alle diejenigen, welche unsere Ueberzeugung nicht theilen, hassen. Es gibt aber Leute, welche eine andere Ueberzeugung nicht neben sich sehen können, ohne die Träger derselben zu hassen. Das Gesetz des Herrn, jeden Menschen ohne Unterschied zu lieben, steht in seiner Kraft. Daraus, daß ich denke, eS irre Jemand, folgt nicht, daß ich ihn hassen muß. Ich meine im Gegen- theil, die Liebe könne sehr gut neben der Ueberzeugung bestehen, daß Andere irren. Ich halte einen für irrend mit dem Verstände, der Haß aber ist Sache des HerzenS. Irren ist menschlich. Schlecht macht nur das Herz." Und solchen klaren Worten gegenüber, welche gesprochen wurden vor mehr als 12,000 Personen, die alle die Wahrheit derselben bezeugen können, wagt man fort und fort die Lüge: Die Jesuiten predigen Haß und Verachtung gegen Andersgläubige. Ich sage, die Missionäre haben diese Behauptungen der religionsseindlichen Presse mit Wort und That Lügen gestraft, sie haben sich gerächt, wie eS Christen geziemt, denn sowohl am Schlüsse der Versöhnungsrcde, als in ihren Abschiedspredigten haben sie ihre Zuhörer aufgefordert zu beten für die Verfolger und Verleumder der Missionäre. Der Versöhnungsfeier folgte noch'am Freitag die feierliche Abbitte vor dem Allerheiligsten und am Samstag die Erneuerung der Taufgelübde. Am Sonntag den 14. am Feste der Kreuzerhöhung fand die herrliche Schlußfeier der Mission mit Errichtung eines Missionskreuzes statt, das in feierlicher Procession an den Ort getra- gen wurde, wo eS errichtet werden sollte. Es ist etwas schönes um so eine Procession. Da zieht sie hin, die streitende Kirche, voraus das Kreuz, das Zeichen, in dem sie siegen wird, und die Fahnen und die Bilder der Heiligen, der mit Sieg gekrönten Streiter; da zieht sie hin, wie auf dem Wege zum Himmel; die Waffe, mit der sie kämpft, ist das Gebet, darum betet sie unablässig zum Herrn der Heerschaaren um Sieg im schweren Streite. ES war ein schöner Anblick, wie die Procession sich durch die schwarze Menschenmasse durchzog, die heute wohl aus zwanzig Tausenden bestand, wie eine Perlenschnur schlangen sich die Kränze der vielen Jungfrauen, welche an dem frommen Zuge Theil nahmen, durch den Knäuel. Pater Roder hielt, nachdem das Kreuz errichtet war, die Abschiedspredigt, bei welcher die Thränen der vielen Tausende, welche sie hörten, reichlich flößen. Nach der Predigt bewegte sich die Procession in die Kirche zurück, wo ein feierliches „Großer Gott wir loben dich", in das alle Anwesenden einstimmten, den Schluß der Mission bildete. DaS MissionSkreuz steht vor einer Capelle zwischen zwei Bäumen. Um diese Capelle, so wie um das anstoßende MeßnerhäuSchen herum schlingt sich eine eiserne Kette, die einst ein Fuhr- mann gelobte, welcher nah dieser Capelle in der Nacht mit seinem Wagen im Sumpfe stecken blieb und nimmer heraus konnte, bis ihm auf sein brünstiges Gebet unerwartet« ! 312 > Hilft kam. Mit einbrechender Dunkelheit wurde das neu errichtete Kreuz beleuchtet und strahlte mit tröstlichem Glänze in die Nacht der Erde hinein. Betende standen unter demselben bis daS letzte Lämpchen verglüht war und sandten laut ihre Gebete für alle möglichen Anliegen zum Himmel empor, für ihre Eltern, für ihre Freunde und Wohlthäter, für die armen Seelen im Fegfeuer, für alle Kranke und Presthaste, für ihre Seelsorger, für die Missionäre. „Ich thät auch noch um ein Vater unser bitten für ein KrankeS" sagte ein Weiblein als man enden wollte und alsobald willfahrte man ihr; ein „Vergelt'S Gott" lohnte die bereitwilligen Beter. Am andern Morgen, ehe ich Laupheim verließ, ging ich noch einmal zur Kirche in die Frühmesse, welche zum deutlichsten Beweise, daß die Mission einen tiefen Ein« druck hinterlassen, sehr zahlreich besucht war. Die Laupheimer haben eine schöne Kirche. Schöne Bilder schmücken die glänzenden Altäre. Die Bildnisse der Apostel, aus Holz geschnitzt und mit glänzend weißer Oelfarbe angestrichen, schauen ernst und mahnend herab auf die Gläubigen. Ich nahm einen wehmüthigen Abschied von diesen Altären, vor denen ich so oft gebetet, von dieser Kanzel, von welcher ich so viele trösMDe Wahrheiten hatte verkünden hören aus dem Munde der unermüdlichen MissioMrt, welche ihre Gesundheit, ja ihr Leben opfern in ihrem heiligen Berufe, von diesen Beichtstühlen, in welchen so manches gepreßte Herz, so manche mühselige und beladen« Seele in diesen Tagen des Heils Trost und Frieden sich geholt. Mit Thränen im Auge verließ ich den Ort des Friedens, um die heilige Stille dieser Tage wieder mit dem lärmenden Treiben der Welt zu vertauschen. F. X. Schumacher. Nekrolog. St. Pölten. Am 2. September verstarb der hochwürdigste Herr Bischof Anton Buchmayer in Folge von Altersschwäche im 31sten Jahre seines Lebens. Hochderselbe war geboren zu Waidhofen an der AbbS, studirte Theologie im General- Seminar zu Wien und ward zum Priester geweiht zu St. Pölten 1792. Er wurde daselbst angestellt als Domcurat, und schon als solcher in der Consistorialkanzlei ver- wendet. Einige Jahre darnach erlangte er die Pfarre Erlakloster; man berief ihn aber schon im Jahre 1303 als Kanzleidirector und CanonicuS nach St. Pölten. Als Kanzleivorstand wirkte er hier durch fast zwanzig Jahre bis 1822. In diesem Jahre erhielt er auf sein Verlangen die Pfarre RaabS, auf welcher er nur zwei Jahre blieb, da er 1324 zum k. k. Regierungsrath und Referenten in geistlichen Angelegenheiten ernannt wurde. Als solchen berief ihn (1835) der gegenwärtige hochwürdigste Herr Fürsterzbischof von Wien zugleich zu seinem Generalvicar, Weihbischof, DomcustoS und Domherrn bei St. Stephan. Im Jahre 1840 wurde er Domprobst in Wien, und im Jahre 1842 zum Bischof von St. Pölten ernannt; im selben Jahre feierte er seine Secundiz. Am 24. Mai 1343 hielt er als Bischof von St. Pölten seine Introduktion. Der dahingeschiedene Bischof ist somit acht Jahre lang der Diöcese St. Pölten alö Oberhirt vorgestanden. B r e s l a «. BreSlau, 20. Sept. Die grauen Schwestern aus München, auch wohl Lehrschwestern genannt, werden demnächst nun auch in unserer Stadt ihre Wirksamkeit, die Jugend zu erziehen und zu bilven, beginnen. Vorerst soll ihnen die Waisenanstalt zur „schmerzhasten Mutter" (Mter äoloross) auf dem Dome alö daS zu bebauende Gebiet angewiesen seyn. ' -' > ' ' ' . <">)lf'nc. Verantwntlicher Redactem: L. Schönche«. - V»rkgs-Jnhaw: F. E. »retM. Gilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. 5. Oktober ^O. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsvrei« 4V kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Geschichte der Missionen in der Diöcese Eichstädt. (Ans den kath. Bl. a. Franken.) DaS BiSthum Eichstädt hat wiederum begonnen eine Geschichte der Missionen zu haben. Wenn der Himmel unsere Hoffnungen begünstigt, so werden Tage reichen Segens in die Jahrbücher der Diöcese eingetragen werden können. Eichstädt erhielt übrigens nicht jetzt erst eine Geschichte der Missionen, man kann sagen, daß eS von Anfang an eine solche besitzt. DaS Andenken an die Vergangenheit mit dem Anblick der Gegenwart zu vereinen — Gott zur Ehre, zum Danke für. Alles, soll der Zweck der nachstehenden Darstellung seyn. Eichstädts Geschichte beginnt mit einer Misston. S. Willibald vom heiligen BonifaciuS gesendet, pflanzt als einfacher Priester das MissionSkreuz über dem Kirchlein der heiligen Jungfrau auf und verkündet daS Evangelium den christlichen Bewohnern der Umgegend mit jener Liebe, welche die Nonne von Heidcnheim, seine ZuHörerin, in so zarten Bildern zu beschreiben*) gewußt hat. Seitdem der Stuhl des Abtes von „Eistat" zum bischöfliche» Sitze von Eichstädt geworden, ist wohl kein MissionSorden an der Diöcese vorübergegangen, ohne in ihr seine Fußstapfen zurückzulassen. Den Söhnen deS heiligen Dominicus gab Bischof Reimboto schon 1279 ein Kloster in seiner Hauptstadt,**) die FranciScaner hatten in Wemding eine ihrer ersten Niederlassungen in Deutschland begründet.**") Als Johannes CapistranuS, der begeisterte Prediger, seine Missionsreisen durch Deuschland machte, versäumte er nicht, nach Eichstädt zu ziehen, dessen Bischof Johann III. sein Freund war, und einige seiner Dienste der Diöcese zu widmen, was ihm der Bischof dadurch vergalt, daß er beim heiligen Stuhle seine Heiligsprechung betreiben half, f) Indeß hat kein Orden sich mehr Verdienste um daS BiSthum erworben als die Jesuiten; ihren Missionen hatte man die Wiedergeburt der Diöcese zu verdanken. WaS S. Willibald gepflanzt, seine Nachfolger gepflegt, — daS schien die Reformation vernichten zu wollen, welche im Laufe von hundert Jahren die schönsten Theile der Diöcese dem alten Glauben entriß. AIS Johann Christoph v. Westerstetten 1613 auf den bischöfl. Stuhl von Eichstädt erhoben war, zählte er 200 Pfarreien mit 200,000 Seelen, die sein -) Näheres in der Denkschrift zur Itten Säcularfeier der Diöcese von Titl. Herrn Domvropst David P»pv S. 1S4. ") Strauß Besch. Eichst, in HirschingS Archiv Bd. II. S. L49. V. ?etri Suevia üceles. p. 89t. 5) ^m. Kennsnn. tust. 5. Lspist. P. 403. 694. 314 Sprengel an den Protestantismus in der Oberpfalz, in Pfalz-Neuburg und Sulzbach so wie in der Markgrafschaft Ansbach und dem Gebiete von Nürnberg verloren, oder die mit den Grafschaften Grcisbach, Wolfstein, Pappenheim und der Reichsstadt Weißenburg vom Glauben der Väter abgefallen waren. Dazu kamen noch bei 14 Klöster, welche das Loos der Säcularisation getroffen hatte. Was von der Diärese übrig geblieben, war rings von der Häresie umschlossen und vom Abfalle bedroht, mir Ausnahme des kleinen Theiles, der in Bayern lag; an manchen Orten waren Katholiken und Protestanten nicht zum Vortheile der Erstern gemischt. Betrachtete der Bischof den Zustand der Treugebliebenen, so fand er in seiner eigenen Hauptstadt den Eifer für Religion und Tugend dem Erlöschen nahe und einen Klerus, dessen Mehrzahl noch hundert Jahre nachher ein Gcneralvicar von Eichstävt nur den blinden und lahmen Wächtern des Jsaias zu vergleichen wußte. Eine Jugend, die Johann Christoph von einem seiner Räthe nur träg und müßig, ohne Kenntniß und Sitte, frei und ausgelassen nennen lassen konnte, gab keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Martin von Schau in berg hatte einige 4V Jahre vorher das Willibaldi- num nach dem Beschlusse des Concils von Trient gegründet. Mit Befriedigung liest man, daß die Tüchtigsten des damaligen Klerus auö ihm hervorgegangen. Allein den ersten Lehrern, Männern von großer Gelehrsamkeit, waren andere mit weniger Wissen aber mehr Selbstsucht gefolgt, und die anfangs prachtvoll aufblühende Pflanzung war unter den Nachfolgern Martins schnell dem Verfalle nahe gekommen. Einzig auf Jngolstadt ruhte das Auge Johann Christophs mit Wohlgefallen. Die Jesuiten hatten es durch aufopfernde Anstrengung zu eiuem blühenden Garten gemacht, den Kathedern der Universität Leuchten der Wissenschaft, dem Volke Beispiele der Heiligkeit gegeben, welche bis heute noch im Andenken der Einwohner nicht erloschen sind, f) Konnten dieß die Jesuiten in Jngolstadt, so konnten sie es für daS ganze Biöthum. Geistliche und weltliche Fürsten hatten sich ihrer Hilfe bedient und waren mit ihnen zufrieden, der Bischof hatte bei ihnen zu Dillingen und Jngolstadt seine Studien gemacht, als Propst von Ellwangen ihren Eifer schätzen gelernt — jetzt sollten sie in seine Diöcese einziehen, Lehrer für seine Jugend, Missionäre für sein Volk seyn, -i-r) Unter beständigen Schwierigkeiten von Seite eines durch Vorurtheile befangenen Capitels baute er ihnen Kirche, Collcgium und Gymnasium, die Väter eröffneten ihre Schulen uud Congrcgationen, und bald fehlte nichts mehr, was die Jesuiten an einem Orte zu besitzen gewohnt sind, an welchem ihre Thätigkeit eine vorzügliche seyn soll. Ihre Mission sollte auf der Kanzel uud in den Beichtstühlen der Domkirche beginnen. Es war nothwendig, daß Johann Christoph vorging, um Erfolge zu erhalten. Falsche Gerüchte über die Jesuiten hielten das Volk von ihnen ferne, man scheute sie, man floh sie. Da trat eines Tages im Angesichts seines Gefolges und vor den Augen der staunenden Menge der Bischof in der Domkirche zu einem der Väter in den Beichtstuhl, um der Erste zu seyn, der in Eichstädt einem Jesuiten sein Sündenbekenntniß ablegte. Der Weg war gebahnt; — was er seinen Fürsten und Bischof thun sah, thut nach ihm der Dechant des Capitels, nach diesem der Weihbischof, nach ihnen Männer deS höchsten Ranges, zuletzt Büßer aller Slände, 350 an der Zahl. Mit dieser That — eS war ein heiliger Kunstgriff bischöflicher Liebe — war die Mission in Eichstädt eröffnet. Das Wort deS Predigers auf der Kanzel ') Eine weitere Aufzählung gibt die Diöccsan-Matrikel im Anfange. ") Nicbcrlcin, Lobrede auf das Jubeljahr der Jesuiten von Eichstädt im Jahre 17t6. S, S. Aus mitgetheilten gleichzeitigen Handschriften, f) Kröpf Annal. Provinc. S, German. wm. III. pgssim, 55) Strauß Viri insiZi,- SM. p. S9 sy. 315 machte die Unwissenheit der Einwohner in religiösen Dingen, alte Irrthümer und eingerostetes Verderben verschwinden, die verachteten Gesetze der Kirche begannen wieder in ihre Rechte eingesetzt zu werden. Die religiöse Wiedergeburt der Stadt nahm bei den Kindern ihren Anfang, welche ihrerseits die Missionäre ihrer Eltern wurden, und es macht Vergnügen, einzelne Züge des Eifers der jungen Apostel berichtet zu lesen. Stets haben die Jesuiten es verstanden, mit bewundcrnswerther Kunst die studirende Jugend an sich zu ziehen. Studirende waren es auch hier, die ihre Absichten beförderten. Mit Christenlehrgeschenken in der Tasche zogen sie an Feiertagen auf die umliegenden Dörfer, und hielten den Landleuten, Erwachsenen und Kincern, Christenlehre, wenn sie nach Art indischer Missionäre mit einem Glöckchen sich Zuhörer zusammengeschellt hatten. Sie führten den Vätern geheime Anhänger der neuen Lehre zu (360 Absolutionen in der Stadt während fünf Jahre bezeugen, wie weit daS Nebel schon um sich gegriffen), um sie wieder in die Kirche auszunehmen oder ergraute Sünder, die sie zur Buße zu bereden wußten.") So verwundert man sich nicht, wenn man in den ersten fünf Jahren bei den Jesuiten in Eichstädt allein 36,000 Communicanten nachzählen kann und im Jubeljahre 1626 an allen Orten ihrer Missionen 17,966 Beichten rechnet, die sie den Gläubigen abnahmen."*) Jesuiten konnte man aber nicht bloß im Beichtstuhle und auf der Kanzel treffen, man begegnete ihnen auf den Straßen, um Almosen für die Armuth zu sammeln oder für das Haus, das der Bischof den Waisen gekauft; man sah sie in die Gefängnisse treten, um an dem Orte der Schmach Verlorne Seelen zu suchen, sah sie bei einer Seuche an den gefahrvollen Stellen und hörte sie zum Empfange der letzten Oelung ermähnen, deren Gebrauch in der Diöcese fast ganz erloschen, und die an einzelgen Orten seit 12 Jahren nicht mehr gespendet worden war; eine Erscheinung, die man nur etwas erklärlicher findet, wenn man die Predigten von vr. Eck gelesen hat, der die Diöcese wohl kennen mußte. *"") Es ist oben gesagt worden, was Eichstädt war, als Johann Christoph zur Regierung kam, jetzt konnte Gretser von ihm schreiben: Ilrlzs telix urks plena vec>, nutritis clivom. -j-) War einmal der Mittelpunct der Diöcese befestigt, so mochte man daran gehen, nach Außen zu wirken. Und hier ist es, als sehe man einen kriegsgeübten Feldherrn Schlag auf Schlag einen wohldurchdachten Eroberungsplan ausführen, so stufenweise ist das Vordringen der Jesuiten, die jeden neubefestigten Punct des katholischen Theiles der Diöcese zum Rückhalt nehmen, um den Protestantismus von allen Seiten zu umschlingen und ihm Seele um Seele, Land um Land zu entreißen. In den ersten Jahren (1615 — 17) finden sich die Jesuiten von Eichstädt in den umliegenden Ortschaften Landeröhofen, Psintz, Pollenfeld, Roppertsbuch, Ochsen- seld und Schermfeld als Katecheten, anfänglich das Gleiche erfahrend, was ihnen zu Eichstädt begegnet war. AIS die von Twlnstein den ersten Jesuiten sahen, ergriffen sie wie vor einem Ungeheuer — man verzeihe einen Ausdruck, den die Jahrbuche? der Societät selbst in die Feder geben — angstvoll und furchtsam die Flucht, bis sie kühner geworden, fleißig zum Unterrichte sich einfandcn. sf) Während man jedoch die Väter noch in der Umgegend von Eichstädt beobachtet, haben sie schon Verstärkung an sich gezogen und eröffnen zu Berchein die erste große Mission im Bisthum. Der Erfolg der Predigt war jener des Apostels zu Evhesus; die Einwohner kamen und legten ihre häretischen Bücher zu den Füßen > der Jesuiten nieder, viele aus dem Städtchen und der Umgegend entsagten dem Jrr- ") Krops I. c. tow. IV. p. S4 — S9. ") IZx lliswris LollsA. t^stoll. ws. Predigten 4 Theil. Jngolst. tSZ4 Fol. 109. äcta Vi5itat. äe anno 1602. 7) Dreiser Lärm, äeäicst sä 5osnnsm Lkristopkorum. -j-j-) Mstor. Loli. L^stett. sä »im. eit. 316 thume. Nur mit Thränen sah man die Missionäre scheiden, die man gerne für immer behalten wollte, und die jährlich nur einmal wiederkehren sollten. Im Jabre 1616 zur Fastenzeit begann eine Mission zu Spalt mit gleichem Erfolge; von Berching aus wird Beilngries und Greding in den Bereich der Thätigkeit gezogen und indem die Jesuiten in der Pfarrei Danhausen 17 Einwohner dem alten Glauben wieder zuführen, stehen sie an der Gränze der calvinischen Oberpsalz. *) Kaum von da zurückgekehrt, eilen zwei von ihnen nach Herrieden, dort in einem neuerrichteten Missionshause der Seelsorge zu leben, im Grunde, den Protestantismus in AnSbach zu bekämpfen. Doch die Markgrasschast sollte dem Bisthum bis zur Stunde verloren bleiben. Dort hatte nicht bloß die Politik deS Hofes, sondern auch Hochmuth und Geiz der Unterthanen der Lehre LulherS Eingang verschafft. **) ES ist wahr, der Protestantismus der Markgräflichen war geschmeidig und machte wenigstens keine offenen Versuche, weiter zu dringen, aber man darf nicht vergessen, daß er auf der einen Gränze den Bischofsstab von Eichstädt gewahrte, den der Löwe von Bayern hütete, auf der andern Seite das Schwert des deutschen Ordens, das der Commenthur von Franken führte. Die Jesuiten haben mit Freude erzählt, daß AnSbach ehrlich genug war, um sie nicht für die Männer zu halten, welche der Ruf mit schwarzen Farben schilderte, artig genug, daß seine Vornehmen den Umgang mit Jesuiten nicht verschmähten, wenn sie auch Einen Altar und Einen Glauben mit ihnen nicht haben wollten. Hätten sie gewußt, was damals der Markgraf gegen Eichstädt für Gedanken hegte, so würden sie weniger Freude gezeigt haben.-j-) Die bescheidene Zahl 3 ist die Ziffer der Bekehrungen aus dem AnSbachischen; stieg sie auch auf 46 in den nächsten Jahren, so blieb die Thätigkeit der Jesuiten doch meist auf das katholische Herrieven beschränkt, daß ihnen freilich unsterbliches Lob eingebracht hat. Die Station von Herrieden war nicht eine vereinzelte in jener Gegend, die Jesuiten hatten noch weiterhin ihre Gränzwachen liegen. Schon seit 1606 hielten sie Missionen in Eschenbach, dessen Einwohner einzig durch den ernsten Willen des Commenthur von Franken beim Glauben erhalten worden waren. Der Unterricht der Jesuiten von Dillingen während der Fastenzeit machte den äußern Zwang zur innern Ueberzeugung, tt) Einen festen Anhaltspunct gab daS bayerische Städtchen Wemding, wo seit 1602 fast jährlich Missionen waren. Die Jesuiten liebten diese Gemeinde, die Bürger hatten bei ihrem ersten Erscheinen einen seltenen Glaubensmuth an den Tag gelegt, als sie mitten durch protestantisches Gebiet, unbekümmert um Spott und Beschimpfung, womit man sie überhäufle, eine Wallfahrt nach einem fremden Gnabenorte der seligen Jungfrau machten. Wemding ist jetzt selbst einer der Orte, an denen die Himmelskönigin vorzugsweise eine gnädige Mutter der Gläubigen seyn will, vielleicht ist ricß ver Dank der Jungfrau, den Nachkommen für die Treue der Väter erwiesen. Die Jesuiten von Eichstädt, die nachher oft nach Wemding zogen, vergaßen daS nicht, was auf dem Wege lag. Sie führten Philipp, den Marschall von Pappenheim, ihrem Bischof zu, um das katholische Glaubensbekenntniß ihm abzunehmen; sie sprachen in Mohren ein, dessen Besitzer mit seinen Unterthanen wieder katholisch geworden, und versahen einige Jahre lang die Pfarrei. Kipfenberg und Treuchlling vermehrten um dieselbe Zeit die Namen der Orte, an denen Jesuiten thätig waren, iffl-) Sie haben sich jetzt auf allen Gränzen deö katholischen Theiles der Diöcese *) Ilist, Loll, I5)slclt,. M8. !»1 ÜNN. 1657, ") Vgl z. B. Niederer, Nachrichten z. Kirchengcsch, Bd. II. S. 333 ff. Bd. lll. S. 3t7 ff. Kröpf ps, IV. p. kl 319, f) Vgl. Anhalt, Kanzl. 1621. S, 30. 43, 206, 212 — 214. 1"!-) Kröpf I. c, III. p. 2S4 et sl. Lit. Ann. S, I. 1602. p. 451, ^tl-) Ilist. Loll. LM. acl -mn. 1623. et 1626. 317 ausgedehnt und stehen kampfbereit dem Protestantismus gegenüber. Nur eine Gelegenheit, und sie werden sich auf ihn stürzen, seine Beute ihm abjagen. Diese Gelegenheit kam mit der Bekehrung des Herzogs Wolfgang Wilhelm von Neuburg. (Schluß folgt.) Zwei Predigten von Joseph Othmar, ' Fürstbischof von Seckau, BiSthumsverweser von Leoben. II. (Schluß.) Die Abwendung der Seele von Gott tritt nicht immer in gewaltigen Leidenschaften und grellen Verbrechen hervor, meistens gibt sie sich in weit zahmerer Weise kund. Wo dein Schatz ist, dort ist dein Herz, spricht der Herr, und wenn unser Herz bloß bei dem ist, was unö für die kurze Zeit deS Lebens Gewinn und Wohlbehagen verspricht, so haben wir unsern Schatz auf Erden und nicht im Himmel. Das Versinken in den Augenblick und seine Güter, das Erkalten für die Ewigkeit und ihre Hoffnungen ist eine schlimme, Gefahr drohende Krankheit der Seele, welche in der Regel noch schwerer zu heilen ist als daS hitzige Fieber der Leidenschaft und diese Krankheit ist in unsern Tagen zu einer Seuche geworden, deren lähmender Gifthauch sich weit verbreitet! Der Apostel Paulus ermahnt die Christen, das Irdische zu gebrauchen als gebrauchten sie eS nicht; jetzt hat man daS Geheimniß erfunden zu glauben als glaubte man nicht. Bist du ein Christ? Das versteht sich. Glaubst du an den dreieinigen Gott, der dich geschaffen hat, glaubst du, daß der Sohn Gottes Mensch geworden ist, um dich durch seinen Tod am Kreuze zu erlösen? Nun ja; aber das geht die Theologen an. So lautet die ablehnende Antwort, wenn sie auch nicht mit den Lippen ausgesprochen wird; man weiS't jede Aufforderung, sich über die Ausgaben des eigenen Lebens Rechenschaft zu geben, mit Mißbehagen ab. Glaubst du an den Richter der Lebendigen und Todten, vor dessen Throne auch du einst daö Urtheil empfangen wirst? Diese Frage ist gar zu unbescheiden. Wie kann man den Fanatismus so weit treiben und die Leute an so unangenehme Dinge erinnern? Mit einer Regung deS AergerS wendet man sich ab; der eS schon weiter gebracht hat, fügt ein Achselzucken deS Zweifels hinzu, ein Anderer murmelt Etwas von GotteS unerschöpflicher Barmherzigkeit, doch Keiner will ein Ja oder Nein zum klaren Bewußtseyn bringen. Dieß Christenthum ist eine winterliche Sonne, bei welcher die Kraft der christlichen Gesinnung so wenig gedeihen kann als im Jänner die Traube reift und die Rose ihren Blüthenkelch entfaltet. Nur zu Viele dieser Christen beflecken sich schaam- loS durch Werke der Unlauterkeit, in welchen sie höchstens eine kleine, menschliche Schwäche sehen wollen. Viele greifen Unbedenklich nach ungerechtem Gewinne, wofern eS nur nicht geradezu ein Diebstahl ist: denn Wer wird nicht für sich und die Seinigen sorgen? Die Zeiten sind ohnehin schlecht genug. Verleumdungen, Ränke, Feindseligkeiten werden gar nicht in Rechnung gebracht. Andere sind nun allerdings, waS daS Mein und Dein betrifft, rechtschaffene Leute, Einige Wenige enthalten sich auch von der Befleckung unreiner Lüste und dieß ist wohl EtwaS: denn eS ist ein Beweis, daß sie für die wahre Ehre und die wahre Schande nicht alles Gefühl verloren haben. Allein ihr ganzes Streben ist darauf gerichtet, sich daS Leben so angenehm als möglich zu machen und kann man ihnen nicht nachweisen, daß daS, waS sie thun und begehren, schlechthin und unter allen Umständen verwerflich sey, so glauben sie vollkommen in ihrem Rechte zu seyn. Ist eS eine Sünde, schöne Kleider zu tragen, an einer wohlvesetzlen Tafel zu sitzen, Gesellschaften zu besuchen, Ehrentitel zu führen, hohe Aemter zu bekleiden? Weil nun dieß AlleS an und für sich genom- men keine Sünde ist, so meinen sie von allem Tadel frei zu seyn, wenn sie nichts Höheres als diese Dinge kennen und verlangen. Aber sie besuchen doch die Kirche? Ja, sie zeigen sich hin und wieder bei der heiligen Messe. Aber meistens beweiö't 318 schon ihr AeußereS, daß sie nicht wissen, waS sie thun: denn sie beobachten im Hause deS Herrn nicht einmal die Gesetze des äußern AnstandcS, welche ihnen sonst überall heilig sind und wenn die Erhebung der Hostie verkündet, daß der Sohn Gottes unter der Gestalt des Brodes gegenwärtig ist, so halten sie es für zu viel das Knie zu beugen und nicken höchstens ein wenig mit dem Kopfe. Das Gebet ist ihnen fremd geworden, kömmt es hoch, so tönen einige Formeln in verstümmelten Lauten auf ihren Lippen: was eS aber sey, sich die ewigen Wahrheiten in frommer Sammlung zu vergegenwärtigen und auf daS eigene Thun und Streben anzuwenden, das ist ihnen ein völlig unbekanntes Ding. Vergessen und verloren sind alle Anlässe, welche der Tag dem Christen darbietet, um das zeitliche an das ewige Leben anzuknüpfen. Von Morgen- und Abendgebet ist keine Rede mehr, vor und nach dem Tische sich dankbar des Allmächtigen zu erinnern, wäre altväterisch und gemein. Die Glocken tönen dreimal des Tages und sprechen zu dem Christen: Gedenke Dessen, welcher für dich KnechtSgestalt angenommen hat. DeS Morgens hört man sie nicht. Mittags und AbendS denkt man dabei höchstens: Es ist nun zwölf Uhr, es ist sieben oder acht Uhr. So wird die Seele kalt und leer und was man von dem Christenthums allenfalls noch in der Erinnerung behalten hat, gleicht einer erloschenen Fackel, welche die Nacht nicht mehr zu erhellen vermag. Gewohnheit, Scheu vor dem Urtheile Anderer, unzusammenhängende Regungen des Gewissens können solche Leute in dem Geleise der Rechtlichkeit und des äußern AnstandcS erhalten; doch wenn außerordentliche Ereignisse die Schranken der herkömmlichen Ordnung durchbrechen, und der Mensch auf sich selbst stehen muß, so ist auch auf ihre äußere Rechtlichkeit wenig zu bauen; die Meisten suchen sich mit dem Frevel so gut als möglich abzufinden nnd würden ihm gerne Religion, Sittlichkeit uud Thron preisgeben, wofern sie selbst nur in Sicherheit leben oder auch gelegentlich ein Stück deS Schiffbruches an sich reißen könnten. So ist die Welt rings um uns her und wie sind wir? Wir haben durch Gottes Gnade das Kleinod des Glaubens bewahrt, wir bekennen Alles, was der Herr unS geoffenbaret hat und die katholische Kirche, geleitet vom heiligen Geist, unS zu glauben vorstellet: „Doch waS nützt es, meine Brüder, wenn Jemand sagt, er habe den Glauben, er hat aber die Werke nicht? Wird der Glaube ihn selig machen können?" Der Glaube, welcher zum Heile führt, ist kein Wähnen und Meinen, auch kein bloßes Nichtläugnen, Geltenlassen; er ist eine lebendige und Leben bringende Ueberzeugung. In ihrem Lichte wird uns der Zusammenhang zwischen Zeit und Ewigkeit klar unv eben darum fühlen wir uns auch mächtig getrieben, Alles, was wir in der Zeit verlangen und vollbringen, nach dem Maaßstabe der Ewigkeit zu messen. Durch den Glauben berühren wir den Himmel und der Himmel sendet einen Funken seines Lichtes in unser Herz. Jene Ankündigung der höhcrn Welt, welche jedem Menschen im Gewissen gegeben ist, wird zu einer Macht, die unser Inneres beherrscht; wir fühlen uns nickt nur aufgefordert, das Böse zu meiden, sondern mächtig tritt auch das Verlangen hervor, daß Gott an unS und durch uns verherrlicht werde. Lebt in uns Etwas von diesem heiligen Verlangen? Dem Landmann ist viel daran gelegen, daß Feld und Garten Frucht bringe zur rechten Zeit. Deßwegen ist Alles, was der Ernte Gedeihen verspricht oder Schaden droht, für ihn ein Gegenstand der lebhaftesten Theilnahme; er wünscht daS Wetter so zu haben, wie es für die Früchte nützlich, nicht so, wie es znm Spazierengehen gut ist. Traurig blickt er zu dem blauen, freundlichen Himmel empor, wenn vie Wiesen und Felder dnrsten und der erquickende Regen nicht kommen will. Und wenn die Wolken sich dunkler und dunkler zusammenziehen nnd der Donner rollt und die Tropfen niederrieseln, so ist sein Herz von Frende erfüllt. Doch wenn das reife Getreide schon der Sichel harrt oder bereits in Garben gebunden auf dem Felde liegt nnd jetzt die Wolken sich thürmen und ihre Wasser niedcrgicßcn, so wird ihm bange. Er zählt die Stunden, die Minuten des Regens und froh begrüßt er die Sonne, welche ihren Strahl durch die zertheilten Wolken sendet. Wenn es wahr ist, daß Gott unser Herz verlangt, so 319 ist es doch billig, daß wir für Alles, was die christliche Wahrheit und das christliche Leben angeht, wenigstens eben so viel Interesse fühlen als der Landmann um seiner Ernte willen an dem Wetter hat. Können wir dieß von uns sagen? Ist eS z. B. für uns eine Herzenssache, vor Allem in unserm eigenen Hause christliche Zucht und Ordnung zu wahren? Wenn wir sehen, daß Einer unserer Mitchristen sich durch verbotene Lust befleckt, erwacht in uns das Gefühl deS Abscheues, welches der Sünde gebührt zugleich mit dem innigen Mitleiden, welches wir dem Sünder schuldig sind? Oder behandeln wir die Sache als einen Gegenstand der Unterhaltung und forschen neugierig nach und stellen Vermuthungen auf und werden nicht müde, davon zu erzählen und erzählen zu hören? Wir haben oft genug Gelegenheil, die Stimme der Vethörten zu vernehmen, welche sich mit blinder Wuth wider Gott und sein Gesetz und seine Kirche erheben. Balv rasen sie in rohen Lästerungen, bald stacheln sie sich zu schalen Witzeleien auf, bald suchen sie den Frevel in glatte, flimmernde Worte zu verkleiden. Aber der Sinn bleibt immer derselbe, nämlich: Reiße dich von Gott und dem Gewissen los, wo und wie immer Gott und Gewissen dich beirren. Fühlen wir bei solchen Schmähungen der Wahrheit Dasjenige, was ein treuer Sohn empfindet, wenn man Verleumdungen wider seinen Vater ausstößt? Oder bleiben wir gleich- giltig? Finden wir eS, wofern es nicht gar zu arg kömmt, sogar unterhaltend? Nicken wir etwa auch Beifall, um nicht für Finsterlinge zu gelten? Wir hören die heilige Messe, wir beichten, wir empfangen den Leib des Herrn. Aber regt sich in uns ein Wehen der heiligen Scheu, womit wir dem Lamme Gottes, welches sein Versöhnungsopfer erneuert, welches huldreich für unS zur Speise wird, den Zoll der Ehrfurcht und Liebe darbringen sollen? Ist es uns Ernst, in der Reinigkeit der Gesinnung vorzuschreiten und alle Flecken unserer Seele auszutilgen? Oder sind unsere frommen Uebungen denn doch halb und halb eine Sache der Gewohnheit, bei welcher das Herz sich sehr mäßig bctheiligt,? Verwenden wir die zweite Hälfte der Jubiläumszeit dazu, um unS diese wenigen Fragen gründlich zu beantworten. Dann wird die Antwort auf viele andere Fragen sich von selbst ergeben und wir werden beurtheilen können, ob unser Eifer für Gott und sein Reich auf Erden lebendig sey? Das Uebel, an welchem unsere Zeit siecht, liegt weniger in dem Bösen, welches vorhanden ist, als in dem Guten, welches mangelt. DaS Feuer der christlichen Begeisterung muß wieder auf dem Altare unseres Herzens entbrennen und von ihm wird ein Licht ausgehen, in dessen Glänze die Erde und die Güter der Erde für uns das Angesicht ändern. Schickt der Herr unS Freuden, so werden wir sie dankbar von seiner Hand empfangen und über der Gabe des Gebers nicht vergessen. Führt der Herr uns in die Schule der Trübsal, so werden wir gedenken, daß er uns nur wenige Tropfen reicht aus dem Kelche, welchen er selbst ausgetrunken, daß der Gerechte in der Trübsal geläutert wird, wie das Gold im Feuerofen und der ewige Richter jede Entbehrung, jeden Schmerz des Leibes und der Seele, wofern wir im Glauben und Ergebung dulden, als ein Opfer der Genugthuung für unsere Sünden väterlich annimmt. Segnet der Herr unS mit reichlicher Habe, so steht Er unS vor Augen, welcher verheißen hat: WaS ihr dem Geringsten von Diesen thut, das habt ihr mir gethan! und unser Ucberflnß wird zur Erquickung der Nothleidenden. Haben wir wenig, so ertragen wir das Bittere des Mangels so wie die Heiligen die Entbehrungen und Beschwerden trugen, welche sie beseelt vom Geiste der Buße sich auferlegten und die Hoffnung deS ewigen Lebens wird unsere Armuth reich machen. Vereint in dem Bunde der Liebe, welchen der Meister der Liebe gestiftet hat, werden Hohe und Niedere, Arme und Reiche dastehen und dem Herrn ihrem großen Gott muthig das Zeugniß geben. Dann weichen die unheilvollen Gewalten, welche gleich dem Löwen einhergehen und suchen, wen sie verschlingen. Dann ist die Erde zum Vorhose deS Himmels geworden. Herr, dieß verleihe unS: denn um Großes zu bitten, gibst du uns den Müth'I Herr, erneuere dein Reich aus Erden I Amen. « 320 Ein Trau:». Einem Kranken, der seiner baldigen Auflösung entgegensieht, kommen allerlei Gedanken, bald im Wachen, bald im Traum. Ein solcher Kranker, der aber sein Herz bei weitem noch nicht von den Banden und Sclavenketten dieser Welt losgerissen hatte, träumte in einer Nacht, der Heiland JesuS Christus klopfe an seinem Herzen an und bitte um Einlaß. So sanftmüthig aber auch Jesus anklopfte, fand sich der Kranke doch nicht bewogen, Ihm aufzuthun, sondern antwortete kalt: „er habe der Gäste in seinem Herzen schon genug, und könne den Heiland nicht brauchen, da er für Ihn keinen Platz mehr habe." Da antwortete Jesus betrübt: „Wer sind denn diese Gäste?" Und es entgeg. nete ihm der Kranke: „ES sind dieß der Hochmuth, die Unkeuschheit, der Neid, der Zorn, die' Trägheit und noch andere gute Freunde und Freundinnen, die schon so lange in Treue mit mir verbunden sind." Da sagte ihm JesuS, er solle diese Gesellschaft aus seinem Herzen hinauSweisen, damit Er darin Platz finde; es müßten aber alle hinaus, damit Er allein sein Herz in Besitz nehme. Vergeblicher Anspruch. Der Kranke meinte, er könne doch seine besten Freunde nicht so behandeln. Und der Heiland seufzte und ging betrübt von bannen. * 5 * Die zweite Nacht aber hatte der Kranke einen ähnlichen und doch ganz andern Traum. Es träumte ihm, daß er von dieser Erde geschieden sey und vor der Himmelspforte stehe, gar dringend Einlaß begehrend. Allein JesuS erschien an der Himmelspforte und sprach: „daS kann nicht seyn; ich habe schon viele Gäste, und kann dich nicht brauchen, da ich keinen Platz mehr für dich habe." „Ach!" sagte der Kranke: „Wer sind denn deine Gäste?" Worauf er vom Heiland die Antwort empfing: „die allerseligste Jungfrau Maria, die vielen Gerechten deS alten Bundes und die zahllosen Heiligen, Märtyrer und Bekenner deS neuen Bundes, und noch andere gute Freunde und Freundinnen, die schon so lange in Treue mit mir verbunden sind." Da begehrte der Kranke: JesuS solle doch diese Gäste aus dem Himmel HinauSweisen, damit er darin Platz nähme. Vergeblicher Anspruch. Der Heiland gab ihm zu bedenken: „Ich kann doch meine besten Freunde nicht so behandeln!" Und der Kranke wich betrübt von der HimmelSthür. Als er aber erwachte aus diesem Traum, erkannte er die furchtbare Wahrheit desselben, that von Stund an aufrichtige Buße und starb eines höchst auferbaulichen, gottseligen TodeS. (K. S. Bl.) Der Rosenkranz «nb seine Bedeutung.*) Ueber den Rosenkranz, dessen Verehrer durch Seine Heiligkeit den jetzt regierenden Papst PiuS IX. unlängst wieder mit neuen Ablässen begnadiget wurden, sind in verschiedenen Zeiten mehr oder minder umfangreiche Schriften verfaßt worden. DaS Schriftchen, daS wir hiemit zur Anzeige bringen, sucht in möglichster Kürze Alles anzudeuten, was für einen Verehrer deS Rosenkranzes von Bedeutung seyn kann. Namentlich wird das Ave Maria nach allen Seiten hin zu erklären gesucht, und kein Verehrer der Rosenkranzandacht wird in dieser Beziehung die kleine Schrift ohne Gewinn lesen. ") Augsburg, Druck de» F. C. Kremer'schen Buchdrucker«'. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Juhaber: F. «. «,»m»?. Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Angslmrger PostSeitung. IS. October ÄI. 1851. W'^'^/ ' ' ^^»vv ' L . ''.'V V. " V ' ^5 . ^! ? >?. .l^. ? zZÜ?W?? __ Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis 4V kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Geschichte der Missionen in der Diöeese Eichstädt. (Fortsetzung.) Man hatte die Hoffnungen keineswegs verhehlt, die man an die Vermählung des Herzogs mit Magdalena von Bayern knüpfte, welcher Johann Christoph, der Bischof von Eichstädt, den Segen der Kirche gegeben. Diese Freude wurde zum vollen Jubel, als Wolsgang Wilhelm 1615 zur Regierung gelangt, die Ausübung der katholischen Religion in seinem Herzogthum freigab. Jesuiten waren am Hofe, es bedürfte nichts als sie vermehren und ihnen das Land zur Bekehrung anweisen. Bergen, Joshosen, Berckheim und Unterstall waren die ersten Pfarreien, welche sie dem Bischof von Eichstädt wieder zustellten. Von Eichstädt selbst aus wurde Monheim in Angriff genommen. DaS Städtchen hatte einige Zeit hindurch vergessen, einst durch das Grab und die Wunder der heiligen Walburga verherrlicht worden zu seyn. Sitz von fünf Prävicanten, schien der Platz nicht so bald geräumt werden zu wollen. Die Zahl der Katholiken, die eS meist nur dem Namen nach waren, belief sich auf 83. Jene Prediger hatten einige Jahre zuvor zu viel Muth gegen die Leichname von Mönchen gezeigt, die man zufällig gefunden, um nicht wenigstens der Absicht nach einen gleichen gegen die Jesuiten zu beweisen. Allein das Volk hatte seine katholischen Traditionen nicht völlig verloren, es erwachte das Andenken an die große Schutzheilige der Stadt, man konnte d?m Worte dieser Jesuiten nicht widerstehen, welche ohne nach dem Bekenntnisse zu fragen Allen Liebe erzeigten, Feindschaften versöhnten, Streitigkeiten beilegten. Man eilte in Haufen in die Arme der alten Kirche zurück. Nach einem Jahre zählte Eichstädt wieder 17 Pfarreien mehr, Ammerfeld, Bayerfeld, Buchdorf, Dagmersheim u. s. w. Die protestantischen Prediger schienen sich durch die Tochter ihres Seniors vertreten zu lassen. Die Jesuiten haben gestanden, an ihr eine Gegnerin gefunden zu haben. Eines Tages schwur sie, deS Kampfes müde, den Irrthum ab. Die Prediger konnten mit 20 Anhängern die Stadt verlassen, nachdem bei 7l)l)0 ihrer ehemaligen Untergebenen katholisch geworden. Die Jesuiten hoben ihre Missionsstation hier auf, als die Pfarreien alle wieder vom WeltkleruS besetzt werden konnten. Am andern Ende des HerzogthumS waren mittlerweile andere Jesuiten in die Diöeese eingedrungen und hatten zu Velburg Missionen eröffnet. Die Stadt war die letzte, die den Protestantismus angenommen hatte. Deßhalb besaß ihre Kirche noch das katholische Gepräge, die Altäre ihren Schmuck, die Sacristei ihren reichen katho- ") Kretser Lpigt. cleZiost ack 5oanr>. Llirist. ") Cramer, heil, und gotts. Eichst. S. 3LS. ' -") Kröpf I. c. tom. IV. p. 127. Cramer a. a. O. 322 lischen Inhalt. Das Alles machte die Bekehrung leicht. Das Volk wollte wieder Lichter auf dem Altare haben und seine Priester im Meßgewands sehen. Einzig die Herren vom Rathe machten Miene zum Widerstand. Als aber ein Jesuit das Kind deS Bürgermeisters — der Chronist hat diesem mit dem Titel eines Consnls von Vel- burg gehuldigt — durch das Vertrauen auf Maria rettete, wozu er die Mutter ermuthigte, machte die Freude darüber die Familie katholisch, und als sich derartige günstige Einflüsse vermehrten, sahen Velburg und die benachbarten Pfarreien, Batz. Hausen, Daßwang, HermannSdorf und .7 andere ohne Bedauern das Lutherthum ihre Gränzen verlassen. ") Erschrecken wir nicht vor dem Kriegslärmen, der die nahegelegene Oberpfalz bewegt, eS ist nur ein Zeichen, daß neue Bekehrungen zu machen sind. Die Schlacht bei Prag war vorüber, Churfürst Friedrich, der Herr des Landes, entflohen; nur Mansfeld rückte nach Neumarkt vor und bedrohte Bamberg, Würzburg und Eichstädt, die Mitglieder der Liga. Tilly kommt heran, säubert die Oberpfalz und besetzt sie für Bayern. Seine Soldaten haben Jesuiten als Feldprediger, die nicht abgeneigt sind, das Gebiet zu bekehren. Sie finden die religiösen Zustände in einer traurigen Verwirrung, alle protestantischen Confessionen bunt durcheinandergemengt und die Begriffe in einer Verwicklung, daß beim Anzüge Tilly'S gegen Mansfeld daS gutmüthige Volk an das Gericht des Himmels appellirte, und um Sieg für jenen betete, der die wahre Religion bekenne. Mansfeld entwich, Neumarkt ergab sich freiwillig an Maximilian. Mit der bayerischen Besatzung kamen die Jesuiten dahin, willens über den Trümmern deS Protestantismus ihren Brüdern, die in Berching die Gränzen deS Fürstenthums Eichstädt bewachten, die Hände zu reichen. Gelang ihnen dieß , so war eS ein um so größerer Triumph, als eben Neumarkt die Geburtsstadt eines ManneS war, der damals Deuschland mit Schmähschriften Wider sie überschwemmte. 5) Man räumte ihnen die Hofkirche und das Kirchlein vom heiligen Kreuz ein, von denen nur die letzte zum Gottesdienste geeignet war, da calvinischer Vandalismus in der ersten Alles bis auf die Kanzel vernichtet hatte. Die Väter eröffneten ihre Wirksamkeit mit einer Wohlthat, die einer Rettung der Stadt gleich kam. Ein unbedachtsamer Auflauf hatte ein übernachtendes Regiment zu Mord und Brand schon durch die Strassen vertheilt, Alles zitterte — da erscheint ein Jesuite und wendet das gezückte Schwert von den unglücklichen Bewohnern ab. Und als dennoch einige im Gefängnisse der Strafe gewärtig seyn sollten, als ihre Mitbürger vergebens um Gnade für sie flehen, — da öffnet ein Jesuite mit seinen Bitten die Thore und befreit die Gefangenen. DaS war genug, den Vätern Liebe zu gewinnen; zu wenig, die Stadt katholisch zu machen, da innerhalb drei Jahren nur 33 Bekehrungen erfolgten. Man darf die Schuld nicht dem bösen Willen des Volkes beimessen; die Oberpfalz gehörte noch nicht dem Churfürsten Maximilian, es war möglich, der calvinischen Negierung wieder anheimzufallen, und dann stand nichts bevor, als wiederum das Ritual zu wechseln. AIS das erstere eingetreten, als ein Edict Maximilians von'1628 allen Bewohnern die Annahme der katholischen Religion befahl, waren augenblicklich die calvinischen Prediger abgedankt und alle Kirchen dem katholischen Cultus geöffnet. Es war ein denkwürdiger Tag, als die ganze Bürgerschaft der Stadt mit dreizehn umliegenden Pfarreien in der Pfarrkirche sich versammelte, im Angesichte des Aller- heiligsten feierlich den Irrthum abschwur, und die Lossprechung empfing. Die Jesuiten hatten jetzt ihr Tagwerk vollendet, sie hoben ihre Mission auf, während die Bitten der Bürger sie noch zurückhalten wollten, und ihre Stelle nahmen Capuciner ein, die Bischof Johann Christoph 1620 in die Diöcese eingeführt hatte. 1"!-) ") Kröpf I. c. p. 132. Cramer a. a. O. ") Adlzreitcr Annal, Loic. p. III. üb. k. n. 13. —) Casp. Schopp <8ciopi.) 5) Vcrgl. Nlceron'ö Nachricht, v. Gel. Bd. 19 S. 282 ff. 7t) Kröpf I. c. p. 272 276. 427. sq. 323 Während Neumarkt durch Jesuiten von München bekehrt wurde, brachten die von Amberg innerhalb eines Jahres Kastel, Pfaffenhosen, Lauterhofen, Gnadenberg und die Umgebung zum Bisthum Eichstädt zurück. *) Das Datum dieser Bekehrung 1623 erinnert, daß von Pfalz Neuburg noch die Rückkehr jener Gebiete erübrigte, in denen die appanagirten Brüder Wolsgang Wilhelms rcsidirten. Zwölf Jahre waren vergangen und Niemand hatte Gebrauch von dem Edicte von 1615 gemacht, durch welches die katholische Religion freigegeben war. Jetzt wurde die Annahme der letztem befohlen. Der eine dieser Gebietstheile, die Aemter Heideck, Hippoltstein und Allersberg gehörten ganz zur Döcese Eichstädt, von dem andern, dem Fürstenthum Sulzbach, zählten dahin Neukirchen, Edelsfelden, Eschenfeld, Eylwang und Jllschwang. Jesuiten aus dem Kollegium von Amberg unternahmen die Wiederherstellung der katholischen Religion in den letztgenannten Orten, andere eröffneten Mitte Novembers 1627 zu Hippoltstein und Heideck eine Mission. Sie fingen bei den Landpfarreien an und fanden wenig Schwierigkeiten. Nacheinander waren die Pfarreien Laibstatt, Liebenstatt, Walting, Schloßberg, Albertshausen, Bergen, Zell, Heuberg, Meckenhausen, Jarsdorf, Lehen, Ebenried und Allersberg mit ihren Filialen gewonnen. **) Am zehnten Tage ging es in die Kirche der Vorstadt von Hippoltstein, gleich darauf in die Pfarrkirche. Bei dem Widerstand der Bürger mußte die Thüre mit Gewalt gesprengt werden. Zur NachtSzeit warf man den Jesuiten mehrmal die Fenster ein und Soldaten mußten zuletzt das Missionshaus bewachen. Heideck war den Vätern nicht geneigter als die Nachbarstadt. Offene Lästerung empfing sie hier, Alles hatte Drohungen für sie, mitten unter der Predigt schrie man auf, um zu interpelliren; die Jesuiten duldeten und schwiegen. Der Hof von Hippoltstein und die Nähe Nürnbergs waren die Ursache des Widerstandes. Nach einem halben Jahre entschied den Kampf der drei Jesuiten und der drei Prediger zu Hippoltstein — man denkt unwillkürlich an die Horatier und Curatier — eine öffentliche Disputation, in welcher der Superintendent einem Jesuiten erlag. Mit dem Prediger, der seit 35 Jahren seine Aussprüche auf der Kanzel als Orakel verehren ließ, sank das Vertrauen der Bürger, nach drei Jahren waren sie katholisch. Man bedauerte den Pfalzgrafen Friedrich, der stets den Jesuiten geneigt war, daß seine fanatische Gemahlin Sophie Agnes ihn von ihren Predigten zurückhielt. Hcideck zählte damals 535 Katholiken, nach einigen Jahren erklärten die Bürger, lieber den Tod als den Abfall von der Kirche zu wollen. Die Bekehrung war um so aufrichtiger und dauerhafter, je weniger Fürstenbefeble ihre Quelle gewesen. Heideck und Hippoltstein blieben ständige Missionen der Jesuiten und die Bücher der umliegenden Pfarreien beweisen, daß sie für Stadt und Land die Hirten waren, bis der Krieg sie verdrängte. Die Eroberungen, welche die Jesuiten dem Protestantismus abnahmen, konnten als eben so viele Siege des Bischofs Johann Christoph betrachtet werden; da er es war. der ihnen den Weg in die Diöcese gebahnt, legten sie dankbar zu seinen Füßen die Früchte ihrer Missionen nieder. In einem gewissen Sinne ging der Bischof selbst auf Mission, in wie ferne er seine Gewalt als Fürst dazu benutzte, mehrere ehemals katholische Theile seinem Bisthum wieder einzuverleiben. Mit dem Restitutionsedicte Kaiser Ferdinands in der Hand erwirkte er die Zurückgabe der Kirche von Buchenheim und Göllersreuth, der Pfarreien Cronheim und Oberschranningen, 5) nöthigte Weißenburg, die Reichspflege über Petersbuch, Kahlvorf, Bihurg, Mengen, Heiligenkreuz und Rohrbach, tt) die es zum Verderben der katholischen Religion benützt hatte, an ihn herauszugeben, und ") Adlzrcltcr ps. III. lib. 13. n. S7. Nach einem Vcrzeichniß bei Meiern Acta psc. ^VeslM. tom. III. P. 164. Kröpf I, c. r>. 42S, sq. j-) Meiern ^cta Lxoc. p, >>V. tom. II. p. 170. tt) Falkenstein Loä. 6ipl. LM, p. 371. 324 nur die Dazwischenkunft des Krieges verhinderte den Erfolg seiner Bemühungen, von Nürnberg die Herausgabe der Güter des Klosters Bildenreuth zu erhalten. *) Mit dem Einrücken Gustav Adolphs in die Diöcese ändert sich die Scene aus den MissionSstationen der Jesuiten. Es galt keine neue Eroberung mehr, sondern einzig die Erhaltung des Gewonnenen, eine Sache, die sich nicht ohne Opfer bewerkstelligen ließ. Der König mußte vor Eichstävt vorüberziehen. Einzig die Pest im Gefolge seines HeereS drang über die Mauern der Stadt und forderte das Leben von vier Jesuiten neben den Leichen derer, denen sie die letzten Tröstungen gespendet; aber das Lager vor Nürnberg löste ihre Station in Kastl auf, durch den Tod deö einen und die Gefangenschaft des andern der dortigen Väter. Noch unglücklicher wurde die Lage des BiSlhumS und der Jesuiten, als Bernhard von Weimar nach des Königs Tove von Bamberg her in die Diöcese zum zweitenmale einbrach. Herrieden hielt sich gegen ihn, so lange der Besatzung der letzte Jesuite daselbst Muth einsprach und die Pestkranken Pflegte, bis mit seinem Tode und der Einnahme der Stadt auch diese Mission ihr Ende fand. Das Kollegium von Eich, städt hatte Ursache mit Weimar damals zufrieden zu seyn, wie man eS mit einem Feinde der Art eben seyn kann, nur mußten die Missionen unterbleiben, die von Eichstädt aus gewöhnlich waren. Als aber Weimar durch die Kaiserlichen Eichstädt verlor und nun zweimal nacheinander einen Rachezug gegen die Stadt unternahm, da fühlten die Jesuiten seinen Grimm. Mit Eichstädt sank ihr Kollegium und ihre Kirche in Asche, und zwei von ihnen fielen in die Hände des Feindes, dessen Grausamkeit dem einen den Tod, dem andern schweres Leiden zuzog. In dem zerstörten Eichstädt war nichts mehr als einige ausgehungerte Einwohner, die sonst kein Obdach fanden, mitten unter den Todten lebend, welche die Seuche auf allen Straßen häufte, und Schaaren von Kindern ohne Eltern und Schutz. Die Jesuiten, hinter den Mauern der Willibaldsburg gerettet, stiegen in den Gräuel der Verwüstung nieder, um zu helfen, so viel sie konnten; als die Stürme des Krieges aufgehört die Gegend heimzusuchen, eilten sie wieder nach Berching, Kipfenberg und Wemding auf Missionen. Da die umliegenden Pfarreien ihre Hirten verloren, so daß ein Geistlicher oft sechs Pfarreien zugleich versehen mußte, zählten die Jesuiten in Eichstädt allein ivMl) Communicanten, meist Landleute, die keine Seelsorger hatten. 5) In Hippoltstcin war ihr Missionshaus durch den protestantischen Pfalzgrafen geschützt, der zwei der Väter der Gefangenschaft entriß, Heideck aber konnte nicht mehr gehalten werden. Jngolstadt opferte 15 Jesuiten der Liebe zu den Pestkranken, während die Neberlebenden die Wunder der Bekehrung zu erneuern begannen, durch die sie vorher geglänzt hatten, tl') (Schluß folgt.) Blumen aus dem Schriftgarten des heiligen Bernardus. (Fortsetzung.) 236. Zelle. Die Wohnung des Himmels und die Bewohnung der Zelle sind verwandt, weil, wie Himmel und Zelle (eoslum et cella) eine Verwandtschaft deS Namens, so auch der frommen Bedeutung haben.. Denn von der Verborgenheit scheinen Himmel und Zelle genannt zu werden, und was im Himmel verborgen ist, wird auch in den Zellen verborgen. Was im Himmel geschieht, geschieht auch in den Zellen. Und ') Falkensieins Geschichte von Nürnberg S> 773. ") Ilistor. Lall, üxststt. aä ana. 16Z2. —) Cramer Heil. Eichst. S. 295. f) Listor. Coll. L)'5t,ett. sck »im. 1634 — 1S36, -sf) Kröpf tom V. pp. 229 sq. 201. 339 sqq. 325 was ist das? Sich Gott hingeben und Gott genießen. Denn von der Zelle steigt man zum Himmel: kaum aber steigt man jemals von der Zelle in die Hölle. Denn kaum wird ein Sterbender jemals von der Zelle in die Hölle steigen, weil kaum Jemand bis zum Tode in derselben ausharrt, außer der zum Himmel bestimmt ist. DaS höchste Verderben des Geistes ist der Müßiggang. Der Müßige wird also nie ein Diener Gottes. Sich Gott hingeben ist kein Müßiggang, sondern das - Hauptgeschäft aller Geschäfte. Ein Bewohner der Zelle muß an dem Tage nicht gut gelebt zu haben glauben, an dem er sich erinnert, nichts von dem gethan zu haben, weßwegen man in der Zelle lebt. Du fragst, was du thun sollst, oder worin du dich beschäftigen sollst? Zuerst darf man dem Tage seinen treffenden Theil nicht entziehen für das tägliche Opfer des Gebetes, für Lection und Studium, für die tägliche Erforschung des Gewissens, für die Besserung und Ordnung der Sitten. Dann ist eine Handarbeit zu verrichten, welche anbefohlen ist nicht so fast daß sie durch Unterhaltung auf eine Stunde den Geist aufheitere, als vielmehr daß sie die Lust an geistigen Studien erhalte und ernähre. 237. Zerknirschung. Es werde durch das Messer einer scharfen Zerknirschung die Wunde der veralteten Gewohnheit ausgeschnitten! Ich sehe zwar nach dem schweren Falle die Thränen des Petrus, höre aber nicht dessen Gebet, und doch zweifle ich nicht an der Verzeihung seiner Sünde. Neige zu dir die gütigen Ohren deS Herrn: bitte ihn unausgesetzt mit Thränen und Seufzern wegen deiner Uebertretungen, und lobe und verherrliche ihn durch geistliche Gesänge in allen deinen Werken. Nichts aber sehen die HimnielSbewohner lieber, nichts ist dem höchsten Könige angenehmer, wie er selbst bezeugt: „Ein Lobopfer wird mich ehren." 238. Zeugniß. Das Zeugniß des Gemissens ist wahr, wenn der heilige Geist selbst unserm Geiste Zeugniß gibt, daß wir Kinder Gottes sind. Weiter glaube ich, daß dieses Zeugniß in drei Dingen bestehe. Denn zuerst muß man glauben, daß du keine Nachlassung der Sünden erhalten könnest, außer durch die Verzeihung GotteS. Dann daß du kein gutes Werk an dir haben könnest, wenn er selbst es nicht gibt. Zuletzt daß du das ewige Leben durch keine Werke verdienen könnest, wenn dir nicht auch dieses umsonst gegeben wird. Denn wer kann rein machen den, der von unreinem Samen empfangen? Bist'S nicht du allein? Auch von den guten Werken ist es ausgemacht und gewiß, daß sie Niemand von sich selbst habe. Denn wenn die menschliche Natur nicht feststehen konnte, da sie noch unverdorben war, um wie viel weniger wird sie durch sich selbst auferstehen können, da sie verderbt ist? ES ist gewiß, daß Alles (so viel eS möglich ist) nach seinem Ursprünge trachte, und daß Alles sich mehr auf diese Seite neige. So ist es auch von uuS gewiß, weil wir aus Nichts erschaffen sind, daß, wenn wir uns selbst überlassen sind, wir zur Sünde uns neigen, die ein Nichts ist. Vom ewigen Leben aber wissen wir, daß die Leiden dieser Zeit nicht zu vergleichen sind mit der zukünftigen Herrlichkeit, die an uns offenbar werden wird, auch dann nichr, wenn Einer alle ertragen würde. Denn die Verdienste der Menschen sind nicht von der Art, daß unS das ewige Leben nach dem Rechte gebührt, oder daß Gott ein Unrecht begehe, wenn er es uns nicht gibt. Denn geschweige daß alle Verdienste Geschenke Gottes sind, so ist der Mensch mehr seinem Gott ein Schuldner, als Gott dem Menschen. Was sind alle Verdienste gegen eine so große Herrlichkeit? Wenn du also glaubst, daß deine Sünden nicht getilgt werden können, außer von dem, gegen den du gesündiget hast, auf den aber die Sünde nicht fällt, so thust du wohl daran. So ist eS auch wegen der Verdienste, wenn du glaubst, du könnest sie nicht haben, außer durch ihn, nicht hinreichend, bis dir der Geist der Wahrheit das Zeug- 326 niß gibt, daß du sie durch ihn hast. So mußt du auch über das ewige Leben ein Zeugniß deS Geistes haben, daß du zu demselben durch göttliches Gnadengeschenk gelangen werdest. Denn Er selbst verzeiht die Sünden, Er gibt die Verdienste, und gibt nichts desto weniger die Belohnungen wieder dafür. Nichts ist klarer, als dieses Licht, nichts rühmlicher, als dieses Zeugniß, wenn sich die Wahrheit im Geiste abspiegelt, und der Geist in der Wahrheit sich schaut. Aber welch geschämige, erröthende, furchtsame, umsichtige, durchaus nichts zulassende Wahrheit schaut er, was den Ruhm des Gewissens verletzen könnte, indem daS Gewissen ihm darüber Zeugniß gibt, worüber die Gegenwart der Wahrheit erröthen müßte. Das ist es wahrlich, was über alle Güter der Seele den göttlichen Anblick ergötzt. Jeder hat eine vollkommene und freie Entschuldigung, das Zeugniß seines Gewissens. Ich will, daß du dich deS Zeugnisses deS Gewissens rühmst, aber auch nichts weniger will ich, als daß du durch selbes dich demüthigest. Selten kann man sagen: „Ich bin mir nichts bewußt." Vorsichtiger wandelst du im Guten, wenn du auch daS Böse nicht vergissest. Daher kenne dich selbst, daß du unter den Leiden, die nicht mangeln, das Gut deS Gewissens genießest, noch mehr aber damit du wissest, was dir sehlc. Denn wem geht nichts ab? Dem fehlt Alles, der da glaubt, eS fehle ihm nichts. Welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als nur der Geist deS Menschen, der in ihm selbst ist? Im Vergleiche mit dem innern Zeugnisse ist daS äußere für nichts zu halten. Ja, wenn der Geist, der im Menschen ist, Alles, was des Menschen ist, wissen könnte, so würde wahrlich sein Zeugniß hinreichen. Nun aber ist das Herz des Menschen verderbt und unerforschlich, sogar sich selbst, so daß eö sogar daS Gegenwärtige großen Theils nicht weiß, das Zukünftige aber durchaus nicht wissen kann. Weil es jedoch einigermaaßen daS Gegenwärtige weiß, so haben wir, wenn es nur nicht tadelt, doch noch keinen Ruhm vor Gott, sondern nur Zutrauen zu Gott. Wenn wir aber den AuSspruch seiner Wahrheit, der nichts verborgen ist, in uns zu behalten verdient haben, können wir uns sicher in derselben rühmen. Denn was kümmere ich mich um das Urtheil eines andern Menschen, auf dessen Tadel hin ich nicht verwerflich und auf dessen Lob hin ich nicht gerecht befunden werde? Brüder, wenn ich vor einen Richterstuhl mich stellen muß, werde ich mich mit Recht eures Lobes rühmen. Ja, wenn ich durch die Prüfung meines eigenen Richterstuhles gerichtet werden müßte, würde ich mit Recht über mein Zeugniß zufrieden seyn, und am eigenen Lobe mich erfreuen. Nun aber werdeich nicht vor euern und nicht vor meinen, sondern vor Gottes Nichterstuhl mich stellen müssen. Welche Thorheit, welcher Wahnsinn ist eS also, mich entweder euers oder meines Zeugnisses zu rühmen, besonders da Einer ist, vor dessen Auge Alles bloß und aufgedeckt ist, und der es keineswegs nöthig hat, daß ihm Jemand ein Zeugniß über einen Menschen ablege. 239. Zorn. Dein Eifer muß dir bewußt seyn, deine Sanftmuth, auch die Unterscheidung, die Vermittlerin dieser Tugenden, wie du im Verzeihen der Unbilden beschaffen seyn sollst, wie im Bestrafen derselben, welch ein vorsichtiger Beobachter der Art, deS Ortes, der Zeit in Beidem. Drei Dinge sind zu beachten in der An. Wendung dieser Tugenden, damit sie nicht Untugenden seyen, wenn sie darüber hinauskommen. Diese Tugenden nämlich macht nicht die Natur, sondern die Anwendung. An und für sich werden sie nicht unterschieden. Deine Sache ist es, entweder durch Mißbrauch und Verwirrung Fehler, oder durch guten und ordentlichen Gebrauch Tugenden zu machen. Wenn daS Auge der Unterscheidungsgabe dunkel ist, pflegen sie sich einander die Plätze zu. entreißen und die Gränzen zu überschreiten. Von dieser Dunkelheit gibt es zwei Ursachen: der Zorn und eine zu weichliche GemüthS- stimmung. Diese entnervt die Strafe deS Gerichtes, jener übereilt sie. Denn wo- durch kann nicht Eines oder daö Andere in Gefahr kommen, entweder die Güte in 327 die Gefahr der Nachsicht, oder die Gerechtigkeit in die Gefahr des Eifers? Das vom Zorn geblendete Auge sieht nichts gut an, daS durch zufällige und weibische Weichlichkeit verwirrte Auge sieht das Rechte nicht. Du wirst nicht unschuldig seyn, wenn du entweder den strafest, der vielleicht Schonung verdient hätte, oder den verschonst, der hätte gestraft werden sollen. Eine natürliche Gemüthsbewegung ist der Zorn deS Menschen, aber denen, die die Gaben der Natur mißbrauchen, ist er ein schwerer Verlust und ein bedauernS- wertheS Verderben. Wollet euch nicht erzürnen über Jene, welche euch vergängliche Güter rauben, welche euch beschimpfen, welche euch in Strafen bringen, und weiter nichts mehr thun. Ich will euch aber zeigen, wem ihr zürnen müsset. Zürnen darüber, was euch allein schaden kann, allein machen kann, daß euch alle jene Dinge nichts nützen. Wollet ihr wissen, was dieses sey? Die eigene Bosheit. Von dieser sage ich euch: „Zürnet über sie." Denn kein Unglück wird schaden, wenn keine Bosheit herrscht. Wer vollkommen über sie zürnt, der wird nicht aufgeregt, und umfaßt das Widerwärtige. „Zürnet ihr, so sündiget nicht." Du wirst aber nicht weniger sündigen durch zu heftiges Zürnen, als wenn du gar nicht-zürnest. Nicht das Zürnen, wo man zürnen soll, ist Sünde, sondern der Widerwille gegen die Besserung. Sich aber mehr zu erzürnen als es nöthig ist, heißt Sünde zur Sünde fügen. Wenn es Sünde ist, das Böse nicht zu bessern, wie wird eS nicht eine Vermehrung des Uebels seyn? Niemand verdient mehr Zorn, als ein Feind, der sich in einen Freund verstellt. Der Mann von Canterbury. Wir haben es schon öfter als einmal ausgesprochen: daß der gegenwärtige anglikanische Erzbischof von Canterbury als der verknöcherte Träger des staatskirch- lichen Princips — wie auch als eifriger Fortspinner desselben in die weitesten Con- sequenzen hinaus betrachtet werden kann. Er ist für das anglicanische England ganz dasselbe, was uns leider durch lange Jahre die Verkündiger der reinen Jesuslehre in Deutschland gewesen sind. Seine Herrlichkeit ist nach den Berichten englischer Blätter in jüngster Zeit in seinem Ausklärungsproceß schon wieder um einen großen Schritt weiter gegangen, und hat in einem höchst eigenhändigen Erlaß der Negation in der sogenannten anglicanischen Kirche großartige Zugeständnisse gemacht. Seine HerrliMeit behauptet nämlich in einem von ihm ausgegangenen Schreiben, daß nach Ansicht fast aller anglicanischen Prälaten O h. der mit ihm Gleichgesinnten, oder Glcichgesinnungslosen) die bischöfliche Händeauflegung bei der Ordination rein unnöthig sey, und also sämmtlicher anglicanische Klerus den deutschen protestantischen Predigern — was den gänzlichen Mangel pricsterlichen Charakters auch im Aeußern, noch aus der katholischen Zeit beibehaltenen Ritus anbelangt — getrost die Hand zum Bunde reichen könne. Wenn wir nun einerseits gar wohl wissen, daß die anglicanische Ordination keine Geltung hat — so war durch den Act der Händeaufleguna im Anglicanismus bisher doch noch immer der Nothwendigkeit apostolischer Sendung, in der äußern Form wenigstens, ein Zugeständniß gemacht; und um dieses Zugeständnis), um diese Reminiscenz aus der katholischen Kirche des Anglicanismus zu bringen, ist das neueste Streben des edlen Lord-Erzbischofs von Canterbury. Offenbar hat der gute Herr hierbei die Absicht, dem PuseyiSmuS hiemit einen Schlag zu ver- etzen, der ihm ungefähr in derselben Weise verhaßt ist, wie in Deutschland den Feh- ronianern der Ultramontanismus — aber der Herr Erzbischof wird sich in diesem seinem vorhabenden Experimente sicherlich irren. Die Puseyiten erkennen es gar gut, auf was eS mit dieser neuen Maaßregel hinausgeht, und haben bereits beschlossen^ gegen den verkäuflichen, ungläubigen Prälaten sich in Fronte aufzustellen. Schon sind eine Unzahl von Protesten in die Folterkammern des Canterburyschen Kanzella- riates hineingeflogen, und es steht in Aussicht, daß noch ein tüchtiger Schwärm sol- 3S8 cher unliebsamen Vögel den ersteren nachfliegen wird. Die Puseyiten erlauben sich, dem betroffenen Herrn Erzbischof zu sagen: die allerhöchste Ansicht Sr. Lordschaftlicken Gnaden stehe im Widerspruch mit der heiligen Schrift, mit der Lehre und Praxis der katholischen Kirche zu allen Zeiten, und mit den Artikeln und Formularien der englischen Kirche. Und Se. Herrlichkeit hat somit eine neue Gelegenheit gefunden, über die rebellische Gesinnung und die demokratischen Gelüste seines KleruS Klage zu führen und große Betrübniß zu äußern, eine Betrübniß, die aber erst noch groß wie daS Meer anwächst — wenn er der nächsten Parlamentssession gedenkt, in welcher der Antrag gestellt werden wird, sein bisheriges ungeheures Einkommen auf 10,0(10 Pfund zu beschränken. ES steht nicht ohne Grund zu vermuthen, daß Se. Herrlichkeit alsogleich bereit wäre, eS mit der Händeauflegung beim Alten zu lassen, wenn — eS nur auch mit seinen bisherigen Einkünften — beim Alten bleiben möchte. Das ist der Mann von Canterbury! (W. K. Z.) Aus Oberbayern. Aus Oberbayern wird dem Volksboten über ein „Hauptmittel gegen die allgemein herrschende Genußsucht, diese wahrhafte Pestseuche unserer Zeit", geschrieben, über die vielverleumdetcn „Jünglingsbünde" nämlich, welche „bereits in den Stävten und auf dem Lande da und dort entstünden und in ihren Anfängen schon auf die Gesittung des Volkes einen großen und segensvollen Einfluß übten." „Ich hatte", schreibt der gute Freund, „erst unlängst in Lengfeld Gelegenheit, einen solchen JünglingSbund kennen zu lernen. Bei seinem Entstehen zahlte er nur wenige Mitglieder, nun gehören nahe an 200 Jünglinge dem Buude an. Den 28. September wurde anstatt der Kirchweihtanzmusik ein BundeSfest abgehalten! sage anstatt der Kirchweihtanzmusik ein Fest unter den Augen der allgemein verehrten Ortsgeistlichkeit in dem mit Laubgewinden und passenden Inschriften verzierten Saale des Wirthshauses, bei dem die Jünglinge auch aus den entlegensten Dörfern sich versammelten und mit dem Vortrage eines passenden GedichrS, einer kurzen Rede (über „die Ehre des Bauernstandes"'), fröhlichen Gesängen und heitern Gesprächen sich unterhielten. Nach ungefähr drei Stunden der anständigsten und herzlichsten Fröhlichkeil trennte man sich unter lauten Versicherungen an die Leiter der schönen Vereinigung, dem Bunde immer mit Lust und Liebe angehören zu wollen, zur Heimkehr. Seil dem Bestehen des Bundes Ind Raufereien und sonstige WirthshauSercesse in dieser Pfarrgcmeinde so wie auch außereheliche Geburten in ungleich geringerer Zahl vorgekommen, als es vorher der Fall war." Frankreich. Diöcesansynode in MonS. Die vom Bischof von Mons für 6. September 1851 zusammenberufene Diöcesansynode ist feierlich abgehalten worden. Der Bischof legte seinem KleruS Diöcesanstatuten vor, wollte aber, bevor dieselben RechtS- giltigkeit erlangen, den Rath seines Klerus über die einzelnen Puncte derselben vernehmen. Die Synode wurde am Sonnabend im großen Schiff der Kathedralkirche nach dem im koritilieslo komanum vorgeschriebenen RituS eröffnet. Der General- vicar hielt die Eingangsrede, in welcher er über die göttliche Einsetzung der Kirche, über die Würde der Bischöfe, über den Nutzen der Synoden, welche die Gesetze der Diöcesen befestigen — ein weiteres sprach. ES wurden sieben Commissionen gewählt, um den Geschäftsgang zu beschleunigen. Der Bischof selbst hielt am letzten Tage die Schlußrede. Der Klerus verließ erbaut und gestärkt die kräftigende kirchliche Versammlung;' seit 1783 war in Mons keine Synode mehr gehalten worden. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F> C. Krem er. Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augslmrger Pojtzeitung. 19. October ^2. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsrrcis SO kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Geschichte der Missionen in der Diöcese Eichstädt» (Schluß.) Unter der Asche ihres Collegiums war der Feuereifer der Jesuiten zwar nickt erloschen, allein die Unruhen des Krieges hielten ihn auf Eichstädt und ihre noch allein übrige Station zu Hippoltstein beschränkt. Rechnet man die fast jährliche Aushilfe in Wemding und Kipsenberg ab, so schienen ihre Missionen ein Ende erreickt zu haben, als die letzten Gefahren vorübergegangen, von denen jene Theile der Diöcese bedroht waren, welche sie durch ihre Missionen dem Protestantismus entrissen hatten. AuS den Friedensunterhandlungen von Osnabrück und Münster kann man sich überzeugen, welche Anstrengungen gemacht wurden, um in den Aemtern Heidcck, Hiypoltstein und Allersberg die Wiedereinführung der augsburgischen Confession in der Ausdehnung von 1624 durchzusetzen und anderswoher ist bekannt, daß man es bereits wagte, den Katholiken die Kirche zu schließen und lutherische Prediger aufzustellen. Ansbach und Weißenburg forderten gleichfalls zurück, was Johann Christoph für seine Kirche wiedererworben hatte. Die Vorsehung wollte nicht, daß der Schweiß der Jesuiten umsonst vergossen sey, die Eroberungen ihrer Missionen blieben dem Bisthnm, und jetzt konnten sie ihre letzten Stationen einziehen, indem sie Wemding 1664 den Kapucinern überließen, das Jahr darauf ihr Missionshaus zu hippoltstein aufhoben. Von da an unterblieben acht Jahre lang die Missionen. Auf Ansuchen deS Pflegers von Heideck und Hippoltstein wurden 1672 während der Ofterzeit Missionen in diesen Städten gehalten, von deren segensreichen Erfolgen, zumal in Heideck der abgesendete Missionär in seinem Tagebuchs Zeugniß abgelegt hat. In den folgenden zwei Jahren finden sich Missionen in Heidcck und Spalt mit gleich erfreulichen Wirkungen verzeichnet, eine andere 1686 in Berching. Um jene Zeit begann das Ries, von dem ein Theil der Diöcese zugehört, einen Missionär zu besitzen, dessen Bilduiß, an seinem Gcburtshause in Eichstädt angebracht, noch heute an den großen Ruf dieses heiligmäßigen Mannes erinnert. P. Philipp Jeningen durchwanderte von Ellwangen ans viele Jahre hindurch das Nies und nahte er einer Stadt oder einem Dorfe, so eilten die Kinder, um den lieben Pater zu empfangen; beim Zeichen der Glocke aber kam Alles in Bewegung, den Mann zu begrüßen, der in einem armen Jesuitenrocke, den Hut auf dem Rücken hängend, den ') Meiern, ^ela pae. >Ve5lpl>. passiw. -) I.itt. snn. 8. 5. 1650 p. 217. «istor. Loll. 8. I. LMeU. ms. k. ->. 330 Pilgerstab in der Hand, in die Kirche trat, mit leuchtendem Angesicht und thränendem Auge die Herzen durch seine Worte erschütterte, bis tief in die Nacht die Sünder im Beichtstühle tröstete und nach kurzer Ruhe auf Strvh oder bloßer Erde des Morgens mit Christeulehren und Predigten fortfuhr, bis er auf diese Weise jährlich 40 Pfarreien durchwandert hatte. Vielleicht sind es Erfolge Jeningens gewesen, von welchen der Canonicus Mechll von Herrieden sich bestimmen ließ, im Jesuitencollegium von Eichstädt 1714 eine Stiftung zu begründen, durch welche die Erhallung eines besondern Missionärs möglich werden sollte, dessen Amt es wäre, auf Verlangen zur Aushilfe in den Pfarreien zu erscheinen oder wirkliche Missionen abzuhalten. Diese Stiftung bildete so zu sagen den Schluß des ersten Jahrhunderts seit der Einführung der Jesuiten in Eichstädt. Der Weihbischof bestieg bei dieser Gelegenheil die Kanzel ihrer Kirche. Die 60,000 Seelen, welche ihre Missionen der Diöcese zurückgebracht, die zwei Millionen, die sie während dieser 100 Jahre zur Beichte gehört, die 367 Konvertiten, denen sie in der Schutzengelkirche allein daö Glaubeus- bekenutniß abgenommen und tausend andere Verdienste ließen den Lobredner in den begeisterten Dank Davids ausbrechen und das „eichstävlische Jerujalem" und „die Sionstochter", das Hochstift nämlich, zum Preise gegen Gott für die Einführung der Societät ausfordern. Die Jesuiten haben eine zweite Säcularfeier in Eichstädt nicht mehr begangen, ohne daß jedoch die Diöcese für die noch übrige Zeit weniger Grund zum Danke gegen sie gehabt hätte. Die Stiftung des Canonicus von Herrieden fing an, dem BiSthume nützlich zn werden, nachdem Papst Jnnocenz XIII. durch eine Bulle vom 25. December 1722 die Abhaltung von Missionen durch die Jesuilen mit dem Segen der kirchlichen Gna- deuschätze begünstigt hatte. Am 4. December 1723 begann der aus Tirol berufene P.' Mich. Baur für Buchsheim und die umliegenden Dörfer Missionen, von denen er nach 10 Tagen mit reicher Ernte zurückkehrte, worauf er sein Amt in den Pfarreien um Eichstädt ausübte, indem er mit Adelsschlag endete; das Jahr darauf dehnte Bischof Franz Ludwig die Erlaubniß zur Abhaltung von Missionen in der Weise, Wie sie damals in Tirol üblich waren, auf die ganze Diöcese auS. Sie begannen 1725 in der Oberpfalz für das Capitel Neumarkt (das jetzt mehrmals schon erneuerte Missionskreuz dieser Stadt, das 1804 vom Marktplatze an die Pfarrkirche versetzt wurde, erinnert daran), und schlössen mit einer Misston in Raitenbnch. In Eichstädt selbst vertraten Erercitien, welche der mananischen Con- gregalion, und andere, die in einer Nonnenklosterkirche für Frauen besonders gegeben wurden, die Stelle von eigentlichen Missionen, v) Jesuiten von Ellwangen hielten " dieselben in Ellingeu und Eschenbach für das Landkapitel Ornbau, und zogen von da nach Heideck und Allersperg. if) Während des Winters 1730 fanden Missionen in 11 Dörfern um Eichstädt statt, darauf zu Monheim und Wemding; im folgenden Jahre bestimmte der Generalvicar Megesheim und die vier angränzenden Pfarreien des Capitels Monheim, zuletzt wieder Raiteubuch zur Abhaltung von Missionen. Beim Anblicke der herrlichen Erfolge konnten die Pfarrhcrrn dieser Gemeinden sich nicht enthalten, ein besonderes Dankschreibcn an den Official des Bischofes zu richten. Noch denkwürdiger wurde für die Missionen das Jahr 1732. Auf Befehl des Bischofes wurden sie im ganzen obern Hochstift abgehalten zu Herrieden, Spalt, Plein- feld, Ornbau, Abenberg, Eschenbach, Gnotzheim, Arberg, Steinbach, Hosen, Oberbach, Mitteleschenbach, Mosbach, Weingarten, Erlbach und Epielberg. -j-j-t) *) l'ei-Zm.iz'i', vils ven. ?. 5eiiiuZen, per kksLlism Nissionsrii p. 26 sqq. "> Lx. äct. Loll. 8. I. Lz-sleU. Nicbcrlcin, Lobpredigt auf das Jubeljahr der Jesuiten m Eichstädt. S. 12, f) llisloria LolleA. 8. 1. Lxstett. -mn. 1725. Nach den Acten der Pfarrei Cschcnbach. 1"j"f) Da nach eingezogenen Erkundigungen m vielen Pfarrregisiraturen keine Nachrichten von 331 Der Missionär blieb an jedem Orte so lange, bis Alle im Beichtstuhle befriedigt waren (er allein hörte 1174 Generalbeichten), meist acht Tage hindurch. Ein neues katholisches Leben erwachte in der ganzen Gegend; viele, die durch den Einfluß der protestantischen Umgebung im Glauben lau geworden, fühlten sich neu gestärkt und zeigten freudigen Muthes überall ihr katholisches Bekenntniß, die Dienstboten verließen ihre dem Glauben nachtheiligen Dienste bei lutherischen Herrschaften, Tänze und nächtliche Zusammenkünfte wurden aufgehoben, öffentlich große Feindschaften, selbst unter ganzen Gemeinden, ausgesöhnt. Ein Fall wird als besonders merkwürdig hervorgehoben. Jemand hatte für das schnöde Geld eines lutherischen Predigers den Glauben abgeschworen und sich sogar bereit finden lassen, dem Prädicanten eine heilige Hostie von der Communion zu bringen. Der, um das Dogma der Katholiken zu prüfen, durchsticht die Hostie — beim Anblick des alsbald erscheinenden BlutcS geräth die unglückliche Person in Verzweiflung, die sie durch Laster aller Art zu ersticken sucht. Die göttliche Erbarmung, von welcher sie den Missionär sprechen hörte, brachte sie als reuige Büßerin zu dessen Füßen zurück. Nicht minder herrlich waren die Missionen von 1733 in Aurach, Rauenzell, Stcinbach, Neustetten, Lellenfeld, AlmannSdorf, Mündling, Flohheim, Kronheim, Weinberg, Veilsaurach, Theilnberg, Elbcrsroth und Großenried, welche wieder in Raitcnbuch schlössen. *) In derselben Weise wie in den letztgenannten beiden Jahren wurden 1742 und 1752 und je das folgende Jahr in den bezeichneten Theilen des Bislhums Missionen abgehalten. Von da bis zur Aufhebung des Jesuitenordens vereinzelt sich die Geschichte der Missionen, und ihre einzige Quelle sind die noch an mehreren Orten stehenden Missionskreuze mit ihren Ablaßtafcln im Zusammenhalte mit der noch im Munde des Volkes lebenden Ueberlieferung. So nennt MegeSheim 1763, Eschcn- bach 1765, Wemding 1767, Kastl 1769; Dietfurr und andere haben selbst nur mehr das Andenken an die zerstörten Missionökreuze erhalten. ^) Auö dem, was bisher erzählt wurde, ist man bereits im Stande, die Form zu erkennen, in welcher die Missionen veranstaltet wurden. Blickt man auf jene zurück, welche die Wiederkehr eines Gebietes zur Kirche beabsichtigten, so liegt die Art und Weise derselben schon in der Natur der Sache ausgesprochen. Man hat den Empfang gelesen, welcher den Missionen an einzelnen Orten zu Theil wurde, ihre ununterbrochene Thätigkeit im christlichen Unterrichte, in Predigten und Christenlehren; eine bestimmte Form hatte nur jener Act, durch welchen die Missionäre die wiederbckehrte Pfarrei dem vom Bischöfe neu aufgestellten Seelsorger übergaben, sobald sie daselbst ihre Mission aufhoben. War die Mission bestimmt, das religiöse Leben einer Gemeinde zu erneuern, so boten sich entweder die Missionäre selbst dem Seelsorger an, wenn sie sür dieß Bisthnm die allgemeine Erlaubniß des Ordinariates erhalten, oder sie wurden besonders hiezu berufen. Im ersten Falle trugen die Missionäre die Kosten ihrer Verpflegung, im andern entweder die Kirche allein, oder die Herrschaft, die Kirche, die Gemeinde und ihr Seelsorger zusammen. Nahte die Zeit der Mission, so wurde sie, im Falle sie für einen größern Bezirk galt, von allen Kanzeln desselben mit der Bulle Jnnoccnz XIII. verkündet, und die Gläubigen zur Theilnahme den gehaltenen Missionen vorhanden sind oder solche noch verborgen liegen, so wolle man diese Aufzählung der einzelnen Orte mit dem Wunsche entschuldigen, hicdurch Veranlassung zu weiteren Nachforschungen oder wenigstens einen kleinen Zug sür die Pfarrgcschichtc zu geben. l1i5tor. Loll. S, >I. IZM, »nn. 1730-33. In Ermanglung anderer Urkunden können für diese Angabe nur einige Aetenstüeke der Pfarrei Escheubach, welche eine weitere Ausdehnung der Missionen im Kapitel Oinbau im I. 1743 und 52 bestätigen, sodann die Inschrift des Missionskrcuzcs in Ammcrbach bei Meinung von 1742 und die Angabe eines im Misstonslrcuzc ;u Hrrricden vcrschlrsscn gewesenen Pcrgameutblattes vom 1ö. Juni 1753 als Belege genannt werden. —) Nach eingesandten Mittheilungen. 3Zs ermuntert; galt sie, wie früher meist der Fall war, für jede einzelne Pfarrei, so hatte die Verkündigung in jeder Pfarrkirche besonders zu geschehen. Daö Uebrige besagt die Erzählung, welche die Hand eines eifrigen Pfarrers bei einer dieser Gelegenheiten niedergeschrieben hat. Als das Herannahen der Missionäre gemeldet wurde, führte der Seelsorger sein Volk in Procession, das Missionskreuz an der Spitze, unter dem Geläute der Glocken denselben entgegen. Woher, ihr Männer, sprach er zu ihnen, und wohin? Ihr seyd Fremdlinge und unbekannt, eure ungewohnte Kleidung, das Kreuz auf eurer Brust, den Rosenkranz in euerm Gürtel, der Stab in euern Händen, waS sollen sie uns deuten? Wie Bethlehems Aclteste den Propheten Samuel, fragen auch wir euch: Ist friedfertig euer Eintritt? (1. Kön. 16, 4.) Ja, ihr antwortet mit den Propheten: Friedfertig ist unsere Ankunft; wir kommen, k>em Herrn Opfer zu bringen, darum heiligt euch und folget uns zum Opfer! Ihr kommt, uns Friede zu bringen mit Gott, mit unS, mit unsern Nächsten. Wohl, dann stehen die Thore dieser Stadt, die Thüren unserer Häuser, die Thüren unseres Herzens euch offen. Ergreift dieses Kreuz, die FriedenSsahne Jesu Christi, traget sie uns vor, um uns zum Tempel deS Friedens zu führen. Den Rosenkranz betend zog man jetzt der Pfarrkirche zu, wo das Allerheiligste ausgesetzt und nach der Anrufung des heiligen Geistes der Segen ertheilt wurde. Der Missionär hielt die Eingangspredigt, womit der erste Tag sich schloß. Am Morgen des andern TageS war die erste Ermahnungsrcde, darauf die Missionsmcsse, welcher die Bußpredigt folgte. Der Nachmittag ward zur Christenlehre und zweiten Predigt verwendet. Erst am dritten Tage begann die Beicht, am vierten die erste und am achten Tage die zweite allgemeine Commnnion. Während der Woche wurde eine Processio» zu einer nahegelegenen Kirche oder Capelle mit feierlichem GotteS- dienste veranstaltet. Den Schluß bildete d e Abschiedsrede des Missionärs vom Volke, in dessen Namen der Pfarrer mit einer Anrede der Dankbarkeit erwiderte, worauf der ambrosianische Lobgesang und der sakramentale Segen die Mission beendete. Es war ein Abschied, sagt der Berichterstatter, wie der Abschied des Apostels von EphesuS (Apostelgesch. 20, 37), als sich ein großes Weinen und Schluchzen erhob, als die Anwesenden dem Paulus um den Hals fielen und ihn küßten und am meisten ihnen daS Wort schwer war, sie würden sein Angesicht nimmer sehen. ES schien, als konnte man von den Missionären sich nicht mehr trennen; aber sie schieden, weil sie gesandt waren, auch andern Städten das Reich GotteS zu verkünden.*) DaS Volk ist bis heute den Jesuiten dankbar für die geistlichen Wohlthaten geblieben, die eö von ihnen erhalten hat, und erinnert sich der Erzählungen seiner Vorältern von „den Bußpredigern" und ihrem heiligen Eifer; oder wenn man in Pfarreien deS BiSthums, die oft wie ein Eiland inmitten einer protestantischen Umgebung sich befinden, betagte Männer fragt, so kann man erfahren, daß ihnen ihre Großältcrn von Missionären geredet und ihnen gesagt haben, wie von diesen der lutherische Glaube vertrieben wurde. Man kann eS dann begreifen, welche Aufregung im Volke damals entstand, als die Nachricht verlautete, der Orden der Jesuiten sey aufgehoben. Nach langen und widrigen Verhandlungen mit Rom entschloß sich endlich Fürstbischof Raimund Anton, die betreffenden Bullen am 14. Mai 1774 den Jesuiten zu publiciren, in einer Proclamation an das Volk aber, von dem man einen Aufstand befürchtete, den Fortbestand des Kollegiums als Wel!priesterhaus zu sichern. Unter den Namen der Jesuiten, welche sich erklärten, im Kollegium verbleiben zu wollen, findet sich P. Wilhelm Hausen als bischöflicher Missionär unterzeichnet. Ein Brief von ihm gibt die Bürgschaft, daß er noch 1773 eine Mission in Eschenbach hielt, deren günstige Erfolge das Pfanbuch daselbst bestätigt. In der Schutzengelkirche von Eichstärt ») Aus den Acten der Stadtpfarrei Eschcnbach, *') Aus einer von hoher Hand gütigst niitgcthelltcn Abschrift der betreffenden geistlichen Raths- protocollc. 333 wird ein liebliches Muttergvttesbild gezeigt, von dem jene, die ihn noch kannten, erzählt haben, daß er desselben sich bei seinen Missionen bediente. So waren die Zesnite» selbst nach ihrer Aufhebung in diesem Bereiche thätig, und 1781 hielten sie eine größere Mission in Lauterhofen. Es ist das die letzte Nachricht, welche uns über die Missionen in der Diöcese bekannt ist, und ihr Name verschwindet unter dem Brausen der Stürme am Anfange unseres Jahrhunderts. WaS seit einem Jahrzehend geschehen, sind nur die Vorboten einer neuen Geschichte der Missionen für die Diöcese Eichstädt gewesen. Am Marienkirchlein deS heiligen Willibald hatten sie begonnen, «ach einem Jahrtausende beim Marienbilde des Pater Hausen geendet; beim Jubelfeste der Marienwallfahrt von Wemding 1843 erweckte Bischof Carl August die ersten Anklänge der Missionen wieder, sie setzten sich fort in den Predigten der Redemptoristen beim einhundert- jährigen Jubiläum deS BiSthums, sie wiederholten sich damals in der Liebsrauen- kirche von Jngolstadt und schlössen erst in diesem Jahre in achttägigen MissionS- prcdigten von Weltgeistlichen in der Marienwallfahrl zu TrautmannShofen. So ist der Name der Jungfrau in den Anfang und das Ende der ältern MissionS- geschichte der Diöcese eingeflochten. Wenn nun jetzt der Eifer und der apostolische Muth des geliebten Bischofes Georg die eigentlichen Missionen wieder inS Daseyn gerufen bat, christlicher Leser, der du mir bisher gefolgt bist, gewähre eine Bitte und bete mit uns für Bischof und Klerus, für Missionäre und Volk, und flehe: Hsneta Uaria, nm pro novis, damit wiederum werden herrlich und glorreich, gesegnet von Gott und von Menschen die Missionen der Diöcese Eichstädt. S. Th. v. A. Apostolisches Schreiben für die Seligsprechung des ehrwürdigen Peter Claver. PiuSlX., Papst. Zum ewigen Gedächtniß. Das Wesen der christlichen Liebe, ihre vorzügliche Gewalt besteht darin, daß sie die Herzen, welche sie entflammt, zur Ehre Gottes und zum geistigen uud körperlichen Wohl deS Nächsten, zu den kühnsten und schwierigsten Unternehmungen drängt, indem sie dieselben mit einer außergewöhnlichen und über die sterbliche Natur hinausgehenden Energie beseelt. Daö hat sich klar herausgestellt durch die Jahrhunderte herab bei allen durch Heiligkeit ausgezeichneten Männern, bei jenen eUen Arbeitern, welche ter himmlische Hauövater nicht aufgehört in seine Ernte zu senden. Vom Feuer der christlichen Liebe ergriffen haben sie so Großes, für alle Schichten der menschlichen Gesellschaft so Herrliches vollbracht, daß die trügerische und eitle Philosophie unserer Zeit, diese Feindin des Kreuzes Christi, cS nicht wagen darf, ohne zu Schanden zu werden, mit diesen Helden einen Vergleich einzugehen oder ähnlicher Werke der Liebe und Barmherzigkeit sich zu rühmen. Unter jenen heldcnmüthigen, mit apostolischem Geiste beseelten Männern aber, welche seit Entdeckung Amerikas unablässig gearbeitet, um die wilden Völkerschaften zu zähmen und für Christus zu gewinnen, und welche daselbst die glänzendsten Spuren der christlichen Liebe zurückgelassen haben, zeichnete sich rühmlich ans der ehrwürdige Diener Gottes Peter Claver, Profeß-Priester der Gesellschaft Jesu. Er wurce geboren zu Verdu in Catalonien, in der Diöcese von Salso na, und trat mit siebzehn Jahren in die Gesellschaft Jesu ei». Nach seinem Noviciat begab er sich nach Majorka, um daselbst die Humaniora und die Philosophie zu studinn. Er traf dort den seligen ") Der Verfasser fühlt sich verpflichtet, den hochwürdigstcn und hochwürdigcu Mitgliedern des Klerus der Diöcese ljichstävt, durch deren frcnndllchc Güte bei der Abfassung dieses Artikels er unterstützt wurde, für die qcwordcncn Mittheilungen den ehrfurchtsvollsten Dank auszusprcchen, "5 334 AlphonS Rodriguez, Coadjutor derselbe» Gesellschaft, und bereitete sich im Umgange mit ihm vor zn seinem schweren Dienste und zu den Arbeite», für weiche ihn Gott bestimmt hatte. Im Jahre 1610 führte ihn der Wille Gottes und der Befehl seiner Obern in das Königreich Neu-Granada, in Austral-Amerika, woselbst er die Priesterweihe empfing und cie theologischen Studien beendete. Schon damals bestand zu Carthagena, auf den Antillen, ein Handelsplatz, auf welchem Kaufleute, die öffentlich den schändlichen Ncgerhanvel trieben, jährlich an eilf- bis zwölstausend arme Sclaven, welche sie meist an den Küsten Afrikas geraubt hatten, wie elend Vieh zum Verkauf zusammentrieben. Der ehrwürdige Peter, von Mitleib gegen die Unglücklichen gerührt, weihte ihnen sein Leben und, durch ein Gelübde an sie gefesselt, war er während 4t) Jahren, durch unüberwindlichen Muth ausrecht gehalten, in Mitte unerhörter Schwierigkeiten und Entbehrungen, unablässig beschäftigt, «sie zu unterrichten und zu taufen. Solcherweise, allein mit seiner Liebe, gewann er für Christus und für die Kirche eine so große Menge Schwarzer, daß man ihre Zahl auf mehrere hunderttausend anschlägt. Er beschränkte aber seine Sorgfalt nicht daraus, daß er Seelen der wahren Religion zuführte; er beschäftigte sich auch mit den leiblichen Bedürfnissen. Wie hätte auch seine Frömmigkeit es sich versagen können, mit seiner Fürsorge diese unglücklichen Geschöpfe zu umfangen, welche dem gräßlichsten Elend preisgegeben waren? Bei der Nachricht von jeder Landung eilte er herbei, schloß in seine Arme diese vor Kurzem noch freien, jetzt durch Gewaltthat zur grausamsten Knechtschaft verurtheillen Menschen; er gewährte ihnen, wie er es nur immer vermochte, die nothwendigsten Bedürfnisse. Den Nackten gab er Kleidung, den Hungernden Nahrung, den Kranken Arznei, und befanden sich unter diesen letztern Pestkranke, so waren diese der besondere Gegenstand seiner zärtlichen Sorgfalt, ohne daß er dabei an sich gedacht hätte. Je mehr er bei solchen Geschwüren und Unsauberkciten mit Ekel gequält wurde, um so mehr vervielfältigte er, siegreich über sich selbst, diese Liebesdienste. Und als ob diese Arbeiten, welche er unermüdlich den Negern zuwendete, noch zu gering wären, widmete er sich außerdem den Einwohnern von Carthagena und Durchreisenden; er suchte die Lasterhaften zur Ehrbarkeit und Mäßigkeit zurückzuführen, die Irrgläubigen zum wahren Glauben zu bringen, 'und die vom mahomedanischen Aberglauben Umstrickten der christlichen Freiheit theilhaft zu machen. Wenn er diesen mühevollen Arbeiten bis spät in die Nacht obgelegen, so gönnte er nur den kleinsten Theil derselben der Ruhe, und verharrte lange im Gebet zu Gott, in Verehrung und Anrufung der heiligen Jungfrau und Gottesmutter und der Heiligen. So sehr durchglühte ihn die göttliche Liebe, daß es schien, als ob er bei all' seinem Thun in Gott verzückt sey. Während er gegen die andern Menschen, besonders gegen rohe, sanft unv milo, war er gegen sich selbst hart und rauh und fügte zu den so vielen Anstrengungen und Nachtwachen fortwährend Abtövtungen, wie er denn überhaupt von Jugend aus gewöhnt war, den Körper durch die strengste Lebensweise in Botmäßigkeit zu halten. Nach so vielem Tugendverdienst, und besonders reich an großen Werken der Liebe, starb der ehrwürdige Diener GottcS zu Carthagena heilig, wie er heilig gelebt, den 10. September 1654. Der Ruf seiner Heiligkeit verbreitete sich weit unv vie Sache ward vor Unsere ehrwürdigen Brüder, die Cardiuäle der heiligen römischen Kirche von der ^angröMtio vituum, gebracht und, nachdem die Untersuchung wegen seiner Tugenden mit Sorgfalt geführt worden, erklärte Benedict XVI., unser Vorfahrer, glorreichen Andenkens, nachdem er inbrünstig zu Gott gebetet, durch ein Decret vom 24. September 1747, daß diese Tugenden heroische seyen. Nachdem sodann vor Uns, die Wir, ungeachtet Unserer Unwürvigkeit, zur Regierung der Kirche berufen worden, zwei Wunder, weiche der Fürbitte des ehrwürdigen Peter zugeeignet wurden, bewiesen worden, haben Wir deren Wahrheit durch ein Decret vom 27. August 1343 bestätiget. Endlich haben verflossenen Mai die um Uns versammelten Cardinäle, nach Anhörung der Consultoren, einmüthig sich dahin ausgesprochen, daß Wir, sofern eö Uns gut dünke, den genannten Diener Gottes in die Zahl 335 der Seligen versetzen könnten, bis daß endlich seine feierliche Ccinoniscition gefeiert wurde. Deßhalb, auf die Bitte der ganzen Gesellschaft Jesu, auf den Rath und die Beistimmung der genannten Cardinalcongregation, aus Unserer apostolischen Vollmacht und durch gegenwärtiges Schreiben gestatten Wir, daß der Diener Gottes, Peler Claver, Profeß-Priester der Gesellschaft Jesu, fortan mit dem Prädicat „der Selige" genannt werde; daß sein Körper und seine Reliquien zur ösfenilichen Verehrung ausgesetzt werden. l^Nun folgen die Ritualbestimmungen.) Gegeben zu Rom bei St. Peter, unter dem Fischerringe, den 16. Juli 1350, im fünften Unseres Pontificats. A. Cardinal LambruSchini. 5 mÄtstmsü. Mnsm'll» HM' nv ° «NAUM ^»ÄlMsB.^!»'.IWjn ^WzLnMtM ^»5L Rom. Rom. Am 3. September versammelten sich in einem neu gebauten prachtvollen und zu großer Festlichkeit geschmückten Saale des römischen CollegiumS Studenten, Collegien, Zuhörer und Zuschauer in Menge. Auf einem erhabenen Sitze nahm der Pater-General der Jesuiten seinen Platz, ihm zur Seite die Assistenten, neben diesen die Professoren beider Collegien, deS römischen und deS deutschen. Gegenüber saßen aus vergoldeten Sitzen fünf Zöglinge, die mit der Doctorwürde beehrt werben sollten, unter diesen der neunzehnjährige Hugo Adalbert Hurte r, jüngster Sohn deS Herrn HofrathS Hurtcr. Er hatte nach dreijährigem Curö der Philosophie am 1l. Juli in einem zweistündigen Eramen etwa 21 Der wichtigsten Thesen aus der Moralphilosophie unv aus der Geschichte der Philosophie, unter Beleuchtung der Hauptirrthümer eines Loke, Malebranche und Spinoza u. a. verfochten; hierauf in Mathematik, Physik, physicalischer Chemie und Astronomie ein Eramen bestanden, nach dessen Beenvigung die fünf Eraminatoren eine eidliche Erklärung abgaben: er sey würdig, den DoctorSgrad zu erhalten Am oben erwähnten Tag hatten alle Doctoranden eine kleine Disputation zu halten, sodann daS Glau- beuSbckenntniß abzulegen, um mit dem Doctorbiret und vem Ring geschmückt zu werden. Hugo Hurter, obgleich unter allen weitaus der jüngste, wurde noch die besondere Auszeichnung zu Theil, die lateinische Anrede an die Anwesenden halten zu dürfen. Die Bedeutung der Philosophie war deren Thema, der Anfang besonders schön, ergreifend das Ende, wo er sich glücklich preist, von dieser Stelle den Vätern der Gesellschaft Jesu Dank sagen zn können für die viele Sorgfalt, die sie auf seine geistige Ausbildung verwendet, und die Gnade Gottes hervorhebt, die ihn zu seiner Erziehung nach Rom in dieses Kollegium geführt habe. Im Hinblick auf seinen Vater, der am St. Aloistag deS Jahres 1844 in der Kirche deS römischen CollegiumS die heilige Firmung und, gleichsam an der Spitze der gesammten studirenden Jugend RomS, die heilige Communion empfing, sprach er die Worte: voo in »e- cnotis rsuzi'iZiri, czucili suas gratmv voosz optimi psrsnlis mei iwres resersrit, ^uocl Loslssti novociuu lues ejus menti kmimoqus aöulstzrit, ut, in noo ipso Lollvgio liomuny sumn nomen in SÄtutildrss Latlioliooruin Loelo gtisoriossrit. AlS Hugo mit vielem Feuer, Lebendigkeit und Gefühl diese Worte sprach unv bald darauf die Rede schloß, beurkundete der Applaus der zahlreichen Versammlung den günstigen Eindruck, den dieselbe hervorgerufen hatte. — Ais der neucreirte Doctor nach Hause kam, fand er in seinem Zimmer ein schön geschmücktes Tischchen mit brennenden Kerzen, auf welchem Geschenke, Gedichte und glückwünschende Zuschriften lagen, an mündlichen Glückwünschen fehlte es eben so wenig. Da nach einer solchen Festlichkeit der beehrte Zögling die Obern des HauseS und die Professoren umarmen mnß, drückten diese dabei ihre Freude über den glücklichen Erfolg seiner Studien aus. Am Abend war ein kleines Fest veranstaltet, welches die Alnmnen durch ihren Gesang verherrlichten. — Er selbst drückt sich in einem Brief an seinen Vater über diese nicht geahnete Beehrung so aus: „Habe ich Fortschritte in meinen Studien und in wissen- . schastlicher Beziehung irgend einen Gewinn gemacht, so muß ich dieses, nächst Gott, ^ 336 besonders meinen lieben Professoren, den P. P, Solimani, della Rovere, Boco- biancha, Provenziali, Pecci und Socci, und unserm ausgezeichneten, ehemals Alumnen, jetzigen P. Schrader verdanken; denn nichts haben sie unterlassen, um mich zu belehren. Der Zutritt zu ihnen stand und steht mir jederzeit offen, und waS ich in wissenschaftlicher Beziehung nur wünschen mag, das gewähren sie mir." (W. K.-Z.) _^ ' ' ' ' ' ll!>A) -.tls^N l^-z/s'-b Franzöfische Nonnen in Gaboon, ander afrikanischen Küste in Oberguinea. Den Missionären, erzählt ein Reisender in einem an das „Univerö" gerichteten Schreiben, die das so schwere Werk der Verbreitung deS Christenthums im Königreich Gaboon treiben und fördern, sind französische Nonnen aus dem Kloster la Uisöricvräö clv csstres zur Hilfe und zum Beistände gekommen. Bei ihrer Ankunft daselbst wurden sie jedoch von der Bevölkerung mit einem Grade von Achtung und Zuvorkommenheit empfangen, den sie nicht im entferntesten zu ahnen vermocht hatten. Eine kurze Schiloerung der daselbst herrschenden Sitten wirb einen klarern Begriff von-der Lebensstellung der frommen Nonnen gewähren. Die Häuptlinge haben außer ihrer gesetzmüßigen Frau noch eine große Anzahl Concubinen. Die legilime Gattin stammt gewöhnlich von einer Familie auS der vornehmen Welt, wie sie sich ausdrücken, her; der Vater anerkennt nur die von dieser in die Welt gesetzten Kinder; sie ist eS, welche den Oberbefehl über die andern Frauen führt, die zur Bearbeitung der Felder verwendet werden. Da diese kleinen Sultane nicht reich genug sind, um einen Harem zu halten und ihn von Eunuchen bewachen zu lassen, so pflegen sie hinsichtlich der häufigen Verklungen ihrer Weiber ein Auge zuzudrücken. Keuschheit und Monogamie sind für sie gänzlich unfaßbare Begriffe. Die Schwierigkeit, ihnen Geschmack an einer geregelten Lebensweise einzuflößen, stellt sich als das größte Hinderniß ihrer Bekehrung zum Christenthum entgegen, das sie nichts desto weniger lieben und verehren. Als ein merkwürdiger Umstand muß ihre Ansicht hervorgehoben werden, daß nämlich nur die Weißen zu beten verstünden, daß diesen allein die Mittel bekannt wären, daS höchste Wesen günstig für sich zu stimmen und ihre Bitten bis zu ihm gelangen zu lassen; daß sie aber, als Stiefkinder der Schöpfung, Opfer und Spielzeuge bösartiger Gottheiten wären, die durch Gebet und Thränen nicht erweicht werden könnten; daß diese Gottheiten aber auch von ihren Anhängern nicht jene Strenge und Reinheit der Sitten heischten, welche der Gott der Christen von seinen Anbetern fordere. Wenn Unglücksfälle über sie hereinbrechen und Krankheiten ihre Familien heimsuchen, so schleppen sie, obwohl sie von Natur auS sonst eben nicht grausam sind, einen Sklaven an einen abgelegenen Ort, töbten ihn unier mysteriösen Ceremonien und furchtbaren Martern, lassen den Leichnam unbegraben liegen und glauben so die feindlichen Gottheiten versöhnen zu können. Sie vermögen eS nicht zn fassen, daß ein schwaches, ihrer Ansicht nach jeder moralischen Energie ermangelndes Geschlecht Pflichten üben könne, die ihnen erdrückend erscheinen, daß eS sich zu einer Tugcndhöhe zu erheben vermöge, die sie für unzugänglich halten. Wenn man ihnen daher früher von Nonnen erzählte, welche, angeregt durch die inbrünstige Liebe zu ihrem Gott, einzig und allein unter die ausschließliche Obhut ihrer Tugend gestellt, ein keusches Leben führten, ohne von Jemandem überwacht zu werden, so betrachteten sie eine solche Mittheilung als Fabel; als eS ihnen aber in ihrem eigenen Lande, wo die luftig gebauten Behausungen jedem Blicke von Außen fast ungehinderten Zugang gestatten, ein Leichtes wurde, sich von der Wahrheil der seit lange gemachten Mittheilung zu überzeugen, da konnten sie sich deS Gefühles der Bewunderung nicht erwehren. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. VcrlagS-Jnhaber: F. C. Kremer. Eilster Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. 26. October M ^lS. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abounementsvreta 4V kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhaudluogcn bezogen werde» kaun. Gin Wort über das Verhältniß der Erziehung in der Schule zu der häuslichen. * Man war, wie ein alter und wohlerfahrener Pädagog sagt, von jeher ganz reckt daran, wenn man den Schüler mit einem jungen Stamme verglich; beide nämlich treffen sich in mehrfacher Beziehung: der junge Stamm läßt wegen der Zartheit seiner Bestandtheile eine leichte vielfache Gestaltung und Richtung zu, waS an einem erstarkten und groß gezogenen vergebens, oder wenigst nur mit großer Mühe versucht wird. So der Schüler. Seine Seele nimmt auS dem Grunde ihrer Weichheit lieber die Eindrücke des bildenden Erziehers auf als die deö Erwachsenen, di-' schon gewissermaßen in eine bleibende Form gebracht ist. Der junge Stamm bedarf sorgfältiger Pflege, wenn er in seinem Wachsthum? gedeihen und gegen schädliche Einwirkungen gesichert seyn soll: auch der Zögling muß unter wachsame Hut gestellt werden, wenn sein Geist gesuud und gut heranreifen, sein Herz durch keine feindliche Nähe gesäbrdet werden soll. Der junge Stamm, den man der Früchte wegen pflanzt, wird die Erwartung des Pflanzers erst dann erfüllen, wenn er durch ein Pfropfreis edlerer Art verbessert, und der Schüler der Hoffnung seines Vaters und seiner Mutter, des Vaterlandes und der Kirche erst dann entsprechen, wenn seine Natur, die, sich selbst überlassen, verwildern würde, durch wahre christliche Bildung und Unterricht veredelt ist. Wie eS aber thöricht wäre, den Stamm veredeln wollen, ohne die Bedingungen zu achten, unter welchen Veredlung mvg!ich ist, eben so wäre eS thöricht, Veredlung, gute Gesittung dem Schüler zumulhen, ohne sich in die Forderungen zu sügen, die zu dem Ende unerläßlich sind; denn thörich. 'f eS, den Zweck wollen, ohne die Mittel zum Zwecke zu gebrauchen. Wenn die Anwendung deS eben Gesagten auf den Elementarschüler gemacht wird, ergibt sich von selbst, daß Erziehung und'Unter richt die beabfichtete Veredlung, die gute Gesittung und Bildung, gewissenhafte Ueberwachung aber die Pflege ist, welche diese Veredlung, gute Gesittung und Bildung vollenden soll. Wenn der junge Stamm, wie bereits gesagt, wegen der Zartheit seiner Bestandtheile eine leichte und vielfache Richtung zuläßt, was an einem erstarkten und großgezogenen vergebens oder nur mit großer Mühe versucht wird: so nimmt die Seele des Kindes ans dem Grunde ihrer Weichheit lieber die Eindrücke deS bildenden Erziehers auf, als die des Erwachsenen, die schon gewissermaßen in eine bleibende Form gebracht ist. Demnach liegt eS also in dem Berufe der häuslichen Erziehung deS gotteS- fürchtigen Vaters und der frommen Mutter, die erste Hand der Erziehung an den noch jungen und weichen Stamm, an ihr zartes Kind anzulegen, demselben, so zu 338 sagen, mit der Muttermilch die Furcht des Herrn, Gottesfurcht, sonach den ersten Keim der Weisheit einzuflößen: denn die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang. Ps. 110, 1t>. Trefflich sagt der unsterbliche Sailer in seiner ErziehungSlehre von der Mutter, sie — die gottesfürchtige Mutter — ist dem Kinde bald Sokrates, indem sie es Begriffe suchen, finden läßt; bald Johannes, indem sie eS zu Christus weiset; bald Maria, indem sie ihm vom Vater im Himmel erzählet; bald Hanna, indem sie den jungen Samiel beten und den Ruf GottcS verstehen lehret. Die gute Mutter hat zwei Organe, durch die sie daS Kind für das Gute erziehet; sie heißen Liebe und Religion. Als liebend ist sie dem Kinde das Bild der Tugend; als Gott verehrend wecket sie in dem Kinde den Keim der Religion. Und da Religion und Liebe dem Wesen nach Eines sind, so pfleget sie durch die Liebe die Keime der Religion, und durch Religion die Keime der Tugend. Soll indeß die erste Erziehung an' dem zarten Stamme gedeihen, so darf der Vater nicht niederreißen, was die gottesfürchtige Mutter aufbauet; er muß vielmehr durch Wort und Beispiel auf die Erziehung des KindeS fördernd einwirken, oder beide Theile, Vater und Mutter müssen in der Gottesfurcht überhaupt, und in der Liebe gegen die Kinder besonders, so wie in unverrückter Treue gegeneinander, Harmoniren, Eines seyn. Sonst ist die religiös-sittliche Erziehung, Erziehung im eigentlichen Sinne deS Wortes, unmöglich. Treue im Respecte gegen Gott und ihr Gewissen soll sie als Menschen, Treue in Liebe gegeneinander soll sie als Gatten, Treue in Selbstaufopferung für Kinder soll sie als Eltern auszeichnen. Diese Treue ist daS große Drei-Eins, in dem die Eltern Eins seyn müssen, wenn sie erziehen, und ihr großes Tagewerk, daS der Erziehung, gelingen soll. Wie der junge Stamm sorgfältiger Pflege bedarf, wenn er in seinem Wachsthums gedeihen und gegen schädliche Einwirkungen gesichert seyn soll: so muß daS Kind, der Schuler unter wachsame Hut gestellt werden, wenn sein Geist gesund heranreifen, sein Herz durch keine feindliche Nähe gefährdet, sondern wahrhaft erzo, gen, unterrichtet, gebildet, Gott und Menschen wohlgefällig werden soll. Das Kind wird der Schule, den Lehrern und Lehrerinnen zur weitern Erziehung und in Unterricht gegeben: eS wird Schüler. Mit sichtlicher Freude führt das noch schwache Kind die Mutterhand in die Schule: denn sie weiß, daß es in dem freundlichen Lehrer einen andern Vater, und in der entgegenkommenden Lehrerin eine zweite Mutter erhalte, die dem Kinde das weitere Wachsthum in der ersten Erziehung verschaffen, eS gegen alle schädlichen Einflüsse sichern. Und wahrhaftig, die guten, um daS Wohl ihrer Kinder so sehr besorgten Eltern irren sich nicht. Mit aller Liebe und Freundlichkeit nehmen gleich höhern Genien die Lehrer und Erzieher, die Lehrerinnen und Erzieherinnen sich der lieben Kleinen an, und beginnen so die große Lebensbildung und die so wichtige Veredlung an dem jungen zarten Stamme durch Erziehung und Unterricht, und führen dieselbe natur- und vernunftgemäß, einsprechend den Grundsätzen ener wahren Pädagogik von Stufe zu Stufe, angemessen den allmälig auftauchenden Geistes- und den sich allmälig entwickelnden Leibeskräften. Doch, wie der junge Stamm, den man der Früchte wegen pflanzt, die Erwartung des Pflanzers erst dann erfüllt, wenn er durch ein Pfropfreis edlerer Art verbessert ist: so wird der Schüler, der Zögling deS Reiches Gottes, den Hoffnungen seiner Eltern und den gerechten Erwartungen des Vaterlandes erst dann entsprechen, wenn seine Natur, die, sich selbst überlassen, verwildert, durch daS Pfropfreis der Religion Jesu Christi und durch seine Gnade veredelt ist. Darum theilt sich mit in das hochwichtige Geschäft der Erziehung und des Unterrichtes der Schule die Kirche, behauptet ihren ersten Antheil, indem sie als Stellvertreterin deS göttlichen Meisters ruft: „Lasset die Kleinen zu mir kommen: wehret denselben nicht: denn ihrer ist daö Himmelreich." Matth. 19, 16. Hand an Hand gehend ist Kirche und Schule während einer Periode von bereits zwölf Jahren bemüht, in den ihnen anvertrauten Kindern die mit der Muttermilch eingesogene Furcht Gotteö zu erhalten und zu bestärken; ihnen wahre Erkenntniß GotteS 339 und seines SohneS Jesu Christi beizubringen, in ihnen Abscheu gegen alles Böse, gegen die Sünde zu erwecken; sie mit der Würde als Kinder Gottes bekannt zu machen, sie hinzuweisen auf die hehre Erbschaft, die ihnen als Kindern GotteS jenseits harre. Wenn die häusliche Erziehung während der Zeitläufte der Schule daS Kind nicht außer Acht läßt, seine geistigen und körperlichen Kräfte in Angriff nimmt, sie, wenn auch nur im geringern Maaße, zur Gewinnung deS täglichen Brodes verwendet, sie von frühester Jugend an Fleiß und Sparsamkeit gewöhnt, sie allen unnützen Aufwand verschmähen, alles verschwenderische Wesen verachten lehrt, allen Egoismus, alle Arroganz, alle Brutalität in dem Candidaten für daS kirchliche und bürgerliche Leben verbannt: so kommt dieser häuslichen Erziehung die Kirche und Schule freundlich entgegen, dieselbe kräftigst unterstützend, indem beide die ihnen anvertrauten Kinder in den nothwendigen und gemeinnützigen Gegenständen deS LebenS, als im Lesen, Schreiben, Rechnen, in der Geographie, Naturkunde, Oeconomie und Geschichte unterrichten; weisen ihnen in schönen Beispielen auS dem Leben oder auS der Geschichte nach, zu welchem Glücke und Segen Arbeitsliebe, Fleiß und Sparsamkeit, praktische Kenntnisse und kluge Verwendung der Zeit führen; wie unglücklich aber Mangel an Lebenskenntniffen, Arbeitsscheue, Genußsucht, eitler Aufwand, Verschwendung und Unmäßigkeit machen. Endlich suchen beide in ihren Zöglingen alles rohe Wesen zu verbannen, hingegen feine Sitte und Urbanität zu förvern; gegenseitiges Wohlwollen, Verträglichkeit und Friedfertigkeit zu wecken und zu erhalten, nach dem christlichen Principe: „AlleS, waS du nicht willst, daß man dir thue, thue auch einem Andern nicht: und Alles, was du willst, daß man dir thue, thue auch einem Andern!" Aus dem bisher Gesagten ergibt sich nun ganz klar, daß daS Verhältniß, in welchem die Erziehung der Schule zu der häuslichen steht, ein sehr inniges, in Liebe thätiges, auf die Realisirung eines und desselben Zweckes gerichtetes sey. In welcher Familie, in welchem Hause, in welcher Gemeinde dieses innige, in Liebe thätige Verhältniß richtig aufgefaßt und mit vereinter Kraft auf die Realisirung des Einen hohen Endzweckes hinangestrebt wird, da muß daS große Werk gelingen: es werden aus diesem Dualismus von Kräften brauchbare Menschen, edle Bürger, würdige Glieder der Kirche und künftige Erben des Himmels hervorgehen. Wo sich aber dieser Dualismus von Kräften feindlich einander gegenübersteht, da erscheinen wohl verzogene, aber keine erzogene Menschen, Geißeln für die Gemeinden, aber keine gute Familienväter und Mütter, Scheusale der Menschheit, aber keine Bürger deS Reiches Gottes. Soll demnach das Werk der Erziehung und deS Unterrichtes in einer Gemeinde gelingen und von scgenreichen Folgen seyn: so muß zwischen der häuslichen und der Schulerziehung der schönste Einklang, die freundlichste Concordia seyn. Und diese Concordia soll sich zwischen Eltern, Lehrern und Seelsorgern, zwischen diesen drei Potenzen dadurch bethätigen, daß die Eltern die erste Hand an das große Tagewerk der Erziehung ihrer Kinder legen, sie in der Furcht deS Herrn unterrichten, ihre Geisteskräfte frühe wecken, dem Erwachen des Bösen frühe genug und energisch entgegentreten; hingegen die Keime deS Guten nähren und durch ihr Wort und Beispiel bestmöglich fördern. Treten dann die Kinder in das zweite Stadium der Erziehung ein, treten sie von dem heimatlichen Herde in die öffentliche Schule: so erkennen in den öffentlichen Lehrern und Erziehern, in den Lehrerinnen und Erzieherinnen, in den Seelsorgern die Eltern die sichtbaren Schntzgeister ihrer Kinder, die da im Auftrage GotteS, im Namen der Kirche, im Interesse der Gemeinden und deS ganzen Vaterlandes dieselben aus den Händen der Eltern empfangen, um zu vollenden, waS diese bereits angefangen haben. Nie stellen sich die Eltern jenen feindselig gegenüber, die da den Beruf haben, mit den Eltern vereint ihre Kinder zu erziehen und zu unterrichten. Beherziget wohl, liebe Eltern, daß in dem Grade, in welchem ihr daS Ansehen deS öffentlichen LchrerS und Erziehers, deS Seelsorgers durch Schmähen oder Lästern untergrabet, ihr den eigenen Boden, auf dem ihr stehet, unterwühlet, 340 und dabei die Realisirung, die Lösung der wichtigsten Aufgabe, die der Erziehung vereitelt, was früher oder später an euern armen Kindern, die euer Herzblut sind, schrecklich und noch schrecklicher an euch selbst sich rächen dürfte! Wir aber, die wir die Aufgabe der öffentlichen Erziehung und deS öffentlichen Unterrichtes zu lösen und zu leiten haben, wollen die Worte deS berühmten Thomas MoruS, die er an GonelluS, den Miterzieher seiner Kinder richtete, als allgemeine ErziehungSnorm gesprochen, wie auS dem Munde jeglichen VaterS und jeglicher Mutter unserer Kinder hinnehmen! „Meine Kinder sollen sich nie versteigen auf die steilen Höhen der Eitelkeit und deS Stolzes, sondern im niedern Pfade der Demuth und Sittsamkeit ruhig wandeln lernen; sollen bei dem Anblicke deS Goldes nie in Erstaunen gerathen, nie darüber seufzen, daß ihnen Dinge mangeln, die man nur aus Irrthum an Andern hochachten kann, sollen sich nie für höher achten, wenn ihnen äußerliche Zierde gegeben, nie für geringer, wenn sie ihnen genommen wird; sollen zwar die Gestalt, die ihnen die Natur gegeben, nicht durch Unreinlichkeit zerstören, aber auch nicht durch niedere Künste erheben wollen; sollen unter allen Dingen der Tugend die erste, und den wahren ausgebreiteten Kenntnissen, die man Wissenschaft nennt, die zweite Stelle einräumen; sollen selbst unter Wissenschaft und Wissenschaft unterscheiden, und jene oben ansetzen, die sie lehrt, fromm gegen Gott, liebevoll gegen alle Menschen, und für sich sittsam und christlich demüthig seyn." I. M. R. Ein Märtyrer in China. DaS „UniverS" bringt mehrere Details über die grausame Hinrichtung eines 29jährigen Missionärs, deS Abb6 Schöffler aus Mittelbronn, der in Son-Tay, in Cochinchina, am i. Mai geköpft wurde, nachdem er, vier Jahre hindurch bei der Mission zu Tonkin verwendet, den furchtbarsten Gefahren, Beschwerden und Müh, seligkeiten Trotz geboten hatte und auch von der Pest ergriffen worden war, der er sich rücksichtslos aussetzte, um den von dieser Seuche Ergriffenen die religiösen Tröstungen zu bringen. Kurz vor seinem tragischen Ende war er mit acht eingebornen Priestern in den nordwestlichen Theil deS Königreiches, in einen unermeßlichen Distrikt entsendet worden, um den zerstreut dort lebenden 15,000 Heiden das Wort Gottes zu bringen. Gleich nach seiner Ankunft daselbst wurde er den Mandarinen verrathen, die ihm eifrigst nachspüren und ihn endlich ergreifen ließen. Man schleppte ihn durch ganz Tonkin bis zur Hauptstadt des Landes, wo er zum Tode verurtheilt wurde, den er, wie gesagt, am l. Mai 'rl'tt. Zwei Regimenter Trabanten mußten auf den Befehl deö GroßmandarinS an diesem Tage ausrücken; Pferde und Elephanten wurden in Bereitschaft gehalten. Man befürchtete nämlich einen Versuch von Seite der christlichen Bevölkerung, ihren Missionär gewaltsam in Freiheit zu setzen, und schüchterte dieselbe durch die erwähnten militärischen Maaßregeln ein. Während viele Bewohner der S'adt auS allen Classen und Ständen tief betrübt waren, strahlte das Angesicht Schöfflerö in hoher Freudigkeit. Die Erecution wurde außerhalb der Stadt vorgenommen. Vor dem Märtyrer trug ein Soldat eine Standarte mit nachstehender Inschrift: „Trotz deS strengen, gegen die Religion Jesu erlassenen Verbotes hat Herr Augustin, europäischer Priester, eS gewagt, heimlich Hieher zu kommen, um diese Religion zu.lebren und daS Volk zu verführen. Nach seiner Verhaftung hat er Alles wahrheitsgemäß eingestanden. Sein Verbrechen ist erwiesen. Der Kopf deS Herrn Augustin soll daher abgeschlagen und in den Fluß geworfen werden. Im vierten Jahre der Regierung Tu-DiuS, am ersten Tage deS dritten Mondeö." Schössier zur Seite zogen acht Soldaten mit gezückten Schwertern. An der Spitze deö Zuges marschirten hundert mit Flinten und Lanzen bewaffnete Krieger; in 341 der Nachhut befanden sich zwei Elephanten. Der Märtyrer trug seine Ketten mit Leichtigkeit, betete unaufhörlich und ging leichten und schnellen Schrittes seinem Triumphe entgegen. Der Zudrang der Menge war überaus groß; die überwiegende Mehrzahl der Heiden war von Bewunderung ergriffen; eS fehlte jedoch auch nicht an solchen, die Lästerungen auSstießen und den Blutzeugen verhöhnten. Als man an dem verhängnißvollen Orte angelangt war, kniete der Märtyrer nieder, betete noch einmal inbrünstig, warf sein Oberkleid ab und entblößte den Hals, indem er den Hemckragen zurücklegte. Den Nachrichter, der ihm die Hände auf den Rücken band, bat er, sich zu beeilen. „Nein, nein," rief der commandirende Mandarin, „warte du auf das Zeichen, daS mit der Cymbcl gegeben wird, und führe den Streich erst beim dritten Schalle derselben." DaS Signal wurde gegeben. Die Hand des Nachrichters zitterte. Dreimal mußte er den Hieb führen, und dann erst das Haupt vom Rumpfe mit dem Messer lostrennen. In Cochinchina herrscht die Sitte, daß daS Volk, welches einer Erecution beiwohnt, nach der Beendigung derselben schleunigst nach allen Richtungen auseinander flieht. Dießmal fand das Gegentheil statt. Obwohl die Mehrzahl der Anwesenden aus Heiden bestand, da in Son-Tay nicht viele Christen leben, so drängten sich doch Alle eifrigst, um einige Tropfen deS verspritzten BluteS zu sammeln, einiger Fragmente von den Kleidungsstücken deö enthaupteten Dieners Christi habhaft zu werden. Ein untergeordneter Mandarin, ein Heide, hatte vor der Hinrichtung ein weißes Seidenkleid und ein Stück weißer Leinwand zu den Füßen SchöfflerS geworfen, um dessen Blut aufzufangen. Der Märtyrer, glaubend, daß ein Christ ihm diese Gegenstände zugeworfen habe, nahm sie auf, rollte sie zusammen und legte sie an seine Brust. AIS der commandirende Mandarin hievon in Kenntniß gesetzt wurde, ließ er seinen Unterbeamten prügeln, was diesen jedoch nicht verhinderte, sich ganz glücklich mit den kostbaren Reliquien zu entfernen. Die Christen durften den Leib des Herrn Schöffler mit sich fortnehmen; sein in den Fluß geworfenes Haupt ist bis jetzt noch nicht aufgefunden worden. Der Melchiorfonb. Unter diesem Namen finden wir eine Stiftung im österreichisch-breSlauer BiS- thumSantheil, durch welche der materiellen Noth der Cooperatoren daselbst abgeholfen werden soll. Dieser Fond ist betitelt nach seinem Stifter, dem hochwürdigsten Cardinalpriester und Fürstbischof von BrcSlau, Melchior v. Diepenbrok. Hochderselbe hat den österreichischen BiSthumSaiuheil im Jahre 1346 visitirt und in allen Decana- ten daS heil. Sacrament der Firmung gespendet. Mit dem ihm eigenen Scharfblicke durchblickte er alle Mängel und Gebrechen des Antheils, unier welchen ihm die schlechte materielle Lage der Cooperatoren nicht entging; weil da, besonders bei den allgestifteren Pfarren, nur 40 bis 60 fl. C.-M. der gewöhnliche JahreSgehalt beträgt. Dieser Gehalt ist wohl in andern Diöcesen nicht viel größer, aber eS gibt wenigstens Stipendien und die kleine Stola, welche den Cooperatoren in andern Ländern daS Leben erträglich machen. In österreichisch Schlesien, wo die Mehrzahl der Stationen paritätisch ist, sind diese Nebengaben stets unbedeutend oder außer Gebrauch gewesen. Anfangs bestand dieser Fond aus 10.000 fl. C.-M. in 4 procentigen StaatSobligatio- nen, wovon die Zinsen zu gleichen Theilen in daS teschner und neisser Commissariat an jene bei altgestifteten Pfarreien angestellten Cooperatoren vertheilt werden follten, welche einen geringen Gehalt beziehen und sich zugleich durch einen moralischen Charakter auszeichnen. Später gelangten Se. Eminenz zu der richtigeren Ueberzeugung, daß in Schlesien beinahe alle Cooperatoren zwar karg aber gleich gestellt find, und daß oft die auS dem ReligionSfonde dotirten, im Gebirge oder auf partätischen Stationen arbeitenden HilfSpriester einem fühlbaren Mangel in materieller Beziehung ausgesetzt sind, weil die geringere Besoldung auf den altgestifteten Pfarren theils in 342 althergebrachter Gewohnheit, theils in der Habsucht oder in alten Inventarien ihren Grund hat. Diese Umstände, mit dem Sr. Eminenz eigenen Scharsblicke zusammen gehalten, bewogen Hochvenselben, im vorigen Jahre diese Stiftung auf 23,000 fl, zu erhöhen und alle Covperatoren ohne Unterschied der Station zu betheilcn. Im Monate September d. I. überraschte uns eine Currende deS hochwürdigsten Generalvicciriats, worin angezeigt wird, daß der Melchiorfond bis zu der bedeutenden Höhe von 30,000 fl. angelegt sey. ES entfallen also 1200 fl. C.-M. Interessen. Da in diesem BislhumS- antheile beiläufig 60 Cooperatoren angestellt sind, wovon 30 auS dieser Stiftung belheilt werden, so entfällt für jeden der namhafte jährliche Betrag von 40 fl. C.-M., also beinahe so viel, als oft der Cooperatorsgehalt beträgt. Jeder kann sich vorstellen, wie groß die Zuneigung, wie innig die Liebe dieses jungen KleruS zu seinem Oberhirten sey; zu schwach ist zugleich jede Feder, um die Gefühle dieser jungen Priester zu beschreiben, welche in aller Herzen walten. Alle bestreben sich, den Anforderungen der Zeit zu genügen, ein wissenschaftliches Streben ist besonders bemerkbar. Wenn man bedenkt, welche Opfer der Herr Cardinal bisher gebracht, welche enorme Summe derselbe jährlich an verschämte Hausarme, wohlthätige Institute spendet, wird man zugeben, daß Hochderselbe das Ihm anvertraute Kirchengut wohl verwendet, übrigens die allgemeine Liebe, das Vertrauen und die Begeisterung begreiflich finden, die sich bei Katholiken wie Protestanten überall für den hochwürdigsten Kirchenfürsten kund gibt. (K. B. a. M) Die barmherzigen Schwestern in Limburg. Unter Gottes schützender Hand ist in der Diöcese Limburg das erste HoSpital der barmherzigen Schwestern gegründet worden. Die Stadt Limburg war so glücklich, diese sichtbaren Schutzeugel der Kranken aufzunehmen. Wohin noch diese Töchter deS heiligen Bincenz ihre Schritte richteten, da folgte ihnen reichlicher Segen nach. So auch hier. Als die Anstalt eröffnet wurde, war der Glaube an eine solche uneigennützige Nächstenliebe so sehr abhanden gekommen, daß man eS nicht wagen wollte, sich solch ungewöhnlichen, übermenschlichen Händen anzuvertrauen. Kaum aber waren die ersten Kranken der Wohlthat einer rein christlichen Behandlung inne geworden, da strömte man dem neuen Bethesda zu, so daß der Raum die Zuströmeudcn nicht alle fassen konnte. Die ursprünglichen Räume mußten bedeutend erweitert werden, und die Zurückgewiesenen schöpften auf's neue Hoffnung, zu den liebevollen Schwestern der Barmherzigkeit zu kommen. Die ganze Anstalt wurde lediglich im Vertrauen auf Gott, der ein solches Unternehmen noch nie ohne seine Hilfe gelassen, unternommen, und viele Herzen wurden zur milden Beisteuer erweckt. Wo wäre auch eine Gabe besser angelegt, als da, wo sie beiträgt zur Stärkung eines absterbenden Menschenlebens, wo sie eiternde Wunden austrocknet, gelähmte Glieder belebt, gepreßte Herzen aufrichtet? Mail eilte herbei, versah die Schwestern mit Betten, mit Weißzeug, mit LebenSmitteln, mit Wein und Holz. Man freute sich, dem Herrn in seinen Armen Labung zu bereiten. ES war kein Almosen, daS vom Empfänger übel verwendet wurde; eS wurde nicht mit Undankbarkeit belohnt. Früh und spät stiegen Dankgebete uud Fürbitten für die Wohlthäter zu Gott empor. Welch ein Segen für eine Stadt, für ein ganzes Land, solche Dienerinnen deS Herrn zu besitzen! Der Herr kann einem Lande nicht zürnen, das mit Freuden sie aufnimmt, an ihrem Wirken lebendigen Antheil nimmt durch milde Gaben. Denn nicht ihnen fließen diese Gaben zu, sondern den Kranken, und in ihnen Christo. „WaS ihr einem der Geringsten von diesen thut, das habt ihr mir gethan." Welch ein Beispiel aber auch von christlichem Lebenswandel I Die Schwestern deS heiligen Vincenz sind die Apostel christlicher Entsagung, die laut redenden Sendboten christlicher Hingabe. Schon ihre Erscheinung stimmt daS Herz zum Mitleiden, zur Wohlthätigkeil. Ju ihrem Betsaale hängt das Bildniß ihres Patrons und Stifters, des heiligen Vincenz. Mit lächeln- 343 dem väterlichen Antlitze blickt er auf seine geliebten Töchter, gleichsam um sie zu belohnen für ihre unverdrossene Sorgfalt, für ihr zuversichtliches Vertrauen, um seine Freude auszudrücken über den Sieg, welchen ihr Glaube feiert über daS Elend, daS die Sünde unter den Menschen angerichtet, über den Tod, dem sie seinen Schrecken nehmen. Wo ist auch ein Verzweifelnder, ein Gefühlloser, der nicht im Anblick einer treuen Schwester die längst verschwundenen Gefühle christlicher Liebe in sich wieder erwachen fühlt? Wo daS Elend am größten ist, da leuchtet die christliche Liebe am hellsten. (K. S. Bl.) Mission in Dietfurt. Eichstädt. Die Mission in Dietfurt (die erste in der Diöcese Eichstädt), wurde vom 23. bis 31. August von füns Redemptoristen-PatreS abgehalten. Wenn man so in das verrostete Alltagsleben hineinschaut und in die Versunkenheit gemeiner Leidenschaften, die fast überall anzutreffen sind und alles höhere Streben und Sehnen erstickt zu haben scheinen: so möchte man, ohne deßhalb Mißtrauen auf die Kraft deS göttlichen Wortes zu setzen, dennoch zweifeln, ob bei solchen Menschen und zwar in großer Anzahl innerhalb weniger Tage ein so gewaltiger Umschwung und eine solche Sinnesveränderung bewirkt werden könnte. Aber man komme nur und wohne einer Mission bei und man wird die Wahrheit des kurz vorher noch Bezweifelten bestätigen. Denn jene ewigen Wahrheiten, so furchtbar und zugleich so tröstlich für das menschliche Herz, die man zwar oft hört, aber auch nur hört, ohne Zusammenhang, ohne lebendige Erfassung; diese werden hier von Männern, die selbst zuerst in die unterste Tiefe derselben hinabgestiegen und sich durch und durch haben davon erfüllen und begeistern lassen, wie in Schlachtordnung aufgestellt vorgetragen, und zwar in jenem so psychologischen Zusammenhang, den Einer der größten Kenner deS MenschenherzenS entdeckt habe. Der Sturm beginnt, sie folgen Schlag auf Schlag, eS wird dem noch widerstrebenden Herzen gleichsam nicht Zeit gelassen, die erhaltenen Eindrücke zu verwischen, cS wird in die furchtbarste Alternative gestellt, alle Sophistik, jeder andere AuSweg abgeschnitten, und so wird der schlummerde Glaube wieder lebendig, daS Herz, in das sich die Gnade von Oben niedersenkt, für daS Höhere empfänglich, eS sieht in dem vorgehaltenen Spiegel der ewigen Wahrheiten seine erhabene Bestimmung und zugleich den gräulichen Gegensatz des Lebens, und daher die außerordentliche Erscheinung in der Mission, daß viele Tausende, besiegt von der Wahrheit und der Gnade, zerknirscht an die Brust schlagen und von der Predigt in die Beichtstühle eilen, um sich mit Gott auszusöhnen. Wahrlich, die Beichtstühle wenn sie reden dürften, sie würden erzählen können von den Wirkungen und den Wundern der Gnade, welche die Mission hervorbringt. „Es scheint," äußerte ein Beichtvater, „als ob eS in diesen Tagen die Gnaden vom Himmel regne, die von Gott an die Mission geknüpft seyn müssen." Selbst nach Außen hin tritt diese innere Umänderung, der Proceß dieser geistigen Wiedergeburt in die Erscheinung, indem man eine gewisse Ruhe und Zurückgezogenheit und stilles Nachdenken bemerkt, ein Zeichen, daß die Seele mit jenen großen, ernsten Wahrheiten beschäftigt ist, die ihr jetzt, vielleicht daS erstemal zum vollen Bewußtseyn kommen. Die Mission ist deßhalb für viele Hunderte der Wendepunct ihres Lebens und der Anfang zu einem besseren. Ungemein groß ist daher auch die Liebe und die Anhänglichkeit deS Volkes (schon im weitern Sinn zu verstehen), an diese ehrwürdigen Väter, die ihm alle ihre Kräfte, Gesundheit und Leben weihen. Betrachte ich die Theilnahme, den großen Eifer, mit welchem sich daS Volk selbst von weiter Entfernung zu den Predigten und den geistlichen Uebungen hinzudrängte, so kann man mit Recht sagen, daß das Volk viel besser weiß, waS zu seinem Heile ist, als jene, die man gewöhnlich nicht mehr darunter versteht. Besonders groß wurde daS Zusammenströmen von allen Seiten gegen den Schluß der Missionen. Am letzten Tage, den 31. August, gab man die Menschenmasse auf 12,000 344 an. Aber zu bedauern war, daß das Welter an diesem Tage der ganzen Entfaltung der Misstonsfeier nicht günstig war, in dem eS fast den ganzen Tag regnete. Dessenungeachtet ließ sich der musterkafte ParSberger Jugendbund, eine herrliche Frucht der dort vor drei Monaten abgehaltenen Mission, nicht abhalten, bei einem Wege von vier Stunden die Feier der Mission in Dietfurt zu erhöhen. ES waren 150 größten« theils weißgekleidete Jungfrauen, mit einer prächtigen Standarte, geschmückt mit dem Bilde der heiligen Jungfrau, und 8l) Jünglinge, ebenfalls mit einer Standarte mit dem Bilde des heiligen AloysiuS und mit einem trefflichen von ihnen selbst gebildeten MusikkorpS an der Spitze. Ihr würdiger Pfarrer, ein angesehener und eifriger Mann, der solche Früchte der Mission zu schätzen, zu bewahren und zu leiten ver» steht, begleitete sie. So zog in schönster Ordnung und zu größter Erbauung die neu geworbene Legion von Streitern Christi in die von Menschen wimmelnde Stadt, wo die Spalier bildende Menge bis zu Thränen gerührt wurde. Allgemein lobte man ihre fromme Heiterkeit, gepaart mit Bescheidenheit, und ihren Eifer, ver sie vergessen ließ auf alle Beschwerden, die unter diesen Umständen nicht gering waren. Dieses ermunternde Beispiel und die Mission hat bereits auch in Dietfurt eine» Jugendbund von 400 Mitgliedern ins Leben gerufen. Auch von Seite seiner bischöflichen Gnaden wurde dk MissionSfeier in den zwei letzten Tagen verherrlicht, indem Hochselber, durch eine schon angesetzte FirmungS- reise verhindert selbst beizuwohnen, seinen hochwürdigen Generalvicar, Herrn Dom- capitular Frieß zu senden geruhte, der unermüdet im Beichtstuhle thätig war und nach der Schlußpredigt selbst die Kanzel bestieg und in tief gefühlten und ergreisenden Worten zu dem großen Werke den Schlußstein legte, indem er im Namen teS hoch, würdigsten Bischofes den Missionären dankte für ihre ausopfernde Liebe unv Hingabe, den Vätern FranciScanern für ihre herzliche Gastfreundschaft und den hochwürdigen Herren Pfarrern für die Sorge um ihre Anvertrauten, da sie als die ersten in der Diöcese die Mission als heilsam erachtet unv selbe berufen hätten. Am 3. September reisten die Missionäre ab, nachdem eine Deputation der Bürgerschaft ihren herzlichen Dank den ehrwürdigen Vätern ausgesprochen hatte. Der Jugendbund hatte sich in seiner Decoration aufgestellt unv die Jungfrauen reichten den Missionären in den mit Kränzen gezierten Wagen einen zierlich geflochtenen Kranz mit einigen diesem Symbole entsprechenden AbschiedSworten: Heil und Segen diesen ehrwürdigen Vätern, die unvergeßlichen Dank und Liebe von vielen Tausenden mit sich nehmen. (K. Bl. a Fr.) Großbritannien. London, 7. Oct. Der „Globe" meldet: „Am Sonntage wurde in der römischkatholischen Capelle zu Clerkenwell l^in Londoir) ein Hochamt gefeiert, nach welchem vr. M'Hale, römisch-katholischer Erzbischof von Tuam, über den Rosenkranz predigte. Nach einer Erklärung des Festes wandte sich der Löwe von St. JarlathS, statt über die Titelbill zu brüllen (gut gebrüllt, Löwe! Die Engländer haben bekanntlich von John M'Hale eine ganz sonderbare Vorstellung) an seine armen irischen Landsleute und ermähnte sie, der Vortrefflichkeit ihrer Religion Zeugniß zu geben dnrch ein gutes Leben, Frömmigkeit und Friedfertigkeit.... Der Sheriff Swift nebst seiner Frau wurde mit seinem Caplan unter den Anwesenden bemerkt." Der neue Shersff von London macht nämlich auS seinem katholischen Glauben kein Hehl; am vorigen Sonntag fuhr er in seinem StaatSwagen vor seiner Pfarrkirche vor. — Die „TimeS" melden unter der Ueberschrift „Perversionen": Die „Schwestern" (Nonnen eineS puseyitischen Klosters) welche früher unter BennettS Leitung zu St. BarnabaS und zuletzt in der Margaret-Street wohnten, wurden vorigen Sonntag öffentlich in corpore zn JSlington in die katholische Kirche aufgenommen. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. VerlagS-Jnhabcr: F. C. Aremer. Gilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur ^ Augsburger PostMtung. L. November HA. 585?. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsprci« TV kr., wofür es durch alle königl. baycr. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Erhebung der Mäßigkeitsvereine zn einer kirchlichen Brnderschaft. Melchior, durch Gottes Grbarmung und des heiligen apostolische» Stuhles Gnad« Cardinal der heiligen römischen Kirche und Fürstbischof von Breslau, Doctor der Theologie ic. Unserem Ehrwürdigen KleruS und Unseren geliebten Diöcesanen Gruß und Frieden durch den Herrn Jesuö Christus! Eine frohe Botschaft, Ehrwürdige Brüder und geliebte Diöcesanen, haben Wir Euch dießmal auszurichten, eine Botschaft, die UnS Selbst erquickt und Euch Allen zur geistigen Erhebung gereichen wird. Der heilige Vater der Christenheit, Papst PiuSlX., hat Unsere und Eure Bitten erhört und die seit mehreren Jahren unter Euch bestehenden Mäßigkeitsvereine laut Decret vom 23. Juli dieses Jahres zu „einer kirchlichen Bruderschaft unter dem Schutze der seligsten Jungfrau Maria" erhoben, und diese Bruderschaft mit reichen geistigen Gaben aus dem Gnadenschatze Unserer heiligen Kirche ausgestattet. Dadurch ist Eure treue Arbeit, Ehrwürdige Brüder, die Ihr mit frommem Eifer in den schwierigsten Zeitverhältnissen, unter tausendfachen Mühen und Sorge», unter Verkennung und Verfolgung, unter Hohn und Spott, als wahre Hirten Eurer Heerden zum Heile ihrer unsterblichen Seelen übernommen, fortgesetzt und ohne müde zu werden getragen, hier schon belohnt und vergolten. Dadurch ist auch Euer Kampf, geliebte Diöcesanen, den Ihr im heiligen Glau- benSmuth wider den mächtigsten Feind, den Feind in Euch selbst: die Begierlichkeit deö Fleisches, gekämpft habt, hier schon mit einem Siege gekrönt, der Euch zugleich eine neue geistige Waffe darreichen soll, diesen edlen Kampf siegreich fortzukämpfen, bis Euch der Lohn treuen AusharrenS vor dem Richter Unser Aller am Tage der Vergeltung zu Theil werden wird! ES war eine böse Zeit, «IS Ihr das Werk Eurer geistigen Erhebung begännet. Niemals konnte die Ausführung desselben schwieriger und zweifelhafter erscheinen. Ein Geist der Gottlosigkeit, der Eurem Glauben Hohn sprach, Eure Kirche lästerte, 34S und daS, was Euch daS Heiligste und Ehrwürdigste war, mit seinem Geifer besudelte, trat, eben «IS Ihr den großen Kampf mit Euch selbst angefangen hattet, als Versucher zu Euch, und rechnete gerade da, wo „die Herzen mit Unmäßigkeit und Trunkenheit beschwert waren" (Luk. 2l), auf reiche Ernten. Ihr aber wäret wach geworden und ergriffen von dem Worte der Schrift: „Wo ist Weh? Wo ist Zank? Wo ist Klagen? Wo sind Wunden ohne Ursache? Wo rothgeweinte Augen? Nicht wahr, da, wo man beim berauschenden Becher sitzt und sich befleißiget, ihn zu leeren" (Sprüchw.23), hattet Ihr den Versucher zurückgewiesen. Aber er kehrte wieder und brachte einen zweiten, noch schlimmern Geist mit: den Geist der Empörung, der Empörung gegen alle sittliche und bürgerliche Ordnung. Ihr aber hattet Euch gerüstet gegen die gefährlichste Unordnung in Euch selbst, und hattet den Weckeruf des Propheten: „Wachetauf, die ihr trunken seyd!" (Joel), vernommen und den Versucher zurückgewiesen. Und wiederum kehrte der Versucher zurück und brachte noch einen dritten bösen Geist mit: den Geist der Sinnlichkeit, deren Gott der Bauch, deren Seligkeit die thierische Lust ist — und wie Tausende in seinen tödtenden Schlingen sich fangen ließen, so wollte er sie auch um Euch werfen und Eure Seelen morden. Ihr aber hattet die Mahnung des Propheten verstanden: „Wehe denen, die frühe aufstehen und bis zum Abend schwelg.cn — die Trunkenheit wird sie verderben" (Jesaiaö), und habt die Schlingen d«S Versuchers zerrissen, den Taumel der Sinnlichkeit abgeschüttelt und durch eine That der Selbstbeherrschung, wie sie auf dem Gebiete der Sittlichkeit nach so langer geistiger Knechtschaft in so rascher Entscheidung und in so weitem Umfange bisher unerhört gewesen, die freudige Bewunderung aller Freunde der Tugend erworben! Wenn eS Uns, Eurem Bischöfe, in den Drangsalen jener Zeit und in den schweren Kümmernissen, die Unser Herz ängstigten, ein reicher Trost war, so oft Wir erfuhren: wie fest Ihr standet in den Versuchungen, wie wacker Ihr kämpftet, wie treu Ihr wachtet, wie unerschüttert Ihr ausharrtet, wie geduldig Ihr die Schmach vor der Welt trüget, um die Ehre vor Gott zu retten; — so wird es auch dem heiligen Oberhaupte unserer Kirche in den schmerzvollen Prüfungen, welche die unerforschliche Weisheit GotteS über Ihn verhängte, kein geringer Trost gewesen seyn, zu hören: wie Ihr, seine in fernen Ländern wohnenden Kinder, von Eurem Glauben Zeugniß gebet, an Eurer geistigen Vollendung arbeitet und Eure heilige Kirche durch einen gottgefälligen Wandel verherrlichet! Und wie muß es Euch erheben, Ehrwürdige Brüder, wenn Ihr daö Felo Eurer Thätigkeit, das ehemals Unkraut, Disteln und Dornen trug, würdig deS ewigen Feuers, nun mit gutem Waizen gesegnet sehet, werth, in die himmlischen Scheuern gesammelt zu werden! Und endlich Ihr, geliebte Diöcesanen, die Ihr durch den schönen Sieg über Euch selbst zum Bewußtseyn Eurer Menschenwürde, Eures Christenberufs, Eurer Gotteskindschaft und Eures seligen ErbeS im Himmel gelangt seyd; — mit welchem Frieden im Herzen, mit welchem Troste Eurer Seele, mit welchem Danke gegen Gott, mit welcher Liebe zn JesuS, Eurem Erlöser, dem Ihr auf dem Wege der Selbstverleugnung nachgefolgt seyd — müsset Ihr jetzt schon auf die Segnungen, die Ihr in Eurem innern und äußern Leben durch daS freiwillige Gelübde der Enthalt- samkeit errungen habt, Hinblicken, wenn Ihr heute die heilige Arbeit an Euch selbst durch das Wohlgefallen deS sichtbaren Stellvertreters Jesu Christi ausgezeichnet sehet. WaS sollen wir noch weiter sagen! Wir heben unsere Hände zu Gott, der da mächtig ist im Schwachen und bisher so Großes an Euch gethan und flehen: Er wolle daS gute Werk, das Er in Euch angefangen, zu Seiner Ehre und Eurer Seelen Seligkeit vollenden! Wir breiten Unsere Arme aus nach Euch, Ehrwürdige Brüder und geliebte Diöcesanen, und bitten und beschwören Euch um der Liebe Jesu Christi willen: fahret fort, o fahret fort in dieser heiligen Arbeit! Ermüdet nicht im heiligen Kampfe! Bleibet stark in den Versuchungen! Machet Euch der geistigen Gna, den und himmlischen Schätze würdig welche Euch daö Oberhaupt der Kirche dar- 347 reicht! Leuchtet Andern durch das Beispiel der Mäßigkeit und Nüchternheit vor! Führet Eure Kinder, führet die Eurigen, führet besonders jene Unglücklichen, welche noch in ihrer thierischen Entwürdigung als ein Gräuel vor Gott, als ein Abscheu der Menschen, als eine Schmach deS christlichen Namens dahin leben — führet besonders diese in die heilige Bruderschaft, daß auch ihre Seelen gerettet werden und Jbr Alle, Alle durch die Gnade Gottes, durch die Erbarmung Jesu Christi, durch die Kraft deS heiligen Geistes und die mächtige Fürsprache Eurer großen Patronin, der selig- jten Jungfrau Maria, als wahre Brüder und Schwestern im Herrn nach Selbstver« läugnung und irdischer Entbehrung zum überschwenglichen Genusse der himmlischen Freuden gelanget! Amen. Gegeben auf Unserm Schlosse Johannesberg am Tage deS heiligen AugustinuS 1851. (I.. 8.) M e l ch i o r. Paintner, Secretär. Statut der Gesellschaft der Enthaltsamkeit von gebrannten Getränken. § 1. Ein Zeder, welcher dieser Gesellschaft beitreten will, verpflichtet fich für sein ganzes Leben, fich aller und jeder gebrannten Getränke, als Branntwein, Arak, Rum, Spiritus, oder was daraus bereitet wird, zu enthalten. § 2. Jedes Mitglied verpflichtet sich ferner, Wem, Bier, Meth und dergleichen gcgohrne Getränke nur mäßig zu genießen. 8 3. Fernere Verpflichtung für jedes Mitglied ist, im Geiste christlicher Liebe au» allen Kräften dahin zu wirken, auch andere Perscn n, Freunde, Verwandte, Bekannte, insbesondere aber solche, welche der Trunkenheit fich ergeben haben, für den Verein zu gewinnen. 8 Der Beitritt zum Vereine geschieht in folgender Weise: Die Beitrctenden melden fich bei dem Pfarrer deS Orts oder dessen Stellvertreter, welcher als das erste Mitglied des Vorstandes des Vereins anzusehen ist, und legen, nachdem dieser sie mit den Pflichten der Vereinömitglieder bekannt gemacht hat, in dessen Hände und in der Regel vor dein Altare in der Kirche folgendes Nüchternheitsgelübde ab: Ich N. N. verspreche vor Gott, der seligsten Jungfrau, vor meinem Schutzengel und der Kirche Gottes hiermit feierlich, mit Gottes Hilfe mich streng zn enthalten von allen gebrannten Gc- tränken, mäßig zu seyn in allen andern, und zu gleicher Nüchternheit aus allen Kräften auch meinen Nächsten zu bewegen. Züchtigung von Gott, Schande vor den Menschen, und Ausstoßung aus der Bruderschaft würde ich verdienen, das erkenne unv bekenne ich, wenn ich dieses wob lbed acht gegebene heilsame Versprechen leichtsinnig bräche. 8 3. Ist die Aufnahme in vorstehender Weise erfolgt, so erinnert der Pfarrer das neue Mitglied, daß es wenigstens alle Sonn- und Feiertage des Jahres das Gebet deS heiligen Bernardus: „Gedenke ic."*), oder wer nicht lesen kann, drei Ave Maria zu beten habe, um dadurch an seine Vereinspflichten sich zu erinnern und die mächtige Für- ') Gedenke, o mildeste Jungfrau Maria, cS sey noch nie erhört worden, daß Jemand, der sich in Deinen Schutz flüchtete, Deinen Beistand anrief, oder Deine Fürbitte cinflchetc, von Dir verlassen worden sey. Beseelt von diesem Vertrauen nehme ich meine Zuflucht zu Dir, o Jungfrau der Jungfrauen, Maria, Mutter Jesu Christi. Zu Dir komme ich, zu Dir eile ich, und als Sünder stehe ich seufzend und zitternd vor Dir. O Du Gebieterin der Welt, Du Mutter des ewigen Wortes, verschmähe meine Worte nicht, sondern höre mich gnädig an und erhöre mich Armseligen, der ich aus diesem Thale der Thränen zu Dir »m Hilfe rufe. Stehe mir bei in allen meinen Nöthen, jetzt und allezeit, und besonders in der Stunde meines Todes, o gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria, Amen. 348 bitt« der heiligen Jungfrau anzuflehen, auf daß sie ihm und allen Mitgliedern die Gnade der Standhastigkeit bewirke. § 6. Hierauf wird das neue Mitglied in die Vereinsbüchcr eingetragen und demselben der Gclöbnißschein eingehändigt, auf welchem dieses Statut nebst dem Gebete des heiligen BernarduS, so wie der Vor- und Zuname und der Tag der Aufnahme in den Verein eingetragen ist. 8 7. Der Verein feiert daS Fest Maria Lichtmeß als sein Haupt» und StiftungS» fest mit Predigt und feierlichem Hochamt, an einem folgenden Tage aber wird ein feierliches ^rmiverssrium für alle verstorbenen Mitglieder des Vereins, welche ihr Gelübde treu bis an ihr Lebensende gehalten haben, gelesen. 8 8. Die Genehmigung dieser Statuten und die den WereinSgliedern gewährten Ablässe find in dem nachfolgenden Decret Sr. Heiligkeit Pius IX. vom 23. Juli 1831 enthalten. . , Decret Sr. Helligkeit Papst PiuS IX. Unser Herr und heiligster Bater, Papst PiuS IX., gern geneigt, die Wünsche Gr. Eminenz des Cardinal-Fürstbischofs von BreSlau zu erfüllen, und voll der tröstlichen Hoffnung, daß die Gläubigen durch die Mäßigkeitsvereine und frommen Genossenschaften von dem Laster der Trunkenheit abgehalten und zur Tugend der Mäßigkeit hingezogen werden, hat, nach Anhörung der Cardinäle der heiligen römischen Kirche und aus den Rath dieser für die Angelegenheiten und Geschäfte der Bischöfe und Ordensgeistlichen niedergesetzten heiligen Versammlung, den MäßigkeilS- verein unter dem Schutze der seligsten Jungfrau Maria zu einem wirklichen und wahren Verein, zu einer kirchlichen Genossenschaft und Bruderschaft, kraft dieses DecretS erhoben und für erhoben erklärt und die Statuten dieser Bruderschaft, wie solche im Vorstehenden enthalten sind, genehmigt und bestätiget; zugleich auch Sr. Eminenz dem Carvinal-Fürstbischof von Breölau die Vollmacht verliehen, noch weiter fromme Vereine und Genossenschaften, welche künftig unter demselben Titel und mit denselben Statuten rechtmäßig gegründet werden sollten, der vorerwähnten srommen Bruderschaft, unter Beachtung der kirchlichen Vorschriften, einzuverleiben und sie so der unten genannten Ablässe theilhaftig zu machen. Endlich hat Ke. Heiligkeit, um der mehrfach erwähnten frommen Bruderschaft einen Beweis Seines vorzüglichen Wohlwollens zu geben, allen gläubigen Mitgliedern deS MäßigkeitSvereinS für ewige Zeiten die nachfolgenden Ablässe, welche auch den Verstorbenen zugewendet werten können, verliehen; a!S: Vollkommenen Ablaß am Tage der Aufnahme in die Mäßigkeits-Bruderschaft unter der Bedingung: daß die Aufzunehmenden reuig beichten, daS heilige Sacrament des Altars empfangen, die BruderschaftSkirche des OrtS besuchen und einige Zeit dort auf die Meinung deS heiligen Vaters beten; 2) Vollkommenen Ablaß am Titularfeste der Bruderschaft unter den bei Nr. 1 genannten Bedingungen; 3) Vollkommenen Ablaß in der Sterbestunde, wenn der Sterbende die heiligen Sterbsacramente würdig empfängt und die heiligsten Namen JesuS und Maria wenigstens im Herzen anruft. 4) Ablaß von sieben Jahren und siebenmal vierzig Tagen an denjenigen vier Festen im Jahre, welche der Diöcesanbischof, jedoch nur für einmal, bestimmen wird, unter der Verpflichtung; die BruderschaftSkirche deS OrtS zu besuchen und unter Beachtung der oben angeführten Bedingungen. 5) Ablaß von sechzig Tagen für jedes einzelne gute Werk. 6) Ablaß von dreihundert Tagen für diejenigen VereinSglieder, welche Andere, die noch dem Trunke ergeben find, von dem Laster abwendig machen und sie 349 bewegen, der Mäßigkeitsbruderschaft beizutreten und die Verpflichtungen derselben fest und heilig zu halten. 7) Die Vergünstigung, daß alle Messen, welche in der BruderschaftSkirche des OrtS gelesen werden, dieselbe Wirkung haben sollen, als wenn sie an einem Privilegium Altare celebrirt würden. Dieses hat Se. Heiligkeit beschlossen, festgesetzt und bewilliget, ohne daß irgend Etwas dagegen seyn könne. Gegeben zu Rom im Secretariat der erwähnten heiligen Congrcgation der Bischöfe und Ordensgeistlichen, am 23. Juli 1851. (I.. 8.) Jos. AlphonS, Cardinal. Orioli, Präfect. Zeit und Ewigkeit. Die Zeit. In jener Zeit, da es auf Erden noch weise Männer gab, welche die Sprache der Thiere und Blumen verstanden, wandelte ein persischer Magier, welcher dieser Sprache kundig war, an einem schönen Sommerabend in einem lieblichen Lustgarten. Rachdenkend ging er eben bei einem Rosenstocke vorbei und hörte da ein verworrenes, leises Zwitschern von allerlei zarten Stimmchen, als ob in einem Neste eine Menge junger Vögel pippten. Er trat näher, und siehe, ein Theil der Blätter des Rosenstrauches war mit Blattläusen besetzt, welche emsig hin- und herliefen und eben in einem Streite begriffen waren. Der Magier horchte aufmerksam, konnte aber lange nichts verstehen, bis endlich die ganze Versammlung schwieg und nur ein Einziger sprach. ES schien ein Greis, der schon mehrere Tage alt war und im Ansehen bei den Uebrigen stand. Er sprach mit ernster Stimme: Der Streit, den ihr angehoben, ob nämlich dieses Weltgebäude, daS wir bewohnen und das wir Rosenstock heißen, von Ewigkeit her bestehe, kann von euch, die ihr so unerfahren seyd, nicht entschieden werden. Höret mich an, der ich schon einige Mal die Sonne untergehen sah und schon mehrere Generationen überlebte. Offenbar ist dieser Rosenstock ewig und wird auch ewig dauern, obwohl vielleicht einzelne Blätter mit der Zeit zu Grunde gehen könnten. Aber die Versammlung hörte nicht auf diese Worte; der Eine fing an seine schönen Fühlhörner zu putzen, der Andere erzählte, wie er schon große Reisen gemacht und einmal bis an daS äußerste Ende der Welt (unten an dem Rosenstock) gekommen sey, und wie er auf dem Wege große Gebirge (er meinte die Dornen) angetroffen. Ein Anderer wußte viel zu erzählen von einem Kriege, den daS Volk der Blattläuse gegen einige geflügelte Riesen, welche man Goldfliegen nannte, geführt, wieder Andere hatten erstaunlich viel mit Erziehung und Pflege der Jungen zu thun und jammerten, wie die Jugend in dieser bösen Zeit so ausgeartet sey. Andere hatten sich bei einem Thautropfen zusammengesetzt und sangen und tranken um die Wette. Plötzlich schnurrte ein Hummel vorbei, da erschrocken sie anfangs, hatten aber nachher lange von diesem Abenteuer zu erzählen. Die Alten erzählten von der Geschichte früherer Zeiten, wie einmal ein ganzes Rosenblatt herabgefallen und ein andermal eine ganze Völkerschaft geflügelter Blattläuse ausgewandert sey; ferner, wie einmal ein großer Held, Namens BlattlauSlöwe, daS ganze Blatt, auf dem sie wohnten, erobert und die Bewohner ermordet habe u. s w. Andere stellten tiefsinnige Forschungen an und beklatschten eben die Ansicht eines ihrer größten Gelehrten, welcher aus der täglichen Abnahme des Mondes berechnet hatte, daß derselbe nun in zehn Tagen, welche er Jahrhunderte nannte, nothwendig ganz und auf immer verschwinden müsse. Am eifrigsten disputirten sie über die Gottheit, indem einige die aus dem Stocke prangende Rose, andere dagegen einen prächtigen Goldkäfer, der oft auf der Rose saß, dafür hielten. Darin kamen alle überein, daß sowohl die Rose als der Goldkäfer ewig und höchst wohlthätig seyen, weil sie den Blattläusen so große Weisheit 350 und ein so langes Leben verliehen. Auf dieß letztere thaten sie sich besonders viel zu gute, und der Magier hörte deutlich, welche große Pläne sie für ihr übriges Leben entwarfen, und wie mitleidig sie auf die Eintagsfliegen herabsahen, welchen nur einige Stunden zu leben vergönnt ist. In einer Ecke saß eine gar fette Blattlaus, die zu sich selber sprach: So ist nun mein Glück befestigt und ich bin gegen jeden Sturm des Schicksals gesichert. Lange habe ich auf diesen Punct hin gesteuert, endlich ist es mir gelungen, ein Gegenstand des Neides für meine Mitbürger zu werden. Meinen Kindern habe ich das schönste Rosenblatt im Lande angewiesen, meine übrigen Tage sollen aber nicht ungenützt verschwinden und die Welt soll von mir hören. O ihr armen Geschöpfe! sprach der Magier zu sich selbst; — und doch, handelt der Mensch vernünftiger, der seine wenigen Lebensminuten für unvergänglich hält, und als seine Götter entweder die Rose der Sinnenlust oder den Goldkäfer des Geizes, oder die Tulpe des Stolzes anbetet, ohne zu bedenken, daß Rose und Tulpe welkt und der Käfer in Staub und Unrath hauset? Am andern Tag, als der Weise wieder an derselben Stelle vorüberging, lagen die Rosenblätter am Boden und der ganze Stock war wie zerrissen, denn eS hatte in der Nacht ein Sturmwind gewüthet. Die Blattläuse schwiegen. Die Ewigkeit. Jene unselige Gesellschaft der Verdammten, scheint sie uns nicht in einer dunklen, nur spärlich vom blutrothen Widerschein der Feuergluth erleuchteten Höhle bei- sammenzusitzen und vor sich hinzubrüten? In der Mitte dieser unabsehbar weiten Höhle hängt vom ungeheuern Gewölbe der Perpendikel einer Riesenuhr herab. Man sieht keine Zahlen und kein Zifferblatt, eS laufen keine Zeiger, eS tönt keine Glocke- Wie dieser schwerfällige Pendel in träger Schwingung hin und her schwebt, tönt eS hohl, wie aus dem Munde einer leblosen Maschine, durch die Abgründe des Gewölbes: Immer, Nimmer! — Nimmer, Immer! Und in den Herzen der Verdammten hallt eS wider: Immer, Nimmer! — Nimmer, Immer! — Immer im Tod, Nimmer zu Gott! — Nimmer ein Hoffnungsschein, Immer in Qual und Pein! Da erhebt sich Einer der Verworfenen, der erst seit Kurzem diese Qualen kennt. Er hat sich die Augen wund gesehen nach den mangelnden Zeigern und Ziffern der Uhr, und harret schon lange vergeblich, daß die Glocke einmal eine Stunde aus. schlage. Jetzt richtet er sich von seinem SchmerzenSsitze auf, läßt die stieren Augen ringS herum schweifen und fragt mit heiserer Stimme: Wer sagt mir doch eigentlich, wie viel Uhr eS ist, und wie wir in der Zeit sind? Einer seiner Mitgenossen rcgl sich ächzend und ruft ihm mit Zähneknirschen hinüber: Schweig, Verfluchter! Verstumme! Hier gibt eS keine Minuten, keine Stunden, keine Tage, keine Wochen, keine Monden, keine Jahre; — hier gibt eS keine Zeit und keine Zeiten; hier gibt es nur eine Ewigkeit. Frage nie mehr, wie wir in der Zeit sind, denn wir sind längst über alle Zeit hinaus; hier ist immer Ewigkeit! — Der, weicherfragte, sinkt mit einem Schrei der Verzweiflung auf seinen SchmerzenSsitz zurück. Und ungestört setzt der große Perpendikel seinen langsamen, bedächtigen Schwung fort, und ununterbrochen tönt eS wieder dumpf aus den unsichtbaren Rädern deS nie ablaufenden Uhrwerks: Immer, Nimmer! — Nimmer, Immer! (K. Sbl.) Die christliche Kunst und ihr Organ. (Nach dem Wests. Kirchenblatt,) Wenn man auf die Lage der christlichen Kunst im vorigen Jahrhunderte uud im Anfange deS jetzigen zurücksieht, so wird man wirklich von Schauder ergriffen, und dankt dem lieben Gott, daß eS anders, daß eS besser geworden ist. Das Jahrhundert der Aufklärung, seicht und flach in der Philosophie, Theologie, Geschichte, Politik, vor Allem aber geschmack- und ideenlos in der Kunst, eS wird noch als das 351 Zeitalter jämmerlicher Dummheit und elender Verkommenheit gebrandmarkt werde». ES vcrhausete und verwirthschastete alle Schätze der Vergangenheit, die der Dreißigjährige Krieg noch gelassen, so viel eS konnte. Was mußten die ehrwürdigen Dome, die schönen StiftS- und Klosterkirchen sich gefallen lassen! Man verschwendete enorme Summen, um sie mit dem Gewände der Aufklärung zu verunstalten. Wie viele herrliche Altäre, wie viele Gemälde u. s. w. sind da vernichtet oder verschleudert! Am besten sind noch viele schöne altkatholische Kirchen bei den Protestanten weggekommen. Diese ließen dieselben, wie sie waren, weil ihr Rationalismus kein Gelb für Kirchen und kirchliche Zwecke hatte. Da kam die große Säkularisation und mit ihr der Gräuel der Verwüstung. Die Kirchen der aufgehobenen Stifter und Abteien mit ihren herrlichen Kreuzgängen verfielen oder wurden abgebrochen, um — neue gradlinige und rechtwinkelige Straßen zu gewinnen. Die K.Uhedralen wurden mitunter Magazine, und würden vielleicht nie wieder Kirchen geworden seyn, wenn nicht über der menschlichen Thorheit in der Weltgeschichte die göttliche Fürsehung stände. Der Kölner Dom hat sollen demolirt werden, um einen großen Platz zu gewinnen, die wunderherrliche Apostelkirche in Köln ist schon fast ein Schutthaufen gewesen, zum baldigen Abbrüche bestimmt; die'zierliche und kühne Lambertikirche in Münster hat dem Erdboden gleich gemacht werden sollen, um eine große Straße auf daS Schloß anlegen zu können. Da kommt mit dem Untergänge Napoleons die Zeit deS Friedens; aber noch nicht gleich eine bessere Zeit für die christliche Kunst. Viel Gold, enorme Summen sind in den Friedensjahren für neue Kirchen, neue Paläste, neue Straßen, neue Stadtviertel ausgegeben. Aber was für Kirchen, waS für Thürme, was für Paläste! Und wie dauerhaft!.', DaS berühmte „Sich setzen" wurde da besonders bei neuen Kirchen, Pfarrhäusern und Schulen Mode. Bei einer neuen Kirche hat der Bienenkorb, genannt Thurm, die Freundlichkeit gehabt, und drückte daS Portal ein und setzte sich «IS Schutthaufen. Viele dieser neuen Kirchen eignen sich ganz vorzüglich zu Casernen, Magazinen und Pferdeställen; in andern lautet das Predigen wie der Chorgesang gewisser griechischer Secten im Oriente. Bei den Altären und Kanzeln der alten und neuen Kirchen waren vorzüglich die natürlichen Farben verhaßt. Weiß und Gold war die Losung, obschon noch kein Mensch weiße Eichen gesehen, obschon daS Weiß nach einem oder zwei Wintern schmutziges Grau wurde. Dieses Jllumi- niren hat unserer Provinz seit 1815 wahrscheinlich so viel Geld gekostet, daß eine gothische Kirche wie Maria-Hilf in der Au zu München sich dafür baue ließe. Auch haben noch viele schöne gothische Kunstwerke in den letzten dreißig Jahren sich allerlei Mäntel und Kleistereien müssen gefallen lassen. Endlich ist die Zeit umgeschlagen, und wie eS mit den Herzen und Geistern gothischer wurde, ist's auch mit den Augen wieder gothischer geworden. Die christlichen Maler und Künstler in Düsseldorf, München, Frankfurt haben an dieser Umwandlung großen Antheil. Die religiösen Bilder haben besonders Propaganda unter dem Volke gemacht, während bedeutende Meister und Gelehrte in der gebildeten Welt den Vernichtungskrieg gegen den verjährten schlechten Geschmack eröffneten, und mit immer größern Erfolgen fortsetzten. Die ältern Künstler und Gelehrten haben zahlreiche Schüler und Jünger, welche für die Verbreitung des altchristlichen und altdeutschen Geschmackes rastlos thätig sind. Der fromme Bischof von Münster steht unter den Kennern und Beförderern der christlichen Kunst in erster Reihe. Die PiuSvereine der Katholiken deutscher Nation haben die Gründung eines großen katholischen deutschen KunstvereinS beschlossen, von dem ehrwürdigen Bischöfe von Münster das Protektorat dcö Vereins erbeten und dreien edlen Männern aus Preußen, Oesterreich und Bayern die Gründung übertragen. Bald werden gewiß die meisten deutsche» Diocesen Diöcesankunstvereine mit reicher Betheiligung des Klerus, des Adels und der Bürger besitzen, als individuellen Ausbau des großen katholischen deutschen KunstvereinS. Für unsere Diöcese ist ein solcher Berein auf der letzten Generalversammlung der PiuSvereine zu Dortmund am 3. d. MtS. beschlossen und dem Centralver- 35L eine in Paderborn die Ausführung des Beschlusses im'engsten Anschlüsse an die von Herrn A. RcichenSperger entworfenen Statuten übertragen. Im Seminare zu Köln werden von diesem ausgezeichneten Beförderer der christlichen Baukunst auf Veranlassung des hohen Oberhirten deS ersten deutschen DomeS Norträge über die christliche Kunst gehalten; und bald werden gewiß auch diesem rühmlichen Vorgange die übrigen deutschen Diöceseu folgen. Der KleruS stand bisher in dieser Hinsicht rathlos da. Große Studien auf dem Gebiete der christlichen Kunst machen erlaubt den wenigsten der mannigfaltige seelsorgliche Beruf, und große Reisen, um durch lebendige Anschauung der Kunstschätze sich zu bilden, den wenigsten der Geldbeutel und die Zeit. Was unS bei dieser glücklichen Verwandlung bisher noch fehlte, war ein eigenes Organ für die christliche Kunst, zugäuglich für die Gebildeten aller Stände. Das „Domblatt", so viel Gutes eS auch gestiftet hat und noch stiftet, war zu enge und zu klein für den großen Zweck. Wo könnte aber ein solches Organ wohl besser erscheinen alö in dem heiligen Köln, außer seinem hochberühmten Dome trotz aller Verwüstungen seit sechzig Jahren noch immer so reich an den schönsten Kirchen der mittelalterlichen Baustyle, so reich an Kunstschätzen, so reich an Vereinen für den Dom und die Reparatur der übrigen Kirchen? Diesem Mangel hat in Verbindung mit gediegenen Männern gleicher Richtung abgeholfen ein christlicher rühmlich bekannter Maler in Köln, Fr. Baudri, Bruder des hochwürdigsten WeihbischofeS und GeneralvicarS der Erzdiöcese. Die Verbreitung dieses Organs, das in Köln alle 14 Tage, einen großen Bogen stark, unter dem Titel: „Organ für christliche Kunst, herausgegeben und redigirt von Fr. Baudri, Maler", erscheint, ist auf der Generalversammlung in Dortmund auf das Dringendste von vielen Seiten empfohlen. Hoffentlich wird diese Empfehlung reiche Früchte tragen, sowohl für die festere Begründung und Ausbreitung deS Unternehmens, als auch für die allseitige Förderung des christlichen Kunstsinnes. Oberbayern. AuS Aibling 23. Oktober wird dem Volksboten geschrieben: In Pang bei Rosenheim haben sie gestern/ein schönes Fest gehabt: denn eS wurde die neuerbaute Pfarrkirche benedicirt, damit einstweilen im Winter darin Gottesdienst gehalten werden kann. Der Herr Pfarrer Rubenbauer von Rosenheim vollzog aus oberhirtlichem Auftrag unter Beistand benachbarter Geistlicher die Benediction, und als die Weihe vollendet und die Kirchthüren geöffnet waren, ward alsbald die große herrliche Kirche mit Menschen überfüllt. Zu dem feierlichen Hochamt ertönte zum ersten Mal die treffliche neue Orgel von dem bekannten Orgelbauer Wagner in Glon und eine schöne Kirchenmusik, wobei auf dem Chor auch mehrere Rosenheimer freundlich mitwirkten. Vor anderthalb Jahren wurde der Pau dieser Kirche auf eifrigen Betrieb deS Herrn Pfarrers Nißl begonnen zum Tbeil nach dem (natürlich großen) Muster der St. BonifaciuSkirche zu München im Basilikenstyl. Der Eifer, mit dem der Bau vom Pfarrer und der ganzen Gemeinde geführt wurde, verdient alles Lob; sie haben sich hier ein schönes Denkmal ihrer Frömmigkeit gesetzt. Mit größler Bereitwilligkeit leisteten alle Pfarrangehörigen Hand- und Spanndienste die ganze Zeit hindurch, und eS bestand ein eigener Ausschuß aug braven Männern, welche abwechselnd jeder einen Tag in der Woche unentgeltlich die Aufsicht führten und für Herbeischaffung deS Materials sorgten. Holz und Lebensmittel für die Arbeiter wurde Alles von den Leuten geschenkt, und man hörte nicht die geringste Klage über Belastung, obgleich die Leute im Ganzen nicht sehr vermöglich sind. Im nächsten Jahre wird mit Gottes Hilfe die Kirche ganz vollendet und dann vom Herrn Erzbischof eingeweiht werden. Man darf aber jetzt weit gehen, um auf dem Lande eine so schöne Kirche zu sehen, und gewiß wird kein Fremder durch Pang reisen, der nicht dieß liebliche Gotteshaus betrachtete. Verantwortlicher Redacteur: L, Schön ch«u. BerlagS.Jnhaber: F, S, Krem er. Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt < zur Augsburger Pojheitung. 9. November M HS. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abounementsprei« 4V kr., wofür es durch alle köm'gl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die Barmherzigkeit. Ein Beitrag zu der Beschreibung der Grundsteinlegung zu dem neuen katholischen Krankenhause in der großen Hamburger Straße Nr. 10 in Berlin am 20. October 1850. Motto. Selig find die Bariicherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit finden. ES war Morgens halb fünf Uhr am 20. October des Jahres 1851. Noch lag finstere Nacht auf dem weiten Berlin, und seine Bewohner ruhten süß in den Armen deS Schlafes. Nur eine Abtheilung Constabler, in Mäntel gehüllt, harrt auf dem Eisenbahnhofe der Ankunft des MorgenzugeS. ES pfeift gellend, daß vor Schmerz über den schneidenden Ton selbst die Wolken zusammenfahren, und der Mond sich vor Schrecken versteckt. Da braust die Locomotive heran. Der Zug hält. „Legitimation!" tönt eS von den Lippen der SicherheitSwächtcr. Die Papiere sind sämmtlich in Ordnung. Aber seht da! welch' eine curiose Erscheinung! Ein stattlicher Schutzmann führt ein Mädchen in dürftiger Kleidung vor. „Herr Wachtmeister, daS scheint mir eine Landstreicherin zu seyn. Bitte, sie scharf zu inquiriren." Das Mädchen aber war gar lieblich und rührend zugleich anzuschauen. Sie hatte ein frisches rothes, wie in Liebe glühendes Gesicht, in dem ein Paar reine blaue Augen wie Troststerile strahlte; der Ausdruck des Gesichtes war bescheiden und demüthig und außerordentlich lieblich und mild. Am Arme hielt sie ein Körbchen, in dem sie allerlei Tausendsächelchen hatte, Brod und Butter, und Nadel und Zwirn, Nachtmützen und Pantoffeln, Medicin und Zucker u. s. w. In der einen Hand hatte sie einen Pilgerstab, an dem sich oberhalb ein Kreuzchen befand, und in der andern Hand hielt sie einen Rosenkranz. Die Kleidung aber war sehr dürftig. Ein leinenes Röckchen, gar einfach und dünn, aber reinlich und ordentlich, durch das der October- wind pfiff, bedeckte den zarten Körper; ein kleines Tuch verhüllte züchtig den Busen, und die Füße waren bloß. „Wer bist Du?" fragte etwas rauh der gestrenge Herr Wachtmeister und strich sich wohlgefällig den Bart. „Ach, mein Herr," erwiderte etwas schüchtern das Kind, „ich bin Ihnen doch wohl bekannt; komme ja nicht daS erste Mal nach Berlin!" „Nun, Donnerwetter! Wenn ich jedes Mädchen kennen sollte, daS einmal in Berlin war, da müßte ich ein verzweifeltes Gedächtniß haben! Heraus mit dem Namen!" — „Ach," fing die Angedonnerte an, „ich heiße Barmherzigkeit." „Den Taufnamen!" herrschte der Constabler. — „Christliche Barmherzigkeit," war die Antwort. — „Woher?" wurde weiter gefragt. „AuS dem Himmel!" klang es so lieblich, als spräche ein Engel. — „WaS ist der Grund deS Aufenthaltes in Berlin? — „Arme und Kranke zu pflegen!" — „Den Paß!" gebol der Schutzmann. Da zog daS Mädchen ein Blatt hervor und reichte es hin- Jener 33! laS: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit finden!" — „Das ist ein eigener Paß!" murmelte der Herr, „hab' ein solches Exemplar in unserm ganzen Bureau nicht gesehen!" — „Wo warst Du bis jetzt?" fuhr er fort. — „Ucberall, wo man mich brauchte!" hieß eS. — „Ich habe Dich aber hier in Berlin noch nicht gesehen. Hat man dich hier noch nicht gebraucht?" — „Ei, doch wohl!" erwiderte daS Mädchen, „bin schon lange in Berlin gewesen und habe in den Spitälern, Waisenhäusern und Zufluchtsstätten aller Art gelebt. Mein Name ist am Königshofe und bei der ärmsten Wittwe wohl bekannt, mich kennt ein jedes Kind, das feinen Katechismus weiß, und mich versteht jedes menschliche Wesen, das ein Herz hat." — „Aber was ist Deine Beschäftigung?" — Die Constablcr umstanden mit neugierigen Mienen daS arme Kind; denn auf diese Frage, glaubten sie, würde sie schwerlich eine Antwort geben können. Das Mägdlein aber hub also an: „Meine Beschäftigung ist, Thränen trocknen, Kummer stillen, Arme speisen, Kranke pflegen, Waisen schützen, verwahrloste Kinder erziehen, Unglückliche besuchen, Gefangene trösten, Sterbenden die Augen zudrücken und Todte begraben." — „Wo ist die Concession zu diesem Handwerksbetriebe? Und hast Du auch die nöthigen Prüfungen bestanden?" — „Die Concession, meine Herren, gab mir Gott, der Urquell aller Liebe, und Prüfungen sind unzählige über mich gekommen, Unverstand, Härte und Bosheit haben mich schon oft scharf eraminirt, aber mein Haupteramen werde ich erst am Tage des Weltgerichts vor Dem bestehen, der Herzen und Nieren durchforscht." — „Herr Wachtmeister," begann ein Constablcr, „sehen Sie nur, waö sie Alles in dem Korbe hat; gewiß treibt sie verbotenen Handel." — „O nein, ich verkaufe Nichts; dieses Brod trage ich den Hungrigen, diese Kleider den Nackten, diese Arznei den Kranken zu, und dieß Alles werde ich verschenken." — „Aber woher hast Du dieß Alles?" fragte plötzlich der Wachtmeister, „Du scheinst doch recht arm zu seyn: wie kommst Du zu all diesen Dingen?" — Da sprach daS Mägdlein gar rührend und lieblich, daß es selbst die Constabler-Herzen süß durchzuckte: „Wohl bin ich recht arm, aber doch reich; die christliche Barmherzigkeit ist eine Bettlerin bei den Hohen und Reichen und Mächtigen und Glücklichen, und geht von HauS zu Haus und klopft an jedes Herz, um Almosen flehend; aber den Niedrigen uno Armen und Dürftigen nud Geprüften schüttet sie unermeßliche Schätze in den Schovß. Was Ihr hier sehet! schenket niir die Liebe der Menschen, Gott spricht seinen Segen darüber, und da wird mein Körbchen nicht leer; denn die christliche Barmherzigkeit erschöpft sich nicht!" — „Zu waS aber hast Du diesen Pilgerstab mit dem Kreuze und diese Perlenschnur iu der Haud? Das scheinen mir verdächtige Jesuiten-Dinger, welche am Ende gemißbraucht werden könnten!" — „O fürchtet nicht, mein lieber Herr; der Pilgerstab soll Alle, die meiner bedürfen, erinnern, daß sie fremd sind auf der Erde, nur einige Zeit hier unten sich aufhalten, daß alle Trübsal vergeht und ein Jeder ein Pilger zum Himmel ist; — daö Kreuz aber ist daS Zeichen der Erlösung, daö Bild unseres Glaubens, ich würde eine nur „menschliche Barmherzigkeit" heißen, wenn ich nicht in dem Glauben au daö Kreuz meine eigentliche Weihe erhalten hätte; dieses Kreuz halte ich den Betrübten, den Armen, Kranken uud Sterbenden hin, und daS gibt ihnen Trost uud Friede. — Diese Perlenschnur aber ist ein Rosenkranz, daS Zeichen des christlicheil Gebetcö in Wort und That. Das Gebet hat gar köstliche Eigenschaften; dieser Rosenkranz, der mir nur Anleitung zum Gebete und u»r ein Bild der wahren Andacht ist, trägt mich auf heiligen Schwingen von Land zu Land, hält mich immer wach uud warm mitten in der Kälte auf dem St. Gotthardt, wo ich verunglückte Wanderer aus vem Schnee suche. Ohue diesen Rosenkranz würde ich nicht lange leben, sondern bald verkommen; denn was für die Blnmen der Thau, das ist für die christliche Barmherzigkeit daS Gebet. Mit diesem Rosenkränze fessele ich die Herzen der Unglücklichen und kette die Verlorenen und Verirrten wieder an ihren und meinen Gott und mache Alle zu meinen Brüdern und Schwestern in Christo Jesu." — „Hast Du Bekannte oder Verwandte in Berlin?" wurde weiter geforscht. — „O ja. Gott sev Dank!" erwiderte gar glücklich daö Mägdlein, „ich habe hier noch 355 viel« Brlaimle uuv Verwandte; eS wird vielleicht kein HuuS ni der Stuvt geben, wo man die christliche Barmherzigkeit als Freundin und Verwandte nicht gern an dvS Herz drückte; aber in der Kaiscrstraße Nr. 2V. wohne» mir I>ebc Schwesln», die ich vor fünf Jahren Hieher geführt und unter Hospitalitc» nnd Waisen und Kranke gesetzt habe. Diese will ich heut besuchen und zu einem großen Feste beglei icu, welches die Liebe auf der großen Hamburger Straße 10, nebni der Juden- Synagoge und am Fuße der Sophienkirche feiert. Haltet mich nicht länger auf meine Herren, ich habe noch viel zu thun." — „Sage mir zuvor," entgegnete der Wachtmeister, „welchem Feste wollt ihr dort beiwohnen? ES ist doch nicht unerlaubt, sondern polizeilich genehmigt?" — „Ei, daö ist die Feier der Grundsteinlegung zu einem neue», großen Hause mit Kirche, das eine Herberge für Arme und Kranke, für Leidende aller Art werden soll. Urtheilt selbst, ob eS dabei etwaö Unerlaubtes gibt; und überdieß wird Euer Chef, der Herr Polizeipräsident, der Feier auch beiwohnen, denn er hat ein fühlendes Herz, und Ihr Alle, so rauh Ihr mitunter ans- jeht, werdet Euch über daö Fest freuen. Das zu bauende Haus wird Euch gai lieb seyn; es erleichtert Eure Arbeit und hilft Euch die Stadt behüte» ; den» dtt christliche Barmherzigkeit ist die beste Polizei." Da ließen die Constabler das Magd- lein in Frieden ziehen nnd blickten ihr mit rechter Ehrfurcht und Liebe nach. „Solche Landstreicher," meinte der Herr Wachtmeister, „ließ ich wohl zn allen Thore» mii Freude herein!" Unterdessen eilte daS Mägdlein durch die noch dunklen Straßen, blieb unterwegs bei manchem Armen und Unglücklichen stehen und spendete ihnen, was sie besaß. So kommt sie Kaiscrstraße 29 an. Sie zieht die Glocke; — ma» offner Vo» der Pfört»eri» gekannt und sreuudlich begrüßt, sucht sie die Schwester» auf; sie findet die Eine i» der Apotheke, die Andere in der Küche, eine Dritte bei den kranken Männer», eine Vierte bei den Frauen, eine Fünfte bei den Armen, eine Sechste in der Capelle, — Alle aber waren im Dienste der Bedürftigen schon seit dem frühesten Morgen beschäftigt nnd waren still und freudig an der Hand Gottes durch ihn» Garten geeilt, welcher aus Krankenbetten und ans Armenblüthen gebildet ist, und durch welchen die Seufzer der Leidenden zittern. „Gott grüß' Ench, Ihr Schwestern!" spricht daS Mägdlein, „ich bringe Euch teu Segen GottcS zum Lohne für Euer treues Dienen im Weinberge des Herrn. Aber ich verkündige Euch auch eine große Freude, denn heute wird zu einem neuen, viel großer» Krankenhause der Grundstein feierlich gelegt und von den Priestern gesegnet werde». Gott wird Euch ein HauS bauen, wo Ihr mehr wirken und zahlreichere Thränen trockne» könnt; die Liebe trägi die Kosten, schon hat sie über Thaler zusammengebracht. Drei von Euch werde« der Feier beiwohnen, damit Ihr an dem Gnadenorte selbst schon jeht dem Vater der Barmherzigkeit Dank saget, — denn der Herr ist gütig und seine Gnade geht über den Himmel.'' — Da freuten sich die Schwestern und frohlockten, daß dc, Herr auf die Niedrigkeit seiner Mägde herabgesehen und ihnen Gelegenheit verschafft, mit noch größerer Aufopferung den Kranken aller Geschlechter, aller Nationen und aller Eonsessionen zu dienen. Jetzt brach der Tag an und unter dem Gesänge der Engel: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit finden!" erwachten die Bewohner der Stadt. Alsbald begann ein freudiges Regen allenthalben. In der St. Hedwigs- kirche wurde daS größte Wunder göttlicher Barmherzigkeit, das Wunder der Herabkunft und Selbstaufopferung Christi, unter Brod- und Wcingcstalt in der heilige» Messe gefeiert, der Segen Gottes zu dem bevorstehenden Feste erfleht und Alles zur würdigen Begehung desselben vorbereitet. Zu der Hamburger Straße hin aber ström - len Hunderte zu Fuß uud zu Wagen. Aus der Baustelle war Alles festlich geschmückt. Mitten erhob sich daS arme und einfache Kreuz als daö rührendste Bild christlicher Barmherzigkeit, selbst arm und bloß und doch unermeßlichen Reichthum spendend und die Bloßen Aller bedeckend, die zu ihm emporblicken. Zu den Füßen des KrcuzeS faß uilsichtbar unser Mägdlein von dem Morgen herz ringsum hatte sie in GcstaU 35« von Georgillrnblüthen ihren Rosenkranz ausgebreitet und schaute gar selig auf die Umgebung, denn bei sieben Fuß hoch war der Neubau ringsumher bereits emporgestiegen. Zu beiden Seiten in einem Halbkreise standen Freunde der Barmherzigkeit mit frohen Herzen, welche unter dem Fürstenkleide, unter der Uniform, unter dem Polizeigewande, unter Beamtenröcken, unter Arbeiterschürzen und unter allerlei Hüllen gleich warm schlugen. Mitten unter ihnen standen die drei barmherzigen Schwestern mit Kreuz und Rosenkranz, in der schwarzen Farbe deS Ernstes und der weißen der Einfalt und Unschuld. Rings herum auf Gerüsten, in Fenstern und bis auf den Dächern hinauf stand allerlei Volk, Greise und Kinder, Männer und Frauen, Soldaten und Arbeiter, Arme und Reiche, Hohe und Niedrige, Eonstabler und Werkleute; denn Alle wollten daS Fest der christlichen Barmherzigkeit schauen und mit Dank gegen Gott mitfeiern. Um neun Uhr nahetcn in langem Zuge, daS Kreuz an der Spitze, die Priester der Barmherzigkeit in heiligen Gewänden, durchschritten die Baustälte und stellten sich oberhalb deS Kreuzes auf. Lieblich erklang zum Preise Gottcö eine Hymne durch die Luft in frommen und weichen Tonen, welche in allen Herzen wiederhallten. Daraus nahm der Erste unter den Priestern deS allbarmherzigcn GotteS das Wort und sprach: „Einen Weiheact christlicher Liebe und Barmherzigkeit zu seiern, sind wir, meine Andächtigen, in dieser festlichen Stunde versammelt. Denn wem gelten all' die baulichen Zurüstunge» um u«S her? Wem gilt daS aufgepflanzte Zeichen deS Heils? Wem Eure Theilnahme und die Thräne der Freude und deS Dankes in Eurem Auge? Keinem geringern Zwecke, als den Grundstein zu einem neuen Denkmale christlicher Barmherzigkeit zu legen und dafür den Segen dessen zu erflehen, der gesagt hat: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit finden." — Und nun folgte in gar anmuthigen Worten, wie klein und gering das Werk der Barmherzigkeit vor fünf Jahren begonnen habe, wie eö aber unter dem Segen GoltcS und unter der Obhut der „guten Schwestern der Barmherzigkeit" gediehen, und die Zahl der Kranken von drei binnen Jahresfrist auf fünfzig gestiegen sey. „Gott ist cS allein bekannt, wie viel Schmerzen deS LeibcS und der Seele seitdem geheilt, wie viel Kummerthränen seitdem von der nie ermüdenden Liebe dieser Töchter deS heiligen CaroluS BorromäuS in Eucrm Krankenhause getrocknet worden sind. Mehr als zwei tausend Kranke haben seit dem Ende deS JahrcS 1846 bis auf den heutigen Tag in dieser Herberge deS Elendes freundliche Aufnahme gesunden, Kinder und Greise, Männer und Frauen, Juden, Protestanten und Katholiken, nnr ein Kummer hat dabei die Freude unserer guten Schwestern getrübt, — daß sie nicht allen Anklopfenden die Pforten ihres Hauses öffnen, daß sie wegen Ungunst der räumlichen Verhältnisse gerade denen, die ihres Mitleides am würdigsten erschienen, den mit ansteckenden Krankheiten Behafteten, kein Ruhebettlein in ihrem Hause bereiten dursten." — Allein die christliche Barmherzigkeit ist wie eine Lavine, sie sängt gering an und wächst zu immer ungeheuerer Größe. DaS bewies sie auch in Betreff ihres hiesigen Werkes zu Gunsten der Kranken. Denn: „Ein neuer Hilferuf ward durch die Vertreter Eurer heiligen Sache an alle mitleidigen Herzen gerichtet, — Euer frommeö Gebet hat ihn vor Gottes Thron unterstützt, und daß er nicht erfolglos geblieben, daß er Hilfe gebracht von dem Scherslein der Wittwe, die ihr Brod mit Kummerthränen netzt, bis zum Gnadengeschenke deS Königs, mehr Hilfe, als wir in so kurzer Zeit erwarten durften, davon gibt Zeugniß der heuiige Tag und seine festliche Feier. Ja, hört eS, meine Andächtigen und sagt eö Allen, die an der ungeschwächten Fruchtbarkeit und Zaubergewalt der christlichen Liebe zweifeln, sagt eS ihnen in demüthiger Freude: „Dem Bau eines katholischen Krankenhauses iu Berlin sind binnen Jahresfrist so viele Opfer, so viele zweifellose Zusicherungen christlicher Barmherzigkeit zugewendet worden, daß die Hälfte der auf mehr als hunderttausend Thaler veranschlage ten Bausumme gesichert ist." — Aber wie werden eS die barmherzigen Schwester» Jahr aus Jahr ein aushalten, immerfort, bei Tag und Nacht die Kranken zu pflegen? O, die Barmherzigkeit weiß Rath; denn sie gewährt denen auch Barmher- 357 zigkeit, welche Barmherzigkeit üben; sie läßt diese „in den Armen deS Gcbeteö geistige Erfrischungen" finden und läßt sie ausruhen an dem süßen Herzen des Heilandes, damit der Muth nicht sinke und die Liebe nimmer erkalte im harten Dienste des Elendes. Sebet, meine Andächtigen, darum darf Eurem Kraittcnhause eine geweihte Stätte der Anbetung nicht fehlen. — An die Kirche werden die weiten Flügel des neuen Hauses sich anlehnen, denn nur im lebendigen Glauben an Ihn wird jener Geist der Liebe geboren, der in einem heiligen Carolus BvrromäuS, einem heiligen Mncenz von Paul, einer heiligen Elisabeth und Hedwig so Großes gethan, jener Geist der Selbstentäußerung, der nichts Anderes sucht, als Gott zu gefallen und die Brüder zu segnen. In diesem entstehenden GotteSkämmerlein, dem ich heut das erste SegenSwort spreche, werden Eure barmherzigen Schwestern das Brod der Seele finden und im heiligen Opfer und in frommer Betrachtung täglich mehr erstarken für die Pflichten ihres heiligen Berufes. Hier werden aber auch viele Eurer Kranken den Weg zu ihrem Gotte wiederfinden, werden sich mit ihm und seinen Fügungen versöhnen, werden über der Linderung der Seelenschmerzen die Leiden deS Körpers vergessen und eS wieder glauben, daß der den Stachel dcö Todes nicht fürchten darf, welcher den Tod des Gerechten zu sterben gelernt hat. O, freuet Euch, meine Geliebten, freuet Euch heute schon dieses reichen Trostes! Denn nur, wo mit der leiblichen Erquickung zugleich daS Brod deS Geistes gereicht wird; nur dort, wo die Tage der äußern Prüfung zu innern Verklärungen, und die Kämpfe angstvoller Stunden zu Siege» für die Ewigkeit führen: — nur dort — und dort allein ist der arme Kranke wahrhaft verrflegt und wird, ob lebend oder sterbend, dennoch genesen für immer." So sprach der Redner. Die Freude aber über das Werk der christlichen Barmherzigkeit stieg in jedes Herz und strahlte aus den Augen wieder licht heraus, und da kam eS wohl auch vor, daß die ausströmende Freude als köstliche Thautropfcn der Rührung an manchen Augenwimpern hängen blieb. Jetzt folgte unter gar lieb- lichen Gebeten der Priester die Weihe deS Grundsteines. Einer aber, welcher außer vielen gelehrten Dingen auch Barmherzigkeit gelernt hat und neben andern Orden auch den der Barmherzigkeit an dem Bande der Demuth trug, trat vor und las mit vernehmlicher Stimme und würdiger Betonung daS Testament christlicher Barmherzigkeit vor, welches in Urkundengestalt eingemauert wurde. Von dem ganzen Gebäude aber nahm dann der Herr durch seine Priester feierlichen Besitz, indem alle Fundamente mit dem Paniere der Barmherzigkeit umwandelt und mit dem heiligen Wasser besprengt wurden. So groß aber war die Freude Aller an dem schönen Denkmale der Liebe, daß sie ihr Ausdruck in Tönen geben mußten. Und so erklang denn in majestätischer Fülle daS Te Deum laudamuS als Dank- und Freudenhymne zu Gott empor. Sinnend ruhte unsichtbar daS Mägdlein, die christliche Barmherzigkeit, noch immer am Fuße deS Kreuzes und betete gar inniglich für Alle, und ich sah, wie die Früchte ihres GcbeteS auf Viele vom Himmel thauten; denn diese senkten bei dem Hinausgehen von der Baustelle Almosen still in die Büchsen, welche barmherzige Männer um der Barmherzigkeit Christi willen bettelnd den Vorübergehenden hinhielten. Endlich erhob sich auch das Mägdlein, segnete Alle, ergriff sein Körbchen, seinen Rosenkram und seinen Pilgerstab mit dem Kreuze und wanderte fürbaß. Denn eS muß nun wiederum in die Lande hinaus, um weitere Almosen betteln zu gehen, damit in zwei Jahren der schöne Berliner KrankenhauSbau vollendet werden kann. Wir ersuchen nun alle hohen Civil- und Militärbehörden, daS dürftig aussehende Mägdlein, „christliche Barmherzigkeit" genannt, ungehindert seine Rundreise machen zu lassen. Sie hat mit der Politik Nichts zu schaffen; sie ist nicht unbescheiden und trotzig, sondern sie fleht und bittet nur. Ihr Alle aber, zu denen daS Mägdlein im schlichten Kleide kommen wird, nehmt es nur freundlich auf und reicht ihm ein Almosen um Christi willen, und wird eS euch schwer, in den Beutel zu greisen, da leset nur den Paß: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit finden!" (Berl. „Kirchl. Anzeiger.") 358 Aus der Schweiz. >tz»Z»vl>»H S)4 mpzH. tti-guj ai»(s n?/ n^lttHn» sst iij^I ^iiii n-?6nh "mgnuW?f,V Wir eutnehiuni dem Kulalog der Abtei Ei»siedcl», das, gegenwärtig m »er. selben unter cem Fürstabt Heinrich !V sechzig Priester, drei Prvfessoreil uud füilszehn Laienbrüder leben. Unter je»^» befinden sich drei Jubilate», deren ältester in seinem 80ste» Lcbenöjnhre steht, unter diesen einer, der um zwölf Jahre alter, den 29. Februar 1760 gebore» ist und so rüstiger Gesundheit und unverblichener Geistes, kraft genießt, daß ihm das Fest der Eiigelwcihe des Jahres 1766 mit allen Umständen noch vollkommen gegenwärtig ist. Mag auch ein solcher Katalog als trockenes Verzeichnis) von Namen, Tages- und Jahreszahlen für die Meisten, die ihn in die Hände bekommen konnten, ein inhaltloses Ding seyn, so finden wir doch in dem vorliegenden etwas ungcmei» BemcrkenSwercheS. DaS Kloster Einsiedeln steht nämlich in Bezug seiner Persönlichkeiten auf dem einzig richtigen Wendepunct, welche» dergleichen kirchliche Institute zusammt der Kirche, als der Mutter, aus welcher sie hervorgegangen sind, einzunehmen haben: es kennt nämlich die engherzige und verwerfliche AuSschließlichfcit der Nationalität nicht. Wer, sey eS nun im Stande der Priester oder in demjenigen der Brüder, für dasselbe sich eignet, findet seine Aufnahme und angemessene Verwendung. Und sollte dieses nicht auch auf deu blühenden Zustand, worin diese Abtei, zunächst in disciplinarischer Beziehung, sodann in derjenigen der Wirksamkeit sich befindet, einen vortheilhaften Einfluß'üben? Einsiedeln ist allerdings ein Kloster in der Schweiz, zugleich aber könnte man eS ein europäisches Kloster nennen, wovon freilich diejenigen, welche dem Eintretenden vor alkm den Heimathschein und dann erst den Taufschein abfordern, keinen Begriff haben möchten. Nicht nnr finden wir unter den Vätern und Brüdern Männer beinahe ane allen katholischen Schweizer Cantonen, sondern wir begegnen einem Mailänder, drei deutschen Oesterreichern (Vorarlbergern), einem Bayer, zwei Elsäßern, einem Baden ser, einem Braunschwciger, einem Würtemberger, unter den Professoren sogar einen, Engländer aus London. Eö verdiente aber auch der Gnadenort, au welchem die Gläubigen selbst serner Länder in Andacht zusammenkommen, daß die Bewohner der verschiedensten Gebiete dort repräscntirt seyen, die trennenden Märchen, welche in weltlicher Beziehung diese scheiden, auf dem ungleich edlern und reinern Boden der Kirche nicht wieder anfgepflanzt würde«. DaS aber gibt zugleich Zeugniß, daß Einsiedeln noch nicht sey ergriffen worden von jener, das Höhere verkümmernde« Staalö- verknechtung, die ihr geistiges Einschrumpfen, ihre jämmerliche Hohlheit hinter haus- backigc Redensarten verbergen mnß. Es gibt Zeugniß, daß die Regierung von Schwyz, zwar über ein kleines Ländchen gesetzt, an innerer Grvsze hinanfragl über so viele, die vielleicht vornehm auf sie herabschaucn, weil sie nicht mit Unrecht sich mästet — uud sich hütet, frevelhaft hinüberzugreifen in das, was nicht ihres Befugnisses ist. — Von den sechzig Priestern, die Einsiedeln zählt, leben über die Hälfte aus Statthaltereien, Pfarreien, sechs an dem Gymnasium zu Bellenz (diese jedoch nicht als StaatSbeamtcte, sondern als Professoren einer ganz durch sie geleiteten Austalt), von der andern Hälfte sind nicht viel über zwanzig für die sehr besuchte Wallfahrt, deu Beichtstuhl uud was mit jener verbunden ist, sodann für die in den letzten Jahren unglaublich erweiterte Uuterrichts- und Erziehungsanstalt zu verwende», so daß man in Wahrheit sagen kan», die Religiösen von Einsiedeln wissen, waS eö heiße, des TageS Last und Hitze zu trage». Mit welcher freudiger Willfährigkeit sie allem sich unterziehe», was zu dcö Nächsten Heil dienen kann, das vermag »ur derjenige zu beurtheilen, der je dessen Augenzeuge seyn konnte. Die Schule, die jetzt nahe an andcrthalbhundert Zöglinge zählt, ließe sich bei dem Zudrange dazu «och bedeutend erweitern, wenn nicht der Raum und die zu verwendenden intellectucllen Kräfte natürliche Gränzen zögen. Für zwanzig Austretende haben sich dieses Jahr sechzig neue gemeldet. Ist eS schmerzlich, daß von diesen zwei Drittheile mußten abgewiesen werden, so ist es doch wohlthuend, sich überzeugen zu dürfe», daß immer noch eine ansehnliche Zahl vo» Eltern auf christliche Erziehung und christlichen Unter- 359 riebt ihrer Knaben allen Werth legen. Denn daß andere, ehedem katholische Anstalten, von solchem altvätcrischen Tand sich nicht mehr berühren lassen, dafür sorgen die von StaatSwegen bestellten ErziehungSräthe, weltlichen Schulinspcctoren, und mit sorgfältiger Rücksicht ans erforderliche Freisinnigkeit und zweckdienliche Brauchbarkeit berufenen Professoren. — Jener Zudrang zu der Schule iu Einsiedeln findet ein eben so erfreuliches Seitenbild zu dem, was jüngst in Politz und in Linz, in zwei Anstalten, die den so vielfach verhöbnten und verlästerten Jesuiten übergeben sind, wahrzunehmen war. Am erstem Ort haben manche der Herren Bureaukraten Gesichter gemacht, als der hochwürdige Bischof von Lcitmeritz das wankellose Vertrauen aussprach, welches er in die Wirksamkeit der V. V. der Gesellschaft Jesu durch eine katholische Erziehung für eine bessere Zukunft setzte. War auch dieses nicht normal- mäßig gesprochen, so lag doch darin der Ausdruck der Ueberzeugung vieler Eltern, was sich dadurch bewährte, daß hundertsiebzig Zöglinge angemeldet wurden, während für das erste Jahr nur fünfundzwanzig Aufnahme finden konnten. Diese sollen durch die nächsten sieben Jahre je um fünfundzwanzig vermehrt werden, bis die Zahl von zweihundert voll seyn wird. In Linz hat sich dasselbe gezeigt. Der beschränkte Raum gestattet vor der Hand nur fünfzig Knaben unterzubringen; und so mußte auch da eine große Zahl auf die Zeit verwiesen werden, in welcher Erzherzog Maximilians Großmnih in Aufführung eines neuen BaneS es möglich machen wird, wenn nicht allen Eltern, doch einer weit größern Zahl derselben die Wohlthat der Aufnahme ihrer Kinder in eine solche Anstalt zu gewähren. — Dem Vernehmen nach soll man auch in Niederösterrcich im Begriff seyn, auf Herstellung von ähnlichen katholischen Bildniigsanstalten für die Jugend zu denken. (W. K. Z.) Pater Petrus Claver ans der Gesellschaft Jesu. ) Unter großer Feierlichkeit geschah zu Rom von Sr. Heiligkeit Papst PiuS IX. am 2 t. September d. I. die Heiligsprechung deS Pater PetruS Elaver auö der Gesellschaft Jesu, nachdem Papst Bcnedict XIV. im Jahre 1747 den Heroismus seiner Tugenden erklärt, Papst PiuS IX. im Jahre 1848 die Aechrheit zweier auf seine Fürbitte geschehener Wunder anerkannt »nd ihn im Jahre 1850 bereits selig gesprochen hatte. PetruS Claver, zu Verdu, einer kleinen Stadt KalabrienS in Spanien, im Jahre 1585 geboren, trat kaum siebzehn Jahre alt in den Orden der Gesellschaft Jesu ein. Der gottselige Alphonö Rodriguez gewann den jungen Adspirantcn sehr lieb und rüstete durch seine Belehrungen denselben frühzeitig zu jenem auserlesenen Werkzeuge der göttlichen Gnade zu, als welches er in seiner spätern Wirksamkeit sich offenbarte. Ehe er «och seine theologischen Studien vollendet hatte, wurde er von seinen Obern nach Reu-Granada berufen, und hier ItiU) zum Priester geweiht. Seitdem wirkte er in Carthagena über vierzig Jahre. In der strengsten Abtödtung und in anhaltendem Gebete dem Herrn dienend, machte er zum vorzüglichste» Gegen stände seines Wirkens die geistliche und leibliche Obsorge für die Sklaven, mit welchen damals ein anSordentlich starker Handel nach dem MissionSplatzc ClaverS getrieben wurde. Die Zahl der dnrch ihn Bekehrten und Getauften schätzt man auf mehrere Hunderttansendc, so daß man ihn im Gegenhalte zu Franz A'aver den zweiten großen Apostel der Inder (West-Inder) nennen darf. Seine für die unglücklichen Neger flammende Liebe bewies er insbesondere durch die großartigste Aufopferung, mit welcher er sich denselben hingab, va die verheerende Pest unter ihnen auSgcbro- chen war. Er begnügte sich da nicht, ihr Seelcnarzt zu sey», sondern übte an ihnen ') Ausführliche Bioqravhie vom P> Vrrtr.ind Gabriel ^lenriau, übers, von Or. Sckellle, Augsburq. Voll. IVZ3 XVI. und 383. 360 Tag und Nacht die leibliche Pflege und sog den Kranken sogar die Pestbeulen aus, um sie vom Tode zu erretten. Am 10. September hauchte er seine heilige Seele aus. Papst PiuS hat ihn bei seiner Heiligsprechung als den „Mohren-Apostel" (^laurorum apostolus) mit besonderem Vorzuge bezeichnet, und ein in der PeterSkirche am Tage der Heiligsprechung ausgestelltes Gemälde enthielt eine Darstellung von seiner apostolischen Wirksamkeit unter den Sklaven. DaS Kirchengebet zu Ehren deS heiligen Petrus Claver lautet also: „O Gott, der du den heiligen Petrus, deinen Bekenner, damit die armen Sklaven zur Erkenntniß deines Namens gelangen möchten, mit wunderbarer Selbstverläugnung und außerordentlicher Liebe ausgerüstet hast, verleihe uns auf seine Fürbitte, daß wir nicht daS Unsrige, sondern daS, waS Jesu Christi ist, suchen, unsere Nebenmenschen im Werke und in der Wahrheit lieben mögen." Die Franzofen. I^'vnivers urtheilt über Frankreich: „ES ist der Ruhm der geistreichsten Nation der Welt, daß fünfunddreißig Millionen Menschen sich von einigen Tausend Narren oder Schlingeln fortwährend ruiniren, berauben und mordbrennen lassen. Hiermit soll aber nicht gesagt seyn, daß man nur ein Absolutist, ein Feind der Republik, der Tribüne und der Presse zu seyn brauche, um auch ein wirklicher Gegner der Revolution zu seyn. Keineswegs, sonst wären Richelieu, Ludwig XIV., Friedrich II., Joseph II., Napoleon und mehrere Czaren ausgezeichnete Vorbilder. Denn sie alle haben daS Geistige dem Zeitlichen geopfert, die Gerechtigkeit und die Moral dem königlichen, nationalen oder ministeriellen Ehrgeize untergeordnet, und die Kirche, die einzige Macht, die noch Kraft besitzt, von den Völkern die göttliche Zuchtruthe abzulenken, erdrückt. Diese Potentaten haben trotz ihres Talentes die Welt zur Revolution gedrängt Denn wenn die Erde einmal vom Throne des heiligen PetruS losgetrennt ist, diesem einzigen, von Gott hienieden für immer befestigten Stützpuncte, so ist sie nur noch eine schwebende Kugel, welche der Teufel nach Gutdünken hin und her bewegt. Um mit der Revolution wahrhast zu brechen, und ihr furchtbarer Feind zu werden, muß man zu allererst die Bedingungen der religiösen Dauerhaftigkeit erkennen, lieben und zu erfüllen suchen. — Ist das geschehen, dann sind die Regie- rungSformen eine untergeordnete Frage; sie ändern sich und müssen sich ändern je nach den Zeituniständen und den Oerllichkeiten. Man kann Republikaner uud doch ein eben so muthiger Reactionär seyn, als wäre man Monarchist. In Frankreich besonders, wo in Folge der Erniedrigung des lehrenden Körpers, des Adels und der Würden die Demokratie zur Herrschaft gelangt ist, und aus Mangel an erhabenen Elementen regiert, wo man nicht genug weiß, daß die Institutionen nicht monarchisch seyn können, wo der König nur ein Strohmann zum Unterzeichnen ist, gezwungen, die Handlungen eines Parlaments, eines zum Herrschen untauglichen Herrschers auf sich zu nehmen; in Frankreich, wo man zu ignoriren scheint, daß daS Wesentliche der Mensch ist, und nicht die Institution, hier sollten sich die Gegner der Revolution weniger um StaatSformen, als um die Erziehung der Menschen kümmern. ES ist ohne Zweifel wesentlich, zu verhindern, daß daS Vaterland nicht in Brand gesteckt werde, und seine Bürger sich untereinander erwürgen. Daraus folgt die Nothwendigkeit einer starken Regierung, die jede verbrecherische Propaganda unterdrückt, um für die öffeutliche Erziehung die nothwendige Zeit zu gewinnen." Verantwortlicher Redacteur: L, Schönchen. Berlags-Jnhabcr: F, E, Kremer. Tilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PostMung. l«. November H^- ^t«. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abouuementspreis kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die Erziehung der Jesuiten. *) Zu den vielen Verdiensten, welche der heilige Jgnatius von Loyola und seine Jünger, die vielseitig gefürchteten, mit Unrecht verachteten und schändlich verleumdeten Jesuiten um das Wohl der Menschen sich erworben haben, gehört auch das Verdienst um die Erziehung und den Unterricht der Jugend. Freilich haben die Feinde der Jesuiten, die in den meisten Fällen auch Feinde der katholischen Kirche und ihrer heiligen Institutionen sind, die Grundsätze der Jesuiten, von denen sie bei der Erziehung und dem Unterrichte der Jugend geleitet wurden, lächerlich zu machen und »IS verderblich darzustellen gestrebt. In allen Jahrhunderten seit der Gründung deS Jesuitenordens haben sich indeß auch Stimmen der Wahrheit und Gerechtigkeit erhoben, welche die ungerechten und lügenhaften Anschuldigungen zur Ehre des berühmten Ordens bekämpft haben. In unsern Tagen, wo so vieles über die Erziehung und den Unterricht geredet und geschrieben, wo nicht mit Unrecht behauptet wird, daß das heutige Sittenverderbniß der Menschen in der verkehrten Richtung, welche die Bildung der Jugend in den letzten Decennien unsers Jahrhunderts und schon früher genommen hat, meistens seine Quelle finde, möchte es nicht am unrechten Orte seyn, in diesen Blättern für die Erziehung und Bildung der Jugend auf die Grundsätze, welche die großen Erzieher der Menschen, die Jesuiten, gehabt haben, zurückzukommen. Wir nehmen zu dieser Darstellung einige Schriftsteller, die für die Jesuiten gegen den Lug und die Verleumdung ihrer Feinde in die Schranken getreten find, zu Hilfe. Insbesondere ist eS daS Werk von DallaS, der ein eifriger Anhänger der anglikanischen Kirche, aber auch ein würdiger Vertheidiger der unterdrückten und verleumdeten Gesellschaft Jesu gewesen ist, auf welches wir uns hiebei berufen. Schon bei dem ersten Blicke, den man aus daS Fundament deS vom heiligen JgnatiuS gegründeten Gebäudes wirft, gewinnt man die Ueberzeugung, daß der Stifter deS Jesuitenordens ein ganz mit dem Geiste Gottes erfüllter und von dem reinsten Eifer für die Verbreitung göttlicher Wahrheiten durchdrungener Mann war. ^ck msjorem Vei ^Ivrism war der Wahlspruch unv die Grundidee aller seiner Einrichtungen. Die möglich größte Verherrlichung Gottes ist also der erste und letzte Zweck aller seiner Vorschriften. Sie ordnet und regelt den Eifer in der Ausübung jeder Tugend, in den wissenschaftliche» Arbeiten und Fortschritten, in der Sorge für "1 Warum hangen wir so sehr an den Jesuiten? Eben wegen jenes giftigen Hasses, den alle Feinde der Kirche gegen sie hegen! Ich will damit nicht sagen, daß alle Feinde der Jesuiten auch Feinde der Kirche seyen, aber ich sage es ohne Hehl heraus, daß die Feinde der Kirche stets und vor Allem Feinde der Jesuiten sind. Auf die Jesuiten fallen immer die ersten Schläge und darum schenke» ihnen die Katholiken Achtung und Vertraue» als eiucr Vorhut und einem Gardecorps der Kirche, (Der Graf rvn Montalembert in seiner im Jahre 1844 gehaltenen Red? über die reli-u'ösen Orden ) 362 daS Zeitliche, in der Ausbildung der Talente und in der Anstheilung der Verrichtungen und Aemter. Gebet und Geschäft, Arbeit und Ruhe, Belohnungen und Strafen, daS Gewähren oder Abschlagen eines Begehrens, mit einem Worte: Alles Denken, Wünschen, Handeln hat nur Ein Ziel, Einen Grund, Einen Wahlsprnch, nnd dieser ist: Alles zur größeren Ehre Gottes! In diesem Fundamente liegt die Summe aller christlichen Vollkommenheit, und wer diesen Grundsatz an die Spitze seiner Handlungen stellt und von ihm geleitet wird, der wandelt vor Gott und strebt nach der Vollkommenheit, die der Heiland vorschreibt mit den Worten: Seyd vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist. (Matth. 5, 48.) Der ist ein wahrer Nachfolger des Heilandes, der von sich sagte: Ich suche nicht meine Ehre (Joh. 8, 50). Meine Speise ist, daß ich den Willen desjenigen thue, der mich gesandt hat, damit ich sein Werk vollbringe. — Welche Meinung man auch in unsern Tagen, wo die möglich höchste intellektuelle Ausbildung und die möglich größte Hebung der Industrie die Leiter der Jugendbildung an vielen Lehranstalten geworden sind, von einem solchen Fundamente, von einem solchen unausgesetzten Gesichtspunkte haben mag: so ist doch nicht zu läugnen, daß in diesem Grundplan der Erziehung des heiligen Jgnatius und seiner Nachfolger, der Jesuiten, etwas Großes liegt, und daß er nothwendig von Tugend zu Tugend, und so zu einem Wandel vor Gott führen muß. Menschen, die bei all ihrem Thun und Lassen einen solchen Zweck vor Augen haben, kann keine Tugend sremd bleiben, und jede führt zu einer größeren Verherrlichung Gottes, und somit zur größeren Vollkommenheit der Seele. — Die Sorge für die Erziehung und den Unterricht der Jugend war einer der hervorspringenden Charakterzüge deS vom heiligen JgnatiuS gestifteten Instituts. Nur zu sehr war der Stifter überzeugt, daß eine verwahrloste, nicht auf Vervollkommnung deS geistigen Menschen gegründete Erziehung die erste und beinahe einzige Quelle aller Verirrungen, aller Laster ist. Der Verstand deS Menschen ist durch die Sünde verdunkelt; der Wille ist schwach und ungeneigt zum Guten, und geneigt zum Bösen; die böse Lust hat einige Herrschaft über den Menschen. So lehren eS Erfahrung und Offenbarung. DaS Verhältniß, wie eS war zwischen Gott und dem Menschen, ist durch die Sünde gestört, nnd wenn auch durch die heilige Taufe der Mensch auS einem Kinde deS Zornes Gottes ein Kind der Gnade, daS durch Jesum Christum ein Recht auf die Erbschaft des Himmels hat, geworden ist, so bleiben doch nach der Lehre unserer heiligen Kirche die genannten Folgen der Erbsünde in dem Neugelauften znr Erinnerung an die Größe der Sünde, zur Demüthigung und zum Kampfe wider die böse Lust. Mit Christi Gnade den Menschen aus diesem elenden Zustande herauszuziehen, uud daS Verhältniß, wie eS war zwischen Gott und dem Menschen vor der Sünde, wieder herzustellen und so den Menschen Gott wieder zuzuführen, daS ist die Aufgabe der katholischen Erziehung. ES entging nun dem heiligen Jgnatins nicht, daß alle Arbeiten seines Ordens nur einen schnell vorübergehenden Nutzen bringen würden, wenn er nicht durch eine zweckmäßige, der Bestimmung deS Menschen angemessene Erziehung dafür sorgte, daß die Früchte jener Arbeiten gleich einem unveräußerlichen Erbe von e ner Generation zur andern und von Geschlechtern zu Geschlechtern übertragen würden. In dem Orden selbst stets gute Lehrer uud geschickte Erzieher zu haben war ein Hauptgegenstand seiner Aufmerksamkeit. Durch die geistlichen Uebungen, welchen er die jungen Jesuiten in dem Noviciat unterwarf, suchte er ihnen jenen religiösen Charakter und jene Festigkeit in der Tugend zu geben, ohne welche sich durchaus von keinem Erziehungssustem etwas Gedeihliches erwarten läßt. So lernten sie üben, waS sie später lehren wollten, so lernten sie, ein lebendiges Wort zu werden, das da wirksamer ist als der todte Buchstabe, als der verhallende Ton. Hier in dem Noviciat gewannen sie einen Geschmack an der Abgeschiedenheit und an einem einsamen Leben; hier erhielten sie jenen Geist der Ordnung und jene Liebe zur Arbeit, welche nichts so sehr fliehen als Müßiggang und gedankenlose Zerstreuung; hier lernten sie, über sich selbst nachdenken, gutem Rathe und heilsamen Ermahnungen folgen, die wahre von der falschen Ehre unterscheiden, sich selbst achten 363 und die Tugend über Alles schätzen; kurz hier erhielten sie die Bildung, welche nothwendig einem, den Wissenschaften geweihten Leben vorangehen muß. In den fünf aus das Noviciat folgenden nnd bloß dem Studircn gewidmeten Jahren war ihr Studien- plan vorzüglich darauf berechnet, daß sie sich zu guten Lehrern bilden uud nachher unter der Leitung eines dem Schulwesen vorgesetzten PräfcctS selbst einer Schule vorstehen konnten. UeberauS wichtig war dem heiligen JgnatiuS also die Bildung der Lehrer selbst. Und in der That, hängt nicht die für Zeit und Ewigkeit beglückende Jugcndbildung von der zweckmäßigen Bildung der Lehrer ab? Sollte man in allen Staaten nicht darauf die meiste Rücksicht nehmen uud die größte Aufmerksamkeit verwenden? Die Schullehrerscminarien sind die Pflanzstätten der Erziehung und des Unterrichts der Jugend. Was da auf den Verstand und daS Herz der angehenden Lehrer gesäel wird, das bringt Frucht, und diese Frucht wird später wieder Aussaat auf die jungen Seelen der Zöglinge. Wenn in den BildungSanstalten für Lehrer ausS Fleisch gesäet wird, so wird man auch vom Fleische ernten, und vom Fleische wieder aussäen, und waö? — das Verderben. Die Grundsätze, welche ans dem oben erwähnten Grundplane hervorgingen und worauf daS Erzichnngssystcm der Jesuiten beruhte, die Vorschriften, welche der Stifter des Ordens ihnen hinterließ, haben alle den Charakter einer tiefen Weisheil. Dieselben alle hier zu entwickeln ist unmöglich; das Wenige aber, waS wir davon sagen werden, wird vollkommen beweisen, daß dasselbe Alles umfaßte, nichts in demselben vergessen war. Die Entwickelung der intellectuellen Anlagen war nicht das Einzige, waö JgnatiuS beabsichtigte. Es wäre das ja auch eine einseitige Bildung, wenn man nur den Verstand des zu bildenden Kindcö im Auge hätte, und seinen Willen und sein Herz unberücksichtigt ließe. Es soll der ganze Mensch mit allen seinen Kräften und Fähigkeiten gebildet werden; aber wo man auf Kosten teö einen Vermögens, etwa des Willcnvcrmögcns ein anderes Vermögen des Menschen, etwa das Äerstandesvermögcn in der Ausbildung bevorzugte, da würd.e die Bildung nicht harmonisch, milhin fehlerhast, schädlich seyn. Die Vervollkommnung der moralischen Kräfte schien dem heiligen JgnatiuS eben so wichtig als die der Vcrstandeökräfte, und jene hat »ach dem Ausspruche des Heilandes: Nur Eins ist nöthig! in gewissem Betrachte den Vorzug. Sein Streben ging also vorzüglich dahin, daS Herz der Knaben und Jünglinge für die Tugend empfänglich zn machen, ihr Gewissen wachsam zu erhalten, ihr sittliches Gefühl zu schärfen uud sie an die größte Reinheit der Sitten zu gewöhnen. Des Knaben erste Tugend ist Gehorsam. Um, heißt es in den Statuten, junge aufbrauseude Köpfe in den Schranken der Disciplin und Ord- nung zu erhalte», sind Belohnungen und Furcht vor der Schande weit wirksamere Mittel als körperliche Züchtigungen, und wenn dennoch zu diesen geschritten werden muß, so darf cS ja nicht mit einer Uebcrcilnng geschehen, welche der Gerechtigkeit einen Schein von Gewaltthätigkeit gibt. Sanfte Mittel müsse» stets zuerst versucht werden, ehe Züchtigung eintritt. Belehrungen, Ermahnungen, gelinde Vorwürfe, aber uicht Schmähwortc, nicht Beschimpfungen sind die Mittel, welchen die noch nicht verdorbene Jugend selten widersteht, — Nichts benimmt so schnell daö Ansehen und setzt den Eifer selbst des trefflichsten LehrerS in ein so zweideutiges Licht, als der Schein irgend einer parteiischen Begünstigung. Seine Pflicht ist eS also, ein gleich warmes Interesse an den Fortschritten eines jeden seiner Schüler zu nehmen, den Eiser keines seiner Schüler durch Gleichgültigkeit zu schwächen, daS Selbstgefühl keines derselben durch Geringschätzung zu verletzen. — Durch strenge Zucht kann man die Jugend zu äußerlicher Unterwerfung zwingen; aber nur durch Religion uud Tugend kann man bewirken, daß dieselbe sich auch gerne und willig unterwirst. Die größte Aufmerksamkeit der Jesuiten war also stets dahin gerichtet, so frühzeitig als möglich diesen jungen, noch empfängliche» und weichen Gemüthern die beseligenden Lehren der Religion so tief als möglich einzuprägen; diesem wichtigsten aller Zwecke war Alles untergeorvnei. Der ganze Unterricht war mit religiösen Ansichten dnrchflochten; bei dem Vortrag aller wissenschaftlichen Gegenstände wurden, wo immer die Gelegen- 364 heit sich darbot, religiöse Grundsätze entwickelt, so vaß mit den Fortschritten in den profanen Wissenschaften die Jugend auch stets in der Wissenschaft des Heils weiter fortschritt, und die Vorschriften des Instituts machten eS jedem Lehrer znm Gesetze, den Studirenden vor allein die tiefste Ehrfurcht gegen Gott beizubringen, seine Lektionen mithin stetö mit Gott und also mit Gebet anzufangen und mit Gebet zu endigen; die Andacht der Jünglinge immer mehr zu entflammen und alle seine Schü. ler durch einen klaren, ihren Begriffen angemessene» Unterricht in allen Wahrheiten und Vorschriften der Religion zu unterweisen. Der heilige Jgnatins machte deßwegen die Religion zur Grundlage der Erziehung, weil die Erfahrung ihn gelehrt hatte, daß da, wo jene großen Reizmittel zur Tugend, welche die Religion darbietet, ver- nachläßigt werden, die Menschen durch jede gesellschaftliche Verbindung nur noch schlechter.werden, und diese Gefahr offenbar noch ungleich mehr bei der Jugend zu befürchten ist, da diese, weil ohne Erfahrung, leichter von ihren aufkeimenden bösen Neigungen lnngerissen wird, und alsdann, »m ihre Verirrnugen durch fremdes Bei« spiel zu decken oder zu beschönigen, auch stets andere auf gleiche Abwege hinzuziehen sich bestrebe. Allen Regeln, welche er denen von seinem Ordcn gibt, welche zu dem Unterrichte der Jugend bestimmt sind, liegt diese große Idee zum Grunde; sie ist es, welche er vorzüglich der Aufmerksamkeit der Professoren, der Wachsamkeit der Prä- fecten, der väterlichen Sorgfalt der Reciorcn und der Aussicht ver Provincialen empfiehlt. Alle diese trefflichen Ideen findet man in dem daS ganze ErziehuugS- und Lehrsystem enthaltenden Buche linlio slmlwmm „och um Vieles erweitert. Hier wird den Lehrern zum Gesetze gemacht, die Anlagen ihrer Schüler genau zu erforschen, die aufkeimeuden bösen Neigungen durch stete Beschäftigung zu entkräften, die jugendlichen Gemüther zu einem edlen Wetteifer zu entzünden, den Kleinmüthigen und Furchtsamen Muth einzuflößen, aber auch den Anmaßungen des Stolzes uud des Eigendünkels kräftig zn begegnen. Alle in den Schulen übliche ehrenvolle Auszeichnungen sollen daher ohne alle andere Rücksicht ganz allein dem Verdienste znerkannt werden, nnd mögen diese auch in kleinlichen Dingen bestehen, ja kindisch erscheinen: für Kinder und Knaben hat Kleines die nämliche Wichtigkeit, als Großes für Erwachsene hat. Ließe man dem Kinde die Wahl zwischen einem Bilde und einem Ordensbande, cS würde sicherlich dieses liegen lassen und nach jenem greifen. In einer und derselben Classe wnrden die Schulen in Abtheilungen getheilt, welche in ihren wissenschaftlichen Arbeiten und andern Schulübungen wetteiferten, sich gegenseitig gleichsam zum Kampfe herausfordernd. Alljährlich fand eine mit vielen Feierlichkeiten verbundene Vertheilung der Prämien statt. Dem jugendlichen Ehrgeiz, der aber stetö in den Schranken gehalten wurde, ward hiedurck eine zweckmäßige Richtung gegeben, das Studiren durch den Reiz der Belohnungen versüßt. Mag eS wahr seyn? „DaS Gute sollst du lieben und thun lernen des Guten selbst wegen," mag eine Prämienvcnheilnng manche Schattenseite darbieten, so ist eS von der andern Seite doch nicht zu läugnen, daß hiedurch dem jugendlichen Ebrtriebe eine zweckmä> ßige Richtung gegeben, das Studiren durch de» Reiz der Belohnungen versüßt wird, und die Fortschritte der Schüler in den Wissenschaften befördert werden. (Schluß folgt.) Die Frauen in der Kirche. In dem jüngst erschienenen dritten Bande von HurterS Ferdinand !I. finden wir folgende Stelle über die Erzherzogin Maria (Mutter Ferdinand II.): Daß bei demjenigen vorzüglich, was im Grunde damals als Erstes und Bedeutsamstes gelten, neben welchem alles Andere in den Hintergrund treten mußte, in der Frage: welche religiöse Gestaltung daS Land anzunehmen habe? dann bei dem unauSgleichbaren Widerspruch, der in dieser Beziehung fortdauerte, Maria als handelnd, wirkend, abwehrend «intrat, dafür liegen genügsame Zeugnisse vor. In welchem Sinne dieses geschehen sey und einzig habe geschehen können, hierüber kann nach Allem, waS wir 365 von ihr wissen, kein Zweifel obwalten. Der Ernst und die Ausdauer aber, mit der sie für die Kirche gewirkt hat, der biebei hervortretende, alle ihre Lebensthätigkeit bedingende Grnndzug, auS dem dieses hervorgegangen ist, und der in Maria'S höchsten zeitlichen Lebensbeziehungen seinen Widerschein fand, veranlaßt u»S zu einer Bemerkung, die als Abschweifung gelten mag, für diejenigen aber, welche dieselbe zu würdigen wissen, dennoch nicht anßer Beziehung zn der Erzherzogin Thun und Wirken steht; zugleich, waS kaum wird angestritten werden können, die österreichische Bedeutung dieser seltenen Fran zn einer weltgeschichtlichen erhebt. Unser Herr selbst stellt seine unauflösliche Verbindung mit den »ich« atomistisch zusammengehäuften, sondern einen GesammtorganismuS bildenden Gläulngeu, die lebenquellende Einigung mit seiner Kirche, unter den mystischen GesichtSvunct der Verschmelzung alles Empfindens, WollenSundAnstrebcnScineSBräntigamS und seiner Braut. Der Apostel da»» vergleicht jedes Erlauen deS Christen, jede Sonderstellung, in der daS Individuum von diesem Organismus sich trennen will, dem Treubruch gegen den Gemahl. Man könnte jenes nnd dieses für so anmuthige als tiefgcdachte Bilder halten. Aber beide sind mehr als bloße Bilder; sie sind prophetische Worte, welche, sortlausend durch die Geschichte, in die Thatsachen hinübcrtreten; so Christus als seine Apostel sprachen damit eine von dem Mysterium umhüllte allgemeine Wahrheit aus, welcher zwei durchaus abgekehrte Richtungen zu gleichmäßig bekräftigendem Zeugniß dienen müssen. Denn wie, hinab von der heiligen Helena, der bayerischen Regintrude, der fränkischen Emma, ClotildenS Enkelin, welche den Angelsachsen, der polnischen Dobrowka, Miccislavs Gemahlin, welche diesem Slavenstamm das Evangelium brachte, durch Frauen, die in der zeitlich'ehelichen Vcrbiudung das Abbild der ewig-geistigen geehrt habe», jene mystische Verbindung gefestigt und dem Bräutigam die Braut mackelloser e»tgege»gesührt worden ist, also ist durch solche, die i» unreinem Gelüste der zeitlich-ehelichen Verbindung Hohn gesprochen haben, auch jene ewig-geistige zerrüttet oder vollends gelöst worden. Hicfür hat von der Lncilla der Donatiften, der byzantinischen Tänzerin, wie der römischen Buhlerin Theodor«, der Anna Boleyn und jener Pompadour, welche in Frankreich der Kirche den ersten Stoß versetzt hat, bis weit hinab in die Zeiten, selbst hinüberstreifend in die nnsrigen, die Geschichte für rückwärts gewendete Prophctien gesorgt. Zu denjenigen Frauen nun, in welchen das Mysterium iu ihrer ehelichen Verbindung nach seiner realen, in ihrer kirchlichen nach seiner ideale« Seite sich dargestellt hat, darf mit dem vollesten Recht die Erzherzogin Maria gezählt werden. Dieselbe Treue und Hingebung, welche sie mit dem Gemahl verband, einigte sie auch mit der Kirche; und wie durch das späler folgende Sacrament ihr leibliches Daseyn an jenen, so war durch die vorangegangenen der Tause und Firmung ihr geistiges Leben an diese hingegeben. In der Kirche geboren, durch die Kirche erzogen, mit und in der Kirche und durch die Kirche ihren LebenSlauf vollführend, konnte Maria Ansprüche an ihr Wollen und an ihr Thu» (außer dem Gemahl) mir der Kirche einräumen; mußte ihr, waS zu deren Beschränkung oder Benachtheiligung wollte unternommen werden, als Frevel erscheinen, weltliches Ansehen und fürstliche Macht ihr einzig dazu anvertraut seyn, um dieselbe» zu desseu Abwehr einzusetzen. Ihrer vollesten Ueberzeugung »ach (uud dieselbe spricht sich bei jeder Veranlassung aus) galt ihr dieses nicht als Recht, sondern als oberste und geheiligteste Verpflichtung deS Regenten; als eine Verpflichtung, welcher derselbe aus ganz andern als bloß menschlichen und zeitlichen Rücksichten treulichst Genüge zu thun habe. Eine solche Verpflichtung ist auch von denjenigen Fürsten, welche das Ankämpfen gegen die Kirche zur eigenen Sache gemacht hatten, zu jener Zeit nicht minder in Ansprnch genommen, nirgends bei ihrer Partei angezweiselt worden. Hatten sie hiesür giltigere und unantastbare Gründe als Maria und diejenigen Regenten alle, welche dem Sinn der Erzherzogin gemäß handelten? Ist es wirklich ein Gewinn, daß ein solches Walten — über daS Anerkennen wollen wir ganz hinwegscben --- in .jetziger Zeit nicht mehr kann, vielleicht sogar nicht dürfte begriffen werden? 3S6 Wie Maria die Stellung eines katholischen Landesherr» in Beziehung zu der Kirche, wie sie die Gegner von dieser als Gegner von jenem sich dachte, das können wir am besten einem Briefe an ihre Tochter Anna entnehmen, in welchem sie aus Veranlassung der ihrem Gemahl durch seinen Oheim, den Herzog von Södcrmann- land, bereiteten Widerwärtigkeiten den Gedanken freien Lauf läßt. „Sie für ihre Person wollte," schreibt sie, „ihren Kopf nicht eher auf ein Kissen legen, ehe sie diejenigen Alle, welche solcher Sachen Schuld trugen, zu Paaren getrieben hätte; dieß selbst auf die Gefahr hin, daß hievurch Schweden für sie verloren ginge. Dahin, um thun zu müssen, was Jene wollten, würde sie es niemals kommen lassen; Freund und Feind würde sie um Hilfe ansprechen. Wäre sie Konig von Polen, so müßte eö ihr Erstes seyn, Friede mit dem MoScowiter zu schließen, hierauf denselben gegen Schweden zu Hilfe zu rufen." — Sind wir in unserer bildungöstolzen Zerfahrenheit und Abschwächung entwöhnt, einen solchen festen Willen, einen so kräftigen Muth, eine solche großartige Opserfähigkeit da, wo eS sich um Glaube und um Kronen handelt, an Männern zu verehren, wie würden die Zeitgenosse«, welche in Fürstinnen höchstens noch Hausfrauen in etwas ausgebreiteterem Kreise erkennen möchten, erst dann in Entsetzen gerathen, wenn mit derartiger Entschlossenheit eine solche unter ihnen aufträte? Ein Nothruf aus Mecklenburg. DaS in der Postzeitung erwähnte merkwürdige Actenstück, welches vom Norddeutschen Corrcspond enten gebracht wird, vom Organe der Altlutheraner, lautet wie folgt: „Wir sind Lutheraner nach Geburt und Erziehung, und es ist wahrlich nicht unser sündig Gelüsten, zu scheiden von Dem, was Gott uns gegeben hat. Wir wollen kein äußerliches Gut gewinnen, kein eigenes Interesse bei unserm Ucbertritte verfolgen: aber können wir länger in einer Kirche bleibe», in der es so aussieht wie in der lutherischen, wo nichts ist als Uneinigkeit, Schwäche und Werfall? — Wir gründen angeblich unsern Glauben auf die Bibel und verwerfen Alles, was gegen dieselbe streitet. Daö ist recht schön; aber bekanntlich ist die Bibel ein Buch voll vieler Dunkelheiten und Schwierigkeiten. Man sagt nun freilich, diese kommen daher, daß der vollkommene Gott uns unvollkommenen Menschen immer in elwaö unbegreislich bleiben muß, wo er sich uns offenbart, und wir verwerfen deßhalb auch die Schrift keiucswcges, wo wir sie nicht verstehen. Aber eö muß doch für das Meiste eine Auslegung sich finden lassen, die man begreifen kann, und muß doch bestimmt werden können, welche Anslegung richtig ist. Eine solche feste, bestimmte Auslegung aber, wie sie die katholische Kirche har, fehlt uns in der lutherischen. Nicht bloß, daß unsere Theologen hin und her streiten, ob dieß oder jenes Buch ächt sey, und ganze Capitel und Verse streichen wollen, sondern sie sind auch über DaS, was sie als ächt anerkennen und stehen lassen, wegen der Aussassung iu größler Uneinigkeit. Wenn der Eine sonnenklar bewiesen hat, eine Stelle müsse so und so verstanden werden, so kvmmr bald wieder ein Anderer und beweiset eben so sonnenklar, alle Ausleger vor ihm Härten geirrt, man müsse es so und so auffassen. Während nun die Theologen von Fach selbst nicht wissen, wie die Bibel zu verstehen sey, sind wir armen Laien erst rechr zu bedauern. Wir werden aus die Bibel hingewiesen, und können doch nirgends eine feste Handhabe gewinnen, in dieselbe so einzudringen, daß wir zu einer Einheit der Auffassung gelangen. WaS ist das nun sür eine Kirche, die allenthalben und ganz allein auf die Bibel sich beruft, und doch keine Erklärung derselben zu finden weiß, welche unumstößlich richtig ist; die ihrcn Angehörigen nie mit voller Gewißheit sagen kann: „„So lautet die Auffassung der Kirche und diese Auffassung ist richtig?"" Muß man nicht zweifeln, ob eine solche Kirche den heiligen Geist habe, der in alle Wahrheit leitet, und sich, gerade wenn man es mit seinem Christenthum redlich meint, aus ihr hinaussehnen zu einer andern, 367 die mit Festigkeit sagt: „„So entscheidet die Kirche"", und mit Konsequenz bei ihrer Entscheidung bleibt? — Nicht besser steht eS bei uns mit den theologischen Ansichten; es ist da auch eine bedenkliche Mischung von allerlei Gegensätzen. Wir haben alt- lutherische, vrthodore, pietistischc, supranaturalistischc und rationalistische Prediger nebst allen Uebergangsstufen und Schattirungen dieser Farben. Auf einer und derselben Kanzel wird Christus „„der eroige Sohn des ewigen GotteS"" und „„der weiseste alier Menschen"" genannt. Die Gemeinden hören zum Theil des Vormittags, daß der Mensch nur durch die Versöhnung, welche Christus am Kreuz vollbracht hat, Gnade bei Gott findet, und des Nachmittags, daß die eigene Tugend unS den Himmel erwirbt. Der eine Prediger sagt seinen Confinnanden, die Geboterklärung sey die Hauptsache, der andere in derselben Gemeinte behauptet, die Lehre vom christlichen Glauben und den Sacramcntcn stehe obenan, daS Uebrige erst in der zweiten Stelle. In ähnlicher Weise tritt bei aller Lehre das Eigenthümliche jeder Richtung hervor, und was ist nun von allen diesen Verschiedenheiten, die doch eben principielle Gegensätze bilden, für die Gemeinden zu halten? Ist es möglich, daß sie alle mil einander richtig seyn können, da es doch offenbare Gegensätze sind? Und wenn die Wahrheit doch eben nur Eine seyn kann und jeden Gegensatz als falsch ausschließt, welcher Lehre soll man glauben und auf welche seine Hoffnung zur Seligkeit gründen? Da gibt unS die lutherische Kirche keinen festen Halt und keine sichere Entscheidung; vielmehr lässet sie ihr Amt in all' diesen verschiedenen Richtungen vorwalten, unv duldet eS, daß die Gemüther durch die Gegensätze verwirrt werden. — Und eben so buntscheckig als die theologischen Richtungen der lutherischen Geistlichkeit ist bei unS auch Alles, was zum CultuS gehört. Nirgends findet eine völlige Uebereinstimmung statt, sondern wie die Amtstrachten der Geistlichen variiren die Einzelnheiten in fast allen Gemeinden. Gesangbücher, Melodien, Predigtterte, Ordnung des Gottesdienstes, Altarliturgie, Taufformular, Confirmation, Beichte, AbendmahlsauStheilung, Kopulation, Leichenbestattung — kein Ort hat in allen diesen Stücken völlig einerlei PrariS mit dem andern; und ost, wenn man in einer Entfernung von 4—6 Meilen die Kirche besucht oder bei einer kirchlichen Handlung gegenwärtig ist, weiß man kaum noch, ob man in einer Kirche, in einer Gemeinde desselben Bekenntnisses sich befindet, so ganz verschieden und deßhalb fremd kommt Einem Alles vor. WaS ist das nun für eine Kirche, die es nicht einmal in solchen Dingen zu einer Einheit hat bringen können? Ist eS möglich, daß unter solchen Verhältnissen ein Geist der Einigkeit durch die Herzen gehen, daß man sich stark in der Gemeinschaft fühlen kann, wo ein so bunter Kram ist? Muß man nicht durch dieß Alles vielmehr gelangweilt, erkältet und zuletzt zurückgestoßen werden? — All' diese Verschiedenheit har aber darin ihren lraurigen Grund, daß es unserer Kirche an der festen Auctorität ciueS starken Regiments fehlt. Die Prediger stehen einzeln in ihren Gemeinden selbst« ständig da, thun und lassen, was sie wollen; das Kirchenregiment kümmert sich um sie nicht, so lange sie ihre Arbeiten einliefern und keine Klage kommt. Die Visitationen sind stellenweise ganz abgekommen; Pastor und Küster, oft auch Küster und Pastor verwalten den Dienst an der Gemeinde Iah? auS Jahr ein im alten bequemen Schlendrian mit zunehmender Nachläßigkeit zum offenbaren Verfall. Ob der Gottesdienst gehalten, ob gut gepredigt, ob die Seelsorge fleißig getrieben, der Confirmaiiden- Unterricht nebst den Katechisationen gut und ausreichend beschafft, und alles Uebrige, waS sonst noch zum Amt und zum Gedeihen der Gemeinde gehört, zweckmäßig, fleißig unv piincllich vollführt win>, occr ob von alle Dem vielleicht gerade daS Gegentheil vorhanden ist — wer kümmert sich darum? Die Prediger berichten, das ist wahr, aber jeder berichtet über sich und seine Gemeinde, und nach den meisten Berichten kommt Nichts. Denn daS Kirchenregimcnt liegt in den Händen von Personen, welche theils von all' diesen Dingen wenig wissen, theils mit Geschäften so überhäuft sind, daß sie Gott danken, wenn nur Alles einigermaßen erträglich im alten Geleise ein- hcrkriccht. Und haben wir einmal Männer im Regiment, denen ein Herz für die Kirche und ein Auge und Ohr für ihre Schäden und Bitten geschenkt ist, dann sind 368 ihnen überall durch die Verhältnisse die Hände gebunden, daß sie weder Macht noch Mittel besitzen, zu ordnen, zu helfen, zu gebieten und zu strafe«. Ach, eS ist ein Unglück, daß die lutherische Kirche dem Staat ihre Güter und Rechte zur Mitgift ihres Bündnisses überliefert hat! Sie ist gekommen als eine herrliche, mächtige und reiche Braut; nun, da ihre Güter genommen und verbraucht find, ist vergessen, waS man ihr nach Recht und Pflicht schuldigt! Man hat für die arme, zum Dienst deS Staates erniedrigte Magd jetzt nichts mehr übrig als den Abfall von deS Herrn Tisch, und die Größe und Herrlichkeit früherer Zeit ist in den Staub getreten! — So ist der ganze innerliche Zustand der lutherischen Kirche Uneinigkeit, Schwäche, Ohnmacht. Und waS kann denn aus solchen Zuständen nach Außen hin Gutes kommen? Sehen wir unS um wie eS steht. Schulen mit glaubenslosen oder unwissenden Lehrern, die kaum daS tägliche Brod haben an vielen Orten; alte, gebrechliche Prediger bis zum letzten Athemzug mit dem Amt belastet, oder hilflos, menn sie auS Liebe zur Gemeinde eS niederlegen wollen; ungläubige oder sittenlose, träge und gleichgiltige Pastoren ohne Kläger und Richter; etliche Pfarren so armselig dotirt, daß sie kaum vor dem Verhungern schützen; Kirchen hie und da, die neben den Prachtstäken für edleS Vieh ob ihrer Armseligkeit und Unreinlichkcit sich schämen müssen; eine Menge von Gemeinden, die allen Glauben und alle Kirchlichkeil verloren haben; keine Spur mehr von SonntagSscicr und SonntagSordnung; keine Heiligkeil der Ehe, keine christliche Kindererziehung, kein kirchliches Leben in den Häusern; vollends keine Kirchenzucht, weil Niemand Lust hat, der Zucht seinen Nacken zu beugen und ihr seinen Arm zu leihen: — so stebt die lutherische Kirche dort, wo die Landeskirche ist, da als ein ursprünglich edler Stamm, aber seiner Krone, seiner Zweige und Blätter beraubt, hohl von der Fäulniß, von Würmern zerfressen, niederbrechend beim ersten Sturm, der mit entfesselter Wuth darüber hinbrauset! Und da sollten wir bleiben, an diese» Stamm uns halten wollen, bis er umfällt und unS mit seinen Trümmern zerschmettert? Wir können ihm kein neues Leben geben, und unser Herz kann keine Ruhe, unser Sehnen keine Befriedigung mehr finden, wo wir jetzt sind. Wir wollen unser Christenthum retten, wir wollen dorthin gehen, wo vic Kirche sagt, waS die Schrift bedeutet, wo die Kirche vorschreibt, was ihre Diener lehren und ihre Gemeinden lernen solle», wo über vic gleichmäßige Ordnung deS Cultus gewacht wird, und Alles so feierlich, erhaben und erquicklich, eine Harmonie der Anbetung ist; wo ein starkes geistliches Haupt sich nicht beugt vor den Gewaltigen der Erde, sondern allein vor Gott; wo die Gemeinden noch Glauben, Zucht u. kirchliches Leben haben, wo wirklich die Kirche ans einem Felsen steht, den die Pforten der Hölle nicht bewältigen können. Wir scheiden ungern vom Hause der Väter, aber wir müssen scheiden — wohlauf, gen Rom!" Friedrichs »I. Urtheil über die Klöster. Derselbe schrieb am 2l. März 17V7 an Voltaire: „Ich habe, und Andere mit mir, bemerkt, caß diejenigen Gegenden, in denen die meisten Klöster sich befinden, auch diejenigen sind, in denen daS Volk am blindesten dt - .'Iberglauben (in dem Munde dieser Herren: der christlichen Religion) anhängt. Es ist nicht zu bezweifeln, daß, wenn man es dahin bringt, diese Zufluchtsörtcr des Fanatismus (d. h. deS christlichen Glaubens) zu zerstören, raS Volk ein wenig gleichgiltig und lau gegen eben diejenigen Gegenstände werden wird, welche gegenwärtig seine ganze Verehrung haben. Es käme also darauf an, die Klöster zu zerstören, oder wenigstens den Anfang damit zu machen, damit man ihre Anzahl verringerte." Wo man diesen Rath (der wobl consilium ex inimi, » hätte dürfen genannt werden) treulich zu befolgen beflissen war und die angerühmte Wirkung bald verspüren mochte, ist allbekannt. VercmtMortllcher Rkd«n-tk»r: ?, Schönchtn. Bkrlags-Jnhav'r: F, «. Aremer. Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt ,-il!'j,It tzl» . Izmmi^ Mi SiZwiL lMliN 7'iZniN. S5v „Snmiii» 1>M« chil7!»^tt76 .zchiiZt. 7,^ chilmö« 7,ttuM nbniN 7>? 7,?niÄ ZMkw 7Zcka ^,,chuüi?7>Z> Su» Slchiii ^>.'5T^ .?7^,ili »il 7Z6il iktilonoitoK -/ni, sil tchi» Augsburger polizeitung. ill>,lil^7Z Uj 7^L chruijciN ",!>7!lÄ 7')Niz Siik^ bichi-r ch-ir- iZtt'iT ,NZs.,j Slill wchM .Z7'^n>.' ,-^s!»iIlIU ^Äms kü>51U Aus dem Hirtenbriefe des H. H. Balerian Iirfik, Bischof von BudweiS in Böhmen, vom 1. Nov. 135i. Durch Gotteö Fürsehung auf den bischöflichen Stuhl zu BudweiS berufen, öffne ich heute zum ersten Male als Oberhirt meinen Mund, und rufe auS dem Grunde deS Herzens: „Gelober sey der Herr Jesus CbristuS!" O könnte ich doch Euch Alle um mich schaarcn, die Ihr in den Städten und Gauen meiner Diöcese wohnet! Von Angesicht zu Angesicht würde ich Euch Alle begrüßen; und ich bin dessen gewiß, daß ich aus Eurem Munde die einhellige Antwort vernehmen würde: „Bis in Ewigkeit." Da es mir jedoch nicht möglich ist, Euch Alle persönlich und mit Worten der Zunge anzureden, so spreche ich zu Euch durch dieses Schreiben..... Ich sage Euch im Namen deS Herrn, es wird nicht besser werden, bevor unter unS die Liebe nicht wieder auflebt, jene Liebe nämlich, die dem wahren christlichen Glauben entspringt, und die unter den ersten Christen heimisch war. O! daß doch daS heilige Feuer dieser Liebe auch Euch Alle ergriffe! O! daß der Herr selbst die Herzen der Reichen hinneige zu den Aermern, damit sie diese als ihre leibhaftigen Brüder erkennen! O! daß doch derselbe Herr auch die Herzen der Armen dahin leite, daß sie, mit der wahren Liebe erfüllt, die Reichern um den Segen Gottes nicht beneiden! Ja, bemühen wir u»S Alle ohne Ausnahme, nach der Mahnung deS Apostels „eine gleiche Liebe" zu haben. Dann, meine Geliebten im Herrn! dann wird es wieder besser werden auf Erden, bann werden wir auch nach den Worten deS Apostels „nichts thun aus Streitsucht und eitler Ehre." An diesem Orte möchte ich Eure Gedanken gern auf einen wichtigen Gegenstand hinleiten. In unserm lieben Vaterlande bestehen zwei Zungen neben einander, es wohnen nämlich hier Deutsche und Czechen. Die göttliche Vorsehung hat in diesem gesegneten Lande den Einen wie den Andern Hütten zur Wohnung neben einander angewiesen. Und da diese Anordnung vom Herrn selbst kommt, ist es zugleich sein Wille und sein heiliges Gesetz, daß ein Bruder den andern in wechselseitiger Liebe, Eintracht und Friedfertigkeit ertrage. Möge unS demnach keinerlei Leidenschaft spalten! Ich als Oberhirt komme ja zu Euch Deutschen und zu Euch Czechen zugleich, und wäre mir die Möglichkeit geboten, würde ich Euch Alle ohne Unterschied der Zunge an mein Herz drücken, Ihr seyd ja Alle meine Schaft, mir anvertraut von Christo dem Herrn. Vor Christus, unserm Herrn und Gott, so wie vor seiner heiligen Kirche gibt eS, nach dem Ausspruche deS heiligen Paulus, keinen Unterschied zwischen den Griechen und Scythen. Und ich sage in demselben apostolischen Sinne, eS finde im Angesichts Gottes und seiner Kirche kein Unterschied statt zwischen dem Deutschen und Czechen. Wir Alle, die Einen wie die Andern, sind gleiche Kinder deö Einen Vaters, der im Himmel wohnt; sind um gleichen Preis erkauft durch lM5 370 Christus, sind als Erben GotteS gleich geheiligt durch den heiligen Geist. Wohlan denn! wie ich Euch Alle zugleich mit gleicher Liebe umfange, so liebet auch Ihr Euch brüderlich unter einander als Kinder des Einen VaterS im Himmel, als theuer erkaufte Kinder der Einen Mutter auf Erden, nämlich der heiligen Kirche. Setzet nicht die eine Nationalität über die andere. „Thuet nichts aus Streitsucht," oder wie der heilige Augustin eö wieder gibt, „thuet nichts durch Aufreizung," denn also würdet Ihr nur den üblen Geist des ZwisteS und des Zwiespalts» selbst anfachen. Thuet auch nichts „aus eitler Ehre," nämlich nichts, wodurch Ihr zu erkennen geben wolltet, eS sey das eine Volk edler und besser als das andere. Rechtet und hadert also nicht wegen der Nationalität, wodurch das Band gegenseitiger Bruderliebe so leicht gelockert, ja selbst zerrissen wird. Vergesset nicht, daß gleich bei der Herabkunft des heiligen Geistes durch diesen Geist, welcher die Völker verschiedener Zungen zur Einheit deS Glaubens versammelt hat, sämmtliche Nationalitäten auf gleiche Weise und in gleichem Grade geheiligt worden sind. Liebet Euer Volk! Es liebe der Deutsche seine Zunge, eS liebe seine Zunge der Czeche. Gewiß ist der Volksstamm, dem wir entsprossen sind, unserer Liebe würdig; gewiß verdient eS jene Sprache, in der uns die Mutter Gott erkennen und zu ihm beten gelehrt hat, daß wir sie hochschätzen. Es lasse aber hierbei Niemand außer Acht, daß wir zuerst und vor allem Andern Christen, katholische Christen, und dann erst Deutsche und Czechen sind.. ... Zwei großartige Anstalten hat Gott der Herr auf Erden zu dem Endzwecke angeordnet, damit sowohl die leibliche als geistliche Wohlfahrt des Menschen gefördert würde. Ich meine hier die Kirche und den Staat. Wie viel Unheil die Hofsart in dem einen wie in dem andern Theile schon angerichtet habe, lehrt leider die Geschichte. Sie erzeugte nämlich in der Kirche, wie der heilige Kirchenvater Augu- stinuS bemerkt, allerlei Ketzerei, die nichts anders ist als Auflehnung gegen jene unfehlbare Lehrerin, die der Sohn GotteS auf Erden angestellt hat. Nicht anders treibt die Hoffart ihr Unwesen im Staate. Wie sie nämlich das göttliche Gesetz verachtet, so tritt sie auch das menschliche mit Füßen. Der Hoffärtige will Niemanden über sich haben, und er sträubt sich, einer bestimmten Ordnung und Einrichtung sich zu fügen..... Der Mensch hat das Recht, ein Eigenthum zu haben, das heißt, etwas solches zu besitzen, waS er sein eigen nennen könnte. Dieses Recht hat er, weil er ein Geist, weil er ein Vernunftwesen, weil er sich selbst bewußt ist. Der Mensch ist eine Person, ein Ich, es muß daher bei ihm auch ein Mein, also ein Eigenthum geben können. Ursprünglich hat Gott die Güter der Erde dem gesammten menschlichen Geschlechte als Eigenthum überwiesen. Nachdem eS aber der göttlichen Gnade durch den Fall verlustig ward, stellte sich die Nothwendigkeit heraus, daß daS Eigenthum der Allgemeinheit ein Eigenthum der Person werde, daS heißt, daß jeder Mensch etwaö für sich besonders besitze. Den Grund hiervon einzusehen hält eben nicht schwer. Würden die Güter der Erde Allen zugleich gehören, dann würde der Einzelne um dieselben wenig oder gar keine Sorge tragen. Jeder würde nur genießen, und Niemand sich durch die Arbeit seiner Hände das tägliche Brod verdienen wollen. .... Jeder hat das Recht, etwas zu besitzen; eS ist aber Niemand berechtigt zu verlangen, daß die Güter dieser Welt Allen im gleichen Maaße zu Theil würden. Die bestehende ungleiche Vertheilung dieser Güter ist eine natürliche Folge des Sünden- falleS im Paradiese. Gott will, daß Jeder selig werde; er will aber nicht, daß eS zwischen unö weder Reiche noch Arme gebe. Er vertheilt nämlich seine Gaben nach seiner Weisheit, und gibt nach seinem besten heiligsten Willen dem Einen mehr, dem Andern weniger. Wie Berge und Thäler auf unserer Erde sein Werk sind, so ist es auch der Reichthum und die Armuth unter ihren Bewohnern. Eö ist nämlich sein Wille, daß ein Mensch deS andern bedürfe, daß sich Einer dem Andern nähere, und also Alle durch daS schöne Band treuer, werkthätiger Liebe und Dankbarkeit als Glieder Einer Familie verbunden seyen. Darum wäre ein Sinnen und Trachten 371 nach irgend einer Gleichheit an irdischen Gütern geradezu eine Auflehnung gegen Gott selbst, zugleich aber auch ein Wahnwitz, ein Unverstand, und eine reine Unmöglichkeit, da ja eine solche Einrichtung kaum einen ganzen Tag hindurch fortbestehen könnte..... Da ich nun einmal von der Schule rede, kann ich nicht umhin, Euch zugleich zu bitten, daß Ihr die Lehrer Eurer Kinder in Ehren halten möget. Wahrlich, gar ehrwürdig ist deren Beruf! Ein Lehrer, welcher seinen Standespflichten gewissenhaft nachzukommen trachtet, verdient eS im vollen Maaße, daß ihn jeder Christ, jeder Familienvater hochschätze. Ist ja sein Amt so schwierig und mühevoll, und wie groß ist erst die damit verbundene Rechenschaft, die er vor Gott und den Menschen abzulegen hat! Dabei pflegt der Lohu für seine Mühe auf dieser Welt so klein und gering zu seyn. Trachtet demnach, daß dem Unterweiser Eurer Kinder durch Eure Leutseligkeit und Dankbarkeit, durch Eure Liebe, Erkenntlichkeit und Achtung die Bürde seiner Sorgen erleichtert und seine Arbeit und Mühe versüßt werde. Ist irgend ein Arbeiter seines Lohnes werth, so verdient diesen vor allen Andern ein gewissenhafter Lehrer. — Euch aber, Ihr Lehrer! wolle Gott selbst stärken, damit Ihr jene Aufgabe zu lösen im Stande seyd, die Euch die Kirche und der Staat gestellt hat. Da ich zu Euch ein andermal eigens und eiu MehrereS zu reden gesonnen bin, will ich hierorts nur bemerken, daß die Schule eine Tochter der Kirche ist, weil auS dieser hervorgegangen, und daß sie ihr nicht entfremdet werden darf, soll sie nicht etwa alles christlichen Geistes und jedes segenreichen Einflusses auf die Menschheit verlustig werden. Zwei Hände hat die Kirche, Die Priester sind ihre Rechte, Ihr aber, Lehrer in den Volksschulen! seyd ihre Linke. ES helfe nun eine Hand der andern; deßhalb trachtet also, mit unS Priestern Hand in Hand gehend, daS Reich GolteS auf Erden zu fördern. .... ES ist unmöglich, daß Jemand den Menschen gebe, waS der Menschen ist, sobald er Gott nicht gibt, was GottcS ist. Daß also daS Reich Gottes unter u»S im Abnehmen begriffen ist, daß die Menschheit von so vielerlei Elend, Noth und Drangsal schwer gedrückt wird, hat seinen Grund hauptsächlich darin, daß der Sonn- und Feiertag nicht geheiligt, oder nicht so geheiligt wird, wie die Vorschrift Gottes lautet. Bevor nicht der Tag deS Herrn allen Menschen daS seyn wird, was er nach dem Gebote Gotteö und nach dem Kirchengebot seyn soll, werden wir auch, Geliebte in Christo, keine bessern Zeiten erleben. DaS sollten besonders Jene beherzigen, welche von ihren Arbeitsleuten verlangen, daß sie nicht nur die ganze Woche hindurch, sondern sogar noch am Sonntage bis zum Mittage hin, in den Fabriken und Werkstätten knechiliche Dienste leisten. Freilich wohl versehen sie diese ihre Arbeiter mit dem täglichen Brode. WaS hilft eS aber, wenn sie dieselben hiebei um jenes Brod bringen, welches den Menschen zum ewigen Leben nährt; wenn sie nämlich dieselben um den Trost des Gebetes, um die Anhörung des Wortes GottcS, um den Empfang der heiligen Sacramente bringen? Zünden sie solchergestalt nicht selbst daS Dach über dem eigenen Haupte an? — Dessen sollten aber auch Eltern, Hausväter und alle Vorgesetzten überhaupt eingedenk seyn. Hängt ja aller Einfluß auf die Untergeordneten und Anvertrauten und somit aller Segen ihres Wirkens von dem Vertrauen ab, daS sie besitzen. Auf welche Weise ein Vorgesetzter sich das Vertrauen seiner Untergebenen erringen könne, ist Jedermann bekannt. Wie er sich aber um daS Vertrauen bringen, und also seinem erfolgreichen Wirken den Hemmschuh anlegen könne, erhellet auö folgenden wohlbekannten Worten, die oft im Munde deS lZolkeS gehört werden: „Wer keine äußere Religion hat, hat auch keine innere; ver keine innere hat, hat auch kein Gewissen; wer kein Gewissen hat, ist unser Feund nicht, und kein unbestechlicher, der Wahrheit und dem Rechte getreuer Mann: er ist ein Mann seiner Willkür und seines Vortheiles." ES möge ein Jeder selbst urheilen, wie viel Wahres an diesen Worten sey. Gewiß ist es aber, daß daS Betrauen gegen die Vorgesetzten sich bedeutend steigern und erweitern müßte, würden dies dem gemeinsamen öffentlichen Gottesdienste fleißig und andächtig beiwohnen, undsich die Pflicht, mit gutem Beispiele vorzuleuchten, öfters zu Gemüthe führen..... 37S Betet, und um dciS bitte ich Euch um der Liebe Gottes Willen, betet auch für mich, Euren nunmehrigen Oberhirten. Nicht getrachtet hab' ich je nach dieser Wurde, im Gegentheile seufzte ich oft zu Gott dem Herrn, er möge auf meine schwachen Schultern ein Amt nicht legen, welches besonders in diesen unsern Tagen die Stärke eines Paulus, die Gelehrsamkeit eines Augustinus, die Liebe eines Carl Borromäuö, so wie die Sanftmuth und Demuth eines Franz von SaleS verlangt. Bittet, ich beschwöre Euch darum! daß mir der Herr alle diese genannten Gaben und Tugenden verleihen möge, denn ich bedarf ihrer gar sehr, sowohl zu dem eigenen als zu Eurem Heile. WaS nun mich betrifft, so will ich „ohne Unterlaß" für Euch Alle beten bis zu meinem letzten Athemzuge. Tag für Tag will ich den Herrn uiisern Gott anrufen, er möge jegliches Uebel von Euch abwenden, und Euch alles Das geben, wodurch Ihr ihm Wohlgefallen und Euch selbst alle Zeit hindurch trösten und erfreuen könntet..... ?zsls^!in'izi?i<>h n'n ttZi?l:I? ml!» z-j» vs tz»mH -isM'jrli Die Erziehung der Jesuiten. (Schluß.) Das Institut des Ordens ist ferner bedacht, jedes böse, ansteckende Beispiel von der Jugend zu entfernen. Es gibt den Lehrern die Mittel an, wie sie jeder gefährlichen Verbindung gleich bei ihrem Entstehen zuvorkommen sollen. ES verordnet eine strenge Prüfung aller Bücher, welche den Studirenden können zugelassen werden, und verbietet sehr strenge den Gebrauch aller schlüpfrige Stellen enthaltenden Bücher. Es ist für die Lehrer eine nicht mindere Pflicht, Schüler zur Bescheidenheit und einer zuvorkommenden Höflichkeit anzuführen, ihre Fehler im Vortrage und in der Aussprache zu verbessern, und ihnen natürliche, anständige und gefällige Manieren beizubringen. Bei einem so weisen, tief durchdachten Plane, dessen äußerste Umrisse hier nur gegeben sind, mußte die Erziehung gedeihen, und aus so basirten Schulen mußten nothwendig Männer hervorgehen, die sich in der Kirche und im Staate auszeichneten. Die Erfahrung zweier Jahrhunverte hat des Kanzlers Bacon Urlheil bestätigt, der gesagt hat: „WaS die ErziehungSkuust der Jugend betrifft, so wäre der kürzeste Ausdruck wohl der: Gehe in die Jesuitcnschulen, denn diese sind die besten von allen." War für die - bürgerliche Gesellschaft der Nutzen, der aus dem mit dem Jesuitenorden statutenmäßig verbundenen öffentlichen Lehramte entsprang, groß, allgemein und unverkennbar, so war er eS nicht minder sür den Orden selbst. „DaS große Jesuitencollegium in Paris", sagte der Cardinal Maury, war der Centralpunct, der die Aufmerksamkeit aller Gelehrten, aller bedeutenden Männer aus allen Ständen Frankreichs auf sich zog. Es war das höchste literarische Tribunal, welches alle Gelehrten mit einer gewissen Art von Ehrfurcht als die erste Quelle literarischen Ruhms, als den Brennpunct der öffentlichen Meinung betrachteten, und welches Piron in seiner kraftvollen Sprache die eliamdrs mdentc; cles renutatioris litergiros nannte.^ Hz ..-.'j5L"m, ??iM i-kiZA >u!L .m-M,! ziz o»1' mu^rM Die Erfahrungen zweier Jahrhunderte und darüber haben das Erziehungsgebäude der Jesuiten mit ihrem untrüglichen Stempel bezeichnet; aber eben deßwegen war es auch der Gegenstand, gegen welchen die verschworn« Rotte als Christusseinde ihre wütheudsten Angriffe richtete; und wenn die Jesuiten als die Opfer dieser Verfolgungswuth fielen, so geschah eS nur deßwegen, weil die über ganz Europa verbreiteten Schul- und Lehranstalten dieses Ordens die blühendsten Pflanzstätten dS Christenthums waren. Hier ward der Glaube befestigt, der Eifer für die Verbreitung desselben entflammt, die Liebe entzündet und die Frömmigkeit genährt. ?ei den Philosophen freilich war alles dieses nichts als Fanatismus, Hirngespinste ,nd Aberglauben; zerstört mußten also diese werden, und so zerstörten sie unter diser erlogenen Hülle die schönsten Blüthen der Religion. 373 Fragen wir nun schließlich: was die Veranlassungen und Ursachen deS Sturzes dieses berühmten Ordens in manchen Ländern gewesen sind, so ist die kurze Antwort darauf diese: der Neid und die Bosheit seiner Feinde, wie auch der Atheismus und die moderne Philosophie. Die neuen Apostel der Vernunft haßten einen Orden, dessen Lehre und Grundsätze mit ihren neuen Systemen unvereinbar waren. Diese wußten, daß heilige Ehrfurcht sür die geoffenbarten Lehren der Religion oder kindlich frommer Glaube und religiöse Unterwerfung unter daS Scepter der rechtmäßigen Gewalt die beiden Hauptgrundlagen deS ErziehungSsystems der Jesuiten waren, veum timete. reZem konorikests (Fürchtet Gott, ehret den König), war eine der Maximen deö Ordens. Die Religion und daS Königthum oder der Altar und der Thron waren bei den Jesuiten zwei innigst mit einander verschwisterte Begriffe. Beides war aber auch der Gegenstand deS HasseS der philosophischen Neuerer; und über den Trümmern des gestürzten Altares auch den Thron umzustürzen der Zweck ihres im Namen und unter der Aegide der Philosophie geschlossenen Bundes. Um diesen Zweck zu erreichen errichteten sie ihre sogenannten philosophischen Schulen, d. h. Schulen der Gottlosigkeit und Jrreligion, in welchen Gott, die göttlichen Geheimnisse und seine heiligen Gesetze den Aussprüchen einer kalten Vernunft unterworfen wurden, wo man zum Grundsatze ausstellte, alles, waS der V-rstand nicht begreifen könne, als Aberglaube verwerfen zu müssen, und wo man am Ende so weit kam, gar nichts mehr zu glauben. Um den verderblichen Grundsätzen leichtern Eingang zu verschaffen bereitete man die Gemüther durch allerhand schlechte Schriften, die den Verstand der Jünglinge verwirrten und ihre Einbildungskraft in Brand setzten, darauf vor. Da aber die Jesuiten die eifrigsten Vertheidiger jener Wahrheiten waren, welche die sogenannten Philosophen durch Wort und Schrift für Fanatismus, Hirngespinste, Aberglauben zc. ausgaben, so richteten sie auf jene alle Pfeile deS Hasses und der Wuth, um sie zu stürzen und ihre Grundsätze wo möglich von der Erde zu vertilgen. Wenn eS unläugbar ist, daß der Ausbruch der französischen Revolution daS Werk der Atheisten und der verkehrten Philosophen ist, so möchte man die Behauptung auch nicht widerlegen können, daß die noch immer anhaltende Fortdauer revolutionärer Schwingungen nichts als eine Folge solcher Erziehungssysteme ist, nach welchen der Mensch kein anderes Interesse hat, kein anderes haben kann als dasjenige, was die Erde und seine Existenz auf derselben ihm darbieten. Durch die Zerstörung deS Jesuitenordens ward auch jenes Erzichungssystem zerstört, auf welchem die bürgerliche Ordnung und Sicherheit der Staaten überall beruhete, indem dasselbe keine andern Grundlagen hatte, als den festen Glauben an zukünftige, jenseits deS Grabes eintretende Belohnungen und Strafen, nebst der Ueberzeugung, daß der Mensch hienieden bestimmt sey, sein Heil zu wirken nnd für seine künftige Seligkeit zu sorgen. Traurig daher, wenn die Verirnmg deS menschlichen Verstandes ErziehungSsyfteme errichtet, in welchen gerade daS ausgeschlossen ist oder wenig gilt, waS die erste Grundlage desselben seyn sollte; Erziehungssysteme, in welchen der wahre Werth und eigentliche Zweck der Wissenschaften verkannt werden, in welchen der Unterricht blos oder doch meistens aus weltliche, vorübergehende, oft kaum des Wissens werthe Dinge beschränkt ist, und an die beglückenden Wahrheiten der Religion, für die daS jugendliche Herz so empfänglich ist, gar nicht oder doch wenig gedacht wird. DaS Erzie- bungssystem der Jesuiten war fest gegründet in dem katholischen Glaube»; daher die Conscauenz, daß sie Religion zur Grundlage eines jeden andern wissenschaftlichen Studiums machten und bloS von der Hand jener geleitet in die Geheimnisse der Natur einzudringen und die Gränzen deS menschlichen Wissens zu erweitern sich bemühten. Kein protestantischer Staat hat die Jesuiten und ihr Erzichungssystem zu fürchten; denn Jahrhunderte hindurch war ihnen die Erziehung der katholischen Jugend Englands anvertraut, nnd das hat dem englischen Staate kein Verderben gebracht; denn stets haben die Jesuiten ihren Schülern Ehrfurcht gegen die Gesetze deö Landes und Unterwerfung unter die bestehende Gewalt beizubringen gesucht. Zum Schlüsse dieser kurzen Skizze des ErziehuugsgebäudeS der Jesuiten fügen 374 wir noch die »ach unserer Meinung nicht zu widerlegende Behauptung hinzu, daß, wenn daS Erziehung?- und Unterrichtssystem unserer Tage die vielfach morschen und verkehrt.-» Grundsätze mit dem religiösen und darum haltbaren ErziehungS- und Untcrrichtsplan der Jesuiten vertauschte, der Kirche und den Staaten ein Stern aufginge, der Friede und Segen den Fürsten und den Völkern verkündete, »mms^ chüÄllN i»Zv m»?I»iF llMvÄn'/ßvsg iiD s-silizß hos )i4 Zibm^G «ztzjßöu»A'n 7»S Zl.üsnV dli'j ^:n,i knuv'-vnMll s'töi^i!^ 'x>!i»!T Ich komme so eben von der wahrhaft erhebenden Todtenfeier, die heute Mittag zu Ehren der Herzogin von Angoulöme in der Magdalenciikirche gehalten worden ist. Das Innere des prachtvollen Gebäudes machte einen unbeschreiblichen Eindruck. Trauertücher, mit silberner Sternen gestickt, umgaben das Schiff, in dessen Mitte sich ein prachtvolles Kenotaph, von Hunderten von Kerzen umringt, erhob. Ueber diesem schwebte vom Gipfel des Schiffes herab ein riesiger, mit Hermelin eingefaßter Baldachin. An den Enden verbreitete die blaßgrüne Flamme auS vier Riesenleuchtern ein magisches Licht. Bllc Fenster der Kirche waren gesperrt, und Hunderte von Kerzen und Lampen erhellten die künstliche Nacht, in deren geweihten Räumen die Todtenfeier der Tochter Ludwigs XVI. vor sich gehen sollte. Zu beiden Seiten der Kirche saß auf schwarz ausgeschlagenen Sesseln, waS Paris an allem Adel aufzuweisen hat. Es hatte sich nicht allein die Blüthe der Legilimisten, sondern auch so ziemlich Alles eingesunden, was politischen Namen hat. Neben Larochejacquelin, Benyer, Saint Priest, Fallour, Clermont Tonnere, Köratry sahmanMol6, Thiers, Changarnier, Lebreton, Heekeren, Estancelin und andere dem Principe der Legitimität nicht unbedingt huldigende Personen. Der Erzbischof von Paris hatte Hoffnung gegeben, selbst daS Todtenamt zu halten, wurde aber von dem Pfarrer der Magdalenciikirche ersetzt. Wahrscheinlich mochten Scrupcl wegen einer möglichen falschen Deutung eines im Grunde rein religiösen Actes ihn zurückgehalten haben. Nach einem kurzen Vorspiele auf dem wunderbaren Orgelwerke der Kirche, das, nachdem eS vor einigen Jahren ein Raub der Flammen geworden war, jetzt wieder in seiner ganzen Schönheit dasteht, begann um i2 Uhr die Todtenmesse. Der katholische RituS in Frankreich hat zum Theil die uralten Kirchengesänge beibehalten, die namentlich bei solchen Gelegenheiten einen wahrhaft erschütternden Eindruck hervorbringen. Für diesmal hatte der Kapellmeister der Kirche, Herr Dietsch, aber doch Stücke auS einem von ihm coniponirten Requiem eingeflochten, die, von einem vortrefflichen Orchester und tüchtigem Sängcrchor ausgeführt, eine schöne Wirkung hervorbrachten. Der Componist schien sich Mozarts Requiem zum Vorbild genommen zu haben. Mit ächter Pietät hatte man aber daS uralte Oiczs iras beibehalten, daS mit Solo und Chor wie ein Tönen dcS Weltgerichtes über die Versammlung herfloß. Athem- loS lag das ganze Auditorium auf den Knieen, eS war, als ob Jeder das weltliche Treiben vergessen und den Gefühlen der Ewigkeit Raum in sich gegeben hätte« Die herrliche Tenorstimme unseres beliebten Sängers Ale,riö Dupont war in diesen Muster- stückcn alter Kirchenmusik, für welche der große Thibaut so unendlich schwärmte, von unbeschreiblicher Wirkung. Der Augenblick war feierlich, wo die Blüthe deS französischen Adels, die immer noch blutet von den Wunden der Revolution, über dem Grabe cincS ihrer Märtyrer vom Weltgerichte singen hörte, das Jedem seine Thaten vergelten soll. Vor mir lag eine alte Dame in tieser Trauer beständig auf den Knieen. Sie schien ganz aufgelöst und verbarg ihre hohlen ausgeweinten Augen dem Anblick der Menge. Als die Messe vorüber war, bewegte sich der Zug der Priester vom Hochaltar nach dem Kenotaph, und vom Chor herab erscholl das alte, auS grauer Vorzeit stammende vv zii-nlumlis. Dieses wunderbare Stück katholischer Kirchenmusik läßt bei weitem Alles zurück, was wir ans der Schule des ikten und I7ten Jahrhunderts von italienischen und deutschen Meistern besitzen. Weder Palä- ,oj?mij muz(t .rinr.« /15 5,6 n»mi7b.G ?;z „:jz ,v NNVV! .ttlllZZ! »z g«u « Eine Todtenfeier. Paris, 6. November. 375 strina, noch Orlando Lasso haben in dem ganzen Schatze ihres GenieS etwas Aehn« licheS aufzuweisen. Diese Musik, wegen der ich, so oft ich einen Leichenwagen vor einer Kirche stehen sehe, in letztere hineinschlüpfe, in der Hoffnung, sie zu hören, könnte eher für eine Offenbarung als für ein menschliches Werk gellen. Leider kann man sie nur hören, wenn der Leichenwagen einen mit den Gütern des LebenS gesegnet Gewesenen zur Kirche bringt. Vor einem Jahre ungefähr starb in Paris ein Künstler, der sich durch seine irdischen Leiden längst einen Platz in dem bessern Jenseits erworben hatte: Chopin. Seine zahlreichen Verehrer und Freunve veranstalteten ihm in derselben Magdalenenkirche ein Todtenamt, und da er gewünscht halte, man solle MozartS Requiem über seinem Sarge singen, so hat man diesen frommen Wunsch erfüllt. DaS beste Orchester von Paris, das des ConservatoriumS, führte die unsterb, liche Composition auf, der Trauermarsch einer Sonate von Chopin war instrumentirt worden und erschütterte durch die ahnende Todtenklage, die in ihm liegt, alle Gemüther: als aber zu Ende das furchtbare ve prolmrclig erscholl, da erkannte alle Welt, daß eS eine Kunst gibt, welche, über die unserer Jahrhunderte erhaben, dem Ursprünglichen und Göttlichen näher steht, als das Höchste, was aus den Zeiten der Skepsis hervorgehen kann. Abgesehen von ibrer ursprünglichen Bedeutung hat, diese Feier in unserer jetzigen zerrütteten Zeit noch eine andere: die allgemeine Theilnahme, welche der Tod der Herzogin von Angouleme gefunden hat, ist ein Beweis, daß man die Märtyrer der Revolution zu entschädigen sucht. Aehnliche Feierlichkeiten finden auch in andern Kirchen statt, und als man vorgestern in Versailles ein Todtenamt für die Tochter Ludwigs XVI. hielt, hatte fast die ganze Stadt Trauer angelegt. (Hann. Z.) I,Hv-z'i'^-iS n-.nsif s j' i l? l»-ittm1 chjj »iÄ 6»u ,»t>!M iamT skv'mvA >>j?»KM'?'»T „555z m»iV lao.matiW i»Ä Rußland. Der berühmte Schriftsteller Gras Maistre wies schon im Jahre 1812 bei Widerlegung einer Schrift des russischen Erzbischofs von Twer, welche unter dem Schutze der heiligen Synode erschienen war, nach, daß diese Schrift im protestantischen Geiste abgefaßt sey, und daß der unterrichtete und gebildete Theil der russischen Geistlichkeit ganz denselben Weg verfolge. Maistre fügte hinzu, es beginne in Rußland das löte Jahrhundert, das Jahrhundert Luthers, es werde sich dort rasch entwickeln und im russischen Reiche, wie überall, die religiöse Gesellschaft umstürzen, darauf werde als nothwendige Folge der Umsturz der bürgerlichen Gesellschaft folgen. Er bemerkte dabei, die für die Gesellschaft so verderbliche Irrlehre werde in Rußland unter einer andern Gestalt und durch ein anderes Thor eintreten, nämlich in der Gestalt der neuern Philosophie und durch die Pforte deS Unterrichts, welche man den höhern und mittlern Classen ertheile. DaS Volk sey schon lange eine Beute der lächerlichsten Irrlehren und des abscheulichsten Aberglaubens. Gegen dieses Uebel, welches er den Staatsmännern, welche des Vertrauens deS Kaisers sich erfreuten, anzeigte, glaubte Maistre, habe Rußland in sich kein wirksames Gegenmittel, ein solches sey nur in der kathol. Kirche zu finden. Diesen Beweis wiederholte Maistre i8l9 in einer Abhandlung über den Zustand des Christenthums in Europa, welche erst ganz kürzlich veröffentlicht wurde. Jetzt fühlt man in Rußland die Richtigkeit der genannten Voraussagung, aber die ergriffenen Maaßregeln werden der Weiterverbreitung deS Uebels wohl keinen Einhalt thun können. Der Kaiser Nikolaus hat nämlich in seinen Staaten die philosophischen Fakultäten abgeschafft, und den Unterricht in der Philosophie, welcher auf Logik und Psychologie beschränkt ist, ausschließlich den russischen Geistlichen übertragen. Ist aber die Geistlichkeit, wie Maistre nachwies, selbst vom Irrthum angesteckt, wie könnte sie dann wohl daö leisten, was man von ihr erwartet? (M. Sbl.) 376 Mailand. Die Verwendung der barmherzigen Schwestern im großen Civilspital hier hat nicht nur auf die Krankenpflege den wohlthätigsten Einfluß geübt, sondern auch in ökonomischer Hinsicht die erfreulichste» Resultate geliefert. — Ohne des Um- standeS weiter zu gedenken, daß die ehrwürdigen Schwestern freiwillig auf den jeder Einzelnen für Kleidung zugewiesenen Jahresbeitrag von 100 Lire verzichteten, hat eS sich auch herausgestellt, daß, seitdem sie die Verwaltung der Küche übernahmen, diese nicht nur weit besser bestellt war, sondern daß auch in einem Jahre mir 122 Malter Kohlen gegen den alljährlichen frühern Durchschnittsverbrauch von 344 Maltern Kohlen verbrannt wurden. Am Brennöl belief sich der jährliche Durchschnittsverbrauch früher auf 222 Pfuud, unter der Leitung der Schwestern wurden nur 157 Pfund gebraucht; an Brod wurden im laufenden Jahre 259 Pfund erspart; an Blutegeln, die sonst nach einmaliger Verwendung weggeworfen, von den Schwestern aber durch zweckmäßige Behandlung zur wiederholten Verwendung vollkommen geeignet erhalten wurden, sind 178,841 Stück in der Zeit von vier Jahren und vier Monaten erspart worden, waö einer Geldölonomie von 28,292 Lire gleichkommt zc. :c. (Wien. Z.) ^ ^ _ ,:.!>>-j',>i,!!!'il D7i>i'M IN Lyon. Der hochwürdigste Bischof de Samarie, apostolischer Vicar von Natal (im mittäglichen Afrika), befindet sich gegenwärtig in Lyon. Dieser Prälat gehört der Gesellschaft der Oblaten in Marseille an, einer Bruderschaft, die der Bischof dieser Stadt stiftete, und die sich fremden Missionen widmet. P. Laverlochere, der Apostel der Wilden am Eismeere, ist ein Mitglied dieser Gesellschaft. Der Bischof de Samarie schickt sich an, eine Kolonie evangelischer Arbeiter mit sich zu führen, um das Licht deS Evangeliums und die Wohlthaten der Civilisation den um den kafrischen Meerbusen zerstreuten wilden Völkerschaften zu bringen. ni?t«riiwo,q nii ZmckZ (>»->! ,^»n »mvOn s?vnnI tt»gi!i,H?>a »HuidI Jngolftadt. Jngolstadt, 10. Nov. Am 26. October wurde hier die ehrwürdige Lieb- frauenkrche vom hochwürdigsten Herrn Bischöfe von Eichstädt neu eingeweiht und dem Gottesdienste wiedergegeben, nachdem sie gegen vierthalb Jahre geschlossen war. Die in dem letzten Jahrhunderte herrschende Geschmacklosigkeit hatte auch in diesem Heiligthume Veränderungen vergenommcn, die jene vom trefflichen Meister Heinrich Schnelmüller dem Baue eingehauchte prachtvolle harmonische Einfachheit ganz zerstört hatten. Dem tüchtigen Pfarrer Herrn Angermaier und einer energischen Kirchenverwaltung ist die herrliche Restauration gelungen, welche das Denkmal Herzogs Ludwigs deS Gebarteten dem Ruine entriß und in seiner alten Reinheit wieder herstellte. Der ConsecrationSact dauerte von 7 bis 10 Uhr; Alles war bewegt und erschüttert von dem Eindrucke, welchen das Gotteshaus auf die Versammlung machte. Nach dem Consecrationsacte ward von der obern Franciscanerkirchc das heilige Sacrament processionaliter in die Liebfrauenkirche übertragen, ein langer, reicher, majestätischer Zug, gebildet von der Schuljugend, einem von Jungfrauen getragenen MuttergotteS- bilde, von allen Innungen mit ihren Fahnen, von den Arbeitern, die beim Werke thätig waren, vom KleruS und einer großen Volksmenge. Ein siebzigstimmiger Männerchor begrüßte das Sacrament beim Einzüge, und begleitete das Pomifical- amt, so daß eine Menge von Eindrücken in den Gemüthern hervorgebracht wurden, die lange dauern werden. Mit anerkennenswerther Pietät hatte man auch das Grab deS alten Meisters Herrn Schnelmüller bekränzt, und Keiner wohl verließ das Gotteshaus, der nicht mit dankbarer Erinnerung seiner gedacht hätte. (K.Bl. a. Fr.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F> C. Kremer. Eilfter Fahrgang. F ^ /?M^> » ^ M° ^ >. onntags-Beiblatt mi^jiul Ni .iA ,n^l:icftt(l!i chü'Usg zur ^ ^...... ,,, ^. « ^ »^ ^ Augsburger Psjtzntung. 3«. November !>>>Z«Z! ll! 7LV>> (lllll -.—. ^8. 1851. II zm lnI ^"ij^v Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonuementsprei« kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Ein Wort über den Londoner Glaspalast. Unter dieser Aufschrift enthält die Nr. 234 und 235 der deutschen Volkshalle einen Aufsatz von A. ReichenSperger, welcher über die Kunst und insbesondere über die christliche und kirchliche Kunst so wahre Anschauungen und treffende Urtheile enthält, daß wir unS veranlaßt sehen, die Hauptstellen daraus unsern Lesern mitzutheilen, ohne daß wir fürchten dürfen, dadurch von der Tendenz des Sonntagsbei- blatteS uns entfernt zu haben. Recht klar leuchtet namentlich daraus hervor, daß der neuern Kunst der christliche Geist zumeist entschwunden, ja daß wir, um christliche Kunst zu pflegen und zu fördern, zum löten Jahrhundert zurückkehren und auf der Höhe des damaligen Standpuncts der Kunst weiter fortbauen müssen, um den Entartungen derselben auszuweichen und in ihr vor dem Rückfall ins Heidenthum sicher zu seyn. Nachdem der Verfasser von dem neuen Parlamentshause Einiges angemerkt, fährt er wie folgt fort: „Wenig Schritte vom Parlamentshause entfernt liegt Westminster, jetzt daS Pantheon brittischen Rühmet Acußerlich erregt der Bau keine übergroße Erwartungen. Er ist so vielfach und so schlecht „restaurirt" worden, daß kaum noch ein Stück der alten Kirche an'S Licht tritt. Bei unS in Deutschland hätte man Zopf an die Stelle deS Alten gesetzt; in England, wo die gothische Baukunst nie ganz auS- gestorben ist, stellte man das Alte en dloe her, freilich so roh und abgewaschen wie möglich, aber immer doch noch den ursprünglichen Hauptformen zur Noth entsprechend. AlleS Durchbrochene, Zierliche, namentlich alles Statuarische wurde natürlich ohne Gnade und Barmherzigkeit geopfert. Die weltberühmte Abtei steht nun, wenn der etwas triviale, aber hier durchaus bezeichnende Vergleich gestattet ist, wie ein gerupfter Hahn da. Seit Kurzem ist der Erbauer der Hamburger Nicolaikirche, Herr G. G. Scott, als Architect deS WestminstercapitelS angestellt worden, wodurch sich dem Bauwerke eine bessere Zukunft eröffnet. Schon zeigen sich vielfach Spuren seiner lobenSwerthen Thätigkeit. Herr Scott gehört zu den talentvollsten un!? beschäftigtsten Wiederherstellern der christlichen Baukunst in England, falls ihm nicht vor Allen der Vorrang gebührt. Seine Bauten sind meist im frühgothischen Style (f. g. earlf onZIisk) ausgeführt und zeichnen sich besonders durch körnige Kraft aus. Eines seiner neuesten Werke, das Kollegium zu Brighton, ist ein wahres Muster jenes StyIS, wie wir ihn zu Orford und Cambridge in reichster Entfaltung sehen. Herr Scott baut die Nicolaikirche zu Hamburg in Folge einer Concurrcnz, in welcher die deutschen Archi- tecten eS natürlich unter ihrer Würde gefunden haben, mit Plänen im christlichen Style hervorzutreten. — DaS Innere von Westminster macht einen wahrhast erschütternden Eindruck; eS ist ein Gemisch alter Herrlichkeit und traurigen Verfalles; die .vnvtziM^ nMiN gottbegeisterte Idee und der von Gott abgefallene revolutionäre Fanatismus haben ihr Siegel hier aufgedrückt. Zum Glücke ist wenigstens das allerherabwürdigendste Werkzeug des VandaliSmus, die Tun cherqu aste, noch ferne geblieben, die historische Farbe der Mauern ist nicht weiß oder gelblich überpinselt, wie eS in unserm lieben Deutschland der Schönheitssinn der Architecten und der Kirchenvorstände allemal gebieterisch erfordert. Das Widerwärtigste sind die im pseudoantiken und im Perrückenstyl ausgeführten Monumente berühmter Engländer, die sich in ihren theatralischen Stellungen und Costümen an den Wänden herum spreizen. In der frostigen Pauls kirche mag die classische Unnatur mit ihrem mythologischen Apparate noch hingehen; in Westminster sind eS die schreiendsten Mißtöne. AIS ich in das Innere trat, fand gerade Gottesdienst statt, und ich war nicht wenig verwundert, altkatholischen, gregorianischen Chorgesang zu vernehmen und zwar in einer Weise ausgeführt, wie sie manchen römisch-katholischen Cathedralen als Muster dienen könnte. Mehrere Partien des ChoralgesangeS, wie z. B. Responsorien und Litaneien, wurden vierstimmig in jener Weise vorgetragen. Von dem altergrauen Baue begab ich mich durch das frische, lachende Grün dreier Parke zu der bewimpelten Arche des neuesten Bundes der Nationen hin. Die äußere Erscheinung des AusstellungsgebäudeS konnte, wenn auch ein gewisses Erstaunen, so doch nicht meine Bewunderung erregen. Ein Treibhaus führte bekanntlich dem Erbauer die erste Idee zu und so hat er denn auch eben nur ein Treibhaus von kolossalen Dimensionen hier aufgeführt. Da ist nichts Geniales, oder auch nur Originelles, keinerlei malerische Wirkung, nicht Eine Form, die der Ausdruck irgend einer künstlerischen Anschauung wäre; lediglich von Zweckmäßigkeitsrücksichten geleitet hat man über ein terrassenförmig aufsteigendes, gußeisernes Gerippe ein (ölaszelt gespannt, daS so und so viel tausend Quadratfuß Land vor Wind und Nässe schützt. Nur daS Querschiff bringt eine Art von Bewegung in die Anlage; allein daS hier so nahe liegende Motiv der Ueberkuppelung des DurchschnittSfeldeS, wodurch diese Bewegung einen Culminationspunct gefunden haben würde, hat man wieder verschmäht. — ES verdient übrigens daS AUeö keinen Tadel, wenn der Satz wahr ist, daß die äußere Erscheinung eines Bauwerkes seinem Inhalte und seiner Bestimmung möglichst zu entsprechen hat. Unsere Industrie, deren Schätze unter diesem Zelte geborgen werden sollten, ist eben eine Treibhauspflanze, und von eigentlicher Kunst, im Ganzen betrachtet, eben so wenig in ihr zu verspüren, wie in der Architcctur des „Krystallpalastes". — Das Maschinenwesen und daS Nützlichkeitsgewerbe, im engsten Sinne, das und nur das ist es, was dem civilisirten Europa in diesem Palaste zum Ruhme gereicht; in Allem, waS die Industrie dagegen Künstlerisches in sich beschließt, steht eS weit hinter den Barbaren zurück. Aber auch dort, wo die Kunst selbstständig auftritt, ist eS nicht besser um sie bestellt. Den untersten Rang nehmen die Skulpturen ein, welche Englands Künstler geliefert haben. Der vorzüglichste Reiz, den sie besitzen, liegt zumeist in der stark zur Schau getragenen Nudität oder in irgend einer die Lüsternheit weckenden Attitüde; im Uebrigen sind fast alle diese „Kunstwerke" ein unvergohrenes Gemenge von Modell und Antike, von platter Nachahmung und geschraubter Reflexion, von Matlherzigkeit und Aufgeblasenheit. Die durch Lord Elgin in Athen zusammengeplünderten, im brittischen Museum aufgeschichteten Marmorbilder und Parthenon haben wahrlich keine Wunder gewirkt! Die blauäugige Pallas-Athene scheint sich vielmehr die brittischen Künstler als Werkzeuge ihre Rache für den geübten frechen Tempelraub ausersehen zu haben. Sie hat die Geister aus ihrer Heimat hinwegverlockt, aber nicht nach Hellas hinüber, sondern in die Wüste, wo keinerlei Leben mehr quillt und grünt. Die christlichen, die nationalen Traditionen hat man übermüthig von sich gestoßen, damit aber noch lange kein Helenenthum sich zu eigen gemacht; die eigenen Hirngespinnste sind an die Stelle deö festen Wurzelbodens getreten. Dieses in der Luft Hängen charakteri- sirt in der That die heutige Kunstproduction, selbst ihre ausgezeichneteren Schöpfungen. Wo ist z. B. eine Faser zu finden, welche den Löwenkampf der Amazone von Kiß 379 (ein Haupischmuck der Ausstellung) mit Berlin und den Berlinern, oder auch mit Deutschland und seinem nationalen Leben, irgend in Zusammenhang brächte? Es ist eben nur ein mit enormem Auswande von geistiger und materieller Kraft zu Stande gebrachtes Schaustück, an dem kein höherer Sinn gebildet werden kann, als der Formensinn. Ganz so verhält eS sich im besten Falle mit all' den nackten Göttern, Halbgöttern. Heroen, Musen und Grazien auö GypS oder Marmor, die da zwischen den Calicots, den Messern und Scheeren aus Sheffield, den Knöpfen auS Birmingham, westindischen Teppichen, Pflügen und Säemaschinen Platz genommen haben. Alle jene Statuen und Gruppen, welche daS griechische Alterthum unS hinterlassen hat, und die wir mit vollem Recht bewundern, sie haben Theile eines großen, nicht bloß architektonischen, sondern lebendigen Ganzen, eineS Organismus, gebildet, dessen Blut gleichsam in ihnen pulsirtz sie redeten nicht bloß zu den Sinnen der Beschauer; sie verkörperten vielmehr Alles, was dem Volke von seinem Jdeenschatze daS Höchste und Theuerste war. Unsere heutige Kunst wird daher auch nicht eher gesunden, sie wird nicht eher aufhören, eine todte Sprache unarticulirt zu stammeln, als bis sie sich wieder von demjenigen Geiste inspiriren läßt, welcher, auö der Quelle der göttlichen Offenbarung strömend, nimmer versiegt und allein die Völker vor Fäulniß bewahren kann. Auch hiesür liefert uns die Ausstellung Belege. Ein besonderes Local, über dessen Eingang die Aufschrift: ÄlecZievsI Lourt, schon seine Bestimmung bezeichnet, ist von Pugin, dem berühmten Vorfechter der christlichen Kunstrichtung, ausschließlich mit Werken mittelalterlichen StyleS ausgestattet worden. Hier sieht man einen vollständigen Altar, nebst allem Zubehör, Bildwerke, Leuchter, Teppiche, Betstühle, Kronleuchter, Stickereien aller Art, gemusterte Fußböden, sodann aber auch HauSmobilien, z. B. einen wahrhaft großartigen Cre- denztisch (Büffet), einen Porzellanofen mit Gitterwerk umgeben, Becken aus Metall ic., alles auf die gediegenste Weise gearbeitet und ein festes scharfes Gepräge an sich tragend. Kein Stück zeigt ein bloß mechanisches Copiren alter Muster; eS ist vielmehr eine geistige Geburt offenbar dem Wirken der Hand vorhergegangen, eine Durchdringung mit jenen Principien, in welchen die Größe und Herrlichkeit der mittelalterlichen Kunst und selbst ihre Technik wurzelt. Alles gehorcht einem gewissen Bildungsgesetze mathematischer Natur, welches in unendlichem Formenwechsel zur Erscheinung kommt, während in der Behandlung deS Stoffes stets das Streben nach Echtheit und Wahrheit durchwaltet. Die meisten der hier ausgestellten Gegenstände gingen aus der großartigen Werkstätte des Herrn Hardman zu Birmingham hervor, welche mehrere hundert Arbeiter beschäftigt und u. A. Vieles für die innere Einrichtung des neuen Parlamentshauses, namentlich die kunstreicheren Metallarbeiten geliefert hat. Mitten unter dem Maschinengepolter Birminghams, diesem Wettrennen nach möglichst wohlfeiler und folgeweise nach möglichst unsolider Fabrikation, hat in solcher Art die vöhere Kunst eine Stätte gefunden, von welcher bereits eine förmliche Restauration, insbesondere auf dem kirchlichen Kunstgebicte ausgegangen ist. Der bereits erwähnte Architect Welby Pugin fertigt vorzugsweise die Musterzeichnungcn an. Außer Holz- und Metallgeräthen liefert Herr Hardman auch Glasmalereien und zwar von vorzüglicher Qualität, wie die Ausstellung zeigt. Eine ganze Reihe von Farbenfenstern in den obern Galerien gestattet eine Vergleichung der verschiedenen Hervorbringung in diesem Kunstzweige. Durchgängig sind die im romantischen Styl (auf dunkelblauem Grunde arabeskenartige Laubverzierungen mit Gruppen von kleinen Figuren in Medaillons) ausgeführten die besseren, weil hier der Anschluß an daS Alte am leichtesten ist. Die Franzosen Gerente, Thibaut-Dallet Hermanotvska, Thevenot, Marechal u. A. können sich in dieser Gattung neben den Engländern GibbS, Chance, Gibson und Wailes schon ganz gut sehen lassen; im gothischen Styl hingegen überragt Hardman Alle weit. Seine Farbensenster bleiben vor Allem Fenster, d. h. sie lassen das Licht möglichst durchscheinen; die Bilder sind für das GlaS gedacht, musivisch behandelt und haben nichts mit der Manier der Porzellan- und Oelmalerei gemein, noch auch mit jenen ganz unkünstlerischen bloßen Zusamm-nstel- > .W lungen bunter Glasscheiben, wie sie sich zu einem AuShängeschilde für Glasermeister ganz gut eignen mögen, keineswegs aber für Kirchen, so viele auch schon sich diese Verunstaltung als Zierde haben bieten lassen müssen. Einen der bestrittensten Puncte in der Glasmalerei bildet die Frage, wie weit die mittelalterliche Darstellungsweise aus der Natur der Sache entsprungen ist und wie weit sie konventionell durch Zufälligkeiten bedingt war, mithin als der individuellen Freiheit anheimgegeben zu betrach, ten ist. In der Ausstellung zeigt sich vielfach ein unsicheres Schwanken zwischen Alt und Neu; von den Franzosen ist z. B. Marechal aus Metz zu wenig, Gerente aus Paris zu sehr Archaist; Ersterer modellirt zu viel, bei Letzterem artet dagegen das Typische in Manier a»S. Ein wahres Musterbild von Glasmalerei, wie sie nicht seyn soll, hat ein gewisser Vertini aus Mailand ausgestellt — ein riesiges auf Dante bezügliches Fenster. Hier treten alle Bildungen aus daS Entschiedenste aus der Fläche hervor, tiefe Schatten lagern sich neben ganz hellen Partien, kurz, der Staffelei- maler hat seine Palette, seine Perspektive, seine Effecte, seine ganze Handthierung Hier mitgebracht", und vergessen, daß die undurchsichtige Leinwand, die wesentliche Vorbedingung seiner VehandlungSweise, ihm fehle. Auch nicht entfernt gibt sich daS Bestreben zu erkennen, etwas dem Material, der Natur und dem Zweck einer GlaS- tafel Entsprechendes, etwas Concretes zu liefern. Leider scheint die Münchener Anstalt, welche übrigens in der Ausstellung gar nicht repräsentirt ist, einigermaßen nach dieser Richtung hinzuneigen, welche überdicß noch die praktische Jnconvenienz hat, die Sache sehr zu vertheuern, während die ächte, mehr musivische Behandlung eS ermöglicht, den unsern Kirchen fast unentbehrlichen Schmuck, wie einst im Mittelalter, handwerksmäßig durch „Glaswirker" ausführen zu lassen. (Schluß folgt.) Bater Math-W. (Aus dem ^.wi ä«z la keligion.) Der Mäßigkeitsapostel ist nach New-York zurückgekehrt, nachdem er zwei und ein halbes Jahr dazu verwendet hatte, die Vereinigten Staaten und Kanada zu durchwandern, um daselbst das Volk zur Mäßigkeit zu bekehren. Noch im Laufe deS Novembers wird er nach Irland zurückreisen; daher sind auch die letzten Tage seines Aufenthaltes in Amerika mehr als je mit Geschäften ausgefüllt, und die Saumseligen oder die Unentschiedenen wollen die Gelegenheit noch benutzen, das Mäßigkeitsgelübde in die Hände des Missionärs abzulegen. Sonntags den 42. October nahm Vater Mathew das Gelübde in der Kathedrale in New-Uork nach dem Amte, dann nach der Vesper bis tief in den Abend hinein einem gedrängten Zulaufe von Verlangenden ab. Vor der Ceremonie richtete er folgende Worte an die Umstehenden: „Nicht als ein Heilmittel gegen die Unmäßigkeit laß ich euch die Verpflichtung auf euch nehmen, nicht mehr zu trinken, sondern als ein VorbeugungSmittel gegen die Trunkenheit; denn einem Uebel zuvorkommen ist mehr werth, als dasselbe heilen. Begreifet daraus, meine theuren Brüder, daß ich mich nicht blos an die Trunkenbolde wende, sondern eben so an Diejenigen, die nie dem fatalen Einflüsse geistiger Getränke unterlegen sind. Die Mäßigkeit ist die älteste Einrichtung der Schöpfung, und ich kann sagen, deß die erste Mäßigkeitsgesellschast durch den Allmächtigen selbst im irdischen Paradiese gegründet wurde. Gott schuf unsere ersten Eltern nüchtern, und gab ihnen kein berauschendes Getränke; er gab ihnen daS Wasser der Lebensquelle. Glaubet mir, meine theuren Brüder, eS ist kein für ein vernünftiges Wesen und einen Christen würdiger Genuß, wenn er nicht erreicht werden könnte, ohne daß man zu Wein »der v!u5kv (irländischem Branntwein) seine Zuflucht nähme. Kein Mensch ist betrunken auf die Welt gekommen, kein Mensch ist von Gott oder von der Natur bestimmt, betrunken zu werden. Und doch haben wir Betrunkene auf der ganzen Welt gesehen. Wir haben den Betrunkenen gesehen, hingerissen in die tiefsten Ab, gründe des Elendes; durch seine Leidenschaft ist er unter den Streichen des Gesetzes 381 gefallen, und doch war er ein unschuldiges Kind gewesen, und so rein von jedem Fehler, als der reinste in dieser Versammlung. Die Enthaltsamkeit von jedem gegoh- renen Getränke ist also für einen Jeden auS euch als ein Schutzmittel nothwendig. Der Mensch allein, der sich die Hand auf daS Herz legen und sagen kann, oaß er nie ein so heruntergebrachtes Wesen seyn wird, welches man einen Betrunkenen nennt, ist derjenige, der Hieher kommt, daS ?Ieäge (Unterpfand) zu nehmen. Der Gebrauch der gegohrenen Getränke ist eS, der die Bettelhaftigkeit und daS Verbrechen verursacht; trinket keine derselben und ihr werdet euch viel Elend ersparen. Wenn ich, ungeachtet meiner Schwäche, zu euch komme, so ist eS, um euch zu retten, mit Gottes Hilfe, von dem beklagenswerthesten der Unglücke. Vierzehn Jahre sind verflossen, seit ich daS erstemal daS reine und makellose Banner der Mäßigkeit in meinem Irland erhoben habe. Ich bin nur mehr ein Ueberrest deS Pater Mathew von einst. Indessen, ich betrübe mich nicht, ja ich sage vielmehr, ich preise mich der Schwäche wegen, die mir zum Loose geworden ist im Dienste meines göttlichen Meisters. DaS irische Volk, daS unglücklicherweise den starken Gebräuen ergeben, ist zu Tarsenden herbeigeeilt, sich unter die Fahne der Mäßigkeit einrolliren zu lassen, und nach fünf Jahren des PredigenS habe ich fünf Millionen meiner vielgeliebten LandS- leute unter den Gliedern unseres Vereines zählen können. Dann zeigte sich eine wunderbare Umwandlung. Die Gefängnisse entvölkerten sich, und der größte Kerker konnte geschlossen werden. Der Teufel der Betrunkenheit war auS Irland verbannt, und eS wurde neuerdings die Insel der Heiligen. Aber eS schmerzt mich, zusagen, daß bei der Auswanderung nach Amerika viele von euch ihren Schwur indirect verletzt haben; sie haben ärztliche Verordnungen erhalten, und viele Jrländer, wenn sie ihren väterlichen Boden verlassen, glauben, daß sie die Strapazen der Reise ohne starke Getränke nicht ertragen könnten. Aber ach, wie viele unter ihnen haben fortgefahren, davon zu trinken nach ihrer Ankunft, und bis zu ihrem gänzlichen Untergange! Um dieses große Uebel zu bessern, bin ich, ungeachtet meiner schwachen Gesundheit, unter euch, meine theuren Brüder, und ich weiß, daß ihr euch Alle einschreiben werdet unter meine Fahne. Seit meiner Ankunft in Amerika habe ich mehr als 500,000 Personen zur Mäßigkeit bekehrt, und ich habe daS Vertrauen, daß auch ihr, indem ihr diese Tugend zu beobachten schwörr, eurem Versprechen getreu seyn werdet. Verlasset euch in der Sorge, euch die Versuchungen zu ersparen, auf die göttliche Hilfe, und glaubet mir, der Allmächtige hat denjenigen nie seine Hilfe versagt, die ihre bittenden Hände gegen ihn ausstreckten. Ich werde alle Tage dieser Woche bereit seyn, euch zu empfangen, um euch in meinen Verein einzuschreiben, und jetzt mögen diejenigen, die mäßig seyn wollen, vortreten." Auf diese Worte stürzte sich eine gedrängte Menge von Männern, Frauen und Kindern gegen den Communiontisch: Väter tragen ihre Kinder über ihrem Kopfe, Mütter bringen ihre Säuglinge, und wollen auch sie in die unzählbare Cohorte der Wassertrinker eintragen. Vater Mathew läßt die erste Reihe auf den Chorstufen niederknien, läßt sie folgende Verpflichtung nachsprechen, die er feierlich vorspricht: „Ich verspreche, mit dem Beistande GotteS, mich jedes berauschenden LiqueurS zu enthalten mit Inbegriff der Herzstärkungen, des BiereS und CiderS, und, so viel möglich, durch mein Beispiel die Unmäßigkeit bei Andern zu verhindern." Jede Gruppe der Verlangenden geht dann in die Sakristei, wo in dem großen Mäßigkeitsbuche durch Pater MathewS Secretäre die Namen einregistrirt, und den Bekehrten kleine Medaillen ausgetheilt werden. Der ehrwürdige Priester, der so sein Leben zum Besten der Menschheit angewendet hat, ist wahrlich ein großer Mann. Er leidet gegenwärtig unter dem Anfange einer Lähmung, und seine Tage auf der Erde können gezählt werden; aber sein Name wird in der entferntesten Nachwelt fortleben, und sein Platz ist im Himmel unter den Heiligen bezeichnet. WaS wir in Vater Mathew lieben, ist der glühende und uner- > müdliche Eifer, im Vereine mit einer kindlichen Einfalt, bewunderungswerthen Bescheidenheit und englischen Frömmigkeit. 38S Eine Stadt, welche der Mäßigkeitsapostel durchzog, ist vom Grunde bis zum Gipfel erneuert, und seit langer Zeit hört man dort nicht mehr von Zänkereien und Verbrechen reden. Ein Bischof deS Westens der Vereinigten Staaten sagte vor einigen Tagen, daß er das Glück gehabt habe, Vater Mathew während einer Woche in seiner bischöflichen Stadt zu haben. Vor seiner Ankunft verging kein Tag, an welchem nicht irgend eine Frau kam, eine Quetschung oder einen gebrochenen Arm zu zeigen, und die Ausgelassenheit ihres Mannes zu beklagen. Zuweilen war eS auch der Mann, der sich über die üble Aufführung seiner Frau zu beklagen kam, und das Leben deS Prälaten verfloß in Versuchen der Ausgleichung und Versöhnung zwischen Schlagenden und Geschlagenen. Seit dem Durchzuge deS Missionärs sind drei Monate verflossen, ohne daß sich Eine Streitigkeit in den Haushaltungen der guten, zur Mäßigkeit bekehrten Jrländer erhoben hätte. Die Betrunkenheit dnrch den Wein ist beinahe noch Nüchternheit, in Vergleich mit den fürchterlichen Wirkungen deS verabscheuungSwürdigen nnisl^. Unter seinem fatalen Einfluß wird der Mensch zum wilden Thiere; er anerkennt Frau und Kind nicht mehr, und der unersättliche Durst verlangt immer nach neuem Getränke bis zum Augenblicke, wo er gefühllos und betrunken wie todt hinsinkt. ES ist eine große Ehre für den Katholicismus, identificirt zu seyn mit diesem Kreuzzuge gegen das Laster der Unmäßigkeit. Eine große Zahl Protestanten nehmen auch den „plsclße", deßwegen drängen sie sich in unsere Kirchen, knien sich zu den Füßen des Pater Mathew hin, in seine Hände wollen sie ihr Versprechen ablegen, und bisweilen folgt auf dieß Vertrauen eine gänzliche Bekehrung. Wenn der Apostel abwesend ist, geht der Protestant, der sein Betragen ändern will, nicht hin, seinen Pastor aufzusuchen; der ehrliche Mann im schwarzen Kleide erscheint ihm nicht mit einem heiligen Charakter bekleidet, sondern er wird an die Thüre deS katholischen Priesters klopfen, und wird sich gegen sein Gewissen und gegen Gott mehr verpflichtet glauben, wenn ihm der Missionär sein Gelübde der Enthaltsamkeit und Nüchternheit abnimmt. Die politische Welt anerkennt die hohe Wichtigkeit der durch Pater Mathew gepredigten Reform für die öffentliche Sittlichkeit und Ruhe: die Popularität deS würdigen Priesters ist in Amerika ungeheuer, und auf das Wort von Heinrich Clay, deS ausgezeichnetsten Staatsmannes der Vereinigten Staaten, hat sich eine nationale Subscription organisirt, um den Mäßigkeitsapostel für seine Verluste schadlos zu halten, und um ihn vor der Noth in seinen letzten, durch ruhmvolle Krankheiten verkümmerten Iahren sicher zu stellen. Ein Blick auf Schottland. Vor Kurzem wurde zu Aberdeen in Schottland eine Versammlung von angesehenen Protestanten gehalten zur Förderung eines Plans, wonach 3 —4W,l)l)t1 Pfd. durch freiwillige Beiträge ausgebracht und zur Erbauung und Dotation neuer protestantischer Kirchen in Schottland verwendet werden sollen. Der bekannte Graf von Aberdeen führte den Vorsitz und eröffnete die Versammlung mit einer Rede, in welcher uns einige Stellen der Mittheilung werth scheinen, da sie einmal den sittlichen Zustand von Schottland aufhellen, andererseits auch einen erfreulichen Beweis liesern, mit welcher Unumwundenheit und Entschiedenheit sich emer der größten englischen Staatsmänner als Christen bekennt. „Die erste Frage, sagt der Graf, welche ich mir vorlege, ist die, ob der Zustand deS Volks eine solche Maaßregel nöthig macht. Ohne sehr inS Einzelne ein- zugehen, glaube ich, daß die Erwähnung einiger Thatsachen Sie überzeugen wird, daß dieses wirklich der Fall ist, und daß eS aus manchen Gründen unsere Pflicht ist und in unserm Interesse liegt/ diesen Plan zu unterstützen. Man wird mich nicht beschuldigen können, daß ich übertreibe oder mich durch Parteilichkeit verblenden lasse, wenn ich sage, daß Schottland eine lange Reihe von Jahren hindurch sich unter den 383 Nationen von Europa durch die moralische, religiöse und intellektuelle Bildung seines Volkes ausgezeichnet hat. Dieß ist allgemein anerkannt; aber können wir sagen, daß eS sich auch jetzt noch so verhält? Ich furchte sehr, wir haben jetzt keinen Anspruch mehr auf einen solchen Ruf und zehren nur noch von unserm frühern Ruhme. Zwar hat die Bevölkerung unseres Landes und seine materielle Wohlfahrt und Macht bedeutend zugenommen; aber, mit Schmerz muß ich es sagen, die Verbrechen haben in einem viel größern Maaße zugenommen als die Bevölkerung. Nach einer Berechnung, die man kürzlich in Edinburgh und Glasgow angestellt hat, gibt eS allein in diesen beiden Städten nicht weniger als 150,000 Menschen, welche leben, ohne irgend einem christlichen Bekenntnisse anzugehören. In unsern andern volkreichen Städten und Gemeinden ist eS wahrscheinlich nicht anders, und man glaubt, daß mehr als 500.000 der Bewohner unseres Vaterlandes ganz ohne Gott leben. DaS kann Jeden, der eS mit dem Lande gut meint, nur tief betrüben. Ich glaube nicht, daß der Zunahme der Verbrechen durch strenge Gesetze und Strafen mit Erfolg entgegengewirkt werden kann; das Heilmittel ist anderswo zu suchen. — Ferner erinnere ich mich, daß in verletzten Parlamentssession einer meiner Freunde im Oberhause eine Behauptung aufstellte, welche mir damals ganz unglaublich vorkam. Der Herzog von Argyll sagte, bloß in Schottland würden jährlich sieben Millionen Gallonen Branntwein verbraucht, so daß auf jeden Schotten, Weiber und Kinder mit eingerechnet, mehr als drei Gallonen kommen. Da man die Richtigkeit der Angabe bezweifelte, sah man amtliche Actenstücke nach, und eS ergab sich, daß mein edler Freund ganz recht hatte. Rechnet man nun noch die ab, welche keinen Branntwein trinken, so ergibt sich ein Grad von Unmäßigkeit, wie er, glaube ich, in keinem civilisirten Lande je vorgekommen ist. Und ich brauche Sie nicht daran zu erinnern, daß dieses schändliche Laster die furchtbare Quelle von Verbreche» und Schandthaten ist. Dieser Zustand bietet für den Freund des Landes keinen erfreulichen Anblick dar. Aber dieß ist nicht das Schlimmste. Viele leben, ohne an Religionsübungen Theil zu nehmen und einer Konfession anzugehören; das ist beklagenswert!), aber nicht daS Schlimmste: jüngst hat man systematisch und mit teuflischer Thätigkeit unsittliche und irreligiöse Schriften unter dem Volke ausgestreut, und dadurch nicht allein Gleichgiltigkeit gegen die religiösen Uebungen und gegen die heiligsten Wahrheiten, sondern Unglauben und Gottlosigkeit verbreitet. Ohne Zweifel ist die Hebung dieser Uebel enge verbunden mit der Verbesserung deS Unterrichtswesens. Darüber will ich nicht mehr sagen, als dieß: die Vortheile des weltlichen Unterrichts schlage ich nicht gering an, aber wenn man daS Herz rühren will, und daS muß geschehen, so ist die Mitwirkung der Religion unentbehrlich. (Beifall.)... Außerdem müssen Kirchen gebaut und fromme, gläubige und liebevolle Geistliche angestellt werden: nur so können wir eine Hebung der Uebel, welche ich beschrieben habe, erwarten." Die Rede schließt mit folgenden Sätzen: „Ich setze voraus, daß die, zu welchen ich rede, Mitglieder der schottischen Kirche oder für die Interessen derselben günstig gestimmt sind. Ich spreche aber nicht von erclusivcm oder konfessionellem Ge- sichtSpuncte aus. Unser Werk ist ein wahrhaft katholisches, und ein solches, zu welchem alle Konfessionen mitwirken können. Ich freue mich, daß die SlaatSkirche zuerst diese Aufgabe zu lösen versucht; aber ich werde Jedem von Herzen Gottes Segen wünschen, welcher an einem so nöthigen und wünschenSwerlhen Werke mit arbeitet. (Beifall.) Jetzt habe ich nur noch ein Wort zu sagen, ich thue eS mit Ehrfurcht und heiliger Scheu. Ich kann diese Versammlung nicht als eine politische oder ökonomische Demonstration ansehen; ihr Zweck ist die Ehre GotteS und daS ewige Wohl unserer Mitmenschen. Die Schrift sagt, daß Rechtschaffenheit eine Nation groß macht. Wir haben uns großer Segnungen zu, erfreuen gehabt, wir sind weit , sehr weit über Verdienst begnadigt. Zeigen wir unsere Dankbarkeit dadurch, daß wir uns bestreben, zu thun, was vor GotteS Angesicht wohlgefällig ist. Wir haben Ihn schon um Seinen Segen angerufen, und wenn wir Sein Werk mit Eifer fortsetzen und eS im Geist der Liebe durchführen, dann werden wir Seinen reichen 384- Segen über uns und unser Vaterland herabrufen: „»Heil dem Volke, dessen Gott t.^» t^.«» tai/i/« DaS Trappistenkloster zu Briquebec. Das in Caen erscheinende Journal „L'Ordre et la Libert6" veröffentlicht einen Artikel über das Trappistenkloster zu Briquebec im Arrondissement von ValogneS woraus wir folgende Stelle auSheben als Beweis der hohen Culturstufe, auf welcher die Anstalten dieses Ordens stehen, und deS wohlthätigen Einflusses, den sie auf ihre ganze Umgebung üben: „Zählet einmal, wenn ihr könnt, die Dienste, welche die verschiedenen Trap- pistenhäuser Frankreich erwiesen haben. Zählet einmal die urbar gemachten Ländereien, Sümpfe, Haiven, welche jetzt mit den herrlichsten Ernten prangen. Zählet die von ihnen gekleideten und genährten Armen, die von ihnen aufgenommenen und gepflegten Kranken, die von ihnen erzogenen, gekleideten und unterrichteten Waisen. Zu Briquebec haben sämmtliche arme Kinder der ganzen Umgegend Aufnahme gefunden und genießen da neben ihrem täglichen Brod zugleich Unterricht im Ackerbau und das Beispiel in allen christlichen Tugenden, die allein im Stande sind, zum guten Bürger zu machen. Alle Freitage kommen mehr als zwei Hundert Arme an die Klosterpforte, um da ihr Brod in Empfang zu nehmen, und nicht Einer geht mit leeren Händen weg. — Ein Trappistenkloster ist ein ganzes Dorf, worin man den verschiedensten Handwerkern begegnet. Neben dem Trappisten Ackerbauer findet man den Trappisten Müller, den Trappisten Zeugschmied, den Trappisten Schuhmacher, Zimmermann, Schreiner, Mechaniker. Und alle diese Männer arbeiten sieben, acht, neun und zehn Stunden deS TageS. Lasset mich eS sagen, was sie seit fünfundzwanzig Jahren zu Briquebec geleistet haben, und ihr werdet sehen, welche Wunder der Glaube, die Liebe zu Gott, und der Wunsch, den Nebenmenschen zu nützen, wirken kann. Der Boden, über welchem das Kloster sich erhebt, war 1824 noch mit Felsen, Dorn« Hecken und Sumpf bedeckt. Selbst zu Pferd wagte man sich nicht dahin wegen der tiefen Schlammpfützen, auf die man bei jedem Schritte stieß. Gegenwärtig sind Felder von hoher Fruchtbarkeit an deren Stelle getreten, die Felsen sind unter den fruchtbaren Boden versenkt und die Sense deS Mähers bewegt sich ungehindert auf den in üppigem Grün prangenden Wiesen, die von jenen frommen OrdenSmännern sind angebauet worden. Geschickt vertheilte Canäle bewahren diesen Matten ihre Frische, während andere unterirdische Canäle, mehr als vier Fuß unter dem Boden, die Wasser der sumpfigen Strecken aufnehmen und sie in ein großes Bassin auSgießen, welches mehrere Mühlen speist. Ich sollte meinen, diese von den guten Trappisten- vätern, und zwar von ihnen allein, unternommenen und ausgeführten Arbeiten seyen doch wohl ein Beweis von beharrlicher und thätiger Einsicht und von einer tiefen Kenntniß der Landwirthschaft. Besonders eine ihrer Mühlen erregt die Bewunderung der Besucher. ES ist das eine Windmühle mit einem neuen Mechanismus, von einem Bruder erfunden und lediglich von Ordensleuten gebaut. Der Obertheil der Mühle hat einen Helm, der sich von selbst ohne weitere Beihilfe nach dem Winde dreht. Die Flügel haben 150 Fuß Durchmesser. Sie richten sich nach der Wirkung deS WindeS, d. h. sie öffnen sich mehr oder weniger, je nachdem der Wind mit geringerer oder größerer Stärke weht. Derselbe Mechanismus faßt die Frucht, welche in eine Vertiefung geschüttet worden, hebt sie in die Höhe, putzt sie und vertheilt sie auf die Mahlgänge, die sie in Mehl verwandeln. Dieses wundervolle Werk setzt in Staunen. Was aber ungleich mehr in Staunen setzt ist der Umstand, daß der geschickte Erfinder dieses Mechanismus nicht die mindeste Kenntniß von den Regeln der Mechanik besitzt; er hat dieselben errathen, ohne sie erlernt zu haben. Er versteht, wie alle seine Brüder, nur zu gehorchen, zu beten und zu arbeiten'. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaw z F. C. K re m er. Gilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt vlNtilß «ZtzilizH S'^' schiiA, »Ztö>;!zg/,Hi.'^äia jkdill (.li j 7'^ -'!»«-- ^ gvT nziiiz ch«^ 7Z ^ttZii'^li^l oj ^n^Miizuz sgivD zni'/j Ziiz-ilZs.,.'. »,»?knz^ülg Siiu zunT SDliZs? nilic-Ä sn!»i ?N ^N5.G «i» elou»i»! lj^'. . ^m,ni^ Augsburger Pojtzeitung. n^tt^ Uj tlvvtzG lMl»6zsjlZ'Z ü N!ttj?üilst!0't-? Ul'^' u'.-s^iliS Mi.sj Ss.'. ' 7. December M- ^O. 1851. vs ^Ni? ZlH»M .ÄlgNliZ:tS ?»ZM tchNr^ N-/jy5^7i^iM^,»M li! k^. sw!,rii >.^!7M!^H __-- Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonncmentsvrei« TV kr., wofür es durch alle köm'gl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. . .ÄÄI.'M Ichmüsk- Ili jNKZ j^zjll d^Ztck (?L—^ci^l n;ln?j<^ / Der heilige Otto, Bischof von Bamberg. «(!: ,sch.'»<-'i ^»vttSlPu» zKinMll-mmj, k-^ömkS ni , 8>»Kl,K SZS tzZüF zklN Das von dem bisherigen Vorstande des historischen Vereins zu Bamberg, Herrn Dr. Höfler, in Aussicht gestellte Rechtsbuch des Bamberger Bischofes Friedrich von Hohenlohe sammt Commentar wird demnächst die Presse verlassen. Der hochgeehrte Herr Verfasser, welcher einem ehrenvollen Rufe an die Universität Prag, woselbst ihm der Vortrag der Geschichte so wie die Heranbildung von LehramtS- candidaten anvertraut worden, folgend leider zu früh die Stadt Bamberg, für deren Geschichte er so viel gethan und der er wegen ihrer wichtigen Geschichte mit solcher Liebe zugethan war, verläßt, will den durch ihn in den Druck gegebenen Lvtlex ?riä(j««,W jochM siÄ , S,1!<,W' ttbn smvE lgvMM M , . !>5u ! .<'siO?H Kva ho« in» ilSZnH. itckmHznnjz HHH .chMvjs Ein Wort über den Londoner Glaspalaft. ''^ A ,«^».WMÄ^^- - ? 5mn?>. M? >,tl"^iiwÄ,j«tz» ?m d vitS hi.'NttttkTM 'R'Z' «Znz ,»z»M Mb! n'^zia nz^ Wim-'-" Unter den ausgezeichneten Werken der christlichen Kunstrichtung sind noch die Holzsculpturen von GeertS in Löwen rühmlich zu erwähnen. DaS Vorzüglichste von ihm find zwei rührend schöne Figurengruppen: Maria von Engeln gekrönt, und sodann Engel, welche die Seele eines gestorbenen, von seiner Mutter beweinten KindeS himmelwärts tragen. Es spiegeln diese Bildungen den kindlich frommen Geist, wie er im Mittelalter ganze Völkermassen belebte uuv bewegte. Auch unserer Zeit ist dieser Geist noch keineswegs völlig abhanden gekommen und gewiß liegt eS vorzugsweise in dem Berufe der Kunst, ihn zu nährm und, wo er latent geworden, zu wecken, das Recht deö Gemüthes und der Anschauung zu wahren gegenüber den immer höher steigenden Ansprüchen des refleclirenden Verstandes, die Blüthen deS Glaubens und HoffeuS zu schirmen vor dem eisigen Hauche der Zweifclsucht. Daß das Miltclalter zu diesem Zwecke dem Künstler geeignetere Typen liefert, als die Ausklärungsperiode, welche ihre Inspirationen aus den Büchern gottvergessener Sophisten sich holte, liegt nach dem Gesagten in der Natur der Sache. GeertS kränkelt übrigens nicht an jener falschen alterthümelnden Manier, welche das Zufällige für daS Wesentliche nimmt, ja sich nicht selten sogar grade vorzugsweise dasjenige zum 389 Muster auSersieht, waö nur in den Vorzügen der Alten eine Entschuldigung kann. Diese Art der Verirrung tritt der Wiederbelebung der christlichen KurMjM leicht hindernder in den Weg, als alle Anfeindung ihrer systematischen Gegrje^,^ Merkwürdiger Weise hat dasselbe Belgien, welches durch GecrtS so glänzend ver. treten ist, im Nebligen nicht sonderlich viele Proben eines guten Geschmackes, wenigstens von christlichem Style, zur Ausstellung geschickt; selbst Muster von Geschmacklosigkeit, um nicht zu sagen Abgeschmacktheit, sind nicht eben selten. So stellte unter Andern Vanhalle auS Brüssel drei lebensgroße Wachsfiguren in einem bischöflichen Ornate aus, der an Schwulst, falschem Gleiß und zopfiger Ueberladung kaum seines Gleichen finden dürfte; der Zuschnitt ihrer Gewänder und Jnsignien möchte etwa zur Zeit Ludwigs XV. als modisch Anerkennung gefunden haben. Um das Maaß voll zu machen, hat man jene Wachspuppen noch durch blondere Ausschriften als die Erzbischöfe Thomas a Becket, Affre und den noch lebenden Erzbischof von Mecheln bezeichnet. Der Apparat ist zu kostspielig, als daß man das Ganze für eine bloße Satyre halten könnte. Uebcrhaupt scheint die kirchliche Kunst in Belgien sich der Errungenschaften des vorigen Jahrhunderts noch lange nicht entledigen zu wollen, der Perrückenstyl steht dort uoch in voller Blüthe. Vielleicht in keinem andern katholischen Lande wird mehr getüncht, rücksichtsloser restaurirt und unkirchlicher in den Kirchen musicirt, und so mag denn auch der zuvor gedachte Mummenschanz in seiner Heimat Anklang finden. In der Ausstellung war um die drei „Wachöbischöfe" immer großes Gedränge, wäbrend die Arbeiten von GeertS durchgängig vereinsamt dastanden. Wie aber auch die große Masse Beifall klatschen mag, ich kann von der Ueberzeugung nicht lassen, daß daS so reiche religiöse Leben Belgiens auch nach der künstlerischen Seite hin deS alten Ruhmes sich neuerdings wieder würdig erweisen wird. 5) In dieser Beziehung könnte es jetzt an Frankreich, woher eS so manches Verkehrte bezogen hat, auch einmal ein gutes Muster nehmen. Selbst die profane Industrie wird nur durch ein Zurückgehen auf die im löten Jahrhundert verlassenen Pfade vor vollständigem Versumpfen zu bewahren seyn. Schon jetzt können, wie bereits oben im Eingänge angedeutet worden, die aus dem allgemeinen Formenbrei nach in individueller Laune oder, wenn man lieber so will, nach den Anforderungen des TagesgeschmackeS gepreßten und gekneteten Producte der gebildeten Nationen durchschnittlich sich neben denen der uncivilisirten Völkerschaften nicht blicken lassen. Die Stickereien, so wie die mit Gold und Silber ausgelegten Metallwaaren Indiens, EgyptenS und der Barbaresken, die Prachtstoffe PcrsienS, die Filigrane von Tunis, die Porzellan-, Holz- und Elfenbeinarbciten Chinas zc. :c. lassen Alles derselben Gattung weit hinter sich zurück, was Frankreich, Deutschland und Großbritannien in den GlaSpalast niedergelegt haben. Auf beiden Seiten vermißt man gleichmäßig die Einwirkung einer höhcrn Idee; aus den heidnischen Bildungen, namentlich den chinesischen und indischen, grinzt unS sogar eine gewisse dämonische Verzerrung entgegen. Die Barbaren aber behaupten fast überall den Vorzug der Aechtheit, der Gediegenheit der materiellen Durchbildung; sie halten die Surrogate und jedes Scheingepräge von sich fern; die Formen und Kanten sind scharf geschnitten, die Farben nnd Stoffe durchaus ächt, Alles trägt die Spur der Menschenhand an sich, im Gegensatze zu dem verschwommenen, bloß auf den Schein berechneten Gepräge der Maschinerie. Nur wo der hergebrachte Typus, die Traditionen, eine Art von Schule noch festgehalten worden sind, wie z. B. bei der Anfertigung der brabanter Spitzen, den Filigranarbeiten Genua's, den böhmischen und venetianischcn GlaSwaaren, findet das Auge in den Hervorbringungen der Kulturländer noch volle Befriedigung, Wie lange aber werden die brüsfeler Spitzenklöpplerinnen noch die Concurreuz mit den englischen Maschinen aushalten, deren Product schon jetzt den unbewachten Blick zu täuschen im Stande ist und dem größten Theile der Modewelt genügt?" ') Manche Symptome stellen bereits einen Umschlaq zum Bessern in Aussicht, so z> A. das, waö in Mecheln für die ächte Kirchenmusik geschieht, und die Restauratiousarbciteu an der Kathedrale von Tournay, ,^ niKin^»? ii-'.L -n-i MK-M-M »ichi,-» «,? «s? « 390 Schließlich frägt Herr R. noch: „Wie wird dieses kvnäöz-vous der Nationen wirken? In rein industrieller Beziehung zweifelsohne förderlich; viele wichtige Erfin. düngen und Erfahrungen sind hier ausgetauscht, viele Beziehungen angeknüpft worden; die Stacheln deS Wetteifers hat eS bedeutend geschärft; die höhere Kunst aber wird eher Einbuße, als Vortheil davon haben; eine immer größere Verallgemeinerung und Verflachung wird die Folge seyn, das ohnehin schon ungebührliche Uebergewicht der Maschine eine neue, mächtige Verstärkung erhalten." Der Orden der Schwestern vom armen Kinde Jesu in Köln. Köln, 10. Nov. Seit dem 9. September d. I. besteht auch hier ein Ordens- hauS von vier Schwestern „vom armen Kinde Jesu." Dieser Orden wurde vor drei Jahren in Aachen gestiftet und hat die Erziehung verwahrloster armer Kinder zum Zwecke. DaS Mutterhaus, im ehemaligen Dominicanerkloster, besorgt den Unterricht in den Armenschulen zweier Pfarren mit fast 400 Schülerinnen und die gesammte Erziehung von 80 Pfleglingen. Obwohl ohne alle andere Hilfsquellen, als die Mildthätigkeit der Katholiken, hat der Orden schon blühende Filialen in Bonn und Düsseldorf für Knaben und Mädchen, und in Derendorf bei Düsseldorf für Mädchen; ihnen reiht sich daS hiesige, bloß für Mädchen bestimmte Institut würdig an. Die Stadt Köln verdankt dieses Werk ächter christlicher Liebe dem Eifer deS Vereins vom heiligen Vincenz von Paul in der Pfarre St. Martin und deS mit ihm verbundenen Frauenvereins. Die Anstalt zählt bereits 22 Pfleglinge; da die Einrichtung einstweilen nur für 25 Pfleglinge getroffen ist, wird sie bald einer Vervollständigung bedürfen, wobei der WohlthätigkeitSsinn der hiesigen Katholiken sich von Neuem bewähren wird. Nicht leicht kann sich ihm ein würdigerer Gegenstand darbieten. Außer dem vollständigen Elementarunterricht, der selbstredend durchaus von religiösem Geiste durchdrungen ist, erhalten die Mädchen, welche vom zartesten Alter bis zum neuzehnten Jahre Aufnahme finden, jede Unterweisung, die ihnen im häuslichen Leben und namentlich für ihr Unterkommen als Dienstboten von Nutzen seyn kann. Etwa die Hälfte der Zeit wird auf die Erlernung der gröbern und feinern Handarbeiten, so wie der gewöhnlichen Verrichtungen in Hauö und Küche verwandt. Neben dieser standesmäßigen Erziehung erhalten die Pfleglinge Wohnung, Kost und Kleidung, und zwar für den unbedeutenden Betrag von 3 Thalern monatlich und 5 Thalern Eintrittsgeld. Außer diesen Pfleglingen nehmen an 130 Schülerinnen aus der Stadt an dem Elementarunterricht und der Unterweisung in weiblichen Handarbeiten als Externen Theil. Gestern feierte die Anstalt ein schönes Fest. Um acht Uhr cclebrirte Seine Eminenz der Herr Cardinal und Erzbischof von Köln in der Pfarrkirche zu St. Mariin das heilige Meßopfer, welchem die ehrwürdigen Schwestern, ihre Schülerinnen, so wie die Konferenz vom heiligen Vincenz von Paul nebst dem Frauenvereine beiwohnten. Vor der heiligen Messe hielt der hohe Kirchenfürst eine salbungsvolle Rede über die göttliche Vorschrift: „Bete und arbeite", und setzte auf'S Schönste auseinander, wie unter diesem Arbeiten neben den Geschäften deS Berufes ganz besonders die Werke christlicher Liebe verstanden seyen; unter diesen Werken empfahl er die Fürsorge für arme Kinder, welche, wenn auch nicht im gewöhnlichen Sinne deS Wortes, doch in Bezug auf die Möglichkeit christlicher Erziehung verwaist, durch die in Rede stehende Anstalt leiblichem und geistigem Verderben entrissen würden, alö eines der Verdienstlichsten. Se. Eminenz begaben sich, nachdem Sie einer großen Anzahl von Gläubigen die heilige Communion gespendet hatten, durch einen von den Pfarrgenosscn errichteten Triumphbogen, mit der Inschrift: ^ngeli custocli-iut to in omnikus vüs tuis, und durch die mit Flaggen und Laubgehängen geschmückten Straßen zu dem nahe gelegenen Kloster. ^) Hier war der alterthümliche Saal eben- ') DaS ehemalige Dohmcn'sche Haus in der Mühlengasse, welches einstweilen nur gemiethet, aber von den Stiftern der Anstalt ganz neu dazu eingerichtet ist. » l391 falls festlich geschmückt mit der Inschrift: 8it denecliota llomug, quam lu, vomino, IienecZivis! Herr Pfarrer Siebold, als Vorsteher der stiftenden Vereine, übergab im Namen derselben die Anstalt dem Schutze Sr. Eminenz. Er besprach die verschiedenen Mittel der Rettung und Heiligung, mit welchen die Kirche und insbesondere der Cardinal-Erzbischof in dieser noth- und gefahrvollen Zeit der Bevölkerung der Stadt und der Umgebung von Köln zu Hilfe gekommen; er gedachte auch der Lazaristen, der Carmelitessen, der Jesuiten, und entwickelte mit eben so viel Klarheit, als Innigkeit, wie die Liebcsfülle der Kirche in diesen verschiedenen Strömungen (der Seelsorge, der Rede, der Andacht, der Buße, der Abtödtung, der Erziehung) sich in die Herzen zu ergießen strebe, und wie eS nur der Aufnahme der himmlischen Gnade bedürfe, damit dieser dürre und arme Boden wieder ausblühe in paradiesischer Pracht. In der Beantwortung dieser Rede wendete sich Se. Eminenz nochmals an die Ordensschwestern, die Vincenzvereine und anwesenden Kinder und sprach die Hoffnung aus, daß die Anstalt unter Gottes Segen gedeihen werde, indem er ihr Seine andauernde Fürsorge zusagte. Am Abende fand in St. Martin die kirchliche Schlußfeier statt, bei der Seine bischöfliche Gnaden der Herr Weihbischof vr. Baudri die Festrede hielt, in welcher er das Wesen der christlichen Liebe an dem Beispiele der in Rede stehenden Anstalt erörterte, und dieselbe wiederholt der Mildthätigkeit der Gläubigen empfahl. (D.V.H.) Mission in Jülich. Jülich, 15. Nov. Die Mission, welche die Väter der Lazaristen-Con- gregation aus Köln hier gehalten, ist nunmehr seit Sonntag beendet und erst jetzt lassen sich die wirklich großartigen Erfolge dieser geistlichen Uebungen überschauen und würdigen. Die sechs Patres hatten sich — ihren würdigen Superior an der Spitze — in die beiden Kirchen, die Pfarr- und die ehemalige Capucinerkirche vertheilt. Der Zudrang zu den Morgen- und besonders den Abendvorträgen war, wie erwartet werden konnte, größer, als der nicht unbedeutende Raum fassen konnte; größer noch und wirklich über alle Erwartung groß der Andrang zu den Beichtstühlen. An manchen Tagen haben an dreißig Beichtväter den Bußfertigen kaum zur Hälfte genügen können und die Nacht hindurch wurde an den Kirchthüren gewacht, um in der frühen Morgenstunde bei Oeffnung derselben (4 Uhr) in die Nähe der Beichtstühle zu gelangen. WaS aber unsere Seele mit Freude uno Entzücken erfüllt, das sind die schönen Blüthen eines gesunden Lebens, die herrlichen Früchte ächten Bußgeistes, die jetzt schon aus dieser Gottessaat emporblühen und an den Tag treten. Laue, gleichgiltige Christen, welche die Kirche und die heiligen Sacramente bisher gar nicht oder doch selten benutzten, — da Jülich als Festung eine Garnison hat, fehlte eS an solchen keineswegs — sind eifrige Bckenner geworden, Andere, welche der Taumel vom Jahre 1348 verwirrt und gegen weltliche und geistliche Obere empört hatte, sind zur Besinnung gebracht, Feindseligkeiten beigelegt und Verzwistete versöhnt und eine wirklich auffallende Menge von Restitutionen geleistet worden. Und doch war der Beichtstuhl leicht; denn die Herzen kamen erweicht und offen und zu Allem bereit. Es thut dem Herzen wohl zu sehen, wie Alle über diese wohlthä- tige Umgestaltung der Herzen, über die segenvolle sittliche Neubelebung einig sind — selbst Protestanten einigen sich erstaunt über diese Früchte wie über die Vorträge, denen sie zugehört, in dieser freudigen Anerkennung. Besonders lobend muß auch das Benehmen des königlichen Platzcommandanten — eines Nichtkatholiken — anerkannt werden; derselbe hat dem Militär nicht bloß alle mögliche Freiheit gegeben, um den Uebungen beiwohnen zu können, sondern auch noch besonders den Wunsch geäußert, daß nach beendigter Mission auch den Gefangenen, die ziemlich zahlreich und meist in sehr strenger Haft sich hier befinden, eigene Uebungen gehalten werden, » 392 was auch mit der größten Bereitwilligkeit von dem Pater Superior zugestanden und in dieser Woche, gewiß zum großen Troste und Segen der Unglücklichen, auch geschehen ist. Wahrlich, wenn solche außerordentliche Seelsorge in allen Gegenden abgehalten würde, dieses Volk, in dem noch ein großer Fond religiöser Gesinnung ruht, würde zum Heile der Kirche und des Staates in ueuem Geistesleben auferstehen, laxit, Dous! (M. I.) Slltt, ^Nl-ssL ,!I)sl!,1! l,I!>j5D ./L .^stiio^S n6 chür< ^tchcng u Zur Pastoral. u ^ .>'>-, sUM« Einer der wichtigsten Theile der Pastoraltheologie ist die Populärdogmatik. Abgesehen davon, daß sie die Grundlage der Homiletik bildet, so sollen ja die Glaubenslehren, die in der Dogmatik geistiges Eigenthum der Zuhörer geworden sind, in ihr vorgelegt und die Zweifel, die Unglaube und JndifferentismuS der Gegenwart in Städten und auf dem Lande gegen sie aufbringen, vorgeführt werden. Die Populärdogmatik hat dann kasuistisch die Zuhörer zu befähigen, die erhobenen Bedenken bündig und faßlich zu widerlegen. Auch auf dem Lande hat der Seelsorger die traurige Gelegenheit Zweifel und Bedenken, die inS Herz der katholischen Kirche schneiden, hören zu müssen. So ist mir unter Andern? während der kurzen Zeit meiner Seelsorge der Fall vorgekommen, daß eine Person, zu der ich mit dem H-metissimum zum Sterbelager gerufen wurde, zu mir sagte: „Könnte ich denn nicht meine Sünden Gott allein beichten?" Warum wollen Sie denn das? fragte ich. „Gott ist ja ohnehin allwissend, warum soll ich denn also auch dem Priester beichten. Auch andere sagten, daß es nicht gerade Noth sey." So lautete die Antwort. Ein anderes Mal suchte ich eine schwer kranke und äußerst niedergeschlagene Person, um ihrer Kinder willen, mit der Auferstehung, mit dem Wiedersehen zu trösten. „Ist es denn auch wahr, daß wir einmal auferstehen? viele sagen: wir sehen uns nie mehr," so unterbrach mich die dem Tode nahe Person. Daö sind Zeichen der Zeit! Das sind Fälle für eine Populärdogmatik. So sieht es am Lande aus mit der Glaubenslehre im Kopfe und Herzen der Christen. Wo keine Glaubenslehre, ist natürlich auch keine verpflichtende und motivirte Sittenlehre. Es kann daher auch gegenwärtig keine Predigt- form geeigneter seyn: als die polemisch - d o g m atische. Die Lehre des Friedens muß heut zu Tage mit dem Schwert des Geistes verkündet werden. (Wiener Kirchenz.) ' _ Berlin. Berlin bietet jetzt allsonutäglich in 35 evangelischen Kirchen und gottesdienst- lichen Stätten durchschnittlich 40—42 vormittägliche und 26—23 nachmittägliche Predigten. Dazu kommen noch vier regelmäßige Abendgottesdienste an diesen Tagen. Wochenpredigten werden 20—22 gehalten, die meisten am Montag und Mittwoch; ferner 11 Kindergottesdienste, die meisten Sonntags Nachmittag, in Summa also im Laufe der Woche ungefähr 100 förmliche Cultusübungen. Ferner im Laufe der Woche 2—5 Versammlungen der Heidenmissions-Hilfsvereine, davon eine für Kinder, eine für Frauen; 4—7 Zusammenkünfte von Vereinen für innere Mission und außerdem die wechselnden Versammlungen mehr oder minder kirchlichen Charakters, des Vereins gegen Vergiftung durch Alcohol, des evangelischen Vereins, der Diaconenversammlung, der Bibelgesellschaften, des Gustav-AdolphS-Vereins u. s. w. Wenn man diese kirchlichen Bemühungen zur Besserung des Volks in ihrer großen Anzahl betrachtet und doch in der forldauernden Sittenlosigkeit, die sich von Tag zu Tag steigert, die geringen Erfolge jener Bemühungen erkennt, so bestätigt es sich immer mehr, daß der Protestantismus nicht geeignet seyn dürfte, in Fleisch und Blut als ein heilsamer Lebenssaft für das Volk überzugehen, und daß, wie der treffliche Stahl (Protestant) in einer seiner jüngsten Vorlesungen entschieden aussprach, dem Katholicismus noch eine große Mission bevorsteht. Berautwortllchcr Redacteur: L. Schönchen. Aerwgö-Jnhaber: F. C. Kremcr. , Eilft-r Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zniigntM tti',? ?äzml»i« Suttidiinr»ffZiv?>l? n,^ chiuS »s?L s1,ja nj ,!»>j.»j t,ngn»k :iz^!ilv(j>r^ ni chi'i ,?vi,Äzg,tzdi»,^ ,?ch7i^ z^i: >)kj»kW n^nllo? tn'i nttl-i piiuii'iüb-K nix ^nii^üi^jzmnG Augswrger PostMung. buv ,»6oH nch-'...-)>! li ^zz M»yni1,^ÄttnG,ia AI "HNZÄUbliS 6NII ti,?k,in»I!Stl,7!SN!>_ Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sönntage. Der halbjährige Abonnementspreis TV kr., wofür es durch alle könkgl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kano. Zgii'iü^nii i»? mlmz 6nit .isivid^!,>Zv ^ichizT siij Ädoil Sum^itttsisi'-wiP ^ichvm?g Die Rückkehr zur katholischen Kirche: ' eine Aufgabe unserer Zeit und eine Stimme aus der Mitte der Protestanten, heißt eine vor Kurzem in Leipzig bei Jgnaz Jakowitz anonym erschienene, mit ungemeinem Talent geschriebene Broschüre von 59 Seiten, welche daö Motto: „Wie lange hinket ihr auf beiden Seiten" (1. Kön. 18, 21.) an der Stirne trägt, im Innern aber so viel des Lesenö- und MittheilenS-Werthen bietet, daß wir, um weder der Auswahl wegen in Verlegenheit, noch als Nachdrucker in Processe zu gerathen, keine langen Citate daraus, sondern bloß einen Auszug mit Randglossen geben wollen. Nachdem in der Einleitung die Thatsache der Rückkehr so Vieler zum Katholicismus als Ergeb, niß der Sehnsucht nach Frieden, Einheit und Wahrheit besprochen worden, weist der erste Abschnitt zuerst darauf hin, daß die katholische Kirche den Künsten und Wissenschaften die nährende Brust gereicht, daß sie die von Rom und Athen hinterlassenen geistigen Schätze auS der Nacht der Völkerwanderungen gerettet, daß sie die Leibeigenschaft gelöst, die Städte gegründet, die Gerichte geläutert, daß sie die Völker befreit und Deutschland geeinigt hat. Auch die Urheber der angeblichen Reformation hätten diese ungeheuren Thaten zu würdigen gewußt, und wie auS ihren Schriften erhelle, die Trennung von der alten, einigen, einzigen Kirche nicht beabsichtigt. Dieses Ereigniß sey lediglich der weltlichen Macht, welche ihren Einfluß und ihr Vermögen mehren wollte, zuzurechnen« Diese habe zuerst, um den Schein der Kirchlichkeit zu retten, ein Zwittergeschlecht geistlicher Satrapen eingeführt, indem sie die bischöfliche Gewalt nicht aufhob, sondern an sich nahm. Damit aber sey der günstige Umstand, daß die 21 ersten Artikel der Augsburgischen Konfession über Glauben und Lehre endlich doch vielleicht eine Verständigung denkbar gelassen hätten, gründlich paralistrt worden; denn die Annahme der wie lucus a non lucencto benannten Concordienformel sey durch die rohcste Gewalt erzwungen, damit die Kirche zur dienenden Magd der weltlichen Macht erniedrigt, und die uralte Verfassung der erster» vernichtet worden, ohne daß eine neue, geschweige denn eine bessere an deren Stelle gekommen wäre; denn die Augsburger Confession verwirft bloß, ohne positive Satzungen auSzusprechen. Während dieser Vorgang durch Willkür stattfand, wollte die nun weltlich-geistliche Gewalt der Fürsten diesem' ihrem Ursprung entgegen doch wieder die symbolischen Bücher inconseauenter Weise zum nicht alternirbaren Ariom machen, wogegen jeder logische Kopf ankämpfen mußte. Daher sey denn der Unglaube und JndifferentiömuS, die krasse Ausklärerei der Voltairianer, endlich der gänzliche Zerfall der akatholischen ReligionSgenossenschasten entstanden. Während also auf diese Art der Protestantismus die göttliche Grundidee der Herstellung eines GottcsreicheS auf Erden durch die von der Politik bewirkte völlige Trennung von Rom und durch seine dem Begriff einer Kirche entschieden widerstreitende eigene Zerfahrenheit, durch den .HM 394 „YUV gänzlichen Mangel an jeder Kirchengewalt, welche der alle religiöse Freiheit vernichtende Zwang aüf die symbolischen Vücher ersetzen sollte, auszuführen sich durchaus ungeeignet zeige, ja diese Idee durch den Protestantismus vielmehr dem Untergange preisgegeben scheine — während dem offenbare sich in der katholischen Kirche die Grundbedingung zur Realifirung jener Idee im vollsten Maaße; denn diese Kirche, welche allein Kirche genannt werden könne, habe die Erziehung deS Menschengeschlechtes für den Himmel übernommen! Das habe sie allein thun können, weil nur sie die Grundbedingung deS sittlichen Lebens, den reinen Glauben bewahrt habe, aus dem die Glaubenösreudigkeit, die Glaubensstärke, GiaubenSinnigkeit und GlaubenS- einigkeit entspringe, die man bei den Protestanten vergeblich suche; dort habe man den untern Classen den Stab durchs Leben genommen, dafür Dccrete gegeben und so zur Auflehnung gegen göttliche und menschliche Ordnung aufgestachelt. Gegen diese Werke deS Unglaubens habe der Protestantismus auch keine Abhilfe; denn wo keine kirchliche Verfassung, keine kirchliche Gewalt, dort sey auch keine Kirchenzucht. DaS Priesterlhum habe man entfernt und die Prediger von der weltlichen Gewalt abhängig gemacht; der Protestantismus habe die Beichte abgeschafft, und damit den unbedingt nöthigen Einfluß der Prediger auf die Gemeinden, und sofort alle Kirchenzucht verloren. Deßhalb aber können diese Religionsgenossenschaften sich auch nicht einmal regeneriren, denn das Vo!k sey gleichgiltig und theilnahmsloS gegen den Protestantismus, dieser habe aber Niemand, der die Theilnahme wieder zu erwecken vermöge! So sey denn kein Weg, auf dem das neu erwachte religiöse Bedürfniß der Zeit Stillung finden könne, als die Rückkehr zur Mutterkircke, welche, wie sie bei allen bedeutenden Menschen erfolge, so im Allgemeinen dann um so häufiger eintreten werde, wenn man sich klar gemacht, daß mit dem Protestantismus nicht die Glaubensfreiheit, wohl aber die GlaubenSlvsigkeit, aufgegeben, und dafür Reinheit, Ruhe und Frieden gewonnen werde durch die Frucht des Glaubens, welche unter dem rei- chen Blällerschmuck und der Blütenpracht der heiligen Gebräuche und Sitten heranreife. Im Dienste der heiligen Kirche stehe Alles, auch die Kunst und die Wissenschaft, und so ziehe vaS heilige Rom durch seinen alles durchdringenden Glanz an, während der kalte Protestantismus vergeblich das Festhalten an dem, nach der willkürlichen Verdrehung so vieler Sätze, auch wieder nur willkürlich in den symbolischen Büchern Festgehaltenen befehlen n vl!e. Man sehe daher, daß diejenigen das „beste Theil" ergriffen haben, welche dem Zuge ihres Herzen nach der heiligen Kirche gefolgt. Es möge nun auch bald beginnen, schließt der Verfasser, „die große Wanderung der Völker zu dem Heiligthuine des Herrn; die Stunde ist da, und die Glocken der Zeit rufen bereits mit deuilicher Stimme!^ .nü-> Nach diesem möglichst gedrängten AuSzuge, welcher leider die blühende Sprache deS Originals nicht anzudeuten erlaubte, bleibt unS nur Weniges zu bemerken. Vorerst glauben wir den renkenden Leser, welcher die Sätze nicht einzeln, sondern in ihrem Zusammenhange erwägt, nicht erst versichern zu dürfen, daß eine, wenn für sich allein betrachtet, vielleicht zweideutige Stelle der 15- Seite den Verfasser der Bioschüre durchaus nicht als Feind der Wissenschaft characterisirt. Denn derselbe zeigt in seiner ganzen Darstellang, daß er das Paulinische von „der Erkenntniß seines Willens in aller Weisheit und dem geistigen Verständniß" vollkommen richtig aufgefaßt habe; ja er wäre seine Schrift zu verfassen gar nicht im Stande gewesen, hätte er nicht, statt bloß beständig über die falsche Aufklärung loszuziehen und ihr wieder in afterkalholischer, thatsächlich aber ächt lutherischer Manier, allein den Glauben und die Liebe 5) entgegenzustellen, vielmehr in reichem Maaße die freilich auf Glau- ") Wir verwahren uns hier gegen die unverständige oder böswillige Deutung obiger Worte, als hielten wir den Glauben ohne Wissenschaft für unzulänglich zur Seligkeit! Nein; aber, wenn wir sagen, daß, wer die Wissenschaft pflegen und mit ihr streiten kann, uno es doch nicht thut, ja dabei sogar die Freunde derselben verketzert, wenn wir sagen, daß dieser dem Willen Gottes frevelnd zuwiver handelt, so gedenken wir nur des Wortes: daß man die anvertrauten Pfunde nicht vergraben darf! «»merk. d. S.°''tM«MNL »N'-'^ '.Ä MÄ)K''' >i >/-E 395 den und Lieben vorzugsweise begründete katholische Wissenschaft gegen jene ins Gefecht geführt. Wie nöthig dieß sey, möchten doch alle Wissensfeinde, die ihrerseits in der That nicht viel lobenSwerther als die Lichtfreunde der andern Seite erscheinen, endlich einmal beherzigen! Bei der wiederholten Erwähnung des Umstandes aber, daß man im Protestantismus das Festhalten an den symbolischen Büchern meistens nur durch Regierungsmandate bewirken wolle, fällt uns der Conlrast inS Auge, welchen angeblich kalho- lische, aber dabei sehr Febronianische Regierungen dagegen gebildet haben. Unter und von solchen ist nämlich seiner Zeit, als die Kirche noch in der engsten StaatS- vormundschafr stand, alles ausgeboten worden, daö Festhalten an der Kirche nicht zu befehlen, sondern zu erschweren und zu verhindern, die heiligen Gebräuche zu unterdrücken, ja selbst die Spenduug der Sacramente polizeilich zu regeln. Beide stimmen aber darin überein, daß sie das religiöse Verhalten ihrer Unterthanen durch wellliche Mandate bestimmen wollen. Merkwürdigerweise war die F^Ige dieselbe mit jenem nach dem Borgang der Protesttintischen Staaten: das Verschwinden der Religiosität aus der gebildeten und ungebildeten Masse, dabei aber auch das Ende alles staatsbürgerlichen Gehorsams und OpfergeisteS. Wenn die Febronianischen Staatsmänner die Reiche durch ein christliches Regiment vor der falschen Aufklärung, und vor der in deren Gefolge einherschreilenren Entsittlichung bewahrt, und nicht immer ihre Polizeimittel, die gegen verbrecherische Tendenzen: gegen Hochvcrrälher, Räuber, Betrüger und Diebe sehr wohl angewendet gewesen wären, dazu vergeudet Härten, die Kirche und deren Diener zu beschränken, so wäre all das Blut, so die tapsern Krieger im Kampf gegen die gottverlassenen Rebellen verlieren mußten, erspart und kein Thron erschüttert worden. So aber ist auch der empirische Beweis geliefert worden, wie die Staatskirchen-Regiererei überall, bei Katholiken und bei Protestanten, nichts taugt, und wir können wieder nickt umhin, abermals als „eine Aufgabe unserer Zeit und eine Stimme aus der Mitte der" — Katholiken den sehnlichsten Wunsch auSzusprechen: daß durch thätiges Zusammenwirken der geistlichen Gewalt mit den weltlichen Behörden das glorreichste Wort unseres edlen Fürsten, die Befreiung der Kirche, bald in allen Lebenskreisen zur Wahrheit werde, damit von dem traurigen Febronianer-System nichts mehr bleibe, als die Erinnerung, die ja schauerlich genug ist, wenn schon Jemand einen Schreckenmacher zur Hand haben will. (Wien.K.Z.) mu.^M HkS -i<-.' ,mldl,l,',,n..>»,--H ,'„„,ü,„»,tw N'^nltt Man fühlt auS diesem daS Walten Otto's, der als Bedingung regulärer Zucht Aufgebung deS eigenen Willens, Gemeinschaft der Sitte und beS Gebens verlangte, dadurch den Angelpunct der Wirksamkeit derjenigen Männer traf, die sich für die Reform jener Tage entschieden hatten. Diese, welche mitten im Kampfe mit den simonistischen und beweibten Geistlichen die Päpste begannen, welche von Johann GualbertuS unter den italienischen Mönchen unternommen worden, in Frankreich durch den Orden von Grandmont versucht wurde, der keine andere Regel kannte, als die deS Evangeliums, daö aller Regeln Quell und Ursprung ist, war in gleicher Zeit und nicht ohne Beziehung zu dem Papste Leo IX. in Deutschland von dem Abte Wilhelm von Hirsau unternommen worden. Ei, ein Mönch von St. Heimeran in Regensburg, ein Sprosse bayerischen Adels, gelehrt und tugendhaft, hatte in dem Kampfe Heinrichs IV. mit Papst Gregor VII. sein ganzes moralisches Ansehen zu Gunsten des Letzteren in die Wagschaale gelegt und durch die Gründung von sieben deutschen Klöstern t^zu Reicbenbach, St. Martin in Bayern, St. Gregoriuö im Schwarzwald, in Erfurt, daS dann wieder Reinhansbrunn zu seiner Eolvnie halte, St. Maria in Doppelwasser, in Wielheim, zu Lavant in Kä'rnthen) eben so viele Mittelpuncte deS geistigen Lebens und eines tiefen moralischen Aufschwunges geschaffen. 396 Wilhelm beschränkte die Mönche auf ein rein geistiges Leben nach der Weise von Clugny, in welcber Gebet und Betrachtung regelmäßig abwechselten, während den Perkehr mit der Welt die Lonversi unterhielten, alle Handarbeit verrichteten und für die Bedürfnisse des Klosters und der Kirche sorgten. Der Gehorsam war rücksichtslos, das Leben allen gemeinsam; der Begriff des Eigenthums hatte aufgehört, aber auch der der Familie war nur in so fern vorhanden, daß alle Eine große Genossenschaft bildeten, deren Abgang sich durch Zugang von Außen nach großen Prüfungen ersetzte. Auf diese Genossenschaft warf der heilige Otto sein Augenmerk, um, nachdem er bereits den Abt GumbolduS auS dem Kloster von St. Heimeran berufen, dieser so wenig als seine nächsten Vorgänger daS Kloster auf dem Michaelsberge von Nachwehen des AbteS Rupert zu befreien vermochte, gründliche Abhilfe zu erlangen. In Folge deß wurde ein Zögling von Hirsau, Wolfram, gleich dem heiligen Wilhelm ein Sprosse drS bayerischen Adels, Abt, und vollendete nun als solcher die Reform deS Klosters, so daß der Schwabe Otto der zweite Begründer des Stiftes von Bamberg genannt werden muß, der Baier Wolfram das Verdienst hat, im Vereine mit dem Probste Eberhard von St! Jakob, dem Abte Weigand von Thereö, einem intimen Freunde des heiligen Otto, die Wiederhcrsteller des geistigen LebenS in Bamberg gewesen zu seyn. Denn es gehört mit zur eigenthümlichen Größe der Zeit, daß alle edleren Naturen nur von dem Einen Zwecke erfüllt waren und jene niederen Bedenken der Nationalität oder der Parteianschauung, die jetzt die Welt mit Spaltung und Zerrissenheit erfüllen, diesem weichen mußten. Wer der rechte Mann war, wurde gefragt, das woher er kam und wessen Landes Kind, kam wenn überhaupt erst spät in Betrachtung. Während aber Bamberg dem Abte Wolfram so vieles dankt, fand dieser vor der Menge tüchtiger Männer, vor der großen Anzahl ähnlicher Bestrebungen selbst in der weitläufigen Geschichte des Klosters Hirsau keinen Platz; nur Abt Andreas der Franke hat ihm in seiner Chronik vom Michelsberg (verf. 1494) ein dankbares Andenken gewidmet. Fällt es unserer Zeit schwer, sich in daS Treiben und Drängen einer Periode zu versetzen, welche den schroffsten Gegensatz zu ihr bildet; möchte man von dem Strudel der Gegenwart ergriffen selbst die Frage aufwerfen, ob daS wirklich deutscher Boden war, auf dem der nun statthabende Umschwung vor sich ging, so darf man sich, um die natürliche Folge der damaligen Reformbewegung sich klar zu machen, nur den Umfang vergegenwärtigen, welchen sie aus einem verhältnißmäßig so kleinen Kreise nahm, wie das BiSthum Bamberg war. Ein treuer und rastloser Förderer deS ernsten Geistes seiner Zeit schien der heilige Otto von Bamberg die Aufgabe in sich zu fühlen, die Welt mit Anstalten zu erfüllen, deren „Quelle und Ursprung" daS Evangelium war. Auf dem Boden deS Würzburger Sprengels baute er die beiden Aurach, auf bambergischem Michelfeld und wieS ihnen die Regel von Clugny an, welche Hirsau adoplirt hatte. AIS nun auch der in Frankreich neu entstandene Orden von Cisterz von Morimund aus, wo die Zierde Deutschlands der Bamberger Otto, Bischof von Freising, daS strenge Ordensgelübde ablegte, sich nach Deutschland verbreitete und in den Schluchten deS Steigerwaldes Abt Adam mit zwölf Gefährten daS nachher so herrliche Ebrach begründete, so gründete Otto im stillen Thale bei den westlichen Ausläufern des Fichtelgebirgö die Abtei Langheim nach der neu entstandenen Regel, die von Ebrach herübergebracht wurde. An diese reihten sich auf dem Boden des Regensburger Sprengels nicht weniger als sechs andere-an: Eyesdorf, Priefeningen, Münster, Biburk, MadelharteSdorf, Windenberg, fünf hicvon vom Orden von Clugny, daS letztere vom Orden der Prämonstratenser, beinahe dem einzigen, welchen ein Deutscher begründete, der heilige Norbert Erzbischof von Magdeburg, während keiner war, welcher, einmal inS Leben gerufen und meist durch Welsche entstanden, nicht durch Deutsche Förderung und eigenthümliche Pflege erhalten hätte. Im Halberstadter BiSthum gründete er Wittenburg (Regenötorsf), im Eichstädter HeilSbronn, im Passauischen Altersbach, in Oesterreich St. Andreas an der EnS; im Patriarchat von Aquileja wandelte er daS 45 Jahre lang seinem BiSthum entfremdete Arnoldenstein 397 aus einem Schlosse in eine Abtei um. Asbach erhob er zur Abtei; die Kirche der jungfräulichen Martyrin St. FidcS zu Bamberg übergab er dem reformirten Kloster auf dem Michelsberge; in Note, Vezzera, Tullefeld, Tuchclnhusen ward er Milbegründer. Das Kloster Banz auf hohem Berge am Main, daS kaum erbaut auch schon wieder zerstört worden war, stellte er her. Welche Klöster er begründete, die rüstete er auch mit Gütern aus, so daß man mit Recht sich fragt, wie eS möglich war, so vieles zu schaffen, zu bauen und zu ordnen. Wie Kaiser Heinrich Bamberg mit Gütern in allen Gauen ausstattete, versah Otto fast alle Bisthümer Deutschlands mit geistigen Anstalten. Es vollendete der Bischof nicht nur, was der Kaiser begonnen; eS war wie wenn er allgemeiner Bischof von Deutschland wäre, wie wenn auf seine Schultern allein die Last für das geistige Heil des Reiches ruhen würde; aber mit gleicher Umsicht und beispielloser Energie deö Geistes baute der Bischof auch Hospiläler und Schlösser, die einen den Leidenden zum Troste, die andern den Verfolgten zum Schutze. ES war die Absicht des großen Bischofs, die Strahlen der geistigen Sonne, welche Deutschland zu erwärmen begannen, nach allen Seiten hinzuleiten, Bamberg aber zum Mittelpuncte einer Thätigkeit zu machen, deren günstiger Einfluß sich bald nach allen Seiten bemerkbar machte. Denn wer kann eS läug« nen? In dem Maaße, in welchem der ausgestreute Samen Wurzeln schlug, wurde dem wilden Kampfe, der Italien und Deutschland bewegte, der daS Imperium wider das saeerclotium feit fünfzig Jahren unabläßlich zu neuen Wagnissen trieb, der Boden entzogen, dem widerstrebenden Kaiser das Schwert aus der Hand gerungen, und wie der große Friede deS Jahreö 1122, daS Wormser Concordat, so auch die herrliche Zeit Lothars III. vorbereitet, von dem es hieß: Imperator eedesiae smgwr reli^ionis et justitme. ?empors ip8iu5 secuncls luerunt. In cliedus ip8iu8 populug terrae von pertimuit. Ilnuscjuisczue enim sua libersliter pscilieecjue possidelist. Nerito a nobis nostris^uv paler pstriae appellstur. Unter diesem Fürsten war es dann auch, daß Otto, welcher einen Theil seiner Jugend in Polen zugebracht, sich der schwierigen Aufgabe unterzog, den heidnischen Pommern das Evangelium zu verkündigen. Zweimal zog er dahin, und ruhte nicht eher, als bis er die Fundamente des Christenthums gelegt, das Heidenthum entwurzelt, wie eS der heilige BonifaciuS bei uns gethan, und zugleich mit dem Christen, thume und Christensitte auch den Grund zu dem Uebergewicht des deutschen Wesens gelegt, dem sich zuletzt die Pommern so wenig entziehen konnten als dem sansten Joche Christi. Dann starb er ein Mann der Sorgen, wie seine Statue zeigt, voll Mühen und Beschwerden, ein Mann der That, der, während die Mönche in den von ihm gestifteten Klöstern beteten, die übrigen Bischöfe zauderten, für sie alle handelte, den Geist apostolischer Zeiten in Deutschland wieder erweckte, in Bamberg daS Bisthum erst wahrhaft begründete, an den Gestaden der Nordsee wie an den Ufern des Mains und der Donau sein Andenken als des größten Wohlthäters von Völkern und Volksstämmen in Segen hinterließ, in Bamberg zumal keinen größern Bischof nach sich, keinen größern vor sich fand, in Deutschland aber, ja im christlichen Erdkreise den leuchtendsten Männern, den verdienstvollsten Kämpfern für die Sache der ewigen Wahrheit beigezählt wurde. (Kath. Bl. a. Fr.) -Ki'-'k lim >iu . ii"s,i.'!-.,-iu:.? .»',. nf. in? p-'-oi ?au sjiln.n ,,'n ii,5pj->n(Z Sv! na,« - " aM,M»s.,..u,,'-.,5 «,Z 'Z,-u,j,M -n,M . Ausspruch eines Heiden über die Beichte. Seneca, der stoische Philosoph, sagt in dem dreiundfünfzigsten der moralischen Briefe: „Seine Fehler bekennen ist ein Anzeichen von Gesundheit." Der gesunde Körper entwickelt große Kraft, sobald etwas Fremdartiges, Schädliches eingedrungen ist; eS wird rasch ausgeschieden, oft ohne Anwendung äußerer Mittel. — Mit kaltem Wasser überschüttet erzeugt der Körper schnell eine Gegenwirkung, er sammelt seine innere Wärme und drängt sie nach Außen, um der schädlichen Erkältung zu wehren; der gebrochene Knochen bringt in kurzer Zeit eine Materie hervor, welche die getrenn- 398 ten Theile wieder vereiniget und sich dann selbst zum Knochen erhärtet; der Dorn, der inS Fleisch eingedrungen, findet nicht lange Ruhe; eS schwäret und eitert und arbeitet, bis der Feind hinausgedrängt ist; der gesunde Magen, der ein Gift in sich fühlet, geräth in Bewegungen und Zuckungen und ruhet nicht, es sey denn das Schädliche entfernt. Ein Anderes sehen wir an dem schwachen, ungesunden Körper. Der eingedrungene Krankheitsstoff durchdringt alle seine Theile; die Empfindung des erlittenen Schadens ist fast geschwunden; die Wunde erzeugt in dem kraftlosen Fleisch wenige oder gar keine Schmerzen; nirgends entwickelt sich eine frische Kraft, welche das Fremdartige auszuscheiden, die Wunven nnd Gebrechen zu heilen im Stande wäre. DaS Körperliche nun ist, wie in vielfacher Beziehung, so auch hier ein Bild deS Seelenlebens. ES liegt in der Seele ein gehcimnißvoller Trieb, daS, waS sie drückt, waS sie ängstiget, was ihr Krankheit und Unwohlseyn gebiert, an'S Tageslicht zu bringen. Sie suhlet sich ruhiger, sobald sie ihren innern Schmerz hinausgesprochen hat. Dieser Trieb ist so stark, daß selbst der Verbrecher sich immer versucht fühlt, wenigstens Einem von seines Gleichen die Geheimnisse seiner Seele, die Verirrungen und Schandthaten mitzutheilen; er hoffet irgend einen Trost, irgend eine Beruhigung durch die Mittheilung. Anvere, von diesem innern Triebe gedrängt, eilten hin, sich selbst dem Richter anzuklagen nnd freiwillig der Strafe sich zu unterziehen für Vergehen, die kein menschliches Auge gesehen, und die nimmer offenkundig werden konnten. Nur sehr Wenigen mag eS gelingen, dem innern, gewalligen Dränge zu widerstehen, daS Herz ganz zu verschließen: ihr LvoS ist dann dumpfes Hinbrüten, Verstockung, Verzweiflung, und in Folge dessen oft Selbstmord. Der Trieb also, sich auSzusprechen über sein Inneres, seine Verirrungen mitzutheilen, ist ein gewaltiger und allgemein menschlicher, eben so tief in uns begründet, als der Trieb der Selbsterhaltung. -u .win^ ' Je gesunder nun die Seele ist, d. h. je reiner sie ihre Ebenbildlichkeit mit Gott bewahret hat, desto schneller und stärker entwickelt sie ihre innere Kraft, um das Fremdartige, das Beunruhigende, daS Schmerzende, das Sündhafte auszuscheiven durch offenes, freimüthiges Bekenntniß; je mehr sie dagegen durch frühere Verirrungen, durch langes, fortgesetztes Dulden deS moralischen Kranlheiisstoffes schwach geworden, um so gefühlloser ist sie, um so weniger befähiget zur Rückwirkung gegen daS innere Gift. Diese einfache Reflexion läßt demnach in dem oben angeführten Ausspruche des Seneca eine Wahrheit erkennen, welche dem Institute der Beicht, auch abgesehen von seiner göttlichen Stiftung, innern, unläugbaren Werth verleihet. DaS AuSsprechcn der eigenen Verirrungen ist Bedürfniß der Seele, ist Zeichen und Anfang der Genesung. Wo nun die Seele in dem Grade geschwächt ist, daß sie zu den ersten Athemzügen deS geschwundenen geistlichen Lebens nicht mehr Kraft hat, da muß der Arzt eintreten, und wie bei dem bewußt- und regungslosen Körper, der aus dem Wasser gezogen warv, die eingeschläferte Lebenskraft wecken, die noch vorhandenen Funken anfachen. Und welchem Arzte mag hier der Vorzug gebühren? Demjenigen, der durch Studien und Gebet sich zu diesem Amte vorbereitet, und von einer höhern Obrigkeit für würdig und fähig erklärt ist, oder demjenigen, der nie mit der geistlichen Arzneikunde und den Seelenkrankheiten sich befaßt hat? — Oder wenn daS Herz zum Aussprechen sich gedrungen fühlt, welchem Menschen kann eS dann ohne Furcht sein Vergehen entdecken? Demjenigen offenbar, dessen Lippen mit dem unverletzlichsten, heiligsten Siegel geschlossen, dessen Herz Mitleid zu haben gelernt hat, dessen Hand im Ramen deS Königs der Ewigkeit das Begnadigungsurtheil unterzeichnet und hinreichet. Zum Schlüsse bemerke ich noch, daß der Satz Seneca's nicht vereinzelt dasteht in den Schriften und Religionsbüchern deS HeidenthumS. Aehnliche Sätze finden sich in den Eleusinischen Geheimnissen, eben so bei den Brahmanen, Tibetanern, Japanesen, den Peruvianern und Türken. — Um nur Eines hier anzuführen; das 399 Gesetz des Menu, Sohnes des Brahma, sagt: „Je wahrhafter und williger der Mensch, welcher eine Sünde begangen hat, diese bekennet, um so mehr entledigt er sich derselben, wie die Schlange ihrer alten Haut." Das Christenthum entspricht also mit seinem Veichtinstitut — abgesehen von seinem sacramentalischen Charakter— einem Bedürfnisse der Menschheit, das Gott zur Rettung deS moralischen Lebens tief eingesenkt hat in jedes Herz — ähnlich dem gewaltigen Triebe zur Erhaltung deö leiblichen Lebens. (M. Sbl.) »MsS slkiinznno-Mvfllv? zj-j M. W n,Ä»n^tz 75 5 m ljMiwnT liiVslo chuv ttii« much^i-K ilsckjjßzm??»» ch7u^ Sin ,!?iomvt Zi^ingzw^ll Zbi^zh ch7uct ^.-^ sjiiui!.; »St.r.:Z>,tSMM Zch?i5q'.7u, ?>w^s^.ch^ c^S z.-z ch'.in^ 7Z>IlZM7lL sws (lntt :7H'/.--6 7!7.-M«7i?nAM-I.7 7-R Sj.s. l^vpjMLskN^ -v'/ n,ll'« Paris, 9. Nov. ES ist auS den Mittheilungen des „Umvers" bekannt, wie der jetzige Stand der Verhandlungen über die heiligen Oerter im Orient ist. Auf den in dieser Beziehung thätigen französischen Gesandten Aupick ist der nicht minder thätige Lavallette gefolgt, der die Sache so weit gefördert hat, daß eine gemischte Commission aus Türken, Griechen und Katholiken niedergesetzt ward, um die auf Fermanen beruhenden Ansprüche der Katholiken auf die heiligen Oerter zu untersuchen. Da die durch Intrigue herbeigeführte spätere Bevorzugung der Griechen als nicht stichhaltig erkannt war, so versuchten diese durch eine Fälschung Documente zu unterschieben, die vorgeblich älter als die Diplome der Katholiken seyn sollten, in der That aber in dem berühmten griechischen Kloster auf dem Berge AthoS neuerdings angefertigt waren. Der griechische Mönch SimonideS, der einen verborgenen Ort als jene vorgeblich alten Dokumente enthaltend bezeichnet und um Nachgrabung daselbst gebeten hatte, ward auf der That ertappt, wie er eben jene mit großer Geschicklichkeit angefertigten Papiere dort verbergen wollte. Es kann nicht fehlen, daß die Franzosen den Proceß gewinnen, wenn der allmächtige Einfluß des russischen Kaisers nicht stärker als die Wahrheit ist. Daß man sich in Konstantinopel, und namentlich in den fränkischen Vorstädten Pera und Galata viel mit dieser Sache beschäftigt, ist natürlich; welche abenteuerlichen Gerüchte aber dort über den Zweck der Verhandlungen im Umlauf sind, muß ick doch der Kuriosität wegen berichten. Gestern erzählte mir nämlich ein hier dieser Tage angekommener Konstan- tinopolitaner, wie eS dort Stadtgespräch wäre, daß der hiesige Banquier Baron von Rothschild die Hand im Spiele hätte, und durch seinen Geldeinfluß Jerusalem erwerben, dort König der Juden werden, und im heiligen Boden seiner Väter ruhen wolle. Die Sache wäre dem Sultan schon ganz reckt, wenn der Kaiser Nikolaus nur seine Zustimmung gäbe. Derselbe Konstantinopolitaner erzählte auch, wie neuerdings in der Aja Sophia (jetzt Moschee, früher Kirche der göttlichen Weisheit) zu KonstaNtinopel wieder Reparaturen gemacht wären. Die schönen Wandmalereien, die von den bilterfeindlicken Türken mit Tünche oder mit Mosaik und Arabesken verdeckt wurden, haben sich mit der Zeit, namentlich am Gewölbe deS hohen ChorS wieder hervorgewagt und sind diesmal frei geblieben DaS Bild deS Heilandes und der heiligen Jungfrau blickt freundlich herab, und scheint dieß schon ein Anfang der Erfüllung der nicht bloß bei Christen, sondern auch bei Mohamedanern verbreiteten Ueberlieferung zu seyn, daß die Aja Sophia wieder in eine christliche Kirche umgewandelt, und der Priester am Hochaltare die Messe lesen würde. Jene eben erwähnte Bilderschen der Mohamedaner scheint, wie so manches andere Verbot deS Koran, allmälig zu erlöschen, wie denn z. B. im Bibliotheksaal deS SultanS sämmtliche Porttäte der Sultane sich befinden, und in den SalvnS der türkischen Großen die Bilder der napoleonischen Thaten die Wände zieren. Auch das im Koran befindliche strenge Verbot des WeingenusseS wird von den türkischen Notabilitäten wenig geachtet. Ueberhaupt greift die europäische Civilisation (wenn auch langsam) immer weiter um sich, besonders seil dem Regierungsantritt deö jetzigen SultanS, der die alte Nationaltracht mit der europäischen vertauschte, sein Heerwesen dem französischen nachbildete, seine Officiere auf die Ingenieurschule in Metz schickte, ' " ° " 400 sein Schulwesen nach deutschem und französischem Vorbild umformte, und in die Hände deS tüchtigen UnterrichtsministerS Hemal Effendi gelegt hat. Die Vornehmen schicken ihre Kinder meist zur Erziehung nach Deutschland oder Frankreich. Jene polilischen Reformen werden allmälig auch dem Christenthum den Weg bereiten. Dazu kommt der Proceß der Selbstauflösung in der mohamedanischen Religion, der in der letzten Zeit durch die energischen Kampfe der Wahabiten (der Protestanten deS Islam) gegen die orthodoxen Mohamedaner wesentlich beschleunigt ist. Eö wirkt auch als ein Sauerteig in der gährcnden Masse die katholisch-armenische Bevölkerung, die durch geistige Ueberlegcnheit sowohl, als durch unermeßlichen Reichthum factisch über die Türken gebietet. Sind doch fast alle europäische Gesandtschaftsstellen von Konstantinopel auS mit katholischen Armeniern besetzt! Und diese Armenier sind meist in den von Mechitaristen-Mönchen geleiteten armenischen Kollegien zu San Lazaro, Wien oder Paris gebildet. Möge der Halbmond bald der Sonne der Wahrheit Platz machen I (M. Sbl.) SMsiMZH j?zd'7(is)H l-l ochoT Sllj '.iglvfts. jjiMvoS ZhilM M >>5 um ^ >.s»7',:-.:tt ti'.?i .'^!U.K l > j.ll m«wj,O hur. n«,ssl'in«ioS Gehe hin und thue desgleichen! In dem Gasthofe einer nicht unbedeutenden Stadt wurde eben labls ä' dütv gespeist. Die Tafel war zahlreich von Gästen aus den verschiedenartigsten Ständen besetzt, doch bildeten die Officiere der Garnison den Haupttheil der Gesellschaft. Die Unierhaltung war sehr belebt und munter. ^.ji^^m Da trat ein junger Mann zur Tafel hin, eine große, kräftige Gestalt; er war einfach, aber doch höchst anständig gekleidet; er schien ein Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft zu seyn. Er blieb stehen, machte das Zeichen deS heiligen Kreuzes, betete einige Minuten und setzte sich dann zu Tisch. Natürlich waren sofort Aller Augen auf ihn gerichtet. Einige blickten erstaunt auf ihn hin, Andere theilten sich einander ihre Bemerkungen mit, die Meisten aber zogen ihren Mund zu einem spöttischen Lächeln zusammen, daS endlich laut sich äußerte. Der Fremde, welcher bereits angefangen hatte, Suppe zu nehmen, blickte ruhig um sich. „Meine Herren," fragte er dann, „warum lachen Sie so allgemein, habe ich Ihnen Veranlassung zu Ihrer Heiterkeit gegeben?" „Ach, da sollte man nicht lachen," antwortete ein junger Officier, „wenn Sie solche Grimassen machen." „Also daS ist eS, waö Sie lachen macht?" erwiderte der Fremde. „Wissen Sie, eS ist eine Kleinigkeit, mit vierzig Personen über etwas zu lachen; aber dem Spott und Hohn einer ganzen Gesellschaft gegenüber daS zu thun, waS Pflicht und Gewissen gebieten, daS kann nur der Mann. Ich bin Katholik, ich schäme mich meines Glaubens nicht und danke meinem Gott gern für die Gaben, die seine Güte unS spendet." Alle schwiegen einige Augenblicke, der Officier blickte etwas verlegen seine Kameraden an; der Fremde aber begann gleich eine andere Unterhaltung und bald hatten die Gäste Gelegenheit, in dem entschiedenen Katholiken einen äußerst gebildeten und interessanten Gesellschafter zu finden. AIS er etwas früher vom Tische aufstand, das Kreuz machte und zum Danke betete, lächelte Niemand, die Meisten schwiegen, und hielten einen Angenblick selbst mit dem Essen ein. Grüßen? nach allen Seiten und freundlich wieder gegrüßt, verließ der Fremde den Speisesaul. K. A. Bestellungen für das mit 1. Januar 185S beginnende neue Abonnement wollen möglichst bald gemacht werden! M1YM?k,? m?s ^wflM?>i?.M5ss»P»?IY,.1ZZ j.'ll! iHfMl'.NVitM »tio'Zl'i ' ^ .Sns,ll»s> Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. C. Kremer. Eilster «Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PostZeitung. 21. December ^ 51 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnement«»»!« kr., wofür e« durch alle köm'gl. bayer. Postämter und alle Buchhandlangen bezogen werden kann. R o m. Der heilige Vater, Papst PiuSlX., hat unter dem 2l. November folgende Lnexeliea „an alle Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe und andere Ordinarien, welche die Gnade und Gemeinschaft deS heiligen Stuhles besitzen", erlassen: Papst PiuS IX. den ehrwürdigen Brüdern Heil und apostolischen Segen! Unser Herz erfreute sich im Herrn, ehrwürdige Brüder, und Wir dankten in tiefster Demuth und Innigkeit dem allgütigen Vater der Barmherzigkeit und dem Gott alles Trostes, da Wir in Mitte unaufhörlicher und schwerlastender Bekümmernisse, die UnS durch die so große Unbill der gegenwärtigen Zeitläufte von allen Seiten bedrängen, aus den meisten Eurer Berichte die reichlichen und freudevollen Früchte ersahen, welche daS von UnS bewilligte heilige Jubiläum über die Eurer Sorge anvertrauten Völker mit Hilfe der göttlichen Gnade ergossen hat. Jbr habr UnS bemerkt, wie bei diesem Anlasse die gläubigen Bevölkerungen Eurer Sprengel im Geiste der Demuth und mit zerknirschtem Herzen wetteifernd in größter Anzahl zu den Kirchen strömten, um der Berkündung deS Wortes GotleS beizuwohnen, um, nachdem sie durch daS Sacrament der Wiedcrversöhnung den Schmutz ihrer Seelen abgewasche», zu dem göttlichen Tische hinzuzutreten und zugleich ihre heißen Gebete Gott, dem Allerhöchsten, nach Unserer Meinung darzubringen. Von daher begannen nicht Wenige, welche sich mit Hilfe der göttlichen Gnade aus dem Schlamme der Laster und auS den Finsternissen der Irrthümer, in welchen sie elend darniederlagen, empor geschwungen, die Pfade der Tugend und der Wahrheit zu wandeln und eine heilbringende Lebensweise zu befolgen. AlleS dieses gereichte UnS zur höchsten Tröstung und Freude, die Wir, um das UnS von Gott anvertraute Heil der Menschen tief besorgt und bekümmert, gewiß nichts so sehr wünschen, und nichts Anderes Tag und Nacht in allen Unsern Wünschen und Gebeten in Demuth Unseres Herzens von Gott verlangen, als daß alle Völker, Stämme, Nationen, welche auf den Wegen des Glaubens wandeln, Ihn täglich mehr erkennen und lieben und Sein heiligstes Gesetz emsig erfüllen und auf dem Wege beharren, welcher zum Leben führt. Obwohl Wir aber, ehrwürdige Brüder, von einer Seite innige Freude empfinden müssen, daß die Bevölkerungen Eurer Sprengel auS, dem heiligen Jubiläum große Gnaden geschöpft haben, so müssen Wir auf der andern Seite nicht geringen Schmerz fühlen, wenn Wir sehen, wie in diesen jammervollen Zeiten Unsere heiligste Religion, so wie die bürgerliche Gesellschaft einen betrübten und Trauer erregenden Anblick darbieten. Denn Niemanden auS Euch, ehrwürdige Brüder, ist eS unbekannt, mit welcher Arglist, mit welcher abenteuerlichen Verkehrtheit der Meinungen und mit welchen frevelhaften Umtrieben aller Art die Feinde GotteS und deS menschlichen Geschlechtes zusammenwirken, um die Gemüther aller Menschen verwirren, e S n ie S n ch lN ir er e- al >fe eit 402 die Sitten verderben, die Religion, wenn eS je möglich wäre, allenthalben verdrängen, die Bande der bürgerlichen Gesellschaft zerreißen und sie von Grund aus umstürzen zu können. Von daher die beweinenswürdige Verblendung des Geistes so Vieler; der erbitterte Krieg gegen die allgemeine katholische Sache und gegen diesen apostolischen Stuhl; der abscheulichste Haß gegen die Tugend und die Ehrbarkeit; die Beehrung der verworfensten Laster mit dem Namen der Tugend; di-! zügellose Frechheit, Alles zu sinnen, zu thun und zu wagen; die übermüthige Mißachtung jeglicher Regierung, Macht und Autorität; die Verspottung und Verachtung geheiligter Dinge, der heiligsten Gesetze und der besten Einrichtungen; die beklagenSwerthe Verführung vor Allem der unbehutsamen Jugend; die pestbringende Seuche schlechter Bücher unv von allen Winkeln herfliegender, daS Laster lehrender Schriften, Zeitungen und Blättlein; das tödtende Gift der G leichg i l ti g ke it (JndifferentiSmuS) und des Unglaubens; die Anstiftung ruchloser Verschwörungen; die Verachtung und Verhöhnung sowohl menschlicher, als göttlicher Rechte. Es ist Euch nicht verborgen, ehrwürdige Brüder, welche Beängstigung, welche Zweifel, welche Bedenklichkeit, welche Furcht die Herzen aller vorzüglich Gutgesinnten von daher bekümmert und beklemmt, indem die schwersten Uebel auS privaten und öffentlichen Gründen zu fürchten sind, wo die Menschen von der Richtschnur der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Religion elendiglich abfallen, schlechten und ungezähmten Leidenschaften fröhnen und alle Bosheit im Sinne führen. Bei einer so großen allgemeinen Gefahr sieht eS Jedermann ein, daß wir alle unsere Hoffnungen einzig auf Gott setzen und heiße Gebete an Ihn richten müssen, damit Er die Reichthümer Seiner Barmherzigkeit über alle Völker gnädig auSgieße, und alle Gemüther mit dem Lichte Seiner himmlischen Gnade erleuchte, daß Er Sich würdige, die Irrenden auf den Weg der Gerechtigkeit zurückzuführen und die auf« rührischen Absichten der Feinde zu bekehren, daß Er Allen die Liebe und Furcht Seines heiligen Namens einflöße und den Geist gebe, immer nur daS zu denken und zu thun, waS recht, was wahr, was keusch, waS gerecht und was heilig ist. Und da der Herr sanft, milde und barmherzig ist, und freigebig gegen alle, welche Ihn anrufen, weil Er auf das Gebet der Demüthigen sieht, und Seine Allmacht vorzugsweise durch Schonung und Erbarmung offenbart, so laßt unS, ehrwürdige Brüder, mit Vertrauen zu dem Throne der Gnade hinzutreten, damit wir Barmherzigkeit erlangen und Gnade und Hilfe finden zur rechten Zeit. „Denn jeder, der bittet, empfängt, wer suchet, der findet, und dem Klopfenden wird aufgethan werden." (Malth. 7, 8.) Zuvörderst laßt uns dem Herrn der Erbarmungen unsterblichen Dank sagen und mit den Lippen deö Jubels Seinen heiligen Namen preisen, da Er in vielen Ländern des katholischen Erdkreises Wunder Seiner Barmherzigkeit zu wirken Sich würdigt. Hernach hören wir nicht auf, einstimmig, von der gleichen Treue des Glaubens, Festigkeit der Hoffnung und Inbrunst der Liebe beseelt, ohne Unterlaß Gott demüthig und innig anzuflehen und zu beschwören, daß Er Seine heilige Kirche auS allen Trübsalen errette, daß Er sie unter allen Völkern und in allen Erdtheilen von Tag zu Tag ausbreite, vermehre und erhöhe, daß Er die Welt von allen Irrthümern reinige, alle Menschen zur Erkenntniß der Wahrheit und auf den Weg deS Heiles in Seiner unendlichen Güte hinführe, daß Er die Geißel Seines Zornes, die wir für unsere Sünden verdienen, gnädig abwende, daß Er dem Meere und den Winden gebiete und Ruhe herstelle und Allen den heißerwünschten Frieden verleihe, daß Er Sein Volk errette nnd Seine Erbschaft segne, und sie zum Himmlischen leite und führe. Damit aber Gott Sein Ohr unsern Gebeten um so eher leihe und unsere Wünsche erhöre, erheben wir unsere Augen und Hände zu der heiligsten Gottes- gebärerin, der unbefleckten Jungfrau Maria, deren Fürbitte bei Gott die nächste, die kräftigste ist, welche mich unsere liebevollste Mutter, unsere größte Zuversicht, ja, der ganze Grund unserer Hoffnung ist, die erhält, um waS sie bittet, und niemals umsonst bitten kann. Dann suchen wir auch um die Fürbitten sowohl des Fürsten der Apostel nach, welchem Christus selbst die Schlüssel deö Himmelreichs übergeben 403 und den Er zum Felsen Seiner Kirche gesetzt hat, welchen die Pforten der Hölle niemals überwältigen werden, alö auch seines Mitapostels Paulus und deS eigenen Patrons jeder Stadt und jedes Landes, und der ganzen himmlischen Hecrschaar, durch welche der allgütige Herr die reichlichsten Gaben Seiner Güte im vollsten Maaße auSspendet. Darum, ehrwürdige Brüder, während Wir in dieser Unserer erhabenen Stadt öffentliche Gebete befehlen, so laden Wir mit gegenwärtigem Briefe Euch selbst und die Eurer Sorge übergebcnen Bevölkerungen zur Gemeinschaft Unserer Bitten ein, und fordern Eure ausgezeichnete Gottesfurcht und Frömmigkeit mit allem Nachdrucke auf, daß Ihr auch in Euren Sprengeln öffentliche Gebete zur Erflehung der gvttli- chen Milbe anordnen wollet. Und damit die Gläubigen mit so inbrünstigerem Gemüthe den von Euch festzusetzenden Andachten obliegen, so haben Wir beschlossen, die himmlischen Schätze der Kirche in Form eineö Jubiläums neuerdings zu eröffnen, wie Ihr auS Unserm andern hier angehängten Schreiben deutlich vernehmen werdet. Wir erheben UnS zu der zuversichtlichen Hoffnung, ehrwürdige Brüder, cS werden die Engel deS Friedens, welche goldene Schalen und ein goldenes Rauchfaß in ihren Händen tragen, die demüthigen Gebete Unser und der ganzen Kirche auf dem goldenen Altare dem Herrn darbringen, und Er werde sie mit gnädigem Antlitze aufnehmen, Unsere, Eure und aller Gläubigen Wünsche in unendlicher Güte anhören, Er wolle die Finsternisse aller Irrthümer vertreiben, die Stürme aller Uebel zerstreuen, und sowohl der Sache der Christenheit, als der Gesellschaft Seine hilfreiche Rechte darreichen, und bewirken, daß in allen Menschen die eine und eben dieselbe Treue der Gesinnungen, die eine und eben dieselbe Frömmigkeit des Wandels, die eine und eben dieselbe Liebe zur Religion, zur Tugend, zur Wahrheil unv Gerechtigkeit, daS eine und eben dasselbe Bestreben nach Frieden, daS eine und nämliche Band der Liebe sey, damit so daS Reich Seines eingeborenen Sohnes, unseres Herrn Jesu Christi, auf dem ganzen Weltall von Tag zu Tag erweitert, befestigt und erhöhet werde. Endlich empfanget als Unterpfand aller himmlischen Gaben und als Zeugniß Unserer feurigsten Liebe zu Euch den Apostolischen Segen, welchen Wir Euch, ehrwürdige Brüder, und allen Geistlichen nnd allen gläubigen Laien, die Eurer Wachsamkeit anvertraut sind, aus der innersten Neigung des Herzens liebevoll erlheilen. Gegeben zu Rom beim heiligen Pelrns den 21. November 1351, Unseres Papstthums im sechsten Jahre. Centralafrika. Der Wiener Marienverein zur Bekehrung der Neger erläßt folgende Bekanntmachung: Am 3. April 1846, kurze Zeit vor seinem Dahinscheiden, gründete der heilige Papst Gregor XVI., dem so viele fromme Missionen ihr Entstehen verdanken, eine Mission für Centralafrika, deren Thätigkeit das ganze ungeheure Ländergebiet umfassen sollte, welches von den Katarakten des Nils und den Wüsten am südlichen AbHange des AtlaS bis jenseits deö AeauatorS zu dem dort vermutheten Mondgebirge und den Gränzen von Guinea, und von den Gebirgen im Westen Abyssiniens bis zum Stromgebiete des Senegals und Gambias sich ausbreitet. Die Bekehrung der Neger, die Verhinderung deS Sclavenhandels, die Seelsorge über die einzeln in jenen Gegenden zerstreuten Katholiken, wurde als die Aufgabe der neuen Kirchengemeinde bezeichnet, und sie wurde mit der hohen Würde eines apostolischen Vicariats und mit jenen ausgedehnten geistlichen Vollmachten ausgerüstet, welche ihr wichtiger Beruf, die weite Entfernung von dem heiligen Stuhle und die Langwierigkeit, so wie die vielen Hemmnisse der Verbindung mit demselben erfordern. Ihre Leitung e S n ie S n ch !N 1r er e- al >fe eit 404 wurde dem Pater Ryllo anvertraut, einem Manne von apostolischem Eifer, der hie- von während einer langen und erfolgreichen Laufbahn rühmliche Beweise gegeben hatte; ein Weg, den er nehmen, ein Sitz, den er wählen sollte, wurde ihm vom heiligen Vater in seiner erleuchteten Weisheit nicht vorgezeichnet, die Fügungen der Vorsehung und die Erfahrungen während der Thätigkeit der Mission sollten hierüber entscheiden. Der heilige Papst starb, ehe die Missionäre ihre Reise antreten konnten- allein Se. Heiligkeit der jetzt regierende Papst PiuS IX,, von dem gleichen heiligen Eiser beseelt, bestätigte die Erlasse seines Vorgängers und ertheilte den frommen Arbeitern im Weinberge deS Herrn seinen väterlichen Segen zu ihrem großen und schwierigen Werke. Im Frühjahre 1847 kamen die zu dieser Mission ausersehenen Priester von ihren verschiedenen Standorten auf dem Festlande von Italien, in Malta, am Libanon und in Palästina in Alerandrien zusammen; aber eS dauerte bis zum September jenes JahreS, ehe die Ausrüstungen zu ihrer Fahrt vollendet waren und ehe sie durch die eifrigen Bemühungen deS kaiserlichen Generalkonsuls, unter dessen Schutz die Mission sich stellte, die nöthigen Geleitsbriefe für ihre gefahrvolle Reise erhalten hatten. An der Spitze deS Dreieckes, wo der Weiße und blaue Fluß, auö deren Vereinigung der Nil entsteht, zusammenströmen, unter dem 16° nördlicher Breite liegt Chartum, eine neue Stadt, unter Mehemcd-Ali angelegt und durch einen sehr lebhaften Handelsverkehr mit dem innern Afrika schnell zu einer Bevölkerung von mehr als Ltl.MO Menschen herangewachsen. Diese Stadt erreichten die Missionäre nach einer sehr langwierigen und beschwerlicher Reise am 11. Februar 1848. Ihre Reisevorräthe waren aufgezehrt, Krankheiten hatten mehrere aus ihnen ergriffen, Pater Ryllo selbst lag ohne Hoffnung der Wiedergenesung darnieder, cS schien daher höchst gefährlich, wenn nicht unmöglich, in diesem Augenblicke die Reise weiter fortzusetzen. Auf der andern Seite war Chartum der letzte Ort, bis wohin einigermaßen regelmäßige Handelsverbindungen mit Europa reichen, von woher Nachrichten gegeben, wo Aufträge und Unterstützungen mit einiger Sicherheit empfangen werden können, und kein anderer Platz schien geeigneter, Verbindungen mit den Bewohnern deS innern Afrikas anzuknüpfen, über die Orte und Acten der künftigen Wirksamkeit zu festen Entschlüssen zu gelangen, die Missionäre für ihren Beruf durch das Studium der Sprachen und Sitten des Landes vorzubereiten, sie an daS so gänzlich verschiedene, für jeden Unvorbereiteten höchst verderbliche Clima zu gewöhnen und ihnen seiner Zeit, wenn sie sich über daS Land zerstreut haben würden, einen Punct der Vereinigung, der geistigen Auffrischung und der körperlichen Erholung zu gewähren. ES wurde daher beschlossen, in Chartum eine Station zu errichten, und ein edler Türke, welcher die Missionäre schon in Dongola gastfrei aufgenommen hatte, und hiedurch eine Pflicht der Dankbarkeit erfüllen wollte, die er christlichen Priestern am Libanon, die ihm einst auf einem Feldzuge daS Leben gerettet hatten, schuldig war, verschaffte ihnen Schutz, Hilfe, Unterkunft. Allein am 17. Juni 1848 starb Pater Ryllo, die wiederholt erbetenen, lange erwarteten Unterstützungen auS Europa blieben aus und an deren Statt kamen die erschütterndsten Nachrichten. Der Sturm der Revolution hatte den ganzen Welttheil ergriffen, alles was man bisher geachtet und geehrt hatte, wurde in den Staub getreten, der heilige Glaube, die Grundfesten der gesellschaftlichen Ordnung schienen erschüttert, die Prediger deS göttlichen Wortes wurden verfolgt und vertrieben, die frommen Institute zur Erhaltung und Verbreitung deS Glaubens wurden in ihrem Bestände bedroht und der heilige Vater selbst war in seinem Sitze gefährdet. Wer sollte in diesem Umstürze aller Dinge noch an die Mission im fernen Afrika denken, wo durften sie noch auf Theilnahme und Hilfe in ihrem schwierigen Werke hoffenI Die heilige Propaganda in Rom erklärte feierlich, daß sie nicht in der Lage sey, die Mission ferner unterstützen zu können, und bereits waren die Erlässe ausgefertiget, welche den Missionären die Eilaubniß ertheilen soll- ten, wieder auf ihre frühern Standpuncte zurückzukehren. Allein der Herr, der einem in seinem Namen unternommenen Werke seinen Beistand nie entzieht und die Werkzeuge zu seiner Ehre und Verherrlichung wohl zu wählen weiß, hatte auch in Char- 405 tum den rechten Mann zur Begründung und Fortpflanzung des großen Werkes zur Bekehrung der Neger sich bereits ausersehen. Unter den Missionären, welche Pater Ryllo begleitet hatten, befand sich Pater Jgnaz Knoblecher, geboren am 6. Juli 1819 zu St. Cantian bei Gutenwerth, einem Dorfe der Diöcese Laibach, der im Listen Lebensjahre nach zurückgelegten Studien und nachdem er zu Laibach die mindern Weihen erhalten hatte, mit Bewilligung seines hochwürdigen Bischofes in Rom in das Institut der heiligen Propaganda eingetreten, dort zum Priester geweiht und für den gottgeweihten Beruf eines Heidenapostels ausgebildet worden war. Nach dem Tode des Pater Ryllo war die Leitung der Mission an ihn übergegangen und in Kurzem hatte er einen Grund angekauft, ein HauS gebaut, einen Garten angelegt, eine Kapelle eingerichtet, alles zwar klein und nothdürftig, aber doch hinreichend für die bescheidenen Bedürfnisse seiner Genossen und die ersten Anfänge der Mission und die Möglichkeit gewährend, in einem Lande, das bisher nichts als die Giäuel deS HeidenthumS und die Lieblosigkeit deS MohamedaniSmuö kannte, täglich das unblutige Opfer deS neuen Bundes darzubringen, täglich Gott den Dank für die Wohlthat der Erlösung darzubringen und täglich seinen Beistand und seinen Segen anzuflehen, damit auch die zahlreichen Völker jener Gegenden in die große seligmachende Kirche Christi eingehen. In Chartum ist ein Sclavenmarkt, wohin aus dem innersten Afrika die unglücklichen Gefangenen zum Verkaufe geschleppt werden, unter diesen oft zarte Kinder, ihren Eltern geraubt, verlassen und trostlos der Willkür dessen hingegeben, der daS Geld daran wendet, sie sein zu nennen. Die frommen Missionäre kauften nun auf diesem Markte mehrere Knaben, die ihnen gutgeartet und von einigem Talente zu seyn schienen, auch fanden sich in Chartum einige Abkömmlinge von Europäern, oft von ihren Vätern zurückgelassen, verwildert und verroht, in den Irrglauben ihrer Mütter zurückgefallen. Diese Kinder wurden nun in dem Hause der Mission untergebracht, man fing an, sie in allen jenen einfachen Kenntnissen zu unterrichten, welche für sie und ihre Heimat von Nutzen seyn können, und vor Allem in den Wahrheiten unseres heiligen Glaubens. Sie sollten die erste christliche Gemeinde CeiuralainkaS bilden, und jene Neger sollten, dereinst der Freiheit wieder gegeben und auf sichern Wegen zu ihren Landsleuten zurückgesendet, dort die Apostel dieser letzter», die eifrigsten und wirksamsten Helfer der Missionäre werden. Groß war der Eifer der jungen Leute, ihre Empfänglichkeit für die göttliche Lehre, die ihnen verkündet wurde, und ihre Liebe zu Gott, zu Christo und zu seiner jungfräulichen Mutter, sanft und ruhig ihre Sitten, kindlich ihre Anhänglichkeit an die frommen Väter. Am Feste Allerheiligen deö JabreS 1848 konnten bereits die ersten auS ihnen durch die Taufe in den Schooß der heiligen Kirche ausgenommen werden. Am Vorabende dieses Tages besuchte Pater Knoblecher wie gewöhnlich daS Schlafzimmer der Kleinen, um nachzusehen, ob alle in Ordnung zur Ruhe gegangen. Da fand er die Katechumcnen noch wach und in andächtiger Haltung. Er fragte, waö sie da machten? „Wir beten zur Mutter Gottes, war die Antwort, daß sie für unS bitte, damit wir den morgigen Tag erleben, der unS zu Christen machen soll." — Welcher Glaube unter diesen Erstlingen der Kirche deS innern Afrika's, wie sehr sind sie würdig, daß alle, die Christum bekennen, sich für sie bemühen! Von diesen jungen Leute» lernten auch die Missionäre die Sprache der Stämme, denen jene angehörten, der Galla, der Bari und anderer, und auch sonst sammelte man von ihnen alle jene Thatsachen, welche über die Wohnsitze jener Völker, die Wege, zu ihuen zu gelangen, ihre religiösen Ansichten, Sitten, Gebräuche, und waS sonst als Grundlage der künftigen Thätigkeit der Mission dienen kann, Ausschluß zu geben vermochten. AIS die Hilfe aus Europa ausblieb, wurde darum im Eifer nicht erkaltet, die Thätigkeit nicht beschränkt und den Negerzöglingen nichts entzogen, die Missionäre sparten am eigenen Leibe und suchten die Hilfsmittel zu benutzen, welche ihnen ihr Garten darbot. So wurde daS Jahr 1849 überstanden, und endlich im Jahre 1349, als die Noth am höchsten war, und als auch der Verein zur Vereinigung deS Glaubens in Lyon die erbetene Unterstützung versagt hatte, kam gerade zur rechten Zeit 406 eine Spende auS Laibach, zwar klein in Vergleich mit den zu bestreitendeu Bedürfnissen, aber sie war der Oelzweig der Taube in der Sündfluth, sie zeigte, daß in Europa der Glaube und die Theilnahme an seiner Verbreitung neu erwache, und sie wies auf die Richtung hin, in welcher daS fromme Unternehmen auch künftig auf erfolgreiche Hilfe hoffen könne. Unter diesen Verhältnissen war es, daß Paler Knob- lecher den kühnen Entschluß faßte, dem großen Zwecke, welcher der Mission gesetzt war, näher zu rücken und so weit als möglich in daS Innere Afrika'S vorzudringen, um die Stätten seiner künftigen Wirksamkeit kennen zu lernen. Jährlich im November, wenn die Nordwinde zu wehen anfangen, schickt der Gouverneur von Chartum mehrere Schiffe den weißen Fluß hinauf, um die egyptischen Niederlassungen längs dieses Stromes mit den nöthigen Bedürfnissen zu versehen und von den weiter oberhalb wohnenden Negervölkern Elfenbein gegen GlaS-Eorallen einzutauschen. Dieser Erpedition wollte sich Knoblecher anschließen, jedoch weiter vordringen als sie. Ein mohamedanischer Kaufmann schoß, wenn auch umer sehr drückenden Bedingungen, die Kosten vor. Am 13. November 1849 trat Pater Knoblecher d e Reise an, zwei seiner Genossen begleiteten ihn, die übrigen blieben zur Obhut der Mission zurück. Nach wenigen Tagen waren sie an den letzten Niederlassungen der Egypter vorübergekommen und schifften längs der unermeßlichen Urwälder hin, welche die natürliche Gränze zwischen dem Gchieie deS Pascha von Egypten und den unabhängigen Negerstämmen, dem MohamedanismuS und dem Heidenthume, bilden. An der Seite weiter graSreicher Savannen, nur hie und da durch einen Hain, einen Hügel unterbrochen, setzten die frommen Missionäre ihre Reise fort, bis zu dem letzten Puncte, den bisher ein Europäer erreichte, den Wasserfällen deS weißen FlusseS am Fuße deS eisenreichen Gebirges, welches die fleißigen Bari-Neger bewohnen. Ihre Kenntniß der Landessprache verschaffte ihnen einen Lootsen, welcher sie durch einen natürlichen Canal, der in vielen Windungen schräge von einem Ufer zum andern sich hinzieht, die Wasserfälle hindurch geleitete, und so kamen sie bis Logvek unter 4° 9' nördlicher Breite. Von einem Berge, der dort sich erhebt, übersahen sie den obern Lauf deS weißen FlusseS in unermeßlicher Weite, und die Richtung seines Laufes, seine Wasscrmenge, daS Maaß seiner Geschwindigkeit erlaubte den Schluß, daß er weit jenseits deS AequatorS entspringe, also mit seiner Hilfe noch tief in jene unbekannten Gegenden werde vorgedrungen werden können. Die Gegenden, welche die Missionäre durchfuhren, werden in der Richtung von Norden nach Süden von den Scilluk-, Dinka^, Nuir-, Kyk-, Bor-, Zhir- und Bari-Negern bewohnt, unabhängigen Stämmen unter einheimischen Fürsten, lebend von dem Ackerbau, der Viehzucht, der Jagd. Die Bari wissen sogar daS Eisen ihrer Berge zu bearbeiten und verfertigen Waffen und Schmuck für sich und ihre Nachbarn. Der große Gegenstand des Handelsverkehres ist daS Elfenbein der zahlreichen Elcphantenbeerden, welche jene weiten Ebenen durchstreifen. Der Menschenschlag ist schön und kräftig, man sieht unter ihnen majestätische kriegerische Gestalten, und die schöngefleckten Leoparden- und Pantherfelle, welche ihnen als Zeichen ihres Jagdglückes wie ein Mantel am Rücken herniederhängen, vermehren den Eindruck, den sie machen. So weit die Missionäre beurtheilen konnten, scheint ihr Gemüth für alles Gute empfänglich, ihr Verstand der Belehrung zugänglich, noch sind die verheerenden Sclavenjagden der nördlichen Gegenden nicht zu ihnen gedrungen und haben nicht ihre Sitten verwildert, ihre Ruhe gestört. So wie sie sind, werden sie der Lehre Christi, der Predigt deS Glaubens und der Liebe ein offenes Herz darbieten, und sie sehnen sich nach derselben; die Barineger und ihr König Niphila waren schmerzlich betrübt, als die Missionäre sie verließen, und ließen sich nur durch das Versprechen der baldigen Wiederkehr derselben beruhigen. Aber diese Armen sind auch des Segens und Heiles der Offenbarung so bedürftig, als nur je ein Menschenkind. Ihr Geist ist in den widersinnigsten Aberglauben versunken, der Gedanke eines lebendigen schöpferischen GotteS, der die Menschen erhört, wenn sie zu ihm flehen, ist ihnen fremd und tröstet sie nicht in den Uebeln, die sie umringen, und denen sie ohne Kleidung, ohne wohlverwahrtes Obdach, ohne Erfahrung und 407 Kenntniß schutzlos hingegeben sind. Welche reiche lohnende Ernte für Jene, die hier unter GotteS Beistand dereinst säen werden! (Schluß folgt.) Die katholischen Vereine und die Presse. Ein Mahnruf von Fr. v. Florencourt. ^) .... Die Verbreitung guter katholischer Bücher, oder, um cS allgemeiner auszudrücken, die Entwicklung und Organisation der katholischen Presse ist ein Hauptpunct für die Thätigkeit der katholischen Vereine. Auf diesen Punct sind die katholischen Vereine durch das dringendste geschichtliche Bedürfniß entschieden hingewiesen. Hier ist in der That eine gewallige Lücke, durch welche der Teufel eindringt in das Reich GotteS auf Erden, eine Lücke, für deren Ausfüllung von Seite deS katholischen VereinswcsenS bis jetzt noch nichts Erhebliches und Durchgreifendes geschehen ist. Hier bietet sich ein reiches, unabsehbares Felv dar. Vor Erfindung der Buchdruckerkunst konnten nalürlich solche Vereine, die heilend und werklhätig den Uebeln und Sünden der Presse entgegentraten, nicht entstehen, weil es damals noch keine Presse gab. Auch hat sich der ganze ungeheure Einfluß der Druckschriften erst nach unv nach in seinem jetzigen vollen Umfange entwickelt, und zwar in einer Zeit, wo das Leben der Kirche darniederlag, durch innere Lauheit und durch äußere Beschränkung gehemmt wurde, während die Tendenzen deS Unglaubens und der Sünde in voller Blüthe standen. Daher die Erscheinung, daß der zerstörende Theil der Presse gegenwärtig ein so gewaltiges Uebergewicht gewonnen hat. Die Folgen liegen am Tage. Die Bücher und Zeitungen des Unglaubens und der Sitlenlofigkeit überschwemmen die Paläste, wie die Hütten; ihr Gift läuft in tausendfachen Canälen durch alle Adern der Gesellschaft. Millionen von Händen, Federn, Maschinen u. s. w. sind fort und fort beschäftigt, auf diese Weise den heiligen Glauben der Kirche und die sittlichen Gebote unseres Herrn balv direct, bald indirect, balv bewußt, bald unbewußt, auS den Herzen der Menschen zu verjagen und auszulöschen. Und bis jetzt hat das katholische BereinSwesen diesem gränzenlosen Mißbrauche einer an sich nützlichen und zur Ehre GotteS dienenden Erfindung lhat- loS zugeschaut. Hier werkthätig und durchgreifend zu helfen, ist in der That eine dringend gebotene, aber auch eine so schwere Aufgabe, daß man auf den ersten Anblick davor zurückschreckt Daß aber mit der Hilfe GotteS dem katholischen BereinSwesen nichts unmöglich ist, das zeigt uns die Geschichte auch auf andern Gebieten. Es handelt sich namentlich darum, in Stadt und Land alle unkalholischen Biälter, von den groß- ten Zeitungen an bis zu den kleinsten Schmutzblättern herab, nach und nach zu ver» drangen, und andere wahrhaft katholische Zeitschriften an deren Stelle einzuführen. Dazu gehört erst eine genaue Ermittlung des ganzen unseligen Thatbestandes für den Kreis, für welchen sich der Verein gebildet hat, also eine genaue Aufzählung aller derjenigen schlechten Blätter, die vorzugsweise in den einzelnen Orten sich eingebürgert haben und vorzugsweise dem katholische» Leben Schaden thun. Diese Ermittlung kann der kalhvlischc Verein in die Hand nehmen, indem er dazu sachverständige Männer zu einer Commission wählt. Nachher läßt sich dann über die geeignetsten Wege sprechen, wie dem also bloßgelegten Uebel abzuhelfen ist, theils negativ, indem man dahin wirkt, daß alle solche schädlichen Erzeugnisse der Presse nicht mehr gehalten, gekauft und gelesen werden, theils positiv, indem man untersucht, waS dafür an die Stelle gesetzt werden kann. Dann wird eS auf Herbeiziehung der geeigneten Männer, auf Herbeischaffung der äußern Mittel sür die Gründung und Organisirung einer solchen katholischen Presse ankommen u. s. w. Wenn die Katholikenvereine sich diese ') Aus der Volkshalle. 408 fromme Pflicht stellen, und sich ihr mit Gebet und hingebendem Gottvertrauen widmen, wenn sich auf diese Weise über ganz Oesterreich und ganz Deutschland ein großes Netz von Haupt- und Nebenvereincn bildet, dann kann eS gelingen, waS bis dahin keiner Staatsgewalt, keiner Preßgesetzgebung und keiner Censur gelungen ist, — nämlich die Buchdruckerpresse wieder zum Dienste GvtteS und seiner Gebote zurückzuführen. Hier, wie überall, steht der Staat in seiner ganzen Ohnmacht da, wenn ihm die Kirche nicht mit ihren Waffen, mit Glauben und Liebe, zu Hilfe kommt. „Aber, wird man sagen, die „„katholischen"" Vereine sollen nur kirchliche Vereine seyn; indem sie sich auf diese Weise die Reinigung und Heiligung der Presse nicht bloß auf geistlichem, sondern auch auf weltlichem Gebiete zur Aufgabe stellen, überschreiten sie das kirchliche Gebiet, und nehmen zugleich einen politischen Charakter an." Ich entgegne darauf: Wo ist überhaupt die Gränze bei irgend einer christlichen Werkthätigkeit zwischen „kirchlich" und „politisch" zu finden? Ist zuletzt die Armen- und Krankenpflege nicht auch etwas Politisches? Greift nicht die Erziehung ebenfalls tief ein in die politischen Zustände? Alle christlichen Motive, und alle christliche Gesinnung, wenn sie znr That werden und in fleischliches Leben übertreten will, hat immer eine politische Seite. Die enge, unauflösbare Verbindung hicnieden zwischen Fleisch und Geist, zwischen Kirche und Staat, zwischen Politik und christlicher Moral hat sich mehr, wie je, in der letzten Zeit auch dem blödesten Auge herausgestellt, und kein frommer Katholik darf sich der Ausübung dieser politischen Seile seiner Pflichten entziehen. Mag man solche Vereine politische nennen oder nicht, eS ist ein Streit um ein leeres Wort. Die eigentliche Frage heißt: „Sind solche Vereine gut? dienen sie zur Ehre GotteS und zum Nutzen der heiligen katholischen Kirche oder nicht?" Und wenn man darauf bejahend antworten kann, so ist dieser Scrupel gehoben. _ M e i n h o I b. Am 3. Dec. wurden in Charlottenburg die irdischen Ueberreste des Mannes der Erde übergeben, der nach vielen mächtigen, innern Kämpfen, die sein denkender Geist ihm bot, bereits an den Schwellen der kath. Kirche stand um Einlaß zu begehren. Der Irrthum war überwunden, aber der Tod überraschte ihn in seinem Zögern, daS äußere Verhältnisse ihm geboten. Er arbeitete seit längerer Zeit über einem Werke, daS, originell in der Behandlung des Stoffes, sich als das Ergebniß des unermüdlichsten Fleißes documentiren und der gelehrten, wie der ungelehrten Welt volle Befriedigung gewähren wird. *) Das Werk ist in der Hauptsache vollendet. Gleichsam ahnend den nahenden Tod, arbeitete er die letzten Wochen und vorzüglich die letzten Tage seines Lebens mit sichtbarer Hast. Der Geist trieb ihn, das begonnene Werk zu vollenden. Mögen die Erben des zu früh Verstorbenen sich beeilen, ein Werk der Oeffentlichkeit zu übergeben, daS ein dringendes Bedürfniß der Zeit, eine passende Kost für die gegenwärtige Generation. Einige seiner Freunde, mit denen er fleißig und herzlich correspondirte. setzten große Erwanungen auf ihn, ja, hofften sogar von seinem neuen Werke und fernern Bestrebungen die Conversion des deutschen Nordens. Diesem Ziele waren seine letzten Kräfte gewidmet. Er war ein wahrer, warmer KvnigSfreund, ein vortrefflicher Patriot und voll Begeisterung für Gott und den Glauben. Gott tröste seine arme Wittwe! denn er selbst gab eine Pfarre von 1650 Thalern Gehalt auf, um nur seiner Ueberzeugung treu zu seyn. ') Ueber die Schönheit des katholischen Glaubens und über die UnHaltbarkeit des Protestantismus. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. VerlagS-Znhaber: F. C. Kremer. Eilfter Jahrgang. s>i?si5si!j nvi!i>K NI>j n^fsizch^ Sonntags-Beiblatt >j' ^«sZiki.Zi'-isiP nsniiöti vn«.',u!<Ä ns,Sve zur Augsburger Pojtzeitung. ^7Üs>.' 28. December M- SS. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonuementspreis kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Gebetsverein zur Bekehrung Englands. Rom, 30. Nov. Anbei übersende ich Ihnen deS Pater JgnatiuS Spencer Aufruf an die Katholiken der ganzen Welt zu Gebeten und guten Werken für die Bekehrung aller von der Kirche Getrennten, insbesondere der Protestanten. Zugleich kann ich Ihnen die freudige Nachricht mittheilen, daß daS von ihm mit so viel Glück und Erfolg unternommene Werk der Bekehrung jetzt in ein neueö Stadium eingetreten ist. Der heilige Vater, von heißem Verlangen nach der Rückkehr der ' Verirrten in den Schooß der heil. Kirche erfüllt, hat den Plan deS Pater JgnatiuS nach sorgfältiger Prüfung nicht nur gut geheißen, sondern diesem Werke auch seinen besondern Segen und reiche Jndulgenzen verliehen. Pater JgnatiuS wird nun mit - größerer Sicherheit, Autorität und Anerkennung wirken können, nachdem sein Werk i die Approbation deS Stellvertreters Jesu Christi selbst erhalten hat. Wahrscheinlich wird sich jedoch seine Rückkehr nach Deutschland noch um einige Monate verziehen. ? Der Verein, wozu er bereits den Grund gelegt hat, und an dessen AuSbrei- - tung er nun mit größerer Lust arbeiten wird, geht von dem Gedanken auS, daß es l die Pflicht eines jeden Katholiken ist, für die Rettung der Verirrten besorgt zu seyn , und nach seinem Vermögen mitzuwirken. Er wendet sich darum nicht an eine beson, , dere Classe von Personen, noch hat er Statuten entworfen, oder bestimmte Gebete ) und Beitrage für die Mitglieder festgesetzt. Die ganze heil. Kirche soll diesem Verein r angehören, die Verfassung der Kirche soll sein Statut, und die Liebe die Richtschnur seyn, die am besten Jedem eingeben wird, was er für die Bekehrung seiner Unglück- - lichen, von der Kirche losgerissenen Brüder zu thun hat. Der Zweck seines Unter- e nehmens ist zunächst nur, daS Bewußtseyn dieser heiligen Liebespflicht in den Herzen 5 Aller zu wecken und ihnen die besten Mittel zur Erfüllung derselben anzugeben. " Diese sind aber nicht Macht, nicht Gelehrsamkeit, nicht Disputirsucht, sondern daS e Gebet, — denn Gott allein kann die Gnade der Erleuchtung zur Erkenntniß der s Wahrheit verleihen, — und ein heiliges Leben nach dem Beispiel Jesu Christi, der n spricht: „Ich heilige mich selbst für sie, damit auch sie geheiligt seyen in der Wahr- h heit." Durch diese großartige Auffassung seines Werkes ist Pater JgnatiuS zugleich n der Gefahr entgangen, irgend einem andern Vereine, der für ähnliche Zwecke besteht, lr hindernd in den Weg zu treten; umgekehrt werden die andern Vereine in dem Maaße :r gewinnen und fortschreiten, als durch sein Unternehmen die Liebe gegen daS Unglück e- deS Nächsten in den Herzen der Katholiken geweckt wird. Wenn er aber zunächst il wünscht, eS möchten alle zuerst und vorzüglich die Bekehrung Englands von Gott zu se erlangen suchen, so hat daS keineswegs seinen Grund in irgend einer nationalen -it Vorliebe; es ist dieses vielmehr ein neuer Beweis, mit welcher Tiefe und Großartigkeit er seinen Plan entworfen hat. Wer die Weltftellung Englands, seine Macht, 410 seinen Einfluß, den ernsten, religiösen Charakter und energischen Unternehmungsgeist seiner Bewohner kennt, wird zugeben müssen, daß von der Rückkehr dieser Nation zum wahren Glauben nicht bloß die Bekehrung der übrigen Protestanten, sondern auch der noch heidnischen Völker zum großen Theile bedingt ist. Ja, ich glaube, selbst unsere Politiker — obgleich dieses Unternehmen nichts mit der Politik zu schaffen hat — würden nicht wenig damit zufrieden seyn, wenn eS uns recht bald gelänge, mit der Gnade Gottes die englische Nation zum Katholicismus zu bekehren. Sicherlich würden sie dann jene egoistische und revolutionäre Richtung in der englischen Politik, die jetzt wie ein Alp auf die übrigen Völker drückt, wenig mehr zu befürchten haben. Demnach ist dieses ein handgreiflicher Beweis für die Wahrheit dessen, waS Pater JgnatiuS in dem folgenden Ausruf sagt, daß die Erfüllung dieser Liebespflicht den Katholiken nicht nur die selige Ewigkeit erwerben, sondern auch ihre irdische und bürgerliche Wohlfahrt in hohem Grade vermehren werde. .«»»? «Äi-tt mx»j»S «nn>mlÄ»üD»«jV n»tmiS»P .ZgiiläZ illv pm Augsburger Postzeitung. ' ^ Iwölster Jahrgang. 18,?. / ^T^K^ ^S^V^ » Augsburg. B. Schmid'sche Buchhandlung. (K. Krcmer.) ^!«>»»<^ I « h a l t. Gedichte. Am Allerstelentage 353. Auf die Anwesenheit des Bischofs von Eich. städt in Freistadt 377. Am Charfteitag 113. Charwoche 103. Dankbarkeit gegen Gott 1. Der Herbst deS Lebens 392. Kirchenlied in der Fastenzeit 97. Die Airchenstürmer 49. Hirtenbriefe und andere Llctenjtücke. Hinenbrief des Cardinal - Fürstbischofs von Breslau 1 9. Hirtenbrief des Bischofs von Brünn 321. Hirtenbrief des Erzbischofs v. Freiburg 161. Hirtenbrief des Cardinal - Erzbischofs von Köln 65 73. Hirtenbrief des Bischofs von Limburg 106. Hirtenbrief des Bischofs von Mainz 81 89 98. Hirtenbrief der versammelten Erzbischöfe und Bischöfe auf dem Nationalconcil zu Baltimore 225. Der Bischof von Poitiers über Priesterseminarien 182. Der Bischof von Treviso über die Anfeindungen des Klerus 352. Einladung deS Bischofs von Lava nt zum Gebetsverein für die Vereinigung schis- matischer Slaven mit der katholischen Kirche 30. Der Erzbischof von Tuam an den Minister Grafeil Derby über die Verhältnisse in Irland 361. Die Bischöfe des Nationalconciliums in Baltimore an den Fürsterzbischof von Wien als Präsidenten des Leopoldinenvereins 390. Die katholische Mission der Deutschen in London. (Aufruf des Kardinals Wise- man.) 109. Jerusalem. (Schreiben des Custos vom heiligen Lande an den Fürsterzbischof von Wien.) 38. Bericht des apostolischen Vicars für Cen- tralafrika 157 165 171 179 189. Bericht auS Chartum 241. Bericht über die Fahrt der Stell« ms- tutins von Dongola bis Chartum 251 262 270. Rechenschaftsbericht deS Marienverein« für die Mission in Centralafrika 2Ä7. Zum BonifaciuSverein 253. Mainz. (Einladung des katholischen Vororts.) 296. Religiös-politisches Glaubensbekenntniß de« Marquis Donoso CorteS 19k. Abschiedsschreiben des Pastors Hasert an seine Gemeinde 345. Biographien und Nekrologe. Erzherzogin Maria von Steiermark 249 259 297 307. C. R. A. van Bommel, Bischof von Lüttich 145. MoisluS Maria Blancis, Bischof von Gyra und apostolischer Delegat von Griechenland 153. Erzählungen. Charlotte Henriot 25 33 4t 52 59. Unsrer lieben Frauen Mantel 280 289 29S 309 314 324 333. Das Antoniusglöcklein 302. Wohlthun trägt Zinsen 271. Missionsoerichte. Abenberg 279. — Bamberg 359 366 374. — Bayerische Pfalz 238. — BenSheim 71. — Danzig 224. — Ellingen 245. — Gabel 352. — Hall 128. — Hei« ning 330. — Jngolstadt 222. — Mainz 45. Miltenberg 294. — Neumarkt 239. — Neuß 72. — Oberschlesim 207. — Oppeln 142. Größere Fussätze vermischten Inhalts. Aphorismen aus einer Schrift des Marquis Donoso Cortes 4 12. — Ein deutscher Bischof 7. — DaS Walten der göttlichen Vorsehung 14. — Die katholische Mission in Nordamerika 17. — Die St. PaulSkirche in Rom 22 30. — Zur G-- schichte der kirchlichen Bewegung in Eng« land 24. — Die hl. Genovefa 29. — Die Jesuiten 32. — Die wahxe Bekehrung 40. — Paris. (DaS Fest der Geistlichkeit.) 46. — Berlin. (Hengstenberg über die kirchliche Verwahrlosung Berlins ) 48. — Die Bibliothek eines Landgeist, lichen 57 69 76 86. — Ueber christliche Cculptur 94. — Der neue Aufschwung der kath. Kirche 115. — Der Freimaurerorden 118.— Die Politik der Kirche 121. — Kirchliche Skizzen aus London 123. — Synoden i?5. — Clemens Brentano an ein zwölfjähriges Mädchen 126. — Die unbefleckte Empfängniß und die Irrlehren der Gegenwart 129. — Aus Briefen eines engl. Konvertiten 131. — Pater Bruno 137. — Ein Franciscaner 138 146.— Einige Bemerkungen über ein Hauptgebrechen unserer Zeit 167. — Aechte Toleranz ^69. — Die Seelsorge auf den Mariannen 175. — Die engl. Bibelgesellschaft, nebst zeitgemäßen Betrachtungen 177. — Die Enthaltsamkeitsbruderschaft in Geldern 181. — Die Freiheit der Kirche 185. — DaS erste Nationalconcil in den vereinigten Staaten 187 201. — Drei.»verdächtige Zeugen über die Gesellschaft Jesu 191. — Der Freimaurerorden in seiner wahren Bedeutung 193 202 2t4 2i8^ — Neapel. ' (Land und Leute.) 205. — Brindist's Misstonsreisen im Peloponnes 209. — Ein , Zeugniß aus Protestant. Munde 217. — ZohanneSwürmchen 227. — Kremsmünster. (Abt Thom. Mitterndorfer.) 229. — Die Fronleichnamsprocession in Rom 232. '— Die Vsme5 clu 5aore eoeur 234 243. — Die Rehabilitirung der Liguorianer in Eggenburg 254. — Das Fest des heiligen Petrus und Paulus in Rom 257 268. — Generalversammlung der hrthol. Vereine Deutschlands in Münster 265. — Von her Grundlage der Zugendbündnisse zur Fortbildung derselben 273. — Kirchliche Zu« stände in England 276 — Böhmen. (Zustände.) 277. — Erfahrungen eines kath. Geistlichen in Wien 284 305 327. — Einige Bemerkungen über die Sonntagsfeier 285. — Eine Taufe unter dem Galgen 292. — Urtheil eines Protestanten über die religiösen Zustände in den nordamerikanischen Hu»s n 5«? kn6»nr»A Kleinere Artikel und U?^en. Heldenthat zweier Priester 221. — Gehorsam 280. — Schreiben eines 79jährtgen Bischofs 343. — Der Dom zu Speyer 384. — Winke für katholisirende Protestanten 408. — Die Trappisten in Frankreich "'3. — Das Mechitaristenkloster in Wien 64. — Aegyvten 247. — Amerika 303 356 248. — Asien 384. — Australien 151. — Bamberg 295. — Berlin 192 224. — Breslau 160. — Centralafrika 183. — China 246. — Eichstävt 375. — Frankreich 208 312 136. — Fulda 400. — Gmünd 111. — Großbritannien 208 240 112 135. — Japan 144. — Jerusalem 199. — Klausen 256. — Köln 150. — Kremsmünster 224. — Lüttich 137. — Mailand 47. — Oberschlesien 120. — Paßau 399. — Politz 296. — Prag 216. — Pommern 344. — Rom 79 376 80 110 160 134 332 255 368. — Rußland 200. — Stockholm 80. — Türkei 112. — Westindien 336. — Wien 264 344. — Zweibrücken 391. ^i» ' I's! s Litterarisches. Die Christiade 104. Nltz ÄUi7N Zwölfter Jahrgang. Sonntags⸗Beiblatt zur Aungshurger Poſtzeitung 4. Januar Nʳ· 1. 1852. Dieſes Blatt erſcheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährl Abonnementspreis 40 fr., wofür es durch alle königl. bayer. Poſtaämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Dankbarkeit gegen Gott. (Aus den Papieren eines Convertiten) Aus des Todes tiefſten Gründen, Aus des Irrthums bittrer Noth, Aus dem Schlamme ſchwerer Sünden Haſt du mich erlöst, o Gott! Herr, was hat dich denn bewogen, Daß du noch an mich gedacht? Daß du mich hervorgezogen Aus des ew'gen Todes Nacht? Warum haſt du mich gerade Vor manch Andern aufgeſucht, Und mich von des Irrthums Pfade Sanft gelenkt zur Friedensbucht? Deine Liebe dein Erbarmen War es einzig und allein, Die mich Aermſten aller Armen Lud zum Mahl des Lebens ein. O für dieſen ſüßen Frieden, Herr, mein Gott, was kann ich dir Andres als mein Leben bieten? Vater, nimm es an von mir! Alles haſt du mir gegeben, Alles geb' ich dir zurück; Dir zu dienen, treu ergeben, Sey fortan mein einz'ges Glück! — Hirtenbrief Sr. Eminenz des hochwürdigſten Heren Cardinals und Fürſtbiſchofs von Breslau, Melchiör v. Diepenbrock. Seinem Ehrwürdigen Klerus und ſeinen geliebten Diöceſanen ⸗ Gruß und Segenswunſch in Chriſto unſerm Herrn. Als ich an der Pforte des nun dahingeſchiedenen Kirchenjahres, Geliebte! mein Hirtenwort an Euch richtete, da wendeten ſich unſere Blicke mit ängſtlicher 2 Beſorgniß in die nahe drohende Zukunft, denn ein unſeliges Zerwürfniß war in Folge der vorangegangenen zweijährigen Wirren zwiſchen den Regierungen des deutſchen Vaterlandes eingetreten, und drohete in einen verheerenden Bruderkrieg auszubrechen, der nur mit der Verſtümmelung und dem Tode vieler Tauſende, mit dem Jammer und Elende vieler Hunderttauſende, und mit der Verarmung und Verwüſtung ganzer Länderſtriche wäre zu Ende geführt worden. Darum forderte ich Euch damals auf, zu dem Herrn zu flehen, daß Er die drohende Kriegsgeißel gnädig von uns wende und uns den Frieden bewahre, damit wir in Ruhe und Eintracht Ihm ungeſtört dienen könnten. Und der Herr hat unſer armes Flehen gnädig erhört und Gedanken des Friedens und weiſer Verſtändigung in die Herzen der Fürſten und ihrer Rathgeber geſenkt und das Vaterland vor all' dem Blutvergießen und Gräuel bewahrt, der des Krieges unabwendbares Gefolge iſt. Es ziemet ſich daher, daß wir am Schluſſe des Kirchenjahres, uns im Geiſte in ſeinen Anfang zurückverſetzend, unſerm Gott dafür danken, daß Er nicht nach unſerm Verdienen mit uns gehandelt, ſondern in Seiner reichen Erbarmung die drohende Gefahr abgewendet und uns vor den Schreckniſſen des Krieges gnädig bewahrt hat. Preis und Dank ſey Ihm dafür auch jetzt noch von uns Allen dargebracht. Allein bei dem Vorausblicken in das neue Kirchenjahr, welches die Adventzeit uns eröffnet, finden wir leider nur zu dringende Veranlaſſung, mit jenem Danke für erhörtes Gebet neues Flehen zu verbinden, denn verkennen dürfen wir es nicht, daß noch ganz andere Gefahren im Anzuge ſind, als die vor einem Jahre aus einem geregelten Kriege berechtigter Fürſten uns bedrohten, und daß namentlich das kommende Jahr 1852 vielleicht wieder ein Jahr voll ſchwerer Prüfungen, ernſtlicher Kämpfe und verhängnißvoller Entſcheidung ſeyn könne. Denn es iſt das Jahr, worauf in aller Welt Gottloſigkeit und Empörung ihre Hoffnung geſetzt haben, weil, — Ihr wiſſet es, — die Neuwahl eines oberſten Staatshauptes in dem ſeit zwei Menſchenaltern einem verderblichen Regierungswechſel verfallenen großen Nachbarlande ſtattfinden ſoll, was den gegen alle menſchliche und göttliche Ordnung Verſchworenen willkommene Gelegenheit bietet, ihre Kräfte aufs neue zu verſuchen, ob ſie nicht, wie vor ſechzig Jahren, die Herrſchaft in jenem Lande an ſich reißen, und von dort aus als Apoſtel einer neuen Weltordnung die Blutfahne über ganz Europa ſchwingen können, Alles zerſtörend, was von jeher der Menſchheit heilig und heilſam geweſen: Gottes Ordnung in Kirche und Staat, in der Gemeinde und in der Familie, Recht, Eigenthum, Eheband, Kindſchaft und häusliches Glück; und vor Allem die Hüterin und Pflegerin dieſer Güter: die Religion, und ihren göttlich geformten Leib, die Kirche. Daß Leß ihre Abſicht und ihr unablaſſtges Streben ſey, iſt keine Verdächtigung, es iſt ihr eigenes Geſtändniß, welches ſie täglich in offenen Aufrufen und Manifeſten gottlos und ſchamlos der Welt verkündigen. Damit aber ſo frevelhaftem, aus der Hölle ſtammendem Beginnen ſein Deckmantel und der Verführung ihre Lockſpeiſe nicht fehle, verkleidet ſich auch dieſer Satan in einen Engel des Lichtes, und wiederholt in neuer Weiſe das alte Lied, womit er unſere erſten Eltern aus dem Paradieſe vertrieben und in den Fluch und das Elend geſtürzt, die er nun durch noch größeren Frevel von der Erde hinwegzuheben vorgibt.„Ihr werdet ſeyn wie Gott;“ nur hieß es damals: „Ihr werdet erkennen das Gute und das Böſe.“ — Heute heißt es: Hinweg mit Gott! d. h. mit dem Glauben an Ihn; dann gibt es auch kein Böſes mehr; und ihr werdet erkennen, daß Alles gut iſt und erlaubt Hinweg mit Gott! dann gibt es auch keinen jenſeitigen Himmel und keine Hölle mehr, und die Erde muß zum Himmel umgeſchaffen werden auf Koſten der Mächtigen und Reichen. Hinweg mit Gott! dann gibt es kein Eigenthum und keine Armuth mehr; denn jeder Menſch iſt nun ein Gott, und kennt keine Beſchränkung weder im Beſitze noch Genuſſe des Irdiſchen. Hinweg mit Gott! dann gibt es keine Obrigkeit, kein Geſetz, keinen Gehorſam mehr, 3 denn jeder iſt ſein eigener freier Herr und ſein Wille ſein Geſetz. Hinweg mit Gott! dann gibt es keine Ehe, keine Treue, keine Familie mehr; Begierde und Luſt wechſeln nach Willkür und Laune, und die Kinder gehören Allen und Keinem. Hinweg mit Gott! und darum hinweg vor Allem mit Kirche und Prieſterthum, die uns ſtets an Ihn erinnern und finſtere ſtörende Schatten in das helle Tageslicht unſerer Freude und Weltbeglückung werfen! Hinweg mit Allem, was uns an ein anderes Daſeyn mahnt, als das gegenwärtige, an ein anderes Glück, als das der Sinne, an eine andere Geſchichte, als die von heute ..... Das, Geliebte! iſt der kurze Inbegriff des Evangeliums des Widerchriſts, defſen offene unverhüllte Verkündigung das allermerkwürdigſte Zeichen unſerer an Zeichen ſo reichen Zeit, und darum von je dem Chriſten nicht genug zu beachten iſt. Und fürwahr, wollte Gott in Seiner Gerechtigkeit dieſes Geſchlecht ſirafen nach Verdienſt, Er dürfte nur jenem Geiſte des Widerchriſts, den ſie heuchleriſch „Socialismus“ nennen, den Sieg einräumen über die rechtmäßigen, ſchützenden Gewalten, und die Erde wäre in ein Raubneſt wilder, ſich zerfleiſchender Thiere verwandelt. Das arme Frankreich hat es vor ſechzig Jahren erlebt, was es iſt um die geprieſene Herrſchaft dieſer gottloſen Menſchheitsbeglückung, dieſer ſogenannten Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit: Freiheit des Raubens und Mordens, Gleichheit unter dem Meſſer der Guillotine, Brüderlichkeit in der Verarmung Aller, und mit Recht trägt dieſer Zeitraum für immer in der Geſchichte die gräuliche blutige Ueberſchrift: Herrſchaft des Schreckens. Fragt Ihr, Geliebte, warum ich Euch an dieſe allbekannten Dinge erinnere? Weil das Gedächtniß der Menſchen leider ſo kurz iſt für die Lehren der Geſchichte und der Gottesgerichte, daß faſt jedes neue Geſchlecht dieſelben bittern Erfahrungen wieder durchmachen muß, die es ſich an den Erlebnifſen ſeiner Väter zu erſparen gelernt haben ſollte; weil wir von Gott beſtellte Lehrer und Hirten der Völker nicht ſchweigend zuſehen können, wie der Geiſt des Unglaubens mit Rieſenarmen an dem göttlichen Bau der ſittlichen Weltordnung rüttelt, den der Allmächtige auf dem ewigen Fundamente der zwei Geſetzestafeln und auf den Säulen der zehn Gebote zum Heile der Menſchheit erbarmungsvoll aufgerichtet; weil wir nicht ſchweigend zuſehen können, wenn der Gottestrotz die heilige Inſchrift dieſer zwei Tafeln in dem Gewiffen der Menſchen auslöſchen, und jene zehn Säulen muthwillig niederreißen will, die Träger alles Rechtes, aller Ordnung und Geſittung, die Grundpfeiler aller menſchlichen Gemeinſchaft, worauf die Pflichten gegen Gott und die Menſchen eingegraben ſind, und die da heißen: Du ſollſt Gott lieben über Alles und Ihm dienen; Du ſollſt den Nächſten lieben wie Dich ſelbſt; Du ſollſt nicht ſtehlen, nicht ehebrechen, nicht tödten, nicht falſches Zeugniß geben, ſollſt Vater und Mutter und die Obrigkeit ehren und ihr gehorchen, ſollſt Deines Nächſten Weib, des Nächſten Eigenthum nicht begehren.... u. ſ. w. Weil wir nicht ſchweigend zuſehen können, wenn dieſe ewigen Regeln der Gerechtigkeit und des wahren Socialismus umgeſtoßen und ihr gerades Gegentheil der Welt, vorerſt mit verführeriſcher Rede, und dann mit Feuer und Schwert aufgedrungen werden will! Weil wir überhaupt nicht zugeben können, daß eine andere Erlöſung gepredigt werde von den Uebeln, die die gefallene Menſchheit drücken, als die uns in Jefu Chriſto, dem menſchgewordenen Gott erworbene; daß der Wahnwitz ſtolzer und gottloſer Menſchen einen andern Rathſchluß der Weltbeglückung erſinne, als den der Allerbarmer von Ewigkeit gefaßt und ins Werk geſetzt, indem Er die Welt ſo ſehr geliebt, daß Er ſeinen eingebornen Sohn dahin gab, damit Alle, die an Ihn glauben, das ewige Leben haben; nicht zugeben, daß das tägliche Gebet aller Menſchenherzen: Erlöſe uns von dem Uebel! nicht mehr an Gottes erbarmende Liebe, ſondern an die erdgeborne Weisheit gottloſer Staatsumwälzer gerichtet werde; nicht zugeben endlich, daß ein wahrhaftes dauerndes Glück auf dieſer Erde möglich ſey anders als in der Erfüllung des heiligen Gebotes der Gottes⸗ und Menſchenliebe, in der geduldigen Ertragung des Kreuzes, das dem Reichen wie dem Armen, dem Großen wie dem Kleinen von Gott zu ſeinem 4 Heile zugewiesen ist, und jenen häufig noch peinlicher, als diesen drückt, anders als in der gläubigen Aneignung des Segensspruches unseres Erlösers: Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich, selig die Sanftmüthigen, denn sie werden das Erdreich besitzen; selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden; selig die Hunger und Durst haben nach der Gerechtigkeit, denn sie werden gesättigt werden; selig die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen; selig die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott anschauen; selig die Friedsamen, denn sie werden Kinder Gottes heißen: — göttliche SegenSworte, die einen bimmlisch lindernden Balsam in die brennenden Wunden der armen Menschheit träufeln, während die gottlosen Worte der Volksverführer sie wie mit Schwefel und Höllenstein ätzen und vergiften! Darum, GclieRe, dürfen Wir Hirten und Bischöfe nicht schweigen, sondern je geschäftiger die Verführung — und sie ist eS still und schleichend fort und fort auch in unserm Lande, — je größer die Gefahr, je näher vielleicht ein neuer offener Kampf, desto lauter müssen wir unsere Stimme erheben in Gottes Auftrag, und Euch warnen und ermuutern zum muthigen Ausharren bei der Fahkie Jesu Christi, die da ist die Fahne des Glaubens und darum des Gehorsams, der Treue gegen Gott, gegen Seine Kirche und gegen die von Ihm gesetzte, Seine Stelle auf der Erde vertretende Obrigkeit. Denn daß dieser der Sieg bleibe, wenn es je wieder zum offenen Kampfe mit der Umwälzung kommen sollte, daran ist, wie ich oben aus den eingestandenen Absichten und Plänen ihrer Gegner gezeigt, Alles gelegen, unendlich mehr, als der kurzsichtige, unbelehrbare Verstand so vieler unberufener Schwätzer begreift, die nach Allem, was wir erlebt, eS noch immer für ein rühmliches, verdienstliches Werk halten, die Obrigkeit zu schmähen, ihre Absichten zu verdächtigen, und den Maaßregeln, welche die Verderbniß der Zeit und die Pflicht der Selbsterhal- tnng nöthig machen, den schlimmsten, völkcrfeindlichen Sinn unterzulegen. (Schluß folgt.) "1 ÄiM .«-!!!>': ", Aphorismen aus einer Schrift des Marquis Donoso Cortes. Ein Verein katholischer Gelehrten hat sich die verdienstliche Aufgabe gestellt, dem französischen Volke eine Lidliotnizczue nouvelle klassischer, in katholischem Geiste geschriebener Schriften darzubieten. In dieser Sammlung erscheint auch eine Schrift unter dem Titel: Ls5gi 5ur le cgtllolicisme, Is lideralismö et I« soeialisme von dem ruhmilchst bekannten Donoso Cortes. Sie enthält eine Fülle von inhaltreichen Gedanken, in geistvoller Form ausgeführt, und überall getragen von dem sichern Grunde des Glaubens und der ticfinnigsten religiösen Ueberzeugung eines treuen Sohnes der katholischen Kirche. Wir glauben daher, daß eS den Lesern nicht unwillkommen seyn werde, wenn wir im Folgenden einige der vielen glänzenden und geistreichen Bemerkungen des Verfassers als Aphorismen mittheilen. Denn wenn ein Mann von solchem Geiste und Charakter, wie sie dieser edle Spanier in sich vereinigt, vie Ergebnisse seines Nachdenkens über die wichtigen und schwierigen Fragen, welche das Leben der Menschheit in seinem innersten Kern berühren, unS vorlegt, so werden wir durch ein näheres Eingehen daraus gewiß Nutzen ziehen. Wir lesen in dieser Schrift unter Anderm Folgendes: 1. „Die Verminderung des Glaubens, welche die Beeinträchtigung der Wahrheit nach sich zieht, hat nicht gerade die Verringerung, wohl aber die Verirrung der menschlichen Einsicht im Gefolge. Barmherzig und gerecht zugleich, versagt Gott den sündigen Vernunftwesen das Leben nicht, aber die Wahrheit: zum Irrthum verdammt er sie, nicht zum Tode. Alle haben wir vor unsern Augen daS an Unglauben so reiche, so durchaus verfeinerte Jahrhundert an unS vorüberziehen sehen, das demungeachtet auf dem Strome der Zeit wehr eine sengende, als glänzende Spur zurückließ, unh wie Phosphorglanz durch die Geschichte leuchtet. Dennoch wird, wer 5 genau zuſieht, gewahr werden, daß dieſer Glanz Feuersbrunſt, daß ſein Licht nur das Leuchten des Blitzes iſt!“ „Der Tag, der alſo ſcheint, kommt mehr von einer plötzlichen Exploſion an ſich dunkler, aber nicht entzündlicher Stoffe, als aus den reinen Regionen, denen das friedliche Acht entquillt, das über die Gewölbe des Himmels mit dem allmächtigen Pinſel eines allmächtigen Malers ausgebreitet wurde.“ Was von den Jahrhunderten gilt, kann man auch von den Menſchen ſagen. In dem Maaße, als Gott ihnen den Glauben verweigert oder ſchenkt, nimmt oder gibt er ihnen die Wahrheit, nicht aber gibt oder nimmt er ihnen die Erkenntniß. Die der Glaubensloſen kann ſogar eine ſehr entwickelte ſeyn, und die der Gläubigen eine ſehr beſchränkte, aber die erſte iſt bei alle dem nur in der Weiſe eines Abgrundes groß, während die zweite einem Tabernakel ähnlich, heilig iſt; — im Abgrund wohnt Tod und Schrecken, im Tabernakel mit der Wahrheit das Leben. Darin aber auch liegt der Grund, weßhalb keine Hoffnung iſt für die Geſellſchaften, welche für den ſtrengen Dienſt der Wahrheit den den Intelligenz eintauſchten Hinler den Sophismen ſtehen die Revolutionen, und hinter dieſen die Henker......“ 2. „Wenn ſich Alles in Gott erklärt und durch Gott, und wenn die Theologie die Wiſſenſchaft Gottes iſt, durch welchen ſich Alles erklärt, ſo iſt die Theologie die Wiſſenſchaft von Allem...“ 3. „Jedes Wort, das über die Lippen der Menſchen kommt, iſt eine Beſtätigung der Gottheit, ſelbſt dasjenige, welches ſie ſchmäht oder läugnet. Wer, ſich von Gott abwendend, ausruft: „„Ich haſſe Dich, Du biſt nicht!““ gibt eine vollſtändige Darlegung der Theologie ebenſowohl, als der, welcher das zerknirſchte Herz zu Gott erhebt und ihm ſagt „Herr, ſchlage Deinen Diener, der Dich anbetet zu — der Erfte wirft ihm eine Läſterung ins Augeſicht, — der Andere legt ein Gebet zu ſeinen Füßen nieder. Beide, ein Jeder nach ſeiner Art, bekennen Gott, weil Beide ſeinen unſagbaren Namen ausſprechen.“ 4. „Das iſraelitiſche Volk konnte ſo lange nicht beſiegt werden, als Moſes ſeine Hände zum Himmel ausſtreckte, und es konnte nicht ſiegen, als er ſie zur Erde fallen ließ. Moſes ſinnbildet das menſchliche Geſchlecht, das in allen Zeitaltern, unter ganz verſchiedenen Formen und Arten, die Allmacht Gottes und die Abhängigkeit des Menſchen, die Macht der Religion und das Verdienſt des Gebetes bezeugt.“ 5. „Ein Wort des Friedens, des Troſtes und der Barmherzigkeit erſcholl in der Welt, und hallte mächtig in den Gewiſſen der Menſchen wieder: dieſes Wort aber lehrte die Völker, daß die Kleinen und die Armen geboren würden, um bedient zu werden, weil ſie arm und klein ſind; und daß die Großen und Reichen geboren werden, um zu dienen, weil ſie groß und reich ſinde Der Katholicismus hat, die Gewalt vergöttlichend, auch den Gehorſam geheiligt, und indem er das Eine vergöttlichte und das Andere heiligte, hat er den Hochmuth in ſeinen ärgſten Erſcheinungen, d. h. auch den Geiſt der Herrſchſucht und des Aufruhrs verdammt....“ 6. „Die Kirche ſtellt die menſchliche Natur ohne Sünde dar, ſo wie ſie aus den Händen Gottes in urſprünglicher Gerechtigkeit und heiligender Gnade hervorgegangen, und aus dieſem Grunde iſt ſie unfehlbar und dem Tode nicht unterworfen. Gott hat ſie auf Erden eingeſetzt, damit der Menſch, von der Gnade unterſtützt, welche Niemand verſagt iſt, ſich würdig und theilhaftig machen kann der Verdienſte des Blutes, das auf dem Kalvarienberg für ihn vergoſſen, und indem er ſich freiwillig den göttlichen Eingebungen unterwirft. Mit dem Glauben wird er ſeine Unwiſſenheit, mit der Geduld ſeine Schmerzen beſiegen, und mit der Hingabe den Tod: der Tod, der Schmerz, die Unwiſſenheit ſind dann nur noch da, um beſiegt zu werden durch die Hingabe, die Geduld und den Glauben.“ 7. „Von dem Tage, an welchem die Geſellſchaft, ihre grundſätzlichen Beſtimmungen der Vergeſſenheit übergebend, die Preſſe und die Tribüne, die Journaliſten und die Vereine gefragt hat: Was iſt Wahrheit? was iſt Irrthum? von dieſem Tage an hat ſich Irrthum und Wahrheit in allen geiſtigen Kräften verwirrt, iſt die Geſell K schaft in das Reich der Finsterniß eingetreten, und dem der Hirngespinnste verfallen. Von einer Seite selbst die gebieterische Nothwendigkeit fühlend, sich der Wahrheit zu unterwerfen und dem Irrthum zu entziehen, — von der andern aber die Unmöglichkeit, entweder den Irrthum festzustellen oder die Wahrheit, hat sie einen ganzen Katalog von herkömmlichen und willkürlichen Wahrheiten, einen Katalog von vermeintlichen Irrthümern formulirt, und dann gesagt: Ich bete die ersten an und verdamme die zweiten, — in arger Blindheit übersehend, daß sie, indem sie die einen anbetet und die andern verdammt, in Wahrheit gar nichts anbetet und nichts verdammt; oder, wenn sie überhaupt etwas anbetet oder verdammt, sie selbst es ist, welche sich anbetet oder verdammt." 8. „Die doctrinelle Unduldsamkeit der Kirche hat die Welt auö dem Chaos gerettet; sie hat die politische Wahrheit außer Frage gesetzt, wie die häusliche, die sociale, wie die religiöse; — also ursprüngliche und heilige Wahrheiten, welche keinem Streite unterworfen seyn können, weil sie die Grundlage aller Erörterungen sind; Wahrheiten, welche man keinen Augenblick in Zweifel ziehen kann, ohne daß sofort das geistige Leben schwankt, sich zwischen Wahrheit und Irrthum verlierend, ohne daß sich sogleich auch der reinste Spiegel der menschlichen Vernunft verdunkelte und trübte. Darum hat die Gesellschaft, da sie sich von der Kirche loSriß, nichts Anderes gethan, als die Zeit in halt- und fruchtlosen Streitigkeiten verloren, welche, ihren AuSgangspunct im absoluten Zweifel findend, kein anderes Resultat liefern können, als den vollständigen Skepticismus. Die Kirche, allein die Kirche, hat daS heilige Vorrecht ergiebiger und fruchtbarer Erörterungen gehabt. Die Theorie von DeScar- tes, nach welcher die Wahrheit aus dem Zweifel, wie Minerva aus dem Haupte Jupiters hervorsteigt, verkennt das göttliche Gesetz, welches zu gleicher Zeit der Erzeugung der Körper und der Ideen vorsteht. Durch dieß Gesetz schließen die Gegensätze beständig die Gegensätze aus, und das Aehnliche bringt immer Aehnlichcs hervor. Kraft dieses Gesetzes geht aus dem Zweifel beständig der Zweifel, aus dem Skepticismus der Skepticismus hervor, wie aus dem Glauben die Wahrheit, aus der Wahrheit die Wissenschaft." 9. „In der Kirche sind die Dinge dergestalt geordnet, daß die Tyrannei und der Aufruhr unmöglich: da ist die Würde des Untergebenen so groß, als die des Kirchenfürsten, und die des Kirchenfürsten besteht genau in Dem, waS sie gemein hat mit dem Untergebenen. Die größte Würde des Bischofs besteht nicht darin, Fürst, noch die des Papstes darin, König zu seyn, sondern Priester, wie die Untergebenen, Ihr erhabenes nnv unveräußerliches Vorrecht besteht nicht im Regieren, es besteht in der Macht, den Sohn GotteS zum Diener ihres Wortes zu machen, und darin, daß sie dem Vater fortwährend den Sohn als Opfer für die Sünden.der Welt darbringen; es besteht in der Vermittelungsfunction, durch welche sich die Gnade ergießt; in dem höchsten und unveräußerlichen Recht, Sünden zu vergeben und zu behalten. Die höchste Würde ist diejenige, mit welcher Alle bekleidet sind: sie besteht weder im Apostolat noch im Pontificat; sie liegt im Priesterthum. Betrachtet man die päpstliche Würde als Einzelnes, so scheint die Kirche eine absolute Monarchie; betrachtet man aber in ihr ihre apostol. Verfassung, so scheint sie eine sehr mächtige Oligarchie. Und betrachtet man wieder von der einen Seite die Würde, welche die Prälaten mit den Priestern gemein haben, von der andern aber die tiefe Kluft, welche Priester und Volk scheidet, so erscheint sie als eine ungeheure Aristokratie. Wirft man dann einen Blick auf die zahllose Menge der in der ganzen Welt verbreiteten Gläubigen, und sieht, wie das Priesterthum, der Apostolat und der Pontificat zu ihren Diensten ist, wie sich in dieser wunderbaren Gesellschaft Alles nicht um das Wachsthum Derjenigen handelt, welche befehlen, sondern um das Heil Derer, die gehorchen, — wenn man den tröstlichen Glaubenssatz betrachtet von der wesentlichen Gleichheit der Seelen; wenn man sich erinnert, daß der Erlöser des Menschengeschlechtes den Opfertod am Kreuze für Alle und für jeden Menschen erduldet, — daß es ausgesprochener Grundsatz ist, daß der gute Hirt sein Leben für seine Schafe läßt, und wenn man 7 bedenkt, daß der letzte Zweck der Thätigkeit aller der verschiedenen Aemter die Vereinigung der Gläubigen ist, so scheint die Kirche eine ungeheure Demokratie, im ruhmreichen Sinne des Wortes, oder doch wenigstens eine, zu einem wesentlich volks- thümlichen und demokratischen Zweck gestiftete Gesellschaft. Das aber ist das Sonderbarste dabei, daß die Kirche alles wirklich ist, was sie scheint. In andern Gesellschaften sind diese verschiedenen Regierungsformen unter sich unverträglich, oder wenn sie sich durch Zufall vereinigt finden, verlieren sie viel von ihrer wesentlichen Eigenthümlichkeit...." „Das Endresultat ihrer gegenseitigen Vereinigung würde ihre gegenseitige Vernichtung seyn. In der Kirche allein, als in einer übernatürlichen Gesellschaft, treten sie in harmonische Verbindung, ohne von ihrer eigenthumlichen Reinheit und ursprünglichen Größe etwas einzubüßen. Diese friedliche Vereinigung von unter sich entgegenstehenden Kräften, von Regierungsformen, deren einziges Gesetz, menschlich zu reden, der Krieg ist, bietet das schönste Schauspiel, was die Annalen der Welt aufzuweisen haben. Wäre das Regiment der Kirche zu erklären, man müßte es eine ungeheure Aristokratie nennen, geleitet von einer mächtigen Oligarchie, in die Hände eines absoluten Königs gelegt, welchem eS obliegt, sich in beständigem Opfer für das Heil der Völker hinzugeben. Diese Begriffserklärung würde das Wunder der Erklärungen seyn, eben so wie der erklärte Gegenstand das größte Wunder der Geschichte ist." „Wollen wir das Gesagte in wenige Worte zusammenfassen, so können wir ohne Furcht, durch die Thatsachen widerlegt zu werden, behaupten, daß der Katholicismus alle menschlichen Dinge in Ordnung und Uebereinstimmung gebracht hat, nämlich bezüglich deS Menschen selbst besteht diese Ordnung und diese Harmonie darin, daß der Katholicismus den Körper dem Willen, den Willen dem Verständniß, das Verständniß aber der Vernuuft, die Vernunft dem Glauben und Alles dem christlichen Sinne unterworfen hat, welchem die Kraft inwohnt, den durch unendliche Liebe gereinigten Menschen in Gott umzubilden. Bezüglich der Familie wollen wir damit sagen, daß durch den Katholicismus die drei häuslichen Personen, gereinigt durch die zartesten Bande, zu einem bestimmten Verhältnisse gelangt sind; rücksichtlich der Regierung aber, daß dnrch den Katholicismus die Autorität wie der Gehorsam geheiligt, und die Tyrannei wie der Ausruhr für immer verurtheilt sind. In Beziehung auf die Gesellschaft bedeutet es, daß durch den Katholicismus der Krieg der Kasten aufgehört hat, daß der vollkommene Einklang aller gesellschaftlichen Gruppen begonnen; daß der Geist fruchtbarer Vereine dem Geiste der Eigenliebe und der Vereinzelung gefolgt ist, so wie das Reich der Liebe dem Reiche des Stolzes. Bezüglich der Wissenschaft und Kunst heißt es, daß durch den Katholicismus der Mensch in den Besitz der Wahrheit und der Schönheit, des wahren Gottes und der gött> lichen Herrlichkeit eingetreten. Aus Allem also, was wir gesagt, geht hervor, daß mit dem Katholicismus eine übernatürliche Gesellschaft in die Welt gekommen, eine herrliche, vollkommene, auf Gott gegründete, von Gott bewahrte, von Gott beschirmte, welcher auf immer das göttliche Wort hinterlegt ist; welche der Welt das Brod des Lebens reicht, welche nicht täuschen, noch getäuscht werden kann; welche den Menschen die Lehren ertheilt, die sie von ihrem göttlichen Meister empfängt; welche das vollkommene Ebenbild der göttlichen Vollkommenheiten ist, daS erhabene, das vollendete Muster menschlicher Gesellschaften....." (Schluß folgt.) üm soAM 5 ^! ^gUiN^.TiS '»«U'.'IZN Sl?Mt(5. tNMllttNM??1iN . . iktsfll« n» IN ") Die Furcht, der heiligen Demuth dieses Mannes nach dein Herzen Gottes zu nahe zu treten, hält uns ab, seinen Namen zu nennen. Der Name thut ja auch nichts zur Sache, und diese Wahrheit können wir verbürgen. 8 des Himmels verkündend..... Stets verkündet die unmittelbare Dazwischenkunft dieser Menschen, die mit dem Mittelpuncte der Kirche zusammenhängen, irgend etwas Großes und Außerordentliches; dann gehen in dem erstarrten Zeitalter seltsame Dinge vor, gleich denen, die man bei gewissen namenlosen Krankheiten bemerkt, wenn die Werkzeuge gelähmt, und unS die unmittelbare Einwirkung des Geistes gewissermaßen alle ausgehobenen Verrichtungen ersetzt." Was also vom Ganzen der Kirche gesagt ist, daS gilt nicht weniger von den einzelnen Theilen derselben, und daß eS, besonders in Deutschland und seinen Diöcesen, sich vielfach als eine große Wahrheit bewährt, brauchen wir nicht erst zu' sagen. Stets aber hatten solche besondere Abgesandte des Herrn, die in der Kirche ja nie aufhörende Macht der Wunder, und stets war das Wunderwirkende Macht ihres Gebeteö. In einem deutschen Bischofssitze lebte ein katholisches Ehepaar in tiefer Uneinigkeit; die Frau war fromm, und hielt treu an der Kirche, der Mann hingegen hatte sich von den Rongeanern und ihrem Anhange so viel vorschwätzen lassen, daß er sich über die Lehren der Kirche erhaben glaubte und immer mehr in Unglauben versank. Wer solche Leute, besonders in den untern Classen der Gesellschaft, kennt, der wird begreifen, daß der Friede in diesem Hause nicht wohnen konnte. Eines TageS ging die tiefgebeugte Frau zu dem Allen ohne Unterschied zugänglichen Oberhirten, und klagte ihm ihre Noth. Der Bischof tröstete sie, und ermähnte sie, zu beten, daS sey das einzige Mittel. Die Frau kehrte erhoben nach Hause zurück, und betete Tag für Tag, aber eine lange Zeit verging, und keine Aenderung erfolgte in dem Wesen des ManneS. Da wurde dieser krank; die arme Frau kam abermals zu dem Bischöfe und klagte von neuem Er tröstete sie wieder, und verwies sie abermals auf das Gebet, fügte jedoch dießmal hinzu, wenn ihr Mann eine Sinnesänderung zeige, solle sie sogleich zu ihm, dem Bischöfe, kommen, sey es bei Tage, sey eS bei der Nacht, er werde sie zu ihrem Manne begleiten. Die Frau kam nach Hause und that wie der Bischof gesagt. Abends gegen sieben Uhr brachte der Diener dem Bischöfe und dessen Caplan das gewohnte frugale Nachtessen, wobei der Bischof ihm bedeutete, Niemand mehr vorzulassen, eine Frau ausgenommen, welche er dem Diener näher beschrieb. Später kam der Diener zurück, den Tisch abzudecken, doch er fand Alles unberührt. Gegen Mitternacht schellte es am Hause, der Diener fragte am Fenster, wer da sey, unv findet die ihm beschriebene Frau, welche ihn bittet, dem Bischöfe zu sagen, daß ihr Mann nach ihm verlange. Der Diener geht zum Wohn-, zum Schlafzimmer deS Bischofes, und findet ihn nicht; er sucht ihn in dem Zimmer deS CaplanS, im ganzen Hause, vergebens; da fällt ihm ein, er möge wohl in der Hauscapelle seyn, und so war es, dort fand er den Bischof nebst seinem Caplan im Gebete vor dem Altare liegen. Er tritt zu ihm hin und meldet die Frau, worauf ^ der Bischof sofort sich erhebt, und mit ihr zu dem reuevoll zerknirschten Manne geht, welcher sogleich beichtet, am folgenden Tage die heilige Communion empfängt, und seitdem in musterhafter Ehe mit seiner Frau lebt. Und weiter? — „Er sprach: Hüte dich, daß du Niemanden etwas sagest, allein sobald er fort war, fing er (der Gerettete) an, viel von der Sache zu reden, und das Gerücht verbreitete sich in der ganzen Umgegend." Marc. 4, 44, 45, 28. — Heine ist eben in Aller Munde. Eines TageS war auch die Rede von ihm in einem Kreise, den derselbe Bischof mit seiner Gegenwart beglückte. Jeder sprach laut und scharf seine Entrüstung über die Bestialität deS Romanzero und über dessen Verfasser auS, Alle waren in der lebhaftesten Aufregung, als der Bischof plötzlich mit seiner liebevollen Stimme einfiel, und ernst sagte: „Der arme unglückliche Heine! Beten wir für ihn!" Dieß schöne und ächt christliche Wort des hochwürdigsten Oberhirten ließ Alle verstummen. Es war ihnen seitdem ein heiliges Gebot, dessen Erfüllung sie keinen Tag versäumen. Schenke der Herr diesem Gebete seines frommen Dieners dieselbe Erhörung, welche er jenem andern schenkte! vereinigen wir zu dem Ende unsere Bitten mit denen des Bischofes! Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. VerlagS-Znhaber: F. C. Kremer. Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Weiblatt -ißuattE iiznclch's msZ oi Z7dsii^-'l Äiiu sö^^ -»is znu oinüUD-z tt!i?»jilIi^,^^(Z° -LzchUHii^k ui> ^slkM6»,iD »i» yviij ichiu tjltti ^n,!^dr> hü7Ä^ÄH i!5 onil sunT ??N>;i!Z7^1 Htt» I'^liu ,nnc»llt ilzHMi!!? tN^zi«! S.'^I it!(!ü!L ÄNU zziZk^ »i^ -l^l»( Januar M- 2. ____——-- Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsvreis 40 kr., wofür es durch alle köm'gl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Hirtenbrief Sr. Eminenz des hochwürdigsten Herrn CardinalS und Fürstbischofs von BreSlau, Melchior v. Diepenbrock. (Schluß.) tun »IMF vuo cb-ItziN choil ltt-l ^is^iMiliPj?^u z^i^l^g ?nu nchiiZljsiinuz Ja, Geliebte, ich nehme keinen Anstand, Ench auf die merkwürdigen Worte des Apostels hinzuweisen, und Euch zu sagen: daß das Geheimniß der Bosheit, welches schon damals wirksam war (2 Thessal. 2, 7.), gerade in unsern Tagen wirksamer ist, denn je zuvor, daß das Werk des Widerchrists offenkundiger betrieben wird als je, und daß, wenn die heiligen Väter ehemals das römische Reich für dasjenige Hinderniß hielten, welches nach dcS Apostels Andeutung den Sieg deS Widcrchristö noch aufhielt, wir jetzt, durch die Erfahrung belehrt, mit noch viel mehr Grund sagen können, weil wir's mit Augen sehen und mit Händen greifen: daß eS daS Bestehen der rechtmäßigen Gewalt, der obrigkeitlichen Auctori« tät überhaupt ist, welches dem Siege des Weltverderbers noch Einhalt thut, und darum auch von seinen Sendlingen und Wegbereitern so gründlich gehaßt, so heftig angegriffen und so unermüdlich unterwühlt wird. Darum auch haben die Worte des Apostels: „Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widersetzt sich der Anordnung Gotteö, und die sich widersetzen, ziehen sich selbst die Verdammniß zu" (Mm. 13.), in unserer Zeit ein doppeltes Gewicht; denn der Widersetzliche tritt, bei nunmehriger offener Scheidung, bewußt oder unbewußt auf die Seite deS WiderchristS und wird um Mithelfer und Werkzeuge für seine weltverderbenden Pläne. Hier ist Halbheit kaum mehr möglich, und das Wort des Apostels: „Wer auch nur Ein Gebot übertritt, verschuldet sich an allen" t^Jak. 2, 10.), gilt in dieser Zeit zumeist von diesem Gebots stjnüuü '. . - „ ,»s>?-.-c.i^'s s^.T sl!ü.!> ° Darum, Geliebte, weil wir in eine so verhängnißvolle Zeitcnstunde eingetreten sind, ermähne ich Euch, zu beten, daß der Arm der rechtmäßigen obrigkeitlichen Gewalt, der nach des Apostels Wort das Schwert führt im Dienste Gottes (Rom. 13, 4), nicht durch Gottes Zulassung und zu unsrer Strafe hinweggeräumt werde (2. Thess. 2, 7.). Lasset uns also beten für unsern LandeSvater und für seine Rathgeber, Helfer und Diener in dem so sehr erschwerten Amte der Landesregierung, daß der Herr ihnen seinen guten Geist gebe von oben herab, der sie bewahre vor falschem Dünkel, falscher Sicherheit und falscher Halbheit, und sie lehre, in Demnth und Gottvertrauen die Heiligthümer der Menschheit hüten mit dem Scepter der Gerechtigkeit und dem Schwerte der Gewalt, und bei kräftiger Niederhaltnng aller bösen Anschläge und Frevelthaten doch die wahre, gesunde Freiheit des Volkes achten und schützen und nur die Frechheit bändigen und das Verbrechen züchtigen. .kMg-tltr-16 z^uA Lasset uns beten für unsere tapfern Heere, die uns in den vorangegangenen Jahren schon gegen daS erste Anwogen der umwälzenden Mächte geschützt haben, daß der Geist deS Evangeliums sie erfülle, der allein wahre Treue, Tapferkeit und Opferwilligkeit dauernd erhält, und sie erhebe und begeistere in dem schönen Bewußtseyn, daß der Waffendienst fortan nicht bloß ein Ehrendienst, sondern ein christliches Ritterthum sey für Alles, was der Menschheit werth und heilig ist. Lasset unS beten, und an unserm Theile dahin wirken, daß die Gesinnungen ^ ehrenfester Treue und edler Pietät, die Höheres achtend sich selber adelt, und die von jeher die Zierde und der Ruhm deS biedern deutschen Volkes waren, unter unS nicht erlöschen, sondern neu angefacht und belebt in dem heranwachsenden Geschlechte fortgepflanzt werden. Lasset unS insbesondere beten und flehen, Geliebte, um göttlichen Schutz für unsern obersten Hirten, den Papst, der in seiner doppelten Eigenschaft, als Oberhaupt der Kirche und als Landesherr, den feindlichen Angriffen der unterwühlenden Bosheit jener gegen alles Heilige verschworenen Rotten zwiefach ausgesetzt ist. Darum mußte auch Er ihre gottlose Tücke am ersten erfahren und — entlarven; denn zum Danke dafür, daß er seinem Volke alle gewünschten Freiheiten gewährt, vertrieben sie ihn, nachdem sie zwei Jahre lang ihm geheuchelt und geschmeichelt, von seinem Sitze, entsetzten ihn seiner Regentenwürde, und jetzt, da er von verbündeten Mächten zurückgeführt und geschützt ist, überschütten sie ihn noch täglich auS der Ferne mit Lästerung und Drohung, und arbeiten rastlos, sein Volk zu Treubruch und frevelhafter Gottlosigkeit zu verführen. — Möge unsere treue kindliche Anhänglichkeit und unser Gebet ihm Trost und Muth und Kraft von Gott erlangen, und ihm die dreifache Dornenkrone, die er trägt, erleichtern I Lasset uns beten für die gesammte Christenheit, daß sie wachse im Glauben und ^ in der Liebe, und unter dem Anhauche des göttlichen Geistes erstarke zum Kampfe, der sich bereitet. Lasset uns flehen, daß Angesichts dieses drohenden Kampfes alle Uneinigkeit, Zwietracht und Spaltung hinweggethan werde unter allen Denen, die Jesum Christum ihren Herrn nennen und zu Seiner Fahne stehen wollen. Lasset unS flehen, daß daS reine Licht der Wahrheit und des Friedens alle Menschen erleuchte, die da guten demüthigen Willens sind; flehen, daß die Schuppen aller Mißverständnisse und ererbter Vorurtheile von den geblendeten Augen der Irrenden und Getrennten fallen, damit Alle, die sich als Söhne Eines Vaters und als Brüder EineS Herrn bekennen, sich auch als die Söhne Einer Mutter wiederfinden, auf daß unter ihrem Paniere geschaart die große Gemeinde der Gläubigen den Himmlischen »schön Wie der Mond, auserkoren wie die Sonne," den Feinden aber „furchtbar erscheine wie ein geordnetes Heerlager" (Hohel. 6, 10.). Wenn bei dem beängstigenden Ausblicke in eine dunkle, verhängnißvolle Zukunft, zu dem wir durch eine höhere Betrachtung der Gegenwart unS hingedrängt fühlen, etwas uns zum Troste gereichen und unS zu der Hoffnung ermuthigen kann, daß GotteS Langmuth die Tage der schwersten Prüfung noch fristen, das äußerste Verderben vorerst noch abwenden und vor der endlichen Reinigung seiner Tenne und der weltgerichtlichen Sichtung seines WeizenS u. noch neue frische Garben in seine Scheunen einführen (Match. 3, 12.), vielleicht auch seine gläubige Schaar zum bevorstehenden Kampfe geistig rüsten will: so ist eS die Wahrnehmung der Auffrischung des religiösen LebenS, welche sich auf den weiten Gefilden der Kirche, und zunächst auch in unserm deutschen Vaterlande erfreulich kund gibt. Während einerseits die Seelenhirten sich in stiller Zurückgezogenheit an geeigneten Orten versammeln und in mehrtägigen geistlichen Uebungen den heiligen Geist ihres Berufes und die himmlischen Kräfte der empfangenen Weihe nach des Apostels Mahnung (2. Timoth. 1, 6.) in sich erneuern, durch ausrichtige Selbsterforschung sich vor Gott Rechenschaft geben von der Verwaltung ihres Amtes und zu neuen heiligen Entschlüssen treuer Pflichterfüllung sich ermannen, gibt andererseits der gesegnete Erfolg der MissionSpredigten Zeugniß, daß in dem Volke die Empfänglichkeit > 11 für Gottes Wort und GotteS Heil auch durch die sittliche Verwüstuug der letzten Jahre noch nicht ertödtet ist; daß vielmehr das ernste heilige Wort von der wahren Bestimmung deS Menschen, von GotteS Gerechtigkeit und Erbarmung, von der Erlösung in Christo, von ihrer Verwirklichung in der Kirche, von den Pflichten veö Christen, von Sünde, Tod, Gericht, ewiger Vergeltung, Verdammniß und Seligkeit:c. noch m den Seelen der Menschen, die Gott dafür geschaffen hat, offenen Eingang findet. Und Gott sey dafür gepriesen, daß es so ist, und daß die Kirche gegenüber der teuflischen Verführung ihr heiliges Predigt- und RettungSamt auch in außergewöhnlicher Weise zu üben, von weisen Regierungen nicht gehindert wird, weil diese begreifen, daß zuletzt in dem Glauben und Gewissen der Christen der einzig feste Ankergrund für das schwankende Staatsschiff zu finden ist. Auch dieß Bisthum — mit dankbarer Freude sage ich'S — hat im abgelaufenen Jahre beider Wohlthaten sich zu erfreuen gehabt; und wenn ich mir und Euch, meine geliebten priesterlichen Mitbrüder beider Diöcesanantheile, zu dem Eifer Glück wünsche, den Ihr in Theilnehmung an den mehrfach gehaltenen geistlichen Uebungen gezeigt habet, so thue ich eS in der sichern Ueberzeugung, daß Ihr, weit entfernt, darin einen Ersatz für das täglich fortzusetzende Studium Eurer Berufswissenschaften zu suchen, vielmehr nur einen neuen Sporn zur ernstern Betreibung desselben darin werdet gefunden haben, durch die gewissenhafte Erwägung, daß eS nebst dem Gebete keine nothwendigere, heilsamere und schützender« Beschäftigung für den Priester gebe, als das Studium der theologischen Wissenschaften, zumal in dieser Zeit des stolzen Gottentfremdeten Wissens, welches auch an seinem Orte mit den Waffen ächter Wissenschaft bekämpft und besiegt werden soll. Auch hinsichtlich der außerordentlichen Missionen, die bereits in mehreren Pfarrgemeinden der Diöcese von begeisterten OrdenSmänncrn — (denen ich hier für ihre unermüdliche, uneigennützige und so weise geregelte Thätigkeit meinen warmen Dank vor Gott und aller Welt ausspreche), — mit so gesegnetem Erfolge zur Freude und Erbauung der herbeiströmenden Gläubigen sind gehalten worden, und im nächsten Jahre, so Gott will, an noch mehreren Orten auf dringendes Begehren gehalten werden sollen, möchte ich Euch, meine geliebten seelsorglichen Gehilfen, noch erinnern: daß, wie groß und erfreulich auch die augenblicklichen Eindrücke und Erfolge dieser erschütternden und tiefeingreifenden Vorträge zu seyn Pflegen, der bleibende Segen und die reifende Frucht davon doch vor Allem Eurer fortgesetzten Sorgfalt und treuen Pflege bedarf, damit nicht, nach dem Gleichnisse deS Herrn (Matth. 9, 17.), der junge gähreude Wein in alte morsche Schläuche gefaßt, diese zerreiße und im Sande verrinne, nicht die schöne Begeisterung, unbenutzt und ungepflegt, einer erkaltenden Abspannung und größern Stumpfheit Platz mache. Nicht minder dürfen wir die katholischen Vereine als eine tröstliche Erscheinung, als ein segenreiches Werk begrüßen, ganz geeignet, den auflösenden und zerstörenden Kräften entgegen zu wirken, indem sie das kirchliche Gemeingefühl wecken und beleben, die falsche Schaam, welche so viele Schwache von dem offenen Bekenntniß ihres Glaubens abhält, besiegen, die werkthätige Nächstenliebe anregen nnd auf gemeinsame, der Noth der Zeit begegnende Bahnen lenken, auch der wahren kirchlichen Freiheit, die von kurzsichtiger, engherziger Politik leider noch so vielfach verkannt und von kleinlicher Allregiererei mißtrauisch verschränkt wird, freimüthig und besonnen daS Wort reden. Sie werden durch solches Wirken sich als nützliche HilfSschaaren in dem großen Kampfe für die Erhaltung der sittlichen Weltordnung auch serner bewähren, wenn sie, wie bisher, sich bescheiden auf die ihrer schönen Thätigkeit vorgezeichneten Trän- zen beschränken, von politischen Streitfragen und Parteiungen und von Einmischungen in das kirchliche Hirtenamt sich fern halten, und nur für die große, allen Guten und Verständigen heilige Sache deS Rechtes, der Ordnung, deS christlichen Gehorsams und der opferwilligen Nächstenliebe einstehen. Und in dieser Zuversicht können wir Hirten der Kirche, nach dem Vorgange unseres obersten Hauptes, ihnen nur die 1s gesegnetste Entwickelung wünschen und die unserer Leitung anvertrauten Gläubigen zur regen Theilnahme daran ermuntern, wie ich eS hiermit gethan haben will. Und nun schließe ich diese Worte treuen Hirtenmeincnö mit der Ermahnung des Apostels an Euch Alle: „Seyd nicht ängstlich besorgt, sondern in allen Dingen lasset Euer Anliegen im Gebet nnd Flehen mit Danksagung vor Gott kunv werben. Und der Friede Gotles, der allen Begriff übersteigt, beschirme Eure Herzcn und Eure Sinne in Christo Jesu, UebrigenS, Brüder, waS wahr ist, waS ehrbar, waS gerecht, waS heilig, was liebenswürdig, was guten Namen macht, was irgend Tugend ist, was zur löblichen Zucht gehört, das beherziget" (Philipp. 4.); und betet mit mir und mit der Kirche Gottes: Allmächtiger, ewiger Gott, der Du Deine Herrlichkeit allen Völkern in Jesu Christo geoffenbart hast, beschütze die Werke Deiner Barmherzigkeit, damit Deine über die ganze Erde verbreitete Kirche mit unerschütterlicher Treue in dem Bekenntnisse Deines Namens verharre, durch denselben Jesum Christum, unsern Herrn. Amen! (Folgt die Fastenordnung für das nächste Kirchenjahr.) Die Gnade unsers Herrn Jesu Christi sey mit Euch Allen! Amenl Gegeben zu Breslau, den 6. Nov. 1851. Melchior. Paintner, Secretär. nztloü tz-iÄ iii wms!' iiWllMinTmW N5ck1wol5 Slo Aphorismen anS einer Schrift des Marquis Donoso Cortes. nnng!,!« ni dii'Ni'Z zjj ,nwoiffiHSchMHin'^ 10. „Zwischen der katholischen Kirche und den übrigen auf Erden verbreiteten Gesellschaften besteht dieselbe Entfernung, als zwischen den natürlichen und übernatürlichen, den menschlichen nnd göttlichen Ideen.... Daö Christenthum hat dem Menschen die menschliche Gesellschaft aufgeschlossen, und als ob dieß noch nicht genug gewesen wäre, hat es ihm noch eine andere, viel größere und herrlichere Gesellschaft offenbart, welcher eS in seiner Unermeßlichkeit nicht Gränzen und nicht Ende gesetzt: diese hat zu Bürgern die Heiligen, welche im Himmel triumphiren, die Gerechten, welche im Fegfeucr leiden, und die Christen, welche auf Erden kämpfen. . . . Wer, als Gott selbst, der die Liebe ist, konnte Denjenigen, welche dicßseitö kämpfen, begreiflich machen, daß sie in Gemeinschaft mit Denjenigen stehen, welche im Fcgfeuer leiden, und Denjenigen, welche im Himmel frohlocken? Wer anders, als Gott selbst, konnte durch ein Band der Liebe vereinigen die Todten und die Lebendigen, die Gerechten, die Heiligen und die Sünder? Wer anders, als Gott, eine Brücke schlagen über diese Meere?" 11. „Der Unterschied zwischen dem Pantheismus und dem Katholicismus besteht endlich nicht daran, daß der Eine die Vergöttlichung deS Menschen läugnet, und der Andere sie behauptet: er besteht vielmehr darin, daß der Pantheismus behauptet, der Mensch sey göttlich von Natur, während der Katholicismus erklärt, daß er eS übernatürlicher Weise durch die Gnade werden kann. Er besteht darin, daß der Pantheismus lehrt, daß der Mensch, als Theil des mit ihm verbundenen Gottes, ganz in diesem aufgegangen ist, während der Katholicismus lehrt, daß er selbst nach seiner Heiligung, d. h. nachdem er von der göttlichen Substanz durchdrungen, noch die unverletzliche Eigenthümlichkeit seines eigenen Wesens bewahrt." 12. ... „Der Mensch »nd die Wahrheit gingen getrennten Weges: der unbezähmbare Stolz jenes wollte sich der Unläugbarkeit dieser, wie bescheiden sie auch auftrat, nicht anbequemen, Gott mäßigte dann die Augenscheinlichkeit der Wahrheit, indem er sie mit einer durchsichtigen Wolke umhüllte, und schickte dem Menschen den Glauben. Indem er ihm den Glauben sandte, schrieb er ihm diesen Vertrag vor: Ich theile daö Reich mit dir. Ich sage dir, waö du glauben sollst, und werde dir 13 die Kraft geben, es zu glauben; aber ich werde deinen freien Willen nicht mit dem Joch der vollen Offenbarung beschweren 13. . . . „Wer könnte die Gränzen bezeichnen in diesem geistigen Reiche zwischen dem göttlichen Willen und dem freien Willen deS Menschen? Wer sagen, wie sie neben einander hergehen, ohne sich zu verwirren, sich zu schaden? — Nur Eines weiß ich, o Herr! daß, arm und klein wie ich bin, groß und mächtig wie Du bist, Du mich dennoch eben so sehr achtest, als Du mich liebst, und so sehr liebst, als Du mich achtest; ich weiß, daß Du mich nicht mir selbst überläßt, weil ich aus mir selbst nichts kann, als Dich vergessen und mich verlieren. Ich weiß, daß Du, wenn Du mir die Hand reichst, mich zu retten, Du sie mir so sanft reichst, so zärtlich, daß ich sie nicht nahen siihle. In der Sanstmuth bist Du dem Zephyr gleich, in der Kraft dem Sturmwind. Ich bin von Dir hinfortgeführt worden, wie vom Sturmwind, und ich wende mich frei zu Dir, wie von einem leichten Winde getrieben. Du machst mich fortschreiten, wie wenn Du mich antriebest, aber Du treibst mich nicht an, sondern Du gehst mich bittend an. Ich bewege mich, und Du bewegst Dich in mir.... . 14. „Die Menschen nennen die täglichen Wunderwerke natürlich, und wunderbar die nicht alltäglichen. Die Thorheit Derjenigen ist schwer zu begreifen, welche die Macht, dann und wann Wunder zu thun, Demjenigen absprechen, welcher die täglichen wirkt. Was in der That ist dieß anders, als Dem, der mehr gethan, das Wenige absprechen? Oder, waS gleichbedeutend, Demjenigen, der immer wirkt, läug- nen, daß er es bisweilen thut?. ." 15. „Die Unwissenheit deö Verstandes ist gar nichts Anderes, als die Ablösung von dem göttlichen Verständniß; die Schwäche deS Willens die LoSIösung von dem höchsten Willen. Das physische Mißverhältnis?, durch die Sünde erzeugt, besteht in der Krankheit und dem Tode. Deßhalb ist die Krankheit nichts Anderes, als Unordnung, die Veruneinigung, die Störung deS Gleichgewichts unter den Theilen unseres Körpers..." 16. „Die Wollust deS Fleisches und die Hoffart des Geistes haben einen Namen: die Sünde. Die entschiedene Loöreißung der Seele von Gott und die der Seele vom Körper heißt mit einem Worte: der Tod. ." 17. „Von allen Geheimnissen ist das furchtbarste das der Freiheit, welche den Menschen zum Herrn seiner selbst macht, zum Theilnehmcr an der Göttlichkeit in der Führung und Regierung der menschlichen Dinge....." 18. „Wenn das Geschöpf nicht Freiheit genug hätte, um mit der Fähigkeit, die ihm Gott geseht, auf dem einen oder dem andern Wege z» ihm zu kommen, mit weicher Freiheit würde es den Hunger in Sättigung verwandeln, um srei zu seyn? ..." 19. „Der Mensch wollte durch das Band der ursprünglichen Gerechtigkeit und der heiligenden Gnade nicht mit Gott geeint bleiben, und sah sich dann durch das Band seiner unendlichen Barmherzigkeit mit ihm geeinigt. Wenn Gott den Sündenfall zuließ, so behielt er gleichsam den Erlöser der Welt im Rückhalte, ihn, der in der Fülle der Zeiten kommen mußte. Dieß höchste Uebel war nöthig um des höchsten Gutes willen, dieses ungeheure Ereigniß um deS maßlosen Glückes willen." 20. „Die Wissenschaft der göttlichen Geheimnisse ist die Wissenschaft aller Fragen." 21. „WaS die liberale Schule betrifft, so sage ich nur, daß sie in ihrer stolzen Unwissenheit die Theologie verachtet, nicht, weil sie nicht theologisch ist nach ihrem Zuschnitt, sondern weil sie theologisch ist, ohne es zu wissen. Diese Schule ist noch nicht so weit gekommen, und wird wahrscheinlich nie dahin kommen, daS enge Band zu verstehen, welches die göttlichen und menschlichen Dinge vereinigt hält. Sie verkennt ganz und gar die Verwandtschaft der politischen, socialen und religiösen Fragen; sie weiß nichts von der Abhängigkeit, in der sich alle auf die Regierung der Völker bezüglichen Aufgaben zu denen verhalten, welche sich auf Gott beziehen, den obersten Gesetzgeber aller menschlichen Gesellschaften____" 14 22. „Die Wissenschaft Gottes gibt Demjenigen, welcher sie besitzt, Scharfsinn und Kraft, weil sie zu gleicher Zeit den Geist schärft und erweitert. . . ." 23. „Unter den Menschen, welche ich kenne, — und ich kenne deren viele, — sind die einzigen, in denen ich einen unzerstörbar gesunden Sinn, eine wahre Weisheit, eine bewundernswürdige Fertigkeit in praktischer und weiser Lösung der schwierigsten Aufgaben fand, wie auch die Fähigkeit, immer einen AuSgang, immer ein Ziel zu finden für die verwickeltsten Angelegenheiten, Diejenigen, welche ein beschauliches und zurückgezogenes Leben führten . . . ." 24. „Wenn Gott nicht Diejenigen, welche ihn verachten oder mißkennen, diese Betrüger von Profession, zu einer beständigen Dummheit verdammte, oder wenn er nicht in ihre eigene Tugend einen Zügel für Diejenigen gelegt, welche mit reichlicher Kenntniß ausgestattet: die menschliche Gesellschaft würde weder der Weisheit der Einen noch der Bosheit der Andern haben widerstehen können. Die Tugend der beschau-- lichen, und die Dummheit der gewandten Menschen, das war das Einzige, waS die Welt in ihrem Daseyn und vollkommenen Gleichgewicht erhalten konnte. Es gibt nur ein Wesen in der Schöpfung, welches in sich alle Wissenschaft der Beschaulichen, und die ganze Bosheit Derjenigen vereiniget, welche Gott nicht kennen oder verachten, und verachten die geistliche Beschauung: daS ist der Teufel. Der Teufel hat die Wissenschaft der Einen ohne ihre Tugend zu haben, und die Bosheit der Andern ohne ihre Dummheit; und darin gerade besteht seine zerstörende Kraft und seine ungeheure Macht." „WaS die liberale Schule im Allgemeinen betrifft, so ist sie nur in dem Grade theologisch, als eö alle Schulen sind. Ohne eine bestimmte Darlegung ihres Glaubens zu geben, ohne sich damit zu beschäftigen, ihre Gedanken über Gott und Menschen, über das Gute und das Böse, über Ordnung und Unordnung ins Klare zu stellen, im Gegentheil ihre Verachtung für hohe Dinge zur Schau tragend, glaubt die liberale Schule an einen abstracten und gleichgiltigen Gott, von der Regierung in menschlichen Dingen durch die Philosophen bedient, in der allgemeinen Weltregierung durch gewisse Gesetze geleitet, welche er im Anbeginn der Zeiten festgestellt...." 25. „Was daS Uebel betrifft, so läugnet eS die liberale Schule in physischen Dingen, und erkennt eS in den menschlichen. Für sie lassen sich alle auf daS Uebel oder daS Gute bezüglichen Fragen auf die eine der Regierungsform, und alle Fragen der Regierung auf die der Legitimität zurückführen, in der Art, daß daö Uebel unmöglich, wenn die Regierung rechtmäßig, und im Gegentheil, wenn die Regierung unrechtmäßig, daS Uebel unvermeidlich ist Die Frage über Wohl und Uebel läuft also darauf hinaus, zu beweisen, welche Regierungen rechtmäßig, und welche usurpatorisch sind." Das Walten der göttlichen Vorsehung. Wenn je etwas den Menschen in eine ernste Stimmung versetzt, so ist eS gewiß der Wechsel eines Jahres. Blicke auf die Vergangenheil erregen in ihm die sonderbarsten Gefühle, und wohl dem, der denselben einen freien Lauf läßt und ihnen einen bleibenden Eindruck auf sein Herz gewährt. In der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit wurde eine persönliche Gottheit mehr als je bezweifelt, ja mehr als je geläugnet, und doch gibt es kaum eine Periode in der Geschichte, wo sich die Eristenz und das Walten derselben mehr kund gibt als in dieser. Wer nur immer einen vorurtheilSfreien Blick auf die Ereignisse der Neuzeit wirft, kann den Finger Gottes nicht verkennen. I Einem Philipp dem Schönen von Frankreich, dem wohl Ironie seiner Zeit diesen Beinamen gab, ist der Reichthum der Templer und die Pracht ihres OrdenS- hauseS in Paris (der Tempel genannt) ein Dorn im Auge. Neid und Habsucht drängen ihn zu einem ränkevollen Kampfe gegen sie. Seine Pläne gelingen, der 15 Orden wird vertilgt, die meisten Glieder wenigstens der angeklagten Hauptverbrechen unschuldig, einem schmerzlichen Tode überliefert und aus dem prachtvollen Tempel wird ein königliches Schloß. — Da rollt eine lange Zeit vorüber und die That deS Königs ist bereits verschollen. — Doch plötzlich sehen wir einen tiefgebeugten Mann zum Richtplatz wanken, ruhig legt er sein Haupt auf daS Schaffott, daS Messer fällt und sein Blut färbt das Gerüst. Wer ist wohl dieser Mann? wer ist der Ort seines letzten Aufenthaltes, von dem man ihn auf den Richtplatz führt? Es ist — Ludwig XVI., ein Enkel jenes Philipp, und jener Ort ist — der Tempel. (Er wurde später ein Gefängniß.) Der Nachkomme mußte daS Verbrechen seines Ahnherrn sühnen. ,i!ZM<>(! j k's il i^kH^^lzIztH z!z HliÄiüK »ibä jpldN^t? lüH^f" auu 'l'/iwN75ll 4im 57tZi,^ ttlilt^ IV ^ . ^ l?sii :m, iU^i. bntt -M- ZiZ c>7ucp .zchiik Am Main sitzen die Führer Deutschlands, um dem Vaterlande in einer neuen Verfassung daS goldene Zeitalter zu verschaffen. Der Bischof von Münster stellt den Antrag, in dieser wichtigen Angelegenheit zuvor den Herrn um seinen Segen zu bitten und darum die Versammlung mit einem feierlichen Gottesdienste zu eröffnen. Ein Tumult im Hause ist'die Antwort, und mit Entrüstung eilt Raveaur auf die Bühne und ruft: Jetzt ist nicht mehr die Zeit zu dergleichen Frömmeleien. — Auch dieses Bild verschwindet, und bald sehen wir ein anderes: Die Versammlung ist aufgelöst, ihre Glieder sind zersprengt, Raveaur stirbt in der Verbannung und hat erfahren, daß eö doch noch Zeit zu dergleichen Frömmeleien war. Der Bischof von Münster aber weidet noch immer seine Heerde und genießt die Früchte seines GebeteS. 16 »»chnÜ7ZviHttv6> mls>rZVi!G Il)stl?m ziÄ ',ti>Ii>7» bi^ üli^H iiiZl Die heidnische Revolution macht aus der Kirche St. Genovefa in Paris ein Pantheon. Das Königthum hat nicht den Muth, dieses Monument der Schande, obgleich zur Ehre bestimmt, zu vertilgen. Da fällt der Thron von Neuem. Das Pantheon wir durch die Republik vertilgt, wie es durch eine Republik entstanden ist. UZ'M 7'MM>.7»i? »I'llltT »UZ Die Führer Israels verfolgten den Heiland, sie bewirkten das schreckliche: Ans Kreuz mit ihml Da kam das Blut des Gerechten über sie und ihre Kinder. — 2vl)l) Jahre sind verflossen und Israel verfolgt den Heiland von Neuem in seiner Kirche. Durch die Presse bewirkte eS den Ruf: AnS Kreuz mit ihr! — Aber sieh, die Strafe folgt in dem steigenden Hasse deS Volkes, und die Bitte der Stadtverordneten Prags an Se. Majestät ist eine Lerche, der bald andere zu folgen scheinen, die aber keinen Sommer verkündet. Kann man beim Anblicke dieser Fügungen das Daseyn eines persönlichen Gottes käugnen oder kann man vernünftiger Weise der Meinung Jener beistimmen, welche die Wunder unmöglich nennen? Nein! Wir leben in einer Zeit voll Wunder, und diese zu läugnen oder dem Zufalle zuzuschreiben ist eben so lächerlich, als die Worte der Pharisäer, welche sie Werke deS Beelzebub nannten. — Darum, wer Augen hat, der sehe und wer Ohren hat, der höre!! (T. Z.) — Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. VerlagS-Jnhaber: F. C. Aremer. Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt .timZillNsulö — 7,6Il^ tt'lt!l)^7Ä?n,ck7iA »is .lckitriüH ,in,??ciid»7uz ?»s?i«t Augsburger Postzettung. 7«It .»iLnai'st-W -.iijliitT mi i^i!>U-i(k t^Zii^ n^M — '.»,7s!r>ch, 18. Januar S. 185S. ÄN» nilN vs — ,ri,IIr, nMiii. bi^i^l^ ,IM ,i,nch'^ er gar dauernden Schaden zuzufügen; denn — das gutgesinnte, katholische Volk daselbst hat seine eigentliche Stütze, seinen festen AnhaltSpunct in solchem Bezüge lediglich bloß im Bischöfe, dem der Missionär als Vermittler dient; — wenn Bischof und Missionär zagen, wanken, thatloS stehen, so fällt und stürzt — rascher, denn sonst — der kirchliche Sinn und Geist deS Volkes in Amerika zusammen. Mit kurzen Worten gesagt: der Bischof, oder — in dessen Namen der Missionär in Amerika muß bald möglichst eine Kirche bauen, muß hiezu Capitale auS- leihen, muß die Schuldenlast auf die Baute selbst legen, und muß Jahrlang eben so schwere Sorge tragen, um endlich sie frei zu machen. Eine süße, eine edle, eine völlig himmlische Freiheit für ihn, für die Seinen, für die geweihte Braut deS Herrn I — Bei derartiger Sachlage darf es wohl kaum wundern, wenn selbst aus den großartigen Städten Amerikas herüber dieser und jener laute Nothruf geschieht an die treuen Freunde dießseitS im deutschen Vaterlande; wenn Bischöfe und Missionäre — fast in die Wette — alle guten Geister beschwören, um Hilfe zu bringen, um--der Verzweiflung Einhalt zu thun! — Noth bricht Eisen; die Noth der Bischöfe und der Missionäre ist zumal drängend allerwärtS, ist keineswegs bloß eine personelle, d. h. für die materielle Eristenz, sondern eine universale, eine gemeindliche, eine katholische. Sohin — was von der einen, ersten Classe der amerikanischen Missionäre gilt, gilt auch, und zwar in vielfältigem Grade, von der zweiten Classe derselben, d. i. von jenen, welche auf dem sogenannten Lande leben, — welche wandernde Apostel seyn müssen. — Der Landmissionär — von seinem Bischöfe ausgerüstet mit namhaften, geistlichen Vollmachten, aber — statt deS Anfangs doppelt nothwendigen BaarvorschusseS, nur mit der ganzen Fülle deS apostolischen Segens, wie mehr denn doppelt noth thut; — also, der Landmissionär zieht zu einer der angewiesenen Gemeinden hin, und schlägt seinen Sitz auf im nächstbesten Farmerhause, daS ihn gastlich bewillkommt; der einfache Tisch der Familie ist der seinige auch; die Liegerstätte bereitet ihm die sorgliche Hausmutter dort in irgend einer noch freien Ecke deS Zimmers, manchmal nur auf glattem Boden, wo Strohsack und Wollteppich oder dergleichen die ganze Herrlichkeit ausmachen; ein Linnentuch, von oben herab gehängt, sondert den geistlichen Gast von dem übrigen Hausvolke, das gewöhnlich — aus Mangel anderer Localitäten — in demselben Gemache sich zurecht findet. — Alsbald am nächsten Morgen schaut der Missionär sich um: ob der Farmer selbst, oder ein Nachbar irgend eine Scheune, eine Tenne besitze, zur Abhaltung deS heiligen Gottesdienstes; — glückt der Fund, desto besser; — sonst übriget freilich nichts, als sich des gastlichen Familienzimmers zu bescheiden, und dort — statt des LagcrS — die heilige Altarstätte aufzuschlagen; wie denn? ganz einfach — entweder durch Hinordnen des Tisches, oder durch Uebereinanderstellen zweier Kisten, welche die HauS- und Leiogeräthe der Familie herüberbrachten, oder endlich durch Einbohren von ein paar IS Hölzern in die Wand deS Zimmers, welche aus rohen Eichstämmen besteht, und darüber etwa einen solchen Kistendeckel zu befestigen, und daö ganze Gerüste mit dem Weißzeuge aus der Garderobe der Hausmutter zu bekleiden; — als Ertrazier solch eineS Kunstaltars verschafft der Missionär sich zuweilen noch eincn^Shawl der Hausfrau, heftet ihn ob dem Altare gleichsam zum Baldachine, unv sucht, wo möglich, ein Crucifix oder religiöses Bild als Altarblatl in dessen Mitte anzubringen; zuweilen trifft eS, statt solcher Gegenstände bloß den eigenen Rosenkranz aus der Tasche zu langen, und gehörig in Herzform aufzuheften, damit der Vorschrift in allwege Genüge geleistet sey. Laufs der Zeit streckt der Missionär seine Gedanken nach weitern Planen aus, indem er die Gemeindemänner allgemach um sich sammelt, und ihnen an's Herz legt, wie nothwendig die Baute einer eigenen, kleinen Kirche — vorerst aus Holz — bleibe; — er entwirft die Skizze hiezu, d. h. schlägt Größe und Anordnung der Theile vor, namentlich deS FenstereinsatzeS, um nicht daS eine Höher, das andere weiter, daS dritte und vierte abermal verschieden sehen zu müssen, weil die Rahmen hiezu gewöhnlich schon in Städten zu Kaufvorräthig sind; woher selbe bezogen werden. Ein wichtiges Augenmerk für den Bauzweck hat der Missionär dem zur Kirche dienlichen Terrain zuzuwenden; vor allem muß er auf den dermaligen, oder — noch eher — auf den künftigen Mittelpunct der Gemeinde schauen, damit keine Rivalitäten entstehen mögen; sodann muß er unabweichlich darauf bestehen, daß der Baugrund — je mehrere Acres (Jucharte) desto besser — vom Eigenthümer gesetzmäßig abgetreten werde an den resp. Bischof der Diöcese, oder — nach gewöhnlicher Sprachweise: daß der veeä (Kaufbrief) auf den Namen des Bischofs laute, entweder glatt- hin, ohne irgend einen Vorbehalt, oder nur unter einfacher Bedingniß der Verwendung deS Grundes zu dem Kirchenbaue; denn — gar gerne läßt der deutsche Farmer sich von irgend einem dünkelhaften Sprudelkopfe seines Stammes weiß machen: das Kirchengut in Amerika solle und dürfe nicht unmittelbar dem Klerus unter die Hände kommen, sondern müsse stets allerwege solcher Abhängigkeit entzogen, folglich, bloß unter directer, alleiniger Verwaltung der Gemeinde, resp, ihrer Ausschüsse oder Gewalthaber (truswes) stehen bleiben. — Woferne der Missionär versäumt, jene entscheidende Forderung durchzuführen, ist auch — leider! zu sehr schon — einer endlosen Kette von Zwisten, Wirren und Scandalen der bösesten Art das Anfangsglied geschmiedet. — Es schreiben sich hievon her all' die Ercommunicationen und Jnter« dicte, womit die Bischöfe Amerikas vielfach diese und jene Gemeinde belegen mußten, bis wieder in die rechte Bahn deS Friedens, des Heiles eingelenkt ward. — Betreff der Plätze für Gottesacker, Schule und Pfarrhaus hat es in solcher Rücksicht schlechtweg die nämliche Bewandtniß; soll nämlich jedem möglichen Anstoße vorgebeugt seyn, so hat der Missionär zur nächsten Aufgabe, den vesä hierüber in beste Ordnung zu bringen. UebrigenS — zu Ehre der meisten katholischen Gemeinden Amerikas sey gesagt, daß sie von vorneherein niemals schon den Willen haben, sich mit ihrer Geistlichkeit in irgend eine Spannung zu setzen, noch minder hartnäckig auf unbilligen Ansichten und Forderungen bestehen; nur erst das tückische Spötteln und gleißnerische Lobhudeln der Freiheit unv Selbstständigkeit aus dem Munde eines sogenannten VolksfreundeS, eines hohlen Schwätzers, eines elenden Schmarozers treibt allgemach argen Spuck im Gehirne und Herzen deS sonst schlichten, deutschen SettlerS, und verwirrt ihm beide — fortschreitend — zu völliger Stumpfheit gegen jede, vormals richtige, bessere Ueberzeugung. Gleichwohl aber — Gott Lob! ist der tüchtige, kluge Missionär noch durchweg im Stande, solchen Schwindel der Verführten, nicht doch der Verführer selbst, durch nüchterne, parteilose Erklärung der Sache zu heilen, und die Sache in's rechte Geleise zu bringen. Es kehrt Vertrauen, Ordnung, Friede und Segen zurück in alle Herzen, die frommen Willens sind, unv — dagegen den nachtschwarzen, blutrothen Molchen, welche — selbst bodenlos — den Boven unterwühlten, tritt allgemeine Verachtung auf den Racken! so Hat der Missionär seine Gemeinde — gleichsam die Erstgeburt seiner Liebe, oder — seiner Schmerzen, daher doppelt geliebt — die Urpfade des socialen LebenS durchgeführt, dann wandelt er Hand in Hand mit ihr zuversichtlich vorwärts in festem Schritte nach dem Ziele der Bestimmung, welches kein anderes ist, als — die fortdauernde, sittliche Besserung von innen heraus, der immer kräftigere Aufschwung deö Geistes zum Einen, höchsten Gute oben im Himmel, und die unzertrennliche Verbindung mit demselben in seliger Freude. — Dieß und bevorab dieß muß der Leitfaden deS katholischen Missionärs seyn in all' seinem Wirken, in all' seinen kirchlichen Diensten, in all' seinen Beziehungen zu der anvertrauten Heerde Christi deö Herrn; — so, und nur so kann, wird sein Vortrag, sein Unterricht am Altare — denn eine Kanzel hat er Anfangs nicht — von gutem Erfolge bleiben, und wird reichlich gesegnete Früchte tragen für die Glieder der Gemeinde, klein und groß; — falls übervem noch, wie gewöhnlich, andere Settier — Nichlkatholiken — daselbst leben, wird ihnen daS thätige erbauliche Glauben und Leben sowohl deS Missionärs als der katholischen Glieder eine vollständig heilsame Predigt seyn, und sie werden sich allgemach als bereitwillige Schüler zu dessen Füßen setzen, um dem Zuge der Gnade von Oben zu folgen, und den Flugsandboden ihrer bisher blinden Nachbeterei oder Selbstmeinung mit dem Felsengrunde deS klaren Bewußtseyns in dem Schooße der Einen katholischen, apostolischen Kirche glücklich zu verrauschen, nimmer, ewig nimmer zu verlieren. Eine der schwersten Aufgaben (eben so schwer sie zu schildern) ist die Schule; die geübtesten Denker, die umfassendsten Beobachter haben eingestanden, daß eine genaue Beschreibung des UnterrichtSwesenS zumal in Amerika vorerst nicht in Möglichkeit bleibe, sondern daß eben nur die Hauptumrisse mit einigen markirten Nebenlinien geliefert werden können. — Deßhalb hier bloß zu einiger Verständniß des überwichtigen Stoffes wenige Worte; die katholischen Missionäre auf dem Lande dürfen — ohne Gefahr schwerer Schuld — nie und nimmer anrathen, daß die katholischen Kinder schlechthin die sogenannten Comonn-, d. h. Gemein- oder StaalSschulen besuchen; sie dürfen kaum jemals erlauben, daß die Eltern ihre Kinder unbedingt dahin schicken; sie müssen — gegentheils — darauf dringen, daß die katholische Gemeinde mit äußerster Anstrengung auf Errichtung einer eigenen Schule bedacht bleibe. — Die einzelnen Gründe dessen liegen in dem amerikanischen Schulwesen selbst, und würden hier zweifelsohne auch die langmüthigste Geduld der Leser erschöpfen, so namhaft übrigens ihr Interesse ist. — Aber — wie rettet der Missionär sich selbst, und seine Gemeinde, und deren Kinder aus dem Doppelstrudel der Scvlla und CharybdiS? welche Auswege schlägt er ein, um daS heilige Glaubensschiff der Kleinen an'S sichere Ufer zu bringen? Gar einfach dadurch, daß er--selbsteigcn — Schule hält, — daß er — dem himmlischen Vorbilde, seinem Herrn Jesu nach — die Kinder um sich sammelt, und ihnen die Lehre deS Heiles in's Herz pflanzt. — Art und Welse dessen lehrt ihn — vorab der praktische Verstand, unv sollte es ihm vielleicht daran mangeln, so muß die christliche Liebe auShelfen. — Nun die kleine Zwischenfrage: wo hält der Mann GotteS seine Schule? in welchem Locale?— Ach! die a>me Blockhütte seines Herbergers muß hiezu dienen, oder — daS hölzerne Kirchlein, so er dort zu errichten daS Glück gehabt hat; — in wie ferne solche Gelegenheiten auch wirklich geeignet seyen, mag ohnschwer Jedermann schon genugsam ermessen; aber — die Noth ist die beste Lehrmeisterin. Eine zweite Frage: warum nicht eigentliche Schullehrer, d. h. Männer vom Fache angestellt werden? beantwortet sich kurzhin damit: daß die katholischen Gemeinden auf dem Lanre noch alle zu jung sinv, um die nöthigen Geldmittel zum Solde eines bestimmten Lehrers erübrigen zu können, obgleich ihnen tief im Bewußtseyn liegt, daß solche Opfer die reichsten Hinterlagen zum wahren Wohle ihrer Kinder bleiben; — allein — anderseits soll doch wieder für'S materielle Leben zunächst gesorgt werden, und dieß Streben findet leicht einen liebsamen Ruhepolster an der Bereitwilligkeit des apostolischen ManneS — deö Missionärs, sich diesem wichtigen GotteS- «1 berufe — dem Jugendunterrichte — ohne Entgelt zu weihen. — UebrigenS gebührt vielen katholischen Landgemeinden Amerikas schon langehcr das gerechte Lob, daß sie ihr Bestes gethan haben in solchem Bezüge, und daß auch die mehrsten Schulen sich des preisenswerlhesten Erfolges erfreuen, woferne die Lehrer an Hand ihrer Geistlichkeit arbeiten mit heiligem Eifer, nicht bloß um des eigenen, materiellen Interesses halber, oder gar — — im heimlichen Geiste der sogenannten Emancipation von aller kirchlichen Leitung und Aufsicht. — Nach alle dem zeigt das Bild eines kaiholischen Missionärs in Amerika — neben dem wesentlich nöthigen Schlagschatten — gar manche, lieblich anziehende, zuweilen sogar romantisch schöne und großartige Lichlpanhie, und eS schwellt unfehlbar jede fühlende Brust, erhebt unwillkürlich jedes theNnehmende Herz, solchem GotteSwerke alle möglichste Förderung zu wünschen. Der Missionär selbst bleibt hinter den frommen Wünschen dieser Art nicht zu, rück, sondern er opfert sich thatsächlich ihrer kräftigen Ausführung nach Maaß seiner Kräfte, ja wohl gerne über dasselbe hinaus, weil überzeugt, daß nur außerordentliche Hingabe den heiligen Beruf zum Gedeihen bringt, und zum unsterbliche» Leben erhebt. — In Folge dessen kommt dem Missionär immerhin ganz genehm die rasche Erweiterung seines Wirkungskreises, indem sich hier wieder eine Station, und dort eine zweite, und anderSwo eine dritte bis zu einer sechsten und zehnten — anmeldet, um von ihm geistlich versehen zu werden. — Allerdings sind die Entfernungen derselben eben nicht selten auf zehn und zwanng und fünfzig englische Meilen ausgedehnt; und eS fehlt wohl noch oft an rechten Communication. Mitteln, d. h. Neisegelegcn- heiten; indeß' — die Liebe ist allerfinderisch, und sie weiß auch dort Raih, wo der enge Verstand oft rathloS bleibt; — der Mann GolteS schnürt sich im schlimmsten Falle sein Ränzchen, gefüllt mit allem nöthigen Apparate einer Mission, uud trollt zu Fuß entlang der Openings und Prairien, welche endlich zur gewählten Station kommen lassen. Dort knüpft er getrost und mnthig den abgebrochenen Faden seiner Lehre wieder an, und legt die überstandene Mühsal srommgläubig auf den Altar des Herrn, dem er dieß Opfer in Liebe gebracht hat. Einen wesentlichen Moment des katholischen MissionärlebenS bildet ganz natürlich auch die Krankenpflege, welche vorzugsweise in neuen Ansiedelungen fast allcnvärts mehr oder weniger streng in Anspruch nimmt; denn — die leidigen Wechselfieber, gewöhnliche Folge der Reisestrapa^en, der vielen anfänglichen Entbehrungen in Nahrung und Wohnung, — ja des oft schwernagenden GrameS über das verlassene Glück der Vaterhcimat, und der bittern Sorge — alltäglich — um willen des lieben Brodes am künftigen Morgen, am folgenden Abend: ach! die Schauer jener Wechsel- fieber brechen zumal den meisten Neueinwandercrn drüben so an Körper als an Geist alle Kraft, allen Muth, alle Hoffnung und malen der krankhaften Phantasie ein Zukunfrbild vor, dessen Schreck selbst dem Tode den Schrecken benimmt, ihn als willkommensten Freund mit kalter Hand noch fenrig begrüßen macht. Wer zählt die Seufzer, wer die Thränen, so da in einsamer Hütte im dichten UrWalde, oder ans endloser Prairie, dem gebrochenen Herzen, dem matten Auge ausgepreßt werden? — wer erfaßt und würdiget genugsam die Tiefe nnd Weite deS Schmerzes, so sich über Familie an Familie ergossen hat, nachdem das Wechselficber dort Einkehr genommen? — Man mnß die fahle Farbe, das eingesunkene Auge, den schorfigen Mund, den eisigen Frost, oder den großperlenden Angstschweiß, ach! man muß den leibhaftigen Tod in den letzten Zügen selbst gesehen haben, um da den ganzen, herben Eindruck vor die Seele zu bringen, und sie lreumitleidig zu machen! — Der Missionär — kaum angelangt in der Station — hört die Jammerbotschaft, und beflügelt dann schon seinen Schritt, als Trostbote, als Friedensengel in die niedrigen Hütten zu eilen, dort das malle Flämmlein des Glaubens, der Zuversicht, der Geduld und Ergebung wieder unzu- fachen, und neuen Lebensbalsim in die Todeswunden einzuträufeln. Welch' seliges Bewußtseyn ihm, — welch' Uebermaaß von Wonne ihm — dieser geistliche Beruf, diese volle Ausstattung mit himmlischen Gnaden- und Heilsschätzen! — Und — wenn der Missionär nebstdem noch im Stande ist, dem hilfbedürftigen Kranken mit eigener Hand SS leibliche Hilfe zu leisten, ihm gedeihlichen Rath der Pflege zu ertheilen, oder gar — ein einfaches, sicherwirkendes Arzneimittel einzugeben, ohne eben erst hiezu eines Doctorat- Diplomeg zu bedürfen: o wie süß und erquicklich im Herzen, wie vortheilhaft und großartig stellt sich da abermal der Beruf des katholischen Missionärs heraus, und sichert ihm daS Anrecht auf den würdigen Lobspruch: ein ächter, thatsächlicher Freund der Menschheit zu seyn! — Im Nachgange dieser Hindeutung auf medizinische Kenntnisse von Seite deS MissionärS in Amerika bedarf es für Unterrichtete keiner weitem Meldung, daß daselbst vorläufig noch keine Privilegien bestehen, kraft deren bloß gradnirte Aerzte befugt seyn, Kranke zu behandeln, die sich ihnen anvertrauen; daß dem nicht also ist, bringt freilich den nächsten Uebelstand einer ausgebreiteten Quacksalberei, und eincö vielseitigen PrellenS mit allmächtigen Wunderpillen, Wunderessenzen, Wunderlinklurcn :c.; gleichwohl liegt anderseits klar am Tage, daß — systematisch todtcurirt nicht besser sey, als empirisch mißglückt, — und daß der Vortheil immerhin größer bleibe, je einfacher und schneller und nachhaltiger dem Patienten geholfen wird. — Abgesehen von aller PrariS gegen Andere — darf kaum in Zweifel gezogen werden, daß dem Missionär eine solch' einfache, verläßliche Curart für seine eigene Person, — wenigstens auf dem Lande — gleichsam nothwendige Kenntniß ist, woferne er sich aufrecht halten will in dem vielbeschwerlichen, vielgefährlichen Wirkungskreise. — Vorsicht schadet gewiß niemals.— Einen namhaften Vorschub zumal leistet dem Missionär in seinem heiligen Berufe solch' bescheidenes Handhaben der Medizinen, falls es ihn trifft, unter die Urvölker deS Landes, die sogenannten Indianer, zu wandern, und ihnen den heiligen Glaubensboten zu machen; — zwar haben dieselben gewöhnlich große Kenntnisse der wohlthätigen Heilkräfte von Pflanzen, Säften:c., und wissen sich schnell zu helfen in Alletags-Krankhei- ten; doch — bekanntlich hat daS gelbe Fieber, in jüngster Zeit die Cholera, gar schreckliche Verwüstung unter ihnen angerichtet, so daß beinahe ganze Stämme davon ausgerottet wurden. Wie erfreulich mithin für den katholischen Apostel derselben, Balsam deS Lebens an Seele und Leib zu spenden, und dem Lande, daS der Herr ihnen gegeben, ihre Nachkommenschaft zu erhalten, der Kirche deS Herrn, die sie aufgenommen hat, einen eben so frommen, als kernigen Zuwachs zu gewinnen. Hier böte sich gar schöner Anlaß, den katholischen Missionär Amerikas in seiner erhabensten Größe— als Indianer-Apostel — zu schildern, und die wahrhaft übermenschlichen Verdienste in'S Licht zu stellen, so er da erwerben kann, wie selbe bereits forthin von einzelnen Helden dieser Art — leider! an Zahl zu wenige — erworben werden; allein — zunächst fordert der hohe Gegenstand eine Feder, welche aus selbsteigener Erfahrung schreiben kann, um die Aufgabe würbig und wahr zu lösen. Die St. Paulskirche in Rom. Rom, im December 1861. Die Entfernungen, welche in dem großen Rom die heiligen Stätten von einander trennen, erlauben es gar manchem Bewohner der Stadt, nur nach Monaten sie wieder zu besuchen. So erging eS auch unS: eine geraume Zeit war verflossen, seitdem wir am Grabe des heil. PauluS in der großen schönen Basilika, die seinen Namen trägt, zum letzten Male halten knieen können, als endlich ein freundlicher Tag erschien, welcher zur bekannten Pilgerfahrt in die sieben Hauptkirchen unS einlud. Welch herrliche Erinnerungen umgeben da den Pilger, wenn er zur frühen Morgenstunde die noch schlummernde Stact verläßt und deS Weges gen St. Paul zur alten Via OstiensiS hinauf wandert! — Da liegt zur Linken daS Forum mit seinen Tempelresten, mit seinen gestürzten Säulen, mit seinen Triumphbögen, so todt und still und wüst,, wie'S einst in den Herzen der heidnischen Menschbeit mag ausgesehen haben; und obendrein schaut düster und grimmig, wie daS Schicksal in'S heidnische Leben, der PalalinuS, als wollt' er jeden Augenblick daS ruinengekrönte Haupt schütteln unv die Trümmer der goldenen Burg, die einst der grausame Nero S3 sich erbaute, dort unten hin auf die christlichen Kirchen hinabstürzen. Aber daS Jammergeschrei der Christen, das hier oft ertönen mußte, wie die SicgeSgesänge der Heiden, — denn unser Fuß steht auf der alten Triumphalstraße — sind verklungen; der Geist deS blutgierigen Nero, welcher nach einem römischen Volksliede in die Ruinen seiner Burg gebannt ist und nun dort unten in den schauerlichen Gewölben herumheult, mag in unserer Zeit noch einmal auf die Wiederkehr der alten Tage gehofft haben, vergebens, sie sind überwunden: daS sagt uns der freundliche AventiuSberg, zu dem wir jetzt hinansteigen. Wohl auch herrscht hier eine Stille, aber eS ist nicht die der düstern heidnischen Trauer, sondern die Stille und Trauer der christlichen Buße in den hier blühenden strengen Orden; wohl auch ist hier Berg ab und Berg an eine Triumphalstraße gebaut, aber von den Händen der eifrigen Zöglinge deS JosephvereinS zum Triumph für die christliche Nächstenliebe. Und die Siegeszeichen, die hier daS Auge erblickt, sind die Trophäen der christlichen Ritterorden. Auch sie haben zwar den veränderten Zeiten weichen müssen, aber ihr Geist ist nicht gebannt und ihre Burgen sind nicht in Trümmer zerfallen, denn eS walten und wirken an ihrer Statt hier viele Andere und kämpfen den Kampf deS Geistes. Und werfen wir nun beim Hinabsteigen einen Blick in die Ferne, da sehen wir unten hingebreitet auf die üppige Wiesenflur, von grünenden Bäumen umschattet den herrlichen Dom deS heiligen Paulus, daS Ziel unserer Wünsche. Die Tiber, welche sich zu unsern Füßen so neckend und willkürlich durch die Weinberge hinschlängelt, wendet auf einmal den Lauf ihrer gelblichen Fluchen, als wollte sie dem Grabe deS Weltapostels ihren Tribut darbringen. Doch bevor wir an diesem Grabe knieen, sollen wir noch einmal an die Vergänglichkeit alles Irdischen erinnert werden. Zur Rechten am Wege erhebt sich der sogenannte Scherbenberg, eine beträchtliche Anhöhe, welche auS Aschenkrügen, Urnen, Trinkschaalen und Gefäßen aller Art, die vor Jahrtausenden in Brauch waren, gebildet ist. Ohne Ordnung, mit Gras und Moos überwachsen, liegen hier die Bruchstücke durcheinander, viele in ihrer noch kennbaren classischen Form, andere mürbe und zerfallend. Näher, als bei den Trümmern großer Bauten, tritt hier der Gedanke dem heidnischen Privatleben, aber um so mehr bewegt und belehrt er. Wenn wir nun eintreten in die breite Baumallee, welche unS die Aussicht auf den Chor der Basilika eröffnet, so können wir das niedliche Capellchen zur Linken nicht unbemerkt lassen. Die uralte Ueberlieferung sagt, daß hier PeiruS und Paulus, als sie auS dem Mamertinischen Gefängniß zur Marterstätte geführt wurden, sich trennten. Paulus, als der römische Bürger, ward zur gewöhnlichen Richtstätte der Römer geführt, Petrus aber zum Stadtviertel der Juden, welches durch das jetzige TraStevere bis zum Vatikan hin zerstreut lag. Die Tradition bestand noch in einer Zeit, wo man von der alten Lage der Stadt, von der Richtung der Straßen und der Richtstätte der Kaiserzeit nichts mehr wußte. Die neuesten Entdeckungen der Art haben aber die Voraussetzungen jener Tradition genau bestätigt. So treten wir denn endlich, von heiligen Empfindungen der Ehrfurcht und Andacht durchdrungen, in die weiten Hallen der Basilika ein, und zwar zuerst von der Seite deS rechten KreuzarmeS. Diese Kreuzarme, welche den Chor der Kirche bilden, sind bereits vollendet Schreiten wir voran bis zur Mitte: die staunenS- werthe Größe, und doch die Feinheil der Ausführung in der Arbeit, die kostbaren Steinarten, der Alabaster, der mannigfach verschiedene Marmor, und dabei doch eine edle Einfachheit, der größte Reichthum, und doch keine Ueberladung, das Alles fällt unS zwar sofort in die Augen, kann uns aber nicht abHallen, zuerst an dem Grabe deS Weltapostels, an dem Altar, der in der Mitte der Kreuzarme unter gothischem Baldachin sich erhebt, unsere Andacht zu verrichten. Dort unter dem Altare brennt ein Licht über den Reliquien dieses heiligen Apostels; dort tief unten in den Katakomben ruhte schon sein Körper sofort nach dem glorreichen Martertode. Diese Stätte und dieser Altar mit seinem Baldachin blieb von dem verwüstenden Brande verschont, der die alte Basilika in Asche legte. Dem 13ten Jahrhundert soll die gothische Arbeit L4 angehören; unfein ist sie zwar, aber ehrwürdig und zur Andacht stimmend. Ein neuer Baldachin wird sie umkleiden, gestützt auf Säulen von orientalischem Alabaster; Zur Geschichte der kirchlichen Bewegung in England. DaS eben erschienene „Catholic Directory" bringt uns interessante Notizen über die Fortschritte der katholischen Kirche in England. Zunächst enthält dasselbe ein Verzeichnis; der bekanntern Personen, welche in England im verflossenen Jahre zur katholischen Kirche zurückgekehrt sind. Die Zahl der anglicanischen Geistlichen, welche im verflossenen Jahre in den Schooß der Kirche ausgenommen sind, beträgt 32. Es sind die Herren: F. S. Barff und T. Dykes, CurateS (Capläne) zu Hull, H. Bedford, Curate zu Horton, DanverS Clarke, Mg. srtium, vom Ereter College zu Oxford, Landdechant und Rector (Pfarrer) von Jping in Susser, Evm. Coffin, Curate von East Farleigh in Kent, G. L. Coghlan, Curate von Torquay, I. CollinS, Mg, srtium zu Liverpool, DodSworth, Jncumbent (Pfarrer) von St. Pancrcis in London, J.E. Carle, Jncumbent zu Branford, Harper, von St. Peter in Pimlico, S. B. Harper, von St. Ninian in Perth, F. Hathaway, Fellow deS Worcester College zu Orford, früher Jncumbent von Shadwell bei Leeds, I. H. Jerrard, Dr. jur. cgn., Mitglied deS SenalS der Universität London und Examinator für Philologie und Geschichte, früher Fellow und Tutor im Cajus College zu Cambridge, W. I. C. Hulchinson, Curate von St. Endellions, R. A. Johnstone, James, Lapri- mandaye, CurateS des Archidiacon Manning, Hon. und Rev. I. Towry Law (Bruder deS Lord Ellenborough), Kanzler der Diöcese Bath und WellS und Vicar (Pfarrer) von Harbourne, W. M. Lethwaite, Jncumbent von Clifford, Manning, MZ. srtium, Archidiacon von Chichester, I. Orr, Curate zu Bristol, I. R. SHort land, NsZ. srtium, aus dem Oriel College zu Orford, Curate von Kibworth, I. Rodwell zu Cambridge, I. Scralton, Nsg. grtium, vom St. JohnS College zu Cambridge, Vale, an der Buckingham-Palast-Capelle, Edw. Walford, srtium, vom Balliol College zu Orford, I. H. Woodward, Jncumbent zu Bri- tzol, und H. Crombs, I. G. L, Crawley, I. Minster, S. P. Rooke und R. Ward, alle von der St. SaviourSkirche zu LeedS, Zu New-Uork sind die Geistlichen W. Evert und F. Elliot White zur katholischen Kirche übergetreten. Die bekannteren Convernlen aus dem Laienstande sind: Lord Nigel Kennedy, Bruder des Marquis von Ailsa, Hon. Gilbert Talbot, die Marquise von Lothian, Lady Newry, Lady Catharine Howard, Tochter deS Carl von Wicklow, Lady Emma Ch. Peat mit ihrer Familie, Admiral Sir I. Talbot, I. Simcon, Parlamentsmitglied für die Insel Wight, Sir Vere de Vere und Lady de Vere, Serjeant BellasiS, Sam. Grimshaw Esq. und Familie, Capilän Paterson, Bruder des Rev. Paterson, Ch. Dashwood Esq, James N. Hope Esq., O. C. (königlicher Rath), Capitain Halivurton vom 78sten Regiment, mit Frau und Tochter, Robert Biddulph PhillipS Esq., Neville Esq., Aubrey de Vere Esq, Verfasser der „Reisen in Griechenland" u. f. w., Lieutenant Ernst Nightingale, Neffe des Lord Ellenborough, Miß Scott, Aebtissin des protestantischen Klosters zu Perth, Miß Law und andere Damen auS dem Kloster zu Kuighisbritge und in Margaret-Streel, u. s. w- Die Zahl der Priester beträgt über 80(1 und die der Kirchen und Capellen über 600. Die meisten Kirchen und Capellen haben die Diöcesen Birmingham und Liverpool (je 84), die wenigsten Newport (18). Die meisten Priester haben die Erz- diöcese Westminster und die Diöcesen Birmingham und Liverpool (jede gegen 120), die wenigsten Plymouth und Newport (23 und 20). -____ Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. VerlagS-Jnhaber: F. C. Kremer. (Schluß folgt.) zZiiItz5Ioiö li'ich'jim?>l IM ->»G >lZMi!??uvch'l nsÄ n s.'imN M -lü Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojtzeitung. S5. Januar äll. 185S. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonuementsprei« 4tt kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter nud alle Buchhandlungen bezogen werden kaun. Charlotte Henriot, oder Ergebung und Aufopferung. *) I. Der Tod einer Mutter. Die Glocke der Pfarrkirche von St. Wulfran in Abbeville ertönte in langsamen Schlägen; ein Priester, vor dem Tabernakel stehend, entnahm eilig dem Hei- ligthume die heiligen Oele und die heilige Hostie, schloß alles in einen rothsammtnen Beutel und barg diesen an seiner Brust. Dann, Chorhemd und Stola unter seinem Mantel bergend, bloßen KopfeS, durchschritt er hastig mehrere Straßen, ohne daß, Dank den sonderbaren Einrichtungen unserer Zeit, Jemand geahnt hätte, der Schöpfer der Welt schreite in diesem Augenblick durch die Menge, demüthig, verborgen auf der Brust eines Sterblichen, und entschlossen, alle Erniedrigungen zu dulden, um einem sterbenden Wesen das Pfand der ewigen Glückseligkeit zu sichern. Unter der Fülle seiner Gedanken gleichsam gebeugt, eben so wie in Ehrfurcht vor dem lebendigen Gotte, den er so zu sagen unter seiner Hand fühlte, kam der gute Pfarrer bis zu einem bescheidenen Hause, dessen Aushängeschild die Worte trug: Henrior, Tuchhändler. Er durchschritt den verlassenen Laden, stieg die Treppe hinauf, und wurde oben von einem laut weinenden Manne empfangen: „Ach, kommen Sie, Herr Pfarrer, sie hört nicht auf, nach Ihnen zu fragen!" Der Pfarrer grüßte und folgte dem untröstlichen Gatten in ein Zimmer, welches starker Aethergeruch, die Folge der letzten bei der Sterbenden angewandten Arznei, erfüllte. Im Hintergrunde, auf einem mit Sorgsalt bereiteten Lager ruhte eine junge Frau, deren Züge in den Schmerzen und der Blässe des Todes noch anziehend erschienen; sie hielt ein kleines Crucifir in ihren Händen, und horchte mit frommer Sammlung der Stimme einer alten Dienerin, die ihr vorlas, indem diese, von Thränen fast erstickt, es versuchte, ihre Herrin durch einige Sprüche des vierten BucheS der Nachfolge Christi zur letzten heiligen Wegzehrung vorzubereiten: „Der größte und einzige Trost der Seele, so lange der sterbliche Körper sie noch von Dir entfernt hält, ist der, sich oft ihres GotteS zu erinnern, und ihren Geliebten mit zärtlicher Andacht zu empfangen." „O selig das Herz, glückselig die Seele, welche eS verdient, andächtig ihren Herrn und Gott zu empfangen, und dadurch von einer heiligen Freude erfüllt zu werden! Diese Freude, so sehr vom frommen Schreiber gewünscht, erglänzte hell auf der Stirne der jungen Frau, als sie den Priester an ihrem Bette stehen sah; ihr bleiches Gesicht verwandelte und verschönerte sich, so zu sagen, in dem heiligen AuS- -) Aus dem Journal de Brmelles. Uebersetzung der D. V. H. .ynl>yi(!l.K.267,h!5mK druck der Hoffnung, deS Vertrauens und der Liebe; eS schien, als färbe die unbewegliche ^onne der Ewigkeit schon die sterbende Stirne und entzünde in diesen, schon den Dingen der Welt geschlossenen Augen einen himmlischen Strahl. Der Geistliche nahte sich ihr, und nachdem er sie tiber ihren Glauben befragt, salbte er mit den heiligen Oclen ihre dem Grabe verfallenen Glieder, daS mütterliche Gebet sprechend, welches die heilige Kirche dem Munde ihrer Diener dictirt: „Durch diese heilige Oelung und durch Seine große Barmherzigkeit möge der Herr dir alles Böse verzeihen, waS du durch Augen, Ohren u. s. w. begangen." Er beeilte sich, weil ihm schien, als entfliehe bald der letzte LebenShauch der Kranken. Sie selbst fühlte es, und sprach leise: „O mein Erlöser, komm, komm doch bald!" Sie wollte sich aufrichten, aber ihre große Schwäche ließ cö nicht zu: auf ihren Gatten und die alte Dienerin gestützt, empfing sie mit verlangender Seele ihren Heiland und blieb lange in stillem Dank versunken; endlich erhob sie die Stimme, aber so schwach, so gebrochen, daß nur der über sie gebeugte Gatte die letzten Laute derselben vernehmen konnte. „Mein Lieber," sagte sie, „bringe mir Charlotte, ich will sie segnen." Der arme Gatte und Vater ging hinaus und kam bald zurück, ein kleines frisches, rosiges Mädchen von sechs Jahren an der Hand führend, das an das Belte der Mutler eille und sich mit stürmischer Freude darüber hinstürzen wollte. „Ruhig, mein Kind," sagte der Pfarrer, „deine Mutter ist sehr krank." — „O Mutter!" rief die Kleine mit kläglichem Tone. — «Hebe sie auf mein Bett," flüsterte die schwache Stimme der Sterbenden. ES geschah, und beim Anblick ihrer blassen, so veränderten Mutter brach das Kind in Weinen aus. Jene betrachtete die Kleine starr mit den verschleierten Augen, und ihre zitternden Hände zum Himmel erhebend, betete sie: „O mein Gott, Dir befehle ich sie, für sie bringe ich Dir das Opfer meines LebenS! Laß sie fromm, laß sie gut werden, und Dich über AlleS lieben!... LiebeS Kind, Gott möge dich segnen, wie ich dich segne!... Du, mein Freund, sey ihr gut, erziehe sie gottesfürchtig, liebe sie, wie du mich liebtest. — Leb' wohl, Charlotte, leb' wohl!" . . . Ihre Stimme sank, erschöpft fiel sie zurück, daS Crucifix, den Trost ihrer langen Leiden, auf ihre Lippen drückend. Charlotte näherte sich ihr, um sie zu küssen, aber schnell zog sie sich von ihr weg und rief: „O wie kalt ist meine arme Mutter!" II. Die Waise. Auf die ersten Tage einer fürchterlichen Leere, einer unendlichen Trostlosigkeit, die ein unersetzlicher Verlust hinterläßt, folgt ein stillerer Schmerz, der sich in den täglichen Beschäftigungen, in dem Treiben und Arbeiten deS LebenS allmälig abschleißt: Henriot nahm seinen Platz in Bureau und Comptoir wieder ein, Grete sah man wieder in ihrer gewohnten Thätigkeit, und ward sie durch die Arbeit von ihrer wirklichen Betrübniß etwas abgelenkt, so hörte man sie wohl bei ihren unaufhörlichen Wanderungen durch'S Haus das eine oder andere alte Liedchen singen. Der Verlust der guten Frau Henriot drückte also eigentlich mit seiner ganzen Last nur die kleine Charlotte; nicht daß dieS Kind sein Unglück auf eine seinem Alter unnatürliche Weise empfunden hätte, sondern darum, weil Niemand ihr daS Verlorne — die Sorge und Liebe einer Mutter — ersetzen konnte. Es ist wahr, daß der Vater sie liebte; indeß ganz durch sein Geschäft in Anspruch genommen, glaubte er die Schuld der väterlichen Liebe durch Liebkosungen und Spielzeug genügend abzutragen. Margaret!)'liebte die Kleine mit der Vergötterung, die oft daS Alter der Kindheit widmet, und die beständige Verwöhnung des Lieblings zeugte von ihrer Zärtlichkeit. Vergebens forderte daS Kind von diesen beiden Wesen, ihr gut zu seyn, jene ausopfernde Liebe, jene erfinderische Sorgfalt, jene geduldige, starke, verständige Zärtlichkeit, deren Gegenstand sie sich seit sechs Jahren gefühlt hatte. Ohne noch ihr Unglück zu begreifen, empfand sie eS dennoch: die Mutter war nicht mehr da, um mit ihr zu plaudern, um durch geschickte Fragen ihre schlummernden Begriffe zu wecken, den kaum erschlossenen Keim zu hüten; die Mutter fehlte, um sie lesen zu S7 lehren und ihr die heiligen Bilder der großen Bibel zu deuten > ihren Eifer durch interessante Erzählungen zu beleben und ihre Fehler-durch edle Beispiele verschwinden zu machen. Charlotte arbeitete nicht mehr; ihr Leben war eine lange Ferienzeit. O wie langweilte sie sich auch, wie langsam und traurig verfloß ihr die Zeit! In dem weiten, leeren Hause irrte sie bald in dem Laden, bald in dem Speisezimmer umher; von da zum Garten, wo einige spärliche Sträuche standen; von da zur Küche, wo Grete sie durch Liebkosungen und Leckerbissen zu unterhalten strebte; aber überall war sie traurig, wie ein armeS Kind ohne Mutter, d. h. ohne Führer, ohne Ordnung, Stütze und Leitung. So verfloß ein Jahr. Die wunderbare Maschine des VergefsenS, die, wie Jemand sagt, die Welt in Bewegung setzt, hatte auch auf Henriot's Geist ihre gewöhnliche Wirkung ausgeübt. Auch er vergaß die so sehr beweinte Gefährtin, und der verödete Herd erweckte in ihm allmälig den Wunsch, denselben wieder auf'ö Neue belebt zu sehen. Daher wurde das Verlangen, neue Baude zu schließen, in ihm immer dringender, und da er Gründe suchte, ein so schnelles Vergessen vor sich selbst zu rechtfertigen, so wurde der Zustand der Verlassenheit, in dem sich seine kleine Charlotte befand, der Vorwand, welcher ihn vor dem Richterstuhle seines eigenen Herzens entschuldigte. Er wählte ihr also eine Stiefmutter. Welch große Wurde und folglich welch große Bürde liegt in dem Titel einer Stiefmutter, den doch so viele Frauen so leicht sich aneignen I Nicht allein, die erste Gattin dem Gatten, sondern auch die Mutter an der Wiege zu ersetzen, all' ihre Empfindungen, ihre Selbstverläugnung, Zärtlichkeit, Aufopferung, Geduld zu übernehmen; durch Pflicht DaS zu werden, wozu die Natur die Mutter macht, ihr, so zu sagen, das in Liebe getränkte Herz abzuleihen, das Gott ihr gab, um daran ihre Kinder zu erwärmen; durch Vernunft und Güte alles DaS zu thun, was Jene aus natürlichem Triebe vollbringt; selbst später Mutter geworden, dann nicht ihre eigenen Kinder zu großen Vorzug ahnen zu lassen; immer, zu jeder Zeit gerecht, gut, zärtlich, Beherrscherin ihrer selbst zu seyn, über eine unwillkürliche Abneigung sowohl, als über eine zu blinde Liebe zu siegen: daS sind die Verbindlichkeiten, die jener Titel auferlegt, edle Pflichten, so selten verstanden, so selten erfüllt. DaS junge Mädchen, dem Henriot seinen Namen gab, hatte während ihres ganzen Lebens wenig darüber nachgedacht, waS Andere mit Recht von ihr fordern könnten. Aeußerst eigensüchtig, hatte sie sich zum Mittelpunct des kleinen Zirkels gemacht, in dem sie lebte; nie war es ihr eingefallen, daß irgend eine Pflicht Andern Rechte über ihre Zeit, ihre Sorge und ihre Person gäbe, und da sie ziemlich kalte Tochter und gleichgiltige Schwester gewesen, so glaubte sie nicht, daß jenes Kind, zu dessen Mutier sie Henriot machte, ihr eine ernstliche Aufgabe, eine schwere und bindende GewissenSverpflichtung werden könne. Während der wenigen, der Vermählung vorhergehenden Tage sah Melanie in der kleinen Charlotte nur ein niedliches Spielpüppchen, und nachdem Henriot die Kleine auf dem Schooße der jungen Braut gesehen, glaube er seinem Kinde alles DaS wiedergegeben zu habe», was ihm der Tod geraubt. Unter diesen günstigen Vorzeichen ging die Vermählung vor sich; nur Margareth, ähnlich Troja'S Kassandra, klagte allen Nachbarn: „Man gibt meiner armen Charlotte eine böse Stiefmutter, eine Rabenmutter! Ach, wenn meine Herrin das sähe!" III. Die Stiefmutter. Die ersten Monate vergingen auf ruhige Weise; Frau Henriot blieb ihrer Stieftochter gegenüber in der neutralen Lage gänzlicher Gleichgiltigkeit. Sie küßte Charlotte am Morgen und eben so Abends; während des TageS war die Kleine der Aufsicht und den LiebeSbezengungen der alten Grete übergeben, die sie nicht einen Augenblick verließ. Jedoch eine leicht vorherzusehende Begebenheit erweckte bald in der Tiefe von MelanienS Herzen die schlechten Gefühle, welche der Egoismus erzeugt. 28 / Während sie eines Tages im Comptoir ihres Ladens saß, sah sie einen Beamten an sich vorübergehen, der Henriot zu sprechen wünschte und sich lange mit ihm einschloß. Als ihr Mann auS dieser geheimen Confercnz zurückkehrte, fragte sie ihn um den Gegenstand der Unterredung. „O, dieser Herr," antwortete Henriot, „ist der Nebenvormund unserer Charlotte, der wegen Unterbringung einiger Gelder meine Meinung zu wissen wünschte." — „Wie, Charlotte hat also Vermögen?" — „Ja wohl, ungefähr 30,000 Franken, welche ihre Mutter besaß; ich denke sie durch den Ankauf eines kleinen Bauerngutes anzulegen, daS in ^ill^ Is nsut dlvoder liegt." Diese einfachen Worte verwandelten mit Einem Male alle Gefühle der Stiefmutter. Arm, und ohne Mitgift vermählt, konnte sie ihren künstigen Kindern kein anderes Gut hinterlassen, als daS väterliche, sehr beschränkte Vermögen, wovon Charlotte, ihr bereits unausstehlich geworden, noch die Hälfte für sich ansprach. Dieser Gedanke verfolgte sie von -nun an so sehr, daß daS Kind der Gegenstand ihres fortgesetzten Hasses wurde, den selbst seine zarte Kindheit nicht schmelzen konnte. Charlottens Fehler, über die sie bisheran nicht mit heilsamer Sorgfalt gewacht, wurden mit boshafter Aufmerksamkeit hervorgesucht, dem Vater mit listiger Verstellung geschildert, und ihre kleinsten Vergehungen auf's schärfste bestraft. Auch fand die Stiefmutter daS Geheimniß, das schwache und oberflächliche Gemüth deS VaterS von dem Kinde zu entfernen, und die ganze Summe der ihm möglichen Zuneigung dem Sohne und der Tochter zuzuwenden, die sie in wenigen Jahren ihm schenkte. So immer enger in die Bande um ihn her eingeschlossen, vernachlässigte er daS theure Vermächtniß einer Sterbenden, daS Kind, welches nur ihn zur Stütze und zum Vertheidiger hatte, und übergab Charlotte ihrer Stiesmutter, d. h. ihrer Feindin. Der Haß ist erfinderisch; auch litt die Kleine in jeder Hinsicht: Seit ihrer Geburt war sie von zärtlicher Sorgfalt umgeben gewesen, ihre Bedürfnisse, selbst ihre kleinen Wünsche waren von einer stets wachen Liebe vorhergesehen; gänzliche Verlassenheit trat an die Stelle jener süßen Sorge: Gesundheit, Anzug, Erholungen wurden vernachlässigt, und selbst ein Unwohlseyn rief kaum einigen Beistand bervor. Sie verlangte nach Unterricht, man beschränkte sie auf die nöthigsten Stunden, und nachher unternahm Frau Henriot selbst den Unterricht ihrer Stieftochter, waS ihr bei dem oft getäuschten Publicum zu großem Lobe gereichte. Charlotte bewegte sich gerne in frischer, freier Luft; man befahl ihr, meistens in einer Ecke deS finstern HinterladenS sitzen zu bleiben, wo sie immerwährend beschäftigt seyn mußte, grobe Strümpfe zu stricken oder breite Säume zu nähen. Sie hatte ein annäherndes, sich gerne erschließendes Gemüth: ihr Vertrauen wurde zurückgedrängt; Ausbrüche lindlicher Offenheit, die eine Mutter in die Tiefe ihrcS Herzens aufgenommen hätte, wurden durch Spott lächerlich gemacht, oder durch die wehthuende Kälte zurückgestoßen, und was ihr der Liebe so bedürftiges Herz bei allem Diesem noch mehr quälte, war die Vergleichung, die sie jeden Tag machen mußte, wenn sie ihre Geschwister von der Zärtlichkeit umgeben sah, die ihr selbst entzogen wurde. Während einiger Monate fand daS arme Kind eine Zufluchtsstätte bei der treuen Grete; aber sobald die Stiefmutter merkte, daß Charlotte ein FreundeSherz, eine sanfte Trostesstimme, wahre, sie vertheidigende Freundschaft gefunden, suchte sie einen Vorwand, ihr dieß zu rauben, und sie suchte nicht lange: Margaret!) wurde verabschiedet. Die arme, in Schmerz aufgelöste Alte nahm am Tage ihres Abschieds die Kleine an eine verborgene Stelle deS Gartens, küßte sie wohl hundert Mal und sagte: „Mein Kind, mein liebeS, theures Kind, ich muß gehen, man schickt mich fort; ich werde dich nicht mehr sehen, dir nicht mehr von deiner guten Mutter reden können, die im Himmel ist; aber da nimm, Charlotte, steh, da ist das Crucifix, das sie sterbend geküßt; ich habe es aus ihren kalten Händen genommen, bewahre eS gut und erinnere immer, daß sie dir so oft anbefohlen hat, gut und fromm zu seyn. Leb wohl, leb wohl, mein Kind!" .... „Ich will nicht, daß du weggehst," schrie die Kleine in Thränen zerfließend, und schlang ihre Arme um die alte Dienerin. Diese drückte das Kind fester an sich.... Aber Charlottens lautes Schluchzen hatte 29 die Stiefmutter herbeigerufen, die sie rauh bei der Hand nahm, und sagte: „Geh in dein Zimmer, und wenn du mich noch länger durch dein Schreien langweilst, so bekommst du nichts zu Mittag." Und zur Magd sich wendend, sprach sie: „Mar- gareth, verlaß auf der Stelle mein Haus, du verwöhntest dieses Kind auf lächerliche Weise, eS war daher Zeit, daß dies aufhörte." (Fortsetzung folgt.) Die heilige Genofeva, Schutzpatronin von Paris. Wird in Deutschland der Name Genofeva genannt, so denkt man zunächst an die Geschichte, welche den Inhalt eines unserer schönsten Volksbücher bildet, daS in so trefflicher Weise von Christoph v. Schmid zu einer seiner vielgelesenen Jugendschriften umgearbetet worden ist. Sofern diese Erzählung überhaupt auf geschichtlicher Grundlage beruht, darf die Heldin derselben nicht verwechselt werden mit der heiligen Genofeva, der Schutzpatronin von Paris, deren Name in jüngster Zeit auch in Deutschland viel genannt worden ist auS Veranlassung der Wiederherstellung deS ihr geweihten, seither „das Pantheon" genannten Tempels. Ihr JahrgcLächlniß wurde am 3. Januar begangen, so mag denn auö Anlaß desselben eine kurze Mittheilung über sie in unsern Blättern willkommen seyn. Die heilige Genofeva war in Nanterre, zwei Stunden von Paris, im Jahre 422 geboren. Die Volkssage nennt sie eine Schäferin; wahrscheinlicher ist, daß ihre Eltern SeveruS und Gerontia vermögende Gutsbesitzer waren, die denn wohl auch zahlreiche Heerden haben mochten. AIS im Jahr 429 zwei heilige Bischöfe Frankreichs, GermanuS von Aurerre und LupuS von TroycS sich nach Großbritannien begaben, um dort an der AuStilgung der damals grasstrenden pelagianischen Irrlehre zu arbeiten, und auf ihrer Reise in Nanterre übernachteten, strömte eine große Volksmenge herzu, um ihren Segen zu erbitten. Auch die Eltern der heiligen Genofeva mit ihrer damals siebenjährigen Tochter befanden sich unter der Menge. Da siel der Blick des heiligen GermanuS auf daS Kind, und mit jenem Tacte, der den Heiligen inncwohnt, ihres Gleichen aufzufinden, oder durch eine besondere Erleuchtung veranlaßt, rief GermanuS sie herbei, und unterredete sich mit ihr. Die Kleine sprach ihre Absicht auS, als eine gottgewcihte Jungfrau ganz Jesu Christo anzugehören und in Heiligkeit zu wandeln. GermanuS ertheilte ihr seinen Segen, nahm sie mit sich in die Kirche, betete mit aufgelegten Händen über sie, unv gab sie dann ihren Eltern zurück, indem er ihnen voraus sagte, wie ihre Tochter einmal eine große Heilige seyn und durch ihre Heiligkeit Vielen zum auferbauenden Beispiele gereichen werde. Am andern Morgen, vor seiner Abreise, ließ GermanuS sie mit ihren Eltern nochmals zu sich kommen, befragte sie von neuem um ihren Entschluß, und als sie denselben wiederholt auösprach, ermunterte er sie, demselben treu zu bleiben, und schenkte ihr ein kleines ans Kupfer gefertigtes Kreuz, daß sie es mit Weglassung alles sonstigen Geschmeides stets an ihrem Halse trage. Von dieser Zeit an betrachtete sich Genofeva als ein gottgeweihtes Kind, hielt sich von allen Spielen und Belustigungen fern und unterzog sich mit Eifer den Uebungen in der christlichen Vollkommenheit. Nirgend war ihr so wohl als in der Kirche. Im Alter von fünfzehn Jahren wurde sie mit zwei andern Jungfrauen dem Bischof vorgestellt, damit sie den heiligen Schleier empfange. Dbgleich die jüngste, wurde sie von diesem den beiden andern vorangestellt, mit dem Bemerken, Gott habe sie bereits geheiligt. Nach ihrer Eltern Tod zog sie nach Paris zu ihrer Taufpathin und führte da nunmehr ein Leben der strengsten Abtödtnng, verbunden mit der Pflege aller christlichen Tugenden, Uebung guter Werke, und eifrigem Gebete. Die Welt ist sich immer gleich geblieben; auch damals vermochte sie eine höhere Vollkommenheit nicht zu ertragen, 30 ohne daran zu mäckeln und zu schwärzen; Genofeva wurde als Schwärmerin und Heuchlerin verdächtigt und endlich selbst der Verdacht eines unerlaubten Umganges ihr nicht erspart. Sie hatte diese Befeindungen zu ertragen, bis der heilige Germanus von Aurerre zum andernmal durch die Gegend kam, um sich nach England zu begeben, sie in Paris besuchte, und ihre Gegner öffentlich der Verleumdung überwies. Zum andernmal brach ein Sturm über sie los, als der Hunnenkönig Attila Frankreich mit seinen Horden überschwemmte, die Einwohner von Paris in Schrecken setzte und zur Flucht bewog. Genofeva nämlich weissagte den Bewohnern den Schul) Gottes, wofern sie zu Uebungen der Frömmigkeit und Buße sich mit ihr vereinigen wollten und veranlaßte manche, den Gedanken an Flucht aufzugeben. Das erbitterte die andern, welche sie als falsche Prophetin erklärten, in solchem Maaße, daß sie ihr nach dem Leben strebten. Auch dießmal wurde der heilige GermanuS, obgleich zu dieser Zeit nicht mehr am Leben, wiederum ihr Retter. Dieser hatte nämlich von Italien aus, wohin er eine Reise unterommen, seilten Archiviacon nach Frankreich geschickt, und ihm bei dieser Gelegenheit auch „Eulogien" für Genofeva mittzegeben, fromme Geschenke, wie die Bischöfe sie als Zeichen und Ausdruck der kirchlichen Gemeinschaft zu übersenden pflegten. Der Archiviacon gelangte, in Folge eines nicht bekannten Hindernisses, erst zwei Jahre später nach Paris, und übergab an Genofeva die Geschenke des heiligen Bischofs, der inzwischen bereits in Ravenna gestorben war. Dieser Ausdruck der Hochschätzung von Seiten des heiligen Germanus brachte ihre Verfolger zum Schweigen, und die Befeindung der heiligen Jungfrau verwandelte sich in Ehrfurcht und Vertrauen, als endlich ihre Vorhersagungen bezüglich der politischen Ereignisse buchstäblich in Erfüllung gingen. Dieses Vertrauen bewies und rechtfertigte sich namentlich auch während der Belagerung von Paris durch den Frankenkönig Childerich. AIS nämlich die belagerte Stadt von Hungersnoth bedroht war, stellte sich Genofeva an die Spitze derer, die zur Beischaffung von Lebensmitteln auS> gesandt wurden, begleitete sie bis nach Arcis-sur-Aube und bis nach TroyeS, und führte sie durch alle Gefahren, die ihnen von Seiten der Feinde ringsum drohten, unversehrt in die Stadt zurück. Nachdem Childerich die Stadt eingenommen, konnte er, obgleich er ein Heide, den Tugenden der Heiligen seine Anerkennung nicht versagen, und ließ sich durch sie zu verschiedenen Werken der Liebe und Freigebigkeit bewegen. Noch mehr stand sie bei ChilvcrichS Sohn und Nachfolger Chlodwig in Verehrung, den sie nie um die Freilassung von Gefangenen bat, ohne von ihm erhört zu werden. Ueberhaupt waren der Ruf ihrer Tugenden, so wie ihrer Gabe der Weissagung uud der Wunder, die sie mehrfach wirkte, weithin gedrungen, so daß der heilige Simeon der Stylite von ihr Kunde erhielt und sich in ihr Gebet empfahl. Sie starb in hohem Alter im Jahr 5l2. nur wenige Wochen nach Chlodwig, und wurde neben diesem ersten christlichen König der Franken in dem Raum der Kirche beigesetzt, die derselbe auf ihren Anlaß zu Ehren der heiligen Apostelfürsten PetruS und Paulus zu erbauen augefangen hatte. ^Vollendet wurre sie erst nach dem Tode Chlodwigs durch seine Gemahlin Clotilde) Es ist dieselbe Kirche, die später nach ihr genannt wurde, und an deren Stelle der jetzige durch Ludwig XV. begonnene in den 1790er Jahren vollendete Tempel sich erhebt. Die Bewohner von Paris waren stets gewöhnt, bei allgemeinen Plagen ihre Fürbitte anzurufen und erfreuten sich vielfach in solchen Fällen augenscheinlich wunderbarer Hilfe. Die St. Panlskirche in Rom. (Schluß.) Wenden wir unS jetzt zu der dem freistehenden Altar gegenüberliegen Chornische. Sie umschließt den herrlichen Thron, welcher aus mehreren Marmorstufen ruht und dem heiligen Vater bei feierlichen Fuuctionen zum Sitze dient. Rundum 31 an den Wänden der Nische erblickt das Auge die feinste Bekleidung von buntem Marmor, ohne daß man jedoch, wie dieses so häufig der Fall ist, eine Uebertreibung oder ein Ueberladen in den Farben zu tadeln hätte. Ernst und ehrwürdig, ermunternd und mahnend zugleich blicken dann von der Wölbung der Nische die großen Mosaikbilder mit ihren lebendigen Augen auf unS herab. Es ist Christus der Herr, dargestellt auf den verklärten Fluren deS Paradieses; zu seinen Füßen entspringen die Ströme deS lebendigen WasserS, und zu beiden Seiten stehen PetruS und Pauluö mit andern Heiligen. In der That, wunderbar ist es um diese Mosaikbilder in den altchristlichen Kirchen Roms und anderswo: so ungelenkig, so steif sie sind, so viel die neuere Kunst daran kritteln und bessern möchte, sie genügen dem christlichen Herzen, sie sprechen zu demselben und führen es dem dargestellten Gegenstände sofort nahe. Wandern wir nun links und rechts von der Chornische in die Capellen, von der des heiligen SacramentS in die Crucifircapelle, von der des heiligen Beuedict in die Capelle des heiligen Stephanus: überall erblicken wir den Reichthum und die Pracht mit der Kunst und Frömmigkeit im Bunde. Der Boden ist künstlich ausgelegt mit kostbarem Gestein, die Wände sind bekleidet mit prächtigem Marmor, die gewölbte mit Malerei oder Vergoldung geschmückte Decke wird von schlanken Granitsäulen getragen, und von oben herab fällt durch farbige Gläser daö Licht. Wir können nicht sort von hier, ohne zu beten! Werfen wir nun noch einen Blick über den ganzen innern Raum der Kreuz- arme (also deS QuerschiffeS). In der Mitte der ehrwürdige gothische Baldachin über dem Grabe deS Apostels, von den Seilenwänden her der Glanz des edlen Marmors und deS Alabasters, an den beiden Schlußwänden die großartigen Gemälde, die Bekehrung des heiligen Paulus und die Krönung der heiligen Jungfrau darstellend, bei welchen die neuere italienische Kunst Alles, was sie vermag, aufgeboten hat; oben unter dem Gesimse die Mosaikbilder der Päpste vom heiligen PetruS an durch all' die Jahrhunderte hindurch, so lebend und so sprechend, die Decke mit herrlichem Schnitzwerk weiß und golden: wahrlich, ein Anblick, der dem Deutschen die Versuchung nahe legen könnte, auf einige Augenblicke selbst seiner gothischen Kirchen zu vergessen! Nur den vollendeten und bereits eingeweihten Theil der Basilika sahen wir bis jetzt; wollen wir auch eintreten — und wen würde es nicht dazu drängen! in jenen Theil derselben, wo noch Hunderte von Händen täglich beschäftigt sind, die milden Gaben der Christenheit 5) zu einem glorreichen Denkmal des Weltapostels zu gestalten, so müssen wir denselben Weg zurückwandern und das Gebäude umgehen, um zum Hauptportal zu gelangen; denn daS Querschiff ist zum Zweck deS Gottesdienstes einstweilen noch durch eine Bretterwand vom Hauptschiff geschieden. An der massiven Säulenhalle vor dem Portal hat das Feuer vergebens seine verwüstende Kraft versucht; sie steht noch und wird unverändert bleiben. Treten wir nun ein! Gewiß, daS Schweigen und die staunenden Blicke Aller sagen es mir deutlicher, als Worte es auszudrücken vermöchten: diese großartig weiten Räume, welche dennoch so leicht übersichtlich und in allen ihren Theilen so harmonisch geordnet sind, waren unerwartet! — Vierzig Granitsäulen scheiden den Raum in daS Haupt- und vier Nebenschiffe; Proportion und Arbeit ist bis in das Kleinste hinab gleich bewundernswerth. Hier sehen wir die Reihenfolge der Päpste in deren Bildern fortgesetzt. Die Täfelung der Decke mit ihrem feinen Schnitzwerk, welche eben so viel Fleiß als Tüchtigkeit erfordert, geht ihrer Vollendung entgegen. Auch die Wandbekleidung mit Marmor ist beinahe ausgeführt. Noch einige Jahre der rastlosen Arbeit, und an jenen mit dem Kranz bezeichneten Stellen werden Alläre sich erheben, und auch hier werden dann die Lobgesänge der frommen Pilger von Nah und Fern zu Ehren deS . rrWWWiti> m LijZZ i'jSvll?) H ,»A»?-„. >.' >,!!'!!t>L- ! hl/ .7!/ .ziivnky^ ,y'.< jsi-z . lt)K„ .51« »ijin V. Ein schöner Tag. St. Wulfran, die alte sächsische Kirche, hatte ihr Festkeid angelegt, der Altar strahlte von Lichtern und duftete von Blumen, und die sacramentalische Sonne leuch, tete über dem Heiligthum. Es war der Tag der ersten heiligen Communion. Die Kinder hatten im Chor Platz genommen; unter den verschleierten, weißgekleideten Mädchen bemerkte man ein blasses und zartes Köpfchen, dessen Züge Spuren längern Leidens trugen, das aber jetzt durch daS Gefühl einer unendlichen, heiligen Freude verwischt war. Dieses Kind war Charlotte, dem glücklichsten Augenblicke ihres LebenS nahe, da sie zum ersten Male dem heiligen Tische sich nähern durste. Seit einem Jahr hatte dieser große Gedanke sie einzig beschäftigt. Sie, die von Allen verstoßen war, sollte ihren Gott empfangen; sie, die Niemand zu lieben schien, sollte von Ihm so geliebt werden, in den vollen Besitz der Rechte der Kinder GolteS, einer Tochter der Kirche, einer Erbin deS himmlischen Reiches gelangen, sie, die der Gegenstand der Vernachläßigung, der Verachtung ihrer nächsten Angehörigen war. . .. Dieser Gedanke hatte alle ihre Stunden ausgefüllt, und da er immer in ihrem gläubigen Herzen lebendig blieb, so hatte er alle Empfindungen ihr eingegeben, alle ihre Wünsche geregelt und alle ihre Handlungen geleitet. Es schien, als habe Charlotte den Glauben als köstliches Erbtheil aus dem letzten Kusse, dem letzten Seufzer ihrer Mutter empfangen. Wie groß war auch die Erhebung und das Glück ihrer Seele nahe vor dem Hinknieen zum heiligen Mahle, wie war sie mit der doppelten Krone der Unschuld und deS Unglücks geschmückt! Weniger glücklich, als ihre Gefährtinnen, fand sie sich als Waise an dem Hochzeitsinahle ein, ihre Eltern waren nicht zugegen, keine andern FreundeSaugen ihr nahe, als die der guten barmherzigen Schwestern, bei denen sie ihren Katechismus gelernt hatte; aber was war ihr die sie umgebende Einsamkeit? Sollte sie nicht am heiligen Tische den Gott finden, in dem alle Güter sind, Denjenigen, der verlassenen Seelen Alles wird? Diese Gewißheit erfüllte ihr Herz, und unter diesen jungen Mädchen war keine, die daS lebendige Brod mit feurigerem Glauben, mit ehrfurchtsvollerer Liebe, tieferer Freude uud unaussprechlicherem Danke empfangen hätte, als die arme Charlotte, welche nun zum ersten Male glücklich war. Eine heilige Stille verbreitete sich in ihrer Seele, glücklich wie Maria, die Jesuö zu Gaste lud, schwieg sie wie Jene, und blieb mit ^ 36 ehrerbietiger Aufmerksamkeit zu Füßen des Heilandes. Endlich sagte sie mit der Einsalt eines Kindes, das seinen Vater um Rath fragt: „Herr, was willst du, daß ich thun soll? du gibst dich mir ganz hin — waS soll ich dir geben?" Mehrmals wiederholte sie dieses Gebet und es schien ihr (wie sie selbst nachher sagte), daß ein neuer Gesichtskreis von da sich ihr geöffnet. DaS Schöne, das Gute erschien ihr da in seinem höchsten Reize, sie verstand auS Eingebung die evangelischen Tugenden: die Sanftmuth, die vaS Erdreich sich unterwirft; die Demuth, welche den Himmel gewinnt; die Geduld, die unS zum Herrn unseres eigenen Herzens macht; die Liebe, welche deS Gesetzes Erfüllung ist; die Verzeihung aller Beleidigungen, die unS dem Sohne Gottes ähnlich macht. .. Sie verstand, was Niemand ihr gelehrt hatte, und von der sie durchglühenden Liebe GotteS erfüllt, rief sie mehrmals aus: „Ja Herr, um dir zu gefallen, will ich gut, will ich sanft seyn; ich will meine Stiefmutter, meine Geschwister lieben, mit Geduld leiden, und werde sie durch Liebe endlich gewinnen, und wenn eS mir schwer wird, dann will ich an dich denken, mein Erlöser!" Dieser Bund wurde gewiß im Himmel besiegelt, Charlotte fühlte dieß an dem süßen Frieden, der ihr ganzes Wesen durchdrang. Sie verließ die Kirche still und glücklich, jedoch wurde ihr das Herz schwerer, je mehr sie sich dem väterlichen Hause näherte. Ihr Vater saß im Comptoir vor einem großen Buche; schüchtern ging sie auf ihn zu und blieb einen Augenblick vor ihm stehen, ohne daß er aufsah; endlich von der in ihrem Herzen überströmenden Zärtlichkeit getrieben, nahm sie seine Hand und küßte sie. „Ach, du bist es, Charlotte, sagte er, eS ist schon gut; laß mich jetzt, ich habe zu thun." Und mit trockner Miene wandte er sich zu der Feder und den Ziffern zurück. Traurig, aber nicht entmuthigt, ging jetzt Charlotte ihrer Stiefmutter entgegen, bereit ihr einige herzliche Worte zu sagen; aber Frau Henriot warf ihr einen eiS, kalten Blick zu und rief auS: „Ach, Sie sind eS Fräulein, und noch in großer Toilette I Legen Sie das doch schnell ab und helfen sie Gertruden den Tisch decken." Die Tochter gehorchte ohne Widerrede, ohne Murren; denn an diesem Tage fing ja die Uebung aller Tugenden an, die sie auS dem Herzen des Heilandes schöpfte; von nun an sollte ihre Seele wie eine zu Boden getretene Blume den köstlichsten Wohlgeruch der seltensten Tugenden um sich her verbreiten. VI. Das Innere der Familie. zzz Zi^H^ gkizA, N^öÄ ^ ^il /I^'r!l'k! tf>!iil >n.'kl III/I^ Iil,//5l»n< n>>>ikk? Es war Abend; die Familie Henriot war in dem kleinen Saale vereint, der hinter dem Laden lag. Der Vater saß an einem von einer Carcel-Lampe hell erleuchteten Tische; er durchsah Handlungsbücher, und je mehr Seiten er darin nachschlug, desto sorgenvoller wurde seine Stirn. Da er vergnügungssüchtig und oberflächlich war, so belästigten ihn seine Pflichten, und mit dem Verluste seiner ersten Gaiiin hatte er auch die ihm gleiche Gehilfin verloren, deren sanfter Beistand ihm die Arbeit lieb und leicht gemacht hatte. Frau Henriot saß an der andern Seite des KaminS; ihre ausgesuchte Toilette zeigte, daß sie Ansprüche mache, welche die Zeit noch nicht geschwächt halte; nach zwölf Jahren war sie noch dieselbe kokette und harte Frau, nachsichtig gegen sich selbst und unbeugsam gegen Andere; ihr ganzes Leben zeugte von der Wahrheit des Spruches von la Bruyere: „Weichlichkeit gegen sich und Strenge gegen Andere sind ein und dasselbe Laster." — Ohne sich um die traurige Miene ihres Gatten zu kümmern, laS sie einen Roman und vergoß Thränen über das Unglück einer eingebildeten Heldin. Ihre Tochter Felicie, vor einem Ciavier sitzend, versuchte die Begleitung einer Romanze, während Julian, der Bruder, unter dem Vorwande, zu studiren, die Carri- caturen seiner Lehrer auf die Ränder eines Schulbuches zeichnete. Am andern Ende deS Tisches, fern vom Feuer, so wie vom Lichte, nähete Charlotte Leinenzeug und heftete von Zeit zu Zeit unruhig forschend das Auge auf die düstern Züge deS VaterS. Sie war jetzt achtzehn Jahre alt. AlleS, waS ihre harmlose Kindheit auf den Knieen der Mutter versprochen, Alles, was ihre geprüfte frühe Jugendzeit unter der Herrschast einer gegen sie eingenommenen Familie angekündigt, hatte Charlotte gehalten. DaS Feuer dcS Unglücks hatte ihre Seele geläutert und die Leiden, welche gemeine Herzen selbstsüchtig und hart machen, hatten in das ihrige eine unerschöpfliche Quelle von L>ebe, Milleid und edlen Gefühlen gegossen. Da sie bis zur Aengstlichkeit wahr, sanft, nachsichtig ohne Schwäche, geduldig bis zur Ermüdung ihrer Verfolger war, so hatte sie durch dieß Alles den Ihrigen unwillkürliche Ehrfurcht eingeflößt. Ihre Stiefmutter haßte sie noch stets, ja, wohl noch mehr, als früher, wegen der Achtung, die Charlotte ihr einflößte, aber sie durfte dieses Gefühl nicht mehr öffentlich zeigen. Zuweilen suchte der Vater ihren Rath nach, war aber gewöhnlich zu schwach, denselben zu befolgen; denn dieser war immer fest und edelmüthig. Julian liebte seine ältere Schwester, die so oft seine leichtsinnigen Streiche wieder gut machte; Felicie hingegen hatte von ihrer Mutter gelernt, Charlotte zu verabscheuen aus dem Grunde deS Frau Henriot immer gegenwärtigen AuSsprucheS: „Sie wird 30,000 FrcS. besitzen, und meine Kinder werden nichts haben." Mit geduldiger und engelgleicher Sanftmuth ertrug Charlotte die heimlichen Kränkungen und die stummen Uugerechtigkeiten, wodurch sie fast erdrückt wurde; Gott allein war der Vertraute ihres Kummers; vor der Welt hatte sie nur Worte deS Friedens und der Versöhnung für Diejenigen, durch welche sie litt. Jenen Abend gesellte sich zu ihren gewöhnlichen Leiden eine lebhafte Sorge für das Schicksal ihres Vaters; sie ahnte irgend ein trauriges Ereigniß und fürchtete dieß mehr für Andere, als für sich. Es herrschte große Slille, durch Verdrießlichkeit und Traurigkeit hervorgerufen; endlich rief Henriot auS: „Niemals werde ich die beiden Enden dieses JahreS zusammenknüpfen I Die Einnahme vermindert und die Ausgabe vermehrt sich." „Nun, und dann?" fragte Melanie mit Bitterkeit. „Nachher, Madame? — — der Bankrott I Wir sind auf dem breiten Wege zum Hospital." — „Großer Gott!" rief Charlotte auS. „Ach, das Fräulein fürchtet, unser Elend zu theilen; sie seufzt im Voraus darüber! --Vergiß jedoch nicht, Charlotte, daß deine Ellern, deine Geschwister nichts--tröste dich — sie werden auf Stroh schlafen, und du aus Federn---" „Liebe Mutter," erwiderte die Stieftochter ruhig, „ich habe diesen Verdacht nicht verdient; aber eS ist wahr, die Zukunft, welche ich vorhersehe, erfüllt mich mit Schmerz. Hat der Vater denn keine Aussichten auf Hilfe mehr?" „Für einen mehr oder weniger entfernten Fall weiß ich keine--" Charlotte war aufgestanden; eine schwache Röche färbte ihr sanftes und blasseS Gesicht: „Könnte eine gänzliche Aenderung unserer gewohnten Lebensweise uns nicht retten?" fragte sie. „Wie verstehst du daS?" „Erlaube, lieber Vater, daß ich mich erkläre: Du sagst, daß unser Handel wenig blühe und unsere Ausgaben die Einnahme übersteigen; könnten wir da nicht ein Gleichgewicht hervorbringen?" „Das Fräulein schlägt Einschränkungen vor; sie würde ohne Zweifel die Letzte seyn, sich in dieselben zu sügen." „Nein, liebe Mutter; denn wenn der Vater mich hören wollte, so würde er seine beiden Gehilfen im Comptoir verabschieden und mir erlauben, den einen zu ersetzen; ebenfalls würde er nur eine Magd halten; und ich würde mich bemühen, die Obliegenheiten der fehlenden zu erfüllen; unsern Tisch würde ich vereinfachen und endlich mir gestatten, die durch meinen Vormund mir für meine Toilette und meine Annehmlichkeilen zugestandene Pension zur Erziehung für die Geschwister zu verwenden. Diese Aenderungen, meine ich, müßten unsere Lage verbessern und das allge- meine Vertrauen würde einer Familie zugewendet werden, die der Ehre und Achtung einige Opfer zu bringen weiß." Charlottens Augen wurden belebt, während sie sprach; man las in ihnen alle edlen und großen Gefühle, von denen ihre Seele erfüllt war, und die Ihrigen ganz stille geworden, schienen die Autorität dieser Stimme zu fühlen, die gewöhnlich so beschnren und demüthig klang, sich aber im Namen der Tugend und Ehre laut erheben konnte. „Charlotte hat Recht," sagte endlich Henriot. Dieses Wort erweckte in seiner Frau den Geist deS spruches, wovon sie einen so großen Theil empfangen hatte „Charlotte hat Recht! Wie erkenne ich dich darin!" rief sie. „Der Vorschlag eines KindeS verwirrt deine Sinne, und um ihr zu gehorchen, bist du bereit, unsere Armuth an den Straßenecken zu veröffentlichen I Ist daS denn daS Mittel, daS öffentliche Vertrauen wieder zu gewinnen, wenn wir allen Menschen unsere bedrängte Lage bekannt machen? Verblenden, täuschen, daS ist das große Mittel, unsern Credit zu sichern; und was auch deine Meinung sey, ich erkläre hiermit: ich werde nicht zugeben, daß Charlotte die Ungeschickte und Dumme im Comptoir spielt; ihre Dienste im Hause will ich ebenfalls nichts auch mag ich nichts davon hören, daß meine Kinder auf ihre Kosten erzogen werden sollen, und endlich sehe ich nicht, wie man unsern Tisch vereinfachen könnte--" „Dennoch ... ." "Weder ob,'noch aber, noch dennoch! Ich habe mein letztes Wort gesprochen." „Ein unvermeidlicher Fall____—« „Nun wohlan! der Vorschlag Charlottens, uns als Bettler zu schildern, wird uns an den Bettelstab bringen! —--" , - /^"i.nn'in „Einige Einschränkungen „In Schwefelhölzern.---Sprich mir nicht mehr von solchen Ungereimtheiten." „Vater," rief Charlotte, auf's Aeußerfte getrieben, „verzeih, wenn ich auf meiner Bitte verharre; glaube mir, nur da ist Heil für uns, die einzige Rettung! Ich beschwöre dich, entziehe dich nicht diesen leichten Opfern, die, wenn auch nicht unser Vermögen, doch unsere Ehre retten werden!" „Aber wirklich, mein Kind, eS ist sehr hart____« „Ach, lieber Vater, härter wird eS seyn, unsern guten Ruf zu verlieren und Niemanden Mitleid einzuflößen.... Das wird daraus erfolgen.... Wenn unsere Opfer und Bemühungen wenigstens die rechtlichen Leute zu unsern Gunsten stimmen . . . . Verzeih', daß ich nickt nachlasse; noch EinS: eS handelt sich um unser Geschäft, das vom Vater meiner Mutter auf uns übertragen ist---" „Das ist mehr, als ich zu hören vermag," rief Frau Henriot wüthend aus; „ich trete zurück vor den schönen Phrasen des Fräuleins! —" „Ach, Mutter, verschließe dich nicht meinen Bitten; um die Zukunft meiner Geschwister handelt eS sich----" Sie sprach vergebens; die Stiefmutter hatte das Zimmer verlassen und die Thür heftig zugeworfen. Ihr schmacher Mann eilte ihr nach, und die untröstliche Charlotte sah daS Unglück ihrer Eltern unvermeidlich. (Fortsetzung folgt.) -WA Ilzii!^? -üliiiik.'H ".n?hü? uz n-6!/j'>iZ lil chkf iimZ -isttiiM .ni^?« Jerusalem. UllI In dem jüngsten Missionöberichte der ehrwürdigen P. P. Franciscaner im heiligen Lande sind folgende zwei Schreiben (hier auS dem Lateinischen übersetzt) enthalten, I. Schreiben deS hochwürdigsten P. Custos vom heiligen Lande an Seine fürstliche Gnaden den hochwürdigsten hochgebornen Herrn 39 Fürst-Erzbischof von Wien. Hochwürdigster, hochgeborner Herr Fürst-Erzbi- schof! Nichts konnte mir erfreulicher, nichts günstiger, nichts beglückender seyn, als die, durch ein Rückschreiben des Wiener-CommissariatS mir zugekommene Nachricht, daß Eure hochfürstliche Gnaden auf daö ehrerbietige Ersuchschreiben des CustodiatS- Discretoriums sich huldvoll entschlossen haben, daS, zum Zeichen der Verehrung und Dankbarkeit für Hochdero übergroße Verdienste unserseits anerbotene Diplom des Ritterordens vom heiligen Grabe unsers Herrn JesuS Christus, anzunehmen, somit in dem Register der Grabeöritler jenen hochherzigen Männern angereiht zu werden, welche sich um daS Grab Jesu vorzüglich verdient gemacht, und denen deßhalb daS heilige Land in hohem Grade verbunden bleibt. In der That, wer ist wohl der Ehre eines Ritters vom heiligen Grabe würdiger, als Eure hochfürstlichen Gnaden, hoch- welche nicht allein die Vorzüge eines wachsamen ProtectorS jenes General-Commissa- riateS, sondern auch die deS liebreichsten Vaters dieser heiligen Custodie ganz besonders auszeichnen? Empfangen daher Eure fürstlichen Gnaden mit angeborner Huld die zwei Diplome, welche ich mir erlaube Hochdenselben unter Einem zu übersenden; EineS nämlich des Ritterordens vom heiligen Grabe, das Andere aber der Confrater- nität in unserm seraphischen Orden und dieser heiligen Missions-Custodie. Für hoch- ihre besondere Herablassung, welche ich in dieser Annahme hochverehre, so wie für alle unS bisher geschenkte Gunst und erwiesenen Wohlthaten geruhen Eure fürstlichen Gnaden meinen und meiner Mitbrüder heißesten Dank huldreich entgegen zu nehmen, denn eine Vergeltung unterfangen wir uns gar nicht zu verheißen: zumal unsere dießfällige Unzulänglichkeit nur zu offenbar am Tage liegt. Indessen geruhen Hoch- dieselben für gewiß zu halten, daß wir auch hinfüro in unserm Gebete und heiligen Meßopfer Euer Hochfürstlichen Gnaden eingedenk, an den heiligen Stätten Jerusalems zu dem Belohner alles Guten flehen, und ihn inständigst bitten werden, er wolle Hochdieseiben lange erhalten, und mit dem Segen deS Himmels erfüllen. Mit beson» derm Dank muß ich erwähnen, wie willkommen und nützlich uns die Unterstützungen waren, welche von dem dortigen Commissariate, dessen huldvoller Protector Eure hvch- fürstlichcn Gnaden sind, in neuester Zeit unS zugeflossen sind. Hochdenselben sind die bcdaurungSwürdigen Verhältnisse Italiens keineswegs unbekannt; Verhältnisse, welche leider unter den Gläubigen jener Länder selbst die Möglichkeit hemmen, zur Linderung unseres Elendes ihr Schärflein wie früher beizutragen, da doch die Bedürfnisse der heiligen Länder sich mit jedem Tage vervielfältigen und derart vermehren, daß uns zu deren Befriedigung die Hilfsmittel unerschwinglich geworden. Ich habe mich bei Gelegenheit der canonischen Visitation überzeugt, daß die meisten unserer Kirchengebäube einer bedeutenden Ausbesserung bedürfen; mehrere derselben aber, wegen allmäliger Zunahme der Gläubigen, eine Erweiterung fordern; einige befinden sich leider in solch' elendem Zustande, daß ich sie den gottesdienstlichen Handlungen augenblicklich geschlossen hätte, wenn mir anders Mittel zu Gebote ständen, anständigere Locale hiezu anzukaufen. Dazu gesellet sich noch der Umstand, daß in mehreren Ortschaften Gotteshäuser von Neuem aufgebaut werden müssen; indem theils mehrere Katholiken sich da ansiedeln, theils Viele zum Katholicismus sich bekehren. Um nicht langweilig zu werden, will ich andere Ucbelstände dieses Missions-TerrainS dießmal gar nicht anführen, da auch solche Hochderselben religiöses und hochedleS Herz ohne Zähren des Schmerzes nicht vernehmen könnte. — Ich schließe daher mit der inständigsten Bitte: Verlassen «Eure fürstlichen Gnaden die heiligen Orte und unsere Missionen nie; sondern lassen Sie uns und unsere Angelegenheiten Hochihrem frommen und edlen Herzen jederzeit anempfohlen seyn. Entschuldigen Hochdieselben diese meine Bitte und leben stets wohl! Euer fürsterzbischöflichen Gnaden demüthigster und dienstwilligster P. Bernardin von Montefranco in. p. CustoS des heiligen Grabes und der gesammten heiligen Länder. ^__ Antwortschreiben des H. H. Fürsterzbischofs von Wien. Hochwürdigster P. CustoS! Von dem Eifer für unsere heilige Religion geleitet, hatte ich nichts sehnlicher gewünscht, als daß eS mir von Oben gegeben werde, Etwas zur 40 Erhaltung und Unterstützung der Custodie des Landes beizutragen, damit an den Orten, wo unser Herr und Heiland, JesuS Christus, den ersten Samen der christlichen Lehre gesäet, und das Heil der Menschen mit seinem kostbaren Blute erworben hat, Gottes Lob so wie das Heil der Menschen von Tag zu Tag mehr befördert werde. ES freuet mich, ja ich zolle Gott dem Allmächtigen den innigsten Dank dafür, daß ich von seiner Gnade unterstützt, das Commissariat für das heilige Land in Wien, welches durch so viele Jahre außer Wirksamkeit gewesen, wieder inS Leben rufen konnte. Jedoch nicht mir, sondern Gott gebührt dafür die Ehre; denn ich weiß nur zu wohl, daß ich hierin ein bloß unwürdiges Werkzeug in seinen Händen war. In Erwägung dessen habe ich das mir angebotene und übersandte Diplom deS Ritterordens vom heiligen Grabe so wie jenes der Confraternität des seraphischen Ordens mit innigstem Dankgefühle angenommen; und da ich der Erleuchtung und Stärkung von oben, vorzüglich in den dermaligen Zeitumständen benölhige, so empfehle ich mich angelegentlichst in die mir verheißenen frommen Gebete am Altare des Herrn. Gleich- zeilig wünsche ich sehnlichst, Sie wollen mich der Liebe und Andacht des hochwürdigsten Herrn Patriarchen, den ich im Geiste küsse und umarme, empfehlen. Gott segne Sie, hochwürdigster Vater, so wie alle Brüder des Ordens des heiligen Fran- ciscuS, und lasse Sie zu Ihrem eigenen und anderer Menschen Heile lange leben. Vincenz Eduarv m. p. Erzbischof. ,NZ!U?Nl llj InkA, U'>»l!tlji!>^ 7!iHli7(l! l"? 7!tl!lZM ÄllU ll!il!IZM NZ?liU(^> .7/>nil Is,muz -lttßjzkin« uz liditt 7l) s. ÄI!U 7107 Mhnr^ü-Iliu hNli,.?jZ7zU 5MZ lMZS ^choH mHung lttffüÄiiL .igsil Ztzi-T Ml- 7v'lll!,fja uz 7UN zi^^ilßiiöliiii.lk z^ill^ßzj^ D-- «.»r- »ek-»-.ng. Folge dem Beispiele deS heiligen Paulus, ivenn du dich wahrhaft bekehren willst. Folge, frage, thue, wie Er. Den heiligen Paulus traf ein Strahl vom Himmel und er hörte eine Stimme. Wie oft hat der Strahl der Gnade dich getroffen, wie oft hast du die Stimme GotteS gehört! Folge der Gnade, höre die Stimme! Bleib nicht liegen, kehre nicht auf den alten Sündenweg zurück, sondern frage, wie der heilige Paulus: Herr, was willst du, das ich tbun soll? Den Baum erkennt man an seinen Früchten, den Christen an seinen Thaten. Thue, wie der heilige PauluS! Er stand auf, — so stehe auf von deinen Sünden. Bleib nicht müßig stehen, sondern gehe, wohin der Herr dich führt. — Sey blind, wie Paulus, und verschließe deine Augen gegen die Welt und ihre Lust. — Er aß nicht und trank nicht — übe Abtödtung! Er ging in die Straße, welche die gerade heißt, — so verlaß die krummen, schlüpfrigen Straßen deS Lasters und suche die gerade Straße deS Heiles und der Tugend! Nimm den AnaniaS, welchen der Herr dir schickt, gern und willig auf und laß dir von dem Jünger und Diener deS Herrn die Hände auflegen, damit du wieder sehend, von deinen Sünden befreit und mit dem heiligen Geiste erfüllet werdest, das heißt kurz, beichte mit demüthigem, reu- müthigem Herzen aufrichtig deine Sünden und eS wird wie Schuppen von deinen Augen fallen. Und dann nimm, wie der heilige Paulus, Speise zu dir, daS heißt jene himmlische Lebensspeise, welche in der heiligen Comm union dir dargereicht wird, — und siehe, du wirst wieder zu Kräften kommen und wie der große Wellapostel, siegreich bestehen gegen Welt, Fleisch und Teufel. WaS du gelesen hast, das thue, und du wirst glücklich seyn für Zeit und Ewigkeit. Der heilige Paulus ist wunderbar bekehrt; er ist aber auch zugleich das vollständige Vorbild jeder wahren Bekehrung geworden. 5 ^ / 0 k, !l,"^lL U»« n ia77)I! 7!» T P 7')5s-l!-I i,.!^ -tnr^ jiüH läi ,,ZÄsittoÄ Angsburger PojWtung. „gi^udlvlckuoH ,1? N^-.A s, t^l^is i>!^ tt^j»j,l^^ s?kn/.w !l,-I^f<»6^ 7>NÄIl!dK mnöl I!» /z.-'! N7MMv?!M7M7^.ivsn» m K>ii »i^ ^S7»tcG 8. Februar «. 185S. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsprei« 40 kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogm werden kann. Charlotte Henriot, oder Ergebung und Aufopferung. Ill^Dl^M ^ch>»Z1k!l ,Ä!l0(N?Ulö 1Z!Z!i7G MI Ig^ll ^PliI7>Z<Ä »ittbtz dl^l,, " Il-^iuib^ hzMrWwS'l,^>! Nü-^i. t»-"^,i - u. VII. Mißgeschick. Ein Jahr war vorüber gegangen; einige Gruppen von Müßiggängern, in der Straße der Franciscaner stillstehend, besahen mit boshafter Neugier daS HauS Hen- riol's, das trotz der ziemlich späten Stunde sich noch nicht öffnete, um seine Waaren vor den Käufern auszubreiten. „WaS geht denn hier vor?" fragte der Eine. „Wenn es kein Unglück ist, so sind eS wenigstens Wechsel-Proteste. Gestern hat mein Neffe, der Gerichtsbote, deren drei an Henriot übergeben--" „Aber--sie sind mir Geld schuldig," sagte ein Hinzukommender; „laß sehen, ich will klingeln, damit ich weiß, was das bedeutet." DaS Räthsel löste sich nur zu bald der ganzen Stadt: Mit Schulden bedeckt, ohne Credit und Hoffnung auf Rettung, hatte Henriot Abbeville verlassen und hinterließ Haus und Waaren seinen Gläubigern. Vor der Abreise hatte er seiner Frau einen Brief voll bitterer, überflüssiger Vorwürfe geschrieben, und durchaus den Ort nicht angegeben, wohin zu gehen er gedachte. Dieser Brief wurde durch die Magd Mclanien überbracht, als sie eben aufstehen wollte. Sie laS ihn, und voller Zorn und Schrecken brach sie in Weinen und Wehklagen aus. Ihre Kinder liefen herbei, Charlotte folgte ihnen auf dem Fuße. Sie entnahm sogleich aus den einzeln auS- gestoßenen Worten der Stiefmutter die traurige Begebenheit, und obgleich ihre Klugheit Alles vorausgesehen, erleichterte sie durch das stolze Wort: „Ich habe eS Euch wohl gesagt," niesen Trost eigensüchtiger Herzen, nicht ihren Schmerz. Aber mitten im größten Leiden, welches durch das Verschwinden ihres Vaters, die verlorene Ehre und den auf der Schwelle des Hauses sitzenden Fall sie ergriff, wußte sie die Festigkeit ihres Geistes und die Klarheit ihres Urtheils aufrecht zu erhalten. Mit einigen Liebkosungen und freundlichen Worten die Kinder entfernend, schickte sie die Magd aus der Stube, und setzte sich neben ihre Stiefmutter, welche, der Ueberlegenheit nachgebend, die starke Herzen über schwache ausüben, ausrief: „WaS fangen wir an? Der Kopf schwindelt mir--alle Gläubiger werden sich über uns herwersen.....Ich weiß nicht, waö ich ihnen sagen soll.. . Großer Gott, welche Lagel---" „Willst du mir erlauben, dieselben zu empfangen?" „Gewiß; ohne Zweifel, du bist nicht betroffen, und ich sterbe, wenn ich daran denke -__—" ^ > ' > ^ " ' Und die ehemals so stolze Frau brach in Thränen aus und verlor sich in AuS- brüchen der Verzweiflung. .lMch-k(!liR.42-"tN! 5 mÄ. Charlotte zitterte: der Gedanke, sich den erzürnten Gläubigern zu zeigen, war ihr unaussprechlich peinlich; aber im Stillen erhob sie ihre Seele zu Gott; sie bat ihren erhabenen Beschützer um Kraft, und fühlte sich von jener Demuth beseelt, die große Dinge zu thun fähig ist. Die HauSklingel ertönte bald wieder, ihr Herz antwortete darauf mit unwillkürlichem Pochen. Die Magd trat ein und sagte: »Drei Herren warten im Salon." Frau Henriot warf Charlotten einen Blick der Verzweiflung zu, und diese, blaß, aber entschlossen, begab sich zu den Besuchenden. Sie erkannte dieselben auf der Stelle; eS waren die Hauptgläubiger ihres VaterS, die sich in einem gemeinschaftlichen Gange zu ihrem Schuldner begeben hatten. Charlotte begrüßte die Herren mit einer Schüchternheit, welche noch durch den harten und düstern Ausdruck der Züge der vor ihr Stehenden sich verstärkte. Der Aelteste nahm daS Wort und sagte: „Aufrichtig gesagt, sind Sie eS nicht, mein Fräulein, mit der wir ein Geschäft abzumachen haben; Herr Henriot?" Sie reichte ihm daS von ihrem Vater an seine Gläubiger gerichtete Blatt, durch welches er ihnen seine Waaren und Möbel zu lassen erklärte. Herr Richard zog die Augenbrauen zusammen, gab daS Schreiben einem seiner College», und sagte in rauhem Tone: „Die ganze Geschichte liegt im Graben! Großer Aufwand, närrische Ausgaben I Der Schein eines großen Herrn und Werke eines Schurken .. . ." „Verschonen Sie uns, mein Herr! — —" „Aber, mein Fräulein, wie wollen Sie, daß ich dieses Benehmen auslege?" „Mein Vater hat unvorsichtig seyn können; aber er ist ehrlich, und läßt Ihnen Alles, was er besitzt." „Wer versichert uns dessen? .... Indessen, werden wir nicht bezahlt, so rächen Wir uns wenigstens, und auf der Stelle gehen wir jetzt an daS Handelsgericht, Henriot als sallit erklären zu lassen!" Dieses Wort ertönte in Charlotte wie Todtengeläute. Sie rang die Hände und rief aus: „Ich beschwöre Sie, mein Herr, verschonen Sie unS! Heften Sie diese Beschimpfung nicht an unsern Namen, an den meiner noch so jungen Geschwister. — --Seyn Sie gut, großmüthig; Alles, was wir besitzen, soll Ihren Händen übergeben werden, wir wollen arbeiten, um unsere Schuld abzutragen; ach ich flehe, erhören Sie mich!...." „Thut mir sehr leid, Ihnen nicht willfahren zu können, Fräulein: allein Sie verlangen etwas Unmögliches; wir müssen zu unserm Recht und unserer Ordnung kommen, und dann verdient der böse Streich, den uns Henriot gespielt, wohl ein solches Verfahren." „Aber, meine Herren," sagte Charlotte, in der plötzlich ein neuer Gedanke aufstieg: „wenn man Ihnen anböte, die Schulden auszugleichen, und so die Unterschrift meines Vaters frei zu machen?" „Wenn Sie Jemanden finden, der dazu gefällig genug wäre, so bin ich Ihr gehorsamer Diener." „Ich weiß es nicht.... ich hoffe .... Wollten Sie mir einige Stunden Aufschub noch geben?" Herr Richard besprach sich mit seinen Begleitern und sagte: „Aus Achtung gegen Sie, mein Fräulein, wollen wir bis diesen Abend um fünf Uhr noch warten; keine Gnade aber mehr, wenn diese Zeit vorüber ist!" VIII. Eine Minderjährige. Gleich nach dieser peinlichen Unterhaltung begab sich Charlotte, von ihrer Magd begleitet, zu ihrem Vormunde, Herrn Ravin, den sie allein fand und dem sie in Kürze das ihrer Familie zugestoßene Unglück erzählte. Er hörte sie stillschweigend an und sagte endlich: „Nun, liebes Fräulein, was gedenken Sie zu thun?« 43 „Mein Herr, ich besitze eine gewisse Summe als Erbtheil meiner Mutter —" „Ohne Zweifel, 30,000 schöne Franken, erheblich vermehrt und gut angelegt; ich rühme mich dessen." „Ich komme, um sie von Ihnen zu begehren." „Sie begehren!" rief der Vormund und sprang von seinem Sitze auf; „und um waS damit zu machen?" „Um sie den Gläubigern zu geben, so die Unterschrift meines Vaters auszulösen und ihm möglich zu machen, zu seinem Geschäfte zurückzukehren." Bei dieser Antwort, so bescheiden von Charlotte vorgebracht, sah Herr Ravin sie an, als wenn er an der Richtigkeit ihres Verstandes zweifle, und sagte dann: „Aber Sie träumen wirklich, mein Kind! Sich ganz zu entblößen!—" „Ach, mein Herr, nie werde ich ein besseres Geschäft machen!" „Und für wen? Für eine Familie... Hm, ich kenne mich darauf. Mehr als . einmal habe ich Henriot gesagt, waS ich über seine Frau dachte; aber eS war ein schwacher Mann — — —" „Schonen Sie mich, ich könnte nichts mehr hören--geben Sie mir eine Antwort---" „Wie, wegen deS Geldes? Es ist eine Thorheit! Ueberdieß kann eine Minderjährige nicht über ihr Vermögen verfügen; sie kann weder verkaufen, noch kaufen, noch schenken." „Sie weigern sich also? Die Ehre meines Vaters--?" „Ich bin eS nicht, der verweigert, sondern daS Gesetz. Hier sind die AuSsprüche." Charlotte durchlaS dieselben und sah, daß sie nichts erlangen könne. Sie grüßte ihren Vormund, der ihr sagte: „Sie werden jetzt Ihre Familie verlassen; wir wollen Ihre Pension bis zu Ihrer Großjährigkeit in einem Kloster Ihnen auszahlen, und dort werden Sie ein recht ruhiges Leben führen, so ganz nach Ihrem Geschmacke." „Mein Herr," antwortete Charlotte mit sanfter Stimme, „zwingen Sie mich nicht, Ihnen ungehorsam zu werden; lassen Sie mich, wo ich bin, und glauben Sie mir: ich fühle mich da wohl!" Sie grüßte ihn wiederholt, und ihn verlassend, schlug sie den Weg zu Herrn Richard ein. Der reiche Kaufmann war allein; er empfing Charlotte mit finsterer Höflichkeit, in der seine Unzufriedenheit mit dem Vater und die unwillkürliche Achtung, welche ihm dessen Tochter einflößte, sich gegenseitig stritten. Gleich auf ihren Zweck zugehend, legte sie ihm ihre Lage klar dar, ihren heißen Wunsch, den Namen ihres VaierS vor Schande zu retten, ihren vergeblichen Gang zum Vormunde, den Schmerz, den sie darüber empfand; sie sprach Alles mit unvergleichlicher Wahrheit und Offenheit und schloß ihren Vortrag mit den Worten: „Wenn Sie, mein Herr, mir eine Bitte erfüllen und sich mit mir verständigen wollen, so gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich am Tage meiner Großjährigkeit die mir gehörende Summe Ihren Händen übergeben werde, die zur Genüge unsere Schulden decken wird. Sie haben keine andere Garantie, als mein Versprechen; genügt Ihnen dieses?" DaS Herz des alten Herrn Richard war durch sein Geschäft und durch den Umgang mit den Menschen etwas erkältet; aber unter dieser äußern Kälte und Härte schlugen Saiten an für'S Schöne und Gute. Er blickte Charlotte an und verstand sie ganz: „Ja, mein Fräulein," erwiderte er mit Ehrfurcht, „Ihr redliches Versprechen genügt mir, und ich hoffe, eS wird eben so den andern Betheiligten genug seyn. Ich werde ihnen selbst Ihre Vorschläge mittheilen und glaube, daß sie angenommen werden." „Ach, mein Herr, wie gut sind Sie!--Also die Ehre meines VaterS....?" „Wird gerettet seyn; Alles wird auf freundschaftlichem Wege beigelegt werden; aber Sie, mein Fräulein, sind dann ruinirt; ich muß gestehen, daß dieser Gedanke mich fast Ihr Anerbieten ablehnen macht." 44 „O, weigern Sie sich nicht, und glauben Sie, daß der Augenblick, wo ich Sie befriedigen kann, der schönste meines LebcnS seyn wird. Leben Sie wohl, mein Herr, und seyen Sie meiner ewigen Dankbarkeit versichert!" Der Kaufmann gab ihr daS Geleite, und als er sie weggehen sah, murmelte er vor sich hin: „ES ist seltsam, eine Seele glücklicher durch Opfer, als andere durch Genuß,--es ist vielleicht eine Thorheit, aber sie hat mich überwältigt!"--- Voller Freude eilte Charlotte, ehe sie nach Hause ging, Golt zu danken: ihr Herz floß über; sie goß eS zu den Füßen deö HeiligthumS aus und empfand jene überschwenglichen Tröstungen, die unS in diesen Worten verheißen sind: „Gebet, und es wird Euch gegeben werden, Ihr werdet ein gerütteltes, überfließendes Maaß empfangen; denn man wird Euch mit demselben Maaße ausmessen, mit dem Ihr Andern eingemessen." IX. Veränderte Lage. Wenige Tage nachher bereitete sich die Familie Henriot dazu, daS HauS zu verlassen, welches einem andern Kaufmanne schon vermiethet war; sie trennte sich von allen ihren Möbeln, die jetzt andere Eigenthümer hatten, und bezog arm unv entblößt von Allem eine kleine Wohnung am Ende der Stadt. Mit der tiefen Herzens- wehmuth, die den das Vaterland verlassenden Auswanderer ergreift, sagte auch Charlotte dem alten väterlichen Hause Lebewohl, diesem Hause, in welchem sie geboren, ihre Mutter gestorben war, worin sie gelebt und gelitten hatte, und das sie selbst dieser Leiden wegen liebte; denn das menschliche Herz kettet sich an'S Leben weit mehr durch Elend als durch Wohlergehen, Ihr so festes Herz brach, als sie sich von der Stätte losreißen sollte, die mit allen Erinnerungen ihres Daseyns verwebt war, und nur der Ruf der Pflicht machte sie stark, als sie mit Mutter und Geschwistern die kleine Wohnung betrat, welche von jetzt an die ihrige seyn sollte. Melanie, ganz zerrüttet durch den Schlag, der sie getroffen, überließ sich völlig der Führung ihrer Stieftochter; nicht daß sie dieselbe wegen ihrer Ausopferung geliebt oder wegen ihrer Handlungen geehrt hätte, sondern weil sie unfähig zum Handeln war, weil ihr Stolz gebrochen, ihre Heftigkeit geschwächt und ihre ganze Seele durch die Bande des Unglücks überwältigt war. Charlotte konnte also ihre neue Lebensweise eintheilen und ordnen. Sie hatte keine andere Hilfsquelle, als die aus ihrem Vermögen ihr zugetheilte kleine Rente und den Erlös des Verkaufs einiger Kleinodien, deren Gold und Edelsteine in einige einfache, der neuen Lage entsprechende Möbel verwandelt wurden. Nach diesen Ankäufen blieb nur eine kleine Summe übrig. Charlotte suchte Arbeit und erhielt sie, aber solche Frauenarbeit, deren Erlös für ihre Bedürfnisse nicht zureichend war, die sie jedoch als ein köstliches Geschenk des Himmels mit Dank annahm. Sie zog Felicie und selbst deren Mutter zur Arbeit, die indeß Beide in Stumpfsinn und Erschlaffung verfallen waren. Julian, dessen große Jugend Herrn Richard's Interesse ans sich gezogen, wurde von diesem in dessen Bureaur gebraucht, und sah auf solche Weise eine durch Arbeit geschaffene Zukunft sich vor ihm öffnen. Unsere Charlotte fand sich bald in ihr Leben der Entbehrungen, der Arbeiten uud Opfer, ohne mit dem Geschick zu hadern, mit dem Unglück zu unterhandeln, ohne es um einigen Aufschub, einige Vergessenheit zu bitten. Sie arbeitete mit Eifer unv Ausdauer nicht allein an Näharbeiten, die man ihr anvertraut, sondern auch an einigen Avministrationsschreibcn, um die sie muthig bat. Ihre beiden Gefährtinnen halfen ihr kaum, und sie allein besaß die Kraft, die Last einer Lebensweise zu ertragen, die beständig mit denselben Obliegenheiten verbunden war. Felicie, ein unbedachtsameS und leichtsinniges Kind, ging von einem Thränenstrome zum heitersten Lachen über, war ihrer Schwester eine nur sehr unzureichende Hilfe, und verstand so hohe und edle Aufopferung nicht. Melanie, die ganz zusammensank, arbeitete wenig und schlecht, erzürnte sich über ihr Geschick, über ihre Kinder, brach in bittere Klagen aus beim Anblick deS frugalen Mittags- und noch einfachern Abendessens, daS Charlotte mit vieler Sorgfall und Reinlichkeit, der letzten Koketterie der Armuth, auftischte; sie verletzte ihre sie ^ ' .ZMm^>u>!M?'5'nnslV»lM ^ 45 besuchenden Freunde durch rauhe Worte, erzürnte sich über die, welche nicht erschienen, unv so verflossen ihre Tage abwechselnd im Zustande der Aufgeregtheit, oder in einer Erschlaffung, welche ihre Seele verwirrten und ihre Gesundheit zerstörten. Diesen Zuständen hielt Charlotte nur den Schild einer unerschöpflichen Geduld und Güte entgegen, die durch alle Zurückstoßuug nicht zu ermüden war Am ersten aufgestanden, bereitete sie das Frühstück ihrer Mutter und verbesserte cS oft auf Kosten deS ihrigen; dann weckre sie ihre Geschwister, betete das Morgengebet mit ihnen, und war dann daS Haus besorgt, so entschlüpfte sie einen Augenblick, um zu den Füßen des Trösters Aller für den Tag Kräfte zu schöpfen, wohnte dem heiligen Opfer bei, und wenn sie dann am heiligen Tische Ihn empfing, der sich für Seine Brüder dar- gcgeben, so fühlte sie das Feuer der göttlichen Liebe in ihrem Herzen brennen, und kehrte gestärkter und heiterer zu ihren trockenen Beschäftigungen zurück. Der ganze Morgen war außer einigen häuslichen Beschäftigungen der Arbeit gewidmet, und wurde oft durch die Ausbriiche der heftigsten Launen Melaniens gestört. Nach dem kurzen, traurigen und stummen Mahle ging sie einen Moment auf ihr Zimmer, setzte sich zum rebenbekränzten Fenster und öffnete dort die tröstende „Nachahmung Christi." Diese wohlthuende Lectüre war für ihre Seele, was eine Rascnbank im Schalten deS Waldes und am Ufer des BacheS für den erschöpften Wanderer ist. Aber die monotone Nähnadel erwartete sie--- Nach dem Abendessen zog sie sich ebenfalls auf ihr Stübchen zurück, und beschäftigte sich dort bis zu später Stunde mit ihren Verwaltnngscopien; daS Abendgebet am Fuße eines MuttergottesbildeS schloß den Tag, der, von der verschlingenden Zeit vergessen, für die Ewigkeit aufgezeichnet wurde; denn jede Stunde hatte ihre Frucht getragen, die der Geduld, des Muthes, der Güte und Selbstverläug- nung. Eine große Zahl Tage verfloß ganz einander gleich, alö ein neues Unglück sich ereignete. (Fortsetzung folgt.) Die Mission in Mainz. Mainz, 15. Jan. Am Sonntag den 11. Januar in der Frühe um fünf Uhr ist die Mission im Dome dahicr, und an demselben Tage um 8'/z Uhr in St. Emmeran eröffnet worden. Wir ließen absichtlich einige Tage ablaufen, ehe wir unsern auswärtigen Lesern von diesem Ereignisse und seinem Verlaufe eine Nachricht geben wollten. Mit Recht nennen wir die Mission ein Ereignis;, sie ist es, und zwar nicht bloß ein religiöses, sondern auch ein sociales, so gewiß als die menschliche Gesellschaft auf der sittlichen und die Sittlichkeit auf der religiösen Grundlage beruht. Das waren die zwei verhängnisvollen Grundirrthümer der modernen Welt, daß man wähnte, ober doch so handelte, als ob die menschliche Gesellschaft lediglich auf politischen, polizeilichen und materiellen, nicht aber auf sittlichen, ja ganz und gar auf sittlichen Grundlagen beruhe, — und der andere Irrthum ist an Verderblichkeir diesem gleich, daß man wähnte, man könnte eine ausreichende, ächte, lebendige und lebensfähige Sittlichkeit im Einzelleben, in der Familie unv im öffentlichen Leben anf eine trockene und unsichere philosophische Moral, man könne sie überhaupt auf eine andere Grundlage stützen, als anf eine lebendige positive Religion, mit andern Worten auf das lebendige, positive Christenthum, wie eS — wohlgemerkt — nicht etwa erst zu schaffen, sondern wie es im Volke, weil von Ureltern ererbt, weil mit der Muttermilch eingesogen, weil in alle Lebcnsverhältnisse verschlungen, als Thatsache vorhanden ist. Mag es noch Leute geben, die, der abgestandenen und Bankerott gewordenen Weisheit des 18ten Jahrhunderts huldigend, diese Wahrheiten nicht hören wollen, — es ist gewiß, daß alle Staaten und die Gesellschaft zu Grunde gehen, wenn und wo dieselben nicht anerkannt uuo zur praktischen Geltung gebracht werden. Die Missionen aber sind thatsächlich daS Mittel, um jene tiefste Grundlage aller Sittlichkeit und aller socialen Tugenden, das lebendige und praktische Christenthum kräftig herzustellen. Denn auch das ist eine Thatsache, daß durch den Zusam- 46 menfluß vieler Ursachen und zuletzt noch in dem tollen Treiben der letzten Jahre, wo aller moralische Unrath aufgewühlt auf die Oberfläche des Lebens trat, jene religiöse Grundlage vielfach erschüttert und gleichsam wie mit Trümmer und Schlamm bedeckt wurde. Das geschah in hohem Grade auch in Mainz, dieser Stadt, welche durch ihre Geschichte und ihren ganzen Charakter eine vorzugsweise katholische Stadt ist, so daß sie wohl zu Grunde gerichtet, aber nimmer ihr ein anderer Charakter auf- gezwnngen werden kann; für sie ist also die Mission, diese großartige religiöse LebenS- erneuening in der That von jedem Standpuncte, der nicht jener der Zerstörung selbst ist, als ein höchst wichtiges und heilbringendts Ereigniß zu betrachten. Wir wollten nun einige Tage warten, um ein einigermaßen sicheres Urtheil, wenn auch nur ein vorläufiges, über die Wirksamkeit der Mission uns zu bilden, und können wir nun sagen: eS scheint gewiß, daß die Mission in einer sehr großartigen und fruchtbaren Weise verlaufen wird. Man komme um fünf Uhr des Morgens in den Dom, und seine weiten Räume sind dicht gedrängt voller Menschen, und wohl mehr als die Hälfte derselben mögen Männer seyn; man gehe hierauf 3'/» Uhr nach St. Emmeran, AUeS ist gedrängt voll Menschen; und eben so findet man es wieder um 2 Uhr Nachmittags in St. Emmeran, um 4 Uhr im Dome, Abends 6 Uhr in St. Emmeran und um 8 Uhr im Dome; in dieser Stunde wächst die Menschenmenge inS Ungeheure, wohl an die 8—10,000 mögen sich hier zusammendrängen. Das ist die Eine Thatsache; die andere ist, daß die Frequenz stets zunimmt, in sehr merklicher Progression; wie ein Magnet zieht die Mission an, in weitern und immer weitern Kreisen. Die dritte Thatsache ist, es findet keine, nicht die mindeste Störung statt, ja kaum hört man da und dort eine alberne Aeußerung, — vor nicht langer Zeit ist daS bekanntlich ganz anders gewesen. Eine vierte Beobachtung, die sich Jedem aufdrängt, ist die Art und Weise, wie die Predigten gehört werden. Da ist diese unermeßliche Menge und wo man hinsieht, bemerkt man fast nur ernste, gesammelte Mienen; da ist diese unermeßliche Menge, und eS herrscht die tiefste Stille schon vor dem Beginne der Predigten; auch die Menschenströme zu der Kirche, auS der Kirche bewegen sich in merklicher Ruhe und Stille; während der Predigten aber kann man öfters eine Stille bemerken, die fast einen größern Eindruck macht, als das Wort des Redners, die sie hervorrief. Auch jene tiefe Rührung, die in Thränen sich kundgibt, welche nicht durch sinnliche Motive, sondern durch erhabene Wahrheiten und tief innerliche Gemüthsbewegungen verursacht werden, zeigt sich öfters. Unter den Missionären sind freilich mehrere, die Alles besitzen, was den Redner ausmacht und man ist ihrer Bewunderung voll; aber dennoch schiene eS unS sehr irrig, ihren rednerischen Mitteln jene Erscheinungen zuzuschreiben; der Grund liegt vielmehr in der Kraft der christlichen Wahrheiten selbst, von denen eS unS nicht wundern kann, daß sie da, wo sie auf einmal, gleichsam wie die Sonne aus dichten Nebeln, mit concentrirter Stärke und mit vereinigten Strahlen hervorbrechen, ihren Einfluß auf ein Volk üben, daS seiner innersten Wesenheit nach christlich ist, aber durch schlimme Zeitverhältnisse in einen Zustand religiösen Zerfalles gekommen, der ihm selbst lästig ist und aus dem heraus eö sich unbewußt nach einem Zustande deS innern Friedens sehnt, den die Mission ihm nahe bringt. (Mainzer I.) Paris. Paris, 25. Jan. Heute feiern wir in unserer Psarre (St. Nicolas du Chardon- nct) daS Fest der Geistlichkeit. Mit diesem Feste hat eS folgende Bewandtniß. Jede unserer Pfarren hat sich einen bestimmten Heiligen als Patron ihrer Geistlichkeit gewählt und zwar einen solchen Heiligen, der eine gewisse Beziehung zum geistlichen Stande hat und ikm als Vorbild dienen kann. So findet man unter Andern als Patrone: den heil. Petruö, PauluS, Johannes, Carl BorromäuS, Vincenz von Paul u. s. w. Unsere Pfarre hat den h. Franz von Sales gewählt, dessen Fest auf den künftigen Donnerstag fällt und heute anticipirt wurde. Der heutige Tag ist für unsere Geistlichkeit ein Freudentag; man erinnert sich der Gnade der hl. Priesterweihe, gedenkt freudig des WahlspruchS: „Mein 47 LooS fiel mir auf ein herrliches Theil!" man wünscht sich Glück und gibt sich den Bruder, kuß. WaS der Tauftag und sein Jahrestag jedem Christen ist, nämlich eine feierliche Angelobung, den christlichen Glauben zu bekennen und zu befolgen, so wie eine feierliche Erneuerung der Taufgelübde; waS der Tag der ersten h. Communion und sein JahreStag jedem zur innigsten Gemeinschaft mit dem Gottmenschen zugelassenen Christen ist, nämlich eine Angelobung und jährliche Erneuerung dieses Versprechens, mit Christo vereint zu bleiben, wie die Rebe mit vem Weinstock; was der TrauungStag und sein Jahrgedächtniß den Eheleuten ist, nämlich ein Versprechen und eine wiederholte Erneuerung dieses Versprechens, einen Bund zu bilden, wie ihn Christus mit seiner Kirche bildet — das ist, in besonderer Art, auch der heutige Tag der Geistlichkeit, nämlich eine Belebung und Auffri» schung der mit dem Priesterstand übernommenen Gelübde und Pflichten. Man siebt heute nur die Geistlichen um den Allar; alle Chordienste, die sonst von Chorknaben, Chorsängern u. s. w. ausgeführt werden, werden von Geistlichen bestellt, kurz der ganze geistliche Stand ist den Tag über bei allen Feierlichkeiten um den Altar versammelt und zeigt damit an, daß er einzig dem Dienste des AltarS gewidmet ist. Eine ähnliche Erscheinung finden wir hier am Feste der unschuldigen Kinder, wo nur der Priester am Altare ist, alle übrigen Altar- und Chordienste aber von Chorknaben verrichtet werden. Die Knaben sind die Sänger im Chor und wissen sich ihrer Aufgabe vortrefflich zu entledigen. ES versteht sich von selbst, daß die heutige Festrede ausschließlich an die Geistlichkeit gerichtet ist. — Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin, auf ähnliche sinnreiche, im christlichen Boden begründete Feste hinzuweisen, die hier bestehen, aber in Deutschland (so viel mir bekannt ist) sich nicht finden. Es sind deren drei, die gewissermaßen ein Ganzes bilden: das Fest deS h. NicolauS, der h. Katharina und der h. Barbara. Ersteres ist nicht sowohl, wie im katholischen Deutschland und Rußland, ein allgemeines Kinderfest, sondern vielmehr das Fest der Knaben und Jünglinge (Is köte cleg Asr?ons). Das zweite ist das Fest der Jungfrauen; und das letzte das der Verheiratheten, oder vielmehr der Frauen. Wo in Paris diese Feste noch gefeiert werden, beschränken sie sich meist darauf, daß man sich gegenseitig beschenkt und daß der betreffende Theil (Knabe, Jungfrau oder Frau) an dem Tage eine gewisse Herrschaft im Hause und in den Gesellschaften ausübt. Der religiöse Charakter dieser Feste ist in unserer Hauptstadt ganz verloren gegangen, und muß man auf die entlegenen Dörfer gehen, um noch einige Spuren davon wieder zu finden. Dort eröffnet eine kirchliche Feier diese Familienfeste, unv jeder Theilnehmende muß der Kirchenfeier beigewohnt haben. In der Kirche, wie zu Hause, genießt der betreffende Theil einen Vorrang, indem er die vorder» Plätze einnimmt, den Gesang leitet und bei den Ceremonien (so weit eö die kirchliche Sitte erlaubt) sich betheiligt. So werden z. B. am Barbaratage die gesegneten Brode (pains dsaits) von den Frauen ausgetheilt. (WaS — beiläufig bemerkt — den Gebrauch betrifft, gesegnete Brode oder Kuchen an den Hauptfesten auszutheilen, so findet er sich in ganz Frankreich und ist ein offenbares Ueberbleibsel der Ngapen oder LiebeSmahle in der ersten Kirche.) Ferner bringt man der Kirche ein Opfer unv läßt die zu vertheilenden Geschenke nicht selten zuerst segnen. Jene drei Feste, wie sie hier in Paris gefeiert werden, erinnern mehr an die heidnischen Saturnalien, als an christliche Feste. So wahr ist es, daß der christliche Geist nur im Stande ist, eine reine und erhebende Familienfeier zu gründen und zu erhalten. Mit dem Umsichgreifen deS modernen HeidenthumS haben jene Feste ihren Sinn und ihre Bedeutung verloren, sind in Bacchanalien ausgeartet und sind, zum Glück, meist eingegangen, Mit dem wiedererwachenden christlichen Geiste wird eS nicht ausbleiben, daß jene Feste auch wieder aufstehen, denn daS Christenthum soll daS Leben der Menschheit beseelen, seinen Schmerz lindern und seine Freude heiligen, gemäß dem Spruche des Apostels: „Freuet euch, aber freuet euch im Herrn!" Im christlichen Mittelalter hatte jeder Stand, jedes Gewerk, jede Anstalt einen eigenen Schutzpatron, den man besonders verehrte. (M. S. Bl.) Mailand. Die Verwendung der barmherzigen Schwestern im großen Civilspital zu Mailand hat nicht nur auf die Krankenpflege ven wohlthätigsten Einfluß geübt, 48 sondern auch in ökonomischer Hinsicht die erfreulichsten Resultate geliefert. Ohne des UmstandeS weiter zu gedenken, daß die ehrwürdigen Schwestern freiwillig auf den jeder Einzelnen für Kleidung zugewiesenen Jahresbeitrag von 100 Lire verzichteten, hat es sich auch herausgestellt, daß, seitvem sie die Verwaltung der Küche übernahmen, diese nicht nur weit besser bestellt war, sondern daß auch in einem Jahre nur 122 Malter Kohlen gegen den alljährlichen frühern DurchschniuSverbrauch von 344 Malter Kohlen verbrannt wurden. Am Brennöl belief sich der jährliche DurchschuittSve» brauch früher auf 222 Pfund, unter der Leitung ver Schwestern wurden nur 157 Pfund gebraucht; an Brod wurden im laufenden Jahre 259 Pfund erspart; an Blutegeln, die sonst nach einmaliger Verwendung weggeworfen, von den Schwestern aber durch zweckmäßige Behandlung zur wiederholten Verwendung vollkommen geeignet erhalten wurden, sind 173,341 Stück in der Zeit von 4 Jahren und 4 Monaten erspart worden, was einer Geldökonomie von 23,292 Lire gleichkommt:c. !c. So berichtet die Wiener Zeitung. Berlin. Berlin, im Januar. Hengste nberg entwirft in der „evangelischen Kirchenzeitung" ein trauriges Bild von der „kirchlichen Verwahrlosung Berlins." Die meisten Kirchen stehen an Sonntagen leer; in der Marien-, Kloster-, Neuen-, Waisen- hauSkirche predigen die Geistlichen für die leeren Bänke, nur sehr wenige, königlichen Patronats, an welchen „gläubige" Prediger angestellt sind, werden besucht. ES erscheint ihm daher ziemlich gleichgiltig, „ob die neue Kirche in der Georgenparochie vollenvet werde oder nicht — denn leere Kirchen mit ihren leeren Predigern seyen ja doch als geistliche Ruinen zu betrachten; möge die äußere Ruine als Symbol dieses ganzen ruinirlen KirchenwesenS dastehen I" Wir wollen nicht untersuchen, ob bloß der Magistrat, der Patron der meisten Kirchen, wie Hengstenberg meint, die Schulv dieser kirchlichen Verwahrlosung trage; merkwürdig sind aber die Mittel, die er zur Abhilfe solcher Noth vorschlägt. Er räth neue Kirchen zu bauen — aus freiwilligen Beiträgen, unv zwar möge der König, wie einst Daviv, „einen besondern Schatz von Golv und Silber" dazu hergeben; dann meint er, könne es nichts Erwünschteres geben, als wenn römisch-katholischer Eifer sich Berlin recht zum Zielpuncte machte. Er ruft daher auS: „Hätten wir erst sechs Klöster in unserer Stadt, sähen wir auf den Straßen eben so viel Capuciner als Constabler, schlüge die katholische Mission erst ihr Lager hier auf, so dürften wir wohl hoffen, daß viele Schlafende zum Eifer erweckt würden. Wir müssen es bedauern, daß der Piusverein im vorigen Jahre den Plan aufgegeben hat, seine Hauptversammlung in dieser Stadt zu halten. Vielleicht wird dieser Plan im nächsten Jahre wieber ausgenommen." — ES muß sehr traurig um die „kirchliche Verwahrlosung Berlins" stehen, da ein Mann, wie Hengstenberg, ein solch verzweifeltes Mittel vorschlägt und die Protestanten durch die Katholikenfurcht in die Kirchen treiben will. Würden sechs Klöster in Berlin gegründet, so würden vielleicht manche Protestanten voll fanatischen EiserS in die Kirchen eilen, um dort: „Eine feste Burg ist unser Gott" zu singen, aber Viele würden auch still zu den Klöstern gehen, um dort zu suchen, wonach ihr Herz sich sehnt, und waS sie in den protestantischen Kirchen nicht finden, wahre Versöhnung mit Gott, wahren Frieden deS Herzens. Hengstenberg lobt seit einiger Zeit wiederholt den ThomaS von Kempen. Möge er denselben wieder und wieder lesen in den stillen Mauern eines katholischen Klosters und das vierte Buch etwa vor dem Tabernakel eines Klo- sterkirchleinS, wo das ewige Licht brennt, eS wird ihm dann vielleicht klar werten, warum die Protestanten ihre Kirchen nicht besuchen, wenn sie auch nach seinem Wunsche Tag und Nacht offen stehen. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. VerlagS-Jnhaber: F. C. Kremer. Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojtzeitung. 15. Februar 7. - 1852. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis 40 kr., wofür es durch alle königl. bayer, Postämter und alle Buchhaodlimgen bezogen werden kann. Die Kirchenstürmer. „Wohlan! laßt uns die stolze Beste brechen „Mit ihren hohen, altersgrauen Zinnen; „Sonst mögen wir umsonst den Kampf beginnen, „Das Sclavenloos, das uns bedrückt, zu rächen! — > „Erschallt der Wächter Horn von ihren Thürmen, „Da fiuthen, zahllos wie der Sand am Meere, „Der Zwingburg Mauern vor dem Feind zu schirmen, „Heran der Kirche kampfgeübte Heere!" So sprach der Meister von der rothen Gilde, Und mit des Beifalls frevelndem Gcbahren Begrüßten der Gesellen rohe Schaarcn Den Ruf: „Für die Verhaßte keine Milde!" ') — Was von der Bosheit und der Lüge Waffen Im Arsenal des Zcitgeists aufgespeichert, Sehn' wir nun stolz die Helden an sich raffen, Mit buntem Wehrgehänge flink bereichert. Der zielet mit der Läst'rung gift'gcn Pfeilen Hin nach dem Kreuze auf des Thurmes Spitze: Umsonst! des Himmels nahe Nachcblitzc Zerstieben sie, eh' sie das Ziel ereilen; Die graben mit dem Lügcngeist im Bunde In trutzcm Grimme nach dem Fundamente: Doch weh: da starrt ein Fels aus tiefem Grunde, Und muthlos sinken die erschlafften Hände! Hier richten sie die dröhnenden Geschosse Mit sicherm Blicke nach dem Hauptportalc, Da winkt der Herr und sieh': die Kathedrale Steht unentweihet vor dem wilden Trosse! Dort schleudern sie der Lüge Feuerbrände Mit grauftm Spotte nach den hcil'gen Zinnen, Doch ruhig sah'n die grauen Ricscnwände Der Flamme Strom im leichten Sand zerrinnen. Jetzt winkt des lauernden Berräthcrs Tücke Den Kämpfenden, die schon den Muth verlieren: Er will zur Nacht sie in die Beste führen, Ganz nnbclauscht vom scharfen Wächterblicke. Doch eh' die Sonne von dem Tag gewichen, Ist des Verrathes Frevel kund geworden, Und als die Harrenden herangeschlichen, Sah'n sie bewacht die wohlverschloss'nen Pforten! eerssen I'mtsmö! Und nun erfaßt Verzweiflung die Verzagten, So daß sie toll, von blinder Wuth geschlagen, Die Waffen gegen sich zum Morde tragen, Da sie umsonst sich an die Beste wagten. — Doch diese blickt in düsterm Trauern Hernieder auf die blut'gcn Brnderleichcn, Und sühnend raget von den heiligen Mauern, Des Kreuzes unversehrtes Siegeszeichen! Tafrathshofer. Einladung zum GebetSverein für die Vereinigung schiSmatischer Slaven mit der katholischen Kirche unter Anrufung der beiden Slavenapostel Cyrill und MethodiuS. *) „Das letzte Gebet unseres göttlichen Lehrmeisters und Heilandes zum himmlischen Vater für seine Apostel und Gläubigen war, daß sie einig wären, so wie Er und der Vater EinS sind (Joh. 7, 1!). Von gleichem Geiste der Einigkeit beseelt waren auch die Apostel, unter denen der große Weltapostel Paulus die gläubigen Korinther durch den Namen Jesu Christi bittet und ermahnt, keine Spaltungen zu pflegen, sondern vielmehr vollkommen Eines SinneS und Einer Meinung zu seyn (l. Kor. i, 10). Auf diese Grundlage haben auch alle nachfolgenden apostolischen Männer und auch die beiden heiligen Apostel der Slaven, Cyrill und Method, im ausgezeichneten Grade an der heiligen katholischen Kirche gebaut, lebten und wirkten in heiliger Gemeinschaft mit Rom, dem apostolischen Lehrstuhle, dem Mittelpuncte der Einigkeit, und haben alldort nach glorreich vollbrachtem Tagewerke auch ihre Ruhe gefunden. Dieses herrliche Gebäude der Älaubenseinigkeit unter den bekehrten christlichen Slavcnvölkern hat das unglückselige Schisma deS Michael CerulariuS zerstört und den schönen Rock Christi in zwei große Theile (die orientalische und occidentalische Kirche) zerrissen, Völker getheilt, und zwischen Brüdern einen fanatischen Haß angefacht, der durch acht Jahrhunderte dauert, zum großen Nachtheile der Religion und Kirche, so wie jeder wahren christlichen Volksbildung, besonders bei den weit zerstreuten slavischen Völkern. Der glänzende Stern christlicher Civilisation, der den Slaven in den beiden Aposteln Cyrill und Method im 9ten Jahrhunderte so glänzend aufging, ist ihnen im ilten Jahrhunderte durch daS unselige Kirchenschisma untergegangen. Alle Versuche einer Vereinigung sind, mit weniger Ausnahme, großentheils erfolglos geblieben; eine kalte Eisdecke eines tief eingewurzelten NeligionShasseS bedeckt die Herzen auch . der sonst so gemüthlichen, warmen, aber getrennten Slavenvölker, die nur die Gnade Gottes zu brechen, die verschlossenen Herzen zu öffnen und sie mit dem Feuer christlicher Liebe zu erwärmen im Stande ist. Die Kraft deS Gebetes ist wunderbar, und was ein vereintes Gebet vermag, beweisen die zahlreichen Bekehrungen der getrennten Brüder durch England und Deutschland in unsern Tagen. Die GebetSvereine Frankreichs für die Bekehrung Englands, so wie die Gebetsvereine für die Glaubensvereinigung deS durch die sogenannte Reformation zerrissenen Deutschlands haben über die beiden Völker ein neues, frisches, religiöses Leben auSgegossen, daö als ein Geschenk GotteS für die katholische Kirche eine erfreuliche Zukunft verkündet, während im Lager deö unglückseligen SchiSma eine starre Grabesstille herrscht, die nur häufige Vorfälle deS lieblosesten Fanatismus unterbrechen. Und doch sind unS die nichtunirten Griechen so nahe in Anbetracht der UnterscheidungSlehren, den Slaven so nahe der Abstammung und der Sprache nach. Die unselige Glaubensspaltung ist die große Scheidewand, die unS gegenseitig entfremdet; und so lange diese Mauer nicht fällt, ist jede bleibende Annäherung und ") Der hochwürdigste Herr Fürstbischof von Lavant hat diesen Gebetsverein bei den Priester- Erercitien in seiner Diöcese in Anregung gebracht, und obenstehende Einladung zum Beitritte erlassen; welche wir, an uns geäußertem Ansuchen gemäß, gern diesem Blatte einverleiben. D. R. 51 Befreundung vergeblich. Das unselige Schisma hat uns getrennt, die Beseitigung deS SchiSma allein kann uns vereinen zu einem gemeinsamen Anstreben einer wahren christlichen Bildung. DaS wirksamste Mittel dazu ist ein GebetSverein, nicht etwa zu einer leidenschaftlichen Polemik, nicht zu einer unedlen Proselytenmacherei, sondern zur frommen christlichen Fürbitte, daß Gott, der ein Gott der Wahrheit, der Liebe und Einigkeit ist, unsern zertrennten Brüdern das Licht der Wahrheit anfachen, die Tugend der wahren Demuth beleben, die uneigennützige Liebe vermehren, und Alle zur Einigkeit teS Glaubens und der Hoffnung führen möge. Es erhob sich im Jahre 1342 eine Stimme auS Baden und forderte die katholischen Brüder zu einem GebetSvereine, für die irrenden und ungläubigen Mitbrüder Deutschlands zu beten, auf. Mit großer Freude wurde diese Aufforderung besonders vom katholischen Klerus vernommen, ES schlössen sich sogleich mehrere Priester und Laien dem GebetSvereine an und sammelten zu Hunderten betende Mitglieder. Dieß war der Grund zu dem schönen St. Bonifaciusverein, der nun für die Bekehrung und Einigung Deutschlands so kräftig wirket. Und eben reiset der berühmte Pater Jgnaz v. St. Paulo, einst Lord Georg Spencer, vormaliger anglicanischer Pfarrer, durch Irland, England, Deutschland und Italien, klopft an die Thüren der Katholiken und Protestanten, ladet alle zur Glaubensvereinigung ein, und hat für die Ausgleichung unserer religiösen Spaltungen eben durch die GebetSvereine mehr, als irgend einer seiner Zeitgenossen gethan; denn dadurch erwacht die wahre christliche Liebe, und wird einen mächtigen und heilsamen Einfluß auf die Neugestaltung Europas, sowohl in religiöser als socialer Beziehung ausüben, indem es ja eben die religiösen Zwistigkeiten sind, welche den Völkern eine Quelle noch größeren Uebels, als die gegenwärtigen sind, zu werden drohen. Die Einheit der Religion wieder herzustellen soll darum das eifrigste Bestreben eines jeden wohlwollenden Menschenfreundes, um so mehr eines jeden Katholiken seyn, dem die Religion, Nation und Vaterlandsliebe heilig sind. Diesem nach lade ich hiermit alle meine Mitbrüder, als Mitgenossen des Amtes, der Sprache und der Abstammung zu einer größern GebetSvcrbrüderung ein, auf daß der Vater deS Lichtes, von dem eine jede gute Gabe, besouders aber die Gabe deS Glaubens kömmt, durch die Verdienste Jesu, durch die Vermittlung Maria'S, der hochgebenedeiten Mutter unseres Heilandes, und durch die Fürbitte der beiden Slavenapostel, St. Cy- rilluS und MethodiuS, unsere durch die unselige Kirchenspaltung getrennten Brüder, und Schwestern zur Gemeinschaft unserer Mutter, der katholischen Kirche, führen wolle. Satzungen dieses Gebetsvereines. 1) Jedes Mitglied verpflichtet sich, täglich Ein Vater unser und Gegrüßt seyst du Maria, mit dem Beisatze: „Heil. CyrilluS und MethodiuS, ihr großen Apostel der Slaven, bittet für uns!" auf obige Meinung zu beten. 2) Am 9. März, als am Gedächtnißtage der beiden hl. Slavcnapostel, wollen alle Priester auf obige Meinung ein hl. Meßopfer Gott darbringen; die Laien aber nach abgelegter HI. Beichte die hl. Communion aufopfern. 3) Jedes Mitglied suche in seiuer Umgebung Theilnehmer zu werben, und scheue keine Mühe, um alle Wohlmeinenden, besonders aber Slaven zu dieser Gebels- vereinigung zu bewegen, auf daß sie sich und den getrennten Brüdern die Vervollkommnung in allen christlichen Tugenden, namentlich aber in der Demuth (der Hochmuth ist die Grundursache der Trennung) und in der christlichen Liebe (sie ist daS Band der Völker und Nationen) erflehen mögen. Die ächte Demuth wird alle Hin- dernisse der Einheit beseitigen und die Liebe in allen Herzen daS Verlangen nach christlicher Einheit entzünden, zugleich aber auch die Uebel deS SchiSma mildern. Welche katholische Seele, die daS uucrfaßliche Glück fühlt, ein Kind der allein wahren und eben deßhalb der alleinseligmachenden, römisch-katholischen Kirche zu seyn, sollte nicht auch das sehnlichste Verlangen haben, dieses höchste Glück hienieden auch seinen außenstehenden Brüdern und Schwestern, die sich nicht in dem Einen Schafstalle deS Einen guten Hirten befinden, und auö eigener oder fremder Schuld von dem 52 Felsen, auf den Christus seine Kirche gegründet (Matth. 16, 18), getrennt sind, durch sein kleines Scherflein baldmöglichst zu vermitteln, auf daß Alle Theil haben an der vollen Hinterlage deS Glaubens, so wie an allen Gnaden und Verheißungen der katholischen Kirche. Indem aber der Glaube nicht ein Werk der Natur, das durch VerstandeSbegriffe, nicht ein System, daS durch Vernunftschliisse constituirt wird, sondern eine reine unverdiente Gabe GotteS ist, und Niemand zu wahrer Erkenntniß desselben gelangt, außer eS ziehe ihn der Vater mit seiner Gnade hinzu (Joh, 7, 44), so ist vor Allen zur erwünschten Vereinigung das gläubige, vereinte und beharrliche Gebet nothwendig, damit Alle zur Erkenntniß der Wahrheit und dadurck zu ihrem wahren Heile gelangen (1. Tim. 24). Darum, ihr Alle, jeden Alters und Standes, die ihr eure Kirche, eure Nation und Sprache wahrhaft liebet, bringet zum wahren Heile derselben dieses kleine Opfer, daS aber durch daS vereinte Gebet großen Segen bringen wird, und treret diesem Gebetsvcreine bei, auf daß wir Alle Eins werden durch den, der die Erwartung der Völker ist. Ihm sey Lob und Ehre. Amen." Charlotte Henriot, oder Ergebung und Aufopferung. (Fortsetzung.) X. Stieftochter und Stiefmutter. Die Gesundheit Melaniens hatte seit ihrem Mißgeschick große Stöße erlitten; sie hatte sich eigensinnig gegen die Behandlung eines ArzteS aufgelehnt, vorgebend, daß eS sich der Mühe, zu leben, nicht mehr lohne, und selbst durch Charlottens Nähe nicht begreifend, daß daö Leben eine auferlegte Pflicht und nicht ein Vergnügen ist, dessen man genießen soll. Eines TageS endlich, von ihrem Zustande überwältigt, konnte sie daS Bett nicht mehr verlassen, beunruhigende Anfälle erfolgten, und sie wurde von dem Arzte zur strengsten Sorgfalt und der entschiedensten Ruhe aufgefordert. „Und wer wird mich denn pflegen?" rief sie mit Bitterkeit aus. „Ich, liebe Mutter, wenn du eS mir erlaubst," erwiverle Charlotte sanft. Von diesem Augenblicke an wurde sie in der That die eifrigste, wachsamste Pflegerin; jedoch entschloß sie sich nicht ohne geheime Kämpfe zu dem engen, immerwährenden Zusammenseyn mit der Frau, die "der Tyrann ihrer Kindheit und die Ursache all ihrer Seelenleiden war. Sie empfand eine unwillkürliche Abneigung gegen ihre Stiefmutter, und seit lange war ihr Leben ein beständiger Kampf zwischen einem sie von derselben entfernenden Gefühl und der unwiderstehlichen Liebe zu der Tugend, die sie täglich zu neuen Opfern anregte; denn Diejenigen, welche das Gute erkämpfen wollen, entdecken jeden Tag neue Felder für ihre Siege, neue Gesichtskreise für ihre Selbstverläugnung und Nächstenliebe. Die Krankheit Melaniens war der fruchtbare Acker, von dem Charlotte ernten sollte. Ihre treue, aufopfernde Pflege wurde zuerst mit der ihrer Stiefmutter eigenthümlichen Trockenheit und Gefühllosigkeit angenommen, aber daö liebe Mädchen ließ den Muth nicht sinken. Sie brachte all' ihre Zeit in diesem kleinen Zimmer zu, arbeitend oder schreibend während der kurzen Augenblicke, wo daö Leiden oder die Laune der Kranken eö ihr erlaubten, weder von Ermüdung, noch von den abstoßendsten Beschäftigungen zurückgehallen. , Zuweilen sank ihr der Muth unter dieser Last. Tiefe Traurigkeit ergriff ihre Seele bei'm Anblicke dieses kalten, ernsten Angesichtes, dieses ärmlichen und dunkeln Stübchens, dieser sie drückenden Obliegenheilen; aber ein Seufzer zu Gott erhob sie; sie gedachte deS glorreichen EndeS dieser kurzen Pilgerfahrt, und crmuthigte sich, weiter zu gehen. Oft auch opferte sie ihren eigenen Kummer für die Kranke auf; ihre zurückgehaltenen Thränen, ihre bekämpften Wünsche stiegen dann gewiß als ein 53 köstlich wohlriechendes Opfer zum Himmel auf, und sprachen am Richterstuhl Gottes für Melanie, wo so oft die Barmherzigkeit die Gerechtigkeit entwaffnet« Eines TageS war Charlotte zu Füßen der Mutter beschäftigt, eine böse Wunde am Fuße zu verbinden, deren Anblick mehr als eine Krankenwärtcrin vor Ekel zurückgescheucht hätte. Wider Willen wurde Melaniens Aufmerksamkeit durch diese jungen und rührenden Züge gefesselt, die sich zu ihr niederbeugten, und welche das vollendete Bild der Sanftmuth und Liebe waren. Eine schnelle Erinnerung hielt der Frau Henriot das Leben dieses KindeS vor, in Verlassenheit und der ungerechtesten Unterdrückung verflossen; ihr Gewissen erwachte zum ersten Male, und plötzlich durch die sie so beschuldigende Vergangenheit sich tief betroffen fühlend, fragte sie sich selbst, woher sie so viele Aufopferung verdient habe. Das Herz durch ungekannte Rührung gepreßt, in der sich die Bitterkeit der Vorwürfe und die Freuden eines werdenden Wohlwollens vermischten, sagte sie: „Charlotte, du bist mir sehr gut, ich habe eS nicht verdient--" Charlotte wurde roth, und als sie sich bückte, um ihr Geschäft fortzusetzen, fiel ein Crucifir'(daS ihrer Mutter) von ihrem Busen. Frau Henriot betrachtete eS lange stillschweigend und sagte dann: „Du bist fromm, sehr fromm, darum glaube ich, bist du auch so gut. Ich habe dir noch nichts gesagt, aber seit lange rührt mich deine treue Pflege, und ich fühle wohl, daß ich sie Gott und nicht mir verdanke." „Wirklich, liebe Mutter, wenn etwas in mir dir hat gefallen können, so hat Gott eS mir gegeben--für dich gab er mir das Herz einer Tochter---" „Einer Tochter! Sprich nicht so, Charlotte, du kannst, du darfst mich nicht lieben; ich bin so hart und ungerecht gegen dich gewesen, und doch fühle ich — wäre eS mir süß, von dir geliebt zu werden I" Bei diesen Worten erhob sich Charlotte, nahm der Stiefmutter Hand, und sah sie mit Blicken an, die so klar von der Zärtlichkeit und Reinheit ihrer Gesinnungen zeugten, dann sagte sie: „Ich liebe dich, Mutter, sey dessen gewiß!---" „Aber das Vergangene! — kannst du eS vergessen, verzeihen?" „Ich erinnere mich dessen nicht mehr--" „Aber Gott denkt daran, Er wird mir nicht vergeben!" „O Mutter, was sagst du da? Gort, der dich tausendmal mehr liebt, als ich es kann, Er sollte die Fehler nicht verzeihen, deren du dich anklagst!" „Wenn ich es glauben könnte! Das Vergangene verwirrt mich; seitdem ich dich so beständig um mich beschäftigt sehe, begreife ich, daß du Gott angenehm bist, und daß Er mich verabscheuen muß.— Höre, Charlotte, sprich mir noch mehr von Gott--vielleicht könnte ich noch einst dazu gelangen, wie du, ruhig und heiter zu werden —" Charlotte, wenig unterrichtet in andern Gegenständen, verstand es, von Gott auS der Fülle des Herzens zu reden; Er war ja der beständige Gegenstand ihrer Gedanken, das Ziel ihrer Neigungen, der Führer und Eingeber all' ihrer Empfindungen. Sie sprach von Ihm mit einer zärtlichen und kindlichen Freude, die allmälig das Herz ihrer Mutter durchdrang. Der Gott, den Diese sich bisheran als den strengen Gott gedacht, sitzend in Seiner ewigen Nnveränderlichkeit, verschwand, und das sanfte und väterliche Bild des Christengvlies trat an dessen Stelle, dieses Gottes, der uns mehr liebt, als eine Mutter, „denn diese kann ihres Kindes vergessen, aber Er vergißt unser nicht;" das Bild des barmherzigen Gottes, der daS Lager deS Armen bewacht, und welcher der Vertheidiger der Wittwe, der Vater der Waise ist; der, weit entfernt, gleichgiltig gegen unser Geschick zu seyn, kein Haar ohne Seinen Willen von unserm Haupte fal!en läßt, der unsere Namen in Seine Hände gezeichnet, dessen Liebe von Ewigkeit her über unS gewacht; diese göttlich erhabene Liebe, welche vor dem Werden der Welten war, und die im Voraus die armen Wesen umfaßte, welche dazu bestimmt waren, diese Erde zu bevölkern! Dieser große und gute 54 Gott war eS, den Charlotte sich bemühte, ihre Stiefmutter kennen zu lehren. Sie sprach ihr vorzüglich von Jesus Christus, unserm Heilande, und mit welchem Tone, welcher Liebe! DaS einfache junge Mädchen wurde beredt, wenn sie in naiver Sprache die Krippe beschrieb, worin der Sohn Gottes geboren, der ärmer war, als das ärmste unter den Kindern der Menschen; die Werkstatt von Nazareth, wo Er dreißig Jahre lang sich den Arbeiten unterzog, die das Erbtheil der Söhne AdamS geworden sind; dann die drei Jahre der evangelischen Ernte, während welcher das fleischgewordene Wort durch Sein Beispiel, unterstützt durch Wunder, daS göttliche Gesetz bestätigte, daß Er der Welt zu geben kam; dann endlich den Calvarienberg, wo Er mit Seinem Blut das Vermäcktniß Seiner Liebe besiegelte. Charlotte ergriff mit Eifer jede Gelegenheit, um ein Wort über diesen theuren Gegenstand zu reden, der ihre ganze Seele beherrschte. Diese Unterredungen waren oft kurz, oft unterbrochen durch die täglichen Verrichtungen; aber ihr ganzes Leben, ihre kleinsten Handlungen bestätigten die göttliche Lehre, in welcher zu unterrichten sie sich bemühte. Melanie, durch ihr Leiden an ihr Zimmer gefesselt, fand Geschmack an diesen Gesprächen, deren Gewicht noch einige gute Bücher unterstützten. Die dankbare Anhänglichkeit, welche Charlotte ihr einflößte, öffnete ihre Seele den Strahlen der Wahrheit und den klaren Bächen der Gnade — Gott hatte zugelassen, daß in diesem harten und stolzen Herzen der Hochmuth durch Unglück gestürzt, der Haß durch unaufhörliche Wohlthaten entwaffnet werde, und von dem Tage an, wo Melanie sich demüthigte, wo die Freundschaft ihre Seele erhellte, wurde sie eine Christin; denn daS 'süße Gesetz deS Heilandes kann wie eine himmlische Pflanze nur in den durch Demuth geläuterten und durch Liebe erweiterten Herzen blühen. So sagt der heilige Bischof von Genf. XI. Die beiden Schwestern. Die Krankheit der Frau Henriot hatte Charlotte nicht von der Sorge und Aufsicht abgehalten, deren ihre junge Schwester bedürfte. Sie bemühte sich, ihr Liebe zur Arbeit, Sanftmuth, Bescheidenheit, Liebe zur Einsamkeit, alle die bescheidenen und starken Tugenden einzuflößen, die der Schmuck der Frau nach dem Evangelium sind, deS durch das Christenthum wiedergeborenen WeibeS, daS unter dem häuslichen Dache große Dinge verrichtet in der Uebung eines verborgenen Lebens und in den täglichen Kämpfen mit Leiten und Unglück. Besonders suchte sie Felicie zur Frömmigkeit hin« zuneigen, jener einfachen und wahren, die für Gott die täglichen Pflichten deS LebenS erfüllt und nur Ihn zum Zeugen ihrer Bestrebungen, als Trost ihrer Leiden und Lohn ihrer Kämpfe sucht. Aber bis jetzt hatte der leichtsinnige Charakter der Schwester alle Versuche Charlottens vereitelt; daS Beispiel wurde nicht verstanden, Ermahnungen nicht angehört, Vorwürfe blieben ohne Erfolg, und selbst die harten Lehren des Unglücks hatten das Gemüth deS jungen Mädchens erbittert, ohne ihre Vernunft zu reifen. Einige Pensionsfreundinnen, so leichtsinnig wie möglich, unterhielten in ihr einen Geist des Widerspruches gegen Charlottens Wünsche, und die Krankheit von Frau Henriot machte diese Verbindungen inniger und häufiger. Mit Schmerz bemerkte Jene die üble Wirkung davon, und nachdem sie geduldig Feliciens Vernachlässigung und ihre kühnen und spöttischen Antworten ertragen, glaubte sie sich verpflichtet, mit einiger Strenge zu handeln, und die Nachsicht, mit welcher sie bisher die Fehler deS KindeS übersehen, im Hinblick auf der Schwester Zukunft durch Ernst zu ersetzen. Die Gelegenheit dazu bot sich bald: Es war im Frühjahr, und die ländlichen Feste zogen zahlreiche Spaziergänger zu jenen armen und malerischen Hütten, mit denen die Picardie übersäet ist, und die nichts der Kunst, aber Alles der Natur verdanken. EineS TageS kündigte Felicie der Schwester kurz an, daß sie den übermorgenden Tag, einen Sonntag, mit einer ihrer Freundinnen und deren Familie zur Kirchweihe nach ValloireS zu gehen gedenke. Charlotte besann sich einen Augenblick, und sagte dann einfach: 55 »Dieses Vorhaben ist nicht passend für dich; du wirst eS daher nicht ausführen." „Und warum nicht? Wer wird mich davon abHallen?" „Ich, die während unserer Mutter Krankheit und der Abwesenheit unseres Vaters über dich wachen und dich abhalten muß, an gefährlichen Vergnügungen in einer noch gefährlicheren Gesellschaft Theil zu nehmen. Mein Gewissen verbietet mir, dir dieses zu erlauben, und ich wiederhole, du wirst hier bleiben." Nachdem dieß gesagt war, setzte sich Charlotte nieder, nahm die Feder und schrieb den Angehörigen Albertinenö (der Freundin ihrer Schwester) einige Zeilen mit höflichen, aber bestimmten Entschuldigungen. Dann rief sie den im Nebenzimmer arbeitenden Bruder, und bat ihn, dieß Billet gleich wegzutragen. Während dieser Zeit machte Fclicie den AuSbrüchen ihrer Thränen und ihrer Widersetzlichkeit laut und lärmend Luft. Um sie zu besänftigen, wollte Charlotte ihr die Hand reichen, die aber unsanft zurückgestoßen wurde; sie sagte ihr nur milde: „Liebe Felicie, du hast keine bessere Freundin, als mich; dieß beweist dir heute meine Strenge; hoffentlich wirst du es noch einmal einsehen, und dann werden wir unS verstehen/' Felicie brachte den ganzen Freitag und Samstag abwechselnd in Schmerz oder Zorn zu; sie weinte, sie beschuldigte ihre Schwester, unv ihr Murren wurde noch stärker, als sie Samstag Abend den ruhigen, herrlichen Sonnenuntergang als Vorboten deS schönsten Tages sah. Wirklich beleuchtete am Sonntage die Maisonne strahlend das kleine Stübchen, daS die Schwestern beim Ausgange auS der Messe betraten; man hörte das Säuseln deS LaubeS von den Bäumen deS Walles, aus der Straße sah man Familien im Sonntagsstaat daS Land aufsuchen, welches so schön seyn mußte mit seinen blühenden Gebüschen, mit seinem unter leisem WindcShauche zitternden Korn und seinen in der ersten Frische ihres Schmuckes prangenden Gehölzen. Felicie betrachtete mit übler Laune die hüpfenden Sonnenstrahlen im Zimmer und rief: „Albertine ist jetzt schon weit---wie werde ich mich ergötzen, diese alten Bücher nochmals zu durchlesen oder alte Geschichten anzuhören! —" Sie wurde durch das Geräusch eines Wagens unterbrochen, der an der HauS- thüre hielt; es stieg Jemand die Treppe herauf, öffnete die Thür, und unsere Mädchen sahen Herrn Ravin eintreten, der lustig ausrief: „Wir kommen, Felicie zu holen, um mit ihr den schönen Tag in St. Valery zuzubringen; am Abend kehren wir zurück. Der Wagen ist unten mir meiner Frau und meiner Tochter--sie warten schon — komm, eile dich, meine kleine Felicie!" Diese, ganz erstaunt, suchte in den Augen der Schwester zu lesen. Lachend aber stieß Charlotte sie sanft in ihr Schlafzimmer, wo das betroffene Mädchen auf dem Bette ihren frischesten Sommeranzug bereit sah: ein Jaconnet-KIeid, Handschuhe, ein Gürtel, ein weißes Mantelet, Alles war durch die zuvorkommende Sorge der Schwester hergerichtet. Charlotte kleidete sie an, ohne ihr so zu sagen Zeit zu lassen, zu sich selbst zu kommen; dann führte sie Felicie zu Frau Henriot, die sie mit dem Wunsche zu einem fröhlichen Tage umarmte. Endlich rollte der Wagen weg, daS Kind zu entführen, daS noch zu träunun glaubte. Charlotte sah ihr nach und ging beglückt ins HauS zurück. Am andern Morgen arbeitete Felicie neben ihrer Schwester; sie hatte wenig gesprochen, weil sie sich noch ein wenig der bösen Laune schämte, die sie in den vorhergehenden Tagen gezeigt; jedoch faßte sie einen Einschluß, erhob den Kopf und sprach: „Herr Ravin hat mir gesagt, daß ich eS deiner Bitte verdanke, von ihm und den Seinigen gestern abgeholt worden zu seyn, daß du für mich diese allerliebste Partie eingerichtet hättest, ich danke dir sehr dafür!" Mehr vermochte sie nicht zu sagen; denn sie empfand in Charlottens Gegenwart eine lebhafte Verlegenheit als Folge deS großen Unrechts gegen diese. Die ^ Schwester nahm freundlich ihre Hand und entgegnete: > 56 „Felicie, mein liebes Schwesterchen, ich hatte dir ein Vergnügen entzogen, daS mir nicht schicklich für dich schien; eS war also ganz billig, dich zu entschädigen. Gestehe aber, du hast mich sehr streng gefunden?" „Aber--" „Ich gebe das zu; immer werde ich streng seyn, wenn es sich um deine Grundsätze und um deinen Ruf handelt; denn ich bin deine beste Freundin, dein Mentor, in einem Wort: deine Schwester. — Ich wünsche dich glücklich und geachtet zu sehen, und verlange von dir das Bestreben, dich zu beherrschen, einige, vielleicht etwas mühsame Ueberwindungen; aber immer werde ich bereit seyn, dir Vergnügen zu verschaffen, und über dein Glück mich zu freuen." „Du bist gut, liebe Schwester —" „Ich habe dich jieb, siehst du, darin liegt Alles--" „Ich verkannte dich sehr —" „Verstehst du mich denn jetzt?" Felicie legte ihren Kopf auf Charlottens Schulter, sie weinte, erweicht durch Güte und schwesterliche Liebe, diesen Herzensschatz, den ihre so lange verblendeten Augen zum ersten Mal entdeckten. AIS diese Rührung ein wenig vorüber war, sagte Charlotte weiter! „Wir verstehen uns jetzt und werden eS immer thun. Glaube mir, Felicie, ich habe nur einen Wunsch, den, dich glücklich zu sehen, so wie auch unsere Mutter; aber siehst du, daS Glück ist vor Allem in uns, es wohnt im Gründe unseres Herzens, in dem Zeugnisse unseres Gewissens, in der stillen Freude einer Seele, die mit Gott, mit den Menschen und sich selbst in Frieden ist. Dieses Glück können Alle, erlangen, eS ist von allen Vorfällen des Lebens unabhängig; aber du wirst eS nicht anders erreichen, als in Erfüllung deiner Pflichten, indem vu gut und weise bist; ^ das häusliche Glück erkauft sich durch Opfer, durch gegenseitiges Ertragen — du wirst die Fehler meines Charakters verzeihen, ich die Verirrungen deS deinigen; wir werden uns beide in dem Willen vereinen, unserer Mutter Achtung und kindliche Liebe zn beweisen. — Die Achtung Anderer trägt auch zu unserm Glücke bei, man gewinnt sie durch eiji geordnetes, arbeitsames Leben, durch Sanftmuth, durch die Gefälligkeit, die man in gesellschaftlichen Beziehungen übt--Ich denke mir, daß unser Glück aus diesen drei Elementen besteht: Frieden mit Gott, Familien-Anhänglichkeit und Aufopferung für Alle--Wirst du mir nicht helfen, dieß zu erreichen?" „Werde ich das können?" „Warum nicht? Und nun noch eins: Willst du einen schönen Anfang zn dem Leben deS Glückes machen, das ich dir vorschlage? In drei Tagen denkt die Mutter zuerst wieder auszugehen, und natürlich geht sie, dem guten Gott zu danken, der ihr die Gesundheit wieder schenkt; sie hat sich vorgenommen, in die Messe nach St. Wulfram zu gehen.--Vereinigen wir unsere Danksagungen mit den ihrigen, nähern wir unö dem heiligen Tisch, und dann wollen wir Gott versprechen, Ihm zu dienen, Ihn zu lieben und von ganzem Herzen unsere Pflichten zu erfüllen. — Willst du diesen Vertrag eingehen und ihn durch eine heilige Communion besiegeln?" — Drei Tage nachher ging Frau Henriot, obgleich noch schwach und blaß, aber mit heiterm Antlitz zum heiligen Abendmahle, auf Charlotte gestützt und von Felicien gefolgt, deren Züge den glänzenden Ausdruck wiedergewonnener Unschuld trugen. Als Charlotte so zwischen Mutter und Schwester kniete, gedachte sie auf einmal deS Tages ihrer ersten heiligen Communion, wo sie an demselben Platze in gänzlicher Verlassenheit von den Menschen ihrem Heilande gelobt hatte, Die zu lieben, welche sie haßten, und Denen wohlzuthun, durch die sie so viel gelitten. Sie hatte ihr Versprechen erfüllt, und indem sie über sich selbst gesiegt, hatte sie über Andere einen leichtern Sieg erfochten, und jetzt brachte sie die so eroberten Seelen zu Füßen des Hirten aller Schäflein-- _(Schluß folgt.)_ Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. E. Krcmer. Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt ,» Hub'.?!"""«' <-'< ich-» m?Ii anl^n^uL 1^^»»WH> .n«,s "° «»« "w«u >nl! .^U ^.ij chttv Zum v M^n'^ ,mil^sliljdils. N»W hvl A<-I6 ichiu illiW zimm! iiZÄdE n'»1 , i!?llizftns Mini Augsburger PsAZeitunl;. i^düliilik ziuin'itN'1 ^ii!^_ ^ »nld'lN^isK 7ÜIN!dt<^sN7Z ,NÜl«N^s/p7Z ZI-Z W>l I»ti>slls!l-M 2s. Februar ^. 8. 1852. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementavreis TV kr., wofür cS durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die Bibliothek eines Landgeistlichen. I. Nothwendigkeit derselben. Wenn die Kirche noch einmal auf dem europäischen Boden ihren Triumph feiern soll, so kann derselbe nur ein geistiger seyn. Ohne Hilfe der materiellen Macht, welche im Mittelalter als Werkzeug der Kirche diente, muß dieser Sieg erfochten werden, rein durch die Gewalt der Wahrheit und der Liebe. Möglich ist dieser Sieg, denn auch daS römische Reich wurde ohne Waffengewalt besiegt; nothwendig ist er, denn die Kirche muß retten, waS sie retten kann; ja sogar wahrscheinlich ist er, denn an allen Orten regt sich eine neue Streitkraft des Glaubens und der Liebe, wahrend im Heerlager der Welt düstere Schwermuth, finsteres Pläne- schmieden oder bacchantische Lustigkeit überHand nehmen. Die Schwüle der Zeit wird allgemein gefühlt. Es ist als ob es in der Luft läge. Ja, wir dürfen eö hoffen, freudig hoffen; Gott hat die Wurfschaufel in die Hand genommen, um seine Tenne zu reinigen, und eS fließt in demselben Grade der Strom seiner Gnade mächtiger, als die Zeit der Entscheidung näher rückt. Nun ist eS aber eine allgemein bekannte Sache, daß der Sieg der Kirche nicht durch die Orden allein, sondern hauptsächlich durch die Weltgeistlichkeit erfochten werden muß; denn der Sieg der Kirche ist nicht eine augenblickliche Anstrengung, worauf Ruhe folgt, sondern das mächtige Aufblühen eines BaumeS, der über seine Umgebung hinaus Aeste treibt, und immer größere Kraftfülle erlangt und nöthig hat, um sich in seiner Stellung zu erhalten, unv die entsprechende Masse Früchte zu erzeugen und zu tragen. Die Orden sind zum Theil leichte Reiterei für den Vorpostendunst, zum Theil schweres Geschütz für den FestungSvienst; die eigentliche Kernmasse des HeereS, welche die Schlacht entscheidet und die Eroberung behauptet, daS ist die Weltgeistlichkeit, die Generäle sind die Bischöfe, der Felvmarschall ist ter Papst. Wo eine Macht ist, da muß sie herrschen; sie kann gar nicht anders als herrschen. Eine Herrschaft aber, welche keine Macht ist, zerfällt Soll die Kirche herrschen, so muß eS vorzüglich durch den Glauben und die Liebe der Weltgeistlichen geschehen; denn diese haben den regelmäßigen Dienst, sie sind die ordentlichen Arvei- ter, und haben darum die ganze Wucht deS Kampfes auszuhalten, die Last und Hitze deS TageS zu tragen. Aber eben darum ist ihnen auch eine größere Kraft, eine unbeugsame Ausdauer nöthig. Der OrdenSmann kommt; er ist eine ungewöhnliche Erscheinung, sein Kleid flößt Ehrfurcht ein; man ist begierig, ihn zu hören, man merkt auf seine Rede; sein ernstes Wort schneidet tief ein, weil man, besonders heut zu Tage, gewohnt ist, in den Ordenöleuten Männer von tiefer Frömmigkeit zu verehren. Nach wenigen Tagen .szil l>lz-!l! l,U58 tt^ geht er wieder weiter, und so ist er überall neu, überall ungewöhnlich. An den Weltpriester dagegen ist man gewöhnt; er hat die schwierige Aufgabe, immer frisch, immer neu zu seyn. Die Herzen der Zuhörer sind ihm nicht so bereitet; auch bat er nicht bloß das Wort auszustreuen, sondern er muß auch die Saat pflegen, das Unkraut entfernen, den Boden immer von Neuem auflockern; noch mehr: Die Welt sieht mit argwöhnischem Auge auf sein Leben, ob eS auch dem Worte entspreche; die kleinste Makel wird bemerkt, vergrößert, und die Wirkung der Lehre dadurch geschmälert, oft geradezu vernichtet. Der Missionär trägt eine bestimmte Reihe christlicher Wahrheiten vor, und zwar die erhabensten, ernstesten in ununterbrochener Reihenfolge. Wie aus schwerem Geschütz, auf Einen Punct hin gerichtet, schlägt Kugel auf Kugel ein, so daß selbst der härteste Stein endlich gebrochen wird. Bei dem Weltpriestcr sind alle diese Wahrheiten auf daS ganze Jahr vertheilt, zwischen die einzelnen Predigten tritt jedesmal eine ganze Woche mit all ihren weltlichen Zerstreuungen und Sorgen. Welche Tiefe, welche Lebendigkeit und Innigkeit ist da nicht nöthig, damit der Eindruck der einen Predigt doch einigermaßen bis zur folgenden bewahrt werde! So hat schon in der Lehre die Weltgeistlichkeit eine schwierigere Aufgabe als der RegularkleruS. bp.HL-'stÄnvÄ - In einer andern Beziehung aber steht der Weltpriester ganz einzig da: er ist an die Spitze einer Gemeinde gestellt, um sie zu leiten und zu führen. Diese Sorge, bei weitem die schwerste deS Pncsters, hat er allein. Er ist hier auf den Leuchter gesteckt, zu leuchten Allen, die im Hause sind, mit einem guten Beispiel: Aller Augen sind auf ihn gerichtet. Seine Fehltritte dienen den Bösen zur Entschuldigung, den Guten zum Aergerniß; seine Tugenden sind den Guten ein Antrieb, den Bösen ein Anstoß; er ist das Salz, der Sauerteig, der die ganze Gemeinde durchdringen soll. Er darf nicht fade werden, er darf nicht schwach werden, er darf nicht ermatten. Wie unendlich schwieriger ist diese Aufgabe für den Weltpriester als für den OrdenSmann, der in seinem Hause lebt, geschützt gegen die bösen Einflüsse der Welt, umgeben von frommen, gleichgesinnten Männern; dessen Leben einer steten Aufsicht unterliegt, der Ruth und Hilfe stets in der Nähe hat, was AlleS bei dem Weltpriester entweder gar nicht oder nur sehr spärlich vorhanden ist. Dagegen sind eine Menge Dinge, die seine Wirksamkeit lähmen: Fruchtlosigkeit jahrelanger Bemühun> gen, Undank, Verleumdung, oft offene Verfolgung; dazu die vielen Sorgen für die Gemeinde und Alles, was deren Seelenheil betrifft, in der Kirche, in der Schule, im HauS, für Klein und Groß. Alle Seelen, die ihm anvertraut worden, werden von seiner Hand gefordert werden; er ist der Vater.und der Hirt Aller, und die ganze Last ruht auf ihm allein, eine Last, die nur selten ein OrdenSmann zu tragen hat. Auch dazu hat also der Weltpriester eine größere Kräftigung und Stärke nothwendig. Der Weltpriester hat dieselben Tugenden zu üben, die auch der Ordensmann zu üben hat. Der Unterschied ist nur der, daß Letzterer es unter weniger Gefahren und getragen von seinem Gelübde und seiner Ordensregel thut. Der Wellpriester aber, besonders der Landgeistliche, steht hier allein> den mannigfaltigsten Gefahren preisgegeben. Er hat die Demuth zu üben, wie der Regulär; nur ist es diesem ungemein leichter; er unterwirft sich einfach seinem Obern und seiner Regel; die Versuchungen zum Hochmuth liegen ihm ferner; er hat Andere neben und über sich von gleichen oder noch höheren GeisteSgaben; seine Verfehlungen gegen die Regel erinnern stets an seine Schwachheit; er sieht um sich her die schönsten Tugendbeispiele. DaS Alles fehlt dem Weltgeistlichen; dagegen ist er umringt von Gefahren deö Hochmuths; er ist meist der Gebildetste, der Fähigste und Geehrteste in der Gemeinde; in allen Angelegenheiten wendet man sich an ihn; er soll rathen, helfen; ihm gehorchen wenigstens die Bessern in der Gemeinde, So ist er auf der einen Seite der Höchste; auf der andern soll er wieder der treueste und gehorsamste Diener der Kirche seyn, gehorsam auch im Kleinsten und scheinbar Unbedeutendsten, mit Liebe ergeben der kirchlichen Ordnung und seinen Obern um Gottes willen; der Welt gegenüber 59 anspruchslos, selbst denen gegenüber, die weit unter ihm stehen; gewiß ist diese Aufgabe für ihn, der in der Welt eine höhere Stellung einnimmt, schwerer, als für einen Mönch, der schon durch sein ärmliches Kleid von der Welt selbst als außer ihr stehend angesehen wird. — Der Weltgeistliche muß ferner die Armuth üben, wie der Ordensgeistliche, nur mit dem Unterschied, daß bei diesem daS Opfer ein augenblickliches, einmaliges ist, bei jenem aber ein fortwährend sich erneuerndes, daS dargebracht wird unter steten Versuchungen und Gefahren, die sich überdieß in daS Gewand der Tugend hüllen, und die Habsucht und den Lurus erscheinen lassen als pflichtschuldige Sorge für die Verwandten, als Wahrung deS guten Rechtes und der Rechte deS Standes, als standesmäßige Einrichtung u. dgl. Aehnlich verhält es sich mit der Enthaltsamkeit. Hier ist dem Mönch die Gelegenheit zur Sünde fast genommen, während der Weltgeistliche dieselbe kaum vermeiden kann, da er eben in der Welt und fortwährend mit ihr in Berührung steht, da er ferner der Herr in seinem Hause ist, und alle Anordnungen in Bezug auf Nahrung, Kleidung, Wohnung, Bequemlichkeiten u. von ihm ausgehen müssen — eine fast täglich wiederkehrende Reihe von Versuchungen. — Und doch muß er enthaltsam seyn, wie der Mönch; muß der Welt, entsagt haben, wie dieser; muß Gehorsam üben, wie dieser — diesellxn Verpflichtungen, größere Gefahren, mehr Gelegenheiten, weniger Hilfsmittel — lauter Gründe dafür, daß der Weltgeistliche einer stärkern Stütze seiner Frömmigkeit in sich selbst bedarf. Zum Schlüsse endlich sey noch der Gefahren gedacht, denen der Geistliche, besonders auf dem Lande, ausgesetzt ist — Gefahren, die nur zu unbemerkt und ganz allmälig ihr Opfer erfassen und sicher verderben, wenn dieß nicht wohl gerüstet ist Alle diese Gefahren entspringen auS einer gemeinsamen Quelle, der Einsamkeit nämlich, in der meist der Weltpriester sich befindet. Es fehlt an entsprechendem Umgang, am Austausch der Gedanken und Gefühle mit Gleichstehenden, kurz an lebendiger, geistiger Nahrung und Erholung, waS bei den meisten Ordeusleuten nur als Ausnahme eintritt. Dazu kommen nun noch die Bitterkeiten des Lebens, die Widerwärtigkeiten im Berufe, die geistlichen Trockenheiten und für all daS keine rechte Theilnahme. Wie nahe liegen da die Gefahren zu geistiger Erschlaffung, zur Unzufriedenheit mit dem Berufe und zu dem Bestreben, diese Ruhe und Befriedigung in anderweitigen Beschäftigungen, wozu auf dem Lande die Versuchung nur zu nahe liegt, zu suchen, — vergeblich zu suchen! Eine öde Leere ist dann im Herzen, uud an die Stelle des ernsten EiferS tritt Gleichgiltigkeit gegen die Berufspflichten und handwerksmäßige Uebung derselben, und am Ende kann eS sogar so weit kommen, daß der Geistliche eher alles Andere als ein Seelsorger ist. So große Gefahren bringt die Einsamkeit, der mannigfachen Versuchungen nicht zu gedenken, die in solcher Lage das Herz deS Menschen bestürmen. Wie fest und sicher muß da der Geistliche stehen, wie fest muß schon sein Herz in Gott gegründet seyn, wenn er unter solchen Gefahren nicht erliegen soll! (Schluß folgt.) »mH. llkiF ,,tiiÄ vi .' tjtMizzH, n-. xn,d,?.,,< „'! -N '.-i 6nu mtsnvs 7?? Z»vS . hkl ichiK nun »WizF Hva'Zchm innkiM. - ckvo a-iMbS n»4 Hv-l lun snnvS siMii ":'!! wi'l Charlotte Henriot, oder Ergebung und Aufopferung. (Schluß.) -i.>s)Ni,i h,OchW6»G >i6bttkriü,6 S>o< -»A , n»,O Herr, führe ihn uns wieder zu!" XIII. Das Gelübde der Matrosen. Nach der in Arbeit zugebrachten Woche war der Sonntag für die Familie Henriot ein Tag der Ruhe und der Freude. Die schöne und rührende Feierlichkeit deS Gottesdienstes, das Lesen, der Besuch bei einigen armen Kranken, ein Spaziergang am Ufer der Somme füllten die Stunden dieses nur zu schnell entfliehenden TageS auS; zuweilen, jedoch selten, ging man nach St. Valery, wo Herr Ravin, der gute Vormund Charlottens, ein Landhaus besaß. ES war einer der heißesten Sommertage: die beiden Familien, am vorigen Abend von Abbeville hierher gekommen, hatten sich auf einer Terrasse am Ufer deS Meeres versammelt, von wo auS man den kleinen, von einigen Fischerbarken belebten Hafen übersehen konnte, die mit ihren braunen, ausgebreiteten Segeln dunkeln Seevögeln glichen, welche die Oberfläche der Wellen kaum berührten. Eine tiefe Stille herrschte in Luft und Fluth, einige bleifarbene Wolken sammelten sich am Horizonte, und obgleich der Tag sich schon neigte, war die Hitze doch noch drückend. „Mutter," sagte plötzlich Julian, „willst du mir nicht erlauben, etwas aus'S Meer hinauszufahren?" „O nein, mein Freund," fiel lebhaft Herr Ravin ein; „wir werden keinen guten Abend haben, ein Gewitter ist im Anzüge, und das große Schiff dort in der Ferne kann sich wohl in Acht nehmen. Alle richteten ihre Augen auf den von Herrn Ravin bezeichneten Punct am Horizont; man sah wirklich ein Schiff mit vollen Segeln, daS mit Mühe gegen den zum Lande hin wehenden Wind kämvfte, und große Anstrengungen zu machen schien, vor dem nahen Wetter die Rhede zu erreichen. Im nämlichen Augenblicke durchfurchte ein matter Blitz die bleiernen Wolken; Wirbelwinde peitschten dieselben, die bald den ganzen Himmel bedeckten, dessen Blau vor dem matten Schwarzgrau der Wolken ganz verschwand. Einige heiße und schwere Tropfen fielen hörbar auf dem trockenen Boden nieder. Plötzlich wurde eS Nacht, und der Wächter des Leuchtthurms zündete an der Spitze des Thurmes das Licht an, dessen rother Glanz sich in den Wellen abspiegelte. Der Donner rollte dumpf. „Mir wird Angst," sagte leise Felicie zu ihrer Schwester. „Mir auch, ich fürchte für die armen Leute, die dort in solcher Gefahr sind. Komm, wir wollen den Rosenkranz für sie beten, willst du?" „Ich will es wohl." Sie lehnten sich auf daS Geländer der Terrasse und beteten leise. Das Gewitter nahm zu an Heftigkeit. Ohne Unterbrechung folgten sich die Blitze, und der Donner brüllte schrecklich drohend, wie jene feurigen Wagen, welche die Propheten auf Israels Beugen dahinrollen sahen. Im Scheine der Blitze sah man das unglückliche Segelschiff; eö kam näher, aber würde eS den Schutz des Hafens erreichen können? Die Schwestern beteten mit Innigkeit und hefteten ihre Blicke unverwandt auf daö Schiff, daS, durch einen heftigen Westwind gepeitscht, immer sichtbarer wurde. Ihre Augen konnten indessen kaum mehr den Glanz deS geöffneten Himmels ertragen, der mit feurigen Linien durchzogen war, und wenn ein Feucrstreifen die Wolken durchschnitt, und gleich darauf der Donner furchtbar krackte, dann riefen Beide auS: „O mein Gott, rette Du sie!" Ein Augenblick des Schweigens herrschte — „Der Blitz hat eingeschlagen," sagte Herr Ravin. „Großer Gott, der SchiffS- mast brennt!" SS Aller Augen hingen in unbeschreiblicher Angst an dem von den stürmischen Wellen hin und her geworfenen Schiffe, das seine brennenden Masten in den Wolken schüttelte. — E-n Steuermann warf sich in eine Barke, von einigen kühnen Matrosen gefolgt; aber mit Wuth warf der Wind ihr schwaches Fahrzeug in den Hafen zurück--Alles schien verloren — als man beim Scheine der Blitze und deS brennenden Schiffes eine Schaluppe sich losmachen und unerschrocken auf den Wogen schaukeln sah.--Ein freierer Athemzug flog aus jeder Brust; mit Todesangst folgte man den Bewegungen des armen Flüchtlings, dieser letzten Hoffnung einiger Menschen, die zwischen Tod und Leben schwebten. Das Fahrzeug erschien und verschwand wieder, aber doch kam es näher und näher dem Hafen — — der Sturm legte sich, der zerrissene Himmel ließ sein Blau nach und nach wieder hervorblicken, und der Westen wurde von den purpurnen Strahlen der Sonne gefärbt, die man nicht hatte sinken sehen. In den letzten, schwachen Strahlen sah man die Schaluppe, mit Menschen beladen, wie einen Pfeil unweit der Terrasse dahinfliegen, und triumphirend in den Hafen einlaufen. Im nämlichen Augenblick verschwand das vom Feuer verzehrte Schiff in der Tiefe des Oceans, Charlotte rief aus: „Mein Gort, wie danke ich Dir!" Frau Henriot, Frau Ravin und Felicie weinten, Herr Navin putzte seine Brillengläser und der jubelnde Julian warf seine Mütze hoch in die Luft. Plötzlich aber rief er auS: „.Mutter, Schwestern, seht doch! die Matrosen sind auSgestiegen, sie klettern den Hügel hinan, gewiß gehen sie zu Unserer L eb-Frauen-Hilf! Die ganze Familie schaute um und sah wirklich, wie die geretteten Seeleute den steilen Pfad hinanklommen, der zu einer von den Matrosen wohlgekannten Capelle führte, worin die heilige Jungfrau, der MeereSsteru, unter dem schonen Namen „Unserer Lieb-Frauen < Hilf" verehrt wurde. „Laßt uns auch hingehen!" rief Frau Henriot in dem Sturm der sie diesen Abend beherrschenden Gefühle auS. Lebhaft wurde dieser Borschlag angenommen, und man nahm einen kürzern Weg, der in wenigen Minuten zum stillen Heiligthum geleitete. Die gothische Capelle war dunkel, nur die vor dem Tabernakel angezündete Lampe erleuchtete sie matt und warf einen schwachen Schein auf das alte Bild Maria, die lächelnd ihr Kind im Arme hielt, dann auf die zahlreichen an den Wänden aufgehängt, auf silberne Herzen, Wachsfiguren, auf Dreimaster in Miniatur, auf Gemälde, die ein stürmisches Meer, darauf ein mit den Wogen kämpfeudes Schiff und Maria, durch ihren sanften Blick die Wellen beruhigend, vorstellten. Nach und nach füllie sich die leere Capelle; man zündele die Keinen am Altare an; der Geistliche, benachrichtigt von den Gelübden der Seeleuie zur „lieben Frau," bekleidete sich mit den geweihten Gewändern unc> nahm seinen Play im Chor. Laut ertönte die Glocke, die Flügelthüren wurden geöffnet und die Schiffer zogen in zwei Reihen, ihren Capitän an der Spitze, langsam ein. Sie hatten bluße Füße unv trugen noch ihre vom Scewasser durchnäßten Kleider. Der Priester stimmte »uu am Altare daS „1e veum lauclamus" an, und Alle knieten in Stille hin. Nach der Dankhymne sang man das „^ve Naris Stell»," und als dieß beendet war, näherten sich Matrosen und Passagiere, Jeder einzeln, um am Marien-Altare ihre Wachskerze zu opsern. Sie kamen Alle an Charlotten vorüber, die sie mit Rührung betrachtete und sich ihren THnkgebeten anschloß; da entfuhr ihr plötzlich fast ein Schrei beim Anblick Eines dieser Männer, den die flackernde Flamme der Kerze beleuchtete. Ganz außer sich ging sie zu der Mutter und zog sie in die untere Halle der Capelle; die Andern folgten ihr. Die Seeleute waren nuu im Begriffe, das Heiligthum zu verlassen, um die Ruhe aufzusuchen, deren sie so sehr bedurften. Die Matrosen wurden von den Ihrigen, von guten Freunden begleitet; denn fast alle geHorten dieser Küste an; da bemerkte Charlotte in der Menge Denjenigen, den ihr Herz wiedererkannt hatte. Sie flog auf ihn zu, umarmte ihn mit heißen Thränen und rief aus: „Vater, Bater, du bist es!" Fran Henriot hielt sich mit Mühe aufrecht; Navin näherte sich und sprach: «3 ..Auf mein Wort, es ist wirklich Hcnriot!" Er war es in der That. — Bewegt, fast zusammensinkend beantwortete er Charlottens Liebkosungen nur durch Thränen und sah nur sie — — „Kommt," sagte Ravin, der fürchtete, Aufsehen zu erregen. Man folgte ihm wie im Traum, und wenige Augenblicke später befand man sich im Salon des kleinen Landhauses. „Mein lieber Vater," sagte Charlotte, ihm zärtlich die Hände drückend, „da bist du ja wieder, und hoffentlich für immer, wie glücklich werden wir nun seyn!" „Mein armeS Kind," erwiderte er, „waS sprichst du von Glück? Ich komme auS Amerika so arm zurück als ich hinging; ungeachtet meiner Bemühungen ist meine Stellung noch wie zuvor, d. h. unerträglich." „Da irrst du dich, mein Freund," sagte Herr Ravin, „deine Lage ist verändert, Dank diesem Kinde. Dein Haus, dein Geschäft erwartet dich, du hast nur zu arbeiten und friedliche Tage mit Frau und Kindern zu verleben." „Mit meiner Frau?" rief er auS, die Brauen zusammenziehend, „niemals!" O mein Vater!" ,/ „Auch sie ist anders geworden!" sagte Ravin lächelnd; „ein Engel hat dein HauS während deiner Abwesenheit umgeschaffen, und dieser gute Geist ist deine Toch- ter, der du nichts versagen darfst." „Vater, die Mutter erwartet ein Wort von dir," bat Charlotte mit flehendem Tone. Und zu Melanien eilend, die im Schatten stand, nahm sie deren Hand und führte sie dem Gatten zu. „Vergebung, mein Freund," sagte Melanie schluchzend, und stürzte ihrem Manne zu Füßen. „Friede und Vergessen!" sprach dieser. „Friede und Glück für die Zukunft!" rief Herr Ravin. „Vater, da sind Julian und Felicie!" Die ganze glückliche Familie bildete nur eine Gruppe; sie war von jetzt an auS dem Schiffbruche deS Lebens gerettet. Charlotte lebt noch; sie ist daS Beispiel ihrer Familie, die Freude des Hauses, die Seele der guten Werke, ein FriedenSengel Allen, die sie kennen; denn Alle fühlen die Herrschaft der christlichen Tugend, jener starken und sanften, auf die man die Worte unseres Heilandes anwenden kann : Sein Joch ist sanft, und Seine Bürde ist leicht. " Die Trappisten in Frankreich. ^ ,c ,.^1>iui',6ti^'ilzr>. l^e! Zt7i?ft. mZ, Das „Univers" enthält folgende Bemerkungen über das Wirken der Trap- pisten in Frankreich: „Die großen Dienste, welche die Trappisten der Gesellschaft erweisen, werden heutzutage allgemein anerkannt; die Erfahrung hat gezeigt, wie nützlich selbst in zeitlicher Hinsicht diese Häuser des GebeiS und der Arbeit sind. Ein Trappistenklvster ist nicht allein das Hospital für die Umgegend, das Gasthaus für die vorbeigehenden Armen, das sprechende Beispiel der Arbeit, des Friedens und der Ordnung, eS ist auch für die ganze Gegend die beste Ackerbau-Schule. So haben die Trappisten deS vor dreißig Jahren gegründeten Klosters Briquebec Sümpfe und Felsen urbar gemacht, die bis dahin Niemand zu benutzen gewußt; der Unterpräfect von ValogneS bezeugte ihnen schon 1844, sie hätten den Werth ihrer Ländereicn verfünffacht. Man weiß, wie sie den Ertrag ihrer Arbeiten verwenden. Sie selbst schlafen auf einem Strohsack und essen sieben Monate des Jahrs hindurch täglich nur einmal, und zwar Gemüse in Salz und Wasser gekocht; in den fünf Monaten, wo sie die schwersten Arbeiten zu thun haben, nehmen sie ein zweites Mahl, auS Salat und Käse oder Obst bestehend; dazu erhalten sie täglich ein Pfund Brod. Das ist Alles, der Ertrag ihrer «4 Arbeiten wird ganz zu Werken der Frömmigkeit und Wohlthätigkeit verwendet. Ihre Hände und ihre Thüren sind nie geschlossen, alle geistig und leiblich Bedrängten nehmen sie auf. Zu Briquebec haben sie ein Local für arme Fremde, ein Spital, eine Schule und wie überall arme Nachbarn. Der Präfect de Tanlay sagt in einem Bericht von 1850, diese Abtei habe sehr viel zur Entwicklung deS Ackerbaues beigetragen, und der Maire von Caen sagt, sie verdiene die Unterstützung nicht nur derjenigen, welche ihr geistliches Wirken schätzten, sondern Aller, die sich für das Schicksal der Unglücklichen und das Fortschreiten der Civilisation interessirten. smmaZ chL SjMK na? ,»» Sr.-.».. .,-> it»ii«nz ".SniÄ. S»«nv »nibm i»i a,pnuDm-M ,i.,i>m wtdvi«fln"ß»ik"''^ düiuz M7v oj v,,,>tt,k vuo Das Mechitharistenklofter in Wien. Die Wirksamkeit dieses Klosters auf daS Leben und die Literatur orientalischer Völkerstämme ist unberechenbar. Würde irgend eine Akademie für gutes Geld nur den zehnten Theil von dem leisten, waö diese anspruchslosen Mechitharisten auf eigene Faust thun, so würde die Lobposaune ohne Unterlaß darüber geblasen werden. Mit Hunderttausenden von Exemplaren ausgezeichneter Werke in Geschichte, Geographie, Theologie, Philosophie, Physik, Mathematik u. s. w. werden die asiatischen Armenier von Seile dieses Institutes versehen. DaS Kloster ist eine tüchtige Schule und hat Schriftsteller, Setzer, Drucker und zugleich daS Speditionsgeschäft in den Orient im Bereiche seines Wirkens. Unter den Mitgliedern deö Klosters gibt eS höchst begabte Köpfe, und mancher aufgeblasene Zierbengel, der einen bebarteten Armenier über die Achsel ansieht, würde beschämt abtreten müssen, wenn er sich not» dens in deutscher Sprache, mit einem oder dem anvern armenischen Schriftsteller deS Mechitharisten-OrdenS in eine DiScussion über die deutsche Literatur, ja auch über die deutsche Philosophie einlassen möchte. Und diese großartige Mission zur Cultur deS Orients erfüllen die Mechitharisten mit eigenen Gelbmitteln, mit ihrer Druckerei und ihrem Bücherhandel in den Orient. Sie haben fast von keiner Seite her eine Unterstützung. In ihrem Kloster leben sie in strenger Disciplin, und in ihrer Schule (ihre Zöglinge sind fast durchgehendS junge Constantinopolitaner) zu Wien herrscht eine wissenschaftliche Regsamkeit und eine Thätigkeit der Schüler, wie solche in einem weltlichen Institute oder in einer Staatsanstalt gewiß selten anzutreffen sind. An diesem Institute, welches ohne Aufsehen so Bedeutendes leistet, geht daS Sprichwort in Erfüllung: Waö wächst, macht keinen Lärm. 5.iu^ i.i > ?" ^ . ^ Knriosum. A Ein Herr, welcher sich daS Vergnügen machte, bei gelcgenheitlichen Zusammenkünften über Tisch immer über die „unpraktische Wissenschaft" und das unnütze Spe- culiren und Lernen sich lustig zu machen, betrat einmal daS Wohnzimmer eines Dorf- CaplanS, um an denselben gewisse alljährlich wiederkehrende Fragen zu stellen. Der Caplan hatte ober seinem Bücherkasten auf Pappenstiel die Worte aufgeschrieben: „Die Wissenschaft (ohne Liebe) bläht auf." Darob freute sich nun der besuchende Herr über alle Maßen. Der Caplan aber öffnete die Flügel deS Bücherkastens, und darin stand wieder auf einem Pappenstiel: „Die Unwissenheit ohne Liebe bläht noch mehr auf." Da sagte nun der erschrockene Herr etwas ärgerlich: „DaS ist ja eine Entgegnung, eine Verspottung der Worie des heiligen Apostels." Der Caplan erwiderte ihm: „O nein. WaS der heilige Paulus gesagt hat, bleibt wahr — waS aber da drinnen steht, ist auch wahr; — denn Alles, was Paulus gesagt hat, ist wahr — aber nicht Alles, waS wahr ist, hat Paulus gesagt; und wenn der heilige Apostel jetzt da vor mir stünde, ich weiß gewiß, er würde mir nicht Unrecht geben." Berantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Juhaber: F. E. Kremer. ?;i(!i v>nn'N »1 .SslM P SkT anuB Mgöi Z» «'msy Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojtzeitung. L9. Februar S. 185S. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonvementsvrei« TO kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Hirtenbrief deS Hochwürbigften Herrn ErzbifchofS von Köln. Johannes, der heil, romischen Kirche Cardina l - Pri e st er von Geissel, durch GotteS Barmherzigkeit und des heiligen Apostolischen Stuhleö Gnade Erzbischos von Köln, desselben Apostolischen Stuhles geborner Legat zc. :c., der hochwürdigen Geistlichkeit und allen Gläubigen der Erzdiöcese Gnade, Frieden und Segen von Gott dem Vater durch unsern Herrn JesuS Christus! Abermals hat der heilige Vater zu Rom seine obersthirtlicbe Stimme von der Höhe seines apostolischen SitzeS erschallen lassen. AIS oberster Wächter deS Heilig- thumS bestellt, daß er den Völkern im Kreislaufe der Zeit den kommenden Tag deS Heils, oder die hereinbrechende Nacht deS geistigen Unglücks ansage (Js. 2l, tl), hat sein, die katholische Welt überwachendes Auge den Zustand der Kirche unter den Völkern erwogen. Was er gefunden an heiligen und gnadenvollen Früchten eines wieder gebesserten Lebens, welches das früher von ihm verliehene große Jubiläum bei Unzähligen in allen Ländern hervorgebracht, gereichte ihm zur Beruhigung und Freude. Aber dennoch blieb sein väterliches Herz fortwährend mit Schmerz und Trauer erfüllt. Wie könnte daS auch anders seyn in unsern verhängnißvollen Zeiten, in denen sein prüfender Blick der Verwirrung, der Verkehrtheit unv der Verderbniß so viel trifft, daß seine Seele darüber von heiliger Besorgniß erfüllt ist? Er hat darum an alle Patriarchen, Erzbischöfe und Bischöse der katholischen Welt ein apostolisches Rundschreiben erlassen, ihnen seinen Schmerz und seine Besorgnisse mitzutheilen, damit sie mit ihren Gläubigen die Uebel dieser Zeit und die auS ihnen drohende Gefahr erkennen, und mit ihm die Mittel ergreifen, dem Verderben entgegen zu treten. > Und waS ist eS, waS sein apostolisches Herz beängstigt, geliebte Erzdiö- cesanen? Welche Uebel erblickt sein prophetisches Wächterauge? Er bezeichnet sie mit hohen, ernsten Mahnworten. ES ist die Verkehrtheit dieser Tage, in denen die Feinde GotteS und der Menschen die Gemüther verwirren, die Sitten verderben, die Religion untergraben und, alle Bande zerreißend, die göttliche und menschliche Ordnung umzustürzen suchen. ES ist die Geistesverblendung so Vieler, welche die Kirche und ihren apostolischen Mittelpunct anfeinden, die Tugend und Ehrbarkeit hassen, das Laster unter dem Namen der Tugend predigen, mit zügelloser Frechheit sich Alles erlauben, jedes Ansehen und jede Gewalt übermüthig mißachten, alles Heilige und Gesetzliche verspotten, die arglose Jugend verführen, und durch verderbliche Bücher, Schriften und Zeitblätter, in denen die Sünde gelehrt wird, die Geister vergiften und die Seelen morden. Es ist insbesondere der todbringende Unglaube und die religiöse Gleichgilttgkeit, in welche in unsern Tagen so Viele versunken sind (Lpist. Lao^ol. 66 ?ii?. IX.); der Unglaube, welcher alles Göttliche und Heilige verläugnet — die Gleichgiltigkeit, welche lau und kalt für alles Gute erstirbt: Das ist eS, was das Herz des heiligen Vaters bekümmert und seine Seele mit Schmerz erfüllt. Mit Recht, geliebte Erzdiöcesanen! denn eS gibt kein größeres Uebel, als der Abfall von Gott, der Unglaube. Schon an einer andern Stelle haben Wir Euch die wichtige Wahrheit anS Herz gelegt, daß nur die Religion die Grundlage alles Gedeihens seyn könne, und ohne sie nimmer und nirgendwo Heil und Segen zu finden sey. Wir wiederholen Euch heute diese große Wahrheit und ibre Bestätigung auS dem apostolischen Munde deS Hohenpriesters, welcher da als oberster Hüter und Herold der Wahrheit unter den Völkern gesetzt ist. Es ist ein Gesetz der ewigen Gerechtigkeit, und eS ist unabänderlich: der Abfall von Gott, der Unglaube, ist des Verderbens Quelle und Vollmaaß. Für den Menschen, der von Gott abfällt und dem Unglauben fröhnt, gibt eS nichts Heiliges mehr; für ihn hört alleö auf, waS die Religion heiligt und schützt: Familie, Eigenthum, Vaterland. Die Familie, in welcher der Unglaube wohnt, kann auf die Dauer nicht gedeihen; früher oder später wird die Gottvergessenheit auch die Unsittlichkeit, daS Laster und den Ruin ins HauS bringen. Die Gemeinde, in welcher der Unglaube mächtig wird, kann nicht bestehen; sie wird in Rohheit und Sittenlosigkeit, in Zwietracht und Parteisucht zerrüttet werden, und in fortschreitendem Unheil zerfallen. Ein Volk, in welchem der Unglaube die Herrschaft gewonnen, geht dem Verderben entgegen. Der Unglaube untergräbt alle Grundlagen der Gesellschaft, er predigt und übt, statt der Zucht und Sitte, Ausschweifung und Unzucht, statt der Wahrheit, Redlichkeit und Treue — Lüge, Trug und Meineid, statt deS Rechtes und der Gerechtigkeit — Bedrückung und Gewalt, und alle menschliche und göttliche Ordnung unterwühlend, frißt er, wie ein tödlicher Krebs, um sich, bis er zuletzt, in seinen von Gott abgefallenen Anhängern mächtig geworden, weder Gott noch der Menschen Ansehen mehr scheuend, zu Tage tritt und in offener Empörung alles Bestehende umstürzt. DaS ist deS Unglaubens Auögang. So will eS das Gesetz der ewigen Gerechtigkeit, und so lehrt eS die Geschichte aller Zeiten. Immer und überall, wo der Unglaube mächtig wird, da bricht auch mit Macht das Verderben herein. Hat nicht dieses Gesetz der ewigen Gerechtigkeit in den jüngsten Tagen in einem Nachbarlande wiederum eine neue Bestätigung erhalten? Haben wir nicht vernommen, wie dort an einigen Orten die auS Unglauben und Gottvergessenheit geborene Zügellosigkeit mit allen Schrecken sich erhob und während der wenigen Tage ihrer Herrschaft alle Gräuel beging? War eS nicht, als wenn dort der Engel der Offenbarung den Abgrund, daraus Scorpionen emporstiegen, geöffnet hätte (^poo. 9, 3)? War es nicht die Losung des Fürsten der Finsterniß zu Plünderung und Mord, zu allen Gräuelthaten, zur Vernichtung alles Heiligen? War eS nicht ein Vorbild des unsäglichen Jammers, der mit dem allgemeinen Umstürze kommen mußte, der Vorläufer der Alles unter die Füße tretenden Barbarei? — Ja, eS war sie selbst schon, wie sie ist, habsüchtig, blutgierig und unzüchtig, offen und ohne Scheu. — Gott ließ sie eine kurze Zeit schrankenlos walten, damit daran die Völker und Fürsten wiederum lernen sollten, in welchen Abgrund der Abfall von Gott führe, und wie überall und allzeit die Wahrheit deS Gesetzes der ewigen Gerechtigkeit sich bewähre, daß der Unglaube aller Uebel Quelle sey und deS Verderbens Vollendung. Und dieser großen Wahrheit hat der heilige Vater lebendige Worte verliehen. AuS obersthirtlichem Herzen hat er von der Zinne der Kirche apostolische Mahnworte an die Bischöfe gerichtet, damit sie ihre Gläubigen aufs Neue unter der Fahne des Glaubens sammeln, sie aufrufen, den Unglauben abzuthun, und sie ermuntern, in erneuerter Gottesfurcht die drohenden Gefahren abzuwenden, und gegen das herein, brechende Verderben ihre ganze Hoffnung auf den Herrn zu setzen, bei dem allein Hilfe und-Heil zu finden ist l^pist. Lno^cl.). Ist denn aber der Glaube und die Gottesfurcht auch unter unS so sehr erloschen, ist der Abfall von Gott, der Unglaube so allgemein und mächtig unter unS 67 geworden, geliebte Erzdiöcesanen? Ist nicht in der letzten Zeit Vieles unter uns besser geworden? Hat man es nicht erkannt in den Höhen und in den Tiefen, daß gegen die drohenden Erschütterungen dieser Zeit nur ein Heilmittel zu finden ist, die Religion? und hat man es nicht laut ausgesprochen, daß die Religion wieder die Grundlage alles Gedeihens werden müsse? Hat nicht der Glaube selbst in den ver- hängnißvollen Ereignissen, welche seinen gänzlichen Untergang herbeizuführen schienen, neue, tiefere und fruchtbringendere Wurzeln unter unS geschlagen? Gottlob, eS ist so, geliebte Erzdiöcesanen, und eS gereicht uns zum oberhirtlichen Troste, dessen Zeugniß ablegen zu können. Die Religion hat einen neuen Aufschwung genommen, der Glaube hat sogar neue Blüthen und Früchte unter uns hervorgebracht. Unser Herz wallt auf in heiliger Freude, wenn Wir auf das blicken, waS in den letzten Jahren unter unS entstanden ist. Wir sehen die Väter der Gesellschaft Jesu, als außerordentliche Sendboten des Evangeliums in der Mutterkirche und in den Kirchen anderer Städte Unseres ErzbiSthumS, wie mit Feuerzungen durch ihr die Geister durchleuchtendes und die Herzen entflammendes Wort die im Glauben Erkalteten und im Tode der Sünde Erstorbenen zum neuen christlichen Glauben und Leben erwecken. Neben ihnen sehen Wir die Priester des heiligen Vincenz mit unermüdlichem Eifer die Städte und Dörfer durchwandern, und in den geistlichen Uebungen der heiligen Mission die Gläubigen durch daS Wort des Herrn und die heiligen Sacramente zum christlichen Kampfe gegen das Böse und zur Ertragung der Mühseligkeiten deS Lebens ausrüsten. Wir sehen die frommen Schwestern „vom Kinde Jesu," wie sie an mehreren Orten die innige Liebe zu dem göttlichen Kinde, dem sie sich geweiht, auf die armen Kleinen, welche der Tod, oder der Eltern sittliche Verderbniß zu Waisen gemacht, übertragen und sie mit Muttersorge zu gesitteten Menschen und Christen erziehen. Wir sehen die „armen", an Schätzen der aufopfernden Liebe so reichen „Schwestern des heiligen FranciScuS" mit vollster Hingebung dem segensvollen Berufe sich widmen, am Krankenbette wachend und wartend, den Leidenden jeder Art Pflege und Trost zu bringen. Wir sehen die „Frauen vom guten Hirten" mit ausopferndem Mitleid die aus dem Sündcnpsuhle der Unzucht reuig sich Erhebenden in ihr stilles Asyl aufnehmen und sie durch Buße,' Gebet und Arbeit zu einem sittlichen und ehrbaren Leben zurückführen. Wir sehen die Töchter „der heiligen Theresia vom Berge Carmel" in der frommen Abgeschlossenheit in immerwährender Anbetung das Erbarmen GotteS über die sündige Welt und seinen Segen über die ganze Christenheit herabflehen. Und als jüngste, eben jetzt aufsprossende Blüthe am Baume der Kirche in Unserm Erzbisthume, erwarten Wir die „Schwestern der christlichen Liebe vom heiligen Vincenz", welche dem gleichen Berufe der Kindererziehung und der Pflege der armen Kranken sich zu weihen bestimmt sind. An der Seite dieser gottgewcihten Klostergemeinden sehen Wir den Xaveriusverein seine reichen Spenden zusammentragen, auf daß damit, als mit einem wahren Gottesalmosen, in den entferntesten Ländern über dem Weltmeere die unsterblichen Seelen auS der Nacht des Heidcnthums zum Lichte des Evangeliums erweckt und durch die heilige Taufe zur Kindschaft GotteS gewonnen werden. In gleichem Geiste sehen Wir den Verein „der heiligen Kindheit" die armen verlassenen Heivcnkindlein, welche die grausamste Unnatur der eigenen Eltern schon an der Schwelle des Lebens dem Tode freiwillig Preis gibt, nicht bloß für daS körperliche, sondern auch für daS geistige Leben in Christus retten und erkalten. Den BonifaciuSverein sehen Wir den katholischen Brüdern, denen eS an Mitteln zur Gründung von Schulen und Kirchen gebricht, mit werkthätiger Liebe zu Hilfe kommen. Den Vincentiusverein sehen Wir in die Wohnung deS Armen und Kranken Speise und Kleidung, und damit zugleich daS ächte Almosen, das theilnehmende Wort deS Rathes, des Trostes und der Liebe tragen. Und neben diesen größern Vereinen sehen Wir auch andere, die da und dort, von christlichem Sinne beseelt, zum Baue eines Spitals, oder zur Gründung eines Waisenhauses, oder anderer Anstalten der Nächstenliebe sich verbunden. — DaS alles hat in den letzten Jahren der werkthätige Glaube in Unserm Erzbisthume hervorgerufen, geliebte Erzdiöcesanen! Und «8 wahrlich, das sind ächte Blüthen am Baume des Glaubens, reiche goldene Früchte, gereist an der Sonne der christlichen Liebe. Dank und Segen sey dafür Allen, die dazu mitgewirkt und mitwirken. — O möchten doch diese Glaubensblüthen immer mehr unter Euch gepflegt, immer eifriger von Euch unterstützt werden, zu einer stets reichern, segensvollen Ernte! Aber dennoch, wenn auch Vieles unter unS besser geworden, so ist in dieser an Widersprüchen und Widerstreit so reichen Zeit Vieles nicht, wie eS seyn soll. Wir wollen nicht weiter davon reden, wie neben dem blüthenreichen Baume deS Glaubens auch der Giftstrauch des Unglaubens unter uns noch fortwuchert. Wir wollen nicht davon reden, wie Manche unter unS, nachdem die Sendlinge deS Unglaubens ihre Fahne zur Zenrümmerung alles Heiligen emporzutragen sich nicht mehr getrauen, nun auch nicht mehr ihren Unglauben öffentlich zu bekennen wagen. Die Macht der Ereignisse hat ihnen die Zunge gelähmt und den Mund geschlossen. Sie sind verstummt, unbekehrt. Aber neben diesem, in der Tiefe wühlenden Unglauben gibt eS ein anderes beklagenSwertheS Gebrechen, welches nicht minder wie der Unglaube die Quelle vielfachen Verderbens ist. ES ist dieses deS Unglaubens gleichgeborne Zwil- lingSschwester, die Gleichgiltigkeit im Glauben, die Lauheit in der Religion. Wir müssen eS mit Schmerz bekennen: eS ist Vieles faul unter uns, und am Baume deS christlichen Lebens ist Manches verdorrt und abgestorben. Die Lauheit ist aber um so gefährlicher, weil sie den Schein deS Lebens an sich trägt, während in ihrem Innern der Tod waltet; die Gleichgiltigkeit ist um so beklagenSwerther, weil sie, sich selbst und Andere betrügend, unter dem Scheine der sittlichen Gesundheit um so sorgloser und gewisser inS Verderben führt. Diese Gleichgiltigkeit im Glauben hat sich, wie ein enödtender Winterfrost, um so viele Herzen gelagert, daß sie in Trägheit und Kälte erstarren. Sie hält Unzählige umfangen, die eS sich nicht gestehen, nicht einmal wissen, da ihnen daö Gefühl dafür erstorben ist. Sie schlafen den Schlaf der religiösen Erstarrung, in welche der eisige Hauch der Gleichgiltigkeit sie versetzt hat. ES kann UnS, wenn Wir umherblicken, nicht entgehen, wie diese Gleichgiltigkeit weit verbreitet ist. Werfen Wir den Blick in daS Innere so mancher Familien, wie finden Wir da nicht selten daS christliche Leben hinter jenem der alten bessern Zeit zurückgeblieben! Jener alte gläubigfromme Sinn und jenes felsenstarke Gottvertrauen, welche mit der ehrenfesten Biederkeit und mit der stillen gemüthlichen Ruhe der Zufriedenheit durch Eimracht und Liebe ein christliches HauS, wie ein heiliger Zauber, erfüllten und es zu einem Wohnsitze deS Friedens und Glückes heiligten, ist dem gegenwärtigen Geschlechte vielfach unbekannt. Da waltet jetzt in manchen Familien ein anderer Sinn als jener, welcher daS ganze katholische Familienleben durchdrang und, dasselbe im Geiste GotteS und der Kirche ordnend, heiligend und ver, schönernd, überall sich kund gab. Da glauben die Eltern, sie hätten alle Pflicht erfüllt, wenn der HauSvater in rühriger Geschäftigkeit auf Erwerb und Gewinn sinnt unv seine Anstrengungen belohnt sieht, wenn die Hausmutter daS Erworbene ordnet und erhält, und wenn sie beide die Kinder mit Sorgfalt zu gleichem Erwerbe und Gewinne heranziehen und daS Gesinde in Ordnung halten. Eine solche Familie wird als eine musterhafte gelobt und glücklich gepriesen. Da ist Erwerb, Gewinn und Genuß daS Erste im Hause, aber daS Letzte ist die Religion. In dem Hause ist die fromme Sitte deS GebeleS veraltet; da weiß man nichts mehr von einer gemeinsamen oder gesonderten Erhebung der Seele zu Gott, und oft wird da in langen Monaten nicht einmal ein frommes Wort mehr gehört. DeS L:ibeS Sorge beherrscht Alle; was der Erde ist, wird errungen; darüber hinaus geht kaum noy ein Wunsch; man fühlt dazu nicht einmal das Bedürfniß; die religiöse Gleichgiltigkeit waltet im Hause. Laue Eltern, laue Kinder und laue Dienstboten bilden da eine Familie, die, wenn sie auch noch nicht dem Unglauben verfallen ist, doch ihm schnell entgegeneilt. Da ist wohl der Anschein deS christlichen Lebens, aber nicht das Leben selbst. DaS Gedeihen deS HauseS ist trügerisch, eS ist ohne Grundlage. Laß Dich nicht täuschen, Du christlicher HauSvater, und Du, christliche Hausmutter, der Flor Eures Fami- «9 lienwesenS ist nur scheinbar; eS fehlt ihm der Felsengrund der Religion. Ihr glaubt ihrer nicht zu bedürfen, weil ja Euer Gewerbe blüht und Eure Geschäfte gedeihen schon seit Iahren, obgleich schon seit Jahren Ihr nur in religiöser Gleichgiltigkeit und Lauheit erwerbet und schaffet. Aber wie wirv eS seyn, wenn auch für Euch die Tage deS Unglücks kommen? Und sie können kommen, ja, sie kommen wohl gewiß, früher oder später; denn sie bleiben für Niemand auS. Wie werdet Ihr dann bei Eurer, durch lange Jahre sortgesetzten Gleichgiltigkeit die Schläge deS Mißgeschicks ertragen? Wie werdet Ihr unglücklich seyn, wenn Euch der Welt Segen verläßt, nachdem Ihr den Segen GotteS nie gesucht habet! Wenn Ihr auch Eure Kinder zu solchen erzogen habt, die, wie Ihr, mit Geschick und Fertigkeit die Güter der Welt zu erringen verstehen, werden sie, die Ihr so gleichgilrig und lau in der Religion erzogen habt, die Prüfungen bestehen, die ihnen das Leben auflegt? Werden sie sich bewähren in der Stunde der Versuchung, wenn die Sünde mit ihrer Verführung ihnen nahe tritt, wenn der Reiz deS unter Blumen verdeckten Lasters sie verlockt, wenn der Vortheil deS verborgenen Verbrechens sie blendet? Wie leicht erlebt Ihr Eurer Kinder Fall und Verderben! DaS wird Euch dann zwiefach schmerzlich seyn, weil Ihr selbst solches angebahnt habt durch Eure ohne Glauben und Gottesfurcht in lauer Gleichgiltigkeit geleitete Erziehung, durch Euer eigenes glaubenöleereö, in öder Erstarrung tödtendeS Beispiel. Und gesetzt, Gott läßt Euer und Eurer Kinder Glück bestehen bis zu Ende, so läßt er eS bestehen in seinem Zorne, Euck zur Strafe, weil Ihr in träger Verstockung allen seinen Mahnungen taub geblieben seyd; er läßt Euch und Euren Kindern den Genuß der Erdengüter bis zu Ende, weil Ihr Euer ganzes Herz an sie gehängt. Aber dieses Ende wird zuletzt einmal kommen. Wie werdet Ihr dann die Heimsuchung der Todesstunde bestehen? Da werdet Ihr doch einmal scheiden müssen von Allem, wofür Ihr Euer ganzes Leben eingesetzt habt. Da werdet Ihr inne werden: Ihr habt für die Erde gesäet, und darum auch nur für die Erde geerntet; für den Himmel habt Ihr in Eurer lauen Gleichgiltigkeit nichtS gewirkt, er kann und wird Euch auch dafür nichts bieten. Ihr habt mit Euren Kindern Euren Lohn dahin! (Schluß folgt.) Die Bibliothek eines Landgeistlichen. (Schluß.) So ist die Stellung deS Weltgeistlichen in jeder Beziehung schwieriger als die deS OrdenSgeistlichen, während der Letztere weit mehr Stützen seiner Frömmigkeit und weniger Gefahren hat. WaS soll nun hier helfen? Wir antworten: Frömmigkeit und Studium. Beide find den Mönchen zur strengen Pflicht gemacht; eS ist ihnen sogar die Zeit dafür genau vorgeschrieben; dem Weltpriester sind sie noch nöthiger, um so weniger hat er Ursache, sie zu vernachlässigen. Von der Frömmigkeit gibt man auch diese Nothwendigkeit allgemein zu; wir gehen deßhalb darüber hinaus. Aber daS Andere, baß daS Studium dem Weltgeistlichen unter allen Umständen nicht bloß nützlich sey, nicht bloß eine angenehme Beschäftigung gewähre, sondern absolut nothwendig sey für sein Seelenheil und die Wohlfahrt der ihm Anvertrauten, will man weniger zugestehen, am wenigsten beim einfachen Landgeistlichen. Man läßt nämlich zweierlei unbeachtet; einmal, daß auch der reichste Schatz erschöpft wird, wenn stets nur hinweggenommen, nie aber hinzugethan wird, und zweitens, woran man noch weniger denkt, daß jede Kraft in der Welt ihre Entwicklung und entsprechende Anwendung verlangt. ES ist dieß ein Drang, den Gott selbst in seine Welt gelegt hat, der sich darum auch immer geltend machen wird, wie in der Natur, so im Geiste: in jedem Gebiete in seiner eigenthümlichen Weise. Dort in der Natur beruht diese Entwicklung auf dem Gesetze des Nothwendigkeit; hier beim Geiste kann die Freiheit sie beherrschen, gewaltsam den strebenden Geist in träger Ruhe fesseln, oder 70 vielmehr sein Streben auf einen nicht entsprechenden Gegenstand lenken. Aber nicht ungestraft geschieht daS; der Geist findet keine Beruhigung, seine Kraft keine hinreichende Beschäftigung; darum richtet er sich zerstörend gegen sich selbst, und daS ist der tiefste Grund des Weltschmerzes und der innern Zerfahrenheit und Unzufriedenheit, daS Nichtentwickeln und Nichtverbrauchen einer vorhandenen strebenden Kraft. Wie aber wird diese Kraft unsers Geistes besser und angemessener beschäftigt, als durch Studium, und bei dem Geistlichen durch daS Studium der Theologie und alles Dessen, waS ihm hierin förderlich seyn kann? Freilich muß dann auch daS Studium in der rechten Weise betrieben werden, damit es nicht eher geisttödtenv als belebend und befriedigend wirde. Daher darf eS vor allen Dingen nicht Selbstzweck werden, sondern muß in bescheidener Weise stets Mittel zum Zweck bleiben, zu dem Zweck nämlich, den Geist Gott stets näher zu bringen, in die göttlichen Wahrheiten immer tiefer einzuführen, sie immer mehr in sich aufzunehmen und so den Geist förmlich zu nähren mit einer unendlichen und darum stets sättigenden Speise. Ist so der Vorwitz und die eitle Ruhmsucht im Haschen nach Gelehrsamkeit ausgeschlossen, dann tritt eine andere Gefahr gar nicht ein, daß nämlich Dinge studirt werden, die weder der eigenen Seele nützen, noch die Herzen Anderer erbauen können. Es ist klar, daß, wenn daS Studium so betrieben wird, ein reicher Schatz von Kenntnissen sich in der Seele anhäufen wird, und daß dann nie der traurige, aber gar nicht so seltene Fall eintreten kann, daß ein Geistlicher am Anfang seiner seelsorglichen Wirksamkeit blühend und frisch ist, aber bald wie Gras verdorrt, weil die Quelle versiegt, der Schatz erschöpft ist, weil er die Kraft, die er sich in der Zeit seines Studiums gesammelt, verbraucht, und im nachherigen Müßiggang alle Frische des Geistes und alle Lust an ernsten geistigen Beschäftigen eingebüßt hat. Welch ein trauriger Zustand! Da sind die Unwissenden, und kein Lehrer; da kommen die Sünder, und eS ist Keiner, der ihnen hilft mit gutem Rath; die Traurigen bleiben ohne gediegenen Trost, die Kinder bleiben in ihrer Unwissenheit, die Gemeinde wird lau und jedem Winde der Lehre zugänglich. Die Irrlehre erhebt das Haupt, und der Unglaube macht sich breit; die Guten wagen es nicht zu reden, denn der Hirt selbst muß verstummen; die Schwachen fallen elendiglich dem Verderben anheim. Und das Alles lastet auf der Seele des Einen Mannes, der die strengste Pflicht hat, Allen Alles zu werden, und die ihm anvertrauten Seelen Gott wieder zu bringen und wie sein Herr und Meister zu sprechen: „Vater, hier sind sie, die du mir gegeben; ich habe aus ihnen Keinen verloren! Keiner ist durch meine Schuld untergegangen!" Wie will er sich rechtfertigen, was will er entgegnen, wenn der Herr die Talente mit Zinsen zurückfordert? Und woher dieß zweifache Elend? Aus der verkehrten Ansicht, man habe genug gelernt, um Andere lehren, man habe genug studirt, um seinen Pflichten genügen zu können. Wie ganz anders sieht eS bei Denen aus, die das Studium stets fortsetzen und so stets neue Schätze sammeln, immer neue Nahrung zuführen, neue Lebenskraft gewinnen! Sie schöpfen aus einer Quelle, die nie versiegt, die dem Geiste ist, was dem Leibe die Luft, die ihm Frische, Leben und Wärme verleiht, die ihn bewahrt vor der Fäulniß der Trägheit, dieser fruchtbaren Mutter der schwersten Versuchungen und Sünden, und vor der Dürre der Geistesarmuth, dieser Quelle der Unzufriedenheit deS Geistlichen mit sich selbst, und der Gemeinde mit ihrem Hirten, dieser Mörderin deS religiösen EiferS und der kindlichen Hingabe an Gott; die ihn sähig macht, die Pflichten gegen seine Gemeinde treu zu erfüllen, sie zu nähren mit dein Brode, daS vom Himmel gekommen, zu tränken mit dem lebendigen Wasser und ihr zugleich mit dem guten Beispiel voranzugehen, daß sie recht erfasse die Worte: „Das Himmelreich leidet Gewalt, und nur die, welche Gewalt brauchen, werden es an sich reißen." Bei dem Studium selbst aber ist zweierlei wohl zu beachten: Einmal, daß es in bestimmter Ordnung, zu bestimmter Zeit geschehe, und daß keine andere höhere Pflicht uns mehr von der einmal festgesetzten Studienzeit rauben darf, als sie eben 71 für sich in Anspruch nimmt, so daß, wenn irgend etwas Wichtigeres uns aus unserer wissenschaftlichen Beschäftigung herausreißt, wir alöbald nach dessen Beendigung zu der festgesetzten Beschäftigung zurückkehren. Welche Zeit diese Studien in Vergleich mit den andern Berufsarbeiten in Anspruch nehmen sollen, oder allgemeiner, in welcher Weise die Tagesordnung eines Geistlichen bestimmt und gehalten werden müsse, daS zu zeigen, ist hier nicht unsere Aufgabe. Jeder wird dieß selbst bald finden können, geleitet von einem guten aöcetischen Buche, Wir haben uns den Zweck gesetzt, das Andere, was hier noch in Betracht kommt, hervorzuheben, nämlich, welche Bücher diesem frommen Studium zu Grund zu legen seyen, oder besser, wie die Bibliothek des Landgeistlichen, den wir hier besonders im Auge haben, beschaffen seyn müsse. Daß das ein Punct von großer Wichtigkeit sey und wohl werth, reiflich erwogen und allseitig besprochen zu werven, wird Jeder zugeben, der die Nothwendigkeit der wissenschaftlichen Beschäftigung bei dem Geistlichen eingesehen hat. Es ist hier bei dem Geiste, wie bei dem Leibe; so nothwendig diesem die Nahrung ist, eben so jenem; und so wenig es gleichgiltig ist, welche Speisen unser Leib zu sich nimmt, eben so wenig ist es gleichgiltig, womit wir unsere Seele nähren. Auswahl ist hier noch darum erwünscht, weil im Grunde wenige Bücher, wenn sie nur gut sind, ausreichen, und selten ein Geistlicher im Stande seyn dürfte, viele Bücher zusammen zu kaufen auf die Gefahr hin, auch vieles Unnöthige zu besitzen. Wir werden dasselbe in einem andern Artikel zuerst im Allgemeinen darzulegen suchen, mit welchen Studien vorzüglich der gewöhnliche, bloß in der Seelsorgc stehende Geistliche sich besassen solle, und dann im Besondern die einzelnen Bücher namhaft machen und ihrem Inhalt nach besprechen, auf welche diese Studien sich am besten gründen dürften. (Katholik.) Mission in Bensheim. Bensheim, 19. Febr. Unsere Mission nimmt einen herrlichen, großartigen Fortgang, denn der Eifer unserer Bevölkerung für dieselbe ist von der Eröffnung an bis auf diese Stunde in stetem Zunehmen begriffen, so daß die Kirche, ungeachtet ihrer bedeutenden Größe, die Andächtigen kaum zu fassen vermag und besonders Mittags und Abends im eigentlichsten Sinne deS Wortes überfüllt ist; Niemand will aber auch zu Hause bleiben und Wer es nur immerhin vermag, folgt dem Rufe der Glocken und eilt in das Gotteshaus, um hier sich an den Predigten der Missionäre zu erbauen und das schlummernde christliche Leben auf's Neue zu erwecken. Allein nicht nur unsere Bensheimer betheiligen sich auf so erfreuliche Weise an der Mission, sondern auch die ganze Umgegend sendet zahlreiche Gläubige; namentlich gilt dieß von Heppenheim und Hambach, aus welchen Orten täglich mindestens drei- bis vierhundert Personen nach Benöheim kommen, die dann nach der letzten Predigt AbendS acht Uhr unter religiösen Gesängen, begleitet von ihrem Geistlichen, wieder nach Hause ziehen. Ein Gleiches gilt von Lorsch, dessen Pfarrer jeden Tag mit einem Theile seiner Gemeinde sich an der Mission betheiligt. Nicht minder finden sich viele Bewohner von Darm st adt hier ein, waS besonders am letztvergangenen Sonntage der Fall war, an welchem Tage BenSheim überhaupt eine so große Menge von Fremden sah, wie wohl selten. Und dabei war die Kirche so gedrängt voll Menschen, daß es dem Prediger kaum möglich war zur Kanzel zu gelangen, und obgleich das Gotteshaus in allen seinen Theilen, selbst hinter dem Altare mit Zuhörern angefüllt war, wie noch nie, mußte dennoch eine große Anzahl der zur Mission Herbeigekommenen darauf verzichten, die Kirche selbst zu betreten. Dieses Herbeiströmen der Gläubigen auS den umliegenden Orten währte aber, wie schon angedeutet, bis zu dieser Stunde ununterbrochen fort, und so zog auch heute Morgen wieder eine große Procession von Heppenheim hier ein, der eine andere von GernSheim kommend folgte. Wenn nun schon dieses, in unsern Tagen fast wunderbar zu nennende Zusammenströmen so vieler von einem höhern religiösen Gefühle erfüllter und beseelter 72 Menschen ungemein erhebend wirkt, so wird der Eindruck ein unwiderstehlicher, wenn man die Hingebung und den apostolischen Eifer betrachtet, welchen die PatrcS Missionäre sowohl als unser Hochwürdigster Herr Bischof auf der Kanzel wie im Beichtstühle entfalten Letzterer erfreut unS mit seiner Gegenwart seit Freitag den 13. d. M., an welchem Tage er unvermuthet auf der Eisenbahn Abends in BenS- heim eintraf, sogleich zur Kirche eilte und seine Freude, dieselbe so voll von Andächtigen zu finden, unverhohlen ausdrückte. Seitdem ist der gefeierte Oberhirt unermüdlich thätig und weilt von Morgens fünf Uhr an bis zum späten Abende im Beichtstuhle. Ja, schon am frühen Morgen, lange vor Tagesanbruch ist unser Gotteshaus mit frommen Betern erfüllt, welche dem Meßopfer, das auf drei Altären zugleich gefeiert wird, andächtig beiwohnen, während Andere die Beichtstühle, sechs an der Zahl, umlagern. — Gestern Abend, nach der ergreifenden Predigt deö Pater Roh über die feierliche Abbitte, trat der Hochwürdigste Bischof, umgeben von zwölf Priestern, die sich überhaupt sehr zahlreich an der Mission betheiligen, zum Allare und betete zu Gott um Nachlaß der vergessenen Sünden und Vergebung der unwür« digen Communionen, ein Act, der alle Anwesenden auf das Tiefste rührte und erschütterte und der ganz dazu geeignet war, sich für immer dem Gedächtnisse einzuprägen. Heute sind unsere Jungfrauen eifrig beschäftigt, die Feier zu Ehren der Mutter GotteS durch Ausschmücken der Marienbilder u. s. w. zu verherrlichen und werden dieselben auf gleiche Weise dazu beilragen, den Schluß der Mission, die Aufrichtung deS MissionSkreuzeS nämlich, zu verschönern, Diese Schlußfeierlichkeit findet nächsten Sonntag auf unserm Kirchhofe statt und läßt sich mir Bestimmtheit voraussehen, daß die herbeiströmende Menschenmenge eine sehr bedeutende seyn wird. Bereits haben sich sechzig Jünglinge gemeldet, welche daS dreißig Fuß hohe MissionSkreuz an den Ort seiner Aufrichtung tragen werden. — Nach Allem, waS wir bis jetzt wahrgenommen, dürfen wir von dieser Mission die schönsten sittlichen Früchte erwarten, eine Hoffnung, die nur um so fester wird, wenn man die Aeußerungen der hohen Zufriedenheit mit dem bisherigen Erfolge der Mission auö dem Munde unseres Hochwürdigsten Oberhirten und der PatreS Missionäre zu hören bekommt. (M. I.) Mission in Neuß. Neuß, 2V. Febr. kmis eoronat opus. Dieses müssen wir auch von der am 15. d. geschlossenen hiesigen Mission sagen. Der Schluß hat ihr die glänzendste Krone aufgesetzt. Nach dem Vorgange vom 13., wo wegen Ueberfüllung der Kirche die Abendpredigt ausgesetzt werden mußte, war festgestellt worden, die Schlußrede nach der Einsegnung deS MissionSkreuzeS im Freien zu halten, und der Erfolg hat diese Vorsicht gerechtfertigt. Gewiß mehr als fünfzehn tausend Menschen waren auf dem geräumigen Platze, südlich von der Kirche, wo auf colossalem Felsenblock das MissionSkreuz den frommen Gläubigen zur Andacht und zu frommem Gebete ladet, versammelt. Als lauschte die Natur mit der frommen Schaar der Gläubigen dem begeisterten Worte deS hochwürdigen P. Haßlachcr, regte sich auch kein Lüftchen, und jedes Ohr hing an seinem Munde. Doch diese feierliche Stille unterbrach sein Lebewohl, dieses durchschnitt so die Herzen der Zuhörer, daß sie sich durch Thränen und Schluchzen Luft machen mußten. Aber diese Thränen waren der befruchtende Regen für die heiligen Entschlüsse, welche während der heiligen MissionSzcit gefaßt worden sind; die herrlichen Früchte, die mit jedem Tage zum Vorscheine kommen, geben hievon die schönsten Beweise. — Neuß wollte die frommen Väter nicht scheiden lassen, ohne ihnen, wenn auch nur in schwachen Zügen, seine Verehrung, Liebe und Dankbarkeit zu bezeigen, darum erschien nach dem Schlüsse der Mission eine zahlreiche Deputaten aus seiner Mitte und überreichte ihnen eine auf Seide gedruckte Adresse, der das dankerfüllte Herz die Sprache gegeben, und den Schluß machte der hiesige sieggekrönte Gesangverein mit mehreren herrlichen Liedern. Neuß hat sich bewährt alö treue Tochter der heiligen katholischen Kirche. (D. V. H.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schöncheu. VerlagS-Juhaber: F. C. Kremer. Zwölfter Jahrgang. ^ ^ ^Nl^ 5 ^ L ^. ^. Sonntags-Betblatt zur Augsburger pojheitung. 7. März I«. 1852. _----- Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsvrels 4V kr., wofür e« durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kaun. - - > Hirtenbrief des Hochwürdigsten Herrn ErzbischofS von Köln. (Schluß.) Wie aber die Gleichgültigkeit so oft im Familienkreise getroffen wird, so sehen Wir auch oft im kirchlichen Leben bei Vielen eine Lauheit, welche mit jener verbun« den und häufig ihre Folge ist. ES gereicht der Kirche zum gerechten Schmerze, daß Viele in dieser Gleickgilligkeir für die Religion und daS kirchliche Leben erstarrt sind. Zwar ist ihr Glaube unerschüttert; ihr Leben soll ein christliches seyn, so wollen sie. Aber wie ist ihr Glaube so todt, ihr Wille so ohnmächtig, ihr Leben so unfruchtbar an christlichen Werken! Sie üben wohl die Religion, aber nur kalt und träg, nur äußerlich, auS Gewohnheit, der Menschen wegen, ohne Wärme und Treue, und darum ohne Blüthe und Frucht. Ihr Mund bekennt, aber ihr Herz verläugnet. Schließen sie sich auch von der Kirche und ihren heiligen Uebungen, ihrem GotteS, dienste und ihren Guadenmitteln nicht aus, so ist doch ihre Theilnahme nur eine äußerliche, ein »odtcS Werk ohne inneres Leben, ein Leichnam ohne Seele. Empfangen sie auch alljährlich die Gnadenmittel der heiligen Beicht und Communion, weil eS also die Kirche verordnet, so empfangen sie dieselben doch ohne wahre Reue und Buße, ohne Besserung und Heiligung, und darum ohne Frucht. Sie empfangen sie alö Unerweckte, und darum nicht zum geistigen Leben, sondern zum geistigen Tode. Von ihnen sagt der Herr: „Du bist werer warm noch kalt, darum werde ich Dich auSspeien aus meinem Munde." (^poe. 3, 13.) Wenn aber Solche schon daS strafende Wort deS Herrn so strenge trifft, wie wird er zu Jenen reden, welche, der Kirche fast ganz entfremdet, ihre Gnadenmittel vernachlässigen? Wie Manche gibt eS nicht, welche vielleicht schon seit Jahren nicht mehr dem Gottesdienste, der Verkündigung deS göttlichen Wortes beigewohnt, nicht mehr im Richterstuhle der Buße erschienen, nicht mehr zum Tische deS Herrn getreten sind! Wie sind sie doch mit sich selbst im Widerspruche und in arger Täuschung befangen! Zwar sind sie weder vom Glauben, noch von der Kirche offen abgefallen; sie anerkennen die Macht deS Glaubens, sie anerkennen auch die große Sendung der Kirche zur sittlichen Führung deS Menschen, die Hoheit ihrer Lehre, die Heiligkeit ihres Gottesdienstes und ihrer Gnadenmittel. Aber ist Wohl ihr Sinn dabei ein anderer, als daß die Hörung des Wortes GotteS, die Theilnahme am Gottesdienste und der Empfang der heiligen Sacramente der Buße und der Communion wohl heilsam sey für Anrere, jedoch sie derselben nicht bedürfen? Die also thun, mögen sich selber fragen, ob sie der Religion, der Kirche und ihrer Führung und Gnadenmittcl in all ihrem Sein und Thun nicht bedürfen, wie Andere. Sind sie durch Reichthum, oder Geburt, oder Amt, oder Wissenschaft zu hoch gestellt, als daß sie dessen entbch. ren könnten? Haben sie, wer und was immer sie seyn mögen, keine Pflichten zu erfüllen, wie Andere? Bedarf ihr Geist und ihr Gemüth hierzu nicht der Gnade von 74 oben, der Erleuchtung und Belehrung durch GotteS heiliges Wort, der Anbetung und deS DankeS gegen Gott in seinem ihn verherrlichenden Dienste, der Stärke und Kraft in den heiligen Sacramenten? Sind sie, in ihrem pharisäischen Stolze, besser als Andere? Sie wähnen, deS heiligen Sacramentes der Buße nicht zu bedürfen. Sind sie denn nicht schwach und der Verirrung unterworfen, wie Andere? Haben sie einen Freibrief, auS jeder Versuchung der Welt und ihrer Verlockung unversehrt hervorzugehen? Sind sie niemals dieser Versuchung unterlegen? Haben sie keine Sünde? Wer da sagt, er habe keine Sünde, der betrügt sich selbst, er lügt (l. Joh. 1, 3). Sie bedürfen nicht deS Empfanges der heiligen Communion, so wähnen sie. Hat denn aber der Herr nicht auch für sie daS Geheimniß seines Leibes und BluteS eingcsctzt als Denkmal und Unterpfand seiner Liebe, als stärkende Speise zum guten Kampfe, als Brod der Seele zur Erlangung des ewigen Lebens? Wollen sie von seiner Liebe sich ausschließen, und haben sie keine Liebe für ihn? Gibt eS für sie keinen Kampf mit der Welt und ihrer Lust, und bedürfen sie keiner Stärkung, um ihn siegreich zu bestehen? Bedarf ihre Seele nicht deS ewigen LebenS und der Kräftigung, dasselbe zu gewinnen? Der Herr hat verheißen, daß er durch den Genuß seines Leibes und BluteS in ihnen leben wolle, aber sie wollen nicht leben in ihm. Er will sie auferwecken am jüngsten Tage, aber sie wollen begraben seyn in ewigen Tod (Joh. 6, 55—57). Wahrlich, sie täuschen sich nur selbst. Sie zählen sich zu den Gläubigen, aber ihr Glaube ist ein todter. Ihre Anerkennung der Religion ist ohne Wahrheit. Ihre Meinung, daß sie der Kirche, ihrer Lehren, ihrer heiligen Uebungen und ihrer Gnadenmiltel nicht bedürfen, ist ein blinder Selbstbetrug. Ihr Bekenntniß der Religion ist nur Heuchelei, eS ist nur laue Gleichgiltigkeit, welche in den todten Worten nur den sittlichen Tod verbirgt. WaS aber sollen Wir von Jenen sagen, welche ihre Gleichgiltigkeit durch offene Mißachtung deS Herrn und seiner Kirche kund geben, indem sie, wie so oft unter uns geschieht, seinen Sabbath entheiligen und so das christliche Leben in seiner Wurzel zerstören? Willst Du wissen, wie da und dort daS christliche Leben bestellt ist, so sieh nur zu, wie der Sonntag gefeiert wird; seine Feier ist dessen ein sicherer Prüfstein. Der Sonntag ist der Tag des Herrn, ihm und seinem Dienste geheiligt und der christlichen Ruhe bestimmt. Also hat ihn Gott eingesetzt. Wer darum den Sonntag nicht feiert, der begeht einen Raub an Gott: denn er entzieht ihm die Ehre, die ihm gebührt, den Dienst, den wir ihm schulden. Er begeht einen Raub an sich selbst: denn er versagt seiner Seele die Erhebung und seinem Leibe die Ruhe. Ueberall, wo der Sonntag entheiligt wird, ist auch daS christliche Leben im Verfalle. Wie sehr wird da und dort diese Wahrheit unter uns mißkannt! Den Einen ist der Sonntag ein Tag der Ruhe, aber nicht der Erhebung, vielmehr der Erniedrigung. Sie seiern ihn wohl, aber nicht dem Herrn, sondern sich selbst. Sie dienen, aber nicht Gott, von dessen heiligem Hause und Dienste sie sich fern halten, sondern der Welt, im Götzendienste ihrer Lust, in unheiligcn Vergnügungen, oder gar in unsittlicher Ausschweifung. Sie schänden den Sabbath des Herrn, ihre Sonntagsfeicr ist eine Gotteslästerung. Andere verbringen zwar nicht also den Tag des Herrn, aber dennoch ist er auch ihnen nicht ein Tag der Erhebung, und nicht einmal der Ruhe. Sie würdigen den Sonntag herab, indem sie an ihm Handel und Gewerbe treiben, knechtliche Arbeiten fortsetzen oder ihre Dienst- und Werkleute zu knechllichen Arbeiten zwingen. Für alle diese gibt es keinen Sonntag: er ist ihnen wie jeder andere Tag, den Einen ein Tag deS Geschäftes und Gewerbes, daS Gewinn bringt, den Andern ein Tag der Arbeit und mühevollen Anstrengung, wie jeder Werktag. Die Einen wie die Andern dienen nicht dem Herrn, sondern dem Mammon und sich Die Habsucht der Einen macht die Noth der LeibeSnahrung ihrer Dienst- und Werkleute für sich zu einer Quelle vermehrten Gewinnes, unbekümmert darüber, daß die Seele der Armen ohne die Erhebung und den Trost der Religion in stumpfe Rohheit versinkt; und die Andern mühen sich ab in knechtlicher Arbeit, ohne ihrem Leibe einen Tag der Ruhe und Erholung zur Stärkung für neue Arbeit zu gönnen, ohne ihrer von 75 des Lebens Noth niedergedrückten Seele einige Stunden der Erhebung und Erbauung, der Belehrung und Ermunterung zu frommer Gesinnung und christlichem Wandel zu gewähren. So werden sie wahrhaft Knechte an Leib und Seele. Da muß in den nur von Gewinn und Noth erfüllten Herzen jede fromme Regung erkalten und jedes Bewußtseyn der unsterblichen Bestimmung des Menschen in den verhärteten Seelen ersterben. Gott und seine Gebote, seine Kirche und ihre Gnadenmittel werden immer mehr vergessen; religiöse Erstarrung und Verwilderung gewinnen die Oberhand; daS christlich-sittliche Leden gerälh in tieferen Verfall, und ein neues Heidenthum bricht herein. DaS schone Band der Liebe, welches die Dienstherren und Dienst- und Werkleute zu einer christlichen Arbeiterfamilie, Beiden zum Segen, verbinden sollte, hört auf; es kettet sie nur noch Gewinn und Noth zusammen, Beiden zur Erniedrigung und zum Verderben. Sehet da, das sind Folgen der religiösen Lauheit, daS die Uebel, welche aus dieser traurigen Quelle entspringen, geliebte Erzdiöcesanen! Die Lauheit in der Religion gebiert die Gleichgiltigkeit gegen Gott und seine heilige Kirche, und die Gleichmütigkeit führt zum Unglauben. Wo aber der Unglaube einkehrt, da schwindet die Gottesfurcht, und wo er übermächtig wird, da hört zuletzt alle Religion auf. So war eö ja, als vor noch kaum sechszig Jahren der übermächtig gewordene Unglaube in einem Nachbarlande, und selbst bis in unsere Gegenden der Religion und Kirche den Untergang zu bereiten strebte. Noch leben Manche unter unö, die es gesehen haben, waS damals geschah: der Glaube war verhöhnt, die Religion geächtet, die Zeichen deS Christenthums, die Crucifire niedergeschlagen, die Kirchen geschlossen, die Glocken und heiligen Gefäße geraubt, die Sonn- und Feiertage abgeschafft, der Gottesdienst eingestellt, die Priester verbannt oder unter dem Fallbeile geschlachtet. Die Lebenden blieben ohne religiöse Erbauung, die Sterbenden ohne Trost, die Todten ohne kirchliches Gebet. Die heiligen Sacramente wurden nicht mehr oder nur selten im Verborgenen gespendet: der sie spendete und der sie empfing, war mit der Todesstrafe bedroht. Der offene Unglaube mit seiner Schreckensherrschaft trat alles Heilige unter die Füße. Es wurde lange Zeit keine Glocke mehr gehört, und in den entweihten Kirchen war eS daS ganze Jahr still, wie ein immerwährender Trauer- und Charfreitag — ein wahrer Todestag des Herrn; denn die Religion war todt. ES war eine trostlose, jammervolle Zeit! Daß sie jemals wiederkehre davor möge uns Gott in seiner Gnade bewahren! Aber sie kann wiederkehren, wiederkehren mit all ihren Gräueln, wenn wir nicht selbst die verdcrbenvolle Ursache, die sie unS wiederbringen kann, unter unS beseitigen. Ihr kennt diese Ursache, geliebte Erzdiöcesanen! Die hohen apostolischen Mahnworte des heiligen VaterS haben sie uns so eindringlich bezeichnet. Es ist keine andere, als die Lauheit in der Religion, die Gleichgiltigkeit gegen ihre Lehren und Gebote und der aus ihnen geborne Unglaube, der von Gott und seiner Kirche abfällt. Aus besorgtem Herzen hat daher unser heiliger Vater alle Bischöfe der katholischen Welt aufgefordert, ihre Diöcesanen zu ermähnen, den Glauben lebendig in Wort und That zu bekennen, mit erneuerter Treue der heiligen Kirche sich anzuschließen und all ihre Hoffnung auf Gott zu stellen, bei dem allein nur Heil und Rettung zu finden ist. Zugleich hat der heilige Vater, zur Abwendung der drohenden Strafgerichte GotteS und zur Erflehung seines Beistandes, ohne welchen wir nichts vermögen und der uns in dieser verhängnißvollen Zeit so noth thut, in seiner Hauptstadt Rom öffentliche Gebete angeordnet und befohlen, daß auch in allen BiSlhümern des Erdkreises gleiche öffentliche Gebete abgehalten werden. Damit aber die Theilnahme der Gläubigen um so lebendiger angeregt und ihr Eifer zur Erneuerung des christlichen Glaubens und Lebens um so wirksamer unterstützt und mit um so größerem Segen belohnt werde, hat seine väterliche Liebe, im Vertrauen auf die Erbcirmungen Gottes und in Kraft der ihm anvertrauten obersten Schlüsselgewalt, für uns die Fülle der Gnadenschätze der heiligen Kirche eröffnet und zu deren Gewinnung ein neues heiliges Jubiläum verliehen. 76 Dem apostolischen Auftrage mit Freuden entsprechend, bringen Wir Euch demnach zur bevorstehenden heiligen Fastenzeit die Gnadenschätze, die der heilige Vater Eurer Andacht eröffnet, geliebte Erzdiöcesanen. Wir verkünden Euch in seinem Namen das von ihm verliehene dreißigtägige Jubiläum» O, möchtet Ihr Alle, die Ihr Unserer oberhirtlichen Leitung anvertraut seyd, dem Rufe des heiligen VaterS folgen und Euch beeifern, die von ihm Euch dargebotenen Gnadenschätze zu gewinnen! Zu deren Erlangung hat der heilige Vater bestimmt, daß neben einem besondern eintägigen Fasten und dem würdigen Empfange der heiligen Saeramente der Buße und des Abendmahls noch die Ausübung besonderer LiebeSwerke: die Darreichung eines den Kräften deS Gebenden angemessenen Almosens an die Armen, und die Spende eines beliebigen Beitrags zu dem GotteSwcrke der Ausbreitung deS heiligen Glaubens unter den Heiden erforderlich sey. So übet denn diese Werke der Liebe mit frommem Eifer, bereitet Euch zum Empfange der heiligen Sacramente durch gottgefälliges Fasten vor, unterstützet Eure nothleidenden Brüder durch Almosen und bringet Eure Liebesgabe zum frommen Werke der Ausbreitung deS heiligen Glaubens. Und damit verbindet auch Euer frommes Gebet nach der Vorschrift deS heiligen VaterS und in seinem apostolischen Sinne, aus tiefer Seele, in aufrichtigem Glauben, in festver- trauendcr Hoffnung und inbrünstiger Liebe (Lpist. kno^cl.). Betet vor Allem sür unsern heiligen Vater Pius lX., den vielgeprüften, von schweren Sorgen um die Leitung der ganzen Kirche bedrückten obersten Hirten, daß Ihm rer Herr die apostolische Bürde erleichtern und mit seiner ganzen Gnadenfülle beistehen wolle, damit Er, wie Er auf dem Stuhle Pelri, zum Felsen und Mittelpunkte dcö Glaubens gesetzt, Allen Glauben und Liebe spendet, so auch wieder von Allen GlaubenStreue und Liebe zurückempfange — also wahrhaft ein Mittclpunct deS Segens für alle Seine Kinder auf der weiten Erde. Beret für unsern König und alle christlichen Fürsten, daß der Herr sie mit seinem Geiste erfülle, sie mit Kraft und Weisheit, Gerechtigkeit und Milde ausrüste, damit sie in Eintracht und Frieden christlich regieren, zu Golteö Ehre, ihnen selbst zum Heile und ihren Völkern zur Wohlfahrt. Betet für alle Bischöfe, Priester und Gläubigen: sür die ganze heilige Kirche, daß Gott sie in des lebendigen Glaubens Einigkeit unter allen Völkern und in allen Landen immer mehr ausbreite und erhöhe, daß er die Weit von allen Irrthümern reinige und allen Menschen die Erkenntniß der Wahrheit und deS Heils verleihe, daß er die Zuchtruthe seines Zornes, die wir durch unsere Sünden verdient haben, von uns gnädig abwende, daß er den Winden und Wogen gebiete und Frieden in unsern Tagen schenke, daß er sein Volk selia. mache, sein heiliges Erbe segne und Hirten und Heerde zum ewigen Leben führe (Lpist, Knebel, ?ii ?. IX.). — Mögen die Engel des Friedens, die da goldene Schaalen in ihren Händen tragen, Euer Gebet auf dem goldenen Altare deS Herrn in der Höhe darbringen, und möge cS, unterstützt durch die mächtige Fürbitte der allerseligsten uubefleckten Jungfrau und Gottesmutter Maria, durch die Fürbitte deS Apostelfürsten Petrus und seines Mitapostels Paulus, so wie der heiligen Schutzpatrone Eurer Pfarrkirchen, gnadenreiche Erhörung finden, Euch und UnS zum Segen. — Die Gnade deS Herrn sey allezeit mit Euch! Amen. Gegeben zu Köln am Feste Mariä Lichlmesse, 2. Februar 1852. -j- Johannes Cardinal von Geissel. Die Bibliothek eines Lanbgeistlichen. II. Mit einer doppelten Wissenschaft muß der Geist deS Priesters genährt seyn, mit der heiligen Wissenschaft und mit der Wissenschaft der Heiligen. Meine doch Keiner, wenn er auch nur geringe, ungelehrte Leute zu unterrichten und zu erziehen hat, eS bedürfe weder der einen noch der andern; eS genüge an einer oberflächlichen Kenntniß der Theologie, etwa aus ein paar modernen Büchern, und eS genüge an einer oberflächlichen christlichen Moral. Wer so dächte, würde seine eigene 77 Seele und seine Gemeinde unfehlbar zu Grunde richten, er besäße keinen Funken ächt priesterlichen Geistes. Von der eigenen Vervollkommnung abgesehen, kann Niemand Landlcmen Predigten, Niemand Kindern christliche Lebre mit Nutzen hallen, als nur in demselben Maaße, als er von der göttlichen Wahrheit erfüllt und in ihre Tiefe eingedrungen ist. Ein gründlicher Theolog wird in der Regel klarer und eindringlicher zum Volke reden, dem kleinen Kinde die ersten Elemente der heiligen Lehre besser beibringen, als ein seichter und oberflächlicher, wenn dieser auch nocl> so schön zu reden und das Gefühl zu rühren versteht. Eben so kann Niemand die Seelen auch der Ungebildetsten und Kleinsten für Cbristus gewinnen, zum Himmel führen auf der Kanzel und im Beichtstuhl, dem die Wissenschaft der Heiligen gänzlich fremd ist; je besser er sie aber kennt, je mehr er aScelisch gebildet ist, um so gedeihlicher wird unler seiner Pflege wahre, gediegene Frömmigkeit im Volke sich entfalten, wird schon in den Herzen der Kinder Wurzeln schlagen. Zur würdigen und segensreichen Verwaltung deS SeelsorgamtcS bedarf daher der KleruS auf dem Lande wie in der Stadt jene doppelle Wissenschaft, denn fehlt sie ihm, so ist daS Salz der Erde faul geworden und taugt nur noch zum Zertreten. Wir sagen jene doppelte, weil die Erfahrung lehrt, daß theologisches Wissen zur gottgefälligen Verwallung des Scel- sorgamteS nicht zureicht, sondern eher aufbläst als ausbaut, wenn nicht die Flamme heiliger Liebe, genährt durch daS Oel deS GebeteS, im Herzen brennt, und nicht ein exemplarischer priesterlicher Wandel die Grnndbcdingung einer gedeihlichen Wirksamkeit legt. Durch die Seelsorge, diesem unbestritten unmittelbarsten, höchsten und würdigsten, aber auch schwierigsten Beruf eines katholischen Priesters, soll, wie „daS Salzb. Kirchenblalt" in Nr. i sich ausdrückt, der Gedanke und daS Werk Jesu Clmsti, deö Urhebers und Urbildes aller Seelsorge, fortgesetzt, soll die Verkörperung deS göttlichen Gedankens und Willens deS Stifters der Kirche vermittelt werden, indem durch sie und in ihr die Anwendung des Ewigen und Unveränderlichen auf daS Zeilliche und Wandelbare zn geschehen hat. Es setzt demnach die Scelsorge ein richtiges Verständniß des Eivigen, ein gründliches Wissen um daS Unwandelbare und dessen Beziehungen zum Geschöpfe nothwendig voraus, und es kann die Seelsorge nur in so fern entsprechen, als sie auf die unveränderliche Grundlage der Heilsökonomie gebaut ist, nur in so weit conseauent, als sie auS GotteS ewiger Ordnung herauswächst, nur in so fern katholisch seyn, als ihr die Principien, so wie der Geist unserer heiligen Kirche zum Grunde liegen. Sieht man nur nach den einzelnen hervorragenden Beziehungen des ScelsorgsamteS, begleitet man den Priester auf die Kanzel, in den Beichtstuhl, in die Schnle, an's Kranken- und Sterbelager, würdiget man seinen Privatverkehr, überall wird man finden, daß ihm gereiftes theologisches Wissen, besonders in unsern Tagen, und der Geist kirchlicher AScese unerläßlich sey. Auf der Kanzel entspricht der Seelsorger nur dann seiner von Christus ihm gewordenen Mission zu lehren, wenn er nicht sich, den Menschen, sondern den Gekreuzigten, sein göttliches Wort, wie solches in der Kirche hinterlegt ist, den Gläubigen verkündet. Christi Wort ist aber umfassender, als man auf den ersten Anblick glauben dürfte, erfordert ernstes Studium und t efe Meditation. Christi Wort ist geordnet, trägt als GolteSgedanke ein System in sich, daS nur derjenige erfassen wird, der sich bemüht, in Christi Wort, so wie in den Wunderbau des menschlichen Geistes einzudringen. Christi Wort steht unendlich höher als menschliche Klugheit und Weisheit, und daß nun diese nicht mit jenem verwechselt werde, dazu gehört eine längere Vorbereitung. Im Beichtstuhl wird der Seelsorger das Bußsacrament nur dann nach der Absicht Jesu verwalten können, wenn er einen tiefen, auf Selbstkenntniß gegründeten Blick in die tausend Falten des menschlichen HerzenS, eine recht gründliche Kenntniß deS göttlichen Willens und der Bedingungen, unter denen Gott unsere Sünden verzeiht, und eine genaue Bekanntschaft mit den vielen Satzungen unserer Kirche besitzt. So unzählbar aber die Falten deS menschlichen HerzenS sind, so erhaben die Pläne GotteS, so mannigfach die kirchlichen Satzungen sind, so endlos ist daS Studium deS Beicht. vaterS. — Auch die Seelsorge in der Schule ist kein Leichtes. Da heißt eS nieder- 78 steigen zu den Kleinen, die höchsten Wahrheiten in daS einfachste Kleid hüllen, und zwar so, daß auch in diesem Gewände die Wahrheit dieselbe bleibt. DaS setzt wieder eine genaue Kenntniß des Christenthums voraus, will man nicht Gefahr laufen, den Kindern Gift statt nahrhafter Milch zu reichen, und ist im rechten Verstände weit schwieriger, als vom Katheder einer Hochschule dociren; es gehört aber auch dazu ein reicher Vorrath theologischen Wissens. Am Kranken- und Sterbelager steht der Seelsorger an Engelsstatt zu trösten, zu erheben, eine ganze Ewigkeit zu gewinnen. Eine Ewigkeit, vielleicht in einem Tage, in einer Stunde, in einem Augenblicke! Wer mag daran denken, ohne überzeugt zu seyn, wie nothwendig dem Seelsorger an dieser Stelle die Kenntniß des Weges zur Ewigkeit sey? — Der Seelsorger im Pri- vcilverkehr ist es seinem Stande und sich selbst schuldig, jedem vorkommenden Irrthum bezüglich der Religion gründliche Widerlegung entgegen zu stellen. Er ist berufen, die Lüge zu zertreten, wo und wie sich dieselbe zeigt. Dazu ist die Standesautorilät allein unzureichend, und dieß namentlich in unserer Zeit, wo das Individuum nicht so fast nach seinem Stande, als vielmehr nach seiner persönlichen Tüchtigkeit geschätzt wird. Es genügt also nicht, daß der Seelsorger bloß spricht, nein, er muß gründlich sprechen, soll der Gegner überwunden werden. Gründliche Belehrung ohne gründliches theologisches Wissen ist aber, wie schon gesagt wurde, nicht möglich. Es dringt sohin Alles auf die sorgfältige Pflege der Wissenschaft. Zur Pflege der Wissenschaft aber sind Bücher nothwendig, nicht viele, aber gute, und diese Bücher sind dem Geistlichen unentbehrlich, eS ist heilige Pflicht seines Standes, sie zu besitzen und zu benützen. Wer sich begnügt, den Stand seiner Wissenschaft bloß auf dem Grade zu erhalten, der ihn zum theologischen Absolulorium befähigte, und mit dem Nothwendigsten so zu sagen ausrüstete, der wird nur zu bald erfahren, daß sein Schatz erschöpft wird, und daß er hinter den Forderungen zurückbleibt, die die Zeit und sein Beruf an ihn stellen. Aber auch derjenige, der nur in den einzelnen Artikeln der Zeitungen oder des Conversationslericons, und in der Häufung von Monographien die ersprießliche GeisteSnahnmg sucht, wird nicht leicht Einklang der Theologie mit der praktischen Seelsorge anzubahnen vermögen, und nicht leicht gründliche Kenntnisse erwerben können, weil Princip und System mangeln. Auf Grundlage der aus der Schule mitgebrachten, auf Compendien und (Kollegienhefte sich stützenden Kenntnisse muß der Priester durch daS Studium gediegener gründlicher Werke jene Fort- und Ausbildung in der theologischen Wissenschaft sich erwerben, welche sowohl der Fortschritt letzterer selbst als auch seine Stellung als Lehrer der Kirche erheischt. Vor Allem braucht er eine tüchtige Dogmatik, ein Buch, welches die katholische Lehre mit Präcision treu und objectiv wiedergibt, und an daS man, als in Allem unzweifelhaft vrihodor, sich mit Sicherheit halten kann. Die „Summa" deS heiligen Thomas zu lesen, und fort und fort zu lesen, wäre freilich sehr rathsam; denn der heilige Thomas ist nicht nur daS lauterste Organ der heiligen katholischen Wissenschaft, er ist auch ein Heiliger, uud obwohl seine „Summa" ein rein wissenschaftliches Buch ist, so ist doch Alles von dem Geiste praktischer Heiligkeit durchdrungen. Doch die Zeit ist noch nicht da, wo der Heilige nach dem Wunsche der Kirche wieder in Wahrheit als ein lebendiger lloctor eeelesisv unter uns wirken könnte. Sie wird wohl wieder kommen; allein indeß möge jeder Geistliche wenigstens eine com- pendiösere solide katholische Dogmatik in Händen und vollständig inne haben, wie z. V. die Perrone's, Liebermanns. Auch die Dogmatik deS P. Albert von Bozen, wovon der erste Theil unlängst in Innsbruck erschienen ist, dürfte für die Zukunft, wenn sie einmal vollendet ist. für diesen Zweck vollkommen genügen. Daran mag man dann weitere Slndien anschließen, aber nicht vielerlei, sonst wird Frucht und Lohn deS heiligen AmteS dahin seyn, sobald gelehrte Schöngeisterei Zweck und Resultat wird. Denn so rühmlich und nützlich eS auch ist, mit der neuern theologischen Literatur vertraut zu seyn, so darf man doch nie vergessen, daß das ausschließliche Lesen moderner Bücher keinen Theologen und tüchtigen Piediger der katholischen Wahrheit macht. Die wahre katholische theologische Wissenschaft bildet eben, wenn daö Alte 79 mit dem Neuen in zweckmäßige, jede Einseitigkeit vermeidende Verbindung gebracht wird. Nun aber haben gerave manche Dogmatiker der neuern Zeit mit der Vergangenheit so entschieden gebrochen, daß der Katholik nicht mehr befriediget wird. Es ist daher immerhin für den, der der katholischen Literatur der letzten Zeit größere Aufmerksamkeit zu schenken Muße und Kräfte hat, rathsam, etwas vorsichtig zu seyn. Indessen hat er an Klee, Kühn, Dieringcr, Staudenmaier für die Dogmatik und das speculative Verständniß der Dogmen, und an Möhler für die Symbolik tüchtige Führer und verläßliche Lehrer. Der Priester ist ferner verpflichtet unter einer schwere» Sünde, die katholische Moral vollständig inne zu haben, und zwar nicht etwa, waS überaus leicht ist, in einigen allgemeinen Grundsätzen, sondern in ihren speciellen positiven Bestimmungen. Was müßie man daher zu einem Geistlichen sagen, in dessen Bibliothek nicht einmal eine zuverlässige Moral und Casuistik sich fände? — Der große Lehrer de.r Moral, der heilige AlphonS von Liguori, sollte keinem Geistlichen unbekannt seyn, und wenn auch nicht seine große Moral, sollte doch wenigstens der domo spo8tolicus, oder die treffliche Bearbeitung deS heiligen AlphonS von Neyraguet in der Bibliolhek deS Priesters sich finden. ' In der Diöcese Briren und wohl weit über ihre Gränzen hinaus hat die Moral Stapfe» in lateinischer und deutscher Bearbeitung sich eingebürgert und ein Ansehen erlangt, wie nicht leicht ein anderes Werk gleicher Art, mit Ausnahme dessen von Liguori. Ihr fortwährendes Studium dürfte für den Landgeistlichcn genügen; doch wird es immerhin auch gut seyn, in den Schriften des heiligen AlphonS von Liguori fleißig nachzulesen, in Hinsicht auf gewisse Materien auch ein oder das andere der neuesten Moralwerke von Fuchs, Probst und Hirscher zu studiren. (Schluß folgt.) ?ZÄ chuv nin? isi__ ^llkk Sü^isültz 5i0 ,5,nf -,',!jk I^Sl ^MnchK !I? MZÄ N o m» lN!>G sr^M rttisU li?Z^7Z n'-'lzs Rom, 30. Jan. Das Ponlificat Pius IX. wird wie durch manche andere zum Wohls der streitenden Kirche getroffenen Maaßregeln, so auch besonders durch die Beförderung der Ehre, welche der triumphirenden Kirche auf Erden erwiesen wird, ausgezeichnet seyn. Die Processe der Seligsprechung vieler Diener und Dienerinnen GotteS sind unter ihm bedeutend vorangerückt, einige beendigt, andere dem Ende nahe. In einer am 27. dieses Monats gehaltenen Eongregalion wurde die Frage gestellt, ob in Folge der, wie ich Ihnen jüngst meldete, beendigten Untersuchungen über den Martertod und die Wunder deS ehrwürdigen Johannes de Britto aus der Gesellschaft Jesu zur feierlichen Seligsprechung vorangeschritten werden könnte; eine Frage, welche wenigstens beim gewöhnlichen Verlaufe der Dinge keiner Schwierigkeit unterliegen kann. Denn sie sich von selbst versteht, geht man zu dieser Frage nur über, wenn die erwähnten Untersuchungen günstig ausgefallen sind. In derselben Kongregation werden auch die Cardinäle über die Wunder, welche auf die Fürbitte des ehrwürdigen Johannes Grande, eines Spaniers aus dem Orden der barmherzigen Brüder, von Gott gewirkt worden, vernommen. Der heilige Vater spricht sich während der Berathung s.!bcr nicht auS, um eine so wichtige Entscheidung erst Gott im Gebete zu empfehlen; doch hat man jetzt bereits erfahren, daß die Bestätigung jener Wunder nächstens erfolgen wird, und somit wären denn auch die vorbereitenden Untersuchungen für diesen Proceß vollendet. Aber auch jene, die über den von den Ketzern gemarterten Andreas Bobola aus der Gesellschaft Jesu angestellt worden, sind dem Ende nahe, und man darf die päpstliche Entscheidung nach einigen Wochen erwarten. Da nun aber auch, wie ich Ihnen zur Zeit geschrieben habe, der Proceß für die Seligsprechung der ehrwürdigen Jungfrau Maria Anna von Jesu auö Quito in Amerika bereits zu Ende geführt ist, so werden wir, so Gott will, binnen kurzer Zeit vier Seligsprechungen erleben. Rom, 4. Febr. Gestern hat der heilige Vater ein Decret veröffentlichen lassen, durch welches mehrere Werke von Bedeutung verworfen und verboten werden. 80 Unter diesen liest man sämmtliche Schriften des Priesters Vincenz Gioberti. Schon vor einigen Jahren hatten mehrere Bischöfe Italiens auf einer Provincial- Synode vereinigt den heiligen Vater gebeten, die Werke jenes TageShelden untersuchen zu lassen und sein Urtheil darüber der Christenheit bekannt zu machen. Es handelte sich aber vornehmlich um die früheren Schriften Gioberti'S — denn sein l-ssuits moclsrno wurde eben um jene Zeit schon verurtheilt — um die früheren Schriften Gioberti'S, sage ich, durch welche er sich nicht nur in Italien, sondern auch in dem übrigen Europa den Namen eines christlichen Philosophen erworben hatte. Viele, auch Gelehrte waren durch ihn getäuscht worden, jedoch nicht Alle. UebrigcnS ist eS durch Briefe und zur Zeit Pseudonyme Aufsätze deS Verfassers in einer Zeitschrift deS jungen Italiens jetzt gewiß, daß Gioberti jene philosophischen Schriften, durch die er die Religion zu vertheidigen schien, mit kalter Bosheit zur Untergrabung deS Glaubens verfaßt halte. Möchte man nach so vielen Betspielen endlich aufhören, neuen Systemen, wenn sie nur glänzend sind, voreilig zu huldigen. Ein anderes Werk, daS durch jeneö Decret den verbotenen Büchern beigezählt wird, ist die Geschichte der gallicanischen Kirche von dem Priester Guett6e. Der Verfasser ist bemüht, die sogenannten gallicanischen Freiheiten und andere Grundsätze, die man gegen ältere kirchliche Institutionen in neuerer Zeit geltend machen wollte, auf solche Weise in Schutz zu nehmen, daß sie zugleich den socialistischen Plänen dienen könnten. — Endlich sind durch dasselbe Decret auch die Werke ProudhonS und Eugens Sue'S verdammt. Dieß könnte vielleicht in so fern Verwunderung erregen, als derlei abscheuliche Schriften schon durch die öffentliche Meinung hinlänglich gebrandmarkt zu seyn scheinen. Allein die Erfahrung lehrt, daß eS nicht ohne heilsamen Einfluß ist, wenn auch über diese die von Gott zur Lehrerin der Völker bestellte Kirche ihr Urtheil feierlich auSspricht. Daher ist eS denn auch der Gebrauch, nicht zwar alle derartigen Schriften, wohl aber jene, die größeres Aufsehen erregen und ihren Verfassern eine traurige Berühmtheit verschafft haben, dem Verzeichniß der verbotenen Bücher einzuverleiben. (M. Sbl) cknu? di ,ttizMKr'»W-«2sMutStz »nSlMiNn .,',5 5kMV 'm»z Schweden. Stockholm, 6. Febr. Vorgestern, den 4. Febr. —nach unserm Kalender noch heute der Gedächtnißtag des heil. AnSgariuS, Apostel der Schweden — begann vor dem hiesigen Swea-Hofgericbt der Religionsproceß gegen den kath. Pfarrer und die Vorsteherin der kalh. Mädchenschule, welche deS ProselytismuS und der Aufnahme luth. Kinder in die kath. Schule angeklangt worden. Der Pfarrer erschien ohne Advocaten, die Vorsteherin in Begleitung deS Baron Th. Cederström, ihres Advocaten, und deS Baron Armfeldt, deS vom Gericht ihr angewiesenen Dolmetschen. Die Vorsteherin versteht nur Französisch. An diesem Tage handelte eS sich nur um gerichtliche Feststellung der Thalsache, wobei der Ankläger, ein armer Mann (ein Norweger), der sichtlich zu dieser Sache bedungen worden, eingestand, keine Zeugen zu haben, daß der kath. Pfarrer oder die Vorsteherin irgend Ueberredung oder Verlockung zum Abfall von der Staalskirche angewendet hätten; — und da alle Jeue, welche zur kathol. Kirche übergetreten, ihr Geständniß längst dahin gemacht, daß sie diesen Schritt aus voller Ueberzeugung und mit Wissen der strafgesetzlichen Folgen gethan, ohne anderes Zuthun deS Pfarrers, als daß er ihnen auf ihre Bitten hin die Aufnahme in die kathol. Kirche nicht verweigert habe, so ist man hier gespannt darauf, zu erfahren, welche Strafbestimmung der StaaiSanwalt auf diese passive Theilnahme am „Verbrechen" hin beantragen werde. Ueber die Wahl des TageS von Seite deS Hofgerichtes zur Eröffnung dieses Processes bemerkte der Pfarrer vor Gericht, daß er an diesem Tage, dem Erinnerungstage deS h. Ansgar, wegen derselben Lehre vor Gericht stehe, welche vor tausend Jahren (i. I. 853) dieser Apostel Schwedens dem Lande verkündet habe, und daß er somit aus dieselbe Unbefangenheit von Seite deS christl. Gerichtes hoffen dürfe, welche das heidnische Gericht dem hl. AnSgar angedeihen ließ. (D. V. H ) Verantwortlicher Redacteur: L. Schvnchcu, Verlags-Juhaber: F. C. Kremer. Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojtzeitung. 14. März II. 185S. ^-.- > Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonuementsvrei» kr., wofür e« durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werde» kaun. Hirtenbrief des Hochwürdigsten Herrn Wilhelm Emmanuel, Bischofs von Mainz, zur Fastenzeit 1832. Wilhelm Emmanuel, durch GotteS Erbarmunq und deS heiligen apostolischen Stuhles Gnade Bischof von Mainz. Unserem Ehrwürdigen KleruS und unseren geliebten Diöcesanen Gruß und Segen in dem Herrn. Die Zustände in einzelnen Theilen der Diöcese, insbesondere in der Stadt Mainz selbst, haben mich im vorigen Jahre genöthigt, den RongeaniSmuS, der sich den Namen Deutschkatholicismus beigelegt hat, zum Gegenstand meines Hirtenbriefs zu machen, und daS Verhältniß dieser Secte zur katholischen Kirche auseinanderzusetzen. Zu diesem Ende habe ich damals die Grundwahrheiten deS Christenthums und die Lehren der rongischen Secte nebeneinandergestellt und von einer Wahrheit zur anvern bewiesen, daß jedes geistige Band zwischen Christenthum und RongeaniSmuS zerrissen ist. Selbst die Taufe, die, wenn sie im Geiste der Kirche Christi gespendet wird, die Täuflinge Aller christlichen Konfessionen mit der einen, heiligen, katholischen, apostolischen Kirche verbindet, und sie so lange in der Gemeinschaft der Kirche erhält, bis sie durch selbstverschulveten Irrthum sich freiwillig von derselben trennen, hat der RongeaniSmuS, nicht dem Namen, aber der Sache nach, verworfen, und Kinder, die in dem Geiste dieser Secte getauft iverden, erhalten nur den Schein der Taufe und gehören nicht dem Christen- thume an. Die Wahrheit dieser Aussage ist mit Gründen nicht widerlegt worden und hat dadurch eine neue Bestätigung erhalten. Man hat zwar zu behaupten versucht, daß doch der Glaube an einen Golt den sogenannten Deutschkatholicismus noch mit unS vereine. Wenn man aber die durch Schrift und Wort bekannt gewordenen Lehren der Verkündiger dieser Secte näher prüft, so stellt sich nur zu klar heraus, daß die Rongeaner in derselben Weise an Gott glauben, wie sie Christus verehren, wie sie sich katholisch nennen unv von Taufe und Abendmahl reden, d. h. daß sie altchristliche Namen gebrauchen und damit einen unchristlichen, ja antichristlichen Sinn verbinden. Diese Art zu handeln erstrecken sie sogar bis auf ihre Lieder. Bei ihrem sogenannten Gottesdienste nehmen sie alte volkSthümliche Gesänge der katholischen Kirche, behalten die alten Melodien und einzelne Verse dieser Lieder bei, streuen aber zwischen durch neue Verse, die eben ihre Irrlehre enthalten und der Lehre der Kirche widersprechen. Gewiß wird da Niemand in Wahrheit sagen können, daß sie mit der Kirche noch dieselben Gesänge gemein haben. .s!lll,kZ7(Is>WT 7lM?MÄ> Eben so machen sie eS mit den erhabensten Namen des Christenthums. Wie sie dort unter der Melodie der alten Kirchenlieder dem Volke die ungeheure Kluft zudecken, die sie zwischen den Anhängern ihrer Secte und den Kindern der Kirche reißen, so bedienen sie sich hier alter christlicher Bezeichnungen und haben wenigstens nicht den Muth, den Abgrund aufzudecken, dem sie unser Volk zuführen, ES ist aber doch klar, daß nicht Worte, sonvern die Uebereinstimmung in dem Sinn der Worte eine geistige Gemeinschaft begründen. Dem Christen ist Christus der eingeborne Sohn Gotteö, vom Vater geboren in der Ewigkeit. Gott von Gott, Licht vom Lichte, wahrer Gott vom wahren Gotle; erzeugt, nicht erschaffen, mit dem Vater von gleicher Wesenheit und Schöpfer von Allem. Er ist für unS Menschen und für unser Seelenheil vom Himmel herabgekommen, empfangen vom heiligen Geiste, geboren auS Maria der Zungfrau und Mensch geworren. Er ist für unS gekreuzigt unter PontiuS PilatuS und begraben, am dritten Tage aber wieder auferstanden nach der Schrift, aufgefahren gegen Himmel unv sitzet jetzt zur Rechten veS Vaters, von dannen er kommem wird in großer Glorie, zu richten die Lebendigen und die Todten, und seines Reiches wird kein Ende seyn. Den Rongeanern dagegen ist der Weltheiland ein bloßer Mensch. Sie machen eS aber nicht wie die Juden, denen Christus ein Aergerniß war, weil er sich für Gott ausgab, oder wie die Heiden, denen er aus demselben Grunde eine Thorheit war und die ihn deßhalb verlachten. Dem Sohne Gottes ist für unsere Zeit ejne neue Schmach vorbehalten, die alle christlichen Seelen mit unendlichem Schmerz erfüllen sollte. — Der Unglaube hat zunächst in Frankreich eine neue Gotteslästerung erfunden. So wie der Teufel einst in der Wüste die Worte GotteS gegen Gott, gebrauchte und mit Gottkswort Christus versuchte, so sucht der Unglaube unserer Tage den Gesalbten GotteS, Jesus Christus, der gekommen ist, um die Menschen zu erlö,en und sie zur Liebe, zur Erkenntniß und zum Dienste GotteS zurückzuführen, zu benutzen, um die Menschen durch Ehristus selbst von Gott abzuwenden. Die Socialisten und Commu nisten Frankreichs wagen eS deßhalb, auf ihre Fahne den Namen Christus zu schreiben. Sie machen ihn zu einem ihres Gleichen, sie verdrehen und entstellen seine erhabene Lehre, und mit Christus kämpfen sie so gegen Christus uno gegen Gott, der ihn gesandt hat. Die Geschichte lehrt unS, daß einst die Heiden, um ihren Sünden freien Lauf zu lassen und die Stimme deS Gewissens zu erdrücken, Götzen, die sie selbst gemacht hatten, ihre Laster beilegten, und so meinten sie den Göttern zu dienen, wenn sie die Laster übten. Unter dem Scheine deS Gottesdienstes dienten sie so dem Teufel. — Ganz dasselbe Verbrechen sehen wir jetzt an Christus üben. Die Menschen legen die Lügen deS eigenen HerzenS, die auS dem Lügner von Anbeginn geboren sind, Christus, dem Gotle der Wahrheit, bei, und zur Bestätigung der Lüge berufen sie sich auf daS Leben un.d das Wort der Wahrheit. Mit dem Namen Christus kämpft der Antichrist gegen Christus und ruft, wie eS vorhergesagt ist, unter die Völker auS: Hier ist Christus! Ganz ähnlich, wie in Frankreich die Socialisten, machen eS nun auch die ChristuS- läugner in Deutschland, von denen die Rongcaner nur eine Abart sind. Auch sie wollen unS bereden, daß man Christus seit achtzehnhundert Jahren nicht gekannt habe. Die Blutzeugen, die Heiligen, die Scbaar seiner Jünger bis heute — soll ihn nicht gekannt haben, sie aber wollen unS den Geist der Lehre Jesu Christi eröffnen. Auch sie rnfen: Hier ist Christus! auch sie kämpfen unter der Fahne deS Antichrists unter dem Namen Clmstus gegen Christus. Wie mit dem Namen Christus, so macht man eS nun auch mit dem heiligen Namen Gottes. Dem Christen hat sich Gott geoffenbart und er kennt den Gott, den er liebt, dem er dient. Dem Christen ist Gott „der König der Ewigkeit, der Unsterbliche, der Unsichtbare, der alleinige Gott, dem alle Ehre und Herrlichkeit gebührt in alle Ewigkeit" (i. Tim. 1, 17.).--Er hat daö Weltall nach seiner WillenSbestim- 83 mung ins Daseyn gewiesen. „Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde" (1. Mos. 1,1). „Er schuf die Himmel und spannte sie auS; er erhält die Erde und was darin sproßt; er gibt Odem dem Volke, das darauf ist, und Geist denen, die darauf wandeln. Er ist der Herr, daS ist sein Name: Er gibt seine Ehre keinem Andern und seinen Ruhm nicht den Götzen" (Js. 42, 5. 6. 8,). ^Die Himmel erzählen die Herrlichkeit dieses GotteS, und das Firmament verkündet die Werke seiner Hände. Aon ihm gibt Zeugniß ein Tag dem andern, von ihm gibt Kunde eine Nacht der andern. Ueber die ganze Erde geht aus ihr Schall und bis an die Enden des Erdkreises ihr Wort" (Ps. 18. 2. 3. 5.). Deßhalb rufen wir Christen freudenvoll auS: „Kommet, lasset unö frohlocken dem Herrn, jubeln Gott unserm Heilande, . .. denn ein großer Gott ist der Herr und ein großer König über alle Götter. In seiner Hand sind alle Gränzen der Erde, und die Höben der Berge sind sein. Sein ist daS Meer, denn er hat eS gemacht, und daS Trockne haben seine Hände gebildet. Kommet, lasset uns anbeten und niederfallen und weinen vor dem Herrn, der uns gemacht hat; denn er ist der Herr unser Gott und wir sind daS Volk seiner Weibe und die Schafe seiner Heerde" (Ps. 94, 1. u. ff.). Er hat unS gemacht, deßhalb gehören wir ihm, wie daS Gefäß dem Töpfer, der es gebildet hat. „Mache dich aiif, ruft Gott unS zu, und gehe hinab in des Töpfers HauS und merke da, was ich dir sagen werde. Und ich ging hinab in deS TöpscrS HauS und siehe, er arbeitete eben auf der Scheibe. Und daS Geschirr, das er auS dem Thon machte mit seinen Händen, zerbrach: und er machte wieder ein anderes Geschirr daraus, so wie eS ihm gutdünkte, eS zu machen. Da erging daS Wort des Herrn an mich und sprach: . .. . Siehe, wie der Thon in deS Töpfers Hand, also seyd auch ihr in meiner Hand".. (Jer. 13, 2. u. ff.). „Und dieser Gott, Geliebteste, er ist nicht fern von unö, denn in ihm leben wir, in ihm bewegen wir unS, in ihm sind wir" (Apostelg. 17, 27. 28.). Wir können ihm Nichts verbergen: „Er ist ein Richter der Gedanken und Gesinnungen deS Herzens. Es ist kein Geschöpf vor ihm verborgen, AllcS ist nackt und offenbar vor den Augen dessen, bei dem wir Rechenschaft zu geben haben" (Heb. 4, 12. 13.). Wir können seinen Augen und seinen Händen nicht entfliehen: „Wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht«? Steig ich gen Himmel, so bist du da; steig ich in die Hölle, so bist du da. Nehme ich Flügel von der Morgenröthe und wohne ich am äußersten Ende deS MeereS, so wird auch dahin deine Hand mich führen, und deine Rechte mich halten. Und spreche ich: Vielleicht kann Finsterniß mich decken, so wird die Nacht zum Licht bei meinen Lüsten; denn die Finsterniß ist nicht dunkel vor dir, und die Nacht ist hell wie der Tag. Du hast meine Nieren in deiner Gewalt, du nahmst dich meiner an von meiner Mutter Leibe her. Ich preise dich, daß du so schauerlich groß bist: wunderbar sind deine Werke und meine Seele erkennt sie gar wohl" (Ps. 138, 7.). Diesen schauerlich großen Gott erkennen, ist unS die wahre Weisheit, und nur durch die Furcht GotteS gelangen wir zu dieser Erkenntniß. Der Mensch vermag zwar Vieles mit den natürlichen Kräften, die ihm Gott gegeben hat. Er ist in die Geheimnisse der Naturwissenschaften eingedrungen. „Er hat erforscht den Ursprung der Adern deS Silbers und den Ort des GolteS, daS man schmelzet. Er hat den Eisenstein auS der Erde genommen und den Stein in der Hitze zu Erz geschmolzen. Er hat die Finsterniß überwunden. daS Ziel aller Dinge erforscht und ist in daS Dunkel deS Steines und in die Schatten deS TodeS eingedrungen. Er hat die Erde mit Feuer unterwühlt, auf deren Oberfläche Brod aufging an seinem Orte. Er ist Wege gewandert, die kein Vogel kannte, noch daS Auge eines Falken schaute. Er brach Ströme durch Felsen und sein Auge sah waS kostbar war auf Erden. Auch die Tiefe der Flüsse erforschte er und brachte daS Verborgene anS Licht" (Job 23, 2. u. ff). So sprach schon der alte Dulder Job vor Jahrtausenden. Und die Menschen haben seitdem fortgefahren, das Ziel aller Dinge zu erforschen, in daS Innere der Natur und ihrer Geheimnisse einzudringen und dennoch können wir auch heute noch mit Job fragen: „Aber die Weisheit, wo wird sie 84 gesunden? Wo ist der Ort des Verstandes? Nicht kennt der Mensch ihren Preis, noch findet man sie im Lande derer, die wollüstig leben. Der Abgrund sagt: In mir ist sie nicht I und das Meer sagt: Bei mir ist sie nicht! Man kann sie nicht kaufen sür daS beste Gold; noch Silber abwägen, um sie umzutauschen; nicht vergleichen mit Indiens gesättigtem Farbenschmucke, noch mit den köstlichen Steinen Sardonich und Saphir und was sonst hoch und erhaben ist. Woher kommt sie also die Weisheit? und wo ist der Ort deS Verstandes? Verborgen ist sie gar den Augen aller Lebenden, auch den Vögeln des Himmels verhüllt. Selbst das Verderben und der Tod sprechen: Unsere Ohren haben nur fernher ihren Ruf vernommen." Und nun, Geliebte, geht Job dazu über, die große Frage: Woher kommt die Weisheit? zu beantworten: „Gott weiß den Weg zu ihr und er kennt ihren Ort. Er schaut die Enden der Welt und sieht Alles, waS unter dem Himmel ist. Er gab den Winden Gewicht und wog nach dem Maaße die Wasser. Er gab dem Regen Gesetz und einen Weg den tobenden Wettern. Er sah sie, er offenbarte sie, er bereitete und erforschte sie. Und er spricht zu dem Menschen: Siehe die Furcht deS Herrn, das ist die Weisheit, — und das Böse meiden, das ist Verstand" (Job 28,). O, Vielgeliebte, sehet, daS ist der Gott der Christen, und der Weg, um zu diesem Gott zu gelangen. Das ist der Gott deS alten Bundes, der Gott Abrahams, JsaakS und Jakobs; der Gott, den alle Gerechten anbeten und lieben vom Tage der Schöpfung bis zum Ende der Welt; der Gott, der auch unS Menschen, seine armen Geschöpfe, der euch Alle so liebt, daß er durch den Mund seiner Propheten auf die Klage: „Der Herr hat mich verlassen, der Herr meiner vergessen!" antwortet: „Kann denn ein Weib ihres Kindes vergessen, daß sie sich des SohneS ihres Leibes nicht erbarmte? Und wenn sie eS vergäße, so will doch ich dich nicht vergessen (Js. 49, 15.)! Siehe, in meine Hände habe ich dich gezeichnet.« Ja noch mehr: „Der also die Welt geliebt hat, daß er seinen eingebornen Sohn hingab, damit Alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern daS ewige Leben haben" (Joh. 3, 16.); das ist der Gott, vor dem die Engel und heiligen Geister im Himmel liegen und Tag und Nacht rufen: „Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herr, der Allmächtige, der da war, und der da ist und der da kommen wird;" vor dessen Thron Andere ihre Kronen niederlegen und bekennen: „Würdig bist du Herr, unser Gott, zu empfangen Preis und Ehre und Kraft, denn du hast alle Dinge geschaffen und durch deinen Willen wurden sie und sind sie geschaffen" (Apostelg. 4, 8. 11.). DaS ist der Gott, den der Sohn Gottes unS offenbarte, den die Apostel verkündeten, für den die Blutzeugen gestorben sind, für den die heiligen Bekenner die Welt für Koth hielten! von dem die heiligen Lehrer der Kirche ihre GotteSweiSheit schöpften, dem die Schaar heiliger Jungfrauen gefolgt ist, zu dem wir im heiligen Geiste beten dürfen: Abba, Vater! der alle unsere Thränen fließen sieht und heilen kann. DaS ist, Vielgeliebte, der Gott, von dem unS der Heiland gesagt hat: „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben aus deinem ganzen Herzen und auS deiner ganzen Seele und auS deinem ganzen Gemüthe" (Match. 22, 37.). DaS ist also endlich der Gott, in dessen Liebe, Lob und Preis sich Alles vereinigen soll, waS im Himmel und auf Erden ist: „Preiset den Herrn, ihr alle Werke deS Herrn, lobet und erhebet ihn über Alles in Ewigkeit. Preiset den Herrn, ihr Engel deS Herrn, lobet und erhebet ihn über AlleS in Ewigkeit. Preiset ihr Himmel den Herrn, lobet und erhebet ihn über AlleS in Ewigkeil. Sonne und Mond.... Sterne deS Himmels, preiset den Herrn, lobet und erhebet ihn über AlleS in Ewigkeit. Die Erde lobe den Herrn, sie lobe und erhebe ihn über AlleS in Ewigkeit. Berge und Hügel.... AlleS was grünt auf Erden.... Meere und Flüsse.... Ihr Vögel deS Himmels preiset den Herrn, lobet und erhebet ihn über AlleS in Ewigkeit. Ihr Menschenkinder preiset den Herrn, lobet und erhebet ihn über AlleS in Ewigkeit. Israel preise den Herrn, cS lobe und erhebe ihn über AlleS in Ewigkeit. Ihr Priester des Herrn, preiset den Herrn, lobet und erhebet ihn über AlleS in Ewigkeit. Ihr Diener deS Herrn, preiset den Herrn, lohet und erhebet ihn über Alles in Ewigkeit. Ihr Geister und Seelen 85 der Gerechten preiset den Herrn, lobet und erhebet ihn über Alles in Ewigkeit. Ihr Heiligen und von Herzen Demüthigen preiset den Herrn, lobet und erhebet ihn über Alles in Ewigkeit" (Daniel 3, 57.). Das ist der Gott der Christen, der wahre, lebendige, persönliche, ewige Herr Himmels und der Erde. WaS ist aber der Gott der Rongeaner? Ein Wesen, das sie nicht näher zu bezeichnen wagen, ein sogenannter Weltgeist, von dem man nicht weiß, ob er ein von der Welt verschiedenes persönliches Daseyn hat, oder ob er nichts anderes, als die Naturkraft ist. Als der Apostel im Areopag zu Athen den Gott der Christen den Heiden predigte, sprach er: „AIS ich umherging und eure Götterbilder sah, fand ich auch einen Altar, auf dem geschrieben stand: dem unbekannten Gotie. Was ihr nun, ohne es zu kennen, verehrtet, das verkündige ich euch! Gott, der die Welt gemacht hat" (Apostelg. 17, 23). Seitdem ist der unbekannte Gott auch den Heiden bekannt geworden; die Rongeaner aber wollen den Altar deS unbekannten GotteS wieder in unserer Mitte errichten. Christus hat uns befohlen, einen Gott zu verehren, den wir kennen, den wir lieben sollen auS ganzem Herzen, auS allen Kräften, aus unserm ganzen Gemüthe; die Rongeaner aber verehren einen Gott, bei dem sie nichts denken, den man also nicht lieben, dem man nicht dienen kann. So ist eS also wahr: daS Christenthum hat nichlS gemein mit dem Ronge- thum. Der Christus und der Gott der Christen ist nicht das, waS die Rongeaner Gott und Christus nennen. — Ich bin aber weit entfernt, zu sagen, daß alle Jene, die sich jetzt äußerlich zu dieser Secte bekennen, den Glauben an Gott und Christus . verloren haben. Ich glaube vielmehr, daß eben der Mißbrauch unserer Namen, unserer Gesänge, mit einem romanhaften, sentimentalen Wesen umkleidet, viele Unwissende nur irre geführt hat und daß viele unter ihnen nicht wissen, in welche Hände sie gefallen sind. Wenn ihr mich aber fragt, Vielgeliebte, warum ich noch einmal auf diesen Gegenstand zurückgekommen bin, so will ich auch darauf eine Antwort nicht schuldig bleiben. Zunächst hat mich dazu das Verhältniß des RongeanismuS zu dem Unglauben der Gegenwart im Allgemeinen bestimmt. Der RongeaniSmuS ist nicht etwas für sich Bestehendes, sondern nur ein Glied in der großen Kette der Ver- irrungen aller Jener, von denen der königliche Prophet sagt: „Warum toben die Heiden und sinnen die Völker auf Eitles. ES stehen auf die Könige der Erde und kommen zusammen die Fürsten wider den Herrn und wider seinen Gesalbten! Lasset uns zerreissen ihre Bande und von unS werfen ihr Joch" (Ps. 2, 1.)! In katholischen Ländern Deutschlands nennen sie sich „Deutschkatholische," weil sie unter diesem Namen leicht Eingang bei Katholiken finden, in protestantischen nennen sie sich „freie Gemeinden." In andern Ländern nehmen sie wieder andere Namen an. Im letzten Grunde gehören zu ibnen alle Jene, welche einen übernatürlichen Gott und eine übernatürliche Offenbarung nicht anerkennen und im Widerspruche mit aller gesunden Vernunft den Geist des Menschen als den höchsten Geist an die Stelle GotteS setzen wollen, alle Jene, die wider Gott und seinen Gesalbten ausstehen, die daS Gesetz GotteS, daS Gesetz Jesu Christi zerreißen und sein Jock abschütteln wollen. Ferner haben mich zu dieser abermaligen Erklärung einige Vorgänge in unserm engern Vaterlande bestimmt. Man hat, wie Euch bekannt geworden ist, meinen Hirtenbrief, in dem ich, Euer katholischer Bischof, Euch, den Katholiken dieses Landes, einfach den RongeaniSmuS als den Widerspruch gegen das Christenthum bezeichnet habe, als eine maßlose Verhöhnung, Verleumdung und Provocation vor die Stände dieses Landes gebracht. Die zweite Kammer hat diese Beschwerde zur geeigneten Maßnahme an die Regierung übergeben. Ich glaube nicht, daß etwas AehnlicheS noch in der Welt vorgekommen ist. Ich habe in meinem Hirtenbriefe die Wahrheit gesprochen. Die Lehre der katholischen Kirche ist eine weltkundige 86 Thatsache, die nicht ich gemacht habe, von der ich kein Jota abnehmen kann. Ich habe dieser wellkundigen Lehre die Lehre der Secte des sogenannten Deutsch- kalholiciSmuS gegenübergestellt und gezeigt, daß dieser der volle Widerspruch von jener sey. Niemand hat cö vermocht, einen einzigen Gedanken an dieser Gegenüberstellung als unwahr nachzuweisen Habe ich unwahr gesprochen, so zeigt es! Man kann es nicht. Und das AuSsprechen der katholischen Wahrheit soll eine maßlose Verhöhnung, Verleumdung und Provocalion seyn? Und die zweite Kammer deS GroßherzoglhumS erkennt in dieser Anschuldigung nicht eine maßlose Verhöhnung und Verleumdung meines Hirtenbriefs, sondern übergibt eine solche Beschwerde der Regierung zur geeigneten Maßnahme I Der Apostel sagt: „Es gibt einige Menschen, die euch verwirren und das Evangelium Christi zu verkehren suchen. Aber wenn auch wir, oder ein Engel vom Himmel euch ein anderes Evangelium verkündigte, als wir euch verkündigt haben, der sey verflucht" (Gal. 1, 7. 3.)I und ich soll Euch nicht einmal warnen vor ChristuSläugnern, soll Euch nicht einmal sagen, daß eS ChristuSläugner in unserer Mitte gibt. Ein anderes Ereigniß hängt mit diesem enge zusammen. Die Secte der Ron« geaner hat zu wiederholten Malen den Vorstand der Stadt Mainz ersucht, ihnen städtische Locale zu ihren Versammlungen einzuräumen, und man hat ihr Gesuch erfüllt. Der Vorstand einer Stadt, in der vom Anfange deS Christenthums das Evangelium von der Erlösung gepredigt wird, die alles Gute und Große, waS sie besitzt, dem Christenthums verdankt, in der die unermeßliche Mehrzahl der Bewohner noch in Christus ihren Erlöser anbetet und verehrt, hat keinen Anstand genommen, ihre Locale einer Secte zu öffnen, die die Gottheit Christi offen läugnet und den Glauben der Kirche Christi verspottet und verhöhnt. Solchen Ereignissen gegenüber ist eS meine Pflicht, um so entschiedener das Kreuz Christi in die Höhe zu halten und Euch zuzurufen: „ES ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, wodurch wir selig werden können; als der Name deS Gesalbten deS Herrn Jesu Christi" (Apostelg. 4, 12.). (Fortsetzung folgt.) zchiil t-i vl.'KdtllvZg'n»K ?;»y»G ?>5 lttöuvtg >-?zV iz! zli;A lttijviv izÄ ni L5ilG n!i 7un nrz^nm ,h?Zs!:6?stsV chis M Die Bibliothek eines Landgeistlichen. (Schluß.) Der Priester soll täglich die heilige Schrift lesen, nicht als gelehrter Eregete, yder gar als Kritiker, das ist nur die Sache Weniger, sondern als ein solcher, der selbst ein Evangelist deS Volkes seyn soll; betend und meditirend soll er sie lesen. Allein dazu bedarf er dennoch eines zuverlässigen AuSlegerS, der ihm zeigt, wie in der Kirche die Schrift verstanden wird. Es genügt zu diesem Zwecke an wenigen Büchern, da eS sich ja nicht bei dem gewöhnlichen Priester darum handeln kann, auf der Höhe der eregeiischen Wissenschaft zu stehen, sondern die heilige Schrift richtig und im Geiste der Kirche zu verstehen. Irgend ein katholischer Commentaior der ganzen heiligen Schrift, Cornelius a Lapide, Tirin, Calmet, oder doch wenigstens deS neuen Testamentes, Maldonat, EstiuS, Maßl, ist daher gewiß wünschenSwerth in der Bibliothek eines Geistlichen. Protestantische Commenlare sind nicht blos überflüssig, sondern, wo sie nicht zu gelehrten Zwecken nothwendig sind, geradezu vom Uebel. Will ein Priester die Resultate der exegetischen Forschungen der neuern Zeit kennen lernen, so findet er sie in den Werken von Hug, Herbst, Welle, Hanebcrg, Maier, Schegg u. A. Auch ein Handbuch deS KirchenrechteS, aber kein josephinischeS oder protestan« tischeS, soll der Geistliche haben. Er soll wissen, waS heute der Kirche Recht ist, Welche kirchlichen Normen, welche Gesetze heute noch zu Recht bestehend sind und verbindende Kraft haben, und welche von den neuesten kirchlichen Normen den Slem- 87 pel der Kalholicität besitzen. Die Wissenschaft deS Kirchenrechtcs ist von sehr großer Bedeutung, und eS kommt deßhalb sehr viel darauf an, auö welchen Quellen sie geschöpft wird. ES gibt Lehrbücher deS KirchenrechtcS, die Grundsätze enthalten, welche im Leben angewandt der Kirche tiefe Wunden geschlagen haben, die der Kirche Rechte ab- und dem Staate zusprechen, welche der Ersteren doch von ihrem göttlichen Stifter eingeräumt sind. AlS Handbücher soll man dergleichen in der Bibliothek eines Geistlichen nicht finden, sondern nur solche, die Gott geben, waö GotteS, und dem Kaiser, waS des Kaisers ist, wie daS Lehrbuch von Walter, daö Kirchenrecht von Phillips und von Pachmann, und unter den lateinischen daS von Devoti. Eine katholische Kirchengeschichte ist gleichfalls für den Geistlichen nothwendig, oder doch wenigstens wünschenSwerth, desgleichen ein gutes liturgisches Werk, eine Anleitung zur Pastoration und insbesondere zur Verwaltung deS heiligen Sacramen« teS der Buße und ein gutes katechetisches Werk, Indessen halten wir nicht dafür, daß die bloße Lectüre von Lehr- und Handbüchern hinlängliche theologische Nahrung gewähre. Kann auch nicht jedem Geistlichen ein förmliches Studium der Väter und der kirchlichen Quellen angemuthet werden, so sollte doch Jeder mitunter auS diesen Quellen trinken, in denen das lebendige Wasser gleichsam unmittelbar aus dem Felsen sprudelt. ES ist eine ganz andere Sache die Wahrheit aus dem Munde eines heiligen Kirchenvaters, als aus dem eines, wenn auch noch so tüchtigen Professors zu vernehmen. Daher ist eö so gut, wenn ein Geistlicher daS eine oder das andere Buch eines Vaters besitzt und liest. In den Iristitutioneg patrologiae von vr. Feßler ist Jedem zur Kenntniß und Lesung der Väter eine sehr tüchtige und praktische Anleitung geboten. DaS nun scheint das Wichtigste, waS über die nothwendigen Bücher zum fortwährenden Studium der heiligen Wissenschaften zu sagen ist. Wenden wir uns zu den Büchern, welche die Wissenschaft der Heiligen betreffen. Da müssen wir vor Allem gestehen, daß eS in dieser Beziehung in gar manchen geistlichen Bibliotheken nicht am Besten bestellt ist, und das sollte nicht seyn. Ein Priester, der nicht betrachtet, ist todt in sich und für Andere, mag er auch lebendig scheinen; er wird nicht predigen wie Einer, der Gewalt hat; das Wort GotteS wird nicht fruchtbar seyn in seinem Munde. Die theologische Wissenschaft allein heiligt weder den Geistlichen noch seine Zuhörer und Beichtkinder. Ehe sie fruchtbar werden kann, bedarf die theologische Wahrheit einer Zubereitung, die kein Studium verleihen kann; sie muß zuerst durch Betrachtung und Gebet in die Seele des Priesters aufgenommen, und hier auS abstrakten Begriffen zu Geist und Leben werden, und nur als Geist und Leben, nicht aber als todler Begriff kann sie dann befruchtend von Kanzel und Beichtstuhl und auS jedem Wort deS Priesters überströmen in die Herzen der Gläubigen. Nun wissen wir wohl, daß man betrachten kann auch ohne BctrachtungSbücher; aber wir glauben, daß, wer gern betrachtet, sich auch gern die Werke jener GeisteSmänner anschafft, die besser haben betrachten können, als wir. Auch glauben wir, daß, einige wunderbare Ausnahmen abgerechnet, noch kein Priester ohne alle Hilfsmittel die Kunst der Betrachtung in dem Grade gelernt hat, daß er nun keines Buches mehr bedarf. Von den eigentlichen BetrachtungSbüchern verschieden sind die Bücher zur geistlichen Lesung, die der Priester ebenfalls so sehr benölhiget. Wir wollen von den BetrachtungSbüchern Eines hervorheben, das statt einer Bibliothek dienen kann, die Betrachtungen über die vorzüglichen Geheimnisse deS Glaubens von Ludwig de Ponte, dessen deutsche Uebersetzung nun mit dem sechsten Bande vollendet ist. Hier ist Stoff in Fülle für daS ganze Leben, nicht blos zur eigenen Betrachtung, sondern auch zur Predigt. Als geistliche Lesung steht diesem ebenbürtig zur Seite die Uebung der Vollkommenheit von AlphonS Rodriquez. Klei- nere aScetische Bücher, die Nachfolge Christi, die Philothca, die Anleitung zur Voll, kommenheit vom heiligen AlphonS v. Liguori u. dgl., sollten die wohl in einem geistlichen Hause nicht zu finden seyn? Noch etwas ist eine gar nothwendige und nützliche 88 Lectüre für den Priester; eS sind die Rubriken und gute Abhandlungen über die geistlichen Verrichtungen, wie sie z. B. in dem „Priester im Gebet" vom heil. AlphonS von Liguori sich befinden. Ein Geistlicher, der auf dem Lande lebt, würde eS hart finden, wenn er an seinem Hause nicht einmal ein kleines Gärtchen, ein wenig Grün und ein paar Blumen hätte: aber wie öde und unerquicklich ist eS erst in einem geistlichen Hause, worin nicht wenigstens einige jener Blumen anzutreffen sind, die Gott in seiner Kirche emporsprossen ließ zur Erquickung und Belebung Vieler, einige jener Bücher, in welchen große heilige Seelen die Geheimnisse und Früchte ihrer Gebete und Betrachtungen zum Gemeingut Aller gemacht haben! ES gibt noch eine Art von Büchern, die wir in dem Büchergestell eines Geistlichen gern sehen, eS sind Lebensbeschreibungen der Heiligen. Daß ein Geistlicher wenigstens ein gutes Leben der Heiligen besitze, versteht sich wohl eben so von selbst, als daß er eine heilige Schrift besitzt; aber wir meinen, eS ist auch sehr gut, einzelne ausführliche Biographien der Heiligen zu haben, eines PhilippuS Neri, Franz RegiS, Franz Xaver, Franz v. SaleS, Karl BorromäuS, AloisiuS, Franz von Assisi, Vincenz v, Paul, einer heiligen Theresia, Elisabeth u. s. w. Es gibt kaum etwas, waS so stärkt, tröstet, erfrischt, zur eigenen Heilung antreibt, als die Lesung deS Lebens der Heiligen. Muß denn nicht aber auch der Geistliche in seiner Bibliothek Predigtbücher und andere Hilfsmittel haben? Gute katechetische Bücher, Beispielsammlungen, wer sollte die nicht für nützlich halten? Aber moderne Predigtbücher? Predigten, die durch Form und Inhalt ausgezeichnet sind, haben immerhin großen Werth; doch dürfen sie nie geradehin zum Auswendiglernen benützt werden, denn gewärmte Speisen sind nicht schmackhaft, und aus gebrauchtem Zeug macht man keine neuen Kleider. Aber zum Nachlesen eignen sie sich gewiß, weil man daraus viel gewinnen kann. Nebrigens soll man seinen Predigtstoss jederzeit studiren, darüber gute Werke durchschauen und meditiren, und dazu dienen besonders die Werke erprobter GeisteSmänner. Nun noch ein Wort von einer besondern Bibliothek, die jeder Seelsorger haben sollte, nicht für sich, sondern für seine Gemeinde: eine Lesebibliothek guter katholischer Bücher für Kinder und Erwachsene. Ist eS aber möglich sich eine solche anzuschaffen und eine solche Last sich aufzubürden? Wir glauben wohl; denn die Erfahrung hat eS gezeigt, daß auch arme Geistliche sich eine solche Bibliothek anschaffen, und damit vielen Nutzen stiften können. Die Geistlichen waren durch Jahrhunderte die Träger der Wissenschaft und der Literatur. Möchten sie eS allzeit seyn! Eine Quelle des herrschenden GlaubenSver- falleS im Volke würde bald verstopft seyn, wenn jeder Priester eifrig, unv in so weit es seine Geschäfte gestatten, sich mit der katholischen Wissenschaft und Literatur beschäftigen würde. Und glücklich und segcilSreich würden die Geistlichen leben, wenn sie Männer heiliger Wissenschaft und heiligen Lebens allzeit wären; wie erhaben stünden sie über dieser hohlen und erbärmlichen Welt! — Die Bücher machen zwar den Mann nicht; doch kann man meistentheilS den Mann an seinen Büchern erkennen, zumal an denen, die nicht bestaubt auf dem Büchergestelle, sondern abgestaubt und benützt auf dem Tische liegen. Wir rathen keine unvernünftige Verschwendung für Bücher, aber die nothwendigen Bücher sollte Jeder besitzen, so gut als das tägliche Brod, und eS ist gewiß besser und eine schönere Zierde, ein Bücherbrett voll tüchtiger Theologen und GeisteSmänncr, als ein Schrank voll modischer GlaS- und Porzellanwaaren, als Pendeluhren, Sopha'S und anderer Tand, der die Freunde nicht erbaut, und die Feinde zum Aerger, Neid und bissigen Bemerkungen reizt. Darum suche Jeder sich mit etwas Rechtem zu versehen, nicht mit oberflächlichem fadem Zeug oder belletristischem Kram, sondern mit gesunder Geistesnahrung; „denn Alle," sagt der heilige ThomaS, „sind gehalten dasjenige zu wissen, was zu ihrem Stand und ihrer Pflicht gehört, denn sonst machen sie sich einer Unterlassungssünde schuldig." 'uvtZi 7U? 5>Nlm?Ili!? »jz ,vzytv!»ii5j5 zii't , jisiAlN °>l><(>i^D!l? zjc> ,7>chüV'''zK?i»iZtzv Z7ZK' ._____. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. VerlagS-Jnhaber: F. C. Kremer. Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. 21. März M- 12. 185s. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis 5; z,A.iS»im,)w'-!L ,üim!> m i?>> j - jqtzu S »Wt <-t ».i^.itj Ueber christliche Gculptur. Wenn man Jahrhunderte lang sich für alles Antike, schon deßhalb, weil eS aus dem heidnischen Alterthum stammte, begeisterte und Dasjenige vernachläßigte, waS der christliche Geist in so reicher Fülle und Schönheit geschaffen: so sind wir, wenn auch der Sinn sich mehr erschlossen hat und allgemeiner, nicht mehr so bornirt einseitig ist, dennoch nicht bis zu der Höhe gelangt, von der wir die vorchristliche und christliche Kunst wenigstens mit gleicher Liebe und Unparteilichkeit überschauen sollten. Wir sind gewiß nicht geneigt, die sorgsamen Bestrebungen für das Auffinden, Erhalten, Erklären und Beschreiben antiker Denkmäler verächtlich abweisen zu wollen, vielmehr erfreut uns diese Thätigkeit in hohem Grade, weil sie dahin führt, die Geschichte und Zustände deS Alterthums bis in daS Einzelnste und Kleinste hinein aufzuhellen und zu beleben. Allein bei Weitem die meisten dieser gewonnenen Monumente der Vorzeit haben gar keinen künstlerischen Werth, höchst selten einen historischen, oder, wenigstens namhaften, archäologischen, sie reihen sich dagegen in der Regel ohne weitere Bedeutung an die Zahl derjenigen an, welche die Museen bereits füllen. Sie tragen demnach zur Erfrischung des Geistes, zur Versenkung deS Gemüthes in die Fülle der Schönheit Nichts bei, sie senden nicht aus der zündenden Betrachtung lcbenswarmer, aus schöpferischem Geistcsfeuer gebildeter Gestalten daS Licht neuer Ideen, überirdischer Wahrheiten in das Herz und führen dasselbe ge- wissermaßen in die unveränderliche Herrlichkett der Ewigkeit ein. Ja, will man auch über das bloß historische Interesse hinaus noch daS künstlerische befriedigen, so ist die alte Tyrannei der Gewohnheit, welche bei der bildenden Kunst nur die Antike und das ihr nachgeschaffene moderne Antike gelten lassen will, noch keineswegs besiegt, oder nur wesentlich erschüttert. Auch hier müssen wir uns — weil man in dieser Beziehung gar leicht Mißverständnissen ausgesetzt ist — verwahren, als ob wir der alten Sculptur ihren ungemein hohen Werth, ihre technische Vollendung, ihre formelle Schönheit auch im Entferntesten antasten wollten. Das ist so wenig unsere Absicht, als wir die herrlichen Schöpfungen der alten Poesie herabsetzen möchten. Nur das wünschen wir, und zwar zunächst vom Standpuncte der Kunst, daß man über den antiken, die aus dem ächt christlichen Geiste, in den christlichen Zeiten hervorgegangene Denkmäler nicht vergessen solle. Der tiefste Grund hiervon ist offenbar darin zu suchen, daß die Bildung Derer, welche sich mit solchen Gegenständen beschäftigen, daß die Bildung der yöhern Stände eben immer noch eine mehr auf der antiken, als christlichen Weltanschauung ruhende ist. Alle Gedanken, Empfindungeu, Ansichten und Strebungen des Herzens sind weit mehr verwandt dem Geiste, welcher die alten Monumente hervorgebracht, als jener Betrachtungsweise, auS welcher die christlichen Denkmäler entstammen. Die wahre Knnst ist die Darstellung deö wirklichen Lebens auf seinem letzte«, ewigen Grunde; sie ist deßhalb ein Genuß, weil sie DaS, was in der Tiefe der Seele lebt, zur Anschauung bringt. Ruht nun aber das Herz auf der Sichtbarkeit, der Sinnlichkeit, der bloßen Aeußerlichkeit, den gemeinen Erscheinungen, wie eben daS Alterthum, so kann eS die christliche Auffassung, welche auf den Grund deö Aeußern, auf daS Ucbernatürliche, das Geistige und wahrhaft Göttliche gerichtet ist, entweder gar nicht verstehen, oder eS wendet sich von ihr, als einem wesentlichen Gegensatze, ab. Das ist die eigentliche Ursache, warum man die christlichen Kunst- producte bei Weitem noch nicht mit derjenigen Aufmerksamkeit schätzt, welche sie — von dem christlichen und religiösen Charakter ganz abgesehen — in rein künstlerischer Beziehung mit dem vollsten Rechte verdienen. Fängt man nun auch schon seit geraumer Zeit an, einigen Respect zu bekommen vor der mittelalterlichen Architektur, obschon es hier an der richtigen Auffassung, weil eben am Verständnisse des christlichen Geistes, noch sehr fehlt, und antike Reminiscenzen, oder selbstschöpferischcr Hochmuth oftmals arge Streiche spielen, so ist dieß doch mit den ander» Künsten weit weniger der Fall. Zwar steht die Glasmalerei in besonderer 95 Achtung und Gunst. Allein dieß geschieht im Allgemeinen noch mehr, weil sie eben außer dem Mittelalter nicht vorkommt, also etwas Außerordentliches ist; dann liegt darin etwas Romantisches, auch ist dieser Zweig christlicher Kunst schon so sehr angepriesen und bewundert worden, daß eS schlechterdings zum guten Tone gehört, mit in das Lob dieses „zauberischen Helldunkels" einzustimmen. Allein welch' wunderbare Wirkung auch diese Malereien hervorbringen, rein künstlerisch betrachtet, werden sie steiS eine gewisse untergeordnete Stellung einnehmen. Denn die geist- und lebensvolle Durchbildung anderer Kunstwerke werden sie nie erlangen, und stetS mehr durch die Pracht und den Glanz der Farben auf die Phantasie mächtig einwirken. Dagegen hat man im großen Ganzen sich um die zum guten Glücke noch ziemlich zahlreich vorhandenen mittelalterlichen Sculpturen, namentlich die Grabdenkmäler, weniger geneigt angenommen. Und doch finden wir hier Arbeiten, welche sich selbst in äußerer, technischer Vollendung den besten Werken der Vorzeit kühn zur Seite stellen können. Das ist schon ein sehr richtiger Gedanke gewesen, diese Monumente in den Kirchen, Kreuzgängen oder in den Sälen der Nathhäuser anzubringen. Daö sind die Orte, an welchen auch die hauptsächlichsten Lebenserinnerungen sich knüpfen, und wo ein erhabener und wahrer Zusammenhang die Todten mit den Lebenden geistig verbindet, und durch diese innere Beziehung eine heilsame Frucht erwächst für Diejenigen, welche durch ihre Gestalten in das Leben hereinragen, so wie für Diejenigen, welche sie anschauen und dabei an die Dahingeschiedenen gemahnt werden. Die irdische Kirche ist dieser Weise das wahre, wirkliche Bild der ewigen, himmlischen Kirche, welche alle ihre Glieder umschließt. Wie sprechen die stummen, ernsten Gestalten, wie sie an Wände und Pfeiler lehnen, aus den Tagen der Vorzeit ans Herz! Der Mensch ist für sich allein in der Welt nicht vorhanden, er wäre die bcdauernSwertheste Crcatur; er ist Etwaö im großen Ganzen der Menschheit. Soll er nun nach seinem Scheiden aus der Sichtbarkeit in trostloser Vereinzelung uns vorgeführt werden? Darnach scheint unS wenigstens die Sitte, Monumente für sich allein, einzeln, oder gar auf Säulen gestellt zu errichten, durchaus unschön und verwerflich. Das erste Gesühl, welches beim Anblicke eines solchen unter freiem Himmel, ohne Schul) unv Halt dastehenden Monumentes das Herz beschleicht, ist daö eines gewissen Mitleides mit der trostlosen Verlassenheit und Einsamkeit. Man stellt unwillkürlich den Vergleich an zwischen der ehemals so bewegten, lebensvollen Stellung des Dargestellten und der peinvollen Lage, in die man jetzt ihn gebannt. Allein daß man die Denkmäler großer Verstorbener auf den Straßen und Plätzen und nicht mehr in Kirchen und Rathhäusern aufstellt, hat seinen nur allzu triftigen Grund. Daö öffentliche Leben ist nicht mehr ein religiöses und frommes, ist nicht mehr ein bürgerliches, eingezogenes; eS hat sich der Vergötterung und dem Genusse der Natur, dem Aeußern zugewandt, eS ist aus der Tiefe, Bedächtigkeit und dem Ernste hinausgetreten in das Weite, Schnelle und Leichtfertige. Da lebt es, da will eö auch seine Erinnerungen haben. Weil die Betrachtung die Schärfe und Bestimmtheit des Gedankens verloren hat, darum stellt man auch in den Denkmälern mehr oder weniger Ge- bilde der Phantasie hin, welche man nach dem Geschmacke der verschiedenartigsten Zeitrn auSstaffirt; so daß — daö erste Erfordernis; der Kunst — die Wahrheit des Gegenstandes nicht mehr mit aller Kraft dem Beschauer entgegentritt Wohl hat man dieß auch gefühlt und z. B. in der Walhalla dieser Verlassenheit und Einsamkeit, in welcher die Gestalten berühmter Männer der Vorzeit dastehen, abzuhelfen gesucht. Allein eine solche Sammlung und Aufstellung von Monumenten macht offenbar den Eindruck etwa eines Wachsfigurenkabinetts, eS ist eben in dem Gebäude zunächst kein anderer Zweck zu erkennen, als der, diesen Gebilden Dach und Fach zu geben. Aehnlich ist eS, aber in geringerem Maaße, mit den Gemäldekabineten, Mit welch' anderer Begeisterung muß ein Künstler arbeiten, der weiß, daß sein Werk einen unmittelbaren Lebenszweck, eine Anregung haben wird, als dann, wenn seine Schöpfung in einem Saale zur kritischen Betrachtung aufgestellt wird. Die Alten haben darin gewiß den besten Weg betreten, sowohl um die Kunst auf's Höchste für ihre Ausgabe zu begeistern, als auch ihren Einfluß auf die gestimmte Menschheit — alle Stände und Verhältnisse — am Weilesten auszudehnen. Waö nun die bildende Kunst betrifft, so sind wir in unserm engern Vater- 96 lande, besonders an Grabdenkmälern der vorzüglichsten Art, sehr reich. Der Dom von Mainz ist in dieser Hinsicht vielleicht der ausgezeichnetste in ganz Deutschland, oder noch weiter hin. Man kann in demselben die Stufen des künstlerischen Entwickelungsganges bis auf die neueste Zeit verfolgen. Wir wollen hier nicht eine kunstgeschichtliche Uebersicht seiner Monumente geben, sondern nur auf einige der vollendetsten aufmerksam machen. Erst als die Reinheit deS gothischen StyleS zu schwinden und sich vielfach in Willkür zu verirren begann, erscheinen die trefflichsten Arbeiten der Sculptur. Offenbar war man in der technischen Fertigkeit bei den mannigfachen, zarten Verzierungen im Gothischen bedeutend fortgeschritten. Allein nicht bloß ist eS die weiche, gleichsam elastische BehandlungSwcise, welche dem Steine Leben einzuhauchen scheint, die uns entzückt, eS ist noch weit mehr die innere, wahre, hohe Auffassung. ES liegt ein reiner, heiliger Ernst in den Gestalten, was sicherlich davon meistens herrührt, daß eben der Künstler wußte, er arbeite für eine Kirche, für die Erbauung, Dann hält man sich durchweg an der Wahrheit deS Darzustellenden, der uns entgegentritt, wie er leibte und lebte, ohne alle erborgte, erlogene Zuthat. Steht das Monument an sich schon im Vereine mit dem ganzen Gebäude, so ist es noch näher umgeben von Ornamenten, Figuren, Gruppen u. s. w. Es ist so gar nichts Gemachtes, Theatralisches an diesen Gestalten, vielmehr sind sie so schlicht, einfach und demüthig! Man sehe einmal das Denkmal deS ErzbischofS Konrad II. v. Weinsberg (gest. 1369), gleich links an der Thüre vom Leichhofe her; es ist noch schwer und einfach, aber voll Wahrheit und Leben. Vollendet schön aber sind die Monumente des Churfürsten Diether von Jsenburg (gest. 1482), deS Prinzen Albert von Sachsen, Administrators des ErzstifteS (gest. 1484), deS Churfürsten Berthold von Henneberg (gest, 1504), alle im Schiffe des DomeS befindlich, und das Denkmal des Domherrn Johann Bernard von Gablenz (gest. 1592), eine treffliche Gruppe, die ganze Familie vorstellend. Diese Kunstwerke sind entzückend schön und zeichnen sich besonders durch die Frische, Wärme und Beweglichkeit vor den Antiken aus. Die St. Katharinenkirche zu Oppenheim, sowohl nach den Verhältnissen, als der Gliederung im Grundrisse, der Mannigfaltigkeit und Reinheit in der Durchführung eine Perle unter den gothischen Kirchen, enthält auch vorzügliche Grabdenkmäler, auf welche wir hiemit aufmerksam machen: der Grabstein der „Anna dochter deS ritterS Wolffen kämmerers zu wormS," auS der letzten Hälfte deS fünfzehnten Jahrhunderts stellt uns daS Bild einer Jungfrau von fünfzehn oder sechzehn Jahren dar, rn einer Anmuth und Lieblichkeit, welche bezaubert. Die zarte Gestalt, im edlen, leicht hingeworfenen Gewände, mit diesen reinen, kindlichen Zügen, den rührend gefallenen Händen ist schon ganz verklärt und tritt uuS wie eine Lichterscheinung aus dem Himmel entgegen. Jeder wird bei diesem Anblicke tief bewegt und das lebensvolle Bild deS selig verklärten Leibes schauen. Ein anderes Denkmal aus der ersten Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts stellt die noch trefflicher ausgeführten Gestalten eines RitterS und Kämmerers von Worms (d. h, eines auö der Familie von Dalberg) und seiner Ehefrau aus dem Geschlechte derer von Sickingen vor. Der ehrliche, treuherzige Kopf des Ritters und daS sanfte, ergebene, etwas bekümmerte Antlitz seines Weibes sind von der ausdrucksvollsten Wahrheit, und beide Figuren mit der größten Freiheit, Sicherheit und bis ins Einzelnste sorgfältig gearbeitet. Trefflich ist auch die Statue eines Ritters von Hanstein auS der letzten Hälfte deS sechszehnten Jahrhunderts, schon mit Ornamenten auS der wiederaufgegriffenen Antike. DaS Gesicht und die Gestalt sind höchst geistvoll, die Behandlung ganz trefflich, ungemein fein, ohne Aengstlichkeit und Kleinlichkeit. — Solcher Schätze gibt eS noch eine große Menge; sie werden aber durchaus nicht, wie billig, gewürdigt; wie viele sind aber umer den Hällden gebildeter und ungebildeter Barbaren zertrümmert worden! Möchte man sich um diese christliche, bildende Kunst doch auch bemühen, wie man sich um die Steindenkmale der Vorzeit so sehr kümmert; jedenfalls lernt man aber daraus, daß bei dem Reichthum an solchen Menumenten aus einem Zeitraume von mehr als zweihundert Jahren daS Leben der Kunst damals ein sehr tüchtiges und großartiges gewesen seyn müsse, und wir unS gegenwärtig keineswegs herabwürdigen, wenn wir die Werke jener Meister beschauen, bewundern und an ihnen lernen. (Katholik) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. C. Kremer. Zwölfter Jahrgang. ^>5> ^ ^ » U° » ^ ^ sonntags-Betblatt billi^zMhÄ hVU^iü 7>i.'K ^ « ^» . . Augsburger Pojhntung. __ 28. März M- 785S. _ - ^^uÄ 4^4 ^wü--', Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonuementsvrei« 40 kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhaudluugen bezogen werden kann. Kirchenlied in der Fastenzeit. *) Durch myst'scher Sitte Brauck) geweiht Sey heilig uns die Fastenzeit, Da »ns von Gott gcschenket ist Der vierzig Tage Gnadenfrist. Gesetz und heil'ger Seher Chor Geschritten diese Bahn, bevor Der Herr sie heil'gend selbst betrat, Der Welt und Zeit geschaffen hat. So mäß'gen wir der Triebe Drang In Wort und Rede, Speis' und Trank: Den Schlas, den Scherz, mit kräft'ger Hand Bezähme strengrer Zügel Band. Die Sünde flieh'n wir, die den Geist In des Verderbens Abgrund reißt: Auf daß kein Raum gegeben sey Des listigen Feindes Tyrannei, Den Zorn des Rächers beugen wir, Und fleh'n zum Richter für und für, Mit Reuethränen, brünstiglich, Und sprechen all' einmüthiglich: Wir haben, Gott, durch unsre Schuld Beleidigt deine Liebeshuld: Sich uns, Erbarmer, gnädig an, Und laß Vergebung uns empfah'n. Gedenk', daß uns dein Allmachtsruf, Wenn auch aus schwachem Thon, erschuf; Gieb, die du schufst zu deinem Ruhm. Herr, nicht dem Feind zum Eigenthum. ") Aus I. F. H. Schlosser: Die Kirche in ihren Liedern durch alle Jahrhunderte. Band l. Mainz, Kirchheim und Schott j8S1, ^ ? .ytt5,l.1tlliS8 ^t^rZ-ll^ Vergib das Böse, so gescheh'n, Das Gute mehr', um das wir fieh'n: Daß hier und ewig dir allein Wir endlich wohlgefällig seyn. Du, Brunnquell aller Heiligkeit, O seligste Dreieinigkeit, Lass unser Fasten uns gedeih'n Und ewig uns dein eigen seyn. Hirtenbrief des Hochwürdigsten Herrn Wilhelm Emmanuel, Bischofs von Mainz, zur Fastenzeit 18S2. (Schluß.) Die Verwirrung über das Verhältniß der geistlichen und weltlichen Gewalt ist schon lange vorbereitet. Auch in katholischen Ländern hat die weltliche Gewalt vielfach in die Vollmachten eingegriffen, die die Kirche von Christus herleitet und dte nur sie auszuüben befugt ist. Dazu wirkten insbesondere zwei Ursachen mit. Erstens die Verbreitung jener abstracten absolutistischen Staatslehre, die auf kein göttliches und geschichtliches Recht Rücksicht nimmt und den Willen der Staatsgewalt zur einzigen Quelle alles Rechtes, zum unumschränkten Gesetze macht, dem gegenüber kein anderes Recht, keine andere Ordnung, namentlich nicht die Kirche, irgend eine Selbstständigkeit und einen Raum für freie Thätigkeit behalten darf. Zweitens jener protestantische Begriff über daS Verhältniß der weltlichen zur kirchlichen Gewalt. Unter dem Einflüsse dieser beiden Richtungen ist eS geschehen, daß der katholischen Kirche in den neueren Gesetzgebungen fast aller Länder der größte Theil jener Rechte entzogen worden ist, die Christus ihr unmittelbar übertragen hat und ohne welche sie ihre Aufgabe in der Welt nicht erfüllen kann. Deßhalb hat aber die Kirche auch die Pflicht, auf gesetzlichem Wege diese Rechte zurückzufordern, und eö ist daher keine Willkür und Herrschsucht, sondern eine heilige Pflichterfüllung, wenn zuerst die versammelten Erzbischöfe und Bischöfe Deutschlands in Würzburg und seitdem die Bischöse in allen einzelnen Theilen deS Vaterlandes diese Forderung gestellt haben. Die Wahrheit dieser Anssage und die aus dem Wesen der Kirche entspringende Nothwendigkeit dieser Forderung würdet Ihr noch besser erkennen, wenn ich Euch nun im Einzelnen die Rechte auseinandersetzen könnte, die Eure Bischöfe beansprucht haben. Nur die zwei wesentlichsten Rechte kann ich aber hier kurz erwähnen, das Recht der Kirche auf die katholischen Schulen und namentlich die Volksschule, und zweitens das Recht der Kirche auf freie Bildung der Geistlichen und Besetzung der geistlichen Stellen. Der Sohn GotteS hat vor Allem seiner Kirche das Recht und die Pflicht der Lehre und Erziehung übergeben. BemerkenSwerth ist die feierliche Art der Uebertragung dieses erhabenen AmteS ans die Kirche. Der Heiland beginnt mit den Worten: „Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden" (Matth. 28, 18). Dann geht er dazu über, in dieser seiner höchsten Machtvollkommenheit der Kirche den erhabenen Auftrag zu geben: erstens der Lehre mit den Worten: „Gehet hin und lehret alle Völker," — und zweitens der Erziehung: „Lehret sie AlleS halten, was ich euch befohlen habe" Matth. 19, 20). Endlich gibt er die Dauer dieses Auftrages und die Hilfe an, die Er, der Herr und Gott, seiner Kirche in Vollziehung dieses Auftrages leisten will: „Sehet, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt." Dieser göttliche, bis an daS Ende der Welt fortdauernde und oft wiederholte Austrag Christi ist die Grundlage deS Rechtes und der Pflicht der Kirche zur Be- 99 lehrung aller Völker und zur Erziehung aller derer, die durch die Taufe Kinder der Kirche Christi sind. In der That wurde auch die Kirche von da an eine Lehrerin der Völker und Erzieherin ihrer Kinder, und als ein wesentliches Mittel der Lehre und Erziehung betrachtete sie von jeber die Schule und namentlich die Volksschule. Schon mitten in den blutigen Verfolgungen fing sie an, ihre Schulen zu grün« den. Ueberall und in allen Ländern der Erve, wo daS Christenthum sich verbreitete und anerkannt wurde, wurde auch dieses Recht der Kirche auf Gründung ihrer Schn- len anerkannt. In allen größern Städten und an den Sitzen der Bischöfe errichtete sie gelehrte Schulen, bei den einzelnen Stadt- und Dorfkirchen dagegen Pfarrschulen, in welchen die Kinder der OrtSgemeinde durch den Geistlichen oder einen geeigneten Kirchenbeamten Unterricht in der Religion, im Lesen, Schreiben und Rechnen erhielten. Der Schullehrer war ein Beamter der Kirche. Von der Kirche halte er sein Amt und seine Sendung. Der Religionsunterricht war die wichtigste Aufgabe der Schule, und der Pfarrer der Leiter derselben. Diese Auffassung deS Verhältnisses zwischen Kirche und Schule stand so fest, daß die Kirchenspaltung daran nicht das mindeste änderte. Unter Katholiken wie Protestanten entstand in dieser Beziehung kein Streit; sie faßten den Auftrag Christi in demselben Umsangc auf. Der Westfälische Friede erklärte deßhalb feierlich die Schule für eine Zubehör der Kirche, srinexum exeroilii rcligionis, und der ReichSdeputationShauptabschluß vom Jahre 1803 garantirte jeder der in Deutschland berechtigten Konfessionen den Fortbesitz ihres eigenthümlichen SchulvermögenS. In vollem Gegensatze zu diesen durch alle vergangenen christlichen Jahrhunderte anerkannten Grundsätzen hat dagegen seit dem Ende deS vorigen Jahrhunderts der Unglaube seinen Grundsatz aufgestellt, daß nur der Staat, und dieser ausschließlich, ein Recht auf die Schule habe, und ohne Rücksicht auf Recht und Geschichte, auf Eigenthum und Besitzstand, auf Christenthum und Kirche ging dieser Grundsatz in die Gesetzgebung und Verwaltung der Staaten über. Der Staat begnügte sich nicht damit, aus eigenen Mitteln Schulen neben denen der Kirche zu gründen; nicht damit, eine Einsicht in die Schulen der verschiedenen Confessionen zur Wahrung seiner staatlichen Interessen zu nehmen, sondern er entzog der Kirche ein eigenes, selb st ständiges Recht zur Leitung und Gründung der Schule, und gab ihr an ihren eigenen Schulen die ärmlich beschränkte Stellung einer Fachlehrern, der Religion. WaS dieses System gewirkt hat zeigt die Gegenwart. Wenn Gott je ein Weltgericht hat ergchen lassen, so hat er diesen Eingriff in daö Lehr- und ErziehungS- amt der Kirche gerächt. Die zunehmende Korruption und Verwilderung der Jugend reißt nicht nur daS Leben Einzelner in zeitliches und ewigeö Verderben, sondern sie stellt wahrhaft die Möglichkeit des Bestandes einer geordneten Familie und bürgerlichen Gesellschaft in Frage. Es ist eine schauerliche Thatsache, daß unsere moderne Schulbildung auf Abnahme der Verbrechen nicht den mindesten Einfluß übt. Darum ist die Kirche verpflichtet, ihre Rechte auf ihre Schulen und namentlich auf die Volksschulen zurückzufordern. Die Kirche kann nicht jeder Zeitmeinung huldigen, weil sie nicht dem Zeitgeiste, sondern der Einsetzung Christi ihr Daseyn verdankt. Der Zusammenhang der Kirche Christi mit ihren Kindern kann nicht zerrissen werden. Durch die Taufe gehört daS Kind der streitenden Kirche an, wie eS durch dieselbe Taufe die ganze Ewigkeit hindurch der triumphirendcn Kirche angehören soll. Die Kirche muß fordern, daß ihr die Erziehung und Bildung der ihr so innig verbundenen Glieder auch in der Schule möglich gemacht werde. Deßhalb haben die versammelten Erzbischöfe und Bischöfe Deutschlands auf der Versammlung in Würzburg erklärt: „Unter den Rechten der Kirche steht oben an „das göttliche Recht der Lehre und Erziehung. Macht, Besitzthum, Glanz und „Ehre — mögte Alles ihr genommen werden; daS Recht, daS von Gott empfangene, zu lehren, zu erziehen, zu sittigen die Völker deS Erdkreises, hat die Kirche 100 „nie preisgegeben... Die Kirche, durch die Kraft deS Wortes unter dreihundert- „jähriger blutiger Verfolgung gegründet, nimmt jetzt wie früher die unbeschränkte „Freiheit der Lehre und des Unterrichts so wie der Errichtung und Leitung eigener „UnterrichtSanstalten im ausgedehntesten Sinne als dasjenige Mittel in Anspruch, „ohne welches sie ihre göttliche Sendung wahrhaft und in vollem Umfange zu erfüllen außer Stand seyn würde, und sie muß jede einengende Maaßregel auf diesem „Gebiete als nicht vereinbar mit den gerechten Ansprüchen der katholischen Kirche „deutscher Nation ansehen." Mit derselben Nothwendigkeit fordert die Kirche zweitens das Recht der freien Bildung, Berufung und Anstellung ihrer Geistlichen. Sie müßte ihren göttlichen Glauben und ihre göttliche Verfassung aufgeben, wenn sie je einer weltlichen Gewalt das Recht der Uebertragung priesterlicher Machtvollkommenheiten zuerkennen wollte. Der Pfarrer hat den Auftrag, tie Lehre Christi zu verkünden, die heiligen Sacramente zu spenden, die Pfarrgemcinde in ihren geistlichen Angelegenheiten zu lenken und zu leiten. Diese Machtvollkommenheit hat aber nach katholischem Glaubenssatze die Kirche und nicht der Staat, und deßhalb kann nur die Kirche und nicht der Staat diese Gewalt übertragen und Seelsorger anstellen. Alle Mitwirkung deS Staates kann sich bei den Besetzungen nur auf einen Vorschlag beschränken, wenn ein besonderer Rechtsgrund und eine Verleihung der Kirche dazu vorliegt. Wenn der Staat mehr verlangt, so hebt er, so viel an ihm ist, die katholische Kirchenverfassung auf und bestreitet das Recht ihres Bestandes. Ihr werdet eS daher gewiß nickt als Herrschsucht betrachten, wenn die Kirche auch dieses heilige, wesentliche Recht zurückfordert. Innig hängt hiermit das Recht auf freie Bildung und Erziehung ihrer Priester zusammen, und da ich über dieses natürliche Recht wohl nichts zu sagen brauche, so benutze ich diese Gelegenheit, um einige Worte an Euch, geliebte Eltern, zu richten. Die Kirche nimmt ihre Priester auS allen Ständen und Lebensverhältnissen. Der Kirchenralh von Trient hat deßhalb in Bezug auf die Aufnahme in die Seminarien ausdrücklich angeordnet: „Die Kirche will vorzüglich die Söhne der Armen gewählt haben, ohne jedoch die Söhne der Reichen auszuschließen" (Sitz. 23, K. 18). So ist eS denn geschehen, daß, wie die ersten Priester der Kirche Christi Fischer vom See Genesarclh waren, so auch bis heute die Mehrzahl ihrer Priester den ärmern Ständen angehört, und während den Armen die höhcrn Stände der Welt in der Regel verschlossen sind, so hat Christus eben sie vor Allen zur höchsten Würde auf Erden, zur Priesterwürde in seiner Kirche berufen. Darin zeigt sich eben wieder der erhabene göttliche Charakter der Kirche, die nicht auf menschliche Mittel, sondern auf GotteS Wort gegründet ist. Um so mehr ist eS aber auch Eure Pflicht, geliebte Ellern, dazu mitzuwirken, daß die Kinder, die Ihr dem Priesterstande zuzuführen gedenkt, wenn auch arm an zeitlicher Habe, so doch nicht arm an Tugend und Siltenreinhcit seyen. Vor Allem bitte ich Euch bei Euerm eigenen Seelenheile und dem Seelenheile Eurer Kinder, geliebte Eltern, laßt Euch nie durch die Hoffnung auf zeitlichen Gewinn dazu bewegen, Eure Kinder für den geistlichen Stand zu bestimmen. Ihr könnt keinen schwereren Fluch auf Euch laden, als wenn Ihr den geistlichen Stand als eine zeilliche Versorgung betrachtet und Eure Kinder nöthiget, gegen ihren Beruf eine so heilige, aber auch so schwere, verantwortungsvolle Bürde zu übernehmen. „Niemand," sagt der Apostel, „soll sich selbst diese Würde nehmen, sondern nur wer wie Aaron von Gott dazu berufen ist" (Hebr. 5, 4). Das erste Zeichen deS wahren Berufes ist eS aber, daß Ihr und Eure Kinder im geistlichen Stande nicht zeitlichen Vortheil sucht, sondern nur die Erfüllung des göttlichen Willens, nur die Ehre Goltcs und daS Seelenheil der Menschen. Eben so wichtig ist eS ferner, daß Ihr die Kinder, bei denen Ihr diesen hohen Beruf voraussetzt, mit besonderer Sorgfall zu aller Tugend und Frömmigkeit schon im elterlichen Hause von zarter Jugend an erziehet. „Die Jugend," sagt der Kir- chenrath von Trient (Sitz. 23, K. IS), „ist, wenn sie nicht recht geleitet wird, sehr 101 geneigt, weltlichen Vergnügungen nachzujagen, und sie wird nie, ohne ganz außerordentliche Hilfe dcS allmächtigen Gottes, in der kirchlichen Zucht verharren, wenn sie nicht von zarter Jugend an zur Frömmigkeit unv Religion angehallen wird, ehe der Hang zum Laster die Menschen in Besitz genommen hat." Ihr werdet die Wahrheit dieser Worte gewiß erkennen, geliebte Eltern! Ein Kind, daS im elterlichen Hause schon verdorben ist, dessen Herz durch daS Beispiel und die Lehren der Eltern schon in zarter Jugend vom Laster in Besitz genommen ist, kann nur durch ein Wunder Gottes ein würdiger Priester werden. Ihr werdet Euch deßhalb auch nicht wundern, geliebte Eltern, wenn ich mich von jetzt an immer genau nach den häuslichen Verhälinissen derer erkundigen werde, die sich zum geistlichen Stande melden, und wenn ich mit unerbittlicher Strenge jene von diesem Stande zurückweise, die im elterlichen Hause nicht zu wahrer Gottesfurcht, Frömmigkeit und Sittenreinheit angehalten sind. AuS allem bisher Gesagten, vielgeliebte Diöcesanen, werdet ihr erkennen, wie ungerecht und niedrig die Vorwürfe sind, die man in dieser Zeit der Verwirrung, Leidenschaft und Verblendung der Kirche Christi über ihr Verhalten zur weltlichen Gewalt macht. Die Kirche Christi glaubt, daß Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist, und deßhalb handelt sie nach dem Befehle, den sie von ihrem göttlichen Lehrmeister empfangen hat. Ihr Glaube ist der alleinige Grund ihreS Verfahrens. Die Kirche Christi weiß eS wohl, daß, so lange Gott durch gebrechliche Menschen eine Gewalt ausüben wird, dieser Gewalt immer viele Gebrechen unv Mängel ankleben werden. Wie sie aber auch bei Herrschaften, Eltern und Männern, die der Sünde unterworfen sind, fortfahren wird, die Dienstboten, Kinder und Weiber zu ermähnen: „Ihr Knechte gehorchet in Allem dem leiblichen Herrn, nickt als Augendiener, um Menschen zu gefallen, sondern mit aufrichtigen Herzen aus Furcht GvlleS." „Ihr Kinder gehorchet den Eltern in Allem, denn das ist wohlgefällig im Herrn." „Ihr Weiber seyd Unterthan den Männern, wie sichS geziemt im Herrn" (Col. 3, 20u. ff.); so wird sie auch, unbeirrt um das Toben der ganzen Welt und bei der klaren Erkenntniß, daß auch die weltliche Obrigkeit menschlichen Schwächen unterworfen ist, fortfahren, zu lehren: „Jedermann unterwerfe sich der obrigkeitlichen Gewalt, denn es gibt keine Gewalt außer von Gott, und die, welche besteht, ist von Golt angeordnet." „Gebet dem Kaiser, waS deö Kaisers ist." Sie wird so lehren, nicht aus Schmeichelei, sondern weil eS ihr Der befohlen hat, vor dem sich „alle Kuiee beugen sollen derer, die im Himmel, auf Erden und unter der Erde sind" M,il. 2, 10). Die Menschen haben sich aus Stolz gegen Gott empört, als Cr selbst über sie seine Gewalt ausübte. Deßhalb müssen sie jetzt auch armen schwachen Menschen gehorchen, um durch Demuth zu Gott zurückzukehren. Das ist der Geist, in dem wir Christen Gehorsam üben. Die Kirche Christi weiß auch, eben so wie der Apostel PauluS, daß, wenn sie Menschen oder der W.'It gefallen will, sie Christi Diener nicht seyn kann (Gal. 1, 10). Sie weiß, daß man an die Diener Christi die Hand anlegen, sie verfolgen, sie den Gefängnissen überliefern und vor Könige und Statthalter führen wird um des Namens Christi willen l^Luc. 21, 12). Dennoch wird sie fortfahren, das Wort Gottes der Welt, dem Hohen wie den Niedern, dem Kaiser wie dem Bettler zu verkünden; sie wird bis zum Tode allen Mächten der Welt widerstehen, die sie zwingen wollen, gegen Gottes Wort zu handeln; sie wird in solchen Fällen antworten: „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen" (Apostelg. 5, 29). Sie wird so handeln — nicht aus Hochmuth und Stolz, nicht aus dem Geiste der Empörung, sondern weil es Christus, der König der Könige, also befohlen hat. DaS ist der Geist, in dem wir Christen handeln. Wenn wir den weltlichen Obrigkeiten gehorchen, so gehorchen wir Gott, wenn wir ihnen widerstehen, so gehorchen wir Gott, — Gott allein gebührt unser Gehorsam, unser Dienst und alle Ehre in Ewigkeit. 102 Christus ist „der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als durch Ihn" (Joh. 14, 6). Die Kirche aber ist die liebevolle Mutter, die Euch Christus gegeben hat, um Euch, ihre Kinder, auf diesem göttlichen Wege durch die göttliche Wahrheit zum ewigen Leben hinzuführen. Folget deßhalb, theure, geliebte Kinder in Christo, dem Herrn, folget der Stimme der Mutter, die Euch der gute Seeleuhirt gegeben hat und erfüllet vie Worte, die Er einst mit so liebendem Herzen sprach, als er sich mit dem guten Hirten verglich: „Die Schafe hören seine Stimme; er ruft seine Schafe mit Namen und führt sie heraus. Und wenn er seine Schafe herausgeführt hat, geht er vor ihnen her und die Schafe folgen ihm nach, weil sie seine Stimme kennen. Einem Fremden aber folgen sie nicht, sondern fliehen vor ihm, denn sie kennen die Stimme des Fremden nicht" (Joh. 1l), 3 u. ff.). O wahrhaft glückselig ist der Mensch , der so auf die Stimme des guten Hirten in seiner Kirche hört, der dem guten Hirten folgt, wohin er ihn führt, und der vor jenen Fremdlingen und Miethlinaen flieht, denen an den Schafen Christi nichts gelegen ist. Ja fliehet diesen Geist der Lüge, der jetzt in der Welt umgeht, um Eure Liebe zu Christus und zur Kirche zu erschüttern, und der fast durch jevcS ZeitungSblatt zu Euch spricht. Aergert Euch nicht und laßt Euch im Glauben nicht irre machen, wenn Ihr sehet, daß die Weltkinder die Kirche Christi hassen. Christus hat uns ja gesagt: „Wenn euch die Welt haßt, so wisset, daß sie mich vor euch gehaßt hat. Wäret ihr von der Welt gewesen, so würde die Welt das Ihrige lieben; weil ihr aber nicht von der Welt seyd, sondern ich euch von der Welt auSerwählt habe, darum haßt euch die Welt" (Joh. 15, 13). Der Haß gegen Christus uud seine Kirche hat dieselbe Quelle — die Bosheit des Herzens der Weltkinder; sie hassen Christus, »weil ihre Werke böse sind" (Joh. 7, 7). „Kämpfet also für den Glauben, der den Heiligen gegeben ist" (JudaS v. 3). „Es haben sich Menschen unter uns eingeschlichen, die längst dem Strafgerichte vor, herbestimmt sind, Gottlose, welche die Gnade unsers Gottes zur Befriedigung der Lüste mißbrauchen, und den einzigen Gebieter, unsern Herrn Jesum Christum, ver- läuguen. Wie aber Gott die Engel, welche ihre Würde nicht bewahrten,.... zum großen Gerichtstage mit ewigen Banden in der Finsterniß aufbewahrt hat; wie Sodoma und Gomonha und die umliegenden Städte, welche Unzucht trieben, zum Beispiele aufgestellt sind, eben so wird es auch diesen gehen, welche das Fleisch beflecken, die Obrigkeit verachten und alle Würde läugnen." Sie kennen weder die Kirche noch ihre Lehre, noch ihren Ursprung, noch ihren Geist, „aber sie lästern, was sie nicht kennen," fährt der Apostel Judas fort, „und das, was sie von Natur wissen, wird ihnen zum Verderben. Wehe ihnen, denn sie gehen den Weg des Kain, sind dem Irrthum Balaams, der Gewinnsucht ganz hingegeben und gehen zu Grunde im Aufruhr gegen Gott und seine Offenbarung wie Core." Sie sind wie Wolken ohne Wasser, die ohne alle wahre Weisheit und Wissenschaft von den Winden der TageSmcinungen umhergctrieben werden, wie Bänme des Herbstes, unfruchtbar im Guten und nur fruchtbar im Bösen, zweimal erstorben den Tod der Seele, indem sie erstens die wahre Liebe und zweitens den Glauben verloren haben, und auSgewurzelt, d. h. mit den Wurzeln, mit allen Fasern der Seele aus dem wahren Baume des Lebens, auö Christus und seiner Kirche herausgerissen, Sie sind wilde Wellen des Meeres, von ihren Leidenschaften uud blind.n sinnlichen Trieben hin und her gepeitscht, sie sind irrende Sterne, die sich der neuen Bahnen, worauf sie wandern uud woraus sie die Welt führen wollen, rühmen, ohne daran zu denken, daß sie hier auf Erden bald spurlos verschwinden werden und daß dann die Schrecken der Finsterniß ans ewig ihnen aufbehalten sind. Gott hat aber geweissagt und durch Enoch gesprochen: „Siehe eS kommt der Herr mit seinen Tausenden von Heiligen, Gericht zn halten über Alle, und zur Strafe zu ziehen alle Gottlosen wegen aller ihrer Werke der Gottlosigkeit, die sie verübt, und wegen aller der Lästerungen, die die gottlosen Sünder witer Gott ausgestoßen." „Sie sind murrende, stets klagende, nach ihren Lüsten wandelnde Leute," fahre 103 ich noch immer mit dem Apostel JudaS fort: „Ihr Mund redet stolze Worte und sie schmeicheln den Menschen um deS Gewinnes willen." Ihr aber, Beliebteste, erinnert euch der Worte, die vorhergesagt wurden von den Aposteln unsers Herrn Jesu Christi, die euch sagten, daß in der letzten Zeit Spötter kommen würden, die nach ihren gottlosen Lüsten wandeln. Das sin-d jene, welche sich selbst trennen von Gott und seiner Kirche, die fleischlich sind und den Geist nicht haben, d. h. die nur ihren menschlichen Eingebungen folgen und den Geist Gottes nicht besitzen, durch den allein man zum Glauben gelangen kann. Euch aber, Geliebteste, bitte ich mit demselben Apostel, bauet euch in euerm ganzen Leben, in euerm Denken nnd Wollen, fest auf euern allerheiligsten Glauben, betet im heiligen Geiste, erhallet euch in der Liebe Gottes und wartet auf die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesu Christi zum ewigen Leben. In diesem Geiste der Liebe Gottes wirket auch für eure irrenden Brüder: diese strafet, nachdem ihr sie belehret habt, jene rettet, indem ihr sie auS dem Feuer, aus der Gefahr der ewigen Verdammung reißet, der Andern erbarmet euch in jener heiligen demüthigen Furcht, selbst zu fallen; betet ohne Unterlaß für euch und eure Anverwandte, für alle Arme, Kranke und Sterbende, für geistliche und weltliche Obrigkeit, für das Wohl der katholischen Kirche, für die Bekehrung aller armen Sünder. Hasset endlich wie ein beschmutztes Kleid Alles, was mit der Fleischeslust zusammenhängt. „Ihm aber, der euch ohne Sünde bewahren und vor das Angesicht seiner Herrlichkeit unbefleckt unv mit Freuden stellen kann bei Ankunft unsers Herrn Jesu Christi, ihm, dem alleinigen Gott, unserm Heilande durch Jesum Christum unsern Herrn, sey Ehre und Preis, Macht und Gewalt vor aller Zeit, jetzt und in alle Ewigkeit. Amen." '»iiM mA, d-r^—. i-^>), ^l-iltt-i! Z^.-iiT ".s»>oÄ,?k;Iii)'>«Ä ^ ^ . , . .«^ Centralafrika. Chartum, 29. Jan. 1852. Aus einem erst angelangten Briefe vom Provicar für Centralafrika, Dr. Knoblecher, entnehmen wir Folgendes: „Am Feste der unschuldigen Kindlein sangen wir in unserer Missionscapelle ein freudiges: Großer Gott, wir loben dich, dem Herrn für die glücklich überstandene Reise (von Wien) dankend. Alle meine Gefährten sind frisch und gesund angekommen (ein Umstand, welcher bei Erpeditionen in diesen Gegenden bisher fast beispiellos dasteht). Seit unserer Ankunft herrscht in unserm Etablissement, besonders aber in der neugeweckten Schule, regeS Leben. Man arbeitet fleißig an der Erziehung unserer kleinen Gehilfen (der Negerkinder), die unS mit Sehnsucht erwartet haben, und bereitet sich auf die nächste Erpedition und die Eröffnung der Station in den noch weit von hier gelegenen Gegenden deS vierten GradeS am weißen Flusse, wohin sich bereits einer der bei meiner Abreise nach Europa zurückgelassenen Missionäre im Januar 1351 begeben hat. Er weilt noch dort, um den auf meiner ersten Expedition für unS gewonnenen König der Bari-Neger, Nigila, von der Aufrichtigkeit meiner ihm damals geoffenbarten Gesinnungen neuerdings zu überzeugen. Ich erwarte mit der Ankunft der auf Ankauf von Elfenbein noch vor unserm Eintreffen in Chartum dahin abgereisten Expedition (die kommenden März zurückkommen dürfte) nähern Aufschluß über die Resultate der Bestrebungen jenes Missionärs zu erhalten. Auch von drei andern aus unserm Schiffe Stells mstutina zurückgelassenen Gefährten erwarte ich die Bestätigung der durch Loumime so eben erhaltenen Nachricht von der Ankunft der Dongola. Unser Schiff soll die lange Reihe der gefährlichen, mittleren Nilkatarakte siegreich zurückgelegt und festlich geschmückt in der Nähe jener Stadt gesehen worden seyn. Alles wundert sich daselbst höchlich über das Schiff, wie Eisen auf dem Wasser schwimmen könne." ' .-»iNvW .,s?sM'i»LiL ' '' -.^ . 104 Die Christiade. .,q„4,i!,G .,>ök..,^ "».n,Uial d?n!!i INN zur Augsburger Postzeitung. _ 4. April IA. ^852. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis TO kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Charwoche. inhoitz .M» ZÄnilG nA?n„umos«>suj vnu ^6^muAkchi)K ?un' NttXk,, »Hi O bange Woche, da der Heiland scheidet, Du stimmst so ernst zu dieser Lenzeswonne, Da wiederum die warme Lieb' der Sonne Die nackten Au'n mit zarten Blümlein kleidet; Da in den Lüften fromm die Vöglein grüße» Des lauen Westens holde Frühlingswinde, Und durch des Waldthals frische Wiesengründe Des Bächleins Silberfluten sich ergießen. O Frühlingssonne, laß die heitern Strahlen Mit düsterm Wolkenschlcier dir verhüllen, Daß du nicht schaust, wie um der Brüder willen Der Herr verblutet in des Todes Qualen. Ihr Blümlein aus den grüngeschmückten Wiesen, Senkt trauernd eure thaubcnetzien Blicke; Schon naht die sromme Hand, daß sie euch Pflücke, Und opfernd lege zu des Heilands Füßen. O schweigt ihr Sänger in den muntern Haine», Verstummt sind ja der Glocken Feierklänge; Die Kirche läßt durch düstre Grabgesänge Der ew'gen Liebe Opfertod beweinen, v! Ayn Mz'l-jM (scki'tt ,mjhL!Z ,UlM's» Zieht heimwärts, Winde, nach den sonn'gen Hohe« Ins klare Blau der lenzerfüllten Lüfte Des fernen Südens, da des Todes Düfte Mit kaltem Hauch das heil'ge Grab umwehen! -iilt .sn/kuA'N' wi>?ni »hilisH n-j chus ^»kttinnnK. ^Kilt?« mZttz.KlM'K Ihr Bächlein, frei nun von des Winters Bande», Rinnt stille hin an den bemoosten Hängen; Bald hallet es in lauten Jubelklängen Von dem Altare: „Christus ist erstanden!" ._ TafrathShofer. .ynttv?(!rI/^^M8mT. Die kranke Zeit und ihr Heilmittel. *) .....Wir haben mit der größten Aufmerksamkeil und Theilnahme die neuesten Erscheinungen auf dem Gebiete deS religiösen und sittlichen LebenS verfolgt, und zu Unserem Troste und Unserer innigsten Freude wahrgenommen, wie der lebendige Glaube an Christus und die aufrichtige Hingabe an seine heilige Kirche in manchen Kreisen sich wieder Bahn gebrochen, wo noch vor wenigen Jahren gänzlicher Unglaube, oder doch religiöse Gleichgültigkeit und sittliche Ungebundenheit herrschten. ES ist UnS insbesondere keineswegs entgangen, mit welch' nachahmungswürdigem Eifer und rühmlicher Opferwilligkeit Einzelne, welche nicht nur die ganze Gefahr der unS drohenden Auflösung der socialen Ordnung, sondern zugleich auch die einzig zureichenden Mittel ihrer Abwendung erkannt haben, sich bemühen, dem von sittlicher Fäulniß bereits tief ergriffenen Organismus der heutigen Gesellschaft durch die Bethätigung ihres christlichen Glaubens in Uebung aller demselben entsprechenden Tugenden und vorzüglich der werkthätigen christlichen Liebe neues, kräftigendes Leben einzuhauchen. Wir erblicken hierin mit allen Einsichtsvollen den Anfang eines durch Gottes Barmherzigkeit hervorgerufenen HeilungSproccsseS, an dessen glücklicher Vollendung znr geistigen Wiedergeburt deS jetzigen Geschlechts nicht zu zweifeln ist, wenn nur der Reichthum der unS zuvorkommenden Gnade von der großen Mehrheit der Menschen erkannt und dankbar benutzt wird. Ist es aber schon als sicher anzunehmen, daß dieses geschehe? Gibt unS das Verhalten der meisten Menschen eine genügende Berechtigung zu der zuversichtlichen Erwartung, daß sie die Güte und Langmuth GotteS nicht mißbrauchen, sondern in Demuth und Reue zu ihm zurückkehren, aufrichtige Buße wirken und so das Verderben abwenden werden, Welches immer eine unausbleibliche Folge der Unbußfertigkeit ist? Ach, Geliebte! eS drängen sich unS alltäglich Wahrnehmungen auf, die unS in dieser Beziehung mit nicht geringer Besorgnis; erfüllen müssen. Trotz aller Mahnungen und Warnungen, die Gott, um unS zur Buße und LebcnSbesseruug zu bewegen, durch die Ereignisse der letzteren Jahre an uns hat ergehen lassen, und trotz deS unS vorleuchtenden herrlichen Beispieles Derjenigen, welche in dankbarer Anerkennung seiner unS dadurch erwiesenen Liebe und Erbarmung mit Aufbietung aller ihrer Kräfte und Mittel für ihr und ihrer Mitmenschen Seelenheil besorgt sind, leben noch immer unzählig Viele in allzugroßer Geistesträgheit und Sorglosigkeit bezüglich der Erreichung ihrer ewigen Bestimmung dahin, für Nichts ein warmeS Interesse an den Tag legend, als für die möglichste Befriedigung ihrer bloß auf daS Irdische und Vergängliche gerichteten Wünsche, Neigungen und Begierden. Daß eS sich in Wahrheit so verhält, zeigt sich nicht nur in der weithin verbreiteten Vernachlässigung des Gebetes, der andächtigen Beiwohnung bei der Darbringung deS heiligen Meßopfers, der Anhörung des Wortes GotteS, der Lesung belehrender und erbauender religiöser Schriften, des öftern würdigen Empfanges der heiligen Sacra- mente der Buße und deS AltareS, und der Betheiligung an den zur Belebung des Glaubens und Bethätigung der- christlichen Liebe gegründeten kirchlichen Vereinen; sondern eS beweisen dieses auch und zwar noch klarer und unwidersprechlicher die überall, in Städten, Flecken und Dörfern, bei Hohen und Niedern noch immer so häufig zum Vorschein kommenden, ja hie und da sich mehrenden Laster und Verbrechen, welche die naturgemäßen Früchte eben dieser allem Ueberstnnllchen und Göttlichen abgewendeten fleischlichen LebenSrichtung sind, AIS nothwendige Folgen und Ausgeburten dieser gottentfremdeten falschen LebenSrichtung bezeichnet die unter unS herrschenden sittlichen Verirrungen auch der heilige PauluS; indem er Hurerei, Un- reinigkeit, Unkeuschheit, Ueppigkeit, Feindseligkeit, Hader, Eifersucht, Rache, Uneinigkeit, Zwist, Sectengeist, Neid, Mord, Völlerei, Schwelgerei und dergleichen, also gerade die Sünden und Laster, welche heute das gesellschaftliche Leben so sehr beflecken, die schon vorhandene Armuth und Noth mit jedem Tage noch steigern, und ») Aus dem dleßjähngen Fasterchirtenbriefe des Hochwürdigsten Bischofs von Limvurg. 107 die Grundpfeiler jeder sittlichen Ordnung untergraben, ausdrücklich Werke deS Fleisches nennt, und die Bemerkung beifügt, daß die damit Belasteten das Reich Gottes nicht erben werden (Gal. 5, 19—21). Ist aber die Bekehrung Aller, welche längere Zeit, den Einwirkungen der göttlichen Gnade sich verschließend, von den ungestümen Trieben ihrer verdorbenen sinnlichen Natur sich beherrschen lassen, wegen der nahe liegenden Gefahr allmäliger gänzlicher Verstockung ihres HerzenS schon zweifelhaft; so gewiß in noch weit Höhe- rem Grade die Bekehrung Derer, welche nicht sowohl aus träger Gedankenlosigkeit und Schwäche dem Gnadenzuge deS heiligen Geistes nicht folgen, als vielmehr auS Bosheit demselben absichtlich sich widersetzen. Und daß eS auch Solcher in unsern Tagen sehr Viele gibt, wird Niemand bezweifeln, der die lügenhaften und verleumderischen Angriffe kennt, welche die Kirche und alle ihre warmen Anhänger, besonders aber ihre freimüthigen und seeleneifrigen Diener täglich zu erdulden haben. Denn was anderes als der Haß gegen den in der Kirche lebenden Geist der Wahrheit, Liebe und Heiligkeit selbst ist eS, waS ihre ärgsten Feinde, die Hauptförderer des Unglaubens und der sittlichen Verkommenheit, in beständigem Kampfe gegen die, selbe erhält? Da sie wohl einsehen, daß unsere heilige katholische Kirche die einzige Macht ist, an welcher alle ihre Bestrebungen, die rechtliche Ordnung in der mensch, lichen Gesellschaft umzustoßen und dagegen ihre niedrigen Leidenschaften auf den Thron zu erheben, scheitern müssen, so lange deren Glieder durch lebendigen, ihre Gesinnungen und Handlungen bestimmenden Glauben mit ihr verbunden sind; so erfüllt der Anblick der dermaligen, keine Verfolgungen, Leiden und Opfer scheuenden Thätigkeit der Kirche, um die ihr noch aufrichtig Ergebenen in ihrer Treue zu befestigen, und die bereits Irregeleiteten wieder auf den Weg der Wahrheit und Tugend zurückzuführen, diese Feinde GotteS und der Menschheit mit einer wahrhaft teuflischen Wuth. Hierzu kommt nun noch, um das Maaß der Zerrüttung unserer heutigen Zustände und Verhältnisse voll zu machen, der beklagenSwerthe Umstand, daß die Kirche, die Trägerin aller christlichen Wahrheit und Gnade, die Seele der staatlichen und bürgerlichen Ordnung, bezüglich der Anwendung ihrer reichen Mittel zur Regeneration der Menschheit, wie an vielen andern Orten, so auch in einem bedeutenden Theile von Deutschland bis heute noch sehr wesentliche Hemmungen und Beschränkungen erleidet, während die Feinde deS Christenthums allerwärts ungestraft jede Ungerech, tigkeit gegen dieselbe sich erlauben, ihre heiligsten Lehren und Gebräuche verspotten und verhöhnen, ja selbst den Glauben an Gott, Tugend und Unsterblichkeit laut und öffentlich als Trug und Wahn ausgeben dürfen, und von dieser Freiheit nicht nur in mündlicher Rede, sondern auch in unzähligen Organen der TageSpresse den schamlosesten Gebrauch machen. Unter solchen Verhältnissen kann eS uns nicht wundern, wenn der lebendige, in gewissenhafter Erfüllung der sittlichen Gebote sich offenbarende christliche Glaube selbst aus dem Herzen des sonst so frommen Landvolkes hie und da in solchem Maaße entschwunden ist, daß neben den gröbsten sittlichen Vergehen und Ausschweifungen auch daS entsetzliche Verbrechen deS Meineides bei ihm nicht mehr zu den seltenen Erscheinungen gehört. Und wie nachtheilig alles Dieses namentlich auf die heranreifende Jugend wirken muß, daS bedarf bei den deßfallS schon gemach- ten vielfachen Erfahrungen keiner Erörterung. Wir wollen nun nicht behaupten, Geliebte I daß bei dieser Lage der Dinge die Herbeiführung einer bessern Zukunft auf dem Wege ruhiger Entwickelung des noch vorhandenen Guten nicht mehr möglich sey; aber so viel ist gewiß, daß, wenn für die Verbesserung unserer dermaligen Zustände fortan nicht allseitiger, einträchtiger und entschiedener gesorgt, die göttliche Autorität der Kirche nicht höher geachtet, und die Fülle der auS ihr strömenden übernatürlichen Lebenskräfte nicht dankbarer und eifriger benutzt wird, als dieses bisher geschehen, die kaum wieder einigermaßen befestigte staatliche und bürgerliche Ordnung der wachsenden Gewalt der auflösenden und zerstörenden Kräfte nicht lange mehr wird widerstehen können, und daß dann die Strafe gerichte, mit welchen uns Gott schon wiederholt gedroht, hereinbrechen und für das 108 Versäumnis; Dessen, waS jetzt noch leicht erwirkt werden könnte, eine Fürsten und Völker, Vorgesetzte unv Untergebene, Reiche und Arme, Gebildete und Ungebildeie gleichmäßig treffende, Furcht unv Entsetzen erregende Sühne fordern werden. Denn darüber, Geliebte! dürfen wir, um von andern Heimsuchungen, die dann sicher auch nicht ausbleiben werden, gar nicht zu reden, unS nicht läuschen, daß Diejenigen, welche jetzt, angetrieben von dem Fürsten der Finsterniß und Vater der Lügen, unter dem erheuchelten Vorgeben, durch Förderung wahrer Aufklärung und Erwirkung ausgedehnter Rechte und Freiheilen für daS Beste deS in geistiger und leiblicher Armuth und Knechtschaft schmachtenden Volkes zu sorgen, gegen die von Gott gesetzie Obrigkeit aufreizen, falls sie zur Herrschaft gelangen, die selbstsüchligste unv grausamste Tyrannei üben, kein Recht und kein Eigenthum ihrer Mitmenschen achten, in die zartesten Verbältnisse des Familienlebens schonungslos eingreifen, die christlichen BtldungS- und Wohlthätigkeilsanstallen aufheben, und ungerührt von dem Anblicke des entsetzlichen Jammers und Elendes, welches sie weit um sich her verbreiten, ihrem Stolze, ihrer Habsucht.und thierischen Sinnenlust AlleS zum Opfer bringen werden. Wann, Geliebte! waren demnach die heiligsten Güter der Menichhett, ja selbst die Grundlage der gesellschaftlichen Ordnung durch die religiöse und sillliche Verkommenheit der Menschen mehr gefährdet als jetzt? Und wann war eben darum auch die demüthige und reuevolle Rückkehr derselben zu Gott selbst im Interesse der zeitlichen Wohlfahrt dringender geboten, als unter den dermaligen Verhältnissen? Wahrlich, Gelieble! bei der Größe der unö umgebenden Gefahr und dem Maaße der auf unS lastenden Schuld, auS welcher dieselbe hervorgegangen, müßle jede Hoffnung ihrer nochmaligen Abwendung schwinden, überstiege nicht GotteS Liebe unendlich unser Verdienst; — wäre der Herr nicht gnävig unv barmherzig, langmülhig unv von großer Geduld. Doch sieh! die unendliche Liebe und Erbarmung, mit welcher Gott noch immer die längst verdienten Strafen von uns abwenden und durch neue geistige und leibliche Wohlthaten unser zeitliches und ewiges Glück gründen und sichern will, wofern wir nur ohne weitern Aufschub in Demuth und Reue zu ihm zurückkehren und bei ihm Hilfe suchen, offenbart sich unS gerade jetzt, in der größten Noth, auch auf die einleuchtendste, rührendste und ergreifendste Weise. Damit nämlich dieses einzige Mittel, welches uns retten kann, auch von Solchen erkannt unv gewürdigt werden möge, welche dasselbe nicht schon aus den bisherigen traurigen Ereignissen und der Eigenthümlichkeit unserer dermaligen Lage erfaßt und angewendet haben, hat daS sichtbare Oberhaupt unserer heiligen Kirche, der würdige Nachfolger des heiligen PetruS, unser vielgeprüfter, glorreich regierender Papst, Pius IX., geleitet von unserm unsichtbaren Oberhaupte Jesus Christus und beseelt von seinem Geiste, mit wahrhaft väterlicher Liebe und Sorgfalt an die gesammte Christenheit sich gewendet, ihr ein sprechendes Bild unserer beklagenswerthen Zeit vor Augen gestellt und unter Aufschließung der himmlischen Gnadenschätze sie zum Gebete und zur Buße aufgefordert. O möchte doch die hohe Bedeutsamkeit dieser Einladung zum gemeinsamen vertrauensvollen Gebete behufs der Abwendung der unS drohenden Strafgerichte durch aufrichtige Buße die nöthige Beachtung finden! Sie ist eine nochmalige laute, nur Liebe unv Barmherzigkeit athmende Mahnung unseres göttlichen Heilandes, uns durch dankbare Benutzung seiner unendlichen Verdienste mit seinem himmlischen Vater auszusöhnen, und in Kraft des wieder erlangten Friedens mit ihm und der auS demselben entquellenden Weisheit, Tugend und innern Beseligung auch der unglücklichen, kranken, durch Leidenschaften aller Art in sich gespaltenen bürgerlichen Gesellschaft Wohlseyn, Friede und Freude wieder zu bringen. Wird auch dieser Ruf nicht beherzigt, nun so dürfen wir uns nicht beklagen, wenn die furchtbaren Worte des Herrn sich abermals erfüllen: „darum, weil ich rief, und ihr nicht wolltet, ich meine Hand ausstreckte, und Keiner daraufmerkte; weil ihr verachtet all' meinen Rath, und meine Strafreden in den Wind schlüget: so will auch ich bei euerm Untergange lachen, und spotten, wenn euch begegnet, waS ihr fürchtet. Wenn plötzlich daS Unglück hereinbricht und der Untergang wie ein Wetter heranstürzt; wenn Trübsql und Angst über « 109 euch kommt: dann wird man mich rufen, aber ich werde nicht hören; frühe wird man ausstehen, mich aber nicht finden." ans, ö'iiUU'-l v>Z ZNiilil-»r,T ^i5ntt5 5s-nuj?c!llfi dk'Z ,l>dutt nci!iknlAv?uD ^ndd^tll n^vliiiHnt^'nA n',!kj!l?s,'Aii!!°ij'»v; 5:ltl> Hn«il>ÄUN5?u> Rom. ,«!>SNN »Zittdt ?u/i »KM-inttmi'L .»oli),.' °,IU.,. «na NII'ZKI^ Dem „UniverS" wird auS Rom geschrieben: Alle Welt weiß, daß die Zahl der englischen protestantischen Geistlichen, die sich zum Katholicismus bekehrten, bereits sehr beträchtlich ist und tagtäglich zunimmt. Viele derselben wünschen ihr künftiges Leben ausschließlich dem Herrn zu weihen und deßwegen in einen geistlichen Orden zu treten; die Mehrzahl ist aber nicht in der Lage, jene theologischen Studien machen zu können, die nothwendig ihrem Eintritts in den heiligen Aufenthalt vorangehen müssen. Einige sind an der Betreibung dieser Studien durch financielle Verlegenheiten gehindert; andere wieder wissen den Ort nicht zu finden, wo sie unter den unerläßlichen Garantien ihre wissenschaftlichen Bemühungen und ihr Noviciat vollenden können. Ihre Antecedentien, die Vorurtheile, die ihnen von Jugend an beigebracht wurden, die Eigenthümlichkeit ihrer künftigen priesterlichen Aufgabe, die sie in einem der Majorität nach protestantischen Lande zu lösen haben werden, erheischen überdieß eine besondere, den Anforderungen ihrer Intelligenz und den Bedürfnissen der Bevölkerung, deren Lehrer sie eines TageS seyn sollen, angepaßte Methode, da man nur unter solchen Bedingungen hoffen kann, sie eines TageS als würdige Arbeiter im Weinberge des Herrn alle jene Früchte ernten zu sehen, deren ihre erhabene Selbstverläugnung vollkommen würdig ist. Um die heilige Lehre unmittelbar auS der reinsten Quelle schöpfen zu können begeben sie sich in natürlichem, fast instinktmäßigem Antriebe meistens nach Rom. Aber auch hier ist für die Befriedigung der erwähnten Anforderungen bisher nur unvollkommen gesorgt. Sie müssen daselbst die öffentlichen Vorlesungen besuchen, die für Zuhörer berechnet sind, die so zu sagen in einer katholischen Atmosphäre ausgewachsen sind; sie sind ferner genöthigt, in Privathäusern oder Instituten Unterkunft zu suchen, die eine ganz andere Bestimmung haben und so mangelt ihnen sowohl vom Standpuncte der Intelligenz als dem der Frömmigkeit und der geistlichen Uebungen eine Unzahl nöthiger Dinge, woraus sich die Befürchtung ergab, sie würden in jenem Momente, in welchem sie die priesterliche Weihe erhalten sollten, nur Neo- phiten im Glauben, und keineswegs geeignet seyn, die Fülle der Gaben deS heiligen Geistes aufzunehmen. 111 Diesem so empfindlichen Mangel soll nun baldigst Abhilfe gebracht werden. Der heilige Vater, den die religiösen Bedürfnisse Englands so höchlich interessiren, den die Vorsehung bestimmt zu haben scheint, daS auf die Insel bezügliche Bekeh- rungSwerk des großen Papstes St. Gregor wieder aufzunehmen, wird ein besonderes Institut begründen, in welchem jene katholisch gewordenen, früher protestantischen Geistlichen aufgenommen werden sollen, die sich berufen fühlen, in den heiligen Orden einzutreten. Schon im nächstkommenden August hofft der heilige Vater die Anstalt eröffnen zu können, für welche er ein Gebäude bestimmt hat, daS früher schon einem ähnlichen Zwecke angehörte, und in welchem Konvertiten aufgenommen wurden, um sich im Religionsunterricht zu vervollkommnen und im Glauben zu stärken, daher eS auch den Namen „Palazzo dei Convertili" führt. Im Jahre 1685 hat es der sterbende Cardinal Castalvi, dem eS gehörte, zu diesem Zwecke bestimmt. Die Kosten der neuen Einrichtung werden ausschließlich vom heiligen Vater getragen, der so im vollen Sinne des Wortes der Vater der neuen Familie seyn will, die der Herr ihm zuweist. In solcher Weise will der Stellvertreter Jesu Christi sich für die ihm angethanen Beleidigungen der anglikanischen Kirche rächen und neue Apostel für England heranbilden lassen. Man muß übrigens zugestehen, daß die Güte des heiligen VaterS unmöglich besser angewendet werden könnte. ES gibt kein erbaulicheres und für die religiöse Zukunft Englands beruhigenderes Schauspiel, als daS anerkennenSwerthe Benehmen der englischen Convertiten in Rom. Die Andacht, mit der sie am Fuß der Altäre hingestreckt für die Bekehrung ihres Vaterlandes beten, ist überaus rührend. Gott erhört auch ihr Gebet und häufige Bekehrungen haben im Laufe dieses Winters zu Rom stattgefunden. Andere stehen noch bevor. Vorzugsweise aber erregt eS allgemeine Bewunderung, wenn man 40° bis 5vjährige, an daS behaglichste Leben gewöhnte Männer zu Schülern werden und sich neben den jungen Zöglingen deS Kollegium Romanum auf eine und dieselbe Bank setzen sieht. Manche sind sogar genöthigt, erst die lateinische Sprache zu lernen, um den theologischen Vorlesungen mit Nutzen beiwohnen zu können. ES ist dieß ein Muth, der nicht genug gelobt werden kann, eine Hingebung, der Gott den Lohn nicht versagen wird. (Salzb. Corr.) /^->o >. o ^ .irziL t»,4ok) «,6>g!Mv ,tz«T ?uz Ipmnk i n,)Zli5 iiiüü ,°>!l ,nsi,T HiiE >"iMuM — .mchr.'N uz dnüiiidliuÄ S,j mÄMuF m^.iak mckiZMnA. tzocl sgnuL. '"6 lim ,llü1 G m ü n v» AuS Gmünd in Württemberg 13. März wird dem „Schwäbischen Merkur" geschrieben: Um für die öffentlichen Spitäler der Stadt eine gewissenhafte und dabei möglichst wohlfeile Krankenpflege zu erhalten, knüpfte der StiftungSrath schon im Jahre 1849 mit dem Mutlerhause deS Ordens der barmherzigen Schwestern zu München Unterhandlungen an; da aber diese aus Mangel an verwendbaren Schwestern zu keinem Ziele führten, so fand der Plan, in Gmünd selbst ein Mutterhaus deS erwähnten Ordens für die Diöcese Rvttenburg zu gründen, immer mehr Freunde und Unterstützung. Die Behörde wandte sich sofort an daS Mutterhaus zu Straßburg und erhielt von diesem im Februar 1851 die bestimmte Zusage, daß Gmünd die benöthigte Anzahl von Schwestern erhallen solle, unter der Bedingung, daß daselbst ein Mutterhaus deS Ordens gegründet werde und die Statuten desselben die Genehmigung der geistlichen, wie der welllichen Obrigkeit erhalten. Hiedurch war man dem vorgesteckten Ziele einen bedeutenden Schritt näher gekommen. ES wurde nun definitiv beschlossen, hier ein Mutterhaus zu gründen und demselben die nöthigen Räumlichkeiten nebst einem Garten auf zehn Jahre zu unentgelvlicher Benützung zu überlassen; zugleich wurden Statuten entworfen und der Regierung zur Genehmigung vorgelegt. Nachdem sie diese unterm 14. Nov. 1351 erhalten hatten, wurden sie auch vom bischöflichen Ordinariate gu-t geheißen, daS zugleich die Wahl einer Commission anordnete, welche die ferneren zur Förderung dieser nun zur Diöcesansache gewordenen Angelegenheit nöthigen Schritte zu thun hat. 112 Nach der Ansicht dieser Commission soll Gmünd im Verlaufe der nächsten sechs Jahre mit barmherzigen Schwestern aus dem Mutlerhause zu Straßburg versehen werden, also ein Filial dieses Mutterhauses seyn. In dieser Zeit sollen aber aus unserer Diöcese so viele Schwestern in Slraßburq herangebildet werden, daß mit denselben nach Umfluß jener sechs Jahre das Mutterhaus Gmünd wirklich eröffnet und daS Bedürfniß größerer Gemeinden der Diöcese befriedigt werden kann. Bis jetzt sollen sich bereits 13 Jungfrauen angemeldet haben, die in den Orden einzutreten willens sind. Da nun, um daS Mutterhaus eröffnen zu können, bloß neun Schwestern nothwendig sind: eine OrdenSoberin, eine Novizenmeisterin, zwei Assistenzschwestern und fünf für den unmittelbaren Dienst in den Spitälern GmündS, und da die in Berechnung genommenen Mittel, welche bestehen in dem statutenmäßigen Beibringen der Schwestern, in theils schon gemachten, theils zugesicherten Stiftungen und in kirchlichen Collecten, für den Anfang als zureichend erscheinen, so können wir mit Bestimmtheit annehmen, daß wir in Bälde ein Filial und seiner Zeit ein Mutterhaus des Ordens der barmherzigen Schwestern hier haben werden. (MDl^nA lü> I!>ljO!l!d "-UZN' Sllu N5chi N >!tniÄ. N',IiNUsUl!'.>!iA innren .Il'-W llzZl'l'iüsN'^ Puseyitische Nonnen. Die englischen Puseyiten hegen bekanntlich eine große Vorliebe für den OrdenS- stand, und haben in England bereits mehrere Frauenklöster gestiftet. Mehrere derselben sind jedoch zu der Einsicht gelangt, daß der Protestantismus nicht der rechte Boden für Klöster ist. Am meisten Aufsehen erregt ein unter der Leitung einer Miß Selon stehendes Institut: englische Blätter scandalisiren sich gewaltig über Enthüllungen, welche eine ausgetretene Nonne darüber veröffentlicht hat. Wenn diese Mittheilungen getreu sind, so sind die Regeln katholischer Orden ziemlich getreu copirt, aber auch, wie daS bei Allem, was die Secten der Kirche nachmachen, der Fall zu seyn pflegt, verzerrt und carrikirt. Da finden sich die Gelübde deS Gehorsams, der Armuth und Keuschheit, Namen wie „Orden vom heiligen Geiste" oder „vom heiligen Herzen", „OrdenS-Capitel", Prim, Terz, Sert, Non u. s. w., sogar bei Einzelnen Verehrung der heiligen Jungfrau und Rosenkranz, und endlich gar Beicht, aber bei — „der Mutter", Miß Selon, die unter anderm einmal zur Buße aufgegeben haben soll, mit der Zunge daS Kreuzzeichen auf dem Fußboden deö Oratoriums zu machen. «,uwM mtMi)'.?ÄZ„ m'jZ uM M x^.^ -.-^ n- Ättii!:,,^ ^ n r r e t. Der heilige Vater hat bekanntlich in der sehr ausgedehnten Kirchenprovinz Konstantinopcl unlängst fünf neue BiSthümer nach armenischem Ritus errichtet. Briefe im „Osservatore Romano" vom 25. Februar bezeugen, daß diese Maaßregel für die Verbreitung deS Glaubens bereits günstige Erfolge hervorgebracht hat. In Gol Karasy, Diöcese von Bursa, sind 2l)0 schismatische Familien in den Schooß der katholischen Kirche zurückgekehrt. In der Diöcese Murat werden mehrere Familien zu demselben Schritte vorbereitet. ' Dill,')?'- i.'7',fji»jKT n«,«' IlZi Mtt ».lzissaitt ö. 5»4 y><" / >' ^ zUliniist Nötige« ' Die Sammlung für das GörreSdenkmal im Dom zu Köln beträgt nach dem Ausweis der histor. polit. Blätter bereits 2940 fl. 20 kr., wozu die Diöcese BreSlau über 6l)O fl. beigetragen hat. Der Verein der hl. Kindheit verbreitet sich sehr rasch. Von Frankreich erstreckt er sich jetzt über die englischen Inseln, Belgien, Holland, Rheinprovinz, Westfalen, Bayern, Polen, Italien, Schweiz, Spanien, Amerika u. f. w. Vor Kurzem hat er sich nach Oesterreich verbreitet. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. VerlagS-Jnhaber: F. E. Kremer. Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Angslmrger Pojheiwng. 11. April M AS. 1852. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnements»«!« kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter nud alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Am Charfreitag. Des Königs Fahnen zieh'n einher, Voran das Kreuz, lichtstrahlend, hehr, Daran den Tod das Leben litt, Und Leben aus dem Licht erstritt. Als auf der grimmen Lanze Stoß Aus wcitgespaltner Seite floß Ein Strom von Wasser und von Blut, Der rein uns wäscht in seiner Fluth, Erfüllt ist, was im Seherdrang In treuem Lied einst David sang Zu der erstaunten Völker Schaar: „Vom Kreuz herab herrscht Gott fürwahr!" O Baum, wie bist du schön u»d werth, Da dich des Königs Purpur ehrt: Aus würd'gcm Stamm hervorgethan, Solch' heil'ge Glieder zu umfahn. Heil Dir! an Deinen Armen zog Der Preis, der alle Welt aufwog, Du Wagbaum für des Leibes Last, Der allen Raub der Höll' erfaßt. Kreuz, einz'ge Hoffnung, sey gegrüßt, In dieser Heilgen Lcidensfrist! Mehr' allen Frommen Gottes Huld, Und tilge aller Sünden Schuld. Dich, Urquell alles Heiles, preist, Heil'gcS Dreieins, ein jeder Geist; Hast uns des Kreuzes Sieg gewährt, Nun sey uns auch der Lohn beschcert! 114 5UV Ein schönes altes Osterlied aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Freu dich du werthe Christenheit Gott hat nuil überwunden, Die große Marter, die er leit, ^ Die hat uns nun entbunden. Große Sorge war uns bereit, Die ist jctzund gar hingeleit, Erstanden ist uns groß Seligkeit. Es ist ein österlicher Tag, Den mag kein Mensch gnug ehren; Den Gott, der alle Ding vermag, Sein Lob das svlln wir mehren. Christen nehmen des TageS wahr Und gehn samt zu der Engel Schaar, Da scheinet die liebe Sonne klar. Hochgelebter Herre Christ, Wir freuen uns allesamt heute, Und Alles was lebendig ist In aller Welt, weit und breite; Nun singet ihr Kinder und werdet froh, Es ist Alles geschehn also; Gelobt sehst du Maria. Als Magdalena ging zum Grabe dar In Trauern, wchmuthrcichc, Da sand sie zwei Eugel wunderbar Und grüßt sie demuthreiche: O Engel, liebste Engel mein, Wo ist doch nun der Meister hin, Und wo soll ich ihn finden? Der Herr und Meister ist nicht hie, Denn er ist auferstanden, Er ist so früh gen Galilee, Da ist er hingegangen; Aufstieß er der Hölle Thür Und führt die Seelen all hcrfür Wohl aus den schweren Banden. Gott der uns All geschaffen hat, Der laß uns nicht verderben, Sein Blut das er vergossen hat, Woll uns Genad erwerben. Wir loben dich, o reine Magd, Hast Keinem dein Fürbitt versagt, Du wollst unser Bestes werben. Ehre sey dem Vater und dem Sohn, Darzu dem heiligen Geiste, O Herre, unserer Sünden verschon' Zu dieser Zeit am meiste. , Gib deinen Fried und Einigkeit Von nnn an bis in Ewigkeit, So singen wir Hallcluja. 115 Der neue Aufschwung der katholischen Kirche» litt Ni'dlll t. l> !?1>L:^5,liusil>l^'-?L >U^d^U^Il'ill'»dZM I»!l ^i>>) ^iA>^ Dargestellt durch einen Protestanten in einem protestantischen Rlatte *1 jz? n» ,chiZ??tto?F in 1?a^ ,ÄS>>WjmZ^»»^i> -'Zau n^uxl -ism» ;q tmmm Wer in die Geschichte im Großen sieht, kann sich nicht verbergen, daß die römisch-katholische Kirche in neuerer Zeit einen höchst merkwürdigen Aufschwung genommen hat. JnS öffentliche Bewußtseyn ist er bei^uiisin Deutschland zuerst getreten seit der Gefangennehmung des ErzbischofS Clemens August von Köln, Einsichtige Protestanten (zu denen der Volksblattschreiber nicht gehörte), unseres jetzigen Königs Majestät an der Spitze, sahen gleich damals voraus, wohin ein solches Zusammentreffen ausschlagen muffe; weil jede Kirche, die auf den Namen einer christlichen noch irgend einen Anspruch hat, Waffen hat, an denen die Waffen der besten Gendarmerie stumpf werden müssen. Wenige Jahre darauf rief der falsche Prophet sein „Rom muß fallen!" — und von da an schien der Aufschwung erst rechte Kraft zu gewinnen. Und als endlich das Jahr 1848 mit'allen seinen Mächten der Finsterniß hereinbrach, und als Rom wirklich vor Menschenaugcn fiel, — da sahen wir erst daS Merkwürdigste: nämlich das Rom auch ohne Rom leben kann, und die katholische Kirche ent, faltete in den verschiedenen Theilen der Welt ihre lebhafteste Thätigkeit, während im Vatican die rothe Republik thronte und der Papst ein verbannter Flüchtling war. . . Zu einer Zeit, wo die europäische Welt von den größten Erschütterungen zerrissen war, und zwei Jahrhunderte lang in unserer protestantischen Kirche unter dem nicht endenden Streit der Schlachtfelder, der Höfe, der Kanzeln und Federn die seiner Kirche vom Herrn aufgetragene Mission reinab vergessen war, zogen unter Franz Xaver begeisterte Missionäre aus der katholischen in Schaaren zur Bekehrung beider Indien, fielen Tausende von Märtyrern in Japan, wurden ganze Länder, wie Paraguay, unter dem Schirme des Evangelii civilisirt. Zu einer andern Zeit, wo die Allmacht der StaatSmaschinen Alles, was Selbstständigkeit hatte, verschlang, und ihre tödtende Hand über Alles legte, waS fromme Vorzeit geschaffen, — erstanden aus der katholischen Kirche unter Vincenz von Paula und seinen Nachfolgern die neuen Schöpfungen christlicher Licbeömacht für die leidende Menschheit, — für die Kranken, die Gefangenen, die Armen, für die Verlassenen, die Verlornen, die Gefallenen, — die uns jetzt als Vorbilder dienen. Und selbst zu der Zeit, wo die Arbeit an der Zerstörung der Kirche auf unsern öffentlichen Lehrstühlen in voller Blüthe, und kaum ein Pfarrhaus war, in dem nicht daS Wort Gottes sammt den beschworncn Bekenntnissen leichter gewogen hätte als daS erste beste Regierungs- Rescript und als der erste beste Einfall eigener Klugheit oder Trägheit, — ging die Hälfte der französischen Geistlichkeit willig in die Gefängnisse der Revolution, auf daS Blutgerüst und in die Verbannung, ehe sie einen Eid geleistet hätte, der ihr kirchliches Gewissen verletzte.. . Doch wir wollten uns nicht in die Vergangenheit verlieren, sondern die Zustände, wie sie diese Neujahrssonne beleuchtet, so unbefangen als möglich beobachten. — Eine in sich einige, geschlossene Macht, die weiß, was sie will, macht die katholische Kirche gerade in Zuständen der Auflösung um sich her ihre größten Eroberungen, alle Zeitströmungen kommen ihr zu Nutze. Auf den deutschen Einheitsschwindel baut sie den Kölner Dom; in den vagen „constituirenden Versammlungen" greift sie mit sicherer Hand nach den bleibenden Gütern: Kirchen- und Unterrichtsfreiheit; mit den Errungenschaften ziehen, deS Verbotes ledig, ihre Missionen durch die Länder; von allem aufgeschossenen Associationswescn der tollen Jahre ist der feste Zusammenschluß des deutschen Episkopates, mit dem großen Umkreis der „katholischen Vereine", der sich an ihn lehnt, fast das einzige solid übrig gebliebene. DaS herrenlos gewordene Belgien nahm sie für sich zu einem Hauptquartiere in Beschlag; aus den ungewissen Geburtswehen und der Ratlosigkeit Alt, Englands ') Durch Herrn Philipp Nathusius in dem von ihm rediqirtcn, in Halle erscheinenden „Volksblatt für Stadt und Land", Nr. 3 vom 10. Januar 135L. US gehen neue feste Stellungen für sie hervor; auf den Ruine» Frankreichs pflanzt sie ihr schirmendes Banner ans; aus den mecklenburgischen Verfassungswirren tauchen ihr AnfangSpuncie auf in diesem alt-lulherischcn Lande; mit der Reaction in Oesterreich nimmt sie einen neuen Flug, und ist die einzige, die, dort wie in Frankreich, in der allgemeinen Knebelung, die der wüsten Zerrüttung nothwendig folgt, Freiheil für sich davonträgt. ES ist eine merkwürdige Erscheinung: in ihrem Mittelpunkte selbst aus einem Vulcan sitzend, bietet sie sich fernen mächtigen Reichen als gesuchte Stütze dar; wo sie Eigenthümerin und politische Gebieterin ist, nur durch fremde Waffengewalt sich behauptend, tritt sie als Herrscherin auf, wo sie die bloß geduldete ist, erkämpft kühne Siege, wo sie die gedrückte und mißhandelte ist, und verlangt nur freie Hand und Gleichstellung, um entschiedener Forlschritte gewiß zu seyn. In einem katholischen Lande nach dem andern ihrer änßern Machl beraubt, ihrer Reichthümer geplündert, gewinnt sie eben auö der Armuth und aus der bürgerlichen Zurücksetzung neue Macht, so daß nichts ihrer innern Entfaltung dienlicher erscheint als eben diese „Säcularisationcn", die sie nun außer Italien nachgerade fast überall betroffen haben. Vielleicht will ihr Gott der Herr ihre äußere Herrlichkeit auch in jenem Lande erst noch zerscheitern, damit sie erst ganz auf Ihn und seine innerlichen Gaben gewiesen werde. — Aber, wo sie eben ausgezogen worden ist bis aufs Hemd, an Geld und Mitteln fehlt'S ihr nie zu neuen Schöpfungen und auch an Herzen und Händen nicht, die ihr auch ohne Schätze und Dotationen — ja in allen Entbehrungen dienen. — Eine andere Merkwürdigkeit, die wir an der katholischen Kirche beobachten, ist: wie die äußersten Gegensätze sich in ihr zur Einheit verbinden. Wenn man ihr Gestalten betrachtet, weiß man nicht, soll man sagen: sie strebt zum alterthümlichsten Alterthume zurück? oder: sie folgt dem neuesten Fortschritte der Zeit? Während sie in ihren erschlafften Mönchsorden die strengsten ältesten Regeln mit Energie wieder herstellt, und zu der äußern Zucht (wenn wir protestantischen Nachrichten aus Flandern und Westfalen Glauben beimessen) sich auch die inwendige Inbrunst der alten Zeit neu zu gestalten scheint: geht sie eben so willig in die modernste Form deS VercinswcsenS ein. Unter die staunenden U^nkees und Bruder Jonaihans der neuen Weil tritt ihr stummer Mönch von La Trappa mit dem memenw mori, dem einzigen Lebenszeichen, daS über seine Lippen kommt; und in Städten und Dörfern Schlesiens hängt sie, den Demokraten nachahmend, ihren Zettelkasten aus, und beantwortet dreist in öffentlicher Versammlung, wo Jedermann Zutritt und Wort hat, jede hineingeworfene Frage der Zeit und der Kirche. Ueberall ist sie mit dabei: ihr Erzbischof von Paris fällt auf den Barricaoen, wo er sein Hirrenwort den Kugeln e-ntgegensetzt, und kaum sind die Meuterer geknebelt, so erbietet sich eine ganze fromme Bruderschaft, ihnen als die Freunde und Hüter der Unglücklichen in die Deportation zu folgen, wohin cö sey. Zu ihren wiederbelebten alten Kongregationen fügt sie neue, die sich neuen Aufgaben der christlichen Barmherzigkeit widmen.*) — Während bei uns alle Berge von „Verfassungsfragen" kreißen und, wenn eine MauS zu Tage kommt, Proteste von links den Protesten von rechts her begegnen, bis die arme MauS wieder todt prote- stirt ist: zieht die katholische Kirche mit sicherer Hand, ohne ein Wort zu verlieren, auS dem alten Schatze ihrer Traditionen daS Provincialconcil der Bischöfe, die Diö- cesansynode jedes Bischofes mit seinen Pfarrern wieder hervor. Während bei unS auf allen Versammlungen die Frage nach dem gegenseitigen Verhältnisse des Amis und der freien Vereinslhätigkeit bis in alle Ecken der Theorie hinein principiell diScu- tirt wird, und man alle die Scrupcl, wenn man auf das, waS wirklich von „Thätigkeit" eristirt, sieht, fast „viel Lärmen um nichts" z» nennen versucht wird: wirft die katholische Kirche, ohne alle Theorie und DiScussion, ihre großen zusammenhängenden Netze freier Vereine über die Länder: ihre Vincenz-Vereine für die männliche, - ') Eine der neuesten, die der treres gßronomes (ackerbaukundigen Brüder) mit einer bischöflich approbirtcn Ordensregel und in der Ordenstracht des blauen Leinwandkittels, lernte der Schreiber dieses in ciiiem Knabenrettungshause im nördlichen Frankreich kennen. 117 ihre HedwigS>Vereine für die weibliche Armen- und Krankenpflege, ihre Franz-RegiS- Vereine für die Siltigung wilder Ehen, ihre Marien Herz-Vereine für daS Gebet um die Bekehrung der Unbnßfertigcn, ihre Franz-Xavcr-Vercine für die Mission unter den Heiden, ihre BonifaciuS-Vereine (der zurückgewandte Gustas-Adolsö-Verein) für die Kirche in Deutschland, endlich ihre „katholischen" oder Piuö-Lcreinc, deren Generalversammlung, gleich unserm Kirchenlage, aber mit ganz anderer Einheit uud Einigkeit, von Jahr zu Jahr durch Deutschland wandert. — Einen ganz vorzüglichen Werth legt die katholische Kirche (wir glanben auch darauf noch aufmerksam machen zu müssen — in demselben Sinne, in welchem wir überhaupt auf sie aufmerksam machen, nämlich unS zur Lehre) auf die UnterrichlSfreiheit und auf deren Benutzung, wo sie sie besitzt oder erlangt. In Frankreich wimmelt es (wie ein jung-deutscher Reisender aus Frankreich schreibt) seit der UnterrichlSfreiheit des neuen Gesetzes von Lehrbrüdern und Schwestern gerade so, wie von Schützen, wenn die Jagcsreiheit ausgeht, und fortwährend, wie unser monatlicher Gerichtsbericht schon im Frühjahr erzählte, leeren sich die StaatSschulen und füllen sich die neuen kirchlichen. Derselbe Kampf wirv in Irland getämpft, wo man mit eben so großer Energie als Opferfreudigkeit an der Errichtung einer kirchlichen Universität und der Meidung der StaalS- lehranstaltcn arbeitet; denselben sehen wir im Einzelnen in Deutschland, wo die im- provisirle Facultäl Mainz in einem Momente die Gießener Professoren schülerlos als alleinige Bewohner der StaatSfacultät zurückgelassen hat. Die Liberalen in Belgien haben so stark erfahren, wie sehr sie bei der Freiheit den kürzern ziehen, daß ihre Kammcrmajorilät nach lebhafter Gegenwehr der Katholiken den StaatSzwang an der Stelle des freien Unterrichts wieder hergestellt hat. In Sardinien hofft die revolutionäre Negierung auf dieselbe Weise der Kirche einen Todesstoß beigebracht zu haben; aber eine Kirche, die Zeugen und Märtyrer findet, wie dort, lacht der Todesstöße durch StaatSmaaßrcgeln; sie wird doch noch lriumphiren. — Durch einfache Stanv- haftigkeit bei der EiveSfrage hat sie auch bei unS iu Preußen einen entschiedenen Schritt vorwärts über das Schulwesen gewonnen; in Nassau hat sie so eben die Scheidung des Staats-Schullehrer-SeminarS in zwei confessionelle erlangt. So sehen wir sie überall im Vorschreiten nach gleichen Grundsätzen, auf gleichen Wegen. — Aehnlich in der Organisation und in der Unabhängigkeit ihres Episkopats. Wie voriges Jahr in Oesterreich, so hat sie durch die neuesten Unterhandlungen auch im südwestlichen Deutschland (der oberrheinischen Kirchcnprovinz) Aussicht, der Bevormundung der Regierungen loser zu werden. In Hannover wird ihr ein zweites BiSthum zugestanden: auf ein BiSlhum Hamburg sind im Stillen, wie man sagt, ihre Hoffnungen gerichtet. In England aber, mit dem nicht zu niuerhandcln ist. weil eö fortfährt, sie zu ignoriren, ctablirt sie erst um so kühner, ohne zu fragen, ihre ganze Hierarchie, und behauptet sie, im festen Bewußtseyn ihres Rechtes, trotz Pöbelocmonstrationen und Parlameutsbcschlüssen, die eines wie daS andere wirknngs- loS an ihr abprallen. Und in Nordamerika, in dessen weiten Ländcrgebietcn sie ungc» stört schaltet, wächst BiSlhum auö ViSthum hervor, und mitten unier dem hundert- fachen Sectenwesen steigt sie dort um so imponirentcr empor und überflügelt sichtbar alle andern Konfessionen. — In dem auf die Reinheit seines Protestantismus stolzen England baut sie Kirche auf Kirche in mittelalterlich, r Schönheit, gründet Kloster auf Kloster, und bevölkert diese Klöster — nicht etwa mit Spaniern und Italienern, sondern mit der Jugendblüthe dcS Landes, mit den gelehrtesten Zöglingen teS prote- stantischcn OrfordS, mit begeisterten Eonvertiten. In dem Herzen von London legt sie den Grund einer erzbischöflichen Kathedrale, in der preußischen Hauptstadt errichtet sie, mit dem konigl. Bethanien wetteifernd, ein Krankenhaus großartigen Umfangs für Kranke aller Consessionen, Kirchen und barmherzige Stiftungen jedes Jahr in jeder Gegend von Deutschland. Und der glänzenden Reihe ihrer deutschen Eonvertiten, die mit dem ersten Anbruch dieses Jahrhunderts Friedrich Leopold von Stolberg eröffnet hat, schließen sich die neuesten in Mecklenburg an, aus die oben schon hingedeutet wurde. Dem Redacteur des einzigen vormärzlichen konservativen BlatteS, 1Z8 der dort schon vor mcbrern Jahren übertrat, sind nach einander die beiden Redacteure des nachmärzlichen „Norddeutschen Korrespondenten" und eine ganze kleine Reihe adeliger Grundbesitzer gefolgt. (Es werden jetzt ihrer etwa sechs an der Zahl seyn.) Erst in dem letzten Monate des nun abgelaufenen Jahres lasen wir wieder in den Zeitungen, daß ein junger begabter Evelmann auS alter Familie als einfacher Bruder in den Jesuitenorden eingetreten ist und ihm sein ganzes Vermögen als Mitgift gebracht hat. Und die Nachfolge noch eines andern ward in Aussicht gestellt. — Wahrlich deutliche Rufe genug für uns, uns zu ermannen zu dem Einen, waS uns noth thut, zu festen kirchlichen Ordnungen und Gemeinschaften, die Jeder, der in dieser Zeit in den evangelischen Kirchengemeinschaften zum Leben erwacht, mit Schmerzen sucht und — nicht'findet. WaS aber — zum Schluß — das Merkwürdigste ist in diesem Aufschwünge des Katholicismus, den wir bis Hieher betrachtet haben: daS ist gerade der mächtige Zug der Einheit, Alle Eifersucht auf Rom, die sonst einen GallikaniSmuS, einen AnglikaniSmus, einen GemaniziSmuS innerhalb jener Kirche ausbildete nnd nährte, scheint vor diesem Zuge verschwunden. Und Rom seinerseits läßt in gleichem Maaße von nationaler Engherzigkeit ab unv sucht seine neuen Car- dinäle unter den besten Männern aller Länder, um die katholische Kirche so wieder zu dem zu machen, waS sie seyn soll, einer wahrhaft „katholischen." — Segne Gott sie mit dem Besten, was Er hat, mit evangelischer Inbrunst, Kraft und Salbung! Dann wird auch alles ungerechte äußere Wesen, worin sie jetzt noch so oft ihren Fortschritt sucht, aufhören und eine Wiedervereinigung der zerrissenen Christenheit möglich werden. Der Freimaurerorden. Der Freimaurerorden ist in seinem Ursprünge eine Entartung der alten Bau- corporationen, denen sich manchmal Männer anschlössen, welche Nichts weniger, als die Ausbildung des eigentlichen Handwerkes, der Kunst im Auge hatten, sondern unter erborgter Hülle selbstsüchtige Zwecke verfolgten, wie es auf dieser Erde den geviegcnsten Vereinen schon ergangen ist und noch immer ergeht. Drei solche Mitglieder, der Physiker Dchagulierö, der Theologe James Anderson und Georg Payne stifteten in England eine ganz neue Gesellschaft der „freien Maurer," indem sie sich von der Bauzunft förmlich losmachten, und ein praktisches Surrogat der durch die Reformation gebrochenen christlichen Einheit dadurch bilden zu wollen vorgaben, daß sie jedes Mitglied des neuen Bundes zu jener Religion verpflichteten, in der alle Menschen übereinstimmen, zur Vcrnunftreligion der „Ehrlichkeit" mit der Grundlage der Freiheit, Gleichheit und Bruderliebe, mag übrigens jedes Mitglied bei seiner besondern consesfionellen Meinung verharren. ES wird uns hieraus erklärlich, wie der Freimaurerorden bald nach seiner Entstehung durch ganz Europa, namentlich in Deutschland, eine Ausdehnung gewonnen, wie nicht leicht eine andere Genossenschaft, und wie er noch bis znr Stunde explieite und implicite tausend und aber tausend Mitglieder zählt; denn der Satan als Engel des Lichtes zerstört mehr denn als brüllender Löwe. Schon die gcheimnißvollen Ceremonien der Aufnahme in den Bund, der gräßliche Eid, den jedes Mitglied schwören mußte, die ganze Organisation des Bundes in die verschiedenen Logen und Grade müssen uns zum Schlüsse führen, daß hier etwas Großes, aber Schlechtes im Schilde geführt werde.. Tendenz der Vereinöleiter war und ist: Auflösung aller positiven Religion und grundsätzliche Einlenkung in die Bahn deS Deismus und Pantheismus, und in Folge dessen deS heidnischen Staates. Aber nur sachte und klug die Maurerarbeit verrichtet! Lassen wir den Befangenen vor der Hand noch daS Spielzeug des consesfionellen Glaubens als Privatmeinung, nehmen wir die großen Worte? wie sie die katholische Kirche im Mitielalter gesprochen und geübt, für unS jetzt als ausschließendes Monopol in *) Salzburgcr Correspondent, 119 Anspruch, die Worte: „Nächstenliebe, Gleichheit, reines ächtes Christenthum, Humanität," singen wir, um die Schmerzen der Auflösung alles Positiven mit Chloroform zu betäuben, salbungsvolle Toleranzlieder von der reinen Lehre und Liebe Jesu, meißeln wir fleißig im Stillen an den schroffen Ecken der konfessionellen Gegensätze, legen wir Minen zur Nachtzeit, und eines schönen Morgens wird nichts mehr da seyn, als konfessionslose Wüste und Leere, in der wir dann positiv hervortreten können und werden, mit unserer „professionellen" Schöpfung des modernen HeidenthumS. Zu diesem Ende mußte ein großartiges Corruptionssystem auSge>'nrien und durchgeführt werden. Alle auf Wissenschaft, Kunst, Schule, Staat und Kirche Bezug Habente Stellen wurden von den Freimaurern in Beschlag genommen, und vornehmlich die Presse sollte als Freimaurcrhammer dazu dienen, die katholische Lehre und Hierarchie, vorzugsweise deu Primat, in Staub zu zerschlagen. Den Fels der Kirche konnte wohl dieser Hammer nicht zertrümmern, während seine Streiche den Protestantismus tödtlich verwunden mußten, und dessen Selbstauslösung wesentlich beschleunigt haben. Allein läuguen dürfen wir eS nicht, daß der Freimaurerorden auch die Reihen der wahren Katholiken hin und wieder gelichtet habe, und daß er noch heut zu Tage in der Presse, in der Wissenschaft, Kunst, in Kirche und Staat mehr Anhänger zählt, als wir vielleicht meinen. Oder ist nicht er der Vater des FebronianismuS in Kirche und Staat, des PaganiSmuS in Wissenschaft und Kunst, des Humanismus, der die christliche Liebe verdrängt, ja ihr den Namen gestohlen hat und auf riesigen Ball- und Theateranzeigen zur „Wohlthätigkeit" einladet, der da ißt und trinkt und tanzt für den Hungrigen, Durstigen und toceSmüden Kranken, um nur die Idee des katholischen ArmeninstituteS Paralysiren und sagen zu können: „Wir brauchen die Kirche nicht mehr." Einer der scharssinnigsten Historiker unserer Tage hat die religiöse oder vielmehr irreligiöse Wirksamkeit deö Freimaurerordens mit den treffenden Worten gezeichnet: „In katholischen Staaten, wo eS einen Katholicismus zu stürzen und den Bund zwischen Kirche nnd Staat zu sprengen, — in confessionell-gemischten, wo eS Katholiken zu helolisiren, — und in rational- und union-protestantischen, wo eS Altlutheraner vernünftig und unionsgesinnt zu machen gab, hat die Freimaurerei theils als mächtiges Werkzeug deö kirchenstürmenden und revolutionären Absolutismus von Oben herab, theils als thätiger NevolutionSherd hinaufgewirkt und ihren nie außerhalb ihrer Mitte geltenden Grundsatz der Brüderlichkeit, Liebe, Hilfe und Treue eifrig dazu benützt, überall die Ihrigen einzudrängen, ans Nuder zu bringen, zu protegiren. und aus diese Weise Kirche, Staat, Gemeinde, Familie, Alles sich im Geheimen unterzuordnen." ES leuchtet wohl von selbst ein, daß diese antichristliche Tendenz auch eine Todfcindin deS „christlichen" Staates seyn müsse, und daß somit die Freimaurerei, so sehr sich auch die Mohrin rein waschen will, dem Staate noch weit gefährlicher ist als der Kirche. Ist eS unläugbare Thatsache, daß Europa nur dem Christenthume die hohe politische Stufe unter den Völkern der Erde verdankt, so ist eS nicht minder apodiktisch wahr, daß Europa in eben dem Augenblicke, in dem es in seinem politischen und socialen Leben vom Christenthume abfällt, tiefer zurückfällt, alS je ein Welttheil gefallen, und darum vor dem im Finstern gezückten Dolche deS MeuchlerS wohl sich zu versehen hat. Ein solcher Meuchler ist jeder verkappte Feind der katholischen Kirche, ist der Freimaurer insbesondere, der desto sicherer und unbehinderter gleich dem Satan selbst arbeitet, je mehr Die Mehrzahl geneigt ist, die Existenz der Freimaurerei für eine Chimäre zu halten. Die Kirche hat mit psycholo- gischem Scharsblicke, geleitet vom Geiste Gottes, diesem unheimlichen Unwesen gleich im Beginne auf den Grund gesehen. Die Päpste Clemens XII., Benedikt XIV., PiuSVII., Leo XII., Gregor XVI. und PiuS IX. haben ihr verdammendes Wort über diese und andere geheime Gesellschaften gesprochen, und die in neuester Zeit in verschiedenen Blättern veröffentlichten Documente über die Freimaurerei, die unser Haar sträuben machen über die infernale Konsequenz dieser Gesellschaft, überheben mich wohl aller weitern Mühe, jene Verdammungsbullen vor dem Forum der Geschichte und der 120 gesunden Vernunft zu rechtfertigen. Während ein Prinz von Preußen sich an die Spitze dieser Gesellschaft stellt, während ein Napoleon des Friedens in seltsamer Inkonsequenz einen seiner Verwandten als Großmeister der Freimaurerloge autorisirt, während selbst sonst klardenkende, hellsehende Männer die Sache als Phantom belächeln, macht ein tief eingeweihtes Mitglied dieser Gesellschaft folgendes Geständnis: „Der römischen Hierarchie muß man die Gerechtigkeit widerfahren lassen: sie erkannte Zweck und Tragweite dieses Bundes und die Wichtigkeit desselben früher und klarer und blieb ihren Ansichten treuer als viele Glieder des Bundes selber." (Deutsche Viertel- jahrSschrift 184k. I. Heft.) So wird die katholische Kirche auS dem Munde ihrer Todfeinde gerechtfertigt, so wird sie zur Lehrmeisterin der Politik, indem sie die Revolution in ihrer Wurzel, in den „großen" Grundsätzen deS Jahres 1789: Freiheit, Gleichheit und Bruderliebe aufaßt und ausrottet. Wir begrüßen daher vr. Ecker tS Gesuch an den Bundestag um Aufhebung deS Freimaurerordens als einen kühnen, katholischen Griff, als einen Act welthistorischer Bedeutung, und die „Presse" hatte nicht nothwendig, diesem Manne, der mit seltenem, höchst empfehlenSwerthem Frci- muihe für Kirche und Staat in die Schranken tritt, Bescheidenheit zu empfehlen Unser Motto ist: „Kein Recht für das Unrecht!" Oberschlesien. NIl!l! )!!!! UI, !^ - - > , Während die Missionsprediger mit unermüdlichem Eifer das Licht des Glaubens zu neuer Glut anfachen, halten die aus Westfalen zu unS herübergewanderten Väter vom Orden des heiligen FranciscuS hier auf dem Annaberge Bußpredigten eigenthümlicher Art, die von Hohen und Niedrigen beherzigt werden. Zwar sind sie meist von polnischredenden Anwohnern umgeben; das gewöhnliche Mittel gegenseitiger Verständigung, die Gemeinschaft der Sprache, fehlt — und dennoch werden sie verstanden und begriffen. Der armselige Habit, die unbekleideten Füße, das harte Lager, die dürftige, erbettelte Nahrung verschließen den Mund deS armen Polen, wenn ein Klagelaut sich hervordrängt. Die Freude und die Freudigkeit, welche er in den Mienen des armen FranciscanerS erblickt, weisen ihn hin auf die Verheißung deS Herrn, daß die Armen selig und ihrer das Himmelreich seyn werde. Der Reiche fühlt sich beim Anblicke deS um deS höchsten Besitzes willen alles irdischen Besitzes entblößten PaterS beschämt und belehret. „Was nützt dir alleö," denkt er bei sich, „wenn du nach den flüchtigen Tagen deS Wohllebens deine Seele verlierest? WaS hast du bis jetzt für dein ewiges Heil gewirket? Wie wird deine Rechnung stehen, wenn du so hinübergehst und hintrittst vor den Richter der Ewigkeit?" Von ähnlichen Gefühlen und Gedanken mochten die Protestanten überrascht und bewältigt seyn, welche mit den PatreS zusammentrafen. In Minden, Hannover, Braunschweig, Berlin. Frankfurt waren diejenigen selten, welche ein Wort des Spottes oder ein Hohnlächeln sich erlaubten: die Mehrzahl der Protestanten behandelte die Patres mit Hochachtung und gewährte ihnen gern das Brod oder das Obdach, um welches sie baten. In der freiwilligen Entsagung liegt eine Kraft, der daS Herz deS denkenden Menschen sich nicht verschließen kann. Kälte und Hitze, Hunger uud Durst, Geringheit und Verachtung aus höheren Gründen gern übernehmen, das ist ein Thun, welches im Christenthum seine Wurzel, im Leben deS Heilandes und der Apostel seine Richtschnur und sein Vorbild findet. Der Heldenmuts) dieser Männer, so wie die Hochachtung, die man ihnen spendet, sind Zeugnisse von den Elementen, die noch im Volke leben. Verzweifeln wir darum nicht in unserer Zeit! Das Samenkorn, daS die Söhne deö hl. FranciScuS ausstreuen, sprießet schon jetzt auf; cS wird rascher und freudiger aufblühen, so bald sie durch Aufnahme neuer, schon angemeldeter Mitglieder im Stande seyn werben, durch ihr Wort das zu deuten, was ihr Wandel ahnen läßt. Gesegnet das Land, wo solche Apostel austreten, die alles für AuS- kehricht hallen um der Liebe Christi willen und selbst als Verworfene gelten mögen, um Andere zu retten! (Münst. Sbl.)__ Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. BerlagS-Jnhaber: F> C. Kremer. Zwõlfter Jahrgang. Sonntags⸗Beiblatt zur Augsburger Poſtzeitung. 16. Mai Nr. 20. 1852. Dieſes Blatt erſcheint regelmaͤßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis 40 kr., wofür es durch alle königl. bayer. Poſtämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann Leichenrede zu Ehren des hochwürdigſten Herrn Aloiſius Maria Blancis, Biſchofs von Syra, apoſtoliſchen Delegaten von Griechenland, gehalten von Nikolaus a Marinelli, Profeſſor der Theologie und apoſtoliſcher Miſſionär. Ein trauriger Anblick! Ach mein liebes Vaterland, welch großer und ſchrecklicher Unfall hat ſich innerhalb deiner Mauern ereignet! Heilige, theuerſte Metropole, warum haſt du dein feſtliches Kleid ausgezogen, warum geheſt du nun in Trauerkleidern einher? Heiliger Biſchof, warum iſt dein edles, menſchenfreundliches Antlitz wider Gewohnheit entſtellt? Drohet vielleicht Gefahr oder Unglück? Geliebte Mitbrüder, hochwürdige Prieſter, warum ſeufzet ihr alle? Liebe Mitbürger, warum weinet ihr alle? Edle und ehrſame Zuhörer, aus welcher Urſache ſtehet ihr da, ſtumm von Schmerz, mit Thränen in den Augen? Was iſt geſchehen? Wahrlich ein unerwartetes Ereigniß! Der unerbittliche Tod hat uns plötzlich unſern ehrwürdigen, frommen, theuren Vater geraubt, unſern Biſchof, der fünfundzwanzig volle Jahre hindurch dieſer Diöceſe vorſtand! Ein trauriges Ereigniß, das jedem Herzen die tiefſten Seufzer, jedem Auge Thränen entlockt. Ein Ereigniß, das auch beſonders mich Unwürdigen aus tauſend Gründen zur Theilnahme an jener allgemeinen Trauer zwingt; das mich in die Nothwendigkeit verſetzt, ſtatt eine Leichenrede zu halten, ſtatt unſern ehrwürdigen und tugendhaften dahingeſchiedenen Vater zu preiſen, um Nachſicht zu bitten, und von der mit ſchwarzen Tüchern behängten Kanzel herabzuſteigen, und ſtatt mit Worten, nur mit tiefen Seufzern und heißen Thraͤnen des Dahinſcheidens unſeres theuern Vaters zu gedenken. — Doch das iſt etwas Unmögliches! Sowohl meine kindliche Dankbarkelt gegen Ihn, ds auch eure gerechte Erwartung und ſein heiliges Recht, welches Er auf umfere Liebe, unſere Trauer und unſer Lob hat, nöthigen mich, daß ich für den Augenblick mein Herz opfere, meine Trauer und meinen Schmerz zurückhalte, kurz mir ſelbſt Gewalt anthue, und euch unſern verſtorbenen, ehrwürdigen Seelenhirten (in wie fern es die Kürze der Zeit und unſere ſchwachen Kräfte erlauben) vorſtelle als großen Wohlthater der Menſchheit, als mermüdet eifrigen Biſchof, als frommſten Diener Gottes ſeinem öffentlichen, prieſterlichen und Privatleben, damit ihr dadurch angefeuert werdet, um Ihn zu trauern, Ihn zu lieben, ſeine chriſtichen Tugenden nachzuahmen und für die Ruhe ſeiner dahingeſchiedenen Seele zu beten. 154 Als ein neuer Wohlthäter der leidenden Menſchheit ward unſer Aloiſtus nahe bei Turin, der Hauptſtadt Piemonts, am 26. December 1770 von tugendhaften, katholiſchen Eltern geboren. Den Vater verlor er ſchon in ſeiner allerfrüheſten Kindheit, die Mutter im ſechsten Jahre ſeines Alters. Deſſenungeachtet erhielt er eine aͤusgezeichnete, chriſtliche Erziehung, moraliſche und wiſſenſchaftliche Bildung in den verſchiedenen Schulen und Gymnaſien der Hauptſtadt durch die Sorgfalt ſeines eifrigen Erziehers. Als Er das geſetzliche Alter erreicht hatte, entſchloß Er ſich Prieſter zu werden und in den ehrwürdigen Orden des heiligen Franciscus strengster Observanz zu treten, um das Eine Nothwendige nicht zu verlieren (porro unum est necessarium, Lucas 10, 42) und in den Stand geſetzt zu werden, ſeinem Nächſten zu nützen. Und es ſcheint fürwahr, daß die Natur ſelbſt unſerm Aloiſtus den Drang eingepflanzt habe, ſeinem Nebenmenſchen zu nützen, welchem Volke, welcher Religion er auch immer aͤngehören möge. Der Erfolg zeigt am beſten, daß die göttliche Vorſehung Ihm den erhabenen Beruf eines Wohlthäters der leidenden Menſchheit im Allgemeinen angewieſen habe. Und in der That, nicht zufrieden die verſchiedenen Seelenleiden ſeiner Mitmenſchen in dem Vaterlande zu ſtillen, verlangte unſer Aloiſius als apoſtliſcher Miſſionär in die Levante geſchickt zu werden(vom Himmel dazu berufen, wie es ſcheint) und es gelang Ihm endlich nach vielen Kämpfen, dieſes ſein Verlangen durchzuſetzen. Im Anfang des jetzigen Jahrhunderts kam Er in das Vaterland des heiligen Polykarp. Es iſt unbeſchreiblich, mit welcher Hingabe, mit welchem Eifer Er ſich nun gänzlich ſeinem edlen Berufe widmete, auf jede mögliche Art und Weiſe der leidenden Menfchheit zu nützen. Es ſcheint mir ich ſehe Ihn, Allen Alles geworden, um alle Chriſto zu gewinnen, wie ein zweiter heiliger Paulus. Darum ſehet Ihn jetzt in Smyrna als Lehrer von Kindern der verſchiedenſten Nationen mit verſchiedenen Sprachen, der Griechen, Italiener, Türken, Armenier und Araber. Da lernte Er noch die ilitiſche Sprache, um die religiöſen Bedürfniſſe der Ilirier zu befriedigen, welche damals keinen Prieſter hatten, der ihre Sprache verſtand; dort ſuchte Er die geiſtigen und körperlichen Gebrechen der Menſchen im Allgemeinen zu heilen. Das zeiſtige Bedurfniß der Katholiken rief ihn von der Hauptſtadt in das Dorf Burnabat. Von da kehrte er zum Drittenmale nach Smyrna zurück, um die Leitung ſeiner lieben Schule zu übernehmen und von der Schule weggerufen bekam er die Aufſicht uͤber das dortige Kloſter ſeines Ordens. Dieſem Berufe ſtand er mit größtem Eifer, einer ſeltenen Umſicht und unermüdeter Thätigkeit vor. Hier iſt es, wo ſich die ſchwierige Laufbahn unſers Aloiſtus eröffnet. Pfarrer, Guardian, Director eines Krankenhauſes, o mit welchem Eifer, mit welch unausſprechlicher Anſtrengung lindert und heilt er die vielen Gebrechen und Uebel der Leidenden! Damit aber begnügte Er ſich noch bei weitem nicht! Seinem unausgeſetzten Streben gelang es, ein geräumiges Krankenhaus zu erbauen, das beſonders für Peſikranke beſtimmt war. Unterſtüßt von der göttlichen Vorſehung, auf die Er ſich allein verließ, brachte Er dieſes Gebäude in ſehr kurzer Zeit zu Stande. Er ſelbſt leiſtete perſönlich nicht nur den gewöhnlichen Kranken, ſondern ſogar den Peſtkranken alle möglichen geiſtigen und körperlichen Dienſte; vertrauend auf Jeſus Chriſtus, ward er ſo ein Diener, Beſchützer, Geſellſchafter und Vater der Kranken, deren unzaͤhlige Leiden und Schmerzen er linderte und heilte, wurde aber dadurch ſelbſt von der Peſt angeſteckt. Doch zurück, unheilvolle Seuche, zurück verwegene, wage es nicht ein ſo theures, gellebtes und nothwendiges Leben anzutaſten! — Die öffentlichen Gebete der Bewohner Smyrna's ſtiegen empor zu dem Throne des Allerhöchſten, und die unheilvolle Seuche verſchonte dieſes koſtbare Leben! Mit welcher Begeiſterung, mit weicher Hingabe Er ſich von nun an einzig und allein mit allen Kräften dem Dienſte der Peſttranken weihte, iſt nicht auszuſprechen,— ſo daß ſein Heldenmuth ſelbſt die Bewunderung der Weltweiſen und das Lob der Schriftſteller ſich erwarb. So ſchrieb 155 der gelehrte Madrole (Le prêtre devant le siecle pg. 346)„Cependant l'Abbé Luig fondait à Smyrne un hospice de Pestiférés qu'il soignait lui-même impunément à la fagon de Belsuna, au point de ravir le Philosophe Morellet dans son voyage en Sicile.“ Darum wird das Vaterland des heiligen Polykarp das Andenken dieſes tugendhaften und ehrwürdigen Wohlthäters der Menſchheit ewig bewahren. Doch nicht Smyrna allein ſollte ſich eines ſo großen Mannes rühmen. Ihn erwartet mit offenen Armen die ſchöne Stadt Conſtantins, die Hauptſtadt des türkiſchen Reiches, damit er da wirke als Provincial ſeines Ordens zum Beſten der dortigen Katholiken. Ja eine unzählige Schaar unſerer getrennten Brüder der morgenlaͤndiſchen Kirche, Männer, Frauen, Jünglinge und Greiſe, Reiche und Arme harren ſeiner in dem ehrwürdigen Byzanz, damit Er ſte, als ein wahrer Bote des Friedens, von der fanatiſchen Wuth des ottomaniſchen Barbaren errette, der damals wegen des griechiſchen Befreiungskrieges vorzüglich gegen die Chriſten raste. Doch wo iſt die Zeit uns gegönnt, wo nehmen wir die Kräfte her, Alles das genau zu ſchildern, was dieſer edle Menſchenfreund zum Beſten ſeiner Mitbrüder gethan hat. Ueberlaſſen wir dieſes der Geſchichte, welche als unparteiiſche Richterin ſich beeilen wird, die herrlichen Thaten dieſes edlen Wohlthäters des menſchlichen Geſchlechtes der Nachwelt aufzuzeichnen und gehen wir jetzt weiter, betrachten wir unſern Aloiſius als unermüdet eifrigen Biſchof. Aloiſtus wurde im Jahre 1825 vom allgemeinen Vater der Chriſtenheit Leo XII. ſeligen Angedenkens zum Biſchofe dieſer Diöceſe gemacht, und es iſt unausſprechlich, mit welchem Eifer, mit welch gänzlicher Hingabe Er für das Wohl der Ihm anvertrauten Heerde wachte. Ihr wiſſet es, Bewohner von Syra, es iſt euch wohl bekannt, was der Dahingeſchiedene in eurer Mitte gewirkt hat, ſo daß es nicht nöthig iſt Alles beſonders aufzuzählen. Gedenket nur, ich bitte euch, welche ſchwierige Stellung Er und euer damaliger katholiſcher Gouverneur hatten. Gedenket, von welchen Gefahren Er euch befreit, wie Er fuͤr euch ſtets ſorgfältig wachte zur Zeit des Befreiungskrieges. Erinnert euch, wie angelegen Er es ſich immer ſeyn ließ, euch geiſtig zu bilden, mit welchem Eifer Er euch das Wort Gottes predigte, mit welcher Freimüthigkeit und ächt chriſtlicher Liebe Er ſich aller annahm, wie ſehr Ihm das Heil von euch allen am Herzen lag. Durch ſein Bemühen wurde mit eurer Beihilfe eure erhabene Domkirche zu Ehren unſeres Patrons des heiligen Georgius erbaut, wo wir uns heute verſammelt haben, deren Gründer zu beweinen. Seinem und eurem vereinten Bemühen gelang es die Sebaſtlanskirche zu vergrößern. Erbaut wurde in ſeinen Tagen die ſchöne Kirche zu Ehren der ſeligſten Jungfrau vom Berge Karmel; ferners die Kirche zu Ehren Mariä Verkündigung in Hermupolis auf Koſten eines Landsmannes aus eurer Mitte, und ſo viele andere kleinere Kirchen auf dem Lande durch ſeine und eure Hilfe, o Bewohner von Syra. Ferners wurde durch ſeinen Eifer und durch die Unterftützung des menſchenfreundlichen Frankreichs eine Schule für eure Kinder lange vor dem Zuſtandekommen der jetzigen erbaut. Eben ſo errichtete Er ein Seminar zur Heranbildung derjenigen, welche ſich dem geiſtlichen Stande widmen, und eine Mädchenſchule. Ein ſo brennender Eifer konnte ſich unmöglich auf den ihm angewieſenen Kreis von Syra beſchränken; darum ernannte Ihn der heilige Vater Gregor XVI. im Jahre 18838 zum apoſtoliſchen Delegaten von ganz Griechenland und Er wurde auch durch die Vermittlung des franzöſifchen und öſterreichiſchen Geſandten, Herrn de laGrainé und Proketſch v. Oſten von der griechiſchen Regierung als ſolcher anerkannt. Mit welchem Eiſer Er ſich nun der Leitung der kirchlichen Angelegenheiten in ganz Griechenland annahm, läßt ſich nicht mit Worten ausdrücken. Er beſuchte nun als apoſtoliſcher Delegat die Hauptſtadt, und unternahm im Jahre 1840 ſeine Viſitationsreiſe in die Pfarreien von Athen, Hiraklion(einer bayeriſchen Colonie), Nauplia, Patras und Navarin, Er ſetzte überall Pfarrer ein und hinterließ allenthalben die ſchönſten Beiſpiele ſeines wahrhaft apoſtoliſchen Lebens. Auch baute Er in allen dieſen Städten mit Hilfe der Chriſten (in Hiraklion beſonders durch die Unterſtützung 156 der Katholiken Bayerns) ſchöne katholiſche Kirchen. Endlich kaufte Er mit großer Aufopferung ein ſchönes Grundſtück zur Erbauung einer katholiſchen Domkirche in Athen, und hinterließ ſeinem Nachfolger die Ausführung dieſes herrlichen Unternehmens. Von Sr. Heiligkeit Papſt Gregor XYVI. wurde Er dann im Jahre 1840 als apoſtoliſcher Adminiſtrator des Erzbisthums von Naxos berufen, wohin Er ſich ſogleich von der Hauptſtadt aus begab. Iſt es zu wundern, wenn ein Mann, der ſich ſo ganz dem Wohle der Menſchheit widmet, die Achtung und Liebe Roms, Griechen— lands, ja des katholiſchen Europa's ſich erwirbt? Ja es befremdet mich nicht, wenn ich höre, daß Papſt Gregor XVI. zu einem unſerer Geiſtlichen*) ſagte:„Er(Aloiſius) ſey einer der ehrwürdigſten Biſchöfe der Kirche“ und Ihn zum„Praelatus domesticus Papae et Solio Pontificio assistens“ macht. Es befremdet mich nicht, wenn Päpſte, Katſer und Könige Ihn lieben und auszeichnen. Frankreich, Oeſterreich und Piemont unterſtützten mit Geldmitteln ſeine herrlichen Unternehmungen zum Nutzen der Menſchheit, zum Heile der Kirche. Seine Majeſtät unſer allergnädigſter König Otto beehrte Ihn mit dem goldenen und ſilbernen Kreuze des Erxlöſerordens, und der erhabene Herrſcher von Bayern Max J. mit dem Großkreuz des St. Michgelsordens, und die ganze Welt nennt Ihn einſtimmig den Wohlthäter der Menſchheit, den eifrigen Biſchof, wie wir bereits geſehen haben, und den eifrigen Diener Gottes wie wir noch kurz ſehen werden. Die Frömmigkeit des dahingeſchiedenen Biſchofs war ungausſprechlich groß. Alles gebrauchte Er zur größern Ehre Gottes, zum Heile der Seelen und zum Dienſte der Kirche. Darüber Einiges mitzutheilen, beſtimmt mich vorzüglich der Umſtand, daß ich mit Ihm zwanzig Jahre lang umgegangen bin und Ihn immer aufs Genaueſt beobachtet habe. Nie habe ich einen ſanftmüthigern Menſchen gekannt, nie einen demüthigern geſehen! Wie lebhaft war ſein Glaube, wie unerſchuüͤtterlich ſeine Hoffnung, wie brennend ſeine Liebe zu Gott und den Nächſten! Mit welch kindlicher Andacht verehrte Er das Jeſukindlein(von welchem Er nie ohne Thränen der innigſten Rührung predigte), die ohne Makel der Erbſünde empfangene Gottesgebärerin, den ſeraphiſchen Vater Franciscus und unſern heiligen Schutzpatron Georgl Wie ſtrenge war ſeine Enthaltſamkeit, ſo daß man Ihn oft ernſtlich darauf aufmerkſam machen mußte, daß ſein Alter und die vielen Gebrechen, an denen Er litt, Ihn hinlänglich vom kirchlichen Faſten diſpenſirten, welches Er bis ans Ende ſeines Lebens hielt. Bis zum vorletzten Tage ſeines Lebens unterließ Er das Breviergebet nie, ſo zart war ſein Gewiſſen! Als der Tod, den Er ſchon längſt erwartet, ſich Ihm nahte, ſah Er ihn mit feſtem Blicke an. Er ertrug mit chriſtlicher Standhaftigkeit die Leiden ſeiner kurzen Krankheit, und gab, geſtärkt durch die heiligen Sterbſacramente, geſtern Abends, d. i. den 30. October 1851 ruhig und getroſt ſeinen Geiſt in die Hände des Schöpfers zurück, unter den Gebeten und Thränen ſeines Nachfolgers und der anweſenden Prieſter, im 81ſten Jahre ſeines Alters, nachdem Er ſechsundzwanzig Jahre Biſchof, achtzehn Jahre apoſtoliſcher Delegat und einundfünfzig Jahre apoſtoliſcher Miſſionär in der Levante geweſen war. Und nun überlaſſe ich es Dir, Geſchichte, unparteiiſche Richterin, die glänzenden Thaten dieſes großen Mannes der Nachwelt zu erzählen, die Thaten dieſes ausgezeichneten Wohlthäters der Menſchheit, dieſes eifrigen Seelenhirten und frommen Dieners des Herrn. — Leſet darüber, Zuhörer, ich bitte euch! den berühmten Pater Alexius Narbon societatis Jesu aus Sicilien in ſeiner Geſchichte der Wiſſenſchaften tom. 8. 8. 333. Palermo 1833. Nun laſſet uns beweinen den geliebteſten Biſchof, Vater und Hirten. Ewig ſey ſein Andenken unter euch, ewig eure Liebe, eure Ehrfurcht und Dankbarkeit gegen Ihn. Ahmet beſtändig ſeine chriſtlichen Tugenden nach und bittet Gott inſtändigſt, daß nun ſeine Seele in Frieden ruhen möge. Bei dem Tode dieſes berühmten Mannes erkennet ihr Alle die Eitelkeit des Irdiſchen, darüber beherzigt wohl jene ernſte Lehre des heiligen Geiſtes: Vanitas vanitatum et omnia vanitas. Ecl. 1, 2. ) Georg Brindeſi, Director des Seminars in Syra, Collega des Redners. —* 157 Bericht des apoſtoliſchen Vicars für Centralafrika. (A. d. D. Volkshalle.) Wien, 3. Mai. Am erſten Tage des Marienmonats iſt der Marienverein in Wien durch den ſehnlichſt erwarteten Bericht des apoſtoliſchen Provicars für Cen— tralafrika, gleichwie durch einen andern über die Fahrt der Stella matutina, erfreut worden. Beide ſind nicht allein ſehr einläßlich, ſondern auch höchſt intereſſant. Der erſte wird auf geeignetem Wege vollſtändig, der andere wenigſtens in einem Auszuge veröffentlicht werden. Einige Notizen aus jenem dürften auch unſern Leſern, in ſo fern ſie für Erweiterung des Reiches der Kirche Intereſſe haben, willkommen ſeyn. Der Abfahrt der Stella matutina von Cairo iſt ſchon früher Erwähnung geſche— hen. Nach zwei Tagen legte ſie vor Minieh an, deſſen Gouverneur zum Beſuch am Bord ſich einfand. Der guünſtige Wind feſtigte in dem Entſchluß, noch am gleichen Abend die Anker zu lichten. Unter glänzendem Sternenhimmel erfolgte die Abfahrt. Bald jedoch thütmten am nördlichen Horizont Wolken ſich auf; Finſterniß brach her— ein, Wind erhob ſich, der bald in Sturm überging und das Schiff in Gefahr brachte, aus der es nur durch die Beſonnenheit des Provicars und die äußerſte Anſtrengung der Mannſchaft gerettet wurde. Erſt gegen Tagesanbruch legte ſich der Sturm; aber auch der günſtige Wind hatte aufgehört, und nur mühſam konnten die wackern Schiffsleute das Fahrzeug ſtromaufwärls ziehen. Am 22. October erreichten die Reiſenden Piut, nach Cairo die anſehnlichſte Stadt von ganz Mittel- und Ober— Egypten, der Stapelplatz für die aus Dar-Fur kommenden Carawanen. Dort bezeugt eine Kirche der Franciscaner in ſchöner Ausſtattung den frommen Sinn von Oeſter— reichs erhabenem Herrſcherpaare, Kaiſer Ferdinand und ſeiner Gemahlin Maria Anna— Weiter hinauf behaupten die Söhne des heiligen Franciscus noch manche Station unter hartem Kampf mit den ſchismatiſchen und entſittlichten Kopten und den moha— medaniſchen Oberherren! Unter kurzdauernden Sturmwirbeln, zweimaligen Gewittern und ſelten zwiſchen⸗ eintretendem günſtigen Winde näherte ſich am 31. October das Schiff der Stätte, an der einſt das altberühmte Theben geſtanden. Zwiſchen den ſtaunenswerthen Ueberreſten von Karnak und Luxor hat nun ſchmutziges Arabervolk ſeine Wohnſtätten aus Schlamm und Koth zuſammengetragen, und wo einſt die üppigſten Gartenanlagen mit tropiſcher Vegetation lockten, ſucht ſich jetzt zwiſchen Dorngeſtrüppe das genüg— ſame Kameel ſein karges Futter. Angeſichts des ehemaligen Tempels des Sonnen—⸗ gottes zu Edfu wurde in der Schiffscapelle das Feſt Allerheiligen gefeiert, unter den zuſammengeworfenen Trümmern heidniſcher Götzenbilder, am folgenden Tage das unblutige Opfer für die armen Seelen dargebracht. Darauf mahnte günſtiger Wind zum Aufbruch, worguf des folgenden Tages die Katarakte von Syene, die natürliche Scheidewand Egyptens und Nubiens, zu Geſicht kamen, und Kanonenſchüſſe von den Anhöhen, die Aſſuan beherrſchen, die Ankommenden begrüßten. Dort harrten ihrer die Gefährten, welche Cairo früher verlaſſen hatten; alle Dächer waren mit Neugie— rigen beſäet. Mem Gruß, welchen der Provicar durch ſeinen Dragoman dem Gou— verneur anbieten ließ, folgte der freundliche Mann unmittelbar an das Schiff und verhieß alle mögliche Hilfeleiſtung zur Fortſetzung der Reiſe, namentlich um das Schiff über die erſten Nilkatarakte hinaufzubringen. Eben ſo freundlich verſprach der Hafencapitän Hagi-Kaptan, hiefür zu ſorgen und das Schiff nicht eher zu verlaſſen, als bis es jenſeits derſelben im nubiſchen Gebiete ſtände. Aber es mußte vorher erleichtert, das Hauptgepäck auf Kameelen weiter gebracht werden. Der Provicar ſammt einem Theil ſeiner Begleiter blieb auf dem Schiffe. Am frühen Morgen des 6. Novembers, kurz vor der ÄAbfahrt, ſchickte der Hafencapitän ſeinen eigenen Paudal (ein kleines, für die Katarakte eingerichtetes Schiff), um der Stella matutins als Wegweiſer zu dienen; er ſelbſt kam mit zwei Lootſfen an Bord, indeß 200 Mann am Eingange eines eingeengten Canales zur Hilfe des Fahrzeuges harren mußten. An der ſüdlichen Spitze der Inſel Elephantine dildet die öſtliche Ecke des ehemaligen — 9 e * 158 Kneph-Tempels von der Landſeite eine ſenkrecht herabſtürzende Granitwand, an welcher ſeit Jahrtauſenden ſchon der Waſſerſtand des Stromes iſt gemeſſen worden, beſagtes Thor, die Gränze, bis zu welcher die unterjochenden Waffen der alten Rö— mer vordrangen. Von Granitbergen umſchlofſen, glich der Nil einem See, auf wel—⸗ chem dunkle, metallglänzende Klippen in Gruppen und vereinzelt aufſtarren. Klippen und Wirbeln in behender Wendung, jetzt nach rechts, jetzt nach lints ausweichend erreichte das Schiff glücklich den durch hohe Felſenwände eingeengten Ausgang, hinter welchem ein noch ausgedehnteres Waſſerbecken ſich öffnete. Noch half der Wind an Felſengruppen und Sandbänken vorüber und durch kreiſende Wirbel; als aber die ſchwierigſte Stelle zu paſſiren war, ließ er nach, doch nicht ſo vollſtändig, um von dem reißenden Strome an einen Felſen geſchleudert oder auf eine Sandbank gewor— fen zu werden. Nur der äußerſten Anſtrengung gelang es, daſſelbe an zwei Felſen vorüberzubringen und für die kommende Nacht am Ufer zu befeſtigen. Unter gleicher Mühſal wurde des folgenden Tages bis 10 Uhr die eigentliche Stromenge erreicht, ein ſeichter Canal, vier Klafter breit, von Granitfelſen eingeſchloſſen und mit unzäh— ⸗ ligen Steinblöcken beſäet. Hunderte von Menſchenarmen ſind erforderlich, um ein Schiff über dieſe Stellen wegzubringen, denn die Steine müſſen zuſammengewälzt, Wehren gebildet werden, damit das Fahrzeug ſich ſchwimmend erhalten kann. Men— ſchen aus allen Richtungen des Kataraktengebietes waren in hinreichender Zahl her—⸗ zugekommen. Der Hafencapitän von Afſſuan theilte ſie in verſchiedene Rotten. Ihrer über hundert an jeder Uferſeite hatten die armsdicken Taue, die um die Wurzel des Maſtbaumes befeſtigt waren, anzuziehen; andere, bis zu den Lenden im Waſſer ſtehend, mußten die alten Wehren abtragen, hinter dem Schiffe neue errichten; die rüſtigſten Männer folgten dem Schiffe ſeitwärts, um mittelſt ihrer Muskelkraft ihm über ſeichte Stellen und verborgene Steine hinüberzuhelfen; auf dem Verdeck ſtand mit eiſenbewehrten Stangen die Mannſchaft, um das Anſtoßen an Felſenvorſprünge zu verhüten. Unter lautem Geſchrei, welches alles Getöſe des Waſſers überlärmte, ward das Becken der erſten Wehre glücklich überſchritten. Das zweite bot größere Schwierigkeit, größer durch den gänzlichen Mangel an Zuſammenwirken; denn zogen die Zieher, ſo blieben diejenigen ruhig, welche das Schiff heben ſollten; ſtrengten dieſe ſich an, ſo ſtanden jene müßig an den Tauen. Umſonſt gab Hagi⸗Kaptan— Zeichen, Befehle; jene wurden nicht beachtet, dieſe unter dem Geläcme nicht verſtan— den; bei zwei Stunden blieb das Schiff unbeweglich. Zuletzt jagte der Capitän die überflüſſigen Leute davon, ſammelte die rüſtigern in einen Kreis und ſchärfte ihnen pünktliche Befolgung aller Befehle ein, da ſie ſonſt des Arbeitslohnes verluſtig gehen würden. Dieſes letzte Wort wirkte. Jeder begab ſich wieder an ſeinen Poſten, und kräftig und übereinſtimmend wurde die Arbeit von Neuem begonnen, endlich unter allgemeinem Jubelgeſchrei die ſüdliche Mündung der Stromenge bis 4 Uhr Nachmit- tags, bald hierauf das Lager erreicht, welches die zu Land vorangegangenen Ge— fährten Angeſichts der Inſel Philage aufgeſchlagen hatten, wo die Ruinen des Tem— ——— pels, der einſt längere Zeit dem Dienſte des wahren Gottes geweiht war, die Blicke auf ſich zogen. Des folgenden Tages kamen von Aſſuan der Gouverneur, der Kadi und meh— rere angeſehene Mahomedaner zur Beglückwünſchung über die glücklich zurückgelegte Fahrt herausgeritten; mit ihnen auch zwei junge franzöſiſche Kaufleute, die einen Mongt früher Waaren zum Verkauf dahin gebracht hatten. Sie baten den Provicar um Etlaubniß, zu der Reiſe durch die Wüſte ihm ſich anſchließen zu dürfen. Da er ſie als brav und wohlgeſittet erkannte, gewaäͤhrte er ihren Wunſch, dafern es ihnen gelingen werde, ihn in Korosko einzuholen. Freudig eilten ſie zurück, ordneten ihre Sachen und mietheten ein Schiff, um ihm nachzufolgen.— Des Morgens am 10. November wurden die Schiffe wieder beladen. Am 11. feierten die Miſſionäre unter dem Meßzjelt das Feſt des heiligen Biſchofs von Tours. Für die Fahrt über die Katarakten von Wadi Halfa nahm Knoblecher vier kundige Männer an Bord, lichtete am 12. November die Anker, paſſtrte am 18. oberhalb des Tempels von ——— ——— 159 Kalabſcha den Wendekreis und erreichte am 15. mit Sonnenuntergang Korosko, das Thor der Haupt-Carawanenſtraße durch die nubiſche Wüſte. „Bis hieher,“ ſagt er in ſeinem Bericht,„galt uns Allen die Reiſe zu Schiffe als eine ſehr angenehme Luſtfahrt, die durch nichts Erhebliches geſtört worden war. Auf der„Stella matutina“ waren wir ganz heimiſch eingerichtet. Man konnte leſen, ſchreiben, ſtudiren, ſo viel man wollte, in den heißen Tagesſtunden in der Cajüte huͤbſch im Schatten ſitzen, in den Morgen- und Abendſtunden am Verdecke oder auf der Altane friſche Luft ſchöpfen und in der Nacht den prachtvollen Sternenhimmel betrachten, ohne daß die Fahrt dadurch im mindeſten geſtört worden wäre. Eine ſtricte Tagesordnung, die an Bord pünctlich befolgt werden mußte, verkürzte uns die Zeit dermaßen, daß wir uns am Abende nicht genug wundern konnten, wie in Egypten die Tage ſo ſchnell vergehen. Zur Frühandacht und zum Abendgebet rief uns das Glöckchen in die Capellez zum Mittagsmahl und zum Abendbrod, zum An— merken der Sonnenhöhen, der Barometer- und Thermometerſtände im Reiſejournal, zum Log-⸗Auswerfen u. ſ. w. wurde in den verſchiedenen Tageszeiten ebenfalls damit das Zeichen gegeben. Um wegen Sorgloſigkeit keine unangenehme Folgen bereuen zu muͤſſen, und um meine willensvollen Gefährten nach und nach äbzuhärten und ſie zu Führung von ferneren Expeditionen tauglich zu machen, mußte Jeder von uns in der Nacht eine Stunde am Verdecke Wache ſtehen. Jeder Wache wurden abwechſelnd zwei Wachtpoſten aus der Schiffsmannſchaft zugetheilt, wovon der eine am Vorder— iheil des Verdeckes, der andere über der Cajüte neben dem Steuerruder ſeinen Platz hatte. Von Zeit zu Zeit ſchrien ſich die Wachen nach Numern gegenſeitig zu, daß man die langgezogenen Töne weit herum hörte. So geſchah es, daß ſich nie Jemand mit boͤſen Abſichten in die Nähe des Schiffes wagte und daß nie in finſterer Nacht ein fremdes Schiff, auf dem ſich die leichtſinnigen Egypter dem ſüßen Schlafe in die Arme werfen, die Strömung herauffahrend an das unſrige ſtieß. Danninger, unermüdlich, fleißig und ſtets gut aufgelegt, fand während des Tages freie Momente, um auf der Physharmonica erhebende Arien zu ſpielen; des Abends mußten die Stücke von lautem Geſange in vaterländiſcher Sprache begleitet werden.— Die Mannſchaft ſelbſt war an genaue Ordnung gebunden, durch die ſte bald umgewan— delt wurde, ſa daß ſich die Barabra nicht genug darüber verwundern konnten, wie denn ihre Bruder in der Schule der Franken ſo ganz anders geworden ſeyen. Ord— nung, Heiterkeit, brüderliche Eintracht herrſchte unter uns, ſo lange wir am Nile waren, und dieß trug nicht wenig dazu bei, daß wir weder den Einfluß des ſüdli— chen Klimas, der ſonſt auf andere Expeditionen verheerend wirkte, fühlten, noch am Heimweh litten.“ —(Fortſetzung folgt.) J NRom. Rom, 11. April. So eben kehre ich vom Petersplatze zurück und habe gewiß das großartigſte und erhabenſte Schauſpiel geſehen, das es auf Erden gibte die Benediction, die der heilige Vater, der Stellvertreter Chriſti, der Stadt und der Welt(UOrbi et Orbi) ertheilt. Aber wenn ich Ihnen dieſen hehren und heiligen Act beſchreiben ſoll, ſo muß ich geſtehen, daß ich noch nie in meinem Leben, ſelbſt nicht in Rom bei allen vorhergegangenen Feierlichkeiten, ſo tief gefühlt habe, wie ſchwach menſchliche Worte und wie matt und fahl die Schilderungen ſind, die man mit den— ſelben entwerfen ſoll. Denken Sie die ungeheure Menſchenmaſſe, die dem Hochamte, das der heilige Vater unter Aſſiſtenz aller Cardinäle und einer großen Zahl von Biſchöfen über den Gräbern der Apoſtelfürſten und unter der rieſigen Kuppel von St. Peter hielt, beigewohnt hatte, ſich aus den Thoren der größten Kirche der Welt drängen,— ſie findet den großen, von Colonnaden eingeſchloſſenen Petersplatz ſchon ganz gefüllt, und man ſtaunt, wenn man von den Treppen der Kirche die ungeheu⸗ —9 J —9 9 d 160 ren Schaaren von Menſchen bis in weiter Ferne überblickt. Mitten darunter ſieht man die päpſtlichen und franzöſiſchen Truppen mit ihren in der Sonne blitzenden Waffen; aus St. Peters weiten Hallen drängt immer noch die Maſſe ſich nach, und rings auf den Colonaden und Gebäuden ſind bis in höchſter Höhe alle Plätze, auf denen ein Menſch ſtehen kann, benutzt. Alle Zungen und alle Natianen ſind hier vertreten und während die klangvollen Glocken von St. Peter ertönen, harret Alles der Ankunft des Stellvertreters Chriſti, der von der Kirche in feierlichem Zuge auf die über der Vorhalle liegende Loggia getragen wird, entgegen. Große Ruhe und immer ſich ſteigernde Erwartung charakteriſirte die Haltung der Maſſen, und es war, wie es nach menſchlichen Vorſtellungen am jüngſten der Tage ſeyn muß, wo auch alle Zungen und Völker auf die Ankunft Eines harren werden, des Einen, den der jetzt Erwartete in ſichtbarer Weiſe auf Erden vertritt,— nur daß nicht Furcht und Schrecken ob des kommenden Gerichtes herrſchte, ſondern die Freude und Selig⸗ keit des Auferſtehungstages und der kommenden Segenſpendung des heiligen Vaters. Immer mehrere Biſchöfe und Cardinäle in ihren weißen Mitren zeigten ſich auf der Höhe und in der Umgebung der Loggia, endlich verſtummten die Glocken, man ſah den Baldachin, der hoch über dem heiligen Vater gehalten ward, in einem Nu ent— ſtand lautloſe Stille. Alle ohne Ausnahme entblößten die Häupter, und nun erſchien über der Brüſtung der Loggia auf ſeinem Thronſeſſel, auf dem er hoch über Alle getragen wurde, der Stellvertreter Chriſti, das Oberhaupt unſerer heiligen katholi⸗ ſchen Kirche, mit der dreifachen Krone auf dem Haupte. Sitzend noch auf dem Seſſel rief er in den bekannten Worten die Hilfe des Herrn, der allerſeligſten Jung— frau, der Apoſtelfürſten und aller Heiligen mit der kräftigen und wohltönenden Stimme, die Pius IX. auszeichnet und die bis in weiter Ferne hörbar iſt, an; dann erhob ſich der heilige Vater, ſtreckte die Hände hoch zu Himmel aus, und in dem Momente, da er die Segensworte ausſprach, fielen die ungeheuren Maſſen nieder, alles Militär ſenkte die blitzenden Waffen und ſank in die Kniee, von der Engels⸗ burg ertönte der Donner der Kanonen und alle Glocken von St. Peter und der heiligen Stadt verkündeten weithin den Augenblick der Segnung. Noch verlaſen zwel Cardinäle die Decrete des Ablaſſes, den der heilige Vater ertheilte, und der feierliche Zug verließ dann wieder die Loggia. Es dauerte mehrere Stunden, ehe in den nach St. Peter führenden Straßen das Gedränge der Wagen und zurückkehrenden Fuß— gäuger ein Ende nahm— Der klarſte Himmel begünſtigte die Feier, in der wirklich mehr als in jeder andern das Ueberirdiſche der Wuͤrde des heiligen Vaters und das Göttliche ſeiner Miſſion auf dem Erdboden zu Tage tritt. Breslan. Breslau, im April. Die nachſtehende Thatſache iſt uns zur Veröffentlichung im Kirchenblatt berichtet worden, und obgleich wir uns ſehr ſchwer dazu entſchließen konnten, ihr Glauben zu ſchenken und daher Anſtand genommen hatten, ſie zu berichten, können wir doch leider an ihrer Wahrheit keinen Zweifel mehr hegen und halten es demnach für Pflicht, im Intereſſe der guten Sache, welches wir allein im Auge haben, dieſelbe nicht zu verſchweigen. Eimnem hieſigen proteſtantiſchen Volksſchullehrer ſtarb vor Kurzem ſein einziges Kind. Um nun, wie er ſich ausdrückte, ſeiner betruͤbten Frau einen Erſatz zu geben, Ztaufte“ derſelbe(man ſagt in der Trunkenheit) ſeinen Hund und legte ihm den Namen ſeines verſtorbenen Vaters bei. Als Taufzeugen wurden das Dienſtmädchen und das gerade anweſende Milchmädchen zugezogen. Reun Tage darauf ereille den Hundetäufer ein plötzlicher unvorgeſehener Tod.(Schl..-.) ——— Verantwortlicher Redacteur: L. Schonchenu. Verlags-Jnhaber: F. C. Kremer. Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt bliurnti^'.l-l 5suu.i.'i'l'!>.'M ZIIU " .'^IIUN N'^chi!>mnu ni>!ll >»!,' Slul> ?ij s7i,ÄnSjvj»ni ,ZM Sgi«,d,niiZ ><«/s?ia 16^ 7>,>i» W' «!>tkS' nv» n^'jr.L n^iuiz ,y« üllkA im?n,piii,<»« in ZlA - »» IV^Q SZ. Mal ^V- -^-----—- Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abounementsvreis kr., wofür e» durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann Hermann v. Vieari, durch Gotteö Erbarmung und des heiligen apostolischen Stuhles Gnade Erzbischofvon Freiburg ic. :c. Allen BiSthumSangehörigen im Großhcrzogthum Baden Gruß und Segen von Gott dem Vater und Jesu Christo, unserm Herrn! Geliebteste! Mit dem Gefühle der tiefsten Wehmuth richte ich diese Hirtenworte an Euch, erfüllt von unsäglicher Trauer über den Conflict, der zwischen der Staats- und Kirchenbehörde in Folge deS von dieser angeordneten TrauergolteSdiensteS für den Höchstseligen Großherzog Leopold Königl. Hoheit entstanden ist. Das hehre Bild deS Höchstseligen Großherzogs steht im Glänze der hellstrahlenden Tugenden dieses Regenten, im Glänze der Güte, Liebe und Milde dieses wahren VaterS des Vaterlandes, Höchstwelchcr sein Volk so innig, so zärtlich, so edelmülhig geliebt, im Glänze der Bewährung bei den herbsten Heimsuchungen und Prüfungen, so höchst verehrungöwürdig vor meinen Augen, daß mein Herz vom heftigsten Schmerze ergriffen wird über die vielfältige Veikennung der Absicht, welche die Kirchenbehörde bei Anordnung der Traucrfeierlichkeit geleitet hat. Und ich sehe eS als meine heiligste Pflicht an, meinen geliebten Diöcesanen klaren Aufschluß über den Thalbestand zu ertheilen, um so mehr, da in öffentlichen Blättern der Vorfall in einer Weise besprochen wird, die nur geeignet ist, Mißtrauen gegen den Oderhirten, feindselige Gesinnung gegen die katholische Kirche, Verdächtigungen der Katholiken hervorzurufen und zu Pflegen. Warum wurde — so lautet die Frage — zur Trauerfeicrlichkeit deS Höchstseligen GroßherzogS K. H. kein Seelenamt angeordnet? Geliebleste! vor Gott betheuere ich Euch, daß dazu einzig und allein meine Pflicht mich bewog, die mir, als katholischem Bischof, obliegt, den TrauergotteS- dienst nach den Vorschriften der katholischen Kirche, nach den Ansprüchen deö heiligen Stuhles, mit dem ich durch das heilige Band deS Gehorsams verbunden bin, anzuordnen. Offenbar steht eS nur der Kirche zu, Bestimmungen über gottcsdienst- liche Handlungen zu treffen, und zu entscheiden, wann das heilige Meßopfer dargebracht werden dürfe, wann nicht, und eS kann in diesem Puncte der katholischen Kirche gewiß nicht weniger Freiheit vergönnt seyn, als den Confessionen und Reli- gionögesellschaflen, die ja bei Anordnung gottesdicnstlicher Feierlichkeiten einzig und allein von ihren Grundsätzen sich leiten lassen. ES ist nun aber Vorschrift der kalbo- lischen Kirche, daß das heilige Meßopfer für keinen Verstorbenen dargebracht werden dürfe, der nicht in der Gemeinschaft der Kirche dahingeschieden, weil offen nur der Anspruch auf daö Opfer der Kirche hat, welcher ein Glied der Kirche gewesen, wie .ynnh7(!kE6^t1!?AH> an den Gütern der Familie eben nur die Glieder der Familie Antheil nehmen. Ist man in frühern Fällen von dieser Vorschrift abgewichen-, so folgt daraus nicht, daß man immer abweichen müsse. Die ein-, zwei-, drei- und mehrmalige Uebertretung einer Vorschrift hebt dieselbe keineswegs auf, insbesondere wenn sie aufs Neue eingeschärft wird, wie dieß in vorliegendem Falle vor einigen Jahren von Seiten deS heiligen Stuhles geschehen ist, wobei der heilige Stuhl auSsprach, daß für alle Verstorbene die heilige Messe zu lesen in solchen Fällen eine Täuschung veS gläubigen Volkes sey, was der Kirche unwürdig ist. Unser Höchstseliger Großherzog Leopold K. H. bekannte Sich zur evangelisch, protestantischen Konfession bis zum Enhe des Lebens. Seine K. H. konnten deßhalb nicht durch Abhaltung eines Seelenamtes zu den Gliedern der katholischen Kirche gerechnet werden. Ein ganz anderes Verhältniß ist eS, so lange der Landesregent noch lebt. Da werden allerdings, auch wenn derselbe nicht der katholischen Kirche angehört, bei besondern Veranlassungen, z. B. bei dem Regierungsantritt, dem hohen Namenöfeste u. f. w., Meßopfer durch Anordnung der Kirche dargebracht, allein in diesen Fällen wird der Regent aufgefaßt als der von Gott gesetzte Herrscher deS Staates, und von Gott ihm durch Darbringung deö heiligen Opfers erfleht die zur segensreichen Vollführung seines höchstwichtigen und höchsteinflußreichen AmteS nothwendigen Gaben. Oder eS wird dem Allerhöchsten gedankt für die Wohlthaten, die Er durch den LandeSvater dem Volke erwiesen, oder eS wird das Dankopfer dargebracht für besonders erfreuliche Ereignisse, wie z. B. für die Geburt eines KronpriN- zen, für die Wiedergenesung eines erkrankten Regenten, für die Beseitigung drohender Gefahren, wie ich auch nach Bewältigung der Revolution und nach Wiedereinsetzung der rechtmäßigen Regierung ein feierliches Amt zur Zeit angeordnet habe. Nach dem Tode eines nicht katholischen Regenten kann nur dann ein heiliges Meßopfer dargebracht werden, wenn sich dasselbe bezieht auf die Segnungen und Wohlthaten, die Gott durch seine Regierung dem Volke erwiesen, also wenn ee> ein Lob- und Dankamt ist, welches aber bei einem Trauergottesdienst zu feiern offenbar nicht angeht. DaS religiöse Bekenntniß kommt in solchen Fällen gar nicht in Betracht. Anders verhält eS sich, wenn für den Verblichenen ein Seelenamt soll gehalten werden. Ein Seelenamt kann die Kirche nicht mehr für ihn als Regenten feiern, sondern eS bezieht sich einzig und aNein auf seine Person. Der Dahingeschiedene erscheint nunmehr als Mitglied seiner Konfession. Für ihn nach seinem Tode ein Seelenopfer darbringen, hieße thatsächlich auSsprechen, daß Er Glied der katholischen Kirche gewesen, daß Er in der Gemeinschaft der Kirche gestorben, welche an die Wirksamkeit deS heiligen Meßopfers für die Verstorbenen und an den ReinigungSort glaubt. Darf die Kirche thatsächlich irgend Jemanden zu ihren Gliedern zählen, der eS nicht gewesen? Gewiß nicht! Die Kirche achtet höher die Freiheit der Gewissen. Es ist demnach die Versagung eineö Seelenamteö bei der Trauerfeier eines Protestanten etwas ganz Natürliches und Vernünftiges, insbesondere wenn wir die Lehre deS Protestantismus näher inS Auge fassen. Dieser Lehre gemäß ist die katholische Kirche im Irrthum, daß sie daS heilige Abendmahl als ein Opfer auffaßt, daß sie glaubt an den in der Eucharistie wahrhaft, wesentlich und wirklich gegenwärtigen Gottmenschen, der sich dem Vater für unS aufopfert, ja der Protestantismus macht der Kirche den Vorwurf, als entziehe sie durch die Lehre von der Messe dem Kreu- zeSopfer die Kraft und Bedeutung; noch andere weit härtere Aeußerungen fallen über die katholische Kirche wegen ihrer Lehre vom heiligen Meßopfer. Einem Protestanten, der^mit Ueberzeugung seiner Konfession zugethan ist, kann höchstens die Meßfeier als eine in die Sinne fallende Ceremonie erscheinen, gegen welche Auffassung die Kirche ihr heiligstes Opfer zu bewahren und zu beschützen verpflichtet ist, und nicht kann sie zugeben, daß man von ihrer heiligsten Handlung Gebrauch macht, um nur eine pomphafte Feierlichkeit zu veranstalten oder eine musicalische Produktion aufzuführen. Nein! der Katholik beugt sich in tiefer Anbetung vor dem Gottmenschen, der im Reichthum seiner Liebe und Gnade unblutigerweise Sich zum Heile der Welt hinopfert, wie 163 Er Sich blutigerweise am Kreuze dargebracht, Er, der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen (1. Tim. 2, 5. 6), und der ewige Hohepriester nach der Ord, nung MelchisedechS (Ps. 109, 4. Hebr. 7, 17). Um so weniger aber erscheint das heilige Meßopfer für einen verstorbenen Protestanten zulässig, da eS ja nach der Lehre deS Protestantismus über den Zustand der Seele Jenseits völlig werth' und zwecklos ist. Die protestantische Lehre nimmt an, daß die Seele nach dem Tode entweder sogleich in den Himmel, oder in die Hölle kömmt. In keinem Falle bedarf cS einer Fürbitte für den Verstorbenen, eines SühnopferS. Ist die Seele im Himmel, nun so ist sie in Gott ewig selig, bedarf also keiner weitern Reinigung; ist sie in der Hölle, nun, so ist für sie keine Erlösung zu hoffen und die Fürbitte erscheint nutzlos. Wozu also in diesem oder jenem Falle ein Versöhnungsopfer? Anders erscheint die Sache nach der Lehre der katholischen Kirche. Sie lehrt im Einklang mit der göttlichen Offenbarung und den Anforderungen der menschlichen Vernunft und deS menschlichen Gefühles, daß viele Seelen beim Tode noch nicht so rein sind, um sogleich Gott von Angesicht zu Angesicht zu schauen, und mit dem Allerheiligsten in die innigste Gemeinschaft zu treten, aber auch nicht in einem solchen Zustande sich befinden , um ewig verdammt zu werden; nein, die katholische Kirche verkündet unS die tröstliche Botschaft, daß eS nicht nur einen Himmel gebe, in den nichts Unreines eingehen kann (Offenb. 2l, 27), nicht nur eine Hölle, deren Strafen ewig währen (Matth. 25. 41.46. Mark, 9, 42—47. Luk. 3, 17. und a. a. O.), sondern auch einen Mittelzustand, einen ReinigungSort, in den solche Seelen kommen, die zwar in der Gnade Gottes sterben, aber noch nicht vollkommen gereinigt und geläutert sind. Für solche Verstorbene zu beten und zu opfern ist der Kirche ein heiliger, ein heilsamer Gedanke, damit "sie von ihren Sünden erlöst werden (2. Makk. 12, 43—46), erlöst aus jenem Orte, welchem die Seele nicht entrinnt, bis der letzte Heller bezahlt ist (Matth. 5, 25. 26), aus welchem sie aber wird selig werden, jedoch - so wie durch Feuer (l. Cor, 3, 13—15). Mit dieser Lehre vom Reinigungsorte hängt die Lehre vou der Fürbitte, von der Darbringung deö heiligen OpferS für die Verstorbenen auf das innigste zusammen, ohne sie hat wahrlich daS Opfer keine Bedeutung, eS ist werth« und zwecklos, und im Falle der Darbringung erschiene eS wiederum alS eine bloße äußerliche, ceremonielle Handlung. O tadle man doch die Kirche nicht, die ihr Heiligstes gegen jede Profanalion zn schützen sucht. Ihr sind die Gnadenschätze der Erlösung als eine kostbare Hinterlage anvertraut; ihre Bischöfe und Priester sind die verantwortlichen Verwalter und Spender der HeilSgeheimnissc, sie sind die Diener deS Herrn, der ihnen die Talente anvertraut, und einstenS strenge Rechenschaft fordern wird über deren Verwaltung. Achte man doch eine Kirche, die sich von solchen Gedanken leiten läßt, und die nicht in weltlicher Klugheit, in menschlicher Berechnung etwaiger übler Folgen, auS Furcht, bei der Welt anzustoßen, und bei den Großen der Erde einzubüßen, daS Allcrheiligste zu einem Zwecke gebraucht, zu welchem eS ihr von dem Urheber aller Gnade nicht anvertraut ist. Erkenne man doch gerade a»S solchem Auftreten der Kirche, daß ein höherer Geist sie belebt, daß sie auf tieferem Fundament ruht, als auf menschlicher Kraft und Stütze, und erblicke man in ihr die Stellvertreterin Jesu Christi, bei dem kein Ansehen der Person gilt, und bei dem in solchen Fällen der Mächtigste auf Erden nicht mehr ist, denn der Niedrigste. Keineswegs aber spricht die Kirche durch die Versagung deS Meßopfers über die geschiedene Seele ein Urtheil: dieses steht ja einzig und allein Gott dem Allerhöchsten zu. Beschuldige man deßhalb doch ja nicht die Kirche deS Mangels an Liebe! Wurde aber durch den angeordneten TrauergotteSdienst ohne Seelenamt daS Andenken an den Höchstseligen Großhcrzog Leopold K. H., deS von mir und allen treuen Katholiken stets mit tiefster Ehrfurcht verehrten, mit innigster Liebe geliebten, und' nun mit größtem Schmerz betrauerten LandeSvaterS, — nicht würdig, nicht ehrenvoll und entsprechend gefeiert? Eine unbefangene, vorurtheilöfreie Würdigung der kirchenobrigkeitlichen Anordnung wird gewiß jeden überzeugen, daß jedenfalls die in den katholischen Kirchen 164 angeordnete Feierlichkeit nicht übertroffen wurde von der in den evangelisch-protestantischen Kirchen angeordneten. Wozu also die Verdächtigung der katholischen Kirche; wozu die Zweifel an der Loyalität der Katholiken, wozu die lieblose Annahme, als habe Mangel an Hochschätzung und Liebe gegen den hohen Verblichenen, oder Rücksichten auf obschwebende kirchlich-politische Fragen die Kirchenbehörde bei ihrer Anordnung geleitet? Geliebteste! ich sage es Euch offen und unumwunden, eS hat die Verkcnnung meiner reinen Absicht meinem Herzen eine tiefe Wunde geschlagen, da daS Bewußtseyn unerschütterlicher Treue gegen unser erhabenes Fürstenhaus in meiner Brust lebt, da ich thatsächlich bewiesen, daß ich lieber mein Leben geopfert, als daß ich in jenen verhängnißvollen Tagen der Revolution auch nur einen Augenblick gewankt hätte in meiner beschwornen Anhänglichkeit und Liebe zum Höchstseligen Großherzoge Leopolv K. H.! Solche Verkcnnung thut mir wehe, auch um Euretwillen, Geliebteste, weil man so schnell geneigt ist, die treuen Kinder der Kirche deS Mangels an Loyalität und Gehorsam gegen die Obrigkeit zu beschuldigen; welche Beschuldigungen oft von solchen ausgehen, die keine Probe opferwilliger Liebe zu ihrem Fürsten abgelegt, ja die vielleicht schnöde und undankbar ihn verlassen zur Zeit der Prüfung. Geliebteste! Thut solche Verkennung wehe, —^ nun so tragen wir sie doch geduldig, eingedenk unsers Herrn und Erlösers, der, wiewohl Er offen gelehrt, Gott zu geben, waS Gottes ist, dem Kaiser zu geben, waS deS Kaisers ist, dennoch als ein Empörer und Volksaufwiegler ist verurtheilt, und, wiewohl der Gehorsamste und Sanstmüthigste, anS Kreuz geheftet worden. Folgen wir dem Beispiel Jesu Christi, beladen mit dem Kreuz des HohueS und deS Spottes, beten wir für die, die uns lästern, und beweisen wir durch die That, daß wir fest und unerschütterlich glauben: von dem Herrn ist dem Herrscher gegeben die Herrschaft, und die Macht von dem Allerhöchsten (WeiSh. 6, 4), eS gibt keine Gewalt außer von Gott, die, welche besteht, ist von Gott angeordnet; der, welcher sich ihr widersetzt, widersetzt sich den Anordnungen Gottes und zieht sich die Verdammniß zu (Rom. l3, 1. 2). Gehorchen wir in Allem, was nicht dem göttlichen Gesetze widerstreitet — der Obrigkeit, nW als Augendiener, sondern als Diener Christi, die den Willen thun von Herzen, und mit gutem Willen dienen (Ephes. 5, 5—7); erfüllen wir gegen Seine Königl. Hoheit den durchlauchtigsten, gnädigsten Regenten Friedrich die Unterthanen-- Pflichten auf daS Genaueste, „nicht nur um der Strafe willen, sondern auch um deS Gewissens willen" (Röm. 13), und verrichten wir „Bitten, Gebete, Fürbitten, Danksagungen" für alle Obrigkeiten, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit. Denn dieses ist gut und wohlgefällig vor Gott unserm Heilande (I.Tim. 2, i—3). Und um diesem Mahnruf des heiligen Geistes nachzukommen, verordne ich, daß in allen Pfarrkirchen der Erzdiöcese Freiburg, badischen Antheils, am 2. Juni dieses JahrS ein feierliches Amt cl« S8. Irinitste abgehalten werde als Dankopfer für alle Segnungen und Wohlthaten, die Gott dem Baterlande und dem Volke durch den Höchstseligen Großbcrzog Leopolv K. H. erwiesen hat, und als Bittopfer, auf daß der Allerhöchste unsern durchlauchtigsten und gnädigsten Regenten Friedrich segne, unter Seine Obhut nehme und ausrüste mit den zur segensreichen Regierung deS badischen Volkes nothwendigen Gaben. — Die Gnade Jesu Christi sey mit Euch Allen. Dieser Hirtenbrief ist von den hochwürdigsten Seelsorgern am sechsten Sonntag nach Ostern oder am Pfingstmontag den Gläubigen von der Kanzel zu verkünden und ich verpflichte die Seelsorger in ihrem Gewissen, ihn seinem ganzen Inhalte nach vorzulesen. --,!,« tch-m^tz? niWi >im »pst uMo-MÄ, »-smii Frei bürg, am Tage deS heiligen Gregor von Nazianz, den 9. Mai 1852. f Hermann, >" - Erzbischof von Freiburg. N'. lniK mOilsM? n?S in -i^ tzii« itU l ijj ' '. 'n)gv»z!>i!unij'/M^jI lim ,nn>ss! ,l,»mo1i. nsti (Fortsetzung.) In KoroSko mußten die Gefährten sich theilen; die Stolla mstutina sollte zu Wasser nach Chartum, aber bei dessen niederm Stanv ohne Gepäck; tieseö mußte unter Begleitung des größern Theils deS Missionspersonals die Wanderung durch die Wüste antreten. Daher wurde die ganze Befrachtung ungesäumt ans Ufer gebracht, und am 20. November, einen Monat und zwei Tage nach der Abreise von Kairo, stand daS Schiff bereit zu der kühnen Fahrt durch die mittlern Katarakte. Die Trennung fiel beiden Theilen schwer; den Provicar rief die Pflicht als Führer Derjenigen, die den Wüstenweg betreten sollten; die Stells matutina wurde der Obhut deö Missionsgefährten Johann Rociancik anvertraut. In dem Lager herrschte nun daS regste Getriebe und Gewimmel. Die Araber aus dem Stamme der Abavbe kamen mit ihren Kameelen, die Kisten wurden abgewogen, weil von manchen daS Gewicht zu groß war, neue gezimmert, singend durch die Araber auö Palmenfasern Stricke zum Festbinden der Kameellnsten gedreht, am Ufer die Wasserschläuche gefüllt. Auch die beiven Franzosen auö Assuan trafen ein. Am 24. November konnten die Kameele bepackt werden, der 25, war der Abfertigung der Korrespondenzen nach Egypten uno Europa gewidmet. Zu dem Gepäcke von 300 Centnern waren 60 Lastkameele erforderlich, für die Personen 12 Reitkameelc, 10 trugen 77 Schläuche und zwei Fässer mit Wasser, die Franzosen bedurften 24 Thiere. Für den Centncr waren 22'/z Piaster (der Piaster — 6 Kr. C.-M.). für jedes andere Kameel 90 Piaster zu entrichte». Mit der Ausgabe für die Wasserschläuche und für 12 Centner Stricke stiegen die Reisekosten von KoroSko bis Berber auf 1000 Fl. C.-M. Mit Anbruch des 26. Novembers weck, tcn die tiefen Gurgeltöne der Kameele aus dem kurzen Schlaf. Noch ein Blick auf den blauen Wasserspiegel deS NllS, auf daS schöne Grün, welches seine Ufer um- säumt, und fort wendeten sich die Ziehenden durch einen Engpaß gegen daS dunkel- gefärbte Gebirge zu der Karawane, wo unter lärmendem Geschrei Alleö noch mit dem Aufladen beschäftigt war. Erst nach neun Uhr entfaltete sich aus dem Gewirre der lange Zug der Carawaue. Die Reisenden hatten ihre europäischen Gewänder abgelegt, in die malerische Tracht der Orientalen sich gekleidet. Die Neiterschaar eröffnete den Zug; ihr folgten die Thiere mit der wandernden Küche, dann diejenigen mit den Brennmaterialien und dem kostbaren Schatz der 77 Schläuche, von dem treucsten schwarzen Diener scharf bewacht; hierauf kamen in fünf Abtheilungen die übrigen, bei jeder Abtheilung fünf bis zehn Treiber zu Fuß. Die Straße gleicht einen, brachliegenden Ackerlande von sandigem mit Kieseln gemengten Boden. Der erste Tag führte durch ein Längelhal, welches zwischen dürren Steinmassen von schwarzgebranntem Anstriche ohne die mindeste Spur von Vegetation sich durchwindet. Nur an den Fußtritten der Hyänen konnte eine schwache Spur des Lebenvigcn erkannt werden. Am Mittag prallten von den nahen Felsen und von dem Sand zu den Füßen die glühenden Sonnenstrahlen zurück. Bei Sonnenuntergang setzte sich der Carawanensührer mitten auf den Weg nieder und gab damit daS Zeichen, daS Ziel der ersten Tagereise sey erreicht. AlSbald kauerten auch die Thiere nieder, die Reiter stiegen ab; Jeder nahm seinen Teppich unv waS er an dem Sattel führte, und im Äreise lagerten Alle, die Schläuche wurden auf Strohmatten gelegr, damit durch den heißen Sand daö Wasser nicht verdunste. In kleiner Entfernung wurde der Herd für die Küche ausgegraben. In weiteren Kreisen lagerten sich gruppenweise auch die Nachkommenden. Indeß die schwarzen Köche daS Feuer schürten, um 'die ersehnte Mahlzeit zu bereiten, wurde in der Mitte deS Lagers der Felvtisch aufgeschlagen, die Lampe angezündet, die Stühle zurechtgestellt und theils geschrieben, theils gelesen, theils der Rückstand deS OfficiumS nachgeholt. Auch unter den Gruppen der Araber glühten Feuer, über dem sie jeden Abend ihr Brod, die einzige Nahrung auf dem Zuge, backen. Als die Trompete die Vollendung deö Mahles 166 verkündete, gewannen auch Diejenigen, welche deS Morgens in banger Besorgniß ihre Kameele bestiegen hatten, mit der Ueberzeugung, daß selbst in der Wüste Hunger und Durst könne gestillt werden, frischen Muth. Gesättigt uud heiter begaben sich nun Alle auf ihre Lagerstätten bei dem Sandwirth. Noch waren deS kommenden Morgens die Sterne an dem heitern Himmel nicht verglommen, als dreifacher Trompetenschall die Schläfer wachrief. Der Kaffee wurde bereitet, jedem Thier seine Last wieder aufgelegt, in einer halben Stunde war der lauge Zug von Neuem in Bewegung. Die Gegend erzeigte sich bald schauerlich und wilv, bald lieblich, in wie weit bei dem Mangel an aller Vegetation dieser AuSdruck sich anwenden läßt. Zuweilen verengte sich daS Längenihal zu einem zwischen schroff aufsteigenden Felsen in mannigfaltigen Krümmungen sich dahin windenden Gebirgspässe, wo der ganze Zug, Mann für Mann und Kamee! für Kameel, in unabsehbarer Reihe nur einzeln daherschreiten konnte. Bald mußten die beladenen Thiere Schritt für Schritt die unebenen Steine sorgfällig und prüfend bemessen, bald über die mit Sandverwehun- gen ausgefüllten Schluchteu und jähen Abgründe, bis an die Knie einsinkend, durch den weichen Sand mühsam in den Thalgrund Hinabwaden. AIS die Sonne dem Meridian sich näherte, wurde wieder Halt gemacht; denn gewöhnlich wird während der heißesten Tageszeit einige Stunden gerastet. Die Missionäre schlugen ihr Zelt auf, um im Schatten desselben, während das Mahl bereitet wurde, zu lesen oder zu schreibe». Um drei Uhr Nachmittags ging es weiter. So jeden Tag. Doch gelangten sie am Nachmittag deS drillen in ein malerisches Mimosenthal, am Abend in ein Palmenthal, am vierten zum Bir-Murad, wo die durstigen Kameele mit vollen Zügen an dem gelbgrüuen Wasser einer Cisterne sich labten. Am i. Dezember legten die Missionäre in einem langen höchst ermüdenden Engpasse die letzte Gebirgsgegend der Kubischen Wüste zurück und konnten erst um Millernacht in einem tiefen Kesselthale ihr Lager aufschlagen. Noch zwei Tage führte der Weg durch eine ungeheure, gleich dem Meer uferlose Ebene. In tiefer Nacht deS 3. Decembers näherte er sich wieder dem Nile, um aufs Neue die beinahe leer gewordenen Schläuche füllen zu können. Zum letzten Mal weckre am 4. die Trompete zum Ausbruch. Bald kamen wieder Dumpalmen zum Vorschein, der blaue Nil schlängelte sich durch die Ebene, die Gefährten stimmten einen Lobgesang an, dem Herrn zu Ehren, der sie wohlbehalten durch die Wüste geleitet hatte. Der Häuptling von Avu-Hamed wies ihnen eine Wohnung von Lehm, durch Baumstämme gestützt, dicht an dem NileSufer an. Der 4. und 5. waren Rasttage. Am 6. Nachmittags brach die Carawane wieder auf, immer längs deS NileS, theils an Ortschaften und Saatfeldern vorbei, theils über Sand- und Steinflächen, die mit Gebüsch und kleinen Bäume» nur kümmerlich bepflanzt sind. Rauhe Nordwinde wehten durch das Nilthal und erinnerten mit den dichten Sandnebeln, die sie veranlaßten, an die winterlichen Schneegestöber der Heimath. Oft hielt sich der Thermometer kaum 7° über Null; man mußte sich tief in die Mäntel hüllen, und die Carawane glich mehr ! einem Transport durch die Eisgefilve Sibiriens, als einer Erpedition in dem afrikanischen Tropenlande. DeS Nachts mußte nian sich um große Feuer lagern, durch umhergestellte Kisten und Reisesäcke sichern, und trotz dessen fanden sich bei dem Erwachen gewöhnlich Alle mit Sand überschüttet. Die leichtgekleideten Araber klapperten mit den Zähnen und waren kaum »ach Sonnenaufgang zum Aufbruche zu bewegen. Hätten Wind und Kälte in der Wüste sich eingestellt, so würde manches Kameel erjcgen, manche Kiste am Wege zurückgeblieben seyn. -nns^Da es hier weder an Lebensrnitteln (die Jagd lieferte wilde Gänse und Gazellen), noch an Wasser fehlte, durfte der Zug langsamer vorwärts gehen. Der freundliche Mudir von Berber, Ali-Hassth-Bey, sandte aus j.vei Tagcmärsche weit einen Cour- rier entgegen, um die Missionäre zu ihrer Ausunft zu bewillkommnen. Am 12. Nachmittags hielten sie unter Trompetenschall ihren feierlichen Einzug in Berber, wo sie, sammt all ihrem Gepäcke, der Gouverneur in seine eigene Wohnung aufnahm. Er schenkte ihnen während deS kurzen Aufenthall.'S jede freie Stunde, lud sie an seinen 167 Tisch, oder fand bei dem ihrigen sich ein. Er verschaffte ihnen zwei Schiffe zur Fahrt nach Charlum und versprach bei der Abreise, in kurzer Frist selbst dahin kommen zu wollen. >i „zu ?>'i-,m l-nnn! >7^ lnluKZ »"Wl öuo ljUii^IirlMMM Wildnis zchslvs Sn^l gum Sll^-nH ljliu S'-sinG g„uiIi!lS!i» >c diWtivmM l siÄ sllslT ins,^ no itnu tiiiil.!! Einige Bemerkungen über ein Hauptgebrecheu unserer Zeit. Man klagt jetzt allgemein über die rasche Zunahme deS Proletariats und über die steigende Anzahl der auS demselben hervorgehenden verwahrlosten Kinder und jugendlichen Verbrecher. Ich frage aber: tvaS würde auS den verzogenen, jedeS religiösen HaltS entbehrenden Kindern gebildeter und wohlhabender Familien werden, wenn sie in die elende, schutzlose Lage jener unglücklichen Geschöpfe versetzt werden? Kommen unter den sorgfältig gehüteten und wohlgepflegten Kindern der höhern Alande nicht genug Diebftähle, Betrügereien und Schlechtigkeiten aller Art vor, von denen keine Kriminalbehörde etwas erfährt? — Ich wünschte, den Lesern eine genaue Statistik der verheimlichten Verbrechen dieser Kategorie aus Schule und HauS vorlegen zu können; sie würden über die große Zahl derselben in Entsetzen gerathen und sich überzeugen, daß daS Verderben in weit schlimmerer Weise in den sogena-nn- ten gebildeten, oder vielmehr verbildeten Schichten, als in den niedern Elasten deS Volkes wuchert, und daß jene die gefährlichsten Pflanzstätten deS Proletariats sind, nicht deS ehrenwerthen Proletariats, welches im Schweiße deS Angesichts sein sauer erworbenes Brod dankbar genießt uud welches sein Elend bis zum Tode mit Ergebung erträgt, weil eS in seinem Glauben eine unversiegliche Quelle des Trostes, besitzt, sondern jener Hefe deS Proletariats, welche auS verdorbenen Beamten, herabgekom» inenen Speculanten, gelehrten Schuften und raisonnirenven Faullcnzern zusammengesetzt ist und welche die Quintessenz alleö Schlechten in sich enthält. Gott behüte unS davor, daß durch eine neue Umwälzung die Mittel deS Genusses in den sogenannten gebildeten Volksclassen gänzlich vernichtet und die schwachen Schranken, welche der Anstand, die Ehre und daS Gesetz unserer genußsüchtigen religionslosen Jugend noch entgegenstellen, umgestürzt werden! Wir würden dann mit Schrecken sehen, in welchen Abgrund des Verderbens unsere Jugend durch eine verkehrte Erziehung unv durch die falsche Richtung deS Unterrichts gestürzt worden ist. — DaS Princip deS Unterrichts auf unsern höhern Schulen, welche ich hier zunächst ins Auge fassen will, ist aber ein falsches, weil daS Wissen auf Kosten deS Glaubens, die Vielseitigkeit auf Kosten der Gründlichkeit, die Verstandesschärfe auf Kosten der H-rzenSeinfalt ^ ausgebildet wird. Alles kritisiren, Nichts auf bloße Auctorität annehmen, Alles beweisen — das ist das Axiom unserer modernen Schulweisheit! Wir lassen unS dieß auf denjenigen Gebieten des Wissens gefallen, welche der menschliche Geist vollkommen beherrscht, und in dem Alter, wo der Geist zu solcher Prüfung gereift und mit genügender Widerstandskraft ausgerüstet ist; wir müssen aber für die heranreifende Jugend dieses Princip der einseitigen VerstandeS- vildung als höchst gefährlich und verderblich erklären. Denn auf diesem Wege wird schon in der Seele deS KinveS die Zweifelsucht erweckt, uud eS wird hierdurch sehr bald der aus dem Elternhause zuweilm noch mitgebrachte Keim des kindlichen Glaubens, der künftighin als festgewurzelte religiöse Ueberzeugung dem Jünglinge und Manne in den Gefahren und Stürmen des Lebens Rettung , Halt und Trost gewähren soll, völlig zerstört. — Es.ist wahr, unsere Knaben von vierzehn Jahren wissen mehr, als früher Erwachsene wußten, sie sprechen über Dinge ab, an welche sonst das Alter nur mit Ehrfurcht heranzutreten wagte; aber wo sind die durch unsere modernen StaatSschuIen vorgebildete» großen Helden und Staatsmänner, welche auf die Geschicke der neuern Zeit mit schöpferischer Kraft eingewirkt haben? — Darf man sich aber wundern, daß auS unserer Schuldressur und EraminationS, tortur so äußerst wenige thatkräftige Männer und so viele gesinnungslose Wetter- > 168 sahnen hervorgehen? AuS einer solchen vom Leben abgelösten Treibhausblüthe deS Wissens kann sich unmöglich eine gesunde kräftige Frucht entwickeln. Soll nun diesem immer mehr um sich greifenden Uebel gesteuert werden, so muß daS falsche Princip der einseitigen Verstandesbildung aus unsern Schulen ver« bannt und an dessen Stelle die harmonische Ausbildung deS Geistes und Herzens, welche allein die mit der Religion verbundene Wissenschaft gewährt, zum einzigen Ziele der Schule gemacht werden. Die Religion muß nicht auf ein paar magere Stunden beschränkt werden, ihr warmer belebender Odem muß vielmehr, so weit als möglich, alle Zweige des Unterrichts durchdringen und sie muß in viel tieferer und gründlicherer Auffassung, als bisher, dem so empfänglichen jugendlichen Geiste dargeboten werden. Dazu gehört, daß die Lehrer wahrhaft religiöse, durch Schule und Leben gleichmäßig ausgebildete, für ihren Beruf begeisterte Männer sind, daß sie in einem Sinne handeln und einem Ziele nachstreben, und daß ihr Geist nicht von den Sorgen deS häuslichen Lebens niedergedrückt, ihr Eifer nicht durch tausend Rücksichten gelähmt und ihre Wirksamkeit nicht von dem Gange und der Laune der großen StaalSmaschine abhängig ist. Kurz: die Schulen müssen, wenn nicht die Gottlosigkeit und sittliche Verkommenheit immer mehr überHand nehmen soll, in die Hände der Kirche zurückgegeben werden, und eS ist hohe Zeit, daß die Kirche diesem dringendsten aller Bedürfnisse Abhilfe schafft. (Schl. Krchbl.) .ini! hll.i-tt.,.!-n!L« S?S n,ttvst,tivslP „»ückimiri^b "5 5«n >>r-'i ü,?u ,„,chtl,P mtM.«mn!^jQ.'^tU^'n^ui' ,!^!il.it<) «j d, liz«, .Ulknt,» d"U'>i Die Väter der Gesellschaft Jesu fangen an, im nördlichen Deutschland wieder festen Fuß zu fassen. Daß sie bereits seit zwei Jahren in Münster ein Noviziat errichtet haben, wird Ihnen nicht unbekannt seyn; diesen Herbst werden sie nun auch in Pad er born einziehen und daselbst ein Scholastikat für die Provinz Deutschland errichte«. Die Mittel zu dieser neuen Anstalt, worin die Novizen nach überstandener Probezeit ihre philosophischen und theologischen Studien absolviren, sind durch freiwillige Subscriplionen in Paderborn und der Umgegend aufgebracht worden. AIS am Ende vorigen JahreS in Paderborn durch drei Väter der Gesellschaft eine Mission gehalten wurde, erwachte bei den Einwohnern der genannren Stadt die Liebe und Verehrung gegen den berühmten Orden wieder in so hohem Grade, daß Alle der sehnliche Wunsch erfüllte, wieder einige Mitglieder desselben in ihrer Mitte zu haben. Paderborn verdankt den Jesuiten vorzüglich seine Erhaltung im kath. Glauben zur Zeit der Reformation, und bis Ende deS vorigen Jahrhunderts besaßen dieselben hier ein blühendes Collegium. AIS nach Beendigung der Mission die Aussicht eröffnet wurde, daß der Wunsch der Einwohner wohl erfüllt werden könne, wenn nur die erforderlichen Mittel zum Ankauf oder zur Anmicthung eineS-passenden Gebäudes beschafft würden, unternahmen eö einige wenige Männer, meist Laien auS dem Beamtenstande, durch Sammlungen von Suscriptionen die erforderliche Summe aufzubringen. Ju wenigen Wochen war eine Summe von 10,000 Gulden gezeichnet und zwar größten» theils in Paderborn selbst, einer Stadt von ungefähr neuntausend Einwohnern; arme Dienstmägde brachten unter sich allein eine Summe von 100 Gulden zusammen. Die kath. Adeligen in der Nachbarschaft schlössen sich freudig dem schönen Unternehmen an; der edle Graf v. B. zeichnete sofort als der erste 100 Gulden, und eS ist gewisse Aussicht vorhanden, daß seine StandeSgenossen dem schönen Beispiele nacheifern werden. So ist eS denn in diesen Tagen möglich geworden, eines der schönsten und größten Häuser der Stadt für die Väter der Gesellschaft Jesu zu miethen, und im October werden dieselben einziehen. Daß solche Unternehmungen von Seiten der Negierung nicht die geringsten Hindernisse erfahren, erkennen die kath. Unterthanen PrenßenS mit Dank an, und schreiben es mit Recht dem wohlwollenden und gerechten Sinne Sr. Majestät deS Köni gs zu. (Salzb. K rchbl.) Aeraatwvrtlicher Redacteur: L. Schöucheu. Verlags-Jnhaber: F. C. Kremer. Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PostMtung. 30. Mai 22. ^852. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis 4V kr., wofür es durch alle kömgl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann- Aechte Toleranz. Der bekannte amerikanische Romandichter Cooper, der gewiß weit davon entfernt ist, in seinen Grundsätzen und Anschauungen katholisch zu seyn, gibt gleichwohl ein beachtenswerthes und nachahmungswürdiges Beispiel wahrer Toleranz in mehreren Briefen, in welchen er sich über seinen Aufenthalt in Rom ausspricht. ES ist nöthig, von solchen Dingen Act zu nehmen, damit die deutschen Schöngeister an ihnen sich spiegeln können, und weil sie ein neuer Beweis für die Thalsache sind, daß die katholische Kirche vom wahren Genie selten etwas zu fürchten hat. In dem Werke das den Titel „Italien" führt, kommen unter Andern, folgende merkwürdige Stellen vor: „Gelegentlich habe ich mich überzeugt, daß man in Rom ziemlich zuversichtliche Hoffnungen nährt rücksichtlich der Fortschritte der katholischen Religion und folglich deS zunehmenden römischen Einflusses in unserm Vaterlandc. Wenn die Römer dieß bewirken können, so habe ich nichts dagegen; denn allen religiösen Ansichten muß meiner Meinung nach freier Spielraum gestattet werden. .... Eö wird Sie wundern, wenn Sie hören, daß in Rom selbst weit weniger strenge Bigotterie herrscht, als in manchen enlferntern Ländern, die unter den kanonischen Scepter sich beugen. Da die Regierung mit allen untergeordneten Verwaltungszweigen sich in den Händen der Geistlichkeit befindet, so wird freilich keine offenbare Vernachlässigung der religiösen Gebräuche geduldet; aber davon abgesehen, und mit Ausnahme der großen Zahl von Kirchen und Geistlichen, findet sich sonst wenig in Rom, was Fremde auf den Gedanken bringen könnte, daß sie wirklich in einem durchaus geistlich verwalteten Staate sich befinden. Die Päpste selbst sind die machtvollkommenen Herrscher nicht mehr, die sie vormals waren; NepotiSmus, Herrschsucht, Habgier wagen kaum mehr ihr Haupt zu erheben.. . . Die Ictzterwähllen Päpste sind fast alle milde, fromme Männer, und so weit menschliches Wissen reicht, wirklich zur Erfüllung ihrer wichtigen Berusöpflich- ten ganz geeignet gewesen. Doch alle menschlichen Einrichtungen dieser Art haben ihre schwachen Seiten; ich möchte nicht behaupten, daß die „General AssemblieS" in Amerika jederzeit aus lauter zusammenbcrufenen Heiligen bestehen.. .. Die Schonung gegen Andersdenkende wird in Rom fast übertrieben. Der Chorgesang in der St. PetcrSkirche ist weit und breit berühmt, und Fremde pflegen daher öfter diese Kirche zu besuchen, um den herrlichen Gesang mit anzuhören. In einer besondern Kapelle wird ein feierlicher Gesang, vermuthlich eine Vesper, jeden Sonntag Nachmittag gesungen, eine Vocalmusik, wie man sie sonst nirgends in der Welt hörr, weit schöner als die Musik der königlichen Kapelle in Dresden; letzlere ist übrigens hauptsächlich Instrumentalmusik, während erstere einzig von menschlichen Stimmen aufgeführt wird. Wer noch nie einen solchen Tempel Gottes gesehen, wer nie den Wohllaut vernommen hat, der aus einer solchen Vereinigung gründlichen Studiums, feite- 170 nen Talentes, und natürlicher, ich möchte sagen, kunstschöpferischer Gewalt des Gesanges hervorgehen kann, der hat keine Vorstellung von den Empfindungen, die sich deS menschlichen Innern bemächtigen, wenn man auf und nieder wandelt durch die wunderbaren Wölbungen dieser Kirche und den himmlischen Tönen lauscht. Zuweilen ziehe ich mich in einige Entfernung zurück, und die ernsten, feierlichen Klänge dringen wie daS Brausen der Lüfte auS fernen Welten zu mir herüber; dann nähere ich mich wieder allmälig dem Eingang der Kapelle und lasse die volle Kraft der Harmonie mich durchschauern. Alle Opern, alle Concerte, alle Conservatorien verschwinden in Nichts gegen die erhabene Vereintwirkung dieses KirchenbaueS und eines solchen gottesdienstlichen Gesanges. Denn beide scheinen den höchsten Gipfel menschlicher Kunst erstrebt zu haben, so weit solches durch irdische Mittel möglich ist. Um den Eingang zu dieser Kapelle pflegen ganze Schwärme von Fremden sich zu versammeln. ES thut mir leid, daß ich nichts Besseres von ihnen sagen kann; hier plaudern sie und lachen, führen müßige Reden und treiben allerlei Kurzweil, wie solches wohlerzogene Leute höchstens in einer lustigen Abendgesellschaft anderswo sich erlauben würden. Sie machen zwar keinen sonderlichen Lärm, ben man aber auch sonst nicht von wohlerzogenen Leuten erwartet; aber eS ist auch keine stille Andacht, nicht einmal schonende Rücksicht gegen gottesdienstliche Bräuche bei ihnen zu finden. Mag man noch so viel der Verschiedenheit der katholischen von den protestantischen Re- ligionSmeinungen zuschreiben, so ist doch diese Nichtachtung eines christlichen Tempels, eines christlichen Gottesdienstes durchaus nicht zu entschuldigen. Glücklicher Weise habe ich bis jetzt keinen einzigen Amerikaner einem solchen Leichtsinn stöhnen gesehen. Dieses einzige Factum beweist mehr als ganze Bände, die man wider unsere Nation schreiben mag, als ermangle sie aller Religion. Es gibt größere Gemeinden in Amerika, die vor einer Kirche, sofern sie solche bloß als Gebäude betrachten, keine sonderliche Ehrfurcht beweisen, die in ihren Kirchen politische Versammlungen halten, ja selbst Musikstücke und Oratorien aufführe», was ich Alles als unziemlich und tadelnSwerth betrachte; sobald aber irgend Etwas, das auf gottesdienstliche Handlungen Bezug hat, vorgenommen wird, dann herrscht andächtige Stille und würdevolles Benehmen durch die ganze Versammlung. Dieses Gefühl begleitet unsere Landsleute auch in fremde Länder; aber die Protestanten anderer Nationen, besonders die Engländer, welche doch in ihrer Heimath so streng auf geziemendes Betragen achten, scheinen solche Gefühle hier ganz zu verläugnen. Doch muß ich auch zugeben, daß die Katholiken selbst nicht immer ein gutes Beispiel geben..... Die Verglcichung zwischen Rom, wie eS jetzt ist, und einer unserer großen Städte, hat sich mir fast bei jeder Veranlassung wiederholt aufgedrungen. DaS heutige Rom und Newyork sind in moralischer Hinsicht einander geradezu entgegengesetzt und physisch ebenfalls. Die eine ist eine Stadt voll herrlicher Erinnerungen, die andere voll großer Hoffnungen. ... Rom ist, wie vormals Troja, wenigstens gewesen ^); aber es scheint nicht, daß Newyork. so sehr sich jährlich seine Bewohner um viele Tausende vermehren, jemals seyn wird . . .. Welches von beiden Völkern ist glücklicher? so fragte ich mich selbst, während ich meine Blicke über die sagenreiche Gegend gleiten ließ: diejenigen, welche ihr Daseyn in diesen Erinnerungen verträumen, oder die, welche den Augenblick mit solcher Gier ergreifen, als gälte eS, Vergangenheit und Zukunft in einen Tag zusammen zu pressen, die bloß darum zu leben scheinen, um, wenn die Nacht kommt, sich zu rühmen, daß sie abermals reicher geworden, als sie am Morgen waren? Diese Frage ist leicht beantwortet; obschon ich tausendmal vorziehen möchte, daß daS LooS meines Lebens mir in Rom zugetheilt gewesen wäre, als in Newyork, oder in irgend einer bloß Handel treibenden Stadt. Die Römer verachten die UankeeS, und die AankeeS verachten die Römer; die Einen deßhalb, weil jene bloß an die vorübergehenden Interessen des Augenblickes denken, die Andern diese, weil sie gar nicht an dieselben denken. Die Bewohner der „ewigen Stadt" sind ein Theil der Nachkommen jener alten Römer, die an dieser Stelle einst die alte Welt ') Ein unbefangener Katholik würde hinzusetzen: ist auch noch. 171 beherrschten; sie stammen von Männern ab, die, umgeben von den Denkmälern der Großthaten ihrer Vorfahren, von den erhabenen Gesinnungen durchwärmt, die sich in den Ereignissen ihrer Vorzeit aussprachen, wenn auch zu schwach, eS ihnen gleich zu thun, doch in der Erinnerung sich gehoben fühlen, und diese Erinnerung als ihr bestes Erbe den späten Nachkommen zu erhalten strebten. Dagegen der große Handelsplatz im Westen, was ist er anders, als ein Zusammenströmen von Abenteurern auS allen Weltgegenden, die alle Bande, die sie an ihr Geburtsland knüpften, zerrissen, jedes Gefühl für Nationalität verläugnet, jede Werthschätzung historischer Beziehungen vergessen haben; denen keine andern Ueberlieferungen zusagen, als die sich aus die Whit« tingtone (glückliche Abenteurer) unserer Zeit beziehen, und die für keine andere Größe empfänglich sind, als für die Größe eines Inventariums. Die Einen sind vielleicht thöricht, indem sie daS Positive mit dem Idealen verwechseln; die Andern sind unvermögend, sich über die Gränzen der niedrigsten menschlichen Bestrebungen hoch genug zu erheben, um eines Gefühles theilhaftig zu werden, daS etwas mehr ist als das Bewußtseyn, ihr ganzes Leben im beständigen Abquälen nach Gewinn zugebracht zu haben. „Dollars, Dollars, Dollars! Actien, Actien, Nctien!"...... Die Ceremonie der Segcnertheilung des PapstcS (am Grünendonnerstage und Ostersonntage), so feierlich und großartig sie auch ist, ging für die gesammte Menge fast verloren, bis auf die Armbewegungen deö Papstes. Seine Stimme konnte nicht gehört werden; aber seine Bewegungen waren anmuthig und würdevoll. Die Katholiken lagen auf den Knien; die Protestanten nicht; ich verwundere mich beinahe darüber; denn die Segenssprüche eines braven Mannes sind nicht zu verachten. In uns Protestanten steckt nur zu viel von dem: „verd—t will ich seyn! meine Religion verändern? nimmermehr!" jenes Matrosen; wir scheinen uns nur zu oft einzubilden, es liege etwas Verdienstliches in schonungsloser Intoleranz und in der Verachtung gegen Andersdenkende, wenn eS gilt, gegen Katholiken mit Nachsicht und Achtung uns zu benehmen. Wer aber freiwillig einem katholischen gottesdienstlichen Gebrauch mit beiwohnen will, ist meines ErachtenS verbunden, sich mit Achtung und Bescheidenheit zu benehmen; übrigens ist Gott überall gegenwärtig. Ich sehe nichts Unrechtes darin, mir allen Anwesenden vor dsr geweihten Hostie niederzuknien; denn wenn wir auch nicht an die wirkliche Gegenwart des Leibes deS Herrn glauben können, so sind wir doch überzeugt, daß andächtige Verehrung des höchsten Wesens, sey eS unter welcher Gestalt eS wolle, niemals außer der Zeit seyn könne." Wir wiederholen eS noch einmal, es ist der Protestant, der beliebte, hochgepriesene, in Aller Händen sich befindende Romandichter Cooper, der diese Lehren seinen Glaubensgenossen gibt. Bericht des apostolischen BiearS für Centralafrika. (Fortsetzung.) In Sehnsucht, zu Chartum daS Weihnachtsfest zu feiern, erfolgte die Abreise am 15. December bet starkem Winde, der eine beschleunigte Fahrt-verhieß. Aber diese inländischen Schiffe können bei andauerndem Winde nur kurze Strecken zurücklegen; die Mannschaft erwies sich dabei so unbeholfen, daß die Missionäre nicht wußten, ob sie über ihre Ungeschicklichkeit sich ärgern oder lustig machen sollten. Bei der Nacht vollends wagten sie eS nicht, zu fahren. So gingen fünf Tage hin, bis die Stromschnellen zwischen Berber und Chartum erreicht wurden; andere fünf Tage waren erforderlich, um diese zurückzulegen. Noch am 23. December lebte die Hoffnung, das Weihnachtsfeft in dem Missionshause feiern zu können. Aber kein Wind erhob sich und die SchiffSlente fürchteten das Ziehen. Wohl stellte sich am 24. ein leichter Wind ein; aber selbst ein mittelmäßig segelndes Schiff hätte noch zwei Tage gebraucht, um Chartum zu erreichen. Die Gefährten mußten dem Unabwendbaren sich fügen. Tiefbetrübt sichren sie zwischen üppig bewachsenen Eilanden durch und liefen des Nachmittags in den Engpaß von Ehern ein. Da wird der Strom von schroffen Gebirgswänden aus glänzenden, säulenartig geformten Granit- 172 blocken, die symmetrisch über und nebeneinander gethürmt sind, eingeschlossen; die Zwischcnräume sind mit zartem gelbem Grase und mit niedlichen Zwergmimosen ausgefüllt, ein sicheres Zeichen, daß hier während der nassen Jahreszeit ergiebige Regen fallen. Beide Schiffe folgten sich in geringer Entfernung. Unter dem glänzendsten Sternenhimmel wurde mit sanft gespannten Segeln die Fahrt fortgesetzt, bis daS erste Schiff, auf welchem der Provicar sich befand, unterhalb eines Wasserrades landete, des baldigen Nachrückens des zweiten Schiffes harrend. ES kam nicht; man sah und hörte nichts; Signale mit der Trompete gaben nur einen Widerhall von den Felsen; eine an die Segelstange hinaufgezogene Laterne blieb unbeachtet; abgefeuerte Schüsse rollten blos durch die "Felsschluchten. , Was sollte den Gefährten widerfahren seyn? Die Gewehre wurden schärfer geladen, da glaubte einer aus weiter Ferne einen Schuß zu vernehmen, ein zweiter fällt, ein dritter, die Ueberzeugung ist gewonnen, daß jene noch leben; wiederholte Signale wurden erwidert, aber Niemand näherte sich. Unverweilt schickte Herr Knoblccher einige Leute von seinem Schiffe mit Later« nen ab, um die Zurückgebliebenen herbeizuholen. Erst nach Mitternacht kehrten jene zurück mit der Nachricht, wie durch ungeschicktes Manövriren das andere Schiff an das entgegengesetzte Ufer sey verschlagen worden, und die Schiffsreiser eS nicht gewagt hätten, an das dießseitige Felsenuser hinüberzuschiffeu. Am folgenden Morgen kam das zurückgebliebene Schiff nach. Schmerzte eS, daß der Weihnachtsabend nicht in Gemeinschaft sich feiern ließ, so schmerzte eS noch mehr, daß das hohe Opfer dem Herrn nur im Geiste konnte dargebracht werden. Doch tröstete der Anblick des Ru- gans und des MclechitS, die gleich Pyramiden aus der weiten Ebene emporsteigen, mit der Gewißheit, dem Endziel der Reise nicht mehr ferne zu stehen. Noch zwei Tage und am Feste der Apostel des Herrn begrüßten die Reisenden die Hügelreihe von Kereri. Gegen ein Uhr Nachmittags kamen die Palmenwipfel hinter den Inseln von Hogeli zum Vorschein; bald öffnete sich die Einfahrt in den zweiten Arm deS blauen Nils, an dessen südlichem Ufer die Gärten und Häuser von Chartum vor ihren Angen sich entfalteten. Die Fahne Oesterreichs flatterte vom Rande deS Mis- stonsgarleuS hinüber, und in Kurzem stiegen sie anS Ufer, wo der Consulatsverweser, Herr Dr. Rcitz, dann zwei zurückgebliebene Missionäre nebst der kleinen Schaar ihrer Zöglinge mit Sehnsucht der Kommenden harrten und mit der herzlichsten Freude sie empfingen. Vier Monate waren inzwischen seit der Abreise von Trieft, zwei Monate und neun Tage seit derjenigen von Cairo verflossen. Der Bericht des Herrn Johann Rocianctc an den apostolischen Provicar ist auS Dongola, datirt vom 13. Januar. Er ist eben so inhaltsreich, als der bisher behandelte, daher wir auch jenem daS Wesentlichste entnehmen. Die Reise von Korosko bis Derr ging mit kurzer Unterbrechung glücklich von Statten, außer daß die in Assuan gedungenen Matrosen bisweilen durch lange Strecken das Schiff entweder ziehen oder mittelst Stangen fortschieben mußten. Am 2l. November, sagt Herr Rociancic, fuhren wir vor Derr an und setzten durch Abfeuern der beiden Schiffskanonen dessen ganze Bevölkerung in Bewegung. Groß und Klein strömte dem Ufer zu, um das Schiff zu betrachten. Unverweilt traten der Kadi, viele Ulemas und andere Personen auf daS Verdeck, schüchtern, dabei doch unverschämt, nach allen Seiten spähend. Mehr, als beträten sie eine Mauöfalle, krochen, dann gingen sie in die erste, in die zweite Cajüte, in die dritte wagten sie kaum die Augen zu wenden, daS Bild unserer lieben Frauen anzusehen. Im Nu waren alle Divane gefüllt, so daß ihrer Viele zu europäischen Sitzen sich bequemen mußten. Ich stand in der Mitte, gleich einem, über den das Urtheil soll gefällt werden. Unglücklicher Weise war Mahomed Aga, der in so peinlicher Lage als Dolmetsch hätte auftreten können, nicht zugegen. Ich stammelte einige arabische Worte in die lautlose Stille, wies auf Rußeggerö Landkarte, las die Namen einiger Ortschaften und brachte Alles . in Staunen, daß ich diese und diejenigen einiger Berge wissen könne. Inzwischen kam Mahomed und übersetzte, was ich ihm in italienischer Sprache sagte. So ging die Unterredung gut von statten, bis nach drei Uhr die ungebetenen Gäste sich wieder entfernten. Allein zwei Stunden später kamen sie mit Verstärkung zurück. DaS 173 Erste, was diese nubischen Magnaten verlangten, waren Geschenke (Bakschich); anfangs Rauchtabak, dann Schnupftabak, zuletzt Pulver und Blei, denn von hier bis oberhalb Akbe bettelt Alles, angefangen von dem kleinen Kinde bis hinauf zu Scheikh und Effendi. Ich erklärte rundweg: was wir haben, das brauchen wir selbst. Mit diesen ernst gesprochenen Worten mußten sie sich zwar zufrieden geben, aber wie angenagelt saßen sie dennoch bis in den späten Aben5. Ich konnte jedoch nicht warten, bis sie sich verabschiedeten, da ich mich zum Effendi zu verfügen hatte, um für seine Gefälligkeit und für sein Geschenk meinen Dank abzustatten. Letzteres war freilich durch Mahomed Aga' in ächt arabischer Weise vertuscht worden; eS hatte in Fleisch bestanden; Mahomed aber gab vor, dasselbe gekauft zu haben, und ließ sich dafür bezahlen. Der Effendi, ein freundlicher bulgarischer Greis, der noch einige Worte slavisch verstand, bewirthete mich mit Kaffee und versah mich mit zwei Schreiben für Wadi-Halfa. Zufällig befand sich Halil, der Effendi dieses OrteS, zu Derr. Er ließ mich fragen, ob er nicht mit mir nach Hause fahren könnte? Da er für den Katarakt von Wadi-Halfa die Mannschaft zu besorgen hatte, durfte ich ihn nicht abweisen, verlangte nur, daß er zur rechten Zeit bereit sey, weil ich weiter kommen müßte. Er traf pünktlich ein und war, gleich seinem Bruder und seinem Schreiber, unser Gast. Halil-Effendi ist ein großer, über sechs Fuß hoher Mann, freundlichen Aussehens, und gefälligen Benehmens, in dessen Sprache und Physiognomie etwaS Vornehmeres sich kund gibt, wie ich es sonst an keinem Berberin je wahrnahm. Alle seine Fragen drückten etwas Charakteristisches aus, waS sich auch auf seinen Sohn verpflanzt hat, einen lieben Jungen von zehn Jahren, der mich flehentlich bat, bei einer Reise nach Europa ihn doch sicherlich mitnehmen zu wollen. Einst bei spätem Wegreiten von Wadi-Halfa rief er mir freundlich und theilnehmend zu: „Reite gut, denn die Nacht ist finster!" So fuhren wir den 22. November mit geringem Winde, der den ganzen Tag über blieb, von Derr ab. Bald mußte gerudert, bald gezogen werden, was uns Muße gewährte, die schöne Gegend mit ihren hohen Dattelpalmen zu betrachten. Aber bloß um sieben Meilen kamen wir vorwärts. Nicht viel besser ging eS des folgenden TageS, an welchem wir an der einst starken Festung Jbrim, von steilem Felsen den Nil beherrschend, vorüberfuhren. Erst am Nachmittag deS dritten TageS erhob sich ein kräftigerer Wind, der aber bald in Sturm überging, indeß wir an der Ostseite der Insel Belani, wenn nicht ruhig, doch gesichert ankerten. Wieder folgte unerträgliche Windstille, bis gegen acht Uhr Abends der Sturm dergestalt zu wüthen begann, daß wir, vieler seichten Stellen wegen, uns genöthigt sahen, die Segel zu reffen und bei der Ortschaft Debros zu übernachten; dabei siel das Quecksilber von 21, auf 13, Am folgenden Tag 10 Uhr erreichten wir Wadi-Halfa. Zwei Reiese, kundige Kataraktenmänner, begrüßten das Schiff, verwundert über das Wagniß, in dieser Jahreszeit die Katarakten passiren zu wollen. Sie kamen an Bord, um meine Wünsche zu vernehmen, und setzten meiner Frage: ob eS möglich wäre, über die Katarakte hinaufzukommen, Zweifel entgegen, ohne jedoch die Hoffnung gänzlich abzuschneiden. Zuvor wollte ich also die Katarakte recognosciren. Zu diesem Zwecke bestieg ich ein kleines Schiff mit Ruder und Segel und mit LebenSmitteln versehen, denn es hieß, vor Sonnenuntergang könnten wir nicht zurück seyn. Obwohl das Schiffchen mit dreizehn Personen bemannt war, trieb eS der Wind doch schnell stromaufwärts; allein bald mußten die Ruder eingelegt werden, und in den Stromschnellen ging von Zug zu Zug die Fahrt beschwerlicher. Plötzlich ließen die SchiffSIcute die Ruder sinken und hoben insgesammt die Hände zum Himmel. Verwundert hierüber, fragte ich, was es denn gäbe? Da wiesen sie auf den Gipfel eines links sich erhebenden Berges; dort liege ihr heiliger Scheikh Abdel-Kader begraben, diesen bäten sie um Beihilfe. Ein schönes Seitenstück, dachte ich, zu der schlimmen Gewohnheit, die in so manchen Gegenden Europa'S, besonders unter den Arbeitsleuten, herrscht, daß sie, wenn vermöge ungeschickten Benehmens etwas nicht von statten geht, wie Besessene hundert und hundert Gott-sey-bei-unS herbeirufen. — AuS dieser Verglei- chung heraus riß mich daö brausende Anprallen der Strömung an das kleine Schiff. 174 DaS Segel wurde eingezogen, das Glück mit den Rudern versucht; umsonst; nicht vorwärts, nicht rückwärts wollte das Schiff, als plötzlich ein Wirbel uns begünstigte; ein kräftiger Ruderschlag, und wir standen an dem Felsen vor einem Thore, wo Granitblöcke das Flußbett einengen, bei genügsamem Wasser jedoch die Durchfahrt immer noch möglich ist. Die eigentlichen Katarakten liegen zwei Stunden weiter hinauf. Wir gingen nun, um Alles auszuspähen, zu Fuße. Die Ueberfahrt schien mir schwierig, doch nicht unmöglich. Als ich aber nachher von noch größeren Katarakten weiter hinauf sprechen hörte, gereute es mich, nicht auch diese in Augenschein genommen zu haben. Wie, dachte ich, wenn so unser Schiff gefangen liegen müßte? Meine erste Frage in Betreff der weitern Katarakten war daher: ist dort auch genug Wasser? Bei der Antwort: „Viel, sehr viel," war ich beruhigt, überzeugt, daß bei genügsamem Wasser, sofern nicht verborgene Steine die Fahrt hemmten, ein eisernes Schiff unter besonnener Leitung, mit festen Stricken und richtig angewendeten Menschenkräften jeden Katarakt von vier bis fünf Fuß Gefälle auf eine halbe Klafter sicher überwinden werde, um so viel leichter bei verlängerter Strömung. Zu unserm Schifflein zurückgekehrt, überschaute ich nochmals die Katarakten, in denen schon so manche Schiffe in Trümmer gegangen sind, so viele Menschen ihr Grab gefunden haben; denn nichts als Felseninseln auS Granit, rechts und links in den Sonnenstrahlen gleich Spiegeln glänzend, jeden Augenblick eine andere Richtung des Schiffes erheischend, stellten dem Auge sich dar. Von lebenden Wesen sah ich außer Turteltauben und Nilgänsen, die in schnellem Fluge über die unwirthliche Gegend sich hinwegschwangen, nichts. Zu nicht geringem Erstaunen Aller erklärte ich, die Fahrt zu versuchen, ohne den Hauptkatarakt gesehen zu haben. Wohl hatten sie Recht; denn auf einem hölzernen Schiffe würden wir unfehlbar zu Grunde gegangen seyn. Ich aber, um nicht größere Zaghaftigkeit hervorzurufen, unterdrückte jeden Zweifel. Schnell fuhr unser kleines Schifflein die Strömung hinab; aber wehe uns, wäre das kleine Ruder zerbrochen I Im Nu wären wir an einen Felsen geworfen worden; schwimme alsdann wer kann! Ehe noch die Sonne ihre letzten Strahlen über die geheimnißvolle Wüste sandte und die glänzenden Sterne hinaufzogen, waren wir wieder an unserer 8teIIs matutina angelangt. Halil-Effendi harrte am Bord, um den Contract für die Fahrt abzuschließen. Er ging von 1000 auf 500 Piaster zurück, wofür er 150 kräftige Männer zu stellen versprach. Unverweilt wurde Alles vorbereitet, zu Erleichterung des Schiffes jedes Entbehrliche an das Land gebracht, um am 29, November die gefährliche Fahrt zu beginnen. Einzig der Schmied und ich blieben auf dem Schiff, in Hoffnung, binnen drei Tagen jene zu vollenden. ES war ein Viertel vor zehn, als wir von Wadi-Halfa uns entfernten. Erst zeigte sich der Wind günstig; kaum hatten wir jedoch i'/^ Meile zurückgelegt, als er inne hielt, was zur Landung am rechten Ufer nöthigte. Die Leute fingen bereits an, zu murren, ließen sich aber dennoch einspannen, und so wurde die eine und die andere der ersten Stromschnellen nebst der Wendung um einen gefährlichen Felsen glücklich überwunden, eine Furth ruhigen Wassers gewonnen, wo aber die Mannschaft auf das andere Ufer mußte übergesetzt werden. Die Einen bestiegen das große Schiff, die Andern den Sandal (das kleine Kataraktenschiff), die Dritten setzten auf ihren Schläuchen über. Hier war eine der stärksten Stromschnellcn zu bekämpfen. Da bedienten sich aber die Zieher, Herrn Rociancic's Warnung entgegen, deS schwächern Seils; die Strömung riß daS Schiff in die Mitte, jene ließen daS Seil fahren und das Schiff schnellte an den jenseitigen Felsen zurück. Aus Holz gebaut, wäre es unfehlbar zerschellt; die Stella mswtins kam mit einem Bug davon. AIS die Leute — der Schmied hätte sie gerne zusammengeprügelt, wäre er nicht durch Herrn Rociancic zurückgehalten worden — sahen, daß das Schiff viel aushalten könne, faßten sie Muth. AIS es aber wieder im besten Zuge sich befand, konnten sie den Seitenstrick nicht rechtzeitig nachlassen, so daß es sich zwischen zwei Granitblöcken einklemmte, und theils der Strick entzwei gehauen, theils daS Schiff mit Stangen mußte gehoben werden. Ueber allem dem gingen mehrere Stunden 175 nutzlos hin. Unterhalb einer zweiten gefährlichen Stelle wurde sodann Halt gemacht; die 15V Zieher lagerten sich im Sande, zündeten mächtige Feuer an und begannen darauf Gelärme und Zank, die bald in Prügeleien übergingen. Da aber der Effendi selbst zugegen war, wurde schnell Justiz geübr, worauf Hadernde und Gezüchtigte dem Schlaf in die Arme sanken. Werkthätig folgte Halil-Effendi der Fahrt, bald in seinem Sandal sitzend, bald am Ufer einherschreitend, die Leute antreibend, zuweilen selbst Hand anlegend. Am 1. December ließen sich einige Stellen mittelst des Segels überfahren; wo das Ziehen erforderlich war, ging eS ohne Schwierigkeit von Statten. Größere Mühe verursachten die Leute, welche jeden Augenblick entweder mit den Matrosen oder unter sich zankten, selbst handgemein wurden, in den Sand sich legten, von ihren ScheikhS durch Schimpfworte und mit Peitschenhieben mußten angetrieben werden, und bei alle dem die kecksten Forderungen stellten. Nach langem Wortwechsel griffen sie an diesem Tage erst um 11 Uhr wieder zum Schiffsseil, so daß eine enge Strömung von beiläufig drei Fuß Gefalle auf zwei Klafter erst Nachmittags drei Uhr erreicht wurde. Um über sie hinaufzukommen, genügte die Zeit nicht mehr; daS Schiff mußte zur Sicherstellung für die Nacht angebunden werden. Der Lärm begann von Neuem, jeden Abend wilder, als an dem vorangegangenen. Auch Mangel an LebenSmitteln trat bei den Ziehern ein. AIS Herr Rociancic ein wenig am Ufer sich ergehen wollte, verfolgte ihn unablässig das Geschrei: Bakschisch! Bakschisch! Sein Versuch, zwei Raufende zu trennen, wurde durch einen derben Schlag auf den zum Glück dichten Turban vergolten. Die Strömung, vor welcher die Nacht zugebracht wurde, war am 2. December binnen drei Viertelstunden im Rücken. Beinahe noch einmal so lange Zeit blieb hierauf daS Schiff zwischen Felsen eingekeilt. Hier wurden die allmälig herbeikommenden Nachzügler niedergeworfen und zum Vergnügen der Uebrigen von HalilS eigenen Händen mit einer Dornenruthe über den halbnackten Rücken gestrichen. Fortan zogen Alle fröhlicher als bisher. Nach einer Stunde war daS Schiff über den kleineren Katarakt gezogen. Um zu dem größern zu gelangen, mußte die Mitte des Flußbettes gewonnen, das Ruder angewendet werben. Herrn Rociancics Hoffnung, selbigen Tages noch AlleS zu überwinden, wurde durch den Bericht der Katarakten- Reiese niedergeschlagen: man könne und dürfe nicht weiter fahren, daS Wasser sey noch zu groß, das Schiff müßte unvermeidlich zu Grunde gehen. Da hätte alles Zureden nichts vermocht, jede moralische, auch die Physische Kraft war von den Leuten gewichen. Bevor daS Wasser nicht wenigstens um 1'/2 Fuß fällt, sagten sie, auch die gefährlichsten Steine sichtbar werden, können wir nicht ziehen. Ob auch Herr Rociancic ihnen zeigte und selbst zeichnete, wie ohne alle Gefahr durchzukommen wäre, eS half nichts. Sie wollten zwanzig Tage warten, er nur zu neun sich verstehen, auch dieses bloß unter der Bedingung, daß sie alsdann mit gesundern Köpfen zurückkämen. Vorher mußte das Fahrzeug, welches an einer Felseninsel angebunden war, zum Ufer gebracht werden, um den Ankauf von LebenSmitteln möglich zu machen. In Hoffnung, in dem Nilarm von Akbe vielleicht einen Ausgang zu finden, wurde in einen Canal bei genanntem Ort eingelenkt. War aber in dem Hauptstrome des Wassers zu viel, so zeigte sich alsbald, daß hier dessen zu wenig sey. So war in Geduld zu harren, was die Zukunft bringen werde. (Forts, folgt,) Die Seelsorge auf den Marianne«. Wir entnehmen die folgenden Notizen über den Zustand der Kirche an einem der abgelegensten Winkel der Erde dem interessanten Bericht deS französischen Kapitäns Kurien cls la Kr»vik:rs, welcher diese östlich von den Philippinen gelegene und wie diese urtter spanischer Oberherrschaft stehende Inselgruppe mit der Fregatte l.» kg^onntiuss im Juli des Jahres 1848 besuchte. Neben der äußerst milden, fast patriarchalischen Regierung, welche die spanische Krone über diese Inseln ausübt, eristirt noch ein anderer verborgener und mächtiger 176 Einfluß, welchem jeder Indianer seit seiner Kindheit einen freiwilligen Gehorsam gelobt hat. Die Augustiner-Barfüßer-Mönche, welche den Jesuiren im Jahre 1767 nachfolgten, haben nichts von der moralischen Macht der ersten Missionäre verloren. Für die Einwohner der Mariannen haben diese Glieder deS spanischen Kleruö niemals aufgehört die Repräsentanten der Gottheit auf Erden und die einzigen Beschützer zu seyn, welche der Indianer gegen etwaige Bedrückungen der weltlichen Macht anrufen kann. Nur durch den Zauber dieses geheiligten Charakters und vorzugsweise durch die Beziehungen wohlwollender Fürsorge kann man sich die unglaubliche Herrschaft erklären, welche noch heute auf die Bevölkerung die beiden Pfarrer von Agagna und Agat (auf der Insel Guam) ausüben. Diese beiden Mönche sind die einzigen arbeitsfähigen Priester, aus denen der KleruS der Inselgruppe der Mariannen besteht. Von zwei andern Hirten, denen die Leitung dieser eifrigen und gelehrigen Hecrve anvertraut ist, scheint der eine, der Pfarrer von Merizo, an einer GeisteSzerrütlung zu leiden, der andere ist ein kranker und'fast achtzigjähriger Indianer, welcher die Stadt Agagna nicht mehr verlassen kann. Man könnte sich nicht leicht einen voll- kommneren Contrast denken als den, welchen der Pfarrer von Agagna und der von Agat, der Pater Vincenz und der Pater Manuel, darboten, beide Glieder desselben Ordens, beide von gleicher Ehrfurcht ihrer Pfarrkinder umgeben. Als ehemaliger eifriger Carlist verbannt, hatte der Pater Vincenz auf Alles vergessen, auf die großen Ebenen der Mancha, wo er das Licht der Welt erblickt, auf den blauen und heitern Himmel von Spanien, auf die Freunde, deren Hand die seinige vor der Abreise gedrückt, auf die Fahne selbst, unter der er lange Zeit mit seinen Wünschen und Gebeten gekämpft, um an nichts mehr, als an seine theuren Indianer zu denken, an ihr Heil und an ihren geistlichen Fortschritt. Die Physiognomie deS Pater Vincenz, seine von frühzeitigen Falten gefurchte Stirn, seine durch AScese und apostolische Arbeiten abgemagerten Züge verdienten unserm Gedächtniß sich tief einzuprägen. Noch jetzt glaube ich ihn zu sehen, jene strenge Figur, jene tiefliegenden Augen, jenen von einem düstern Feuer glühenden Blick, dessen Glanz nur von der evangelischen Liebe gemildert wurde. Es war ein Mönch deS Mittelalters, dieser Pfarrer von Agagna; seine Gestalt in den weißen Mantel der Augustiner gehüllt, erinnerte sprechend an jene Typen, welche der Pinsel eines Ribcira und Velasauez verewigt hat. Der Pater Manuel, mit seinem breiten Gesicht und gleichsam dreifachen Kinn, konnte keine dieser poetischen Ideen hervorrufen; es war eines jener fröhlichen Muster deS spanischen KleruS, über welche unsere gallicanischen Vorurtheile mit viel zu großer Voreiligkeit unbarmherzig den Stab brechen. Ein aufrichtiger Glaube, ein strenges und eifriges Festhallen an allen Pflichten seines Amtes, hielten vollkommen im Gleichgewicht die andalusische Fröhlichkeit und die liebenswürdige Offenheit deS Pater Manuel. Der unermüdliche Pfarrer beschäftigte sich mit demselben Eifer mit den geistlichen und den zeitlichen Interessen seiner Schafe. Er war es, der sie gelehrt hatte, den geeigneten Boden für ihren Anbau deö Mais und der Tarowurzel zu wählen u. s. w. Das Dorf Agat war ein lebendiger Beweis der Thätigkeit und deS wohlthätigen Einflusses seines Pfarrers. Es war daS regelmäßigste und reinlichste Dorf der ganzen Insel. Die Straße, welche es durchschnitt, war immer frei von Unrath; waren die Brücken durch einen Orkan zerstört worden, so wurden sie augenblicklich wieder hergestellt. Die Kirche, von der Frömmigkeit der Gläubigen gebaut und unterhalten, hatte ihres Gleichen in keinem andern Dorfe, und wenn beim Glänze strahlender Kerzen das Madonnenbild auf dem Altar mit dem Festtagsmantel bekleidet erschien, hätte man aus dem heil. Bilde Perlen und Goldzierrathen bemerken können, welche den Neid der Einwohner von Agagna rege machen mußten. (kevuö des äöux Uonäes.) ") Sollte nicht hier ein Irrthum obwalten und die Patres vielmehr dem Orden der Carmeliter angehören? Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. C. Kremer. Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt MllHnL l'^ »N'^tt ;öd>!ü!^ S^vS »>Ä M ^iM Hin >.!chyA Sly'i »M^up» zur Augsburger PostMtung. N'^.i^.l.^:! !!! ^ , -l !^- nzsl(Il llj N7p(tt zjch'tlHM UM ckvll «^nn'I'wDV- ^i^isW' >.W»Ä s. Juni Sit 185S. Kon iZinwi sjchnmPlij15ött« i'si >a»glli?D» MM«W ,mnH -^ Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Tonntage. Der halbjährige Aboimementsprels TV kr., wofür e« durch alle köm'gl. bayer. Postämter und alle Bllchhaudluugen bezogen werden kaun, Die englische Bibelgesellschaft, nebst zeitgemäßen Betrachtungen, UZllbPtMl>I)!-0ier n?^ ,>M1«'?K ll>fiZIl,Äk>ZK« ii^?^5>> l^i^. vliij Z-L,?jvi ,n>0'?tt ^uiZlZ, ÄIS Die englische Bibelgesellschaft feierte am 5. Mai in Ereter-Hall ihren 48sten Jahrestag. Graf ShafteSbury berichtet über den Stand der Gesellschaft, welcher hoffnungSerweckender sey als je; denn habe man auch mehr offene Feinde als zuvor, so habe man auch sehr viele geheime Freunde. Er zweifle nicht, daß eS die Absicht gewisser continentaler Regierungen sey, den Namen deS Protestantismus selber, und wo möglich jedes Eremplar des Wortes Gottes zu vernichten. Diese Gesellschaft sey ein mächtiges Gegengewicht gegen solche Tendenzen; sie sey der Ruhm und die Krast Großbritanniens. Die Einnahmen der Gesellschaft waren im vergangenen Jahre 108,449 Pfund Sterling, 1,154.642 Eremplare der Bibel seyen in diesem Jahre ausgetheilt worden. Die Totalsumme der von der Gesellschaft bisher ausgegebenen Bibeln betrage 25,402,309 Eremplare. Die Gesellschaft hat in Europa, Asien, Afrika und Amerika mehr als 8000 Filialvereine. Ritter Bunsen wünschte den Freunden deS Christenthums Glück für den Erfolg, welcher die Anstrebungen der Gesellschaft begleitet habe. Er bedauerte, dasz in vielen Theilen deS ConIinenteS eine Neigung sichtbar werde, die Verbreitung der Bibel zu hindern. Es scheine auf dem Kontinent die Ansicht vorzuherrschen, daß die Bibel den Regierungen gefährlich sey. Was Preußen angehe, so stehe der König selbst Niemanden in dem Wunsche nach, die Bibel über das ganze Königreich zu verbreiten. Wir würden eS kaum für nöthig halten, unsere Leser auf das Verleumderische, Gleisnerische und dabei in hohem Grade Lächerliche vorstehender Worte aufmerksam zu machen; denn wir trauen ihnen zu viel gesunden Menschenverstand zu, als daß sie je im Ernst sich beikommen lassen könnten, das Wort Gottes werde in der That dadurch ausgebreitet, wenn man fabrikmäßig in enormen Quantitäten materielle Bibeln in die Welt hinauSstreut, oder daß sie sich einreden ließen, irgend ein vernünftiger Christenmensch könnte je die Absicht hegen, wo möglich jedes Eremplar der Bibel zu vernichten. Aber die Sache hat auch ihre ernste Seite, und diese ist eö, auf die wir hier gelegentlich einmal hinweisen wollen. Die obenstehenden Zahlen liefern den Beweis, wie viel größer die Anstrengungen sind, welche der Irrthum macht, um den todten Buchstaben zu vervielfältigen, als jene, die von den wahren Gläubigen geschehen, um das lebendige Wort GolteS auszubreiten und in die Seelen und Herzen zu streuen. Die Einnahmen der Londoner Bibelgesellschaft allein übersteigen bei weitem die materiellen Hilfsmittel, welche den verschiedenen Vereinen der Verbreitung deS wahren Glaubens in ganz Europa zu Gebot stehen. Wenn eS nun trotzdem sich herausstellt, daß der bibelgläubige Protestantismus gegenwärtig gar keine Fortschritte, sondern offenbare Rückschritte macht, so ist dieß ein sehr einleuchtender und handgreiflicher Beweis, auf welcher Seite der .jMlmln^ nMvMÄ. Segen Gottes ruhe und ein um so größerer Triumph für den Katholicismus, wenn er mit geringen Hilfsmitteln dennoch Größeres bewirkt. Es ist aber auch ein Vorwurf und eine Beschämung für uns Katholiken, wenn die Kinder dieser Welt eifriger erfunden werden für ihre Sache, als wir für die Sache GotteS; wenn der Irrthum größere Anstrengungen macht, seine dunklen Schwingen über die Erde auszubreiten, als die Wahrheit, der doch die Verheißung unfehlbaren Sieges zur Seile steht, ihr Licht in der Welt strahlen zu lassen. Wohl gibt es Viele unter uns, und meistens sind es die Armen und Wenigbegüterten, welche ihre Pflicht redlich erfüllen und thun, was in ihren Kräften steht, ja waS selbst zuweilen ihre Kräfte zu übersteigen scheint. Aber die Gaben könnten noch weit reichlicher seyn, wenn Mehrere zu ihnen beitragen würden und vor Allem Mehrere der Wohlhabenden. Die Zahl der Personen, welche an dem MissionSwerk sich betheiligen, ist verhältnißmäßig immer noch klein, sehr klein. Mögen sich vaher Alle die frommen Geber nicht damit begnügen, für ihre eigene Person nach Kräften beigetragen zu haben, sondern vor Allem dahin wirken, Andere für daS heilige Werk zu gewinnen, die ihm noch nicht angehören. Schließlich wollen wir denjenigen Lesern, die etwa zufällig mit aufgeklärten Andersdenkenden über die Bibelverbreitung zu reden kommen, und nicht wissen, wie sie ihre Angriffe am besten zurückweisen können, einige kurze und bündige Gründe an die Hand geben, welche das Verfahren der katholischen Kirche, den Bibelgesellschaften gegenüber, rechtfertigen. Die katholische Kirche mißbilligt die Bestrebungen der Bibelgesellschaften, und die Päpste haben sie feierlich verworfen: 1) weil der Buchstabe nicht nützt, sondern der Geist lebendig macht; 2) weil Christus der Herr den Aposteln nicht gesagt hat: Geht und schreibet und drücket und theilt Bibeln aus und lehrt die Leute lesen, sondern „Gehet und lehret; wer glaubt und getauft ist, der wird selig werden" (auch wenn er nicht lesen kann); 3) weil Christus gesagt hat: „Werfet die Perlen nicht vor die Säue und gebt vaS Heilige nicht den Hunden." Wenn die heilige Schrift in so vielen Millionen Exemplaren in die Welt hinausgestreut wird, dann sieht jedes Kind ein, daß vielfacher Mißbrauch damit getrieben werden und man z. B. die heiligen Worte des Evangeliums zum Einwickeln von Käse, zum Einpacken von Waaren und Thee gebrauchen wird (wie das z. B. in China wirklich geschieht); 4) weil die von den Bibelgesellschaften vertheilten Bibeln verfälschte Bibeln sind, in welche der Irrthum sein Gift unmerklich hineingestreut hat. Wenn Luther selbst, wie Niemand mehr zu läugnen wagt, die Bibel an einigen Stellen verfälscht hat, wo sie mit seiner Irrlehre in Widerspruch stand, warum sollten das nicht auch seine Schüler und Anhänger sich erlauben? 5) weil die meisten Mensche») die solche Bibeln erhalten, Nichtwissen, waS sie damit anfangen sollen. Für die bei weitem größte Anzahl von Menschen ist die Sprache der heiligen Schrift an sehr vielen Stellen dunkel und unverständlich; 6) weil nicht Alles, was in der heiligen Schrift steht, für jeden Christen ohne Unterschied geschrieben ist und manches sogar gefährlich werden kann, wenn es von Unberufenen, namentlich jüngern Personen gelesen wird. Selbst jeder vernünftige Protestant muß wünschen, daß seine Kinder nicht AlleS lesen, waS z. B. im Mosaischen Gesetz geschrieben steht, bis sie erst die gehörige Reife deS Geistes erlangt haben; 7) weil die Erfahrung zeigt, daß wenn Jedem das Lesen der Bibel ohne Unterschied gestattet wird, auch Jeder einen andern Sinn darin finden wird. Da aber nur einer der wahre seyn kann, so ist eS klar, daß daraus nur Verwirrung, Streit, hochmüthiges Gezänk u. s. w. hervorgehen kann; oder, wenn das nicht, weil man zu bequem ist, für die Erkenntniß der Wahrheit sich einige Mühe zu geben, religiöse Gleichgiltigkeit und Verachtung der Wahrheit und des Wortes GotteS; 8) weil eS endlich grausam wäre, den kleinen Kindern, wenn sie Hunger haben, ein ganzes Brod zu reichen, ohne eS ihnen zu brechen. Die meisten (ja vielleicht alle) Menschen auf GotteS Erdboden befinden sich aber in Bezug auf die göttlichen Wahrheiten ihr ganzes Leben hindurch im Zustande der geistigen Kindheit und würden die Bibel nicht verstehen, daS Brod des Wortes Gottes nicht genießen können, wenn eS ihnen nicht 179 erllärt würde. Sie müßten alle auf die Frage: ob sie verstehen, was sie lesen, mit dem Kämmerer der Königin Candace (in der Apostelgeschichte) antworten: „Wie kann ich, wenn Niemand eS mir erklärt?" Der Irrthum begeht diese Grausamkeit, indem er gedruckte Bibeln (ohne alle Anmerkungen) unter die armen unwissenden Menschen vertheilt und ihnen so das Wort Gottes gleichsam liebloö vorwirst, während die katholische Kirche in wahrhaft mütterlicher Liebe dafür besorgt ist, den Kleinen das Brod des Evangeliums zu brechen, alles Schädliche von ihnen fern zu halten, sie vor dein Mißbrauch der heiligsten Sache gerade am sorgfältigsten zu bewahren. Wenn übrigens Jemand dieser unwissenden und vorurtheilsvollen Andersdenkenden die Behauptung aussprechen sollte, die katholische Kirche billige deßhalb nicht daS Lesen der Bibel von Jedem ohne Unterschied, weil sie die Leute in Unwissenheit erhalten wolle, weil der Inhalt der heiligen Schrift ihren Lehren widerspreche, so kann man getrost antworten, daß dieß elende Lüge und Verleumdung sey, und vom Gegner fordern, daß er seine Behauptung beweise. Diesen Beweis wird er wohl schuldig bleiben. " - Bericht des apostolischen Viears für Centralasrika. (Fortsetzung.) Von Akbe auS wurden die zu Wadi-Halfa zurückgelassenen Gefährten und Ge- räthschaften einberufen. Sie langten am 4. December auf 15 Kameelen an. Die Geräthschaften wurden in einer halb zerfallenen Lehmhütte, ^ Stunden von dem Schiff, bewacht. Sämmtliche Reisende befanden sich in einer Art Gefangenschaft, sie konnten weder rückwärts, noch vorwärts. Doch lagen sie in einer nicht unfreundlichen Gegend, die wenigstens Gänse und Hasen für den Tisch lieferte. Der höchste Wasser- stand betrug gegen den damaligen vier Klafter mehr. Am 5. ritt Herr Kociancic nach Wadi-Halfa, weil ihm gesagt worden war, ohne einen tüchtigen Reieftr von Dongola, der das Wasser vollkommen kenne, dürfe er die Fahrt nach Baten-el-Hagiar nicht wagen; und weil er zugleich einer Zuschrift des Mudirs von Dongola an seine untergebenen Scheikhs bedürfte, um für die vielen Katarakten mit Ziehern versehen zu werden. Der türkische Ferman hätte hier nichts genutzt, da die Einwohner nur denjenigen als Oberherrn anerkennen, der ihnen Prügel zutheilen läßt, und nur demjenigen gehorchen, der die Nilpferds-Peitsche über sie handhabt. Halil-Effendi fertigte das Schreiben an den Mudir aus; Herr Kociancic ließ eS deS folgenden TageS dnrch einen Expressen abgehen, mit dem Befehl an diesen, binnen 15 Tagen zurückgekehrt zu seyn. Voll Ungeduld, endlich vorwärts zu kommen, schrieb der thatkräftige Missionär schon am 9. December an Halil: bereits sey daS Wasser hinreichend gefallen, er solle die Zieher zusammenrufen; habe er ja versichert, auf seine erste Zuschrift kommen zu wollen. Tag um Tag verging indeß, Niemand erschien. Ehe der vierte vollendet war, ritt Herr Kociancic wieder nach Wadi-Halfa, um ernstlicher anzutreiben. Halil war abwesend; umsonst harrte er seiner Rückkehr. Da drang der Missionär auch in seiner Abwesenheit darauf, daß die Scheikhs ausgesendet würden, um die Zieher zusammenzutreiben. Auf dieses stellten einige sich ein, aber klappernd vor Kälte, denn bei sturmartigem Nordwind war daS Quecksilber auf 8° gefallen, da es sonst bis auf 40 steigt. Die Leute wollten weder von dem Feuer weg, noch an die Taue hin. DeS folgenden Tages fand Herr Kociancic bei Akbe eine Anzahl Zieher unter hefti- gem Wortwechsel, ihrer statt 150 nur 96, und dieses theils junge, theils gebrechliche Leute; doch sollte mit ihnen die Fahrt versucht werden. AnsangS, wie eS schien, mit Glück; denn schon nach eilf Uhr war die erste gefährliche Stelle der Strömung zurückgelegt. Aus dieser kam daS Schiff in eine engere Pforte, die vier Tage früher noch fahrbar gewesen wäre. Jetzt plagte sich Alles vergeblich drei volle Stunden hindurch. Endlich mußte das Schiff zurückgelassen werden, in der Strömung ungleich schwieriger als das Vorankommen. Der dreifache Strick, der um den Mastbaum 180 befestigt war, zerriß gleich einem Bindfaden; hätte nicht zum Glück der schwächere Probe gehalten, so wäre wahrscheinlich daS Schiff auf irgend einen verborgenen Felsen in der Mitte oder an daS jenseitige Granitgestein geworfen worden. So ließ sich an diesem Tage eine Strecke von kaum hundert Schritten zurücklegen. Des Abends war wieder Alles entmuthigt wie vor vierzehn Tagen. Noch weitere sechs Tage, hieß eS, wären abzuwarten. Der Missionär bestand darauf: contractmäßig müßten 150 Mann zusammengebracht werden. Da gab es allerlei Ränke, um eine geringere Anzahl zu stellenz Herr Kociancic blieb standhaft. Endlich am 19. traf hinreichende Mannschaft ein. Kurz vor Mittag hatten sie daS Schiff über eine der gefährlichsten Stellen gebracht. Bald stand eS, bei furchtbar daher sich wälzendem und wühlendem Wasser, über einen der schwierigsten Wirbel hinaus, vor Sigrin-Bab, der gesürchtetsten Stelle. Da ziehen an jeder Seite mit herkulischer Anstrengung fünfzig Mann, und dennoch rückt man nicht um einen Zoll vorwärts. Alles schreit, AlleS lamentirt. Jetzt ein Windzug, aus vollen Kräften ruft der Missionär: Segel! Segel! DaS Segel wird aufgespannt, von nenem strengen die Zieher sich an, daS Schiff schwankt rechts, schwankt links; endlich faßt das Segel den vollen Wind — und vorwärts; ein Hanpttheil des Kataraktes von Wadi-Halfa war überwunden, Oesterreichs Fahne flaggte über den weiten Strom, Kanonenschüsse, allen Jubel der Menschen überdonnernd, verkündeten den errungenen Sieg. Für den folgenden Tag waren die gefährlichen Krümmungen von Tigudra aufgespart. Ehe sie erreicht wurden, brachen bei einer Wendung zwei Seitenbankeisen, gleich morschem Holz, jedoch ohne weitern Nachtheil, Abends vier Uhr stand das Schiff am Thor von Tigudra, wo daS Gefalle auf eine Klafter vier Fuß beträgt; dazu kann in den vielen Krümmungen ein langes Schiff, wie die Ltella mstutins, nur schwer manövriren. Nach großer Anstrengung kam sie auch durch dieses Thor, was zehn Tage später nicht mehr möglich gewesen wäre. Nun lag der gesammte Katarakt hinter den kühnen Reisenden. Einundzwanzig Tage waren verflossen und alle Segel konnten wieder aufgespannt werden, durch deS Windes Kraft das Schiff dahinfliegen. Daß eines um diese Zeit, bei diesem Wasserstand die gefahrvolle Fahrt gewagt hätte, ist bis jetzt niemals vorgekommen. Noch steht als Wahrzeichen die eine Hälfte einer unlängst gescheiterten Barke an einen Granitselsen angebunden, indeß ihre andere Hälfte bereits im Nilsande modert. Nun ging daö Auszahlen, mit diesem das Jammern, Fordern, Betteln an. Um des zudringlichen Volkes endlich loS zu werden, ließ Herr Kociancic noch am Sonntage Nachmittags abfahren. Zwölf Meilen wurden in wenigen Stunden zurückgelegt, an der Ostseite der Insel Mogufel die Nacht zugebracht. Unter der Fahrt des MonlagS mußten aus den zerstreuten Uferbewvhnern die Leute zum Ziehen über den Fall von Kagingera zusammengesucht und in daS Schiff aufgenommen werden. Der Wind half über die Stromschnellen bis zum Eingang in den eigentlichen Katarakt. Er hat viel Ähnlichkeit mit demjenigen von Assuan. Eine Woche später wäre auch diese Fahrt unmöglich gewesen, denn jetzt schon rutschte daö Schiff mehr als daß eS schwebte. Nach vier Stunden, während deren mußte gezogen werden, kam wieder fahrbares Wasser, ans welchem bis gegen vier Uhr daS Schiff Semne sich nähertet Daö Brausen des Stromes ließ größere Schwierigkeit befürchten, als in der Wirklichkeit sich zeigten. Die 20t) Fuß lange Wasserstraße durch einen wie mit Kunst in dcn Felsen gehauenen Canal war leicht durchfahren, vor sechs Uhr AbendS wurde oberhalb Semne angelegt; ruhiger als unterhalb verliefen sich die abgelöhnlen Leute. ES waren neue aufzunehmen für den folgenden Katarakt von Ambutol. Wohl bei dreißig kamen auf das Schiff und boten sich an; allein der vorsichtige Missionär, die arabische Treulosigkeit kennend, wollte in nichts sich einlassen, bevor er dcn Katarakt gesehen, die Größe der Schwierigkeit bemessen hätte. Während dessen gerieth das Schiff unversehens in eine Strömung, der Wind rastete, eS schnellte znrück. DaS wollten die Angekommenen benutzen, um größern Lohn herauSzupressen. Dafür machten sich die Matrosen selbst an das Ziehen, die am Schiffe Gebliebenen 181 halfen bestens nach; die Hälfte der Strömung war überwunden, als plötzlich der mitwirkende Wind inne hielt, das Schiff unter höhnischem Gelächter jenes Volkes zum Weichen brachte. Dazu riß sich noch der Sandal los, so daß die Matrosen ihm nachschwimmen mußten. Grelleres Gelächter schlugen nun die Barebra auf. Dennoch wurde ihre Schadenfreude vereitelt, denn der dritten Anstrengung gelang eS, daS Schiff mit Hilfe des Windes hinaufzubringen, um ein Uhr stand cö unterhalb Ambutol, — Da der Bote aus Dongola bis dahin noch nicht zurückgekehrt war, ersuchte Herr Kociancic von jener Stelle aus den Mudir nochmals schriftlich um Zieher. Kaum war der Brief abgegangen, hieß eS, der früher abgefertigte Bote sammt dem verlangten ReieS stehe am jenseitigen Ufer. Dieser sollte die Leute aufnehmen, befehligen, den Lohn bestimmen. DaS war am Vorabend des WcihnachtS- festes, welches, durch die Kanonen verkündet, von dem hochwürdigen Herrn Trabant in der SchisfScapelle um Mitternacht gefeiert wurde. Des folgenden Morgens kamen sämmtliche zu Assuan gedungene Matrosen in ihrer besten Kleidung, uns ihre Glück, wünsche darzubringen, welche Aufmerksamkeit ihnen durch einen schönen Hammel vergolten wurde. (Schluß folgt.) .706 KttiD?»k-»n6nl, ,m, mu .wn tzunH vlii zZbM '?,?»i>''x m»5 nHur>gl?»4' n»H >nnn5M '/>i <.n ,H?-spch^vÄ?I 1>,v2? .wt.c?u?i6 u»' -sinvik ZlMspiliZ^in Die Enthaltsamkeitsbruderschaft in Geldern. Unter diesem Titel bringt die Zugabc zur Deutschen Volkshalle in einem Schreiben aus Geldern vom 22. Mai schauderhafte Mittheilungen über die Folgen der Branntweiupest. „Unser Proletariat, daS heißt einen verkommenen Stand von Armen, wie sonst nur größere Städte ihn haben, verdanken wir dem Fusel; die unehelichen Geburten, die Räuber mit ungeladenen Pistolen, welche unsere Bauerschaften heimsuchen und brandschatzen, und colonueuwcise auch die benachbarten Dorfschafren auösaugen, verdanken wir dem Fusel; die schlampampigen Weiber und zerlumpten Kinder an den Thüren und auf den Stadt-Promenaden, vorzüglich aber die viel beanspruchten und schlecht besuchten Freischulen verdanken wir dem Fusel. Man sollte, Recht nach Recht, den Fuselbrennern und Schentern eine eigene Commnnalsteuer, wenigstens eine Hospitalsteuer auflegen, denn sie helfen für unsere Barmherzigen-Schwestern - Anstalt ein bedeutendes Conlingcnt stellen. Was die Zukunft bringen wird, weiß ich nicht, aber augenblicklich grassirt das clelirium trsmsns in der furchtbarsten Weise. Innerhalb sechs Monaten starben eine Säuferin im vierten Delirium, ein Säufer nach zweimaligem Wahnsinn am Schlagflnß, ein anderer als Selbstmörder im Wasser. Die letztverflossene Nacht war eine Nacht deS Grauens und Schreckens für die armen barmherzigen Schwestern und für die armen Kranken unseres St. Clemeus- Hospitals. Der Kranke, der diesen Schrecken verbreitete, war ein vor wenigen Tagen aufgenommener Säufer, der gestern in den Nachmittagsstunden noch bei vollem Bewußtseyn war. Wohl fluchte er über Pfaffen und Pfaffeuthum (natürlich: der SchnappStcufel war sogar so gescheidt gewesen, ihn mit Beweisen dafür auszurüsten, daß er selbst, der Teufel nämlich, und die Hölle gar nicht cristire, o?er falls sie eristire, treffe er dort Konsorten'), verwünschte Gott, die heiligen Sacramcntc, sich selbst, fluchte und lästerte auf fürchterliche Weise; indessen daran war man gewöhnt, auch zur Zeit, wo er noch zum Scandal in den Straßen herumbaumclte. In der Nacht aber brach der Wahnsinn loS, und zwar war das ein über alle Beschreibung hinausgehendes 6elirium. Er lag im Erdgeschosse, und in den obersten Räumen deS HauscS meinte man einen Verdammten heule« zu hören. Nach der wörtlichen Aussage der im ersten Stocke verpflegten weiblichen Kranken heulte er „nicht wie ein wildes Thier, sondern wie etwa Einer schreien dürfte, der von den Krallen des SatanS sich gepackt fühlt." Spät erst gelang eS den Schwestern mit Hilfe eines Reconvalescenten, ihn in etwas zu besänftigen, leise zu binden uud dann in die Zwangsjacke zu schnüren. Sein Nebenmann im Krankenzimmer war ebenfalls ein Sl-Z YMIZU^ N?NdlllM>A:75!fZl?H5 llvy ^llUUoyiZtllU lZNIl 7?? Y)77ZitL «ZÄ 182 arger und allgemein bekannter Säufer. Dem aber gingen die Dinge, welche er hier erlebte, durch Mark und Bein. Herr Caplan Heythausen, welcher am frühen Morgen zu dem Deliranten gerufen wurde, traf denselben in den letzten Zügen; ein paar Secunden noch, und er stand vor seinem Richter. Der Andere ließ in Folge dessen auf der Stelle den Herrn Caplan Kleuter zu sich bitten, und empfing auf sein e ge- neS inständiges Bitten die heiligen Sterbsacramente, weil, wie er laut zu seinen Leidensgefährten sprach, wenn es mit ihm ein Ende im Delirium nehmen sollte, er wenigstens mit Neue über sein vergangenes Leben vor Gottes Richterstuhl hiiurcten wolle; er wolle nicht den Hundetod sterben, wie jener sein unglückseliger Freund; wenn er auch ein Hundeleben gelebt habe, so wolle er doch den Herrn Caplan Heythausen noch um Verzeihung bitten, daß er die Enthaltsamkeits-Bruderschaft so oft lächerlich gemacht und verhöhnt habe. Die Kranken, die im Zimmer lagen, staunten natürlich über einen solchen Erguß, und ein ehemaliger großer Säufer, aber seit acht Monaten treuer Enthaltsamkeitsbruder, beglückwünschte ihn von seinem LeidenS- lager auS. — Herr Caplan Kleuter hatte sein heiliges Amt geübt; aber noch brannten die beiden geweihten Kerzen auf dem Altartischchen neben dem Crucifire, als Herr Heythausen zum zweiten Male inö HauS trat, um eine andere gefährlich dar, niederliegende Kranke zu besuchen. Der Saal des Erdgeschosses, wo die Männer lagen, stand noch halb offen. Der Caplan geht hinein und tritt auf den Wink deS so eben mit den heiligen Sacramenten versehenen Menschen an dessen Bett, als dieser ganz laut etwa so beginnt: „Herr Caplan, nehmen Sie mich auf in die Bruderschaft, ich bitte Sie, um Jesu Christi willen; ich habe Sie vielfach beleidigt (dazwischen weinte der Arme fast laut auf), habe schlecht gesprochen vom Mäßigkeitsverein; ja, ihr Alle möget es nur hören, ich bin ein großer Sünder gewesen, aber ich fluche und vermciledeie den Schnaps; will der Herr mich holen, so kann ich ihm doch sagen, daß ich Reue gehabt habe und im Mäßigkeitsvereine bin; jeden Abend will ich, um nicht mit der bösen Gesellschaft wieder zusammenzukommen, gleich nach der Arbeit beten und um acht Uhr zu Bette gehen." — Die Kranken hatten sich während dem aufrecht gesetzt in ihren Betten, ein paar Schwestern blieben staunend stehen und sahen auf den Unglücklichen hin, der jetzt leise zu beten begann. — Wie ich höre, ist der Caplan nach Verlauf von etwa einer halben Stunde zurückgekehrt, und hat den bemitleidenSwerthen Menschen für eine Viertelstunde — vielleicht sür ein langes Leben noch! — unendlich glücklich dadurch gemacht, daß er ihm den Gelöbniß- und Aufnahmcschein in die EnthaltsamkeitS-Bruderschast einhändigte, mit der Anzeige und Bitte, er sey nun der 39ste notorische Säufer, der in Geldern eingetreten, und möge für seine 33 Vorgänger, so wie für sich selbst um die Gnade der Beharrlichkeit zu Gott flehen. Dieser versprach es unter Thränen. Einige Zeit nachher begann er heftig zu zittern, sprang aus dem Bette heraus und eilte aufs Gerathewohl durchs Zimmer. Einer der Kranken schellt; die Schwester eilt herbei; das äelirium trsmens ist ausgebrochcn. Gott sey ihm gnädig! — Außerdem liegt augenblicklich noch eine Säuferin im Wahnsinn, die das ganze höllische Heer an sich vorbeiziehen sieht; und bei acht bis zwölfen steht dieses Elend tagtäglich zu erwarten. Auf der Bruderschaft ruht GotteS Segen sichtlich; mit Einschluß deS für die Kinder und sür die sich selbst nicht trauenden Erwachsenen bestimmten Vereins zählt sie jetzt 932 Mitglieder; und seit dem 2. d. M., dem Monatssonntage, als an welchem Tage regelmäßig die feierliche Aufnahme in der Kirche stattfindet, hat sie sich mit neun früher allgemein bekannten Säufern bereichert, deren einer seine alte Schuld damit sühnen zu wollen bekennt, daß er sich verhöhnen lassen und Andere anwerben will. O, möchte doch der Staat endlich gegen die verheerende Pest deS Branntweins einschreiten!" K>6 n?l!k7H''n,5 Iihit z»6 ^'i'!-»? >u!uil>?—777159 5,'k'N -ti-tt nttZklü« 5ZN!1 ; >!>!, Frankreich. ZlÄ III ! >n ^ ^lll! I'^u. ' ^iLNl? /I! ll^l!. . NZjF'>j?'?!>!l,Z^!9')'>jö Der Bischof von PoilierS hat neuerdings einen Hirtenbrief erlassen in Betreff de^ö Werkes der Gründung und Unterhaltung von Priester-Seminarien (welches die I8Z katholische Liebe in Frankreich zu einem oeuvre clo eksritö gemacht hat, an dem sich durch namhafte Beiträge sehr viele Laien, namentlich fromme Damen, betheiligen). Wir entnehmen demselben folgende Stelle: n „Um Priester zu bilden, braucht man Zöglinge, und wir beschwören euch, theuerste Brüder in Christo, wer ihr auch seyd und welchem Stande ihr auch angehört, eure Söhne Gott nicht streitig zu machen und sie unS schon im zarten Alter anzuvertrauen, wenn ihr in ihnen Neigung zum Dienst der heiligen Alläre bemerket. Einer der wesentlichsten Vortheile, den das ehemalige Frankreich vor dem heutigen genoß, war der, daß damals alle Stände ihren Beitrag zu dem heiligen Dienste lieferten. ES war dieß nicht bloß eine Schuld der Religion und der Gerechtigkeit, welche in jenen Zeiten des Glaubens alle Classen des Volkes dem Heiligthum entrichten zu müssen glaubten, indem sie ihm die Steuer ihres BluteS zahlten; eS war nicht bloß eine Ehre, welche jede Familie zu erwerben glaubte, wenn sie eines ihrer Glieder jener göttlichen Hierarchie einverleibte, welche die Propheten und Apostel sich nicht scheuten, eine Gesellschaft von Königen, ein königliches Pnesterthum zu nennen; die ganze Gesellschaft erntete einen unschätzbaren Vortheil aus diesem herrlichen Zusammentreffen aller ihrer Glieder in demselben Stande, den die Versassung des Landes über alle andern gestellt hatte. Keine Classe, keine Familie konnte sich damals in dauernde und systematische Opposition mit der Religion und der Kirche setzen, weil alle Classen und alle Familien an dieselbe selbst durch die Bande der Natur sich gebunden fanden. Und diese Verbindung aller Stände mit der Kirche verband sie wiederum unter sich oder verminderte wenigstens den großen Abstand, der sie sonst getrennt haben würde. Wir haben hier nicht zu untersuchen, bis auf welchen Grad die unreine Mischung menschlicher Absichten dabei die heilige Ordnung der göttlichen Rathschlüsse störte; Alleö, waS ein irdisches Element in sich schließt, wird stets dem Mißbrauch und der Ausartung unterworfen seyn. Was wir aber hervorheben wollen, ist, daß trotz der polilischen Revolutionen, welche alle Stände gleich machen wollten, die gesellschaftlichen Unterschiede schärfer als je hervortraten, seitdem die Kirche m t ihrer Hingebung und ihren Opfern nicht mehr der gemeinschaftliche Sammelplatz aller Classen der Gesellschaft ist. ^ ^ ^ » ! ' ^ ^ v . Freilich, die Kirche ist heut zu Tage nicht reich. Man drängte sich um sie her, als sie glänzende Würden, reiche Einkünfte austheilte. Seit sie arm geworden, hat man sie verlassen. Man muß die Kirche deßhalb beklagen? Wir wissen eS nicht. Aber gewiß ist es edler und großer Seelen unwürdig, in solcher Weise die erhabenste und heiligste Sache in den Tagen deS Unglückes zu verlassen. Gewiß werden viele Familien, die früher eben so durch geistliche Würden ihrer Mitglieder als durch StaatSämter ausgezeichnet waren, von der Nachkommenschaft der Undankbarkeit angeklagt werden, wenn sie ihre Namen gar nicht mehr in den Katalogen deS HeiligthumS finden wird, seitdem daS Heiligthum seiner Schätze beraubt ist. Man lobe sie immerhin um ihrer ehrenwerthen und ausdauernden Treue willen gegen gefallene Dynastien; man wird sich um so mehr wuudern, ihre Söhne unter den Dienern jener Majestät nicht zu finden, der sie stets nach Muße zu dienen Gelegenheit hatten, und man wird bedauern, daß die oft unfruchtbaren Thränen ihrer gefährlichen Unthätigkeit nicht ersetzt wurden durch den Muth der Keuschheit und die Liebe des Opfers, die, indem eS sie unter die Fahnen des Königs der Könige gerufen hatte, sie zu gleicher Zeit der Religion und dem Vaterlande nützlich gemacht. Dasselbe müssen wir sagen von jenen neuern Familien, welchen ihre Talente, ihr Vermögen, die Zeitverhältnisse einen ausgezeichneten Platz in der Gesellschaft gesichert haben. Auch bei ihnen besitzt die Kirche unzweifelbare Rechte und Ansprüche, die sie wohl gelten machen könnte. Ohne von der Vergangenheit zu sprechen, ist eS nicht die Religion allein, der eS vorbehalten ist, endlich dieses Zeitalter der Revolutionen zu schließen, das gegenwärtig das neuerworbene Eigenthum eben so sehr bedroht, als eS früher dem angestammten Besitz verderblich gewesen? Möge das Bürgerthum darüber nachdenken; eS hat Vieles von der Kirche empfangen; eS ist' W ckit w^j ns) »jui! I'ttv'Dv ^ittvii? q.l> si/üso müliiz 11» Äi''7?noiL^il '-ch'sily^toi verpflichtet, ihr wenigstens Einiges zu geben, und in jedem Falle könnte eS keinen wichtigern Act der Versöhnung und der Gerechtigkeit ausüben, als ihr seine Söhne anzubieten. WaS uns betrifft, so rufen wir sie sehnlichst zu unS, und sie können auf unsere zärtliche Liebe rechnen. Und saget uns nicht, theuerste Brüder, es sey nicht eure Schuld, wenn der Hauch von Oben daS heilige Feuer in den Herzen eurer Kinder nicht anzündet. Außerdem, daß ihr selbst cS häufig ausgelöscht habt, sey eS durch directe Bekämpfung ihres Berufes, sey eS, indem ihr ihn übertriebenen Proben unterwarft, die ihn tövten mußten und in der That ihn getödtet haben, wir werfen euch auch vor, nichts gethan zu haben, um ihn hervorzurufen. Ist es nicht gewiß, daß, wenn an ihre Ohren so oft das Geräusch einer ganz weltlichen Weisheit tönt, wenn ihre Herzen daran gewöhnt werden, nichts zu schätzen, als was handgreiflich ist, auf nichts Werth zu legen, als was berechnet werden kann, wenn ihre junge Einbildungskraft mit glänzenden Hoffnungen der Welt genährt wird, ihr selbst eS ihnen wehrt, ihre Seelen jenen Gedanken des Glaubens, der Selbstverläugnung, der Liebe GotteS und der Menschen zu öffnen, die sie dem heiligen Dienste geneigt machen und sie auf den Weg zu den Altären leiten könnten? Ach! meine Brüver, gebt dem Priesterthum in eurem Bewußtseyn und in euren Reden jenen Platz wieder zurück, der ihm angehört; saget euren Kindern, daß daS erste und größte Gebor ist, Gott zu lieben und ihm zu dienen, daß eS eben darum die höchste Würde und daS edelste Amt, das auf Erden gedacht werden kann, sey, durch seinen Srand der Ehre Gottes und dem Heile der Seelen geweiht zu seyn; laßt sie erkennen, daß in den Augen eurer Vernunft und eures Glaubens die wichtigsten zeitlichen Interessen nichts sind gegen die ewigen, und daß deßhalb das heilige Geschäft deS Priesters unendlich erhaben ist über Alles, was euer Vermögen betrifft und euch hier unten größere Genüsse bereitet; sprechet diese Sprache zur rechten Zeit zu euren Söhnen, und ihr werdet bald erkennen, daß unter ihnen sich zum Heiliglhum Berufene finden. Und durch sie wird dann großer Segen, dessen ihr schon lange Zeit entbehrtet, aufs neue über eure Häuser sich ergießen." mu chij ^!ll-7l nvM .Kki tHju »Ak.S, Hl, zch?-Ä Rom. Zwei junge Franzosen, Söhne des modernen Unglaubens, hatten allen Ceremonien der heil. Woche zu Rom beigewohnt, ohne gerührt zu werden, ja mit der ausdrücklichen Absicht, darüber zu lachen und sich lustig zu machen. Am heil. Oftertage befanden sie sich um Mittag unter den Colonaden deS PeterSplatzeS unter der übrigen zahllosen Volks- menge, um die päpstl. Benediction zu sehen und über sie — zu lachen. Der Platz war bedeckt mit hunderttausend Gläubigen aus allen Theilen der Welt. Auf dem Balkon der PeterSkirche erschienen nach und nach die Prälaten und Cardinäle. Der Papst sollte jeden Augenblick erscheinen. Unsere beiden Franzosen lachten, unv verglichen die Menschenmasse, die hier versammelt war, mit der von Paris bei großen Nationalfesten. Unterdessen zeigte sich daS vorangetragene päpstl. Kreuz, und sofort auch der hl. Vater selbst mit der Tiara und dem Pluvial geschmückt auf dem riesigen Balkon in der ganzen Majestät, welche den Stellvertreter Jesu Christi umgibt. Die Trommeln wirbeln, die Soldaten fallen auf die Kniee. Die hunderttausendKöpfe entblößen sich, alle Kniee beugen sich, eine feierliche Stille tritt ein. Unsere beiden Pariser lachen nicht mehr. Der Stellvertreter Jesu Christi breitet seine Hände gegen den Himmel auS, und sie'wieder senkend und auf der Brust faltend, drückt er gleichsam den ganzen Erdkreis an/eitt '^erz. und läßt über die Stadt und über die Welt (ui-ki ot orbi) durch daS Zeichen des h^. Kreuzes seinen apostol. Segen herniedersteigen. Jemand, der hinter den beiden Freunden stand, und alle ihre Reden gehört hatte, hörte da den Einen zum Andern sagen: „Alles Uebrige ist nichts, ja daS ist schön!" „Es ist wahr", erwiderte der Andere. Er lachte nicht mehr; denn helle Thränen stürzten auS seinen Augen. Berantwortllcher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. C. Kremer. Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augstmrger PojWtung. 13. Juni M- 2^. 185s. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Tonntage. Der halbjährige Abonnementspreis kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter uud alle Buchhandlungen bezogen werden kann Die Freiheit der Kirche. WaS schon längst von einsichtsvollen Männern anerkannt und als unbedingt nothwendig für die bessere Gestaltung der Gesellschaft ersehnt worden war: daß nämlich ächte, wahre Gottesfurcht die Menschen durchgingen und zu dem Ende die Kirche — denn sonst ist dieß nicht möglich — alle ihre reichen Mittel entwickeln möge, um den Geist deS Volkes auf das Wahre und Ewige hinzulenken und damit Gewissenhaftigkeit, Opferwilligkeit und Liebe zu guten Werken in den Herzen zu entzünden, daS ist durch die Fügung der Vorsehung durch daS Jahr 1848 zu einem großen Theile wenigstens wirklich geworden. Als damals Alles sich löste und an daS Tageslicht trat, da begann auch, zwar schüchtern anfänglich, die alte, fromme Gesinnung zu leuchten und Wärme um sich zu verbreiten. In so fern ist jenes Jahr ein wahres Jahr des HeileS; viele Menschen haben eS böse gemeint, Gott aber hat daraus Gutes gemacht! Das von der Religion getragene Leben zeigte sich wieder einmal Angesichts der ganzen Welt in zahlreichen Vereinen zur Verbreitung einer kräftigen, wahrhaft religiösen Gesinnung, in wohlthätigen Gesellschaften, in Verbrüderungen zu besondern Werken der Frömmigkeit. Der schlummernde Sinn für daS Göttliche wurde erweckt durch die alterprobten Mittel, durch Missionen, Wallfahrten, Andachten. Nur ein ganz verblendeter Mensch könnte in Abrede stellen, daß dieß Alles unendlichen, mit Händen zu greifenden Nutzen in allen Verhältnissen des LebenS gestiftet habe. Und dennoch war die Anwendung der angegebenen, so segcnrcichcn Mittel vor dem Jahre 1843 der Kirche in Deutschland größtentheilS entweder sehr erschwert oder ganz unmöglich. Diese Mittel gebrauchen zu können, die Möglichkeit also, recht viel Gutes zu stiften, Niemanden zu belästigen, sondern Jeden durch freie Entschließung zum christlichen Leben zu führen, gehört unter die Forderungen nach der Freiheit der Kirche. Allein freilich bleiben diese Forderungen hierbei nicht stehen, sie verlangen noch mehr, was man der Kirche, d. h. den Bischöfen, welche sie leiten, gewähren müsse. Denn alle jene Einrichtungen auf die Besserung unserer Verhältnisse fallen wieder zusammen oder wirken wenigstens nicht viel, wenn die Bischöfe nicht Alles anwenden können, waö der Stifter der Kirche in ihre Hände gelegt hat, um die Menschen zu Gott hinzuführen. WaS helfen Missionen, Andachten und Vereine, wenn z. B. die Geistlichkeit nicht im Sinne der Kirche erzogen wird, wenn die Bischöfe nicht die Stellen besetzen, sondern Personen, die im besten Falle weder das warme, persönliche Interesse, noch diese Kenntniß, keinesfalls aber diese Verantwortung haben! Was helfen alle jene Mittel, wenn sie morgen wieder eingestellt, wenn alle Anordnungen der Bischöfe, um das erwachte, religiöse Leben, damit es nicht erlösche, zu beleben, von anderweitiger 186 Bestätigung abhängig sind? DaS ist klar, daß die Zukunft der Gesellschaft, welche religiös und geistig schon verkommen genug ist, davon abhängt, daß man Alles aufbietet, um dieselbe wieder auf daS Höhere und Ewige hinzulenken. Deßhalb ist ein Stillstand, oder ein Rückschritt in dem Ringen, sich in den Besitz alles Dessen zu setzen, was hierzu nothwendig ist, nicht denkbar, gar nicht möglich. DaS kirchliche Leben ist zu mächtig erwacht, als daß eS wieder zurückgetrieben werden könnte, und wenn auch Schwankungen eintreten sollten, so dienen sie zu nichts Anderem, als die Kräfte neu zu sammeln und desto entschiedener zu entfalten. DaS ist das Begehren nach der Freiheit der Kirche. Wenn man nun freilich viele Zeitungen und Flugschriften lieSt, so glaubt man: morgen sey eS aus mit dem Staate, wenn heute die Kirche frei würde, eS bliebe ihm gar Nichts mehr übrig, er sey rein überflüssig. ES ist dabei gar hübsch, daß dergleichen Blätter und Herren in dieser Angelegenheit ein so zärtliches Interesse am Staate und seinen Rechten, Schutzherrlichkeiten und Majestätsbefugnissen nehmen, da man doch weiß, wie sie sonst auf diejenigen Rechte und Gewalten, welche dem Staate in ihrer ganzen Ausdehnung zukommen und die er nur recht kräftig handhaben soll, so böse zu reden sind und ihm dieselben zu Gunsten der „Freiheit" entwinden möchten. Für Staatsmänner, die nicht verblendet sind, läge allein dain schon Grund genug, um zu sehen, waS zu thun sey. Ist denn aber wirklich solche Noth, bricht denn der Staat zusammen, wenn die Kirche frei wird? Sehet doch nur nach Belgien, England, Nordamerika — dort stellen die Regierungen nicht die Geistlichen an, erziehen sie auch nicht, eS gibt dort auch kein Placet, man kümmerr sich auch nicht darum, wie man die Kirchen baut und Altäre errichtet und Meßgewänver anschafft, und dennoch hat der Staat dort seine volle Gewalt. Doch, wir wollen in der Nähe bleiben, sehet nach, wie es in Frankreich, in Oesterreich, in Preußen steht! Das Alles ist demnach nur leerer Schein, man möchte gern Viel regieren, oder das katholische, daö christliche Leben, daS man nicht gern mag, möglichst einschränken. Beides aber ist vom Uebel. Wo ist auch nur Ein Eingriff, welcher von der Kirche, wenn ihr die gebührende Freiheit wird, in die Rechte des Staates gemacht wird? Will sie Mitwirkung bei den Anstellungen in Civil oder Militär, bei der Gesetzgebung, bei der Verwaltung deS StaatSvermögenS, will sie Verordnungen geben in bürgerlichen Dingen, Steuern auflegen, oder die Polizei in die Hand nehmen? AlleS daS soll und wird dem Staate bleiben und Niemand gönnt eS ihm mehr als die Kirche. Ja, aber die Kirche will frei, an Nichts mehr gebunden seyn! — Meinet ihr, sie verlange, daß ihre Diener oder die Gläubigen auch nur in Einem Puncte anders behandelt werden wollen, als auch die übrigen Unterthanen, oder daß sie sich über alle Anordnungen hinaussetzen wolle? O nein, sie verlangt, daß wer stiehlt, verleumdet, aufreizt, staatSgefährliche Verbindungen errichtet, wer kauft und verkauft, Testament oder Schenkung macht, geradeso behandelt werde, wie eS daS Gesetz für alle Unterthanen des Staates bestimmt hat. Die Kirche verlangt nur, daß sie in den Stücken, welche das Weltliche nichts angehen, daS thun darf, wozu sie auf der Welt ist. DaS ist doch gewiß nicht zu viel verlangt. Sie will singen und beten nach ihrem Gutdünken, Geistliche erziehen und anstellen, welche dieses thun nach ihrem Dafürhalten, sie will daS, waS die Gläubigen geschenkt haben, zum Gottesdienste und zur Erbauung verwenden nach ihrem Ermessen. Dabei will sie Niemanden zwingen, eS nimmt vielmehr Jeder nur nach seiner eigenen, freien Ueberzeugung Theil an Allem, was die Kirche unternimmt. Es ist dieß AlleS so sonnenklar, daß man gar nicht begreift, wie man sich dagegen nur immer so sehr sträuben mag! Allein, wendet man ein, der Staat muß sich vor dem Mißbrauche der Gewalt der Kirche wahren, was kann sie für Unheil gegen ihn anrichten! Mißtrauen ist eine schlimme Sache, besonders aber, wenn eS ungegründet ist. Alles, was in der Kirche gelehrt und gethan wird, ist so öffentlich wie etwas in der Welt; ihrer Wirksamkeit verdanken alle Staaten ihr eigenes Daseyn, eine zweitausendjährige Erfahrung 187 spricht entschieden gegen jenes Mißtrauen, wir wollen nicht reden von der Haltung der katholischen Kirche in den Stürmen der letzten Jahre. Sollte aber ein Mißbrauch von einzelnen Personen, waS stets möglich bleibt, je begangen werden, so hat der Staat das Recht und die Pflicht, solche Leute nach seinen Gesetzen zu strafen, und er thut wohl daran. Ein solches Mißtrauen ist um so schmerzlicher und kränkender, als die Kirche nichts Anderes will, als die Menschen zu Gott führen, also alles Böse auS ihnen entfernen, sie gewissenhast, zufrieden und tüchtig machen in jeder Art. Allein dieses Mißtrauen, welches der Staat gegen die Kirche, d. b. gegen die Bischöfe hegen will, ist eine Beleidigung und Zurücksetzung seiner eigenen, oft zahlreichsten Unterthanen. Die Katholiken schenken ihren Bischöfen und deren Stellvertretern das größte Vertrauen, welches einem Menschen nur gezollt werden kann, in den zartesten und geheimsten Angelegenheiten ihres HerzenS, und sie sind hierzu verpflichtet. Und nun kommt „der Staat" und verfolgt diese Männer mit Mißtrauen! Oder traut er seinen eigenen, katholischen Unterthanen nicht, müssen diese bewacht werden? dann ist keine rechtliche Gleichheit mehr vorhanden; davon wollen wir nicht reden, daß die Katholiken nie Anlaß gegeben haben zur Begründung eines solchen Mißtrauens. Endlich aber begehren die Bischöfe, wenn sie die Freiheit der Kirche verlangen, Nichts, als ihr gutes Recht, sie wollen keine Gnade, keine Gefälligkeit. Denn durch feierliche Verträge haben die Regierungen sich verpflichtet, den Bischöfen alles daS in der Ausübung zu gestatten, wozu sie nach der Gesetzgebung und der Anordnung der Kirche berechtigt seyen. Genau dieß und gar nichts mehr begehren die Bischöfe, und die Regierungen sollen alle kirchlichen Gesetze nachsehen und sollen daS Oberhaupt der Kirche befragen, ob die Bischöfe auch nur daS Geringste begehren, waS ihnen nicht nach den deutlichsten Bestimmungen unzweideutig zusteht Wir wollen hier nicht auf die Art und Weise eingehen, wie der Staat in den Zeiten der traurigsten Verwaisung und Zertrümmerung der kirchlichen Verhältnisse nach der französischen Revolution, dem ReichSdeputationshauptschluß und während der napoleonischen Kriege sich Vieles angeeignet hat, waS den Bischöfen angehört und auch bis dorthin stets angehört hat; wir wollen auch nicht enthüllen/ auf welche wenig erbauliche Weise man die feierlich eingegangenen Verpflichtungen rücksichtlich der Freiheit der Kirche, o. h. der Befugnisse der Bischöfe umgangen hat; wir wollen nur daS aussprechen, daß auch nicht der leiseste Grund besteht, aus dem der Staat auch nur Einen Augenblick Anstand nehmen könnte, die Forderung nach Freiheit der Kirche in ihrem ganzen Umfange und zwar bereitwillig, nicht erst nach langem Zögern und Drängen zuzugestehen. Er macht dann ein großes Unrecht gut, übt einen Act der Gerechtigkeit, befreit sich selbst von schädlichen Geschäften, weicht großen Mißständen aus und gewinnt für sich die beste und kräftigste Stütze: — eine aufrichtige und starke Hilfe in der Arbeit am Wohle der Menschen, da die Kirche mit allen ihren Mitteln nie etwas Anderes als dieß bezweckt hat und bezwecken will. (M. I.) Das erste National-Coneil in den Bereinigten Staaten. (Tablet.) Baltimore, 10. Mai. Ich bin vorgestern von Charleston hierher gereist, um bei der Eröffnung des ersten großen National-Concils der amerikanischen Kirche zugegen zu seyn. Alle Dampfboote und Eisenbahnen, welche nach Baltimore führen, waren seit einigen Tagen von Leuten gefüllt, die in derselben Absicht Hieher reisten. Sie wissen, die amerikanischen Bischöfe haben mehrere Provincial-Concilien gehalten; auf dem letzten, im Mai 1849, stellten sie dem heiligen Vater vor, eS sey sehr zu wünschen, daß mit der Auctorität des heiligen Stuhles sür daS folgende Jahr ein National- Concil berufen werde. Piuö IX. willfahrte der gemeinsamen Bitte der amerikanischen 183 Bischöfe, verschob aber das Concil bis 1852. In diesem Jahre erhielt der Erzbischof von Baltimore, Franz PatriciuS Kenrick, ein Schreiben deS heiligen VaterS, worin er ermächtigt wurde, ein National-Concil nach Baltimore zu berufen und demselben als Delegcit deS heiligen Stuhles zu präsidiren. Der Erzbischof lud nun die Erz« bischöfe, Bischöfe, Ordensobern u. s. w. auf den 9. Mai nach Baltimore ein. In der vorigen Woche kamen schon mehrere Prälaten und Geistliche an; die katholischen Familien in Baltimore nahmen alle Bischöfe und Priester in ihre Häuser auf, so daß keiner in einen Gasthof zu gehen braucht. Am Samstag kamen Tausende von Fremden aus New-York, Philadelphia, Boston, Charleston und den entfernten Städten des Westens an. Die Gasthöfe waren überfüllt; die Omnibus und Droschken fuhren beständig zwischen den Bahnhöfen und den verschiedenen Theilen der Stadt; an den Bahnhöfen erwarteten Gruppen von Neugierigen die Ankunft der Prälaten. Am SamStag Abend um 6 Uhr wurde die große Glocke im Dome gezogen und darauf in allen katholischen Kirchen geläutet. Die Bischöfe versammelten sich, um die Beamten deS Concils zu ernennen und die Ordnung, welche während desselben einzuhalten, festzusetzen. Zugleich wurden die sechs Commissionen gewählt, welche die Decrete vorbereiten. Die Namen der anwesenden Bischöfe sind: Erz bischöfe: Franz PatriciuS Kenrick (Baltimore), Franz Blanchet (Oregon), Peter R. Kenrick (St. Louis), Anton Blanc (New-OrleanS), Johann HugheS (New-York), Johann B. Purcell (Cincinnati). — Bischöfe: Michael Portier (Mobile), Mathias Loras (Dubuque), Richard P. MileS (Nash- ville), Johann Chanche (Natchcz). Richard V, Whclan (Wheeling), Peter Lefevre (Detroit), Johann Odin (Galveston), Michael O'Connor (Pittöburg), Johann M'KIoskey (Albany). Andreas Byrne (Little Rock), Johann Henni (Milwaukie), Jgnaz Reynolds (Charleston), Johann Fitzpatrick (Boston), Amadeus Rappe (Cleve- land), Johann Timon (Buffalo), Martin Spalding (LouiSville), Jacob Vandevelde (Chicago), Magloire Blanchet (Nesqually), Johann Alemany (Monterey), Bernard O'Reilly (Hartford). Franz Xav. Gartland (Savannah), Johann Mac Gill (Rich- mono), Johann V. Miege (Indisches Territorium), Johann Lamy (Neu-Mexico), de St. Palais (Vincennes) und der Bischof von Minisota. AIS Vertreter der religiösen Orden sind anwesend: Jesuiten, Joseph Aschwan- . der, Vice-Provincial von Maryland, W. Murphy, Vice-Provincial von Missouri, Clemens Bonlanger, Superior der Mission in Canada und New-York, und Anton Jourdant, Superior der Mission in New-OrleanS. — Trapp ist: Maria EutropiuS, Abt von St. Maria de Trappa in Kentucky. — Augustiner: PatriciuS Moriarty, Assistent und Generalcommissar. — Benediktiner: Bonifaz Wimmer, Superior.— Dominicaner: Robert Aug. White, v--. tkeol., Generalvisitator. — Lazarist: MarianuS Maller, Director der Barmherzigen Schwestern. — Sulpicianer: FranciS L'Homme, Superior deS Seminars zu Baltimore. — FranciScaner: / Wilhelm Untertbiner, Superior. — Redemp torist: B. I. Hackenscheid, Provincial. Im Ganzen waren 6 Erzbischöfe, 26 Bischöfe, 12 Vertreter von neun Orden, 38 Theologen der Bischöse und gegen 100 andere Priester zugegen. Am Sonntag Morgen zogen die Anwesenden in feierlicher Procession von der Wohnung deS Erz- bischofS zur Kathedrale. An der Spitze ging ein Seminarist mit dem Kreuze, begleitet von Akolythen und Thuriferarien, dann folgten die Seminaristen, die anwesenden Priester, die Theologen, die OrdeZS-Superioren, dann die Bischöfe im vollen Ornat und zuletzt der Erzbischof von Baltimore. Der feierliche Zug, der von dem herrlichsten Wetter begünstigt wurde, machte auf die Zuschauer einen tiefen Eindruck. Gewiß an 100 000 Menschen waren versammelt; die Straßen dicht gedrängt, alle Fenster und Balcone besetzt. Die Ruhe und Ordnung, welche selbst unter dem Pöbel herrschte, erregte die Bewunderung aller Fremden. Die Mitglieder eines katholischen Vereins begleiteten die Procession auf beiden Seiten, kamen aber kaum einmal in den Fall, die Prälaten gegen ungestümes Gedränge schützen zu müssen. 189 In der Cathedrale, die leider nur 3000 Menschen saßt, celebrirte der Erzbischof von Baltimore das Hochamt. Nach demselben hielt der Erzbischof von New-Uork, Dr. HugheS, die Predigt. Er ist ein Mann von sechzig Jahren, mit feinen Zügen, breiter Stirn und sanftem Blick. In seinem ganzen Wesen verbindet sich die Einfachheit eines Kindes mit der Würde eines Apostels. Während der Predigt herrschte in der Kirche die größte Ruhe. — Einige Stunden, nachdem sie gehalten war, muß man sie in New-Uork schon gedruckt gelesen haben, da sie unverzüglich von den Cor- respondenten der dortigen Blätter dorthin telegraphirt wurde. Nach der Predigt wurde das Concil unter den üblichen Förmlichkeiten für eröffnet erklärt. Bericht des apostolischen VicarS für Ceutralafrika. (Schluß.) Für die Katarakten von Ambnkol waltete keine Besorgniß, da der Reies von Dongola daS Wasser bis auf den letzten Stein kannte. Am 26. wurden die mittleren Strömungen ohne Schwierigkeit durchschifft; sobald eS aber an das Ziehen gehen»sollte, erhoben die Leute allerlei Schwierigkeiten, welche indeß die Festigkeit deS ReieS nach einiger Erörterung mit solchem Erfolg niederschlug, daß bis ein Uhr daS Schiff durch alle Krümmungen dieser Katarakte gebracht wurde und deS gleichen TageS noch bis in die Gegend von Tangua fuhr. Zwei Tage sodann kreuzte eS zwischen den Felsen, in welche von da an der Strom eingeengt ist; dann erst gelangte eS an die eigentlichen Katarakten von Tangua. Mittelst Segel und Seilen gewann eS die letzte gefährlichste Strömung, worauf eS wegen seichten WasserS bald vorwärts, bald rückwärts mußte gezogen werden, dabei einen Leck bekam, der erst auszubessern war, doch nicht hinderte, am gleichen Abend über die letzte Stelle dieses Kataraktes hinüberzukommen. DeS folgenden Tages stellte günstiger Wind sich ein. Die Gegend, nicht umsonst Baten-el-Hagiar (Bauch der Felsen) genannt, gewann allmälig ein freundlicheres AuSfthen; die Felsen, bisher immer den Fluß begränzend, weichen gegen die Wüste zurück, ein Saum üppiger Vegetation, jedoch bloß einige Klafter breit, zieht sich dem User entlang, knarrende Wasserräder (Salien) gellen wieder an daS Ohr. Das Schiff flog stromaufwärts; eine Stunde nach Mittag schwankte eS schon in dem Katarakt von Akasche. Auch über diesen half der kräftige Wind ohne Mcnschenhilfe. Um fünf Uhr wurde Angesichts der Trümmer eines ehemaligen katholischen Klosters auf der fruchtbaren Insel Kullub Halt gemacht, die Rastzeit zum Besuch von jenen verwendet. Mit dem kommenden Tag stand der Katarakt von Dal in Aussicht. Er hat eine Länge von drei Stunden. Am Firmament traten Anzeichen einer nahen Wit- terungSveränderung hervor. Sie blieb nicht auS. Ein heftiger Wind trieb daS Schiff im Nu vor den Katarakt. Der wackere ReieS von Dongola hatte bald den Ueberblick gewonnen. Er wagte eS, die Segel aufspannen zu lassen, um bloß mittelst deS WindeS durch die Stromschnellen daS jenseitige Ufer zu gewinnen. Schäumend schlug das Wasser von allen Seiten in daS Schiff; dennoch durchschnitt eS die Wogen und Strömungen, ohn« zu wanken; wehe aber, wenn eS anstieß! Der NckS und der Steuermann gedachten, knapp an dem Felsen die Strömung abzuschneit cn; allein der Wind blies zu heftig, das Wasser wälzte sich zu mächtig, rasch mußten die Segel gerefft werden, um deren Zerreißen und den Bruch deS MastbaumeS zu verhüten. Indeß stieg der Wind von Minute zu Minute, in Wolken wirbelte er den Sand auf; daS Schiff war aufgefahren. Die schwarzen Matrosen springen in den Strom, bemühen sich mit ihren Schultern, eS zu heben. Zum Glück war der Felsen flach unv vom Wasser geglättet; so hatte ihre Anstrengung den gewünschten Erfolg. In zwei Stunden war der Katarakt von Dal, wozu nach allgemeiner Aussage bei bloßem Ziehen zehn Tage kaum hingereicht hätten, dann noch eine weitere Strecke von neun Meilen zurückgelegt; an der Insel Differnati wurde die Nacht zugebracht. 190 Hier beginnt ein gesegneteres Land, eine gesichertere Fahrt. An beiden Ufern wechseln Dattelwälder mit grünen Gefilden. Am letzten Tage des scheidenden JahreS erreichten die Reisenden die Insel Seid, die Wohnstätte des vornehmsten ScheikhS der mohamedanischen Bcrberiner. Der ReieS von Dongola und die Matrosen statteten demselben ihren Besuch ab; zu solchem fand er mit Geschenken auf dem Schiffe sich ein. Der Beginn des eben eingetretenen JahreS war in so fern nicht so glücklich, wie das Ende des abgelaufenen, als Windstille eintrat und bei dem Ziehen das Schiff nur langsam vorwärts kommen konnte. Erst am 3. Januar stellte wieder einiger Wind sich ein, der zwischen den zahlreich bewohnten Nilinseln hindurch eine angenehme Fahrt gewährte. Ueberall standen an den Ufern Schaaren von Menschen, die mit Freudengejauchze das ungewöhnliche Schiff begrüßten, was mit Aufziehen der Flaggen und einer Kanoncnsalve erwidert wurde. Auf diese zwar verliefen sich im ersten Augenblick die Massen, kehrten aber bald jubelnd wieder zurück. Eben so mit Zuschauern gefüllt war der Landungsplatz bei Kouke am Abend des 3. Januars, vor welchem, noch eine Stunde entfernt, der Katarakt von Kazhbar wartete. Er zeichnet sich vor den andern durch seine Seichtigkeit aus, und verursachte Mühsal bloß durch öfteres Auffahren und wieder Flottmachen deS Schiffes, waS eine Zeit von sechs vollen Stunden erforderte. Merkwürdig! hier hat das Wasser eine Tiefe von bloß 2—4 Fuß, indeß oberhalb eine Stange von eben so vielen Klaftern den Grund nicht erreichen würde. Für die Strömungen von Taba wäre auf den folgenden Tag Wind besonders erwünscht gewesen; aber er blieb aus, was zu dem langsameren Ziehen, zu früherem Landen nöthigte. Der heilige DreikönigStag wurde auf Mossul gefeiert, wo bis zu Mittag das Quecksilber von 12 auf 45 stieg. Der dortige Scheikh lud die Fremdlinge zum Mahl und speiste die gesammte Mannschaft durch zwei Tage. Am 7. Januar half wieder der Wind den Ziehenden bis zum Eingang in den letzten Katarakt vor Dong-ola, der für den 8. aufgespart blieb. In der Nacht aufsteigender Wind ließ eine rasche Fahrt hoffen. Sie war eS Anfangs, aber nach einer halben Stunde blieb das Schiff im Schlamme stecken, auö dem es nur mir großer Mühe konnte herausgearbeitet werden. Bald darauf stieß es auS Unvorsichtigkeit deS Schiss- reieS mit solcher Gewalt auf einen Felsen, daß alles Geräthe zusammenkugelte. Zum Glück traf der Stoß nur das Vordertheil. Dennoch sank bei den Matrosen daS Vertrauen zu dem Winde; die Ziehcr mußten zusammengerufen werden, um daö Schiff wieder flott zu machen. Die letzte große Strömung gab noch viel zu schaffen; doch nach einer Stunde war auch diese überstanden und im Flug durchschnitt die 8te!Ia mstutins den bewegten Strom oberhalb TumboS. Von beiden Ufern lief abermals Alles herbei und schrie verwundert: „Ein eisernes Schiff schwimmt über daS Wasser!" Und noch mehr verwundert waren die Landesbewohner, überhaupt bei diesem Wasserstand ein Schiff die Katarakten hinaufkommen zu sehen. Um sechs Uhr AbendS landeten die Missionäre in der herrlichen Gegend von Hasir. DaS allmälige Rasten deS WindeS hätte es unmöglich gemacht, am folgenden Abend in Dongola einzutreffen, würde nicht Herrn KociancicS Festigkeit den ReieS gezwungen haben, auch durch die Dämmerung die Fahrt fortzusetzen, so daß die Stadt eine Stunde nach Sonnenuntergang mit den üblichen Salven konnte begrüßt werden. Ungesäumt verfügte sich Herr Kociancic zu dem Mudir, Horschub Bey, um ihm seinen Dank für die Uebersendung deS ReieS abzustatten, sodann ihn um Handreichung für die fernere Fahrt zu bitten. Der Missionär war überrascht, in dieser fernen Gegend einen so gebildeten Mann zu treffen; dieser dagegen bezeugte seine Freude, daß jener mit seiner Fahrt daS Unglaubliche geleistet habe. AIS der Mudir sodann das Schiff besuchte, setzte ihn Alles in Verwunderung, Alles ließ er mit dem lebhaftesten Interesse sich weisen, stellte auch manche Frage über die Vorgänge in Europa und in Egypten. Im Divan hernach, welchem Herr Kociancic beiwohnte, wurde die Weiterfahrt über Abusamed beschlossen, der Lohn für die Zieher festgesetzt. Ueber diese Fortsetzung der Reise steht der Bericht noch zu erwarten. 191 Diesem mag noch aus einem zweiten nach Chartum gerichteten und von da zur Kenntniß des Comites genannten Bericht aus Dongola vom 15. Januar Nachstehendes folgen: „Von drei Tagreisen her und noch weiter kommen die Leute, um zu sehen. Das Erste, waS ihnen am Herzen liegt, ist Maria. Gott weiß, wer ihnen das bekannt gemacht hat. Mit lauter Stimme, mit aufgehobenen Händen bitten sie, wenn wir sie nicht auf daö Schiff lassen, wir möchten wenigstens die Fenster (der Capelle öffnen); sobald sie dann Maria erblicken, schreien sie laut auf. Selbst von zwei kleinern Gemälden verbreitet sich weit durch das Land der Ruf. Das Zweite, was die Eingebornen anzieht, ist daS Schiff. ES scheint ihnen ein Wunder, daß Eisen schwimme. Manche glauben, wir hätten daS Schiff auf unsern Rücken über die Katarakten hinausgetragen. Andern ist AlleS unbegreiflich; den ganzen Tag im Staube gekrümmt, staunen sie das Schiff an und schweigen, als harrten sie neuer Wunder. „„So etwas habe ich in meinem Leben nicht gesehen"", ist oft der einzige Laut, der sich vernehmen läßt. Stell» mstutins, die unter GotteS und Mariens Schutz so große Gefahren überstanden hat, fortan siegesfreudig dem Lande der Neger zusteuern wird, ist eine Blüthe der werkthätigen Nächstenliebe; ist eine Perlenkrone, die sich vie Katholiken durch ihren Beistand zum Heile deS Südens geflochten haben; ist der Triumph Oesterreichs, dessen Macht und Ehre die vom Schiffe flatternde Fahne den staunenden Negern verkündet; ist der Triumph der Mission, die zu neuen Triumphen, zum Triumphe des Christenthums, den Weg bahnen wird!" Dem können wir auS einem kurzen Schreiben des Herrn ProvicarS — Chartum, den 10. Februar — noch beifügen: „Die Stell» mstutins hat eine wahre Riesensahrt zu Verwunderung der überraschten Nubier zurückgelegt. Wir erwarten sie hier in der ersten Hälfte des Märzes. — Meine Gefährten beschäftigen sich häufig mit den hiesigen Einwohnern und mit Vorbereitungen zu der Expedition auf dem weißen Strom, wo bereits ein von mir zurückgelassener Missionär seit Beginn des verflossenen Jahres unter den Bari-Negern den Nachkommenden den Weg bereitet. Auch von diesem hoffe ich mit Anfang des künftigen MonatS Berichte über seine Erfolge zu erhalten. Drei unverdächtige Zeugen über die Gesellschaft Jesu. Der Encyklopädist d'Alembert war bekanntlich in seinem Haß gegen die Kirche weit kälter, in seinem Grimm gegen dieselbe ungleich schneidender, als der Patriarch dieser sogenannten Philosophen: Voltaire. Dennoch sah selbst d'Alembert sich gezwungen, in seinem Artikel: „Abschaffung der Jesuiten" der Wahrheit in so weit wenigstens Zeugniß zu geben, baß er eingestehen mußte, die wissenschaftlichen Celebritäten der Gesellschaft ständen keinen andern nach. „Man muß billig seyn, sagt er. Keine Ordensgesellschaft ohne Ausnahme hat einer so großen Zahl berühmter Männer in allen Wissenschaften und in der Literatur sich zu rühmen. Die Jesuiten haben in allen Fächern mit Erfolg sich bewährt. Beredsamkeit, Geschichtsforschung, Alterthumskunde, Geometrie, tiefe und angenehme Literatur, eS gibt keine Classe von Schriftstellern, unter denen die Gesellschaft nicht Männer ersten Verdienstes aufzuweisen hat." Durfte der große Astronom und entschiedene Atheist La lande einen ClaviuS, «inen Ricciola und Grimaldi, welche Galilei'S System durch unumstößliche Versuche erhärteten und von denen letzterer KepplerS Sternencatalog mit 505 Sternen bereicherte, einen P. Scheiner, der lange vor Galilei die Sonnenflecken beobachtete, einen Grünberger, der die höchst merkwürdige prospeetivs novs coelestis verfaßte, einen Lecomte, der zuerst auf die Trabanten-Finsternisse aufmerksam machte, seinen Zeitgenossen BoScowich, den die königliche Gesellschaft der Wissenschaften zu London unter ihre Mitglieder aufnahm, so viele andere, welche in der Wissenschaft der Astronomie sich hervorgethan haben, mißkennen? Sie sammt solchen, welche in andern Fächern des Wissens sich hervorgethan haben, würdigend, sagt er in seinen „philosophischen 192 Jahrbüchern" von dcr Gesellschaft überhaupt: „Ich habe sie in der Nähe gesehen, eS war eine Helc>enschaar. Der Name Jesuit übt auf mein Herz, meinen Geist und meine Dankbarkeit Anziehungskraft auS. Carvalso und Choiseul haben das schönste Menschenwerk, den ewigen Gegenstand meiner Dankbarkeit und meiner Bewunderung und welchen nie irgend eine Anstalt unter'dem Monde gleichkommen wird, unwiederbringlich (?) zerstört." Dann sagt er an einem andern Ort: „Das menschliche Geschlecht hat jenen kostbaren und staunenswerthen Berein von zwanzigtausend Individuen, welche unausgesetzt und uneigennützig mit dem Unterricht, der Predigt, der Mission, mit Wiederaussöhnungen, mit dem Beistanv der Sterbenden, mit einem Worte, mit den der Menschheit theuersten und nützlichsten Leistungen, beschäftigt war, für alle Zeiten eingebüßt." — Was wäre aber der ehrliche Atheist gegen den verantwortlichen PillerSdorf? Hätte jener im Jahre 1848 in Wien gelebt, er hätte sich'S müssen gefallen lassen, den Jntelligenzlosen beigezählt zu werden. Der driite unserer Zeugen ist zwar ein Erzbischof, aber weniger als Kirchen- fürst, denn durch seine Unterwürfigkeit vor der Jmperatorengewalt Bonaparte'S ausgezeichnet: der aufgedrungene Bischof von Mecheln de Pradt, Auch er kann nicht umhin, auszurufen: „Welch' eine Richtung war dieses unter den Menschen! WaS sind die anspruchslosen Tugenden anderer Ordensgeistlichen gegen diese Männlichkeit des Genies? Wirklich, wie hat der Orden auch gelebt, wie ist er unterlegen? Dieses nach Art und Weise der Titanen — den vereinten Blitzen aller Götter deS irdischen Olymps. Hat der Anblick des TodeS seinen Muth erkältet? Ist er einen Schritt vor demselben zurückgewichen? ^ut 8int. ut sunt, gut non sint, lautete sein Bescheid. Das heißt aufrecht und nach Art der Cäsaren sterben. Wer könnte St. JgnatiuS und seiner Stiftung den Titel groß versagen? ES wäre eine gewaltige Unbill, ihnen in der Hierarchie der Macht des menschlichen GenieS den ersten Platz zu verweigern. Loyola war ein großer Eroberer, er besaß das Genie zu Eroberungen. Ja, JgnatiuS war groß, groß unter den Großen, von einer bis auf ihn unbekannte» Größe. Ein Eroberer einer neuen Art, hat er zwei Jahrhunderte hindurch mit wehrlosen Mönchen sich die Welt zu eigen gemacht. Er hat in die Mitte der Welt einen Baum mit unvergänglichen Wurzeln gepflanzt, welcher unter dem Beil, daS ihn verstümmelte, neue Lebens- und Triebkraft erlangt. Wenn dieß keine Größe des Genies ist, so sage man doch, worin denn eS bestehe. Es geziemt der Mittelmäßigkeit nicht, Colosse in Erz zu gießen." (W. Kirchenztg ) Berlin. Berlin, 22. Mai. In der Mark Brandenburg gedeiht die katholische Kirche auf eine höchst erfreuliche Weise. Die Seelenzahl mehrt sich von Monat zu Monat. So sind z. B. in Neustadt-EberSwalde vor Kurzem cilf erwachsene Personen mit ihren Kindern, zusammen fünfundzwanzig Personen, in den Schooß der Kirche aufgenommen worden, und acht Erwachsene sind wieder im Unterrichte. Möge die erbarmende Liebe unserer GlaubenSbrüder in der Ferne unS beistehen, damit dem Seelenhunger so vieler kleinen Gemeinden des Delegatur-Bezirkes, die kaum einmal deS Jahres einen Priester sehen, Genüge geschehen könne, Wohl hat der Himmel in den letzten Jahren wunderbar geholfen, denn die Zahl der Seelsorgerstellen ist innerhalb acht Jahren verdreifacht worden, aber noch brauchen wir wenigstens fünf Priester, um den dringendsten Bedürfnissen zu genügen, Was sind in Berlin selbst für 2O,vl1t> Seelen der Civilgemeinde fünf Curatpriester, von denen der eine noch zwei Drittheile seiner Zeit am Schreibtische zubringen mußl — Der zum Feldpropst für den katholischen Bestandtheil der Armee vom Könige bestellte westfälische Geistliche, Herr Menke, ist vor einigen Tagen hier eingetroffen und hat seine Funktionen begonnen. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. E. Aremer. Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augswrger PostMtung. 20. Juni SS. 185s. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abouuementsvreis kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezöge» werde« kanu Der Freimaurer-Orden in seiner wahren Bedeutung. I. Unter dieser Aufschrift hat der Advocat Eduard Emil Eckert neuerdings zu Dresden ein Buch herausgegeben, welches mit einer Vollständigkeit, wie nie bisher, alle irgend wie zur Kcnnlniß gelangten Aclenstücke über den Freimaurer-Orden umfaßt und von-unschätzbarem Werthe für die richtige Beurtheilung dieser von der katholischen Kirche wiederholt feierlichst ercommunicirlen geheimen Verbindung ist. Indem ich das interessante Buch allen denen angelegentlich empfehle, welche bei Hellem Tage nicht im Finstern tappen wollen, vermeine ich der guten Sache einen Dienst zu erweisen, wenn ich in nachfolgenden Artikeln daraus eine kleine Aehrenlesl gebe und mit der Beleuchtung der Slellnng deS Ordens zur Kirche und zum positiven Christenthum beginne. Hier wird der Grund klar und deutlich werden, warum Papst Clemens XII. und Benedict XIV. den Freimaurerbund verworfen unv alle Katholiken, welche ihm beitraten, von der Kirche und ihren Seg-> nungen ausgeschlossen, eine Bestimmung, die noch bis heute in Kraft besteht, wcß- halb alle Absolutionen, welche ein Freimaurer von einem mit seiner Mitgliedschaft unbekannten oder sie ignorirenden Priester im Beichtstuhl erlangt, ungillig, kraftlos und gottesränberisch sind, so lange derselbe im Ordcnsverband verbleibt. Warum also diese Strenge der Kirche gegen einen Orden, der nach der vulgären Meinung nur edle wissenschaftliche und sittliche Zwecke verfolgen soll? Mit Recht findet Eckert es von vornherein sehr bedenklich, daß diese edlen Zwecke in das tiefste Geheimniß verhüllt und mit zwölf Eiden verklausnlirt werden. Denn besäße der Bund wirklich eine höhere Einsicht in die göttlichen Dinge als wir gewöhnlichen Menschenkinder, eine Einsicht, welche der Menschheit eine größere Vollkommenheit ermöglicht, als sie thalsächlich har, so wäre eine sittliche Nothwendigkeit da, dieß Licht mit seinem ganzen Glänze leuchten zu lafftn; denn offenbar hat der Weise die Pflicht, seine Weisheit zum Gemeingut zu machen, widrigenfalls er pflichtvergessen und unweise handelt und den gerechien Verdacht erregt, baß sein Vorgeben lügenhaft und seine Devise eine falsche Maöke sey. Oder besitzt der Orden außerordentliche Mittel zur sittlichen und gesellschaftlichen Erhebung der Menschen? Aber wie darf derselbe diese dann vorenthalten und nur wenigen Auserwäbllen knnd geben? Ist in diesem Fall das Geheimniß nicht unvernünftig und unmoralisch? Vernunft und Moral fordern die öffentliche Bekanntmachung aller guten Mittel zur Heilung der sittlichen und gesellschaftlichen Wunden der Völker. Es handelt somit der Orden unverantwortlich, wenn er seine angebliche Vorlrefflichkeit der Welt verbirgt, und wir haben das Recht, an der Güte seiner Zwecke zu. zweifeln, weil daö Gute di.> Finsterniß haßt. Dagegen heißt es: Wer böse ist, hasset daS Licht und kommt nicht .YNl,g7(lttß. 7?M5m6. ans Licht, damit seine Werke nicht offenbar werden. Oder ist es wahr, daß Wohlthätigkeit des Ordens letzter Zweck ist? Die ächte Wohlthätigkeit geht zwar ver. borgene Wege; allein ein Mal weiß man, daß der Orden seine Wohlthätigkeit in erheblichem Maaße nur auf die Ordensbrüder auSvehnt, und könnte man auch die Uneigennützigkeit seiner Liebe in ihrer Ausdehnung auf alle Menschen nachweisen, müßte eS nicht, sofern Wohlthätigkeit deS Ordens Envabsichl wäre, unverständig und lächerlich erscheinen, diesen Zweck in das Geheimniß zu hüllen und die Mitglieder mit einer Menge schrecklicher Eide zu verpflichten, denselben gegen Niemand zu offenbaren? Kein vernünftiger Mensch wird darum läugnen, daß Eckert Recht hat, wenn er sagt: „Mag nun Wohlthätigkeit, Wissenschaft, Moral oder Religion als Zweck genannt werden, keiner dieser Zwecke verträgt sich noch heute mit der ängstlichen Geheimhaltung, mit den Verschwiegenheilseiden bei jeder Graduirung, selbst den Brüdern unterer Grade gegenüber." Entweder ist also der Orden eine große Spielschule für erwachsene Kinder, roaS Keinem einfallen wird zu behaupten, oder seine Zwecke vertragen sich nicht mit den religiösen und sittlich-gesellschaftlichen Grund-- principicn, wie sie durch das Christenthum gelehrt und realisirt werden. Dieses letztere nachzuweisen wird nicht schwer fallen und kann unmöglich die Bemerkung eines höchst oberflächlichen Correspondenten der schlestschen Zeitung dagegen etwas verfangen, wenn er, um den Freimaurerbund gegen allen Ärgwohn sicher zu stellen, hervorhebt, daß hohe Persönlichkeiten, welche ein Interesse haben, alle religions- und staatSgefährlichen Tendenzen niederzuhalten, demselben angehörten; denn wahrscheinlich weiß derselbe nicht, daß die meisten OrdenSglieder in höchster Unkenntniß über die veschworenen Geheimnisse des Ordens sind, so daß es durchaus nicht auffällig ist, wie Männer in.ihm arbeiten und mit Geld und Ansehen ihn unterstützen, welche niemals ihre Hand bieten würden, wenn sie klar erkennten, welche Tendenzen alö letzte Absicht verfolgt werden. Aeußerst wichtig ist zur Charakterisirung des religiösen Standpunctes im Freimaurerorden die „kritische Geschichte der Freimaurerei von Feßler", welche als Manuscript von der Großloge an die einzelnen Logen abschriftlich vertheilt worden, die also alö authentische Urkunde zu betrachten. Hier lieSt man (ok. Eckert pgZ. 120): „In der Behandlung war ich weder Lutheraner noch Calvinist, nicht Katholik, nicht Atheist noch Deist, nicht einmal Christ; so mußte es denn auch kommen, daß mir der JesuS, wie ihn die Vernunft anerkennen und das edlerfühlende Herz verehren und lieben muß, unmöglich der Jesus der Kirche und der Theologie werden konnte." Dieß Bekenntniß deS nackten Unglaubens an Jesus Christus als Gottessohn wird 122 erläutert und verstärkt durch die Auslassung: „JesuS wollte weder das Jubenthum reformiren, noch eine neue religiöse Secte bilden, noch auch eine Kirche errichten, sondern unter dem von ihm errichteten Reiche bloß den Zweck deS essäischen Bundes theils erweitern, theils allgemeiner machen, theils unter einer einfacheren und der Vernunft angemesseneren Hülle verbergen." Im weiteren Verlauf wird dann die Gründung der Kirche durch die Apostel und die bekehrten Juden als ein Erzeugniß der Unwissenheit und Beschränktheit erklärt, indem dieselben ihre Synagogenverfassung nicht hätten vergessen können, „weßhalb sie dahin gearbeitet, daS von Jesu gestiftete Reich GotteS in eine synagogenartige, d ogmatisirende, verfolgende, herrschende Kirche zu verwandeln." Man hat hier also so viel Blasphemien als Worte oder Sätze. Unmöglich kann für daS Angeführte blos Feßler persönlich verantwortlich gemacht werden; denn seine Schrift ist Eigenthum der Großloge; diese hat Abschriften von selber versandt; sie hat somit die in dem Manuscript klar gelehrte Verläugnung der Gottheit Christi und die hierin insinuirte Erklärung deS christlichen Glaubens und der christlichen Kirche als Product der Unwissenheit und des mindc, stenS unabsichtlichen Betruges nicht gemißbilligt und verworfen, sondern durch Verbreitung dieser Lehren offen kund gegeben, daß die Verläugnung ver christlichen Grundlehren sich mit dem Zwecke deS Ordens wohl vertrage. Wenn daher auch in dem 195 Manifest, welches die Ordensobern in Deutschland unter dem Großmeisterthum des Herzogs von Braunschweig im Jahre 1794 erließen, gesagt wird: „Durch daS Christenthum hat der Bund seine Consistenz erhalten; daS Christenthum hat ihn ausgebildet; die Göttlichkeit des Christenthums war die Hauptgrundlage seiner Lehre und seiner Zwecke/' so ist doch unzweifelhaft, daß diese angebliche christliche Grundlage schon seit lange dem Orden abhanden gekommen. Faciisch hat derselbe dieß anerkannt durch die Aufnahme der Juden in die Verbrüderung, und die vorzüglichsten maurerischen Sprecher bestätigen mit Worten, was der Orden in der That sanctionirt hat. Man wolle bei der folgenden Darlegung der antichristlichen und antikirchlichen Bestrebungen im Freimaurerbunde nicht übersehen, daß kein Ordensbruder eine Rede halten oder drucken lassen darf, die nicht von den Obern approbirt ist. Somit sind sämmtliche Auslassungen Ansteht deS OrdenS, nicht einer Person. In der Zeitschrift für Freimaurerei, als Manuscrivt für Brüder gedruckt zu Altenburg 18Z3 (es. Eckert psg. 255) wiro die Zerstörung alles posiiiven Christenthums intendirt, indem gesagt wirv: „Einigung der verschiedenen Kirchengenossen in der naturlichen Religion, Gleichheit der Rechte und Ansprüche, gemeinschaftliches Vergnügen und gemeinschaftliches philanthropisches Wirken sollen die Verbrüderung befestigen." Ebendaselbst wird nicht undeutlich zu verstehen gegeben, daß die Gottheit unpersönlich und daß die eigentliche Gottheit die Menschheit sey; denn der Bruder Maurer meint: „Man würde unö (die Maurer) der Abgötterei beschuldigen, wenn wir die Idee von Menschheit als moralische Person ebenso personificiren wollten, wie man die Gottheit zu personificiren pflegt." DeS Pudels Kern also ist nach diesem Geständniß: Wir Maurer würden unsern Unglauben an Gott offen verkünden und an die Stelle deS christlichen GotteS die Menschheit setzen, wenn wir nicht glauben müßten, daß man uns für Abgötterei hielte. Wenn der Atheismus unter den Fittigen deS Maurer- thumS Platz hat, wie sollte das Christenthum daselbst auf große Ehre Anspruch machen? Wer kann cS daher dem Prediger am neuen israelitischen Tempel zu Hamburg, Gotthold Salomon, Mitglied der Loge „zur aufgehenden Morgenröthe im Osten" zu Frankfurt a. M., verübeln, wenn er in einer Logenrede ausruft: „Warum findet sich in dem ganzen maurerischen Ritual auch keine Spur von einem kirchlichen Christenthum? Warum wird der Name Christus nicht ein einziges Mal genannt, weder im Eivc, noch im Gebet, daS bei geöffneter Loge oder bei der Tafellogc verrichtet wird? Warum zählen die Maurer nicht von der Gvburt Christi, sondern wie die Juden von Erschaffung der Welt? Warum ist in der Freimaurerei kein christliches Symbol? Warum Zirkel, Winkelmaaß, Waage? Warum nicht daS Kreuz und die andern Marterwerkzeuge? Warum statt „Weisheit, Stärke und Schönheit" nicht daS christliche Trio: „Glaube, Hoffnung, Liebe?" Und Gotthold Salomon antwortet ganz recht: Alleö das sey so und nicht anders, „weil ein kirchlich-christliches Maurerthum der schreiendste Widerspruch, wie ein eckiger Zirkel, sey." DaS Maurerthum hat mit dem wahren Christenthum nichts zu schaffen. Deßhalb, als man zu Berlin die Juden nicht aufnehmen wollte, schrieb auch Graf Fernig, Vice-Präsident aller französischen Logen an vr. Verend: „daß man in ganz Frankreich den Maureraspiranten nur nach seinem Leben, nicht nach seinem Glauben frage; der Gott der Maurer habe keinen besondern Namen; eS sey der große Baumeister deS Universums, und, fährt er fort: „die religiösen Vorurlheile deS Mittelalters (daS Christenthum) bewahren, heißt daS Gesetz deS Fortschritt« läugnen; vorgeben, daß die Freimaurerei vo« christlicher Aera sich herleite, daS heißt die feierliche Ueberlieferung der königlichen Kunst verkennen; wir waren früher als die Stiftung der christlichen Religion." Der Sinn all dieser Thorheiten ist der: die Freimaurerei will auch nicht einmal christlich scheinen! Bruder Kloß, der gelehrteste Maurerschrifisteller, Professor und Medicinalrath, ist darum auch sehr ungehalten gegen die, welche die Logen noch mit einem christlichen Anstrich versehen wollen; er hielt 1344 in der Meisterloge zur „Einigkeit« einen Portrag: „über die Unstatthaf- 196 tigkeit deS Versuchs, ein positives Christenthum in die Freimaurerlogen hineinzuziehen," worin er bemerkt, daß 25W Logen an den Grundsätzen festhielten, welche die Behandlung positiv christlicher Gegenstände verböten. Ihm schließt sich an ein evangelischer Prediger zu Frankfurt a, M., welcher in der „Latomia" erklärt: daß auf der ganzen Erde nur die drei Berliner Logen specifisch christlich zu seyn prätendirten. Um das Maaß voll zu machen, wollen wir noch ein Paar Juden abhören. Der Eine, Dr. M. H eß, schreibt in der von einem evangelischen Prediger redi- girten „Latomia": Wenn Maurerlogen sich als christliche Institutionen betrachten und Nichtchristen den Zutritt nicht gestatten, so vergessen sie die wesentlichste B-stim- mung der Maurerei: daS im Menschengeschlechte wieder zu vereinigen, waS durch kirchliche Meinungen wie durch bürgerliche Verhältnisse von einander geschieden ist. Verliert die Maurerei diese ihre Bestimmung auS dem Auge, so dient sie nur, Irrthümer und Vorurtheile zu befestigen, von welchen die geläuterte Religion die Menschen zu befreien trachtet." WaS der Jude unter Irrthümern und Vorurtheil, so wie unter geläuterter Religion versteht, geht deutlich auö der Fortsetzung hervor, wo derselbe in unnachahmlicher Schamlosigkeit das Christenthum verhöhnt, wen» er sagt: „Zwar stürzt ein Stein nach dem andern von der dichten Mauer, welche Männer, deren Lebenselcment die Finsterniß ist, aus heiligem Trug und Satzung, auö Sagen und Legenden aufgeführt haben, um dem Licht der Vernunft (dem religionslosen Mauschellhum) den Zugang zu versperren und den blinden Glauben mit seinem Liede: blinden Gehorsam, unversehrt zu erhalten..... Die Maurerhallen waren eö, wo unter dem Schutze des Geheimnisses Edle (?) auS allen Classen und Ständen die Grundsätze lehrten und inS Leben riefen, die in der profanen bürgerlichen Gesellschaft noch als Ketzereien und frevel, hafte Neuerungen verpönt waren." Der Jude Heß wird noch übertroffen von dem Juden Ludwig Borne, welcher als Mitglied des Freimaurerbundes 1333 eine Rede hielt, worin derselbe ausführt: Die Herrschaft wurde geboren, mit ihr die Sklaverei. Die Bösen hielten Rath, ihre Herrschaft zu befestigen und ersannen daS Christenthum und benutzten cS, eine blutige Zwietracht unter die Menschen zu bringen. Dagegen verband sich der Maurerorden (es Eckert pgg. 261 ff ). Ich könnte noch zahllose authentische Belege auS dem vortrefflichen angezeigten Buch beibringen, um zn beweisen, baß der Maurcrorcen der Kirche und dem christlichen Glauben feindlich entgegenstehe, daß in seinen Hallen die Glaubensgleichgilligkeit privilegirt und selbst der Atheismus geduldet sey; allein für unsern Zweck sey eS dießmal genug. Jeder Kacholik, will er nicht Verrath an Kirche und Glauben üben, muß sich von diesem Bunde fern halten, unv wo er aus Unwissenheit sich ihm hingegeben, ihn verlassen. Das strenge VerwerfungSurtheil der Kirche, das sie über die Freimaurerei gefällt, steht gerechlfenigt da und würde selbst dann gerechtfertigt erscheinen, wenn wir weniger von der Maurerei in ihrem antichristlichen Charakter wüßten; denn eine Thalsache ist, daß Katholiken, die sich der Maurcrei zuwende», fast durchschnittlich ihre kirchlichen Pflichten sträflich verabsäumen, die Sacramente meiccn und dem JndiffercntiSmuS verfallen, von dem der Herr in der Offenbarung sagt: Weil du nicht kalt noch warm bist, darum will ich dich ausspeien auS meinem Munde. (Fortsetzung folgt.) " Religiös-politisches Glaubensbekenntniß des Marquis von Bal- degamas (Donoso CorteS.) An Herrn Herausgeber des „Heralbo." Paris, 15. April t8S2. Mein Herr! Der „Heraldo" (vom 8. d. M.) enthält einen Artikel, welcher der Vertheidigung deS Rationalismus, deS Liberalismus und deS Parlamentarismus gewidmet ist. Sie zählen dort lobend alle die kostbaren Vortheile der freien Erörterung auf und citiren, um Ihre Lehren zu stützen, gewisse Worte, die ich im Jahre 197 1336 im Athenäum zu Madrid gegen das göttliche Recht der Könige ausgesprochen habe, Worte, die Sie beredt nennen, während sie höchstens wohlklingend waren. Ich glaube, Sie daran erinnern zu müssen, daß ich bereits seit langer Zeit dergleichen Lobsprüche nicht mehr verdiene, und daß ich in Bezug hierauf von Ihnen nur Vergessenheit oder Tadel fordern kann. Zwischen Ihren Ansichten, welche ich selbst theilte, als ich noch ein junger Mensch war, und denen, zu welchen ich Mich jetzt bekenne, besteht ein vollständiger Widerspruch und eine unüberwindliche Verschiedenheit. Sie glauben, daß der Rationalismus das Mittel sey, zur Vernunft, der theoretische Liberalismus, zur praktischen Freiheit, der Parlamentarismus, zu einer guten Regierung zu gelangen; baß die freie Forschung in Wahrheit das Mittel zum Zweck, daß endlich die Könige nichts Anderes als die Verkörperung des mensch, lichen Rechtes. Ich glaube im Gegentheil rücksichtlich des Rechtes, daß daS menschliche Recht nicht eristirt, und daß es kein anderes Recht gibt als das göttliche Recht. In Gott ist das Recht und die Concentration aller Rechte; im Menschen ist die Pflicht unv die Concentration aller Pflichten. Der Mensch nennt sein Recht den Vortheil, der fin ihn aus der Erfüllung der Pflicht des Andern, die ihm zu gut kommt, hervorgeht: das Wort Recht ist auf seinen Lippen ein fehlerhafter Ausdruck. Wenn er noch weiter geht, und seinen fehlerhaften Ausdruck in Theorie verwandelt, so entfes, seit diese Theorie die Stürme auf der Welt. Die freie Erörterung, wie Sie dieselbe verstehen, ist nach meiner Ansicht die Quelle aller möglichen Irrthümer unv der Ursprung aller denkbaren Ertravaganzen. WaS den Parlamentarismus, den Liberalismus und den Rationalismus betrifft, so glanbe ich, daß der erstere die Negation der Regierung, der zweite die Negativ» der Freiheit, der dritte die Affirmation der Narrheil ist. Was bist du denn aber, wird man mir sagen, wenn du weder für die freie Erörterung, wie sie in der modernen Welt verstanden wird, noch liberal, noch rationalistisch, noch parlamentarisch bist? Bist du Absolutist? Ich würde Absolutist seyn, wenn der Absolutismus der radicale Widerspruch aller jener Dinge wäre; aber die Geschichte lehrt mich, daß es rationalistischen AbsolulismuS gibr, daß eö bis auf einen gewissen Punct liberalen und diSculirenden Absolutismus gibt, und daß eS umgekehrt absolute Parlamente gibt. Der Absolutismus ist also höchstens der Widerspruch in der Form, nicht der Widerspruch im Wesen, von jenen Lehren, welche berühmt geworden sind durch die Größe ihrer Verwüstungen. Der Absolutismus ist nicht der Widerspruch dieser Lehren; es kann kein Widerspruch vorhanden seyn zwischen Dingen von verschiedener Narur. Es ist eine Form, und nichis al>? eine Form; unv ist es nicht die größte Absurdiiät, in einer Form den radicalen Widerspruch einer Lehre zu suchen, oder in einer Lehre den radicalen Widerspruch einer Form? Der Kaiholiciömus allein ist der Widerspruch der Lehren, welche ich bekämpfe. Gebt der katholischen Lehre eine Form, welche ihr wollt; trotz dieser Form wud Alles im Augenblick umgewandelt seyn unv ihr wervet daS Angesicht der Eide erneuert sehen. Mit dem Katholicismus gibt es kein Phänomen, das nicht in die hierarchische Ordnung der Phänomene paßte, keine Sache, die nicht der hierarchischen Ordnung der Dinge sich fügte. Die Vernunft hört auf, Rationalismus zu styn, d. h. sie hört auf, jener Leuchllhunn zu seyn, von dem man sagt, daß er uuerschaffen sey, um ihm das Privilegium zu geben, zu erleuchten, ohne von irgend Jemand angezündet zu seyn; sie wird wahre Vernunft, d. h. ein wunderbares Licht, das sich in sich concenlrirt, und außer sich daS glänzende Licht des Dogma verbreitet, den reinsten Reflex Gottes, des ewigen, uuerschaffenen LichteS. WaS die Freiheit betrifft, so ist die katholische Freiheit weder ein Recht in ihrem Wesen, noch eine Unterhandlung in ihrer Form; sie erhält sich nicht dnrch den Krieg; sie entsteht nicht aus einem Conlracte, sie wirv nicht erworben durch Eroberung. Sie ist nicht eine weinberauschte Bacchantin, wie die demagogische Freiheit: sie 198 schreitet nicht einher unter den Völkern mit den Reizen einer Königin, wie die parlamentarische Freiheit; sie hat nicht zu ihren Dienern Tribunen, die ihr den Hof machen; sie schläft nicht ein unter dem Gemurmel der Menge; sie hat keine permanente Armeen, die aus Nationalgarden bestehen; sie liebt es nicht, sich auf dem Triumphwagen der Revolutionen bequem niederzulassen. Die Gebole Gottes sind das Brod deS Lebens. Unter der Herrschast des Katholicismus «heilt eS Gott den. Regierten und den Regierenden aus, invem Er sich das unveräußerliche Recht vorbehält, sich von den Regierenden eben so wie von den Regierten gehorchen zu lassen. Unter dem Schutze und in der Gegenwart GotteS vereinigen sich Herrscher und Unterthan in einer Ehe, deren Heiligkeit sie mehr der Natur eines Sacramentes, als der eines Contra cteS nähert. Die beiden Theile finden sich implicite gebunden durch die göttlichen Gebote. Der Unterthan übernimmt die Pflicht, zu gehorchen, mit Liebe zu dem Herrscher, den Gott einsetzt; und der eingesetzte Herrscher geht die Pflicht ein, mit Liebe und Milde die Unterthanen zu regieren, welche Gott seinen Händen anvertraut. Wenn die Unterthanen gegen diesen Gehorsam und diese Liebe fehlen, so läßt Gott die Tyrannei zu; wenn der Herrscher gegen jene Liebe und Milde verstößt, so läßt Gott die Revolutionen zu. Durch die erstere werden die Unterthanen zum Gehorsam zurückgeführt; durch die letzteren werden die Fürsten zur Milde zurückgeführt. Eben so also, wie der Mensch das Böse auS dem guten Werke GotteS zieht, so zieht Gott das Gute aus dem schlechten Werke des Menschen. Die Geschichte ist nichts Anderes als die Erzählung der verschiedenen Ereignisse dieses riesenhaften Kampfes zwischen dem Guten und dem Bösen, zwischen dem göttlichen Willen und dem menschlichen Willen, zwischen dem allbarmherzigen Gott und dem widerspenstigen Menschen. Wenn die Gebote Gottes genau beobachtet werden, d. h. wenn die Fürsten mild und die Völker gehorsam sind, und wenn beides von der Liebe unterstützt wirb, dann entsteht aus der gleichzeitigen Unterwerfung unter die göttlichen Vorschriften eine gewisse sociale Ordnung, eine gewisse Lebensweise, ein gewisses individuelles und allgemeines Wohlseyn, welches ich Zustand der Freiheit nenne, und welches dieß wirklich ist, weil die Gerechtigkeit da herrscht, und die Gerechtigkeit macht unS frei. Hierin besteht die Freiheit der Kinder GotteS, die katholische Freiheit. Diese Freiheil ist keine bestimmte, besondere und concrete Sache; sie ist weder ein Organ deS politischen Organismus, noch eine der verschiedenen socialen Institutionen. Dieß ist sie nicht; sie ist mehr: sie ist das allgemeine Resultat des guten Zustandes aller Organe; sie ist daS allgemeine Resultat der Harmonie und Uebereinstimmung aller Institutionen; sie ist daS, was die Gesundheit des Organismus im Allgemeinen ist, welche mehr gilt als ein gesundes Organ; sie ist daS, was daS Leben deg socialen und politischen Körpers ist, welches kostbarer ist als daS Leben einer blühenden Institution. Die katholische Freiheit ist daS, waS diese beiden Sachen sind, die vortrefflichsten unter den vortrefflichen, die, weil sie überall find, aus diesem besondern Grunde, in keinem einzelnen Theile ihren Ort haben. Diese Freiheit ist so heilig, daß jede Ungerechtigkeit sie verletzt; so stark und so gebrechlich zu gleicher Zeit, daß Alles sie belebt, und die kleinste ungeregelte Bewegung sie erschüttert; so voll Liebe, daß sie alle Menschen zur Liebe einladet; so mild, daß sie alle Menschen zum Frieden ruft; so eingezogen und bescheiden, daß sie, vom Himmel gekommen, um daS Glück Vieler zu begründen, von Wenigen nur gekannt und von Niemand beklatscht wird; ste selbst weiß nicht, wie sie sich nennt, oder wenn sie eS weiß, so sagt sie eS nicht, und die Welt kennt ihren Namen nicht. Was die freie Erörterung betrifft, so ist nicht mehr Aehnlichkcit zwischen der katholischen Erörterung und der philosophischen Erörterung vorhanden, als zwischen der katholischen Freiheit und dem, waS man politische Freiheit nennt. Der Katholicismus geht folgendermaßen zu Werke: Er n, mt einen Strahl deS Lichtes, daS ihm von Oben zukommt; er gibt ihn dem Menschen, um mit seiner Vernunft ihn zu befruchten, und der schwache Strahl deS Lichtes verwandelt sich durch daS Mittel der 199 Befruchtung in einen Lichtstrom, der die Horizonte erfüllt. Der Philosophismus im Gegentheil fängt damit an, geschickt mit einem dicken Schleier die Wahrheit und daS Licht zu bedecken, daS unS vom Himmel gekommen ist, und stellt der Vernunft ein unlösbares Problem, nämlich: durch dciö Mittel der Befruchtung die Wahrheil und das Licht aus dem Zweifel und der Dunkelheit zu erzeugen, welches die der Befruchtung der menschlichen Vernunft ausgesetzten Dinge sind. Der PhilosophiSmuS verlangt also vom Menschen eine Lösung, welche der Mensch nicht geben kann ohne vorläufigen Umsturz der ewigen und unveränderlichen Gesetze. Nach einem dieser Gesetze hat die Befruchtung nur die Kraft, den befruchteten Keim zu entwickeln nach den Bedingungen seiner eigenen Natur, und in seinem eigenen Sinne; so geht vaS Dunkle auö dem Dunklen, das Helle aus dem Hellen, das Aehnliche auS dem Ähnlichen hervor, veum cle veo, lumsn cle lumine. Gehorsam diesem Gesetze ist die menschliche Vernunft, in ihrer Befruchtung deS Zweifels, bei der Negation angekommen, und in ihrer Befruchtung der Dunkelheit bei der stockfinstern Nacht, und zwar durch daS Mittel logischer und progressiver Transformationen, die in der Natur der Sachen selbst gegründet sind. Bei der Verfolgung so verschiedener Wege ist es nicht zu verwundern, wenn der Katholicismus und der PhilosophiSmuS ein so verschiedenes Schicksal haben. Achtzehnhundert Jahre lang erörtert der Katholicismus auf seine Weise, und diese seine Weise zu erörtern hat ihm den Sieg in jever Erörterung verschafft. AUeS geht an ihm vorüber; die Sachen, die in ver Zeit sind, und die Zeit selbst. Er selbst geht nicht vorüber. Er bleibt, wo Gott ihn hingesetzt hat, unbeweglich in Mitten der großen Wirbelwinde, welche die allgemeine Bewegung anfacht. Er selbst lebt ein eigenes Leben in dieser Welt geborgter Leben. Der Tod hat nicht die Erlaubniß erhalten, sich ihm zu nähern, selbst in diesen untern und dunklen Regionen, die seiner Herrschaft unterworfen sind. Um seine Kräfte zu erproben sprach er einst zu sich selbst: Ich will ein barbarisches Jahrhundert wählen und eö mit meinen Wundern erfüllen, und er wählte daS dreizehnte Jahrhundert und schmückte eS mit vier Monumenten, den herrlichsten, die das menschliche Genie aufgerichtet hat: die theologische Summa des heil. Thomas, das Gesetzbuch cls Iss karticlss von AlphonS dem Weisen (eine Kompilation altspanischer Gesetze, welche daS vollendetste Muster einer christlichen Gesetzgebung ist), die göttliche Comödie von Dante und die Cathe- drale von Köln. Seit viertausend Jahren erörtert der Rationalismus auf seine Weise, und auch er hat, um sein Anvenken zu verewigen, zwei unsterbliche Monumente hinterlassen: das Pantheon, wo alle Philosophen liegen, und das Pantheon, wo alle Konstitutionen liegen. Was den Parlamentarismus betrifft, so läßt sich von ihm nichts sagen. WaS würde auS ihm bei einem wahrhaft katholischen Volke, d. h. wo der Mensch von Jugend auf weiß, daß er Gott Rechenschaft geben muß, selbst von den unnützen Worten? Juan Donoso CorteS. Jerusalem. Die „Union" widmet der Frage wegen der heiligen Oerter eine sehr einläßliche Untersuchung. Es bestehen darüber Verträge zwischen Frankreich und der Pforte von den Jahren 1673, 1740 und I7o4, Nach diesen Verträgen gehören den Lateinern unbestritten 1) im Innern von Jerusalem: g) die zwei Kuppeln der großen Kirche von Jerusalem; k) in dieser Kirche der Tisch, auf welchem der Leib deS Erlösers ein- balsamirt worden und den man den SalbungSstein nennt; e) in der gleichen Kirche die sieben Bogen, welche man die Bogen der heiligen Jungfrau nennt, von welchen wir (die Lateiner) nur noch die obere Terrasse besitzen; cl) die Gräber von Gottfried von Bouillon, von König Balduin, von Philipp von Burgund und von Philipp I. von Spanien. 2) Außer Jerusalem: a) das Grab der seligsten Jungfrau; b) die soo große Kirche von Bethlehem; e) die Grotte der Geburt, wo sich ein silberner Stern mit der lateinischen Inschrift befand: Hier ist von der Jungfrau Maria JesuS Christus geboren worden. Die „Union" bekennt, daß die französische Diplomatie, stall daß ihr einfach die Anerkennung dieser urkundlich zugesicherten Besitzungen von der Pforte ausgesprochen worden wäre, von der Pforte getäuscht worden sey. Der französische Botschafter habe zu der Ernennung einer UnlersuchungScommission beigestimmt, wodurch der Werth aller jener Urkunden in Frage gestellt worden sey. Es sey ein neuer Vergleich geschlossen worden, in welchem die Pforie sich verpflichtet habe 1) zur Zurückgabe der sieben Bogen der heiligen Jungfrau in ihren untern Theilen, ein Besitz, dessen wir seit einem halben Jahrhundert beraubt sind; 2) zur theilweisen Wiedereinräumung, nicht zn dem alleinigen Besitze deS GrabeS der seligsten Jungfrau, bei dem Bache Cedron, im Thale Josaphat, aus welchem die Lateiner seit 110 Jahren verdrängt sind; 3) zur Wiederanbringung deS silbernen SterneS in der Grotte der Geburt; >4) zur Rückgabe deS äußern Schlüssels der großen Kirche von Bethlehem und der zwei Schlüssel der Seitcnthüren, Die Mönche gingen sonst nur durch ein Loch hinein, welches der Prinz Joinville bei seiner Reise nach Palästina in die Tempelmauer brechen ließ. Ueberdieß erhielten die Mönche die Vollmacht, eine Kirche in dem gemischten und benachbarten Bethlehem, Bälidjella genannt, zu bauen; zwei Häuser an ihrem Kloster, die an die Kirche deS heiligen GrabeS stoßen, zu erwerben, und endlich ihre Hauplkirche des Klosters zum heiligen Erlöser zu Jerusalem auszubessern. Das waren die Bedingungen, welche die französische Diplomatie durch die Unterhandlungen gewonnen hatte, ein türkischer Commissar sollte in Jerusalem sie in Erfüllung bringen. Allein die Vollziehung zögerte — auf einmal erscheint der Ferman in dem „Siecle" von Athen. Durch diesen setzt sich der, Sultan als souveräner Richter über die Verträge. Der Ferman stellt den Lateinern nicht nur nicht zurück, was ihnen gehört, sondern er entscheidet Fragen, welche noch unerörtert waren, und beraubt sie unbestrittener Besitzungen. Augenscheinlich (sagt die „Union") können die Dinge nicht so bleiben. Die Ehre unseres Landes, unsere nationale Würde, unsere vielhundertjährigen Rechte, unsere wichtigsten Interessen sind im Spiele. R u H l a n d. DaS „UniverS" bringt einen höchst merkwürdigen Brief einer Synode russischer Bischöfe an die Sorbonne von Petersburg 6 ä. 18. Juni 1718. Die Sorbonne halte die Bischöfe zu einer Besprechung über die UnterscheidungSlehren eingeladen. Die Bischöfe geben in diesem Briefe dem Vorschlage zur Wahl von beidseitigen Commissarien Beifall und sprechen den Wunsch nach einer Vereinigung der lateinischen und griechischen Kirche auS. Im Jahre 1848 kam man auf diesen Brief von 17 l3 wieder zurück und schlug den russischen Bischöfen vor, sie möchten einige Theologen beauftragen, mit Theologen von Rom über die Schriftterte hinsichtlich deS Papstes in Unterredung zu treten. Allein man antwortete: „die Vereinigung unter den Christen sey eine Angelegenheit, welche Gott allein angehe." Damit war also der Vermitllungsantrag, zu welchem man sich im Jahre 1713 geneigt gezeigt hatte, hundert Jahre später abgelehnt. DaS „Univers" wagt die Zuversicht auszusprechen, daß der gegenwärtige Kaiser Ricolaus, wenn Jemand den Mulh hätte, ihm die Wahrheit zu sagen, zu einer solchen Vereinigung gern die Hand böte. Ist aber dem Kaiser Nicolaus nicht von Gregor XVI. in Rom die Wahrheit gesagt worden? Sie hat ihn erschüttert, aber nicht umgewandelt. Der Glaube ist eine Gnade GolleS. Wir wissen, daß in einem großen Theile von Frankreich an die Rückkehr deS Kaisers Nico^ lauS zu der kalholiichen Kirche und in Folge davon an eine Vereinigung der griechischen Kirche mit der römischen geglaubt und dafür eifrig gebetet wird. Zu diesem Gebeie möchten wir auch die Kalholiken Deutschlands ernstlich ausfordern. Welch' ein Heil für Europa, wenn die russische Nation mit ihrem kräftigen Heerführer in den Schooß der Kirche zurückkehren würde! Verantwortlicher Redacteur: L> Schönchen, VerlagS-Jnhaber: F. C. Kremer. Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. 27. Juni 2V. 1852. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abouuementsvrei« 4V kr., wofür e« durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann- Das erste Rational-Concil in den Bereinigten Staaten. II. (Taklet.) Baltimore, t7. Mai. I» dieser Woche sind noch zwei Prälaten angekommen, so daß jetzt 6 Erzbi- schöfe und 27 Bischöfe hier sind, wohl die größte Zahl, welche sich seit dem Trienter Concil versammelt haben. Außer ihnen nehmen 12 Superioren der Orden und 42 Theologen an den Sitzungen Theil. Die Theologen sind in Commissionen vertheilt, welche den Tag über sich versammeln; AbendS von 4—6 Ubr kommen alle mit den Bischöfen in der Kirche zusammen. Die Bischöfe halten deS Morgen» allein eine Sitzung, um über die Fragen zu entscheiden, welche vorher den Commissionen vorgelegen haben. Jeden Abend predigt einer der Bischöfe oder Theologen. Am Donnerstag wurde ein feierliches Seelenamt für die seit dem letzten Concil verstorbenen Bischöfe gehalten; der Bischof von LouiSville hielt nach dem Evangelium die Trauerrede auf den Erzbischof Eccleston von Baltimore und die Bischöfe Tyler und Fiaget. Am 1k. Mai wurde in der Calhedrale die dritte öffentliche Sitzung geHallen. Die Bischöfe begaben sich dorthin in derselben feierlichen Weise, wie bei der Eröffnung deS Concils. Die versammelte Menschenmenge war eben so groß. Der Bischof von PittSburg predigte über den Primat. Am Tage Christi Himmelfahrt wird daS Concil in einer öffentlichen Sitzung geschlossen. Baltimore, 2t. Mai. Gestern hat das National-Concil seine Sitzungen beschlossen. Die Bischöfe begaben sich in feierlicher Procession zu der Cathedrale, wo der Erzbischof von New- Orleans daS Hochamt, der Bischof von Boston die Predigt hielt. Nach Absingung deS Voni Oöator wurden die gefaßten Beschlüsse vorgelesen und von den Bischöfen auf dem Hochaltar unterzeichnet. Der Bischof Vandevelde von Chicago wurde beauftragt, dieselben dem heiligen Vater zur Bestätigung zu überbringen. Darauf folgten die üblichen „Acclamationcn". das 1'e veum und der Segen. Zum Schlüsse sprach der Erzbischof HugheS von New-Uork dem Erzbischof von Baltimore, als Präsidenten deS Concils, den Dank der versammelten Prälaten auS und schilderte dabei mit hinreißender Beredsamkeit die Eintracht, welche bei den Berathungen geherrscht. ES sey kein Wort vorgefallen, welches nicht in der Gegenwart deS allerheiligsten Sacra- mentS hätte gesprochen werden dürfen. Der Erzbischof von Baltimore wollte antworten, aber Thränen erstickten seine Stimme. — Der Hirtenbrief deS Concils, welcher zu lang ist, um hier mitgetheilt werden zu können, empfiehlt Anhänglichkeit und Gehorsam gegen den heiligen Stuhl, Festhalten am Glauben und Beobachtung der Gebote der Kirche, Unterstützung der .yavg7(Il 2^ ,^ Bemühungen der Bischöfe für die kirchlichen Bedürfnisse der Gläubigen und die Begründung von katholischen NnterrichtSanstalten mit Hmweisung auf die Bestrebungen der irischen Bischöfe zur Gründung einer katholischen Universität, Theilnahme an dem Lyoner MissionSverein und Gehorsam gegen die wellliche Obrigkeit. Die Beschlüsse deS Concils werden erst veröffentlicht, nachdem sie vom heiligen Stuhle bestätigt sind. Es heißt, daS Concil habe die Errichtung von eilf neuen BiSlhümern beantragt: Newark und Brooklyn sollen als eigene BiSthümer von der jetzigen Erzdiöcese New Uork abgetrennt, und ferner zu Burlington im Staate Vermont, zu Portland in Maine, zu Erie in Pennsxlvanien, zu Wilmington in Nord- Carolina und zu Quincy in Illinois neue BiSthümer errichtet werden; auch Kalifornien und Neu-Merico oder TeraS sollen neue BiSthümer erhalten und zwei apostolische Vicare für Florida und das indianische Territorium ernannt werben. "ivll" ->> >'>>'>I^l^ ^»»t..». "» »» . 15.i .^>„... ^ 5>ii',i>>>i» H^zi'T Der Freimaurer-Orden in seiner wahren Bedeutung. (Fortsetzung.) ,U5tvvtT «5tHjui55»W N56 nji.ltZnoN-!l,ttoit«»5T sHr» ö»O Ich habe aus EckertS Schrift einige Bruchstücke zur Charakteristik der religiösen Tendenz der Freimaurerei auSgehoben und glaube durch die Selbstbekenntnisse der Maurer genugsam erwiesen zu haben, daß ihre Tendenz dem positiven. Christenthum durchaus feindlich und im Grunde auf nichts anderes hinauslaufe, als einen schalen Deismus und eine daS sogenannte Menschenthum bezweckende Moral zu verallgemeinern. Diese Tendenz wurde als daseyend bestätigt durch die Zulassung des Reform- JudenthumS in den Orden, so wie durch die Thatsache, daß alle bekannten Maurer zu den lauen Brüdern in der Kirche gehören. Wenn ich aber diese religiöse Verflachung als Ordenszweck dargethan, so kann doch auch nicht geläugnel werden, daß der Orden zu verschiedenen Zeiten Menschen zur Folie gedient hat, welche als die erklärtesten Feinde nicht bloß der Kirche, sondern des Christenthums überhaupt, auf seinen Ruin hinarbeiteten. In der durch einen Bruder ausgearbeiteten Constit litt on der Großloge deS JohanniS-Ordens zu London vom Jahre 1722 wird schon festgesetzt: „Die Maurerei ist ein MenschheitSbund zur Veredlung der Menschheit, um durch Ablegung schädlicher und thörichter Vorurtheile, durch Verbreitung toleranter Gesinnungen und humaner Grundsätze eine stufenweise sittliche Vervollkommnung Vermenschlichen Gesellschaft zu bewirken, an welchem Ordens st reden der Jude und Türke eben so viel Antheil nehmen kann, als bisher ausschließlich nur den evangelischen Christen vergönnt gewesen" (ck. Eckert, psZ. 63 und 64). Wenn auch eine Zeit lang die mehr aristokratisch gesinnten Logen gegen dieses Statut ankämpften, so wurde eS dennoch aufrecht erhalten und eS kann keinem entgehen, daß Juden und Türken zu den erklärten Feinden der christlichen Religion gehören. Diese Richtung verbreitete sich denn auch mit rapider Schnelligkeit nicht bloß in den englischen, sondern auch in den französischen Logen. Es genügt, wenn ich erwähne, daß die frechsten Verschwörer gegen das Christenthum, die Rottenführer der Encyklopävistenbande, als da waren Alembert, Condorcet, Diderot, Harpe, mit ihrem Anhang sich auf den Rath Voltaire'S im Jahre 1763 in den Freimaurer-Orden aufnehmen ließen; sie vereinigten sich mit der Loge vom Großorient und an die Spitze im Orden traten, außer dem als Chef erwählten, in der Revolution so entsetzlich gebrandmarkten Herzog Philipp von Orleans, Condorcet, Mirabeau, Brissot, SieyeS u. s. w. Diese Namen reichen hin, um darzuthun, wie in Frankreich in dem berüchtigten 13ten Jahrhundert die Logen der Sammelplatz für die frechsten Rebellen gegen Kirche und Christenthum waren, von wo aus der Krieg gegen die christliche Ordnung in ganz Europa organism wurde. Denn diese franzö- ') Schles. Kkchenbl. 203 fischen Maurer hatten in allen Landen ihre Bundesgenossen; am französischen Hofe wirkten in ihrem Geist und mit ihnen eng verbunden Graf Argenson, die Dirne Pompadour, der Herzog von Choiseul, welcher namentlich die Zerstörung deS Jesuiten- Ordens bewirkte; in Spanien hatten sie den Minister Pombal als Mitverschworenen, in Preußen arbeitete in ihrem Interesse Friedrich II., in Oesterreich Joseph II., in Rußland Catharina II. Kurz, es gab kein Land, wo sie nicht entweder die Fürsten oder ihre Räthe in ihren Sold nahmen. Natürlich ahnten die Fürsten nicht, daß sie daS Messer sich selbst an den Hals setzten; sie wollten den Preis der Aufklärung und wurden die Helfershelfer nicht bloß der kirchlichen, sondern auch der bürgerlichen Rebellion. Sehr passend scheint hier, was ein Maurer-Haupt Louis Blanc in seiner „Geschickte der französischen Revolution" hierauf bezüglich schreibt, indem er bemerkt: „Obgleich die Freimaurer den am meisten mißtrauischen Regierungen einen nicht geringen Schrecken einflößten, Clemens XII. in Rom sie in Bann that, die Sorbonne in Paris erklärte, „sie verdienten die ewigen Strafen", so fanden sie doch, Dank dem geschickten Organismus ihres Ordens, in den Fürsten und Adeligen weit eher Beschützer als Feinde. Regierende Häupter, z. B. Friedrich der Große, fauden kein Bedenken, die Maurerkelle in die Hand zu nehmen und daS Schurzfell umzubinden. Natürlich, da ihnen die Existenz der böhern Grade sorgfältig verschwiegen ward, so wußten sie von der Freimaurerei gerade so viel, als man ihnen ohne Gefahr zeigen konnte. . . . . Und so geschah eS, daß die hochmüthigen Volksver- räther (so nennt der Maurer Blanc die Fürsten) durch eine gerechte und merkwürdige Fügung des Zufalls verleitet wurden, die geheimen Pläne, die gegen sie selbst gerichtet waren, in ihren Schutz zu nehmen und blindlings durch ihren Einfluß zu fördern" (ck. Eckert, pgF. 74 u. 75). Leider nur zu wahr; die Fürsten halfen die Religion untergraben, damit die Revolution ohne Hemmung die Könige würge! Ich bemerkte oben, daß dieser in den französischen Logen e nheimisch gewordene antichristliche Geist sich auch in andern Ländern Eingang zu verschaffen wußte. Man richt-: sein Augenmerk auf Deutschland, wo Professor Weishaupt zu Jngolstadt den von ihm gegründeten berüchtigten.INu- minaten-Orden dem Freimaurerorden einverleibte (Eckert 87). Welche Art Leute durch diese Einverleibung die Freimaurerei in sich aufnahm, möge deS Kurzen erörtert werden. Weis Haupt, der daS Christenthum läutern und die ächte Humanität in die Welt einbürgern wollte und daher vorschrieb: „in seinen Bund passe nur, wer außer unzähligen schönen Eigenschaften, begierig sey, sich über alles niedrige Interesse hin. wegzusetzen, wer, wo eS um Wahrheit und Tugend zu thun se», sich über den Beifall des großen Haufens hinwegsetze," dieser Weishaupt war, wie gewöhnlich die erbitterten Feinde deS positiven Christenthums, ein erbärmliches Subject. In einem seiner später von der bayerischen Regierung in Beschlag genommenen Briefe bekennt er in Gefahr zu stehen, Ehre und Reputation zu verlieren, indem er in unlaulern Verhältnissen mit seiner Schwägerin gelebt und ist für seine Person nicht gegen die verbrecherischsten Mittel, um seine Reputation zu retten (Eckert 83). Seit dieser Verbindung der Jlluminaten mit den Freimaurern ist in den Orden auch in Deutschland jener unchristliche Geist vollends eingedrungen, von dem ich schon in Artikel I Proben geliefert. Und wenn dieser Geist offenbar ein verwerflicher ist, wie kann in dem Orden ein Mensch verharren, welcher an der Göttlichkeit deS Christenthums festhält? Und wie darf ein Geheimbund geduldet werden, unter dessen Schatten sich erbitterte Verschwörer gegen jene heilige Religion seit lange verborgen, welche doch die Grundlage des gesellschaftlichen Wohlergehens ist? WaS nützt eS den einzelnen OrdenSobern, wenn sie auch gegen diese Elemente Protestiren und sie als Mißbräuche schildern wollen, da sie den Mißbrauch nicht hindern und abstellen können? Daß eine große Zahl der Mitglieder in diesem Geheimbunde nicht weiß, was sie thut und nur einer unschädlichen Brüderschaft anzugehören glaubt, ist wahrscheinlich; allein daß diese „unschädliche Brüderschaft" in ihrem jetzigen Zustande vom christlichen Standpunct aus 204 durchaus verwerflich, weil das positive Christenthum untergrabend ist, wer kann das läugnen? Denn nicht bli«<5 ^ VRAKTUUS ^ ' " > " a,»sil? »i^l ch>,slüg ninn i>.!.cl^-lttzuo ,n?gisiiji7of n-ni^m >7»li^i 7ui n,?«E n^n^chölch?,^ u,l iuo n,-lnutT 'o'httr"^ "'^^ "L-> 6>L >b» n^choun-a ^^nu 7i« lnig^ ichk,inzttiW islU i?" idr.ii aini .-'luvtZ. ini ijiimivÄ. »üijZ't i-'l M..rA«gsburgcr PostMimg. >tgv^I?g childiilr, chim ?»tn^ oiiil .!«mW 7'tfchlicüiun^ »i .blAih^^ Vnu 7,j ,»^.^ Kl uz 4. Juli ^„j^ „„.i chilctn, «dl Ä m^i!^ l85)S. _>->"^ -NA-^I Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Tonntage. Der halbjährige Abonuemcntsprcis HlV kr., wofür es durch alle köni'gl. bayer, Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werde» kauu »oll^-üilL N^r^ !dil!Zröll nZÄllittZ ^Iills a»u bliüM Udjl chlllf^cil N»'ZI1UI?S Iwu ltj!iil autt AuS einem Bericht über die von G. F. Brinbesis im I. 1830 im u> , . cr,^^-- ^- an den apostol lochen De legalen Blschof von Syra. libäi! ».Yen 15. Mai gegen sechs Uhr Abends lichteten wir die Anker und verließen den Has/n von Syra, Die See war spiegelglatt, und schon kommenden TageS um sieben Uhr Morgens liefen wir im PyränS ein, wo zwei französische, ein englisches und ein österreichisches Dampfboot, so wie eine russische Brigg vor Anker lagen. Da mir bei meinen vielen Geschäften in Athen nur kurzer Aufenthalt gegönnt war, so verfügte ich mich gleich nach der h, Messe in die Hauplstadt, übergab dem Superior der Missionen in Attika meine Briefe, und verfügte mich inS Schloß um den mir ertheilten Aufträgen nachzukommen. Hierauf ging ich zu dem Gesandten der französischen Republik, Herrn Thouvenel, welchem ich den ganzen Hergang der gräulichen Verwüstung der französischen und bayerischen Monumente auf den Feldern von Navarin und Modon auseinander setzte. Derselbe, höchlich erstaunt über einen sol- chen VandaliSmuS, bat mich, ihm bei meiner nächsten Hierhcrkunft einen ausführlichen Bericht hierüber vorzulegen, damit er beim Ministerium des Innern seine Klage formell begründen und die geeignete Genugthuung fordern könne. In den PyräuS zurückgekehrt erfreute ich mich der gastfreundlichen Aufnahme beim dortigen Missionär, und ging dann sogleich an Bord des Dampferö, um mlt dem Frühesten nach N aupIia abzugehen.^ m>^,-^ Hier verweilte ich fünf Tage, und reiste dann zu Schifte nach MiluS. Der im Sommer gewöhnliche Seewind schwellte die Segel unseres kleinen Fahrzeuges so gut, daß wir schon nach dreiviertel Stunden die Bucht durchschnitten hatten. Sogleich stieg ich zu Pferde, durchritt die Felder von Chivcr! und bestieg die Berge von Kolvssurli. Nachdem wir die Höhe erreicht hatten, bewunderte ich das herrliche Panorama, welches die Küste, die Berge und der Golf von ArgoliS bitten, und während sich ganz besonders meine Augen an dem südlichen Horizonte, von den Jllselu" Speiia und Hydra begränzt, weiteten, neigte sich die Sonne zum Untergänge und die Dämmerung entzog die entfernteren Berge meinen Blicken. Nach wenigen Augenblicken beleuchtete das Licht deS MondeS unsern bald gefährlichen, bald gut geebneten Pfad bis nach Achladhocambo. Die Stille dieser tiefen Thäler mit ihren riesigen Schatten schien uns kleinmülhig zu machen; die auf den Bergen zerstreuten Feuer der Schafhirten bewiesen uns jedoch die Nähe von lebenden Wesen. Nach zweistündigcm, beschwerlichem Ritte, hie und da von Hundegcbell unterbrochen, fanden wir uns in d r berühmten Hütte von Dusa, ich sage berühmt, weil König Otto einst hier abstieg. Für den, der noch nie in Griechenland eine Reise zu Land gemacht, ist es nicht möglich, sich eine richtige Vorstellung von einem Landwirthöhaüse zu machen. .httng-k(lr>i?!^r,h!5t«Ä. Wehe dem Reisenden, der nicht Bett und Küche mit sich führt oder sich mit Zwiebel und Knoblauch zu sättigen und am bloßen Boden zu schlafen gewohnt ist. Ich hielt eS für besser, meinen Weg fortzusetzen, allein weder mein Führer, noch sein Pferd vermochren eS. Ich legte mich daher ein paar Stunden auf den durchlöcherten Boden der besten Kammer im Hause, und nach ein Uhr Mitternacht setzten wir unsere Reise fort. Doch auf welche Weise! Gequält von dem erduldeten und noch schneidenden nächtlichen Froste, noch mehr aber von der Furcht vor Dieben beunruhiget, begrüßte ich Jeden, der uns begegnete, in freundlichster Weise, und hätte mich glücklich geschätzt, eine, wenn auch weniger höfliche Antwort zu erhalten; allein ich erhielt öfters auch diese nicht. ^. ^ . Nach einem Wege von fünf Stunden sah ich endlich zum dritten Male die Hauptstadr Arkadiens wieder, so wie meinen theuern Freund Herrn vr. Schimpfle, der mich, wie im verflossenen Jahre, in seinem Hause beherbergte. Ich vergaß alle Beschwerden der Reise in den Umarmungen meines besten und liebenswürdigsten WirlheS. Die Stadt Tripolitza wurde vor 25 Jahren von Ibrahim Pascha zerstört, und liegt acht Stunden westlich von MiluS und fünf Stunden nördlich von Mrgalo, poliS, ihre Bevölkerung besteht in 6—8Vöt> Seelen; größtenlheilö wohnen bier Eisen- und Kupferschmiede, Katholiken befinden sich hier keine, als der obenerwähnte Arzt und sein Diener, ein Venezianer, welche am darauffolgenden Sonntag TrinitatiS die heiligen Sacramente der Beicht und Communion empfingen. Obschon mein noch weit entferntes Reiseziel mir keinen längern Aufenthalt gestattete, so verschob ich doch meine Abreise bis nach dem heiligen Fronleichnamsfeste, während dessen ich nicht auf der Reise seyn wollte. Ich machte mich daher erst den folgenden Freitag auf den Weg, und kam den nächsten Tag in Begleitung zweier Gendarmen nach Kalamata, wo ich in der Kaserne St, Floro übernachtete. «Kalamata, der Hauptort des peloponnesischen Paradieses, ist berühmt durch seinen Feigen-, Seiden- und Oelhandel, und wird v^n 4000 Mainoten, Messeniern und FestlandSbewohnern bevölkert, unter denen sich zwei europäische Aerzte, von welchen einer ein Deutscher ist, sich befinden. DeS letztern Gastfreundschaft benützle ich Heuer vierzehn Tage lang, und obgleich derselbe Protestant und seine Frau schiömatische Griechin ist, so Überhäuften mich doch beide mit Artigkeit. Ich kam an einem Samstage hier an und hatte also nicht Zeit genug mich genau um die Zahl der hier wohnenden Katholiken zu erkundigen, ich erfuhr indeß, daß deren bloß fünf oder sechs, meist Lombarden hier seyen, welche in den Seidenfabriken arbeiten. Da diese von meiner Ankunft Kenntniß erhielten, wohnten sie den folgenden Tag der heiligen Messe bei, die ich in einem Saale meiner zuvorkommenden Gastfrennde feierte, doch machten sie keinen Gebrauch von den^heiligen Sacramenten der Buße und des Altars. Kaum waren zwei Tage in der herben Erinnerung dieser geistigen Lauheit verstrichen, so hörte ich auf einem Spaziergange unter den vaterländischen Lauten italienische Worte sprechen; ich nähere mich, und bemerke unter der griechischen Fustanella die europäische Tracht. Ich fragte daher die Fremden, ob sie Italiener seyen, und wie lange sie hier wären. Obschon sie aus der Sprache vermuthen konnten, daß ich ihr LandSmann, also Katholik sey, erriethen sie dennoch nicht, daß ich Priester wäre. Die Neugierde, oder besser mein Wunsch, ihre Zahl, die Zeit ihreS Aufenthaltes und ihre Absichten kennen zu lernen, vervielfältigte meine Fragen, und bestimmte mich, ihnen meinen Zweck zu entdecken. Ich näherte mich einem derselben, der ihr Vornehmster schien, und sagte ihm im Vertrauen, daß er meinen Eifer nicht übel nehmen möchte, da ich keine andere Absicht habe, als ihr geistiges Interesse zu fördern, und im Falle sie von den Gnadenschätzen unserer heiligen Kirche Gebrauch maclM möchten, sie in mir einen Priester derselben vor sich sähen. Ehrwürdiger Vater, rief er aus, während die innigste Freude aus den Augen der Uebrigen glänzte, ehrwürdiger Vater, ich bin ein katholischer SchiffSiuhrer aus Apulicn, habe zwei mit Segeln versehene Fischerbarken und mein SchiffSvolk, das in zwanzig Personen besteht, ist sämmtlich katholisch; nach achtzehnmonallichem Aufenthalte in diesen Gegenden S11 sind wir herzlich erfreut einen Priester unserer heil. Religion zu treffen, und bitten, uns die Zeit und den Ort zu bestimmen, wo wir unsere religiösen Pflichten erfüllen können. Die gegenseitige Freude, und die lange Unterredung hatte die Neugierde der umstehenden Moreiten erregt; um derselben zu entgehen, brach ich kurz ab, lud meine ReligionSgcnossen auf Samstag AbendS oder Sonntag früh ein, Beichte abzulegen und beurlaubte mich. Dieser glückliche Zufall bestimmte mich gegen meinen frühern Plan noch acht Tage hier zu verweilen. Damit indeß diese Verzögerung nicht zum Nachtheile anderer Gegenden gereiche, besuchte ich inzwischen daS Siädtchen Nist, zwei Stunden südlich von Kalamata, wo ich nach einem äußerst beschwerlichen Ritte leider nur drei Katholiken fand, einen mit einer Griechin verheiratheten Malleser, und einen Franzosen, der mit einer Italienerin im Concubinate lebte, und dessen zwei Kinder von Schismatikern aetauft und erzogen wurden. Würdige Früchte ihres legalen und sittlichen LebensI Der Erstere durch seine Verhältnisse an den hiesigen Aufenthalt gebunden, Halle seinen Sohn in Ermangelung eines katholischen Priesters von einem Schismatiker laufen lassen. Dieser wünjchte nun die heiligen Sacramente zu empfangen, allein die Umstände erlaubten eS nicht. Vor Kurzem hatte sich hier auch eine Gesellschaft französischer Seidenfabricanten gegründet, unter denen ich einen einzigen Katholiken fand, der seit dreißig Jahren mit einer Griechin verheiralhet ist und einen Sohn hat. Weder von dem Einen, noch von dem Andern wurde ein Verlangen ausgedrückt, ihren religiösen Pflichten nachkommen zu wollen. Der geringe Erfolg, der bei solchen Katholiken erwarlet werden konnte, beschleunigte meine Rückkehr, nach vierstündigem Aufentbalte machte ich mich wieder auf den beschwerlichen Weg. Nicht weniger unangenehm war meine Reise zu Meere nach Koron, welche ich während der Nacht in einem Schifferkahne unternehmen mußte; die weißen Gipfel deS TaygetoS verbreiteten eine Kälte, gegen die ich mich in dem offenen Fahrzeuge kaum zu schützen wußte. DaS unter der venetianischen und türkischen Herrschaft wegen seiner Befestigungen, die nun in Trümmer liegen, ehemals so berühmte Modon zählt ungefähr tausend Einwohner, und unter diesen lebt eine katholische Familie von sieben Individuen. Da diese Leute äußerst arm waren, so entschlossen sie sich auf meinen Rath nach Athen zu gehen, weßhalb ich ihnen bei Dr. Brachmann in Kala- mata 80 Drachmen anwies. Den 9. Juni als den fünften Sonntag nach Pfingsten schon vor Aufgang der Sonne suchte eine Anzahl von 18—20 Personen ihren geistlichen Vater auf, der sich in diesem Augenblicke für den Glücklichsten der Sterblichen hielt, und Thränen der Freude vergoß. Ihr unerschütterlicher Glaube, und ihre einfache Sitte, so selten in unsern Tagen, besonders bei Seeleuten, bewiesen ihre HerzcnSeinfalt. Nach ihrer aller Beichte hielt ich in Chorrock und Stole vor dem kleinen Altare eine italienische Anrede an sie, welcher sie mit der größten Aufmerksamkeit und mit Thränen im Auge zuhörten; und obgleich mein Eifer mich fast eine Stunde lang zu sprechen hinriß, verharrten doch viele derselben die ganze Zeit in knieender Stellung selbst bis nach der darauffolgenden heiligen Messe, der auch sechs italienische Flüchtlinge und zwei Malteser beiwohnten. Einer dieser Letztern hatte sich zum Zwecke der Verheirathung vor 22 Jahren nach dem Landesgebrauche salben lassen, und so seine Religion ver« läugnet, wenigstens äußerlich. Kaum hörte er jedoch von einem LandSmanne, daß ich katholischer Priester sey, so kam er von der göttlichen Gnade angeregt mich aufzusuchen, warf sich zu meinen Füßen und bat um Vergebung, indem er eS ganz meinem Ermessen anheimstellte für ihn und seine zwei Söhne zu thun, was ich am förderlichsten hielte. Da ich jedoch befürchtete, seine öffentliche Konversion möchte ihn einer Verfolgung aussetzen und so die Bekehrung seiner zwei Söhne hindern, so rieth ich ihm ungesäumt nach Syra zu gehen, und gab ihm Empfehlungsbriefe; dieses versprach auch der andere Malteser. Um indeß wieder auf die Vorerwähnten zurückzukommen. Wahrhaft rührend war die Erscheinung dieser Reuigen vor dem Altare, den sie in einem Halbkreise umgaben und wo sie in größter Andacht auf den Knien SIS liegend den eucharlstischen Gott anbeteten, den sie nun bald wahrhaft und wirklich empfangen sollten. Wie sie beim AgnuS Dci so reuig an die Brust schlugen, wurde ich so gerührt, daß ich, die heilige Hostie in der Hand, mit ihnen noch eine kurze Betrachtung über die drei theologischen'Tugendcn anstellte, um dadurch ihren Glauben, ihre Hoffnung und Liebe zu dem Gottmenschen noch zu vermehren, was auch auf die übrigen Umstehenden, die meistens Akatholiken waren, einen liefen Eindruck machte. Nach der heiligen Meste kamen sie mit kindlicher Liebe und Ehrfurcht zu mir, küßten mir die Hand, und sagten: „O hätten wir doch öfter diese Gnade, wie glücklich würden wir uns schätzen!" Bevor sie sich verabschiedeten, baten sie mich an Bord ihrer Fahrzeuge zu gehen um diele z» segnen, was ich auch gleich nach Tische that; alle wohnten der Feierlichkeit mit entblößtem Haupte bei und sangen einstimmig die Responsorien, was die in großer Anzahl aus Neugierde hcrbeigekommenen Griechen in nicht geringe Verwunderung setzte. Da mir die Mission hier nicht länger zu ver« weilen gestattete, entließ ich diese guten Leute den 15, Juni und ging nach Navarin. Bei meiner ungefähr nach 2 Uhr Nachmittags erfolgten Ankunft wuchs meine Freude, als ich jene theuern Seelen wieder sah, die ich seit dem vorigen Jahre nicht gesehen. Wenn jedoch bei meiner Abreise von Kalamata mein Herz blutete, als ich jene guten Menschen verlassen mußte; so tröstete mich hier der liebe Gott durch die Nachricht, daß seit dem verflossenen Jahre unter den wenigen Gelreuen kein Abfall zu beklagen sey. Nichts desto weniger mischte sich auch hier ein bitteres Gefühl in meine Freude. Ein Mädchen, welches vor einem Jahre auf meine Verwendung mit ihrer Mutter in daS Vaterland zurückkehrte, war wieder, wie ich vernahm, zurückgekommen, um sich mit einem Griechen schismatisch trauen-!zu lassen. Da ich an einem Samstage ankam, so wollte ich meine Navarinioten nicht ohne heilige Messe lassen, und verschob daher meine Reise nach Modon auf den Montag; indessen suchte ich jenes Mävchen auf ihre religiösen Pflichten aufmerksam zu machen, meine Ermahnungen blieben jedoch ohne Erfolg. Obwohl ich ihr die Mißstände einer gemischten Ehe und die Gründe auseinander setzte, weßhalb die Kirche sie nicht billige, und sie zugleich aufmerksam machte, daß ich für diesen Fall mit aller Vollmacht versehen sey, sie nach Vorschrift unserer heiligen Kirche zu trauen, wollte sie dennoch auS Furcht ihrem Bräutigam 'zu mißfallen auf dem gefaßten Entschlüsse beharren. Im Hause eineS Griechen wohnend und obschon innerhalb der geheiligten Gränzen meiner geistlichen Jurisdiktion, welche aber in dieser Stadt ganz unbekannt war, wollte ich dennoch den Vorwurf ver Proselytcnmacherei vermeiden, und verließ die Stadt. Ich begab mich auf den katholischen Kirchhof, welcher mit 30—40 Monumenten von Marmor geschmückt war, und die Gräber französischer und bayerischer Officiere bezeichnet Halle. Allein der Geiz der Modonesen halte sie ihres Schmuckes beraubt und ein gewisser Türkenknecht wollle sich selbst der geheiligten Erde bemächtigen, die mit dein Pfluge umgewühlt wurde. O schändliche Barbarei! Die theuersten Reliquien unserer neuesten Geschichte, die edlen Ucberrestc der Verlheidiger unserer hellenischen Freiheit, zerstreut und zertreten von jenen, welche sie von dem türkischen Joche befreit! Mit gerechtem Ingrimm, muß dieser VandaliömuS in den entfernlesten Theilen der Erde jedes menschliche Herz erfüllen und selbst zum Himmel um Rache schreien! — Hier fand man aber dieses Verfahren nicht auffallend: eS waren ja die Leiber keiner Orthodoren, alles lheilte sich in den Raub, und der französische Consul in Navarin hatte sich bloß um die Lebenden zu kümmeru, die Todten sollen für die Todten sorgen! — Die göttliche Vorsehung ließ aber diese undankbare Enthciligung nicht im Verborgenen. Schon im vorigen Jahre erstattete ich hievon umständlichen Bericht, damit er zur Kenntniß der Regierung komme, und ich hätte denselben in den Druck gegeben, wenn Europa nicht von der Geisel der Revolution heimgesucht und die Angehörigen dieser Verstorbenen in Trauer versetzt worden wären. Allein es geschah nur so viel, daß-Ndij?! Locaibehördcn hierüber befragt, die Sache möglichst bemäntelten. Doch fehltieS nicht an Männern in Modon, Navarin und Athen, welche der Wahrheit Zeugniß gy^IVVpMjli jchognl? i!»iij57g ni sss ?m 5nu n,6vgmu sfMdloZ. msni» ni n»? 213 In Modon fand ich nur vier Katholiken, von denen zwei meine Einladung zum Empfang der heiligen Sacramente damit ablehnten, daß sie vor acht Monaten die« selben in ihrem Vaterlande empfangen, wcßhalb ich noch denselben Tag nach der katholischen Metropole von Messenien zurückkehrte. Obgleich die doriige kleine Kirche zu verfallen droht, wenn nicht Hilfe geschafft wird; so fand ich dennoch bei den kalholischen Bewohnern die Glaubenstreue ihrer Bäter. so, daß von den 56 Seelen, welche diese Gemeinde bilden, kaum zwei vom Genusse der kirchlichen Gnadenmittel ausgeschlossen blieben. Welch ein Trost war c« für mich, und welche Erbauung für die Gemeinde, als auch vier Gefangene mit rührender Sindacht sich dem Tische deS Herrn nahten, wozu sie nicht die Furcht vor ihren Wächtern, sondern die Liebe zu ihrem Gott bewogen hatte. Nachdem ich vom 15. bis 23. Juni hier verweilt hatte, reiste ich am Vorabende der heiligen Apostel nach Gargagliano ab, wo ich nur einen sicilianischen Bäcker und einen Apotheker auS der Nomagna fand, die sich wenig um meine Ermahnungen kümmerten. Ein italienischer Flüchtling. Arzt, war eben abwesend, und eine Palermiianerin mit ihren vier Töchtern wagte eS nicht aus Furcht vor dem schiSmatischen Vater als Katholikin sich mir darzustellen. Da ich also hier nichts zu wirken vermochte, reiste ich den folgenden Tag nach Philiatra Und kam nach drei Stunden Weges morgens acht Uhr daselbst an. Ich celebrirte im Hause des Herrn I)r. Sagnolo auS Venedig die heilige Messe; weil die Zahl der Katholiken nur vier bis fünf betrug, die vor kurzem erst die heiligen «sacramente empfangen hatten, so setzte ich ollne Aufenthalt meinen Weg über Chiparissia und Pirgo nach Patras fort. Vier Tage und drei Nächte hatte ich die Beschwerden der Reise zu erdulden. Die erste Nacht brachte ich in der Nähe des lZhanS von Vuzi auf einer Insel deS FlusseS, wegen der Unzahl von Flohen und Mücken aus dem bloßen Boden zu; die zweite auf einem Balcone und die dritte unter Bauern in einer Scheune. In Gargagliano wurde ich von den Loealbehörden gut behandelt, eben so in Philiatra, wo ich dnrch die Frömmigkeit und Gastfreundschaft des oben genannten ArzteS und seiner Frau ganz besonders erfreut wurde. DaS Gegentheil widerfuhr mir aber in Pirgo. Ich hoffte dort nach den Mühsalen cineS überaus beschwerlichen WegeS in dem Hause eines hannoveranischcn GeometerS, ZerS mit Namen, Ruhe und gastliche Aufnahme zu finden, erfuhr aber das Schicksal eines Reisenden, der ermüdet auf einer Rasenbank auszuruhen gedenkt und sich plötzlich in die Klauen eineS giflsprüheuden Drachen gerathen sieht. Dasselbe erfuhr ich in moralischem Sinne. Indem ich mir schmeichelte eS möchte dieses ein Katholik, oder doch wenigstens ein Mann seyn, in dessen Adern noch ein Tropsen gastfreundlichen deutsche» BluteS fließe, fand ich einen fanatischen Lutheraner, der keine Erziehung, keine Sitte und Mäßigung kannte. Kaum hatte er in seiner Muttersprache von seinem müden Gaste vernommen, daß er mit einem katholischen Missionär zu thun habe, entfernte er sich unter dem Vorwande für den hungernden Adopliv-Eohn seines Vaterlandes Etwas zu besorgen, und ging hin mich bei den Behörden als Spion deS Papstes anzugeben. Ick ward sogleich zur Polizei gerufen, und fand dort die Vorstände der Civil-, Militär- und Kirchenbehöide. Nachdem sie meine Papiere in Ordnung gefunden, unterwarf man mich einem weitläufigen Eramen. Der Eine verlangte meine Dimissorien. ein Anderer wollte wissen, wann und wo ich celebrirt hätte, wieder Einer, wo ich studirte, wer mich zum Priester vrdinirte, und auf wessen Geheiß ich in die Mission gegangen sey. Ich cnigegnete, daß ihre Pflicht sich bloß darauf beschränke, meine Papiere einzusehen, ob sie in Richtigkeit seyen, und daß ich nicht verpflichtet wäre ihnen über rein geistliche Angelegenheiten Rechenschaft zu gebe»; als die ersten Beamten der Stadt dürfte eS ihnen übrigens wohl nicht unbekannt seyn, wer der von der Regierung anerkannte apostolische Delegat in Griechenland sey. Da sie endlich einzusehen anfingen, daß sie mit ihrer vcralorischcn Inquisition nichts bezwecken würden, und sich nur Unannehmlichkeiten zuziehen könnten, gaben sie mir meinen Reisepaß und entließen mich nach Hause. Kaum war ich daselbst angekommen, wurde ich von Besuchern beehrt, die mich auszuforschen trachteten, und da dieses nicht ging, meinen Wirth, der seit 814 den dreizehn Jahren, die er hier lebt, nie einen Tropfen Wasser auf die Zunge brachte, mit Wein regalirten, um ihn in einen Zustand fortgesetzter Schmähungen zu versetzen. Guter Gott! wie schmerzlich fiel mir sein Gebahren, ich mußte selbst für mein Leben fürchten, und wagte eS daher nicht, meine müden Glieder auf das Lager auszustrecken und meine Augenliver zu schließen, und geschal) dieses auch manchmal auS übermächtigem Bedürfnisse der Ruhe, so wurden sie wieder durch unmenschliches Gebrüll aufgeschreckt, bis endlich eine mit inS Bett genommene Flasche vollkommene Fühllosigkeit herbeiführte. Ich zog nun sogleich eine Malraze auf den Balkon, verschloß die Thüre von außen, und erlangte endlich wonach ich mich so sehr gesehnt hatte. — Die frühe Ankunft deS Führers und der lebhafte Wunsch, vor dem Erwachen meines rohen, ungeschliffnen Wirthes mich zu entfernen, bewogen mich, ohne einen Bissen Brod abzureisen. Der Hünger. die sengenden Strahlen der Juli-Sonne und noch mehr die schlaflos zugebrachte Nacht, machten mir den Ritt sehr beschwerlich, um so mehr da die ausgedehnten Fluren von Gastuni ein Vorwärtskomme» wenig merklich machten. Auf diesem ganzen Wege fand ich nichts als eine gelbe Gurke, von der ich selbst die Rinde noch genießbar fand um meine Eßlust zu befriedigen. Nachdem ich einen großen Wald von sechs Stunden halb durchritten, fand ich Gelegenheit ein Stück schwarzes Brod und etwas Käse zu kaufen, und dieses einfache Mahl hielt ich für das köstlichste, das ich in meinem Leben genossen. Nach ein paar Stunden der Erholunq machte ich mich zum benachbarten Kan auf den Weg, den ich auch bald in der Ferne gewahr wurde. Allein die Hoffnung hier Ruhe zu finden, wurde bitter betröge»; die ungewohnte Nahrung ließ mich nicht ruhen, noch weniger jedoch der quälende Stich der unermeßlichen Sckaar von Mücken, die hier hauseten. Ich war genöthiget den größten Theil der Nacht im Freien herum zu gehen. Gegen zwei Uhr nach Millernacht, nachdem der Mond am Saume des Horizonts sichtbar geworden, machte ich mich wieder auf den Weg, und kam um acht Uhr Vormittags den 9. Juli im Hause unserer Mission zu PatraS an. Hier blieb ich zehn Tage, besuchte dann Vostiza und Corinth, und da ich in letzterer Stadt nur fünf bis sechs Katholiken fand, die wenig Heilsbegierde zeigten, kehrte ich wieder auf meine vaterländische Insel zurück. „ni, ^uo^kMnM.^HH.W^ni^ !!.-?- hb'Z 7ll»,-z, "s sm,jdl,WK m?liifiiiiM>k) Szni, li?uk!N. si? ni chilZö^ Hs j ^-„i ,?nz?,g ll.Mriizhuo 1iir»i m»1»L .ZiuiiI llnchfillnvm m chi 5'UH5bv? .^»j, N'i(itbl'-st »»chrnT Der Freimaurer-Orden in seiner wahren Bedeutuna. ""'^ p)l Äiirij >!i??uf hsiiilv! i!/'r? n^chii'Aiiniinkg /i>!(»«7^. nn "ii?"Zi? n'iis'i? .5lIMI,i ßNUMkM lZttll .5lljZ Zlliü? .Vttlljl^Ä 5M'^ 7^7 ,7'iürn.^U!? Iizchjilonv^ N>N!» z^,,^W>r haben aus den sprechendsten Thatsachen und Bekenntnissen die Stellung der Maurerei zur Kirche und zum positiven Glauben u»S vergegenwärtigt, und man wird cingestehen müssen, daß diese eine feindliche sey, zumal nicht bekannt ist, daß die höchsten Ordensautoriläten jemals gegenüber ihren unchristlichen Untergebenen die christlichen Grundsätze gellend gemacht oder wohl gar die offen anlichristlichen Elemente ausgeschieden hätten, waS sie natürlich vermöge der leitenden Ordensgrundsätze nicht konnlen. Advvcat Eckerl uulerwirft aber auch die politischen Tendenzen, welche sich an einzelnen Maurer», so wie an ganzen Logen geoffenbart, einer gründlichen scharfen Krilik, und eS wird unsere Aufgabe seyn, »»»mehr diesem Theil des ausgezeichneten BncheS unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Schon oben vernahmen wir, wie die deutschen Ordcnöobern in dem angeführte» Manifest bekannten, daß ein großer Theil der Maurerei „unter dem Schilde deS MenschenglückS alicS Menschenglück zum Raube zu machen gestrebt, daß durch ihn die Menschheit ans ganze Geschlechter hin vergiftet und verführt worden, daß man Menschenrechte erfand, die selbst im Gesetzbuch der Natur nirgends anzutreffen und die Völker aufforderte, die Rechte ihren ,>'l>!i»'j inikdu^T no? chj !,iiu<7! . lnlnmhiigliv tWz1v4 mur-A chrm jjz? ?H HchlHWrchMkn v V"iü tch>» ösi'^ ^ 6nu ,nzMchv?i nzchsi^uiSuc» chim 815 Fürsten abzudringen und den Plan einer allgemeinen Zerstörung in Wort und That verrieth" (Eckert 131). Ob man nun auch im Manifest diese Tendenzen gebrant- markt und als scheußlichen Mißbrauch darstellt, so viel wird klar werden, daß der Maurerbund von den erklärtesten Feinden der Monarchie u»v christlichen Staatsordnung gebraucht oder gemißbraucht und so eine Quelle zahlloser Uebel geworden, an welchen die Gesellschaft noch heute blutet und sich verblutet. Nach obigem Selbstbekenntniß kann es nicht ohne Bedeutung seyn, daß, wie Eckerl hervorhebt, „vor jeder großen RevolutionSperiore ein europäischer Freimaurer-Congreß statt fanv, so zu Paris 1785, zu Straßburg 1847 und in der Schweiz Ende 1348 vor dem Frankfurter Sturm auf die Nationalversammlung " Merkwürdig wenigstens bleibt diese Thaisache, mag man auch nachweisen, daß dort eine große Zahl Männer versammelt gewesen, welche mit den Revolutionen nicht im Geringsten zu schaffen gehabt. Denn daß viele unwissend über viele Zwecke vieler Ordenöglieder sind, wer kann daö läugnen, da der Freimaurer Venlurini in seiner Geschichte der Freimaurerei übereinstimmend mit Louis Bianc (bei Eckert pgA. 2l) ausdrücklich sagt: „Höchst erfreulich ist der Zutritt der Fürsten, Prinzen ic. Wenn jene Großen auch nicht den Bau als Werkleute befördern dürfen, und die Maurergeräihe nur von Silber niedlich verjüngt im Knopfloch tragen, so sind sie doch für den Bund wichtig durch ihren Reichthum als Bauherren, oder durch ihren weit ausgedehnten Einfluß im Staate. Zudem sind solche geheime Verbindungen, so frei und selbststäncig sie auch erscheinen mögen, doch gar zu abhängig vom guten Weiler von Obenher und gedeihen nur im Sonnenschein. Wo der Fürst schmollt, besorgt man Ungnade sich zu erbauen. . Mögen die vornehmen Gäste von höchsten, hohen und nicht hohen Graden immerhin befreit seyn von der Pflicht, im Schweiße deS AngestchlS zu bauen, nur dasitzen, wie Martins Ha üben stock, so befruchtet doch ihre Gegenwart Viele." Wenn also die höchsten Personen nur zum Geldzahlen unv zur Anfeuerung dasitzen und jedenfalls über die letzten Zwecke im Dunkel bleiben, warum sollen nicht auch minder Vornehme bloß Dienste leisten, ohne die Geheimnisse zu kennen und sie zu billigen? Ist ja doch Geheimniß und Mißtrauen selbst unter OrdenSgliedern durch die Funda« mentalgesetze der Maurerei privilegirt. UebrigenS wozu mit einem bloß auffälligen Factum unS beschäftigen, wenn wir bestimmtere Thalsachen zur Beurtheilung haben? In dem Ausnahmsritual in den Grad eines schottischen Meisters unv AndreaS- RitterS lieSt man laut Eckert paZ, 353: „Niedergerissene S>ufen der Treppe und Mauer können dienen, sie gleicherweise zu erinnern, daß die Festung und Mauer deS Aberglaubens, der Tyrannei und der Betrügerei niedergerissen werden müsse, wenn die Wohnung und der Tempel der wahren Gottesfurcht, der Freiheit und Redlichkeit bestehen könne." Ob die Erklärung EckertS falsch ist, der unter dem Aberglauben die Kirche und unter der wahren Gottesfurcht daS sogenannte OrvenSchristenlhum, unter Tyrannei die Monarchie als Gegensatz der OrvenS- Republik versteht? Daß unzählige Maurer die mysteriöse Stelle so verstanden, bezeugt die Geschichte. Wenigstens steht dieß von den Puritanern und Jndependanten fest, welche dem äußern Orden angehörig im Gegensatz zu dem aristokratischen Element desselben König Carl vom Throne auf daS Blutgerüst schleppten und Cromwell zu seinen Blutthaten behilflich waren. Noch evidenter ist dieß von der französischen Maurerei, welche sich im Jahre 1772 unter einer ordentlichen Centralleitung eng zusammenschloß, die Unabsetzbarkeit deS Meisters vom Stuhl aufhob, sich auf demokratischer Grundlage constituirte, fast alle jene Männer in ihren Sckovß aufnahm, die später die Großmeister deS KönigSmordeö und der blutigsten Menschcmchlächteret wurden und die Grundsätze der französischen M.iurerei am 15. Februar 1785 auf dem allgemeinen Freimaurer-Convent nach ganz Europa zu verpflanzen sich bemühte. Von nun an waren die Maurerlogen Frankreichs daS Revolulionölribunal, wo die Pläne geschmiedet wurden, wie man zunächst im eigenen Lande dem Thron eine Concession nach der andern durch Schmeichelei und Drohung abbringen, den König von seinen getreuen Berathern trennen und in die Hände von Verrälhern überliefern, 216 durch fortwährende Straßenrevolten das Volk zum Verbrechen reif machen könne, um endlich die fluchwürdige Schandthat des KvnigSmordeS auszuführen und die Hallunkenherrschaft mit dem Mordbeil zu gründen. Da war eS, wo die französischen Maurer die Heimlichkeit aufhoben und als Ludwig gefangen genommen war, schrieen die Brüder bei Verlesung deS AbsetzungöcecretS in ihrer Loge: „Seht, endlich ist ganz Frankreich nur eine große Loge, die Franzosen sind alle Freimaurer und das ganze Weltall wird es strakS sey», wie wir. Envlich seht den großen Entwurf der Freimaurer erfüllt; Gleichheit und Freiheit; alle Menschen sind gleich und Brüder, alle Menschen sind frei; dieß ist die Wesenheil der Verfassung, der einzige Gegenstand unserer Wünsche, unser ganzes großes Geheimniß. Ganz Frankreich soll zur Ehre der Maurer davon unterrichtet werden, damit eS in ihnen dielwah,ren Urheber dieser ganzen Revolution der Freiheit und Gleichheit erkenne." So jubelten die Maurer, als die katholischen Priester in Ueberzahl sich anschickten, für Gott unv König das Blutgerüst zu besteigen oder in die Verbannung zu gehen! Möchten die Fürsten ausmerken, damit sie nicht mit dem aus Varennes zurückgebrachten König Ludwig klagen dürften: „ich wußte alles dieß bereits vor eilf Jahren; wie ÄN>/r? AMA^^ßnichiiiAHiMrA^ ,.'^ni,4 nnciöf^ !-iii!»Ili!-W vlü likiL Gehen wir auf Italien über, wo als einer der Ersten, welche die Maurern daselbst einführten, der Dichter Lord Byron genannt werden muß. Sie sind unter dem Namen der Carbonari bekannt, erklärten, nach Herrn von o'A rIin co u r t, eineu VeriilgungSkrieg nicht nur den Thronen und Allären, sondern auch der ganzen gesellschaftlichen Ordnung. Sie biivcten unsichtbare Tribunale, durch welche ohne Milleiv der Tod eincö Jeden beschlossen wurde, der ihnen im Wege stand... Sie waren unermüdliche Gleichmacher, Vergaster des Menschengeschlechts und verhießen den Völkern gleichwohl daS golvene Zeitaller. Sie sprachen nur von Gerechtigkeit, Unabhängigkeit, Brüderschaft; allein unter diesen lügnerischen Worten wurde der Aufruhr gepredigt." Unter dem Vorwand wissenschaftlicher Kongresse durchwanderten sie als Verschwörer Italien, warben überall HilfSschaaren, entfernten allmälig alle treuen Beamten der italischen Fürsten unv scheuten, als sie im Kirchenstaat nicht recht an die Person des heiligen VaterS herankonnten, auch den Mord nicht, wie der To? Rossi'S bekundet. Eö gniügt, »m die maurerischen Carbonaris Italiens zu kennen, der Hinblick auf die letzten Ereignisse in diesem Lande und den Ehef des CarbonariSmuS Mazziui, der als europäischer Mordbrenner hinlänglich bekannt ist. d'il -liukttL Äiiu gmiifiL 5i6 ijlllZ .iMAuß sMF,niz5j^-, vif ,nzktti(l innM iiniM nun«' N»Pug1!l0?M jz,,,gü,t!.V 1^ ^11 jz«n»,t?F ,»<< .VN!>-llIvlg7,> tizlü st»F !»r^lj ^mi?smü^ lNbN!»!?iir^ lli »»rr^^zK Ijii , - N!i^filc>(ItV1 Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Tonntage. Der halbjährige Adonnevicntspreis TV kr., wofür e« durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kaun Ein Zeugnis; aus protestantischem Munde. In der „Freimüthigen Sachsen-Zeitung" lesen wir folgenden Artikel: Die katholische Kirche ist in einem neuen, wunrerbaren Aufschwünge begriffen. Ihre Regsamkeit, ihr Leben äußert sich auf allen Gebieten deS GeisteS wie auf dem Markte dcS gewöhnlichen Lebens. Sie ist eS, die unter den Trünimein deS politischen Schiffbruches nach dem Ewigen, dem Festen griff, die. während alle Auloriiät sich auflöste, während der Wahnwitz der Zeit auf den Gassen unv in den Volksversammlungen seine Saiurualien feierte, während die politische Phaiuastik und Theor-e in dem Irrgarten constituircndcr Parlamente umhertaumelte, still ihre größten Eroberungen gemacht hat, und cö ist ein nachoenkenSwenheS Zeichen, daß gerade von der Zeit an, wo der katholischen Kirche jene Feinve erstanden, von denen wohl manch Kurzsichtiger geglaubt hat, sie würden Rom zu Falle bringen können in Deutschland, daß gerade von jenem Tage an, wo die falschen Propheten ihre Um« züge hielten, die katholische Kirche eine Thätigkeit entfaltete, die ihr erst recht neue Kraft und neues Leben gab. Es kam die Zeit, wo fast alle menschliche und göttliche Autorität fiel. Auch Rom fiel. Aber nicht daS Rom, welches eine geistige unv kirchliche Gemeinschaft über dem Erdball bildet; nicht die Kirche RomS, — denn während ihr Haupt fluchtig irrte und man in den Straßen und Tempeln RomS die revolutionäre Fackel schwang, stählte sich die Kraft der eigentlichen Kirche, und cS zeigte sich, daß Rom auch ohne Rom leben konnte. Wie tritt unö heute diese Kirche in Deutschland, in Europa, ja auf dem ganzen Universum entgegen? — diese Kirche, die seit Jahren die härtesten Angriffe und Verfolgungen von fanatischen Gegnern und von der welllichen Macht erculcet hat, deren Güter „säcularisirt", deren Würdenträger verfolgt, eingekerkert und verbannt wurden, deren Thätigkeit ängstlich überwacht, oft gehemmt, deren Organe oft v-l- wundel wurden? Sie ist eine Macht wie keine zweite auf dieser Welt. Ihre Sendboten ziehen in die Thore der großen Städte, der Sipe ihrer Feinde und der Feinde allen Glau> benS, sie bahnen sich ihre Wege in die neuen Welten und erobern hier wie da. Sie hat in Frankreich aus dem Despotismus Freiheit für sich gewonnen, die Tuelbill in England hat ihre Macht nnr erhöht, das herrenlose Belgien nahm sie in Aesih, sie kämpst noch in einigen deutschen, italienischen Ländern und in der Schweiz als eine ächte ticclosia militans; in andern deutschen Staaten, in Oesterreich, tritt sie als Herrscherin auf. Wir Protestanten sehen den Aufschwung der katholischen Kirche an sich nicht mit Schmerz; können ihn nicht so betrachten, denn sie kämpft ja wie wir, für eins, 218 für den christlichen Glauben, und gegen einS, gegen unsern ärgsten, gemeinschaftlichen Feind, den Unglauben. Mit Schmerz aber sehen wir sie alle Siege für sich in Anspruch nehmen und unsere Kirche ohne Siege und ohne Kämpfe, es seyen denn die, welche sie in sich selbst führt. WaS ist es, fragen wir, was der katholischen Kirche so viele Siege vor der evangelischen voraus bereitet? Wir können dem Inhalte der katholischen Lehre nicht zugestehen, daß er eine schärfere Waffe für Kampf und Sieg gegen den Unglauben abgebe, als die ächte lutherisch-christliche Lehre, ll?) ES überschritte wohl Raum und Gränze eines politischen Blattes, dieß weiter auszuführen; aber was uns nahe liegt, worauf wir täglich verwiesen werden, das sind die Symptome der Regsamkeit der katholischen Kirche, ihr Verharren in schwierigen Kämpfen, ihre Festigkeit gegen Pvbelgcschrei und bureaukratische Staatsallmacht, ihre bewunderungswürdige äußere Disciplin, ihre geschickte Benützung der Presse, ihr eroberndes Borschreiten auf allen Gebieten der Wissenschaft, der Kunst, des Geistes. Blicken wir um unS in Deutschland: wo hätte die katholische Kirche sich an Recht und Macht etwas vergeben, wo nicht kühn den Streit darum geführt, wo endlich, wenn nicht gesiegt, doch jemals unterlegen? Der Freimaurer-Orden in seiner wahren Bedeutung. 5) IV. Den Gräueln in Italien gingen die Nichtswürdigkeiten in der Schweiz voran. Auch hier waren es die Caroonari, welche den Unterdrückungskrieg organisirten, den tapfern Streiter für die alte Freiheit, Joseph Leu von Ebersol erdolchen ließen. Daß die Maurerei hier mit dem CarbonariömuS gemeinschaftlich gehandelt, erklärt der belgische Minister Nothomb, welcher der Maurerei untreu geworden, indem er bekennt: „daß die Maurerei jetzt in Belgien in den Händen gewisser Männer zur mächtigen und gefährlichen Waffe geworden; daß der Aufruhr in der Schweiz seinen Ursprung den Machinationen der belgischen Loge verdanke; daß Br. Defaegz, Großmeister der belgischen Logen, im Sommer 13^4 bloß aus dem Grunde eine Reise nach der Schweiz unternommen, um jene Bewegung vorzubereiten." Und an der Spitze der radicalen Armee, bemerkt Eckert, sah man im Kampf gegen die katholische Schweiz denselben General Dufour, der mit den spanischen Rebellen und Maurern, so wie mit dem jungen Europa Verbindungen pflegte. Noch verunreinigter erscheint die politische Unschuld der Maurerei, wenn wir unS nach England wenden. Der Minister Lord Palmer st on ist General-Großmeister des gesammten FrcimaurerbundeS, und er gerade war eS, der die erlangte politische Gewalt und Stellung nur dazu benutzte, um überall die Revolution zu unterstützen. Unter seinem Schutz organisirte sich in London daS europäische NevolutionStribunal, wo die politischen Verbrecher aller Länder ihre Mordpfeile gegen die Gesellschaft wetzten; während seiner Leitung der auswärtigen Angelegenheiten rief ein Mitglied der englischen Gesandtschaft, Lord Minto, im öffentlichen Theater die Unabhängigkeit Italiens auS; der englische Consular-Agent Frenborn durfte einer Mazzinischen Gesellschaft in Rom angehören und zwar als Cassirer, die den Tod des päpstlichen Ministers Rossi beschloß und vollziehen ließ, in Sicilien ließ Palmerston mit englischen Kanonen den Forderungen der Rebellen Nachdruck geben; in Deutschland machte er Front gegen Oesterreich, das die Rebellion mit mächtigem Arm niederdrückte; nach Neapel sandte er in unnachahmlicher Frechheit drohende'Noten, weil dort ein König den Muth hatte, seine Krone und sein Land gegen die Nachkommen der französischen Kopfabschneider zu behaupten. Man müßte die Vernunft verloren haben, wenn man nicht einsehen wollte, daß dieser Großmeister der Maurerei diese aufs äußerste compromittirt und hinlänglich Grund -) Schles. Kirchen«. 219 gegeben, ihre Unterdrückung allenthalben energisch zu bewerkstelligen. Gestehen ja Maurer selbst, daß der Orden zu den schrecklichsten Comploltcn, wie sie sagen, gemißbraucht sey. So Blumenhagen, welcher (ek. Eckert p->g. 266) zuerst auf Frankreich sehend, sagt, daß nie daö Maurerlhum so besudelt worden, wie dort 1793, „wo man in JacobiniSmuS und TerroriSmuS einen brudermörderischenEgalit6, einen bluttrinkenden RobeSpierre an geschändeten Allären daS schlachtende Beil zum Meisterhammer machen und KönigSmorb »nd Gottesleugnung predigen hörte unv wo die Brüder in der Loge schon abgerichtet wurden, in einer schwarzen Höhle daS Eisen in eine menschliche Puppe zu stoßen." Derselbe will auch nicht läugnen, „daß die Carbonori entartete Kinder der Maurerei seyen, daß ihre wildbewegten Logen dicht am Tempel der Maurerei erbaut wurden, wie der bittere Gallapfel wächst auf der edlen Eiche," Wir nahmen zuletzt daS Gcständniß des Maurers Blumenhagen entgegen, daß der mit Mord und Verbrechen befleckte CarbonariSmuS auf dem Maurerlhum erwachsen sey, wie auf der edlen Eiche der bittere Gallapfel. Dieß würde auch ohnedem tein Mensch verkennen können; denn beiläufig gesagt, ein Blick auf den Freimaurer-Convent zu Straßburg im Jahre 1847 und auf die dort erschienenen Persönlichkeiten gibt dafür den sprechendsten Beleg. Hier war nämlich unter Andern der frechste GotteSläugncr und Socialist Ledru Roll in mil seinen Gesinnungsgenossen Proudhon, Blanc, von deutscher Seite Hecker, der großmäulige feige Ausreißer Herwegh, Rüge, der Rongeaner Blum, ferner Feuerbach, Simon, Slruve, lauter Namen, welche im Jahre 1848 aus der politischen Schaubühne auftauchten und die Revolution organisirten und ihr die Richtung gaben. Wie sie sämmtlich Maurer waren, so auch die Koryphäen deS jungen Europa oder veS über Europa ausgebreiteten CarbonariSmuS. Unsers Wissens hat man selbst in Deutschland auch nicht den leisesten Versuch gemacht, diese Brüder aus den Logen auszuschließen; im Gegentheil verblieb zwischen diesen und den gemäßigten Maurern eine freundliche Verbindung bestehen, wie der Besuch darzuthun scheint, welchen der angesehene Maurer von Gagern*) dem deutschen Socialisten-Chef Robert Blum in Leipzig gemacht haben soll. Man wird mir nicht Unrecht geben, wenn ich daraus schließe, daß die Maurerei in Deutschland keineswegs rein geblieben ist von jenen gefährlichen Elementen, welche in ganz Europa daS Recht der Revolution proklamirten. Daß dem wirklich so sey, mögen folgende Selbstbekenntnisse deutscher Maurer außer allen Zweifel stellen. In dem Taschenbuch für Freimaurer Asträa auf das Jahr 18Z3 von Friedrich v. Sydow liest man: „ES wäre unweise gewesen, in den offenen Kampf zu treten; durch Verbreitung von Freisinnigkeit und Unabhängig« keil mußte man allmälig daS Riesendenkmal zu untergraben fuchen, daS diese Ehrsüchtigen erbaut hallen. Im eigenen Schatten einer Autorität arbeitete die Manrerei an dem großen ihr anvertrauten Werk." Daß hier die zahme Revolution verkünlet wurde, geht auS der Fortsetzung hervor, wo eS heißt: „Auf euren Antrieb hat der hehre GeniuS der Unabhängigkeit daS Weltall durchzogen und alle Herzen entflammt; durch euch ist jener edelherzige Aufschwung, der freie Nationen macht, fortgepflanzt worden; mit eurer Hilfe sind die zahlreichen Völker ihrer Ketten entledigt." Sodann wird gerühmt, daß „die glücklichen Umwandlnngen, welche den Völkern verfassungsmäßige Monarchieen gegeben, dem Einfluß der Maurerei zuzuschreiben seyen." In demselben Taschcnbuche vom Jahre 1845 wird die Revolution gerechtfertigt, indem gesagt wird: „Wenn auch die Zerstörung alter Gerüste nach menschlichen Gesetzen strafbar ist, so wird damit doch dem ewigen Gesetze, welches in der Geschichte der Menschheit waltet, genug gethan/' Waö die letzte Endabsichl bei solchen Ansichten sey, verräth der genannte Blumenhagen, wenn er ausruft: „Nur noch ein Jahrhundert schenke unS der Weltenmeister, bann sind wir am vorgezeichnctcn Ziel und die Völker suchen ihre Fürsten nur unter den ") Nach andern Nachrichten ist Gagern nie Maurer gewesen, A, o. R, 220 Geweihten." Wahrlich, der Ehrgeiz ist nicht gering und die Fürsten sollten euch auf die Finger klopfen; denn wenn die Völker sich ihre Fürsten unter den Maurern suchen sollen, so müssen die Fürsten von GolteSgnaden offenbar erst beseitigt seyn — cS muß die Revolution tabula rs8a machen! Wir begreifen nach diesem, wie der evangelische Consistorialralh und Ordensbruder Dr. Gi eseler im Jahre 1848 in einer Logen Festrede im Hinblicke auf die Ereignisse sprechen konnte: „Wir begrüßen die äußere Freiheit, welche die Zeit zn gründen strebt, mit Freude und Hochgefühl" u»v vorher: „Drei große Worte schallen jetzt durch die Welt: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit... Ist cS nicht der Geist unseres Bundes, welcher uns in diesen trei Worten entgegentritt? Ist eS nicht eben diese Freiheit, welche der Maurer über Alles achtet? Ist cS nicht Gleichheit und Brüderlichkeit, welche stetS in unsern Logen geherrscht haben? ... ES hat der Geist deS Bundes die Schranken der Loge durchbrochen." Nun, ich denke, daS ist für den Orten und seine politische Unschädlichkeit sehr verfänglich, zumal der Maurer, Diaconus 11r. Fischer, am silbernen Jubelfest der Loge Apollo zu Leipzig unS noch tentlicher zeigt, in welchem Verhältniß die Maurerei zu den neuesten Begebenheiten auf politischem Gebiet stehe, indem er, eine große Autorität in dem Orden, fragt: „Diese Demokratie aber, können Sie dieselbe anders bezeichnen, denn als Ergebniß, zu welchem unsere Kunst unter allen Umständen führen mußte und noch ferner führen wird? Erschrecken Sie nicht, so fährt er fort, es ist eine Frucht, deren wir uns nicht zu schämen brauchen, in wie rauher Schale sie jetzt auch vor uns liegt; ja sie ist unser Kind, unser edles hoffnungsreiches Kind." Damit ciese Vaterschaft ja nicht übersehen werde, sagt auch der Logenmeister Dr. Fischer in der Fceim.-Ztg. 185l: „Za, meine Brüder, die Demokratie ist ein Kind der Maurerei und wir müssen sie anerkennen als unser K>nd, und unser Beruf ist eS, das Kind heranzuziehen zu aller Weisheit, Kraft und Schönheit" (ek. Eckert, pag. 260—289). ES ekelt uuS a». noch mehr Zeugnisse abzuschreiben, welche alle insgesammt die Aushebung eines Ordens wünschenSwerth machen, der nach obigen Geständnissen der Religion und Monarchie offenbar sehr gefährlich ist, welcher unter geheimen ausländischen Obern steht unv ihnen blindlings dienen muß, weil jedes OrrenSglied sich zum Gehorsam eidlich verpflichtet, welcher in verschiedenen Ländern seit mehr alö einem halben Jahrhundert die anerkanntesten Feinde der Gesellschaft, wie RobeSpierre, Proudhon, Maz- zini, Rvllin, Hecker u. f. w. zu Mitgliedern gehabt. Es kann nicdtS verfangen, wenn man auf einige preußische Logen hinweisen wollte, welche eine mehr christliche Färbung beibehalten und unter einem geehrten Haupte stehen. Denn unseres Wissens ist keine Loge selbstständig und auch daö vortrefflichste Haupt derselben kann nicht verhindern, daß andere Tendenzen im Schauen des Geheimnisses gehegt werden, alS cö selbst besitzt, zumal Venturini und andere Maurer offen auSgejprvchen. daß man die mächtigen Be>chützer keineswegs immer auch in die Geheimnisse des Ordens einweihe. Wo sich aber gefährliche Elemente im Orden verbergen, da hat die Erfahrung gezeigt, daß die gemäßigten Männer in Zeilen großer Völkerkrisen immer unterlagen. Bei der Aufhebung dieses OrtcnS leidet ohnedem das Gute keine Gefabr; denn eS tritt, wenn eS vorhanden, in die Oeffentlichkeit und wird Gemeingut, was seine Bestimmung ist; wogegen ein Geheimbund, der sich mit seinen Tendenzen ins Dunkel verkriecht, immer ven ächtig scheint nach dem Worte der heiligen Schrift: „Wer böse ist, hasset daS Licht und kommt nicht ans Licht, damit seine Werke nicht offenbar werden." Schließlich will ich, weil daS kirchliche VerwcrsungSurthcil deS Freimaurer, OrdenS und die Ercommunication, welche seine Mitglieder trifft, manchen Leuten, seiest Katholiken, durchaus nicht einleuchte» zu wollen scheint, die authentischen Documeute dieser päpstlichen Entscheidungen beibringen, damit alle Möglichkeit deS BezweiselnS abgeschnitten werde und Jedermann wisse, waö er von Katholiken, welche Freimaurer sind, zu hallen habe. SSI Hören wir zuerst, waS Papst Clemens XII. im Jahr deS HeilS 1723 in der Bulle „In eminent!" über den Freimaurerbund sogt. Nachdem derselbe seiner Pflicht und Sorgfalt erwähnt, welche ihn treiben, Irrthümer und Laster auszurotten und den wahren Glauben rein zu bewahren, bemerkt der Nachfolger Petri, daß die Thatsache bekannt, wie der Maurerbund sich läglich weiter verbreite, in welchem sich Menschen aller Bekenntnisse und Secten, zufrieden mit dem angenommenen Schein einer na>ürlichen Recktschasfenheir, unter einem schweren Eide, dessen Bruch mit den peinlichsten Strafen belegt werde, zum ewigen Schweigen über die geheimen OrdcnS- zwecke versammelten. Weil aber das Böse seine Natur verrathe und daS Licht hasse, so stv schwerer Verdacht gegen den Orden in den Gläubigen entstanden und hätten selbst wellliche Mächte denselben als der Ruhe der Reiche zuwider auS ihren Ländern auSgerotiet. Und nun fährt Papst Clemens fort: „Wir daher, erwägend den großen Scbaden, welcher in hohem Grade von diesen Gesellschaften nicht bloß der Ruhe der Staaten, sondern auch dem geistigen Heil der Seelen zugefügt wird, da wir durch daS göttliche Wort belehrt worden, Tag und Nacht nach Art eineS getreuen Knechtes und cincS klugen Vorstehers in der Familie deS Herrn zu wachen, damit nicht eine derartige Mcnschcngattung daS HauS Gottes untergrabe und gleich den Füchsen den Weinberg deS Herrn zu verwüsten trachte, damit sie nämlich nicht die Herzen der Einfältigen verkehren und die Schuldlosen im Verborgenen verwunden,...... wir verdammen und verbieten aus apostolischer Vollmacht die Freimaurer.Verbin düngen unter welchem Namen immer." Sodann heißt ««: „Weßhalb wir allen Christgläubigcn. ohne Rucksicht auf Rang und Stand, Kle, rikern wie Laien, in Kraft deS heiligen Gehorsams befehlt», daß Keiner unter irgend welchem Prärcrt wage und sich herausnehme, in die vorgcdachten Frcimaurergesell- schaften einzutreten oder sie zu verbreiten, zu beschützen, sie in seinem Hause oder anverSwo aufzunehmen, in ihnen zu weilen.... ihnen Dienste zu leisten ober mit Rath und That ihnen öffentlich oder geheim, cirect oder indircct beizustehen.... Wir befehlen Allen, diese Versammlungen gänzlich zu meiden unter Strafe deS Kirchenbannes, von welchem Keiner soll losgesprochen werden können, als allein durch den jedesmaligen Papst, ausgenommen bei Todesgefahr." Weiter lesen wir: „Wir wollen außerdem und befehlen, daß die Bischöfe und höhern Würteträger... gegen die Uebertretcr ohne Rücksicht auf Rang und Stund vorschreiten, sie in Unter- suchung ziehen und sie als der Ketzerei schwer verdächtig mit entsprechenden Strafen belegen " Papst BenedictXIV. bestätigt dieß VerdammungSurtel in der Bulle „proviclos" (1751) und motivirt dieß damit, daß er beifügt, der Freimaurer« bund sey verwerflich, weil er Menschen aller Religionen und Secten aufnehme, woraus seine Gefährlichkeit für die katholische Religion einleuchte; zweitens, weil er sich in die Finsterniß hülle, so daß auf ihn anzuwenden, waS CäciliuS NataliS bei MinuciuS Felir sage: DaS Ehrbare freut sich der Oeffentlichkeit; Missethaten sind geheim; drittens, weil er von seinen Gliedern einen mit den Pflichte» gegen Kirche und Staat nicht verträglichen VerschwiegcnheitSeib fordere, so daß der Maurer, von der kirchlichen oder staatlichen Autorität über Ordenogegenstände zur Verantwortung gezogen, nicht antworten dürfe " Zur Ausführung dieses VerwersungSurtelS ruft venedict die Hilfe der katholischen Mächte und aller weltlichen Gewalten an und fordert sie auf, dem Orden den GarauS zu machen. Die Katholiken wissen also, woran sie sind, wenn sie der Freimaurerei sich anschließen. Unwissenheit kann von nun ab Keiner vorschützen; wir haben cie Kirche zuletzt selbst gehört und wer sie nicht hört, ist wie ein Heide und Publikan, Lic. Jos. Wick. Die Heldenthat zweier Priester. Die Pariser Blätter, welche jüngst einmal erzählten, daß ein Priester bei einem von der Wasserscheu befallenen jungen Mediciner, nachdem denselben Vater, Mutter, 222 ' Geschwister und Freunde verlassen, allein noch aushielt und den Unglücklichen, als dieser sterbend ihn zu umarmen wünschte, auch wirklich mit unerschüttertem Gottvertrauen und einem gewiß nicht gar zu häusigen Heroismus an sein Herz drückte; die Pariser Blätter, wie gesagt, berichten nun auch von einem andern ähnlichen Heldenmuthe, den ein Prediger in der Umgegend von BloiS kürzlich bei einer ähnlichen Gelegenheit zu Tage legte. Es war dort nämlich einem jungen, zwanzigjährigen Menschen von einer giftigen Viper eine tiefe Wunde beigebracht worden, so daß er, da Niemand, weder Vater, Freund, noch Geliebte die Aufopferung über sich gewinnen konnten, dieselbe mit ihren Lippen auSzusaugen, als dem Tode verfallen betrachtet werden mußte. AIS dieß ein in der Nähe sich befindender Priester hörte, eilte er sogleich herbei, riß die Wunde mit einem Messer weit und tief auf und sog mit einem großen Theil Blut sehr glücklich auch das Gift heraus. Ein Arzt, der später hinzukam, fand diese Procedur so vortrefflich, daß er nichts weiter als einen Verband anzulegen für nöthig fand. Während dessen war der Geistliche still und anspruchslos in seine stille Wohnung zurückgegangen, um dort dem höchsten Gotte dafür auf den Knieen zu danken, daß er daS Werkzeug zur Rettung eincS jungen Menschenleben hatte werden können. So viel man weiß und auS den Mittheilungen der Zeitungen schließen darf, ist der junge Mann alö schon fast ganz geheilt und sein Retter als von dem eingesogenen Gifte nicht afficirt anzusehen. Die Mission in Jngolstadt vom 29. Mai bis 13. Juni 1852. Kaum sah der würdige, für die Größe deS Christenthums aufrichtig begei, sterte Herr Stadtpfarrcr zu U. L. F. in Jngolstadt, Georg Angermaier, nachdem er unter Mühen und Leiden, die nur Gott allein kennt, die Restauration deS Pracht- TempelS zu U. L. F. betrieben, dieses schöne Werk seiner Vollendung sich nahen, so dachte sein christlich frommer Sinn sogleich daran, durch eine Mission den GotteS- Tempel auch in den Herzen der Gläubigen wieder in seiner vollkommenen Reinheit und Würde aufzubauen; der feierliche Einzug in die reparirte Licbfrauenkirche sollte zugleich der Anfang einer Mission seyn, und diese sollte durch Jesuiten abgehalten werden, d. h. durch Männer j -> «> ,>j , « A 'lN ,-.'-ittZ/. '»»^»i.^'Uiu? ?SmR> »:? »>L Berlin. Der Weiterbau der neuen katholischen Kirche auf dem Köpeniker Felde schreitet, wie daö „Organ für christliche Kunst" meldet, rüstig voran, und hoffr man, noch diesen Herbst den Bau unter Dach zu bringen. Die Kirche wird in Rohziegelbau und zwar im romanischen Style ausgeführt. Sie hat drei gleich hohe Schiffe, ein Kreuzschiff, Chor und Nebencapelle und drei Apsiden. Auf dem Kreuz wirv sich ein gewaltiger Kuppellhurm erheben; im Westen ein Borhallenbau sich anschließen, der malerisch nach Art der italienischen Basiliken nach Außen sich öffnet. DaS Mittelschiff ist mit einem Kuppclgewölbe zu überdecken, deren jedes ein sanftes Oberlicht erhalten wird. Die Seitenschiffe, mit Tonnengewölben geschlossen, lassen das Haupt- licht durch größere Rundbogensenster zu. Die Länge der Kirche beträgt 194 Fuß, die Weite deö Mittelschiffes 30, die ganze Breite dcö Kreuzschiffeö 98 Fuß. K r e m S m ü n st e r. Mit der vielbesprochenen Klosterreform in Oesterreich scheint eS nun Ernst werden zu wollen. Den Anfang wird, öffentlichen Berichten zufolge, der Orten der Benedictiner machen. Die Aebte der Benediclinerklöster Ober- und Niederösterreichs, SleiermarkS, Tirols, Jllyrienö und Böhmens treten in diesem Monate im Stifte KremSmünster zusammen, um über die wesenilichsten Puncte der Reform zu verham dein, und im Allgemeinen den Gang zu bezeichnen, nach welchem sie ins Leben treten soll Borläufig spricht man von Gründung eines BenedicineumS, einer theologischen BilvungSanstalt für sämmtliche OrdenSkleriker im Stifte Admont. Veraulwortlicher Redqcteur: L. Schönchen VerlagS-Jah-ber: F. E. Kremer. Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. 18. Juli 2«, !85S. DieseS Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abouuementspreis TV kr., wofiir e» durch alle köuigl. bayer. Postämter und alle Buchhaudluogeu bezogen werdeo kann Hirtenbrief der versammelten Bäter auf dem National - Concil z« Baltimore. Die in Baltimore versammelten Bischöfe haben folgenden Hirtenbrief an den KleruS und die Gläubigen der Vereinigten Staaten erlassen: „Versammelt zu einem National-Concilium unter der Autorität unseres heiligsten VaterS, PiuSlX., haben wir keine dringendere und zu gleicher Zeit unseren Gefühlen wohlthuender« Pflicht zu erfüllen, als an die Heerde unö zu werden, die unserer Sorge anvertraut ist. Die Anhänglichkeit an vie Lehren und Gebräuche unserer heiligen Religion, welche die Katholiken der Vereinigten Staaten auszeichnet, die Gelehrigkeit und der Gehorsam, den sie stets zu erkennen gegeben haben; die herzliche Einigkeit, welche in dem ganzen katholischen Leibe dieses weiten Gebietes herrscht, trotz der Verschiedenheit des Ursprungs, der Sitten und der Sprache der einzelnen Glieder, ihr allgemeiner Eifer und ihre Hingabe in der Ausübung der Tugenden des Evangeliums, erfüllen unsere Herzen mit Freude und wiegen unö reichlich die Mühen und Sorgen unseres HirtenamteS auf. Wir können daS Wort des Apostels in den Mund nehmen: „Unser Mund ist offen sür euch, unser Herz ist weit." «Groß ist unser Vertrauen auf euch, groß ist unser Ruhm in euch. Wir sind voll von Trost und fließen über vor Freude in all unsern Trübsalen." DaS Ansehen, welches wir ausüben, ist von Christus uns gegeben. Wir sind seine Diener und Gesandten. Wir begehren keine Macht und suchen keinen Einfluß, den unS Gott nicht zuertheilen wollte. Unsere Wicht ist eS, das heilige Pfand des Glaubens zu bewahren; denn dieses Pfand ist unS anvertraut worden; von uns wird unser göttlicher Herr einst Rechenschaft darüber verlangen. Gott hat sich gewürdigt, zu verschiedener Zeit und auf mancherlei Weise zu unS zu reden, in der vergangenen Zeit durch die Propheten, und zuletzt durch seinen Sohn. Und dieser göttliche Sohn, der Abglanz der Herrlichkeit deS VaterS und die Figur seines Wesens, hat uns zu Bewahrern seiner Lehre gemacht, und da der Mensch nothwendig hat, von Gott Belehrung zu empfangen, so muß er auch stets diese Lehre durch einen Kanal erhalten, der sie bewahrt vor Allem. waS ihre Reinheit trüben und ihr Ansehen ver- Nichten könnte. Es ist nicht bloß nölhig, daß wir wissen, daß Gott gesprochen hat; wir müssen auch gewiß seyn, seine Stimme zu hören in jedem Zeitalter. Obgleich er nicht mehr sichtbar unter den Menschen wandelt, so hat Christus, unser Gott, uns doch nicht als Waisen hinterlassen. Er hat den heiligen Geist gesendet, den Tröster, den er versprochen hat; er hat belebt mit dem Hauche deS ewigen Lebens die irdischen Elemente, die er zur Bildung seiner Kirche ausersehen; und dieser heilige Geist wohnt stets in der Kirche, lehrt sie alle Wahrheit, bewahrt sie vor jedem Irrthum, macht sie zu einem sichern Führer zu den Weiden deS Heiles, zu der Quelle, welche inS 826 ewige Leben fließt. So haben sich seine Worte erfüllt: „Wer euch hört, der hört mich." So ist die Kirche „daS HauS deS lebendigen GotteS, die Säule und Grundseste der Wahrheit." Aus dieser Grundlage ruht eure Pflicht, die wir mit gleicher Zuversicht wie die Apostel verkünden: „Gehorchet euren Porgesetzten und seyd ihnen Unterthan, denn sie wachen, um Rechenschaft zu geben für eure Seelen." Die Quelle dieser Autorität ist Christus. Der Kanal, durch den sie den übrigen Gliedern der Kirche mitgetheilt wird, ist der Bischof von Rom. Der Nachfolger des heiligen PetruS ist der Erbe der dem Fürsten der Apostel verliehenen Vorrechte; die Kirche ist auf ihn gebaut und er ist der feste Grundstein, den der weise Baumeister erwählt hat; für ihn hat. in der Person des PeiruS, Christus besonders gebetet, ihm ist eS gegeben „seine Brüder zu befestigen." Wie in allen andern Ländern, wo die Kirche besteht, ist unsere Hierarchie durch seine väterliche Sorge errichtet; sie hat sich entwickelt in ihrem Ansehen und in ihrer Zahl, durch seine Einsetzung und Gutheißung; und die Glieder deS Episkopates, obgleich zerstreut in dem weiten Raum, der einen Ocean von dem andern trennt, gehorchten mit Freude seinem Aufruf, zu einem Nalionalconcil sich zu versammeln, unter dem Vorsitz eines besondern Stellvertreters deS heiligen Stuhles, in der Person deS ehrwürdigen ErMchofeS von Baltimore. Wir freuen unö dieser Gelegenheit, unsere Anhänglichkeit an den Mitlelpunct der katholischen Einheit bezeugen zu können, und wir ermähnen euch, mit Liebe jenen heiligen Stuhl zu umfassen, auf welchem sich eine ununterbrochene Nachfolge von Hirten erhalten hat, von Christus bis auf unsere Tage. Der heilige Stuhl ist eS, welcher alle Irrthümer verdammt hat, welche die Menschen versucht haben mit den Lehren der Offenbarung zu verbinden und der stets über die Reinheit des Glaubens wacht, indem er die Reinheit der kirchlichen Zucht bewahrt. Hoffen wir, daß die irrthümlichen Ideen, welche viele unserer Mitbürger hegen in Betreff des Wesens jener Macht, die wir in dem Bischof von Rom, als dem Nachfolger deS heiligen PetruS anerkennen, verschwinden werden, und daß dieser höchste Stuhl, von dem die priesterliche Einheit ihren Ursprung hat, erkannt werde als der Mittelpunkt der kirchlichen Einheit, als die Quelle alles dessen, waS groß und imposant ist in der Ausdehnung der Einheit und der UnVeränderlichkeit der Kirche. Beten wir, daß alle jene, welche von der Kirche getrennt sind, zur Erkenntniß oer Wahrheit gelangen, daß die schrecklichen Verirrungen, in welche der Irrthum diejenigen stürzt, welche die von Jesus Christus aufgestellte Autorität verwerfen, die Menschen zwingen mögen, ein Princip anzuerkennen, daS allein im Stande ist, sie alS eine Heerde unter einem Hirten zu versammeln.« Der Hirtenbrief gibt weiter Vorschriften in Betreff deS KirchenguteS und erklärt, daß die Verwaltung desselben überall der Approbation des DiöeesanbischofS unte» worfen seyn solle. Er verdammt sodann die geheimen Gesellschaften und die Freimaurerei, indem er die apostolischen Decrete in Betreff dieser Verbindungen einschärft. Er verbreitet sich ferner über die staunenswerthen Fortschritte der Kirche in Amerika und ermähnt die Liebe der Gläubigen, durch Almosen ihren Bedürfnissen zu Hilfe zu kommen. Den Familien wird die Pflicht in Erinnerung gebracht, den Beruf zum geistlichen Stande bei ihren Söhnen nicht zu ersticken. Ferner wird daS schädliche System der Simultanschulen, wo Zöglinge aller Culte vereinigt sind, und die Religion verbannt ist, in folgenden Worten verworfen: Höret nicht jene, welche euch überreden wollen, daß die Religion von dem weltlichen Unterricht getrennt werden könne. Wenn eure Kinder, während sie in den menschlichen Wissenschaften Fortschritte machen, nicht zugleich die Wissenschaft der Heiligen lernen, so wird ihr Geist mit allen Irrthümern sich erfüllen und ihr Herz daS Behälter aller Laster werden, und eben jene Wissenschaft selbst, welche sie sich «»geeignet haben, die an sich gut und nothwendig ist, wird ein neues Mittel werden, daS Glück eurer Kinder zu vernichten, wenn sie alles himmlischen Lichtes entbehrt. Sie wird den Kelch der elterlichen Enttäuschung noch mehr vergiften und die Grundlagen der socialen Ordnung schwächen. Höret unsere Stimme, die euch au L27 den alten Wegen zu wandeln heißt, eure Kinder zu erziehen, wie ihr selbst von euren frommen Eltern erzogen worden seyd. Unterstützet die Errichtung und Erhaltung katholischer Schulen; bringt alle nöthigen Opfer für diesen Zweck; ersparet unsern Herzen den Schmerz, eine Jugend, die wir nach dem Beispiel unseres göttlichen MeisterS so sehr lieben, allen den Uebeln einer antikatholischen Erziehung preisgegeben zu sehen. Diese Uebel sind zu vielfältig, und zu offenbar, als daß wir nicht unsere Stimme zu feierlicher Protestation gegen daS System erheben müßten, dem sie entspringen. Indem wir euch die Erfüllung dieser Pflicht ans Herz legen, handeln wir' im Auftrage deö heiligen VaierS, der in seinem Rundschreiden vom 21. November l85I alle Bischöse der katholischen Welt zur Sorge sür die religiöse Erziehung der Jugend aufruft." Die Bäter des Concils sprechen hierauf von dem Vereine der Verbreitung des Glaubens in folgender Weise: „Unser heiligster Vater, PiuS IX., hat ferner unserer Aufmerksamkeit, so wie der aller andern Bischöse der Welt, den zu Lyon in Frankreich errichteten Verein empfohlen, welcher die apostolischen Missionäre in der Verbreitung deS Glaubens unterstützt. Auch ohne diesen Wink würden unsere eigenen Gefühle unS drängen, von diesem Gegenstande zu euch zu reden. Seit seiner Gründung vor dreißig Jahren hat dieser Verein freigebig und ununterbrochen unsere Missionen unterstützt. Wenn unsere Kirchen so schnell sich vermehrt haben, wenn unsere religiösen Anstalten und Schulen jetzt verhältnißmäßig zahlreich sind, wenn neue Missionen und neue Diöcesen in Mitten der schwierigsten Verhältnisse entstanden sind, so müssen wir anerkennen, der Gerechtigkeit und Wahrheit gemäß, daß, um diese Resultate zu erreichen, der Verein zur Verbreitung des Glaubens seine edelmüthigste und weiseste Mithilfe uns geleistet hat. Wir fühlen die Verpflichtungen, welche wir gegen einen Verein haben, der mit den Fortschritten der Religion in allen Ländern so innig zusammenhängt, und wir ermähnen euch, seine Ausbreitung in euren Kreisen, dem Wunsche deö heiligen Vaters gemäß, zu fördern, welcher den ganzen katholischen Erdkreis in gemeinschaft- licher Anstrengung vereinigt wünscht, um daS Evangelium ^llen Nationen zu bringen. Die Geringfügigkeit deö jährlichen Beitrages, den der Verein fordert, wird euren übrigen LiebeSwerken nicht hemmend entgegentreten, und wir sind überzeugt, daß seine Ausbreitung bei unS die kostbarsten Segnungen GotteS über jene herabrufen werde, die zu diesem guten Werke sich vereinigen." Der Hirtenbrief empfiehlt sodann den Gläubigen Gehorsam gegen die weltliche Autorität und Achtung vor den amerikanischen Institutionen und schließt mit Ermah. nungen an den KleruS, die Religiösen und die Laien, je nach ihren verschiedenen Standespflichten. (Schles. Kirchenbl.) JohanneSwürmchen. Sinnig bezeichnet das Volk in seiner kindlichen Sprache die leuchtenden Würmchen, die in lauen Sommernächten in Wald und Flur erglühen, mit dem Namen vesjenigen, den der Herr ein brennendes und leuchtendes Licht nannte. — Monlalem- bert bedauert, daß wachsende Verbildung die lebensvolle, weil christliche AuövruckS- weise verdrängte, welche im Munde des Volkes die Natur zur Biloertafel der heiligen Schrift machte. So erinnern in der Pflanzenwelt die Erstlinge der Natur als „Himmelsschlüssel" an den Sieg, den der Herr über den Tod errungen, da er unS durch seine Auferstehung den Himmel wieder aufgethan; Schneeglocken helfen daS freudige Gloria der Ostern einläuten. Und in königlichem Purpur leuchtet die Pfingstrose zur Zeit der hehren Freude, da der Tröster in feurigen Zungen über die Häupter der Jünger niederschwebte. In dem der heiligen Jungfrau gewidmeten Monat ") W. K. I. L28 «rinnern die Maiglocken an das Ave «Maria-Geläute. So lobet nach dem Psalmes« wort die ganze Natur den Herrn: „Berge und alle Hügel, die fruchtbaren Bäume, und Bäume deS WaldeS; Gewild und alle Thiere; Gewürm und Vögel des Himmels." In diesem Sinne freuen wir unS an den Glühwürmern in Wiesen und Wäldern, die zur Zeit, da die Kirche den Geburtstag deS Messianischen Vorläufers begeht, erscheinen. Nachdem die Braut deS Herrn den CycluS ihrer höchsten Feste beschlossen, feiert sie daS Angedenken deS Freundes deS Bräutigams. Kaum find die festlichen Klänge verhallt, die „des glorreichen LeibeS Geheimniß" sangen, werden wir an die erfüllte Verheißung deS Täufers erinnert, daß „alles Fleisch das Heil sehen werde", daS unS im Fleische erschienen. So wie das Fest Johannes des Täufers auf Fronleichnam folgt, so reiht sich die Gedächtnißfeier Johannes deS Evangelisten an die heilige Weihnacht: daS Fest der Menschwerdung. Beide weisen auf daS Lamm, das geschlachtet wird, daS hinwegnimmt die Sünden der Welt, der Eine zeigte eS seinen Jüngern auf Erden, während eS der Andere im Himmel schaute. — Wie der Seher, der die Kirche in ihrer Vollendung als himmlisches Jerusalem erblickte, der Schutzpatron der Theologen ist, so möchten wir den Vorläufer deS Erlösers, der Ihm den Weg bereitete, den Schutzpatron der Philosophen nennen. Ist eS doch zumal in unsern Tagen recht eigentlich Beruf der Letztern, dem Herrn den Weg zu bereiten in alle Gebiete der Wissenschaft, wo noch so viele gedankenleere Tiefen eines heidnischen Rationalismus auszufüllen, so viele dünkelvolle Höhen eineS pharisäischen PietiSmuS abzutragen sind, soll anders auch hier daS Wort deS Apostels gelten: „Niemand kann einen andern Grund legen, als der schon gelegt ist, Christus ZesuS." Ist eS der Theologie eigenthümlich, wie mit Adlerfittigen sich himmelwärts zu schwingen im Sonnenlichte deS Glaubens, so schreitet die Philosophie aus mühe- vollen Wegen der Forschung durch die Niederungen deS irdischen Daseyns, selbstleuchtend gleich den JohanneSwürmchen und daS Dunkel ringsum erleuchtend; ihr Licht entquillt den Tiefen deS menschlichen Selbstbewußtseyns; dieses Licht aber hält sie so wenig für daS einzige, außer welchem kein anderes leuchtet, als eS Jemanden bei gesundem Verstand einfallen kann, daS Glühwürmchen für die Sonne im Weltall zu halten; vielmehr wie Johannes, in sich selber Licht, auf denjenigen hinwies, der, wie kein Anderer, von sich sagen konnte: „Ich bin das Licht der Welt" — auf die Frage: „Wer bist du?" aus der Tiefe deS eigenen Selbstbewußtseyns demjenigen Zeugniß gebend, „der nach ihm kam und vor ihm gewesen", so weist auch die Philosophie den selbstbewußten Menschen, als einen erschaffenen erkennend und bekennend, auf den Unerschaffenen hin, der allein durch sich selber Licht und als Schöpfer alles Lichtes Urquell ist. Sie weiSt aber auch und zwar eben deßhalb, seitdem die Finsternisse der Sünde sich über die lichte Schöpfung gelagert, auf denjenigen hin, der sein allmächtiges: „ES werde Licht" abermal in die Finsternisse hineinrief und selber als neuer Mensch daS neue Licht der Welt ward. In diesem Hinweis, in diesem Johanneischen Fingerzeig auf Christus gründet die Demuth, aber auch die Hoheit der Philosophie, die ganze Größe dieser Wissenschaft deS Menschen vom Menschen. — Wenn Christus von Johannes sagt, daß kein Größerer vom Weibe geboren als er, daß aber der Geringste im Reiche GotteS größer denn er sev, so dürften auch diese Worte auf die Philosophie ihre Anwendung finden. Sie ist die größte im Bereiche menschlicher Wissenschaft, wenn sie ihrem innersten Wesen nach, wie Johannes ein Fingerzeig auf denjenigen ist, der von sich gesagt hat: „Ich bin die Wahrheit; wer zu mir kommt, der wandelt nicht in Finsterniß" — sonst aber übertrifft sie an Wahrheit der Glaube des KindeS. Daher ordnet sich eine wahre Philosophie der Kirche unter, wohl wissend, daß ihr Gegenstand: der Mensch, nur in der Wahrheit besteht, die der Kirche verheißen ist. — Auch auf den seichten Rationalismus mit seinem endlosen Forlschritt inS Blaue fällt ein Licht aus dieser Parallele zwischen der Stimme des Rufenden in der Wüste und der Philosophie. Denn wenn JohannneS im Hinblick aus den Erlöser von sich aussagt: „Er muß wachsen, ich abnehmen", so hat auch daS menschliche Wissen sein Ziel und Ende erreicht, wenn eS, «29 wie der Glaube, sich ins Schauen verwandelt. Wäre eS nicht eben so thöricht al» roh, das Johanniswürmchen deßwegen zu zertreten, weil eS nicht die Sonne selber ist? So wäre auch daS Thun und Treiben derjenigen, welche gegen die ernste Mahnung deS Apostels: Spiritum nolite extinZuers (I. Thess. V. 19), den von Gott geschaffenen Lichtauell im Menschen, in Andern nicht fließen sehen wollen, weil sie zu träge sind, aus eigenem zu schöpfen, und die daher in ihrem so anspruchsvollen Gebete nie die Worte des königlichen Psalmensängers aufnehmen: „Du erleuchtest mein Licht, o Herr; o Gott, erleuchte meine Finsternisse.' KremSmünster. Sie erlauben vielleicht, in einer Zeit, wo man hie und da hadernd zwischen Kirche und Staat hin und her zerrt, in Ihrem vielgelesenen Blatte auf ein „kleines Ereigniß" aufmerksam zu machen, daS sich jüngst in unserer Nähe zutrug, und auf alle Betheiligten, ja selbst auf serner Stehende, einen höchst erquicklichen Eindruck gemacht hat. Sie erlauben eS vielleicht um so lieber, da in Ihrer Umgebung die Stürme der Zeit alle Gelegenheit verweht haben, selbst etwas AehnlicheS zu erleben. In einem der schönsten Thäler unseres paradiesisch-schönen Landes, auf einem AbHange des Kremsthales, das sich bis an die steierischen Alpen hinanzieht, erhebt sich die Abtei KremSmünster, welche sast ein halbes Jahrhundert vor dem Anfange Oesterreichs da war, und des römisch-veutschen Reiches Entstehen und Untergang gesehen. Wie viele berühmte Geschlechter sind bereits dem ihres Gründers, deS AgilolfingerS Tassilo von Bayern, wehmüthigen Angedenkens, nachgefolgt! WaS Alles verwelkte, ging unter, starb seit ihrem Daseyn I Sie aber lebt, und lebt nicht bloß, sie regt und blüht in vollster Jugendfrische, und hat da» Ansehen, daß sie, wenn man nicht künstlich ihr naturwüchsiges Leben vergiftet, noch irgend eines deut» schen Reiches Entstehen und Untergang überleben könne: „Das Münster ragt, kein Sturm vermag'S zu fällen, Sein Lebten strömt aus unverstegten Quellen." In dieses Münster nun, welches der eben so gelehrte als fromme Bischof Gregor Ziegler so gerne besuchte, in welchem er vor wenig Jahren in stiller Zurück- gezogenheit und frommer Betrachtung sich auf seine Secundizfeier vorbereitete, zog am 8. Juni 1852 der Statthalter der Provinz Oberösterreich, vr. Eduard Bach, ein, um den verdienten Vorsteher, Abt Thomas Mitterndorfer, mit dem Ritterkreuze deS k. k. Leopoldordens zu schmücken, „wegen seiner Verdienste, besonders um die Förderung deS Studienwesens", wie die präcise Amtssprache lautete. ES galt eine Art patriarchalischer Siegesfeier. Eine Schaar wackerer Söhne deS heil. Benedict, von ihrem väterlichen Führer auf ihre Posten umsichtig vertheilt, hatte ihm geholfen, den Sieg zu erringen, und ließ sich nun die Freude nicht wehren, dabei zu seyn, als ihm die Palme eingehändigt wurde. Um 9 Uhr bewegte sich unter vollem Glockengeläute ein langer, festlich gekleideter Zug in die festlich geschmückte Stiftskirche, um einem feierlichen, vom Hrn. StiftSprior celebrirten Hochamte und Te Deum beizuwohnen; voran die Schulkinder und die studirende Jugend, dann, im schwarzen, ehrwürdigen Festgewande deS heil. Benedict, silberhaarige Greise und rüstige Män- ner, die von den Seelsorgestationen des Stiftes herbeigekommen, Officialen, Professoren und Lehrer, an welche sich der gerührte Abt und der Herr Statthalter mit einer zahlreichen Begleitung von hohen und niedern Beamten anschlössen. Vermessen wäre eS, zu fragen, was während der heiligen Handlung in der Brust der Anwesenden vorging: auf dem Antlitze deS Gefeierten deS TageS sah man unverkennbare Zeichen einer tiefen innern Bewegung. AIS man dem Herrn gedankt, der das Wirken deS Stiftes gesegnet, begab sich der Zug nach kurzem Verweilen, während welchem die Schaaren der Zuschauer sich ordneten, von den Gemächern deö Herrn Statthalters in den geräumigen Festsaal L30 des Stiftes, wo der Hauptact der Feier vor sich gehen sollte. In dem Saale selbst, einem lichten, zwei Stockwerke hohen Vierecke, von fünf mächtigen Fenstern in die Länge und dreien in die Breite, das mit seinem meisterhaften Deckengemälde, Tag und Nacht vor einander auf der Flucht vorstellend, und den lebensgroßen PorträiS der fünfzehn habSburgischen Kaiser an der Wand einen überraschend großen und lieb, lichen Eindruck macht, war der Länge nach in der Mitte ein Thronhimmel mit dem Bilde des jungen Kaisers errichtet und verziert mit Allem, waS die blühenden Gärten des Stiftes und die Kunst des Gärtners Geschmackvolles aufzubieten vermochten. — AIS der Kreis um den Thronhimmel geschlossen und eS stille geworden war, begann der Herr Statthalter in einfacher, ungesuchter Rede die Verdienste deS Gefeierten her- vorzuheben: „wie er aus dem reichen Schatze von Lehrkräften, die dem Stifte zu Gebote stehen, stets die tüchtigsten ausgewählt und eS dahin gebracht, daß KremS- münster unter den Lehranstalten der Monarchie einen hervorragenden Platz einnehme; wie daS mit der Lehranstalt verbundene Convict eine Pflegeanstalt ächt religiösen Geistes und einer verständigen, praktischen Richtung sey; wie er durch stets neue Bereicherung deS ohnehin reichen Schatzes von Lehrmitteln dem traditionellen Sitze gelehrter Bildung neuen Glanz zugefügt; wie er überall, wo eS gilt, mit patriotischem Sinne wirke und durch weise Sparsamkeit eS ermögliche, daß das Stift eine Leuchte für Schule und Wissenschaft bleibe. Möge, so schloß er, das schöne OrdenS- kreuz lange zieren die Brust eines Vaters der Jugend, eines frommen Priesters, eines patriotischen Staatsbürgers, eines ächten Biedermannes!" Eine kurze, feierlich stille Pause trat ein, während welcher der Herr Statthalter das Ritterkreuz an die Brust des Herrn AbteS heftete und hie und da ein Auge mit weißem Tuche getrocknet wurde. Darauf begann der priesterliche Levpoldordensritter mit bewegter Stimme einen Vortrag, dessen Inhalt sich tief in Herz und Gedächtniß der Betheiligten eingrub. „Mit ahnungslosester Ueberraschung sey ihm die Nachricht von der allerhöchsten Auszeichnung gekommen; nichts hätte er wirken können ohne eifriges, harmonisches Zusammenwirken „„seiner Mitbrüder''", besonders in einer Zeit, wo alleS Frühere sich aufzulösen schien, die Klöster selbst in Frage waren, ihre Aufhebung von Vielen gewünscht wurde. Er habe Alles Gott empfohlen, und sey in Vereinigung mit „„seinen wackern Mitbrüdern"" nicht ein Haar breit von Recht und Pflicht gewichen. Die Prüfung sey vorüber; daS tausendjährige Stift stehe noch geregelt im Innern, geehrt nach Außen; die Lehranstalt sey allerdings eine vorzügliche in jeder Beziehung, waS nun aber nicht sein Werk sey, sondern einem edlen, patriotisch gesinnten Lehrkörper, einem harmonischen Vereine geschickter, thätiger und liebevoller Jugendfreunde zugeschrieben werden müsse. Darum freue ihn die Auszeichnung; denn Vorsteher, Lehrer, Erzieher, Priester wirkten mit freudigerm Muthe, wenn sie der Augenschein überzeuge, daß ihr Wirken nicht unbeachtet bleibe." Sie können sich denken, wie viele Taschentücher beschäftigt waren, als der väterliche Redner in fast ungerechter Bescheidenheit die wohlthuende, wahrhaft erquickende Anerkennung der Leistungen „seiner Milbrüder" vor einer so großen und mitunter so auserlesenen Versammlung auSsprach. Er sprach dann mit gerührtem Tone öffentlich seinen innigen Dank auS: seinem Kaiser, dem Statthalter und „seinen Mitbrüdern", — letzteren, daß sie, jeder auf seinem Platze, treu und redlich zur Ehre Gottes, zur Wohlfahrt der heiligen Kirche und deS theuren Vaterlandes gewirkt hätten. Darnach richtete er eindringliche Worte an die Zöglinge der Lehranstalt: „daß auS ihrer Mitte tüchtige Diener der Kirche und deS Staates hervorgehen möchten, wie dieses seit 300 Jahren bei dieser Lehranstalt sehr oft der erfreuliche Fall gewesen. Auch er sey Schüler an diesem Gymnasium gewesen, und könne sich das Zeugniß geben, daß er treulich den Rathschlägen seiner Jugendlehrer, von denen heute noch fünfe Zeugen seiner Auszeichnung seyen, Folge geleistet habe." Er schloß mit einem dreimaligen: „Hoch dem Kaiser!" in welches die ganze Versammlung begeistert einstimmte. Die Volkshymne fiel ein und Böllersalven dröhnten. Nachdem sich die Versammlung entfernt hatte, war eS rührend anzusehen, wit 231 in die Gemächer des Herrn AbteS unter der Schaar der Glückwünschenden eine Anzahl kleiner weißgekleideter Mädchen, von ihrem Katecheten geführt, eintrat, und eines davon mit naiv zutraulicher Unbefangenheit die von einem StiftSmitgliede, dem Lehrer der französischen, italienischen und englischen Sprache, MarcuS Holter, unübertrefflich verdolmetschten Kindergefühle zum Glückwünsche darbrachte, und bittend gleichsam auch den Unterricht der kommenden Geschlechter dem väterlichen Kinderfreunde anS Herz legte. Wie Sonnenschein zwischen Regen nahm eö sich aus, als die alten Herren mit nassen Augen bei den übernaiven Worten: „Mußt recht brav gewesen seyn!" plötzlich in ein herzliches Lachen auSbrachen. Um 1 Uhr wurde im Festsaale gespeist, errathbare Trinksprüche unter Musik und Böllersalven ausgebracht, darnach den Meister ehrende Uebungen in der Schwimmschule des ConvicteS angesehen, bis am späten Nachmittage im Musikzimmer deS Stiftes eine musicalisch-declamatorische Unterhaltung begann, welche zeigte, daß daS Stift, welches die rühmlich bekannten Tonsetzer Franz Sparry, Georg Pafterwitz, Günther Kronecker unter seine Mitglieder zählte, auch in dieser Hinsicht seiner Vergangenheit nicht ungetreu geworden sey. Die Unterhaltung begann mit der Ouvertüre eines Mozartschen Meisterwerks, worauf von einem Studirenden ein von dem Professor der deutschen Sprache, Amand Baumgarten, verfaßtes Festgedicht vorgetragen wurde, welches, dem Inhalte und der Form nach ein vollendet schöner Ausdruck deutscher Urkraft und frommer Gemüthlichkeit, die Quintessenz der tausendjährigen Geschichte der Abtei in poetischem Gewände der athemloS lauschenden Zuhörerschaft vorführte. Zum Mittelpuncte der Unterhaltung hatte man sinnig „Schillers Glocke, in Musik gesetzt von Romberg" gewählt, die Glocke, welche in den lieblichsten und ergreifendsten Werten und Tönen ausdrückt, was seit tausend Jahren vom Leben vor dem mitbetheiligten Stifte aufgeführt worden war: „Und milde klingt zu gnadenreichen Festen Des Glöcklcins Silberhall geliebten Gästen!" Hatte daS erste Festgedicht die Thatsache der tausendjährigen Dauer und Blüthe der Abtei angegeben, so folgte nun ein zweites, lateinisches, vom Professor der lateinischen Sprache, Beda Piringer, verfaßt, welches den erklärenden Grund jener Thatsache darlegte. Das Geheimniß ist kein anderes, als daß „die freie Muse, geleitet vom Sterne der Magier, ohne rechts oder links dem Ufer sich zu nähern, mitten über den Meeresspiegel hinfahre nach dem Hafen am Felsen mit dem Leucht- thurm, unbekümmert, ob der Wind von Westen oder Süden her wehe." Durch eine solche Pflege der Wissenschaften habe sich die Abtei mit Gotteö Hilfe aus den Erschütterungen der sogenannten Reformation erholt, den Untergang des deutschen Reiches überlebt und den Söhnen des MarS stets Achtung eingeflößt. Dieser auch auf die Zeilverhältnisse bedeutsam anspielende Vortrag wurde, obwohl er nicht Allen zugänglich war, unter gleich lautloser Stille angehört und daraus dieser Theil deS Festes mit einem dem Tage angepaßten Schlußchore von C. M. v. Wcber geschlossen. Nun stand daS Beste noch bevor. Nachdem der Abendtisch, den ein Chor von Sängerknaben mit seinen eben so lieblichen als frischen und wohlklingenden Stimmen erheitert hatte, beendet war, wurde in den StiftSgarten gegangen, wo ein Schauspiel überraschte, deßgleichen bis dahin Krcmsmünster nie gesehen. Stellen Sie sich ein ganz eigenthümliches Gebäude von sieben Fenstern Breite vor, dessen Mitte mit drei Fenstern und zwei Kanten eines Vierecks über die beiden Seiten von je zwei Fenstern vortritt, in der Mitte sieben, auf beiden Seiten fünf Stockwerke hoch, blendend weiß in den heiteren, dunkelblauen, sternbesäeten, aber mondlosen Himmel hinaufragend; die verhältnißmäßigen Fenster je einzeln ungefähr 36 Quadratfuß groß. Dieses Gebäude, die Sternwarte, oder eigentlich die Warte der Wissenschaften, — denn eS enthielt, mit Ausnahme der Bibliothek, bis in die neueste Zeit die meisten wissenschaftlichen und Kunstschätze deS Stiftes, — bildet den Mittelpunct der Anlagen des StiflSgartens. Ein GraSparterre und beiderseits Baumgruppen und Laubengänge finden sich davor, und verlieren sich links und rechts — hier über einen ziemlich «32 steilen Abhang — in die verschiedenen, über einer Fläche von ungefähr einer halben Stunde Umfang verbreiteten Anlagen. Die Vorderseite dieser Sternwarte nun und die entsprechenden Hinzugänge waren, erstere mit taufenden von Lampen, letztere mit mattem, farbigem Lichte beleuchtet, und die Warte strahlte hinaus in die Nacht, weithin das schöne Thal hinab sichtbar, wie das Stift selbst, seit tausend Jahren eine Leuchte der religiösen Gesittung und Bildung, in die Nacht deS Urwalds hin« ausgestrahlt hatte. Ein herrlich gelungenes Feuerwerk wurde abgebrannt, zwei Musikchöre spielten abwechselnd entsprechende Weisen, bis endlich gegen eilf Uhr die unzählige Menge der Zuschauer, welche das seltene Schauspiel herbeigelockt, sich ver- lor und die Lampen, allmälig verlöschend, einsam auf die feenhaft vom Dunkelblau des Himmels sich abhebenden, üppig grünen Baumgruppen herabflimmerten. Von dem überwältigenden Eindrucke, den daS sinnvolle Schauspiel der Beleuchtung gerade dieser Warte der Wissenschaft auf alle Anwesenden, besonders auf den priesterlichen Hausherrn machte, von den immer wiedM^> ^ « ^ » ^ Sonntags-Betblatt zur Augsdurger Postzeitung. S5. Juli SV. 185S. __ Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Tonntage. Der halbjährige Abonnementsprei« TV kr., wofür e« durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werdeu kaun Die FronleichnamSproeession in Rom. Rom, lt. Juni. Zu dem gestrigen Fronleichnamsfeste und insbesondere zu der an diesem Tage hergebrachten großen Procession waren auch in diesem Jahre bereits mehrere Wochen hindurch die großartigsten Anstalten getroffen. DaS Innere der riesigen PeterSkirche war ganz mit Draperien von rother Seide und Gold ausgestattet, die Säulenhallen zu beiden Seiten deS PetersplatzeS waren mit den kostbarsten Teppichen und anv'ern Zierrathen geschmückt, und eine große zeltartige und mit Kränzen gezierte Fortsetzung derselben bedeckte den Weg, den der feierliche Zug außerdem zu machen hatte, und diente zum Schutz gegen die brennenden Sonnenstrahlen. Schon früh fand sich eine ungeheure Menschenmenge auf dem Petersplatze und unter den Hallen ein; alle religiösen Orden RomS und die Pfarrer und Capitel, denen die Theilnahme zustand, versammelten sich in den ihnen zukommenden Trachten am Eingange deS Vatikans, und unaufhörlich rollten die Wägen der Cardinäle, Bischöfe und Prälaren, um diese zur sirtinischen Capelle zu bringen. Hier begann der heilige Vater um 8 Uhr unter Assistenz zweier Bischöfe und in der Umgebung deS ganzen heiligen Kollegiums die heilige Messe zu lesen, und der Zug fing an, sich in Bewegung zu setzen. Leider fiel aber während dessen ein so starker Regen und trieb der heftige Wind denselben so arg umher, daß die Procession die Säulenhalle und daS Zelt nicht passiren konnte und daher auf den Weg von der Sirtina durch den Vatikan und die Vorhalle von St. Peter beschränkt werden mußte. Wir hatten somit in diesem Jahre nur Gelegenheit, dem feierlichen Einzüge in St. Peter beizuwohnen. Ohne uns auf eine ins Einzelne gehende Beschreibung einzulassen, die bei einer so großartige» Feierlichkeit, in der daS, was anderswo imponirt. fast verschwindet, zu weit führen würde, bemerken wir nur, daß der Zug unter Vortritt der Alumnen verschiedener Kollegien durch den Regular-KleruS und zwar durch die Orden der FranciScaner, der beschuhten Augustiner, der Kapuciner, Hieronymiten, Minimen, Tertiarier vom heil. FranciScuS, Minoriten-Conventualen, Minoriten-Observanten, Augustinianer. Servilen, Carmelitaner und Dominicaner eröffnet wurde. Alle gingen in ihren Habiten und ließen sich ihre Standarten oder Kreuze mit zwei Leuchtern vortragen. An sie schlössen sich die Mönchsorden, die Olivetaner, Cistercienser, Camaldolenser, Cas- sineser und die lateranensischen Regulär-Kanoniker deS allerheiligsten Erlösers. Die Reihen deS Welt-KleruS begannen mit den Alumnen deS päpstlichen römischen Seminars, denen die Pfarrer der vierundsünfzig Pfarreien von Rom in der Stola, die Kanoniker und Beneficiaten von neun Collegiatstiften und endlich die Kanoniker der kleinern Basiliken von Regina Cöli, St. Maria in CoSmedin, St. Maria in Traötevere und St. Lorenzo in Damaso folgten. Dann erschienen die Capitel der stttkklkls'^^ drei Patriarchalkirchen St. Maria Maggiore, St. Peter und St. Johannes im Lateran in ihren Jnsignien, der Vicegerente von Rom, und nun begann die söge- nannte Cappella Poniificia mit ihren zahlreichen und in so verschiedenen Abstufungen ausgezeichneten Mitgliedern. Dem CardinalS' Kollegium vorher gingen die infulirten Aebte, die dem päpstlichen Throne nicht assistirenden Bischöfe und Erzbischöfe, der griechische und der armenische Bischof in der Tracht ihres RituS, und die assistirenden Bischöfe und Erzbischöfe — alle in Pluvialen auS Silberstoff und eine weiße Mitra l in der Hand tragend. Die Cardinäle waren nach ihrem Range, die Diaconen in der Tunicella, die Priester in Caseln und die Bischöfe in Pluvialen gekleidet und ließen, während alle andern an der Procession Theilnehmenden selbst brennende Wachs, lichter trugcn, diese durch ihre Dienerschaft tragen. Ihnen schlössen sich noch die drei Conservatoren des römischen Volkes, der Senator und Governatore von Rom und andere Würdenträger an, worauf Se. Heiligkeit der Papst, getragen auf dem hohen Sessel und das Sanctissimum vor sich habend, folgte, während der römische Magistrat hoch darüber den kostbaren Baldachin ausbreitete. — Man hat PiuS IX. in seinen verschiedenen kirchlichen Funktionen in verschiedener Hinsicht bewundert; die Einen heben die Majestät hervor, mit der er die Benediction von der Loggia von St. Peter spendet; die Andern fühlen sich noch mehr angezogen durch die außerordentliche Würde und die sichtbare Andacht, mit der er daS heilige Opfer auf dem Grabe deS Apostelfürsten darbringt; Andern wieder prägt sich die Einfachheit, Demuth und Erniedrigung tiefer ein, mit der er alljährlich dreizehn Priestern die Füße wäscht und küßt; — aber gewiß nie zeigt sich alles dieses schöner verbunden und vereinigt, als wenn er, der höchste Würdenträger auf Erden und als solcher hoch und in herrlicher Umgebung einhergetragen, sich oben auf dem Thronsessel vor dem Allerheilig- sten erniedrigt und mit entblößtem und tiefgebeugtem Haupte daS hochwürdigste Gut, das er hoch in den Händen hält, anbetet. Hier ist der Statthalter Jesu Christi, und siehe! — er ist versunken in tiefster Anbetung seines Herrn, den er auf seinen Händen trägt! Wirklich, man muß PiuS IX. da sehen, um fühlen zu können, waS in dieser Erscheinung liegt. — Beim Eintritt in St. Peter wurde von den Sängern daS Te Dmm angestimmt, und zum Schlüsse gab der heilige Vater dem überaus zahlreichen KleruS und der ungeheuren Volksmasse, welche heute fast Gedränge in den Räumen dieser Basilika verursachte, mit dem Sanctissimum die dreifache Benediction. (Münst. S.-Bl.) _ Die »au»«« S5»erv Oovur. (Von Friedrich Hurter.) , AIS in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts eine von Gott abgewen- dete Philosophie dem Wahn sich hingab, die Kirche vertilgen und den Glauben auS den Menschenherzen ausrotten zu können, suchte sie vor Allem deS Unterrichts und der Erziehung sich zu bemächtigen. Ihre vereinten Streiche waren daher zu allererst gegen j ne erlauchte Gesellschaft gerichtet, die durch zweihundert Jahre in allen katholischen Ländern dem Unterricht und der Erziehung mit solchen Erfolgen sich beflissen, ^ welche nur die Feindschaft gegen alles Höhere und die Unwissenheit mißkennen oder läugnen können. Der Schlag aber, welcher die Gesellschaft vernichtete, erschütterte zugleich die Grundlagen, auf welchen Unterricht und Erziehung bisher überall geruht hatten; beide, ob nun in ihrer Beziehung zu der männlichen, ob in ihrer Beziehung zu der weiblichen Jugend, verfielen immer mehr dem Weltgeist und seiner zerstörenden Einwirkung. AIS dann in fortschreitender Entwicklung jener Bestrebungen in so manchen Ländern alle kirchlichen Korporationen, auch diejenigen, welche Unterricht und Erziehung sich wesentlich als Lebensaufgabe gestellt, vernichtet wurden, blieb zwar daS Bedürfniß nach beiden wie zuvor. WaS aber bisher im Aufblick zu Gott und in liebreicher Hingebung an seine Menschenkinder dargeboten und gewährt worden war, sank jetzt zu einem Gewerbe und zur Geldspeculation herab, welche, den Impulsen von oben fremd, denjenigen von unten zur Verfügung sich stellen mußte. Die S35 , Kinder wurden nicht in dem allseitig veredelnden Sinne des Christenthums, sondern in dem äußerlich abschleifenden Sinne der von Gott abgekehrten Welt unterrichtet und erzogen. Zu eben der Zeit, da in Frankreich, in dessen Hauptstadt vornämlich, christlicher Glaube und Sittlichkeit und was mit beiden in unzertrennlicher Verbindung, Ordnung und Gerechtigkeit für immer darnieder getreten schienen, keimte jene Verbindung christlicher Frauen, die sich den Namen vames 6u 8aer6 Loeur 6s 5esu beilegten, und welche vor Jahren schon ein hocherleuchteter Mann „den Sieg der Barmherzigkeit GotteS über dessen Gerechtigkeit" genannt hat. Die jetzt noch zu Paris als Oberin der etlich und sechzig Häuser der Gesellschaft, die seitdem in drei Erdtheilen entstanden sind, lebende Sophie Barot war im Jahre 1800 eine Jungfrau von fünfzehn Jahren. Zu der außeryrdentlichen Mission, zu welcher die göttliche Vorsehung sie auSersehen hatte, war sie durch den seltenen Verein der vorzüglichsten Geistes- und HerzenSgaben ausgestattet. Zu Wissen und Frömmigkeit, Heldenkraft und Demuth, gesellte sich jene Liebenswürdigkeit, die ein besonderes Erbgut des französischen Charakters ist, und, durch Tugend verherrlicht, vielleicht nicht eineS der geringsten Mittel war, dessen sich die Güte GotteS bediente, um ihr so viele Herzen zu gewinnen. Durch heißes Gebet und durch eifriges Studium aller jener Gegenstände, die heut zu Tage zu einer feinen Erziehung gezählt werden, bereitete sie sich zu ihrer großen Aufgabe vor. Ihr tiefer Geist beschränkte sich nicht auf die gewöhnlichen Gebiete deS Wissens; sie machte sich selbst die alten Sprachen zu eigen, um deren Schriftstellen in dem Urtert lesen und mit Leichtigkeit auslegen zu können. Setzte sie hierdurch bei den vielfachen Prüfungen, die sie, um ihren Lehrplan in Ausführung zu bringen, zu bestehen hatte, die Männer in Staunen, so entzückte sie daS weibliche Geschlecht durch die vollendete Zierlichkeit ihrer Handarbeiten. Jenes Wissen aber, worin Madame Barot einer RoSwira von Gan- derSheim, einer Christine von Schweden kann verglichen werden, sollte ihr nur als Mittel dienen, um die Herzen für Tieferes und Edleres empfänglich zu machen, den beinahe verschwundenen Glauben wieder anzufachen und zu neuen Blüchcn zu erkräftigen. Sie fand bald einige würdige Mitarbeiterinnen in edlen Frauen, welche, wunderbar dem Blutgerüste entronnen, von dem reinsten Eifer lurchglüht waren, Gott und in Ihm dem Nächsten zu dienen, somit beizutragen, die schwere Schuld zu sühnen, die auf ihrem furchtbar durchwühlten Vaterlande lag. Sie Alle hatten sich in Gott und durch Gott gefunden, empfahlen Ihm im einsamen Gebet ihr Vorhaben und gründeten darauf in AmienS ihr erstes Haus, welches die Wiege der seitdem durch so viele Länder verbreiteten Gesellschaft ist. Der heilige Vater Leo XII. erkannte dieselbe als Orden, der seitdem der besondern Vorliebe seiner Nachfolger sich erfreut, dessen die drei Häuser, die er zu Rom besitzt, daS vollgiltigste Zeugniß sind. Unscheinbar und wie alles Bessere, unter Kampf mit mancherlei Schwierigkeiten, anfangs selbst mit Noth und Mangel und Anfechtung von außen begann dieses We»k. ES schien, als sollte daS mit Dornen gekrönte, mit dem Kreuz durchstochene, von Flammen umgebene Herz deS Erlösers an seinen erwählten Bräuten geistig sich darstellen. Nachdem sie Jahre und Jahre treu und muthig unter Armuth und Mißkennung ausgeharrt, brach endlich die Sonne durch die Wolken hindurch; Könige und Fürsten durchschauten die hohe Bedeutung dieses Instituts und kamen ihm mit Huld entgegen, wie aus den Jahresberichten deS Ordens sich nachweisen läßt, der schon im vorigen Jahr über 2000 Mitglieder zählte, die in 64 Häusern das Wort deS Herrn: „Lasset die Kleinen zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich," in der zartesten und erfolgreichsten Weise zu verwirklichen sich bestreben. Durch persönliche Beziehungen zu den Bischöfen von Parma und von Straßburg ist eS dem Schreiber dieses möglich geworden, die Häuser deS Ordens in ersterer Stadt, sodann dasjenige zu KinSheim im Elsaß etwas einläßlicher kennen zu lernen, als eS sonst einem Reisenden möglich ist; genaue Berichterstattung ist ihm später zu Theil geworden von einigen Vätern, die ihre Töchter den vsmes sor4 Ooeur sind erzogen worden, solchen Dienstboten den Vorzug geben. Andere verheirathen sich mit rechtschaffenen Handwerkern, da diese sicher sind, in ihnen wahre, weil ihrer Bestimmung nach jeglicher Beziehung entsprechende Lebensgefährtinnen zu finden. Wieder andere vereinigen sich zu Nähgesellschaften, nnd empfehlen sich gleichfalls durch Ein« gezogenheit und Gewissenhaftigkeit. Alle verbreiten über eine oft wüste Umgebung den Segen eines frommen HerzenS, eineS festen Glaubens, wahrer Tugend, und sind hiedurch nicht selten zu Werkzeugen der erfreulichsten Bekehrungen geworden. DaS dritte Mittel sind die ketraitvg (geistliche Uebungen) für diejenigen, welche in der Welt beschäftigt, nicht im Stande sind, ihrer Heilsangelegenheit täglich eine längere Zeit zu widmen und dennoch daS Bedürfniß fühlen, bisweilen einen ernsten Blick in ihr Inneres zu thun. Solche Seelen voll guten Willens können in einem Hause des Ordens nm Aufnahme für acht, nenn Tage anhalten, um während dieser Zeit in dem Hause des Herrn Gott und sich zu erfreuen. An Leib und Seele je nach Stand und Erziehung besorgt, stehen sie dann unter der liebevollsten Aufsicht und Leitung der erfahrensten Freundinnen deS Herzens Jesn. Solche Tage der Ruhe haben schon vielen hundert Seelen neue Kraft und neuen Muth verliehen, die Bürde der Familiensorge und der täglichen Lebenslasten im Geiste deS Christenthums wieder auf sich zu nehmen, und in freudigem Gottvertrauen ferner zu tragen. Wie manches matte Herz, wie manche gebeugte Seele hat nicht in einer solchen Anstalt ihren Frieden, ihr Heil wieder gefunden, ist nicht mit innigem Dank, mit zärtlicher Liebe aus dem Hause des Herzens Jesu geschieden! Und von dieser Wohlthat wird Niemand ausgeschlossen, der unbefleckten Rufes, anständigen Betragens ist. Diesem Zwecke ist »37 gewöhnlich ein eigener Flügel des Gebäudes gewidmet, indeß der andere für daS Pensionat eingerichtet ist, der mittlere Theil aber vaS Kloster bildet, welches für Fremde unzugänglich bleibt. — DaS vierte, vielleicht unscheinbarste, dennoch nicht weniger wirksame Mittel besteht darin, die schuldigen Familien- oder durch den Beruf gebotenen Rücksichten nicht aufzuheben. Hierin erkennen die Frauen ein Mittel, unendlich viel Gutes durch Wort und Beispiel zu wirken. In sämmtlichen Häusern werden nebst der französischen die deutsche, englische und italienische Sprache gelehrt, und zwar immer von Frauen aus den betreffenden Ländern. Ueberall wird die Nachmittagsschule in der Landessprache gehalten, indeß für den Vormittag beständig die französische Sprache angenommen ist. Zur Erhaltung der Gesundheit und Angewöhnung gefälliger Leibesbewegung wird die Kallysthenie und täglich Gymnastik, im Sommer selbst im Freien, angewendet. Zu diesen Uebungen, so wie für das Zeichnen und die Musik, werden immer die ersten Meister der Stadt ersehen, die aber unter Leitung und ununterbrochener Aufsicht der Damen ihren Unterricht ertheilen. Die Frauen selbst verlassen ihre Klausen niemals, außer auf Reisen von einer Anstalt zur andern, wenn sie ihnen in Kraft des heiligen Gehorsams auferlegt werden. Auch sehen sie nie Jemand außer in dem allgemeinen Sprechzimmer. Den Geist der Zeit und seine Meinung berücksichtigend, auch anerkennend, daß, wer den Zweck wolle, die Mittel nicht verschmähen dürfe, haben sie weder Gitter noch etwaS Eisernes in ihren Häusern, welche, inmitten weiter Gärten gelegen, das Aussehen reizender Landwohnungen haben. Eben so wenig Auffallendes hat ihre Kleidung; man könnte sie derjenigen ehrbarer Wittwen im verwichenen Jahrhundert vergleichen — ein schwarzes einfaches Wollenkleid mit einem dünnen Schleier ans Wollengewebe, der jedoch niemals über daS Antlitz herabfällt. Die Armenschule befindet sich stets in einem von dem Pensionate getrennten Gebäude, eben so die Waisenhäuser, welche in einigen Städten auf besonderes Verlangen der hochwürdigsten Herren Bischöfe von den Frauen übernommen wurden. Diese Trennung ist schon durch den ausgedehnten Raum bedingt, den solche Anstalten erheischen. Die Pensionate zählen gewöhnlich über 100 Mädchen, die Zahl der Erlernen beläuft sich in mancher Stadt auf 300 bis 400. Bei solchen Zahlen ist eS unerläßlich, daß auch die Spielplätze getrennt seyen. Eine andere Seite dieser Anstalt, die vorzüglich den Bürger- und GewerbSstand berührt, dürfte gleichfalls in Betracht kommen — die pecuniäre. Manche Lehrer finden durch sie ein gesichertes Auskommen; die verschiedenen Bedürfnisse bringen Leben in Verkehr und Erwerb. ES ist buchstäblich wahr, daß seit Errichtung eines solchen HauseS mehr als Eine Gemeinde in ihren VermögenSumständen sichtbar emporgekommen ist, auch die umliegenden Ortschaften ihren Vortheil dabei gefunden haben. Vermöge der Aufgabe, welche die vsmes clu 8scr6 t!oeur sich gestellt haben, ist eS begreiflich, daß sie ihren Zuwachs vornämlich auS den höhern Ständen erhalten, obwohl eine solche Herkunft durchaus nicht Bedingung, nicht einmal Empfehlung zur Aufnahme ist. Ein frommes reines Gemüth, ein gesundes Urtheil, ein hell ausgebildeter Verstand, eine sorgfältige Erziehung, vor Allem jene Schmiegsamkeit deS Charakters, die ihr Glück in dem heiligen Gehorsam findet, daher mit Freudigkeit jeden Augenblick HauS und Heimat und Stelle zu verlassen bereit ist, das sind die wesentlichsten Eigenschaften, auf welche bei Anmeldenden Rücksicht genommen wird. Bei aller Bildung, bei aller feinen Erziehung verrichten diese Damen alle häuslichen Geschäfte selbst; und nichts dürfte auf die ihrer Obhut anvertrauten Zöglinge so erfolgreich einwirken, als dieses Vorbild beständiger und freudiger Selbstaufopferung und reinen DahingebenS in Alles, waS die Liebe GotteS im Dienste des Nächsten verlangt; so wie in dieser weisen und glücklichen Mischung der geistigen und der Händearbeit daS Geheimniß jenes HochsinnS liegen dürfte, welche das bezeichnende Merkmal dieser Damen ist, ihre Häuser zu Wohnstätten des wahren Glückes weiht, und Niemand dieselben betreten läßt, ohne daß er in wohlthuender Stimmung sie wieder verließe. 238 Ein Freund deS Schreibers dieser Zeilen, der schon vor ein paar Jahren seine einzige reichbegabte Tochter zur Erziehung in ein HauS der vames äu 8ser6 dosur brachte, hat ihm seitdem mehrmals bezeugt, wie innig er dieses Entschlusses sich zu freuen Ursache habe. Sein dankbares Vaterherz hat dem Bestreben und Walten dieser Damen unausgesetzt das beredteste Zeugniß gegeben, welches eS nur deßhalb nicht in weitern Kreisen wollte laut werden lassen, weil dieselben nicht nach Lob vor der Welt trachten. Er zollt der Weise, wie sie ihre Zöglinge in gründliche Bildung einzuführen wissen, ohne sie der ächt weiblichen Sphäre zu entrücken, die vollste Anerkennung, worin er mit Schriftstellern hochberühmten Namens, namentlich mit Goume in seinen Iroi'5 komes (an mehrern Stellen) vollkommen übereinstimmt. (Schluß folgt.) Die Jesuitenmiffionen in der bayerischen Pfalz. Seit Jahresfrist sind vier Volksmissionen (zu Speyer, Landstuhl, Grünstadt und Rheinzabern) von den Jesuiten in unserer Pfalz abgehalten worden; sie haben so Manches aufgerüttelt im innern und im äußern Leben, und eS drängt sich jetzt die Frage auf: welches ist ihre Wirkung gewesen? Bei unserm katholischen Volke, für welches sie allein bestimmt waren, erfüllten sie ihren Zweck. Erregung, Belebung und Befestigung des religiösen Bewußtseyns, Unterdrückung und Beschränkung böser Leidenschaften, Werke der Demuth, der Liebe, des Gehorsams, neue Begründung eines christlichen Familienlebens: daS sind etwa die herrlichen Früchte, welche dieses GeisteSwerk gebracht hat. Im innern Seelenleben erzeugten sie Ruhe und Frieden, nicht jenen äußerlichen politischen Frieden, wie ihn die Welt bringt, sondern jenen innern HerzenSsrieden, wie ihn nur Gott geben kann und der die alleinige Quelle eines ruhigen, geordneten StaalSlebenS ist. Somit waren eS die „geduldeten" Missionen, welche als Begründer deS innern Friedens jene Sendung, die im Jahre 1849 die braven Preußen als äußere Friedensstifter begonnen, zum höchsten Wohle deS Staates bei unS ruhmvoll beschlossen haben. Obwohl nur für die katholische Bevölkerung bestimmt, mußten indessen diese außerordentlichen kirchlichen Heilmittel auch ihre Rückwirkung auf andere GlaubenS- und Parteigenossen ausüben. Die Protestanten blieben davon nicht ganz unberührt. Die rationalistischen, welche noch Gemüth und freie Urtheilskraft besaßen, denen aber der Begriff von Gott, von Unsterblichkeit, von jenseitiger Belohnung und Bestrafung im Strudel trivialer ZeitungS- und Romanenlectüre unbewußt abhanden gekommen war, — sie wurden durch diese klaren Vorträge nachdenkend und bestürzt: „eS könnte doch etwas Wahres an den alten Mährchen des dummen Volkes seyn." . Doch diesen Zweifel zur Gewißheit zu erheben, dazu fehlte meist der sittliche Muth. Allein selbst der bloße Zweifel hat hier sein GuteS; mancher frühere Maulheld und Spötter nämlich lernte jetzt jene vervehmten Jesuiten, welche mit seltener Klarheit und in einfacher volkSthümiicher Sprache die chriftl. Grundwahrheiten vortrugen, achten und schätzen, wennauch nicht lieben; er konnte in ihnen unmöglich jene moralischen Ungeheuer, jene VolkSverdummer, jene confefsionellen Unruhestifter, jene Störer deS Familienfriedens erkennen, wie sie tagtäglich der ganze radikale Journaltroß uns vor Augen führt. Wenn alle Jesuiten, so hieß eS, solche Männer sind und ihr Orden solche Priester erzieht, dann kann man sie unmöglich befeinden, und nur die teuflische Bosheit des Unglaubens vermag eS, jenen lödtlichcn Haß zu erzeugen wegen der siegreichen Verkündigung der göttlichen Wahrheit! — Ganz anders war die Rückwirkung auf die gläubigen Protestanten, besonders ihre Geistlichen gewesen, und - Wer sollte eS glauben? — sie sahen den häufigen Besuch jener Verträge durch ihre Pfarrkindcr äußerst ungern; ob aus Eifersucht, ob aus Furcht? ich kann eS nicht sagen. Sie belauschten sie mit ängstlicher Aufmerksamkeit und benutzten sie dann in ihrer Weise zur geeigneten Widerlegung. »39 Wenn so die Erscheinung der Jesuiten auf viele rationalistische Protestanten eine gute, auf die gläubigen dagegen eine ungünstige Wirkung hervorbrachte, die flch heute schon zum feindlichen Auftreten vorzubereiten scheint, so hat sie auf unsere Demokraten — und wir besitzen deren noch eine nicht kleine festsrganisirte Partei — als nährendes Oel gewirkt für das immer brennende Feuer ihres höllischen HasseS gegen den katholischen Glauben. Frivoler Spott, frecher Hohn und höllische Verleumdung find hier wie überall ihre gewohnte Angriffswaffe. Und wie sollte eS auch anders seyn? Wer daS Daseyn eines Gottes, wer die Unsterblichkeit lehrt, wer von einem jenseitigen Gerichte spricht, wer die thierischen Leidenschaften bekämpft, wer Demuth, Liebe, Gehorsam, Achtung jeder Autorität verkündet; wer die „aufgeklärte" Weisheit der Zeit und deren Hochmuth geißelt und nach jenes griechischen Philosophen Vorgang im „Lerne Dich selbst kennen," — in der christlichen Selbsterkenntniß eine Hauptaufgabe deS Lebens erblick-, der muß absolut einen tövtlichen Widersacher dort finden, wo der Atheismus auf dem Fleische thront, wo Seele und Geist der Sclave des Körpers, das eigene Ich der selbstgeschaffene Gott, die Unsterblichkeit der Seele nur ein dummeS Ammenmährchen ist, und wo die zügellosesten Leidenschaften als höchste Tugenden gelten. Die atheistische Demokratie — und nur diese hauSt in der Pfalz — ist der Todfeind deS Christenthumes, der Katholicismus erscheint ihr als dessen Hauptrepräsentant, die Jesuiten aber sind seine geist- und siegreichen Verkünder, darum jener tödtliche Haß. Möchten doch alle Staatsmänner nur die einfache Rückwirkung, welche die Missionen auf die Demokratie haben, unparteiisch und sachgemäß würdigen. Gegen die Jesuitenmissionen müßten dann überall die Schlagbäume fallen I (Mainz. Journ.) _ Die Mission in Neumarkt. Neumarkt, 4. J.uli. Die Tage des Heiles — die schönen Tage der Mission sind vorüber, doch nur der Zeit nach, im Andenken Tausender dauern sie noch lange, wo nicht ihr Leben hindurch. Soll ich von dieser Mission im Allgemeinen reden, so wird eS genügen, an daS erinnert zu haben, waS unlängst von jener in Jngolstadt erzählt wurde. Unser Gotteshaus war Tag für Tag mit Menschen gefüllt, daß man Mühe hatte, am Schlüsse der Predigt aus der Kirche zu kommen, die Beichtstühle von Morgens 4 Uhr bis Abends 7 Uhr belagert und um bei den PP. Missionären zuzukommen, sah man viele, die nicht einmal, sondern mehr Tage nach einander acht und mehr Stunden ausharrten. Mußte ja dieses liebevolle Auftreten, diese Leutseligkeit und dieser unermüdete Eifer uns gewinnen und unsere Begeisterung für die Religion aufflammen machen, die, im Glänze ihrer Schönheit gezeigt, im Munde dieser Prediger ihre anmuthsvolle Erbarmung selbst dann nicht verlor, wenn sie ernste Worte an uns richtete und wir, wie bei der Abbitte vor dem Allerheiligsten, zerknirscht und erschüttert an unser Herz geschlagen haben. Als aber am Ende Pater Rohmann die Freuden des Himmels schilderte, da schien wirklich der Himmel unS ein Vorgefühl seiner Freuden kosten zu lassen, als nach dem feierlichen Einzug deS hochwürdigsten Herrn Bischofes P. Schmude das Lob der Königin der Himmel verkündete und durch lautlose Stille der Gesang unschuldiger Kinder wie mit Engels» stimmen durch die Kirche tönte: „Jungfrau, Mutter, himmlisch Schöne", da faßte Entzücken jedwede Seele und die folgende Procession, bei der Se. bischöfl. Gnaden zur Freude und Erbauung seines Volkes das Allerheiligste trug, war ein Triumphzug der Gnade, an dem sicher die Engel deS Himmels sich erfreuten, in deren Chöre der SchlußhymnuS deS Te DeumS sich mischte. DaS war aber bloß die eine Perle in der Krone des Festes. Am folgenden Tage die heilige Firmung. Bischof Georg bestieg die Kanzel; seine Ansprache war nur der Erguß eines freudeerfüllten Herzens, seine Worte erstickten unter seinen und seiner Zuhörer Thränen. Zum letzten Male erschien P. Schmude, seine Rede galt den armen Schulschwestern, die in ihr neueS Kloster eingeführt werden sollten. Und mit Recht sprach gerade Er; denn Er war 240 a « cn >"»0'i »»»>u1^2 ^ ^ „u,»^^»-Ä »tt!iLL ' der Liebling der Kinder geworden. Unter dem Segen des Bischofes begann der Zug dahin, den Herr Provisor Hörmann, der vorzüglichste und unermüdete Beförderer deS Werkes, mit einer Rede empfangen wollte, der aber in der Freude, nach langen Mühen daS Ziel erreicht zu habin, einem der Schulmädchen eS überließ, die Schwestern im Namen der Kinder zu begrüßen. So schloß dieses eilftägige Fest, ein Fest der Religion, deS SegenSZund des Friedens. Möge dieser Segen lange unS erhalten, auf unsere späten Nachkommen noch überliefert werden. Möge es wahr werden, was die Bürgerschaft am Schlüsse deS dem Hochwürdigsten Bischöfe überreichten Gedichtes sagte: Daß der Mission geweckte Früchte Fortwachsend froh uns führen zum Gerichte!! Großbritannien. Nach dem katholischen Almanach von Schottland für 1852 zählt man daselbst 5 Bischöfe, 13V Priester, 100 Kirchen oder Kapellen, ferner über 40 Stationen, die entweder regelmäßig oder gelegenheillich besetzt werden. Zur Bildung des Priesterstandes besteht ein kathol. Kollegium im Lande in Aberdeen, mehrere außer Landes, wie jenes zu Rom, in Paris, zu Valladolid und zu RegenSburg. Es bestehen auch vier Klöster. Die Zahl der Katholiken schätzt man auf 150,000. die Mehrheit bilden jedoch Jrländer oder Abkömmlinge von Jrläudern. In England schätzt man die Zahl der Katholiken auf 1'/2 Mill. Diese besitzen 710 Kirchen ober Capellen, 17 religiöse Häuser, 62 Klöster und 1039 OrdenSpriester. Die Zahl der Priester vermehrte sich im abgelaufenen Jahre allein um 67. China. Einem Briefe deS katholischen Missionärs in Tong King, des Abb6S Taillander, an einen Geistlichen in Frankreich entnehmen wir Folgendes: Auch hier haben wir Revolutionen und das arme annamitische Königreich hat viele Drangsale zu erdulden. Kaum war der Krieg mit den KombadschiS beendigt, als daS Königreich von der Cholera verheert wurde. Die Piraten verübten fürchterliche Plünderungen, sie verschonten weder die königlichen Barken, noch die der Kaufleute. Durch häufige Orkane, besonders in diesem Jahre, sind auf der See viele Unglückliche mit all ihrem Hab und Gut zu Grunde gegangen und auf dem Lande richteten sie große Verwüstungen an. Im nördlichen Theile deö Königreichs Hausen gegenwärtig chinesische und annamitische Räuberbanden, die täglich zunehmen und Schrecken und Verheerungen in den Provinzen verbreiten. Die königliche Armee vermag nichts gegen sie. Da die Verfolgungen hier immer noch bestehen, so kann die Religion, obgleich in einem ziemlich gedeihlichen Zustande, sich nicht so entwickeln, wie sie eS bei vollkommener Freiheit gethan haben würde. Es scheint, daß der König und die meisten Mandarine nicht so wie ehemals die Christen hassen. Selbst in vielen Orten, wie in dem Districte, in welchem ich mich befinde, sind unS die Mandarine günstig. Sie suchen Bekanntschaft mit mir und den eingeborenen Priestern zu machen, aber da wir eS für rathsam halten, uns nicht zu sehr auSzusprechen, so sind wir sehr behutsam, arbeiten im Stillen und vermeiden, ausgenommen bei außerordentlichen Umständen, jedes Aufsehen. Doch konnte ich dieses Jahr, unterstützt von sechs bis sieben eingeborenen Priestern, geistliche Uebungen abhalten, die einen guten Erfolg hatten. Der Zudrang war ganz außerordentlich. Die Mandarine wußten, waS wir thaten, und viele alte Sünder sind bei dieser Gelegenheit zu Gott wieder zurückgekehrt.___ Verautwortlicher Redacteur: L. Schöuche». Verlage-Inhaber: F. E. Kremer. Iwalfter Jahrgang. ^onntags-Beiblatt onuichÜ7Ä -'-'j l-^tSZ7yv^ ^tpl» zj? .0 zur Augsbmger PostLeitnng. i. August ^ I85S. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abouuementspreis 5V kr,, wofür es durch alle königl. bayer, Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann, --- Bericht aus Ehartnm. Wien, IS, Juli, Von dem apostolischen Provicar für Centralaftila, Herrn Dr. Knoblecher, ist so eben nachstehender Bericht aus Chartum den 5. April, sammt dem Bericht des Herrn Kociancic über die weitere Nilfahrt der „8t«zIIa matutina" von Dongola bis Chartum*), eingelaufen. „Am 29. März erhielt ich noch vor Anbruch des TageS einen Bericht vom Bord der „8tvIIa matutina", welche schon am Abend vorher in der Gegend von Kerari, wenige Meilen unterhalb Chartum, Anker geworfen hatte. „Von dem ConsulatSverweser Herrn Dr. Reiz und einigen meiner Gefährten begleitet fuhr ich in einem kleinen Fahrzeug den Angekommenen entgegen. Nach zweistündiger Fahrt erblickten wir zwischen den weiten Sandbänken von Halfay die von leichtem Wind schwellenden Segel einer Dasabie, aus Nord-West herannahend. In ihrem leichten majestätischen Gang über die sanst bewegten Wellen deö Nils mochten wir die lang ersehnte „8tvIIa mstutina" erkennen. Die heimatliche Flagge unseres Fahrzeuges ward aus der Ferne wahrgenommen und vom Bord des heran- segrlnden Schiffes mit Kanonensalven begrüßt. Nun zog eö die Segel zur Hälfte auf, und im schimmernden Glänze der strahlenden Morgensonne leuchtete der Stern, den wir aus dem Lager von Korosko mit wehmüthigem Blicke so lange begleiteten, bis er am Horizonte verschwunden war. In wenigen Minuten war es uns vergönnt, hocherfreut über glückliches Wiedersehen die wackeren Gefährten zu umarmen, von denen wir unS vor vier Monaten und neun Tagen mit so schwerem Herzen getrennt hatten. Ihre heitern, aber schwarzgebrännten Gesichter verkündeten den Muth und die Aufopferung, womit sie unter Gottes unverkennbarem Schutze ihre schwierige Aufgabe zu losen wußten. Der stete Aufenthalt in freier Atmosphäre, die immerfort gespannte Aufmerksamkeit, die rastlose Thätigkeit hatte sie gegen die ungünstigen Einflüsse eines fremdartigen Klimaö geschützt, gegen Hitze und Entbehrungen abgehärtet. Alle sahen kräftig und gesund aus. Auch an der Schiffsmannschaft waren keinerlei Spuren der überstandenen mühevollen Reise wahrzunehmen; kein Einziger von allen den Schwarzen, die vor unserer Abreise von Kairo in unsern Dienst getreten waren, fehlte. Trotz der anstrengendsten Kämpfe mit Stürmen, reißenden Strömungen, zahllosen Klippen, denen das Schiff in der langen Fahrt durch die Katarakten beständig auggesetzt war, hatte keinen eine Krankheit befallen, keiner auch nur an einem Finger sich beschädigt; der allgütige Gott hat mit allmächtiger Hand alle beschützt; wie Er die eine Hälfte der Erpedition wohlbehalten durch die Wüste geführt hat, hat Er auch die andere so väterlich geleitet, daß man schwerlich eine afrikanifche Erpedition ') Aus welchem wir das Wesentlichste nachtragen werden. -inlls,^^ "fflLmÄ. finden wird, welche in dieser Beziehung der unsrigen an die Seite sich stellen dürfte. Somit hatten wir hinreichenden Grund, des folgenden Morgens an Bord deö Schiffes dem Herrn ein öffentliches Dankopfcr darzubringen, dessen Feierlichkeit dadurch erhöht ward, daß auf denselben Tag (30. März) die erste Jahresfeier der Eröffnung des k. k. GeneralconsulateS für Centralafrika fiel. „Die allerliebste Mariencapelle und daS ganze Schiff wurden, wie bei der Weihe in Kairo, so auch bei dieser Gelegenheit, festlich geschmückt. Der 5. k. ConsulatSver- weser erschien bei dem Hochamte in der österreichischen StaatSuniform; unsere mit blauer Kleidung und rothen Binden angethanen schwarzen Neophyten, die hier anwesenden Europäer, dann griechische, syrische und armenische Kaufleute, deren Zahl seit Aufhebung der Monopole täglich sich mehrt, endlich koptische Christen fanden in den bedeckten und auf den offenen Räumen des Schiffes zahlreich sich ein, indeß eine bunte Menge der schwarzen und der weißen Bevölkerung der Stadt wie zu einem gemeinsamen Feste sich versammelte und daS hohe, terrassenförmig ansteigende Ufer deö weißen Stromes unterhalb des MissionSgartcnS in langen und dichten Reihen bedeckte. „Das Erscheinen der „SwIIa matutina« hat, wie während der Reise allüberall, auf die Eingebornen und auf die machthabenden Türken einen tiefen Eindruck gemacht, dessen moralische Rückwirkung auf den Triumph des Christenthums in diesem fernen Binnenlande jedenfalls nicht so bald durch irgend ein erhebliches Ercigniß verdrängt werden wird. — Die Eingebornen machen die naivsten Bemerkungen über daS Schiff; sie besingen dasselbe und sprechen eS offen aus, daß die egyptischen Eroberer seit der Unterjochung etwas so Schönes nie in daS Land gebracht hätten; indeß der tiefsinnige Türke in Berücksichtigung des Umstandes, daß das Schiff eine bedeutende Strecke der Katarakten, namentlich diejenigen von Ober-Nubien, zur Zeit des niedrigsten Wasser- standeS, in welcher dieselben auch für kleine Fahrzeuge unbefahrbar gehalten werden, glücklich überschritten hat, den Schluß ziehen, nicht Menschenkräste hätten die Durchfahrt bewerkstelligt, sondern daß eine höhere Macht, deren weise Anordnungen und unergründliche Rathschlüsse sie ebenfalls verehren und anbeten müssen, dasselbe mit unsichtbarer Hand geleitet und geführt habe. „Durch den Verlauf von mehreren Tagen drängte sich Alles, Groß und Klein, Weiß und Schwarz, Alt und Jung herbei, um mir auf daS über dem Wasser schwimmende eiserne Schiff einen Schritt zu thun und wo möglich das schöne Bild der heiligen Jungfrau, dessen Ruf schon von den Katarakten her durch daS ganze Nilthal ihm vorangeeilt war, in der Schiffscapelle mit eigenen Augen zu sehen. Da ich vernahm, daß hierbei die Leute überaus glücklich sich fühlten, gestattete ich Jedermann freien Zutritt. Alles eilte vergnügt von bannen, um Angehörige herbeizuholen, oder ihnen von dem Gesehenen zu erzählen; am Ende prieS man den Herrn dafür, daß daS Schiff Christen und nicht Türken gehöre, da man eS in diesem Falle sicherlich nicht hätte besichtigen können. „Gegenwärtig werden Anstalten getroffen, um das Schiff aufs Trockene zu bringen. DaS dürfte jedoch auS Mangel an Winden und Hebgeschirren einige Schwierigkeit verursachen. Auch müssen die Wunden, die eS während der Reise erhalten, geheilt werden. Zum Glück find sie unbedeutend. Auch find die eisernen Platten an dem untern Theile des Schiffes, die durch Sand und Steine abgerieben wurden, wieder zu übertünchen. Ist dieses bewerkstelligt, dann wird die „„Stell» mswrina"" mit der Rückkehr des Nordwindes im künftigen November die weitere Fahrt auf dem klippenfreien Basar el Abiad antreten und die Missionäre an den vierten Grad nördlicher Breite zu den Bari-Negern bringen, wo wir die nächste Hauptstation zu gründen hoffen. „Ich habe bei der Rückkehr der hiesigen Elfenbein-Erpedition befriedigende Nachrichten über unsern Missionär Don Angelo Binco, der unter den Bari-Negern bereits ein volles Jahr zugebracht hat, erhalten. Er ist der erste Weiße, welcher in so weiter Ferne unter den Schwarzen, deren unbestimmte Gerüchte die Weißen als Menschenfresser verschreien, allein sich niederzulassen gewagt hat. Ich erwartete Nachrichten '"5 iiz'.nm mtzr»«K»» »stchmmstW »«? «« tmpnm r^ 243 von ihm nicht ohne einige Besorgniß; da er aber, durch die Erfahrung von unserer ersten Reise belehrt, nicht mehr in Gesellschaft Anderer dahin sich begeben hatte, so war kein Grund vorhanden, daß der Bari-König Nigila, der schon bei der ersten Erpedition sein Vertrauen unS zuwendete, denselben nicht mit Freuden aufgenommen hätte. Don Angelo stellte sich vor Allem die Aufgabe, die Sprache, die Sitten, die Tugenden und Untugenden der Bari kennen zu lernen, den Landstrich, den sie bewohnen, nach allen Richtungen hin in Augenschein zu nehmen. Er bemühte sich, das Vertrauen uud die Achtung der Eingebornen zu gewinnen, dieselben auf den Begriff deS allein wahren Gottes, auf den Unterschied deS Guten und deS Bösen zu leiten, vie mit der Verderbtheit der menschlichen Natur und dem Aberglauben eingewurzelten Laster zu rügen. Nachdem die Nachricht von seinem Aufenthalt unter den Bari bei den Nachbarstämmen in der Runde sich verbreitet, erschienen von verschiedenen Seiten Deputationen, um mit eigenen Augen sich zu überzeugen, ob der sonderbare Fremdling wirklich eine weiße Haut und einen Bart habe. Namentlich lobt er den von dem Barigebiet in einer Entfernung von drei Tagereisen gegen Osten an den Ufern eines mit dem Basar el Abiad nach Norden parallel laufenden FlusseS (Sowbat?) wohnenden Bari-Stamm, welchen er auf Einladung hin selbst besuchte, und wo er nach manchen glücklich überstandenen Gefahren, denen er auf der Reise dahin begegnete, eines erwünschten Empfanges sich zu erfreuen hatte. „Ich bedaure sehr, mit der eingetroffenen Expedition von Don Angelo nur einen gedrängten Bericht erhalten zu haben, somit nicht im Stande zu seyn, über diese, allein dem Namen nach bekannten Stämme nähere Auskunft geben zu können. Allein da ich mit der Expedition im November die neuen Missionäre selbst dahin zu begleiten und einige Monate dort mich aufzuhalten entschlossen bin, hoffe ich, so mir der Herr Leben und Gesundheit schenkt, nach meiner Rückkehr im Stande zu seyn, über die obern Aequinoctial-Gegenden deS Basar el Abiad und die daselbst wohnenden Stämme einläßliche Berichte einsenden zu können." (D. V.-H.) ,ü»M. Avs ..,n,chHtvHT A 6tM'm ,i>6 iPin ?6!Hhl>ÜZ' .,m?M!ttä u? tft KaN Ein noch gewichtigeres und vollgiltigeres Zeugniß liegt in der raschen Verbreitung dieser Gesellschaft durch alle Länder und alle Erdtheile. Ueberall bilden die Zöglinge cku 8gcr6 Loeur die Zierde der Gesellschaft, und begründen sie, waS weit mehr ist, das Glück der Familien. Schrieb doch erst kürzlich ein Bischof aiiS den Vereinigten Staaten Amerikas- „Unsere glücklichsten und zugleich liebenswürdigsten Missionäre sind die Zöglinge der vames clu 8sor6 Loeur. Wir schätzen unS glücklich, bereits sechzehn Häuser dieses Ordens in unserm früher in katholischer Beziehung so kalten Nordamerika zu besitzen." Diese englisch-amerikanische Anerkennung liefert zugleich den Beweis, daß die häusliche Erziehung keineswegs vernachlässigt wird, da, wie bekannt, auf häuslichen Sinn und verständige Wirthschaftlichkeit nirgends so großer Werth gelegt wird wie in Nordamerika. Hiezu kommt dann noch jener seine Anstand, welchen den Zöglingen Niemand so gut zu verleihen weiß als die französischen Damen höherer Abkunft. Die Einwirkung auf jene ist aber stets frei von gebieterischer Ueberlegenheit, unter welcher ihr Nationalcharakter leiden könnte. Dieß rührt daher, daß die in England, Spanien, Italien gegründeten Häuser größtentheils mit Frauen aus den betreffenden Ländern besetzt sind, die, durch einige Jahre in Frankreich gebildet, als Colonistinnen in dieselben zurückkehren. Wie die Oberhäupter der Kirche dem Orden seit seiner Anerkennung ihre Gunst zugewendet haben ist berührt worden. Er hat einen Cardinal als Protector, der mit der Liebe eineS Vaters über Aufrechthaltung der innern Ordnung und über dessen äußere Interessen wacht. Vorigen Sommer waren die Stifterin und Assistentinnen durch mehrere Monate m Rom versammelt, und es stellte sich dabei zu allgemeiner Befriedigung heraus, daß unter der so ansehnlichen und weit verbreiteten Gesellschaft in Geist und Form die schönste Uebereinstimmung herrsche. UnS Deutschen aber mag eS besonders werth seyn, zu wissen, daß auf die Abfassung der Ordensconstitution die Einsicht und der apostolische Eifer des hochwürdigstcn Herrn ErzbischofS von München, damals Rector des Kollegiums der Propaganda, einen besondern Einfluß geübt hat, wie er denn auch seitdem der Gesellschaft mit stets gleicher Liebe zugethan geblieben ist. Auf seinen Rath ist eS geschehen, daß auch in Deutschland, wo immer die politischen Zustände es gestatteten, Häuser der vames clu 8svr6 Loeur errichtet wurden; so im Siebengebirge, unfern von Bonn. Die Feinde der Kirche, die Widersacher jeder auf religiöser Grundlage ruhenden Erziehung, ob nun dieselbe der männlichen oder der weiblichen Jugend zu Theil werden soll, erheben immer noch ihr altbekanntes Feldgeschrei: Jesuiten. Mit diesem bemühen sie sich auch die Vgmk8 clu 8ger6 Loeur abzuwehren, indem sie eine enge Beziehung derselben zu jenen, wohl gar eine Abhängigkeit von ihnen den Unwissenden und Leichtgläubigen vorspiegeln, gerade wie solches vor einigen Jahren an dem Reichstag der hohenzollern-sigmaringischen Nation in Betreff der barmherzigen Schwestern vorgespiegelt worden ist. Die Beziehung der vsmes äu 8sor6 doour zu den Jesuiten besteht aber bloß darin, daß beide organisch dem Gesammtkörper der Kirche eingefügte Gljeder sind; daß beide, je nach ihrer Eigenthümlichkeit, in der Kirche, durch die Kirche und für die Kirche bestehen; endlich daß beide in solchem Sinne einen segensreichen Einfluß auf daS heranwachsende Geschlecht, auf die Zukunft und auf die Gesellschaft nehmen; in allem Uebrigen stehen die vames . C.-M.) unv gab mir hierüber besiegelte Zuschriften. Allein mein Geld war ausgegangen; solches von ChartuM zu erwarten, war unmöglich, weil inzwischen das Wasser unfahrbar geworden wäre. Der Mudir fand leicht Hilfe. „Nimm das Geld, sagte er, aus der Regierungöcasse; Dein Herr, den ich kenne, soll es der Casse von Chartum wieder zurückerstatten." ES waren aber nur 1790 Piaster vorhanden, die nicht einmal für die Zieher hingereicht hätten. Wieder half der wackere Mudir aus der Verlegenheit. „Gib, sagte er, den Ziehern schriftliche Anweisungen auf die Regierung, diese wird dieselben auszahlen und die Noten nach Chartum zur Einlösung senden." So meiner peinlichen Bedrängniß entrissen, lud ich den guten Mann zum Mittagmahlc, bei welchem er auch erschien, mit den üblichen Salven empfangen. Er bewunderte unser Schiff. „Ein solches Schiff, ein eisernes Schiff, sagte er, ist noch nie in unsere Gegenden gekommen; dasselbe hat unerhörtes geleistet." Beim Essen erzählte er uns seine LevenSgeschichte, hörte manche Frage über die Regimentseinrichtung. Er lud uns wieder ein, und bei zwanzig Schüsseln, die unter dem Gastmahle rasch sich drängten, bekam ich den besten Begriff von türkischen Tafeln. Nach der Beurlaubung ordnete ich Alles zum Ausbruch, worauf der Mudir mir noch seinen besten ReieS sammt einem Soldaten sandte, der den Auftrag hatte, für Zieher zu folgen und uns an die Hand zu gehen. DaS Schiff wurde aus dem Nebenarm des Nils in den Hauptarm gelenkt, am 16. Januar aufgebrochen, um gegen die dritten Nilkatarakten zu steuern. Der Winv war günstig, majestätisch bewegte sich das bewunderte Fahrzeug vorwärts, bis eS, vom Winde erfaßt, den Augen der Zuschauer, welche den Abschied winkte», entschwand. Kein Fels hinderte den Lauf, nur etwa eine verborgene Sandbank, wobei das getrübte Wasser durch Auffahren bis auf das Verbeck spritzte, verursachte ein leichtes Hinderniß. Dann trat Windstille ein, so daß wir erst am 18. Januar Abends sechs Uhr unter den hohen Felsen von Altdongola kamen. — In der Frühe erhob sich ein günstiger Wind, der uns vor eintretendem Mittag nach Ebdadba, der Einbruchsstation nach Chartum, und dem fünfzehn Tagereisen entfernten Kordofan brachte. Hier änderte sich die Richtung des Stromes, und mit diesem Tage begannen alle Unannehmlichkeiten einer langen und gefährlichen Fahrt. — Am Nachmittage sahen wir noch daS letzte Schiff unter englischer Flagge, welches unsere Begrüßung wiederholte; denn sonst segelt um diese Zeit von Meravi bis Berber niemals ein Schiff. Den 21. Januar standen wir vor Ambukol, von wo wir in das Land der Scheikien eintraten. Ein mäßiger Bergrücken bildet die Gränze. An dem ehemaligen Königssitze Hanik vorüber, wo jetzt nur Steingerölle, erreichten wir noch vor Abend Meravi. Da vergingen unter Strickflechten von Palmenfasern und andern Vorbereitungen für die Katarakten zwei Tage. Nachdem wir am 27. die schönen Ruinen von Djebel Barkal passirt hatten, trat uns am 28. das schöne Bild von Baten el Hagiar wieder lebhaft vor Augen, mit dem einzigen Unterschied, daß dort der Wind konnte benutzt werden, hier aber die Fahrt mit der Stärke des WindeS schwieriger wurde. Auch die Scenerie änderte sich. Bisher Palmen, Ebenen, blühende Inseln, zahlreiche Bewohner; von da an Felsen, Gebirgszüge, nacktes Gestein, Schwärme von Wildtauben und Schwalben, dazu daS dumpfe Tosen und Brausen der Brandungen. Am 29. zeigten sich die Vorboten der ersten Katarakten. In den folgenden Tagen wurden zwei gefährliche Puncte — die Katarakte Kab el Abd und der gefürchtete Fels Morsann, der bei hohem Wasser schon manchem Schiff den Untergang bereitet — glücklich zurückgelegt; wir standen an dem Schellal Kendi, den wir auf einem Nebenarm? zu umschiffen gedachten. Er wurde am 1. Februar glücklich durchschnitten; nach vier Stunden standen S5Z wn oberhalb des Katarakten, wo der Strom sich theilt. Bei zweihundert Schritten weiter hinaus kamen wir in die Strömung, das Seil war schlaff, die Strömung riß daS Schiff mit sich, das Seil entwischte den Ziehern, und nun drehte sich jenes und wurde mit aller Gewalt gegen einen FelSrücken getrieben, an welchem der gefährlichste Gtromwirbel des ganzen Katarakten sich zeigt. Die Gefahr war augenscheinlich, Alle bestürzt, als plötzlich das Schiff in der Mitte der Strömung in geringer Entfernung von dem gefahrdrohenden Felsen wie gebannt stehen blieb. Alles staunte; eine höhere Hand hatte eS gehalten. Unter Freudengejauchze eilte Jeder, daS RettungSscil auszuwerfen, um das Schiff aus der Strömung an das Ufer zu ziehen; Alle strengten aufs Aeußerste sich an, um jene zu pafsiren. An der Gränze von Dongola, am 3. Februar, hoffte ich einen ReicS nebst den schriftlichen Befehlen für die Zieher zu finden. Nichts war vorhanden. In dieser kritischen Lage erschien ein Melek, welchen der Ruf: „ein Schiff kommt", herbeigelockt hatte. Dieser versprach, für Alles zu sorgen. Der Mann hielt auch Wort. Die Strömungen von Umboterka wurden somit ohne Schwierigkeit durchfahren, die Zieher kamen und gehorchten ohne Zuschrift, auch der Schellal Gjemel machte kein Hinderniß; ich glaubte, es könne nicht anders, als gut gehen, als des Nachmittags vom 4. Februar daS Schiff aus bloßer Nachlässigkeit in eine Krümmung an einer kleinen Strömung bog, die dessen Bordcrtheil an das rechte, daS Hintertheil an das linke Ufer drängte, dieß so fest, als wäre eS angewachsen, zugleich aber als Sperre daS Wasser staute. Ich durchblickte die Gefahr, befahl drei Matrosen, das Steuerruder zu heben, aber bevor sie an die Arbeit sich machen konnten, schwankte das Schiff und das acht Centner schwere eiserne Ruder war entzwei. Ohne rasches Handeln wäre die Hälfte der Matrosen, wie sie nachher selbst gestanden, davongelaufen. Ich ließ eilendS die Schiffsschmiede aufschlagen. Erst aber mußten Hämmer geschmiedet wer, den, da unter der langen Fahrt die meisten verschwunden waren. Die Einen brannten Kohlen (die aber nicht ausgiebig genug waren), Andere hämmerten, die Matrosen zogen abwechselnd den Blasbalg. Der Wind wehte und wirbelte den Staub auf, daß man kaum auf dem Eisen die Hitze sehen konnte. Um die mächtigen Stücke schweißen zu können, war aber daS Feuer nicht stark genug. Der Versuch deS LöthenS wurde gemacht; dieser ging nicht rasch von statten; das Ruder blieb gebrochen, wie zuvor. Zuletzt rief ich: Heute noch muß das Ruder fertig sey», morgen ' gilts die Fahrt. Die abgebrochenen Theile wurden nun festgenietet, und bevor die Sonne sank, verklangen die letzten Hammcrschläge; das Ruder war mit festen Ringen gebunden. Drei Tage hatte in der dachlosen Werkstätte am Rande der Wüste die Riesenarbeit gedauert. (Fortsetzung folgt.) Zum BonifaeiuSverein. AuS dem Ausweise des Generalvorstandes vom BonifaeiuSverein entnehmen wir Folgendes- Seit der Gründung des Vereins im Herbste 1349 bis zum Schlüsse des Jahres 1851 betrug die gesammte Einnahme 22,419 Thaler, 23 Silbcrgroschen, von welcher Summe 1462 Thaler, 23 Silbergroschen beim Generalvorstande zu Padcrborn eingingen, die übrigen 20,957 Thaler bei den Diöcesan-Comii^: Cöln, Münster, Paderborn, Trier, BreSlau, Freiburg, Fulda, Limburg (Nassau), Mainz, Roltenburg, Luxemburg und Linz. Die Ausgaben beliefen sich in Summa auf 13,819 Thaler, 28 Silbergroschen, wovon auf Unterstützungen verwendet wurden in Summa 12,186 Thaler, 9 Silbergroschen, und zwar für die Diöcese Cöln: zur Errichtung von Schulen und Kirchen auf 50 Stationen, und somit bleibt nun nach Abzug der Ausgaben von den Einnahmen mit Ende des Jahres 1351 ein Cassarest mit 8599 Thaler, 25 Silbcrgroschen, wovon sich 901 Thaler, 19 Silbergroschen in der Cassa des Generalvorstands befinden, der übrige Theil in den Cassen der betreffenden Diöcesan-Comitös, unter welchen auf Münster die größte Summe kommt SS4 mit 2279 Thulern, 3 Gilbergrosche». „Diese Uebersicht," bemerkt der Generalvorstand, „ergibt, daß im Ganzen bis zum Anfang des laufenden Jahrs lö Missionen und 7 Schulen ganz oder doch hauptsächlich aus den Mitteln des BonifaciusvereinS neu gegründet und außerdem eine bedeutende Anzahl von bestehenden MissionSstellen entweder mit baarem Gelte oder mit Büchern und Kirchenvaramenten unterstützt wurden. — Wenn dabei der bei weitem größere Theil der Gelder aus die Diöcesen Breslau und Paderborn verwendet ist, so findet das in den örtlichen Verhältnissen seine vollkommene Rechtfertigung, indem zu diesen beiden Diöcesen der bei weitem größere Theil des MissiouSgebieteS deS Vereines in Deutschland gehört. — Ersichtlich ist übrigens aus diesem Ueberblicke über den Stand des Vereines, daß derselbe, wenn auch immerhin eine erfreuliche und ermuthigende, so doch bei weitem »och keine befriedigende und keine der außerordentlichen Wichtigkeit seines Zweckes angemessene Betheiligung gefunden hat. Selbst in solchen Diöcesen, in venen verhältnißmäßig -sehr große und erfreuliche Betheiligung stattfindet, ist das wünschenswerthe und thun- liche Maaß derselben bei weitem noch nicht erreicht. (So ist, um uns nahe liegende Beispiele zu nennen, in der Diöcese Münster, die nächst Linz die größten Beiträge geliefert hat, von 350 Pfarreien der Verein erst in 150 eingeführt; in der Diöcese Paderborn bei 398 Pfarreien und Missionen in 136.) — In einigen wenigen Fällen mag diese Nichtbetheiligung durch besondere Umstände wirklich entschuldiget seyn; in den allermeisten Fällen liegt ihr Grund in mangelnder Kenntniß von dem Zwecke und der Bedeutung, ja vielleicht von dem Bestehen deS Vereines oder gar in mangelndem Eifer und Ausdauer für die gute Sache desselben; was wenigstens den Trost mit sich bringt, daß ihm noch reiche Quellen sich öffnen können und werden. Indem wir daher denen, welche bisher die Ausbreitung des Vereines oft mit großen Opfern sich haben angelegen seyn lassen, im Namen der heiligen Sache des Vereines und im Namen der für den Glauben neu erwärmten und für das Heil wiedergewonnenen Seelen unsern wärmste» Dank aussprechen, können wir nicht umhin diejenigen, welche bisher sich nicht betheiligt haben, zu einem gleichen Eifer aufzumuntern, in der festen und wahrhaften Ueberzeugung, daß eö gegenwärtig kaum eine heiligere und wichtigere Angelegenheit für nnS gibt, als die Sache des BonifaciusvereinS. — Der Schutz und die Billigung des hochwürdigsten Episkopates ist ihm auch in der aufmunternd- stcn Weise zu Theil geworden und waS die Hauptsache ist, das größte Lob und die Empfehlung des heiligen Vaters, so wie auch die gnädige Verleihung der erbetenen Ablässe, nämlich: eines vollkommenen Ablasses 1) am 5. Juni, als dem Feste deS heiligen BonifaciuS; für die Diöcesen, wo dieses Fest weder im Chöre noch öffentlich gefeiert wird, an dem nächsten auf den 5. Juni folgenden Sonn- oder Festtag. 2) Am Feste des heiligen FranciScuS Seraphicus, als dem Stiftungstage deS Vereines. 3) An dem Tage, wo das Gedächtniß der unbefleckten Empfängniß der Mutter deS Herrn begangen wird. 4) Am Feste der Reinigung der seligsten Jungfrau Maria, oder auch innerhalb der Octav dieser Feste — für alle Vereinsgenossen, Welche außer den gewöhnlichen zur Gewinnung eines vollkommenen Ablasses nothwendigen frommen Werken, nämlich außer dem würdigen Empfang der heil. Sacra- mente der Buße und deS AltarS und den »ach ver Meinung der Kirche zu verrichtenden Gebeten täglich ein „Vater Unser" und ein „Gegrüßt seyst du Maria" mit der Bitte: „heiliger BonifaciuS, bitte für uns", beten und jeden Monat ein wenn auch noch so geringes Almosen z» dem Zwecke deS Vereines geben oder dasselbe, wenn auch nicht jeven Monat, doch jährlich oder vierteljährig oder halbjährig für den entsprechenden Zeitraum entrichten. — Ferner eines Ablasses von 109 Tagen für die, welche eine ganze Woche hindurch an jedem Tage andächtig und reumüthig das Vater Unser und Gegrüßt seyst du Maria beten und ein Almosen geben." Die Rehabilttirung der Lignorianer in Eggenburg. ES war im Frühlinge des Jahres 1348, unglückseligen Angedenkens, als bald L55 nach der brutalen Vertreibung der Redemptoristenpriester in Wien eine bewaffnete Schaar von Studenten und Nationalgcirden, welcher sich mehrere andere anrüchige Individuen angeschlossen hatten, von der Aula nach Eggenbnrg entsendet wurde, um das dortige Kloster aufzuheben. ES geschah dieses noch vor der Publication deS Auf- hebungSdecreteS, eS ward weder der Bischof von St. Polten noch daS KreiSamt oavon verständigt, und die Anführer dieser bewaffneten Horde, welche mitten in ^zer Nacht ankamen, sogleich alle Thore und die Glockenthürme besetzten und die Cassen uu> andere werthvolle Gegenstände in Beschlag nahmen, und den Mitgliedern der Congregation ein kleines Reisegeld mit dem Befehle einhändigten, daß sie binnen einigen Tagen das Kloster zu verlassen haben, konnten vor dem zufällig in der Gegend anwesenden Kreiscommissär nur eine vom Minister PillerSdorf unterzeichnete Schrift vorweisen, die sie sich wahrscheinlich erpreßt hatten. Zum Glücke ließen sich die Führer dieser sonderbaren ErecutionStruppe bewegen, am nämlichen Tage wieder abzuziehen, sonst wäre ein Zusammenstoß mit dem Volke, welches die sogenannten Fr Iheitshelden mit bedenklichen Blicken betrachtete, möglich gewesen. Die Stadt Eggenburg sendete eine Deputation, a.n deren Spitze vr. Mcl. Fink, nach Wien und St. Polten, um die Erlaubniß zu erbitten, daß der Gottesdienst in der Liguoriancrkirche nicht unterbrochen werde, und es wurde gestattet, daß drei Priester, aber ohne ihr Ordenskleid zu tragen, dort sich aufhalten dürfen. Se. k. k. apostolische Majestät haben das AufhebungSdecret gegen Jesuiten und Liguorianer zurück- zu nehmen geruht, und dadurch sind nun die Redemptoristen in den Stand gesetzt, von ihrem Hause in Eggenburg wieder Besitz zu nehmen und nach den Regeln ihres Stifters darin zu leben. Seine Excellenz der apostolische Nuntius hat am 1. August in Eggenburg die feierliche Wiedereinführung der Sohne deS heiligen LiguoriuS in ihr, ihnen wieder ganz zurückgegebenes Kloster vorgenommen; wo sie nun nach ihrer Ordensregel leben und besonders durch Missionen segensreich wirken können. (Oest. V.Fr.) Rom. Rom. Der im letzten öffentlichen Conststorium von Sr. Heiligkeit mit dem Purpur geschmückte Cardinal Morichini, als früherer Nuntius in München, auch in Deutschland sehr bekannt, hat von der ihm als Titel überwiesenen Kirche und dem Spitale von St. Spl'rito feierlichst Besitz genommen. Bekanntlich ist dieses Spital das größte der Welt, und da eS an diesem Tage, so weit der Zustand der Kranken eS irgend gestattete, ganz geöffnet war, so hatten wir Gelegenheit, dasselbe in seinen ei»nil»en Theilen näher kennen zu lernen und seine Großartigkeit zu bewundern Man hat wirklich eine kleine Reise zu machen, um dort zu Ende zu kommen; ein Saal reiht sich an den andern; immer wieder eröffnet die Thür den Anblick eineS neuen, und hat man an der einen Seite auch die Apotheke, die Badezimmer u. s. w. durchwandert, so beginnt an der gegenüberliegenden Seite der Straße die Sache von Neuem in nicht minder großartiger Anlage. Dazu hat man nicht eine, sondern drei, oft vier Reihen von Betten auf beiden Seiten in den Sälen vor einander gesetzt und so findet man sich fast in einer Stadt von Kranken, und zwar, wie in Rom nicht anders seyn kann , aus vielen verschiedenen Nationen. Der deutsche Pönitentiär von St. Peter, den wir an dem Bette eines deutschen Kranken trafen, erzählte unS später, wie er sich vor längerer Zeit auch einmal am Lager eines Deutschen befunden hätte, als ganz plötzlich und unerwartet Se. Heiligkeit Papst Pius IX. vorgefahren sey, um sich von dem Zustande deS HsspitalS zu überzeugen. Der heilige Vater habe sich dabei auch dem Bette des Deutschen genähert und sich mit der ihm eigenthümlichen Freundlichkeit und Herablassung nach den Umständen dieses Kranken näher erkuridigt. Als der Papst hörte, daß derselbe ein deutscher Pilger und in Folge der Anstrengungen der großen Reise auf daS Krankenlager niedergeworfen sey, suchte er ihn selbst zu trösten, versicherte ihm, daß der liebe Gott, zu dessen Ehre er die Mühseligkeiten und Beschwerden einer bedeutenden Reise getragen habe, um die Gräber« .jl .d :756v^a/^dstvij>ij.' IIV ^ s z : 7v?»l>«»» z^^iiii^iiiltiftnn. »56 der Apostel zu besuchen, ihn gewiß nicht verlassen und ihm zur Rückreise in sein Vaterland neue Kraft geben werde, er möge deßhalb den Muth nicht sinken lassen und lebendig auf ihn vertrauen. An diese Ermahnung schloß der heilige Vater die Benediction und zog dann auö der Tasche seines weißen Talars einen römischen Scudo hervor, den er dem Kranken überreichte. Niemals wirkte in St. Spirito eine Medizin so stark als dieser Besuch PiuS IX. Kein Mensch war glücklicher, als der deutsche Pilger; vom sichtbaren Stellvertreter Christi an seinem Krankenlager besucht und so begnadigt zu sey», das war ein Glück, worin er sich nickt zu finden vermochte; den Scudo, so versicherte er, den er aus der Hand des heiligen VaterS selbst empfangen habe, würde kein Mensch in der Welt ihm mit Hunderten bezahlen können; er war bald wieder gesund. — Was übrigens das Spital selbst betrifft, so hat eS sich von dem Scklage, den es von den Republikanern durch Verjaguug der Religiösen, welche den Krankendienst besorgten, erlitt, noch nicht ganz erholt, indem noch immer die Mehrzahl der Krankendiener dem Laienstande angehört. Welch' ein Contrast darin liegt, daß im Mittelpuncte der katholischen Welt und in dem größten Hospitale des Christenthums Weltleute für den Lohn der Welt, für Geld die K»anken verpflegen, daS sieht jeder, und daß darin der Grund zu vielen Klagen liegt, wird Niemand auffallend finden, der die Dienste kennt, die in Hospitälern geleistet werden müssen. Um so erfreulicher ist es daher, daß der heilige Vater der Stiftung jetzt einen so rüstigen Präfecten gegeben hat, und es steht zu erwarten, daß der Cardinal Morichini eS als seine besondere Aufgabe betrachten wird, den durch die republikaniscken Unruhen eingerissenen Uebelständen für die Zukunft vorzubeugen. (M. S.-Bl.') HuftM .t'.ttil, ' hijNNülh' schMfjhyk .",> /!,.!.'77: ->"^> tt» Klausen. ikljll INjll u-i «MMj!liL ^«!tij!/ .,a7UM tt,tlb,l5l^b Ii^s.iu nr^) ^Mls »nP n»Ä mu »-^>-) > .dst nnuiH «dva LZ snu tll»tfts.ii!v ünb^iivS ^^»WR ^u,»»nomsa? ?»1 m» ^, 15. August M SS. 185S. ___ Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis TV kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. ' ^ Das Fest des heiligen Petrus und Paulus. Rom, 12. Juli. Die heiligen Apostelfürsten Petruö und Paulus find nicht allein die Beschützer und Beschirmer der ganzen katholischen Welt, sondern vorzüglich auch die Patrone des Mittelpunktes derselben, der ewigen Stadt. Diese besitzt ihre Gräber und ihre irdischen Uebcrreste; sie zeigt die Stätten, an welchen sie ihre Wirksamkeil mit dem glorreichen Martyrium krönten; ihr Bocen ist besprengt mit dem Blute derselben und in vielen Oertlichkeiten bewahrt sie das lebendigste Andenken an ihr Leben und Wirken. Deßhalb war von jeher das Fest dieser beider Apostelfürsteil daS eigentliche Fest Roms, und wenn auch mit einigem Unterschied, so wurde eS doch immer mit dem höchsten Glänze und der größten Feierlichkeit begangen. DaS Centrum der Feier ist die Basilika des heiligen PetruS im Vatikan, erbaut über dem Grabe dcS heiligen Petrus, wegen ihrer riesigen Größe und Einrichtung ein Symbol der Kirche der ganzen Well, die da ruht auf dem Ecksteine Petrus. Mehrere Wochen lang hatte man an ihrer würdigen Ausschmückung zu dem bevorstehenden Festtage gearbeitet, und die letzten neun Tage vorher wurde eine besondere Vorbereilungsandacht gehalten, bei welcher jedesmal der lieilige Vater erschien. Zu der Vigilie aber war der vor dem Hauptaltare ^) befindliche Eingang zur Grabcapelle des heiligen PetruS (die sogenannte Confessio) in einer wirklich überaus geschmackvollen Weise mit frischem Grün, Blumen und zahlreichen Lichtern geziert; die 89 Lampen, welche hier bei Tage und bei Nacht in vergoldeten Schaalen fortwährend brennen, waren mit dem reinsten Wachse gefüllt und kostbare Leuchter ringS an den Seiten der Marmortreppen aufgestellt. Die an der rechten Seite deS Hauptschiffes befindliche Biltsäule deS heiligen PetruS, vom heiligen Leo dem Großen aus dem Metall der Statue deS Jupiter CapitolinuS gegossen, und vom Volke immer außerordentlich verehrt, war vollständig mit den Pontificalien bekleidet und trug die dreifache Krone auf dem Haupte. Die ganze untere Peterskirche, die Ruhestätte so vieler Heiligen und von allein 130 Päp- --'jMM chks uz instliUiSZZ'iK n:»t!!Hn» p«uitmMuH n5?'i.k:T, ^ ') Denjenigen unserer Leser, welche mit der Einrichtung der Peterskirche nicht bekannt sind, bemerken wir, daß dieselbe in der Form eines großen Kreuzes erbaut ist. Ueber dem Mittelpuncte des Kreuzes, dort, wo die Balken sich schneiden, erhebt sich die 413 Fuß hohe Kuppel, unter der sich freistehend und nur von einem aus vergoldeter Bronze gearbeiteten Baldachin bedeckt der Hauptaltar befindet. Auf diesem feiert nur der Papst und zwar gegen das Volk hin' gekehrt das allerheiligste Meßopfer; und vor demselben (vom Haupteingangc der Kirche aus gerechnet) steigt man auf Marmortreppen zum Grabe des heiligen Petrus und zur untern Kirche hinab (Confessio). Dort, wo bei uns der Hauptaltar steht, am obern Ende des Hauptschiffes, befindet sich hier der Stuhl des heiligen Petrus und davor der Thron des Papstes und von da aus zu beiden Seiten bis zum Altare hin stehen die Bänke für die Cardinäle und Prälaten. Der Papst besteigt den Altar von der Seite seines Thrones her und steht so mit dem Gesichte gegen das Hauptthor der Kirche hin. >i^i(!ivÄ> sten, stand, von fast unzähligen Wachslichtern erleuchtet, allen Männern zum Besuche offen, und acht Tage hindurch hatten schon alle Glocken von St. Peter täglich eine Stunde lang die Gläubigen zur Theilnahme an der großen Feier eingeladen. Diese begann mit der ersten VeSper am Abende des 23. Juni, die — das einzige Mal im Jahre — vom Papste selbst mir allen Cardinälen feierlich abgehalten wurde. Eine ungeheure Menschenmenge hatte sich dazu in den weiten Hallen von St. Peter eingefunden; die Cardinäle und Prälaten aber versammelten sich im Vatikan, um den heiligen Vater zur Kirche zu begleiten. Während des feierlichen ZugeS in dieselbe hatten sich die Mitglieder der Camera Apostolica, der Cardinal Camerlengo an der Spitze, am Ende der sogenannten KönigStreppe des Vatikans aufgestellt und da nach altem Herkommen an diesem Tage die dem Stuhle des heiligen PetruS gebührenden CensuS entrichlet seyn mußten, so lange daS aber nicht geschieht, ein feierlicher Protest an demselben Tuge hergebracht ist, so verlas der FiScal-Procurator in einer Anrede an den heiligen Vater eine Protestation gegen den seit vielen Jahren durch weltliche Macht dem heiligen Stuhle entzogenen Besitz der Herzogthümer Parma und Piacenza und alle aus der Nichtzahlung des dem apostolischen Stuhle davon gebührenden Tributs gezogenen Folgerungen. Nachdem der Papst diese Protestation durch eine kurze Antwort bekräftigt hatte, bewegte sich der Zug unter dem Geläute aller Glocken und dem Spielen zahlreicher, in der Vorhalle von St. Peter aufgestellter Mustkchöre bis zum Hauptthore dieser Kirche. In dem Momente, als der Statthalter Christi, hoch auf dem Tragsessel getragen, in demselben erschien, stimmte die päpstliche Capelle die Antiphon ani^u es Petrus, et super ksne petram seäiLesdo Lcelesism mesm (du bist PetruS und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen), und unter dem Vortritte von vielen Prälaten, zehn assistirenden Bischöfen und dreißig Cardinälen — alle mit der weißen Milra geschmückt — trug man den heiligen Vater bis zur Capelle des allerheiligsten Sacramentes, wo die gewöhnliche kurze Anbetung stattfand. Am Hauptaltare dann stimmte Seine Heiligkeil selbst daS veus in schutorium der VeSper und die erste Antiphon an. Die zweite Antiphon intonirte der erste assistirende Cardinaltiacon, die dritte der assistirende Cardinalbischof, die vierte der erste Cardinalpriester und endlich die fünfte der zweite assistirende Cardinaldiacon. Während deS Magnificat incensirte der heilige Vater, von den dem päpstlichen Throne assistirenden Patriarchen, Erzbischöfen und Bischöfen gefolgt, den Altar, sang dann die Oration und feierliche Benediction und nahm die Segnung der erzbischöflichen Pallien vor, die ein Udilor der Rota vom Grabe des Apostelfürsten vor seinen Thron brachte. Die Gebete, welche die Kirche für die letztere Segnung vorgeschrieben hat, sind ganz ungemein ergreifend und schön, und Piuö IX., der immer mit außerordentlicher Andacht die heiligen Functionen vollzieht, wurde beim AuSsprechen derselben sichtbar gerührt und bewegt; Näherstehende wollen die Thränen in seinen Augen gesehen haben. Nachdem der heilige Vater in den Vatikan zurückgekehrt war, begann mit dem Anbrechen der Dunkelheit die Beleuchtung der PeterSkuppel mit 4400 Lampen, die einen unbeschreiblich majestätischen Anblick gewährt. Mit dem Glockenschlage 9'/^ Uhr wechselte dieselbe, indem daS Ganze in dem Lichte von 800 Fackeln erschien. Zweihunderlfünfzig Personen sind dazu angestellt, um diesen Wechsel im Zeitraum von einer Secunde zu bmmken. Wir haben oft an der PeterSkirche bewundert, daß, wenn auch in allen zu derselben führenden Straßen stundenlang ungeheure Volksmassen zu ihr sich hingedrängt haben, man doch eigentlich nie sagen kann, daß die Peterskirche angefüllt ist, und in ihren weiten Räumen selbst die größten Menschenmasscn sich verlieren. AIS wir aber am frühen Morgen des Festtages St. Peter und Paul diesen riesigen Dom betraten, fanden wir alle Schiffe schon von Menschen gefüllt: gewiß der bei weitem größere Theil der Einwohner RomS hatte die Frühe gewählt, um dem Apofielfürsten den Tribur seiner Verehrung darzubringen und seine Grabesstätte zu besuchen. Welch' eine Veränderung, welch' ein Wechsel doch, — dieser Gedanke mußte uns unwillkürlich ergreisen, — wenn wir eben diese Stätte vor kaum zweitausend Jahren .859 besucht hätten! — Hier, wo wir stehen, war damals der CircuS dcS Nero, jenes grausamen Beherrschers des heidnischen RomS; der Ort diente zu Pferd- und Wagenrennen und zu den schrecklichen Gladiatorenkämpfen, in denen sich die Heiden an dem Ringen, an dem Blute und den letzten Zuckungen der Fechter in wahrhaft thierischem Genusse erfreuten. Hier ward vor nicht achtzehnhundert Jahren auch ein einfacher Fischer auS Galiläa, der eine neue Lehre nach Rom gebracht und dafür wenige verachtete Menschen zu Anhängern erworben hatte, auf Befehl dcS Kaisers gekreuzigt, — und jetzt? jetzt sagt nur mehr die Geschichte, daß einstenS Nero an dieser Stelle seine Macht entfaltete und seine thierische Lust an blutigen Gefechten befriedigte, — aber über den Gebeinen dieses einfachen Fischers und zu dessen Ehre und dessen Verherrlichung hat sich hier der großartigste Dom der Welt erhoben und alle Völker der Erde strömen zu demselben, und fallen nieder an dem Eingange seiner Grabstätte, um bei seinen irdischen Ueberresten zu beten und Gnade vom Herrn zu erflehen! (Schluß folgt.) U»!I >Aj>«M NRZYMM 2.'? i k!Zgnma?55 I»L »MSS msniZl Suv «»NioMA. !M X av Die Erzherzogin Maria von Steiermark, Mutter Kaiser Ferdinand des Zweiten. Rede d«S Herrn Hofraths und ReichShisioriographcn vr. Friedrich Hurter, gehalten in der P lenarversammlung des Central,Sevcri- nuSvereineS in Wien am 13. Juli 1852. MuvIg^W «5-r nl,MM wlwsW« Kvws«A M:j vtHncknv (Schluß.) Zur Zeit, da Maria nach Steiermark kam, fand sie die dortigen Zustände bedenklicher, als sie eS während ihrer frühern Jugend in Bayern gewesen waren. Die Ursachen, die hiezu beigetragen haben, kann ich hier nicht entwickeln, blos als Summarium andeuten, daß der von der Kirche abgefallene Theil deS Adels, im Sinne jeder nach Alleingeltung strebenden Partei, eben so wohl die Rechte seiner katholischen StandeSgenossen als die Befugnisse des Landesherr» immer mehr einzuengen sich bestrebte; dieß unter dem stets in Bereitschaft gehaltenen Schlagwort der Gewissensfreiheit. Die alljährlich wiederkehrenden Besorgnisse vor einem Einfall der Türken erforderten außerordentliche Anstrengungen zu dessen Abwehr; an die Gewährung derselben wurden von Jahr zu Jahr Bedingungen geknüpft, deren Zugeständnis) daS Walten der katholischen Kirche immer mehr beschränkte und gefährdete. Während die unkatho^ tischen Landleute Prädikantcn und Schulmeister auS Württemberg, Sachsen und allen Gegenden Deutschlands in freiem Belieben haufenweise nach Jnnerösterreich beriefen, verlangten sie von dem Erzherzog wiederholt, er solle die kurz zuvor zum Unterricht der katholischen Jugend eingeführten Jesuiten verweisen, weil sie Fremdlinge wären. Endlich am 9. Februar 1578 wußten sie auf einem Landtage zu Brück an der Mur ihm die Bewilligung abznnöthigen, daß in den vier Städten Grätz, Klagenfur», Judenburg und Laibach unkatholischer Gottesdienst ohne irgend eine Beschränkung dürfe geübt werden. Der Erzherzog gewährte dieselbe mit schwerem Herzen in Gegenwart seiner geheimen Räthe mündlich; diejenigen aber, welchen die Bewilligung zu Gute kommen sollte, sormulirtcn sie sodann nach eigenem Gutfinden schriftlich, und fälschten die Worte hinein: der Erzherzog verpflichte sich hiezu für seine Erben und Nachkommen. Obglelch er diese Worte alSbald in ihrer Gegenwart mit eigener Hand auSstrich, behaupteten sie nach seinem Tod die Giltigkcit derselben mit der zähesten Hartnäckigkeit, wie oft auch die Erzherzogin die Vorweisung dcS Originals mit den durchgestrichenen Worten anbot. Was dieselbe unter solchen unablässigen Bemühungen der Unkatholischen möge gelitten haben, erkennen wir am Besten auS einem Vorgang, der nur wenige Jahre nach dieser Zeit konnte stattgefunden haben, und welcher in ihr Inneres in dieser 260 Beziehung den tiefsten Blick eröffnet. Einige, der unkatholischen Lehre beipflichtende Hofherren hatten ihren Gemahl mit Ueberreichung eines zierlich eingebundenen Gesangbuches zu bereden gewußt, den Gottesdienst ihrer Partei zu besuchen. DaS erfuhr die Erzherzogin und hielt sich für verpflichtet, dieses Borhaben, wenn immer möglich, zu verhindern. Als daher der Erzherzog aus seinem Gemach herausschritt, begegnete sie ihm, ihren kleinen Ferdinand an der Hand führend, und ein anderes ihrer Kinder auf dem Arme tragend. „Wo wollen Ew. Liebden hin mit den Kindern?" fragte der Erzherzog. „Nach Bayern, in meine Heimat," versetzte die Gemahlin, „denn hier sind sie in diesem Augenblicke in der höchsten Angelegenheit ihres Heils gefähr- det." Der Erzherzog verstand den zarten Sinn und sagte: „Bleiben wir lieber Beide zu Hause;" worauf auch er wieder umkehrte. Kein Jahr war seit dem Vertrage von Brück abgelaufen, als der Erzherzog seinem Bruder Ferdinand in Tirol klagen konnte: „eS sey nicht allein auf AuSlilgung der katholischen Religion, sondern eben so sehr auf Beseitigung des schuldigen Gehorsams in weltlichen Sachen abgesehen. Die unkatholischen Landleute legten eS darauf an, alle Katholiken auS seinem Lande zu verdrängen; sie mutheten ihm zu, den Befehlshaber in seinem eigenen Schlosse zu Grätz, als einen unerschütterlichen Bekenner des Glaubens, zu entlassen und über Städte und Schlösser nur solche Männer zu setzen, die von ihnen vorgeschlagen würden. Sie wollten sogar behaupten: auch daS gehöre zu ihren Freiheiten, durch fürstliche Befehle nicht gebunden zu seyn, sondern darüber hinwegsehen zu dürfen." — Einerseits wurde jene Beiseitsetzung der Katholiken sammt der Beeinträchtigung des fürstlichen Ansehens immer weiter getrieben, anderseits schallte eS jeden Sonntag von allen Kanzeln herab von Aberglauben, Götzendienst, Teufelswerk, Pfaffentrug und ähnlichen grobkörnigen Ausdrücken. Der grätzerische Prävikant JeremiaS Homburger entblödete sich nicht, am Sonntage nach dem Fronleichnamsfeste, woran der Erzherzog mit seiner Gemahlin und dem Hofe Theil genommen, zu verkünden: das sey purlautere Abgölterei, deS Festes Stifter, Förderer und Theilnehmer wären insgesammt verflucht; selbst die Kühe könnten den Gräuel der Procession nicht leiden, indem sie vor zwei Jahren dieselbe zertrennt hätten. Beschwerte sich der Landesherr über solche Frechheit, so erklärten die Prädikanten: zu ihrem Eifer würden sie von der Macht des heiligen Geistes angetrieben, und gegen wohlverdiente Rügen fanden sie Schutz bei den Mitgliedern der Stände. Die Landtage wurden von Jahr zu Jahr unfreundlicher. Selbst der Stadtralh von Grätz maßte sich an, ein Verbot gegen den Besuch katholischer Predigten zu erlassen; die Handwerker verbanden sich, keinen katholischen Arbeiter länger als vierzehn Tage zu dulden. Dieß alles konnte der Erzherzogin so wenig gleichgiltig seyn als ihrem Gemahl, welcher immer mehr einsah, daß er mit seiner angestammten österreichischen Milde nicht länger werde durchkommen können. Schon im Jahre 1581 schrieb Herzog Wilhelm von Bayern seiner Schwester: er freue sich, daß ihr Gemahl die ReligionS- sache sich so wohl angelegen seyn lasse und daß auch sie dazu rathe und mitwirke. Im folgenden Jahr bot die Taufe der Erzherzogin Eleonore deren Oheim Veranlassung, selbst nach Grätz zu kommen, um dem Schwager, vornämlich aber der Schwester, seinen Rath zu ertheilen. Wie willkommen dieser ihr müsse gewesen seyn, läßt sich jenem Wort derselben entnehmen: „Lieber wollte ich'alle meine Kinder in einer Butte auf den Rücken nehmen und zu Fuß nach Bayern zurückwandern, als daß ich zugäbe, daß etwatz ihrer Religion Nachteiliges unternommen würde. Sollte dann selbst mein Herr Bruder sie nicht ausnehmen wollen, so würde ich eben mit andern armen Leuten in einem Spital wohnen, um daselbst mein Leben katholisch zuzubringen." In einer solchen Rede liegt die über jeden Zweifel erhabene Bestätigung deö PsalmworteS: daß über Macht, Ehre und Reichthum daS Herz ungleich höhere Güter erkenne. Wilhelm sprach Muth ein, rieth, wenn Einige ihre Stellen aufgeben wollten, ihnen den Mantel deßhalb nicht zu zerreißen, das unkatholische Hosgesinde zu entlassen. S61 Maria freute sich des Gemahl zunehmender Entschlossenheit und bezeugte bald darauf, eS hätten so viele Katholiken zum Dienst sich angeboten, daß sie nicht geglaubt hätte, deren so viele in Grätz noch zu finden. Der Bruder ermunterte sie: ihr Gemahl solle nur Herr bleiben, es handle sich bloß um den ersten Schritt, daS Weitere werde sich dann leicht fügen. Bei der Erzherzogin begegnen wir jetzt schon jener Entschiedenheit, mit welcher sie später den Sohn unablässig ermähnte: bei einer Angelegenheit, worin die Ordnung im Lande, die Erhaltung der fürstlichen Rechte und die Wahrnehmung der geheiligtesten Verpflichtungen gleichmäßig sich verbänden, weder schläfrig noch verzagt zu Werke zu gehen. Die noch bei Lebzeiten des Gemahls immer weiter zielenden Folgerungen, welche aus dem Bruckervertrag wollten gezogen werden, die um sich greifende Vergewaltigung katholischer Kirchen und ihrer Priester, daS waS manchen Orts gegen glaubenötreue Laien vollführt wurde, rechtfertigen jene ausgesprochene Ueberzeugung aufs vollkommenste. Maria mochte selbst des geliebten Gemahls frühzeitigen Tod, die Verwaisung ihrer zahlreichen Kinderschaar jener traurigen Spaltung beimessen, welche die Einwohner des Landes nicht bloß auseinander gerissen, sondern in schlecht verhülltem Groll sich gegenüber gestellt hatte. Denn während der Erzherzog zur Kräftigung seiner angegriffenen Gesundheit im MannerS- dorferbade bei Larenburg sich befand, brach, durch die Unkatholischen veranlaßt, in Grätz ein arger Tumult aus. Der Fürst wollte zur Untersuchung selbst nach seiner Residenzstadt sich begeben, erkrankte unterwegs, und starb am fünften Tage nach seiner Rückkehr in einem Alter von fünfzig Jahren, eilf Kinder hinterlassend, zu denen in wenigen Wochen das zwölfte hinzukommen sollte. So tief gewurzelt, unerschütterlich und hell aber lehte in dieser gesegneten Mutter die Ueberzeugung: die Kirche sey die von Gott gesetzte Anstalt zur Leitung und Begleitung der Menschen hienieden, zu deren Beseligung für die Zukunft, daß sie die pflichtgetreuen Diener derselben, ohne irgend welche Rücksicht auf weltlichen Rang, aller Ehren werth hielt, mit dem freundlichsten Wohlwollen ihnen entgegentrat. AIS daher eine Edelfrau über die Neigung ihres SohneS, in den geistlichen Stand treten zu wollen, bei ihr sich beschwerte, erwiderte sie: „und wollte einer meiner Söhne Jesuite oder Capuciner werden, ich würde es nicht nur nicht hindern, eS vielmehr fördern, so gut ich eS vermöchte." Wie alle Lebensbeziehungen dieses erhabenen FürstenpaareS durch die lebendigste christliche Ueberzeugung geweiht und geadelt wurden, so vornehmlich die bedeutungsvollste derselben: ihre eheliche Verbindung. Beinahe bei allen Reisen des Erzherzogs begleitete ihn die Gemahlin; sie nahm Theil an seiner Jagdlust; sie richtete sich in der Bekleidung ihrer Leute nach seinem Geschmack; sie nahm Bedacht auf Alleö, waS ihn erfreuen konnte; sie hörte auf seinen Rath selbst in Sachen, die bloß ihre eigene Person betrafen. Im Jahre 1582 ging der Erzherzog nach Wien; Maria mußte zurückbleiben, weil sie nicht lange zuvor einer Tochter genesen war. Er traf am 7. November hier ein und schon am 9. schrieb er ihr: mache ihm vieles Nachdenken, daß er noch keinen Brief von ihr erhalten habe. T)rei Tage später sagte er: er könne nicht Worte finden, um eS auszudrücken, wie lang ihm die Weile nach ihr sey. Dann wieder schreibt er ihr: „mein Schatz! es ist Dir wohl die Weile so lang nach mir, als mir nach Dir." ES war zu jener Zeit und zumal am Ende des No, vemberS ehedem eine schöne Tagreise von Wien nach Schottwien. Im Augenblick, da der Erzherzog Wien verließ, erhielt er einen Brief von der Gemahlin, und sein Erstes bei der Ankunft in Schottwien war die Erwiderung desselben. Zwei Jahre später kam er nach Leoben; kaum abgestiegen, schrieb er der Gemahlin: „Wie ich in daS HauS eingetreten bin, bist Du mir halt abgegangen, daS HauS ist mir zu weit, denn der Weil ist mir schon lang "nach Dir." ES war daher der Ausdruck allgemein anerkannter Wahrheit, wenn in einer Leichenpredigt auf den Erzherzog gesagt wurde: ein Sinn, ein Rathschluß, ein Wille, ein Geist, eine Lebensweise habe Beide geeinigt. In seinem Testamente bezeugte der Erzherzog, „daß die freundliche, herzliebe Gemahlin während der ganzen Zeit ihrer Ehe eine offenkundige, beständige, herzliche «62 Liebe und treue Freundschaft gegen ihn stets erwiesen habe, wofür er zur Dankbarkeit gegen sie sich verpflichtet fühle." Ueberzeuyt, daß der angewiesene Wittwensitz zu Görz ihr nicht bequem sey, trage er seinen Erben ernstlich auf, ihr des Freiherr» von Teufenbach HauS zu Jugenburg anzukaufen und es standesmäßig einrichten und ausstatten zu lassen. Da sie bei diesen theuren Jahren mit den durch den Heiraths- brief bestimmten ItZMO fl. nickt wohl ausreichen könne, und damit Ihre Liebden seine wohlmeinende Neigung und Freundschaft im Werk spüren möchte, verdopple er diese Summe, deren Ablieferung jeder anderen Ausgabe jederzeit vorangehen solle. AIS getreue Mutter ordne er sie den Vormündern seines SohneS als Mitvormünderin in Allem zu. Aber auch Maria bewährte ihre Anhänglichkeit an den Gemahl. Während der achtzehn Jahre, die von seinem Tod bis zu ihrem eigenen Lebensende verliefen, verging kein einziger Tag, an welchem sie einer für ihn gestifteten heiligen Messe nicht beigewohnt hätte; und befand sie sich zu Meer, wo deren Abhaltung unmöglich war, so mußte dieselbe wenigstens vorgelesen werden. Das sind nur wenige Momente auS dem Wesen einer Fürstin, welche ihrer unvergeßlichen Enkelin, unserer hochgefeierten Maria Theresia, in jeder Beziehung mit dem Vollesten Recht an die Seite darf gestellt werden. Noch ungleich Ansprechenderes läßt sich in Menge hervorheben. Findet sich die verehrte Versammlung durch daS jetzt Mitgetheilte angesprochen, wünscht sie, daß ihr das vollständige Bild einer Fürstin vor Augen gestellt werde, aus welche jeder Oesterreicher Mit Recht stolz seyn, und deren Persönlichkeit die warme Liebe zu dem theuren Fürstenhause erhöhen muß, so werde ich mit freudiger Bereitwilligkeit in späteren Vorträgen dieses Bild in der retchen Fülle aller seiner anmuthigen Züge hervortreten lassen. » Hr. Präses Dr. Kaltenbäck fügte die Bemerkung hinzu, daß sich Hr. Dr. Hurter ein hohes Verdienst um Oesterreich erworben habe, indem er die Geschichtsfälschung aufdeckte, welche einen der größten und besten Fürsten auS dem Habsburger Stamme mit den ungerechtesten Schmähungen überhäuft hatte. Ja man könne mit Wahrheit sagen, daß Kaiser Ferdinand II. der bestverleumdete Fürst war, nnd eS sey gewiß sehr traurig, daß selbst Katholiken und Oesterreicher sich täuschen und hinreißen ließen, den zweiten Ferdinand, der eben so standhaft im Unglücke, als großmüthig im Glücke war, als grausamen Verfolger und Tyrannen zu verunglimpfen; den Erzfeind Oesterreichs und Deutschlands, Gustav Adolph, hingegen alö ritterlichen Vertheidiger der Religionsfreiheit, als Muster der Milde und Gerechtigkeit hinzustellen. Zum Beweise, wie irrig eine solche Auffassung sey, mögen folgende actenmäßig bewiesene Thatsachen dienen: Ferdinand der Zweite verwieß zwar die Protestanten, welche offene Rebellen waren, auS dem Lande, erlaubte ihnen jedoch ihr Vermögen mitzunehmen, und gestattete denjenigen, welche liegende Güter hatten, alljährlich einmal nach Oesterreich zu kommen und ihre Einkünfte in Empfang zu nehmen. Gustav Adolph zwang die Katholiken, die friedliche Unterthanen waren, auS Schweden auszuwandern, confiScirte ihr Vermögen und befahl, jene, welche je zurückkehren, auf dem nächsten Baume aufzuhängen. Auf welcher Seite ist nun die grausame Tyrannei, und auf welcher hingegen die Großmuth? .MVtthklk mx .?^!m.^ch9 chkn, mig? na!-!>?. 'Wte»ikimnJ»jlkj)!Io Am 7. war daS Ruder wieder an seiner Stelle. Durch das seichte Flußbett, auf dessen Oberfläche Gras, Schlamm und Steinspitzen sich zeigten, ging die Fahrt ungemein langsam, dazu noch heftiger Nordwind mit ungewöhnlicher Kälte. Doch überwanden wir noch am gleichen Tage den Schellall Kirbekan; am andern den von S6Z Mit, am folgenden erreichten wir Wodeine mit seinem Schellall, einem der längsten und reißendsten der dritten Katarakten. Am 1V. Februar waren zwei Strömungen zurückgelegt, über eine dritte die Stricke gespannt, als plötzlich daS Seil den Händen der Zicher entfuhr, ob in tückischer Absicht, muß dahingestellt bleiben. Drei Stunden gingen hierüber verloren. AIs AlleS wieder vorbereitet war, ging der wackere Schmied an daS Ufer, um die Zieher zu überwachen, wobei er vieren, die wieder das Seil fahren ließen, 5en verdienten Lohn aus ihre schwarzen Rücken hämmerte. Nun ging Alles gut von Statten, um sechs Uhr landeten wir bei Waddi Gamer, einem freundlichen Orte, wo wieder schöne Vegetation sich zeigt. Der 11. Februar bot nichts Besonderes dar, aber am 12. mußten wir bei brausendem Winde aufbrechen. Die Matrosen hofften mit zwölf Ruderern deS Wassers Meister zu werden, sahen aber bald, daß eS ohne Zieher nicht gehen werde. Die, welche mit dem Seil an daS Ufer schwimmen sollten, ließen eS aber im Kampfe mit zwei Krokodillen entwischen, so daß es noch am zweiten Tage nicht gefunden war, daS Schiff aber mittlerweile an einen Felsen stieß, so daß daS Ruder beinahe abermals gebrochen wäre. Die Saumseligkeit der Zieher machte die Fahrt der folgenden Tage höchst langwierig. Am 17. Februar erreichten wir die Insel Mograt. Hier schien AlleS gegen unsere Weiterfahrt sich verschworen zu haben. Obgleich drei Boten vorangegangen waren, zeigte sich keine Spur von Ziehern, und ohne schriftlichen Befehl seines Obern wollte der dortige Schech solche nicht hergeben; denn der großherrliche Ferman galt ihm so viel als nichts. Vier Stunden weit bis in die tiefe Nacht eilte ich ihm in seine Wohnung nach. Vor dem Thor derselben schoß ich meine Doppelbüchse ab, um den Matrosen ein Zeichen zu geben und dem Schech Furcht einzujagen. Erschrocken fuhr er auf und fragte, was eS gebe? Der Große vom Schiff ist da, hieß eS; da sprang er auf ein bereit gehaltenes Pferd und gerade dem Wasser zu, um mir zu entfliehen. Inzwischen besann er sich, kehrte um, warf sich vor mich hin und verhieß, Alles erfüllen zu wollen; noch in der Nacht erging der Ruf und in wenigen Augenblicken war eine Karavane von sechzig Personen, Eseln und Pferden in Bewegung. Da eS aber finster, ich selbst müde war, ließ ich Halt machen und rasten. Am frühen Morgen erreichte ich daS Schiff, und sofort wurde gezogen, mit schwachen Kräften, weil in der Nacht doch wieder Viele entflohen waren. Von unserm Landungsplätze am 20. Februar bis nach Abu-Hamed sind eS zwei Stunden, und erst nach den acht sorgenvollsten Tagen unserer ganzen Reise konnten wir dahin gelangen. Sie begannen damit, daß in der Frühe deS 21. die Matrosen, den zaghaft gewordenen ReieS an der Spitze, mit der Erklärung herankamen: keinen Schritt weiter zu fahren, denn das Flußbeet sey ausgetrocknet. Da half alles Zureden nichts. Mit tausend Menschen, schrieen sie, wäre cö nicht zu wagen. Waö war mit den muthloö gewordenen Leuten anzufangen? Das kleine Schiff wurde nun mit den Ge« räthschaften des Herrn Missionärs Trabant und deS Schmieds befrachtet, damit diese nach Abu-Hamed steuern und von dort auf Kameelen nach Chartum sich begeben könnten, indeß ich in dem Schiff bleiben sollte, um weitere Befehle zu erwarten. Die Fassung und der Ernst, womit ich diese Anstalten traf, blieb nicht ohne Eindruck auf die Matrosen. Sie machten sich verstohlenerweise auf, um daS Wasser nochmals zu untersuchen. Jetzt erklärte der ReieS, mit 120 Ziehern wollten sie die Fahrt doch zu Stande bringen. Diese hatten sich aber verlaufen, so daß erst am 23. wieder konnte abgefahren werden. Wir kamen ohne Schwierigkeit über die gesürchtetsten Stellen. Oberhalb derselben ist ein kleiner Canal zu passiren; da bekam das Schiff einen Leck und das kleine Seil, welches die Matrosen statt deS großen nahmen, riß entzwei, das Schiff schlug mir aller Gewalt auf einen spitzen Felsen, eS drohte zu sinken, weil das Wasser in die untern Räume eindrang. Dieses mußte eilendS herausgeschöpft, der Bruch nothdürftig ausgebessert werden. An einen Felsen angebunden, hatten wir die Nacht in der Mitte deS Stromes zuzubringen, wüthenden Sturmwindes wegen den folgenden Tag ebenfalls, und die ganze Nacht, mußte z»w»'jK> . Ä . ^ : iz?r^ii^>sg»j .siKaachs !Zpl"70ÄI«ü7?!i- 264 Wache gehalten werden, weil jeder Augenblick uns loszureißen drohte. Endlich konnten wir weiter und gelangten um zehn Uhr vor den letzten Katarakt Musur. Da zu wenig Zieher vorhanden waren, ging ein Malrose auS, um Leute aufzubieten, damit des folgenden Morgens die Fahrt könnte gewagt werden. Als ich mich da nach dem Stand der Mannschaft erkundigte, hieß eS: „Alle sind entflohen, kein Einziger will ziehen, ein Schech hat den ausgesendeten Matrosen todten wollen." Da tobte eS in mir; von einem Einzigen begleitet, machte ich mich auf, um über den Kopf des Schechs eine Fluth von Drohungen auszugießen. Der lange Weg, den ich auf dem Gerippe eines Esels zurückzulegen hatte, kühlte mich etwas ab, auch bedachte ich, daß ich nicht geläufig genug arabisch spreche. Zum Glück traf ich den Hauptschech Hagfare, mit einem Untergeordneten im Diwan versammelt. Ich erklärte, das Schiff auf seine Unkosten anbinden und fortgehen zu wollen, und verlangte die Auslieferung Desjenigen, der meinem Matrosen den Tod angedroht habe. AlleS ward sogleich bewilligt. Ob aber versprochen worden, die Zieher müßten noch vor Einbruch der Nacht sich einfinden, fehlten in der Frühe noch bei zwanzig. Da der Hauptschech sich davon gemacht hatte, war es schwierig, Vorsorge zu treffen. Da brachte einer der Schechs, der immer am günstigsten gegen uns sich erwiesen, im besten Augenblick Hilfe, so daß wir noch am 27. Februar ohne viel Anstrengung den Schellal Musur, bis zum Abend des folgenden Tages die letzten Schwierigkeiten überwanden. Wir steuerten nun auf dem felSlosen, gefahrfreien Strome mit schwellenden Segeln in südwestlicher Richtung, während wir eine Viertelstunde früher zwischen Felsen, Steinen, Schlamm und Untiefen nur langsam uns hatten bewegen können. Nach halbstündiger Fahrt erreichten wir Abu-Hamed mit vollen Segeln. Halte doch die Dahabie eines der ersten Würdenträger bei vollem Wasserstand nur in dreißig Tagen leisten können, waS wir bei niedrigem in zwölf Tagen geleistet hatten. (Fortsetzung folgt.) -zau »j;l chiü! Hsj lirwi ^">- .«-k^.? ,-Kij «iibt^ »5W-lws W i e n. Wien, 20. Juli. Vom Ministerium des Innern ist der Bescheid erfolgt, daß die Jsraeliten auch in Orten, wo sie die Mehrzahl der Bevölkerung'bilden, die äußere Feier der christlichen Sonn- und Feiertage einzuhalten haben, dagegen, wenn dort die Markttage auf einen israelitischen Feiertag treffen, dieselben auf den nächstfolgenden Tag zu verlegen sind. (Schw. M.) Beralltwortlicher Redacteur: L. Schönche». VerlagS-Juhaber: F. E. Kremer. Zwölfter Jahrgang. ^>»> ^ ^ >. ^ -L. ^ ^ T ^. >. ^sonntags-Betblatt usmi?i »ua '^aiwsi SÄ .,i,SniN^n-,,,Ä»>!lo« «ni> »o!«^ ?l! Hivl? ^><^ ,»^i.ttiUMnkjsj.jVN!>uj,<-' N^'/ ^uis ^>> l , -.'.>>»> >M Änu .ii^-?5,Ä> s^ I^n -u ^i^is li-iii iM init-'»u,6 i^Zl .iiilM sni»- SS. August M S^. 185S. ___ ^ > ^» Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonucmentspreis 40 kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Generalversammlung der katholischen Bereine Deutschlands zu Münster. Es war eine der denkwürdigsten Zeiten in der Geschichte Deutschlands, als die katholischen Vereine ins Leben traten. Die Revolution brauste, wie ein wilder Strom, über die Länder dahin und riß Alles in ihrem Strudel fort; die von Gott gesetzte Gewalt wurde verachtet und die Willkür regierte; alle Leidenschaften gährten, die Begriffe waren verwirrt; die berathenden und gesetzgebenden Versammlungen bauten, wie zu Babel, ohne Fundament, und eine grenzenlose Sprachenverwirrung hatte sich des ganzen Deutschlands bemächtigt. Von einem höheren Bewußtseyn, einem göttlichen Gedanken, einer ewigen Idee blickte kaum eine Spur durch, ja sie wurde öffentlich in einer Versammlung verworfen, die das Heil der deutschen Nation berathen und begründen sollte. In dieser Zeit, wo das Gute und Wahre nur mühsam durchdringen konnte, etwa wie ein Funke durch einen dichten Aschenhaufen, wie eine einzelne Aehre durch wucherndes Unkraut, wo die Stimme der Wahrheit verhallte in dein Sturmwind und dem unaufhörlichen Wogenschlag eines ganzen MeereS von Leidenschaften, in dieser Zeit erstanden die katholischen Vereine. Gegenüber der Unzahl von Vereinen, die damals, wie Pilze nach einem Gewitterregen, aus der Erde aufschössen, nahmen sie eine Stellung ein, die sich sofort und in der bestimmtesten Weise durch ihre Grundlage, durch ihre innere Beschaffenheit, durch ihr Ziel von sämmtlichen damals bestehenden Vereinen und Versammlungen wesentlich unterschied. Die katholischen Vereine wurden getragen von einer ewigen, göttlichen Idee. Während allgemein in den Vereinen und Versammlungen die irdische Seite und diese dazu leider oft genug in der unreinsten Gestalt hervortrat, stellte der katholische Verein eine andere, eine höhere Seile dar und vermittelte, indem er sich auf dieser Grundlage constituirte, der Zeit Gesichtspunkte, welche sie aus dem Auge verloren hatte, und verbreitete ein höheres Bewußtseyn durch Deutschland, zu Nutz und Frommen nach Oben und nach Unten hin. In dem Wirrwar von Versammlungen aller Art trat jugendlich frisch ein Verein ins Leben, der keinen Anstand nahm, in öffentlicher Versammlung seine Mitglieder mit dem Gruße „Gelobt sey JesuS ChristuS" zu begrüßen. Das war lange nicht geschehen, weder von der Bureaukratie in ihren Sitzungen, noch von der Demokratie in ihren Clubbs. Es versammelten sich die edelsten Männer verdeutschen Nation in den kath. Vereinen: sie wurden sich ihrer Einheit und Gemeinschaft bewußt. Es vereinten sich die Kräfte und wurden stark durch ihre Verbindung. Die Schranken der Länder fielen, die Gränzen waren aufgehoben, die Nationalitäten verschwanden, die Geister verbanden sich. ES war ein freier Zug der Gedanken durch Deutschland. LS6 Während die Versammlungen der damaligen Zeit durchweg daS Bild einer chaotischen Verwirrung und Zerfahrenheit darboten und Einem überall der wilde Galerielärm in die Ohren tönte, entfaltete stch in den kath. Vereinen auf eine wohlthuende Weise das Bild einer vollendeten Einheit. Es staunte die auS den Fugen gerissene Zeit, eine Versammlung zu sehen, wo Einheit war; — man hatte die große Wahrheit kennen gelernt, daß nur auf Grundlage ewiger, göttlicher Principien eine Einheit zu erreichen sey. — Es versammelten sich Männer aus allen Theilen Deutschlands, und es bewies sich auf den Generalversammlungen, daß auch in Deutschland eine Einheit der deutschen Nation zu erreichen sey, welche Gränzen, Länder und Nationalitäten nicht zu stören vermögen. AIS man in Frankfurt die Einheit Deutschlands berieth, sah man aus den Generalversammlungen der kath. Vereine eine Einheit hergestellt in dem Einen Glauben und der Einen Liebe. Preußen, Bayern, Westfalen, Tyroler, Oesterreicher, alle Stämme der deutschen Nation reichten sich in ihren Vertretern die Hand und standen stch persönlich gegenüber, standen persönlich zusammen, alle von demselben Glauben, denselben Ueberzeugungen durchdrungen, durch dieselbe Liebe verbunden! Die Versammlung der deutschen Bischöfe zu Würzburg war die vollendete Einheit, dargestellt in den obersten geistlichen Würdenträgern; die Versammlung der kath. Vereine bot uns den wohlthuenden und erhebenden Anblick einer Verbindung dar, die selten geworden war, — die Verbindung zwischen Geistlichen und Laien zu Einem Zweck, zu Einem heiligen Wirken für Wahrheit und Recht, für daS Wohl deS Staates und der Kirche. Uno hätten wir daö Bisherige nicht gesagt und würden wir alles Andere verschweigen, schon unter diesem Gesichtspunkte erscheinen die kath. Vereine als eine Zeiterscheinung, oer man ihre Bedeutung nicht absprechen kann. War man doch längst gewohnt, das Wirken für Gotteö Ehre, in ächt burcaukrati- scher Auffassung, einem gewissen Ressort, nämlich dem geistlichen Stande in engster Beziehung, zu überweisen und sich nicht mehr als Glieder des Einen heiligen LeibeS der Kirche zu betrachten, deren jedeS seine Bestimmung und Aufgabe, nicht etwa blos auf Erden und im Staate, sondern auch für den Himmel unv die Kirche, daS Himmelreich auf Erden, hat. Daß man nicht blos Geistliche auf der Kanzel, sondern auch Laien auf der Tribüne über religiöse Fragen und göttliche Dinge reden hörte, ist ein Moment, daS man nicht zu gering anschlagen sollte; denn eS ist eine Thatsache, daß man vor dem Jahre 1848 kaum eine Gesellschaft, auch der Bestgesinnten fand, wo höhere und religiöse Fragen zur Sprache gebracht wurden. Laien, welche an den katholischen Bereinen sich betheiligten, trugen daS Samenkorn deS Guten auch weiter in ihre und die höheren Kreise, und namentlich diese Kreise wurden zum ersten Male wieder von einem Luftzug berührt, gegen den man bisher hermetisch stch abgesperrt halte. Laien fühlten sich geweckt durch Geistliche, Geistliche durch Laien; eS fand eine Wechselwirkung statt, welche von den wohlthätigsten Folgen begleitet war. ES bedürfte aber außerdem in damaliger Zeit außergewöhnlicher Kräfte; und indem Geistliche und Laien sich die Hand reichten, hatten sich die Kräfte gemehrt und die einzelnen Laien wurden die überleitenden Mittel, wodurch überhaupt die vielfach so sehr gestörte, zum Theil abgebrochene Verbindung mit den unmittelbaren von Gott gesetzten Organen der Kirche wieder angebahnt und hergestellt wurde. So wurden die katholischen Vereine ein Mittel in Gottes Hand, wodurch zuerst und im Allgemeinen eine Einheit und Vereinigung der Katholiken Deutschlands angebahnt, wodurch ein christliches, göttliches Bewußtseyn allseitig geweckt, wodurch auf die ewigen, höheren Principien hingewiesen wurde; eS wurde durch dieselben der Begriff von Kirche und Staat und die Stellung des Katholiken zu beiden Gewalten aufgehellt; eS wurde die Lehre über die von Gott gesetzte Obrigkeit mit Kraft gelehrt und in dieser Beziehung der Revolution mit Entschiedenheit entgegengetreten; es wurde mit Vorficht und Umsicht auch die Stellung deS Katholiken zum Episkopat hervorgehoben und in allen diesen Beziehungen dahin gestrebt, die richtigen Ansichten zu vermitteln, die verwirrten Begriffe 267 aufzuhellen. Wenn gleich die Zeit und Geschichte durch Thatsachen NieleS lehrte, wurden dennoch die katholischen Vereine die Organe, welche überall ihr Scherflein zu dem großen Werke beitrugen. — Es wurde aber nicht nur ein christliches, sondern mit Bestimmtheit und Klarheit ein katholisches Bewußtseyn geweckt; und mit der Erwachung dieses Bewußtseyns belebte, stärkte sich der Wille; erwachte die That: denn alles wahrhaft Katholische ist Leben und That, niemals bloßer Gedanke und leere Abstraktion. Und da eS sich im engern Sinne um daS Wohl Deutschlands handelte, so konnte der Verein an jener Frage nicht vorübergehen, worauf einzig und allein die Einheit und daS Heil Deutschlands könne gegründet seyn, und er sprach eS mit Ueberzeugung aus, daß die Einheit Deutschlands einzig in dem Einen Glauben könne gegründet werden und daß die socialen Uebel nur durch die katholische Liebe zu heilen seyen. Hier betrat der Verein das Gebiet seiner praktischen Wirksamkeit. Der BonifaciuSverein ist als Schöpfung des katholischen Vereins zn betrachten, und die großartige Ausbreitung der Vincenzvereine wesentlich seiner Thätigkeit zuzuschreiben. Von dem bischöflichen Sitze zu Mainz ging einstens die Einheit Deutschlands auS; in Mainz war die erste Generalversammlung. Der heilige BonifaciuS hatte durch den Einen Glauben die Einheit Deutschlands geschaffen; darum hieß der neu gegründete Verein Bonifaciusvercin. Die Zeit hatte sich die Aufgabe gestellt, den Unterschied der Stände gewaltsam im Wege cer Revolution aufzuheben; der katholische Verein betrat den Weg der Kirche: sie läßt die Stände, die Völker, die Nationalitäten bestehen und verbindet sie durch die katholische Liebe. Eine große Aufgabe bleibt noch zu lösen übrig; eS wird darauf ankommen, weitere praktische Resultate, wie die letztgenannten, zu erzielen. Möchte die Generalversammlung zu Münster dazu die Veranlassung bieten! Man wolle daher entschuldigen, wenn Schreiber dieses, ein Mitglied deS katholischen Vereins, auf einige Puncte aufmerksam macht, die der Generalversammlung Gegenstand einer ernstlichrn Berathung werden könnten, mit der bestimmten Tendenz zugleich, denselben, so viel möglich, eine praktische Folge zu geben. Wir setzen auf die erste Stelle: die katholische Universität, ohne darüber ein Wort hinzuzusetzen. Auf die zweite Stelle: ein katholisches Missionshaus zur Erziehung von Priestern, welche in protestantischen Gegenden wirken, um dem Bonifaciusvereine eine nachhaltige, dauernde und segensreiche Wirksamkeit zu vermitteln. Dann: die Knabenseminare, um allseitig darüber die richtigen Ansichten zu vermitteln, ihre Nothwendigkeit für die Zeit zur Heranbildung eines tüchtigen WeltkleruS, worauf im letzten Grunde daS religiöse Wohl Deutschlands, wie überhaupt aller Länder wird gegründet seyn, zu entwickeln und darzuthun, und zur kräftigen Unterstützung dieser Institute aufzufordern. Auf die vierte Stelle: die Marianischen Sodali täten und die Gesellenvereine in ihrem Verhältnisse zu einander. Ferner: die katholische Presse und der katholische Preßverein. Endlich: die christliche Kunst und die Kunstvereine. Wenn ich den letzten Punct hervorhebe, so brauche ich kaum anzudeuten, 868 weßhalb gerade die Generalversammlung zu Münster eine treffende Gelegenheit zur Besprechung dieses Gegenstandes bieten würde. Und waS wird Münster thun, dem die Ehre einer Generalversammlung der katholischen Vereine Deutschlands zu Theile wird? — WaS in seinen Kräften steht! — DaS ist unsere Hoffnung. Münster, den L7. Juli 18S2. _ (M. S.-Bl.) Das Fest des heiligen Petrus und Paulus. (Schluß.) Die eigentliche Feier deS TageS begann aber erst gegen zehn Uhr und bestand in dem heiligen Meßopfer, das der 259ste Nachfolger des heiligen Petrus, unser heiliger Vater Plus IX. mit allen Cardinälen auf dem Hauptaltare und also über den Gebeinen deS ersten aller Päpste darbrachte. Niemand wird es von uns verlangen, daß wir diese Feier beschreiben; denn demjenigen, der nie daran Theil nahm, vermag keine Beschreibung eine adäquate Vorstellung zu geben, und demjenigen, der dabei gegenwärtig war, wird der damals empfangene Eindruck immer lebendig bleiben. Wir beschränken uns deßhalb auf die Bemerkung, daß nach dem feierlichen Einzüge jn St. Peter der heilige Vater die Functionen bis zum Offertorium auf dem Throne vornahm und sich dann an den Altar begab, und diesen nach dem AgnuS Dei wieder verließ. Am ergreifendsten sind die Momente der Elevation und der Communion. Bei ersterer nämlich zeigt der heilige Vater, nachdem er selbst die heilige Hostie und später den heiligen Kelch knieend angebetet hat, dieselben nach allen Weltgegenden, — und wenn dann lautlose Stille die zu Boden gesunkene ungeheure Volksmenge ergreift und alles Militär in die Kniee fällt und theils das Gewehr präsentirt, theils die blitzenden Schwerter zu Boden senkt und eine sanfte Musik in der Höhe der Kirche vom fernen Eingange' her ertönt, da muß es selbst den kältesten Katholiken durchzucken und zieht es nicht selten den Protestanten auf den Boden nieder. Die heilige Communion aber nimmt der Papst nicht am Altare, sondern auf seinem Throne. Die heilige Hostie wird deßhalb von dem ministrirenden Cardinaldiacon, der dieses Mal der Cardinal-StaatSsecretär Antonelli war, nach einer nochmaligen Elevation nach allen Weltgegenden und unter Wiederholung der allgemeinen Kniebeugung zum päpstlichen Throne gebracht, wo der heilige Vater sie knieend anbetet. Nachdem auch der Kelch in gleicher Weise dorthin gebracht ist, solgt die Communion, bei welcher der heilige Vater unter den ministrirenden Diacon und Sub- diacon die Hälfte der heiligen Hostie theilt. DaS heilige Blut nimmt er nach dem alten RituS vermittelst einer kleinen Röhre. — Ferner hat das Pontificalamt deS PapsteS noch das Eigenthümliche, daß die Epistel und das Evangelium in der griechischen Sprache und griechischem Gesänge nach der Recitation des Lateinischen wiederholt werden. — Auf dem feierlichen Rückweg zum Thore der Kirche, bei welchem der Papst, mit der Tiara bekleidet, getragen wurde, hielt man ungefähr in der Mitte des WegeS inne, und der Generalprokurator deS Fiscus trat wieder vor Se. Heiligkeit und verlas laut eine Protestation gegen die Nichtzahlung deS Zinses von Seiten Sr. Majestät des Königs von Neapel. AIS König beider Sicilien hat dieser nämlich seit dem Jahre 1737 den dem heiligen römischen Stuhle gebührenden Tribut von 7VW Ducaten Gold, die alljährlich in einem silbernen Gefäße am Vorabende des TageS von St. Peter und Paul überreicht werden müssen, zu zahlen unterlassen, und seitdem findet alljährlich dieser feierliche Protest statt, den der heilige Vater durch eine lateinische Erwiderung bekräftigte. Mit einer feierlichen Vesper in St. Peter, welcher daS heilige Kollegium beiwohnt, und einem großartigen Feuerwerke auf dem Monte Pincio schloß die Feier deS ersten TageS. An dem folgenven, dem Tage der Commemoration des heiligen Paulus, fuhr der heilige Vater mit allen Cardinälen zu der auf dem Wege nach Ostia, eine Miglie von Rom, über dem Grabe dieses großen Apostels erbauten S69 Basilika und wohnte dort dem Hochamte bei, das immer ein dem päpstlichen Throne assistirender Bischof hält und dieses Mal von dem hier anwesenden hochwürdigsten Erzbischofe von München-Freysing gefeiert wurde. Nach Beschluß der Feier besichtigte Se. Heiligkeit die Fortschritte deS Baues dieses bekanntlich vor mehreren Jahren leider niedergebrannten Tempels und die Geschenke, welche der Kaiser von Rußland und Mehemed Ali in zwei Malachit-Altären und großen Säulen von Alabaster dazu gemacht haben. Die Feier der übrigen Tage der Octav deS Festes besteht darin, daß die Bruderschaften Roms verschiedene Kirchen besuchen, an deren Oertlichkeit sich besonders das Andenken beider oder eines von beiden Aposteln knüpft, und in welchen bei diesem Besuche ein feierliches Pontificalamt abgehalten zu werden pflegt. So begeben sich die Bruderschaften am dritten Tage nach der Kirche St. Pudentiana, dem früheren Hause des Senators Pudens, bei welchem der heilige PetruS während seines Aufenthaltes in Rom wohnte, und der Pontificalmesse assistiren die Protonotarii Apo- stolici. Am vierten Tage wird Santa Maria in Via Lata (eine kleine Kirche am Corso, worin der jetzt regierende Papst früher Canonicus war) besucht, in deren unter der Erde befindlichen Gewölben der heilige Paulus gefangen gehalten wurde, und die Uditoren der heiligen Rota leisten Assistenz. Am fünften Tage kommt die Reihe an St. Pietro in Bincoli, wo die Ketten, in welche der heilige PetruS geschlossen wurde, aufbewahrt und verehrt werden und sich die Kleriker der Camera einfinden müssen. Weiter am sechsten Tage begeben sich die Bruderschaften zu St. Pietro in Carcere, dem alten mamertinischen Kerker, worin PetruS und PauluS gefangen saßen. Der siebente Tag wird durch einen Besuch der in der Nähe von St. Peter gelegenen Kirche St. Pietro in Montorio gefeiert, die gerade an der Stelle, wo der heilige Petrus gekreuzigt wurde, erbaut seyn soll. Endlich am achten Tage verehren sie mit dem Senate deS römischen Volkes die beiden Häupter der Apostel, die in der Basilika des Laterans bewahrt werden. — Von allen diesen heiligen Oertern hat unser Interesse am meisten der alte mamertinische Kerker erregt, der sich am Fuße des CapitolS in dem tarpeischen Felsen befindet. Den heidnischen Römern diente derselbe zum Gefängnisse für schwere Staatsverbrecher, wie wir ja unter Ander», wissen, daß Jugurtha darin den Hungertod erlitt und die Mitverschwornen Catilina'S darin erdrosselt wurden. Nach der Tradition mußte auch der heilige PetruS in diesem Gefängnisse leiden uud rief auf sein Gebet aus dem harten Felsen eine Quelle hervor, mit deren» Wasser er die beiden Kerkermeister Processuö und Martinianus taufte. Diese beiden starben bald nachher den Martyrertod für Christus, und die Kirche feiert ihr Andenken am 2. Juli. — Jetzt ist über dem Kerker eine Kirche gebaut, aus der man mittelst einer schmalen Treppe in denselben hinabsteigt. Der Kerker selbst enthält zwei übereinanderliegende und in außergewöhnlich harten Felsen eingehauene Räume; man sieht noch die mitten in die Fußböden eingehauenen runden Löcher, durch welche die Gefangenen von oben in daS am tiefsten liegende Gefängniß gesenkt wurden; in letzterem fließt bis auf den heutigen Tag die merkwürdige Quelle und gibt sehr klares und wohlschmeckendes Wasser. Die Quelle selbst ist der Stein deS Anstoßes für alle Kritiker, die jene heilige Tradition nun einmal nicht annehmen wollen; denn wie läßt es sich denken, daß die Römer in dem tiefen Kerker für die schwersten Verbrecher eine Quelle gruben und denen, die sie am schärfsten züchtigen wollten, diese Wohlthat eines frisch hervorsprudelnden Wassers angedeihen ließen? oder eine wie ausfallende Erscheinung wenigstens ist diese Quelle inmitten des festesten Gesteins, daß man in einem Felsen nur finden kann! — Das römische Volk überläßt den Kritikern übrigens gern ihre Ansichten und deren Schwierigkeiten und die ganze Octav hindurch ziehen ganze Schaaren zu dem mamertinischen Kerker hin, nehmen an den öffentlichen Gebeten Theil, steigen in die Tiefe deS untersten Gefängnisses hinab und trinken aus der Quelle, die das Gebet Petri schuf und die zur Taufe von Märtyrern diente. „Selig, die nicht sehen und doch glauben!" (M. S.-BI.) »70 Aus dem Bericht des Missionärs Johann Koeianelc über die Fahrt ver »Stell« mstutins" von Dongola bis Chartum. ii^iu.L NZ7„!IZM Zo« ^!!-k'i!r))6 kssWÄHöö! ^,:>^!j,^'/ ^i? -i^!^ ^ 7 ' ^li-.-'o'i'M !!.!! Wien, im Juli. Am Montag war vom Segeln keine Rede; die Zieher hatten über die seichten Stellen zu helfen. Jeden Augenblick mußte dem Schiffe eine andere Richtung gegeben, eS oft zurückgeschoben werden, um zwischen den Felsen durchzukommen. Es war eine harte Arbeit; in fünfstündiger Anstrengung legten wir bloß hundert Schritte zurück, zuletzt standen wir zwischen zwei Felsen in dem Sand, wie eingekeilt. Die folgende Nacht war nicht angenehm, doch nicht gefahrvoll; obwohl heftiger Nordwind sauSte, bewegte sich daS Schiff nicht. In der Frühe trat Kälte ein, bei welcher Niemand in das Wasser sich wagte, auch keine Zieher sich zeigte». Der Sturm wüthete fort, so daß Jeder Zuflucht hinter einem Felsen suchte. Um eilf Uhr kgte sich der Wind elwaS und die Zieher fanden sich ein. Die eine Hälfte griff zu den Seilen, die andere Hälfte sprang in daS Waffer und hob mit Hebern; in einer Viertelstunde war daS Schiff frei. Nun ging es von Felsen zu Felsen. Einmal drohte daS Schiff, sich zu wenden, wogegen die Matrosen durch die Ruderstangc» eS bewahrten, indeß die andern daS große Seil an einem Felsen befestigten, um zu ziehen. So gelangten wir unter gewaltigen Anstrengungen und vielfachen Stößen am Abend auf ein freieres Wasser oberhalb der Insel Dobake. Auch am i0. März hatten wir gutes Wasser, aber entgegengesetzten Wind, der unS zum Landen nöthigte, wo wir nicht wollten. Für den N. stand der Schellal Bager bevor, vor diesem aber eine 3600 Schritte lange seichte Stelle. Wasser nnd Gelände wurden erst in Augenschein genommen. Um zehn Uhr begann die Fahrt. Die Schwierigkeiten bei jeder Wendung des langen Schiffes waren größer, als wir eS vermuthet hatten; doch bis Abends sechs Uhr war die „Stella mswtins« über alle gefährlichen Puncte hinaus und in den Strömungen von Schellal Bager angelangt. Trotz des SturmeS untersuchte daS kleine Schiff den AuSweg, den das große Nachmittags mit vollen Segeln zurücklegte. Um vier Uhr flatterten unsere Fahnen oberhalb deS vorletzten Katarakten. Der letzte ist derjenige von Homar. Für diesen waren Zieher auszunehmen. Sie fanden sich etwaö spät ein. Aber die öde Gegend zwischen den beiden genannten Katarakte» konnte bei eingeengtem Strom mit vollen Segeln zurückgelegt werden. Abends vier Uhr war auch der Katarakt von Homar mit seinen vier großen Strömungen gewonnen; bei großem Wasserstande ist er einer der gefährlichsten. AIS hierauf ohne alle Bedenklichkeit die Segel konnten aufgezogen werden, jauchzten die Matrosen: „Jetzt sind wir in Chartum." Von nun an ist das Wasser unergründlich, breit, mit schön bewachsenen Inseln und Ufern geschmückt. Gleich einem Sieger flog auf ihm das Schiff daher. Um jedoch mit einem wohlgeordneten, gereinigten Schiff vor Berbers Hauptstadt El Mucheiref zu erscheinen, ließ ich am 15. März an der fruchtbaren Insel Tamur landcn, Alles ausladen, das Schiff auSwaschen und Ketten und Stricke in Ordnung bringen. Ein mäßiger Gewitterregen vollendete unsere Arbeit. Doch ging am 16. bei Windstille die Fahrt langsam, erst am Abend erreichten wir EI Mucheiref. Kanin waren die üblichen Salven gewechselt, so kamen viele Vornehme, uns zu beglückwünschen. Unter diesen war Latif Pascha der Erste, der daS Schiff betrat. Er bezeugte, eö nie für möglich gehalten zu haben, daß wir in dieser Zeit so weit würden vordringen können. Er erwieS sich sehr zuvorkommend und ich mußte ihn täglich besuchen. Ohne alle Schwierigkeit stellte er mir zur Weiterreise die erforderlichen Schriften aus. Anhaltende Südwiude verzögerten unsere Abreise bis zum 20. März. An diesen, Morgen trat ein frischer Nordwind ein, und gleichsam in dem Bewußtseyn, alle Hindernisse besiegt zu haben, flog die „8tkIIs mütutinz" den breiten Strom hinauf. Der Schellal Omeltegur verdient im Vergleich zu den vielen frühern Katarakten kaum »71 diesen Namen. An dem Landungsplatz oberhalb desselben harrte unser eine Dehabie der Regierung von Chartum in der Absicht, eine Wettfahrt mit der unsrigen anzustellen. Anfangs Überflügelle sie uns, waS die Matrosen so in Wuth versetzte, daß ich sie kaum besänftigen konnte. Sie wollten nicht, daß ihr Schiff besiegt werde, vergrößerten daher in der Nacht die Segel, arbeiteten und reparirten, und bewirkten eS am folgenden Tage, daß sie den Gegner trotz angewendeter List, uns den Wind abzuschneiden, übersegelten. Am folgenden Tage war Windstille bei brennender Hitze; sie dauerte zwei Tage und machte wieder das Ziehen nothwendig. Dafür wütheten am 26. und 27. Windhosen, die in dieser Zeit wegen deS Windwechsels besonders stark und häufig sind. Sie drohten oft, die Segelstangen entzwei zu knicken, waS immer durch die Gewandtheit der Matrosen verhütet wurde. Am Nachmittage deS 27. begrüßten wir zum ersten Male wieder eine österreichische Flagge. Sie wehte von einem kleinen Schiffe, welches unS zwei Missionäre aus Chartum entgegenbrachte. Welcher Jubel! Er läßt sich in Worten nicht ausdrücken. Wir nahmen sie auf unser Schiff und landeten Abends in Halfaye, eine Meile unter Chartum. Wie am folgenden Tage der Provicar mit seinen Gefährten den-Ankommenden entgegenfuhr, haben die Leser aus seinem Bericht vernommen. Vier Monate und neunundzwanzig Tage waren verflossen, seit die Einen von den Andern sich getrennt hatten; vereint erreichten sie Chartum um eilf Uhr deS 29. März. Wohlthun trägt Zinsen. An einem der letzten Octobertage deS verflossenen Jahres kehrte der ehrwürdige Pfarrer von Derval, einem kleinen Städtchen der Bretagne in Frankreich, sehr ermüdet »ach seiner Wohnung zurück. Er hatte eiue arme Familie seines Kirch- sprengels besucht, welche krank und von allen Mitteln entblößt darnieder lag, und derselben das wenige baare Geld geschenkt, welches er sich durch strenge Selbstver- läiignung an seinem bescheidenen Einkommen erspart hatte. Auf seinen Stab gestützt wanderte er seiner Wohnung zu und dachte unterwegs mit Betrübniß darüber nach, wie gering seine Mittel seyen, um Gutes thun und das Elend und Unglück unterstützen und erleichtern zu können. Er hatte noch nicht die Hälfte deS WegeS zurückgelegt, alö er sich beim Namen rufen hörte und den Maire von Chateaubriand auf sich zukommen sah, dem ein Mann mit einer kleinen Kiste auf dem Kopfe folgte. Nach beiderseitiger freundlicher Begrüßung theilte sodann der Maire dem Pfarrer mit, daß sein Besuch ihm gelte und daß er ihm einen Brief von einem gewissen frühern Sergeant-Major, Carl F. einzuhändigen habe. Der gute alte Pfarrer erinnerte sich dieses Namens anfänglich nicht mehr, endlich aber fiel ihm bei, daß er einst einem Unglücklichen eine Wohlthat erwiesen habe, und daß dieß Wohl jener Sergeant-Major gewesen seyn müsse. Der Maire erkundigte sich nach dem Dienste, den der Pfarrer jenem Unterofficier erzeigt habe, da derselbe auö dem Auftrage, den er an ihn habe, zu schließen, groß gewesen seyn müsse, worauf ihm der Pfarrer nach einigem Widerstreben Folgendes erzählte: „Ende Augusts deS Jahres 1848 kehrte ich wie gewöhnlich Abends vom Besuche einiger kranken und armen Pfarrkinder nach Hause zurück; da erblickte ich nicht weit von unserm Städtchen entfernt einen jungen Soldaten, der mit verstörten Blicken und wilden Geberden dem tiefen und reißenden Fluß zueilte, der dort mit rasender Schnelligkeit durch jene Bergschluchten ins Thal niederstürzt. Ich hielt ihn an und sprach freundlich mit ihm. Anfangs gab mir der junge Mann gar keine Antwort, sondern suchte sich durch eine abwehrende Bewegung deS lästigen Fragers zu entledigen; da ich aber gegründete Ursache hatte, einen Selbstmord zu befürchten, fo hielt ich ihn fest, und nach vieler Mühe gelang eS mir auch, ihn zu bewegen, mit mir nach Hause zu kommen. Nachdem er sich in meiner Wohnung niedergelassen und ich ihn auf die freundlichste Weise um die Ursache seines Kummers befragt hatte, 87S gestand er mir endlich, daß er eine ihm in seiner Stellung als Sergeant-Major anvertraute Summe im Spiele verloren habe, und daß ilmi, um der Schande zu entgehen, nichts Anderes übrig bleibe, als seinem Leben ein Ende zu machen. Nachdem er mir dieses Geständniß abgelegt, brach er in Thränen und lauteö Schluchzen aus und wiederholte öfters: „Ach, meine arme Mutter! meine arme Mutter, wenn die es wüßte..." „Ich wartete, bis der junge Soldat ruhiger geworden war, und redete ihn dann mit Worten des Vorwurfes, aber auch zugleich der Ermahnung und des Rathes an, so wie nur ein Vater mit einem irrenden Sohne sprechen kann. Um aber nicht bloS ein leidiger Tröster für ihn zu seyn, gab ich ihm ein Paket mit 130 Franken, den Betrag der von ihm so leichtsinnigerweise verschleuderten Summe. „Es ist dieß beinahe mein ganzes Besitzthum, sagte ich zu ihm, aber mit Gotteö Gnade werdet Ihr von nun an ein anderer Mensch werden, fleißig arbeiten und mir einst, wenn Ihr es im Stande seyd, diese Summe wieder zurückgeben, die eigentlich mehr den Armen als mir gehört." ES wäre schwer, des jungen Soldaten Freude und Erstaunen zu beschreiben. Krampfhaft drückte er mir die Hand und sagte nach einer Pause: „Mein Herr, in drei Monaten läuft meine militärische Dienstzeit ab. Ich verspreche Ihnen hiemit feierlich, daß ich unter GotteS Beistand von dieser Zeit an fleißig arbeiten und ein ordentlicher Mensch bleiben werde." Mit diesen Worten nahm er das Geld, verließ mich, und ich ertheilte ihm noch meinen Segen. Zum großen Aerger meiner Schwester, die mir oft vorwarf, daß ich mein Geld an einen unwürdigen Menschen verschwendet habe, welchen wir nie mehr zu sehen bekommen würden, mußte ich nun freilich den folgenden Winter hindurch in leichtem, fadenscheinigem Rocke und dergleichen Hosen zubringen, auch bestand unsere Speise meistens nur aus Brod und Suppe, aber der Herr hat unS seine Kraft verliehen, und wir Haben's auch überstanden. Seither habe ich nichts mehr von ihm gehört." Unter der Zeit hatten die drei Männer die Wohnung des Pfarrers erreicht und waren in die kleine niedere Stube eingetreten. „Von diesem Carl F.", begann hier der Maire, indem er sich setzte, „ist vor zwei Tagen der Mairie von Chateaubriand ein Packet nebst einem Briefe mit der Bemerkung zugekommen, Beides sicher in Ihre Händ? gelangen zu lassen. Da eS mich nun daS Sicherste däuchte, wenn ich diesen Auftrag selbst übernähme, so habe ich mich heute auf die Füße gemacht, um mich desselben bei Ihnen zu entledigen." Der Mann, der die kleine Kiste getragen hatte, stellte dieselbe auf den Tisch. Sie war außerordentlich schwer. Der Pfarrer erbrach den Brief, der von San Fran-- cisco in Californien datirr war, und las: „Hochwürdiger Herr Pfarrer, edelster der Menschen! Hierbei überschicke ich Ihnen einen kleinen Beweis meiner ewigen Dankbarkeit zur Erinnerung an den 28. August 1848. Es sind die Erstlinge meines Fleißes im fremden Lande. Carl F . . ., ehemals Sergeant-Major im . . sten Regiment, jetzt Goldgräber in Californien." Das Kästchen wurde geöffnet; eS enthielt mehrere massive Goldklumpen, im Werthe von 12- bis 15,000 Franken. „Nannette," sagte der Pfarrer bei diesem Anblicke mit Freudcnthränen in den Augen zu seiner Schwester, „beurtheile mir nimmer auf so harte Weise einen reuigen Sünder. Unser unglücklicher Gast hat sein Wort hundertfältig gelöst. Nun, Gottlob! nächsten Winter soll eS meiner armen Gemeinde weder an Nahrung noch an Medicin mehr fehlen, und du, meine Schwester Nannette, wirft ein großes Quantum warmer Stoffe kaufen, worin sich die armen Männer und Frauen meines Kirchsprengels kleiden sollen. O, eö gibt wahrhaftig kein größeres Vergnügen als Wohlthun!" <ü i",zSni»,< uz ««nttMN -nn!».vdvM Äsoiims'k chi vck ? jj',n' i.' ,st?«,K?ux n'Ü ,vuk 'iim v«»j>p,5(iiM n!sw -!»»>, Ü>t!«7) ijUb? dvtllZt! lüri «ir>>« 2S. August M- SS. 185S. IM» ujv!l ^nuli^z^«.?!i!^>i^ n>iN!j »>i>!^l?ni^ Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abounementsvrei» 4V kr., wofür es durch alle königl. bciyer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werdeu kauu, »Sm^S liz^il/iliid muj .'" ' ' ^^'t" -7i.uz gn»ti,"ttZ,oiP znzasnsm?/ s»?!.l>t,',!'itS, 5Utt ttM, zjuNtinL.' It^mu^ ' j Ulttii» m I-'.'.' .Ä >A >- NüMh'i:- jjiü! ^ijiZ) ?i» «duo lNs^iiof °,a»5iiW 'nn:-'5>i'>,Zluivj«u»''" «5n!5 Böhme». Unstreitig geht eS in Böhmen wieder zum Bessern; man gehe auf der eingeschlagenen Bahn vorwärts und man wird die schönsten Erfolge erleben. Die Führer S78 aus den Wegen des Heiles umgürten überall straffer ihre Lenden und nehmen brennende Lichter in die Hand, damit sie den Ihrigen vorleuchtcn und so Alle den Valer im Himmel preisen. So erhebend eS ist, in allen Diöcesen Priestererercitien zu sehen, eben so erhebend ist cS, zu bemerken, wie bereits in allen Orden ein eifrigeres Leben sich zu regen beginnt, unv wie die meisten schon ihren erhabenen Beruf mit einem Ernst erfaßten, der an die Zeiten erin«ert. als das von der Schmach der Ketzerei und der Empörung tief gebeugte und in seinem eigenen Blule fast ertränkte Böhmen aufstand, unv die Siegesfahne deS Glaubens binnen fünfzehn Jahren an allen Orten aufpflanzte. Erst unlängst stand ich hart an der sächsischen Gränze an einem alten halvverwitterten Eichenstamm; eS ist der Rest eines Kreuzes, welches aufgerichtet wurde, als dort die ewige Wahrheit einen der großen Siege feierte. Die D'öcese BudweiS schien am schwersten sich aufraffen zu können, aber man muß auch bedenken, daß dort einer der Koryphäen deS> JosephiniSmuS bis in die letzten Zeiten lenkend an der Spitze stand und sein Nachfolger eine so kurze Zeit lebte, daß er nur Weniges zu Stande bringen konnte. Wie aber der gute Geist mächtig unter der Pricsterschaft waltet, ist dieses ein erfreulicher Beweis, daß sich auf den ersten Ruf ihres gegenwärtigen apostolischen Bischofs hundert vier und dreißig Priester zu den Exercitien sammelten, und überdieß die wenigen PaireS «Zisterzienser, auS Hohensnrth, welche als Professoren in der Stadt wohnten, diesem kleinen Hause die Verfassung eines strenggeregelten Klosters zu geben beschlossen. WaS die Benedictiner, Cister- zienser und Prämonstratenser rühmlichst anstreben, ist allbekannt, und der mächtige Stamm der Kreuzherrn will sich durch eigene Erercitien stärken und dann gemeinschaftlich berathen, wie auch er am Besten zur Ehre der Kirche mitwirken könne! Seine Aufgabe scheint eine große zu seyn, man erwäge dieses, wie ihn die Vorsehung in der letzten Zeit von Schlacken gereinigt hat, wie kaum einen zweiten Orten, und wie er die herrlichsten Kräfte in sich vereint, welche sich allseitig Achtung verschaffen. — Der biedere P. Provincial der Capucincr bereiset eben seine Häuser und überall kömmt man ihm mit kaum geahnter Bereitwilligkeit entgegen, die alte ernste Zucht, unter der daS Herz so frei und freudig schlägt, in Aufnahme zu bringen. Wenn ich der andern ehrwürdigen Orden nicht erwähne, so geschieht eS nur, weil ich darüber keine näheren Kenntnisse habe. In neuester Zeit haben sich die Societät Jesu und die Congregation des allerheiligsten Erlösers niedergelassen; die erste übernahm die Leitung deS KnabenseminarS in der Leitmerizer, die andern eröffneten ein Missionshaus in der Budweiser Diöcese. DaS Knabenseminar erwarb sich den Beifall selbst der Jesuitenfeindlichsten, und nachdem sich das dazu verwendete Schloß Politz als ungeeignet erweist, um die nöthigen Erweiterungen zu erzwecken, so wird Fürsorge getroffen werden, damit man aiidere Räumlichkeiten gewinnt. Die Missionen beginnen wieder den 15. d. M. Mit lobenswerthem GlaubenSmuth beginnt auch "'BudweiS Heuer noch ein Knabenseminar, und die namhaften Gaben, welche seit der erst kürzlich geschehenen Anregung deS Gegenstandes eingeflossen sind, sind ein« sprechender Beweis, daß der Budweiser KlcruS zu dem opferwilligsten Böhmens gehört. Die «rneuerte Lebensfrische macht sich auch in den Frauenorven überall bemerkbar. Die Elisabeihinen gründeten ein Waisenhaus, die Ursulinen nahmen sich der Zierde armer Kirchen an, die barmherzigen Schwestern bauen bereits das zweite Jahr an einem großartigen Noviziate, um größere Kräfte, die sich allseitig herbeirrängen, cm stch zu ziehen, und dadurch den vielen Arbeiten genügen zu können, die sich ihrem wohlthätigen Wirken allerorts darbieten, und neben dem Noviziate bauen sie zugleich ein Krankenhaus, welches für die Kleinseite Prags von größter Wichtigkeit seyn wird. Die Schulschwestern werden hoffentlich nicht mehr lange auf Hirschau beschränkt seyn, sondern sie werden bald in einem bedeutenden Institute nicht nur Gelegenheit zu einem umfangreicheren Wirken, sondern auch zur Erziehung ihrer eigenen Glieder finden. Und eS will uns gedünken, daß selbst die einstige leidige Bureaukratie minder störend in das segensreiche Wirken der Kirche eingreift. So sind die Zeiten, wo man Juden die Lieferungen von Hostien und Meßwein amtlich zuwies« wir hoffen «S L79 zu Gott, überwunden. In einem Statthalterei-Erlaß vom 26. April l. I. Z. 755k ist daS Geständniß abgelegt: „Die Fälle, daß die Reisekosten des technischen Personals mehr betragen, als die Kosten der betreffenden Bauherstellung selbst, sind leider zu häufig vorgekommen." Ein solches reuevolles mes culp» läßt auch Besserung erwarten. Anstatt sonstiger Noh- heiten, mit welchen man den Geistlichen Austräge gab, finden wir in einem Erlasse vom 6. März l. I. Z. 4072, Med. Z.: „die hohe Intelligenz des Klerus, namentlich deS katholischen," welche sich bei Verfassung der Rubriken abermals bewährt, rühmlich erwähnt, waS Einem so überrascht, daß man gerne den Umstand übersieht, daß eS ja nur bei den Katholiken einen KleruS gib». Der AlovsiuSverein wurde leider verboten. Wenig beachtet scheint zu werden, daß jedem fremden reisenden protestantischen Prediger in Teplitz und Karlsbad mit aller Zuvorkommenheit die Kanzel zu besteigen erlaubt wird, während unsere Missionäre mit vieler Vorsicht bewacht werten. Wir hoffen aber, daß der Wille unseres apostolischen Kaisers — der die Kirche freigegeben, auch von den fernsten Vollziehern deS kaiserlichen Wortes zur Beachtung gelangen werde. (W. K.-Z.) nncl , 7s?cjotz,W- shilkt) ' dv? ' pikä? : »gi4?ü«chm! mtt,!»s ,k»4i>chT mtdilzumtd? chilÄN!» tt5M>,ü«cho6 »'1 sik .»„in-lvvit^ 'n,MM-'ni mgi6utlO zick Misston in Abenbera. » Am 3l. Juli, Nachmittags vier Uhr, war eS, wo die hochwürdigen Patres Superior Friedrich KrupSki, Johann Nepomuk Oehler, Alois Mathoy und Theodor Schmude unter Begleitung der hochwürdigen Geistlichkeit und der Gemeindeverwaltung still in unsere Stadt einzogen» um auch da die heilige Mission zu halten. Noch am selben Abend um sechs Uhr eröffnete der hochwürvige Pater Superior die Mission mit einer vortrefflichen Predigt über die Bedeutung der heiligen Mission, nachdem zuerst der hochwürdige Herr Stadtpfarrer diese würdigen Söhne deS heiligen JgnatiuS mit einer gediegenen, kurzen Anrede vom Altare a»S begrüßt hatte, und alsdann der göttliche Geist vor dem hochwurdigsten Gute durch den HymnuS: „Veni ssnets Spiritus" angerufen worden. Am Schlüsse der Predigt setzte der P. Superior die Stunden für die während der acht Tage abzuhaltenden Predigten und sonstigen Andachtsübungen fest, und ermähnte daS Volk zu ernster und beharrlicher Theilnahme. Täglich wurden drei Predigten, meistens von der im Freien unweit des PfarrhofS errichteten Kanzel geHallen, und eS war rührend, nicht blos die Pfarrgemeinde selbst, sondern auch unzählige Fremde und unter diesen viele Andersgläubige von Nahe und Ferne mit wahrhaft heiligem Hunger sich zur Anhörung deS göttlichen Wortes täglich drängen zu sehen. Erhebend war die Theilnahme der beiden Pfarrgemeinden Obererlbsch und Theilenberg, welche am Donnerstag den 5. August mit ihren eifrigen Seelsorgern in feierlicher Procession einzogen. Aber besonders groß und unausgesetzt war die Theilnahme der Bewohner Spalts, deren frommen Wünschen, für Heuer noch die heilige Mission zu erhalten, leider nicht mehr entsprochen werden konnte. ES war nur eine Stimme deS Lobes und allgemeiner Zufriedenheit, welche man nach jeglicher Predigt von Katholiken und Protestanten hören konnte. Manche in Sünden und bösen Gewohnheilen Verhärtete sah man in sich gekehrt und tief erschüttert hineilen zum heiligen Bußgerichte, und mit heiterer, aber seliger Ruhe von dannen gehen. Die heilige Kraft und himmlische Wirkung der Mission zeigte sich aber ganz besonders am Schlüsse derselben, welcher am 9. l. MlS. staltfand. Der letzte Tag der heiligen Mission begann mit der Predigt über daS Fegfeuer und über die Hilfe, die wir den darin befindlichen armen Seelen leisten können — eine Rede, vortrefflich in jeder Beziehung, welche kein Auge trocken ließ und der sogar zwei Israel iten mit der gespanntesten Aufmerksamkeit beiwohnten. Darauf feierliches Requiem und Bibers für alle auö der Pfarrei in Golt Entschlafenen. — Nachmittags drei Uhr hielt der hochwürdige Pater Superior die herzliche und ergreifende Schlußpredigt vom heiligen Kreuze und nach derselben Weihe der L80 Medaillen, Rosenkränze u. s. w. nnd Ertheilung des päpstlichen Segens. Hierauf bestieg der Herr Generalvicar die Kanzel und hielt über den Text „Ehre sey Gott in der Höhe" u. s. w. eine alle Herzen rührende Dankrede, worin er auch in den eindringlichsten Worten zur Beharrlichkeit ermähnte. — Unmittelbar hierauf folgte die Einweihung deS MissionSkreuzeö, dem die zahlreich anwesende Geistlichkeit ihre fromme Verehrung widmete. Den feierlichen Schluß der ganzen Mission bildete eine Procession mit dem Allerheiligsten durch die Straßen der Stadt; getragen wurde dasselbe vom Herrn Generalvicar, dem die hochwürbige Geistlichkeit und zahlloses Volk andächtig sich anreihte. — Nach der Rückkehr in die Kirche „?e veum" und Segen. — Kurz nach Rückkehr der ehrwürdigen Väter in den Pfarrhof erschienen zahlreiche Jünglinge und Jungfrauen, die während dieser Zeit in Bündnisse sich hatten aufnehmen lassen, um den hochwürdigen Vätern ihren/innigsten Dank für die in den StandeSprevigten ihnen gegebenen Lehren und Mahnungen abzustatten. Abends kam auch die Gemeindeverwaltung. Später erklangen die lieblichen Töne einer Serenade. — So schlössen sich diese für die Bürgerschaft AbenbergS denkwürdigen, wahrhast segenSvollen Tage. Noch einmal, kurz vor ihrem für die Bewohner AbenbergS schmerzlichen Scheiden, feierten die hochwürdigen Väter das heilige Meßopfer, dem die Gläubigen in dichten Massen beiwohnten. AlS die hochwürdigen Väter endlich schieden, blieb kein Auge thränenleer, besonders als Pater Schmude nochmals Jedem, so weit'S geh'n konnte, herzlich die Hand drückte. ES war eine Scene wie damals, als der hl. Paulus in Milet von den Aeltesten Abschied nahm. (V.B.) «Il)M7Z?!»Mzm!iN 7?6 Sini Michillsjzt«) ^HiZülMcha(! Z'^c ftlluii»IghG 7öinu Zi-sumchI .»!>>!,i(! uz A-zisjiM zM'^Z hj-z Hl,» nm , li^vziii!»-i-wtK ii^Ntt «i llikj miul ' Gehorsam. ,n6Hi,l^ nzjjiji^! nnlttlt'AiA ?)6Ä».ip>?^A 7).'iiz lim Mjtt'iE Vor Kurzem starb zu Paris, wie Manchen vielleicht bekannt seyn wird, der Graf Julius de Mornay im Hotel des Marschall Soult. Eine barmherzige Schwester saß am Fuße deS Bettes des Grafen Mornay, dem sie ihren Beistand mit wahrhaft christlicher Sorgfalt und Hingebung angedeihen ließ. Die Schwester war ein Märchen von zweiunbzwanzig Jahren, in der vollsten Blüthe deS LebenS. Der s Graf lag im Sterben. Die barmherzige Schwester sah ihn mit Thränen an. Plötzlich schlägt die Pendeluhr im Gemache halb neun. Die Schwester erhebt sich, neigt sich nochmal schluchzend über die Stirne Des Sterbenden und schickt sich an, zu gehen. — Meine Schwester — ruft ein Priester, der am Bette deS Sterbenden betete — was macht ihr? Ich muß gehen — entgegnere daS Mävchen, in Thränen schwimmend. — Bleibt doch! Ihr werdet doch Eurem Vater die Augen schließen. — Nein, entgegncte die Schwester. Meine Ordensregel gebietet mir, um neun Uhr im Kloster zurück zu seyn. Ich muß gehorchen, der Schmerz, den ich mitnehme, wird mein Opfer und meinen Gehorsam um so verdienstlicher machen. Wieder umarmte sie ihren Vater, der dieses letzte schmerzliche Lebewohl gar nicht fühlte und entfernte sich unter Gebet und Thränen .... Der Graf Mornay starb noch in derselben Nacht. DaS Mädchen war Louise von Mornay, Enkelin des Marschalls von Dalmatien, die vor etwa vier Jahren Novize wurde, und jetzt barmherzige Schwester im Spital von Enghien ist, daS von der Herzogin von Aumale in dem Faubourg Samt Antvine gestiftet worden. Sie konnte 100 000 LivreS Renten haben und zu ihrem glänzenden Wappen ein zweites, eben so glänzendes hinzufügen. Sie hatte eö aber vorgezogen, „Schwester Louise" zu heißen und ihre schöne Jugend der sorgsamen Pflege unbekannter Menschen zu widmen, die in Spitälern von einem traurigen Leben Abschied nehmen. 1.7»^»I, .,,>f7v "I7«7? ,« , ?^>iu^iilil> 7j)zj H7 fl)iiss«il!':(.' ,?!ZZ^ ZNIZ n.'tl .»Mn^-ttisa tj'iintt-MilHü« ,i'.'!'--,z,inv!t criu -klchsui?) N'.-tH in z?'l?>W ,ü; oüxli^ ),!!! i!i'»i,>j>-»tl Äldttnk? juv?r.E _^_—____ Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. C. Kremer. Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PoMtung. 5. September SV. 185S. __,- Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Tonntage. Der halbjährige Abouuementsvrel« Tl> kr., wofür es durch alle köuigl. bayer. Postämter und alle Buchhandluugeu bezöge» werdeu kauu. Unsrer lieben Frauen Mantel. Eine Erzählung in sieben Lectionen über das Salve Negina. Erste Lection: „Sey gegrüßt, o Königin, Mutter der Barmherzigkeit!" Mein Sohn, mein Sohn, sprach betrübten Sinneö der eisgraue Buchbinder Falzmann, wie befremden mich deine Reden! Es ist wahr, du hast in Golha, Braunschweig, Paris und Lyon viel Neues in unserer ehrbaren Kunst profitirt, aber lieber wär'S mir beinahe, ich hätte dich zu einem alten, ehrlichen Meister in Mariazell, All- Oetling oder Einsiedeln geschickt, obwohl du wenig Lust bezeigt hast, an so lustbarliche Orte dich zu begeben, wo die Buchbinder auch ihren schönen Antheil haben an der Beförderung des Seelenheils, und beim Falzen und Heften lauter herzliche Gebete und fromme Lieder vor Augen sehen, auch die hochlheurcn Namen Jesu und Mariä bei jeder Deckelverzierung.— Der Sohn erwiderte und sprach mit guter Manier: Vieles, Vater, ist übertrieben; vieles ist und bleibt übertrieben. Ja freilich, mein Sohn, fuhr der Alte fort, sehr vieles ist übertrieben; besonders in den Büchern, die du gelesen haben magst, anstatt sie lediglich nur einzubinden, oder lieber, statt sie weder zu lesen noch einzubinden. Glaube mir, eS ist immer eine Art von Verantwortung bei solchen Büchern, denen der Autor einst zurufen wird: ach, hätte ich euch nicht geschrieben! der Buchdrucker: ach, hätte ich euch nicht gedruckt! der Leser: ach, hätte ich euch nicht gelesen! Und wie wird dann zumal der Buchbinder rufen? Denn blieben alle bösen Bücher ungebunden, so würden sie wenig Schaden stiften; nun aber kommen Eleganz und Lurus noch hinzu und geben dem Buche ein schmuckes, reizendes Kleid, damit nur ja gewiß jeder das übertünchte Grab öffne und vom TodeS- qualm sich betäuben lasse. Ist daS nicht übertrieben, mein Vater? — Nein, mein Sohn, im Mindesten nicht. Von dir vielmehr ist'S übertrieben, daß du darüber dich ereiferst, wenn ich diese Marianischen Gebet- und WallfahrtSbücher fein und nett eingebunden haben will. Ich habe eS immer so gehalten und du wirst mich keines Bessern belehren. Nützliche Bücher bindeich fest, Romane binde ich gar nicht, auf Schulbüchlein verwende ich Holz, auf christkatholische Erbauungsbücher aber geziemt sich Gold, und auf Marianische Bücher daS U mit der goldenen Krone darüber, auf daß der christkalholische Mensch, wie er daS Büchlein zur Hand nimmt, sogleich gedenken möge: „Salve Negina, sey gegrüßet, o Königin." Aber, bester Vater, wie ist'S dann möglich, daß Sie bei der splendiden Arbeit für so schlechte Preise bestehen können? — Mein Sohn, wollest dich deßhalb nicht in Sorgen setzen! Denn diese große Königin, der ich zu dienen mich bestrebe, ist mächtig und reich genug, um meine Armuth zu segnen, wenn du anders eS verstehst, wie solch eine gesegnete Armuth unendlich besser sey, als Reichthum ohne Segen. Sie ist ") Mit einigen Aenderungen den „Oelzweigen" von 5320 entnommen. .ynvh-^!lI82 ssy,^ auch eine Königin und Mutter der Barmherzigkeit, die aufs dankbarste sich erweiset, wo man ihren geliebten Kindern etwas zn Liebe thut. Deßhalb sendet Sie mir Arbeit vollauf, aus allen Ortschaften und Kanzleien in der ganzen Gegend; ja selbst unsere durchlauchtigste Frau, die verwittwetc Fürstin, bringt jedes Jahr, wenn sie ihr hiesiges Schloß bezieht (und sie wird wohl heute wieder hier ankommen), ihre rohen Bücher mit hierher, um selbe mir gemeinen Landbuchbinder anzuvertrauen. DaS ist allerdings viel Gnade, sagte der junge Falzmann; und da wird wohl keine Frage seyn, welcher von beiden Sie mit größerm Eifer dienen werden, der Königin ober der Fürstin? — Lächelst du, lächelst du? rief der Alte, mit edlem, väterlichem Zorn hart vor ihn hintretenb; treibst du solchen Scherz? Entweder spricht der Unglaube aus dir, oder jene elende Gleichgiltigkeit, die hoch über Alles zu schweben meint, während sie mit ihren bleiernen Flügeln immer tiefer hinabsinkt. Ja, ich rühme mir die edle, gütige Fürstin, aber auch sie demüthigt sich vor der großen Fürstin, der Königin des Himmels und der Erde, auS welcher der Gottmensch wollte geboren werden. — Aber warum so zürnen, mein Bater? — Mein Sohn, weil du keine größere Schmach mir anthun kannst, als wenn du zu den Fahnen jener Leute dich gesellst, welche der göttlichen Liebe den Rücken wenden und das Reich Gottes als widerspenstige Narren bekämpfen, und nicht aushören, mit hochtrabenden Worten sich laut zu machen, bis daS Wort deS LebenS in ihnen verstummt, oder mancherlei Bücher zu schreiben, bis ihr Name auS dem Buche deS LebenS für immer ausgelöscht wird, oder mit besonderer bösartiger Vorliebe so lange gewisse Bücher prächtig einzubinden, bis sie von dem himmlischen Einbande der Gemeinschaft der Heiligen ausgeschlossen werden. Ach, mein Sohn, haft du die Worte unseres Heilandes nie gehört: Glaubet ihr an Gott, so glaubet auch an Mich! Daran reihet sich noch ein anderer Satz: Glaubet ihr an Jesum Christum, so glaubet auch an die allerseligste Jungfrau Maria. Wer Jesum nicht glaubet, obschon er von Ihm weiß, von dem erkühne ich mich zu . zweifeln, ob er an Gott glaube, oder ob jener Gott, den er bekennet, Gott sey, und nicht ein bloßer Abgott, oder ein schaler und kahler Begriff. Und wer an Maria, die göttliche, jungfräuliche Mutter, nicht glaubt und sie nicht verehrt, von dem getraue ich mich zu behaupten, daß er auch an Jesum Christum nicht glaube. Was erfrechst du dich also zu scherzen? Ist Christus der König der Könige und der Herr der Herrschenden, so wird seine glorreichste Mutter doch wohl eine Königin seyn? und ist in Christo die volle und herrliche Erweisung der göttlichen Barmherzigkeit, wer dann wird Maria wohl seyn, als die Mutter der Barmherzigkeit. Gewiß, mein Batcr, antwortete der junge Falzmann, ich wüßte nichts dagegen einzuwenden. Ich bewundere vielmehr Ihre geistliche Beredsamkeit, und überzeuge mich, daß Sie nicht ohne Frucht so viele Gebetbücher eingebunden haben; sind Sie doch selber schon ein lebendiges ErbauungSbuchz so recht nach alter kernhaster Form mit > festem Beschläg und gewichtigen Deckeln. Aber die Moden ändern sich ja, so auch die Titel, die Redensarten, die Andachten. Ich habe draußen zwischen der Elbe und der Ober ein Buch eingebunden, da hieß Maria ein Ideal hoher Weiblichkeit; sollte daS dem neuern Geschmack nicht angemessener seyn, als der Ausdruck: Königin? Aber, Herr JacqueS, wie reden Sie da? rief der ehrsame Lebkuchenbäcker Pankraz, der eben nachbarlich hereingctreten war; sind Sie auch einer von Denjenigen? Sieh' doch diesen jungen Herrn JacqueS! Auch meiner Pepi hat er schon solches Zeug vorgeschwätzr; allein waS soll daS heißen? DaS Muttergottesbild in meiner Stube ist ihm zu schwarz und die Krone darüber will ihm gar nicht gefallen. Ei Sie ärgerlicher Herr JacqueS, ich will'S Ihnen nur rund heraussagen; nehmen Sie sich an Ihrem Vater ein Muster! Sagen Sie'S ihm, älter Herr, sagen Sie'S ihm, oder warten Sie, ich will'S ihm selber sagen, und wenn er mein Sohn wäre, müßte ich ihn nebenbei noch prügeln, Gott verzeih mir'S. Herr Pankraz nahm Platz und redete des Weitern also: Eine Königin ist die glorwürdigste Jungfrau, ja allerdings eine Königin und Alles muß ihr dienen. WaS ich aber jetzt sagen werde, steht zu Hause in meinen alten Büchern. Sie ist die AuS- erwählte deS ganzen Menschengeschlechtes, eine Königstochter auö dem Hause David, S8Z die geliebte Tochter des Allerhöchsten, die königliche Mutter des großen Königs, zur Mutter allen Menschen gesetzt durch die letzten Worte deS Erlösers; sie ist die Mutter der schönen Liebe, wie die beilige Schrift sie nennt; sie ist die jungfräuliche Mutter Jesu, braucht eS der Worte noch mehr? Sie ist auch eine Königin der Engel; denn eS ist billig, daß diejenige über alle himmlischen Heerschaaren erhoben sey, welche daS ewige Wort, der Herr der Heerschaaren, zur Mutter und Mittlerin erkoren. Sie ist auch eine Königin ver Patriarchen, sintemal in ihr allein alle göttlichen Verheißungen erfüllet wurden, auf welche die Patriarchen gehofft haben. Sie ist auch eine Königin der Propheten, denn sie und ihres Leibes gebenedeite Frucht haben alle Propheten verkündet, so wie sie selber die wundersamste unter den Sehern war, da sie weissagte und sprach: Selig werden mich preisen alle Geschlechter der Menschen. So ist sie auch eine Königin der Apostel, denn sie war ja die Arche deS Bundes, zu welchem deS Evangeliums Freudenbotschaft alle Menschen berufen hat. Sie ist ferner eine Königin der Märtyrer, denn sie war eS vor Allen und mehr als Alle, die Zeugniß gab von Jesu dem Gekreuzigten, stehend bei ihrem Sohne am Kreuzesstamme, vom Schwert daS Herz durchbohrt, gleichwohl stehend in unerschütterter Glaubenskraft. Sie ist eine Königin der Beichtiger, denn sie war eö, die allen Bekennern Jesu voranging, da sie sprach: AlleS, was Er euch sagen wird, daS thut. Sie ist eine Königin der Jungfrauen, denn ihr, der Jungfrau, ward vor Allen die Gnade, ein Tempel deS heil. Geistes, eine Wohnstätte der ewigen Weisheit zu seyn. Sie ist zugleich eine Königin aller Heiligen, denn nur Einer ist heilig und die erschaffenen Geister durch Ihn, und dieser ist ihr göttlicher Sohn, dem sey die Ehre in Ewigkeit. — Wahrhaftig, sprach Herr Jacques Falzmann, jammerschade ist'S, daß Sie, ein Mann von so lebhaftem Geiste und gutem Gedächtnisse, Ihr Leben bei der teigigen Hand« thierung verkneten mußten. ES geht Ihnen darin wie mir; auch ich bin zu etwas Bessern, als Kleister und Pappe geboren. — Purer Hochmuth, Herr JacqueS, entgegnete der Leb- kuchenbäckcr, pure Eitelkeit; unser Gewerb ist ein ehrsameS Gewerb, und eS kommt nicht darauf an, wer man ist, sondern wie man ist. Aber, mein leichtfertiger Hr. JacqueS, warum springen Sie mir von der Hauptsache ab? Umsonst bin ich nicht da hereingekommen, der Teig, den ich jetzt kneten will, ist eben kein Honigteig, sondern eS ist die sogenannte bittere Wahrheit dabei, lautend also: Wenn Sie, mein vortrefflicher Herr JacqueS, als meines ehrlichen und geliebten Nachbars Sohn, mit meiner Pepi in geziemendem Umgang bleiben wollen und dieses gute Kind Ihnen wohlaefällt, wie sollte ich etwas dagegen baben? Aber ich habe viel dagegen, maßen ein junger Mensch nach der heutigen Welt, der die allerscligste Jungfrau nicht würdiglich zu verehren sich befleißiget, in Anbetracht einer solchen Bekanntschaft ärger denn ein reißender Wolf zu fürchten seyn thut. Von dannenhero mir, als einem BürgerSmann aus der alten Schule, nichts erübriget, als Ihnen die freie Wahl an die Hand zu geben, entweder von jetzt an die glorwürdigste Zungfrau von Herzen zu verehren und in dieser Verehrung mit Wort und That zu verharren, oder mein HauS und jedes Wörtlein mit meinem Kinde für immer zu meiden. Diri, und der Herr Nachbar sind damit einverstanden. — Schätzbarster Hr. Pankraz. erwiderte JacqueS; ich verwundere mich über Ihre edle Simplicität. Denn könnte ich mich, wenn'S mir darum zu thun wäre, nicht so gebärden und anstellen, als wäre mir'S ganz ernst mit der gewissen Andacht, die Sie meinen, ohne doch etwas Anderes zu seyn, als ein niederträchtiger Heuchler? — Bester Hr. JacqueS, entgegnete Jener, daS ist so leicht nicht, als Sie glauben; habe ich nicht gesagt: mit Wort und That? Etwa wie Sie in Gegenwart einer mächtigen, gütigen und weisen, gleichwohl irdischen Königin sich betragen möchten: bescheiden, anständig, sittsam, ergeben, aufmerksam, so und bei weitem noch inniger muß ein Diener der Himmelskönigin seinen Wandel führen.— Schön, sagte JacqueS; ich bin's also zufrieden und will mich verhalten, wie eS Ihnen gefällig ist. — Brav, mein Liebster! daS war ein herzhafter Entschluß. Nun wohlan denn, wir wollen vorläufig mit Worten den Anfang machen und der Königin unsere Verehrung darbringen, sprechend: Hochgelobt und gebenedeit sey die allerscligste Jungfrau Maria. Sagen Sie eS nach, Hr. JacqueS, sagen Sie eS nur frisch heraus! Nun, will'S nicht werden? He, Hr. Jacques, wo fehlt'S denn? DaS RedhauS ist ja sonsten recht gut bestellt? — Sprachorgan sagt man, erwiderte JacqueS, und nicht RedhauS. — Meinet, wegen, rief Hr. Pankraz, aber warum den Gruß nicht nachsprechen, wie? — Hm, versetzte 284 JacqueS, bin ich denn ein Kind, um nachzubeten oder nachzulallen? — Selig sind die Kleinen, Hr. JacqueS, selig sind die Kindlein in der Kindschaft GotteS. Nun wohlan, nur frisch: Gelobt und gebenedeit--Ich weiß nicht was Sie wollen! sprach der junge Mann entrüstet; soll ich mich etwa wie ein Schulknabe behandeln lassen? Sind daS nicht alter Weiber Possen, die Sie mit mir treiben? — O mein Hr. Jacques, entgegnete der Lebkuchcn- bäcker und hob bedenklich den rechten Zeigefinger in die Höhe) o wie traurig ist mir die Ueberzeugung, daß ich keinen ungegründeten Verdacht im Herzen hege; weiß ich denn nicht, daß es Leute gibt, welche die süßen Worte „allerseligste Jungfrau Maria" ohne eine Art von innerlichem Verdruß, ohne eine Art von hämischer, aberwitziger Vornehmthuerei nicht aussprechen können? Begreifen kann ich'S nicht, wie daS zugeht, aber wahr ist's leider! ES bleibt dabei, Hr. JacqueS, Sie unterstehen sich beileibe nimmer, meine Pepi anzusprechen ; Sie kommen mir ja nimmer inS HauS, bevor ich von Ihrem Vater nicht ein Besseres erfahre! — Recht, Hr. Nachbar! sagte der alte Falzmann und schüttelte ihm die Hand, so ist'S Recht! Der junge Falzmann aber ging, um seinem Verdruss« Luft zu machen, an die Presse hin, schrob sie aus'S gewaltigste zusammen und murrte dabei: So weit gehen Vorurtheile! Erfahrungen eines katholischen Geistlichen in Wien. Geschildert in harmlosen Briefen. (Oesterr. Bolksfreund.) 1. Die Hochzeiten. Theuerster Freund! Wenn ich Dir in diesen Zeilen mittheile, waS ich seit meiner priesterlichen Wirksamkeit in der großen Stadt Wien BeachtenSwertheS unter den Leuten gesehen, gehört und erlebt habe; so glaube ich nicht bloß Deinen Wunsch zu erfüllen, sondern ich folge auch dem Dränge meines eigenen Herzens. Um Dir aber meine Erfahrungen nach einer natürlichen Reihenfolge zu schildern, und Dir ein klares Bild von dem sittlichen Zustande der Bewohner Wiens zu liefern, will ich Dir zuvörderst die Geschichte der meisten Wiener von ihrer Geburt erzählen; denn Du weißt, daß unsere Geschichte früher anfängt als unser Leben. Mit einem Worte: Ich werde Dir zuerst meine Beobachtungen über den Eintritt in den so wichtigen Ehestand mittheilen. Von den Tausenden, die nicht verehelicht, und dennoch Väter oder Mütter sind, will ich gar keine Erwähnung machen. Leider kann ich Dir aber auch von denen, die durch daS Band der christlichen Ehe mit einander vereinigt werden, nicht viel GuteS schreiben, ich muß vielmehr gestehen, daß ich bei dem Anblicke eines Brautpaares in Wien meistens von Mitleid bewegt, und von Besorgniß erfüllt werde. Die meisten unserer Brautleute nämlich wissen oder bedenken gar nicht die hohe Bedeutung dcS Schrittes, den sie unternehmen. Du würdest, lieber Freund, gewiß sehr bedenklich den Kopf schütteln, wenn Du einem Brauteramen beiwohnen möchtest, denn Du würdest sehen, daß die Meisten entweder gar Nichts von der heiligen Religion gelernt, oder daö in der Jugend Gelernte bereits wieder ganz vergessen haben. Manche können nicht einmal die zehn Gebote GotteS Herabsagen, geschweige erst, daß sie den Inhalt oder Geist derselben verständen. Ferner ist die Absicht, aus der die Leute in den Ehestand treten, gewöhnlich nicht rein. Auf Tugend und Frömmigkeit wird bei der Wahl eines Lebensgefährten nicht gesehen, sondern nur auf die anmuthige Gestalt, auf die blendende Larve, oder WaS noch unwürdiger ist, aufS Geld und auf daS Emporkommen in der Welt. Die Persönlichkeit wird häufig nur als Nebensache, und daS einträgliche Geschäft, daS große Zinshaus oder die mächtige Empfehlung als Hauptsache betrachtet. Wenn aber schon die Absicht, aus der man in den Ehestand tritt, nicht gebilligt werden kann, so läßt eS sich leicht denken, daß beim Eintritte selbst auch nicht Alles beobachtet wird, waS die heilige Religion den Brautleuten empfiehlt. Jene EhcstandSkandidaten z. B., die vor ihrer Trauung so wie Tobias und Sara im alten Bunde längere Zeit hindurch » 885 Gott inständig um Schutz und Segen anflehen, dürften in Wien sehr selten seyn Zum Gebete nimmt man sich bei solch' einem Vorhaben keine Zeit, sondern nur zum Nähen, Sticken und Stricken, damit man nur recht kostbar oder zierlich aufgeputzt zum Altare binschreiten und schon auf der Straße einer zahlreichen gaffenden Schaar eine Augenweide verschaffen kann. Zwar verrichten die meisten Brautleute vor der Trauung die heilige Beicht und Communion; allein ob der Empfang dieser heiligen Sacramente würdig sey, daS wird dem Allwissenden bekannt seyn. Mancher Bräutigam aber und selbst manche Braut erspart sich die heilige Beicht und Commu- nion ganz; denn der Veichtzettel, den man vor der Trauung beibringen muß, ist in Wien auf mancherlei Art und Weise zu haben. Eben so pflegt man in der Residenz nicht so, wie auf dem Lande, am Tage der Trauung einem feierlichen Hochamte, ja nicht einmal einer stillen heiligen Messe beizuwohnen; eS herrscht vielmehr der sonderbare Gebrauch, die Trauungen Nachmittags vorzunehmen. Blos die armen Leute, die ganz unbemerkt getraut werden wollen, erscheinen Morgens vor dem Altare; die Vermöglichen hingegen, die mit Pomp daherfahren, wählen sich eine Abendstunde. Leider vermißt man bei den Brautleuten aus den niedern Volksklassen nur zu häufig den Kranz der jungfräulichen Reinigkeit auf dem Haupte; die Höhern und Reichern hingegen sind meistens mit einem zierlichen Kranze versehen, weil ihnen die Welt eben nichts UebleS nachweisen kann. Ist endlich die Trauung vorüber, so verfügt man sich gewöhnlich in irgend ein renowirteS GasthauS, wo in einem dazu eigenS vorbehaltenen Locale ein theures HochzeitSmahl eingenommen wird. Natürlich läßt Niemand bei solch' einer Gelegenheit auch nur die geringste Traurigkeit merken; oder wenn dieses bei Jemanden der Fall ist, so ist eS etwa bei der Braut oder beim Bräutigam, da diesen vor der Zukunft denn doch ein wenig bange ist. Die Gäste hingegen sind reckt lustig, und voll Witz, auch sprecken sie den Speisen und Getränken tüchtig zu. Du kannst eS Dir jedoch leicht denken, daß Jesus und Maria, wenn sie jetzt noch auf Erden wandelten, selten einer Hochzeir in Wien beiwohnen möchten; denn die heutigen Hochzeitsfreuden sind nicht von der Art, daß der heiligste Gott« mensch und seine jungfräuliche Mutter, so wie einst zu Cana in Galiläa daran Theil nehmen könnten. Eben deßhalb aber folgt auf die HochzeitSsreude oft sehr bald ein arger EhestandSjammer, die Noth nämlich bricht herein, weil man, von der Haushaltung wenig versteht, und sich nickt einschränken will. Zu der Noth gesellt sich die wechselseitige Unzufriedenheit, und daraus entspringt mit der Zeit eine völlige Abneigung gegen einander. Du kannst es mir glauben, daß in Wien weit mehr unzufriedene und unglückliche Eheleute leben, als zufriedene, glückliche. UebrigenS weiß sich daS Volk, wenn eS ihm nicht recht zusammen geht, gleich zu helfen. An die Unauf- lösbarkeit deS katholischen Ehebundes nämlich, und an das große Sacrament, welches man empfangen hat, wird nicht gedacht; sondern so leichtsinnig, wie sich die Leute mit einander verbunden haben, so leichtsinnig laufen sie auch von einander fort, ohne erst dem Pfarrer oder einem weltlichen Vorgesetzten etwas davon zu sagen. Nach allem dem wirst Du mir eS wohl zugeben, daß von solchen Leuten gerade kein hoff« nungSvoller Nachwuchs zu erwarten ist. Ueber diesen Nachwuchs aber werde ich Dir, wenn es Dir recht ist, im folgenden Briefe meine Beobachtungen mittheilen. Lebe wohl, und gedenke in Deinem Gebete bisweilen der Kaiserstadt. Um dieses bittet Dich Dein aufrichtiger Freund. Einige Bemerkungen über die Sonntagsfeier. ! NZil?"« !U Y'^n^iHsMAi Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Sonn- und Feiertage von der concreten und positiven Religion nicht abgelöst werden können. Die Nothwendigkeit, unter je sieben Tagen einen zu finden, der dem Umgange mit Gott, der Sammlung der geistigen Kräfte, der vorzugsweisen Pflege deS Seelenheils gehört, ist so einleuchtend, daß nur Müßiggänger oder erpichte Mammonsknechte sie verkennen mögen. Die frommen SonntagSgedanken sollen der geistige Vorrath seyn, der dem 28« arbeitbeladenen Menschen durch die ganze Woche zu Hilfe kommt, mahnend an Schöpfer und Ewigkeit, belebend und aufrichtend. Sie sollen der frische Brunnen seyn, a»S welchem Kühlung in der Last und Hitze deS WerktagölebenS geschöpft wird. Man sagt: „Wer arbeitet, um seinen Brüdern zu dienen, der thut nichts Schlechteres als der müßige Beter. Ueberdieß ist ja Arbeit, im rechten Geiste vollbracht, auch Gottesdienst." So können Menschen sprechen, die von keiner Arbeit wissen, bei der nicht Hände und Füße die Hauptrolle spielen, da doch daS rechte Gebet die erhabenste, und keineswegs die leichteste Arbeit ist. Wer aber seinen Acker und sein Landgut, und sein Weib und seine fünf Joch Ochsen so lieb hat, daß er'S nicht über sich bringt, sie nur je den siebenten Tag wegen der Anbetung seines GotteS bei Seite zu stellen: der entheiligt GotteS Dienst durch Sabbathschändung, und fällt in verfeinerte Jdololatrie: er verlange nur nicht, daß wir glauben, seine Arbeit, die mit Gottvergessenheit anfängt, werde fortgeführt unv vollendet im Geiste GotteS. Aber warum gerade der Sonntag? Warum soll cS mir nicht srei stehen, mir selbst die hiefür geeigneten Tage zu bestimmen? Antwort: Gott hat AlleS geordnet nach Maaß und Zahl und Gewicht; Er ließ einen Ruhesabbath auf sein Herasmeron folgen. Er hat durch den Lauf der Gestirne die Zeiten getheilt. An Sommer und Winter, an Tag und Nacht, an Wochen und Monde hat Er das Leben der Erde und ihrer Bewohner gebunden. So soll auch in dem Reiche deS Geistigen eine Ordnung der Zeit seyn. Für den alten Bund war der Sabbath der religiöse Ruhetag, ihm schlössen aber jene Zeiten sich an, in welchen daS auScrwählte Volk der, zu seiner Befreiung und Heiligung gewirkten Thaten GotteS mit höherer Festfreude gedenken sollte. DaS Gebot: „Gedenke, daß du den Sabbath heiligest," hat im neuen Bunde, trotz der Verlegung ans einen andern Tag seine Geltung nicht verlören, denn eS galt GotteS Majestät und Herrschaft über die Kreatur, daS Andenken Seiner Allmacht und Güte zu feiern. Die Firirung auf den Sonnabend war untergeordnet, oder vielmehr, eS lag in GotteS Plan, daß im Reiche der Erlösung eine andere Aera als im Reiche der Schöpfung seyn sollte. Natürlich war cS dann Christus, der Central- und Wendepunct der Geschichte, der Eckstein deS alten und neuen Bundes, an den sich diese Aenderung anschloß. Wollte nun der Einzelne von dem Gebote der Sabbathheiligung überhaupt, oder von der allgemeinen öffentlichen sich lossagen, so wäre die nächste Folge der Unsegen GotteS, die Belastung des Gewissens mit einer schweren Sünde (II. Mos. 35, Z. 3. III. Mos. 26, 34. 35. II. ESdr. 13, 15. 22.). — Die Entfremdung von der Kirche, dem Reiche deS Heiles und der Gnade, könnte nicht ausbleiben, wo ferne sie nicht etwa bei grundsätzlicher Mißachtung schon vorhergegangen. Verloren gingen die Früchte der gemeinsamen Andacht und Erbauung, der Fürbitte, deS Opfers. Ueber der Arbeit, die zur verbotenen Zeit verrichtet, als ein Zeugniß deS Kleinmuths, der Habgier oder deS Eigenwillens den Sclaven der Scholle verriethe, könnte nicht Gottes Hand ruhen. AuS der Abneigung gegen daS Kirchengebot erwächst Verachtung der Kirche, damit Christi, zuletzt eine völlige Abkehr deS HerzenS vom Göttlichen. DaS Gemüth, daS sich nicht selbst mehr erhebt, hat nur Aerger, scheeles Zusehen und Spöttelei bei der Erhebung der Andern; den, der GotteS Andenken verachtet, wird Gott verächtlich machen. Der öffentliche Cult ist ein Bekenntniß des Glaubens: so die Versäumniß darin eine faktische Verläugnung. Endlich verliert daS Herz jede höhere Weihe, den Aufschwung deS christlichen Gedankens und die Belebung der Liebe. Die Segnungen deS heiligsten OpfcrS und reS göttlichen Wortes sind ihm abgeschnitten; eine heilsame Veranlassung, einen prüfenden Blick in sein Inneres zu werfen, fällt hinweg. DaS Leben, daS keine gewissen Halt- und Ruhepuncte mehr hat, artet in einen Fluß gedankenloser Zerstreuung auS. Gott wird vergessen, die fromme Ehrfurcht vor dem Heiligen, daS Entsetzen vor dem Laster nützt sich ohne Wiederersay in dem ununterbrochenen Getriebe werktägigen Lebens ab. So ist der letzte Denkstein der Mahnung» der vor dem Lasterwege stand, beseitigt, der höhern Zuspräche des Geistes einer der gewöhnlichsten Wege versperrt, — und der Mensch geht hin nach den Gelüsten seines 287 Herzens. Hier berühren wir die Quelle eines dämonischen Zuges, der sich wie ein Nessuöhemd um unsere Zeit her zu legen begonnen. Der Gottlose sieht, sich zum steten Vorwurfe, die frommen Uebungen der treu Gebliebenen, seine Entschuldigungen wollen ihn nicht mehr beruhigen, er wird feindlich und bitter gesinnt seyn gegen die Gewissenhafteren, und so ist der erste Schritt zum bodenlosen Abgrunde jenes mit Wissen und Willen Gott feindlichen TobenS geschehen, daS seit Jahrzehnten epidemisch werden will. So führt der Materialismus zur Verachtung des Sonntags, diese zum DämoniSmus. Wir sagen also nicht zu viel mit der Behauptung, daß die EntHeiligung der Sonn- und Feiertage aus eine völlige Zerstörung des religiösen Sinnes hinausläuft. Die Bedeutung der Feiertage dürfte nur Weniges gegen die der Sonntage zurückstehen. Dieß ergibt schon die Erwägung, wie geeignet diese Tage sind, die Haupt» Puncte im Leben und der Lehre Jesu vor daS Gemüth eines eifrigen TheilnehmerS in lebendigen kräftigen Zügen hinzustellen. Und wie viel z. V. können nicht bei einem rechten Eingehen in ihre Bedeutung für milde, schamhafte, gottesfürchtige Sitte schon die Marientage thun? Wenn die Gottheit nicht mehr öffentlich verherrlicht wird, so wird sie ganz gewiß, oder ist vielmehr schon vergessen und verachtet. Die Feindseligkeit und Empörung der gefallenen Geister, die zunehmende Lästerung und Bosheit der Christusfeinde, sollte an alle noch Gläubigen ein dringender Ruf seyn, um so mehr öffentlich und feierlich ihrem Herrn und Schöpfer die Ehre zu geben. Wer sich aber von der Cultfeier der Kirche ausscheidet, der hat sich damit bis auf einen dünnen, äußerlichen Zusammenhalt von der Gnabenanstalt GotteS auf Erden geschieden. Keine Sonn^ lagSfeier— keine Kirche; keine Kirche—kein Christenthum; kein Christenthum—keine Bildung; keine Sitte — kein Heil. WaS würde nun auS einem Staate werden, wo man die Sonntagsfeier nur noch wie vom Hörensagen kennte? Die Wichtigkeit deS EideS für den Staat, deS religiösen Lebens für den Staat, des religiösen Lebens für den Eid sey nur genannt, nicht erörtert. Uebrigens würde ein solcher Staat Menschen haben ohne Gottesfurcht; also ohne Ehrfurcht vor der Obrigkeit; ohne Gewissen, — also ohne Treue; ohne Demutd also wird der Gehorsam keines Fingers breit über die Motive der Selbstsucht hinauSreichen. Ein Staat, der etwa durch Bureaustunden, öffentliche Arbeiten u. dgl., sich selbst der SonntagSfchändung schuldig machte, würde auch den materiellen Unsegen auf sich herabziehen. Wenn ferner die Ausschweifungen, die sündhaften Vergnügungen geduldet werden, die gewiß nicht die kleinste Enlheiligung deS Gott geweihten TageS sind, so wird man kein Recht haben, sich über die einreißeude Verwilderung und Unbotmäßigkeit des Volkes zu wundern. Wenn der Staat mit dem Beispiele, das dritte Gebot zu verachten, voranginge, also der kirchlichen Autorität, so viel an ihm gelegen, derogirte, so würde diese an Kraft zur Sittigung der Massen verhältnißmäßig verlieren. Wer jetzt noch nicht weiß, wohin eS Staaten, denen der Zusammenhalt mit der Kirche fehlt, bringen müssen — der wird es niemals einsehen. Offenbar ist in jenen Landschaften, wo die SonntagSfeier (und die Kirche überhaupt) am meisten herabgewürdiget war, auch die Revolution, wo nicht in den heftigsten, doch in den niederträchtigsten Auftritten erschienen. Man hat oft das Anschwellen deS Proletariates, die Verarmung der Massen mit der SonntagSentheiligung zusammengestellt. Nicht mit Unrecht. Der Arbeiter, der am Sonntage nicht feiert, hat damit die menschliche Natur, welche einer Erholung und Abwechslung von Zeit zu Zeit bedarf, nicht ausgezogen. Feiert er am Sonntag nicht,, so feiert er am Montag. Nun aber keine religiöse Feier, sondern ein Fest der Sinnenlust und Zügellosigkeit, eine ausgiebige Quelle der Verarmung durch Trunk und illesitims prole8. Der Arbeiter, bei dem nur roher Sinnengenuß (zu dem feinern genügen seine Mittel nicht) mit dem Joch abwechselt, muß abgestumpft werden, verthieren, verwildern in Lüderlichkeit und Armuth. Die Folgen für daS Gemeinwohl sind dem Staatshaushalte fühlbar genug, und möchten sie doch auf diesen beschränkt seynl S88 Der Mensch muß eine geistige Bethätigung haben. Dafür bietet daS Leben folgende concrete Centralpuncte: Kirche, Theater, CaffehauS, Schenken, Leihbibliotheken. Caffehauö und Schenke ziehen zwar zahllose unberufene Politiker, Malcontenten, RaisonneurS und Banquerolteurs, aber sehr wenige, vielmehr gar keine guten Bürger. Wollte man sofort unsern Selbstmördern Schritt für Schritt rückwärts bis zum ersten Anstoß ihres Unterganges nachgehen, so käme man in den meisten Fällen entweder in daS Comptoir einer Romanbibliothek oder auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Wer nicht das Volk der Schenken und Theater will, der muß daS Volk der Kirche wollen, welches den Sonntag heiligt, und auch allein für daS Familienleben befähigt ist. Es steht außer Zweifel, daß der Versall der Familie den der bürgerlichen Ordnung zur Folge hat. Die Gutachten zweier so gründlichen Kenner des Alterthums wie Gaume und v. Lasaulr, überheben unS der Pflicht, darüber etwas Weiteres zu sagen. Indessen bemerken wir, wie der Verfall der antiken Familie mit der Verachtung der, wenn auch nur erträumten, Götter und mit dem öffentlich über ihre Feste auSgegofsenen Spotte zusammenhängt. Gewiß ist es, daß die Sonnlagsfeier einen der wichtigsten Haltpuncte für die christliche Familie bildet. Die Woche hinaus trennt der frühe Morgen die Angehörigen, die ihrer Arbeit nachgehen; ermüdet, schlaftrunken, wenig mehr empfänglich für Belehrung unv Theilnahme führt der späte Abend sie wieder zusammen. Diesen schwer vermeidlichen Uebelstand unterbricht heilsam der in der christlichen Familie christlich gefeierte Sonntag. Da ist Vereinigung im Gebete, dann Erholung in schuldloser Freude, Ueberblick über die Werke der verwichenen, und über die Aufgabe der kommenden Woche. Da ist, oder sollte seyn, eine allgemeine Correction der Fehltritte, eine geweihte Versammlung um das Familienhaupt. Man gedenkt der Gefahren und der göttlichen Hilfe; der Fehltritte Und der göttlichen Erbarmung, der Mühseligkeit und der Kraft von Oben, die das Ausharren und Ueberwinden verlieh. Man denkt der empfangenen Wohlthaten, und holt den Dank nach, den man vielleicht vergessen, oder lau und säumig dargebracht. Schon in den feierlichen Morgenstunden, vom klingenden Glockenrufe lieblich geladen, ist man um daS Heiligste und in dem Heiligsten versammelt. DaS Opfer der Versöhnung, daS priesterliche Wort des Heiles, fällt in Herzen, welche die FesttagSstimmung zubereitet. Leider, dieses Bild will immer seltener sich als ein Spiegel der Wirklichkeit erkennen lassen. Mit der Furcht GolteS geht die Sonntagsfeier, hinwieder mit dieser jene mehr und mehr verloren. Jedes Familienglied geht gesondertem Vergnügen nach. AuS der Häuslichkeit entweicht die Freude, unv auS der Freude die Häuslichkeit. Erheiterung, sollte man meinen, wohnt nur noch auf den Tanzböven, in den Bicrschenken, in voller unbändiger Sinnenlust. Eine traurige Art, die Weihetage des Christenthums zu begehen! Wo eö aber Kauf und Verkauf, wo eS Taglohn und Erwerb ist, waS die heilige Festfreude verdrängt, da entgeht der Familie mit der Gnade und Furcht Gottes daS Band der Liebe, der kindlichen Pietät. WaS hilftS, im Namen GotteS zu befehlen: „Ehre Vater und Mutter," wenn man den Namen Gottes selbst verachtet. Wenn dem Hausvater der Gelderwerb lieber ist als die Religionspflichten; waS will er dem Sohne sagen, der seinen Kindes- Pflichten daS Vergnügen vorzieht? Keine Leidenschaft hat mehr Recht als die andere, kein Gebot gilt, wo Gottes Gebot nicht gilt. Nichts ist ehrwürdig, wo eS Gott nicht ist. Die Strenge, womit die Juden und sogar ihre größten Gelb- unv Geschäftsmänner ihren Sabbath begehen, ohne durch eine Staatsgewalt gezwungen zu seyn, sollte manchen Christen beschämen. Vielleicht verarmen deßwegen so viele christliche Familien, mit ihrer Noth und Dürftigkeit immer mehr die Juden bereichernd. Schließen wir mit der Erinnerung, daß daS vierte Gebot und alle folgenden in der Luft hangen, wenn sie nichr auf einen tiefen und unantastbaren Respect vor den drei ersten gebaut sind. ,üi N5gl(»k -Hwnnltz -jnu -i'.^>.!!,'.-ii-!t ,«t n-koMmi.„ .NZIzjij!,',» ,Nz6?'lA I^lllUtj Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen- Verlags-Juhaber: F. C, Kremer. Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt «ma« iHNUMvH. pfllZchs ^u,m /diuG »WAviN 7?i nkm .cs-E Augsburger Postzettung. Z/V sichvnl chL ?t2lz > l ,> > , . Unsrer lieben Frauen Mantel. Eine Erzählung in lieben Lectionen über das Salve Negina. iiiu lchrn chij -z»Z> nMnn, ^ , ^/^^^ . . , Ihr sollt euch erwählen -^,^^',j.„ ^ . .'"./j^ Sprecht Ave M-r.a So Herz und ,0 Mund, Singt Salve Regina All' Tag und all' Stund Dem Herrn JacqueS mochte dieß Erwachen auS seinem Traume nicht sehr erfreulich gewesen seyn; daher eS auch von einem vernehmlichen Verdruß-Seufzer .gnnh,s!k>L90nNlymK begleitet ward. Joseph« ward den Lauscher gewahr und machte Miene sich zu entfernen. Da ließ Herr JacqueS auf die Gesangparlhie ein DeclamationSstück folgen und ließ stch in folgenden herzbrechenden Worten vernehmen: „O Joscpha. mein süßes Leben, o Pepi, mein einziger Trost, o Gute, meine schönste Hoffnung! warum fliehest du vor mir? Warum vermeiden Sie mich so ängstlich, ich will nicht sagen, so fremd und kaltherzig? Beinahe wäre ich erschrocken, erwiderte Joseph«,, jetzt aber muß ich recht von Herzen lachen! Was für närrische Worte reden Sie da zusammen? Wissen Sie nicht, daß man diese Worte spricht, wenn man zur Mutter Gottes betet? Ich möchte mich wahrhaftig schämen, so ungeschickte unv lästerliche Reden zu führen! Mein Leben, mein Trost, meine Hoffnung! wen spricht man wohl so an?— Gute Pepi, versetzte der Andere jenseits der Bretterwand, Sie reden ja wie ihr alter Papa? Nun ist aber das, was ich gesagt habe, die lauterste Wahrheit, und ich bin davon so durch und durch überzeugt, als nur immer Ihr Papa von seinen Meinungen überzeugt seyn kann. Darum nur ein freundliches Wort, nur einen freundlichen Blick, sonst bin ich ja ein Verlorner, desperater Mensch und thue mir möglicher Weise noch ein LeiveS an. Und werden Sie alsdann, Hochmuthsvolle, das zu verantworten im Stande seyn? ES wird so arg nicht werden, sagte Josepha, bemühen Sie sich nicht mit unnöthigen Sorgen. Gehen Sie lieber in die Kirche, zu dem Gnadenbilde unserer lieben Frau, und bitten Sie, daß sie Ihnen durch die Fürbitte einige gescheibtere Gedanken auswirken möge. — Josepha, das ist Spott! hämischer Spott! — Nein, Herr Jacques, gewiß nicht, sondern ich meine eS im ganzen Ernst. — Sie betrachten mich also für einen Narren, Josepha? Mich, der ich so weit herum gewesen bin, in Golha, Braunschweig, Straßburg, Lyon.--Das Rechte haben Sie doch nirgends gelernt, Herr JacqueS. Wie könnte Ihnen sonst einfallen, mich einfältige Person Ihr Leben zu nennen? Unser Leben ist von Gott, der unS erlöset hat. Sie wissen ja das noch? Er ist vom Himmel herabgekommen und hat der Welt das Leben gegeben; JesuS, unser Leben, JesuS, unsere Liebe. Nicht wahr? Darum freut's mich lininer von Herzen, wenn ich seine liebe Mutter auch so grüßen kann: Unser Leben, denn sie hat baS Leben geboren, sie ist die Mutter des Lebens. Unser Trost, unsere Hoffnung ist auch nur von Gotl; das ist ein schlechter Trost und eine elende Hoffnung, die nicht von Gott ist. Aber unsere himmlische Mutter, diese freilich ist uns von Gott vor Allem zur Süßigkeit und Hoffnung unseres Lebens geschenkt; sie ist eine liebreicheste Mutter unserer Seelen, und wer sie nur ein Bischen lieb hat, dem hilft sie zu aller Zeit. Sie wandte sich wieder zu ihrer Bleiche und sang daS begonnene Lied weiter, wie folget: Dir, herrlichste Blüthe In himmlischer Au', Wie bist du voll Güte, Du hohe JungftalU Sprecht Ave Maria So Herz und so Mund; Singt Salve Regina Zu jeglicher Stund! Schön, schön! sagte BenitiuS, mit dem Lebkuchenbäcker aus dem engen Gange zwischen dem Gesträuch hervortretend; da wird ja gar ein Duett gesungen? — So ist'S endlich recht, Herr JacqueS, setzte Pankraz hinzu, in daS Lob mit einstimmen ist so viel, als selber lobsingen. — DaS ich nicht wüßte, sagte der junge Falzmann etwas ernsthaft; ich habe lediglich nur secundirt; man thut dergleichen unwillkürlich, wo immer eine Melodie gesungen wird, die gut in'S Gehör geht. — Ganz recht, sagte Pankraz, mich freut'S insonderheit, wenn Ihnen eine solche Singweise gut in'S Gehör geht. Ja, ich sage noch mehr: nachdem Sie schon mitten an der Wand stehen, die unS von Ihnen trennet, so schwingen Sie sich ganz fein artiglich hinauf und »91 springen herüber, jedoch ohne sich dero werthen Fuß zu verstauchen; ein anderes Mal aber, wenn meine Tochter und der Vater derselben hier zugegen sind, kommen Sie lieber von vorn herein, durch die gewöhnliche Hof- und Gartenthür. — Herr Jacques machte einen zierlichen Sprung über die Wand herüber, und BenitiuS nahm, nachdem sie auf eine GraSbank sich gesetzt hatten, daS Wort und sprach: Wir haben, lieber Herr Falzmann, einen guten Theil des Gesprächs angehört, daS Sie eben mit Josepha führten. Als einer von den Dienern Mariä, die den Ordensbrauch haben, jede heilige Messe mit dem Salve Regina zu beschließen, ist eS ganz natürlich, daß ich auf dieses wunderschöne Gebet ungemein viel halte, besonders lieb aber sind mir jene Worte, über welche Jungfer Josepha Ihnen eine kleine Lection halten wollte. Sie müssen, Bester, als ein gebildeter junger Mann, allezeit voraussetzen, daß die öffentlichen Gebete, die unsere Kirche eingeführt hat, voll hohen und lebendigen Sinnes sind, wie denn insbesondere dieß Salve Regina bereits seit vielen Jahrhunderten mehr Seelen, auch von Kaisern, Königen, Fürsten, Feldherren und andern Hochgewaltigen erquickt und ermuthigt hat, als Sie vielleicht ahnen mögen. Wir nennen darin Maria unser Leben; und zwar steht daS schon in heiliger Schrift von ihr: Wer mich findet, findet daS Leben. ES ist aber das Leben der Seele damit gemeint, welches in der göttlichen Gnade besteht. Siehe, da lesen wir nun, wie der Engel der Jungfrau erscheint, und sie grüßet: Du Gnadenvollc, und wie er ferner zu ihr spricht: Fürchte nicht, Maria, denn du hast Gnade gesunden. Sollte diejenige für sich erst Gnade gefunden haben, die schon die Gnadenvolle ist? Nein, sondern für ihre Brüder und Schwestern, für die sündigen Menschen, deren Mittlerin sie geworden. Wie schön bezeichnet dieß der große Bernardus, da er spricht: Lasset unS Gnade suchen, lasset unS durch Maria sie suchen, welche die Finderin der Gnade oder des Lebens ist. Darum sagt auch RiccarduS: Wünschen wir Gnade zu finden, so lasset die Finderin der Gnade uns suchen! Wahrlich, Niemand wird zur Erkenntniß und zum Verharren in der seligen Wahrheit gelangen, den Mariens Huld nicht leitet, denn dazu ist sie von Gott auöerwählt, auf daß wir durch ihre Vermittlung seiner Erbarmung fähig und theilhaftig werden. Mein bester Falzmann, dieß könnte ich Ihnen mit unzähligen Geschichten beweisen, eS ist aber besser, sie erleben den Beweis an Ihrem eigenen Gemüthe! Wir nennen Maria unsere Süßigkeit, weil sie die herbeste Bitterkeit, so daS irdische Leben trifft, hinwegnimmt, weil sie den Tod versüßet. Daher wir so anhaltend sie bitten, daß sie unS beistehe in jener Stunde der unaussprechlichen Angst, da der Menschenseele die Welt untersinkt sammt allen ihren Täuschungen, und sie ihrer Armseligkeit plötzlich sich bewußt wird! Der Sterne Glanz, der Sonne glühend Roth, Der Sinnen Freuden unter find gegangen, Es stirbt die Welt, und was fie trüg'risch bot, In dunkle Nacht versinkt ihr eitles Prangen; Die Sund' allein, fie bleibet, steht und droht, Und füllt den Geist mit wüstem Schreckensbangen. Zerronnen ist der Traum, entsloh'n die Stunde», Der Haß entlarvt nun in der Seele grinst, Mit dunklen Banden fühlt fie sich gebunden, Sieht fie so arg ihr göttlich Pfund verzinst; Verzweifeln müßte fie, ohn' Christi Wunden, Und ohn' der Jungfrau seliges Verdienst. Selig, wem eine liebende Mutter auf dem Krankenlager beisteht, unendlich seliger, wen die Mutter der schönen Liebe auS dem Tode ins Leben einführt. Der große Gelehrte Suarez, ihr eifriger Diener, starb mit solcher Fröhlichkeit, daß er wenige Augenblicke vor seinem Tode noch ausrief: Nicht glaubte ich, daß der Tod so ttoL mck" -lli .mkttB l»v. x MsM-H SZttUs L9Z süß sey! Wie herrlich ist nicht der Tod einer Clara, einer Thereia, eines Petrus von Alcantara? Glauben Sie mir, mein Sohn, ich bin bei vielen Sterbenden gewesen, und ich war oft so glücklich, den Tod in seiner Süßigkeit zu sehen, unendlich lieblicher, als in jener heidnischen Vorstellung vom Genius mit der ausgelöschten Fackel, ja vielmehr flammt hier erst die Fackel der Liebe im entscheidenden Augenblicke recht hell empor. Doch nur bei Solchen fand ich diese überschwengliche Friedlichkeit und Süße des TodeS, welche zur Mutter der Gnaden ein herzlich und ehrfürchtig Vertrauen geübt hatten. Wir nennen Maria unsere Hoffnung, weil sie unsere Mittlerin ist, deren große Würdigkeit (wie der heilige AnselmuS sagt) unsere Armseligkeit ersetzen möge. Wer etwaS dagegen einzuwenden hat, und zwar dieses: daß auf Gott allein, und nicht auf seine Geschöpfe unsere Hoffnung zu setzen sey, dem erwidert Thomas von Aquin: Der König deS HimmeS, da er die unendliche Güte ist, verlangt aufs höchste, unS mit seinen Gnaden zu bereichern, aber weil hierzu von unserer Seite ein herzliches Vertrauen erfordert wird, so hat er, um dieß Vertrauen in uns wachsen zu machen, zur Mutter und Fürsprecherin seine Mutter unS gegeben. Darum ist sie auch die Hoffnung der Sünder, und wie die königliche Brigitta sie nennt, daS Gestirn, so vor der Sonne hergeht. Denn eS ist gewiß, daß, so wie in einer Seele die Andacht zur göttlichen Mutter erwacht, dieselbe Seele gar bald auch von göttlicher Gnade bereichert seyn wird. Darum ist sie auch der Leitstern auf dem wüsten Meere der Welt, welcher, wie Sanct Bonaventura spricht, zum Hafen deö Heiles die Bahn zeigt. Darum ruft auch der preiswürdige BlosiuS mit solcher Zuversicht: Unmöglich ist eS, daß der zu Grunde gehe, der in treuer und demüthiger Verehrung Mariens beharret; und in kindlicher Ehrfurcht flehte Augustinus zu ihr: Du, der Sünder einzige Hoffnung. Vieles hätte der ehrwürdige BenitiuS noch zu sagen gehabt, und vieles Herr Jacques nicht sowohl einzuwenden, als vielmehr von sich abzuwenden, als draußen ein Wagen vorfuhr und eine der fürstlichen Kammerfrauen ausstieg, um den Prior und zugleich auch Josepha zur Fürstin abzuholen. Wie? sprach Herr JacqueS verwundert zum Meister Pankraz: ist Ihre Tochter bei der Fürstin so beliebt? Ja wohl, sagte dieser, und rieb mit väterlicher Freude die Hände, ja wohl allerdings, mein bester Herr JacqueS. — Und auch der Prior? — Ja wohl freilich auch der Prior, mein guter Herr JacqueS, ja wohl! — Herr JacqueS machte sich daraus kein geringes Bedenken, denn standen seine beiden Lectoren ihm jetzt im hohen Lichte, so konnte eS nicht fehlen, daß dieß auch ihren Lectionen einigen Glanz verschaffte, nur hatte er leider weder auf Josepha'S noch auf des Priors Worte so viel von seinem Ohr verwendet als von den beiden andern Sinnen: Aug' und Nase; ersteres nämlich für Josepha'S Unterricht zum Gaffen, letztere bei deS PriorS Lection zum Rümpfen. n-fMM Sli, , Ü^IIU mimiK- N nzvi, 'chMMWkMtmnK -mMM .,zkz,gm>. Urtheil eines Protestanten über die religiösen Zustände der Nordamerikanischen Freistaaten. Geheimrath Hesse sagt in seinen amerikanischen Reiseblättern: Wenn ich mich am Ziel meiner nordamerikanischen Pilgerfahrt nach dem Gesammturtheil über die nordamerikanischen Zustände frage, so komme ich in Gefahr, die Ungunst der zahlreichen begeisterten Lobredner herauszufordern. Ich bin zunächst nicht der Meinung, daß von einem specifischen nordamerikanischcn Volke die Rede seyn kann. Ich finde nur ein Gemisch von Nalionalitäten aller Art, ein Aggregat verschiedener Agentien, welche ihre Wahlverwandtschaft erst erproben sollen, deren Product erst das nordamerikanische Volk seyn wird. Nach dem Zeugniß der Geschichte darf ich an keine gedeihliche Volksentwicklung glauben, die nicht durch eine religiöse Basis getragen wird. Nun halte ich aber daS nordamerikanische Volk, abweichend von vielen seiner Schmeichler, mehr für kirchlich als für religiös. Ich glaube, daß daS Princip der Sectenfrciheit und die ungeheure Willkür in Begründung religiöser Gemeinschaften absolut nachtheilig wirkt, und den JndifferentismuS befördert. Diese gewaltige Zersplitterung in tausend Sectcn wird nach meiner vielleicht sehr parador klingenden Ansicht keinen neuen Messias hervorrufen, sondern die Nordamerikaner gelegentlich dem Katholicismus überliefern, der mit seiner unerschütterlichen Organisation durch die Feinheit und Thätigkeit seiner Führer immer mehr Terrain gewinnt. Aufrichtig gestanden, halte ich daS für die künftige Geschichte dieses Landes für kein Unglück, sondern für eine Wendung, welche dem proclamirtcn Unglauben, wie er dort dem Katholicismus thatsächlich entgegensteht, unendlich vorzuziehen ist. Ohne eine solche Wendung ist die Mission der Vereinigten Staaten in Bezug auf die Cultivirung von Meriko, Westindien und Südamerika nickt zu erreichen. Äiind Zidm lWvW'.'HüM v>ma .s«?>? > ^dvn 9v8 mkivä' ^Smr .nüM ,m,x 7knoUMKrM .Äit M iMtK» — .zcwvt «,^1 n»6>W HttttilZtziM »»-^ MMon »n Miltenberg. Vom 25. Juli bis 8. August ist in Miltenberg in Unterfranken eine Mission von den Jesuitenvätern gehalten worden, über welche der VolkSbol' folgenden Bericht bringt: Vor Allem muß bemerkt werden, daß ein Häuslein demokratischer Schwindler, die sich in den Tollheitsjahren als Nationalconvent der europäischen Republik Miltenberg zu betrachten gewohnt waren, schön bei dem Gerücht von einer nahenden Mission von einem panischen Schrecken befallen wurden und in ihrer Angst von einer Stelle zur andern rannten, um, gleichviel ob auf gesetzlichem oder ungesetzlichem Wege, daS Ungewitter abzuwenden, daS ihnen religiöse und politische Brandmarkung drohte: denn daS Gericht, so wie daS städtische Archiv bewahren unzählige Beweise, welche Nachtheile die demokratische Schellenjacke über eine friedliche Gemeinde herbeizubringen vermag. Da dieses armselige Häuflein sich jedoch mit seiner Abwendungspolitik auch abgewiesen sah, beschloß eS, mit ächt preußischem „Todesmuth" auf heilige (!) Verpflichtung, keiner Missionöpredigt beizuwohnen, damit nicht die längst verbrauchten Register ihrer politischen Drehorgel allen aufgesammelten Wind der Vorjahre ganz L95 verlieren möchten. — WaS nun die Predigten der Missionäre selbst betrifft, so haben sie bei dem Theil der Bewohner Miltenbergs, denen der gesunde Verstand noch nicht völlig davon gegangen, ihre Wirkung nicht verfehlt; nur da, wo mit dem Glauben jede Sittlichkeit verschwunden war, mag'S anders ausschauen. Selbst die großen Anstrengungen demokratischer Auösendlinge, die Bauersleute vom Besuch der Mission abzuhalten, verfehlten total ihren Zweck, und die Kirche, welche nahe an 6000 Zuhörer saßt, war, wenn nicht überfüllt, doch regelmäßig stark besetzt, während bei besondern Anlässen mindestens über 8000 Menschen zusammengeströmt waren. Bei den Predigten im Freien umgaben sicher 10,000 Zuhörer den Prediger in aufmerksamer und lautloser Stille. Hierbei ist jedoch überdies; noch zu erwägen, daß die Erntezeit vom 25. Juli bis 8. August ganz natürlich die Bewohner der Umgegend sehr zurückhielt. Bei so großen Volksversammlungen ist'S allerdings begreiflich, daß, wie im Nürnberger Kurier spöttisch vorgebracht wird, auch die Wirthe bei der großen Hitze reichlichen Zuspruch hatten; aber von jenem unsittlichen Betragen und unziemenven Lärm, wie die Demokratie mit sich führte, hat man dabei auch nicht das Geringste verspürt, gewiß also, daß keine „theatralischen Vorstellungen" nach Art der Bursche in der Turnjacke den gesunden Verstand erhitzten oder gar aus dem Häusel brachten, sondern daß nur begeisterte Vorträge die Finsterniß des Unglaubens mit dem Lichte der Wahrheit verscheuchten, mit ihrer belebenden Kraft sich lange entfremdete Herzen ergriffen und zur bleibenden Freundschaft versöhnten, und cntfrem- veteS Gut dem Besitzer zurückführten. Wohl haben die radicalen Feinde der Ordnung und aller Religion jeden Tag neue Aufhetzereien gegen die Jesuiten und ihre Vorträge in Schwung zu bringen gesucht; allein das mit jeder weitern Predigt steigende Interesse schob all' die ausgesäeten künstlichen Besorgnisse bei Seite und zog den schlichten Bürger wie den Gebildeten zu dem Predigtstuhle der Jesuiten hin, wo sie dann gänzlich über die ausgestreuten Verleumdungen enttäuscht wurden. Eine Ausnahme hiervon haben freilich auch die Frauen der hiesigen gespreizten Demokraten machen müssen, da sie sammt ihren Dienstboten durch ein absolutes Verbot am Besuch der Predigten verhindert wurden. So machen'S aber diese demokratischen Helden! während sie über jedes Gesetz als Tyrannei, Gewissenszwang u. s. w. losschlagen, verbieten sie sogar ihren Frauen und Untergebenen, ihren religiösen Bedürfnissen nachzugehen! Wahrscheinlich haben selbige Demokraten „vom reinsten Wasser" befürchtet, bei den Missionen würde den Frauen und den Dienstboten der jämmerliche Zustand des religiösen und sittlichen Bankerotts ihrer Männer und Dienstherren völlig klar werden, — eine Furcht, die allerdings nicht ohne Grund gewesen seyn mag." Die Franciscaner in Bamberg. Bamberg, 1. Sept. Die ersten Franciscaner sind ungefähr im Jahre 1223 ans 24 in Bamberg erschienen und sollen an der Stelle des Siechhauses oder in demselben, was an der Straße nach Hallstadt bis 1803 war, gewohnt haben. 1311 wurden sie in den Besitz deS Gebäudes und der Kirche der Tempelherren, die 1311 erloschen sind, eingesetzt und blieben bis 1804, wo die Aufhebung stattfand. Am 29. September 180k mußten sie schnell für Militär zwecke daS Kloster räumen, in die Kirche kam das Heumagazin, die dann 1812 ganz niedergerissen wurde. In den Jahren 1827, 1838, 1845 und 1846 wurden bereits Schritte zur Reorganisation deS Klosters gethan, jedoch fruchtlos. Erst, nachdem durch Wohlthäter die nöthigen Localitäten durch Ankauf eines alten CanonicathauseS (Wohnung deS Cano- nicus Stöhr) zur Verfügung standen, wurde endlich am 2. April 1852 von Seiner Majestät dem König Mar II. die Urkunde unterzeichnet, am 4. Mai daS Kloster durch den Pater Provincial Franciscus (Fritsch) eröffnet und nach fast fünfzig Jahren stand wieder ein Franciscaner, der Quardian Pater Aemilian (Paulus) auf der Kanzel der St. JakovSkirche, um dem zahlreich versammelten Auditorium in begeisterter Rede «96 das Evangelium zu verkünden. Seitdem führen die drei PatreS und drei FratreS in klösterlicher Zurückgezogenheit ein oft sehr anspruchloses und frugales Leben. Sie sind jedoch meist von den Einwohnern hiesiger Stadt freundlich aufgenommen worden. Denn daß einige Bürger den wehrlosen Mönchen sehr unzart begegneten, da doch Niemand ihnen auch nur einen Pfennig zu geben gezwungen ist, kommt hier nicht in Betracht, eben so wenig, daß man durch Zerstörung des hölzernen KreuzeS an der Glocke, nächtliches Anläuten zc. sie zu insultiren sucht. Daß aber einzelne Bürger so weit sich vergessen, ihnen verleumderischer und boshafter Weise die schmählichsten Dinge nachzureden, um so ihre Wirksamkeit zu hemmen, und daß der fränkische Kurier sich abermäl nicht schämt, solche Lügen breit nachzudrucken, fordert öffentliche Rüge, und eS freute uns, daß man sie von anderer Seite her durch Ueberreichung sehr schöner Kirchenparamente für solch' bittere Kränkungen zu entschädigen suchte. Jedoch wird sich dem Vernehmen nach durch das Resultat der eingeleiteten Untersuchung der Triumph des Kuriers in ein sehr bitteres Martvrthum verwandeln. (Bamb. Volksbl.) Mainz. Der Vorort der katholischen Vereine Deutschlands hat folgende Einladung an die sämmtlichen Einzelvereine erlassen: „Wir haben die Freude, unsern verehrlichen Brüdervereinen hiermit das Nähere über die in diesem Jahre stattfindende sechste Generalversammlung des katholischen Vereins Deutschlands mittheilen zu können. Dieselbe wird, übereinstimmend mit dem auf der fünften Generalversammlung dahier gefaßten Beschlusse, und nach vorausgegangener Verhandlung mit dem katholischen Verein zu Münster in Westfalen, in letzterer Stadt und zwar am 21., 22. und 23. September gehalten werden. Dabei wird gewünscht, daß möglichst viele Abgeordnete und Theil- nehmer bereits am 20. in der Vorversammlung anwesend seyen. Der unterzeichnete Vorstand des Vorortes erlaubt sich nun, sowohl die gesammten Einzelvereine, als auch überhaupt die Mitglieder deS katholi>chen Vereins zur Beschickung, beziehungsweise zum Besuche dieser sechsten Generalversammlung auf das Angelegentlichste und Herzlichste einzuladen. Gewiß verdient das treffliche Münsterland, das dem katholischen Deutschland so vielfach das Beispiel entschiedener religiöser Gesinnung und der kathol. Sache so manchen muthigen Vorkämpfer gegeben hat, daß die deutschen Katholiken diese Gelegenheit, ihre wohlverdiente Anerkennung ihm kund zu geben, nicht unbenützt vorüber gehen lassen. Insbesondere aber möge der unverkennbare Ernst der Zeitverhältnisse, in wie sern dieselben sich auf die Lösung der großen kirchlichen Frage beziehen, die Erwägung, daß unter diesen Verhältnissen die Aufgabe des katholischen Vereins eine wichtigere und dringendere als je geworden ist, und endlich der Umstand, daß eine Anzahl von Gegenständen und Fragen zur Verhandlung vorliegt, welche nicht leicht irgendwo besser als in Münster ihre Erledigung finden können, Allen, die es angeht, ein mächtiger Antrieb zur Theilnahme an dieser sechsten Generalversammlung seyn! Mit diesem Wunsche und mit dieser Bitte zeichnet: Der Vorsitzende Lennig. Der Schriftführer: Moufang." _ Böhmen. Die Prüfungen in dem Knabenseminarium zu Pollitz sind sehr gut ausgefallen, Man ist jetzt auf die Erweiterung des Instituts bedacht, und da sich diese in dem Schlosse zu Pollitz nicht ermitteln läßt, sieht man sich nach einem andern Locale um. Bei der Wahl wird nun auch der Umstand berücksichtiget werden, daß die PP, Jesuiten Gelegenheit finden, sich zum Frommen Böhmens zu entwickeln. Budweis macht auch Heuer noch den Anfang mit einem Knabenseminar. Bei den Exercitien waren 135 Priester beisammen. — In Prag waren auch über 90 Priester bei den Erercitien, die auch in Königgrätz sehr viel Theilnahme fanden, und in Leitmeritz den 14. Sept. beginnen werden. (K. Bl. a. T.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen, Verlags-Jnhaber: F. E- Kremer. Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojtzeitung. 79. September S8. 185S. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abounementspreis TV kr., wofür e« durch alle köuigl. bayer. Postämter und alle Bnchhandümgen bezogen werden kann. Die Erzherzogin Maria von Steiermark, Mutter Kaiser Ferdinand des Zweiten. Rede deS HofrathS und ReichShistoriographen vr. Friedrich Hurter, gehalten in der P lenarversammlung des Wiener Central-Severi- nusvereineS am 30. August 1852. *) II. Vereinigen sich die einzelnen Züge, die hinsichtlich der Beziehungen der Erzherzogin Maria zu ihrem Gemahl sich erhallen haben, zu einem höchst anziehenden Bilde der Gemahlin, so wird — ich bin dessen auf'ö vollkommenste versichert — die Mutler Sie nicht minder, ja, ich getraue mir im Voraus zu sagen, noch mehr ansprechen als jene. Vereinigt doch ohnedem daS Wort Mutter in dem unermeßlichen Reich- thume seines VollgehalteS alles Fürsorgliche, Liebliche, Zarte, Anmuthige, Fruchtbare, Edle, und gewiß nicht minder alles Tiefe, Hohe und Ernste in solchem Maaße, daß selbst die Kirche unserer Verehrung und unserer Zuversicht nichts Höheres entgegen zu bringen gewußt hat, als die Mutter der reinsten Liebe. Es wäre jedoch Vermessenheit, die Mutter Weniger, und wäre sie auch in jeglicher Beziehung das vollendetste Ideal einer solchen, der Mutter deS Einzigen, durch Ihn aber Aller, an die Seite stellen zu wollen; das jedoch dürfen wir als unbestreitbare Wahrheit annehmen, daß in dem Maaße, in welchem die irdische Mutter jene Mutter aller Gläubigen fortwährend als die ihrige ehrt, dieselbe auch die getreueste Mutter der eigenen leiblichen Kinder seyn werde. Von diesem Standpuncte haben wir die Erzherzogin Maria zu betrachten und zu beurtheilen; von diesem Standpuncte werden wir bewältigt werden, ihr, als der Stammmutter unseres Regentenhauses unsere Anerkennung und unsere Verehrung mit der freudigsten Ueberzeugung darbringen zu müssen. ES ist eine natürliche, deßhalb keinem ernsten Tadel unterliegende Regung, wenn Eltern bei der nahen und gewissen Aussicht auf LeibeSerben in Betreff deS Geschlechtes einem leisen und bescheidenen Wunsche sich hingeben. Derselbe ist bei Regenten um so gerechtfertigter, weil er mit demjenigen gesicherter Fortdauer deS Stammes zusammenfällt. Selbst hierüber sehen wir Maria durch ihre erleuchtete christliche Gesinnung emporgehoben. „Bezüglich deS Geschlechtes, welches sie zur Welt bringen werde, — schrieb sie einst dem Bruder, — hege sie keine Wünsche, dessen lasse sie in aller Hingebung Gott walten; sie beschränke sich einzig auf die Bitte, daß das, was Gott ihr schenken wolle, gesund, aller Mängel frei seyn möge, Gott eS zu Seiner Ehre und zum Heile der eigenen Seele heranwachsen lasse." So ein anderes Mal: „Der liebe Gott schick eS mit Gnaden, daß es etwas Rechtes sey.- Dieselbe Gesinnung war auch der Quell ihres Trostes und ihrer Gottergebenheit bei ') S. Nr. I. in Nr. SS ». 33 d. Bl. 298 dem Verlust eines KindeS. „Ich Hab'S schon aus dem Sinn geschlagen und Gott befohlen," schreibt sie dem Bruder nach dem Hinscheiden eines SohneS in seiner zartesten Kindheit; „ich zweifle nicht, deine Christina und mein seliger Carl werden im Himmel gute Gesellschaft haben und ihren Gott treulich für unS bitten.» Auf die Nachricht von dem Tod der neunzehnjährigen Erzherzogin Katharina schrieb sie ihrem Sohn Ferdinand von der Reise nach Siebenbürgen zur Vermählung ihrer Tochter Maria Christina mit dem Großfürsten SigiSmund Bachori: „mit herzlichem Leid habe ich die Nachricht erhalten, daß mir der Allmächtige meine liebe Tochter Katharina genommen hat, wiewohl sie nie mein, sondern, wie ihr Kinder alle, dessen war, der sie wieder zu sich genommen hat. Ihm sey ewig Lob, Ehr und Dank. Wie eö aber meinem mütterlichen Herzen ist, daS weiß Gott am besten; denn sie war ein frommes, gotteSfürchtiges, gehorsames Kind, welches, wie ich in Wahrheit von ihr bezeugen kann, mich hoch geliebt und geehrt hat; darum ihr Gott ohne Zweifel die ewige Krone wird gegeben haben. O mein Ferdinand, ich habe ein liebes Kleinod an unserm Hause verloren, doch Gott sey ewig Lob, er hat mir genommen, was zuvor sein gewesen ist." Erzherzog Carl und seine Gemahlin sorgten vor Allem dafür, daß ihre Kinder von den frühesten Jahren an nur von solchen Personen umgeben würden, welche treue Erfüllung aller religiösen Obliegenheiten durch Anleitung und Vorbild in ihnen wecken konnten. Hierdurch, wie durch der Eltern eigenes Beispiel, sollte der Kinder zartem Sinn Hingebung an Gott, freudige Beachtung alles dessen, was der lebendige Glaube und die denselben erhaltende Kirche fordert, eingepflanzt, daneben, was diese vorschreibt, gefestigt und entwickelt werden. Kaum daß die erzherzoglichen Kinder des Gebrauches ihrer Finger mächtig waren, wurden sie gelehrt, daS Kreuzeszeichen zu machen, heiligen Dingen Ehrerbietung zu erweisen. Sobald ihr Sprachvermögen sich zu entfalten begann, mußten ihnen die Wärterinnen den Namen Jesus und Maria vorsprechen, damit frühzeitig alle Anschauungen des Segenövollen und Trostreichen an dieselben sich knüpfen möchten. Schon in ihrem zartesten Alter wurden sie in die Schloßcapelle gebracht, um in den Uebungen der Andacht gleichsam aufzuwachsen. Traten sie in daS Alter, in welchem der Unterricht beginnen konnte, so wurde noch strenger darauf gehalten, daß sie täglich der heiligen Messe beiwohnten. Von dem nachmaligen Kaiser Ferdinand namentlich wird berichtet, daß er in seiner zartesten Kindheit, noch bevor er die Gebete vollständig dem Gedächtniß eingeprägt, dennoch eS wohlverstanden habe, unter der heiligen Messe und bei dem Geläute des Ave Maria niederzuknieen und allen heiligen Handlungen mit unverkennbarer innerer Theilnahme zu folgen. Bereits mit seinem siebenten AlterSjahre mußte er der Fron- leichnamSprocession beiwohnen; und mit solcher Andacht und Geistessammlung nahm er hierauf als Jüngling zu Jngolstadt an allen gottesdienstlichen Uebungen, kirchlichen Festen und Umzügen Theil, daß er den dortigen Einwohnern zur Erbauung und zur Nacheiferung diente, und nach langen Jahren noch Greise sich erinnerten, unter den Stimmen der Vorsänger die seinige gehört zu haben. Ein anmuthiger Zug desselben, welcher von hellbewußter Gottesfurcht Zeugniß gibt, hat sich in der Ueberlieferung bis auf den heutigen Tag erhalten. Der Hofmeister schenkte einst dem kaum zehnjährigen Erzherzog zum Angebinde für den Namenstag einen Spiegel in einem schönen Rahmen. Ferdinand nahm heimlich das GlaS heraus und ersetzte eS durch ein Bild von der unbefleckten Empfängnis) Mariens. Wie nun nach einiger Zeit der Hofmeister dem Spiegel nachfragte, wies der junge Erzherzog auf das Bild und sagte: „Hier ist der Spiegel und zeigt das wahre Bild, nach welchem wir uns zu richten haben." Die Wirkungen dieser Erziehung treten am anschaulichsten vor Augen in der Persönlichkeit der Erzherzogin Anna, Königin von Polen, Mariens ältester Tochter. Dieselbe betete täglich für Freund und Feind, für Gläubige und Ungläubige, oft auch um den Geist der Weisheit und der Erkenntniß für ihren Beichtvater; an Festtagen kam noch das Brevier hinzu, wie eS den Geistlichen vorgeschrieben ist. Täglich erhob sie sich um fünf Uhr von dem Lager, weilte dann zwei Stunden einsam in ihrer GebetSkammer. Schweigend, um den Rosenkranz beim zu können, ließ sie L9S sich hierauf ankleiden, rief den Priester, der die Messe zu lesen hatte, um ihm Auftrag zu geben, in welche Krankenhäuser, Wohnungen von Armen, Gotteshäuser er nachher sich begeben sollte, um nachzusehen, wo eS etwa an Nothvürstigem gebreche, um Hilfe auS ihrem Auftrage zu leisten; ferner um ihm zu eröffnen, was er unter der heiligen Handlung Gott anzuempfehlen habe. Dieser ersten Messe, für die Lebenden folgte eine zweite für die Todten. Wie sie jeden Priester tadelte, der die unverantwortliche Leichtfertigkeit einer hastig gelesenen Messe sich zu Schulden kommen ließ, so konnte ihrem Auge auch kein ungeziemendes Umherschweifen der Blicke bei der Umgebung entgehen. Einst meinte Jemand ihr eine Freude zu bereiten, indem er ihr längst erwartete Briefe der Mutter in der Kirche übergeben wollte. Anna warf nur einen flüchtigen Blick darauf, und sagte mit leiser Stimme: „Geh' mit deinen Briefen; hier ist weder der Ort, noch gegenwärtig die Zeit, sie zu lesen. Bewahre sie, bis ich die Kirche verlasse; jetzt liegt mir ob, deS Gottesdienstes zu warten, nicht Briefe zur Hand zu nehmen." Sie hatte Ribadeneira'S Leben des heiligen JgnatiuS in die deutsche Sprache übertragen und außerdem selbst geistliche Lieder verfaßt. Auch darin ahmte sie der Mutter nach, daß sie wöchentlich zwölf Arme speiste, nicht allein selbst die Speisen auftrug, oft auch dieselben kochte. Dann schürzte sie sich mit einem Linnentuche, waS auch der Beichtvater thun mußte, und nahm mit einem großen Küchenlöffel den Theil für einen Jeden aus dem Topf, duldete aber so wenig, daß Jemand ihr beistehe, als daß die Armen vor ihr sich erhöben. Hätte nicht der Tod sie ereilt, so hätte keine Gewalt sie zurückhalten können, ihrem Gemahl auf seinem Kriegszuge nach Schweden zu folgen. „Weder Gefangenschaft noch Tod — sagte sie — könnten mich unvorbereitet finden. Ich bin gewappnet gegen alle Pfeile des Mißgeschicks. Ich werde mich bei jeder Widerwärtigkeit unter den Willen Gottes beugen und mit Job sagen: nackt bin ich von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich zurückkehren, der Herr hat eS gegeben, der Herr hat eS genommen, es ist nach deS Herrn Willen geschehen, des Herrn Name sey gepriesen." AehnlicheS ließe sich von allen Schwestern berichten. Es würde mich aber zu weit führen; nur zwei Aeußerungen der Erzherzogin Margaretha, Königin von Spanien, darf ich nicht unerwähnt lassen. Nicht auf den Rang einer Königin, auf den Vorzug, eine fromme Königin zu seyn, wollte sie alles Gewicht legen. Jenes — sagte sie — hat mir Gott ohne mein Verdienst gegeben, um dieses aber habe ich mich unter seiner Gnade zu bemühen." Eine andere Aeußerung derselben lautet: „ich kann nicht begreifen, wie Jemand einen Beichtvater haben mag, der ihm nicht rundweg die lautere Wahrheit sagt." (Schluß folgt.) Unsrer lieben Frauen Mantel. Eine Erzählung in sieben Lectionen über das Salve Ncgina. Dritte Lection: „Zu dir rufen wir verwiesene Kinder Eva's," Der alte Falzmann saß friedlich arbeitend in seiner Werkstube und sah erwartungsvoll dem Sohne entgegen, den er, auf ihr Geheiß, zur Fürstin geschickt hatte, als dieser mit ganz entrüsteter Geberde hereinstürmte, und einen ansehnlichen Pack von rohen und broschirten Buchern trotzig in eine Ecke warf. — Ho, ho, mein Sohn, sprach er verwundert, jedoch ruhig, was ist da vorgegangen? Wo kommt das Wetter her? — Herr JacaueS gab keine Antwort, er riß seinen wunderschönen ultraneumodischen Frack vom Leibe, warf ihn ins Nebenzimmer, band die Schürze um und setzte sich mit einer Heftigkeit an seinen Arbeitstisch, die mehr auf Zorneifer als auf Arbeitslust deutete. Mein Sohn, fuhr der Alte gleichmüthig fort, du hast dich der durchlauchtigsten Fürstin heute in einem sehr eleganten Einband präsentirt, aber das Papier sammt dem Inhalt in dem Buche scheint theils unfein, theils sehr zerknittert zu seyn. Auch find Rücken, Ecken und Titel nicht von bester Beschaffenheit, denn der Rücken ist zu 300 steif und unbiegsam , die Ecken zu hart und nicht hinlänglich abgeglättet, der Titel aber zeigt gar keine zierlichen Lettern, denn eS steht auf deiner Stirn und dem ganzen Gestcht ein häßlicher, recht widerwärtiger Unmuth angeschrieben. Endlich, wenn man das Buch aufschlagen will, so zeigt sich ein großer Fehler in der Falze, denn eS wirft sich und liegt nicht plan da, sondern fällt gleich wieder zu; auf diese Weise geschieht eS, daß dein Vater dich frägt, und du ihm keine Antwort gibst und vor ihm das Herz verschließest, als hätte dein Vater kein Recht, darin zu lesen. O mein Sohn, mein Sohn! Vater, erwiderte dieser, Sie mögen die Fürstin rühmen, wie Si« wollen, ich habe sie nun kennen gelernt. — So, Mein Sohn, und? — Lauter hochfahrendes, wegwerfendes Wesen, erschreckliche Vornehmheit. — Mein Sohn, sie ist auch vornehm genug, sie ist ja Fürstin! Hochfahrend mag sie in so fern seyn, als sie zuweilen in ihrem hohen Staatöwagen daher fahren muß; wegwerfend ist sie nicht, wenigstens sicher nicht in dem Grade wie du, der du daS ganze Bücherpacket dort in den Winkel geworfen hast, wiewohl du nur ein gemeiner Buchbinder bist, und weder Fürst noch Herr, am wenigsten über dich selbst. — Vater, eS ist Ein Mensch wie der Andere. — Mein Sohn, bedenke, daß du hier etwas sehr AlberneS gesagt hast, denn an daS Wahre, was darin liegt, dachtest du eben nicht. Hat dich etwa die Fürstin nicht so höflich behandelt, wie eS dir gebührt? Hat sie ihre Freude nicht genugsam zu erkennen gegeben, einen so vortrefflichen, jungen Mann kennen zu lernen, als der du in deinem neuen Frack zu seyn dir einbildest? — Hat sie etwa gar unterlassen, dir einen Sitz auf dem Sopha anzubieten? Ei du Sausewind, wo sausest du hin? — Vater, von Ihnen muß ich die Spöttelei hinnehmen, aber der Fürstin verächtlich herablassendes „Er" und „mein Lieber" und „wie meint Er, mein Lieber?" kann ich nicht so hinnehmen, als wäre ich etwa einer ihrer Livreegeister und Stallknechte, und nicht ein freier Buchkünstler, ein Mensch von Welt und Bildung, und der sich fühlt. Richtig, sagte der alte Falzmann, so singen ja die Zeisige, welche einen freien Gesang zu führen meinen, und deS FlageoletS vergessen, daS ihnen die unnatürliche Singweise aufgezwungen hat. So schrieben diejenigen auch, die durch ihr Flugschrift- und Journalwesen dem ehrsamen Buchbindergewerbe so großen Schaden verursacht haben, indem diese ungebundene Literatur der solid gebundenen den Vorrang abgewann. Ach wir Buchbinder kennen die Zeit! DaS Binden und Gebundenseyn wird immer verhaßter, die Bände werden lockerer wie die Bande, und junge feuerfangende Strohköpfe fühlen sich. Also du fühlst dich, mein Sohn, aber wie? Du fühlst dich, und deßwegen wirst du grob und widerspenstig. Ist daS wohl ein feines Gefühl, mein Sohn? Wir Alten, besonders aber unsere lieben Vorfahren, fühlten sich auch, und ihr in der Wahrheit, im gebenedeiten, katholischen Glauben befestigtes Herz sagte ihnen vernehmlich, daß sie nichts als verwiesene Kinder Eva'S seyen. Und zwar Kinder Eva'S, als Kinder der blinden Begierde und Hoffart, welche die Freiheit göttlicher Liebe vernichtet und dafür die Frechheit inS Herz gepflanzt hat; verwiesene Kinder Eva'S, als Kinder deS ungehorsamen, gefallenen, in der Welt der Sinne und der Knechtschaft versunkenen Menschen, welche von Gott, vom Quell der Seligkeit getrennt sind und auf dieser Erde ein ParadieSgärtlein jeder nach seinem Behagen sich anlegen möchten, wo doch nur Disteln und Dornen wachsen können. Wie paßt aber dieß hierher, mein Vater? — Sehr genan paßt eS hierher, mein Sohn. Wenn du dich als ein verwiesenes Evakind fühltest, so hättest du den Frieden durch die Demuth bewahrt und würdest einsehen, daß wir Menschen nur durch Gehorsam bestehen können, so wie wir lediglich durch Ungehorsam gefallen find. Du würdest dann nicht gesagt haben: ich fühle mich, denn eben dein Ich, das du fühlest, würde sich in seiner großen Erbärmlichkeit dir vor Augen stellen und dir die Nothwendigkeit zeigen, das einzige wahrhaste und selige Ich anzuflehen, daß eS dein Ich werden möge. — Sehen Sie, Vater, wie Sie mir da selber die Waffen in die Hand legen? Wenn wir Alle Evakinder, und in unserm eigenen Ich erbärmlich sind, wie Sie selbst sagen, nun wie hat denn Eines einen Vorzug vor Andern? — Pfui, mein Sohn, was für häßliche Reden! Hast du eine Welt ohne Ordnung gesehen? 301 und eine Ordnung ohne Gehorsam? Gibt es eine Ordnung ohne Gesetz? und ein Gesetz ohne Urheber? Aber ich antworte dir lieber gar nicht auf solche Bubenworte, sondern ich klage mich selber an, daß ich nicht hinlängliche Sorgfalt für dich getragen habe, du Schmach meiner grauen Haare, du gedankenloser Gedankenkrämer, du ungetreuer Christ! Lerne die göttliche Ordnung verehren, bete und arbeite, du verwiesenes Evakind! Ich will nicht, daß Sie sich erzürnen, Vater! — Mein Sohn, mußt du das letzte Wort haben? Bringe die Bücher dort her, sogleich! Warum hast du sie weg- geworfen? War'S dir schimpflich, sie zu tragen? — Die Fürstin hat Leute genug; ich bin kein Packesel. — Mehr als du glaubst, mein Sohn, du trägst eine schwere Last, und diese Last möchte mir das Herz abdrücken. Lege die Bücher säuberlich da herauf, eins nach dem andern, und lese mir die Titel vor; ich bin doch begierig, waS für Neuigkeiten die durchlauchtige Frau dießmal mitgebracht habe. — Der Sohn gehorchte und laS: I. F. Allioli, die heiligen Schriften deS neuen Testaments. Des gottseligen ThomaS von Kempen vier Bücher von der Nachfolge Christi. DeS heiligen Franz von Sales Philothea. L. Goffine'S Unterrichts« und Er- bauungöbuch. G. RippelS Schönheit der katholischen Kirche. K. Martin'S Lehrbuch der katholischen Religion. I. B. HirscherS Betrachtungen über die sonntäglichen Evangelien. I. B. HirscherS Betrachtungen über sämmtliche Evangelien der Fasten. A. Rodriguez, christliche Vollkommenheit. Ludwig von Granada, Homilien. Schön, schön, sagte der alte Falzmann, wieder ganz heitern Antlitzes, das nenne ich mir wackere Leute! Siehst du, mein Sohn, was da alles für die gute Sache geschieht? O die Fürstin weiß auszuwählen! WaS kommt denn noch? — Herr JacaueS musterte ferner, und sprach: lauter Gebetbücher. DaS Köthener Mis- sionSbuch. HumannS Lehr- und Gebetbuch. Merlo-HorstiuS, Paradies der christlichen Seele. LamvruSchini, der geistliche Führer. HauberS Gebetbuch. I. P. Silbert, Gegrüßet seyst Du, Maria. Ch. Moufang, Oktioium äivinum. Galura'S Gebetbuch. M. A. Nickel, Gott mit uns. H. Himioben, Ehre sey Gott in der Höhe. Dann noch eines: Handbüchlein der Erzbruderschaft vom hochheiligen und unbefleckten Herzen Mariä. Schön, schön! wiederholte Herr Falzmann, welch ein Strauß von AndachtS- blüthen! DaS letztere gehört wohl zu den allerschönsten. — Die Fürstin scheint sich auch etwas daraus zu machen, denn eS liegt noch eine Parthie von hundert Exemplaren bei ihr, die sie bis zum Muttergottesfeste gebunden haben will. — Ich weiß, ich weiß, mein Sohn, sie will dieselben hier unter die jungen Leute vertheilen. Aber du rümpfst schon wieder die Nase? — Ich rümpfe die Nase nicht, Vater, aber ich bin der Meinung, ein gutes Sittenbüchlein oder ein Unterrichtsbuch über giftige Kräuter und Schwämme, und sonst dergleichen, wie man sie in Menge hat, möchte nützlicher seyn. — Ei du klugeS Evakind, bringst du das Alles von deinen Reisen mit? Die Fürstin denkt wohl: Vieles ist gut, aber EineS ist noth: daß man selig werde! Weil sie aber weiß, daß wir alle verwiesene Kinder Eva'S sind, so weiß sie auch, daß gerade dieß das Allerschwerste sey. DaS ist aber eine große Himmelsfürstin, die ihren Fürstenmantel gnädiglich über uns ausbreiten und zu ihrem göttlichen Sohne uns leiten will, bei Dem sie, wie billig, Alles vermag, das ist die zweite und makellose Eva und wahrhafte Mutter der Menschen, zu welcher wir Ursache haben, immerdar zu flehen, wie denn auch daS Gebet der heiligen Kirche lautet: Zu dir rufen wir verwiesene Kinder Eva'S! Zu dir flehen wir, o Königin der himmlischen Wohnungen, daß du den Verwiesenen beistehest, um wieder eingelassen zu werden ins ewige Vaterland! Der alte Falzmann stand auf und faßte seines SohneS Hände, und eS traten ihm Thränen in die Augen. Du geliebter Sohn, sprach er, wie wirst du einst weinen, wenn diese unsere Mutter in ihrer großen Liebe, welche sie zu unS Allen heget, dein Herz berührt; wenn du sie erkennen wirst und dann erst daS Leben dir aufblüht! Christus, dein Herr, ist nicht dein Bruder bloß, er ist auch dein Richter, und auch das Strafen gehört ihm zu; die Jungfrau, deine Mutter und Schützerin, einst deine 30S Schwester, da sie aus Erden lebte, kennet das Mitleid bloß. So bemerket es ein hocherteuchteter Mann, mir schein«, der heilige AnselmuS ist'S. Gewiß aber weiß ich, daß eS BerncirduS war (welcher, wie du selber bekennen wirst, doch unendlich höher zu achten ist, als Zehntausend von Deines- und Meinesgleichen), dessen Gebet noch viel deutlicher klingt. Da, hier in diesem Buche steht es: Gedenke, o gütigste Jungfrau Maria, daß es noch nie erhört gewesen, daß Einer, der zu dir seine Zuflucht genommen, deine Hilfe angerufen, um deine Fürsprache gebeten, von dir verlassen worden sey. — So fange denn kühnlich an, und bitte sie, die heilbringende Jungfrau, sie möge auch dich aufnehmen unter die Zahl ihrer glücklichen Verehrer; und — wenn du dieß Lese- und Gebetbuch für ihre Verehrer hundertmal einbindest, dann lese eS bei dieser Gelegenheit doch Einmal nur. Ich bin ja nicht dawider, entgegnete Jacques, ich will ja gar nicht störrisch seyn, aber ich will nicht per Er behandelt werden und mit einer ganzen Last bepackt, während man gegen anvere Personen, die auch nur zum bürgerlichen Stande gehören, mit größter Freundlichkeit sich benimmt. DaS macht solche Personen stolz, verdirbt die Einfalt ihres Herzens und stört ihr gutes Verhältniß zu andern Personen, mit denen sie bisher in Einklang waren, zumal wenn diese andern Personen in Gegenwart jener Personen so geringfügig genommen werden. — Wer sind denn aber diese Personen? fragte Herr Falzmann. — Es ist dießmal nur eine, mein Vater, Josephs ist's, eine gemeine LebkuchenbäckerStochter; die sitzt dort wie eine Dame du Palais und stickt goldene Blumen auf rothsammtnem Grund, und ist dabei, Gott weiß wie, aufgeblasen von Selbstgefühl. — Siehst du? siehst du? erwiderte der Alte lächelnd; sie fühlt sich eben auch, das soll man ja nach deinen Ansichten? Aber man kaun Bücher einbinden mit Gold, wie wir; man kann Blumen sticken mit Gold, wie Josepha; man kann Lebkuchen und andere Süßigkeiten backen und in Goldpapier wickeln, wie Herr Pankraz, ihr Vater, und dabei doch recht demüthig seyn und bleiben, sofern man Alles nur zur größern Ehre Gottes und zur Freude deS Nächsten thut. Recht so! rief Herr Pankraz zur offenen Thüre herein. Und meine Pcpi thut wirklich also, denn sie stickt an einem Mantel unserer lieben Frau. Das AntoniuS-Glöckletn. (Eine Reliquie von Guido Görres.) ES ist vor vielen Jahren zu Ende des Franzosenkrieges gewesen, da war ich in Salzburg, Mozarts Geburtsstadt. Traurige Tage hatten wir damals durchlebt, als der glühende Ehrgeiz des Franzosenkaisers die zahllosen Schaaren der großen Armee in den Winter Rußlands hinausgeführt; vor ihren Augen hatten sie Moskau in Rauch aufgehen sehen; ohne daß sie eS wußten, hatte eS ihnen als Todesfackel ihres Leichenbegängnisses geleuchtet; in den Schncegefilden waren sie dem Hunger und der Kälte, den Kugeln und den Pfeilen der verfolgenden Feinde erlegen. Auch aus Bayern waren auf Befehl des Unersättlichen, Dreißigtausend hinausgegangen, die Ihrigen harrten noch immer von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat in banger Erwartung auf die Heimkehr ihrer Angehörigen. Doch n^ur herzzerreißende, unglückliche Botschaften, nur ungewisse Gerüchte trafen statt ihrer em, und hier und da ein Einzelner, der wie durch ein Wunder dem Tode entronnen. Und doch mochten die Eltern und Geschwister die Hoffnung nicht aufgeben, die immer wieder auch bei dem kleinsten Schimmer aufwachte. In dieser Zeit machten wir einmal in die so wunderschöne Umgegend Salzburgs einen Ausflug. Wir gingen MichelSbach zu; der Weg war reizend; anfänglich führte er durch die reiche wie,en- grüne Ebene, dann erhoben lich waldgrüne Hügel, und dahinter die mächtigen, zum Himmel hinanragenden Felswände des salzburgischen Alpenzuges. In der ländlichen Stille und Einsamkeit vernimmt daS Ohr schon in weiter Ferne jeden Jodler, jeden Hahnenschrei. Doch darauf achtete ich nicht, es war vielmehr der helle Ton eines GlöckleinS, der mich aufmerksam machte. Sein lauter, silberner Ruf tönte von Zeit 3V3 zu Zeit in unregelmäßigen Absätzen weit vernehmbar in der Runde in die Stille der großartigen Natur hinein. ES war kein Dorf, keine Kirche in der Nähe, von woher der Ton kommen konnte; in der Einsamkeit selbst mußte das Glöcklein stehen. Der Ruf klang einmal kürzer und dann wieder länger, einmal leiser und dann wieder überlaut, als würde das Klöckletn von einer nach Hilfe ringenden, verzweifelnden Hand gezogen. Allein wer sollte eS läuten, und was konnte hier sein weit in d.ic Ferne hallendes Klingen bedeuten? Da eS indessen nicht aushörte, und eben wieder recht hell und vernehmlich ans seiner Einsamkeit in unsere Einsamkeit hinüberrief, frug ich einen Geistlichen, der mich begleitete, welche Bewandtniß es doch mit dem Glöcklein hätte? „Das ist das Antonius-Glöcklein," erwiderte er, „daS wird freilich jetzt gar oft von denen, die vorüber gehen, geläutet." Ich bat ihn, mir darüber nähern Aufschluß zu geben, und er erzählte mir Folgendes: „Wie Jedermann weiß, wird die Fürbitte des heiligen Antonius in großen Nöthen, und besonders dann angerufen, wenn uns ein kostbares, werthes Gut verloren gegangen ist. Nun gehört das Glöcklein, welches wir heute so oft gehört, einer kleinen, dem heiligen AntoniuS geweihten Capelle. Es sind aber gar Viele, Gott weiß eS, in der gegenwärtigen Zeit, deren liebste Anverwandte und Freunde nach dem fernen Rußland gezogen; die Ihrigen wissen nicht, ob sie erschlagen auf dem großen Schlacht- und Leichenfelde liegen, oder ob sie, erstarrt auf Schnee und EiS gebettet, den tiefen TodeSschlaf schlafen; oder sind sie gefangen und leiden Hunger und Kummer; oder liegen sie schwer verwundet in irgend einem Hospitale aus hartem SchmerzenSlager; Niemand kann eS ihnen sagen, Gott weiß eS allein; da nehmen dann die betrübten Gläubigen mit festem Vertrauen ihre Zuflucht zu dem gnadenreichen Heiligen. Wer mit bangem Herzen einen seiner Angehörigen zurückerwartet und des WegeS vorüberwandert, der läutet das Antonius-Glöcklein und betet ein andächtiges Vater unser und Ave Maria dazu, und verläßt mit der festen Zuversicht die Capelle, daß der Verlorene in Jahr und Tag heimkehre; denn er hat ihn ja gesucht und gerufen, so gut er eS immer vermochte; ist dieß aber nicht GotteS Wille, erhört Gott nicht den klagenden, suchenden Ton des Glöckleins und die Fürbitte seines Heiligen, so ergibt er sich in GotteS Willen, getröstet, ihm noch den letzten Liebesdienst erwiesen zu haben, und überzeugt, daß er dann seiner armen Seele im Fegfeuer zu Gute kommt." An städtische Sitte und Denkweise gewohnt, wollte mir dieser Brauch gar seltsam erscheinen; der Geistliche fuhr indessen fort: ,,O, der glaubensarme Städter, der sich gar so klug und weise dünkt, und so vornehm auf den einfachen Glauben des Armen herabsieht, was thut denn der im gleichen Falle? Ist es nicht oft zum Erbarmen, ihn sich so abmühen und abhetzen zu sehen. Hundert- und hundertmal hält er immer wieder von Neuem vergebliche Nachfrage, auch selbst an solche Orte sendet er einen Boten nach dem andern, wo er schon von vornherein überzeugt seyn muß, daß dort der schwer Vermißte nicht zu finden seyn wird. Mit der eigenen schwachen Kraft möchte man Hilfe erzwingen. Der Kleingläubige kann und kann sich ja nicht in sein Schicksal ergeben; er greift nach jedem Strohhalm, und sucht vielleicht gar bei einer Kartenschlagen« Trost, läutet an allen Glocken, mir nicht an der rechten; bei Gott seine Zuflucht zu nehmen, in dessen Hand unser Aller Schicksal liegt, daran denkt er nicht." Während der Geistliche so sprach, läutete daS Glöcklein wieder mit lautem Rufen lange, lange in die Nacht hinaus. Ich dachte, welche bekümmerte Seele mag dem Glöcklein seinen Schmerz anvertrauen? Gott führe ihr den Verlornen zurück, den sie sucht. (Hist. polit. Bl.) Amerika. DaS „UniverS" schreibt: „Seitdem die socialistische Secte sich in Neugranada oer Herrschaft bemächtiget, hat sie die kathol. Kirche unaufhörlich verfolgt. Die Austreibung der Jesuiten war der Anfang. Vor sechs Jahren waren sie ans Begehren der Kammer durch die damalige Regierung eingeführt worden. Sie unterrichteten die Jugend, sie hielten Missionen und verkündeten überall die Wunder ihres Eifers. Solche Männer stellten Denjenigen ein zu starkes Hinderniß entgegen, welche die revolutionären und anarchischen 304 Ideen in den Geist der jungen Leute pflanzen und in ihren Herzen die Keime des Katholicismus ersticken wollten. Um ihrer loS zu werden, bedürfte eS nur eines VorwandeS: man suchte einen solchen in der Rüstkammer der alten Verleumdungen. Die neue Regierung erklärte also, die Jesuiten hätten sich gegen die Republik verschworen, sie wollten sich Neugranada's bemächtigen, sie ruinirten die Familien, um sich zu bereichern u. s. w., und ungeachtet der Protestationen der ungeheuern Mehrheit der Granadier, welche daS Gegentheil öffentlich bezeugten, ungeachtet der Bittschriften, welche von der Gesammtheit unterzeichnet wurden, und die sogar der Präsident Hilario Lopez offen unterstützte, wurde ein VerbannungSdecret gegen die Jesuiten erlassen. Die Fortschritte in der Sittlichkeit, die Leitung der Gewissen, ja die Erziehung der Kinder, alle diese höhern und ewigen Jnteres- sen wurden den Forderungen der radicalen Politik, und zwar wohlgemerkt im Namen der Freiheit zum Opfer gebracht. Die Gesetzgebungen von 1851 und 1852 fuhren, von dem gleichen Geiste beseelt und daS gleiche Ziel verfolgend, wie die Regierung — nämlich die Vernichtung der kath. Religion — auf dieser Bahn fort. Sie erließen Gesetze, welche die Kirchenzucht zerstörten: ein Gesetz über das Patronatsrecht und über die Immunität. DaS erstere vertraut die Ernennung der Pfarrer den Capiteln und den Gemeinden. Dadurch hofft man, wie bei politischen Wahlen, wo einige Lärmer daS Gesetz machen, Priester nach dem Herzen der Demagogen zu bekommen. Durch daS zweite Gesetz will man die heilige Würde deö Priesters herabwijjdigen und verächtlich machen, indem man ihn sogar für Vergehen in geistlichen Dingen vor die Civilgerichte schleppt. Umsonst haben die Bischöfe und die Geistlichkeit gegen diese Gesetze prolestirt und der Regierung bewiesen, daß es ihnen nicht erlaubt wäre, sie anzunehmen. Die Repräsentantenkammer und der Senat haben den Erzbischof von Bogata, mit Hintansetzung der Gesetze und der Verfassung, verbannt. Diese Gesetzgeber machen die Gesetze nicht, um sich ihnen zu unterwerfen; sie erlassen sie gegen diejenigen, welche sich berufs- und pflichtgemäß ihren anarchischen Bestrebungen widersetzen..... Ihr Ultimatum ist: die Kirche soll vom Staate unabhängig seyn, das heißt beraubt und isolirt; Gott soll in das Heiligthum eingeschlossen seyn und die Priester mit ihm; oder die Kirche soll dem Staate unterworfen seyn und alle Folgen dieser Unterwerfung tragen; sie soll z. B. die Gehilfin, die Trägerin demokratischer und socialistischer Lehren werden. Umsonst mögen sich die Bischöfe auf die Artikel der Verfassung, auf ein abzuschließendes Concordat mit dem heil. Vater berufen. Gerade ein solches will man nicht. Man will die Zerstörung der Kirche : und dazu schreitet man im Einzelnen, ohne Unterlassung, durch Gesetze, Decrete, Kammerreden, durch die Presse, durch Hinlerlist und durch Gewalt. Man zerstört das Seminarium in Bogata; man verbannt den ehrwürdigen und muthvolkn Erzbischof dieser Stadt, man hintergeht Treue und Glauben, man täuscht daS Greisenalter desjenigen Prälaten, welcher secle vseante die Diöcese von Antioquia verwaltet, und man erlaubt sich ungesetzliche Handlungen, um den Promotor der Erzdiöcese und den einstweiligen Promotor, welche der kirchlichen Disciplin treu geblieben sind, zu verfolgen und zu strafen..... Die Zeitungen lassen bis in die kleinsten Dörfer ihre religionsfeindlichen Lehren ertönen; Lüge und Verleumdung werden überall ausgestreut. Um z. B. die Wirkung zu vereiteln, welche die Breven deS heil. Vaters an den Erzbischof von Bogata auf den Geist der Gläubigen ausüben, suchte man den Zweifel über deren Aechtheit zu verbreiten. Zu diesem Ende erfand man ein apokryphes Breve, ließ eS in einer Menge von Zeitungen abdrucken, verbreitete eS in Tausenden von Exemplaren; ein Gouverneur ging so weit, eS in den amtlichen Theil eines LocalblatteS einrücken zu lassen, und theilte eS dem Promotor der Diöcese mit, um ihm die Gesinnungen des heil. Vaters zur Kenntniß zu bringen..... Der apostolische Nuntius beeilte sich, diese schändliche Betrügerei zu enthüllen und von der Regierung die Einrückung einer Note in das Amtsblatt zu fordern. Die Regierung durste sie nicht verweigern, aber die öffentlichen Blätter sorgen dafür, daß der Zweifel über deren Wahrheit rege werde und der alte Zweifel nicht verschwinde. Alle diese Mittel führen zur Beknechtung und zum Ruine der katholischen Kirche." Wir fügen dieser Darstellung bei: die Feinde der katholischen Kirche haben keine andere Mittel gegen dieselbe, als List, Betrug und Gewalt. Verantwortlicher Siedactenr: L. Schönchen. » VerlagS-Jnhaber: F. E> Kremer. Zwölfter Jahrgang. Sonnt aas-Beiblatt »ch» HvvHdw««.'Pp-DHTK ,,5'Ns«g,?ioV 'Svck .chilmtu ÜE A,ch„qiiai zur Augsburger PostZeitung. Nl.>?« ^na .»usäS^tt-N Sv? n : 5,amk ZL«6zK chpn nschoW ^ini- i»t»uLt a«Z nt>I mvschtt'b ttciixv »ff ;1 ilitz»» t.?k jss tz u-' U. Die heiligt Taufe, das Vorfegnen der Wöchnerinnen und die erste Erziehung der Minder. tkk »bnvt ZM »chr»N»tt;äsi ,ch>« «zW »i mnisiK inmtv. >ÜÄ jiau^jnV Theuerster Freund! Ich erfülle mein Versprechen, und schreibe Dir, da mir eben wieder einige freie Minuten gegönnt sind, meine Ansichten und Erfahrungen über daS junge Wien, worunter ich aber nicht daS ravicale oder revolutionäre Wien, sondern nur die kleinen Kinder in der Residenzstadt verstehe. Ich fange jedoch bei den aUerkleinsten an, welche getauft' werden sollen. UnS Geistlichen in Wien werden die neugeborneu Kinblein in der Regel nicht inS Gotteshaus zum Taufbrunnen hingebracht, sondern wir Müssen in die Wohnung der Eltern gehen, um dort die heilige Taufe auSzuspen- den. Ooschon dieser Gebrauch eben nicht preiswürdig ist, so läßt er sich roch in Wien auS mancherlei Ursachen nicht leicht abschaffe». Zuerst nämlich proleslirt die Mutter dagegen, daß ihr daS neugeborne Kindlein fortgeiragcn wird; dann fürchtet man, daß das zarle Geschöpf in der Kirche einen Schaden an der Gesunlheil leiben könnte; ncbstvem gehen die Tauspalhen nicht gern i»S Gotteshaus, unv das Fahren kostet zu viel Gelv; endlich ihut dem Pfarrgeistlichen eine Remuneration für den Gang inS HauS sehr wohl, weil seine Besoldung zum Leben in Wien nicht hin, reichend ist. Bisweilen aber sind mir diese HauSlaufen recht schwer gefallen, und zwar nicht bloß der großen Hitze oder deS rauhen stürmischen WetierS wegen, sondern auch der sonderbaren Leute wegen, zu denen ich gekommen bin. Manche Leute nämlich sehen einen katholischen Priester nicht gern in der Nähe, und eS wird ihnen bei einer heiligen Handlung unheimlich zu Muthe; bei andern ist die liebe Armuih zu Hause, daher muß sich der Priester auf finstere oder trübselige Mienen gesaßt machen, oder gar spitzige Worte anhören, und sehr oft in Betreff seiner Nemuncralion viel Nachsicht haben. Ost habe ich mit Bedauern gehört, daß die Ellern nur auf vieles Bitten einen Tauspalhen für ihr Kind gesunden h^ben, und zwar einen armen Dienstvolen oder Taglöhner. ES scheint demnach in Vergessenheit geraihen zu seyn, daß eS ein gutes, für den Himmel sehr verdienstreiches Werk ist, bei einem Täuflinge Pathenstelle zu vertreten, besonders wenn man daS erfüllt, waS die heil. Kirche von den Tauspalhen verlangt, wenn man nämlich in der Folge die Erziehung unv den Wandel derjenigen, denen man beim Empfange der heil. Taufe Beistand geleistet hat, liebevoll überwacht. — Nicht genug aber, daß in Wien zu jeder Jahreszeit und bei allen verehelichten Leute» den Neugebornen die heilige Taufe in der oft sehr 306 armseligen Wohnstube ertheilt wird; sondern nebstdem werden auch die Mütter also» gleich vorgesegnet, und daS dürfte der Abficht unserer heiligen Kirche schon gar nicht entsprechen. Du weißt nämlich, daß Vorsegnen der Mütter im Gotteshause recht finn- und lehrreich ist; denn gleichwie Maria am vierzigsten Tage nach der Geburt Jesu im Tempel zu Jerusalem erschienen ist, um ihren angebeteten Sohn dem allmächtigen Vater aufzuopfern, und zugleich auS Demuth daS im mosaischen Gesetze vor» geschriebene Reinigungsopfer darzubringen: so begibt sich auch eine christkatholische Mutter einige Wochen nach der Geburt ihres KindeS in daS Gotteshaus, und opfert ihren Sprößling dem himmlischen Vater auf; sie weihet gleichsam ihr Kindlein dem Dienste GotteS, und dankt dem Allmächtigen in seinem heiligen Hause für die glückliche Geburt deS KinveS. Nebstdem wird auch jede christkatholische Mutter durch die Vorsegnung daran erinnert, daß der Ursprung deS Menschen noch immer unrein ist, und daß eben deßhalb nicht bloß der Neugeborne deS BadeS der heiligen Taufe, sondern auch jede Mutter der Weihe oder deS Segens ihrer von Christo gestifteten Kirche bedarf, um wieder würdig im Heiligthume deS Gotteshauses erscheinen zu können. Diese Bedeutung des VorsegnenS nun geht größtentheilS verloren, wenn die genannte Ceremonie in der Wohnstube einer Mutter vorgenommen wird. Darum, lieber Freund, wirst Du mit mir wohl einverstanden seyn, wenn ich meine, daß die Mütter ohne weiterS im Gotteshause erscheinen sollten, um sich vorsegnen zu lassen. In Spanien hat ja vor einiger Zeit sogar die Königin ihren Kirchengang öffentlich verrichtet, und die kleine Prinzessin dem himmlischen Vater vor dem Altare aufgeopfert; warum sollte daS in Wien nicht ebenfalls thunlich seyn? Leider ist auch die Wartung und erste Erziehung der armen Kleinen in Wien nicht lobenSwerth. Ich würde eine lange Zeit und viel Raum in diesem Briefe brauchen, wenn ich Dir alle Febler und Thorheiten schildern wollte, die bei der Pflege der Kinder begangen werden. Namentlich pfleg» man die zarten Geschöpfe selbst mit solchen Speisen und Getränken, die nicht einmal den Erwachsenen zuträglich sind, völlig zu überladen, so daß schon frühzeitig in sie der Keim zu einem lebenslänglichen Siechthum gelegt wird. Nebstdem läßt man eS an der nöthigen Aufsicht fehlen. Sehr nützlich sind darum die Kleinkinverbewahr- anstalten in jenen Vorstädten, die meistens von armen Leuten bewohnt werden; denn in diesen Anstalten werden einige hundert Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren den ganzen Tag hindurch sorgfältig überwacht und beschäftiget, so daß die Eltern ihret Arbeit ungehindert nachgehen können. Nebstdem lernen die Kleinen beinahe spielend recht nützliche Dinge, wie z. B. etwas Rechnen, dann die Buchstaben, und sogar ein wenig Lesen, ganz besonders aber die Anfangsgründe der heiligen Religion. Besser wäre eS freilich, wenn sich die Eltern selbst mit der ersten Bildung ihrer Kinder befassen könnten und wollten, denn dadurch würde vie kindliche Liebe und Dankbarkeit mehr befördert werden, als durch den Aufenthalt in einer Kinderbewahr- anstalt; allein bei dem jetzigen Stande der Dinge ist von Eltern nicht viel Gutes jv erwarten. Nicht genug nämlich, daß die meisten Eltern mit Berufsgeschäften überhäuft sind, sondern nebstdem besitzen sie selbst so wenig Geistes- und Herzensbildung, daß Kinder von ihnen sürwahr nicht viel Gutes lernen können. Ich versichere, daß mir oft daS Herz geblutet hat, wenn ich die zarte Jugend betrachtete, und ihre rohen Ausdrücke, ihre schmutzigen, wilden Reden, ihre Schimpf- und Schmähworte hörte oder ihr unbändiges Benehmen sah. Einst hörte ick «in ungefähr dreijähriges Kind mehrere Verse eines abscheulichen Liedes herablallen, und der Bater hatte darüber eine große Freude. DaS Kreuzmachen aber und daS Vater unser hatte daS Kind noch nicht gelernt. Bei den vornehmeren und reicheren Leuten endlich werden die Kinder schon frühzeitig zur Eitelkeit, zur Putz- und Gefallsucht angeleitet. Du würdest Dich, theurer Freund, gewiß wundern, wenn Du eS mit eigenen Augen sehen könntest, wie kostbar und wie phantastisch die Nachkommenschaft der vornehm seyn wollenden Leute in Wien auSstaffirt ist. Wenn Du mich daher mit den bekannten Worten, die nach der Geburt deS Johannes Baptista vorgebracht worden find, fragen wolltest: Was wird denn au< diesen Kindern werden? dann würde ich die 307 Achseln zucken, und Dir antworten: Ich weiß eS nicht. Gar viel Gutes darf man sich meines ErachtenS nicht versprechen. Da ich jedoch voraussetzen kann, daß Du Dich für die Verhältnisse und Zustände der Bewohner Wiens interessirest, so will ich Dir nächsten» noch weiteren Aufschluß darüber geben. Entziehe unterdessen deine Gewogenheit nicht deinem aufrichtigen Freunde N. Die Erzherzogin Maria von Steiermark« Mutter Kaiser Ferdinand de» Zweiten. Rede des Hofraths und ReichShistoriographen Dr. Friedrich Hurrer, gehalten in der P lenarversammlung des Wiener Central,Severi« nuSvereineS am 30. August 1852. ll. (Schluß.) Von den Töchtern wenden wir unS wieder zu der Mutter und deren Obsorge um alle ihre Kinder. Neben dem Höchsten und Tiefsten, jeder Lebensäußerung die verklärende Weihe Verleihenden, ward auch von allem, waS auf Vervollkommnung deS Geistes und auf Ausstattung mit manchartiger Geschicklichkeit, je nach der Eigenthümlichkeit deS Geschlechtes. Bezug Hai, nichts verabsäumt. Die lateinische Sprache nahm damals unter den Anforderungen höherer Bildung dieselbe Stelle ein, welche seit anderthalb Jahrhunderten der französischen nur allzuwillfährig ist eingeräumt wor« den. Gleich den Erzherzogen wurden auch die Erzherzoginnen in derselben von frühen Iahren an unterrichtet; mit welcher Gründlichkeit, zeigt ein jetzt noch vorhandener Brief, welchen die zehnjährige Erzherzogin Anna an ihren Oheim, den Herzog Wil» Helm von Bayern, in jener Sprache schrieb. Ferdinand, fünf Jahre jünger als Anna, scheint an ihrem Unterricht Theil genommen zu haben, denn schon nach seinem vierten Jahre konnte er eS versuchen, seinem Vater ein Brieflein zu schreiben, der freilich der Gemahlin darüber bemerkte: „um eö lesen zu können, hätte ich einer eigenen Ziffer bedurft." Immerhin ist eS ein Beweis, daß frühzeitig sein Unterricht begonnen habe. In seinem siebenten Jahre erhielt er solchen im Zeichnen und Malen, denn die Mutter schreibt ihrem Bruder: „Du glaubst nicht, wie der Bube den Lehrer plagt, er muß ihn stets abmalen.' Seinem Erzieher, dem Herrn Jakob von AttimiS, einem eben so erfahrenen als feingebildeten und gotteSfürchtigen Edelmann? jener Zeit, schrieb Maria, da Ferdinand eben das zehnte Jahr zurückgelegt hatte: „Ich sehe auS Eurem Schreiben, daß alle meine Kinder sich wohl befinden; daß mein Ferdinand zeichnet, höre ich gerne. Grüßet mir denselben und saget ihm, daß er fromm und gehorsam sey, durchaus nie etwaS von Euch begehre, waS ihm nachtheilig wäre. Saget ihm, ich hätte seinen Brief wohl empfangen." Die Sorgfalt der Erzherzogin um ihre Kinder spiegelt sich am hellsten ab in einigen Briefen derselben, welche ihr zweiter Sohn, Maximilian Ernst, veranlaßte. Klagen des Lehrers über denselben hatten Mahnungen, Erinnerungen, selbst Drohungen an ihn zur Folge. Aber als verständige Mutter wünschte Maria zu wissen: ob zu große Strenge deS Lehrers oder wirklicher Ungehorsam deS Zöglings die Klagen hervorgerufen hätten, denn der Erzherzog stand bereits in seinem achtzehnten Jahre. Alles aber, was wir über seine Persönlichkeit wissen, berechtigt zu der Vermuthung, daß die Behandlung deS LehrerS nicht die zweckmäßigste gewesen sey. Doch schrieb Maria dem Beichtvater Ferdinands: „nichts könnte ihr mütterliches Herz mehr erfreuen, als wenn Mar seine üblen Gewohnheiten wollte ablegen, ein vortrefflicher Fürst werden. Gingen ihr aber von Lehrern und andern Personen unablässig Beschwerden über denselben zu, so wäre eS nicht anders, als wenn man ihr daS Herz auS dem Leibe risse. Der Pater solle ihn ermähnen, daß er sie nicht immerfort betrübe, endlich sich bessere." 308 Auf dieses hatte besonders Ferdinand einzuwirken, welchen ste zur Berichterstattung über den Bruder aufforderte. Da nun Marimilian alles Gute angelobt, sandte sie jenem eine schriftliche Ermahnung zu, die er ihm unter vier Augen vorlesen sollte, und von der ste unter der Gnade GotteS, in Verbindung mit des SohneS gutem Willen, den besten Erfolg sich versprach. Sie täuschte sich nicht. Von Ferdinand kam ihr ein befriedigendes Zeugniß über den Bruder zu, worüber sie bemerkte: „Was kann ich Besseres wünschen, als daß Marimilian umkehre unv seinen üblen Gewohnheiten entsage? Laß ihn dir brüderlich empfohlen seyn und strafe ihn brüderlich, wo eS nöthig seyn sollte. Er wird cS annehmen, wo nicht, so drohe ihm mit mir. Mit nichts hättest du mich so sehr erfreuen können, als mit der Nachricht von seinem Wohlverhalten und mjt dem Zeugniß deiner Zufriedenheit mit ihm. Er solle ihn daher öfter zur Ausdauer mahnen, dann würden ihre Wünsche ungezweifelt in Erfüllung gehen, sie seines Fleißes im Lernen noch mehr sich erfreuen können als seines körperlichen Wachsthums." Ihm selbst schickte sie an seinem Namenstag ein Ringlein und knüpfte daran den Wink: „damit will ich dich zu der Ehre GotteS verbinden und anveutcn, daß du den Heiligen, dessen Namen du trägst, zum Vorbild nehmest, so fromm werbest, wie dieser eS war." Auch die andern Söhne ließ sie durch Ferdinand, der während ihrer Reise nach Spanien die Stelle deS HauSvaterS zu versehen hatte, öfters an Frömmigkeit, an fleißiges Studiren, an Gehorsam gegen ihn, gegen die Lehrer, gegen den Hofmeister erinnern. Den Grüßen an seine Geschwister fehlte selten der Beisay: „denjenigen, welche fromm sind, den bösen aber nicht." Würde nicht jedes ihrer Kinder gegen den Bruder, als den Aeltesten, gebührlich sich verhalten, so müßte ihr dieses großen Kummer bereiten. „Seyd friedlich unter einander," schrieb sie Allen zumal, denn einem Jeden derselben sollten ihre Briefe stetS mitgetheilt werden, „seyd friedlich unter einander, alsdann wird Gott mit Euch seyn." Ferdinand aber mahnte sie: «Hüte fleißig, eS thut alleS von nöthen." , Die Erzherzoginnen wurden unter den Augen der Mutter zur Arbeitsamkeit erzogen. Vcn der Königin von Polen wissen wir, daß sie jeden Tag von der Mit» tagöstunde an bis um vier Uhr mit zweien ihrer vertrautesten Kammerfrauen in Nähen, Stricken, Verfertigung kirchlicher Gerä'hschaftcn zubrachte. Hierin war auch die Königin von Spanien ras Ebenbild der Mittler; gleich derselben fertigte sie Manches, entweder für den Dienst der Kirche oder zur Hilfe für Arme. Bei dem Hofapoiheker, der zugleich den Namen und den Dienst eines ConfectuartuS hatte, mußten die Erzherzoginnen daS, was damals destilliren genannt wurde, erlernen. Auch den Verrichtungen in der Küche waren sie nicht fremd, wenigstens verstanden sie sich auf Bereitung von Backwerk, denn Maria trug einst Ferdinand auf, von Eleonorens „Kocherei" von jeder Sorte eine Schachtel voll ihr zu schicken, damit sie sehe, wie dieselbe ausgefallen sey. Jene Zeit kränkelte noch nicht an dem HumanitätS-Schleichfieber unserer Tage. Sie glaubte noch nicht, daß die Kinder zu Männern und zu Frauen könnten heran- geiändell und hcrangeiänzelt werden. Sie war dessen fest überzeugt, daß eine tüchtige, gedeihliche Erfolge inS Auge fassende Erziehung, neben der zartesten und wärmsten, aber auch vernünftigen Liebe, vor Anwendung zweckmäßiger Strenge nicht zurückschrecken dürfe. Gegen diese räumte fürstliche Geburt kein Vorrecht ein, und die Mutter glaubte so wenig dieselbe vermeiden zu müssen als der Vater. Beide sahen in den Kindern den Menschen, welchen die Liebe mit Erfolg nur dann heranzubilden vermöge, wenn auch der Ernst im Hintergrunde stehe. Die Erzherzogin Maria Christine, die ihre Kinderjahre am Hofe zu München zubrachte, hatte daher den Großvater nur deßwegen lieber als die Großmutter, weil er sie nie züchtigte. Di'k siebenjährige Ferdinand unterließ eS, vor einer Reise deS BaterS Abschied von demselben zu nehmen. Da trug Erzherzog Carl der Gemahlin schriftlich (wahrscheinlich um eS dem Knaben vorlesen zu können) auf, ihn bis zu seiner Rückkehr bei Wasser und Brod einzusperren. DaS ^Vrieflein ist noch vorhanden und zeigt in dem durchgestrichenen Wort Brod, wofür" der Erzherzog Stein setzte, daß ihm daS 309 Empfindlichste sollte angedroht werden. Eben so erfahren wir auS einem Brief der Erzherzogin, daß sie Ferdinand die Ruthe gegeben habe, weil er ungeziemende AuS, drücke gegen seinen Oheim Wilhelm sich erlaubt hatte. WaS zu meiner Jugendzeit, wenigstens in meiner Vaterstadt noch allgemein und gewiß wohlüberlegter Gebrauch war, daS wurde damals auch an dem Hofe zu Grat) beobachtet: der heilige Nikolaus kam niemals mit seinen Festgeschenken, ohne eine Ruthe mitzubringen. Maria aber schrieb in Erwartung dieses TageS und im Hinblick auf Ferdinand dem Bruder: „Wie wird der Bub eine Freude haben? Er spricht unausgesetzt von dem Nickel; nur fürchtet er sich, derselbe könnte auch eine Ruthe einlegen. DaS höre ich von Herzen gern." AIS aber eben dieser „Bub," wie ihn die Mutter nannte, regierender Erzherzog in Steiermark und Stellvertreter des Kaisers am Reichstag geworden war, schrieb er derselben von seinem dreijährigen Prinzen Johann Carl: „ich freue mich über nichts so sehr, als daß er so gerne betet und die Ruthe fürchtet." Heut zu Tage fürchten häufig die Eltern die Ruthe, da eine solche nicht selten in den Kindern für sie heranwächst. Auch ein Fortschritt! Hiermit habe ich Ihnen daS Walten der Erzherzogin Maria über ihre Kinder von der ernsten Seite dargestellt. Findet sich die hochverehrte Versammlung hierdurch angezogen und wünscht sie ein Bild desselben auch von seiner heitern und freuvigen Seite, so fehlt eS nicht an den bewährtesten Zeugnissen, um hierüber ebenfalls manches Ansprechende und Unmuthige mittheilen zu können. In diesem wird dann zugleich der vollgiltigste Beweis liegen, vaß der zu jedem Kampf gerüstete katholische Glaube, die gewissenhafteste Beobachtung alles dessen, waS derselbe vorschreibt, die freudigste Erfüllung der mannigfaltigen kirchlichen Bethätigungen, daS redlichste Streben nach seiner Heiligung durch Uebung jeder Art von LiebeS- und Bußwerken am fernsten stehe von zweideutiger Kopfhängern und von saurer Grämlichkeit, vielmehr mit der heitersten Hcrzensfreudigkeil jenes Wort deS Herrn erfüllend: Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht traurig seyn wie die Heuchler. «i öt-.nrsS - :Kn,z,5,t «,m«vmt ,ir ' Unsrer lieben Frauen Mantel. Eine Erzählung in sieben Lectionen über das Salve Negma. Vierte Lection: „Zu dir seufzen wir trauernd und weinend in diesem Thale der Zähre«." Höchlich vergnügt kam, nach einigen arbeitsamen Tagen, der alte Falzmann von der Fürstin nach Hause und hätte seinem Sohn gerne etwas Freundliches gesagt, Wäre nicht dieser allzu mürrisch an seinem Arbeitstisch gesessen. Darum ließ er eS mittlerweile beim Schweigen bewenden, bis Herr JacaueS aufstund, vor ihn hintrat unv sprach: Die Gebetbücher sind nun ebenfalls fertig unv nebenbei auch ich. — Du, mein Sohn? wie meinst du dieß? — Reisefertig, meine ich. — Wie redest du da, mein Kind? waS betrübst du mich? — Die Betrübniß wird so groß nicht seyn, mein Vater; Sie haben ja ohnehin keine Freude an mir! — Mir Freuve zu machen, daS hängt bloß von dir ab, mein Sohn.'— Etwa durch Heuchelei? dazu tun ich zu stolz. — Ja, das bist du. Wärest du eS nicht, so könnte ich dir'S weitläufig erzählen, welch einen ausnehmenden Beifall deine Einbände bei der Fürst»; gesunren haben, wie sehr sie daS Geschmackvolle und Solide deiner Arbeit gerühmt hat. Ich muß dir gestehe», ich war selber voll Freude darüber. — So? erwiderte Herr JacqueS, mit einigem Sonnenschein im Wolkengesicht; so gnävig waren Ihre Durchlaucht? — Gewiß, mein Kind. Sie will dich sogar sehen, um mehr mit dir zu sprechen, als daS erstemal, und du sollst heute bei ihr erscheinen. Sie nimmt dich ganz besonders in Proteciion. — Dafür danke ich schönstens. WaS soll ich dort? wahrscheinlich eine Lection anhören? oder neuerdings vor der schnippischen Jungfer Josephs mich beschämen lassen? — Du bist bitter, mein Kind. — Ja ich bin biller und gar nichts mehr will mich freuen. Ganz von Herzen betrübt bin ich, mein Vater. — Du armer 310 Gohn! Gott sey Lob und Dank! — Wie, Sie danken noch Gott dafür? — Freilich, mein Jacques. Nun lernst du doch, was du bisher nicht gewußt hast, daß wir in einem Jammer- und Thränenthale leben. — O nein, Herr Vater, ich werde weder jammern noch Thränen vergießen, dazu bin ich wirklich zu stolz. — Aber waS hast du denn, mein Sohn? Ist'S der Mühe werth, dick so zu quälen? Der Eine trauert und weint, weil er seinen Herzenswunsch nicht erreichen kann, der Andere, weil er ihn erreicht hat; da ist Trübsal und Jammer vor der Heirath oder nach der Heirath, oder auch nach wie vor; darum sind wir ja im Jammerthal! Sie scherzen da, sagte Herr JacqueS, als ob ich nicht wüßte, daß Sie tag- täglich vor dem Porträt meiner seligen Mutter stehen, und dabei lieber weinen als lachen möchten! . Ja wohl, erwiderte Herr Falzmann'sebr weich, Gott hat sie früh, zeitig von mir genommen. Aber, mein Sohn, darum ist ja auch hier das Thal der Thränen! Du hast eS bisher noch nicht erfahren! — Nicht? ich bin gewiß ein unglücklicher Mensch! Und wer ist'S, der mich so unselig macht, als eben Jene, welche Sie die Allerseligste nennen? — Sey still, Sohn, daS ist ja Lästerung! — Darf ich'S nicht sagen, mein Vater? warum nicht? Ich komme hierher, und zwar mit ziemiichem Widerwillen, und nur auf Ihr Geheiß, weil ich in unserer Kunst zu viel gelernt habe, als daß ich mich gerne in einer Landstadt damit vergraben möchte. Kaum habe ich Josephs gesehen, als ich schon ganz getrost war, so daß eS mir nim- mer einfiel, jemals von hier wegzugehen. Das weiß Gott, ich bliebe mit tausend Freuden. Da war aber der Meister Pankraz gleich hinterher, und hieß mich seine Tochter meiden, und warum? bloß weil ich das Madonnabilv in seiner Stube etwas gar zu schwarz gefunden habe. Der wackere alte Scrvit begütigt ihn kaum auf meine Bitte, alS schon ein zweites und noch größeres Unglück dazwischen tritt; denn da kömmt die Fürstin und läßt der Allerseligsten einen prächtigen Mantel sticken und sieht sich Josephs zur Gehilfin auS; davon wird daS gute Kind so stolz, daß sie zu vornehm für mich zu seyn glaubt, besonders seit die Fürstin mich per Er zu behandeln beliebte; und nun ist mein Glück zu Ende. Aber, mein Sohn, waS du wieder dir zusammen träumst! — Vater, eS ist klar. Ich wollte, die Fürstin hätte das Geld, daS der rothe Sammt mit der Goldstickerei kostet, lieber an die Armen vertheilt, so wäre daS sicher ein besseres Werk, und Josepha hätte keine Gelegenheit, einen redlichen, jungen Mann zu verachten, dessen Kunst der ihrigen wohl noch gleich kommen wird! — Mein Sohn, die Leidenschaft schmält ja aus dir, wie, Gott behüte, auS einem Jscharioth? Die Armen, ja die Armen! hast du dich jemals schon um ihre Noth recht eigentlich bekümmert? Oder weißt du auch, was die gute Fürstin für sie thut? Erst gehe hin und erkundige dich darum, und dann urtheile. Urtheile aber auch nicht wie jener, der über Magva- lena'S Verschwendung gescholten hat; denn Maria, die arme Jungfrau auS königlichem Hause, ist die Mutter aller Armen, unv die Armen sind eS wahrhaft, die da wissen, daß sie im Thal der Thränen leben, und diese auch wissen eS, wohin sie um Hilft sich zu wenden haben, und sprechen: Zu dir seufzen wir weinend und trauernd in diesem Thal der Zähren. Darauf erwidert ihr göttlicher Sohn und sagt es unverholen: Selig die Armen im Geiste, denn das Himmelreich ist ihrer. Die Königin des Himmelreichs ist aber Maria, darum kennen die Armen auch ihre Königin. Das weiß und fühlt die gute Fürstin gar tief und ehret die Königin in ihrem Bilde durch einen goldgestickten, königlichen Purpurmantel, und die Armen erkennen daS für keine geringere Wohlthat, als wenn sie selber gespeiset unv gekleidet würden. Ach du mein armer Sohn, wärest auch du ein Armer im Geiste, du würdest eS ebenfalls einsehen, und nicht so gesprochen haben, wie Jener, der den GUv- beutel trug und ein Schalk war. Mein Sohn, in heiliger Schrift steht'S: den Armen wird das Evangelium verkündigt. Merke dir'S: nur den Armen! Ach Gott! seufzte Jacques, die ewigen Lectionen! Mir ist so wüst, mir ist so wüst! ich wollte lieber, daß alle Donnerwetter mich zerreißen möchten! — Mein Sohn, erwiderte der alte Falzmann zitternd, sey nicht so mürrisch gegen deinen 311 fiebenzigjährigen Vater, dem eS so bange um dich istl Gehe du nur nicht von mir, ich meinerseits will dir nichts mehr sagen, was dich aufbringen könnte. — Ein Strom von Thränen ergoß sich von seinen grauen Wimpern. Beim MittagStisch saß er still und freundlich, doch ohne einen Bissen zu berühren, Herr JacqueS aß auch nichts. Nachmittags nahm er die neu gebunoenen Gebetbücher zusammen und sprach: Ich gehe damit zur Fürstin. Du kommst wohl auch nach? — Herr JacqueS küßte ihm die Hand, vermied aber, ihm in die Augen zu sehen. Kopfschüttelnd ging der alte Falzmann seinen Weg. Herr JacqueS machte sich alSbalv auf, schnürte sein Felleisen, warf sich in sein Reisegewand, worin er ein Mittelding von pilgerndem Künstler, weitauSsahren- dem wissenschaftlichem Kopf und wanderndem HandwerkSburschen vorstellte, nahm seinen Knotenstock zur Hand und begab sich, ein eben so kurz als erhaben stvltsuteS Brieschen zurücklassend, auf den Weg. Gern hätte er noch ein anderes, schöner noch stylistrteS an Josephs ausgefertigt, dieß ließ jedoch sein gekränktes Herz nicht zu; uno dieß Eine nur mochte er sich nicht versagen, sie noch einmal, wenn auch von ferne nur, zu sehen. Er ging deßhalb den Fußsteig längs des Schloßparkes hinan im Schweiße seines Angesichtes, bis zu der schattigen Anhöhe, wo dem Vernehmen nach der LieblingSaufenthalt der Fürstin war. Da trugen die glühenden Lüfte deS Spätsommers ihm diese LiedeStöne auS Josepha'S Mund entgegen: Wir trauern wohl und klagen, Umringt von Leid und Qual; Doch seh'n wir ohn' Verzagen Hinauf zum Himmelssaal; Maria, hör' uns weinen, Lieh', Mutter, auf die Deinen Herab >, j.^-s m,0 Ülll,t,..^ Anfang deS Sommers wohnte der Prinzpräsident in St. Cloud, zwei Stunden von Paris. Ein paar Tage vor seiner Abreise nach Siraßburg kam er eines Morgens ohne alle Ankündigung in Begleitung eines Adjutanten in daS HauS der christlichen Schulbrüder. „Meine lieben Brüder^" sagte er nach dem Eintreten, „ich höre, Sie haben hier Bücher, die in einem gewissen Geiste geschrieben sind, der geeignet ist, die Gesinnungen der Zöglinge in Betreff unserer Nationalgeschichte irre zu leiten." — „Man hat Sie hintergangen, Prinz," antwortete der Superior, „solche Bücher gibt eS bei unS gar nicht." Da äußerte der Adjutant: „Haben Sie nichts ein Geschichtsbuch, worin der Kaiser arg mitgenommen wird?" Hierauf gab ihm der Superior ein Unterrichtsbuch der LanreSgeschichte, das für den Orden besonders versaßt war, und sagte: „dieß ist das einzige Buch, welches neuere Geschichte betrifft." Der Prinzpräsident nahm schnell daS Buch an sich, las sofort einige Seiten und gab eS dann dem Superior mit den Worten »urück: „Ganz gut. Seit wann besteht Ihr HauS? wie ist Ihre finanzielle Lage?" Der Superior eiugegnete: „König Carl X. hat eS gegründet und reich ausgestattet aus seiner KabinetSkasse, aber die Zahl der Zöglinge ist unS doch ein wenig über den Kopf gewachsen." „Nun, wie groß ist ihr jährlicher Ausfall?" „Etwa 300 Franken." „So nehmen Sie diesen kleinen Beitrag, um sie auS der Verlegenheit zu ziehen," sagte Ludwig Napoleon, indem er einige Banknoten auS der Tasche zog und sich entfernte Es war «in Geschenk von 2000 Franken. ——.-„ Verantwortlicher Redacteur: L. Scheuche», VerlagS-Iohaber: F. z0 70? ibN2-' Erfahrungen eines katholischen Geistliche« über die vorzüglichste Ursache der vielen unehelichen Geburten. . ÄsltHUA ÄN"r5ÄPl !>i?I IlKüt t^)Ü!/> ^l < ülll^. lt? jIO>ft!!-)v^ 7:^ Ä>U i^ItlV? (In einem Briefe.) Lieber Freund! Auf deine Frage über die vorzüglichste Ursache der vielen unehelichen Geburten glaube ich die Wahrheit zu sagen, wenn ich antworte: Cie liegt sowohl bei noch schuldlosen Söhnen und Töchtern, als bei solchen, die schon in Bekaunlschaslen leben, im Mangel an Abscheu gegen die Sünde deS sechölen Gebotes und was dazu verleitet, als Kleiderhoffart, Besuchen der Personen deS andern Geschlechtes, Bekanntschaften, Tänze mit Personen deS andern Geschlechtes, sowohl bei Hochzeiten alS Freitänzen an Sonnlagen, wodurch der Tag deS Herrn am meisten cniheiligt wirv, gewiß Dinge, die zu den Werken deö SalanS gehören, denen man bei dem Empfang der Taufe enlsagen mußte. Wenn den Erwachsenen, welche diese Werke des SalanS nicht verabscheuen, nach der Lehre deS Conciliums von Trient, weil die Vorbereitung zur Rechtfertigung mangelt, die heilige T^ufe und Communion nicht ertheilt werden darf: so wird von allen unsern Söhnen uud Töchtern, die nicht Abscheu an Kleirer- Hoffart, Bekanntschaften, Tanzplätzen, Trinkgelagen (Röm. 13, 13. 14), dann Umgang mit leichlferligen Personen haben, sondern Neigung und Freude daran haben, die heilige Communion unwürdig empfangen. Von der Rechtfertigung, die dem würdigen Empfange der Taufe und der heiligen Communion vorausgehen muß, lehrt daS Concilium von Trient in der sechsten Sitzung und im sechsten Kapitel, „daß man auS Furcht vor der göttlichen Gerechtigkeit zur Betrachtung der Barmherzigkeit GotteS hingewendet, Gott zu lieben und die Sünde zu verabscheuen und zu hassen anfangen müsse." Zur Sünde gehört offenbar auch die Neigung zur Kleiderhoffart, zu Personen des andern Geschlechtes, zur Tanzlustbarkeit, zu Trinkgelagen :c., weil jene, die Jesum lieben, diese Werke des SalanS verabscheuen, und der Apostel Paulus lehrt, „verflucht ist, wer Jesum nicht liebt," und Johannes: „Wer Gott nicht liebt bleibt im Tode" (1. Joh. 3, 14). Alle diese empfangen daher die heilige Communivn unwürdig auSMangel an der dazu nöthigen Vorbereitung. Mangel an Abscheu der Sünde und waS zur Sünde verleitet, weil die Tauf, gnade die Liebe zur Sündengefahr verbietet, und Mangel an Liebe zu Jesus, welchen sie verabscheut, sind also nicht nur Ursache der vielen unehelichen Geburten, sondern auch der so vielen unwürdigen Communionen, welche die Beichtväter, durch Verschiebung der Lossprechung, bei jenen Söhnen und Töchtern nicht verhindern können, welchen die Liebe zu JesuS und der verlangte Abscheu an den genannten Werken des SatanS mangelt, und sich daher auch über solche Sünden nicht anklagen im Beichtstühle. 314 Damit solche Sünder zur Selbstkenntniß gelangen, und auch die Seelsorger sich überzeugen können, daß solche Jünglinge und Jungfrauen nicht Jesum, sondern die obengenannten Werke deS SatanS lieben und von der unwürdigen Communion ausgeschlossen werden, weiß ich nur ein Mittel: Die Herren Bischöfe sollen diesen vor der Ostercommunion jährlich befehlen, vor dem Seelsorger öffentlich zu erklären, durch Aufzeichnung ihres NamenS, daß sie der Kleiderhoffart, Bekanntschaften, Frei» tänzen zc. entsagen müssen, wenn sie zur Ostercommunion nach ihrer Beicht sollen zugelassen werden können. Dieß kann auch zugleich als Aufnahme in ein Tugend, dündniß betrachtet werden. Unstreitig wäre dieß eines der kräftigsten Tugendmittel nicht nur zur Verminderung unwürdiger Communionen, sondern auch der so vielen unehelichen Geburten, wie schon Bourdato in einer Osterpredigt vor dem Könige bemerkte. WaS dieser von der wirklichen, sich entschieden zeigenden LebenS- besserung sagt, gilt auch von der öffentlichen Erklärung, die Pflichten deS Taufbun- deS erfüllen zu wollen. Bourdato sagt: „In Wahrheit! man will nicht, daß man eS äußerlich merke, man habe sein Leben geändert (oder öffentlich versprochen, die Pflichten deS TaufbundeS zu halten),, weil man wohl einsieht, daß, wenn diese Ver, Änderung einmal bekannt würde, man sich dann genöthigt sehen würde, sie fortzusetzen. Man würde sich nicht mehr von ihr losmachen können; und wenn auch die Ehre der Pflicht und der Religion zu Hilfe käme, so würde man die schwerste Tugend, die Beständigkeit, nicht etwa nur in eine bloße Verbindlichkeit, sondern gleichsam in eine unumgängliche Nothwendigkeit verwandeln. Wie gut man aber auch gesinnt seyn mag, so will man sich doch die Freiheit vorbehalten, in Zukunft zu thun, was man will — wieder zur Welt zurückzukehren." Jünglinge, Jungfrauen, welche sich Christo der Art schämen, daß sie sich scheuen, öffentlich obigen Werken des SatanS zu entsagen, um der Welt nicht zu mißfallen, find offenbar der heiligen Communion unwürdig nach den Worten Jesu: „Wer sich meiner und meiner Lehre vor diesem sündhaften Geschlechte schämt, dessen wird auch der Menschen Sohn sich schämen." (Mark. 8, 33.) Unsrer lieben Frauen Mantel. Eine Erzählung in sieben Lectionen über das Salve Regina. Fünfte Lection: „Eja, «nftre Fürsprechen'»." ES war schon ziemlich am Abend, als die Fürstin sammt ihrer Begleitung wieder im Schlosse anlangte. Zwischen den Leuten, die ihrer an der Einfahrt harrten, trat alsbald der Prior hervor, der bisher nach seiner freundlichen Weise sie um sich versammelt gehalten; er hatte aber kaum die Fürstin gegrüßt, als er schon auSries: Ach, da ist er ja, da ist ja der liebe Freund! Also Ihre Durchlaucht selber bringen ihn zurück? — Ich weiß nicht, wie Sie dieß Zurückbringen meinen, sagte die Fürstin; kommen Sie jedoch mit herauf, Herr Prior, und Sie, Falzmann, ebenfalls. — Sie ging mit BenitiuS in ihre Zimmer, während ersterer und Joseph« im Vorsaale zurückblieben. Josepha, so nahm Herr JacqueS daS Wort, komme ich Ihnen wohl recht dumm vor? — Ach, daS eben nicht, antwortete diese lachend, aber ganz wunderlich. — Seh'n Sie, Josepha, damit ich aufrichtig rede, Sie kommen mir heute gar nicht stolz vor. — Haben Sie mich denn für stolz gehalten? — Ja, der Anschein Hat'S gegeben. Ich finde aber auch keinen Stolz an der durchlauchtigen Frau. — Freilich nicht, Herr JacqueS. Welch eine hohe Geistesbildung und welch eine Sanftmuth! sie ist eine himmlische Frau! Ei waS nicht noch, Herr JacqueS! wo reden Sie wieder hin? Eine große Verehrerin der himmlischen Frau ist sie, daS ist wahr, sie selber aber ist für jetzt noch eine irdische Frau und nimmt solche abgeschmackte Lobsprüche nicht an. — Sie find doch stolz, Josepha! sogar über die Fürstin nehmen Sie sich etwas heraus! — Während Herr Falzmann dieß sprach, kam einer 315 von den HauSofficieren und brachte ihr einige Schlüssel mit den Worten: Jungfer Pepi, Ihr Vater war vorhin da und läßt Ihnen sagen, Sie sollen heute Nacht zu Hause seyn, so auch morgen, weil er mit dem Buchbindermeister eiligst verreisen müsse. — Merken Sie etwas? sagte Joseph«; mir geht beinahe ein Licht auf wegen des Felleisens, welches der Fürstin auch schon so seltsam vorgekommen ist. Oder glauben Sie, die Fürstin habe an Ihnen keine Verlegenheit bemerkt? ihr entgeht nichts so leicht! — Liebe, liebe Joseph«, erwiderte JacqueS mit unsicherer Stimme, in der That habe ich einen dummen Streich begangen, an dem zwar Sie selber schuld sind; und ich möchte um alles in der Welt bei der Fürstin nicht in Ungnade oder in ein verächtliches Licht gerathen. Machen Sie also die Fürsprecherin für mich; ich will Ihnen Alles erzählen, waS ich auf dem Herzen habe. — Fürsprecherin, erinnerte Josephs lächelnd, waS für ein besonderes Unglück Sie haben, lauter solche Worte vorzubringen, mit denen man vorsichtig umgehen muß, weil sie inS Gebet gehören und nicht zu den Alltagsdingen. Ja, wenden Sie sich nur an die wahre Fürsprecherin, welcher Niemand jemals vergeblich seine Bitte vorgelegt hat, und wenn Sie nicht ganz verstehen sollten, welche ich meine, so will ich sie Ihnen nennen. Ich weiß schon, ich verstehe schon, antwortete Jacques mit halb bitterer Freundlichkeit; die Fürstin, der Prior, mein Vater, Ihr Vater und Sie, das sind zusammen fünf, und diese fünf reden allezeit daö Nämliche. Mir ist'S ja recht, ich will ja die Allerseligste auch verehren und veneriren, weil Diejenige, deren Sohn von allen Menschen angebetet werden muß, billig von allen Menschen zu verehren ist; aber zwingen soll man mich nicht, Niemand soll mich zwingen; keimn Zwang lasse ich mir nicht anthun. Es ist erschrecklich, wenn so Alles hinter einem her ist, da muß man ja endlich auf und davon gehen I Und glauben Sie etwa, Josepha, eS sey mir ein Leichtes gewesen? weil Sie nicht wissen, Kind, weil Sie nicht wissen! — Er brach in Thränen auS und konnte sie mit dem regennassen Schnupftuch nicht trocknen; und als Josepha ihm ihr eigenes Tuch zu diesem Ende anbot, weinte er noch mehr, dabei schien ihm der letzte rothe Abendsonnenstrahl ins Angesicht und spiegelte sich in den Thränen, und umgab den trotzigen, jungen Mann mit einer eigenen, mildglän- zenden Umschrift, deren Inhalt war: So hat dieser ausgesehen, als er noch ein Kind war und klaren Gemüthes. ES haben (im Vorbeigehen gesagt) die Frauen dieß Eigene, daß sie keinen Mann weinen sehen können ohne inniges Mitleid. AIS noch (und zwar nicht gerade nur im Mittelalter, sondern bis nahe in unsere Zeit herein) Fürsten und Feldherren, Bürger und Kaufleute, Gelehrte und Künstler (selbst Professoren und Landrälhe nicht ausgenommen) im Brauche hatten, zur Mutter deS Herrn zu rufen, und mit Thränen ihre Sorgen und Mühen dieser großen Fürsprecherin anzuempfehlen, haben sie dieses selige Mitleid gar oft und reichlich erfahren, und sind erfreut, erhört oder getröstet worden. Ist es nicht schade, daß dieser Brauch jetzt so selten ist? — Auch bei der Fürstin verwandelte sich die strenge Miene, mit der sie in den Vorsaal heraustrat, sogleich in jene der Rührung, als sie den weinenden JacqueS sah. Sie stand einige Augenblicke schweigend ihm gegenüber, ohne daß dieser die Augen zu ihr aufzuheben sich getraute, da sprach sie: Ihr Gewissen, mein Lieber, scheint Ihnen bereits zu sagen, wie unrecht Sie sich benommen haben. Ihr armer Vater wollte Sie finden und zurückholen, sicher hat das ganze Unwetter ihn getroffen, und das kann diesem Greise nicht wohlthun, so wenig als Ihr Ungehorsam. Bedenken Sie daS recht und bitten Sie Gott, daß er AlleS inS Gute lenke; denn Sie haben eine schwere Schuld auf sich. Denken Sie auch jetzt noch daran, ihn zu verlassen? — Herr JacqueS schüttelte verneinend den Kopf. — Nun denn, fuhr die Fürstin freundlich fort, so folgen Sie indessen mir; ich setze wenigstens daS Vertrauen in Sie, daß Sie so artig seyn werden, mich für Sie sorgen zu lassen. DaS Weitere wird der Herr Prior Ihnen sagen. BenitiuS nahm Abschied und führte den Flüchtling mit sich fort. Lieber Sohn, erklärte er ihm aus dem Wege, die Fürstin will die volle Sicherheit haben, daß Sie 31« nicht neuerdings davon ziehen; darum bin ich zu Ihrem Wächter bestellt, jedoch alles in bester Freunvschaft und nach Ihrem eigenen, freien Willen, welchen der Mensch nur dazu erhalten hat, damit er ihn durch den schönen und liebreichen Gehorsam dem höchsten und absoluten Willen aufopfere. Wohlgemerkt, ich behalte Sie nur diese Nacht über, und höchstens so lange, bis Ihr Herr Vater zurückkommt. Sie gingen vor dem Hause des letztern vorüber, da war alles dunkel und stille, und der Laden von außen mit Querbalken verriegelt, wo eS um diese Zeit schon ein lebhaftes Zeitungsgespräch mit den Nachbarn absetzte. Eben warf der Wind die Fenster oben an des alten FalzmannS Schlafkammer mit Macht auseinander und eö klirrten die letzten Glasscheiben von selben auf die Gasse herunter. Ach, mein Gott! begann Herr JacaueS zu seufzen, wenn nur meinem Vater kein Leid geschehen istl — Wir stehen Alle in GotteS Hand, sagte der Prior, und eS ist gar nicht geheuer mit der Zeichendeuierei, aus dem Vogelflug unv auS zerbrochenen Fenstern Unglück zu wiltern. Aber freilich, wer ein böseS Gewissen hat, verfällt leichtlich auf solch ein Unwesen. Ihr Vater hat im Forteilen die Fenster zu befestigen vergessen und nun treibt der Sturm sein Spiel damit. Sie, mein lieber Sohn, haben im Forteilen daS vierte Gebot festzuhalten vergessen, darum sind Sie auch dem Nachtsturm Preis gegeben. Nun ängstiget sich Ihr Vater um Ihretwillen und Sie um seinetwillen, und eS ist nur Ein wesentlicher Unterschied dabei, der tief innen im Gewissen geschrieben steht. Ehre deinen Vater, sagte der heilige Geist, in Werken und Worten und in aller Gedulv; stütze sein Greisenalter und kränke ihn nicht! Dieß, mein lieber Sohn, führen Sie sich zu Herzen und die große Beleidigung deS göttlichen Gesetzes, denn hierin liegt mehr, als in dem Omen mit den Fensterscheiben. Es ist wahr, sagte der Tiefbestürzte, und ich kann's nimmer läugnen. Vorhin war's mir mehr um die Fürstin zu thun und um die Gefahr, von ihr verachtet zu seyn, jetzt erst wird mir meines VaterS wegen so angst, daß ich vergehen möchte. Ach, mein bester Herr Prior, ich bin ganz verzagt worden! — Getrost, mein Sohn, entgegnete dieser; Sie sind nicht mehr auf dem schlimmsten Wege. Woher kommt denn alles Unglück und Uebel in der Welt, als davon, daß unsere Stammeltern ihrem Vater, dem ewigen Vater ungehorsam wurden und sein Gebot verließen? Sie und wir Alle haben ihn verlassen, doch er nicht uns. Er hat eine zweite Eva erschaffen und durch sie seinen eingebornen Sohn uns gegeben, auf daß derselbe durch seinen Gehorsam uns .wieder mit dem Vater vereinige. Er kam, der himmlische Sohn der Unbefleckten, er, die weseniliche Weisheit, kam und lud unS zu sich, und bezeugte: er sey nicht gekommen, die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder. Und wenn er unS beruft, wie sollten wir unS fürchten, zu ihm zu gehen? Stellet ihn euch nicht strenge vor, spricht BernarduS, da er doch gütig ist; furchtbar nicht, da er so holdselig ist! WaS fürchtet ihr Schwachgläubigen? Hat er mit eigenen Händen doch eure Sünden an'S Kreuz geheftet! Fürchtet ihr aber die göttliche Majestät in ihm, der, obgleich er Mensch geworden, doch Gott geblieben ist, und bedürfet ihr also einer Fürsprache? Wohlan denn, nehmt zu Maria eure Zuflucht! Sie ist die Leiter, die zur Höhe der göttlichen Gnade hinan führt, so wie sie die Leiter war, durch welche die Gnade zu unS herab gekommen. Sie ist die Zuflucht der Sünder, denn sie ist ja die Mutier deS SeligmacherS, der nur um der Sünder willen gekommen ist. Darum erheben wir weinend und jauchzend unsere Seele zu ihr, und rufen: Eja, unsere Fürsprecherin! Unsere liebe Frau, unsere Mittlerin! In diesem Sinne ruft auch der heilige Thomas von Villanova: Seyd getrost, ihr Kleinmüthigen, athmet frei, ihr Geängstigten; deS ganzen Menschengeschlechts mächtigste und weiseste Fürsprecherin ist ja die jungfräuliche Goltesgebärerin! Ich wiu's nicht verhehlen, sagte Herr JacaueS nicht ohne Rührung, daß ich in frühern Jahren eine große Liebe und Ehrfurcht zu ihr getragen habe, und daß ich damals sehr glückselig war. Aber eS ist mir nimmer zu Muthe, wie eh' und wie zuvor, ich kann nicht glauben, daß ich je wieder zu einer solchen innerlichen Meinung gelange. — Ei, mein Kind, nur daS Vergangene bereuen und fleißig anklopfen. 317 " Wer den Sohn suchr, den liebet die Mutter, und wer die Mutter sucht, den liebet der Sohn; keiner aber suchet, den nicht der Vater ziehet. Beten muß man, mein Kind, beten und arbeiten, nicht bloß allein arbeiten, wie bisher. Ehe wir daS Haus erreichen, will ich Sie geschwind noch eine von den schönen Bittweisen dcö seligen AlphonsuS lehren, die Sie im Willen mitsprechen können. Wir wenden uns im Geiste zur göttlichen Mutter, und sprechen also: „O große und glorreiche Mutter meines Herrn, schon erkenne ich, wie sehr ich durch meinen vieljährigen Undank gegen Gott und gegen dich, verdienet hätte, deiner Fürsorge verlustig zu werden, weil der Undankbare keiner fernern Wohlthaten mehr würbig ist. Doch aber, o Himmlische, habe ich einen viel zu großen Begriff von deiner Gütigkeit, um nicht sestiglich zu glauben, daß sie bei weitem größer als mein Undank sey. Mögest du also noch fernerhin, o du Zuflucht der Sünder, nicht unterlassen, einem Armseligen beizustehen, der auf dich vertraut! Reiche, o Mutler der Barmherzigkeit, deine Hand dar, um einen armen Gesunkenen aufzurichten, der dein Mitleid anfleht! Beschirme mich, o Maria, oder sage mir, an wen ich mich wenden soll, der kräftiger als du mich zu beschirmen vermöchte! Aber wie könnte ich eine gütigere und mächtigere Fürsprecherin finden bei Gott, als dich, die du seine Mutter bist? Als du die Mutter des HeilanreS geworden bist, wardst du daS Heil aller Sünder, und mir auch wurdest du zu meinem Heile geboren. Nun verdiene ich zwar deine Liebe nicht, aber daS große Verlangen, so du nach der Rettung der Verlornen trägst, macht mich hoffen, daß du auch mich liebst. Und wenn du mich liebest, wie kann ich zu Grunde gehen? O geliebte Mutter, von dir erwarte ich mein Heil, und immerdar danke ich dem Herrn, der mir dieß Vertrauen zu dir geschenkt hat. In Ewigkeit will ich diese liebreichen Hände küssen, die so oft vom ewigen Verderben mich bewahrt! O Maria, meine Befreierin, meine Hoffnung, meine Königin, meine Fürsprecherin, meine Mutter! Dich liebe ich, dich will ich in Ewigkeit lieben, Amen." Am Schlüsse des Gebetes standen sie an der Pforte, eben begann schon daS Abendgeläute für den englischen Gruß. So, mein Kind, sagte der Prior, folgen Sie mir nur nach. Wir sind alle Diener Mariä, oder wollen eS seyn, und alle ihre Söhne sind Brüder unter einander, oder sollen es seyn. Der Pförtner öffnete, neigte sich und sprach, nach Klostergebrauch grüßend: Ave Maria. Die Zeitlage. (Katholik.) Der Heiland hat seine Jünger oft an die Leiden und Kämpfe erinnert, die ihnen bevorstanden, um sie, wie Gregor der Große sagt, durch den Schild des Vorherwissens gegen dieselben zu waffnen. So sollen auch wir unS klar zu machen suchen über die Leiden und Kämpfe, welche die Kirche in der nächsten Zukunft zu erwarten hat und die bereits begonnen haben. Wenn seit ein paar Jahren der Horizont der Kirche heiterer geworden, so ist offenbar seit einiger Zeit eine Umwandlung eingetreten und haben sich ringsumher drohendere Wetter als je zusammengezogen, zumal in Deutschland. Die schrecklichste Erscheinung deS JahreS 1343 war daS offene und massenhafte Hervortreten deS antichristlichen Unglaubens und eines unendlichen Hasses gegen daS Christenthum und die Kirche. Die durch die religiösen Wühlereien deS RongeaniSmuS und Freichristenthums vorbereitete politische revolutionäre Bewegung hat ihren antireligiösen Charakter nie verläugnet, und so hat überall die revolutionäre Partei wesentlich auch gegen die Religion und Kirche gewirkt. Allein dieses mächtige Hervortreten deS UnchristenthumS in wesentlicher Verbindung mit Bestrebungen, welche auf den Umsturz der ganzen sittlichen und socialen Ordnung gerichtet waren, hatte auch heilsame und großartige Wirkungen. In der katholischen Kirche zeigte sich ein kräftiges Bestreben zu helfen, die Religion und durch sie daS Volk zu reiten. Weil 318 man aber erkannte, daß nur von Innen durch die Kraft des lebendigen Christenthums geholfen werden könne, so wendete sich die kirchliche Bewegung zumeist dem innern Leben zu. 'Man sah, daß die gewöhnlichen Mittel nicht mehr ausreichen, daher überall die Missionen — und wirklich hatte diese mächtige Verkündigung der christlichen Grundwahrheiten in Mitten einer Zeit, die Alles, zumal aber die ganze alte christliche LebenSordnung umzustürzen schien, einen Erfolg, der selbst die Anerkennung der Welt sich erwarb und einige Zeit die Vorurtheile vergessen zu machen schien, welche noch kurz zuvor die Jesuiten und Redemptoristen, welche die Missionen gaben, so verhaßt gemacht hatten. Außerdem erweckte der Ernst der Zeit in vielen gläubigen Menschen einen Drang, auS Liebe zu Gott und den Seelen etwaS zu thun und zu opfern und namentlich die Kraft deS Glaubens in Werken der Barmherzigkeit zu erweisen. Klöster entstanden wieder, und wohlthätige und religiöse Vereine und Bruderschaften manchfacher Art. Weil das Verderben so nahe drohte und die Meisten statt in Christus und seiner Kirche in dem geraden Gegentheil daS Heil der Welt suchten, fanden viele gläubige Katholiken sich gedrungen, ihre Ueberzeugung in offenem Bekenntniß an den Tag zu legen, daß nur in der Rückkehr zum lebendigen Christenthum Heil und daß die verschmähte katholische Kirche die Trägerin dieses Christenthums sey — deßhalb aber glaubten sie auch, jetzt in dieser Zeit, wo AlleS Freiheit fordere und erlange, gelte eS vor Allem, der Kirche diese lange vorenthaltene Freiheit zu erringen. Für diese ihre Ueberzeugung sprachen und wirkten sie in den katholischen Vereinen. Die rechtmäßigen Hirten der Kirche aber, die Bischöfe, waren eS, welche all diesen Bestrebungen Weihe und die sichere Richtung verliehen. So entwickelte sich, Vielen zum Erstaunen, in der katholischen Kirche ein regeres vielversprechendes Leben — und zwar mit weniger Hemmung, als nach den frühern Zuständen zu fürchten gewesen. Die Staaten gestatteten der Kirche ein größeres oder minderes Maaß freier Bewegung, in Oesterreich und Preußen erkannte man dieß Princip der kirchlichen Selbstständigkeit selbst durch die Gesetzgebung an. Man hatte eS theilweise eingesehen, worin man früher gefehlt und daß allein die Religion im Stande sey, die Uebel der Zeit zu bewältige«. — Auch von Seite der Protestanten wurde das Bestreben der katholischen Kirche nicht eben mit feindlichem Auge betrachtet, namentlich die gläubigen Protestanten sahen darin immerhin einen erfolgreichen Widerstand gegen den gemeinsamen Feind, daS Antichristenthum. Ueberdieß lag, wie nicht geläugnet werden kann, in der ganzen katholischen Bewegung nichts konfessionell Polemisches, eS war lediglich ein positives Wirken, um in dem katholischen Volke ein lebendiges praktisches Christenthum zu erneuern. In so fern hatten diese letzten Jahre neben allem Trüben und Entsetzlichen auch etwas ungemein Tröstendes und Erhebendes. Dazu kam, daß die Revolution, die daS christliche Europa mit Verwüstung bedrohte und vor Allem die katholische Kirche, wie sich außer so vielem Andern in der römischen Revolution klar genug zeigte, daö Allerschlimmste befürchten ließ, durch die rechtmäßige Gewalt niedergeworfen wurde und eS nun zu hoffen stand, die Staaten würden, nachdem die äußere Gefahr überwunden, bereitwilliger der Kirche gestatten, den Seelen den Frieden zu bringen. Allein eben scheint sich AlleS anders, sehr anders zu gestalten. Vor Allem hat die äußere Beilegung der zerstörenden Mächte auf politischem Gebiet dem Wirken deS Unglaubens und deS AntichristenthumS keineswegs einen Damm gesetzt, im Gegentheil dasselbe um ein Beträchtliches gesteigert. In demselben Maaße, als auf dem politischen Gebiete vor der Hand die destructiven Bestrebungen sich eingeengt fühlen, haben sie sich ausschließlich wider die Kirche gewendet — und man darf eS sich nicht verhehlen, eS wirb gegen dieselbe von dieser Seite ein furchtbarer VernichtungSkampf geführt. Hunderte von Tagesblättern, die in allen Wirthshäusern, die in den Werkstätten der Handwerker und vielfach selbst in den Häusern der Landleute anzutreffen find, arbeiten Tag für Tag systematisch an der Zerstörung deS Glaubens und an der Fanatisirung deS Volkes wider die Kirche und deren Diener, die man, wie in den Zeiten der alten Christenversolgungen, als die eigentlichen Feinde des Menschen, 319 « geschlechteS dem allgemeinen Hasse zu überantworten sucht. In vielen Gegenden sind die meisten Blätter, welche vom Volke gelesen werden, dieser Art. Von Seite der weltlichen Obrigkeit geschieht nichts gegen dieselben, obwohl sie da,u unter allen Umständen berechtigt und verpflichtet wären, nicht bloß, weil die Obrigkeit verbunden ist, die anerkannten Confessionen zu schützen und nicht zu dulden, daß der Haß gegen sie gepredigt werde, sondern und ganz vorzüglich deßhalb, weil diese Blätter die allen Confessionen und aller sittlichen Ordnung gemeinsamen Grundlagen untergraben. Mit dieser schriftlichen Ausbreitung des AntichristenthumS in Blättern, wozu noch zahlreiche Brochüren und Kalender in gleichem Geiste sich gesellen, geht Hand in Hand die mündliche Verkündigung der antichriftlichen Lehre durch Hunderte von Anhängern derselben in allen Stänren. Anstatt daß aber nun so entsetzlichen Gefahren gegenüber die Kirche Förderung fände, tritt im gegenwärtigen Augenblick eine doppelte Thatsache mehr und mehr hervor. Eine emsig genährte Aufregung und Abneigung gegen die katholische Kirche greift unter den Protestanten mächtig um sich. Gott sey Dank, daß wir Katholiken mit gutem Gewisien sagen können, daß wir keine Veranlassung dazu gegeben haben, und daß dasjenige, waS diese Aufregung veranlaßt hat, lediglich eine Ausübung der natürlichen Rechte zu dem besten Zwecke war; denn es ist in der That kein anderer Grund hiezu zu entdecken, als eben die oben erwähnte größere Thätigkeit zur religiösen Hebung des katholischen Volkes. Wohl wissen wir, daß man einige Missionen, weil in Städten gehalten, deren Bewohner der Mehrzahl nach protestantisch sind, wie in Heidelberg, Wiesbaden, Danzig, als Angriffe auf den Protestantismus betrachtet hat; allein kein Vorwurf kann ungerechter seyn. ES finden sich in all jenen Orten große katholische Gemeinden, dieselben bedurften einer Geisteserneuerung, wie die Missionen sie geben, und bloß für sie wurden diese Missionen gehalten. Dazu kommen die Konversionen einiger hervorragender Protestanten, die noch dazu gar nicht in Folge von Missionen oder überhaupt äußerer Einflüsse zu Stande gekommen sind. — Allein, wie gesagt, ärger vielleicht, als zur Zeit der Reformationsfeste, oder zur Zeit Ronge'S, erhebt sich eben von protestantischer Seite eine Bewegung wider die katholische Kirche der allerschlimmsten Art. WaS je die gehässigste Polemik an Verdrehung katholischer Dogmen und an Entstellung geschichtlicher Thatsachen auSgeboren und wovon man hoffen konnte, daß man endlich diese Waffen werde ruhen lassen, wird an allen Ecken und Enden in neuen Bearbeitungen nicht bloß unter den Protestanten, sondern auch unter Katholiken verbreitet, die Schriften Schenkels, wie sein neuestes Werk „Gespräch über Katholicismus und Protestantismus" sind Belege dafür, und deßgleichen die von Marriott in Basel herausgegebene Zeitschrift „der wahre Protestant," die man eben selbst unter dem katholischen Volke zu verbreiten bemüht ist, und deren Hauptartikel die Erzählung angeblicher, von der katholischen Kirche wider Protestanten verübter Verbrechen, Mordthaten, Blutbäder ist. — Die Darmstävter Kirchenzeitung bringt fast in jeder Nummer scandalöse Angriffe wider die Kirche und ihre Institute. Als Aushängeschild werden, wie überall, die Jesuiten gebraucht. DaS Schlimmste aber besteht darin, daß diese protestantische Parteileidenschaft förmlich darauf aus ist, die prote stanti. schen Regierungen in diese Bewegung mit hinein zu ziehen und sie vor Allem dahin zu bringen, der katholischen Kirche nicht bloß die ihr gebührende Freiheit nicht rechtlich zu sichern, sondern auch das ihr bisher Gewährte wieder zu entziehen, — und leider kann man nach den neuesten Vorgängen in Preußen Schlimmes fürchten. So scheint eS also festzustehen, daß der Kirche in der nächsten Zukunft überaus schwere Leiden und Kämpfe drohen. Die revolutionäre Macht, die so mächtig ist, daß sie vor Kurzem noch fast alle Throne Europas wanken machte, sie wird ihren Einfluß und all ihre Mittel und Künste zunächst gegen die katholische Kirche wirken lassen und AlleS benutzen, waS ihr zu schaden im Stande ist. Ihr Wirken ist ein durchaus unmittelbares und praktisches, auf die LoSreißung der Einzelnen von der Kirche gerichtet, und jeder Verführte wird sofort ein Verführer. Der Protestantismus 32» scheint in der nächsten Zukunft seine innern Streitigketten vergessen zu wollen, um in alter Kampfweise und mit erneuten Waffen gegen die kaiholische Kirche, von welcher er sich bedroht glaubt, zu Felde zu ziehen. DaS aufgeklärte StaatSkirchenthum aber sieht die katholische Kirche als flaatSgefährlich an und will sie in möglichst enge Botmäßigkeit zurückversetzen und sie so ihren Feinden gegenüber möglichst wehrlos machen. So ist im Augenblick die Constellation und bei ihrer Betrachtung naht sich der Seele die Versuchung schwerer Traurigkeit. WaS kann auch trauriger seyn, als eine in alles Elend, daS die Folge der Gvttenifremdung ist, versunkene Welt, die mit aller Anstrengung gegen jene göttliche Anstalt sich wehrt, die allein ihr in der Kraft des WeltheilanveS Rettung und Frieden zu bringen im Stande ist? als die Aussicht, anstatt auf bessere Zeiten, in welchen die Kirche in Frieren und Freiheit ihre Segnungen spendet, auf eine noch ärgere Befeindung und Fesselung der Kirche, als zuvor stattgefunden? Allein diesen Versuchungen zur Traurigkeit stellen wir einige Wahrheiten ent. gegen. Vor allem ist eS Gott, der dieses AlleS so zuläßt und ordnet, und vielleicht schon nach kurzer Zeit kann er zu unS sprechen: „mußte nicht alles dieses so geschehen, damit die Kirche verherrlicht würde?" Die letzlen vier Jahre geben unS Grund genug, falls eS dessen bedürfte, gerade in den erschütterndsten und gefährlichsten Ereignissen der Zeit die Hand GotteS zu erkennen. Es ist aber ein allgemeines Gesetz im Reiche GotleS, daß große Güter nur durch große Kämpfe und Leiden errungen werden. Wir aber sind kindischen HerzenS und möchten auf eine leichte kämpf- und schmerzlose Weise Großes erreichen. Es ist daS Gesetz des christlichen Lebens unv deßhalb zumeist deS Lebens der Kirche, daß alle Gnaden und alle Siege durch viele Trübsale und in einem harten Streiten errungen werden sollen. Sehen wir aber näher ins Einzelne, so mögten wir nur Einen Punct hervorheben. ES bedarf die Kirche zur Lösung ihrer ungeheuren Aufgabe in der Gegenwart ungemeiner Tugenden im Klerus und unter den Gläubigen. Sind dieselben bereits vorhanden? Nun gut, je größere Leiden und Kämpfe die Kirche treffen, um so größere und heroischere Tugenden werden sich in ihr entwickeln. Das ist daS Geheimniß , weßhalb die Kirche in friedlichen Zeiten von der Höhe herabsinkt, dagegen auf Zeiten ihrer tiefsten Erniedrigung oft rasch eine wunderbare Verherrlichung derselben folgt. Im Frieden erschlaffen Viele, lieben Gott weniger, sind weniger opferwillig, man vergißt mehr und mehr wie deS DankeS, so auch der Bitte — je größer aber die Noth, je größer die Schmach, die von der Welt auf die Kirche gehäuft wird, je drohender der Untergang, um so mehr entbrennt in Vielen der Eifer und dann bereitet Gott sich seine Streiter, um zur rechten Zeit ihnen den Sieg zu verleihen. Wenn also nur diese Trübsale die Eine Frucht haben, daß wir dadurch demüthiger nnd eifriger werden, so haben wir keinen Grund zur Furcht, daß die Kirche Schaden leiben werde. Je größer unv ungerechter aber der Krieg wider die Kirche ist, um so heilbringender ist er für sie: der Jnviffe- rentiSmus schwindet und die Kirche wird zum Schauspiel für die ganze Welt — wenn aber die Welt nun ihr Bedrängnis;, aber auch ihre Glaubhaftigkeit sieht, das gegen sie geüble Unrecht, aber auch ihr Recht kennen lernt, mit ihren Grundsätzen und Sitten bekannt wird und endlich ihren Sieg über ihre Gegner wahrnimmt, dann werden Unzählige den Glauben wieder gewinnen und aus gleichgiltigen Zuschauern oder selbst erbitterten Gegnern eifervolle Anhänger der Kirche werden. Darum dürfen wir wohl getrost in die Zukunft sehen, und sicher erwarten, daß die sich erhebenden Anfeindungen und Drangsale, weit entfernt die Entwickelung der kirchlichen Freiheit nach Außen und deS kirchlichen LebenS im Innern zu hemmen, beide vielmehr mächtig fördern werden. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. VerlagS-Juhaber: F. C- Kremer. Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PostLeitung. 10. October ^ 185s. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle ESountage. Der halbjährige Abouuementsprei» kr.» wofür e« durch alle königl. bayer. Postämter uud alle Buchhandlungen bezogen werden kaun. B r n un» Hirtenschreibm des hochwürdigften L»nton Ernst, von Gotteö und deS apostolischen Stuhles Gnaden Bischof zu Brunn ic. .c. Dem ehrwürdigen in Christo geliebten DiöcesankleruS unsern Gruß und Segen in dem Herrn! „Gewohnt unserm geliebten KleruS die Kunde keines Ereignisses zu entziehen, daS ihn gemeinsam mit uns zur Freude und zum Preis der Erwärmungen GoiteS bestimmen kann, finden wir uns gedrängt, ihm den überaus tröstlichen Ersvlg der heiligen Mission bekannt zu geben, die in den Tagen vom 16. bis zum 23. August im hiesigen Provincial-Strafhause abgehallen worden ist. Der Wunsch, seinen Pflegempfohlencn die Wohlthat einer geistigen Erneuerung durch die Mission zukommen zu lassen, war in dem Seelsorger der benannten Siraf- anstalt wohl schon früher rege geworden, erhielt aber besondere Nahrung durch die freudigen Wahrnehmungen, zu denen die in unserer Cathedra!- und in der Minoriten» kirche im Monate März d. I. abgehaltenen MissionSandachten so reiche Gelegenheit boten. Wir konnten diesen Wunsch nur genehmigen, und Se. Ercellenz der Herr Statthalter erklärte sich mit der dankenSwerihesten Bereitwilligkeit für die Verwirklichung desselben. So fiel eS nickt schwer, noch während der Mission im Frühjahre die Zusicherung der ehrwindigen Väter anS der Congregation deS allerheiligsien Er- löierS zu erhalten, daß sie zu den großen apostolischen Mühen, tie im Laufe deS SommerS ihrer harrten, auch die der Abhaltung der Mission im hiesigen ProvinciaU Strafbause fügen würden. Wahrlich, nur Gott kann die Opfer lohnen, welche die Söhne deS heiligen AlphonS von Liguori immer und überall gleich freudig bringen, wo eS gilt, für daS Heil der unsterblichen Seelen zn wirken, Seelen zu retten, die durch daö Blut deS eingebornen Sohnes GolteS erkauft sind!" „Die Mission begann am 16. August Vormittags, und wurde in beiden Landessprachen durch den hochwürdigen Superior, P. Anton Mastalir, in Gegenwart der Herren Hausvorsteher, deren Mitwirkung zum guten Werke wir rühmlichst anerkennen müssen, eröffnet und in beiden Sprachen durch acht Tage fortgesetzt. Die hochwürdigen Väter: Michälek, Richter, Hrebacka theilten die Mühen deS vorgenannten Missionsobern. „War eS von günstiger Vorbedeutung, daß schon zur Zeit der JubiläumSandacht 763 Sträflinge freiwillig zur Haltung eines Fasttages sich erboten, um den Betrag, der so an ihrer Kost erspart würde, als JubilSumSalmosen für di« Armen und für HNstt ALTntllvWÄ. das Werk der Glaubensverbreitung darbringen zu können, so ließ aus der Stimmung, die gleich nach dem EröffnungSvorlrage bei den meisten Sträflingen sichtbar hervortrat, ein nicht minder günstiger Schluß sich ableiten. „ES war den Armen gesagt worden, die Mission werde unter ihnen gehalten, damit sie Gelegenheit hätten, daS Eine Nothwendige so recht inö Auge zu fassen, die ewigen Wahrheiten, die sie vielleicht nie oder doch nur unvollkommen kennen gelernt, oder im Lause des LebenS unter den Versuchungen und Lockungen der Welt vergessen, in ihrem Zusammenhange zu betrachten, aufs Leben anzuwenden, das Heil ihrer unsterblichen Seelen zu sichern; nur darum handle eS sich; nur geistliche Wohlthaten werden ihnen angeboten; zeitliche Wohlthaten, selbst eine bloße Erleichterung können ihnen die Missionäre nicht zuwenden; die Theilnahme an der Mission sey eine ganz freie, Niemand werde gehalten, den Bußpredigten beizuwohnen, Niemanden werde ein Zwang zum Empfange der heiligen Sacramente angethan: aber alle Mühe würden sich die Missionäre geben, um alle in diesem Hause Festgehaltenen Gott und dem Himmel wieder zu gewinnen; dürften sie ja Niemanden richten, sähen sie ja in ihren *) Es wurde durch dieses gewiß nicht gering anzuschlagende Opfer ein Almosen von 32 fl. 18 kr. C. M. erzielt, das der Herr an den armen Gebern durch den gesegneten Erfolg der Mission wohl gelohnt hat. Auch in der Spielberger Strafanstalt hielten 422 Sträflinge zur Jubiläumszeit freiwillig einen Fasttag und baten, daß der Geldbetrag, der so für ihre Beköstigung entfiele, zur Hälfte den Armen, zur Hälfte dem Leopoldinen- und dem Marienvereine zugewendet werden möchte. Das nachstehende Schreiben, das Einer der Sträflinge bei dieser Gelegenheit an den Strafhausseelsorger gerichtet, werden Wir dem hochwürdigcn Herrn Provicar Oi-. Knoblecher mit der nächsten Almosensammlung in Original» zukommen lassen und veröffentlichen es, weil Wir glauben, es werde nicht ohne Trost von dem Klerus und den Gläubigen unserer Diöcese gelesen werden. Nur die Bekanntmachung seines Namens hat der Briefschreiber sich verbeten: „Offenes Schreiben an Se. Hochwürden den Herrn P. Eduard Haschek, unsern vielgeliebten Seelsorger in dem k. k. Strafhause auf dem Spielberge." „Hochwürdiger Herr! „Mit innigster Freude meiner Seele ergreife ich die Gelegenheit des kundgemachten, von Seiner Heiligkeit Papst Pius IX. der ganzen Christenheit und auch den in Gefängnissen Schmachtenden aller- gnädigst verliehenen Jubelablasses — und bringe mit willigem Herzen hier ein kleines Opfer mit Bestimmung des Zweckes, zu welchem es verwendet werden soll. — Judas Jskariot hat bekannter Maßen unsern göttlichen Heiland um den schnöden Preis von dreißig Silberlingen schändlich verkauft, und ich habe es mir längst schon vorgenommen gehabt, denselben lieben Jesum Christum mit den von meinem täglichen Brode im Kerker mir ersparten dreißig Silberlingen wieder loszukaufen. „Was ihr gethan habt Einem dieser Meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir gethan!" so spricht der Herr in dem heiligen Evangelium. Nun — so habe ich denn diese Worte wohl beherzigt und bitte Sie, hochwürdiger und vielgeehrter Bater, Sie möchten die Güte haben, die anruhenden dreißig Silberlinge, respective dreißig Silbersechser, in nsturs dem Hochwürdigsten Herrn Knoblecher, apostolischen Provi- cariuS und Präsidenten des frommen Marienvereines, zur Loskaufung der Negersclaven und Verbreitung des Christenthums in Centralafrika durch das vorgesetzte hochwürdigste Ordinariat nach Chartum in Afrika mit dem allerhöflichsten Ansuchen übersenden, Höchderselbc möge nach seiner allgepriesencn Bereitwilligkeit, Herzensgröße und Menschenliebe für diesen geringen Betrag (weil die Negerknäben, wie man schreibt, sehr wohlfeil auf den Bazars feilgeboten werden) einen jungen Negersclaven, der gute Anlagen zur christlichen Ausbildung verräth — nach Belieben loskaufen, denselben in der römisch- katholischen Religion unterrichten, auf den Namen Emanuel taufen, und in der Erziehungsanstalt in Chartum zum heil. Pricstersiande und zu den weitern christlichen Missionen in Afrika ausbilden lassen." „Sobald mir der Allmächtige die Freiheit schenken wird, will ich nicht ermangeln, noch mehr Gutes für meinen lieben Emanuel zu thun. Jetzt bin ich es noch nicht im Stande. — In der sichersten Anhoffung, daß der hochwürdigste Herr Provicarius diese meine demüthige Bitte nicht abschlagen und meine sehr geringfügige Gabe nicht verschmähen wird, sehe ich schon im Geiste meinen lieben, stehen, kleinen Emanuel, küsse ihn viclmal herzlich, ertheile ihm meinen brüderlichen Segen und verspreche, denselben künftighin noch weiter nach meiner Möglichkeit zu unterstützen und auch selbst persönlich, wenn mir Gott das Leben schenkt, einmal zu besuchen und liebevoll an mein Herz zu drücken, dann zu seiner hohen Bestimmung und Beruf kräftigst anzueifer»; — daher bitte ich noch ferner« den hochwürdigsten Herrn Provicarius, dieses Schreiben dem kleinen Emanuel einzuhändigen, damit er es zum ewigen Andenken auf die Barmherzigkeit Gottes bei sich stets behalte und bewahre. DaS orientalische Sprichwort sagt: Berge kommen nicht zusammen, aber Menschen kommen zusammen. Bi« dahin »erharre ich sowohl des hochwürdigsten Herrn Provicars als auch Eurer Hochwürden ganz ergebenster Diener armer Sünder aus " ' Brüml, de» IS. J»li ISöS. 3SZ dermaligen Zuhörern die Aermsten und Verlassensten, denen ste sich nicht verzögen, ondern deren Diener sie nach der Meinung ihres heiligen OrdenSstisterS seyn wollten, da sie an der Stelle der hier Festgehaltenen und in den Versuchungen, in denen diese gefallen, vielleicht noch schwerer würden gesündigt haben — daS war gesagt worden, und das Wort der Liebe fand Anklang; der Ruf der Gnade ward nicht zurückgewiesen. Nicht bloß die katholischen Sträflinge wohnten sämmtlichen Andachten, Predigten und Unterweisungen bei, sondern auch die Nichtkatholischen, Protestanten und Jsraeliten, erbaten eS sich als Gnade, daß sie die MissionSvorträge in der StrafhauSkirche mit anhören dürften. „Dabei war die Haltung fast Aller die erbaulichste. Daß Einzelne minder gerührt sich zeigten, daß Andere vielleicht nur auS Furcht vor dem Tadel ihrer Kameraden ein anständiges Betragen einhielten, wollen Wir nicht in Abrede stellen, aber eben daß Mindergutgesinnte eS nicht hätten wagen dürfen, vor den Augen ihrer Kameraden eine Leichtfertigkeit zu üben, oder ihre Verstocktheit an den Tag zu legen, zeigt, auf welcher Seite die Mehrheit war und wie vortrefflich die Mission auf den Geist der Sträflinge gewirkt. Die Bekehrung Aller und Jeder kann man auch bei solchen geistlichen Uebungen nicht erwarten, denn nie und nimmer, selbst bei der Mission nicht, thut Gott dem Willen des Menschen Gewalt an; immer gilt das auch von den Missionären oft genug in Erinnerung gebrachte Wort (Ps. 44, 3): Heut, wenn ihr Gottes Stimme höret, verstocket eure Herzen nicht! „Der Gang der MissionSvorträge war der gewöhnliche: Zuerst wurde die Aufmerksamkeit für die ernsten, erschütternden Wahrheiten in Anspruch genommen, dann folgte die Betrachtung der tröstenden, der erhebenden, immer mehr zur Liebe Jesu und zu seiner Nachfolge, zum Verlangen nach der Einigung mit Gott hinführenden Lehren unserer heiligen Religion. Daß eS aber auch beim Vortrage der erstem nicht auf Furcht und Schre- cken überhaupt, sondern auf Weckung jener Furcht abgesehen war, welche der Anfang (Sprüchw. 1, 7), die Krone der Weisheit ist, welche vollkommenen Frieden gibt, die Frucht des Heils (Sir. 1, 22), — daß durch die Hinweisung auf Tod, Gericht, Hölle und Ewigkeit Niemand in Verzweiflung gestürzt werden sollte und auch nicht gestürzt wurde — daß die Missionäre Niemanden die Hoffnung des Heils absprachen und bei den furchtbaren Wahrheiten immer auch die tröstliche Anwendung herauszuheben verstanden: dafür gibt das Verlangen Zeugniß, mit welchem die Sträflinge schon in den ersten Tagen nach dem Empfange des heiligen BußsacramenteS begehrten; dafür sprechen die Thränen der Rührung, die ihren Augen entflossen; dafür die Aeußerung, die nicht aus dem Munde eines unv deS Andern, sondern gar Vieler zu wiederholten Malen gehört wurde: „Ach, wie schätze ich mich jetzt glücklich, daß ich in diesem Hause bin! daß ich meine Sünden abbüßen kann! daß ich so schöne und so tröstliche Unterweisungen höre! O gewiß, nie, nie will ich mehr sündigen! Gott lohne eS allen, die unö so selige Tage bereitet haben!" — dafür mag insbesondere die Thatsache sprechen, daß ein junger, noch nicht vierundzwanzig Jahre zählender Sträfling, dessen Strafzeit am vierten Tage der Mission, als noch die ernsten Wahrheiten behandelt wurden, abgelaufen war, unter Thränen bat, er möchte doch bis zum Schlüsse der heiligen Uebungen, also noch vier weitere Tage im Strafhause belassen werden! Fürwahr ein seltenes Vorkommniß, daß ein junger, lebenskräftiger und lebenslustiger Mann einen längeren Aufenthalt im Strafhause als Gnade und Wohlthat sich erbittet! „So können wir ohne Furcht, daß man uns der Uebertreibung zeihe, wohl sagen, daS Zucht- und StrafhauS zu Brünn habe in den Tagen der Mission denHimmelSbewoh« nern ein Freudenschauspiel (Luk. 15, 7) geboten, denn (Röm.5, 20) wo die Sünde überschwenglich war, wurde die Gnade noch überschwenglicher und eS hätte gar Mancher von den Gefangenen zu den in der Welt Lebenden sprechen können, wie einst PauluS zu König Agrippa gesprochen hat (Ap.-Gesch. 26, 19): Wollte Gott, daß nicht nur wenig, sondern viel, nicht allein du, sondern auch Alle, die mich hören, heute daS würden, waS ich bin, ausgenommen diese Bande! „Ja eS waren gewiß viele Gerechtfertigte in den Reihen der Strafhausbewohner, SSt und die Fesseln, die fie trugen und noch tragen, werden ihnen von Gott nicht mehr zur Tilgung der Schuld, sondern der Ergebung wegen, mit welcher sie solche tragen, zum Verdienste angerechnet. Von denjenigen, denen wir mit größtem Troste am 2l. und 23. August die heil. Communion reichen konnten, werden sicherlich die Wenigsten ein zweites Mal wieder Bewohner dieses HauseS werden; und so möchte die Mission, welche die wohlehrwürdigen Väter Redemptoristen in dem Brünner Provincialstrafbause abgehalten, den klaren Fingerzeig geben, wie man auf die wirksamste und mindest kostspielige Weise die Besserung der Sträflinge erzielen und der Ueberfüllung der Strafanstalten mit Rückfälligen und der dadurch nothwendig werdenden Erweiterung und Vermehrung der Strafhäu- ser vorbeugen könne. Die Bauart der Gefängnisse allein entscheidet hierüber nichts; die kreis- oder sternförmige Gestalt der Zuchthäuser bewältigt die' Sünde in der Brust des Verbrechers nicht: daS Innere deS Menschen erfaßt einzig die Religion, schafft und bildet eS um durch himmlische Wahrbeit und Gnade, und darum gilt auch bei der Frage um die Gefängnißresorm daS Wort deS großen Apostels (.1. Tim. 4, 3), daß die Gottseligkeit zu Allem nützlich ist. „Schließlich erwähnen Wir noch der wahrhast rührenden Weise, in welcher die Sträflinge ihren Dank gegen die Väter Missionäre auszudrücken begehrten. Sie hatten das Ansinnen, einen Fasttag zu halten, um von dem Gelde, das ihnen in Folge deS Er- sparnisseS an ihrer Beköstigung zufiele, den guten Bußpredigern ein Andenken zu kaufen. ES kostete Mühe, ihnen begreiflich zu inachen, daß dieß nicht angehe, daß die Missionäre, selbst nicht unter dem Titel eines Meßstipendiums, irgend ein Geschenk annehmen, daß fie aber schon über den guten Willen ihrer neuen geistigen Kinder hocherfreut seyen; endlich aber mußte man den dringenden Bitten doch in so fern Nachgeben, als die Gefangenen einen Fasttag hielten und den AdlösungSbctrag der freien Verfügung deS HauSseelsorgerS anheimstellten. Auf Anrathen der hochw. Missionäre und mit Zustimmung der löblichen HauSdircciion wurde beschlossen, daß mit dem Gelde der Anfang zur Gründung einer ständigen Bibliothek für die Strafanstalt gemacht werden solle. „So sey denn Gott für diesen tröstlichen Erfolg von unS Allen laut und offen gepriesen, aber auch inständigst gebeten, daß Er, der daS gute Werk angefangen, eS auch vollendcn wolle bis auf den Tag Christi Jesu (Phil. 1, 6). Gegeben in unserer bischöflichen Residenz zu Brunn am Tage der Geburt der allerseligsten Jurtgfrau, im Jahre deS Heils 1353. Anton Ernst, Bischof. (I.. 8.) Augustin Kiorvöky, SecretSr. Unsrer lieben Frauen Mantel. Ein» Erzählung in sieben Lectionrn über da« Salve Negina. Sechste Lection: „Wende deine barmherzigen Avgen un« zu." Am nächsten Vormittag (eS war am Vorabend deS großen MuttergotteStageS) hörte Joscpha kaum den Einspänner vor der HauSthüre rollen, als fie schon eilend» entgegen rief: Er ist ja hier! er ist ja schon hier! — Werden», Pepi, sprach Herr Pankraz, von seinem zeitweiligen Kutscherposten sich herabarbeitend, wer denn, mein Kind? — Nun wer denn? Den Herrn JacqueS meine ich, Vater. — Wirklich, Josephs? rief freudig der alte Falzmann. Ja gewiß, betheuerte sie, indem sie ihm herabsteig«n half, seit gestern Abend schon. — Nun gelobt sey Gott! sprach der GreiS; dießmal hat Gott wieder geholfen! — Josepha rief einem Gesellen, um Wagey und Pferd in den Hof zu bringen, und führte die Beiden in die Stube hinein. Sen gegrüßt und habe Dank, du Helferin der Christen! so sprach Pankraz, gegen daS MuitergotteSbild gewendet; Dank sey dir, daß du Dcujenigen unS zurück geführt hast, der dir zwar keine sonderliche Ehifurcht hat beweisen wollen. Du, o große Frau, hast dennoch unser Gebet erhört und die Macht deiner Fürbitte an den Tag gelegt. Darum hat Gott nicht zugelassen, daß wir selber ihn fänden, damit wir nicht unsern 325 Bemühungen eS zuschreiben, sondern seiner väterlichen Gütigkeit und deinen Mitleids» vollen Augen, die unsere Noth angesehen. Setzen Sie sich doch, bester Herr Nachbar, meine Pepi bringt Ihnen sogleich einen Teller Suppe. Nichts mit dem Fasten heute, Sie sind übel auf. Erst die Erhitzung, die Angst, der Schweiß, dann der erschreckliche Gewitterschauer darauf; c« ist kaum anders möglich. Ich will doch lieber nach meinem Sohne mich umsehen, erwiderte FcilzNiann, auch ist noch Manches an Büchern und Bildern zusammen zu richten aus Morgen. — Ja wohl, ja wohl, sagte Pankraz, und gerieth in einige Unruhe, denn er hatte bisher mit seiner Arbeit kaum dazu gelangen können, um jugendlichen Augen und Gaumen für daS bevorstehende Wall« sahnSfest ein reich gefülltes Lebkuchen, Lustgezelt aufzurichten. Er eilte hinaus, um Gesellen und Lehrjungcn zu meistern und auch Joseph» an ein Geschäft zu beordern, als einer von der fürstlichen Dienerschaft kam, um diese letztere und den alten Falzmann zur Fürstin zu holen. Ach die Fürstin! rief er mit väterlicher Behaglichkeit, du giltst richtig etwas bei ihr; mußt bei allem dem doch morgen im Zelt stehen und lebkuchene Reiter verkaufen! In einem der einsamen Klosterstübchen saß indessen Herr JacqueS und sann und schrieb in der Bitterkeit seines Herzens mit solcher Emsigkeit, als wollte er daS Buchbindergewerbe mit dem Schriststellerwesen vertauschen. Er schrieb jedoch Werke, auf die er sich im Mindesten nichts einbilden konnte und die er am Nachmittage sammt mündlichen Erklärungen bloß allein dem Prior zu lesen gab, worin sich denn zwischen dem unberühmten JacqueS, dem Buchbinder, und dem berühmten Jean JacqueS, dem Schriftsteller, ein großer Abstand zeigte, in so fern der letztere seine Bekenntnisse keinem Diener Mariä überreicht hat, um im Namen ihres SohncS, des Richters aller Gedanken und Werke, nicht sowohl daS Admittitur, als vielmehr daS Remittitur zu erlangen. Dieß aber ist daS große Remittitur: Gehe hin, mein Sohn, dir sind deine Sünden vergeben! Und der Prior sprach ferner zu ihm: Sie dürfen nun fröhlich seyn, mein Lieber, und JhreS VaterS wegen ganz ohne Kummer. Verlassen Sie nunmehr auch diese stille Zelle hier und helfen Sie unS, da Sie ein Mann von Geschmack sind, die Kirche und die Alläre für daS Fest decoriren; auch hat die Fürstin bereits den Mantel für daS Gnadenbild über dem Hochaltare hierher geschickt. Wenn Sie bei dieser Gelegenheit dem Bilde in die Nähe kommen, so betrachten Sie mit Ehrfurcht die erhabenen, wenn gleich nicht kunstreichen Züge dieser uralten Abbildung, und die wundersamen Augen voll Ernst und Gütigkeit, in deren Anschauung wirklich etwas unbeschreiblich Wahrhaftes empfunden wird, und sprechen Sie ganz kindlich und unbefangen in Ihrem Herzen: Dich, o glorreiche Mutter und Jungfrau, verehre ich in diesem Bilde, in welchem du so Vielen schon Trost und Freude gegeben, und ihnen die göttliche Gnade, deren Mutler du bist, vermittelt hast. Wende diese deine huldreichen Augen auch zu mir und flöße mir die Liebe zu deinem göttlichen Sohne inS Herz, welcher auS Liebe zu mir dein Sohn geworden ist. Bitten Sie auch für Ihren Vater und halten Sie fest an der Zuversicht zur großen Mittlerin, dcr sie nun schon so Vieles verdanken; denn, mein Sohn, wenige sind so glücklich wie S^e! In kurzer Zeit war in der Kirche alles zum Feste vollendet; mit rothem Damaste die Säulen umwunden, die Altäre mit künstlichen Blumen geschmückt uuv die glänzenden Leuchter in vielfache Reihen geordnet, in AlleS überstrahlender Pracht aber nahm sich der goldblumige Purpurmantel auS, der zu beiden Seiten daS Frauenbild umfing, mit dcr Krone von zwölf Sternen darüber, von zwei Seraphinen gehalten und die reiche Stickerei des ThroneS ober dem Tabernakel, von der Hand der Fürstin selbst verfertigt. AlleS dieß gab dem GotteShause ein so hochfesilicheS, prunkvoll friedliches Ansehen, daß eS wie mit stillem Jubel den geweihten Raum durchzog: Wie lieblich sind deine Wohnungen, o Herr der Heerschaaren! Selig, o Herr, die in deinem Hause wohnen, sie werden dich in Ewigkeit loben! Bald auch, vom festlichen Geläute zusammen gerufen, füllte ein zahlreiches Volk das Haus und sang, als Vesper und Segen zu Ende waren, mit großer Freude und Andacht folgendes einfältige Lied: 32S *HSsch?F?-' Milde Fürsprecher,'«, Reinste Jungfrau! Wende, « wende voll seliger Ruh Deiue barmherzigen Augeu uu< zu! Mutter der Gütigkeit, Mutter de« Herrn! Ueber die Himmel weit Leuchtender Stern! Wende, o weiseste Führeriu du, Deine barmherzigen Augen un« zu! Glänzende Lilie, Rof ohne Dorn! Quell aller Glorie, Seligkeitsborn! Wende, o mildeste Trösterin du, Deiue barmherzige» Augen un« zu! Pforte der Seligkeit, Reinigkeitsschild! Gchutzwehr der Christenheit, » Furchtbar nud mild! Wende, o mächtige Schätzerin du, Deine barmherzigen Augen un« zu! Mutter in Todesnoth, Mutter des Lichts, Wenn uns die Hölle droht, Fürchte» wir nichts, Wendest du, führend zur seligen Ruh', Deine barmherzigen Augeu un« zn! Den Beschluß der heuligen Andacht machten aber noch folgende Gebetesstrophen, die der Prior zu diesem Ende aufgesetzt hatte und die Jemand, der in einer der vordersten Bänke Platz genommen, mit wohlklingender Stimme gar anständig und fittiglich vorlas: Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, o jungfräuliche Mittlerin, die du am göttlichen Tbrone stehst, bekleidet mit dem Gewände der Herrlichkeit, von schimmernden Farben, dem Regenbogen gleich umstrahlet, weil du zum ewigen Friedensbund zwischen Himmel und Erde gesetzt bist. Breite dieß Gewand des himmlischen Friedens über unS auS, auf daß wir in seliger Ewigkeit Alle durch deinen Sohn zum Vater gelangen, Amen. — Ein Vater unser und Ave für die Wohlfahrt der heiligen Kirche. Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, du Zuflucht der Sünder! Breite den Mantel deiner seraphischen Reinigkeit über unS aus, und wende, die du ganz Auge bist, um unserm Elende zu Hilfe zu kommen, jene erbarmenden Augen, welche um deines göttlichen Sohnes willen einst so viele Thränen vergossen, zu unS; damit auch wir endlich unser Herz und Auge weinend zu Ihm wenden, und Er sich unser erbarme. Amen. — Ein Vater unser und Ave für alle Sünder. Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, du Mutter aller Menschen, der Lebenden und der Abgestorbenen! Breite den Mantel deiner mütterlichen Liebe auS über unS Alle, und mit jenen barmherzigen Augen, mit welchen du die Noth der Familie zu Cana ansahst, als du zu deinem Sohne sprachst: sie haben keinen Wein! schaue auch herab zu allen Hilf- und Trostlosen, und zu Allen, deren Herz freudenleer ist, und erbitte ihnen den Wein der fröhlichen Hoffnung und deS himmlischen Trostes, Amen. — Ein Vater unser und Ave sür die abgeschiedenen Seelen. Als die größte Zahl der Leute schon auS der Kirche sich begeben hatte, klopfte der Prior dem Herrn JacqueS ganz leise aus die Achsel. Sie können nun'für heute schon nach Hause gehen, sagte er, Sie stehen unter keiner Aussicht mehr. Er sübrte ihn durch die Sacristei in den äußern Kirchengang, da stand sein Vater vor ihm. sgiMni, ö,an»üt«) ZAvonK önu »aunZ 327 In freudiger Ueberraschung sank er fast vor ihm nieder; der Greis aber umfing und küßte ihn, und sprach: Mein Sohn, ich habe deine Stimme gehört, und doch hätte ich meinen Ohren nicht getraut, würde ich dich mit meinen Augen nicht gesehen haben. — ES war dieß die Buße, sagte JacqueS ganz leise, die der Prior mir aufgegeben hat. — ES war auch die Prüfung, mein Sohn, setzte der Prior hinzu, ob's dir Ernst sev auf dem neuen Wege, oder nicht. — Und der Alte umfing und herzte ihn von Neuem; die Fürstin aber, die mit Josepha einige Schritte von ihnen verweilt halte, trat hinzu und sprach: Kindesliebe und Vaterfreude — welch' eine schöne Blume mehr an unserer lieben Frauen Mantel. i:,".-l!Ä nsS na« vsjzM Erfahrungen eines katholischen Geistlichen in Wien. ' Geschildert in harmlosen Briefen. (Oesterr. Volksfreund.) III. Die Pfarrschule. Theuerster Freund! Ein für mich heißer Tag ist wieder glücklich vorübergegangen, in dieser Woche nämlich ist die Schule, der ich als Katechet zugetheilt bin, visitirt, und über die liebe Jugend die vorgeschriebene Prüfung gehalten worden. An solch einem Tage muß ich jederzeit viele Schweißtropfen vergießen — und zwar nicht bloß deßwegen, wcil im PrüfungSzimmer, welches mit Kindern und Gästen überfüllt ist, sich ein schrecklicher Dunst entwickelt, sondern auch wegen der Anstrengung, die mit der Prüfung so vieler Kinder aus der Religionslehre verbunden ist. In jeder Psarr- schule Wiens nämlich bestehen gegenwärtig vier Abtheilungen von Kindern, die in der heiligen Religion unterrichtet und am Ende deS Schuljahres geprüft werden. Die Zahl der Schulkinder beläuft sich in jeder Schule aus 300 bis 400, und diese alle soll ich als Katechet nach ihren Fähigkeiten, nach ihrem Fleiße und nach dem Maaße ihres Wissens kennen, um eine entsprechende Prüfung zu halten. Nun ist zwar der hochwürdige Herr Visitator jedesmal so gütig, seine Zufriedenheit auszudrücken , auch werden jedes Jahr viele von hochherzigen Wohlthätern gespendete Prämien vertheilt; allein ich muß gestehen, daß ich selbst mit den Kenntnissen, so wie auch mit der Aufführung der Schulkinder in Wien nicht zufrieden bin. Die armen und in mancher Hinsicht unbeholfenen Dorfkinder waren mir lieber, als die schmucken, gesprächigen und witzigen Kinder der Stadt; denn bei jenen habe ich weit mehr Fleiß im Schulbesuche und zu Hause, so wie auch weit mehr Eifer im Gottesdienste angetroffen, als bei den Schulkindern in der Stadt. Darum konnte ich mit der Hilfe GotteS bei der Dorsjugend einen tiefen, festen Grund der Gottesfurcht und Frömmigkeit legen; während ich bei der Stadtjugend sehr daran zweifle, daß sie von christlicher Gesinnung durchdrungen auS der Schule ins Leben treten wird. Gewiß wirst Du diesen Zweifel mit mir theilen, wenn ich Dir sage, daß viele Kinder in Wien hundert- bis zweihundertmal im Jahre auS der Schule wegbleiben, und die wenigsten zu Hause zum Lernen angehalten werden. Den Einen fehlt eS an der nöthigen oder doch an der zur Befriedigung der Eitelkeit erforderlichen Kleidung, den Andern fehlt eS wieder an den vorgeschriebenen Büchern und sonstigen Schulerfordernissen, noch Andere müssen schon frühzeitig Opfer des Eigennutzes ihrer Eltern seyn, und nicht Wenige bringen mit ihren Eltern im Sommer einige Monate auf dem Lande zu, ohne auch nur an die Schule zu denken. Manche Schulen, die sonst von den Kindern der Wohlhabenden besucht werden, stehen während der Sommermonate ganz leer, da sich die liebe Jugend in der Umgebung Wiens munter herumtreibt. Die ärmern Leute hingegen nehmen ihre Kinder wenigstens an Sonn- und Festtagen mit auf'S Land, von wo ste erst spät in der Nacht zu Hause wieder ankommen, und zwar in einem für die zarte Jugend sehr verderblichen Zustande. Man gibt nämlich den Kindern auf einer Landparthie sehr häufig sogar Wein und Bier zu trinken. 328 Die Folge vom Trinken, so wie auch von der Ermüdung ist dann in der Schule nur zu deutlich zu bemerken. Die meisten Kinder befinden sich nach einem schönen Sonn» und Feiertage in jenem Zustande, den die Burschen in den deutschen UniversttälS- stävten mit dem Namen „Katzenjammer" zu bezeichnen pflegen. Ueberdieß herrscht in Wien der Uebelstand,' daß die Kinder balv wegen der WohnungSveränderung ihrer Eltern, bald aber auch, weil sie vom Lehrer oder Katecheten ein wenig schief ange. schaut worden sind, zu jeder beliebigen Zeit auS der einen Schule auSireten und sich in eine andere aufnehmen lassen. Ich wenigstens habe fast in jedem Monate einige neue Schüler bekommen und andere dafür verloren. Endlich muß ich eS Dir, lieber Freund, bitter klagen, daß die Jugend in Wien nicht zum Gottesdienste, zur Anhörung der heiligen Messe und zur häuslichen Andacht von den Eltern aufgemuntert, sondern vielmehr davon abgehalten und auf vielfache Weise, namentlich auch durch die Uebertretung deS Fastengebotes und durch die Berschmäbung der heiligen Sacra- mente geärgert wird. Nach allem dem wirst Du Dich wohl nicht wundern, wenn Du hörst und auS den Zeitungen entnimmst, daß die Jugend in Wien unwissend und sittenlos ist; noch wirst Du die Schulv hiervon auf die Geistlichen und Lehrer schieben. Ich habe mir die Schule gewiß angelegen seyn lassen, und ich muß gestehen, daß ich immer recht eifrige, biedere, für die heilige Religion eingenommene Lehrer an meiner Seite gehabt habe, die mich in der Erfüllung meiner Pflichten stetS zu unterstützen suchten > allein durch den Leichtsinn, die Thorheit, oder Verderblheit der Eltern ist unsere Mühe größtenlheilS vereitelt worden. Einmal aber habe ich einen Kleinbürger, der seine Kinder von der Schule abhielt, recht derb zurecht gewiesen. Der Mensch sagte mir nämlich, als ich ihn seiner armen Kinder wegen zur Rede stellte: „Die Kinder gehören mir, ich muß sie ernähren, darum kann ich aus ihnen machen. waS ich will." Darauf gab ich ihm nun zur Antwort: „Wem werden denn ihre Kinder gehören, wenn Sie, mein Herr, einmal todt sind? Werden Sie sich dieselben vielleicht mit ins Grad nehmen? Merken Sie sich daS: Ihre Kinder gehören nicht bloß Ihnen, sondern sie gehören auch Gott, sich selbst, dann der Kirche und dem Staate an. Gott hat Ihre Kinder erschaffen zu seiner Ehre; die Kinder selbst wollen einst ihr Fortkommen hier auf Erden und jenseits die ewige Seligkeit finden; die Kirche wünscht gute Christen und der Staat brave Bürger zu haben. Darum dürfen Sie auö Ihren Kindern nicht machen, waS Sie wollen, sondern Sie sollen auS ihnen machen, was Gott haben will, waS die Kinder einst selbst wünschen werden, und was sowohl die Kirche als der Staat wünscht. Mit einem Worte: „Sie sollen Ihre Kinder christlich erziehen, und wenn Sie daS nicht thun, so werden Sie furchtbar bestraft werden, sowohl in ver Zeit, als auch in der Ewigkeit; venn Sie selbst haben eS bei der Trauung unter einem Eide versprochen, die Kinder, welche Ihnen Gott anvertrauen wirv, gut zu erziehen. Ein Mensch aber, der das nicht erfüllt, was er unter einem Eide versprochen hat, wird ein Meineidiger genannt, und von dem strafenden Arme Gottes früh oder spät schmerzlich getroffen. Uebrigens muß ich Ihnen auch sagen, daß die Kirche Ihnen gar nicht vaS heilige Sacrament der Ehe sammt ihrem Segen gespendet und der Staat Ihnen gar nicht die Erlaubniß gegeben hätte, Bater zu werden, wenn Sie nicht feierlich versprochen hätten, Ihre Kinder sorgfältig zu erziehen. Ein ehrlicher Mann aber hält Wort." Auf diese etwas hastig gesprochenen Worte erwiderte der Mann gar nichts, sondern ging brummend davon. Wahrscheinlich hat er mich einen Jesuiten genannt; allein durch diese Benennung werde ich nicht beleidiget. In der Folge kamen seine Kinder fleißiger in die Schule und hatten einen großen Respect vor mir. Du siehst hieraus, theurer Freund, daß man sich in Wien mitunter ein wenig ereisern muß. Bete nur für mich, daß ich vom heil. Geiste mit einem weisen und ausdauernden Eifer erfüllt werde. Um dieß ersucht Dich dringend Dein Freund. Beraotwortlicher Redacteur: L. Schönchen. VerlagS-Znhaber: F. <5. Kremer. Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Posheitung. 17. October ^ ^2. 185S. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abouuementsprel« kr., wofür e» durch alle köaigl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kaun. Rom und die Kirchengeschichte. Wie viel hundert und hundert Mal ist geklagt worden, daß Rom nicht jedem dahergelaufenen übelrüchigen Subject, welches sich das Prädicat „deutscher Gelehrter" in gewichtiger Selbstschätzung beigethan, die Schränke seiner großartigen Bücher- und Manuscriptensammlungen alsogleich unter Trompeten- und Paukcnschall geöffnet hat? WaS für Anhängsel sind an solche Klagen nicht immer bitterböse beigefügt worden? Da hieß eS: Seht ihr, waS Rom selber und daS heilige Collegium der Cardinäle angeht — da lassen die Herren nicht gern in die Karlen schauen, da lieben sie eS nicht, daß der Weltgeschichte actenmäßigeS Licht aufgezündet werde, da zeigt sich deutlich ihr Streben, über manches Geschehene, was den Ihren nicht zur Ehre gereicht, den Schleier ungelüftet zu lassen für ewige Zeiten; da habt ihr RomS wahres Signal: Engherzigkeit und Lichtscheu!--AIS Theiner seinen Cardinal Frankenberg herausgab, haben wir selbst in unsere Ohren vernommen, wie ein zwar geborner, aber im Schlepptau jämmerlicher öffentlicher Jugendbilvuug ausgewässerter Katholik, der noch immer die ihm aufgekleisterte Nolteck und W'elker'sche Geschichtsanschauung nicht loö werden kann, bemerkte: „Wäre der Cardinal Frankenberg gegen Rom gewesen, wäre er ein unsittlicher Charakter gewesen, so Halle man in Rom dem Theiner gewiß nicht erlaubt, die Actenstücke zu veröffentlichen." Nun gibt aber Theiner — in Rom vom heiligen Vater selbst angestellt — unter deS PapsteS Augen die Beiträge zur Geschichte der Kirche in Schlesien heraus, und da wirb einer der höchsten kirchlichen Würdenträger, ein Cardinal und Bischöfe so hart und entschieden, so wahrheitsgetreu und ihrer Persönlichkeit halber nachsichlSloS in allen ihren Lebensbeziehungen durchgenommen, daß die so oft vorgebrachten erlogenen Klagen und verkleinernden Lamentationen in ihrem wahren Lichte dastehen. Dieß neue Werk Theiners gibt in der That einen neuen Beweis von der Großartigkeit, mit welcher in Rom die Wahrheit in der Kirchengeschichte über alle andern kleinlichen Rücksichten gestellt wird. Wenn auch die Acten und Thatsachen dem Todten nicht zur Ehre gereichen, so muß doch die Geschichte ihre Sendung, ihren Zweck, erfüllen. Ihr Zweck aber ist nicht, die Thatsachen zu enthüllen, dem Todten zur Unehre, sondern den Lebendigen zur Lehre. Wenn nun der Fürstbischof von BreSlau, Cardinal Sinzendorf, dargestellt wird, wie er wohl „gesetzt vom heiligen Geiste" und begabt mit hoher Würde, doch dieser Würde, dieser Setzung, diesem Berufe durch seinen Werth, durch seine That nicht im mindesten entsprach, und statt seinen Beruf zu erfüllen ' von ihm abgewichen ist, wenn dargestellt wird, wie er seinen kanonischen Rath, sein Domcapitel jederzeit verschmähte, wie er nur an blinden oder blöden, an Schmeichlern, an nur irdische Rücksichten kennenden und stellensüchtigen Klerikern sein Behagen fand, wenn er 33l) dargestellt wird, wie er nur Werkzeuge selbstsüchtiger Willkür dulden mochte und Priester, die mit ächt kirchlicher Gesinnung erfüllt waren, zu verfolgen wußte — so wird durch solche Darstellung doch offenbar eine großartige Lehre gegeben, wie die Kirche in ihrer historischen Wissenschaft schon das Gericht für'S Dießseits — die unerbittliche Geschichte — über diejenigen ergehen läßt, die abgefallen von ihrem wahren Geiste nur in Selbstsucht und weltlichem Gebahren befangen waren, ob sie auch noch so hoch in Würden dagestanden sind. Und da ist unS eben TheinerS Buch ein neuer Beweis, wie großartig Rom die Kirchengeschichte behandelt wissen will, und wie eS keineswegs in Rom beabsichtigt ist, die Acten zu verbergen und die Wahrheit der Geschichte zurückzuhalten. (W. Kirchenz.) Die Mission in Heining unweit Paßau. Längere Zeit schon gingS von Mund zu Mund, auch Heining sollte der Wohlthat einer Mission theilhaftig werden. Von dem größten Theil der Gläubigen wurde somit sehnsuchtsvoll nach dem Tage geschaut, welcher die Boten des Friedens GotteS herbeirufen sollte. Endlich erschien er denn und ungemeine Freude bemächtigte sich der Meisten, als am 14. September die heilige Mission ihren Anfang nahm. Selbe abzuhalten waren die fünf hochwürdigen PP. Redemptoristen 5) mit ihrem hochwürdigen Herrn Superior P. Haringer an der Spitze, TagS vorher in Paßau angelangt, wohin sie von St. Oswald gekommen waren, und wurden von dem hochwürdigen Herrn Pfarrer Damberger in Heining nach eben diesem Orte abgeholt. Am 14. selbst nun bestieg P. Haringer, nachdem ihm in der neuestens schön restaurirten Pfarr- kirche die sämmtlichen Vollmachten vom Herrn OrtSpfarrer übertragen worden, die auf freiem Felde links der Straße, welche über VilShofen und StraubingZnach RegenS- bürg führt, errichtete Kanzel, die Mission zu eröffnen. Eö war Abends vier Uhr, da er die ersten Worte an die ziemlich zahlreich versammelte Gemeinde richtete. Sie waren Worte der Verkündigung dcS Friedens, der Ermahnung zur Buße und Umkehr zu Gott, warum eben die Missionen abgehalten wurden. Der Eindruck war ein sichtbarer: die Herzen der versammelten Gläubigen schienen gewonnen. Hierauf wurde die Tagesordnung von der Kanzel gelesen, wornach die Mission vom 14. bis 22. September incl. dauern, an jedem Tage dreimal, um halb acht Uhr Morgens, ein Uhr Nachmittags und vier Uhr Abends eine Predigt gehalten werden sollte, worauf mit dem Allerheiligsten der Segen gegeben wurde. Nach der Frühpredigt war jederzeit feierliches Hochamt, darnach meist um zehn Uhr eine Christenlehre für die Kinder. Nachmittags zwischen der Predigt um ein Uhr und der um vier Uhr wurde der heilige Rosenkranz erklärt und abgebetet. Spät am Abend endlich, nachdem durch das Ave- Läuten zum Preise demjenigen aufgemuntert war, der eS nicht verschmähte, als deö Menschen Sohn zur Erde niederzusteigen und uns in Allem gleich zu werden, die Sünde ausgenommen — ertönte nochmal der Klang der Glocke, aber ernst und tief in die Herzen eingreifend. Um halb neun Uhr nämlich hallte eS weit und laut vom Thurme in die stille Nacht hinaus, für die Bekehrung der Sünder den Allerbarmer aus tiefstem Herzen anzuflehen. Wie Viele mag wohl beim stillen Gebete der bittende Ton der Glocke selbst gerührt und zur Umkehr bewogen haben? Wenn aber auch dieß möglich, weit mehr — deß bm ich überzeugt — wirkte die Gnade deS Herrn durch den Mund seiner Missionäre. In der That, alle Predigten, welche ich zu hören daS Glück hatte und ohne Zweifel alle andern, können als Muster, an daS Herz des Volkes zu sprechen, betrachtet werden. Einfach, ohne Ziererei, drang das göttliche Wort auö dem Herzen und Munde des Predigers zum Gemüthe der.Gläubigen. Bald ernst und erschütternd, bald aufmunternd und tröstend, wie es der Seelenzustand erheischte, wurden die hei- ") Ertlmayr, Hader, Hermann, Riegger und Freimadl. 331 ligen Wahrheiten und Lehren unserer hl. Kirche vorgetragen. Niemals aber fehlte die Absicht der Liebe, als einzige Richtschnur für die Wirksamkeit der Missionäre. Was soll ich sagen von den herrlichen Gleichnissen und erklärenden Beispielen, welche die hochwürdigen PatreS benutzten, um dem Worte GotteS desto leichteren Eingang in der Gläubigen Verständniß und Gemüth zu verschaffen? Genau für das Volk berechnet wurden sie auS der Mitte deö Volkslebens selber genommen: die nahe rauschende Donau mit der ganzen umgebenden Natur wurde aufs tiefste und doch einfachste zur Belehrung und Erbauung ausgebeutet. Oft vernahm ich von Solchen, die hierin ein Urtheil haben: Das sind wahre Volksprediger, geeignet, Gott und sich die Herzen zu gewinnen. ES war aber auch etwas Erhebendes und Niederschmetterndes, z. B. Herrn P. Riegger mit der Kraft eines PauluS und der Sanftmuth eines Johannes die ernstesten Wahrheiten vortragen zu hören. Wenn der hochwürdige P. Ertlmayr von der Macht der Hölle und der Macht des Kreuzes sprach, wußte man nicht, ob der Abscheu vor der Sünde oder die Liebe zur Tugend tiefer in die Herzen dringen sollte. Oeffnete der hochwürdige P. Superior den Mund, sey es als Engel des Friedens aufzutreten, wie er in der EröffnungSpredigt gethan, oder als ernster und strenger Mahner zur schnellen Buße zu erschüttern, oder mit der Liebe eines frommen Kindes zu seiner Mutter von dem Lobe und dem Preise, so wie der Nachahmung der allerseligsten Jungfrau zu reden, war es zweifelhaft, ob Thränen der Freude über die großen Gnaden oder Zähren der Trauer über die vielen Sünden in den Augen der Gläubigen glänzten. WaS die frommen, opferfreudigen Patres im Beichtgerichte als Seelenärzte wirkten, ist nur Gott und den einzelnen Herzen bekannt, welche nunmehr den Frieden der Seele nächst Gott den theuren Missionären verdanken. Die Anstrengung war eine wahrhaft übermenschliche. Herr P. Freimadl unterlag derselben schon in den ersten Tagen, so daß er nach Nltötting zurückgebracht werden mußte. Besonders aber muß ich noch hervorheben die sogenannten Standespredigten, welche vor dem Sündenbekenntnisse eines jeden einzelnen Standes gehalten wurden. An vier Tagen gab eS solche: der Eindruck muß gewaltig gewesen seyn, denn ich glaube, alle Pfarrkinder reinigten ihre Seelen durch Generalbeichten. Feierlich waren die Generalcommunionen, welche in der Regel TagS darauf während deS Hochamtes abgehalten wurven. Vor und nach denselben ertönten eindringliche Worte der Ermahnung und Bestärkung an die Communicanten und bei zwei Generalcommunionen geschah die Errichtung der für unsere Zeit so nothwendigen Jungfrauen- und Jünglingsbündnisse. Auch hier war eS sehr tröstend zu sehen, wie zahlreich, insbesondere bei den Jungfrauen, der Zutritt zu denselben war. Ueberhaupt aber sage ich keine Unwahrheit, wenn ich von der Theilnahme von Seite der Gläubigen sage, daß sie sehr groß und erfreulich gewesen. Während der ganzen heiligen Mission konnte man die geheimnißvolle Umwandlung durch die Gnade des barmherzigen GotteS an fast allen Pfarrangehörigen bemerken. Dieser entsprach das ernste, in sich gekehrte, würdige Benehmen der Gemeinde. Allein nicht bloß diese, sondern Gläubige aus Nah und Ferne zog der fromme Eifer und der Durst nach der himmlischen Heilsquelle zu der Theilnahme an den Segnungen der Mission. Wie Vieles könnte ich noch sagen von der rührenden Feier der Kindercommunion, der Wiederholung deS TausgelübdeS, der feierlichen Hingabe der Gläubigen an JesuS und seine heilige Mutter Maria! Doch ich begnüge mich dieses gesagt zu haben und berühre nur noch den letzten Tag, die Schlußfeier der Mission. Sie war die schönste, die rührendste, die ergreifendste. Nachdem der hochwürdige P. Hader die Weihungen der Kreuze, Rosenkränze, Medaillen und Bilder vorgenommen, bestieg nach feierlicher Procession mit dem Allerhciligsten der hochwürdige P. Superior zum letzten Male die Kanzel. In heiliger Freude pries er den Eifer der Gläubigen und die Frucht der heiligen Mission: sodann aber sprach er auch seine Gefühle der Bangigkeit und Trauer aus, sich und die Gläubigen erinnernd, „daß der Geist zwar willig, aber daS Fleisch schwach sey", demnach gar Mancher wieder abfallen würde. Daher gab er nochmal die Mittel an, in der Treue gegen Gott standhast auszuharren, und nahm sofort 33S Abschied von der Gemeinde. Kaum hatte er hievon zu sprechen angefangen, da er» griff cS im heiligen Schmerze die Tausende der Anwesenden. Ein laureS Schluchzen begleitete die weiteren Worte des hochwürdigen SuperiorS, und helle Thränen schim- mene», ja rannen aus eines Jeden Auge, das den dockwürdigen Paler besah. Ich sah Männer von gewaltiger Natur, die ich nicht für befähigt hielt, eine Zähre zu vergießen. Aber dennoch griffen auch sie zum Tuche, sich die Thränen abzutreiben, welche sie — man fühlte eS wohl — mit ihren Weibern und greisen Vätern, ihren Kleinen und Ehehalten um die lieben PalrcS vergossen. Diese Thränen waren das schönste Gebet im Angesichts deS Himmels zum Herrn cmporgesendet für die vielen Wohlihaten Seiner Gnade, die Er durch die Hände Seiner frommen Missionäre in die Herzen der Gläubigen ausstreuen ließ: sie waren aber auch der zeugendste Dank den Bemühungen der hvchwüroigen Väter gegenüber, welcher nie erlöschen wird. Hierauf ertheilte der hochwürdige Superior noch den feierlichen Segen der Kirche und insbesondere deS heiligen VaterS, worauf die heilige Mission für geendigt erklärt wurde. DaS Allerheiligste, welches während der Schlußpredigt auf dem Altare ausgesetzt war, ward sorann in großartiger und feierlicher Procession wieber in die Kirche zurückgetragen; von Ihm sodann daS „Te Deum laudamuS" freudigst angestimmt und nach Abhaltung desselben noch der Segen gegeben, womit diese erhabene, mir und Vielen ewig denkwürdige Feier vollends schloß. Die hochwürdigen Väter verwenden noch einen ganzen Tag auf die Bcsuchung der Kranken, um ihnen in ihren körperlichen Leiden die stärkenden Freuden deS Trostes uuv der Beseligung durch die Gnaden der Religion zu gewähren. Sofort reisen sie am Freitage den Z4. Früh Morgens ab. An eben diesem Tage beginnt eine heilige Mission in Poiking im sogenannten Rottthal und bald auch andere in Regen, Rinch- nach, und BischofSmaiS, Pfarreien im Wald. Schließlich noch dieses. Für zwei Stücke danke ich Gott: daß wir einen so eifrigen und frommen Regulär- und SecularkleruS haben und dann auch dafür, daß daS Volk noch einen so guten Willen zeigt. Endlich aber beseelt mich noch der Wunsch, eS möchten alle Diejenigen, welche in ihrer Verblendung voll der Vorurtheile gegen die Missionen sind, eS über sich bringen, einmal einer solchen anzuwohnen. ES würde nicht blos der Nebel, der vor den Augen ihres Geistes und Herzens ist, hinweagenommcn werden, sondern auch ihnen sich die Ueberzeugung bilden, daß die Missionen, deren sich «die heilige Kirche in unsern Zeiten bedient, ein Radikalmittel seyen, die Schäden unsrer Tage gründlich zu heilen, und daß man sie mit Recht die Kanäle nennen kann, durch welche mit Zuführung der erfrischenden Quellen der Gnade GollcS Ehrfurcht gegen den Herrn und Sein heiliges Gebot, Gehorsam gegen die Kirche und ihre Vorsteher, Achtung und Anhänglichkeit und Treue gegen König und Vaterland in die Herzen deS Volkes einströmt und hiemit auch Segen, Heil und wahres Glück in jeder Hinsicht. Auf Euch endlich, hochwürdige Bärer! ergieße sich im reichlichsten Maaße die lohnende Gnade deS Herrn I DaS Volk in dem Bewußtseyn, daß ihr eS wahrhaft beglücken könnet, liebt Euch als seine theuren Väter. In dieser Liebe möge Euer Lohn hier, in der ewigen Glorie aber, wo aller Verfolgung Ende ist, derselbe jenseits bestehen, kmt, Lst! Die Crefelder Ausstellung mittelalterlicher Kunstgegenstände. Es ist eine schon oft wiederholte Bemerkung, daß seit 1833 daS kirchliche Leben in fortwährendem Wachsthum« und immer weiterer Ausbreitung begriffen sey. Wallfahrten, Bruderschaften, Vereine zu den verschiedenartigsten religiösen und kirchlichen Zwecken, kirchliche Neubauten und Reparaturen, Missionen, Stiftung neuer und Reformation alter Orden und mehrereS Andere beweisen diese Behauptung. Namentlich zeigt sich der erweckte kirchliche Sinn in der Wiederbelebung der mittelalterlichen Kunst, welche, ein Erzeugniß tiefer Religiosität, aus den Tempeln der 333 Religion fast verbannt war; der alte, lange verkannte Choral kommt wieder zu verdienten Ehren, die Ornamentik tritt mit dem kirchlichen Baue und der Heiligkeit deS geschmückten Gegenstandes in Eintracht, und die gotteSdienstlichen Gesäße und Ge« rälhschaflen erlangen wiever Charakter und Styl. Seit dem Ende deS MittelalterS hat die religiöse Kunst nichts Besseres, alS daS schon Vorhandene, schaffen können; deßhalb wandte sich der fromme Sinn dem verrufenen „finsteren" Mittelaltcr wieder zu, und mit Staunen und Bewunderung steht der Beobachter vor seinen herrlichen Werken, dessen Verständniß ihm die einschlägige Literatur der letzten J'ahre ver- milielt hat. Unter diesen Umständen ist die Crefelder Ausstellung mittelalterlicher Kunstgegenstände ein Zeichen der Zeit, ein Beweis deS neu erwachten kirchlichen SinneS; vor zehn Jahren wäre sie noch nicht möglich gewesen oder hätte wenig Besucher gefunden, während sie jetzt, auch nach der Londoner und andern Industrie-Ausstellungen, ein sehr großes Interesse in Anspruch nimmt. Wer den andauernden Fleiß und die Opserwilligkeit, wer prachtvolle kirchliche Arbeiten in Silber und Gold, in Schmelz, Email und Filigran aus der romanischen und gothischen Periode, wer kunstreiche asiatische Gewebe, die der Frommsinn der Vorfahren dem höchsten Herrn geweihet, wer die ursprüngliche Form kirchlicher Gewänder und Gefäße (Caseln, Kelche, Patenen, Kreuze) und ihre Aenderung zu der jetzigen Gestalt sehen, vergleichen und bewundern will, der gehe nach Crefeld. Eine ausführliche Beschreibung überlasse ich einer andern Feder, kann jedoch nicht umhin, folgende Gegenstände namentlich zu nennen: die Caseln deS heiligen HeribertuS, Bernard und Bruno, deS Albertus MagnuS, Monstranzen und Ciborien, Ostensorien und Reliquiarien, Kreuze (darunter ein sehr altes) aus der romanischen und gothischen Zeit, Statuetten, Weihrauchfässer; den großen Altarteppich aus dem Kölner Dome und den durch den Crefelder Marienverein gefertigten Altarteppich; eine Stickarbeit: „Christus am Kreuze" (wunderschöne neue Arbeit Crefelder Damen); Webereien der Herren Casaretto und Kleinenbroich. Neben den alten Werken der Goldschmiedekunst haben und verdienen die romanischen und gothischen Kirchengefäße deS Herrn Dutzenberg ihre Stelle. Der Eindruck, welchen die Ausstellung auf den Beschauer macht, ist ein erhebender; sie reißt zur Bewunderung der mittelalterlichen kirchlichen Kunstperiode und zur gebührenden Geringschätzung der folgenden hin, wo die Glaubensspaltung ihre unheilvollen Früchte auch im Verfalle der kirchlichen Kunst hervorbrachte, wo die kirchlichen Kunstwerke in der Rumpelkammer und gegossene und gepreßte Gefäße auf den Altären standen. Auf, gen Crefeld! lasset euch erleuchten durch die Werke deS „finsteren" MittelalterS! (Z. z. V. H.) _ Unsrer lieben Frauen Mantel. Eine Erzählung in steben Lcctionen über da» Salve Negina. Siebente Lection: „Und nach diesem Elende zeige un« Jesum, die gebenedeite Frucht deines Leibes." Es ist wahr, sagte Meister Pankraz, es ist nichts Besonders in und an der Welt; Alles ist höchstens nur Versuchung, Lockung, Prüfung. Meine eigene Hand- thierung lehrt das schon! WaS den Menschen nährt, ist Mehl und Wasser; der Honig, den ich hinzuthue, ist schon eine Lockung. DaS tägliche Brod ist unS Menschenkindern nicht genug, wir wollen auch Lebkuchen haben, und unterstehen unS, in unserer deutschen Sprache dergleichen Honigbrod Lebkuchen zu nennen, als wollten wir damit zu verstehen geben, daß wir nicht vom Brod, sondern von der Süßigkeit unser Leben haben. DaS pflegt aber oftmals eine elende und eingebildete Süßigkeit zu seyn, zumal wir von der Ehre leben, und vom Ehrhunger geplagt werden. 334 WaS wollen Sie aber damit sagen? entgegnete der Kranke. Nichts, mein lieber Herr Falzmann, sprach der Lebkuchenbäcker, als dieses, daß am gestrigen Festtage Alles sebr gut abgelaufen ist. Ist nicht Ihr Jacques ein Junge voll Glanz und Nettigkeit? Der hak eine große Portion Ehre zu seinem täglichen Bedarf nöthig gehabt; jetzt aber lebt er ganz sparsam damit, ist auch gestern ganz friedfertig in Ihrem Bilver- und Bücherhüttchen neben der Kirche gestanden, und hat Groß und Klein auf'S bereitwilligste abgefertigt. Und meine Pepi vollends — hat ihre Stickerei am Frauenmantel und daS, waS sie bet der Fürstin gilt, nicht allen Neidharden ins Auge geleuchtet? Viel Ehre, ja wirklich gar zu viel Ehre; und ich, als ihr Vater, habe auch meinen Theil davon mttgegessen und mitgenossen; aber wie benimmt sich gestern daS kluge Kind? Sie steht ganz bescheidentlich in meiner Lebkuchenhütte und verkauft Reiter, Marzipan und Pfeffernüsse an Groß und Klein, als wäre sie niemals am Stickrahmen einer durchlauchtigen Fürstin gesessen I Der Kranke sprach: mich freut es inniglich, daß eS so gut mit unsern Kindern steht und kann ich nun sorgenlos zum hölzernen Einband mich zusammen legen, in welchem wir zu ruhen hoffen, bis zur Zeit, da daS große Buch wird aufgethan. — Der Lebkuchenbäcker: Trübselige Gedanken daS! — Der Kranke: Es ist eben kein trüber Gedanke, die Hoffnung, bald hinauszugehen auS diesem Elende. Wohl, sagte Herr Pankraz; aber ist denn dieß Leben wirklich nichts als Elend? — Ja, bester Nachbar, und zwar im doppelten Sinn. Denn einmal ist daS Elend auf Latein Erilium, zu deutsch Verweisung, und im Elend seyn, bedeutete vor Zeiten, fern von seinem Vaterland wandern. Unser wahres Vaterland ist aber nicht hier, folglich, so lange wir hier sind, sind wir in der Fremde, im Elend. Zum andern ist daS Elend auf Latein Miseria, zu deutsch Elend schlechtweg, und das findet sich bekanntlich überall, wo daS Paradies nicht ist; denn wo daö Elend nicht zu finden wäre, da wäre eben schon daS Paradies; nun aber ist selbes dem sterblichen Leben nicht zugänglich, und ist nimmer auf Erden. ES ist aber noch ein drittes Elend, und dieß zwar ist größer als alles übrige, nämlich nicht wissen, daß dieses Leben sonst nichts denn Elend sey. DaS ist hart, Herr Falzmann. — Nicht härter als wahr, Herr Pankraz. Aber weil daS Reden mir sehr hart fällt, so bitte ich Sie, dort die Schrift herauszunehmen, ich habe sie schon vorgestern niedergeschrieben, und zwar für meinen Sohn; lesen Sie mir doch die etlichen Zeilen vor. — Und Pankraz las, wie folgt: „Außer meinem letzten Willen, so hauptsächlich von zeitlichen Dingen handelt, wollte ich dir, mein lieber einziger Sohn, noch einige gewichtige Worte ans Herz legen, die sollst du wohl zu Herzen nehmen, aber auch in dem Felleisen sorgfältig bewahren, das dir auf deinen Reisen gedient hat. „Ich zwar, wenn du diese Zeilen liesest, bin von hier hinaus gegangen und hoffe durch die Fürbitte der Mutter Gottes, der ich allzeit vertraut habe, das Angesicht meines Erlösers zu schauen. Du aber bleibst noch in diesem Elende. „Ein Elend aber ist dieses Leben^ es erscheine dir nun bitter oder süß, fröhlich oder trübe. Denn obwohl daS Leben oft voll Wolken ist und peinlichem Gewirr, und heimgesucht von Hitze, Frost, Mangel, Schmerz, Sorge, Schmach, eitlem Bestreben, ermüdender Arbeit, Feindseligkeit, Ueberdruß und überhaupt einem Hundertsachen Alphabet von Armseligkeiten, Bangigkeiten und Calamitäten, so sind doch diese keineswegs daS Schlimmste, sondern vielmehr das Beste von der Sache, denn sie wirken in dir eine Sehnsucht nach dem Vaterlande und zeigen dir daS Elend in seiner wahren Gestalt, während die sogenannten Lebensfreuden, oder die Freuden dicseS Elendes, dir seine wahre Gestalt verhüllen, und dich mit solcher Liebe an dieses Elend ketten und kitten, daß du des Baterlandes nimmer begehrst. „Und also zwar, da dieß Elend ein doppeltes Antlitz zeigt, ein freundliches und ein trübes, so traue dem ersten nie, und sey gewiß, daß nur daS letztere dir die Wahrheit sagt. DaS freundliche darf dich nicht zu sehr erlustigen, doch auch vaS 335 trübe nicht erschrecken. Schrecklich ist nur der Abgrund längs des Weges, furchtbar oder erfreulich nur allein daS Ziel. „Vergissest du nie, daß hienieden nur eine Wanderung sey durch Elend zur Freudenfülle, durch Finsterniß zum Licht, so wirst du in stiller Sehnsucht deinen Weg gehen und in heiliger Furchl; du wirst aber, der Gefahr stets eingedenk, zu deiner Mutter flehen, die alle Menschen mit himmlischer Liebe liebt und täglich rufen: Nach dieser Finsterniß zeig' unS das Licht! nach diesem Elende zeig' uns Jesum, den Herrn der Seligkeit; die gebenedeite Frucht deines LeibeS! „Zu Ihr rufe täglich, mein Sohn, Ihrem Schutze empfiehl' deine Seele. Die daS Licht, die Wahrheit und das Leben, die den Seligmacher uns gebar, sie ist die Pforte deS Himmels, die Königin des Paradieses. Ihrer Huld empfehle ich dich und mich, da voll christlicher Zuversicht auf Christi Wunden und Mariä Schmerzen ich hinaus gehe auS diesem Elende; ich, dein Vater, Thomas Falzmann, Buchbindermeister allhier." DaS ist ein beweglicher Brief! sprach Pankraz, ihn wieder zusammenfaltend; aber kaum für junge, glückselige, frische Leute, bei denen der Himmel noch voll Geigen hängt. Wir Alten freilich, wir haben schon ein MehrereS erfahren. — Herr Falzmann aber entgegnete: Dieß Gute hat daS Elend, daS da genannt wird Miseria, daß eS uns über das Elend belehrt, so da heißt Erilium. Im Uebrigen werden der Herr Nachbar höflichst ersucht, den Herrn Prior baldigst zu mir zu bitten. Denn eS ist aller Tage Abend herbeigekommen und dämmert schon herein. !nn>? ME ötjzjE :chvM S»k -^»^tnminH. n,möoK nsAttzaöl» msm» ni ui/iK Schluß. „O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria." Als eS binnen wenigen Wochen mit dem alten Falzmann dahin kam, daß seine Seele von den morsch gewordenen Banden ihres irdischen Einbandes sich löste, hat man diese kindliche Anrufung noch von seinen erbleichenden Lippen vernommen. Herr Pankraz sah in sein altes Gebetbuch hinein, und laS die Bernardischen Worte: „Gütig bist du den Dürftigen, milde den Flehenden, süß den Liebenden. O wie gütig erweisest du dich den Reuigen, wie milde den Fortschreitenden, wie süß den Vollendeten!" Der Prior sprach die letzten priesterlichen Worte über den Verblichenen, Herr Jacques schluchzte und Josephs weinte mit ihm. Da hielt der fürstliche Wagen vor dem Hause und die Fürstin selbst trat herein. Wir bitten tausendmal um Verzeihung, rief Herr Pankraz, indem er, obwohl mit großer Submission, Miene machte, der hohen Frau den ferneren Weg in des Zimmers Mitte abzusperren; er ist so eben fortgegangen, der Selige, er ist ganz richtig gestorben, wie er'S seit den letzten Wochen immer behauptet hat, daß er ganz sicher sterben werde; er muß eS also doch deutlich in sich gefühlt haben! Ja, waS noch mehr ist, er hat sich daS Salve Regina vorbeten lassen, wie Einer, — um ein recht plumpes und doch in etwas erhabenes Erempel zu geben, wie Einer, der da sagt: Ihr Hautboisten, oder ihr mit den Cymbeln und Harfen, spielt mir anjetzo mein Lieblingsstück auf, denn ich gehe meinen Freudengang und komme nimmermehr, und mit dem Elende hat eS ein Ende. Nicht hinschauen, Ew. Durchlaucht, wiewohl Ew. Durchlaucht ganz allein zu befehlen haben, aber ich wollte nur gemeint haben--Der Prior unterbrach diesen Vortrag gutgemeinter Besorgnisse, indem er durch einen abwehrenden Blick auf den lebhaften Redner die Aussicht auf den beredsamen Todten frei machte. Auf diesem erstarrten Angesichts, sagte er, hat die scheidende Seele eine Glanzspur ihres Friedens und ihrer Freudigkeit zurückgelassen, hier sind keine TodeSschrecken. Von Lippen, in deren letzten zuckenden Regungen sich noch der süße Name Maria formt, kann der TodeSschmerz das Lächeln nicht verscheuchen. Sie hat ihrem treuen Diener den Beistand gewährt, um welchen er täglich sie gebeten halte; gelobt sey Gott. Herr JacaueS schluchzte bei diesen Worten noch mehr als früher, und Josepha weinte noch ferner mit ihm. Auch Herr Pankraz konnte nicht umhin, ein Gleiches zu thun, nur rief er dazwischen: die guten Kinder! ach, die guten Kinder! — 336 Bereits war daS letzte buntfarbige Herbstlaub über des alten FalzmannS Grabhügel hingeweht, als die Thränen wieder von neuem flössen. Die Fürstin war in die Hauptstadt zurückgekehrt und halte Josepha als Gesellschafterin, wie Pankraz versicherte, oder alS Kammerjungfer, wie die andern Leute im Orte wußten, mit sich genommen. Herr JacqueS gab sich zwar zum letzten in die Kost und hielt sich fleißig zur Arbeit, auch redete ihm der alte Nachbar oftmals zu, und sprach: Nur ausharren, mein Kind, und dem Herrn Prior gehorsam seyn und der Meinung der Fürstin folgen, die an Ihnen wie eine Mutter handelt, und vor Allem die HtmmelSfürstin um ihren Schutz anflehen, die Ihnen schon so viele Gnaden erzeigt! — Nichtsdestoweniger verging kaum eine Woche, wo er nicht nach seinem Felleisen sah und die Riemen aufzog, um eS in reisefertigen Stand zu setzen. Aber da war das Erste, waS seinem Blick begegnete, seines VaterS Abschiedsschreiben, das laS er dann, erwog eS hin und her, zog ganz sachte die Riemen wieder zu und blieb. ES dauerte aber nicht einmal siebenmal sieben solcher Wochen, die Herr Jacques alS seine Probezeit zubringen mußte, und eS soll diese Geduld- und Ergebungsübung ihn nimmermehr gereut haben, obwohl die Folge davon war, daß der nunmehrige junge Buchbindermeister, ehe ein JolleS Jahr umging, aus dem ungebundenen in den gebundenen Stand übertrat. Da war die Gesellschaft, die bei dem Sterbelager versammelt gewesen, auf dem fürstlichen Schlosse wieder beisammen, und Herr Pankraz genoß einer Ehre, die ihn süßer dünkte, als Alles, was er an eigenem Hänvewerk jemals SüßeS vollbracht hatte. Die Fürstin aber ließ beim Schlüsse der Tafel ein schönes Bild unserer lieben Frau in einem glänzenden Rahmen hereintragen, und sprach: Dieses Bild kennt ihr wohl, auch der goldgestickte Mantel ist nicht hinweggelassen; eS ist genau nach jenem am Altare, vor dem Ihr heute daS heilige Bündniß einginget. Unter dem Schutze der göttlichen Mutter möget Ihr in treuer Liebe und Einigkeit durch dieses Leben wandeln, und tagtäglich durch ihre Fürbitte erfahren, wag mit den goldenen Buchstaben unter dem Bilde steht. Sie sahen hin und lasen die Worte: O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria! WeHindien. Der Generaldirector der Schulbrüder auf der Insel Martinique, Bruder Philemon, starb kürzlich. Dieser schmerzliche Verlust ist keine vereinzelte Thatsache. Jedes Jahr sterben in dieser Mission mehrere Arbeiter in der Blüthe ihrer Jahre, oder werden doch wenigstens zur Rückkehr nach Frankreich genöthigt, um ihre geschwächte Gesundheit zu stärken. Ihrer sind einerseits zu wenige, um den dringenden Bedürfnissen der Colonien zu genügen, und andererseits sind sie zu eifrig, um alles Gute zu fördern. In einzelnen Gemeinden haben sie 5l1t), köv, ja 7- bis 300 zur ersten Communion vorzubereiten. Der Director der Schulbrüder zu Guadeloupe schreibt unter dem 27. Juli an den Generalobern Herrn de la MennaiS: Sie begreifen, mein guter Vater, daß solche Anstrengungen die Brüder ermüden. Nichts desto weniger unterziehen sie sich ihnen mit bewunderungswürdigem Eifer. Man bemerkt aber auch so vielen guten Willen bei diesen braven Leuten, man ist Zeuge von dem Eifer, welchen sie beweisen, zu Gott zurückzukehren, nachdem sie so lange Sclaven deS Teufels waren, so daß man unmöglich seinem Eifer Schranken setzen kann, und sich mit Freude für ihr Seelenheil aufopfert. ES ist wahrhaft rührend, wenn man sieht, wie nach Beendigung ihres mühseligen Tagewerks nicht allein Jünglinge, sondern Greise von sechzig, siebenzig und achtzig Jahren begierig nach der Lehre des Heils zu unsern Häusern kommen, und sich so auö Begierde zu hören, der nothwendigsten Ruhe berauben. Ich kann nicht aufhören Freudenthränen zu weinen. Dieser Religionsunterricht ist mein größler Trost. Er ist das Beste in unserer Mission. Berautwortlicher Redacteur: L. Scheuchen. VerlagS-Znhaber: F. C. Kremer. Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Äugslmrger PostMung. St. Oktober M 1852. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonuementspreis HU kr., wofür e« durch alle kvmgl. bayer. Postämter uud alle Buchhaudlungeu bezogen werde» kann GlaubenStöue aus der Mark. ES ist eine nicht zu verkennende Thatsache, daß sich im nördlichen Deutschland ein der katholischen GlaubenSanffassung geneigter mächtiger Geist regt, und eS sind in der letzten Zeit Erscheinungen zu Tage getreten, die deS Kaiholiken Herz mit Freude erfüllen, cS haben Ereignisse statt gefunden, die, wenn sie auch im ersten Augenblick die veolssia prvssu beweinen lassen, doch den erfreulichsten Auögang nehmen werden und müssen, wir sagen: müssen, denn die Wahrheit muß durchdringen, muß siegen. Sind die Erscheinungen auf dem kirchliche» Gebiete im nördlichen Theile unseres Vaterlandes erfreulicher Natur, so sind sie eS besonders auch deßwegen, weil sie ein Beweis nicht bloß deS Suchens, sonderndes SchncnS nach dem positiven Glauben sind, und ihren äußern Grund in der Zerfahrenheit deS Protestantismus, in seiner kirchlichen Unselbstständigkeit, in dem dogmatische^ Indifferentismus der Union finden. Zeuge dessen ist ein Schriftchen, welches die Ausschrift führt: „Unser Zustand von dem Tode bis zur Auferstehung", und dessen. Verfasser L- P. W. Lülkemüller nicht bloß dem Protestantismus angehört, sondern selbst evangelischer Pfarrer in der Mark Brandenburg ist. In diesem Werkchen ist nicht nur die Lehre vom Fegefeuer auf biblischem und traditionellem Grunde evident bewiesen, sondern sind fast alle Fnndamentalwahrheiten deS christkatholischen Glaubens mit einer Schärfe und Wahrheit dargelegt, daß der Verfasser in seinem Glauben mit dem Glauben der heiligen Kirche vollkommen übereinstimmend betrachtet werden muß. Wir sind beim Lesen dieser Schrift so freudig überrascht worden, daß wir glauben, den Lesern dieser Blätter einen angenehmen Dienst zu erweisen, wenn wir sie einige frische GlaubenStöue auS der sonst so sandigen Mark vernehmen lassen. Der Verfasser widmet seine Schrift „der heiligen allgemeinen, d. i. katholischen Kirche." Und was ist unserm Verfasser die Kirche? Nachdem er das monarchische Princip in der Kirche, daö Papalsystem, als das allein wahre, von Christus iusti- tuirte anerkannt und bewiesen hat, fährt er S. 32 fort: „Ich bekenne offen, daß ich seitdem die katholische Kirche in einem ganz andern Lichte betrachte, ich verehre, wo ich früher— ich meinte in einem ehrenhaften, ritterlichen Kampfe — das Schwert zog. Ich kann die heilige Kirche nicht mehr alö ein Unhistorisches, als eine unsichtbare, oder wenn sichtbar als ein todt AbstracteS, formulirt in einer subjektiven Auffassung von einer „Versammlung aller Gläubigen, bei welchen das Evangelium rein gepredigt, und die heiligen Sacramente laut deS Evangelii gereicht werden" annehmen. Dieses ist eben so uubestimmt, wie der Paragraph einer modernen Con- stitution." — „Ich sehe schon aus der Organisation der heiligen Kirche, welche der Herr EhristuS selbst bestimmte, und aus der geschichtlichen Erscheinung der heiligen Kirche seit dem ersten Pfingstfeste (vergl. Apostelg. 2), mithin aus dem neuen Testa- 338 mente, daß die Kirche hier auf Erden kein bloßcS Hirngespinnst ohne Fleisch und Blut, sondern eine wirkliche historische ist, oder ich müßte sie deßhalb für unsichtbar halte», weil sie mir, etwa wegen meines Ichs, und so aus Blindheil gegen das Wort Gottes, noch unsichtbar wäre. Ich glaube an die einige, heilige, apostolische und katholische Kirche." — „Wie ich in Christo selbst, dem Haupte, annehme, als er vom Himmel auf Erden in die Erniedrigung gekommen war, daß Gott geoffenbaret ist im Fleische, daß JesuS Christus ist ins Fleisch gekommen, also die Gemeinschaft zwischen der Gottheit und der Körperwelt, ihre Verbindung annehme: so kann ich auch nun den Leib Jesu Christi in ssiner Einen, heiligen Kirche nicht mehr schwärmerisch verabscheuen, in der sichtbaren Kirche und damit andererseits die Kirche selbstwörtlich überschätzen, d. h. sie mir in ein falsch spiritualistischeS Phantom auflösen, in ein unsichtbar abstracteS Ding ohne Wirklichkeit, in eine bloße Idee, wie einst Juno die Himmelskönigin sich, nach der Mythe, dem, der sie sinnlich erkennen will, entzieht, indem sie sich in eine Wolke auflöst. Einen Dunst statt der Kirche umfaßt Jeder, der sie nun auch in irgend einen todten Buchstaben ohne Geist, Leben unb Wirklichkeit formulirt, heiße es: „Die Bibel allein!" und wo möglich noch ohne Apokryphen, oder: „die symbolische Schrift! oder Schriften", oder: „die Bibel so weil sie Bibel ist!" Ohne die heilige apostolische und katholische Kirche selbst bleibt alles ein strohernes Wesen, Holz, Heu, Stoppeln, ein todtes Schema, eine fremdartige, unhistorisch?, revolutionäre Konstitution, da man meint, den ganzen Staat mit aller Weisheit in der Westentasche forttragen zu können. — DaS ist freilich leichter als die katholische Kirche! Eben so thöricht ist das Geschrei: Christ! Christ! gegen den Geist der heiligen Kirche. — Dagegen schaue ich die unaussprechlich herrliche, die heroisch Erhabene, die Vergötterte, das Weib mit der Sonne bekleidet. Ich schaue die Braut des himmlischen Salomon, die Eine, die AuSerwählte, die Taube. Wie der Herr aus verschiedenen Heerden von Schaafen (in den Kirchen des Heidenthums) gewollt hat, daß sie Eine werde, und dazu in den Einen Schaaf- stall geführt werde, damit Eine Heerde und Ein Hin sey, so auch hier: Eine ist die AuSerwählte, die Taube, nicht Zwei. Ich schane sie die Himmelsbraut, dieses verkörperte, höchste EpoS der Lieder, deren äußeres Wundervolles die Hülle deö Innern, des Jncorporirten selbst ist, in welchem der Geist zur Realität geworden ist. Ich schaue dieses höchste Kunstwerk Gottes. Fleisch von dem Fleische deS zweiten Adam, auS Christi Rippe, da er in den TodeSschlaf gesunken ist, geschaffen, die geistliche Eoa, die Mutter aller Lebendigen, die Herrin und Inhaberin deS Paradieses. Sie ist, abstract betrachtet, die heilige Mutter GotteS, die Maria, welche das Jesuskind unter ihrem Herzen hat, bis zur seligen Geburt! Seit die heiligmachende Gnade daS Bild GotteS, den ^os, wieder in mir hervortreten ließ, sehe ich auch nicht mehr in der heiligen Kirche einen bloßen Schattenriß, eine leere Form, ein blasses Bild — das Bildliche ist unter dem Alten Testamente — nein, hier ist daS lebendige Wesen, von welchem wir im Alten Testament daS Bild sehen! Gewinnt Christus erst in uns selbst die Gestalt,' dann vermögen wir ihn auch wieder in der Gestalt seiner heiligen Kirche zu schauen, dann begreifen wir deren Institutionen, deren Zweckmäßigkeit, deren Contemplativität, deren Entsagung, deren Zucht, wie auch ihre monarchische Gestaltung, ihre Hierarchie!" „Diese heilige Kirche muß u»S, als Unwürdige, an das Gängelband ihres GlaubenSansehcnS nehmen, oder wir vermögen nicht zu gehen"; sie ist Auktorität, Richterin, „durch ein Primat in dem Papstthume ist die heilige Kirche in sich selbst erhalten worden, durch Christi göttliche Institution des Petrus in daS Primat mit der Uebertragung der Schlüssel deö Himmelreiches ist sie der Sauerteig geworden, um alle Völkermasscn zu durchsäuern." Die katholische Kirche hat auch mit ihrem Geiste die Völker durchsäuert, in den Völkern die wirkliche Reformation vollbracht, und um diese zu vollbringen, hat sie den bei den einzelnen Völkern sich vorfindenden reinen, natürlichen Namen der Religion, die Fragmente der Uroffenbarung, nicht verworfen, sondern gerade auf diesen Stamm, diese OffenbarungSsragmente das neue Pfropfreis des S39 Christenthums eingepflanzt, wie der heilige Paulus in Athen gethan, da er den Athenern nur den unbekannten Gott, dessen Altar er vorfand, zum Bewußtseyn bringt, und Propst so auf den Namen der Gottesfurcht der Athener daS Reis dcS Christen. lhnmS. Aber diesen „natürlichen, volksthümlichen Stamm der Religion beachteten die sogenannten kirchlichen resormaton'schcn Männer des Volkes im löten Jahrhunderte ganz und gar nicht; im Gegentheile, unfähig zu unterscheiden, verlästerten sie, judai- sirend, ihn und damit die nachgewiesene apostolische Weisheit der katholischen Kirche alS^ „heidnisches Rom", als Heidenthum, Abgötterei, als den Antichrist u. s. w. Darum muß ich entschieden bestreiken, daß sie als Männer des Volkes, im höheren Sinne, handelten; vielmehr begann damit ihre rationalisirende, nur auslösende, nur zersetzende Subjektivität und die Begründung von Scctenthum statt der Kirche. Einerseits entsteht bei dem Verlust der wahren Kirche nun ein subjcctiver Idealismus, ein loSgeschältcr todter AbstrahiSmuS, ein Phantom, ein Idol, ein Gespenst von Kirchenthum, daS man für den lebendigen Christus und sseinc wahre Kirche, für den Geist hielt, andererseits zugleich die Auflösung in den rein fleischlichen Materialismus, daS Ende deS Rationalismus, welches nothwendig auS seinem Principe folgt; — während die andern sich todt jagen in dem: „Hier ist Christus! und da ist er!" „Nein, dort ist der Geist!" Und überall doch «ur dasselbe Gespenst. — DaS Abgestorbene kann nicht erzeugen, nur zerstören. So hat die Reformation deS löten Jahrhunderts auch keinen kirchlichen Baustyl erzeugt, nur ausgeräumt hat sie, nur, «o sie etwas Kirchlicheres zeigt, das Alte für sich in Beschlag gehalten oder dasselbe mit mehr oder minderm Geschicke etwas nachgeahmt in äußerlicher Mosaik arbeit. Betrachten wir dieses moderne Wesen geschichtlich, so macht die Revolution derartig tabula rsss, um sich mit ihrer usurpatorischen Willkür an die Stelle deS naturwüchsig Christlichen, Legitime», Historischen zu setze». Sie pflanzt den wurzellosen, todten Frciheitsbaum statt dcö natürlichen, wurzelnde», immer grünen, veredelten LcbcnsbaumcS auf; sie wirkt, statt der Cultur, Verwilderung. (Fortsetzung folgt.) Ueber die alten christlichen Handwerker-Innungen. (Oestcrr, Bolksfrcund.) Kirchlich gesinnte Männer richten seit einiger Zeit ein vorzügliches Augenmerk auf den Handwerkerstand, und bemühen sich, die Mitglieder dieses Standes in religiöser Beziehung zu heben, und eine wahrhaft christliche und kirchliche Gesinnung in demselben zu verbreiten. Dem Bemühen dieser edlen Männer verdanken die Gcsellenvereine ihren Ursprung, von denen man mit Recht nicht bloß für den Handwerkerstand, sondern überhaupt für die ganze menschliche Gesellschaft, für Kirche und Staat heilsame Früchte erwarten kann. Um nun den christlichen, den kirchlichen Geist bei den Mitgliedern des Handwerkerstandes zu wecken, möchte ein Rückblick auf die Geschichte dcS christlichen Hand« werkerstandeS, besonders aufsein uraltes, auf kirchlichem Grunde beruhendes JnnungS- wesen nicht ohne Nutzen seyn. Die Handwerker-Innungen, d. i. die Handwerker-Vereinigungen, auch Aemter, Gilden, Gaffeln oder Eidgenossenschaften genannt, sind sowohl ihrem Ursprünge als ihren Einrichtungen nach kirchliche, christliche Vereine, religiöse Bruderschaften. Wenn sie gleich bürgerliche Zwecke hatten, so war doch ihre Einrichtung religiös, nach dem Vorbilde anderer religiöser Vereine und Bruderschafte». Man kann darum mit Recht auch die alten Handwerker-Innungen eine Pflanzung der christlichen Kirche nennen, da sie alle ihre Einrichtungen, alle ihre Gesetze und Vorschriften, ja selbst ihre Gebräuche und Gewohnheiten auS der christlichen Kirche, besonders auS dem kirchlichen Bruderschafts- und Klosterleben entnommen haben. 34« Die EntstehuiigSzcit des christlichen JnnuiigSwesenS fällt, wenigstens in Bezug auf unser deutsches Vaterland, in daS zehnte und eilfte Jahrhundert. Aus den Klöstern nahm dasselbe seinen Ursprung und seine Einrichtungen. — So lehrt eS die Geschichte, die unS, wenn sie nicht von schlechten, glaubenslosen und kirchenfeindlichen Menschen verfälscht wird, unbestreitbar nachweiset, daß zu jener Zeit und schon durch mehrere Jahrhunderte früher stets die Klöster die einzigen Stätten waren, wo Kunst und Wissenschaft und auch das Handwerk seine Pflege fand. AIS die ersten GlaubcnSpredigcr Deutschland durchzogen, da war selbes noch voll Wüsten, Waldungen, Sümpfen und Einöden. Die Einwohner führten ein wildes Kriegs- und Jägcrleben. Ihre Bedürfnisse waren gering, ihre Wohnungen elend. Städte waren nur wenige, und selbst diese waren nur ehemalige Niederlassungen der Römer, die unsern heutigen Begriffen von einer Stadt nur wenig entsprechend seyn mochten. Unter solchen Umständen konnte von Kunst und Handwerk keine Rede sevn. Da kamen die Söhne dcö heiligen Benedicts und gründeten ihre Klöster. Sie suchten sich zu ihren Niederlassungen die verwildertsten und einsamsten Gegenden auf. Balv lichtete sich durch ihrer Hände Arbeit der dichte Wald, die Sümpfe wurden ausgetrocknet und in fruchtbares Ackerland umgewandelt. An der Stelle, wo sonst nur wilde Thiere hauSten, erhoben sich die Zellen der Mönche und daS Gotteshaus, daS Kloster. Zur Herstellung eines Klosters war nun daS Handwerk in allen seinen Zweigen unumgänglich nothwendig. Denn daS Kloster sollte eine dauerhafte Stätte werden nicht'bloß für jene frommen Männer, die eS gründeten, sondern auch für Jene, die nach ihnen sich demselben heiligen Berufe weihen würden. Die Zellen der Mönche sollten nicht seyn wie die Zelte der Hirten oder der Krieger, wandelbar, sondern beständig, fortdauernd nicht bloß für den ersten Bewohner, sondern auch für seine Nachfolger. DaS Kloster sollte eine feste Burg werden, aus welcher nicht bloß für heute, sondern auch für kommende Zeiten das Christenthum, christliche Bildung und Gesittung über Nah und Fern sich verbreiten sollte. Die Klöster waren ohne Widerrede die ersten festen fortdauernden Anstedlnngen. Wer baute denn nun die Klöster? Wer übte die bei einem solchen auf eine längere Dauer bestimmten Baue nothwendigen Handwerksarbeiten? Die Mönche selbst. Wer sich die Mühe gibt, nur einigermaßen die Geschichte der Ausbreitung des Christenthumes in Deutschland zu erforschen, der wird das Gesagte tausendfach bestätigt finden. Alle damals noth- wenvigen und üblichen Handwerke wurden von den Klosterbrüdern ausgeübt. Darum enthält jede alte Klosterregel eigene Vorschriften über die Handwerke. AIS man aber im zehnten Jahrhundert unter König Heinrich dem Finkler anfing Städte zu bauen, so genügten die Klosterbrüder als Handwerker nicht mehr. Der Bau einer Stadt erfordert viele Handwerker. Zudem war den Klosterbrüdern verboten, bei rein weltlichen Bauten sich zu bctheiligen. So wurde denn nun mit der Gründung der Städte ein weltlicher Handwerkerstand nothwendig, der auch in dieser Zeit wirklich entstanden ist. Indessen übten dcmohngcachtet die Mönche wie vorher ihre Handwerke aus. Der Bau der Kirchen blieb noch Jahrhunderte hindurch beinahe ausschließend in ihren Händen. Zudem waren eben die Mönche die Lehrer für die weltlichen Handwerker. Von wem hätten sie sonst auch die Handwerke erlernen können? So waren denn die Klöster die Mütter auch des weltlichen Handwerkerstandes. Der neu entstandene weltliche Handwerkerstand verläugnete aber auch seine Mutter nicht. So wie ein gutes Kind aus dem Elternhause die meisten Sitten, Gebräuche und Gewohnheiten mitnimmt, und im neuen Hause getreulich fortübt, ja selbst der Nachkommenschaft dieselben gewissenhaft überliefert: eben so nahm auch der weltliche Handwerkerstand aus seinem Mntterhause, dem Kloster, gar manche Einrichtungen mit in die Welt hinaus. Davon überzeugt uuS der Zeitgenosse Berthold von Konstanz. Nach seinem Berichte bildete sich daS Jnnungswesen kurz vor den Kreuzzügen, und er bemerkt um daS Jahr 1091, daß in jenen Zeiten daS gemeinschaftliche Leben nicht bloß unter Mönchen und Geistlichen, sondern auch in der 341 Laicnwclt in Schwung gekommen sey. Die Laien, vorzüglich die Handwerker, ahmten das Klostcrlebcn nach, und nahmen die religiösen Einrichtungen desselben, so viel eS nur immer mit dem Wcltlebcn vereinbar war, auf. Gleich den geistlichen Bruderschaften bildeten die Mitglieder desselben Handwerkes eine durch einen Eid verpflichtete Eidgenossenschaft. Sie ahmten selbst die mönch'sche Abgeschlossenheit nach, indem in gar vielen Städten die Mitglieder desselben Handwerkes dieselben Straßen oder Stadtviertel bewohnten. Diese Einrichtungen nun, welche die Handwerker auS dem Klosterleben genommen hatten, machten das eigentliche Wesen, den Kern der Handwerker-Innungen aus. Alle diese Einrichtungen der Handwerker Innungen sind streng religiös, kirchlich, und haben das Christenthum, seine Glaubens- und Sittenlehre zur Grundlage. Wir wollen nur einige dieser Einrichtungen in Kürze vorführen. Eine der vornehmsten, wahrhast christlichen Einrichtungen der alten Handwerker- Innungen sind die Zahltage. Jede Handwerker-Innung hat ihren Jahrtag. Der Jahrtag ist das VercinS- und Bruderschaftsfest des Handwerkes und seiner Mitglieder. Er entspricht dem Ordcnsfeste der Klosterbrüder. Der Mittelpunct der Feicr dieses BruderschastSfesteS besteht in der Darbiingung des heiligen Meßopfers. Dadurch zeigt sich die Innung als ein streng katholischer Verein. Denn nur der Katholik betrachtet die heilige Messe als Mittelpunct aller GotteSvcrehrung, als das einzig wahre Bitt- und Dankopfer. An diesem JnnungSfeste sollen, wie die alten JnnungSbücher strenge vorschreiben, außer „Gottsgcwalt," d. h. außer dem Falle einer schweren Krankheit, alle Mitglieder der Innung Theil nehmen. Nachdem sich dieselben beim HandwerkSvater versammelt haben, wandeln alle JnnungSbrüder, Meister und Gesellen im feierlichen Znge in die Kirche zu dem Brudcrschaftöaltare, wo nach altem Brauche die heilige Messe gefeiert wird. Dadurch zeigen die Mitglieder ihren Glauben an das Geheimniß des heiligen Meßopfers an, sie drücken damit ihren Dank auS gegen Gott für die von ihm der Innung und den einzelnen Mitgliedern erwiesenen Wohlthaten, und zugleich die Bitte um fernern Schutz für die gesammte Innung. Und somit ist der JnnungS-Jahrtag eine rein kirchliche, katholische Einrichtung. Eine andere ganz christliche Einrichtung, die wir in den alten Handwerker-Innungen antreffen, ist die Verehrung eines Schutzheiligen, eines Patrons, der Handwerkspatron genannt. Jedes einzelne Handwerk verehrt einen Heiligen als seinen Patron, als seinen Fürbitter bei Gott. Man wählte zum Patron eines Handwerkes gewöhnlich einen solchen Heiligen, der entweder selbst, als er auf Erden lebie, das Handwerk bclrieben hatte, oder doch auf irgend eine Weise zum Handwerke in einer nähern Beziehung stand. So hat sich das ehrsame Handwerk der Zimmerleute den Nährvater Christi, den heiligen Joseph zum Patron erwählt, weil nach dem Zeugnisse des Evangeliums der heilige Joseph das Zimmerhandwerk betrieben hatte. Die Maler verehrten den heiligen LukaS als ihren Patron, weil er nach der Legende selbst die Malclkunst soll betrieben haben. Der heilige EligiuS ward, da er selbst ein Schmied irar, als Patron der Schmiede verehrt. Der heilige Nikolaus ward zum Patron der Schiffer, Fischer, Brauer und Müller, der heilige Johannes der Täufer zum P.iiron der Schneider, der heilige SrveruS von Ravenna zum Patron der Weber, lur heilige Jakobus Allemanus zum Patron der Glaser, der heilige Goar zum Patron der Töpfer, der heilige GualfarduS zum Patron der Sattler, die heiligen Crispin und Cri« spinian zu Patronen der Schuster, die heiligen CoSmaS und Damian zu Patronen der Aerzte erwählt. Ihre Verehrung gegen den Patron deS Handwerkes haben nun von jeher die Innungen auf verschiedene Weise ausgedrückt. Der Festtag des Patrons war Feiertag für die Mitglieder der Innung. In jenen Orten, wo die Innung ihren eigenen Altar, JnnungSaltar, hatte, da stellte das Altarbild den Handwerkspatron vor. Auch die Zunft- und JnnungSfahnen wurden und werden noch jetzt mit seinem Bild- 34s nisft geschmückt. Auch daS Jnnungssiegel zeigt sei» Bildniß, und in der JnnungS- stube war sonst stets seine Abbildung zu finde». Ans solche Weise wollte» die cilten Innungen ihrem Handwerke eine religiöse Weihe geben, sie wollten dadurch zeigen, daß die Jnnnng ein Verein katholischer Christen sey. Sie wollten damit ihren Glauben zu erkennen geben an die Gemeinschaft der Heiligen, und an die Wirklichkeit nnd Nützlichkeit ihrer Fürbitte bei Gott. Zugleich sollte der Handwerkopalron den JnnungS- Mitgliedern zum Beispiele der Tugend dienen, und ihnen den Beweis liefern, daß man auch im Handwerkerstande sein ewiges Ziel erreichen könne. (Schluß folgt.) Die Grundsteinlegung zur neuen Pfarrkirche in Haidhause»». München, 17. Oct. Ein feierliches, ein Herz und Gemüth erhebendes Fest wnrde heute in unserer braven Nachbargemcindc Haichausen begangen: das Fest oer Grundsteinlegnng zu der neuen Pfarrkirche, deren Bedürfniß längst so dringend gefühlt wnrde, und deren Bau nun die Genehmigung Sr. Majestät deS Königs erhalten hat. DaS Wetter zeigte sich der ganzen Feierlichkeit ausnehmend günstig. Die ganze Banstätte war eben so sinnig als schön geschmückt. Von drei hohen Mastbäumen, die da, wo das künftige EingangSportale und die beiden Scitenaufgänge sich befinden werden, in der Mitte von grünem Buschwerk aufgepflanzt waren, wehten eben so viele mächtige Flaggen in den freundlichen Nationalfarben; drei andere befanden sich da, wo künftig Chor und Hochaltar zu stehen kommen werden. Für daS heute abzuhaltende Hochamt war ein provisorischer Hochaltar errichtet unter einer Reihe das künftige Chor darstellender Bögen in gothischer Form, zu denen ein auö dem Gebälke gebildetes durchbrochenes Giebelfeld mit hohem Kreuze darüber führte. Alles dabei verwendete Gebälke war mit frischem Grün umwunden. Im künftigen Mittelgangc deS Kirchenschiffs in einiger Entfernung vom Haupteingange war der Grundstein aufgestellt, darauf lagen grüne Kränze mit blauweißcn Bändern und Schleifen verziert. Auf einem andern Postamente dabei lagen die sämmtlichen bayerischen GeschichtSthaler, Münzen und die goldene Uhr, welche mit in den Grundstein eingemauert werden sollten. Endlich war dort auch die Steinplatte aufgestellt, auf welcher der Grundriß deS vom Herrn Civilarchitecten Berger entworfenen und nun von ihm auszuführenden Neubaues zu sehen war. ES mochte etwa 9'/4 Uhr seyn, als daö Glockengeläute von der alten Pfarrkirche her den Ausgang der feierlichen Proccssion von dort nach der Baustätte verkündete. Die Schuljugend eröffnete dieselbe, ihr folgten die Zöglinge verschiedener Wohlthätigkcitsinstitnte, die Bruderschaften und Gcwerke mit ihren Fahnen, und dann die bei dem feierlichen Acte selbst betheiligten Werkleute mit ihren Instrumenten, sämmtlich in der Kleidung ihreö GewerkcS mit Hut und Schurzfell und in Hemdärmeln; dann folgte die zahlreiche hohe Geistlichkeil, in deren Reihen wir auch den für das Zustandekommen des nenen Kirchcubaucs, im Zusammenwirken mit der Gemeinde- unv Kirchcnverwaltung so unermüdlich thäligen und darum so hochverdienten, würdigen Pfarrer der Gemeinde Haidhause», Herrn Walser bemerkten. Als Se. Erc. der hochwürdigste Herr Erzbischof Graf v. Reisach, assistirt vo» den Herren Domprobst v. Deutinger, Dompfarrcr und Domcapitular Schmid und noch einigen andern Herren Capitularcn, und gefolgt von den Mitgliedern der Gemeinvc- und Kirchenvcrwaltung, so wie deS BauauSschusseS, herankamen, ertönte Musik und Trommelschall von Seite der um die Kirchenfuudamente her aufgestellten Landwehr- vataillonc; segnend hielt der hohe Kirchenprälat im erzbischöflichen Ornate mit Juful und Stab seinen Einzug. An der Schwelle deS Neubaues angelangt empfing ihn der von Sr. Majestät dem Könige allergnädigst mit Vornahme deS CivilacteS beauftragte Herr Regierungspräsident Graf v. Neigersberg, an der Spitze der sämmtlichen Beamten, mit einer kurzen Anrede nnd der daran geknüpften Einladung, sofort zur Vornahme der kirchlichen Einweihnng zu schreiten. Diese erfolgte denn auch sogleich 343 ganz in der von dem Programm vorgezeichneten Weise, und unter tiefster religiöser Stille der Tausende, die Zeugen des imposanten Actes waren. Der Herr Erzbischof nahm, nachdem die in den Grundstein bestimmten Gegenstände eingelegt waren, die feierliche Einweihung desselben vor, während die Geistlichkeit so wie alle Anwesenden auf die Kniee gesunken waren und die Landwehr zum Gebete commandirt war. Nun wurde der Grundstein von acht Werkleuten unter VorauStritt der hohen Geistlichkeit und der Choralisten an die für ihu bestimmte Stelle'getragen, dort von dem Herrn Erzbischofe mit Weihwasser besprengt, und sofort die Ceremonie des HammerschlagS und Mörtelwurfs begonnen, welche der Reihe nach auch der Herr Regierungspräsident, so wie die übrigen hiezu Eingeladenen vollzogen. In dem Augenblick, wo diese Ceremonie begann, ertönte von Neuem das Glockengeläute und Kanonendonner von Seite einer Abtheilung der Landwehrartillerie der Hauptstadt. Nachdem dann die hohe Geistlichkeit auch die Einweihung der Grundmauern nach dem ganzen Umfange deS KirchenbaucS vorgenommen hatte, stimmte der Herr Erzbischof, vor dem Faldistorium in der Nähe deS Grundsteins wieder angekommen, das Vom erestor Spiritus an, wobei alle Anwesenden auf die Kniee fielen und die Landwehr zum Gebet commandirt wurde. Nach ertheiltem erzbischöflichcn Segen nahm hierauf der hohe Kirchenprälat auf der Erhöhung am Eingange des PreSbyteriumS Platz, und richtete zum Volke gewendet unter der lautlosesten Stille eine eben so warme als salbungsvolle, mit Kraft und Nachdruck gesprochene Anrede an dasselbe, deren Hauptthema die Nothwendigkeit deS treuen FesthaltenS am Glauben an Jesus Christus und die Ermahnung dazu war. Den Schluß bildete eine Aufforderung an alle Anwesenden zur werkthätigen Beförderung deS beginnenden Kirchenbaues durch Spendung von milden Beiträgen dazu, damit das so schön begonnene und so Großes versprechende Werk zur Vollendung geführt werden könne. Zuvor schon war allen Denen, welche bisher schon dazu thätig und helfend mitgewirkt, der wärmste Dank ausgesprochen worden. Die von Herzen kommenden Worte des sichtlich ergriffenen hohen Prälaten drangen auch zu den Herzen; davon gaben die in vielen Augen perlenden Thränen der tiefsten Rührung das sprechendste Zeugniß, und wir hoffen und wünschen, daß sie auch für das herrlich sich erhebende neue Gotteshaus reiche Früchte tragen mögen. Nach ertheiltem Segen celebrirte nun der Herr Erzbischof in der feierlichsten Weise das Pontificalamt, worauf der ganze Zug in derselben Ordnung, wie er gekommen war, nach der alten Pfarrkirche zurückkehrte. Schreiben eines 7Sjährigen Bischofs. Als im Jahre 1819 dem Erzbischof von Bamberg, Grafen von Stubenberg (früher Fürstbischof von Eichstätt), zugemuthet wurde, er solle den für die Kirche verderblichen Constitutionseiv schwöre«!, schrieb er unter andern an den Fürsten Wrede zu München: „Vielfältig und schwer waren die Opfer, welche ich seit der Säkularisation bringen mußte. Tiefkränkend war oft die Behandlung, welche sich einige StciatSdiener gegen einen legitimen Reichsfürsten erlaubten. Und bei alle dem fügte ich mich gelassen, ruhig und Gott ergeben in diese neue, unverschuldete Lage, und beschloß in stiller Zurückgezogeuheit mich ganz für das geistige Wohl meiner anvertrauten Heerde zu verwenden. Allein für mich scheint der Friede entflohen zu seyn, und waS meine Seele noch tiefer verwundet, ist das wiederholte Verlangen, in Alles geradezu, ohne den mindesten Vorbehalt zu willigen, AlleS zu thun und in Allem unbedingt zu gehorchen, waö der Staat von mir fordern wird." . . . Daß er dem Regenten Unterwürfigkeit und Gehorsam in allen Gesetzen des Staates schuldig sey, lehre die Religion, aber sie lehrt auch, daß er Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen" .... „Wie könnte ich bei solchen Verhältnissen gegen meine innerste Ueberzeugung und gegen die laute Stimme meines warnenden Gewissens einen unbedingten Eid schwören, wie könnte ich der Braut unsere» göttlichen Erlösers, der I 344 Kirche, die mich schon beinahe 54 Jahre lang liebevoll in ihrem mütterlichen Schooße genährt hat, wie könnte ich dem allgemeinen Vater der Christenheit und dem apostolischen Stuhle, dem Centrum der kirchlichen Einigkeit, jetzt treulos, und meineidig werden? Wie könnte ich, nachdem ich als ein entehrter, von Gewissensbissen gefolterter Greis als ein Object des Aergernisses und MitleidenS bei meinem theuren Klerus, als der Spott meiner Feinde, als ein Fluch der Menschheit in mein nahes Grab dahin sänke — wie könnte«!« vor dem Richlerstuhle eines allwissenden, gerechten GotteS bestehen! Man fordere von mir zum Besten des Vaterlandes Alles, was man will; aber meine Ehre und mein Gewissen aufopfern, dazu kann und werde ich mich nicht verstehen. Ich habe beschworen, Alles, waS der König und der Staat berechtigt ist, zu fordern. Mehr kann ich nicht, und mehr will auch der König nicht. Oder was wäre der unbedingte Eid aus dem Munde eines Priesters anders als eine bloße Formalität, ein leeres Ceremonie! ohne innern Gehalt und.Verbindlichkeit, und waS läßt sich von einem Menschen, der dem allwissenden Gott trcnlos zu werden unverschämt genug war, anders gewärtigen, als daß er seinen Eir>- schwnr eben so rasch und unbedenklich breche, als schnell und leichtfertig er ihn geleistet hat." ___ Wien. Wien im September. Die Wiener Tagblätter berichteten vor Kurzem die Taufe eines Mohren in Wien. Kaum war dieß bekannt, so erschien eines TageS ein uubekannrer aber überaus höflicher Herr bei dem neuen Katholiken, bezeugte ihm seine Freude darüber, daß er getauft sey, und drängte ihm zwei schön gebundene Bücher auf mit den Worten: „Nehmen Sie diese Bücher und lesen Sie fleißig darin, damit Sie doch auch wisse«, warum Sie Christ geworven sind!" Und diese wichtigen Bücher waren? „Das neue Testament von vr. Martin Luther?, das andere, „die Geschichte von dem bekehrten Räuberhauptmann Afrikaner. Herausgegeben von der evangelischen MissionSgesellschaft zu Basel Nr. 3," eine läppische Erzählung voll Lug und pietistischer Scheinheiligkeit. Und wer war der gute Herr mit der großmüthigen Prämie? Nach näherer Erkundigung Niemand als ein frommer Anglikaner auS irgend einem HandelSbureau, und allem Anscheine nach ein eifriger Agent, den die vor einigen Monaten auS Pcsth-Ofen ausgewiesenen anglikanischen Missionäre in Wien zu einer spätern Mission zurückgelassen haben. ES ist schade, daß die Bescheidenheit dieses frommen Bureaumissionärs eö unsern Seelsorgern unmöglich macht, ihm für seinen Eifer, ihr Werk zu vervollständigen, den verdiente» Dank zu bringen. Ein Hausirverbot gegen lutherische Bibeln ist für das fromme Krämervolk, welches im eigenen Vaterlande Fabriken für Götzenbilder hält, nur ein nutzloses Schreckmittel. (W. Kchztg.) _ Pommern. AuS Pommern wird geschrieben: Die neuesten Praktiken gegen die katholische Religion scheinen trotz Allein doch nickt gut anzuschlagen. In Neustadt-EberSwalde find im letzten halben Jahre zwanzig Personen bereits katholisch geworden. Obendrein ist dieß noch eine Gegend, in welcher der katholische Glaube erst jetzt wieder aufkommt. In der dortigen katholischen Schule werden liebst den Kindern katholischer Eltern zehn ans ganz protestantischen Ehen katholisch erzogen, weil die Leute jetzt nur noch im katholischen Glauben eine Zukunft sehen. Verantwortlicher Redacteji^: L, Schöucheu, VerlagS-Inhaber: E, Kremer. Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt rwmm sttsii,?, ni.,MimA mi Ki 5-5^ 5M«L zur Angsburger Psjheitnng. 31. Oktober /U^ 1852. PNlUH Nm HL.? »<7k»»-«!>e»»^j^. . II^^I^V»! HII^I ^>>^u«tju^ !» . Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage» Der halbjährige Abonuementsprei« 4V lr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Bnchhaudluugeu bezogen werden kaun. > Abschiedsschreiben des bisherigen Pastors der evangelisch-lutherischen Gemeinden in und um Bnnzlau, Görlitz, Warmbrunn, Löwenberg, Greiffenberg u. s. w. an seine Pfarrkinder bei Gelegenheit seines Rücktrittes zur katholischen Kirche. Meine theure, herzlich geliebte Gemeinde! Möchtet ihr in Liebe noch ein Abschiedsschreiben von mir nehmen, da ich mein Amt bereits niedergelegt habe. Empfanget zuerst meinen innigsten Dank für das große Vertrauen, welches ihr mir bisher geschenkt, mit welchem ihr mein Wort fünf Jahre lang aufgenommen; mir thut cS herzlich leid, dass ich nicht, wie ich hätte sollen, überall mit sichtbar herzlicher Freundlichkeit euch erwiedert habe und Jedem entgegen gekommen bin. Insbesondere danke ich denen unter euch, die besondere Liebe und Güte in mancherlei Erweisungen freundlich mir entgegen brachten; ich bitte Gott, er wolle auch deS Becher Wassers nicht vergessen, und Alleö reichlich lohnen, was einem seiner Geringsten erwiesen worden ist. Mit Wehmut!) nehme ich Abschied, mit Thränen im Auge und Herzen, wenn ich besonders auch der Versäumnisse gedenke, die ich in'einem so hohen Amte mir zu Schulden kommen lassen. Wie oft hatte ich mir vorgenommen, mich ganz in seinem Dienste aufzuopfern; aber wie oft habe ich leibliche Schwachheit und Beschwerden mich abhalten lassen, euch daS zu seyn, was mein Herz immer wünschte und mein Wille wa»! Ich bitte Gott um Vergebung aller dieser Versäumnisse: Er wolle gnädig erlassen, was ich ihm schuldig blieb I Ich bitte euch Alle insgesammt und Jeden Einzelnen: Vergebet mir, und durchstreichet, was ich euch schuldig blieb! Ich meines Theils habe gegen Keinen Etwas im Herzen, es darf Keiner sich ein Bedenken machen: O möchten wir Alle rein und frei gegen ein« ander — vor GotteS Angesicht einst treten! Waö ich jetzt euch sagen muß, ist EtwaS, das eure Herzen aufs Tiefste verletzen muß; das den Glauben, dem ihr -die größten Opfer gebracht, antastet; das die Kirche unserer Väter, für die wir Schmach und Spott willig bisher litten, daö den Grund unter den Füßen euch rütteln wird. Wie gerne wollte ich eS nicht seyn — daS weiß Goit — der solchen Schmerz, solches Herzeleid seiner geliebten Gemeinde macht; aber ach, ich kann ja nicht anders! Gott hat mir den Schmerz, daö Herzeleid gemacht, Gott hat meiner nicht verschont; er hat mich au,fS Tiefste betrübt, um mich aufS Höchste zu erfreuen. «Mein Abschied ist nicht allein von eurer lutherischen Gemeinde, sondern von der ganzen lutherischen Kirche. In BreSIau, wohin ich zur Generalsynode gereist war, habe ich wiederholt in vielen Unterredungen mich ausgesprochen, nachdem dieß schon im vorigen Jahre und in diesem geschehen, und ich bin immer nur bestärkt und zur völligsten Klarheit entschieden worden. So habe ich .jisis»? 34k nun gestern unter vielen Thränen in herzlicher Liebe, aber in seliger Gewißheit von ihrem Angesichts Abschied genommen, um in die katholische Kirche einzutreten. Länger als zwei Jahre stand ich im schwersten Kampfe, in welchen durch meinen seligen Schwager, den Superintendent und Kirchenrath Wedemann, mich Gott geführt, welcher auch zu diesem Schritt entschlossen war. Ich bitte euch nun, geliebte Brüder: sehet mich nicht an als vom Teufel verblendet, oder in schwere Sünden verfallen! DaS weiß ich, das glaubt ihr wohl von mir, daß kein irdisches Interesse mich verlockt habe. Ich bringe Gott mein sicheres Brod zum Opfer dar, ich bringe Gott ein Amt zum Opfer, in welchem ich völlig eingeübt, mit Lust arbeitete, und das ich so nie wieder haben kann. Saget mir: glaubet ihr, daß ich aufrichtig suche selig zu werden? Glaubet ihr, daß ich mit gutem Gewissen meinem Gotte dienen will? Ich glaube von den Meisten unter euch, die ich kenne, daß sie aufrichtig nach dem Reiche GotteS trachten und suchen ^ und eS ist gerade auf dem Standpuncte, den ich jetzt erstiegen, eine Macht und Kraft mir gegeben, euch Alle in herzlichster Liebe zu umfassen, Keinen zu verwerfen, Keinen zu richten. ES ist mein Wunsch an euch: Richtet mich nicht! Richtet nicht, bevor der Herr kommt, der den Rath der Herzen offenbaren wird, während ein Mensch siehet, was vor Augen ist. ES ist meine Bitte an euch: Bleibet in der Liebe! Die Liebe glaubt Alles, sie hoffet Alles, sie duldet Alles. Wünschen mögt ihr und begehren, daß euer alter Freund und Seelsorger noch wäre wie ihr seyd. DaS ist richtig, das ist brüderlich; denn eS kann Keiner anders, als ihm gegeben ist, eS soll auch Jeder, je nachdem ihm gegeben ist. Aber wenn ihr weiter geht, und richtet den, dem anders gegeben ist, dann sündigt ihr, dann werdet ihr wieder gerichtet werden, dann thut ihr den größten Schaden euch selbst. Davon ganz abgesehen, daß ihr dann nicht einmal wisset, was ihr wollt, daß ihr unseres religiösen Vereines Grund, sähen unverständig selbst widersprechet, nach welchen jeder Christ auS sich selbst sich bestimmen darf und soll, und nur so lange bei uns zu stehen hat, als er selbst unsere Auslegung und Glaubensansicht mit der Schrift übereinstimmend findet. Ich wünsche auch und begehre von Herzen, daß meine alten Freunde und Beichtkinder allesammt wären wie ich bin; aber ich fordere eS nicht, und ich richte nicht. Wenn auch keinS meiner lieben Schafe seinem Hirten folgen wollte, so hoffe ich dort alle Redlichen wieder zu finden in der Einen Kirche, die Christus gestiftet hat. ES kann ja auch KeinS ohne Weiteres wollen, denn eS weiß nicht und kennt nicht. Und. ich gönne zwar den Kampspreis einem Jeden, aber nicht den schmerzlichen Kampf, in welchem mir das, was als Menschensatzung, als dummer Aberglaube, Lüge und Finsterniß, als leere Ceremonie und todter Werkedienst jedem Lutheraner als Lutheraner erscheinen muß, mir Gott, als Gottes Ordnung, als seligmachenden Glauben, Wahrheit und Licht, als Geist und Leben hat erscheinen und aufgehen lassen. Die Juden sagen von uns Christen: wir ließen von einem falschen Propheten ihrer Nation am Narrenseil uns führen; während wir wissen, daß vor ihren Augen die Decke MosiS hängt: so nun sehen wir Protestanten die katholische Kirche an; wir können und vermögen nicht anders. Wir wundern unS, wir Lutheraner, über so viele gelehrte und fromme Männer in der Landeskirche, daß ihre Augen nicht sehen, daß sie schuldig seyen, das Erbe ihrer Väter treu zu bewahren, und zur lutherischen Kirche zurückzutreten; aber geliebte Brüder, die ihr bisher mit mir das Erbe unserer Väter treu zu bewahren suchtet, — o möchte euch Allen als Lohn eurer Treue Gott mehr geben, möcht' er euch das volle Erbe geben! DaS wahre volle Erbe wird durch GotteS Fürsorge von Geschlecht zu Geschlecht unfehlbar übergeben; die Pforten der Hölle haben nie, Finsterniß und Irrthum haben nie Seine Kirche überwältigt; eS hat sie in aller Wahrheit der heilige Geist erhalten. Die aber', welche daS nicht glauben wollten, und als Menschen selbst zu erhalten sich Herausnahmen was Gott geschaffen hatte, und selbst ihr Heil versorgen wollten, diese sind in Irrthum und Finsterniß gerathen; sie haben die Schrift als Constitution ausgerufen. Da soll nun in Christi Reiche jeder Unterthan auf der Schrift stehn, und nicht mehr auf den Gesandten Christi, » 347 nicht mehr auf Gottes Obrigkeit, aus lebendigen Personen. Aber die Schrift redet doch nicht selbst, sie selbst gibt keine Antwort, sie ist kein lebendiger Lehrer, kein Richter, der einen AuSspruch thäte; sondern ein Jeder nimmt selbst sich an der Schrift die Antwort und den Spruch, Luther nach seiner Art, jede Secte nach ihrer Art; jede meint und denkt, sie hätte daS reine lautere Wort Gottes, und damit wären sie Gottes Gesandte; aber daS Gesandt seyn fehlt. Rom. 10, 15. Joh. 30, 21—22. Jer. 23. 21—32. Hes. 13, 6—23. Solch' einer war auch euer Pastor. Ich habe es unwissend gethan; nun aber weiß ich es. Doch ich hoffe bald ein Schriftchen euch zu schicken. Wie gerne möchte ich, so wie ich vor daS Angesicht meiner AmtSbrüder mit voller Freudigkeit getreten bin, auch vor euer Angesicht treten, und von der Kanzel euch sagen, waS ich der ganzen Welt inS Angesicht rufen will; aber ich habe kein Recht mehr an die Kanzel. O wie gerne möchte ich, wie ich von meinen lieben Amtsbrüdern mit Thränen und herzlichem Kuß Abschied genommen, auch Jedem von euch um dem Hals fallen; aber ich kann jetzt Nichts mehr thun als euch sagen: Ich bin von ganzem Herzen bereit, einem Jeden, der das Vertrauen und die Liebe mir noch schenken und zu mir kommen will, aufs freundlichste Rechenschaft und Erklärung zu geben! Petr. 2, 15. Eins bitte ich euch noch? Probieret wenigstens! ES heißt doch sonst bei unS immer: Prüfet AlleSl Warum wollen wir denn nun gerade mit der katholischen Kirche auf ewig fertig seyn? Dort müssen wir doch in die allein seligmachende, wenn wir nicht ewig verdammt seyn wollen; warum denn nicht gleich hier? — Thut mir und eurer armen Seele einmal den Gefallen, überwindet euren Ekel und besuchet eine Messe! Stehet aber da nichl im Unglauben und in stolzer Verachtung gaffend, wie ich sonst that; sondern in Sehnen und Verlangen wie jenes Weib, daS Christi Kleides Saum anrührte, und eine Kraft ging von ihm auS und heilte sie. Marc. 5. Erwartet mit Seufzen und Flehen, welche Eindrücke in euch einstießen, welche Erfahrungen ihr machen werdet, die ihr Geist und Natur unterscheiden wollet! Mit freundlichstem Gruß und Segenswunsch drücke ich Jedem von euch die Hand, und höre nie auf, in herzlichster Liebe und Fürbitte zu seyn euer ergebenster Bunzlau, 12. Oct. 1352. R. Hasert. Ueber die alten christlichen Handwerker-Innungen. (Schluß.) Eine andere auf das Christenthum, auf die christliche Liebe, auf die katholische Glaubenslehre von der Gemeinschaft der Heiligen begründete Einrichtung ist die bei den meisten Innungen gebräuchliche Gedächtnißseier für die verstorbenen In nungS Mitglieder. In den meisten alten JnnungSbüchern wird vorgeschrieben, daß alle Jahre an einem bestimmten Tage für die Seelen der verstorbenen JnnungS- Mitglieder Jahrmessen gehalten werden sollen. Diese Einrichtung beweist deutlich , daß die alten Handwerker-Innungen durchaus nicht aus rein weltlichen Gründen gestiftet wurden, sondern vielmehr eines höhern christlichen Zweckes willen. Diese Gedächtnißfeier bezeugt deutlich den festen Glauben an den ReinigungSort und an die Möglichkeit und Wirksamkeit unseres Gebetes für die Verstorbenen. Zugleich ist diese Gedächtnißfeier ein schönes Zeugniß von jener wahrhaft christlichen Liebe, die selbst der verstorbenen Mitgenossen noch freundlich gedenkt, und ihnen mit Gebet und Opfer zu Hilfe kommen will. Wieder eine andere ganz auf das Christenthum gegründete Einrichtung ist ferner auch die, daß jede Handwerker-Innung ihren Handwerks- oder Herbergsvater hat. Der HandwerkSvater entspricht in vieler Beziehung dem Klosterabte. WaS der Abt für die Klostergemeinde, das sollte der HandwerkSvater für die Innung seyn. 348 Der Klosterabt, d. h. Klostervatcr hatte zu sorgen für das leibliche und geistliche Wohl der Seinigen, und zwar so viel wie möglich mit Liebe, mit verständiger Vaterliebe. Ihm lag eS ob, die Werke der Mildthätigkeit im Namen der Kloster- gcmeinde zu üben, Kranke zu pflegen, Nothleidende zu unterstützen und Fremde zu beherbergen. Diesem Beispiele zufolge sollte auch der HandwerkSvater die christlichen LiebeSwerke gegen die Genossenschaft selbst, so wie auch gegen Fremde zu erfüllen haben. Er sollte Sorge tragen für das Beste der Handwerker-Innung überhaupt und für die einzelnen Mitglieder derselben insbesondere. Der HandwerkSvater war verpflichtet, im Namen der Innung die Werke der Nächstenliebe auszuüben, für Wittwen und Waisen, besonders verstorbener Mitglieder zu sorgen, fremde Meister und Gesellen aufzunehmen, zu beschenken, und zu beherbergen; darum heißt er auch Herbergsvater. Der HandwerkSvater nimmt darum in der Innung eine sehr ehrenvolle Stellung ein. Er hat mit den Meistern deS Handwerkes den Vortritt bei feierlichen Gelegenheiten, bei Processionen. Er hat das Recht, von jedem Zunftgenossen den Gruß zu fordern. In seinem Hause finden die Zusammenkünfte und Berathungen der Innung, die Aufnahme der Lehrjungen, die Freisprechung der Gesellen statt. Er bewahrt die Jnnungslade mit dem Siegel, mit den Schriften und Dokumenten der Innung. Der HandwerkSvater ist der Vertrauensmann der Innung. Er steht mit der Innung in dem Verhältnisse eines Vaters zu seinen Kindern, in jenem Verhältnisse also, daS nur durch das Christenthum in seiner wahren Schönheit begründet wurde. AIS eine besonders schöne, wahrhaft christliche Einrichtung muß auch der sogenannte HandwerkSgruß bezeichnet werden. Jede Handwerker-Innung hat ihren eigenen HandwerkSgruß. Dieser drückt einerseits den Glauben und die höchste Verehrung gegen Gott auS, denn der Handwerksgruß beginnt ja mit jenem wunderschönen Gruße, der von jedes Christen Mund gern und ehrfurchtsvoll gesprochen werden soll, mit: Gelobt sey JesuS Christus. Andererseits drückt der HandwerkSgruß die Brüderlichkeit aus, die unter allen Menschen herrschen soll. Wenn ein fremder Geselle, der demselben Handwerke angehört, zu einem fremden Meister kommt, so entrichtet er von Meistern und Gesellen seiner Heimat den HandwerkSgruß, er bittet damit um brüderliche Aufnahme zur Arbeit und Pflege; und der Meister ist verpflichtet, ihm seinen Gruß zu erwiedern, zu danken, und ihn als Zunftgenossen und als christlichen Mitbruder zu behandeln. So wie nun die bisher angeführten Einrichtungen auf rein kirchlicher, christlicher Grundlage beruhen, so find auch jene Vorschriften, die über das sittliche Verhalten der JnnungSmitglieder gegeben worden, ganz dem Evangelium entnommen, und ganz mit dem Geiste desselben übereinstimmend. In den alten Jnnungsbüchern werden die dem Christen schon durch das Evangelium gebotenen Tugenden neuerdings eingeschärft, unter diesen besonders der Gehorsam gegen die Vorgesetzten, Ehrlichkeit und Redlichkeit und ein guter, unbescholtener, reiner Lebenswandel, nach dem Sprichworte: „Die Zünfte müssen so rein seyn, als wenn sie von Tauben gelesen wären." Diesen religiösen Einrichtungen verdankten aber auch die Handwerker-Innungen ihren langen dauerhaften Bestand durch so viele Jahrhunderte. Diesen auf christlichem, kirchlichem Grunde stehenden Einrichtungen ist eS zuzuschreiben, daß manche Handwerker-Innungen so viel Großes und Herrliches geleistet, und eine so große Achtung genossen haben, waS besonders von dem deutschen Handwerkerstande gilt, der selbst in fremden Ländern hochgeschätzt und geachtet wurde. — Wären die uralten christlichen Einrichtungen deS JnnungSwesens nie vernachlässigt worden, oder zur leeren Förmlichkeit herabgesunken, gewiß der Handwerkerstand würde noch heut zu Tage auf einer weit höhern Stufe deS Glaubens und der Sittlichkeit stehen, als er leider kann gefunden werden. Hier gibt es viel zu thun, viel Unkraut auszurotten, viel guten Samen zu säen. Gott wird helfen! .6,,. 34S Sende uns deinen Geist und sie werden erschaffen werden, und du wirst erneuem die Gestalt der Erde. zis -Äjll,ö^,Mn nuMo« Mnöt^-TMSV^ »a« FbitKi! »t nk? chf^ !?t Glaub-nstöne aus der Mark. (Fortsetzung.) So nenne ich kirchlich revolutionär, oder entschieden afterreformatousch, daß man im löten Jahrhundert — die Unterwelt freilich keineswegs, — aber wenigstens die Lehre von derselben mir Stumpf und Stiel bei seiner Partei schnöder Weise ausrottete, um dafür unter dem Rufe: FreiheitI Freiheit! seinem gläubigen Volke, wahrhastig, mit der absoluten Hölle auf den Nacken zu rücken! — Ein vortrefflicher Tausch in der That, welchen die sich selbst Täuschenden und durch sie Getäuschten gemacht haben! — Die Unterwelt hat aufgehört zu seyn,---weil es ungnädigen Herrn des löten Jahrhunderts der Christenheit beliebt, also zu decretiren." „Sehen wir also unbefangen, dann kann uns nicht entgehen, daß der Sturm des löten Jahrhunderts eigentlich, wie gegen eine Bastille, gegen den Kerker GotteS, gegen daS Gefängniß, darein man geworfen wird, bis daß man den letzten Heller bezahle, mit Einem Worte, gegen das Fegfeuer, diesen Ort der Qual in der Unterwelt, gerichtet ist. Denn erst mit dem Aufhören dieses eigenthümlichen Theils der Kirche Gottes kann ein Dualismus in der Kirche durchdringen, wie ihn die reformirte Kirchengesellschaft in sich consequenter als daS Lutherthum durchgebildet hat; erst damit können nun auch die heilsamen Gnadenmittel Christi in Seiner Heilsanstalt, der Kirche, welche sich bis auf diesen Theil derselben erstrecken, namentlich das Meßopfer, mit besserem Erfolge bestritten werden. Nur so kann damit eine weitere, beliebige Verstümmelung der Gnadenmittel der Kirche Jesu Christi überhaupt erfolgen. Also um so zu zerstören, siedelt man die Seinigen, wahrlich allzu- hastig, sofort in den Himmel über I Dort sollen sie seyn, weil man eS in Opposition gegen die katholische Kirche so will! — Aber ist diese Illusion wohl zuträglich? Heißt daS Fortentwickelung nach der Ordnung Gottes? — Oder man wirft Andere, z. B. die Katholiken als Götzendiener und Anttchristen, und damit doch, recht gesehen, seine frommen deutschen Vorfahren, Väter und Mütter selbst, unbarmherziger Weise — so wahr eS Gott und der Heiland anders meint — in die ewige Hölle und Verdammniß." — Wie der Verfasser in seiner Ansicht von der Kirche ganz auf katholischem Standpuncte steht, so spricht er sich ganz im katholischen Sinne über die wichtigsten Wahrheiten unseres Glaubens aus, wie z. B. über daS heilige Meßopfer, TranSsubstan- tiation, Beichtanstalt u. s. w. und belegt überall den Glauben der Kirche, der auch sein Glaube ist, durch die schlagendsten Argumente. Wo der Glaube an die Kirche da ist, da folgern sich die einzelnen Wahrheiten dieser Kirche, wie die Folgesätze aus dem Hauptsatz. Wie aber der Verfasser dem Glauben der katholischen Kirche nicht bloß Gerechtigkeit widerfahren läßt, sondern ihn selbst vertheidigt und bewahrheitet, so auch die Disciplin der Kirche. Hören wir, was er unter Anderm in einer längern Anmerkung in seiner Schrift vom Cölibate sagt: „Man eifert bei uns gegen das Cölibat der Geistlichen: 1) weil die Natur bei dem Manne ihr Recht fordere, 2) weil eS unmöglich sey, daß ein Stand von so viel tausend Männern ohne Ehe rein in Betreff des sechsten Gebotes leben könne. Die Behauptung sä l hängt mit der protestantischen Lehre von der absoluten Sündhaftigkeii zusammen, wogegen sich die Lehre von dem freien Willen geltend machen läßt. Auch beweist ja die Erfahrung, daß sogar von dem schwächern Geschlechte so viele tausend? von Jungfrauen unter unS, welche keinen Mann finden, dennoch rein zu leben vermögen. Bilde man sich mehr als weibisch nur nicht ein, eS kann nicht gehen, sondern erhebe man sich zu dem männlichen, moralischen Entschluß: es soll und muß gehen! und beobachte dabei eine christlich weise Disciplin, so geht es. Geht eS doch auch bei evangelischen Predigt- 35« amtskandidaten, welche ihr vierzigstes Jahr jetzt erreichen, bevor sie einen Pfarrdienst bekommen, auf welchem sie dann heirathen können. ^,6 2. Daß die Ehe daS Mittel sey, sich rein zu halten von der Sünde contra sextum und eS nicht vielmehr die Gottesfurcht mit der moralischen Willenskraft eines Joseph bleibe, läugne ich unbe. dingt. Denn warum lehrte doch sonst die Erfahrung, daß Tausende, ja leider auch unter uns Deutschen jetzt Hunderttausende, die Ehe nicht vor Unkeuschheit schützt, auch nicht einmal protestantische Geistliche" u. s. w. AuS dem oben Angeführten ist zum Theil schon ersichtlich, welche Ansicht der Verfasser vom Fegfeuer habe: eS sey uns vergönnt, auf diese Anschauung genauer einzugehen, um die Katholicität deS Verfassers auch hierin kennen zu lernen. Können wir nicht so genau in seine Entwickelung eingehen als wir eS wünschen, so mögen die engen Räume dieses Blattes zur Entschuldigung dienen; Alles, waS der Verfasser sagt, ist Hörens- und wissenswerth. Wie die Katholiken bekennen auch die Protestanten im apostolischen Symbolum: vesosnclit sä inkerc>8. Was wird nun unter intsri verstanden. Inkeri ist die Unterwelt, und diese kann nach einem dreifachen Sinne genommen werden: s) als Aufenthaltsort der vor Christus abgeschiedenen Seelen der Gerechten, als Paradies in der Unterwelt, zu welchem die abgeschiedene Seele Christi niedergegangen ist, und zwar in der Absicht, diesen Gerechten in limbc» patrum, in Abrahams Schooße, die vollbrachte Erlösung anzukündigen und sie auS dem Zustande der Gefangenschaft (deS Harrens) in den frohen Besitz der übernatürlichen Seligkeit einzuführen, deren sie bis dahin noch entbehrt hatten; b) Interi ist weiter der Aufenthalt der noch nicht geläuterten Seelen der Gerechten, also die Hel, oder Hölle, auch im altnordischen und germanischen Sinne: o) weil die Substanz der Flamme, in welcher die dort zur Läuterung Befindlichen Pein leiden, auS dem Tartarus stammt, auS der absoluten Hölle, in welche Christus nimmermehr niedergegangen ist, nennt die Kirche nicht falsch diesen Ort der Qual in der Unterwelt auch wohl Hölle, wie schon die Alten so Tartarus und EreboS anwenden." Die Unterwelt besteht also, ganz conform der katholischen Lehre (vergl. Lato- vkigrn. komsn.) i) aus dem limbus pstrurn, 2) dem Fegfeuer-----HadeSScheol, 3) der absoluten Hölle — Tartarus — ErebuS — Gehenna. Den limbus pstr. und daS Pvrgatorium faßt der Verfasser in dem HadeS zusammen, sagt, der HadeS habe zwei Abtheilungen a) limb. pstr. als Vorhalle des Himmels, Paradies; b) den Ort der Qual als Vorhalle der Hölle, und stellt folgende Sätze auf: 1) ES gibt einen HadeS, den Ort eines Mittelzustandes von dem Tode bis zur Auferstehung. Er ist von dem Grabe zunächst, dann aber auch von Himmel und Hölle verschieden. - 2) Dieser HadeS besteht aus zwei Abtheilungen, auS dem Paradiese, welches die Vorhalle deS Himmels ist, und aus dem Gefängnisse, welches eine Vorhalle der Hölle ist. 3) WaS lehrt die Schrift über den Zustand der Seelen in beiden Abtheilungen? 4) ES gibt für unS eine Gemeinschaft mit den Heiligen deS Himmels und deS Paradieses, und welche? 5) ES gibt für uns eine Verpflichtung in Betreff derjenigen, welche in dem Gefängnisse deS HadeS sind. (Schluß folgt.) Nordamerika. Die auf dem ersten Nationalconcil der vereinigten Staaten zu Baltimore versammelten Prälaten, sechs Erzbischöfe und sechsundzwanzig Bischöfe, haben unter dem 20. Mai ein Schreiben an die Präsidenten und Direktoren der Gesellschaft zur Verbreitung des Glaubens zu Lyon und Paris erlassen. Sie berichten, daß sie 351 durch Acclamation beschlossen hätten, daß der Verein zur Verbreitung des Glaubens in allen Diöcesen eingerichtet werden sollte, in Anerkennung dessen, was die katho, lische Kirche der vereinigten Staaten diesem Vereine verdanke. Sie sagen weiter: Die Väter deS Concils erinnern sich noch der Zeit, als sechs Bischöfe die Kirche in den Vereinigten Staaten regierten, und jetzt zählen sie eben so viele erzbischöfliche Kirchen. Die Hierarchie besteht jetzt auö dreiunddreißig Prälaten, und bald werden zwölf neue Mitarbeiter dieser Zahl zugefügt werden. Welche glorreiche Zukunft wartet unser, ich wage zu sagen, oder wir wagen zu sagen, gehört schon unS! DaS Werk unserer Schöpfung entwickelt sich wie in der Vergangenheit, wetteifert an Schnelligkeit mit der Entwicklung des Landes, und erstreckt sich bis zum stillen Ocean. Wir dürfen daher hoffen und glauben, daß in fünfundzwanzig Jahren oder etwaS später der amerikanische Theil der katholischen Kirche eben so viele bischöfliche Stühle zählen wird als die ältesten europäischen Königreiche. Ist dieses rasche Wachsthum der wahren Kirche in diesem Theile der neuen Welt, wo die Vorurtheile des Irrthums so tief wurzelten, wo Reichthum und Einfluß sich feindlich bewiesen, wo die größte Armuth unser geringstes Hinderniß war, nicht ein Wunder der Vorsehung?— Aber Gott wußte, daß ein bedeutender Theil der Bevölkerung von Europa nach Nordamerika auswandern würde, darum erneuert er die Wunder des ApostolatS und der Missionen, — deßhalb flößte er den Gedanken eurer Gesellschaft ein, und umgab sie mit der Fülle seines Segens, und so bietet sich die in der Kirchengeschichte einzeln stehende Thatsache dar, daß eine kleine Zahl von Laien, welche von der christlichen Lüde zuerst die Mission empfingen, unter dem Schutze deS heiligen Stuhles die Nähreltern aller Missionen der katholischen Kirche wurden. Zum Schlüsse empfehlen die Prälaten die vielfachen Bedürfnisse der amerikanischen Kirche, besonders der im Oregon, und erinnern daran, daß sie für die geistliche, oft auch für die körperliche Existenz von wenigstens 200,000 Katholiken zu sorgen haben, welche jährlich von Europa ankommen. ^ ' 5-u«M MvilinckttK mz-l Auch ei» Märtyrer. DaS „PittSburgh Journal" erzählt folgende wahre Begebenheit aus den dreißiger Jahren. Ein Gutsbesitzer in Kentuckv hatte einen frommen Neger, den er im Ganzen mild und menschlich behandelte; abgleich er selbst nicht zu den Tugendspiegeln im Lande gehörte, pflegte er die Christlichkeit seines Negers als ein Mirakel herauszustreichen. Eines Sonntags hatte er Besuch; eS wurde hoch gespielt und stark getrunken. DaS Gespräch kam, wie gewöhnlich, auf daS schwarze Gesinde, und der Hausherr prahlte mit seinem Neger, der „die Religion gekriegt," und sie fest halte. Sein Gast lachte und rief: „Dummes Zeug! Ich will jedem Schwarzen in einer halben Stunde seinen Gott aus dem Leibe peitschen." Der Hausherr wider- ' sprach, und eS kam zu einer Wette! Man rief den armen Neger, und die beiden jovialen Ehrenmänner sagten ihm eine schauerliche und gotteslästerliche AbschwörungS- formel vor, mit dem Bedeuten, er habe kein Recht, den Christen zu spielen, wie seine weißen Herren; er müsse augenblicklich den Glauben an den Heiland ablegen, oder sich darauf gefaßt machen, zu Tode gepeitscht zu werden Der unglückliche alte Mann erstarrte vor Schrecken, er kannte den grausamen Ernst von Pflanzer-Späßen, faßte sich aber bald, und rief: „Nein, Massa! Bitte, Massa, kann nicht! Christus, er für mich gestorben seyn! Bitte, Massa!" Seine Bitten blieben fruchtlos und ! die Probe begann. Bald fiel der Neger unter den Streichen der Treiber in Ohnmacht. AIS er zu sich kam wurde die erste Aufforderung wiederholt. Blutend, stöhnend und mit flehenden Blicken rief der Schwarze: „Herr sey gepriesen, Massa! Kann nicht, Massa! Christus, er sterben für mich, ich sterben für Christus!" Da der Gast auf der Ausführung deS Experiments bestand und betheuerte, er könne die Wette nicht aufgeben, wurde die Operation fortgesetzt, bis der Gast — verloren hatte. Der Neger starb unter der Peitsche. Man glaubt eine Geschichte aus den 35S Zeiten der römischen Christenhetzen zu lesen; aber die Römer unter den ersten Zmpe, ratoren waren Heiden und nicht selber Christen wie ihre Opfer. T r e v i f o. Der hochwürdigste Herr Bischof von Treviso, Giov. Antonio Baron Farina, richtete bei der Visitation seines Kirchensprengels ein Hirtenschreiben an den Klerus, in dem er den Vorwurf „aufstachelnden, übertriebenen Eifers" zurückweiset, den man ihm gemacht, weil er die Zeitschriften „Civilta Cattolica und Bilancia" empfahl als Muster periodischer Journale, welche den Muth haben, die Fahne der Ordnung, der Treue mit Kraft zu entfalten. WuS er bei dieser Gelegenheit über Klugheit und Entschlossenheit sagt, wird mit Nutzen auch in weiteren Kreisen als die seiner Diöcese gehört und beherzigt werden. „Wir wissen, wie das Wort Klugheit sehr oft mißbraucht wird, um verwerfliche Furcht zu verhüllen. ES dient als MaSke der Feigheit, als Schminke deS EgoiSmuS. In unserm Falle wäre Schweigen daS Eine wie das Andere. Sollen wir etwa, um die häusliche Ruhe nicht zu stören, um nicht zu ermüden, dem Fortkommen nicht zu schaden, die Pflichten deS Standes und Gewissens vernachläßigen, die großen Interessen der Kirche und der Religion preisgeben? Schlafend sitzen, während jene Geister, welche die Lichter der Welt seyn sollen, verkehrten Meinungen folgen und so die Irrthümer noch ausbreiten? Sollen wir eS einsehen, daß eS gut wäre, die Wahrheit an den Tag zu bringen und dennoch den Mund verschließen? Nein! wir schämen uns der Freiheit deö Evangeliums nicht. In der Ueberzeugung, daß die Wahrheit Einige enttäuschen werde, oder wenigstens als Zeugniß dienen, daß wir jedes Einverständnisz mit demagogischen Rathschlägen zurückweisen, zeigen wir offen unsern Abscheu vor allen Jenen, die daö freie Wort mißbrauchen, daö Vaterland an den Rand deS Abgrundes bringen, während sie Liebe dafür im Munde führen. Die Verantwortung, welche wir vor dem Richterstuhle GotteS, nicht der Liberalen haben, liegt uns auf der Seele. Lob ist ein Magnet, der unS nicht zieht; Schimpf ein Stachel, der unS nicht verwundet; elend wäre eS, Drohungen zu beachten. ES wird geschehen, was Gott gefällt. Um jeden Preis wollen wir das Gute thun, und da man unS sagte, daß diese Erklärung nützen könne, leisteten wir sie bereitwillig zur Ehre Gottes. Wäre eö Muth beim Soldaten, wenn er voraus die Wunden bedächte, denen cr sich für die gerechte Sache aussetzt! Wir sind aber Soldaten. Antwortet den Tadlern durch Thaten. Solchen Beweisen kann man keine Sylben abstehlen. So war es bis nun unser höchster Triumph, daß ihr Alle für die „Civilta Cattolica" einstandet. Böhmen. Am Feste deS heiligen Rosenkranzes hat in der frühern Dominicanerkirche zu Gabel in einem herrlichen Baue die Mission begonnen. Die Missionäre haben mehrere Kräfte an sich gezogen, um dem größern Andränge genügen zu können. Sehr zweckmäßig halten sie dort auch um eilf Uhr eine Previgt, welche durch ein tieferes Eingehen in ControverSpuncte wegen deS häufigen Verkehres mit dem protestantischen Nachbarland von Katholiken und Protestanten mit großem Interesse vernommen werden. In jenem Winkel Böhmens, wo fast alle Seelen zusammengedrängt sind, und' in der letzten Zeit sich auch Mohamedaner zusammengesellen wollten, flammt der alte Haß hie und da auf. So ist zu Sl.. . unlängst erst Blut geflossen. Ein Fleischhauer eegoß sich in die schändlichsten Schmähungen und Verwünschungen der heiligen katholischen Kirche; ein junger Mensch, der dieses anhören mußte, gab ihm darüber einen Verweis, worüber der Fleischer in eine solche Wuth geriet!), daß er dem armen Menschen das Messer in den Leib stieß. Am zehnten Tage war er noch in Lebens- gefahr. (Kath. Bl. a. T.) __ Verantwortlicher Redacteur: L. Scheuchen, VerlagS-Zuhaber: F, C> Kremer. Zwölfter Jahrgang. SonntBgB-Wejblatt Augsburger Psstzeitung. 7. November /U^ I85S. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonvtaae. Der halbjährige Abonncmentsprei« TA kr., wofür es durch alle köuigl. daher. Postämter »ad alle Buchhaudluugeu bezöge» werden kann. Am Allerseelen-Tage. I Im Friedhof weht ein junger Lebenshauch Von FrühlingSduft und zarten Rosensprossen. Zu ehren so die einstigen Genossen Verlangt der schöne Allerseelen-Brauch. Ich selber Pflanzt' in Liebe einen Strauch; Doch ach! in meinem Auge thränumflossen Ist noch ein andrer, tiefer Schmerz verschlossen, Denn verer, welche leben, denk ich auch. Viel tausend Leiber wallen durch das Seyn, Und drinnen schläft der Geist, wie ohne Leben, Gleicht einer Kerze, die der Flamme harrt. In solche Gräber, Menschen, blickt hinein, Und weckt den Geist zu Leben und zu Streben; Das wär ein Seelenfest nach hoher Art! — II. Ist Einer aus dem Leben nun geschieden Und liegt er in der Erde eingegraben, So meint man, doppelt ihn geliebt zu haben. Und lobt und preist, was er gethan hienieden; Und ist mit Allem, was er that, zufrieden, Und weint um ihn, und weiht ihm Blumengaben, Seufzt bang und tief, als könn' ihn dieses laben, Und wünschet fromm: „Geh' ein zu Gottes Frieden!' O späte Lieb'! o, wärst du früher kommen! O, kämst du jetzt für Manchen hier auf Erden, Der heiß sich sehnt »ach Einem Tropsen Lieb! Wie würd' ihm das im Erdenleben frommen! Es wär' für ihn ein neues, süßes Werden; Drum Herz, zur rechten Zeit dein Lieben gib! — III. „Gott geb' ihm ew'ge Ruhe!" hör' ich sagen. Das ist der beste Wunsch, er werde Allen, Die man nach dieses Erdenlebens Wallen Zum stillen Friedhoss - Bette hat getragen. 354 --»M?,^ Doch hör' ich ihu, so fasset mich ein Zagen, Und vorwurfsvoll des Todten Klagen schallen, Daß Keinem es voll Liebe eingefallen Ihm Ruh' zu gönnen in des Lebens Tagen, So lang der Mensch betritt die Erdengleise Hebt Keiner einen Stein von seinem Wege, Damit er ruhe von der Mühsal aus. Viel leichter übt sich die gewohnte Weise, Mit Worten fromm zu sprechen solchen Segen Dann, wenn er schläft im engen Sarges-Haus. Jsabella Braun. Ein Jesuit. Der folgende gedrängte Auszug aus der Lebensbeschreibung des P. Albrecht Ehanowsky von Langendorf aus der Gesellschaft Jesu, welche der Jesuit Tanner böhmisch und lateinisch herausgegeben hat, ist einem katholischen Blatte, der „Wahrheit", entnommen, daö bis zum Ende des JahreS 1850 in Prag erschien. Wir geben diesen AuSzug hier wieder, um zu zeigen, durch welche Männer die Gesellschaft Jesu ihre staunenswerthen Erfolge bewirkte, und um so lieber geben wir ihn wieder, weil der selige P. Albrecht in Böhmen wirkte, wo der Jesuitenorden am meisten verdächtigt wird, als habe er nur durch die weltliche Gewalt daö Band der katholischen Kirche erhalten. Nicht Gewalt, sondern die Waffen deS Geistes, der lebendige Glaube, auS dem die thätige Liebe hervorgeht, sind es, die große und nachhaltige Erfolge erzielen. Und gerade der Jesuitenorden zählte sehr viele Glieder, die wie P. Albrecht durch einen klindlichen Glauben und opferwillige Liebe sich auszeichneten. P. Albrecht Ehanowsky wurde 1531 in dem Dorfe Swiradic im ehemaligen prachi- ner Kreise Böhmens geboren; er war unter fünfzehn Kindern daö achte Kind deS Ritterö Johann Ehanowsky von Langendorf, Herrn auf Dozic, Hradischt und Teynisst. Vor der Prager Akademie bezog er die niedern Schulen im Jesuitencollegium zu Krumau. Seine Eltern wollten ihn zum Ritter erziehen; er fühlte aber von Kindheit auf in sich den Beruf zum geistlichen Stande. Schon als Knabe verschmähte er die Kinderspiele, baute kleine Eapellen, Altäre; seine Eltern bat er, ihm ein kleines Meßgewand machen zu lassen , er feierte als Knabe die Messe, hielt Predigten voll Eiser und Herzlichkeit, sang Psalmen, verrichtete eifrige Gebete, segnete Wasser, Brod und Fleisch. DaS Noviziat hielt er bei den Jesuiten in Brunn und verwendete sich unterdessen bittlich bei seinen Eltern um die Erlaubniß, bei der Gesellschaft Jesu bleiben zu dürfen. Nach einigen Jahren kam er mit einem Ordensbruder nach Hause, wo seine Mutter krank lag und ihren Unwillen noch nicht verhalten konnte, daß er in den geistlichen Stand trat. Sie wurde von Albrecht, ihrem Sohne, zum frommen Tode vorbereitet. Zum Priester wurde er in Grätz geweiht, war dann Regens in Prag, erklärte in der dortigen Akademie die hl. Schrift und die hebräische Sprache. In Olmütz lehrte er die Mathematik. Gott rief ihn aber zur Liebe deS Kreuzes, zu apostol. Arbeiten, schmückte ihn mit apostol. Tugenden, und führte ihn dahin durch mannigfaltige widerwärtige Begebenheiten. Nach der Schlacht am weißen Berge wurde von dem Jesuitenprovincial, P. Gregor Rumer, Böhmen zwischen den PP. Krawarsky und Albrecht Ehanowsky getheilt, damit sie beide apostolisch herumreisen, die im katholischen Glauben Schwachen befestigen, die Unwissenden unterrichten, die von demselben bereits Abgefallenen wieder in den Schooß der Kirche zurückzuführen streben möchten. P. Krawarsky bereiste die Kreise Böhmens an der Gränze Mährens, Schlesiens und der Laufitz; P. Albrecht verrichtete seine apostolischen Arbeiten in den Kreisen, welche mit Oesterreich und Bayern gränzten. Seit der Zeit hörte er nicht auf, in den Städten, Marktflecken, Schlössern, Dörfern, Häusern und Einöden Tag und Nacht mehr als zwanzig Jahre zu lehren, daS Volk im kath. Glauben und in der Frömmigkeit zu unterrichten. Er pflegte sich kein Ziel zu setzen, wie weit er deS TageS kommen sollte; manchmal besuchte Mr ein Dorf, zuweilen mehrere, fingend trat er in die Dörfer ein. So wie ihn die Kinder 355 erblickten, liefen sie ihm entgegen, küßten sein Kleid und schrien: „Unser Vater kommt, Pater Albrecht kommt." Mit den Kindern trat er sodann in Procession, die Knaben sowohl als die Mädchen abgesondert, in die Kirche, lehrte sie den Katechismus, wozu sich allmälig die Eltern und Erwachsenen einfanden, und theilte dann Bilder, Rosenkränze aus. Ueberall bewirkte er eine wunderbare Bekehrung des Lebens. In ven Marktflecken und Dörfern besuchte er jedes einzelne HauS; von wem er nicht viel beachtet wurde, bei dem blieb er länger, lag mit dem Knaben, welcher ihm Rosenkränze, Bilder, Aepfel für Kinder trug, bei der Nacht auf Stroh, hatte ein ärmliches Gewand an sich, zerrissene Strümpfe, die er selbst flickte, Hemden von grober Leinwand. Keine Stürme, kein Regen, Schnee, keine Gefahr von Seiten der Räuber, noch der wilden Thiere, schreckte ihn. Ein Stück Brod, reineS Quellwasser war seine Nahrung, sein Getränk. Wenn er bei Adeligen zu Tische war, sprach er so lange von himmlischen Wahrheiten, bis der ihn begleitende Knabe seinen Teller mit der Speise unter den Tisch herabzog und wieder leer hinaufschob, wozu der fromme Diener Gottes lächelte. Er aß den ganzen Tag nicht und trank nicht bis des AbendS, und wenn sich Abends ein Kranker vorfand, nahm er auch da keine Nahrung, sondern wachte die ganze Nacht bei ihm und bereitete ihn entweder zum Tode oder betete mit ihm; des Morgens wandelte er nach dem heiligen Meßopfer abermals zu Fuß weiter. Obwohl öfter selbst von der Kolik, von Steinschmerzen, mit geschwollenen Füßen geplagt, im hohen Alter vor Schmerzen zitternd und wie ein Wurm sich windend, ließ er sich dennoch von seinen Ordensbrüdern nicht bewegen, seine apostol. Arbeiten aufzugeben, hörte auf seinen Herbergen auf den Zimmcrbänken unermüdet die Beicht, so daß ihm einmal in Schüttenhosen vom vielen Reden und vom Durste die Zunge aufgesprungen war. Früh, wenn er die hl. Messe feiern sollte, war ihm gewöhnlich immer leichter, nach der hl. Messe quälte ihn daS Chiragra wieder mehr. Er ermähnte dazu, daß aus jedem Hause wenigstens Einer in die hl. Messe gehen möchte, indem Gott die Arbeit desto mehr segnen würde, nahm jedes einzelne Meßkleidungsstück in die Hand, erklärte, was eS bedeute, und feierte dann einem Seraph' ähnlich das heiligste Meßopfer. Er kam nie in ein Bett, schlief nur wenig, daher fand man ihn oft mitten in einem Walde ruhend und schlummernd. Beim Gebete strahlte oft sein Leib, als wenn er brennen möchte, seine Augen waren stets zum Himmel erhoben; in der Capelle bei Nepomuk zu Ehren des heil. Adalbert verweilte er manchmal einige Tage in gcistl. Uebungen. Die geistl. Tagzeiten betete er stundenlang in einem Walde oder Garten, bis der Knabe, sein Begleiter, einschlummerte. Unterwegs betete er größtentheils und trug an den Händen den Rosenkranz, wallfahrtet« jährlich mehrmal zum hl. Blute nach Bayern und auf den hl. Berg*) in Böhmen, wo die Wallfahrten damals erst im Beginne waren. In seiner Kammer im Colleg. zu Klattau hatte er keine Lehne zum Gebete, er betete am bloßen Boden knieend; wenn er die hl. Messe feierte, sah man über seinem Haupte eine himmlische Flamme und feurige Kugeln ; die hl. Messe hielt er nie länger als eine halbe Stunde. Am Charfreitage stellte er mit den Knaben im HI. Theater das Leiden deS Herrn vor, baute das hl. Grab, die Krippe, den Stall von Beth, lehem. Zu diesem Zwecke kaufte er einmal eine Kinderwiege und schämte sich nicht, selbe durch die Prager Gassen zu tragen. Bei den Kirchen vorübergehend verweilte er stets einige Augenblicke im Gebete. Es war nicht eine Kirche, welcher er nicht etwas Gutes erwiesen hätte, indem er die Mauern, den Fußboden, die Bänke, Fenster, daS Dach ausbessern ließ ; er pflückte ans den Feldern und Wiesen Blumen für die Kirchenaltäre, verfertigte mit eigenen Händen die für Kirchen erforderlichen Sachen, als Stolen, Manipel, Ornate; beredete angesehene Damen, seine Anverwandten, mit lieblichen Worten, waS in den Kirchen schmutzig war, zu reinigen, das Zerrissene auszubessern. Am liebsten wohnte er in der Nähe der Kirchen und kniete ganze Nächte vor dem HI. Altarssakramente und stiftete daS ewige Licht vor dem hochw. Gute. Er leitete viele Jungfrauen zum vollkommenen christl. Leben, vorzüglich die Tochter seines Bruders, Katharina, welche lebenslänglich die Jungfräulichkeit bewahrte, in allen Tugenden sich übte und dem P. Albrecht als Werkzeug zum ') Der heilige Berg ist ein stark besuchter Wallfahrtsort der seligsten Jungsau Maria, na' bei der Bergstadt Pribram. 35« Heile vieler Seelen diente, Bußgürtel und Geißeln verfertigte und heimlich austheilte, Knaben und Mädchen in der Religion unterrichtete. Er führte viele vornehme Damen zum strengsten Leben, so daß sie auf hartem Lager schliefen, Bußkleider trugen, ihren Leib geißelten; seine Nichte Catharina erwählte dann das Klosterleben. Er liebte seinen Orden, prieS die Heiligen seines Ordens und war seinen Obern so pünktlich gehorsam, daß er einmal zum Feste des HI. JgnatiuS, weil es der Rector wünschte, obwohl Jeder daran zweifelte, im größten Gußregen in daS Colleg. nach Klattau kam. Zumeist wegen seiner Verdienste und Liebe zu den Menschen kam die Gesellschaft Jesu ungeachtet der frühern Abneigung gegen dieselbe in Aufnahme und wurde beliebt. Kaiser Ferdinand II. ertheilte zwar die Erlaubniß zur Errichtung des Kollegiums in Klattau. Da aber wegen der damaligen schweren Kriegözciten eS den Ordensindividuen an NahrungSauellen gebrach, sammelte P. Chanowsky im ganzen Kreise milde Gaben, trug sie nach Klattau für seine Brüder, schaffte die HauSgeräike an durch die Unterstützung von Seite frommer, reicher Frauen, vornehmlich solcher, die er von der Ketzerei erst unlängst zum kath. Glauben bekehrt hatte. Und va er die sichere Hoffnung hatte, daß daS Colleg. zu Klattau bald gegründet werde, kündete er es von Freude entzückt in einer Predigt an. Im Jahre 1635 erhielt er ein dem FiScuS verfallenes Haus zum Baue des Kollegiums zu Klattau; der oberste Kanzler Böhmens, Adam von Martinitz, schenkte dazu 10,000 fl., und seine Tochter, Ottilia Gräfin von Kolowrat, schenkte 30.000 fl. Im Jahre 1636 wurden die Jesuiten in Klattau»eingeführt, die herrliche große Kirche aber, die mit den großartigen Galerien 10,000 Menschen fassen kann, wurde erst i. 1.1675 vollendet. P. Albrecht Chanowsky wurde von Schütten- hofen krank nach Klattau gebracht und starb 1643 den 16. Mai um die dritte Morgenstunde, währsnd man ob seiner Wohnkammer ein Licht erblickte, und wurde, da die Kirche noch nicht bestand, in der Jesuitencapelle begraben. Er war 62 Jahre alt, 42 Jahre im Orden, sein Gesicht war sanft, seine Augen stets zum Himmel gerichtet, die Gestalt hoch, daS Gesicht blaß und immer lächelnd, die Haare kurz und schneeweiß. Sein Biograph sagt von ihm, daß er die Gabe vieler Heiligen gemein hatte, zu gleicher Zeit an mehrern Orten gesehen worden zu seyn, im Collegium und um dieselbe Stunde einige Meilen weit bei einem Kranken. Auch soll er, obwohl alt und kränklich, schneller als der Wagen, der ihn einholen sollte, an Ort und Stelle eingetroffen seyn. Die Menschen sprachen von ihm nie anders als von einem Heiligen. Glaubenstöne aus der Mark. (Schluß.) Um den Leser mit der Beweisführung und der Eregese des Verfassers einigermaßen bekannt zu machen, wählen wir jene Stellen auS dem N. T., über deren Erklärung sich eine Legion von Eigenmeinungen nur unter den älteren Theologen der lutherischen Kirche gebildet hat, und welche Luther selbst für „einen finstern Spruch" erklärt, und „daß er nicht wisse, was Sct. Peter meine." DaS heißt also, nach seinem kirchlich politischen Interesse hält er keineswegs für gut, für diesen, wie wir sehen werden, ihm kritischen Punct die beilige Kirche zur Pathe zu nehmen; vielmehr thut er ganz, als hebe diese mit ihm erst an." 1) ES ist die Stelle 1. Petr. 3, 19. 20: „In demselben (Geiste) kam er (Christus) auch zu den Geistern, die im Gefängnisse waren, und predigte denen, welche einst ungläubig waren, als sie in den Tagen Noah'S sich auf Gottes Langmuth verließen, da die Arche gebaut ward u. f. w." Also 1. „in demselben Geiste." Dieses verstehen wir nun schon; 2. „kam er auch" das x«/ „auch" zeigt eine Ergänzung in dem folgenden Zusätze an, ein Werk Christi, welches ebenfalls bei seinenv Niedergange in die Unterwell stattgefunden hat. So wird unser Abendroth der Sonne Andern ein Morgenroth. Die Sonne rastet nicht. Und wenn jenen daS Scheiden der Sonne kommt, dann wird dieses uns wieder ein Morgenglanz. — Daß Christus bei seinem Niedergange in die Unterwelt erstlich in das Paradies gegangen ist, tehrt deutlich und klar sein dem Schächer am Kreuze gegebenes Wort. Dieses Para- 357 dies war, wie dem Schächer, so Allen im Volke Israel, aus der Lehre klar und verständlich. ES braucht also der heilige PetruS hierüber in unserer Stelle kein Wort zu verlieren, sondern diese That Christi in dem xa/ „auch" nur anzudeuten. Zuerst ist er also in das Paradies als Erlöser gegangen. ES ist mit dem Sündenfalle entrückt. ES ist so das vorläufige Behältniß für die Seelen der Gerechten bis auf Christus. Nun erscheint dieser, der Erlöser, in seinem ErlösungSwerke selbst auch sür die, welche „unter der Erde" sind, und wird Jacobs Sehnsucht bei seincui Sterben: „Herr, ich warte auf dein Heil!" (1. Mos. 49, 18) in letzter Instanz befrie» digen. Geschieht dieses, so wird auch daS Paradies selbst eine Aenderung, die Erl ösung, erfahren. Hier müssen wir zu dem xc>i zunächst weiter 3) das x»^<7<7etv: „er kam zu den Geistern und predigte," verstehen lernen. /ü^ovetv. predigen, hebräisch ist dasselbe, was Kap. 2,6, erläutert ist durch e^a^eA^v. Es wird in profanem Sprachgebrauche von Herolden gebraucht, von den Boten deS Königs, welche als Stellvertreter desselben etwaS verkünden, waS daS Publicum betrifft, und mit ihrer empfangenen Botschaft vor demselben hergehen. Uebcrtragen wird eS von der Predigt des Evangelii gebraucht: daß Gott also die Welt geliebt hat, daß er seinen eingebornen Sohn gegeben hat! auf daß alle, die an ih» glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben. So predigt also Christus auch den Geistern im Gefängnisse dasjenige, waS für sie darauf Bezug hat, und zwar einer gewissen Masse derselben. Merken wir nochmals auf daS Wort xai, „auch" predigte er. Also zunächst hat er denen, die im Paradiese sind, für ihr besonderes Bedürfniß das in Ihm zur Erlösung zum ewigen Leben und zur Seligkeit für sie enthaltene Heil verkündet. Hier geschieht in beiden Fällen, für die im Paradiese und sür die an dem Orte der Qual, dasselbe: er erfüllt die Weissagung des Propheten Jesaja in äußerster, letzter Instanz: „er predigt den Gefangenen ihre Erledigung." Vcrgl. auch Luc. 4, 18. WaS der Sohn verkündet, daS bestätigt der Vater den Harrenden im Paradiese sofort durch die That: „Die Gräber thaten sich auf und standen auf viele Leiber der Heiligen, die da schliefen, und gingen aus ihren Gräbern nach seiner Auferstehung, und kamen in die heilige Stadt und erschienen Vielen." Matth. 27, 52. 53. So wurde die Predigt Christi denen im Paradiese, den Patriarchen und den Gerechten in Abrahams Schooße, in limbo pstrum, gebracht zu ihrem Troste in der Erfüllung ihrer Hoffnung, so wurde dieselbe mit der Auferstehung Christi, des Erstlings von den Todten, auch durch die mit ihm Auferstandenen, den Heiligen auf Erden, zu ihrer seligen Hoffnung bekundet. Nun verstehen wir den heiligen EpiphaniuS, wenn er mit den andern Kirchenvätern erklärt (Häres. 69): „Die Gottheit Christi vermochte Alles zu bewerkstelligen, waS Bezug auf das Geheimniß seiner Leiden hatte, und mit der Seele hinabzusteigen in die Unterwelt, um denjenigen heiligen Patriarchen, die vor ihm dorthin gegangen, daS Heil zuzuwenden." Nun ist der von der katholischen Kirche geglaubte und bekannte limbus pstrum sonnenklare Wahrheit und wahrlich keine Fabel, eS sey dcnn, daß jemand aus Leidenschaft oder verstockt und wissentlich die Augen der Wahrheit verschließen wollte. Die Bibel enthält diese Lehre so deutlich wie andere Lehre». Aber wir verstehen auch die Bibel nicht mehr, wenn wir die Tradition der heiligc» Kirche verwerfen. WaS wird nun aus dem Paradiese? „ES hört auf, ein Gefängniß zu seyn. AuS seiner mit dem Sündutsalle eingetretenen widernatürlichen Stellung zunächst zum Himmel tritt eS in die reine Bestimmung der Vorhalle des Himmels zurück: Die Verbindung ist offen, wie Adam mit dem Herrn im unmittelbaren Umgange stand, die Thüre ist nicht mehr verschlossen. Es waltet fortan freier Eingang und AuSgang, und dadurch geht eS in den Himmel auf. Hiermit stimmt nun auch vollkommen, und beweist also für die Lehre der katholischen Kirche, der heilige Paulus. AIS Apostel wird er, laut 2. Kor. 12, 2, „entzückt bis in den dritten Himmel," und zugleich erklärt er V. 4, er sey entzückt worden bis in das Paradies. Dadurch ist klar, daß der dritte 358 Himmel und das Paradies, nach der Himmelfahrt unseres Heilandes, als verbunden, als ein Gemeinsames erscheinen, so zu sagen, als identisch der That nach und als unterschieden nur noch dem Namen nach. So heißt eS denn auch, Ossenb. 14, 13: „Selig sind die Todten, die in dem Herrn sterben von nun an. Ja, der Geist spricht, sie ruhen von ihrer Arbeit, und ihre Werke folgen ihnen nach." Aber, kann nun eingewendet werden, das Paradies steht ja doch nun leer? „Keineswegs." DaS zeigt schon Paulus dadurch, daß er dort unaussprechliche Worte hört. In die Stelle derer, welche dasselbe verlassen, ziehen ja, kraft derselben Predigt Christi, welche den Himmel für die Seelen im Schooße Abrahams bewirkte, nun ins Paradies zunächst schon diejenigen Geister ein, welche von der Pein in den Flammen und aus dem Orte der Qual in der Unterwelt ihre Erledigung finden. Aber hierin müssen wir unsern Tert ansehen. „In demselben (Geiste) kam er" u. s. w. Auch vor Abraham war schon die Kirche vorhanden. Noah war ihr Prediger, Priester und Patriarch. Die Geister, welche hier als im Gefängnisse befindlich von dem heiligen Petruö angegeben sind, werden Kap. 4, 6 „Todte" genannt. Sie sind offenbar im Gegensatze zu denen so genannt, welche nach Christi Aussage im Paradiese „Gott leben." Doch ist dieser Tod nicht zu verwechseln mit „dem andern Tode," mit dem Zustande der ewigen Verdammniß in der Hölle, welchen wir Ossenb. 20, 14 kennen lernen. Die Geister sind zu diesem Orte der Qual grkommen, an welchem auch der reiche Mann Pein leidet in den Flammen. WeShalb? Weil sie einst ungläubig waren; aber später, als daS von Gott durch Noah verkündete Strafgericht Gottes hereinbrach, kamen sie noch zur Buße und Umkehr. 5) Ein ernster Beleg zu der Mahnung: Spare deine Buße nicht auf, bis du krank werdest, sondern bessere dich, weil du noch sündigen kannst. Verziehe nicht fromm zu werden, und harre nicht mit Besserung deines Lebens bis in den Tod! — Eine Masse aus den Todten und zwar Gleichverschuldete und zu gleicher Zeit Gestorbene werden hervorgehoben. Kraft desselben Opfertodes Christi gelangen sie aus dem Orte der Qual und aus ihrem Gefängnisse, kraft dessen das Paradies vom Herrn auch dem Schächer zuertheilt wurde, weil er bußfertig sich noch in seinem Leiden zu Christo bekehrte. Dieses lehrt unS, daß die Gnabö Christi für jeden dieser beiden Fälle vorhanden blieb, daß aber keineswegs alle Sünden von Christo (gänzlich, ewig ausgenommen bleibt die Sünde wider den heiligen Geist) in diesem Leben vergeben werden, sondern erst in jenem Leben, ^) nachdem der letzte Heller bezahlt, und die erforderliche Reinigung der Seele erfolgt ist, ich kann sagen, nachdem die Seele von den sündhaften Schlacken gereinigt, und ihr Metall so ausgeschmolzen worden ist. Dann folgt die Verbindung mit dem Bräutigam der Seele, die Durchdringung mit der Gnade in göttlicher Entwicklung. Wir sehen weiter, daß die Opferkraft Christi eine Milderung, einen Erlaß in der Gefängnißzeit herbeiführen kann. Wenn aber ChristnS durch seine Predigt zuerst in die Unterwelt die Erledigung bringen und dadurch in unserm letztern Falle denen im Gefängnisse dasjenige gewähren konnte, was zur Abkürzung ihrer Gefangenschaft diente, so sehen wir damit: 1) daß das Reich, die Kirche Christi, auf der Ober- und Unterwelt insofern den engsten Zusammenhang hat, daß dieselben Gnadenmittel nach der HeilSordunng für beide Theile gelten, so weit nämlich noch Seelen der Erlösung in der Unterwelt bedürftig sind; 2) daß also anch die von Christo der Kirche übertragene Macht der Gnade znr Vergebung der Sünden, zu lösen und den Himmel aufzuthun, daS Amt der Schlüssel, sich auf die Unterwelt erstreckt." — „Wir können also zur ergänzenden Bestimmung der zweiten Abtheilung des HadcS zurückkehren. AuS ihrer Benennung „Kerker" oder „Gefängniß", wie Matth. 5, 25, ! >: !, ^ !,. ,1-tt ,hkvKhüK'Ä»il' »MgUM^ÄjÄ^MttH tMvck.sV .nsHoickij ') Vcrgl. hiemit die 20. Bemerkung in der Alioli'schen Bibelübersetzung zu gedachter Stelle 1. Petr. 3, 20. A d. E> —) Besser formulirt wird dieser Passus lauten: daß auch in dem andern Leben Sünden gesühnt . und erlassen werden können. - A. d. E. 359 und daraus, daß von denen, welche darin sind, gesagt wird (i. Petr. 4, 6), daß sie gestraft werden, sehen wir, l) daß dieser Kerker eine Strafe der Entbehrung mit sich bringt, 2) aber auch eine positive Züchtigung. Dasselbe sehen wir von dem reichen Manne. AIS er, gefangen gehalten, seine Augen aufhebt und LazaruS steht in Abrahams Schooße, leidet er die Strafe deS Verlustes, und als er rufen muß: ich leide Pein in dieser Flamme! leidet er die Strafe der Empfindung, d. i. andere positive Züchtigungen. Nehmen wir nun zusammen, daß der Kerker und der Ort der Qual in dem Hades liegt, daß er Seelen der Art. wie wir vorhin sahen, zum Besten, also zur Läuterung dient, und daß sie dabei ebengezeigter Weise büßen, biö sie durch Christus krast seines Opfertodes in das Paradies hinüber gelangen: was haben wir in dem bösen Orte deS HadeS überhaupt? — Wir wollen eS unS durch die Kirchenväter z. B. durch den heiligen HermaS, durch JrenäuS, durch TertullianuS, durch Cyrillus von Jerusalem, CyprianuS, Clemens von Alerandrien, OrigeneS, ChrysostomuS, LactantiuS, HieronymuS, AugustinuS, AmbrosiuS, PrudentiuS u. A. sagen lassen, durch die ältesten kirchlichen liturgischen Formulare, durch die alte griechische wie lateimsche Kirche, ja durch die Beibehaltung von beiden getrennten altorientalisch christlichen Parteien: — wir haben daS kurgatorium, daS Fegefeuer!" Wir haben aus der vortrefflichen Schrift deS Pf. Lütkemüller mit Absicht seine Ansicht über die Kirche, den Cölibat und daS Fegfeuer hervorgehoben, weil diese Trias in der Regel die Angriffspunkte der Feinde der katholischen Kirche bilden, und wir wiederholen die Versicherung unseres Bedauerns, nicht noch mehr z. B. über den Primat, daS heilige Meßopfer, Gemeinschaft der Heiligen u. s. w. hervorheben zu können. Von der Wahrheit, der unumstößlichen Wahrheit seiner aufgestellten und durchgeführten Glaubenssätze ist der Verfasser so sehr überzeugt und so tief durchdrungen, daß er alle redlichen und wackern Sucher und Kämpfer der Wahrheit auf Seite des Protestantismus nicht als Feind, sondern als Freund im höchsten Sinne, und als langjährigen, erprobten Waffengenossen zu einem brüderlichen Wettstreite zur größern Ehre Gottes herausfordert. Wie sehr er die Zeit ersehnt, daß noch Eine Heerde und Ein Hirt werde, weil doch Christi Werk Niemand hindern kann, möge er uns mit seinen eigenen Worten sagen: „O komm, du ersehnte Zeit, über mein deutsches Vaterland, bringe ihm den Frieden und heile seine Wunden, seine Zwietracht! Kehre wieder, du germanisches Zeitalter der christlichen Kirche! Nicht in dem Abfalle der Völker von der Kirche, wovon unsere deutsche Geschichte namentlich zu sprechen weiß, kommt der Friede, nicht in dem Widerstande von Kaisern, den sie der Kirche persönlich entgegensetzten, nicht in dem Abfalle von Fürsten ruht der Friede, nicht in dem Unternehmen von Theologen und Philosophen, die Kirche mit der Schärfe ihres Verstandes zu ertheilen. Diese Krankheit war unter unS Deutschen schon vor der Reformation eingerissen, und die Reformation deS löten Jahrhunderts machte diesen Krebsschaden unter unS nicht gut, sondern führte ihn gar zum AuSbruche. Unsere, von Jedermann unter uns empfundene, beklagte Zerrissenheit bis auf dem politischen Gebiete, ja bis in die Ehen, sie hat den Einen Grund der Entfernung von uns selbst, von Gott und von seiner heiligmachenden Gnade im tiefsten Innern. — Darum: Was uns Deutschen hoch noth thut? ES ist die Rückkehr zu der heiligen Kirche." Wie der Verfasser seine Schrift mit der Widmung „der heiligen allgemeinen d. i. katholischen Kirche" begonnen hat, so beschließt er sie mit dem Decrete deS tridentinischen Concils, 8ess. XXIV. über daS Purgatorium. DaS letzte bildliche Zeichen krönt den Schluß, eS ist das Siegeszeichen des Christenthums: I. U. 8. mit Kreuz und Nägeln, und das fast letzte Wort ist — Iesuite n-M issionen! (K. BI. a. Fr.) Jesuitenmiffio» in Bamberg. Bamberg, 30. Oct. Unsere Erwartungen sind in die schönste Wirklichkeit getreten. Schon am frühen Morgen des Sonntages füllten sich die weiten Räume 360 der ehemaligen prächtigen Jesuitenkirche zu St. Martin mit einer überaus großen Schaar der Andächtigen. Um 8'/, Uhr des Morgens wurden die bereits eingetroffenen Väter der Gesellschaft Jesu, nämlich die Herren Patres Roder, Anderledy und Fruzzini vom Klerikalseminar auS, woselbst sie ihre Wohnung nahmen, von einer Deputation des hochwürdigsten Domcapitels in die gedachte Kirche geführt, woselbst der hochwürdige Herr Generalvicar Deinlein die bezeichneten Väter der Versammlung der Gläubigen vorstellte, und sie im Namen deS hochwürdigsten Herrn ErzbischofcS von Bamberg sür die Dauer der Mission mit der geistlichen JuriSdiction bekleidete. Hierauf trat der ganze anwesende Klerus zum Altar; eS wurde der Hymnus Vsni 8gnete 8piriw8 intonirt, und nach Beendigung deS vom Volke gesungenen Predigtliedes hielt Herr Pater Roder die Eröffnungsrede. Er verbreitete sich darin über den Zweck einer Mission. Se. Ercellenz unser hochwürdigster Herr Erzbischof celebrirte hierauf daö Hochamt bei ausgesetztem Allerheiligsten. Nachmittags 2 Uhr entwickelte Herr Pater Anderledy in einer einstündigen Rede den Begriff der Religion, worauf die Ablaßandacht abgehalten wurde. Abends 6 Uhr handelte die Predigt, welche Herr Pater Fruzzini hielt, von der Bestimmung deS Menschen. Mit derselben wurde ganz nach Angabe des Programmes die Misercre-Andacht in Verbindung gesetzt. Am Ende dieser Andacht ertönte zum ersten Male und so fort bisher die große Glocke, welche die Bestimmung hat, täglich zu dieser Abendzeit die andächtigen Bewohner der Stadt zum Gebete um Bekehrung der Sünder aufzufordern. Dieses Gebet findet in der Kirche von Seite der höchst zahlreichen Versammlung in lautloser Stille statt. Vom darausfolgenden Montage an ruft täglich Morgens 5 Uhr das feierliche Glockengeläute das Volk zur Kirche. Zur gedachten Stunde wird das Allerheiligste ausgesetzt, und eS beginnen die heiligen Messen Die erste Predigt Morgens 6 Uhr am gedachten Tage hielt P. Fruzzini über die Bestimmung deö Menschen; nach derselben fand, wie bisher täglich, die gesungene Pfarrmesse statt. Um 8'/z Uhr entwickelte P. Roder den Begriff von Gut und Bös, worauf ein Hochamt folgte, welches während der Mission täglich abwechselnd von Mitgliedern deS hochw. DomcapirelS, von den Stabtpfarrern und von einzelnen Professoren celebrirt wird. Um 11 Uhr wird die letzte heil. Messe gelesen. Nachmittags 2 Uhr sprach P. Roder von der Generalbeicht, Abends 6 Uhr P. Anderledy von der Sünde. Dienstags handelte die erste Rede von der Reue (P. Ottiger, welcher inzwischen als vierter Missionär eingetreten ist) die zweite von den Folgen der Sünde, (P. Fruzzini), die dritte von den Pflichten der Jünglinge und Jungfrauen (P. Roder), die vierte von der Unsterblichkeit (P. Anderledy); am Mittwoch die erste von der Hölle (P. Anderledy), die zweite von der Sünde des Aergernisses (P. Ottiger), die dritte von der Sünde der Unkeuschheit (P. Fruzzini), die vierte (welche alö eine außerordentl. Nachmittags 4 Uhr in der Kirche zu U. L. Fr. stattfand) von den Pflichten der Kinder, die fünfte von der Göttlichkeit der Beichtanstalt (P. Roder); am Donnerstag die erste von der Heilsvergessenheit (P. Anderledy), die zweite von der Gewissenserforschung (P. Fruzzini), die dritte von den Pflichten der Jünglinge und Jungfrauen (P. Roder), die vierte vom Tode (P- Ottiger); am Freitage die erste vom Gericht (P. Fruzzini), die zweite vom Lesen schlechter Bücher (P. Anderledy), die dritte von den Pflichten deS Ehestandes (P. Roder); die vierte setzte daS Thema von der Unkeuschheit fort (P. Roder). In der bezeichneten Weise wird die Mission fortgesetzt werden. UeberauS groß ist die Theilnahme des Volkes. Nicht bloß die ganze Stadt Bamberg nimmt den erfreulichsten Antheil, sondern auch auf 16 Stunden hin und darüber erscheinen die Bewohner deS Landes und der benachbarten Städte; auch große Schaaren aus dem benachbarten BiSthume Würzburg. Auö einigen benachbarten Pfarrorten kamen Processionen, von ihren Seelsorgern geführt, und noch andere dergl. werden erwartet. Seit dem Nachmittage deS letzten Mitwoch wird in allen Kirchen der Stadt von zahlreichen Priestern daS heil. Bußsacrament gespendet. Herzbewegend ist der Zudrang zum Bußgerichte. Am morgigen Sonntage wird Nachmittags 2 Uhr eine feierliche Procesfion auS der MissiouSkirche zur Pfarrkirche zu U. L. Fr. stattfinden. (K. Bl. a. Fr.) _ Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. VerlagS-Znhaber: F. E. Kremer. Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojtzeitung. 14. November ^ !85>s. Dieses Blatt erscheiut regelmäßig alle Tonntage. Der halbjährige Abonnementsprei« TV kr., wofür e« durch alle köm'gl. bayer. Postämter und alle Bochhaudluugen bczogeu werde» kauo. Schreiben des hochwürdigsten Erzbischofs von Tuam in Irland an Se. Ercell. den StaatSminister Herrn Grafen von Derby, über die kirchlichen Verhältnisse Irlands. Jalaths, Tuam, am Feste der sieben Schmerzen der allerseligsten Jungfrau, l9. September t3SL. Excellenz! Die Anhänger der protestantischen Hochkirche haben in Irland viel Aufsehen und großen Lärm erregt. Sie entblödeten sich nicht, die schamlosesten Lügen von ihrer Ausbreitung in Umlauf zu setzen und nach allen Richtungen hin zu verbreiten. Dieß Alles ist erfolglos geblieben, und sie sehen jetzt ihr eigenes Daseyn ernstlich in Frage gestellt. Vergebens werden sie durch solche Maaßregeln ihre nahe bevorstehende gänzliche Auflösung zu hindern suchen. Bisher konnten sie das englische Volk bethören, weil sie die unerhörtesten Verleumdungen rücksichtslos und unbesorgt ausstreuen durften. Sie mögen sich auch jetzt noch immer im unbestrittenen Besitze deS Rechtes zu betrügen wähnen, ohne zu ahnen, daß Jemand an eine Enthüllung denken werde — aber sie scheinen doch wenigstens auch zu merken, daß sie sich in ihren Berechnungen geirrt haben. DaS Ergebniß der letzten Wahlen in Irland hat sie mit einer Angst erfüllt, welche sie gerne verheimlichen wollten; aber ihre überlaute freche Prahlerei zu einer Zeit, wo die Welt den Sturz des hochkirchlichen Parlamentes mit eigenen Augen sieht, und der thatkräftige Widerstand eines Volkes, welches seine Freunde für zertreten hielt, sind zu offenkundige Beweise und Gründe ihrer schrecklichen Befürchtungen. Wir können wohl diese bebenden Sachwalter in dem süßen Tranme von ihren Fortschritten belassen, während wir vor dem unparteiischen Richterstuhle die unläug- bare Behauptung aussprechen, daß die letzte Stunde der protestantischen Hochkirche geschlagen har. Die Times, dieses getreue Organ der Hochkirche — wenn eine verworrene und launenhafte Einrichtung diesen Namen verdient — mögen wüthen und schnauben und blitzen und wieder und wieder den schrecklichen AuSbrüchen ihrer Fieberhitze über den unverbesserlichen Starrsinn, womit der celtische Stamm an seinen alten Gebräuchen klebt, Luft machen, und das andere weniger geräuschvolle, und gleichsam harmlose literarische Gewehrseuer möge demselben Zuge sich anschließen. Sie müssen Alle unserm Zwecke dienen, und wider ihren Willen den Sturz der protestantischen Hochkirche gleichsam laut bezeugen, da sie ja selbst weit und breit die Verzweiflung bekannt machen, welche sich ihrer Träger bemächtigt hat. Sie mögen in ihren feilen Spalten die lächerlichen Lügenberichte ihrer irisch-protestantischen Korrespondenten über den Fortschritt der sogenannten Reformation in Irland und über die neue Begeisterung deS Volkes für die Reinheit und 3S2 Vortrefflichkeit der Sitten, wodurch dieselbe sich in England auszeichnet, ruhig aufnehmen. Ew. Ercellenz werden, denke ich, mit den Times gerne glauben, daß das Celten-Volk am Hergebrachten festhält, und vor allem an seinem hergebrachten Glauben und seiner reinen Sittlichkeit. Deßwegen sollte auch daS englische Volk nicht so leichthin glauben, daß das irische Volk wegen seines langen Zusammenlebens mit dem Sachsenstamme nun auch dieses sein brutales System zur Entsittlichung der Gesellschaft liebgewonnen habe. Gleich einem Krebsschaden frißt diese Lehre um sich und hat alle bürgerlichen und sittlichen Tugenden in England untergraben, wie in der Neuzeit die vielen Untersuchungen über Kindermorde, durch unverheirathete Frauenzimmer verübt, leider zu klar beweisen. Und doch find dieß lauter Handlungen, welche, dürfen wir den Lobrednern dieses sittlichen Volkes Glauben schenken, der unmittelbare Ausfluß jener protestantischen Lehre sind, für deren Verbreitung in Irland man, Gott sey Dank umsonst, so viel arbeitet. Ercellenz, durchdrungen von der Ueberzeugung, die jeder wahre Christ theilen muß, von dem unheilvollen Einfluß einer solchen schauderhaften Sittenlosigkeit auf das ewige und nicht minder auf daS zeitliche Wohl des Menschen, könnten daS Volk und die Priesterschafl Irlands unter keiner Voraussetzung ruhig die Hände in den Schooß legen, indem sie die Versuche zur Ausbreitung dieser so verderblichen Grundsätze vor Augen haben. Man wirft uns vor — und dieser Vorwurf gereicht uns gerade zum größten Lobe — daß Irlands Volk eine so große Verehrung für das Alte hegt und mit einer Anhänglichkeit zu seinen Geistlichen hält wie keine Nation auf Erden. Diese Anhänglichkeit an seinen Klerus hat eS genügend in seinen letzten glänzenden Siegen über den furchtbaren Bund bewährt, den Pietismus und Macht geschlossen hatten. Man hatte beabsichtigt, die Wahlfreiheit zu einer VersolgungS- waffe gegen seinen Glauben zu gebrauchen, und nun ist sie durch sein Bemühen zu einem Schutz und Schild desselben geworden. Können diesemnach Ew. Ercellenz, ja sollte der leichtgläubigste Pietist, der auf Mährchen lauscht, dem Gedanken Raum geben, die Jrländer würden jemals zur protestantischen Religion übergehen? Religion darf man eigentlich auch nicht sagen, sondern Legion ist der Name, denn sie sind zahlreich. Wie werden Ew. Ercellenz diese LoStrennung des Volkes von den katholischen Geistlichen und dieses gänzliche Aufhören ihres Einflusses mit der furchtbaren Wuth in Einklang bringen, zu welcher sich alle englischen Journalisten — Whig, Tory, Radikalen — haben hinreißen lassen? Dürfte nicht die Wahl von eilf katholischen Parlamentsmitgliedern in der Provinz Connaught, welche doch nur die geringe Zahl von dreizehn zu wählen und mit der hitzigsten Opposition zu kämpfen hatte, ein hinreichender Beweis seyn, daß daS sächsische Religionswesen unter den celtischen Bewohnern dieses westlichen Striches außerordentlich wenig Anklang findet? Ew. Ercellenz besitzen doch zu viel Ehrenhaftigkeit, um dieses in Abrede stellen zu wollen, und werden vielleicht recht bald eine ähnliche Ueberzeugung durch die Abstimmungen und daS Auftreten der Parlamentsmitglieder gewinnen. Wir werden dann wieder Gelegenheit haben, die Kundgebungen der Theilnahme der Sachsen gegen unsere auch zu sehr übertriebenen Fehler und Schwächen, nicht weniger aber die gewohnten AuSbrüche von Wuth und Rache über die wachsende Stärke und Herrlichkeit der katholischen Kirche in Irland anzuhören. Ja gerade diese feste Ueberzeugung von der tief eingewurzelten Anhänglichkeit der katholischen Bevölkerung von Irland an ihte Religion, und thr unabänderlicher Entschluß, dieselbe nicht bloß zu erhalten, sondern auch einen kühnen, gesetzmäßigen und konstitutionellen Kampf gegen den Moloch der StaatSkirche aufzunehmen, hat diese veranlaßt, neuerdings eine beträchtliche Schaar Prediger und Kirchendiener in diese Gegend zu beordern, und dafür schwere Frachtladungen von Lügen und Dichtungen über errungene Siege im Westen Irlands einzutauschen. Auch diese Umtriebe wird man nicht länger fortsetzen, da doch das Schicksal jedes neuen vergeblichen Versuches den klaren Beweis liefert, daß die Tage der Hochkirche gezählt find. Wenn aber diese geschlossene Reihe irischer Parlamentsmitglieder, welche eine noch stärkere 363 Regierung als die jetzige stürzen könnte, das Land einmal von dem Alp, welcher alle seine Anstrengungen hemmt, befreit hat, so werden sie schon von selbst den AuSgang der neunten oder zehnten Reformation im Süden oder Westen von Irland nicht abwarten. Nein, sie werden nicht zuwarten, noch auf jene süßen Versprechungen hören, deren sich die Tory- und Whigminister gleich listig zu bedienen wissen. Denn dieses ächte Celtenvolk, das in England als protestantisirt gilt, hat seinen Vertretern die Weisung ertheilt, nicht nachzugeben, noch ein Amt anzunehmen, noch irgend welche Gunst vom Ministerium, bis dieses Land von dem Drucke dieser StaatSkirche, von welcher nur schamlose Verleumdung behauptet hat, daß sie ihm zusage, befreit worden ist. Weit besser und vernünftiger wäre es daher, wenn diejenigen, welche diese Lügen von dem Fortgange der Reformation in Irland aussinnen, sich um ihr eigenes HauS bekümmerten, und sich in das allgemeine Schicksal aller menschlichen Dinge, dem auch dieses Menschenwerk nothwendig anheimfallen muß, zu fügen suchten, als daß sie unausgesetzt das Volk des einen Landes verleumden und das Volk deS andern Landes betrügen, indem sie staunenswerthe Nachrichten von erdichteten Wundern aus dem Westen Irlands mittheilen, mit denen die verbürgten Wunderberichte, welche von ihnen lächerlich gemacht werden, gar keine Aehnlichkeit haben. Die Engländer werden gerechtigkeitSIiebend genannt; wir dürfen aber nicht vergessen, daß sie selbst sich dieses Lob in Schrift und Rede beilegen. Ich glaube nicht, daß ihre Gerechtigkeitsliebe reiner und hochherziger ist als ihre vielgepriesene Freiheitsliebe, welche den besten und größten Theil für sich beansprucht und Andern nur einen geringen Antheil verstattet. Ihre Liebe zur Liederlichkeit steht, so weit Irland in Betracht kommt, durchgängig hinter dem gespendeten Lobe zurück. Aus diesem triftigen Grunde ist eS auch keine vergebliche Arbeit, wenn ich die Widerlegung der Verleumdungen von Uebertritten in Irland, welche keinem andern als dem englischen Volke glaubwürdig erscheinen, begonnen und ausgeführt habe. Diese Verleumder kann man heute und morgen widerlegen, mit derselben Unverschämtheit im Verleumden treten sie doch vor den Hintergangenen Engländern wieder damit auf. Von der Gerechtigkeit der englischen Nation haben wir daher wenig zu erwarten. Sie wird diesen Uebelstand — diese reiche Quelle von Jammer und Zwietracht — nicht heben, aber die Begeisterung deS irischen Volkes für seinen Glauben, sein fester Entschluß, das englische Volk durch die Haltung der irländischen Mitglieder im Parlamente zu überzeugen, müssen endlich siegen. Ihre Summen — der klare AuS- spruch deS Glaubens und der Gefühle der celtischen Bevölkerung — werden deutlicher als Alles, waS man sagen oder schreiben könnte, zeigen, daß sie keine Zuneigung zum Protestantismus haben. Ist so im Parlamente der Ueberzeugung Bahn gemacht, so werden auch die gedungenen Vorleser — wenn man sie Leser nennen soll, obgleich sie kaum buchstabiren können — und Prediger, welche hinter diesen Vor« läufern von Lug und Trug auf reichen Gewinn ausgehen, bald gewahr werden, daß sie, anstatt die gehofft« .Ausdehnung der Hochkirche zu sehen, sich eine bedeutende Minderung deS Gebietes nach den Forderungen der Gerechtigkeit und einer vernüns- ttgen Politik gefallen lassen müssen. Die Bewerber um dergleichen Stellen bilden sich ein, sie fänden Glauben für ihre übertriebenen Berichte und doch rufen sie nur Spott und Verwünschungen hervor. DaS englische Volk ist in der That niemals so großartig hintergangen worden, als durch die Berichte von der neuen Reformation, denen eS zur Selbsttäuschung so gerne zuhört. Der Klerus von Irland ist nicht gewohnt, mit Schatten zu kämpfen. Spricht man daher von Uebertritten im westlichen Irland und gibt die ungefähren Zahlen derjenigen an, von denen man sagt, daß sie zu den Versammlungen deS Irrthums gekommen sind, so sollte man bei der Angabe die genauen Bestimmungen von Namen und Ort und Zeit — das sind die wohlbekannten Prüfsteine der Wahrheit und Glaubwürdigkeit — doch nicht vergessen. Warum bleiben diese gerade durchgängig bei den wunderlichen Darstellungen von dem Fortgang der Reformation, wo- 3S4 mit man das englische Volk zu ergötzen sucht, ganz außer Acht? Doch wohl nur, weil eS weit leichter ist, falsche Nachrichten unter dem Deckmantel der Allgemeinheit zu verbreiten. Wenn nun auch diese Betrüger sich schon lange ungestört mit dem Betrüge abgaben und ausstreuten, daß in dieser Diöcese Massen Eingeborner — Tausende, wenn man ihnen glaubt — überträten, so fordere ich doch jetzt dieselben hierdurch auf, nicht nach Tausenden oder Hunderten zu zählen, sondern die Plätze anzugeben, wo ihrer fünfzig oder zwanzig, oder zehn sich aufhalten. Auf diese Weise wird eS ermöglicht, zu beweisen, ob und wie viel Glauben sie verdienen. — Die furchtbare Geißel der HungerSnoth hat überall tiefe Wunden geschlagen, welche noch nicht ganz vernarbt sind, und weit schlimmer war die Geißel der Verfolgung von Seiten deS Pietismus; deßungeachtet haben in beinahe fünfzig Pfarren dieser Diöcese die Betrüger in keiner Hinsicht festen Fuß fassen können. In den wenigen Psarren, in denen sie sich festzusetzen suchten, benutzten sie den Jammer der Eltern, welche ihre Kinder hinschmachten sahen und den Fanatismus der königlichen Aufseher bei den Arbeitshäusern. Diese vertrieben die Leute zuerst von HauS und Hof, jagten sie dann gleich nach der Aufnahme wieder aus dem Arbeitshause, oder verweigerten ihnen die zukömmliche Unterstützung, und ließen ihnen auf diese Weise bloß die Wahl zwischen jenem Verführergifte und dem Tode. Manche legten in solcher Noth ein Scheinbekenntniß auf den Irrthum ab, hielten jedoch kaum so lange aus, als das Schicksal auf ihnen lastete. Sie mögen diese in der HungerSnoth erhetzten Opfer einmal nachzählen, und eS wird sich ergeben, daß dieselben glücklich in den Schooß jener Kirche zurückgekehrt sind, die sie nur im Dränge der äußersten Noth verlassen hatten. Wenn sie sich dieser augenblicklichen AuSnahmSübertritte rühmen wollen, so sollten sie doch auch nicht vergessen, daß dieselben Zeugnisse wider ihre eigene Unmenschlichkeit und Grausamkeit ablegen — oder sollten die Aufmerksamkeit lieber nicht auf eine Vergangenheit hinlenken, welche doch nur ihren Schimpf und ihre Schande deckt. Ich will mich keineswegs in Vermuthungen erheben, noch aus den traurigen Erfahrungen, die ich hier gemacht habe, auf die auch anderwärts durch das schauderhafte Wühlen der hochkirchlichen Sendboten vorgekommenen Vertreibungen von HauS und Hof und Verfolgungen um der Religion willen schließen und anspielen. Nein, ich will berichten, was ich selbst gesehen, und anführen, waS Jedem handgreiflich scheint und wovon sich Jeder selbst überzeugen kann. Ist eS Ew. Ercellenz bekannt, daß in Connemara, dem eigentlichsn Herde dieser Wühlereien für daS Evangelium, ein achtbarer Gutsbesitzer feinen Pächtern mit Kündigung gedroht hat, wenn sie in ihren Wohnungen die Vornahme irgend einer Reli- gtonShandlung ihreö Glaubens gestatteten? Was wird daS Volk — daS gebildete Volk — Englands, dieser Lobredner ihrer Liebe zur Duldung, Gerechtigkeit und Menschenfreundlichkeit von der zarten Frömmigkeit dieser Eiferer sagen, wenn diese Häscher am 9. September einer Mutter, welche ihre beiden Kinder, die in der HungerSnoth mit Hunderten solcher Opfer zur Anhörung der schlechten Lehren gezwungen worden waren, in den Schutz der Kirche flüchten wollte, auf dem Wegenach Clifven förmlich auflauerten und ihnen die elenden Lumpen, wofür sie am Schulunterrichte Theil nehmen sollen, geradezu vom Leibe rissen, so daß die arme Mutter die Gefühle des AnstandeS unterdrücken mußte, um ihre Lieben dem Tempel GotteS zuzuführen und vor dem Unterrichte und Schicksale der Frauen zu Dorsetshire zu bewahren. Und doch versichert man uns, diese Uebertritte geschähen ohne jegliche Bestechung; während eben die Bestechung in den einzelnen Fällen einziger Grund ist, wenn Einer für Augenblicke abtrünnig schien. Man kannte wohl die eigenthümliche Liebe, welche in Connemara die nackten Waisenkinder kleidete. Aber es ist unmöglich, die tiefe Entrüstung gehörig zu beschreiben, von welcher daS gesammte Volk beim Anblick dieser halbnackten Kinder ergriffen wurde, dieser entwichenen Raudopfer, welchen die Wölfe wenigstens die Proselvtenkleidung noch ausgezogen hatten. Dieser Auftritt gab ihnen einen harten Stoß, und öffnete auch denjenigen wieder die Augen, welche durch die arge Heuchelei am meisten eingenommen waren. Der Hunger hat Viele aus dem 365 Volke hinweggerafft, aber die Kirchen in Connemara waren doch immer gedrängt voll, und namentlich bildete die Jugend einen beträchtlichen Theil.. ES zeigte fich auch keine Spur von dem sogenannten JumperiSmuS. Die Zahlverminderung in Folge deS Hungers und der Ausweisung wurde durch den erhöhten Eifer der Bevölkerung ersetzt, die sich ernstlich bemühte, dem nachtheiligen Einfluß derjenigen, welche sich gleichgiltig gegen die heilige Religion benahmen, entgegenzuwirken. Weiter schließt man auch auf den Fortschritt der Reformation von der Zahl der Bibelleser, welche auf der Küste zerstreut wohnen! Welch schlagender Beweis für c>ie Uebertritte der Eingebornen! — Diese sehen mit Verachtung und Hohn aus die Betrüger. Wo das Aas ist, da sammeln sich die Adler, und eS hat gewiß niemals ein Wasserrabe mit einem sichereren Instinkt seine Wohnung gefunden, als diese reisenden Kirchendiener und unberufenen Prediger die Stellen treffen, wo englische Gutherzigkeit für die irländischen Recruten reichlich fließt. Nun, sie bauen doch Kirchen! Die Steine müßten sprechen, und könnten, wenn sie in den kalten Mauern der Versamm- lungSplätze in der Einsamkeit zu Menschen würden, zum Zeugnisse über die Zahl der Versammlungen aufgefordert werden.^ Man sollte meinen, eS wären bei der Zählung von 1641 (glaub' ich) so viele protestantische Pfarreien mit sehr ausgedehnten Kirchenländern und Kirchen mit ragenden Thürmen in Irland ohne einen einzigen Protestanten vorhanden gewesen, daß man auf immer die Wiederholung der höhnenden Bemerkung, der Prote- stantiöm folge den protestantischen Kirchen nach, verhütet hätte. Ew. Excellenz werden meine Behauptung besser verstehen, wenn ich mich auf die Pfründe des Pfarrers Marly zu Annadown berufe. Dieser mußte mehrere Jahre lang — er erreichte ein schönes hohes Alter — geduldig die Rückkehr seines katholischen Küsters aus der heiligen Messe abwarten, damit ihm derselbe bei seinem einsamen Gottesdienste das Amen antwortete, denn er hatte sonst Niemand bei sich. Obgleich diese Abhaltung seines SonntagsgotteödiensteS traurig genug war, so konnte er sich doch nach einer längern Abwesenheit von Wochen, Monaten, ja von einer ganzen Reihe von Jahren rühmen, daß kein einziges Schäflein seiner Heerde ohne seine Gegenwart gestorben sey. Solche Vorfälle, mögen sie nun spaßhaft oder traurig seyn, müssen selbst in der ernsthaftesten Stimmung ein Lächeln hervorrufen. Aber selbst der roheste und verworfenste Mensch hat doch ein Gefühl für Recht und Gerechtigkeit, welches fich gegen die Fortsetzung eines solchen Unwesens sträubt. So gut wie Connaught könnte jede Provinz in Irland und vorzüglich Munster noch manchen solchen Marly aufweisen, abgesehen davon, daß die protestantischen Polizei- und Zollbeamten kürzlich in der Nähe einer solchen Kirche eines Pfarrers ohne Pfarrkinder angestellt und so manche künstliche Gemeinden gebildet werden. Und zur Verewigung solchen Possen- spielS, welches der katholischen Bevölkerung so lästig und für die Regierung so unangenehm ist, will man die Errichtung von kleinen Kammern — den Namen Kirche verdienen sie nicht — noch weiter treiben? Solche unsinnige und unnütze Pläne sollten doch endlich einmal aufgegeben werden. Diese so lange mißbrauchten kirchlichen Fonds sollten nach Abzug der Leibrenten ihrer jetzigen Inhaber ihrer ursprünglichen Bestimmung gemäß für fromme Zwecke der Nächstenliebe und Erziehung für Katholiken verwandt werden. Zu lange sind diese Einkünfte verschleudert worden, ohne andern Erfolg als die Fortpflanzung von Mißstimmung und die Aufrechthaltung eines unseligen Einflusses. Es würde ersprießlich seyn, wenn diese Gelder zur Erbauung und Fundirung katholischer Schulen und zur Erbauung katholischer Kirchen, und so weit die Ueberschüsse reichen, zum Ankauf katholischer Ländereien verwendet würden, alle frei und unabhängig von einer mißtrauischen Einmischung von Seite der weltlichen Macht, wie eS zuerst war, ehe diese Fonds ihren frommen Zwecken entzogen wurden. Nur unter diesen Bedingungen werden sie zurückgefordert, und unter keinen andern werden sie angenommen. Unter diesen Umständen würde eS ein großer Fehlgriff seyn, sie vorenthalten zu wollen. Es ist dieß nur eine gerechte 3S« und zwar späte Rückgabe von Eigenthum, welches lange seiner rechtmäßigen Bestimmung entfremdet war. Und was unsere Zukunft — daS tägliche Brod des katholischen KlcruS — angeht, so wird der sich ausschließlich auf jene reiche Quelle, die bisher niemals versiegte, auf die freiwilligen Beisteuern eines dankbaren Volkes verlassen. Und dieses wird mit zunehmender Begeisterung seinen religiösen Pflichten geniigen, wenn es erst durch schützende Maaßregeln die Früchte seines Fleißes genießen kann. Was die protestantische Kirche angeht, so dente man doch nicht länger mehr an deren Aufrechthaltung in Irland. Man behandelte sie vielmehr wie die Freihandelsfrage und stelle der unvermeidlich nothwendigen Fortentwickelung anheim, was ein Staatsmann nicht hemmen kann. DaS katholische Volk dieser Gegend wird nicht eher ruhen, bis eS ihre gesetzliche Aufhebung erlangt hat. — Die Art liegt bereits an der Wurzel deö BaumeS, und da die Zeit daS fluchwürdige Verderben seiner Früchte nur zu gut dargethan hat, so wird man vergebens seinen unvermeidlichen Fall aufzuhalten suchen. Ich habe die Ehre zu verharren Ew. Excellenz gehorsamer Diener -j- John, Erzbischof von Tuam. (Schi. K. Bl.) Jesuitenmiffion in Bamberg. Bamberg, 6. Nov. Um in der Darstellung der dermalen dahier stattfindenden überaus großartigen Mission fortzufahren, so handelte am letzten Samstag die erste Predigt vom Geize (P. Fruzzini), die zweite vom Mißbrauch der Rede (P. Ottiger), die dritte abermals von den Pflichten deS Ehestandes (P. Roder), die vierte vom Glauben (P. Anderledy); am Sonntag als dem Anfange der zweiten MissionSwoche die erste von Christus als unserm Beispiel (P. Ottiger), die zweite von der Bekehrung deS Sünders (P. Fruzzini), die dritte von der Verehrung Maria, außerordentlicher Weise in der Pfarrkirche zu U. L. Fr. gehalten (P. Roder), die vierte von der Gottheit Christi (P. Anderledy); am Montag die erste von der Genugthuung (P. Fruzzini), die zweite von der Verehrung der Heiligen (P. Roder), die dritte von der Gleichgiltigkeit in Betreff des Glaubens (P. Anderledy), die vierte von den Merkmalen der wahren Kirche (P. Roder); am Dienstag die erste vom Gebet (P. Ottiger), die zweite vom Gebet für die Verstorbenen (P. Fruzzini), die dritte von dem Lehr-, Priester- und Regierungsamte in der Kirche (P. Anderledy), die vierte von der Habsucht (P. Roder); am Mittwoch die erste von der Menschenfurcht (P. Ottiger), die zweite vom Oberhaupte der Kirche (P. Anderledy), die dritte von den Pflichten der Dienstboten (P. Roder), die vierte von der Versöhnung der Feinde (P. Roder); am Donnerstag die erste von der rechten Beicht und Communion (P. Fruzzini), die zweite von der unwürdigen Beicht und Communion (P. Ottiger), die dritte von der Gegenwart Christi im heiligen Altarssakrament (P. Anderledy), die vierte von den aus dieser Gegenwart sich ergebenden Pflichten (P. Roder). Am Schlüsse der letzten fand die feierliche Abbitte vor dem Allerheiligsten in Anwesenheit Sr. erzbischöflichen Ercellenz und eines zahlreichen Klerus statt. Am letzten Sonntage so wie am Feste aller Heiligen und dem Gedächtnißtage aller Seelen war daS Zuströmen von auswärtigen Andächtigen ein außerordentliches und bot ein dahier vielleicht noch nie gesehenes Schauspiel. In der großen MifsionSkirche fand man während der Predigten kaum mehr ein freies Plätzchen von den Stufen des Hauptallars bis zur großen Pforte, welche offen stand, um auch den außerhalb Stehenden nach Möglichkeit Gelegenheit zum Hören deS göttlichen - Wortes zu geben. Wer einmal in der Kirche einen Raum zum Stehen erlangt hatte, mußte unbeweglich stehen bleiben. Außerdem waren die übrigen Pfarrkirchen so wie die Kirche zu St. Jakob gedrängt voll von Beichtenden. Das Volk auS allen Ständen und mitunter von weiter Ferne wogte in der Art durch die Straßen zu den Kirchen, daß die ganze Stadt das Bild einer großartigen, wohl geordneten, bedeu- 367 tmigSvollen, erbaulichen Bewegung darbot. Man hörte von Leuten sprechen, daß sie halbe und ganze Tage in den Kirchen standen, um zur Beichte zu gelangen. ES gab Leute, welche die Kirchendiener baten, ihnen zu gestatten, ihre Andacht durch die ganze Nacht in dem Hause Gottes fortsetzen zu dürfen. Aus einigen benachbarten Pfarren, so von Hallstadt und Döringstadt, wie vorher von Trunstadt:c. kamen große Wallfahrten Hieher. Doch die großartigste Erscheinung war die Procession, welche sich am letzten Sonntag zur Verehrung Maria aus der St. Martinskirche in die obere Pfarrkirche zu unserer lieben Frau bewegte. Sie wurde eröffnet von der Jugend; hierauf folgten zwölf Jünglinge, welche daS silberne Standbild der heiligen Jungfrau Maria, umgeben von etwa 15V weißgekleideten, theils Lilien, theils brennende Kerzen in den Händen habenden Mädchen, trugen; darnach der zahlreiche KleruS der Stadt mit dem hochwürdigsten Domcapitel, in dessen Mitte sich unser hochwürdigster Herr Erzbischof zur allgemeinen Freude des Volkes befand; endlich eine unübersehbare Masse des Volkes. Wie ein Meer rauschte der Gesang „Mutter Christi hocherhoben" und „Sey gegrüßt, o Jungfrau rein" auS dem Munde von Tausenden und Tausenden. Zwischen den beiden genannten Kirchen stand nach der ganzen Breite der Straße Mann an Mann. Es war ein Triumphzug ohne Gleichen. Wer, der noch Sinn hat für das Ewige und Geistige, bewunderte nicht die Macht des Glaubens in der Stadt und dem Hochstiste des heiligen Heinrich! Am nächsten Sonntag Nachmittags 2 Uhr findet die Schlußfeier der Mission statt Kirche und Presse in Bayern. Wie soll (wenn von Kirchenfreiheit anders nur noch von Ferne her geredet werden kann) die katholische, zunächst die publicistische Presse gegenüber der Kirchenbehörde und gegenüber der Staatsbehörde stehen? Von der Beantwortung dieser Frage hängt für das Heil der Kirche vieles ab. DaS fühlen die Männer der Kirche, daS fühlen aber auch die' Feinde und Gegner der Kirche von allen Farben sehr gut. Wir wollen versuchen, darauf zu antworten. Daß die katholische Presse nicht beansprucht, im Staatsregiment mitarbeiten zu wollen, versteht sich von selbst; daß sie aber aus kirchlichem Gebiete immer innerhalb deS kirchlichen Gesetzes freie Bewegung verlangt, versteht sich auch von selbst. Jeder Bischof hat offenbar das Recht, einen Priester oder auch einen katholischen Laien, welcher Irrlehren verbreiten oder gegen die Kanones der Kirche schreiben wollte, vor sich zu citiren und mit ihm kanonisch zu verfahren; ja jeder Bischof hat sogar die Pflicht dazu. Zu diesen wie zu andern Bchufen sind ja auch die kirchlichen Gerichte in den Diöcesen anbefohlen, und sie werden sicherlich auch ins Leben treten, wenn die provisorischen Zustände einmal zu Ende gehen werden. Jeder katholische Publicist soll also schreiben, daß er sich vor dem Gerichte seines Bischofs über das Geschriebene jederzeit verantworten kann. Wie traurig wäre es selbst mit den Ueberresten freier kirchlicher Bewegung bestellt, wenn eine Kirchenbehörde deßhalb, weil ihr geschriebene Wahrheiten mißliebig sind, sich an die weltliche Behörde wenden wollte mit dem Ansuchen, eS soll eine Schrift oder eine Zeitung eines Geistlichen von Seite der weltlichen Behörde unterdrückt werden? Läge nicht schon im Betreten eines solchen heimlichen Nebenweges daS tiefinnerliche Gefühl, daß man eine unrechte That vorhabe, für welche man vor der Oeffentlichkeit nicht wagt die Verantwortung auf sich zu nehmen? Das wäre also offenbares Unrecht einer kirchlichen Behörde, ja eS wäre dann sogar eine große Pflichtverletzung, wenn eine solche Schrift für daS Recht der Kirche kämpfend einsteht; denn in einem solchen Falle ist es ja sogar Pflicht der Kirchenbehörde, dem Worte der Wahrheit Geltung und Eingang zu verschaffen und sür dasselbe einzustehen. Emen solchen Fall haben wir so eben in Bayern. Die vortreffliche Schrift: „DaS Recht der Kirche und die Staatsgewalt in Bayern" wurde für Bayern mit Beschlag belegt. Die Schrift enthält in Mäßigung, aber auch in Entschiedenheit die Forderung, daß daS Concordat solle aufrecht erhalten werden, und zeigt durch die trockene Er- 368 zählung von schlagenden Thatsachen, wie diese Ausrechthaltung bisher nicht geschehen ist, wie im Gegentheil die wesentlichsten Puncte durch Mißbrauch bis auf diese Stunde zum größten Nachtheil der Kirche umgestoßen wurden. Wie wir nun vernehmen, hat der hochwürdigste Herr Erzbischof von München-Freising bereits sich geäußert, daß er seinerseits mit dem Verbot einer Schrift nicht einverstanden seyn könne, welche den Boden der Wahrheit und des kirchlichen Rechts nicht verlasse, und die nur diejenigen gerechten Forderungen wiederholt und mit Thatsachen unterstützt, welche die Bischöfe in ihrer Denkschrift ausgesprochen haben. Was sollen aber auch die Bischöfe Bayerns von der Gewährung der in ihrer Denkschrift aufgestellten Puncte für eine Erwartung hegen, wenn eine Schrift, die dasselbe auS- spricht, was in der Denkschrift steht, und gegen welche vom kirchlichen Standpunct nur RühmenSwertheS gesagt werden kann — von Seite der Staatsbehörde den Katholiken Bayerns nicht einmal zu lesen erlaubt wird? Die Tragweite und die Folgen eines solchen Verbotes liegen auf offener Hand. Wie ehrenwerth ist der katholische KleruS während der Z?it des Aufruhrs, in ganz Bayern, besonders aber in der gefährlichen Revolution in der Pfalz dagestanden — so daß selbst König Ludwig seine offene Anerkennung darüber schriftlich und mündlich mehrmal ausgesprochen; — diesem katholischen KleruS nun dürfte doch von Seite des Ministeriums eine andere Behandlung gebühren als jene, welche demselben jetzt widerfährt. Aber die Weisheit predigt draußen, wie es im Buch der Sprichwörter im ersten Capitel heißt, und eS dürfte allen jenen, welche sich die Ohren vor der Wahrheit zuhalten, nicht schaden — wenn sie dieses Capitel vom Anfang bis zum Ende aufmerksam durchlesen wollten! (W. Kirchenz.) Nordamerika. Im vorigen Jahre entstand zu Rom eine amerikanische GcsandtschastScapelle. Die amerikanischen Gesandten zu Paris, Wien, St. Petersburg, Constantinopel und in andern Hauptstädten haben nie besondere Gesandtschaftscapellen noch Gesandtschafts- capläne gehabt. So ist eS auch in der Ordnung, denn die vereinigten Staaten Nordamerikas haben ja keine StaatSreligion, sondern sie haben die Trennung des Staates von der Kirche aufs vollständigste durchgeführt. Man kommt daher auf die Vermuthung, daß bei der Eröffnung dieser americanischen Gesandtschaftscapelle andere Zwecke verfolgt werden. Ein Geständnis; hierüber finden wir in einem protestantischen Blatte, welches unter dem Titel: „Ms cnristisn IntelliAkneer^ zu New-Aork erscheint. Dieses enthält in der Nr. vom 3. Mai 1851 einen Brief aus Rom, in welchem eS heißt: „Ich habe Ihnen gemeldet, daß hier eine amerikanische preSbyterianische Capelle besteht, deren Pfarrer der Geistliche HastingS ist. Er ist dem Scheine nach Caplaii der Gesandtschaft der vereinigten Staaten, wird aber in der That von der Gesellschaft der amerikanischen Missionen zur Unterdrückung der katholischen Kirche verwendet. Die englische Kirche wird zu Rom nicht geduldet, und diese protestantische Kirche ist nur erlaubt, weil sie sich unter dem Namen der Gesandtschaft der vereinigten Staaten verbirgt." (M. Sbl.) _ Peru. Während die Kirche in Neu-Gran ada verfolgt wird, indem man die geistlichen Orden verbannt, die Güter der Geistlichkeit einzieht, die Bischöfe vertreibt, oder doch in der Ausübung ihres heil. Amtes hindert, schlägt die Regierung in Lima den ganz entgegengesetzten Weg ein. Sie sucht mit dem Mittelpuncte cer kathol. Einheit, dem heiligen Stuhle, in immer engere Verbindung zu treten. Der Präsident, General Etchenique, schickt den Vorsteher seines CabinetS, Herrera, einen jungen Priester, welcher sich schon durch sein Talent rmv seine Ergebenheil sür Gott und sein Vaterland berühmt gemacht hat, als Gesandten nach Rom. Als Mitglied deS Parlaments von Peru verfocht er immer die Rechte der Kirche und die Unabhängkeit der geistlichen Macht. (M. Sbl.) Bera-twortlicher Redacteur: L. Schönchen. VerlagS-Jnhaber: F. C. Kremer. Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojlzeitung. 21. November 185S. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspre!« kr., wofür es durch alle köuigl. bayer. Postämter und alle Buchhaudlnugeu bezogen werden kann. Die Heiligen und Heiligenbilder der katholischen Kirche. *) Die Wittembergische Confession sagt: „ES unterliegt keinem Zweifel, daß daS Andenken jener Heiligen, welche, als sie noch im Fleische wandelten, der Kirche nützten, im Herzen aller Frommen heilig gehalten werden müsse." Die AugSburgische Confession hält eS sür nützlich, wahre Geschichten frommer Personen zu erzählen, weil gute Beispiele nicht ohne Vortheil seyen, und die helvetische Confession sagt sogar, die Heiligen müßten, behufs der Nachahmung, geehrt werden. Die katholische Kirche bestimmte nieEtwaS über den Namen der Ehre, welche sie den Heiligen erweist. Indessen unterscheidet sie einen zweifachen ReligionSact, einen unmittelbaren und mittelbaren, wovon keiner auf Goll allein bezogen wird. Ueber letzteren äußert sich AmasiuS folgendermaaßen: „Die Geschöpfe muß man auS Achtung gegen Gott verehren und nicht aus Achtung gegen sie selbst, und die Religion befiehlt nach der Lehre der Scholastiker eine solche Verehrung." Selbst Luther schreibt: „Die Obrigkeiten, der Kaiser, König, Fürst, Consul, Doctor, Prediger, Lehrer, Schüler, Vater, Mutter, die Kinder, der Herr, der Knecht u. s. w. sind Personen, welche wir nach dem Willen Gottes für seine Geschöpfe erkennen, fromm verehren und die auch auf dieser Welt seyn müssen. Aber er will nicht, daß wir sie zu Göttern machen." Weil wir nun die Verehrung GotteS von jener der Heiligen unterscheiden, und letzteren wegen ihrer übernatürlichen Herrlichkeit und Gnade eine größere Ehre, als den Sterblichen erweisen, welche auf Erden wandeln, so ist kein Grund vorhanden, die Heiligenverehrung zu verwerfen. Die Anrufung der Heiligen ist nicht zum Heile nothwendig, sondern nur erlaubt und nützlich: Loths Gebet rettete die Stadt vom Untergänge; Jakob sagte, indem er seinen Enkeln den Segen ertheilte: „der Engel, welcher mich vor allem Uebel bewahrte, sogar diese Knaben u. s. w." Endlich schreibt der heil. Johannes: „Gnade euch und Friede von Dem, der war und seyn wird, und von den sieben Geistern, die vor seinem Throne stehen." Durch diese Worte fleht Johannes nicht nur bei Gott, sondern auch bei den sieben Geistern, die vor seinem Throne stehen, um Gnade und Frieden. Die Protestanten geben auch zu, daß die Engel nicht stumm seyen, sondern' daß der eine zum andern durch die Richtung seines Willens reden könne. Wenn also ein Engel durch die Richtung seines Willens den Gedanken eines andern kennen lernt, oder demselben seine Gesinnung mittheilt, so können sie gewiß auch unsere Bitten, welche wir durch unsern Willen an sie richten, erfahren. Muß man aber den Engeln diese Kenntniß zugestehen, wie kann man sie den Heiligen absprechen, ») Mainzer S.-Bl. 370 welche im Himmel herrschen? Sagt doch selbst Christus von ihnen: „Sie können nicht mehr sterben, weil sie den Engeln gleich und als Kinder der Auferstehung Kinder Gottes sind." Aber die Protestanten reden gewöhnlich von den Heiligen wie von den Todten, obgleich die Heiligen sich eines weit höhern Lebens erfreuen als wir, und Theil nehmen am unerschaffenen Lichte und der ewigen Herrlichkeit. „Unvollkommen," schreibt der Apostel,, ist unsere Erkenntniß, und unvollkommen unser begeisterter Vortrag; wann aber das Vollkommene erscheint, dann wird das Unvollkommene aufhören." Reichlicher begabt Gott die Heiligen, welche mit ihm in den seligen Gefilden herrschen, als die Pilgrime in diesem Erdenjammerthal. Wenn der Prophet ElisäuS im Geiste sah, wie Naaman, der Syrer, seinem Diener Giezi Geschenke machte; sollten denn die Heiligen, wenn gleich von unS abwesend, nicht auch die Bitten wahrnehmen, die wir an sie richten? Wenn ElisäuS nicht der Augen bedürfte, um seinen Knecht zu sehen, warum sollen die Heiligen der Sinne bedürfen, um unsere Bitten wahrzunehmen? Wenn Jener von oben die Gnade erhielt, um abwesend zu sehen: um wie viel mehr werden sich die Heiligen dieser Gnade zu erfreuen haben, da ihnen Gott Alles in Allem geworden ist? Daniel wußte die mystische Auslegung jenes Traumes, den Nabuchodonosor hatte; Samuel sah die geheimsten Falten des Herzens Sauls; Abdias kannte die Verstellung von JerobeamS Weib; EliaS, aufgenommen ins Paradies, tadelte den König Joram in einem Briefe; und Gott sollte den Heiligen, welche schon im Besitze des Vollkommenen sind, indem bei ihnen das Unvollkommene aufgehört hat, geringere Gnaden zufließen lassen? Gewiß würbe sich Jakob nicht an die Engel gewendet haben, damit sie seinen Enkeln den Segen ertheilten, wenn er nicht überzeugt gewesen wäre, daß die Engel die Bitten, welche er an sie richtete, kennten. Eben so glaubte der heilige Johannes, daß die sieben Geister sein Gebet wüßten, und wenn David singt: „Im Angesicht der Engel will ich dir lobsingen," so glaubte er gewiß, daß ihn dieselben nicht nur sähen, sondern auch hörte». Auch aus deu Worten Christi: „Im Himmel wird Freude über einen Sünder seyn, der sich bekehrt," geht hervor, daß sich die Engel nicht nur über die Bekehrung der Sünder im Allgemeinen, sondern auch über die Bekehrung eines einzelnen Sünders freuen. Woher aber diese Freude, wenn sie von der Bekehrung des Sünders nichts wissen? „WaS gab es Geringeres als den Schatten deö heiligen PetruS." Und doch verehrte ihn das Volk und Gott wirkte durch denselben Wunder. Gott wirkte Wunder durch die Tücher und den Gürtel des heiligen Paulus; man dürfte sie nur auf Kranke legen, um Krankheiten und böse Geister von ihnen zu vertreiben. Jene Frau, welche am Blutflusse litt, und das Kleid Christi berührte, erhielt ihre Gesundheit wieder. ElisäuS theilte durch Berührung mit dem Mantel deS Elias die Gewässer; ein Todter erhielt durch Berührung der Gebeine des ElisäuS daS Leben wieder, und als Moses aus Egypten wanderte, nahm er die Gebeine des Joseph mit. Hierzu bemerkt Chemnitz: „Gewiß haben die Jsraeliten die Gebeine Josephs ehrfurchtsvoll aufbewahrt." Die JSraeliten führten gewiß ehrfurchtsvoll Josephs Gebeine aus Egypten ins gelobte Land. Wer kann nun nach dem so eben Angeführten in Abrede stellen, daß man die Reliquien der Heiligen in Ehren halten müsse und verebren könne? Die Katholiken beten weder die Heiligen an, noch halten sie sie für Götter, sondern glauben, die Ehre, welche sie den Heiligen beweisen, gehe auf Gott, deu Urheber ihrer Heiligkeit, der allein anzubeten ist. Eben so wenig beten sie die Bilder der Heiligen an oder verehren dieselben um ihrer selbst willen, sondern wissen, die Ehre, welche sie den Bildern derselben erweisen, beziehe sich auf die Heiligen selbst. Wenn man einem König einen Schimpf anthut, indem man sein Bildniß beschimpft: Warum sollen wir jene Bilder nicht verehren; welche uns an Gott wohlgefällige Personen, an seine besondere Freunde erinnern? Wenn es den Protestanten erlaubt ist, sich vor einer Wand niederzuknieen, um zu Gott zu beten: warum soll eS den Katholiken nicht gestattet seyn, sich vor einem Krucifix niederzuwerfen, welches ihnen 371 die empfangenen Wohlthaten besonders ins Gedächtniß zurückruft? Die Juden beteten Gott bei der Bundeslade an, welche sie in großen Ehren hielten, und doch war diese nur ein Bild Gottes, wie denn auch die Cherubim, welche sich über ihr befanden und gleich ihr verehrt wurde», ebenfalls nur Figuren waren. Die eherne Schlange, ein Vorbild Christi, hatte die Macht, Alle, welche von den feurigen Schlangen gebissen worden waren und sich ihr nahten, zu heilen. Nach der Lehre der Refor- mirtcn wird im Abendmahl nur vaS Zeichen, daS Bild des Leibes Christi genossen, und doch will Calvin, daß seine Anhänger es mit Ehrfurcht empfangen. Die Protestanten geben zu, daß die Worte Zeichen der Dinge seyen. Nichtsdestoweniger findet man wohl Solche unter ihnen, welche beim Namen eines irdischen Fürsten das Haupt entblößen, aber dem allerhciligsten Namen Jesu keine Ehre erweisen, obgleich der Apostel schreibt: „Im Namen Jesu sollen sich beugen alle Kniee Derer, die im Himmel, auf Erden und unter der Erde sind." Am besten kann Johannes Huß die Protestanten über die Verehrung der Heiligenbilder belehren, indem er schreibt: „Obgleich die Menschen vor einem Bildnisse Christi oder irgend eines Heiligen die Kniee beugen, beten, opfern und Kerzen anzünden, so thun sie dieß nicht im Namen dcS Bildes, sondern im Namen Dessen, welchen dasselbe vorstellt, so wie denn auch nicht daö Bild seiner selbst wegen, sondern wegen Desjenigen, der aus ihm abgebildet ist, vor den Menschen ausgestellt wird." (Fortsetzung folgt.) Christliche Lefefruchte und Betrachtungen eines Laien. 1. So wie Gott einst wegen eines einzigen Gerechten einer ganzen Stadt verschonte, so kann Seine Barmherzigkeit auch das ganze Leben eines reuigen Sünders auch nur wegen eines einzigen demuthövollen und gläubigen Gebetes, auch nur wegen einer einzigen demuthvollen Unterwerfung unter Ihn in Gnaden aufnehmen. 2. Die heiligen Evangelisten erzählen fast von keinem Wunder Christi, wo sie nicht bemerken, daß Christus beigefügt habe, der Glaube habe dem Geretteten oder Begnadigten geholfen. Eben so bemerken sie fast bei jedem von ihnen erzählten derartigen Wunder des Herrn,-daß er den Begnadigten befahl, es Niemanden zu sage«. Allein fast Alle, bemerken sie, verbreiteten es dann nur desto mehr. 3. Wenn die heiligen Evangelisten von der Erscheinung eines Engels, z. B. bei den Hirten, beim Zacharias, beim heiligen Grab ic. erzählen, so fügen sie fast immer bei, daß man sich vor dem Engel fürchtete, und daß der Engel sagte: „fürchtet euch nicht!" 4. Wenn dein Geist oft zum Herrn schöne, glühende Worte hinaufsendet, dein kühles Herz aber seine Leere fühlt und sich sehnet, von der Liebe zu Ihm entzündet zu werden, dann ergib dich still und demüthig in deine innere und äußere Lebenslage; daS ist dann daS beste Gebet. 5. Wenn dir die Andacht nicht recht gelingen will oder du dich nicht von der Gnade gehoben fühlst, so sey zufrieden mit dem Wenigen, was dir Gott gibt; nimm eS immer hin voll Dank als Gabe GotteS; denk', daß du ja nicht einmal dieses Wenige verdient hast. 6. Wenn sich der Christ mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes bezeichnet, so mag er erwägen oder denken: 1) (Stirne.) Der Vater ist der schaffende Geist; gehciliget seyen auch die Gedanken des erschaffenen Geistes! (Mund.) Der Sohn ist das ewige Wort; geheiliget sey auch bei mir der Gebrauch des Wortes! (Herz.) Der heilige Geist erleuchte und heilige mein Herz! 372 2) (Stirne.) Christ! benutze deine Gedanken! (Mund.) Christ! benutze deine Zunge! (Herz.) Christ! kreuzige dein Herz und seine Begierden! 3) (Stirne.) Betrachte im Geiste stets das Leiden und Kreuz deines Heilandes! (Mund.) Lobpreise dein ganzes Leben hindurch deinen Erlöser, der für dich am Kreuz gestorben ist! (Herz.) Trachte, Ihn zu lieben aus allen Kräften deines Gemüthes I 7. Wie kann denn der sündige Mensch Gott für Seine Erbarmuugen und Wohlthaten irgend würdig danken? ich wüßte keinen bessern Weg dazu, als daß er mit Geduld und Ergebung leidet, was Gott über ihn verhängt. B a m b e r g. Im Kölner Domblatt finden wir von E. W. (Ernst Weyden) folgende interessante „Reisenotiz." Jedem wahren Dombaufreunde ist eS ein wohlthuendes, erhebendes Gefühl, auch fern von Köln Männer zu finden, welche für das herrliche Werk und seinen gedeihlichen Fortgang wahrhaft, begeistert sind. Viele solcher Dombaufreunde fanden wir im südlichen Deutschlande, wo überhaupt der Sinn für deutsche Kunst ein leben« diger, ein werkthätiger ist, wie dieß die Wiederherstellung einzelner Kirchen, viele öffentliche Neubauten und die Pflege deutscher Kunst in den Gewerbe- und polytechnischen Schulen am schönsten bekunden. In Bayern fand dieses Streben die erste Anregung, Aufmunterung und Unterstützung in dem edlen, hochsinnigen Wiederbeleber deutscher Kunst nach so langen Jahren der Schmach und Mißachtung, in König Ludwig I. Durch sein Wollen und Wirken ist die deutsche Kunst zu einer Höhe der Entwicklung gelangt, die vor ihm die Geschichte nicht gekannt, und welche um so großartiger belebend wirkte, da dem königlichen Kunst-Mäcen, dem gleich Deutschlands Annalen keinen Zweiten aufzuweisen haben, alle Einseitigkeit fremd, sein reiner Kunstsinn alle Richtungen wahren KunsistrebenS mit gleicher Liebe, gleicher Fürsorge umfaßte. Mit welcher begeisterten Liebe König Ludwig den großen Gedanken der Vollendung unseres DomeS ergriff, ist bekannt und hat allseitig den wärmsten Dank der Anerkennung gefunden. Daß seine Begeisterung für daS herrliche Gotteshaus eine lebendige, werkthätige, dieß bekundet das königliche Geschenk der prachtvollen Fenster, mit dem er den Tempel schon verherrlichte, dieß beweisen die bedeutenden Beiträge, welche Bayern bis dahin zum Foribaue unseres Domes gespendet hat und noch sürder spenden wird, da Ludwigs Nachfolger, König Marll., nach den trüben Jahren politischer Wirren den^ bayerischen Dombauverein zu erneuerter Thätigkeit aufgefordert hat und die Sammlungen bereits wieder begonnen haben sollen. In allen Ständen zählt Bayern viele der wärmsten Dombaufrcunde, unter denen aber vor allen Martin Joseph von Neider in Bamberg genannt zu werden verdient. Der enthusiastische Kunstfreund, ein rüstiger SechSziger, ist ein durch und durch gebildeter Architekt, bei welchem die Theorie selbst frisch grünt, der mit einer, man darf sagen jungfräulichen, heiligen Begeisterung für altdeutsche Kunst lebt und strebt, und namentlich das innere, noch so wenig gekannte Wesen altdeutscher Baukunst lebendig erfaßt hat. Den größten Theil seines in jeder Rücksicht anspruchslos, aber um so fruchtbringender wirkenden Lebens — er ist Lehrer deö technischen Zeichnens an der Bamberger Landwirthschafts- und Gewerbeschule — hat er dem Studium der altdeutschen Kunst und vorzüglich ihrer Bauweise gewidmet, und mit Opfern aller Art, vielleicht selbst mit Entbehrungen, eine Sammlung von Werken über diesen Kunstzweig, von Plänen, Grund« und Aufrissen altdeutscher Bauwerke zu Stande gebracht, die als einzig in. ihrer Art bezeichnet werden kann und der mehr 373 als aufopfernden Liebe des Edlen für dieses, erst seit dem Beginne unsers Jahrhun« derts wieder gewürdigte, in seinen unerreichten Werken so großartige Kunststreben daS rühmlichste Zeugniß gibt. Die Ergebnisse seines unermüdlichen Bienenfleißes hat der eben so bescheidene als verdienstvolle Mann, eine wahre, aber seltene deutsche Künstlernatur, in zwei Schulprogrammen der Anstalt, an welcher er wirkt, unter dem Titel: „Die Bemühungen in Erforschung der Denkmäler altdeutscher Baukunst, vorzüglich ihrer Bauregeln" (Bamberg, gedruckt in der Humann'schen Officin. 4. 1841 und 1847), niedergelegt. In diesen Abhandlungen findet der Freund altdeutscher Kunst ein möglich vollständiges Verzeichnis) aller Werke, die besonders in Deutschland, dann in Frankreich und England über das Wesen der altdeutschen Baukunst, ihre Ornamentik u. s. w. bis zum Zeitpunct ihres Erscheinens herausgegeben wurden, mit höchst schätzenSwerthen Andeutungen. Gar Mancher mag sich sonst bei dem eben so leutseligen als dienstfertigen Manne schon Rath geholt und Aufschlüsse gefunden haben, die er anderwärts vergebens suchte; gar Mancher mag sich schon mit v. ReiderS Verdiensten geschmückt haben, während dieser selbst sein höchstes Glück einzig darin findet, für die Wiederbelebung ächt deutschen KunststrebenS, für die wahre Würdigung, daS Verständniß altdeutscher Bauwerke anregend und fördernd wirken zu können, v. Neider war es, dessen umsichtigen Rath der leider zu früh Heimgegangene Erbauer der Aukirche in München, Ohlmüller, bei diesem einfach schönen Baue freudig und dankbar benutzte; v. Neider lieferte sehr schätzbare Beiträge zu dem anerkannt tüchtigen Werke des auch schon verstorbenen Friedrich Hoffstadt: „Gothisches ABC-Buch, daS ist: Grundregeln deS gothischen Styls für Künstler und Werkleute", und durch v. ReiderS umsichtigen Rath unterstützt, vollendete der Modelleur Schropp aus Erfurt auch in Bamberg das große Dom-Modell, das, als einzig in seiner Art, jetzt in Köln bewundert wird. Möchte sich Herr v. Neider nur veranlaßt sehen, zum wahren Nutzen und Frommen altdeutscher Kunst, zur Förderung deS wahren Verständnisses ihrer Bauweise und dtten Verbreitung seine eben so gründlichen als seltenen Kenntnisse, seine mit einem so unsäglichen Fleiße gesammelten Schätze und Erfahrungen in einem umfassenden Werke bekannt zu machen, damit ein so überreicher Schatz nicht mit ihm verloren gehe, damit dem Vaterlande Gelegenheit geboten werde, sein Verdienst um altdeutsche Kunst kennen zu lernen und zu würdigen. Jeder Kunstfreund, der auf seinen Wanderungen daS so malerisch gelegene Bamberg besucht, findet in Herrn v. Neider den leutseligsten und kenntnißvollsten Cicerone. Er kennt Bamberg und seine Geschichte auswendig, ist bis zu den kleinsten Details mit dem massenprächtigen und doch bauzierlichcn Dome, dem vollendetsten Meisterwerke byzantinisch-romanischer Bauweise in Deutschland, vertraut, hat sich selbst um dessen Wiederherstellungsbau in mancher Weise verdient gemacht. Sein höchster Genuß ist eS, Jemanden die Kunstgenüsse BambergS zugänglich machen zu können, unter denen als einzig und wirklich vollständig die Sammlung von Kupferstichen und Holzschnitten Dürers und CranachS hervorzuheben ist, welche sein Freund Heller unter seinem Beistande anlegte, und die jetzt neben vielen merkwürdigen Manuskripten, Jncuuabeln und bibliographischen Seltenheiten auf der Stadtbibliothek aufbewahrt wird. Wir sind dem Ehrenmanne für seine rührende Leutseligkeit zu ganz besonderm Danke verpflichtet, der ihm hier öffentlich dargebracht sey. Daß ein so begeisterter Freund altdeutscher Kunst, wie Herr v. Neider, auch für unsern Dom mit der ganzen Gluth einer frommen Künstlerseele schwärmt, wer sollte daran zweifeln. In seiner Sammlung findet man alles, waS nur in entferntester Beziehung zu unserm Dome steht, und außerdem viele Kunstschätze auö der Blüthezeit Kölns, die selbst in der Vaterstadt selten. Er zog, ein frommer Pilger, mit heiliger Sehnsucht nach dem erhabensten Heiligthume deutscher Kunst, unserm Dome, als der königliche Protektor deö heiligen Baues am Sonntag den 4. September 1842 den Grundstein zu seinem Fortbaue 374 legte, auf dem, trotz aller Sturmwirrcn der Zeit, Gottes Segen sichtbarlich ruht. Der gottbeseelte Kunstfreund findet darin eine glückliche Vorbedeutung für den Welterbau, daß sich durch Versetzung der Zahlen 1842 merkwürdiger Weise das Jahr der ersten Grundsteinlegung 1248 wieder findet, diese Zahlen sich in geometrischer Ordnung folgen und dabei gerade die wichtigsten sind, deren sich die altdeutschen Baumeister bei ihren Entwürfen bedienten, nämlich das 4 und 3 Ort; addirt man die Zahle» 1 und 2, so erhält man 3, so wie diese zu 4 addirt die Zahl 7 gibt. Jefuitenmission in Bamberg. Bamberg, 13. Nov. Wir theilen den weitern Verlauf und Schluß der hiesigen überaus großen und glänzenden Mission mit. Am Freitag der zweiten Mis- stonSwoche handelte die erste Predigt von dem Meßopfer l?P. Ottiger), die zweite von der äußern GotteSvcrehruug (H. Anderledy), die dritte von den Tugeudbünd- nisscn (P. Roder), die vierte von dem Leiden Christi (P. Fruzzini); am Samstag die erste von der Sonntagsseier (P. Anderledy), die zweite von der Vernachlässigung der Rückkehr zu Gott (P. Ottiger), die dritte vom Ablaß (P. Roder), die vierte von der Erneuerung des Taufgclübdes (P. Rover). Die letzte endigte mit einer entflammenden Ermahnung an die weibliche Schuljugend, welche in großer Anzahl mit weißen Kleidern angethan und mit brennenden Kerzen in den Händen den Hochaltar umgab. Am Sonntage als dem 15. und Schlußtage der Mission handelte die erste Rede von der Dankbarkeit deS zu Gott Bekehrten, welche sich in der wahren christlichen LebenSordnung auSsprechen soll (P. Fruzzini), die zweite von der Beharrlichkeit im Guten (P. Anderledy); die dritte als die Schlußrede von der Schönheit der Kirche (P. Roder). Am Tage des Schlusses hielten Se. Excellenz der hvchwür- digste Herr Erzbischof daS Hochamt. Nach der Schlußrede fand die Weihe des in der St. MartinSkirche auf dem Kreuzaltar aufgestellten MissionSkreuzcS durch Herrn P. Roder statt. Während dieses heiligen Actes sangen die Alumnen deS Klerikalseminars den erhabenen HymnuS: „0 crux, avv speg um'oa!" Darnach intonirte Se. erzbischöfliche Ercellenz, umgeben von dem hochw. Domkapitel, das ?o veum. Das andächtige Volk sang in wahrer Begeisterung drei Strophen des Ambrosianischen Lobgcsanges, worauf der Segen mit dem Allerheiligsten gegeben wurde. Nun sprach unser hochwürdigstcr Obcrhirt mit Worten der tiefsten Gemüthsbewegung, der Kraft nnd der Liebe, welche die Umgebung zu Thränen rührte, den ehrwürdigen Vätern für ihr wahrhaft apostolisches, begeistertes Wirken in der bisherigen Mission seinen Dank auS. So wie die Stadt und das BiSthum Bamberg der Missionäre stets gedenken werden, so möchten auch sie für die Stadt und das BiSthum Bamberg immerdar beten, damit der von ihnen ausgestreute Same deS Guten bleibende Früchte trage. Endlich ertheilte der hochwürdigste Herr Erzbischof den vor ihm kniecnden Vätern den obcrhirtlichen Segen. Alles war tief ergriffen und Freudenthränen strahlten in den Augen Aller. Mehrere der Pfarrgeistlichkeit hiesiger Stadt geleiteten in der Kirchenkleidnng die Väter zu ihrer Wohnung in das Klerikalseminar. Eine Menge Volkes schloß sich ihnen an, den Vätern ihren Dank ausdrückend. Der Schlußfeier wohnte eine solche Menschenmenge bei. daß in den untern Räumen der St. MartinSkirche nicht nur Mann an Mann stand, sondern auch alle Emporen, Tribunen und Fensternischen von Andächtigen angefüllt waren, und Tausende die Kirche von Außen umgaben, um wenigstens in der Nähe des Hauses Gottes während der großartigsten Feier zu seyn. Eine Schaar weißgekleideter Mädchen umgab die Stufen des HauptaltarS, Blumensträuße und Kränze in den Händen tragend, welche sie am Schlüsse den geliebten Vätern überreichten. Abends sechs Uhr brachte eine Deputation von Bürgern denselben ihren Dank dar. Herr MagistratSrath Kauschinger sprach das Wort in schöner ergreifender Rede und überreichte dem Supcrior P. Roder zum Andenken ein prächtiges Diplom. 37S Auf einer mit vielen Unterschriften bedeckten Pergamentrolle stehen in herrlicher Schrift folgende Worte des DankeS: „Ehrwürdige Väter! Wenn es dankbaren Kindern ein Augenblick der seligsten Freude ist, ihren guten Eltern den Beweis ihrer Liebe darbringen zu können, so ist es uns unterzeichneten Bürgern der Stadt Bamberg ein wohlthuendes Gefühl, Euch, hvchwürdige Väter! die Gefühle unserer innigsten Dankbarkeit und Liebe zu offenbaren, und unser einziger Wunsch ist, daß Ihr, gute Väter! solche Darlegung unserer Gefühle gerne genehmigen möget. Ja ewig sind wir Euch in Dankbarkeit verpflichtet für die Umwandlung so vieler sündiger Herzen, sür die Tröstung und Stärkung so vieler bekümmerter Seelen, die durch Euer Wirken bei uns, durch Eure Mühe und Aufopferung für uns mit der Gnade unseres GotteS hl wirkt worden ist; und zu einiger Genugthuung dient unS nur daS, was wir als Kinder unserer gemeinsamen Mutter, der katholischen Kirche, mit Euch litten und leiden. Die ruhmwürdige Stelle, welche diese MissionSzeit in den Annalen unserer Stadt fortan behaupten wird, sey Euch und unS zur Ehre vor Gott und seiner heiligen Kirche! In vollkommenster Hochachtung und tiefgefühltester Verehrung untcrzeich» nen die dankbaren Bürger." Diese den Bürgern der Stadt zur großen Ehre gereichende Dankadresse ist mit schönen Randverzierungen in Farben und Gold versehen. Oben in der Mitte befindet sich daS heilige Kaiserpaar St. Heinrich und Kunegund, den Bamberger Dom aus den Händen tragend; unmittelbar unter dieser Darstellung die Patrone der vier Missionäre, nämlich der hl. Georg, Leopold, Jgnaz und AntoniuS. An den Seiten ist die Kirche zu St. Martin und zu N. L. Frau, in welchen beiden die Missionäre predigten, und am untern Rande die bürgerliche SodalitätSkirche zu St. Jakob abgebildet. Dieses schöne Denkmal der religiösen Gesinnung der Bürger Bambergs wird im nengegründeten Noviziate der Gesellschaft Jesu zu Sigmaringen aufbewahrt werden, um die jungen Zöglinge des Ordens zu ihrem erhabenen Berufe zu ermuthigen. Am darauffolgenden Montage verließen die Väter unsere Stadt. Vor dem Seminargebäude und am Bahnhöfe hatten sich Hunderte von Menschen versammelt, um den Scheidenden ein herzliches Lebewohl zuzurufen. P. Auderledy begab sich in sein Kollegium zu Münster, P. Roder in daö Noviziatenhaus zu Sigmaringen, die beiden Uebrigen in das Missionshaus zu Freiburg in Baden. Mehrere Geistliche gaben ihnen daS Geleit bis Schweinfurt und Vorchheim. Am 9. d. M. begab sich eine Deputation von Bürgern zn Sr. Erzbischöflichen Ercellenz, um ihren Dank für die Berufung der Missionäre auSzusprechcn. Wir behalten unS vor, unserm Berichte über die Mission nächstens noch einige Bemerkungen anzufügen. (K. Bl. a.Fr.) Aus der Diöeese Etchftädt. *) Freystadt. Am 9. und 10. v. MtS. bot unsere Stadt einen ungewöhnlichen, außerorvcntlich lebhaften Anblick. ES wurde nämlich am 9. gegen Abend der hoch- ' würdigste Herr Bischof Georg von Eichstädt hier erwartet, der hier im Pfarrhofe übernachtete und am 10. in oer Wallfahrtskirche das heilige Sacrament der Firmung spendete. Die Stadt war zu dieser Festlichkeit prächtig geschmückt, und theils vor, theils in derselben waren sechs Triumphbogen mit passenden Inschriften errichtet worden. Die Geistlichkeit an der Spitze einer großen Proccssion war dem Kirchenfürsten entgegengegangen, der mit Böllerschüssen und Glockengeläute empfangen und feierlich nach der Pfarrkirche geleitet ward. Ein Knabe und zwei Mävchen hatten Gedichte vorgetragen. Der Herr Stadtpfarrer hielt vor der Pfarrkirche eine kurze Ansprache an die große Versammlung über die Kraft des Segens und des Fluches, worauf der hochwürdigste Herr Bischof nach den üblichen Ceremonien in der Kirche sich in den Pfarrhof begab. Am nächsten Tage zogen die Tugendbündnisse christlicher Jünglinge und Jungfrauen von AllerSberg, Berngau, Freystadt, Monkenhausen, Morning, MörSborf, ReichertShofen und Sondersfeld an dem Pfarrhofe mit ihren Fahnen und unter Musikbegleitung vorüber, hierauf Seine hochbischöfliche Gnaden selber in Mitte 37k eines zahlreichen festlichen ZugeS nach der Wallfahrtskirche, welche in festlichem Schmucke prangte. Der hochwürdigste Herr Bischof las dort die heil. Messe, bestieg darauf die Kanzel und hielt eine eben so herzliche als erhebende Rede an das in der großen Kirche dichtgedrängte Volk, in welcher er zunächst seine Freude über die Tugendbündnisse christlicher Jünglinge und Jungfrauen auSsprach und die hohe Bedeutung deS heiligen SacramentS der Firmung nachdrucksamst ans Herz legte. Nach hierauf erfolgter AuSspeudung deS heiligen SacramentS der Firmung bewegte sich der Zug wieder feierlich in die Stadt zurück. Mit Ertheilung des bischöflichen SegenS an die versammelten, über kövl) Köpfe zählenden Gläubigen, endete diese erhebende Feier, welche in den Herzen Aller ein nie erlöschendes Andenken zurückgelassen hat. Die gebührende Verehrung gegen den Hochwürdigsten, so wie der Sinn und die Bedeutung deS Festes und überhaupt der Kirche und deS christlichen Glaubens, drückt sich in einem Festgedichte auS, daS wir in der nächsten Nummer mittheilen. Rom. Rom. An den Thürsäulen der Patriarchalkirchen und an allen öffentlichen Palästen der Stadt, bei welchen daS Anheften von Anschlägen hergebracht ist, las man vor einiger Zeit eine Bekanntmachung der h. Congregatio Rituum, nach welcher in dem Processe der Seligsprechung deS Stifters deS Passionistenordens, Paulus a Cruce, ein neues Wunder die kirchliche Anerkennung und Bestätigung gefunden hat. Bekanntlich ist eS nach den Gesetzen der Kirche eine nothwendige Bedingung, nach deren Erfüllung erst die Seligsprechung eines Dieners GotteS erfolgen kann, daß in dem bei der hl. Kongregation geführten Processe wenigstens zwei der zur Anzeige gebrachten wunderbaren Erscheinungen ganz evident und unumstößlich als wahre und eigentliche Wunder, und zwar als ersichtlich gerade durch die Jiuercession deS Seligzusprechenden bewirkte Wunder bewiesen werden. Mit welcher Vorsicht und Rücksicht auch auf die kleinsten und unscheinbarsten Umstände bei der Führung dieses Beweises zu Werke gegangen und welch' hoher Grad von Gewißheit dafür gefordert wird, das wird jeder, der den Geschäftsgang und das Verfahren in den hiesigen Congregationen kennen lernt, anerkennen müssen. In dem Processe für den Stifter des Passionisten- ordenS wurde am 26. April 1851 das erste Wunder vom h. Vater Papst Pins IX. bestätigt; darauf hielt die Kongregation der RituS, zu der viele Kardinäle gehören, am 10. August 1851 und am 23. Mai deS lausenden Jahres vorbereitende Sitzungen zur Prüfung des weitem Ganges der Untersuchungen, die von dem Präfecten der Con- gregation, Sr. Eminenz dem Cardinal Lambruschini geleitet wurden, und am 12. Juli endlich eine weitere Sitzung vor Sr. Heiligkeit dem Papste, in welcher die Frage: ec>u8tet cle inirseulo in essu et scl ekeowin cis «zuc» agiwr? zur Schlußerörterung kam. Der h. Vater, dem, nachdem er die Meinung aller Cardinäle und Prälaten gehört hat, der Urtheilsspruch ausschließlich zusteht, entließ diese Versammlung mit der dringenden Aufforderung an alle Mitglieder, die Sache noch weiter auf daS Inständigste Gott im Gebet zu empfehlen. Nachdem der Papst aber auch selbst noch eine Reihe von Tagen für die wichtige Entscheidung die göttliche Hilfe angerufen hatte, besuchte er am 2. August, als am Tage der Kirchweihc, Sr. Maria Angelorum (Portiunkula), die Kirche St. Franciöko a Ripa und gab dort nach feierlich dargebrachtem h. Meßopfer und nochmaliger Erflehung deS Beistandes deS Herrn die feierliche Erklärung: Lonstsre civ mirseulo a l). (1. U, pstrato, intereessors säoibito Venersliili Viro ?auIo a Lruce, nimirum instsntiwege perleetgeciu« sgngtiorn8 Nsriae äs Rollo s sexrino Isevse maxillas jsm in c-mcrum oeeultum versc». — Somit steht wohl der Seligsprechung deS ehrwürdigen Stifters deS Ordens der Passionisten, deren hiesige Mitglieder wegen ihres strengen ascctischen Lebens und ihrer gänzlichen Zurückgezogenheit von allem weltlichen Treiben vom HI. Vater dem Vernehmen nach besonders geliebt werden sollen, kein weiteres Hinderniß entgegen. (M. Sbl.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schöucheo, VerlagS-Juhaber: F. C, Krem er. Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt ,„ » ' ^» Augsburger Postzeitung. >U»IkklS »i« l!- ti,v.,iN'»,i?,- s»u 28. November M 185S. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Tonntage. Der halbjährige Abonuementsprei« 4V kr., wofür es durch alle königl. bayer, Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kaun. Auf die hohe Anwesenheit - ' ' ««pi- «>i>ii«!^4,Sa «i KZr in,m»mtt Hochw. Herrn Herrn Georg, Bischofs von Eichstädt, in Freistadt, den 10. October 1852. Es lenkte heut zu uns die hehrcn Schritte Der Fürst der Kirche, Wächter auf Sion: Da rauscht des Segens Strom durch uns're Mitte, Ein Born, der niedcrquillt von Gottes Thron. Dreifacher Jubel tönet durch die Sphären, Und Freude senket sich in's Herz herab, Es beugen sich die Kniee an Fcstaltürcu, Wenn hehr er waltet mit dem Hirtenstab. Dem Hirten Heil, der, seines Amtes Bürde So freundlich tragend, Himmelsgaben reicht: Wo ist der Weise, der durch hehre Würde, Und wo ein Freund, der ihm an Liebe gleicht? — ES trübt sein Herz kein Zürnen, keine Rache, Sein holder Blick, sein sreundliches Gesicht, Der Rede Fluß, die Anmuth seiner Sprache, Sie zeichnen einen Kreis von Freud' und Licht. Und groß und prächtig wie des Stromes Wogen Fortfluthen nach dem fernen Ottan, So majestätisch hin zu Gott gezogen, So wallt des Fürsten Glaube himmelan. Ja, in des hcil'gen Glaubens klarem Spiegel Da flammt des Hohenpriesters Name hell, Und auf der Hoffnung steilem Sonnenhügel Umfließet ihn der Liebe heil'ger Quell. Man kennt der Dichtung Schwung und Zaubereien, Und kennet Färb' und Leben der Natur: Entwerft sein Bildm'ß nicht in Schmeicheleien, Verfolget rmr der That, des Wirkens Spur! 378 Wer gleicht ihm, der mit eines Engels Milde So zwischen Gott und seinem Volke steht, And allerquickend nnter deinem Schilde, Religion, den hohen Lichtpfad geht? Und nun, ihr Völker, laßt euch heute ratheu, Und seyd der Kirche, ihren Herrschern hold, Die Furcht des Herrn, — sie ist der Grund der Staaten, Und Frömmigkeit ist mehr als Gut und Gold. «« sinket Lüg' und Abfall im Gerichte, Allein die Macht des heil'gen Glaubens steigt: — Ist nicht enthüllt der Schleier der Geschichte, — War Abfall Völkerglück? — Sie schweigt. Der heil'ge Glaube war der Völker Retter, Der Glaube hielt mit seinem Segensstab Den Fall der Welt, des dräu'nden Unglücks Wetter Zum Wohl und Heil des Vaterlande» ab. — Die Furcht des Herrn und die Gewalt, — sie müsse» Umarmen sich in aller Christen Land, Nur wo sie liebend sich einander küssen, Umschlingt sich Land und Herr mit festem Band. De« heil'gen Glaubens reinein Licht und Lehren Entblüht die Wissenschaft, entblüht die Kunst, Und nur in seinen heil'gen Kreisen mehren Sich Gottes Gnaden, Gottes Huld und Gunst. Der Glaube löst die schwersten der Probleme, Er, deiner Väter Erbe, sey dein Theil. Sein Schwung geht höher als der Welt Systeme, Er ist der Völker, ist der Seelen Heil. , Die Furcht des Herrn, — sie breite durch die Lande Der ganzen Welt durch frommen Geist sich au«, Es schließen sich des heil'gen Glaubens Bande An'S Bayerland, an unser Herrscherhaus! — Und einem Hirten so erhab'ncr Würde Sey schuld'ger Ehrfurcht Gabe dargereicht, Der Schäflein Frömmigkeit, — sie macht die Bürde, Die Bürde selbst des Hohenpriesters leicht. Und ihr, o Bitten, dringend durch die Wolke, Von Gott erhöret, kehrt zu uns zurück! Erhalte, Herr, ihn deinem Christenvolke, Erhalte ihn zu unserm Heil und Glück! Und laß dir, Herr des Himmels, Wohlgefallen, Daß freudig aller Christen Herz dir schlägt, Denn sieh', in unsrer Kirche heil'gen Hallen Hat Er geopfert, der die Mitra trägt. 379 Rede bei Gelegenheit einer feierlichen Einkleidung und Profeß-Ablegung in dem englischen Fräulein-Institute zu Nvmphenburg am 4. Oktober 1852, gehalten von Sr. Hochwürden Herrn Dr. KrauS, Prediger an der St, Michaelis, Hofkirche zu München. „Vater, Herr des Himmels und der Erde, ich preise dich, daß du dieses vor Weisen und Klugen verborgen, Kleinen aber geoffenbart hast," so sprach Jesus nach der Erzählung deS heutigen Evangeliums, und er sprach dieses Dank- und Preisgebet, als die zwei und siebenzig Jünger, welche die Gemüther auf seine Ankunft vorbereiten sollten, von ihrer Sendung zurückkamen und mit heiliger Freude ihm erzählten, wie gesegnet ihre Wirksamkeit gewesen. „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, daß du dieses vor Weisen und Klugen verborgen, Kleinen aber geosfenbaret hast," so muß auch ich aus freudigem Herzen rufen, wenn ich diese vierzehn Jungfrauen überblicke, welche heute als geistliche Bräute vor dem Altare ihres göttlichen Bräutigams knieen. Gar manchen Christen, die in der Welt leben, wollte der Herr in reichcrem Maße seine Gnaden mittheilen, er wollte sie lieben wie seine AuSerwähl- ten, er hätte ihnen, wie der Prophet, einen Platz angewiesen in seinem Hause, er hätte sie geführt in die Einsamkeit und dort zu ihrem Herze» gesprochen. Aber sie wollen der Welt gefallen, sie schmücken sich auf wie Götzen, um ihre Blicke auf sich zu ziehen, sie rennen allen Gesellschaften der Welt nach, sie gewöhnen die Sprache der Welt sich an, und wenn so das Verderben alle Eingänge ihres Herzens in Besitz genommen, so zieht sich der Herr von ihnen zurück, die Tiefen des geistlichen Lebens bleiben ihnen verborgen und die Wichtigkeit ihres Seelenheils ist ihnen verhüllt. Diese vierzehn Jungfrauen dagegen haben den Ruf des Herrn nicht verachtet, sie find überzeugt, daß der Heir zu ihrem Herzen gesprochen; schon seit längerer Zeir kannten sie keinen höheren Wunsch, als in dieses HauS der Ordnung, der Abtödtung, der Jugend, bildung einzutreten, und der Herr hat ihr Bitten erhört und schmückt heute neun aus ihnen mit dem geistlichen Kleide, weil sie fest entschlossen sind, sich künftig dem Allerhöchsten als ein Brandopser hinzugeben. Fünf andere aber stehen heute auf dem Punkte, die Gelübde auszusprechen, welche sie fest und unzertrennlich an ihren göttlichen Bräutigam fesseln sollen. Wir verlassen, so erklären vor dem sacramentalen Heiligthume und vor ihrer ehrwürdigen Oberin und vor unS Allen, wir verlassen und vergessen dich, o Welt, und wollen von dir verlassen und vergessen werden; wir verlassen und vergessen euch, ihr frommen Aeltern, ihr theuern Ver« wandten, ihr treuen Freunde und Wohlthäter unsers bisherigen LebenS; wir verlassen und vergessen euch, nicht zwar in unseren Gebeten, wohl aber in Bezug auf euere zeitlichen Angelegenheiten; ja wir verlassen und vergessen uns selbst; wir verzichten auf unsere Besitzthümer, auf unsere Freiheit, auf unsere irdischen Aussichten, auf unsere Bequemlichkeit; wir geben Alles hin, weil wir nicht anders mehr glücklich seyn wollen, als in Gott und mit Gott, weil wir kein anderes Bedürfniß mehr haben, als Gott! Und ich — was soll ich sagen zu diesen Gefühlen Eueres Herzens? Soll ich die Freude Euch schildern, mit der ich Hieher gekommen in diese traute Kapelle, um Zeuge zu seyn Euerer Verlobung, Euerer Vermählung mit JesuS, dem beßten Bräutigame edler Seelen? Ach, eS ist nicht nöthig, erst zu sagen, der Schritt, den Ihr heute thuet, ist ein Triumph für die Kirche, ein Triumph für die heiligen Engel, ein Triumph für JesuS selber. Oder soll ich Euch Neueingekleideten auseinandersetzen, auf welche Kennzeichen Ihr während des Noviziates zu achten habet, um die Wahrheit deS klösterlichen Berufes daraus zu erkennen? Soll ich Euch, die Ihr heute Euere Gelübde ableget, Euere Verpflichtungen vor Augen halten? Auch nicht; denn 380 das Alles ist Euch schon an's Herz gelegt worden und wird Euch noch oft wiederholt und zwar nachdrücklicher und salbungsvoller, als ich eS könnte. So lasset mich denn von dem Allem schweigen; lasset mich Euch nnr erinnern an ein Wort, ein Wort des Trostes und der Ermunterung, das der göttliche Heiland im heutigen Evangelium ausgesprochen! „Nehmet mein Joch aus euch, sagt er, und lernet von mir, so werdet ihr Ruhe finden für euere Seelen!" Verehrte Schwestern in Christus! Ihr nehmet Jesu Joch auf Ench, daö Joch, der Armuth, deö Gehorsams, der Reinheit, der Jugendbildung, und dieseö Joch hält die Welt für ein schweres, drückendes Joch; sie träumt von Seufzern, womit die unglücklichen Schlachtopfer in Klöstern ihre Sclaverei beklagen; sie tränmt von Klagen, womit sie ihre Einsamkeit erfüllen; sie träumt von Thränen, womit sie den Verlust ihrer Selbstständigkeit beweinen; aber nein, Ihr werdet eS erfahren, nicht die Welt hat Recht, JesuS hat Recht, wer von ihm lmiet, dem Armen, dem Gehorsamen, dem Reinen, dem Freunde der Kinder, der wird Ruhe finden für seine Seele. Ja, Ruhe werdet Ihr finden für Euere Seelen. Denn Ihr wollet entsagen den zeitlichen Gütern, Ihr wollet Nichts mehr als Eigenthum besitzen und zufrieden seyn mit dem, was fremder Wille Euch anweiset zur Wohnnng, Nahrung und Kleidung. So verzehren Euch denn nicht mehr die nagenden Brodsorgen, eS verwirren Euch nicht mehr die Familienangelegenheiten, eS ziehen Ench nickt mehr die Bestrebungen um Geld und Gut zur Erde nieder; denn eine Mauer, eine Scheidewand trennt Euch von dem Mammon der Erde. O süßcr, seliger Friede, der auS solcher LoSschälung von zeitlichen Dingen sich entwickelt! FranciScus, dessen Fest die Kirche heute feiert, hat ihn empfunden diesen seligen Frieden! Dort in Italien, in der Kirche von Assisi befindet sich ein sinniges Gemälde, und dieses Gemälde stellt Jesum dar im Verklärungsglanze, wie er dem heiligen FranciScus die Hand einer Jungfrau darbietet und wie FranciScus ihr den Verlobnngsring an die Finger steckt. Die Braut ist lichtnmflossen und mit Rosen bekränzt, ihre Augen find voll sanfter Klarheit, um ihren Mund schwebt ein anmuthiges Lächeln; aber ihr Gewand ist grob und zerrissen, ihre Füße sind wund und bluiig. Sie wandelt auf ranhcn, beschwerlichen Wegen über Dornen und Felsenstück? dahin, und die Wcltkinder mißhandeln sie, werfen sie mit Steinen und überschütten sie mit Verwünschungen und Schlägen. Diese Jungfrau, werdet Ihr fragen, wer ist sie? Es ist die heilige Armuth. Mit ihr hat FranziScus sich verbunden; sie hat er zur Lebensgefährtin sich erkoren, und so hat er jenen süßen Frieden gefunden, den er selbst als eine Frucht der Armuth mit den Worten begrüßte: „DaS ist'S, was ich suchte, das ist's, was ich von Herzen wünschte!" Und als sein Vater ihn enterbte und als er selbst seiner weltlichen Kleider sich entäußerte, da erkannte er, welch' eine Tiefe göttlichen Friedens in dieser Selbstberaubung liege, da brach er in die denkwürdigen Worte auS: Bis zur Stunde habe ich meinen leiblichen Vater wohl Vater genannt; aber von mm an kann ich mit ganzem, vollem Rechte den lieben Gott meinen Vater nennen. Ahnet Ihr, geliebte Schwestern, was in diesen Worten liegt? Wer arm ist aus Liebe zu JesuS, dem in Armuth Gebornen, dem in Armuth am Kreuze Gestorbenen, dem in Armuth in ein sremdcs Grab Gelegten, der wird Jesu ähnlich, er kann ihn mit besonderem Rechte seinen Bruder und Gott seinen Vater nennen; er kann freier, leichter, ungehinderter sich zu Gott erheben, und in dieser Hingabe an Gott findet er den Frieden, den die Welt nicht kennt, den Frieden, der allen Begriff übersteigt. Ruhe werdet Ihr finden für Euere Seelen. Denn Ihr wollet, Ihr müsset fortan in unbedingtem Gehorsam leben. Es ist das ein Gehorsam der That; denn waS immer die Oberen befehlen, Ihr müsset es erfüllen; es ist das ein Gehorsam deS WillenS; denn würdet ihr bloß äußerlich die Befehle vollziehen, so wäre eS ungenügend; auch den eigenen Willen müsset Ihr verläugnen, dem eigenen Willen müsset Ihr absterben und in dieser Verläugnung, in dieser Erstorbenheit des eigenen Willens müsset Ihr auch in beschwerlichen Dingen Euch unterwerfen; eS ist daS endlich ein Gehorsam des Urtheiles; denn auch die Urtheile Eueres Verstandes müsset 381 Ihr zurückdrängen. Eueren eigenen Ansichten müsset Ihr entsagen, Euer eigenes Urtheil müsset Ihr unterordnen dem Urtheile Euerer Oberen. Und diese Unterwerfung, dieser rückhaltslose Gehorsam ist cS dann, der den gefährlichsten Feind in Euch, die Selbstsucht, ertövtet und zur nothwendigsten Tugend, zur Selbstverläugnung, Euch führt. Was eS heiße, sich selbst verläugnen, das könnet Ihr am besten einsehen, wenn Ihr bedenket, was es heiße, einen Anderen verläugnen. Jemanden verläugnen heißt so thun, als kenne man ihn gar nicht, um ihn keine Sorge tragen, sich um ihn nicht bekümmern. Wer sich selbst verläugnet, der verfährt gerade so mit sich selbst, mit seinen Ansichten, mit seinem Willen, mit seinen Neigungen. Und das ist eben die Frucht des Gehorsams! St. Franciscus, dessen Fest wir heute feiern, war überaus erfinderisch in Werken äußerer Abtödtung; er trug ein rauhes Gewand; er schlief gewöhnlich auf bloßer Erde; seine spärliche Nahrung vermischte er nicht selten mit Äsche. Groß und erhaben sind diese äußeren Werke der Buße; aber größer noch und erhabener, als sie alle miteinander, ist ein einziger Act der inneren Selbstverläugnung. „Ist unser Streben, sagt ein großer Gcisteslehrer, daraus gerichtet, unsere unordentlichen Neigungen abzulödten und unseren Willen auch in den kleinsten Dingen zn brechen und zu vernichten, dann thun wir ein größeres und Gott wohlgefälligeres Werk, als wenn wir durch Fasten und Enthaltsamkeit selbst die Einsiedler der Vorzeit übertreffen und viele tausend Ungläubige und Sünder bekehren würden. Sehet Ihr da, meine Schwestern, waS der Gehorsam Euch bringt! Der Gehorsam, den Euer Stand von Euch verlangt, ertödtet in Euch die Selbstsucht, er ertödtet die Eigenliebe, und je mehr die Fesseln der Selbstsucht, der Eigenliebe fallen, desto ruhiger wird das Herz, desto tiefer wird der Seelenfriedc, desto freier wird der Geist, desto ungehinderter kann er sich zu Gott erschwingen. Der Gehorsam, den Euer Stand von Euch verlangt, verehrt in Euer» Obern die Stellvertreter Gottes, und wenn Ihr in ihrem Willen den göttlichen Willen erkennet, so verklärt er Alles, er veredelt Alles, er Heiligel Alles, und so traget Ihr in Euch das erhebende Bewußtseyn, Gottes Willen zu erfüllen. Ruhe werdet Ihr finden für Euere Seelen. Denn Ihr wollet als reine Bräute dem Herrn dienen, und darum seyd Ihr Hieher gekommen in dieses Haus der Einsamkeit. Wenn Ihr hinausblicket in die Welt, ach, wie muß Euch werden? Wie muß Euch werden, wenn Ihr die Gefahren in der Welt überschauet? Gefahren in den Gesellschaften, wo man gefallen und unterhalten will; Gefahren in den bösen Beispielen, die im Bunde mit verkehrten Neigungen den Menschen fortreißen; Gefahren beim Reichthums, wo man sich ebenso gegen die Verschwendungssucht der Eitelkeit, als gegen die Härte des Geizes zu verwahren hat; Gefahren auf öffentlichen Spaziergängen, beim Spiele, bei üppigen Tänzen; Gefahren innerhalb und außerhalb des Menschen, und zwar Gefahren, welche ihn mit dem Verluste seiner Unschuld, seiner Tugend, seiner Seele, seiner ewigen Glückseligkeit, seines Gottes bedrohen. Und all' diesen Gefahren seyd Ihr entzogen! Sagt mir, muß dieser Gedanke Euch nicht mit heiliger Freude, ich möchte fast sagen, mit edlem Stolze erfüllen! Getrennt von den Lockungen der Welt könnet Ihr rein und unbefleckt im Schatten des Heiligthumes Euch mit Euerer Seele, mit Euerem Heile, mit der Ewigkeit beschäftigen! Reine Seelen aber haben jenes Zeichen der Auserwählung, welches sie mit den Engeln bei Gott seyn läßt, sie frei nnd leicht mit Gott vereiniget; und wie die Engel von Gott geliebt und ausgezeichnet werden, so hat die unsichtbare Schönheit einer reinen Seele der ewige Gott selbst geliebt und hervorgehoben. Denn wer war seine Mutter, wer sein Nährvater, wer seine Lieblingsjüngcr? Waren es nicht jungfräuliche Seelen. Habt- Ihr noch Nichts gehört von der Vereinigung heiliger Jungfrauen im Himmel mit dem göttlichen Lamme, das auf dem Throne sitzt? Heißt es nicht von ihnen, daß sie ein Lied singen, das sonst Niemand singen kann; denn sie sind Jungfrauen, sie sind die Erstlinge für Gott und das Lamm, unter den Menschen losgekauft? Man sollte doch meinen, die Engel dürften dieses Lied mitsingen! Aber nein; die Engel haben zwar die Jungfräulichkeit, aber den Kampf haben sie nicht; die Reinigkeit der Menschen dagegen ist die Frucht ihrer Treue, ihres beständigen Kampfes. Sehet da, ge- 38S liebte Schwestern, Euere Würde, Eueren Adelsbrief, ausgefertigt von Euerem himmlischen Bräutigam! Ruhe werdet Ihr finden für Euere Seelen, DcnnJhr beschäftigt Euch mit dem Unterrichte und der Erziehung der Jugend, und auch diejenigen von Euch, welche nicht unmittelbar diesem Zwecke dienen, dienen ihm doch mittelbar, Soll ich Euch erinnern an die stille» Freude», die mit der Jugendbildung verbunden sind? Aber es kann nicht beschrieben, eS muß erfahren werden, welch' ein Hochgefühl in dem Gedanken liegt. Diese jugendliche Seele, ich habe sie gebildet, ich habe den Keim der Tugend in sie gepflanzt! Over soll ich Euch erinnern an die heißen Dankgebete, die auö vielen Herzen für Euch zum Himmel emporsteigen ? Es ist zwar wahr, daß Ihr oft nur Undank erntet und Vcrkennung; aber es ist auch wahr, Hunderte verlassen dieses Hans und sie tragen ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit mit sich herum und flehen für Diejenigen, denen sie Erziehung und Bildung verdanken. Und wenn Ihr selbst dann einstens sterbet, wenn Ihr dalieget in Euerem letzten Kampfe, wenn dir Pforte der Ewigkeit sich Euch öffnet, dann erst werdet Ihr cS erfahren, welch' ein Verdienst die Juge»dbildu»g erwirbt Es mag sey», daß Ihr strauchelt, ja eS könnte sogar geschehen, daß Ihr die Gnade uud Freundschaft Eueres Gottes verlieret; denn Ihr wisset ja, obwohl Ihr getrennt seyd von der Welt und ihren Lockungen, jener gefährlichste Feind des Heiles, den wir i» unserem eigenen Herzen «ragen, er ruht selbst in der Einsamkeit nicht, und auch dem Geiste der Finsterniß sind die klösterlichen Mauer» nicht verschlossen. Aber zu Euerer Beruhigung rufe ich Euch zu mit dem heil. Augustin: Sehet, welchen Schatz Ihr in der Person der Euch anvertrauten Zöglinge besitzet! Wenn Ihr sie im Namen Jesu unterrichtet und bildet, so werden sie für Euch das Unterpfand Euerer ewigen Glückseligkeit! WaS Ihr den Zöglingen thut, das thut Ihr Jesu selber; JesuS wird es so ansehen und so belohnen, als hättet Ihr eS ihm selbst gethan, denn wer eines von diesen Kleinen aufnimmt, sagt er selber, der nimmt mich auf!" Doch, ich ende. Ich habe Euch gezeigt, weil Ihr den zeitlichen Gütern entsaget um Jesu willeu, weil Ihr gehorsam seyn wollet um Jesu willen, weil Ihr die Reinheit bewahren wollet um Jesu willen, weil Ihr dem Zwecke der Jugcndbildung dienen wollet um Jesu willen: darum wird er mit seinem Frieden Euch beglücken, mit seinen Tröstungen Euch heimsuchen. Auf darum, dem göttlichen Bräutigam entgegen! Seine Arme sind auSgespauut, Euch zu umarmen; sein Haupt ist geneigt, Euch den Kuß der göttliche« Liebe auszudrücken; sein Herz ist geöffnet, Euch im Sitze der göttlichen Liebe selbst Wohnung zu bereiten! Nehmet hin das heilige Kleid, und übet Euch fortan in Armuth, Gehorsam, Reinheit, um Euereu Beruf zu erprcbcn! Leget nieder Enere Gelübde in das Herz Eueres göttlichen Bräutigams! Erhebender Gedanke, eine reine Braut deS GotreS der Heiligkeit zu seyn, mit seinen Engeln an seinem Tabernakel zu wachen, ihn durch Armuth, Gehorsam, Reinheit zu ehren und jugendliche Seelen ihm zuzuführen! Weihet Euch dem unbefleckten Lamme; dieses Lamm wird Euch führen durch die Zeit in die Ewigkeit. Amen. ^nte prnlessinnom votoi-um: Sehet an das Lamm GotteS, welches hinwegnimmt die Sünden der Welt! Sehet eS an in seiner sacramentalen Umhüllung. ES ruft einer Jeden von Euch gleichsam zu: Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt! Dein bisheriges Leben habe ich so geleitet, daß dn erkennen konntest: ich will dein Herz! „Meine Tochter, schenk mir dein Herz!" Dein Herz ist zu groß und zu weit und zu erhaben, als daß die ganze Welt mit all' ihren Schein- gütcrn es ausfüllen und befriedigen könnte; darum reiß es los vou dieser trügerischen Welt, schenk mir dein Herz. Ich habe dein Herz geschaffen; ich habe es mir erkaust um den theueren Preis meines eigenen Blutes; ich will es besitzen durch meine Gnade; darum, meine Tochter, schenk' mir dein Herz! So ruft Jesus in diesem Augenblicke einer Jeden von Euch zu, lautlos zwar, aber doch vernehmbar dem gläubigen Herzen! Höret sie also, diese freundliche Stimme! Gebet Euch Jesu hin und verzichtet ihm zu Liebe auf Euer Eigenthum; gebet Euch Eueren Oberen hin und entsaget Euerer Selbst- 383 sucht; gebet Euch dem Himmel hin und ersterbet den sinnlichen Lüsten; gebet Euch dem Jnstitutszwecke hin und opfert Enere Bequemlichkeit. So gebet denn AlleS hin, aber großherzig und edelmüthig! Sprechet aus Euere Gelübde vor den Engeln, die unsichtbar diesen heiligen Ort umschweben; sprechet sie aus vor Euerer ehrwürdigen Oberin, die fortan Euch geistige Mutter seyn will; sprechet sie aus vor Eueren Mitschwestern, die für Euch in diesen Augenblicken zum Himmel flehen; sprechet sie aus vor uns Anwesenden Allen, die wir mit gerührtem Harzen Zeugen sind Euerer heiligen Handlung, sptechet sie auS Euere Gelübde! ?ost prole88ionem votorum: So ist sie denn geschlossen, Euere Verlobung, Euere Vermählung mit Jesus. Engel haben Euere Worte gehört und sie hingetragen zum Throne des LammeS. Das Lamm aber will den Bund, den Ihr jetzt mit ihm geschlossen, besiegeln mit seinem eigenen Blute I Ihr sollet seine Wohnung, sein Tabernakel werden! ES will sich mit Euch vereinigen so innig, so gnadenvoll, wie die Mutter mit dem Kinde, der Freund mit dem Freunde nicht vereiniget ist! Demüthigt Euch tief in der Betrachtung dieser. unerfaß liehen Gnade, und weil die hochheilige Communion um so segensreicher wirkt und um so schöner Euern Liebesbund mit Jesus bekräftiget, je tiefer Euere Demuth ist, so sprechet mit mir in Andacht: „Herr, ich bin nicht würdig ic." Christliche Lefefrüchte und Betrachtungen eines Laien. (Fortsetzung.) l^ch-NiuS Ä ^uN^/i!^^ Zwei Kelche werden dem Menschen im Leben vorgesetzt, der Kelch der Leiden und der Kelch des weltlichen Trostes, des FreiseynS von Leiden; nach dem letzteren greift der Mensch begierig, den ersteren trinkt er nur mit Widerstreben; und hat er ihn auch zuweilen mit Ergebung getrunken, so greift er doch, kaum daß das Leiden gewichen, wieder nach dem anderen Kelche. Den Menschen hindert eben seine Sündhaftigkeit, aus Leiden den rechten Nutzen für seine Seele zu ziehen; er ist ein König Pharao, kaum ist eine Plage vorüber, so ist er wieder der Alte. r?z-^--M^'?^^?^ A ^' Du warst oft vor einem Heiligenbild?, vor einer Krippe, in einer Kirche so andächtig, so fromm gesinnt, so aufrichtig demüthig und später — bleibst du ebendaselbst kalt, andachtslos, kannst dich jener schönen frühern Stimmung oft nur mehr dumpf, oft gar nicht mehr erinnern. Gott selbst stellt dir eben manchmal solche liebliche Bilder, solche fromme Gefühle vor die Seele zur Beschauung, zur Stärkung. Läßt Er dir auch später hievon keine Erinnerung mehr, was thut'S? Er weiß, wozu es dir damals gut war, und es kommt nicht darauf an, daß du jene süßen Augenblicke in der Erinnerung wieder genießest. Danke Ihm vielmehr innigst, daß Er dich auch nur einmal damit beglückte! 10. Deine Barmherzigkeit, o Herr! gegen uns, Deine Gnadenspendungen, Hilfen und Errettungen sind so groß, daß wir darüber eigentlich zeitlebens nur betrübt seyn können; denn nicht nur, daß wir Dir (ausgenommen etwa durch recht geduldiges Leiden und durch Selbstkreuzigung) nicht die mindeste Dankbarkeit bezeigen können, so betrüben und beleidigen wir Dich sogar fortwährend und tagtäglich durch unsere Sünden und haben also vollen und ausreichenden Grund, uns im Angesichte Deiner Erbarmungen zu beweinen. 11. Man muß unterscheiden zwischen göttlicher Gnade und göttlichem Trost; letzteren entzieht Er bisweilen den Menschen, die Gnade aber, wenigstens die nothwendige, hat der Mensch jederzeit; ja, er muß sie haben vermöge der Gerechtig- 384 keit GottcS wegen seiner Sündhaftigkeit; denn da der Mensch sich der Sündhaf, tigkeit ohne die Gnade nicht erwehren könnte, jedoch zu Grunde gehen müßte, wenn er sich ihrer nicht erwehrte, so verleiht dem Menschen, welcher freien Willen hat und weil er ihn hat, die Gerechtigkeit Gottes die nothwendige Gnade, sich der Sündhaftigkeit zu erwehren; benützt er diese ihm gegebene nothwendige und hinreichende Gnade nicht, so verfällt er dem Gerichte, und Gott ist dann nicht ungerecht, wenn Er ihn verurtheilt. 12. Von Job soll man lernen, daß wir im Elend nicht das Elend vor Augen haben sollen, sondern daß es von Gottes allerhöchster Hand komme, daß wir daher das Glück mit Dank und Mäßigung, das Unglück aber mit Dank nnd Ergebung aus Gottes Hand annehmen sollen, MünnL' "lA^Mw?'^ Und wenn uns auch noch so viel Unglück träfe, und wenn wir uns auch für noch so rein hielten, — wer ist rein vor Gott? Und kann Gott je dem Menschen etwas Böses zufügen? Alles, was Gott über uns verhängt, ist gut und Barmherzigkeit, selbst die schweren Strafen für unsere Sünden, da wir gewiß noch weit schwerere verdient hätten. Der Dom zu Speyer. Ueber die Freskomalereien in genanntem Dome sagt ein Bericht in der N. M. Z.: „Die Gemälde sind in dem Stiftschore, in der Kuppel, in den Seitenchören und in dem Mittelschiffe angebracht; in den beiden Seitenschiffen ist der Ornamentik Raum gegeben. Der Gegenstand der FreScogemälde des Mittelschiffes ist das Leben M a« rias, welcher der altehrwürdige Kaiserdom als erster Patronin geweiht ist. Dieser Gegenstand setzt sich im Stiftschore fort und vollendet sich in den Gemälden seines Gewölbes. Der nördliche Seitenchor ist dagegen zur Aufnahme von Darstellungen aus dem Leben deö heiligen Bernhard, der südliche solchen aus dem Leben des heiligen Stephan verwendet; diese beiden werden als Schutzheilige des Domes verehrt. Die Kuppel endlich, welche sich über dem Hochaltare wölbt, enthält in ihren Gewölbefeldern die Vorbilder des Opfers, nämlich im Felde gegen Norden ist daS Opfer AbelS abgebildet; Abel in kräftiger Jugendschöne opfert ein Lamm. Im Felde gegen Westen erblicken wir das Opfer Abrahams; im Felde gegen Osten daS Opfer MelchisedechS, und das Feld gegen Süden endlich zeigt daS vierte Vorbild: das Manna in der Wüste. In der Mitte des Kuppelgewölbes erscheint dann von einer Glorie und den vier apokalyptischen Gestalten umgeben, das mystische Lamm, ruhend über dem Siebensiegelbuche aus dem Throne." Asien. Im Reiche der Birmanen, welches man auch daö Königreich Ava, Arrakan und Pegu nennt, befindet sich in der Stadt Rangun eine römisch-katholische Kirche, auf deren Thurm von Holz mitten unter den Pagoden des Buddhismus sich das Kreuz erhebt. Der Pfarrer Domingo stammt aus der Stadt Trient in Tyrol, ist etwas über 50 Jahre alt, und befindet sich seit 1830 im Reiche der Birmanen. Er spricht viele Sprachen und hat sich auch durch seine anderweitigen Kenntnisse in Ansehen gesetzt. Er versteht etwas von der Arzneikunst und bereitet die Arzneien selbst, spricht und schreibt die birmanische Volkssprache ganz richtig. Auch besitzt er eine kleine Druckerei, und hat die birmanischen Buchstaben selbst gegossen, und einen Katechismus in der Landessprache gedruckt. Wegen seiner ausgezeichneten Eigenschaften steht er bei den Armeniern, Mohammedanern und Birmanen in großem Ansehen. ° ^ " ____^_^. Verantwortlicher Redacteur: L> Schönchen. VerlagS-Jnhaber: F. E. Kvemer. >, Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur »k« ZikmT»>i iinlll? M M >Lt .^L> ?L>ik.>iM^Ä M 5. December 185S. .NlNIUl»' H^lNlUK? tz)Mtt'»Oi>?(t! --^ Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Tonntage. Der halbjährige Abonuementspreis kr., wofür es dnrch alle köuigl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kauu. —.-------------------------- , > — -— — ...... Hv6 Ifn9 Hk6 ,iZlMII!tI^l)IP^H7IIIl)i'. Die Heiligen und Heiligenbilder der katholischen Kirche. (Fortsetzung.) Wir gehen jetzt zu einer speciellen Besprechung über die Heiligenbilder über. Wir beginnen mit einigen der am häufigsten vorkommenden Symbole (Sinnbilder) der Heiligenbilder. Das Bild des AdlerS, als Sinnbild des heiligen Geistes, findet sich in alten hebräischen Bildern oft. Der heilige Geist wird in solchen philosophirenden Schriften bald „diö Taube", bald „der Adler" genannt. Viele Völker — in Dentschland nachweisbar bis in das zwölfte Jahrhundert — stellten sich den Sturmwind als einen großen mächtigen Adler vor. Anker bedeutet im Allgemeinen Standhaftigkeit im Leiden, sodann Glaube, Hoffnung oder Geduld als deren christliche Faktoren. Als allgemeines Symbol bedeutet der Apfel den Sündenfall, die Erbsünde. Er wurde im Mittelalter häufig bei Christuöbildern angewendet, wo er dann die Erlösung von der Erbsüude andeutet. Bäume find zumeist geschichtliche Zeichen, die sich auf die Lebensweise der Heiligen oder ihren Martertod beziehen. Der Kelch dient nur zum heiligen Gebrauch und ist ein allgemeines Zeichen deS priesterlichen Standes. Auf richterlichen Grabsteinen oder über Burgthoren gehört er zum Wappen der Templer, deren Patron der heilige Johannes der Evangelist war (dieser Heilige hat einen Kelch mit einer Schlange neben sich). Der Becher dient nur zu profanem Gebrauche. Beile und Aerte sind fast immer geschichtliche Zeichen des Martyrthums. Beutel, Geldbeutel bildlich für Almvseiigeben, nur in den Darstellungen des ägyptischen Joseph vorbildlich gebraucht (auf deu Verrath Christi durch JudaS bezogen), der Evangelist Matthäus wird mit einem Beutel vorgestellt, weil er Zöllner war. Der Bienenkorb ist das Symbol der Beredsamkeit. Die Palme ist ein Siegeszeichen. Als erstes christliches Symbol bedeutet die Palme Sieg über den Tod. Sie findet sich daher sehr häufig auf den ersten christlichen Grabsteinen, und keineswegs nur allein bei den Märtyrern. Jeder Gläubige wurde als Sieger über den Tod gedacht und war der Palme würdig. Erst die spätere Kirche gibt ausschließlich den Blutzeugen die Palme. Eine frühere Zeic pflegte den Martyrtod oft durch Oelzweige anzudeuten. Der Kranz war wiederum schlechtweg SiegeSkranz. Der Oelzweig, den Noah'S Taube gebracht, wurde in Verbindung mit dem Wasser und somit der Tanse gesetzt. Das Martyrthum aber ist die Bluttause. Nicht selten findet sich mit der Palme der Vogel Phöm'r verbunden. Bon beiden be- 386 richtet die mystische Naturgeschichte, daß sie aus ihrer Asche neu auserstehen, und so mag denn die Palme auch Symbol der Wiederauferstehung nach den, Tode geworden seyn. Die weiße Lilie ist das Symbol der Jungfräulichkeit. Das Buch, welches fast immer ausgeschlagen ist, scheint Hch auf daS Evangelium zu beziehen. Sonst deutet eS den Kirchenlehrer an. Die Delphine, als Symbol eine Nebenform von Fisch, bezeichnen die Christen. Der Drache ist das Symbol deS Bösen. Der Satan wird der große Drache, die alte Schlange genannt (Apoc. 12, 9; 13, 2). Vor Allem ist der Drache daS Symbol der Abgötterei. Die christliche Kirche ist in einem beständigen Kriege mit dem Drachen, der als der Widersacher des Lammes auftritt. Edelsteine finden sich in reichem Maße als Verzierungen an den Gewändern der Märtyrer angebracht, und die Gläubigen pflegten in solchen Edelsteinen daS kostbare Blut der Märtyrer anzudeuten. Bei den Engeln sind sie Symbole der Tugenden. Das Einhorn ist das Symbol deS Kreuzes, wahrscheinlich weil die fabelhafte Naturgeschichte von dem Horn dieses ThiereS berichtet, daß jegliches Gift durch dasselbe unschädlich gemacht werde. Auch wurde das Einhorn als Symbol der Reinheit, der Jungfräulichkeit betrachtet. Die alte Fabel wurde vorgebracht, das Thier könne nur eingefangen werden, wenn eine reine Jungfrau ihm den Schooß öffne, woraus sodann entsprang, daß das Einhorn Symbol der unbefleckten Empfängniß wurde. Die dem Thiere beigelegte Schüchternheit und Liebe zur Einsamkeit machte eS nach einer andern Seite hin zum Ausdruck deS klösterlichen Lebens, der klösterlichen Zucht und der beschauliche» Einsamkeit. Daher kommt es an Bischofsstäben, u. a. auch am Stäbe deS heil. Sturmius, der in Fulda aufbewahrt wird, vor. Die Einsamkeit wird übrigens auch durch Löwe und Schwan ausgedrückt. Fahnen bezeichnen zunächst den Triumph Christi. Die alten heidnisch-römischen Fahnen führten theilweise einen Drachen, der in der christlichen Zeit durch daS Kreuz verdrängt wurde. Der Fisch ist im Allgemeinen Symbol des Christen, wozu vielleicht die Stellen: Mtth. 4, 19 und Mark. 1, 17 die nächste Veranlassung gaben. Nach einem sybilli- schen Werke lassen sich die fünf Buchstaben deS griechischen Wortes für Fisch, I. Ch. Th(cou) Y(ios) S(oter) — Jesus Christus, Gottes Sohn, Erlöser — auf Christus deuten. Vier Flüsse, die sich unter andern symbolischen Bildern auf Kunstwerken der ältesten christlichen Zeit sehr hänfig finden — zumal iu den Wandgemälden alter Kirchen zu Rom und Ravenna — bedeuten im weitern Sinne das Evangelium von der Versöhnung, im engern die vier Evangelisten. Als geschichtliches Attribut kommen Flüsse und Wasser insbesondere bei Einsiedlern häufig vor. Die Geisel ist meist ein geschichtliches Zeichen, dann auch ein symbolischer allgemeiner Ausdruck sür Buße. Die Musik, als die Kunst der Töne, wird in der Sculptur zuweilen als weibliche Figur dargestellt, die mit einem Hämmerchen an eine Glocke schlägt. Das Glöckchen beim heiligen Antonius erinnert vielleicht an das von seinen Schülern befolgte Nachtwachen und Frühaufstehen. Der Hahn ist ein Attribut des heiligen PetruS (mit Beziehung auf Mark. 1-4, 68), dann daS Symbol der Wachsamkeit überhaupt, der christlichen Wachsamkeit insbesondere (1. Cor. 10, 12). Der Hahn über dem Kreuze auf den Kirchthürmen scheint sich mehr auf den Apostel Petrus zu beziehen, oder auf die Kirche, deren Haupt er ist, als auf jene allgemeine Aufforderung zur Wachsamkeit; eS sey denn, daß man speciell die Wachsamkeit im Glauben (Orthodoxie) unterlege, wo es dann wieder mit Obigem zusammenfällt. Die römische Kirche ist der Wächter der Rechtgläubigkeit, und somit wäre der Hahn auf dem Kreuze der Kirchthürme ein Trinmphzeichen der katholischen Kirche. Eine Hand, die aus den Wolken hervorreicht, bedeutet die Allmacht Gotteö 387 (Apost. 7, 50; Jsai. 66, 2); eine Krone über das Haupt Christi hallend, die dem Sohne verliehene Macht. Die Hirsche sind aus Bildern meist durch einen Pseil verwundet. In der gcr-- manischcn Mythologie erscheint der Hirsch gerne als Wegweiser. Im Mittelaltcr dagegen ist er der Hülfsbedürstige, der sich zn dem Frommen flüchtet und Rettung findet. Die altchristliche Symbolik scheint, nach Ps. 4t, die nach Gott verlangende Seele unter dem Bilde des Hirsches anzudeuten. Späterhin hat man wohl schlechtweg die Frommen und Gläubigen damit bezeichnet. Von der nach Gott verlangenden Seele lag der Uebergang zum Wasser der Taufe nahe (Ps. 41, 2: „Wie der Hirsch nach Wasserquellen verlangt, so verlangt meine Seele nach dir, o Gott.") Und so findet sich denn auch in der alten Kirche der Hirsch einigemal als Symbol an Taufbecken angebracht. Die Hunde sind auf Grabsteinen das Sinnbild der Treue und dauu gewöhulich zu den Füßen verheiratheter Frauen; der Mann erhält einen Löwen Es gibt auch allegorische Bilder, in welchen die Gläubigen unter der Gestalt von Schafen vorgestellt werden, die von schwarz und weiß gefleckten Hnnden (um an die Ordenstracht der Dominikaner zu erinnern, Ooiriini Lsnss) gegen die einbrechende Ketzerei geschützt werden. Keule und Schwert sind fast immer historische (Zeichen für den Martertod). Die Keule deutet meistens auf den Tod von der Hand der Heiden; Schwert auf gerichtliches Versahren. Zuweilen auch wird nnbekannter Martertod durch die Keule angedeutet. Die Seele wird sehr häufig unter dem Bilde eines ncugebornen Ki ndes dargestellt, wie denn der Todestag der Märtyrer „Geburtstag" genannt, und gleich dem Sacrament der Taufe als der Ansang eines neuen Lebens, als der wahre Geburtstag betrachtet wird. Die Seelen der nach empfangener Taufe gestorbenen Kinder werden als lebende, die ohne Taufe verstorbenen als todte Kindlein dargestellt. Auf Bildern vom Tode der Mutter Gottes erscheint Christus häufig, wie er die Seele der Mutter, als neugebornes Kind, auf dem Arm trägt. Dasselbe von andern frommen Seelen. Ebenso empfangen die Engel die Seelen der Sterbenden, wo dann die Gerechten als Kindlein vorgestellt sind, die nach Oben schauen und verlangen, die Seelen der Gottlosen sich nach der Erde zurückwenden. Auch aus den gefalteten Händen eines Betenden steigt ein kleines Kindlein auf, um die zu Gott sich erhebende Seele anzudeuten. ° Den Fundatoren von Kirchen oder Stiftern wird gewöhnlich eine Kirche als historisches Attribut beigegeben. Simson wird gewöhnlich als ein Bild des heiligen Petrus angesehen. Der alte Lehrstuhl (Lstkeclrg), auf dem dieser in Rom gepredigt haben soll, ist mit kleinen Herkulesbildern verziert. Der christlichen Sinnesart war es augemessen, diesen Bildern eine andere Deutung zu geben und sie geradehin mit dein alten Testamente in Beziehung zu setzen (als Simson), wo sie dann als Vorbilder für die Zeit der Erfüllung galten. Aus diesem Zusammenhang ist es wohl zn erklären, warum die biblische Her- kuleSfigur (der Herkules-Petrus) noch fortwährend an der Kanzel d. i. am Lehrstuhle Petri vorkommt. Kränze findet man in der ältesten Zeit aus Särgen uud Grabsteinen. Nach der Apokalypse des heiligen Johannes sind sie ein Zeichen des im Herrn ruhenden Christen, der siegreich geendet hat. Später scheint er allein aus Heilige und Märtyrer bezogen. Auch nimmt die Krone die Bedeutung von Sieg uud Lohn auf, und schließt den Begriff des Martyrthums weder ein noch aus; sie symbolisirt die Vollendung, den Preis des Gerechten, des Vollkommenen. Auch bezeichnet sie fürstliche Geburt oder nur Weihgeschenk. Das Lamm, als Symbol, ist Christus, „das Lamm, das der Welt Sünden trägt." Zumeist trägt dann dieses Lamm das Kreuzpanier. Auch die Apostel werden unter dem Bilde von Lämnurn vorgestellt. In symbolischen Darftellungen alter Deckengemälde kommen aus zwei Städten je sechs Lämmer aus einer Stadt gezogen, unter welchen beiden Städten Bethlehem und Jerusalem (als Anfang und Ende der zeitlichen 388 Geschichte des Herrn) zu verstehen sind. Die Schafe (gewöhnlich truppweis) sind historische Attribute, die den Hirten, Schäfern, zukommen. Die Widder und Böcke symbolisiren den Erlöser, den Versöhner (Hcbr. 13, 11. 12; 3. Mos. 1k, 5, 7), Unter dem Bilde des Löwen wird der Teufel symbolisirt (1. Petr. 5, 8); auch werdcu durch Löwen die zahlreichen Hinrichtungen im Amphitheater angedeutet. Nicht minder war der Löwe, wie schon gesagt, ein Bild der Einsamkeit. Mäuse, und überhaupt unreine Thiere, sind das Symbol böser Dämonen. Leier, Laute, Orgel, auch die Geige, besonders aber Leier und Orgel, sind Symbole des Gottesdienstes, in engerem Sinne: Lobpreisung Gottes, Die großen Zimmermannsnägel waren schon bei den alten Römern Peini- gungswerkzeugc und es wird ihrer in der Märtyrergeschichte oft Erwähnung gethan. Der Pelic an soll sich die Brust öffnen und mit seinem Blute die Jungen ernähren. Den Christen schien es ein gefälliges Bild für die freiwillige Hingabe des Erlösers, „der sein Blut gegeben zur Erlösung für Viele." Das Pelicannest findet sich deshalb öfters in alten, zumal italienischen Bildern, über dem Haupte des gekreuzigten Heilands angebracht, auf der Spitze des Kreuzes, oder unmittelbar über dem Haupte Jesu, so daß die Dornenkrone mit den Zweigen des Nestes zusammenkommt. Das Bild des Pfaues war im römischen Heidenthum bei der Vergötterung der Kaiserinnen angebracht. Diesem Bilde der Unsterblichkeit wurde in den ersten Jahrhunderten der Kirche die christliche Idee von der Unsterblichkeit und Wiederauferstehung unterlegt. Das Pfauenbild konnte beibehalten werden, insofern darin bereits eine dunkle Ahnung von Dem erkannt war, was jetzt in einer größeren und allgemeineren Bedeutung gelehrt und erfaßt worden, ES scheint, daß sich die christlich-symbolische Bedeutung deS Pfaues zunächst an den jährlichen Federwechsel des Thieres anlehnte, der bei der Schönheil des Gefieders aufgefallen war; auch behaupteten die Alten, sein Fleisch widerstehe der Verwesung, Durch alles dieses empfahl sich das Bild als Symbol der Unsterblichkeit, des Triumphes über den Tod, einer freudigen Hoffnung der Auferstehung. Der Pfeil ist meist historisches Attribut, um die Todcsart anzuzeigen und steht manchesmal geradezu für Geschoß, insbesondere für Wurfspieß, Dolch. Die Rüstung, welche viele Heilige tragen, deutet an, daß sie Ritter, Soldaten, überhaupt Krieger waren; oft erscheint sie als Symbol der „Streiter Christi," womit man auch in früheren Zeiten jeden Gläubigen bezeichnete. In der allgemeinen christlichen Symbolik bedeutet das Schiff die christliche Kirche. Die alte Kirche nahm vorzugsweise die Arche Noah's als Symbol für die Kirche Christi, wohl in Beziehung auf 1. Petr. 3, 20. 21, Rettung des Menschen aus der Sünde. Die Kirche (daS Schiff) als das Alleinrettende (Alleinseligmachende). Das Schwein bedeutet gewöhnlich den Teufel, Das Schwert wird bald als Zeichen der Enthauptung insbesondere, bald für den nicht näher bestimmten (oder unbekannten) Martyrtod im Allgemeinen gebraucht. Darin liegt denn auch der Grund, warum Schwert, Beil und Lanze oft miteinander wechseln. Nicht selten tragen gewisse Heilige einen Stab, an dem oben eine kleine, meist längliche Sonne befestigt ist, in der die Buchstaben IL8 stehen; sehr oft findet man dieses bei Missionären, und so scheint es die Ausbreitung deS Christenthums, als die neu aufgehende Sonne, bezeichnen zu wollen, 'Der Stein (Steine) bezeichnet zunächst und am häufigsten den Martyrtod durch Steinigung, dann anch ascetisches Leben, Beschaulichkeit und Abtödtung. Büßer pflegten sich mit einem Steine gegen die Brust zu schlagen. Am allerhäufigsten wird Taube als Symbol des heiligen Geistes gefunden, Sie ist serner der Ausdruck der Inspiration des heiligen Geistes, das Sinnbild der Seele, der Hcrzenseinfalt und der Frauen. Des Teufels Symbol ist gewöhnlich die Schlange und der Drache. Die Rebe bezeichnet die Bekenner Christi, der Wein stock bedeutet Christus. Joh. 15, 1. 5. Auf sehr alten Bildern ist Christus oder das Lamm von Weintrauben 38» umgeben. Eine speciellere Bedeutung ist es, wenn durch die Traube auf das Blut Christi oder der Märtyrer angespielt wird, > Die Heiligen werden gewöhnlich mit einer Krone aus dem Haupte abgebildet, weil sie die nnverwclkliche Krone des Ruhmes und deS Lebens erhielten, welche Gott Denen verheißen hat, welche ihn lieben. Ihr Haupt ist kreisförmig von Strahlen nmgeben, weil sie das Licht der Welt sind, Die Patriarchen und Propheten haben Rädchen in den Händen, weil vor der Ankunft Christi der Glaube nur bildlich, und in Betreff vieler Punkte in sich selbst verwickelt, also dunkel war. In den Kirchen steht man sehr häufig die Apostel. Gewöhnlich werden sie barfuß abgebildet. Der heilige Bouaventura sagt, Christus und seine Apostel und Junger seyen barfuß gegangen; dasselbe schreibt der heilige Gregor von Nazianz. Conrad Brnnus bemerkt, daß sich heilige Männer des Gebrauchs der Schuhe enthalten hätten, wie z. B. der heilige Jacobus, und daß dieß höchst wahrscheinlich auch die übrigen Apostel gethan hätten, weil Christus (Mtth. 50, 9. 10) sagt: „Ihr sollt weder Gold, noch Silber, noch Geld in euern Gürteln haben, weder eine Reisetasche, noch zwei Röcke, noch Schuhe^)." Die Bischöfe werden sitzend abgebildet, wodurch ihre richterliche Gewalt angedeutet wird. Auch sieht man sie init erhobener Hand abgemalt. Die Hand wird aber besonders beim Segnen und Predigen in die Höhe gehoben. Die Kirchenlehrer und Beichtiger werden mit denjenigen Zeichen abgebildet, welche die heiligen Väter aus der heiligen Schrift auf sie angewendet haben. Die Kirchenlehrer sieht man mit Sternen abgebildet, denn Licht und Glanz ist ein Symbol ihrer Gelehrsamkeit, und Daniel (13, 3) sagt: „Die Gelehrten werden leuchten wie der Glanz deS Firmaments, und die, welche Viele zur Gerechtigkeit heranbilden, wie Sterne in alle Ewigkeit." Die Jungfrauen tragen eine aus Blumen gewundene Krone, denn der Jungfrauen Sache ist es, Blumen zu pflücken und aus ihnen Honig zu bereiten, von dem es (Lsrit. 4, 11) heißt: „Flüssiger Honig sind deine Lippen, Geliebte; Milch und Honig sind unter deiner Zunge." Auch nennt der heil. Cyprkan die Jungfrauschaft eine Blume. Die Engel werden gewöhnlich so abgebildet, wie sie früher den Menschen erschienen sind. Sie werden in menschlicher Gestalt, als Jünglinge mit glänzendem Gesichte, mit weißen Kleidern und unbeschuhten Füßen, mit Gürteln um die Lenden und die Brust mit Edelsteinen geziert, mit zwei Flügeln, und von Wolken umgeben dargestellt; oft steht man sie mit Symbolen des Zornes oder der Barmherzigkeit Gottes, wie mit einem Schwerte oder einem Kreuze in der Hand. Man bildet sie in menschlicher Gestalt ab, um dadurch anzudeuten, welche Zuneigung sie zum menschlichen Geschlechte haben, wie bereit sie sind zum Dienste des Herrn, denn, „alle sind dienstbare nos T^tv ntoT !m>Z ,'mMH)/,!«lW' m'-zl lkaG'nnlM ?y«/ t6o6-S-. ^>-ov? rra-'Fa^l-r. — ^av-ill^io,', oa-^«^-»>. üoll'sch 5ll^//?«^o-/, war eine Art von Weiberschuh oder eine hölzerne Sole, soles, ssnäslig, welche, wie man dieß noch bei den Franciscanern ficht, mit Riemen um den Oberfuß gebunden wurde). Daher bemerkt der heilige Auzustin, daß unter den bei Matth. 10 und Luc. 10 den Aposteln verbotenen Schuhen solche zu verstehen seyen, welche den ganzen Fuß bedeckten, daß sie aber Sohlen, Sandalen, tragen durften, welche die Fußsohle vor Ungcmach schützten. Da nun Christus und seine Apostel nach der Sitte der Armen jener Gegend Sandalen trugen, so befahl er den Aposteln, sich mit solchen zu begnügen und nicht erst Schuhe zu nehmen, welche den ganzen Fuß bedeckten, wie deren sich die Reisenden in dortigen Gegenden bedienten. Von Christus selbst sagt der heilige Johannes der Täufer bei Matth. 3, lt.- „Der nach mir kommt, ist stärker als ich ; ich bin nicht würdig, seine Schuhe zu tragen," und bei Marc. t, 7: „Ich bin nicht würdig, daß ich mich bücke, um seine Schühriemen aufzulösen." An beiden Stellen heißt es im Griechischen: ,,^?ro^«r«;" i)?roS^oi (abgeleitet von v?ro3k», unterbinden, darunter binden) heißt das unter den Fuß Gebundene, die Sohle, in welcher Bedeutung es an den gedachten zwei Stellen genommen zu seyn scheint; freilich bedentet es auch im weitern Sinne Schuh. Zu Petrus sprach der Engel (Act. t2, 8): „Thue deine Schuhe (im Griechischen o---^«^») an." Daher ist es wahrscheinlich, daß die Apostel nicht barfuß gegangen find, sondern Sandalen, nicht aber Schuhe, getragen haben. 39« Geister, wegen Derer, die die Seligkeit erben sollen." lHebr. 1, 14.) Ihre Jlugcl bedeuten dieselbe Bereitwilligfci!, nicht nur Gott, sondern auch dcu Frommen dieser Welt zu dienen, von welch' letztern es heißt: „Er hat seinen Engel deinetwegen befohlen, daß sie dich auf allen deinen Wegen bewahren" (Ps. 90). Manchmal sieht man die Engel mit Rauchfässern in den Händen, wodurch angedeutet wird, daß sie unser Gebet zu Gott bringen. (Tob. 3, 25 und 12, 12.) Auch heißt eS in der Apokalypse (8, 3): „Und ein anderer Engel kam und trat zum Altare; er hatte ein goldenes Rauchfaß und der Rauch des Räucherwerks vom Gebete aller Heiligen stieg auf von der Hand des Engels zu Gott." Man stellt die Statuen der Engel deshalb auf die Altäre, nm anzudeuten, daß sie der Feier der göttlichen Geheimnisse daselbst beiwohnen. Die Cherubim sind Engel eines anderen RangeS, welche die göttliche Wissenschaft den Priestern mittheilen. Sie betrachten immer das Versöhnungspfer, und deuten dadurch an, daß die Engel immer auf unsern Vermittler JesuS Christus hinzublicken wünschen, damit er unsere Erlösung vollende. Hierauf hat wohl jene Stelle des Apoftelfürsten (l. 1, 12) Bezug: „...Auf welchen die Engel zu schauen wünschen." Die Einsiedler werden gewöhnlich dargestellt als in Fetten gekleidete (bärtige) Männer, die sich in einer Wüste oder in einer felsigen Gegend befinden. Nicht selten sind sie auch an einem Flusse oder Wasser, wie es denn als frommes Werk betrachtet wurde, Reisende über einen Fluß zu tragen. Ihre Attribute sind meistens individuell. Die Pilger haben gewöhnlich einen Pilgerstab, eine Pilgcrtasche, einen Muschel- Hut und Muschelkragen, oft auch eine (Kürbis-) Flasche. (Fortsetzung folgt.) Amerika. Die hochwiirdigsten Erzbischöfc und Bischöfe in den Vereinigten Staaten von Noldamerika haben in dem zu Baltimore abgehaltenen ersten National-Concilium das uachfolgendc Schreiben vom 19. Mai 1852 an den hochw. Herrn Fürsterzbischof von Wien gesendet, in welchem sie ihren Dank allen Gliedern des Leopoldinen-Vereines anssprcchcn und um fernere Unterstützung durch Gebet und Beiträge bitten. Schreiben des hochwürdigsten Conciliums zu Baltimore. Seiner Gnaden, dem hochwürdigsten Herrn Vincenz Eduard Milde, Fürst-Erzbischos von Wien, Präsidenten deö löblichen Leopolvinen-Vereines, den Herren Directoren und allen Mitgliedern dieses Vereines. Die ehrwürdigen Väter des ersten National-ConciliumS von Baltimore. „Wenn unser heiliger Glaube sich immer weiter im Gebiete der Vereinigten Staaten von Nordamerika ausbreitet und zugleich, wie eS die stets mehr aufblühende Frömmigkeit und Tugend seiner Bekenner bezeugt, auch an innerer Kraft gewinnt, so müssen wir wohl vor Allem Gott den Allmächtigen, dem Vater alles Lichtes, von dem jede gute Gabe kommt und jedes vollkommene Geschenk, dafür preisen und ihm in Demuth und Aufrichtigkeit der Herzen Dank sagen. Doch auch unsern GlaubenS- brüdern sind wir dafür zum Danke verpflichtet. Denn jene erfreulichen Fortschritte sind ohne Zweiscl eine Frucht des Gebetes, welches in fast allen Ländern des Erdkreises für die Bekehrung der Sünder und der Ungläubigen aufgeopfert wird. Die Bitten, welche dcm Vater der Erbarmungen unter den verschiedenen Nationen des österreichischen Kaiserstaates von den frommen Mitgliedern des Leopoldinen - Vereins für das Gedeihen der heil, Kirche in diesen so viel versprechenden Staaten aufgeopfert werden, konnten nicht unerhört bleiben, nachdem unser göttlicher Lehrmeister nnS versichert hat: Bittet, so werdet ihr erlangen; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgechan werden." Der Eifer dieses schönen Vereins für die Ehre GottcS und das Heil der unsterblichen Seelen begnügt sich nicht mit der Anrufung der göttlichen Barmherzigkeit zu Gunsten der uns von dem Stellvertreter Jesu Christi anvertrauten Missionen; denn in werkthätiger Liebe sendet er jährlich der katholischen 381 Kirche dieses Welttheils jene Gaben, welche der Reiche von seinem Ueberfluß, der Arme von seiner Nothdurft, ein Jeder aber mit freudigem Herzen reicht, um dadurch auch mitzuwirken an der Ausbreitung und Befestigung jenes Glaubens, welcher ihn selbst glücklich macht und ihm die Hoffnung des ewigen Heiles gewährt. Wie viel Gott und die Menschen Erfreuliches ist schon durch die Gaben dieses herrlichen Vereins ermöglicht uud verwirklicht worden! „Seeleneifrige Priester werden unS zugeschickt, iu diesem noch jugendlichen Theile des Weinberges deS Herrn zu arbeiten, wo der Arbeiter leider immer noch zu wenige sind; wo noch vor nicht langer Zeit der Wilde seinen KriegStanz feierte und sich an der Todesqual seines besiegten Feindes weidete, da erheben sich von Tag zu Tag neue Kirchen, ärmlich zwar und unscheinbar, aber, gleich dem Stalle zu Bethlehem, doch immer die Wohnung deS Herrn, dessen Lust eS ist, bei den Menschenkindern zu seyn und der sich auch jetzt zu ihrem Heile in den endlosen Wäldern und unübersehbaren Prairien dieses Welttheiles in unaussprechlicher Liebe seinem himmlischen Vater aufopfert. Die Anzahl der katholischen Schulen vermehrt sich beständig und ist uns Bürge, daß der heilige Glaube, der ohne solche Schulen stets gefährdet bliebe, fortan immer tiefere Wurzel fassen werde. Auch die bischöflichen Seminäre gestalten sich immer besser und haben bereits viele vom Geiste GotteS erfüllte Männer zu würdigen Priestern gebildet. „An allen diesen Werken hat der löbliche Leopoldinen-Verein thätigst mitgewirkt durch die täglichen Gebete und die freiwilligen Gaben, welche die Glieder desselben biöher in so reichlichem Maße beigesteuert haben. Deshalb hielten eS die ehrwürdigen Väler dieses Conciliums für ihre heilige Pflicht, die sie hiemit jetzt freudig erfüllen, dem hochwürdigsten Herrn Fürst-Erzbischofe von Wien als Präsidenten, so wie den andern Herren Direktoren und allen Mitgliedern und Beförderern des löblichen Leopoldinen-Vereins zu einem so unerwarteten Segen Ihres Wirkens Glück zu wünschen und für alle den amerikanischen Missionen gezeigte Theilnahme zu danken. Sie hoffen von der Barmherzigkeit Gottes, daß er auch in Zukunft über dieses wahrhaft katholische Werk seinen Segen ausgießen werde, zur Ehre und zum Verdienste der Theilnehmer in Europa und zum Heile und Gedeihen der amerikanischen Kirchen. Die Obcrhirten und die ihnen anvertrauten Heerden werden nicht unterlassen, eingedenk der Worte des heiligen Apostels, ihre Bitten, Gebete, Fürbitten und Danksagungen Gott dem Herrn darzubringen, aus daß das erlauchte Kaiserhaus und alle unter seiner Obhut stehenden Völker, besonders die Freunde der amerikanischen Missionen aus der Hand ihrer Feinde erlöset in Heiligkeit und Gerechtigkeit des heiligen Friedens genießen mögen alle Tage ihres Lebens." D. Baltimore, den 19. Mai 1852. FranciscuS Patriticy Kenrick, ^reti. kalt. 8eäis. ^p. vel. Fr. Lhomme, Promolor. __ Zweibrücken. Zweibrücken, 11. Nov. Vor Kurzem hat der im beuachbarten Orte Cont- wig ohne nahestehende Erben verstorbene quieScirte Revierförster Held dem hiesigen Bürgerhospitale sein Gesammtvermögen von circa 80V0 fl. hinterlassen. Eine so edle Handlung verdient auch in weiteren Kreisen bekannt zu werden, denn wir halten derlei Vermächtnisse zu allgemein wohlthätigen Zwecken für das sicherste Mittel, menschenfreundlichen Gesinnungen bis über das Grab hinaus eine nützliche Richtung und Dauer zu gebe». So steht hierorts noch heute der Name des Abbv Grinsard, als eines der edelste» WohlthäterZweibnickenS uud der Umgegend, im ehrendsten Andenken. Er lebte wahrhast dürstig, versagte sich selbst jeden Genuß und fast jede Bequemlichkeit, nur um am Ende seines Lebens all sein Hab und Gut, im Gesammtbetrage von 392 110,000 fl., zu wohlthätigen Zwecken, überhaupt zur Linderung menschlicher Noth und Leiden verwenden zu können, denn rührend ist es, was er Hierwegen selbst am Schlüsse seines Testamentes (1787) sagt: „Da ich stets beabsichtigt hatte, alle in meinem Leben gemachten Erwerbungen und Ersparnisse nach meinem Tode für Unterstützung der Armen zu hinterlassen, so setze ich die Armen überhaupt zu meinen wahren Erben aller meiner beweglichen und unbeweglichen Verlassenschaft ein." Möchte man doch bei den letzten Pulsschlägen so manchen Herzens, das üppig in den Freuden und Genüssen des Lebens schwelgte, noch der Worte deS Abt>6 Grinsard gedenken I Neapel. ,s(-5s ii? ins<^Nn)chjinM «ziizH?i>'!?>j »lysiM m?ch!ltd'l!>7 of ni iz^iö Der Herbst — des Lebens. Traurig schleicht der blasse Nebel Uni den stillen Wiesengrund, Und der flücht'ge Gang des Reifes Tritt die nackten Gräslein wund. Bange weht es durch die Weide An der düstern Friedhofsmauer, Und die salben Blätter zittern Wie von ahnungsvollem Schauer. Oede steh'n die kahlen Aecker, Längst des Sommers Schmuck beraubt; Von des Schnitters scharfer Sichel Sank der Aehren goldnes Haupt. Und der Sänger heitre Lieder Aus des Lenzes Blüthetagen Hat der Todesengel schweigend In die Liedergruft getragen. — So auch harrt ein Herbstesmorgen An des Lebens Neige dein, Und die Hand des Friedensboten Führt auch dich zur Ruhe ein; Dann verstummen dir die Klagen, Es versiegen deine Thränen, Da sich der Vollendung nahet Deiner Seele frommes Sehnen. Sage, daß in diesem Herbste Du, der vollen Aehre gleich, Heiter dich zu Grabe neigest An der Liebe Werken reich. Welche Wonne, wenn die Engel Gottes zu dir niedcrschweben, Und für deine Erdenmühen Dir den Lohn des Himmels geben! TafrathShofer. ' " -^--'- Leranlw^Ui'che! Redacteur: L, Schoucheu. VerlagS-Iahabcr: F. tS. Kremer. Zwölfter Jahrgang. - Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Poffzeitung. -u;y»«owz mtzüG'»i«l niä. r»!!-,s . ,1,«« Z(do7Ä>k nzt^eM ckme vut'frrD ^ 12. December Z«. 185L. >>> > . Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Tonntage. Der halbjährige Abonnementspreis TA kr., wofür e» durch alle köm'gl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die Heiligen und Heiligenbilder der katholischen Kirche. (Fortsetzung.) Nach diesen Vorbemerkungen über die Heiligenbilder gehen wir zur Beschreibung derselben im Einzelnen über und beginnen mit den Bildern deS Herrn der Heiligen. Auf Bildern, welche die Geburt Christi darstellen, sieht man neben der Krippe einen Ochsen und einen Esel. Dazu bemerkt ErasmuS: „Von alten Zeiten her ist uns ein Gemälde zugekommen, welches zur Krippe einen Ochsen und Esel hinzufügt." Doch steht hiervon nichts deutlich in der heiligen Schrift; die Veranlassung hierzu mag entweder jene Stelle auS Jsaias 1, 3: „Der Ochs kennt seinen Herrn und der Esel die Krippe deS Herrn"' oder aus Habaknk 3: Inmitten zweier Thiere wirst du erkannt werden," gegeben haben. Ueber die ans daö Fest der Erscheinung deS Herrn bezüglichen Bilder bemerken wir Folgendes: Nach Petrus (cls. ust. I. 2. Lat. 8 ) soll der eine der drei Weisen, Balthasar, vierzig, der andere, Kaspar, sechzig, und der dritte, Melchior, zwanzig Jahre alt gewesen seyn, und gewöhnlich werden sie auch als Manner von diesem Aller abgebildet. Auf älteren Bildern steht man alle drei mit weißen Gesichtern, und so waren sie auch in der kölnischen Kirche dargestellt. Der Gebrauch, einen der Weisen als Mohren zu malen, ist erst in neuerer Zeit erschienen. Mit Recht aber werden sie als Könige abgebildet, denn als solche bezeichnen sie die ältesten Schriftsteller. Der heil Chry- sostomuS nennt sie persische Könige, und ebenso sagen die heiligen AthanasiuS und HieronymuS-, wie nicht minder Tcrtullian, daß sie Könige gewesen seyen, und jene Schriftsteller stützen sich nicht sowohl aus die Geschichte, als auf die heilige Schrift, und namentlich auf jene Stellen Ps. 71: „Die Könige von TharseS und die Inseln werden Geschenke bringen; die Könige der Araber unv von Saba werden Geschenke herbeiführen," und Jsaias 6V: „Im Glänze deiner Geburt werden Könige einher-- gehen," und diese Stellen sang die christliche Kirche schon in ältester Zeit am Feste der Epiphanie. Tertullian sagt überdies,, daß fast der ganze Orient die Weisen für Könige halte. Nicht minder scheinen die Worte: „Und sie öffneten ihre Schätze" anzudeuten, daß sie Könige waren. In einem alten Epigramm, welches man Claudian zuschreibt, werden sie chaldäische Könige genannt, und diese Meinung hatte schon in früheren Zeilen im Volke Wurzel gefaßt. Adam SaSbout schreibt in der Homilie am Feste der drei Könige: „Sie waren aber nicht nur Weise, sondern auch Mächtige, ja sogar Könige; so sagt die mündliche Ueberlieferung, welche der Umstand wahrscheinlich macht, daß bei den Persern Niemand König seyn konnte, der nicht vorher die Wissenschaft der Magier erlernt hatte." Den schönsten und gründlichsten Beweis dafür, daß die ' drei Weisen Könige gewesen seyen, führt Cornelius Jansen; doch da derselbe ziemlich lang ist, so übergehen wir ihn; die bereits angeführten mögen genügen. In Jem- SS4 blour wurde ein Meßgewand aufbewahrt, welches aus den Zeiten des heiligen Bernhard stammte und sehr schön gestickt war. Auf demselben waren die drei Weisen als Könige mit Kronen und weißen Gesichtern. Gegen die Meinung Luthers, daß es mehr als drei Weisen gewesen seyen, welche zur Anbetung Christi kamen, streitet, daß in Köln drei heilige Leiber der Weisen aufbewahrt werden, und daß Leo der Große und andere Schriftsteller drei aufzählen, Auf den Bildern der drei Weisen sieht man auch oft einen Mann bei dem Stalle, der die Hände emporhebt: der Prophet MichäaS (5, 1). — Als Christus nach Egypten gebracht wurde, sollen hier die Götzen zusammengestürzt seyn (Jsai. 19), weshalb man aus Bildern, die die Flucht nach Egypten vorstellen, ein umfallendes Götzenbild fleht. Der Teufel, welcher sich gern in einen Engel des LichtS verwandelt, kam wahrscheinlich in der Gestalt eines ehrbaren und heiligen Mannes zu Christus, um ihn zu versuchen. Heinrich Agrippa schreibt, er habe auf einem Bilde, welches die Versuchung Christi darstellte, den Teusel nach Art der Mönche und Eremiten mit einer Capuce abgebildet gesehen, weshalb er mit einem schlechten Witze auSrust, er habe aus einem Bilde gefunden, was er in der heiligen Schrift vergeblich gesucht habe, daß nämlich der Teufel der Erfinder der Capucen sey. Manche Maler verabsäumen es, bei Darstellung des letzten Abendmahles ungesäuertes Brod zu malen. Gewöhnlich sieht man dreizehn Stücke Brod abgebildet, um anzudeuten, daß Christus nicht nur seinen zwölf Aposteln, sondern auch sich selbst das heilige Sakrament gespendet habe. Der Gebrauch, das Abendmahlbrod rund darzustellen, ist sehr alt; schon der heilige EpiphaniuS erwähnt desselben. Jetzt einige Bemerkungen über die Bilder, welche das Leidendes Herrn darstellen. Der Heresiarch Beza tadelte die katholischen Maler, weil sie, gestützt auf jene Worte: „Dieser Kelch gehe an mir vorüber," den Kelch Christi im Oelgarten nach der Gestalt der in der Messe gebräuchlichen malten. Er sagt, daö griechische ?ror^to^ dürfe nicht durch Kelch, sondern durch Becher übersetzt werden, und bezeichne den Zorn Gottes, die Strafe für unsere Sünden, weshalb jener Becher das „verfluchte Opfer beS Antichrists" nichts angehe. — Gewiß ist keiner unserer Maler so dumm, daß er glaube, Christus habe von dem Meßkelche geredet. Weil aber der Heiland im figürlichen Sinne bat, der Kelch oder der Becher seines Leidens möge an ihm vorübergehen, so malen unsere Künstler gewöhnlich einen Kelch; sie behielten die Form des Kelches oder Bechers bei, welcher einzig beim heiligen Meßopfer gebraucht wird, weil Christus nicht einen gewöhnlichen, sondern einen allerheiligsten Becher (oder Kelch) trank, denn allerheiligst war sein Leiden, in welchem er sich seinem Vater sür uns als Opser darbrachte. Daher zog wohl auch der Uebersetzer den Ausdruck „Kelch" vor, weil dieses Wort nach dem Gebrauche der Christen etwas Höheres nnd Heiligeres bezeichnet, als das Wort Becher. Von Alters her malte man aber den Kelch in der Hand des Engels, wodurch bezeichnet wird, daß, als Christus bat, der Kelch möge an ihm vorübergehen, ein Engel erschien, der ihn stärkte. Manches ist über die Kreuzigung Christi zu sagen. Man hat die Frage erörtert, ob Christus vor oder nach der Aufrichtung des Kreuzes an dasselbe gehestet worden sey. Der hl. Gregor von Nazianz und Andere schreiben, er sey nach der Aufrichtung des Kreuzes gekreuzigt worden. Die allgemeine Annahme ist wohl für das Gegentheil. Der Heiland wurde aber so an's Kreuz gehestet, oder hing an demselben so, daß er mit dem Rücken gegen Jerusalem, also gegen Osten, mit dem Gesichte nach Westen sah, mit seiner rechten Hand nach Norden, mit seiner linken nach Süden zeigte. Ebenso stieg er gen Himmel auf; Er wendete sein Gesicht nach Westen, nach der römischen Kirche hin, für die er PetruS und Paulus auserkoren hatte. — Vor dem vierten Jahrhunderte scheint man keine Crucifixe gehabt zu haben, was wohl durch die Rücksicht aus die Heiden und auf die kaum aus dem Heidenthum bekehrten Christen verhindert wurde; in den ältesten Zeiten diente das bloße Kreuz zur Erinnerung an den Versöhnungstod des Heilandes. Zuweilen auch findet sich ein Lamm zu den Füßen des Kreuzes stehend, oder mitten in 395 demselben Daß Christus nackt, wenigstens nur mit Bekleidung der Lenden gekreuzigt wurde, muß aus dem Umstände, daß die Kreuziger sich in seine (Ober- und Unter-) Kleider theilten, gefolgert werden. Auf älteren Gemälden, und in den griechischen Kirchen erscheint er bekleidet am Kreuze. Auch der heilige Gregor von TourS schreibt, daß in der Nähe der Stadt Narbonne eine Kirche sey, in welcher der gekreuzigte Christus in eine Art Leinentuch eingehüllt sey. Die Form der ehedem zur Kreuzigung verwendeten Kreuze war dreifach: das sogenannte Andreaskreuz (X), das Kreuz, welches durch die Befestigung eines Querbalkens über dem aufrechten Balken gebildet war (I') und endlich das Kreuz, wie wir eS bei der Abbildung des gekreuzigten Erlösers zu sehen gewöhnt sind. Daß die letztere Form bei Christus wirklich angewendet worden, geht auS Stellen der heiligen JrenäuS, Augustin, Gregor von Nyssa u. a. hervor, in welchen sie ausdrücklich von dieser Kreuzform reden. Eine so allgemeine Uebereinstimmung, wie sie in der Abbildung deS Kreuzes Christi besteht, setzt auch nothwendig eine thatsächliche Ueberlieferung voraus, die obenein in dem von der heiligen Helena wieder aufgefundenen Kreuze eine neue Begründung und Stütze finden mußte. Auf sehr alten Bildern sieht man Christus mit vier Nägeln an das Kreuz geheftet, und diese Kreuzigungsweise haben bis auf den heutigen Tag die französischen Bildhauer und Maler beibehalten; wohl nicht mit Unrecht, denn sie ist durch das Alter geheiligt. Zudem schreibt Gregor von TourS, und schon der heilige Cyprian, daß zwei Nägel die Hände und zwei die Füße des Heilandes angeheftet hätten. Auf vielen Kreuzen sieht man ein Stück Holz, als Stütze für die Füße des Gekreuzigten, angebracht. Hicvon weiß man vor dem sechsten Jahrhunderte nichts. Es war nicht Sitte, die Füße der Gekreuzigten zu stützen, wohl aber ein Holz, auf welches der Gekreuzigte rittlings zu fitzen kam, in das Kreuz einzuschlagen, um das AuSreißen der Hände zu verhindern. Christus am Kreuze hat eine Dornenkrone, um anzudeuten, daß er der kurz vorher mit Dornen gekrönte König der Juden sey. Gregor, mit dem Beinamen der Theolog, schreibt, daß Christus wirklich eine Dornenkrone auf dem Haupte gehabt habe, und in einem Gebete, das Gregor dem Großen zugeschrieben wird, heißt es: „Ö Herr Jesus Christus, ich bete dich an, der du am Kreuze hängst und eine Dornenkrone auf dem Haupte trägst." Auch Tertullian sagt, daß Christus eine Dornenkrone am Kreuze getragen habe. Auf älteren Bildern vermißt man die Krone, auf andern hat der Erlöser eine Königskrone. Einige Kirchenschriftsteller tadeln jene Maler, welche die Dornen bis in den Schädel und das Hirn Christi eindringen lassen, weil eS in der Schrift heißt: „Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen." Der Sinn dieser prophetischen Worte kann übrigens unmöglich so weit ausgedehnt werden. Tertullian schreibt, daß die Schläfe des Herrn durch die Dornen der Krone beschmutzt und aufgerissen worden seyen.- Früher erschien Christus am Kreuze lebend, mit offenen Augen, die Füße nebeneinander angenagelt, und erst vom zehnten oder eilsten Jahrhunderte an verscheidend oder todt und zwar mit 'niedergesenktem Haupte, gegen das sechszehnte Jahrhundert beide Füße mit Einem Nagel durchbohrt. Vielleicht erst seit Michael Angelo wird das Haupt nach hinten gesunken, mit offenem Munde dargestellt. Ju den Offenbarungen der heiligen Brigitta heißt es, daß die Mutter Gottes ohnmächtig neben dem Kreuze niedergefallen sey. Auf den meisten Bildern sieht man sie schmerzenvoll, ja in Thränen zerfließend, wie eS denn auch in jenem unvergleichlichen HymnuS auf die schmerzhafte Mutter heißt: „Stakst m?tvr tc" Christi Mutter stand in Schmerzen Bei dem Kreuz, und weint von Herzen, Als ihr lieber Sohn da hing. Durch die Seele voller Trauer, Seufzend unter Todesschauer, Jetzt>5'a, Schwert de« Leiden« gticg? 396 Sehr Viele tadeln eine solche Darstellung Maria', wie ste in den erwähnten Offenbarungen und auf manchen Bildern 'gemacht wird. Denn vor Allem schreibt der heilige Johannes (19.)- „Bei dem Kreuze Jesu stand seine Mutter." „Ja," sagt ein Kirchenschriftsteller, „sie, deren Glauben nicht wie der der Apostel wankte, stand da, ohne ein Zeichen eines schwachen Geistes von sich zu geben; ste sank nicht auf die Erde, sie zerriß nicht ihre Haare, sie zerschlug nicht ihre Brust." „Sie stand da, sagt der heilige AmbrosiuS, „selbst bereit, für das Heil deS menschlichen Geschlechtes zu sterben." Matthäus GalenuS schreibt: „Wer kann, ich möchte fast sagen die Gottlosigkeit jen er Maler ertragen, welche die Mutter so vorstellen, als habe sie ihre Haare zerraufet, ihr Haupt besudelt, ihre Brust zerschlagen, als sey sie von Krämpfen befallen worden und niedergesunken u. s. w.?" Fast ebenso äußert sich der heilige An- selm, und Bernardin von Bustis bemerkt, daß der Fall Maria unter dem Kreuze aus einer ungegründeten Meinung süße. Auch sagt derselbe, daß Maria links vom Kreuze vorgestellt werden müsse, denn ste stand nach Norden hin und betete für die Sünder; daß sie nicht zur rechten Seite des Kreuzes gestanden habe, folgert Alexander von HaleS aus Pf. 14t, wo es heißt: „Ich sah rechts und schaute mich um, und Niemand war da, der mich kannte." — Der heilige Thomas von Aquin schreibt in seinem Werke über das heilige Sakrament deS AltarS, daß man zuweilen auf der rechten Seite deS Kreuzes ein Mädchen mit fröhlichem Gesichte, von sehr schönem Aenßern und mit einer Krone auf dem Haupte dargestellt finde, welches das Blut des Herrn in einem Kelche auffängt und die Kirche bedeutet. „Eine gläubige Seele," bemerkt der Heilige hierzu, „trinkt geistiger Weise das Blut des Herrn und empfängt dagegen Licht, Freude deS Herzens und die Krone der ewigen Herrlichkeit." „Links vom Kreuze," fährt derselbe fort, „wird die Synagoge vorgestellt, und zwar mit verbundenen Augen, trauriger Miene, gebeugtem Haupte und einer herabfallenden Krone; sie schüttet daS Blut aus und behandelt es mit Verachtung. Hierdurch wird bildlich angedeutet, daß sowohl die Synagoge, wie Jeder, der eine Todsünde begeht, drei Güter verliert: das Licht, die Freude deS Herzens und die Krone der Herrlichkeit. In dem apokryphischen Evangelium deS Nicodemus und durch die allgemeine Ueberlieferung wird der Schächer, welcher zur rechten Seite Christi hing, DiSmaS genannt. Die heiligen Augustin und Leo sagen: Christus zwischen den zwei Räubern am Kreuze hängend sey ein Vorbild deS letzten Gerichtes gewesen, in welchem er die Guten zu seiner Rechten, die Bösen zu seiner Linken stellen wird. In derselben Weise sprechen sich aus der Papst Cölestin, der heilige HieronymuS, der heilige HrabranuS, der heilige Hilarius und Andere. Auch sieht der heilige Augustin in dem rechten Schächer Die, welche wegen der Gerechtigkeit leiden, und im linken die falschen Märtyrer, die ohne Liebe leiden. Daß beide Räuber mit Nägeln an das Kreuz angeheftet worden seyen, schreiben die heiligen Augustin, Chrysostomus, GregoriuS und Andere; die Meisten kommen anch dahin überein, daß die Kreuze derselben dem unseres Heilandes ganz ähnlich gewesen seyen. Seit längerer Zeit sieht man die Schächer mit Stricken an das Kreuz gebunden, wahrscheinlich, damit ste nicht so leicht mit Christus verwechselt werden. Unter dem Kreuze ist oft ein Todtenkopf abgebildet, und dies ist, wie Albert der Große bemerkt, der Schädel AdamS, der unter dem Kreuze begraben gewesen sey. Doch erscheint Adam hier wohl mehr als sinnbildlicher Stellvertreter des gesammten durch die Sünde dem Tode verfallenen Menschengeschlechtes. An sich ist der Schädel unter dem Kreuze eher eine Anspielung auf den Ort, wo Christus gekreuzigt wurde, und der Schädelstätte hieß. Man sieht auch oft Adam unter dem Kreuze liegen, durch welches er erlöst wuroe, und die heiligen Väter schreiben, er sey der erste gewesen, den Christus aus der Vorhölle befreite. Daß Christus ohne alle Wunde, ohne Flecken vom Kreuze herabgenommen worden sey, ist unbegründet. Unerweislich, aber ein schönes Moment für künstlerische Darstellung ist, daß er nach semer Abnahme vom Kreuze in den Schooß seiner Mutter gelegt worden. (Fortsetzung folgt.) 397 « u » Ungarn.*) In der jüngsten General-Versammlung des Gustav-Adolph-VereineS, in welcher so viele Redner Feuer und Flammen gegen die Kirche spieen, trat auch der bekannte resormirte Prediger Hr. Ferencsik aus Ungarn mit vielen und schweren Klagen in Hinsicht der höchst betrübten Lage und Umstände der ungarischen Protestanten auf. Die Redaktion der „Kirchenzeitung" sprach deßhalb den Wunsch auS, daß Jemand aus Ungarn seine Klagen gehörig würdigen oder beleuchten möge. Da nun dieser Wunsch bisher unberücksichtigt blieb, so will ich zur Feder greifen und der besagten Aufforderung, so gut ich eS vermag, nachkommen sine ira et stuäio. — 1. Hr. Ferencsik schlägt die Zahl der Protestanten in Ungarn vor Allem viel zu hoch an, und wenn er auch Ungarn im vormärzlichen Sinne nimmt und dazu auch die Socinianer in Siebenbürgen rechnet. Der bekannte ungarische Statistiker F6nyes ist auch selbst eifriger Protestant und hat noch nie so viele Protestanten herausgebracht, als Hr. Ferencsik. — 2. Müssen wir auch Protestiren gegen die vorgeschützte große Armuth der Protestanten in Ungarn in Hinsicht ihrer Kirchen und Schulen. Ihre Stiftungen zu Debrezin, Ssros-Patak, Oedenburg, Kecskemet, Leutschau, Käsmark, Papa, Komorn, Pesth zc. ic. sind groß; und wenn sie erst gewissenhaft wären verwaltet worden! Es ließen sich aber Bücher schreiben, wie man damit z. B. in Debrezin, Säros-Patak wirthschaftete, Tausende ohne Hypothek auS lauter Rücksichten geborgt, wie man die Zinsen nie eingetrieben, wie man mit einem Worte „more pstric," gehauset hat. WaS hätte eine katholische religiöse Genossenschaft nicht alles geleistet mit dem, was bei protestantischen Stiftungen nicht ausreichte? — 3. Hatten die Protestanten im Vormärz in Ungarn gewiß die größte Freiheit in Hinsicht der Kirche und Schule. Die Beschlüsse der Preßburger National-Synode sind heute noch nicht genehmigt, und eS kostete dem sel. Primas Rudnay unendlich viel, die Erlaubniß dazu zu erhalten, uud die Bischöfe fanden sogar Hindernisse in der Einführung der Katechismen in den sogenannten Normalschulen, während die Protestanten Convente über Convente hielten, ihre Schulen frank und frei nach Belieben organisirten und machen konnten, was sie wollten, ohne nur irgendwo anzufragen. Während die katholischen Schulbücher, voll Josephinischen Geistes, stereotyp waren, und überall ohne Ausnahme streng gehandhabt wurden, konnten die Protestanten lehren und lernen, was und wie sie wollten, und kein Hahn krähte darüber. Und welche Stirn gehört dazu, um öffentlich vor ver Welt zu behaupten, daß die Lesung protestantischer Bücher in Ungarn höchst verpönt war. Gerade in Ungarn herrschte ja in dieser Hinsicht die zügelloseste Freiheit. Der „Kanonische Wächter" unseligen Angedenkens und die Schriften aller Katholikenfresser waren ja gerade in Ungarn am meisten verbreitet. Während z. B. in Wien die Polizei die Buchhandlungen überwachte, war „im freien Ungarn" in dieser Hinsicht gar keine Aufficht, — und wer hätte sie auch gehandhabt? Vielleicht die Stuhlrichter oder die Stadthauptleute? Die hielten eS ja unter ihrer Würde, sich mit Büchern abzugeben. Nur ein Beispiel. Diejenigen, die die „Worte eines Gläubigen" hätten confisciren sollen, verbreiteten dieselben am eifrigsten. Und wie war die Presse in Ungarn in den letzten Jahren bei aller Censur so ganz ohne Beschränkung? Es wurden in Ungarn selbst die revolutionärsten Werke gedruckt, man konnte eS mit der Hand greifen, wo, und sie wurden dennoch überall verbreitet. Herr A. T. Wimmer, Prediger von Oberschützen, verglich in der ungarischen protestantischen Kirchenzeitung die Prälaten der ungarischen Kirche, mit den „ großköpfigen, ägyptischen Zwiebeln, nach denen die Juden so lüstern waren ic. zc." ohne Scheu; in GünS erschienen Bilderbücher, in welchen die kathol. Kirche mit Wort und Bild auf das ärgste verhöhnt wurde, und das betreffende Ordinariat bekümmerte sich darum nicht im Mindesten, obwohl mehrere Seelsorger darüber ex oklö klagten. Lutherische Bibeln wurden in ungarischer und deutscher Sprache den Katholiken um wahre Spottpreise aufgedrungen, und man ließ eS ungehindert ') Au« der Wiener K. Z. 398 geschehen. In den Komitatsversamml»mgen wütheten katholische Redner am eifrigsten gegen ihre Mutter die katholische Kirche und tausend und abermal tausend „kHsn" waren der Lohn ihres „FreiheitsinneS und Heldenmuthes". Katholische Prälaten eiferten für protestantische-Vicegespäne , bei den in der letzten Zeit so fluchwürdigen BeamtMwahlen, wo so viele- Todtschläge und andere furchtbare Erzesse sich ereigneten, ohne daß Jemand darnach gefragt hätte. Freilich änderte sich nun Vieles im Jahre 1849. Das ! Ministerium'für Unterricht organisirte die höheren Lehranstalten ohne Unterschied für Protestanten--und Katholiken. Die letzteren fügten sich auch mit den größten Opfern ohne Widerrede, nicht so die ersteren, sie blieben — Protestanten auch in dieser Hinsicht, und das Ministerium entzog allen sich nicht fügenden Lehranstalten die Oeffentlichkert, befahl aber mit keinem Worte, wie Herr FerencSik es glauben machen will, daß protestantische Jünglinge sich an katholischen Lehranstalten müssen prüfen lassen. Die Verordnungen in Hinsicht der Maturitätsprüfungen gehen Katholiken wie Protestanten gleich an und-'sind allbekannt; man kann daher nur staunen, wie denn Herr FttencSik eö wagen kann, so frech in die Welt hinauszulügem — Auch in Hinficht des k. k. Militärdienstes ist kein Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten, folglich-hat FerencSik-auch da gelogen. — Nun für heute nur noch ei» Wort über „Schützen", für das die Thaler des Gustav'Adolph-Vereines schon so oft' in Anspruch genommen wurden. Oberschützen ist ein deutsches Dorf im Eisenburger Comitat, nicht fern von der österreichischen und steierischen Grenze,' mit 52 kätholischen und 1396 protestantischen sAugSb. Conf.) Einwohner. Herr A. Wimmer, besonders als deutscher geograph. Schliftsteller bekannt, wirkte hier mit besonderem Eifer durch viele Jahre- „Mächtig--in Wort und in der Feder", trotzte er seinem Snperintendenten, dem Konvente ic.'Zcl'und regierte seine Heerde nach Beliebelt, wurde abÄ"von einennTheile derselben vertrieben und ging nach Modern. Von der sieghaften -Partei bald wieder zurückberufen, entwickelte er neuen Eifer, als'man in Un- ga?N'!aDW^mitnallen -Verhältnissen und Einrichtungen des Landes auf einmal unzu- srkdenuzu werden. Er schloß sich vor Allem der englischen Bibelgesellschaft an, und überschwemmte auch Ungarn bald mit Büchern der Gesellschaft, erschien in der Versammlung deS Gustav - Adolph - Vereines und klagte noch jämmerlicher als FerencSik, Mr-vbed auch glücklicher und erbante , nachdem er Oberschützen dahin bewogen, sich sich0um--8g,000 -fl. C. M. von, grundherrschaftlichen Verbände loszukaufen, eine große Schuld'allta und berief Lehrer aus'Berlin und übergab einem davon nicht"nur'die Leitung'der Anstalt, sondern auch eine seiner Töchter als Frau. Die Anstalt wurde bald NM't und breit bekannt und mußte erweitert werden. AIS daS vcrhängnißvolle Jähr'1848 hereinbrach und der BanuS mit seinen Schaaren nach Ungarn kam, organisirte Hr -Wimmer den Landsturm/ drohte sogar edlen Frauen mit dem GalMn und entwickelte einim Eifer, der einer besseren Sache würdig gewesen wäre. Als aber Fürst Windischgmy -nach Ungarn kan^ flüchtete sich Hr. Wimmer glücklich nach 'Berlin, und-tzerirte sich dort als Agenten Kossuths. Er ging-später nach Amerika, protestirtc dort mit einigen Flüchtlingen im Namen Ungarns (ohne von Jemanden dazu autorisirt zu-sehn) gegen alle Anordnungen der Regierung, kam aber bald wieder nach Bremen und machte auch da wonach "reden. Sein nicht kompromittkrter Schwiegersohn leitete auch"in WimmerS Abwesenheit die Anstalt, erweiterte sie zu einem kleinen Gymnasium und einer dreiklassigen Realschule, und war so glücklich, weil er den hohen Verordnungen in Hinficht der Organisirung sich fügte, für das Gymnasium und die Realschule die« Qeffentlichkeitsrechte zu erhalten..— Das ist also das oftgenannte Schützen. Keim-Katholik wird es den Protestanten verargen, daß sie sich bestreben, Schulen zu errichten und für dieselben Hülfe "on ibrcn Glaubensgenossen ;u erhalten; nur muß noch in Hinsicht Schützens bemerkt werden, daß viele katholische Jünglinge dort ihre Studien machen? jcmsogar sich im dortigen Convicte befinden. Nun ist die katholische Pfarrkirche (Pinkafeld) von- Schützen- 1'/? Stunden entfernt und in Schützen nur einmal im Jahre katholischer Gottesdienst. Ja, eS ist nicht einmal ein katholischer Religionslehrer für Schützen vorhanden, wie sollen nun die sich dort befindlichen kathol. 398 Jünglinge katholisch erzogen werden? Wollte Gott, der hochwürdigste Bischof von Brünn fände auch bei uns Nachahmer, es würde darum der Religionösriede nicht gestört und die Toleranz nicht verletzt werden, ,>än'ck tt4 sutk -)Än6iiZi!i< '^""-ilp IN-»^' ^swmzj Ittl^>6 Iilim Hiu ,ui'üt?» ch^i Chrifiliche Lesefrüchte und Betrachtungen eines Laien. (Fortsetzung,) ^ilch..^ '.U ^ - ^ t4. „Wie Gott will! Wer in Leid und Kummer es einmal-so weit gebracht hat, dieses Stoßgebet zu beten, der ist auf dem Wege zum Heil seiner Seele, Doch gibt es auch hier, wie in Allem, Grade und Unterschiede. Es gibt Leidende, welche bei diesem Stoßgebet noch eine gewisse Stärke des Geistes, einen gewissen Seelentrost, einen gewissen freudigen Muth fühlen; sie tragen ihr Leid leichter; schwerer und verdienstvoller aber wohl Jene, denen Gott in ihrem Leid oft allen fühlbaren Trost, alles Bewußtseyn der Gnade, alle empfindliche Süßigkeit der Andacht, alle AuS- ficht und Hoffnung benimmt und sich ganz vor ihnen verbirgt, sie rundum mit völliger Finsterniß des Leids umgebend; wenn nun solche gekreuzigte Seelen — (und eö gibt deren) — gleichwohl in Demuth und in unbedingter Hingebung an Gott kein anderes Wort mehr haben, alS: „wie Gott will!" und keine andere Sorge als die, ja dem Willen Gottes sich recht demüthig zu ergeben und Ihn nicht durch Kleinmuth oder Eigenwillen zu beleidigen, so stehen sie freilich in ihrem Kreuzleben recht arm und verlassen da; aber glaubt mir, die Engel im Himmel jubeln über eine solche gekreuzigte Seele und Gott selbst muß, menschlicherweise zu sprechen, sich sehnen, eine so schwergeprüfte und so demüthig treue Seele seiner Zeit mit Seiner ewigen Liebe zu belohnen, ,qKi«»umck<»St,< Communicire im Geist bei der heiligen Messe mit, und denke, eS sey deln Communion tag; und da du dich an deinen Communiontagen mehr als sonst vor deinen Gewohnheits- und sonstigen Sünden hütest, so thue dieß auch an jenen Tagen, wo du im Geiste communicirt hast; — und da du an wirklichen Communiontagen, wie du auS Erfahrung weißt, oft ohne dein Zuthun einen eigenen innerlichen Frieden fühlst, so suche ihn dir an Tagen, wo du im Geiste mitcommunicirst, zu erwerben und zu verdienen durch größere Geduld und Friedfertigkeit, durch treuere Uebung deiner Berufspflicht, durch vermehrte gute Werke zc. So wird dir allmählig die heilige Messe eine Quelle besonderer Heiligung werden. P a s s a u. Passau, 2. Dezember.' Drei Jahrhunderte sind vorüber, seitdem am einsamen Gestade der Insel Sancian ein Mann von der Welt geschieden, dessen Andenken wie in der Kirche wohl auch in jener gefeiert werden dürfte. Wer, der nur einigermaßen — ich will von Anderem schweigen — die Geschichte der Menschheit in Verstand und zu Herzen gebracht hat, kennt nicht den Namen Xaver, den Apostel von Indien und Japan? Wahrhaft ein Apostel dem Geiste, ein Apostel der Thätigkeit und dem Wirken nach. Gleich dem großen Völkerlehrer war er dem Herrn zu Liebe der Welt ein Thor geworden, umfassend das Kreuz und seine Lehre. Der aber thöricht und schwach schien, war weise und stark in der Krast seines Gottes, so daß Königen und Fürsten er den Sieg abgerungen, die Elemente selbst ihm gedient und sogar die Todesgewalten dem im Namen Christi einfach gesprochenen Worte des Dieners Gottes gehorcht haben. Wie viele Triumphe er über Steinherzen gefeiert, wie viele Tausende er für Zeit und Ewigkeit beglückt hat, ist Dem allein bekannt, mit dessen Gnade er Solches vollbrachte. Und doch war Xaver nur ein einfacher, demüthiger Missionär aus der Gesellschaft Jesu, jener Gesellschaft, die vom Anfang ihres Bestehens an bis heute dem modernen Heidenthume die ausgemachteste Thorheit 400 und das größte Aergerniß gewesen und ist. Auch jetzt wie einst lebt der Geist noch in Lavers Mitbrüdern, die ihm der Herr in unsern Tagen erweckte, allenthalben GotteS Ehre suchend und bestrebt das Heil und Wohl der Menschen zu fördern. Auch jetzt ertönt, und mehr denn jemals, auS ihrem Munde der einladende Ruf der Kirche, mit Gott sich zu versöhnen und einschlagend die verlassene Bahn des Heiles ihr Glück für alle Zeit zu gründen. Sendboten, nicht blos für die fernen Länder des asiatischen Ostens, durchziehen sie die Gauen des deutschen Landes, hier wieder aufbauen zu helfen, was vielfach durch den zerstörenden Geist falscher Weisheit und menschlichen Hochmuthes zerfallen. Verfolgung durch Schmach und Hohn und Lüge und noch andere „edle" Mittel ist vielfach ihrer Mühen Lohn; kein Wunder, denn schon Xaver und Alle dieses Geistes haben dasselbe erfahren. Am Ende aber siegt doch immer die Wahrheit — und Baal macht dem Jehovah Platz und daS Kreuz hat seine uner> schütterliche Kraft bewährt. Bereits zeigt es sich, wie der Menschen Herzen, obwohl oft lang vom Lügengeist und ihrem SinneSgelüst betrogen, endlich sich nach dem sehnen und zurückwenden, was wahrhaft Ruhe schafft. Und wer ihnen zu diesem höchsten Gute wiederverhilft, den lieben sie. Darum nur fortgestritten, nur fortgelitten mit der Geduld des großen JndianerapostelS, ihr mannigfach gehaßten, doch auch vielfach geliebten Schüler deS heiligen Jgnatius! Tausende danken Euch schon, was Niemand in der Welt geben kann, den Seelenfrieden: ihr Leben beweist am besten Eure Lehre. Wahr, wie der hl. Xaver, könnt auch Ihr sprechen: „Herr! auf Dich habe ich mein Vertrauen gesetzt, ich werde niemals zu Schanden werden." F u I d a. (5 Fulda, 20 November. Gestern feierte der hiesige Vincentius- und Elisabethenverein sein Patronatsfest in der Kirche zum heil. Michael. Der hochwürdigste Bischof hielt, von einem zahlreichen Klerus assistirt, das feierliche Hochamt, nach demselben richtete er mit dem bischöflichen Ornate bekleidet von dem Altare aus eine Anrede an das zahlreich versammelte Publikum, worin er auf das Leben der heiligen Landgräfin von Thüringen und Hessen St. Elisabeth hinwies und dann ausführte, was die christliche Liebe sey und was sie geleistet habe, was sie ganz besonders aber heutzutage in Frankreich leiste, wobei der hochwürvige Redner eine kurze Schilderung der religiösen Frauencongregationcn Frankreichs gab und dann die Mitglieder der hiesigen WohllhätigkeitSvereine aufforderte, in ihrem schönen Streben zu verharren und dasselbe immer mehr zu bethätigen. Beide Vereine wirken hier in der That sehr viel Gutes, obschon die zu ihrer Disposition stehenden Mittel durch monatliche freiwillige Beiträge aufgebracht werden und so bedeutend an sich nicht sind. Wir haben uns bei dieser Gelegenheit recht deutlich überzeugt, daß keine noch so sorgfältig bureaukratisch organisirte und controlirtej Armenpflege daö zu leisten vermag, was ein aus der christlichen Liebe hervorgegangener Verein leistet. Möchten dieselben doch überall im katholischen Deutschland entstehen und recht freudig gedeihen, sie werden die beste Schutzwehr seyn gegen den immer mehr um sich greifenden Pauperismus, dem papierne Verordnungen so wenig wie die Verbreitung gemeinnütziger Schriften abhilft. N o m. Rom, im November. Im vorigen Monate fand in den stillen Mauern eines NonuenklosterS ein? interessante religiöse Feierlichkeit statt. Es wurde nämlich in der Kirche des Klosters der Dominikanerinnen, zur hl. Katharina von Sie na, ein junges Mohrenmädchen getaust. Der Cardinal Patrizi, Generalvicar Sr. Heiligkeit für die Stadt Rom, wollte selbst das Sacrament ertheilen, eine Dame von hohem Stande und ein Prälat waren Gevatter. Berautwortlicher Redacteur! L. Schöuchen. Lerlag«-Zuhaber: F. S. Kremer. Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PostMtung. 19. December ZI t85S. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abomiementsprei« TV kr., wofür e« durch all? königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezöge» werden kano. Die Heilige» und Heiligenbilder der katholischen Kirche. (Fortsetzung.) Nach den Bemerkungen über die Bilder, welche aus das Leiden Christi Bezug haben, bleibt uns übrig, etwas über die Bilder, welche die Auferstehung und Himmel- fahrt des Herrn, die Sendung des heiligen Geistes und das letzte Gericht vorstellen, zu sagen. Christus stand, nach Uebereinstimmung aller heiligen Bäter, aus einem verschlossenen Grabe auf, gleichwie er durch eine verschlossene Thüre zu seinen Jüngern ging. Daher haben jene Maler unrecht, welche Christus erst nach Entfernung des Grabsteines auserstehen, lassen. Auch unterliegt es keinem Zweifel, daß die Wächter nicht geschlafen haben, sondern munter waren, denn sonst hätten sie nicht vor^en Pharisäern das Zeugniß von der Auferstehung ablegen können. Es waren römische Soldaten, deren Disciplin nichts daran denken läßt> daß sie nach Dorfnachtwächter-Arl sich's auf ein Stündchen sollten bequem gemacht haben. Das Grab war nicht in den Boden abwärts vertieft, sondern wagrecht in den emporstehenden Felsen eingehauen, mit einem niederen Eingang (Thür) in dasselbe, welche durch den davor oder hinein- gewälzten Stein verschlossen war. So war auch das Grab deS Lazarus, daher der Heiland bei seiner Auferweckung ihm zurufen konnte: LazaruS, komme heraus. So waren, überhaupt die Gräber, nnd wurden dann durch davor gestellte schön angestrichene Grabplatten geschlossen; daher Christus die Pharisäer mit „übertünchten Gräbern" vergleicht. Einer der Evangelisten zählt unter jenen Frauen, die Christum salben wollten, nicht seine Mutter auf. „Sie wußte," schreibt der heilige Bernhard, „daß er auferstehen und daß folglich die Salbung vergeblich seyn würde, und deshalb kam sie nicht mit den andern (Frauen) zum Grabe." Viele sind der Meinung, Christus, sey nach seiner Auferstehung zuerst seiner Mutter erschienen. Aber aus Markus 16 geht hervor, daß er zuerst der Maria Magdalena, aus welcher er sieben Teufel auSgetrieben hatte, erschien. Doch treten jener Meinung die heiligen Ambro- siuö, Anseimus, Gregor von Nyssa und Jguaz von Loyola bei, und ist dieselbe allgemein verbreit^. Auf alten. Bildern, welche die Himmelfahrt Christi vorstellen, sieht man eine Leiter, auf welcher der Herr von der Erde in den Himmel steigt. Doch ist diese rohe Darstellungsweise längst verschwunden. Mit Recht werden aber viele Engel bei der Himmelfahrt Christi abgebildet , und zwar mit Bezug auf Pf. 67, wo David im Geiste dieselbe besingt und es u. a. (V. 18) heißt: „Der Wagen GotteS ist viel tausendmal tausend, der Herr ist unter ihnen auf Sinai; Du bist in die Höhe gefahren und hast daS Gefängniß gefangen genommen." David nennt die Engel oft „Wagen", denn Gott bediente sich der Engel zum Streite und zum Triumphe, wie 4VL sich die Könige der Wagen im Kriege und bei Triumphzügen bedienten. Auch liest man 4. Kon, 6: „Siehe, der Berg war voll von feurigen Pferden und Wagen um den Elisäus herum;" unter diesen Wagen sind gleichfalls Engel zu verstehen. Als Christus in den Himmel fuhr, segnete er seine Jünger mit ausgehobenen Händen, indem er wahrscheinlich nach jüdischer Weise seine Hände über sie ausstreckte. Daß aber der Herr seine Fußstapfen am Orte seiner Himmelfahrt zurückgelassen habe, bezeugen PaulinuS von Nola und Beda. Aus der Richtung dieser Fußstapfen kann man schließen, daß Christus mit dem Rücken nach Jerusalem und das Gesicht nach Westen gekehrt, aufgefahren sey. Die Herabkunft des heiligen Geistes wird durch feurige Zungen (Ap. 2) angedeutet. Außer den Aposteln waren noch andere Jünger Jesu, sowie seine Mutter beim Gebete versammelt, und Die, welche wollen, über die Apostel allein sey der heilige Geist herabgekommen, erinnern sich nicht der Stelle bei Joel Kap. 2, welche auch der Apostelfürst anführt: „In jenen Tagen will ich über meine Knechte und Mägde mein«n Geist ausgießen." Auch räumen die Maler der Mutter deS Herrn einen ehrenvollen Platz unter den Aposteln und übrigen Jüngern ein. Christus wird bei seiner Ankunft zum jüngsten Gerichte ebenso gemalt, wie er in den Himmel stieg. „Er wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt in den Himmel fahren sehen," sagten die Engel (Act. 1). „Und dann wird das Zeichen deS Menschen- sohneS erscheinen," sagt Christus (Matth. 24). „DaS Zeichen deS MenschensohneS," schreibt der heilige ChrysostomuS, „ist das Kreuz, welches glänzender als die Sonne erscheinen wird." Mit Recht wird daher bei der Vorstellung des letzten Gerichts ein Kreuz gemalt. Der Regenbogen, auf welchem der Herr sitzt, ist bei Ezechiel t angedeutet. Zu dieser Stelle macht der heilige Gregor die Bemerkung: „der Herr stellte den Regenbogen zwischen sich und die Menschen zum Zeichen auf, daß er die Welt nicht mehr durch eine Sündfluth heimsuchen wolle, indem er sprach: Ich werde meinen Bogen in die Wolken setzen, und er wird ein Zeichen des Bundes zwischen mir und der Erde seyn, und wenn ich den Himmel umwölke, wird mein Bogen in den Wolken erscheinen, und ich werde mich meines Bundes mit euch erinnern. Daher zeigt sich an demselben Bogen zugleich die Wasser- und Feuerfarbe, weil er theils bläulich, theils röthlich ist, damit er Zeuge sey der beiden Gerichte, nämlich eines, welches noch zu halten, unv eines, welches schon gehalten ist." Die Hölle wird gewöhnlich so abgebildet, wie sie in der heiligen Schrift beschrieben wird. Job (Kap. 1V) sagt, sie sey ein „dunkles, mit der Finsterniß des Todes beveckies Land, wo der Schatten des Todes , keine Ordnung, sondern ewiger Schrecken wohnt." Ezechiel (Kap. 33) nennt sie einen See, Jsaias (Kap. 5) vergleicht sie mit einem ungeheuern Rachen, und die Kirche hat der letzteren Beschreibung den Vorzug gegeben. Die Hölle wird nämlich als ein weilaufstehender Rachen eines ungeheuern Thieres dargestellt, auS welchem von allen Seiten dunkles Feuer und so dunkle Flammen hervorbrechen, daß man eher Finsterniß und Schatten, als Licht zu sehen glaubt. Zum Schlüsse der Abhandlung über die Christusbilder noch etwas über das Antlitz des Erlösers.' Die Christusbilder, welche seit Konstantin dem Großen innerhalb der katholischen Kirche entstehen, zeigen sast durchgängig einen übereinstimmenden Charakter und lassen einen gemeinsamen Typus erkennen, der sich nicht unwahrscheinlich an eine alte Tradition anlehnt. Zunächst freilich scheint dieser Typus aus apokryphischen Schriften (z. B. aus dem Berichte des Lentulus an den römischen Senat) gezogen zu seyn; aber auch diese mögen leicht aus allerlei Nachrichten und mündlichen Ueberlieferungen herzuleiten seyn, die unter den Gläubigen gangbar waren. Der heilige Johannes ChrysostomuS schreibt: „Christus solle von Angesicht sehr anmuthig gewesen seyn," und der heilige HieronymuS sagt: „Selbst der Glanz und die Majestät seiner verborgenen Gottheit strahlte auf seinem menschlichen Antlitze wieder." Weit schöner ist es im Himmel, da die Engel es zu schauen verlangen, und ebenso war eS nach seiner Auf- 403 erstehung. Wenn schon die Gerechten im Reiche des Vaters wie die Sonne glänzen, um wie viel größer muß der Glanz des Gerechtesten der Gerechten, deS Heiligsten der Heiligen seyn? Aber beim Leiden war er ohne alle Schönheit (JsaiaS 53), weshalb die s. g. Eccehomobilder den Heiland ganz entstellt, mit Blut bespritzt, mit blauen Flecken:c. vorstellen. Daß in Rom daS Schweißtuch der heiligen Veronica, auf welchem daS Antlitz deS Herrn abgedrückt ist, ausbewahrt wird, ist bekannt. Die GesichtSzüge der Jungfrau Maria sind zunächst und ursprünglich aus älteren Christusbildern abgezogen. Denn einer Tradition zufolge war Christus „in Allem seiner Mutter ähnlich." Der heilige Lucas soll ein Bild der Mutter Gottes gemalt haben. Diese Bemerkungen bilden den Uebergang zu der Besprechung der Marienbilder. Daß die heilige Maria die Jungfrauschast gelobt habe, läßt sich aus jenen Worten (Luc. 1) folgern: „Wie kann denn dies geschehen, da ich keinen Mann erkenne?" Als dreijähriges Kind soll Maria von ihren Eltern in den Tempel gebracht, die fünfzehn Stufen, deren jede eine halbe Elle hoch gewesen, ohne Straucheln hinaufgegangen seyn. Vielleicht ist in dieser bildlichen Darstellung die alte jüdische Sitte angedeutet worden, nach welcher beim Heraufsteigen aus dem Vorhofe der Frauen in den Tempel fünfzehn Psalmen abgesungen wurden. Unter dem weiten Mantel, mit welchem man oft Maria angethan sieht, ist der Gnadenmantel, der Mantel der Liebe, zu verstehen, unter den sie als größte Fürbitterin die Gläubigen nimmt. — Ost wird Maria auf dem Monde stehend dargestellt, wohl in Rücksicht auf Apokal. 12. Oft hat sie auch einen Stern über dem Haupte (den Stern der Weisen), und dann sind beide Bilder (Mond und Stern) verbunden. Ueberhaupt scheint die Zusammenstellung: Maria mit dem Kinde, von einer strahlenden Sonne umgeben, auf dem Haupte eine Krone von 12 Sternen, ein goldneS Scepter in der Hand, zu ihren Füßen der Mond, der hinwiederum auf der Erdkugel steht, um welche die Schlange gewunden ist, die gewöhnlich einen Apfel im Maule hat, aus dem zwölften Kapitel der Apokalypse geflossen zu seyn. Jedoch liegen allerlei Spuren vor', daß dieses mystische Marienbild auf die Kirche gedeutet wurde. Die Kirche (die Braut — mit Krone), in ewiger Wahrheit (Sonne) erhaben über allem Wandelbaren (Mond), beherrscht (Scepter) die Welt (Kugel), sie, die Kirche, ist die Trägerin des menschgewordenen Wortes (sie trägt Christus im Arm), der die alte Schlange, welche die Welt gefangen hielt, mit der Sünde zertrat. „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe, zwischen deinem und ihrem Saamen: sie wird dir den Kopf zertreten," sagte der Herr zu der Schlange, und unter diesem Weibe ist Maria zu verstehen, unter der Schlange der Satan. Der Saame der Schlange ist, wie der heilige Peter CanisiuS schreibt, die gesammte Ketzerei. DaS Concilium von Chalcedon bestimmte schon, daß in der Kirche gesungen werde: „Freue dich, Jungfrau Maria, denn du allein haft alle Ketzereien vernichtet" OliveriuS MailarduS spricht sich in einer Predigt tadelnd über ein Bild aus, worauf sich Joachim und Anna gegenseitig küssen, und worunter geschrieben steht: „So wurde die heilige Maria empfangen." Daher der dumme Glaube, Maria sey durch einen Kuß empfangen worden. Doch steht auch Aehnliches in einem apokryphischen Evangelium des heiligen Jakob. Bekanntlich wird der VerS (aus Cant): „Du bist ganz schön, meine Freundin, und kein Makel ist an dir; du bist auserwählt, wie die Sonne, schön wie der Mond, ein Stern des Meeres, eine Pforte deS Himmels, wie eine Lilie unter den Dornen," auf die unbefleckte Empfängniß Mariä gedeutet. Ob alle Apostel, außer dem heiligen Thomas, bei dem Tode Mariä zugegen waren, wie man dies häufig auf Bildern sieht, ist nicht gewiß. Nach dem heiligen Gregor ist Maria ohne Schmerz verschieden. „Daher," schreibt Johann Eck, „darf Maria nicht mit einem Sterbekleide und mit dem Gesichte einer Kranken abgebildet werden." JodocuS Clichtoväus sagt, Maria habe auf den Knieen, mit nach dem Himmel erhobenen Händen und unter Gebet den Geist aufgegeben. Engel sollen bei der Himmelfahrt Mariens zugegen gewesen seyn, ja der heilige Anselm sagt, alle Bewohner des himmlischen Vaterlandes seyen da gewesen, und BrunuS billigt die Dar- 404 stellung Mariä, wenn sie bei ihrer Himmelfahrt von der heiligen Dreifaltigkeit als Kömgin des Himmels gekrönt wird. Wir wollen nach der Beschreibung der Marienbilder etwas Näheres über die der Eltern der heiligen Jungfrau, des heiligen Joachim und der heiligen Anna mittheilen. Der heilige Joachim trägt die Jungfrau Maria als Kind und hat einen Korb mit Trauben (Opfer) zur Seite. Die heilige Anna wird mit dem Kinde Maria, die sie lesen lehrt, dargestellt. Die heilige Anna soll mehrere Töchter gehabt haben (die drei Marien): aber diese Meinung widerlegen gewichtige Schriftsteller, welche darthun, daß sie nur eine einzige gehabt hab?. Ebenso unerweislich ist es, daß sie dreimal verheirathet gewesen sey. Der heilige Joseph hat einen Lilienstengel. Maria sollte nur mit dem Freier verlobt werden, zu dessen Gunsten ein Wunder geschehe, und Josephs Stab trieb eine Lilienblüthe, und eine Taube setzte sich auf die Spitze des Stabes. So ward Maria dem Joseph verlobt. Auch trägt dieser einen Stab und hat Zimmermannswerkzeuge, alS: Hobel, Art, Säge u. s. w, bei sich. Die Maler stellten, vielleicht durch eine Stelle im apokryphen Evangelium der Kindheit Jesu verleitet, den heiligen Joseph ost als einen Mann dar, der nicht drei zählen kann, weshalb der Name Joseph sprüchwörtlich wurde, um einen geistlosen Menschen anzudeuten. Einige malten ihn bei der Geburt Christi als einen hochbejahrten Greis, der sich wegen seines Alters aus einen Stab stützte. Dem letzteren besonders widerspricht Gerson, indem er sich auf jene Stelle Jsaias 62 beruft: „Ein Jüngling wird mit einer Jungfrau zusammenwohnen und der Bräutigam wird sich über seine Braut freuen." Einige behaupten sogar, der heilige Joseph sey, als er sich mit Maria vermählte, achtzig Jahre alt gewesen. Wie konnte er aber als schwacher GrekS Maria beschützen, und mit ihr und dem Jesuskinde nach Egypten fliehen und von da wieder zurückreisen? Wahrscheinlicher ist, daß Joseph ein kräftiger und starker junger Mann war, der eine Jungfrau in seinen Schutz nehmen, sie und den Knaben durch seine Arbeit ernähren und mit ihnen die beschwerliche Reise nach Egypten und zurück machen konnte. Tresslich ist die Darstellung, wie Joseph den kleinen JesuS an der Hand führt. Dadurch wird bezeichnet, baß Christus seinem Vater Unterthan war. Der große Vorläufer Christi, der heilige Johannes der Täufer, wird dargestellt, wie er sich in der Wüste in Felle gekleidet auf ein Beil lehnt, daö in die Wurzel eines BaumeS eingeschlagen ist. Diese allegorische Darstellung ist zunächst auS dem Evangelium geflossen. Der heilige Marcus Cap. 1 schreibt jedoch, daß der heilige Johannes „mit Kameelhaaren bekleidet gewesen sey," und der heil. Matthäus Cap. 2 sagt, daß er „ein Kleid," und zwar wie der „ano rzi^äv --«/t^ov — von Kameelhaaren" gehabt habe. Johannes war demnach nicht mit bloßen Thierfellen, fondern mit einem aus Kameelhaaren gefertigten Kleide angethan, welches zugleich ein Aeichen der Buße, die er predigte, war. Auch einen Gürtel trug der Heilige: „Er hatte einen ledernen Gürtel um seine Lenden." Marc. 1. — Johannes trägt ein Lamm im Arm oder auf einem Buche (als Anspielung auf die erfüllte Prophezeiung des alten Testaments) und ein Kreuzesrohr. Nicht selten hat er auch eine Lilie zur Seite. Das Lamm hat meist, zum Unterschiede von gewöhnlichen Lämmern, eine goldene Krone auf dem Kopfe und die Kreuzesfahne auf dem Rücken. Auf Gemälden der griechischen Kirche vermißt man dieses Lamm, dagegen sieht man in den Händen des Täufers ein Papier, auf welchem die Worte stehen: „Ich bin die Stimme des Rufenden in der Wüste: bereitet den Weg des Herrn, ebnet seine Pfade." In Brügge und Gent sah man früher Gemälde, auf welchen der heilige Johannes mit einem Finger auf das Lamm Gottes zeigt und mit den Füßen auf Herodes, den er durch seinen Tod besiegte, tritt. Von den Apoftelbildern Folgendes: Der Chor der Apostel war durch jene zwölf Ochsen des Salomon vorgedeutet (3. Kön. 7; 2. Petr. 4). Beda schreibt: Wenn es erlaubt war, zwölf Ochsen zu 405 machen, welche ein über sie gestelltes Meer trugen, und zu je drei nach den vier Himmelsgegenden schauten; was steht denn im Wege, die Apostel so zu sagen durch ein lebendiges Gemälde vor den Augen Aller darzustellen?" Gregor II. ließ die Apostel auf den Wänden des Petrusaltars abbilden und Konstantin der Große stellte ihre Statuen in der Kirche des Laterans auf. Dem Kaiser Konstantin erschienen einst die Apostel Petrus und Paulus; er ließ sich vom Papste Sylvester die Gemälde derselben überschicken und fand, daß diese eine auffallende Aehnlichkeit mit den beiden Aposteln hatten, wie sie ihm erschienen waren. Der heilige HieronymuS, und schon vor ihm der heilige Clemens, schreibt: daß der heilige Petrus einen Kahlkopf gehabt habe. Der Petruskopf ist überhaupt von konstantem eigenthümlichem Typus. Auf den allerältesten Bildern steht man PetruS mit einem Schlüssel in der Hand, den er meistens an die Brust drückt. Später wurden zwei Schlüssel, üblich, Schlüssel deS Himmels und der Erde, in der Farbe durch Gold und Silber unterschieden. Auch findet sich je zuweilen noch ein dritter, Schlüssel der Hölle; Alles Anspielungen aus die Schlüsselgewall deS Heiligen (Matth. 16). Auch trägt derselbe manchmal eine Krone auf dem Haupte, und zwar, wie Beda bemerkt, zur Erinnerung an das Leiden deS Herrn. Gewiß ist, daß Petrus nicht mit Stricken an das Kreuz gebunden, sondern mir vier Nägeln an dasselbe geheftet worden ist. Hegesippus schreibt auch, daß Petrus auf seine Bitte kopfunter gekreuzigt wurde, da er sich nicht für würdig hielt, wie der Erlöser gekreuzigt zu werden. Daher sieht man ihn auch auf einem umgekehrten Kreuze kopfunter angehestet. Neben dem heiligen Paulus sieht man eine Quelle, welche auf sein Gebet entstanden seyn soll. Gewöhnlich sieht man ihn mit einem oder zwei Schwertern, oft mit einem Buche abgebilder. DaS Eine Schwert ist ein historisches Zeichen, denn Paulus ist mit dem Schwerte hingerichtet worden. Die zwei (jungem) Schwerter sind symbolische Zeichen und zwar als Parallele zu St. Petri Symbol (was Anfangs auch nur Ein Schlüssel war). DaS Paulus-Symbol (das Schwert) bezieht sich wohl auf Lucas 22, 38. Auch mag in den zwei Schwertern des heiligen PauluS eine Anspielung auf die geistliche und weltliche Macht liegen. UebrigenS ist die Kopfform deS Heiligen auS alter Zeit als tradioneller TypuS fortgeerbt: Ein leichter Kopf mit einem langen Barte. Bei Zusammenstellung mit dem Apostel Petrus ist die Position so, daß Petrus links steht. Woher dies? War Paulus größer als PetruS? Es war ein altrömischer Gebrauch) dem Vornehmern die linke Seite zu überlassen. Benjamin bezeichnet den Sohn der Rechten; Paulus war aber nicht nur aus dem Stamme Benjamin; sondern der Sohn Jacobs, Benjamin, war auch ein Vorbild des heiligen PauluS. PetruS war besonders der Apostel der Beschneidung, PauluS der der Heiden, welche mit Hintansetzung der Synagoge zur Rechten Gottes zu stellen sind. PetruS, zur Linken des PauluS, soll den Päpsten ein Muster der Demuth seyn. PetruS Damianus führt noch vier andere Gründe an, die wir aber übergehen wollen, um nicht zu weitläufig zu werden. Auf solchen Bildern aber, auf welchen PetruS zur Linken des Paulus steht, führt dieser oft auch eine Lanze. Der heilige Andreas hat ein schräges Kreuz (Andreas- oder Burgunderkreuz) unterm Arm oder zur Seite. Aber das Kreuz deS Heiligen bei St. Victor in Marseille hat dieselbe Gestalt, wie das, worauf Christus starb. Der heilige BarnabaS hat als historisches Symbol Steine bei sich, weil er gesteinigt wurde. Der heilige Bartholomäus (Nathauael) hält ein Messer, mit dem er geschunden wurde, und trägt seine Haut auf dem Arme. Der Statthalter von AlbanopoliS hatte ihn zum Kreuzestod verurtheilt, wobei ihm zugleich die Haut zerschnitten und abge- gezogen wurde. Auf einem Gemälde des Michael Angelo in der Sirlinischen Kapelle, welches das letzte Gericht vorstellt, steht man gleichfalls den heiligen Bartholomäus mit seiner Haut auf dem Arme. Doch soll er nicht am ganzen Leibe geschunden worden seyn, und Viele tadeln auch die vorerwähnte Darstellung, wie er seine Haut 406 auf dem Arme oder gar auf einem Stocke trägt und einem Unthiere ähnlich steht. Nicht minder verwerflich ist jene Weise, diesen Heiligen als einen vornehmen Mann abzubilden, die den Worten des Teufels im Pseudo-Abdias ihren Ursprung verdankt. Der heilige Jacob der Größere sitzt auf einem weißen Pferde, weil er in den Kriegen der Sarazenen mit den Spaniern (die ihn ihren Apostel nennen) diesen auf einem weißen Rosse zu Hilfe kam. OefterS wird er als Pilger mit dem langen Pilger, ftabe und einem Schwerte abgebildet. Er verlor unter allen Aposteln zuerst das Leben; er wurde im Jahre ä3 in Jerusalem auf Agrippa'S Befehl enthauptet. Einige Maler malen den heiligen Jacob Christus sehr ähnlich, was jedoch gar keinen Grund hat. Auch der heilige Jacob der Jüngere wird mit gleichem Unrecht von vielen Malern Christus ähnlich gemalt. . Er wurde von den Zinnen des Tempels herabgestürzt, und da er noch lebte, gesteinigt, bis ihn endlich ein Tuchwalker mit seiner Stange todt schlug. Deshalb wird er mit einer Walkerstange in der Hand dargestellt. Der heilige Judas Thaddäus wird mit einem umgekehrten Kreuze, häufiger mit einer Keule abgebildet. Die Nachrichten von seinem Tode sind sehr verschieden; Einige sagen, er sey mit Pfeilen erschossen worden, Andere, er sey gekreuzigt worden. Der heilige Matthäus hat ein Beil, eine Lanze oder eine Hellebarde als Zeichen seines Martertodes. Er wurde von dem Könige Hirtak von Aethiopien ermordet. Oft hat er auch als Attribute ein Winkelmaß oder (als ehemaliger Zöllner) einen Geldbeutel in der Hand. Als Evangelist hat der heilige Matthäus als Symbol einen Engel bei sich. Die Erklärung dieses Symbols führt uns zu allgemeinen Bemerkungen über die Sinnbilder der Evangelisten. Die Bilder der vier Evangelisten sind aus der bekannten Vision des Ezechiel (1, 10) hergenommen, in der die Herrlichkeit Gottes und der mystische Wagen beschrieben werden. Die vier geheimnißvollen Gestalten (Adler, Löwe, Stier, Mensch), welche den Thron des Allerhöchsten tragen, sind in der jüdischen Geheimlehre von Alters her auf die Erzengel Gabriel, Michael, Raphael und Uriel bezogen worden. Die christliche Mystik faßte den Sinn dieser Symbole anders auf und deutete dieselben so: der Adler bezieht sich auf die Inspiration des heiligen Geistes, er ist auch das Symbol der Gottheit, und ihn hat Johannes bei sich, weil er die Gottheit Jesu Christi besonders hervorhebt; der Löwe ist das Sinnbild der Einsamkeit, und ihn führt Marcus, weil sein Evangelium mit der Stimme eines Predigers in der Wüste beginnt (V. 3); Lucas hat einen Stier, um JcsuS Christus als Hohenpriester zu bezeichnen und weil sein Evangelium mit dem Opfer des ZachariaS im Tempel anfängt: und Matthäus den Menschen, weil er sein Evangelium mit dem Geschlechtsregister deS David'schen HauseS und der Menschwerdung Jesu Christi beginnt. Der heilige Matthias hat ein Beil oder eine Lanze und ein Buch. Nachdem er gesteinigt worden war, wurde ihm der Kopf abgeschlagen. Letzteres scheint durch sein Beil angedeutet, während die Lanze schlechtweg, wie Schwert, mit dem es ohnehin oft wechselt, sür Martertod steht. Der heilige Philippus hält ein einfaches Kreuz, AntoniuSkreuz, wie 1'gestaltet; oder einen langen runden Stab, der sich aber in einem Kreuze endigt; oder einen Pilgerstab, ans dem oben ein kleines, nicht selten goldenes Kreuz befestigt ist. Der heilige Simon, der Eiferer, hat etne Säge, als Zeichen seines Martyrthums. Der heilige Thomas hat eine Lanze, zuweilen auch ein Winkelmaß. Der Nerräther Judas hält einen Beutel in der Hand, weil ihm, unter den Jüngern, das Almosenamt anvertraut war. Nachträglich hätten wir noch etwas über die Darstellung des Evangelisten Johannes zu bemerken. Der heilige Johannes wird ohne Bart gemalt, theils weil er zur Zeit des letzten Abendmahls noch jung war, theils um den Jünglingen ein Beispiel an die Hand zu geben, wie sie (gleich dem Heiligen) die Blüthe ihrer Jugend dem Herrn weihen unv sich seinem Dienste widmen sollen. Er hat auch einen Kelch in der Hand, entweder in Bezug auf die Worte Christi (Matth. 2V): „Ihr werdet meinen Kelch trinken," oder vielmehr, weil, wie der heilige Jsidor schreibt, das Gift sich in Gestalt einer Schlange ausschied, als er den Giftbecher austrinken mußte. DaS 407 Letztere ist das Wahrscheinlichere, weil gewöhnlich aus dem Kelche eine Schlange hervorkriecht. Der heilige Johannes war bekanntlich Patron der Tempelherren, in deren Wappen deshalb der Kelch aufgenommen war. Wir gehen nun zu den Bildern der übrigen Heiligen über. Die heilige Genofeva (von Paris) hat eine brennende Kerze in der Hand und einen gefesselten Teufel unter ihren Füßen, der einen kleinen Blasebalg hält, weil sie die Lichter, welche dieser während der Vigilien auSgeblasen hatte, ohne Feuer anzündete und einige Besessene durch Gebet und daS Kreuzzeichen vom Teufel befreite. ES gibt noch eine andere heilige Genofeva (von Brabant), welche eine Hirschkuh zur Seite hat und sich gewöhnlich in einer Höhle befindet, in der sie mit ihrem Kindlein lebte und von einer Hirschkuh ernährt wurde. Der heilige Paulus der Eremit ist in Holzschindeln oder Blätter gekleidet und hat einen Raben zur Seite. Er war der erste Einsiedler. Ein Palmbaum vor seiner Höhle gab ihm Nahrung und Kleidung, weßhalb er mit Schindeln bedeckt oder in Blätter gekleidet ist, und ein Rabe brachte ihm täglich ein halbes Brod, und als ihn einst der heilige Antonius besuchte, brachte der Rabe ein ganzes Brod. Der heilige Antonius, der Vater der Einsiedler, hat ein Feuer neben sich, weil er die Macht hat, vor dem ewigen Feuer zu bewahren und von dem Feuer der Pest befreit: denn in der Collecte vieler Kirchen heißt es: „Loncsäe obtsnäu k. ^ntonii Lvllkessoris wi morbiäum izasm extinZui." Er steht auch über den Thüren vieler Häuser, damit die Pest nicht in sie eindringe. Er hat auch ein Schwein neben sich, wcil ihm der Teufel in der Gestalt von Schweinen erschienen, und weil er der Patron der Schweine ist. (Vor der Antonikirche in Rom werden alljährlich die Hausthiere gesegnet.) Er hält ein Buch in der Hand, weil er ohne alle wissenschaftliche Bildung durch Aufmerksamkeit beim Lesen Anderer die heilige Schrift auswendig lernte, ja sie auch auszulegen verstand. Man sieht auch neben ihm ein I, welches das Kreuz bedeutet, wodurch er dem Teufel widerstand (Antoniuskreuz). Was die Glocke bedeutet, die er in seiner Hand hält, ist schon oben bei der Erplication der allgemeinen Symbole der Heiligenbilder gesagt worden. Der heilige Sebastian war Hauptmann in der prätorianischen Leibwache nnd wurde unter Domitkan an einem Baume erschossen. Man sieht ihn gewöhnlich entkleidet an einen Baum gebunden (manchmal auch an eine Säule), mit Pfeilen durchschossen, dann auch in freier Stellung bekleidet, mit kriegerischem Costüm und einigen Pfeilen in der Hand, oft mit einem kleinen Barte auf der Oberlippe. Der heilige Fabian hat ein Schwert und neben sich eine Taube. EusebiuS erzählt, bei der Papstwahl 236 habe sich diesem Heiligen eine Taube auf's Haupt niedergelassen, woraus er zum Papste erwählt worden sey. Er starb den Martyrtod unter DeciuS 253. Die heilige AgneS wird mit langen, den Leib umhüllenden Haaren dargestellt, weil sie nach ausgestandenen Martern in ein schlechtes HauS gebracht und da entkleidet wurde, worauf sie ihren Leib mit ihrem langen Haupthaar bedeckte. Sie hat ein Lamm zur Seite, weil sie mit einem goldenen Gewände angethan und ein schneeweißes Lamm tragend in Gesellschaft vieler heiligen Jungfrauen ihren an ihrem Grabe wachenden Eltern erschien. Man sieht die Heilige auch auf einem Scheiterhaufen sitzen. Der heilige Jgnatius hat Löwen zur Seite und einige Knochen vor sich. Er wurde unter Trajan nach Rom gebracht und hier im Amphitheater zweien Löwen vorgeworfen (107). In dem Karmeliterkloster zu Mecheln war früher ein Bild, auf welchem der heilige JgnatiuS den Namen Jesu im Herzen tragend dargestellt war. (Er nannte sich selbst TheophoroS, Gotteöträger, als er vor dem Kaiser Trajan im Verhöre stand.) Der heilige Thomas von Aquin, ein Dominicaner, hat einen Kelch in der Hand, weil er das so schöne Officium des FrohnleichnamS des Herrn geschrieben hat. Unter manchen Bildern desselben stehen die Worte: „Du hast gut geschrieben, Thomas," weil er einst, als er in Neapel vor einem Crucifixe sehr eifrig betete, diese Stimme 408 vernahm: „Du haft gut von mir geschrieben, Thomas; welchen Lohn willst du nun erhalten?" Der Heilige antwortete: „Keinen andern, Herr, als dich selbst," Der heilige Geist schwebt in Gestalt einer Taube über ihm, weil er eine unermeßliche Gelehrsamkeit in den heiligen Wissenschaften besaß. (Schluß folgt,) Christliche Lefefrüchte und Betrachtungen eineH Laien. (Fortsetzung.), 17. Schön ist'S, wenn der Soldat, wissend, daß eö sein letzter Gang seyn könne, muthig und ohne Zögern in die Schlacht eilt; schöner aber dünkt es mir, wenn die christliche Seele, wissend, daß sie einem übergroßen Leid entgegen gehe, ohne Zage», ohne Bedenken in demüthiger Ergebung ihren schweren Gang antritt, zumal, wenn ihr Leiv einen ruhmlosen und spurlosen Untergang droht; so stirbt ein Held in Jesu Christo, ganz sich dem Willen Gottes hingebend, ganz und ohne allen Trost und Vorbehalt sterbend! t8. Manche bedrängte Seele gelobt Gott, daß sie, wenn ein auf ihr lastendes überschweres Leid von ihr genommen seyn werde, dieß und jenes Gute thue, in dieser und jener Ueberwindung sich üben, dieß und jenes Opfer bringen wolle; o Schwachheit und Sündhaftigkeit der menschlichen Seele! Warum unterhandelst du gleichsam mit dem allwissenden Gott, warum willst du, daß Er mit seiner Erbarmung vorausgehe und daß du Ihm dann erst vergeltungsweise mit guten Vorsätzen und Tugenden entgegenkommst? Warum beginnst du nicht sogleich, während noch das schwere Kreuz der Leiden aus dir ruht, mit diesen Vorsätzen, Ueberwindungen und Opfern, da sie doch ein Mittel zu deiner Heiligung sind? Warum willst du diesen Schritt zur Heiligung, der mit dem Kreuz viel verdienstlicher ist, erst thun, wenn das Kreuz dir abgenommen ist? Und weißt du denn-überhaupt, ob dir noch Zeit gegeben ist zu so späten Schritten zum Heil und ob du nicht hinweggenommen wirst mitten im Leid? Winke für katholisirende Protestanten. Der evangelische Pfarrer zu Selch ow bei Storkov in der Mark Brandenburg, E. P, W. Lütkemüller, welcher wegen seiner Schrift: „Unser Zustand von dem Tode bis zur Auferstehung" suspendirt wurde, und auch bei der Generalversammlung deS kath. Vereins Deutschlands in Münster gegenwärtig war, bemerkt sehr richtig uns praktisch in seinem Werke: „Wir Protestanten haben durch Erziehung daS Vorurteil eingesogen von kath. Dummheit, von Aberglauben und Götzendienst. Zum richtigen Urtheil über die kath. Kirche bedarf man 1) der genauen wissenschaftlichen Kenntniß des katholisch-kirchlichen Princips; 2) der jetzt auf Gymnasien zc. in Deutschland angewandten kirchlich appro birten Lehrbücher; 3) auch einer gründlichen Einsicht und Pergleichung der Bildung der kathol, Geistlichen; 4) auch einer lebendigen Selbstkenntniß des kathol. Cultus, des römischen Breviers, des Missale liomimum; 3) einer persönlichen Einsicht in die Anwendung d eS kirchlichen Princips für deren Leben in allen ilrenOrganisationen bis zu den Heidenmissionen, und L) einer verständigen Unterscheidung für die allgemeine Beurtheilung." In letzterer Beziehung, sagt er, sey eS z. B. eine große Thorheit, wenn die evang. Kirchenzeitung etwa dem Katholicismus vorwerfe, daß es den Croaten an innerer kirchlicher Cultur gebreche. Hr. Pfarrer Lütkemüller hat hier die richtigen, praktischen Gesichtspunkte erfaßt und wir sind überzeugt, daß mancher Protestant und namentlich auch mancher Protest. Prediger andere Ueberzeugungen gewinnen werde, wenn er auch nur ein gewöhnliches Religionshandbuch , wie von Martin oder Deharbe n. zur Hand nähme und dadurch mit aufrichtigem Herzen das richtige Verständniß der kathol. Wahrheit sich zu vermitteln suchte. Berantwortlicher Redacteur: L. Schönchen, V«rlag«-3uhaber: F. T, Krem er. Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PsstMung. 26. December SS. 185». Diese« Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonuementsprei« TV kr., wofür e» durch alle königl. bayer. Postämter uud alle Buchhandlungen bezogen werden kann. . " ' " , Die Heiligen und Heiligenbilder der katholischen Kirche. (Fortsetzung.) Der heilige Papst und Kirchenlehrer Gregvr der Große wird mit einem Buche pontificirend dargestellt, weil von ihm daS veränderte Officium der Messe herrührt. Er hat eine Taube auf seiner Schulter, weil, wie der Diacon Paul Warnefried erzählt, der heilige Geist in Gestalt einer Taube über ihn kam. Der Apostel von Irland, der heilige Patricins, hat Schlangen zu seinen Füßen, weil er alle giftigen Schlangen aus Irland vertrieb. Die heilige Gertrud, Aebtissin von Nivelle, hat eine Lilie in der Hand und Ratten und Mäuse um sich, und steht am Meere. Diese Heilige überwand den Teufel, der ihr in der Gestalt jener unreinen Thiere erschien. Auch soll das Wasser, welches in der Krypta der heiligen Gertrud zu Nivelle seine Quelle hat, an Häuser und Felder gegossen, die Mäuse vertreiben. Eine ähnliche Praxis kommt auch bei den heidnischen Schriftstellern Plinius (lili. 10 tust. c. 65) und Diodorus lid. 3 v. 3) vor. Als Nachtrag zu den Marienbildern bemerken wir, daß der Erzengel Gabriel bei der Verkündiguug Mariens mit einem Lilienstengcl dargestellt wird, welcher ein Symbol der Reinheit Mariens ist. Auf einem altdeutschen Gemälde, welches die Verkündigung vorstellt, fehlen in der Lilie die Staubgesäße. Auch sieht man zuweilen diese Lilie in einem Becher; auf italienischen Bildern hält sie Gabriel wie ein Scepter in der Hand. Bekanntlich verkündete Gabriel auch der Mutter Simsons die Geburt ihres Sohnes vorher. Es gibt auch Bilder, auf welchen man ein Kindlein (JesuS) zwischen Strahlen, welche der heilige Geist aussendet, in den Schoos der Jungfrau Maria herabsteigen sieht: eine solche Darstellung tadelt sehr der heilige Antonius, weil sie leicht zu ketzerischen Ansichten führen könne. Da wir hier auf den Erzengel Gabriel zu reden kamen, so wollen wir noch etwas über die Darstellung der übrigen Erzengel und Engel sagen. Der Erzengel Michael hat eine Wage, weil er die Macht besitzt, die Seelen der Menschen aufzunehmen und ihre Verdienste abzuwiegen. Sehr oft sieht man ihn im Kampfe mit dem Drachen, den er zu seinen Füßen hat, wobei er ein gezücktes Schwert, mitunter auch eine Lanze in der Hand hält. Diese Darstellung bezieht sich auf die Geschichte der Verstoßung der Engel auS dem Himmelreich« womit wohl auch Lp. luäge V 6, 9 in Verbindung zu setzen ist. Der Erzengel Raphael hat einen Wanderstab und eine Kürbisflasche, weil er den jungen Tobias begleitete, deßwegen auch oft mit einem Fische. Er erschien auch den Hirten bei der Geburt Christi auf d«m Felde. Der Erzengel Uriel trägt ein Buch und eine Rolle in der Hand, welche die Erfüllung der Verheißungen des Alten und Neuen Bundes bezeichnen. 410 Der Engel Chamuel, mit Becher und Stab. Er erscheint dem Heilande aus dem Oelberge und stärkt ihn. Auch soll er mit dem Erzvater Jacob gerungen haben. Der Engel Jophiel, welcher Adam und Eva aus dem Paradiese trieb, hat ein flammendes Schwert und eine Geißel. Er behütet, auf vier Seraphim daherfahrcnd, die Seelen der verstorbenen Weisen und ist überhaupt der Patron Derer, die sich mit Erforschung der höheren Dinge abgeben. Er wird auch der Fürst der heiligen Schrift, der Thorah, des Baumeö des LebenS genannt. Der Engel Zadkiel verhinderte den Abraham an der Opferung JsaacS und hat deßhalb ein Opfermesser; da er aber auch die reinen Seelen empfängt und sie dem heiligen Michael entgegenhebt, der sie Gott als Opfer darbringt, so kann sich sein Attribut auf diesen Opferdienst beziehen, bei welchem Zadkiel dem Michael in einer Weise dienstbar ist, wie das Opfermesser dem Priester. Der Engel Zaphkiel (mit einer Ruthe in der Hand) zieht vor den Kindern Israels her bei dem Durchgang durch das rothe Meer. Der heilige Georg von Kappadozien, geharnischt, mit einer Fahne, den Drachen unter und ein Mädchen neben sich. Er wurde unter Diocletian gemartert und enthauptet, und soll einen Drachen erlegt und viele Wunder gewirkt haben. An der Wahrheit seiner Lebenögeschichte zweifeln Viele, und PiuS V. befahl, alle Erzählung von ihm im Breviarium weg zu lassen. Der heilige Bernardin, aus dem Orden der Minoriten, trägt in der Hand den von Sonnenstrahlen umgebenen Namen Jesu. Er zeigte den so aus ein kleines Brett gemalten Namen Jesu dem Volke während der Predigt, welches ihm der Papst Martin, als eine Neuerung, verbot. Der heilige Urban (von Langreö) wird oft als Papst dargestellt, was aber offenbar eine Verwechslung ist. Er hat einen Weinstock zur Seite. Die heilige Maria Magdalena wird gewöhnlich von den Malern prachtvoll gekleidet, Buße thuend oder unter dem Kreuze knieend dargestellt. Aber die Kirche legt ihr die Worte in den Mund: „Ich habe das Reich der Welt und alle Zierde der Menschen wegen der Liebe meines Herrn Jesus Christus verachtet." Deßhalb irren sich jene Maler, welche die Heilige in großer Kleiverpracht darstellen. Sie hat eine Salbenbüchse und lange Haare, weil sie die Füße des Herrn nach der Salbung mit ihren Haaren abtrocknete. (Luk. 7, 44) Auch soll sie, als ihr ihre Verfolger die Kleider entrissen hatten, auf ihr Gebet von ihren Haaren verhüllt worden seyn. Vor ihr sieht man auch einen Todtenkopf, als Zeichen ihres spätern beschaulichen und bußfertigen Lebens. Der heilige Christoph wird als ein Riese mit einem mächtigen Stab (Baum) in der Hand, das Christuökindlein auf der Schulter, abgebildet, welches er durch ein Wasser trägt. Die Legende, aus welcher diese Darstellungsweise floß, ist bekannt, weß- halb wir sie übergehen. Die heilige Martba wird mit Weihwasser und Wedel abgebildet, zu ihren Füßen liegt ein Drache. Die Legende erzählt von ihr, daß sie einen Drachen, welcher in der Gegend von Air hausete, dadurch bändigte, daß sie ihn mit Weihwasser besprengte, worauf das Volk das Ungeheuer mit Steinen und Lanzen tödlete. Der heilige Dominicus im Kleide seines Ordens, mit einem Buche, zuweilen auch mit einem Lilienstengel; zur Seite hat er einen schwarz und weiß gefleckten Hund, der eine Fackel im Maule trägt. Vor seiner Geburt träumte es seiner Mutter, sie werde einen solchen Hund zur Welt bringen, der durch seine Fackel den Erdball erleuchte. Zuweilen steht man auch neben diesem Heiligen einen Sperling, weil ihm der Teufel in dieser Gestalt erschienen war. Der heilige Laurentius, in Diakonenkleidung, einen Rost neben sich. Er wurde langsam auf einem Roste gebraten, 258. Es gibt alte römische, zur Zeit des Longo- barvenkönigS Desiverius geschlagene Münzen mit dem Bildnisse dieses Heiligen, um an dessen Mildthätigkeit gegen die Armen zu erinnern. Die heilige Clara im Ordenskleid der Clarissinnen, mit dem Stab der Aebtifsin, 411 eine Monstranz oder einen Kelch tragend. Sie nöthigte dadurch, daß sie das heilige Altarssakrament vor sich hertragen ließ, die die Stadt Assist belagernden Sarazenen zum Abzüge. Auch war sie Stifterin eines Ordens, dem der heil. Franz von Assisi 1224 seine Regeln gab. Die heilige Helena, mit einer Kaiserkrone auf dem Haupte, das Kreuz (welche« sie 326 wieder aufgefunden hatte) und die Nägel tragend. Sie muß zwar als eine hochbejahrte, aber doch heitere, kräftige, muthige und hohe Frau dargestellt werden. Ihr Sohn Konstantin der Große hält eine Kugel, in welche ein Kreuz befestigt ist, zum Zeichen, daß ihm der Erdkreis durch das Kreuz unterworfen worden. Auch sieht man ihn mit Fahne und Schwert, meist in römischer Kleidung. Der heilige Bischof und Kirchenlehrer Augustin trägt ein durchbohrtes brennendes Herz in der Hand, eine Anspielung auf die Stelle des neunten Buches seiner Bekenntnisse: „Durch deine Liebe hattest du mein Herz durchpfeilet." Zu seinen Füßen steht man zuweilen einen Knaben, welcher es versucht, das Meer in eine kleine Grube zu schöpfen. Es soll ihm einst, als er in seiner Zelle zu Hippo über die göttlichen Geheimnisse nachdachte, ein Knabe erschienen seyn und durch daS (vergebliche) Ausschöpfen des Meeres die Unergründlichkeit des Göttlichen angedeutet haben. Doch ist die ganze Erzählung nicht begründet. Der heilige Augustin wird auch zuweilen, und zwar mit Unrecht, mit dem Habit deS nach ihm genannten Eremitenordens abgebildet, und über diese Tracht des Heiligen entstand zwischen den Augustiner-Eremiten und den regulirten Chorherren ein solcher Streit, daß 1484 SirtuS IV. denjenigen Mitgliedern beider Orden mit dem Banne drohte, welche es sich künftighin beigehen ließen, darüber zu streiten, wie der Heilige abgebildet werden müsse. Der heilige Eugen oder Gilles wird als Einsiedler mit einer Hirschkuh, die durch einen Pfeil verwundet ist, oder im Diaconenkleive, eine Palme tragend, dargestellt. Er lebte an der Rhonemündung und eine Hirschkuh ernährte ihn. Der Gothen- könig Flavius, der dieses Thier angeschossen und verfolgt hatte, entdeckte so den Heiligen. Man sieht ihn auch, wie er Carl Martell die Hände auflegt oder die Absolution ertheilt. Dieser Frankenkönig soll nämlich ein Verbrechen begangen haben, das er sich zu beichten schämte; der heilige Eugen soll ihm durch Auflegung der Hände Verzeihung erlangt haben. Dieß ist unwahr. Wahrscheinlicher ist dagegen, daß Carl durch die Auflegung der Hände des Heiligen die Gnade erhielt, die Scham, welche ihn am Sändenbekenntnissc hinderte, zu überwinden. > Der heilige Adrian, mit ritterlicher Kleidung, einen Ambos zur Seite, aus welchem ihm in der Verfolgung des Maximian die Hände und die Füße abgehauen wurden. Er hat auch auf manchen Bilvern einen Löwen bei sich, wahrscheinlich weil er mit großer Standhaftigkeit die Marter ertrug. Der heilige Hieronymus entwirft in seinem Briefe an Eustuchium ein Bild seines bußfertigen Lebens in der Wüste, aus welches viele seiner Attribute hindeuten. Er hat einen Stein, womit er sich die Brust zerschlug, einen Todtenkopf und das Bildniß des Kreuzes bei sich, weil er sich viel mit der Betrachtung über das letztere, den Tod und das Gericht beschäftigte. Auch sieht man, wie er beim Studiren sich in der dunkeln Höhle eines Lichtes bediente. Er hat einen Cardinalshut, als Zeichen der Cardinalswürde; ein Buch, weil er Kirchenlehrer ist; einen Löwen zu seinen Füßen oder zur Seite, als Zeichen der Einsamkeit. Zwar war er nicht wirklich Cardinal — denn diese Würde kam erst später auf, — aber er hatte beim Papste Damasus dieselben Verrichtungen, die jeyt die Cardinäle haben. Der heilige Franz von Assisi im Habit seines Ordens. Vor ihm in der Höhe sieht man einen Seraph mit sechs Flügeln auf dem Kreuze, von dem fünf Strahlen nach den Wundmalen deS Heiligen ausgehen. Diese Vision ging bekanntlich der Vrrleihung der Wundmale am Leibe des Heiligen vorher. — Der heilige FranciScuS hat auch eine Lilie in der Hand; er hält den einstürzenden Lateran und fährt auf einem feurigen Wagen in den Himmel. Der heilige Dionysius Areopagita, als Bischof, trägt den Kopf in der Hand. 412 Er heißt Areopagita, weil er Mitglied deSAreopagS in Athen war (Apost, 17, 34.). Der heilige Paulus, dessen Schüler er war, ernannte ihn zum Bischof von Athen, Der Papst Clemens soll ihn nach Gallien geschickt haben. Er wurde in der Verfolgung der Wandalen enthauptet; nach seiner Hinrichtung erhob sich sein Rumpf, seine Arme erfaßten den abgeschlagenen Kopf und so ging er herum. Er trug denselben vom Berge, auf welchem er enthauptet worden, und zwar unter Begleitung der himmlischen Heerschaaren, bis an den Ort, wo er begraben liegt. So berichtet der Abt Hilduin, welcher eine Lebensgeschichte deS Heiligen schrieb. Der heilige Qnintkn, als römischer Krieger, oft mit Ketten an Händen und Füßen, einen Bratspieß in der Hand. Er war ein Römer, predigte in Gallien das Christenthum, weßhalb er wohl auch als Diacon abgebildet wird, wurde in Amiens wiederholt gemartert, mit zwei Bratspießen durchbohrt und enthauptet. Der heilige Wolfgang als Bischof, ein Beil in der Hand, oft eine Kirche in der Hand oder zur Eeire. Er predigte den Ungarn das Christenthum und wurde unter Otto II. Bischof zu Regensburg. DaS Beil trägt er, um, wie es in einem Buche über die deutschen Klöster heißt: 8or6v8 resecsrs puäenäss, „den abscheulichen Unflath auszutilgen." Der heilige Martin von Tours, als Krieger zu Pferd, zerschneidet mit einem Schwert seinen Mantel, um die Hälfte einem Armen zu geben. Er schenkte, wie Severus Sulpitius berichtet, vor dem Thore von Amiens zu harter Winterszeit einem Bettler die Halste seines Mantels. Nachts erschien ihm JesuS Christus, mit der Hälfte dieses Mantels angethan und sprach: „Das hat mir der Katechumene Martin geschenkt." Oft sieht man neben diesem Heiligen eine Gans, Anspielung auf seine Erwählung zum Bischof von Tours. Oft ist er auch als Bischof abgebildet. Die heilige Elisabeth von Hessen hat drei Kronen, weil sie als Jungfrau, Gattin und Wittwe heilig gelebt hat. Oft trägt sie zwei Kronen auf der Hand und die dritte auf dem Kopfe; oder sie trägt Brode — oder hat einen Korb mit Brod und einen Weinkrug zur Seite — umgeben von Armen, denn sie war eine wahre Mutter der Letzteren. Meistens ist sie in fürstlicher Kleidnng, zuweilen auch als Dominicanerin (oder Tertiarierin deS heil. FranciScuS), oder als fromme Matrone. Die heilige Katharina von Alerandrien hat zur Seite ein zerbrochenes Rad mit Messern besetzt (das Rad, mit welchem sie gemartert wurde, zerbrach.) Sie trägt oft eine königliche Krone, weil sie aus königlichem Geschlechte entsprossen, ja nach Einigen sogar eine Tochter des Kaisers MarentiuS gewesen seyn soll (wenigstens nennt das römische Breviarium ihren Vater MarentiuS). Ihren Vater sieht man oft zu ihren Füßen liegen, weil sie über denselben durch ihren Martertod triumphirte. Sie hat endlich ein Buch, um ihre große Gelehrsamkeit anzudeuten. Der heilige EligiuS oder Alo, Bischof von Noyon, hat einen Hammer und Zange in der Hand. Er war früher Goldschmied und Münzmeister und verfertigte viele Relkquienkasten. Die heilige Barbara mit einem Schwerte, Kelch in der Hand und Thurm zur Seite. Sie schloß sich freiwillig in einen Thurm, um ihre Jungfrauschaft zu bewahren , und weil sie insgeheim Christin war. Als sie einst ihr Vater mit einem Schwerte verfolgte, öffnete sich ein Felsen, um sie zu verbergen. Ihr Vater lieferte sie den Gerichten aus, sie wurde gemartert und endlich mit dem Schwerte hingerichtet. Ja, ihr Vater soll selbst die Erccution ausgeführt Habens ihr Richter wurde bald darauf vom Blitze erschlagen. Sie hat einen Kelch (über welchem sich eine Hostie befindet), weil sie vielen Scheidenden beistand, so daß diese erst das heilige Abendmahl empfingen. Dieser Kelch befindet sich gewöhnlich an der Thüre des Thurmes, welcher meist drei Fenster hat. Der heilige NicolauS (von Bari oder Myra) wird manchmal ohne Mitra abgebildet. Er soll nämlich auf dem Concil von Nicäa im heiligen GlaubenSeifer einem Arianer eine Ohrfeige gegeben haben, und deßhalb von der Versammlung der Mitra und des PalliumS für verlustig erklärt worden seyn. Als er jedoch einst diesen Ver- 4? 3 tust der heiligen Jungfrau während der Messe klagte, standen auf einmal zwei Engel bei ihm, wovon ihm der eine das Pallium und der andere die Mitra zurückgab. Diese Erzählung ist erdichtet, denn der Heilige wohnte dem Concil von Nicäa nicht bei, obgleich er im Breviarium Romanum zu den dort versammelten Vätern gerechnet wird. Ohne Zweifel wird er deßhalb ohne Mitra dargestellt, weil die orientalischen Bischöfe sich einer solchen überhaupt nicht bedienen. Der Heilige hat einen Anker, weil er Patron der Schiffer ist; er hat ferner drei Brode auf einem Buche oder in der Hand, weil, als in Myra eine große Hungersnoth auSbrach, er einem Kaufmanne in Sicilien im Traume erschien und diesem gebot, ein Schiff mit Getreide nach Myra zu bringen, wodurch die Stadt gerettet wurde; zu seiner Seite sieht man drei Kugeln, weil er die drei Töchter eines armen Mannes zu Padua dreimal rettete indem er ihnen des Nachts Geld durch das Fenster zuwarf; man sieht auch dm Jünglinge (Soldaten) bei ihm, die er, schon zum Tode verurtheilt, rettete. Oft trägt er auch eine Kirche und hinter ihm sieht man zuweilen ein Schiff, weil er auf einer Reise nach Palästina einen Sturm voraussagte und daS wilde Meer hernach durch sein Gebet beschwichtigte. Der heilige Ambrosius hat eine Geißel in der Hand, Anspielung auf die Züchtigung des Kai>ers Theodosius. den er wegen seiner unbarmherzigen Rache am Volke von Thessalonich aus ver Kirche verwies und mit dem Bann belegte. Einige behaupten aber, die Geißel sey ihm deßhalb beizegeben worden, weil er entweder die arianische Ketzerei vernichtete oder i. I. 1338 den Mailändern einen großen Sieg davon tragen half. Er hat oft einen Bienenkorb, das Sinnbild der Fruchtbarkeit an guten Werken, auch der heiligen Beredsamkeit, zur Seile. Der heilige Adalbert, als Bischof mit Keule und Lanze. Er wurde in Saarland unweit Fischhausen von einem heidnischen Priester mit einer Lanze durchbohrt und von den Heiden vollends getödtet. Die heilige Asra von Augsburg, an einen Baum gebunden und von Flammen umgeben. Sie wurde verbrannt, oder, wie Andere wollen, im Reisholz erstickt, weil man ihren Leib unverletzt gefunden. Der heilige Alban, als Bischof, mit einem Schwerte, seinen abgehauenen Kopf tragend. Er würde in Mainz von den Hunnen gemartert. Der heilige Aloysius Gonzaga erscheint in Jesuitenkleidung mit einem Crucifir und einer Lilie in der Hand. Er ist das Vorbild eines reinen Herzens. Der heilige AntoniuS von Padua in Franciscanerkleivung, das ChristuSkind tragend und eine Lilie haltend. Sein Hauswirth sah einst, wie er mit einem kleinen Jesuskind, das anfangs auf einem Buche stand, dann von dem Heiligen in den Arm genommen wurde, kos'te. Man sieht auch vor ihm einem Esel knieen. Ein Häretiker, der mit dem Heiligen über das AltarSsacrament diSputirte, hatte verlangt, AntoniuS solle dadurch, daß er einem Esel eine geweihte Hostie vorhalte, bewirken, oaß daS Thier vor derselben niederkniee. Der Heilige that dieß und der Esel fiel ehrfurchtsvoll nieder. Man sieht auch beim heiligen AntoniuS einen Fisch; denn Fische kamen auf seinen Ruf herbei, hörten seine Predigt und senkten am Schlüsse derselben ihren Kopf, um den Segen zu empfangen. Die heilige Apollonia hält eine Zange mit einem Zahn. ES wurden ihr die Zähne mit «einer glühenden Zange ausgerissen. Die heilige Balbina hat eine Kette in der Hand, weil sie die Ketten deS Apostels Petrus wiedergefunden hatte. Der heilige Benedict von Nursia wird im Kleide seines Ordens oder als Bischof abgebildet. Man sieht ihn auch mit einem Becher auf einem Buche oder nur mit einem Becher, aus dem eine Schlange kriecht. Die Mönche von Vicovaro, deren Abt er war, wollten ihn vergiften und thaten deßhalb Gift in Wein, den sie dem Heiligen in einem Becher reichten. Er hat auch Dornen neben sich, in denen er sich wälzte, um den Versuchungen des Fleisches zu widerstehen. Man sieht ihn ferner mit einem Raben, der ein Band trägt. Die feurige Kugel, welche in der Höhe über ihm V 414 schwebt, bedeutet die Seele des heiligen GermanuS von Eapua, die er in solcher Gestalt zum Himmel steigen sah. Seine Amme hatte einen Krug zerbrochen, den er als Kind sogleich wieder herstellte; daher der Krug, der auf vielen seiner Bilder angebracht ist. Der heilige Benno, als Bischof, mit einem Fisch, der Schlüssel im Maule hat. Er war mannigfach in die Zerwürfnisse Heinrichs IV. mit Gregor VII. verwickelt. Vor dem Wormser Reichstage reis'te Benno nach Rom, nachdem er zweien Chorherren die Meißener Domschlüssel — denn er war Bischof von Meissen — mit dem Auftrage überreicht hatte, dieselben in die Elbe zu werfen, wenn der Kaiser sollte ercom- municirt werden. DaS geschah. Aber nach deS Bischofs Rückkehr fanden sich die Schlüssel wunderbarer Weise wieder. Der heilige Bernard von Clairvaur, als Abt. Er trägt das Ordenskleid der Cisterckenser, deren Stifter er war und hat einen Bienenkorb zur Seile, weil er der Doctor mellifluus genannt wurde. Ueberhaupt erscheint er immer in seinem Ordens- kleide, aber nicht immer als Abt. Maria steht grüßend vor ihm und hält ihm das Christuskind vor; er trägt die Marterinstrumente Christi und hat einen Hund neben sich. Der heilige Bischof BlasiuS mit einem Schwerte, eiserner Hechel und Wachskerze in der Hand. Sieben fromme Frauen sammelten nach seiner Marter sein Blut auf und wurden deßhalb mit eisernen Kämmen (Hecheln) zerfleischt. BlasiuS wurde in einen See geworfen, aus dem er lebendig hervorging, und dann enthauptet. Der heilige Bonaventura, in Franciscanerkleidung mit dem Zeichen eines Bischofs und Kirchenlehrers; manchmal auch als Cardinal. Ein Engel reicht ihm das heilige Sacrament. Er war Cardinal und Bischof von Albano, so wie General seines Ordens. AuS Demuth wagte er oft nicht, das heilige Sacrament des Altars zu empfangen; und so geschah es, daß ihm einst ein Engel während der Messe, eine con- secrirte Hostie brachte. Den heiligen Bonifacius sieht man in bischöflichem Gewände, ein Buch haltend, durch welches ein Schwert gestochen ist. Er wurde bei Dokkum 755 von den heidnischen Friesen erschlagen. Noch ist das Buch erhalten, durch das der Stich durchgedrungen ist. Die heilige Brigitta, Königin von Schweden und Stifterin des Brigittenordens, erscheint in Nonnenkleidnng, ein mit einem Kreuze bezeichnetes Herz in der Hand haltend. Der Stifter des Karthäuserordens, der heilige Bruno erscheint im Kleide seines Ordens, mit einem Kreuze, dessen Enden in Blätter ausschlagen. Der heilige Bischof Burkhard hat eine Hostie in der Hand, wegen feiner großen Andacht zum heiligen Sacramente des Altars. In Betreff der heiligen Cäcilie ist zu bemerken, daß die Maler mehr die lobpreisende, musicirende Heilige, die Sculptoren mehr die Martyrin vorstellen, und zwar in jener Lage, in welcher der Leichnam war aufgefunden word.n: auf dem Antlitz liegend, eine Schnittwunde im Genicke, die Arme und die drei vorderll Finger an jeder Hand ausgereckt, Ring- und Kleinfinger eingeschlagen. Auch sieht man auf Bildern einen Kessel neben ihr, oder sie selbst in einem Kessel stehend, weil sie in siedendem Oel gepeinigt wurde. Sie hat endlich mustcalische Instrumente um sich und ewe Orgel in der Hand, denn sie ist die Patronin der Musik. Der Stifter der Theatiner, der heilige Cajetan von Thiena, als regulirter Kleriker, mit einer Lilie in der Hand. Der heilige Carl Borromäus, Cardinal und Erzbischof von Mailand, trägt Pestkranke. Er nahm sich der Pestkranken besonders an, pflegte sie, spendete ihnen das heilige Sacrament d^s Altars u. s. w. ' Der heilige Kaiser Carl der Große, mit einer Krone auf dem Haupte, dem Scepter in der Hand, in voller Rüstung, gewöhnlich als Ritter und eine Kirche (Dom von Aachen) tragend. MS Der heilige Casimir wird gewöhnlich in polnischer Tracht, einen Lilienzweig in der Hand haltend, dargestellt. Der heilige Columban (als Bischof) hat über dem Haupte eine strahlende Sonne, weil seine Mutter träumte, sie bringe eine leuchtende Sonne zur Welt. Er fand einst in einer Höhle einen Bären, den er hinauswieS und sodaun die Höhle für sich selbst einrichtete, und worin auf sein Gebet eine Quelle entsprang (daher auf seinen Bildern der Bär und die Quelle.) Der heilige Conrad von Konstanz, Bischof, hat cinen Kelch in der Hand, über dem ein Spinnengewebe schwebt. Er trank aus dem Kelche, in den eine giftige Spinne gefallen war, ohne Schaden zu nehmen; ja die Spinne kroch ihm bald hernach wieder aus dem Munde. Der heilige Cosmas und Damian, als Aerzte, tragen Ärzneigläser, chirurgische Instrumente u. dgl. Sie übten ihre medicinischen Kenntnisse im Dienst der christlichen Frömmigkeit auS und wurden 303 in Sicilien enthauptet. Die heiligen Erispin und Crispinian, mit Schuhmachergeräth, weil sie Schuhmacher waren. Der heilige Cyprian von Antiochien, genannt der Zauberer, gewöhnlich in Verbindung mit der heiligen Justina; beide tragen Schwerter, denn beide erduldeten zusammen den Martertod. Die heilige Jnstina hat ein Einhorn als Zeichen der Jungfräulichkeit. Der heilige CyriakuS, als Diacon, hat einen Drachen zu seinen Füßen. Der heilige Bischof CyrilluS (ein Karmeliter); ein Engel reicht ihm zwei Tafeln aus den Wolken; er war der Apostel der Bulgaren. Die heilige Dorothea, mit einem Schwert, Blumen und Früchte zur Seite oder in einem Körbchen. Der heilige Edmund von Canterbury, als Bischof, das Christuökindchen als Erscheinung vor sich. Der heilige Eduard der Bekenner, in königlichem Schmucke; er trägt einen Kranken, den er solcher Weise heilte. Die heilige Elisabeth von Portugal, mit der Königskrone, im Habit der Fran- ciscanerinnen; Bettler um sie. Nach dem Tode ihres Gemahls trat sie in den dritten Orden des heiligen Franciscus und übte viele Werke der Barmherzigkeit aus. Der heilige Bischof Emmeran mit einer Lanze und einer Leiter; er wurde an eine Leiter gebunden und in Stücke zerhauen. Der heilige Eustachius hat zur Seite einen Hirsch, zwischen dessen Geweih ein Crncifir steht; oft trägt er auch ein Hirschköpfchen auf der Hand, oder er hält nur das Geweih, in dessen Mitte dann manchmal ein Crucifir steht. Er traf, wie die Legende erzählt, einst auf der Jagd einen weißen Hirsch an, der zwischen seinem Geweih ein Crucifir trug, das ihm zurief: „Placidus (so hieß Eustachius früher), warum verfolgst du mich?" Er hat einen glühenden Ofen zur Seite, weil er in einem solchen verbrannt wurde. Die heiligen Ewalo, zwei Brüder, haben Schwerter; ein Heller Schein am Himmel über ihnen, oder Strahlen, die auf sie herabfallen. Sie predigten in Westfalen, wurden von den Sachsen erschlagen, worauf ihre Leiber in deu Rhein geworfen wurden. Man unterscheidet sie als schwarzen und weißen (blonden) Ewald. Die heiligen Faustinus und Simplicius, in deren Schildern das Simpliciuswappen (drei Lilienstengel), weil sie die Patrone der Fuldner Brüderschaft des SimpliciuS- ordens waren, dessen Mitglieder an der OrdenSkette sieben Klöpplein trugen, was an die sieben Gaben veS heiligen Geistes erinnern sollte. Der heilige Felir von Välois hat einen Hirsch neben sich, der ein Crucifir zwischen dem Geweihe trägt. Er stiftete mit dem heiligen Johann von Matha den Orden der allerheiligstcn Dreifaltigkeit zur Auslösung der Gefangenen. Der heilige Johannes de Matha trägt ein Stück Kette oder hält einen gefesselten Sclaven. Der heilige Ferdinand von Castilien, mit dem Zeichen der königlichen Würde, trägt ein Kreuz auf der Brust. 4t6 Der heilige FideliS von Sigmaringen, ein Kapuciner, früher ein Rechtsgelehrter, hat einen Streitkolben (Stachelkeule) in der Hand. Er wurde 1622 von den Calvi- nisten, gegen die er gepredigt hatte, in Graubünden grausam erschlagen. Der heilige Florens von Straßburg, als Bischof oder Einsiedler, hat wilde Thiere um sich. Er war ein Schottländer, der als Einsiedler im Elsaß lebte, Um seine kleine Hütte zog sich friedlich alles Wild der Umgegend zusammen. König Dagobert ließ ihn zu sich bescheiden. Er war der Nachfolger des heiligen Arbogast. Man sieht ihn auch als Schäfer, und ein Bär hütet ihm die Schafe. Der heilige Franz von Borgia erscheint als Jesuit und Cardinal und hat einen Fürstenhut neben sich. Er war Herzog von Gandia, Grand von Spanien, angesehen am Hofe Carls V. Beauftragt, den Leichnam der Kaiserin Jsabella nach Granada zu führen, wurde er durch den Anblick der sonst so reizenden Fürstin dermaßen erschüttert, daß er allem Zeitlichen entsagte, in den Jesuitenorden trat, später dessen General, zuletzt Cardinal wurde. Der heilige Franz de Paula wird dargestellt im Kleide des von ihm gestifteten Ordens der Minimen. Er steht auf seinem ausgebreiteten Mantel im Meere, vor sich in einer Glorie daS Wort CharitaS. Er setzte auf seinem Mantel über daS Meer. Der heilige Franz von Sales, als Bischof in bischöflicher Kleidung, ein durchbohrtes, mit einer Dornenkrone umwundenes Herz sammt einem Kreuz in einer Glorie über ihm. Der Jndierapostel, der heilige Franz XaveriuS, wird in der Jesuitenkleivung, mit Kreuz oder Crucifix in der Hand, dargestellt. Der Stifter der berühmlen Abtei St. Gallen, der heilige Gallus, wird als Einkiedler mit einem Wanderstabc dargestellt. Er hat auch einen Bären zur Seite, weil ihn ein solcher in seiner Einsiedelei bediente. Der heilige Goar, als Einsiedler, hat drei Hirschkühe um sich und einen Hm oder eine Mütze an einem Sonnenstrahl hängend. Oft hat er auch einen Topf bei sich oder in der Hand, und einen Teufel auf der Schulter (wahrscheinlich eine Anspielung auf die boshaften Verleumdungen, wovon gleich die Rede seyn wird; er soll auch viele Teufel ausgetrieben haben). Er predigte das Christenthum im Tricrischen und am Rhein. Einige Verleumder klagten ihn beim Bischöfe Rusticus an, der ihn zu sich beschied. Die Boten überfällt, als sie mit dem Heiligen nach Trier reisen, ein großer Hunger; alle Nahrung fehlt und die Quellen sind vertrocknet. Drei Hirschkühe kommen und lassen sich von dem Heiligen melken, die Boten erquicken sich und zu der- . selben Zeit füllen sich ihre Reiselaschen mit Speisen. Der Bischof Rusticus hält dieß Alles für Zauberei und will Goar prüfen. Dieser läßt ein dreitägiges Kind aussagen, wer sein Vater sey. EZ nennt den Bischof -Rusticus von Trier. Der heilige Goar schlug die ihm vom Volk und König Siegbert angebotene bischöfliche Würde aus. Er ist der Patron der Töpfer. Die heilige Hedwig, in Nonnenkleidung. Sie hat Krone und Hermelinmantel (Zeichen ihres fürstlichen Standes) zur Seite. Sie trägt Schuhe in der Hand, weil sie meistens so zu gehen pflegte und nur bei Annäherung Fremder die Schuhe anlegte; auch hat sie das Modell einer Kirche oder ein Bildniß der Mutter Gottes mit dem Christuskiuvchen; man sieht sie auch vordem Gekreuzigten knieen, der sie segnet. Der heilige Kaiser Heinrich II. hvird gewöhnlich in voller Rüstung mit der Krone auf dem Haupte, dem Sceptcr ! i der Hand uud mit dem Modell der Kirche von Bamberg dargestellt. Seine Gemahlin, die heilige Kunigunde, hat ebenfalls das Modell der Kirche von Bambcrg in der Hand, oder eine glühende Pflugschaar (sie bewies durch ein Oldal ihre Unschuld), und eine Kaiserkrone auf ihrem Haupte. Dem heiligen Hermenegild, einem Sohn des Westgothenkönigs Leovigild, wurde auf deS VaterS Befehl der Kopf gespalten. Den Heiligen sieht man mit einem Beile, die Königskrone auf dem Haupte oder zur Seite. Die Ketten und Kugeln, welche der heilige HieronymuS AemilianuS bei sich hat, deuten auf seine Leiden im Gesängnisse, in welchem er in sich ging. A> Der heilige Hubert (Bischof von Lüttich) :n der Kleidung eines Jägers, oft auch eiNÄ Bischofs, hat einen Hirsch vor sich, zwischen dessen Geweih ein Crucifir steht. Er verfolgte in der Charwoche einen weißen Hirsch, der plößlich vor ihm stehen blieb und ein Crucifir zwischen dem Geweih zeigte. Den heiligen Bischof JanuariuS sieht man an einen Baum gebunden und von wilden Thieren umgeben; ein glühender Ofen steht ihm ost znr Seile. Er hat auch ein Schwert, als Zeichen deS Marterthums, Die wilden Bestien verschonten ihn im Amphitheater; er ging auch unversehrt aus einem glühenden Ofen hervor und wurde zuletzt nebst sieben Gefährten mit dem Schwerte hingerichtet. Die heilige Jva (in Nonnenkleidung) hat eine Hirschkuh zur Seite, die sie in der Wildniß mit ihrer Milch nährte, einen Naben mit einem Ring im Schnabel , ^uiLÜsnonsi» Lcdesis« LpiZc-., lilx III cle eultu imÄßirium »ä Larolum Alsgn. säversus dssresin Clauclii prsesulis 'Isuriensis," namentlich aber die „christliche Kunstsymbolii und Ikonographie, Frankfurt 1839" zur Hand. Diese Werke, sowie das römische Brevier benutzten wir bei Anfertigung dieser Abhandlung. Möchte diese Ikonographie namentlich in den Seminarien recht gefördert, möchte der ästhetische Sinn des Volkes von Seite der Geistlichkeit' und zwar eben vermittelst anziehender Bilder recht geweckt werden. Ein einziges Bild thut oft mehr Wirkung als eine Predigt, als viele Katechesen und Ermahnungen. Das sehen selbst die Protestanten jetzt ein, und daher das Streben ihrer innern Mission, schöne, rührendes erbauende Bilder unter dem Volke zu verbreiten. Ich kenne ein Dorf, dessen Einwohner wahre Muster der guten Sitten, wahre Vorbilder ächter Christen sind. Wodurch sind sie es geworden? Durch die Bilder! Das scheint dir wohl lächerlich, lieber Leser? Und dennoch ist es so. Das Dorf, von welchem ich rede, ist Ms in der Diöcese Fulda. Hack. Christliche Lesefrüchte und Betrachtungen eines Laien. (Fortsetzung.) 19. Du bist zuweilen nahe daran, irgend eine Sünde zu begehen; die Versuchung ist stark; du fühlst dich nicht erhoben genug, den Entschluß zu fassen, rein aus Liebe zu Gott und aus Furcht, Ihn zu beleidigen, nicht zu sündigen; du fühlst aber, daß du im Stande wärest, diese Sünde aus Furcht vor zeitlicher Strafe zu unterlassen; du stehst hier an einem Scheideweg, wo dir der Versucher eine Schlinge legt; gib acht, daß du nicht unterliegst! Denn während du nicht genug Seelenstärke fühlst, das Böse reiu um Gotteswillen und aus Liebe zu Ihm, sohin aus dem reinsten christlichen Beweggrund zu meiden, flüstert dir der Versucher ein, es nicht aus dem nicht so reinen, sondern untergeordneten Beweggrund der Furcht vor zeitlicher Straft zu meiden. Was lhuu? Hier gilt kein Besinnen; unterlaß das Böse unbedingt, sey eS auch, daß du es aus Furcht vor zeitlicher Strafe thust und dich zu jenem reineren Beweggrund nicht erschwingen kannst, denn besser ist es in allen Fällen, nicht sündigen, als in Sünde verfallen. 20. Um das Leiden des Herrn besser begreifen und mit mehr Andacht, Zerknirschung und Dankbarkeit betrachten zu können, betrachte vor Allem die Seligkeit des Herrn; bedenke die Glorie der Seligkeit eines Menschen, der gewürdigt wurde, in den Himmel aufgenommen zu werden,— und nuu erst die ewige und unaussprechliche Seligkeit Gottes! — Und Gott verließ diese Seligkeit, stieg vom Himmel herab und nahm das menschliche Elend aus sich! Ach, wer so recht weiß, was eS um das menschliche Elend ist, der begreift erst, was eS heiße, daß Gott Seine ' Seligkeit verließ, um dieses Elend auf sich zu nehmen! Und warum hat Gott dieß gethan? Haben wir es irgendwie verdient? O nein, du bist dem ewigen Tod verfallen gewesen, o Mensch, du bist nicht den mindesten Theil einer Gnade verdient; Gott aber hat deine Menschheil angenommen rein auS Liebe und Erbarmung für dich! 21. Alles Leiden der Menschen hat in Gottes Augen nur dann einen Werth, wenn der Mensch es recht ertragen und wenn er sich bemüht hat, aus demselben für seine Besserung einen Nutzen zu ziehen. Verantwortlicher Redacteur: L. Schöacheo VerlagS-Zuhaoer - F. E, Kremer Dreizehnter Jahrgang. Sonntags⸗Beiblatt zur Augsburger Poſtzeitung. 2. Januar Nʳ· 1. 1853. Dieſes Blatt erſcheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis 40 fr., wofür es durch alle königl. bayer. Poſtämter uund alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Leonhard Mayhr. Wenn überhaupt der Menſch gerne bei den Denkmälern der Vorzeit, die ihm die Großthaten edler Männer verkünden, ſich aufhält, und wehmüthig die dahingegangene Kraft und Größe bewundert, ſo muß es ihm auch willkommen ſeyn, einen ſeiner Vorfahren in Erinnerung gebracht zu ſehen, der ſich ſo eifrig beſtrebte, Heil und Segen auf ſeine Mitmenſchen zu verbreiten, nicht achtend die Erkenntlichkeit derſelben, und gerne im Geiſte des Chriſtenthums durch Tugend und Verdienſte ſo vieles Gute ſtiftete. Ein ſolcher Mann verdient näher gekannt und ſein Name in die Gedächtnißtafeln des Landes, dem er angehörte, verzeichnet zu werden. Leonhard Mayr, Dekan der Kapitei Neuburg und Burgheim, Stadipfarrer zu St. Peter in Neuburg a. d. D., iſt ſolcher Auszeichnung würdig. Ich bin zwar nicht im Stande, eine vollſtändige Lebensbeſchreibung dieſes ausgezeichneten Seelſorgers, aus Mangel an Daten hierüber, liefern zu können, aber doch geben folgende Beiträge uns ein deutliches Bild ſeiner Charakteriſtik und ſeines eifrigen Wirkens Leonhard Mayr war der Sohn rechtſchaffener katholiſcher Landleute, die zu Treidelheim, einer Filiale der Pfarrei Mauren im Kapitel Burgheim anſäßig waren. Bei Einführung des Proteſtantismus in der Neuburger Pfalz 1543 begaben ſich ſeine Eltern, um nicht zu dieſer Religion übertreten zu müſſen, nach Augsburg, woſelbſt Leonhard Mayr geboren worden ſeyn ſoll.*) Daſelbſt ſowohl als in Dilingen vollendete er ſeine Studien und erhielt im letztern Orte eine Anſtellung. In dem erſten Jahre der Wiedereinführung der katholiſchen Religion im Herzogthume Pfalz-Neuburg im Jahre 1617 befand ſich der Herzog Wolfgang Wilhelm nebſt ſeiner frommen Gemahlin Magdalena bei der Einweihung der kademiſchen Kirche in Dilingen.**) Hier lernte er unſern Leonhard Mayr, der ihm bereits empfohlen war, kennen und gab ſich ſogleich alle Mühe, dieſen würdigen Mann für ſeine neu errichtete katholifche Stadtpfarrei zu Unſer Lieben Frau zu gewinnen. Gerne willigte Mayr in dieſes Geſuch ein und begab ſich nach Neuburg. Als aber daſelbſt der Thurm der genannten Kirche unverſehens eingeſtürzt war, ſo wurden die pfarrlichen Gottesdienſte in die heil, Geiſtkirche verlegt, woſelbſt ſie blieben und daher dieſe Kirche zu einer Pfarrkirche erhoben wurde, deren erſter Pfarrer hiemit Leonhard Mayr war. Jedoch ihm ward ein noch größerer Wirkungskreis beſchieden. Der ebenfalls von Dilingen her berufene Stadtpfarrer zu St. Peter, Dr. Michael Haidlberger, kehrte zu ſeiner Profeſſur nach Dilingen zurück und ſo verſah Mayr beide Pfarreien der Stadt ohne einen Caplan ein ganzes Jahr lang, bis zum Jahr 1619, wo Caspar Eberlein, ein *) Nach Andern zu Hochaltingen im Ries. **) Siehe die Biographie „Magdalena, Herzogin von Bayern.“ Augsburg, B. Schmid'ſche Buchhandlung(F. C. Kremer). 1851. 2 geborner Neuburger, deſſen Primiz in ſeiner Vaterſtadt ſeit 70 Jahren wieder die erſte war, als Stadtpfarrer zum heil. Geiſt ernannt wurde Leonhard Mayr wurde nun Stadtpfarrer zu St. Peter und verwaltete dieſes Amt, ſo wie die Stelle eines Dekans der Kapitel Neuburg und Burgheim, volle 47 Jahre mit apoſtoliſchem Eifer. Er war in jenen Zeitläuften, die über dieſe Kapitel hereinbrachen, die Stütze der keimenden Pflanze der katholiſchen Kirche in dieſer Gegend und ſorgte mit väterlicher Liebe für ihr Gedeihen. Nicht gering waren die Schwierigkeiten, die er zu bekämpfen hatte. Die eben damals noch herrſchende Lehre Luthers, der Streit mit den Prädikanten, die unermüdet auf die katholiſche Religion und deren Diener ſchmähten, die ſchrecklichen Scenen des dreißigjährigen Krieges, der auch hier ſeinen Schauplatz hatte, Hunger und Seuchen, waren eben ſo viele Dornen ſeiner mühevollen Laufbahn, als ſie ihm Gelegenheit gaben, ſeinen Eifer und ſeine Standhaftigkeit im vollſten Maaße zu zeigen. Aber ſtark im Geiſte und ſtandhaften Muthes wandelte nicht nur ſelbſt auf dieſer Bahn, indem er ſich mit Feuereifer allen Zweigen der Seelſorge im Beichtſtuhle, am Krankenbette und auf der Kanzel, wo er durch ſeine prunkloſe, aber die Herzen mächtig anſprechende Beredſamkeit ſich auszeichnete, widmete, ſondern auch noch ſeine Amtsbrüder ſtärkte. Es war nämlich im Frühlings-Kapitel des Jahres 1623, am 15. April, als die Mehrzahl ſeiner Amtsgenoſſen auf dem Lande ſich erklärten, wegen Zwiſtigkeiten und Zwietracht mit ihren Gemeinden, wegen zu geringen Einkünſten und Aenderung der Münze, ihre Stellung verlaſſen zu wollen und fortzuziehen. Dekan Mayr hielt eine Rede von der Geduld, bat ſie mit Thränen von dieſem Entſchluſſe abzuſtehen, ermunterte ſie zur Ausdauer und verſprach ihnen, ihre Klagen dem Herzoge in einer Vorſtellung zu überreichen. Gerührt durch vieſe Lebe und apoſtoliſchen Eifer, gelobten ſämmtliche Geiſtliche ſtandhaft auszuharren, und ſo war er der Hirt ſeiner Gemeinde, auch hier das Beiſpiel der übrigen Hirten und beſaß die Liebe und das Vertrauen feiner Kapitularen bis zu ſeinem Tode im vollſten Maaße. Neben der gewiſſenhafteſten Erfüllung ſeiner Berufspflichten beſtrebte er ſich auch vorzüglich, die waährend der Reformations⸗ und Kriegszeiten in Verfall gerathenen Kirchen wieder empor zu bringen und zu verhertlichen, wozu er alles verwendele, wäs er von ſeinem pfarrlichen Einkommen, das damals noch ſehr unbedeutend war, erübrigte. So ſtellte er die ihres Daches beraubte und dem völligen Untergange nahende St. Andreaskapelle wieder her, der eingefallene Thurm ſeiner Pfarrkirche wurde größtentheils auf ſeine Koſten, ſo wie wir ihn gegenwärtig ſehen, aufgeführt, und bei dem Baue der St. Martinskapelle in Neuburg arbeitete er ſelbſt eigenhändig mit. Als 1632 das Kirchlein des heil. Veit in Treidelheim von den Schweden gaͤnzlich verwüſtet, das Zimmerholz herausgeſchlagen und verbrannt wurde, ja ſogar zur Zeit des Proteſtantismus ſchon zu einem Wohnhauſe mit zwei Wohnungen umgewandelt worden war, ſo nahm ſich auch hier Leonhard Mahyr dieſer Kirche an; ſobald es die Zeit geſtattete, entſchloß er ſich zur Erbauung derſelben, nachdem bereits der Dekan Georg Wagner zu Renardshofen dieſelbe ſammt dem Platze, Garten und Zugehör um 32 fl gekauft hatte; aber an der Ausführung des guten Werkes der Auferbauung durch ſeinen Tod am Montag nach Quinquageſtma 1639 verhindert wurde Zur Beſtreitung der erforderlichen Baukoſten hiezu verkaufte Mayr am 2. Dezember 1689 den hiezu gehörigen Garten an Peter Utz um 30 fl., verwendete den halben Theil zum Baue, gab den andern halben Theil dem Meßner, ber zehn Jahre unentgeldlich gedient hatte, und gab überdieß noch 120 fl. zur Erbauung des Kirchleins her, wie dieß eine von Dekan Mayr ſelbſt geſchriebene Erzählung nebſt Kaufbrief darthut. Eben ſo ließ er im Jahre 1688 Golt und ſeinem hochgeehrten Patron zu Ehren den Chor des Kirchleins zu Leisacker, einer Filiale der Pfarrei Bittenbrunn, um die Summe von 100 fl. von Neuem erbauen.*) Er hielt ſich ein eigenes Tagebuch, das noch Siehe Dekanatsbuch des Capitels Burgheim 1798 gütigſt mitgetheilt von Herrn Dekan Anton Paula. 3 vorhanden ist und worin er nicht nur eine genaue Aufzählung der merkwürdigen Ereignisse der Stadt, sondern auch seiner Pfarrei, alle derselben gemachten Vermächt« nisse, gestifteten Jahrtäge ,c. verzeichnete. Einen glänzenden Beweis seines hellen Verstandes und seiner Nächstenliebe gab er dadurch, daß er eS wagte, laut gegen die unmenschlichen gräuelhaften Herenpro- cesse, wie sie damals Sitte waren, seine Stimme zu erheben, um diese Unglücklichen zu retten, und schon dadurch allein steht er als Heller Glanzpunct in der Nacht da und verdient der Nachkommen Hochachtung. Er bot, um diesen Unmenschlichkeiten ein Ende zu machen, Alles auf und verfaßte zwei Schriften hierüber, welche den Titel führen: „Bedenken welche Leonhard Mayr Pfarrer zu St. Peter wegen Görg Müllers extrs juäioilll revoostione.? gethan und darin fürS Andere, als er sonstcn sogar diese Sach durch viele Kalumnien an Ihre fürstl. Durchl. gebracht, seyn diese zwei Bedenken verfaßt worden." Am Schlüsse einer VisitationS-Relation vom Jahre 1630 beklagt er dieß mit folgenden Worten: „?roFi-7, SIIV ZZN'-ld > «ZUM MÄ .YKN ,Hi. t>> Ob? Mu > szp^ep >NNNNI>N?<.'U»II Paris. Paris, im November. Die Kirche der Deutsche» bot dem christlichen Herzen vom 13. bis 15. d. M. ein wahrhast rührendes Schauspiel dar. Zum ersten Mal ward ihr die Gunst, an der ewigen Anbetung, die in Paris eingeführt ist, Theil zu nehmen. Die Deutschen wußten diese Gnade zu würdigen; von fünf Uhr früh bis neun Uhr Abends umknicken sie in großen Schaaren den reichgeschmückten Altar, und beteten laut den Rosenkranz, oder sangen Lieder zu Ehren deS allerheilig- sten SacramemeS. Bei ihrem heiligen Eifer im Empfang der heiligen Sacramente glaubte man sich in eine jener Pfarreien deS katholischen Deutschlands versetzt, wo noch der Glaube seine ganze Macht ausübt. Die Franzosen waren tief bewegt bei diesem Anblick. Einer der Herren Gencralvicare hielt das Hochamt; die ehrwürdigen Dominicaner haben täglich Nachmittags um drei Uhr franzosisch gepredigt; um acht Uhr Abends war die deutsche Predigt. — Diese Andacht wurde von dem hochwürdigsten Erzbischof von Paris, Sibour, mit einem feierlichen Segen geschlossen. Seine erzbischöfliche Gnaden ließen sich durch die späte Abendstunde, das stürmische Wetter und die weite Entfernung nicht ablialten, der ärmsten Kirche und der ärmsten Bevölkerung seiner Diöcese einen Beweis seiner Liebe zu geben. Eine Deputation erwartete den Prälaten mit brennenden Kerzen und geleitete ihn zur Kirche, die buchstäblich mit Gläubigen angefüllt war, uud von der Tausende aus Mangel an Platz ausgeschlossen blieben. Der Erzbischof richtete an diese so außergewöhnliche und aller Be' achtung würdige Versammlung Worte, wie sie nur auS dem Vaterherzen kommen können. Er sprach etwa Folgendes: „Meine vielgeliebten Brüder! Ich bin gekommen, um mit euch den im heiligsten Sacramente verborgenen Gott anzubeten, und nm die Lehren zu vernehmen, die er uns ertheilt. Ich bin gekommen, um seine Liebe, seine Demuth, seinen Gehorsam, seine Geduld zu bewundern. Nicht zufrieden, das Opfer für uns am Kreuze gewesen zu seyn, wollte er uns noch sein Fleisch und Blut zur Speise und zum Trank geben, nnd darum mußte er nicht nur seine Gottheit, sondern selbst die Glorie seiner Auferstehung unter den Gestalten von Brod und Wein verbergen .... Meine geliebten Brüder! Welch' Beispiel der Demuth, deS Gehorsams für unS; — wie lehrt er unS, die Güter dieser Welt zu verachten, — aber vor Allem, welche Geduld zeigt er auf unsern Altären. Denn wie viele Sakrilegien werden nicht begangen, welche Lästerungen stößt man nicht gegen ihn aus, und Er, der Flammen auS seinem Tabernackel hervorbrechen lassen könnte, erträgt AlleS mit Geduld, um unS zu lehren, daß wir hienieden sind, um zu leiden, und nicht um unS zu rächen! — Meine vielgeliebten Brüder! ES ist mir ein großer Trost, mich in eurer Mitte zu befinden. Schon längst kannte ich den Glauben deS deutschen Volkes; ich wußte, daß die christliche Frömmigkeit die Herzen der Katholiken eures Landes belebt; ich bin jüngst selbst Zeuge davon gewesen. Ich habe die vorzüglichsten Städte Deutschlands besucht, und bitt überall von dem Glauben und der Frömmigkeit ihrer katholischen Bewohner tief gerührt worden. Sittlichkeit und Civilisation stehen bei ihnen auf hoher Stufe, und ich schreibe dieß dem Einflüsse der heiligen Eucharistie zu. Sie ist ja die Sonne unserer Seelen, nehmet die Sonne auS der Natur und ihr habet nur Finsterniß, eisige Kälte und Tod .... nehmet die heilige Eucharistie hinweg, und unsere Seele verliert Licht, Kraft und Lebe». „Ich bin der Weg, die Wahrheit und daS Leben." Bleibet auch ihr dem Glauben treu, den ihr aus eurem Vaterlande hierher gebracht; lebet nach eurem Glauben und seyd auf eurer Hut vor den Schlingen, die euch ringS umgeben. Ich werde jetzt, während des heiligen Segens, für euch beten, meine geliebten Brüder; aber nicht nur für euch, — auch für das ganze Deutschland, — es ist dieß eine Pflicht der Dankbarkeit, für die Gastfreundlichkeit, mit welcher eS mich aufgenommen. Damit ist aber meine Schuld noch nicht abgetragen. Ich werde auch für eure Brüder beten, die noch außerhalb der Kirche; ich werde, den Herrn beschwören, daß endlich die Schranken sallen, die zwischen unS aufgerichtet sind, auf daß werde Ein Hirt und Eine Heerde." Die Anrede des hochwürdigsten ErzbischofeS wurde mit der gespanntesten Auf- »miksamkeit gehört; und obgleich die Mehrzahl der Anwesenden der französischen Sprache noch nicht kundig, drang doch der väterliche Ton, die sichtbare Ergriffenheit des hohen Redners zu den Herzen. Das deutsche Segenlied und „Großer Gott, wir loben dich," wurde sodann tausendstimmig gesungen. — Der Herr Erzbischof wurde hierauf mit brennenden Kerzen zum Wagen geleitet und bei seiner Abfahrt mit einem dreifachen donnernden „Lebehoch" begrüßt. Die Menschen zerstreuten sich, ganz beglückt von diesem Feste, und nur traurig darüber, daß die Kirche so klein für die Zcchl derer, die sie suchen. (Schles. Kirchenbl.) Redemptoristenmiffion im Wiener Arbeitshause. Wien, 18. Dec. Vorigen Mittwoch war der Schluß der Mission in dem hiesigen ArbeitShause auf der Leimgrube, durch die PatreS Redemptoristen gehalten. Dieselbe ist dem hellen Blick unseres MilitärgouverneurS, veS Herrn FML. von Kempen, und der christlichen Thatkräftigkeit unseres StadthauptmannS, Herrn von Weiß, zu verdanken. Sie haben die Nothwendigkeit, die Ersprießlichkeit einer besondern geistlichen Einwirkung auf so viele Verblendete, Verirrte, Verkommene durchschaut, dafür sich verwendet, und willfährig haben, wie überall, die ehrwürdigen Väter dieser Mühe sich unterzogen, mit jener zweckmäßigen Anordnung, jenem unermüdlichen Eifer, wofür ihnen der Haß aller Zerfahrenen und Verflachten den RuhmeSkranz um das Haupt windet. Von andern Theilnehmern konnte der enge Raum bloß eine kleine Anzahl fassen; ihre Zahl war aber jederzeit so groß, als dieser nur immer zuließ. Wem eS vergönnt war, in den Saal einzutreten, hat denselben erbaut und gestärkt verlassen. Am Ansang erwicö nur eine kleine Zahl der Eingesperrten von den Predigten sich bewegt, bald aber wurden die unfreiwilligen Bewohner des HauseS immer mehr ergriffen, alle, bis auf sehr wenige, fanden zum Beichtstuhl und zu der heiligen Communion sich ein und bewährten durch ihr ganzes Benehmen, daß sie die christliche Liebe dieser Männer, die bloß um Gottes nullen ihrer, als Verlassener und von der Welt Verachteter, sich annahmen, in dieser Absicht sie aufsuchten und alle Stunden des TageS, alle ihre Kräfte ihnen widmeten, zu würdigen wußten. Am Schlußabend war die improvisirte, lieblich geschmückte Capelle des SaaleS, in welchem die Mission stattfand, aufs Glänzendste erleuchtet; der hochwürdige Herr Domdechant, welcher mit dem allerheiligsten Sacrament den Segen geben sollte, zog unter Begleitung der anwesenden Honoratioren processionaliter in dieselbe ein ^worauf der Superior der Mission, der hochwürdige Herr P. Wolmann, die Schlußpredigt hielt. Sie war einfach, passend, allverstänblich, ergreifend. Er ermähnte seine Zuhörerschaft, die gewonnenen Eindrücke zu festige.» durch tägliches Gebet, öfter» Empfang der heiligen Sacramente, ernstes Vermeiden jeder neuen Gelegenheit zum Rückfall. Rührend war eö, wie er am Schlüsse diese zeitweilig Pflegbesohlenen um 8 Verzeihung bat, wenn seine MissionSgefährten je den einen oder andern von ihnen sollten gekränkt haben, wäre doch nie gegen die Personen, nur gegen die Sünde ihr Ernst gerichtet. Für die Wenigen, welche daS Wort des Lebens von sich gewiesen, gleichwie für die Missionäre und deren Wirken im Dienste GotteS und der Menschen, forderte er sie auf, zu beten. Nachdem er noch die Bewohner des HauseS der Hirtenpflege und der Hirtentreue ihres Seelsorgers warm empfohlen, segnete er ihrer Aller Wollen und Thun für die Gegenwart und für die Zukunft mit dem Bilde deS Gekreuzigten, auf welches sie zu Trost und Stärkung fortan ihre Blicke richten sollten. Darauf wurde der ambrosianische Lobgesang angestimmt, aus vollen Kehlen gesungen, sodann der Segen gegeben. Den Dankesworten des Herrn Seelsorgers des HauseS folgte die Dankesrede, welche ein zeitweiliger Bewohner deS StrafhauseS vortrug. Möchte doch der blasirte Weltling, welcher die Achsel zuckt, so bald von Missionen und Missionären die Rede ist, die Frage sich stellen: welchen Lohn, welchen Gewinn an Ansehen, Reichthum, Bequemlichkeit, Gellung vor der Welt haben diese Männer dafür, daß sie durch acht volle Tage mit Sträflingen gleichsam sich einsperren lassen, vom frühen Morgen bis in den späten Abend, alle ihre Zeit und alle ihre Geisteskräfte ihnen widmen, jetzt in Predigten, dann in der ungleich mühevollern und anstrengendern Arbeit deS BeichthorenS und vermuthlich solcher Beichten, die ungleich schwerer zu behandeln sind, als diejenigen eineS Christen, der vielleicht alle Monate in dem Beichtstuhl erscheint? Kann hier ein anderer Beweggrund obwalten, als daS warme Verlangen, in deS guten Hirten Fußstapfen zu treten? Die böse Welt spricht sogar davon, daß die guten Väter die Erlaubniß, ihren-uneigennützigen Eifer in dem StrafhauS anwenden zu dürfen, hätten bezahlen müssen, indem jedem derselben eine JuriSdictionstare von dreißig Kreuzern sey auferlegt worden. Dieses alberne Mährchen ist ein neuer Beweis, wie in unsern Tagen der üble Wille darauf ausgeht, selbst dem Reinsten und Edelsten, sobald eS an die Kirche sich anknüpft, etwas anzuhängen. Denn wo in der Welt käme es vor, daß gute Werke, bei denen der Mensch gleichsam sich selbst zum Opfer darbringt, mit einer Tare belegt würden? Demgemäß hätte auch unser Herr, als er aus Erbarmen, wie der Evangelist sagt, die 50dl) Menschen wunderbar speiste, für dieselben die VerzehrungS- steuer, hätte eine solche damals bestanden, entrichten müssen. (D. Volköh,) Der Berein der heiligen Kindheit. In Aachen, Mainz, München und Wien bestehen Centralräthe deS Vereines der heiligen Kindheit, und des letztern Präsident ist der hochwürdigste Fürst-Primas von Ungarn. AIS Zeichen besondern Wohlwollens hat deS Kaisers Franz Joseph jüngster Bruder, Erzherzog Ludwig, daS Ehrenpräsidium angenommen. Nach dem letzlen Rechnungsausweis deS Vereines betrugen die Einnahmen vom 1. Mai 1851 bis 1. Mai 1852 e. 400,000 Fr., obwohl von allen Seiten die angekündigten Beiträge noch nicht eingegangen waren. Fast ganz Europa und Amerika, Klein-Asten, Persten, Ostindien, Aegypten und Algier, die Insel St. Moriz und die SandwichS« Inseln haben zu dieser Summe beigesteuert. Die Ausgaben betragen über 378,000 Fr., wovon 300,000 Fr. den Missw!^u von China, Cochinchina, Tongking, Siam und Mayssur angewiesen wurden. Nach Angabe deS Pariser CentralratheS sind im Jahre 1850 20,000 Heidenkinder in Todesgefahr getauft worden (darunter 10,000 allein in dem apostolischen Vicariat von Sutschuen); die meisten sind bald nach der Taufe in die ewige Herrlichkeit eingegangen, um am Throne deS Allerhöchsten ihren Wohl« thätern und dem Vereine der heil. Kindheit Glück und Segen zu erflehen. (Sion.) Veraulw örtlicher Redacteur: L. Schönchen, VerlagS-Jnhaber: F. E. Kremer. Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt .„Zlwl Ui NZglilS 7U? ,11'^ »t »7!>1lii!k NZ7?Ü 1!0 .^u^Hut m,4 ^gnk?:^' IlittKll n INAll, lim Klil?fll'/»'' -n-ZinS ms7,Ii siZ .i,ttu)E '^»^)! 21 ? 7vai '^!N7?i »^"l'Nf. ' ^ - ! ,Z»»ui ZKln ni'Z cht .^^^P ^i'i dir- .7Z'I)iI ckmi m^li ifi i3 PogMung. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonutaae. Der halbjährige Abonuementsprei« 4V kr., wofür es durch alle konigl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kaun. ,^-.!-----------^--- -----------^-!------------------------------------^---^, „1 Zltzüsj7Z noch^ 7?(i70ll »gnkS .!«nnU nschKM^usKlpZ MZNIZ u.^ !»>'« ,lUV7M Die Erzherzogin Maria von Steiermark, u?^!chZ»-^ Mutter Kaiser Ferdinand des Zweiten. Rede des Hofrn t h s und Reichs hi st oriographen Dr. v. H »rter-Ammann, gehalten in der P l e n a rv e rsa in m l u n g des Wiener Central^ScverinuS- vereiueö am 9. Dec. 1852. ^»7?Il gMIMMiiisLt n^.is,nü? 7'^^inMzG !,7(I, . ^' ' I,„(l LlloaviZ 'ZNvIlvW ^Uli. N>UZMZ HA'^r"^ «- Daö letzte Mal habe ich Ihnen die Stamm-Mutler unseres geliebten Fürstenhauses dargestellt von ihrer liescrusten und in Gemäßheit dieser Richtnng auf ihre Kinder mit allarliger Fürsorglichkeil einwirkenden Seite. Ich habe Ihnen zugesagt, daß Sie dieselbe auch von der heitern Seite sollen kennen lernen. Wie aber, wenn ich vorausschicke, daß bei Reisen unter dem mitgenommenen Gerüche der Erzherzogin ein Kästchen sich befunden habe, welchem sie bei dem Abpacken jederzeit besondere Aufmerksamkeit zugewendet, dem sie bei dem Eintreffen zu dem Nachtlager immer vor allein Andern zuerst nachgefragt, so daß allgemein die Meinung obwaltete, es wären darin ihre kostbarsten Kleinodien verwahrt, indeß eö nichts anderes enthielt, als ein Bildchen mit dem OrdenSkleive der Klarisserinen und einem Zettel: dafern sie auf einer Reise mit Tod abgehen sollte, sev ihr fester Wille, in diesem Gewände begraben zu werden; wenn ich dieses vorangehen lasse, werden Sie dann nicht sagen: wie läßt sich bei solcher Gesinnung, welche unsere Zeit sogar düster, trübselig und — wer weiß wie — nennen würde, von einer heitern und fröhlichen Richtnng sprechen? Wie, wenn die Erzherzogin die niancherlei Festlichkeiten, welche zn Mailand ihrer Tochter, der künftigen Königin von Spanien, bereitet waren, „Leichtfertigkeit und Gankelwerk" nannte und ihre Margarethe von der Theilnahme daran zurückhielt, so sehr sie nur vermochte, weiiu sie der „buhlerischen Komödien" wegen, die zur Advent- zeit gehalten würden, von den Strafgerichten Gottes sprach, ob deren Hereinbrecheil bei solcher Frevelhasligkeit sich nicht zu verwundern sep, werden Sie dann nicht meine Versicherung des heitern Sinnes der Erzherzogin mit einigem Mißtraue» aufnehmen. Was ich so eben erwähnt habe, ist alles buchstäblich wahr und stößt dennoch dasjenige, waö ich jüngst in Aussicht stellte, nicht um. Mir scheint, der Erzherzogin habe in hohem Grade die äußerst seltene Gabe innegewohnt, zu ermessen, waö für jegliche Zeit sich schicke, was nicht. Die erwähnten Aeußerungen über die Festlich, keiteu in Mailand knüpfen sich theils an die Ueberschreitung der Schranken des Zulässigen, theils an die Adventzeit, welche immer zu besonnenerem Ernste mahnen sollte; daS Bild aber war nur eine sichtbare Erinnerung an das Wort, welches wir unS zu ') Siehe Nr. I und II Seite L4S, 253, L97, 307 des Jahrganges 1852. .YNNst'tllliTlAWlKiMU unserm Heile insgesammt öfter in Erinnerung zu bringen hätten: Gedenke, Mensch, daß du sterben mußt! Ich aber soll jetzt meines Wortes eingedenk seyn, Ihnen die Erzherzogin von ihrer heitern Seite vor Augen zu stellen. Diese zeigt sich schon darin, daß jede Freude, die ihren Kindern zu Theil ward, den reinsten Wiederhall in Mariens mütterlichem Herzen fand. ES drängt sie, dem Bruder mitzutheilen, welchen Jubel übersendete Apostel bei ihrer Anna geweckt hätten. Den fünfjährigen Ferdinand hatte der Oheim auf Neujahr ebenfalls mit einem Geschenke bedacht. DeS Knaben Freude war die Freude der Mutter, die ihrem Bruder schreibt: „Der Topf ist ihm noch lieber, als die Pferde. Ich bin nicht im Stande, Dir Alles zu schreiben, was er mir an Dich aufgetragen hat. Er spricht unablässig von seinem frommen, lieben Herrn Vetter. Stets wiederholt er, wie lieb Du ihm seyest; wie gern er nach München wolle, denn Du habest so schöne Sachen." So lange ihre Kinder noch minderjährig waren, galt besonders der Tag des heiligen Nikolaus der Erzherzogin, alter woblbegründeter Sitte gemäß, alö derjenige, der jenen alljährlich zum Freudentage werden sollte. JedeS Jahr sann die Mutter darauf, wie sie ihn zu einem solchen machen könne. Lange vorher schon ergötzte sie sich an der Ungeduld, mit welcher die Kinder seines Erscheinens harrten. Trafen alsdann die Bestellungen, die sie öfters durch den Bruder besorgen ließ, nicht zur rechten Zeit ein, dann war sie in großen Sorgen, in Furcht, dieselben möchten zu spät anlangen, in Zweifel, was zu thun wäre, um den Tag ja nicht ohne sein Ein- gebinde verlaufen zu lassen. Dieß sollte auch dann nicht geschehen, als die Kinder in den Jahren bereits vorgerückt, zum Theil schon erwachsen waren. Mit zartem Sinne wußle vie Erzherzogin ihre Geschenke der künftigen Bestimmung ihrer Söhne anzupassen. So schickt sie von der Reise nach Spanien auS Mailand Leopold, dem künftigen Bischof, ein Altartuch, Maximilian Ernst, wahrscheinlich jetzt schon zum deutschen Ritter bestimmt, einen Degen. So oft sie dann die Gaben des heiligen Nikolaus bereitete, eben so oft entschuldigte sie sich, daß dieselben nicht besser ausgefallen seyen. „Der Heilige/' bemerkte sie von Mailand aus, „ist eben betagt; ich fürchte, wenn er auf seiner Wanderung hier einspricht, werde er nicht mit Vielem sich beladen können." — Während ihres dortigen Aufenthaltes ergötzte sie sich manchmal an den launenhaften Ereignissen eines GlückötopfeS. „Hab viel Geld vernarrt im Hafen," schreibt sie dem Sohne; „ist gar lustig gewesen." Sie machte ihre Einsätze meistentheilS zum Besten der Kinder, auch anderer Personen des heimathlichen HofeS, wobei die Wechselfälle deS Spieles, im Hinblicke auf die Bedachten, ob sie von denselben in Gunst oder in Mißgeschick berührt wurden, manche Erheiterung gewährten. Mit Lust vergegenwärtigte sie sich die Verlegenheit deS Jesuiten P. Balthasar über den Gewinn eines Ringes, den der Glücksfall dem schlichten OrdenSmanne zugedacht hatte. Mit zartem Sinne wußte sie anneben der Gunst des Zufalles durch eigene Fürsorge nachzuhelfen, die Empfangenden aber dennoch ihren Dank jener zollen zu lassen. Auch abwesend gedachte Maria der frohen Tage der Ihrigen und vernahm gerne Berichte darüber. Zu einem solchen Tage der Erheiterung scheint am Gratzer Hofe der st. Thomastag bestimmt und eS dort Sitte gewesen zu seyn, an demselben irgendwo sich zu erlustigen. Das unterließ Ferdinand, wahrscheinlich der ungünstigen Witterung wegen während des Winters, in welchem Maria zu Mailand sich befand. Sie billigte es nicht. „Hätte ich mich unter Euch befunden," schrieb sie dem Sohne, „die Witterung wäre mir nicht zu schlimm gewesen; ihr hättet mir sicher nicht zu Hause bleiben dürfen. Aber so geht eS, wenn Niemand da ist, der antreibt." — Die Erzherzogin Eleonore war aus Kränklichkeit zum Trübsinn geneigt; deßwegen hörte sie mit Vergnügen, daß sie einen Spielmann auf ihr Zimmer kommen lasse. „Sollte dieß selbst am Charfreitag geschehen seyn," bemerkte sie, „so wäre eS keine Sünde, bloß eine „Kurzweil" gewesen, wodurch andere Sachen, besonders die Trüb- finnigkeit, wären verhindert worden." „Daß Du zu deinen Schwestern Masken gegangen bist," schrieb sie dem Sohne u um die gleiche Zeit, „dafür verdienst du keinen Vorwurs, zumal eS in der Kammer geschab. Der Bericht über eure Musik hat mich lachen gemacht. Der Elconora aber kannst Du einen „guten Filz" dafür geben, daß sie mir so gar nichts davon schreibt. Sie thut gar zu heilig; wäre Sie eS wirklich, dann sollte eS mich freuen." Bald darauf sagt sie: „Ich habe mit Vergnügen von eurem fröhlichen Leben im Fasching gehört. Du hast recht gethan, daß Du auf Herrn MarenS (ihres Obersthofmeisters Maximilian von Schrattenbach) und deines Hofmeisters Rath eine Maskerade veranstaltet hast. Bei unS hat man nichts davon gemerkt, daß es Fasching sey." Dieser brachte jährlich allerlei Erheiterndes für den Gratzer Hof. Schlittenfahrten, Schauspiele, Tänze wechselten. Dock standen diese mit dem Laufe der Gestirne und der weislich angeordneten Bestimmung der Tageszeiten noch nickt im Widerspruch. Die Schauspieler waren meistentheils Engländer unter der Leitung eines ManneS, der als Katholik dem Blutdurste der sogenannten jungfräulichen Königin sich hatte entziehen müssen; sein Name war Spencer. — Noch in lhrem letzten Lebensjahre nahm Maria an den Ergötzlichkeiten der Faschingszeit freudigen Antheil, und eS wird unS berichtet, daß dazumal sowohl für den Tag als für den Abend allerlei Munteres und Festliches erdacht wurde, wozu die anwesenden Herren und Ritter vnrch sinnreiche Veranstaltungen nicht wenig beigetragen hatten. Ein solches FaschingSstücklein wird meine verehrtesten Zuhörer gewiß jetzt noch erheitern. Die Herren versteckten eines TageS hundert lebendige Hasen in verschiedene Theile der Stadt. Bald darauf bliesen die Hörner zur Jagd, zogen jene mit ihren Hunden daher, wurden die Hasen losgelassen. DaS war ein Halloh durch alle Straßen. Die Einen unter den Einwohnern fürchteten bei dem Gelärme, cö sey ein Feind eingebrochen und verschanzten sich hinter ihren Hausthüren; Andere glaubten, eS sey Feuerlärm, und ließen Wasser herbeitragen; der Rector der Jesuiten Deinte, man müsse sich gegen herantobendes Volk in wehrhafte Fassung setzen und vertheilte unter die Zöglinge, die eben bei ihrem Mittagstische saßen, Spieße, Prügel, Steine und stellte sie zur Wache an Thüren und an Fenster. Der Bischof von Lavant, gerade als Gast in dem Kollegium, sprach Muth ein. Wie er aber draußen schallendes Gelächter hörte, öffnete er ein wenig daS HauSthor, um zu sehen, was denn vorgehe; da wischten augenblicklich fünfzehn der verfolgten Hasen hinein, indeß der UniversitätSkanzler, der nur das Getümmel hörte, mit lauter Stimme rief: «Der Feind ist da! Brüder, auf zum Kampf!" Der Rector aber, bereits besser informirt, winkte, daß jeder die Wehre ablege, worauf die Kampfeslust gegen die zitternden Thierchen sich wendete, die als willkommener Braten in Empfang genommen wurden. Der heitere Sinn der Erzherzogin spricht sich besonders aus in dem Tone ihrer Briefe. Sie lieble eS, dieselben mit launigen Einfällen, mit humoristischen Ausdrücken zu würzen. So spricht sie von dem „gnädigen Stallmeister," den sie ein anderes Mal einen „stetigen" nennt, von dem „gemalten Kaiser" zu Prag. Einmal läßt sie ihren Kindern die Drohung zugehen, „sie werde so spanisch werden, daß man sie nicht mehr kennen solle." Dem Freiherrn von Rumpf schrieb sie: „von Herzen gönne sie dem Erzherzog Albrecht sein BiSthum (Toledo in Spanien); sie müsse bekennen, vaß weder in Kärnthen, noch in Steiermark dergleichen Pfarreien zu finden wären." Der Auftrag, einem Kammerdiener zu sagen: „Wenn er sich betrübe, werde man ihn auf die Galeeren schicken, damit es ihm vergehe;" einem andern: „DaS Meer sey doch noch größer als der Starnbergersee seines Vaterlandes," beurkundet eine heitere Leutseligkeit, die auch Untergebene der Erzherzogin gewinnen mußte. Schreibt sie dem Sohne: „Ich höre gern, daß dem Tanhauser der Bart wächst, der wird rauschen wie der des AdamS; komme ich nach HauS, so will ich sehen, wer dessen mehr hat, Du oder er;"> gibt sie ihm den Wink: „wenn er vor ihr zu Mariazell eintreffen sollte, so wolle er doch nicht Alles aufzehren, damit auch für sie noch etwas übrig bleibe;" so begegnen wir hierin, im Vergleich mit der Weise, wie sie aewichtige Angelegenheiten zu besprechen pflegte, jener glücklichen Stimmung, welche je in dem schicklichen Augenblick so Ernst als Munterkeit sich eigen zu machen versteht. IS Bei der treucstcn Obsorg« für vic Kinder, bci niemals zweifelhafter Bereitwilligkeit denselben Freude zu bereiten »der zu gönne», hielt Maria eben so fest an ihrer mütterliche» Autorität, als diese von jenen Allen bereitwillig mit einer in unser» Tagen selten mehr vorkommenden Ehrerbietung anerkannt wurde. Da begegnen wir einem Verhältnisse, von welchem schwer zu urtheilen ist, ob dadurch die Stellung der Mutter zu den Kindern, oder diejenige der Kinder zu der Mutter iu ein helleres Licht gesetzt werbe? In dem hellsten muß eS begreiflicher Weise an Ferdinand hervortreten, da er in seilier Eigenschaft, als Aeltestcr und als Landesherr, sich leicht zn Andcrm hätte berechtigt glauben mögen. Böte auch seine Reise nach Fcrrara, Loreto und Rom nicht mancherlei, was jetzt noch unserer Aufmerksamkeit würdig ist, so dürften wir schon deßhalb seiner eigenen verläßlichen Nachrichten über dieselbe uuS freuen, weil uns damit einer der schönsten Züge in Ferdinands Charakter zur an» schaulichen Kenntniß gekommen ist, wie nämlich die freie Stellung des regierenden Fürsten vor der Ehrerbietung deS SohneS gegen die Mutter in den Hintergrund trat. Der Erzherzog unternahm seine Reise nicht ohne die Zustimmung der Mutter, der er zugleich als Tag der Rückkehr den Johannistag bezeichnete. Tag für Tag erstattete er ihr entweder selbst oder durch seinen Gcheimschreiber Bericht über den Verlauf seiner Reise. Auf dem Heimwege wurde er von dem Großhcrzoge von Florenz, seinem nahen Anverwandten, auf daS Zuvorkommendste empfangen. Bei der freundlichen Behandlung und bei dem vielen Sehenswerthen, was sowohl die Kirchen als die Paläste jener Stadt in sich faßten, überzeugte sich Ferdinand bald, daß er weniger als drei Tage dort nicht verweilen dürfe, und deßhalb erst später, als er zugesagt, in Gratz werde eintreffen können. Wäre nun der Fürst-hier Niemand verantwortlich gewesen, so lebte doch in dem Sohne die Ueberzeugung, die Mutter habe daS unbestreitbare Befugniß, Rechenschaft über seine Handlungen zu verlangen, sobald er sich Etwas erlaube, wozu ihre Zustimmung fehle; deßwegen bat er sie ausdrücklich und dringlich um Verzeihung, daß er seinem Versprechen in Betreff der Rückkehr nicht statt thun könne. Zugleich fügte er zu seiner Rechtfertigung bei: „ihrem Scharfblicke könne cS nicht entgehen, welcher Werth auf die Freundschaft ausländischer Fürsten zu legen sey. Da der Großherzog so vertraulich gegen ihn sich erweise, würde er unfehlbar durch allzufrühcn Aufbruch denselben mißstimmen. In dieser Berücksichtigung zähle er auf ihre Nachsicht.""'"«!^ Dieß war aber nicht, wie man etwa meinen möchte, der AnSdruck der Schüchternheit eines zwei und zwanzigjährigen JünglingS, sondern cS war tief begründeter Charakterzug, der durch den Lauf von zehn Jahren und unter allen Regentenhandlungen, die in denselben sich verflochten haben, nicht abgeschwächt werden konnte, indem in seiner Beziehung zu der Mutter der zwei und dreißigjährige Mann genau so sich darstellt, wie der eben selbstständig gewordene Jüngling, und die zarteste kindliche Liebe als unveränderliche Unterlage dieses CharakterzugcS sich bewährt. ES ist rührend zu lesen, wie Ferdinand im Jahre 1608 vor dem Reichstage zu RegenSburg, wo er deS Kaisers Stelle vertrat, die Mutter, die über Unwohlseyn klagte, „um Gotteswillen" beschwor, „ihm und allen ihren Kindern zum Trost ihre Gesundheit sorgfältig in Acht zu nehmen," doch ja mit Schreiben nicht sich anzustrengen; wie sehr er, in ihrer Nähe zu seyn und sie erleichtern zu können sich sehnt; wie gerne er daS Kopfweh, daS sie befallen hat, und jeden Schmerz, der sie treffen könnte, auf sich nehmen würde. „Wollte Gott," schreibt er ihr, „ich könnte für E. F. D. leiden, cS sollte von Grund meines Herzens geschehen." Denn er ist fest überzeugt, „daß, so lange sie, die Kinder, die Mutter am Leben wüßten, sie nichts andern als deS gewissen Segens GotteS sich zu getrösten hätten." DaS sind, man fühlt eS den Briefen an, nicht Redensarten, sondern die ungefälschtesten, die goldreinsten Herzensergüsse. ES war damals, als er mit großer Unlust, aber in treuer Anhänglichkeit an daS Oberhaupt deS Reiches und deS HauseS zu RegenSburg weilen mußte, für Fer, dinand eine schwere Zeit. Hier der Reichstag, auf welchem die unkatholischen Stände 13 so spießig sich erzeigte», daß derselbe nach viermonatlichem Verlaufe ohne alle Frucht auseinander ging; dort Erzherzog Mathias, dessen Rüstungen leicht seinen Ländern gelten konnten, weil jenen die Irene Vollziehung kaiserlicher Befehle gegen den Vetter aufgebracht hatte. Da bestand zwischen Sohn und Mutter der vertraulichste Briefwechsel; über jeden seiner Schritte sctzt er sie in Kenntniß und nimmt rücksichtlich jedes desselben Zuflucht zu ihrem „hocherlcuchteten Verstand." „In nichts," schreibt er ihr, „werde er ohne ihren Rath sich einlassen. Sollte er in irgend einer wichiigcn Staatsangelegenheit nicht den richtige» Weg eingeschlagen haben, so wollr er ihrer mütterlichen- Zurechtweisung gerne sich unterziehen.» Da Mathias eine Zuschrift an ihn hatte abgehen lasse», welche Ferdinand mit Recht als ein „hitziges Hautbricfcrl" bezeichnen konnte, sandte er dasselbe sammt dem Entwürfe einer Antwort d^r Mutter zu, und wollte diese nicht abgehen lasse», bevor sie nicht mit einigen nr vertrautesten Räthe entschieden hätte, daß die Erwiderung in dieser Form dem Vuier möge zugesendet werden. Ihrem Ermessen stellte er anheim, welche Vorkehrung^» bezüglich der Sichcrstelluttg des Landes zu treffen wären, dessen aber vorzüglich nahm Maria, bloß ein paar Wochen vor ihrem Hinscheiden, mit einer Geisteskraft und mit jener Entschiedenheit sich an, welche zu aller Zeit ein besonders hervortretender Theil ihres Wesens war. Die Gesinnung gegen ihre Kinder spricht sich am schönsten auS in einem Briefe, den sie einst aus Veranlassung einer für sie höchst wichtigen Frage dem Freiherrn von Rumpf schrieb: „Dessen," sagt sie ihm, „mögt Ihr Euch zu mir versehen, daß ich gegen meine Kinder eine solche Mutter bin, und so Gott will, bleiben werde, um so lange sie sich wohl gegen mich verhalten, nichts Anderes zu suchen, als deren Nutzen. Was ich verlange, geht weder auS Vorwitz noch auS Eigensucht, sondern aus wahrer Fürsorge um dieselbe» hervor. Ich habe mir diese Jahre her genug gelitten, so daß ich jetzt dessc» satt bin; wüßte ich aber, daß eS meinen Kindern zum Nutzen dienen könnte, so wollte ich cS noch gerne länger über mich nehmen und weder Mühe noch Arbeit scheuen." Als sie ihre Tochter Maria Christina in gefahrvoller Zeit und bei herrschender Unsicherheit durch die Türken nach Siebenbürgen begleiten sollte, schrieb sie eben Demselben: „Gerne wollte ich für sie sterben, wenn ihr damit geholfen wäre." Dergleichen Aeußerungen weisen aufs entschiedenste jeden Verdacht zurück, als wäre ihr strenges Aufmerken, daß während ihrer Abwesenheit, ohne ihr Vorwissen und ohne ihre Zustimmung in dem Hause Nichts von Bedeutung vorgenommen werde, auS einer andern Regung, als auS der treuesten mütterlichen Fürsorge, hervorgegangen. Allerdings sollte während ihrer Reise nach Spanien Ferdinand in Bezug auf seine Geschwister die Stelle des Hausvaters vertrete», aber bloß innerhalb der Gränzen der Aufsicht und deS ErmahnenS. Alles Uebrige behielt die Erzherzogin sich selbst vor, und nichts sollte ohne ihr Gutheißen geschehen. So vernahm sic unterwegs, ihre jüngern Söhne wollen sie zu Ferrara mit einem Besuche überraschen. „Das," schrieb sie Ferdinand, „glaube sie nicht, weil sie sichS nicht denke» könne, daß er ohne ihr Vorwissen ihnen' fo etwas erlauben würde." Während der Abwesenheit der Mutter ließ Ferdinand seinen jüngern Schwestern die hl. Firmung ertheilen. „Damit," bemerkte sie ihm. „hätte er wohl bis zu ihrer Rückkehr zuwarten können; würde sie die Sache für gut erachtet haben, sie wäre von ihr selbst angeordnet worden. In ihrer Abwesenheit hätte er sich keiner Neuerung unterstehen soiUn." Noch entschiedener drückte sie ihre Verwunderung darüber auS, daß Ferdinand seine Schwester Eleonora reiten lasse; „hätte sie das gewollt, so würde dieselbe längst schon Unterricht im Reiten erhalten haben." In der ScheivungSsache der Erzherzogin Maria Christina von dem Fürsten von Siebenbürgen wollte daher Ferdinand ohne Weisung der Mutter nicht daS Mindeste thun; sie aber gab ihm Vollmacht dazu, doch nur in Beziehung auf das, waS nicht bis zu ihrer Heimkunft sich ausschieben lasse. Eben so glaubte sie, die Einsetzung Leopolds in das BiSthum Passau könne bis dorthin auf sich beruhen, damit sie ihn erst ausstatten und mit ihm reden könne 14 Unterwegs wurde ihr gesagt, ihre Tochter Maria Christina gedenke nach München zu reisen. Da bemerkte sie dem Sohne abermals: „DaS könne sie nicht glauben, da sie niemals um Erlaubniß hierzu sey gefragt worden," und fügte bei: „Du und Maria kennen die Welt noch nicht, wie ich sie kennen gelernt habe; wohl Dem, der bei der dcntschen Einfalt bleibt." Entschieden mißbilligte sie, daß Ferdinand seine Schwestern mit sich ans die Jagd nehme. „Er sey," war ihre Einwendung, „nicht verheirathet; die Schwestern seyen cS auch nicht; die Mutter sey nicht dabei; waS die Welt dazu sagen würde?" Eben so wenig sollten in ihrer Abwesenheit seine Schwestern öfter mit Männern sprechen. „Du bist jung," schreibt sie ihm, „wolltest Du Alles thun, waS Deine Schwestern von Dir begehren, Du würdest viel Unrechtes thun. Maria hat bisher ein gutes Lob gehabt, ich möchte nicht, daß sie dasselbe verlöre." „Sie wisse," sagte sie dem Sohne ein anders Mal, „wie scharfe Blicke auf ihre Kinder geworfen würden und wie sehr das schnell fertige Urtheil der Welt zu befürchten sey." Ferdinand selbst aber wollte es sich nicht, kraft eigener Vollmacht, herausnehmen, die Mutter auf der Heimreise in München zu treffen, sondern bat sie erst: „sie möchte ihm erlauben, hinauf kommen zu dürfen." Hinwieder aber, als Maria wegen der Begleitung ihrer Tochter bis nach Spanien den Sohn um Geld angehen mußte, fügte sie bei: „Solltest Du finden, daß ich unnütze Ausgaben gemacht habe, so will ich mich zurechtweisen lassen." Der Reise wolle sie besonders deßwegen sich freuen, weil er damit zufrieden sey. So umschlang Mutter und Kinder ein anmuthigeS Band, gewoben aus der treucsten Fürsorge, der freudigsten Ehrerbietung und aus der lautersten gegenseitigen Liebe. „Wäre F. D. doch wieder bei uns," schreibt Ferdinand schon im dritten Monat nach Mariens Abreise, und sie erwidert: „Mir ist die Weil so lange, als Euch." „Wäre ich doch wieder zu Hause unter meinen Kindern!" ist der Herzenswunsch, den sie in jedem ihrer Briefe ausdrückt. Es dünkte sie schon ein Jahr zu sevn, seil sie dieselben gesehen. Im Begriffe, zu Genua sich einzuschiffen, schrieb sie dem nachmaligen Kaiser: „Ich nehme auf eine weite Reise von Dir Urlaub; Gott der Herr helfe uuS bald wieder zusammen. Du sollst Tag und Stunde wissen, wenn wir abfahren werden. Sterbe ich unterwegs, so bete für meine Seele." Bei Ferdinand aber beschränkte sich die kindliche Ehrerbietung gegen die Mutter nicht auf das Wort; sie prägte sich, für Jedermann wahrnehmbar, allem persönlichen Verkehre mit derselben auf. Niemals erschien der Sohn vor ihr, ohne daß er daS Knie gebeugt hätte; niemals erlaubte er sich, sie anders anzureden, alS: „Allergnä- digste Frau Mutter!" So oft sie zu Wagen stieg, bot er ihr den Arm; begleitete er diesen zu Pferd, so sprang er an der Burg schnell herab, um denselben zu öffnen, um die Mutter die Treppe hinaufzuführen. Alle ihre Wünsche galten ihm als Befehle; noch im Tode wollte er neben ihr ruhen. Dort zu Gratz finden sich Beider Särge, aber in welchem Zustande? ES gereicht der Nachwelt zu schwerem Vorwurf, daß sie die'hohen Tugencen solcher fürstlichen Personen in ihren Ueberresten nicht würdiger zu ehren weiß. So darf ich mir wohl Glück wünschen, wenn eS mir gegönnt ist, daS Dnnkel, welches die Mutter, dann die giftigen Nebel, welche daS Bild.dcö Sohnes bisher umhüllt haben, einigermaaßcn zu zerstreuen und darauf aufmerksam zu machen, welche leuchtende Gestalte» zur Freude, zum Troste und zu der innigsten Hochschätzung einem jeden wahren und würdigen Oesterreicher in ihnen entgegenleuchten. Mein Stoff ist noch nicht erschöpft; ich kann, wenn Sie cS wünschen, noch manches Schöne, was ans die Mutter sich bezieht, mittheilen, und von der Fürstin habe ich im Grnnde noch gar nicht gesprochen. iltpy 6niiln5i^?s ^ '.. , . -i''s»7U?MM»iN>sN!l v ,vi?vi>. Die Jefuitenmifsion in St. Polten. In den verflossenen Tagen wurde ich lebhaft an die Stunden gespannter Erwartung erinnert, welche das christliche Volk zu Antiochien zu Ende des vierten 15 Jahrhunderts erlebte, als es nach geschehener Empörung mit glühendem Bußeifer zur Kirche eilte, und dort stundenlange an dem Munde deS beredten Priesters Johannes ChrvsostomuS hing. Wir hatten nämlich hier eine heilige Volksmission, gehalten von Priestern aus der Gesellschaft Jesu. Nach den blutigen Tagen der Empörung traten diese ehrwürdigen Väter zum ersten Male vor dem österreichischen Volke auf, und kündeten ihm mit heiliger Begeisterung und aufopfernder Liebe durch eilf Tage hindurch die ewigen Wahrheiten des Evangeliums. Und das Volk eilte, wie einst daS zu Antiochien, in die Kirche, und scheute nicht Frost und nicht Unbequemlichkeit, sondern hing in lautloser Stille und mit würdevoller Andacht an dem Munde der vom heiligen Eifer durchglühten Priester. So konnte es nicht anders seyn, als daß diese Tage wahre Tage der Freude waren, sowohl für das christliche Volk, als für die hochwürdigen Herren Missionäre. ES waren die PP. Joseph und Mar von Klinkowström, Schmude und Rohmann, die durch die Predigt des Wortes Gottes und die Spendung des heiligen Bußsacramentes während der Mission mit bewundernSwerther Opferwilligkeil thätig waren. Im Ganzen wurden 42 Predigten gehalten, und die Kirche war stets gedrängt voll von Gläubigen aus allen Ständen; selbst Protestanten und Juden nahmen fleißig daran Theil. Drei Predigten wurden im Freien auf dem Dompla»e gehalten, weil der Zudrang deS. Volkes zu groß war. Der Himmel war der heiligen Mission besonders günstig, da während derselben die schönste Witterung herrschte, mitunter wahre Frühlingstage; und doch fand die Mission im December (12.-22. inel.) statt. Kein Unfall, kein Unglück, kein Erceß trübte das heilige Ereigniß; im Gegentheile wetteiferten die Gebildeten und daS Landvolk, daS in Massen zuströmte, Geistliche, Beamte, Soldaten, Bürger u. s. w. in der Kundgebung ihrer gläubig erneuten Gesinnung. DaS Theater mußte auö Mangel an Besuchern während der heiligen Mission geschlossen bleiben. Kurz, eS waren außerordentliche Tage, die wir durchlebten, wahre Tage deS HeileS, die gewiß Allen unvergeßlich bleiben werden, die daran Antheil nahmen. Die etwaigen Borurtheile, welche gegen die Jesuiten und die Missionen bestanden, schmolzen schon bei der ersten Ansprache des hochwürdigen P. SuperiorS, Joseph von Klinkowström, wie Eis beim Sonnenlichte, und man kann annehmen, daß die eifrigen Theilnehmer an der Mission von aller romanenhaften Gespensterfurcht gründlich geheilt sind. Man kann wahrlich nur wünschen, daß die Gesellschaft Jesu auch anderwärts Gelegenheit finde öffentlich aufzutreten, weil Niemand besser als sie selbst durch ihr bloßes Erscheinen sich rechtfertigen kann; und eS klingt wirklich bis zur Erbärmlichkeit lächerlich, wenn man die hiesige Stadt bedauerte, daß sie den Muth hatte, den hochwürdigsten Herrn Bischof um eine Jesuitenmission anzugehen. — Der Gang der Mission war, wie überall, der gleiche. Es wurde die ewige Wahrheit, fern von aller Controverse und Politik, ergreifend und erschütternd dargestellt, und darauf in daS verwundete Sünverherz der Balsam der göttlichen Liebe gegossen. Es ist somit gar nichts Neues, waS man in den Missionen hört; sondern nur daS psychologische Ineinandergreifen der durch innerlich fertige und von keiner Menschenfurcht gehemmte Priester Schlag auf Schlag vorgetragenen Predigten bewirkt mit der Gnade GotteS diese außerordentlichen Erfolge. Mit heiligem Dankgefühle preist man am Schlüsse der Mission den dreieinigen Gott und fühlt sich doppell glücklich, ein Kind der katholischen Kirche zu seyn, der so große Mittel sür daS Seelenheil der Gläubigen zu Gebote stehen. Rührend war die Abbitte vor dem Allerheili'gsten und der weihevolle Gesang unschuldiger Kinder nach der Marienpredigt; wahrhaft erschütternd die feierliche Erneuerung deS Taufgelübdes. Außer den gewöhnlichen Standeslehren fanden auch zwei Predigten für die Soldaten statt; zu allen Predigten, ohne Unterschied, stand Allen der Zutritt offen. (Oesterr. VolkSfr.) 10 Christliche Lesefrüchte und Betrachtungen eines Laien. - ..niinLP' tzm ^n»M ms?KiWe^A,,.^-,,,,s, ^«u . -^7iN. iu, ^iicifiimttl^K ,sji»zfl zni» 7>ist ni),l LL^tvkl ?iW .l»niiiriaiii>i(N'!N Ssnnv^L Die Zurückgezogcnheit und Unsichtbarkeit Gottes vor unserm geistigen Auge und Erkennen ist für uns eine reiche Quelle der Heiligung und der Tugenden, die nicht ohne Kampf erlangt werden können («denn daö Himmelreich leidet Gewalt"); eS ist nicht schwer, sein Leid zu tragen, wenn man die leitende Hand GotleS gleichsam über sich erblickt, aber eS ist schwer und verdienstlich, wenn man, beraubt dieses hoffnungsreichen und stärkenden Trostes, den Dornenweg durch Finsternisse in Geduld und Demuth wandelt; — so ist eS auch nicht schwer, von Stufe zu Stufe der Vollkommenheit zu gelangen, wenn man daS Antlitz GotteS über sich leuchten sieht und sich von dem Wehen Seines heiligen Geistes umrauschl fühlt; da hat man Riesenkräfte, da hat man eine himmlische Heiterkeit und Stärke und fliegt gleichsam dem Ziele entgegen; schwerer und verdienstlicher aber ist eS, wenn man ven Weg zur Vollkommenheit im Zustand der Einsamkeil der Seele, beraubt der Süßigkeit des göttlichen GiiadcntrosteS, in Geduld und Ausdauer wandelt und oft keinen andern Gefährte» mehr auf diesem rauhen Wege hat, als das Wissen, daß Gott eS so will und als die demüthige Ergebung in diesen heiligen Willen. 6iN7B!l 7)1 7KM iMuuiH. 7i(Z? .70« g07p. 6nu ^wklöljMlkjlnD 57H0M 7Zjniilim ,5>chf77d?l giiunitiÄ Ztsn6cht >i1 n^t^7»cl Ein Mensch, in dem daö innere Leben der Gnade gegründet ist uuv der weiß, „wie süß der Herr ist", kömntt mir den Weltkindern gegenüber vor, wie ein Slum- mer; er hat ihnen gegenüber keine Sprache, um auszudrücken, waS in ihm lebt; ja er kann es ihnen nicht einmal durch Zeiche» verständlich machen, denn sie sind blind dafür. So muß er seiue Seligkeit allein in sich tragen, wie sehr eS ihn auch drängt, sie aller Welt zu verkündigen und begreiflich zu machen. ".NMgva "wiimü »071.tZ .u^Zck, i»OnlO. chi«ß»H7,n,'i» N-.U» Hi«>k >n Warum betrachten wir Sonne, Mond und Sterne so stumpf und mit so wenig heiliger Ehrfurcht? Und sie gehören doch mit zu den allerältesten Urkunden deS Werkes der Schöpfung! Oder glaubt Ihr, die Sonne, der Mond, die Sterne, welche Ihr jetzt am Himmel seht, seyen andere, als jene, so dort z» schauen waren gleich nach Erschaffung der Welt? Adam und Eoa und nach ihnen alle Menschen, Heilige und Sünder, haben sie geschaut herab bis auf unsere Tage; betrachtet sie also mit großer Ehrfurcht und Erbauung! n»s M«W I»s bst ßvÄ ,!7,U V'7Z? t'7vlT » kiisiö sicl nvm tMZ« >chi!i,Mk tttl 7,^ vnvO 7Z?? — .lv-!'^uu> iiciWmii'^ui'ft^ ^ni!> mu i^lk-»iS- U77'»K N,tisii57ü«ft'itl Die Katholiken in Holland. Wie sehr die Katholiken in Holland bei öffentlichen Aemtern gegen die Protestanten zurückgesetzt werde», beweisen folgende statistische Notizen. Die Zahl der Katholiken in den Niederlanden verhält sich zur Gesammtbevölkernng wie 2 zn 5. Im Staatörath und bei der Volksvertretung zählen die Katholiken aber 27 auf 176 Mitglieder, also im Verhältniß wie 2 zu 11. In den verschiedenen Ministerien kommen auf 173 Beamte bloß 41 Katholiken, am höchsten Gerichtshof und in ander» StaatS- collegien auf 93 Mitglieder 8 Katholiken, bei gelehrten Korporationen auf 161 Ti> tulare 8 Katholiken, in der Armee auf 605 Officiere 28 Katholiken u. s. w.; überhaupt auf 1818 königl. Beamte vlvß 132 Katholiken, also ein Verhältniß von 2 zu 25, anstatt 10 zu 25. Ein ähnliches Verhältniß findet in den Provinzen statt. Aerger aber noch als im Mutterlande ist es in ven holländischen Kolonien. Bei einem so unverhältnißmäßigen Uebergewicht protestantischer Beamten, und bei dem Bestände mehrerer protestantischer Gesellschaften, deren Bestrebungen insgesammt gegen die kathol. Kirche gerichtet sind, ist eS wohl leicht erklärbar, daß den Katholiken ihre wohlbegründeten Rechte immer vorenthalten bleiben. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen, Verlaqs-Juhaber: F. E. Aremer. Vrey-Hnter Jahrgang. Sonntags-Betblatt zur Augsburger Pojheitung. 15. Januar M^- S 1853. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Touutage. Der halbjährige Abonnementsprel« »tt kr., wofür e« durch alle köm'gl. bayer. Postämter und alle Buchhaudlimgeu bezogen werde» kauu. GechS Jahre. Im Jahre lag die Kirche in Deutschland in einem völligen Schlummer. Die betäubenden Mohnkörner des FebronianiSmuS waren allenthalben ausgestreut, und die Zöglinge der Generalseminare standen in dem versumpften Boden hochaufgeschossen da wie das Rohr (durch und durch hohl) — und sich beugend vor jedem Lufihanch und beschienen von der Gunst- und Gnadensonne der Weltgewalten, in allen, beliebigen Farben schillernd wie die Schilfrispen, welche die gebeugten Wogen der Rohrgruppen bald silbern, bald röthlich färben, je nachdem der Wind eben sein Spiel treibt und die Sonne ihr Farbenmeer darüber auSgießt. In Frankreich suchte das GroS der Revolution »ach Gestaltung zu ringen. Der erste Anfall von Blutdurst war gestillt, und die Zeit des Martyriums für das standhaft bekennende Prie- sterthum war abgelaufen. Der von unten rasch aufgestiegene Machthaber hatte dem heiligen PiuS VII. ein Concordat abgerungen, welches der Vater der Christenheit nach seinen eigenen Worten den „außerordentliche» Zeitumständen" sich fügend angenommen. (Bulle vom 9. Sept. 18t)1.) Aber auch um eine dem Volk offen kundbar werdende Demüthigung war eS dem Manne der Gewalt zu thun, bald darauf fand dieß Vorhaben seine Ausführung und der Papst muß im Dome von Notre Dame eine Stunde lang auf den neuen Imperator warten, bis dieser zur Salbung erscheint — und im trotzenden Hochgefühl eigener Macht und Stärke sich selber die Krone aufs Haupt setzt. - Derweil docirten in Deutschland die Lehrer des kanonischen Rechte« von den Anmaßungen RomS, wie es ihnen eingeschult und von StaatSwegen geboten war, und sie konnten ihren Schülern nicht Furcht und Angst genug beibringen vor Roms Tiraunei und Herrschsucht, vor welcher die Fürsten sich verwahren müssen — mit jeder Maaßregel, um jeden Preis. ES kommt das Jahr 1813. Mit eiserner Faust drückte der emporgekommen? Mann auS Corsika die deutschen Fürsten nieder, die Bischöfe mußten ihm hörig seyn, er wollte die Kirche als Polizeigewalt mißbrauchen, sie sollte das Volk in Gehorsam halten, vor ihm aber sich beugen, und zur Hebung der Industrie die Schleppe deS mit goldiner, Bienen, als dem Symbole des Fleißes, durchwirkten Kaisermantels tragen. Den GallikaniSmuS, daS Unglück der Kirche und der Bour- bonen, webte er, verblendet durch seine Gewalt, hartnäckig in sein eigenes Verhängnis PiuS VII. fitzt (seit Mitte 1812) als Gefangener in Fontainebleau, und im Jänner 1313 will ihm Napoleon einen neuen Vertrag abtrotzen, er verlangt Bestätigung der von ihm ernannten Bischöfe. An der sittlichen Willenskraft des heiligen Oberhirten der Christenheit aber scheitert die gewaltige Faust der Willkür. Ein Jahr darnach ist die Herrschast deS Bezwingers zu Ende; und PiuS VII. hält seinen Einzug in Rom. Und immer docirten die KirchenrechtSlehrer in Deutschland das einge- MlMltl»^ MtikskynG klappte Drehorgelstück von der Herrschaft u>^ Anmaßung Roms — jedoch über das eiserne Richtscheit der fränkischen Gewalt schwiegen sie kläglich und klüglich, sprachen davon nur leiSlich, oder schwiegen ganz darüber weislich — so lange diese im Flore stand. ES kam das Jahr 1823. In Deutschland ist daS Leben der Kirche völlig lahm — nirgends regen sich die Glieder, der Torpor hat seinen Höhenpunct erreicht. Die Herren der Maschinenverwaltung sehen vergnüglich auf ihr Werk, die hierarchischen Mächte sind zerbrochen, das Episkopat, Universitäten und Seminare regen sich nur nach Decreten — die Aufklärung steht im Zenith ihres Triumphes. In Preußen wird die letzte Feile an das EpoS ver Kirchenverknechtung gelegt — die zwingenden Erlässe betreffs der gemischten Ehen beginnen auSzufliegen. In Frankreich ist das gallikanische Wesen wieder so fest hergestellt, als ob eS ein nothwendiges Attribut der Legitimität wäre, und diese ohne jenes daselbst gar nicht von Bestand seyn könnte. Und es kommt das Jahr 1833. Der Erzbischof von Köln, Graf Spiegel zum Desenberg, wird für die Maßnahmen der Regierung auf Kosten seines Gewissens und seiner Eide gewonnen. DaS Kabinet und seine Weisheit triumphiren, die kluge Politik hat gesiegt und die unangenehmen Störungen sind, weltlicher Ansicht nach, auf ewige Zeilen in Ordnung gebracht. Während dem hat in Frankreich sich der Bürgerkönig auf den Thron geschwungen, und hält dafür, der GallikaniSmuS sey die beste Garantie seines HerrscherthumS. Und es kommt daS Jahr 18T3. Wer hätte eö vor zehn Jahren geahnt, was für schreckliche Thatsachen die Kluft dieses Dezenniums ausfüllen werden? Die Hierarchie hat sich geregt, Deutschland war in Aufruhr, ein Staatsstreich ik eklatant mißlungen. ES mußten Concessionen gemacht werden, an die vor zehn Jahren keine Seele gedacht. Wie ist eS zu gewinnen, was ein unberechueter Augenblick verloren? Ein Löwe hat in Köln seine Mähnen geschüttelt und ist ausgestanden und hat gebrüllt — und wurde er auch sogleich in einen Käfig in Verschluß gebracht — seine Stimme — stürzte zu Berlin Actentische, Schreiber und Schreibhäuscr nieder — in wirrem Chaoö zeigte sich die Niederlage. Die Triumphbögen, welche sich Menschenwitz gebaut, krachten zusammen; und die Kirche wurde anerkannt als eine räthselhaste, geheimnißvolle Macht — ihr Wort aber so viel als möglich verhöhnt und aus ihre Forverungen, so viel als thunlich, kein Gewicht gelegt. In diesem Jahre hatten gewaltige Geister den Ausriß der Kirche in klarem Wort wieder vorgezeichnet, und der alie GörreS sagte damals zur (auch 1843) erschienenen Schrift über Staat und Kirche von Clemens August unter Anderm: „Eine Kirche über alle Welt verbreitet, so in ihrem Fortbaue auf alle Zeiten gewährt, kann dem Gutdünken einer vorübergehenden welllichen Macht nicht unterworfen seyn, »och auch daS Himmelreich auf Erden den Reichen Dieser Erde dienen; die Imperatoren Hütten sich sonst ihrer mit Recht erwehrt, vie Apostel und ihre Nachfolger aber ihnen als Rebellen gegenüber gestanden. — Darum kann der Episkopat nimmer eine Staatsbehörde seyn, denn die Vertreter welllich vergänglicher Interessen können nicht als die Zeugen Christi und die Bürgen ewiger Wahrheit gelten. (Hift. pol. Bl. 1843. S. 707.) Und es ist erschienen das J ahr 18S3. WaS für ein Reichthum von ungeahnten Erlebnissen auf dem Gebiete der Kirche seit zehln Jahren! Mag die Blödigkeit, die nicht weiter schaut als ihr beschränkter Gesichtskreis, immerhin meinen, es lasse mit einigen äußern Veränderungen herabgekommener Zustände in der Kirche sich AlleS im alten Geleise erhalten — die Geschichte geht doch ihren Weg! Jeder Verrath am heiligen Leben der Kirche wird jetzt mehr verachtet als je, jede Armseligkeit, welche sie feige verkaust, trägt jetzt ein tieferes Brandmal auf der Stirne als je — jedes kräftige Wort, jede opfermuthige That, jeder, der jetzt für die Kirche einsteht, wird von tausend und tausend Herzensstimmen begrüßt, und es herrscht in gewaltigen Geistern und sittlichen Charakteren mehr Freude an dem Aus blühen der Kirche als je — und darum verkünden wir (trotz allen Hindernissen) der 19 Kirche, wenn auch nach schweren Kämpfen, emc siegreiche Auferstehung - und ein glorreiches Dezennium! (W. Kirchenz.) Aus dem Brief einer oberfchlefkschen Barmherzigen Schwester aus Rio Janeiro. (Schles, K, Bl.) .... „Es war am 28. Juli, als wir noch zum letzten Male die Kirche der Lazaristc» in Paris besuchten, in welcher die Gebeine des heiligen Vincenz v. Paul ruhen, und hier zur Stärkung auf die Reise die heilige Communion empfingen. Gegen acht Uhr nahmen wir Abschied von unserm lieben Mutterhause und fuhren nach dem Buhnhofe, 40 an der Zahl, nämlich 33 Schwestern, 5 MissionSpriester »nd 2 MissionSbrüder, begleitet vom hochwürdigcn General-Vater, von der hochwürdigen General-Mutter, wie auch von mehrern andern Schwestern. Von da fuhren wir auf der Eisenbahn bis Havre, einer kleinen Stadt am Ufer deS-MeereS und kamen ddrt um zwei Uhr Nachmittags an, verblieben jedoch bei den dortigen Schwestern unseres Ordens durch zwei Tage. Am Tage vor der Abreise stiegen wir bereits zu Schiffe und ward auf demselben vom hochwürdigen General-Vater eine heilige Messe dargebracht, nach welcher derselbe eine Anrede an unS hielt, wobei er sich jener Worte bediente, welche einst der Heiland zu seinen Jüngern gesprochen: „Gehet auS in alle Welt und lehret die Völker." Erhaben und herzergreifend war dieser Augenblick; uumvglich war eS, sich der Thränen zu enthalten. Am folgenden Tage, Sonnabends den 1. August, nachdem wir schon eine Nacht auf dem Schiffe zugebracht, ward »och einmal vom hochwürdigen General-Vater daS heil. Meßopfer dargebracht und nochmals nach demselben zu uns gewendet, hielt er eine Ansprache, in welcher cr unS Vertrauen einflößte und unsern Muth stärkte; unterdessen aber löste sich auch schon immer mehr und mehr daS Schiff vom Ufer.--Wir näherten unS langsam dem Eingange inS Meer, und nun mußten sich alle jene, welche uns noch immer begleiteten, endlich trennen. Schmerzlich war da der Abschied, doch mit voller Ergebung in den göttlichen Willen. Nun trat daS Schiff inS Meer und wir stimmten den Lobgesang Mariens, daS „Magnificat" an. Hierauf gaben wir den am User Stehenden mit unsern Tüchern noch daS letzte Lebewohl zu verstehen, denn schon fingen sie an unsern Augen zu entschwinden und bald sahen wir nur Himmel und Wasser. DaS Wetter war heiter und günstig, blieb auch so drei Tage lang, dann aber erhob sich Wind, der immer stärker wurde und das Schiff stets heftiger schaukeln machte. Nljn ergriff unS auch bald Unwohlseyn und wurden wir bis auf zwei Schwestern von der Seekrankheit überwältigt, an. der wir durch einige Tage darniederlagen und dann nuS wieder einigermaaßen erholten. Doch der Sturm ließ nicht nach, vielmehr erhob er sich fort und fort, tobte von Tag zu Tag mehr, bis er endlich versagte, daS heilige Meßopfer, welches sonst täglich dargebracht wurde, zu verrichten und uns die heilige Commnnion, unsern größten Trost auf der Reise zu reichen. So dauerte daS stürmische Wetter durch vierzehn Tage und während dieser Zeit drohten öfterS furchtbare Wellen, die sich wie Berge aufthürmten und über unS zusammenschlugen, daS Schiff mit unS zu verschlingen. Nach dieser glücklich überstandenen Prüfung hatten wir noch lange Zeit hindurch Gegenwind, aber meist still und ruhig, so daß daS heilige Meßopfer wieder verrichtet und uns auch täglich die heilige Communion gereicht werden konnte. Welche Gnade! werdet Ihr ausrufen, täglich unsern Heiland empfangen zu können. — Ja wahrlich, groß ist dieses Glück! Ich werde wie betäubt, wenn ich bei mir all' die Gnaden und Wohlthaten, welche mir Gott zukommen ließ und läßt, erwäge. Während unserer Reise beschäftigten wir uns mit Nähen und Stricken, machten aber auch schon auf dem Schiffe den Ansang mit Ausübung von Werken «o christlicher Barmherzigkeit. Wir beschenkten nämlich zwei Schiffsknaben, von denen der eine mit Fütterung der Hühner, der andere in der Küche beschäftigt war, mit einem Anzüge, da dieselben sehr armselig bekleidet waren. Viel Vergnügen machten unS öfters die Fische, die wir bei stillem, heiterm Wetter zu Gesichte bekamen, und besonders der reiche Fischfang am Tage deS heiligen Bernhard. Sonst sahen wir nichts als Wasser und den Himmel mit seinen Leuchten oder Wolken, und an manchem Tage auch eine ähnliche Arche, wie die unsrige, auf dem Meere in der Ferne hinsegeln. An den Sonntagen wurde nach der zweiten heiligen Messe, während welcher gesungen wurde, an die Schiffsleute eine Rede gehalten, die bei den Meisten nicht fruchtlos blieb. Denn der größte Theil derselben ging in den letzten Tagen, als sich die Fahrt ihrem Ende nahte, zur heiligen Beicht und am letzten Sonntage zur heil. Eommunion. Auch der Sohn deS SchiffSkapitänS war unter ihnen. DaS Ziel unserer Reise sollte nun bald erreicht werden und wir harrten mit der größten Sehnsucht dem Augenblicke entgegen, wo wir wieder zum ersten Male Land erblicken sollten; doch verzögerte sich dieser Augenblick länger als wir glaubten, da wir bei der gegen Ende eingetretenen allzugroßen Windstille nur sehr langsam vorwärts kamen. Es war als sollte sich unsere Sehnsucht bis zum höchsten Grade steigern. Auf einmal hörte man rufen: Land! Land! und Ihr könnt Euch denken, welche Freude unter unS entstand. ES war am 25. September und merkwürdiger Weise, wir wir an einem der seligsten Jungfrau gewidmeten Tage, Sonnabends, von der östlichen Erde Abschied genommen hatten, so begrüßten wir auch an einem solchen Tage aus der Ferne die westliche Erde. Wir stimmten sofort das „Te Deum" an, um Gott dem Gütigen für die nun bald glücklich zurückgelegte Reise und seinen besondern Schutz auf derselben zu danken. Denn fürwahr, sichtlich hat unS der liebe Gott beschützt, da Niemand von uns Allen, die wir auf dem Schiffe waren, vom Tode hingerafft worden ist, sonst aber nach der Aussage deS SchiffSkapitänS gewöhnlich Mehrere am gelben Fieber sterben unv so in den Wellen des McereS ihr Grab finden. Sogar die Kinder einer auf dem Schiffe mitbefindltchen Familie, eins vier, das andere sechs Jahre alt, blieben verschont und gesund. Wir näherten unS nun immer mehr dem Lande; an die Küste selbst aber gelangten wir erst Sonntags Nachmittag um drei Uhr. In einiger Entfernung von derselben wurden durch ein Sprachrohr die Worte an unS gerichtet: „Wie viel seyd ihr?" und unser Kapitän gab die nöthige Antwort ebenfalls durch ein solches Rohr. Hierauf ward noch gefragt: Wie viel sind gestorben? worauf jedoch keine Antwort erfolgte. An der Küste angelangt mußten wir die Obrigkeit und den Arzt erwarten, damit nachgesehen würde, ob auch Alle gesund seyen. Als dieß vorüber war, stiegen wir endlich auS unserer Arche hinaus, in welcher wir beinahe zwei Monate unsere Wohnung hatten, und begaben unS in kleine Kähne, die von Negern gelenkt wurden und auf welchen wir noch ziemlich weit fahren mußten, ehe wir das Land oder eigentlich die Küstenstadt und Hauptstadt des brasilianischen Reiches, Rio de Janeiro, als das Ziel unserer Reise betreten konnten. Unmöglich kann ich Euch die Gefühle beschreiben, die ich empfand, als ich mich nun an jenem Orte erblickte, in welchem ich zu wirken berufen war. Unser erster Gang war in die Kirche, welche nicht weit entfernt lag. Die Straße dahin, denkt Euch, war mit Grünem bestreut und die Glocken hießen unS willkommen, gaben den Einwohnern das Zeichen unserer Ankunft zu verstehen. Bald war Alles voll von Menschen, die sich mit unS in die Kirche drängten, wo das „Te Deum" abgehalten und der Segen mit dem Hochwürdigsten ertheilt wurde. Von da gingen wir in das vorläufig für unS bereit gehaltene HauS, welches sich an die Kirche anschließt und sür Waisenkinder bestimmt ist. Mit der größten Freude erwarteten unS hier die Kinder und Lehrerinnen derselben. DaS Hospital, welches uns überwiesen werden sollte, schließt sich ebenfalls von »t der andern Seite an die Kirche an. Unter den dortigen Aranken befanden sich sehr viele Neger, deren cS am Orte überhaupt eine große Menge gibt. Der Glaube fast aller Einwohner ist der katholische; doch sollen sie sehr lau seyn, was Gott recht bald ändern wolle. ES gibt mehrere Kirchen daselbst, die aber nicht sehr besucht zu seyn scheinen. Auch die Neger find katholischen Glaubens, aber leider sehr verwahr, loSt. Jedoch die Freundlichkeit und Zuvorkommenheit derselben ist groß und find sie ganz glücklich, wenn sie Jemanden einen Dienst erweisen können. AIS wir landeten, mußten wir ihnen die Hand reichen zur Begrüßung. Ich habe diese Unglücklichen sehr lieb gewonnen. Betet nur auch für sie, auf daß wir hier recht viele Seelen für den Himmel gewinnen. Nicht weniger sind Eurem Gebete zu empfehlen die so vielen und sehr leidenden Kranken und Verlassenen. Wahrlich, eS gibt hier große» Elend, da in daS neue Gebäude, welches außer dem Hospitale, in dem wir uns befinden, noch eingerichtet wird und wohin ebenfalls Barmherzige Schwestern zur Pflege der Kranken verlangt werden, wegen Mangel an Raum nicht Alle aufgenommen werden können." Katholische Nächstenliebe. In Frankreich lebte ein Mann, dem die Wohlthätigkeit zur andern Natur geworden war. Er suchte die Unglücklichen mit eben dem Eifer auf, mit dem man Glücklichen entgegeneilt; und das Wenige, waS er besaß, war zugleich das Eigenthum deö Dürftigen. Ost reisete er bloß in der edeln Abficht, Menschen zu suchen, die seiner Hilfe bedürften. In Marseille fand er einst einen jungen Mann von 26 Jahren, der sich durch seine sanfte, rührende GestchtSbildung von den übrigen Galeerensklaven, deren Gesellschaft er vermehrte, gar sehr unterschied. „Mein Freund, Du weinst!" redete er ihn mit dem Tone deS innigsten Mitleides an; „ich kann Dir leider nur wenig Hilfe anbieten, aber dieß Wenige ist völlig Dein." „Ach, mein Herr, ich bedarf fein Geld, um mein jammervolles Leben durchzubringen; eS ist auch nicht mein Unterhalt, der mir am Herzen liegt!" Dabei strömten die Thränen des Unglücklichen reicher. Auf die Frage, ob denn Nichts zu seiner Erleichterung beizutragen sey, erwiderte der Arme: „O, mein Herr! Sie lindern mein Elend durch Ihr Mitleid, Sie find der Erste, der dieses bei meinem Jammer zeigt; Gott lohne Sie dasür!" Als der Unglückliche um die Ursache seines besondern Kummers weiter gefragt wurde, erzählte er, daß er der Sohn eines Pächters, eines braven ManneS sey, und sich vor längerer Zeit verleiten ließ, in einem fremden Gebiete zu jagen, wobei er daS Unglück gehabt habe, einen Menschen, der diese Jagd nicht gestatten wollte, beinahe zu tödten; man habe ihn, den Thäter, inS Gefängniß gebracht und bald darauf sey er zu sechsjähriger Galeerenarbeit verurtheilt worden. Seinen Vater habe der Schmerz bei dieser Nachricht getödtet; sein kleines Vermögen sey bei den Versuchen, ihn von der schmählichen Strafe zu befreien, zu Grunde gegangen und so auch sein Weib mit den Kindern in daS tiefste Elend gestürzt, und vor Mangel und Kummer dem Tode nähergebracht worden. In zwei Jahren erst sey die Strafzeit zu Ende; was sollte bis dahin mit den Seinen geschehen?! „Ach," schloß der Arme mit bittern Thränen, „wie wollte ich arbeiten, wenn ich bei Ihnen wäre!" „Du hast gefehlt," sagte der Mann bewegt, aber Du bist wahrlich unglücklich. Jetzt ist aber nicht der Augenblick, von dem Fehler zu reden, von dem ich glaube, daß Du ihn bereut hast; waS ist in Deiner jetzigen Lage wohl zu thun? Wenn sich Jemand anböte, Deine Ketten zu übernehmen, würde man Dir die Freiheit schenken?" »Gewiß, mein Herr," erwiderte der Gefangene; „aber wo auf der ganzen Erde fände sich ein Mensch, der sich freiwillig' solchem Elende unterziehen würde, alle Schätze der Welt —" s» Der Reisende ließ den Unglücklichen nicht ausreden, eilte zu dem Officier, dem die Aufsicht über die Galeerensklaven anvertraut war, verlangte, daß dem jungen Manne die Ketten abgenommen und ihm angelegt würden, um die »och übrigen zwei Jahre der Straft abzutragen. Der Officier erstaunte unv machte dem Manne Vorstellungen; dieser aber Ucß seine Gründe nicht gelten, denn „die Ehre der Menschen sey ihm gering gegen seines eigenen Herzens Urtheil vor Gott; der junge Mann müsse für sein Weib unv seine drei Kinder sorgen." Der Galeerensklave konnte sein Glück nicht fassen, er wollte diese unaussprechliche Wohlthat nicht annehmen. Der edle Mann ließ ihm aber die Ketten ablöse», ohne sein Weigern anzuhören; ja er versicherte ihn, daß diese ihm leicht erscheinen werden; er solle nur eile», seine Familie noch zu rechter Zeit zu retten. Dieser merkwürdige Mann blieb wirklich mit der größten Geduld auf den Galeeren, suchte sich zu verbergen, um von denen, die ihn sehen und kennen wollten, nicht gefunden zu werden; dabei brachte er den Tag mit der Erfüllung seiner müh' seligen Verrichtungen zu. Er war der Lehrer des Mitleivs, der Selbstverläugnung, der Wohlthätigkeit; der Trost, die Stütze, der Vater der Galeerensklaven, und brachte deren viele zur Reue und Tugend zurück. Und wer war dieses Muster so großer, christlicher Nächstenliebe? Ein Geistlicher, ohne Ahnen, ohne GlückSgüter, der keine Ehrenstelle bekleidete, und dem die Welt, und Frankreich insbesondere, so viele nützliche und bewunderungswürdige Anstalten verdankt. — Er stiftete das große Finvelhaus in Paris, die Gesellschaft der barmherzigen Schwestern, das Hospital (Mätel «je visu), worin Kranke aller Nationen aufgenommen werden. Diesem großen Manne haben Arme und Kranke ohne Unterschied der Religion die wesentlichste Unterstützung, die je die Menschenliebe erfand, bis auf den heutigen Tag zu verdanken. Er war der Erhalter von fast zehntausend Seelen jährlich. Wie hieß aber der edle, von wahrer Nächstenliebe beseelte Mann, der zwei Jahre die Galccrenkctte trug, um einen Gatten seiner Gattin, einen Vater seinen Kindern wieder zu geben? ES war der große Vinccnz dc Paul! Als man bei dem Papste Benedict XIV. um die Heiligsprechung dieses ManncS anhielt, fragte er, ob selber Wunder gethan hätte? Man antwortete auf seine Frage mit der Geschichte von dem Galeerensklaven, da rief der heilige Vater aus: „krißgn- lur ilii sltaria!" — „Man bane ihm Altäre!" (Oesterr. Volköfr.) « > - / >-> > ' ' ^ . „zttt tSvq,Y,M>« wmmuk M-HqH «u MiidütHnU n/'M ^ Die Mission in Seligenftadt. Vom 19. December 1852 bis zum 2. Januar 1853 wurde iu Seligenstadt durch die Väter der Gesellschaft Jesu, die Herren PP. Roh, Daun und Allct eine Mission abgehalten, welche an Großartigkeit der Betheiligung wohl mir noch von GerlachSheim, wo 24,000 Menschen versammelt waren, übertreffen, also eine der größten in ganz Deutschland seyn wird. Darum erlaube man eine kurze Besprechung dieses wichtigen Ereignisses. Seligenstadt, ehemals geschmückt mit einer berühmten Benedictinerabtei und darum noch voll von katholischen Traditionen, ist so ganz der Boden, wo eine Mission, ohne erst große Hindernisse und Borurtheile überwinden zu müssen, in aller Gemüthlichkeit ihren göttlichen Samen ausstreuen konnte. Fremde Elemente habe» bei der fast ganz katholischen Bevölkerung, — wenn eS auch hie und da Jemanden !.^i. gefallen seyn sollte, daS Licht der eigenen Ausklärung leuchten zu lassen, — nie Anklang gefunden und stets wird dieß ein eitles Beginnen bleiben. Wenn aber daS katholische Bewußtseyn in Etwas erschüttert gewesen seyn sollte, — wahrlich in der Mission ist es allseitig wiederum gekräftigt worden. Die MissionSvorträge ließen nichts zu wünschen übrig. P. Roh, allbekannt LZ durch die Gründlichkeit, womit er die Hauptfragen unserer heiligen Religion zu besprechen weiß, hat sich auch hier als Meister ausgezeichnet. P. Dann hat besonders in seinen Standeslehren die Gabe des SpecialisirenS bewahrt, und durch seine anziehenden, der lebendigen Wirklichkeit entnommenen Gleichnisse tiefen Eindruck auf die Zuhörer gemacht; namentlich wußte er die Jugend zu heiliger Entschiedenheit zu begeistern. Klar unv eindringlich hat endlich der jüngste der Missionäre, P. All et, seine Vorträge abgehandelt; dieß nicht minder als der ergreifende Eindruck seiner frommen Persönlichkeit hat ihn zum Liebling veS Volkes gemacht. Auch unser hochwürdigster Herr Bischof konnte eS nicht»unterlassen, seine in Mainz so nothwendige Anwesenheit aufzugeben, und zu Anfang der zweiten Woche auf ein paar Tage hier« her zu kommen; wir wissen eS, daß ihn dieses ein großes Opfer gekostet hat, weil er dem hundertjährigen Stiftungsfeste des englischen Fräulein-'Institutes in Mainz nicht beiwohnen konnte; Seligenstadt hat also den Sieg über sein Herz davongetragen. Wir werden eS zu schätzen wissen und den begeisterten MissionSvortrag, den er über daö Reich Christi uns gehalten hat, nie vergessen. Bei dem Eifer der Missionäre und der Empfänglichkeit unseres Volkes in Stadt und Umgegend ist eö darum auch gar nicht zu verwundern, wenn bei der Predigt die große, herrliche Kirche jedesmal gefüllt war, und man sich so massenweise zum Empfang der heiligen Sacramente drängte, daß zwanzig Beichtväter nicht hingereicht hätten, Alle zu befriedigen; in der letzten Woche war dieß rein unmöglich, weil der Andrang mit jedem Tage wuchs. Gelegentlich nur einen Zug schöner Opferwilligkeit. Ei? verlangten Leute, die des Nachts aus entfernter Heimath zur Mission aufgebrochen waren, als sie endlich Abends um sechs Uhr ihre Beichte abgelegt hatten, die heilige Communion, natürlich noch nüchtern. An den Sonn- und Feiertagen, deren glücklicher Weise fünf in die MissionSzeit hineinfielen, war der Zuzug der auswärtigen Processionen so stark, daß schon am zweiten WeihnachtStage die Predigt im Freien gehalten werden mußte. Dicht an der Kirche ist ein herrlicher Platz, geschmückt mit einem mächtigen Crucifir und dem Auge die Aussicht auf den nahen Main und die Berge des jenseitigen Freigerichtes darbietend. Dieser an 300 Quadratklafter große Flächenraum war damals schon mehr als zur Hälfte mit einer enggeschlossenen Menschenmenge gefüllt. Bei der gestrigen Schlußpredlgt aber war kein freies Plätzchen mehr darauf zu finden, und in der Menge selbst große Gefahr erdrückt zn werden. Man kann also wohl über fünfzehntausend Menschen annehmen, denen übrigens insgesammt der Prediger sich vernehmlich zu machen wußte. Es wird wohl selten vorfallen, daß am L.Januar eine derartige Versammlung im Freien gehalten werden konnte. Begeistert erhob darum P. Roh die Stimme zum Abschiedsworte. Viele von seinen Zuhörern waren wohl heute zum erste» Male gekommen; ihnen also wollte er möglichst nützlich seyn. Er gab vorerst einen kurzen Ueberblick über die Missionspredigten, wobei er nicht umhin konnte, den Versammelten seine Anerkennung für ihre eifrige Theilnahme auSzusprechen. „Ihr habet unS herzlich müde gemacht, sprach er, und wir danken euch dafür. Für unS ist jetzt die Mission zu Ende, aber für euch hat sie erst angefangen." Dann wandte er sich zu den anwesenden Kindern und schärfte ihnen ein Liebe und Achtung gegen die Eltern; die Jünglinge und Jungfrauen forderte er auf zur Herzensreinigkeit, die Eltern zum käuSlichen Frieden und gegenseitiger Achtung so wie zur Vermeidung des schmählichen Fluchens. Ganz besonders blieb aber die Jugend der Gegenstand seiner Fürsorge. Er konnte nicht umhin, sie noch einmal vor dem Laster der Unlauterkeit zu warnen und zu zeigen, wie im Gefolge desselben der Mangel an Brod und die Untauglich- keit zur Kindererziehung ein erbärmliches Geschlecht großgezogen haben. „Man hat, sprach er, die Klöster aufgehoben und die Idee der Jungfräulichkeit fallen lassen; und nun hat man Bettler genug, um mit ihnen Amerika unv Australien zu überschütten. Wird man bald einmal einsehen, wie unendlich menschenfreundlich die alte katholische Lehre ist?" — „ES ist in keinem Andern Heil als im Namen Jesu." Auf das Wiedersehen vor seinem göttlichen Throne hinweisend, nahm er von der tiefgerührten 24 Versammlung Abschied mit dem allkatholischen Gruße: „Gelobt sey JesuS Christus!" der auS Aller Mund entgegnet würde mit einem herzlichen: „In alle Ewigkett." Aber nun hätte ich alle lauen Katholiken, besonders alle Jene, die sich mit Missionen und Jesuiten noch immer nicht recht befreunden können, herbeigewünscht, damit wieder einmal Wärme in ihr Herz käme nnd feurige Liebe zu ihrem Glauben. Denn wahrlich, eS bot sich jetzt ein Schauspiel dar, wobei kein Auge ohne Thränen bleiben konnte. AuS dem Munde der vielen Tausende erhob sich der schöne Lobgesang: „Großer Gott, wir loben Dich!" Er stieg auf zum Himmel, um noch einmal den Bund mit Gott zu bestätigen; er wälzte sich hin in die gegenüberliegenden Berge, um den Heimgebliebenen den Gruß anzukündigen, das Lebewohl, daS der Missionär den Anwesenden für sie aufgetragen hatte. Gerade von dorther auS dem bayerischen Freigericht war ja täglich so großer Zuzug gekommen, und zum letzte» Male halte man sich heute In vereinigter Procession eingefunden, begleitet mit Musik uud geführt von dem seeleneifrigen, hochgeschätzten Caplan von Kahl, der die ganze Mission über uns redlich auSgeholfen und unsere Mühen mit den bayerischen Katholiken ehrlich hat tragen helfen. Und nicht bloß daS Land hatte sein Contingent täglich zur Mission gestellt, auch auS dem nahen Aschaffenburg waren zahlreiche Zuhörer besonders auS den höhern Ständen und der Geistlichkeil gekommen, und hatten sich wochenlang, um nur die Mission mitmachen zu können, aufgehalten. Ihre Sehnsucht nach einer eigenen Mission soll bald gestillt werden, denn wie wir hören, stehen auf den nächsten Monat Missionen der Jesuiten in Würz bürg und Aschaffenburg bevor. Es wird dann mit nur kurzen Unterbrechungen am ganzen Mainstrome von Bamberg bis hinunter nach Mainz der alte katholische Glaube sich erneuern und erstarken. Besseres können wir auch unsern Mitbrüdern nicht wünschen, als eine Mission, Schöneres den Bätern der Gesellschaft Jesu nicht nachrufen als ein herzliches: ^.ä mulw8 armos! Roch viele Jahre erhalte sie der liebe Gott und stärke sie in ihrem heiligen, eben so tröst- als mühevollen Berufe. (M. I.) Zum konfessionellen Frieden. Ein westfälisches Blatt sagt beim Schlüsse des Jahreö 1852 unter Andern,: „Betrübte Gedanken erfüllen die Seele, wenn man an Alles zurückdenkt, waS bisher die katholische Kirche von ihren Gegnern hat erleiden müssen. Die Verfügungen unserer Regierung in Betreff der katholischen Missionen und der Jesuiten, die Herzens- ergießungen der Protestanten auf den Versammlungen zu Wiesbaden und zu Bremen, die Gewaltthätigkeiten gegen die Katholiken in Mecklenburg, und das zärtliche Mitleiden gegen Mann und Frau Madiai iu Florenz sind lauter Dinge, die wie Wind aussehen, und eine SturmeSernte befürchten lassen. ES liegt unS Katholiken bei der Erinnerung an all' diese Vorkommnisse sehr nahe, zu glauben, daß wir auf Gerechtigkeit und Billigkeit für unsere Kirche ^bei den Protestanten wenig zu rechnen haben, daß sogar eine wirkliche Verfolgung der Kirche nicht zu den Unmöglichkeiten gehöre. Aber eS kann auch noch ganz-umgekehrt kommen. Diese heftige Erbitterung gegen alles Katholische, welche wir seither wahrgenommen, kann möglicher Weise noch ganz inS Gegentheil umschlagen, wenn wir Katholiken eS verstehen, die gegenwärtigen Prüfungen zu unserer eigenen Läuterung zu benutzen. Bis jetzt haben wir unS gehütet, Zorn mit Zorn, Beleidigung mit Beleidigung, BöseS mit Bösem zu vergelten, und wir können schon sehen, daß wir unS dabei nicht schlecht stehen. Ein Feuerbrand, mag er noch so hell flammen, löscht doch zuletzt auS, wenn man ihn allein bei Seite liegen läßt, legt man dagegen noch einen andern Feuerbrand hinzu, dann verzehren sich beide in gemeinsamer Flamme. Wir wollen den protestantischen Feuerbrand brennen lassen, und u»ö höchstens wehren, daß er nicht unser eigenes Dach ergreift, dann wird mit GolteS Hilfe schon Friede werden." Veraatwortlicher Redacteur: L. Schöncheu, VerlagS-Jnhaber: F. E. Krem er. Dreizehnter - Jahrgang. Sonntags-Beiblatt v üjl^lli IllpIIN-) !UI !l>j ')-j!sj'I>l7^!ilI>> ^lssltt/t. ZIZ .^II^s->>. 1>I IIiM ^liüi^nial ...^ ,u»i ,.»i.z ,q -^j... i«r Augsburger Postzeitnng. - W'MioM. .üutt möi.jn^ ^^!^^»^!!.^ -.gim, chou ^«U ,»tm^ »i,^ 23. Januar M"-- ^t. 1853. II»kl?) .:' ->i . '/'üs.li ?n-, l.'jNs^I Nj'.' lliu zchji.t. Ut I. ^ .'-ülllltt --^- Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonuements>ncis 4tt kr., wofür e« durch alle köm'gl. bayer. Postämter und alle Buchhandlung« bezogen werden kaun. Einige Züge katholischen HauSvraucheS, wie sie sich vorzugsweise noch aus dem Lande vorfinden. Aus einer im Wiener Central-Severinusvcrcin von Cooperator Hrn. Chr. Schüller gehaltene» (und im Oest. V.-Fr. abgedruckten) Rede. Gott ist unser Urbild, wir sind seine Ebenbilder. Wir finden darum Gott zunächst in der Einrichtung unseres Geistes; kund wird er u»S aber auch aus seinen sichtbaren Werken. Die Welt ist sein Spiegelbild; in ihr schauen wir seine uner- schaffene Macht, Weisheit und Güte. Gott ist aber in Jesu/ Christus in seiner Erbarmung Mensch geworden, und hat uns in der mit sich vereinigten Menschen- Natur leibhaftig gezeigt, was Ebenbildlichkeil Gottes sey. Als Mensch ist unS JesuS Christus ein unübertreffliches Musterbild geworden zur Nachbildung deS Ebenbildes GotteS. Eine zweite Schöpfung setzle Er auf den Grund der ersten, und diese Schöpfung ist die Erlösung. DaS Werk der Erlösung wird fortgesetzt in der Kirche; in ihr finden wir Christus. Wie aber die sichtbare Schöpfung Spiegelbild Gottes ist, und wir in ihr GotteS Macht, Weisheit und Güte schauen, so ist die Kirche, diese Schöpfung Christi, in ihrer äußern. Erscheinung Spiegelung Christi, sie ist für unS Musterbild, dem wir unS nachbilden sollen. Die Kirche mit all ihrem Leben ist auch, ohne daß matt viel darüber nachdachte, Bildnerin deS gesammten Lebens geworden. Stillwirkend hat sie das ganze häusliche, bürgerliche und öffentliche Leben ergriffen und umgeschaffen in ihrem Geiste. DaS äußere Leben ist früher in all seinen Erscheinungen als ein kirchliches aufgetreten. Ein Beispiel hievon haben die v. V. G. an den Handwerke» und Zünften gehabt; auch der alte germanische Kaiserstaat war in seinen Einrichtungen und Grundgesetzen eine Schöpfung deS lebendigen, bildenden kirchlichen Geistes. Doch nicht den berührten Puncten wollen wir unsere Aufmerksamkeit zuwenden, sondern einem andern. ES ist gewiß, daß der größte Theil des Lebens im Kreise deS HauseS, der Familie sich abwickelt. WaS mußte darum das Hauö für einen Typus an sich tragen, wenn eS als ein christliches erscheinen sollte? Den der Kirche; diese ist Musterbild, jenes ist Nachbild. So war eS auch, als der christliche Geist die Völker und in ihnen die Familie ergriffen hatte; nicht als ob die Kirche selbst bis ins kleinste Detail überall werkthätig ordnend eingeschritten wäre, nein, dieß machte sich wie von selbst, man konnte nicht anders. Ich führe Sie darum ein in daS Wohnzimmer einer christlichen Familie; darin wollen wir den TypuS der Kirche schauen, wie er sich wie von selbst durchgebildet hat. Ich will eine ländliche katholische Wohnung nehmen; nicht als ob eS in der Stadt keine gäbe, die den kirchlichen Typus an sich trüge; sondern deßwegen, weil uns dort Alles mehr gemüthlich entgegenkommt; weil man dort das Ursprüngliche .st»Mh-r(l»»T.2?,w(!5k.s'»M länger erhalten hat, um eS zu ehren, und weil ich, selbst in einer solchen aufgewachsen, darin mehr daheim bin. Wenn ich Ihnen heute einige Züge katholischen HauSbrauchcS vor Augen führe, will ich für dieses Genre die LandschaftSmalerei wählen, weil die Natur, wie Eie wissen, unübertrefflich ist; und bringen wir in sie entsprechende Nachbilder Christi als handelnde Personen, so wird sie dann zum wahren Lebensbilde. In einer katholischen Landwohnung finden Sie ein ächtes Nachbild der Kirche. Der Hauplplatz ist dem HauSaltare eingeräumt. Der Gekreuzigte, seine hochgebene- deite Mutter und noch einige Heiligenbilder machen denselben aus. Der Altartisch ist der Hauölisch, auf dem gegessen wird im Angesichte Gottes, der ganz gewiß wehmüthiger herunterschaucu würde an dem Tage, an welchem nicht gebetet und gedankt würde. Ueber dem Tische und vor dem Hanptbilde hängt eine Lampe, die zu Ehren der lieben Frau, der Vorsteherin und Schützerin deS HauseS, wenigstens am Samstage angezündet wird, und zu deren Verherrlichung an diesem Tage zu den sonst üblichen Abendgebeten noch die lanretanische Litanei, der Inbegriff alles LobeS auf Maria, hinzutritt. Können wir uns eine freundlichere Nachbildung der Kirche denken? Ich übergehe einige andere Züge dieser Nachbildung der Kirche im Hause, namentlich das Apostolat der Mutter; dieses ist Ihnen schon geschildert worden, wie sie dem kleinen Sprößling, vor diesem HauSaltare, den HimmelSvater, die liebe Frau und Jesum Christum mit heilig erhobener Rechten weiset und selbe ihn kennen lehrt. Ich will vor der Hand nicht sagen, was das für ein Buch ist, das alte, schwarze, welches besonders am Sonntage auf dem Tische liegt; wir werden es schon noch kennen lernen, weil wir heute noch ein Capitel daraus vorlese» werden. — Eine Menge Lebensbilder sind darin ausgezeichnet; wenn auch aus der alten Schule, dennoch lieb und anziehend, weil die Pietät sie zeichnete. Nur zur Thüre will ich Sie führen. Da ist der Gnadenbrunnen deS Hauses, der Weihbrunnen, und auch dessen Quelle, Jesus der Gekreuzigte. Wir leben ja nur durch die Gnade unseres Herrn; von Ihm kommt daS Wollen und Vollbringen, ohne Ihn gedeiht Nichts. Der Katholik konnte nicht anders, er mußte auch hier seine Kirche nachbilden. Hat das Haus keine Sacra- mente, so hat es doch seine SacramenlaUen. — Diese SegenSquelle des Hauses spielt eine große Rolle. Ich will nicht anführen, daß jedes Werk und jeder Tag mit einem demüthigen und vcrtrauungSvollen: „In Gotteö Namen!" von da seinen Lauf beginnt und daß es, weil mit Gott angefangen, mit wunderbarer Kraft und Zähigkeit fortgesetzt, wenn auch nicht immer gleich zu Ende geführt wird. Ich will nicht erwähnen, wie nach dem gemeinschaftlichen Abendgebete hier zuerst die Diener deS HauseS, dann die Kinder, dann der Vater und endlich die Mutter — denn diese kann nicht früher zur Rühe gehen, bis sie nicht das ganze HauS in Ordnung weiß — sich für die Nacht und vorbildlich für den Tod einsegnen, daö Kreuz küssen, und mit einem „Gelobt sey JesuS Christus!" sich entfernen. Ich meine nur, daß eS uns da mild anwehe, auch wenn eS Winter wäre. Auch dessen will ich nicht gedenken, wie hier der Vater und der Pathe, obwohl mit rauher Hand, doch mit zartem Her- zen dem neuen Sprößlinge eine Art Begierdtaufe ertheilten, bevor sie ihn zur Kirche trugen, mitten im Winter, und wie derselbe den katholischen Glaubenssatz von der Erdsünde, wenn auch nicht mit dem Verstände, so doch dnrch die Empfindung inne werden mußte, weil die Natur ob dem Fluche feindselig uns gegenüber tritt. Von allem Dem will ich nichts erzählen. Aber eine andere Gruppe will ich Ihnen vorführen vor diesem häuslichen Gnadenquell. — Das Kostüm ist festtäglich, wie eS nur immer seyn kann, und wie der Tag eS fordert. Im Vordergrunde sehen Sie eine, nebst ihrem sonstigen Schmucke, in Sittsamkeit und Ernst gekleidete Jungfrau; sie ist die Tochter deS HauseS. Ein Kranz hat bedeutsam die zierliche Haarflechte noch schöner gemacht; Rosenkranz und Gebetbuch heilige,, die Hände, und Rosmarin ist daS Feldzeichen. Dieser Meeresthau — er dx,,,^ auf einen ernsten, gnadenbedürftigen Gang. Aller Antlitze, diese Dolmetscher d„ Seele Mgen von Z7 gefühlSschwangern Herzen. ES sind der Gefühle manche, sie ringe» nach Ordnung; und ich weiß nicht, welches derselben ich zum Chorführer der übrige» machen soll. Sie sehen einen Brautzug vor dem häuslichen Scgensauell, und da wird eS einleuchtend, wie die Gefühle »ach Gestaltung ringen, und daß ich die Bewegung auS ganz natürlichen Gründen in meinem Gemälde nicht firiren kann. Auch sind Sie gewiß nachsichtig, wenn ich auf die Staffage einige Farben zu verschwende» scheine. Ist eS ja der schönste Tag im LebenSfrühliiigc, wenigstens der feierlichste und inhaltsschwerste. ES vergißt ja auch die Natur im Frühlinge nicht, ihr letztes Blümlein inS Licht zu stelle», um ganz schö» z» seyn für ihren Bräutigam; und selbst der jungfräuliche Jünger Johannes sah das himmlische Jerusalem von, Himmel herabsteigen, geschmückt wie eine Braut, die für ihren Bräutigam geziert ist, und hier handelt eS sich um jene geheimnißvolle Verbinvung zur Auferbauung der Gemeinde der Heiligen, auS denen das himmlische Jerusalem bestehen wird. Meinen Sie nicht, meine LebenSblumen ständen nicht im verklärenden Lichte und mein LandsckastSbild entbehre der Weihe. Wie i» der Ehe sich ZarteS mit dem Ernsten paart, so feierte auch da, wie eS Auge und Miene sagt, lichte Freude und weicher Ernst auf Aller Antlitz ihre Vermählung. Still wird eS, »ur mehr der Gedanke schifft hin und her, und stellt seinen Mast hinauf zu Gott. DaS Haus feiert einen hauSpriesterlichen Act, dem auch die Kirche mit ihrem geweihten Priesterthiim, das Anrecht nickt streitig machen will. Die Jungfrau bricht inS Knie, und ihre stumme Bitte geht um den elterlichen Segen. Unter diesen nur will die reifgewordcue Jugend die Filiale stellen und daS Mutterhaus sie pflanzen. Da bleibt gewöhnlich kein Auge thränenleer, am wenigsten daS der Braut. — Auch die FnchlingSkinder sind nicht ohne Thaupcrlen, in denen sich die Sonne spiegelt. Diese Perlen aber sind ächte Waare, die auS des christlichen Gemüthes Tiefe der heilige Geist selbst zum Brautschmucke sendet. Ich glaube, wenn Hand und Herz zum Segen sich erhebt, daß da auch die Engel des Himmels vergnügt darein schauen, und, den Finger über den Mund erhoben, sich an diesem Schauspiele freuen; daß sie das süße Opfer deS Herzens auffangen, um eS dem Herrn darzubringen. Ich glaube, daß der Bater im Himmcl Ja und Amen sagt, wenn der Blick eines andern Engels frägt, ob er die Schaalc deS SegcnS vollends auSgießen soll, so wie auch Christus, der sich daS Institut der Ehe geheiligt hat znr Erbauung der Gemeinde der Heiligen, und der heilige Geist, der geheimnißvoll im Herzen wirkt. Wie die Maut in Demuth sich neigte, so steht sie auch in Demuth aus; sie merkt nicht einmal, daß die in. Höhern vergessene Hand den Blumenschmuck zerknitterte, und küßt die Hand, die sie segnete, und den Mund, der sie segnete. Hier das Sakramentale deS Hauses bei seinem SegenSbrunnen, hier daS Nachbild nach der Kirche Musterbild, hier ein Stück katholischen HausbraucheS! — Ich meine, darin möge seine Erklärung finden daS Sprichwort: „Ehen werden im Himmel geschlossen!" und daS andere: „Eine weinende Braut, ein lachendes Weib!" Gefällt Ihnen wohl diese Scenerie? Ich glaube, daß sie jedenfalls schöner sey, als eine Theatervorstellung; sie hat wenigstens den Vorzug der Natürlichkeit, Wirklichkeil, Weihe und Nachhaltigkeit. Was von Christus kommt, was sein heiliger Geist verklärt, daS ist immer schön; und dieß alles wirkt niemand Anderer, als derselbe heilige Geist, der auch die Hände der Patriarchen beim Segen führte, und der auch in die alte Schrift zeichnete da6 Wort: „Des VaterS Segen erbaut das HauS der Kinder." Hat näm- lich daS Stammhaus die Wahrheit anerkannt: Die Familie ist ein Heiligthum GotteS! und hat eS dieß im Segen verbildlicht, so kann daS nicht ohne Wirkung bleiben. ES geht vielmehr TypuS und Geist der Stammfamilie über auf die Filiale, und auch diese entwickelt sich" dann zu einer kleinen Gemeinde der Heiligen, und dieß heiße ich dann: „Des VaterS Segen erbaut daS HauS der Kinder." In die Zeichnung irgend eines Gegenstückes will ich mich nicht einlassen; ich habe auch keine Lust dazu. Dieses Stück katholischen HausbraucheS aber habe ich vor Ihre Augen geführt, weil eS noch eine Zierde vieler Familien ist, besonders aus dem Lande, weil dort S8 christliche Eltern diese schöne Silte dcS SegnenS sich nicht nehmen lassen; sie segnen die Kinder, wenn sie in die Fremde ziehen, sie segnen den Sohn, wenn er in die Studien geht, sie segnen ihn auch noch, wenn er das erste Mal das heiligste Opfer mit geweihten Händen dem Allerhöchsten darbringt, obgleich sie von ihm den Segen zu empfangen haben. Sie scheinen dadurch am besten anzudeuten, wie daS Priester- lhum sich deS GebeteS der Gläubigen ununterbrochen erfreuen sollte, damit der Segen desselben um so reichlicher wieder auf sie zurückströmen möchte. AIS wir für Se. Eminenz den vielverehrten Cardinal Freihcrrn v. Diepenbrock zu einem Bittgottesdienste in der St. PeterSkirche unS vereinigten, gab eS unter den Anwesenden auch solche, die nicht der heilige Geist hineingeführt hatte. Ich hörte nämlich Einen sagen: „Lauter Ceremonie! lauter Ceremonie!" Mir fiel ein daS Wort deS Herrn: I'lcm omnes egpiunt kov verbum, «ölZ czuibus clstum est. „Nicht Alle fassen oieß Wort, sondern nur diejenigen, denen eS gegeben ist." Diese Leute würden auch zu unserm Stück katholischen HauSbraucheö sagen: Lauter Ceremonie! Und wenn sie es auch in ihren Wohnungen aufführen, kann auch unter den Geladenen Einer seyn, der sich denkt: Lanter Ceremonie! Wir aber behaupten, Geist und Leben sey nicht bloß im Bilde dargestellt, sondern auch in der Wirklichkeit noch vorhanden, wie ich ja auch der Wirklichkeit mein Bild entnommen habe. Ich will darum nur noch sagen, wie eS den Personen in unserm Bilde gegeben ist, dem todten Körper der Ceremonie den belebenden Geist einzuhanchen. Wir lassen indeß unsern Brautzug in die Kirche gehen, dorthin wollen wir ihn nicht begleiten, weil wir ja nur vom häuslichen Leben sprechen, DaS nur will ich vom Kirchengange sagen, daß dieß heilige Sacrament am besten unter dem Segen der heiligen Messe, in welcher alle sacramentale Gnade wurzelt, auSgespendet wird; daS ist Kirchenbranch, der zum HauSbrauche wird in der katholischen Familie, jedenfalls schöner und entsprechender, als der in der Stadt eingcrissenc Gebrauch der Abend- Trauungen, die, weil sie gar so wenig SegenS-Ceremonie für sich haben, bei vielen nur mehr den Anstrich deS Erscheinens in einer Kanzlei haben, welches man am Ende bei Gelegenheit auch durch Andere in einer wirklichen Kanzlei abthun könnte. Doch, ich habe ja versprochen, sie mit der Scenerie einer Theaterhochzeit zu verschonen. Im lebendigen Geiste der Kirche, der auch auS der Ceremonie weht, ist die Familie herangewachsen; derselbe hat alles gesegnet, geweiht und geheiligt, Kindheil und Jugend, Herren, Gatten und Eltern. Die Kindheit, die geweihte, hat man gelehrt an der Kindheit Jesu. Jenes alte Buch nämlich auf dem Tisch ist daS Lebe» Jesu und der Heiligen. Sie glaube» aber gar nicht, wie zart da Alles geschrieben ist, wenn daS Buch auS alter Zeit herrührt. DaS Gemüch ist tief und weich auch bei rauhen Menschen, wenn er nur Religion hat. Der sanftmüthige Jesuö weiß Alles sanft zu machen. Nehmen Sie den Menschen nur da beim Gemüthe, und Sie haben ihn schon gewonnen. Ich weiß mich noch recht gut zu erinnern, wie gemüthlich und heilig erfreut wir den Christabend feierten, wenn unS auch kein Christbaum mit reichen Geschenken cntgegcnprangte und flimmerte. Mit einigen Trauben, Aepfeln und Nüssen waren wir zufrieden; aber wir lasen hernach vor auS dem alten theuern Hausbuche, von der gnadenreichen Geburt Jesu Christi; vom zarten Knäblein auf Stroh gebettet; wie es wunderbar geboren ward, dieß Wunder der Welt; wie eS seine jungfräuliche Mutter zuerst angebetet; wie der Himmel Ihm ein gar schönes Wiegenlied gesungen; wie die Natur über dieß Wunder sich verwundert; wie sie, fühlend die gekommene Erlösung, das Ende bald zum Anfange gemacht, und zum Paradies geworden wäre; wie nämlich dieselbe Nacht, obwohl im Winter, so lieblich wurde wie der Frühling, daß die Bäume um Bethlehem blühten und Früchte brachten; wie Trauben im Thalc Engadi reiften in dieser einen Nacht; wie ein Oelbrun- nen in der Erde entstand, und ich weiß nicht wohin floß; wie die Vöglein so schön und lieblich sangen, die Heerden fröhlich durcheinander liefen, wie ein Götzenbild zu Rom auf die Erde fiel, und der böse Geist daraus heulte, daß nun seine Mackt gebrochen sey u. s. w. « S9 Das war doch mehr als ein Christbaum; das waren Aepfel aus dem Paradiese, und Christus der Baum deS LebenS, den Gott in daS neue Paradies, in die seligste Jungfrau gepflanzt, und dem wir sie abpflückten. — So, glaube ich, lernen Kinder vom göttlichen Kinde Kinder seyn, und so wird die Kindheit geheiligt, so hat zarter Sinn und innige Liebe, die nimmer ganz schwindet, im Hause seine Nahrung gesunden. Wenn uns aber jetzt so Jemand von den Nüchternen gehört hätte! Der würde uns schelten, daß wir Märchen daS Wort reden; und auftreten könnte cr »och dazu gründlich gegen unS; denn von allem Dem steht kein einziges Wort in der heiligt Schrift. Aber mein Freund, wenn dieß wirklich nicht geschehen ist, hätte eS denn nicht geschehen können? Ist eS nicht dem Ereignisse, der Jvee der Erlösung, und in Folge dessen dem menschlichen Gefühle ganz angemessen? Sind diese Umstände nicht die zartesten poetischen Blüthen der kindlichsten Pietät, gestreut um die Krippe Jesu? Wer sollte jener und der heiligen Freude eS wehren, solche Blüthen aufschießen zu lassen, poetisch zart zu werden, da ja Gott Mensch geworden, um unS Menschenkinder heimzusuchen in den Stricken AdamS, in den Banden der Liebe? Da ist eS schon am Platze, gcfühlig zu werden, wie Kinder, ohne sich zn schämen; denn leider ist die Welt in der Affectation falscher Gefühle und Empfindcleien so weit gekommen, daß sie nicht mehr recht weiß, was Gefühl ist, und daß, um mit Mathias Claudius zu reden, ein ehrlicher Kerl fast sich schämen muß, gerührt zu seyn. Bald wäre eS so weit gekommen, daß die Fluth der fabriksmäßig betriebenen und ans Leidenschaften speculireuden Roman- und Theater-Literatur daS Herz fast ganz verwaschen hätte, wäre eS nicht so unergründlich tief, und hätte nicht Derjenige, welcher dem Slnrmc und dem Meere gebietet, und Der im ruhigen Spiegel deS Herzens sein Abbilv schauen will, sich nicht die Macht bewahrt, den Teufel, der aus Sturm spcculirl, um im Trüben zu fischen, auSzutreiben, und daS Gefühl wieder zu wecken für die anbetungswürdigen Geheimnisse der Erlösung, und für daS Leben deS WeltcrlöserS, in welchem alles Lebe» der Menschheit, im Großen wie im Kleinen, vorgespiegelt ist. Sie wissen ja, woher die Wunden der Gesellschaft sind. Sie sind ja zum Theile aufgebrochene Eiterbeulen von genossenen schlechten Speisen. — Sie wissen, wo die BilduugSschule der modernen Menschheit ist; Sie wissen, daß wir kein christliches Theater haben, und noch weniger ein solches, wo ein katholischer Geist durch die Charaktere weht; Sie wissen, wie die besten Stücke nicht viel nutz sind, wollen wir, wie wir sollen, ihren sittlichen Gehalt in Betracht ziehen. Sie wissen, wie viele Affenlarven, nach dort sich modellirend, durchg Leben gehen, wie bei jeder Kleinigkeit der Blick unnatürlich und lügenhaft in Thränen schwimmt, nimmer aber daS Herz weich wird, wenn der Engel des Himmels den Abgrund der Frendc meldet, wie Derjenige, welcher Erd' und Himmel schuf, aus Liebe zu uns ward ein kleines süßeS Kind. (Schluß folgt.) Die heilige»» Orte. Mit Strömen Blutes und später auch mit Geld hat die katholische Welt die heiligen Orte als ihr Eigenthum erworben; eine eigene Wehmuth, weil gemischt mit der tiefsten Entrüstung, ergreift das Herz eincS jeden wahren Katholiken, wenn er sieht, wie Fremde, die kein Recht auf diese heiligen Orte haben, nun kommen, um daS Wohlerworbene der katholischen Welt streitig zu machen, Stück für Stück davon sich aneignen und nicht undeutlich die Absicht durchblicken lassen, sie am Ende gänz> lich aus dem Besitz zu verdrängen. AIS daS christliche Reich in Palästina sich seinem Untergange zuneigte, wurden vom heiligen FranciScuS von Assissi, der eine Pilgerfahrt nach dem heiligen Lande unternommen hatte, Glieder seines Ordens als Wächter der heiligen Orte bestellt. 30 Bei der Eroberung von Jerusalem durch die Sarazenen, so wie bei derjenigen von PtolomäuS, wurden alle OrdenSglieder von diesen ermordet. Allein neue strömten auS Europa herbei, um die Märtyrerkrone sich zu verdienen; die Türken, welche sie als eine Art Derwische ansahen, und Zeugen ihrer Frömmigkeit, Sanftmuth und Armuth waren, ließen sie allmälig gewähren, überließen ihnen sogar eine Wohnung auf dem Berge Sion und einen Play beim heiligen Grabe. König Robert von Sicilien und seine Frau Sancha kauften, um die heiligen Orte gegen die Muselmänner zu schützen, diese dem Sultan von Egypten um eine große Summe ab; ihre Bewachung wurde durch Bulle vom 2l. November 1342 vom Papst Clemens V. den FranciScanern übertragen. Die Königin Sancha ließ auf dem Berge Sion ein Kloster bauen, welches daS Cönaculum einschloß und setzte für zwölf Religiösen und drei Laienbrüder eine Dotation auS. Allein der türkische Fanatismus gestattete ihnen keincn ruhigen Besitz; im Jahre 139 l wurden alle Ordensglieder von den Türken massakrirt; auch später wiederholten sich solche Gräuelscenen an einzelnen oder mehreren der Wächter der heiligen Orte. Im Jahre 1561 wurden sie gänzlich vom Berge Sion vertrieben; doch jagte man sie nicht auS der Stadt; eS gelang ihnen sogar, daS Kloster und die Kirche deS heiligen Erlösers mit schwerem Gelde von den Türken zu kaufen. Die GlaubenSfpaltuug in Europa brachte die heiligen Orte in einem großen Theile des Abendlandes beinahe in Vergessenheit; die treuen Wächter aber, verlassen von aller Welt, verließen darum daS ihnen anvertraute Heiligthum nicht; sie sammelten die zerstreuten Gläubigen im Lande, errichteten Klöster, Spitäler und Schulen, und übten Gastfreundschaft gegen die vielen meistens armen Pilger, welche daS heilige Land besuchten. Die Türken ließen sie nach und nach in Ruhe; nun kamen aber andere Feinde, die bald gefährlicher als alle anderen zu werden drohten, die verschiedenen christlichen Secten, welche ihnen ihren rechtmäßigen Besitz streitig machten und bei der bestechlichen türkischen Regierung durch Gold leicht ihr Unrecht in sogenanntes Recht zu verwandeln vermochten. «Die guten Mönche wehrten sich, so gut sie konnten, allein verlassen von Europa blieb ihnen nichts als die Berufung auf ihr gutes Recht, die aber gewöhnlich vor dem Klang des GoldeS den Kürzern zog. So ist cS gekommen, daß nicht mehr die Hälfte der Heiligthümer im Besitze der Katholiken ist und daß sie Gefahr laufen, alle sammt und sonders zu verlieren, wenn nicht die katholischen Mächte Europas dazwischen treten. Gegenwärtig sinv die FranciScaner in Jerusalem nur noch im Besitz der Capelle der Geiselung, einiger Heiligthümer in der Kirche des heiligen Grabes und der kleinen Kirche zum heiligen Erlöser. Die übrigen gehören theils ausschließlich den Griechen und Armeniern, theils sind sie diesen und den Katholiken gemeinsam. Kein Mittel, auch nicht daS schlechteste, wird von den Griechen unversucht gelassen, um die Katholiken zu verdrängen. Wir wollen hier zwei Thatsachen auS den Mittheilungen unseres Reisenden erwähnen. Der Ort, wo daS heilige Kreuz aufgerichtet wurde, gehört den Griechen; allein die Katholiken haben daS Recht zu religiösen Functionen daselbst. EineS TageS bei einer feierlichen Procession war von den Griechen der ganze Boden daselbst und auch der Ort, wo daS heil. Kreuz stand, mit einem rothen Teppiche bedeckt worden. Die FranciScaner, wohl wissend, daß, wenn man dieses ohne Einspruch geschehen lasse, daraus in kurzer Zeit ein Recht des ausschließlichen Besitzes werde gefolgert werden, verlangten vom anwesenden griechischen Popen Entfernung deS Teppichs und, als dieser sich weigerte, schickten sie sich an, selbst den Teppich wegzunehmen. Jetzt aber fielen die Griechen mit Dolchen über die Proceffion her, und eS entspann sich ein blutiger Kampf in den geheiligten Räumen. Mehmet-Pascha, damals Pascha von Jerusalem, der dieses unserm Reisenden auf seiner Rückkehr selbst erzählte, stellte sich nachher selbst in die Nähe des Altars und hob mit dem Säbel den Teppich weg. Ei» anderes Factum ist Folgendes: Seit einiger Zeit suchte» die Griechen sowohl an dem heiligen Grabe, als an der darüber gewölbten Kuppel einige Veränderungen anzubringen. Die FranciScaner, wohl wissend, daß dieses nur in der Ab- 3l ficht geschehe, um dadurch für die Zukunft einen neuen RcchtStitel zum alleinigen Besitz zu begründen, widersetzten sich diesem Vorhaben. Um sie nun zum Nachgeben zu zwingen, beschädigten die Griechen die Bedachung der Kuppel; der Erzähler war selbst Augenzeuge, wie von ihnen Bleiplatten von der Bedachung abgerissen wurden. ES gereicht Frankreich, welches seit Jahrhunderten eine Art Protectorat der heiligen Orte ausgeübt hat, zur Ehre, daß eS sich seiner Pflichten in der neuesten Zeit wieder erinnerte, obwohl leider, wie eS scheint, keine Hoffnung vorhanden ist, daß die Katholiken zu ihrem vollen Rechte kommen werden. Es wäre Pflicht der katholischen Mächte, vereint und »lit Ernst Schritte zur Erlangung des guten Rechtes bei der nur zu sehr vom russischen Einflüsse bestimmten Pforte zu thun. Ist ja in der neuesten Zeit noch ein neuer Feind hinzugekommen, welcher allerdings keinen An« spruch auf die Heiligthümer macht, sondern seinen Tempel auf den Fundamenten der Burg deö HerodeS, des Schlächters der unschuldigen Kinder, aufgeführt hat, der aber auf eine andere, wohl noch schlimmere Art, durch Ausstreuung von Verdächtigungen gegen die katholische Kirche und durch Entstellung ihrer Lehren, die katholische Mission am heiligen Grabe und in Palästina angreift. Wir meinen das von England und Preußen neu gegründete protestantische BiSthum. Mgr, MiSlin widmete der Würdigung der MissionSthätigkeit des gegenwärtigen protestantischen Bischofs, Herrn Gobat, ein ganzes Capitel, und führt »ach Verdienst hiebet eine scharfe Feder. Die Aussichten auf Erfolg sind allerdings für den Protestantismus, der 300 Jahre lang vergessen hatte, daß eS ein heiliges Land und heilige Orte gibt, und nun erst, wo er in seiner vollen Auflösung begriffen ist, aus der HerodeSburg in Jerusalem sich breit zu machen sucht, nicht glänzend; allein eS ist immerhin ein neuer Feind und die Kräfte der verlassenen guten FranciScaner sind ohnehin so schwach. Dieser Erzählung der äußern Bedrängnisse der katholischen Mission im heiligen Lande wollen wir noch eine solche über ihren innern Zustand anfügen. Die Mission des heiligen Landes umfaßt Palästina, Syrien, Cypern und Egvpten; sie zählt 23 Klöster und Hospitien mit 102 Priestern und 67 Laienbrüdern, mit 16 Pfarreien, 10 Schulen, 694 Schülern und mit 12,122 Katholiken. — DaS Kloster zum heiligen Erlöser in Jerusalem zählt allein 28 Priester und 32 Laienbrüder, wobei die 10 bis 12 Priester nicht gerechnet sind, welche abwechselnd Jahr auS Jahr ein zur Bewachung des heiligen Grabes in der Kirche desselben eingeschlossen sind. An der Spitze der Mission steht gegenwärtig ein Patriarch, welcher vom heiligen Stuhle im Jahre 1847 zur Unterstützung der so sehr angefeindeten und so macht- und schutzlosen Mönche nach Jerusalem geschickt wurde. ES ist über alle Maaßen demüthigend für die so große katholische Welt, auS dem Werke unseres PilgerS zu vernehmen, daß dieser zum Schutze der Rechte des heiligen Grabes abgesandte Kirchenfürst, Mgr. Valerga, so zu sagen in Armuth, nur von einer geringen Unterstützung der Propaganda lebt, daß er keine Wohnung, keinen Klerus, keine eigene Kirche, kein Seminarium hat, während die Griechen und Armenier herrliche Kirchen, die Muselmänner prachtvolle Moscheen, die Juden mehrere Synagogen, selbst der melchi- tische Patriarch nnd der protestantische Bischof eigene Kirchen besitzen. DaS Land selbst vermag nichio zur Bestreitung der großen Auslagen der Mission für Unterhalt der Priester, der Pilger, der Schulkinder — denn mit der geistigen müssen die Mönche den Kindern auch leibliche Nahrung reichen, um sie dadurch eher zum Schulbesuche anzulocken — beizutrage»; die Katholiken sind größtentheilS im ganzen Umfange der Mission sehr arm und eher unterstützungsbedürftig als unter« stützungsfähig. Zu diesen jährlichen Auslagen kommen dann noch von Zeit zu Zeit willkürliche von Seiten der türkischen Regierung auserlegte Contributionen. Ehemals mußte das Kloster von Jerusalem alkin dem dortige» Pascha eine jährliche Kontribution von circa 31,000 Franken bezahlen. In letzterer Zeit haben die Paschas diese Kontribution herabgesetzt, dafür aber treten nun die reichen Griechen mit Forderungen für Rechte auf, die sie nie gehabt, sondern nur usurpirt hatten. twN Die christliche Welt setzte einstmals für die heiligen Orte Gut und Blut ein: s k !?»«tty«L »gor«vk ' 2 '.«?AU^P-in?!»!?!- Änij Nn5M)siinF mZ».'g w»!»ltb!?!»4 cknn Christliche Lesefrüchte und Betrachtungen eines Laien. .iw?'tt'i.jn,ik!i 7« <5nu 'üWoMchWz.)>,. ,ui '»s.'.M KZ iM« »» uuu^.'-' bk(T — .nMik'li> tz-i 5>MK ;gu<):A. m»?, ijk'Z , «s»q^,n?z? Wir wissen daß für unS der Winter nur durch eine veränderte Stellung der Erde zur Sonne, nur durch eine Aenderung an ihrer Laufbahn entsteht; eS ist dieselbe Erde, fähig, die schönsten Blumen und Blüthen, die herrlichsten Früchte hervorzubringen; eS ist dieselbe Sonne, der Quell von Licht und Wärme, sähig, überall Leben, Fröhlichkeit und Gedeihen hervorzurufen: allein eine kleine Veränderung der Laufbahn, der Stellung zur Sonne, welche Umwandlung bringt sie hervor, — wie ist nun Alles öde, kahl, erstarrt, düster, unfruchtbar! Sieh, o Mensch! darin «in Bild deines Verhältnisses zu Gott! Er ist immer derselbe, in Dir ruhen alle Anlagen, ein Engel zu werden, oder ein verworfener Geist; auf dem rechten Weg zu Gott, Äuf der richtigen Laufbahn nach Seinem Willen wird deine Seele reich werden an guten Früchten für die Ewigkeit, geschmückt mit himmlischer Schönheit; wie du aber allmälig abweichest von dieser Bahn, so eilst du unaufhaltsam dem Reich der Sünde, deS geistigen Todes zu; deine Seele wird verfinstert, kalt, unfruchtbar werden — unfähig, Früchte für die Ewigkeit hervorzubringen; sie wird erstarrt und todt seyn, Während Alles, waö auf der rechten Bahn geblieben ist, blüht, gedeiht und lieblich ist vor Gott und den Menschen! Verantwortlicher Redacteur: L> Schönchen, Verlag«-Zuhaber: F. E> Kremer. Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PojtMung. ' !>iU°.s> tkü ^«»r'iT SAi )t'i>I' ur/ U?I'^^ 30. Januar 1853. Diese« Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abouuementspre!« 4V kr., wofür e« durch alle köm'gl. bayer. Postämter nud alle Bochhaudlouge» bezogen werden kann. Eine Blume der Erinnerung auf daS Grab Sr. Eminenz des Fürstbischofs und CardinalS Melchior von Diepenbrock. Wo ist das.sterblich Auge, das tieferhellt Die Wege schaute, welche sich Gott erwählt? „Wie weit der Himmel von der Erde Sind die Gedanke» des Herrn uns ferne." Zum Staub geneiget, betet das gläub'ge Herz Heut auch den hehren Rathschluß des Ew'gen an, Indeß mit stiller Thränen Wehmuth Es Dich, Geschiedenen! heiß beweinet. Dich, Fürst der Kirche, der, wie in gold'nem Schein Weithin ein Panncr über das Kampffeld weht, Geleuchtet durch die deutschen Marken Bis an die Hügel der ew'gc» Roma! Dort schon als Deutschland, brechend des Franken Joch, Der tapfern Söhne edelsten Heerbann rief; Da zogst auch Du, der Besten Vorbild, . Kühn in den Streit noch ein zarter Jüngling. Als dann dem Manne, Dir mit dem Hirtenstab Des Glaubens Schild vertrauend die Kirche gab; Da standst — ein Gottesheld im Streite — Mächtig Du, selbst von dem Feind bewundert! Und führtest rastlos, ritterlich treuer Hort! Für Ehristi Braut des stammenden Wortes Schwert, Zumal wenn je der Lügen Rotte Fernher das Haupt zu erheben wagte. Doch zu der Stärke eintest auch Liebe Du, Lieb', wie aus Jesu Herz sie Johannes trank, Ja, was aus Glaub' und Lieb' erblühet, Liebend Du sammeltest uns zum Strauße. ktkiftftls!l!^ ^^!ttk^?^k^?Ä Du, Sailers Jünger! wie durch der Zeiten Strom Den Namen Sailers dankbar die Nachwelt wahrt: Des großen Schülers Name glänzet Mit in dem Ruhme des großen Meisters, Wir aber klagen, — sieh mit uns Kindern klagt Er selbst der hohe Vater der Christenheit —, Der in dem Purpur den geliebten Sohn an die Seite des Throns sich stellte. Nun ruhst vom Streite; den amarant'nen Kranz Des Sieges reichet treue Dein Heiland Dir O trock'ne Deiner Waisen Kirche Thränen durch dein Gebet — Verklärter! Regensburg, 24. Jan. 1853. I. B. TafrathShofer. Pater Antontewiez. (Schles. K. Bl.) Der ausgezeichnete Man», dessen Verlust nicht bloß der Orden der Gesellschaft Jesu tief zu beklagen hat, der schmerzlich empfunden wird von Allen, die jemals Gelegenheit halten, nie interessante und erquickende Bekanntschaft dieses nickt gewöhnliche» PrieKerS zu machen, würde verdienen in unserm Blatte ein Denkmal der Liebe zu erhalten, auch wenn er nicht in dem letzten Jahre seines LebenS durch seine apostolische Thätigkeit in den polnischen Missionen Oberschlesiens in besondere, heilige Beziehung zu unserm Lande getreten wäre und in den Herzen von Tausenden ein segensreiches Andenken hinterlassen hätte. Nm so mehr ist es unsere Pflicht, diesen Kranz der Erinnerung, den auf unsere Bitte eine liebende, hochachtbare Hand gewunden hat, auf dem Grabe d'es selig Eulschlafenen niederzulegen, dessen die Welt nicht werth war, und den deßhalb der Herr, welcher der irdischen Wirksamkeit auch der Besten nicht bedarf, so frühzeitig zu sich genommen. Pater Carl BorromäuS Antoniewicz wurde 1807 zu Skwarzew in Galizien geboren, und stammte aus einer reichen, adelichen armenischen Familie, in welcher die liefste Religiosität herrschte. Nachdem er frühzeitig seinen Vater verloren, wendete die Mutter ihre ganze Sorgfalt auf seine Erziehung. Er sprach nie ohne die größte Rührung von seiner Mutter. „Ich liebte sie mehr als daS Leben," sagte er, denn ich verdankte ihr mehr als daS sterbliche Leben; sie lehrte mich jenes Leben deS Glaubens, der Hoffnung und der Liebe kennen, ohne welches unser Erdcndasevn nur eine Kette von Widersprüchen, ein Kampf ohne Sieg, ein Leiden ohne Verdienst wäre." Unter Ueberwachung eines solchen MutterherzenS vollendete er seine Studien auf dem Gymnasium zu Leopol und trat darauf mit 23 Jahren in den Militärdienst ein. Der unglückliche AuSgang des polnischen Krieges 1331 führte ihn inS Privatleben zurück. 1823 heiralhete er seine Cousine Sophie Nilkarowicz, gleich ausgezeichnet durch Schönheit wie durch Frömmigkeit. Es war dieß eine wahrhaft christliche Ehe! Die heilige Liebe dieses edlen Paares kannte keine Gränzen; im Besitz eines großen Reichthums, verwendete es denselben gänzlich im Dienste des Nächsten. Richt allein ihr Geld, auch ihre Zeit und ihre Sorge brachten sie der Armuth und dem Elend zum Opfer; ihr Schloß wurde zum Hospital, in welchem sie dem Herrn in seinen dürftigsten Brüdern dienten. Zu der Freude, die ihnen zu Th'eil ward, gesellte sich aber auch daS Leid. Fünf Kinder wurden, in kurzen Zwischenräumeu, zu Grabe getragen. Am Tode des letzten KindeS glaubten sie zu erkennen, daß der Wille GotteS sie zu einem noch vollkommnere» Leben berufe und sie beschlossen, sich zu trennen und den Rest deS Lebens dem Dienste GotteS zu weihe». Die 24jährige 35 Gemahlin bat um Ausnahme bei den Schwestern dcö heiligen Vincenz von Paul. Sie erkrankte vor ihrer Aufnahme, legte auf ihrem Sterbebette die Gelübde ab und ward im Ordenskleide begraben. Nachdem seine Mutter in das Kloster der Benedic« tinerinnen zu Leopol sich zurückgezogen, wo sie heiligmäßig ihr Leben schloß, ordnete Antoniewicz seine Angelegenheiten, vertheilte seine Güter, entzog sich der Trauer und den Thränen seiner zahlreichen Dienerschaft nnd trat in die Gesellschaft Jesu, in welcher er aus Demuth nnr Laienbruder seyn wollte. Seine Obern erkannten aber die Talente dieser so edlen und demüthigen Seele und trafen andere Bestimmung. Man verkürzte sogar die Zeit seines Noviziats', um seiner alten Mutter noch die Freude zu bereiten, den priefterlichen Segen ihres SohueS zu empfange». Der Herr hatte eS anders beschlossen; sie starb kurz vor seiner Weihe. Im Jahre 1844 begann Pater Carl seine apostolische Laufbahn. AIS im Jahre 1846 Galizien der Schauplatz schrecklicher Verwüstung wurde und das Blut in Strömen floß, und cntsesseltc, rachgierige Mörderbanden überall Opfer suchten, erhob sich in dem Gräucl eine Stimme, die Einheit gebot. Gliever der Gesellschaft Jesu, an ihrer Spitze Pater Antoniewicz, traten unter die Mörder, sprachen zu ihnen von dem ewigen Richter, von ihren Verbrechen und von der Bnße. Anfangs ist die Stimmung nicht günstig; man bedroht, man insultirt die Friedensboten; niemand will ihnen einen Zufluchtsort, ein Stück Brod geben. Sie ziehen sich in die Wälder zurück, und Pater Antoniewicz wirft sich in einer verödeten Capclle zum Gebet nieder. Bald sammeln sich die Kinder der nächsten Dörfer um ihn; er unterrichtet sie. Nach und nach sammeln sich immer größere Massen; man hört mit Stillschweigen sein Wort, das zugleich so mild und so erschütternd, und allgemach erwacht das Gewissen, nnd dieß irregeführte und gemißbrauchte Volk stürzt mit Reucthränen zu den Füßen des Priesters nieder und flehet zu ihm um Versöhnung mit Gott. — Ein volles Jahr durchwandert er Stätte und Dörfer und sein Wort bändigt die Leidenschaften, und die Rede führt die Ruhe und den Frieden in die Seelen zurück. Vom Morgen bis in die Nacht sind die Beichtstühle belagert. — AIS 1848 die Jesuiten vertrieben wurden, folgt Pater Antoniewicz seinen Brüdern in die Verbannung. Er herbcrgt zuerst in Krakau, predigt, hört Beichte, tröstet und hilft wo und wie er kann und daS Volk bängt mit inniger Liebe an ihm. Die Regierung, beunruhigt durch seinen Einfluß, verweist ihn deS Landes. Auf den Wunsch des Fürstbischofs von Breslau hält er 1851 mit seinen Brüdern Missionen in Oberschlcsien, ruft ihn der Crzbischof von Posen zu gleichem Zweck mit seinen unermüdlichen Brüdern nach dem Großhcrzogthum. Sie wollen eben am vierten Orte die Mission beginnen, als die Cholera hindernd entgegen tritt. Beim Anblick dieser schrecklichen Seuche nimmt vie Liebe dieser apostolischen Männer einen neuen Aufschwung. Tag und Nacht weilen sie an den Lagerstätten der Sterbenden und gönnen sich nicht Rast noch Ruhe; sie sind überall, wo die Epidemie am heftigsten wüthet und die Liebe GotteS und des Nächsten verdoppelt ihre Kräfte. Innerhalb zehn Tagen hatte Pater Antoniewicz, von einem Laienbruder unterstützt, mehr denn 200 Cholcrakrankc zum Tode vorbereite!. — Endlich scheint die Krankheit nachzulassen und Pater Antoniewicz begibt sich zur Ordnung einiger An- gelegenheiten nach Krakau, wird aber, kaum angelangt, auS der Stadr gewicscu. Tief ergriffen durch diese neue Ungerechtigkeit, aber seinen Verfolgern von Herzen verzeihend, und Gott dankend für das neue Kreuz, kehrt er nach dem Großherzog, thum zurück, um daS Kloster Obra in Besitz zu nehmen, daS der Erzbischos dem Orden zugewiesen. Am 5. November kam er an, beschäftigte sich mit Anordnungen, machte am 6. den OrtSbehörden seinen Besuch, predigte am 7. und hörte Beichte. Am 8. November bemerken seine Brüder, daß er selbst sehr leidend und bewegen ihn, daS Bett zu ') Bevor Pater Antoniewicz nach Obra ging, weilte er nach mehreren früheren Anwesenheiten da« letzte Mal einige Tage in Brcslan, Auf öfteres Andringen, doch noch einige Zeit hier z» bleiben , erwiderte er: Nein, nein; man hat mir geschrieben, daß die Cholera wieder stärker auftrete; ich muß bald hin. 3« hüten; am Abend desselben TagcS zeigen sich die Symptome der Krankheit. Pater Antoniewicz hatte oft von seinem nahen Tode gesprochen, cr sehnte sich nach der Auflösung; als er gewahrte, daß die Cholera ihn ergriffen, zweifelte er nicht mehr, daß seine letzte Stunde gekommen. Er redete seine um ihn versammelten Brüder an: „Meine lieben Brüder, ich werde sterben. Seit den vier Jahren der Verbannung haben wir mit einander gearbeitet, sind durch so viele und so verschiedene Orte gewandert. Ich flehte immer zu Gott um die Gnade, in einem Hause des OrdenS, in Mitte meiner Brüder zu sterben. Und sehet! kaum habe ich die Schwelle dieses Hauses überschritten, kaum wir uns hier durch Gottes unendliche Barmherzigkeit versammelt, da ruft mich der Herr, der Tod nahet. Uebergebct mich in meinem OrdenSkleive der Erde." Darauf verlangt er, mit seinem Beichtvater allein zu bleiben. Nach der Beichte versammelten sich seine Brüder wieder um ihn, und er sprach längere Zeit zu ihnen, gab ihnen Belehrung und Rath. Alsdann nahm er seinen treuen Begleiter, fein einziges Kleinod — sein MissionSkreuz in seine Hände, bedeckte eS mit Küssen undsprach: „Ich müßte den Tod fürchten, aber, o mein JesuS, du bist so gut, daß mich die Furcht nicht anwandeln will." Nach einer Pause sprach er von Neuem: „Mein Gott! du gibst mir armen, elenden Sünder einen so sanften Tod in einem Kloster; ich erkranke, und sieh! so viele Brüder bei mir, und daS arme Volk muß so ganz verlassen sterben," und Thränen des Dankes für sich und Thränen deS Mitleids für daS Volk, daö er so sehr liebte, rollten über seine Wangen. — Dieß war daS letzte Mal, daß er vor seinem Tode sprach, da er die Thränen seiner Brüder gewahrte und ihren tiefen Schmerz nicht vermehren wollte. Unter den heftigsten Schmerzen vernahm man keine Klage aus seinem Munde; ruhig, sanft und von engelgleicher Heiterkeit, suchte cr die Freude in alle Herzen zurückzuführen. Am dritten Tage seiner Krankheit erklärte der Arzt, daß ihm kein Mittel mehr zu Gebote stehe, und er fügte bei: „daS Leben, welches wir noch wahrnehmen, liegt nicht mehr in den Kräfte» des Körpers, eS ist nur Seclcnthätigkeit; noch nie ist mir eine solche Geisteskraft vorgekommen." Nach und nach versenkte sich diese große Seele in ihren Gott. Er bewahrte seine Geistesgegenwart bis zum letzten Augenblicke und wiederholte am öftesten die Worte der Schrift: „Jesu! du Sohn Davids, erbarme dich meiner." Am 14. November, einem Sonntage, an welchem daS Fest deS heiligen StaniSlauS KoSkä gefeiert wird, empfing er früh Morgens die heilige Communion; die letzte Oelung war ihm bereits früher ertheilt worden. An diesem Tage konnte er nicht mehr sprechen; seine letzten Worte waren: „Jesu! Sohn Davids, erbarme dich meiner." Gegen 5'/z Uhr Nachmittags, als seine um daS Bett knicenden Brüder laut beteten: „JesuS, Maria, Joseph, in eure Hände empfehle ich meine Seele," machte er eine letzte Anstrengung, diese heiligen Namen auSzusprechen, und seine Seele kehrte zu ihrem Schöpfer zurück. Sein entseelter Körper bewahrte den Ausdruck der Ruhe und Milde, der ihm stetS eigen gewesen; mit dem OrdcnSkleidc angethan ward er in einem Saale deS Klosters ausgestellt und am 17. November in der Gruft der Kirche beigesetzt. Nur wenige Personen konnten bei dem Begräbnis; gegenwärtig seyn, da damals die Krankheit überaus heftig wüthete. — Lujus me- moris in tioneclietione ori't! Herr! gib ihm die ewige Ruhe und daS ewige Licht leuchte ihm! 5) Bekehrung eines protestantischen Bischofs. New-York. Bevor dieser Brief zu Ihnen gelangt, wird daS katholische Europa ohne Zweifel schon erfahren haben, daß der protestantische Bischof von Nord- Carolina in den Vereinigten Staaten Dr. JvcS, der augenblicklich sich schon in Rom befinden muß, seinen Irrthum in die Hände unsers heil. Vaters abgeschworen ') Die von dein Verstorbenen im Jahre t85t abgehaltenen Missionen sind unter dein Titel: „Missionserinnerungcn", aus dem Polnischen von A. Schwarzmann übersetzt, bei G, P, Aderholz in Bre«lau erschienen. 37 hat. Dr. JveS ist schon seit dem Oktober katholisch, der Erzbischof von New- York hat ihn in den Schooß der katholischen Kirche aufgenommen; aber der ehrwürdige Bekehrte wollte seine Wiedervereinigung mit der Kirche geheim gehalten wissen, um dem heiligen Vater die Tröstung zu bereiten, ihn öffentlich in die Zahl seiner Kinder aufzunehmen. Bevor 0r. Jves sich »ach Europa einschiffte, setzte er seine Abschwörung und sein neues Glaubensbekenntnis? schriftlich auf und ließ dieses Schriftstück dem Erz« bischof von New-York zurück, damit letzterer dasselbe veröffentliche, wett» dem Reisenden während seiner Ueberfahrt etwa ein Uuglück zustoßen sollte. Die schriftliche Erklärung sollte zum Beweise diene», daß der ehemalige protestantische Bischof sich in seinem Vaterlande seiner vollen geistigen Freiheit erfreut habe, indem er sich zu dem wichtigen Schritte deS GlaubenSwechselS entschloß, um seinem Gewissen de» Frieden zu geben. Die protestantische Welt wird nicht verfehle», um te» Einfluß eines für sie so harten Schlages zu vermeiden, die Behauptungen ausznsteUen, Dr. JveS sey krank, zu Rom von den Verführungen des päpstlichen Hofes umgarnt und von dem Glänze deS katholischen Kultus geblendet. Aber ei» Blick auf die Zeit, welche seiner Bekehrung voranging, macht diese treulosen Verdächtigungen zn nichte, und außerdem ist die Verzichtleistung auf eine sehr einträgliche Pfründe der schlagendste Beweis von der reine» Aufrichtigkeit u»d Unabhängigkeil deS neuen Katholiken. ES ist sonderbar, daß »r. JveS zur Stunde noch als der rechtmäßige protestantische Bischof von Nord-Carolina gelten muß. Seit der vorgeblichen Reformation im löten Jahrhundert ist Dr. JveS der einzige und erste prolestantiscke Bischos, der während seiner Amtsverwallung zur alten Wahrheit zurückkehrte. Die protestantischen Bischöse Amerikas haben noch keine Maaßregel» gelroffe», um die Stelle dessen wieder zu besetzen, der ihre Gemeinschaft verlassen. Sie hoffen immer noch, daß das Gerücht von seiner Bekehrung sich als unbegründet erweisen werde, denn schon mehrere Male war es, aber zu früh, in,den Vereinigten Staaten verbreitet gewesen. Dr. JveS ist fünfzig Jahre alt und genoß in seiner Gemeinschasl einer sehr großen Achtung, die ihm sowohl durch seine tiefen theologischen Kenntnisse, als auch durch seinen musterhaften sittlichen Wandel verschafft wurde. Er war das Haupt der puscyistische» Partei i» Nordamerika, und als solches seit zehn Jahren unablässig bemüht, die Gläubigen der anglikanische» Kirche den Lehren und Gebräuchen der katholischen Kirche näher zu bringen. Er hatte eine Art von Kloster gegründet, welches er „Thal deö Kreuzes" nannte unv bereitete dort junge Männer für den geistlichen Stand; er empfahl diesen insbesondere die Beicht und den «Zölibat. Dieses Seminar wurde eine wahre Pflanzschule katholischer Priester; mehrere Jünglinge deS I)r. JveS sind bereits zur Kirche zurückgekehrt, andere bereite» sich schon zum Empfang der heiligen Weihe». Daraus kau» man ermessen, welchen Einfluß auf vie Bewohner jenes Klosters ver Entschluß seines hochherzigen Gründers hervorbringen wird. Als vr. JveS noch Protestant und Bischof war, beichtete «r regelmäßig jeden Monat und sein Beichtvater war Dr. ForbeS, der seitdem auch schon katholischer Priester geworden ist. Vo» ihm habe ich Jhne» geschrieben im Juni, bei Gelegenheit der Einweihung der St. Annenkirche zu New-York, dieses ehemaligen protestantischen Tempels, den die Katholiken gekauft haben, und dessen Geistlichkeit ausschließlich aus bekehrten anglikanischen Geistlichen besteht. So vielfache Neuerungen mußten nothwendig die preSbyterianische Partei der Anglikaner in Aufregung bringen. Im Mai 1851 wurde eine Versammlung gehalten, um JveS abzusetzen. Allein eine Erklärung, die er abgab, besänftigte seine Gegner wiever, und so blieb er auf seinem Posten. Er suhr indeß fort, den strengen Protestanten zum Aergerniß zu seyn, durch die mehr und mehr romanistischen Tendenzen, welche sich in seinen beredten Erlassen und in seine» oberhirtlichen Erlasse» voll Salbung und Liebe kund gaben. Der Einfluß deS alte» Bischofs auf seine ReligionSgenossen war groß und man kann daraus kühn schließen, daß durch seine Bekehrung in der anglikanischen 38 Kirche seiner Diöcese eine große Bewegung zu Gunsten des katholischen Glaubens entstehen wird. Dr. JveS ist verheirathet; seine Frau aber will ihm in die katholische Kirche noch nicht folgen. Sie hat ihn indeß nach Rom begleitet und wir hoffen, daß die Gebete ver Gläubigen ihr Herz der Wahrheit öffnen werden. Zwei andere protestantische Damen haben ebenfalls die Reise mitgemacht, diese aber eilen zu dem Mittelpuncte der katholischen Einheit, um in Gemeinschaft mit ihrem ehemaligen Bischöfe ihre Irrthümer abzuschwören. Solche Thatsachen bezeugen, daß die rückläufige Bewegung der anglikanischen Kirche zur katholischen in Amerika zum mindesten eben so weit vorangeschritten ist wie in England. Wir für unsere Person sind der Ansicht, daß daS Werk der Wiedervereinigung in Amerika noch günstiger steht wie in England. Unter den 32 protestantischen Bischösen in den Vereinigten Staaten bekennen sich 9 offen zu den pusevistischen Lehren, und in England ist es der einzige Bischof von Ereter, der sich bemüht, seinen Klerus in katholischem Sinne zu reformiren. In Amerika hat die Corporalion der Bischöfe bei der Ernennung neuer Würdenträger die Hälfte der Stimmen, und ist so im Stande, die rationalistischen und preSbyterianischen Tendenzen der Laien zu bekämpfen, während in England die politische sich bei Ernennung der Bischöfe gar nicht um ihre Orthodoxie kümmert. Wir hoffen also, daß das Beispiel deS Dr. JveS zahlreiche Nachahmer finden wird, wenn auch nicht unter seinen ihm gleichstehenden Kollegen, welche allzureiche Interessen auf den Wegen des Irrthums festhalten, doch aber unter den zahlreichen Geistlichen, welche stets ihrem Bischöfe folgten und auö der Menge der Gläubigen, welche er durch seinen Eifer erbaute und durch seine Belehrungen leitete. (Wests. Kbl.) Einige Züge katholischen HauSvraucheS, wie sie sich vorzugsweise noch ans dem Lande vorfinden. Aus einer im Wiener Central-Severinusverein von Coopcrator Hrn. Chr. Schüller gehaltenen (und im Oest. V.-Fr. abgedruckten) Rede. (Schluß.) Da hat sich am Leben Christi und der Heiligen ein anderes Geschlecht gespiegelt; da ist man feierlich, wenn der heilige Friede herniederweht, und der weht, wenn man ein im Geiste Christi geschriebenes Buch lieSt; da ist man gerührt, wenn die heilige Freude sich daran entzündet, und Kindheit und Jugend, und Mann und Weib, und Vater und Mutter haben darin Muster und körnige Nahrung gefunden. Nicht am Baume der Dichtung sind diese Früchte des katholischen Lebens gereift, sondern am Baume deS LcbcnS, zu dem sich das Reis auS der Wurzel Jessc ausgewachsen Hai in seinen Nachbildern, den Heiligen. Von da auS wehte der Geist, und seine Lebenslust hat man eingeathmet, und cS blühte Kindersinn, zarte Frömmigkeit, Schamhaftigkeit, ungeheuchelte Demuth und Ernst. — Im Leben der Heiligen herrschte von jeher der beste HauSbrauch. Mögen Sie mir noch gestatten, auf ein besonderes Beispiel hinzuweisen, an welchem sich der Gegensatz veranschaulicht. Ich weiß mich zu erinnern, in einem solchen alten Legendenbuche, in welchen die Frömmigkeit nicht ohne zarte Poesie ist, ein Muster weiblicher Tugendschönheit gefunden zu haben, welches „die fromme Gri- seldiS" überschrieben war. Daraus nun hat auch der Theaterdichter seinen Stoff genommen. Aber wo in aller Welt wäre eS ihm möglich gewesen, die Tugend in GriseldiS schließlich zum Triumphe zu führen, wie sie in der Legende triumphirt, wo der Gatte beschämt dasteht, und die Gemahlin großmüthig um deS Herrn willen ihm verzeiht?! Der Dichter mußte mit der gemeinsten, armseligsten Hoffart kokettiren; er mußte die Leidenschaft, die unchristliche, abfüttern, oder sie erregen, wo sie nicht 39 vorhanden ist, und hat eS nicht merken wolle», wie der unverdorbene Geschmack mit Aerger erfüllt wird, wenn er ein Kunstgebilde vor sich entstehen sieht, herrlich und schmelzend in seinen Formen von unten auf, dem aber zuletzt die Stirne zu kurz wird, dem Hörnchen daraus hervorkeimen, dessen Ohren sich zuspitzen, und dessen Haar, wie daS der Eumeniden, sich unheimlich schlangelt. Oder wollen Sie dieses Mephistogesicht lieber dem Dichter lassen, so nennen wir das Stück eine Meernymphe, die in einen häßlichen Schwanz sich endet. Sie sehen, wie aus zwei verschiedenen Quellen verschiedenes Wasser fließt und eine verschiedene Luft weht. Sie sehen auch, wie der moderne Ton sich abhebt von katholischer Sitte; gerade wie ein Mephisto von einem verklärte» Heiligengestchte, wie falsche Theater- Charaktere vom körnigen Leben, wie ein moderner Städter in einer kerngesunde» christlichen Familie von deren Gliedern sich abhebt, zur Zeit, wo selbe sich zum Gebete anschickt mit andächtigem Kreuze, währenv jener, wie Kolping sagt, halb verlege», halb vornehm, ein großes Fragezeichen vor sich in die Luft zeichnet. Wollte Gott, daß, wie unS daS Land sonst gemüthlich anspricht, und wir zur Erheiterung und zur Befestigung der Gesundheit auf dasselbe gehen, uns auch die einzelnen Züge katholischen LebenS und Brauches von dort recht ansprechen, und wir unS derselben erfreuen möchten, als einer körnigen und gesunden Kost, mehr als deS witzig und heiter seyn sollenden Genres der Frivolität und deS wie eine Gassendirne herumschlendernden ChristianiSmuS vaguS (deS modernen Christenthums)! Wenn dieser Lumpaci VagabunduS an Ihre Wohnungen klopft, und zwar per- sonifizirt, und etwa gar einer Ihrer Töchter Visit- und Verlobungsanträge machen möchte, dann mnstern sie ihn nur von den Füßen bis zum Kopfe, und sagen Sie ihm, waS ich ein festes Landmädchcn zu solch einem Galcinlhomme aus der Stadt sagen hörte: „Sie, mit ihrem Ströhernen (Strohhut)! da — brennen Sie ab, und mir scheint, Sie sind nicht assekurirt." Wenn nur der moderne Ton überall abbrennen möchte; Assekuranz hat er ja keine. Lassen Sie ihn nur abbrennen; vielleicht verzweifelt er an sich, und bessert sich. Den katholischen HauSbrauch aber in Gebet und Segnungen insbesonderS müssen wir dadurch assekurire», daß wir in unsern Häusern daS Leben Jesu und der Heiligen als lebendige HauSpostillc aus den HauS- altar legen, überhaupt für eine christliche Lertüre sorgen, und cS am Commentare deS Lebens nicht fehlen lassen. Es wäre auch gar nicht übel, wenn die Eltern ganz bedeutungsvoll als christliches Heirathsgut der sich bildenden Filiale eine kleine katholische Bibliothek mitgeben möchten, deren FunduS auS dem Leben Jesn und der Heiligen, aus einem gute» Hausbuche, auch Katechismus u. dgl. bestehen würde. Sie sehen, wie eS möglich ist, daß die angeführten Züge katholischen LebenS nicht lauter Ceremonie seyen, sondern daß wirklich der heilige Geist, der Leiter und Bildner alles geistigen LebenS, auch in der christlichen Familie und ihrem Brauche zum Durchbruche und zur Gestaltung komme. Sie wissen auö Erfahrung und auS der Natur der Sache, daß daS Weib vorzugsweise zur Pflege häuslicher Sitte berufen ist. Auch die Zeit der Aufklärung schien die sociale Stellung deS weiblichen Geschlechtes und dessen Einfluß auf daS Wohl der Gesellschaft zu erkennen. Man kam der gedeihlichen Entwicklung desselben auf dem Felde der Literatur helfend entgegen. Man schrieb Bücher für Jungfrauen im Brautstände, für Mütter, für Frauen und für daS Weib dem Manne gegenüber. Wir kenne» die Eremplare nicht, die sich nach ^dieser Weisheit gebildet; wir sind aber doch der Ueberzeugung, daß alle zusammengenommen nicht Ein eremplarischeS Muster auch nur in Einer dieser vier Eigenschaften werden ausweisen könne», wenn ihnen keine andere als diese Hilfe kam. Wo aber der katholische HauSbrauch herrscht, wo der Odem Christi und der Heiligen weht, wo daS HauS Nachbild nach der Kirche Musterbild ist, da lebt in Einer Person Geliebte, Mutter, Frau und Weib. Möge daS Weib vorzüglich seine Auf- gäbe, christliche Sitte zu wahren und zu pflegen, nie vergessen! Der Herr selber hat ihr diese schöne Aufgabe übertragen in den Worten: „DaS Himmelreich ist einem Sauerteige gleich, den ein Weib nimmt, und ihn unter drei Theile Mehles mischt, 4V bis eS ganz durchsäuert ist." Diese drei Theile sind füglich der Mann, die Kinder und das Gesinde, und in jecem Einzelnen: der Wille, die Vernunft und daS Gemüth. Möge auch Niemand sagen, daß wir der blvßen Form das Wort geredet haben, und nicht sich berufen auf die Ausrede: An Formen hängt nickt immer das Wesen. DiS Letztere kann ohne die Erscheinung auch nicht seyn. Die Seele hat ihren Leib, und der katholische Geist hat den katholischen HauSbrauch zu seinem Körper; an diesem haftet er, wie die Gnade an der Materie des SacramenteS. Darum, eS lebe der katholische HauSbrauch! - - Gelobt sey JesuS Christus! Christliche Lesefrüchte und Betrachtungen eines Laien. (Fortsetzung.) 27. Die Vergänglichkeit und wahrhaftig spurlos vorübergehende Nichtigkeit der weltlichen Gaben und Freuden (so daß unS oft nicht einmal für die Erin neru n g daran noch Kraft und Sinn verbleibt) wird von zweierlei Menschen am tiefsten und schmerzlichsten empfunden, von den geistigen und von den rein weltlichen; die Geistigen gelangen dahin, geführt vom Geist GotteS und auf ihrem Dornenpfad zum Ziel der Heiligung; Gott will sie durch die Empfindung dieses Gegensatzes so recht lüstern, so recht sehnsüchtig machen nach Seinem Reich; — die rein Weltlichen aber empfinden diesen Gegensatz ohne jenen göttlichen Zug und Trost; auf ihrem Rosen Pfad zeigt ihnen die betrügerische Welt daS hohle, grinsende Bild ihrer völligen Nichtigkeit; sie fühlen sie und verachten sie, und doch haben die Armen dafür keinen Ersatz in Aussicht; sie sehen Gott weder in sich noch außer sich; und so führt sie der Ekel am Weltliche» nicht zum Trost, nicht zum Göttliche», souderu zu», Weltschmerz, zur Trostlosigkeit ohne Aussicht auf Erlösung hinaus; der Weltschmerz führt in eine Wüste, der Gotteöschmerz der innigen, geprüften Seelen führt in ein ParadieS; von beiderlei Art der Trostlosen kann man mit Thomas von Kempiö (B. III., Kap. 51, I) sagen: „So lange du deinen sterblichen Leib herumträgst, „fühlest du Uebcrdruß und Beklemmung deS HcrzenS." Aber welcher Unterschied des WegeS und Zieles bei Beiden! 38. ''-:?l.7n7^jj!-m^,^I<.j!^E, ',Wl' Wenn ich Dich, o Herr! anflehe, Dich meiner zu erbarmen, der ich doch keine Erbarmung verdiene, so willst Du, indem Du mir willfahrest, doch nur Deine eigene Verherrlichung. Du bedarfst aber keines Zuwachses der Glorie und Verherrlichung, und indem Du Dich gleichwohl In mir, eine^m elenden und unwürdigen Geschöpfe, verherrlichest, thust Du eS, damit meine arme Seele erbaut und errettet werde, oder daß sich die Seelen Anderer an mir oder durch mich erbauen und heiligen. M ---»MM S^z j^nUiiA ,'.Ivi,H'»i5 iM, -HNmiMsM ?^ i-sZ -iZ chllZH- H! M Wenn Derjenige der Unglücklichste ist, der den größten Verlust erlitt, so ist gewiß Maria, die ihren allerheiligsten, allerliebsten Sohn verlor, die Unglücklichste gewesen. Und wenn Derjenige der Edelste ist, der für Jenen, welcher ihm sein Theuerstes entriß, noch eifrig und unablässig fürbittet, so ist gewiß Maria, die unablässig für u»S fürbittet, die Edelste aller Erschaffenen, daS Abbild der unbegreifliche« Liebe des VaterS, der uns, Seinen schwersten Beleidigern, den eingebornen Sohn hingab, deS Sohnes, der für unS litt und starb und ungeachtet unserer fortwährenden und schweren Versündigungen in unbegreiflicher Barmherzigkeit stetShi» für unS Sich dem Vater aufopfert und für unS elende Sünder fürbittet. mun» iji chinkwwi'K' tzvW n-? ni n,c.innsöS. »örkluK 5nSM -ÄZi i ,-!, Berautwortli'cher Redacteur: L. Schöncheu, Verlags-Juhaber: F. Krem er. Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. 6. Februar v. 1853. Dieses ivlatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonuementsprei« TV kr., wofür e« durch alle köm'gl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Fräulein Aloifta Ptfani aus dem Institute der englischen Fräulein in Burghausen in Bayern, an Herrn Hofcaplan Müller, Geschäftsführer des Missionsvereins. Calcutta, am L3. Nov. lS52. Hochwürdiger, Hochverehrtester Herr Hofcaplan! Da sind wir nun endlich glücklich angekommen im fernen Indien, nach langer, langer Pilgerfahrt. Tausend Dank sey dem Herrn, der unS so sicher geleitet, so treulich beschützt und eine so glückliche Reise verliehen hat. Mein erstes und liebstes Geschäft nach unserer Ankunft ist nun, an Sie, Hochverehrtester Herr Hofcaplan, zu schreiben, und Ihnen von unserer Reise und ihren Merkwürdigkeiten getreuen Bericht zu erstatten, wie ich cS Ihnen in München versprochen habe. Ich thue eS um so lieber, da ich weiß, daß vielleicht Niemand an unserm Schicksal so herzlichen Antheil nimmt, als Euer Hochwürden, dessen väterliche Güte und Sorgfalt ich bereits zur Genüge kennen gelernt habe. 'Ich habe zwar die ganze ausführliche Beschreibung unserer Reise von den verschiedenen Stationen auS schon früher nach Bnrghausen geschickt. Da Sie aber einen vollständigen Bericht eigens wünschen, so will ich daS Ganze noch einmal zusammenfassen und unsre Wanderschaft vom Anfange bis zum Ende erzählen. Daß der Abschied vom Institute zu Burg Hausen, von den lieben Schwestern dort, in deren Kreis wir so viele glückliche Jahre verlebt hatten, unS viele bittere Thränen gekostet habe, brauche ich nicht zu versichern. Nachdem wir sie zum Letztenmale umarmt, rollte der Wagen zum Thore hinaus. Unsre liebe Frau Oberin und eine unserer Mitschwestern begleiteten unS. ES war am 13. August, da wir Burghausen verließen. In Allötting halten wir noch den Trost, die wunderbare Gnadenmutter grüßen und ihren Schutz und Segen unS erbitten zu können. Des andern TageS kamen wir nach Nymphen bürg; hier verließ unS unsere verehrte Frau Oberin, und wir setzten allein unsern Weg nach Köln fort, wo wir den hochwürdigsten Bischof von Dacca treffen sollten. Ich sage nichts von der schönen Rheingegend, die wir durchschifften, sie ist zu bekannt; doch kann ich nicht umhin, etwas von Köln zu erwähnen, wo wir unS fünf Tage aufhielten. Nach unserer Ankunft gegen acht Uhr Abends suhreu wir sogleich nach der erhaltenen Anweisung inS Klerikalseminar. Wir trafen dort wirklich unsern hochwürdigsten Bischof, der unS sehr freundlich und väterlich empfing und um uns Aufnahme und Nachtherberge zu verschaffen, selbst spät AbendS noch zu den Ursulinerinnen ging, um selbe für unS zu 42 erbitten. Da sie ihm aber verweigert wurde, fuhr er mit unS in einen Gasthof, sorgte da für Alles, und führte uns am andern Tage inS Kloster zur heiligen Maria, wo man unS mit wahrer Schwesterliebe aufnahm. Unser erster Gang war in den herrlichen Dom. Was soll ich sagen von diesem Wunderbau, diesen Gewölben, diesen Säulen, von der Farbenpracht der herrlichen Kirchenfenster? — Wahrlich, ist je ein Tempel, ein Bau von Menschenhand, der Gottheit würdig, so ist eS dieser Dom. Ich fürchte zu weitläufig zu werden, wenn ich von den Heiligthümern und Kostbarkeiten spräche, die man uns gezeigt; ich erwähne daher auch nichts mehr von der Kirche der heiligen Ursula, sondern sage bloS, daß unser hochwürdigster Bischof unö hier wieder verließ, um nach London zu gehen, und unS nach Paris bestimmte. Wir schieden also von dem freundlichen Köln, und fuhren mit der Eisenbahn »ach Paris. Hier nahmen uns die Schwestern vom heiligen Karl, die daselbst erst ein neues HauS gegründet hatten, auf, und beherbergten uns drei Wochen lang mit so edelmüthiger und aufopfernder Liebe, daß sie unS, selbst arm, ihre eigenen Betten abtraten, und dafür auf Strohsäcken schliefen. Dank diesen guten Schwestern, ihr Andenken wird unS immer unvergeßlich bleiben. Nach langem Warten kam endlich unser hockwürdigster Bischof. In seiner Begleitung ging eS nun bald auf der Eisenbahn, bald im Eilwagen zwei Tage und zwei Nächte das südliche Frankreich durch, über Dijon, Lyon, Vienne zc. ?c. nach Marseille. Schon eine Stunde außerhalb sieht man in einer Bucht daS Meer. Ich weiß nicht, welches Gefühl sich meiner bemächtigte, als ich zum Ersten» male dieß Bild der Unendlichkeit vor mir sah, Ein unwillkürliches — Ah! wird laut, wenn die Straße sich wendet, und auf einmal daS Meer in seiner stillen Majestät vor einem liegt. Am andern Tage, den 23. September, schifften wir uns auf dem Dampfer „OfiriS" ein. Es war ein herrlicher Morgen, als wir Marseilles schönen Hafen verließen, das bald hinter unS wie ein liebliches Panorama lag und endlich in der Ferne verschwand. Poch bald machte das Meer seine Rechte geltend. Eine nach der Andern fühlte sich unwohl, und legte sich nieder. Schwester Josephine und ich konnten wohl noch vom Glücke sagen, denn nach ein paar Stunden war die Ueblich- keit gewichen, und deS andern TageS waren wir wieder ganz gesund und wohlauf. Schwester Augustine aber verließ daS Uebel nicht mehr; so lange sie auf dem Meere war, war sie beständig krank und leidend. Die erste Nacht war ziemlich unruhig. Die See ging hoch und schaukelte das Schiff wie eine Wiege auf und nieder. Unsere Kajüte, in der unser nenn waren, war eine wirkliche Krankenstube geworden. Die armen Damen jammerten nnv schrieen, wenn bald ein Glas, bald ein Stuhl zu Boden fiel, und eine Schüssel wie ein Schlittschuh hin und her rutschte. Der nächste Morgen war schön, doch noch etwas windig. Ich eilte früh aufs Verdeck, als eben die Sonne aufging und die felsigen Ufer von Sardinien und Korsika beleuchtete, zwischen denen wir vorbei segelten. Ihr Anblick ist nicht besonders anziehend, da eS nur kahle, schwarze Felsen sind, die sich an der ganzen Küste hinziehen. Am dritten Tage sahen wir die Insel Sicilien vor unS, anderen schönen Ufern wir die Stadt Marsalla und noch ein Paar andere liegen sahen. DaS Wetter war unS immer günstig, nicht uur hier, sondern die ganze, lange Reise durch. Nirgends aber spiegelt sich der blaue Himmel so schön, als im mittelländischen Meere, daö nur mit dem schönsten Azur, mit dem reinsten Ultramarin verglichen werden kann. Auf keinem andern Meere habe ich diese Farbe wieder gefunden. Unsere Gebete konnten «ir ungestört auf dem Schiffe verrichten, wie zu Hause. Zweimal deS TageS versammelte uns unser hochwürdigster Bischof um sich, und betete mit unS die Meßgebete, und Abends den Rosenkranz. Gewiß! es war rührend, ihn täglich in der Mitte dieser kleinen Gruppe zu sehen, die zurückgezogen in einen kleinen Winkel deS Verdeckes, unter dem sternbesäten Himmel, wo ver Vollmond freundlich leuchtete, Maria, jenen Stern des Meeres grüßte. Am Sonntag den 26. erreichten wir endlich den Hafen von Malta. Unser 43 hochwürdigster Bischof führte uns sogleich in das Kloster der Schwestern des heiligen Joseph, die uns eilf Tage lang beherbergten. Täglich kam er wie ein liebreicher Vater, um nachzusehen, wie eS uns ginge, und ob wir nichts bedürften, und da er immer besorgt war, uns überall die Merkwürdigkeiten zu zeigen und sehen zu lassen, so ließ er auch hier uns sogleich die ersten Tage in die Kathedrale zum heil. Paulus fahren, die etwa zwei Stunden von der Stadt entfernt liegt. Sie ist an jenem denkwürdigen Platze erbaut, wo der große Völkerapostel während seines Ausenthaltes in Malta gelebt und gewohnt hat. Die Kirche selbst ist groß und schön, reich an Marmor und Vergoldung; sie ist die eigentliche Kathedrale der Stadt, da sie aber zu weit davon entfernt ist, befindet sich noch eine andere, zum heil. Johannes genannt, in der Stadt selbst. Bei der Kirche deS heiligen Paulus befindet sich daS Seminar und vier Herrenklöster, sonst liegt sie ziemlich isolirt auf einem kleinen Hügel iu der Nähe deS Meeres. Nachdem wir die Kirche betrachtet, führte man uns außerhalb derselben eine Strecke Weges, öffnete dann eine Thüre, zündete Lichter an, und führte uns die Stiege hinab in eine kleine, dunkle Grotte. Hier war die Stelle, wo der heilige Paulus gewohnt, daneben noch eine kleinere Höhle, wo er gebetet hat. Die Grotte ist noch ganz in ihrem Naturzustande, wie sie ehemals war. Nur die Statue des heiligen Paulus steht in Lebensgröße in der Mitte derselben aus weißem Marmor gehauen. Mit einem Gefühle von heiligem Schauer knieten wir uns hier nieder, den großen Apostel, der auch diese Meere durchsegelt, um seinen Schutz und seine Fürbitte anflehend. Man führte unS nun auf eine entferntere Seite des BergeS; hier wurden wieder Lichter angezündet, wir stiegen eine Treppe hinab, und kamen in die Katakomben. ES sind das jene unterirdischen Gänge, in denen die ersten Christen zu Zeiten der Verfolgung gewohnt, gelebt und gebetet haben; lange dunkle Jrrgänge, Höhlen und Gewölbe, wo man noch viele in Stein auSgehauene Grabstätten, Lagerstellen und Taufsteine steht, doch ohne daß Leiber von Heiligen oder sonst Verstorbener darin ruhen, wie eS in den römischen Katakomben der Fall ist. Dennoch ist der Anblick dieser geheiligten Stätte interessant und ergreifend, bei dem Gedanken an jene Jahrhunderte, wo das Christenthum und unser heiliger Glaube wie ein kleines Samen- körnlein unter der Erde ruhte, von dem Blute der Märtyrer getränkt, von der Lehre ver Apostel und der Heiligen befruchtet, schon Früchte der Heiligkeit und deS Hclden- muthes brachte. Wir kehrten nun zur Kirche wieder zurück, traten in eine Seitencapelle, stiegen wieder abwärts und kamen in eine andere Gruft. Hier waren drei Altäre in einer Art von Nischen; der eine mit der Statue des heiligen PauluS, zu seiner linken Hand das Marmorbild deS heiligen LucaS, und seitwärts der Altar eines heiligen Bischofs, der einer der ersten Jünger deS Apostels war. Hier, sagt man, soll der Apostelfürst daS hl. Opfer gefeiert, hier mit der ersten Christengemeinde den Gottesdienst gehalten haben. Die Altäre sind ungemein alt und scheinen wohl auS den ersten Jahrhunderten zu seyn. Doch fand ich sie für die Heiligkeit dieses Ortes sehr vernackläßigt und ärmlich. Ueberhaupt hat Malta schöne Kirchen und eine Menge Klöster. Ich erwähne hier nur der schönen Dominicanerkirche, die am Rosenkranzfeste von oben bis unten mit rothem Damaste behängt, und selbst außen an der Kuppel mit Hunderten von Lichtern Abends beleuchtet war, was einen nngemein schönen Anblick gewährte. Ich sage nichts von der feierlichen Procession, die an diesem Feste statt fand, und von dem sonderbaren Costüm der dabei Betheiligten, denn ich habe noch so viele andere Dinge zu erzählen, daß ich fürchte, zu weitläufig zu werden. UebrigenS hat mir Malta wenig gefallen, eS ist wie eine versteinerte Insel, Boden, Häuser, Straßen, alles von der nämlichen gelben Sandfarbe, beinahe ganz ohne Vegetation. Am 7. October verließen wir den Hafen mit dem Dampfschiffe „Nil", daS uns in fünf Tagen nach Alerandrien brachte. Da wir spät Abends ankamen, konnte das Schiff nicht mehr in den Hafen einlaufen, weil die Felsen und Klippen 44 den Eingang bei Nacht gefährlich machen. ES wurde also der Anker geworfen, und die Nacht noch an Bord zugebracht. Am andern Morgen weckte uns schon in aller Frühe der Lärm der geschäftigen Matrosen, und daS Geschrei der Neger, die nun zu Hunderten in kleinen Nachen daS Schiff umzingelten, und sich stritten, zankten und schlugen, um Passagiere für ihr Fahrzeug zu erhalten. ES war ein wahrer Türkenkrieg, niemals habe ich so etwas gesehen. Uud dazu die sonderbaren schwarzen Gestalten, halb nackt oder mit einem weißen faltigen Gewände und einem Turbane bekleidet, mit ihren Grimassen, ihrem Geschrei — das alles sagte unS zur Genüge, daß wir auf fremder Erde, auf afrikanischem Boden standen. Alerandnen selbst bietet bei seiner Annäherung einen schönen Anblick, besonders i» der Morgenbeleuchtung, in der eS vor unö stand. Schon von Ferne sieht man den Leuchtthurm, dessen freundliches Licht die ganze Nacht durch herüber leuchtete, links die Residenz des Pascha, ein großes, schönes Gebäude, in der Stadt selbst eine Menge Minarets, Kuppeln und hohe Mauern. Auch wir stiegen endlich in eines der Boote und fuhren ans Land. Hier war ein Gewühl von Menschen aus allen Nationen; Kameele streckten unS ihre langen Hälse entgegen, zierliche Eselein, gezäumt und gesattelt, standen in Reihen da, jedem zu Diensten. Endlich kam ein Wagen, und führte unS in daS Kloster der barmherzigen Schwestern. Mit liebreicher Gastfreundschaft empfingen uns die guten Schwestern und ihre liebenswürdige Oberin, in deren Gemeinde wir vier angenehme, uns unvergeßliche Tage verlebten. Schon am andern Tage fuhr unser hochwürdigster Bischof mit unS zu der berühmten Pompejus- und Kleopatra-Säule, eine Viertelstunde außerhalb Alerandrien. Eö sind vaS hohe Säulen nach Art der Obelisken, aus einem einzigen Stücke Granit gehauen, von oben bis unten mit Hieroglyphen beschrieben, mit deren Erklärung sich die Gelehrten noch immer den Kopf zerbrechen. Die Eine von diesen Säulen ist beinahe schon ganz mit Schutt und Erde bedeckt, da die Araber nicht so vielen Respect für diese Stein- colosse haben, als die gelehrten Herren Europäer. Mehr Interesse als diese Steine hatte für unS der Begräbnißplatz der Muha- medaner, der sich gleich in der Nähe derselben befindet. ES ist ein großer, weiter Platz, der sich an einen Hügel hinaufzieht, öder, dürrer Sand, ohne einen Grashalm und Baum, frei und offen ohne Mauer. Ein großer viereckiger Stein, in dessen Mitte ein dürrer KactuS aus einem Loche wächst, zuweilen auch eine niedere, halbzerbrochene Säule bezeichnen den Ort des Begräbnisses. Nichts öder und trostloser als der Anblick solch eines Todtenfeldes, wo nur Eidechsen und Schlangen auf dem ausgebrannten Boden sich herumtreiben. ES ist wie ein Abbild deS TodeS und Fluches, der über diesen armen Kindern des KoranS liegt. Während unsers Aufenthaltes sahen, oder vielmehr hörten wir mehrere Leichenzüge vorbeischreien, denn man hat keine Idee, mit welchem Gelärm und Getöse sie ihre Todten zu Grabe tragen. Alles ruft und schreit da zusammen während der ganzen Länge deS WegeS: Allah ist groß und Muhamed ist sein Prophei; Allah, Allah ist groß ic. ic. Weiber sind eigens bezahlt, die dazu heulen und schreien — da kann man sich den Lärm denken. Alle Donnerstage bei Nacht ziehen sie dann hinaus, um auf den Gräbern der Verstorbenen zu beten und Mahlzeit zu hallen. Dasselbe Geschrei, mit einer Art von Trommel und Pfeifen begleitet, und der grelle Fackelschein machen eS zu einer wahren TeufelS- procefsion. Noch ein Wort über die Frauen und ihr sonderbares Costüm. Niemals sieht man eine auf der Straße, ohne von oben bis unten eingewickelt zu seyn, nur die Augen sind frei; von der Stirne geht ein schmaler Streif über die Nase bis zum Munde, den ein anderes Tuch über die Quere einhüllt, so daß eS beinahe wie ein Pferdegeschirr aussteht. Nur ganz gemeine Weiber gehen mit unbedecktem Gesichte; da erfordert eS aber afrikanischer Anstand, daß sie sich, so bald sie Jemand begegnen, den Mund mit der Hand oder dem Aermel bedecken. Andere haben ein langes Stück Zeug wie einen Rüssel vom Munde bis zu den Knieen hängend, ich weiß nicht ist es zur Zierde, oder um durch dasselbe Athem zu schöpfen. Die vornehmen Damen 45 aber gehen niemals auS, sondern nachdem fie ihre tägliche Lebensaufgabe vollbracht und Toilette gemacht haben, sitzen fie den ganzen Tag aus ihrem Divan. wie die Tulpe auf ihrem Stengel vegetircnd, in vollkommenem Müssiggang. In jeder Hinsicht ist das Weib aber hier ein bedauernSwertheS Geschöpf, sie mag reich oder arm » seyn, trostlos in diesem, hoffnungslos für das anvere Leben, da ihnen «nach ihrem Glauben nicht einmal der Himmel offen steht, sondern sie vor der Thüre ihren Platz haben, wo ihre Männer ihnen dann Visite machen. Ich habe vom Kloster selbst noch nichts erwähnt, von den Schulen, von den kleinen, schwarzen Negerzöglingen, von 1, 2 —3 Jahren, meistens Findet- oder Waisenkinder armer Neger, an denen die guten Schwestern Mutterstelle vertreten, von der Menge der Kranken, die täglich an zwei- bis dreihundert kommen, um Arznei, Rath und Trost von diesen Engeln der Barmherzigkeit zu holen. Doch ich käme an kein Ende, wenn ich es umständlicher beschreiben wollte. (Schluß folgt.) Melchior von Diepenvrock. (Schles. K. Bl.) BreSlau. In schwerer Zeit in unsere Diöcese berufen, da gerade hier der Antichrist sein Hoflager aufgeschlagen und der Rougescandal sein Unwesen trieb, trat Melchior von Dicpenbrock als Friedenssürst in unsere Mitte, um Achtung gcbie- tend die Lauen zu wecken und ruhig den Waizen von der Spreu zu sondern. Seine himmlische, nie zu erschöpfende Gevulo und Sanftmuth sollte aber bald auf das Härteste geprüft werden, da eine Rotte Buben, unwürdige Söhne unserer Hochschule und aus vornehmen Familien entsprossen, sich verbanden, den hohen Kirchenfürsten auf offener Straße am Fuße eines Kreuzes zu verhöhnen; seit dieser Zeit sah man' ihn nie mehr auf einsamen Spaziergängen außerhalb seines Palastes. Dennoch vermochte so viel teuflische Bosheit seine Menschenliebe nicht zu verkürzen; er war und blieb ein unerschöpflicher Born von Güte, Langmuth, Milde und weisem Rathe und beantwortete den Hohn der Welt mit einer Kette von LiebeSwerken, die sein ganzes Leben bis zu seinem letzten Hauche umschlingt. Unzählbare Summen überreichte er zur Unterstützung der Ortsarmen; so wie Tausende von Bittstellern mit Freuden- und DankeSthränen seine Schwelle verließen. Wohlthun war ja seine seligste Freude; am liebsten that er eS in aller Stille, und dabei kannte er oft so wenig Maaß, daß seine Spenden oft seine reichen Einnahmen noch überstiegen. So klagte ihm einmal ein junger, talentvoller Priester seine Noth; liebevoll klopfte der edle Bischof demselben auf die Schulter und sprach in heiterer Weise: „Meine Baarschaft besteht gerade noch aus hundert Thalern; ich biete ihnen die eine Hälfte, die andere , müssen Sie mit schon lassen.» Dergleichen rührende Scenen sind in großer Zahl bekannt, und werden dem edlen Melchior in spätesten Zeiten noch einen rühmlichen Denkstein setzen. Mit Aufwendung von vielen Tausenden begründete er ein Knabenseminar, die tunclstio pisus, erweiterte er das Convictorium für Theologen, besserte . er in der Melchiorstiftung die Lage der Capläne unv Schullehrer im österreichischen Antheil- seiner Diöcese. Voll innigsten Mitleids stellte er sich an die Spitze deS HilfScomite'S zur Zeit, als der Hungertyphus in Oberschlesien so viele Opfer forderte, und milderte durch bedeutende Geldsendungen die Noth der Unglücklichen. AIS Protektor aller wohlthätigen Vereine, des Vincenz», des BonifaciuS-, des GesellenvereinS u. s. w. ging er überall mit bedeutenden jährlichen Beiträgen als Vorbild voran, um Alle zu reiner Bruder- und Christusliebe zu entflammen. So groß er als Mensch da stand, so wunderbar leuchtete er als Priester allen Denen voran, die sein Strahl erreichte. Während daS liebeglühende Gebet ihn oft Studenlang knieend an die Stufen seines HauSaltares fesselte, erschien er öffentlich überall in seinen geistlichen Verrichtungen mit einer Würde und Majestät, die den 46 frechen Spötter niederschmetterte, dem gaffenden Akatholiken Respect gebot und den Gläubigen mit heiliger Freude erfüllte, der Kirche GotteS anzugehören, deren kräftige Säule er vor sich erblickte. Würdiger läßt sich sein ganzes Wesen nicht schildern, als mit seinen eigenen Worten, mit denen er daS Bild SailerS zeichnet: „Wahrhaft erhebend w»r eS, ihn anzublicken in seinen geistlichen Functionen, am Altar, bei der heiligen Messe u. s. w. Die höhere Weihe, die sein ganzes Wesen durchdrang, trat dann noch sichtbarer hervor, seine stets edlen Züge verjüngten, verschönerten sich; auS seinen Augen strahlte ein mildes Feuer; ein höheres Schweben klang durch die ganze gehobene, verklärte Persönlichkeit, und daS Alles auch wieder ohne allen Zwang und Drang, wie unbewußt, so wie der Vogel sich von der Erde erhebt, und aus seinen ausgebreiteten Schwingen ruht. — Ihn beten sehen, reizte zum/Gebete, wie seine ganze Erscheinung geeignet war, die Religion, die Frömmigkeit ehrwürdig und liebewerth zu machen in Jedermanns Auge." Hat er also in der That durch Wort und Beispiel in den Herzen der Seinen dem Herrn lebendige Tempel erbaut, so ist er auch redlich bemüht gewesen, die Zierde der Gotteshäuser und deren würdigen Schmuck zu befördern, so wie Er es bewirkt hat, daß der fromme Pilger wieder auf dem Scheitel des Zobtenberges die Gottesmutter um ihre gnadenreiche Fürbitte anflehen kann, so daß er in Wahrheit mit dem heiligen Sänger beten durfte: „vvmirie, clilexi cleeorem äomus tuse!" War er sonach groß und edel als Mensch, erhaben als Priester, so erschien er als Bischof wahrhaft bewunderungswürdig in der Sorge für daS Seelenheil der ihm anvertrauten Heerde. Zur Hebung und Erbauung seiner Priester förderte er die geistlichen Ererciticn, zur GlaubenScrweckung in seiner Heerde beschützte er die heiligen Missionen in seiner ganzen Diöcese und schuf ein glaubenskräftiges Leben, wie eS der kühnste Wunsch kaum zu hoffen gewagt. Mit umsichtiger Weisheit fand er immer die geeignete Person für die erledigten Stellen heraus, und so wie er selbst frei von jeglichem Vorwurf, sittenrein und bis zur Aengstlichkeit pünctlich und pflichtgetreu war, so durfte er auch von Andern möglichste Pflichttreue fordern und dem Säumigen mit seinem ganzen Ernst begegnen. Wo eS aber galt, die Rechte seiner Kirche zu schirmen und unwürdige Angriffe der Bosheit und Unwissenheit abzuweisen, da trat er mit heiliger Entrüstung in die Schranken, wovon daS ans seinem Sterbebette verfaßte Rundschreiben an seinen Klerus ein ewig denkwürdiges Zeugniß ablegen wird. Wie tief er aber seine Aufgabe durchschaut, zeigt die Sorgfalt, mit der er unausgesetzt die Schule, in engster Verbindung mit der Kirche, von der Volksschule an, bis zu den höchsten BildungSanstalten im Auge hielt, und wenn darin noch nicht AlleS geschehen, was nach seinem Wunsche hätte geschehen sollen, so trägt daran seine schwere Krankheit die Schuld, und dürfte sein Dahinscheiden vielleicht gar Vieles wiederum in Frage stelleis. Wie gern er noch so manchen lange gehegten Wunsch erfüllt gesehen hätte, bezeugt die erstauuenswerthe Sorgfalt, mit der er noch auf seinem SchmerzenSlager mit zitternder Hand Alles selbst besorgte und ausfertigte. Jener Zug seines edlen Herzens wird ihn aber stets ehren und selbst seinem ' erbittertsten Gegner Achtung gebieten: die ungetrübte Liebe zu seinem Könige, die sich besonders damals recht deutlich bekundete, als die Fackel des Aufruhrs in Schlesiens Gauen geworfen wurde, und elende Volksverführer die Einfalt der Bauern zu benutzen suchten, um das ganze Land in Feuer unv Flamme zu setzen. Sein Donnerwort entlarvte die Verführer und rettete dem Könige den Thron und bewahrte dem Lande Ruhe und Frieden. Dafür ward ihm aber auch die ungeheuchelte Liebe und Hochachtung seines Königs gesichert, die sich namentlich in der schweren Krankheit auf rührende Weise kund gegeben und eben diese befrenndete Stellung zum Herrscherhaus? gab der katholischen Kirche eine gewisse Garantie für die Zukunft, so wie seine wichtige Mission, als apostolischer Delegat für die preußischen Armeen für Regelung einer geordneten Militärseelsorge zum großen Segen der katholischen Soldaten eben dadurch erleichtert wurde. Möge der Himmel verhüten, daß durch gegenseitige Verkennung des rechten Stanvpuncteö noch Zeiten kommen, in denen bei der großen Gereiztheit 47 beider Parteien Kämpfe auSbrechen, die die Sanstmuth und vermittelnde Liebe deS dahingeschiedenen Kirchenfürsten bis jetzt so erfolgreich zu beschwören wußte. Sein Schaffen als christlicher Schriftsteller und gottbegeisterter Sänger liegt der Welt in seinen gedruckten Werken vor, und wird dieser reiche Schatz von Weisheit, Lebenserfahrung und gläubigem Christenthum für alle Zeiten das unschätzbarste Kleinod, ein kostbares Testament bleiben. So ruhe denn, heißgeliebter treuer Seelenhirt, in deiner stillen Gruft, die deine treuen Kinder mit dem Thränenthau der Liebe und des DaukeS benetzen, und bete wieder am Throne deS LammeS für deine Heerde, die in dir ihr heilig Vorbild immerdar erblicken wird. Ja, o Vater.», sey uns Rather, Da der Tag so trüb' sich senkt, Bleibe bei uns, ach und sey uns Stern, der durch die Nacht uns lenkt! Nahe Zukunft. Allenthalben sondern sich die Geister. Die jüngste Geschichte Europas hat die Menschen in zwei Hauptheere abgetheilt: Hier die Freunde der Ordnung um jede« Preis, und dort deren nicht minder geschworene Feinde. Aber unter 5en ersteren ist nicht die Einigkeit, welche unter den zweiten herrscht; während diese um die Mittel. zum Ziel zu gelangen so wenig als um daS Ziel selbst verlegen sind, wollen bei jenen einige die Ordnung nur wegen der Ruhe und Sicherheit deS Materiellen, während die andern damit zuoberst für die Ruhe der Gewissen, die Ordnung der Kreaturen und die Sicherheit deS künftigen Lebens zu wirken suchen. WaS nun dieser „idealistischen" Echaar bloß ein, wenn gleich wenig, entbehrliches Mittel zum Zwecke ist, das streben die andern als Selbstzweck an, und wollen eS um keinen Preis gestört wissen, ja daS lieben sie so, daß sie nur den „Schein" derselben, eine Scheinruhe und Scheinordnung über Alles setzen. Weil jedoch — nicht die Ordnung der Staaten, wohl aber — die Ordnung des bürgerlichen Lebens nachgerade eine so verkehrte geworden, daß mit ihr jene höhere Ordnung nicht mehr vereinbarlich ist, so müssen sich die Diener dieser letzteren von jenen trennen, und eS darauf ankommen lassen, in Zukunft nicht nur mit den Socialisten, sondern auch mit den egoistischen Conservativen zu kämpfen. Der Streit wird heftig, aber er ist unvermeidlich. Daß eS jedem lieber wäre, ihn nicht mitansehen zu müssen, begreift sich ebenfalls, namentlich bei solchen, die sich keine Schuld an diesem ChaoS vorzuwerfen haben. Allein man möge sich darum nicht hinreißen lassen, die Katholiken anzuklagen, daß sie den Kampf heraufbeschworen haben! Bedenke man nur, wie vor dem Jahre 1848 alles äußerlich gar still und friedlich schien, daß es damals bei unS noch keine Katholiken-- vereine und keine religiöse Polemik, weil überhaupt kein religiöses Bewußtseyn gege- ben, daß aber dennoch das Jahr 1848 gekommen ist! Und daS, wodurch dieses Jahr hervorgebracht wurde, das ist eS, was heute noch fortwuchert, und dermalen nur mühsam niedergehalten wird! Von j-iem üppig aufgeschossenen Samen zu befreien, kann nur der katholischen Entschiedenheit gelingen. Wenn eS keine schmerzlose Operation wird, so ist die Kirche so wenig Schuld daran, als der Arzt, welcher daS Gift endlich ausbrennt, für die Schmerzen deS durch seine Laster niedergeworfenen Kranken kann. In diesem Augenblicke erübrigt nichts, als daß die Gesellschaft in Massen an die heilende Kirche sich wende, oder daß sie, indem sie dieses nicht glaubt und ihr vielmehr in Spendung der rettenden Arzeneien Zwang anlegt, oder sie gar geknebelt ins Verließ wirft, von socialistisckm Quacksalbern nach tausend und tausend hirnwüthigen Regenerations-Experimenten in ihr Grab, in daS unentwirrbare EhaoS gestoßen wird. Die Wahl steht nun frei! (W. Kirchenz.) ' ') Die darum überall und gewiß auch sehr bald bei uns durch außerordentliche Boten die Herzen zu sich ruft. 48 Christliche Vergeltung. Es war im Winter des verhängnißvoltcn Jahres 1848, welches so viele Familien ins Elend stürzte, als die seit dem (im October 185V) verstorbene fromme Königin von Bei,-' deren mildthätiger Sinn allbekannt ist, eines AbendS bei ihren AuSgängen, um nn Äend aufzusuchen und demselben zu steuern, in Begleitung einer ihrer Ehrcndamen jick in eines jener Stadtviertel von Brüssel begab, welche man so recht als die Wohnung des Leidens, der Noth und Entbehrung betrachten konnte. Hier ging sie von Haus zu Haus, in jedem Trost und Unterstützung spendend, von jedem Dank und Segen mitnehmend. In einem der Häuser nun traf sie einen jungen kräftigen Mann mit einem vor der Zeit gealterten Weibe, beide in düsterer Stimmung. Im Ofen brannte kein Feuer, im Schranke fand sich keine Brodkrume. Die Königin, gerührt von so großer Dürftigkeil, fragte nach der Ursache derselben; der Mann antwortete aber nur durch ein paar nicht zurückhaltende Thränen und einen schrecklichen Fluch. Die Königin jedoch ließ sich nicht abschrecken; sie fragte, ja sie bat um nähere Mittheilung, und dieß mit solcher Theilnahme, daß der Unglückliche endlich gestand, er sey ein französischer Rebelle und habe sich, um einer sichern Verurthcilung zu entgehen, nach Belgien geflüchtet; seine Mittel seyen zu Ende und er habe weder Verdienst noch Unterstützung. „Aber", sagte die Königin, „welches Gute hofften Sie denn von der Revolution? Welches Uebel wollten Sie iu Frankreich ausrotten?" Bei diesen Worten brach der junge Mann in eine Fluth von Flüchen und Verwünschungen auS, nur Eine Gnade verlangte er, nämlich die, mit eigener Hand den Tyrannen, daS Ungeheuer von der Erde zu vertilgen — Ludwig Philipp. Man kann sich denken, welch' schmerzlichen Eindruck diese Worte auf die gute Königin, Louise von Orleans, Tochter deS vertriebenen Königs, machen mußten. Indeß, eingedenk der Worte Jesu, daß man selbst seinen Feinden Guteö erweisen müsse, behielt sie ihre Fassung und ließ sich in*nichtS anmerken, wer sie war; nur richtete sie an den Flüchtling die weitern Worte: „Ludwig Philipp muß Ihnen viel BöseS zugefügt haben,, daß Sie solchen Haß gegen ihn hegen; wohlan denn, ich will Ihnen dafür so viel Gutes erweisen als der König Ihnen BöseS gethan haben kann." Und die edle Frau übergab dem Menschen, der keinen höhern Wunsch kannte, als der Mörder ihres Vaters zu werden, 50 Franken nebst dem Versprechen, daß künftighin für seine Bedürfnisse gesorgt werden solle. Man kann sich leicht die Verwunderung deS Rebellen denken; dieselbe steigerte sich aber später zur höchsten Beschämung, als er durch einen Zufall erfuhr, wer seine Wohlthäterin war. In eiliger Hast stürzte er zu ihr und bat um Verzeihung für die schwere Beleidigung; dieselbe ward ihm auch vollständig zu Theil, denn das edle Herz der Königin kannte kein Gefühl der Rache, wohl aber hatte sie die Rettung eines Verirrten bezweckt, und in diesem Gefühle fand sie sich hinreichend belohnt. Todtenschau vom Jahre 18S2. Im Jahre 1852 hat das Cardinalscollegium drei seiner Mitglieder durch den Tod verloren: die Cardinäle Orioli, Castracane und Bernetti. Der kath. Episkopat verlor im genannten Jahre u. A. folgende Mitglieder: Greg. Thom. Ziegler, Bischof von Linz; Nicol. KovacS v. TuSnad, kath. Bischof von Siebenbürgen; Gritti-Morlachi, Bischof von Bergamo; Cornel. van Bommel, Bischof von Lüttich; Devey, Bischof von Belley in Frankreich; Andr. CarrutherS, Bischof von CaramisuS in psrt., apost. Vicar von Ost-Scholtland; Daniel Murray, Erzbischof von Dublin und French, Bischof von Kilmacduagh in Irland; Orley y Labastida, Bischof von Taragona in Spanien; Vilar- dell, auS dem Orden des hl. FranciScuS, Erzbischof von Philippi i. p., apostol. Vicar zu Aleppo und apöst. Delegat vom Berge Libanon; Domin. Castelli, Erzbischof von NaroS und ParoS und Metropolit der Inseln des ägeischen Meeres; Joh. Jos. Chanche, erster Bischof von Natchez in den Vereinigten Staaten; Richard Peter Smith, Erzbischof von Port of Spain auf der Insel Trinidad in Westindien. Verantwortlicher Redacteur: L> Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. E. Äremer. Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PostMung. l»Ä ÄllÄ jiZllA^Ä l^Nt» Z^NUtÄ^^?^ DVtl^ chls Hl)^ ljtiu ,ili^l ln^j lZ. Februar 7. !85?. Diese« Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der haldjähriqe Ab»nnement«prel» TV kr., wofür e» durch alle könlgl. ba>,er. Pvstämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kaun. Fräulein Aloisia Pisani auS dem Institute der englischen Fräulein in Burghanscn in Bayern, an Herrn Hofcaplan Mnller, Geschäftsführer des MissionsvercinS, (Schluß.) Am 16. Oktober verließen wir Alerandrien auf einem kleinen Dampfschiffe, daS unS den Nilcanal hinunter führte. Derselbe ist ziemlich breit und so lang, daß wir auch mit einem Dampfboot von früh acht Uhr bis Abends fünf Uhr zu fahren hatten. Seine Ufer sind Anfangs schön, da die herrliche Dattelpalme sie üppig ziert, später aber werden sie öle und einförmig. WaS besonders die Aufmerksamkeit auf sich zieht, sind die Wohnungen dieser Wilde», die man beinahe mit großen Maul- wurfShügeln vergleichen könnte, auS Koth und Lehm gebildet, vorn mit einem Loch, um hineinzukriechen, ohne Fenster oder andere Ocffnuug. Die Leute selbst sind äußerst schmutzig, von dunkelbrauner Farbe, entweder halb oder ganz unbekleidet, und gewöhnlich sehr lange, hagere Gestalten. Gegen fünf Uhr kamen wir auf deu Nil, ein schöner, majestätischer Strom, breiter als unser deutscher Rhein, doch mit trübe»!, schmutzigem Gewässer. Hier nahm uns ein anderes, größeres Dampfschiff auf. Wir träfe» da auch einige Türkinnen in ihrer sonderbaren Tracht, mit weiten, falligen Beinkleidern, einer reichen Tunika, einem zierlichen Tnrba» oder Diadem, und reich an Perlen und Geschmeiden. Sie saßen den ganzen Tag in einem Zimmer abgeschlossen auf ihrem Divan, nach ihrer gewöhnlichen Weise. Mit einer ander» Fran genieinen Standes machte man aber »icht so viele Complimenle, sondern um sie in Verwahr zu halten, öffnete man auf dem Verdeck ein Loch und ließ die Arme hinunter. Hier mußte sie den ganzen Tag im Finstern bleiben, Mittags und Abends gab man ihr das Esse» hinunter, und schloß wieder deu Deckel ober ihr. O heilige Religion, o Glaube, o Christenthum! wie roh und grausam ist der Mann! wie arm und unglücklich das Weib ohne dich! Die Gegend bietet hier wenig Interessantes, nur hie und da sieht man Felder von Zuckerrohr und einige Getreidarten. Endlich bei der Annäherung von Cairo sieht man in der Ferne die Weltwunder — die berühmten Pyramiden. Es sind drei, nicht ferne von einander, die letzte etwas niederer als die übrigen. Da ich sie aber nicht in der Nähe gesehen habe, kann ich davon nichts weiter erzählen. Cairo hat eben nicht viel Anziehendes, wenigstens in den Stadttheilen, die wir durchfahren haben. ES hat.sehr enge, schmutzige Gassen, schlechte Häuser und noch erbärmlichere Kaufläden. Der europäische Theil sieht wohl etwas besser aus, doch von schönen Gebäu- den habe ich nichts gesehen. Wir fuhren sogleich in daö Kloster der guten Hirtinnen, die unS sehr gastfreundlich aufnahmen. Sie haben hier die Schulen zu versehen, und sind etwa zehn Schwestern, darunter auch eine Deutsche. Auch einen deutschen Priester, einen FranclScaner, haben wir hier getroffen, dem wir unsere Beicht ablegten, waS für Schwester Augusta ein großer Trost war, da sie sich mit der englischen Sprache noch wenig befreundet hat. Am andern Tage fuhr unser hochwürdigster Bischof mit unS in daS hl. HauS, wo, der Tradition nach, die heilige/Familie während ihres Aufenthaltes in Egypten gewohnt hat, und das sich etwa Kne Stunde außerhalb Cairo befindet. ES sind da mehrere alte, fremdartige Gebäude, wir mußten mehrere Höfe und Winkel durchwandern, kamen auch in eine koptische Kirche, die ein zu sonderbares Aussehen hatte, als daß ich sie genau beschreiben könnte, und endlich in die heilige Stätte. Ueber derselben ist durch die fromme Kaiserin Helena eine Kirche erbaut, von der ich aber auch keine treffende Beschreibung geben kann, denn niemals habe ich eine ähnliche gesehen. In der Mitte derselben zieht sich ein hohes Gitter quer durch, innerhalb welchem aus der Seite eine Treppe hinabführt. Durch dasselbe gelangten wir in die eigentliche heil. Wohnung, e6 ist ein kleines enges Gewölbe, nach Art einer Capelle, an beiden Seiten mit niedern Säulen versehen, oben in der Mitte ein großer Altarstein. Hier bat die heilige Jungfrau mit ihrem göttlichen Kinde gewohnt, hier in dieser engen Grotte hat der menschgewordene Gott seine ersten Jahre verlebt, seine ersten Schritte gethan, seine ersten Werke zu unserm Heile verrichtet. Welche Gefühle von Andacht und Ehrfurcht flößt dieser Gedanke einem gläubigen Herzen ein! Von heiligem Schauer durchdrungen knieten wir unS da nieder, und beteten die Litanei zu jener erhabenen Jungfrau und Mutter, die hier so lange Zeit Gottes und ihren Sohn genährt und gepflegt. Leider ist diese Kirche in schismatischen Händen, und den Katholiken nur erlaubt, dort Messe zu lese«. Von da auS fuhren wir auf die Zitadelle, von wo auö man eine schone Aussicht über Cairo und die Umgebung hat. Hier wurde eben eine neue Moschee gebaut. Da sie noch unvollendet ist, durften auch unsere unheiligen Füße sie noch betreten. Schade, daß es kein christlicher Tempel ist, er würde für jede Hauptstadt eine Zierde seyn, so viel Gold und Marmor ist daran verschwendet. Nach 3tägigem Aufenthalte brachen wir endlich wieder auf, um unsere Reise durch die Wüste anzutreten. Abends sieben Uhr stiegen wir beim Fackelscheine in eine Art von Eilwagen, worin sechs Personen gut sitzen können. Da sie aber nur auf zwei große Räder gebaut sind, so ist das Fuhrwerk wirklich Lungen- und Lebererschütternd, und man muß sich wohl hüten, irgendwo anzulehnen, wenn man nicht Beulen davon trugen will. In diesen Reisekästen durchzogen wir also eine Nacht und einen halben Tag die Wüste. Die Reise ging ziemlich schnell, da wir vier Pferde hatten, die alle zwei Stunden gewechselt wurden. Es befinden sich da von Zeit zu Zeit kleine Gasthäuser am Wege, wo man zu Mittag und Abend speist, und besser bedient ist, als eS sich für solche Orte erwarten ließe. Von dieser Wüste kann ich keine andere Beschreibung geben, als daß eS eben eine Wüste ist, ohne Baum, ohne einen Grashalm, nichts als feiner, dürrer Sand, den der Wind einem in die Augen weht, wenn man nur ein wenig die Fenster des Wagens öffnet. Hie und da sahen wir die Ueberreste des CadaverS eines gefallenen KameelS, das hier seinen Tod fand, doch sonst kein lebendes Wesen. Endlich nach langem, ermüdendem Wege kamen wir gegen zwei Uhr in Suez an. Niemals habe ich einen ödern und wüstern Ort gesehen. Keine Pflanze, keinen Baum, kein grünes Gräschen, nur ausgebrannter dürrer Sand überall, und einige Häuser; dazu kein Tropfen genießbaren Wassers, sehr ungesunde Luft und eine sengende Hitze, das alles war wohl nicht geeignet, unsern Aufenthalt hier angenehm zu machen. ES befindet sich da auch keine Kirche und kein Priester, da nur wenige Katholiken sich aufhalten, die vielleicht ein- oder zweimal im Jahre eine heilige Messe von irgend einem durchreisenden Missionär haben. Wir mußten drei Tage hier ver- 51 weilen, auf die Ankunft deS Calcutta-StcamcrS wartend. AbendS gingen wir gewöhn« lich am Ufer deS Meeres spazieren, mit unserm hochwürdigsten Bischof den Rosenkranz beiend. Am letzten Tage zogen wir nach seinem und unserm Wunsche unsere Ordens- kleidung wieder an, da wir bisher in weltlicher Kleidung reisten. Dock da man auf Schiffen gewohnt ist, Klosterfrauen in ihrer Ordenstracht reisen zu sehen, und ihnen viele Achtung beweist, hatten wir unS nicht mehr zu fürchten. Sonntags den 34. am Feste deS hl. Raphael, deS himmlischen ReiscbeschützerS, schifften wir uns gegen Mittag auf einem kleinen Dampfboot ein, das uns zu dem, etwa eine Stunde entfernten, großen, prächtigen Dampfer Prccursor führte. Welck ein majestätischer Anblick, so ein Schiff mit seinen Segeln und Masten, mit den gewaltigen Rädern, die cS wie zwei mächtige Flügel durch den Ocean tragen! — ES wurde eine lange Stiege vom Verdecke herabgelassen, und wir stiegen ein. Unser hochwürdigstcr Bischof führte unS sogleich in unsere Kajüte, ein nettcS Zimmerchen mit vier Betten. Ueberall auf dem Schiffe bemerkten wir die äußerste Reinlichkeit und größte Ordnung. Passagiere waren eS etwa 60 — 70, sowohl Herren als Damen, meistens Protestanten; sie bezeigten unS jedoch viele Achtung und Rücksicht, ja, der Capilän hatte so viele Güte für uns, in die erste Classe n»S aufzunehmen, obwohl wir nur für die zweite bezahlt hatten. Gegen fünf Uhr wurden endlich die Anker gelichtet, und das Schiff setzte sich in Bewegung. Die ersten Tage war die Hitze ziemlich erträglich; den 3. und 4. aber war eS beinahe zum verschmachten. Die Hitze hatte 9t Grade Fahrcnheit erreicht, der Schweiß rann in Strömen, und den ganzen Tag waren wir wie gebadet. Nachts war eS noch ärger. Die Meisten zogen auS ihrer Kajüte, und legten sich im Salon auf Boden, Tisch und Bank unter den herabhängenden Windfang, nur um Luft zu haben; andere schliefen auf dem Verdecke. Und doch war cS jetzt Winter und die kühle Jahreszeit. Diese große Hitze erzeugt aber hier die Enge deS Meeres, daS von beiden Seiten von Wüsten begränzt ist, deren glühender Sand die Hitze verdoppelt. Am siebenten Tage passirten wir die Meerenge Babel Mandet, da eS aber Nacht war, konnten wir das Land nicht sehen. Am folgenden Sonntage, am Vorabende aller Heiligen, kamen wir nach Aden, eine Stadt an der arabischen Küstc. Da hier einige Stunden gehalten wurde, um frische Kohlen aufzuladen, so fuhren wir mit unserm hochwürdigsten Bischöfe ans Land. Beim AuSsteigcn war der nämliche Ncgcrkrieg wie in Alerandrie». Einer wollte vor dem Andern sich mit seinem Kahne herbeidrängen; man mußte sie mit den Füßen zurückstoßen. In jedem Kahne sind vier bis sechs dieser Wilden, wenn sie einen dann ans Ufer fahren, so geht das Rudern nach dem Tacte, und Alle singen oder schreien zusammen eine gewisse Formel, die sie stets wiederholen nach Art einer Litanei. Aden ist ein zweites Suez, nur gebirgiger. Hohe, schwarze Felsen umgränzen daS Meer, und der dürre, ausgebrannte Boden zeigt keine Vegetation. Am Ufer sind einige Köhlerhütten und ein Gasthaus; weiter zwei Stunden davon die eigentliche Stadt Aden. Da eben Sonntag war, wollte der hochwürdigste Bischof die heilige Messe daselbst lesen. Nachdem er um die nöthigen Meßgcräthe in die Stadt geschickt hatte, brachte dieselben ei» Missionär, mit dessen Hilfe in einem kleinen Zimmcrchen deS Gasthauses auf eiucm Tische ein Alter errichtet wurde, dessen ganze Zierde daS Crucifix war. Hier hatten wir das Glück Zeuge zu seyn von der unendlichen Liebe und Verdemüthigung unsers GotteS, der da unsertwegen herabstieg in diese Wohnung deS Götzendienstes. Mit welchen Gefühlen ich dieser heiligen Messe beiwohnte, kann ich nicht sagen. Ich hätte von Herzen weinen können, so ergreifend und rührend kam mir dieser Anblick vor. Hier kamen mir die Worte jenes frommen Liedes recht zu Sinne: „Herr der Armuth, Herr der Demuth! sieh mich an in meiner Wehmuth, an der Hoffart böser Klippe laß mich nicht zu Grunde gehen." Am ll. Morgens früh sahen wir in der Ferne Ceylon vor unS liegen. Schon einige Stunden weit davon wehte unS die frische Morgenluft die köstlichen Wohlgerüche von Zimmet und Gewürz entgegen, an denen diese Insel so reich ist. Je näher man ihr kommt, desto schöner wird ihr Anblick. Von einer langen Reihe 5» von blauen Bergen durchzogen, an den Ufern mit Palm- und Orangen-Wäldern begränzt, die sich an den Hügeln hinaufziehen, bietet sie den Anblick eines blühenden, immergrüne» GartcnS. Niemals habe ich etwas malerischeres gesehen, als diesen Hafen, an dessen Spitze der Leuchtlhurm auf hohen Felsen steht, von scharfen- Klippen umgeben, an denen sich die Brandung bricht, die Wogen hoch zu ihm hinaus schleudernd, und in Schaum zerfließend, wie in ohnmächtiger Wuth zürnend über seine Festigkeit. Gibt eS wohl ein schöneres Bild der Kirche und ihrer Feinde! An diesem Hafen liegt Gall, ein hübsches Dörfchen, dessen Häuser zwischen den Palmen und Cypressen freundlich herausschauen. Auf einem Hügel außerhalb des OrteS steht von Bäumen beschattet daS katholische Kirchlein, da der Ort doch ein paar hundert Katholiken zählt. Als cS dunkel zu weiden anfing, schimmerte allmälig ein Lichtchen nach dem andern aus dem dichten WaldcSgürtel, und umgab uns wie ein Kranz von flimmernden Stcrnlein. Dazu der heiterste Himmel, und so frische, duftige Abendluft, in die daS Brausen der brandenden Wogen von Ferne herübertönte, daß eS mir schien, cS müsse die Sage wahr seyn, daß hier daS irdische Paradies einst gestanden habe. Leider stiege» wir hier nicht anS Land, da unser hochwürdigster Bischof und Bater krank und leidend war in Folge eines Unfalls, der unS in große Bestürzung versetzte. Freitags den 5. November fiel er nämlich die Stiege hinabgehend in ein unten geöffnetes Loch, das in ein Gewölbe hinabführt, wo daS Gepäck aufbewahrt wird. Unglücklicher Weise stieß er dabei gegen die Brust und brach sich eine Rippe. Er wurde sogleich zu Bette gebracht, und litt große Schmerzen. Der SchiffSarzt, der ihn behandelte, gab unS die trübe Aussicht, daß er vor zehn bis vierzehn Tagen das Bett nicht werde verlassen könne». Wir wiche» nicht mehr von seinem Lager, Eine die Andere abwechselnd, ihm frische Luft zuwehend, da die Hitze in der engen Kajüte beinahe erstickend war, und all die kleinen Dienste ihm erweisend, die in unsern Kräften standen. Hier hatten wir täglich Gelegenheit, seine uuerschütterliche Geduld und gründliche Frömmigkeit kennen zu lerne«. Kaum hatte der Arzt den Schaden verbunden, so war sein Erstes, daß er sein Brevier betete, obwohl er sich kaum rühren, noch athmen konnte, ohne den heftigsten Schmerz. Niemals hörten wir eine Klage, niemals auch nur einen ungeduldigen Wunsch. Wenn wir unser Mitleid auSsprache», wies er gewöhnlich auf daS Crucifir und sagte: WaS ist das im Vergleiche mit uuserm Herrn? Dieß ist noch lange kein Fegfeuer, — lieber hier als dort! — Er war immer gleich heiter lind ruhig; täglich betete er mit unS die gewöhnlichen Gebete und den Rosenkranz, wie sonst. Auf seine» Wunsch hielten wir eine dreitägige Andacht zum heil. LavcriuS, und siehe da! zu unserer großen Freude und zur Verwunderung Aller konnte er schon am siebenten Tage außer dem Bette seyn. Seitdem besserte eS sich schnell, so daß er jetzt wenig mehr von diesem Uebel spürt. Da wir nicht a»S Land gingen, so kamen mehrere Neger zu uns an Bord, die den Bischof, oder wie sie sagten, den Priester und die Priesterinnc» sehen wollten. Sie brachten Früchte, Mccrmuschcln nnd sehr künstlich gearbeitete Schnitzwaren, Schatullen lc. die sie sich aber theuer genug bezahlen ließe». Wir gaben ihnen einige Rosenkränze, Bilder und Kreuzlein, mit denen sie große Freude hatten. Am 15. November erreichten wir Madras, die erste indische Stadt. Schon von Ferne sieht man eine lange Reihe niederer Gebirge, und die weißen, felsigen Ufer. Näher kommend breitet sich die große, schöne Stadt, mit etwa 200,000 Einwohnern vor den Blicken auS. Da sie aber keinen eigentlichen Hafen hat, und die Brandung an der Küste sehr heftig ist, so ist daS Lande» hier wirklich ein Wagestück und man braucht Muth sich dazu zu entschließen. Sobald das Schiff Halt gemacht hatte, kamen eine Menge Boote vom Ufer, von Indianern geleitet, um die Passagiere ans Land zu bringen. Doch die Gewalt der Strömung ist so heftig und daS Meer so unruhig, daß eS etwas sehr Schwieriges ist, vom Schiffe in dieselben zu gelangen. Man muß da gerade den rechten Augenblick erhäschen, einen Moment später, und der Kahn prallt wieder zurück, und der Hineinspringende liegt im Wasser. Das Anlanden selbst ist noch unangenehmer. Man wird da von der Gewalt der Wogen '^.-.'^ IllWWllllllllM 53 gleichsam anS Land geworfen, und oft über und über mit Wasser begossen. Deßhalb wollte »nser hochwürdigster Bischof auch nicht, daß «ir die Stadt besuchten. Noch ehe wir den Landungsplatz erreichten. sahen wir eine Menge Indianer zum Fischfange ausziehen. Nichts sonderbarer als vieser Anblick. Von Ferne glaubt man lauter schwarze Negerköpfe aus dem Wasser schwimmen ,u sehen, denn gewöhnlich sieht man davon nichts als den Kopf, da die Wellen sie beständig auf und nieder tauchen. Sie stehen nur auf einer Art Balken, ten sie mit einem kleinen Ruder lenken, und eS ist zu verwundern, wie sie sich bei der so heftigen Bewegung im Gleichgewichte erhalten können, ohne von den über sie hinweg rollenden Fluchen hinweggcspült zu werden. Gewöhnlich sind sie ganz ohne Kleidung; nur auf dem Kopfe haben sie eine spitzige Strohkappe, in denen sie auch die Briefe, Zeitungen zc. tragen, die sie an Bord bringen wollen. Am Ufer sieht man große, schöne Gebäude und mehrere Kirchen; weiter entfernt auf eine», Hügel die Kirche deS heiligen Apostels ThomaS, die über seinem Grabe erbaut ist. Leider ist aber auch diese in schismatischen Händen. Hier hat auch der große heilige XaveriuS eine Nacht durch gebetet und vom Teufel Verfolgung gelitten. ES macht mir immer Freude, wenn ich daran denke, daß über diese Meere ein heiliger Franz Xaver auch einst gesegelt, daß gerade von da auS seine Gebete zum Himmel gestiegen sind. Nachdem mit der Kanone vom Schiffe auS das Zeichen zur Abfahrt gegeben wurde, wurden die Anker gelichtet, und unserer letzten Station, Calcutta, entgegengesteuert. Freitags den 19. gegen vier Uhr Morgens lief das Schiff in die Mündung des Ganges ein. Schon ein paar Stunden vorher kam der Pilot an Bord deS SckiffeS, daS ist ein eigens dazu bestimmter und wohlerfahrener Steuermann, der das Schiff auf seiner Fahrt auf dem Ganges zu leiten hat. Da der Grund dieses Stromes nur leichter Sand ist, so ist die Fahrt auf demselben für große Schiffe gefährlich, weil die Gewalt deS Wassers den Sand bald da bald dorthin führt, Sandbänke und Untiefen bildet, und beständig die Lage derselben verändert. Deßhalb waren immer ein oder zwei Männer beschäftigt, an beiden Seiten fortwährend daS Senkblei zu werfen, um die Tiefe zu messen. Wir waren schon ziemlich voran gekommen, als ich gegen acht Uhr aufs Verdeck kam, um die Ufer zu betrachteu. Doch da lag noch immer Himmel und Wasser vor mir; vom Ufer konnte daS Auge keine Spur erreichen. Hätte nicht die Farbe deS Wassers mich überzeugt, daß ich wirklich auf einem Strome sey, ich hätte ihn sür ein zweites Meer gehalten. Erst später gegen Abend verengte er sich mehr, und ließ uns die schönen, grünen Ufer, auf denen die Heerden weideten, und hie und da eine Hütte unter den Palmen unter- scheive». Endlich gegen sieben Uhr wurde der Anker vor Calcutta geworfen. Mit freudigem, dankbarem Herzen stimmten wir mit unserm hochwürdigstcu Bischof ein Te Deum an. Glücklich über alle Erwartung hat uns der Herr über Meere und Wüsten geleitet. Kein Sturm hat den ruhigen Spiegel deS MeereS getrübt, keine Gewitterwolke den blauen Himmel umzogen, kein Unglück unS getroffen auf der ganzen, langen Reise. Und über all daS hat er unS, als die Schooßkinder seiner Vorsehung unter die Obhut eines Bischofs gestellt, der für unS Sorge trug, wie kaum ein Vater sie getragen hätte. ES ist mir unmöglich, all die Güte, Aufmerksamkeit und Sorgfalt zu beschreiben, die unser bischöflicher Vater auf dieser Reise bei jeder Gelegenheit u»S bewicS; er vergaß sich selbst in der Sorge für u»S. Hier in Calcutta, wo er unS in dem Hause eines seiner Freunde unterbrachte, da man in dem Kloster der Unsrigcn keinen Platz für uns fand, erwies er unS die große Gnade, täglich in unserm Zimmer die heilige Messe zu lesen. Ich käme an kein Ende, wenn ich die Beispiele seiner Güte und Väterlichkeit aufzählen wollte. Gott weiß, wie viel wir seiner Huld und Gnade schulden, Er allein kann ihm genügend lohnen. Ich empfehle ihn indessen dem Gebete der Mission. Er hat wohl eine schwere Last, eine große Bürde auf seinen Schultern, denn eine Diöcese in Indien ist etwas anders, als eine in Europa. Von der Lage deS Katholicismus, von den Hinder- und Beschwernissen, von den Gewohnheiten des Landes und all dem übrigen Merkwürdigen 54 und ErzählenSMrthen will ich Ihnen in meinem nächsten Briefe mittheilen. Für dießmal muß ich schließen. Morgen werden wir unsere Reise nach Chittagong antrete», wo vor der Hand unser Aufenthalt seyn wird. ES ist dort auch ein HauS der Schwester» von Loretto (uuter diesem Namen ist unser Institut in Indien, Amerika und England bekannt), doch sind dort nur drei Schwestern, die daher nothwendig Hilfe bedürfen. Chittagong wird Ihnen vielleicht unbekannt seyn, doch werden Sie eS unter dem Namen Islamabad auf jeder Karte finden. Jch>s>age Ihnen nun nochmals ein herzliches Lebewohl, auch im Namen meiner lieben Schwestern. Ich weiß, daß Sie nun unsertwegen beruhigt sind, da Sie uns glücklich angekommen und in guten Händen wissen. Möge der liebe Gott Ihnen all die Sorgfalt und Güte, die Euer.Hochwürdcn unS so väterlich bewiese«, tausendfach belohnen. Niemals werden wir sie vergessen, niemals unterlassen für Euer Hochwürden zu beten um den reichsten Segen des Himmels. Und wie sollte er Ihnen nicht werden, da Sie vom Aufgauge bis zum Niedergange Kinder haben, die für ihren guten MissionSvatcr zum Himmel flehen. Ich sende hier auch unsere Grüße nach Burghauseu und Allöiting. Möge» die lieben Schwester» für uuS beten, wie auch wir eS für sie thu». Zum Schlüsse empfehle ich mich und meine Gefährtincn auch Ihre», fromme» Andenken, hochwürdigcr Herr Hofcaplan! Erflehen Sie u»S Kraft, Gesundheit und den Segen des Himmels, daß wir zur Ehre GotteS und zum Heile der Seelen recht Vieles wirken mögen. Mit ausgezeichneter Hochachtung und Verehrung :c. Fr. Maria Aloisia Pisani, I. St. M. Musikalische Träume. ES gibt Dinge auf der Welt, die etwas Ueberirdisches an sich zu haben unb eben sowohl eine Erinnerung an das verlorene Paradies, als eine Mahnung an den Himmel zu seyn scheinen. Solch' ein Ding ist anch die Musik. Wie rein ist nicht ein mlisikaiischcr Genuß, verglichen mit andern irdische» Genüsse»? Und wer weiß nicht, daß die Musik eine Sprache zum menschliche» Herzen ist, die unter allen Zonen gleich verstanden wird? So gewiß die Musik eine der ältesten Künste ist, so gewiß ist sie auch religiöse» Ursprungs, und sie kann diesen Ursprung nicht vcrläugncn. Gleich der Rcli- sgjM zieht die Musik dc» Menschen von dem Gemeinen ab, verfeinert seine Sitten, veredelt sein Gemüth und erschließt dem sehnsüchtigen Herzen eine höhere harmonische Wcltordnnng; beide üben eine unwiderstehliche Kraft auf deu Menschen. So erzählt man z. B. von dem allbekannten afrikanischen Negcrapostcl, 1)r. Knoblcchcr, daß er einst, auf dem Nilflussc abwärts schiffend, in großer Gefahr war, von den Wilden gefangen und getödtcl zu werde». Er ließ daS Schiff landen »nd spielte den Wilden Einiges a»f einer Ziehharmonika vor, und siehe — er und sie waren gerettet; auf demselben Flecke steht nun eine christliche Capelle. Und waS von Heide» gilt, gilt in mancher Hinsicht auch von Christen. Wer weiß nicht, daß viele Protestanten in der.Sirtinischcn Capelle zu Rom, wo die religiöse Musik in ihrer reinsten Blüthe sich cntfaltet, katholisch geworden sind? Darum darf eS Niemand wundern, wenn die Musik schon in den erste» Zeite» deS ^Christenthums beim Gottesdienste angetroffen und stets mehr und mehr der heiligen Kirche dienstbar gesunden wird. Der fromme Ausdruck der Gefühle wurde zum Gesänge, u»v der Zusammenklang der gläubigen Gemüthsstimmung in der Gemuude wurde zur heiligen Harmoniemusik. Am schönsten zeigt sich dieß im kirchlichen Cho- rale und in den majestätischen Orgelklängen. Aber auch im gewöhnlichen Heben änßert die Musik eine wohlthuende Wirksamkeit. Wie Vielen ist sie eine Erholung, Erheiterung und Erhebung über die Kleinlichkeiten deS AltagSlebenö; wie Vielen bringt sie neue Kraft, ja neue Gedanken; 55 wie Vielen verschafft sie Trost in den mancherlei trüben Stunden dieses Lebens! Man will wissen, daß bei Menschen, denen der Sinn für Musik abgeht, eine gewisse kalte Einseitigkeit im GemüthSlebcn angetroffen werde. Wir wollen diese Ansicht nicht bestreiken; aber das ist sicher, daß sie eines unersetzbaren Mittels entbehren, sich mit den unausweichlichen und unvermeidlichen Disharmonien ans dieser Welt in Einklang und Versöhnung zu bringen. In allen Dingen gibt eS Ausartungen und Extreme, also auch m der Musik. ES gibt eine geistliche und weltliche Musik, so wie eS ein geistliches und weltliche» Leben gibt. Ihr gegenseitiges Verhältniß ist hinlänglich in diesen Worten gezeichnet: Geistliche Musik schickt sich nicht fürs Theater, und weltliche Musik gehört nicht in die Kirche. Sentimentale Musik ist für kirchliche Zwecke eben so unbrauchbar und sade, als lärmende und polternde unausstehlich ist. WaS soll eine Solopurthie auS „Fra Diavolo" als Unterlage sür daS ,M in osrnatus est«? DaS Geistlose kann nie schön seyn. Wo die Musik in der Kirche von Stümpern gemaßregelt wird, da unterbleibt sie besser. Ein einfacher NolkSgesang ist Gott gewiß angenehmer und für die Gemeinde erbauender, als ein mißlungenes und mißhandeltes Figural-Hochamt. Man kann sich aus der Kirche nicht so wie auS dem Theater entfernen, wenn man ob der Musik Langweile und Leere empfindet. Weil im Himmel alle Disharmonien aufhören, so muß dort ganz eigentlich auch daS Vaterland der Musik seyn. Und so steht eS auch in der heiligen Schrift. Von den Engeln ist eS bekannt, daß sie dem dreieinigen Gotte ein unaufhörliches «heilig, heilig, heilig" zujubeln, und von den unschuldigen Seelen versichert uns der heilige Johannes, daß sie einst ein Lied singen werden, daS die andern nicht singen können. Und wo der Himmel in nähere Verbindung mit der Erde tritt, da erklingen die heiligen Musiktöne. So in der Nacht, wo Christus geboren ward, indem die Engel in den Lüften daS „Lloris in exoslsis" sangen; so spricht der heilige Bernard von den sieben Worten des Erlösers am Kreuze als von sieben wohlklingenden Saiten auf der Cither deS KreuzholzeS. Daraus erklärt eS sich auch, wie heilige Seelen gleichsam in der Vorahnung des HimmelöglückeS diese himmlischen Harmonien noch in dem DießseitS vernehmen können. Natürlich! So wie das Abbild dem Urbilde näher kommt, müssen die Dissonanzen dieses Lebens sich in Concordanz verwandeln, und je freier die Seele von irdischen Schlacken wird, desto geeigneter ist sie, in Jubel und Lust miteinzustimmen, in den Jubel deS Himmels. DaS ist der Heiligen Schwanengesang! Auch die Natur hat ihre Musik. In unbekannten Weisen klingen z. B. die Töne der AeolSharfe. Es ist dieß daS Seufzen und Sehnen der Natur nach Erlösung, wie eS der heil. Paulus nennt (Römerbrief 8, 22). Je heiliger und erlöster (wenn man so sagen dars) der Mensch ist, desto mehr versteht er diese Musik, und desto mehr participirt gleichsam die Natur an seiner Erlösung. Nur Ein Beispiel. Zur hl. Rosa von Lima kam mit Untergang der Sonne ein kleines Vögelchen mit wunderlieblicher Stimme an ihr Zimmer hingeflogen, und setzte sich auf einen nahen Baum, dort gleichsam daS Zeichen zur AnHebung deS Gesanges erwartend. Rosa rüstete sich, das Lob GotteS zu beginnen und forderte das Vögelchen im eigenen Liede, das sie dafür gedichtet, zum Wetlgesang heraus: „Heb' an, o liebe Nachtigall, Singe süße Liedesweise! Schmettre hohen Sang aus voller Kehle, Damit wir den Herrn loben allzumal. , """"" - ' ' *) Mit weiser Klugheit dringt daher Vater Kolping aus die Pflege des Gesanges in den von ihm gegründeten Gesellenvereinen, 56 Du sollst deinen Schöpfer preisen, Ich den Heiland voll Erbarmen, Unsern Gott wir beide insgesammt. Thu' auf die Kehle sangeSvoll, Damit im muntern Wechselliede Unsere Töne lieblich sich begegnen." Und sogleich begann daS Nögelchen mit linder, leiser Stimme seinen Schlag, schwang sich dann höher und immer höher, wirbelte darauf eine Zeit lang schwebend auf der Höhe der Töne, und ließ dann, selbst schweigend, die Jungfrau an die Reihe kommen. So wechselten sie in der heil. Fastenzeit stets bis sechs Uhr Abends. Zum Contraste eine andere Geschichte, die sich erst vor einigen Monaten zugetragen hat. Die gefeierte Sängerin Sontag (Gräfin Rossi) produzirtc sich auf ihrer Kunstreise in Amerika unter Anderm auch in der Stadt Boston in einem Privatconzerte vor etwa 40l) puritanische» Geistlichen und Pastoren aller Secten. Alle waren voll Entzücken und einig in ihrem Lobe; ja einer der Pastoren that den AuSspruch: „Wahrlich, die Musik ist daö einzige und letzte Mittel, die verschiedenen ReligionSsecten zu einigen," und ertheilte der Sängerin seinen väterlichen Segen. — Sonderbar, aber dock nicht ganz ohne Wahrheit! Genug, wenn die vielen Secten einmal die Sehnsucht nach einer Einigung und Harmonie fühlen und die Möglichkeit derselben erkennen. DaS Uebiige wird der Herr machen, daß Alle in Liebe und Eintracht den Pastoraltönen des Einen Hirten lauschen, km!,, iiat! (Oest. VolkSsr.) Kaiser Ferdinands Nachtgebet. Darnieder liegt der güt'ge Ferdinand; Die Krankheit hält Ihn an das Bett gebannt; Ein stechend Schmerz hält Tag und Nacht Ihn wach Und macht den frommen Dulder matt und schwach. Der Priester an des Kranken Seite steht, Sie beten jetzt vereint das Nachtgebet. Im Krankenzimmer kniet die Kaiserin Und blicket kummervoll zum Kaiser hin. Sie fleht Ihn ganz erschöpft und schwach und matt, Und gibt dem Priester liebevoll den Rath: Doch abzubrechen mit dem Nachtgebet, Da schon so sehr die Schwäche Ihn umweht. Der Kaiser jetzt noch ein Gebet begehrt, Sein tägliches, das Ihm gar lieb und werth: „Zch will, daß noch mir vorgebetct wird Zur unsern Herrn," ruft Er, „der jetzt regiert!" Und nun im heißen, innigen Gebet Der kranke Oheim für den Neffen fleht. Er kennt die Last, die auf dem Theuren ruht! Darum des frommen Dulders AndachtSgluth. Nicht blos für Ihn hebt Er zu Gott den Blick; Er flehet auch für Seiner Völker Glück- O, ahm Ihn nach, du theures Vaterland! Bet' für den Kaiser, bet' für Ferdinand! Christl. Feierabend. Verautwoitlichi'l Redacteur: L, Schönchen Üerlags-Juhaber: F E, Kremer. 8S Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt Iisttu uz .louvlg n«/> uz li^Ittlriij^ l'.a M!,^ Ntk ni»u»i.G II^U Augsburger PostMung. ,iail»U»ip „m, lu MMti^ZiMMM^M??' Slt<fti«» «» »«>»?><-< «NUv Sst. Februar M 8. l853. iii-i. ^ ____ Diese» Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonuementspre!« kr., wofür e« durch alle kovigl. bayer. Postämter vud all« Buchhandlungen bezogen werden kann. Brief des Grafen Joseph de Maistre an eine protestantische Dame über den Grundsatz, daß ein redlicher Mann niemals seine Religion wechselt. '5".?' '.'.''^ - St. PetnS»uxg, d»a S,^ec. 180». Gnädige Frau! Sie verlangen meine Meinung über den so gangbaren Grundsatz, daß ein redlicher Mann nie seine Religion wechselt. Stets werden Sie, gnädige Frau, zu einer unbegränzten Willfährigkeit gegen Sie mich bereit finden, und ich beeile mich um so mehr, im vorliegenden Falle Ihnen Folge zu leisten, als, wenn ich mich nicht täusche, es allein das Trugbild der Ehre ist, welches Sie von der Wahrheit trennt. Deßhalb ist eS um so nöthiger, dessen baldige Nerscheuchung zu bewirken. Ich würde mich mit Ihnen freilich lieber mündlich unterhalten; aber die Vorsehung gestattet eS nicht. Da wir für sehr lange Zeit, vielleicht für immer, getrennt sind, schreibe ich Ihnen, und ich habe die gewisse Hoffnung, daß auf einen so gebildeten Geist, wie der Ihrige, dieser Brief ganz die Einwirkung haben wird, welche ich davon erwarte. ES kann keine wichtigere Frage geben; denn wenn kein Mensch seine Religion wechseln soll, so ist überhaupt von Religion nicht mehr die Rede. ES ist unnütz und sogar lächerlich, zu erforschen, auf welcher Seite sich die Wahrheil befindet. Jeder hat Recht oder Jeder hat Unrecht, ganz nach Belieben: eS handelt sich dann um eine bloße Polizeimaaßregel, deren Betrachtung wahrlich nicht der Mühe werth ist. Aber, ich bitte Sie, erwägen Sie folgende Alternative: wenn jeder Mensch verbunden wäre, in seiner Religion zu verharren, von welcher Beschaffenheit sie auch sey, so folgt nothwendig daraus, daß entweder alle Religionen wahr, oder daß alle Religionen falsch sind. Nun, von diesen beiden Voraussetzungen kann die eine nur aus dem Munde eines Wahnsinnigen hervorgehen, und die andere auS dem eines FrevIerS. Ich bin deßhalb entbunden, mit einer Person, wie Sie, die Frage sowohl in Hinsicht auf die eine oder die andere der beiden Boraussetzungen zu prüfen, und ich kann mich auf eine dritte beschränken, nämlich auf diejenige, welche eine wahre Religion zuläßt und alle übrigen als falsche verwirst. Ich fühle mich hierzu um so mehr verpflichtet, da von dieser Voraussetzung gerade die Behauptung ausgeht, daß Jeder in seiner Religion verbleiben müsse. Man sagt in der That: der Katholik behauptet, daß er Recht habe, der Grieche behauptet, daß er Recht habe, der Protestant behauptet, daß er Recht habe: wer soll unter ihnen der Richter seyn? Meine Antwort wäre sehr einfach, wenn das der Gegenstand der Frage wäre. Ich würde sagen: Gott wird prüfen, ob der Mensch 68 .y»»s,p7(!v^ nw^kinE nicht selbst getäuscht ist; ob er die Frage mit aller Aufmerksamkeit, deren er fähig ist, erwogen hat und ob er hauptsächlich sich durch den Stolz nicht hat verblenden lassen; denn für den Stolz gibt eS keine Gnade. Aber hierum handelt eS sich in der That nicht; man verrückt den Standpunct der Frage, um sie zu verwirren. Es handelt sich keineswegs darum, waS ein Mensch, der im guten Glauben auf dem Wege der Wahrheit zu seyn glaubt, zu erwarten hat, wenn er sich in Wirklichkeit auf dem deö Irrthums befindet; noch einmal, Gott wird ihn richten, und eS ist höchst sonderbar, daß wir so große Furcht haben, Gott wisse nicht aller Welt gerecht zu werden. ES handelt sich darum, und nur einzig allein darum, zu wissen, was dem Menschen obliege, der zu irgend einer Religion sich bekennt, und die Wahrheit an einem andern Orte erblickt. Dieß ist die Frage, und es ist weder vernünftig noch ehrlich, sie umzuwandeln, um eine ganz gleichgiltige zu prüfen, da wir alle darüber einig sind, daß ein Mensch, der seine Religion ohne Ueberzeugung ändert, ein Feigling, ja selbst ein Schurke ist. Dieß angenommen, wer würde so vermessen seyn, zu behaupten , daß der Mensch, dem sich die Wahrheit offenbart, dieselbe hartnäckig von sich weisen soll? ES gibt nichts ' so furchtbares als die Herrschaft eines falschen Grundsatzes, welche auf einem unS liebgewordenen Vorurtheil sich befestigt hat; mittelst der mündlichen Verbreitung wird er eine Art Orakel, welches sich die besten Geister unterwirft. Zu dieser Zahl gehört derjenige, welchen ich in diesem Augenblick prüfe: er ist daS Kissen, welches der Irrthum erfunden hat zur Ruhe des KopfeS und zum bequemen Schlaf. Die Wahrheit ist, was man auch immer sagen mag, nicht so schwer erkennbar. Jeder ist ohne Zweifel vermögend „Nein" zu sagen, aber daS Gewissen ist unfehlbar und sein Stachel läßt sich wever entfernen, noch abstumpfen. WaS thut man also, um sich bequem einzurichten, und um zugleich der Trägheit zu genügen, die nicht prüfen will, und dem Stolze, der nicht widerrufen will? Man erfindet den Grundsatz, daß kein Ehrenmann seine Religion ändern dürfe, und hiermit beruhigt man sich, ohne bemerken zu wollen, waS doch so einleuchtend als möglich ist, daß diese schöne Redensart zugleich widersinnig und gotteslästerlich ist. Eine Abgeschmacktheit! denn kann man sich wohl etwas Ungereimteres, der Natur eines vernünftigen Wesens Widersprechenderes denken, als das bestimmte und im Voraus abgelegte Glaubensbekenntniß, die Wahrheit zurückzuweisen, wenn sie fich darbietet? Man würde denjenigen ins Irrenhaus schicken, welcher eine solche Verpflichtung in Bezug auf menschliches Wissen einginge; aber mit welchem Namen soll man denjenigen bezeichnen, der sie in Rücksicht auf die göttlichen Wahrheiten eingeht? Welch eine Gotteslästerung! denn eS ist buchstäblich ganz dasselbe, als wenn man ausdrücklich zu Gott sagte: „Ich lache über daS, was du sagst; offenbare so viel, als du willst: ich bin als Jude, Mohamedaner, Götzendiener u. f. w. geboren, ich will es bleiben. Meine Richtschnur in diesem Puncte ist der Breiten- und Längengrad. Magst du auch immer daS Gegentheil befohlen haben, mich kümmert eS wenig." i.'i nvitzilz^ Sie lachen, gnädige Frau! es ist hierbei weder Uebertreibung noch rhetorische Figur, es ist die reine Wahrheit; urtheilen Sie darüber mit ruhiger Ueberlegung. In Wahrheit, eS handelt sich hier um ein nichtiges Ehrgefühl und eine Verblendung des Stolzes in einer Angelegenheit, welche daS Gewissen und daS Seelenheil betrifft. Ich bleibe aber hierbei nicht stehen, ich mache mich anheischig zu beweisen, daß selbst die Ehre, wie wir sie in der Welt auffassen, sich keineswegs einem Religionswechsel entgegenstellt. Zu diesem Zweck müssen wir auf den Ursprung zurückgehen. ES sind jetzt achtzehnhundert Jahre, seit eS in der Welt eine katholische Kirche gibt, die immer geglaubt hat, was sie jetzt glaubt. Ihre Gelehrten werden Ihnen gesagt haben, daß wir Neuerungen eingeführt; achten Sie aber darauf, daß, wenn wir wirklich Neuerungen eingeführt hätten, es jedenfalls befremden muß, wie vieler ch1»,M 151 ^klZ(lilItvst . Iinii-^ll zti»I °NN?1 Hl >?lI^k1lliX> ^^««^^ !ivt>Iitt?kls/j lchui - dicker Bücher, die übrigens vollständig Seitens unserer Schriftsteller widerlegt sind, eS zur Beweisführung bedürfte. O mein Gott! Um zu beweisen, daß Sie Protestanten, die Sie erst seit gestern cristircn, wetterwendisch find, bedarf er nicht solcher Anstrengungen. Eines der besten Bücher eines unserer größten Männer enthält die Geschichte Ihrer Unbeständigkeit. Die Glaubensbekenntnisse folgten aufeinander, wie die Blätter auf den Bäumen einander folgen, und heute würde man in Deutschland gesteinigt werden, wenn man behaupten wollte, daß die AugSburger Konfession, die doch daS Evangelium des ikten Jahrhunderts war, die Gewissen verpflichte. Doch lassen Sie unS allen Schwierigkeiten entgegengehen, und mit der allen Schismen, die heute die Welt theilen, vorhergehenden Epoche beginnen. Im Anfange deS Men Jahrhunderts gab eS in Europa nur Einen Glauben. Betrachten Sie diesen Glauben als eine Vereinigung der positiven Dogmen. Die Einheit Gottes, die Menschwerdung, die Dreieinigkeit, die wirkliche Gegenwart; und um die Sache noch klarer zu machen, wollen wir annehmen, daß es fünfzig solcher positiven Dogmen gebe. Alle Christen glaubten also zu jener Zeit fünfzig Dogmen. AIS die griechische Kirche die Ausströmung deS heiligen Geistes vom Sohne und die Suprematie des Papstes läugnete, hatte sie nur noch acht und vierzig Glaubenspuncte, und Sie sehen daraus, daß wir immer das glauben, was sie glaubt, wenn gleich sie zwei Dinge läugnet, die wir glauben. Ihre Secten deS ißten Jahrhunderts gingen weiter und läugneten noch mehrere andere Dogmen; aber diejenigen, welche sie beibehielten, haben wir mit ihnen gemein. Mit einem Worte, die katholische Religion glaubt alles, waS die Secten glauben; dieser Punct ist unbestreitbar. Diese Secten, wie sie auch immer beschaffen seyn mögen, sind also keine Religionen; sie sind Negationen, d. h. nichts durch sich selbst; denn sobald sie bejahen, find sie katholisch. ES folgt hieraus bis zur größten Evidenz, daß der Katholik, der zu einer Secte übertritt, in Wahrheit apostasirt, weil er seinen Glauben wechselt, und das heute läugnet, waS er gestern noch glaubte, wahrend der Sectirer, der in die Kirche zurückkehrt, im Gegentheile keinem Dogma entsagt, uud nichts läugnet von dem, waS er glaubte. Er glaubt im Gegentheil daS, waS er läugnete, und dieß ist ein großer Unterschied. In allen Wissenschaften ist es ehrenvoll Entdeckungen zu machen, und Wahrheiten kennen zu lernen, die unbekannt waren. Sollte sonderbarer Weise die Wissenschaft her Religion, die dem Menschen allein zu wissen nöthig, hievon eine Ausnahme machen? Der Mohamedaner, der Christ wird, geht von einer positiven Religion zur andern über. ES kann also seinem Stolze Ueberwindung kosten, positiven Dogmen zu entsagen, und zu bekennen, daß derselbe Mahomet, den er als einen von Gott gesendeten Propheten betrachtete, doch nur ein Betrüger sey. Ganz anders verhält eS sich mit dem, der von einer christlichen Secte zur Mutterkirche zurückkehrt. Man verlangt von ihm nicht, einem Dogma zu entsagen, sondern bloß einzugestehen, daß eS außer den Dogmen, die er glaubt und die wir glauben, noch andere gibt, die ihm unbekannt waren, nichtsdestoweniger aber doch wahr sind. Jeder verständige Mensch muß den ungeheuren Unterschied zwischen diesen beiden Voraussetzungen wahrnehmen. Nun bitte ich Sie, Ihren Geist folgender Betrachtung zuzuwenden, die wohl der Aufmerksamkeit werth ist. Warum ist der Grundsatz, daß man nie seine Religion wechseln darf, bei uns wie eine furchtbare Gotteslästerung verdammt? Und warum ist dieser Grundsatz wie ein EhrenauSspruch bei allen getrennten Brüdern geheiligt? Ich überlasse Ihnen die Sorge hierauf zu antworten. Dieß ist eS, waS ich Ihnen über diese gewichtige Frage zu sagen hatte. Ich bediene mich, wie Sie sehen, weder deS Lateinischen noch deS Griechischen; ich appellire nur an den gesunden Menschenverstand, welcher so laut spricht, daß ihm zu widerstehen unmöglich ist. Wenn Sie hierüber nur wenig nachdenken, so können Sie «o nicht zweifelhaft seyn, daß der Katholik, der zu einer Sccte übertritt, nothwendig ein verächtlicher Mensch ist, aber daß derjenige Christ, welcher von einer Secte zur Kirche zurückkehrt (wenn er nämlich, waS sich von selbst versteht, auS Ueberzeugung Handell), ein redlicher Mensch ist, der eine geheiligte Pflicht erfüllt. Gestatten Sie mir, daß ich die Theorie durch die Erfahrung ergänze. Wir haben in unserer Religion Verzeichnisse durch ihre Würdigkeit, ihren Rang, ihre Verstandesschärfe und ihre Talente hervorragender Leute (so zahlreich, daß wir davon Bücher machen könnten), die ungeachtet aller Vorurtheile ihrer Secte und Erziehung doch der Wahrheit die Ehre erwiesen haben, indem sie zur Kirche zurückgekehrt sind. Versuchen Sie, ich bitte Sie darum, ein ähnliches Verzeichniß von allen den Menschen, welche den Katholicismus abgeschworen haben und zu einer andern Secte übergetreten sind, zusammenzustellen. Sie werden im Allgemeinen nur Wüstlinge, verdorbene Genieö und verworfene Menschen finden. Ich appellire an Sie selbst, gnädige Frau! Sie haben Ihre Kinder dem entlaufencn Mönch, der vor einiger Zeit hier ankam, nicht anvertrauen wollen. Und doch handelte es sich nur darum, ihnen Geographie und Arithmetik zu lehren, Gegenstände, die mit dem Glauben nichts gemein haben. Sie mußten also von einer tiefen Verachtung gegen ihn erfüllt seyn; aber eS wäre Ihnen unmöglich, z. B. den Grafen Stolberg oder die Fürstin Gallitzin zu verachten. Leute, die nicht Ihre Offenheit haben, können Sie tadeln, weil man, ich sage nochmals, Niemand hindern kann „Ja oder Nein" zu sagen; aber ich appellire allen Ernstes an Ihr Gewissen. So wie der Weg geebnet ist. handelt eS sich nur darum, ihn zu betreten. Sie werden mich fragen, waS ist zu thun? Ich will Sie nickt drängen, gnädige Frau. Sie wissen, wie sehr ich die unnütze und gefährliche Oeffentlichkeit fürchte. Sie haben einen Gemahl, Kinder und zeitliche Güter. Ein Aufsehen erregender Schritt von Ihrer Seite würde unnütze Verlegenheiten zur Folge haben. Ich beabsichtige auch gar nicht, Sie zu diesem Schrille mit theologischer Strenge zu drängen; aber eS gibt sanfte Mittel, welche, ohne aufzuregen, nachhaltig wirke». Wenn sie fürs Erste die Wahrheit nicht offen bekennen dürfen, so sind Sie wenigstens verbunden, ihr niemals zu widersprechen. Gewohnheit, menschliche Rücksicht oder Klugheit und insbesondere Nationalstolz sollen Ihnen nie ein Wort gegen dieselbe zu entlocken vermögen. Ferner seyen Sie stets eingedenk, daß eine Dame Ihres Charakters stets die Beherrscherin ihres geselligen Kreises ist. Ihre Kinder, ihre Freunde, ihre Diener sind mehr oder weniger ihre Unterthanen, seyen Sie thätig in dem Umfange dieses Reiches. Tragen Sie zum Falle jener unglücklichen Irrthümer bei, die so viel Unheil in der Welt angerichtet haben; Ihre Verpflichtungen gehen über den Bereich Ihrer Gewalt nicht hinaus. Sowohl im Guten wie im Bösen ist Ihrem Geschlechte ein großer Einfluß gegeben, und um hartnäckigen Stolz ans die rechte Bahn zurückzuführen gibt eS kein wirksameres Beweismittel, aiS dasjenige einer achtungswerthen Gattin, deren Tugenden auf dem Glauben beruhen. Begünstigen Sie die Verbreitung guter Bücher, die Sie selbst auf den Punct gebracht, auf dem Sie sich jetzt befinden. Voltaire sagt, die Bücher haben Alles gemacht. Er hat nur zu recht; halten Sie sich an seine Regel, und wenden Sie dieselbe gegen den Irrthum. Endlich, gnädige Frau! betrachten Sie als die Hauptsache: Uebereinstimmung mit Ihrem Gewissen, v. h. mit Gott; die gewissenhaste Ueberzeugung geht niemals unter. Unterwerfen Sie sich gänzlich der Wahrheit; halten Sie für wahr, was wahr ist, für falsch, was falsch ist. Bitten Sie von ganzem Herzen, daß das Reich der Wahrheit sich von Tag zu Tage mehr ausbreite, und lassen Sie diejenigen reden, welche sich anmaßen, Sie durchschauen zu wollen. Wenn Sie sich in solcher Versassung befinden, sage ich Ihnen mit Lusignan: Gehe, und der Himmel wird das Uebrige thun. Ich habe die Ehre zu seyn lc. (Schief. Kbl.) «1 Protestation des hochw. Bischofs von Ehnr au die Behörden Graubündens gegen die Jnventartsatton der Klöster. „Mit schmerzlichem Bedauern und tief ergriffen vernahmen wir, daß die ehrwürdigen Klöster in Bünden auf Beschluß des dießjährigen Großen Rathes ohne irgendwelche Veranlassung oder einen rechtlichen Grund inventarisirt werden sollen. Wenn wir nun gleich den Wortlaut des resp. GroßrathSbeschlusseS selbst noch nicht zu Gesicht bekommen haben, so können wir dennoch nicht länger anstehen, gegen eine solche Anordnung, wie sie immer lautet, unsere Stimme zu erheben. „Beim Antritt unseres OberhirtenamteS haben wir uns verpflichtet und durch einen feierlichen Eid zu Gott verbindlich gemacht, die Rechtsame der katholischen Kirche und ihr Eigenthum nach Kräften zu schütze» und zu wahren. Wenn wir also gegen Jnventarisirung der Klöster von Seite des Staates, als gegen einen directcn Eingriff in das freie VerwaltungS, und Verfügungsrecht der geistlichen Korporationen über ihre Güter in uuserm BiSthum, Einsprache thun, so erfüllen wir hievurch nur eine heilige Pflicht dcS bischöflichen Amtes. „Wir wollen hier gegen gedachte Eingriffe in die Rechte der geistlichen Konvente und Gotteshäuser von Seite des Staates nicht die kanonischen Satzungen oder die Kirchengesetze anrufen. Aber das klare Naturrecht, so jedem Menschen den ruhigen Genuß seines Eigenthums zusichert, daS hohe Alterthum von mehr als tausend Jahren, welches unsere Klöster so ehrwürdig macht, und ihr vielhundertjähriger Besitzstand seit Anno 614, 695, 301 :c. bis auf die gegenwärtige Zeit werden für die hohen Behörden wohl maßgebend seyn, dieselben im ungestörten Genusse ihres Eigenthums zu belasseu und sie Hierinfalls zu schützen. „Die Klosterbewohner sind LandeSkinder mit allen bezüglichen Rechten; sie leben in anerkannt rechtlichen Verhältnissen; ihre Corporationen bilden unter sich ruhige, selbstständige Familien im Lande und haben als solche ganz natürlich Anspruch auf das sociale Grundrechtsprincip: Ouicjus suum, wie auf alle sowohl bürgerlichen als ökonomischen Rechtswohlthaten gleich andern Familien dcS Landes. Ihr Eigenthum ist heilig und unantastbar wie jedes andere, und darf daher keineswegs allein und ausnahmsweise einem Staatsinventarium unterworfen werden. Keine rechtliche Familie würde eine solche Maaßregel gegen sich geduldig hinnehmen und kein socialer RechtS- begriff könnte sie billigen. „Ferner: mit der Garantie der katholischen Religion durch die KantonSverfassung sind nothwendigcrweise auch ihre Institutionen vom Staate anerkannt und garantirt worden. Nun eine wichtige Institution der katholischen Kirche sind unbestreitbar ihre geistlichen Corporationen, stehen somit unter Schutz und Gewähr des Staates, und ihr Eigenthum ist von den Landesgesetzen, gleich dem übrigen Besitzthume, gewährleistet, so daß exceptionelle Verfügungen darüber gesetzwidrig und ungerecht erscheinen müssen. „Zlldem leben wir in einer Zeit, die anerkannt geeignet ist, nicht nur manches Schöne zu erfinden und zu schaffen, sondern auch die großen Schöpfungen zu bewun» dern und hochzuschätzen. Und Bünden sollte dieses edle Gefühl verläugnen und wohl gar die vielen Verdienste und die großen Leistungen der Klöster in der Civilisation des wilden RhätienS, in Urbarmachung des Landes, in Ausbreitung des christlichen Glaubens, in milden Sliftungen, Armenwesen, Erziehung, Schulen u. s. w. nicht beachten oder in Vergessenheit setzen? Die unparteiische Geschichte vieler Jahrhunderte spricht mit Bewunderung von den wichtigen Schöpfungen der Klöster für Volk und Vaterland. Wohl dürste man also verlangen können, daß der Staat in dankbarer Hinsicht auf die geleisteten Wohlthaten unsere geistlichen Corporationen nicht nur in ungestörtem Genuß ihres Eigenthums belassen, sondern auch dieselben in ihrem edlen Streben bestmöglich unterstützen und ihnen besondern Schutz gewähren möchte. „ES ist unläugbar, daß unsere Klöster auch derzeit sich nach Kräften für die Jugendbildung verwenden, daß sie Alles aufbieten zur Unterstützung der Armen und zchlo? aqi , nv»«! nn^"'?» — >ii'nisi)ii?cs »z . «s «zÄ^o^sK ?»tl»'-«mötKi>iV ,»,ni', 'HK«S»»HvaH«'v Die Mabiais und die englischen Katholiken. Die Madiai'sche Angelegenheit wird in England vielleicht eifriger als in irgend einem Lande ausgebeutet. DaS große Londoner Meeting ist zwar ziemlich wirkungslos geblieben, da die Herren, welche dort das Aufhetzen betrieben, ganz ordinäre Fanatiker waren, vor denen nur ein kleiner Kreis Respect hat. Größeres Auffehen erregt ein im „Leedö Mercury" veröffentlichtes Schreiben deS Grafen von CarliSle, eines Mitglieds deS letzten Whig-CabinetS, welcher bisher für ziemlich liberal galt. CarliSle spricht seine Entrüstung darüber auS, daß in einem katholischen Lande Leute wegen Bibellesens eingekerkert würden, und meint, die englischen Katholiken müßten sich insgesammt dagegen erheben und ven Papst aufs dringendste angehen, diesem Unfug zu steuern, wenn die aufrichtigsten Freunde der Katholiken in England auch ferner noch die Sache der Katholiken-Emancipation verfechten sollten. mchii»'Dazu konnten die Katholiken nicht schweigen. Zunächst übersandte C. Langdale, einer -der geachtetsten und einflußreichsten katholischen Laien in England, dem „Mercnr" cinc Entgegnung. Er bemerkt zunächst, eS handle sich gar nicht um Einkerkerung wegen BibellcsenS. Dann sagt er ganz richtig : „Der Papst hat mit der Sache gar nichts zu schaffen, und eS wäre höchst sonderbar, wollte man ihn mit den „dringenden, ungestümen und unablässigen Remon- strationen," die der edle Graf vorschlägt, behelligen, weil ein Mann nach toScani- schem Gesetz eingekerkert ist . . . Aber wenn daS protestantische England sich so eisrig in die Angelegenheiten eines katholischen Staats einmischt und seine Regierung und seine Königin auffordert, gegen die Ausführung eines, wie man glaubt, despotischen Gesetzes zu Protestiren, — gibt eS denn keine protestantischen Staaten, wo solche 63 Gesetze gelten, und wäre eS nicht consequenter, wenn die Eiferer für Toleranz zunächst ihre Augen auf diese Staaten, z. B. auf Schweden, richteten? Und wie lange ist eS denn her, seit daS protestantische England die ganze christliche Welt dadurch in Erstaunen setzte, daß eine angeblich liberale Regierung dem Parlamente neue Strafgesetze gegen Millionen ihrer Landsleute vorschlug? ... Ein Mitglied deS CabinetS, welches im 19ten Jahrhundert ein neues religiöses ProscriptionSgcsetz durchbrachte, hätte sich bedenken solle», ehe eS in solchen AuSvrücken zu denen sprach, die noch unter dem Unrecht leiden, welches ihnen von dem Cabinet, in welchem der edle Graf saß. zugefügt ist. — Ich spreche gern meinen Abscheu gegen ReligionSver- solgung aus, und jeder Katholik wird mir beistimmen; aber wenn der edle Graf glaubt, die Katholiken sollten die noch vor einigen Monaten wiederholten Insulten vergessen und auf sein Kommando den Roden, ShafteSburvS und andern Fanatikern Nachtreten, dann hat er den Charakter seiner katholischen Landsleute verkannt." Ein irischer Geistlicher, Dr. Cahill, hat die Aufforderung CarliSle'S in einem langen offenen Sendschreiben beantwortet. Er erzählt darin, wie daö Umsichgreifen des Jlluminatismuö, des Atheismus und der revolutionären Grundsätze die toscanische Regierung im Jahre 1786 veranlaßte, das Gesetz „gegen die Privat-Conventikel" zu erlassen, worin alle Versammlungen in Privathäusern, selbst zu angeblich religiösen Zwecken, ohne Erlaubniß der Behörden untersagt werden. Er fährt dann fort: „Die Geschichte von Europa belichtet in Flammenschrist die Revolutionsscenen der sechs letzten Jahre in der Schweiz, in Ungarn, Frankreich, Neapel und Nord- Italien. Sie kennen ohne Zweifel diese Thatsachen und natürlich auch die Namen Palmerston, Russell, Minto, Cowlev, Sir Stratfort Canning, Abercrombie, Howard und Sir Robert Peel ^junior). Ohne Zweifel haben Sie auch die Namen Mazzini'S, Garibaldi'S, Ciceruachio'S, der Berner Freischaaren und der Rothen in wenigstens fünf europäischen Königreichen gehört, und Sie haben gewiß gesehen, wie alle diese Revolutionäre die Ehre hatten, mit Ihrer Majestät Gesandten zu correspondiren, mit ihnen persönlich bekannt zu seyn, von Einigen derselben beschenkt und von diesen hohen englischen Beamten protegirt zu werden, zu derselben Zeir, als sie bestrebt waren, in ihrem Baterlande den Bürgerkrieg zu entzünden, ihre rechtmäßigen Fürsten zu vertreiben und Alles zu verwirren. DaS sind Thatsachen, Mvlord, die in der Geschichte jeder Stadt, von Konstantinopel bis Turin und von Berlin bis Neapel zu lesen sind. Unter diesen Umständen, als sich die toscanische Regierung von allen Seiten bedroht sah, am meisten von den bezahlten Spionen der englischen Regierung, setzte sie, zum ersten Mal seit fünfzig Jahren, den Artikel 60 des Gesetzes vom 30. November 1786 am 4. März 1849 wieder in Kraft, und verschärfte die Artikel 1, 4, 9 und 14 und erweiterte die der Polizei in den Art. 34 und 35 des Polizeireglements ertheilte Vollmacht .... Der König von Frankreich wurde vertrieben, der Papst floh aus dem Vatican, der Kaiser von Oesterreich, die Könige von Sardinien und Neapel waren hart bedroht. In dieser Krisis kam eine wohlbekannte Bande von fünfzig englischen „Bekehrern" nach Florenz; sie theilten sich in fünf Sektionen und eröffneten mehrere Conventikel, ohne eine Erlaubniß dazu erhalten oder nachgesucht zu haben. Die Protestanten haben zu Florenz ein BethauS, eS wohnen dort im Winter höchstens zwanzig protestantische Familien, wozu also die Conventikel? Rosa Madiai wohnte sechzehn Jahre in England, kam nach Florenz zurück, wurde Protestantin und blieb eS fünf Jahre vor dem Proceß; sie las die Bibel fünf Jahre und besuchte ihre Kirche fünf Jahre ohne Hinderniß. Bibellesen war also nicht das Verbrechen, wofür sie bestraft wurde. Ich will Ihnen sagen, wofür die Madiais bestraft sind. Sie hielten trotz der zehnmal wiederholten Warnung der Polizei geheime Conventikel; sie vertheilten wenigstens 11,000 Exemplare ihrer Bibel, welche, wie ich beweisen kann, über 1600 Abweichungen vom Urtext enthält; sie beredeten und bestachen italienische Kinder, in diese Conventikel zu kommen und an dem antikatholischen Unterricht Theil zu nehmen; sie waren mit mehreren Colporteuren associirt, welche jene Bibeln im Lande verbreiteten; sie hatten unanständige Abbildungen der heiligen Jungfrau, welche KS «4 von zwei dazu gedungenen Orgeldrehern vertheilt wurden, Papierstreifen, worauf in großer Schrift das Wort „Oblaten-Götter" gedruckt war, und Abbildungen vom Fegfeuer, worauf die armen Seelen durch das Gitter sahen und Priester in Soutanen mit ihnen darum handelten, sie für zwei Scudi zu erlösen; sie äußerten die unanständigsten Dinge über den Beichtstuhl und nannten den Papst den Antichrist. Wenn rer Großherzog von ToScana Jemand wegen seiner religiösen Ansichten bestrafte, wäre ich der Erste, daS ,u tadeln; aber er hat nur die Gesetze gegen verkappte Revolutionäre, öffentliche Verleumder und gedungene Ruhestörer angewendet." Schließlich weist Cahill noch nach, daß auch nach jetzigem englischen Recht Geldstrafe und Gefängniß darauf steht, wenn Jemand „einen Andern vom Besuche des protestantischen Gottesdienstes abzuhalten sucht und zu diesem Zweck Conventikel hält." (BolkSh.) Christliche Lesefrüchte und Betrachtungen eines Laien. (Fortsetzung.) ,I5',Zik>!'>7 KiI»,Y' d»i (M^i-niö „z, ,n>,ch<5 tziMv, IrM n<»w AlS Job im Elende war und über GotteS Strenge und seine eigene Gerechtigkeit lange Reden hieli, da half Golt nicht; aber als er mit nur wenige» Worte» bekannte > daß er Unrecht habe, da wandte sich Golt wieder z» ihm; als Job erstens Bnße that und zweitens sür seine bei Gott mißfälligen Freunde Fürbitte einlegte, da vergalt ihm Gott doppelt wieder, was Er ihm entzogen Halle. n,1,n'fi'n/SN» ,i»n<)ilz-I snüi iil mn iisilmli »5> ?zn»?o!F 5,vn ^n,»,6»,»K^ n»W! .n»6vcl !i? tchu1»vchriii 7?^i ii»tlkiil6iibIiD »iiiü »mi«, ,l5iiit!v.'ilvt) nnkism' Ostindien. -.".'.„.zozg.« »i«T Unter den engl. Truppen in Ostindien befinden sich 16,000 kath. Soldaten; manche Regimenter bestehen zum größeren Theile auS kalhol. Jrländern? In der Präsioentschaft Bengalen erhallen die kath. Geistlichen von der Regierung monatlich 182 Pf., die anglikanischen 5000 Pf. Kein kath. Caplan in ganz Ostindien erhält über 15 Pf. monatlich, von 13 Caplänen in Bengalen erhalten 7 nur 5 Pf. monatl.; der geringste Gehalt eines anglikanischen CaplanS dagegen ist 50 Pf. monatlich. Die kalh. Geistlichen erhalten keine Pension, die anglikan., wenn sie 7 Jahre in Indien gewesen, 173 Pf., wenn 18 Jahre, 365 Pf. jährlich. Der PreSbylerianer in der indischen Armee sind 3000, sie haben 3 Capläne und erhalten 2000 Pf. jährlich, der Katholiken sind 16.000, und für sie zahlt die Regierung höchstens 5000 Pf. -- Berautwortlicher Redacteur: Schöuche» VerlagS-Jnhaber- F, «u Am« chs' .»^l,A Vl^>'i»I,bit> m;: für das gesammte HauS der Bedenklichkeit, „ein liebcS und gehorsames Kind" in daS Gewirre dieses Landes ziehen zu lassen, die Wage halten, wiewohl in die Persönlichkeit dcS Fürsten wenig Vertrauen zu setzen war. Was dann eben zu dieser Zeit Maria an den Freiherrn von Rumpf schrieb, zeigt, welche Ansicht bei ihr vorgewaltet habe. Man könne nicht wissen, sagte sie ihm, wie eS unverhcirathcten Töchtern nach der Mutter Tod ergehe; daher würde cS ihr zu großem Trost gereichen, „dieselben versichert zu sehen." Hiefür ging sie besonders ihren Schwager, Erzherzog Ferdinand von Tirol, an, der sie nicht lange vor seinem Tod ans die Herzoge von Parma und von Urbino aufmerksam machte. Auch hat sich ein Brief ihreS SohneS Ferdinand an Kaiser Rudolph erhalten, worin ihm jener eröffnet, wie der König von Spanien seine Schwester Eleonora gerne mit dem Herzog von Mantua, Maria aber mit dem Großherzog von Florenz vermählt sähe, auch an Modena denke, wozu die Mutter jedoch keine Neigung habe. Wüßte indeß der Kaiser bessere Gelegenheiten, so möchte er dieselben eröffnen. Der unverkennbarste Beweis, mit welcher mütterlichen Liebe zu ihren Töchtern Maria sey erfüllt gewesen, liegt darin, daß sie keine von sich ziehen ließ, ohne sie an den Ort ihrer Bestimmung zu begleiten. Hievon konnte keine Entfernung, keine Ungunst der Jahreszeit, keine Gefahr zu Land oder zu Meer sie zurückhalten. Die älteste, Anna kam, wie bereits erwähnt, nach Polen. Eine Reise von Grätz nach Krakau war zu jener Zeit, zumal für eine Frau, gewiß kein müheloses Unternehmen; Maria ließ sich von Begleitung der Tochter nicht zurückhalten. An Beschwerden und Unbequcmlichlichkeiten konnte derjenigen nach Polen eine Reise nach Siebenbürgen nicht nachstehen, daS Hcrumschwärmen der Türken machte dieselbe zugleich höchst gefährlich. Ob auch Rumpf der Erzherzogin schrieb: „der Erbfeind hat lange Arme, seine Rosse haben flinke Beine," die Erzherzogin ließ sich nicht abschrecken, auch diese Tochter nach dem fernen Stuhl-Weissenburg zu begleiten, ungeachtet sie mehr als einmal daS Nachtlager in einer Entfernung von bloß sechs Meilen von den Türken nehmen mußte. Nur bei mannigfaltigen Unannehmlichkeiten, welche der Hochmuth der Spanier ihr bereitete, und unter bedrohlichen Seestürmen konnte sie ihre Marga- rctha dem König von Spanien zuführen; die Liebe zu der Tochter gab ihr Kraft, jenen Trotz zu bieten, unter diesen unverzagt zu bleiben. Constantia'S, des Königs von Polen zweiter Gemahlin, Begleit fiel in die herbstliche, Mariens Heimkehr in die winterliche Zeit; aber keine Ungunst der Witterung kam in Betracht; diese Tochter sollte an die Obsorge der Mutter kein minderes Anrecht haben als die andern Schwestern. Dieses hätte sie auch der jüngsten, die sich vermählte, der Erzherzogin Mag- dalena, zugestanden, wie dann wegen der Reise nach Florenz, der letzten, die Maria zu machen gedachte, Alles schon verabredet war, als einige Monate vorher der Tod sie hinraffte. Die Erzherzogin kann in ihrem Verhältniß als Mutter nicht anschaulicher geschildert werden, als durch ein Schreiben derselben vom 23. Oct. 1541 an den Freiherrn von Rumpf, dessen Mittheilung die vcrehrlichc Versammlung zuverlässig ansprechen wird. Die Frage über die Vermählung der Erzherzogin Anna hatte sich durch mehrere Jahre, selbst mit dem Anschein gänzlichen ZerfcklagenS. durchgezogen. Plötzlich gab Kaiser Rudolph seine Zustimmung dazu, zugleich der Erzherzogin die Weisung, dieselbe in sehr kurzer Zeit vor sich gehen zu lassen. Nun schreibt sie dem Freiherrn: „Euch, als einen verständigen Mann, lasse ich urtheilen, wie daS möglich sey; wie ich, so daß es nicht unserm Haus zu Spott und Schande gereiche, mit der Ausstattung zurecht kommen solle? Ihr dürst mir glauben, nicht ein Hemd, geschweige denn ein Rock ist für meine liebe Tochter in Bereitschaft, denn hätte ich etwas vorgekehrt und die Heirat!) wäre nicht bewilligt worden, welchen Spott würde ich dadurch auf mich geladen haben? Wäre des Kaisers Entscheidung alsbald gekommen, dann sollte gewiß alles fertig seyn und würde ich mir Ehren bestehen. Denkt nur selbst: wir haben bloß noch neun Wochen bis Neujahr, drei Wochen vorher sollte man aufbrechen, und in sechs Wochen alleS fertig seyn! Dazu ist hier ein Ort, an «8 dem man nichts findet. Ich muß um Alles nach Wien schreiben, und Gott weiß, ob man eS dort findet? Hätte ich Zeit gehabt, so hätte ich eS von Mailand und anderwärts her kommen lassen. Jetzt aber ist die Zeit so kurj und ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Mir ist nur um den Wagen zu thun, denn ein Wagen, wie er für eine solche Braut sich schickt, ist nicht die Sache von sechs Wochen, dazu bedarfS eben so viel Monate. Bei den Polen, die ohnedem ein hochtrabendes Volk find und Alles in Acht nehmen, möchte ich doch nicht Spott aufheben. Dazu wird man Alles umS Doppelte kaufen müssen; denn wissen die Kaufleute, daß man etwas haben muß, so verlangen sie gleich das Doppelte und wird man nehmen müssen, was man findet, eS sey gut oder schlecht. Meine Tochter erbarmt mich von Herzen, daß sie eS nicht genießen soll, wie ich ihr eS von Herzen gönne und wie es auch seyn sollte. Ihr mögt mir aus mein Wort glauben, die Sache bearbeitet mich dergestalt, daß ich weder schlafen noch essen kann, nicht weiß, wo anfangen; denn sobald ich etwas bestellen will, heißt eS- die Zeit ist zu kurz. Will der König nicht warten, dann freilich muß eS seyn; wie man aber in der ganzen Welt davon reden wird, daS dürfte wenig Freude bringen. Die Polen werden eS nicht glauben, daß man eine so kurze Zeit gehabt habe, denn sie wissen eS nicht. Auch für die Leute zum Dienst der Tochter ist nicht gesorgt; ehe man um dieselben sich umgesehen hat, sollte man schon fortziehen. So mangelt noch eine Hofmeisterin, eine Kammerfrau; ich werde nehmen müssen, wen ich finde, ob tauglich, ob nicht. Ihr könnt denken, wie eS meiner Tochter seyn wird, wenn sie Leute bekommt, die nicht für sie find. Sie muß wenigstens drei Kutscher, einige Lakaien, einen Capellan, eine Leibwäscherin, einen Tafeldiener für ihre Frauen haben, was gewiß nicht zu viel ist. Den Brautwagen muß ich zu Wien machen lassen, nur von Goldstoff, denn in der Eile ist'S nicht möglich ihn zu sticken. Ich wollte, Euer Weib wäre hier, ich weiß, fie würde mir treulich helfen, denn eS wäre nöthig, daß Alles mir beistände. Ich fürchte nur, wir heben einen großen Spott auf; ich kann aber nicht anders, ich bin vor Jedermann entschuldigt. Grüßt mir, ich bitte Euch, die Frau tausendmal; sagt ihr. weil sie mir nicht helfen könne, solle sie Gott für mich bitten, daß ich nur ein wenig mit Ehre bestehe. Lasset mich den sichern Hochzeitstag wissen, sobald ihr denselben erfahret." (Schluß folgt.) Careassone. Während seines Aufenthaltes zu Rom hat der hochwürdigste Herr Bischof von Carcassone an den Klerus und die Gläubigen seiner Diöcese ein Schreiben gerichtet, dem wir folgende Stellen entnehmen: „Die geheiligre Pflicht, welche unS momentan von Euch entfernt hat, ist Allen bekannt. Nach fünfjähriger Arbeit auf demjenigen Theile deS Feldes der Kirche, welchen der himmlische Vater uns anvertraut hat, sind wir zu dem, der denselben hienieden vertritt, gekommen, um Rechenschaft von unserer Verwaltung abzulegen; wir sind gekommen, um dem großen Princip der Einheit und der Autorität, welche die Grundfesten der katholischen Kirche sind, in seiner Person zu huldigen; wir sind gekommen, um gleichzeitig am Grabe des Apostels unsern Glauben zu befestigen, welchem JesuS Christus das Recht und die Pflicht ertheilt hat, seine Brüder darin zu bestärken und der noch immer in seinen Nachfolgern fortlebt; wir sind endlich gekommen, um zu Füßen des Stuhles der Wahrheit, von welchem herab Petrus durch den Mund PiuS IX. noch immer spricht, neue Erleuchtung zu suchen. In diesen schwierigen Zeiten, in diesen Zeiten der Kämpfe und Wirrnisse, wo der Geist deS Zwiespalts und der Finsterniß seine Anstrengungen vervielfältigt, um daö Reich GotteS zu stören, ist eS für die Hirten der Seelen tröstlich, demjenigen ihre Zweifel und Befürchtungen auseinandersetzen zu können, der die Sendung und die Macht erhalten hat, fie zu lösen und zu zerstreuen! Wie stärkend ist es für Euch und für SS uns. uns innerlich mit diesem unerschütterlichen Felsen vereinigt zu fühlen, an dem sich alle Mächte der Hölle brechen werden I . . . „Gott hat uns von einem gewissen Untergang errettet, er hat unser Leben, unsere Güter bewahrt; er hat dem heimatlichen Herde die Sicherheit, unsern Fluren die Ruhe, der Gesellschaft die Ordnung, der Industrie die Thätigkeit, dem Handel den Flor wieder gegeben, und um Euch alle diese Güter zu gewährleisten, hat er unter uns eine erhabene ehrwürdige Autorität aufgerichtet. Um dieses Werk der Barmherzigkeit durchzuführen, hat seine Vorsehung einen Prinzen erweckt, ausgestaltet mit seiner Kraft, durchdrungen von seiner Weisheit. Gut, edelmüthig. fest und entschlossen hat Napoleon die Sendung, Frankreich zu retten, in sich gefühlt; um dieß zu vollenden, hat er sein Vertrauen auf den Allerhöchsten gesetzt. Bei jeder Gelegenheit bringt er seine Huldigung der höchsten Macht desjenigen dar, der die Richter selber richten wird; und seitdem er die Gewalt in Händen hat, sieht die freiere Kirche täglich seine Thaten fruchtbarer. Betet also für diesen Monarchen, dem Eure Dankbarkeit die kaiserliche Krone zugedacht hat, betet, daß derjenige, der ihn uns gegeben, ihn uns auch erhalte, betet endlich, daß der Geist der Gerechtigkeit und Klugheit, der so nöthig ist, um Völker würdig zu regieren, ihn nie verlasse. Unter diesem Scepter, der sich als Scepter des Friedens ankündigt, bildet ferner — Franzosen und Brüder in Jesu Christo vereinigt! — nur mehr eine Familie und Jeder aus Euch, durch alle unsere Mißgeschicke belehrt, möge erkennen, daß wenn die sociale Auflösung, von der wir bedroht waren, ihren Ursprung nur in dem Vergessen GotteS und seiner Vorschriften gehabt habe, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nur auf der aufrichtigen und einmüthigen Rückkehr zur heiligen göttlichen Religion unserer Väter gegründet seyn könne." A g r a m. Der hochwürdigste Herr Erzbischof von Agram hat einen (lateinischen) Hirtenbrief an den Klerus seiner Diöcese erlassen, in welchem er zuerst auf die immer wachsende Sicherung der durch die vereinte Bemühung der katholischen Mächte herbei« geführteu Ordnung und Ruhe im Kirchenstaate hinweist, sodann hervorhebt, wie in Frankreich, nach unzähligen Wirren, ebenfalls ein gesunder und religiöser Sinn sich kundgebe und hierauf sagt: „Auch in unserer Monarchie werden von unserm durchlauchtigsten apostolischen Kaiser und König Franz Joseph I. unzählige Beweise inniger Frömmigkeit und angestammter warmer Gläubigkeit gegeben; auch von Seiten Jener, welche an der Spitze der Regierungsgeschäfte steben, werden so viele Belege der Verehrung und des Wohlwollens für die Kirche geliefert, daß nur ein undankbares Gemüth sie ignoriren oder mißdeuten und in Zweifel ziehen könnte. Die Ruhe, welche durch die Helden« müthige Tapferkeit unserer Armee gewonnen, die Ordnung, welche durch das unermüdliche Streben Jener, die am Ruder der Regierung fitzen, herbeigeführt wurde, befestigt sich täglich mehr und wenn noch nicht Alles zur gewünschten Klärung gelangt ist, so kann dieß keinesfalls dem Mangel an gutem Willen oder an Thätigkeit, sondern nur der unsäglichen Wucht der Arbeit zugeschrieben werden, die in einem so ausgedehnten Reiche unmöglich in wenigen Monaten oder Jahren erledigt werden kann. Trotz des Fortschritts der guten Sache würde man doch bedeutend irre gehen, wollte man sich der Ansicht hingeben, eS seyen alle Gefahren für die Zukunft besiegt und beseitigt. Wohl ist die Hyder der Revolution mit ihren scheußlichen Ausgeburten zu Boden gedrückt, keinesfalls aber völlig vernichtet. Noch lebt sie, Rache athmend und voll giftigen Geifers in ihren Höhlen, eine Gelegenheit zum abermaligen Hervorbrechen erspähend; werden ihr die Waffen nicht entrissen, wird sie ihres Giftes nicht beraubt, so wird sie ohne Zweifel mit wieder gewonnenen Kräften und gesteigerter Wuth neuerdings hervortreten. Wer die Ereignisse der frühern Zeiten aufmerksam erwogen und mit den gegen« 70 »artigen Verhältnissen sorgsam zusammengestellt hat, der wird gewiß, wenn er mit gutem Willen und ohne Borurtheil prüft, zu dem Schlüsse kommen, den alle Weisen und Einsichtsvollen ziehen, cS müsse der Grund jener furchtbaren Konvulsionen nicht in RegierungSformen, in den politischen Gesetzen oder sonstigen äußern Ursachen, sondern in den falschen und irreligiösen Begriffen gesucht werden, welche die große Mehrzahl von Gott, von der Bestimmung deS Menschen, seinem künftigen Leben, ja von der Tugenv selbst hegt..... Durch sie wurde nach und nach die Macht der heilsamen Lehren des christlichen Glaubens und der Kirche untergraben; mit ihr nahm auch das Ansehen der öffentlichen, staatlichen Leitung ab. Durch das falsche Dogma von der absoluten Unabhängigkeit deS menschlichen Geistes, durch ruchlose, philosophische Systeme und durch die unselige Verbreitung verderblicher Bücher unter allen Klassen der Gesellschaft, so wie durch vaS Einführen rein theoretischer Ariome in das tägliche Leben mußten nothwendig alle gesetzlichen Schranken gesprengt, göttliche und menschliche Autorität mit Füßen getreten und der menschliche Geist zum Selbstgötzen werden. Hieraus allein läßt sich jenes in den letztverflossenen Jahren zu Tage getretene Streben, jede Macht umzustürzen, jenes Drangen, der sogenannten geistigen Emancipation theilhaftig zu werden, jenes zügellose Begehren, gar keine Gränzen mehr anzuerkennen, genügend erklären. Nachdem man in solcher Weise die Verehrung jeglicher Autorität beseitigt und sich des Glaubens an die göttliche Offenbarung entledigt hatte, die allein den menschlichen Geist vor verderblichen Irrthümern zn schützen, allein unserm Geiste eine wohlthätige Leuchte aufzustecken vermag, ergab sich von selbst jene enorme Berderbniß der Sitten, die, wie wir mit eigenen Augen gesehen haben, ganze Völker überfluthete. Hat sich nämlich der Mensch einmal von den höhern Freuden abgewendet, die nur der feste Glaube an Gott und die Hoffnung auf ewige Glückseligkeit gewähren können, so sucht er sein Glück in fleischlicher Wollust, in der Befriedigung der Gelüste seiner Augen, denen er sich gleich dem Thiere ergibt, nachdem er jeden edlern Sinn abgestreift hat. ES ist dieß der natürliche Gang im Leben des Menschen, wenn er sich von Gott abwendet, dem Schöpfer seiner vernünftigen Natur. ES kann uns daher nicht befremden, wenn ganze Völker in solche Verkehrtheit verfallen, daß sie ohne Gewissensbisse, ohne daö mindeste Schamgefühl, sich der brutalen Lust, der Lüge, entsetzlichen Ruchlosigkeiten, ja sogar unerhörten Grausamkeiten und Maßlosigkeiten aller Art hingeben. ES kann uns ferner nicht befremden, wenn die Ehe, die alle Weisen von jeher als die Grundlage aller menschlichen Weisheit betrachteten, als ungerechte Beschränkung deS GeschlechtSsinneS, wenn die auf redlichstem Wege erworbenen Rechte von Personen und Gemeinschaften als Usurpation, wenn das Eigenthum öffentlich mittelst deö mündlichen, so wie mittelst deS geschriebenen Wortes als Diebstahl erklärt wird, ja wenn bei Vielen der Wahnsinn so weit geht, daß sie dergleichen in die Gesetzbücher aufgenommen wissen wollen. Die Hoffart, die Wollust und die ungeregeltste Gier nach den irdischen Gütern hat sich deS menschlichen Geistes in solchem Grade bemächtigt, daß Niemand mehr mit seinem Schicksale zufrieden ist. Der Friede ist anS der Menschen Herren gewichen, weil sie den Fürsten alles Friedens, den Heiland Christus, aus denselben zu weichen zwangen, weil sie ihren Erlöser verloren haben und weil die nicht in Gott bestehenven Institutionen den Mangel dieser alleinigen Wahrheit, dieser einzig stabilen Grundlage menschlicher Glückseligkeit nicht zu ersetzen vermögen. tiM^Dieß ist die riesig große, im höchsten Grade gefährliche Krankheit, welche in diesen letzten Jahren die Völker der civilisirten Welt im hohen Grade ergriffen hat, welche noch fortdauert, wenn auch ihre äußerlichen Symptome unterdrückt zu scyn scheinen. Die Krankheit ist allgemein und in der Natur unserer Zeit begründet, so wie in den verderbten Ariomen deS menschlichen Geistes und in dem Leben der Völscr, welche das Licht der göttlichen Offenbarung verschmähen. ES fragt sich nun, in welcher Weise so großem Uebel wirksam und nachhaltig begegnet werden könne. Die neue Zeit hat unzählige Heilmittel vorgeschlagen: so 71 suchen Einige das Heil in neuen VersassungSnormen und in der Verbesserung der politischen Gesetze, Ändere in der Förderung der Industrie, die sie auf den höchsten Grad in solcher Weise gebracht wissen wollen, daß., ginge eS nach ihrem Willen, die ganze Welt eine colossale Fabrik würde; wieder Andere lehren gleiche Vertheilung der Güter und Arbeit, wenn auch diese der menschlichen Natur jederzeit im höchsten Grade widerstrebte. Noch andere Mittel werden vorgeschlagen, wobei man außer Acht läßt, daß ein inneres Leiden nicht durch äußerliche Mittel zur Heilung gebracht werden könne, daß die Krankheit unserer Zeit aus verkehrten Principien und einer verderbten Richtung der Geister hervorgehe, und daß diese erst gebessert werden müsse, ehe an Heilung des Uebels überhaupt gedacht werden könne. Von jener Besserung wird eS abhängen, ob der Glaube oder der Unglaube, ob Wahrheit oder Lüge, ob christliche Denkweise ober heidnische Gottlosigkeit die Völker regieren solle; die Entscheidung dieser Frage wird bestimmen, ob Friede und Ruhe oder Rohheil und Barbarei die Oberhand behalten könne.... Eine solche Regeneration dcS Menschengeschlechts kann aber nur durch geistliche Macht erzielt werden, die schon unzählige von moralischer Fäulniß ergriffene Völker einem neuen Leben wiedergegeben und so viele barbarische, wilde Nationen den gebildeten Völkern angereiht hat. Der geistlichen Gewalt, d. h. der heiligen Kirche ist von Gott diese Fähigkeit verliehen worden, die Fähigkett, daS in verderblichen Irrthümern befangene Menschengeschlecht wieder mit Gott zu versöhnen, die profanirten Herzen zu heiligen, das in ihnen erloschene Licht des hn'ligen Geistes wieder zu entflammen, und alle Classen der bürgerlichen Gesellschaft mit der Kraft des positiven christlichen Glaubens zu stärken, die Wiedergeburt endlich der Menschen und Völker in Folge der Gnade und Macht der Erlösung durch daS Wort zu vermitteln." luz.Si (Es wird nun auseinandergesetzt, wie hier unter Kirche vorzugsweise die Diener derselben, die Priester, verstanden werden, wie demnach sie vor Allen berufen seyen, Demuth, Keuschheit und Vermeidung strafbaren StrebenS nach irdischen Gütern durch Wort und That, durch Predigt und Beispiel zu lehren, woraus eS zum Schlüsse heißt:) „In solcher Weise wird mitMöttlicher Hilfe das Licht des Evangeliums die Welt wieder mit größerer Helle durchstrahlen und der Glaube an Christus, in welchem allein das Menschengeschlecht der Glückseligkeit im wahren Sinne deS WoneS theilhaftig werden kann, neuerdings erhöht werden und aufblühen, daß der gesunde Sinn den Menschen wieder gegeben, daS monströse Laster gemieden und die christliche Tugend wieder heiter aller Orten gedeihe. Nur so kann eS geschehen, daß die Folgen jener furchtbaren Konvulsionen, deren Augenzeugen wir noch vor Kurzem waren, gänzlich schwinden und die Gefabren der etwa wiederauflebenden Seuche verhütet werden können. Diese Sache aber hängt, wie jedes andere Gut, vom Vater des Lichtes und von jener Gnade ab, ohne weiche wir weder zu wollen, noch zu handeln vermögen. Diese heilige und wirksame Gnade wird jedoch nur durch den beständigen frommen, vertrauensvollen Umgang mit Gott, d. h. durch den nie nachlassenden Geist deS Gebets erwirkt. „Die Kraft deS Gebetes," sagt der heilige Augustin, „ist groß; gleich ejnem getreuen Boten richtet eS seinen Auftrag auS und dringt dorthin, wo das Fleisch nicht hin zu gelangen vermag." So sagt auch der heilige Bernhard: „Ist daö Gebet gläubig und inbrünstig gewesen, so wird eS ohne Zweifel in den Himmel dringen und gewiß nicht unverrichteter Sache zurückkehren." Darum ermähne ich euch, ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, darum bitte ich euch im Namen unseres barmherzigen Gottes, daß ihr beim Eintritt dieser heiligen Fastenzeit eifrig und wachsam seyd im Gnadenact deS Gebetes, daß ihr in Gott wohl erwäget, wie groß einerseits die Verderbniß deS Menschengeschlechtes und wie erhaben andererseits euer Beruf sey, der allein, wenn er unverdrossen und gewissenhaft geübt wird, das Unglück der Welt beseitigen, daö Reich GotteS wieder herstellen Ä »zchilöHS !< :,«nlir,i,M ,zchitti',<><» .n»tj"!.ouuement«prel« »v kr., wofür e« durch alle köuigl. bayer. Postämter und alle Buchhaudlungeu bezogen werde» kaun. Die Erzherzogin Maria von Steiermark, Mutter Kaiser Ferdinand des Zweiten. RededeöHofrathSundReichshistoriographenvr. v. Hurte r-Am mann, gehalten in der Plenarversammlung des Wiener Central-SeverinuS- vereineS am 30. Januar 1852. IV. (Schluß.) Wenden wir uns von der Mutter zu der Fürstin, der wir bisher entweder nicht, oder nur im Borbeigehen unsere Aufmerksamkeit geschenkt haben! Eben so wie Maria ihren Kindern gegenüber in allen Beziehungen bis hinab auf die Bekümmerniß, ob die Ausstattung einer Tochter auch standesgemäß ausfallen werde, als die treueste Mutter sich erwies, eben so wußte sie, wo die Obliegenheit eS erheischte, als Fürstin in vollem Sinne des Wortes aufzutreten. Bemühen sich die antimonarchischen Sophisten und Schulweisen unserer Tage, den Fürsten ihre Rechte, zugleich mit diesen ihre höchsten Pflichten abzutheoretisiren, abzuconstitutiöneln und abzulärmen, so beflissen sich zu jener Zeit die begüterten und hochgestellten Untersassen beide in ähnlicher Weise abzuschwächen und einzugränzen, nur daß diese auf ihr Panier die Inschrift hefteten: „Gewissensfreiheit," wie jene auf daS ihrige: »Volksrechte" geschrieben haben. Von Erzherzog Carls Regierungsantritt in Steier« mark bis zum Sturz der königlichen Statthalter aus den Fenstern des PragerschlosseS sind vier Jahre über ein halbes Jahrhundert verflossen; was am Schluß dieses Zeitraumes geschah, lag an dessen Anfang schon im Keime verhüllt. Ich habe bei dem Beginn meiner Vorträge dessen Erwähnung gethan, wie Erzherzog Carl durch einen Tumult, welcher zu Grätz ähnlicher Wurzel entsprang, wie die Gräuelthat auf dem Pragerschloß, nach seiner Residenz zurückgerufen wurde, zu Mariazell erkrankte, wenige Tage nach seiner Ankunft in SteiermarkS Hauptstadt starb. Erzherzog Ernst sollte während Ferdinands Minderjährigkeit die Regentschaft führen, bis zur Ankunft deS Erstem jedoch die Erzherzogin. Dessen hatten die unkatholischen Landöleute gar kein Gefallen, denn sie kannten ihre Festigkeit, wo eS katholische Fragen galt. Zwei und dreißig derselben fanden sich kurz nach dem Hinscheid ihres Landesherrn zu Grätz ein und stellten sich, ohne einen ihrer katholischen StandeS- genossen auch nur einzuladen, als steirischen Landtag auf. ES herrschte damals zu Grätz Brodtheuerung, was die Verordneten zu einer Klage bei der Regierung gegen Verkäufer und Bäcker veranlaßte; allein die letzte Schuld deS Mangels wurde, der angenommenen Praris gemäß, ohne weiterS auf die Jesuiten geworfen. .ynny?(!n^4»tNsksinU Am 14. August ernannte dieser angebliche Landtag zwei Abgeordnete nach Prag, unter dem Norwand, Kaiser Rudolph die tt^urige Lage der Gränze und des Landes Unvermögen zu deren ferneren Beschirmung vorzustellen, eigentlich aber Klagen gegen die Erzherzogin und gegen die Jesuiten einzugeben. Die Fürstin war am 7. August ihres jüngsten SohneS, des Erzherzogs Carl, entbunden worden. Die edlen Herren und Ritter hatten nicht so viel Zartsinn, eine ohnedieß tief betrübte Wittwe, eine Mutter in diesem Zustande mit Mißliebigem zu verschonen; hingegen besaßen sie Schlauheit genug, um der Fürstin auS ihrer Schrift an den Kaiser nur dasjenige mitzutheilen, waS sie für gut fanden; dabei lag selbst in der Form ihrer Zuschrift an die Erzherzogin ein Merkmal der Geringachtung, indem sie an deren Schluß die üblichen Curialien vermieden. Maria empfand so daS eine wie daS andere, und die Klage bei dem Kaiser: „sie haben mir die Schrift unverschont meiner so großen Betrübniß gar in das Kindbett überantworten lassen," sind gewiß der Ausdruck einer natürlichen und tief empfundenen Kränkung. Allein trotz ihres DarniederliegenS erließ Maria dennoch an die Landleute eine kurze Abfertigung, an den Kaiser aber ein Schreiben, dessen Färbung die Ueberzeugung rechtfertigt, daß eS unter ihrem persönlichen Mitwirken sey verfaßt worden. Hätte die Erzherzogin vollends gewußt, waS Jene dem Kaiser vorgegeben hatten! Nämlich: seit des GemalS Tod habe sie schon mehrere Verordnungen erlassen, welche den Landesfreiheiten entgegen wären, ein Beweis, daß sie durch Andere sich regieren lasse. Unter diesen Andern waren aber einzig die Jesuiten verstanden, denen Vertreibung wahrer VaterlandSsreunde, Auferlegung von Geld- und Kerkerstrafen, Verscheuchung aller Einigkeit zur Last gelegt, denen Schuld gegeben wurde, daß Niemand mehr Geld auSleihen wolle, daß die Landessteuern schlecht eingingen, daß die Ersorderniß auf die Gränze täglich drückender werde; gerade so, wie ich im Jahre 1348 mit eigenen Ohren die Redemptoristen der Vertheuerung der LebenSmittel in der Stadt Wien anklagen hörte. Die Erzherzogin bemerkte dem Kaiser: „damit, daß die Räthe geblieben seyen, hätten sie nur seinem eigenen bestimmt ausgesprochenen Willen sich unterzogen, übrigens wohl gewußt, daß man eö selbst bei dem besten Wohlmeinen in diesen kitzlichten Zeiten Niemand zu Dank machen könne. Sie selbst habe auf steteS Zumuthen der Herren Vormünder, dem gemeinen Wesen zum Besten und damit die Rechtspflege ihren Fortgang habe, der Sache sich angenommen. Die wider sie erhobenen Klagen wären eben so ungerecht als grundlos. Daher erwarte sie, daß die ihr zugefügte Unbill und die bescheinte Insolenz ernstlich würve in Betrachtung gezogen, den Landleuten ein kräftiger Verweis gegeben werden." Den Freiherrn von Rumpf bat sie, bei dem Kaiser wegen Erzherzog ErnstS baldigem Hereinkommen ernstlich sich zu verwenden. Hätten die Steirer schon ihres seligen GemalS wenig geachtet, wie viel weniger würden sie einen Solchen achten, der ihres gleichen wäre? So viel Rücksicht, hoffe sie, werde der Kaiser doch auf ihre zwölf verwaisten Kinder nehmen. Dann wieder klagte sie Rumpf: „in der Religion gehe e6 so zu, daß Gott sich erbarmen möchte; auch wolle ein Jeder Herr und Landesfürst selbst seyn." Sie sandte demselben zugleich das Original deö Vertrages von Brück, in welchem der Erzherzog bei der ertheilten ReligicnS-Bewilligung die Worte: „Erben und Nachkommen" mit eigener Hand auögestrichen hatte, indeß die Landleute jetzt (wie auch später wieder) deren volle Geltung in Anspruch nahmen. Daher nennt die Erzherzogin jenes Dokument „ihr bestes Kleinod, dessen sie um keinen Preis möchte verlustig gehen." Die Abordnung der Steirer wurde am Hofe zu Prag nach Verdienen aufgenommen. Der Kaiser ließ denselben wissen: für Beschirmung der Gränze werde er bestens sorgen, erwarte aber, daß die Landschaft ihre Pflicht thue, wie bisher. Daß-die Jesuiten, als ein von päpstlicher Heiligkeit und den ReichSconstitutionen anerkannter Orden, von ihnen, der katholischen Religion zum Spott, dergestalt „turbirt" würden, falle ihm höchst beschwerlich; er hoffe, „dergleichen hitzige Anzüge" werden hinfüro unterbleiben. Eben so hätte er sich versehen, die Stände möchten für 75 vaS, was die fürstliche Wittwe in Folge seiner Ermächtigung zu Handhabung der Gerechtigkeit biß anhin vorgekehrt, eher ihren Dank ausgesprochen, als darüber sich beschwert, anbei derselben in ihrer Betrübniß und in ihrem Wochenbette besser geschont haben. Sie hätten fernerer Zusammenkünfte sich zu enthalten, in Geduld die Verfügungen betreffs der LandeSverwallung abzuwarten. Bald nach diesem traf Erzherzog Ernst in Steiermark ein. Bevor die Landleute die Huldigung leisten wollten, versuchten sie, die Erzherzogin sammt ihrem .Bruder, Herzog Wilhelm von Bayern, von der Vormundschaft auszuschließen unter dem Vorwand: Beide gehörtem dem Lande nicht an. Sodann bemühten sie sich, des verstorbenen Landesherrn getreuesten Geschäftsmann, der gleich hohen Vertrauens bei der Fürstin sich erfreuen mochte, den Kanzler Wolfgang Schranz, von seinem Amt zu verdrängen. Er wich freiwillig; allein in Würdigung seines Werthes wollte ihn die Erzherzogin nicht aus dein Geheimen Rath entlassen. Doch nicht einzig dieses, vieles andere wurde weit umher im Lande vollführt oder versucht, waS die Erzherzogin als katholische Fürstin aufs tiefste schmerzen mußte. Kaum war nach langem Sträuben und weitläufigen Erörterungen die Huldigung gegen Erzherzog Ernst als Landpfleger geleistet, als Maria dem Kaiser zu klagen hatte: „schon an verschiedenen Orten hätten Prädicanten sich eingeschlichen, wo doch während ihres GemalS Leben niemals solche sich befunden hätten, sie schickten sich an, noch andere Städtchen in Besitz zu nehmen. Daneben werde zu Kränkung der Ehre ihres verstorbenen GemalS unablässig Mancherlei auf die Bahn gebracht, was er alles versprochen, aber nicht gehalten habe." Erzherzog Ernst stimmte in ihre Klagen ein. „Es reißen, sagte er dem Kaiser, fremde Schwärmereien ein: wolle er Einhalt thun, so heiße eS alsbald: Der Kaiser habe die Religion frei gegeben." Zeiten einer Vormundschaft waren für jedes Land beinahe immer unerquickliche Zeiten, dann um so gewisser, wenn dasselbe durch irgend welche Parteiung zerrissen war. Unter solchen Verhältnissen finden gewöhnlich die Rührigern und Anspruchsvollern die beste Rechnung. DaS waren in Steiermark, wie damals überall, die kirchlichen Neuerer, sie unterscheiden sich von den politischen der Gegenwart einzig durch das Schlagwort. Auf Erzherzog Ernst folgte Erzherzog Maximilian als Landpfleger. Auch dieser konnte bald Zeuge seyn, wie die Gegner des katholischen Glaubens das errungene Zugeständniß, deS ihrigen leben zu dürfen in die wildeste Anfechtung deS seinigen, in die rohesten Ausbrüche wider dessen Bekenner verkehrten. Maria konnte gleichsam unter ihren eigenen Ohren allwöchentlich singen hören: Erhalt uns Herr bei deinem Wort Und sieur' des Papsts und Türken Mord! Nach der Eroberung von Sissek durch die kaiserlichen Waffen (1593) ließ sie Dankgebete und Processionen veranstalten, denen sie mit ihren Kindern und ihren Räthen selbst beiwohnte. Die Prädicanten in Grätz nannten dieses von offener Kanzel „einen Gräuel vor Gott, lautere Abgötterei, wodurch der Türke in daS Land gelockt, größeres Unglück bereiten werde." Die Erzherzogin klagte dem Kaiser: „Bei dergleichen Aufreizung seye zu besorgen, daß am Ende sie und ihre Kinder auf offener Straße vor Schimpf- und Spottreden deS erhitzten Pöbels nicht mehr sicher wären. Sie müsse um Abstellung der Lästerung, um AuSschaffung der Lärmblaser bitten." Wenige Tage später beschwerte sich Erzherzog Maximilian: „besonders daS ledige HandwerkSgesinde werde häufig gegen Ordnung und Gehorsam aufgestiftet." (Gibt eS etwas Neues unter der Sonne?) Der ungezähmteste dieser Lästerer war der Prädicant Fischer, Sohn eines Schusters zu Grätz, besondern Schutzes der Verordneten sich erfreuend. Ein kaiserlicher Befehl an diese, denselben im Zaume zu halten, bewirkte, daß er gegen die Erzher, zog"', gegen ihre Kinder und gegen daS -Mündige Gebet abermals loszog; worauf die Verordneten bei neuer Klage des Erzherzogs entgegneten: daS seyen Anschuldigungen der Jesuiten, die eS auch nicht anders machten. Nachher untersagten sie auf Rüge des Kaisers Fischern zwar das Predigen, scheinen aber das Verbot bald wieder 76 zurückgenommen zu haben, da er am Tage der unschuldigen Kinder nicht allein die frühern Schmähungen wiederholte, sondern jetzt nicht einmal die Person des obersten Vormunds und ReichSoberhaupteS schonte. ES ging auf den unkatholischen Kanzeln, folglich um so mehr unterhalb derselben, in solcher Weise zu, daß Maria sich genöthigt sah, ihren Geheimschreiber Peter Casal mitten im Winter zu Erzherzog Maximilian nach dem fernen Mergentheim in Franken zu schicken, um Abhilfe von ihm zu bitten. Nach einer Zuschrift von dem Kaiser mit der Bemerkung: „Leute von Fischers Art könnten in Residenzen nicht geduldet werden," stellten die Verordneten das Grellste in Abrede, des Uebrigen halber beriefen sie sich auf die zugestandene Religionsfreiheit. Unter so vielfachen betrübenden Erfahrungen konnte Maria nichts weiter thun, als für deS SohneS Heimkehr und einstiges Regieren alles so vorzubereiten, daß ihm genaue Kenntniß des Standes der Dinge nicht fehle; dadurch, glaubte sie, möge er eine richtige Einsicht in die Verhältnisse und Fingerzeige für sein Handeln gewinnen; denn dessen war sie fest überzeugt, daß es so, wie seit deS GemalS Tode, in die Länge nicht fortgehen könne. In solcher Fürsorge befahl sie ihrem getreuen Kanzler Wolf^ang Schranz, „drei Schreiben der Prävicanten sorgfältig bei den Religionsacten aufzubewahren, damit Ferdinand einst Kenntniß erhalte, waS Alles der Pacifikation zuwider sey versucht worden, desto besser hiernach sich richten möge. Gewiß werde eS nie Ruhe gehen, sagt sie in ihrer Zuschrift, wenn man daS Nest nicht auSnehme. Wolle Gott, fügt sie bei, daß es bald geschehe." In diesen Tagen deS durch alle Mittel geförderten AbfalleS von der Kirche ging über die Erzherzogin die Rede: „wie zur Zeit deS Leidens Christi einzig in Maria der Glaube nicht gewankt habe, so in dieser trübm Zeit bei der Erzherzogin." Aber gerade deßwegen richteten diejenigen, welche von dem Glauben der Väter gewichen waren, immerwährend ein scharfes Augenmerk auf sie. Sie maßen daS nachherige Auftreten deS SohneS dem Einfluß der Mutter bei, und säumten nicht, Berichte nach Prag abgehen zu lassen, die ein nachtheiligeö Licht auf dieselbe werfen mußten, und dort nicht immer ohne Einfluß blieben. Ferdinand hatte einen Tobias Fischer, einen ruhigen und verschwiegenen Mann, als Agenten an den kaiserlichen Hof abgehen lassen. Dieser berichtete am Ende des Jahres 1.597: die Erzherzogin werde einer kostspieligen Hofhaltung beschuldigt, und wie sie die prächtigsten und theuersten Waaren von Venedig kommen lasse. Ferner werde vorgegeben: ohne Vorwissen der Jesuiten dürften die geheimen Räthe nichts beschließen, die Schreiber nichts ausfertigen. Niemand könne zu einer Anstellung gelangen, außer durch die Jesuiten; ob der Anzustellende ein Dieb oder ein Schelm sey, darnach werde nicht gefragt, einzig, ob er den Jesuiten gefalle. Die Zahl derselben sey auf hundert gestiegen, meistens aus Frankreich Vertriebene; man habe deren Einkünfte um einige tausend Gulden vermehrt; sie besäßen sogar einen Hauptschlüssel zu den Gemächern der Erzherzogin, um zu jeder beliebigen Zeit freien Zutritt zu ihr zu haben. Diese Anschuldigungen waren eben so grell und ehrenrührig, als grundlos. Sie veranlaßten eine Zuschrift der Erzherzogin an besagten Fischer, welche ihren Charakter in solcher Frische abspiegelt, daß ich nicht zweifle, die hochansehnliche Ve» sammlung werde gerne die Hauptstellen derselben vernehmen. „Daß Alles," sagt sie, „waS innerhalb und außerhalb deS HofeS geschieht, von hier auS dem Kaiser und seinen Räthen berichtet wird, deß trage ich gar keine Scheu. Nicht bloß der Kaiser und die geheimen Räthe dürfen wissen, waS man hier thut, jedermänniglich darf es wissen, man wird nichts finden, waö zu mißbilligen Wäre. Daß aber unwahrhaftcn Schreiben zu Prag so viel Glauben geschenkt werde, deß hätte ich mich niemals versehen. Ich muß eS Gott anbefehlen und sammt meinem Sohn der Unschuld mich getrösten. Wollte ich meinerseits schreiben, waS von Prag Hieher geschrieben wird und wie eS dort zugehe, wahrlich eS gäbe seltsame Händel. Freilich dort kann man nicht sündigen, nichts Unrechtes thun! Indeß diese Sachen gehen mich nichts an, deßwegen lasse ich sie. Aber daS möchte ich wissen, wer über mich und die Meinigen solche Lügen hinausschreibt und sich unterstehen darf, 77 uns gegen dritte Personen so herabzuwürdigen? Hierüber haltet fleißig Nachfrage, und wenn Ihr diese Personen erfahrt, so theilet eS mir alsbald mit. Man schreibt von kostspieliger Hofhaltung. Meine Söhne und Töchter können nicht mehr so beisammen seyn, wie zur Zeit, da sie noch kleine Kinder waren; doch ist alles so eingerichtet, daß, ich nicht wüßte, wie eS haushälterischer könnte angestellt werden. UebrigenS sollen Solche, die eS nichts angeht, um daS, waS wir thun, nicht sich bekümmern. Daß ich um viele tausend Gulven prächtige Waaren von Venedig hätte kommen lassen, davon weiß ich nichts. Zur eigenen Kleidung bedarf ich weder Gold- noch Silberstoffes; wenn aber mein Sohn für sich, für seine Brüder und Schwestern oder für seine Diener etwas kommen läßt, so ist daS bei weitem nicht so kostbar, wie man vorgibt, bloß wie eS die unvermeidliche Nothdurft erheischt. UebrigenS ist mein Sohn hiefür Niemand Rechnung schuldig, und möchten die Leute licber um die eigenen Sachen sich bekümmern und die Zeit besser anwenden, als in dergleichen sich einzumischen. WaS die Jesuiten betrifft, und daß ohne ihr Gutachten nichts dürfe berathen oder ausgefertigt werden, so soll der, der solches vorgibt, zuerst bessern Bericht einziehen; am besten, er frage die Räthe und Schreiber selbst. Daß man sagt, jene hätten einen Hauptschlüssel und könnten nach Belieben in alle meine Zimmer treten. daS berührt die Ehre; wer so etwas schreiben oder reden kann, beweist damit, daß er ein verlogener Mensch sey. Gottlob, ich bin so ehrbar, daß ich solche» Niemand gestatten würde, und bin mit dem Hauptschlüssel so „heikel," daß bis zur Stunde nicht einmal mein Sohn einen solchen hat. ES greife nur jeder in den eigenen Busen, er wird vielleicht mehr darin finden, als waS man über hier Unwahres auSgiebt. Eben so weiß ich von keinem einzigen Pater, der auS Frankreich vertrieben wäre; und die Einkünfte, welche mein seliger Gemahl ihnen angewiesen hat, find durch meinen Sohn nicht um einen einzigen Heller erhöht worden. Daß Schelme und Diebe durch sie zu den besten Diensten am Hofe gelangen, ist eben so wenig wahr, wie alles Uebrige. Hält man denn mich und meinen Sohn für solche Thoren, um dergleichen zu thun? Wollten wir eS aber thun, so haben wir durch GotteS Gnade solche ehrbare, aufrichtige und sürnehme Leute in unsern Diensten, welche gewißlich mit Dieben und Schelmen weder dienen noch bleiben würden. Alles ist „pur lautere" Lüge, wodurch man mich und meinen Sohn bei Ihrer Majestät, den geheimen Räthen und bei Jedermann verhaßt machen möchte. Dessen aber hätte ich mich nicht versehen, daß Se. Majestät, seine Räthe und andere Gutgesinnte dergleichen Leute angehören würden, da sie selbst so wenig als ich und die Meinigen vor ihnen sicher sind. Darum hätten sie ihnen nicht alsbald Glauben schenken, sondern den Sachen besser nachspüren und sich gründlich erkundigen sollen, ob eS sich denn auch also verhalte. Aber alles Gott anheimgestellt! Er wolle eS denjenigen verzeihen, die so wider die Wahrheit reden und schreiben, wobei ich Niemand anders in Verdacht habe, als die Ketzer, denen weder mein Sohn noch ich zu keiner Zeit thun können und wollen, waS ihnen lieb wäre; und werden eS Hinsort noch weniger thun, sollten sie auch noch mehr Lügen hinauSschreiben. Forschet nur diesen Angebern fleißig nach; erfahret Ihr etwas Gewisses, so meldet eS ungesäumt; sicherlich soll eS Euch nicht unvergolten bleiben. Man ersieht aus diesem Schreiben, daß der mehrmals wiederholte Rath der Erzherzogin an ihre Tochter Margaretha bei Anmaßungen des spanischen Hofgesindes: „weise ihnen flugS die Zähne!" keine bloße Redensart war. Wo eS noch that, hat sie es anzuwenden verstanden. Sie war ihrer Stellung, ihrer Rechte vollkommen bewußt, kräftig genug, Beide unter allen Umständen zu behaupten. Und doch einigte sich in ihr das Starke mit dem Zarten in einer Weise, wie solches nur selten vorkommt. DaS letztere wird in der lieblichsten und einnehmendsten Weise hervortreten, wenn wir einmal einen Blick auf die Lebensweise und die Gewohnheiten der Erzherzogin werfen, welchen durchweg der Stempel katholischer Ueberzeugung in dem anmuthigsten Gepräge aufgedrückt ist. 78 Da» Märtyrerthum des katholischen Missionars Bonnard in China. Der hochwürdigste Bischof von Acanthe, Monfignor Reford, schildert im Nachfolgenden an die „^rmsles cle Is propgßstion cle Is koi" gerichteten Schreiben daS von dem ehrwürdigen katholischen Missionär Herrn Bonnard in Tong-King am 10, April v. IS. erlittene Märtyrerthum: Um zehn Uhr Vormittags, als der Obermandarin noch schlief, langte die Bestätigung deS Todesurtheils auS der Hauptstadt an. Ein christlicher Beamter hatte im Geheimen Kenntniß davon genommen und beeilte sich, einigen seiner Freunde die Nachricht mitzutheilen. DaS Gerücht verbreitete sich sofort mit Blitzesschnelle, daß unser ehrwürdiger Mitbruder am selben Abend hingerichtet werden sollte, und von allen Seiten strömten die Neophyten in die Stadt herbei, um dieser Trauerscene beizuwohnen. Von Mittag an waren die Straßen gedrängt voll von Menschen und besonders groß war der Andrang vor dem Thore, von welchem, wie man glaubte, der Trauerzug ausgehen sollte. Die Hinrichtung wurde aber, wahrscheinlich um dem Andrang auszuweichen, auf den folgenden Tag ausgeschoben. Aber auch an diesem Tage war die Volksmenge nicht minder beträchtlich. Vom Morgen an eilte sie dem gewöhnlichen HinrichtungSplatze zu, wo die Mandarine Alles vorbereiten ließen. Aber plötzlich bemerkte man, daß der Missionär nach einem entgegengesetzten Puncte geführt wurde. Die Menge stürzte sofort dahin; sie hatte einen weiten Umweg zu machen, um zur rechten Zeit anzukommen. Es waren daher nur einige hundert Christen zugegen, die dem Martyrertod unseres viel- geliebten MitbruderS beiwohnen konnten. Der Richtplatz war beiläufig anderthalb Meilen von der Stadt entfernt, in der Nähe eines FlusseS. Der fromme Held Christi machte den ganzen Weg zu Fuß, belastet mit dem Schandpfahl und der Kette, die er aufgehoben in der Hand trug; er schritt mit der Miene übermenschlicher Zufriedenheit vorwärts. - Auf dem Richtplatze angekommen, band man ihm die Hände auf den Rücken und so fest, daß Blut herabfloß. Zudem hatten die Mandarine die nöthigen Werkzeuge mitzunehmen vergessen, um den Schandpfahl und die Kette abzulösen. Es bedürfte wenigstens einer Stunde, um die Werkzeuge herbeizuholen und unser geliebter Märtyrer lag während dieser ganzen Zeit auf den Knieen, fest und standhaft, wie eine Säule. Er hatte wenige Augenblicke, bevor er daS Gefängniß verließ, daS heilige Abendmahl empfangen, wie hätte er also weichen oder zittern können! Er betete mit Inbrunst, die Augen zum Himmel gehoben. Als man ihm den Schandpfahl und die Kette abgenommen hatte, stieg der Mandarin, der die Oberaufssicht bei der Hinrichtung hatte, von seinem Kameele herab, um seine Haare zu ordnen und flüsterte ihm einige Worte zu, die man nicht hörte. Unser Märtyrer sagte ihm auch einige Worte, die man eben so wenig hören konnte. Als der Mandarin sein Kameel wieder bestiegen hatte, ertönten drei Schläge auf der Cymbel und das Haupt unseres Freundes fiel unter dem Streiche deS Schwertes. Der Henker hatte ihm mit einem Streiche den Kopf abgeschlagen. Unsere Christen konnten nur wenig von seinem Blute ausfangen, weil die Officiere Jeden, der sich zu nahen wagte, mit Stockschlägen zurücktrieben. Die Soldaten bemächtigten sich des neuen Gewandes, daS Herr Bonnard getragen hatte, so wie auch seiner mit Blut befleckten Unterkleider, die sie unter sich vertheilten, um den Christen einzelne Theile davon zu verkaufen. Die Mandarine hatten zu dieser Hinrichtung viele Soldaten versammelt, so wie auch viele Kameele und Pferde. Wir glaubten, daß er, wie der selige Schäffer auf dem Richtplatz begraben und daß nur sein Kopf inS Wasser geworfen werden würde. Wir hatten bereits alle Maaßregeln ergrissen, um unö der sterblichen Ueberreste zu bemächtigen, woran wir . 79 aber verhindert wurden. Der Leichnam und der Kopf wurden in einer von Soldaten besetzten großen Barke niedergelegt. In einer zweiten Barke befand sich der Obermandarin mit mehreren bewaffneten Leuten; mit LebenSmitteln für drei Tage versehen, ruderten sie ab. Aber ein Boot, in welchem mein Diaconus und zwei unserer Katecheten sich befanden, schiffte in einiger Entfernung zur Beobachtung ihnen voran; gegen Abend wurden auch mehrere Fischerboote von unS nach dem Meere abgesandt. Um acht oder neun Uhr verfinsterte sich der Himmel und es fing an zu regnen. Die Mandarine waren mit ihrer Barke unterhalb von Tam Toa angelangt, wo sie anhielten und nachdem sie einige Operationen, die man nicht sehen, aber wohl errathen konnte, vorgenommen hatten, kehrten sie flußaufwärts zurück. Die Stelle wurde von den Christen in dem Boote in Erinnerung gehalten, die Fischerbarken kamen auch bald herbei. Ein junger Mensch tauchte 25 Fuß tief hinab und stieß gerade aus den Leichnam unseres Märtyrers, dessen Füße und Hände er berührte. Er tauchte hierauf triumphirend mit den Worten auf: „Ich habe ihn gesunden." Die Mandarine hatten einen großen Stein an den Leichnam befestigt und den Kopf in einen kleinen Sack unter seinen Arm gesteckt. Nun wurden die kostbaren Ueberreste sofort aus dem Abgrunde hervorgezogen. Es war ein Uhr nach Mitternacht, als unsere Fischer mit der theuren Last anlangten. Der Leichnam wurde sogleich mit dem priesterlichen Ornate bekleidet, in einen von einer christlichen Familie geschenkten sehr schönen Sarg gelegt und in der Mitte unserer Kirche, mit Kerzen umgeben, bis zum Abend des folgenden TageS ausgesetzt. Wir begruben ihn hierauf mit allen kirchlichen Ceremonien. Ich selbst verrichtete im Beiseyn deS Herrn Legrand, zweier Priester, eineS Diaconen und aller unserer Zöglinge den Gottesdienst. Sein Leichnam ruht also jetzt in unserer Mitte. O! wie schön sah er aus in seinem Sarge, angethan mit dem priesterlichen Gewände: man hätte sagen können, eS sey eine Bildsäule vom schönsten Elfenbein. Sein auf dem Hals sehr gut befestigter Kopf schien in einen ruhigen Schlummer versunken und eine himmlische Vision zu haben, die ihn lächeln machte! Mission in Ghr-nbreitstein. Ehrenbreitstein, im Febr. 1853. Die seit dem 16. Januar d. I. durch die Jesuiten Herren PatreS Haßlacher, Pottgeißer und Baron von Mehlem hier begonnene Mission wurde am 3t). Januar mit einer Procession, der Errichtung deS heiligen MissionSkreuzeö und einem feierlichen Gottesdienste beschlossen. Unserm hochwürdigsten Herrn Bischöfe zu Trier und unserm würdigen Herrn Pfarrer Geschwind, der nun schon über fünfundzwanzig Jahre mit regem Eifer als Seelsorger hier wirkt, haben wir nächst der göttlichen Gnade und Barmherzigkeit diese Mission zu danken. In der That, dieselbe ist ein leuchtendes Zeichen der Gnade und Barmherzigkeit Gottes, welches als solches inniger gewürdigt werden kann, wenn man zurückblickt in jene traurige Vergangenheit, welche über die Geschlechter der Menschen dahingezogen ist, seit auch in den katholischen Theilen von Deutschland die Jesuiten vertrieben wurden. Fast achtzig Jahre find seitdem verflossen, also doppelt so viel Zeit, als nöthig war, um die Jsraeliten in der Wüste zu reinigen und zu bekehren! Unsere Wanderungen in der Wüste scheinen nun auch enden zu sollen, und wir betrachten eS als ein erfreuliches Zeichen, daß die erste Mission, welche die Jesuiten seit ihrer Vertreibung auS der Trier'schen Diöcese in derselben wieder gehalten haben, hier in Ehrenbreitstein, dem alten Sitze vieler Trierischen Kurfürsten und Bischöfe, stattgefunden hat, und bei derselben zwei Eingeborene der alten Diöcese Trier, nämlich die hochwürdigen PatreS Haßlacher und Pottgeißer verwendet worden sind. Die heilige Mission wurde von dem Pater Haßlacher eröffnet und in dem fol« 80 genden CycluS der Predigten, deren täglich viek während voller vierzehn Tage nacheinander gehalten wurden, die Zuhörer zu heilsamen, anregenden Betrachtungen ermuntert und geleitet, die wichtigen und wichtigsten Heilswahrheiten abgehandelt, auch alle Fragen, welche für den sittlichen, nicht verkommenen Menschen die höchste Bedeutung haben, erörtert. In allen Vorträgen, welche die drei hochwürdigen Missionäre hier hielten, offenbarten sie einen innigen, rührenden GlaubenSeifer, eine wahre, begeisternde Christusliebe, eine tiefe Wissenschaftlichkeit, daher , eine wahre, christliche Meisterschaft. Zwei Tage vor dem Schlüsse der Mission geschah nach geeigneter Predigt über den unwürdigen Empfang des hl. AltarSsacramenteS die öffentliche, laute Abbitte—: ein ergreifender, rührender Moment! Die Wirkungen der hiesigen Mission waren und find höchst erfreulich. AuS Ehrenbreitstein, Koblenz und aus der ganzen Umgegend strömten den Predigten täglich so viele Tausende zu, daß die Räume der hiesigen Kirchen dieselben alle gar nicht fassen konnten. Viele, sehr Viele empfingen die heiligen Sacramente, und obwohl wir in den hiesigen Breitegraden — Gott sey Dank — ganz abgestorbene Katholiken nur äußerst wenige, laue Gläubige nicht viele haben, so zündete doch auch bei beiden Classen das Licht der heiligen Mission und hat sie neu belebt der harrenden Mutter, der Kirche, wieder zugeführt. Ein schönes anregendes Beispiel gaben die gebildeten Classen von Coblenz und Ehrenbreitstein, indem sie stets sehr zahlreich bei den Predigten sich einsanden. So thaten auch mehrere Lehrer des Koblenzer Gymnasiums, und unterließen eS nicht, ihre Schüler in die Predigten über die betreffenden Standespflichten zu führen. Auch mehrere Protestanten, den höhern, gebildeten Ständen angehörend, besuchten oft die Vorträge der Missionäre, welche nie ein verletzendes Wort enthielten, sondern nur den Geist der christlichen Liebe athmeten. — Aber dennoch hat die kirchenfeindliche Presse, besonders daS „Frankfurter Journal", auch über die hiesige Mission bereits die schamlosesten Lügen und Verleumdungen verbreitet. Man steht daran, wie tief das arme Menschenherz durch so alte Gewohnheitssünden verhärtet und verdorben wird!— Den Schluß der heiligen Mission machte die Kreuzprocession. Voran zogen die Schulen, dann die Jungfrauen und Frauen, dann ein Sänger< und MustkcorpS, darauf der KleruS, unmittelbar darnach daSgroße Missionskreuz, getragen von Männern auS allen Ständen, indem wir vor dem Heilande ja alle ohne Standeswürde nur arm dastehen. DaS große MissionSkreuz, der KleruS und die sechsunddreißig Kreuzträger, welche je zu zwölf im Tragen des KreuzeS abwechselten, waren von der hiesigen alten SebastianuS - Schützengesellschaft umgeben, und die Tausende von Männern, welche der Procession beiwohnten, bildeten den Schluß derselben. Nach der Aufrichtung des MissionökreuzeS fand die Einsegnung durch den hochwürdigen Pater Haßlacher statt. Seine Schlußpredigt handelte von dem Kreuze, also von der Vollendung — consummstum vst — und so in geistigem Sinne von dem Siege des Christen, den er stets über die Sünde, über seine Leidenschaften, turch sein Kreuz, nämlich die Entsagung, gewinnen soll. Demnächst ertheilte Pater Haßlacher den päpstlichen Segen über die große, große Menge der anwesenden Gläubigen. Die hochwürdigen Missionäre werden fortleben in unserer dankbarsten Erinnerung; sie haben eine wahre Erneuerung deS christlichen Bewußtseyns und Lebens ider ganzen Gemeinde und Umgegend bewirkt, daher daS kostbarste Gut, den Frieden der Seele, uns Allen mehr gesichert I (D. VolkSH.) >is schlM ,nci n >ii izrn . iibchi^ S>chi!»»?ji» yi:» b!v Hz n»jH«itt«t ^»»ÄvH'.'MÜli'iiK l ni "HyLjL! ».»ch'i'nnT Suo gmi'öizrliM 7Nt!i im ,^6chlM Änit mtmijruH n^-i -.---r? -IM« 5ylV n,iw an? ,N!-ini-s/iii>?!lP m „i-j -m5>i »snSi(L lM!» ^uviclZkuW 'iMz^MlHna ivl .n-W i„i n',,f.'.! ^ui-i u^!>r>,'- .mMY»k'Nr-k! S.vu ,3. März H"- KL. !8.^3. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährig? Abonnementsvret« 4V sr., wvfür es durch alle fönigl. bayer, Postämter und all« Auchhaudlungev bezog«» werden kann- Bericht über die von t?. L. Wenninger 8. ^. im Jahre 1852 abgehaltenen Missionen in den Vereinigten Staaten Nordamerikas. ytilltVÄ?» ÄNll N.vtvs' '/^MiM>W 75? Mi .>>»^i^«?^,»» «. >u^»>»» ^ Ich begann in diesem Jahre meine MissionS.arbeiten mit der Erneuerung der Mission, die ich im verflossenen Jahre in der heiligen Marienkirche zu St. LouiS abgehalten. Wenn eine Mission Gutes bewirkt, so gilt daS sehr oft noch mehr von der Erneuerung der Mission. Missionär und Volk keynen sich schon; eS ist der Besuch deS ArzteS, der sich um seinen ReconvaleScente» erkundiget, was gleich ermunternd für die Standhaften, und heilsam für die Schwachen wirkt. Der Gegenstand meiner Betrachtungen und Unterweisungen war die Betrachtung von den „zwei Fahnen", nämlich von der Fahne Christi und der deö Luziser. Diese Betrachtung bietet den geeignetsten Stoff durch acht Tage für eine GeisteSerneucrung, und um darauf hinzu» weisen, wo eS gefehlt, wenn man auch nach der Mission nicht gültig gekämpft als Kind der streitenden Kirche GotleS. Besonders in jenem Stadttheil von St. LouiS, der von leichtsinnigen Christen und Religivnöspötteru arg heimgesucht ist, taugte mir daS Thema. DaS Volk nahm wie bei der Mission den lebhaftesten Antheil daran. Der hochwürdige Herr Generalvicar Melker wacht als eifriger Seclenhirt über diese Gemeinde. Die guten Tiroler-Sänger auS der Familie Hauser, die hier etablirt find, erhöhten durch ihren harmonischen Gesang die Feier der Abendstunden. Als ich während der Mission in mein Zimmer eintrat, fiel ein Schuß, und drang dnrch daS Fenster in daS Zimmer. Wie daS gemeint war weiß ich nicht, allein eS stimmte so ziemlich mit dem Thema ein, das ich so eben behandelte: „Loelesis militsns!" „die zwei Kriegesfahnen." Als ich diese Renovation beschlossen ließ mir der hochwürdige Psarrer der Drei- faltigkeitSkirche zu Neubremen, der Schwesterstadt von St. LouiS, keine Ruhe, auch dort die Erneuerung der im verflossenen Jahre daselbst abgehaltenen Mission vorzunehmen. Ich erklärte zwar, daß eS unmöglich sey, bei so vielen MissionSgelegcnheiten da wo noch keine Mission war, sich mit Erneuerung derselben zu befassen, waS nur ausnahmsweise in St. Louis geschah; er hielt solange an, bis ich einwilligen mußte. Mein Thema war die Parabel von dem Verlornen Sohne. — Neubremen ist der Hauptsitz der sogenannten „freien Männer" in St. LouiS. ES ist dieß ein wahrer SatanSbund, der darauf ausgeht, dem Volke nicht nur allen Glauben, sondern jedes religiöse- Gefühl aus dem Herzen zu reißen. Der Stifter dieselben ist ein gewisser Börnstein, Redacteur einer radikalen Zeitung, genannt „der Anzeiger deS Westens." ES freut mich, kürzlich gelesen zn haben, daß zwei Dränen in St. LouiS demselben auf der Straße aufgepaßt, und mit Ochsensehnen den Rücken tüchtig durchgeklopft. — Börnstein warnte seine Neubremerfreunde bei dem Beginn der Mission, sich nicht von .tzttlm'illnE. nwskxn'tE den Jesuiten bethören zu lassen, sondern sich fest an das Losungswort zu halten: „AlleS zur größeren Ehre der reinen Vernunft." Er schickte auch einen seiner Emissäre hin, zu hören, wovon ich predigte. Der Mann kam gerade zur Betrachtung von der Hölle, und fühlte sich natürlich nicht ganz behaglich darin. Eben diese Besorgtheit der sogenannt freien Männersecte machte, daß die Katholiken noch entschiedener auftraten, und waS bei Erneuerungen der Mission sonst nicht geschieht, am Schlüsse Kanonen abfeuerten, und unter festlicher Musik ihre Vorsätze unter dem Kreuze erneuerten. — Einige Protestanten, welche selbst bei der Mission im vorigen Jahre noch hart geblieben, ergaben sich jetzt und legten ihr Glaubensbekenntniß ab. Ich überschiffte hierauf den Mississippi und gab die Mission in der St. Libor^i Gemeinde, der Diöcese Chicago angehörig, im Staate JlinoiS, welcher St. LouiS und dem Staate Missouri gegenüber liegt. — Ich fand daselbst die beste Gemeinde von Deutschen in ganz Amerika. — Der gute Pfarrer sagte mir bei meiner Ankunft: „Sie finden hier ein Volk, wo Jeder will "was Einer will, sie sind ein Herz und eine Seele." So fanv ich eS auch in der That. Ich richtete daselbst ein Missionskreuz auf einem hohen Piedestal auf, waS bei einem Kreuz von etwelchen dreißig Fuß Höhe einen majestätischen Anblick gewährt. Bevor ich eS aufrichtete that ich der Gemeinde einen Vorschlag, waS ich sonst nicht zu thun pflege; allein der gute einmüthige Zustand derselben bewog mich dazu, besonders da der Pfarrer eS sehr wünschte. Diese Gemeinde besitzt die größte Landkirche im Staate Jlinois. Es lasteten aber noch Schulden auf derselben. Da bemerkte ich der Gemeinde, wie schön und erbaulich es wäre, wenn sie, bevor ich daS Kreuz als Andenken an eine so huldreiche Gnadenzeit errichte, die Kirche von allen Schulden befreiten; damit sie das HauS deS Herrn sey, der sie so eben in seiner unermeßlichen Erbarmniß von ihren Schulden vor seinen Augen befreit hat. Ich that den Vorschlag, um alle Störung zu meiden, vaß jeder für sich auf einen Zettel dem Pfarrer seine Gabe aufzeichne oder sonst privatim übergebe. — Mit Freuden folgte das Volk der Einladung und nicht nur wurden sogleich die Schulden gedeckt, sondern der Rest deS Geldes wurde bestimmt, um eine Glocke herbeizuschaffen, die als Andenken an die heilige Mission täglich zum englischen Gruß geläutet werden sollte. — Während dieser Mission ereignete sich auch noch der Fall, daß ein Eheweib ihren lutherischen Mann bat, ihr die Legende der Heiligen zu kaufen. Ich pflege Sorge zu tragen, daß daS Volk sich die Legende des?. Vogel, die ich für Amerika neu bearbeitete, anschaffen könne. Der Mann kauft die Legende, und lieSt darin im Heimfahren auf seinem Wagen. Er las hierauf die ganze Nacht fort im Hause, und am Morgen erklärte er, er wolle auch ein Kind jener Kirche seyn, wo diese Heiligen gelebt. Welch ein Trost für sein gutes Eheweib, und für mich und die ganze Gemeinde zugleich. Nach dieser Mission gab ich die Renovation zu Belleville. — ES ist diese Stadt besonders von sogenannten Lichtfreunden 5 !a Hecker bewohnt, der in der Nähe dieser Stadt lebt. DaS Beispiel von St. Louis regte den Pfarrer von Belleville so auf, daß ich nicht umhin konnte, auch in seiner Gemeinde diese Missionserneuerung vorzunehmen; — es darf mich auch in der That nicht reuen, es gethan zu haben. Hierauf begab ich mich in daS große deutsche Settlement von Germantown oder Schollkreek. — Diese Gemeinde bewohnt um ein Stävtlein herum eine der Prairien JlinoiS'. ES sind dieß große Ebenen ohne Waldung. Dieselben bieten im Frühjahr, wenn alles mit Grün und Blumen bedeckt ist, einen herrlichen Anblick. — Wie eifrig sich die Gemeinde an der Mission betheiligte mag ein doppelter Fall beweisen. Ein Mann, der trotz dem besten Beispiel der ganzen Gemeinde, die alle zeitlichen Geschäfte beseitigte, dennoch vorgab, mit seinem Gefährt zu irgend einer Arbeit forlzu- müssen, trieb seinen Wagen durch die Prairie, während die übrigen Leute insgesammt in die Kirche eilten. Da blieb er nun im Kothe stecken, der an manchen Stellen dieser Prairien furchtbar tief ist. Da nun kein Mensch in den Häusern war, der ihm heraushelfen konnte, da Alles zur Kirche ging, mußte der Mann zur Heilsomen Buße, daß er nicht dahin gegangen, den ganzen Tag im Kothe stecken. Alles sagte lachend: 83 DaS geschah ihm recht! — Einen noch auffallenderen Beleg dieses Eifers gab mir eine Aeußerung des hochwürdigen Herrn Pfarrers selbst. — Er wurde zu einem Kranken gerufen, und sagte bei seiner Heimkehr, wie sonderbar eS ihm gewesen, daß er auf der ganzen Prairie, wo man sonst bei diesem weiten Ausblick über alle Häuser und Felder immer so viel Menschen sieht, auch nicht einen einzigen gesehen; so daß sein Pferd selbst durch diese ungewohnte Einsamkeit erschreckt scheu um sich blickte, und ganz froh aufwieherte, als eS, zur Kirche kommend, dort die Leute versammelt erblickte. Dieser Pfarrer ist der in Bayern bekannte Graf Moragna, der seither zu den Bene- dictinern in Pensylvanien eingetreten. — DaS MissionSkreuz erhebt sich gerade im Mittelpunct deS StädtleinS, und kann in weite Fernen gesehen werden, da eS wie gesagt von diesen weiten Ebenen umgeben ist. Von hier auS fuhr ich den Mississippi aufwärts nach Alton. — Diese Stadt hat eine sehr verkommene kleine deutsche Gemeinde. Vergebens hatten sich schon einigemale Missionäre dahin begeben, um den Eiser derselben zu beleben. Es gelang mir mit Gottes Beistand , dieselbe durch die Mission in der Weise zu beleben, daß der Seelsorger bei meiner Abreise mir sagen konnte: „Wenn bei andern Missionen nur der fünfte Theil von dem geschieht, was hier geschah, so kann man Gott nicht genug für den Segen derselben danken." Ich kehrte von dort nach St. LouiS zurück, um in der dasigen St. Vincenz- kircke noch unvergleichlich mehr Trost zu erleben, und die Gnade deS Herrn anzustaunen. — Ich hatte zwar in St. LouiS schon drei Missionen und drei Renovationen gegeben; indeß blieb eS doch sehr wünschenSwerth und nothwendig, auch im südlichsten Theil der Stadt eigens eine Mission abzuhalten. Man kann nämlich in den Städten Amerikas auS Rücksicht auf die Ort- und Arbeitverhältnisse die Mission nicht anders als am frühen Morgen und am späten Abend abhalten. Da allerdings versammelt sich die ganze Gemeinde, aber die entfernteren Gemeinden können nicht in Masse Antheil nehmen, besonders nicht in St. Louis, welche Stadt bei fünf englische Meilen lang ist. Während des Tages sind nur Standesunterweisungen für das Frauen- geschlecht und die Kinder möglich, und die Beichtgelegenheit nach den verschiedenen Ständen. Ich entschloß mich demnach, der Einladung der Väter Lazaristen zu folgen, und mit dem Beginn der heiligen Fastenzeit eine große Mission in ihrer großen, ja wohl größten Kirche von St, Louis zu eröffnen. Diese letzte Mission von St. LouiS war ohne Zweifel auch die besuchteste und denkwürdigste. — Ja wo sind denn die Leute, hieß eS in den leer stehenden Gasthäusern. Alles ist in der Kirche, war die Antwort. Da gingen auch solche auS Neugierde, die sonst wohl nie gekommen wären. Selbst der oben genannte Börnstein mit ungefähr sechzig der sogenannten freien Männer fand sich am Schlüsse ein, und mehrere derselben bekehrten sich währen» der Mission selbst. Die Kirche wurde so gedrängt voll, daß das Volk in der Nacht vor den drei eröffneten Kirchthüren noch auf der Straße stand. — Das Missionskreuz stand am Schlußabend auf einer Platform im PreSbyterium, mit strahlenden Pyramiden umgeben, und eiu LöWstimmigeS deutsches „Großer Gott wir loben dich" erhob sich durch die mit zahllosen Lichtern beleuchteten Räume des großen Gotteshauses dankerfüllt zum Himmel. Einige Protestanten legten noch TagS darauf ihr GlaubenS- bekenntniß unter dem MissionSkreuz ab. Von St. LouiS eilte ich nach EvanSville, im Staate Jndiana am Ohio gelegen. Ich gab dort die Mission in der großen neuerbauten deutschen Kirche. — Merkwürdig war mir bei dieser Mission die Aeußerung einer zur heiligen Kirche bekehrten Protestantin. Sie sagte nämlich, daß der Hauptbeweggrund ihrer Bekehrung der gewesen, daß sie bei aufmerksamer Lesung der heiligen Schrift aufgefunden, daß gerade die Katholiken das besäßen und in Uebung hätten, wovon die heilige Schrift spricht, und was man bei den Protestanten vergebens sucht, die doch gerade auf daS Zeugniß der heiligen Schrift sich zu berufen pflegen: als da sind: ein Priesterthum, ein Opfer, daS Fasten, die heilige Oelung, die Ehe als Sacrament und dergl. - Gewiß ein offenbarer Beweis, wie nicht nur diese Person, sondern jeder aufrichtig die Wahrheit suchende Protestant durch daS Zeugniß der heiligen Schrift selbst zur Erkenntniß der Wahrheit der heiligen Kirche gelangen könnte, und wie man mit Recht den Protestanten gerade die Worte entgegenhalten kann, die Christus zur Beglaubigung seiner Senkung den Juden sagte: Ihr meinet, daß in den heiligen Schriften daS Leben sey; forschet in denselben, sie selbst sind eS, die von mir Zeugniß geben. — DaS gilt auch von der heiligen Kirche GotteS. Von EvanSville hatte ich einen weiten Weg zur nächsten MissionSstation zurückzulegen. Doch da besonders in Amerika alles mit Dampf betrieben wird schwinden die Entfernungen. Ich eilte nämlich nach New-OrleanS, um daselbst noch in der heiligen Charwvche die Missionen zu eröffnen. Das Dampfschiff, welches mich dahin brachte, ist das größte, daS je die westlichen Gewässer befahren. Der Name selbst sollte eS anzeigen: eS heißt Eklipse. Ein in der That prachtvolles Boot; daS schönste und reichste, daS ich je gesehen. Es mißt 365 Fuß in die Länge und 18 in die Breite, und hat 17 Boilers oder Dampfkessel. Ein Maler hätte am Bord des Schiffes die schönste Gelegenheit gehabt, die verschiedenen Ausdrücke der Verwunderung an den schwarzen und weißen Gesichtern auszuzeichnen, welche, wenn daS Schiff an einem Ort anlegte, herbeieilten, um dasselbe in Augenschein zu nehmen.— Merkwürdig und sehr angenehm ist auch der Eindruck einer so schnellen Fahrt vom Norden nach dem Süden ob deö wechselnden Eindrucks des Landes und des Klimas. Ich verließ EvanSville im Staate Jndiana noch mit Schnee bedeckt, und stehe nach ein paar Tagen war ich mitten im Frühling, und noch ein Tag und ich fühlte die Sonnenhitze, so daß ich mich schnell um eine andere Gattung von Kleidern umsehen mußte. New-Orleans gilt als die sittenloseste Stadt der Welt. Wie der Boden so ist daS Erdreich der Herzen. Der Boden ist reine Alluvion vom Schlamm deS Mississippi, der bei der Stadt höher als dieselbe liegt, vorbeiflicßt. Jährlich ist AlleS in größter Gefabr der Ueberschwemmung, und das Versinken der Stadt ward ihr oft vorausgesagt. Da bleibt nun auch nur das von der Einwanderung der Deutschen hangen, waS nicht mehr weiterkann, und hat man sich etwas erworben, dann halten manche geknüpfte Verhältnisse die Ankömmlinge fest. — Großer Gott! wie sah eS da auSÜ — Ich begann die erste Mission zu Carolton,-einer Schwesterstadt von New- OrleanS, und mit ihr durch eine Eisenbahn verbunden. Ich dachte mir, als ich die Kanzel betrat, unwillkürlich, waS die Machabäer zum Herrn gerufen: Herr, wenn du nicht hilfst, dann ist hier AlleS verloren. Osgtio — ex nikilo. Doch daS eben war mein Vertrauen und täuschte mich nicht. Ich halte den Trost wie in Ncw-OrleanS noch nirgend erlebt. Ich staunte nur, wie und warum die Menschen jetzt herankamen, die Jahre und Jahre lang die Kirche nicht betreten. Frauen, die 10 und 16 Jahre keine Messe gehört, und nichts zur Entschuldigung zu sagen hatten alS: Andere haben eS auch nicht gethan; oder, ich wußte nicht, daß eine deutsche Kirche hier sey. — Laßt euch doch uicht zum Narren haben, eS gibt ja gar keinen Gott! so schrie ein Mensch noch während der Mission — und anch dieser Mensch kam!! kx uns nosoe omnes. — Der Piarrer sagte, er habe nicht den zehnten Theil seiner Pfarrkindcr, die sich jetzt zur Mission versammelten, früher gesehen. — Auch die Crevlen und mehrere Neger, die französisch und englisch sprechen, nahmen Antheil daran und beichteten. Dieser Umstand eröffnete mir die Gelegenheit zn einem Sclaventriduum, das ich später gab. DaS MissionSkreuz richteten wir in der Kirche am heiligen Charsreitag gegen drei Uhr Nachmittag auf: ein herrliches großes Kreuzbild mit einem Christus in Lebensgröße; ein Geschenk des hochwürdigsten BisckofS von Mobile. Eingeweiht wurde eS am Osterdienstag als dem Schlußtag der Mission. Hierauf eröffnete ich am weißen Sonntag in der Osteroct.we die Mission in der Stadt New Him,G R hatten, und am Schlüsse war die Stimmung in dieser früher so zerrissenen Gemeinde so einhellig, daß man sagen konnte, man wußte nicht Einen, der nicht derselben guten Gesinnung und Stimmung geworden wäre, wie der Guß einer einzigen Glocke. Man schritt sogleich zum Wiederaufbau der Kirche, und der Bau schreitet nunmehr, so viel mir bekannt, rasch seiner Vollendung entgegen. Bevor ich New-OrleanS verließ wartete meiner noch eine andere peinliche, aber zugleich doch überaus trostreiche Arbeit. Man bat mich, ein JubiläumStriduum für die Sclaven auf einer Plantage jenseits deS Mississippi zu halten. Ich sagte scherzweise: wenn ich fünfzig Neger zur heiligen Kirche aufnehmen kann, komme ich. Man nahm den Vorschlag lächelnd an, und er erfüllte sich buchstäblich. Eine sehr eifrige betagte Person, eine Französin, oder wie man hier sie nennt, eine Creole, d. h. eine in Amerika gebonie Französin, bereitete mir daS Feld. Ich gab daS Triduum und hatte die Freude, bei fünfzig dieser Sclaven, die theils ungetaust, theils Methodisten oder Presbyterianer waren, in die heilige Kirche aufzunehmen. Allein eS war auch ein hartes Stück Arbeit, und ich dachte öfter an den seligen ?. Claver, der den Kelch in vollen Zügen durch vierzig Jahre schlürfte, aus dem ich nur drei Tage einige Tropfen trank. — Ich predigte nämlich unter TageS den freien Creolen französisch; Abends den Sclaven französisch und englisch. Im April ist eS in New-OrleanS schon sehr heiß, eS liegt im Breitegrad von Cairo. Um dem ungeheuren Andrang der MosquitoS abzuwehren mußte man die Fenster und Thüren der vollgepfropften kleinen Kirche schließen. Waren die Predigten vorüber, dann drangen die MoSquitoS doch in solcher Menge ein, so wie man die Thüren öffnete, daß die Wände ganz schwarz belegt schienen. Nun hieß eS bis zwei Uhr Nachts und darüber Beichtsitzen, und dann gegen Morgen mit Rauch und Dampf diese andächtigen Thierlein wieder aus dem Kirchlein vertreiben. Doch wie verschwindet diese kleine Last gegen den Trost, den man hat, so vielen verlassenen und doch für das Reich Gottes so ganz bereiteten Seelen beizustehen. AuS Mangel an Seelsorge gehen in Louisiana unzählige Seelen besonders unter den Sclaven verloren. Ich fand einen ziemlich bejahrten Neger auf dem Felde im Vorbeigehen, und hörte, dasz er noch nicht getauft sey. Ich redete ihn an, sprach von der Erlösung durch Jesum Christum, und von der Nothwendigkeit der heiligen Taufe, und verwies ihn an einen nicht weit davon wohnenden Priester zum ferneren Unterricht, Bald darauf wurde er mit noch einer Negerin getauft, indem er sich dabei äußerte, „eS sey ihm nur leid, daß ihm Niemand früher etwas davon gesagt habe!! — AIs ich mein Triduum bereits endigte, kam noch eine Negerin in die Sakristei, warf sich auf ihre Kniee und rief: ich habe gehört, Sie seyen gekommen im Namen des Herrn! Vater, retten Sie mich. Ich nahm sie noch in die h. Kirche, auf. So füllte sich in wenigen Tagen die Zahl von fünfzig, die mir auf dem Weg meiner Mission wie verwahrloste reife Früchte zu hängen schienen, und die zu pflücken sich Niemand kümmert. Wie viele Seelen find in und bei New- OrleanS und überhaupt in Louisiana, Alabama, und in den Sclavenstaaten in derselben Lage. Ick folge meinem Berufe, unter den Deutschen hier zu wirken, deren geistliche Nöthen nicht geringer sind, aber eS blutet mein Herz vor Schmerz, wenn ich mit Augen sehe, wie viel hierorts für die Neger gethan werden könnte, und wie Niemand ist, der sich um dieselben kümmert. Schon hatte ich wieder das Schiff bestiegen, um nach Jndiana zur Abhaltung von Missionen zurückzueilen, da erhielt ich ein drittes Schreiben von Mobile, wo mein alter Freund Jenni verweilt, der endlich eist sich entschließen konnte, auS Gehorsam Priester zu werden, vor welcher Würde seine Demuth sich so lange sträubte. Er bat mich so inständig, Ihm den Trost nicht zu versagen, und seine Primizpredigt daselbst zu halten, daß ich mich entschloß, seinem Wunsche zu willfahren, da man in einer Nacht von New-Orleans über die Seen des GolseS von Merico dahin führt. Er lud mich ein im Namen aller Väter des Kollegiums, mit der Bitte, den vielen Zöglingen daselbst zugleich zu predigen. Ich eilte dahin, und bereue eS nicht daselbst gewesen zu seyn. Ich tröstete mich nicht nur, meinen guten vortrefflichen . , 86 Freund am Altare begrüßen zu können, sondern eS erfreute mich auch sehr, dieses blühende Institut der Gesellschaft Jesu in Augenschein zu nehmen. Gegen 3l)0 Zöglinge der besten Familien des Südens werden daselbst erzogen. Der Moniteur catho- lique von Ncw-Orleans sagt in einer der letzten seiner Nummern, der Succeß dieser Erziehungsanstalt sey beispiellos. — Ueberhaupt haben die Vereinigten Staaten außer den Iesuitencollegien kaum zwei oder drei katholische Erziehungsanstalten für höheren Unterricht, was zur Steuer der Wahrheit hier beigefügt werden muß, um sich zu erklären, warum die Gesellschaft Jesu hierorts ein so besonderes Augenmerk auf die Collegien richtet. Die Hoffnung der Kirche in Amerika beruht ganz besonders auf der heranwachsenden Jugend, und die ist viel zu wenig bedacht. Wären diese vielen Iesuitencollegien nicht, die höhere Bildung der Jugend läge beinahe gänzlich in den Händen der Protestanten. Springhill liegt auf einem Hügel nächst der Stadt Mobile und gewährt einen prachtvollen Ausblick auf die Bai und Umgegend. Ich versprach den Deutschen, die so eben zum Bau einer eigenen Kirche sich vereinigen, dahin zu kommen, so bald dieselbe vollendet ist, um die Mission abzuhalten. Dieß dürfte dann geschehen, wenn ich in einiger Zeit, dem Rufe deS Bischofs von Galveston folgend, mich zu den Deutschen in TeraS begebe. (Schluß folgt.) glll,??«« IUUl»y»yiM °w,1 »II u .»!ws llvv ^yli>> I!^>»! iliiiqcmqiljllciS 1>«z'k> ^«>lMp5»M - - S0Z!iist^(jM .1 .i.j,! ^ Entweder — oder! Dem Deutschen Volksblatt wird aus dem Schwarzwald geschrieben: Wie ich vernehme, soll der geistliche Rath und Professor Schleyer aus dem Kataloge der Vorlesungen an der Universität Freib.urg für das Sommersemester gestrichen worden seyn. Sehen wir darin auch nicht mehr, als daß gewisse Leute ihr Müthchen gekühlt, so dürfte eS doch an der Zeit seyn, ernstlich zu erforschen, waS diese Menschen und waS wir eigentlich wollen. An ihren Früchten werden wir sie erkennen! Sie haben dem Unterthanen den Glauben an Gott genommen, indem sie ihm die sogenannte Aufklärung, d. h. Versinnlichtheit predigten. Der schlichte, nüchterne Geist ist deshalb von unserer Bevölkerung mit der alten deutschen Treue und Biederkeit gewichen; mit der modernen Kleidung hat diese die Verdorbenheit, Untreue, Verschlagenheit angezogen. Sie haben die Klöster, daS lebendige Bild der religiösen Sittlichkeit, daS Obdach der Unglücklichen, die Nährstätte so vieler Armen, den Beschäftigungsort so vieler Arbeitslosen abgeschafft; daS Kirchengut, daS seinen reichen Segen so vielen jetzt unglücklichen Gegenden — wie die um St. Blasien — brachte, verschlungen; die Zehnten mußte der Bauer, dem es früher nickt schwer wurde, einige Garben von den ihm durch GotteS Gnade Geschenkten seiner Kirche zu bringen, ablösen. So fiel er in die Hände der Wucherer. Die Hofgüter wurden zerstückelt, die Erblehen aufgehoben. Während früher die Familie durch die heilige Religion zur Liebe, Demuth und Duldung angefeuert, friedlich beisammen auf dem gemeinsamen Gute lebte, unsere Bevölkerung die Armuth nicht kannte, haben es diese „Volksbeglücker" nun durch Abschaffung alles Althergebrachten so weit gebracht, daß jetzt ganze Dörfer vergantet werden. Die moderne Erziehung hat diesen Unglücklichen auch ihren letzten Trost — die Religion — genommen. Und von einer so systematisch cntmoralisirten Bevölkerung erwartet man noch Unterthaneiitreue? Wenden wir uns zu den sogenannten Gebildeten: Gervinus hat eS nur zu sehr verrathen, daß Alle, die nicht streng religiös - conservativ sind, eS mit den KossuthS und Mazzinis halten I Und gerade den noch übrigen Theil der Bevölkerung, die Männer, welche nicht — wie die Gothaer — zur Zeit der Gefahr Verrath spielten oder feig davonliefen; den Theil, auf welchem allein die Zukunft der Monarchen ruht, sucht man bei unS auf alle mögliche Weise von ihrer treuen Gesinnung abwendig zu machen. Man verfolgt Büß, Schleyer und Andere, läßt aber die Atheisten und Demokraten — daS sind jetzt nach Gervinuö' Geständnis) auch die Gothaer — ihre verderblichen Fäden spinnen. 87 Die Menschen, welche jetzt Raub und Mord in Europa entzünden — sie haben es auf den Schulen, auf den Universitäten gehört; oder — was sollte einen Pan- theisten oder Atheisten von dem Schändlichsten abhalten? Sollten diese nicht AlleS wagen, um das zu verwirklichen, was ihnen als Höchstes in einer Zeit eingeimpft wurde, in welcher der Geist am empfänglichsten ist? WaS auf den Schulen versäumt wurde, das holten die atheistisch-anarchischen Schriften nach. Und — doch wird Dr. Büß zur Verantwortung gezogen, weil — er Reorganisation der Erziehungsanstalten im religiöS-conservativen Sinne will!! — GervinuS, der immer RongeaniS- mus und „Revolution" gepredigt, wird — wie bemerkt — von Männern in Schutz genommen, deren Pflicht eS wäre, das gefährliche Unwesen offen und entschieden zu bekämpfen, und damit ja kein gutgesinnt-energischer Beamter sich mehr an seiner ron- gisch-revolutionären Hexenküche vergreife, muß jetzt zuvor gefragt werden, ob eS erlaubt und genehm sey, den bösen Feind zu beschwören. Erinnert nicht GervinuS' Proceß an jenen gegen Struve? Dieselbe Zeit, dieselben Freunde, dieselben Lügen. Die neuesten Ereignisse haben gezeigt, daß Europa ein revolutionärer Vulcan ist; dieser Erscheinung gegenüber sollten unS endlich die Augen aufgehen! Es gibt jetzt nur ein: Entweder — Oder. Entweder die Fürsten lassen es gehen wie eS ging, entfremden sich noch die letzten treuen Kämpfer; und wir gehen unwiderruflich einer noch nie gesehenen Barbarei, Anarchie und Gottlosigkeit entgegen. Oder sie schaaren alle religiöS-conservativen Elemente zusammen, und kämpfen den Unglauben, GothaiS« muS und alleS Unsittliche von Grund auS darnieder. Dieß kann aber nur geschehen, wenn eine neue Generation in den wahren Grundsätzen der Religion und Unterthanentreue erzogen wird. Letzteres ist eine bloße Folge deS Ersteren. Deßhalb war, ist und wird daS Felbgeschrei der Anarchisten immer seyn: „nieder mit den Pfaffen, nieder mit den Jesuiten." Ja, die Religion allein ist die Stütze des Staats. Möge man ihr frekS Walten gestatten, möge man der Kirche — indem man sie freigibt, reichen Segen, den Völkerfrieden und das Glück ihrer Fürsten wieder bringen lassen; möge man ihr durch Administrirung ihrer Güter, Anstellung der Geistlichen die Lebensader nicht ferner unterbinden. Die Kirche kann nicht wirken, so lange sie Diener hat, die nicht ganz von ihr abhängen; anerkenne man ihre natürlichen und geschichtlichen Rechte und sie wird das Unkraut ausrotten, und zeitlich und ewig glückliche Menschen wieder schaffen — ehe eS „zu spät" ist! DaS Coneordat zwischen Oesterreich und dem römischen Gtuhle. (Nach dem Unlvcrs.) Die deutschen und italienischen TageSblätter haben verschiedene Male von den Unterhandlungen gesprochen, welche zwischen Oesterreich und dem heiligen Stuhle zum Zwecke eineS ConcorbateS eröffnet worden seyen; sogar die Namen Derjenigen, zwischen welchen diese Unterhandlungen gepflogen worden., sind von diesen Blättern veröffentlicht worden. Von Seite deS Papstes ist eS der päpstliche Nuntius in Wien, Viale Prela, von Seite der österreichischen Regierung die Herren: Graf Buol-Schauenstein, Ministerpräsident, Graf Thun, CultuSministcr und der Fürstbischof von Seckau. Diese erfreuliche Nachricht findet ihre volle Bestätigung in dem Hirtenbriefe des ErzbischofS von Mailant, auS welchem wir einige Stellen unsern Lesern mittheilen wollen. Der Erzbischof erklärt, diese Nachricht auS dem Munde des Kaisers selbst vernommen zu haben, und fordert deßhalb die Geistlichkeit seiner Diöcese zu eifrigen Gebeten für einen glücklichen AuSgang dieses wichtigen Unternehmens auf. Mit heiliger Begeisterung spricht er sich für den jugendlichen Kaiser, seinen Herrscher, auS; von ihm sagt er unter Ändern: „Gepriesen sey der edelmüthige Monarch, der, getreu den alten und glücklichsten Ueberlieferungen deS frommen HauseS von Habsburg und Lothringen, vor dem Angefichte aller Völker seine aufrichtige Anhänglichkeit an den Mittclpunct der kalhol. Einheit und seine Dankbarkeit gegen Gott hat bekennen wollen, der auf wunderbaren Wegen daS glorreiche Erbtheil seiner Ahnen aus den fürchterlichsten Stürmen gerettet 8« und auf seine jugendliche Stirne die Kaiserkrone, glänzender als je, gesetzt hat. Gepriesen sey der weise Herrscher, der ganz beschäftigt mit der Erneuerung der von Gott ihm anvertrauten socialen Familie, die er wachsam und kräftig mit der Schärfe seines Schwertes zu schützen weiß, mit Eifer daran arbeitet, ihr als eine andere Stütze die nicht weniger nothwendige Kraft der sittlichen Institutionen und besonders der heiligen Religion zu geben, deren Kind zu seyn er sich rühmet. Die kathol. Kirche, deren thätige Liebe die Erziehung der Völker vollendet, die durch ihren Schutz immer Frieden, Ordnung und Alles, was wahrhaft das Wohlergehen der Gesellschaft befördert, gewahrt hat, soll nach seinem Willen frei in ihrer Wirksamkeit und der Art geschützt seyn, daß nichts sie hindere und abhalte, GuteS und zwar alles Gute zu wirken, daS sie wirken möchte." Nachdem der hohe Prälat darauf seine Geistlichkeit zum eifrigen Gebet für einen glücklichen AuSgang der über daS Concordat schwebenden Unterhandlungen aufgefordert und sie gemahnt hat, dem großen Vertrauen, daS der Kaiser ihr zu zeigen sich anschicke, durch treue, redliche Mitwirkung mit seinen wohlmeinenden Absichten zu entsprechen, spricht er sein auf Erfahrung gegründetes Urtheil über das verschiedenartige Benehmen der sogenannten Liberalen gegen die Kirche auS, bevor sie die Macht in Händen haben und nachdem sie an daS Ruder gelangt sind; seine treffenden, auch für unsere deutschen Verhältnisse beherzigungSwerthen Worte sind: „Die sogenannten liberalen Regierungen versprachen eines TageS der Kirche ihren Schutz, ihre Gunst und dieFreiheit, und durch diese Versprechungen gelang eS ihnen, für einen Augenblick eine große Anzahl sonst gutgesinnter Personen zu täuschen. Aber bald, als sie glaubten, die MaSke nicht mehr nothwendig zu habe», warfen sie dieselbe ab. WaS haben in der That diese sogenannten Liberalen für die Kirche gethan, die sie sich auf jegliche Weise, bevor sie zur Gewalt gelangt waren, geneigt zu machen suchten, alS sie nun wirklich die Gewalt in die Hände bekommen hatten? Sie haben sie mit Beleidigungen uud Ketten überhäuft. Sie. die mit so großem Lärm über die Knechtschaft der Kirche klagten und jammerten, haben, als sie selbst die Herren geworden waren, ihr ei» Joch aufgeladen, daS zwanzigmal schwerer ist, als das war, von welchem sie dieselbe be. freien zu wollen vorgaben. Dem gläubigen Volke aber gaben sie die Antwort RoboamS (3. B. der Könige Xll, 10 u. ll): „„Mein kleiner Finger ist dicker als der Rücken meines VaterS; hal>mcin Vater Euch ein schweres Joch aufgeladen, so will ich noch hinzuthun zu Euerm Joche."" Und nun fragen wir: Bei wem hat die Kirche einige Nachgiebigkeit gegen ihre gerechten Forderungen, oder Erleichterung in ihren Leiden gefunden? Sicherlich nicht bei den nach neuerer Weise eingerichteten Regierungen, auch nicht in den nach sogen, liberalen Verfassungen regierten Staaten, sondern bei den Fürsten, welche auS eigenem, freiem Willen ihr die Ehre haben geben wollen. Keine List, keine Verführungskünste habe jeue unbenutzt gelassen, die Menge zn täuschen. Man hat die Ereignisse verfälscht dargestellt, allgemein anerkannte Grundsätze in Frage gestellt, überall daS Gift deS Skepticismus verbreitet, die dem Volke theuern Vorurtheile und Irrthümer geliebkoSt, seine schlechten Leidenschaften aufgestachelt, auf die boshafteste Weise gewisse edle Richtungen, gewisse große Ideen mißbraucht, ein verfängliches Kauderwelsch von religiösem Idealismus eingeführt, um die Religion, wenn eS möglich gewesen, zur Mitschuldigen an den zum Umsturz der Staaten angezettelten Fäden zu machen. Die falschen Grundsätze haben sich in alle Zweige der Wissenschaft und Literatur eingeschlichen, die Schulen an sich gerissen und die Erziehung beherrscht; und noch sind eS diese falschen Grundsätze, welche, bekämpft aber noch nicht ausgeroltet, der Sache des Umsturzes die kräftigsten Dienste leisten. Diese falschen Principien, deren Scimen man mit so großer Ausdauer während einer langen Reihe von Jahren in alle Classen der Gesellschaft geworfen hat, auszurotten, aufzudecken die Schleichwege, auf welchen die Andersgläubigen Proselyten zu gewinnen suchen, an die Stelle der rationalistischen Träume die einzig wahren Begriffe der kathol. Wahrheit zusetzen—, daS ist die Reform, welche unserer Zeit noth thut, daö aber auch, meine Brüder, die Aufgabe, welche vorzugsweise der Klerus, und nicht der Politiker zu lösen hat; denn immer gehört die sittliche Unterweisung dem Priesterthum." Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber,: F. C. Kremer. Arey-Hnttr Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur IlM MNQ. lll» ö,aim mc> jU/^! zW!^ Augsburger Postzeitung. 7Ztt»ck Szie iii SV - „ ^. - SU. März M"-- 12. 1853. «I» V'N Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Aboouement«prel« TV kr., wofür e« durch alle köuigl. bayer. Postämter uud alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Bericht über die von ?. X. Wenninger 8. ^. im Jahre 1852 abgehaltenen Missionen in den Vereinigten Staaten Nordamerikas. (Schluß.) Ich kehrte nun so schnell als möglich nach New-OrleanS zurück, um womöglich noch ein Dampfschiff z-.: erreichen, welches mich zur festgesetzten Zeit nach Jndiana zurückbrachte, uw die versprochene Mission in der Umgegend von EvanSville abzuhalten Es ist nie gut, wenn eine schon angesagte Mission nicht zur bestimmten Zeit beginnen kann. Die göttliche Vorsehung fügte eS ganz unvermuthet, daß ich gegen alle Hoffnung dennoch zur rechten Zeit noch eintreffen konnte, wenngleich nicht ohne Gefahr. Ich kam nämlich auf ein Dampfschiff, welches ohne mein Wissen auf einer Wettfahrt begriffen war, und zwar mit eben dem großen Dampfboot, welches mich nach New-OrleanS brachte. DaS Schiff, auf dem ich mich jetzt befand, hieß Rennthier und wollte es an Schnelligkeit dem andern zuvorthun. Eine Menge von Dampfschiffen fliegen auf solche Weise jährlich, ja man möchte sagen alle vierzehn Tage, in die Lnft, oder rennen an Baumstämme an und versinken. Es wäre Tollkühnheit gewesen, ein solches Boot vorsätzlich zn besteigen; allein da ich das Wettfahren erst am Bord deS Schiffes auf der Reise selbst erfuhr, wollte ich eS auch nicht mehr verlassen, sondern machte die schnellste Fahrt von New-OrleanS bis EvanSville, die je bis dahin gemacht wurde. Ich war doch froh als ich das Boot verlies — und noch froher, da ich gerade noch znr rechten Zeit eintraf. Vier Gemeinden vereinigten sich zur Mission in einer großen Landkirche. Ich hatte den Trost, bei fünf und zwanzig Personen auch hier auS verschiedenen Secten in die heil. Kirche aufzunehmen. Ich besuchte dann auch jede der Nebenstationen, welche sich zur Hauptmission vereinigten, um ihnen bei ihren Kirchen daS MissionSkreuz, das sie sich wohl verdienten, aufzupflanzen. Es war gerade die Bittwvche und somit für mich und das Volk besonders erbauend, an jedem dieser Bitttage ein neues MissionSkreuz zu erheben, da eS vier Gemeinden waren, die nicht weit von einander entfernt lagen. DaS vierte richtete ich am Himmelfahrtstage deS Herrn selbst auf. Wie freudig und trosterfiillt blickte daS Volk mit mir unter dem Kreuze versammelt dem Herrn in den Himmel nach, und mit welch dankerfülltem Herzen konnte ich gerade an diesem Tage von dem tiefgerührten Volke Abschied nehmen, in der Hoffnung, dieselben als treue Jünger dcs Kreuzes in dem Himmel wiederzusehen. — Merkwürdig ist eS übrigens, wie sehr sich ein protestantischer Pastor ereiferte, um den Eindruck zu hindern, welchen die Mission auch auf die in jener Gegend wohnenden Protestanten machte. Der einfältige Mann glaubte wohl, ich müßte immer in Jndiana bleiben. Hätte er sich besser erkundiget, so hätte er sicher erfahren, daß mein Aufenthalt in den ganzen Vereinigten Staaten ist, wo mich gerade die größere Ehre und das Heil der Seelen hinruft. ^gnny,(!»»T. Mn^k^M Ich ging nicht nach Missouri, sondern zurück nach Cincinnati, wo ich die letzte Woche im Monat Mai zu seyn versprach, um den mir so lieben Monat Mai unter den Gläubigen jener Stadt zu Ehren Maria zu beschließen; waS ich auch wirklich that, indem ich täglich in der hl. Philumenenkirche zu Ehren der seligsten Gottesmutter daselbst predigte. Ich begab mich hierauf nach Wisconsin, um die daselbst im vorigen Jahre abgehaltenen Missionen fortzusetzen, was ich denn auch mit Gottes Beistand wirklich that. Ich fing zu Kanossa an, einer Stadt am Ufer des Sees Michigan gelegen. Es war gerade das Frohnleichnamsfest, und ich hatte den Trost, zum erstenmal, seit die deutsche katholische Kirche dort steht, das allerhciligste Sacrament in Prozession durch die Straßen der Stadt zu tragen. Es ist dieß immer ein Tnumph des hl. Glaubens, besonders an Orten wie hier, wo erst seit kurzer Zeit eine deutsche katholische Kirche steht. Die Herzen der Gläubigen wurden dadurch um so besser für die Benützung der hl. Mission gestimmt. Wir zogen auch in Prozession durch die Stadt auf den katholischen Friedhof, laut für die Ruhe der Verstorbenen zu beten. Am Schluße pflanzte ich unter Kanonendonner und großem Freudenjubel in der Stadt neben der Kirche das schön verzierte MissionSkreuz auf. - Ich feierte darauf das Fest des heiligsten HcrzenS Jesu in der Marienkirche zu Milwaukie, und ve- nützte diese schöne Gelegenheit, um die zahlreiche katholische Gemeinde jener Stadt zum erstenmal wieder seit der Mission des verflossenen Jahres anzureden. Noch an demselben Tage begab ich mich in die St. Bonifazkirche, außer Milwaukie neun englische Meilen gelegen, um von dort auS alle Gemeinden bis an den See Winebago mit Missionen zu bereisen; ich besuchte ununterbrochen vierzehn Gemeinden und pflanzte an eben so vielen Kirchen als Andenken daran das hl. Missionskreuz auf. DaS an der St. NüolauSgemeinde steht aus einem Hügel und erhebt sich mit Weißblech belegt 53 Fuß über die Erde; ein herrlicher Anblick. Selbst die protestantischen Amerikaner bewundern es, und blicken es gerne und mit Ehrfurcht an. Ich begann wie gesagt mit den Gemeinden der St. Bonifazkirche, wo der in Bayern bekannte vr. Paulh ueber verweilt. Sein Eifer bewirkte nun den Ausbau einer sehr großen und schönen Landkirche zu Ehren des hl. Bonifazius. Die Gemeinde- gliedcr daselbst sind beinahe alle aus Bayern. Die angränzenden Stationen leitet ein anderer Priester auS Bayern, nämlich Herr Veit er. Es war gerade an der Zeit, daß ich die Missionen in jener Gegend begann; denn Wisconsin ist nun vorzüglich der Sammelplatz der einwandernden Deutscheu, da das Clima denselben hier sehr gut taugt. Diese Fluch von Einwanderung bringt aber auch nur gar zu viele Religionsfeinoe aus Deutschland Hieher, die hier aus alle Weise durchzuführen trachten, was ihnen in Deutschland mißlang. Sie gehen geradezu darauf aus, nicht nur den Glauben, sondern allen Sinn für Religion ans den Herzen der Menschen zu reißen. Solche Schandblätter wie Milwaukie hat keine Stadt der Union. Damit begnügt sich ihr Gottes- und Christushaß nicht. Sie schicken noch Emissäre durchs Land auS, das Volk zu verführen. Einer dieser, der berüchtigste, Namens Schröder, kam gerade um die Zeit der Mission in jene Gegend; und auch anderwärts traf ich ihn Der beste Commcntar zur Betrachtung von den zwei Fahnen, wenn ich von einer Seite die Fahne Christi aufrichte, und das Volk ausfordere, Gott zu dienen, und diese Emissäre die Fahne des Lucifers schwingen und das Volk zum Abfall auffordern. Eine Mission ist der beste Damm gegen diese Gefahr, daher ihre große Erbitterung dagegen; indeß das Volk kennt die Stimme des Herrn und folgt ihr. Auf dem Lande machen diese Religionsfeinde bei der Wachsamkeit der Priester Gott Lob und Dank noch wenig Gewinn. Wenn dieser Mann nichts anders kann als über Priester schimpfen, sagte ein gemeiner und nicht gerade eifriger Katholik von eben diesem Schröder, dann sollte er mir lieber meine Hosen flicken. Bei jeder Mission bekehren sich auch gewökmlich einige oder auch mehrere Protestanten, und helfen besonders gerne bei Aufrichtung der MissionSkreuze, waS kein übles Anzeichen ist. Namentlich war mir hier und zwar in der St. Laurentiuskirche die Bekehrung einer alten protestantischen Frau ein merkwürdiger Beleg für daö Geheimniß der Gnadenwahl. Es strömten zu dieser Mission 9l Leute von dreißig Meilen im Umkreise zusammen. Man sagte mir jedoch, eS sey ein Mann, von dem cS vorzüglich zu bedauern wäre, daß er verstockt bliebe, und sich an das gute Beispiel der Uebn'gen nicht kehre. Ich empfahl demnach bei der feierlichen Abbitte vor Jesu im allerhciligsten Sacramente besonders diese Seele dem Herrn. Ich nannte natürlich Niemanden ausdrücklich, sondern flehte blos die Erbarmung für eine noch verstockte Seele laut an. Diese Protestantin, eine schon 76 Jahre alte Frau, hört daS Bittgebet, und meinte, sie sey wohl diese noch unbekehrte Seele, für die man bete. Die Gnade deS Herrn rührt« sie so heftig, daß sie ganz zerknirscht mich aufsuchte, und um die Ausnahme in die heil. Kirche anhielt, wenngleich ihr dieser Schritt viel Verfolgung von Seite ihrer Verwandten kostete. Sie achtete alles dieß nicht, und lief mir noch zu Fuß zur nächsten MissionSstation nach, um dieselbe noch einmal mitzumachen. Jener Verstockte, für den ich eigentlich betete, blieb unbekehrt. Gott nahm daS Gebet für diese Seele an, an die Niemand dachte. Eben so merkwürdig war mir die Bekehrung von einigen Familien in der JohanniSgemeinde bei Kalumet. Eine noch bei dem Beginn der Mission und länger her geistesverwirrte Person, eine Mutter jener Familie, bekam während der Mission ihren gesunden Ver- stand wieder und bekehrte die übrigen. An der St. Nicolauskirche, wo das oberwähnte hohe MisstonSkreuz steht, wohnt nun auch eine kleine Colonie der Schulschwestern von Milwaukie. Es trug sich da bei der Mission folgender Fall zu. Ein Eheweib und ein Jüngling behaupteten bei der Generalcommunion.der Ehemänner und eben so bei jener der Eheweiber das Jesukind sichtbar in der Hand deS Priesters gesehen zu haben, welches, als ich auf meinen Knieen das Volk anredete, und zur Vergebung aller Beleidigungen vor der hl. Communion aufforderte, das Haupt freudig gegen die Gemeinde neigte, als diese mit lauter Stimme den Act der Versöhnung aussprach. Als man mir davon sagte, erwiederte ich: allerdings geschehe dieß nicht nur hier, sondern überall auf unsichtbare Weise, wo immer Menschen aufrichtig vor Christus die Besserung des Lebens und ihre herzliche Versöhnung versprechen. Die letzten Stationen in dieser Gegend für die Misstonen dieses JahreS waren Fond du lac und Oslosch. Oskosch gränzt an die Station der bekehrten Indianer auS dem Stamme der MenominiS, welche der hochw. Bondewell leitet. Fond du lac wird großentheilS von Franzosen bewohnt. Diese lieben überhaupt wie ich bemerkte die Seeufer. Es trug sich hier zu, daß gerade die Methodistenprediger ihre Conferenz abhielten, und sich dabei in großer Zahl einsanden. Diese Herren waren nicht wenig überrascht, als sie das über 30 Fuß lange MisstonSkreuz von den Franzosen, unter Kanonenschüssen auf den Schultern durch die Straßen in Procession einhcr- tragen sahen. Wenngleich diese Secte sonst den katholischen Ceremonien spinnenfeind ist, flößte ihnen diese Feierlichkeit Ehrfurcht ein. Mehrere zogen ihre Hüte, und einer derselben sagte zu einem beistehenden Katholiken, als daS Kreuz auf einem zehn Fuß hohen Piedestal aufgepflanzt war: Ich weiß nicht, eS ist mir, als ob ich das wahre Kreuz erblickte, und unsern Herrn selbst daran sähe, wenn ich dieses Kreuz anblicke. ES ist mit Goldstrahlen verziert, und trägt in Goldbuchstaben die Worte am Querbalken: „Wer ausharrt bis ans Ende wird selig."*) Von Fond du lac ging ich an den See Michigan, um dort die französischen und deutschen Gemeinden zu besuchen, die ?. Bruner auS der Gesellschaft Jesu leitet. Er baut in jener Gegend fünf Kirchen und Kirchleins, wo früher nicht eine einzige stand. Ein großes Glück für jene verlassene Gegend. Ich gab in zwei dieser Kirchen den Deutschen und Franzosen die Mission, und besuchte hierauf noch vier andere deutsche Gemeinden in Wisconsin. ES ereignete sich dabei bei der Aufpflanzung deS MissionS, »mt l M , M HMg M ztnn5i cki , . -KL" ZW'i z-ttMkE: nnni nä ') Ich predigte zugleich englisch unter dem Kreuze und hatte unter anderen auch die genannte» 50 Prädicantcn zu meinen Zuhörern. Sie standen kopfhängi'g da, wie einst die Pharisäer unter dem Kreuze, und nur zu sehr daran gewohnt, dem hl. Geiste ihr Herz zu verschließen. Manchem mag e» vielleicht doch genützt haben. 92 kreuzes zu Jefferson folgender merkwürdiger Fall. Ein protestantischer Jüngling mengte sich unter die Katholiken, und ladete einen Pöller mit Koth, was sehr gefährlich ist. Als man denselben loSbrannte, zersprang er in viele Stücke, doch kein Katholik wurde verwundet, auch jener nicht, welcher den Pöller losbrannte, sondern ein Stück flog über die Leute gerade auf den mulhwilligen Protestanten, der den Pöller so boshaft geladen und verwundete ihn an der Schulter. Wir pflegten ihn dessenohngcachtet liebevoll im Pfarrhause, und es mag ihm und semer Mutter für die Seele genübt haben, da Gott ihn äirßerlich auf solche wohlverdiente Weise züchtigte. Ich brachte, bevor ich mich zu dieser Mission verfügte, das Rosenkranzfest in der Marienkirche zu Milwaukie zu, und predigte am Fest deS hl. Franziskus im Klöfter- lein des dritten Ordens und bei den Schulschwestern der Novizinnen, und richtete noch ein Missionskreuz in einer bayerischen Gemeinde bei Milwaukie auf, so daß ich im Ganzen in diesem Jahre 22 Misstonskreuze blos in der Diöcese Milwaukie aufpflanzte. Da ich eben so viele im verflossenen Jahre errichtete, so stehen bereits in dieser Diöcese 44 Missionskreuze, die ich als eben so viele Erinnerungen an die daselbst gegebenen Missionen hinterlassen. Ich feierte das Fest der Allerheiligen zu Chicago. ES lag mir daran, dieses Fest und Allerseelen daselbst zu feiern, denn eS war die Jahreszeit der daselbst abgehaltenen letzten Misston. Das Volk strömte eifrigst zusammen und war zu eifrig, denn eS brach in der St. Josephskirche eine überfüllte Tribüne zusammen, wobei eS Hunderte von Todten hätte abgeben können; Gott ließ eS indeß nicht zu; eS wurde Niemand ernstlich beschädigt; die Tribüne stürzte nur von einer Seite los; wäre die andere auch gesunken, dann wäre es allerdings böse gewesen.'Das Volk, nicht abgeschreckt, kam Nachmittags noch zahlreicher in die neu erbaute St. Michaelskirche. Von da gingen wir nach altdeutscher Sitte am Allerheiligentag Nachmittags auf den Gottesacker und ich erneuerte daselbst über den Gräbern die im verflossenen Jahre gefaßten Vorsätze der heiligen Mission. Von Chicago rief mich ein dringendes Schreiben nach Madison Jndiana. ES war ein anderer Priester aus Bayern, der nach dem Beistand der Mission rief, Herr Schafsroth, ein junger eifriger Mann Gottes. Er schrieb mir, die Besten seiner Gemeinde wären die Lauen und Indifferenten, der übrige Theil seyen ReligionS- spötter. Acht Priester seyen schon davon gelaufen, er werde ihrem Beispiele folgen, wenn ich nicht sogleich käme. Da mußte ich wohl Alles aufbieten, um bald zu kommen, und Gott fügte es, daß ich gerade durch Cincinnati reiste, als unsere Väter daselbst das Triduum der Seligsprechung deS seligen?. Claver feierten. Da die Collegien- kirche nicht zugleich die Deutschen mit den Englischen fassen konnte, versammelte ich die ersteren in der Philumenenkirche, und gab dort unter großen Zusammenlauf deS Volkes den Deutschen das Festtriduum. Es wohnen in Cincinnati beiläufig 40,000 katholische Deutsche.*) Nach dem feierlichen Schluß dieser Ablaßtage eilte ich nach Madison, und fand die Gemeinde wie der Pfarrer sie mir geschildert. Ich erinnere mich nicht, anßer Ncw-OrleanS eine solche Gleichgültigkeit in Dingen der Religion angetroffen zu haben. Es schien, als gäbe es in Madison kein Kirchengebot, am Sonntag die hl. Messe zu hören. Der Pfarrer sagte mir, von dem Feste miteingerechnet bis DreisaltigkeitSsonntag habe er nicht so viele Communicanten gehabt, daß der hl. Communiontisch mehr als viermal Alle zusammengenommen voll geworden wäre. Welch ein Trost für mich und ihn zu sehen, wie das Volk zu den Generalcommunionen der einzelnen Stände zusammenströmte. Ich sagte dein Pfarrer, wie sehr es mich sreue, ihn so heiter und wohlgemuth zu sehen. Wie sollte ich nicht froh und fröhlich seyn, wenn ich sehe, wie zahlreich das Volk mit Thränen der Andacht zur hl. Communion herbeiströmt, das ich vor wenigen Tagen noch so lau und kalt gesehen. Am Schluß bei seiner Dankrede sagte er: Ich wollte, ich könnte es durch die ganze Stadt hin« *) Ich «erfaßte auf dem Schiff bei metner New-Orleansreise ein AndachtSbüchletn zu Ehren diese« Selig m Vorautficht dieser Feierlichkeit, da» mir nun gut zu statten kam. > .mArch tg»»^ (dz? ZKizIlzi« n ausrufen, wie glücklich ich mich fühle, meine Gemeinde so ganz verwandelt und so guter Stimmung zu sehen, dem Herrn nun mit Eifer zu dienen. Ich kehrte getröstet nach Cincinnati zurück, um daselbst meine Erercirien nach Ordensvorschrift für mich selbst zu halten. Es war mir dazu diese Zeit um so gelegener, weil ich diese Erercitien am Vorabend deS Festes deS hl. XaveriuS beschließen konnte, der an demselben Tage einst vor 300 Jahren seinen Lauf als Vorbild aller Missionäre so selig und verdienstreich vollendete. TaveriuS starb am 2. December t552, mithin gerade vor 300 Jahren. Konnte mir eine Ausmuuterung gelegener kommen als gerade diese. Als mein Ordensbruder und Namensheiliger ist mir sein Tugendvorbild um so wichtiger, aber freilich auch um so beschämender. Ich reiste noch an demselben Tag dem Fest deS hl. XaveriuS nach Eleveland, um allva in der neueingeweihten Kathedrale der Deutschen die Mission zu geben. Diese Mission gewährte mir als die letzte in diesem Jahre vorzüglichen Trost. Die Beichtväter mußten sammt mir bis Mitternacht und darüber die Beichtstühle besetzt halten, um der Menge zu genügen. ES wurde die hl. Communion selbst um 4 Uhr Nachmittags ausgetheilt, welches in Amerika höchst ungewöhnlich ist. Selbst protestantische Frauen brachten ihre Männer bis zur Kirchthüre, damit dieselben gewiß ihre Beichten verrichteten. DaS Kreuz, das ich hier aufrichtete, war das sechsunddreißigste, das ich in diesem Jahr aufgepflanzt, und zwar in den entferntesten Puncten von New-OrleanS bis Lac Winnebago und von St. Louis bis Cleveland, wobei ich oft inmitten der vielen Reisegefahren der göttlichen Vorsehung doch inbrünstig dankte, die durch Eisenbahnen und Dampfschiffe die Schritte ver Missionäre beflügelt. Es hat dabei jedoch ein Missionär allhier auf ungebahnten Waldwegen oft genug Reminiscenzen der alten und gleichsam antediluvianischen Zeit. Die WeihnachtSfeicrtage brachte ich in Eincinnati zu. ES gereicht Amerika ,ur größten Ehre, und es ist einer der schönsten Vorzüge der Kirche in Amerika vor Deutschland und Frankreich, wenn man die Menge der beichtenden Männer und Jünglinge betrachtet. Ich hatte während dieser Feiertage wieder Gelegenheit, dieß zu meinem großen Troste zu bemerken. Ich predigte noch am Schluß deS JahreS in der St. Philumenenkirche, und jeder, der aufmerksam und theilnehmend diesen Bericht gelesen, wird leicht entnehmen, mit welchen Gefühlen deS DankeS und deS Lobes ich das „großer Gott wir loben dich" ?e veum Isuäsmus angestimmt. Gott gebe mir doch noch viele solche Jahre zu seiner größeren Ehre und zum Heile unzähliger Seelen. Ich hoffe, viele, viele heilige Schutzengel haben daö »großer Gott wir loben dich" mit uns vor dem Throne Gottes dankend und jubelnd gesungen, Cincinnati, 3. Januar 1853. F. X. Weninger, 8.1. Die GonntagSfeier. AuS dem dießjährigen Fastenhirtenbrief deS hochwürdigen Herrn Bischofs von Würzburg. Jeder Tag und jede Stunde unseres Erdenlebens ist - ein Geschenk des Herrn, eine kostbare Gabe Dessen, der auS freier Liebe uns erschaffen, die Zeit hienieden als Zeit der Vorbereitung unS zugewiesen, und unS zu jenem wunderbaren Lichte, zum Lichte ewiger Herrlichkeit berufen hat. Jeder Tag und jede Stunde soll dem großen Ziele unS näher führen, jeder Uhrschlag ruft die Erinnerung an unsere ewige Bestimmung unS von Neuem in die Seele; und wohl Dem, der seine Tage hienieden dem Herrn zu heiligen sich bestrebt, um einst dort oben an jenem großen Festtage Antheil zu erhalten. Gehört also an sich schon jeder Tag dem Herrn, und soll eben deßhalb jede Stunde deS Erdenlebens ihm geweiht und geheiligt werden, so hat eS dem Allerhöchsten gefallen, zu Ehren seines heiligen Namens und zum Heile unserer Seelen doch noch in der Woche einen Tag auszuzeichnen, der durch besondere Feier ihm gewidmet und geweiht seyn soll, und gleichwie er für gut befunden hat, dqS Werk der Welt« g« schöpsung in sechs Tagen zu vollbringen, und am siebenten zu ruhen, so hat er schon im alten Bunde, um den Abdruck dieser göttlichen That im menschlichen Erdenleben wieder zu geben, die Ordnung und Besorgung der gewöhnlichen Anliegen und Geschäfte deS Lebens den sechs ersten Tagen der Woche zugewiesen, für den siebenten aber eine besondere Feier, die Sabbatsfeier angeordnet. „Gedenke, daß du den Sabbat heiligest," spricht Gott der Herr. „Sechs Ta^e sollst du arbeiten und alle deine Geschäfte verrichten. Am siebenten Tage aber ist der Sabbat des Herrn, deines Gortes; an diesem sollst du kein Werk verrichten. . . . Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde erschaffen, und das Meer und Alles, was darin ist, und am siebenten Tage hat er geruhet. Darum hat der Herr den Tag deS Sabbats gesegnet und ihn geheiliget" (Lxocl. 2V, 3 — tt.) Während also der Mensch zwar keinen Tag und keine Stunde der Ehre seines Herrn und dem Heile seiner Seele entziehen und durch Sünden und Laster entweihen und entheiligen darf, vielmehr alle seine Lebenslage durch Uebung der Tugend und Gerechtigkeit für Gott zu gewinnen sich bestreben soll; während aber im Lichte dieser göttlichen Anordnung auch die sechs Werktage der Woche als Nach- klang und Widerschein des großen Werkes der sechs SchöpfungStage ihre Weihe und Bedeutung empfangen, und für den Menschen, der berufen ist, im Schweiße deS Angesichts sein Brod zu essen, selbst jede irdische Arbeit, nach GotteS Willen und zu Gottes Ehre verrichtet, ihren Werth und ihr Verdienst sür die Ewigkeit erhält; während der Mensch dann aber doch wieder an sechs Tagen der Woche mehr äußeren Geschäften und zeitlichen Sorgen zugewendet ist; so soll er am siebenten Tage ruhen, soll den Sabbat heiligen, soll Einkehr in sein Inneres nehmen, und im unmittelbaren Umgange mit Gott und in der Erwägung seiner ewigen Bestimmung die großen Anliegen deS Heiles seiner Seele ordnen. „Gedenke, daß du den Sabbat heiligest." Diesen Tag hat der Herr gesegnet; er ist das Abbild der ewigen SabbatSruhe-, in welcher der Allerhöchste, unendlich selig, sich selbst befitzt und genießt; er ist das Wahrzeichen der großen Hoffnung für uns Alle, jenen ewigen Sabbat einst mitzufeiern, wenn eS mit GotteS Gnade uns gelingt, die Erdenwallfahrt glücklich zu vollenden. Nachdem aber mit der Auferstehung deS Herrn und mit der Sendung deö heiligen Geistes für die Kirche deS neuen Bundes die Entfaltung einer neuen Festcrdnung begonnen, und durch göttliche Anordnung das Gebot der Sabbatsfeier vom Samstage auf den Sonntag übergegangen; nachdem ferner die heilige katholische Kirche kraft von Gott ihr verliehener Vollmacht zur Fei?r der Geheimnisse deö Lebens, Leidens und Sterbens Jesu Christi, und zur Verehrung seiner Heiligen, besonders seiner glorreichen Mutter, der allerseligsten Jungfrau Maria, noch verschiedene andere Festtage eingesetzt, daS Gebot der SabbatSruhe, der Enthaltung von knechtlicher Arbeit, auch auf diese übertragen, und für alle Sonn- und Festtage deS JahreS die Gläubigen noch insbesondere zur Anhörung der heiligen Messe unter schwerer Sünde verpflichtet hat, so gilt die Vorschrift deS dritten Gebotes: „Gedenke, daß du den Sabbat heiligest," in der Kirche deS neuen Bundes sür alle Sonn- und Festtage, und findet eben dieses Gebot der neutestamentlichen SabbatSfeier seinen weiteren und vollen Ausdruck im ersten und zweiten Kirchengebote: „Da sollst die eingesetzten Feiertage halten." Und: „Du sollst alle Sonn- und Feiertage die heilige Messe mit Andacht hören." Und wie heilsam, geliebteste Diöcesanen! ja wie nothwendig ist dieses Gebot sür unS! WaS müßte aus unserer Seele werden, wenn nie im Leben eine Festfeier daS Getriebe und Gewirre irdischer Geschäfte unterbräche! Welch ein Segen aber müßte sich auch über uns und über die Welt ergießen, wenn alle Menschen, wie sie sollten, die heilige Kirche GotteS erkannten, und nach ihrer Vorschrift und in ihrem Geiste die Sonn- und Festtage heilig hielten! Der Mensch nämlich ist nicht ein rein geistiges, ein rein vernünftiges Wesen, die vernünftige Seele desselben ist in den sinnlichen Leib gehüllt; und während die Schwere seines natürlichen Gewichtes erdwärtZ zieht, sind seine Sinne den Eindrücken dieser Welt geöffnet, und werden, sich selbst überlassen, bald eben so viele Fesseln bilden, die ihn an die Erde ketten. Dazu kommt das Uebergewicht der Sinnlichkeit, 95 die Folge deS Sündenfalles, — die Augenlust, die nach irdischen Gütern geizt, — die Fleischeslust, die nach sinnlichen Gelüsten jagt, — die Hoffahrt des Lebens, die, statt die wahre Größe, die Größe in Gott zu suchen, an eitler Menschenehre ihr Gefallen hat. Gäbe eS da keine von Gott gesetzte Kirche, kein Priesterthum, kein Opfer und keinen Altar, keine Lehrstätte christlicher Weisheit und keine Predigt vom Tage der Ewigkeit; würde nie die Glocke läuten, um zum Tempel deS Höchsten zu rufen; fände nie der Mensch sich aufgefordert, das AlltagS-Kleid deS irdischen GeschäftSIcbenö ab- und daS Festgewand anzulegen, um dem Herrn und seinen Heiligen den Tag zu weihen; käme ihm nie eine Mahnung zu, den Blick nach Oben zu erheben, und wäre er also wirklich so unglücklich, nur die eine Sorge zu kennen, wie er sich kleiden und womit er sich nähren solle; — dann wehe dem Menschen, der am Ende doch vom Brode allein zu leben nicht vermag, sondern vor Allem jenes Wortes bedarf, das aus dem Munde Gottes kommt! Bald würde die Ewigkeit seinen Blicken ganz entschwinden, die Zeit und ihre Vergänglichkeit, die Erde und ihre Armuth dessen sich ganz bemächtigen, der unsterblich und für Gott erschaffen ist, Finsterniß und Nacht die Seele umfangen, der Sturm der Leidenschaft sich entfesseln, die Uebermacht ungezähmter Begier- lichkeit die Geißel schwingen, und eine Fluih von Sünden dem Unglückseligen den Abgrund ewigen Verderbens bereiten. Nun ist der Herr in die Welt gekommen, zu suchen und selig zu machen, waS verloren war; der gute Hirt ist durch die Wüste gegangen, um Verlorne Lämmer aufzusuchen, und um also vor so großem Seelenverderben seine Heerde zu verwahren, hat er in götilicher Hirtenliebe, wie im alten Bunde durch den Mund seines DienerS MoseS die Sabbatfeier, so im neuen Testamente durch den Mund seiner heiligen Kirche die Feier der Sonn- und Festtage angeordnet. „Gedenke, daß du den Sabbat heiligest." „Du sollst die eingesetzten Feiertage halten." „Du sollst an allen Sonn- und Festtagen die heilige Messe mit Andacht hören." An diesen gottgeweihten Tagen soll also vor Allem der Lärm irdischer Geschäfte ruhen, soll der Mensch nicht, wie Martha, sich um Vieles kümmern, sondern vielmehr nur darauf denken, mit Maria den besten Theil zu wählen, und also für das Eine, das Noth thut, vor Allem zu sorgen. In feierlicher Stille heiliger FesttagSruhe, wo die Erde schweigt, und daS Reich der Ewigkeit um so lauter zum Herzen spricht, soll der Mensch den Blick nach Oben wenden, soll klarer, als an andern Tagen es ihm möglich wird, die Wahrheit sich vor die Seele führen, daß für ihn hier keine bleibende Stätte, daß er hier Fremdling und Wanderer, daß seine Heimat der Himmel ist, und daß also zuletzt das Heil in Einem liegt, die Wanderschaft dorthin mit Christus zu machen. So wird die heilige Sabvaisruhe für sich schon zur lautesten und eindringlichsten Predigt, zeigt die Bedeutung des Lebens hienieven im hellsten und schönsten Lichte, und gießt Segen und Weihe über die Erde aus. Neben dem Gebote der Enthaltung von knechtlicher Arbeit, wie der gewöhnliche Ausdruck diese bezeichnet, verpflichtet die Sonn- und Festtagsseier zur andächtigen Anhörung der heiligen Messe, und eS hat uns die katholische Kirche diese Verpflichtnng unter schwerer Sünde auferlegt, so ferne nicht Krankheit oder sonst ausreichend entschuldigende Verhinderungen uns von der Verpflichtung befreien. Es ist aber die heilige Messe daS Opfer unseres Herrn am Kreuze, dort in blutiger Weise von ihm dargebracht , um die Welt dem Vater zn versöhnen, und hier auf dem Altare von ihm in unblutiger Weise durch den Dienst und die Vermittlung deS von ihm geordneten Priester- thumö unter den Gestalten von Brod und Wein erneuert. Die heilige Messe ist also jenes große Opfer, in dem die Welt ihre Erlösung finret, die Grundfeste der HeilS- ordnung deS neuen Bundes, der wesentliche Gottesdienst der neutestamentlichen Kirche, der Mittelpunkt christlicher Andacht und christlichen Lebens, der Quell, aus dem die Heiligen Gerechtigkeit und Leben trinken, der Ursprung und die Vollendung unserer Seligkeit. In diesem Opser erfüllen sich die Hoffnungen des alten Bundes, aus ihm entspringen alle Gnaden, die im Schooße der heiligen Kirche sich ergießen, aus ihm strömt Erlösung in den ReinigungSort zum Troste der dort leidenden Seelen hinüber, 96 und die Herrlichkeiten deS ewigen Lebens weisen auf dieses Geheimniß als auf ihren Ursprung und ihre Vollendung hin. Die unermeßlichen Reichthümer wohl kennend, die in diesem geheimnißvollen Opfer verborgen liegen, sendet nun die Kirche zwar mit jedem Tage ihre Priester zum Altare, um zu beten und zu opfern für die Sünden des Volkes, und die Segnungen deS Himmels auf die Erde herabzuziehen. Au jedem Tage sind die Pforten ihres HeiligthumeS der Welt geöffnet, sie kennt keine seligere Freude, als ihre Kinder in seinem Innern zu versammeln, und wer seinen Gott in Wahrheit sucht, wird, auch wenn kein Gesetz gebietet, wo möglich mit jedem Tage aus eigenem HerzenSdrange und voll der Sehnsucht hin zum Tempel eilen, weil dort auf dem Altare das Opfer seiner Erlösung, sein Leben und seine Liebe liegt; aber auch nie wird er von bannen gehen, ohne neuen Segen und neuen Frieden mit nach Hause zu nehmen. Wie aber die Kirche in ihren Anordnungen mild, und in ihren Forderungen voll der Nachsicht ist, Dem ähnlich, der gesagt hat: „Mein Joch ist süß und meine Bürde ist leicht;" wie sie, wenn auch nur ein Verlangen im Herzen tragend, der Welt das Heil zu geben, doch wieder, vom Geiste göttlicher Weisheit geleitet, nie vergißt, der Schwäche unseres Geschlechtes und den Anforderungen der irdischen Lebensverhältnisse die gebührende Rücksicht zuzuwenden; so hat sie das Anhören deS heiligen Meßopfers nur für die Sonn- und Festtage förmlich vorgeschrieben, nnd hat aber auch zugleich, um nach anderer Seite hin der Lauigkeit und dem Gottvergessen einen Damm zu setzen, zur Haltung dieses Gebotes unter schwerer Sünde verpflichtet. (Schluß folgt.) Rom. Schon seit Ende Dec. hält sich hier der vr Levi JveS aus, der erste anglikanische Bischof, der dem Lichre der Wahrheit folgend in den Schooß der wahren Kirche Christi zurückgekehrt ist. Herr Jveö war Bischof der anglic. Kirche in den Vereinigten Staaten und stand seit einiger Zeit an der Spitze der Puseyiteu in Amerika. Da er sich nicht begnügte, die Grundsätze und Meinungen, welche er vertrat, in seinem eigenen Leben in Ausübung zu bringen, sondern dieselben in der Verwaltung seines AmteS befolgte, und deßhalb nicht bloß manche Gebräuche der kathol. Kirche für den öffentlichen Gottesdienst in seinem Sprengel vorschrieb, sondern auch ein Kloster gründete, und sogar das ehelose Leben seiner Geistlichkeit dringend empfahl: gerieth diese in immer größere Bewegung, Manche Mitglieder derselben untersuchten die Gründe, die ihrem Bischof zu solchem Verfahren bewogen, mir aufrichtigem Verlangen, sich zu belehren, und kamen zur Erkenntniß der Wahrhei; viele von ihnen sind bereits zur katholischen Religion übergetreten. Aber die größere Anzahl zeigte sich in hohem Grade unzufrieden mit den „Neuerungen" ihres Bischofs, und nach manchen geheimen Antrieben, die unwirksam bleiben, forderten sie ihn gegen Ende deS JahreS 1851 vor eine Synode, die theils aus Laien, theils auS Geistlichen bestand. ES war zwar dem Herrn JveS nicht schwer, sich zu vertheidigen, und seine Freisprechung von seinen eigenen Gegnern zu erwirken; aber dieser Vorfall trug nicht wenig dazn bei, ihn über das Haltlose, sowohl der Grundsätze und Lehren, als auch deS Ansehens und der Verwaltung der anglicanischett Kirche vollends aufzuklären ES hatte im Laufe deS JahrcS 1852 wehrere Unterredungen mit dem katholischen Erzbisch of voit Ncw'Dork, und dem vr. ForberS, Pfarrer in derselben Stadt, der einst selbst Puseyst und vr. JveS Beichtvater gewesen war. JveS entsagte den Irrthümern der Kirche, welcher er angehört hatte, und legte vor dem Erzbischof von New-Uork im Monat Oktober das katholische Glaubeusbekenntniß ab; hielt jedoch einstweilen seine Bekehrung geheim. Bald darauf trat er die Reise nach Rom an, um dort vor dem hl. Vater selbst sein Beke'nntniß öffentlich zu erneuern. Am 26. December fand dieser rührende Act in der Kapelle seiner Heiligkeit statt, und nach der Ablegung des Glaubensbekenntnisses erhielt Hw INS von der Hand des Papstes daö Sacrament der Firmung. (M.S.-Bl.) SKrdnÜ«vrMch«r RedacteSr: L. Schönchen. Verlags - Jichaber: F. C. Kre m er. Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt <^ S,1 zooL ,tck,y7^.'! ? zur ' - ,-i'.s,„wF 7,:? Augsburger Postzeitung. ,"'l!tt 7'j«i,tt1 t!'»,IINs.1-^'-IIZa OIIU Mm N)-^ MI! /l!^ UI ?«!itü ,.«->: Sm,L ichNlsi "^7oW..öZU«G 7^1 , tli i!'<Ä , .li'iöz'l! Ils 7^'s'i^ q«» ckn.-i M)in'i7!!i)MZ(1 anzH s?»m chiuMuK «->i'i« !( ! ,8 .^oL^.smI'nD 27. Marz M^- KA. 1853. i^ tz?NvG zch7U?. '.i'l in7^1,l'.>ssi,D ^ui tt',z»si?!?7P ni ^n-^I 7,chl7<,< ^lii^l zttnst Diese« Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abouuement«prei« TV kr-, wofür e« durch alle köuigl. daher. Postämter uod alle Buchhaudluogeu bezogen werden kaun- Die Sonntagsfeier. AuS dem dieß jährigen Fastenhirtenbrief deS hochwürdigen Herrn Bischofs von Würzburg. (Schluß.) Kraft dieses heiligen Gebotes also muß der Christ an allen Sonn- und Feiertagen im Heiligthume deS Herrn erscheinen, und dort, wo das Lamm Gottes als Schlachtopfer für unsere Sünden auf dem Altare liegt, und sein unschuldiges und heiliges Blut um Erlösung für unS zum Himmel ruft, dort soll er niederkuieen — der Erdenpilger, soll des Berufes zur Ewigkeit gedenken, soll Herz und Hände zu Gott erheben, soll Andacht und Gebet mit dem Opfer deS Lammes vereinen und so Heil empfangen aus dieser Quelle des Heils, — der Sünder die Gnade wahrer Bekehrung, der Blinde Licht in seiner Finsterniß, der Betrübte Trost für sein banges, krankes Herz, der Schwache Stärke in seiner Gebrechlichkeit, der Zaghafte neuen Muth für Gott zu streiten, und der Gerechte das große und unschätzbare Gut christlicher Beharrlichkeit. So feiert die Kirche Gottes die Tage deS Herrn und seiner Heiligen, und lehrt ihre Kinder, sie mit ihr feiern; sie vollbringt das Geheimniß der Welterlösung und sorgt in mütterlicher Liebe, daß es auch in den Seelen der ihr Anvertrauten durch Theilnahme an demselben vollzogen werde; die Seelen des FegfeuerS suchen Hände ringend ihre Hilfe auf eben dem Altare der streitenden Kirche; und dasselbe Lamm GotteS, das wir hier unter der Hülle der Brodsgestalt im Glauben erkennen, betet mit unS die triuinphirende Kirche als ihren Heiland und Seligmacher an. Wird durch solche Feier diese Erde in besonderer Weise zum Reiche Gottes eingeweiht, so betrachtet der gute Christ die Sonn- und Festtage auch in anderer Hinsicht als Tage besonderen Heiles. Abkömmling des gefallenen AvamS und hiedurch dem Loose der Sündhaftigkeit anheimgegeben, weiß er, daß selbst der Gerechte siebenmal fällt, daß aber die Fesseln sich lösen müssen, soll der Knecht der Sünde ein Kind der Freiheit, ein Erbe des ewigen Lebens werden. Wanderer zur Ewigkeit, und doch von Schwäche und Ohnmacht umgeben, sieht er, wie seine Kräfte sinken, unv auf der weiten Reise erliegen müssen, wenn nicht Brod vom Himmel in die Wüste des Lebens fällt. Nachdem nun die Kirche die heilige Gewalt zu binden und zu lösen vom Herrn empfangen, und an ihrem Mutterherzen der reumüthige Sünder zu jeder Stunde Aufnahme und Gnade findet; nachdem der Tisch deS Herrn an jedem Tage bereitet steht, Mühselige und Beladene zu erquicken; so sind eS doch vorzugsweise die Sonn- und Festtage, die der Christ benützt, um von Zeit zu Zeit den heiligen Sakramenten, den Geheimnissen deS Glaubens sich zu nahen. Hier schließt er Rechnung mit seinem Gotte, hier bekennt er reumüthig seine Sünden, auf daß priesterliche Hände die Bande, die ihn gefangen halten, die Ketten der Sünde lösen. Hier kniet er am Altare nieder, um das Geheimniß des Leibes deS Herrn zu feiern, und in ihm neue Gnade und neues .YNKYIst gg Leben, neuen Muth und neue Kraft zur Fortsetzung der Wanderschaft, die Hoffnung und daS Unterpfand ewiger Seligkeit zu empfangen. So werden diese heiligen Tage, zuvörderst der Ehre Gottes und dem Lobe seiner Heiligen geweiht, Tage deS HeileS für den Feiernden. Neuversöhnt und neugestärkt, und im Innersten der Seele kostend, wie süß eS ist, dem Herrn zu dienen, glüht er vom heiligen Verlangen, Ihn, den seine Seele liebt, mehr und besser zu erkennen, um den mehr und besser Erkannten immer mehr und besser zu lieben. „Wer aus Gott ist, der hört Gottes Wort," spricht JesuS Christus (Joh. 8, 47); und diesen Ausspruch seines Herrn bewahrheitend, dürstet er nach dem Worte des ewigen Lebens, und eilt, den Durst zu löschen, zu jener heiligen Lehrstätte hin, von welcher herab in Predigten und Christenlehren die Kirche GotteS dem Volke die christliche Wahrheit verkündet. Hier sieht er nicht den Menschen, der zu ihm redet; in der Gestalt des Dieners GotteS erblickt er nur den Herrn, der Worte des Lebens zu ihm spricht. Die Worte sind Licht, ihn zu erleuchten, sind Feuerflammen, die Seele zu entzünden; das Licht wächst, die Liebe erglüht stärker, der Christ fühlt sich an jenem Borne, aus dem Wasser quillt rinS ewige Leben hinüber, er ist an die heilige Stätte wie gefesselt, und sein Glück preisend, mit Maria zu den Füßen Jesu zu weilen, wird er aus Erfahrung inne, daß er in Wahrheit den besten Theil erwählt. „Wie lieblich sind deine Wohnungen, o Herr!" Diesen Ausruf des gottbegeisterten SängerS (Pf. 83, 1.) als Nachklang seiner Andacht aus dem Hause des Herrn mit in seine Wohnung nehmend, wird er, wie jener fromme Jsraelite, den Zug zum Tempel beständig im Herzen tragen, und gerne zu jeder Stunde, am Nachmittage wie am Abende, dorthin zurückkehren, um hier von Neuem, sey eS bei feierlich versammelter Gemeinde, sey es in eigner stiller Sammlung, der Betrachtung und dem Gebete obzuliegen. Wohl wissend, was der Apostel sagt (Kol. 1, 10): „Wachset in der Erkenntniß GotteS" — und das Wort des Weisen wohl beherzigend (Sprichw. 16, 16): „Bewirb dich um Weisheit, denn sie ist besser als Gold," versteht eS der fromme Christ, das Pfund der Zeit auf Wucher auszulegen, und also auch noch außerdem die stille Stunde zu finden, um in der Einsamkeit des KämmerleinS irgenv ein geistliches Buch zu seiner Belehrung und Erbauung zu lesen, oder, wenn er Vater oder Mutter oder wie sonst immer, Haupt und Vorstand einer Familie ist, auch die Angehörigen des Hauses zu dieser Lesung zu versammeln, um sie hiebei, wie einst Tobias seinen Sohn, daS Gesetz und die Furcht des Herrn zu lehren. So wird der Tag geheiligt, und selbst die Wohnung deS Menschen dem Herrn geweiht. Wo aber Gottesfurcht und Andacht wohnt, da weilt auch der Herr mit seinem heiligen Segen. Nun kann die wahre Andacht auch nach anderer Seite hin nicht unthätig bleiben, sie drängt zu Werken der Liebe; und nachdem der Heiland uns gelehrt, in den Mindesten unserer Brüder ihn selbsten zu erkennen, so benützt der wahre Christ die Festtagsruhe, um, wenn er den Pflichten der Andacht Genüge gethan, auch den Werken der Nächstenliebe nachzugehen. Hier erscheint er in der Hütte der Armuth, der stillen und verschämten Noth, um mit der Rechten zu geben, ohne daß die Linke eS wissen dürfe. Dort sucht er die Wohnung des Kummers auf, um der Tröster der Betrübten zu werden. Hier eilt er zum Krankenbette, um, so weit es an ihm liegt, Schmerzen zu erleichtern, und in dem kranken Mitbruder den leidenden Heiland zu verehren und zu pflegen. Dort geht er hinaus auf die Grabeshügel, um über den Denkmälern der Verwesung, in jener Liebe, welche nie erstirbt, der Dahingeschiedenen zu gedenken, für die Seelen-Ruhe dieser Theueren Gebete auSzugießen, und dabei um so lebhafter der Wahrheit sich zu erinnern, daß auch er Wanderer sey, und auf die Ewigkeit sich bereiten müsse. So werden die Sonn- und Festtage, zunächst zur Anbetung deS Herrn und zur Ehre seiner Heiligen in der Kirche GotteS angeordnet, zugleich Tage der thätigsten Nächstenliebe. Da werden Hungrige gespeist, Durstige getränkt, Nackte gekleidet, Fremde aufgenommen, Kranke besucht und selbst der Verstorbenen in Liebe gedacht. Da werden Betrübte getröstet, Unwissende belehrt, Zwei- felnde recht berathen, Irrende von ihren Wegen zurückgerufen und Sünder zu Gott bekehrt. In geistlicher und leiblicher Beziehung theilt christliche Barmherzigkeit ihre Spenden aus, und so trägt die Sonn- und FesttagSfeier mächtig bei, die große Frage thatsächlich zu lösen, welche menschliche Weisheit nimmer losen wird, die Frage, wie dem zeitlich gedrückten und sittlich versunkenen Zustande der Volker die verlangte Hilfe werden solle ^ . ! ?,.u. -n'V.nl . Warum aber, geliebteste Diözesanen! warum erkennt die Welt die heilige Kirche Gottes nicht? Warum erkennt sie nicht, waS zum Heile dient? Warum wählt sie gerade die Sonn- und Festtage, um die Unzahl ihrer Sünden zu mehren? Warum stachelt sie besonders an diesen geheiligten Tagen die Leidenschaften der gefallenen Menschennatur zur Vollbringung der Werke der Finsterniß? — die Prunk- und Putzsucht, um ihre Eitelkeit zur Schau zu tragen? — die Vergnügungs- und Genußsucht, um dem Leibe die Herrschaft über den Geist zu geben? — die eckle Fleischeslust, um leiblich und geistig den Menschen zu verderben? Warum soll die heilige Kirche durch die Verkehrtheit der Welt den Untergang so vieler Seelen gerade da beweinen, wo sie zu deren Rettung die Anstrengungen ihrer Liebe verdoppelt? Doch es ist, Geliebteste! nicht Unsere Absicht, euch ein Bild vorzuführen, dessen Wirklichkeit ihr nur zu oft vor Augen habt, dessen Anblick aber mit Schmerz und Wehmuth erfüllt, und dessen der gute Christ nie gedenkt, ohne zu trauern und zu weinen über daS verblendete Jerusalem. Das Wort väterlicher Ermahnung haben Wir vielmehr an euch richten wollen, daß ihr gedenken sollet, den Sabbat zu heiligen, die Tage des Herrn und seiner Heiligen im Sinne nnd im Geiste unserer Mutter, der heiligen Kirche zu feiern. Der Segeu des Herrn wird euch begleiten, und jener Friede mit euch seyn, welchen die Welt nicht kennt, den sie nicht geben und nicht nehmen kann. Zuerst das Reich Gottes suchend und seine Gerechtigkeit, werdet ihr allzeit finden, daß das Uebrige beigegeben wird. Ja, selbst eure zeitlichen Sorgen und Mühen wird die fromme Fcstesfcier mit dem Thau ihrer Seguungen befruchten, vor Allem aber euch den großen Sabbat vorbereiten, den ihr mit Gott und seinen Auserwählten im Reiche der Ewigkeit einst feiern sollt. Dieses Wort der Ermahnung haben Wir jetzt an euch richten wollen, wo so ernste Tage vor uns stehen, und die heilige Fastenzeit die dringende Forderung an uns ergehen läßt, in der Beherrschung unordentlicher Begierlichkeit, in Fasten und Gebet, in Betrachtung des Leidens und Sterbens Jesu Christi, iu der Wirkung wahrer Buße und Bekehrung und in der Uebung aller Gerechtigkeit zum Tische deS Herrn, zur Feier des heiligen Osterfestes uns würdig zu bereiten. Gedenket, so heilige Tage auch heilig zu vollbringen, eure Freude sey es, gehorsame Kinder der heiligen katholischen Kirche zu seyn; uud in euren Herzen dürfe Raum nur das eine Verlangen finden, in diesem Gehorsam bis zum Ende zu verharren. Die Zei ist kurz, wie im Fluge eilen die Tage vorüber, uud die Stunde ist nicht ferne, wo auch der letzte derselben sich zum Abend neigt. Dann aber geht die Sonne diesseits unter, um jenseits ni neuem Lichte zu leuchten, und einen Tag uns anzuzünden, der keinen Abend hat — den Tag der Auferstehung zum ewigen Leben. Und daß der Herr in seiner Gnade euch dahin geleiten wolle, um dieß flehend, reHeben wir die Hände, und xrtheilen euch den bischöflichen Segen im Namen deS Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen! ,znil»M-«iUH n> 5,x»>s t'kitt ', N'.M« DaS Christenthum und die Frauen. ziliiitiÄ, n,>it»6 izznni ni N',i>v7st I»sn?l «5 I'! HkWam Wenn zu demselben Ziele in derselben Richtung mehrere Pfade führen, so gehören sie alle zu dem nämlichen Wege, und es kommt theils auf die Kräfte, theils auf die Neigung der Wanderer an, welchen sie einschlagen wollen, sosern es nur keiner ist, der iu die Irre führt nnd auch kein Holzweg, auf dem man nicht mehr weiter kann, sondern umkehren muß. So gibt es auch für den Christen, M nur Einen Weg, nämlich Christus selbst, aber mehrere Pfade, welche neben einander hinlaufend sämmtlich zu demselben Ziele führen, WaS hiebei nicht auf die Wahl dcS einzelnen ankommt, das ist jene Verschiedenheit, welche von der Zweiheit der Geschlechter bedingt wird; denn obgleich der Weg des ManneS, welcher Christum nachfolgt, auch keine Heerstraße, sondern ein schmaler Fußsteig ist, weil zum Himmel keine breiten und bequemen Wege führen, so ist doch ein großer Unterschied zwischen den Pfaden dcS Mannes und denen des WeibeS. Denn mehr dem Lichte des TageS und der Muth der Sonne, so wie auch dem Lärme und Staube, der von der Landstraße himiberdringt, ausgesetzt find jene, und führen über sonnige Wiesen oder Felder, während diese, obgleich nicht weniger mühevoll und oft noch dornenreicher sich verborgen im Schatten der Wälder in bescheidener Stille hinziehen. Und daß sich die Frauen in solchem Dunkel nicht verirren, ist ihnen jener Stern zum Führer gegeben, der von der Kircbe der Morgenstern genannt wird, die stell» Iucer>5, die heiligste Jungfrau. Der Weg Christus ist auch der Weg Mariens, und der Weg Mariens ist der Weg aller christlichen Fraueu. Zwar einzig in seiner Art ist der Pfad, den die AuS- crwählte gewandelt, zugleich Jungfrau und Mutter. Allein dicht an ihm ziehen sich die Pfade Jener hin, die entweder im jungfräulichen Stande in oder außer dem Kloster der Jungfrau oder im christlichen Ehestände der Mutter Maria nachfolgen Und da nur die verhältnißmäßig geringere Zahl zu dem ersteren Stande berufen ist, so ist der zweite allerdings die normale Bestimmung des Weibes. Er ist die normale Bestimmung nach der ursprünglichen Schöpfung, in welcher daS Weib geschaffen wurde, die Gehilfin des ManneS zu seyn; er ist diese normale Bestimmung ferner nach den Worten, die der Herr zur Schlange sprach: „Feindschaft will ich stiften zwischen dir und dem Weibe, zwischen deinem Samen und ihrem Samen; sie wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihrer Ferse nachstellen." — Denn obgleich der Erlöser auf jungfräulichem Boden in die Menschenwelt eingetreten, so ist doch seine Mutter Maria die Tochter der Patriarchen. ' Und nur dadurch, daß alle Menschen von dem ersten Ehebunde im Paradiese herstammen, gehören sie alle zu einem Gattungsverbande, dem die Frncht der Erlösung zu Gute kommen konnte und fortgesetzt zu Gute kommt bis zum Ende der Welt. — Als ein vom Schöpfer im Paradiese eingesetztes und nach dem Falle zum Mittel der Erlösung bestimmtes Sakrament, also soll die christliche Gattin den Ehestand betrachten, und folglich dabei vorzüglich auf die Uebereinstimmung im Glauben und in der Liebe zum Erlöser sehen, welche allein eine dauerhafte Freundschaft knüpft nnd in gemeinschaftlicher Kinder-Erziehung die Ehe zu einer Pflanzichule deS christlichen Lebens macht, keineswegs aber auf jenes fälschlich mit dem heiligen Namen der Liebe belegte Wohlgefalle» der Sinne, das keinen Bestand haben kann, noch auf die Sucht nach Reichthum und Glanz. Die echte deutsche Frau, die heilige Elisabeth, diese liebenswürdige Jüngerin Mariens, sollen sich alle Gattinen, besonders die deutschen, zum Vorbilde nehmen, von ihr lernend die menschlichen Gefühle mit den göttlichen in Harmonie zu bringen, von ihr lernend dem Gatten nach GotteS Befehle zn gehorchen, nicht zwar wie eine Sklavin, aber in liebender vertraulicher Demuth, als nachgiebige Freundin und emsige Haushälterin. Denn obgleich die Unterwürfigkeit nicht in der ursprünglichen Schöpfung bestimmt war, so ist sie doch Pflicht der christlichen Gattin, nm im Geiste der Buße dem nach dem Falle ausgesprochenen Befehle deS Herrn zu genügen, da die durch das Christenthum bewirkte Gleichstellung des WeibeS eine rein geistige ist. Um dieser geistigen Gleichstellung willen aber wird sie die persönliche Würde nicht vergessen, in der sie zwar zum Manne, ober keineswegs für ihn, sondnn für Gott erschaffen ist, und daher ihren Geist immer mehr wahrhaft zu bilden suchen. So werden die Frauen in keines der beiden Extreme Verfallen, welche die nicht christliche Weisheit der neueren Zeit der Wahrheit in der Auffassung deS Verhältnisses vom Weibe zum Manne gegenüber gestellt hat. Eine heißt Emancipation und will gänzliche Lvsreißung von Sitte und Gesetz in ungebundener Individualität. Das Andere verhüllt die materielle Tendenz unter idillischer Naturseligkeit. DaS Land, in dem die Gesellschaft die feinste Ausbildung erreicht hat, 10t und von dem daher die meisten sozialen Neuerungen ausgegangen sind (wie von England die meisten politischen, von Deutschland die meisten ideellen und von Italien die meisten künstlerischen), Frankreiich hat diese falschen Ideale unter der Aegide zweier glänzender Namen ins Leben engeführt, unter dem Namen Voltaire'S für die Emancipation, und dem Rousseau'S für die ivillische Naturtreue. Der Letztere hat seine Tendtn; hierüber weit schärfer und umständlicher ausgesprochen, als der Erstere, der nur in frivolen Andeutungen eine Vorschule der Emancipation errichtete. Aber Voltaire hat mehr Eingang auch in der Ansicht über das Verhältniß des Weibes gefunden, als Rousseau, weil jener seine Behauptungen auf die wirklich vorhandene Vcrderbniß gründete, die er als Kultur anbetete, während dieser seine Meinungen aus die eingebildete Trefflichkeit der (nach ihm) unverdorbenen Natur baute. Daß es mit dieser angebornen Unschuld allein doch keinen rechten Bestand habe, zeigt er selbst, ohne eS zu wollen, in seinen weiblichen Idealen: Sophie und Heloise, die er Beide Opfer der Verführung werden läßt. Mit Rousseau's Ansicht kommen die Frauen am Ende dahin, wo sie sich mit der Voltaire's schon im Ansänge befinden. Vollaire'S Gesinnung vergiftet die Gesellschaft unmittelbar mit dem Pesthauche der Frivolität; Rousseau'S Anschauungsweise knechtet die Frauen, nimmt ihnen mit der Erkenntniß den Glauben und die davon abhängende Liebe zu Gott, und gibt ihnen dafür den Glauben an den Mann, und die Liebe zu ihm, „Die Frau soll die Religion ihreö Mannes haben," sagt er (nicht etwa meinend, daß sie nur den heirathen solle, der in der heiligsten Ueberzeugung mit ihr übereinstimmend wäre, sondern wollend, daß sie neutral zwischen den religiösen Parteien bleibe, bis sie von dem Manne, der ihr Gatte geworden, zu einer religiösen Ansicht bestimmt würde). Damit bringt er nicht nur das Weib um alle Würde, sondern auch die Ehe um alle Heiligkeit, die Treue um alle Gewähr. Denn nur auf der Treue gegen Gott kann ja die gegen die Menschen beruhen. Wo die Ehe nicht als auf göttlicher Einsetzung beruhend erkannt wird, da hört die Treue mit der Leidenschaft zugleich auf. Umsonst versichert Rousseau, daß er den Frauen den Glauben, den er Aberglauben nennt, nicht nehmen wolle, da eS für sie unmöglich sey, zugleich fromm und weise zu sein, und nur eine fromme Frau tugendhast und treu seyn könne. Er findet also den Autoritätsglauben für sie nothwendig, und gibt ihnen den an die Autorität deS Mannes. Freilich geräth er dabei mit sich selbst in Widerspruch, denn da, nach seiner Absicht, ein vernüoftigcr Mann keinen Glauben haben kann, als den rationalistischen, muß die Frau ihn auch annehmen; sie wird also, was er weise nennt, und muß folglich aufhören fromm, tugendhaft und treu zu seyn. DaS thun denn seine Heldinnen auch; der Gegenstand ihrer Leidenschaft ist jedes Mal ihr Prophet und Gesetzgeber. — Die Vertheidiger der Emancipation gehen gerader aufs Ziel loS; bei ihnen gibt eS keine Treue, also auch keinen Bruch derselben. Der Unterschied ist, daß nach der Lehre Rousseau's die Frauen Sklavinen des Einzelnen, nach der Voltaire'S Sklavinnnen des ganzen männlichen Geschlechtes sind; frei sind sie nur im Christenthume durch den Gehorsam für das göttliche Gesetz. (W.K.-Z.) Vl. Provinzial ermähnte mich väterlich, fleißig zu studiren und fromm zu leben, mit dem Beisätze, daß ich dann einst die Gewährung meiner Bitte hoffen dürfte. Jetzt war ich Jesuiten-Candidat. Im folgenden Schuljahre, da ich in der fünften Classe, die Humanität oder Poesie genannt, studirte, wiederholte ich meine Bitte bei dem neuen Provinzial, ?. Jgnaz Rhomberg, nachmaligen Assistenten der deutschen Provinz zu Rom bis zur Aufhebung deS Ordens. Dieser gab mir die nämliche Ermahnung und Vertröstung. In der Vacanz erzählte ich meiner Mutter und Schwester, daß ich bei dem Jesuiten um die Aufnahme in den Orden angesucht habe, machte ihnen aber dadurch wenig Freude. Ich sollte, sagten sie, ein Weltpriester werden; da könnte ich eine Pfarrftelle, und sie von mir Unterstützung hoffen. Um dieselben zu beruhigen, stellte ich ihnen vor, daß daS Ansuchen mich noch nicht zum Jesuiten machte, und daß ich noch immer Weltpriester werden könnte. Denn sollte ich wirklich die Aufuahme erhalten, so würde ich zwar in den Orden treten, doch nur auf einige Zeit, um die Lebensweise der Jesuiten besser kennen zu lernen, dann aber könnte ich den Orden immer wieder verlassen, und mich nach ihrem Wunsche dem Stande der Weltpriestcr widmen. Würde mir hingegen die Ausnahme versagt, so brächte mir das Ansuchen doch keinen Schaden, weil man auf die Kandidaten immer einige Rücksicht nähme. Dieß war damals meine wahre Gesinnung, aber auch nur damals, denn bald ging in derselben eine große Veränderung vor. Diese rühren von einem Manne her, der eine Zierde seines Standes war, nämlich von dem hochw. Franz Anton Neuhauser, Dr. der Theologie und Pfarrer zu Ortelfing im Capitel Burgheim. Geboren zu Siegenburg in der Oberpfalz den 25. Dec. 1744 starb er den 24. Oct. 1834. Da dessen ausführlicher Nekrolog im Jahre 1SZ4 in der Zeitschrift Skon erschien, so dürften diese Aufzeichnungen als Commentar hier eine Stelle finden. Boehaimb. 108 Im Jahre 1763/64 studirte ich die Rhetorik, welche die oberste Classe des Gym- nasnuns war, und zwar mit so glücklichem Erfolge, daß ich den ersten Platz unter meinen zahlreichen Mitschülern behauptete. Der Winter dieses Jahres ist mir unvergeßlich, da hielt der Missionär ?. Jacob Bauer den Studenten der kleinen Congre- gation, wovon ich ebenfalls Mitglied war, drei Tage nacheinander eine sogenannte Recollection des Geistes, welche in heilsamen Betrachtungen und frommen Uebungen bestand. Stoff der Betrachtungen waren das Ziel und Ende des Menschen, Abweichung davon durch d'^e Sünde, Rückkehr dahin durch die Buße, die mächtigen Beweggründe zur Besserung, nämlich Tod, Gericht, ewige Glückseligkeit oder Unglücklichkeit nach diesem Erdenleben. Ich fand mich durch diese Betrachtungen tief gerührt und zum Vorsatz erweckt und gestärkt, fromm zu leben um einst selig zu sterben, und mein letztes Ziel und Ende, den Himmel zu erlangen. Aber vorzüglich stark ward ich durch die Betrachtung über die Wichtigkeit der Slandeswahl angegriffen. Da war eS mir so hell wie der Mitlag, daß der Orden der Gesellschaft Jesu für mich der sicherste Weg zum Himmel sey, und ich machte ven festen Entschluß, alles anzuwenden, um in diesen aufgenommen zu werdcu. Ich trug meinen Wunsch Gott im Gebete vor, und bat um Erfüllung desselben. Dieß that ich mit besonderem Eifer nach der heiligen Communion, zu der ich alle Sonn- und Festtage hinging. Ich glaubte auch manchmal in meinem Innersten zu vernehmen, daß mein Wunsch noch in demselben Jahre Erhörung finden werde, welches mich mit der süßesten Hoffnung und Freude erfüllte. Der ?. Provinzial kam, wie gewöhnlich, zur Visitation nach Augsburg. Da bat ich denselben inständigst, mich am Ende des Schuljahres in den Orden aufzunehmen. Eben so eifrig trug ich die nämliche Bitte dem sogenannten Socius des ProvinzialS ?. Andreas Oberhub er vor. Dieser fragte mich sehr freundlich, ob ich noch Kandidat bleiben wollte, wenn mir für jetzt die Aufnahme in den Orden verweigert würde. Denn da ich schon zwanzig Jahre alt wäre, so würde eS für mich vortheilhafter seyn, wenn ich erst nach dem zweijährigen CurS der Philosophie in den Orden käme. Dieß wollte mir nicht einleuchten, und ich sagte im zuversichtlichen Tone, daß ich noch selbes Jahr gewiß in den Orden werde aufgenommen werden. ?. Oberhuber lächelte, und fragte, woher ich diese Gewißheit hätte; allein ohne einen Gnind anzugeben wiederHolle ich nur meine Behauptung, daß meine Aufnahme gewiß erfolgen werde, welches den Mann aufmerksam zu machen schien, insonderheit, weil ich noch hinzusetzte, daß ich, wenn die Ausnahme am Ende des Schuljahres nicht erfolgen sollte, dem?. Provinzial überallhin nachreisen und nicht ablassen würde, denselben zu bitten, bis mein Wunsch erhört wäre. Gegen die Mitte deS Augusts fingen die schriftlichen Prüfungen oder Ausarbeitungen um die Preise an. Die erste Ausgabe war eine lateinische Rede: der Stoff davon fällt mir nicht bei. Ich arbeitete die Rede mir aller Anstrengung aus, und überlas den Aufsatz vor der Reinschrift öfter mit der größten Aufmerksamkeit, bis ich nichts mehr zu verbessern fand. Denn ich hatte den ehrgeizigen Wunsch, der erste auf das Theater, wo die Preise ausgetheilt wurden, gerufen zu werden, welches mir auch gelang. Die zweite Ausgabe war ein lateinisches Gedicht in Herametern über den Tod des Klitus durch die Hand des Königs Alexander bei der Tafel. Der Stoff gefiel mir, und ich schrieb, während das Factum aus dem CurtiuS dictirt wurde, mehrere Verse nieder. Ich glaubte, den Preis auS der Dichtkunst schon zu haben, weil ich mir eine große Fertigkeit, Verse zu machen, erworben hatte. Aber mein Stolz ward empfindlich gestraft. Denn als ich an die Arbeit ging, schien die poetische Ader ganz verstopft, und mein Kopf mit Stroh gefüllt zu seyn: ich wußte nicht, wie ich anfangen sollte, und brachte den ganzen Vormittag nicht einen einzigen VerS zu Stande. Mein Gewissen sagte mir laut, daß dieß eine Züchtigung meines Stolzes sey. Ich verhüllte das Angesicht mit dem Mantel, weinte und bat Gott demüthig um Verzeihung. Dem Professor, welcher die Aussicht hatte, und in dem Schulzimmer umherging, fiel mein Betragen auf: er ging zu mir hin, und fragte mich, was mir fehle. 109 Als ich ihm mein Unvermögen, die Aufgabe auszuarbeiten, entdeckt hatte, tröstete er mich und ricth mir ein wenig zu schlafen. Ich that es, in meinem Mantel gehüllt. Darauf versuchte ich cS wieder, daS Gedicht, nach Anrufung des hl. Geistes anzufangen. Allein es wollte mir noch nicht gelingen. Beim Mittagessen ließ mir der nämliche Professor ein GlaS Wein bringen, um den Kopf aufzuheitern, und die poetische Ader flüssig zu machen. Ich aß und trank wenig; ging wieder an meinen Platz, und arbeitete nach einem kurzen Gebete an der Aufgabe. Jetzt ging es besser und ich brachte das Gedicht mit 70 Herametern zu Stande. Allein meine Arbeit gefiel mir selbst so wenig, daß ich eS mir nicht verbergen konnte, dieselbe verdiene den Preis nicht, welchen auch ein anderer davon trug; doch wurde mir der erste Platz nach demselben zuerkannt. . Die dritte Aufgabe war der griechischen Sprache gewidmet; denn das Studium der Muttersprache ward damals in den Schulen ziemlich vernachlässiget unter dem Vorwande, daß eS eben kein besonderer Vorzug wäre, besser deutsch zu reden und zu schreiben, als ehemals die Schuster und Schneider; da man eS doch für eine große Ehre hielt, besser lateinisch zu reden und schreiben, als ehemals die Schuster und Schneider zu Rom. Auch der Unterricht in der griechischcn Sprache erhob sich damals nicht zu der Höhe wie jetzt. Für die griechische Sprache hatte ich schon damals eine Vorliebe, und war drei Jahre nacheinander so glücklich, den Preis aus derselben zu erhalten. Auf die schriftlichen Prüfungen folgten die mündlichen auS der Geschichte und dem Katechismus, welchen ich aber nicht mehr beiwohnte. Die Veranlassung war folgender Vorfall. Als ich eines Tags nach dem Mittagessen mit andern wie gewöhnlich in den Garten des SeminariumS gegangen war, kam ganz unvermnthct der Rectvr des Kollegiums, ?. Schaum bürg, mit dem Inspektor dahin, und redete sehr freundlich mit uns. Ging dann auf die Thür zu, welche in den anstoßenden Garten des Kollegiums führte; öffnete dieselbe mit dem Schlüssel; wandte sich nochmals um, und sagte zu mir: „Neuhauser, er ist aufgenommen!" WaS ich bei diesen Worten empfunden habe, bin ich nicht im Stande auszudrücken; eS war mir nicht anders, als hätte ich eine Stimme vom Himmel gehört. Ich sprang vor Freuden hoch auf. Dann bat ich um Erlaubniß, nach Hause reisen zu dürfen, um von meinen Verwandten und guten Freunden Abschied zu nehmen, Der ?. Inspektor riech mir, die mündlichen Prüfungen abzuwarten, weil mir ein Preis daraus zu Theil werden könnte. Allein da ich die Erfüllung meines Herzenswunsches erreicht hatte, waren mir die Preise ganz gleichgültig. Ich wiederHolle meine Bitte, und erhielt die Erlaubniß, nach Hause zu gehen, mit dem Auftrage , vor der Preisevertheilung nach Augsburg zurück zu kommen. Ich versprachs mit Freuden. Am folgenden Morgen trat ich die Reise an und ging nach Weilach, einem Dorfe unweit Schrobenhausen, wo meine Schwester mit einem sogenannten Gäumetzger verheiratet war. Da traf ich ganz unerwartet meine Mutter an, welche gekommen war, um meiner Schwester bei ihrer nahen Entbindung beizustehen. Mit Freuden erzählte ich ihnen mein Glück, fand aber wenig Theilnahme. Vielmehr waren beide darüber betrübt, weil sie nun keine Hilfe mehr von mir zu hoffen hatten. Ich sagte ihnen, daß ich dem Gnadcnrufe Gottes folgen müsse; ermähnte sie zum Vertrauen aus die väterliche Fürsehung Gottes, und schloß mit den Trostworten, daß Gott besser für sie sorgen könne und werde, als ich eS, wenn ich Weltpriester geworden wäre, würde haben thun können. Von Weilach ging ich nach einem wehmüthigen Abschiede in meinen Geburtsort, den Marktflecken Siegenburg, nicht weit von AbenSberg; verweilte da einige Tage, und reiste weiter nach Gcmpfing, unweit Rain, einer Hosmarkt des Klosters St. Walburg in Eichstätt, wo mein Herr Vetter Ulrich Richter war. Von da lehrte ich nach Augsburg zurück, wo ich am Vorabeude der Preisevertheilung eintraf. Mein Wunsch ging in Erfüllung: ich ward der erste aufs Theater gerufen, erhielt den Preis auS der Redekunst und dazu noch, wie schon vorher drei Jahre nacheinander, den Preis aus der griechischen Sprache. 110 Die ersten Tage nach der Preisevertheilung ging ich, wie andere arme Studenten, in die Klöster, und in die ansehnlichen Hänser der Stadt, zeigte meine Preise vor, und, ward überall beschenkt. Ich war so glücklich, ungefähr 3l) fl. zusammenzubringen, zahlte davon Schuster, Schneider u. s. w, und schickte den Rest meiner armen Mutter. Nur 1 fl. 30 kr. behielt ich für mich aus die Reise nach Landsberg zurück. Am Vorabend von Kreuzerhöhung mußten die aufgenommenen Candidaten im Collegium zu Landsberg, welches das Noviziathaus war, erscheinen. Hr. Kausmann Gaßer von Augsburg, dessen Sohn, mein Mitschüler, ebenfalls in den Orden aufgenommen war, erwies mir die Güte, mir einen Platz in seinem Wagen zu gönnen. Als ich Landsberg und das schöne Collegium, das am höchsten Platz der Stadt sich zeigte, von Ferne sah, hüpfte mir das Herz vor Freuden im Leibe. Dieß ist, dachte ich, meine Ruhestätte, da will ich bleiben! Außer der Stadt standen auf den Straßen, die nach Landsberg führten, Leute, welche die Candidaten bewillkommten, denselben Glück wünschten, und dafür ein Geschenk erwarteten. Ich theilte mit Freuden auS. Als der Wagen im Hofe deS Kollegiums ankam, hatte ich noch ZV kr, welche mich wie eine schwere Last drückten. Denn ich hatte den Stolz , ohne Heller und Psennig Jesuit zu werden. Sorgsam blickte ich nach allen Seiten hin, um Jemand zu entdecken, dem ich meine Last aufbürden könnte. Da sah ich einen Handlanger, winkte demselben, drückte ihm meine letzten Krenzer in die Hand und fühlte mich glücklicher, als der Empfänger sich fühlen konnte. Beim Eintritt in daS Collegium glaubte ich in den Himmel zu gehen, und hatte nichts mehr zu wünschen. Drei Tage lang wurden die Candidaten als Gäste behandelt. Jedem wurde sein besonderes Wohn- und Schlafzimmer angewiesen; jeder hatte einen Novizen vom vorhergehenden Jahre zur Bedienung, der ihn zur bestimmten Stunde aus dem Schlafe wecken, ihm Licht und Speise bringen mußte; denn Jeder aß auf seinem Zimmer, und unterhielt sich mit seinem Aufwärler. Am vierten Tage fingen die sogenannten achttägigen GeisteSübungen deS heil. Ordenstifters JgnaziuS an, welche mit Beten, Lesen, Betrachten zugebracht wurden. In diesen Tagen mußte sich jeder Candidat zur Beicht von seinem bisherigen Leben, und dadurch zur hl. Communion vorbereiten. Am Vorabende der hl. Communion brachte ein Laienbruder jedem Candidaten den schwarzen langen OrdenSrock sammt den Unterkleidern , weil alle in dem Ordenskleide bei der hl. Communion erscheinen mußten. Denn bei den Jesuiten war keine seierliche Einkleidung üblich; jeder zog seinen OrdenSrock selbst an; und wer bisher langes Haar getragen hatte, mußte sich dasselbe von einem Laienbruder, der Barbier war, abschneiden lassen. — Hier kann ich nicht umhin, zwei lustige Anekdoten zu erzählen, welche von der Menschenkenntniß und der guten Art zeigen, womit die Obern der Jesuiten ihre Untergebenen behandelten. Ein Candidat wollte sich seinen schönen Haarzopf nicht abschneiden lassen, und ein anderer wollte seine rothsamm nen Beinkleider beibehalten. Die Sache wurde dem Obern gemeldet, und dieser sagte, man solle jedem seinen Willen lassen. — Am Tag darauf gingen die Candidaten im Ordenskleide öffentlich in der Kirche zur hl. Communion. Da gab es ein Lächeln, Zischen und Murmeln. Der Candidat im Ordenskleide und dem Haarzopse darüber machte Aufsehen, nicht nur bei den andern Candidaten, sondern bei allen Leuten, welche ans der Stadt in die Kirche gekommen waren, um die neuen Candidaten daS erstemal im Ordenskleide zu sehen. Kaum war die Communion vorüber, eilte der Candidat, welcher empfand, daß er der Gegenstand des allgemeinen Aufsehens gewesen sey, zum Obern, und bat um die Erlaubniß, seinen Haarzopf ablegen zu dürfen. Der andere Candidat wurde an einem Werktage mit den übrigen in den Garten geschickt, um dort Obst zu pflücken, zu schütteln und aufzusammeln. Der Brnder Gärtner hatte vom Obern den Befehl, den Candidaten mit den rothen Beinkleidern die Leiter besteigen zu lassen. Die Untenstehenden sahen zum Baum hinauf, erblickten unter dem schwarzen Ordensrocke die rothsammtenen Beinkleider, und konnten sich nicht enthalten, laut zu lachen. DaS wirkte. Am Ende der Arbeitsstunde ging der Candivat !11 beschämt zum Obern, und bat denselben, seine rothsammtnen Beinkleider mit den kalbledernen des Ordens vertauschen zu dürfen. Hätte der Obere die Ablegung deS Haar- zopfeS und der rothen Beinkleider strenge gefordert, so würden vermuthlich beide Can- divaten zurückgetreten seyn, welche durch kluge Nachgiebigkeit dem Orden erhalten worden sind! Bühne und Kirche. Ueber dieses Thema schreibt (in der A. Z.) Baron Eckstein auS Paris: „Wie in gewissen Zonen der Gesellschaft alles sich in ein Börsengeschäft verkehrt, und welt- crschütternde Begebenheiten wie die höchsten oder tiefsten Erfindungen der Wissenschaft in unternehmenden Köpfen den Anstoß zu einem Actienplan geben, so wird hier in andern Kreisen jede Frage der Staatskunst und der schönen Künste, der Geschichte und des Sprachstudiums, kurz aller Thätigkeiten des menschlichen Geistes vor den Richter- stuhl der Theologie und auf das Gebiet des kirchlichen Lebens gezogen. Nach diesem Grundsatz und dieser Gewohnheit wurden anch die ethisch-ästhetischen Probleme, die aus Anlaß der jüngsten dramatischen PieiSvertheilung vor das Forum der öffentlichen Meinung kamen, im „Univers" von einem gewissen Leon Aubineau, einem der geistvollsten Adjutanten des genialen Veuillot, mit halb pedantischer, halb sarkastischer Krilik vorgenommen und über daS ganze Bühnenwesen, selbst über die trefflichsten Werke, die durch ihren Grundgedanken sowohl, als durch die Entwicklung desselben die Läuterung und den Aufschwung der Seele bezwecken, absprechend und schonungslos der Stab gebrochen. Ein großer, ja der größere Theil des französischen KleruS verdammt das Theater ohne Einschränkung, ohne die Vortheile, die es namentlich der Jugend bietet (? ?) , ohne den heilsamen Abbruch, den es durch seine Zugkraft und die von ihm veranlaßten Ausgaben schädlicheren und schändlicheren Vergnügungen thut, in Anschlag, ohne die nicht immer mißglückten Versuche, die Bühne von Unrath und Lüsternheit zu reinigen, in Rechnung zn bringen, als eine der gefährlichsten Fallen, die der Satan den schwachen Menschen gestellt, uud als einen sichern Weg zur Hölle. Die Jesuiten, die nie in dieses Anathem miteingestimmt, werden daher von vielen strengeren Geistlichen schief angesehen, und in mehreren, sogar bedeutenden Provinzstädten leidet (?) das Theater unter dem Verruf, mit dem die Seelsorger es belegen. Der Vormann und Leitstern dieser „Meinung" in der Kirche ist der große Bossuet, und ich bin weit entfernt zu verkenneil, mit welch hohem und unbestreitbarem Recht ter „Avler von Meanr" eine fast souveräne Herrschast über das gebildete katholische Frankreich übt; sein scharfer und tiefer Blick, die Eigenthümlichkeit und Energie seiner Sprache, die Entschiedenheit seines Charakters, die majestätische Würde seines Betragens, kurz sein Genius uud seine Persönlichkeit gesellen ihn den großartigsten, merkwürdigsten Gestalten der Geschichte zu — er ist Frankreichs Michel Angelo und Dante — und von den Gläubigen wie Ungläubigen wird er als Geist und Künstler in gleichem Maß bewundert; aber für Niemand ist er die höchste Stelle, und wo die Kirche sich nicht ausgesprochen, da ist sein Wort kein Glaubenssatz. Wenn ich nun sehe, daß über einen Punct wie die Vereinbarkeit der dramatischen Poesie uud des Theaterbe, suches mit den Lehren uud Pflichten des Christenthums bis jetzt von der wahrhaft höchsten Stelle kein unwiderruflich kauonifcher Entscheid ausgegangen ist, wenn ich im Gegentheil sehe, daß hochverehrte Kirchenlehrer der mildern Ansicht beipflichten, sehe, daß in dem Centrum der katholischen Welt, unter den Äugen des Papstes Schauspiel, Oper und Ballet, geduldet, ja beschützt sind, und der bedeutendste Orden der Kirche der härteren Meinung und Zucht in diesem Stücke beizutreten beharrlich verweigert, wenn ich dann das glühend katholische Spanien besuche und seinen heißen Glauben unter den blumigen Galanterien seiner Komödie nicht erstickt, im Gegentheil gerade zur Blüthezeit seiner Degen- und Mantelstücke am lebendigsten finde, und endlich mich daran erinnere, daß die französischen Bischöfe in den jüngsten Tagen den Künstlern und Künstlerinnen der Bühne eine versöhnliche Hand geboten, so fühl' ich mich einem » Bossuet gegenüber minder beengt, und trage ihm zu widersprechen keine Scheu mehr. Es mag das Alter ihn mürrisch gemacht haben, denn er war, als er seinen Bannfluchbrief gegen das Theater schrieb, dem Ende seiner Lausbahn ziemlich nahe. ES ist möglich, daß er, in seiner Jngend wie in seinem Mannesalter, verstohlen zärtlicher, zwar erfolgreich bekämpfter, aber darum nicht minder vorhandener Anwandlungen beschuldigt, die ihm verbotene Frucht, weil ihr Genuß ihm versagt war, als eine Giftpflanze verfluchte und verschrie. Auch mögen die Ausschweifungen, die schon damals auf der Pariser Bühne grassirten, ihn mißtrauisch gemacht, und ihm selbst für daS Gute, waS sie brachte, den richtigen Maßstab genommen haben. Bei alledem aber bleibt eS mir ausfallend, daß ein so großer Kirchenlehrer die Darstellung der menschlichen Schwäche, Verkehrtheit und Verderbnis) so ungestüm und ohne Rückhalt verdammte. Ich kann mir schwer erklären, wie es einem so ungemein scharfsinnigen Geist entgehen konnte, daß die Kirche im Allgemeinen und als Dogma nur daS von jeher lehrte, was die Bühne, wenn sie anders ihrem Beruf treu bleibt, im Kleinen und Einzelnen darstellt, die gefallene Menschheit. Wollte Bossuet folgerichtig seyn, so durfte er eS nicht dabei bewenden lassen, dagegen zu eifern, daß man die Nachtseite des Lebens in zerstreuten Bildern zeige, er mußte die Unterdrückung aller Rede von dem Daseyn deS Uebels verlangen, und die Quelle, auS der Komiker und Tragiker, Shakspeare und Moliöre, Kotzebue und Scribe schöpften, den Sündenfall unserer Ureltern, abzusperren anrathen. Die Mission in Aschaffenburg. AuS Aschaffenburg, 27. März, wird dem Volksboten hieiüber berichtet: „Heute sind'S gerad' fünfzig Jahre, seit die Jesuiten hier auS ihrem Kollegium entfernt und unter den Thränen der Bevölkerung in andere Klöster gebracht wurden. Und gerad' hent', nach einem halben Jahrhundert, haben die nämlichen Jesuiten hier einen Triumph gefeiert, wie kaum an einem andern Orte. Es war der Schluß der hl. Mission, die vor vierzehn Tagen begonnen, vvn Tag zu Tag größere Theilnahme fand und heute endete. Wer hätte auch der christlichen Liebe und der UeberzeugungSgabe dieser Männer, die vom Beichtstühle wie von der Kanzel unermüdlich für das, Heil der Seelen arbeiteten, wiederstehen können! Dieser letzte Tag zeigte insbesondere, wie nicht nur alle Vornrtheile geschwunden waren, sondern wie lieb Alle die Missionäre gewonnen hatten. Wohl an 19,l)l1l) Menschen mochten vor dem freien Platze vor der Stiftskirche versammelt seyn, als heute Haßlacher von der in Eile errichteten Kanzel die Rede hielt. Alles war zu Thränen gerührt, als er seinen Dank und sein Lebewohl aussprach. Gewiß, diese heil, Mission wird für unsere Stadt und tie ganze Umgehend von den heilsamsten Folgen seyn: denn mit ihr war offenbar der Segen deS Himmels. Das fühlen die Bewohner AschaffenburgS ohne Unterschied des Standes, und ich möchte sagen, ohne Unterschied der Konfession: denn auch nicht Ein Wort hat in allen Vorträgen je den vernünftigen Nichtkatholiken verletzend berühren können. Die Wahrheit, die reine katholische W«hrheit war daS ausschließliche Thema unserer Missionäre, und die Wahrheit dringt überall dnrch, wo die Herzen sich nicht gewaltsam verschließen. Um den ehrwürdigen Vätern den wohlverdienten Dank auszusprechen, begab sich deshalb heute eine Deputation der Bürger zu ihnen und überreichte ihnen im Namen der Bewohner der Stadt einen silbernen Kelch sammt Meß- kännchen, und jedem iin kleines Andenken für sein Kollegium. Mögen die frommen Priester darin und in andern Kundgebungen einen kleinen Beweis unseres Dankeö erkennen, ihr Andenken aber wird bei uns stets im Segen bleiben! Verantwortlicher Redacteur: L, Schönchen, Verlags - Inhaber: F. C. Krem er. Vrey-Hnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PostMtung. 10. April. ^ KS 1853. Diese« Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abouuementsprel« 4V kr., wofür e« durch alle königl. bayer- Postämter uud alle Buchhaudluuge» bezogen werden kaun. Rom. Allocution Sr. Heil, des Papstes Pins IX., gehalten im geheimen Konsistorium am 7. März. (Schluß.) Wir hegen nicht den mindesten Zweifel, daß ihr mit gleicher Erhebung und Freudigkeit anhören werdet, was Wir in Unserer apostolischen Fürsorge gethan haben, damit die katholische Kirche und ihre heilsame Lehre in der südamerikanischen Republik Costarica fortwährend an Wachsthum zunehme. Es ist keinem von euch unbekannt, wie große Fürsorge Wir für die in Südamerika bestehenden Kirchen tragen, mit welch unermüdlicher Sorgsalt und mit welchem Eifer Wir deren Bedürfnissen entgegenzukommen suchen und wie sehnlich Wir Alles aufzufinden wünschen, wodurch Wir jene Kirchen zn unterstützen und zu fördern vermögen. Mit freudiger Gemüthsbewegung haben Wir daher das Ansuchen Unseres geliebten Sohnes, deö berühmten und geehrten Mannes, Johann Raphacl Mora, gegenwärtigen Präsidenten der genannten Republik, entgegen genommen, in welchem er Uns nachdrücklichst angeht, die kirchlichen Angelegenheiten jenes Staates zn ordnen Da dieser Wunsch Unserem Begehren vollkommen zusagt, so haben Wir sogleich Hand ans Werk gelegt und Sr. Eminenz Unserem geliebten Sohne Giacomo Cardinal Antonelli den Auftrag ertheilt, daß er mit Unserm geliebten Sohne, dem hierzu bestimmten Marquis Fernando de Lorenzana, Gesandten jener Republik bei uns und diesem h. Stnhle, bezüglich der dortigen Angelegenheiten der Religion und Kirche, die Uns vor Allem ain Herzen liegt, verhandle. Demgemäß wurde nach vorgehenden Verhandlungen eine Convention abgeschlossen und von beiden Theilen unterschrieben, nachdem auf Unsern Befehl von einer besondern Cardinalcon- gregation die einzelnen Puncte oder Artikel dieser Convention reiflich erwogen und von uns ratificirt worden waren. Von allen den abgeschlossenen Puncten, ehrwürdige Brüder, werdet ihr genauere Kenntniß erhalten, da ein apostolisches Schreiben über diese Angelegenheit veröffentlicht werden wird. Einstweilen bedeuten Wir euch mit nicht geringer Freudigkeit, wie vor Allem Verwahrung eingelegt wurde, daß dort die katholische Religion alle Rechte frei und ungestört genießen solle, die sie nach ihrer göttlichen Institution und der Sanction der h. kanonischen Gesetze besitzt, so daß in allen Schulen jenes Staates die Unterrichtsweise mit der katholischen Doctrin vollkommen übereinstimmen mnß. Weiteres wurde festgesetzt, daß der ehrwürdige Bruder Bischof zu St. Jose und die andern Bischöfe, die fortan daselbst seyn können werden, falls nene Diöcesen errichtet werden, in den Obliegenheiten ihres HirtenamteS und in der Ausübung der eigenen Jurisdiction volle Freiheit haben, die Schulen überwachen und die theologischen Schulen, so wie alle andern, die heiligen Gegenstände berührenden Institutionen mit jeglicher Freiheit leiten und regieren sollen. Auch wurde bestimmt, .»My-tflv^. ntn?kk.ttM daß der Kirche und ihren geheiligten Dienern angemessene, anständige, völlig freie und sicher gestellte Einkünfte angewiesen werden und daß alle Gläubigen jenes Staates init diesem apostolischen Stuhle, dem Centrum katholischer Wahrheit und Einheit frei verkehren, auch daß fromme Körperschaften wieder daselbst nach ihren eigenen Normen und Institutionen verweilen können sollen; es wnrde auch der Kirche das ihr zustehende Recht sanctionirt und vindicirt, was immer für nutzbringende liegende Güter erwerben und besitzen zu können. Wir verwahrten UnS auch, daß mit allem Eifer die nöthigen Mittel herbeigeschafft würden, daß die Ungläubigen^ die in dem Gebiete jenes Staates leben und noch elender Weise in den Finsternissen und Schatten des Todes verharren, mittelst der Strahlen des evangelischen Lichtes erleuchtet und der Heerde Christi einverleibt würden. Sorglichst trachteten Wir, die kirchliche Disciplin dort mehr zu beleben, damit sie aufs genaueste auch in allen jenen Dingen beobachtet werde, von denen in der Convention keine Erwähnung gemacht wurde. Nach gehöriger Erwägung des Guten, das auö solcher Convention der katholischen Sache erwachsen muß und der Einkünfte, welche der Kirche und ihren geheiligten Dienern angewiesen wurden, haben Wir für angemessen erachtet, dem Präsidenten jenes Staates und dessen Nachfolgern im Amte das Ehrcnrccht zu verleihen, die Ernennungen zu den vacanten Bischofssitzen uud geistlichen Benefizien vorzunehmen. Alles dieses, welches Uns zur großen Tröstung bei den vielfachen, höchst beschwerlichen Sorgen Unseres Papstthums gereichte, mußte euch, ehrwürdige Brüder, mitgetheilt werden. Wir sind fest überzeugt, daß ihr mit gleicher Freudigkeit Alles vernommen habt, was von Uns zur größcrn Verherrlichung des göttlichen Wesens, zur Förderung und zum Gedeihen seiner heiligen Kirche und zum Heile der Seelen sowohl in dem blühenden Königreiche Holland und Brabant, als in der Republik Costarica vollführt und verübt wurde. Während UnS aber dieser Trost zu Theil wird, finden Wir keine Worte, um den herben Schmerz auszudrücken, der Uns Tag und Nacht quält, ob des grausamen und nie genug zu verabscheuenden Krieges, der in vielen andern großen Staaten die katholische Kirche quält und zerfleischt. In jenen Gegenden werden der unbefleckten Braut Christi täglich herbe Wunden geschlagen, wird der katholische Glaube und die katholische Doctrin bekämpft, mit Füßen getreten und die heiligen und kirchlichen Angelegenheiten mit allen erdenklichen Drangsalen und Beleidigungen bedrückt; Sittenverderbniß, verkehrte Ansichlen aller Art und Irrthümer herrschen daselbst. Darum, ehrwürdige Brüder, wollen Wir nie ermüden, mi- beständigen und inbrünstigen Gebeten Gott anzuflehen, und zu ihm zu beten, daß er iu seiner Huld UnS die nöthigen Kräfte verleihe und Unsere Sorgen, Bestrebungen und Rathschläge segnen wolle, damit Wir solche Anhäufung der Uebel abzuwenden im Staude seyn mögen. Unsere Aufmerksamkeit euerem berühmten Kollegium zuwendend, beschlossen Wir am heutigen Tage, Männer, die durch Geist, Frömmigkeit, Gelehrsamkeit und den Ruhm ihrer Thaten ausgezeichnet sind, euerem Kollegium einzuverleiben. Bevor Wir jevoch dies vornebmen, werden Wir zwei Cardinäle, die Wir in dem von Uns am 15. März v. Js. abgehaltenen Cousistvrium creirtcn und bis jetzt in petto reservirten, proclamiren. Der erste derselben ist der ehrwürdige Bruder Michael Male Prelü, Erzbischos von Karthago, der angescheu durch Reinheit des Lebenswandels, durch Würde und Milde, begabt mit ausgezeichneter Geisteskraft und Gelehrsamkeit, zuerst daS Amt eines apostolischen Nuntius am kgl. bayerischen Hofe in höchst anerkennens- werther Weise bekleidete und den gleichen Posten sodann am kcüserl. apostolischen Wiener Hofe seit mehreren Jahren in den bewegtesten Zeiten und unter den schwierigsten Verhältnissen mit Scharfsinn, Klugheit, Thätigkeit und Eiser für die katholische Kirche versah, so daß er sich um diesen apostolischen Stuhl besondere Verdienste nnv die allgemeine Hochschätzung mi! bestem Rechte erworben hat. Der zweite Cardinal, den Wir gleichzeitig proclamiren, ist der ehrwürdige Bruder Johannes Brunclli, Erzbischos von Thessalonich. Auch dieser ist dnrch Frömmigkeit und Sittenreinheit angesehen und ausgezeichnet durch Gelehrsamkeit in heiligen Doc- tn'nen; er hat in rühmlichster Weise und zum großen Nutzen seiner Zuhörer in Rom kanonische Rechtswissenschaft gelehrt >md ferner sehr viele mühsame Arbeiten sür den apostolischen Stuhl verrichtet, als er die Aemter eines SccretärS der Cvngregation für außerordentliche kirchliche Angelegenheiten und Verbreitung des christlichen GlanbcnS, ferner das Amt Unseres Nnntinö bei der katholischen Königin von Spanien bekleidete; er hat dabei so unermüdliche und eifrige Thätigkeit für den apostolischen Stuhl beur- kuudet, daß Wir der Ansicht waren, ihn mit Verleihung der Cardinalswürde belohnen zu sollen. Außer der Proclamirung der geuanntcn Cardinäle creiren Wir im heutigen Consistorium »och sechs andere Cardinäle. Einer derselben ist der ehrwürdige Brnder Johann ScitowSki, Erzbischof von Gran ; ausgezeichnet durch hervorragende Frömmig» keir und andere vorzügliche Eigenschaften des Geistes wurde er vom Fünfkirchner BiS- thume bis zum Graner ErzbiSlhume erhoben und hat sich durch die dem Bischöfe vorzugsweise zustehenden Tugenden stets so hervorgethan, daß ihn Unser geliebtester Sohn in Christo, Franz Joseph, Kaiser von Oesterreich, UnS besonders empfahl und von UnS verlangte, daß Wir ihn zum Cardinal ernennen sollen. Demgemäß einverleiben Wir den durch seine Verdienste hochberühmten und vor UnS mit einer solchen Empfehlung von so bedeutendem Gewichte gezierten Mann bereitwilligst eurem Kollegium. Wir erfreuen uns auch mit der Ehre des Cardinalats noch einen andern ehrwürdigen Bruder zieren zu können. Es ist dies der ehrwürdige Bruder Franz NicolaS Morlot, Erzbischof von TourS, der angesehen durch ausgezeichnete Religiosität, Ehrerbietung und Treue gegen diesen apostolischen Stuhl, vom BiSthum zu Orleans zur Regierung der erzbischöflichen Kirche von TourS berufen wnrde und mit so viel Sorge, Fleiß, Emsigkeit alle Amtspflichten zu erfüllen und sich um die katholische Kirche verdient zu machen bemüht war, daß Wir ihn sür überaus würdig erachten, euerem Kollegium einzuverleiben. Indem Wir dies thun, sind Wir überzeugt, eine Unserm geliebtesten Sohne in Christo, Napoleon, Kaiser der Franzosen, sehr angenehme Handlung zu verrichten, da er dies dringlichst von Uns verlangt hat. Zu diesen fügen Wir den ehrwürdigen Bruder Giusto Recanati, Bischof von Tripoli in psrt. insicl. in Kleinasien hinzu; schon in früher Jugendzeit trat er in den Orden der Capuziner ein, zeichnete sich durch Eifer in der Ordensregel, durch Bescheidenheit und alle Tugenden, welche das Mitglied eines geistlichen Ordens zieren, so wie durch groß: Gelehrsamkeit im philosophischen und theologischen Wissen besonders aus, stand dem Kollegium jenes Ordens sür sremde Missionen eifrigst vor, admini- strirte die Diöcese von Sinigaglia in kluger, umsichtiger Weise uud hat sich UnS und dem apostolischen Stuhle in den schwierigsten Geschäften so eifrig und thätig erwiesen, daß Wir der Ansicht sind, ihn znr Cardinalswürde zu erheben. Dieselbe Würde verleihen Wir Unserm geliebten Sohne Domenico Savelli, der im Amte eines apostolischen Delegaten mehreren Provinzen Unseres Staates vorstand, dann unter die Kleriker der apostolischen Kammer aufgenommen wurde und als Gouverneur dieser Unserer lieben Stadt und als sodann resignirter Vicekämmerer in allen diesen Aemtern seine Rechtschaffenheit, Klugheit, Einsicht und Geschicklkchkeit dermaßen beurkundete, daß Wir ihn ebenfalls zu eurem Collegen machen wollen. Sehr angenehm wird es euch seyn, zu vernehmen, daß Wir in euren berühmten Orden auch den geliebten Sohn ProSpero Caterini aufnehmen, dessen Reinheit des Lebenswandels, Religiosität, Frömmigkeit, Geistesreichthum und Gelehrsamkeit euch bekannt ist, da er die schwierigen Aemter eines SecretärS der Studiencommission, eirieS DecanS der apostolischen Pronotare, eines Beisitzers des JnquisitionS-Tribunals:c. in dieser Stadt rühmlichst bekleidete. Wir glauben, daß ihr auch die Ausnahme noch eines andern angesehenen Mannes in euer Kollegium beifälligst begrüßen werdet. Es ist dies der geliebte Sohn Vincenz Santucci, der, wie ihr wißt, mit ausgezeichneten Eigenschaften des Geistes und Gemüthes geziert, rühmlichst wegen seiner Religiosität und Frömmigkeit bekannt, 116 in den heiligen Doctrinen besonders gelehrt ist, in den schwierigsten Zeiten in der Verwaltung der ernstesten, wichtigsten öffentlichen Angelegenheiten als Stellvertreter deS Cardinal-StaatsseeretärS emsige und nützliche Dienste leistete und mit so viel Klugheit, Umsicht und Scharfsinn das mühsame Amt eines Secretärs der Kongregation für außerordentliche kirchliche Angelegenheiten bekleidete, daß Wir der Ansicht sind, ihn mit dem geheiligten Purpur zu ehren. Diese sind die ausgezeichneten Männer, welche Wir in eueren berühmten Orden aufzunehmen der Ansicht sind. Was ist eure Meinung hierüber? Kraft der Autorität des allmächtigen Gottes, der Autorität der heiligen Apostel Petrus und Paulus uud Kraft Unserer Autorität erklären Wir als Cardinalpricster: Michael Viale Prelü, Erzbischof von Karthago; Johannes Brunelli, Erz- bischof von Thessalonich. Als Cardinalprkester creiren Wir überdies: Johann ScitowSki, Elzbischof von Gran; Franz Nicolas Morlot, Erzbischof von TourS; Giusto Recauati, Erzbischof von Tripolis. AIS Cardinaldiakone- Domenico Savelli, Prospero Caterini, Vincenzo Santncci, unter den nöthigen und angemessenen DiSpensationen, Beschränkungen und Klauseln. Im Namen des Vaters -j- des Sohnes f und des heil. Geistes, f Amen." S»!«M'z»,<,H »«littV.sü'iSli««?^ N' j ts» KV ,.n,nM ux ulmis ?,aül^ u'^ili»?/ Ostindien. Schreiben der Fräulein Aloisia Pisani aus dem Institute der englischen Fräulein. Chi ttagong Kloster Bethlehem, am Feste des hl, Stcphanus 18SL. Geliebteste, theuerste Mutter! Nun ist überstanden die 123tägige Schifffahrt mit allem, was sie im Gefolge hatte. Gottl großer Gott wir loben Dich, wir danken Dir mit tiefbewegter Seele, daß Du Deine hl. Engel uns zu Hilfe und zum Schutze gegeben hast, und uns wohlbehalten, gesund und frohen Muthes an unsern neuen Bestimmungsort geführt hast. Ja, liebe Mutter I danken Sie mit uns, Ihre Kinder haben glücklich Chittagong erreicht. Ehe ich Ihnen aber unsere Ankunft ausführlicher beschreibe, will ich Ihnen den ordentlichen Gang unserer Geschichte erzählen, und von unserer Abreise in Kalkutta beginnen. Am 6, Der. verließen wir nach einem 15tägigen Aufenthalt daselbst Calcutta, nachdem wir von Hrn. Spenze, der uns während der Zeit viele Gastfreundschaft bewies uud uns auch noch, wie dergleichen mehrere Damen nachahmten, mit allerlei Mundvorrath auf die Reise und sonstigen Effecten versah, Abschied genommen. Unser hochw. Hr. Bischof begleitete uns. Nun nahmen uns zwei Boote aus. Der hochw. Hr. Bischof, wie immer sich selbst vergessend, überließ uns dreien das größere und bequemere und wählte für sich und seine zwei Priester vas kleinere, und nun ging eS, wie gewöhnlich auf unserer Reise, Chittagong zu. Ich will Ihnen nun auch unsere Küche beschreiben. Der hochw. Hr. Bischos nahm nun von Calcutta einen Koch und einen Bedienten mit, nebst allem nöthigen Küchen- und Tafelgeräthe, Nun aber, als wir das Erstemal zu Tische saßen, bemerkten wir, daß die Gabeln vergessen wurden. Da hatte die ganze Reisegesellschaft denn nur eine, nämlich die große Transchiergabel , die vom hochw. Hrn. Bischof angefangen immer von Hand zu Hand ging. Unser Frühstück bestand in einem gebratenen Huhu, Reis und einer Tasse schwarzen CaftS mit Butter und Bisquit. Abends 4 Uhr das Diner mit einem Huhn und Reis, und um 7 Uhr Thee mit Butter. Am sechsten Tage unserer Reise befiel mich ein Fieber, das mich an das Bett sesselte. Der hochw. Hr. Bischof bewies mir wieder alle Liebe und ging in seiner Sorgfalt so weit, daß, als wir am dritten Tag unserer Reise in Barrisal landeten, er einen Arzt zu Rathe zog. Wir stiegen ans Land und M gingen zum Pfarrhaus. Aber welch ein Pfarrhos! von Stroh, ganz ärmlich, aber doch nett und geräumig. ES befindet sich eine kleine HanSkapelle darin, in welcher der hochw. Hr. Bischof die hl. Messe las. Den Priester dieses OrtS lrafcn wir ganz elend und fieberkrank an. Eben hatte er das Fieber und es schüttelte und rüttelte ihn gewaltig. Der hochw, Hr. Bischof, welcher Sorgfalt für alle seine Schafe trägt, nahm ihn zur Erholung mit sich, und ließ einen von den ihn begleitenden Priestern an dessen Stelle zurück. Des andern TageS um 12 Uhr setzten wir unsere Reise wieder fort, und erreichten Sonntag den 19. Dec. Morgens 6 Uhr glücklich nnsein Bestimmungsort Chittagong nach beinahe 1-ttägigcr Fahrt. Ich darf nicht vergessen, daß am Schlüsse unserer langen, aber glücklich gesegneten Reise der hochw. Hr. Bischof ein feierliches?e veum anstimmte, das mir fröhlicher Heller Stimme vom Chor abgesungen wurde. Ich lag auf meinem Bette und stimmte mit vollem Herzen in diesen Jubelgesang ein. Kaum 100 Schritte vom Fluße ewsernt ist daS glückliche Asyl, das uns aufnehmen sollte. Wir gingen raschen Schrittes auf selbes zu, und ich wußte nun nichrs mehr von Unwohlseyir, da wir nun wieder auf festem Boden waren. Wenige Minuten und wir standen an der Klosterpforte, die sich alsbald öffnete und an dessen Schwelle uns schon Frau Oberin und die ganze Gemeinde (freilich sind eö nur drei Personen) mit herzlicher Umarmung empfing. Um den Eintritt in eine neue Lebensperiode ist es immer etwas Eigenes, ein Moment, der uncrklärbare Gefühle erregt. So War es auch mir. Mit klopfendem Herzen uud doch beseelt vou einem Seligkeitsgefühl, betrat ich daö Klösterlein, Bethlehem genannt. Hier ist der Ort meiner Ruhe, hier will ich wohnen ewiglich, sagte ich mit dem königlichen Propheten. Der Eindruck, den daS kleine Klösterlein und seine Bewohnerinen ans mich machten, war ein günstiger. Ich will Ihnen nun Alles näher beschreiben. Die Bauart deS Klosters sieht einem europäischen Landhause gleich, hat ein Stockwerk und drei Thore. Im ganzen Hause sind sieben Zimmer, vier zu ebener Erde und drei im ersten Stock. Unten in der Mitte des Hauses die ganze Breite hindurch befindet sich das Sprechzimmer, auf der einen Seite zwei Schulzimmer, auf der andern daö Refectorium. Nun besehen Sie unsere Zellen. Es ist eine zwölf Schuh lang und acht Schuh breit (nach meinem Schuh gemessen). Hier ist an der Wand eine alte silbergranc Bettstatt mit einer Matratze, Polster und einer wollenen Decke. Neben dem Ruhelager steht ein kleiner alter Strohsessel. Auf der audern Seite befindet sich ein kleines Tischlein, welches mir das Christkindlcin brachte, auf dem das Waschbecken steht. An dem Vorgang hängt mein Reisesack, welcher die Stelle eines Commods vertritt, daneben das kleine Täfelchen, des Prager Kindleins, das ich mitgenommen habe mit einem zerbrochenen Glas. Nun haben Sie Alles gesehen. Gehen Sie hinter den zweiten Vorhang, da finden Sie Schw. Josephine und hinter dem dritten Schw. Aloisia (so nennt man sich hier). Alle Zellen sind gleich eingerichtet, überall dieselbe Armuth, — dieselbe Einfachheit. Darf ich Sie fragen, wie Ihnen unsere Zellen gefallen? Ohne Zweifel recht gut. Aber auch ihre Bewohnerinen fühlen sich ganz glücklich und zu- friedeu, in ihrer Armuth sich freuend, dem Kindlein in Bethlehem etwas ähnlich zu seyn. Ja wir sind arm, recht arm. DaS Kloster hat keinen Kreuzer Foud noch Einnahme. Zöglinge haben wir nur vier, wovon der Betrag monatlich ein paar Gulden ausmacht. Dieß und das Almosen, welches gutherzige Damen von hier und Calcutta uus spenden, ist das Einkommen, wovon wir leben. Daß der hochw. Herr Bischof mit seinen Klosterfrauen die Last trägt, versteht sich von selbst. Er thut aber auch waö er kann. Er kaufte die Matratzen in Ealcntta und allerlei Sachen, welche die Gemeinde nöthig hatte. Allein die göttliche Vorsehung ist eine reiche Vorrathskammer ; hat sie ihre drei Bräute bisher versorgt, wird sie auch sechs nicht verhungern . lassen. Das ist wirklich meine geringste Sorge. Unsere Frau Oberm ist eine aeborne Indianerin, 24 Jahre alt und die gesündeste von den dreien, denn die zwei Schwestern sind immer leidend und kränklich. O die guten Schwestern, sie beginnen zu erliegen unter der Last der Beschwerden! Doch es soll ihnen erleichtert werden, und sie nun manche Ruhestunde genießen können, weil europäische Schwestern sie nach Kräf- 118 ten unterstützen wollen. Ja, an Arbeiten wird es nicht fehlen, und auch ich, obgleich untauglich zu allem, werde vollauf beschäftigt werden. Bei 34 arme Waisenkinder sind im Kloster, die erzogen und unterrichtet werden. Der hochw. Generalvicar, p. Storch mit Namen, ein Benedictiner-Mönch und aus Oesterreich gebürtig, ist unser Beichtvater. Er ist seit zwanzig Jahren hier, und der einzige Priester der Stadt Chittagong, die doch 2000 Katholiken zählt. Daß eS da viel zu thun gibt, ist leicht zu denken. Nun komme ich auf 1>ie Kirche zu sprechen. Diese ist 50 bis b0 Fuß vom Kloster entfernt, zu welcher ein gedeckter Gang führt; sie ist groß, hat aber nur einen Altar, und die ganze Zierde desselben verräth große Armuth. Jetzt einige Worte über daS hohe WeihnachtSsest. Vom 19, Dec., dem Tage unserer Ankunft, bis zum hl. Christabend ward vom hochw. Hrn. Bischof eine feierliche Novene abgehalten. DeS Morgens war täglich ein Amt mit Predigt, Abends Litanei, abermals mit Predigt. Jedesmal predigte der hochw. Hr. Bischof selbst, mit einem Feuereifer, der mich entzückte, mir schade, daß ich nichts davon verstand. Nun kam der hl. Abend. Um Mitternacht wurden drei Kanonen gelöst und verkündeten die hl. Stunde. Die Kirche war ganz hell beleuchtet. Es trat die seierliche Processiou zum Altare, und der hochw. Bischof mit Jnful uud Stab. Es folgte ein feierliches Poutifical-Amt.. Es ertönten zwar keine Trompeten- und Orgelklänge, eS rauschte keine lärmende Musik, aber alles, waS man hört und sieht, spricht in seiner Einfachheit tief zu Gemüth. Hier war eS, wo nun vermuthlich zum erstenmal ein deutsches Lied ertönte, es war nämlich nach der hl. Wandlung, wo Schwester Aloisia und Josephine mit lauter, kräftiger Stimme das schöne Lied „Laßt uns das Christkindlein preisen" sangen. O wie hat daö ?. Storch erfreut. Er will auf das neue Jahr wieder eines hören. Am Weih- nachtSmorgen selbst hatten wir wieder Amt und Predigt und verweilten in der Kirche bis 11 Uhr. WaS scll ich Jhucu dann noch'erzählen? Nnn eS fällt mir so eben ein, daß wir gegenwärtig Ferien haben, sie dauern aber nur vierzehn Tage. Für daS nächste Schuljahr hoffen wir mehrere Zöglinge; denn es ist überall bekannt geworden, daß europäische Klosterfrauen angekommen sind. Es ist möglich, daß ich zu den Waisenkindern komme, der hochw. Hr. Bischof sagte es einigemal im Spaß. Dieß wäre eine tüchtige aber süße Arbeit, in diesen armen Waislein, die schwarz und arm aussehen, dem Jcsnkindlein zu dienen. Da diese Kinder ganz vom Kloster verpflegt werden, hier essen nnd schlafen, so kann man sich denken, waS dieß für eine Aufgabe für drei arme Klosterfrauen ist. Der guten Frau Oberin machte die Sorge um ihre armen Kinder gewiß schon oft recht warm. Am Christabende ließ der hochw, Hr. Bischof der Frau Oberin sagen, sie soll ja sorgen, daß am Christfeste die armen Kinder auch etwas GuteS, Kuchen, oder dgl. zu Tische bekommen, wenn sie auch nichts hat, sie dürfe die Rechnung ihm schicken, er wird Alles bezahlen. Er schickte auch unS während seines Aufenthaltes immer etwas von seinem Tische, einmal Brod, Fleisch, Wein :c. Nuu haben wir aber nicht mehr lange die Frende, ihn bei unS zu haben. Am 7. Jannar reist er ab. Ein Abschied, der uns heiße Thränen kosten wird. Wir haben ihn auf der langen Reise täglich mehr achten und hochschätzen gelernt, er war mehr als väterlich für unS besorgt. Sollen wir nicht diesem unsern väterlichen Oberhirten Freude zn machen suchen! O ja, daS wollen wir, nnd jede von uns hat vor dem Eintritt in das neue Kloster deu Vorsatz gefaßt, mit der Gnade GottcS, in der neue» Welt, in der neuen Gemeinde, und in einem neuen Kleide ein ganz neues Leben zu führen, fest vertrauend, daß unS der liebe Gott beiftehcn wird. Und nun, liebe Mutter! habe ich Ihnen viel Erfreuliches mitgetheilt, eS bleibt nur der Wunsch, daß Sie und unsere lieben Mitschwestern unS dem lieben Gott danken helfen, daß Er an den Gefäßen seiner Barmherzigkeit die Reichthümer geoffenbart hat. Nicht wahr, liebe Mntter! Sie lassen ein Dankamt am Herz Maria Altare halten, und hicmit wäre der Bittliranei der Anfang gemacht. Denken Sie sich in Bethlehem, und nicht einmal eine Krippe, kein Christkindlein im ganzen Hanse, kein Christus, kein Bild, nichts, gar nichts. — Es sey dieß, liebe Mutter, aber keine Klage, sondern nur erzählen wollte ich Ihnen, wie es aussieht bei 119 unS, und was wir brauchen könnten, wenn vielleicht auch mitleidige Seelen sich erkundigen und etwas Gutes thun wollten, wozu es freilich in Europa Gelegenheit genug gäbe. Man gibt es ja überall'dem Herrn auf Zinsen. An alle lieben Mitschwestern tausend herzliche Grüße, ich will für selbe noch einige Zeilen schreiben, wenn eS noch seyn kann, Sie sollen beten für uns, wir bedürfen es sehr. Der Beruf zur Mission fordert ein abgetödteteS, ganz hingeopferteö Leben. Die Eigenliebe hat auch unter dem indischen Himmel so gut ein zäheS Leben, wie unter dem europäischen. Wir sind ganz glücklich und zufrieden in unserm Bethlehem, keine hat es bereut, diesen Schritt gemacht zu haben, und ganz natürlich, was man Gott opfert, darf Einen nicht reuen Und nun seyen Sie uns, unvergeßliche Mutter! noch tausend und tausendmal gegrüßt. Dank, tausend Dank für Ihre Liebe, Sorgfalt nnd Treue. Ihre indischen Kinder erheben im brünstigen Gebete ihre Hände und Herzen zum Himmel, Heil und Segen für Zeit und Ewigkeit Ihnen und dem theuren Mutterhause zu erflehen, und lassen eS ihre Sorge seyn, durch ein wahrhaft Gott geweihtes Leben Gottes Ehre zu befördern, der Kirche zu nützen, und Ihnen Freude zu machen. Dazu erbitten wir uns Ihren mütterlichen Segen, Ihr und der Ihrigen fortgesetztes, eifriges Gebet zu den süßen Herzen Jesu und Maria. Schwester Aloisia und Josephine küssen Ihnen dankbar die Hand. Wir Alle grüßen und umarmen im Geiste die liebe Schwestergemeinde, ihr dankend für Alles. Wir bleiben im Herzen Jesu liebend vereint, bis wir uns im Himmel wieder finden. Ihre dankbare geistliche Tochter Maria Augustina, 2. St. M. Cardinal Fürfi-Erzbischof von Olmütz. Olmütz, 2. April. Maximilian Joseph, Erzbischof von Olmütz, Cardinal der heiligen römischen Kirche, Herzog, Fürst, römischer- und der königlich böhmischen Capelle Graf, auö dem Hause der Freiherren v. Sc.nerau-Beekh, Doctor der Theologie, Großkreuz des königlich ungarische» St. Stephans- und des kaiserlich österreichischen Levpoldordens, Ritter des kaiserlich russischen weißen und des königlich preußischen rothen Avlerordens erster Classe, Inhaber des goldenen Militär-EhrenkreuzeS pro piis m«riti8, Sr> k. k. apostolischen Majestät wirklicher geheimer Rath, wirkliches Mitglied des theologischen DoctorencolleginmS der k. k. Universität zu Prag, der k. k. Landwirthschaftsgesellschast und der Gartenbaugesellschaft zu Wie», Mitgn'inver deS dortigen Vereins zur Beförderung und Verbreitung echter Kirchenmusik, wie auch deö Vereins der Kunstfreunde für Kirchenmusik in Böhmen, Ehrenmitglied der k. k. mäh- risch-schlesischen Gesellschaft zur Beförderung des Ackerbaues, der Natur- und Landeskunde, der kais. russ, Laudwirthschaftsgesellschast zu Moskau, der kais. österr, Akademie der vereinigten bildenden Künste und des Museums b>gnci5vo-Lk>roImum für Oesterreich ob der Enns und Salzburg, dann Protektor des Olmützer MusikvereinS, wie auch der Olmützer Kleinkmderbewahranstalt, dann deS mährisch-schlesischen Schutzver- einS für aus Straf- und NerwahrungSorlen entlassene Personen Mitglied, war einer jener seltenen Männer, welche das Schwert und den Hirtenstab vereint zum Wohle des Vaterlandes und zum Heile der Kirche mit gleicher Würde getragen. Geboren zu Wien am 2t. Dec. 1769, betrat er in seinem Jugendalter die militärische Laufbahn und bekleidete die OfficierScharge. In seinem vierundzwanzigsten Lebensjahre verließ er jedoch diesen von ihm mit Ehren versehenen Stand und trat als Zögling in das Wiener fürsterzbischöfliche Seminar, als welcher er am 10. Sept. 1797 zum Priester ordinirt wurde. AlS neugeweihter Priester wurde er auf der landesfürstlichen Pfarrei znm hl. Martin in Pillichsdors angestellt, kam sodann in die Wiener Vorstadtpsarrei zum hl, Florian in Matzleinödorf und endlich zu den heiligen Schutzengeln auf der Mieden. Im Jahre 1808 wuroe er Feldprediger und zeichnete sich in dieser Eigenschaft im vorzüglichen Maaße aus, Wege» welcher Verdienste er auch das goldene Militur-Ehrenkreuz pro piis meritis erhielt. Im folgenden Jahre wurde Freiherr v. Somerau auf die Wiener Vorstadtpsarrei zu St. Leopold in der Leopoldstadt befördert. Ä 120 Im Jahre 1812 wurde er zum Dom- und Capi'tiilarherrii deS ehrwürdigen getreuen Metrvpolitancapitels in Olmütz ernannt nnd als solcher installirt. In dieser Eigenschaft wirkte er bei verschiedenen Fnnctioncn in unserer Stadt mit solcher Auszeichnung, daß er sich die Liebe und das Vertrauen Aller erwarb; namentlich wirkte er als Probst zu Sanct Mauriz zur Zeit der Cholera in ausgezeichneter Weise. Er selbst eilte in die Wohnungen der Kranken und spendete Trost und Hilfe, wo er nur konnte, ohne die Gefahr zu scheuen. Alle diese trefflichen Eigenschaften bewirkten, daß er bei der Erledigung des Olmützer Erzbisthums durch deu Tod des Metropoliten Grafen Chotek am 2t. Nov. 1836 durch kanonische Wahl auf den erzbischöflichen Stuhl der Olmützer Erzdiöcese berufen wurde. In dieser bohen Stellung war er würdiger hoher Priester uud eifriger Patriot, und als Se. Majestät der Kaiser von Oesterreich in jenen bedenklichen Zeiten in unserer Stadt Allerhöchster Hoflager aufschlugen , zeichnete er sich durch seine Liebe und Anhänglichkeit an das allerhöchste Kaiserhaus in hohem Maße ans, und die vielen Zeichen allerhöchster Huld, welche die Brust deS hohen Verstorbenen zierten, beweisen dieß zur Genüge. Die höchste Dignität erlangte der würdevolle Metropolit, als er am 30 Sept. 1850 zum Cardinal der hl. römischen Kirche ernannt wurde. Ein länger anhaltendes Unwohlsein, welches Se. Em, bereis zu Anfang deS heurigen Jahres an den höhern kirchlichen Funktionen hinderte, hatte in der verflossenen Charwoche einen ernstlichen und bedenklichen Charakter angenommen, bis am 31. März um 6^ Uhr Nachmittags der Tod Sr. Em. dnrch Lnngenlähmung erfolgte. Noch in der letztwilligen Anordnung hat Se. Em. seine Liebe uud seinen WohlthätigkeilSsinn bewährt; er hat für mehrere seiner Beamten und Diener sehr anschliche Vermächtnisse ausgesetzt, und die Armen-Institute von Olmütz und Kremsier mit Legaten von je 36,000 fl. bedacht, welches erstere der hohe Verstorbene auch selbst begründete. Der Leichnam Sr. Ein. wird in einer von ihm eigens erbauten Gruft in der Manrizkirche begraben werden, dagegen sein Herz in der hiesigen Metropolitankirche beigesetzt. (W. Ll.) Ein christlicher Philosoph. Einige schöne Züge von Almosengebern erzählt Beda Weber in „das Thal Passeicr und seine Bewohner." Innsbruck 1822, S. 218: „Ein armer Krachsenträger halte sich durch lebenslange Arbeit einige hundert Gulden erspart, und lag sterbend auf einem fast verfaulten Bette. Man machte ihn aufmerksam, daß er sich mit seinem Gelde wohl ein besseres anschaffen konnte. „Ja, das könnt' ich, wenn ich ein Narr wäre", sagte er lächelnd, „meine blutarmen Verwandten sollen sich eines anschaffen, für mich ist es zu spät, ich bin nichts als Stroh gewohnt." Man muthete ihm an, Fleischsuppe kaufen zu lasse». Er weigerte sich dessen, weil eS ihm doch nichts helfe gegen den Tod und das letzte Gericht, er habe mit der Mchlsnppe gelebt, nnd wolle mit ihr anch sterben. Auf die Anregung eines schriftlichen Vermächtnisses erwiederte er lebhast: „Sie verschreiben beim Landgerichte ohnehin Papier genng. Ich verlasse mich auf den Kaiser, der läßt es gewiß in keinen falschen Sack fallen." Sein zurückgelassenes Vermögen von 500 fl. machte eine arme Familie im Gebirge ganz glücklich." - Bassenhein». Vassenheim, 11. März. Von der opferwilligen Begeisterung der frommen Vorzeit angeregt und sich so dem rheinischen Adel würdig anschließend, hat der Hr. Graf v. Waldbott-Bassenheim nngeachtet dessen, daß er erst kürzlich der hiesigen Gemeinde einen Pachtnachlaß von 900 Thlrn. gewährte, außer dem benöthigten Bauholze auch noch 500 Thlr. in Gold zur Instandsetzung der Waldcapelle auf dem Karmelenberge angewiesen, damit dieses im schönsten ilalienischen Baustyle erbaute Gotteshaus, welches trotz seiner stillen und erhabenen Einsamkeit einst das Ziel und der Andachtsborn unübersehbarer Pil- gcrschaaren war und auö dessen geweihten Mauern noch jetzt eine heilige Ruhe sich über den ganzen Berg verbreitet, in seiner ursprünglichen Pracht wieder hergestellt uud dem Gottesdienst geöffnet werden soll. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags - Inhaber: F. C. Krem er. Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojtzeitung. 17. April. ^ K« l853. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis TV kr., wofür e« durch alle köuigl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werde» kauo. 5 Btneeuz Eduard Milde, weiland Fürst-Erzbischof von Wien. Am 14. März um die siebente Morgenstunde rief die Niesenglocke vom St. Stephansdome eine große Trauerpost hinaus in den weiten Umkreis der Erzdicöese Wien. Vincenz Eduard, ihr greiser Oberhirt, hatte an diesem Morgen daö Zeitliche gesegnet, und war eingegangen sanft und in Gottes Nathschluß ergeben — „in das HauS seiner Ewigkeit." Ein Lungcnübel, an welchem der hohe Verblichene Jahre lang gelitten und welches schon mehrmals in früherer Zeit sein Leben gefährlich bedrohte , hatte demselben dieseSmal ein unerwartet schnelles Ende gemacht. In ihm Wurde eine außergewöhnliche und beachtenSwerthe Persönlichkeit zu Grabe getragen. Vincenz Eduard Milde, Fürst-Erzbischof von Wien, I)r. der Theologie, Großkreuz und Prälat des k. k. österreichischen Leopoldordens, Präses der Leopoldinen-Stif- tung für die nordamerikanischen Missionen, Protektor des Priester-Defizienteninstitnteö in Wien zc. :c,, wurde am 11. Mai 1777 zu Brunn von bürgerlichen Eltern geboren. Nach zurückgelegten Gymnasial-Studien zu Brünn hörte er die Philosophie theils in Wien theils in Olmütz. An letzterem Orte verlegte er sich vorzüglich auf Mathematik und Physik und zwar mit so ausgezeichnetem Erfolge, daß der in Mähren comman- dirende Feldmarschall Marqnis Botta auf ihn aufmerksam wurde und ihm sehr annehmbare Versprechungen machte, wenn er in die Wiener Ingenieur-Akademie eintreten wollte. Aber weder diese Versprechungen, noch der Unwille seines Stiefvaters, der seinen Entschluß, in den geistlichen Stand zu treten, mißbilligte, konnten ihn hierin irre machen, da er schon von Jugend aus Neigung zum Priesterstande gefaßt hatte. Er wählte die Wiener Erzdiöcese; und krank, unbekannt, ohne Unterstützung und Empfehlung, blos mit seinen Schulzeugnissen versehen, bat er um Ausnahme in das Wiener Klerikal-Seminar und erhielt sie. Ohne die übrigen Zweige deS theologischen Studiums zu vernachlässigen, wio- mete er sich doch ganz besonders der biblischen Literatur und den orientalischen Sprachen, weil er den Wunsch und die Hoffnung nährte, einst Professor deö neuen Bundes zu werden. Sein ohnehin schwächlicher Körper konnte sich während dieser Zeit nicht consolidiren, da er in diesen Jahreu sich zu sehr anstrengte, und hierin mag wohl auch ein Grund seiner bleibenden körperlichen Schwäche liegen, die ihn in den spätern Jahren so oft überfiel uuv in seiner sonst so regen Thätigkeit hinderte. Nach empfangener Priesterweihe 1800 wurde M. zum Cooperator bei den neun Chören der Engel am Hof, und 1802 zum Katecheten an der Normal-Hauptschule bei St. Anna und im k. k. Civil-Mädchenpensionate bestimmt. 1804 erhielt er den Auftrag, das an der Real-Akadem ieneu errichtete Lehramt eines Religionslehrers zn übernehmen. — Treue und Eifer in Erfüllung seiner Pflichten führte ihn zu immer wichtigern Aemtern , und so erhielt M. nebst dem ehrenvollen Range eines Hofcaplanö die neu er- 122 richtete Professur der Erziehungskunde an der Wiener Universität und lehrte zugleich die Katechetik und Methodik für Theologen — von 1805 bis 1810. Seine zerrüttete Gesundheit bewog ihn in diesem Jahre die Lehrkanzel zu verlassen und um die Pfarrei Wolfpassiiig zu competiren, die er auch erhielt. Nur zu weite Entfernung von ärztlicher Hilfe, deren er oft bedürfte, bestimmten ihn 1814 zu dem Entschlüsse um eine Versetzung anzusuchen, worauf er die Stadtpfarrci zu Krems erhielt. — In dem nämlichen Jahre ernannte ihn der höchstselige Kaiser Franz, dem seine bewährten Verdienste, seine Tugend und Religiosität nicht unbekannt blieben, zum Ehren- Domherrn der Metropolitankirche von St. Stephan in Wien. Zugleich wurde er Consistori'alrath zu St. Polten, Lokaldirector der philosophischen Studien in KremS, Dechant und Schulvistn'ctS-Aufseher des Kremser DecanateS. Am 21. Januar 1823 wurde er zum Bischof von Leitmeritz und den 27. December 1831 zum Erzbischofe von Wien ernannt. So trat M. nach 18jähriger Entfernung als Vater und Oberhirt in die geliebte Erzdiöcesc zurück, in welche er vor 38 Jahren als geistliches Kind war aufgenommen worden. Mit welcher Gesinnung, mit welchen Hoffnungen und Wünschen er hier sein neueö Amt übernahm, das spricht er klar und herzlich in jenem salbungsvollen Schreiben a»S, in welchem er — am Feste der Himmelfahrt des Herrn 1832 — allen seinen Unterhirten, den» gesammten Welt- und OrdensklcruS, seinen ersten oberhirtlichen Gruß und Segen sandte. — „Mit großer Hoffnung", so sagt er unter anderem in diesem Hirtenschreiben, „und mit-aller Liebe komme ich zu euch; nicht allein durch daS Band des hl. Amtes, sondern durch das der Liebe (von solum sacri okkeii, seä smoris vineulo) wünsche ich mit euch verbunden zu seyn. Ich werde nicht aufhören zu beten und zn bitten, „„daß ihr erfüllt werdet mit der Erkenntniß deö göttlichen Willens, daß ihr würdig wandelt, Gott in Allem wohlgefällig, daß ihr fruchtbar seyd in jedem guten Werke, wachsend in der Wissenschaft Gottes und gestählt in der Tugendkraft."" „Nicht mir, sondern euch werde ich leben; alle Kräfte und Stunden, die mir Gott geben wird, werde ich den geliebten Gläubigen und euch weihen, nichts suchend als nur das Reich Gottes, das Heil der Seeleu, das Wohl des Klerus. Von dieser Stunde an soll euer Glück oder Unglück das meinige seyn; ihr sollet nicht leicht Einen finden, der um cuere Ehre und euer Wohl mehr besorgt, zu euerem Lobe und euerer Vertretung williger bereit wäre, als ich; aber ich bitte und beschwöre euch, seyd so beschaffen, daß ich euch mit gutem Gewissen meine geliebten Söhne nennen und des Schmerzes überhoben seyn könne, die Liebe der heiligen Pflicht unterwerfen zu müssen (ut clolore superseljere possim, gmorem 8»ero okkeio subjiesre)." Und wahrlich, was M. hier beim Antritte versprechen, er hat es während der zwei Dezennien seiner Verwaltung des Oberhirtenamtes in dieser Erzdiöcese getreulich erfüllt; so getreulich, wie nur immer ein Mensch, von dessen Willen die Gunst oder Ungunst der Umstände nicht abhängig ist, sein gegebenes Wort erfüllen kann. — N. E. Milde war bis ans Ende seines Lebens im strengsten Sinne rastlos thätig in seinem hohen Berufe. „Leben heißt wirken" — war sein Wahlspruch und er lebte darnach. Selbst die erlaubte und bei seiner ohnehin geschwächten Leibeskraft für ihn doppelt nothwendige Rücksicht auf die Erhaltung seiner Gesundheit, ja selbst die in der letzteren Zeit eingetretene ausgesprochme Gefahr völliger Erblindung, — konnte ihn nicht hindern, dem, was er als seine bischöfliche Pflicht erkannte, mit aller Anstrengung und Ausdauer obzuliegen. Die Hirtensorge drängte in seinem unermüdlichen Geiste alle anderen Sorgen in den Hintergrund. Die hochw. Herren Pfarrer, deren Sprengel der Selige als Visitator besuchte, könnten uns hiezu eben so sprechende als zahlreiche Belege liefern. Und so wie M. fortan selbst als ein Muster des regen und beharrlichen Hirteneifcrs sich darstellte, so war eS immer auck sein angelegentlichstes Bemühen, die seiner oberhirtlichen Leitung untergestellten Geistlichen zu einem ähnlichen eifrigen Streben in ihrem Bernfskreise aufzumuntern. Belobung uud väterlich-ernste Zurechtweisung, Beförderung und nicht selten auch vecuuiäre Unterstützung wußte er als Millel zu diesem schönen, vom 123 Seelenelfer ihm vorgesetzten Zwecke zu gebrauchen. Mit besonderer Liebe und Fürsorge, wie billig, umfaßte der selige Overhirt seiu Alumnat. „Nichts liegt mir mchr am Herzen", so sagt er selbst in der Einleitung zu den herrlichen Statuten, die er dieser geistlichen Pflanzschule gegeben, „als die Bilduug des juugcu Klerus." Und er hat eS thatsächlich bewiesen, daß dieses Wort in seinem Munde keine leere Phrase war. Die ganze Einrichtung des Hauses, für die scientifische, wie asce- tische Ausbildung der Zöglinge gleichmäßig weise berechnet, die mit bedeutendem Kostcn- anfwand erzielte Herstellung und Ausstattung der neuen Hauskapelle, die Anschaffung eines nicht geringen Vorraths werthvoller, theils wissenschaftlicher, theils erbaulicher Bücher und so manche andere Wohlthat wird noch lange hin dafür Zeugniß geben, was Erzbischof Milde seinem Alumnate, und was dieses ihm — um der Seelen willen — gewesen ist. Wo von der Hirtentreue und geistlichen Wirksamkeit deS Seligen die Rede ist, da verdient ohne Zweifel auch rühmende Erwähnung sein würdevoller frommer Anstand, seine hohe Erbaulichkeit bei seinen gottesdienstlichen Fnnctioncn, die, wie uns oftmals zu Ohren gekommen ist, in dem Gemüthe aller, die denselben beiwohnten, den besten und heilsamsten Eindruck zurückließen. Endlich auch seine besondere Gabe uud leutselige Weise, mit Kindern und dem weniger gebildeten Volke umzugchen, nnd sich ihnen verständlich zn machen. Milde's Hirtenbriefe sind in dieser Beziehung wahre Muster von Popularität. Sein letztes, aus Anlaß der wunderbaren Rettung unseres vielgeliebten Monarchen ausgegebenes Hirtenschreiben wurde dieses Vorzuges wegen sogar in mehrere andere Sprachen übersetzt, damit sein Inhalt auch dem Volke nichtdcutscher Zungen zugänglich werde. Ein anderer nicht minder glänzender Zug im Leben des hohen Hingeschiedenen ist seine ungemein menschenfreuudliche und fromme Freigebigkeit. Wohl ist uns nur der geringste Theil seiner wohlthätigen Werke bekannt. Denn er liebte es, im Stillen Gutes zu thun, auch auf die Gefahr hin, daß man ihn verleumde, er thue nichts. Aber auch das Wenige, was wir wissen, reicht hin, jedes unbefangene Gemüth von der Wahrheit der vorangestellten Behauptung zu überzeugen. Der Selige hielt, wie auch aus seinem musterhaften Testamente erhellet, eine eigene Casse mit der Aufschrist: „den Armen gewidmet." Auö dieser Casse flössen alljährlich an 12,000 fl. als Hausalmosen in die Hände der Armen. Andere, zumal kranke Arme, sowohl geistlichen als weltlichen Standes, wurden zeitweilig mit nahmhaften Geldbeträgen unterstützt. Wieder andere hatten von ihm eine jährliche Pension zu beziehen. Bei Gelegenheit seiner Iubelseier — am 9. März 1850 — verwendete V. E. Milde wie damals in den Zeitungen zu lesen stand, viele Tausende zu wohlthätigen Zwecken. Und vor nicht gar langer Zeit ließ er durch verläßliche Hände, unter dem Auftrage der Verschwiegenheit, in einem Falle 20,000, in einem andern 10,000 fl. an gewisse geistliche Genossenschaften , von welchen die eine mit der Krankenpflege, die andere mit der christlichen Erziehung und Seelsorge sich befaßt, gelangen. Die großmüthige Unterstützung so mancher gering dotirtcn Kirche, Pfarreien und Schulen, die schon erwähnte kostspielige Herstellung der Alumnatskapelle und die erst jüngst und mit einem noch größeren Kostenaufwand vollendete Erbauung der neuen Kapelle im Priester-Defizientenhause u. s. w. — was sind eS anders, als eben so viele in die Augen fallende Beweise seines seltenen inneren Dranges zu Werken frommer Wohlthätigkeit? Jedoch den schönsten und schlagendsten Beweis hievon — ein ewiges, strahlendes Monument seiner frommen Liebe — hat der hohe Verstorbene in seinem Testamente niedergelegt, welches nach Abzug einiger, auch großentheils frommer Legate, „die armen, ohne ihre Schuld in Noth sich befindenden (in der Seelsorge dienenden) Weltpriester, und die armen (religiösen, fleißigen, noch dienenden) Schullehrer der Wiener Erzdiöcese" — zum Universalerben seiner beträchtlichen Verlasscnschaft erklärt. M. moli- virt diese seine Bestimmung mit dem eines katholischen Bischofes vollkommen würdigen und beherzigenSwerthen Satze: „Das Vermögen, welches ich hinterlassen, ist Kirchengut. Ich habe mich nie als den freien Eigenthümer, sondern allzeit nur als den Nutz, 124 m'eßer und Verwalter angesehen. WaS die Pflicht, was der Anstand forderten, habe ich verwendet. Den Neberrest zu kirchlichen Zwecken zu venvenden war und bin ich verpflichtet. Und so könnten wir noch manche ausgezeichnete Züge in dem Lebensbilde des Verewigten ausführlicher besprechen, wir begnügen uns jedoch blos hinzuweisen auf seinen klaren, durchdringenden Verstand, seine unbeugsame Charakterfestigkeit, seine unparteiische Gerechtigkeitsliebe, seine schonungsvolle Milde gegen renige Fehlende, seine großherzige, dankbare Anerkennung der ihm geleisteten treuen Dienste, endlich auf seine innig treue, iu guten wie in schlimmen Tagen bewährte Anhänglichkeit an das aller- höchste Regentenhaus. So lebte und wirkte Vincenz Eduard als Oberhirt der Wiener Erzdiöcese, bis der Tod am 14. März 1853 um 4V2 Uhr Morgens sein thatenvolleö und ziemlich leidenreiches Leben schloß. — „Ich wünsche aufgelöst zu werden und mit Christus zu seyn" — so hatte der Selige noch wenige Wochen vor seinem Tode bei einer ernster stimmenden Gelegenheit, in frommer Ergebung und wohl schon im Vorgefühle seines nahen Scheidens aus dieser Welt, mit dem Apostel gesprochen; und: „Ich bitte Gott, daß er mich bald zu sich nehme, damit eine jüngere, kräftigere Hand den Hirtenstab ergreife, dessen Handhabung meinen altersschwachen Händen schon allzu schwer wird." Wunsch und Bitte des Seligen ist nun erfüllt. Gott hat die schwere Last deS apostolischen Hirtenamtes seinen gebeugten Schultern abgenommen und ihn abgerufen aus dreißigjähriger rastloser Arbeit — zur ewigen Ruhe — V. E. Milde wurde während seines Erdenlebens, namentlich im Verlaufe seiner letzten Lebensjahre, vielfach gekränkt und verunglimpft. Man hat von so mancheu Seiten her, auch von solchen, von welchen es am wenigsten hätte geschehen sollen, seine Gesinnung uud Wirksamkeit verdächtigt, mißdeutet und geschwächt. Warum? Uns scheint ein Grund dieser zu seyn: Der Greis am Rande des Grabes, der Mann gereiften Geistes uud reicher Erfahrung hielt nicht AlleS was glänzt, für lauteres Gold, ergriff nicht Alles unverweilt und ohne Bedenken als gut, was als solches sich kund macht in der Welt uud Aufsehen erregt. Er wollte das wahrhaft und dauerhafte Gute, und war daher etwas mißtrauisch gegen das Neue, auch wenn es im Gewände des Guten vor sein Angesicht trat, weil und und so lang es seinem klaren, nüchternen Blicke auf einem minder tiefen und haltbaren Grunde zu ruhen schien. Er hat sich vielleicht hierin, wie er selbst auch bei der oben erwähnten Gelegenheit demüthig cingestand, hie und da geirrt; aber Irren ist menschlich. Uebrigens war die Seele dieses Menschen groß und edel genug, waS über ihn hereinbrach, zu dulden, — ohne sich je zu beklagen, ohne sich, wo er auch konnte, zu rächen. — Wie immer also die Mit- und Nachwelt über den Hingeschiedenen Oberhirten urtheilen mag, wir scheuen uns — im Anblicke des vielen, theilweise weit über sein Leben hinausreichenden Guten, das er gewirkt und gewollt — auch nur den kleinsten Stein der Rüge und Verurtheilung auf sein frisches Grab zu werfen. Wir überlassen Urtheil und Gericht dem, welchem allein eS zusteht, Gott, der auf und in das Herz schaut, — und eben darum streng gerecht, aber oft auch gnädiger richtet, als die Menschen. — Möge der Dahingeschiedene in Frieden ruhen unter der Erde -- von welcher er ohne Bitterkeit im Herrn geschieden ist. Wir können es uns und den gewiß zahlreichen Freunden und Verehrern unseres hingegangeuen Oberhirten nicht versagen, noch ein paar besonders schöne und mer- kenswerthe Stellen aus seinem vom 29. November 1852 datirten und mit: ^,6 msjorem clei gloriam et dominum 8»Iutom (Alles zur größeren Ehre Gottes und zum Men- scheuheil) — überschriebenen letzten Willen hier anzufügen. So sagt der Selige gleich Anfangs nach kurzer Einleitung: „Zuerst danke ich Gott für seinen Schutz und Segen. Ich habe in meinem Leben die Hand Gottes oft deutlich gesehen, die mein Schicksal leitete und auch in den Tagen der Leiden erkannte ich Gottes Güte. Ich sage mit gerührtem Herzen: Gott war gütiger, als ich verdiente. Ich bin nur ein unwürdiges Werkzeug in der Hand Gottes gewesen. Möge Gott mir auch in der Stunde meines Todes gnädig und t25 barmherzig seyn! Sterben war seit vielen Jahren, auch in den Tagen meines scheinbaren Glückes mein Wunsch gewesen. Ich habe das Eitle des ErdenglückeS stets erkannt. Weder Ehre noch Wohlstand haben mich geblendet. Meine glänzende Würde, die ich gegen meinen Willen erhielt, war mir allezeit eine Bürde, und der Gedanke an die Verantwortung, die ich einst geben muß, hat dem äußeren Glänze allen Reiz genommen. — Ich habe zwar das Seelenheil des Menschen, die Beförderung deS Reiches Jesu gewünscht; aber ich erkenne, daß ich mehr hätte wirken können und wirken sollen, als ich gewirkt habe. Ich kann nur von Gottes Barmherzigkeit meine Seligkeit hoffen. — Meine Liebe zu den beiden Diöcesen Wien und Leitmeritz wird länger dauern als mein Leben. Ich werde Gott in jener Welt bitten, daß er beide Diöcesen segne und ihnen Hirten gebe, die mehr und besser wirken, als ich gewirkt habe." Dann gegen den Schluß: „Allen meinen Freunden danke ich herzlich für ihre mir bewiesene Liebe. Auf Wiedersehen! Diese Hoffnung erleichtert mir die Trennung. Die Menschen, die mir weh thaten, halte ich nicht für böse, sondern ich überrede mich gerne, daß ich bei meiner Reizbarkeit manches tiefer empfunden habe als eS böse gemeint war. In den letzten Jahren mußte ich viele arge Mißdeutungen und schändliche Verleumdungen ertragen. Ich schwieg zu allen; nicht aus Unempfindlichkeit, sondern theils um die Bosheit nicht noch mehr zu reizen, theils um meinen Erlöser nachzuahmen. Die meisten meiner Beleidiger schmähten aus Rachsucht, der ich durch mein Amt und meine Pflicht ausgesetzt war. Ich habe Allen herzlich verziehen. Mögen Andere, die ich vielleicht beleidiget habe, eben so gegen mich gesinnt seyn! Feindselig war ich gegen keinen Menschen. Mein Herz hat oft viel gelitten, wenn meine Pflicht mich zwang, Jemanden weh zu thun. Manche in Wien und Leitmeritz wissen, wie gern ich schonte und den Gefallenen aufrichtete, wenn mein Gewissen und die Ehre des Standes eS erlaubte." „Gott segne Alle, die ich auf dieser Erde zurücklasse! Denket au mich! Betet für mich! Die Liebe und das Gebet verbinden die Bewohner dieser und jener Welt." Die entseelte Hülle Vincenz Eduards r»ht in dem oberen Theile des rechten Seitenschiffes der Metrovolitankirche: darüber ein Granitstcin mit folgender, von ihm selbst bestimmter Inschrift- Vinoentius Läusrdus MI6e ristus krunae in Norsvis 11. Ugji 1777 Presbyter Viennse 9. Usrtii 1800 Lurstu5 sä novem vnoros kmgelorum 1800 — 1802 Otecnets scnolse norm. real, et nerulsrum 1802 — 1805 d. k. Lgpellanus sulieug et Dniversilstis proks5sor 1805 — 1810 ?srovrms in >VoIspgs5Mß 1810 — 1814 Lsnonious Vienn. Lonsist. donsil. 1'b.eol. voctor ?mlo50pnise Oireotor, vecsnus Lremsii 1814 — 1823 Lpisoopus Litomerieii in konemis 1823 — 1832 ?rincep5 ^roniemseopus Vivnnens>5 L, k. ormnis I^vovolm mgFnge ei-ueis sczues et nrselstus 6, k. Us^tstis a eoneiliis intimikl 1832 — omit äie.....»noi..... Orste pro mo. (W. Z ) s 1S6 Die Unverweslichkeit. Rom, den 25, Febr. 1853. Eine der merkwürdigsten und auffallendsten Erscheinungen ist offenbar der Vorzug der Unverweslichkeit, .der die Leiber vieler Heiligen auszeichnet und wodurch sie von dem allgemeinen Loose der Zersetzung der körperlichen Stoffe nach dem Tode ausgenommen, fortwährend laut verkünden, waS der Lohn der großen Herrschast ist, die ihr Geist über den Körper und die sinnliche Natur zu erringen und zu behaupten gewußt hat. Gott bedient sich nicht selten dieser wunderbaren Erscheinungen, um seine Diener vor den Menschen zu verherrlichen und uns »och kräftiger, als eS durch Worte zu geschehen pflegt, die Wahrheit vor Augen zu halten, daß in Christo der Tod überwunden und im lebendigen Glauben an seine Verheißungen und der damit verbundenen Bekämpfung der Sinnlichkeit uns das Unterpfand der Unsterblichkeit gegeben ist. Um diese wunderbare Erscheinung mit unseren eigenen Augen zu sehen wanderten wir einer Gegend RomS zu, die in der vorchristlichen Zeit durch ungeheure Schandthaten berüchtigt war, jetzt aber das am zahlreichsten bewohnte Kloster der h. Stadt, das der Capnziner umgibt. Nachdem wir in ihrer zu Ehren der unbefleckten Empfäng- niß Mariens geweihten Kirche vor dem Allerheilkgsten unsere Anbetung verrichtet und die jungfräuliche Gottesmutter in ihrem herrlichen Bilde begrüßt hatten, führte unS einer der ehrwürdigen Brüder in eine Seitenkapelle, zündete die Lichter an und schob die vordere Seitenwand des AllartischeS, vor welcher die Worte geschrieben standen: Uio ^seet carpus kosti Oigpini, hinweg. Vor unsern Augen lag jetzt, auf ein hartes Lager hingestreckt, das Haupt mit seinen von den Jahren gebleichten Haaren bedeckt, das Kinn mit seinem weißen Barte geschmückt, die Augen halb geöffnet, mit rothen Wangen, mit einem Lächeln auf den noch fleischfarbenen Lippen, in seiner Kutte und in den weißen, kaum etwas welk gewordenen Händen Crucifix und Rosenkranz haltend — ein armer Capnziner, der vor hundert und einem Jahre gestorben war. Es ist der ehrwürdige und von der Kirche selig gesprochene Bruder CrispinuS von Viterbo. Am 16. Nov. 1668 von frommen Eltern in Viterbo geboren und in der Taufe mit dem Namen des h. Petrus beschenkt, knieete er als junger Mann von englischer Reinheit vor der Thür des Klosters der Capuziner seiner Vaterstadt und bat mit . Thränen um die Ehre, mit dem demüthigen und armen Gewände deS h. FranciSkus bekleidet zu werden. Die erbetene Gunst ward ihm zu Theil, und vom Tage seines ProfesseS an sahen die Hütten und Schlösser der römischen Staaten vierzig Jahre lang den Bruder Crispino gewordenen Pietro von Viterbo um Almosen für das Kloster bitten Die Gaben, welche er empfing, wurden immer mit Gebeten und oft mit Wundern bezahlt. Noch in seinem achtzigsten Jahre ging der ehrwürdige Bruder mit dem Bettelsacke auf den Schultern über das Land dahin und durch die Städte und die Dörfer; aber sein Name war schon in Aller Munde und der Ruf seiner Tugenden, seines heiligen Wandels und seiner hohen Erleuchtung führte selbst Fürsten und Cardinäle zu ihm. Er starb in Rom und wurde gleich seinen Brüdern ohne jegliche Auszeichnung und ganz in gewöhnlicher Weise auf dem gemeinschaftlichen Gottesacker der Capnziner begraben; aber die Stimme des Volkes verkündigte seine Seligkeit im Himmel und der Himmel bestätigte daS Zeugniß der Erde. Auf daS Gerücht von neuen Wundern öffnete man sein Grab wieder und fand ihn unversehrt, wie wir ihn heute sehen und wie jeder ihn sehen kann, während gewöhnlich auf diesem Kirchhofe, auf dem man den Leichen nach vier bis fünf Jahren einen andern Platz zu geben gezwungen ist, in dieser Zeit die Verwesung bis auf die harten Knochen deS Gerippes vor sich geht. Auf deu evidenten Beweis der durch ihn erwirkten Wunder und seiner in heroischem Grade geübten Tugenden erfolgte seine Seligsprechung, zur Aufnahme deS HciligsprcchungSprocesses fehlt indeß zur Zeit noch der Beweis von einem neuen die Probe deS Processes bestehenden Wunder. — Lange konnten wir unS von dem Anblicke deS Seligen nicht trennen, der einen überaus freudigen und erhebenden Eindruck auf das Gemüth macht; nur in sanftem Schlafe scheint CrispinuS zu ruhen, seine Züge sind so wohlerhalten und ausdrucksvoll, und der Tod hat so durchaus nicht t27 seinen entstellenden Einfluß auf sie ausgeübt, 'daß man unwillkürlich erwartet, der Ruhende würde sich erheben und in vollem Leben unter unS stehen — und doch ruht er schon über ein Jahrhundert. Von dem Kloster der Capnziner führen wir Ihre Leser zn dem mitten in den Ruinen deS stolzen KaiserpalasteS aus dem Palatin erbauten bescheidenen Hause eines anderen Zweiges der Söhne deS hl. FranciSkus, der Alkantariner. Unter dem Hochaltar ihres ärmlichen KirchleinS erwartet uns eine ähnliche wunderbare Erscheinung, denn hier schläft den Schlaf des Gerechten der gottselige LeonarduS von Porto Mauritio, der unermüdliche Missionär deö Gebietes von Bologna und der Berge Italiens, der eifrige Prediger Roms während deS Jubiläums 1750. Im Jahre 1751 starb er in einem Alter von 95 Jahren. Sein Seeleneifer, seine außerordentlichen Abtödtungen und Bußübuugen hatten seine Haare erbleichen, sein Haupt kahl werden und seine Kräfte ermatten lassen; aber Gott ließ nicht zu, daß, waö in seinem Dienste geschehen war, von der Macht des TodeS fortgesetzt würde, — der Leib des Seligen blieb wie er war und kein verwesender Einfluß zeigte sich an ihm. Ein schöner Greis, wie im Begriffe aufzuwachen, ruht er nun hundert und zwei Jahre da, und neben ihm erblickt man wie das siegreiche Schwert an der Seite des christlichen Kriegers die noch mit seinem Blute gefärbte harte Disciplin, die gewissermaßen die Unverweslichkeit deS h. Leibes erklärt und uns beredt zu sagen scheint: Sehet, wer sein Leben in dieser Welt um Jesu Christi willen kreuziget, der wird es glorreich im anderen wiederfinden! — Auch LeonarduS wurde bereits vor einer Reihe von Jahren durch den Statthalter Christi selig gesprochen und seine Heiligsprechung schien vor Kurzem nahe bevorzustehen. Gregor XVI. wollte ihn nämlich zugleich mit sünf andern Seligen, die er im Jahre 1839 feierlich kanonistrte, in die Reihe der von der Kirche anerkannten Heiligen aufnehmen, da die Resultate des darüber geführten Processes einen glänzenden Ausgang desselben erwarten ließen. In der PeterSkirche hatte man schon für sechs Heiligzusprechende die Anstalten gemacht, auch sein Bild war dorthin getragen, die Medaillen zum Andenken an die Bereicherung der Kirche durch sechs neue Heilige waren geprägt, kurz Alles war bereitet; nur mußte in dem Processe noch ein zweites, seit der Seligsprechung durch seine Jntercession bewirktes Wunder die Probe bestehen, woran, weil so viele und ganz evidente Wunder nach allgemeiner Behauptung vorlagen, Niemand auch nur im Entferntesten Zweifel hegte. Da traf eS sich, daß der Defensor, der in diesem Theile des Processes zum erstenmale sein neues Amt versah, auö den vorliegenden Thatsachen keine glückliche Auswahl vornahm und eine Krankenheilung zur Grundlage des Beweises nahm, die zwar in allen Beziehungen das eklatanteste Zeugniß gab und die Einsprüche des PromotorS Fidei niderschlagen mußte, aber bei der zum unumstößlichen Grundsatze erhobenen Forderung der Congregation, daß die plötzlich geheilte Person die frühere Krankheit nie wieder bekommen habe und nicht daran gestorben sey, nicht schlagend bewiesen werden konnte. Sachverständige Kanonisten verkündigten deshalb schon vor der Sitzung, die Verhandlungen würden nicht das allgemein erwartete Ende nehmen. Daß sie Recht hatten, zeigte sich bald, und als man nun besonders von Seiten der Römer, die mit außerordentlicher Verehrung und Licl e dem Seligen anhingen, den Papst bestürmte, für diesesmal und im Angeflehte so vieler wunderbarer Thatsachen und des übrigens so glänzend geführten Processes von der Strenge deö Gesetzes eine Dispens eintreten zn lassen, schlug Gregor XVI. das, wie die Römer noch heute erzählen, „wie ein harter Deutscher" rund ab; der Schmuck der Peterskirche wurde in Eile verändert, das Bild wieder sortgetragen, die Medaillen wurden umgeprägt, und so nimmt LeonarduS bis auf den heutigen Tag in der Kirche nur deu Rang eines Seligen ein. Um jedoch auf die Unversehrtheit der Leiber mancher Diener Gottes zurückzukommen, so sieht die Kirche darin allerdings etwas Wunderbares, gerade wie daH Volk, das die Verwesung sonst in drei bis vier Jahren eintreten zu sehen gewohnt ist, darin einen höheren Schutz erblickt. Zum Fundamente eines Beweises im Kanoni- sationSprocesse läßt die Kirche dieselbe aber nur dann zn, wenn zur Genüge und auch 128 durch ärztliche Zeugnisse bewiesen ist, daß sie nicht durch natürliche Mittel und Einflüsse erfolgte, und wenn andere Wunder und die übrigen Erfordernisse hinzukommen. So galt in den Verhandlungen über die Seligsprechung des h. Jsidor, des h. Franz Taver, der h. Theresia, der h. Katharina von Bologna, der h. Magdalena von PazziS u. A. die Unverwesenheit ihrer Leiber als ein Zeichen ihrer jenseitigen Verklärung; und die Äcten über die Beatification des h. Antonius von Padua und des h. Johannes von Nepoiiiuk zeigen, daß auch die Unversehrtheit ihrer Zungen, von denen wir die des ersteren vor einiger Zeit in Padua sahen und die des zweiten in Prag verehrt wird, als wunderbare Erscheinung von der Kirche betrachtet und behandelt wird, (M. S.-Bl.) Die letzte TaleS. Am 14. Aug. 1852 starb in Vichy die Frau Marquisin Pauline FranziSka Jo- sepha von Roussy, Tochter deS Marquis Moriz Benedikt von SaleS, deS letzten männlichen Sprößlings der Familie von Saleö, welcher der heilige Bischos von Genf, Fran- ziSkuS SalesiuS, durch die Geburt angehörte. Die Verblichene hatte ihre Jugend an dem H^fe der im Rufe der Heiligkeit verstorbenen Königin von Sardinien, Marie Clo- tilde, verlebt, dann den Marquis de Roussy geehlicht und seit dem Jahre 1830, zurückgezogen von aller Welt, lediglich der Erziehung ihrer fünf Söhne sich gewidmet, von denen noch vier am Leben sind. Im Jahre 1851 zog sie nach Nizza, von da nach Lyon und später nach Vichy, wo sie der Tod ereilte Sie verschied, nach würdigem Empfange der heiligen Sterbesacramente, mit der Ermahnung an die Ihn, en: „Liebet Gott steiö und dienet ihm treu; das ist der einzige Trost, der uns bleibt, wenn wir aus dieser Welt scheiden." — Ihre schöne Seele 'picgelt sich in ihrem Testamente, das nach der gewöhnlichen EingangSformel: „im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit" wörtlich die folgenden Sätze enthält: „Meine erste Pflicht und das erste Gefühl meines Herzens ist eS, in diesem Augenblicke der erbarmungövollen Vorsicht GotteS dafür zu danken, daß Er mich in der heiligen katholischen, apostolisch-römischen Kirche geboren werden ließ, die ich als meine Mutter betrachte, deren Lehren ich glaube, verehre und liebe. Eben so danke ich der göttlichen Vorsicht, daß sie mich von christlichen und tugendhaften Eltern abstammen ließ, und daß ich den Namen eines Heiligen erhalten habe, der mir durch seine Tugenden so herrlich vorleuchtete. Dabei bedauere ich zugleich, daß ich sein heiliges Beispiel so wenig nachgeahmt habe, da es mir doch zu einer Regel für mein ganzes Leben hätte dienen sollen. ... Ich habe nicht nöthig, in meinein Sohne Eugen das Interesse zu erwecken, welches unsere Familie an den Besitz von ThorenS knüpft. . . . Der Gedanke, daß der heil. Franz von Sales in der dortigen Kapelle geboren ist, daß er jenes Schloß bewohnt und beide durch seine Gegenwart geweiht hat, daß wir dieses Gut von ihm ererbt haben; das Alles bestimmt mich zu dem Wunsche, daß das Schloß, der Wald von Sales u. s. w, niemals veräußert werden sollen. Wenn Gott meinem Eugen Nachkommen geben wird, so wird ihm dieser kostbare und geheiligte Nachlaß noch kostbarer seyn; seine Kinder werden von dem Beispiele meines Gatten und unserer beiderseitigen Voreltern lernen, daß der Glaube und die Ehre deS heil. Franz von Sales zur Lebensrichtschnur diente und dienen soll. Ich bringe Gott das Leben zum Opser, daS Er mir gegeben hat; ich lege euere und meine Zukunft in Seine väterlichen Hände. Liebet Ihn, dienet Ihm; leset die so schönen Briefe meines Vaters und glaubet, daß in dieser Welt hienieden der Friede und das Glück nur in tugendhaften und christlichen Herzen wohni. Erinnert ench meiner, und betet für mich, damit ich zu Gott im Himmel gelangen möge, bei dem ich den reichlichsten Segen für euch erflehen will. (Amico caitolico.) Verantwortlicher Redacteur: L, Schönchen. Verlags - Inhaber: F. C. Krem er. Dreizehnter Jahrgang. ' Sonntags-Beiblatt zw Augsburger PostMung. --- 24. April. 17. 1853. Diese« Blatt erscheint regelmäßig alle Souutage. Der halbjährige Abouuementsprei« kr., wofür e« durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werdeit kaun' ...... »,....... > > . ^ > .--^. ,......... Rom» Rundschreiben des Papstes Pins IX. an die Cardinäle, Crzbischöse und Bischöfe Frankreichs. ?ius ??. IX. Geliebte Söhne und ehrwürdige Brüder, Gruß und apostolischen Segen. Inmitten der vielfachen Bedrängnisse, die von allen Seiten her ans Uns lasten, in der Fürsorge für alle Kirchen, mit welcher Uns trotz Unserer Unwürdigkeit der un- erforschliche Rathschlnß der Vorsehung in diesen s^> harten Zeilen betraut hat, in welchen die Zahl derjenigen so grosi ist, von denen der Apostel sagt: „8snsm cioctrinsm non zustinent, secl scl 8us ciesiäeria oogeervsntes sidi msgistros a veritste auciitum svertunt et seciuetor?« proLeiunt in pe^us, errorem mittentes," werden Wir von der grüßten Freudigkeit durchdrungen, wenn Wir Unsere Augen und Unsern Geist auf die berühmte, durch so viele Namen verbcrrlichre, um Uns wohlverdiente französische Nation richten. Es gereicht Unserm Paterherzen zum größten Troste, wenn wir gewahren , wie in jener Nation mit göttlicher Hiife die katholische Religion und ihre heilsame Lehre täglich mehr erblüht, auflebt uud d^minirt und mit welcher Sorgfalt und welchem Eifer ihr, Unsere geliebten Söhne und ehrwürdigen Brüder, die ihr zur Theilnahme an Unserer Fürsorge berufen seyd, euch bemüht, euer Amt zu erfüllen und über die Unversehrtheit und das Wohl der geliebten, cuerer Obsorge anbefohlenen Heerden zu wachen. Dieser Unser Trost wird um so mehr gesteigert, als Wir auö den ehrfurchtsvollsten Schreiben, die ihr an Uns richtet, immer mehr und mehr ersehen, mit welcher kindlichen Frömmigkeit, Liebe und Ergebenheit ihr stolz darauf seyd, UnS nachzufolgen, und diesem Sitze Petri, dem Cenlrnm der katholischen Wahrheit und Einheit, dem Hanpte, der Mutter und Lehrerin aller Kirchen, welcher Lehrerin aller Gehorsam uud alle Ehren gebühren, mit der, wegen ihrer vornehmsten Vorzüglichkeit, sich alle Airchen einigen müssen, das heißt, alle, die aller Orten gläubig sind. Von nicht geringerer Freudigkeit werden Wir durchdrungen, wenn Wir sehen, daß'ihr, ohne Unterlaß eingedenk eueres ernsten bischöflichen Amtes und eurer Aufgabe, alle Sorgfalt geistlicher Hirten und alle eure Wachsamkeil thätigst zur größeren Verherrlichung Gottes und im Kampf für die Sache seiner heiligen Kirche aufbietet, auf daß die Priester eurer Tiöcesen ihres Berufes von Tag zu Tag würdiger werdend, dem christlichen Volke mit dem Beispiele aller Tugenden vorangehen, sich ihren Amtspflichten eifrigst unterziehen, damit die eurer Obhut anvertrauten Gläubigen täglich mehr genährt durch Worte des Glaubens und gestärkt durch die Gaben der Gnade, zunehmen in der Erkenntniß Gottes und auf dem Pfade beharren, der da führet zum Leben und damit die armen Verirrten auf den Weg des Heils zurückkehren. Mit gleicher Seelenfreude haben Wir zur Kenntniß genommen, mit welcher Raschheit ihr Unsern Wünschen und Crmahnungen nachgekommen seyd und euch be- müht habt, die Provinzialconcl'll'en abzuhalten, damit in euren Diöcesen der Glaube unverletzt und ganz erhalten, eine gesunde Doctrin gelehrt, die Ehre deS Gottesdienstes vermehrt, die Institution und Disciplin -,cS Klerus gekräftigt und Sittenreinheit, Tugend, Religion und Frömmigkeit aller Orten in glücklichem Fortschritte angeregt und befestigt werde. Wir sind über alle Maßen erfreut, inne zu werden, daß in sehr vielen Diöcesen, in denen sich bis jetzt besondere Verhältnisse nicht entgegenstellten, die Liiurgie der römischen Kirche durch euren besondern Eiser Unserm Wunsche entsprechend wieder eingesetzt wurde. Diese Sache mußte Uns um so angenehmer seyn, als Wir wußten, wie in vielen französischen Diöcesen in Folge der wechselnden Zeitverhältnisse keineswegs jene Anordnungen beobachtet wurden, welche Unser heiliger Vor- gänger PiuS V. sürsichtig und weise in seinem apostolischen Schreiben vom 8. Juli I5v8 festgesetzt hatte, welches mit den Worten beginnt: „i)uo6 » Aobis Postulat." Wenn Wir aber nun auch alles dieses nicht ohne große Seelenlust und zu eurem besonderem Lobe freudig erwähnen, so können Wir doch andererseits nicht Unsere schwere Trauer und Betrübniß verhehlen, die gegenwärtig an Uns nagt, nachdem Wir in Erfahrung gebracht haben, welche Zwistigkeiten der alte Feind unter euch anzuregen sucht, um die Eintracht euerer Gemüther zu schwächen und zu untergraben. Kraft der Pflicht Unseres apostolischen Amtes und in der großen Liebe, mit der Wir euch und jene gläubigen Völker umfassen, schreiben Wir ench daher diese Epistel, in welcher Wir aus der innersten Tiefe Unseres Herzens zu euch, geliebte Söhne und ehrwürdige Brüder sprechen und euch gleichzeitig ermähnen, auffordern und bitten, daß ihr das Band der euch umschlingenden Liebe täglich enger knüpfet und befestiget und eimnüthig gegenseitig alle Zwistigkeiten, welche der alte Feind anzuregen strebt, eurer ausgezeichneten Tugend gemäß zu entfernen und ganz zu beseitigen bemüht seyn und Sorge tragen sollet, in aller Demuth und Sanftmuth in Allen die Einheit des Geistes im Bunde des Friedens zu erhalten. Durch solche Weisheit werdet ihr darthun, daß Jeder von euch sehr gut wisse, in welchem Grade die priesterliche und gläubige Einheit der Gemüther, deS Willens und Urtheils zum Gedeihen der Kirche und zur immerwährenden Förderung des menschlichen Heils nothwendig und ersprießlich sey. Wenn ihr diese Eintracht des Gemüthes und Willens stets unterhalten mußtet, so sollt ihr dies gegenwärtig mehr als je mit allem Eifer thun, da durch den trefflichen Willen Unseres geliebtesten SohneS in Christo, Napoleon, Kaisers der Franzosen und durch die Thätigkeit seiner Regierung die katholische Kirche sich bei euch jetzt des Friedens, der Ruhe und der Begünstigung erfreut. Diese glücklichen Umstände in diesem Reiche müssen euch antreiben, daß ihr in Allem einträchtig dahin strebt, daß die göttliche Religion Christi und ihre Lehre und Sittlichkeit und Frömmigkeit überall in Frankreich tiefe Wurzeln schlagen, daß mehr und mehr für einen guten und lautern Unterricht der Jugend gesorgt wird und so leichter die feindlichen Angriffe abgewehrt und unterdrückt werden, die sich in den Bestrebungen derjenigen kund geben, welche die beharrlichen Feinde der Kirche und Christi Jesu waren und sind. Darum, geliebte Söhne und ehrw. Brüder, fordern wir euch auf'S dringendste auf, daß ihr bei der Vertheidigung der Sache der Kirche und ihrer heilbringenden Lehre und Freiheit vor Allem euch bestrebt, mit der größten Einmüthig- keit Alle in derselben Weise zu reden und zu denken, und daß ihr mit allem Vertrauen euch an UnS und diesen apostolischen Stuhl wendet, um alle Fragen und Controversen jeder Art ganz zu beseitigen. Zunächst, da ihr wißt,, wie wichtig für das Heil der Kirche und des Staats eine gute Erziehung namentlich' des Klerus ist, laßt nicht ab, mit einträchtigem Geiste eine so wichtige Angelegenheit zu besorgen. Fahret fort, wie ihr thut, Alles aufzubieten, daß die jungen Leute in euren Seminarien zu aller Tugend, Frömmigkeit und kirchlicher Gesinnung srüh herangebildet werden, daß sie in der Demuth wachsen, ohne die wir nie Gott gefallen können, und daß sie zugleich in den schönen Wissenschaften und in den ernstern, namentlich den kirchlichen Wissenschaften, vor aller Gefahr jeglichen Irrthums geschützt, so sorgfältig unterwiesen werden, daß fit nicht allein eine wahrhast elegante und beredte Sprache auS den besten Werken 181 der h, Väter und aus den von aller Makel gereinigten berühmtesten heidnischen Schriftstellern sich aneignen, sondern auch namentlich eine vollkommene und gründliche Bildung in den theologischen Wissenschaften, der Kirchengeschichte und dem Kirchenrechte aus den von diesem apostolischen Stuhle approbirten Auctoren sich erwerben. So wird der französische KleruS, welcher so viele durch Geist, Frömmigkeit, Gelehrsamkeit, kirchliche Gesinnung und besondern Gehorsam gegen diesen apostolischen Stuhl ausgezeichnete Männer aufzuweisen hat, immer reicher werden an kundigen und eifrigen Arbeitern, die, mit Tugenden geziert und mit heilsamer Wissenschaft ausgerüstet, euch bei der Pflege des Weinbergs deö Herrn unterstützen, die Gegner bekämpfen und nicht allein die Gläubigen in Gallien in unserer h. Religion bestärken, sondern auch dieselben bei den fernen und ungläubigen Völkern ausbreiten können, wie das euer Klerus zu seiner eigenen Ehre, zum Wohle der Religion und zum Heile der Seelen bi'Sheran zu thun bemüht gewesen ist. Und weil ihr euch mit Uns sehr betrübt über so viele schlechte Bücher, Broschüren, Zeitungen und Flugblätter, welche der giftige Feind GotteS und der Menschen überall und unaufhörlich ausstreut zum Verderben der Sitten, zur Erschütterung der Grundfesten deö Glaubens und zur Bekämpfung aller Lehren unserer h Religion, darum, geliebte Söhne und ehrw. Brüder, lasset in eurer bischöflichen Obsorge und Wachsamkeit nie ab, einmüthig die eurer Sorge anvertraute Heerde von diesen giftigen Weiden mit allem Eifer fernzuhalten und sie gegen die Fluch so vieler Irrthümer durch heilsame und geeignete Ermahnungen und Schriften zu unterweisen, zu schützen und zu stärken. Wir können hier nicht umhin, euch an die Ermahnungen und Rathschläge zu erinnern, womit Wir vor vier Jahren die Bischöfe der ganzen katholischen Welt dringend aufgefordert haben, ohne Unterlaß durch Geist und gesunde Wissenschaft ausgezeichnete Männer zu ermähnen, geeignete Schriften herauszugeben, um das Volk zu belehren und die Finsterniß der sich cinschleichendeu Irrthümer zu zerstreuen. Darum bitten wir euch, indem ihr die todtbringende Pest schlechter Bücher und Zeitungen von den eurer Sorge anvertrauten Gläubigen fernzuhalten sucht, zugleich die Männer wohlwollend zu behandeln und zu begünstigen, welche, von katholischer Gesinnung beseelt und in den Wissenschaften der Literatur bewandert, dort Bücher und Zeitungen schreiben und drucken lassen, um die katholische Lehre zu vertheidigen und zu verbreiten, um die ehrwürdigen Rechte und die Verfügungen dieses h Stuhls zu vertreten, um die demselben Stuhle und seiner Aucto- rität feindlichen Meinungen und Ansichten zu widerlegen, um die Finsterniß der Irrthümer zu zerstreuen und die Geister der Menschen durch das liebliche Licht der Wahrheit zu erleuchten. In eurer bischöflichen Hirtensorge und Liebe werdet ihr diese gutgesinnten katholischen Schriftsteller ausmuntern, mit noch größerem Eifer fortzufahren, die Sache der katholischen Wahrheit mit Eifer und Geschick zu vertheidigen; ihr werdet sie mit väterlichen Worten weise ermähnen, wenn sie bei ihnr schriftstellerischen Thätigkeit einmal fehlgreifen. — Ihr seyd serner weise genug, um wohl zu wissen, daß die bittersten Feinde der katholischen Religion alle stets am heftigsten, wenngleich fruchtlos, gegen diesen Stuhl des heil. Apostelfmsten gekämpst haben, wohl wissend, daß die Religion selbst nicht fallen und wanken könne, so lange dieser Stuhl stehe, der auf den Felsen gestützt ist, welchen die stolzen Pforten der Hölle nicht überwältigen (Auß. in ?sslm.) und durch welchen die christliche Religion ganz und vollkommen gesichert ist (Mt. sxn. ^vsnn. Ltp. sä üormisci. ?.). Darum, geliebte Söhne und ehrw. Brüder, fordern Wir euch dringend auf, daß ihr gemäß eurer ausgezeichneten Treue gegen die Kirche und eurer besondern Pietät gegen den Stuhl Petri nie ablasset, einmüthig und einträchtig alle eure Sorgfalt und Thätigkeit darauf hinzurichten, daß die Gläubigen in Frankreich die Hinterlisten, Irrthümer und Fallstricke feindseliger Menschen sorgfältig meiden und mehr und mehr in kindlicher Liebe und Hingebung sich an diesen apostolischen Stuhl fest und enge anschließen und es sich zum Ruhme anrechnen, demselben mit der größten Bereitwilligkeit gebührend zu gehorchen. Mit allem Eifer eurer bischöflichen Wachsamkeit wirket darum in Wort und That dahin, daß die Gläubigen diesen heil. Stuhl mehr und mehr von Herzen lieben und achten und mit M vollem Gehorsam aufnehmen, und erfüllen, was derselbe lehrt, bestimmt und anordnet. Wir kounen hier aber nicht umhin, euch den tiefen Schmerz auszudrücken, den Wir empfanden, da neulich unter andern schlechten Schriften ein in französischer Sprache geschriebenes und zu Paris gedrucktes Buch an Uns gelangte mit dem Titel: 8ur la Situation präsente 6e I'Lglise ZsIIiogne relstivement gu clroit coutumier, — dessen Verfasser dem, waS Wir so sehr empfehlen und einschärfen, geradezu widerspricht. Wir haben dieses Buch Unserer Congregation des Inder zur Verdammimg übergeben. — Ebe Wir aber unsern Brief schließen, geliebte Söhne und ehrw. Brüder, erklären Wir euch nochmals, daß Wir aufs sehnlichste wünschen, daß ihr alle Streitsragen beseitigt, welche, wie ihr wißt, den Frieden stören, die Liebe verletzen und den Feind.en der Kirche Waffen in die Hand geben, sie anzufeinden und zu bekämpfen. Darum muß eS euch sehr am Herzen liegen, unter euch und mit Allen den Frieden zu erhalten, wohl beherzigend, daß ihr dessen Diener seyd, der nicht ein Gott der Zwietracht, sondern ein Gott des Friedens ist und der nie unterlassen hat, seinen Jüngern dey Frieden so dringend anzuempfehlen, einzuschärfen und vorzuschreiben. Christus hat ja, wie ihr alle wißt, „alle Gaben und Belohnungen, die er verheißen, nur bei Bewahrung deS Friedens versprochen. Wenn wir Erben Christi sind, müssen wir im Frieden Christi bleiben, wenn wir Kinder Gottes sind, friedfertig seyn. . . . Friedfertig müssen die Kinder Gottes seyn, sanft von Herzen, einfach in Worten, einträchtig in der Liebe, treu durch die Bande der Eintracht mit einander verbunden" ((^pr. un. eccl.). Von eurer Tugendhaftigkeit, Religiosität und Pietät hegen Wir die zuversichtliche und zweifellose Erwartung, geliebte Söhne und ehrw. Brüder, daß ihr diesen Unsern väterlichen Ermahnungen, Wünschen und Anordnungen freudig gehorchen und alle Keime der Uneinigkeit ganz vertilgen und so Uns re Freude vollkommen machen, daß ihr, mit aller Geduld einander ertragend, in Liebe und eininüchig sür den Glauben des Evangeliums wirkend, fortfahren werdet, mit immer größerm Eiser über die eurer Sorge anvertraute Heerde zu wachen und alle Pflichten eures wichtigen Amtes zu erfüllen zur Vollendung der Heiligung zur Erbauung des Leibes Christi. Seyd fest überzeugt, daß Uns nichts angenehmer und erwünschter seyn wird, als Alles zu >hun, wovon wir erkennen werden, daß es zu eurem und eurer Gläubigen größerm Nutzen gereichen könne. Unterdessen bitten nnd flehen Wir in der Demuth Unseres Herzens zu Gott, daß er die Fülle aller himmlischen Gnaden steiS über euch ausgießen und eure oberhirtlichen Sorgen und Arbeiten segnen möge, auf daß die eurer Hut anvertrauten Gläubigen mehr und mehr würdig wandeln, Golt in Allem woh gefällig und in allen gnlen Werken fruchtbar. Als Unterpfand dieses göttlichen Schutzes und als Zeugniß der innigsten Liebe, womit Wir euch im Herrn umfangen, ertheilen Wir von Herzen euch, geliebte Söhne und ehrw. Brüder, und allen geistlichen und gläubigen Laien eurer Diöcesen den apostolischen Segen. Gegeben zu Rom bei St. Peter, am 21. März 1853, im 7. Jahre Unseres Pontificats. kius??. IX. Die Marien-Mai-Andacht. DaS Ziel aller Anbetung in der katholischen Kircke ist Gott allein, der drekeinkge Gott; daher heißt die gesammte kirchliche Fei r, sie mag eine besondere Veranlassung haben, welche sie will, — Gottesdienst. Alles Beten, Singen, Feiern und Weihen in der Kirche hat keinen anderen höchsten und letzten AuSgangöpunct als den ewigen Gott. Gleich den Strahlen der Sonne, die, mögen sie auch nach allen Seiten und Enden auölaufen, leuchten und wärmen, doch immer im Mittelpuncte des S>nnen- balleö vereinigt bleiben, reichet die kirchliche Feier mit ihrem Glänze und Erhebung bis zur Verehrung cineS jeden Heiligen hin und bleibet doch geeint in der alleinigen Anbetung deS dreipersönlichen GotteS. Ebenso wenig als das Licht, so von der Sonne sich auf Himmel und Erde und auf den kleinsten Gegenstand dieser Erde ergießt, der Sonne selbst Eintrag thut, — und ebenso wenig als man die von der Sonne erleuch. 133 teten Körper trotz ihres Glanzes für die Sonne selbst halten wird, ebenso wenig schwächt die Verehrung Maria'S und aller Heiligen die Anbetung Gottes, und Niemand wird bei ruhiger Betrachtung und Erwägung so einfältig seyn, die Verehrung der Heiligen für Anbetung zu halten. Die Kirche hat nie befürchtet, daß aus der Verehrung Marias und der Heiligen irgend ein Nachtheil oder Mißbrauch entstehen könnte, und hat daher jene Ver, ehrung für heilsam und gut erklärt. In dieser Verehrung nimmt die Marien-Andacht während des Mai-Monates einen vorzüglichen Platz ein. Diese Andachtsweise hat die Kirche durch Ertheilung reichlicher Ablässe genehmigt und alle Verehrer Marias M eifrigen Theilnahme aufgefordert. Im päpstlichen Erlasse des heil. Va!crS PiuS VII. heißt eS: „Allen Gläubigen, welche in der Kirche oder im Verhinderungsfälle zu Hause im Kreise der Ihrigen während des Monats Mai die hl. Jungfrau durch Huldigung, Gebete und andere Tugendübungen ehren werden, sey für jeden Tag dieses Monats ein Ablaß von 30(1 Tagen, und einmal im Monate, an jenem Tage nämlich, an welchem sie das hl. Sacrament der Buße und des Altars empfangen und für die Angelegenheiten der Kirche nach der frommen Meinung Sr. Heiligkeit beten würden, ein vollkommener Ablaß verliehen, welche Ablässe auch den Seelen im Reinigungsorte zugewandt werden können." So sollen sich nach der Erklärung deS Oberhauptes der Kirche besonderer Gnadengaben erfreuen: der Pfarrer, welcher seine Kirche zur Abhaltung der Marien- Mai-Andacht öffnet, die Gemeinde, welche daran Antheil nimmt, besonders alle jene Personen, welche durch Gesang, durch Bestreitung der Kosten, durch eine Unterstützung in irgend einer Weise zur Verherrlichung dieser Andacht nach Kräften beitragen. Verargen wirv diese Marienverehrung Niemand, der ruhig die Worte der hl. Schrift erwägt: „Von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter." Gott will, daß alle Menschen selig werden. In seiner unendlichen Güte schuf Er die Menschen nach seinem Ebenbilde, invcm Er ihnen die Freiheit gab, sich selbst für die Seligkeit deS Himmels zu entscheiden. Rührend ist das Bemühen Gottes, selbst noch die durch die Sünde gefallenen Menschenkinder zu retten und auf ihre gemißbrauchte und verdertne Willensfreiheit so einzuwirken, daß diese mit Hilfe der Gnade durch die Erlösung Jesu Christi das Heil der unsterblichen Seele wirken kann. Unter den Mitteln, diesen Gnadeneinfluß zur Rettung deS g/fallenen Menschen auszuüben, steht die hl. Jungfrau oben an. Sie hat der Herr auSerwählt, um unS durch sie das Höchste und Theuerste zur Rettung von dem ewigen Tode zu geben, was Er ^esaß, seinen eingeborenen Sohn, unseren Erlöser von Tod und Sünde. Zugleich aber sollte in Maria uns auch ein Vorbild gegeben werden, dem die gefallenen Menschenkinder nachstreben und nachfolgen könnten. Auf diesen beiden Puncten beruht die Marienverehrung der Katholiken, die sich dabei auf die beständige Ueberlieferung und die Lehre der Kirche, wie auf das Wort deS hl. Geistes in der Schrift berufen: „Von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter." Denn diese Seligpreisung, von welcher die heil. Jungfrau, erfüllt vom hl. Geiste, redet, ist eben die Verehrung, die wir ihr zollen. Wir preisen Maria selig, weil der Herr Großes an ihr gethan hat. Wir bewundern so gern die Werke GorleS, wie sie in ihrer Erhabenheit und Majestät unS überall umgeben. Und diese Bewunderung erzeugt eine gewisse Verehrung. Wie sollten wir nun nicht Maria bewundern und verehren als das kostbare Werk, das seine Allmacht und Liebe geschaffen hat? Ist sie, die Mutter unseres Erlösers, nicht ein unendlich lieblicherer Hossnnngöftern, zu dem wir irrenden Erdenpilger hinaufblicken können, als die Sterne am Firmament alle zusammengenommen? Und wenn wir nun zu diesem Gotte preisend mit Andacht und Verehrung emporblicken dürfen, warum sollten wir nicht zu jenem Sterne emporschauen, der als lieblichster Morgenstern uns den frohen Morgen der Auferstehung in Christo Jesu verkündet, der als schönster Abendstern unS den Quell aller Ruhe, den Herrn brachte, der da sagte: „Folget mir nach, und ihr werdet Ruhe finden für Eure Seelen." Warum sollten wir nicht voll Ver- 134 ehrung zu diesem Friedenssterne emporblicken, der sich nicht selbst gemacht, den uns der Herr an unsern Lebenshimmel gesetzt hat, um unS an den ewigen Frieden zu erinnern, den uns die Erlösung gebracht? Es ist die Dankbarkeit gegen Gott, die unS in Maria das Werk seiner Allmacht und Gnade bewundern und verehren läßt. Daß diese Verehrung keine Änbetung ist und auch keine seyn kann, liegt klar zu Tage, ebenso wie unsere Verehrung aller anderen Werke Gottes keine Anbetung derselben ist. Nur der Thor und der Barbar könnte über dem Werke Gottes den Herrn und Schöpfer selbst vergessen, nicht aber der Christ, der mit Herz und Mund bekennt: „Es gibt nur einen Gott, den wir anbeten." Und nicht blos, weil Gott Maria zu einer so hohen Würde erhoben, zur Mutter des WelterlöserS gemacht hat, verehren wir Maria, sondern auch weil wir in ihr selbst ein erhebendes und stärkendes Vorbild erblicken, dem wir freudig und mit Vertrauen nachfolgen können. Der Mensch bedars auf seinem Lebenswege eines Leitsternes, der ihm voranleuchtet auf dem oft recht dunklen Pfade der irdischen Verbannung; er sieht sich gern nach einem Beispiele um, an dem er sich erbaut, an dem er sich in den Stunden der Prüfung emporrichtet und hält. Wer die Bedürftigkeit eines solchen Vorbildes läugnet, kennt entweder gar nicht die Bedürfnisse des menschlichen Herzens, oder er würdigt sie nicht nach ihrer Stärke. Daß Christus hier das leuchtendste, aber zugleich auch das unerreichbarste Vorbild ist, wissen wir recht wohl; ebenso wie in seiner Nachfolge Ruhe und Friede für die Seele liegt. Aber gerade diese Nachfolge des Herrn in der rechten Weise ist schwer, und bedürfen wir bei derselben ganz besonderer Aneiferung und Erfrischung. Wir müssen ein Wesen aus unserer Mitte haben, an dem wir lernen können, wie süß es sey, dem Herrn nachzufolgen. Wer könnte dieses Wesen besser seyn als gerade Maria, welche bis an ihr Lebensende treu und ergeben dem Herrn nachfolgte — von Bethlehem nach Nazareth und von Nazareth nach Jerusalem, von der Krippe zum Kreuze? Niemand konnte besser dem Herrn unserem Gotte dienen als Diejenige, welche die Magd des Herrn hieß und von Gott selbst ausgewählt wurde, den Erlöser an ihrem Herzen zu bergen und ihn auf den -Armen zu wiegen. Und sollten wir nun Diejenige, welche uns so helden- müthig vorangegangen ist aus dem Wege nach dem Ziele unseres Lebens, nicht mit aller Demuth und Inbrunst verehren? Noch mehr! Die Liebe stirbt nicht, sondern dauert über das Grab und lebt. Wer Gott so treu und innig im Leben liebte wie Maria, dessen Liebe zu den Mitmenschen muß eine übergroße seyn. Wie innig muß uns daher Maria, die Mutter der schönen Liebe, lieben I Und wir sollten nun Diejenige nicht ehren, welche uns so innig liebt? Oder ist es ein Abbruch der Liebe zu Gott, wenn wir Maria lieben? Schadet unsere Liebe zu den Eltern und Freunden der Liebe zu Gott? Ist diese nicht vielmehr die Quelle gerade von jener? Ach, das menschliche Herz darf und muß lieben; wo keine Liebe — da ist Tod. Liebt Maria uns: warum sollten wir sie, die von Gott so sehr geliebte, nicht wieder lieben? Und diese Liebe erzeugt Verehrung. Die Liebe Marias aber wird ebenso wenig wie jede andere treue Liebe unthätig seyn, sondern sie muß wirken, und Gott ist es, der ihr den Wirkungskreis zuweist. ES ist dies die Fürbitte für uns, die immer aus der Liebe entspringt. Die Mutter, die ihre Kmder liebt, ist eine beständige Fürbiiterin für diese Kinder. Ist dieses nun der Fall: warum sollte unsere Verehrung Marias nicht auch noch so weit gehen, daß wir ihre Fürbitte in Anspruch nehmen und zu der süßen Jungfrau emporrusen. Das ist kein Mangel an gläubigem Vertrauen auf Gott, denn gerade dieses flößt uns jenes Hingeben an Maria ein. Eben weil wir wissen, daß Gott uns so unendlich viel durch die heil. Jungfrau Maria gegeben hat, wenden wir unS mit solchem Vertrauen zu ihr. Und in diesem vertrauungsvollcn Hinwenden liegt der Haupttheil unserer Marienverehrung. Diese ist also nichts weiter als die alleinige Anbetung unseres GotteS, der uns in Maria die Mutter unseres Erlösers, das Vorbild der Nachfolge Christi und eine Fürbitterin am Throne der Gnade gegeben hat. Deshalb preisen wir Maria selig, welche der Engel die Gnadenvolle, Elisabeth die Hochgebenedeite des Herrn, 13S unser Erlöser Mutter nannte u, s. w. vom Kreuze herab auch uns zur Mutter gab. Diese Verehrung ist von Geschlecht zu Geschlecht, von Volk zu Volk gegangen durch volle 18 Jahrhunderte hindurch. Wo immer das Kreuz der Erlösung ausgepflanzt wurde, da erhob sich auch das Bild der süßen und keuschen Jungfrau, — nnd wo dem Gotte der Christen Weihrauchdüfte wallten, da erschollen auch die Hymnen Marias. Von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, von Ort zu Ort zog die Verehrung Marias und erquickte jedes Herz, das sich vertrauend zu ihr wandte. Die Frauen, welche durch sie wieder zu ihrer Würde erhoben worden waren, dienten ihr mit der zartesten Innigkeit deö Herzens. Die Männer huldigten ihr als ihrer Königin. Die Mädchen erkoren sie sich zur liebreichen Schützen» ihrer Unschuld, und die Jünglinge weihten ihr ihre Studien und all ihr jugendliches Streben. Ihre Kapelle und Dome erhoben sich allenthalben, sowohl in dem feurigen Süden, als in dem ernsten Norden. Ihr Name prangte allenthalben. Und wie cS war, so ist es noch. — Millionen Frauen und Männer sind noch treue Verehrer der Jungfrau Mutter. — Sie grüßt demütbig und freudig jedes Kiud; zu ihr blicken bekümmerte Eltern am Krankenbette ihrer Lieben, ihr empfiehlt sich der Alpenhirt, wenn er zur Höhe steigt, und der Alpenjäger, der zum Abgrunde klimmt; — ihr huldigen die barmherzigen Schwestern in den Spitälern nnd die Armen in ihrem Siegesläufe; — ihr widmen noch Fürsten, wie ehedem, kostbare Weihgeschenke, — und das arme Volk unterhält noch daS Lämpchen vor ihrem süßen Bilde. Ach, meine Geliebten! selbst noch in den Städten, wo der katholische Glaube verschwunden, verkünden von den ehemals katholischen Kirchthürmen herab dreimal des Tages die Glocken daS „Ave Maria" und preisen mit eherner Zunge so lange jene hl. Jungfrau selig, bis wieder Söhne und Töchter Marias entsprossen und den „Engel des Herrn" beten. DaS Geetenwefen i« Pommern. Die N. P. Z> berichtet darüber aus Köslin, Der Schlawer und besonders der Rummelsburger Kreis unseres Regierungsbezirks sind seit langem als Herd einer tiesen religiösen Bewegung bekannt, welche ihre Theilnehmer vorzugsweise in den niedern Ständen sucht. Es läßt sich nicht leugnen, daß mit ihr, auch wenn ihr zuweilen in einzelnen Stücken die Lauterkeit der Lehre (der Katholicismus) sehlt, sast durchgängig ein christliches und reines Leben verbunden ist, das zugleich in sich die einförmige Rauigkeit und den stummen Ernst jener Sand- und Moorgegenden abspiegelt. Es ging schon seit einigen Tagen in der Gegend das Gerücht, daß der Bauer Carl Ziemcke zu Klein-Schwirsen (Rummelsburger Kreises) in seinem Hause religiöse Versammlungen hielte. Man sprach von acht bis zehn Personen, welche bei ihm zusammenkämen. Die Behörde hielt eS endlich für ihre Pflicht, über diese Zusammenkünfte sich zu unterrichten. Die Mutter der Frau des Ziemcke, welche der Sache fern stand, regte diese Untersuchung zum Theil selbst an. Ziemcke gab offen über sein religiöses Leben Auskunft. Er hat früher zu der Secte der Taufgesinnten (Baptisten) gehört und hat endlich die Bekanntschaft eines Schneiders QuardocuS aus Bublitz gemacht, der früher auS einer Wiedertäufergcmeinde jener Gegend ausgestoßen war, weil er ein von einem Glaubensbruder ihm gegebenes Darlehen nicht zurückgezahlt hatte. QuardocuS scheint mit seiner Frau von Ort zu Ort gewandert zu seyn, um Gläubige sür eine „neue Lehre" zu gewinnen, deren Apostel er sich nannte. Er ist dann auf einem solchen Zuge zum Bauer Ziemcke gekommen und hat denselben für seine Religion gewonnen. Das „Gebet" ist die ausschließliche Beschäftigung dieser eigenthümlichen Secte gewesen, und sie soll zum Beweise sür die Schristgemäßheit dieses Cultus das Wort angeführt haben: „Betet ohne Unterlaß!" QuardocuS hatte die Ehrfurcht des Ziemcke in noch höherem Grade zu erwecken gewußt, als er ihn durch Händeauflegen von einer schweren Krankheit befreite. Diese Krankheit, welche keinen bestimmten äußern Charakter trug, hat wohl die Richtung des Ziemke entschieden. Er hat in ihr „Gesichter gesehen und Offenbarungen gehabt, M ^ , V » ,n ',?> > welche ihn dann auch später nicht verließen." Auch hat er „gefühlt, daß der Teufel in ihm tvsete und redete" — ergibt sogar in räthselhaften, dunkein Tönen die Sprache' desselben wieder —, aber er will den Kampf mit ihm bestanden haben. — Es bildete sich bald eine aus zwölf Personen, die bereits früher sämmtlich aus der eräug. Landeskirche ausgetreten waren, bestehende Gemeinde, von der Ziemcke rühmt, daß sie voll des Geistes gewesen sey und in fremden Zungen geredet und gebetet habe. Ziemcke hat aus diesen Sprachen manche Worte wiederholt, die ganz unverständlich klingen. Die Gemeinde hat sich in vier Missionen getheilt, welche in nächster Zeir nach den vier Weltgegenden hin die Lehre verbreiten sollten. Von Wichtigkeit für die Kenntniß des inneren Lebens.dieser Secte ist die Weise, in welcher Ziemcke seine Frau „bekehrt" hat. Die Frau hat sich ihm öfters genähert, er aber habe stets in ihr den Teufel erkannt und nach diesem geschlagen und geworfen. Da sey sie von ihm gelaufen, bald aber freundlich zurückgekehrt, der Teufel hätte sie verlassen gehabt und sie sey plötzlich bekehrt qewesen. Späterhin, als die Gemeinde gebildet war, trat unier ihr ein Schneider auf, der nach ihrer Meinung das geistige Amt der Teufeis- Austreibung , verbunden mit einer überwältigenden Kraft, besessen hat. Die „Betge- nossen<", wie sie genannt, lebten, obwohl auS verschiedenen Dörfern, in dem Hause des Ziemcke, das gewöhnlich verschlossen und dessen Fenster verhängt waren, und man fand sie späterhin in einem stark erwärmten Stäbchen betend am Ofen sitzen. Äm 20. v. M. in der Nacht verließ ein Wagen das Gehöft des Ziemcke, auf welchem sich schwerkrank der Maurer Quardocns aus Bublitz, der Bruder d'eS „Apostels", befand. Er wurde »ach einem Abbau bei Treblin im Rummelsburger Kreise gebracht und liegt noch jetzr darnieder. Sein Körper zeigt schwere Verletzungen, und die Bct- genossen geben zu, ihn „gezüchtigt zu haben, weil der Teufel in ihm mächtig gewesen sey." Die Behörde ist nun eingeschritten und hat in dem Hause des Ziemcke auch noch eine Leiche gesunden. Sie lag in dem Stäbchen, in welchem sich die Gemeinde befand, auf dem Bette und war stark angeschwollen und mit braunen Flecken bedeckt, übrigens längst erkaltet. Es ist der Bauer Koschuick aus Latzig. Die Mitglieder der Secte haben sogleich offen gestanden, daß jener 'wm Teufel besessen gewesen und deshalb von Gott gezüchtigt sey. Gott würde ihn aber auch wieder erwecken. Die Semrer sind arretirt, die Gerichte sind in Thätigkeit. Mit irgend einer anderen kirchlichen Gemeinschaft haben diese Leute in aar keiner Verbindung gestanden, — ein Umstand, welcher nach den entstellenden Nachrichten provinzieller Blätter noch ausdrücklich hervorgehoben werden muß. Die „Belgenvssenschaft" war sirenge von allen' andern Leuten abgeschlossen und bestand nur auS 12—15 Personen. HlkÄ mui'!^ m (szH^-?,gW V-ll't»zA, uz. )wllsL-ö.,!i»I Augsburg. Augsburg, 14. April. Um dem Vereine der heiliaen Kindheit, welcher schon seit einigen Jahren in unserer Diöcese Wurzel faßte, eine sichere Grundlage zu geben, trat hier ein provisorisches Comite zusammen. Dasselbe hielt es sür dringendste Pflicht, vor Allem diestm Vereine die vberhirtliche Anerkennung zu erwirken, und wandte sich deßhalb an unsern hochwürdigsten Herrn Bischof. Seine bischöflichen Gnaden geruhten unterm 13. April, diesen Regeln die vberhirtliche Bestätigung huldvollst zu ertheilen, und zwar in folgenden Worlen: „Mit freudiger Theilnahme ertheile ich den voranstehenden im edelsten Geiste gefaßten Regeln für den Verein der heiligen Kindheit die vberhirtliche Bestätigung für daö Biöthum Augsburg, und bitte den göttlichen Kinderfreund, daß er alle Mitglieder dieses Vereines auf seinen Pfaden erhalten wolle, damit sie seiner Verheißungen theilhastig werden." AugSdnrg, 13. April 1853. Peter Richarz, Bischos von Augsburg. (A. St.u. L.-B.) —.—>-^—>—>->---— B«r«mtwortl!cher Redacteur: L. Scheuche». Verlag« - Jrchaber: F. C. Kremer. Dreizehnter Jahrgang. Zonntags Beiblatt zur Augsburger PsstMtung. 1. Mai. 18. 1853. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonuementspreis kr., wofür e« durch alle köulgl. bayer. Postämter und alle Buchhaudluugeu bezogen werdeu kaou. Etwas über kirchliche Heraldik. Zwar finden wir in keinem heraldischen Werke eine Einteilung der Wappenkunst in kirchliche und weltliche; dennoch geben wir unserer Abhandlung obigeu Titel, weil der Zweck derselben ist, die Wappen der Kirche zu erklären, d. h. Andeutungen über die Wappen des hohen und niedern Klcruö, der religiösen Gemeinden u, s. w. zu geben und zu zeigen, welchen Einfluß die Religion, die Kirche ans die Heraldik hatte. Der religiösen Begeisterung der Vorzeit verdankcn tie heutigen Wappen überhaupt ihren Ursprung Daß diese besonders zur Zeit der Kreuzzüge aufkamen, geht vornehmlich aus dem Umstände hervor, daß ihr Gebrauch fast bei allen christlichen Nationen zugleich aufing. Zur Zeit der Kreuzzüge wurden bekanntlich alle Gemeinen mit einem Kreuze bezeichnet, die Anführer erhielten als besonderes Abzeichen ein besonderes Kreuz, welches sie später zur beständigen Erinnerung an ihren Zug in ihrem Wappen führten. Die verschiedenen Nationen, welche sich an den Kreuzzügen belhei- ligten, unterschieden sich durch die Farben ihrer Kreuze. Andreas SylviuS Äarcia» nensis (gcl a. 1188) schreibt: ,M rex k>->nvme oum suis ruliess cruces, rex ^ngliae eum sui5 »Ilias, Lomes ?Ign«lri!N5>s cum 8vis viri«le8 sugcipiunt." („Und der König von Frankreich mit den Seinigen erhält rothe, der König von England mit diN Seinigen weiße, der Graf von Flandern mit den Seinigen grüne Kreuze",) Daher führen so viele europäische Fürsten Kreuze in ihren Wappen, daher kommt es auch, daß wir so mannichsaltige Arten von Kreuzen in den Wappen sehen. Die hauptsächlichsten Formen und Benennungen, unter welchen das Kreuz auf Wappen vorkommt, sind ungefähr folgende: 1) Das gemeine Kreuz, auch ausrechtes, gleiches, plattes Kreuz. Die Familie Alfst führte im goldenen Felde ein rothes gemeines Kreuz. 2) Das schwebende oder abgekürzte Kreuz, Die Pctschach in Oesterreich führen ein goldenes schwebendes Kreuz im blauen Felde. 3) Das Anker kreuz. Es ist au den vier Enden etwas breiter, als in der Mitte, ankcrförmig und gerundet, doch hat jeder der die Ruudung bildenden halben Cirkel wiederum in der Mit e einen kleinen Einschnitt. Die Markgrafen von Brandenburg führten wegen des Fürstenthums Camin ein silbernes Ankerkreuz im rochen Felde. 4) Das ausgerundete, Mantuanische oder Tatzenkreuz ist ein gemeines, an den vier Ecken ausgebogeneS Kreuz, Die Herzoge von Mantua führten im silbernen Felde ein rothes ausgerundetes, von vier gegen einander gekehrten Adlern begleitetes Kreuz. 5) DaS Gabel kreuz gleicht an den Enden einer Gabel. Die Truchseß von Kühlenthal führten im Felde ein schwarzes Gabelkreuz. 6) Das Kleeblattkreuz, Dreiblattkreuz, St. LazaruSkreuz ist an den Enden wie ein Kleeblatt geformt. 138 7) Das Krückeukreuz hat an den Enden kleine Querbalken. DaS Königreich Jerusalem hat im silbernen Felde ein goldenes Krückenkreuz mit vier kleinen Krückenkreuzen von demselben Metall. Das Wappen von Calabrien ist im silbernen Felde ein schwarzes Krückenkreuz. 8) Das St. Antoniuskreuz, bei welchem der Querbalken über dem Psahl steht, also ähnlich dem griechischen I. 9) Das hohe Kreuz, PassionSkrenz, ist stets schwebend und entweder ein schmales Kreuz oder ein Krcuzsadeu. DaS Wappen der Landschaft Wlodimirien ist im rothen Felde ein goldener gekrönter Löwe, welcher mit den beiden vordem Pranken ein silbernes hohes Kreuz hält. 11) Das St. Jacobskreuz ist ein hohes Kreuz, dessen drei obere Enden lilieusörmig ausgehen, dessen unterer Theil hingegen ausgeschweift ist und sich als Kugelstabkreuz in eine Kugel endigt. Solche Kreuze trage» die Ritter deS heiligen Jacob in Spanien. 12) DaS Malteserkreuz ist achteckig, scharf zugespitzt und hat zwischen je zwei Ecken einen starke» Einschnitt. Die Malteseiritter tragen ein solches Kreuz von Gold weiß emaillirt. " 13) Das Tolosanische oder Schlüsselring-Kreuz ist ausgebrochen und endigt sich in Gestalt eines dreieckigen Schlüsselrings. Die Grafen von Toulouse führten im rothen Felce ein goldenes, an jeder Ecke mit einer goldenen Kugel geziertes TolosanischeS Kreuz. 14) Das St. Katharinenkreuz ist eine Art Krückenkreuz und kommt sehr selten vor. 15) DaS Andreaskreuz, auch Burgundisches Kreuz genannt (weil die Könige von Burgund zu Ehren des heilige» Andreas ein solches im Wappen führten), hat die Balken überzwerg gekreuzt. Vom Patriarchenkreuz bei einer andern Gelegenheit. DaS Wappen der Kurfürsten von Mainz, welches ein vom ersten Kurfürsten Willigis < 1011—21) herrührendes Rad seyn sv!>, war wahrscheinlich ein Kreuz, welches mit einem Kreist umzogen wurde. Kur-Trier und Köln führten gleichfalls Kreuze. DaS Rad im Mainzer Wappen kommt auf Münze» zwischen 1230—49, und ans Siegeln erst 1294 vor. Der Kurfü'.st von Trier si-hrte wegen der Abtei Prüm im rothen Felde ein silbernes zunickschcndes Oster lamm, welches einen goldenen Kreis um den Kopf hat, mit dem rechten Fuß eine silberne mit einem rothen Kreuz gezeichnete Fahne trägt» uud auf einem Linien Hügel steht Auch der Bischof von Vriren hat im rothen Felde ein auf einem grüne» Hügel stehendes, vorwärts sehendes Osterlamm, welches mit dem linken Vorderfnße eine mit einem Kreuze gezeichnete Fahne trägt und um den Kops einen goldenen Cirlel hat. Die Familie Lemblein führt im Klanen Feloe ein rückwärts sehendes silbernes Osterlamm, welches mit dem linke» Voiderfiißc eine mit einem Kreuz gezeichnete silberne Fahne trägt. Auch Kirchenfahnen sieht man zuweilen auf Wappen, Sie sind mit dru Ringen uud ebenso vielen Korden an die Siangcn angehängt, niemals aber seitwärts au dieselben angenagelt. So z, B. führen die Fürsten von Fürstmberg Wege» der Grafschaft Werdenberg im rothen Felde eine silberne Kirchenfahne, und die Grafen von Montfort haben im silbernen Feld eine rothe Kirchensahne mit drei Ringen. > Nächst dem Kreuze ist der Löwe die gewöhnlichste Wappenfigur, woher auch das französische Sprichwort: „8i tu n'gs pss el'grmes, prencis I« Iicu>." Zur Zeit der Kreuzzüge entstanden die vielen Löwen, weil, wie man sagt, die Kreuzfahrer begierig waren, die Sarazenen wie Löwen anzufallen. Eben durch die Kreuzzüge kamen Viele orientalische Figuren in europäische Wappen. Das päpstliche Wappen ist eine dreifache Krone, worunter die zwei Schlüssel in Form eines Andreaskreuzes gelegt sind. Der rechte Schlüssel ist golden, der linke silbern. Die Schlüssel findet man auf päpstlichen Siegeln seit dem Anfange des vier- 139 zehnten Jahrhunderts. Früher wurden die Schlüssel auf den Schild gelegt, wie man dies auf päpstlichen Münzen und Denkmälern in Avignou und Rom sieht. Die dreifache Krone des Papstes bedeutet die dreifache Gewalt desselben über die streitende, leidende und triumphirende Kirche. Der Papst Bouisaz Vlll, hat zuerst ein Wappen gefiihrt. Die Familie Bapst von Bolsenheim führt in einem goldenen Schilde ein eingelegtes schwarzes Schild, in welch' letzterm das Brustbild eines (links sehenden) Papstes mit rothem Mantel, silbernem Kragen und einer silbernen Tiara auf dem Hanpte. Die Patriarchen führen doppelte Kreuze (Patriarchenkrenze, in Wappenbriefen Spanische Kreuze), bei denen der obere Querbalken kürzer als der untere ist, DaS Patriarchenkreuz ist aus Wappen immer schwebend; der obere Querbalken desselben mag von dem Zettel, auf dem die Buchstaben 5. k. ^ standen, seinen Ursprung herleiten. Der Knrfürst von Hessen führt u. a. im silbernen Felde ein rothes Patriarchenkreuz wegen der Abtei Hersfeld. DaS ungarische Wappen hat im rothen Felde ein silbernes Patriarchenkreuz. Der König von Polen führte wegen deS Großherzogthums Litchauen im rothen Felde einen geharnischten silbernen Reiter, der in der Rechteil ein bloses Schwert und in der linken einen blauen Schild mit einem goldenen Patriarchenkreuz hält und auf einem rennenden, gleichfalls silbernen Pferde mit blauem Zeug unv goldenem Hufeisen sitzt. Die Cardinäle setzen weder Kronen, noch andere Zierrathen auf ihre Wappen, sondern allein den Cardinalshut, an welchem etagenweise Qnasten herabhängen, und hinter dem sich Hirtenstäbe befinden. Jnnocenz IV. hat aus der 1245 in Lyon gehaltenen Kirchenversammlung den Cardinälcn rothe Hüte zugedacht , damit sie immer bereit seyen, ihr Blut für die christliche Kirche zu vergießen. Die Schnüre und Quasten hat Paul II. hinzugefügt; cS waren früher nur wenige, aber mit der Zeit mehrten sie sich. Gewöhnlich haben die Cardinäle fünfzehn Quasten. Seit dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts fügen die Cardinäle, und besonders die von niedriger Herkunft, daS Wappen des Papstes, der sie ernannt hat, dem ihrigen bei. Die Erzbischöfe haben grüne Hüte mit zehn, etagenförmig herahängenden Quasten und hinter den Hüten, wie die Cardinäle, Hirtenstäbe. Erst seit dem siebenzehnten Jahrhundert decken die Erzbischöfe und Bischöse ihre Wappen mit grünen Hüten, um die Cardinäle nachzuahmen. Die deutschen Erzbischöfe und Bischöfe waren die ersten, welche ihren bischöflichen und Stiftswappen ihr Geschlechtswappm beifügten; erst im zwölften Jahrhundert finden sich Siegel mit dem bischöflichen und Stiftswap- pen, und erst im dreizehnten Jahrhundert fingen die Erzbischöfe und Bischöfe an, ihr Geschlechtswappen beizufügen. Die Bischöfe haben grüne Hüte und sechs Quasten; auch führen sie einen Jn- sul. DaS Schwert, welches man bei bischöflichen Wappen oft sieht, ist das Zeichen der weltlichen Gerichtsbarkeit oder der Landeshoheit. Der Bischofsstab ist bei solchen Wappen links, das Schwert rechts unterlegt. Zur Zeit des Concils von Constanz fand man die Setzung des Schwertes und Bischofsstabes noch nicht Zwischen Schwert und Stab befindet sich die Bischofsmütze. Diejenigen Bischöfe nnd Prälaten, welche nicht zugleich Landesfürsten sind, führen nur den Stab allein. Zuweilen stehen zwei Stäbe schräg gegen einander, zuweilen beide aufrecht. Einige Bischöfe außerhalb Deutschland setzten, ob sie gleich keine Landesfürsten waren, dennoch daS Schwert, freilich mit über sich gekehrter Spitze, zur Linken des Schildes. Einige Heraldikcr wollen, daß die Stäbe der Erzbischöfe einwärts, d. h. mehr gegen den Schild, und die der Bischöfe mehr auswärts, d. h. von demselben entfernt werden sollen. In Deutschland führen auch jene Geistlichen, welche ansehnliche Stiftsämter bekleiden, als: Pröbste u. f. w, die Bischofsmütze. Das Stift Niedermünster führte im rothen Felde einen Bischofsstab mit dem auf dessen Mitte gesetzten silbernen lateinischen l>. Der im Speyerschen Wappen durch ein Castell gesteckte silberne Prälatenstab bedeutet die Abtei Weißenburg. 140 Die Aebte haben schwarze Hüle und drei Quasten. Nicht alle Aebte führen die Jnful, sondern nur diejenigen, welche eine Jurisdiktion haben, oder sonst vom Papste dazu berechtigt sind; in Frankreich nannte man früher solche Aebt: „^IMs miti-65" Die Aebte, weiche weltliche Jurisdiciion hatten, führten auch das Schwert. Gleich den Erzbischöfen und Bischöfen führten die Aebte früher daS Stiftswappen allein; im dreizehnten Jahrhundert vereinigten sic ihr FMnilienwappen damit. Nach d.n sieben Gaben des heiligen Geistes sollten sieben Kurfürsten seyn, drei geistliche, nämlich Mainz (Primas von Germanien und Reichskanzler), Köln und Trier, und vier weliliche, als Pfalz, Böhmen, Sachsen, Brandenburg (im fiebenzehn- ten Jahrhundert noch Bayern und Hannover, und in neuester Zeit Hessen-Kassel). Auf den Hüten der Kurfürsten sieht man einen oder zwei Bogen Perlen gestickt; zuweilen findet man selbst vier Bogen und der Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg war der erste, der vier Pcrlenbogcn auf dem Kurhute gestickt hatte. Die deutsche Kaiserkrone, welche von der römischen verschieden ist, ist einer Bischofsmütze ähnlich, damit sie desto heiliger und ehrwürdiger erscheine. Der Reichsapfel war zuerst ein Majestätszeichen der römischen Kaiserwürde und gehört cigknilich nicht unter die Kleinodien des deutschen Reichs. Er wurde imm-> HoH »'i -- -- >'-' Vertreibung der Bater der Gesellschaft Jesu auS der Republik Ecuador. Die I suiten, durch ein Decret v, I, 1850 aus Neu-Granada vertrieben, hatten sich nach der Republik Ecuador begeben, wo sie mit Begeisterung aufgenommen worden waren und seitdem sich durch ihren Eiser die allgemeine Achtung und Zuneigung er- 143 warben; aber durch einen der unerwarteten Gegenstöße, wie sie in diesen schlecht gegründeten Freistaaten so häufig sind, wurde ihnen die gesetzgebende und vollziehende Gewalt seindselig. Das Zeichen zum Angriff wurde dadurch gegeben, daß gewisse Männer zur Gewalt gelangten. Den Sturm eröffnete die Presse, sodann wurden, nachdem die Geister genugsam erhitzt waren, folgende zwei Fragen der zu Guayaquil zusammengekommenen Nationalversammlung vorgelegt: 1) Ist die Gesellschaft Jesu der Republik Ecuador angemessen oder nicht, 2) soll man die Väter der Gesellschaft aus- treiben? Die erste Frage ward fast einstimmig bejaht, die zweite bejaht mit einer Majorität von 21 gegen 14 Stimmen. Folgeweise erkannte die Versammlung die Pragmatik Carls III. als noch immer giltig an und beauftragte die Erecntivgewalt zu den nöthigen Maaßregeln. Das Volk, welches in den Jesuiten die Lehrer seiner Kinder, die Leiter seines Gewissens, die Apostel seiner Religion liebt, welches es als ein Glück ansieht, wenn sie für seine geistige Besserung im Beichtstuhle und auf der Kanzel arbeiten, war in Masse zu der Versammlung geströmt, man befürchtete eine Demonstration zn Gunsten derjenigen, welche man entschlossen war zu verurtheilen, und trotz der Constitution, welche zu einem legalen Beschlusse Oeffentlichkeit der Sitzungen nnv eine dreimalige Probe verlangt, hat man bei verschlossenen Thüren in einer einzigen Sitzung berathen und abgestimmt, ohne, die geringste Rücksicht zu nehmen auf dreißig Bittschriften, welche mit mehreren Tausenden von Unterschriften bedeckt waren. Zu Guayaquil äußerte sich der Schmerz der Gläubigen durch ihren Zusammenfluß zum Hanse und zur Kirche der Gesellschaft, zu Guito und Jbarra war die Haltung des Volkes minder ruhig. Kaum war die Nachricht von dem Decret angelangt, als eine tobende Volksmenge das Haus der Gesellschaft umgab, erklärend, daß sie um jeven Preis sich ihrer Verbannung widersetzen würde. Es gelang nur dadurch den Aufruhr zu bändigen, daß man bekannt machte, die Exekutivgewalt habe noch keine Entscheivung gefaßt. Während die Jesuiten ihren ganzen Einfluß auwandten, das zu ihren Gunsten ausgestandene Volk zu beruhigen, hat die irreligiöse Presse es nicht versäumt, die populäre Bewegung, in welcher man bei geringer Aufrichtigkeit den Ausdruck der allgemeinen Gesinnung hätte erkennen müssen, den.Vätern zur Last zu legen. ES ist merkwürdig, wie dl>se Republikaner den willkürlichsten Act Carls III. verkündigen nnd zum Panier den despotischen Lappen nehmen, den die Decrete JsabellenS II. soeben zerrissen haben. Der spanische Consul hat die Jesuiten in ihrer Eigenschaft als Spanier unter seinen Schntz genommen; er hat sich berufen auf die Staatsverfassung von Ecuador und auf die Verträge dieser Republik mit Spanien, und so bewirkt, daß die Entschließung der Erecntivgewalt ausgesetzt wurde. Nach den neuesten Nachrichten hat die Regierung den Jesuiten vorgeschlagen, freiwillig abzureisen, und sich erboten, die Kosten der Reise bis zu deren beliebigem Ziele zu bestreiken und ihnen passende Pension ;u bezahlen bis zum September 1853, wo der Congrcß von Neuem sich versammeln soll, um definitiv über diese Angelegenheit zu entscheiden. Nun schreibt der „Pauamar Star" vom 8. Jannar: ;,Verflossenen Dienstag kam von Guayaquil zu Panama das ccuadorische Kriegsschiff Hermosa Carmen mit einer Ladung von 32 Jesuiten, welche von der Regierung von Ecuador aus der Republik ausgetriebeu waren, an. Wir vernehmen, daß sie dem Gvnvernenr von Panama zugewiesen waren mit dem Befehl, sie über die Landesgränze zu bringen und sie aus dem Lande zu verbannen mit aller wünschenswerthen Raschheit und Sorge. Man sagt, daß den Jesuiten bei ihrer Ankunft amtlich bekannt gemacht wurde, daß sie auS- steigen dürften, daß sie aber unter Aufsicht der Polizei während ihres Aufenthalts zu Panama seyn würden und daß dieser nur 24 Stunden Dauer haben dürfe. — Sie antworteten, daß sie dem Gesetz keinen Widerstand zu leisten hätten, aber daß, wenn der Gouverneur sie als Gefangene behandle, er sie unter Ketten und gute Bewachung zu stellen habe. Man befolgte dieses, und die Jesuiten stiegen vom Schiffe am Nord- ihor, eSkortirt von Soldaten und Polizeimännern, und wurden also auf daö Rath- 144 Haus geführt, wo ihr Erscheinen einige Sensation erregte. Um 2 Uhr Nachmittags wurden sie zum Collegium geführt, wo sie von Seiten der Behörde alle Aufmerksamkeit erhiciten, die man ihnen mir Rücksicht auf die Umstände erweisen konnte. Gestern Morgen ging die f,anzc Gesellschaft nach Cruces ab unter der Aufsicht eines Beamten der Regierung, wir bemerkten aber keine militärische Begleitung " Die Jesuiten haben in der Republik Guatemale, wohin sie 1850 durch ein feierliches Votum der Legislatur berufen worden, mehrere Niederlassungen, die sich in sehr blühenden Umständen befinden. Ebenso haben sie neuerdings eine Residenz zu Balize, einer englischen Kolonie am Ocean, von England erworben aus den Trümmer» des Staates Honduras, gegründet. Dorthin werden sich wohl die Vertriebenen begeben. Da der französische Consul von Montholon in Guyaquil neuerdings beleidigt wurde, wäre eS nicht unmöglich, daß Frankreichs Strafmaaßrcgeln den Sturz der demokratischen Negierung herbeiführten und so derselben die gerechte Strafe auch für ihr Benehmen der Kirche gegenüber widerführe. Spanien. Der Bischof von Cadir, Algesiras Jakob AppolinariS Morcna, mit dem Ordensnamen ?. Dominicus de SiloS, aus dem Benedictinerorden starb in einem Alter von 82 Jahren. Im Jahre 1824 erfuhr er eher seine Ernennung zum Bischof von Cadir, als ihm die Erledigung dieses BislhumS bekannt war. Seine Hingebung und sein Gehorsam überwanden seine Bescheidenheit; am 3. August 1825 biclt er seinen Einzug in seine Diöcese. Bei der Einnahme von Cadir durch die Franzosen wurde er zum Ritter der Ehrenlegion ernannt, und die spanische Regierung verlieh ihm das Großkreuz deö Ordens Jsabella'S der Katholischen und Carl UI. Aber trotz Ebren- stellcn und Auszeichnungen starb der Bischof von Cadir als ein armer Mönch, denn alle seine Einnahmen verwendete er für die Kirche und die Armen. Neben der reichen Tomkirche, welche der verstorbene Bischof bauen ließ, erblickt man ein altes HauS, welches zur Halste Ruine ist. Im Innern sieht man keine Kostbarkeiten. Das einzige Meubcl, welches man bemerkt, ist ein Lehnstuhl, ein Geschenk der Stadtbehörden von Eadir. Der liebreiche Prälat vertheilte nicht allein sein Geld unter die Armen, er gab sogar seine nothwendigsten Kleidungsstücke an die Armen hin. AIS ein Kaufmann von Cadir bemerkte, daß er ganz abgetragene Kleider trug, ging er nach Hause, holte neue Kleidungsstücke und brachte sie dem ehrw. Bischöfe und sagte ihm: „Ich schenke Ihnen diese Kleider nicht, sondern gebe sie Ihnen bloß zur Nutznießung." Der Kaufmann wollte ihn so hindern, die Kleider den Armen zu schenken. — Cadir verdankt seine schöne Domkirche seinem Bischvse. Es war dieses kein kleines Unternehmen in einer Zeit, wo man das Geld mehr zu industriellen Unternehmungen verwendet, als zu Werken, welche sich auf Gott beziehen. Der Bischof war Direktor, Verwalter, Auiseher über Alles, seine Einkünfte und die Almosen der Gläubigen errichterm die Mauern des h. Tempels. Alle becherten sich, den Wunsch ihres Bischofes zu unterstützen, die Einen schenkten Steine, die Andern Holz, wieder Andere Eisen, auch die Aennsten legten ihr Scherflein in die Baucasse. Eines Tages kam Dc Leto, ein VerwandNr des Bischofes, zu ihm und sagte: „Wir haben kein Geld mehr, die Arbeiten müssen aushörcn." Der Bischof antwortete: „Keineswegs, wir müssen im Gegentheil fortfahren, Gott wird schon sorgen." Am folgenden Tage empfing der Bischof von einer Dame, welche unbekannt bleiben wollte, ein Geschenk von 20,000 Realen. Man trug ihm das Erzbisthum Seoilla an, aber er wollte sein Bisthum nicht verlassen; er verschmähte Ehrenbezeugungen, Reichthum, Lobsprüche, und besiegelte sein musterhaftes Leben mit einem Testament, welches in Gold verdiente abgedruckt zu werden. Einen solchen Bischof verlor die Diöcese Cadir, er wird von Allen als ein Vater beweint. . Verantwortlicher Redacteur: L. .Schönchen. Verlags - Inhaber: F. C. Krem er. Dreizehnter Jahrgang. Sonntags Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. 8. Mai. ^V>- IS. 1853. . ___ Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonuemeutsprets 50 kr., wofür e« durch alle köulgl. bayer. Postämter und all« Buchhaudluugeu bezogen werde« kaun Religiöse Zustände in Ungarn. Ein Korrespondent des „Salzburger Kircheublatleö" entwirft ein erfreuliches Bild von der Entwickelung deö religiösen Lebens in Ungarn, dem wir die folgenden Miilh-ilungen enniommen habe». Je größer das Juteresse ist, welches die neueste Geschichte diesem Lauve zugewandt, je irriger die Vorurtheile sind, welche man sich vielfach über dieses Land gebildet hat, desto willkommener werden hoffentlich diese Nachrichten seyn; sie eröffnen unö einen Blick in die innern Verhältnisse dieses Landes. Daß Ungarn vor der Revolution in religiöser Beziehung sehr tief versuukeu war und darin auch zugleich ein Grund mit für jene revolmionären Vcrirrungen und die Hingabe an einen Menschen, wie Kossnlh, zu suchen ist, kann Niemand in Abrede stellen, welcher mit den Zuständen jenes LanvcS bekannt ist. Auch kann sich erst allmälig, nachdem die äußere Ordnung wieder hergestelli ist, ein festes politisches und religiöses Fundament bilden, um daraus die Zukunft dieses von Gott so reich gesegneten und so traurig versunkenen Landes zu bauen, und für den Anbau eines solchen Fundamentes sind erfreuliche Hoffnungen vorbanden. „In Ungarn," so schieibi der Korrespondent, „ist in Wahrheit ein Besserwerden zu bemerken. Gar traurig sah es in dieser Hinsi>tt vor dem Jahr 18-48 aus. — Die Protestanten, obwohl in der Minorität, traten überall kräfiig auf, hatten nntcr ihren Kämpfern viele Laien, — die Kaiholiken waren entweder stumm, oder halfen überall ihre Religion und Kirche, am meisten aber die Diener der Kirche schmähen und herabwürdigen. DüS zeigte sich an, meisten in der Ocffcntlichkeit, da hätte Montalcmbert, der Kämpfer deö Rcpräsentaliv-Systems, auch scheu köunen, wie der ParlameniiömuS das ki chliche Leben tövtet. — Bei unsern Landtagen hatten wir unter eiu paar Hundert Abgeordneten kaum zwei (?), die sich bei den Verhandlungen der Rechle der Kirche angenommen haben. Was konnte da der KleruS — was die Bischöfe lhun? ihre Stimme war mit sehr wenig Ausnahmen vox clinnantis in cieserto, und nicht einmal immer das, denn den Rufeuden in der Wüste läßt man wenigstens sprechen, — aber kaum stand da Einer auf für die Kirche, cder wollte dem Conser- vatisvuö die Lanze brechen, so donnerte ihm das schmähliche dahulc (hören wir) meist von der famosen Galerie so lange entgegen, bis er, dic Unmöglichkeit durchzndringen einsehend, mir Wu h seinen Sitz einnahm, so und nur unter solchen Umständen konnten mauche famose Gesetze durchgesetzt werden, die jetzt durch die Gerechtigkeit der Regierung theils cassirt, theils aber nach Möglichkeit modificirt werde», um der Religion und Moralität weniger verderblich zu seyn. — Man hat in der neueren Geschichte der ungarischcu Landtage kein einziges Beispiel, kein einziges Gesetz, welches mich nur a>ö kleinster Beleg für den GerechtigklitSsinu der zweihundert Gesetzgeber gegen die Millionen Katholiken dienen könnte. — Wie eö in der Ocfsentlichkeit war, so war eS größtcntheils im gesellschaftlichen Leben, eS gehörte größtcntheilS zum don wn, die Kirche und ihre Diener lächerlich zu machen, und dies gar oft auch in Gegenwart der Diener der Kirche, — die hoffnungsvolle, aus den Schulen herauSgekommene Jugend brüstete sich mit ihrem Unglauben, selten wagte es einer, in Gesellschaft ein Wort für den Glauben — ein Wort der Vertheidigung zu führen. Jetzt fängt es an anders zu werden — man schämt sich nicht mehr, Katholik zu seyn unter den Millionen von Katholiken; man spricht mit Schonung und Verehrung von der Religion; die Angelegenheiten, die Rechte der Kirche, ihre Lebensäußerungen fangen an auch die Laien zu intcressiren. — Früher hätte sich wohl schwerlich ein Laie von Ansehen gefunden, wie jetzt Graf S-efan Ksrolyi, der sich an die Spitze deS Vereins zur Verbreitung guter Bücher — jetzt Verein deS h. StefanuS — gestellt hat. — Oben- genannter Verein zählt schon unter seinen Mitgliedern viele Laien. Die bereits eingeführten Volk^missionen, die Jesuiten, wären früher ein Schreckbild gewesen, und jetzt werden selbe auch von den Weltlichen — freilich nicht von Allen — als nothwendige Mittel angesehen, dem Unglauben, der Unsiitlichkeit zu steuern. Zur Weckuug der Religiosität hat mit beigetragen, daß die Behörden dem öffentlichen Gottesdienst bei- spiclvoll beiwohnen. — Trefflich war die Bemeikuug, welche neulich ein schlich-er Bürger vor mir machte: „Jetzt sagte er, da auch die Herren die Kirche besuchen, hat der Kaiser gezeigt, daß die Religion nicht blos sür die Bauern ist." Hat der Geistliche jetzt eine Klage zu führen, so wird ihm auch Recht gesprochen, wo früher, wenn eine Klage zu den Comitats-Versammlungen kam, der Geistliche gewöhnlich abgewiesen wurde, und diese sciiuselige Stimmung herrschte nicht nur in jenen Comitaten, wo die Bevölkerung gemischter Religion ist, sondern auch in den rein katholischen. Selbst in dem Graner Comitat, dem Sitze des Erzbischofes, der zugleich erblicher Odergespan dieses ComilalS war, selbst in diesem Comitat, wo dem Klerus der größte Einfluß zu Gebote st.md, wo selber zahlreich nprüsentirt war — selbst da mußten sich in den Versammlungen die Geistlichen gar oft die größten Beleidigungen sagen lassen, mußten mit Schmerzen sehen, wie die feindlichen Aeußerungen unter Triumphgefchrei der bestellten Menge aufgenommen wurden. Was in Ungarn am meisten der Entfaltung deS kirchlichen Lebens hinderlich war, das war die Abwesenheit aller Bischöfe und meist der ausgczeichnelen Domherren von ihren Tiöcesen, welche manchmal durch's ganze Jahr das traurige Geschäft hatten, bei den Landtagen den Elucubrationcn gegen die Kirche und Staat beizuwohnen, ohne dem Uebel abhelfen zu können .... Die Diöcese mußte die Gegenwart der Oberhirten entbehren. Daß bei solchen Umständen anch der trefflichste Oberhirt seiner Diöcese nicht die nöthige Sorgfalt schenken konnte, ist leicht zn errathen. — Wenn kein Landtag war, so waren Comitats-Versammlungen; wurden selbe dort, wo der Bischof seinen Sitz hatte, abgehalten, so war der Bischof gar oft genöthigt, die patres I>striav, die beim grünen Tisch recht fleißig gegen Kirche und Geistlichkeit donnerten, nach der Sitzung in gliunclgritm zu bewirthen, that er's nicht, so wurde er als geizig ausgeschrieeu. Jetzt ist eS anders, die Bischöfe, immer in ihren Diöcescn anwesend, werden in alle, auch die kleinsten Bedürfnisse ihrer Diö- cesauen eingeweiht, mit dem Klerus vollkommen bekannt und mit dem Volke vertraut; und wenn auch von Zeit zu Zeit ein oder der andere Bischof durch den Monarchen nach Wien berufen wird, so weiß man und ist dessen sicher, daß das zum Wohl der Kirche und zn ihrer Verherrlichung geschieht, — wie dies so eben jetzt bei dem Fürst- Primas, dem Erzbischos von Kolocsa u. A. der Fall ist." „An der Spitze des ungarischen Klerus steht der Fürst-Primas. — Unter traurigen Uinständcn"l)at selber die Leitung der katholischen Kirche in Ungarn übernommen. WaS er seil einigen Jahren für das Wohl der Kirche geleistet hat, ist allgemein bekannt. Man weiß wirklich nicht, was man bei diesem Kirchenfürsten mehr bewundern soll — ob seine rastlose, Staunen erregende Thätigkeit, oder seinen heiligen Eifer in Belebung des Glaubens und kirchlichen Lebens, ob seine bcispielvolle Herablassung und Frömmigkeit, ob seine Mildthätigkeit oder seine unbegrenzte Liebe znr Schuljugend, ob seine Pünktlichkeit in der hohen Leitung der kirchlichen Angelegenheiten, oder seine liebevolle Behandlung derjenigen, die zwar geirrt haben, die aber den Fehler einsehend, 147 zu ihm Zuflucht nehmen. — Ich führe hier von seinen vielen Verdiensten nur das große katholische Gymnasium zu Tyrnau an, welches durch ihn in'S Leben gerufn wurde. Dieses gehört, obwohl kaum entstanden, bereits zu den besuchtesten Gymnasien des Landes, eS zählt 115 Convictoren, d. h. solche, die im Institute mit Kost und Quartier versehen sind, und bei 200 andere Schüler, welche in der Stadt wohnen und im Institut- die Vorlesungen besuchen. Eine gewisse Partei hat jwar nicht unterlassen, die in Tyrnau bereits eingeführten Jesuiten, die allenfalls bei dem Unterricht in Gymnasien einen Einfluß haben konnten, als Schreckbild vorzuschrieben, um so die Eltern vielleicht abzuhalten, ihre Kinder in daS Gymnasium zu schicken, aber dieses Mittel, früher von drastischer Wirkung, blieb erfolglos, und macht jetzt keinen Effekt mehr. — Auch die andern Oberhirten sind von der Wichtigkeit ihres Amtes durchdrungen, die mit Freuden begrüßte Zeitschrift „Religio" bringt in jeder Nummer Belege des herrlichsten apostolischen Wirkens unserer Bischöfe. — Dem Beispiele der Oberhirten folgt gerne der KleruS, überall ist jetzt mehr innige Anhänglichkeit an den Oberhirten zu bemerken. Die trostlosen Nachrichten, es kabe dieser oder jener aposta« sirt, werden nicht mek)r gehört und erfüllen uns nicht mehr mit Wehmuth. — Für die Volksschulen sind bereits die meisten Schulbücher herausgegeben, und zwar die für die katholischen Volksschulen bestimmten in ächt katholischem Geist. Jedes Lehrbuch ist, bevor selbes als Schulbuch eingeführt wurde, den hochw. Herrn Bischöfen zur Durchsicht unterbreitet worden, was gewiß ein hinreichender Beleg ist, wie die Regierung von der heiligen Ueberzeugung durchdrungen, Religion sey die festeste Stütze deS Thrones, nur in dieser allein die Bürgschaft einer bessern.Zukunft sieht. AuS diesem, von mir im allgemeinen entworfenen Bild, kann man ersehen, daß Jeder, dem die Kirche und ihr Leben am Herzen liegt, von freudigem Gefühl durchdrungen sagen muß: Gott sey Dank, eS ist für die Kirche besser, wie eS früher war. — Ich will damit nicht sagen, daß wir schon ganz zufrieden seyn können. — O nein, eS fehlt noch gar Manches; doch so Gott uns seinen heiligen Frieden schenkt, wird sich das Wirken der Kirche mehr und mehr offenbaren. — Aber auch Sorgen haben wir, und eine der ersten ist der Mangel an Priestern, besonders in der Graner Diöcese. Die Revolution hat die Zahl der Alumnen sehr gelichtet. — In der Diöcese sterben jährlich zwischen 20 — 30 Priester, und eS werden nur 1? bis 15 geweiht. Wenn die Ordens-Brüder des h. Franziscuö nicht zur Aushülfe in der Scelsorge da wären, so wäre der Mangel an Priestern bereits sehr drückend, denn auch so sind bei 20 Kapla- nenn in der Diöcese unbesetzt. Auch ist bei der Kloster - Geistlichkeit in Zukunft ein Mangel zu befürchten. — Wegen deS strengen Studien-Planeö und der großen Theuerung sind die ärmeren Eltern kaum mehr im Stande, ihre Kinder in die höhern Schulen zu schicken. Die Plansten und Benediktiner haben zwar mehrere Schulen verloren, doch ist selben hinsichtlich deS Unterrichts noch immer ein schöner Wirkungskreis gegeben, — mir wäre eS gut, wenn die Professoren dieser Orden wo möglich besser gestellt wären. Wir sehen der Regulirung der Klöster, mit welcher der Fürst-PrimaS von Sr. Heiligkeit betraut wurde, mit Sehnsucht entgegen. Wir wünschen Alle, daß der Allmächtige den Primas bei dieser großen Sendung, welche für die Kirche die ersprießlichsten Folgen haben wird, stärken möge. Indem wir überzeugt sind, daß die Betreffenden dem apostolischen Visitator überall mit Liebe und großem Vertrauen entgegen kommen werden, können wir an einem glücklichen Resultat durchaus nicht zweifeln." Mission in der Oberpfalz. Hirsch au in der Oberpsalz, 12. April. ES wird vielleicht den verehrlichen, Lesern Ihres vielverbreiteten Blattes nicht unangenehm seyn, auS einem amtlichen Berichte über die hier durch drei Priester der bayer'schen KapuzincrordenS - Provinz abgehaltene geistliche Mission nachstehende Mittheilungen zu vernehmen. Dieselbe begann am 2. l. MtS. mit kurzer Anrede an die Hochwürdigen Missionäre ?. Franz BorgiaS, ?. PatriziuS und ?. Ephrem, worin selbe dem in der Kirche ver- 143 sammelten Pfarr-Volke vorgestellt, dieses zum Vertrauen und zur liebevollen Hingebung an jene ermahnt und denselben sowohl die vbcrhiitliche, als auch psarrliche Vollmacht feierlich übergeben wurde; ferner mit feierlicher Anrufung des heil. Geistes und endlich mit von einem der Misstonäre gehaltener Einleituugsrede, welche durch ihre Herzlichkeit die Zuneigung aller Anwesenden den MissionSpriestern gewann. Am 3. und 4. d. Mts. wurden täglich vier, unv vom 5. bis zum 1V. täglich drei Predigten, die sechs Standeölchren eingerechnet, gehalten. In allen Vortragen war der Magistrat in einem eignen Stuhle repräsentirt; öfter wohnte derselbe in ganzer Anzahl seiner Glieder bei. Jedesmal war die sehr geräumige Pfarrkirche fast znm Erdrücken mit Andächtigen gefüllt; dreimal zwang die Menge dieser den Pr.digtstuhl im Freien aufzuschlagen. Abgesehen von den Paro- chiancn, wooon die größere Mehrzahl allen Voiträgcn täglich beiwohnte, strömten auö weiter Umgegend täglich 3—400U, und einigemal noch mehrere herbei, um Hörer dcö heil. Wortes zu seyn, daS von jidcm der drei Missionäre ohne Unterschied, mit aller Würde. Kraft und Gewandtheit auS den reinsten Quellen, nämlich der heil. Schrift, den AuSsprüchen der Kirche und der heil. Väier, auö der Geschichte, aus der eigenen und fremden Erfahrung und Vernunft schlagend begründet wurde. Die begeisterte« Redner hielten sich durchgchendS an den durch den heil. JgnatiuS von Lojola bezeichneten Gang. Wie konnte eö da wohl anders kommen, als daß sie Jedermänniglich (die oft in bedeutender Anzahl zuhörenden Weltpriester eingerechnet) nicht bloß zufrieden stellten, sondern auch tiefest erschütterte», zerknirschten, belehrten, erbauten und zn den heilsamsten Entschließungen begeisterten? A>S Beleg für diese Bebauptung mag folgendes dienen: Vom 3. Tage der Mission an, da die sakramentalischen Beichten begannen, waren die Beichtstühle der Missionare vom frühesten Morgen bis zum spätesten Äbende förmlich belagert, und nicht blrß die der Missionäre, sondern auch die der Wellpriester, welche treulich mithalfen, die Menge der Reuigen zu befriedige». Sehr oft begegnete «S, daß ein Beichtvater 5 — 6 Lebcnsbeichten in ununterbrochener Folge aufzunehmen hatte. Als am 10. Abends die Missions-Octave mit feierlicher Prozession durch die Stadt sich schloß, waren noch so viele, selbst der zur Pfarrei gehörigen Pöwtenten übrig, daß der ganze nachfolgende Tag und der heutige Mvrgen den nach Aussöhnung mit Gott sich Sehnenden gewidmet werden mußte, was die ehrwürdigen Missionäre auch mit größter Freude und zur allgemeinen Erbauung thaten; daher sie denn auch erst vor etlichen Stunden vom Schauplatze ihres 10 Tuge anwählenden Wirkens scheiden konnten. Aber welch ein Scheiden war dieses? Schon gestern stattete der gesammte Ma- gistrat mit Beizichnng der GcmeindcbevoUmächtigten im festlichen Anzüge uuv im Namen der Gemeinde den Scheidenden den gernhrtesten Dank ab, und hernach und heute, bis zum Einsteigen in den Rcisewagen war wohl kein Kind dahier, welches nicht kam, um unter heißen Thränen den ehrwürdigen Priestern die Hand zu küssen uud durch jeue, mitunter auch durch herzliche Worte die Gefühle dcö Dankes und des HerzenS- weheS wegen der e-llzufrühen Trennung von den Liebgewonnenen zu äußern. Kein Auge der Kinder blieb trocken; auch greise Männer weinten, wenn sie zum persin- lichcn Abschiednehmen von inniger Liebe herbeigedrängt wnrden. Daß unter den Vorträgen selbst zahllose Thränen flössen, wird sich wohl von selbst verstehen; während mehrerer entstand ein so allgemeines Schluchzen, daß daS gepredigte Wort unvcr- nehmbar wurde. Obgleich die Mehrzahl der Gemeindeglieder wenig mit zeitlicher Habe gesegnet ist, so kamen doch Viele, welche kleine Geldgeschenke den Missionären anboten; uud als diese standhaft zurückgewiesen wnrden, so wurden Leinwand, Taschentücher n. d. gl. aufgedrungen oder heimlich in die Wohnzimmer der Verehrten hinterlegt. Einer der Abschiednehmer, ein sehr vermöglicher Bürger, beihencrte, er wolle allsogleich L00 fl. hinterlegen, wenn man verbürgen könne, daß damit nach fünf Jahren die Wohlthat einer ähnlichen Erneuerung abermals seinem Vaterorte werde möglich gemacht werden. 149 Obgleich bei den Vorträgen die Protestanten weder im Namen, noch im Dogma berühmt wurden, so scheinen dieselben dennoch nicht theilnahmlos geblieben zu seyn. Heute Morgens lief das briefliche Ansuchen eines protestantischen Zeitun^S-RcdakteurS e?n, ihm eine Schilvernng der nun beendigten Missivnsfeier zu fertigen und zuzusenden. Ein prolcstantischer Jüngling hat schon sowohl vor dem Unterzeichneten, als mich wiederholt vor einem der Missionäre seinen Willen erklärt, sich in die katholische Kirche aufnehmen zu lassen. Die übrigen Protestanten dahier, zehn an der Zahl, haben, wo nicht allen, doch den meisten der kirchlichen Borträge beigewohnt, und auch ihnen sind in der Kirche und noch nachher zu Hause und beim zufälligen Befragen häufige Thränen entqnollen. Langjährige Feinde söhnen sich auS; selbst ein Jude mit einem seiner Widersacher; Kinder baten ihre Eltern uud Ehclcuie einander um Verzeihung; fremdes Gut wurde bereits manches zurückgestellt; unreine Verhältnisse werben aufgegeben, die -rnstesten Entschüsse gefaßt, Gelöbnisse ausgesprochen; daö scicrlich eingeweihte MissionSkreuz, welches im Herzen der Stadt sich befindet, wird zahlreichst besucht, auch Opferwilligkeit für kirchliche Bedürfnisse hat sich schon in bedeutend hohem Maaße bethätigt. Aber werden die Vorsätze, Versprechungen, Gelöbnisse zc. gehalten und ausgeführt werden? DaS gebe Gott! Wir aber wollen hoffen, daß die hoffnungsvollst bestellte Saat gedeihe und die erfreulichsten Früchte bringe. . , Die Missionäre sprachen sich über die große Empfänglichkeit der Oberpfalzer für herzliche Vorstellungen und gründliche Belehrungen oftmal aus. Obgleich man dem Obcrpfälzer die Versunkenheit in sein kleines irdisches Gethu gerne zum Vorwürfe macht, so haben doch alle Einwohner von hier und der weiten Umgegend heiligen und großen Sabbath gefeiert, ihre Dienstboten ihn mitfeiern lassen und der hiesige Stein- gulsabrikbesitzer Jos. Dörfner hat seinem Personale sogar verboten, von den öffentlichen Andachten ferne zu bleiben. Sey es auch, daß es den finstern Mächten gelingen wird, nach und nach wieder Wege in die Gemeinde zu finden, so wird doch so viel als gewiß ausgesprochen werden können, daß die hier abgehaltene Mission im unverwüstlichen Andenken werde erhalten und daß dieselbe als ein großartiges Lokalereigniß auch noch von den Enkeln werde begrüßt werden. Ueberdieß ist und bleibt eö ein großes Ereigniß in der bayer'- schen KapucinerordenS-Provinz. Nun ist die Bahn gebrochen, auf welcher die sähigern Mitglieder dieses volks- thümlichen Institutes (wir verdanken dessen Wiederherstellung dem erhabenen Könige Ludwig) die segenreichste Wirksamkeit von nun an haben werden. Sicherlich wird der erste Ruf, den der Unterfertigte mit großer Schüchternheit, jedoch aus Drang schuldiger Dankbarkeit zu machen sich erlaubte, nicht auch der letzte seyn. An einem armen Sohne des armen seraphischen Franziskus predigt ja nicht bloß die Zunge, sondern auch das ganze Aeußere. Nebst dem ist der Kostenpunkt gar sehr erleichtert. Wohlthuend war die schon in der Einleitungspredigt gemachte Erinnerung, daß vor zweihundert Jahren ein unter den Seligen verehrtes Mitglied dcS Kapuciner- ordens, nämlich „Leonardo von Brindisi" vor 200 Jahren bußepredigend die Oberpfalz durchwanderte. Bei der Schlußpredigt wurden durch die Erinnerung an die segensreiche Wirksamkeit, welche jener Orden seit der Rückführung der Oberpfalz in den Schooß der heil. Kirche an vielen Stationen bis zur Säkularisation 1802 hatte, die wehemüthig- sten Gefühle und sehnsüchtigsten Wünsche rege gemacht. Erschütternd war auch der als Nachfeier für die aus der Pfarrei Verstorbenen, aber noch nicht völlig gereinigten Seelen veranstaltete feierliche Gottesdienst mit Predigt und Requiem. So weit geht die Liebe nur der katholischen Kirche. Noch ist beizusetzen, daß das pfarrliche Ansehen, welches nach vorgefaßten Meinungen Einiger durch Abhaltung von Missionen geschwächt wird, nicht im Geringsten hier Schaden gelitten habe. Nicht mir von den Vätern und Vertretern der Stadt, sondern schon tausendmal auch von andern Leuten aller Stände, wurde dem Unter- 150 fertigten der feurigste Dank gezollt für Berufung und Veranstaltung. Es wird aber der Berufende in dem, was er gethan, wohl sein ganzes Leben hindurch und selbst auf seinem Sterbebette den süßesten Trost finden. Möge der Allwissende ihm seine That in Abrechnung für Vieles anrechnen, waS er zu bereuen hat. Schließlich spricht der Unterfertigte in seinem und seiner Gemeinde Namen nicht nur den obenbczeichneten ehrwürdigen Missionären, sondern auch der gesummten Ordens-Provinz und deren- Hochwürdigcn Vorständen den maaßreichsten Dank aus, bittet angelegentlichst um eisrigcS Beten für Erlangung der gnadenreichen Fortdauer des unverkennbar tiefsten Eindruckes, welchen die heil. Mission durch Gottcö Hülse gemacht hat, und besteht mit gebührender Hochachtung und Verehrung Einer Hochwürdigen Kapuziner-Ordens-Provinz dankschuldiges Pfarramt. Kotz, Stadtpfarrer. Eine barmherzige Schwester. Schwester Placida, geboren im I. 1762 zu Toul in Lothringen, trat mit ihrem 19. Jahre in den Orden der barmherzigen Schwestern des heil. Carl Borro- mäus ein, und nachdem sie ihre Novizen-Jahre im Hospitale zu St. Diey zurückgelegt, legte sie im I. 1'<84 im Mutterhause zu Nanzig (Nancy) ihr Gelübde ab, um zur Freude der Schwestern nach dem ersteren Orte zurückzukehren. „Placida (wir werden uns abwechselnd der eigenen Worte der kurzen Biographie bedienen, die vor uns liegt) war eine seltene Natur, die unter dem Einflüsse der Gnade sich herrlich entfaltete. Kraft und Anmuth war ihr Kleid, klein von Wuchs, erschien sie doch groß und im- vonirenv durch die festen kräftigen Züge ihres sonst milden Angesichtes und durch das klare beherrschende Auge unter der ewig heitern, offenen Stirn. Sie war besonnen wie eine Zögernde; entschlossen wie eine Verwegene; sie'war milder wie ein Kind, und stark gleich eincm Helden, und gegen das arme, arme Volk trug sie Erbarmen wie gegen eine Hirten- und weidelose Heerde." Inzwischen kamen die Stürme der Revolution, die Blut- und Gräueljahre heran. Selbst vor das stille Thor des Hospitals von St. Diey, sonst nur von Schaaren hülfesuchender Armen belagert, drang der Aufruhr. Eines TageS verlangt eine bewaffnete revolutionäre Bande die Auslieferung der Obcrin. Placida, die jüngste der Schwestern, öffnet das Thor, tritt hervor und ruft kräftig: „Nicht herein!" DaS Gesindcl weicht betroffen zurück, aber nur einen Augenblick; bald schämt es sich seiner Scheu vor einer wehrlosen Jungfrau, dräugt in die Thür, sucht nach dem Ziel seiner rohen Wuth, nach der Oberin. „Placiva folgt, sie hat kein Schwert, sie hat nur Liebe und Muth und Angst für die Mutter!" Diese erscheint, der Haufen umringt sie, da wirst sich Pladica dazwischen und fängt einen Säbelhieb, der auf jene gezielt war, mit ihrem Leibe aus. Er trifft und zerschmettert ihre Zähne, das Blut fließt von ihrem Angeflehte, — die Bande weicht zurück. Von da an wurden die Schwestern mit Achtung behandelt und nicht weiter verfolgt, auch ward ihnen die weitere Behandlung ihrer Kranken im Hospitale verstattet, nur heraus durften sie nicht kommen. Wachen wurden an die Thüren gesetzt, drei Monate lang wurden sie so wie Gefangene gehalten. Gott der Allmächtige hat dem Meere Riegel und Thür gesetzt und gesprochen: bis hierher sollst du kommen und nicht weiter, hier sollen sich legen deine stolzen Wellen. Aber der gläubigen Liebe hat er keine Schranken gesetzt. Und Menschen wollen ihr Thür und Riegel setzen? Sie wird dennoch ihren Weg finden. Das Hospital hatte einen unterirdischen AuSgang, Placida betrat ihn, wenn eS dunkelte, unerkannt, in den Kleidern einer gewöhnlichen Magd ging sie durch die Gassen der Sradt, von Hauö zu Haus, Kranke, wo sie deren wußte, zu pflegen, den Elenden Trost zu bringen, auf nächtlichen Pfaden Werke des Lichtes zu wirken. Mehrmals drohte ihr auf denselben Gefahr und Anfall, aber unter dem Schirm deö Höchsten, 151 der über sie wacht, entging sie stets den Händen der Ruchlosen. Selbst als der unter« irdische Gang verrathen und sein Ausgang besetzt war — im Augenblick, wo sie heraus« tritt, sie mit dem Geschrei: vive la röpuliliczuel überfallen wird, antwortete sie mit dem Rufe: vivs vieu! und entkommt glücklich. — Nun wird ein Preis auf ihren Kopf gesetzt, am FreiheitSbaumc soll sie aufgeknüpft werden, sobald man ihrer habhast wird, — sie läßt sich nicht schrecken. „Wie eine dem Tod geweihte Braut ging sie jede Nacht in das Heerlager des Todes, um ihm bald eine arme Mutter, bald ein einziges Kind zu entwinden." Jene „Freiheit," die mit gewaffneter Hand arme Ordensschwestern von den Krankenbetten abschließen mußte, jene Tyrannei der atheistischen Bestialität fand denn auch ihr Ende. Die Schwestern durften ihr mildes Amt wieder fortsetzen. Aber mit der Straßen-Revolution horte die Revolution in den Gesetzen noch nicht aus: beinahe alle Güter der milden Stiftung waren eingezogen, kaum für einen Tag noch reichte der Borrath. Wieder war cS Schwester Placida, die Hülfe schaffen mußte. Mit einem Sack um den Hals, den Stock in der Hand, wandert sie von Dorf zu Dorf, von Thüre zu Thüre bettelnd für die Armen Jesu Christi. Und reich kchr e sie jedesmal zu ihnen zurück; schon in wenigen Tagen hatte sie ihnen ein Einkommen von 6 00 Franks gesichert. Im Jahre 1807 starb die Oberin zu St. Diey. Placida ward ihre Nachfolgerin. Sie hieß fortan nur „die Mutter der Armen." Die ganze Umgegend kannte sie alö „die weise Schwester," von ihrer Geschicklichkcit in Anwendung und Bereitung der Heilmittel, die mit frommem Glauben acnommen, aus ihrer Hand um so sicherer wirkten. — Mehrmals während ihrer Borsteherschaft fand sie noch Gelegenheit, die Energie ihrer Jugend wieder aufzurufen. St. Diey liegt hart am Fuße der Vogescn, w» die Mosel aus rcrschiedenen GebirgSbächen zusammenrinnt. Eine plötzliche Wassersnot!), die die Straßen der Stadt überschwemmte, ergriff auch das Hospital, schon bestürmt die steigende Fluih auch die Kranken auf ihren Lagerstätten, droht die Betten hinwegzunißen. WaS ist zu thun? Placida ist auf dem Platze, die Pflicht der Liebe gibt ihrer Schwäche Kraft, sie nimmt den Siechen aus dem nächsten Bette auf ihre Schultern und tr.'gt ihn in Sicherheit. Alle Schwestern folgten ihrem Beispiele; so wenden die Bedrohten geborgen. — Eine andere noch stärkere Prüfung brachte daS Jahr 1813, jenes Ruhmesjahr für uns, für Frankreich ein Jahr schwerer Heimsuchung. Auch über den Rhein hinüber drangen die verheerenden Lazarethfiebcr, von denen unsere Eltern zu erzählen wissen, das Hospital zu St. Diey mußte in seine engen Räume mehr als 400 Kranke aufnehmen, von den Schwestern selbst warf der TyphuS eine nach der andern darnieder; endlich standen nur noch zwei unter der allgemeinen Niederlage aufrecht, und die eine von ihnen war — Placida. Es war — wie ihr Biograph bemerkt — als ob der Tod, dem sie schon in den verschiedensten Gestalten mit der g'eichen Unerschrockenheir begegnet war, sie zu respectiren gelernt hätte. „So steht sie nun mit einer Milschwester da inmitten so unermeßlicher Arbeit. Ihr Mu>h wird nicht gebeugt, sie legt sich mit ihren Schwestern vmrauuugsvoll an das Herz GolteS und entfaltet dann eine Thätigkeit, wozu nur eine so hohe Seele durch eine so entsetzliche Lage begeistert werden konnte. Die kranken Schwestern sind fast trostlos, daß sie ihrer Overin nicht beistehen können. Diese aber ist hier und dort, als ob sie sich vervielfältige, sie ist bei den Schwestern mit ihrem Troste, bei den kranken Frauen und Kindern und Männern mit ihrer Hülfe, bei Gott mit ihrem Bitten um Erbarmen mit so vielen Schmerzen: sie ist überall. Die Liebe ist ihre Speise des Tages und ihre Ruhe des Nachts." Wir kommen zum Schluß des reichen Lebens, aus dem wir hier nur ein paar flüchtige Bilder mit heilen konnten. Drei Jahre nach der zuletzt erzählten Prüfung, im Jahre 1316 wurde Schwester Placida in das Mutterhaus nach Nanzig berufen. Die Demüthige sollte uoch auf hohen Leuchter gesetzt werden, auf daß ihr Licht weithin leuchte. Eilf Jahre zuerst verwaltete sie des Amt der Ockonomie, 1827 ward sie Assistentin, 1828 General-Oberin deS Ordens. „Für sie war jede Bürde noch zu 152 leicht. DaS wußten Alle, nur nicht sie. Noch dreimal wurde sie einstimmig zur höchsten Würde ihrer Kongregation erhoben; und starb mit derselben bekleidet, im Jahre 1841, reich an Jahren (79) und noch reicher an guten Werken, beweint von ihren Töchtern und von ihren Armen." „Das Leben der Mutter Placida ist nur in einigen Punkten, die ans lausenden ausgewählt sind, an unserm betrachtenden Auge vorübergezogen. Nnn sülle man die Zwischenräumc mit jenen zahllosen gnten Werken auS, die das Leben einer barmherzigen Schwester zusammensetzen; so steht ein Bild, das eben so sehr erbauet als erquicket, vor unserer Seele. Wenn aber das schon der Schattenriß vermag, wie muß erst die Wirklichkeit gewirkt haben. Man kann wohl einen Garten mit seinen Baumreihen und Blumenbeeten zeichnen oder beschreiben; aber kein Wort und kein Zeichen wurde eine Ahnung erwecken vor dem lieblichen Duste, der diese durchwallet: ihn muß man ei »athmen. Das Leben der Placida, und manch anderer barmherzigen Schwester gleicht einem blühenden verschlosseneu Garten. Der Hauch des heil. Geistes und der Sturm der Verfolgung durchwehen ihn, und eS werden fließen seine Gewürze: denn iu seinem Boden wurzelt der echte fruchtbringende Keim, die Liebe GotteS."^) Wnrzvurg. Am 10. April wurde der hiesige Vincentiuö- und Elisabethen-Verein durch kirchliche Feier eröffnet, nachdem in einigen vorausgehenden Versammlungen der Verein beiderseits schon constiiuirt war und seine Vorstände gewählt hatte. Dr. Hetiinger, SulrcgenS deS bischöfl. KlerikalsmiinarS, hielt in der Neumünstcrkikche eine sehr gediegene und umfassende Rede, nach welcher Herr Domprobst Thinncs die heil. Messe la?. Eine sehr zahlreiche Menge Halle sich zur Theilnahme dieser Feier cingefuudcn, nach welcher sogleich eine Versammlung des Vinccnliuö-Vereincs statifaud, in der der Vorstand, Herr RegieruugSralh Leiniclder, die erfreuliche Mittheilung machte, daß bereits mehrere hochgestellte Personen, darunter Herr Re^ierungSprästdentj von Zn-Rhein, als Mitglieder beigetreren seyen. Am Abende desselben Tages fand dann eine Versammlung des Elisabethen-Vereins statt. Und so wäre der Wunsch des Pater Roder beim Schlüsse der Mission in der That schon in Erfüllung gegangen, solche Vereine als Fortsetzung der Mission zu begründen. Möge der Herr diese Blüthe der kcuholischen Kirche in unserer Stadt reichlich segnen! Großbritannien. Unlängst sind mehrere Rücktritte angesehener Personen znr katholischen Kirche vorgekommen. Lord Charles Tynne, Domherr von Canterbury und Pfarrer von Longbridge, Schwiegersohn des Protest. Bischofs von Bath und Wells, Bruder der Herzogin von Buccleugh und Onkel des Marquis von Bath, eines jungen Pair von England, wurde katholisch, und verzichtete auf ein jährliches Einkommen von 10,000 Thlr., welche seine geistlichen Stellen eintrugen. — Francis Wegg Prosser, ein ausgezeichnetes Mitglied der Universität Orford, und 1847 Mitglied deS Parlaments für die Grafschaft Hereford, Enkel eineö verstorbenen Würdenträgers der englischen Staatskirche, that denselben Schritt. Er ist mit einer Schwester des PairS von England, Grafen SomcrS, verheirathet, diese ist aber noch protestantisch. — Frau Daymau, die Frau eines anglikanischen Geistlichen, trat vor einigen Wochen in den Schooß der kaihol. Kirche zurück. ') So berichtet das protestantische Volksblatt für Stadt und Land. Nur sagt's nicht, wo eigentlich Schwester Plaeiva ihren Heldenmut!) geholt. Der Katholik kennt die Quelle, das aller- heitigste Sakrament. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kreine». Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augslmrger Polhcitung. 15. Mai. ^ 2«. 1853. Dieses ivlatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Aboauement«prei« 40 kr., wofür e« durch alle köuigl. bayer. Postämter und alle Buchhandlung» bezogen werden kann Der Dorfcaplan in den Tyroler Alpen. (Charakterbild von Beda Weber.) Freundliche, Leser! ich lade euch ein zu einer Bergfahrt in'S südliche Tyrol, wo auf den tieferen Abhängen an Porphyrselsen die Traube glüht und im höheren Gebirge der Weizen, das Mark der Männer, reift, an jene Doppelgränzc, wo Nord und Süd sich in kräftigmilder Luft wechselseitig vermitteln und das deutsche Wort schärfer auSklingt gegen die Stimme des wälschen Nachbars. Dort saß ich die Sommermonate oft still im Schloß edler Freunde am Labsale der reichen Eisackland- schast, die wurzelhast ineinander geknotet, die nordischen Wasser kaum fortschlüpfe» ließ durch die Schluchten deS KunterwegeS. Nur selten wurde die Thurmeinsamkeit durch Besuche unterbrochen. Die einsame Nachtigall, welche in einem Granatenbusche nistete, die geschwätzige Amsel im Brombeerstrauch am FelS und zwei Kibitze in einer Mauernische belebten meinen stillen Tag und die Heiterkeit der lauen Sommernächte, die mit geisterhafter Klarheit aus den Bergen brüteten. Und klopfte eS bisweile» an meine Zimmerthür, so war'S Niemand anders, als der Dorfcaplan, welcher jede Woche einmal in unserem gastlichen Schloß einsprach. Er hauSte über unS einsiedlerisch im Gebirge als Seelsorger einer zerstreuten Dorfgemeinde, und war als Menschenfreund bei Groß und Klein in der ganzen Gegend beliebt. Er hatte als Jüngling seine Studien zu Innsbruck gemacht, einer jener unzähligen Turoler- studenten, die alljährlich von ihren jähen Bergen in die Städte heruntersteigen mit dem schönen Empfehlungsbriefe, den ihnen Armuth, Geist und frische Wangen ausfertigen. Unsere Städter, unsere Beamten, unsere Evelherren nehmen sich mit Freuden deS jungen Blutes an und theilen mit ihm den Tisch. Läßt sich der Schüler gut an, so wird er Hauslehrer in wohlhabenden Familien, und eS ist merkwürdig genug, wie der kräftige Bauernstudent das adelige Stadtknäblein mit den blaffen Wange» meistert und abrichtet für'S thätige Menschenleben. Diese innigste Berührung des BauernthumS und der Adelschaft seit uralten Zeiten ist zum Theil in der Landesverfassung begründet, die freie Bauern bildet und schützt selbst als Landstände neben den ersten tvrolischen Rittern und Grafen, und mitunter Ursache des traulichen Ge- bahrenS zwischen Edlen und schlichten Landleuten. Der Dorfcaplan war in einem Grasenhause zu Innsbruck ein solcher „Hofmeister" gewesen, und hatte aus seinem Erziehungsgeschäfte jene feine Lebenöbildung mitgebracht, die seine Landbauern an ihm dergestalt zu schätze» wußten, daß sie ihn schlechtweg den „klugen Herrn" nannten. Er zählte jetzt ungefähr sechzig Jahre, und sein frisches Aussehen ließ nicht ahnen, daß seine Gesundheit untergraben sey. Er fing an einem Magenleiden zu kränkeln an, ohne daß seine Umgebung besondere Gefahr witterte. Wir hatten ihn alle so lieb, daß kein ernstlicher Zweifel an seine Unversehrtheit aufkam, während wir sein Unwohlseun als vorübergehendes chronisches Leiden wenig anschlugen. Aber eS reifte zu unserem Leidwesen schnell und unerwartet zum Tod. l54 Ich saß eines Abends am Thurmfenster und starrte nachdenklich hinaus in die Mondnacht. Während die Lichtseite des engen Thales in heiterster Klarheit mit tausend hellen Augen von weißen HäuSlein über Wald- und Stromesrauschen glitzerte, lag die Schattenseite mit dunkelin Nadelholz mächtig gegenüber und warf wunderliche Schattenriffe in'S Lichtbild am jenseitigen Ufer. Selbst das Schloß stand als Schatten- castell jenseits der Wasser in den reinsten Konturen, und seine Windfahne flatterte sichtbar auf der Geisterburg, die mit jeder Minute kleiner wurde. Ein Heer von Leuchtkäfern schwamm durch die milde Luft und füllte mit wandernden Funken die weite Thalung auS. ES schlug N Uhr am Thurm, und daS Lallen der letzten Vogellaute im Walde verstummte. Da schellte es plötzlich an der Glocke deS Burgthors. Eine Magd, schläfrig und verwirrt, wollte öffnen; aber auf halbem Wege überwältigte sie dergestalt der Schrecken der Mitternacht, daß sie laut schreiend in die Küche zurückstürzte. Der Lärm weckte alle Leute im Schloß. Ich eilte herab, die Thür zu öffnen. Ein Bauer stand vor mir, kaum halb bekleidet, mit Schweiß ganz überrennen. „Unser Caplan stirbt, o kommen Sie zu seinem Beistande," sagte er mit stotternder Hast. Wir stiegen ohne Verzug den dunkeln Waldhügel hinauf. Auf einzelnen Zweigen lispelte noch die Cicade, Berghühner flatterten vor unseren Füßen auf mit dem Schrei deS Entsetzens, der schneidend durch den Wald pfiff. Auö versteckten Thalgründen krächzte einförmig der gestörte Uhu, und ihm antwortete die Stimme besorgter Liebe. Ick konnte nicht reden, mich hatte der Gedanke an den sterbenden Freund zu tief ergriffen. Mein Begleiter plauderte beständig neben mir her im krausen Durcheinander eines bäuerisch bewegten Gemüthes. „Wenn der Caplan stirbt," sagte er, „so bleibt kein Auge in der Gemeinde trocken. Er hat unS Jüngere in der Schule so lieb gehabt, daß man eS nimmer vergessen kann. Reich kann er nicht seyn, ungeachtet vierhundert Gulden Botznerwährung jährlich ein schönes Geld sind. Er verwendete Alles auf Bücher, Bilder und Schulkinder. Arme Leute haben wir nicht, Jeder hat zu essen, der arbeiten will, und wer nicht arbeiten kann, ißt auch mit unS, und eS haben doch Alle genug. Nur fremde Bettler „strolchen" oft an unS vorbei auö Furcht vor dem Bettelrichter in Kastelrutt. Wir können Alle lesen und schreiben, der Caplan hätt' eS nicht anders geduldet. Er redete unS auf Wegen und Stegen darum an. AIS einst ein dummer Knabe sagte: „Was braucht man daS Lesen? man kommt ohne dasselbe auch in den Himmel!" da wurde sein Gesicht roth wie Feuer. Der Knabe erschrack über diese Flammen im Gesichte dergestalt, daß er laut zu weinen anfing und von diesem Augenblicke sich besserte. Er nennt unS Alle bei unseren Taufnamen, und seine Stimme klingt so süß, daß man ihre,» Ton Tage lang im Herzen nachklingen hört. Und um diesen bekannten lieben Schall ginge man ihm durch'S Feuer, und gäbe ihm das Herz aus dem Leibe. Er tbut gar nicht vornehm, aber sein Rock ist allzeit ganz und rein, wie bei vornehmen Stadtherren. AIS er mich einst mit einem Loch am Ellbogen erblickte, so sagte er: „O HanS! wenn du wissen willst, wie schön ein Flick auf dem Loche steht, lerne eS von der Spitzmaus, sie hat einen so schönen glänzenden Balg, und kein Härlein fehlt daran." DaS habe ich meiner Lebtage nie vergessen, und mag seitdem die Löcher in den Kleidern nicht leiden. Er liest oft ganze Tage, und wenn nur die Hälfte hangen bleibt, so muß er gelehrt seyn, wie der beste Doctor." Ich merkte nur theilweise auf diesen Fluß der bäuerlichen Rede, und so erstarb sie allmählich, je näher wir unserem Ziele kamen. Die einsame Berggemeinde hauSte auf einem AbHange deö Mittelgebirges in weit auseinander gesäeten Hütten am Fuße waldiger Hügel, die mit ihrer Fichtennacht wcllenhaft aufsteigen in die schroffen, spitzen Formen der Dolomitfelsen, deren weiße Farbe im Mondschein schaurig niederstrahlte auf den dunkeln Grund der Menschen. Wohnungen. RingS um die letzteren dehnten sich reinlich gepflegte Felder mit reifen «ehren im Rahmen deS' hellsten AlpengrünS. Fast in der Mitte derselben strömte ein Brunnen reinsten WasserS, wie ein Allvater verehrt und geliebt, mit Bänken, auf denen sich jeder WanderSmann laben konnte, «o selten flüsterndes Volk fehlte mit tSS Geschäcker, Märchen und Spottliedlein und der ganzen harmlosen Chronik der „Dörfler," so frisch und duftig wie die Blümlein, die am abrieselndcn Wasser langzeilig den Fahrweg umblümten. Am südlichen Ende deS DorfgebieteS schwoll eine grüne Hügelwelle länglich und fast wagrecht hinaus zur eirunden Fläche über der Schlucht deS lautrauchenden Grödner-Wildbaches, der aus verwilderten Fclsenbergen hervorbrach. Seine Wellen sangen aus der Tiefe wie Gruß und Gegengruß zu fröhlichen Menschen hüben und drüben, stimmten aber auch oft zum trauernden Herzen wie Verlornes Grabgeläute. Von Jenseits blickten Landkirchlein, Thürme und Sennhütten von den höchsten Bergen, die zur NachtSzeit, wo der Zwischenraum seine Fernen nicht geltend machen kann, hervorschwimmen wie lebende Wesen und zu fließen scheinen im Strom ewiger Bergluft, von welcher ein Sprüchwort sagt: «Die Berge ohne Wind, und die Mütter ohne Kind, und die Herzen ohne Freud', die wohnen von uns meilenweit I" Auf dieser abgesonderten Fläche stand im Walde von jungen Obst- und Zierbäumen die Wohnung deS DorfcaplanS neben der kleinen Kirche. Ich trat durch die offene Thür und daS Vorzimmer vor das Bett deS Kranken halb ein Uhr Nacht«. RingS um ihn standen Männer und Frauen des Dorfes mit ihren Kindern, und wurden von Zeit zu Zeit abgelöst, da die kleine Stube nicht alle zugleich ausnehmen konnte. Die halbgekleideten Gestalten, auS mitternächtlichem Schlafe gefahren, mit Zügen der Angst und Neugierde, mit hervorquellenden Thränen und verhaltenen Seufzern hatten ein ergreifendes Aussehen. „Der Schlaf will uns nicht mehr reckt gerathen, seitdem unser Caplan krank ist," sagte ein stämmiger Mann mit bloßen Füßen, und wischte sich mit einer alten Pelzmütze die Augen auS. Eine ältliche Frau, mit tiefen Zügen von Trübsal und Schmerz im verbrannten Gesichte, warf sich leidenschaftlich erregt auS dem Trauerkreise an mich heran, faltete krampfhaft ihre Hände und rief schluchzend: „Machen Sie mir doch den kranken Caplan wieder gesund! Ich kann ohne ihn nicht leben auf dieser kummervollen Erde! Ach, er hat mit mir redlich gelitten, viele, viele Jahre, und mir stets Trost in die Seele geträufelt, der gute freundliche Mann, und wenn ich mich in meinem Leid gar nicht halten konnte, traten ihm stets zwei unvergeßliche Thränen tn'S Gesicht. Sie stehen mir noch immer vor der Seele in ihrem milden Glanz, aus denen mich süßeS Gottvertrauen anstrahlte. Einmal am Charfreitag nahm er mich hastig bei der Hand, führte mich zu seinem Crucifir, daS mit frischem Epheu umrankt war, und betete, sein Auge fest an's Kreuz geheftet: «Süßer Heiland Jesu» Christ, Gertraud hat dein Leiv versüßt, Hat mit dir den Tod gelitten Und den SicgeSkranz erstritten, Laß sie für ihr SchmerzeSglüh'n Ewig dir am Herzen blüh'n!" ES drang mir tief in die Seele, ich konnte die Verse nicht mehr vergessen. Ich hatte dabei stets daS Gefühl, als wenn alle Engel und Heiligen an meiner Seite knieten, und mit mir dieselben beteten. Da schliefen alle meine Schmerzen ein." , Während dieser aufgeregten Schilderung fiel mir ein kleines Mädchen im eigentlichen Sinne laut weinend an die Füße und streckte mit der rechten Hand ein Bildchen zu mir empor, „den JesuSknabcn« an einem Waldbrünnlein, welchem Johannes der Täufer frische Kresse und Erdbeeren überreichte zum Danke für den lieben Besuch in der Wüste. „Lege ihm doch dieses schöne Bild auf die Brust," schluchze daS Kind, „ich habe eS von ihm in der Christenlehre zum Geschenk erhalten, eS wird ihm gewiß helfen." Ich nahm dem guten Kinde daS Bild ab und legte eS dem Kranken über der Bettdecke auf die Brust. Nur mit Mühe kennte ich daS Mädchen von meinen Füßen auf einen nahen Stuhl bringen, wo eS beständig lallte und flüsterte: „Ja, ja! eS hilft ibm gewiß!" ES war ein eigener Anblick, dieses Bild der Unschuld und kindlichen Freude auf der Brust deS kranken DorfcaplanS unruhig bin- und herschwanken zu sehen unter den heftigen Pulsschlägen deS Fiebers, welches an den Grundfesten des Lebens arbeitete. Ueber dem Bett hing an der Wand der bekannte Kupferstich, 156 die Grablegung des Heilandes vorstellend, auS der Galerie Borghese zu Rom, nach einem Gemälde von Raphacl, ringS mit lichten Goldstrcifen und Sternen, und seit Weihnachten her von Tannenzweigcn umflattert, an jeder Seite mit einer brennenden Kerze auf broncenen Leuchtern, die in daS Wandgetäfel eingeschraubt waren , mit dem wohlthuendstcn Eindrucke von der seligen Hoffnung, welche stärker ist als der Tod. Der Kranke schien sich einen Augenblick bester zu fühlen, und mein ungewöhnliches Erscheinen wirkte auf ihn mit überwältigender Kraft. Wie gelöst auS schweren Banden raffte er sich auf, mir entgegen, und drückte meine Hand mit inniger Zärtlichkeit. Doch bald sank er wieder zurück i» seinen seltsamen Zustand, der als unwillkürliche Fortdauer seines gesunden Lebens gelten konnte, ungeachtet das heftige Fieber die klare Besonnenheil über zunächst liegende Gegenstände fast gänzlich zerstört hatte. Sein krankhaftes Traumleben war die süße, sreundliche Gewohnheit seines früheren Lebens und WirkenS: festes Vertrauen auf Christus, reinstes Bewußtseyn redlichen StrcbcnS, herrliche, allumfassende Liebe. Er war von jeher ein besonderer Freund von Blumen gewesen. Sein Hauö war umstellt mit Gewächsen aller Art. Er begoß sie selbst mit der Zärtlichkeit eines treuen Freundes, und redete mit ihnen wie mit lebendigen Seelen. WaS im Lebe» leise geglüht, loderte jetzt als mächtiger Funke empor, weil nicht gehütet durch menschliche Rücksichte». Die ersten Strahlen des Morgens schlugen zückend an sein Fenster, und lautes Hahncngcschrci grüßte daS werdende Licht. „Nun wachen meine Blumen auf", flüsterte er leise zu den Umstehenden, „und reiben sich die Aeuglein vom Thau deS Himmels trocken. O, wie heilig und keusch strahlt ihr Blick zu Gott empor, dem Vater ewiger Liebe!" Nun sah er seinen eigenen Leichenzug, der nach der wohl eine Stunde entlegenen Pfarrkirche zum Begräbniß zog über ein hohes Waldgebirge, daS die Gegend weitum überschaute. Als er die höchste Windschneide erreicht hatte, stellten die Träger die Leiche in'S blühende Waldgebüsche, und alle Begleiter fielen auf die Kniee und beteten zu Gott für den todten Caplan, während der heiterste Himmel über der betenden Gruppe schimmerte und lauer Südwind die fliegenden Blätter der Maiblüthc auf das schwarze Leichentuch schüttelte. Jenseits vom Hügel der Pfarrkirche klangen die Kirchen» glocken zum freundlichen Willkomm, und die Geistlichen kamen singend entgegen zum Empfange „der Saat, die Gott gesäet bis an den Tag der Garben zu reifen." AuS dieser, der Oertlichkeit und dem Dorsbrauche genau angepaßten Leichenschau schlug die Phantasie deS Kranken über in daS Bild seiner eigenen Tauffahrt. Drei Leute im Sonntagsstaate mit strahlenden Augen über ein neues Leben trugen ein Kindlcin, drei Stunden alt, über das nämliche Gebirge. ES war eingehüllt in blendendweißes Linnen und mit frischduftigcn Rosen ringS umflochten,- und als die Taufgehülfen an die Stelle der Tvdtenrast auf den höchsten Gipfel kamen, legten sie daS neugebornc Kindlein in die WaldeSfrische, wo so viele tausend Leichen der Gemeinde ausgeruht, und beteten mit lauter Stimme, daß eS grüne und gedeihe, und nach frommem Leben heilig sterbe. Der Kranke faltete mitbctcnv die Hände und sagte: „Gib ihm, o Gott, den Kuß deS Friedens, daß eS denselben sein Leben lang empfindet und unbefleckt bleibe an Leib und Seele!" Hierauf kam er wieder ganz zu sich, betrachtete uns Alle aufmerksam und konnte Gott nicht genug danken für die Gesundheit, die er ihm gegeben und treulich gesegnet habe. „Mir ist ganz wohl," versicherte er, „meine Brust so leicht, olle Glieder so geschmeidig, und alle meine Sünden hat mir der Herr gnädig verziehen." AIS er in . den Eaplandienst eingetreten, hatte er die kleine OrtSkirchc ganz vcrnachläßigt gefunden. Er widmete ihr die liebevollste Sorgfalt und konnte er sie nicht kostbar ausbessern, machte er sie doch zierlich rein, da er von Jugend auf allerlei Zierrath zu fertigen verstand. Jetzt dachte er mit Innigkeit an seine liebe Kirche und rief: „O, wie schön ist ein so heiliges Gotteshaus! ES gehört uns Allen, Alle sind wir darin zu Hause wie Eltern und Geschwister, die rührende Einigung heiliger Seelen in Christus. Und die Reinheit deS Hauses mahnt Jeden an die Reinigung deS Leibes und der Seele, daß kein Haß mehr sey und kein Groll unter den Miterben Jesu 157 Christi." Bei diesen Worten brach eine große volle Thräne aus seinem Unken Auge und rollte als zwei Perlen über die Wangen. „Ja, Miterben Jesu Christi, fuhr er fort, „deßhalb ist der Tod so leicht und unser Hinscheiden so süß!" So lag er eine Viertelstunde in unaussprechlicher Ruhe, die Lippe» zitterten leise, daS linke Auge war halb offen und die rechte Hand ruhte auf der Brust. AIS er wieder erwachte, ergriff er hastig meine Hand und sagte: „O, wie süß habe ich jetzt geruht! Christus trat an mich heran, einen Blumenstrauß in der Hand, und flüsterte mir in'S Ohr: Ich bleibe bei dir, dein Arzt, dein einziges Heil. Traue auf mich als einen Felsen, der selbst im Tode nicht wankt!" Den einst öden Hügel, worauf Pfarrhaus und Kirche stehen, hatte er mit Akazien, wilden Kastanien und Kirschbäumen bepflanzt, deren üppiges Grün die kahle Halde ziersam überkleidetc. Er nannte sie seine „liebe Baumjugend," und beförderte ihr Wachsthum mit besonderer Sorgfalt. In der Krankheit traten sie ihm näher wie mitfühlende Wesen, und er erzählte von ihnen die anziehendsten Geschichten. „Denken Sie nur," sagte er, „heute kamen alle Bäume zu mir, die ich gepflanzt habe, grün wie die Hoffnung, mit hellen Tropfen ThaueS auf allen Blättern und sprachen: „Gott hat unS geschickt, dich heimzusuchen. Alle Abend tanzen und singen die Kinder um uns, und wir rauschen mit unseren Zweigen in'S Kinderlied und rufen: Der Dorf- caplan soll leben, der nnS gepflanzt hat! Dann sage ich ihnen schönen Dank für ihren Besuch und rufe: Gehet heim, schöne Bäume, meine Lust ! Grünet und blühet lange, lange Jahre! Wehet Kühlung den Matten, gebet Schatten den Erhitzten, und mit jedem Schwung cuerer Zweige im WindeShauch lobsinget meinem Gott, dem besten Freunde aller Menschen! Dann hnschcn sie lustig davon, daß cS Blätter und Blüthen regnet!" (Schluß folgt.) Die Gage vom Wunderbilde auf dem heil. Berge. Ehe wir diese kleine Erzählung beginnen, die uns darthun soll, wie sehr die heilige Jungfrau uns liebt, wenn wir »nS unter ihren Schutz begeben, und uns eS auch dann nie an demselben fehlen läßt, ziemt cS sich wohl, daß wir mit den Worten deS Abb6 Lcguillon Ihre Güte also preisen: „Wenn- ich auch mein Herz zum Schweigen bringen wollte und all der Wohlthaten nicht mehr gedenken, die mir diese gute Mutter zukommen ließ, die Stimme aller Jahrhunderle würde mich erdrücken, in dem Echo, welches durch die Unendlichkeit tönt: „Wie bist Du voll Güte, o Maria! «Die Güte GottcS selbst wohnt in ihrem Herzen, der ihr aufgetragen, die Schätze seiner Barmherzigkeit über die Erde zu ergießen. Sünder, Kranke, Leidende und Trauernde aller Art sagt selbst: nicht wahr, „Wie gut Sie ist, Maria? „Ihre sanfte Hand trocknet die Thränen des Schmerzes, die Strahlen ihrer Mildherzigkeit erleuchten die Verirrten... Ihr mächtiger Schutz hebt den Muth niedergeschlagener Seelen... Ihr zärtlich liebendes Herz ladet alle Ruhelosen ein, den Frieden bei ihr zu suchen. O ihr, die ihr Sie noch nicht kennt, wüßtet ihr: „Wie gut Sie ist, Maria! „Ein Wort!... ein Blick!... ein Seufzer!... und Sie versteht euch; Sie unterstützt euch; Sie zerstreut eure Furcht, eure Aengsten; Sie stützt eure Kräfte; Sie erleichtert die Bürde der Prüfung. — Habt Vertrauen... kommt... betet... und bald werdet ihr mit der ganzen Kirche wiederholen müssen: Wer hat jemals zu Ihr gefleht, ohne ausgerufen zu haben: „Wie gut Sie ist, Maria! „O gute! o süße! o sehr reine Jungfrau Maria! ja laß eS mich Dir tausendmal t58 und immer von neuem wiederholen, daß ich Dich liebe, ja daß ich Dich liebe... und Dich immer lieben und Dir immer dienen will! —" Solche Güte erfuhr nun auch ein Mägdelein, die in der Nähe deS heiligen BergeS wohnte und die Gesundheit ihrer sehr kranken Mutter erflehen wollte. Von ihr sagt die Sage, das Kind sey noch jung und schwächlich gewesen, habe sich aber doch auf den Weg begeben. Glühend heiß brannte die Maiensonne, und obgleich ganz ermattet von der mühevollen Strecke des WegeS, strebte sie dennoch, bis an den Gipfel des BergeS zu steigen, wo oben ihr der Rettungsstern, das Gnadenbild Marias Erhörung zuwinkte. Mag eS auch viel Mühe kosten, sie muß erstiegen werden, die LebenShöhe! je höher wir klimmen, um so näher kommen wir dem Ziele, nach dem wir Alle ringen sollten. Maria will uns immer ihre mütterliche Hand reichen, — o ergreifen wir doch dieselbe und lassen wir uns empor ziehen, mit jenem Kinde. Kommen wir auch erschöpft an, oben ist dann Ruhe, ewige, selige Ruhe, wo wir in Erfahrung bringen werden die beglückenden Worte des Herrn: „Wahrlich kein Auge hat eS gesehen, noch ein Ohr gehört, noch ein Menschenherz eS empfunden, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben." Ganz entkräftet, von Hitze und Durst geschwächt, kam daS Kind oben an. ES trat ein in den kühlen, herrlichen Tempel und gleich fielen dessen Augen auf das in goldenen Grund köstlich gemalte Bild der heiligen Jungfrau, die eingehüllt in einen blauen Schleier, schwebend in den Wolken des Himmels stand, ihre gnadenvollen Hände und milden jungfräulichen Augen liebend der Erde zugewandt! Ein mystisches Licht umgab den Altar, und in tausend Farben spielten die Strahlen der Sonne durch die bunten Scheiben in. daS Heiligthum des Herrn. Ergriffen von dem hehren Anblick, warf sich daS Mädchen an den Stufen deS MarienaltareS auf die Kniee; in kindlicher Weise betend, trug sie ihr Anliegen vor die Himmelskönigin, bis endlich auch ihr Geist, erschöpft, in süße Träume überging und schlafend daS blonde Köpfchen zur Erde niedersank. Es führten aber die Engelein gar liebliche Bilder von ParadieseSlust und ParadieseSauen vor die schlummernde Seele und hielten sie fest im Schlafe, damit die Hilfe Maria'S neuerdings kund würde dem Menschengeschlechte. Bereits war die Sonne untergegangen, und nächtliches Dunkel erfüllte das nun still und leer gewordene Gotteshaus. Die Stunde kam, in welcher eS verschlossen werden sollte, und eS trat der Küster mit dem lauten Ruf an Alle ein, die sich vielleicht verspätet hatten, den Tempel zu verlassen, da nach altem Brauch zur Bewachung deS kostbaren Bildes sieben mächtige Rüden von ihren Ketten loS, die nun eingelassen werden müßten. Wild, ja unbändig in ihrer Freiheit, rannten sie in den Gängen der Kirche auf und nieder, indessen die gewaltige Thüre in ihren Angeln knarrend in daS riesige Schloß fiel. Allein, der tollen Wuth der Hunde preisgegeben, lag daS Kind da, ihr sichtliches Opfer. Eine aber hatte die schützenden Arme ausgebreitet, Eine daS wachende Auge offen behalten, — und wunderbar fein gearbeitet, mit silbernen Sternchen besäet, senkte die Jungfrau von ihrem Bilve herab ein künstlich gewebtes Netz, das schlafende Kind zu bedecken, daS zugleich eine wehrende Mauer dem stürmischen Andrängen der Hunde, die von der Jungfrau Hand gezähmt, wie Lämmer sich lagerten zu Füßen deS KindeS. Dieses aber, von mütterlicher Liebe gewiegt und von spielenden Engeln umgeben, schlief deS sanften SchlafeS, bis golden die Morgensonne ihr strahlendes Licht auf das Bild und den Altar warf und auch daS Kind in seinen Strahlenschleier einhüllte. Jetzt war der Augenblick gekommen, der daS Wunderbare den verwunderten Pilgern offenbaren sollte. Denn siehe! — als sie mit dem Küster eintraten, lag das Kind, von dem Gerassel geweckt, unschuldig da und rieb sich die Augen, glaubte selbst noch zu träumen und wußte nicht, wie ihm geschehen war. Die Eingetretenen erkannten aber den offenbaren Schutz, so Maria diesem Mägdlein hatte angedeihen lassen, und haben diese Sage in alle Welt getragen, und mit neuem, innigerem Vertrauen wurde sie von dieser Zeit im Gnadenbilde auf dem heiligen Berge angerufen. Also die fromme Sage vom heiligen Berge. Möge sie auch in unseren Herzen 1S9 Liebe und Vertrauen zur heiligsten Jungfrau erwecken, und solches sich kund geben durch neuen Eifer in ihrem Dienste, zumal in diesem Ihr geweihten Monate. O, sie wird es euch nicht unbelohnt lasse» und tausendmal werdet ihr dankerfüllt ausrufen, ihr treuen Kinder: „Wie bist Du so voll Güte, o Maria!" Ueber die Missionen der Jesuiten in Oberösterreich wird uns auö vertrauter Hand noch nachträglich berichtet: Die Mission in St. Polten war mit den glänzendsten Früchten gesegnet. Es war unter allen Ständen ein heiliger Wetteifer, die Misstonäre zu hören. Bei der Ausrichtung des MissionSkreuzeS halsen sogar die Herren Officiere der Garnison mit den Jünglingen dasselbe aufzustellen. Die Bürger der Stadt aber hatten unter sich einen Verein gebildet, und unter Anderm sich gegenseitig daS Gelöbniß gemacht, sie wollten in ihrer Gesellschaft keinen Flucher und keinen Religionsspötter dulden, sondern ihn, so nichts Anders hälfe, mit Gewalt entfernen. Da wagte eS dennoch ein sogenannter Gebildeter in einer Abendgesellschaft über religiöse Dinge zu spotten. Weil eS indessen der erste Fall war, so verfuhren die Herren Bürger noch ganz glimpflich mit ihm; sie gaben ihm eben noch so viel Zeit, daß er seinen Hut suchen und sich durch eine Hinterthüre entfernen konnte. Auch die Mission in Baumg arten berg brachte die trostreichsten Früchte. An manchen Tagen fanden sich dabei Leute aus 24 Pfarreien ein. Ein Domherr auö Linz, der eigens für den Schluß der Mission dahin gereist war, äußerte sich darüber in den voriheilhaftesten Ausdrücken: „WaS ich heute gesehen, sprach er, gehört und empfunden habe, das kann ich nicht ausdrücken." DaS ganze Domkapitel in Linz ist entzückt über die freudenreichen Wirkungen dieser Mission. Aber wenn möglich noch trostvoller war die Mission im Zuchthause von Steuer- Garsten, welche vom Herrn Statthalter OberösterreichS, einem Bruder deS Ministers von Bach, selbst begehrt war. Unter 519 Sträflingen und Verbrechern der schauerlichsten Art fand sich kein einziger, welcher von den heiligen Sakramenten zurückblieb. Alle ohne Ausnahme haben freiwillig und mit einer Zerknirschung gebeichtet, welche den Beichtvätern die süßesten Freudenthränen entlockte. AIS die Missionäre sie später in ihren Schlafarresten besuchten, da war ein Schluchzen, ein Händeküffen, daß auch die Beamten weinten. „Kommen Sie bald wieder; wir können nur für Sie beten, aber daS wollen wir auch alle Tage. Eine solche Freude haben wir noch nie gehabt. Wenn wir frei werden, dann wollen wir Sie heimsuchen. Wir wollen gewiß von jetzt an recht brav werden", so lauteten die Worte dieser bekehrten Büßer. AIS das MissionSkreuz, beleuchtet mit hundert Lampen, welche die Beamten auf eigene Kosten angeschafft hatten, aufgerichtet stand, baten die Armen noch späl Abends, gemeinschaftlich beten zu dürfen, und blieben im Schnee noch eine halbe Stunde mir ihren rasselnden Ketten knieend und für die Missionäre betend. Ein jüdischer Sträfling wurde von Pater Joseph Klinkowström getauft. — So hat auch hier Großes gethan, der mächtig ist und heilig sein Name. Rom. Rom, 14. April. In den nächsten Wochen und Monaten stehen hier mehrere Generalkapitel verschiedener Orden bevor, zu welchen die Betheiligten auS allen Gegenden nach Rom reisen. So hat der Carmeliterorden schon in dieser Woche mit der Abhaltung des Generalkapitels begonnen, ihm werden darin der Serviten- und der Capucinerorden folgen, und zum Juli steht eine außerordentliche Generalversammlung aller Provinciale und zweier Deputirten auS jeder Provinz der Gesellschaft Jesu bevor. Letztere schrieb der jetzt krank und ohne Hoffnung aus Wiederherstellung darnieder- liegende General P. Rothaan schon vor Beginn seiner Krankheit mit Genehmigung t60 des heiligen Vaters aus, seine Umgebung glaubt aber nicht, daß er sie noch erleben werde. Der von Sr. Heiligkeit eingesetzte General des DominicanerordenS reiset jetzt in Sicilien zur Visitation der dortigen Klöster dieses Ordens, die die Zahl von sechzig erreichen, umher; dem Vernehmen nach kommt man seinen Bemühungen um die Wiederherstellung der alten Strenge der Disciplin von allen Seiten entgegen und gereicht die Visitation ihm zur großen Befriedigung. Nach Vollendung derselben wird er mit der neapolitanischen Provinz beginnen. — Nicht allein über eine Reise deS heiligen Vaters nach Deutschland und Frankreich, sondern sogar über deren Route scheinen in Deutschland Nachrichten von großer Bestimmtheit verbreitet zu seyn. Wenigstens gehen von dorther, insbesondere von Klöstern, schon Einladungen und Bitren um Einkehr an den heiligen Vater ein, die die Reise selbst und ihren Plan als eine ausgemachte und feststehende Thatsache voraussetzen. Auch hier fehlt eS an Gerüchten über diesen Punct durchaus nicht, an dem einen Tage heißt eS, der heilige Vater reise nach Frankreich, am anderen Tage verkündet man die Reise nach Deutschland, und am dritten Tage werden beide Reisen verbunden und im Vatikan der Reisealtar und alle Vorbereitungen zur Reise schon gemach«. WaS letztere betrifft, so kann ich Ihnen versichern, daß sie gänzlich aus der Luft gegriffen sind, waS aber die Reise selbst angeht, so ist darüber Männern, die sonst sehr gut unterrichtet sind, noch nichts bekannt, und am wahrscheinlichsten auch noch gar nichts darüber ausgemacht. Sie wollen deßhalb alle derartigen Nachrichten mit großer DiScretion aufnehmen. DaS Einzige, waS man hier von sonst gut Unterrichteten behaupten hört, ist, daß von Wien auS eine Deputation gesandt werden solle, um den heiligen Vater um die Bornahme der Krönung deS Kaisers Franz Joseph zu bitten, wie denn überhaupt eine Reise deS heiligen ValerS zu diesem Zwecke nach Deutschland wohl nicht in einem so hohen Grade eine UnWahrscheinlichkeit und Unmöglichkeit seyn möchte, als Manche glaube». (Münsterer StgSbl.) Kirche und Sclaverei. ,ch!,«L .,,i>5!zS,K'WkMüwL,i«is ,im anu vMamÄ nzM.';«s»kl5M--io5«. ^>!>k Oberst Hamilton, ein protestantischer Engländer, sagt: „Katholiken und Protestanten bekennen sich zu dem Satze, daß alle Menschen vor Gott gleich sind; aber nur die Erstem handeln darnach. In einer kaiholischen Kirche kniee» der Fürst und der Bauer, der Sclave und sein Herr vor demselben Altare, und für den Augenblick sind alle Rangunterschiede aufgehoben. DaS Zeichen der Erniedrigung wird von der Stirn der Sclaven weggenommen, wenn er sich in dieselbe religiöse Genossenschaft mit den Höchsten und Vornehmsten im Lande zugelassen sieht. In protestantischen Kirchen herrscht eine andere Regel; die Farbigen sind entweder ganz auSge- schlössen, oder eS ist ihnen ein entfernter, mit Schranken umgebener Winkel ange. wiesen. So können sie auch nicht für einen Augenblick ihre verachtete Stellung vergessen. Kein (?) weißer Protestant würde mit einem schwarzen an demselben Altar knieen. ES ist darum nicht zu verwundern, daß die Sclaven in Louisiana alle katholisch sind, daß man in den protestantischen Kirchen nur einige Damen in wohlgepolsterten Kirchenstühlen sieht, während die Kathedrale von Andächtigen aller Farben ganz gefüllt ist. Die katholischen Priester vergessen nie, daß in dem häßlichsten Körper eine Seele wohnt, die in Gottes Augen eben so kostbar ist, wie die deS Papstes: die Arme der katholischen Kirche sind dem Verachtetsten geöffnet. Ich bin kein Katholik, aber Vorurtheile sollen mich nicht abhalten, christlichen Geistlichen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die eS sich zur Lebensaufgabe machen, den verachtetsten und geringsten unter den Menschen die Segnungen der Religion zu spenden." Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags - Inhaber: F. C. Krem er. Dreizehntes .Jahrgang. Sonntags-Beiblatt II> iriüii-'/nu 3MI ij^ Iiil-j? 1IIII ii-ssllW , nuiinliN /I'NÄÄ ,tn?chilii?^ iNSj^um ,KM li)ik?i!(>Ziil„Ii^j' Augsburger Postzeittmg. >IlIilM mjlAi »i ,b« -.NV',s ^lil-i^lr.? Iiis,^ f(ItkZ ni-?(l>lr»üjL ilchchn^ttiSiw d^chl-vi . ?l5,9 !)tjchM zgili^I in^ iiniiSci'i üli^I u.^/^ii^ 7!>!>i> »?I .^i^ii^i n'>'! vbl n»,n,ld?ia,L .-na?! ,.mmi n;?i^l-'n-i. .^i? 7->j.^ «vlisvi^i! Vieles, und, wie ich hoffe, nicht Unerhebliches, wenigstens bisher minder Bekanntes, waS die Erzherzogin Maria, unseres Kaiser Ferdinands des Zweiten Mutter, berührt, habe ich Ihnen bisher vorgetragen. Ich habe diese merkwürdige Frau geschildert von dem Standpuncte der Tochter zu den Eltern, der Schwester zu den Geschwistern, der Gemahlin zu dem Gemahl und der in jeglicher Weise besorgten Mutter zu den Kindern. Auch von ihrem Charakter, wie in diesem Ernst mit Heiterkeit. Strenge und Milde sich paarte, die fürstliche Würde mit gemüthlicher Laune sich einigte, habe ich mancherlei gesprochen; zuletzt davon, wie sie daS Bewußtseyn, eine Fürstin nicht bloß zu heißen, sondern zu seyn, mit dem Vollgepräge seines Wesens denjenigen gegenüber zu stellen verstand, die sich'S Herausnahmen, dasselbe unberücksichtigt zu lassen. Von ihrem Walten als Fürstin könnte ich Ihnen noch Manches erzählen: wie sie auf ihrer langen Reise nach Spanien fortwährend über alle Landesangelegenheiten, selbst über den Gesundheitsstand ihrer Residenz wollte unterrichtet werden; wie sie ihren Aufenthall an dem fernen, aber nahe verwandten Hof dazu benutzte, um bei der fortwährend wieder auftauchenden Spannung deS SohneS mit der unnachbarlichen Republik Venedig jenem in dem auf Oberitalien mächtig einwirkenden Schwager einen sichernden Rückhalt zu gewinnen, vornämlich aber, wie sie während des Sohnes Weilen am Reichstage zu RegenSburg, während der letzten Wochen ihres Lebens, unter bedrohlichen Anzeichen in häufiger Berathung ihrer vornehmsten Geschäftsmänner, in Anordnung zur LandeSvertheilung. in Vorschlägen zu hilfereichen Verbindungen mit auswärtigen Fürsten der Obliegenheiten einer Regentin mit eben so großer Umficht als rastloser Thätigkeit wahrnahm. Allein dieses alleS schlägt mehr in die politische Geschichte deS Landes ein, indeß ich mir die Aufgabe gestellt habe, Ihnen ein mit gewissenhafter Sorgfalt gezeichnetes und alle Züge einer so seltenen Persönlichkeit zusammenfassendes Charakterbild der Erzherzogin Maria vor Augen zu stellen. Dieö gedenke ich nun nach seiner reichen Vielseitigkeit zu vollenden und diesem durch den treuen Bericht über ihre letzten Stunden ebenso das Siegel aufzudrücken, wie der Hinscheid ihrem ganzen Leben ein solches aufgedrückt hat. YNVg7ö»>UkStN^'k.NlH Wollen wir dessen Grundzug, dessen bewegende Kraft bezeichnen, so können wir nur sagen, die Erzherzogin Maria ist daS in hoher Vollkommenheit ausgeprägte Bild einer Persönlichkeit, deren Erkennen, Wollen und Thun fest und unverrückt in der katholischen Kirche wurzelt; deren Lebenskraft nach dem ganzen Maaß ihres Vorhandenseynö und nach jeglicher Weise ihrer Bethätigung ein Ausfluß von dieser ist; die deßhalb ein lebendiges Glied derselben nach der Vollesten Bedeutung dieses Wortes genannt werden muß. In der katholischen Kirche leben, hieß daher für sie: durch die katholische Kirche leben, und „gut katholisch seyn," war in ihrem Munde daS höchste Lob, welches sie auSzusprechen vermochte; Rückkehr in die katholische Kirche für Solche, die außerhalb derselben gestanden hatten, demnach der Inbegriff alles Wohlergehens, dessen sie theilhastig werden könnten. Von lebendig katholischen Eltern geboren, und durch dieselben zu allen jenen äußern Begehungen der innern Hinwendung an Gott angeleitet, welche für diese alltäglich daS Zeugniß ablegen, dürfte der Erzherzogin zeitliches Daseyn vor Allem und mit der vollesten Wahrheit ein fortlaufender Gottesdienst genannt werden. Jeden Tag erhob sie sich frühzeitig, sobald derselbe sich verkürzte, schon beim Kerzenlicht, häufig bereits um drei Uhr deS Morgens, später als fünf Uhr niemals, von ihrer Ruhestätte. Ihr Erstes war, den wach gewordenen Geist bei Gebet und Betrachtung in Gott zu versenken. Damit sie Niemand von ihrer Dienerschaft wecken müsse, geschah dieses, alsbald nachdem sie daS Bette verlassen, in ihrem Schlafgemach. Dann nur durchflog sie Unwille, wenn längeres Verweilen dabei durch Geschäfte oder, waS bei ihrem Stand nicht immer sich vermeiden ließ, durch zwischeneintretendes Anfragen unterbrochen wurde. In tiefer Andacht hörte sie sodann drei heilige Messen, bisweilen sogar vier, auf Reisen immer zwei. Zwischenein las sie geistliche Bücher, Predigten, die während deS AnhörenS bei dem Vorlesen sie besonders angesprochen, geweckt, emporgehoben hatten. Wie sie mit Gebet jeden Tag zu beginnen pflegte, so schloß sie denselben; sie betete an dessen Ablauf die Litanei, las daS Evangelium und die Lesestücke für den folgenden Tag und machte mit der GewissenSersorschung den Schluß. Im Bette war ihr Angesicht gegen ein KreuzeSbild gewendet, vor welchem ein Licht brannte, zu ihrer Linken standen zwei kleine Altäre. War sie durch Krankheit an dasselbe gebannt, so ließ sie sich ein Tischchen mit zwei brennenden Wachskerzen bringen und nahm ihre Gebetbücher zur Hand. DaS geschah später gewöhnlich zu der Zeit, da sie in ihrem Kloster zur Mette läuten hörte. So oft sie dort sich aufhielt, stand sie nachtS eilf Uhr mit den Schwestern auf und ging mit ihnen in den Chor. Wöchentlich pflegte sie wenigstens einmal zu beichten, jeden Sonntag mit ihrem Hofstaat, in den spätern Jahren mit ihren Kindern, die heilige Communion zu empfangen, beides außerdem noch, so oft sie zu jenem im Gewissen, zu diesem durch ein eintretendes Fest gemahnt wurde. An jedem Festtage wohnte sie dem öffentlichen Gottesdienste bei und sah darauf, daß dieses nicht allein von ihren Kindern, sondern ebensowohl von allem ihrem Hofgesinde beobachtet werde. Es lag ihr sehr viel daran, daß durch Anwendung der Heilmittel und Theilnahme an der Verehrung deS Dreieinige» daS religiöse Leben bei Jedermann geweckt und gestärkt werde, daß sie bisweilen in den Zeiten, welche dem Christen besonders heilig seyn sollen, bei den Geistlichen anfragen ließ, ob die Zahl der Beichtenden und Communicirenden groß gewesen seye? etwa in der Kirche nachzusehen befahl, ob viel Volk sich eingefunden habe? Eben so oft war sie bei Predigten anwesend. Fand sie durch eine besonders sich angesprochen, so mußte sie ihr hernach schriftlich zugestellt werden. Der Beichtvater ihres Klosters bezeugte eS öffentlich, er habe in der Kirche desselben niemals gepredigt ohne Beyseyn I. D. und deS ganzen fürstlichen HofeS. Kein Andachtöbüchlein erschien, was sie nicht zu erwerben suchte. Manche ließ sie wieder auflegen und verbreiten. Besondern Werth hatten für sie die LebenSgeschichten der Heiligen, vorzüglich solcher, die durch größere Strenge sich ausgezeichnet hatten; dergleichen mußten manchmal während der Tafel vorgelesen werden und überallhin, selbst auf die Jagd, 161 sie begleiten. Noch bis jetzt hat sich auS ihrem Nachlaß ein Bund handschristlicher Gebete, geistlicher Lieder, liturgischer Vorschriften oder Erklärungen erhalten, jedes Blatt oder Heftchen mit einer Aufschrift von ihrer Hand versehen, als fortlausendes Zeugniß für die Wahrheit dessen, waS die Zeitgenossen von ihr berichtet haben. War ein öffentliches Gebet angeordnet, so mußten nicht allein ihre Töchter, Kammerfrauen und Mägde der Reihe nach wechselsweise dazu sich einfinden, sondern sie ging ihnen insgesammt mit dem eigenen Beispiel voran, ja übertraf sie Alle, indem sie gewöhnlich nicht darauf sich beschränkte, nur während der zugewiesenen Stunde vor dem AltarSsakrament zu knien. Eine ansehnliche Reihe von Zetteln, auf welche die Namen ihrer Kammerfrauen und deS weiblichen Dienstpersonals verzeichnet find und die Stunde angegeben wird, zu welcher bei solchen Veranlassungen eine jegliche in der Capelle stch einzusinken habe, wird jetzt noch in dem kaiserlichen HauSarchiv aufbewahrt. — Zur Darbringung deS unblutigen OpferS und zu dem Gebet war sie von wankellosem Vertrauen durchdrungen. AIS eine ihrer Töchter im Kloster Hall sie in einer Angelegenheit um Trost und Rath bat, antwortete ihr die Mutter- „Meine Kinderl habt ihr ein Anliegen, so nehmet im Gebet zu Gott eure Zuflucht. Betet auch fleißig für die armen Seelen und lasset Messen für sie lesen, sicher werdet ihr dann Hilfe empfangen." Damit rieth sie zu dem, waS sie immer selbst befolgte; denn manche Jahre durch ließ sie auf St. Andreä Friedhof zu Grätz viele Messen hinter einander für die Abgestorbenen, für jedes Glied ihrer Dienerschaft deren immer dreißig lesen. Sie begleitete fast jeder Zeit die Processionen, wie sie derjenige deS MarkuS- tageS noch fünf Tage vor ihrem Ende beigewohnt hat. Ihr gefiel zu Mailand besonders, daß Erzherzog Albrecht sammt andern Vornehmen bei einer solchen den Himmel tragen half, indem sie darin eine größere Demüthigung zu Gottes Ehre erkannte. Wer sie an derjenigen deS Fronleichnamsfestes sah, mußte durch ihren Anblick bewegt oder emporgehoben werden. Jeden Samstag besuchte fie die Wallfahrtskirche zu Straßgang, zu Maria Elend genannt, und ließ, um die Gläubigen zu größerer Andacht zu erwecken, längS deS Pfades i4 Kreuzwegstationen aufrichten. Im Sommer ging sie gewöhnlich zu Fuß dahin, nahm ein paar ihrer Kinder mit, denen sie unterwegs etwaS von den Leiden Christi erzählte, nachdem sie an jeder Station einige Augenblicke kniend im Gebete verweilt hatte. Anvere WallfahrtSörter besuchte sie ebenfalls; zu Mariazell ist sie öfters, in Altötting wenigstens bisweilen gewesen, Straßengel, Ferniz bliebe» ebensowenig vergessen. Auf der Rückkehr auS Spanien zog eS sie nach Loretto. In ihrem Land ließ sie sich ollen Bruderschaften einverleiben, auch in andere außerhalb desselben. Denn der hohe Werth der Bruderschaften für Belebung christlicher Sinnesart und HanvelSweise wurde damals noch von allen Ständen anerkannt und gewürdigt. Zu Laibach gab sie ein unverkennbares Zeugniß ihrer katholischen Gesinnung damit, vaß sie bei der Huldigung, welche Ferdinand in Krain einnahm, öffentlich sammt allen Erzherzoginn, derjenigen deS heiligen AltarSsakramenteS bcitrat und zu einer Procession sich einsand. So oft sie sich aus Reisen begab, empfahl fie sich der Fürbitte ver Marianischen Bruderschaft in Grätz. Diejenige vom heil. Geist wurde unter die dortigen Studirenben vornehmlich auf ihr Betreiben eingeführt, wirksam dadurch empfohlen, daß ihre sämmtlichen Kinder derselben beitraten. Eine große Anzal von Jndulgenzen für Rosenkränze, von Päpsten geweiht, für AgnuS Dei, für Medaillen, mit päpstlichen Vergünstigungen ausgestattet, beweisen, daß ihr frommer Glaube gerne Alles um stch vereinigte, waS nach der Lehre der Kirche dem innern Leben als Hilfsmittel dienen kann. Deßwegen hatte für sie nichts einen so hohen Werth wie Ueberreste der Heiligen, ob nun von deren Leibern oder Gewändern. Von allen Orten her suchte sie dergleichen sich zu verschaffen; noch im letzten Jahre ihres Lebens mußte Ferdinand seinen Ausenthalt in RegenSburg dazu benutzen, um auS St. EmeranS Abtei ein Theilchen von dem Leib deS heil. Bischofs Wolfgang für sie zu erbitten; und der Ausdruck der Dankbarkeit gegen denselben für den Erfolg seiner 164 Verwendung ist zugleich derjenige der Freude, ihren Wunsch erfüllt zu sehen. Wie werth ihr die durch Clemens VIII. erhaltene Vergünstigung müsse gewesen seyn, dergleichen heil. Ueberreste in allen Klöstern und Kirchen Italiens verlangen zu dürfen, läßt sich dem reichen Verzeichnis) solcher entnehmen, die ihr einzig in Mailand überlassen wurden. Ihre Ehrerbietung gegen dieselben bewährte sich dann durch die Fassung, mit denen sie sie ausstatten ließ. Hiezu gab sie mit freudigem Sinn Perlen, Evel- gesteine, Arm- und HaiSzierden und die kostbarsten Kleinodien her. So vereinigte sie in ihrer Capelle, die seit der ersten Zeit ihres 'Aufenthaltes in Grätz mit Recht ihr Augapfel konnte genannt werden, welcher sie die eifrigste Sorgfalt und Liebe stets angedeihen ließ, zweierlei Schätze: diejenigen, welche nur der Glaube würdigt, und solche, die vor der Welt ihre Geltung nie verlieren werden. Die Mehrung von beiden ließ sie ihr ganzes Leben durch sich angelegen seyn. Die Hinneigung zu geistlichen Dingen zog sie auch zu denen, welche kraft ihres Berufes dieselben den Gläubigen vermitteln sollen. Sie erwies den Geistlichen be« sondere Achtung, doch dann nur, wenn der Stand und dessen Träger sich gegen» seilig durchdrangen. „Alle Geistlichen, sagte sie öfters, habe ich von Herzen lieb, dafern sie sich wohl halten; ist aber das nicht der Fall, dann mag ich ihnen nicht viel gute Worte geben; das wollte ich Jedem rund heraussagen." An Beispielen, daß sie solcher Rede Folge zu geben wußte, fehlt eS nicht. Hörte sie von dem Mißtritt eines Geistlichen, so war sie sehr besorgt, daß ihn weder die Bessern entgelten möchten, noch daS Volk dadurch geärgert würde. Gemeiniglich rief sie, wenn Derartiges ihr zu Ohren kam, auS: „Wie verkehrt ist doch die Welt, wie ein arger, listiger Feind und Bösewicht ist nicht der leidige Satan!" Arme Geistliche lud sie öfters zu Tisch. Erklärte sie: wollte einer ihrer Söhne Capuciner werden, mit Freuden würde sie ihm ihren Segen geben, so ging diese Rede gewiß aus ihrer tiefsten Ueberzeugung hervor. So oft sie mit einem Priester oder einer geistlichen Person zu verkehren hatte, vergaß sie nie, in deren Gebet sich zu empfehlen. In besonderer Gunst standen bei ihr die Ordenspersonen beiderlei Geschlechts, denn katholisch seyn wollen und jenen ihres Standes wegen abgeneigt seyn ist ein greller Widerspruch. Weil bet des Adels Abfall von der Kirche die Glieder des FraucnklosterS Göß, die jenem angehören mußten, sehr herabgeschmolzen waren, wendete Maria große Kosten darauf, ihnen Zuwachs auS Bayern und auS Welschland zu verschaffen. Maria besaß ein besonderes Geschick, Irrgläubige auf den Weg der Wahrheit zurückzuführen. Die Liebe, welche zu solchen Bemühungen allein der Beweggrund seyn darf und zugleich das erfolgreichste Mittel seyn wird, machte sie hiezu ausnehmend tüchtig. Durch Freundlichkeit suchte sie sich bei ihnen Gehör zu verschaffen, zog dieselben hiedurch an sich, legte ihnen in solcher Weise die Glaubenslehren vor. Dann ließ sie sich angelegen seyn, dieselben mit glaubenswarmen Männern in Berührung zu bringen. Auch zum Gebet, zu Messen nahm sie ihre Zuflucht. Nahten sich dergleichen Leute ihrem LebenSenve, so verdoppelte sie ihren Eifer. DaS Verdienst, Jemand in den Hafen deS Heils geleitet zu haben, ging ihrer Ueberzeugung nach jedem andern voran, deßwegen begab sie sich bisweilen in adelige Häuser, mit einem kleinen Bilde der heiligen Jungfrau versehen, und stellte mit beweglichen Worten dar, wie man doch den alten Glauben verlassen und Diese unter die gemeinen Weiber . herabwürdigen könne? Nicht immer war ihre Bemühung fruchtlos; Einige wurden hiedurch zur Rückkehr in die Kirche bewogen. So der alte Herr von Thanhausen, mit dem sie oft über Glaubenssachen in Erörterung sich einließ, auch mehrmals einen Pater auS der Gesellschaft Jesu mitnahm, der ihm Alles auseinandersetzen mußte. Wie sie dann dessen tödliche Erkrankung vernahm, veranstaltete sie ein vierzigstündigeS Gebet, ließ für seine Bekehrung Messen lesen, beten, Almosen austheilen und hatte endlich die Freude, ihn vor dem Tod mit der Kirche ausgesöhnt zu sehen. Gleiches geschah mit einer Frau von Lichtenstein, die dergestalt unter steter Huth ihrer unkatholischen Umgebung stand, daß eS nur der Erzherzogin möglich war, einem Priester, der dem Verlangen der Edelfrau willfahren konnte, Zutritt zu derselben zu verschaffen. 165 Hoffte sie, Jemand von der katholischen Wahrheit überzeugen zu können, so gab sie bereitwillig ihre Bücher her, kaufte neue, wendete Geld zu Almosen aus und nahm an den öffentlichen Gebeten dafür zu allererst Theil. Bei allem diesem Eiser war sie von Bitterkeit und Härte gegen diejenigen frei, die sich nicht überzeugen ließen. So gestattete sie den Hammermeistern, welche die Auswanderung dem katholischen Glaubensbekenntniß vorzogen und doch ihre Gewerke nicht verkaufen konnten, einen allmonatlichen Besuch derselben, um anordnen zu können, waS zu deren Betrieb erforderlich. (Fortsetzung folgt.) «muN »ichöm z-ttH. ->r.-z . l-,S»x »>Z/si»H ni, , alzqsiS. sim-MdM ni» ir>«> »im 'tdiiiÄ 6mi >7^liZ^> iü) >l iii-iu?^ !> n^nc-M iiüs!>j!t ".»au»K 10a . ^ , Der Dvrfeaplan in den Tyroler Alpen. (Charakterbild von Beda Weber.) ? -^(?0tts«tz»«g.)>!>I^t»5IlÄ ?»» Il.-)-!l'l1'''«. Wie kann euch einfallen, ein strenges Urtheil über eueren Nachbar zu fällen! Er schläft ja den nämlichen Schlaf mit euch und träumt den nämlichen Traum. Haltet euch fromm und ruhig als gute Schlafgesellen und streitet euch nicht um die eine Decke, die Alle wärmt und erquickt. Schlagt in keine blühende Staude! Wer eine FrühlingSblüthe wissentlich tödtet, vor dem ist kein Leben, kein Herz und kein Gott sicher. Und wer ein junges Bäumchen muthwillig zerknickt, mit dem schlafe ich nicht unter einem Dache." So spann sich in den lebhaftesten Bildern die ganze Sittenlehre an seinem Krankenbett ab. Er achtete dabei wenig auf die Umstehenden, die er in solchen Augenblicken auch nicht recht erkannte. Seme innigste Ueberzeugung machte sich Luft und die That seines LebenS gellend. Er verstand, wie kein Anderer, mit unnachahmlicher Kunst, Kindergeschichten zu erzählen, Mährchen, Fabeln und Lehrstücke aller Art auf so einschmeichelnde Weise, daß ihm die Knaben und Mädchen auf der Gasse in die Schöße seines RockeS fielen, und ihn nur um das Lösegeld einer lustigen oder traurigen Geschichte frei ließen. In den Phantasien seiner Krankheit spielten diese wunderlieblichen, oft mährchenhaften Bilder und Bruchstücke wie auS Tausend und Eine Nacht im buntesten Gemische durch seine Seele, durchtönt vom Beifall aushorchender Kinder, den er selbst mit allen Muskeln seines gereizren Organismus kundgab. „Eine Geschichte, eine Geschichte!" riefen die Kinder. Er lag mit dem kinderseligsten Lächeln auf seinen Kissen und sagte mit weicher Stimme: „O, Geschichten weiß ich viel tausend, und die allerschönsten, die noch kein Mund erzählt und kein Ohr gehört hat; aber heute bin ich müde, laßt mich eine Weile ausrasten!" Bei diesen Worten machte er eine Bewegung, als wollte er sich den Händen der Kinder entwinden, eS gab ein Scherzen und ein Gekicher, daS dem kranken Mann einen eigenthümlichen, für die Zuschauer oft schmerzlichen Ausdruck gab. Er wand sich hierhin und dorthin, eS half alles nichts, die Kinder ließen ihn nicht loS. »Nun, so will ich denn erzählen," sagte er wie ermüdet vom langen Widerstreben. — Nach der Erzählung sank er ermattet in'S Kissen und lag eine halbe Stunde unbeweglich, nur leise athmend. (Schluß folgt.) »dttz'i<'7 ^«>Zj>NshHj5M »t> vm»» ai ni?nu ltthnuyg ni ,vtw M!l . n'-wfi^ii^mnilN'j um Zizilöl, Schornsteine gegen Jesuiten. Die Gegner der Jesuiten scheinen nicht verschmerzen zu können, daß die ihnen vom ?. Roh bedingungsweise versprochenen 1000 Gulden ihnen doch entgangen sind. Bekanntlich endete der von Lübeck aus angefangene Krieg mit einem schmählichen Rückzüge der Gegner. Nachträglich ist ein neuer Streiter, ein neuer Bewerber um die 1000 Gulden ausgetreten, eS ist der vr. Sander, nicht der auS Elberfeld, sondern der aus HildeSheim, der erst seit neuester Zeit berühmt zu werden anfängt. In dem jüngst erschienenen 2ten Hefte seiner Zeitschrift: „Luther oder Papst?" zieht er gewaltig gegen Diejenigen zu Felde, welche den Jesuiten vorgeworfen, sie haben offen eS gelehrt, daß der Zweck die Mittel heilige. „ES hat", sogt vr, Sander, „(in früherer Zeit) wahrscheinlich kein Mensch gewähnt oder gar behauptet, die Jesuiten hätten mit dürren Worten in irgend einer gedruckten Schrift ausgesprochen, daß der Grundsatz: „„Der Zweck heiliget die Mittel"" — wirklich ihr Grundsatz sey; für so einfältig hätte nur ein höchst einfältiger Mensch die Jesuiten halten können." Also auch den Historiker Ranke in seiner ersten Auflage der römischen Päpste und so viele Hunderte vor und nach ihm, die behaupteten, die Jesuiten lehren mit dürren Worten, daß der Zweck die Mittel heilige, nennt Herr 168 Dr. Sander „höchst einfältige Menschen". Derlei Prävikate verdienen Dankadressen und Ehrenbecher. — Inzwischen ist Herr Dr. Sander selbst hinter daS Geheimniß gekommen, und die 1WO Gulden mögen denn endlich flüssig werden. Er sagte: „Merkwürdig indeß bleibt eine Thatsache: Nachdem AbendS am 16. August 1773 dem General der Jesuiten und seinen Assistenten, wie auch den übrigen Jesuiten in Rom das päpstliche AufhebungSdecret bekannt gemacht worden war, sah man AbendS am 13. August auö den Schornsteinen des deutschen und deS ungarischen Jesuiten- CollegiumS einen dicken Rauch aufsteigen und die angestellte Untersuchung ergab, daß eine Menge von Schriften und Büchern verbrannt war." Damit wäre die Sache bewiesen und die 1vl)t) Gulden wären an Herrn Dr. Sander zu senden, til m,4 ,01 .,,IÜÜ, jkMnHtm Z(!»i.'I(Z yMil!!in5 )> ii> ,'tS »ikl Iii > »i!» Siill .7^'^ili^l srni^ :Hs,f6ii»>tH l 'iii> lim ttitlüjlii» 0s '.l>'1 I! II 51 «5 Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen, Verlag« - Inhaber: F. C, Krem er. Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt .,Ä!dT !^-Ig?m „MW tt^ nwcz nM. nv ,n,:.^ I.^s. uz ,n.chf.»jE N.M. ^, ..M»ii,km-^«v mtt!Zz,!w>5 7s,iS m-z zmMW «,»^,»,-,»5 ai^UMv »ii Sn« Augsburger Postzeitung. Uk^ ?^ lvcn H»N!«L >f^7-7s >n ^^,!,.lt, xailmi 7/s-u hl.j «N'Z hlü'mvl rdub z^7uliliiv?ßim ichill 7>^ri m»?nz^,tt ittwlu^ljUt gni'ti'-K Diese« Vlatt erscheint regelmäßig alle Tonntage. Der halbjährige Aboimementspreis kr., wofür e« durch alle kömgl. bayer. Postämter uud alle Buchhaudluogeu bezogen werden kaou -^---------------^^ Die Erzherzogin Maria von Steiermark, Mutter Kaiser Ferdinand des Zweiten. RededeSHofrathSundReichShistoriographenvi-. v. Hurter-Ammann, gehalten in der Plenarv er sammlungveS Wiener Central.SeverinuS- vereins am 28. April 1853., >Z5lW z'izj? .iuitsln^IiW »><»« tHinG . ,»Z^> ut.7?i?MMv». -tyi t.T ..n»»iii?S a»n>W (Schluß.) Jede äußere Bethätigung war aber bei Maria nur der wahrnehmbare Ausdruck der im Innern wohnenden Gesinnung, ein ununterbrochen angewenveteS Mittel zu deren Erhaltung und Kräftigung. Diese ist der spruvelnde Quell, der bei allen Begegnissen, so freudigen als schmerzlichen, in seinen reinsten Ergüssen hervortritt; sie ist'S, die der Weltanschauung Mariens Bahn und Ziel weist. Kamen tröstliche Berichte auS dem Feldlager, so hatten nicht Menschen das Erfreuliche vollführt, sondern „augenscheinlich" allein Gott es geleitet; drohte Gefahr, so hoffte sie auf GotteS Erbarmen, daß er die Seinigen nicht verlassen werde. Er macht Alles wie er will, pflegte sie zu sagen, daher muß man auf ihn vertrauen, nicht immer Rücksicht auf die Leute nehmen. Auf den Reichstag setzte sie in deS Landes Bedrängniß durch die Türken alle ihre Hoffnung, weit mehr aber „aus Gott; denn der Ewige weiß wohl, waS gut, waS am besten ist." AIS sie im Jahre 1595 unter steter Gefahr vor den durch Ungarn nach allen Richtungen streifenden Türken mit ihrer Tochter nach Siebenbürgen ziehen sollte, befahl sie sich in wohlbcgründeler Furcht Gott, der mit seinen heiligen Engeln ihr Begleiter und Schützer, woneben aber menschliche Begleitung immer nicht überflüssig seyn werde. Solchen Aeußerungen, die wie die milden Strahlen eines hellen Lichtes auS den Tiefen ihres Gemüthes bei jeoer Veranlassung ausströmen, begegnen wir in manchen ihrer Briefe. Sie machte während ihres Lebens verschiedene gotteSdienstliche Stiftungen, um so bereitwilliger, wenn sie Zwecke der Wohlthätigkeit damit verbinden konnte. Schon im Jahre 1578, am ersten Sonntag nach dem Dreifaltigkeitsfeste, stiftete sie eine Messe, die alle Samstage in der Pfarrkirche zu Grätz vor unserer Lieben Frauen Altar, daneben an dem Vorabend jedes Marienfestes eine Vigilie sollte gehalten werden, weil sie als Unwürdige der Gebenedeieten Namen trage. Dieses befahl sie den Jesuiten an und überwies ihnen dafür 15V Pfund ewigen ZinS. Aber nur zehn Pfund sollten zur Zier der Litanei und Processton gelten, 20 Pfund an arme Schüler vertheilt, für 120 zwei solche stetö unterhalten werden. Mäßigung erlaubter Genüsse, eine gewisse Strenge deS Lebens hat als unzertrennbares Wahrzeichen einer ernsten Gesinnung, eineS zu höher» Dingen gewendeten Gemüthes von jeher und unter allen ReligionSgesellschaften gegolten, die nicht eine .ynny7(!l 170 ?ksi,iT solche auf GlaubenSlostgkeit gründen zu können wähnten. Ueber daS Maaß derselben haben die Begriffe gewechselt; die Kirche selbst hat dieses nie weiter ausgedehnt, als wie eS allen Menschen, zu allen Zeiten, an allen Orten zu erfüllen möglich; Schwereres sich aufzulegen hat sie dem Willen, dem Eifer deS Einzelnen anheimgestellt. Wer gerne an Zeltbegriffe und Zeilrichtung Berufung einlegt, der muß fichS gefallen lassen, daß dieser hohe Gerichtshof je zu Fristen anders bestellt gewesen ist, als gerade in demjenigen Augenblick, in welchem er denselben zum Spruch aufruft, in Zuversicht, daß dieser nunmehr nach seinem Wunsch sich erklären werde. JeneS war der Fall in dem Zeitraum, in welchen Mariens Leben fällt. ES wurde auch damals den Gütern der Welt und den Freuden des Lebens und dem Gepränge der Großen ihre Geltung zugestanden, liebendem aber nicht mißkannt, daß dem zwischendurch sich ziehenden freiwilligen Missen derselben aller Werth nicht dürfe abgesprochen werden. Umgab jenes Alles, an die Stellung geknüpft, die Erzherzogin von außen, so waltete dieses in ihrem Innern. Von Natur in leiblichen Genüssen mäßig, fügte sie der Entsagung, welche die Kirche ihren Kindern, um sie in Gehorsam und Demuth zu üben, auferlegt. Einiges noch freiwillig hinzu. Jeder Dienstag, ihres Gemahls TodeStag, war für sie durch lange Jahre ein Fasttag. Auch äußerer Strenge unterwarf sie bisweilen den Körper, besonders in der Zeit, in welcher die Kirche des Leidens ihres Herrn ernster und inniger gedenkt, so daß nicht selten der Beichtvater ihrem Eifer eine Schranke setzen mußte. Häufig trug sie unter dem fürstlichen Gewand d>n groben Bußgürtel von der Bruderschaft deS heil. Franz, oder Armbänder von härenen Stricken. Da ihre Kammerfrau, die Gräfin von Wildenstein, diese Abtöd- tungSmittel einst entdeckte und sich gegen ihre Herrin die Bemerkung erlaubte: „Euer Durchlaucht leben allzu streng," versetzte die Erzherzogin nicht ohne einige Heftigkeit: „„Wie sollte ich daS nicht, da ich eine große Sünderin bin!"" Anbei verbot sie ihr, gegen irgend Jemand von dem Wahrgenommenen etwas verlauten zu lassen. Daß aber diese Strenge der ächten Wurzel entwuchs, zeigte sich darin, daß sie dieselbe bloß gegen sich selbst anwendete, Andern nur ihre Milde zu erkennen gab. DaS Alles konnte nicht ohne Einfluß bleiben auf jenen tiefen Ernst, dessen Frucht fleckenlose sittliche Würde ist, die ihr als Grundbedingung alles Gedeihlichen galt. „War," schrieb sie an Rumpf nach dem unglücklichen AuSgang eineS Treffens bei Neuhäusel, „wie die Sage geht, in unserem Lager ein solches gotteslästerliches Leben, daß alle Laster darin im Schwange gingen und ihnen kein Einhalt gethan wurde: dann war eS natürlich, daß am Ende Gott die Schuldigen mit den Unschuldigen strafen mußte." Bei einer solchcn LebenSrichtung galt ihr daS Gegenwärtige als vorübergehend, als bleibend einzig daS Künftige. Im Hinblick auf dieses hörte man sie bisweilen sagen: „Gott! wie wird eS dort so wunderbar zugehen! Wie wird so mancher Mensch anders sich zeigen, als er hier schien! Wie viel Heller sieht nicht Gott als wir, die wir uns Alle in so manchen Dingen versündigen; die wir so vieles an unserer eigenen Person nicht erkennen, waS Gott aber wohl weiß und dessen Kenntniß hat." — Derlei Gesinnung mußte zu dem sorgsamsten Aufmerken auf sich selbst auffordern. Maria ward zu demselben um so dringlicher ermuntert, da sie in ihren letzten Jahren oft zu. sagen pflegte: „ich weiß, daß ich nicht mehr lang leben, sondern bald sterben werde!" Deßwegen, bei dem Verein so mancher, zu allem Höhern sie emporhebender Tugenden, war sie auch eine starkmüthige Frau, unverzagt in Gefahren, selbst Anderer Muth zu heben geeignet. Wie die Rebellion der Ungarn im Jahr 1605 auch des SohneS Landschaften bedrohlich zu werden schien, fuhr sie täglich in ihr Kloster und öfters als sonst zu Kranken, bloß damit daS Volk, wenn sie so unverzagt ihm sich darstelle, Muth fasse. Dem Adel aber sagte sie: „sollte er Meinen, nur Pracht, Wohlleben und Faulheit nachgehen zu dürfen, so werde sie als Weib in den Krieg ziehen. Nicht ihrer Person, wohl aber ihnen, welche Rittersleute seyn wollten, könnte eS zur Unehre gereichen, wenn statt ihrer ein Weib streiten müßte." ,7t Gleich ihrer Schwägerin, der verwittweten Kaiserin, und deren Töchtern, Marien« Muhmen, Elisabeth, König Carls IX. von Frankreich Wittwe, und Marga- retha, deren die erste, wie so viele fürstliche Frauen, in den dritten Orden des heiligen Franz getreten war, die andere zu Wien daS Königskloster gestiftet und in dasselbe stch zurückgezogen hatte, die dritte in voller Jugendblüthe den Nonnenschleier den Kronen von Spanien und beider Indien vorzog, gedachte auch Maria, wenn einst in ihrem Sohne ^dem Lande ein Regent, seinen minderjährigen Geschwistern ein Vater würde herangereift seyn, in ein Kloster stch zurückzuziehen. Schon am Ende deS Jahres 1597, als Ferdinand seinen Beichtvater nach Rom schickte, um für die Dispense zur Ehelichung seiner Base zu danken, mußte derselbe dem heiligen Vater den Wunsch der Erzherzogin ausdrücken: dannzumal, wenn deS Sohnes Sachen gefestigt, mithin dringlichere Verpflichtungen von ihr genommen wären, unter Klosterfrauen leben zu dürfen. Anfangs hatte sie ihr Auge auf Hall in Tirol geworfen, wohin die Erinnerung an die Schwägerinnen sie ziehen mochte. Bald jedoch neigte stch ihre Vorliebe zu dem Orden der heiligen Clara, also daß sie schon im Jahr 1594 das Gewand desselben sich verfertigen ließ und eS in einer wohlverschlossenen Lade auf allen Reisen stetS mit sich führte. Niemand wußte darum als ihre geheime Kammerfrau ; da aber die Erzherzogin jederzeit bei vem Verpacken mit einer gewissen Aengstlichkeit nachfragte, meinte das übrige Gefolge, dieselbe müßte ihre werthvollsten Kostbarkeiten enthalten. In Beziehung auf die Erzherzogin selbst hatte eS wohl recht. Dennoch lag neben dem OrvenSgewand und einem kleinen, in dasselbe gekleideten Bilde in dem verschlossenen Behältniß nicht» anders als die schriftliche Erklärung: wo immer und wie unvorgesehen der Tod sie ereilen möchte, so wolle sie in diesem Gewände beerdigt werden. Wie sie durch deS SobneS Festigkeit die kirchliche Herstellung in dessen Ländern durchgeführt sah, und wie nach Verbannung der Prädikanten und Lehrer das bisherige unkatholische Schulgebäuve und daS daran stoßende BethauS zu Grätz, einst als Spital und Eapelle, in alier Heiligen Ehre geweiht, zwecklos standen, warf sie zu beabsichtigter Stiftung eines Klosters ihr Augenmerk auf diese Baulichkeiten. Es schien ihr verdienstlich, die Stätte, von der einst unter so großem Erfolg die Anfechtung der Kirche ausgegangen war, in eine solche zu verwandeln, von welcher täglich daS Lob GolteS erschalle. Deßwegen machte sie den Landständen, deren unentrisseneS Eigenthum die Gebäude fortan geblieben waren, den Antrag, dieselben käuflich an sie abzutreten. Diese aber überließen ihr dieselben als Geschenk. Sofort wurden die erforderlichen Einrichtungen getroffen, des Papstes Bestätigung für die neue Stiftung verlangt, daS Innere, vornehmlich aber die Kirche, mit solcher Sorgfalt ausgestattet, daß der Bau deS NamcnS eines KönigSklosterS für würdig erachtet ward. Schon am 10. November 1602 konnten fünf geistliche Jungfrauen und ebenso viele Novizinnen aus St. Jakob am Anger zu München dort eintreffen. Die Erzherzogin war bei ilirer Ankunft so hoch erfreut, daß sie selbst für die Kommenden den Tisch zu decken und die Betten richten half und mit ihnen daS Mahl nahm. Am l. Juli des folgenden JahreS fertigte sie gemeinschaftlich mit dem Sohn den StiftungSbrief auS, kraft dessen den Schwestern jährlich und in vierteljährigen Würfen, „auf ewig zu verstehen," 3000 Gulden aus dem Hall- und Salzantt Auflee (dem Pfand für der Erzherzogin Eingebrachtes) sollte bezahlt werden, welchem Ferdinand noch andere 2000 Gulden von ebendaher beifügte. Dann übergab ihnen Maria noch daS Dorf St. Margaretha bei Marburg sammt zwei erkauften Weingärten. Sie setzte die Zahl der Jungfrauen auf 36 unter einer Aebtisfin. Dabei getröstete sie sich ihres .,herzliehen Sohnes, seiner Erben und Nachkommen," daß sie ihr GottcShauS „durchaus nicht betrüben, sondern es vielmehr vor aller unbilligen Zumuthung jederzeit ernstlich schützen würden." „Wofern sie darwider etwas fürnehmen, oder solches Andern wissentlich zugeben wollten, möchten sie ermessen, wie heftig sie hirdurch den Allerhöchsten erzürnen , alle seine lieben AuSerwählten bewegen und UnS selbst gar in jener Welt betrüben würden." — Den Klosterfrauen war auferlegt, für alle Fürsten der Häuser Oesterreich und Bayern, Lebendige und Abgestorbene, und für „Beschützung 172 dieser Länder vor des grausamen Türken Macht täglich zu beten, daneben alle Qua- tember ein VIgil und Requiem zu halten, an diesen unter alle Arme jederzeit eine Spende von 50 Gulden zu vertheilen." Durch Ferdinands Veranstaltung wurde bald darauf das Kloster durch alle Stockwerke und in seinen vornebmsten Räumlichkeiten mit-Wasser versehen, mittelst einer Maschine aus der Mur dahin geleitet. Die Sorge um ihre unerzogenen Töchter legie aber der Erzherzogin Verpflichtungen auf, welchen sie daS Uebergewicht vor persönlicher Neigung einräumen mußte. Hätte sie vic letzte derselben, die Erzherzogin Magdalcna, nach Florenz begleiten können, dann würde sie wahrscheinlich nach der Rückkehr ihren Vorsatz, in diese geistliche Gemeinschaft einzutreten, ausgeführt haben. Inzwischen brachte sie doch, und häufig gemeinschaftlich mit ihren Töchtern, manchen Tag in derselben zu. Obgleich sie sich in dem Kloster zwei Gemächer mit ausgezeichnetem Gerüche hatte Herrichten lassen, in denen sie gewöhnlich dann, wenn sie die Erzherzoginen mitnahm, deS TagS über sich aufhielt, wählte sie doch für die Nacht eine gewöhnliche Novizenzelle in dem gemeinsamen Schlafhauö. an deren Thüre von außen'daS gewohnte Täfelchen hing mit der Aufschrift: „1603. Schwester Maria, Erzherzogin." Dann stand sie um elf Uhr auf, ging mit den Andern in den Chor, und trug, wenn die Kammerdienerin nicht sogleich zur Hand war, ihre Laterne selbst, duldete auch nicht, daß eine Klosterfrau ihr leuchte; „denn im Kloster bin ich eine Schwester, wie jede andere." AIS solche erwieS sie sich auch in allem Uebrigen. Sie arbeitete mit den Andern, schürzte sich wie eine Magd , reichte den Schwestern daS Wasser zum Händewaschen, trug die Speisen aus den Tisch, unterzog sich selbst den gemeinsten Küchendiensten und ließ sich gefallen, waS irgend deS Klosters Ordnung erheischte; denn nicht sowohl Mutter unter Töchtern, als Schwester unter Schwestern wollte sie seyn. Aber mit allem Pomp einer Fürstin umgab sie sich, so oft sie unter Zulauf der ganzen Stadt verlobte Jungfrauen dahin führen konnte. »Geht, sagte sie dann, ihr Himmelsbräute, genießt eures GlückeS, wenn zwar ohne mich, doch durch mich; einst als alte Frau werde auch ich in eure Fußtapsen treten und mich nicht schämen Schülerin zn werden, wo ick Meisterin hätte seyn sollen." Die Freude, ihres Bruders Ferdinand Tochter, Maria Beata, Gräfin vom Wartenberg, als achtjähriges Mädchen diesem Kloster übergeben, nach sechs Jahren eingekleidet zu sehen (worauf sie nach weitern neunzehn Jahren die zweite Aebtissin wurde) hat Maria nicht mehr erlebt. In ihrer Zuneigung zu dem Orden der heil. Clara beschränkte sie sich nicht allein auf die Stiftung deS Klosters zu Grätz, sondern auf ihren Antrieb und unter ihrem Mitwirken geschah eS, daß die Schwestern desselben zu Mailand auS einem engen Hause in ein räumliches versetzt wurden, und deßwegen an Zahl zunehmen konnten. Ebenso verschaffte sie denjenigen in Ungarn, welche der steten Kriege wegen oft von Ort zu Ort sich flüchten mußten, einen gesicherten und bleibenden Wohnsitz in PreSburg. DaS sind Bethätigungen der Gottesfurcht und der Gottesinnigkeit sowohl in der Richtung nach Oben, als in ihrer Beziehung auf Festigung der eigenen Anschauung, Ueberzeugung und Lebenswärme. Aber Kiese Bethätigungen, soll ihnen ein wahrer, ein zweifelloser Werth zugesprochen werden, müssen auch nach Außen offenbar werden, gemäß jenem AuSspruch deS ewigen Wortes der Wahrheit: „ein guter Baum bringt gute Früchte, und: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen." Deßhalb würdigen wir an denjenigen, die nicht von der Welt sich zurückgezogen'haben, nicht bloß die Stufe der Beschaulichkeit, die von ihnen erstiegen worden, sondern eben so sehr und mit gleichem Recht fragen wir nach den sichtbaren Wirkungen derselben auf dem wciten Gebiete der christlichen Liebe. Wie in solchen dießartigen Erweisen die Erzherzogin Maria nicht minder thätig sich gezeigt, nicht minder reich sich bewährt habe, als in allen Manifestationen eines tiefen Gemüthslebens, daS gedenke ich den verehrtesten VereinSgenossen zu anderer Zeit zur Kenntniß zu bringen. -'''! üi-Ätz H'?!'."? 5n>! '-ü. -! ./,^! ^ .n>NB' . k»lNÜjss§ ryAKM iü> > tg,Z»'»juü ^ .".-,>Zi«vl ,,;HzfM ^I^-jH .N750uE chjznZtnZ 7»wöH ,73 Der Dorfeaplan tn den Tyroler Mpen. (Charakterbild von B-da Weber.) s»,t»7 nno«,z.4>tü ,!j!>...ss'-'iII (Schluß:) '.'.!',' ?:M siüig .wm.?^',i!'.!>k.n,H Die Tonkunst war ihm schon in frühester Jugend lieb geworden, besonders der Gesang. Mit allen Musikltebhabern, Organisten und Sängern der Nachbarschaft stand er auf vertrautem Fuß und half ihnen treulich bei jeder Aufführung kirchlicher Musikstücke. Auch in seiner Gemeinde befiederte er das Singen lehrreicher und lustiger Lieder, vorzüglich unter den Kindern, die er in der Kirche zum Gottesdienste brauchen konnte. So kam es, daß er auch während seiner Krankheit von unaufhörlichen Musikfesten umrauscht war. „O. heute war eS so lieblich in ver Kirche," wiederholte er öfters, „die Kinder sangen ein neues schönes Lied vom Mai, wie er kommt und die Reben weinen macht und tausend Keime in'S Sonnenlicht emporweckt. Und die ganze Gemeinde stimmte ein, und eS ging ein mächtiges Klingen von einem Berg zum andern, und alU Wälder zitterten vor Lust, und «elbst auf den höchsten Alpen spürte man die Kraft der Töne, welche durch die blühenden Thäler schollen. Ich fühle mich durch dieses Lied wahrhaft erleichtert, meine Seele emporgerichtet zu Gott, von dem alle Lieder ausgehen und zu dem sie wieder jubelnd zurückkehren. Er legte sich mit verklärten Zügen zurück auf'S Kissen und ruhete lächelnd wie ein Kind im Traume. Die Lippen zuckten leise, die Stirn verlor al!e Runzeln, ein flüchtiges Roth zog wie Abendsonnenschein über sein Angesicht. Und als er wieder erwachte, schlug eS zwölf Uhr Mittags; er fühlte sich gestärkter, betete mit erhobenen Augen und lispelte: „Frieve und Freude und Segen im heil. Geist!" Alles, was auf seinen Ge/vissenSzustand Bezug hatte, nahm er mit Freuden auf, und sein- Reue wurde zur herrschenden Seelenstimmung, die sich unablässig mit JesuS, dem Quell der Versöhnung, beschäftigte. Dom Tode war keine leise Ahnung möglich bei diesew regen Gemüthsleben, kein Schmerz fühlbar, er konnte seinen glücklichen Zustand nicht genug preisen. Immer enger zogen sich die Kreise seiner Wahrnehmung, selbst die Rede, sonst so überfließend, strömte sparsamer. Nur bisweilen brach er mit ver alten Kraft vurch das lose.Gespinnst flüchtig vorüberwallender Gedanken. Wie lange der Tag und die Nacht ist fühlt ein Dorfeaplan mehr, als man im ruhelosen Wirbel der Städte glauben mag. Um sich auf angemessene Weise zu beschäftigen, besonders in den langen Winterabenden, begab er sich auf das eifrige Lesen. Die Zeitläufte und Wellbegebenheiten fanden an ihm den aufmerksamsten Beobachter, unv er bemerkte oft scherzend, daß man ein Dorfeaplan werden müsse, um die Zeitungen mit gehöriger Umschau zu lesen, da sie die Stelle der Conversation ersetzen müßten. Und was ihn darin am meisten anzog, war das Schicksal der katholischen Kirche, daS er mit emsiger Gewandheit nach allen Seiten hin verfolgte. AIS Deutscher seufzte er oft schmerzlich über den Versall deS Glaubens unv der Andacht in deutschen Landen, und schon nahe dem Grabe konnte er deßhalb eine ängstliche Sorge nicht bergen. AuS der Fieberhitze hob er gegen Abend sein Haupt und sagte treuherzig zu mir- „Also draußen geht eS herzlich schlecht! In Deutschland meine ich. Mit der Bibel springen sie um, wie mit einem alten löcherlichen Pergamente; deßwegen heißen sie auch richtig Nichtbibelchristen. Sie suchen den Meister in ihrer Mitte aus sündigem Fleisch und Blut. Und ihre unverschämten Reden in Zeitblättern! Es fehlt an der Nation, die solche Schmach duldet. Und Alles geräth so geistreich, daß man vor lauter Pfeffer Kopfweh bekömmt. So liegt daS Land wie die Wiese deS Schneiders Franz voll Maulwurfshügel statt der Blüthen. Und ihr Kleid hat so viel Löcher, daß die Katze die MauS, und die MauS die Katze nicht findet. Und darüber hesten sie einen Klaftenlangen Aufsatz mil dem Titel, die deutsche Einheit, ^soll heißen: Abneigung gegen alle Kräfte der Einigung." Eine andere Unterhaltung, die er „LuruS" zu nennen pflegte, war seine rege Wanderlust, selten in weite Fernen, sondern ringsumher in die Nachbarschaft zu t7» AmtSgenossen, Freunden und Bekannten, denen er für ihre gut« Aufnahme ein kindlich dankbares Herz im Busen trug. Auf diesen Wanderungen durch Feld und Wald, durch Berg und Thal wurde er mit den Landleuten und ihren Verhältnissen auf'» Genaueste bekannt, ging mit Liebe in ihre innersten Bedürfnisse ein, und gewann durch freundliche Herablassung ihr Herz zur aufrichtigsten Mittheilung ihrer Gedanken und Wünsche. Er war dadurch die lebendige Chronik der ganzen Umgegend und der Vertraute aller Herzen. Mit jedem Begegnenden hielt er ein Ständchen, in jedes Fenster am Wege warf er einen fröhlichen Gruß, an jedem Brunnen setzte er sich nieder zu rasten unv koSte traulich mit den Wasserjchöpsenden. Allen wußte er eine gute Lehre, einen nützlichen Rath, eine eindringliche Ermahnung zu geben. ES kam so weit, daß er auf dem Wege die wichtigsten GewissenSangelegenheiten der Bergbewohner fertig brachte. Er legte ihnen je nach dem Bedürfniß ihr regelloses Leben. ihrböseS Beispiel, ihre anstößigen Reden so nachdrücklich an'S Herz, daß sie unter häufigen Thränen seine Hand drückten und Besserung versprachen. Niemand blieb davon ver- schont. Aerzte, Doctoren der Rechte, Landgerichtsbeamten, OrtSvorstände ließen sich seine Ermahnungen zur Buße gefallen. Er suchte sie öfter auf, um ihren Fortschritt zu prüfen, ihre Schwäche zu ermuthigen und den Eifer des BefserwerdenS zu loben. So war er ein wanderndes Gewissen geworden, eine Art Beichispiegel wie durch allgemeines Einverständniß. Selten wurde ihm diese Andringlichkeit zum Guten übel genommen, und wo es der Fall war, ging er so lange, so aufmerksam und liebevoll um den Gekränkten, daß er ihn zahm schmeichelte. „Man kann sich vor diesem Dorf« caplan nicht erwehren," sagte mir einst ein OrtSvorstand; „mag ich lächeln oder grollen, durch Regen oder Sonnenschein dringt sein verständiges Gesicht so grundehrlich durch, daß man sich ergeben muß." In seinen letzten Phantasien hatte er noch viel mit solchen „Patienten" zu thun. Er zog im Geiste durch die Gegend, leise flüsternd um'S einsame Gemüth veS Sünders. „Manches Herz ist so zart," sagte er, „man darf eS bloß am Aermel der rechten Hand zupfen, da geht eS in sich. Für andere Herzen braucht man den starken Dust der Alpenkräuter, um sie Allmählich aufleben zu machen zur Gottesfurcht; selten wird ein Sack mit Steinen nothwendig. Aber da muß man vorsichtig werfen, einen nach dem andern, nie auf den Mann, sondern nur auf seinen Schatten. Und zwischen Wurf und Wurf bete ich jedesmal zwei Bater unser, daS hilft gewiß." Besonders zog eine Seele seine sterbende Vorstellungskraft an, er nannte dieses unbekannte Wesen „daS Docterle," und lisperte ihm beständig leise Worte in'S Ohr, wozu er sich etwaS emporhob, wie angeschmiegt zum vertrauten Gespräche. „LiebeS Docterle, gutes Herz! mache dein „Mäulchen" nicht weiter, als eS ist, unv die Zunge nicht spitzer, als sie Gott erschaffen hat. Einmal steht Alles still, das Rad. und die Mühle, daö Wort und die That. Da liegt der Mensch lang ausgedehnt auf Hobelspänen, da steht eS gar ernstlich aus!" DaS war seine letzte zusammenhängende Rede. Die Kraft hatte sich allmählich ganz erschöpft. Er lag die folgende Nacht still und ruhig bis 12 Uhr. Mit der Nachtwende war er etwas reger, öfters leise Seufzer zu Christus und Maria ließen sich vernehmen. Die ganze Thätigkeit hatte sich in herzinnige Andacht zusammengezogen, die nur bisweilen durch Erinnerungen aus vem vorigen Leben durchblitzt wurde. Gegen drei Uhr Morgens sagte er: »Nun wird mir leicht, ganz leicht, eS wird gesund, waS krank war an Leib und Seele." Viele Glieder seiner Kirchengemeinde knieeten weinend um sein Bett. AIS seine Schwester hereintrat, heftete er auf sie einen bedeutsamen Blick und sagte: „Gib ihnen zu trinken das Wasser, welches in daS ewige Leben springt." Hierauf that eS einen Knall, als wäre eine große Sailc gesprungen, seine Glieder dehnten sich wie auS den Fugen gelöst. „JesuS, mein Gott! meine einzige Hoffnung!" lallte er mit brechender Stimme, und nach wenigen Minuten lag er da in freundlichem Tode wie ein Kind, daS schlummernd selig ist.— So endete dieses edle Priesterherz in den tprolischen Bergen. Ich dachte wäh- r«nd jener Stunden oft an'S Wort deS deutschen Dichters: „Leben, süße freundliche Gewohnheit deS Daseyns und Wirkens, von dir soll ich scheiden?" Sie klangen so !75 wahr auS dem Munde des sinnlichen Mannes, dem sie der Dichter in den Mund legt. Beim Dorfcaplan stellte sich daS gerade Gegentheil hervor. Die Gewohnheit seines frommen Daseyns und Wirkens wurde in ihm desto lebendiger und geistig verklärter, je schwächer sein Leib wurde. Alle Gegenwärtigen fühlten eS tief, daß sie mit seinem Geiste fortlebe und der schönsten Vollendung im Himmel entgegengehe, so daß man mit Wahrheit sagen konnte, daß seine Thaten ihm nuchfolgten. Jeder begriff in diesem herrlichen TodeSbild die Wichtigkeit der Vorarbeiten und LebenSge- wohnheiten auf der Erde für die glückliche Ueberlebung in den Himmel. Zugleich war ich auf daS innigste erbaut durch dieses Mark und Korn ächter Lebensbildung in der tyrolischen Priesterschaft. In neuerer Zeit haben geistreiche Leute über diese Volkömänner im besten Sinne vielleicht mehr aus Unkenntniß, als auö bösem Willen gespottet und gewitzelt. Schein und Firniß ist bei denselben freilich wenig anzutreffen; wer sie aber kennt, muß sie achten, diese ganze volle Wahrheit eines harmonischen LebenS bis zum Tode für daS Volk. Fragt man die Buchhändler in Tyrol, wer die fleißigsten Bücherkäufer seyen, so gestehen sie unverholen: „Unsere Geistlichen!" Die Einsamkeit der Berge führt durch tägliche Nöthigung fast unwillkürlich zum Lesen und Studiren, und der Eindruck ist desto tiefer und reiner, je weniger der Drang deS äußerlichen Verkehrs störend in'S HauS fällt. Daher findet man einen kaum geahnten Fond von praktischer Lebensweisheit und Durchbildung bei diesen einsamen Priestern der Gebirge. PolyHistorie deutscher Journalisten und Doctoren muß man von ihnen nicht fordern, sie könnte in der Regel nur sehr, störend in ihr Berufsleben eingreifen. Die Perle mannhafter Gesinnung und kernhafter Frömmigkeit leistet Ersatz für tausend Papierblüthen gelehrter Hoffart. So habe ich die Erfahrung machen müssen, daß die abgelegenen Dörfer deS Gebirges weit gründlichere Priesterbildung aufzuweisen haben, als daS Flachland mit seinen berühmten Universitäten, wo der Student AlleS lern», nur daS nicht, was ihn zum wahren Priester und Manne deS Volkes macht. Die Klause bet Abbach. f Eine halbe Stunde von dem durch den Aufenthalt deS Kaisers Heinrichs deS Heiligen in der Geschichte bekannten Markte Abbach an der Donau, an dessen Ostseite sich noch die Ruinen der Heinrichsburg mit dem hochragenden runden Thurme erheben, liegt in südlicher Richtung die sogenannte Klause. Am Westende eineS WaldeS dunkler Tannen, von schlanken Birken freundlich durchwoben, deren Aeste fast über die Mauern deS Gärtchenö hereinlangen, blickt das stille Kirchlein mit der anstoßenden Einsiedlerwohnung in die mit üppigen Wiesen und Saatfeldern bekleidete Thalmulde. Ein riesiger Kastantenbaum, wie ich noch keinen gesehen, breitet den Schutz setner Aeste wie einen schirmenden Mantel über daS Kirchlein hin. Hinter dem Choraltare auf der Außenseite ist ein Gemälde angebracht: die Mutter deS Herrn mit dem Leichname auf den Armen unter dem Kreuze sitzend. AuS der Seitenwunde quillt gar finnreich ein Brünnlein frischen Quellwassers in ein kleines Becken nieder. Diese Klause ist »och jetzt von einem Einstedler bewohnt, der dieselbe von einem Privaten käuflich an sich gebracht hat. Der Anblick deS Siedlers erinnert in seiner Kleidung und seinem wallenden Barte an die ehrwürdige Gestalt des Eremiten in der „BeatuShöhle." Im anstoßenden Gärtchen zieht derselbe Kräuter für die Apotheken, und beschäftigt sich sonst mit dem Backen von Hostien, die er für mehr als vierzig Pfarreien zu besorgen hat. Zu ebener Erve hat er seine Wohnung; über eine Stiege ist ein größeres Gemach, daS ehemals, vor dem Aufheben deS EinsiedlerordenS, den Einsiedlern auS dem BiS- thume RegenSburg zur Capitelversammlung diente. Dieser Saal, wenn man ihn so heißen will, hat eine historische Bedeutung erlangt durch den Aufenthalt eineS der größten Männer der neuesten Zeit, dessen Name weit über den Sprengel der Diöcese RegenSburg hinauöreicht, deS hochseligen Bischofs Wittmann. In diese einsame Zelle hat sich der »von Gott und Menschen Geliebte" alljährlich in den September- lagen zurückgezogen in die Erercitien, um seinen großen Geist der Liebe aufS Neue zu 176 erfrischen. Mit kindlicher Verehrung zeigte unS^dcr Einstedler die einfache hölzerne Feldbettstelle, auf der Wittmann geruht, und das Tischchen, auf dem er seine Meditationen niedergeschrieben. Von frommer Erinnerung an den großen Todten durchschauert schieden wir von dem Klausner und dem einsamen, reich mit Täfelchen und lebendigen Blumen gezierten Kirchlein, in welchem an Sonn- und Festtagen die Leute auS der Nachbarschaft zum Gebete sich einzufinden pflegen. ?. Rom» Rom, 29. April. Am verflossenen Dienstag den 26. v. M. hat der hochw. Bischof von Münster die Hauptstadt der Christenheit aus 14 Tage verlassen und eine Reise nach Neapel angetreten, wo Hochderselbe gestern schon angekommen seyn wird. In den Tagen vorher unternahm^! se. ischöfl. Gnaden auch, begleitet von dem geheimen Kammerherrn Sr. Heiligkeit Fürsten Hohenlohe. einen Ausflug nach Su- biako, um diese eben so durch vie Großartigkeit der Natur als der damit verbundenen religiösen Erinnerungen und Institute merkwürdige Stätte kennen zu lernen. In einer der schauerlichen Felsgrotten dieser Gegend legte nämlich vor dreizehnhundert Jahren ein junger Mann in stiller Zurückgezogenheit den Grund zu einer Unternehmung, welche ihre friedlichen Colonien viel weiter aussandte, als vaS kriegerische Rom seine Eroberungen ausgedehnt hat: der heilige Benedict von Nursta stiftete hier den Benediktiner-Orden. Zwei Klöster zu Subiako bewahren noch das Andenken an diesen heil. Patriarchen. DaS eine, welches den Namen seiner Schwester, der heil. Scholastik«, trägt, schließt Monumente aus verschiedenen Zeitepochen in sich, eine Kirche im neuen Styl, eine Sacrisiei aus dem dreizehnten Jahrhundert und einen Kreuzgang aus dem zehnten, einen andern aus dem dreizehnten Jahrhundert; daS Kloster selbst wurde 520 vom heil. Benedict gegründet. In einiger Entfernung und höher in den Felsklüften ist ein anderes Kloster fast wie ein Vogelnest an eine Bergwand geheftet, San Be- nedetto genannt, eS schließt die Grotte, in welcher der heil. Benedict fern und unge- rannt von der Welt in den strengsten Bußübungen lebte, und^ somit die eigentliche Wiege deS Mönchsordens deö AbenvlandeS ein und zeigt überaus interessante Bauten. Von beiden Klöstern ist bekanntlich der Papst selbst immer der Abt; PiuS IX. aber sandte zu seiner Stellvertretung den durch seine unermüdlichen Bemühungen für die Herstellung der strengen Ordensdisciplin berühmten Abt Casaretti, jetzt Generalabt der casstnetischen Provinz, dorthin, und unter dessen Leitung ist die ehrwürdige Stiftung wieder eine der schönsten und hoffnungsvollsten Pflanzschulen der Kirchen geworden. Fast alle Nationen find schon in dem blühenden Hause vertreten, selbst die Schwarzen find durch drei Mohren repräsentirt; alle bereiten sich vor, um als Missionäre wilden Völkern daS Licht deS heil. Glaubens zu bringen, und der Eindruck, den diese Gesell« schaft macht, wenn man sich deS Abendö bei dem Nachtessen zum Erstenmale in ihrer Mitte befindet und den langsam-feierlichen Choral hört, in dem fie das Tischgebet fingen, wird gewiß jedem unvergeßlich seyn. Zwei Uhr in der Nacht erhoben sich Alle und sangen mit demselben heiligen Ernste daS Matutinum und die LaudeS, die um vier Uhr Morgens zu Ende waren. — Der hochw. Bischof von Münster wurde sehr ehrerbietig von den Vorstehern deS Klosters empfangen; der heil. Vater hatte ihm zur Wohnung die päpstlichen Gemächer anweisen lassen; eine große Freude war es für ihn gewiß, unter den jungen Denedictinern auch einen seiner Diöcesanangehö- rigen alö Pater LudgcruS wieder zu finden. Am andern Morgen brachten Se. bischöfl. Gnaden auf dem in der FelSgrotte deS heil. Benedict errichteten Altare das heilige Meßopfer dar und traten nach genauer Besichtigung aller Localitäten die Rückreise nach Rom über Tivoli an. (Münsterer S.-Bl.) 5mr,iim lit. .NliomN-Ä S -u n»üttj?-:^ 'l 5,6 »sdi>,»uknick, n«,«»»»'.^.» Verantwortlicher Redacteur: L, Schönchen. Verlags - Inhaber: Z. E. Krem er. Vrey-Hnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt lniMiil? ?>l>«gkil'?cs»Ui^ n'»tj7ii'1ln-1?>iZ Znu nil^nll m ixunlkl ?iin zs-ii?? - 5. Juni. H^- 1853. ^_ ^ _ Dieses «latt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonuementsprei« TV kr., wofür e« durch alle konigl. bayer. Postämter uud alle Buchhandlungen bezogen werde» kann. A g r a m. Rede des hochw. Herrn ErzbischofS Georg Haulik von Varallya bei Gelegenheit der Inthronisation. Agram, 15. Mai. Die Rede, welche Se. Excel!, der hochw. Herr Erzbischof Georg Haulik von Varallja bei der Installation am 8. d. M. gehalten, lautet nach der Uebersetzung der „Agr. Ztg." wie folgt: „Ew. Eminenz I Hochwürdigster Herr Cardinalpriester der heiligen römischen Kirche, Erzbischof und apostolischer Nuntius! Hochwürdige Brüder und vielgeliebte Söhne!" „Sowohl einzelne Menschen, wie Städte, Königreiche, Kaiserreiche, zählen im Verlaufe ihres SeynS hie und da zuweilen einige Tage, die ihnen besonders günstig find; Tage, wie sie die alten Thrazier nach dem Zeugnisse deS PliniuS durch weiße, in eine Urne gelegte Steinchen dem Gedächtnisse der Nachkommen zu empfehlen pflegten. Der Tag daher, der für unser Vaterland, die Gemeinde, die Kirche und den Klerus AgramS mit den weiszesten Steinchen bezeichnet werden muß, ist zweifelsohne der heutige Tag." „Wenn wir auf den ersten Ursprung deS Vaterlandes zurückblicken, erblicken wir eS unter eigenen Königen, berühmt zwar durch kriegerischen Ruhm, doch durch Bürger- und auswärtige Kriege derart bewegt, daß bei dem ewigen Waffengeräusche weder die Musen sich dauernde Wohnsitze schaffen, noch die Künste der Ceres erblühen, noch auch den Volkssitten jene milderen Formen verliehen werven konnten, welche auf das Schicksal des Menschengeschlechtes einen so wohlthätigen Einfluß zu üben pflegen. Mit einem Worte, wir erblicken in jener Zeit unsere Vorfahren eingehüllt in die Finsterniß deS HeidenthumS; beraubt aller, selbst nur Erleichterung deS zeitlichen LebenS und die Hoffnung auf eine künftige glückliche Ewigkeit verleihenden Mittel, die nur das wohltlMge Licht deS christlichen Glaubens den Sterblichen zu gewähren vermag. Unmittelbar darauf durch das himmlische Licht deS Evangeliums aufgerichtet und schon zu Ende deS eilften Jahrhunderts mit der Krone Ungarn vereint, erlebten sie glücklichere Zeiten, obschon sie auch späterhin noch mit harten Wechselfällen deS Schicksals und zahllosen Gefahren kämpfen mußten. Unter diesen genüge eS der ungeheueren Verwüstung zu gedenken, welche die Einfälle der Tataren in diese Länder zur Folge hatten und die so groß war, daß sie das Volk mit der äußersten Vertilgung zu bedrohen schien. UebrigenS wurde diese Art von Unglück, was insbesondere dieses unser Vaterland anbelangt, nicht wenig dadurch gemildert, daß Europa von dieser Pest gerade durch jene gänzliche Niederlage befreit wurde, welche die hel- denmüthige Tapferkeit der Kroaten jenem barbarischen Volke beibrachte. Aber auch als in dem späteren Verbände mit Ungarn unsere Vorfahren sich unter den gastlichen Fittigen deö österreichischen AareS geschaart hatten, mußten sie herben Mißfällen auö- 178 gesetzt seyn. Im Anfange schlug ihnen die anschwellende Macht des türkischen Reiches furchtbare SchmerzenSwunden und brachte unsägliches Elend. Dazu gesellten sich Bürgerkriege und blutige in Ungarn und Siebenbürgen entsprungene Aufstände, so daß das Blut der Kroaten keine andere Bestimmung zu haben schien, als für die heilige Religion, den König und das Baterland, so wie zur Abwehr jener furchtbaren Verödung von den inneren Gegenden Europas zu fließen, mit welcher die Wuth der Muhamedaner sie bedrohte. Inmitten dieser Gefahren jedoch erfreuten sich unsere Vorfahren dennoch deS Trostes, welchen daS sichere und süße Bewußtseyn erfüllter Pflicht dem Gerechten gewährt. daS Bewußtseyn der unerschütterlichen Treue für Gott und den rechtmäßig angestammten Fürsten. Und gerade diese ihre Anhänglichkeit an die Kirche, diese ihre unerschütterliche Treue, war eine der Hauptquellen ihrer Leiden, die sie im längeren Verlaufe der Zeiten und selbst bis auf die neueste Gegenwart bei der Wahrung ihrer durch die redlichsten Mittel erworbenen und beinahe durch zahllose GesetzeSsanctionirungen bestätigten Rechte erfahren mußten, wessen ich weder um den Schmerz zu erneuern, noch um irgend Jemanden einen Vorwurf zu machen, sondern gewissermaaßen durch die Nothwendigkeit angetrieben gedenke, um so mehr, da ich selbst als Diener der Lehre deö Friedens und der Liebe nichts inniger wünschen kann, als daß jegliche Erinnerung an vergangene Mißklänge zwischen zwei Völkern, die im Laufe so vieler Jahrhunderte gegenseitig eng verbunden lebten, mit einem ewigen Schleier bedeckt und gegenseitig aufrichtige Vergebung der Fehler geboten und gewährt werde." „Jener glückliche Erfolg der k. !. Waffen, durch welchen die revolutionäre Hyder, die beinahe ganz Europa verheerte und schon zu verschlingen drohte, jüngst gänzlich niedergeworfen und in ihre scheußlichen Höhlen verbannt wurde, hat auch diesen Uebeln endlich ein Ziel gesetzt." „In dieser neuesten, vor unseren eigenen Augen entstandenen Regelung der Monarchie hat unser Vaterland, wenn wir seine politischen und juridischen Beziehungen betrachten, einen ehrenvollen Bestand und jene wahre Autonomie erlangt, jene Freiheit, die einer SeitS seiner Nationalität entspricht, anderer Seits aber seine Eigenthümlichkeiten dem Princip deS hohen GesammtreicheS coordinirt. Dieser würdevolle Bestand bewirkt, daß eS einen eigenen Edelstein in der österreichischen Krone bildet; einen Edelstein, der zwar nicht durch seinen Glanz und den kunstvollen Schliff, wohl aber durch seinen inneren Werth und besonders durch die Größe der Vertheidigungsmittel, die er dem Kaiserreiche darbietet, gewiß nicht die letzte Stelle in Oesterreichs Diademe einnimmt, Kroatien wetteifert nämlich mit den anderen Provinzen, um jene Grundlagen zu consolidiren, durch welche der große Gesammtkörper der Monarchie gestützt wird, wohl wissend, daß bei einem schwachen Körper die einzelnen Theile sich keines vollkommenen HcileS erfreuen können und daß der Ruhm eines starken Körpers auch auf seine einzelnen Theile überströmt." „Eine Zierde mangelte jedoch noch unserem Vaterland zur Fülle seiner Würde: daß eS nämlich auch in kirchlicher Beziehung seine UnaHängigkeit erlange, und daher eine eigene kirchliche Provinz bilde, der Autorität des Hauptes der Kirche allein unterworfen. Dieses edle Geschenk verleiht ihm der heutige Tag. Wird sodann irgend Jemand es wagen, ihn nicht unter die glücklichsten Tage zu zählen, den die vaterländischen Annalen in ihren Listen verzeichnet haben? Glaube übrigens Niemand, daß durch diese Unabhängigkeit jene Bruderliebe, die unS an die würdigen Prälaten Ungarns bis jetzt gebunden, irgend einen Schaden erleiden werde. Gewiß liegt diese Absicht unseren Herzen weit entfernt, da wir sattsam überzeugt sind, daß wir nicht allein mit Ungarns Kirchenfürsten, mit denen wir im Laufe langer Jahrhunderte durch daS gemeinsame Band der Anhänglichkeit verbunden waren und ihnen dankbar verpflichtet sind, sondern auch mit allen übrigen der sämmtlichen Monarchie, ja der ganzen katholischen Welt durch die Bande brüderlicher Liebe, deS Zutrauens und deS aufrichtigen Wohlwollens verbunden seyn müssen, nicht minder als wir mit ihnen durch die Einheit des Glaubens verbunden find." l?g „Wenn wir nun die Blicke auf diese unsere Stadt werfen, so finden wir ihren Ursprung beinahe ungewiß. Doch steht eS unbezweifelt fest, daß der Ort, der unter dem Namen Agram am Bache Cirkveniza schon vor der Invasion der Tartaren bestand, durch diese beinahe zerstört wurde. Unbezweifelt steht eS ferner fest, daß der Berg, auf welchem heut zu Tage die obere Stadt gelegen ist, durch ein Privilegium König Bela'S deS IV. nach der Vertreibung der Tataren zu einer Festung und königl. freien Stadt erhoben worden ist und zwar kraft eines Diploms oder einer goldenen Bulle, die am 16. Nov. 1242 ausgefertigt wurde und deren sechshundertjährige Gedächtnißfeier wir jüngst gefeiert haben. Welche mannigfachen Wechselfälle im Verlaufe dieser sechs Jahrhunderte unsere Stadt erfahren habe, zu erzählen, wäre wohl zu weitläuftig und auch fremd dem Orte und Zwecke dieser Feierlichkeiten. So viel ist gewiß, daß sie im Verlaufe so langer Jahre so zu sagen mit eigenen Augen die Schaaren der mohamedanischen Heere schaute, welche das Blut der anwohnenden Völkerschaften einsogen, deren Wildheit jedoch die Tapferkeit der Kroaten, angefeuert durch die Treue und Liebe zum Kreuze mit solchem Glücke widerstand, daß dieser mächtigste Feind deö christlichen Namens in die Stadt selbst niemals einzudringen vermochte. Nachdem daS Vaterland von dem ungeheuren Joche der Türken durch beispielloses Vergießen christ. lichen BluteS befreit wurde, wuchs Agram trotz mancher herben, zeitweise auch blutigen inneren Verwirrungen und Aufstände, trotz der Feuersbrünste und mancher anderen Leiden mit den Jahren auch in der Anzahl seiner Bewohner, der Zahl und Zierlichkeit seiner Häuser, durch die Mannigfaltigkeit der schönen Künste und literarischen, so wie endlich durch Industrie, Handel und Ausbildung christlicher Sitten derart heran, daß sie in jeder Beziehung der Würde einer Metropole der Königreiche Kroatien und Slavonien würdig erachtet wurde. Sie wurde auch durch die neueste Regulirung Oesterreichs der Sitz beinahe aller Dikasterien, welche sowohl in militärischer als in politischer und juridischer Hinsicht die öffentlichen Angelegenheiten leiten und hat durch die neuerlich stattgefundene Ankunft ihres hohen Regenten, der sie gewürdigt wurde, solchen Schmuck erhalten, wie sie dessen selbst im Verlaufe langer Jahrzehnte nicht theilhaftig geworden ist." „Einen wahrhast neuen und außerordentlichen Glanz jedoch bringt ihr der heutige Tag, an dem sie auch in kirchlicher Beziehung die Metropole veS Vaterlandes wird. Diese Zierde schien ihr bisher allein zur vollkommenen Würde zu fehlen. Und in der That muß dieser Zuwachs an Auszeichnung für sie auch einen um so größeren Werth haben, alö eö Allen bekannt ist, daß eS im ganzen Umkreise deS großen österreichischen KaiserstaateS nicht mehr als zwölf und diese großentheils durch Größe und Ansehnlichkeit hervorragende Städte gibt, die der Prärogative sich rühmen können, welcher nun Agram theilhaftig wird." . „Ich komme nun zur Kirche, meiner vielgeliebten Braut, welche deS heutigen TageS Festlichkeil ganz eigentlich betrifft. ES ist unzweifelbar, daß daS BiSthum und die Kirche AgramS vom heiligen LadiSlauS, dem Könige Ungarns, gegründet wurde, wie auS den Diplomen der Nachfolgenden Könige, besonders dem im Jahre l2l7 erlassenen Decrete Andreas II hervorgeht, obwohl eS ungewiß erscheint, ob die vom heiligen LadiSlauS gestiftete Kirche auch wirklich als dieselbe angenommen werden könne, welche unS in diesem Augenblicke in ihrem heiligen Schvoße umfaßt, da die Geschichtschreiber in dieser Beziehung in verschiedenen Versionen abweichen. Dennoch ist nicht zu bezweifeln, daß auch die Agramer Kirche durch die alleS mit Feuer und Schwert vertilgenden Tataren beinahe vom Grund aus zerstört worden ist, und zwar gegen das Jahr 1240, und daß sie anfangs deS vierzehnten Jahrhunderts noch nicht wieder hergestellt war, da der selige AugustinuS, der den Bischofssitz Agram im Jahre 1306 eingenommen, die Zerstörung seiner Kathedralkirche in einer seiner Reden bitter beklagte. Kaum daß sich unsere Kirche von dieser Verheerung zumeist durch die Sorgfalt unserer Bischöfe einigermaßen erholt hatte, erlitt sie gegen daS Ende des vierzehnten und zu Anfang deS fünfzehnten Jahrhunderts neue und (nicht ohne tiefe Trauer darf man dessen gedenken) durch Bürgerkriege hervorgerufene Zerstörungen; auch blieb sie in dieser traurigen Verwüstung bis zum Jahre 1466, in welchem Oswald den bischöflichen Sitz einnahm. Dieser würdige und durch seine Tugend ausgezeichnete Kirchenfürst hat nicht nur bei seinen Lebzeiten viel zur Entfernung der Uebelstände beigetragen, welche seiner Verlobten anklebten, sondern vermachte ihr auch in seinem Testamente eine ansehnliche Geldsumme zu ihrer Wiederherstellung und Er- bauung ihrer Thürme. So wurde denn dieser edle Tempel durch den unermüdeten Eifer und die frommen Opfer der nachfolgenden Bischöfe, besonders aber des Bischofs LukaS, dann des Thomas Bakocz von Erdeud, später Erzbischof von Gran und PrimaS von Ungarn, in seinem ursprünglichen Glänze wieder hergestellt. Doch nicht allzulange dürfte er sich dieses Gedeihens erfreuen; denn bald darauf, namentlich zu Anfang deS sechzehnten Jahrhunderts, während der Zapolyischen Unruhen wurde er unter dem Bischöfe Simon von Erdeud neuerdings verwüstet. AIS nämlich durch spanische Truppen daS erzbischöfliche Schloß belagert ward, wurden auch der Kirche zahllose Wunden versetzt, so zwar, daß ihre vom Bischöfe Oswald erbauten Thürme in Trümmer zusammenstürzten. Viele Jahre nach dem Bischöfe Simon entbehrte die Basilika des Daches, und wie die Ueberlieferung verkündet hatte sie sogar durch vierzig Jahre unter einem Strohdache geseufzt." „Nachdem sie sodann durch die Vorsorge des Bischofs DraSkovic und dessen Nachfolger einigermaaßen hergestellt worden, brannte sie 1624 vom Blitze getroffen ab, bei welchem traurigen Vorfalle sie ihrer kostbarsten Geräthschaften beraubt wurde, so daß der durch jenes Gewitter entstandene Schaden auf 200,000 fl. geschätzt wurde." „Die nachfolgenden Bischöfe und unter ihnen besonders Franz ErgheliuS schonten keine Mühe, keine Arbeit, keine Kosten, daß diese ihre geliebte Braut ihrer Trauer entkleidet und würdig geschmückt werde. Und in der That gelangte unsere Kirche auch durch die Freigebigkeit und den frommen Eifer mehrerer ihrer Vorsteher und mehrerer Domherren allmälig zu diesem ihrer Würde entsprechenden Zustande, den sie heute darbietet und den nicht wenige Fremde mit lebhaften Wohlgefallen zu betrachten pflegen, und sie dürfte mit der Zeit, so Gott will, auch noch eine Ver- mehrung ihres Schmuckes erhalten." „Bei alledem erscheint mir besonders bewundernSwerth, daß dieß GotteShauS nach so vielen und mannigfachen harten Leiden und so langer Zeit, deren eS bedürfte, um diese Riesenlast aus gehauenen Steinen aufzuführen, dennoch die ursprüngliche edle Reinheit ihrer Bauart beibehalten konnte." „Aber so vielen Schmuck und Zierden auch im Verlaufe so langer Zeiten unsere Kathedrale erlangt haben mag, so sind sie doch alle zusammen nicht von so hohem Werthe, daß sie mit dem, den deS heutigen TageS Glück darbringt, verglichen werden könnten. Denn heute wird ihr der Name und die Würde einer Metropolitankirche des gesammten Vaterlandes: nämlich der Königreiche Kroatien und Slavonien, zu Theil, wodurch alle Wunden, die ihr jemals durch der Zeit der Nöthen geschlagen wurden, alö geheilt betrachtet werden müssen. Ja nickt nur sind diese Wunden geheilt, sondern neue stärkende Kraft, neue Gnade, Mer Schmuck strömt ihr zu, so zwar, daß alle bisher von ihr errungenen Ruhmespreise durch dieses Diadem deS Glanzes geheiligt erscheinen." „WaS das Episkopat, daS Capitel und den übrigen KleruS anbelangt, so finde ich nichts Besonderes zu bemerken. Denn ihr LooS, ihre Würde und all ihr Glück ist innig mit dem Schicksale der Kirche, ihrer Braut und Mutter verbunden; so zwar, daß wenn diese trauert, auch sie trauern, wenn jene von Gefahren bedroht wird, auch sie selbst durch eine beweinenSwerthe Last gedrückt werden und im Gegentheile, wenn jene getröstet und erhoben wird, auch sie sich erfreuen und frohlocken müssen." „Ich will bloß hinzufügen, daß es mich mit besonderem Wonnegefühle durchströmt, daß ich meinen ehrwürdigen Senat, der sich stets und in jeder Hinsicht mit anderen Kathedral- und Metropolitan-Capiteln messen konnte und seinem Umfange nach leicht in der Monarchie den Vorrang hat; daß ich diesen meinen Senat sogleich, der mir stets ein getreuer Beistand in Erfüllung der heiligen ReligionSzwecke war, nnd 181 der sich stets gegen mich wohlwollend, ja ehrerbietig benommen, zu der so ausgezeichneten Würde eines Metropolitan-Capitels erhoben sehe." „WaS meine schwache Person anbelangt, so ist eS Allen bekannt, daß sie an der Anregung dieser Angelegenheit keinen Antheil genommen hatte, und daher auch nicht theilhaftig seyn könne deS Ruhmes der Erhebung dieses bischöfliche» Sitzes zur Metropolitanwürde. Ich erkenne übrigens darin die göttliche Vorsehung und Güte, ja tiefgebeugt bete ich sie an, daß sie nach so vielen Unannehmlichkeiten, die ich im Verlaufe meiner fast sechzehnjährigen Verwesung deS BiöthumS zu erleiden hatte, die zumeist aus den ungünstigen Zeitverhältnissen hervorgingen und die zuweilen so herb waren, daß ich den bischöflichen Sitz nicht mit Ehren mehr behaupten zu können erachtete und bereits ernstlich mich mit dem Gedanken ihm zu entsagen beschäftigte; daß, sage ich, nach so vielen Leiden und Wechselsällen die Lösung dieser Frage, die, wie wir auS der eben kurz vorher verlesenen päpstlichen Bulle erfahren, seit dem Jahre 1227, also durch sechs Jahrhunderte und länger, verhandelt wurde, gerade in die Augenblicke meiner Amtsverwaltung fallen mußte. (Schluß folgt., ^>s> I»IIlM!zIRk MI!j Z?fM!1-'.' Il^l-Ii III IKl/l'j Ueber die Mission auf dem Tpielberg berichtet der hochw. Herr Bischof von Brünn in einem Hirtenbrief an seinen Klerus: „Der überaus günstige Erfolg, der die im August v. I. im hiesigen Provincial- Strafhause abgehaltene Mission begleitet, ist Veranlassung geworden, daß man dieselbe Wohlthat auch für die Gefangenen des Spielberges in Antrag brachte. Die ehrwürdigen Väter auS der Congregation des allerheiligsten Erlösers sollten das apostolische Werk übernehmen, und da die Kirche ob dem Spielberge gerade vor 100 Jahren ihre heilige Weihe erhalten, so sollte die vom 10. bis 17. April, also durch 8 Tage andauernde Mission zugleich die Stelle der Säcularfeier vertreten. Und fürwahr hätte eine passendere Feier nicht auSgedacht werden können. Der Herr zog in den Tagen der Misston in hundert und hundert hochbeglückte Herzen ein und machte sie zu Seinen lebendigen Tempeln, wie Er vor 100 Jahren das aus Steinen gebaute HauS zu einem Gnadenwohnsitze erkoren und in dasselbe Seinen ersten Einzug gehalten hatte. Wir werden der erbaulichen Weise nicht vergessen, in welcher am 15. April die Sträflinge slavischer Zunge und am 17. die deutschen Gefangenen die heilige Communion empfingen und der Andacht, mit welcher 110 der unfreiwilligen Bewohner des HauseS zum Empfange deS heiligen Sacramentes der Firmung vor uns erschienen." „Wohl hatte schon in den ersten Tagen die Gnade mächtig gewirkt, die Kranken selbst begehrten, den Vorträgen in der Kirche beiwohnen zu dürfen, und denen dieß von Seite des Hausarztes gestattet wurde, die ließen sich auf den Schultern ihrer Kameraden in die Versammlung tragen, die Andern harrten sehnsuchtsvoll der Rückkunft ihrer glücklicheren Genossen, um über das in der Kirche Vernommene von ihnen belehrt, dadurch getröstet und ausgerichtet zu werden. Den 15. April, den Freitag in der Missionswoche, begingen sämmtliche Gefangene als einen Fast- und Bußtag. Niemand hatte sie dazu aufgefordert; sie thaten dieß freiwillig und bestimmten, daß von dem Betrage, der so bei ihrer Verköstigung entfiel, 20 fl. C. M. dem von Seiner kaiserl. Hoheit dem durchlauchtigsten Herrn Erzherzoge Ferdinand Mar angeregten Kirchenbau und gleiche 20 fl. C. M. dem zu errichtenden Knaben-Seminarium zugeführt werden; einen Theil des Betrages aber verwendeten sie zur Bekleidung eines Waisenknaben. So ist wieder, wo die Sünde übergroß gewesen, die Gnade noch überschwenglicher geworden (Röm. V. 20), und einer der Sträflinge hat dieser Thatsache in den nachstehenden Zeilen Wort und Ausdruck geliehen, die, weil zur Dankerstattung an den Hausseelsorger gerichtet, zugleich ein Zeugniß abgeben werden, daß die Auctorität des ordentlichen Seelsorgers durch die Berufung einer Mission nicht leidet." !8» „„Ein wehmüthig freudiges Gefühl, schreibt G. K. an den Spielberger Straf- hauSseelsorger, durchbebt alle Bewohner dieses unglücklichen Hauses, in welches der allgütige Erbarmer durch die Verkünder seines heiligen Werkes den Frieden gesandt hat, den die Welt nicht geben kann. Vergebens würden alle Reichthümer der Erde aus ihn verwendet worden seyn: sie beleben nicht ein zertretenes blutendes Herz. Die Liebe allein, jene unendliche Liebe unsers göttlichen Heilandes konnte solche Wunder bewirken, ja wirklich Wunder! Die taub waren für das Wort Gottes, sie hören eS jetzt mit Freuden an! Die blind waren und nicht sahen ihre Sünden und Gebrechen, eS sind ihnen die Augen aufgegangen! Die lahm waren zu allem Guten, sie werden mit der Gnade Gottes rüstig vorwärts schreiten! Die Aussätzigen an der Seele, sie werden gereinigt durch das heilige Sacrament und Allen wird das Evangelium der Liebe und Barmherzigkeit gepredigt!"" „Und so glauben Wir denn durch diese Mittheilung über den Erfolg der Mission auf dem Spielberge auch einer Pflicht genügt zu haben, da Wir der Ueberzeugung sind, daß Unser ehrwürdiger Klerus sie benützen wird, um nicht nur die getreuen Gläubigen in ihrer Anhänglichkeit an die Kirche zu festigen, sondern auch die Zaghasten, die etwa ihrer Sünde wegen in allzugroßer Furcht und zum Mißtrauen gegen die göttliche Barmherzigkeit versucht seyn möchten, zu trösten und aufzurichten und den noch obwaltenden Vorurtheilen gegen die Missionen wirksam entgegenzutreten. Uebri- genS erkennen Wir mit Freuden die Unterstützung an, welche dem Werke der Mission durch die Vorsteher des Hauses, namentlich durch die zarte Aufmerksamkeit und das treffliche Beispiel des Herrn Obervorstehers Abrahamowicz v Adelburg zu Theil wurde, wie auch die Haltung der Wachmannschaft und ihre Betheiligung an den heiligen Uebungen und beim Empfange der heiligen Sacramente sehr lobenSwerth war." Aböle Gorbie. Wenn uns das Leben der Heiligen erbaut und zur Nachahmung ermuntert; wenn uns ihr Beispiel zur Liebe Gottes und zum Dienste Maria's aneifert und in uns Großes für Gott zu thun anregt, bleibt eS nicht minder ergreifend und oft heilsam der Seele, von dem Leben und Sterben frommer Kinder zu hören; ja, gewiß kann ein fühlendes Herz nicht ohne Rührung über die Barmherzigkeit Gottes nachdenken, die selbst in so jungen Herzen schon so Großes wirkt, und die Worte in Erfüllung gehen sieht: AuS dem Munde der Kinder will ich mir Lob bereiten. Kinderherzen sind empfänglich, die Eindrücke von außen aufzunehmen, und diese Eindrücke wirken oft für späte Zeiten gut oder schlecht, — darum hüte man sich, eines dieser Kleinen zu ärgern. AuS dem Kloster unserer lieben Frau zu den Vöglein ist eine kleine Biographie solcher durch Frömmigkeit besonders ausgezeichneter Zöglinge aufgezeichnet worden, als bleibendes Andenken und ermunterndes Beispiel für Alle, die mit und nach ihnen in diesem Hause erzogen wurden, und so haben wir denn das Leben dieser kleinen Adele Gorbie gewählt zur Erbauung für Groß und Klein. In diesem ausgezeichneten Kinde bemerkte man frühzeitig eine zarte Andacht zur heil. Jungfrau, glückliches Vorzeichen besonderer Gnaden, die Gott dann solchen Seelen mittheilt. In einem Alter von drei Jahren belebten unv verklärten sich ihre kleinen Züge förmlich, sobald man von Maria sprach, und schon damals versuchte sie es, kurze Gebetlein zu sagen, um sie kindlicher Weise zu verehren. — Als eines TageS ihre Schwestern einen Besuch bei einer bekannten Klosterfrau abstatteten, war eS ein rührender Anblick, die kleine Adele während der ganzen Dauer deS Gespräches zu Füßen einer Statue der heil. Jungfrau knieen zu sehen, die sie in dem Saale bemerkte. Mit acht Jahren in dem Kloster aufgenommen, verkündete sie glückliche Anlagen, viel Sanstmuth, frühreife Vernunft, ein von Natur zur Frömmigkeit geneigtes Herz. Ihre Andacht zur heil. Jungfrau, weit entfernt zu erkalten, vermehrte sich im Gegentheil täglich, wie man eS aus einem Schreiben sehen kann, welches sie in einem Alter von !83 neun Jahren in kindlicher Einfalt und sehr rührenden Ausdrücken an die heil. Jungfrau richtete. Während der vier Jahre, welche Adele im Kloster zubrachte, diente sie allezeit ihren Gefährtinnen als leuchtendes Beispiel. Sie sah gerade ihrer ersten heil. Communion entgegen, als ihre Mutter von einer schmerzlichen Krankheit befallen, der sie auch erlag, dem Wunsche nicht widerstehen konnte, in der Gesellschaft ihrer Tochter eine Erleichterung ihrer Schmerzen zu finden und sie zu sich berief. Daß sie gerade in diesem Augenblicke daS Kloster verlassen sollte, war Adele sehr schmerzlich, aber dennoch folgte sie dem Rufe der Pflicht, nicht achtend aus die verschiedenen Meinungen ihrer Verwandten. „Meine Mutter verlassen, sagte sie, „und das gerade in einem Augenblicke, wo sie meiner Tröstungen am meisten bedarf! nein, ich würde es mir mein ganzes Leben vorwerfen" Ihre kindliche Liebe erhielt auch den süßesten Lohn, die heiß erflehte Gewährung ihres Gebetes, ihre Mutter sich Gott mehr nähern und dahin scheiden zu sehen mit den erbaulichsten Gefühlen christlicher Frömmigkeit, gestärkt durch die Tröstungen unserer heiligen Religion. War nun darin auch einiger Trost, so fühlte das arme Kind nicht minder schmerzlich den unersetzlichen Verlust. Aber ihr Glaube hatte sich befestiget während dieser PrüsungSzeit; der tägliche Anblick ihrer leidenden Mutter sie in steter Ergebung in den Willen Gottes erhalten. Zwei Monate nach dem Tode ihrer Mutter kehrte Adele in daS Kloster zurück. Das Leben außerhalb desselben hatte ihr nichts von ihrer Andacht und ihrem pünct- lichen Gehorsam geraubt. Um auf dem Wege der Erkenntniß Gottes und ihres eigenen HerzenS immer weiter fort zu schreiten, hatte sie die sromme Gewohnheit genommen, einen Tag in jedem Monate der besondern Zurückgezogeuhcit und dem Gebete zu weihen, von welcher Uebung sie selbst während der Ferien nicht abließ. Ihre aufrichtige und handelnde Frömmigkeit war zugleich innig und zart; ihre vorzügliche Liebe und Verehrung zur heil. Jungfrau, der sie wirklich so recht als gehorsame Tochter diente, machte sie bald werth, in den Verein der sogenannten Marienkinder (eokmts äe Mrie) aufgenommen zu werden, was schon lange ihr sehnlichster Wunsch war. Bald nachher wurde sie krank, konnte sich aber nicht entschließen, nach dem Krankenzimmer zu gehen, weil, wie sie sagte, sie dasselbe nicht mehr verlassen würde. MS man sie aber endlich doch dazu beredet hatte, fügte sie sich darein, indem sie wie gewöhnlich mit den Worten sich tröstete: „Gott will eS also." — Als man sie übrigens beruhigen wollte über den Gedanken an ihren Tod, meinte sie: „O nein, nein, glaubt doch nicht, daß der Tod für mich etwas Trauriges habe; wenn etwas mich könnte genesen lassen, so wäre eS der Gedanke daran. Wie könnte eS mich betrüben, zu Gott zurückzukehren, der mein bester Vater ist und nur mein Wohl will!" Da ihr Uebel immer zunahm, hatte man sie auf'S Land gebracht, die gehoffte Besserung erfolgte aber nicht. Fortwährendes Erbrechen, begleitet von einem auszehrenden Fieber, brachten sie bald an den Rand des Grabes. Als man ihr solches entdeckte, schien sie doch etwas betroffen; der Herr wollte in seiner Weisheit ein vollkommenes Opfer ihres Lebens, denn er ließ es zu, daß die natürliche Anhänglichkeit an das Leben in ihr erwachte, und sie, die mit solcher Freude dem Tode entgegen gesehen, ihn jetzt fürchtete. Mehrere Tage dauerte der Kampf, bis sie endlich einen vollkommenen und glorreichen Sieg erlangte, und der Herr, mit dem Opfer zufrieden, ihr ihre erste Sehnsucht wieder zurückgab. Ihr einziges Stärkungsmittel war, öfter in der Woche das heil. Sacrament zu empfangen, und an den Tagen, wo ihr solches nicht vergönnt war, sich wenigstens geistlicher Weise recht innig dem Herrn zu vereinen. Den Tag, an dem sie die letzte heil. Oelung empfing, wurde ihr lebendiger Glaube noch erhöht; sie fühlte sich wohler darauf, wie dieß oft der Fall ist. „Ach l" seufzte sie — „ich leide nicht mehr; welches Unglück, wenn ich genesen sollte!" Von diesem Augenblicke an verschwand das Irdische mehr und mehr aus ihrer Erinnerung, sie sah nur mehr den Himmel und seine Schönheit und den Herrn, der ihr die Arme liebreich entgegenhielt. An einem der letzten Tage ihres Lebens, da sie sich allein glaubte, hörte man sie plötzlich stärker als gewöhnlich ausrufen: „Wie viele Menschen, die Dich, o Gott, nicht kennen! die Dich lästern, statt Dich zu lieben, wie es Deine Güte gegen Alle doch so sehr verdient. Arme 184 Menschen, wie seyd ihr unglücklich in eurer Blindheit! Habe Erbarmen mit ihnen, o Herr I" — Ihre Schwäche nahm jedoch immer zu, nur ängstliche Convulsionen gaben noch Zeugniß von ihrem Leben, bis endlich in der Nacht vom 6. zum 7. Juni der liebe Gott die ersehnte Himmelsthüre ihr öffnete — und sie mit dem lieblichen Lächeln, welches ihr im Leben eigen war, von der Welt Abschied nahm. Alles war Ruhe, heiterer, ewiger Friede um diese kindlich jungfräuliche Leiche, die trauernd umgeben von ihrer Familie in Begleitung aller Bewohner des OrteS zur letzten Ruhe getragen wurde. Betrauert von Allen im Kloster, zumal aber von den Marienkindern, denen sie mit so gutem Beispiel vorangegangen war, wetteiferten diese, ihr den letzten Liebesdienst in Opfern und Gebeten darzubringen. Also endete das Leben dieses Mädchens, um aber fort zu leben in der Erinnerung Aller, die sie kannten, oder die an ihrem kindlich frommen Leben Gefallen finden werden. MW ll -N>,lM'- B ?)M ,tsi 5ii^iiKk .kl 01 l/N d'l!?N!'ki?'i, tt?^t>ill7'mi^'s n-ktt'llii üb'm <7mN -rinn so? ^li'tt »I China» Der „Standard" vom 38. April enthält über den Aufstand in China folgenden merkwürdigen Brief des hochw. I. I. Robert aus Nord - Carolina (Vereinigte Staaten), der einige Jahre als Missionär in China lebte: „Ich höre", schreibt er an einen Freund, „daß das eigentliche Haupt der Rebellion sich auf Hongkong befindet, und Hungnama Saw Tschuen heißt. Vor fünf oder sechs Jahren kam er nach Canton, wo er mehrere Monate lang die christliche Religion studirte. Seine Erhebung scheint nicht sowohl den Sturz der Regierung in Peking zu bezwecken, als vielmehr ein Kampf für die Religionsfreiheit und auf den Sturz des Götzendienstes gerichtet zu seyn. Sein AeußereS hat nichts besonderes. Er ist 5 Fuß 4 bis 5 Zoll groß, wohlgebaut, hat regelmäßige Gesichtözüge und ausgezeichnete Manieren. Er steht im mittleren Lebensalter. Während seines hiesigen Aufenthaltes (in Canton?) gab er sich dem Studium der heiligen Schrift hin, aus welcher er täglich Stücke auswendig lernte. Seine Aufführung war tadellos. Er wünschte die Taufe, reiste aber nach Kwang-si ab, eh' er sich überzeugt hielt, zu ihrem Empfang vollkommen vorbereitet zu seyn. Bei dem ersten Besuch, den er uns abstattete, brachte er einige Verse und andere von ihm verfaßte schriftliche Versuche über das Christenthum mit; die erste Kenntniß der christlichen Religion, erzählte er, habe er auS einer Abhandlung geschöpft, die er in Canton erhalten, und dann aus einer Vision, die er während einer Krankheit gehabt, und die ihm die in der Schrift vernommenen Lehren bestärkt habe. Deßhalb glaubte er an den wahren Gott, und war eigens nach Canton gekommen, um den Willen des Herrn in seinem geoffenbarten Wort besser kennen zu lernen. Wie ich höre, haben ungefähr 100,000 Menschen sich diesem Führer zugesellt, er ist bei dem Volke, das er mit Achtung und Wohlwollen behandelt, sehr beliebt." Der „Standard" begleitet diesen Brief mit folgenden Betrachtungen: „Wenn die Angaben dieses Schreibens richtig sind, und wir haben keinen Grund daran zu zweifeln, so ist das eins von den beachtenswerthen Zeichen unserer Zeit. Man sagt: die Kaiserin von China sey eine Christin, die Tochter eines Christen, und der Kaiser selbst mehr alö zur Hälfte bekehrt. Ohne die Fehler (ei-imes sagt das englische Hochkirchen- blatt) der papistischen Misstonäre. wäre China wahrscheinlich schon seit hundert Jahren dem Christenthum gewonnen. Was auch das unmittelbare Ergebniß deS jetzigen Kampfs in China seyn mag, so viel ist klar, daß das fanatische AuSschließungösystem dieser Nation einen Stoß erlitten hat, von welchem eS sich schwerlich erholen wird." 7y?M '-7? I5k>, > , M >»U'iMH!lK lllisili ilKiL .Zillos lIZsSMH lM)(tl tntzMKS --Ni,, -.. , / ? ^IN 7 IIII «I/, ,l.nin5,m'l,V Slw ?(l5M «kllU - « M'lM'1 s> m 'iw>.! , i!-^ ZlSl(jl ,IN7?l->. 1I', bst lil ,hn'i -—. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags - Inhaber: F. C. Kremer. Vr-yehnter Lahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PaAMung. »5-l?7llo»^nttnSau«z^ vstl'T ZÄioi7H^ll«chitlü<»N) Nlü «,^it'i'i!i<, mm ,-tj»A »j« 12. Juni. 1853. Diese» Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Al>ouuement«prei« 4V kr., wofür e» durch alle komgl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogru werde« kaun. A g r a m. Rede des hochw. Herrn ErzbischofS Georg Haulik von Varallva bei Gelegenheit der Inthronisation. (Schluß.) Wahrlich, kein anderer Gedanke beschäftigt in diesem Augenblicke meine Seele, kein anderer Wunsch entflammt mein Herz, als daß die Würde deS von mir eingenommenen Sitzes nicht durch meine Unwürdigkeil, die Wichtigkeit deS mir obliegenden Amtes nicht durch die Geringfügigkeit meiner Person irgend einen Schaden erleive. Ich bitte Euch daher, verehrte Brüder, Euch, würdigste Bischöfe der Kirche Kroatiens und Slavoniens, mit welchen bisher daS Bündniß aufrichtiger Bruderliebe mich verband und denen ich künftig durch deS Amtes Pflichten noch enger verbunden seyn werde, mit aufgehobenen Händen, Euch aber, vielgeliebte Söhne, die Ihr auch in Zukunft mich als Euren Vorgesetzten ertragen müßt, ersuche ich vertrauensvoll, baß Ihr meine Schwäche geduldig tragen und ihr in Eurer großen Liebe beispringen möget. Dieser Eurer Nachsicht glaube ich um so mehr zu bedürfen, als ich voraussehe, daß bei meinem vorgerückten Alter auch meine Fehler und Gebrechlichkeiten, wie es die Natur deS Alters bedingt, sich immer mehren werden." Aus diesem Allem, was ich zwar hinsichtlich der Wichtigkeit der Sache sehr unvollständig, hinsichtlich der Kürze der Zeit aber vielleicht auch etwas allzu ausführlich angeführt habe, erkennt Ihr, verehrungswürdigste Brüder und vielgeliebte Söhne, welch reicher Stoff der gerechtesten Freude unS Allen aus des heuligen Tages Festlichkeit erquelle; leicht aber könnet ihr auch begreifen, daß die Pflichten nicht gering sind, die aus Veranlassung dieses glücklichen TageS unS entspringen." „Denn schon jene Charakterfestigkeit, welche unsere LanvSleute während deS langjährigen Kampfes für diese Sache, so wie die Liebe, die sie für diese ihre ausgezeichnete Kirche an den Tag legten, muß uns zu neuer Vaterlandsliebe anstacheln und in uns jenes Gefühl gegenseitigen aufrichtigen Wohlwollens gegen unsere Mitbürger und der Dankbarkeit besonders gegen Jene erwecken, welche vor Anderen ihre löbliche» Bestre, bungen dieser Sache zuwendeten." „Unter diesen leuchtet gleich einem glänzenden Gestirne unser BanuS hervor, jener Mann, wie einen gleichen nicht jedes Zeitalter schafft, nicht jedes Land gebiert. Jener Mann, der einer von den Wenigen ist, denen es vergönnt war, in diesen convulsi- vischen Zeiten durch heldenmüthige Tugenden, durch unerschütterliche Treue und edle Aufopferung seiner selbst die wankenden Grundfesten der Monarchie zu befestigen, den Thron zu stützen und die hohe regierende Dynastie von der drohenden Gefahr zu retten, jene Dynastie, die nächst Gott der Quell all unseres Wohlergehens ist. Es genügte diesem Manne nicht, unserem Vaterlande eine würdevolle Stellung zu verschaffen, er glaubte auch durch die unermüdete Unterstützung des Gesuches um die Erhebung deS .VN»iMls,A8SU/l(t,(i,M Agramer BiSthumS zur Metropole einen neuen und zwar sehr ausgezeichneten Beweis seiner lieben und frommen Sorgfalt für die Kirche des Vaterlandes zu geben, wofür ihm in der That unser innigster Dank, unsere aufrichiigste Anhänglichkeit und unbegrenzte Verehrung gebührt." „Dieses glückliche Ereigniß kann serner nicht anders als unsere Brust mit unauslöschlichem Dankgcfühl gegen unseren erhabenen Kaiser und König Franz Joseph I. erfüllen, der die uralten in dieser Beziehung geäußerten Wünsche der Kroaten und Slavonier gnädig entgegennehmend und mit seiner mächtigen Beredsamkeit unterstützend, die Sache zum günstigen und erwünschten Erfolge reifte. Dieser bewunderungswürdige Fürst, den Jeder, der ihn sehen oder kennen lernen konnte, eben so hoch verehrt als liebt und alö eine ausgezeichnete Zierde so vieler Ahnen, denen er entsprossen, beurtheilt, der die Jugend durch gereifte Urtheilskraft und der Zeiten Mißgeschick durch deS Glückes Gunst besiegt, dem keine Sache so schwierig ist, daß er sie nicht mit weisem Rathschlusse zu leiten, mit Rechtschaffenheit zu beschützen und mit Edelmuth zu vollbringen vermöchte; dieser von Gott mit so vielen Gaben geschmückte Fürst, sage ich, hat schon bis jetzt seinem unermeßlichen Reiche, ja der Menschheit mehr Wohlthaten erwiesen, als viele Andere im Verlause von Lustren, selbst von Jahrhunderten zu erweisen vermochten." „Er hat seine Liebe für die Religion und ihre Bewahrerin, die heilige Kirche, schon im Beginne seiner Regierung durch so ausgezeichnete Beweise dargelegt, daß es nicht verwundern darf, ihn sichtbarlich vom Schilde der göttlichen Vorsehung beschützt und selbst jüngst fast aus eine wahrhaft wunderbare Weise aus der Gesahr errettet zu sehen, womit das fluchwürdige Verbrechen eines Meuchelmörders sein kostbares Leben bedrohte. Diese seine Gnade gegen das Vaterland und unsere Kirche muß fürwahr jene Treue, die unsere Vorsahren gleich einem äußerst kostbaren Schatze gemeinsam bewachten, in unseren Herzen und zwar derart befestigen, daß wir weder in Thaten, noch in Worten jemals etwas begehen, das seinem Ruhme oder Wohle schädlich seyn könnte, sondern daß wir vielmehr durch allgemeine Kraftanstrengung seine Absichten und Bestrebungen, die ohnehin nichts anderes als daS Wohl der seinem Scepter unterworfenen Völker bezwecken, unterstützen, daß durch hinreichendes ausrichtiges Zusammenwirken von unserer Seite jegliches Mißtrauen gegen seine Regierung aus den Gemüthern der Menschen verbannt und auf diese Art alle Pfeile schlechter Menschen abgewandt und die öffentliche Ruhe und das Glück von jener pestartigen Fäulniß der Leidenschaften, welche annoch zuweilen die Hölle auszuspeien pflegt, bewahrt und sichergestellt werden. Des heutigen Tages Glück muß jedoch auch, und zwar im höchsten Grade, die innigsten Gefühle der Dankbarkeit und unverbrüchlichen Treue gegen das fichtbare Oberhaupt der Kirche, unseren heiligsten Vater Papst Pius IX., uns einpflanzen, durch dessen apostolische Autorität allein die neue Constituirung dieser Kirchenprovinz gesetzlich erfolgen konnte und durch dessen väterliche Gnade sie auch in der That erfolgt ist. In der Kirche GotteS nämlich muß jegliche hierarchische Ordnung von jener Macht entspringen, der die Fülle des Apostolates innewohnt. Denn waS, wie ein Kirchenvater sich sehr schön ausdrückt, dem Baume die Zweige, dem Haupte die Glieder, der Sonne die Strahlen, der Quelle die Bächlein, das sind und schulden diesem ausgezeichneten apostolischen Sitze alle Kirchen, welche der christliche Glaube irgendwo auf dieser Erde gegründet hat." „Mit welcher zarten Sorgfalt ferner der heilige Vater diese hohe Macht zu unserem Gedeihen angewendet hat, beweisen hinlänglich die unserer Nation ertheilten Lobsprüche, wie sie die kurz vorher verlesene Bulle enthält, so zwar, daß er sich schon hiedurch unsere Herzen zur innigsten Dankbarkeit für ewige Zeiten verpflichtet hat. Denn wenn es ehrenvoll ist, von einem gepriesenen Manne gelobt zu werden, um wie viel ehrenvoller ist es, durch das Orakel der apostolischen Stimme mit Lobsprüchen überhäuft zu werden? UebrigenS ist es nicht unsere Absicht, die hohen von einer ganzen Welt bewunderten Geistes- und Herzensgaben unseres höchsten Kirchenfürsten aufzuzählen und seine unsterblichen Verdienste für die Kirche Gottes und die Menschheit 187 anzuführen. Eines bloß, was meine Seele oft bewegt, glaubte ich bemerken zu müssen: daß selbst jene Leiden und Gefahren, welche von der Gottlosigkeit verworfener Menschen ihm zugefügt und bereitet wurden, so wenig seinem unvergänglichen Ruhme Eintrag zu thun vermögen, daß sie ihm vielmehr noch einen größeren Glanz verleihen. Denn er erlitt diese Unwürdigkeiten wegen seiner unerschöpflichen Herzensgüte, wegen der ausgezeichneten Aufrichtigkeit seines Gemüthes, wegen des zarten Gefühles der Humanität, das ihm angeboren ist, und endlich darum, weil ein Herz von solchem Edel« muth gern auch andere sich gleichgeschafsen wähnt und sich nicht leicht zu überreden vermag, daß eS einen solchen Grad von Verworfenheit unter den Menschen geben kann, daß sie sich nicht scheuen, selbst die freiwilligen Gnadengeschenke edler Menschen zum Verderben ihrer Wohlthäter zu mißbrauchen." „ES gibt noch einen Namen, der bei dieses heutigen TageS Wichtigkeit unsere höchste Beachtung, unsere tiefste Verebrung, unsere innigste Liebe erheischt. Dieser Name, eö ist Dein ausgezeichneter Name, der Name Deiner Eminenz, hochwürdigster Cardinalpriester der heiligen römischen Kirche, Erzbischof und apostolischer Nuntius! Du hast nämlich den Antrag der Erhebung zur Metropole dieser Kirche gleich in ihrem Beginne gütig aufgenommen, thätig gefördert, mit Deiner mächtigen Stimme unterstützt und mit allen Hülfsmitteln versehen, welche nur irgendwie zu einem glücklichen Ausgange zu führen vermochten. Dieser Deiner ausgezeichneten Anstrengung hast Du überdieß noch dadurch den höchsten Gipfelpunkt verliehen, daß Du nicht bloß mit bereitwilligem Herzen diesen zum Vollzüge vom heiligen Vater Dir übertragenen Austrag übernahmst, sondern auch, obschon Du die Befugniß hattest, zu diesem Behufe einen Anderen zu beauftragen, obschon Du ferner durch das mit dem österreichischen Hofe abzuschließende Concordat überaus in Anspruch genommen warst. doch weder durch die Beschränktheit Deiner Muße, noch durch die Beschwerden der weiten Reise, noch auch durch Deine neue CardinalSwürde, über der eS nach dem höchsten Pontificat in der Kirche keine höhere gibt, Dich von der Hieherkunft abHallen ließest. Durch diese Thaten haft Du in den Herzen des kroatischen und slavonischen Volkes Dir ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Rom mag Deine Treue, Frömmigkeit und die unerschütterliche Seelenstärke bewundern; Deutschland, in dessen Umfange Du in so vielen Sendungen mit Auszeichnung gewirkt hast, möge Deine Geistesschärfe, Deine ausgezeichneten Kenntnisse preisen, Oesterreichs Hauptstadt möge Deine Großmuth, Aufrichtigkeit, Sanftmuth und übrigen Tugenden mit gerechtem Lobe seiern: unS genügt, was ich eben angedeutet, Dein- Menschenfreundlichkeit gegen uns und Dein gnädiges Wohlwollen, um Dein Gedächtniß mit unvertilgbaren Zeichen in unsere Herzen zu graben; zumal wir in unsern Annalen keine Spur finden, daß ein apostolischer Nuntius diese Länder mit seiner Gegenwart erfreut hätte. Nicht mein glühendster Wunsch allein, sondern (vertrauend spreche ich eS aus) der Wunsch des gesammten österreichischen KleruS ist es, daß wir niemals, so lange uns und Dir der Genuß dieses Lichtes übrig bleibt, Deines Anblicks, Deines Schutzes beraubt werden; waS wir indeß kaum zu hoffen wagen dürfen, schon aus dem Grunde, weil auch andere, aus dem allgemeinen Jnteresse der Kirche entspringende Ursachen, früher oder später Deine Anwesenheit in der Metropole der Christenheit erfordern werden; der Trost bleibt uns jedoch bei Deinem Scheiden, daß Dein theures Andenken so sehr unseren Herzen eingeprägt ist, daß kein Tag es mehr zu verwischen und kein Wechsel glücklicher oder unglücklicher Ereignisse eS jemals zu verdunkeln vermag. Doch wahrlich eS ist Zeit, meiner Rede Einhalt zu thun." „Dir, himmlischer Vater, Gott des Erbarmens, Quell aller Gnade und alles Trostes sey der Schluß meiner Rede gewidmet! Von Dir gelangt alles das Gute, dessen wir uns erfreuen, von Dir, der wie Du oft deine Getreuen mit Deiner väterlichen Strafe heimsuchst, so auch wieder bei günstiger Gelegenheit sie mit Freude aufrichtest unv sie mit den Wohlthaten Deiner Segnungen überfluthest. Lob, Ruhm und Jubel Dir für so große Wohlthaten und ewige Dankbarkeit. Es ist wahrhast würdig und gerecht, wenn wir an diesem so vorzugsweise festlichen Tage Dir ein heiliges 188 Dankopfer darbringen und mit reinem HerzenStriebe jenes unbefleckte Sühnopfer darreichen, welches seinen unvergleichlichen Duft nie vor Dir verliert O gewähre, allgütigster Vater, daß diese neue Würdigung Deiner Gnade in unS, den Dienern Deiner Altäre, den Geist Deines SohneS wiever belebe, unsere Herzen entflamme zur Ausbreitung der Grenzen Deines Reiches, unsere Seele zu allen Kämpfen gegen die Mächte der Finsterniß stärke, den Durst nach der Mehrung Deines Ruhmes und des SeelenheileS schärfe und unS selbst immer mehr und mehr der Gnade und Heiligkeit überliefere." „Gewähre den Obrigkeiten, gewähre Allen, welche der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten deS Vaterlandes vorstehen, daß sie durch Religion, Frömmigkeit und Tadellosigkeit deS Lebens Anderen zum heilsamen Beispiele bleuen, gib Deinen treuen Völkern KroaiienS und Slavoniens, daß sie wie ihre Vorfahren in allen schweren Zeitverhältnissen ihren Glauben unbefleckt bewahren und so für ewige Zeiten und mit ganzem Herzen der katholischen Wahrheit anhängen, ja selbe in ihrer Gesinnung, in ihren Handlungen und in ihrer ganzen Lebensweise ausdrücken; fest überzeugt, daß sie auf dem wogenden Meere der menschlichen Meinungen der einzige und sichere Anker der Wahrheit, das einzige Rettungsboot im Schiffbruche sey, ohne welches der Schiffbrüchige untersinkt und das denjenigen, der es umklammert, und sey er von der heftigst?» Sturmfluth umwogt, in den Hafen des Heiles führt. Segne, o Herr, Dein Erbe, welches Du durch daS kostbare Blut Deines Sohnes wieder errungen und das Du vom Anfange her besessen hast. Erhalte in dieser, durch daS neue Geschenk Deiner Gnade gestärkten Familie Deines Stammes den Geist der KindeSannahme, daß sie an Geist und Körper neu belebt Dir in alle Ewigkeit treu diene. Du aber, heiligste Jungfrau Maria, Mutter der göttlichen Gnade, deren mächtigsten Schutzes sich im Lause so vieler Jahrhunderte diese Länder, diese Dköcese, diese Kirche zu erfreuen hatten, ihr heiligen Könige Stephan und LadiSlauS, die ihr unS stets mit Eurer wirksamen Fürbitte unterstützt habt, vermehrt, wir flehen Euch an, i» dieser Erhöhung deS Eurem Schutze anvertrauten HeiligthumS Eure Vermittelungen." Die Religion muß der industriellen Thätigkeit die rechte Richtung und Weihe geben, Hirtenbrief deS Cardinal-ErzbischofS von Lyon zur Fastenzeit 1853. Wenn was immer für ein Ereigniß, eine Thatsache, welcher Natur sie auch seyn möge, durch die entferntesten Folgen zn dem Triumphe des Glaubens beizutragen, oder dessen Fortschritte zu hemmen vermag, so kann, geliebteste Brüder, die Religion keine stille Beobachterin von dem bleiben, was um sie her vorgeht; ihre Stimme muß warnen und rathen, um der zu befürchtenden Gefahr vorzukommen, oder um die Entwicklung deS Guten, welches sie hofft, zu beschleunigen. Wollte sie sich begnügen, den Strom menschlicher Dinge zu ihren Füßen vorübergleiten zu sehen, ohne sich zu kümmern, ob jener Fruchtbarkeit oder Verderben mit sich bringe, so würde sie ihre Sendung auf Erde mißkennm, sie wäre nur die ungetreue Bötin deS Himmels und würde zu gleicher Zeit gegen göttliches und menschliches Interesse handeln. Zum Heile der Seelen in diese Welt gekommen, darf sie für nichts gleichgültig bleiben, waS dieses erhöhen oder vermindern kann. Als Diener dieser Religion haben Wir daher nicht die Beschuldigung zu befürchten, UnS der Würde eines Hirten zu berauben und das Heiligthum zn verlassen, wenn Wir in Mitte der industriellen Bewegung, welche unS mit sich fortreißt und welche unsere Zeit charakterisirt, die daran theilnchmendcn Christen ermähnen, nicht etwa dieser Thätigkeit ihre Mitwirkung zu verweigern, sondern sich nicht davon beherrschen zu lassen; nicht diesen rühmlichen GeisteSflug zurückzuhalten, sondern ihm die rechte Richtung zu geben; nicht diese Flamme des Genies, welche mit jedem Tage 180 und besonders in dieser berühmten Stadt in immer lebhafterem Glänze erscheint, zu löschen, sondern sie gegen den Urheber jeder vollkommenen Gabe*) aufsteigen zu lassen. Und wer könnte eS Euerm Bischöfe, der in Mitte der Wunderwerke Eurer stets weiter- schreitcnden Industrie lebt, verargen, wenn er Euch die Gefahren bezeichnet, welche der Religion begegnen könnten bei dieser allgemeinen Hingebung aller Eurer Fähigkeiten an neue Erfindungen, bei diesem heißen Kampfe aller arbeitenden Geisteskräfte, welche dem Geheimnisse, in kürzester Zeit und mit wenigen Händen recht viel Wohlstand zu schaffen und so das allgemeine Beste wie daS deS Einzelnen recht schnell zu fördern, immer mehr auf den Grund ju kommen streben. Vergesset, geliebteste Brüder, den Titel „Kinder GotteS" nicht, den Ihr bei der heiligen Taufe erhieltet und vergesset die Versprechungen nicht, welche man damals für Euch machte und die Ihr bestätigt habt. Zu Christen müssen Wir in christlicher Sprache reden! Durch die um Euch her wogende Fluth von Aufklärung verblendet, könnten Eure Augen vielleicht die Klippen n>cht gewahren, deren die Laufbahn der Industrie in Fülle zählet; Wir wollen Euch selbe zeigen. Euer Geist, bezaubert von den Reizen der an Wunder gränzenden Schöpfungen menschlicher Macht, könnte sich wohl leicht gefährlichen Täuschungen hingeben und vor solcher Bethörung wollen Wir Euch wahren. Für eine unsterbliche Seele beschränkt sich nicht Alles auf die Erde, und daS Ziel ihres StrebenS sey nicht allein daS Gluck eines TageS. Sie ist für höhere Bestimmungen berufen, und AlleS, waS sie veranlassen könnte, ein irdisches Gut mit der ganzen Kraft ihres ScynS zu verfolgen, prüfe sie mißtrauisch und vorsichtig. Glaubet nicht, gcliebteste Brüder, daß Wir im Namen der Religion Hieher kamen, die Industrie ^u bekämpfen und sie Euch etwa als Freundin Eurer Seelen, Verderberin Eurer Sitten und als Herd aller Leidenschaften darzustellen. Eine derartige Geringschätzung wäre zu ungerecht, um von Lippen zu kommen, welche die Wahrheit sowohl als die Wissenschaft zu hüten berufen sind. Nein, wir verkennen nicht daS Vermögen deS Menschen, täglich neue Mittel zu ersinnen, um Rohstoffe zu seinem Gebrauche zu bearbeiten, die Elemente zu seinem Vortheile und Gefallen zu bezähmen, sich immer mehr und mehr zu erheben, um einzudringen in die Plane der Vorsehung bei Bildung und Erhaltung der Geschöpfe, um einigermaßen die leisesten Geheimnisse der Natur zu entschleiern und so nach und nach die ihm von Gott über alle Schöpfungöwerke gegebene Herrschast auszudehnen und sich zuzusichern. Wir wissen, daß Gott seinem Ebenbilde einen LebenSgeist eingehaucht habe, und daß jedes vernunftbegabte Geschöpf auf seiner Stirne das Siegel göttlichen Ursprungs trage. Die Religion, geliebteste Brüder, theilt all Eure bewundernde Liebe zur Industrie, sie freut sich über deren glückliche Erfolge und muntert zu neuen Anstrengungen auf. Zeichnete nicht schon die heilige Schrift in ihren geweihten Blättern den Namen desjenigen auf, der zuerst versuchte, auf dem Ambos Eisen und Erz zu schmieden**)? Ueberhäufte sie nicht mir Lob den Sohn U'i's, der von GotteS Geist mit Weisheit und Kenntniß begabt, Werke in Gold, Silber und Erz" und Steine und Metalle schnitt***)? Feierte sie nicht den Ruhm Coliad's, dem keiner gleich kam in der Kunst Stoffe zu särden und ihr prächtiges Gewebe durch reiche Stickereien hervorzuheben? Wollre sie nicht bis auf die letzten Generalionen den Namen desjenigen verpflanzen, der so unvergleichliches Holzwerk zimmerte: ^i-titex liZnorum egre-Aius f)? Und liefert uns heutzutage der Kuustfleiß nicht sein wie Seide geiponneneö Gold, um unsere Altäre mit den kostbarsten Werken seiner Hände zu bedecken. Für die Industrie gibt eS kein unbezwinglicheS Element m.hr. Will sie Einen von einer Hemisphäre in die anvere versetzen, so gehorchen Winde und Wellen ihrer Stimme, und daS wildaufbrausende Meer vermag nicht, ihren flüchtigen Lauf zu sperren. Sie scherzt mit den Stürmen wie der Wallfisch in den Tiefen des Oceans. ") Jac. 1. t? ") Genes. IV. 22. '") Lxod. XXXV. 3V. 5) Ibicj. XXXVIII. 23. 190 Will sie neue Verbindungen mit den verschiedenen Gegenden unserer Erdkugel eröffnen, so berührt sie die Erde mit ihrer Zauberruthe, und alsogleich schmelzen hundertjährige Berge und Felsen wie Wachs, um den reichsten Naturerzeugnissen freien Durchzug zu gewähren. Und um ihre mit den bewunderungswürdigsten Produkten beladenen Wagen auf Schienen dahinfliegen zu lassen, wechselt die >Jndustrie nach Willkür die bewegende Kraft. Heute entlehnt sie dieselbe von zusammengepreßtem Dampfe und morgen verwirft sie diese mächtige Gewalt, um von der atmosphärischen Luft noch Größeres zu fordern. Bald jedoch dieses furchtbaren Hülfswerkzeugs überdrüssig, entwendet sie der Natur eines der verborgensten Geheimnisse, ohne daß jedoch dieser Wechsel der bewegenden Kräfte ein Zeichen der Unbeständigkeit oder Unsicherheit wäre, eS ist nur ein neuer Funke des Genies, welcher ihrer thätigen Einsicht entquillt. Für sie gibt es keine Thäler, keine Berge, keine Entfernungen. In kurzer Zeit wird sie unsern Planeten in allen Richtungen durchwühlt haben, sie wird seine Höhen ausgekundschaftet, seine Abgründe durchsucht, sie wird ihn so zu sagen umgewendet haben, wie der Landmann die Erde mit seinem Pfluge umkehrt. Wer weiß, ob sie sich nicht bald in den Lüften eine Triumphstraße bahnen und so die durch sechstausend Jahre von allen Geschlechtsfolgen betretenen irdischen Wege verschmähen werde. Man könnte endlich sagen, daß sie den in den Gräbern liegenden Gebeinen das Leben wieder gibt. Entzündet sie nicht auS verwesten Stoffen dieses lebhafte Licht, welches auf unsern Plätzen und Stnißen gleich der Tageshelle leuchtet? Augenscheinliches Bild der einstigen Auferstehung, wenn bei des Engels Rufe verklärte und von Jugend und Schönheit glänzende Körper aus den Gräbern hervorgehen werden, in denen ehedem Würmer und Fäulniß waren. Und wenn es der Erfindungsgabe beliebt, so schafft die Industrie aus einer Zusammenstellung ungleichartiger Metolle ein Licht, das jedes nächtliche Dunkel aus unsern darüber erstaunten Städten verbannt, ein Licht mit einem Glänze, der eS mit dem Gestirne des Tages aufnimmt. Wenn daher in Mitte dieses eifrigen, beharrlichen Treibens die ewige Weisheit zu unsern Ohren nicht die Worte erschallen ließe: Alles ist Eitelkeit^, so wären wir versucht, die göttliche Macht mit der des Menschen, und die Arbeit des Geschöpfes mit dem Werke des Schöpfers zu verwechseln. Aber dieser göttliche AuSspruch stellt die Ordnung wieder her und weist jedem Dinge den gehörigen Platz an, und indem er uns unsere Schwäche enthüllt, führt er uns zu demjenigen zurück, der allein die Quelle alles Lichtes und einzig der Ursprung unseres Lebens ist. Erstaunet nicht, geliebteste Brüder, daß Wir Uns über die bewunderungswürdigen und nützlichen Erfindungen der Industrie wohlgefällig aussprechen. Die Aufzählung ihrer Wunder ist eine Lobpreisung Gottes, der so gerne dem Menschen etwas von seiner Allmacht mittheilt. Indem Wir aber nun vor Euch, geiiebteste Brüder, die Industrie loben und ihren außerordentlichen Verdiensten um Vermehrung des Natioualreichthums, um Herstellung eines allgemeinen, manchen Classen bisher unbekannt gebliebenen Wohlstandes, alle Anerkennung zollen, werden Wir wohl so weit gehen, um zu sagen, daß diese ganze c'mmercielle Bewegung der wahre Fortschritt und eine merkliche Annäherung zu seiner Vollkommenheit sey, nach welcher, wie man sagt, die menschliche Gesellschaft unaufhörlich strebt? Ohne Zweifel würden Wir es öffentlich aussprechen, wenn der Ueberfluß an Producten, die Geschwindigkeit der Ausfuhr und die Gewalt der Maschinen eine wahre Besserung der Völker im Gefolge haben könnte. Ohne Zweifel würden Wir eS zuerst bekennen, wenn seit der Zeit, seit welcher uns das erfindungsreiche Genie des Menschen durch seine Entdeckungen in Erstaunen setzt und seitdem die Hand des Menschen sich die schrecklichsten Elemente geschmeidig und dienstbar zu machen wußte: auch die Familien christlicher, die Kinder gelehriger und die Eltern wachsamer geworden wären; wenn, seitdem man weniger srcventliche Angriffe gegen die giue Sitte, Eigenthum und Menschenleben verübt, die öffentlichen Aemter mit mehr Fleiß - -) Lcclesisst. I. 1. 191 und Redlichkeit verwaltet würden; wenn eS, seitdem die menschliche Gerechtigkeit ihr Schwert in die Scheide gesteckt hat, am Fuße der Altäre mehr reuige Sünder gäbe, als Verbrecher vor Gericht. Hat aber die Anwendung des Dampf« s und GascS, der gegenseitige rasche Austausch der gegenseitigen Reichthümer der Naionen, haben die gewagten Handelsspeculationen, hat all diese bewunderte invustrielle Thätigkeit die Grundfesten der Autorität neu bestärkt? Hat sie die Heiligkeit der Che mit mehr Ehrfurcht umgeben? Hat sie zwischen der kindlichen Unschuld und der Verderbtheit ein unüberschreitbareS Hindtrniß gelegt? Hat sie die geschworene Treue unverletzbarer gemacht? Wer würde wagen, eS zu bejahen im Angesichte der durch die Behörden jährlich veröffentlichten Berichte, welche mit furchibarcr Stimme gegen den Verfall der öffentlichen Moralität Zeugniß ablegen? Lasset Euch hierin nicht täuschen, geliebteste Brüder, es gibt einen des Menschen würdigern Fortschritt, als den in Benutzung von Stoffen, und das ist der Fortschritt in der Gerechtigkeit, Religion und Tugend. Sah man denn nicht, wie der Lurus die mächtigsten Völker entkräftete und sie der Größe verlustig machte, zu der sie sich durch strenge Tugendübnng emporgeschwungen hatten! Hier liegt eine lange, schon von der ewigen Weisheit ausgesprochene Wahrheit: ^usti- tis elevsnt ßentem.^) Als der heilige PanluS die ersten Christen unterrichtete, sagte er da wohl: „Werdet gesckickler im Färben der Seide, im Glätten der Stoffe, in Leitung eines Schiffes, in Aufführung von Gebäuden; Euer Aufwand in Kleidern und in Euerm Hause habe keine Gränzen?" Nein, er wußte zu gut, daß Gold und Silber nicht den Ruhm und das Glück der Gesellschaft ausmache. Der große Apostel begnügte sich zu sagen: Schreitet weiter in der Tugend und in der Erkenntniß desjenigen Gottes, der den Keim wahrhafter Civilisation auf die Erde brachte, indem er das Feuer der Barmherzigkeit allenthalben verbreitete: Lrvseitö verö in KrstiZ, et in cogrutiollö vomim nostri ^esu Lliristi.**) (Fortsetzung folgt.) Rom. - Rom, 4. Mai. Ueber die Feier der Seligsprechung des Stifters des Passionisten- OrdenS wird von hier dem Münst, SonntagSblatt berichtet: „Seit Ostern ward an dem Schmucke der Peterskirche zu dieser Feier unausgesetzt von zahlreichen Künstlern und deren GeHülsen gearbeitet, das Bild des Seligen, ihn in der Glorie und auffahrend zum Himmel darstellend, erhob sich in der Chornische deS Hauptschiffes über dem Orte, wo der Stuhl deS heil. PetruS steht, und ein ungeheurer Kranz von Strahlen ergoß sich von ihm aus nach allen Seiten, während mehr denn anderthalb tausend Wachslichter in der Ungebung glänzten und mit ihrem Scheine die herrlichen Draperien und die dunklen Räume der Basilika erleuchteten. Gegen 10 Uhr erschienen die Mitglieder der heil. Congregation der RituS, die den BeatificationSproceß führte: voran der greise Cardinal Lambruschim, gestützt und fast getragen von den ihn begleitenden Priestern; für ihn war das Fest das schönste seines Lebensabends, denn eS brachte ihm daS Ziel seiner vieljährigen Bemühungen sür den Orden und seinen verklärten Stifter, Ihm folgten die übrigen der Congregation angehörenden Cardinäle, und dann die lange Reihe der Consultoren derselben, die alle auf der Evangelienseite deS Altars Platz nahmen, während die Bänke gegenüber von dem ArchipreSbyter der Peterökirche, Cardinal Mattei, den Kanonikern, Beneficiaten und Klerikern, welche das Capitel von St. Peter constituiren, eingenommen wurde. Der General der Passionisten trat nun aus seiner in mehreren Hundert Mitgliedern gegenwärtigen OrdenS- familie hervor, überreichte dem Präfecten der heil. Congregation der Ritus das vom heil. Vater erlassene Decret der Seligsprechung, und bat in einer lateinischen Anrede ") ?rov. XIV, 34. «) ?etr. lll. IS. 192 um dessen Publication. Der Cardinal-Präfect beauftragte hiermit das Capitel von Lt. Peter, und dessen ArchipreSbyter ließ deßhalb die Verlesung von einer Kanzel vornehmen. Unmittelbar nach derselben fiel der Vorhang, welcher bisher das Bild deö Seligen verdeckt hatte, und in demselben Momente wurde das Te Deum angestimmt und von zwei Chören feierlichst abgesungen. Dasselbe schloß mit der vom heil. Vater approbirten Oration zum Seliggesprochenen, und hierauf wurde die Messe zu Ehren des seligen Paulus vom Kreuze zum erstenmale von einem der in St. Peter angestellten Bischöse pontificirt. Ungeheuer war der Zudrang der Menschen zu dieser Feier; während sonst bei den großanigstcn Functioncn die Fremden die Mehrzahl bilden, war dieseSmal die ganze Einwohnerschaft von Rom und allen umliegenden Orten zusammengeströmt, um den vor einem Jahrhunderte noch als Lebenden ihr angehörenden Seligen zum erstenmale mit der Kirche zu verehren und um seinen Schutz und seine Fürsprache öffentlich anzuflehen. Den höchsten Grad aber erreichte der Zudrang von Menschen, als gegen 5 Uhr Abends der heil. Vater mit allen Cardinälen, — voran wieder Lambruschini, geführt vom Cardinalvisar, erschien, um dem Seligen seine Verehrung zu beweisen und vor seinem Bilde zu beten. Nie haben wir die Räume der riesigen PeterSkirche so angefüllt gesehen. Se. Heiligkeit verweilte eine Zeitlang knieend vor dem Bilde im Gebete und zog sich dann wieder zu Fuß in den Vatikan zurück." Rom, 2. Mai. Auö dem Orient gelangen seit längerer Zeit immer betrü- bendere Nachrichten Hieher. Es ist Ihnen bekannt, daß in Ostindien seit dem Ende deS vorigen Jahrhunderts ein durch das Benehmen der portugiesischen Regierung veranlaßtes Schisma besteht. Vergebens hat der heilige Stuhl sich in all dieser Zeit b-müht, jene Regierung zu veranlassen, von ihrer Anmaßung, die Bischöfe Indiens zu ernennen, abzustehen, eine Anmaßung, die um so widersinniger ist, als Portugal nicht einmal das zeitliche Regiment in Ostindien hat behaupten können. Nachdem es dieses an die Engländer hat abtreten müssen, will eS fortfahren, an dem kirchlichen Theil zu haben, und das auf eine Weise, die auch bei andern Verhältnissen nicht geduldet werden könnte. Das Schisma war weit ausgedehnt; jedoch hatten die Missionäre, zum Theil Welipriester, zum Theil Jesuiten, viele hunderttausend Indianer nach und nach wieder der katholischen Kirche gewonnen. Aber die Schismatiker haben seit einiger Zeit neue Anstrengungen und nicht ohne Erfolg gemacht. Die Engländer, welche den Portugiesen das wellliche Regiment genommen haben, unterstützen sehr thälig die Bemühungen derselben, in daS geistliche Unordnung zu bringen. Viele Kirchen sind den katholischen Missionären genommen, und durch List und Gewalt ganze Völkerschaften verführt, zu den Schismatikern überzugehen. Jetzt erhält man hier die Nachricht, daß der Bischof von Bombay eingekerkert, Kirchen mit Gewalt genommen und auf gräuliche Weise entheiliget sind. Der Geist der Scctirerei ist überall und allezeit derselbe: aus ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. — Sollte eS dem heil. Vater nicht gelingen, in Einverständniß mit dem portugiesischen Hose die schiSmatischcn Bischöfe und Priester selbst zu entfernen, so ist für jene Mission viel zu befürchten. (Münsterer S.-Bl.) Paris. Am 14. April fand in der Kirche von St. Sulpice die Taufe eines Kindes statt, welches auS dem Königreiche Siam gebürtig, und durch die Mittel des Vereines der hell, Kindheit gekaust war. Alle Schulkinder auS den umliegenden Stadttheilen unter Führung ihrer Lehrer und Lehrerinnen auö den Orden der Schulschwestern und Schulbrüder, und eine dicht gedrängte Menge von Gläubigen nahmen an der Feier Theil. Der apostolische Nuntius, Msgr. Gaiibaldi, Erzbischof von Nicäa i, p , verrichtete die heil. Handlung, und der Cardinal-Erzbischof von TourS hatte die Palhen- stelle übernommen. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlag«-Inhaber: F. E. Krcmer. Dr-y-hntet Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augslmrger PostMung. 19. Juni. SS. 1853. Diese« Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abouuement«pret« 40 kr., wofür e« durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werde» kauu Die Religion muß der indnstriellen Thätigkeit die rechte Richtung uud Weihe geve». Hirtenbrief deS Cardinal-ErzbischofS^ von Lyon zur Fastenzeit 1353. (Fortsetzung.) Vermehret, gelMeste Brüder, so viel Ihr wollt die sinnreichsten Maschinen, Ihr werdet dadurch das Glück nicht vermehren: Verbannet von der Erde die Armuth und Dürftigkeit, wenn' Ihr eS' könnet, Ihr werdet damit den Kummer nicht verbannen. Ueberyäufet die Familien mit allen möglichen Gütern, Ihr werdet so die Einigkeit der Herzen und ein regelmäßiges Leben noch nicht einfuhren. Eröffnet dem Volke alle Vergnügungsplätze, bahnet ihm den Zutritt zum Wohlstand und LuruS, und Ihr werdet dadurch die Quelle der geheimen Thränen nicht erschöpfen. Die wohlklingendsten Concerte werden nicht einen Seufzer zum Schweigen bringen. Zur Bewirtung einer solchen Umwandlung in den socialen Verhältnissen gehört mehr als Materielles. Wie großmüthig und wohlthätig die Industrie auch seyn mag, sie hat nicht für sich allein die Macht, in die Seelen einzudringen und derei? Wunden zu heilen, sie ist unvermögend, dem Herzen die ihm nöthige Linderung zu geben. Man sage daher nicht, daß die von der Religion getrennte industrielle Thätigkeit ein moralischer Fortschritt sür die Gesellschaft sey. Die Erfahrung würde diese Aussage Lügen strafen, denn eS scheint, daß in dem Maaße, in welchem uns diese Wunderwerke von allen Seiten umgeben, die Gesellschaft immer tiefer in der Vergessenheit jener guten Grundsätze sinkt, welche allein ihr das Leben geben. Aber, geliebteste Brüder, die durch das Bündniß mit der Religion veredelte und geheiligte Industrie kann einen schönern Ruhm beanspruchen, als den, den Wohlstand der Menschheit vergrößert und die irdischen Genüsse vermehrt zu haben. Wenn sie so stolz darauf ist, auf ihrer Stirne das Ehrendiadem zu tragen, womit der Erfindungsgeist sie krönte, so muß sie noch mehr wünschen, sich mit einer strahlenderen und weniger vergänglichen Krone zu bekränzen, mit der'Krone deS Eifers, unter die entferntesten Nationen das Licht deS Evangeliums zu verbreiten. DaS römische Volk suchte in den Siegen seiner Legionen nur seinem Ehrgeize zu genügen und Ruhm bei den Menschen zu erwerben, währenddem die göttliche Vorsehung die Erfüllung von Absichten vorhatte, die ihrer würdiger waren; und indem Gott zuließ, daß die Nationen der Erde ein und derselben Macht unterworfen waren, bereitete er sie darauf vor, ihr Haupt unter das süße Joch'ein'unv desselben Glaubens zu beugeir und die väterliche Obergewalt ein und derselben geistigen Regierung anzuerkennen. Könnte nicht, ohne ihr Wissen, die Industrie eine ähnliche Sendung vom Himmel erhalten haben? Nachdem die Vorsehung ihr die commerciellen Verbindungen mit den verschiedenen Weltgegenden erleichtert, wollte sie damit nicht den Verkündigern des katholischer,- Glaubens neue 594 Wege eröffnen, um den Namen Jesu Christi in die entferntesten Himmelsstriche zu tragen? Sollte ihr nicht die Macht gegeben seyn, das Reich des Erlösers über jenen ganzen Raum auszudehnen, welcher unter ihrer eigenen Botmäßigkeit steht, und aus den ihrem Handel und ihren Erfindungen Hörigen die Zahl der Kinder GotteS zu vergrößern? Wir glauben, hier einen Gedanken göttlicher Barmherzigkeit glänzen zu sehen, den wir im tiefen Dankgefühl verehren. Wie oft hat nicht schon das Segel, welches den noch in der Kindheit der Kunst stehenden Ungläubigen die verschiedensten Producte unserer Werkstätten zuführte, jenes heilige Feuer geschirmt, daS JesuS Christus in die Welt brachte, und welches seine Diener in Gegenden verbreiteten, die von eisigen TodeSschatten bedeckt waren? Und wie oftmals hat die Industrie, bei ihren weiten Ausflügen, anstatt der Reichthümer, die sie dem durchsuchten Lande entführte, einen weit kostbarern Schatz dort niedergelegt, nämlich: den bekehrenden Priester, den Glauben, das Fundament der Seligkeit, die heiligende Gnade. Ja die Fortpflanzung des Evangeliums ist die Ursache und der Ruhm der friedlichen Eroberungen, welche die Industrie mit jedem Tage in der Welt macht. Sie kann in den allmächtigen Händen des Urhebers und Vollenders unseres Glaubens*) ein Werkzeug zur Heiligung der Seelen, ein Hilfsmittel des apostolischen Amtes und eine Führerin des LichteS werden, welches vom Himmel kam, um jeden Menschen, der in diese Welt kommt, zu erleuchten.**) Bei solch christlicher Anschauung erblicken Wir mit Freude einen wahren Fortschritt, aber nur wenn man die Sache so ansteht. So verbreiteten die Schiffe Sa- lomonö, die nach TharfiS um Gold und Silber fuhren, an den Ufern des Orients die Kunde von den Wundern der Regierung dieses großen Königs, so daß die von diesen Erzählungen entzückten Völker sehnlichst wünschten, denjenigen mit Augen zu sehen, der durch seine Weisheit alle Monarchen der Welt übertraf, und die AuSsprüche zu hören, welche aus seinem Gott begeisterten Munde kamen. Salomon war das Vorbild der ungeschaffenen Weisheit, welche mit der Zeit Fleisch werden sollte, um den Menschen Worte des Lebens zu verkünden. Ihr sehet somit, geliebteste Brüder, daß Wir nicht willens sind, die Industrie zu verkleinern, die ja täglich neue Strahlen von unsterblichem Ruhme auf unser Vaterland wirft. Doch Wir sagen Euch mit dem heiligen Paulus: Habet Acht, vielgeliebte Brüder, schreitet mit einer ganz christlichen Klugheit auf dieser Bahn und überlasset euch nicht unvernünftigen Begierden und übermäßiger Gewinnsucht, welche unter Euern Füßen einen Abgrund öffnen würden, der all Euer Glück, Eure Ehre und Euern Glauben in sich verschlänge: Viäetv, lrstres, quomoäo csute smbu!eti8, von qu»8i msipiontvs.***) Suchet durch Weisheit von Euern Unternehmungen und durch Bedachtsamkeit von Euren Schritten die Aufwallungen einer Habsucht ferne zu halten, die niemals sagt: Es ist genug. Wohl ist eS Euch erlaubt, daS Erbtheil Eurer Väter durch Arbeitsamkeit zu vermehren, um Euern Kindern eine ehrenvolle Versorgung zu verschaffen und ihnen ein anständiges Auskommen zu hinterlassen, aber Ihr sollet nicht in Mitte Eurer mühevollen Arbeiten des Zieles vergessen, das Gott sich vorsteckte, indem er Euch aus die Erde sandte. Ihr sollet bedenken, daß, wenn auch Euer Name in den Reihen der berühmtesten kaufmännischen Größen aufgezeichnet ist, und wenn Ihr alle Schätze der Welt zusammengehäuft habet, doch all Eure Plagen unnütz sind, sobald Ihr dabei Eure Seelen zu Grunde richtet, die für ein erhabeneres und seligeres Ziel geschaffen sind. Geliebteste Brüder! Euer Glaube läßt UnS hoffen, daß Ihr Eure Ohren einer Sprache nicht verschließet, die der Abdruck von Gefühlen ist, welche daS Evangelium seinen Jüngern einflößen soll. Wir müssen gestehen, geliebteste Brüder! (und hierin liegen die Gefahren, welche Wir Euch bezeichnen müssen) daß die Industrie, welche mit vollen Händen ihre Wohl- ') Hebr. Xll, ». »1 Joh. I. 9. —) «pH. V. 15. 19S thaten über die Völker ausschüttet, oft in den Herzen einen verzehrenden Durst nach Gewinn ansacht und die Geistesthätigkeit der Menschen so lebhast beschäftigt, daß wichtige Gedanken keinen Platz mehr finden, und daß die Stimme der Religion und des Gewissens kraftlos ist, sich Gehör zu verschaffen. Diese Unbekümmertheit für das Höchste des Menschen, welche zu der Zeit des Propheten JeremiaS*) die Erde in Trostlosigkeit versetzte, macht in unserm Jahrhunderte des Geldes und des Wuchers Seelen, welche von Natur aus zu erhabnern Gefühlen geneigt waren, welk und unfruchtbar. In Mitte des Wirbels ihrer einträglichen Geschäfte ist all ihr Denken nur Denken auf einen Tag, all ihr Trachten nur Trachten aus einige Jahre: nichts für die Ewigkeit, nichts für das Himmelreich: Gedanken, Plane, Arbeiten, Alles ist in den engen Kreis der Gegenwart eingeschlossen. Umsonst wiederholt uns JesuS Christus, daß es nichts nützt, die ganze Welt zu gewinnen, an seiner Seele aber Schaden zu leiden**), der Industrielle, durch irdische Thätigkeit gefesselt, verkehrt oft die Worte dieses AuSspruchS und endigt damit, sich zu überreden, eS sey unnütz für das Heil seiner Seele zu arbeiten, wenn man seine Kapitalien nicht vortheilhast anwendet, nicht neue Straßen dem Verkehre eröffnet, neue Kanäle gräbt und neue Erzeugnisse schafft. Man könnte sagen, er habe das Geheimniß aufgefunden, die Zeit in Ketten zu legen und sich das Leben maaßlos zu verlängern. Und doch hat sich in der Natur des Menschen nichts verändert! In diesem Jahrhunderte wie in den spätesten sind seine Tage kurz und selten glückbringend: Dies psuoi et msli***); und nach Verlauf einer kurzen Dauer auf dieser Erde kommen Schmerz und TodeSkampf. f) Der SpeculationSgeist, die Geschicklichkeit der Geschäfts- führung, der gute Erfolg großer Unternehmungen mildern keineswegs das über unsern Stammvater und seine Nachkommen verhängte Urtheil. Zeigt dem Speculanten nicht alles ihn Umgebende an, daß seine Existenz mit der Flüchtigkeit des Dampfes verfliegt, und daß der Schatten nicht eiliger entschwindet als sein Erdenleben? Ein Seufzer, der Ton einer Glocke, einige Thränen, ein Wechsel in der Farbe der Kleidung sagen ihm zu jeder Minute, wie viel Wichtigkeit man den Glücksplänen, Handelsoperationen und weiten Reisen beilegen solle. Aber so groß ist der Taumel der Habgier, daß der Mensch, der in einem ganz irdischen Kreis lebt und nur die materielle Sprache versteht, bei der Jagd auf sein vermeintliches Glück gleichsam aus sich selbst heraustritt und, ohne eS zu bemerken, sich gewissermaßen in jenen Stoff umwandelt, mit dem er zu schaffen hat; und die Gedanken, die Gefühle, das Herz, der Verstand scheinen ihre geistige Natur zu vertauschen mit der Schwere, der Unempfindlichkeit und Vergänglichkeit des Goldes, mit dem man umgeht, des EisenS, das man wägt, und der Steine, die man aushäust. Versuchet den Geschäftsmann einen Augenblick im Laufe seines Wirkens aufzuhalten: saget ihm, er möge über das Ende nachdenken, zu dem der Mensch geschaffen ist, und über die Zukunft, welche näher rückt. Ermahnet ihn, sich selbst zu betrachten und in die Tiefen seines Gewissens einzugehen, um dessen Zustand zu erkennen. Dringet in ihn, wenigstens einen flüchtigen Blick gegen den Himmel zu werfen, um die Huldigung des Gebetes und der Dankbarkeit seinem Schöpfer und Vater darzubringen. Ueber diese, ihm nicht mehr verständliche Sprache erstaunt, wird er Euch antworten, daß eine Unterbrechung im Gange seiner Wagen oder Schiffe unmöglich sey, und daß man das Feuer des Schmelzofens nicht ausgehen lassen und die Schläge des Hammers nicht vermindern könne. Werdet Ihr ihm von jenem Tage sprechen, den der Herr sich vorbehalten, um von jedem vernünftigen Geschöpfe die schuldige Anbetung zu empfangen und den er auch dem Menschen vorbehielt, aus daß dieser sich mit ernsten Gedanken und dem wahren Vaterlande beschäftige? Der Speculant wird Euch die ") Jer. XII. lt. -) Matth. XVI, 26. ») keii. XXVII. 9. f) Pf. I.XXXIX, ty. 19« Summe vorzählen, die ihm durch einen der Arbeit geraubten Tag ^ntkämej er wird Mich die Metallmass« berechnen, welche wenigstens in seine WerHütten geströmt wäre, die Anzahl von Stoffen, die man wenigstens in seine Magazine gebracht hätte, er wird auch die Quantität des Wassers nicht außer Ansatz lassen, welches unnütz unter t»en Maschine« flösse, ohne den künstlichen Mechanismus in Bewegung zu setzen. Rufet seinem Gedächtnisse einige GlanbenSgeheimnisse zurück, die das Glück seiner Jugend ausmachten,- jenen Tag eiuer ersteu Communion, die auf seine Seele einen so wonnereichen Eindruck hervorbrachte, jene GewissenSzartheit, die selbst bei dem Schatten eines Fehlers erschrack: er hat nur Ziffern in seinem Gedächtnisse behalten und kennt keine andern Genüsse als das Steigen der Renten, vortheithaften Absatz und billige Ankäufe. Saget ihm endlich, daß die Industrie nicht den Menschen ausmache und daß man daran denken müsse, sich über dem Grabe eine dauernde Versorgung, bleibendere Güter und ein haltbareres Glück zu begründen, so wird er lächeln ob Euern Warnungen, die ihm nur Mitleid für Euch einflößen. Vielleicht schenkt er ihnen so viel Aufmerksamkeit, um Euch zu fragen wie Pilatus den Herrn: Waö ist die Wahrheit? (Zuict est v«rits8»). Und ohne die Antwort abzuwarten, vertieft er sich von neuem in sein kaufmännisches Sinnen, über welches hinaus er nichts als Trug, Nutzlosigkeit und Zeitverlust sieht. Wäre der Gnade nicht Alles möglich, so müßte man das Leben dieser Seelen ohne Wiederkehr für erloschen glauben. Das Materielle hat den Zutritt zum Verstand und zum Herzen gesperrt: eS gibt Gedanken, Gefühle, Betrachlungen, die nicht mehr hineinbringen können. Ihr suchet einen Funken von Glaube und findet nur kalte Asche. Dann erst fühlet Ihr sein Herz wieder schlagen, wenn Ihr von Gewinn, Börsenspiel, Entdeckungen sprechet. Lasset Ihr die Sprache der Religion, des Heiles hören, so antwortet kein Laut Eurer Stimme; es herrscht TodeS- stille; ihr sprechet zu einem Leichname. Da haben wir eine der Gefahren der Industrie vor uns, geliebteste Brüder, vor welcher der Christ auf der Hut seyn soll: die völlige Hingebung an die Geschäfte, welche die Aufmerksamkeit der Art beansprucht und sie von der einzigen und allein nothwendigen Sorge ablenkt. Aber dieser Abgrund ruft einen andern Abgrund; lasset ihn Euch zeigen, geliebteste Brüder! Gleich wie das Himmlische seine Macht über die Seelen verlieret, in eben dem Verhältnisse verstärkt die schwer zu befriedigende, sinnliche Natur ihre grausame Herrschaft, unv zwar auf Kosten der Glaubenslehren, nach welchen sich ehemals die Lebensweise richtete und die den heftigen Leidenschaften zu gebieten wußte. Nachdem der Glaube nicht mehr diese Gewalt über das Herz hat, um dessen Bewegungen zu ordnen, schließt man sich allmälig dem Irdischen an, um ein Glück zu suchen, und strebt nicht mehr darnach, eS jenseits zu finden. Das Gesetz in den Gliedern, wovon der heilige Paulus spricht**), endigt mit Unterjochung des Gesetzes des Geistes, und das Verlangen nach dem Besitze der Maierie wird der einzige Beweggrund aller Handlungen, aller Gedanken, aller Neigungen. Wie könnte eS auch anders seyn, da Gott in unser innerstes Seyn einen unauslöschlichen Durst nach Seligkeit gelegt hat? Sobald der Mensch, himmlischer Triebe beraubt, nicht mehr an der lebendigen und wahren Quelle die Freuden schöpfen mag, die allein des Ebenbildes der Gottheit würdig sind, so muß er sie von den Geschöpfen fordern und dann daraus seinen Endzweck, seinen Himmel, seinen Gott, sein Alles machen. Aber dieses unheilige Feuer, welches der göttliche Hauch nicht angefacht hat, wird sich seinen Eingeweiden anhängen, um sie zu verzehren. Das nennt der große Apostel die Begier- lichkeit, diese Leidenschaft für irdisches Gut, welche die Wurzel alles Uebels ist***). ES bedürfte aller Schrecken der Gerichte GotleS, um diese Feuersbrunst zu löschen, alles Glaubens an die Qualen und Vergeltungen im andern Leben, um sie zu ersticken. Wenn jedoch in der Seele weder übernatürliche Furcht noch Hoffnung vorhanden ist, ') Joh. XVIII. 33. ") Rom. VII, 23. ") 1. Tim. VI, 10. 197 wie sind dann diese rasch um sich greifenden Flammen aufzuhalten? Ja, diese Begier- lichkeit wird sodann die Mselige Wurzel aller Arten von Uebel: ksxlix omnium ms- loi-um eupiäitss. Diejenigen, welche davon besessen sind, schreibt der heilige Paulus, sind in nein Glauben irre gegangen und haben sich in eine Unzahl von Trübseligkeiten und Elend geworfen S). Findet sich diese Gefahr bei der Ausübung industrieller Thätigkeit, so wiederholen Wir Euch nochmal mit dem Völkerapostel - Habet Acht, auf dieser Bahn mit Klugheit zu schreiten und nicht wie Unvernünftige**). (Fortsetzung folgt.) Das Collegium der Lazaristenväter und die Klöster derSalestaue- rinne« «ud Bafiliauerinneu zu Antura auf dem Libanou. »,',,»,»,',>> > ...... ^. ., '-^.^-iZill ^'i'! '''Z?.'ttk^k»''1<^RV (Ä«S dem „Eremiten von Savina,") Nach zwei Stunden der drückendsten Hitze kämm wir zu einem Flusse, der in früheren Zeiten LykuS, d. i. Wolf, hieß, jetzt heißt er Nahar-el-Kelb, waS so viel heißt als HundSfluß. Jenseits dieses Flusses, über den zwei Brücken führen, rasteten wir bei einer Wassermühle — eine Seltenheit im Orient — einige Augenblicke auS, und erquickten uns mit einigen Gläsern Limonade. Dann begannen wir den Berg zu besteigen, was an die zwei Stunden dauerte. Es war als schlösse eine neue Welt sich uns auf. Links und rechts aus fast allen Anhöhen des Gebirges niedliche Kirchen und Klöster mitten zwischen grünenden Feldern und Gärten. Und die Leute, die unS begegneten, wie waren sie so artig und freundlich! Wir glaubten uns mitten ins Herz von Tyrol versetzt, etwa ins Gebirge um Botzen herum. „Ach, was die Religion doch vermag", sagten wir öfters zu einander. „Würden diese Leute wohl so freundlich unv artig seyn, wenn die Religion Jesu sie nicht beseelte?" Und uns selbst, wie wohl und heimlich war eS uns hier doch zu Muthe! Bisher fast immer türkische Moscheen mit ihren Minarets und Halbmonden, jetzt nach allen Seilen hin katholische Kirchen und Klöster mit Glocken und Kreuzen. So oft wir Glockentöne hörten, waren Mir wie bezaubert ob der vaterländischen heimatlichen Klänge. Hinabgestiegen in ein Bergthal sahen wir rechtshin auf einer kleinen Anhöhe ein seiner Bauart nach mehr einem europäischen als orientalischen Hause ähnliches Gebäude. Eö war das Kollegium der Lazaristenväter zu Antura. Ohne uns zu kennen, ohne nach unsern Papieren zu fragen, hieß uns der die Stelle des abwesenden SuperiorS vertretende Paler herzlich willkommen, uns andeutend, sein Haus wie das unsrige ansehen zu wollen. Sofort wurde ein Glas Limonade zur Erquickung und danach eine Tasse Caffe zur Stärkung gebracht. Dann führte der freundliche Pater unS herum, zuerst in die Kirche, dann in die Schullocale, worin circa fünfzig maronitische Knaben aus dem Bürgerstande europäische Bildung und christliche Erziehung erhalten, dann durch'S ganze Kloster. Ueberall mußten wir staunen ob der Reinlichkeit und Eractität, die sich bis ins Kleinste erstreckte. Das Benehmen der Jünglinge war ausgezeichnet. So was hatten wir hier zu Land nicht erwartet. DaS Kloster selbst gleicht einem kleinen Landhause, vaS einfach aber geschmackvoll eingerichtet ist. In der Mitte steht die Kirche, ebenfalls einfach, aber reinlich und zierlich, mit nur Einem Altare, der dem heil. Joseph gewidmet ist. Aus unsern Wunsch führte uns, da erst gegen 7 Uhr zu Abend gegessen wurde, der so demüthige und artige, dabei doch so gelehrte und gebildete Pater zum benachbarten Kloster der Schwestern „von der Heimsuchung Maria", einem von lauter Ma- ronitinnen bewohnten Frauenkloster, dem einzigen dieser Art auf dem ganzen Libanon. Wer hätte so was hier in diesem Gebirge gesucht? Wie hätten wir das erwarten können, hier im fernen Orient Töchter des heil. Franz von SaleS zu finden? Und -) 1. Tim. VI. 10. ') Ephes. V. IS. 198 welch' eine Aufnahme von Seite der Oberin! Welch' ein Anstand, welch' eine Würde! Wahrlich diese Maronitinnen unterscheiden sich von ihren Schwestern in Frankreich und Italien nur durch die Sprache. Alles wurde aufgeboten, uns so artig als möglich zu behandeln. Limonade, Caffe, Wein, Früchte, Backwerk, kurz alles, waS in ihrer Habe war, wurde uns vorgesetzt. Auf den Wunsch des LazaristenpaterS ließ die Oberin sodann sämmtliche Bewohnerinnen des Hauses, 25 Nonnen und 6 Novizinnen, in ein Zimmer zusammenkommen, welches von dem Sprechzimmer durch ein eisernes Gitter getrennt war. Obgleich wir unS nur wenig mit denselben unterhalten konnten, so ersahen wir doch aus dem Benehmen Aller, daß es gebildete und dabei recht fromme Personen waren. Die Unschuld und Tugend lächelte auf ihren blühenden Wangen. Auf die Frage, ob wir ihnen nicht durch unsere Gegenwart lästig fielen, gab die Oberin auf arabisch zur Antwort: „Wir sind froh, so lange Sie gegenwärtig sind, und wenn Sie weggehen, sind wir traurig." Ein HöslichkeilS- spruch der Araber. „O wie glücklich," sagten wir später zu einander, „sind doch diese Täubchen des Libanon im Vergleich mit den bösartigen Weibern der Mohamedaner!" Der HauSgeistliche, ein maronitischer Priester, führte unS darauf, nachdem die Schwestern sich entfernt hatten, in ihre Kirche, wo wir wi?der staunen mußten über die Reinlichkeit und Zierlichkeit und uns so ganz lebhaft in eine französische Nonnenkirche versetzt sahen. Wie alle Bewohner des Libanon leben auch diese Schwestern „von der Heimsuchung" vom Seidenbau. Am folgenden Tage, Nachmittags, machten ?. HenrikuS, G. und der Geistliche G., indem ich eines Fieberanfalleö wegen das Zimmer hüten mußte, mit dem bereits erwähnten Vicesuperior — sein Name verdient dem Gedächtnisse eingeprägt zu werden, er hieß Sap eto — einen Ausflug zu einem benachbarten griechisch-katholischen Kloster. Nicht besser wissend, qjS daß sie in ein MannSkloster geführt würden, wurden sie nicht wenig überrascht, als man sie in das Sprachzimmer führte, und sie hier unter einem hölzernen Gitter acht schwarz gekleidete Klosterfrauen erblickten, in der Kleidung ähnlich den Töchtern der heil. Clara aus dem zweiten Orden des heil. Franciökus. Sie leben nach der Regel des heil. Bast- liuS. Während der Unterhaltung mit ihnen in griechischer Sprache, die der ?. Sapeto den Geistlichen verdollmetschte, hatten sie öfter ihre Freude zu erkennen gegeben, den würdigen Lazaristenpater, von dem sie so viel Rühmliches gehört, den sie aber noch nie gesehen hatten, zu sprechen. Alle wollten von seinen frühern LebenSschick- salen, namentlich von seinen Reisen als Missionär in Abvssinien in Afrika Näheres wissen. Als er dann die Verfolgungen, die er dort erlitten hatte, erzählt, als er zuletzt auf seine verstümmelte Nase und seine mehrerer Glieder beraubten Finger hin- gezeigt hatte, da waren alle bis zu Thränen gerührt geworden. ?. HenrikuS G. war bei seiner Zurückkunft ins Lazaristenkloster fast außer sich vor Freude, hier in Asien, auf dem Libanon unter den Orientalen so wohldiSciplinirte Frauenklöster gefunden zu haben. Und der Geistliche gestand, solch' ehrwürdige Matronen hätte er auf dem Libanon nicht gesucht; die meisten seyen bejahrt gewesen, alle wären ihm vorgekommen, als hätte er in jeder eine heil. Elisabeth vor sich gesehen. Zwei Träume. In der niedrigen Dachkammer steht eine plumpe Bettstelle mit einem alten Strohsacke, der kaum mehr verdient, so genannt zu werden, denn er ist fast leer; gegenüber ein wackeliger Tisch und neben demselben ein zerbrochener Wasserkrug, Daö ist das ganze Hausgeräthe. Der Wind hat den Laden ausgerissen, — Scheiben find keine mehr in den zerbrochenen Fensterrahmen, und die kalte Nachtluft dringt nun ungehindert in den engen Raum hinein. Auf dem harten Lager schläft die Frau; die dünne, zerrissene wollene Decke schützt ihren Körper nur wenig gegen den Nachtfrost. Sie hat den ganzen Tag über !99 nichts gegessen, denn sie hatte nicht genug verdienen können, und der Säugling hat vergebens an der Brust der fast verschmachtenden Mutter die gewohnte Nahrung gesucht. Jetzt hält ihr Arm den Knaben umschlungen. Zu Füßen dieses Bettes hat sich ihr Mann, erschöpft von dem harten Tagwerk, auf den harten Fußboden niedergeworfen, ohne seine dürftige Kleidung abgelegt zu haben. Auch er hatte sogut wie nichts gegessen, und ist endlich vor Hunger und Müdigkeit eingeschlafen. Er träumt und in seinem Traume flüstert ihm die Verzweiflung fürchterliche Gedanken in's Ohr. Er wandert aus finsterem schmalen Pfade durch den dichten Wald. Da kam ihm ein schmuckeS Herrchen entgegen, in Sammt und Seide gekleidet; die goldene Kette mit dem Uhrgehänge von blitzenden Edelsteinen spielt auf der Brust, die Tasche strotzt von Goldstücken, in dcnen die Hand klimpernd wühlt; die andere Hand fächelt die erhitzte Wange mit dem zarten Handschuh. Waffen trägt er nicht, nicht einmal ein Spazierstöckchen. In dieser schimmernden Gestalt erkennt der ausgehungerte Taglöhner schnell einen jener jungen Verschwender, deren Jugendjahre unter sündhaften Ausschweifungen dahin schwinden, — und in dem von Hunger und Kummer zerrütteten Gehirn des Unglücklichen werfen sich alsbald die Fragen auf: „Wozu auch lebt dieser Mensch aus Erden? würde wohl eines anderen Menschen Glück zerstört, auch nur getrübt werden, wenn dieser, da plötzlich auö der Welt verschwände? und das Gold, mit welchem er so schmähliches Spiel treibt, so schändlichen Lüsten stöhnt, würde eS nicht mehr als hinreichend seyn, einer im Elend verkümmerten Familie Wohlstand und Glück wieder zu schenken?" Bei diesen srevelhaften Gedanken umklammert seine Faust den Knotenstock krampfhaft, und er geht mit flammenden Blicken auf den jungen Wüstling loö. In derselben Minute dringt auch in den bangen Schlaf der armen Mutter ein Traum. Sie sieht eine reich, aber nicht glänzend gekleidete Frau; mit freundlichen Blicken, mit wohlwollendem Lächeln steht sie vor dem armseligen Lager und ihre Hand zeigt aus den Tisch, auf welchem im sanften Schimmer eines überirdischen Lichtes alles das liegt, was der unglücklichen Familie mangelt: warme Kleider, Wintervorräthe an Lebensmitteln, auch ein Schlückchen Wein, um zuweilen das Herz des muthlos werdenden Gatten zu erfreuen; aber auch Bücher, welche heiligen Rath und frommen Trost enthalten für die langen Abende; Obst und Spielwerk für das Kind. — Die Mutter ist geblendet durch diesen Ueberfluß, in der Betäubung vermag sie nicht zu fassen, daß alles das ihr gehören soll; aber im Gefühl der höchsten Wonne drückt ihr umschlingender Arm den Säugling sester an das klopfende Herz. Welcher von diesen Träumen wird in Erfüllung gehen? Gehe hin und frage die Wohlthätigkeit, ob sie schläft oder wacht I Sie ist'S, welche hier die entscheidende Stimme hat. Schläft sie, so ist schwerlich ein anderer Wächter da, welcher dem Verbrechen mit all seinem schrecklichen Gefolge den Eintritt in die armselige Dachkammer wehrt. Wacht sie und ist thätig, so wird sie die Dankbarkeit hereinführen und alle die sanften erhebenden Tugenden, welche dieselbe begleiten. Eilet herbei, ihr wohlthätigen Armenbesucher, zögert nicht! Im Namen des ewigen HeileS der unglücklichen Familie rufe ich euch aus. Nur die Hülfe, die ihr bringet, vermag die Darbenden zu trösten, nur dieser Trost vermag die Verzweifelnden zu besänftigen. Aber ihr müsset wachsam bleiben und thätig, Tag und Nacht, denn am Tage drängt der Hunger die Gotteslästerung und den Fluch aus die Lippen des Elenden, in der Finsterniß der Nacht spiegelt das Elend der träumenden Seele des Verzweifelnden däS Verbrechen vor. Die Träume, die unS im Schlummer heimsuchen, find nicht ohne Bedeutung, sie können uns zur Belehrung dienen für die Wege unseres Lebens. Wir sollten uns nicht so sehr beeilen, sie beim Erwachen aus dem Gedächtnisse zu verwischen, als wären 200 fle eitele Trugbilder; sondern vielmehr ernster Betrachtung sollten wir sie würdigen, denn fast immer' enthalten sie irgend einen Wink. Nicht als sollte damit gesagt seyn, die Träume könnten uns die Zukunft enthüllen; Gottes allweise und allgütige Hand hat eitlen undurchdringlichen Schleier über die Zukunft geworfen, und jeder Versuch, denselben zu heben, ist ein Frevel. Und dennoch beachtet eure Träume genauer, denket ernst und reiflich darüber nach; denn diese Träume sind fast ohne Ausnahme irwr Aeußerungen, unsere ungeordneten, zuweitgreifenden Neigungen nur Leidenschaften. Der Ehrsüchtige, der Hochmüthige — sie haben ganz andere Träume als der Geizhals; die Träume des feurigen JünglingS sind ganz anderer Art als die des reifen ManneS- Wer mag eS bezweifeln wollen, daß, während der Körper ruht und unser Wille ihn nicht beherrscht, auch die Einbildungskraft des Zügels los ist, an welchem im wachen Zustande derselbe Wille sie leitet, und daß sie sich dann willig dem Dienste derjenigen Leidenschaft hingibt, welche der gefährlichste Feind unserer sittlichen Freiheit ist. Wer seinen Seelenzustand genau erforschen und in Folge dieser Erforschung mit der Güade GotteS beherrschen möchte, der lasse seine Träume nicht außer Acht. Wenn du zum Lichte des Morgens erwacht bist und dich noch ganz aufgeregt fühlest durch den so eben dahin geschwundenen Traum, so erkennst du darin vielleicht, nicht ohn« Muhe die Fallstricke, welche der Feind deines Seelenheiles dir während deS DunkelS' der Nacht gestellt hatte. Sammle dich ernst und ziehe die Zügel der. Selbstbeherrschung mit GotteS Hülse fester arr. Je größere Gewalt du über deine Neigungen erlangest, desto mehr werden auch deine Träume in deiner Gewalt stehen. (Kath. SonntagSbl) Bayern. Göswein stein. Am 21. Mai U I. kämen Wallfahrer von der Pfarrei JahrS- dorf in der Diöcese Eichstätt Hieher, unter welchen sich auch eine Mutter mit einer fünfzehnjährigen stummen Tochter befand. Nachdem diese Leute im frommen Vertrauen das für den Besuch der sieben Altäre in der hiesigen Wallfahrtskirche vorgeschriebene Ablaßgebet „Dich liebt, o Gott, mein ganzes Herz" am siebenten und letzten Altare verrichtet hatten, fing das' bisher aanz stumme Mädchen plötzlich zu reden an, was bei der großen Anzahl der in der Kirche versammelten Andächtigen eine heil. Begeisterung hervorrief. Die sämmtlichen Wallfahrer aus der genannten Pfarrei wurden vor das Pfarramt gerufen und genau über die Lebensverhältnisse dieses Mädchens befragt. Alle erklärten, daß das Mädchen seit mehreren Jahren stumm gewesen sey, und sie sich daS' dermalige Ereigniß auf natürliche Weise nicht erklären könnten. Um sich volle Klarheit in der Sache zu verschaffen, erbat man sich aus pfarramtlichem schriftlichen Wege Aufschluß beim Hrn. Pfarrer zu Jahrsdvrf. Dieser erklärte durch Schreiben vom 27. Mai: „DaS fragliche Mädchen habe bis in ihr neuntes Jahr die Pfarrschule, zu Jahrsdors besucht. Da verfiel sie plötzlich in eine schwere Krankheit, in welcher sie die Sprache gänzlich verlor, so daß sie kein Wort mehr reden konnte. Darnach setzte sie, in der Hoffnung, daß sie den Gebrauch der Sprache wieder erlangen werde, einige Zeit den Schulbesuch aus: Als dieß nicht der Fall war, besuchte sie die Schule wieder fleißig. Doch sprechen konnte sie seitdem kein Wort. Sie wurde erst Heuer zur heil. Communkon zugelassen und aus der Werktagsschule entlassen. Die Stummheit bei diesem Mädchen dauerte etwas über fünf Jahre. Da unternahm sie mit ihrer Mutter den weilen Bittgang zu dem der heil. Dreifaltigkeit geweihten Tempel zu Gösweinstem auf das Fest der heil. Dreifaltigkeit. Nach der Rückkehr erschien das Mädchen am 24. d. M. bei mir im Pfarrhause und fieng zu meinem großen Erstaunen und zu > meiner Freude zu reden an. Wie daS zuging, wird sich wohl schwerlich auf natürliche Weise erklären lassen." (K. Bl. a. Fr.) Verantwortlich« Redacteur: L. Schönchen. Verlag«-Inhaber: F. E. Kr »wer. Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojtzeitung. 26. Juni. 2V. 1853. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage» Der halbjährige Abo»nem«nt«prel« TV kr., wofür e« durch alle könial. baver. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann- Die Religion muß der industriellen Thätigkeit die rechte Richtung und Weihe geben. Hirtenbrief deS Cardinal-ErzbischofS von Lyon zur Fastenzeit 1853. (Fortsetzung.) Um die Schilderung, welche die heiligen Bücher unS von der Habsucht liefern, in ihrer Wahrheit zu erkennen, braucht man nicht die Geschichte der alten Zeiten zu durchforschen. Der heilige Paulus richtete sich an die Christen jedes Zeitalters, aber oftmals scheint er die Laster und das Unheil des unseligen zu beschreiben. Hat nicht unser Jahrhundert den Strom von Uebeln, welche der Sucht zu besitzen und sich zu bereichern, entquillen, vor Augen gehabt? Und hatte man nicht manchmal zu bedauern, daß in Mitte des Großen, das die Industrie in unserer Epoche hervorbrachte, der von ihr verbreitete Glanz durch das Nichtvorhandenseyn einer christlichen Richtung verdunkelt ward. Sagt, geliebte Brüder, ob die Habgier in den Herzen nicht einen Neid entkeimen läßt, der sie verzehrt. In verschiedenen Zweigen der Industrie begründet sich ein solch thätiger, glühender, unermüdlicher Wetteifer, daß es kein Opfer gibt, das man sich nicht auferlegt, keine Unternehmung, die man nicht versucht, keine Verläum- dung, die man nicht verbreitet, keinen verzweifelten Entschluß, den man nicht saßt, um jede Rivalität zu bekämpfen. Man könnte in diesem hartnäckigen Kampfe die Zukunft seiner Familie gefährden, sich auS dem Ueberflusse inS Elend stürzen, ja, bei diesem gefährlichen Spiele mehr noch als das Vermögen einbüßen, seine Ehre und den durch die Vorsahren gerechterweise erworbenen Ruf von Rechtschaffenheit: doch diese Sorge, diese Gefahren vermögen nicht, einen Augenblick die unvernünftigen Bemühungen zu mindern, denen man sich hingibt, um ein HauS zu demüthigen oder über einen Rivalen zu triumphiren; es scheint, daß man alle seine Wünsche, seine ganze Thaikrast und Geistesfähigkeit auf den Verfall eines gefürchteten Milbewerbers beschränkt. Und sollte man dadurch den Haufen von unklugen Gewinnsüchtigen, welche tÄglich den tollen Unternehmungen unterliegen, vergrößern, sollte man sein ganzes Leben durch nur IhränenbenetzteS Brod essen, wenn eS nur gelingt, diesen beneideten mächtigen Nebenbuhler in seinen Ruin zu ziehen, so wird man den Sieg nicht zu theuer erkaust glauben. Der Neiv ist zufrieden gestellt! Aber noch müssen Wir Euch zn'gen, geliebteste Brüder, wohin die zügellose Liebe zum Irdischen führt, wenn man Gottes Gesetz und deS Gewissens Ruf für nichts achtet. Eine erprobte Biederkeit im Geschäftsverkehre, gewissenhaste Treue in Haltung deS gegebenen Wortes, darin bestand einstens ein Reichthum der Industrie, den die Familien unter die Obhut der Religion stellten und den sie getreulich von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzten. Unbegrenztes Vertrauen war die Belohnung für diese strenge .Ml>sM L02 Redlichkeit, und im Schatten dieser antiken Tugenden, dem Ruhm deS Handels, erhoben sich mächtige Häuser, demüthig an ihrer Wiege, mäßig in ihrem Fortgange, aber stets umsichtig im Handeln, immer bescheiden in ihren Ausgaben und bei ihrem fortschreitenden Gange selten durch die Unglücksfälle ausgehalten, welche meistens die Strafe für Unvorsichtigkeit und Prahlerei sind. Heutzutage will die in ihrem Laufe kühner gewordene Industrie in kurzer Zeit eine lange Bahn zurücklegen und sich durch die Arbeit einiger Tage die Genüsse deS UeberflusseS und deS LuruS verschaffen, mit denen sich unsere Väter erst nach jahrelanger mühevoller Arbeit umgeben konnten. Doch von der Habsucht verzehret, ist man über jede Verzögerung ungeduldig und will, um das Gebäude deS Glückes aufzubauen, nur so viel Zeit verwenden, als man einst zu dessen Grundlegung gebrauchte. Sich wenig Plagen, viel und schnell zusammenhäufen, eilends genießen, die kurze Lcbensspanne im möglichstem Wohlbehagen durchwandern: das ist der Lebensplan, den man sich zeichnet. Wird solch ein Verhalten neue Begeisterung für die Industrie einflößen? Wird eS dem Hause, dem man als Leiter vorsteht, zur Ehre gereichen? Wird eS die Zukunft der Kinder, die man hinterläßt, sichern? Die Erfahrung möge antworten. Doch das wissen Wir, daß, da die Religion bei solchen Berechnungen sür nichts gilt und solchem Treiben fremd bleibt, eS leicht zu errathen ist, waö die Habsucht noch hervorbringen wird. Das gewaltige Bedürfniß des LuruS, des Wohlstands, der vielfältigsten Genüsse, daS man in unsern Tagen mit dem ersten Schrille in die ehrenhafte Laufbahn deS KaufmannSstandes zu fühlen beginnt, dieses Bedürfniß, gcliebteste Brüder, wäre sehr schwer zu befriedigen, wenn man die Vorschriften der Ehrlichkeit gewissenhaft beobachten möchte. Doch diesc wird man bald bei Seite legen, als veraltete und lästige Ueberlieferungen eines Zeitalters, das nicht das des Fortschritts war und dessen Sitten von tyrannischer und abergläubischer Furcht gegängelt waren. Die Erzeugnisse, von denen die Plätze überfüllt werden, sind von tadellosem Ansehen; das Auge wiro davon bezaubert, der heikelste Geschmack entzückt, doch die Hintergangenen Käufer werden in diesen theuer an sich gebrachten Arbeiten bald die Spuren von Eilfertigkeit und Gewissenlosigkeit, die Unterschiebung eines Stoffes sür einen andern entdecken, und darin liegt kein anderes Verdienst, als daß die Menschen den Kunstgriff lernen, wie man den Betrug am geschicktesten verhehle. Mit Hülfe dieser List, im Dienste der Leidenschaft für irdische Güter, hoffen geldgierige Verkäufer in wenig Tagen das elterliche Vermögen, das sie ererbt, zu vergrößern. Sie nehmen sich nicht die Zeit, das Geschick abzuwarten und sagen gleich den Unvernünftigen, von denen die heilige Schrill spricht: Essen und trinken wir heute, denn morgen werden wir sterben. 5) Doch das sind noch zu wenige der Unfuge einer Strasfälligkeit. Für die von der Gewinnsucht bethörten Seelen gibt es keine Gränze, die unüberschreitbar wäre und wäre sie auch noch so heilig. Um dem vorgesteckten Ziele schneller entgegen zu kommen und sich mit allen Vortheilen deS Reichthums eher überhäuft zusehen, weicht man vor keinem Mittel und wäre eS auch das schnödeste. Dem Rufe seines eigenen Gewissens wie desjenigen der Oeffentlichkeil verschließt man die Ohren, das Ehrgefühltritt man mit Füßen, und über die allgemeine Verdammung setzt man sich hinweg. Die Industrie wird endlich nur mehr die Kunst, seinen Nächsten geschickterweise zu hintergehen, der Handel nur mehr eine Reihenfolge von Betrügereien, wovon dk eine sinnreicher auSgedacht ist als die andere. Man wird alle Stoffe verfälschen. Man wird der Wissenschaft ihre Geheimnisse abstehlen und nur mehr Nachgemachtes seilbieten, anstatt der zur Nahrung, Heilung und selbst zum Leben des Menschen unerläßlichen Naturerzeugnisse. Es wird nichtsMahres, nichts Echtes, nichts Gesundes mehr in den Waaren seyn, die man in Umlauf setzt. Diesc sträfliche Entartung wird damit enden, daß der Gesundheitszustand untergraben wird; vorzeitige Gebrechen, ein allzusrühes Alter, bis jetzt unbekannte Uebel, werden keine andere Ursache ') Cor. XV, 32. haben als diese Afterproducte, diese verfälschten Nahrungsstoffe. Und entspräche eS nicht den barmherzigen Absichten unsers Herrn, daß die heilige und unbefleckte Hostie täglich in unsern Tempeln geopfert würde zur Besänftigung des göttlichen Zornes und zur Erlanguug der Gnade des Heils, so dürfte man von der Habsucht selbst noch den Schritt befürchten, daß sie freventlicher Weise Hand an den Altar legt, dem Wesen des Opfers die ihm nöthige Reinheit und Unversehrtheit benimmt, und uns auf diese Weise abhält, im Andenken an JesuS Christus das zu thun, waS er selbst beim letzten Abendmahle that, 5) Wenn der Glaube in den Herzen herrschte, so hätte sich die Gewinnsucht vor Gottes Strafgericht gescheut, da sie sich vor dessen unerbittlicher Gerechtigkeit entsetzt haben würde. Heutzutage denkt man nur mehr daran, sich vor dem Gerichte der Menschen zu schützen. Hat man das Glück, der bürgerlichen Strafe zu entkommen, so setzt man ohne Gewissensbisse sein betrügerisches Verfahren ^ort, und die Nächstenliebe wird kaum mächtiger seyn als die Liebe zu Gott, um der Lüsternheit, welche nichts achtet und nicht die mindeste Fessel duldet, eine Schranke zu setzen. Aber wird doch wenigstens das Elend von der gierigen Industrie gewürdiget, und haben die Thränen des Armen wohl Macht, jene Herzen zu erweichen, auf die sie fallen und die unter dem Joche der dreifach bösen Lust stehen, wovon der heilige Johannes spricht?^) Wir wünschten, es wäre dem also, geliebteste Brüder, denn das Almosen deckt die Menge der Sünden 5^5). Aber ein gewisses Mißtrauen ist uns wohl erlaubt. Im Falle, daß die Tage der Unfruchtbarkeit dem Ueberflusse der Erdengüter folgen, daß ein trockner Himmel über unsern Feldern stünde, der den Thau verweigert, welcher sie befeuchten soll, dann wird man sehen, ob die stets dürstende Gewinnsucht sich diese Drangsal zu Nutzen zu machen und aus dem allgemeinen Unglück ihren Gewinn zu ziehen weiß. Kommt der Nothleidende, an der Thüre des Hauses der Freude und des Ueberflusses zu klopfen, so wird, man sie ihm öffnen, doch die Brosamen, um die er bittet, und den Tropfen Wassers, das er verlangt, hoch anrechnen, und um diese geringe Erleichterung zu erlangen, muß er selbst sein letztes Kleidungsstück zum Pfande geben, wenn man nicht allenfalls fordert, daß er die bis jetzt unversehrte Ehre der Familie, die er ernähren will, mit in die Wagschale lege. Alles, was Wir nun sagten, geliebteste Brüder, ist nur die Auslegung deS Wortes des heiligen Geistes, das einen so tiefen Sinn und eine für unsere Zeit so treffende Wahrheil in sich hat: Alles gehorchet dem Gelde, peeunise odecliunt omnis-j-). Das ist wirklich der hohe Herrscher, zu dessen Füßen die stolzesten und unabhängigsten Geister gleich elenden Sklaven kriechen. Das ist die Macht, welche jetzt jede Autorität beherrscht und vertilgt, und welche vor der Zauberkraft ihrer unbestreitbaren Gewalt die ganze gegenwärtige Generation sich vereinigen sieht. Gebietet dieser Herr, wo ist dann die Tugend, die nicht weicht, die Seelenkraft, die nicht wankt, die beharrliche Selbstoerläugnung, die sich nicht widerspricht, die feste Ueberzeugung, von der man nicht absteht? poeunige obecn'unt vmnia, DaS Geld ist der Gott der Zeit, welcher dem lebendigen und wahren Gotte die unumschränkte Herrschaft benimmt, die er über die Menschen hat, und mit ihm die Weltregierung theilt, Diese Gottheit hat ihre Anbeter und Märtyrer, welche für sie Meere und Länder durchreisen, für sie taufenden von Gefahren trotzen, sich tausend Entbehrungen unterziehen. Nach dem Geiste des heiligen Augustin sagen diese Märtyrer des Goldes, wie die Märtyrer einst zu Gott sagten: Wir sind täglich wegen dir dem Tode ausgesetzt: kropter te mor- tillcanmr tots 6ie f-j-). Und sehet, geliebteste Brüder, die Opfer, die auf seinen Altären dargebracht werdenl Häusliches Glück, heilige Ehrengesetze, gewissenhafte Redlichkeit, unbestechliche Treue, Reinheit deö Herzens, zeitliches Glück, ewige Seligkeit, ') Luc. XII, 19. ">) J-an. II. 1k. Eccli. III. 33. 5) Eccles. X, 19. w Psal. Xl.111, LS. 204 das sind die vielen Opfer, welche täglich diesem Moloch unserer Zeit zugeworfen werden, und welche er in einem Augenblick verschlingt. Doch wenn auch jetzt diesem schonungslosen Herrn Nichts widersteht und ihm in diesem Leben AlleS gehorcht, so wird doch in jenem andern das Geld keine Macht mehr ausüben können. Es wird der Tag kommen, an dem der wahre Gott die Altäre dieses anmaßenden Rivalen umstürzen und sich glänzende Gerechtigkeit verschaffen wird. Sodann wird er die Vertheidigung der Rechte seiner ewigen Weisheit zur Hand nehmen und diejenigen krönen, die ihm treu bleiben und die Unsinnigen ins Verderben stürzen, welche dem falschen Gotte, für den sie nicht erschaffen waren, abgöttischen Weihrauch streuten. Die Ausschweifungen der Leidenschaft zum Golde waren eS, d>'e im alten Gesetze den Zorn GotteS gegen Jerusalem entbrannten. Kann ich, sagt der Herr, zusehen zu ungerechter Wage und betrügerischem Gewichte? Die Einwohner SionS gebrauchen Hinterlist und Lüge, ihre Zunge ist in ihrem Munde das Werkzeug ihrer Betrügerei*). Ich schwöre, daß ich niemals all ihre Werke vergessen werde...., die Reichthümer Jakobs werden ihnen weggenommen unv sich zerstreuen wie die Wasser des Nils ablaufen, nachdem sie Acgypten überschwemmt haben**)» Um die Erfüllung dieser Drohungen zu finden, brauchte man nicht die Reihe von Jahrhunderten zurückzugehen, die über die Habsucht verhängten Strafen sind auf mehr als einer Seite der Geschichte unserer Zeit aufgezeichnet. So wahr ist der Ausspruch des heiligen Geistes: Die Gerechtigkeit erhebt die Nationen, die Sünde macht die Völker unglücklich!***) Düse Wor'e der ewigen Wahrheit lassen sich auf Familien, auf jeden Einzelnen wie auf die Gesellschaft anwenden. So wird Redlichkeit immer der Ruhm und der Lebensgeist der Industrie seyn, gleichwie Gewissenlosigkeit ihr nur zur Schande gereichen und früh oder spät deren Sinken und Untergang im Gefolge haben wird: ^ustitis elevst xentem, mi5erv5 autem kseit populos peecstuml-). i Fortsetzung folgt.) Bekehrung des LordS Charles Thynne. Lord Charles Thynne war, zur Zeit seiner Bekehrung, Pastor von Langbridge- Deverril und Kanonikus der Kathedrale von Canterbury. Die hche Stellung, die er sowohl in der anglikanischen Kirche als auch in der Aristokratie einnahm, haben seinen Uebertritt zur katholischen Kirche weit und breit bekannt gemacht. Bei der ersten Nachricht dieses Verlustes haben die Organe des Protestantismus die Richtigkeit deS Factums geleugnet. Dann aber, als der edle Lord die Beweggründe, die ihn zur Wahrheit, zur katholischen, zur einzig wahren Kirche Jesu Christi zurückgeführt haben, seinen früheren Pfarrkindern auseinandersetzte, haben sie geschwiegen. Wir lassen hier den Brief deS Lord Charles Thynne folgen, man wird ihn gewiß mit gleichem Interesse wie in Frankreich und England lesen: Meine lieben Freunde! Als Ihr vor einigen Jahren zum erstenmale meiner Sorgfalt anvertraut wurdet, glaubte ich, nur der Tod könne mich von Euch trennen, denn wir waren durch so viele Bande, Beziehungen und Interessen vereint! Je mehr wir uns mit der Zeit kennen und verstehen lernten, als ich die Art Eurer Bedürfnisse und die Schwierigkeit Eurer Stellung klar durchsah, schloß ich mich mit noch tieferer Zuneigung an Euch an, und jede Trennung schien mir unmöglich. Ich theilte Eure Freuden und Leiden, und war Euch dankbar für das Vertrauen und die Beweise der Liebe, die Ihr mir gabt, indem Ihr mich mit Euren Wünschen und den innigsten Gedanken CureS Herzens vertraut machtet. Ich hoffte, wie es auch meine Pflicht war, Alles, was in ') Mich. VI. 11. '") Amo« VIII. 7. —) ?rov. XIV., 34. j) ?rov. XIV. Z4. 205 meinen Kräften stand, zu thun, um Euch zu Gott zu führen. Ich hoffte, Euch mein ganzes Leben zu weihen und meine Tage in Eurer Mitte zu beschließen, um Euch so meine Liebe zu bethätigen. Aber ich werde nicht mehr von meinen ehemaligen Hoffnungen sprechen. Nach fünfzehnjähriger Bekanntschaft brauche ich Euch nicht mehr zu sagen, daß nur die unwiderstehliche Gewalt der Pflicht es vermocht hat, die Bande, die uns verknüpften, zu zerreißen. Glaubt sicherlich, daß die Liebe, die ich für Euch gehegt habe und stets hegen werde, mir die Pflicht, Euch zu verlassen, zu einer der schwersten Prüfungen gemacht hat. Es war nicht meine Absicht, von dergleichen zu sprechen, ich hätte davon geschwiegen; und wenn Andere mir gegenüber großmüthiger gehandelt hätten, würde ich meinem Vorsatze getreu geblieben seyn; aber ich erfahre, daß bei der kürzlich erfolgten Einweihung der Kirche der Bischof von SaliSbury eS sich zur Pflicht gemacht hat, mich in seiner Rede öffentlich anzugreifen, und fch weiß, daß Einige unter Euch betrübt waren, so von einem Manne sprechen zu-hören, den sie so lange durch ihre Liebe ausgezeichnet haben. Ich bin nicht erstaunt, daß der Bischof von SaliSbury mich in Irrthum befangen glaubt; wenn es anders wäre, müßte er so handein wie ich gehandelt habe, und eben weil er dieß nicht thut, zeigt er, daß er meinen Schritt nichr billigt, oder wenigstens, daß er nichr die Noihwendigkeit einsieht, ihn zu thun. Ich staune aber, daß er bei einer Gelegenheit, wo ihm so viele andere Themare zu Gebote standen, von mir gesprochen hat, und Euch zu einer Kritik meines Beiragens gereizt hat. Ich war auf viele Tadel gefaßt, aber gefaßt war ich nicht, mich der Verachtung derjenigen preisgegeben zu sehen, für die ich so lange Jahre gearbeitet habe, und zwar preisgegeben durch den, der selbst gesagt hat, ichWönne keinen andern Weg als den, dem ich gefolgt bin, einschlagen; preisgegeben durch den, dem ich mich immer, selbst mit den größten Oplern unterworfen habe, so lange ich ihm eine rechtmäßige Gewalt über mich zuerkannte. Mein Erstaunen wächst noch, indem ich den Ort und die Zeit erwäge, die der Bischof gewählt hat, um mich zu tadeln. Die Worte, die gegen mich gesprochen sind, kenne ich nicht, wohl aber weiß ich, daß die Beurtheilung Diejenigen, die mir ihre Achtung bewahrt haben, schmerzlich berührte. Für diese, für mich, für Alle, so wie auch für die gute Sache, der ich mich treulich angeschlossen habe, muß ich Euch einige Worte sagen. Nach dem, waö ich gehört habe, schließe ich: Man hat mich getadelt 1) weil ich mich von Euch getrennt, 2) weil mich meine Gesinnungen gezwungen haben, Euch sowvhl wie die anglikanische Kirche zu verlassen. Einige Worte werden hinreichen, den ersten Punct zu beleuchten. Für weltliche Vortheile habe ich Euch nicht verlassen, wohl aber weil ich ehrlicher Weise meine Stellung nicht mehr ausfüllen konnte; denn ist eS ehrlich, eine Sache zu glauben und eine andere zu lehren? Hierüber laßt mich in einige Einzelnhekten eingehen. Ich glaubte, daß man, um die Vergebung seiner Sünden zu erlangen, dieselben bekennen müsse, und zwar Jemanden, der die Macht bekommen, die Beichte zuhören und die Lossprechung zu ertheilen. Ich glaubte, daß dieß Allen, die nach der Taufe in Sünden verfallen sind, nothwendig sey. Als ich aber meine Zuflucht zu den einzigen Mitteln nahm, die mir als anglikanischem Priester zu Gebote standen, war ich betrübt, den Schritt, den ich für mein persönliches Bedürfniß für nöthig erachtete, mit Geheimniß umhüllen zu müssen, denn dieses Geheimniß zeigte mir, daß die Beichte in der anglikanischen Kirche nur zum Scheine und ohne Kraft eristire. Nachdem ich mich mit dieser Sache gründlich beschäftigt hatte, erkannte ich, daß die anglikanische Kirche sowohl, wie die Zeugnisse der Bischöfe, nur in äußersten Fällen die Beicht bestätigen, und dann auch nur als eine Art von religiösem LuruS bei Sterbenden. Dieß theilte ich dem Bischof von SaliSbury mit und bat um sein Urtheil über diesen Punct. Er antwortete mir mit Offenheit, daß ich als Priester der bestehenden Kirche nicht auf die Nothwendigkeit der Buße dringen müsse, sie sey ein Sacrament und Haupttheil des katholischen Glaubens. Stellt Euch nun meine Gewissenöleiven vor, 206 den Frieden, den ich für mich als nothwendig erachtete, konnte ich nicht erlangen, und ihn auch rechtlicherweise nicht Anderen geben, die seiner, gleich mir, bedurften; weit mehr noch, ich durste sie nicht einmal ermähnen, den Frieden zu suchen, solange sie Mitglieder der anglikanischen Kirche waren. Die heilige Quelle der Sündenvergebung hat schon seit 300 Jahren aufgehört für Englands Volk zu fließen. Ja, seit der Reform sind die Generationen ohne Absoluiion dahingeschieden, und eS scheint in der Absicht der anglikanischen Kirche — so lange sie bestehen wird — zu liegen, die künftigen GcnernU'onen in demselben traurigen Zustande, ohne Trost und Hoffnung, dahinscheiden zu lassen. Ich hatte immer behauptet, daß Alle die, welche außerhalb der anglikanischen Kirche lebten, schon einzig deßwegen der Gnade und der Gewißheit deS Heils, beides Sachen, die unzertrennlich mit der wahren Kirche Christi verbunden sind, verlustig seyen. Damals theilte ich die absurde* Vorstellung, daß die verschiedenen, getrennten, sich gegenseitig anathematisirenden Kirchen, die Stellen der einzig wahren Kirche Christi vertreten könnten, und demnach bestrebte ich mich, den Dissidenten die Vereinigung mit der anglikanischen Kirche zu predigen. Aber hierbei zeigte sich bald eine Schwierigkeit. Die römische Kirche, als Mittelpunkt aller Einheit, behauptet für sich die geistliche Gerichtsbarkeit über alle getauften Christen. Die anglikanische Kirche bestreitet ihr dieses Recht über alle Christen Englands zu haben, indem sie sagt, sie vertrete bei ihnen die katholische Kirche; abgesehen davon, daß sie selbst von der ganzen übrigen Christenheit getrennt ist. Indem ich mich bemühte, diese Meinung zu vertheidigen, kam ich dahin, die Rechte der katholischen Kirche anzuerkennen, denn ich fanv, wenn ich die Einwendungen, wodurch die anglikanische Kirche ihren Abfall von der römischen rechtfertig,, billigte, ich auch die Einrqendungen, welche die Dissidenten der anglikanischen Kirche gegenüber, in Bezug ihres AbfaUcs machen, anerkennen müßte. Der Dissident vertheidigt seinen Abfall von der englischen Kirche durch ganz ähnliche Beweisgründe, wie die englische Kirche ihren Abfall von der katholischen vertheidigt. Ich überzeugte mich bald, daß das Leben der Kirche eben so wesentlich von der Verbindung mit Rom abhängt, wie das Leben eines Zweiges von der Verbindung mit dem Banine. Wie konnte ich nun ehrlicher und ausn'chtiger Weise in meiner Stellung verbleiben, wie — so wie ich eS that — die Einheit predigen, während das Prinzip der endlichen Kirche die Trennung und Zersplitterung ist? genier hatte ich geglaubt, daß die englische Kirche die Wiedergeburt durch die Tauf unv die wirkliche Anwesenheit unseres Heilandes in dem heiligen Sacramente als ihre unumstößliche Wahrheit festhalte, aber bald überzeugte ich mich auch hierin, daß diese Lehren eben so oft von den Priestern gelehrt als verworfen werden, ja, daß die Bischöfe selbst so wenig im Einklang darüber sind, besonders über die Lehre von der heiligen Taufe, daß wenn dieselbe öffentlich angegriffen und verworfen wird, es ihnen nicht möglich ist, sie einig zu vertheidigen. Wie konnte ich nun da bleiben, wo meiner Lehre jegliche Autorität fehlte, oder wo wenigstens diese Autorität immer gleicherweise angerufen wurde, bald um die wirklichen Lehren der römischen Kirche zu bejahen, bald um sie zu ve-neinen. Wie konnte ich nun unter Euch verbleiben, ohne meinem Gott, meinem Gewissen und Euch selbst untreu D werden? Die Ursache also, weßwegen ich Euch verlassen habe, ist die, daß ich mehr glaubte als ich lehren durfte, daß ich, um meine Lehre zu begründen, keine andere Autorität hatte, als die einfacher Privatpersonen, und die meines eigenen Geistes. Indem ich bekannte, daß ich Ge- sandt.r Christi sey, konnte ich mich nur auf göttliche Autorität stützen, dieselbe fehlt aber der anglikanischen Kirche, und deßwegen vermag sie auch nicht, sie ihren Priestern zu geben. ö 7ZS 7,s;,Nc-. i?W niz (-zf zss mon'r lziö SIMM mm ck.'M Z.^ Mz^ Z!M -im 5NZ7bU1t?k ?Ä .lzrkk
  • IX. Ö88ervgüiom cii Kiorgio Ugreorim. Lorlu 185-4, ?ipci^r»lig Alerourio^, daS auf 35 Octavseiten seinen griechischen Tert nebst der italienischen Uebersetzung enthält. Der Verfasser, ein Laie, zeigt sich sehr wenig in der Theologie bewandert; er hatte die Encyclica deS AnthimuS übersetzt, und deßhalb, so wie wegen der darin enthaltenen Grundsätze, besonders weil das Volk Hort deS Glaubens ist, hielt er sich zu deren Vertheidigung berufen. Darum griff er mit allem Ernste die päpstliche Allocution an. Er thut sich viel zu gut auf die prachtvolle Encyclica seines Patriarchen, von der die Versammlung im Nalican ganz erschüttert worden sey; er triumphirt, daß noch keine Widerlegung erschienen; doch wird ihm jetzt die fast gleichzeitig mit der seinigen veröffentlichte oben besprochene Schrift zu Gesicht ^gekommen seyn, die der damit beauftragte römische Theologe in sünf Wochen, seit er dazu committirt war, vollendet hat. Die feste Ueberzeugung deS Herrn Marcoran, daß die Worte des römischen Bischofs zum erstenmal eine unüberwindliche Widerlegung in jener Encyclica gefunden haben, beweist nur zu gut, daß die Theologie nicht eben seine starke Seite ist. Mit großer Galle ereifert sich der neue Wächter der griechischen Orthodoric über die verleumderische Bezeichnung „Schismatiker" für die von der römischeil Gemeinschaft getrennten Griechen; es sey gewissenlos, so die orthodoxen Griechen zu benennen, „Getrennt von der wahren Kirche" und „schismatisch" ist für uns doch wohl gleichbedeutend; eS kommt also nur darauf an, wo die wahre Kirche ist. Wird er aber gegen daS ganze Alterthum und sogar gegen die byzantinisch kaiserlichen Gesetze läugnen können, daß man unter katholischem Glauben stets den verstanden ha«, den die römische Kirche bekennt?") Im Ganzen reduciren sich die Bemerkungen des Herrn Marcoran auf zwei Hauptpuncte. Erstens sucht er mit einigen schlecht gedeuteten und übel angewendeten Bibel- und Vaterstellen den photicmischen Irrthum vom AnSgang des heiligen Geistes vom Bater allein zu stützen und den JuriSdictionsprimat deS PapsteS zu bekämpfen. Loluts?ione I, Lp. I, VIl, ep, 37 (ül, 40): „(Zuis «mim nesci-lt. 8, ZZcclesism in ^po- sUiIoium principis soliciit.ite liimntiim, cpii tirmitgtem montis trsxit in nowins, ut Petrus ü petr.i vocaretur? Lui Veritatis voce clicitur: 1'ibi dabo elsves regni coolorum. Lui rursus clicitur: Lt tu iil!o.u.inclo conversus conlirm-, irgtres tuos. Iterumczus: Simon potro, sums me? pgsce oves mess. It-iauo eum niulti sint ^postoli, pro ipso tamen principstu svl>> ^postoioi'um priniiipis secles in üuctoi-it.ito convgluit, lzuso in tridus locis unius ost." Die letzten Worte sprechen den häufig vorkommenden Gedanken aus: In so ferne find neben Rom Alerandrien und Antiochien Patriarchalsitze und üben eine JuriSdiction über die andern Kirchen aus, als sie als dem Petrus zugehörig betrachtet werden; hier ist schon von vornherein die Gleichheit aller Bischöfe gcläugnet, Kpist. I. V. 18: primum membrum sanclgo et universslis Lcolesise. Ueber die Renitenz des byzantinischen Patriarchen Johannes des Fasters schreibt er I. I V. ep, 64 (>il, 32) scl ^'grsom pstricium: In on neuem eingeleitet, und mit ungewöhnlichem Erfolge rasch fortgeführt. Schon im Jahre 1850 wurde daS Dccret über die Tugenden veröffentlicht, und im vorigen Jahre jenes über die Wunder, und nun halten wir am 7. dieses Monats das erhabene Schauspiel, worin auf eine so besondere Weise das Wort des Apostels von neuem in Erfüllung ging: „WaS vor der Welt thöricht ist, hat Gott erwählt, um die Weisen zu beschämen, und das Schwache vor der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zu beschämen, und daS Geringe vor der Welt und das Verachtete, und das, was nichts ist, hat Gott erwählt, um daS, was etwas ist, zu nichte zu machen, damit kein Mensch sich vor ihm rühme." (1. Cor. 1, 27.) Germana Cousin war im Jahre 1579 zu Pibrac, einem Dorfe nicht weit von Toulouse in Frankreich geboren, und starb daselbst im Alter von 22 Jahren. (Münst. Sbl.) _ . :pLrüiM»Ä! ii!>K!ü,l>isA r»i 'in?t7i!> Großartiges katholisches Unternehmen in London. Ueber zweimalhunderttausend Katholiken aller Stämme und Zungen wohnen in dieser Weltstadt, zerstreut unter zwei Millionen Protestanten aller Mcinungsschat- tirungen, daS Bild der Einheit mitten in der Zerfahrenheit. Einigt sie der Glaube, so trennt sie die Nationalität, deren wesentlichster Ausdruck die Sprache. Wohl zählt London 25 Kirchen, seine Umgebung 15 Kapellen, an beiden 104 Priester; wie wenig für jene große Zahl von Kindern der Kirche! Und diese wenigen kommen meist nur den Einheimischen zu Gute, mit denen sie durch daS Band der Sprache verbunden sind. Wem diese fremd ist (und wie groß ist nicht deren Zahl!) dem wird es schwer, geistliche Belehrung und Kräftigung zu erhalten, daS Sacrament der Buße zu empfangen, Beistandes und Trostes in seinen letzten Augenblicken sich zu erfreuen. Hat daS Heidenthum der neuesten Zeit, nachdem cS den im Anfang dieses Jahrhunderts erfundenen KoömopolitiSmuS als abgegriffen bei Seite geworfen, mit wühlerischem Eifer zu dem Rationalismus sich gewenver und wie in der vorchristlichen Zeit Volk gegen Volk stellen wollen, so muß die Kircke (so wie in ihr allein der ächte KosmopoliliömuS ruht) auch dieser Verirrung die Schranke anweisen, innerhalb welcher allein sie, gleich der individuellen Persönlichkeit, zu Recht bestehen kann. Der Priester Vincenz Palotti, der im Jahre 1850 zu Rom im Ruf der Heiligkeit gestorben ist, und dort Katholiken ohne Unterschied der Nation und des Standes durch den werkthätigen Glauben in eine allgemeine Bruderschaft vereinigt hat, faßte den großartigen Gedanken, in dem Mittelpuncte der Stadt London eine geräumige Kirche nach dem Vorbild der ältesten christlichen Basiliken zu bauen. An dieser sollten Priester aller Nationen: Deutsche, Italiener, Franzosen, Spanier, Ungarn, Slaven der verschiedenen Mundarten wohnen, gleichsam eine bleibende Pfingstversammlung, damit jeder Gläubige die Gnaden Gottes an dem Menschengeschlecht in seiner eigenen Zunge verkünden höre; somit nicht Aufhebung, sondern Einigung der Nationalitäten auf demjenigen Gebiete, auf welchem dieselben zur Verherrlichung Gottes und zu der eigenen Erkräftigung mit dem vollen Ausdrucke ihres Gepräges auftreten mögen. Auch für Schulen, diese mit jenem Maaß pflegend, welches in ihrer Weisheit einzig die Kirche an die Hand gibt, soll gesorgt werden. Deßwegen hat der fromme Vincenz Palotti schon vor zehn Jahren auS seinem in Rom begründeten Institute zwei Priester nach London gesendet, um die Ausführung jenes Vorhabens anzubahnen, In dem Mnlclpnncie von Londons Altstadt ist aus eingeleiteten Sammelbeiträgen bereits ein Bauplatz erworben. Aber die Kosten der Ausführung in ihrem ganzen Umfange sind groß. Deßwegen nun, weil daS Beabsichtigte die höchsten Interessen aller Voller berührt, ergeht der Ruf zum Mitwirken 208 an alle Völker. Er ergeht an sie nicht von Privatleuten, nicht von gutherzigen, aber außerhalb ihrer Umgebung wenig bekannten Priester». Dieser Ruf ergeht an alle Völker von dem Mittelpunct der katholischen Einheit, von dem Stellvertreter Christi, von dem heiligen Vater selbst. DaS Oberhaupt der Kirche hat Seine höchste Genehmigung des Unternehmens ausgesprochen; das Oberhaupt der Kirche hat den Plan des neuen Baues gesegnet mit dem Wunsch, daß er geweiht werde in der Ehre deS heiligen Aposteifürsten; daS Oberhaupt der Kirche hat zugegeben, daß zwei apostolische Missionare ausgehen durch die Länder, um Beiträge zur Ausführung deS großartigen Unternehmens all überall zu sammeln. Die Kongregation der Propaganda hat dieselben mit Beglaubigungsschreiben ausgestattet. (Oesterr. VolkSsr.) »iotH js.t! ,t's, H,«dk! Sb« 65 11/ ^ti?M,, A' «os' 6mi tM- 7!s ?««-MinG «ich'l .sjiiiM) soz«vl»), Herzogin in Bayern, erste Königin von Ungarn. Blätter der Erinnerung an die Völkerbeglückende Vermählung Sr. k. k. apostolischen Majestät Franz Joseph I. mit Ihrer königl. Hoheit der durchlauchtigsten Prinzessin Elisabeth Herzogin in Bayern. Herausgegeben von vr. Johann Ranvlder, Bischof von Wcszprim, k. k. geheimen Rathe und Kanzler der Königlin von Ungarn. Mit fünf lichograpylirten Beilagen: 1. den heiligen Stephan, die heilige Gisela und den heiligen Emerich. 2. Aeußere Ansicht der Giselacapelle in Weszprim. 3. Das Innere derselben Capelle. 4. Der ungarische Krönungsmantel. 5. Ansicht der Stadt WeSzprim im Jahre 1593. K. K. Staatsvruckcrei. In Commission bei Seidel in Wien. Folio. In diesem prachtvoll ausgestatteten Werk wird die Vermählung Sr. Majestät des Kaisers und Königs von Ungarn vom katholischen und historischen Standpuncte auS, auf eine eben so sinnige als erhebende Weise betrachtet. Der Leser wird in die Vorzeit Ungarns zurückversetzt und die herrlichen Gestalten der Geschichte, welche daS ungarische Volk der Kirche gewannen, ziehen majestätisch an seinem Auge vorüber. Der heilige Stephan und seine Gattin, die selige Gisela, werden in ihren segensreichen Thaten dargestellt, und im Leben der Königin ein sehr wichtiger Moment in Bezug auf Ungarns Bekehrung zum ersten Mal hervorgehoben; nämlich die Erziehung Giselas (einer bayerischen Herzogin) durch den heiligen Wolfgang, Bischof von RegenSburg, der durch die großartige Wirksamkeit seiner seligen Schülerin sich in der That den Namen eines Apostels der Ungarn erworben hat. Ist der reichhaltige, historische Stoff vom höchsten Interesse, so dürfen nicht minder die Parallelen, welche aus demselben mit der Begebenheit der Gegenwart gezogen werden, höchst sinnreich und gelungen genannt werden. Die Sprache ist meisterhaft gerundet und die kirchlichen und politischen Betrachtungen, die dem Terte eingewebt sind, beurkunden einen tiefen Blick in die gegemvämige Weltlage. Nicht nur für den Ungarn und Oesterreicher, sondern für jeden Freund der Geschichte wird das Werk einen dauernden Werth haben. (W. Kirchenz.) 211 Da» Blnmenfest in Genzano. Auf den hohen Ufern des NemiseeS, des Kraters eines ausgebrannte» VnlcanS im Albanergebirge, eine halbe Tagreise von Rom, liegt das Städtchen Genzano, freundlich von Olivenwäldern umgeben und wegen jenes Sees, welchen man von vort aus am Bequemsten überschaut, mehr noch durch daS alle zwei oder drei Jahre wiederkehrende Blumenfest berühmt. DaS Blumenfest GenzanoS ist kirchlicher Art und tritt, waS Schönheit und Kunst sowohl in Anordnung als Ausführung anbelangt, den vorzüglichsten Festlichkeiten Italiens ebenbürtig zur Seite, Nicht kann Genzano, wie Rom, durch die Anwesenheit des Papstes, der Cardinäle und hoher Würdenträger der Kirche seinem Feste einen unvergleichlichen Glanz verleihen; nicht ist eS eine außergewöhnliche heilige Handlung, welche nach Genzano einladet und jener eine hohe Bedeutung gibt, sondern eS ist nur die gewöhnliche feierliche Frohnleichnamsprocession, welche man dort veranstaltet, welcher aber die Bewohner deS Städtchens vermöge ihrer angebornui Geschicklichkeit mit den einfachsten Mitteln, bloß durch künstlerisch-geschmackvolle Anordnung einen unbeschreiblichen Reiz zu ertheilen wissen. Wie schon der Name besagt, sind Blumen eS, welche den Mittelpunct der Feier GenzanoS bilden, Blumen sind überhaupt des Italieners Wonne, mit Blumen verherrlicht er seine Volksfeste, Blu- menguirlanden in üppigster Fülle bekränzen im Frühlinge Wege und Mauern. Blumen sind es denn auch, welche in kunstreicher Verbindung in Genzano die Bewunderung Aller, welche dem Feste beiwohnen, auf sich ziehen. AuS Blumenblätterchen werden nämlich durch kunstvolle Verthciluug und Nebeneinanderlegung dort die prächtigsten Blumenteppiche auf den Straßen ausgeführt. Diese Teppiche, in buntester Verschiedenheit sich an einander reihend, bilden einen unübersehbaren Blumenweg, welcher sich über die beiden Hauptstraßen GenzanoS ausdehnt und einen unbeschreiblich herrlichen Eindruck gewährt. WaS der Pinsel keines Malers erreicht und die Kunst nur anstrebt, findet man hier mittelst Zusammensetzung der lebenden Farben der Natur in künstlerischer Vollkommenheit ausgeführt. Selbst die feinsten Linien in den Guirlauden der Ränfte, die feinsten Schatlirungen in den Wappen der Cardinäle, welche in den Tcppichen wieder gegeben werden, sind mit einer staunenswerthen Genauigkeit ausgeführt. Am Ergreifendsten ist aber, daß alle diese Herrlichkeit nur dem Einen Augenblicke dient, wo am Spätnachmittage der Priester daS AUerheiligste über diesen Blumenweg trägt. Sobald er seinen Fnß über die so mühsam, allein zu Gottes Ehre verfertigten Tcppiche hinwegsetzt, wird hinter ihm Alles durch die nachströmende Menge absichtlich zerstört. So erscheint denn hier das schönste Erzeugnis) der Natur in herrlichster Zusammenfüguug nur allein im Dienste deS höchsten Gegenstandes der Religion, und daS Fkst darf sowohl seiner Idee als ihrer Ausführung nach einzig und unvergleichlich genannt werden. Das Blumenfest zu Genzano fällt, wenn es stattfindet, aus den Schluß der FrohnleichnamS-Octave, Einheimische und Fremde jubeln dem Tag entgegen, wo sie der InKomtn (Blumenfest) in Genzano beiwohnen werden. Denn da das Fest nicht alle Jahre wiederkehrt, so hat eS auch für denjenigen, welcher öfter beigewohnt hat, immer einen neuen Reiz, Mit Laubgewiuden ist der mittlere Theil der beiden Hauptstraßen des Städtchens abgegränzt und nur zu beiven Seiten zum Aus- und Abgehen Raum gelassen. Innerhalb jener Gewinde zeichnen die mit der Ausführung des Blu- menwegeS Betrauten die allgemeinen Umrisse der einzelnen Teppiche nach vorher angefertigtem Modell mit Kreide ab, legen diese Linien mit den entsprechenden Blumenblätterchen aus, schattiren hier mit dem schönsten Blau, dort muß das Roth, dort daS Gelb, hier daS Violett, dort daS Grün auShelfen. Wie zierlich der Ginster neben der Rose prangt, und die Kornblume neben dem Veilchen! DaS Wappen deS Papstes und die der Cardinäle sind am Morgen oder schon am voraus gegangenen Tage auf Brettern ausgelegt worden und jetzt nur noch in der Mitte der Teppiche in passender Umgebung anzubringen. Diese in großem Maaßstab ausgeführten Wappen 21S dürfe» in ihrer Art unübertrefflich genannt werden. Die einzelnen Felder, die dunkel- gelben Löwen auf violettem Grunde, der Cardinalshut oder die dreifache Krone: Alles ist so erakt, so frisch und lebendig wiedergegeben, daß man deS Schemens nicht satt wird. Unterdeß ist der Blumenweg vollendet worden und die Stunde, wo die Procession ausziehen soll, herangenaht. Um das Ganze vollends zu überschauen, hat man sich ein Fenster in entsprechender Höhe gemiethet, und der Eindruck, welchen die Bl»men> straße bei diesem Totalüberblicke macht, ist unvergleichlich. Wer wurde nicht überrascht, wenn er ein Mosaik aus der Ferne sah und eS ihm ivic da« prachtvollste Gemälde erschient Hier aber sinv bildsamere Formen zu dem herrlichsten Mosaike zusammen- gerciht; die frischesten Farben bei den zartesten Formen der Natnr übertreffen in dieser Ansammenordnung Alles, was die Kunst AecnlicheS zu erzeugen im Stande ist. Mehr indeß als die künstlerischen Anlagen der Bewohner ehren wir die in so ausgezeichnetem Grade zcme und poetische Idee, das schöne Fest des Heilandes in so holder und idyllisch großartiger Weise zu begehen, worin Genzano seine Einzigkeit unbestritten bleibt. Am meisten zog ein Engel die Bewunderung auf sich, welcher in dem Wappen deS zeitigen Cardinal-Bischofs des Städtchens mit wahrer Meisterschaft ausgeführt war. DaS Auge, daö Haar, die vollen blühenden Wangen, die freie schimmernde Stirne, der sanft lächelnde Mnnd dieses Himmelsboten bezauberte, von der Höhe deS Fensters aus gesehen, wie das schönste Bild die Einbildungskraft. Die Procession geht gegen halb sieben Uhr von der Hauptkirche aus. Kreuz und Fahnen werden vorangetragen, eS folgt die Jugend in festlichem Schmucke Der Chor der Sänger und die Vornehmen deS Städtchens kommen in langsam feierlichem Schritte. Sie alle betreten mit der größten Behutsamkeit die Blumeuteppiche, so daß sie nichts verrücken oder verderben. Unmittelbar vor dem Allerheiligsten erblickt mau ein zartes Kind, in Engelkvstüm mit Flügeln gekleidet und von einem Erwachsenen an der Hand geführt, waS einen überraschend rührenden Eindruck macht. Schmerzlich jedoch und wehmüthig wird man sodann ergriffen, wie jene Arbeit so vieler Hände und viel- lägiger Mühe, das Werk voll der Knnst und des Geschmackes, so bald der Priester mit dem Allerheiligsten es betreten hat, von den nachströmendcn Haufen zertreten und absichtlich der Vernichtung Preis gegeben wird. Indeß wird erst so die Idee deS Festes vollends realisirt Jener Biumenweg sollte bloß zur Verherrlichung des Heilandes dienen, auf ihm sollte er seinen feierlichen Umzug hallen, seinen Fuß über Teppiche setzen, wie sie keinem irdischen Könige auSgebrciret werden. Ist dieses geschehen, so ist die Bestimmung dcö Werkes erreicht und seine Erhaltnng wäre zwecklos. Am obern Ende der bergan laufenden Slraße angelangt, erthcilr der Priester der zwischen den Laubgewindcn auf den zerstörten Biumenteppichen kniecndcn Menge den feierlichen heiligen Segen. Dann tritt die Procession über die Teppiche der andern Slraße den Rückweg zur Kirche an. Noch einen Blick auf den kleinen Rest der hi«r der Verwüstung entgegengehenden Pracht und >uif die hinter der hcrabströmen- dcn Menge zurückbleibende Zerstörung und man verläßt gewaltig ergriffen Genzano, das GebirgSstädtchen, einen Eindruck mit nehmend, welcher lange in der Seele wieder!) allt. O möchten auch anderSwo recht viele opferwillige Seelen dem lieben Heiland solche Freude machen! (Kath. i. d. Schw.) Visitation deS Klosters der barmherzigen Brüder in Wien durch Seine Eminenz den Cardinal von ScitovSky. Seine Eminenz kam Nachmittag den 12. Juni »ach abgehaltener Visitation in Linz mittelst Dampfschiff in Nußdorf an, wurde am Landungsplatze von den hochwürdigen Herren, dem Provincial und Prior des Wiener Klosters begrüßt, nach Wien begleitet und dort in der Ordenskirche vom hochwürdigen Herrn Convisitator, 2t3 Kanonikus Dittrich, empfangen und feierlich eingeführt, worauf das Homagium sämmtlicher Ordensbrüder erfolgte. Nachdem bereits am 11. und 12. Juni von einem Ordenspriester religiöse Betrachtungen über die OrdenSgelübde gehalten wurden, wurde die Visitation selbst am 13. früh mit einer Sitzung eröffnet, in welcher Seine Eminenz den Versammelten den Zweck, die Nothwendigkeit und Wichtigkeit der Reform ans Herz legte, sodann die neuen Statuten vorlas und erklärte. Nachmittag war daS examen psrtieulsre, wobei zugleich jeder die Erklärung schriftlich abzugeben hatte, ob er der Reform beitrete oder nicht. Das schönste Zeugniß von dem guten, hier herrschenden Ordensgeiste liegt gewiß darin, daß sich Alle, kein einziger ausgenommen, zur Annahme der Reform bereit erklärten. Am 14. besuchte Seine Eminenz jede einzelne Zelle, und nahm hierauf die Visitation der Kirche, des SpitaleS, der Apotheke, deS NoviciateS, der Bibliothek und der Avministrationsbücher für die geistlichen so wie ökonomischen Angelegenheiten vor. Seine Eminenz sprachen sich anerkennend über die allemhalben herrschende gute Ordnung aus. Die Visitation wurde mit einer Sitzung, an welcher der hochwürdige Convisitator, der hochwürdige Herr Provincial und das hochwürdige Definitonum Theil nahm, geschlossen. Seine Eminenz brachte dann bei Tische einen väterlichen Toast auf das Wohl und Gedeihen deS OrdcnS aus, „den er nicht nur vvu Herzen liebgewonnen habe, sondern hochschätze und achte." Der hochwürdigste Convisitator dankte im Namen deS hochwürdigen ConventeS, brachte die herzlichsten und ehrfurchtsvollsten Segenswünsche für daS Wohl Seiner Eminenz und die Versicherung dar, daß Sich Hochvicselben durch Ihre Liebe und väterliche Milde im Herzen jedes Einzelnen ein unvergängliches Denkmal der Dankbarkeil und kindlichsten Ehrfurcht erbaut haben. Nachmittag nahm Seine Eminenz in Begleitung deS hochwürdigsten ConvisitatorS die Visitation im ReconvaleScentenhauö auf der Landstraße vor, wo ebenfalls alles in gedeihlicher Ordnung befunden wurde. (Oesterr. Volksfr.) Pilgerreise in das heilige Land. Dem Denkenden wird cö bereits klar seyn: das heilige Land hat, wahrend die Einen im Materialismus schlummerten, die Andern vor Angst bebten vor der Zukunft, eine Idee ing Leben geworfen, die eine neue Karte von Europa und allen Künsteleien der Politiker zum Trotz neue sociale und kirchliche Verhältnisse schaffen wird. Wie dieß Alles enden wird in der nächsten Generation, wir wissen eS nicht. Die Katholiken können nur hoffen uud beten. — Das katholische Frankreich, neuerdings in so vielen glänzenden Beispielen vorangegangen,-hat auch die katholische Idee der Pilgerreise in das heilige Land wieder ausgegriffen und mittelst geschickter Benutzung der reichen Hilssmiltel der Zeit thatsächlich gezeigt, daß eine solche Reise, wenn auch nimmer leicht und einem "iiuiu clu plsisir vergleichbar, doch nicht unmöglich, ja nicht einmal so gar schwierig. Ich erlaube mir nun hiermit, sowohl als Mitglied jener Gesellschaften, als in besonderm Auftrage, nachstehende Bemerkungen: 1. Es wird eine Sache des deutschen Vaterlandes wie der katholischen Kirche im Morgenlande seyn, daß die Katholiken Deutschlands den französischen nicht nachstehen an Wärme und Theilnahme für das heilige Laus. 2. Für die Deutschen, welche etwa vom frommen Eifer getrieben werden und in der Lage sind, das Vaterland des göttlichen Heilandes zu sehen, das Land so vieler Wunder und Gnaden zu besuchen, kann ich die erfreuliche Mittheilung machen, daß bereits in Jerusalem solche Einleitungen getroffen sind, wonach im nächsten Frühjahr die österreichische Regierung daselbst ein eigenes, mit den erforderlichen Räumlichkeiten versehenes Hospiz zur Verpflegung der deutschen Gäste stellen wird. 3. Das österreichische Consnlat wird mit der österreichischen Lloydgesellschaft in Verbindung treten und Alles aufbieten, um für die Seereise jene Erleich- 214 terung von 5V "/„ Rabatt zn verschaffen, wie dieß bereits von Seiten der Administration deS französischen Seedienstes in dem gleichen Falle gewährt worden. ^. ES wird aber znr fernern Organisirung jener Angelegenheit nothwendig seyn, daß sich bei der nächsten Versammlung der katholischen Vereine Deutschlands, in Köln sowohl als in Wien, ein eigenes Comite bilde, welches diese Angelegenheit als eine katholische in die Hand nimmt und derartige Anordnung treffe, daß die Pilger bei einem etwaigen dreißigtägigen Aufenthalte im heiligen Lande alle heiligen Orte und historisch merkwürdige Stelleu im heiligen Lande in aller Andacht, Ruhe und Sicherheit, ja selbst bei der Rückkehr Rom, um den mäßigen Preis (erster Classe) von fünfzig Thalern, (zweiter) vierhundert Thalern besuchen köuueu. Die Franzosen haben bereits bei wiederholten Versuchen bewiesen, daß dieß möglich ist. Nach den in Jerusalem auf dem Patriarchate getroffenen Vereinbarungen sollen jene Pilgerreisen dreimal im Jahre künstig stattfinden, nämlich im Frühjahre zur Fcier des Osterfestes, im Herbste zur Feier der Kreuzauffindung und im Winter zur Verherrlichung des GeburtSfesteS des Herrn. Es würden durch diese Auordnuug nicht bloß wiederholte Gelegenheiten gegeben zu jener so heilsamen und herzstärkenden Reise, sondern auch Uebelstände vermieden, die sich bei einer größern Anzahl von Reisenden nothwendig einstellen möchten. Sollten vor der Hand einige meiner verehrten LandS- leute seyn, welche das heilige Land schon im Spätsommer »u besuchen wünschen und zwar unter so günstigen Bedingungen, so würden sie wohl lhnn, sich zeitig mit mir in Verbindung zu setzen, damit sie bei dem Pariser Comitö eingetragen werden. Da man sich, wie es in der Natur der Verhältnisse liegt, nur auf eine bestimmte Zahl einlassen kann, so dürsten leicht Verspätungen den Ausschluß bewirken. Für Diejeni- gen aber, welche es vorziehen, mit nächstem Frühjahre mir den Deutschen zu reisen, und weil eine derartige Reise doch immer viel Vorbereitungen erfordert, bemerke ich, daß sie wohl thun, sich während der Zeit mit einer genauen Topographie des heiligen Landes bekannt zu macheu, wozu wohl zwei Bücher, nämlich das alte Werk von Guaresimus 'I'orrs ssnets und das neuere von Mislin „die heiligen Stätten" am geeignetsten sind. Nach dem französischen Programm betragen die etwa ans zwei Monate berechneten Reisekosten vom Orte der Abfahrt (Marseille) erster Classe zwölfhuudcrt, zweiter Classe tausend und dritter Classe etwa achthundert Franken. Für diejenigen, welche auf dem Rückwege Rom, Constantinopel, Griechenland sehen wollen, ist nur ein ganz unbedeutendes Geldopfer erforderlich. Da mitunter Handwerker, ja auch wohl andere Leute ohne alle Mitte! u.tch Jerusalem reisen, so bin ich im Namen der Väter des heiligen Landes und insbesondere auch deS deutschen Beichtvaters in Jerusalem beaufiragl zu warnen: 1. Daß eS Niemand ohne das erforderliche Reisegeld von wenigstens hundert Thalern versuchen möge, die unter solchen Umständen mit großen Gefahren Leibes und der Seele verbundene Reise anzutreten. 2. Da die Pässe und sonstige Umstände nicht immer die gehörigen Aufschlüsse geben, ob die Personen, die sich als Katholiken in Jerusalem melden, mich wirklich Katholiken sind, so wird eS durchaus erforderlich seyn, daß jeder Pilger ein Zeugniß von seinem Ortöpfarrer mitbringe, der in solchem Falle noch überdieß Zeit und Gelegenheit findet, mit Rath und That an die Hand zu gehen, damit die Reise wirk ich jene geistigen Vortheile bringe, die sie mit gehöriger Vorbereitung und dem gehörigen Sinne angetreten, im nothwendigen Gefolge hat. Pilger, welche ohne eine solche Bürgschaft nach Jerusalem kämen, würden zwar an der Gastfreundschaft der Brüder des heiligen Franz nicht leiden, aber da man hier so manche betrübte Erfahrung gemacht, das Unglück habeu, nicht zu den Sacramenten zugelassen zu werden; Pilger aber, welche ohne daS erforderliche Reisegeld abgehen, in Gefahr kommen, 215 den Herrn in Versuchung zu sehen, oder in Noth daS Köstlichste, was sie besitzen, um schnödes Geld zn verkaufen. Ich hoffe daher mit jener Bekanntmachung Niemanden zur Unbesonnenheit zu verleiten, sondern habe einzig die Absicht, denjenigen, welche Willens sind und in der Lage, eine so heilsame Reise zu machen, mit den erforderlichen Daten an die Hand zu gehen und allen Denjenigen, welche das große Werk mit der gehörigen Ueberlegung und den nothwendigen Mitteln unternehmen wollen, sowohl als dem deutschen Vaterlande und der katholischen Kirche einen Dienst zu leisten. Denn die Folgen werden eS zeigen: die sogenannte orientalische Frage ist nicht weniger eine deutsche als eine katholische, und der Besuch der heiligen Stätten ist nicht bloß eine Herzstärkung, sondern auch eine Aufklärung über manche obschwebende Frage des äußern wie deS innern Lebens deS Vaterlandes. Rheindorf, den 8. Juni 1354. Prisac, Pfarrer und Mitglied des Ritterordens vom hl. Grabe. Randglossen. Bekanntlich war eS sonst Tactik der akatholischen Schriftsteller, die Leistungen von Katholiken auf dem Gebiete der Literatur und Kunst, wenn es irgend anging, völlig zu ignoriren. Da diese Waffe deS „Totschweigens" nachgerade stumpf geworden uns der Katholicismus sich durchaus nicht als die „morsche Ruine" erweisen will, von der man geträumt hatte, im Gegentheil überall ein frisches Leben entfaltet, dessen Blüthen und Blumen man sogar künstlicher Nachahmung unter fremder Firma würdigt, so ist die akatholische Literatur und Journalistik auf eine andere Practik verfallen und ignorirt katholische Leistungen zwar nicht mehr ganz, recensirt sie aber so abfällig und abgeschmackt, daß dem nicht bereits besser informirten Leser die Lust vergeht, sich um daö Buch weiter zu bekümmern. So ergehl es nun auch Ernst von Lasautr, dessen neueste Schrift „der Untergang deö HellenenthnmS", gediegen wie Alles, waS bisher noch von diesem geistreichsten aller uns bekannten lebenden Philologen ausgegangen, nur eine ganz kurze und äußerst trockene Besprechung in demselben kritischen Institute erfahren hat, so zwar, daß man dem Schreiber recht anmerkt, wie ihm nur darum zu thun sey, das katholische Kindlein wie einen mißgestalteten Wechselbalg aus dem Prokrustesbette der hausbackenen Brockhausischen Kritik zu Tode zu renken. Ist dagegen der betreffende Autor bereits eine anerkannte, aller Verballhornung entwachsene Autorität, ein berühmter Name, dessen Verdienst anzuerkennen und zu rühmen man nicht umhin kann, so verschweigt man, daß er Katholik oder wenigstens, daß er Priester gewesen. So ist eS wohl nicht blos zufällig, daß in den „Briefen über Ä. v. Humboldt's KoSmoS" II. S. 384. von KopernikuS nicht erwähnt wird, daß er Domherr in Frauen bürg gewesen, überhaupt über sein Leben fast gar nichts mitgetheilt wird, während unmittelbar darauf KcpplerS Lebensumstände bis ins kleinste Detail ansgeführt werden. ES hätte sich freilich sonst schwerlich anbringen lassen, .,daß mit der Volljährigkeit deS Erzherzogs Ferdinand die Verfolgung der Protestanten in Steiermark begann und Keppler davon mitbetroffen wurde." Ooer hat etwa der scharfsinnige Begründer eines neuen Weltsystems, welcher den Muth hatte, die Schranken der bisherigen Denkweise zu erweitern und einem durch lange Jahrhunderte befestigten Irrthume entgegenzutreten, welcher dergestalt in die allgemeine Vor- stellungSweise verwachsen war, daß Melanchthon an einen Freund schrieb, man müsse die Obrigkeiten bewegen, „eine so böse und gottlose Meinung mit allen ihr zu Gebote siebenden Mitteln zu unterdrücken" — hat, sage ich, der unsterbliche Entdecker uuserS Sonnensystems weniger Anspruch auf unser Interesse als derjenige, der auf seine Schultern tretend das von ihm begründete System nur weiter ausbildete? Ach nein! Ein katholischer Domherr als Begründer deS neuen Weltsystems verstieß zu sehr gegen gewisse traditionelle Vorurtheile vom protestantischen Alleinbesitze 216 der Wissenschaft, als daß es gerathen erschien, irgend eine Andeutung darüber zu geben, wer Kopernikus eigentlich gewesen! Was sich doch große Geister bisweilen für kleinlichen Kummer machen! Biot und Laplace suchten auS Aerger darüber, daß Newton in seinem Alter theologische Untersuchungen über die Offenbarung Johannis und die Weissagungen im Propheten Daniel anstellte, zu beweisen, daß Newton seinen Verstand nie völlig wiederbekommen habe, seit er einmal auf kurze Zeit in momentane Geistesverwirrung verfallen, weil sein Hündchen in seiner Abwesenheit die brennende Kerze aus seinem Studirtische umgeworfen und ein großes Werk über Optik, die Frucht mehrjährigen Fleißes, ein Raub der Flammen geworden war: und ein Briefsteller über den „Kosmos" empfindet einen in der That unkoSmischen geheimen Neid darüber, daß Nikolaus Kopernikus uicht nur Katholik, sondern wirklicher residirender Domherr zu Frauenburg gewesen! Eben so ungenau mindestens drücken sich die „Briefe" (II. S. 211) über Friedrich von Spee auS: „Einen Gegensatz zu (Paul) Gerhard, trotz der mannigfachen Verwandtschaft mit ihm, bildet Friedrich v. Spee. Dieser ist eifriger Katholik (allerdings, er war sogar Priester, auS der Gesellschaft Jesu!); die Innigkeit deS religiösen Gefühls, wie den lebendigen Ausdruck desselben theilt er mit Gerhard; allein seine Dichtungen athmen statt der protestantischen Einfachheit eine schwärmerische Mystik (davon hat sich die „protestantische Einfachheit" freilich gründlich rein gehalten!)." Daß Friedrich von Spee außerdem der Erste gewesen, der gegen das Unwesen und die Grausamkeit der Herenprocesse auftrat, wiederum ein Verdienst, daS unstreitig noch größer war als sein dichterisches, bleibt unerwähnt. Man wende uns nicht ein, daß dieß als nicht zur Sache gehörig übergangen worden, vielmehr gehörte es recht eigentlich in eine Betrachtung, welche vorzugsweise das praktische Verhalten deS Menschen zur Natur erörtert. Diese Verirrung der Herenprocesse war aus grober, der Verachtung der heidnischen Literatur der Griechen und Römer entsprungener Unkenntniß der Natur und ihrer Gesetze entstanden. Friedrich von Spee'S Auftreten gegen dieselben, zunächst veranlaßt durch die ihr ganzes Innere enthüllenden Bekenntnisse der unglücklichen Schlachtopser im Beichtstühle, beruhte auf einer gründlicheren Menschenkenntniß und einer aufdämmernden richtigen Ahnung von dem Verhältnisse des Menschen zu der Natur und ihren Kräften. Das hat der Verfasser auch recht wohl gewußt, aber seine Vorurtheile, seine Parteilichkeit gegen katholisches Verdienst lassen ihn, sey es nun bewußt oder unbewußt, zu einer unbefangenen und vollständigen Würdigung diesseitiger Leistungen nicht gelangen! T e l g t e. Das Jubiläum wird in diesem Jahre wie vor hundert Jahren am Tage vor Maria Heimsuchung, Nachmittags vier Uhr, wo das Gnadenbild auS der Capelle in Procession um den Kirchhof in die Kirche getragen wird, mit der Vesper beginnen und vierzehn Tage bis zum zweiten Sonntag nach Maria Heimsuchung dauern. Seine Heiligkeit, Papst Piuö IX., haben dazu den Jubiläums-Ablaß verliehen. Täglich wird vom frühen Morgen an die Andacht beginnen. Eine hinreichende Anzahl Geistliche, sowohl Welt- als Ordenögeistlichc, werden die nöthigen Funktionen im Beichtstuhl, CvmmnnionanStheilen, heilige Messe lesen, Predigten zc. besorgen. Die nähern Bestimmungen hierüber wird der hochwürdigste Bischof Müller, der die ganze Anordnung übernommen hat, besorgen. Kirche und Capelle werden besonders ausgeschmückt, ganz besonders die Capelle, woran schon über ein Jahr gearbeitet wird. Im Innern wird dieselbe mit herrlichen Fresco-Gemälden und Vergoldungen durch Herrn Maler Büchtemann aus Münster geschmückt, und zwar so schön, daß gewiß in Westfalen keine zweite solche zu finden ist. Auch von Seiten der Stadt wird alles cmfgeboien, um sowohl die Processionen, als auch die einzelnen Pilger ehrenvoll zu empfangen. Verantwortlicher Redacteur: ? Schönche» Verlags-Inhaber: F. C. Krcmer, Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. 9. Juli ^V>- 28. 1854. Diese« Blatt erscheint regelmäßig alle Gountage. Der halbjährige Abouuementsprei« 5«> lr>, wofür e« durch alle kom'gl. bayer, Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kaun. Die Adressen der katholischen Welt an den hochwürdigften Herrn Erzbischof von Freiburg. Mit dem jetzt erschienenen vierten Hefte liegen so ziemlich alle bisher an den Hochwürdigsien Herrn Erzbischof von Freiburg ans allen Theilen des Erdkreises eingegangenen Adressen vor und constituiren den vollkommensten moralischen Beweis, daß die ganze Kirche die Grundsätze des heldenmüthigen Vertheidigers der kirchlichen Freiheit und Selbststäudigkeit theilt und sein Verfahren billigt. Dieses ist aber ein herrliches Zeugniß eineötheilS für die Sache des hoch- würdigsten Erzbischoss und anderntheils für die Lebendigkeit und Entschiedenheit deS kirchlichen Geistes, welcher in unserer Zeit die gesammte Kirche und vor Allem ihren Episkopat durchdringt. Wie unaussprechlich klein und kläglich erscheint dem gegenüber daS Toben deS abgestorbenen StaatSkirchenthumS und der Wind und Staub nicht sowohl des Zeit-, als vielmehr deS Zeitungsgeistes. , UebrigenS gewann gerade jetzt, wo man wagt, den Erzbischof der Rebellion nnd deS Bruches des Unterthaneneides um deßwillen zu zeihen, weil er eben jene Grundsätze ausübt, denen der ganze katholische Erdkreis seine Zustimmung ertheilt hat, jenes Zeugniß eine noch erhöhte Bedeutung, und werden die Adressen, wenn sie nicht an sich schon durch Geist und Inhalt eine der interessantesten Erscheinungen der Zeit wären, das wichtigste kirchliche Document der Gegenwart. Um zu sehen, welches die moralische Macht sey, gegen welche die badische Beamtenschaft den Kampf aufgenommen, bedenke man, daß in diesen vier Heften der Anösprnch von nicht weniger als 169 Bischöfen und Erzbischöfen vorliegt, darunter fast alle Bischöfe gerade der zunächstliegenden und wichtigsten Länder: Deutschlands und Oesterreichs, Frankreichs, Großbritanniens, Sardiniens und der Schweiz, während bei entfernteren Ländern offenbar nur die Raumentfernung schuld ist, daß nicht auch bereits sie in die Reihe eingetreten sind; jedoch sind bereilS einzelne Adressen, von Bischöfen, nicht bloß aus Spanien und Griechenland, sondern ans Amerika und Indien eingegangen. Es wäre genug an den bischöflichen Adressen, weil die Priester und daS gläubige Volk nothwendig mit ihrem Bischöfe zusammenstimme». Dennoch ist cS erbauend und lehrreich für die Feinde der Kirche, wie viele Körperschaften von Geistlichen und Laien sich dem Beispiele der Bischöfe angeschlossen haben, wie dieß die vo^ir solchen ausgegangenen 133 weiteren Adressen zeigen. Besonders interessant ist, wie zahlreich und mit welcher Begeisterung und Entschiedenheit gerade der deutsche Klerus sich-ausgesprochen hat, die 94 Collectivadressen von Stadt- und Landcapiteln und den GestGmcheiten der Geistlichen ganzer Landschaften gehören fast alle Deutschland an. (KathM.) 218 Der Prinz Gemahl in England als Theologe. In England besteht der Verein, der sich die Unterstützung dürstiger anglikanischer Geistlichen und ihrer Wittwen und Waisen zur Aufgabe gesetzt hat. Er heißt der Verein der „Söhne von Geistlichen" und zählt die angesehensten Männer des Landes zu seinen Mitgliedern oder Gönnern. Im Mai feierte der Verein sein 200- jährigeS Jubiläum, Morgens durch einen feierlichen Gottesdienst in St. Paul, wobei der Erzbischof von Canterbury predigte, daraus durch ein Diner von 45() Gedecken unter dem Vorsitze deS Lord-Mayorö von London. Der erste Toast war: „Die Kirche und die Königin"; den zweiten: „Prinz Albert, der Prinz von Wales und die übrige königliche Familie", beantwortete Prinz Albert, der zur Rechten deS Lord-Mayors saß, unter großem Beifall, wie folgt: „Ich bin in der That sehr erfreut darüber, ein Zeuge dieses LVVjährigen Jubiläums gewesen zu seyn, da dasselbe beweist, daß das Volk dieses Landes die früher begonnenen Unternehmungen nicht aufgibt, und den Geist, welcher seine Väter beseelt hat, nicht verläßt. Als unsere Vorsahren den christlichen Glauben reinigten und das Joch einer tyrannischen Priesterschaft abwarfen, da erkannten sie, daß der Schlußstein deS wunderbaren Baues, der sich in den finstern Jahrhunderten deS Mittelalters erhoben hatte, die Ehelosigkeit der Geistlichen sey; sie sahen wohl vorher, daß ihr reformirter Glaube und die neu gewonnene religiöse Freiheit nur sicher seyn würde in den Händen einer Geistlichkeit, welche durch alle Sympathien — nationale, persönliche und häusliche — mit dem Volke verbunden wäre. Meine Herren! Unsere Nation hat seit dreihundert Jahren daS Glück einer auf dieser Grundlage ruhenden kirchlichen Institution genossen, und kann nicht dankbar genug seyn sür die Vortheile, welche daraus erwachse», daß die christlichen Prediger nicht allein die Lehren des Christenthums predigen, sondern in ihren Gemeinden leben als Muster in der Erfüllung aller christlichen Pflichten, als Gatten, Väter und Familienhänpter, selbst fähig, die ganze Tiefe der menschlichen Gefühle, Wünsche und Sorgen zu ergründen. Indem wir dankbar anerkennen müssen, daß sie im Ganzen diese hohe und schwierige Aufgabe würdig gelöst haben, müssen wir bedenken, daß wir ihnen nicht die gleiche Theilnahme an einer der Bestrebungen des Lebens gestatten, an der, welche unter den Kindern dieser Welt vielleicht die stärkste ist, an dem Streben, die Güter dieser Welt zu erwerben und zu vermehren. Die Benennung „ein geldmachendcr Pfaff" ist die größte Schmach für einen Geistlichen und beraubt ihn jedes Einflusses auf seine Gemeinde. Und doch hat der Mann, der die den Meisten von uns gestatteten Minel, Reichthum zu erwerben, nicht anwenden darf, und der oft nnr ein spärliches Einkommen hat, — er hat Frau und Kinder, wie wir, und wir wünschen, daß er für ihr Wohlergehen eben so besorgt ist, wie wir für das der Unseligen. Sind wir nun nicht verpflichtet, ihn vor Sorge und seine Kinder vor Armuth zu schützen, wenn es dem Allmächtigen gefällt, ihn von dem Schauplätze seiner Arbeiten zu entfernen? Sie haben diese Frage heute durch Ihre Anwesenheit mit Ja beantwortet, und wiewohl dieser Verein materiell nur wenig leistet, so ist er doch in moralischer Hinsicht eine öffentliche Anerkennung d?r Ansprüche, welche die „Söhne der Geistlichen" auf die Sympathie und Freigebigkeit des Publi- cums haben, und als solche ist er von dem größten Werthe. Möge der Verein noch weitere Hunderte von Jahren bestehen, als Band der Einheit zwischen Geistlichen und Laien, und möchte er bei jedem hundertjährigen Jubiläum die Nation weiter fortgeschritten finden in Glück, Civilisation und Frömmigkeit!^ „Ein Katholik" schreibt über diese Rede im „Tablet": Die Erfahrung hat uns längst gelehrt, daß die Toast-Beredtsamkeit der beiden Londoner Bankette eine wenn nicht narkotische, doch antipapistische Tendenz hat. Es ist Ihren Lesern noch wohl erinnerlich, wie bei einer gewissen denkwürdigen Gelegenheil die ehrwürdigen Wächter des Gesetzes nnter dem berauschenden Einflnsse von Schildkrötensuppe und Zubehör mit einander in Ausdrücken protestantischer Sentimentalität wetteiferten. Man hielt xs in der That allgemein für nicht sehr schicklich, daß der, welcher die Waage der 219 Gerechtigkeit in der Hand hielt, Vorurtheile und Bitterkeit gegen irgend eine Classe von Unterthanen an den Tag legte, welche das Recht hat, bei ihm Gerechtigkeit zn suchen, nach dieser Scene aber wohl nicht mehr hoffen darf, sie zu finden. — Nun scheint mir, der Vertreter einer andern und noch höheren Art der Gerechtigkeit sollte stets mit gleicher Zurückhaltung reden und nichc öffentlich confessiouelle Norurtheile an den Tag legen, welche viele Unterthanen kränken müssen. Die Gerechtigkeit der Regierung ist für die Unterthanen noch wichtiger, als die Gerechtigkeit der Gerichte; Billigkeit verlangen wir von dem Scepter noch mehr, als von dem Stäbe des Richters. Wir haben nun zwar eine Fürstin, welche nicht nur „die Majestät, welche den König nmzäumt", sondern dazu noch ihr Geschlecht hindert, sich anders öffentlich auSzusprechen, als in einer von verantwortlichen Ministern verfaßten Rede. Aber ihr Gemahl ist nicht durch solche Rücksichten beengt, und weun auch nicht neulich im Parlamente erklärt wäre, unter königlichen Gatten finde ein eben so freier Gedanken- Austausch statt, wie in andern Familien, so würde man doch glauben, daß wenn der Prinz-Gemahl offen und unzweideutig in einer öffentlichen Versammlung einen Grundsatz oder eine Ansicht ausspricht, dieß eiue populäre und nicht vsficielle Aeußerung der Grundsätze und Ansichten einer noch höher stehenden Person ist, deren Gesinnung keinem ihrer Unterthanen glcichgiltig seyn kann. Darum erwartet man natürlich, daß daS erwähnte erlauchte Individuum in öffentlichen Reden sehr vorsichtig ist; nnd weun eS die Zurückhaltung nicht beobachtet, so schließt man, daß dieß absichtlich geschehen ist. Daß Jemand, der sein irdisches Glück einer Heirath verdankt, den ehelichen Stand für besser hält und in dieser Hinsicht anderer Ansicht ist, als der Apostel, in dessen Kirche (St. Paul) das Fest der Söhne der Geistlichen gefeiert ward, — wundert mich gar nicht; aber, daß der Prinz ein solches Gemisch von schlechter Theologie und schlechter Politik zn Tage förderte, hat mich gewundert, da man sonst an ihm den besondern Tact rühmt, der für ihn in seiner Stellung nöthig ist. Der Satz ist ganz richtig, daß der Protestantismus schon in seiner Kindheit erkannte, daß für ihn nur eine verheirathcte Geistlichkeit passe; ich glaube aber, einige von den hochwürdigen Zuhörern deö Prinzen werden roth geworden seyn oder gelacht haben, als sie den Schluß ziehen mußten, wie der Cölibat der Schlußstein des wuuderbaren Baues gewesen, „der sich in den finstern Jahrhunderten deS MittelalterS erhob", so sey der Schlußstein des nationalen Baues, der in den erleuchteten Zeiten späterer Jahrhunderte zusammenbröckelt, nicht Reinheit der Lehre, nicht apostolische Succession, nicht Dibellcsen, nicht der Schutz des Staates, nicht Heiligkeit des Lebens, sondern — daS Freien und Freieulassen, die Fortsetzung deS stereotypen Lebens der vorsünd- fluchlichcu Patriarchen und die Sorge, statt heiliger Schüler, wie sie ein FranciScnS und Domim'cuS hinterließen, viele „Söhne der Geistlichen" zn hinterlassen, für die in St. Panl gesungen und in der City-Halle von Aldermen und Bischöfen dim'rt und loastirt wird. — Ich glaube weiter, daS Gewissen einiger Pluralisten und anderer Herren muß für den Augenblick nnrubig geworden seyn, als ihnen von einer so hohen Person ganz ernsthaft versichert wurde, eine charakteristische Eigenschaft der reformirten, d. h. vcrheiratheten Geistlichkeit sey die Armuth. Aber der unziemlichste Theil der Rede ist offenbar der Satz, worin die katholische Geistlichkeit im Allgemeinen als „tyrannische Priesterschaft" bezeichnet wird. Ist daS Papstthum gemeint, — an dieses glauben nnd ihm gehorchen die irischen Geistlichen und acht Millionen Unterthanen Ihrer Majestät, so wie diejenigen, deren Bündniß England jetzt sucht nnd die Priester, welche auf dem Schlachtfelde eben so gut neben unsern Soldaten knieen werden, wie neben den ihrer Nation. Und warum müssen nun alle Katholiken, in England, Irland nnd Frankreich, ihre Priester öffentlich von Jemand schmähen hören, dessen Worte wir als Ausdruck der Gesinnung derjenigen ansehen, für welche wir jetzt Blut und Leben opfern sollen. Ist das klug oder politisch oder gerecht oder edel? Möge er, der königliche Redner nur hingehen, und vor den armen Burschen diese Ansichten auSsprechen, welche in die Reihen der Armee eintreten, in welcher er Feldmarschall ist. Möge er noch einmal nach Irland kommen und sich nochmals mit dem herzlichen Hurraruf 220 begrüßen lassen, wie er ihn von den kalten Schotten und den geizigen Sachsen nie zu hören bekommt; möge er dem guten Volke danken, dessen Kinder ihr Leben, ja beinahe ihre Seele für den Thron in Gefahr setzen — viertausend sind ihrer a» Bord der Schiffe, wo ihre Religion geächtet ist — und die Jrländer belehren, daß sie noch die wunderliche Operation der „Reinigung" nicht der Kirche, sondern „deS christlichen Glaubens" durchzumachen haben, und daß die Geistlichen, welche mit ihnen Hunger, Pest und Armuth getheilt haben, eine „tyrannische Pricsterschaft" sind. Ich achte den Prinz-Gemahl zu sehr, um nicht zu wünschen, er möge sich davor hüten, in einer so zarten Frage, wie die Religion ist, ein Parteimann zu werden. DaS Parlament beschäftigt sich mit einer Bill gegen das klösterliche, d. h. das ehelose Leben; wahnwitzige Mitglieder halten schmutzige Reden darüber und Meetings und Zeitungen sind voll elender Schmähungen: unter solchen Reden muß eine eigene Rede gegen den Colibat der Geistlichen, mit andern Worten gegen die kathoiischen Geistlichen sehl unziemlich erscheinen im Munde dessen, der dem Throne zunächst steht, und man könnte leicht ans den Gedanken kommen, sie solle eine absichtliche Kundgebung deS Wunsches einer höher stehenden Person in Bezug auf eine Bill seyn, die wir Katholiken für eine Rechtskränkung halten. Prinz Albert mag sich in Krystallpa!ästcn bewege», so viel er Lust hat, er thut aber nicht wohl daran, in ein gläsernes HauS z gehen und von da aus Steine zu werfen, die man zurückwerfen könnte. (V. H.) Eine Parallele. Bei der Betrachtung all' der Bedrückungen, welche die katholische Kirche von Seite mißtrauischer Regierungen unter dem Vorgeben der Wahrung von HoheitSrech- ten und der Sicherstellung vor etwaigen Gefahren zu erdulden hat, ist uns stets ein Gedanke vor die Seele getreten, den wir hier kurz aussprechen wollen, nämlich der Vergleich zwischen der Stellung der katholischen Kirche und dem deS Freimaurerordens in Deutschland. Die katholische Kirche besteht in Deutschland seit den Anfängen des Christen. thumS und seit mehr als tausend Jahren mit allen Garantien des Staats- und Völkerrechtes, — das Freimaurerthnm besteht seit dem Anfang deS vorigen Jahrhunderts, ohne vou irgend einem Staate gesetzlich anerkannt zu seyn. Die katholische Kirche ist wie eine Stadt hoch auf dem Berge, in dem Angesicht aller Völker, offen und unverdeckt, — daS Freimaurerthnm ist eine geheime Gesellschaft, die sich über die Welt, oder vielmehr unter der Welt verbreitet, mit unbekannten, gcheimnißvollen Grundsätzen und Mitgliedern, in einer Zeit, wo eben die geheimen Gesellschaften die Ordnung aller Staaten zu vernichten drohen. Die katholische Kirche ist ein Verein aller Völker, ohne Unterschied des Standes und der Stellung, ein Band, daS Fürst und Unterthanen, Hohe und Niedere, Reiche und Arme, Gelehrte und Unwissende umschließt, — d.iS Frcimaurerthum ist eine vom armen, niederen, unwissenden Volke getrennte Kaste von Beamten, reichen Kaufleuten, Vornehmen, Vielvermögendcn, sogenannten Gebildeten. Die katholische Kirche hat ein sichtbares Oberhaupt, mit bestimmter Gewalt, uud sie wird deßhalb gescheuet, als gefährlich beargwohnt, unter besondere Aufsicht gestellt, — daö Freimaurerthnm hat ein uubekminteS, unsichtbares Oberhaupt, nu't unbekannter Gewalt, und ist ohne Aufsicht, ohne Controlc, ohne für gefährlich gehalten zu werden. Die katholische Kirche fordert das Recht der Prüfung, der Anstellung, der Ausbildung ihrer Priester, und eS wird ihr im Namen der Lan- deShoheitörechte verweigert — daS Freimaurerthum prüft, bildet, stellt an seine geheimen Beamten, und daS ist nicht gegen die unveräußerlichen HoheilSrechte der Fürsten. Die katholische Kirche fordert das Recht, untreue Priester abzusetzen, ungehorsame Mitglieder auSzustoßen, und eS wird ihr verweigert im Namen landesherrlicher Rechte — daö Freimanrerthum hat ein geheimes, unheimliches, daS Licht scheuendes Gericht der unbeschränktesten Art über seine Würdenträger uud Mitglieder, und das verstößt 22t nicht gegen landesherrliche Rechte. Die katholische Kirche, die alte Lehrerin der Völker, die Gründerin fast aller Schulen nnd BildungSanstalten, fordert daS Recht, die katholischen Kinder kaihvlischcr Eltern ln katholischen Schulen bilden und erziehen zu dürfen, und es wird ihr abgeschlagen im Namen unveräußerlicher Hoheitsrechte — das Frcimaurerthum drängt sich Vagegen in alle Stellen, ans alle Lehrstühlc, macht die äußerlich und gesetzlich bestehende Gleichberechtigung bei Stelleu und Aemtern durch geheime Verbindung zur Unwahrheit, beherrscht unzählige Schulen, in denen nun die katholischen Kinder der arglosen katholischen Eltern nach geheimen Grundsätzen dieser Kaste der Aufgeklärten erzogen werden, nnd daS ist mit Nichten gegen die Rechte der Landeshoheit. Die katholische Kirche fordert d,iS Recht der Verwaltung ihres Vermögens und daS ist unzuläßi'g, weil gegen LandeShoheitSrechte — daS Frcimaurerthum verwaltet ein ungeheures Vcrmögeu und verwendet eS zu geheimen Zwecken, rmd daS verletzt jene Rechte nicht. So steht die katholische Kirche in Deutschland da, von der man doch weiß, daß sie den Glauben an den Sohn Gottes, Jesus Christus, bekennt, — so dagegen daS Freimaurcrthum, von dem es doch mindestens noch sehr zweifelhaft ist, ob cö sich (wir reden hier naturlich nicht von einzelnen Mitgliedern) mir dem Glauben an den Sohn GottcS vereinigen läßt. Und, was diesen Gegenstand noch mehr beleuchtet, dieselben Menschen, die als Freimaurer alle diese Rechte selbst ausüben, ohne über Verletzung der HoheitSrechtc sich zn beunruhigen, sie sind cS eben in der Regel, die als Beamte und Unterbeamte der Kirche Christi im Namen der Hohcilsrcchte diese Rechte bestreiken, um danu in demselben Namen auch die Kirche Christi zu regieren. Das ist eS ja, was in der That stattfindet, wenn die Bischöfe der katholischen Kirche selbst ihre Rechte nicht mehr üben können, dann leiten sie in ihren geheimen Versammlungen ihren Orden, und zugleich als Beamte, statt der Bischöfe, die katholische Kirche. (Katholik.) Zur Kirchengeschichte Bosniens. Aus Slavonien, 20. Juni, In neuester Zeit haben sich die kirchlichen Verhältnisse in Bosnien etwas günstiger gestaltet. Unter der Regierung des Sultans Abdul Medjid Chan erfreuen sich die Bosnier einer größer» Freiheit, welche die Franciöcaner-Väter zur Erbauung neuer Kirchen benützeu. Dem Pater Provincial Andreas Kujuncic gelang cS bei seiner Umsicht und Klugheit, die Erlaubniß zum Ban von vier nenen Kirchen sammt Klöstern zu erhalten. Bei den beschränkten Gclvmittcln löuncn jedoch die Väter nur einige sehr kleine Kirchen und Schulen errichten. Die erste Volksschule verdankt ihr Entstehen dem verstorbenen EliaS Starcevic. Im Jahre 1828 ließ das Defimtorium mehrere Schulen errichten, so daß gegenwärtig in Travnik, Varcar, Foinica, KreScvo, Livna und Ultra Schulen, die von Kindern beiderlei Geschlechtes sehr eifrig besucht werden, bestehen. Wo die Bevölkerung gemischt ist, besuchen auch schismatische Kinder, zwanzig bis fünfzig an der Zahl, diese katholischen Schulen. Doch wegen Mangels an hinreichenden FvndS und tauglichen Lehrern, wc.ien Unmöglichkeit der Erhaltung der Schulgebäude mußten neuestenS die kaum ins Leben getretenen Unterrichts - Localc geschlossen werden. Die Lehrer waren ausschließlich Capläne, die sich nur zu jener Zeit dem Unterrichte widmen konnten, die ihnen von ihrem BerufSgeschäsle in der Seelsorge, übrig blieb, Schulbücher gab eS gar keine. In dieser betrübenden Lage fügte eS die Vorsehung, daß Se, k. k. apostolische Majestät Franz Joseph zur Gründung der Volksschulen in Bosnien jährlich 1000 fl. C.M. zn bewilligen geruhte, und die eiste Hälfte des Jahres 1854 vorhinein bereits aller- gnädigst übersandte. Zur Aufführung neuer Kirchen und Klöster war aber die Bewilligung deS apostolischen Stuhles und deS FranciScaner-OrdenSgeneralS nothwendig; und deßwegen haben die im Kapitel zu Suti'Ska am 29. April 1852 versammelten Vorsteher um die 222 Erlaubniß angesucht, die bestehenden vier Residenzen zu wahren Couventcn erheben zu dürfen. Zwar erhoben sich dagegen manche Stimmen, wie in Bosnien, eben so in Rom n»d in Stambul, Aber wie erhebend war die Freude der Väter, als sie am 24. Juni desselben JahrcS die Genehmigung ihrer Bitten vom apostolischen Stuhle erlangten, und von Sr. Heiligkeit in einem eigenen Breve zur Vollendung ihres Vorhabens kräftigst ermuntert wurden. Nun dürfen sie auch in diesen vier Residenzen Novizen anfnehmen, Kleriker erziehen und für das Wohl der Christenheit in ausgedehntcrem Maaße arbeiten. Ein großes Glück war eS, daß zur selben Zeit Kurschid Pascha Vezir in Bosnien wurde, der beste unter allen vorgehenden für die RajahS. Nach angelangter Erlaubniß von Rom versprach der genannte Vezir, die Bitten der Väter in Stambul zu unterstützen; alsogleich wurde von allen Seiten an der Herbeischaffung deS nöthigen Materials gearbeitet; wo hinreichende Grundstücke nicht vorhanden waren, wurden sie von den Türken mit den Geldmitteln der bereits bestehenden Convente erkauft. Man wählie hierzu die in jeder Hinsicht der Gesundheit zuträglichsten Orte. Obschon nun Alles vorbereitet war, konnte man doch nicht zum Baue schreiten, weil der Ferman von Stambul noch nicht angelangt war. Hier halsen wieder die Bemühungen Sr. Heiligkeil PiuS IX. und die Gesandtschaft Sr. Majestät deS Kaisers von Oesterreich in Koustantinopel, an deren Spitze Graf v. Leiningen stand, so daß das Werk betrieben werden konnte. Die Väter reichten eine neue in türkischer Sprache verfaßte Bittschrift ein, worin sie an sieben ausdrück ich benannten Orten neue Kirchen zu erbauen und die bereits bestehenden vergrößern zu dürfen um Erlaubniß ansuchten. Es wurde von der hohen Pforte Judziner ESref Effendi als kaiserlicher Commissär beordert, besagte Plätze zn besichtigen. Nachdem er innerhalb dreißig Tagen daS aufgetragene Werk beendigt hatte, erschien von Vezir Knrschio die mit dem AmtS- siegel versehene Erlaubniß, ohne allen Anstand, obschon der kaiserliche Ferman noch nicht eingetroffen war, an den bezeichneten Orten die Bauten zu beginnen. Da wurde jedoch die Provinz mitten in ihren Hoffnungen schwer heimgesucht. In Sarajevo, der 80,000 Einwohner zählenden Hauptstadt Bosniens, wo sich zwei Consnlate befinden, war bisher keine katholische Kirche, sondern bloß ein einziges unansehnliches Pfarrhans. Dieß brannte 1852 bis auf den Grund ab. Aber wo die Noth am größten, ist GottcS Hilfe am nächsten. Er erweckte wieder großmüthige Wohlthäter, die das Werk der Väter fördern halfen. Se. Heiligkeit Papst PinS IX. gab 46 5Skudi; Sultan Abdul Medjiv 1364 türkische Groschen; der hochwürdigstc Herr Bischof Stroßmayer 1878 türkische Groschen; Sc. Majestät Franz Joseph 38 Dukaten; die Stadt Agram 84 sl. C.M.; Herr Anton Brauicanic, emerilirtcr CousulatS-Sccrctär, 1000 fl. C.M. Selbst die Türken zeigten eine «»geheuchelte Freude über den Fortschritt der katholischen Religion und leisteten ihnen Beiträge, was sie den Griechen, die ebenfalls Kirchcn zu bauen beginne», nicht thun. Obwohl ihnen der Koran verbietet, die Christen zu unterstützen und ihren Kirchen Almosen zu geben, so lassen sie doch in ihren Wäldern manchen schönen Baum fällen; ja, wo sie näher sind, führen sie denselben sogar an Ort und Stelle. Auch sind katholische Kirchcn frei von jcder Gicbigkcit. Der sehnlichst gewünschte Ferman erschien endlich am Schlüsse des Jahres 1853, welcher alle Bitten der Vater befriedigte. Auch an den Allerhöchsten Hof in Wien wurden zwei Brüder dieser Provinz gesandt, die ehrfurchtsvolle Vilie vorzutragen, daß in der ganzen österreichischen Monarchie Sammlungen sür die Erbauung dieser neuen Kirchen angestellt werden dürften. Die Bitte wurde Allerhöchsten OrtS genehmigt. Besonders wohlthätig in dieser Hinsicht bewies sich bisher der hochwürdigste und hochwürdige KleruS. Auch aus Frankreich traf schon (durch die Vermittlung des General-Konsuls) eine beträchtliche Summe ein. Die Gelder werden dem hochwürdigsten Herrn Bischof von Djakovar, dem Mittler zwischen Oesterreich und Bosnien, eingehändigt. Und so läßt sich mit GottcS allmächtigem Beistand, wenn der Friede nicht ans Europa weicht, eine glückliche Zukunft für daS durch Jahrhun- 223 derte schmachtende Bosnien erwarten. Möge eS bald über ganz Bosnien verbreitet werden das Reich der Wahrheit, daß alle Jene, die in den Finsternissen des Aberglaubens nnd der Liige wandeln, Jesum erkennen und in der wahren Kirche ihr Heil und ihre Seligkeit finde». R o w. Rom, il). Juni. In dem Studium Overbecks ist seit einigen Tagen daS lang erwartete Altarbild für den Kölner Dom z» sehen. Der Künstler arbeitete seit etwa sieben Jahren daran; er hat aber den Grundsatz, seine Gemälde in der Einsamkeit zu behalten, bis sie vollendet sind. Allerdings bleibt so der Geist unbeirrt nnd die Genesis deS Kunstwerkes entwickelt sich still und conseqnent aus ihrer Idee. Der Werth lebendiger Einheit, der dadurch dem Produkte erwächst, ist weit höher anzuschlagen, als die Vermeidung dieser oder jener Controverse, der sich anch der größte Künstler durch die Jsolirung beim Schaffen aussetzt. Diese Bemerkung möchte, wie bei frühern Gemälden Overbecks, so auch bei diesem seinem neueste» ihre Anwendung finden. — Die Tafel hat eine Höhe von beiläufig achtzehn Fuß; schmal und spitz- bogig zeigt sie die Grundform des gothischen Fensters. In der obersten Abiheilnng leuchtet im weißen VerklärungSgewande — aufblickend, ausschwebend, Maria, mit gefalteten Händen in senkrechter, feierlicher Hallung, in ovaler Goldglorie, von Engeln umgeben, welche durch effektvolle Bewegungen die hehre Ruhe der Hi'mmelsköuigiu desto fühlbarer machen und zum Zeichen der SeligkeilSsülle die acht Seligkeiten symbolisch repräsentiren. Die Königin aller Heiligen schwebte schon über die Chöre der Heiligen empor. Diese erscheinen in der Mitte des BildeS, den himmlischen Einzug der lang ersehnte» Gottesmutter verherrlichend. Die Gruppe zur Rechten *) eröffnet Abraham, knieend, das Opfermesser emporhaltend, mit Jubel aufblickend zu Derjenigen, die ihren Sohn in der That als Opfer dahingegeben; neben dem Erzvater der Sohn Jsaak als junger Mann, auffallend durch den Christus-Typus seines KovfeS; hinter ihm Jakob. Adam und Eva beschließen diese Gruppe; Adam, nicht als der ideale Urmeusch, sondern als der begnadigte Vater der Sünde und des TodeS; Eva — mit Rührung emporschauend znr wahren Eva, ein Bezug, den die augenscheinliche Aehnlichkeit deS Gesichtes noch entschiedener bezeichnet. Den Patriarchen gegenüber sehen wir die Gruppe der Propheten: David an ihrer Spitze, neben Abraham knieend, die Saiten rührend, das gekrönte Haupt in Anbetung senkend. Ueber ihn ragt MoseS in hoher Gestalt, hinter beiden kniet JsaiaS in festlichem Kleide; von Ezechiel erscheint der Oberleib, von Daniel das Brustbild mit jugendlichem, in seliger Vision geneigtem, holdseligen Angesichte; mit braunem, ernsten Gesichte blickt am Rande JeremiaS hervor. — Zwischen diesen beiden Gruppe» voll drastischer Wirkung zeigt sich ein Chor von Frauen deS alteu Bundes, in perspektivischer Ferne, Sara hinter Abraham, die Heldin Judith bei David, zwischen beiden die gekrönte Esther. Ruth und Abigail sind untergeordnet. Wunderschöne, in Licht und Glanz sich rollende Wolke» trenne» die Himmlische» von der Erde, welche perspektivisch in der Tiese liegt, Meer u»d Land. In der Mitte umgeben die dreizehn Apostel (denn auch Paulus ist dabei) daS leere Grab, in optischer Verkleinerung; die Kirche links mit einer nahenden Proccssion (die jedoch erst noch zu malen ist) symbolisirt den Maria-Cult; rechts stehen die Erzbischöse Droste-Vischering und Cardinal Geisel, als Führer der marianischen Andacht in ihrem Dome. Diese tief liegende dämmerige Croenscene coutrastirt zur lichten HimmelSglorie in ei»er Weise, daß die Worte durch die Seele töne«: „WaS oben ist, habet im Sinne, nicht was auf Erden." Ohne Zweifel wird das Bild in Deutschland bei aller Anerkennung und Bewunderung auf verschiedene Einwendungen 5, Bei Schilderungen von Kuustwcrken sollte man sich doch endlich zur gemeinsamen Beachtung der vom Objecte aus bestimmten Orientirung einigen, sonst verfällt man in das Absurduni, sagen zu müssen: „dort links, der rechte Fuß." 224 stoßen: den Einen wird daS Antlitz der Madonna zu breit seyn, den Andern wird Adam nicht genügen; Manche werden mit dieser originellen Auffassung des Jsm'aS sich nicht zurecht finden. Dagegen wird die Menge mit Erstaunen diese nicht erwartete Farbenpracht schauen und dieses grelle Kolorit, welches der Künstler nur aus Rücksicht auf die Wirkung der GlaSgemälde nothwendig erachtete, an sich für das Rechte und Vollendete halten. Mißlich ist hierbei nur der Umstand, daß dieses Bild, welches für einen Altar des Kölner DomeS bestellt, und so ganz in dieser Bestimmung ausgeführt worden, vielleicht nicht einmal eine Stelle im Dom finden wird. Die gothischen Puritaner finden außer den Glasgemälden jedes Gemälde unvereinbar mit dem Charakter des gothischen Gotteshauses; dem Vernehmen nach wird der berühmte Altar des Wilhelm von Köln in eine Capelle verlegt und die Fresken Steinle'S werden ausgekölgt. Overbecks bewunderungswürdiges Altarbild bekommt vielleicht im Dämmer der Sacristei eine Gnadenwohnung. (Salzb. Kbl.) Burghausen. Vurghausen, 28. Juni. Die Jubiläumsfeier in Maria Ach ist von nahen und fernen Andächtigen auS Oesterreich und Bayern sehr zahlreich besucht und diese Tage über sind verschiedene Krenzzüge angelangt. Wegen des hohen Alters dieser Gnadenkirche dürfte Näheres über ihren Ursprung von allgemeinem Interesse seyn. Nach uralten noch vorhandenen Schriften ist das schöne und reiche Altar-Marienbild auf der Salzach vom Hochwasser hergetragen und nicht ferne vom jetzt neu und sehr hübsch wieder hergestellten Schlosse der Hofmark Ach verblieben. Heinrich Acher, Hofmarksherr, ließ das Bild in sein Schloß bringen, aber des andern Morgens war daS Bild wieder dort, wo es der Strom auSgetragen hatte. Der Versuch, das Bildniß inö Schloß zu übertragen, blieb dreimal ohne Erfolg. Nuu ließ Herr Heinrich Acher, vom heiligen Antriebe bewogen, diesem wunderbaren Marienbilde an eben dem Orte, wo eS immer gefunden wurde, als an einem auserkorenen LieblingSorte zur Verehrung Marias im Jahre 135^i ein Kirchlein bauen und stiftete im nämlichen Jahre auch noch ein Beneficium dazu. Mehrere Päpste verliehen den Pilgern zur Wallfahrtskirche in Ach viele und große Ablässe, so z. B. Paulus II., SirtuS XI., Junoceuz XIII., Clemens XIII. :c>, dann Benevict XIV. und neuestenS PiuS IX. DaS Vreve PiuS IX. enthält auch folgenden Satz: . . . „Wir befehlen aber auch, daß, wenn für Erlangung, Fertigung und Zulassung oder Veröffentlichung dieses Ablaßbriefes daS Mindeste gegeben oder auch nur eine freiwillige Gabe angenommen werden möchte, dieser selbe Brief keine Giltigkeit haben soll" sehr geeignet, in dieser Zeit, wo die Feinde der Kirche insbesondere dieftn Punct stets zn Verdächtigungen der Kirche auszubeuten bereit sind, solchem unredlichen Bemühen die Spitze abzubrechen. (LandSh. Ztg.) Nordamerika. Am 16. Mai l- I. feierten in St. Louis am Flusse Missouri die dort wohnenden Böhmen katholischen Glaubens den Stiftnngötag ihrer kirchlichen Gemeinde und zugleich daö Fest ihreö Landespatrons, des heiligen Johann von Nepomnk. Die Predigt hielt der hochwürdige Herr Lipowsky. Zum ersten Male ertönte in der neuen Well das Wort GottcS in böhmischer Sprache von der Kanzel. Tief ergriffen zeigte sich die zahlreiche Versammlung, die in den lieben Klängen ihrer Muttersprache das Wort GotteS verkünden hörte. Der hochwürdigste Herr Erzbischof von St. Louis ertheilte bei dieser Feier 15l1 Personen das hl. Sacrament der Firmung. Verantwortlicher Redacteur: L. Schvnche», Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augstmrger Pojheitung. 16. Juli M"- 2V. 1854. Diese» Blatt erscheint regelmäßig alle Tonutage. Der halbjährige Abouuementsprei« 4V kr., wofür «« durch alle köm'gl. bayer. Postämter und alle Buchhaudluugeu bezogen werden kaur. Maria, die Hilfe der Christe». (Ein Bild auf unsre Zeit.) Erwacht noch kaum Aus süßem Traum', Schickt ihren Gruß die Sonne Und malt im Kranz Mit Pnrpurglanz Der Pappeln Aest' und Krone. , Die Lenzesluft Durchströmet Duft Von Veilchen und von Rosen; Und in dem Sand' Am Bachesrand' Sich Käferchen liebkosen. — O Frühlingsluft, o Morgenstrahl Auf Bergen und im stillen Thal! Auf einer Höhe, grün umschattet, Seh' ich ein schmuckes Kirchlein steh'n, Mit dem ein Thurm sich traulich galtet, Deß Glöcklein summt im Windesweh'n, — Seh' allerwärts die Beter wallen Zur Gottesmutter heil'gcm Bild'; Hör' allerwärts die Lieder schallen Zum Preis' Mariens, himmlisch milv. Dort in des Kirchleins stillen Räumen Senkt vom Altar den frommeiOBlick Die Jungfrau, hold, in Himmelsträumen Von Gottes Preis' und Menschenglück. Entzücken strahlt aus allen Miene» Der Beter, die in Andacht glüh'n, Und tief durchschaut im hcil'gen Sinnen Ihr Geist des Lebens Keim und Blüh'». — Doch welches Sausen, Welch' Sturmesbrausen! Wie füllet Grau'n das Herz so plötzlich, Wie bläst der Wind durch's Laub entsetzlich! — Woher die Nacht, die uns den Himmel raubt, Woher die Macht, die kühn erhebt das Haupt; s S26 Der Blitze durchkreuzend Gefuukel Hinschleudernd durch's nächtliche Dunkel? Horch' fernher rollt mit Getös' und Macht Der Donner dumpf und erbebt und kracht, Und rings sein Tosen wiederhallt, Wo Blitze schlürft der Eichenwald, — Und Frösteln zittert durch die Glieder, Und Stürme brausen hin und wieder, Die Gegend zu verheeren. Und hell aufflammt des Feuers Wuth, Auf gliih'ndem Sammt' die Wolke ruht, Den Regen zu gebären. Der Beter Schaar befällt Entsetzen, Und Angstschweiß ob des Sturmes Hetzen, Und Furcht für Haus und Feld und Kind. — Sie fleh'n zur Jungfrau: „Hilf uns Armen, „Wend' Deine Augen, voll Erbarmen, „Auf uns, die wir hier hilflos sind. „Gebiet' dem Sturme, daß er weiche, „Der FeuerSgluth, daß sie erbleiche, „Von mildem Regen cibgekühkt. „Beschirme HauS und Feld und Kinder, „Du Schutz der Unschuld und der Sünder, „Und sey vor Unglück uns ein Schild!" Da träufelt der Rege» plätschernd hernieder Und strömet in wachsendem Fluß'. ES zischen die Flammen im Strauch' und im Flieder Und weichen im Wald dem Erguß'. Es schweigen die Donner, der Blitze Gefuukel Verliert sich, erschreckt, im enteilenden Dunkel, Es spaltet das düstre Gewölk'. Die Nebel, sie fliehen, Die Wolken, sie ziehen Hinab an des Himmels Gewölb'. Und plötzlich glänzt, Von Duft umkränzt, Die Sonne auf den Höhen — Und steigt in'S Thal Mit ihrem Strahl' Und tilgt des Wetters Wehen. Mit neuer Lust E Schlägt Aller Brust, Befreit von ihren Sorgen; Sch'n sich ja bar Der Todsgefahr, Seh'n Haus und Kind geborgen — Maria, Jungfrau, Königin! Sey Aller Hort, so zu Dir flieh'«, Sey huldvoll stets dcu Deinen. — Erhör' mein Fleh'n, das Liebe spricht, Verlasse Deine Kinder nicht, Die hilflos vor Dir weine»! — 0<7 227 Ans der neuesten Schrift des Bischofes von Mainz. Zur Widerlegung der banalen Vorwürfe, welche man den Bischofen der Oberrheinischen Kirchenprovinz zu machen pflegt, sagt der hochwürdigste Bischof von Mainz in der unsern Lesern bekannten Schrift: „HoheitSrechte, Souveränetätsrechte sind an sich ohne Zweifel heilig.- Sie gehören zu Gottes Ordnung und sind daher von Gott. Jene undefinirbarcn, schrankenlosen, ungeschichtlichcn, unveräußerlichen Hoheitsrechte aber stehen ganz auf derselben Linie mit den undefinirbaren, schrankenlosen, ungeschichtlichen, unveräußerlichen Menschenrechten. Sie sind die Zerrbilder einer erhabenen Wahrheit und geboren ans demselben Grunde des Absolutismus. Ihnen gegenüber muß die Kirche sich entweder zerstören lassen, oder einen Kampf ans Leben und Tod beginnen. Die Kirche ist ein lebendiger Organismus, ein Körper, der, waS seine Glieder anbelangt, Gutes und Böses, Gesundes und Krankes, Keime deS TodeS und deS Lebens in sich trägt. Sie ist ja hienicden nicht die triumphireude, sondern die kämpfende Kirche, die eben den Tod überwinden soll. Das Böse, der Tod kommt ihr von ihren Gliedern und der Sünde, das Gute, das Leben von ihrem Haupte, JesuS Christus und seiner Gnade. Der Feind säet fort und fort Unkraut unter d?n guten Samen auf dem Acker der Kirche. Wenn nun die Kirche frei ist, so werden die Heilkräfte in ihr, die Kraft und Gnade Gottes, immer den Tod überwinden. Wenn aber, wie wir eS gesehen haben, eine weltliche Gewalt, unter dem Vorgeben der Wahrnng unveräußerlicher Hoheitsrechte, in diesen Organismus der Kirche eingreift, wenn sie die Elemente der Zerstörung, die Kräfte der Empörung schützt, hegt und pflegt, wenn sie dagegen die Heilkräfte in der Kirche zurückdrängt, ihren Organismus zerstört, die bischöfliche Gewalt entwürdigt, so muß die Kirche, da wo Solches an ihr geschieht, entweder endlich absterben, oder sie muß diese Fesseln von sich werfen. Das aber war die Lage der Kirche seit fünfzig Jahren in vielen deutschen Ländern, vor Allem aber, bis zum äußersten Ertrem, in dem Erzbisthum Freiburg, als die B-schöse in der Oberrheinischen Kirchenprovinz im Vereine mit ihrem Metropoliten, dem Herrn Erzbischof von Freiburg, in der Denkschrift vom Jahre 1851 diejenigen Rechte zurückforderte», die der Episkopat von ganz Deutschland im Jahre 1848 in Würzbnrg als die Rechte der Kirche bezeichnet, und die inzwischen die beiden größten Staate» Deutschlands der Kirche bereits bewilligt hatten. Als diese Rechte aber den Bischöfen in dee Oberrheinischen Kirchenprovinz verweigert wurden, blieb denselben kein anderer Weg, als die bezeichnete Alternative: entweder die Kirche in den Theilen, über die sie als Hirten gesetzt sind, langsam absterben zu lassen, oder aber ihre Hirtenrechte factisch auszuüben. Die Wahl konnte nicht zweifelhaft seyn, wenn sie keine Miethlinge ihrer Heerden werden wollten. Mag daher der Lügengeist fortfahren, unS Eingriffe in LandeShoheitsrechtc vorzuwerfen, der Geist der Wahrheit wird über unS nuschelten. Dieser Kampf ist ein Kampf um das Daseyn der Kirche, eine Abwehr von Eingriffen, die endlich die Kirche zu Grunde richten müssen, dieser Kampf ist in voller Wahrheit eine Nothwehr, und kein Eingriff in die Rechte des Landesherrn. Man hat zwar aus diesem factischen Ausüben unserer Rechte und der Erklärung, daß wir fortan Gott mehr gehorchen müßten, als den Menschen, den Bischöfen einen Vorwurf machen wollen, und zwar nicht nur von der Seite, die jede Wahrheit und Ehrlichkeit mit Füßen tritt, wenn sie gegen die Kirche kämpft, sondern auch von jener, die sich einer überaus positiven CKristlichkeit rühmt. Man hat unö Heftigkeit, Uebereilung, Ungestüm vorgeworfen, unS auf den Weg der Bitten und der Geduld hingewiesen, ohne zu bedenken, daß die Kirche seit fünfzig Jahren geduldet und gebeten hat. Man hat uns mit demselben Munde, in vollem Widerspruch höhnisch gefragt, warum jetzt DaS unser Gewissen beschwere, waS wir fünfzig Jahre ertragen, ohne zu bedenken, daß die Kirche nicht aufgehört hat zu protestiren und zu bitten, daß sie 228 aber eben nicht mit Heftigkeit und Uebereilung handelt, sondern die Wege der Bitten erschöpft, so lange noch eine Hoffnung da ist. Man hat unS in das Gewissen geredet, unS auf die Pflicht, Buße zu thun und schön demüthig zu seyn, hingewiesen, da auch auf unserer Seite viel gefehlt sey, ohne zu bedenken, daß die Buße unsere persönliche Pflicht ist, die Rechte aber, die wir fordern, mit unserer Person nichts zu thun haben. ES wäre wahrlich eine sonderbare Buße, die darin bestünde, daß wir Gottes Sache nicht mehr vertheidigten, die Heerde Jesu Christi verwüsten, das Seelenheil der Menschen gefährden und den Feind Unkraut säen ließen. Ueberhaupt hat dieses Bußpredigen in Zeitungen mindestens den Beigeschmack eines krankhaften religiösen Wesens. Man hat gegen unS sogar die Anklage unerlaubter Selbsthilfe, die Anklage, wenigstens etwas Revolution gemacht zu haben, erhoben. Wenn man auch, so wird gesagt, das materielle Recht der Bischöfe bis auf einen gewissen Punct zugeben wolle, wenn man auch ferner ihre subjective Berechtigung, d. h. ihre Ueberzeugung von ihrem Rechte annehme, so seyen sie doch formell nicht berechtigt gewesen, da eS ihre Pflicht gewesen sey, die formelle Giltigkeit der Verordnungen der Regierungen zu achten. Es ist nun erstens auffallend, wie Protestanten so sprechen können, denn wenn alle formell giltigen Bestimmungen der weltlichen Behörde beachtet werden müssen, so hätte doch der Protestantismus wahrlich nicht entstehen können. Es ist zweitens auffallend, wie Christen so sprechen können, denn wenn kein materielles Recht so groß ist, daß eS sich gegen die formelle Anordnung der weltlichen Gewalt je erheben darf, so ist auch das Christenthum im römischen Reiche mit Unrecht verbreitet worden. ES ist aber drittens diese Behauptung die Entstellung einer Wahrheit und deßhalb falsch. Es ist nämlich vollkommen wahr, daß der Staat das Recht hat, auch sein formelles Recht geachtet zu sehen und daß er nicht jedem Einzelnen gestatten kann, zu entscheiden, ob das formell giltige auch materiell gerecht ist. Dieß ist aber nur bei solchen Gegenständen wahr, die erstens nicht offenbar gegen GotteS Gebote sind und die zweitens zur Kompetenz deS Staates gehören. Bei an sich unerlaubten Gegenständen und bei solchen, die nicht zur Kompetenz deS Staates gehören, ist dagegen die Behauptung der absoluten Giltigkeit deS formellen Rechtes unsittlich, unvernünftig, unchristlich und im offenen Widersprüche mit dem Worte GotteS. Wohin führt doch diese confuse Anschauung über die sonst so wichtige Lehre von der Giltigkeit deS formellen Rechtes? Läßt man die gemachte Unterscheidung nicht zu, so steht man vor der Konsequenz, daß, wenn morgen wieder ein Convent zur Herrschaft kommt und unS durch ein formell giltiges Gesetz verbietet, Christum anzubeten, wir Geduld üben und Buße thun dürsen, aber gehorchen müssen. Dann sind anch jene Priester Revolutionäre gewesen, die in der ersten französischen Revolution geblutet haben. Alle jene Vorwürfe, welche den Bischösen über ihr factischcS Vorgehen gemacht worden, sind daher gänzlich unbegründet. Sie haben weder übereilt, noch zu stürmisch, noch aus Hochmuth, noch aus Mangel an Bußgeist, noch endlich ganz oder halb revolutionär gehandelt, sondern sie baben gethan, was sie in der äußersten Noth ihres Gewissens, nachdem alle anderen Mittel erschöpft waren, thun mußten, um ihre Pflicht zu erfüllen und die Kirche zu retten. So lange diese Lage gänzlicher Schutz- losigkeit der Kirche fortdauert, wird auch dieses Verfahren der Bischöfe sich überall dort wiederholen, wo eine feindselige Bureaukratie darauf ausgeht, das Leben der kalholischcn Kirche zu vernichten. Die Ausübung der bischöflichen Rechte, ohne Rücksicht auf einseitig erlassene Verordnungen ist dann gebotene Nothwehr und keine Eigenmacht. Die Verantwortung aber für die betrübenden Folgen, welche in unserm doch schon so zerrissenen deutschen Vaterlande daraus entstehen müssen, wenn wir der weltlichen Gewalt sagen müssen: „Urtheilet selbst, ob eS billig ist, den Menschen mehr zu gehorchen wie Gott," haben nicht wir Bischöfe zu tragen, sondern jene StaatS- regierungen, welche die Rechte der Kirche nicht achten, die zugleich die Kirche in Deutschland ohne Schutz gelassen und durch den Bundestag ihr keinen Schutz erweisen wollen." 229 Kirchliche «tattstik deS rusfischen Reiches. Das ungeheure russische Koiserthum zählt in allen seinen weit ausgedehnten Provinzen und Nebenländern mit Einschluß der zum Theile nur dem Namen nach seinem Scepter unterworfenen kaukasischen GebirgSländer nicht mehr als 67,170,000 Bewohner, welche, obwohl auS den verschiedenartigsten Völkern zusammengewürfelt, dennoch der großen Masse nach dem russischen Zweige des slavischen Stammes angehören. Dem religiösen Bekenntnisse nach theilen sich die Einwohner Rußlands in: lateinische Katholiken 7,000,000 armenische „ 60,000 griechische 240,000 nichtunirte Griechen und Georgianer 45,520,000 (worunter 350,000 Georgianer.) nichtunirte Armenier 1,000,000 RoSkolniken 5,000,000 Lutheraner 3,165,000 Calvinisten 225,000 Herrnhuter 35,000 Mennoniten 75.000 Juden 1,850,000 Mohamedaner 2,400,000 Schamanen, Buddhisten und Heiden 600,000 Zusammen 67,170,000 Natürlich nimmt die morgenländisch-orthodoxe Kirche unter der Leitung der „heiligen dirigirenden Synode" den ersten Platz ein, während alle andern sogenannie freie ReligionSübung so lange genießen, bis sie wieder geplagt und verfolgt werden. An der Spitze der griechischen Kirche steht, wie bemerkt, der Kaiser als qui>8i Papst, nächst ihm die Synode, zusammengesetzt auS einem Präsidenten, der ein General und General-Adjutant deS Kaisers und die Seele der Synode ist, dann auS den Metropoliten von Nowgorod, St. Petersburg, Moskwa, Signach und Kusich (dieß ist der Titel deS Metropoliten von Georgien oder Grusien); dann dem Erzbischofe von Twer, 2 ProtohiereyS und dem weltlichen Oberprocurator und seinen Substitutcn. Der Metropolit von Kiew und der Erzbischof von Gori in Grusien sind außerordcnllichc Mitglieder, aber nicht zur beständigen, persönlichen Anwesenheit bei den Sitzungen verpflichtet. Der KlcruS der griechischen Kirche ist, wie es sich wohl von selbst versteh!, zahlreich, obwohl für das große Reich nicht eben zu zahlreich, und besteht aus folgenden Elementen: 7 Metropoliten, 28 Erzbischöfen, 38 Bischöfen, 483 Proto- popen, 58,000 Popen, 68M0 Protodiaconen, Diaconen, Hypodiaconen nnd Anagno- sten und einer großen Anzahl von Sacristanen und Sängern. Eö besteht für jede Kirche une festgesetzte Zahl von Geistlichen; bei jeder Kathe- dralkirche, deren eS 73 gibt, sind: 1 Erzpriester, 7 einfache Priester, worunter zwei als Schatzmeister, 1 Archidiacon und 4 Diacone und Hypodiacone, dann 2 Lcctoren, 2 Sacristane und 33 Sänger angestellt. Bei jeder sogenannten Multerkirche, deren man 410 zählt, befindet sich 1 ErzPriester, 2 Priester, 2 Diacone und 2 Sacristane nebst noch 2 Sängern. Bei den größer» Gemeinden, welche 200 Häuser und darüber zählen, sind 2 Priester, 2 Diacone, 2 Sacristane und 2 Sänger angestellt, bei kleinern Kirchsprengeln, welche höchstens 100 Häuser zählen, befindet sich 1 Priester, 1 Diacon und 1 Sacriftan. Diese Weltgeistlichen müssen sämmtlich rerheirathet seyn, und wenn ihre Frauen sterben, in die Klöster als Mönche eintreten, da man ihrer hohen Bildung und Sittlichkeit keinen freiwillig keuschen oder enthaltsamen Lebenswandel zutraut, welches Mißtrauen zum Theil durch die zeitweise bekanntgemachten Ergebnisse der geistlichen Gerichte aus Berichten der Synode über den sittlichen Zustand der Geistlichkeit der nichtunirten griechischen Kirche hinlänglich gerechtfertigt erscheint. 230 Die griechische Kirche besitzt in Rußland bei 35,000 Kirchen und über 9,000 Kapellen, dann 387 Mönchsklöster, wovon 2 t Archimandriten (Aebte), 58 Hegumenen (Priore) und kie übrigen 308 einen Stroitel oder Superior zum Vorsteher habe», alle zusammen aber von 6,660 Profeß - Mönchen und 2420 Novizen, zusammen also von 9080 Mönchen bewohnt sind. Nonnenklöster gibt eS 110, mir 3314 Nonnen und 3086 Novizinnen, zusammen 6490, worunter 9 Aebtissiunen. Der gestimmte Secular- KlernS beträgt 117,000 active Mitglieder, und mit den Sängern und Socristancn, welche jedoch nicht ordinirt sind, 220,000, wozu noch 330.000 Frauen unv Kinder der Geistlichen kommen. Der NegnlarllcruS begreift über 15,000 Mönche und Nonnen in sich, während eS im Lande noch beiläufig 80,000 Pcnsioinrtc uud außer Dienst versetzte Geistliche gibt. Die Bildung der russisch-griechischen Geistlichen wird von 4 geistlichen Akademien, 45 Eparchial-Priester-Seminarien und 1440 minderen geistlichen Schulen besorgt, erstreckt sich jedoch nickt sehr weit, indem sich die meisten Priester und Diaconen blsß mit der Auöspendnng der Sacrameute unv der Feier dcö Gottesdienstes begnügen, auf alle lehrende Thätigkeit, theils aus Unwissenheit, theils ciuS Trägheit, theils wegen der 'Kärglichkeit ihres GehnlicS auf anderweitigen Nebenerwerb durch Ackerbau, Handel oder Handarbeit angewiesen, Verzicht leistend. Die Metropoliten, Erzbischöfe uud Vischöse der griechischen Kirche rcsidiren in folgenden Orten. Metropoliten von: Moskwa, Nowgorod, St. Petersburg, Kiew, Kasan und Swijaschk mit Sibirien, TobolSk, Grusien oder Georgien mit dem Titel von Signachct, Kisich zn Tiflis, Warschau und Nowogeorgieivsk. Erzbischöfe von: Gori (in Grusien), Jmerethien (zu Mzechtha), Mingrelicn, Astrachan und Kawkas, JSrvSlaw, Riga, Rjaesan, Twer, Cherson und Taurtta zu Odessa, Wilna (f. Lithauen), Czernigow uud Neschiu, Kischcncw, Olonek, Jrkuy, Kursk und Bclgorod, Polock, Worouesch und CzerlaSk, Perm, Orel, Kamtschatka (zu Pctro Pcuvlowsk), Karthli (in Georgien), JekatherinoSlaw, Mvhilew und WitepSk, AiinSk und Litow.ök, Podolien (zu Halicz), Nowoczerkask, Rostow, Archangelsk. Bischöfe von: Kaluga und BorowSk, Smvlensk und Dorogobusch, Nischnynowgorod, Wladimir, SuSdal uud Brzccz, Wologda, Tula, Wjaelka, Kolonien, Kostroma, Tamdow, Pulrawa, Volbyuicn, Tomsk, Pensa, Saratow, Slobodök, Ukraine, Orenbur.i, Simbirök, Charkow, PcrcjaSlow und Borispole, PulluSk, Ärsamas, Bjclew, BrianSk, Schi- tomyr, SscwSk, Ustjugweliki, Peremischl, Luck uud Ostrog, Lilthauen, Vicar von Wilna (zu Grodno); Weißrußland, Vicar von Liefland (znTurow); Poezajcw, Vicnr vo» Wilna; Pleskow, Vicar von Kurland; Stariza, Vicar von Twer; Neval, Vicar von Petersburg; Dmitrow, Vicar von MoSkwa; Starurnssa, Vicar von Nowgorod; Tschigirin, Vicar von Kiew. Es ist bekannt, daß seit der durch den Patriarchen Nikon im 17tcn Jahrhunderte vorgenommenen durchgreifenden Verbesserung der russischen in all-slavonischer Sprache geschriebenen liturgischen Bücher, sich eine große Anzahl Russen von der vrihodoren Kirche lossagten und eigene Sccten bildend auf der Base des Irrthums unaufhaltsam vorschreiteud sich immer mehr spalteten, und nunmehr in Irrthum, Unwissenheit und Nohheit versanken. Wollte man alle in der russischen Kirche entstandenen Secten zusammenrechnen, man brächte wohl 200 zusammen, so aber muß man sich begnügen, die Namen der noch vorhandenen kennen zu lernen, uud zwar bloß die Namen, denn viel, wenigstens viel gewisses weiß man nur von sehr wenigen. ES sind deren noch jetzt 20 — 30 vorhanden, denn obgleich schon sehr viele entstanden, gingen doch auch schon sehr viele unter, und verschwanden spurlos, bei angestrengter Arbeit konnte ich nur die nachbenannten entdecken: 1. PrawoSlawnyi, Starowerzi oder Starobrodzi ^ ^ ^ ^ ..^ 2. Starodubowzl l > . 3. Jew.ew.schin zahlte' -'.cht ord.n.rte 4. Peremasauow.schini oder Jorschenzii 1 °^ Ranguntersch.ed. 5. Akulinowtschini 6. Nowoschenii 23t 7, Filiponi 8. Feodosiani Pomarani oder PeSpopowtschini 9. Abacuni ^ 10. Dosiiheowtschini 11. Czernobolzi 12. Jedinowerzi oder Blagoölowenije 13. Malorokoschiani 14. Kapitoni 15. Selesnewschtschini (sind sehr judenähnlich) 16. Sobotniki 17. Beßlowestniki 18. Chlistowtschini 19. Skopzi 20. Morelschiki 21. Tschuwstweimiki 22. Molokani 23. Samostrigolniki 24. Samokreschtscheniki 27. Anhänger deS verherrlichten Erlöser. Die Anzahl dieser Secti'rer, welche man mit dem gemeinschaftlichen Namen Roskolniken bezeichnet, belauft sich auf etwa 5,000,000, und die Bekehrung derselben ist die einzige MissionSthäligkeit, welche die orthodore Kirche entwickelt, und ihren Bemühungen gelang es seit vielen Jahren, jährlich 10—15,000 derselben wieder an sich zu ziehen. Nächst der griechischen ist die katholische diejenige, welche die meisten Bekenner zählt, nm so mehr, als die Bewohner des Königreiches Polen bis auf etwa 500,000 durchaus derselben angehören, und auch die zu Rußland gehörigen, bei den verschiedenen Theilungen Polens abgerissenen ehemaligen polnischen Provinzen mit wenigen Ausnahmen nur von Katholiken deS griechischen unv lateinischen RituS bewohnt sind, welche letztere freilich durch Lift und Gewalt seit dem Jahre 1839 der Mutterkirche entrissen worden sind, indem damals über 2,000,000 Katholiken vom griechischen RituS durch einen ihrer Oberhirten zum Uebcrtritt genöthigt wurden. Der gegenwärtige Bestand der katholischen Kirche im gesammten Reiche beträgt 7,300,000 Bekenner, wovon 240,000 in Polen dem griechischen, 60,000 im eigentlichen Nußland und den kaukasischen Provinzen dem armenischen, alle andern aber dem lateini» scheu Ritus angehören, von welchen wieder 2,707,000 auf das eigentliche Rußland, 20,000 auf das russische Asien und 4,273.000 auf Polen kommen. Der katholische KleruS des lateinischen RituS besteht aus dem Erzbischof von Mohilew mit den sechs Bischöfen von: Samogilien zu Medniki, Wilna, Luck, Kaminiec, Minsk und Cherson, 2598 Weltpriestern bei 1873 Kirchen, 1768 Mönchen und Nonnen in 150 MönchS- und 32 Nonnenklöstern für daö eigentliche Rußland; und auS dem Erzbischofe von Warschau mit den scchö Bischöfen von: Wladislaw zu Kalisch, Segna mit Augustowo, Lublin, Plock, Sendomir und Po?lachien zu Janow, 897 Pfarreien mit 2199 Kirchen, 359 Mönchs- und 48 Nouuenklöstern, 3600 Priestern, Mönchen und Nonnen. Die noch vorhandenen wenigen uuirten Griechen im Königreiche Polen stehen unter den zwei Bischöfen von Chelm mit Belzi und SupraSk. Die armeuischeu Katholiken stehen unter dem Erzbischof von Nachitschcwan und dem Bischöfe von Mohilew von ihrem Ritus mit ungefähr 30 Priestern. Die nicht unirren Monophysilischen Armenier, an der Zahl 1,000,000 unter dem Patriarchen oder KatholikaS der gesammten armenischen Kirche zu Esehtmiazin und sechs Erzbischösen zu: Astrachan, Eriwan, TifliS, Karabag, Nachitschewan und Schirwan, und besitzen 965 Kirchen, 312 Kapellen und 30—40 Klöster, dann 1249 Priester und Diacone und viele Mönche und Nonnen. Die Lutheraner 3,165,000 an der Zahl, machen die Mehrzahl der Einwohner von Finn- 25. 26. Jkonobarzi Schtschelniki Duchobarzi oder Melitopolitani 232 land und den Ostsceprovinzen auS, und haben zur Leitung ihrer Cultusangelegenheiten 2 Erzbischöse, 2 Bischöfe, 63 Pröbste, 742 Pastoren und 875 Kirchen; die Calvinischen Reformirten, 225,000, leben in 36 Kirchspielen mit eben so vielen Predigern, während über die Seelsorge der 35,000 Herrnhuter und der 75,000 Mennoniten nichts bekannt ist. Unter den Bewohnern von Rußland nehmen einen bedeutenden Platz 1,850,000 Juden ein, welche mit beiläufig 1000 Synagogen, ungefähr 3000 Kapellen und gegen 8000 Rabbinern :c. größtentheils das Königreich Polen und die ehemals dazu gehörigen Provinzen bewohnen. Ferner wohnen im russischen Reiche 2,400,000 Mo» hamedaner mit fast 6000 Moscheen, bei 600 Schulen und über 19,000 JmamS und andern Geistlichen, und 600,000 Heiden unter den die asiatischen Steppen bewohnenden Völkerschaften mongolischer Race und zwar 420,000 Schemanen mit 800 Tempeln und 11,000 LamaS oder Götzenpriestern, dann 180,000 Anhänger deS Buddha mit beinahe 200 Tempeln und beiläufig eben so viel Priestern. Verkehrte Welt. Früh geht der Katholik und beichtet seine Sünden; Denn nur die Beicht läßt ihn den Frieden finden. Er sucht sich auf des Herrn geweihte Diener, Den Mann der strengen Pflicht, den frommen Capuciner. Das Bußgewand, die würdige Gestalt Wirkt auf sein Herz mit heiliger Gewalt. Das Gotteswort, das er im Beichtstuhl hat gehört, Läßt ihn ersehen, wie sehr die Sünde ihn bethört. Und wo er sieht des Ordens fromme Brüder Mahnt das Gewissen ihn an Büß' und Bess'ruug wieder. H Des Abends führt der Protestant*) auf dem Theater Vor seinen Blick zum Spott den frommen Pater, Stellt ihn vor'S Volk wie einen Harlekin Zum Spaß und zum Gelächter hin. Und Katholiken sitzen da und lachen laut, Wer's hört, kaum seinen eig'nen Ohren traut. Sie applaudiren auch, wenn fassend ihn beim Kragen Soldaten schimpfend vom Theater tragen. Das Alles nimmt man lachend, applaudirend hin. Um Gottes willen, wo ist da kathol'scher Sinn?!! Wo Zartgefühl, wo frommer Glaube, Wenn so das Heil'ge wird dem Spott zum Raube? Sey ruhig, Herz, nur so kann es auf Erden Und unter Christen besser werden. Dr Jarisch. -) Schiller. Berautwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. E. Kremer. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Angsburger PostLeitung. 23. Juli ^ 1854. Diese» Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsprei« kr., wofür e« durch alle königl. bayer, Postämtcr und alle Buchhaudlougea bezogen werden kann. Rückerinnerung an NeuburgS Miffionäre ??. Noh, LUlet, ^weisig. Dem Menschen ward ein geistig Leben Vom ew'gen Gotte zuerkannt, Ihm Licht und Kraft und Schwung zu geben, Hat Er zu uns Euch hergesandt. Hinauf, hinauf durchs Wcltgetümmel Für Jung und Alt brecht Ihr die Bahn, .Zerstäubt den Dunst, umarmt den Himmel, „Den steilen Pfad mit Muth hinan!" So dröhnte stark in schönen Tagen, Geliebte Näter, Euer Wort, So habt Ihr Stein auf Stein getragen, Zu bau'n der Wahrheit einen Ort, So habet Ihr erfahrne Meister Gebaut am heiligen Gottcsdom, Geleitet in die durst'gen Geister Der Wahrheit und der Liebe Strom. So zeigtet Ihr des Irrthums Tücken, Das Gift für Leib, das Gift für Seel', Sö schwänget Ihr mit Flammenblicken Das Geistesschwert gleich Michael, So gabt, wie heiliges Aveläuten, Der Seele Ihr die Himmelsruh, Manch eine seht nun muthvoll schreiten ' Durch Euch, durch Euch dem Himmel zu! Es waren schöne, heil'ge Stunden, In denen Euer Wort erscholl! Wohl Mancher hat schon längst empfunden Nicht mehr so rein, so himmelvoll. Schnell ist die schöne Zeit entronnen, Und Euer Werk, es ist nun aus: Wir setzen fort, was Ihr begonnen Am neuen heil'gen Gotteshaus. 234 Dort bei dem Kreuz, wo Gnaden fließen Für'S schwache Herz im Lebensdrang, Da tön' für Euch manch warmes Grüßen Im heiligen Gebetesklang. Und seh'n wir nimmer hier auf Erden, Geliebte, theure Väter, Euch — O, mögen wir vereinigt werden, Mein Gott, doch dort im Himmelreich! Des Dankes Laut, der Herzen Grüßen, Die neue Burg, durch Euch erbaut — Dieß möge Euch den Schweiß versüßen, Der reich von Eurer Stirn' gethaut. Welch süßer Lohn für Euch — zu wissen, Daß auch am fernen Donaustrand Viel Volk auf Euer Wort zerrissen Der Sünde drückend Sklavenband! Vernehmt aus meines Liedes Klängen Von Hunderten ein Echo weh'n, Seht geistig sie um Euch sich drängen, Voll tiefstem Dank vor Euch sie steh'n! Seht auch Gebetesblüthen sprossen Für Euch zu Gott so kindlich rein, Und lasset uns auch eingeschlossen In Euerem „Memento" seyn! MisfionSbericht vom Jahre 18S3 an den hochlöblichen Ludwigs-Missionsverein zu München, von ?. F. Zt. Weninger, Priester aus der Gesellschaft Jesu und Missionär in Nordamerika. 5 Nachdem ich den NeujahrStag in Cincinnati gefeiert, begann ich für dieses Jahr meine Missionsarbeiten in der Diöcese Cleveland. Dort gab ich die letzte Misston im Jahre 1852 und somit eilte ich wieder in diese Diöcese, um allen noch übrigen deutschen Gemeinden dieselbe geistliche Hilfe zuzuwenden. Dieser Theil Ohios wurde vorzüglich von den Deutschen in den früheren Jahren in Besitz genommen, und da es der deutschen Priester verhäUnißmäßig immer nur wenige gab, fand ich Herzen, welche nach dem Worte GotteS ganz sehnsuchtsvoll, wie die durch Sonnenhitze verdorrte Erde, nach einem erfrischenden Regen lechzten. Wenn eine Mission in Deutschland dem Volke gewöhnlich schon so großen Trost und Segen bringt, was soll man erst hier Landes sagen, wo das Volk oft der gewöhnlichen priesterlichen Hilfe entbehrt. Der erste Platz, den ich besuchte, war die Gemeinde zu Schelby. Ich gab daselbst eine Erneuerung der Mission, welche ich einst daselbst hielt, und 'eilte hierauf nach der Stadt und Umgebung von Norwalk, wo in zwei Gemeinden die Mission gegeben wnrde, nämlich in der St. Alphons und heil. Peterskirche. Hierauf begab ich mich nach SanduSky. SandnSky liegt am See Erie. Es ist eine Stadt von 20,000 Einwohnern, darunter viele Deutsche. Als die Jünglinge ihre Generalcommunion feierten, brachte ich die ganze Nacht bis zur Messe am folgenden Morgen im Beichtstühle zu. Auch an den andern Tagen hatte man bis lange nach Mitternacht Beicht zu hören. Wie in allen größeren Städten hier, haben auch in SanduSky die Atheisten aus Deutschland ihre ClubbS. Da geschah eS, daß bei einer Versammlung die Mission zur Sprache kam. Man berathschlagte, was dagegen zu thun sey? Da erbot sich einer der Aergsten, er wolle sogleich selbst in die 235 Kirche gehen, und über meine Missionspredigt Bericht erstatten. Anstatt aber in die Clubbversammlung zurückzukehren, ergriff ihn die Predigt also, daß er auf einmal wieder die Gnade deS heiligen Glaubens erlangte, und sogleich zu mir eilte, um mir sein Gewissen aufzuschließen und Hilfe zu suchen für das Heil seiner Seele. Mit dem Feste Maria Lichtmeß begann ich die Mission in Thompson, Es ist dieß daS vorzüglichste HauS der Versammlung der Brüder und Schwestern vom kostbaren Blute. Ich erbaute mich ungemein an dem Eifer, der besonders in den Frauenklöstern dieser Kongregation in Amerika herrscht. Sie leben in der höchsten Armuth, und beten Tag und Nacht unausgesetzt daS allerheiligste Sacrament an. Es war mir ein großer Trost, diese Anbetung hier in Mitte so vieler Ungläubigen und Irrgläubigen mit solchem Eifer geübt zu sehen, und nahm natürlich dieses ununterbrochene Gebet für den Segen der heiligen Missionen in Anspruch. In der nächsten Kirche zu Scherman richtete ich das hundertste Missionökreuz auf, welches ich bisher in Amerika zu pflanzen das Glück und den Trost harte. Der Herr allein weiß eS, welch eine ununterbrochene Reihe von Opfern, Gefahren und Ueberwindungen eS verlangt, um auf den gebahnten und ungebahnten Wegen dieser neuen Welt, wie sich Amerika nennt, das Zeichen deS Heiles vom Süden bis zum Norden und vom Osten bis in den fernen Westen zu erheben, und man gäbe doch AlleS in der Welt freudig hin, um eS thun zu können. Aber waS vermag ein armer Mensch, wie ich bin? Nichts, der Herr nur verleiht daS Wollen und daS Volldringen! Dieses tiefinnerste Bewußtseyn dient mir zur großen Beruhigung und Ermunterung: Herr, eS ist nicht mein Werk, sondern daS Deinige; — ich sorge für Dich, sorge Du für mich! Mit andern Worten: Je weniger Ursache ich habe, auf mich selbst zu vertrauen, desto mehr Grund habe ich, auf die Hilfe GotteS zu bauen. Ich gab die nächste Mission in der heil. BernardSkirche zu Neu-Washington. Es wohnen daselbst viele Bayern. Ich habe bemerkt, daß kein Volk die Priester bei ähnlichen Gelegenheiten mit größerer Feierlichkeit und Freudenbezeugungen empfängt, wie die guten Altbayern. Es kamen mir auch hier eine große Anzahl zu Pferde entgegen mit Fahnen und Freudenschüssen, und begleiteten mich an die Kirche. Da eS Winter war, fuhren wir in Schlitten dahin. Für die Eingebornen, die man hier Aaukies (Jänky) oder Amerikaner nennt, ist eS immer sehr überraschend, wenn sie sehen, mit welcher Ehrfurcht das katholische Volk die Priester ausnimmt, in Vergleich mit'der Glcichgiltigkeit so vieler Seelen gegen ihre Pastoren. .Die nächste Mission folgte in der Stadt Tissin, in St. Johann Baptist Kirche. Eine Stadt von 10,000 Einwohnern. Der Staat Ohio (sprich Oheio) ist so dicht bewohnt, daß man glauben würde, mau lebe in Europa. Wenn ich mich nicht irre, so laö ich kürzlich, daß in diesem einen Staate, der ungefähr die Größe von Bayern hat, 36 Eisenbahn-Verzweigungen sich durchkreuzen. Ich selbst sah einmal an einer einzigen Station zugleich siebe» Bahuzüge zusammenkommen. Zn Tissin fand ich daS bestbestellte Musikorchester sür Kirchenmusik, Mau führte täglich eine neue musikalische Messe bei den Hochämtern während der Mission auf, was ich sonst noch nirgends traf. Ich gab hierauf die Mission in der sehr großen Landgemeinde der Bonifacius- kirche zu WolfSkreek. Auch hier befindet sich ein Bruder- und Franenkloster vom kostbaren Blnte. Von da kehrte ich nach Cincinnati zurück, denn Ostern nahte heran und ich trachtete die höchsten Festzeiten daselbst zuzubringen. Cincinnati war die erste Stadt, wo ich meine MissiouSthätigkeit für Amerika entfaltete, welche die größte Anzahl von deutschen Katholiken von allen Städten der Union hat, vielleicht New-Uork ausgenommen. Es leben daselbst ungefähr 40,000 deutsche Katholiken, und das katholische Leben wurzelt hier tief. Ich betrachte diese Stadt wie meine Vaterstadt für Amerika, und Ohio wie mein neues Vaterland, obwohl ich nun seit Jahren größtentheils abwesend bin. Ich wollte noch in der Passionswoche die Erneuerung der Mission in der großen St. JohanniSgemeinde abhalten, wo ich einst im Jahre 1343 die Mission gab. So 236 geschah es auch, und es naheten sich wieder in dieser einen Pfarrkirche an 1500 Ehemänner dem Tische deS Herrn, Ich halte diese Gemeinde für die größte in Amerika, und sie ist zugleich eine der am besten geordneten. Dieß verdankt sie der eifrigen Seelsorge der PP. FranciScaner ans der Tyrolerprovinz. Pater Superior, der kürzlich ankani, und den ich als Pater Quardian einst in Salzburg kennen lernte, nahm keinen Anstand zu sagen, man könne diese Gemeinde der besten in Tyrol zur Seile stellen. In dieser Kirche feierte ich auch die heilige Charwvche und das hohe Osterfest. Ich wüßte keine Kirche in Deutschland, wo alle Functionen dieser heiligen Zeit mir mehr Andacht und Feierlichkeit begangen wurden. Am heiligen Grabe brannten vom Gründonnerstag bis zum Abend deS CharsamstagS an 300 Lampen und Lichter. Am hohen Osterfest ertönte mit vollem Orchester das Alleluja, daS meinen Freunden in Tyrol und Oesterreich wohl bekannt ist, und ich feierte den Nachmittag in der mir so lieben St. Philomenenkirche auf gleich festliche Weise, Gleich darauf kehrte ich in die Diöcese Cleveland zurück. Ich gab noch daselbst die Mission in Glanvorf in der St. Johanniskirche. Auch hier ist ein Bruder- und Nonnenkloster vom kostbaren Blute. Ju dieser Gemeinde lebte ein einziger alter Protestant, ein Schmid von Profession, dessen Bekehrung merkwürdig war, Er hatte einen Sohn von ungefähr zehn Jahren, den er katholisch erziehen ließ. Er selbst konnte sich jedoch nicht entschließen, ein Kind der allein wahren Kirche Christi zu werden, da daS Borurtheil zu fest wurzelte, eS wäre eine Schande, im Aller die Religion zu wechseln. Umsonst stellte man ihm vor, daß dieß kein Wechsel sey, wenn man zu jener Religion zurückkehrt, welche die einzig wahre ist, und welche Menschen einst mit dem Irrthum vertauschten. Bon einem Wechsel könne bei der Einheit keine Rede seyn; so wenig als der Ausdruck richtig ist: wie viele Götter gibt es. Gott ist Gott — und sein Reich ist sein Reich, die eine von Christus gestiftete Kirche, die mauzwar verkennen, nie aber ändern kann; so wenig als der Mensch, wollte er anch, im Stande ist, etwas in der Natur, wag ihr Wesen und ihre Kräfte beirifft, zu ändern. Der alte Mann war blind für daS helle Licht dieser Wahrheil; allein er konnte nicht dem Blick seines KindeS widerstehen, dem Gott die erlenchtende Kraft seiner Gnade gewährte. Dieses Kind — sein Sohn trug das Kreuz iu der Processivn vor den Kindern, als man mich zur Kirche abholte. Als der Knabe das Kreuzbild in der Hand vor dem Bater vorüberging, blickte er denselben so freundlich, fromm und froh an, daß daö Herz des Vaters sich in demselben Augenblick der Wahrheit zuwendete, und er sogleich den festen Entschluß faßte, katholisch zu werden, was auch noch während der Mission geschah. Ich besuchte hierauf noch eine Landgemeinde, die lange den Trost und die Hilfe der Seelsorge entbehrte. Dieser Theil OhioS war vor einigen Jahren noch wenig bewohnt, und wilder Busch (so nennt man hier einen Wald). Man wird in Deutschland etwas befremdet seyn, wenn man in Briefen, Zeitungen :c. immer nur Busch — und nicht Wald sagen hört. Wer einen amerikanischen Waid gesellen, dem ist die Sache kein Räthsel mehr. Die amerikanischen Wälder sind, wo noch keine fleißige Cultur geübt wird, so dicht verwachsen, und die vielen gefallenen Bäume liegen so kreuz und quer durcheinander, daß daö Gewächse mehr den Namen Busch als Wald verdient. Nach und nach wird auch hier der Busch zum Wald gelichtet werden, nie aber wird sich mehr der Name Wald in Amerika geltend machen. Busch, jeS (ja), firen (etwas ordnen), very well (ganz recht), dieß sind Worte, die den deutschen Einwanderern am ersten Tag schon bei Ohren und Augen in den Mund dringen, und die er auch beständig im Mnnde hat. Man dürfte manchen am zweiten, dritten Tag fragen: sprichst du deulsch? und er wird antworten: jeS. Es ist auch merkwürdig, wie sehr sich die Deutschen, auch vom gemeinsten Stande, schämen deutsch zn reden, und wie gerne sie auch ein, wenn gleich ganz gebrochenes Englisch hcrstammeln. Ich fragte einst einen Arbeiter am See Michigan: sprichst du deutsch? Da amwortet er: nir vcrstend, anstatt des englischen I ci'ont untkr5tgr>6. Dummer Kerl, sagte ich, du kannst ja nicht einmal so viel Englisch, daß du recht 237 sagen könntest: ich kann'S nicht. Warum schämst du dich deutsch zu reden? — Uebri- genS lernen die Kinder mit unglaublicher Schnelligkeit englisch, und so auch die Dienstmädchen, die bei englischen Familien dienen. Ueberhaupt sprechen die Mädchen und Frauen das Englische viel deutlicher aus, und lernen eS auch schneller. Ich fragte einen Amerikaner um die Ursache, der mir darauf die ganz naive Antwort gab : Kein Wunder, sie plaudern und schwätzen ja so viel. Ich kehre zu meinem Missionsbericht zurück. Der Monat Mai nahte heran, und ein Geschäft von großer Wichtigkeit rief mich wieder nach Cincinnati. Seit einigen Jahren ersuchte mich schon der hochwürdigste seeleneisrige Erzbischof Purcell, die Statuten der Diöcese zu entwerfen und auszuarbeiten, was ich jedoch immer von mir ablehnte. Endlich drang der hochwürdigste Pr-ilal so sehr in mich, daß ich mich dazu entschloß. Ich verwendete mit größler Anstrengung dazu den vollen Monat Mai, doch so, daß ich täglich zu Ehren der seligsten Jungfrau in der hl. Philvmenenkirche vor einem hochfestlich gezierten und beleuchteten Altare predigte. Die vielen Kerzen, in deren Mitte das schöne Marienbild von acht Fuß Höhe aus Goldgrund stand, bildeten ein flammendes großes Herz. — Ich übergab dem hochwürdigsten Erzbischof am Ende deö Monates meine Arbeit, und ich hoffe von derselben mehr Frucht und Nutzen für den Weinberg des Herrn, als von vielen, vielen Missionen. Gott verleihe dazu seinen gnadenreichsten Segen! Ich gab hierauf noch an vier Kirchen der Erzdiöcese Cincinnati die Mission, nämlich in der hl. Josephkirche zu Ccmal Dover, in der Kirche Johannes von Gott, Mariä Himmelfahrt zn Mansches un.'> in der hl. Xavicrkirchc zu Lodi. In dieser letzten Gemeinde trug sich ein merkwürdiger BekehrungSfall zu. Man fragte, wo ich wohnen wolle, da zunächst der Kirche kein Katholik wohne, bei dem ich verweilen könne, ausgenommen ein bloßer Nameukathvlik, ein sonst geachteter Mann, der aber schon dreißig Jahre nicht mehr gebeichtet, eine protestannsche Frau geehelicht habe und seine Kinder protestantisch erziehen lasse. Kein Priester sey deshalb jemals mehr in sein Haus gekommen. Ich erwiderte: „Gerade daS ist der Mann, bei dem ich Wohnung nehmen will." Ich dachte mir, durch dieses Zeichen von Freundschaft und Wohlwollen werde ich daS Herz des Unglücklichen für mich stimmen, und so vielleicht seine Seele gewinnen. Ich hatte mich nicht getäuscht. Durch diese meine freundliche Nähe nnd Auszeichnung gewonnen, trug er sich schon am ersten Tage zur heiligen Beicht an, und versprach alle seine Kinder katholisch erziehen zu lassen. Ich taufte selbst einen erwachsenen Knaben. Sein Weib zeigte gleichfalls große Geneigtheit, sich zur heiligen Kirche zu bekehren, was auch, wie ich hoffe, geschehen wird. Ueberdieß lud der Mann, da er Vermögen besitzt, Alle, die wollten, täglich zur offenen Tafel, namentlich die zn weil wohnten, um zum MittagSmahle nach Hause zu gehen, welche Einladung auch Viele beuütztcn. — Ich dankte Gott, daß ich folgend dem Beispiele des Schntzpatrones dieser Gemeinde, des heiligen Tavcrius, einen Lazarus in seinem Grabe aufgesucht und mit Gottes Beistand glücklich wieder zum Leben der Gnade erwecken konnte, gewonnen durch Milde und Zuvorkommenheit von meiner Seile. Es nahete nun die Zeit der Einweihung der Kathedrale zu Milwaukie in Wisconsin. Der hochwürdigste Bischos Henni lud mich ein derselben beizuwohnen und dem deutschen Klerus seiner Diöcese zugleich zur selben Zeit die heiligen Erercitien abzuhalten. Auf meinem Wege dahin passirte ich die Diöcese Chicago und gab in zwei Gemeinden die heilige Mission; nämlich in der St. Marienkirche zu Luffalo Grove, und in der St. Josephökirche zu M. Henry. Die Priestererercitien ju Milwaukie wurden von dem deutschen KieruS mit dem größten Eifer benützt. Keine Diöcese der Vereinigten Staaten hat so viele deutsche Priester, besonders aus Oesterreich und Bayern, als Wisconsin. Man erinnert sich in dieser Diöcese sehr lebhaft an das alte Vaterland. DaS fchönstc Anzeichen, mit welchem Segen diese Priester den geistlichen Uebungen beigewohnt, gab ihr Entschluß, den sie am Ende derselben gesaßt, nud der nun wirklich durchgeführt wird: nämlich ein Knabenseminar für die Heranbildung von Geistlichen zu stiften, wozu dieselben, obwohl selbst arm, meines 238 Wissens sogleich an 3WV Dollars unterzeichneten. Wenn der Herr zu diesem Werke seinen Segen gibt, so sind die Folgen unberechenbar einflußreich für das Wohl der Gläubigen, namentlich der deutschen. Zur Consecration der Kathedrale fand sich zum großen Jubel der ganzen Diöcese, und namentlich der Stadt und deS so eben daselbst versammelten Klerus, der päpstliche Nuncius, Monfignor Bedini, Erzbischof von Theben, ein, welcher auch die Einweihung der Kathedrale selbst vornahm. Dieses prachtvolle Gebäude steht mitten in der Stadt auf dem erhabensten Theil derselben, und dominirt sie besonders gegen die Seeseilc hin, wo die Kathedrale das Gebäude ist, welches man vom Schiffe aus zuerst in der Entfernung von vielen Meilen erblickt. Die übrigen Tausende von Häusern dieser ausgedehnten Stadt scheinen sich um dieses erhabenste Gebäude gleichsam wie die Küchlein unter die Flügel der Henne zu drängen: dieses Bild stellte sich mir so oft vor, als ich nach dieser Stadt vom See aus kam. Der Act der Consecration selbst war ein für Amerika gewiß noch nie gesehener, und wird in der Geschichte der Kirche dieses Landes für immer einen ausgezeichneten Platz einnehmen. Da wo vor einigen wenigen Jahren noch die wilden Indianer ihre Kriegsversammlungen hielten, steht nun eine prächtige Kathedrale in Mitte einer großen Stadt, die ein Gesandter des heiligen Vaters einweiht, unter Assistenz von zwei Erzbischöfen, drei Bischöfen und über siebzig Priestern. *) Hierauf gab ich noch eine Mission zu Neutrier in Illinois und zu Neuköln in Wisconsin und begab mich nach dem Staate Iowa (Ajowe) um die Diöcese Dubugue mit Abhaltung von Missionen zu durchreisen. Meine Absicht war zwar eine ganz andere. Ich dachte besser zn thun, wenn ich mich nur vorerst den östlichen Staaten zuwendete. Da ist die deutsche Bevölkerung, wie man hier sagt, bereits gesettelt, d. h. so angesiedelt, daß wenige neue Einwanderer sich mehr im Lande niederlassen. DaS Land ist in diesen ältern Staaten für die armen ankommenden Deutschen bereits zu theuer; die müssen ihre neue Heimat in dem ferneren Westen suchen, wo man noch den Acre Land um einen Thaler vom Staate kauft. Handwerker, die neu ankommen, siedeln sich jedoch in den Städten der östlichen Staaten noch fortwährend an. Ich dachte demnach besser und klüger zu thun, wenn ich diese bereits arrondirten Gemeinden vorerst besuchte, während welcher Zeit sich die westlichen beinahe täglich vergrößern, und dann zurück in den Westen zu kehren, um an demselben Platz vielleicht dreimal mehr Katholiken zu finden, als es dort derzeit in den sich bildenden Gemeinden gibt. Indeß „der Mensch denkt, Gott lenkt", ist ein alteS, bewährtes deutsches Sprichwort, das sich auch hier aus hocket erfreuliche und trostreiche Weise bewährte. Se. Gnaden der hochwürdigste Bischof LoraS ließ mich nämlich durch den hochwür- digsten Bischof Henni von Milwaukie ersuchen, seine Diöcese in diesem Jahre zn bereisen. Der hochwürdigste Bischof Henni sagte dieß sogleich in meinem Namen zu, weil er wußte, daß ich die Absicht hätte, den westlichen Theil Wisconsins zu besuche», dem gegenüber der Staat Iowa liegt. So war ich nnbefragt durch ein bischöfliches Wort gebunden, worauf noch eine Menge von Umstänsen und Einladungen mich in jene Gegenden drängte. Ich konnte nicht anders als denken, eS sey so dci heiligste Wille GoiteS, und er war eS in der That, ja ich überzeugte mich an Ort und Stelle augenscheinlich dessen. (Schluß folgt.) Die Einweihung der Schneekoppencapelle. BreSlau Am 21. v. M. hat der hochwürdigste Fürstbischof daS höchst gelegene Gotteshaus in Norddeulschland, die Schneekoppencapelle, feierlich geweibt. Ueber diese Feier wird dem Schl. Kchbl, geschrieben: Vormittags predigte der hochwürdigste Erzbischof von New-Bork, Dr, Hughes. Nachmittags hielt ich die Predigt an die Deutschen. Abends predigte der hochwürdigste Erzbischof von Eincinnali. 239 »Unser hochwürdigster Fürstbischof kamen Montag Abends den 19. JuniHin Warmbrunn an. Der kommende Tag versammelte den gesammten ArchipresbyteratS- Klerns um seinen hohen Herrn; und an der gastlichen Tafel Sr. Ercellenz des Herrn Grasen Schaaffgotsch hörten wir aus dessen Munde ein Wort, daS, weil gesprochen von einem der ersten katholischen Standesherren Schlesiens, als ein Act katholischer Gesinnung uns unvergeßlich bleiben wird; und ich erlaube mir, dasselbe Ihnen fast wörtlich darnm mitzutheilen, weil wir nur beten können, daß eS sein Echo finden möge in allen Edelhöfen der christlichen Welt. „Meine Herren und hochverehrten Gäste!" sprachen Se. Ercellenz, „Wir stehen am Vorabende eines Festes, bei welchem das Loblied der Engel: „Ehre sey Gott in der Höhe" aufs Neue in erhebender Weise ans der höchsten Spitze des nördlichen Deutschlands ertönen soll. ES gereicht mir zur großen Freude, daß daS Gotteshaus fünftausend Fuß über dem Meeresspiegel, welches ein gotteSfürchtiger Vorfahr auf hohem 'Felsengrunde errichtet, das aber die Unbill der Zeiten seinem erhabenen Zwecke entfremdet hat, der Feier der heiligen Geheimnisse wieder geöffnet werden wird. Hierbei rechne ich es mir zu hoher Ehre, daß neben dem Namen Sr. fürstbischöflichen Gnaden auch der meinige genannt werden wird, und füge dem die Versicherung bei, daß, gleichwie auf Felsengrund dieses Gotteshaus errichtet ist — ein Abbild der für die Ewigkeit auf Petri Felsen gegründeten Kirche — auch eine katholisch-kirchliche Gesinnung in meinem Innern stets gegründet seyn, und ich als treuer Sohn der Kirche mich stets bezeugen werde. Ich spreche cS aus, ja ich bin deß' gewiß, daß stets ein Schaaffgotsch der Hüter dieses Gotteshauses seyn und die Familie Schaaffgotsch jene katholisch-kirchliche Gesinnung stets in Thaten bekräftigen wird." ' Bei heiterm Wetter wurde Nachmittags das Hochgebirge bestiegen. Unser geliebter Fürstbischof legten abwechselnd große Strecken zu Fuß zurück. Um acht Uhr Morgens den 31. Jnni begann die feierliche Reconciliation der Capelle, worauf seit 43 Jahren das erste Kloria in excslsis vec> wieder ertönte. Nach dem Evangelium wandten sich der hochwürdigste Oberhirt an das Volk. Meine Feder kann nicht die Wahrheit, Kraft und Würde dieser apostolischen Rede wieder geben; was brauche ich auch mehr zu sagen, als unser hochwürdigster Fürstbischof Heinrich hat gesprochen, und alle Welt weiß, wie er gesprochen hat. Ausgehend von den Worten des königlichen Propheten: .,Jch erhebe meine Angen zu den Bergen, von wo mir Hilfe kommt!" zeigte uns unser Chrysostomus, wie Golt sich oftmals der irdischen Höhen bedient habe, um unsere Seelen auS deu Tiefen der Sünde zu den himmlischen Höhen zu führen. Sie können sich vorstellen, wie ergreifend diese Schilderungen seyn mußten, ausgeführt in der beredten Sprache unsers geliebten Bischofs. Und als Hochderjelbe sich zuletzt an Se. Ercellenz den edlen Grafen wandte, versichernd, er könne alle seine Gefühle deS heutigen TageS nur in Einem Worte aussprechen, nämlich: „Gott lohne es! Gott lohne es Ihnen und Ihrem ganzen gräflichen Hause mit Seinem Segen und Frieden, den hier nicht die Welt, doch daS Bewußtseyn einer edlen That gibt", — da habe ich manchen Mannes Auge von Thränen feucht gesehen, und zwar von Thränen, die der Mensch selten aber gern weint, nämlich von Freudenthränen. Glücklich gelangten Se. sürstbischöfliche Gnaden wieder in das Thal; und der kommende Donnerstag führte Hochdenselben nach Hirschberg, das in wenig Stunden mit Blumen und Reisern sich geschmückt und seine Straßen, über die der geliebte Oberhirt einzog, mit frischem Grün bestreut hatte. Magistrat und Stadtverordnete, so wie die Spitzen der übrigen Behörden, begrüßten an der Thür des Pfarrhauses den hohen Kirchenfürsten, der sichtlich überrascht war von so vielen Beweisen der Huldigung und Liebe, die von keinem Menschen angeordnet oder befohlen, freiwillig wie durch einen Zauber entstanden waren. — Liebreiche väterliche Segensworte sprach auch hier der würdige Nachfolger der Apostel über Hirschberg und seine Bewohner. Ueberfüllt waren die geräumigen Hallen deö Gotteshauses von den Thalbewohnern, die, den bedeutenden Wochenmarkt besuchend, nicht das Glück geahnt hatten, einen katholischen Bischof einmal sprechen zu hören I — Nachdem gegen fünfzig Personen 240 noch das heilige Sacrament der Firmung erhalten hatten, setzten Se. fürstbischöfliche Gnaden Ihre Weiterreise nach BreSlau fort. Gründung einer orientalisch-christlichen Gesellschaft. Rom, 29. Juni. ES steht hier in Rom, unter der Aegide deS PapsteS und den Auspicien der heiligen Congregation cls propgMircis iiele die Gründung einer orientalisch-christlichen Gesellschaft nahe bevor. Stifter derselben soll ein griechischer Unterthan der ottomanischen Pforte, Jakob Pitzipios auS Scio, seyn, ein Mann von feinem Verstände und tiefen Kenntnissen in Bezug auf die Geschichte der griechisch- byzantinischen Nation und der unseligen Trennung vom Mittelpunct der religiösen Einheit, Schon seit vielen Jahren stimmte er aus fester Ueberzeugung der katholischen Lehre bei, und war mit Mund und Herz ein tüchtiger Versechter deS Grundsatzes von der Oberhoheit dcö heiligen Vaters; da er aber an die Spitze der gedachten Gesellschaft treten soll, so hat er dieser Tage die von Photius eingeführten und von CerulariuS wieder aufgewärmte» Irrthümer in die Hände des Präfccten der Propaganda, Cardinal Franzoni, förmlich abgeschworen, und ist mit Frenden in den Schooß der römischen Kirche aufgenommen worden. Der Zweck der orientalisch-christlichen Gesellschaft ist, wie leicht zu begreifen, die Wiedervereinigung der orientalischen Kirche aller Rilen.und Nationen mit der katholischen und apostolischen Kirche zu Rom, ohne irgend eine Veränderung oder Umgestaltung derjenigen nationalen Riten, die sich auf das Ansehen der Tradition wie auf die Genehmigung durch die höchste Gewalt deS sichtbaren Oberhauptes der ganzen Kirche stützen. Die Gesellschaft geht von dem Grundsätze aus: der Beschluß über die Wiedervereinigung der Griechen mit den Lateinern, von hh. allgemeinen Concil von Florenz am 5. Juli 1439 erlassen und vom Papst Eugen IV., von Johann PalciologuS, Kaiser von Constantinopel:c,, so wie von den versammelten Vätern des Orients und Occidents bestätigt, bestehe noch heute in voller Kraft und Geltung bei der griechischen Kirche, in so fern er von eben dieser Kirche niemals amtlich und feierlich entkräftet oder aufgehoben worden; die Wiedervereinigung besteht demnach zu Recht und daö Bestreben der Gesellschaft zielt dahin, sie sactisch in Vollzug zu bringen. Ihre Mittel zur Erreichung unter Gottes Beistände eines so hochwichtigen Ziels werden folgende seyn: l) unter den Griechen die Kenntniß der Verhandlungen und ganz besonders deS Endbeschlusses der Florentinischen Kirchenversammlung zu verbreiten uud populär zu machen; 2) den Giundsatz öffentlich auszusprechen und gleichermaßen zu verbreite", daß die Wiedervereinigung nie widerrufen worden und folglich von Rechtswegen in voller Kraft fortbesteht; 3) verschiedene Schriften herauszugeben, die in schlichter, Jedem verständlicher Form über Grundlage, Motive und Vortheile der Wiedervereinigung belehren; 4) um zu diesem Behufe sich auch der TageSblätter zu bedienen; 5) überall, wo es der Zweck der Gesellschaft erheischt, Localvereine und Agenten einzusetzen, die unter Leitung des zu Rom sitzenden Centralraths das heilige Unternehmen zu fördern haben. Die Gesellschaft würde nicht abgeneigt seyn, je nach den Umständen auch diplomatische Mittel anzuwenden; denn obschon sie nur einen geistig-religiösen Zweck anstrebt, so ist dieser Zweck seinem Wesen nach doch auch politisch und materiell, indem er daraus gerichtet ist, die überaus wichtige Frage vom russischen Patronat über die der hohen Pforte politisch unterworfenen schismatischen Griechen zu lösen, oder richtiger gesprochen, zu beseitigen, in so fern durch den beabsichtigten Eintritt dieser Griechen in die römische Kirche Zweck und Gegenstand der russischen Schutz- Herrlichkeit wegfällt. Von diesem Gesichtspunkte ans müßten nicht blos die katholischen, sondern auch die heterodoren Fürsten, die den Fortschritt von Rußlands Uebergriffen hemmen wollen, die orientalisch-christliche Gesellschaft beschützen und ihren Plan fördern helfen. (D. Nh.) Verantwortlicher Redacteur: L, Schönchen, Verlags-Inhaber: F. C. Kr einer. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger NoKMung. 30. Juli ^ 1854. DteseS Blatt erscheint regelmäßig «Ue T-ouutage. Der haldjährige Abon»em^nl«prei« kr., wofür e< durch alle köuifll. bayer. Poilümter und alle Buchhaudlunne« de^oaen werde» kanv. Missivnsbericht vom Jahre an den hochlöblichen Ludwigs-Missionsverein zu München, von ?, F. X. Weninger, Priester aus der Gesellschaft Jesu und Missionär in Nordamerika. (Schluß.) Ich eröffnete die erste Mission in der Stadt Dubugue selbst, der größten Stadt im Staate, am Mississippi gelegen, woselbst auch der Bischof sunen Sitz hat. Iowa zählt unter seinen Bewohnern viele der Flüchtlinge auS Europa, und somit eine Menge der entschiedensten ReligivuSfeinde, ja man muß eS sagen, der rasendsten GvtteSfeinde. Wie ungelegen kam diesen radikalen Satanssöhnen die Abhaltung der Mission, und ihr belebender nnd rettender Einfluß. Wie oft hörte ich hier und durch ganz Iowa die sich uuabläßig wiederholende Versicherung: „Wären Sie jetzt nicht gekommen, ich wäre ewig verloren; ich war schon daran, allen Glauben und alle Religion fahren zu lassen!" Die Erbitterung der feindseligen atbeistisch-antichristlichen Partei gab sich dagegen auch sogleich nnd deutlich genug dadurch gegen mich kund, daß man mir zweimal nach dem Leben strebte. Einmal dadurch, daß man eine Flasche Scheidcwasser oder Bitriolöl durch daö Fenster an mein Belle warf; das andere Mal bei Hellem Tage, auf offener Slraße. Ich ging im Priestcrklei» d. h. mit meinem OrdenSkleide zu «inem Kranken, und hatte daS allerheiligste Sacrament bei mir. Da sprengten zwei Reiter die Gasse daher, von denen der eine, als er mich im Pnesteikleide erblickte, dem Andern sogleich zurief: ..Reit doch den Pfaffen nieder!" Wüklich sprengt dieser im vollsten Galopp gegen mich Hera». Ich wich kein Haar, sondern ließ ihn heransprengen. Schon war das Pferd ganz an mir, da riß er eS plötzlich zur Seile. Ich meinte, eS werde vielleicht gegen mich ausschlageu, indeß es geschah mir kein Leid, meine Stunde war noch nicht gekommen. Ich weih nicht, hat ihn meine Ruhe erschreckt, oder welche nächste Ursache ihn bewog das Pferd wegzureißen, gerade bevor eö mich niedertreten sollte. Nach der Mission zu Dubugue kehrte ich iu die Stadt Galeua zurück, nicht weil von Dubugue am entgegengesetzte» Ufer des Mississippi im Staate JlliuoiS. Es ist dieß eine sehr reiche Handelsstadt mil ergiebigen Bleimiucu, Mancher auch katholischer bedürftiger Hausbesitzer fing an zu graben, und wnrbc auf einmal ein reicher Mann. Galena gewährt einen ganz andern Anblick als sonst die Städte in Amerika. Die sind gewöhnlich höchst bequem, mit vielen Straßen; hier ist die Stadt wie ein Bethlehem in die Berge eingezwängt. Bon Galena auö besuchte ich das HauS der Dominicaner am Berge Sinsinncuva. Nicht leicht wird man in der Well ein Kloster finden, von wo auS man eine weitere und herrlichere Aussicht gcnösse, als von diesem Hause. Ich sagte eine Mission zu, doch vorerst mußte ich Iowa durchgehen. Ich besuchte da nun zuerst die Gemeinde zu SchellSmound, und hieraus daö M 242 mir so lieb und unvergeßlich trostreich gewordene Guttenberg. Diese Stadt liegt am Mississippi, und ein Ereigniß ganz außerordenilicher Art trug sich am Schlüsse der Mission bei Aufpflanzung deS MisstonSkreuzeS zu, welches mich wohl, so lange ich in meinen Missionsarbeiten athme, trösten und ermuntern wird. Die Kirche ist der unbefleckten Empfängnis) Maria geweiht. Ich feierte daselbst am Rosenkranz-Sonntag den 35jährigen Gedächtnißtag meiner Primiz in der Kirche Maria Stiegen zu Wien. Die Mission schloß sich am 7. October als am ersten Freitag des MonatS. Wir trugen das große Missionskreuz in feierlicher Procession gegen drei Uhr Nachmittag und richteten eS im Freien neben der Kirche auf. So wie nun das Kreuz sich zu erheben begann, erschien am blauen Himmel gerade über dem MissionSkreuz ein großes weißes Kreuz von ungefähr 1W Fuß Lange und der Querbalken 25 Fuß. Der Körper des Kreuzes war ungefähr zwei Fuß. Dieses Kreuz stand am Himmel bis das MissionSkreuz in die Erde gesenkt war, beiläufig eine gute Viertelstunde. Alsdann begann eS sich noch höher zu heben, und ganz glorreich wie in Duft und Strahlen zu zerfließen. In einiger Entfernung von beiden Seiten deS KreuzeS sah man die Bildung von zwei Palmzweigen, so wie man selbe in den Händen der Märtyrer zeichnet, ebenfalls weiß wie das Kreuz. Eine protestantische Frau soll die erste gewesen seyn, die Andere auf diese himmlische Erscheinung aufmerksam machte. Wie groß der Trost und die Freude im Herrn unter dem Volke war, das wird der fromme Leser leicht ermessen. Was mich betrifft, so war und bleibt der Eindruck nur immer einer und derselbe: ich dankte und danke nämlich dem Herrn vom Grunde meines Herzens und der innersten Tiefe meiner Seele, ein Anzeichen gesehen zu haben, das mich zu versichern schien: „der Wille GotteS geschehe durch mich aus Erden, und sein Segen begleite das Werk." Diese Beruhigung gilt mir mehr als alle Wunder der Welt. Ich fühlte mich gar nicht aufgefordert, weiterS darüber ein Won zu rede» oder zu schreiben, allein der hochwürdigste Bischof von Dubugue nahm es anders. Er schick-e sogleich zwei seiner Priester an Ort und Stelle, um die Aussage der Zeugen zu vernehmen, welche bereit wären, eidlich die Thalsache zu bestätigen, was auch wirklich geschah. UcbrigenS wiederhole ich, mir ist und bleibt es eins, ob ein Mensch in der Welt das Ereigniß glaubt oder nicht, oder eS so oder so erklären wolle; ich werde den Nutzen, den meine Seele daraus geschöpft und bewahrt, immer mit heißestem Dank gegen den Herrn zu bewahren suchen, und muthig vorwärts gehen in seinem heiligen Dienste für das Heil so vieler durch sein heiliges Kreuz erkauften Seelen. Ich begab mich hierauf nach dem sehr nördlich gelegenen Fort Atuison, und sanv daselbst eine Gemeinde, großentheils bestehend aus Deutschen, bei welchen ich zu Oldenburg-Jndiana die erste Mission in Amerika im Jahre 1848 gegeben. Sehr oft ziehen Einwanderer nach einiger Zeit in einen andern Staat, wenn sie am ersten Platz sich einiges Vermögen erworben haben, mit welchem sie in einem ferneren Staat oft zehnmal so viel Land sich kaufen, als sie früher besaßen. Iowa hat einen ausgezeichneten Boden, wenn gleich eS anderseits so ziemlich holzarm ist und auS Prärien besteht. Die nächste Mission gab ich zu Neuwien. Der hochwürdigste Bischof benamue die Stadt so aus Dankbarkeil gegen die Spendnngen deS LeopoldinenvereineS. Ein Tiroler, Herr Lentner, ist daselbst Seelsorger. Ueber ZölZ Familien wohnen daselbst, ohne daß nur ein Protestant dazwischen wohnte. Die letzten drei nahm ich bei der Mission in die katholische Kirche auf Ich begab mich von dort nach Dnbugue und desuchle das in der Nähe der Sladi gelegene Trappistentloster. Es war mir interessant, auf dem Wege meines thätigen MissionSlebcnS in die beschauliche Stille eines TrappistcnklosterS einzugehen. Ich fühlte selbst in meiner Jugend, und auch als Weltpriester den stärksten Zug zu einem ganz beschaulichen Leben, und hatte wirklich den Trost, in meinen Studienjahren als Theolog mitten in dem Gewühle der Residenzstadt Wien das einsame Leben eines Kamaldulensers zu leben. Ich schätze mich nun aber noch weit glücklicher als Jesuit und OrdenSmann beide Lebensweisen zu vereinigen. Das Trappistenleben würde mich überdieß deshalb nie ansprechen, weil 243 eS bei aller Einsamkeit die Weihe der Einsamkeit nicht hat, da alles, Gebet, Arbeit,c. gemeinsam geschieht, ja selbst der Schlafsaal gemeinsam ist. Da liebte ich unvergleichbar mehr daS Karthäuserleben; eS schiene mir ein Paradies auf Erden. Allein dennoch wäre eS für mich keines, wenn man die Seelennoth so Vieler kennen gelernt, die thätige Hilfe brauchen, namentlich in diesem Lande. Ich war demnach c>anz sroh, nicht immer in den Mauern der stillen Trappistenabtei verbleiben, sondern der Bahn meines Berufes folgen zn dürfen, besonders da die Erfahrung mich lehrte, daß man mitten im Gedränge deS MissionslebenS der Weihe innerlicher Einsamkeit durchaus nicht entbehrt, noch zu entbehren braucht. Gottes Weisheit und Erbcirmung ist reich an jedem Orte für Alle, die sich ihr ergeben, und die verschiedenen Lebenszustände im Verbände der Kirche gereichen gewiß zu einer ihrer schönsten Zierden. Bei der nächsten Station zu '5Sts cle morts pflanzte ich daS MissionSkreuz auf einen sehr hohen an der Höhe kahlen Hügel auf, zu dem von der Kirche aus die vierzehn Stationen errichtet werden. Es wird gewiß der schönste Kalvarienberg in den Vereinigten Staaten werden. Am Vorabend Allerheiligen stand dieser ganze Berg sammt Umgegend in lichten Flammen. Es war ein Prairiefeuer. Man zündet nämlich hier im Spätherbst daS dürre GraS an, dnS der Menge wegen Niemand mäht, und eS ist ein merkwürdiger Anblick, ein solches mit Windesschnelle forteilendes Prairiefeuer. Weh dem Landmann, der nicht darauf vorgesehen ist, und sein Haus und Hof nicht umackert hält; er könnte mit einem Male von einem solchen Feuer heimgesucht werden und Hab und Gut verlieren. Wenn ein solches Feuer herannaht, ist eS am besten, man zündet ein Feuer entgegen an, und verhindert sogleich die Ausbreitung dieses zweiten; wenn dann daS erste Feuer herankommt, so ist daS Gras schon zu Asche verbrannt und das erstere Feuer erlischt aus Mangel an Brennstoff. Dieß thaten wir auch hier. Von I'öte 6e morts reiste ich bei harter plötzlich eintretender Kälte nach Daven- port. Ich erlebte auf der Reise dahin einen eigenen Fall, der auf daS Walten der göttlichen Vorsehung ganz auffallend hinweiset. Ich hatte daS allerheiligste Sacrcunent bei mir, da ich von jenem Berge aus unter dem MissionSkreuz den Segen mit demselben gegeben. ES war jedoch mehr eine außergewöhnliche Fügung des Himmels, daß dem so geschah. Ich kam an einen Fluß, der über Nacht so überfror, daß daS Boot, welches die Ueberfahrt besorgt, für mehrere Stunden verhindert ward, sich Bahn zu brechen. Ich kehre um, und will in einem Hause die Ueberfahrtzeit abwarten. Siehe da kömmt ein Amerikaner daher, ein wohlhabender gebildeter Mann, und frägt, ob ich nicht ein katholischer Priester sey; er merkte eS an meinen Kleidern. Ich sagte: Allerdings. Da bat er mich, sogleich zu einer sterbenden Jrländerin zu kommen; dieselbe habe seil vielen Jahren keinen Priester mehr gesehen, und verlange sehr nach dessen Beistand. Ich eilte dahin, und hatte die so ganz unerwartete Gelegenheit, ihr die heiligen Scicramente zu spenden. Wie groß war ihr Trost und Dank vor dem Herrn, und wie wichtig und entscheidend für ihr seliges Ende. Nach der Mission zu Davenport gab ich die Mission in Iowa City selbst, der Hauptstadt des Landes. Bis Hieher erstreckt sich bis jetzt die Einwanderung der Deutschen im Westen. Ich hatte die Freude, hier besonders viele Protestanten in die heilige Kirche auszunehmen, und namentlich erbaute die Rückkehr einer zu den Methodisten abgefallenen Katholikin mich und das ganze Volk. Sie trat nämlich bei Gelegenheit der feierlichen Erneuerung des Tausgelübdes, nachdem Kinder und Volk mit lauter Stimme betheuerten, für den heiligen Glauben selbst das Blut zn vergießen, vor das PreSbyterium, und warf sich reumüthigst an dem Taufbrunnen nieder, wo sie öffentlich daS Vergehen ihres AbfalleS beweinte, und ich sie von der Ercommuni- cation lossprach. Ich errichtete hierauf noch das MissionSkreuz an der St. Marienkirche, und begab mich nach Burlington, der nach Dubugue größten Stadt im Staate Iowa. Sowohl hier wie in Iowa City errichtete ich daS MissionSkreuz ober der Stadt auf einem Hügel im Friedhof. DaS Kreuz scheint nun über diese beiden ansehnlichen 244 Städte seine Arme auszubreiten, und gewährt einen sehr tröst- und hoffnungsvollen Anblick. Selbst die wilden amerikanischen Jungen hatten Gefallen an der Procession, mit welcher das große Kreuz in Burlington an seinen Platz gebracht wurde. Sie machten sich nach der Feierlichkeit auch Kreuze und Fahnen, und ahmten die Procession nach, nicht zum Spott, sondern zum Vergnügen, doch so, daß man merkte, eS sey ein ganz guter Eindruck auf sie geschehen. Die letzte Mission in diesem Jahre gab ich zn Fort Madison. Eine sehr freundliche Stadt am Mississippi. Ein herrliches Missionskreuz von 33 Fuß auf einem acht Fuß hohen Piedestal steht mitten in der Stadt, als Erinnerung an diese Gnadenzeit. Ich eilte nun nach Ciucinnati, um allda Weihnachten zu feiern, und noch einmal den päpstlichen NunciuS zu sehen und zu sprechen. Eö wird meinen geehrten Lesern aus Zeuungen bekannt seyn, in welch verbrecherischer Weise Hochderselbe allda von den deutschen Atheisten behandelt wurde, die sich „freie Männer" nennen. Es zog nämlich ein Zug von 6ö>> Männern, mit verschiedenen Mordemblemen bewaffnet, um zehn Uhr Nachts an daS Haus veS hochn'ürdi..sten ErzbischofS, wo Se. Ercellenz der hochwürdigste Nuucius Bedini wohnte. Sie halten dessen Bild und verschiedene Transparente mit den Inschriften: Nieder mit Bedini; nieder mit den Pfaffen zc. Die Polizei hemmte zwar ihr Ansinnen, Gewalt auszuüben gegen die Person des hochwürdigsten NuuciuS. Viele Verhaftungen und eine nngeheure Aufregung erfolgte. In der Halle dieser „freien Männer", welche zugleich ein großes Kaffee- und Unterhalrungshaus ist, hatte ich die Ehre, in elligis an der Eeirc des päpstlichen NunciuS aufgeheult zu werden, waS mir übrigens gar nicht wehe that, uud auch keinen Schaden brachte. Da ich mich mit Missionen besonders unter den Deutschen beschäftige, bin ich diesen deutschen Atheisten besonders im Wege, und eS wachten an dreißig Männer dieselbe Nacht an meinem Zimmer, daß die Leute nicht, wie sie drohten, ans der bildlichen Vorstellung Ernst machten. Indeß meine Zeit war noch nicht gekommen; möge sie einst kommen, und sich die Drohung socher Radicalen in Iowa erfüllen, wenn ich zuvor einmal ganz Amerika bereist habe, ÄlS diese nämlich daS große schöne Kreui, in Fortmarlison mitien in der Stadt sahen, sagten sie ganz ärgerlich: „Könnten wir doch den Missionär selbst hinansnageln." Nur zu, Freunde — er verdient eS, kein Zweifel — oder vielmehr: er ist einer so großen Gnade freilich ganz unwerlh. So wie das Weihnachtssest vorüber war, rief mich ein Versprechen, eine Primiz- Predigt am Neujahrsicige in Lt. Louis zu halten, in diese Siadt. Ich eilte dahin, und brachte die letzte Nacht des JahreS auf der Eisenbahn zu. Für einen Missionär kein ungeeigneter Platz, um das Te Deum eben so dankerfüllt und innig, wie in der geräumigsten, herrlichsten Kirche der Welt anzustemmen. Ich halte fest dafür, daß dieses unheimliche Anzeichen der sich heranuaheuden letzten Zeiten den Missionären nach GotteS weisester Vorsehung gerade den besten und schnellsten Vorschub leistet, um noch recht vielen Herzen, an recht vielen Orten hilfreich beiznspringen, und.dem Herrn den Weg für sie zu bereiten. So schloß sich meine Arbeit auf dem MissionSfelde hier in Amerika unter meinen Landsleuten für daS Jahr l853. Ich rufe den Beistand des Gebetes aller meiner in Christo lieben theuern Milbrüder unv Kinder der heiligen Kirche in unserm alten Naterlande an, mir die Andaner der Stärke und Gesundheit zu erflehen, die mich bisher ganz unerschüttert begleitet, und um so mehr den Zufluß der Gnade des Herrn, damit ich als ein Ihm ganz vereinigtes Werkzeug arbeiten, und meine schwachen Kräfte obne Unterlaß und Unterbrechung noch lange hin verwenden und ohne eine Minute Zeilverlust verbrauchen möge zur größern Ehre Gottes und zum Heile unzähliger Seelen, durch Jesum Christum, unsern Herrn. F. Weninger, Priester der Gesellschaft Jesu und Missionär in Nordamerika. 245 Die Schwestern der Armen. In Frankreich, jenem Lande, welches in diesem Jahrhundert so manche neue Ordensgesellschaften und religiöse Vereine auf seinem Boden entstehen und wachsen sah, hat in der letzten Zeit eine neue Genossenschaft sich gebildet, der schon jetzt, einige Jahre nach ihrem crsnn ganz unscheinbaren Beginne, ein höchst wohllhätiger Einfluß auf das sociale Leben nicht bestritten werdni kann, und der eine große, gesegnete Zukunft bevonnstehen scheint. Es ist das jener, nun schon in vielen Städten Frankreichs verbreitete Verein von Jungfrauen, die den demüthigen Namen „Schwestern der Armen" führen, uud die die Pflege alter, hilfloser Personen beiderlei Geschlechtes sich zur einzigen Lebensaufgabe gestellt haben. Wenn zwar auch andere Orden, wie z. B, die barmherzigen Schwestern, neben den übrigen Zwecken, die sie verfolgen, die Verpflegung hilfloser Greise und Greisinnen in den Kreis ihrer frommen Wirksamkeit ziehen, so ist doch die Art und Weise, in welcher diese Verpflegung von den „Schwestern der Armen" bewirkt wird, eine neue und eigenthümliche. Die bisherige Geschichte und Entwicklung der Genossenschaft ist so ganz geeignet, einerseits, die bekannte Wahrheit zu erhärten, daß Gott zur Beschämung der Welt das, was in ihren Augen klein ist, erwählt, um Großes, wunderbar Großes dadurch ins Werk zu setzen, andererseits, um die Macht und daS Walten der christlichen Liebe in einem neuen und herrlichen Lichte uns vorzuführen. Auch erfreute sich die neue Genossenschaft vom Anfange an des besondern göttlichen Schutzes und Beistandes, und in immer reich- licherm Maaße hat der Himmel bis heute seine Segnungen über sie ausgeschüttet. DaS AlleS läßt uns hoffen, daß unsern Lesern die folgenden Mittheilungen, die wir französischen Berichten entnehmen, nicht unwillkommen seyn werden. bescheidener Haushalt irgend leisten konnte. In diesem Zustande verblieb da? Untrnehmen bis zum 29. September t841. Da nämlich miethete der Vicar ein schlechtes Unterhaus, welches zur Schenke gedient hatte, und weder gedielt, noch geflurt war. Die drei Schwestern zogen ein; zu ihnen gesellten sich alsbald zwölf brave alte Frauen als Pflege; mehr Menschen konnte der Raum nicht fassen. Diejenigen der aufgenommenen Armen, die dazu noch Kräfte hatten, fuhren fort, Almosen zu erbitten. Sie empfingen von der Armenverwaltung außerdem Brod und Leinwand; das HauS verabreichte ihnen auf seine Kosten die Suppe, und die sonstige Nahrung bereiteten ihnen die Schwestern von den gesammelten Gaben; es war vor der Hand unmöglich, ein MehrereS zu thun. Allein Gott, der seine Liebe und Fürsorge für die Armen offenbaren wollte, gab den Schwestern in den Sinn, ihren Pfl-glingen die Schmach und Beschwerde deS BettelnS zu ersparen und selbst diese Mühe über sich zu nehmen. Johanna Jngan, die älteste der Schwestern, ergriff ohne Umstände einen Korb und sammelte in den Häusern, wo die Armen regelmäßig unterstützt wurden, an deren Stelle die Pfennige und die Ueberbleibsel der Tasel. Wenn Johanna verhindert war, traten für sie die andern Schwestern ein. Die unterstützenden Familien sahen sehr gern diesen Wechsel in der Person der Bittenden, weil sie nun gewiß w^ren, daß ihre Almosen gut verwendet wurden. Zugleich i gewannen die Schwestern durch diesen Schritt immer mehr die allgemeine Theilnahme für ihr frommes Werk, und es währte nicht lange, so sah sich das HauS in den Stand gesetzt, sämmtliche Bedürfnisse der Armen, Wohnung, Nahrung und Pflege, selbst zu besorgen. Ein Jzhr wohnten die Schwestern in dem schlechten Unterhause. Nach dieser Zeit wurde es ihnen zu klein, denn hilflose Personen kamen von allen Seiten und baten um Aufnahme, Der Vicar von Saint-Servan erstand ein altes Klostergebäude für 22,000 Franken. Um diese Summe zu zahlen, verlangte er von Niemand eine Gabe. Er selbst hatte vier- vis fünfhundert Franken zusammengespart, und legte dazu, was er durch den Verkauf seiner Uhr, eines Kelches und silberner Meßkännchen löste. Johanna Jug.n besaß ein kleines Vermögen von 600 Franken, die zinsbar angelegt waren, die Eltern der beiden ersten Schwestern gaben diesen ungefähr 900 Franken, und eine vierte Arbeiterin, die sich der Genossenschaft anschloß, brachte derselben 400 Franken zu. Mit diesem Gelde konnte man die Kosten deS KaufcontracteS decken und eine kleine Summe auf Abschlag zahlen. Hinsichtlich deS Restes rechnete man auf die Vorsehung. Man wirkte für die Armen, die Vorsehung konnte nicht zu Schanden werden lassen. Und sie that es in Wahrheit nicht, denn ein Jahr später war daS Haus bezahlt, und daS Geld dazu auf tausend unvermutheten und wunderbaren Wegen zusammengekommen. Die Zahl der Armen mehrte sich nun täglich. Die Mittel zu ihrem Unterhalte blieben immer die nämlichen, die Uederbleibsel der Tafel, die Sammlungen von Gemüsen auf den Märkten, die erbetenen Almosen uud die Geschenke von Personen, die i-daS HauS bejuchten. Inzwischen war daS HauS voll geworden, ja eS wurde abermals zu klein, man - mußte darauf bedacht seyn, einen Erweiterungsbau vorzunehmen. Die Genossenschaft besaß dazn gar nichts als ein 50 Centimesstück (4 Sgr). Man leite eS zu den Füßen der heiligen Jungfrau hin und begann den Bau im festen Vertrauen aus ihre > Hilft. Zuerst mußte ein kleines NebenhauS abgebrochen werden; die Schwestern thaten das selbst mit eigener Hand, machten dann mit Hilfe zweier Handlanger die Ausgrabungen für das Fundament deS neuen Gebäudes und schafften in einer Länge von fünfzig Fuß die Erde so tief heraus, als für die Anlage der Keller nöthig war. So r.war denn Alles für den Bau vorbereitet, aber man hatte noch immer kein Geld. Nichtsdestoweniger wurde das nöthige Material angeschafft und die Maurerarbeit einem Meister übertragen. Mittlerweile erbte der Abbs Le Pailleur ganz unvermuthet ein Legat von 7600 » 2M Franken, die ihm ein aus Saint-Servan gebürtiger, auf der Jnsei Jersei gestorbener' Herr vermacht hatte. Derselbe wohnte seil langen Jahren auf der Insel, hatte aber zwei Monate vor seinem Tode eine Reift nach Saint-Servan gemacht, um sich nach einer alten Tante zu erkundigen, die ein sehr verkommenes Leben geführt hatte. Lange Zeit hindurch dem Laster des TrnnkeS ergeben, war sie ein Gegenstand des AbscheueS für die ganze Stadt gewesen. Er erfuhr, daß sie in das „Zufluchtshaus" (m-iison cl'iisile) — so nannte man die Anstalt — aufgenommen sey und sich jetzt gut betrage. Er besuchte die Anstalt und war hocherfreut, als er fand, daß seine Verwandte zu den Uebungen der Religion und einem ordentlichen Lebenswandel zurückgekehrt sey. Nach seiner Rückkehr errichtete er zu Jersei sein Testament und vermachte dem Abb6 Le Pailleur jenen Theil seines Vermögens, der seiner Tante zugefallen wäre, indem er glaubte, und zwar mit Grund, so am besten für das Wohl dieser armew Frau Sorge zu tragen. Diese Summe war eine schöne Hilfe zn den bedeutenden Kosten deS Neubaues. Zur nämlichen Zeit wurde der Johanna Jugan von der französischen Academi'e> die von ihrer Hingabe für die Armen Kunde erhalten hatte, der erste Preis der Stiftung Monthyon, im Betrage von 3000 Franken, zuerkannt. Mit diesem Ehrenpreise soll nach der Bestimmung deS Stifters jährlich die edelste That in Frankreich belohnt werden. Zu diesen beiden größern Geldsummen kamen manche Geschenke von Wohlthätern und die Fuhrdienste, welche die in der Nähe wohnenden Pächter unentgeltlich leisteten. Kurz, das Gebäude war bezahlt zur nämlichen Zeit, als eS vollendet war. DaS neue Haus füllte sich schnell mit Armen. Gegenwärtig befinden sich in der Anstalt über hundert arme Leute beiderlei Geschlechtes, die von vierzehn Schwestern verpflegt werden. Die Anstalt war den Bewohnern von Saint-Servan eine Veranlassung zu vielen schönen Handlungen christlichen Edelmuthes: nur eine derselben soll hier erwähnt werden. Die Arbeiter eineö gewissen Herrn Guibert/ eines vermögenden SchiffsrhederS in dieser kleinen Hafenstadt, vier- bis fünfhundert an der Zahl, legten ganz freiwillig, ein jeder fünf Centimes (5 Pfennige) wöchentlich, für die armen Leute deS ZufluchtS- hauses zusammen. Dieses Almosen, recht eigentlich der Heller der Armuth, brachte dem Hause großen Nutzen und war sür die guten Arbeiter eine Quelle göttlicheu SegcnS. Kaum hatte die Anstalt zu Saint-Servan in solcher Weise festen Bestand gewonnen, so war auch schon der Zeiipnnct da, in weichem das Werk nach GotteS Willen eine weitere Ausbreitung erlangen und in andern Städten Frankreichs Boden finden sollte. Eine große Anzahl srommer Personen, fast lauter Arbeiter, ohne Vermögen, aber voll heißer Liebe zu Jesus Christus, ließen sich aufnehmen in die neue religiöse Genossenschaft. Im Jänner 1846 wurde nun durch die Schwester Marie Augustiue (Johanna Jugan), welche General-Oberin der Genossenschaft geworden war, daS zweite HauS zu Rennes und kaum sechs Monate darnach das dritte zu Dinan gegründet. Schon im nächsten Jahre (l.847) gründete sie ein viertes HanS zu TourS und im Jahre 1849 ein fünftes zu Paris, am letzten Orte unter Beihilfe von 45 Conferenzen des heiligen Vince^z von Paul, Die Schwester Marie Therese, eineS der beiden jungen Mädchen, die Gott erwählt batte, das Werk zu beginnen, gründete im nämlichen Jahre daS sechste HauS zu Nantes. DaS HauS zu Paris, im September 1849 eröffnet, wird jetzt von hundert alten Personen beiderlei Geschlechtes bewohnt, die von zwanzig Schwestern mit einer Hingabe und Liebe gepflegt werden, wie sie nur der christliche Glaube einhauche» und lebendig crhallen kann. Die Räumlichkeiten gestatten nicht, eine größere Anzahl armer Greise aufzunehmen; deßhalb bemüht man sich, ähnliche Häuser in den verschiedenen Stadtvierteln von Paris zu errichten, und es ist gegründete Hoffnung da, daß diese Bemühungen gelingen werden. Wie überhaupt Paris den Ton angibt für ganz Frankreich, und was dort Anerkennung gesunden, leicht anderswo Aufnahme erlangt, so war die Eröffnung deS HauseS zu Paris die Veranlassung, daß von allen Seilen Schwestern verlangt wurden, um in andern Städten Häuser einzurichten. In der kurzen Zeit eineS JahreS, vom Sep- 248 tember 1849 bis Ende 1850, haben nach und nach auch die Städte Besanyon, An- gerS, Bordeaux, Rouen und Nancy ähnliche Zufluchtsstätten für daS hilflose Alter eröffnet, und den Schwestern der Armen die Pflege in denselben übertragen. Alle diese Anstalten sind gegründet und bestehen, wie die zu Saint-Servan, daS heißt, ohne zuvor vorhandene Hilfsmittel, ohne feste und sichere Einkünfte, bloß durch Hilfe der Privalwohlthäligkeit und des täglichen Almosens. Jene Liebe hat sie gegründet und erhält sie, die, entströmt dem göttlichen Herzen Jesu Christi, ihre Freude darin findet, an diesem unscheinbaren Werke sich zu betheiligen, um armen Leuten, unsern Brüdern und Schwestern in Christo dem Herrn, die leibliche Pflege zu gewähren, deren sie am Ende ihres Erdenlebens so sehr bedürfen, hauptsächlich aber, um ihnen jenen geistlichen Beistand zu verschaffen, mittelst dessen ihre Seelen wvhl- vorbcreilet und sündenrein zu ihrem Schöpfer zurückkehren. Der Umstand aber, daß alle diese Häuser ohne vorherige Beschaffung von Geldmitteln gegrünvet sind, und ohne alle sichere uud feste Einnahme fortbestehen und gedeihen, ist eine neue Verherr- lichung und laute Offenbarung der göttlichen Vorsehung für unsere Zeit. Die gläubigen Christen sehen sich dadnrch gedrungen, die Vorsehung zu preisen, jene Christen aber, die nicht an sie denken oder nicht an sie glauben, werden durch jenen Umstand fortwährend an das Vorhandenseyn derselben erinnert uud wider Willen davon überführt. DaS Mutierhaus der Genossenschaft befindet sich gegenwärtig zu TourS. Der Erzbischvs beweiset dem Werke eine große Theilnahme und väterliche Fürsorge. Die Gesammlzahl der Schwestern beträgt schon über hundert. Die Genossenschast hat ihre eigenen Regeln und Constitutionen, welche dem Berufe der Mitglieder uud der Aufgabe, welche diese verfolgen, ganz entsprechen. Das eigentliche und unterscheidende Merkmal dieser Regel ist das der Einfalt und, wenn man den Ausdruck gebrauchen kann, das der Kleinheit; nennen ja auch die Schwestern sich beständig die kleinen Schwestern der Armen (^etites-Lovurs cls p-wpres). Sie stellen sich — und darin spricht sich der eigentliche Geist dieser neuen religiösen Familie aus — in jeder Beziehung völlig ihren lieben Armen gleich, schlafen wie diese auf S>rohs.icken und ernähren sich wie diese von den geschenkten Speiseresten. Ein solcher Ge st der Demuth und sich veriäugnendcn Liebe aber har noch immer Großes gewirkt, und wird nicht bloß dem hilflosen Alter nützlich werden, sondern auch unserer selbstsüchtigen, hochmüthigen und genußsüchtigen Zeit einen Spiegel entgegenhalten und einen neuen Beweis liefern, wie besorgt die katholische Kirche für die Armen uud Leidenden ist. (Salzb. Kirchenbl.) Nordamerika. Am 23. Mai wurve zu Quebec das zweite Provincialconcilium der Kirchenprovinz Canada eröffnet. Es waren anwesend: Msg. P. F. Tourgeon, Erzbischof von Quebec, Msg. I. B. Bourget, Bischos von Montreal, Msg. C. Larocque, Bischof von Cybonia i. p. i., Coavjutor des Bischofes von Montreal, Msg. P. Phe- lan, Bischos von Carrha i. p. i., Administrcuor des Bisrhums Kingstown, Msg. Amand, Graf von Charbonnel, Bischof von Toronto, Msg. B. Guigne, Bischof von Bytown, Msg. P. Cooke, Bischof von TroiS-RiviereS, Msg. T. C. Prince, Bischof von Saint-Hyacinlhe, Msg. P. Baillargeon, Bischof von Tloa, Coavjutor des Erz- bischofes v.'ii Qnebcc. Auch R. P. Äiuomn, Provincial der Oblaten, R. R, gelir Martin, Superior der Jesuiten, und der Superior von Sr. Sulpice wohnten dem Concil bei. — Die Fragen über die Erziehung und besonders über die kcttholis^e Universität werden wohl besonders das Concilium beschäftigen. Die Vorbereitungen zur baldigen Eröffnung der katholischen Universität zn Quebec werden in einem großartigen Maaßstabe betrieben. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. 6. August H'- S2. 1854. DteseS Blatt erscheint regelmäßig alle Bonntage. Der halbjährige Abonuementsprei« 40 lr„ wofür e« durch alle komgl. bayer. Poitämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Mariahilf bei Passau. Sey mir gegrüßt, du Kirchlein, Im gold'nen Abendschein, Mit deinen zarten Thürmlein, Hoch in die stifte rein! Hold wie ein trautes Täubchen In letzter Abendgluth Schaust du ins Thal hernieder, Wann d' Vcsperhvmne ruht! Dann gehen bunte Sternlein Bei dir auf treue Wacht; Sie schon'» so treulich nieder Auf dich in stiller Nacht, Und vieler Cng'lcin Schaareu Zu goldenem Gewand, Die steigen dann hernieder, Die Harfen in der Hand. Und singen vor dem Bilde Gar lieblich und gar schön Dem Kinde und der Mutter Mit Harf' und Saitentön'. Schon sproßt der Morgen Blumen, Die Stcrnlein ziehen ab, Der Engel Harf' verstummen, Die Nacht legt sich zu Grab. Da tönt das Glöcklein nieder Ins Thal gar hell und rein, Das klingt so voll und freudig Bis in das Herz hinein! „Dieß sind die Harsentöne, Der heil'ge Morgengruß, Den dir die Eng'lein bringen Als ihren Abschiedsluß! ^!aß diesen Gruß erllingen In deiner Seele fort, Dann hörst du auch ihr Singen Am Himmclsthrone dort." 26. Juni l854. ii — Zur Geschichte der Benedictiner-Abtei Metten in Niederbayern.*) I. Wenn der Reisende ans Flügeln der Dampfkraft von Regensbnrg die Donau hinabführt, nnd ihm die hohen Thürme des allen HerzogssiyeS Slrauliing in der Ferne verschwinden, des Bogenberges wunderherrliche Wallfahrtskirche sich in bläulichem *) Beibl. z. LandSh. Ztg. 2S0 Duste seinen Augen entzieht und daS Schiff an dem so freundlich auf den Strom hereinschauenden Schlosse Offenderg vorbeigefahren ist, — da gewahrt plötzlich sein überraschtes Auge am linken Ufer im Hintergründe einer anmuthigen, durch die beiderseits eine Viertelstunde vom Strome zurücktretenden Vorberge des bayerischen Waldgebirges umfaßten Bucht ein ausgedehntes stattliches Gebäude. Wie aus umhüllendem Blättcrgrün ein verschämtes Maiblümchen, so blickt es lieblich und reizend ans einem Walde schaltender Obstbäume hervor, und die große Kirche mit den zwei kuppelbedeckten Thürmen sagt dem Fremde», daß hinter jenen Mauern fromme, freiwillig von der Welt und ihren Genüssen und Bestrebungen loSgesahte Männer nach der Regel dcS Heiligen von Nursia mir Gebet und Nachtwachen und uneigennützigem Wirken zum Heile der Menschen dem Herrn dienen. Es ist das Benedictinerstifr Metten, welches den Fremden durch seine herrliche Lage am Saume der Waldberge, durch eine Umgebung von seltener Schönheit und durch seine großen, wellberühmten Anstalten für Jugenderziehung unwiderstehlich zum Besuche reizt. Man sieht eS ja diesem Kloster schon von Außen an: eS ist eine Stätte des GlückcS, des Friedens uud der Ruhe, und den Reisenden befällt eine gewisse ahnungsvolle Sehnsucht, eS zu besuche», indem er auch für sich ein paar Stündchen voll Segen und Freude und Trost sich verspricht, und wenn er irgend Sinn hat für die Schönheiten der Natur und der Kunst, für menschenbeglückenve, Segeu verbreitende Anstalten und schöne historische Erinnerungen, so wird er eS gewiß nicht unterlassen, bei der schönen, reizend gelegenen, wohlhabenden, gewcrbsamen Stavt Deggenoorf das Schiff zu verlassen, an lieblichen Anlagen vorbei eine Stunde dem Strome entgegen zu gehen und da die gastliche Klosterschwelle zu überschreiten, hinter welcher die guien Vater ihn mit zuvorkommender Herzlichkeit wie einen alten Freund aufnehmen werden. Ich will hier daS Kloster, seine Lage, seine Einrichtungen und Anstalten nicht beschreiben; der Zweck dieser Zeilen ist nur, einen flüchtigen Blick auf die Geschichte, die Schicksale uud Verdienste dieses gottgeweihien HauseS zu werfen, wobei ich für meine Unlunde um Verzeihung, für meine Mangclhafligkcit um gütige Nachsicht bitte und mich glücklich schätze, wenn ich nur Einem eine vergnügte Stunde gewähre, doch wenigstens Einem einigermaßen entspreche. Der Name deö Klosters, Metten, oder wie es in den allen Urkunden heißt, Melena, Medena, Mebema, Metim, Medm, Medcmum, Melumum, Metcmon, Metmen kommt nach der Menumg des gelehrten Obernltachers Dr, Hcrrmann Scholliner (in der Vorrede der Uonumenw Netensi» in den lVIon. Loio. 1'om. XI. p. 343) von dem perlenrcichen Bache gleichen Namens, der auf den waldigen Bergen, die das Kloster auf der Nord- und Ostseite umgeben, entspringt, durch die Ecwen deS Klosters läuft unv eine Viertelstunde von demselben sich in die Donau ergießt. Mir scheint diese Meinung, welche auch die des Joh. Avenlin <>rm. Kos. I.. IV. p, 294) ist, die annehmbarste, obwohl Andere glauben, daß erst das K>oster dem Bache den Namen gegeben, und wieder andere verschiedene, wohl mehr scherzhafte, als ernstlich gemeinte Ableitungen, wie z. B. von dem griechischen Worte /«xAovol« (Gemeinschaft) anführen. Waß nun weiter den Stifter und die Zeit der Gründung anbelangt, so ist eS nach dem Zeugnisse der lebendigen Volkssage, der ältesten bayerischen Geschicktschreiber und der Klosterurkuuden gewiß, daß Kaiser Carl der Große das Kloster zur Ehre des heiligen Erzengels Michael (Mori. Loie. XI. p. 420. Huncl, Uelrop. Sslisbur^. lom. II. p. 502) erbaut und den seligen Utto als ersten Abt demselben vorgesetzt habe. Als erstes Zeugniß dessen sühre ich an, daß bis auf den heutigen Tag der heilige Kaiser als Stifter im Kloster besonders verehrt und sein Gedächtnißrag alljährlich am 28. Januar feierlich begangen wird. Die besonderen Umstände der Stiftung und das Leben der bei derselben betheiligten Personen schildert am besten uud ausführlichsten der alte Johann Adlzreiter von TetenweiS. <>nri. öoiese Zentis. ?art. I. luli. XVIII. p. 196—198 der Frankfurter Ausgabe von 1710); das Leben des seligen Gamelberr und alle Vorgänge der Gründung sind dort so schön beschrieben, daß ich nicht umhin LSI kann, mich seiner Worte hier getreu zu bedienen, zumal die spätern Erzähler dieser Begebenheiten sich ganz an Adlzreiter halten. Derselbe erzählt am angeführten Orte: „In diese Zeit (ungefähr in die Jahre 760—780) fällt das Leben dcS frommen Gamelbert, welches Wolfgang Seiender, Abt vom Kloster St. WenzeölanS zu Branuau in Böhmen, nach einer alten Handschrift des KlvsterS St. Emeram in RegenSburg beschrieben hat. Gamelbert war zu MichclSbuch in Bayern von vornehmen, reichen und frommen Eltern geboren. Als derselbe in der Schule die Ansan^Sgründe der Wissenschaften erlernte, bestrebte er sich so sehr eines heiligen Lebenswandeis, daß er sorgfällig die Spielereien seiner Altersgenossen vermied. Er besaß die besten Anlagen, einen feurigen Geist, ein edlcS Gemüth, welches nur zu Großem geschaffen zu seyn fchien. Kaum war der junge Gamelbert den Knabenjahrcn einwachsen, als ihn sein Vater schon dem damals bei dem Adel allein beliebten Kriegerstanste widmete, in der Meinung, er babe einen Sohn, der in seiner Ahnen Fußstapfen nach Reichthümern und Ehren trachte. Aber diese Laufbahn entsprach dem sausten Geiste des Knaben so wenig, daß er nicht einmal an den hölzernen Schwcrtchen und dem übrigen kriegerischen Spielzeuge seiner Jugendgefährten Gefallen fand. Der Vater sah mit Unwillen deö SohneS unkriegerischen Sinn, und übertrug ihm die Hut der Hecrde. Der Knabe ergriff dieses Geschäft mit Liebe, weil es ihm Gelegenheit gab, ferne von den häuslichen Unruhen recht ungestört seinem Gotte zu leben. Als er einst mit seiner Heerve auf dem Felde war, geschah eS, daß er einschlief und beim Erwachen auf seiner Brust ein unzweifelhaft von Engelshand hingelegtes Buch fand, ein sicheres Zeichen deS göttlichen Willens, daß er nicht zum Viehhüten, sondern zur Gesellschaft der weisen Männerberufen sey. Ais er von seinem Vater die Erlaubniß erhalten hatte, verlegte er sich auf die Erlernung der Wissenschaften, vorzüglich derjenigen, welche den Geist zu Erkenntniß der himmlischen Dinge fähig machen. Er machte in kurzer Zeit große Fortschritte in der Tugend, lernte die Zunge bezähmen, den eigenen Leib durch Ab- tödtung züchtigen, die Reinheit der Seele in Ehren halten, die Unschuld gegen die Nachstellungen schamloser Weibsbilder bewahren, so daß er die Blüthe der Jungfräulichkeit, von keiner Versuchung vcrsehrt, bis zum letzten Leben«?hauche erhielt. Er erhielt die heiligen Weihen des PriestcrthumS, verlor bald darauf seinen Vater und erhielt bei der Theilung des ErbeS seinen Geburtsort sammt der Kirche, in welcher er nun mit der größten Liebe gegen die Untergebenen allen Pflichten eincS eifrigen Seelsorgers ans das gewisstnhasteste oblag. Von dem Empfange der christlichen Weiden an enthielt er sich mehr als fünfzig Jahre lang von allen Fleischspeisen und vertheilte alle Einkünfte seines reichen ErbeS unter die Armen. Er war von einer so großen Liebe gegen alle, selbst die unvernünftigen Geschöpfe, erfüllt, daß er eingerastete Vögel loSkanfle und ihnen die Freiheit schenkte. Bei unfreundlicher Witterung schick e er seine Leute nie hinanS zur Arbeit, und wenn einer erkrankte, ließ er ihm alle mögliche Sorgfalt angedeihen Als er so bereits siebzig Jahre all war, pilgerte er nach Rom und kam auf der Rückreise an der Gränze von Italien in ein Dorf, dessen Priester eben abwestno war. Als er sich dort ein wenig erholte, brachte man ihm ein eben geborenes Kind zur Taufe; er taufte dasselbe, gab ihm den Namen Utto und ermähnte die Eltern, den Knaben sorgfältig im Christenchume zn erziehen. „Der Knabe, so >ügte er bei, wird einstens mein Sohn und Erbe seyn; schicket ihn also, wenn es einmal sein Alter zuläßt, zu mir, uud damit ihr meinen Aufenthalt nicht vergesset, schreibe ich Euch Ort und Gegend genau auf." Wieder in der Heimal angekommen, verließ er, um für eine kleine Neugierde, die ihn etwa auf seiner Reise befiel, abzubüßen, sein großes und schönes väterliches HauS, bezog eine elende Hütte nahe bei der Kirche, steckte vier Kreuze nach den vier Weltgcgeudcn iu die Erde und überschritt diesen Kreis nie mehr, als einmal, da er schon zum bluligen Kampfe rüstende Feinde trennte und nicht eher entließ, als da sie ihre Freundschaft erneuerten. Bei seinen Untergebenen duldete er keine Uneinigkeiten, und wenn sie auf sein Zureden ihre Zwiste nicht aufgeben wollten, so schenkte "er ihnen die Freiheit mit dem Befehle, das Land zu bebauen, indem er es für gerathener hielt, ohne Diener zu seyn, als 252 solche zu haben, die der Sünde dienten. Als er bereits im hohen Greisenalter stand und seine Leute um einen Nachfolger besorgt waren, vertröstete er sie auf die Ankunft des Utto, die auch wirklich bald erfolgte. Bald darauf starb der selige Gamelbert, mit allen heiligen Sterbsacramenten versehen, am 17. Januar und Utto folgte ihm nach erhaltener Priestcrweihe im Amte nach. Weil jedoch einige der heidnischen Gottlosigkeit zu sehr ergeben (vum c>uc,runclam snimis sltius »clnaererent. likrss pagans«; impietatis) waren *), als daß sie dem Dienste der falschen Götzen entsagt hallen (quam ut a clgemonum cultu clesciscerent), so legte Utto, nicht so fast auS Uebervruß an der Arbeit, als vielmehr aus Liebe zur Einsamkeit und zum beschaulichen Leben, die Bürde der Seclsorge nieder, setzte über die Donan und baute sich eine Biertelstunde von Metten in dichtem Urwald eine kleine, ärmliche Hütte. Hier lebte er, von Niemanden gekannt, bis einstens der Kaiser Carl der Große in der Gegend ja^te und dabei auf den frommen Einsiedler stieß. Als Utto den Kaiser und sein Gefolge erblickte, legte er das Beil, mit welchem er den Wald lichtete, weg, und Carl sah mit Erstaunen, wie dasselbe von einem Sonnenstrahl in der Höhe erhallen wurde. Carl erkannte sogleich in diesem Wunder ein Zeugniß, welches Gott von der Heiligkeit seines Dieners Utto ablegte, und er sagte daher zu demselben, er möchte sich von ihm eine Guade, welche er nur immer wolle, auSbitten. Utto warf sich bei diesen kaiserlichen Worten auf die Erde und flehte um die Erlaubniß, in dieser Gegend ein Mönchskloster mit einer dem Erzengel Michael geweihten Kirche zu erbauen, und er erhielt von dem frommen Kaiser nicht bloß Grund und Boden, sondern auch das zur Stiftung nöthige Geld So entstand eine Stunde von Deggendorf daS Kloster Metten, welches bald zu jener Höhe des Besitzes und der Tugendhaftigkeit heranwuchs, in der man eS heute (d, h. vor zweihundert Jahren) sieht." Diese Erzählung Adlzreilers ist die ausführlichste, die irgend ein Geschichtschreiber von den seligen Männern Gamelbert und Utto und von der Gründung deS Klosters Metten gibt, und sie ist zugleich diejenige, mit der alle andern Geschichtschreiber ganz übereinstimmen. Der Jesuit Brunuer <>nngl, Loio. <Ärt. II. p. 20 Ir-mcos. 1710) stimmt mit jener Erzählung fast wörtlich, Joh, Aventin Onnsl, Kosorum. I., IV. e. 4. p. 294), WiglileauS Hund (Uetrop. SalisburZ, ?om, II. p. 501), Caspar BruschiuS (Uonasteriol, tüentur, II. 1692 p. 20) und Anvere stimmen dem Inhalte nach genau mit derselben überein. Auch daö Bolk in der Gegen» von Metten hat die Ueberlieferung von dem Siedler am Utlosbrnnnen, von der Jagd deS großen Frankenfürsten, von dem Wunder mit dem Beile und alle diese Umstände der Slif- .tung treu bewahrt bis auf den heutigen Tag, und Dr. A. Schöppner hat die Erzäh- lniig in sein .,Sagcnbuch der bayr. Land^" (B. I. S. 29) aufgenommen. Metten ist also, wie auS der urallen Volksüberlieferung, auS den ältesten Urkunden deS SlifteS und auS den übereinstimmenden Nachrichten der Geschichtschreiber gewiß ist, eine Stiftung Carls deS Großen und Heiligen, es ist das einzige Kloster, welches dieser Kaiser in Bayern gegründet hat, und ich glaube diesen ersten Artikel nicht besser schließen zu können, als indem ich den Lesern eine curivse Schilderung des großen Stifters dieses Klosters auS einer Mellcner Handschrist vom löten Jahrhundert (sie führt den Titel „Passional der Heiligen" und ist enthalten in deS gelehrten Mettener Conventualcn Pater Gregor Geyer profnnder „Abhandlung über ein seltenes Siegel Ludwigs deS Deutschen" in den „Abhandl. d. ch.-b. Akad. d. Wissensch." VII. Bd. 1772. S. 326) mittheile, welche also lautet: „Kaiser Charlan was (d. h. war) eines herrlichen LeivS, was seiner Schucch acht langt, die allcrlengst waren, und het groß Arm und Pain, und was stark und het ein Antliz, des wag andcrthalben Spang langk, und het ain Part, deS was ain SchnechS langk, und helt ain Nasen, die waS eines h.ilben SchuechS langk, und sein *) Dieser für Bayerns älteste Cultur- und Kirchcngeschichte so hochwichtige Umstand, dieses Vorkommen heidnischen GräuelS in Bayern gegen das Ende des achten Jahrhunderts, scheint bisher nie recht beachtet worden zu seyn. 283 Testiern was ain praiiter, und seine Augen schienen Im als der Charfunkelstain, und seine Prä waren ihm ein halber span langk, und sein Gürtel waS acht span langk, damit er sich girt, und er was also stark, daß Er ein gewappneten man auf einem Pfert mit seinem Schwert eines StraichS mit Pfcrt und all von dem Haupt von einander spielt pys durch und durch, und vier Eisen, die zerzert Er gar leicht, und hawh (hob) einen gewappentcn Ritter von der Erd bauf byS über sein Haupt." Die Einführung des Ordens der barmherzigen Schwestern i» das Krankenhaus zu Bamberg» DaS Bamberger Volköblatt berichtet hierüber unter andern«: Denke geliebter Leser, in Muten des Krankenhauses eine kleine HauScapelle, geschmückt mir Kränzen, welche Pietät und Dankbarkeit in feinem Sinne den Gründern und Wohlthätern der Anstalt gewunden; am Altare steht ein ehrwürdiger Greis mit Silberhaaren, der hochwürdigste Herr Erzbischof von Bamberg, dessen Namen in tausendfachen Dank- gebcten täglich zum Himmel steigt; er liest die heilige Messe; auf den Knieen liegen um ihn die frommen Ordensschwestern nnd flehen zu Gott um Gnade in ihr.,» neuen Unternehmen. Lautlose Stille herrscht, nur das Gebet des Priesters verherrlicht diese Srille, die auf einmal ein dreifacher Frauenchor durch,iltert. Einfache Melovieen, gefühlt und geglaubt, gebetet und gesungen zugleich, sind sie überirdischen Tönen gleich, die uns in süße Träumereien versetzen. Da steigen sie nun auf die Erinnerungen an die alte Romantik voll Liebe und Glauben, voll Herzseligkeit, Gottvertraucn und Hoffnungssternen. Sie nehmen die heilige Communion die frommen Schwestern und die hohe Hanv des Nachfolgers der Apostel sie spendet selbst das LebenSbrod. ES naht der Segen. Mit ausgestreckter Hand, mit Kraft und Nachdruck, voll feierlichen Ernstes und goitgeweihten Sinnes spricht ihn an derselben Stelle der greise Kirchenfürst, wo ihn sein glkichbeseelter Vorfahre einst gesprochen. „Der Segen des Himmels komme über alle Kranke und Nothlcivende dieses HauseS! Der Herr segne Alle, welche die Aufsicht über dieses HauS und dessen HanShalt führen! Der Herr segne diese hier gegenwärtigen Schwestern der Barmherzigkeit und der Liebe! Wir gedenken zugleich, schloß der hochwürdigste Erzbischof, deS fürstlichen Stifters dieses HauseS, dessen Andenken bei uns immer erhalten bleiben soll, wie in den spätern Generationen." ES war eine ergreifende Scene. Thränen der Rührung, der wonelosen Seele, deS stummen Gebetes, sie rannen heiß über die Wange und einten sich mit den Segensworten deS edlen Dieners Gotics zur hehren Andacht. Nicht minder feierlich, rührend und ergreifend war die Uebergabe der Anstalt zur Wart und Pflege an die Ordensschwestern selbst und bot vielfache ErhebunqS- momente. Der Herr Erzbischof wohnte stehend dem panzen Acte bei. Als eine glückliche Borbedeutung wnrde eS von einem Redner mit Recht bezeichnet, daß der hochwürdigste Herr Erzbischof den hochwichtigen Tag eröffnet und durch seinen Segen eine höhere Weihe verliehen, wofür Namens der Stadt, NamenS der leidenden Menschheit, zu deren Krankenlager daS Echo der Segensworte wie ein lindernder Baisam hin- schweble, und NamenS der barmherzigen Schwestern selbst gedankt wurde. Die Worte deS heiligen Bincenz ?on Paul: „Die Pflege der Armen sey Euer Gebet!" welche er als Stisler an den Orden der barmherzigen Schwestern gerichtet, fanden einen längern Commentar durch den Spitalarzt, der tiefergriffen in wahrhast erschütterter Rede sprach. Bon ergreifender Wirkung waren die ungekünstelten, herzlichen und einfachen Worte, welche der hochwürdige OrdenSsuperior an die Schwestern richtete: „ES ist ein Zieltag heute," sprach er, „ein wichtiger Tag sür die dienende Classe, zu der ihr auch gehört, meine Schwestern! Ihr seyd Mägde, arme Mägde der Armen, arm seyv ihr gekommen, arm werdet ihr bleiben, euer Lohn sey oben!" „Wir danken", wendete sich derselbe an die Versammlung, „wir danken aber nicht mit Worten, sondern mit Werken, 254 und wir hoffen dieß zu können. Die christliche Nächstenliebe in ihrem weitesten Umfange, sie ist unser Feld; Waisen- und Pfründneranst.ilten, Rettuugs- und Armenhäuser und die Spitäler sie sind unsere Herberge; wo Elend und Jammer, Noth und Unglück, da ist unsere Heimat, so lautet unsere Bestimmung." Schließlich erwähnen wir noch der Anerkennung und des DankeS, den der Spitalarzt zweien seiner Wärterinnen zollte, welche er dem Orden zur Beibehaltung vorführte und der Gegenwart des protestantischen Herrn Stadtpfarrers Dccan Bauer, welcher die barmherzigen Schwestern begrüßte und ihnen seine Glaubensgenossen herzlichst empfahl. Die Frau Oberin entgegnete hierauf den freundlichen Worten mit Hinblick auf die Statuten ihres Ordens, wonach allen Kranken ohne Unterschied des Glaubens gleiche Pflege gespendet werden müsse, und versicherte, daß Friedfertigkeit, Toleranz und Verträglichkeit mit ihrer Dankbarkeit gewiß Hand in Hand gehen werde. Es ist bedauerlich, daß Herr Decan Bauer sich abhalten ließ, auch einige Worte, wie er beabsichtigte, zur Feier des Tagei zu sprechen. Dieselben wären gewiß mit großer Freude und Anerkennung aufgenommen worden und hätten noch mehr beigetragen, nach allen Seiten hin daS erhabene Fest als ein Fest deS Friedens, der Nächstenliebe und der Versöhnung zu charakttrisiren, welche nunmehr mit GotteS Hilfe und nach dem Willen deS großen Fürstbischofs Franz Ludwig von Erthal ihre bleibende Wohnstätte in unserer herrlichen und hochberühmten Anstalt aufgeschlagen haben werden. Priesterrache. An der Thüre einer Kirche in Paris fand sich schon seit einer Reihe von Jahre» täglich ein alter Bettler ein, den man unter dem Namen deS „alten Jakob" kannte. Er Pflegte sich auf einen Tritt vor der Kirche zu setzen, um sein Almosen einzusammeln. Er saß da traurig und finster, sprach fast nie und nickte nur zum Danke, wenn man ihm etwas reichte Ein vergoldetes Kreuz sah man auf seiner Brust, wenn die Lumpen sich ein wenig bei Seite schoben. Ein junger Priester, Paulin mit Namen, pflegte in derselben Kirche die h-ilige Messe zu lesen und unterließ nie, dem armen Jakob seine kleine Gabe zu reichen. Von einer reichen und adeligen Familie entsprossen, hatte er sich als Priester Gott ganz geweiht und legte sein ganzes Vermögen in den Schloß der Armen und Unglücklichen. Ohne ihn weiter zu kennen, liebte der alte Jakob ihn sehr. Eines TageS sah Paulin den alten Jakob nicht mehr an seinem gewöhnlichen Platze und bemerkte, daß er längere Zeit hindurch nicht mehr erschien DaS beunruhigte ihn und machte ihn um seinen alten Schützling besorgt; er erkundigte sich nach seinem Aufenthalte, und eines Tages nach der heiligen Messe nahm er seinen Weg der Wohnung deS Allen zu. Er klopfte an die Thüre deS Dachstübchens; eine schwache Stimme antwortete; er trat ein und fand Jakob — krank in seinem Bette odcr vielmehr ans seinem elenden Lager, bleich mit erloschenem Auge. ,,^!ch! sind Sie das, hochwnrdigcr Herr?" rief er, als er den guten Priester erkannte. „Sie sind ja sehr gütig, zu einem so elenden Menschen zu kommen wie ich bin. DaS verdiene ich nicht." „Was sagst du, Jalob," antwortete Paulin, „weißt du nicht, daß der Priester der Freund der Unglücklichen ist? UebrigenS," setzte er lächelnd hinzu, „sind wir auch noch alte Bekannte." „Ach, mein Herr! wenn sie wüßten . . . wenn Sie mich kennten . . . wahrhaftig, sie würden nicht so mit mir sprechen! . . . Nein, nein, sprechen Sie nicht so gütig mit mir; ich bin ein Elender .. . von Gott und Menschen verflucht. . . ." „Von Gott verflucht? was fällt dir ein? Ach, armer I lob, sprich doch solche Dinge nicht; wenn du Uebels gethan hast, so bereue es und beichte; Gott ist ja die Güte selbst, dem Reuigen verzeiht er Alles." „Ach nein! mir, — mir wird er nicht verzeihen!" „Nun, warum denn nicht? Hast du etwa keine Reue?" „Ob ich Reue habe! ob ich Reue habe!" schrie Jakob laut, indem er sich erhob und verstörten Blickes umhersah. „Ob ich Reue 255 habe! — Ja, ja, ich bereue eS — dreißig Jahre bereue ich eS . . . und dennoch bin ich ein Verfluchter. . . ," Der gute Priester suchte ihn zu trösten und zu ermn- thigen, aber vergebens. Ein schreckliches Geheimniß lag in der Tiefe seines Herzens verborgen und die Verzweiflung hinderte den Unglücklichen, sein Verbrechen zu offenbaren. Endlich jedoch, durch das sanfte und gütige Zureden des Priesters überwunden, entschloß sich der unglückliche Jakob und erzählte mit halb erstickter Stimme Folgendes: „Während der blutigen Revolution im vorigen Jahrhundert hatte ich die Aufsicht über ein Schloß einer reichen Familie. Meine Herrschaft war die Güte selbst . . . der Graf, die Gräfin, ihre beiden Tochter und ihr Sohn. . . Ich verdankte ihnen Alles: meine Stellung, meine Erziehung, und den guten Tag, den ich bei ihnen hatte. . . AIS aber die SchreckenSregicrung kam . . . da . . habe ich sie — verrathen! Sie waren versteckt, ich wußte, wo! . . Ich zeigte sie an, nm ihre Güter zu gewinnen, die man den Angebern verhieß . . Und — sie wurden zum Tode verdammt, Alle bis auf den kleinen Panlin, der noch zu jung war." Hier schrie der Priester unwillkürlich laut auf und der kalte Schweiß rann von seiner Stirn. „Ach Herr, fuhr der alte Bettler, der die Aufregung des Priesters nicht bemerkte, fort, eS ist schrecklich! ich hörte ihr TodeSurlheil mit an, sah alle vier auf den Karren werfen, sah — ach mein Herr! sah, wie ihre Köpfe unter dem Mordbeil vom Rumpfe fielen! Ungeheuer, der ich bin! Und seit dieser Zeit habe ich weder Ruhe noch Rast. Ich weine, ich bete für sie. Ich sehe sie täglich vor meinen Augen. Sehen Sie, da sind sie, unter dieser Leinwand. . . ." Indem er dieß sagte, zeigte er mit zitternder Hand ans einen Vorhang, der einen Theil der Mauer verschleierte. „Dieß Kreuz, was Sie an meinem Bette sehen, war baS vom gnädigen Herrn. . . . Dieß kleine goldene Kreuzchen, was ich bei mir trage, trug ehedem beständig die gnädige Frau. . . O mein Gott! welch ein Verbrechen! welch ein Entsetzen! welch ein ReueschmcrzI Ach, hochwürdiger Herr, haben Sie Mitleid mit mir! stoßen Sie mich nicht von sich! beten Sie für mich, den größten Verbrecher und den Unglücklichsten der Menschenkinder!!!" Der Priester lag neben dem Lager auf seinen Knieen, blaß wie der Tod. So blieb er fast eine halbe Stunde. Dann stand er auf voll Ruhe, machte das Zeichen deS heil. Kreuzes und zog den Vorhang hinweg und sah zwei Porträts. . . . Jakob stieß einen Schrei aus, als er sie sah und warf sich auf sein Bett zurück. Der Priester weinte. „Jakob", sagte er mit bebender Stimme, „ich werde dir von Seite GotlcS Verzeihung bringen; ich will deine Beicht hören." Mit diesen Worten setzte er sich neben das Bett und der alte Jakob beichtete, Ais der Sterbende zu Ende war, sagte Paulin zu ihm: „Jakob, der liebe Gott hat dir verziehen; aber daö ist noch nicht Alles, auch ich verzeihe dir ans Liebe zn ihm. Denn die du zum Tode gebracht hast, waren . . . mein Vater, meine Mutter und meine beiden Schwestern!!" Dem Jakob standen die Haare zu Berge, er öffnete seine Lippen, stammelte einige unverständliche Worte — er sank auf sein Betr. Der Priester trat näher. Der Bettler war todt. Etwas aus dem Kapitel über christliche Lebens-Anschauungen. AuS Niederbayern. In jedem ächten Bauernhanse gilt das Brod eigentlich und zunächst als Gabe GotteS. Wie das Leben selber für ein Geschenk GvlteS angesehen wird, eben so wird auch das Brod, weil eS das allgemeinste und vorzüglichste Lebensrnittel ist, als eine Gabe GotteS verehrt. Nicht allein in jenem allgemeinen Sinne, in welchem auch Gräser und Kräuter und alles Erschaffene Gaben GotteS heißen; sondern in einem viel höheren und ausschließlicherem Sinne wird daS Brod als solche verehrt. Schon die kleinen Kinder werden angehalten, daS Brod so zu verehren. Wenn ein Bauernkind irgend eine andere Speise verschmäht oder auSschlägt, so wird eS auf seinem Willen belassen; wenn eS aber Brod verschmäht, so wird ihm 256 das als eine Verunehrung GotteS ausgelegt. Wenn ein solches Kind in seinem Unverstand etwas Anderes wegwirft, und wäre eS selbst ein Geldstück, so wird eS ob seines Unverstandes verlacht. Wenn eS aber ein Stücklein Brod wegwirft, so wird eS wie wegen Verletzung einer religiösen Pflicht bestraft. Auö religiöser Scheu nimmt sich ein Banernkind in Acht, daß ihm keine Brosamen auf den Boden fallen oder liegen bleiben. Zu dieser Werthschätzung des BrodeS sind die alten, frommen Bauersleute wohl dadurch gekommen, weil sie bemerkten, daß der Erfolg beim Getreidbau zum größten Theil der freien Thätigkeit des Menschen entrückt und der Fügung oder Zulassung Gottes vorbehalten sey. ES ist schon in manchen Jahren Getreide genug aus den Feldern gestanden und doch im Lande Noth gewesen, weil dem Körnlein die nährende Kraft vermindert zu seyn oder ganz zu fehlen schien. Wieder in andern Jahren steht ohnehin schon wenig auf den Feldern, obgleich der Bauer im Bestellen deS Feldes an Fleiß und Arbeit nichts hatte fehlen lassen. DaS Meiste und Wichtigste hängt also hiebei offenbar von dem Segen und Gedeihen ab, welches Gott gibt. Daher gilt dem Bciucr Getreide und Brod zunächst und eigentlich als Gottes Gabe. Und gewiß ist diese Werthschätzung eine christliche. Ein entschiedener Gegensatz und Widerspruch gegen diese Werthschätzung ist aber darin zn finden, wie unsere Zeitungen ihre Ernteberichte bringen. Ohne Vertrauen auf Gott, ohne Gebet zu Golt sprechen sie zuvor schon ihre Hoffnungen, Erwartungen oder Befürchtungen auS; ohne Danksagung gegen Gott berechnen sie darnach die Brodpreise; kurz: Getreide und Brod sind ihnen Handelsartikel, nicht mehr uud nicht weniger, und stehen in keinerlei Beziehung zu Gott. So gewiß nuu jene Werlhschätznng der Bauersleute als eine christliche gelten muß, eben so gewiß verdient diese Berichterstattung in den Zeitungen als unchristlich bezeichnet zu werden. Damit wollen wir jedoch keineswegs irgend einem Berichterstatter oder einem Redacteur die Absicht unterschieben, als wollten sie unchristliche Ansichten verbreiten. Vielmehr ist anzuerkennen, daß hierin nur ganz unvermerkt, und in so weit schuldlos, der christliche Sprachgebrauch und die christliche Anschauung der unchristlichen gewichen ist. Im öffentlichen Leben hat man sich nämlich ganz gewöhnt, überall von der Sache ab und nur auf ihren abstracten Geldwerth hinzusehen. Nirgends gilt die Sache als Sache, sondern nur nach ihrem Geldwerth. In Geld sind die Besoldungen der Beamten angesetzt; Geld ist der erste und nächste Erwerb der meisten Städter; die Männer des Kapitals und der Industrie rechnen durchaus nur u. ch Geld und treten auf keiner andern Grundlage mit dem Landinann in Verkehr; selbst die Reichnisse, welche der Bauer zu geben hatte, wurden beseitiget und in Geld ve> wandelt. So hat sich daS Geld auf den ersten Platz hinaufgeschwungen; Gelreid und Brod aber stehen nach und unter dem Gelde. DaS Gels ließ sich uicht mehr so unmittelbar als eine Gabe und Geschenk GotteS behandeln; und hinwiederum Getreid und Brod, nur mehr auf der zweiten Sluse stehend, schienen auch ihrer Würde entsetzt zu seyn. Man sprach von Getreid und Brod als von Handelsartikeln und Gegenständen der Spekulation, weil die ganze Richtung der Zeit dieses so mit sich brachte; und die Eigenschaft des Getreioes, nächste und eigentliche Gabe Gottes zu seyn, kam unvermerkt außer Acht. Wir fühlen uns jedoch in unserm christlichen Glauben gedrungen, gerade ans diese Eigenschaft des Getreides und Brodes wieder aufmerksam zu machen. Und die Zeiten, in denen, ohngeachtet des alljährlichen JnbelS in den Zeitungen über Reichthum und Ueberfluß, doch Noth und Theuerung im Lande ist, könnten yiezu ebenfalls anleite». Gewiß, wenn wir die Gabe GotteS wieder einmal als göttliches Gnadengeschenk schätzen lernen und nicht eher, wird unS Gott auch wieder Segen und Gedeihen dazu geben. Und diese Werthschätzung sollte auch in Ernteberichten und dergleichen ihren LiuSdruck finden. (Bayer. VolkSbl.) Verantwortlicher Redacteur: L. Scheuche». Verlags-Inhaber: F. C. Kren,er. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt dü? -nclii. sp',Z> ml ^nutin-jSttK vir/?ni„vü,^ h«!Utt.,y'»>S ,:>k!!>- ."zwrü- -. l) »I'W ,c<'UliÄ 7)(! ^ltt 57Zit»Il',ll»tw!F d»Ä 7?7) ^/laiiw^ll.^.t sj'iuökttiM 7.7-1, ,(I,M 13. August AtZ. 1854. 6nu lI7"^lti<7.ir^ Ml'NIl I SlIU 7)UlZ>l 7^,-it) -ii!'l)I ch^it Woher denn aus soll man die Weisheit finden? Und wo ist des Verstandes Ort? Gott kennt den Weg zu ihr, Nur er weiß ihren Ort. Er blicket bis zum End der Erd' hinaus, Schaut uutcr allen Himmcln weit umher. mAnnV II'<4 n»v >-,i!>'dj!ück 7iSHlqBch.n?«j!S ' ltl>M>e">n! »Ii't Und als dem Wind er zuwog ftln Gewicht, Und er den Wassern gab ihr Maaß, Und ordnete-dem Regen sein Gesetz, Und zog den Ungewittern ihre Bahn: oilll »,,NU77lIZU: ZI? Ml ,sMN»»M7S ,N?77» sprach zum Menschen: .Dir ist Furcht des Herrn Weisheit! Das Kose meiden, das sey dir Verstand." Hiob. 28. Unter den epochemachenden Ereignissen der Weltgeschichte hat die Stiftung und Verbreitung unserer heiligen Religion die Forschungen profaner Schriftsteller des vergangenen vorzugsweise philosophischen Jahrhunderts nicht wenig beschäftiget, und man muß zum Lobe der auc^gezeichnelsten dieser Forscher gestehen, daß sie, wie es Gibbon iu seiner Geschichte des Verfalls und Untergangs deS römischen Weltreichs gethan, erstaunt über die Glant enSkrast ihrer ersten "Bekcnner und angezogen von den Thaten und Le den ihrer Heiligen, die Göttlichkeit deS Stifters und die Himmels- Abkunft seiner Lehre fast unwillkürlich zu erkennen schienen, und wenn sie auch aus ihrem Slandpuucc eS nicht vermochten, die Glaubensartikel und Mysterien der Kirche zu vertheidigen, doch weit entfernt waren, sie zu lästern und zu verspotten. Hielten sich andere Anhänger dieser Schule, welche das Princip der Zweisel- sucht (Skepticismus) in die historische Forschung einführte, für berufen, ihre Wiyes- funken in das Heiliglhnm nnserer Religion zu tragen, so standen sie wie der Jüngling vor dem verschleierten Bilde zu SaiS, und es galt auch ihnen das Wort deS DichterS: „Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld; Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sehn." 238 Vorlängst der Vergessenheit verfallen sind die GeisteSkinder jener Zweifler, welche mit den Waffen der Kritik die Geschichte des Christenthums angegriffen, indem sie seine göttliche Sendung bestritten, seine wunderbare Ausbreitung, den Sieg über das Heidenlhum und die alte Welt aus einer natürlichen Verkettung der Zeitverhältnisse herleiteten und die Triebfeder des Flammeneisers und der Hinopferung seiner frommen Glaubenshelden in der menschlichen Eitelkeit unv Ruhmbegierde erblickten. Diese Angriffe, welche die durch die Reformation dem Autoritätsglauben entwachsene Neuzeit gegen die Lehren und die Geschichte deS Christenthums richtete, waren mehr wegen ihrer Anmaßung tadelnSwürdig, als daß sie geschickt waren, Triumphe selbst nur über die Confessionskirchen zu erringen. Hier erwehrte man sich der Freidenker uud ihrer Doctrinen durch strenge Glaubensformeln, welche den Predigern und dem Volke die Norm der Lehre und des Glaubens vorschrieben. Da erhob sich noch einmal der Lügengeist, ärger denn vorher, und stürmte mit den der Rüstkammer der Hölle entnommenen Waffen des Hohnes und Spottes gegen die alte Kirche los. Es war das Zeitalter des VoltäraniSmuS und der Encyklopädie, das Frankreich, das Land des Witzes und der Mode, zur Wiege hatte, aber auch in Deutschland an einem großen Könige und vielen Gleichgesinnten seine Verehrer gefunden hat. Noch lebte aber der gute alte Gott, der nicht lange sich höhnen und spotten ließ. Ein Blutgcricht, fürchterlicher als je eineö, das über ein Volk erging, am blutigsten in der Metropole deS Wahnwitzes und der Gotteslästerung, decimirle die vornehme Gesellschaft. Ihre Häupter sanken unter den Händen des souveränen Volkes, dem sie Aergerniß in Unglauben und Schande gegeben; ich sage lieber unter dem Wort deS strafenden und rächenden Gottes, dessen allmächtige Politik auch zuließ, daß später noch ein deutscher Großstaat, die Schöpfung jenes großen Königs, welcher dem französischen Götzen opferte und seinen Hohenpriester hätschelte, von den Streichen des fränkischen Eroberers zusammenbrach. Wohl so hat die philosophische Phrase ihre Wahrheit: Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Gestatten Sie, meine Herren, diese Erinnerung an die Verirrungen und Leiden eines jetzt zur Ruhe eingegangenen Geschlechts — es zählt wenige mehr unter den Lebenden —; vierzig Friedens- und Segenöjahre haben sie dem Gedächtniß der Söhne und Enkel entrückt. Mit dem Verschwinden der sichtbaren Spuren jenes Gottesgerichts scheint all- mälig auch der Glaube an eine döhere Fügung solcher Katastrophen von Großen und Niedrigen zu weichen, das Gefühl der Abhängigkeit des endlichen Geschöpfes von dem unendlichen Gotte, der innigen Beziehungen beider zu einander unbehaglich zu werden. Darf auch der Unglaube und GotteSsrevcl nicht keck und unverhüllt heraustreten — daS wäre polizeiwidrig —; so wird der aufmerksame Beobachter, welcher die Gesinnungen nicht nach den gleißenden Formen äußerlicher Schicklichkeit beurtheilt, sich keiner Täuschung hingeben, und wer kann sich einer schlimmen Ahnung erwehren bei der Erinnerung an die Auöbrüche der Vermesseuheit in jenen Tagen, als der Sturm über das morsche StaatSgerüste hinbrausle, oder beim Anblick der gräßlichen Verbrechen, welche unsere Jugend in die Kerker und auf daS Schaffst liefern! Jedes Zeitalter bei den Culturvölkeru trägt einen gewissen allgemeinen Charakter. Nicht dem Born der Phantasie oder den Tiefen deö Gemüths entsteigen die Schöpfungen der Jetztzeit. Der Mensch hat sein Inneres sich selbst und Andern verschlossen, den Schlüssel zu sich genommen, und lebt ganz in und für die Außenwelt. Um da sein Glück zu machen, braucht er nur seinen Kopf, und geht'S mit rechten Dingen nicht, geht's — eine Zeitlang wenigstens — mit unrechten. Die Regel, auf welche Gott die Ordnung im Leben deS Einzelnen und der Völker gegründet hat, beruht aber auf einem gleichmäßigen Gebrauch der Seelenkräfte; 239 der menschliche Wille darf nicht allein das Gesetz von den Berechnungen deS Verstandes empfangen. Wir fürchten nicht, ob dieser Andeutung unsers GesellschaftSzustandes den Vorwurf zu scharfen Tadels auf uns zu laden. Gar manche Erscheinung, welche wir so häufig beklagen und sonst vergebens zu erklären suchen, hat ihren letzten Grund in dieser Zeitrichtung. Was leitet denn zu unserer modernen Erziehung in Familie und Schule, welche den möglichst großen Kreis deS Wissens als den höchsten Zweck deS Unterrichts betrachtet, und Gift von Gift den Stolz mir der Oberflächlichkeit der Nielwifserei in die frühreifen Jünglinge pflanzt? Wem entspringt diese Leidenschaft im Erwerb und Genuß zeitlicher Glücks- güter; diese Herabstelluug deS Individuums auf den jeweiligen CurSwerth dessen, was eS besitzt, oder mit Kopf und Händen seinem Brod- und Arbeitgeber zu nützen vermag? Woher dieses Ausspüren der Natur und ihrer geheimen Kräfte ohne Aufschwung deS forschenden Geistes zu seinem und ihrem Schöpfer; woher diese Vergötterung der Leistungen für daS materielle Leben und die Gleichgiltigkeit für die höhern Interessen der sittlichen und religiösen Volkspflege? Woher endlich die affectirte Geringschätzuug und die Vornehmthuerei gegen jede religiöse Anschauung; diese sinnliche Auffassung im Reiche der Kunst und Wissenschaft, und — was ist das Tagesgeschrei nach geistiger Freiheit als der Ausdruck deS innern EmancipationSprocesseS, wo der menschliche Geist der Verbindung mit dem Göttlichen und Ewigen sich zu entäußern sucht? Zwei Erscheinungen sind cS in der heutigen Staatsgesellschaft, deren Gefahren für diese auch dem blödesten Auge offeu liegen, deren Ergründuug und Beseitigung daher Männer vom Fach ernstlich beschäftigen mußte. Es ist die Ueberhandnahme der Verbrechen und die steigende Verarmung, beides bis herauf in die höhcrn Schichten der Gesellschaft. Es bedarf in der That nicht einer tiefern Einsicht, um den Ursprung und den innern Zusammenhang dieser Plagen unserer Civilisation zu erkennen. Beide sind Töchter derselben Mutter — der Irreligiosität, der sittlichen Verkommenheit und der Abwendung des Menschen von Gott. Und doch sucht mau die Quelle dieser Leiden wieder nur auf der Oberfläche: sieht den Ursprung der Verbrechen in der Neigung der Jugend zur Mißhandlung der Thiere, unv schreibt über die brennende Frage des PauperismnS — gelehrte Abhandlungen. Wir stehen heute, am Feste des heiligen Vincenz von Paul, unsers Vorbildes in christlicher Milde und Barmherzigkeit, wieder zusammen vereiniget und gestärkt im Ausblick zu Gott, und darum unbeirrt und nnenlmuthiget durch die Verirrungen und Gefahren der Zeit; wir stehen auf dem Boden unserer heiligen Kirche, des ChriftuS- felftnS unv Ecksteins, den die Bauleute verworfen haben. Dieser Verein, in seiner einfachen Gestaltung, seinen Verbindungen und Bestrebungen, erinnert an ähnliche Einrichtungen der ersten Christengemeinden, wie sie diese in ihren Grundzügen schon von den Aposteln empfingen. Jene christlichen Anstalten zur Linderung der leiblichen und geistigen Nolh, wer kennt sie nicht nnd ihre Segnungen, welche sie über die Welt verbreiteten? Sind sie auch, diese köstlichen Früchte deS milden christlichen Sinnes, einer wahnwitzigen Aufklärung zur Beute geworden, noch steht der Weitschattende Baum, der aus dem Senfkorn erwuchs, unberührt von den Stürmen der Zeit, noch lebt das Wort der Chri- stuölehre und suhlt manches katholische Herz warm für das Elend seiner Brüder. Auch unser streng katholischer Verein — vergessen wir des Zeichens nie — ist unter dem Scharten jenes BaumeS groß geworden; groß auS kleinen Ansängen nnd mit geringen Mitteln, groß ohne den Beifall und die Unterstützung der Mächtigen, lange nur bekannt der Armuth, deren Thränen er jetzt in fast allen Ländern der Erde trocknen hilft. Ja, Gottes Segen und Wohlgefallen ruht sichrbarlich auf diesem Verein! 260 Sie werden, hochgeehrte VereinSbriider, in diesem Gedeihen unser? geringen Wirkens eine Erfüllung der Verheißungen des Gottinenschen erkennen, der auch hierin nur seine Kirche, welche er hieniedeu an seiner Statt zum Schutz und Trost der Ariiien eingesetzt hat, verherrlichen will. Freuen wir nnS daher im Gefühle der Demuth, unserer, der von vielen ihrer Kinder verkannten Mutter dienen zu können, und danken wir mit ihr für den Beistand des Himmels, der unser schwaches Bemühen gckräftiget und gesegnet hat. Dank auch jenen katholischen Männern Frankreichs, die, groß und fromm wie die BossuetS nnd FenelonS, das Sühnopfer auf den Altar ihres Vaterlandes trugen und die ersten Steine zum Tempelbau christlicher Barmherzigkeit sammelten. Sie hatte der Geist Gottes erfüllt, daß sie das Elend der Gesellschaft bis in die Tiefe seines Wesens geschaut und Hilfe gesucht, ivo Sein Wort ist: Ich werde bei euch bleiben bis an's.Ende der Zeiten. Im Kreis der Kirche ist der Mittelpunct des innern Lebens der Verbrüderung des heiligen Vmcenz von Paul; dort empfangen wir die Heiligung, Stäikung und daS katholische Bewußtseyn, welche sie für unsere Mission befähigen. Außen aber in der Welt ist die Armuth; da der Acker, wo die reiche Saat des Unkrauts wuchert und der gute Samen ausgeworfen werden soll. In der Welt, in den Verhältnissen der Gesellschaft kann der Blick des Hilfebringenden leicht sich verirren. Unsere Zustände find nickt so einfach und durchsichtig wie vor Alters; nicht selten deckt eine schmucke Verhüllung den innern Schmntz, und niemals war man so weit in der Kunst, die Lüge unter dem Schein der Wahrheit zu verstecken. Die allgemeinen Erscheinungen in der Gesellschaft geben häufig einen Fingerzeig zur Deutung der Zustände in der Familie; hier und dort tritt aber die Bedeutung der religiösen Frage von Tag zu Tag mehr in den Vordergrund. ES war bei dieser feierlichen Veranlassung, daß Ihnen, meine Herren! die genannte Frage innerhalb ihrer Beziehungen mit dem Geiste und den Zwecken unsers Vereins in den gegenwärtigen Betrachtungen vorgeführt wurde. Ein Gedenkblatt aus der Geschickte dcS erst philosophirenden, dann frech läng- nenden nnd umstürzend-n MenschenpeisteS — sollten sie das Charakterbild entrollen eines anS der Revolution erwachsenen Geschlechts; sie sollen warnen vor den Gefahren der religiösen und dadurch unser Volk bedrohenden nationalen Verflachung; sie sollen aber auch Zeugniß geben von der Gewalt der in unserer von Gott gesetzten Kirche wohnenden Liebe und von der Lebenskraft der Pflanzungen, welche ihrem Mutter- schooße entsprießen. Zur Geschichte der Benedictiner-Abtei Metten in Ntederbayern. II. Haben wir im letzten Artikel von dem Gründer deS Klosters Metten gehandelt und dabei wegen der völligen Uebereinstimmung aller Nachrichten leichte Arbeit gehabt, so ist die Bestimmung des Jahres der Stiftung, womit wir uns heute vorzugsweise beschäsiigell, weaen der großen Divergenz in den Angaben der Geschichtschreiber um so schwieriger. Dennoch glaube ich, daß auch iu diesem Labyrinthe widersprechender Behauptungen eine aufmerksame, überlegte Erwägung und Vergleichung der verschiedenen Angaben bald den Ariadnefaden an die Hand geben werde, der nnS auf sichcrem und kurzem Wege zur Wahrheit geleite. Vor Allem müssen wir unS bei dieser Untersuchung wieder ins Gedächtniß rusen, was wir im vorigen Artikel berichtet, daß nämlich Kaiser Carl der Große selbst in die Gegend von Metten gekommen, wo er aus der Jagd den heiligen Ulto getroffen und ihm Erlaubniß und Mittel zum Baue eines Klosters gegeben habe. Da wir nun aus dem Leben des großen Kaisers wissen, daß er im Jahre 792 zum ersten Male in diese Gegend kam, so hätten wir in dem Jahre 792 den einen Markstein, vor welchen die Gründung des Klosters nicht verlegt werden kann. Carl der- Große hatte nämlich das Weihnachtsfest 791 in WormS 261 gefeiert und da beschlossen, mit größerer Macht, als bisher geschehen, den Feldzug gegen die in daS Reich eingefallenen Avaren zu eröffnen und diese ewigen Feinde aller Cultur aus der Zahl der Völker zu tilgen. Sachse», Friesen und Thüringen mar- schirten im nächsten Jahre unter Anführung deS Grafen Theoverich und des Kammerherrn Megiufried auf dem linken, Carl selbst mit den Alemannen und Franken auf dem rechten Ufer der Donau hinab gegen daS feindliche Land, während die Bayern auf Schiffen im Strom Mnnilion und Proviant nachführten. Auf diesem Zuge wurde in der Nähe von Metten eine Schiffbrücke über die Donau gelegt und die Meinung deö Pater Hermann Scholliner, daß Carl, während er den Bau derselben leitete, sich in den nahen wildreichen Unvcüdungen mit Jagen die Zeit verkürzte und bei einem solchen Ausflüge den frommen Utio traf (a. a. O. S. 344), scheint mir nicht unwahrscheinlich. Doch auch dieß dahingestellt, so bezog ja Carl nach glücklicher Beendigung deö FeldzugeS mir seinen Franken in Bayern die Winterquartiere und wurde nun durch die Ketzerei zweier Spanier, des Elipand und Felir, eine gegen sein Leben angesponnkne Verschwörung, den Ban einer nencn Schiffbrücke über die Donau und die Arbeiten an dem großen Rhein-Donaukanal zwei volle Jahre in unserm Lande zurückgehalten (Herbst 792 bis 794), in welche Zeit man die Kloster- grünvung ebenfalls, jedoch augenfällig mit viel geringerer Wahrscheinlichkeit, unterbringen könnte. Im Jahre 794 zog Carl gegen die neuerdings empörten Sachsen und kam in diesem Jahrhunderte nicht mehr nach Bayern. Den Avarenkrieg beendigte sein Sohn Pipin; Carl aber zog im Herbst deS JahreS 800 nach Rom, wo er am Weihnachtsfeste die Kaiserkrone empfing und erst im Sommer deS folgenden JahreS 801 nach Frankreich zurückkehrte. Ich habe diesen Abstecher für nothwendig erachtet, um den Leser in den Stand zu setzen, selbst über den Stand der Frage zu urtheilen, und kehre nun wieder zn meiner Untersuchung zurück. Vor Allein ist nun nöthig, den zweiten Markstein zn setzen, über welchen hinaus das Jahr der Stiftung nicht mehr gerückt werden darf, und diesen Gränzstein liefert mir der gelehrte Jesuit Andreas Brunmr in folgender Stelle: „Diejenigen, welche den Ursprung deS Klosters Metten iu spätere Zeilen heraufrücken, werden leicht durch den Umstand widerlegt, daß drei Urkunden ausdrücklich anführen, die Klosterstistung sey vor Carls Kaiser krInnung (Larolo nondum lmvörsloi-L), also vor dem Jahre 800, geschehen" (^nn»I. öoiv. II. p. Zu). Somit hätten wir zwei Gränzsteine, die einen Zeitraum von ungefähr zehn Jahren einschließen, von 792 oder 791 (denn daS Jahr jenes oben erwähnten FeldzugeS des Frankenkönigs gegen die heidnischen Avaren wird von Verschiedenen verschieden angegeben, Andreas Buchner z. B. entscheidet sich für daS Jahr 792, Lorenz Westenrieder für 794) bis 800, welcher Zeitraum jedoch durch die schon obeu angeführte Bemerkung, daß sich Carl von 794 bis zu seiner Kaiserkrönung nie mehr in Bayern befand, schon auf zwei oder drei Jahre zusammenfällt. Cs bleibt, uns noch übrig, nach dieser Richtschnur die Angaben der Geschichtschreiber zu beurtheilen, »ud sie, wo möglich, mit einander in Einklang zu bringen, wobei wir natürlich nur die anerkanntesten Forscher, deren Namen am meisten bestechen, und denen am häufigsten nachgebetet wird, berücksichtigen können. Den wahrheitsgetreuen Bruuner haben wir bereits vernommen; Aventin Onrml. Lo^j. I.. IV. p. 294) gibt das Jahr 790 an, welches nach allem bereits Gesagten nicht besteh,» kann und unS wenigstens um ein Jahr näher gerückt werden muß; wie aber vollenrs A. W. Ertl (churb. AtlaS, II. Thl. S. 186) sagen kann: „Metten soll Carl der Große nach Aussage Avcntini im Jahre 88? (!!) erbaut haben", bleibt mir immerdar unbegreiflich. Dem Aventin gegenüber am andern Markstein, oder vielmehr ebenfalls um ein Jahr jenseits desselben steht zuerst der bekannte ^nelress Kütisbonsrisis, ein regul. Chorherr aus der ersten Hälfte deS löten Jahrhunderts, der in seinem geachteten „Llironieum Ououm Kavgrmo" daö Jahr 801 als das Jahr der Gründung nennt, welche Meinung auch der gelehrte WignläuS Hund aus Stcinach (Metmp. Sglisb. I. II. p. 501) adoptirt. Dem HnndiuS pflichtet nun auch Joh, Adlzreiter l>rin. öoic ßent. ?. I. I.. XVIII. v. 198) bei, indem er seine Angabe der Wahrheit näher nennt, 262 als die Meinung BninnerS. Auch Joh, Heinrich v. Falckenstein (vollst. Historie des HerzogthumS Bayern. II. Th. s. voee Methen), ?. AgnelluS Kandier (^rnulptius mkile Nslus eizZnominiiws lVIonaeü. 1735 p. 106) und neulich Dr. Schöppner (Sagenbuch der bayr. Lande. 1352. I. B. S. 29) nehmen auf Hund'S Gewähr hin das Jahr 801 an, wie denn auch Bruschius (Suppl. Kruseb.. s. Lent. II. 1692 p. 20) von dieser Nachbetern nicht ganz frei zu seyn scheint, da er sagt, um daS Jahr 800 sey mit dem Bau deS Klosters begonnen worden. Wenn BruschiuS dieses sein eirca nicht bis 794 zurückschieben läßt, so ist eS durch das Wörtlein „begonnen" (kongtrui coepit) ein rein heilloser Irrthum, während sich die Nachricht des Hund und seiner Nachbeter noch recht wohl verbessern läßt. Der gelehrte Mettener Bibliothekar ?. Gregor Geyer hat zuerst durch eine gluckliche Conjectur die Angaben deS Wiguläus Hund und AventinS in Einklang gebracht und Herrmann Scholliner hat ihm in der Vorrede zu den Uon. Uet. (a. a. O. S. 344) verdienten vollen Beifall gezollt. Geyer hat nämlich (eigentlich halte eS schon Adlzreiler a. a. O. gethan, wo er sagt: „Wenn auch immerhin der Bau deS Klosters begonnen wuche, da Carl erst römischer Patrizier und noch nicht Kaiser war, so konnte ja doch die Einsetzung UttoS sich bis in daS Jahr nach Carls Kaiserkrönung verzögern") einfach den Aventin als von dem Beginne, den Huudius als von der Vollendung deS Werkes redend aufzufassen gerathen und so mit einem glücklichen Wurfe die diScrepauten Zeitangaben aus die befriedigendste Weise vereinigt, so daß wir in diesem Sinne den beiden Historikern Glauben beimessen dürfen, ohne unsere Marksteine verrücken zu müssen. Als Resultat dieser Untersuchung ergibt sich nun, daß Kaiser Carl der Große in den Jahren 792 bis 794, am wahrscheinlichsten auf seinem Feldzuge im Jahre 792 zu dem Kloster Metten den Grnnd gelegt, es gegründet habe, daß der Bau jedoch mehrere Jahre in Anspruch genommen. Während nun so das H.iuS immer höher emporwuchs und der Bau sich seiner Vollendung näherte, geschah eS, daß Kaiser Carl in Rom mit der Kaiserkrone geschmückt wurde und vor seiner Abreise im Jahre 801 von dem Papste Leo III. für Utto als ersten Abt seines eben erbanten Klosters den bischöflichen Hirtenstab erbar, den ihm der Papst gerne gewährte. Dieser Stab wurde dem seligen Utto von seinem Bischöfe, Peter von RegenSburg, welcher ebenfalls von einer Pilgerfahrt nach Rom zurückkehrte, überbrachl und liegt noch jetzt bei den Gebeinen deS Seligen im Heiligenschein; er ist von Elfenbein nno trägt folgende Inschrift: „()uocl I)ominu8 ?otrc>, ?strus tilii eontulit. I^IUo." *) Seit vieser Zeit stand daS Kloster Metten, obwohl seit der im Jahre 817 erfolgten Einberufung der Klostervorstände nach Aachen (auf dieser Versammlung theilte Ludwig der Gutmüthige alle Klöster iu vrci Classen: in die reichen, welche dem Staate Steuern und Soldaten, in die mittleren, welche bloö Steuern geben mußten und in die ärmeren, wovon Bergen im Donauzau, Metten, MooS- burg, Wessobrunn und Scovenawa — Schönau, jetzt St. Martin, Schloß des Grafen v. LIrco im Jnnvicrtel — genannt sind) bis zu seiner Auflösung im Jahre 1803 der letzten Classe der damals bestehenden Klöster, der Classe der ärmeren, zugetheilt, welche nur zum Gebete für das Wohl des Kaisers und des Reiches verpflichtet waren („sei solas Or-itiones pro saluts Iinvemtoris vel k'iliorum «z^v5 et staliilitgte Imoerii ovstrieta"), eö stand oemnach vou seinem Ursprünge au unter dem unmittelbaren Schutze deS Königs (regalilius ^liatiis »dscriptuin Lovnodium) und der nachfolgenden Herzoge, hatte stets freie AbtSwahlen, hatte nie, wie so viele andere Klöster, von dem Uebermuthe der Schirmvögte zu leiden und unterlag nicht eiumal der Wuth der ein Jahrhundert nach seiner Gründung dem gesammten Vaterlande so verderblichen Raubzüge der wilven Magyareuhorden. — Von den ferneren Schicksalen des Klosters im Donaugau (Rudhardt, Aelt. Geschichte von Bayern S. 516), sowie sie dasselbe unter den einzelnen Aebten betroffen, wollen wir, so weit eS uns möglich ist, in den nächsten Artikeln handeln. , ^) „Was ocr Herr dcm Petrus, hat dieser dir übergeben, o Utto." 263 Ein protestantisches Blatt über die katholische Kirche in Deutschland. Dresden, 15. Juli. Die „Fr. Sachsen-Zeitung," bekanntlich ein Protest. Blatt, gibt der kath. Kirche in Deutschland Folgendes, die „Sachsen-Zeitung" im hohen Grade ehrendes Zeugniß. Der betreffende Artikel lautet wörtlich: Den kath. Kirchenstreit im Südwcsten Deutschlands finden wir jetzt häufig zum Gegenstände weitreichender, rein politischer Conjecturen gemacht. Selbst Organe, die früher geneigt waren, der bischöflichen Seite entschieden die Anerkennung ihres Rechtes vor dem Staate zu gebe», zeigen sich jetzt anders. Sie verlassen den Standpunct der Beurtheilung, welcher aus der rechtlichen Seite der Sache selbst gegeben ist, und knüpfen an den traurigen Streit zwischen Staat und Kirche Gedanken über dessen Ursprung und Nährung, welche bestimmt sind, die Regierungen in ihrem Widerstande gegen die katholische Kirche zu ermuntern. So sagt man: das energische Festhalten der Bischöfe in der oberrheinischen Kirchenprovinz an ihren Forderungen sey von Rom in der Absicht anbefohlen, weil sich der Papst eine neue Stätte in Deutschland gründen wolle, wohin er den heil. Stuhl verlegen könne, wenn Italien unhaltbar würde. Der Unterschied wird hervorgehen, welcher zwischen dem Verfahren des heil. Stuhles in Deutschland protestantischen Regierungen gegenüber, und in Jialien, der katholischen sardinischen Regierung gegenüber sich darbiete. In Deutschland strenges Festhalten an allen Forderungen, in Italien der um NieleS kirchenfeindlicheren Regierung in Turin gegenüber behutsames Auftreten. Mau scheut sich auch nicht, die Muthmaßung cn:szusprechen, der Kaiser der Franzosen wirke in Rom darauf hin, daß die kirchlichen Differenzen in Deutschland mehr und mehr unheilbar würden, — in welcher Absicht, dürste leicht zn errathen seyn, wenn diese Muthmaßung gegründet wäre. So bringt man auch den Kirchenstreit in Deutschland mit der orientalischen Frage in Verbindung, indem man darauf hinweist, daß der katholische KleruS überall Haß gegen Rußland zeige und eine Hinneigung nach Frankreich verrathe. In Preußen sollen zur Ergründuug solcher Vermuthungen bereits RegierungSschreiben erflossen seyn, welche Berichte einfordern über den Verdacht eines Zusammenhanges des katholischen Klerus mit französischen und demokratischen Agitatoren. Alle diese Muthmaßungen und Conjecturen sind die nothwendige Ausgeburt eiueS so lange hinausgezogenen rechtlosen Zustandes der katholischen Kirche in Deutschland. Aus Böswilligkeit gegen die katholische Kirche oder sey es auch aus falscher Besorgniß ersuudeu, sollen diese schmählichen Nachreden die ScM selbst verrücken zu Un- gunsten der katholischen Kirche. Der deutsche Politiker kann indessen nichts Gewissenloseres thun, als ein nationales Lebenselement, das so tief daS deutsche Volk durchzieht, wie eS die katholische Kirche thut, bei jeder Gelegenheit als staatsfeindlich und unnalional zu denunciren. Wir sind Protestanten, aber die Gerechtigkeit erheischt, daß wir bekennen: sollte eine historische Abrechnung gehalten werden über daS, waS der Protestantismus und Katholicismus gegen die deutsche Nationalität sür die Fremden gethan haben, so würde dieselbe für uns nicht günstig ausfallen. Die katholische Kirche in Deutschland ist so national, so volköthümlich, wie irgend eine der vom Volke geliebtestcn weltlichen Dynastien. Es ist deßhalb ziemlich natürlich, daß man bei einem das Volksleben so tief berübrenden Conflicte, wie er eS in Baden ist, auch Befürchtungen hören muß, die über den Kreis des religiösen Lebens hinanSgerichtet sind, denn kein Mensch kann doppelt leben, und eS gehörte ein doppeltes Leben dazu, freudigen Gehorsam und Liebe für eine Obrigkeit zu behalten, die uns im vollen Herzen verwundet. Wir denken aber, daß eben bei der weiten Mitleidenschaft in diesem Conflicte, mag man sonst von der oben erwähnten Nachrede deS katholischen KleruS halten waS man will, die Gesammtheit der deutschen Regierungen ein Interesse daran fühlen müßte, dem Conflicte bald einen rechtlichen Ausgang gegebeu zu sehen. mzzc,< >'Z li!»»''Nn>m^ ii'ck,«t»ttv nt'i 5i-.' nnüüm,nztlüiöuü lAisö Kon a,öiA?;s,l6. Medicinisches über das Fastengebot. Ein sehr unparteiisches, weil durchaus nicht vom kirchlichen, sondern rein vom rücksichtslos medicinischen Standpunct ausgehendes Urtheil über daS 264 Fastengebot bringt in der Nummer (34) die Wiener Medicinische Wochenschrift in dem Artikel: „Kritische Bemerkungen zur Arzneimittellehre" wie folgt: „Unter den Fastenspeisen nehmen vor Allem die der Milch entlehnten Speisepräparate und Fische eine Hcmplstelle ein. Man muß denen, welche die Fasten zu halten verordnen, die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie mit einem sehr richtigen, durch die neuere Chemie bestätigten Tacte die Kuchenzettel für die Menschheit gemacht haben. Die ReligionSlehrcr mußten jedenfalls bald eingesehen haben, daß ohne Stickstoffnahrung der Köipcr nicht bestehen könne, und daß sie, je mehr sie Fasten anordneten, um so mehr auch darauf Bedacht nehmen mußten, eine Diät anzuordnen, die immerhin reich an Stickstoff sey. Einen großen Theil ihres medicinischen Werthes — ihren moralischen zn erörtern ist nicht lueine Sache — haben die Fasten jetzt freilich für die Masse des Volkes verloren, seit dasselbe immer mehr verarmt, immer mehr von den Fleischspeisen entsremdet worden ist, aus dem einfachen Grunde, weil cS dieselben sich nicht mehr erwerben kann. Den im Fleischgenusse schwelgenden Engländern aber, und auf den Tafeln unserer Vornehmen wäre eine strengere Feistendiät in der That keine gar so üble medicinische Verordnung. Der physiologische Är;t denkt dabei an nichts, als den täglichen Verbrauch an Stickstoffmalerial wöchentlich ein- oder zweimal herabzusetzen, und in einzelnen dieser Speisen zugleich eine größere Menge Kalksalze zn reichen; und eS kann somit auch der protestantische Arzt in die Noihwendigkeil versetzt werden, Fastenspeisen zu verordnen, deren Werth in der angedeuteten doppelten Richtung bisher zu wenig gewürdigt ist. DaS Fleisch der Fische steht nämlich an proccn- tischem Stickstoffgehait bedeutend unter dem Fleische der Warmblüter. DaS Fleisch z. B. des Ochsen enthält 17,5, das des KalbeS 15—16, das deS Schweines 16,8, das deS ReheS 18,0, das der Tauben 17,0, der Hühner 16,5, der wilden Ente 17,68 Procent Fleischfaser; daS des Frosches in seinen Keulen nur 11,67 Procent; das der Salmonen 11,l und das der Karpfenarten 9,42; 11,31; 12,1, im Marimo 13,0 Procent Fleischfaser. Wie weise wäre nnn bei der reich besetzten Tafel der, starke Fleischkost liebenden Engländer und unserer höheren Stände die procentisch herabgesetzte Kost, die diese mit den Fischspeisen bei . ärztlich gebotenen und versteht sich gehaltenen Fasten zu sich zu nehmen genöthigt würden?! Wie gut ist eS im Gegentheil für den Armen, daß (wenn anders er in fischreichen Gegenden lebt) er, so oft er Fische haben kann, sie genießen darf, nm nie einer billigen, stickstoffhaltigen Nahrung zu entbehren. Im Allgemeinen sind die Fischspeisen viel zu sehr als schlecht nährend und ungesund verschrien; unsere Küche sollte sie viel mehr in Gebrauch ziehen, und sich in schmackhafter Bereitung derselben (unter möglichster Verdrängung deS bloßen Genusses derselben mit Essig und Oel) üben. Sie stellen bei Ueberschuß deS BlutcS an stickstoffhaltigem Baumaterial ein ausgezeichnetes Nahrungsmittel dar, und Badeärzte, Aerzte an Molkenanstalten sollten eö sich angelegen seyn lassen, sie auf den Tafeln ihrer Kranken möglichst häufig und in annehmlicher Form erscheinen zn lassen. 100 Theile Asche vom Flußbarsch enthalten 54,39 Procent phosphorsaures Alkali, und 44,34 phoSphorsanre (5rden; 100 Theile Karpsenasche 44,19 phosphorsaures Alkali und 42,40 PhoSphorsanre Erden; Hühnerfleisch 33,25 phosphorsanres Alkali, 17,46 PhoSphorsanre «Lrdeu und Eisen; an phosphorsaurem Alkali der Hase 79,8, das Reh 72,4, der Ochse 76,8, das Kalb 89,8 Procent, an phosphorsauren Erden dieselben Thiere in eben der Reihenfolge: 15,l; 26,6; 16,4; 10,2. Dabei beträgt der Gc- sammtrückstand der Asche beim Fleische deS Hasen 4,48; deS ReheS 4,68; deS Ochsen 4,03; der Hühnervögel jung 3,14, später 4,31—5,51; der Froschkeulen 4,96; der Fische, z, B. des Barsches 7,08; der Karpfen 6,16. Wir sehen deutlich daraus, daß wir mit dem Fleische der Fische ein viel reichlicheres Material an phoöphvrsauren Erden genießen lassen, als mit dem Fleische der Warmblüter, und daß die Zahlen dieser Erden noch höher ausfallen müßten, als hier geschehen, wenn wir die procen- tischen Differenzen der gesammlen Aschenmenge betrachten, und, wie es nöthig wäre, hiernach reoucirlen." Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PsstMung. 20. August 34. 1854. Diese» «latt erscheint regelmäßig all« Sonntage. Der halbjährige Abonuemenl«pret« kr., wofür e« durch alle köuigl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werdeu kauu. Franz Xaver Luschin, Fürsterzbischof von Görz. *) Nekrolog, ES ist eine schwere Ausgabe, das Leben und Wirken eineS edlen Menschen in seinen innersten Motiven, in seiner vielseitigen Entfaltung nach Außen treu und wahr aufzufassen und wiederzugeben. Wenn der Schmerz um den Hingeschiedenen das Auge umfloret und trübet, das Herz mit bitterer Wehmuth erfüllt und die Hand beS Schreibenden lcitunt, so ist hinwieder das Gefühl, die Ueberzeugung, an dem Verewigten nach vollbrachter irdischer Laufbahn, einen Gegenstand, vollendet und würdig der Darstellung, ein Vorbild für sich und alle die Genossen seines Standes gewonnen zu haben, ein Sporn, sich an dessen Darstellung zu wage«. Zu wagen, sagen wir; denn wo liegt wohl eine Gewährleistung, daß wir seine Züge, das Porträt seines geistigen Seyns wiedergeben, wie es seyn soll und wir es sollten! Doch wollten wir verzagen, jetzt, wo sein Andenken noch so frisch, so lebendig ist, wann könnten, dürften wir eS unternehmen? Ueber Fürstbischof Luschin wurden gleich nach seinem Tode mehrere Stimmen laut, und außer den gegebenen äußern Umrissen seines Lebens und Wirkens in öffentlichen Blättern sprachen sich der hochwürdigste Fürstbischof von Trient, Johann Tschi- derer, fürstliche Gnaden, in einem durch mehrere Blätter bekannt gewordenen lateinischen Hirtenschreiben über die Leistungen und die persönlichen Eigenschaften dieses seines Norfahrs auf die ehrenvollste, anerkennendste Weise aus, so wie auch ein Aufsatz in dem slovemscken Blatte „Danica" seine letzten Lebensstunden in ergreifender Weise schilderte. Wir dachten sonach diese einzelnen Züge mit den eigenen und den Erinnerungen mehrerer seiner Freunde zu vereinigen, ohne fürchten zu müssen, des Guten von ihm zu viel zu sagen, vielmehr so weil hinter dem Originale zurück zu bleiben, als eS nach dem Apostel I. Corinth. 2, 17, wahr ist: „Der Geistige beurtheilt alles, er selbst aber wird von Niemauden beurlheitt." Mag daher der bereits Verewigte eS uns vergeben, wenn wir ihn der Mitwelt, eigentlich der Nachwelt vorzuführen bemüht sind, ihn, dessen Tugend und Gottesfurcht im Kleide der Demuth verhüllt war, WaS er auf der Welt geworden, darüber haben, nach dem Willen und nach der Zulassung deS Allerhöchsten, Zeit, Umstände und Verhältnisse entschieden; die von ihm bekleideten Aemter, sein hoher Rang und die ihm erwiesenen Ehren haben das wahrnehmbare Gepräge seiner Geltung vor den Menschen nach und nach vollendet; der innere Gehalt, das edle Metall seines Charakters aber blieb, durch den Wechsel des Schicksals geprüft, sich immer gleich unverfälscht und unverändert, ähnlich dein ächten Golde. Indessen, weil die geistige Entwicklung, die Offenbarung des WollenS und Seynö *) Salzb. Kirchenbl, iSUV .HNl>Y1lW«7 7^tNs»^^ilk sich durch die Lebensverhältnisse bedingt, können wir nur diese verfolgend jene in Betracht ziehen. Luschin war am 3. December 1781 in der Nähe von Lind, nächst dem Gute Peggein, Pfarre Teinach, geboren, und erhielt, nach dem frommen Landesgebrauche, in der Taufe den Namen jenes Heiligen, den er, wie man zu sagen pflegt, mit auf die Welt gebracht hatte, den des heiligen Franz Xaver. Sein Vater Leonhard Luschin, Besitzer der gleichnamigen Hübe, erfreute sich außer ihm nur noch einer Tochter und gab ihnen eine, wenn gleich einfache, standesmäßige, doch sorgfältige Erziehung, wobei ihm seine Gattin Barbara durch Gottesfurcht und Herzlichkeit würdig zur Seite stand. Franz besuchte die Schule zu Teinach unter dem braven Lehrer Jos. Wedenigg. Dieser und die dortige Geistlichkeit stimmten den Vater, da des Knaben Anlagen unv Fleiß zu den schönsten Hoffnungen berechtigten, daß er ihn in die Normalschnle nach Klagenfurt und hierauf auch daselbst ans Gymnasium schickte, wo ihn sein Fleiß und seine Emgezogenheit besonders empfahlen. Im Jahre 1797 halten die Stürme der französischen Revolution, so wie die Staaten und Völker auch die Geister aufgeregt, man sah in ihrem Gelingen eine Art Weihe ihrer Grundsätze, ihren Beruf, die Well unizustalien. Dieses Jahr war es auch, wo die Neufrauken zuerst auf Alt-Oesterreichs Boden unter Bonaparte einzogen, und Kärnthen, welches sie zuerst betraten, fühlte so sehr das Folgenreiche ihres unwillkommenen Erscheinens, daß alle kaiserlichen Behöroen sich auflösten und die Beamten bis auf wenige das Land verließen. Kein Wunder, daß dieses Gefühl der Unsicherheit, deS BangenS vor der Zukunft, auch der Jugend sich bemächtigte, und unser Lnschin, wie mehrere seiner Collegen die Hörsäle verließen, um in ländlicher Äbgezogenheit dem drohenden Schicksale zu eutzehen. Franz Luschin, den Unwillen seiner Eltern über so eine Entfernung von seinen Stndien, deren Beweggründe sie in ihrer einfachen Weltanschauung nicht begreifen, nicht zu würdigen wissen mochten, befürchtend, kam daher bei nächtlicher Weile von dem nahen Kiagenfurt in sein Vaterhaus zurück, schlich sich in die Kammer der Knechie und suchte an der Seite eines derselben scheinbar die Ruhe, denn seine geängstigle Seele mag sich mit den düstern Bildern seiner Zukunft beschäftigt haben. Seine Ankunft, sein so gewählter Aufenthalt wurde zuerst von der weckenden Magd bemerkt und der Mutter entdeckt, worauf dieselbe zum Sohne eilte und aus dessen Munde die niederschlagende Kunde seines Entschlusses vernahm, den Studien Lebewohl zu sagen und am heimischen Herde von der Erdscholle das karge Brod zu gewinnen. Wie war sie da in daS Innerste verwundet und weinte bittere Thränen über den, wie sie glaubte, Verlornen Sohn, den sie im Geiste schon vor dem Altare stehend gedacht hatte; wie den zornigen Vater beschwichtigen und die erstaunte Nachbarschaft aufklären? Endlich wagt sie zitternd den Schritt, und kaum entgleitet dem bebenden Munde das Wort: Franz ist gekommen und will nicht mehr studiereu, sondern Bauer werden. Der Vater war ruhiger, als zu erwarten. „So soll er denn Bauer werden, es ist schon recht", antwortete der kurz angebundene Mann, ließ den Sohn kommen, befahl ihm die Sladlkleidcr abzulegen, reichte ihm das bäuerliche Gewand, seine eigenen Holzschuhe, legte ihm ein Sirohband um die Hüfte, wie es die dortigen Knechte beim Mähen zn haben pflegen, gab ihm Sense und Kumpf und schickte ihn mit den barschen Worten auf die Wiese: „Hast dn bei den Knechten geschlafen und gegessen, so magst du auch mit ihnen arbeiten." Somit war der künftige Primas von Galizien, Lodo- merien und Jllyrien, der Fürstbischof vou Trieut und Erzbischof von Görz, Seiner Majestäl geheimer Nalh uud Ordensritter nach KncchteSweise stanvesmäßig adjustirt und installin'. Die Mutter indessen eilte in Thränen aufgelöst zu Probst Hiet! nach Teinach, welcher sie lröstete und ermähnte, den Sohn gewähren zu lassen, ihm keinen Für die Kärnthncr mag es merkwürdig seyn, daß mit Luschin auch jener Mathias Mikula, welcher während der Raststunde hinter dem Ochsengespann auf dem Pfluge sitzend, den Livius las, und Franz Krammer, vulZo HoiSl am Berg, welcher sich nachher als Bauern-Philosoph und rationaler Landwirth auffallend machte, die Studien verließen. 267 Zwang anzuthun; eS sey zu erwarten, daß mit dem verziehenden Kriegs-Ungewitter uild der Wiederkehr froherer Aussichten sich Alles von selbst geben werde, Franz, der eine Zeit die Stadt im Bauerngewand Säcke tragend betreten hatte, ging mit nächstem Studienjahre wieder von dem Pfluge zu den Schulbänken über, die er vor einem halben Jahre vermeintlich aussichtslos verlassen hatte. Wenn schon diese Episode uns die Jugend- und Studienjahre Lusching, die väterliche Erziehung bezeichnend kund gibt, so sollte eine zweite noch herbere Prüfung über ihn kommen, welche die Grundzüge des mütterlichen Herzens, das so mächtig auf sein Gemüth einwirkte, veroffenbart. Es war im Jahre 1800, wo unsern Franz zu Klagenfurt daS Nervenfieber befiel und ihn an den Rand deS Grabes brachte. Seine Schwester, fünf Jahre älter als er, eilte auf die Nachricht davon an sein Krankenbett und verließ eS nicht, bis er genas; dafür batte sie den Keim deS TodeS geholl und nach Hause gebracht, wo sie am 15. April 1800 als Opfer der Schwester- liebe starb. Die Mutter hatte sie gepflegt, der Kranlheitsstoff stch aus sie verpflanzt, und da sank auch sie, von Herzensleid bereits zerknickt, am 6. Mai 1300 dem Tode in die Arme. DaS war viel, zu viel für den alternden Pater, der ihnen am 10. Juli 1804 in die Ewigkeit nachfolgte, und dem einzigen Sohne das freudenleere HauS, ach die vielbethränten Gräber hinterließ. Keines von Allen hatte eS erlebt, was sie so sehr ersehnt, den geliebten Franz am Altare opfern zu sehen, er sollte es für ihre Seelenruhe thun. Die väterliche Behausung übergab nun Franz dem Sohne des Bruders seines BaterS, Besitzers der Tonitz-Hube im Dorfe Teinach, und ließ den äußerst billigen Kausschilling als Kapital darauf liegen, nicht ohne eö später in der Zeit der Finanz-CrisiS in dem beinahe auf Null reducirten Betrage zu empfangen- Nun lebt auch von dieser Seitenlinie kein Descendent mebr, nachdem der letzte Besitzer, Mathias Luschin, im Jahre 1852 auf der sogenannten Ruhestatt ob Pölkermarkt todt gesunden worden ist. So konnte Franz, wie sein heiliger Namensbruder, der von AssiS, ledig deS väterlichen Erbgutes sich frei dem höhern Berufe weihen. Als Luschin, den 26. Aug. 1304 zum Priester geweiht, kurz darauf zu Teinach primizirte, war von seinen nähern Anverwandten Niemand mehr am Leben und se!bst die Primiztafel war nicht in Lind, sondern im Herrenhause zu Paggein, dessen Besitzerin, die Wittwe Margarelh Maurer, geborne Kramer, LuschinS geistliche Mutter war. Nun hatte sich alles Irdische seinem Herzen entwunden; gleich den Aposteln steuerte er, einzig dem Herrn sich hingebend, in die Welt hiimuS, und widmete mit ganzer Seele sich seinem heiligen Berufe. A>S Stadtcapian bei St. Egiden zu Klagenfurt vom December 1806 bis Ende Jänner 1803 angestellt, entwickelte er jene herrlichen Gemüthsanlagen, jenen Drang, Gutes zu thun, Gottes- nnd Pslichtliebe zu verbreiten, welche ihn bald als ein hellstrahlendes Licht ans die Leuchte der Kirche stellten. Mit der Einfalt deS Gerechten ließ er sich zu dem Geringsten herab, hatte er für Alle Ohr und Herz, besonders auch für die Jugeuv. Schreiber dieses, damals kaum den Kinderschuhen entwuchsen, gedenkt noch mir Rührung, wie er als angehender Humanist bei demselben Zutritt, Belehrung nnd Ermnnlerung fand. Diese Anstellung Luschins war eS auch, die seiner künftigen Laufbahn eine bestimmte Richtung gab und nach der Absicht der Vorsehung den Weg zu seiner Erhebung o'ffuete, ». Nupert, damals am Lyceum zu Klagenfnrt, Professor des Bibelstudiums, hatte als solcher LuschiuS besondere Vorliebe und Fähigkeit für das Studium der orientaliichen Sprachen kennen gelernt, er munterte ihn min ans, seine Forschungen im theologischen, besonders Bibelfache fortzusetzen, behalf ihm mit den einschlagenden Werken nnd bereitete ihn auch in den andern Doctrinen der Theologie in der Art vor, daß er in der Lage war, bereits im Jahre 1807 in Wien, wo er, eine knrze Zeit zwar nur, die Vorlesungen des berühmten Iahn hören konnte, die bezüglichen Rigorosen zu bestehen, in Folge dessen er am 16. Jänner 1808 zum k. k. Professor der morgenländischcn Sprachen und deS Bibelstudiums zu Gratz ernannt wurde. Nun konnte er sich vollends in seinem Fache ausbilden und die, damals noch seltene Promotion zum Doctor I 2Y8 der Theologie wurde ihm im Jahre 1813 zu Theil. Indessen auch hier suchte und erhielt sein frommes Gemüth Befriedigung, indem er die Beichtvaterstelle im dortigen Elisabethinenklvster übernahm; ein Institut, welches er bereits in Klagenftirt, wo seine Schwester im gleichnamigen Kloster längere Zeit sich aufgehalten hatte, lieb gewann, und wohin er mit seiner Milde und Besonnenheit, herzlichen Theilnahme unv gleich bleibenden Geduld vorzüglich pastte. Auch hielt Luschin vom Jahre 1810 bis 1814 die akademischen ErHorten am Gratzer Lyceum und wurde vom Kollegium der Professoren für das Studienjahr 1815 zum Rector erwählt. Seine Lehrweise und Persönlichkeit machten auf die Studierenden, wie auf die Professoren einen gleich günstigen Eindruck; überall gab sich sein Wohlwollen, sein bescheidener Eifer für gediegenes Wissen, für die Sache der Religion und Sittlichkeit zu erkennen, unv man glaubte den allseitig tüchtigen, geehrten und geliebten Mann nicht besser auszuzeichnen und allgemeiner nützlich zu machen, als daß man ihm im Mai 1818 auch das Doctorat der Philosophie übertrug. Diese so vielseitige Verwendbarkeit Lnschins konnte den hohen und höchsten Stellen nicht entgehen, und selbst Kaiser Franz, der bei seiner wiederholten Anwesenheit in Gratz mit dem Allerhöchstdemselben eigenen Scharfblicke den klaren, praktischen und erleuchteten Mann kennen zu lernen Gelegenheit hatte, und der ihm von da an besonders gewogen blieb, fand ihn zn einer Oberleitung des geistlichen und Studienfaches vorzüglich berufen. Als daher der damit bethcilte Posten eines Gubernialraihes zu Innsbruck zu besetzen kam, erfolgte seine Ernennung dazu mit Allerhöchster Entschließung vom 6. Jänner 1830. Wer alle die Veränderungen, man muß sagen alle Umwälzungen, erwägt, welche das viel geprüfte Tirol während der Bayern- und Franzosenherrschaft erlitt, zu deren Wiederherstellung doch nur erst eine sehr kurze Zeit geboten war, kann die Schwierigkeiten ermessen, welche Luschin bei Reorganisation der ihm obliegenden Fächer, bei der Durchführung der Pfründen-Dotation und der gleichartigen Schuleinrichtung zu überwinden hatte. Drei Jahre hatte Luschin rastlos in seinem Referate gearbeitet, sein einfacher Sinn, sein Wohlwollen, seine Biederkeit, halte im Lande der Treue uud Offenheit lebhaften Anklang gefunden, da fand auch Kaiser Franz ihn reif sür den nun seit Emauuels Grasen von Thun Hinscheiden durch fünf Jahre ledig gestandenen uralten Bischofssitz von Trient und ernannte den als Priester und Geschäftsmann, als Theologen wie als Organisator gleich bewährten Mann unterin 12. November 1823 zum Fürstbischof von Trient. Seine Heiligkeit Papst Leo XII. ertheilte ihm am 24. Mai 1824 die Bestätigung. Am 3. October 1824 zu Salzburg von seinem Metropoliten, Fürsterzdischof Augustin Grubcr zum Bischof consecrirt, zog der Kirchenfürst am 17. desselben Monats in seine Residenz ein, von der Bevölkerung mit aufrichtigem Jubel begrüßt. Allerdings hatte er als geistlicher und Studien - Referent auch im südlichen Landcslheile sich den vorteilhaftesten Ruf erworben; indessen so ganz dornenlos war seine Bahn bei so manchem Vorurlheile ob der Nationalität und seiner Herkunft nicht, selbst seine Residenz mußte er Anfangs in einem ungelegenen Locale nehmen, doch waS wußle er nicht auszugleichen uud zu ertragen. Das schönste Zeugniß seines ThnnS un"> Wirkens liefert uuS nun nach seinem Hinscheiden, nach dreißig Jahren seines dort begonnenen HirtenamteS, der Eingangs erwähnte hohe Erlaß seines unmittelbaren Nachfolgen'. Wir können dessen Worte nicht in der lateinischen, so kraftvollen Ausdrucksweise deö Originals geben, da wir diese Zeilen auch in weitern nicht klerikalischen Kreisen gelesen wünschen; müssen uns daher nur auf die Hcu-ptzüge deS so ansprechend entworfenen Bildeö beschränken. Vor Allem erstreckte sich seine Sorgfall auf die Erziehung des KlcruS. Er erweiterte mit nicht geringen eigenen Kosten daS Priester-Seminar, betheiligle sich mit den ihm inwohnenden Kenntnissen an den Studien der Alumnen, mit der Wärme eines gotterfüllten Herzens an ihren geistlichen Uebungen. Er bewirkte die Restauration des Kathedral-Capitels und benahm sich bei diesem schwierigen Geschäfte mit jener Gerechtigkeitsliebe, jenem standhaften 269 Eifer für das Beste der Religion und Disciplin, der allein zum Ziele gelangt. Halte er in seiner Umgebung das Feld bereitet, so konnte er desto ungehinderter seinem Herzensdrange folgen und seine unter zwei so verschiedenartige (wer denkt nicht deS Jahres 1848) Nationalitäten getheilte Diöcese in ihrem ganzem Umfange, mitunter in ihren schwer zugänglichen Theilen durchreisen und überall die Merkmale seiner Hirtenliebe, seines frommen und wohlthätigen SinneS hinterlassen. Seine Geschäftserfahrung, sein Scharfsinn und seine Klugheit wußte in allen noch so verwickelten Angelegenheiten — und wie viele deren gab eS'dort damals nicht I — Raih, Ausweg und Abhilfe, Bescheiden im Worte, wie enthaltsam im Leben, feurig in der Liebe wie im Eifer und doch so demüthig, daß er niemals was selbst gethan zu haben scheinen wollte, bis zur gänzlichen Erschöpfung seiner Geldmittel freigebig und erbarmungSvoll gegen die Armuth, war an ihm so ganz deS gekrönten Propheten Wort in Erfüllung gegangen (Psalm 111, 9): „Er streuet aus, gibt den Armen, seine Gerechtigkeit bleibt ewig, seine Kraft wird erhöhet in Ehren." So war es auch; denn Allen Hirt, Schutz und Bater, besaß er die Herzen Aller, und als er nach zehnjähriger Wirksamkeit seine ihm so theuer gewordene Heerde, folgsam höherm Willen, verließ, da dnrchbebre Alle ein gemeinsamer Schmerz, eS war wie bei deS Apostels Abschied von seinen geliebten Ephesiern, die da weinend trauerten, daß sie sein Angesicht nicht mehr schauen sollten. So weit deS hohen Kirchenfürsten Worte, womit Hochderselbe ihn den nun Hingeschiedenen dem frommen Gebete Jener empfahl, bei denen dieselben, weil so ganz aus ihrer Ueberzeugung auS ihren Herzen geschrieben, den vollsten Anklang finden mußten. Gewiß, sie ehren den nicht weniger, der sie sprach, als den, dem sie gegolten! (Schluß folgt.) Das neue SchulhauS zu Stbnach. * In dem Mittelpuncle der Pfarrei, bestehend ans zwei Gemeinden, zu denen die Ortschaften: Sibnach, Trannried, Forsthofen, Aletshosen und Höfen gehören, erhebt sich auf einem Hügelvorsprunge, dem sogenannten St. Georgenberge, majestätisch die vom Kloster Steingaden erbaute Pfarrkirche, in welcher alle pfarrlichen Gottesdienste, ron dem im ^ Stunde entfernten Dorfe Sibnach wohnenden Pfarrer abgehalten werden, und in der jährlich in erhebender Weise daS ScapulirbruderschaftS- fest vom Berge Carmel gefeiert wird. Nur fünf Häuser umgeben den pfarrlichen Tempel, darunter das MeßnerhauS, an welchem seit der Säkularisation eine Schule errichtet wurde. Schon längst war dieses Gebäude schadhaft und baufällig geworden, und daS Bedürfniß nach einem neuen Sckulhause wurde immer dringender. Den Bemühungen des gegenwärtigen Herrn Pfarrns gelang eS endlich mit Zustimmung der beiden Gemeinden einen Neubau zu bewerkstelligen, wozu der Staat seine hohe Genehmigung ertheilte und die Hälfte der Baukosten beisteuerte. So erstand ein wirklich schönes, in allen Theilen zweckmäßiges und dauerhaftes Gebäude, kenntnißroll entworfen und solid ausgeführt, das seinem Zwecke vollkommen entspricht, und wahrlich zu den schönsten Landschulhäusern gezählt werden darf. Freundlich steht eS auf grünender Höhe, im Westen von schattigen Waldhügeln bekränzt, östlich hinauSblickend auf die Ebene an der Wertach und dem Lecke, wo das Auge vom St. Ulrichöthurme Augsburgs über Friedberg, Hofhegnenberg hinaus nach LandSberg, dem Peißen- und Auerberge, der Gebirgskette von den Salzburgeralpen bis zum Grillten schweift und dann über die in der Ebene liegenden, zahlreichen Ortschaften forschend zurückkehrt. Schou der Anblick eines jeden Schulhauses erregt in der Brust eines denkenden Menschenfreundes eigenthümliche Gefühle, die sich in Betrachtung deS heranwachsenden Menschengeschlechtes über dessen wellliche und ewige Bestimmung ergießen, und auf das Wohl der Gesammlmenschheit in staatlicher und kirchlicher Beziehung ausbreiten; um so mehr werden solche Gedanken rege, wenn ein neues Schulgebäude errichtet 270 Wird. Die Eröffnung des Schulhanses zu Sibnach (das nunmehr vom Lehrer bezogen werden kann) geschah in einfacher Weise bei der am 15. Mai l. I. stattgefundenen Schulprüfung. DaS nahezu vollendete Schulzimmer war festlich mit der Darstellung des gekreuzigten Erlösers und den Bildnissen Ihrer königlichen Majestäten, von Blumengewinden umgeben, verziert, und feierlich wehte an der östlichen Giebelfronte die blauweiße, vaterländische Flagge. Nach der in Gegenwart der Gemeindeverwal- tungSmitglieder und einiger Schulfreunde vollendeten Prüfung trug ein Schüler nachstehendes Gedicht vor, das aus wirklich historischem Grunde entsprossend, religiöse Tugend und vaterländische Treue, die in letzterer Zeit so selten geworden, der Jugend in schönem Beispiele eines Helden, dessen Geschlecht in hohem Mittelalter den Hauptort der Pfarrei gründete, wieder lebendig vor Augen führt. Mit eindringender, ergreifender Rede an die Schuljugend und die Gemeinde schloß der würdige Herr DistnctS- schulinspeclor die erhebende Feier. Möge auf dem neuen Schulhause die Gnade deS Allerhöchsten ruhen und möge aus ihm recht viel Gutes zur Ehre Gottes und zum Wohle der Menschheit entsprossen, dann wird eö seine Bestimmung rollkommen erfüllen, und ein immerwährender Segen für die Pfarrangehörigen Sibnachs seyn. ^ » ^ Ritter Hartmann von Sioenaichen. ^ Friedrich Barbarossa zog in ferne Lande, Nach Italiens heißem, tück'schem Meeresstrande, Um zu schlichten Aufruhr, frechen Raub und Streit. Für gekränkte deutsche Ehre mußt' er fechten; Mit Banditen-Rotten sollt er ringen, rechten — Welch' ein Kampf ihm nichts als Leid und Schmerzen beut. Nicht die off'ne Schlacht ist's, die ihm schreckvoll dräuet, Seine Tapferkeit ihm stets den Sieg verleihet. Seine deutsche Heldenbrust scheut nicht Gefahr; Aber gleich den falschen, blumbedeckten Schlangen, Hält ihn Hinterlist im Dunkeln nur umfangen, Dolche zückten auf den kaiserlichen Aar. > Doch die deutsche Treue wachte stets zu Schanden, Was auch schlau erdacht' die feigen Mördcrbanden, Und es knirschte machtlos ihrer Rache Wuth. Wie der Bayern großer Otto hat gerettet Einst das deutsche Heer, von Hinterhalt umkettet, So gab mancher Held mit Freuden hin sein Blut. , Einstens irret Friedrich auf verlaß'nen Gründen, Konnt' den Pfad zu seinem Heere nicht mehr finden, Und schon rückt die dunkle, schwüle Nacht heran. In der Näh' sich eines Schlosses Mauern zeigen, Dahin furchtlos seine Schritte sich jetzt neigen, Spricht den Wirth um Obdach und um Lager an Der Begleiter that' ihn ahnungsvoll zwar warnen Vor den Feinden, die ihn'immerfort umgarnen, Aber Zagen kennt sein muth'ges Herze nicht. *) 7 1153, hatte sein Stammschloß in der Nähe des Dorfes Sibnach, Landgerichts Türkheim, Woselbst noch deutliche Spuren der Burgstelle zu sehen sind. 27t Freundlich, bückend sie der Wirth willkommen heißet, Liebe heuchelnd, große Gastfreundschaft er gleißet, Denn erkannt hat er des Kaisers Angesicht. Sorglos Barbarossa mit dem Mann verkehret, Der ihn liebreich, scheinbar freundlich, hoch verehret; Aus des Ritters Auge blicket Sorg' hervor. Seine scharfen Sinne bald Gefahren wittern, Für des Kaisers Leben fing er an zu zittern; Fest verriegeln sah er, ach, des Hauses Thor. In ein Prunkgemach, mit Reichthum ouSgezieret, Ward der hohe Gast zur Ruhe eingeführet. Für den Ritter gab'S ein Stübchen neben an. Laue Düfte bald das Haus in Schlummer wiegen, Alles scheint im Schloß dem Schlase obzuliegen, Auf der Zinne ruhet selbst der Wetterhahn Leise kommet sachte vor des Kaisers Betten Kummervoll der treue Ritter angetreten, Kniet voll Liebe, kniet voll Treue vor ihn hin. Küsset heiß des Theuern segensvolle Hände, Wecket sanft ihn auf, daß er Gehör ihm spende, Daß auf seine Bitte lenke er den Sinn. „O mein Kaiser! Du des Vaterlandes Stütze, Kennst mein Herz, das Treue in des Kampfes Hitze, Wie in Freud' und Ruhm Dir jederzeit bewährt; Höre meine jetz'ge, meine letzte Bitte, Daß Du kehrest sicher in der Deutschen Mitte, Daß Dein kostbar' Leben bleibe unversehrt: — „Tausch mit mir heut' Deines Lagers falsche Stätte! Traue nicht des Wirthes heuchlerischer Glätte! Denn mein Schutzgeist zeigt mir großes Unglück an!" Nicht mehr hört er auf zu bitten und zu flehen, Bis der Kaiser lächelnd ließ den Tausch geschehen, Bis des Ritters dringend Wünschen er gethan. In geborgter, kaiserlicher, prächt'ger Hülle Betet er mit eines Christen Herzensfülle, Daß der Ewige ihm wolle gnädig seyn; Daß das Opser, welches nun mit seinem Leben Für des Vaterlandes Haupt er wolle geben, Rettend sey; — und ruhig schlummerte er ein. In der Mitternacht, als kaum der Mond verblichen, Kamen spähend still Banditen hergeschlichcn, Dringen in des Kaisers prunkend Schlafgemach. Lautlos bohren sie des Eisens scharfe Spitze Mit erboster, teuflisch schadenfroher Hitze In des Ritters Brust, dem schnell das Auge brach. „Zieh nun heim, Du deutscher Cäsar, zu den Deinen, Die vergeblich nach Dir ringen, nach Dir weinen! Mit Dir sinket Deutschlands Macht und Stütze hin!" 272 Eilig flohen fie mit blutbefleckten Dolchen In den Aufenthalt der Mörder und der Strolchen, An den treuen Knappen dachte nicht ihr Sinn, Mit dem Morgen kommen deutsche Reiterschaaren, Die des Kaisers Spuren nachgeritten waren, Sprengen rasch des Schlosses Band und Riegel auf. Stürmend dringen fie in den verlaß'nen Räumen, Angstvoll suchend, rufend vor nun ohne Säumen; — Plötzlich hemmet grauser Schrecken ihren Lauf: Denn in seid'nen, blut'gen Pfühlen seh'n sie liegen Einen Deutschen, starr, mit bleichen TodeSzügen, Wähnend, ach, daß es ihr Herr und Kaiser sey. Thränen rannen über ihre ernsten Wangen; Aus beklemmter Brust, der lciderfüllten, bangen, Windet sich der bittern Klagen SchmerzenSschrei, D'rob erwacht der Kaiser, lässet schnell sich sehen, Und erkennt mit Schaudern gleich, was hier geschehen; Froh begrüßt ihn seine tapfre Kriegerschaar, Dankend nun der Kaiser auf zum Himmel blicket, Weinend er zum todten, lieben Freund sich bücket, Betet traurig vor der Treue Hochaltar. Mit dem Ritter, dem entflohen hier die Seele, Ziehen fort sie aus der wilden Mörderhöhle; Geben dann das Schloß zur Straf den Flammen Preis. Kommen bald zum Heere, das mit Hurrahrufen Sie empfanget, ^und auf schwarzumflorten Stufen Kränzten sie den Edlen reich mit Lorbeerreis. Ringsum ging des Ritters That von Mund zu Munde, In das deutsche Vaterland drang auch die Kunde; Jeder pries den deutschen Helden nah und sern. Seinen Nam' wird nie Vergessenheit erreichen, Wisset: Ritter Hartmann war'S von Sibenaichen! Und er bleibet stets der deutschen Treue Stern. Möchte doch in unsern glaubenslosen Zeiten Solche Tugendfülle wieder sich verbreiten, Welche Selbstsucht leider immer mehr erschlafft! Würde deutsche Treue wieder so erblühen, Müßte jeder Feind mit Schmach von dcinnen ziehen; — Deutschland stünde bald in seiner alten Kraft! Spiegle dich an solchem Beispiel, deutsche Jugend! Lasse Glaube, Treue, Liebe, deutsche Tugend In dem Herzen kräftig wurzeln fort und fort! Brauchst dann nicht in's ferne, fremde Land zu ziehen, Und dich dort um irdische Güter abzumühen; — Find'st dein Glück am besten in der Heimat Ort! I. N. Verantwortlicher Redacteur: L, Schönchen, Verlags-Inhaber: F. E. Kremer. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsdurgcr PostMtung. - 27. August M- HA. 1854. » . .. , KZK. m.-i'n« »z ü- i,,tt!,!i> Diese» Blatt erscheint regelmäßig alle Souutage. Der halbjährige Abonucme»i,pret, Ttt kr., wofür e« durch alle köuigl. bayer. Postämter und alle Buchh-mdluvge» bezogen werde» kann. ,sjN»??I>llZ üü!G rinn l'.zA »it^is u:/sun<'. m'liitT . Habsburg - Wlttelsbach. Aus des deutschen Kaiserreiches Blumgefilde Kani einflmal ein fürstlich hohes Gattcnpaar Nach Altötting zu Mariens Gnadenbilde, Vor des goitgeweihten Tempels Hochaltar. .IghiK? .-z Mi?/^!^.»Mc>^!.'7!ji)N ü'.^: '-M'öll 7,q»i7>-L MI « grause Chaos trüber Weltenwirren Bringt er Ordnungsruhe, die schon längst verbannt; Läßt von Lüge und von List sich nicht beirren; Sein Erscheinen sagt: Er ist von Gott gesandt! Diese Sonn' hat jene Blume angezogen, Die als Krone sich um seine Stirne zieht, Heller strahlet noch sein Feuerbogen, Kraft und Segen seinem Wirken dauernd blüht. Deutsches Vaterland! laß dir nun nicht mehr bangen, Dieß Gestirn führt sicher dich zu deinem Ziel, Deiner alten Ehre Glanz wirst du erlangen, Wirst nicht mehr des stolzen Fremden Spott und Spiel. Wie in deinen alten, kräftigen Blüthenzeiten Diesen Häusern stets dein Heil und Glück entsprang, Werden neue Lebenskrast sie dir bereiten, Daß du wieder glücklich werdest dauernd lang. Mögen dich auch Feindesschaaren eng umketten, Mögen sie dir furchtbar dräuen fort und fort; . Hoffe! — HabSburg-Wittelsbach wird Deutschland retten, Habsburg-WittelSbach bleibt stets der Deutschen H»rt. D. Riggl. , Franz Xaver Luschin, Fürsterzbischof von Gvrz. (Schluß.) Die Veranlassung, Luschin aus dem Kreise seiner Heerde, mit der so heilige, man kann sagen so unauflösliche Bande ihn vereinigt halten, abzurufen, war die eingetretene Nothwendigkeit, für den leer gewordenen Sitz des PrimaS ron Galizicn und Lodomenen, sür den Metropvlitanstuhl zu Lemberg ein geeignetes Individuum zu finden. Fürsterzbischof Andreas AloiS Gras von Ankwicz halte seinen bisherigen Bischofssitz mit dem gleichbedeutenden eines FürfterzbischosS von Prag verlauscht; die Erschütterungen der Revolution in dem nachbarlichen Königreich Polen halten sich dem stamm- und sprachverwandten Lande vielfach mitgetheilt und das Seyn allvort war dem Gliede einer dem Habsburgischen Regenten treuest ergebenen, altadeligen, cinge- bornen Familie unvereinbar mit der Stellung als Oberhirt geworden; doch waS dem Vorgänger schwer fiel, sollte auch den Nachfolger aus manchen Gründen noch empfindlicher berühren. Als daher Franz Xaver nach dem Wunsche und durch Ernennung seines ihm so gnädigen und ganz von seinem Werthe durchdrungenen Monarchen, Kaiser Franz I., gegeben unterm 10. Februar 1834, am 23. August g. I. Trient verließ, und nach dem nöthigen Aufenthalte in Wien den 6. November daraus in Lemberg eintraf, stellte auS Allem, waö er bereits bei seiner damaligen Jnthronijation und im Verlaufe der nächsten Zeit wahrnahm, sich dem so treuherzigen, wohlwollenden und durch die bisherige Amtirung zu den Gemüthern seiner Diöcesanen zur vollen Hingebung gezogenen Oberhirten die traurige Ueberzeugung zur vollen Gewißheit dar, daß hier der Ort seines Wirkens und BletbenS nicht sey. Er bat daher Se. Majestät um eine anderweitige, wenn auch noch so untergeordnete Verwendung, die ihm jedoch, nach der Fügung der weisesten Vorsehung, der Kaiser in seinem unveränderten Wohlwollen mit «. h. eigener Einsicht willfährig in dem damals gerade erledigten Sitze eines FürfterzbischosS von Görz und Metropoliten von Jllyrien gewährte. Der am 9. Jänner 1835 ausgefertigten Ernennung folgte am 9. April g. I, die Bestätigung ^z!«>»i»mia«lliSK Zf-ii^ .»qo? u^ajiÄ n 275 des heiligen apostolischen Stuhles, und am 23. August 1835 feierte Gorz die Ankunft seines neuen Kirchenfürsten. Wahrlich, nicht leicht konnte eine Wahl glücklicher getroffen seyn: denn Erzbischof Franz Zaver brachte außer seinen erprobten Hirten- Eigenschaften die volle Kenntniß der dort sich als an Deutschlands Endpuncte vereinigenden drei Nationalisten: der deutschen, slovenischen und italienischen mit, er konnte ihnen Alles in Allem werden. Soll-en wir LuschinS neunzehnjähriges Wirken an seinem neuen, nun auch letzten Posten in seinem ganzen Umfange schildern, wir müßten nicht nur daS bei Trient Gesagte wiederholen, sondern auch mit neuen Zugaben, wenn auch bis zur Weitläufigkeit, doch immer weit hinter dem verdienten Maaße erweitern. Wir wollen uns daher vorzüglich nur an jenes halten, waS seine jüngste Stellung SonverheitlichcS und Ausfallendes bot. Hatte die Revolution der JuliuStage Frankreichs herrschende Dynastie gestürzt und Europas Ruhe bedroht, so sollte dieselbe in Görz, in diesem schön gelegenen ruhigen, aber diplomatisch nie merkwürdigen Orte eine Zufluchtsstätte finden. König Carl X., sein Sohn der Herzog von Angouleme, und seine Gemahlin Maria Theresia, die unglückliche Tochter der noch unglücklicheren Königin Antoinette, die Enkelin der unvergeßlichen Kaiserin Maria Theresia, der Prätendent von Frankreich, der Graf von Chambord, waren mit einem Häuflein Getreuer zuerst nach Holyrood-Castle in Edinburg, dann nach Prag übersiedelt. DaS Unglück der königlichen Familie, ihre strenge Religiosität, ihre Wohlthätigkeit, HerzenSgüte und ihr einfaches Wesen hatten die durch die französischen und englischen radikalen Blätter irre geführte öffentliche Meinung versöhnt und berichtigt, und überall begegnete ihr Hochachtung und Theilnahme. Sie war im gleisen Jahre mit Fnrfterzbischof Luschin in Görz angekommen und dieses Zusammentreffen ward als ein günstiges Zeichen dcS Himmels angenommen; denn gleich beim ersten Sehen und dem baldigen Erkennen mußten gleiche Seelen sich aus daS engste verbinden. Luschin war nun der königlichen F.nnilie Tröster und Gesellschasler, letzteres freilich einzig in dem Maaße seiner freien Zeit. Nur ein Jahr sollte der bereits hochbetagte, vielgeprüfte König Carl Xlj in Görz noch zubringen; cS traf ihn daS gemeinschaftliche LooS aller Sterblichen, welches Glückliche und Unglückliche von hinnen führt, Kronen und Scepter zerbricht. In diesen schweren Tagen erprobte es sich, wie theuer und werth der treue Hirt der Seelen der königlichen Familie war, der er auch von nun an bis zu ihrem Scheiden von der Ruhestätte ihres Oberhauptes nahe blieb. Noch werden sich in dem kleinen, von seiner Wohlthätigkeit nicht verwendbaren Verlasse mehrerer jener werthvollen und sinnigen Änvenken finden, womit die königliche Familie ihren geistlichen Freund und Tröster ehrte. Dieses Ereigniß bildete einen der Hauptabschnitte in LuschinS sonst zurückgezogenem, aber thaienvollem Leben, welches er einzig seiner Hirtenpflicht weihte. Eine seiner vorzüglichsten Bemühungen war die Gründung und Erhallung wohlthätiger Jnstiiute. AIS solche nennen wir die Taubstummen-Anstalt, daS Krankenhaus für daS weibliche Geschlecht und alle Arme, da Gorz in dem Spitale der Barmherzigen ohnehin eine Krankenanstalt für daS männliche Geschlecht besitzt; ferner ein Institut für arme verlassene Kinder. Außer, daß er diese, so wie er ihr Gründer war, mit reichen Almosen unterstützte, übte er an allen andern bestehenden Anstalten dieser Art an den dort zahlreichen Schaaren der Armen jeder Gattung die Tugend der Wohlthätigkeit gani, nach dem Beispiele eines Vincenz de Paula. ES wäre zu weitläufig und eine fortwährende Wiederholung, wenn nicht der Thatsachen, doch der Worte, ihn von dieser Seite noch ein WenereS zu schildern; genug, daß man nach seinem Tode nicht einmal so viel an Baarschafr fand, die nothwendigen Begräbnißkosten anS derselben bestreiken zu können, daß er, um bei dem zunehmenden Mangel, und dieser hatte im Mißjahre 1853, wo die Traudenkrankhcit die letzte Hoffnung deS LandmanneS vernichtete, den höchsten Grad erreicht — in seinen alten Tagen selbst seine Pferde veräußerte, und sonach, wenn eS daS Kirchenfest oder sonst der Anstand forderte, sich der Poftgelegenheit bedienen mußte. 276 DaS Jahr 1848, wo er, der Mann deS Friedens, der Gesetzlichkeit und lrene- sten Anhänglichkeit an Fürsten und Vaterland, alle die Wirren der Revolution in der Nähe und Ferne sehen und erfahren mußte, hatte sein zartfühlendes Gemüth um so mehr verletzt, als die Empörung im Venetianischen sich unmittelbar bis an seine Re, sidenz ausdehnte, und gerade in deren Nähe im April der blutige Zusammenstoß mit den Aufrührern sich ergab. Auch hier zeigte sich sein edleS Gemüth im schönsten Lichte, besonders als eine Schaar Wittwen und Waisen aus den zerstörten Dörfern nach Görz strömten und sich die Spitäler mit Kranken und Blessirten füllten. Es war für ihn eine sichtliche Erquickung nach diesen schmerzlichen Aufiritten, im Jahre 18-49 zur Versammlung der österreichischen Bischöfe nach Wien berufen, sich an dem großen Werke der kirchlichen Restauration betheiligen zu können. Seine Mäßigung, seine Bescheidenheit und sein richtiger Tact erwarben ihm die allgemeine Hochachtung und Liebe jener seiner oberhirtlichen AmlSgenossen, die ihn bisher noch nicht gekannt hatten. Diese Veranlassung zur Kundgebung so seltener Eigenschaften war auch die Gelegenheit, wo Se. k. k. apostolische Majestät das Verdienst mit der Ernennung Fürstbischofs Luschin zu a. h, Ihrem geheimen Rathe auszeichneten, und im Jahre 1852 durch Verleihung des GroßkreuzeS des LeopoidordeuS den unwandelbar treu ergebenen Prälaten, welcher durch Wort und Beispiel im Jahre 1843 so viel zur Pacificntion und guten Haltung der ihm so sehr ergebenen Provinz beigetragen, der Allerhöchsten Gnade versicherten. Im Jahre 1851 beging L usch in die Säcularfeier der Errichtung ?eS Görzer Erzbisthums und widmete ihr ein eigenes, die betreffenden historischen Notizen enthaltendes, gleichzeitig in Görz erschienenes, typographisch würdig ausgestattetes Heft. Da daS Lebensende des Menschen der Probierstein seines innern GehalteS ist, da in dieser Periode wir alle uns gleichen und daher daS Beispiel auch deS noch so hoch Gestellten für jeden auS unS den Spiegel zur Nachahmung gibt, sey eS gestattet, bei jener Schilderung noch etwas länger zu verweilen, welche ein Augenzeuge in der „Danica" ihren Lesern und damit dem slovcnischen Theile der Heerde deS Verewigten von seinen letzten Augenblicken macht. Die ursprüngliche Krankheit, die den hochwürdigsten Erzbischof, der nun in sein drei> ndsiebzigstcs AlterSjahr getreten war, schon in der Miitfaste 1854 ergriff, war ein Husten, welcher in der Eharwoche so weit zunahm, daß er genöthigt war, die Weihe der heiligen Oele in einer HauScapelle vorzunehmen. Bereits am Mittwoch nach Ostern verschlimmerte sich sein Zustand so sehr, daß er Nachmittags sich legen mußte. Bei all seiner Schwäche stand er noch am Donnerstag auf und hielt Bera- lhung; doch den Kvpf konnte er nicht mehr ausrecht halten und athmete schwer. In der Nacht darauf fühlte er sich so übel, daß er sich am Freitag Nachmittags um vier Uhr von der Domkirche auS feierlich versehen ließ. DaS Schwankende seines Krank- heilSzustandei ließ sich am 38. April wieder so gut an, daß selbst die Aerzte wieder Hoffnung hegten; doch nun trat daS Slergste ein. Der hochwürdigste Oberhirt, der Pater so vieler der Seinen, wurde von einer Blasenbildung in seinem Munde und Halse diS in die Speiseröhre befallen, so daß er nicht schlucken, kaum etwas sprechen konnte. Von da an bis zu seinem am 2. Mai erfolgten Hinscheiden konnte er nichts mehr zu sich nehmen und mußte im eigentlichen Sinne verschmachten; sein Geist nur blieb stark und seine Geduld ungebrochen, keine Klage entging seinen Lippen. Bei dem Antrage, ihn auf ein anderes Bett zu überlegen, sprach er: „auch der Heiland häugt immer am nämlichen Kreuze." Als man ibm zu trinken reichte, da sein Mund ganz vertrocknet war, verneinte er eS mit den Worten: „Auch der Herr litt Durst." Bei vollem Bewußtseyn fortwährend auf daS Crucifix blickend, welches er in seinen Hänven hielt, waren seine letzten vernehmbaren Worte, die er deutsch sprach: „O Herr, o Herr, o mein Herr!" Kurz vor seinem Hinscheiden am 1. Mai Mittags trat der eben von der Reise nach Wien zurückgekehrte hochwürdige Herr Dvmprobst Baron Codelli vor sein Sterbelager, ES war ein tief erschütternder Augenblick, als der Fürsterzblschof seine Hand 277 ergriff und an die Brust zog, unvermögend, von seinem Freunde sonst Abschied zn nehmen. LautloS war der Schmerz, den nur beiderseinge Thränen verkündeten. Von 10 Uhr Abends des 1. Mai bis halb 3 Uhr Morgens des 2. rührte sich der hohe Patient auf seinem Lager nicht; ohne sichtbaren Kampf endete sein Athem, und sein Beichtvater, der sich seit vierzig Stunden nicht entfernt hatte, drückte ihm die Augen zu. Den herben Schmerz, die allgemeine tiefe Trauer zu schildern, als das Geläute den Tod des geliebten Oberhirtcn verkündete, wäre vergeblich. Er drückte sich am sichersten dadurch aus, daß wie sein Vorzimmer während seiner Krankheit von Fragenden immer voll war, und die Stadtbehörve die Straßen neben der crzbischöflichen Residenz zur Verhü-ung deS Gerassels sperren ließ, die Besuchenden an der Todten- Bahre sich fast erdrückten, und alle Kaufläden schwarz behängt und abgeschlagen waren. Bei dem Leichenbegängniß fanden sich über fünfhundert Bürger mit Wachssackeln ein und von allen Gegenden kamen Leute herbei, um sich dem Zuge anzuschließen, den der hochwürdigste Bischof von Trieft, BarlholomäuS Legat führte. Die sterblichen Ueberreste deS Theuren wurden in der Gruft der in der Mitte deS FriedhofeS stehenden Eapelle, welche sein Vorfahre, Erzbischof Walland, für sich und seine Nachfolger bauen ließ, eingesenkt, und nach dem Weihwasser und den Segnungen der Kirche werden fortan lange noch die Thränen und die Danksagungen der Armen seinen Lei- chenstein bedecken DaS Testament des Hochseligen bestimmte, daß sein ohnehin fast nur aus Parainenten und Einrichtungsstücken bestehendes Vermögen in drei Theile getheilt werden solle. Eine» davon erhielten die Görzer barmherzigen Schwestern, den zweiten die Sradtarmen daselbst und den dritten sein HauScaplan und Secrctär, die Dieuftleute und die Klagmfurter Elisabelhinen ebenfalls zu gleichen Theilen. In seiner äußern Erscheinung vereinte ter hohe Kirchenfürst imponireude Würde und klare Besonnenheit mit Milde und herzgewinnender Freundlichkeit gegen Jedermann in so hohem Grade, daß man sich unwillkürlich von ihm angezogen uud erbaut fühlen mußte. Tiefe Andacht und heiliger Ernst drückte sich in seinen Mienen und Gebcrdcn aus, wenn er heilige Handlungen verrichtete; seine Worte sprach er langsam und gewichtig, und sie drangen in das Herz. Wie groß seine Sanftmuth war, kö-ineu die am besten bezeugen, welche ihn umgaben, und in den verschiedensten Lagen des Lebens beobachten konnten. Er hörte ruhig jede Klage, jede Se!bstver!hcidignn,,, jede fremde Meinung an, goß Oel der Tröstung in jedes wunde Herz. Ohne guten Rath, ohne weise Belehrung, mit aller Demuth ertheilt, entließ er keinen von sich. Jemand andern zu strafen war ihm schwerer, als sich selbst; er schien mehr ein Bittender als Gebietender, Man wollte in ihm den heiligen Franz von SalcS abgebildet gesehen haben; daß er eS dem Geiste nach war, beweisen seine hinterlassenen Papiere, unter denen sich ein Manuscript deS heil. Franz von SaleS und zwei deS heil. A>p''onsuS von Liguori fanden. Luschins Biograph in der Wiener Zeitung konnte gegenüber ihren Lesern in den weiten Kreisen der Monarchie sagen: „Ein mit so hohen Tugenden reichlichst ausgestatteter ch.ttenvoller Lebenswandel wendete ihm eine so iuuige allgemeine Verehrung ^u, wie sie kaum irgend Jemand zuvor in Görz geuossen," ES sey uns erlaubt, am Schlüsse dieser zwar längcrn, aber im Gegenhalle eines solchen LedenS doch nur sehr kurzen Biographie noch einmal zu dem Eingange dcrsUben zurückzukehren ES belriffr dieses Scheidewort sein Vaterland, seine Heimat. Wenn eS schon an sich ein Haup'zug eines edlen Herzens ist, seines Vaterlandes nicht zu vergessen, seiuer Heimat, seiner armen niedern Herknnft sich nicht zu schämen, so war diese Eigenschaft bei Fürsterzbischof Luschin um desto hervorragender, als ihn, der bereits beim Eintritts in den Priesterstand alle seine Theuren verloren hatte, kein Band der Pflicht an seine Geburtsstätte fesselte. Indessen, so widrige Erfahrungen er, wie Eingangs geschildert, in seiner Heimat mach-e, fuhr er deunoch fort, für Alles, was dorr noch von seiner Jugend her bestand und lebte, für Kirche, Gemeinde, für dag religiöse sittliche Seyn derselben die innigste Theilnahme zu fühlen. Die zahlreichen Briefe, die er dießfalls an den dom'gen hochwürdigen Probstvsarrer nnd Dechant 278 Dr. Welwich schrieb, geben davon das schönste Zeugniß, sie bezeichnen seine Mild«, seine Demnth, Theilnahme, überhaupt seinen ganzen edlen christlichen Charakter; er war, ruft dieser bei Mittheilung derselben und der hier eingewebten biographischen Daten aus, bis in sein 73steS Jahr eiu Mann an Geist und Kraft, ein Kinv an Herz und Gemüth, ein Vater der Seinigen, ein Freund aller Menschen. Oft, und Gott allein weiß eS, wie oft betrogen, belogen, hiutergangen und getäuscht, hat sein Herz sich nicht zurückgezogen: „Der Wässer viele vermochten die Liebe nicht auszulöschen und die Ströme rissen sie nicht weg " (Hohelied 8, 7.) Eben so treu und redlich meinte er eS mit seiner Heimat im weitern Sinne, dem Vaterlande, obgleich er ihm so viele Jahre entfremdet war. Wie er als Professor gewöhnlich in jeder Vac^nz- zeit, von Gratz ouö, Kärnthen und Teinach besuchte, that er eS auch spärer noch, so auf seiner Reise nach Görz als ernannter Erzbijchof, wo er Teinach und Klazen- fnrt besuchte, alle seine alten Bekannten aufsuchte und herzlich willkommen hieß; so zum letzten Mal auf seiner Rückreise von der bischöflichen Versammlung im Jabre 1849, wo er jedoch nicht mehr über Teinach gehen konnte. Als die dortige Kirche kurz vor seinem Lebensende abbrannte, nahm er an diesem Ereignisse den lebhaftesten Anlheil und da man seine Geldhitfe nicht beanspruchte, ja sich der angebotenen entschlug, wandte er sich, um doch einen Wunsch gewähren zu können, an Se. k. k. Majestät, den Kirchen'vrständen die Erlaubniß zu erwirken, den Bau selbst führen zu dürfen. Auch jede gute Anstalt, besonders literarische und artistische Unternehmungen im Vaterlande, aufkeimende Talente unterstützte er nach Kräften; spendete an jedes, ihn in Görz um Hilfe ansprechende LandeSkind reichliche Geschenke und sonstige Unterstützung, war und blieb die Zierde und Ehre KärnthenS, der letzte, den in einer Reihe verdienter Kirchensürsten, die demselben entspressen, die bischöfliche Mitra zierte. St. Andrä in Kärnthen den 17. Juni 1854. _ Zur Geschichte der Benedictiner-Abtei Metten in Rieberbayern. III. Nachdem wir in zwei vorhergehenden Artikeln den Ursprung dcö Klosters Metten und die Zeit seiner Gründung untersucht und dabei gesehen haben, daß eS sich bereits eines mehr denn tausendjährigen Bestandes erfreue und in vierzig Jahren sein eilfhun- dertjährigcS Jubiläen feiern könne, müssen wir heute zur Erzählung der mannigfaltigen Schicksale und Verdienste Mettens während der Zeit seines B, standeS übersehen. Wenn diese Erzählung Manchem zu kurz, zu vmf/ig und zn wenig detaillirt erscheint, so bitte ich ihn, die Mangelhasligleit der gedruckten Nachrichten, die Lückenhaftigkeit der Monasterivlogien und das unerquickliche Einerlei der in den Älonumsnti8 Koicis enthaltenen SchenlungS- und Befreiungsurkunde» ein wenig in Betracht zn ziehen, — dann l>ffe ich leicht seine Vergebung zu erhalten. Zudem liegt eine ausführliche, eigentliche Geschichte des Klosters weder in meinem Zwecke, noch könn>e sie der Bestimmung dieser Btätter entsprechen; wer eine solche erwartet, den muß ich auf die demnächst im Druck erscheinende „Geschichte des Klosters Metten" von Pater Rupert Mittennüller, Professor der Geschichte am dortigen Gymnasium, verweisen, ein Werk, welches nicht nur jedem Freunde des Klosters Metten sehr angenehm seyn muß, sondern welches auch jedem Freunde vaterländischer Geschichtsforschung überhaupt die erwünschteste, reichste Ausbeute gewähren und über viele Puucie und Verhältnisse unserer frühern Geschichte ein neues, Helles Licht verbreiten wird, da der gelehrte Verfasser nicht nur alle gedruckten Quellen im weuesten Umfange bcnützt und die im Kloster verwahrten handschriftlichen Urkunden beigezogen, sondern zu diesem Zwecke auch das Staatsarchiv in München und die bischöfliche Registratur in NegenSburg") durch- Ich kann nicht umhin, hier folgendes Factum zu erwähnen. Bei der Säkularisation des Regensburger Hochstifts brachte die Regierung auch das ganze Archiv desselben, alle Urkunden, Per- 279 forscht und so auS gedruckten und ungedruckten Quellen, mit einem ungemeinen Aufwand- historisch-kritisch-diplomatischer Gelehrsamkeit ein Werk geschaffen hat, welches jeder Geschichtsfreund mit Freude begrüßen wird. Auf dieses Werk verweise ich jeden, der vielleicht auS meiner dürftigen Skizze ersieht, wie viel des Anziehenden, Interessanten, Merkwürdigen die Geschichte MettenS, wenn gründlich erforscht und in aller Ausführlichkeit dargestellt, dem Freunde einer gründlichen Kunde der Vorzeit bieten könne. Ehe ich vorgehe, muß ich noch einem Irrthume begegnen, den ein geachteter Forscher auS Unkunde oder Unachtsamkeit oder auS beiden Gründen zugleich aus'S Tapet gebracht hat. Alle Geschichtschreiber, welche über Metten Handelren, Aventin, Adlzrn'ter, Hund, Brusch, Brunner und wie sie alle heißen mögen, haben berichtet, daß Carl das Kloster Mönchen aus dem Orden des heiligen Benedict als ersten Bewohnern übergeben habe; dieß wurde zu allen Zeiten für eine richtige, unzweifelhafte Thalsache gehalten und eS kam Niemand auf den Gedanken, sie zu bestreiten, bis eS im Jahre 1729 dem Professor I. Christoph Jselin zu Basel einfiel, in seinem in jenem Jahre ebendaselbst erscheinenden, sechs ungeheure Foliobände starken „Historisch geographischen Leriko»" die Behauptung aufzustellen: „Methen wurde von Carl dem Großen für die regulirten Chorherren 8oti. ^uAustini gestiftet, allein nach Versetzung dieser in daS LolleAist-Slist Pfaffenmünster von Henrico Hertzogen in Bayern sn. 1156 den Benediktinern eingeräumet." (Ivm, S. 489) Daß dies ein kapitaler Irrthum sey, leuchtet dem Leser aus dem bereits angemerkten von selbst ein: denn wie könnte man vernünftiger Weise e!ne allen Nachrichten der älteren Geschichtschreiber zuwider ganz isolirt hingestellte Behauptung für richtig halten? Ich will jedoch zum Ueberflusse noch andere Gründe gegen Jselin anführen, welche die ursprüngliche Einsetzung der Benedictiuer über allen und jeden Einwurf erheben werden. Für'S Erste nämlich war zur Zeit Carls deS Großen daS fälschlich dem heiligen Augustin zugeschriebene Institut der regulirten Chorherren noch gar nicht eingeführt, konnte also noch kein Kloster haben. Diese Regel ist vielmehr erst im Jahre 1110, also mehr denn dreihundert Jahre nach der Gründung deS Klosters Metten, aufgekommen und erst von Papst Jnnocenz II. im Jahre 1139 den regulirten Chorherren des heiligen Bischofes Peler Damiani von Ostia vorgeschrieben worden (Hclyot, Geschichte aller Kloster- und Ritterorden. Bd. II. S. 21. Hurter, P Jnnocenz III, B. IV, S. 237); Peter Damiani selbst aber stiftete den Orden der regulirten Chorherren um das Jahr 1160, also beinahe 300 Jahre »ach MettenS Erbauung, Für'S Zweite hießen die Klöster der regulirten Chvrherren nicht Abteien, sondern Propsteien, und ihre Oberen hießen nicht Acb-e Obliates), sondern Pröpste (?rsepo5iti): nun aber ist von dem Kloster Metten eine Urkunde ans dem Jahre 837, aus der Zeit deS fünften Abtes, NitharduS, übrig (sie ist abgedruckt in Uunö. Nelr. Sslislz. I. II. p. 501 und in den Uonum. Koio, IV XI, p. 420), in welcher derselbe „der ehrwürdige A b t Nühardus" (vir venerabilis Xitt>grelu5 /Vtiizgs) genannt wird: also kann das Kloster Metren nicht zuerst den rec>nlirlcn Chorherren, sondern eS muß ursprünglich den Benediclinern eingeräumt worden seyn. Jselin hol hier eine wahrhaft grasse Unwissenheir geoffenbart und er offenbart sie an vielen anderen Stellen; dennoch gilt er noch heute einer ganzen Horde von Schn'f-stellern alö infallible Autorität, dem sie in Allem nachschreiben und so eine ganze Tradition der gröbsten Jrnhüimr bilden! Der protestantische Missionär. Zur Bezeichnung des UnicrschiedcS zwischen einem kalhvlischen und protestantischen gamcnte, Saalbücher, BermögenStitcl ie. an sich. Alle diese Documcnte lagen aufgehäuft bis zum Sommer l35l im tönigl, NegierungSgebäudc, als in diesem Jahre dieselben lciver zrnincrwcise, ohne Ausmusterung, als Maculatur verkauft wurden, darunter auch die Dombauaclcn, alte Urkunden und StiftmigSbricfe der Domcapitel'schm Patronats-Psarreien, eine Menge interessanter Autograph» von Kaisern und Königen, die Documente über das einstmalige Vermögen der dortigen Kirchen und Hospitäler u. s. w. (ek. DaS Recht der Kirche und die Staatsgewalt in Bayern. sS> t7S.j) 280 Missionar, GlaubenSfreudigkeit und guten Willen bei jedem vorausgesetzt, wird der nachstehende Brief eines deutschen protestantischen Missionärs in Missouri vom Febr. l, I., in der „Neuen reformirien Kirchenzeituug" veröffentlicht, einigermaaßen dienen können. — „Müßteich," so schreibt der prolestanlische Missionär, „müßte ich das bisherige Leben in der bisherigen Form noch lauge fortsetzen, so würde ich ein immer schlechterer Theolog, und doch auch kein rechter Stollknecht werden, — zwei Ertreme, zwischen denen ich immer in erbärmlicher Mitte hängen bleibe. Denke Dir nur so einen Samstag und Sonntag, wie ich sie habe, und vergleiche sie mir dun Sonntag und Sonnabend eines Landpredigers! Sonnabend beginne ich vor dem Frühstück meine Arbeit mit dem Füttern und Melken unserer beiden Kühe; mein Pferd habe ich seit vorigem Sommer der Mühe wegen abgeschafft. Nach dem Frühstück muß ich unser Kind warten, während meine Frau ihren Arbeiten nachgehen muß und auswaschen, rein machen und Essen richten. Vielleicht kann ich daneben meine kleine Sludirslube säubern — oft die einzige Gelegenheit mehrere Tage hindurch, bei welcher ich mich längere Zeit darin beschäftige. Nach dem Mittagessen wird Holz gc-ragen. der Hof und Stall sauber gemacht, die Kirche meist gekehrt, Stiefel geputzt zc. Jetzt vielleicht kommt vor Sonnenuntergang noch ein ruhiges Haibstündchen. Beginnt es zu dunkeln, so müssen wieder die Kühe gemolken und gefüttert werden. Es wird meist 7 Uhr, ehe alles in Ordnung ist. Was nach einem solchen Tage noch studirt wird, merkst Du wohl ohne weitere Schilderung. Der Sonntag beginnt wie der Sonnabend, mit Melken und Füttern; dann Frühstück. Ist eS kalt, so mache ich Feuer im Kirchenofen an, und hüte dann mein Kind, bis die Mutter für die Kirche fertig ist. Dazwischen muß ich noch zum ersten Male läuten. Oft bleibt mir nur ein Viertelstündchen ungestört vor dem Gottesdienst, dann wird am Nachmittag noch Kinderlehre gehalten, dann kann ich den übrigen Tag bei den Meiui- gen sitzen, die Zeit des AbcndfüttcrnS uud Melkens abgerechnet. Könnten wir freilich eine tüchtige Magd halten, so wäre Manches anders; daS ist aber nicht ihuulich, weil man außer vielem Aerger, den die Dienstboten in den hiesigen Verhältnissen immer f.ist ohne Ausnahme verursachen, die Sache zu theuer bezahlen muß. Auch olwe Dienstboten kostete unser Haushalt im Jahre 1853 über 1500 fl., und doch leben wir so einfach, wie nur möglich. Seit drei Monaten z. B. essen wir tagtäglich gesalzenes Schweinefleisch, das wir selbst eingeschlachtet haben, und ersparen durch unsere kleine Hühnerzucht und Viehzucht nicht wenig. Bier ist seit zwei Jahren nicht in mein Haus gekommen, und ein paar Flaschen Wein, mit denen mich meine Schwiegermutter beschenkte, werden für Beiuche uud Krankheitsfälle gespart. Meine Einnahme betrug dagegen vom September l852 bis September 1853 kaum 100 Dollars (250 fl ). Ich würde übrigens mit dem einfachsten Leben zufrieden seyn, und hätte, so lange meine Schwiegermutter offene Kasse hält, auch nichts dagegen, wenn ich daS einfache Leben theuer bezahlen muß (es ist übrigens im Verhältniß zum Arbeitslohn nicht theuer, denn ein Holzhacker verdient per Tag wenigstens 2fl. 40 lr., ein Eiscnarbeiier 3 fl. 7—40 kr., ein Zimmermann 3 fl. 15 lr. u. s w., ein Ack^rtnecht erhält außer Kost und Wohnung monatlich 20—30 fl. — aber der Pfarrer kann ja von der Lust leben!!) — wenn ich auch diese und jene Arbeit im Stall und sonst thun müßte, ließe ich mir's gefallen — aber Zeit — mehr Zeit und Ruhe zum Arbeiten und zur Einkehr bei mir selber und in Gottes Wort wünsche ich! Der Einfluß dcS KlimuS, daS im letzten Sommer, von seinen besondern Beschaffenheiten abgesehen, oft eine Hitze von 31 Gr. R. zum Bcsteu gab, und statt kühlender Nächte eine schwüle, dampfende Luft mit 25—28 Gr. brachte, und erst in voriger Woche eine Scale von 40 Gra) durchlief, indem sich nicht nur in Zeit von vier Tagen der Thermometerstand von 28 Gr. R. unter 0 auf 19 Gr. über 0 änderte, sondern vom 28. Jan. Abends bis zum 29. Jan. Morgens in kaum 15 Stunden von 19 Grad Wärme auf 8 Grad Kälte sank! — der Einfluß dieses KlimaS wirkt ohnedies) lähmend genug, so daß Einem hier 6 Stunden oft kaum so viel möglich machen, als zu Hause 3 Stunden." — Wie ganz anders lauten die Briefe ans der katholischen Mission! (Fmnkf. K. Bl.) Ä>m o»?»nktt> »Ud ,a»ttl,us«z««!»2! ->i< «diib NUIIU^ Ii,m.t„» ,Ml.I«il.»>L »ll> ,s,!lili-ii»«i»»tV nv« l,il!7,vilil!'.' i'ilnüN»i'Utt'l A-ii'/itL 'in'n .in'^A.W - dtk>i'-Zi',H i»Kl'tZli^!,zi!i^ T :p',7i'>il,ii»i>i!K -----.-----,—------.--,--------.----- Berantwsrttichcr Redacteur: L, Scheuchen. Verlags-Inhaber: F. E. Krcmer. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Ailgsbmger PostMimg. 3. September . ^ 1854. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle «Sonntage. Der halbjährige Nbonnemenisprei« kr., wofür e« durch alle köuigl. baver. Postämter und alle Buchhandlungen bezog?« werden kann. . Die beiden Schwestern. Es läutet still im Waldes gründ Der Engclsgruß zur Nuhestnnd', Da hört's im Hiittlein, arm und klein, Ein altgebücktes Mütterlein. Und tief im Forste hoch zu Roß Die Fürstin Horts im Jägertroß, Und senkt den Speer und winkt zur Ruh, Und horcht so still dem Läuten zu. Und aus dem Hüttlein wanket bald Das Mütterlein still durch den Wald. So achtzig Jahr', da geht sich's schwer, Und ohn' Gebet ging's nimmermehr. Und hinter ihr in stolzem Haus Zieht schimmernd hehr die Fürstin auf; Ein Page schlank den Zelter lenkt, Sie trägt gar fromm das Haupt gesenkt. Und müde steht am Fclscnhcmg Das Müttcrleiu und athmet lang; Und auf zum Kirchlein lies geneigt Sie wohl die hundert Staffeln steigt. Und wie sie droben wankt durch's Thor, Da reitet hoch die Fürstin vor, Und neigt voll Zucht zum Page» sich, Und wallt hinauf so feierlich. Das Müttcrlein kniet ganz allein Verzückt vor'm MuttcrgottcSschrein; Lallt lächelnd wie ein Kind mit ihr, O lalle nur! sie lauschet dir. Und durch's Portal die Fürstin wallt; Neigt tief die blühende Gestalt Und kniet der Wittwe nah' zur Seit', Und ringsum kniet ihr reich Geleit'. 232 Es betet wohl das Müttcrlein: Ich opf're dir all meine Pein, O hilf mir dulden frcudiglich! Du Schmerzensmutter, bitt' für mich! Die Fürstin fleht: O Königin, All meinen Schimmer, nimm ihn hin! Gib Demuth mir, ich rufe dich! Du Himmelsherrin, bitt' für mich! Und von dem armen Wittwenkleid, Und von der Fürstin Perlgeschmeid' Rinnt eine Thräne still und klar Als gleiche Perle zum Altar. Und leis' die Fürstin sich erhebt — Das Mütterlein, das sieht's und bebt, Und scheu sie von der Herrin rückt, Doch mild sich diese niederbückt. Löst demuthsvoll ihr Perlcnband Und legt es in der Wittwe Hand: Lieb Mütterlein, was zitterst du? Wie käm ein reich'rer Platz mir zu? Ist sie nicht Mutter mir und dir? Als Schwestern knieten wir vor ihr. O wär' wie du ich gnadenreich! Im Haus des Herrn sind Alle gleich. O. v. Redwitz. Der Tod Voltaire s. *) Wenn wir den Schatten dieses ManneS auS seinem beinahe achtzigjährigen Grabesschlummer aus eine' kurze Weile aufrütteln, so geschieht dieß weder auS Haß noch aus Vorliebe für seine Person oder seine vielseitige literarischc Thätigkeit, sonvern um an-ihm, als dem Koryphäen und Orakel aller Schöngeister oder als solche sich Geberdenden deS achtzehnten Jahrhunderts, zu Nutz und Frommen der Mitwelt zu erproben, in wie fern gewisse Lehren, zu deren Apostel er geHorte, und die er durch alle ihm zu Gebot stehenden Mittel, selbst mit Aufopferung seiner eigenen Gemüthsruhe, zu verbreiten bemüht war, auch am Ziel des irdischen Daseyns, an der Gränze einer furchtbaren Ewigkeit noch Stich halten; einer Ewigkeit, die sich nicht verspötteln läßt, und t>ie mit ihrer stummen Beredtsamkeit Furcht unv Schrecken auch dem kühnsten Trotzer in die vermeintlich gestählte Brust zu donnern weiß. Bewähren sich jene Lehren ans diesem Prüfstein ihres Gehalts, so müssen ihre Gegner verstummen; denn ein solcher Sieg ist entscheidend, und läßt die Geschlagenen nie wieder zu Kräften kommen. Bevor wir aber zu der angedeuteten Untersuchung in Bezug auf ven nächsten Gegenstand dieses Aufsatzes schreiten, scheint es uns gerathen, zuerst das Zeitalter zu betrachten, dessen spätere Richtung wohl hauptsächlich mit das Werk unseres Helden war, das aber früher ganz gewiß auch auf ihn eingewirkt und ihn zu dem zweideutigen, mit sich selbst und andern in stetem Zwiespalt lebenden Wesen gemacht hat, als welches wir ihn in seiner häuslichen Lage wie in seiner öffentlichen Wirksamkeit erkennen. Bei dieser Betrachtung, wodurch es unseres Bebünkens erst möglich wird, Ursache, Wirkung und Folgen in ihr gehöriges Licht zu stellen, muß unser Weg begreiflich ziemlich weit jenseits der Wiege Voltaire'S anheben und sich auch noch eine gute ») Volkshalle. 283 Strecke über sein Grab hinaus ausdehnen, damit sich die Billigkeit nicht über die Gerechtigkeit zu beklagen habe, damit eS aber auch jedem unbefangenen Leser rcchl klar werde, daß, wie es keine Frucht ohne Samen gibt, auch die Beschaffenheit der Frucht von jener des Samens abhängt. Ist der Same gut, so wird auch die gute Frucht nicht ausbleiben, woferne nicht uuvorherzuseheude Einflüsse ihr Gedeihe» hindern; ist aber der Same schlecht, so mögen berechnete nnd nicht berechnete Einflüsse noch so günstig seyn, die Frucht verläugnet ihren Ursprung nicht. Zinn und Kupfer werde» im Schmelzofen nie zu edlen Metallen, und diese handgreifliche Wahrheit halte allein genügt, um uns vor der Thorheit der Goldmachern zu bewahre», läge eS nicht in der Art deS Menschen, über das vor seinen Füßen Liegende hinweg, und darum gemeiniglich auch den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen. AIS Voltaire baS Licht der Welt erblickte, hatte Frankreich schon über anderthalb Jahrhunderte in den heftigsten Zuckungen gelegen. Auch die gcsuudeste Natur muß sich nach einer Krankheit schonen, und darf auch sonst nicht auf ihre Gesundheil losstürmen. Frankreich that das Erstere gar nicht, und daS Letztere mit Ucbermaaß; und wenn eS diesem von zwei Seiten her ausreibenden Gebcchren nicht erlag, so hatte es seine Erhallung wohl dem Umstände zu danken, daß seine Rolle im Welldrama höherer Bestimmung gemäß noch nicht ausgespielt, daß es ihm vorbehalten war, zur Zeit als Zuchlrulhe deS Ewigen von Sieg zu Sieg zu fliegen, den leichtsinnigen, genußsüchtige», entnervte», gottvergessenen Geschlechtern die mit Blut und Zerstörung geschriebene Bürgschaft zu bringen, daß der, welcher einst einen Timur-Beck und TschingiSchan, einen Genserich und Attila erweckte und wassnete und stärkte, daß sie Alles vor sich wegfegten, wie der Sturm die Wolken, daß Er noch lebe zum Strafe» wie zum Segnen, und kaum eines Hauches bedürfe, um seine hartnäckigen, aber ohnmächtigen Feinde zu zerstieben: ^ll'Igvit veus, st clissipsti sunt. Dem letzten BaloiS war der erste Bonrbon auf dem Throne gefolgt. EtwaS über zwanzig Jahre hatte Heinrich III. die französische Krone getragen, und eben so lange durch seine Genußsucht Aergerniß verbreitet. Rene und Rückfälle wechselten mit einander und zeigten die Haltlosigkeit deS Charakters, der ihn in den Mitteln fehlgreisen ließ. Dasselbe kann man nicht von jenen ehrgeizigen Großen sagen, welche, die WillenSlosigkeit des schwachen Fürsten mißbranchend, den unseligen Krieg wider den Bearncr anfachten, und, um ihr böses Spiel zu verberge», im Namen ihrer Religion Bürger gegen Bürger anf'S blutige Schlachtfeld trieben, während sie selbst, nur irdische Zwecke verfolgend, die entehrte Krone auf ihr eigenes hochverräterisches Haupt setzen wollten. Jedermann weiß, wie, wo und wann Heinrch III. das Zeitliche verließ nnd wer sein Nachfolger wurde. Die Ligue war verschwunden, und Heinrich IV. herrschte über Frankreich. Große Eigenschaften, die durch menschliche Schwäche verdunkelt, aber uicht zerstört wurde», zeichneten diesen Monarchen auS. - Er hatte ein gutes, für daö Glück seines Volkes warm schlagendes Herz, und wir dürfen uns hierüber auf sein Volk selbst berufen; das Volk ist in diesem Stück Kind und, wie das Kind, ein guter Beobachter: eS weiß bald, wen eS lieb'. Heinrichs Unterthanen sangen, nnd ihre Nachkommen singen noch jetzt: „Vivs Henri Huatr«, vive es roi vaillsrit!" und bei der „poule ->u pot" rollen den, französischen Landmanne noch jetzt Thränen über ihre Wangen. Heinrich hatte mit seinem herrlichen Sully die Finanzen aus ihrer Zerrüttung hervorgezogen, mit Einsicht geordnet, durch rühmliche Sparsamkeit befestigt; Ackerbau, Handel und Gewerbe, kurz Alles, wodurch daS materielle Wohl eines Landes bedingt ist, rafften sich uuter Heinrichs schützender, überall gegenwärtiger Aegide mit verjüugter Kraft aus ihrer Erschlaffung empor, uud gediehen zusehends; Frankreichs Wort, das unter den frühern Regierungen vom Auslande unbeachtet blieb, fing unter dem Bearner wiederholt an, in Europas Wagschaale sein nicht leichtes Gewicht zu legen, und der diesem Monarchen zugeschriebene Plan einer Theilung unseres Welttheils in eine bestimmte Zahl uugefäbr gleich starker Republiken (im alten Sinne von res puKIie-l zu verstehe»), um jeder küufligen Störnng des Gleichgewichts vorzubeugen, beweiset, daß er sich seiner und Frankreichs Macht auch bewußt war; endlich — wir nennen dieß der Steigerung wegen zuletzt, obschon eS 284 chronologisch allen aufgeführten Bestrebungen vorherging — Heinrichs Seele hatte sich der Wahrheit geöffnet; Ludwig der Heilige oder Neunte nimmt ihm, nach Voltaire'S epischer Darstellung, die Binde von den Augen. ,M lui cl^oouvrv un vieu sous u» smin qui »'egt, plus." Der Thron fand also wieder eine kräftige Stütze an der Kirche, und eS schien sich daher AllcS zu vereinigen, um die noch blutenden Wunden einer vrdnungslvsen Zeit allmälig zu Heileu. Und doch heilten sie nicht, trotz den günstigsten Constellationen, trotz der emsigsten, ungebeuchelt teilnehmendsten Pflege! Der gewöhnliche Betrachter historischer Thatsachen steht hier wie eingewurzelt vor Bcftemdnug, und sieht sich vcrgebens nach einem Schlüssel um: denn das ist unbestreitbar: Heinrich und Snlly war eS voller Ernst mit dem VolkSglück; sie scheuten keine Anstrengung, kein Opfei, um dasselbe dauerhaft zu begründen, unv Beide verstanden eS auch, die Sache beim rechten Ende anzugreise». Und dennoch gelang sie nicht? Ja, freilich gelang sie nicht — und konnte nicht gelingen (Fortsetzung folgt.) Spanien. Die traurigen Ereignisse, welche zur Zeit das schöne Spanien an den Rand des AbgrnndcS zu führen drohen, erwecken gewiß in jeder katholischen Brust ein lebhaftes Interesse für dasselbe. Wer möchte auch nicht Th?il nehmen an diesem unglücklichen Lanve, das von der Natur so reich ausgestattet und von einem gesunden, kräftigen VolkSstamme bewohnt ist, das in früherer Zeit eine so glänzende Rolle in der Weltgeschichte gespielt und so viel Herrliches in religiöser und wissenschaftlicher Beziehung, so wie in der Kunst hervorgebracht hat, und daS jetzt in der Weltgeschichte zu einer Unbedeutendheit herabgesnnken ist, die es zum Gegenstande willkürlicher Wühlereien von einzelnen Personen, als auch selbst von Regierungen gemacht, ja sogar zum Gegenstände deS Spottes der sogenannten „Liberalen" herabgewürdigt hat. ES mögen manche ganz irrthümliche Ansichten über die Verhältnisse in Spanien gang und gäbe seyn, verbreitet durch solche, welche diesem katholischen Lande nicht wohl wollen; deshalb glauben wir unsern Lesern einen Gefallen zu erweisen, einige Notizen, die der „Katholischen Wochenschrift" entnommen sind, hier folgen zu lassen, die manches Vorurtheil verscheuchen und manche Verleumdungen zu nichte machen werden. Die englischen Blätter machen es sich seit geraumer Zeit zur besondern Aufgabe, das katholische Spanien ans alle mögliche Weise zu verunglimpfen; sie bringen immer und immer wieder die abenteuerlichsten Gerüchte über die Unsiitlichkeit deS HofeS, der Geistlichkeit und des Volkes:c. Diesen Lügen-Berichten gegenüber bringt das „lablet," von Zeit zu Zeit Mittheilungen aus Spanien, welche die dortigen religiös-sittlichen Zustände in einem ganz andern Lichte erscheinen lassen. „Ich glaube," — schreibt der Madrider Korrespondent dieses BlatteS — „diese Journalisten denken in ihrem Schrecken über die Ausbreitung deS Katholicismus in England, iu der Religion seyen, wie „in der Liebe und im Kriege, alle Mittel recht", und die Verdächtigungen katholischer Fürsten und katholischer Geistlichen seyen das beste Mittel, ihr Publicum mit Haß gegen die Kirche zu erfüllen. Vor einigen Tagen kam ich beim Palaste vorbei: die köuigl. Equipage fuhr gerade in den Hof, die Königin, der König und die Prinzessin von Asturien mit ihrer Amme saßen darin; das MusikcorpS spielte den „königlichen Marsch". Die Königin umarmte zärtlich ihr Kind und gab cs der Amme und stieg dann mit dem König die Treppe hinan. DaS war das erste Bild vom Hofleben, welches ich sah, nachdem ich die Schmähungen englischer Blätter gelesen. Einige Tage nachher hatte ich eine Privat-Audienz bei der Königin. Sie stand einfach, aber elegant gekleidet, mit einem würdevollen, jedoch gütigen Ausdruck neben dem König und liebkoste die kleine Prinzessin, welche die Amme an der Hand führte. Keine Bauernfamilie konnte einen Anblick größern häuslichen Glückes und größere Einfachheit darbieten. Die englischen Journalisten kennen nicht die Liebe der 285 Spanier zu ihrer Königin; sie kennen nicht die Milde und Großmuth ihres Charakters. Die Diener des Palastes, namentlich die, welche alt geworden sind im Dienste ihres VatcrS, beten sie an. In der letzten Krankheit einer alten und treuen Dienerin zu Arcmjuez war sie eS, welche den letzten Athemzug der Sterbenden aufnahm. Tausende haben eS gesehen, wie sie aus dem Wagen stieg und niederkniete, als die heilige Wegzehrung zu einem Kranken getragen wurde, und wie sie in ihrer Gallakleidung, von Diamanten strahlend, mit einer Kerze in der Hand zu der ärmlichen Hülle ging, wo eine sterbende Frau die heilige Wegzehrung empfangen sollte, während der Priester mit dem «Ziborium in ihrem Wagen saß. Sie stieg mit Thränen in den Augen die enge Treppe hinauf und km'eete aus dem Boden nieder, bis der Priester sein heiliges Amt verwaltet hatte..... Fast alles öffentliche Scandal in Madrid wird durch vornehme Engländer verursacht, und es ist sprichwörtlich, von Einem, der ein schamlos lüderlicheS Leben führt, zu sagen: er lebt wie ein Engländer." Nicht minder tröstlich laulet sein Urtheil über das Verhalten der Geistlichkeit, über die religiösen Gesinnungen der überwiegenden Mehrheit deS Volkes und über die Bestrebungen der Regierung für Belebung und Kräftigung deS kirchlichen LebenS. „Die Kirche," — sagt er — „welche seit der Thronbesteigung der Königin stets mit der Strenge antichristlichen Hasses oder der Gleichgiltigkeit eineö selbstsüchtigen JndifferentiSmuS behandelt wurde, fängt seit einigen Jahren, namentlich seit dem Abschlüsse deS ConcordateS, langsam abcr stetig an, die Stellung wieder zu gewinnen, die sie einst im spanischen Staate hatte, und die sie nie aufgehört hat, im Herzen der großen Majorität der Spanier einzunehmen. Ich will nicht sagen, daß der wellliche Einfluß und die äußere Macht der Kirche sehr zunimmt; aber ihre Hirten, die durch den Feuerofen der Revolution hindurchgegangen sind, zeigen einen Eifer in der Bewahrung deS reinen Glaubens und in der Verbreitung deS Geistes der Frömmigkeit und Sittlichkeit unter den Massen, welcher den besten Erfolg hat, selbst in Städten, die vor zehn Jahren noch der Sitz des Lasters und der Irreligiosität waren. Ihre Bemühungen verdienen doppelte Anerkennung bei der großen Zahl von geheimen und offenen Feinden, mit denen sie zu kämpfen haben. Denn leider gibt eS auch in unserm Lande eine nicht so zahlreiche, als dittere, nicht so einflußreiche, als verwegene Partei, welche unter dem wohlklingenden Namen „liberale" selbst den Thron GotteS über den Haufen werfen möchte, wenn er ihrem Fortschritt im Wege stände. Aus Bosheit oder Dummheit begünstigen sie jedeö System, welches den Katholicismus in Spanien zu untergraben sucht, wiewohl sie sich scll'st Katholiken nennen; römisch, katholisch, apostolisch — sind die Namen, welche selbst Diejenigen für sich in Anspruch nehmen, die unter den Beamten und unter dem Volke in Städten und ans dem Lande nach Cultusfreiheit rufen, und die Grundsätze des Protestantismus verblei en durch Begünstigung der Agenten der Bibelgesellschaften, durch Ucbersetzung und Vertheilung ihrer Tractate und durch Artikel, die sie den „limes" nnd andern Blättern einsenden mit heftigen Declamalionen über die Jutolerunz des sc.indalrcichen HofeS und der bigotten Geistlichkeit. Ihre blinde Verehrung gegen das goldene Kalb englischer Macht und Größe, ihre falsche Vorstellung von Englands Toleranz nnd seiner Politik veranlassen sie, AlleS zu verhöhnen, was nicht einen englischen Anstrich hat, und darum suchen sie überall dem englischen Einflüsse Eingang zu verschaffen, und die Saat deS JrNhumS unter einem Volke auszustreuen, welches seit seiner Bekehrung zum Christenthu-n fast nicht weiß, waö Häresie ist. Unter ihrem Schutze ziehen Engländer im Auftrage von Bibel- und andern Gesellschaften im Lande umher und vertheilen hübsch gebundene protestaniische Bibeln und Tractate heimlich oder in einer Weise, welche kein großes Verlangen nach der Märtyrerkrone beweist, z. B. indem sie dieselben auS dem Wagen Vorübergehenden zuwerfen." (Fortsetzung folgt.) 286 Kirchliche Notizen. Salzburg, 12. Aug. Am 27. v. M. starb zu Sebenstein bei Wiener- Neustadt nach einer längern Krankheit die General-Oberin deS Institutes der Schulschwestern, Xaveria Lienbacher.. Sie war im Jahre 1812 in der Pfarre Kuchl bei Salzburg geboren. Während des Besuches der Mädchenschule zu Hallein empfahl sie sich durch ihre Sitten und Fähigkeiten, weßhalb sie auf ihre Bitte im Regelhause zu Halleiu, dem Mutterhause deS Institutes der Schulschwestern, Aufnahme fand und zur Dienstleistung im Hause verwendet wurde. In dieser Zeit lernte sie daS Institut genau kennen und gewann das Ordensleben so lieb, daß sie im Jahre 1830 in den Orden aufgenommen wurde, und nach einem Jahre die Profeß ablegte. Durch mehrere Jahre ertheilte sie den Unterricht in der Mädchenschule und hat in dieser Zeit durch ihre Eigenschaften und ihr Benehmen das Vertrauen und die Liebe der Ordensschwestern so sehr gewonnen, daß sie im Jahre 1841 zur Oberin deS RegelhauseS erwählt wurde und seitdem in diesem Amte verblieb. Unter ihrer Leitung hat sich die Zahl der Mitglieder des Institutes von von 10 bis auf 54 nebst mehreren Kandidatinnen erhöht. Die Frömmigkeit der Ordensschwestern, ihre Befähigung beim Unterrichte und in der Erziehung der Jugend haben dem Institute in so hohem Grade das allgemeine Vertrauen erworben, daß sie durch die Unterstützung edler Wohlthäter, besonders aber durch die großmüthigste Munificenz Allerhöchstihrer Majestät der Kaiserin Wittwe Carolina Augufta im Stande waren, Filialen zu gründen und die Leitung mehrerer Erziehungsinstitule, Kinderbewahranstalten und Arbeitsschulen zu übernehmen. Lavcria Lienbacher wurde zur General-Oberin des Ordens ernannt und begab sich im Jahr 1852, jedoch schon damals mit einem Lungenleiden behaftet, nach Wien, um von dort die neu errichteten Filialen zu leiten. Obwohl mit schwerer Krankheit bedrückt, verwaltete sie ihr Amt mit vieler Umsicht zum Besten deS Institutes und erwarb dem Orden stets mehr Gönner und immer größere Beliebtheit. Um ihre Leiden zu erleichtern, nahm sie im Juni d. I. ihren Wohnort zu Sebenstein, wo sie an, 27. v. M, selig im Herrn entschlief. Welcher Gnade sie von ihrer hohen Schntzfrau gewürdigt wurde, ist daraus ersichtlich, daß Allerhöchstdieselbe nach erhaltener Nachricht von ihrem Tode eine namhafte Summe anweisen und nach Sebenstein zusenden ließ, damit die Leiche der Verstorbenen würdig bestattet werde. Unter der Leitung der Schul- schwestern stehen gegenwärtig folgende Institute: Das Stamm- und Mutterhaus in Hallein mit achtzehn Schwestern; die Kiuderbewahranftalt Fridericia in Salzburg mit zwei Schwestern, ein ErziehungSinttitut und Kindcrbewahranstalt in der Wiener Vorstadt Erdberg mit siebzehn Schwestern; die Kinderbewahranstalt zu Baden bei Wien mit drei Schwestern, die Mädchen- und Kinderbewahranstalt zu Sebenstein bei Wiener- Neustadt mit drei Schwestern; die Kinderbewahranstalt und Industrieschule zu Wiener- Neustadt mit zwei Schwestern; die Arbeitsschule in der Wiener Vorstadt Nennweg mit zwei Schwestern; die Bewahranstalt und Arbeitsschule in Neunkirchen, mit drei Schwestern; die Bewahranstalt in der Wiener Vorstadt Scholtenfeld mit zwei Schwestern; die Filiale Judenau in der St. Pöltner Diöcese mit drei Schwestern; in der Linzer Diöcese die Kinderbewahranstalt zu Hallstadt bei Jschl mit zwei Schwestern. Wiener Blätter melden, daß auch die Leitung des RettungShauseS für weibliche Jugenv am Alscrgruud zu Wien den Schulschwcsteru übertragen werden soll, und daß eö beantragt sey, die Schulschwestern in gleicher Weise, wie sie der weiblichen Arbeitsschule am Rennwcg vorstehe», allen übrigen weibliche» Arbeitsschulen als Lehrerinnen deizugeben. Wir bezweifeln jedoch, daß dieser fromme Wunsch schon in nächster Zeit realisirr werde, da der Orden gegenwärtig nicht so viele Mitglieder besitzt, um die Leitung aller Arbeitsschulen zu übernehmen. (Salzb. Kbl.) Salzburg. Im Jahre 1853 bestanden im Herzogthume Salzburg 147 katholische Volksschulen, nämlich 2 Hauptschulen, 140 Trivialschule» und 5 Mädchenschulen. Sämmtliche Ortschaften, 716 an der Zahl, find eingeschult, in denselben wurden, mit Ausschluß der Sonn- und Feiertagsschüler 14,085 schulfähige Kinder gezählt, 287 von denen 13,873 die Schule wirklich besuchten; es sind daher nur 212 übrig, welche keinen Schulunterricht genossen. Unter diesen letzteren befinden sich viele, welche wegen ihres AlterS zu den Schulfähigen gezählt wurden, aber wegen körperlicher und geistiger Gebrechen keine Bildungsfähigkeit besitzen. Mit den 147 Volksschulen standen noch 10 Industrieschulen, 138 Sonntagsschulen, 1 Lehrerseminar, 1 höhere Töchterschule und 1 Mädchen-Erziehungs-Jnstitut in Verbindung. DaS AussichtS- und Lehrpersonal bestand in 12 SchuldistriktSaufsehern, 120 OrtSseelsorgcrn, zugleich OrtSschul-Jnspectoren, 163 Katecheten, 143 Lehrern, 52 Unterlehrern, 19 Mädchen- und 17 Jndustrial- Lehrerinnen, 13 Gehilfinnen und 145 weltlichen OrtSschulaufsehern. LehramtScandioaten waren 11 geistliche und 13 weltliche. Wird die Zahl der Schulen (147) mir den schulfähigen Kindern (14,085) verglichen, so kommen auf eine Schule 95 schulfähige Kinder. Wird das Lehrpersonale, abgesehen von den Ortsseelsorgern und Katecheten, bestehend in 143 Lehrern, 52 Unterlehrern, 19 Mädchen-Lehrerinnen und 13 UnterLehrerinnen mit den schulfähigen Kindern zusammengehalten, so entfallen auf 1 Lehr- Jndividuum 52 schulfähige Kinder. Aus den gepflogenen Erhebungen ergibt sich die erfreuliche Wahrnehmung, daß das Volksschulwcsen im Herzogrhume Salzburg auch im Jahre 1853 im Allgemeinen wieder neue Fortschritte zum Bessern gemacht habe. (Salzb. Kbl.) -i- » » Briren, 14. Aug. Gestern lief beim Consistorium folgende Trauerpost auS Chartum vom 12. Juni vom Herrn Missionär Gostner ein: „Den 10. Juni ist der hochwürdige Herr Missionär AloiS Hallcr ganz unerwartet und schnell einem außerordentlich heftigen Fieberanfall unterlegen. Am vorhergehenden Tage Abends verrichtete er seine heilige Beicht, am nämlichen Tage die heilige Messe, ja sogar Nachmittags unterrichtete er noch seine lieben Kleinen in der heiligen Religion. Ihm war gar nicht wohl, wenn er nicht mitten nnter seinen Kleinen war. Er wußte sich bereits den Kindern recht gut verständlich zu machen. Vor einigen Tagen sagte er zu mir, daß cS ihn jetzt recht freue, hier zu seyn. Sein gutes Beispiel wirkte ungemein viel Gutes bei den Knaben. Nach seinem Tode hörte man nichts anderes, alS: „der Heilige ist gestorben!" Selbst Muhamedaner nannten und nennen ihn den „Heiligen." Wie viel seine stille Thätigkeit ausrichtete, fällt erst jetzt recht auf. Wie schwer unS Allen der Verlust dieses frommen Priesters, dieses eifrigen Missionärs fällt, läßt sich gar nicht beschreiben." ' (Salzb. Kbl.) » « » Linz. Ueber die vom 2. bis 16. Juli in der k. k. Strafanstalt Garsten durch vier Väter der Gesellschaft Jesu abgehaltene Mission schreibt die officielle Linzer Zeitung: „Wer immer Zeuge der Erbauung gewesen ist, mit welcher die Sträflinge in jenen Tagen dem heiligen Meßopfer beiwohnten, der Aufmerksamkeit, womit sie den an sie gerichteten Kanzelvorträgen zuhörten, der Reue und Zerknirschung, welche sich ihrer bemächtigte, und sie antrieb, in den heiligen Sacramenten der Buße und deS Altars Entlastung ihrer schuldbewußten Seele, und Trost und Stärkung zu suchen, und wer Gelegenheit gehabt hat, zu beobachten, wie seit der Zeit die Andacht derselben inbrünstiger, die Rede züchtiger, ihr Gehorsam williger, ihr Umgang verträglicher und ihre Selbstbeschauuug thätiger geworden ist, der wird mit Achtung auf diesen Act geistlicher Bußübung und die Väter zurückblicken, unter deren Leitung dieselbe vollbracht wurde, der Regierung aber für die Sorgfalt großen Dank zollen, womit sie die religiöse und sittliche Besserung dieser verirrten und ties gefallenen Menschen zu bewirken bestrebt ist. » » « Mailand, 20. Aug. Die Synoden, hervorgegangen aus dem innersten Bedürfnisse der Kirche, haben als eine Aeußerung der moralischen Kraft derselben stets wesentlich dazu beigetragen, das Bewußtseyn der kirchlichen Einheit und Ordnung 288 zu erhalten, oder, wenn eS durch die Ungunst der Zeiten geschwächt worden war, von Neuem zu beleben und zu befestigen. Aus verschiedenen Gründen sind diese Versammlungen der Bischöfe mit ihren Priestern seit längerer Zeit unterblieben, obwohl ihre Nützlichkeit stets erkannt wurde und die früher in der Lombarvie nach dem Geiste des heiligen Carl BorromäuS abgehaltenen Synoden eine Berühmtheit erlangten. Der Senior deS lombardischen Episkopates, Cajetan, Bischof von Lodi, ist nun der erste, welcher den übrigen hochwürdigsten Bischöfen mit der Einberufung der Synode vorangeht, indem er bereits in einem Hirtenschreiben vom 28. Juni den Klerus der Diöcese zu einer Ende August abzuhaltenden Synode eingeladen hat. (Salzb. Kbl.) Berlin, 27. Jul. Gewiß kann es als ein glücklicher Gedanke bezeichnet werden, daß hier ein katholischer Verein unter den Studirenden ins Leben getreten ist. Derselbe hat sich die schöne Aufgabe gestellt, das religiöse Leben auf Grundlage der katholischen Wissenschaft und christlichen Kunst zunächst in den VereinS- Mitgliedern selbst zu fördern. Die Wichtigkeit dieses Bestrebens springt um so mehr in die Augen, als die meisten der hiesigen Studirenden schon dem Ende der akademischen Laufbahn nahe sind nnd bald selbst ins Leben eintreten müssen. Wiewohl der Verein erst seit einem Jahr besteht, so hat er doch schon einer erfreulichen Theilnahme sich zu erfreuen in allen Facultälen, besonders liefert die medicinische ein nicht unbedeutendes Couligent. Den kirchlichen Sinn hat der Verein schon bei der Frohnleich- namSprocession bewiesen, in welcher er korporativ auftrat. Gestern feierte der Verein das Fest seines Patrones, des heiligen Augustin. Um halb acht Uhr celebrirle der Curatpriester, canli. pb.il. Herr GroSfeld, in der St. Hedwigskirche eine heilige Messe für den Verein, dem die Mitglieder beiwohnten. Am Abende war Versammlung, verbunden mit einem Souper, an welchem außer den Siudirenden mehrere hochgestellte Ehrengäste Theil nahmen. Von den letztern nenne ich nur den Hrn. Probst Pelldram mit dem Pfarrklerus, den geheimen Ober-RcgierungSrath Hr. Ür. Brüggemann und den geheimen Ober-Negieruugsrath Hr. v. Ellerts. Nachdem der Vorsteher Hr. Or. meä. v. Soist die Sitzung mit einer kleinen Ansprache eröffnet hatte, hielt Hr. eanch plul. Dieckhcff die Festrede, in welcher er den Satz: „Omnis sei msMem äöi ^loriam" im Leben deS HI. Augnstin nachwies. An dieselbe anknüpfend schenkte Hr. Dr. Brüggemann, dessen unermüdlicher Eifer, die jungen Leute für wahre christliche Wissenschaft zu begeistern, längst bekannt ist, uns die Ehre, in einer längern kräftigen lateinischen Rede die Bedeutung und die hohe Aufgabe des Vereins uns anS Herz zu legen. Rührend und ergreisend waren seine trefflichen Worte und haben, weil sie auS einem tief-religiösen Herzen hervorgingen, gewiß ihre Wirkung nicht verfehlt. Beider Tafel brachte der Herr Probst einen Toast ans die schöne Idee deS Vereins, der Religion und Wissenschaft wieder, wie in den guten Zeiten, geschwisterlich zu vereinigen suche. Es folgten darauf verschiedene Toaste auf den heiligen Vater, unter Hinweisung auf daö Bestreben deS Vereins, auf die Verdienste deS apostolischen Stuhles um Kunst uns Wissenschaft, auf unsern vielgeliebten König. Ein österreichischer Historiker brachte ein Hoch dem Kaiser Franz Joseph, Andere auf den deutschen Episkopat, auf Hrn. Dr. Brüggcmann, auf die deutschen Hochschulen, auf Hrn. Freiherrn von Eichendorff, auf den Vorsteher deS Vereins u. s. w. In heiterer Unterhaliung vergingen schnell die Abendstunden. Möchten ähnliche Vereine an allen deutsche» Hochschulen sich bilden, wie wir neulich schon die Freude hatten, einem Bruderverein in BreSlau unsere Grüße übersenden zu können. (Münst. Sbl.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: A. C. Kremer. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PostLeitung. 10. September ^ 37. 1854. Dieses ivlatt erscheint regelmäßig alle Soautage. Der halbjährige Abvunementsprei« TV kr., wofür e« durch alle königl. daher. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kanr. Sancta Agatha. Agatha, im Flammenkleide Christ als ^eine Braut vermählet, Brandpatronin uns erwählet, Hilf uns, Sancta Agatha! Sich', die Sonne dörrt die Erde: Wann die Gluthcn uns bedrängen, Ihre Strahlen uns versengen, Komm' herab, o Agatha! Laß den heil'gen Wasserreiher Fliegen durch das Licht der Sonne», Schließen auf den Wolkcnbronnen, Den er hütet, Agatha! Auch der Erde gicr'ge Flammen Stets an unsern Häusern lecken, Werden uns zum Jammer wecke», Wann wir schlafen, Agatha! Trag' im gold'nen Flammcnkleide (Zeitlich Gut es gilt uns minder) Aus der Gluth nur unsre Kinder, Flammenfürstin Agatha! I. Pape. Der Tod Vvltaire's. (Fortsetzung,) ES gibt Sätze, die reichbegab>en und kmgbedachten Geistern gleich einleuchtend sind, so z, B. daß cin haltbares Gebäude eine feste Grundlage voran, setzt; versucht inan'ö aber, diesen Satz auf den Staaisbcin anzuwenden, dessen nnentbcyrliche Grundlage die Autorität der geistlichen wie der weltlichen Macht ist, so können die Kurzsichtigen, so w o l l e n die Hellsehenden nicht begreifen. Man baut fort und fort in die Luft, macht sich und Andern weis, dieß sey ein wohnlicher Aufenthalt, und Zwietrachtsflammen anzuzünden, Geht der Feind durch alle Lande; Vor dem rothen Kriegcsbrande Hüt' uns, Sancta Agatha! Wann das Feindsvolk naht, die Kinder Von dein eig'nen Herd zu jagen, Nett' uns in den bösen Tagen, Große Sancta Agatha! Doch zumeist vor jenem Brande In der cig'neu Brust wir beben; Sieh', er zehrt an unserm Leben: Kämpf' mit uns, o Agatha! Noch zum Tag des Weltgerichtes, Wann die Wclt verbrennt, befehlen Dir wir uns re armen Seelen: Vor uns geh', o Agatha! Dieses Haus ist Dir geweihet, Trägt Dein Bildniß ob der Pforte: Weich', o weich' uicht von dem Orte, Unser Schirm, o Agatha! 290 gelangt so unvermerkt in den Raum, wo niemand wohnt; oder, was nicht minder klug, man untergräbt das Fundament feststehender Behausungen, und sieht mit naiv fragendem Kopfschütte n den Bau einstürzen, als ob dieser Einsturz anderswo als in der unterwühlten Grundmauer zu suchen. Von denen, die mit Vorbedacht und richtiger Berechnung so zu Werke gehen, mag hier noch abgesehen werden, wir werden leider noch oft genug auf sie zurückkommen müssen. Heinrich's und Sully'S Bemühungen waren, wie gesagt, durchdacht, ehrlich und rastlos, hatten aber nur halben und ungesicherten Erfolg, weil sie in dem entschwundenen Boden jener doppelten Autorität keinen Wurzclgrunv mehr fanden. Die dreiköpfige Reformation, und in Frankreich namentlich der Calvinismus, hatte die kirchliche Autorität unmittelbar, und dadurch auch mittelbar die weltliche, zuerst bei einem großen Theile der Vornehmen gelockert, dann auch, wie eS zu geschehen pflegt, denn — exempls tranunt — bedeutende Massen im Volke selbst hingerissen. ES wäre vermessen, geradezu zu behaupten, daß der König bei längerem Leben und fortgesetzter Mitwirkung seines Ministers nicht endlich doch dieses Hinderniß überwunden, die zersetzenden Elemente nach und nach ausgeschieden hätte; allein gewichtige Vermuthungen sprechen dagegen. Heinrich war Convcrlit; Katholiken wie Protestanten fiel eS daher schwer, ihm unbedingtes Vertrauen zu schenken, und um so schwerer, wenn die ihm beigelegte Aeußerung: „Hue Paris valait dien une messe" keine Erfindung seiner Feinde ist. Sein leichtfertiges Leben, das zwar seine Thätigkeit als Regent nicht hemmte, aber ihre volle Anerkennung und allseitige Unterstützung verhinderte, mag auch das Seine wohl dazu beigetragen haben, daß er nach einer etwa sechzehnjährigen, kräftigen und wohlthätigen Regierung vielleicht doch seinen Geist mit dem betrübenden Bewußtseyn aushauchte, weder selbst König gewesen zu seyn, noch in seinem einzigen minderjährigen Sohne einen' König zu hinterlassen. Was Heinrich der Mann nicht vermochte, wie hätte daS seine Wittwe, auch ohne ihre Vorliebe für das florentinische Ehepaar, vollbringen können? und ihr allmälig zum Jüngling herangereister Sohn, der gutmüthige, aber kränkliche und beschränkte Ludwig XllI,, konnte unter der Leitung eines Duc de LuyneS wohl ein trefflicher Jäger und Vogelsteller, aber kein großer Herrscher des FrankenrcichS werden. Da warf ihm die Vorsehung, die am Ende doch immer den AuSschlag gibt, einen Mann in den Weg, wie ihn das Reich bedürfte, und Ludwig war trotz seiner Abneigung gegen Richelieu's Person doch weise genug, seine gclränktc Empfindlichkeil dem Wohl deS Landes zu opfern, und den überlegenen Geist, vor dem der seinige zitterte, an das StaatSruder zu stellen. Richelieu ergriff dasselbe mir einer Kraft, die sich zum Herrschen berufen fühlt, und sein Wille ward Gesetz in Frankreich und weit über dessen Gränzen hinaus. Aber hat denn dieser gewaltige, ja, menschlich zu reden, allgewaltige Minister, „cjui mit les rois cle trance oois L.ilolieo" und „I.a Lsperimxain diesen Tagen ist aber ein neues katholisches Wochenblatt angekündigt unter dem Titel: „l.g Lspimns eglolicg." In Portugal scheint die katholische Presse verhältnißmäßig stärker zu seyn. 293 die Pflicht meines bischöflichen Amtes habe ich eS nicht für genug gehalten, solche Werke zu censuriren, da diese Censuren für alle Diöcesen der Christenheit schon pro- mulgirl sind, und nicht hinreichen, dem Uebel abzuhelfen; die spanischen Sitten, die Würde des ThroueS Ew. Majestät und die der Religion schuldige Achtung verlangen, daß die Verbreitung so verderblicher Bücher gehindert uud daß sie confiScirt werven gemäß den in den Gesetzbüchern Philipps II., Carls lll. und Carls IV, enthaltenen Bestimmungen. Ich will mich nicht über die Gefahren vertreiben, die der Monarchie drohen, wenn man eine solche Verhöhnung der Majestät des Thrones und der Heiligkeit der Religion duldet; ich will auch nicht davon reden, daß Ew. Majestät, die sich Beschützerin der Kirche nennen, durch diese» Ehrennamen verpflichtet sind, solchen bösen Plänen entgegenzutreten; denn ich bin sest überzeugt von dem Eifer Ew. Majestät und von dem Schmerze, den Ihnen dieses Treiben bereitet. Als königlicher Rath — welches Amt mir als Erzbischof zusteht — will ich aber nicht unterlassen, Ew. Maj. darauf aufmerksam zu machen, daß, wenn Ew. Majestät es im Interesse der Krone für nothwendig hält, nicht nur die Cvnlrcbande zu verbieten, sondern sie zu confiscireu, das Interesse der Kirche, der Glaube uus.rer Väter und der Friede des Reiches nicht mindere Strenge in Bezug auf die erwähnten Bücher verlangen. Darum bitte ich Ew. Majestät, diese meine Anklage gegen die „Bibliothek des freien ManncS" in Erwägung zu ziehen, ihre Verbreitung zu verbieten, die darin enthaltenen ketzerischen, obscönen nnv gottlosen Bücher zu confiscircn und diejenigen zu strafen, welche sie verbreiten im Widerspruch mit den Geboten der Kirche und den ausdrücklichen Gesetzen der erla-nchtcn Vorfahren Ew. Majestät. — Judaö Joseph, Cardinal-Erzbischof von Sevilla." Die liberalen Blätter kennen kein Maaß in ihrem Lärmen über diesen „Krieg der Bischöfe;" vor allen zeichnet sich in dieser Hinsicht die „Kacion" aus, welche gegen JesniusmuS, religiöse Ream'on und dergleichen ganz im Slyle der englischen aulip.ipi- stifchcn Blätter eifert, was sich erklärt, wenn man weiß, in welchen Beziehungen dieses Blatt zu dem englischen Gesandten Lord Howdcn steht. Die „Xgcion" Hut denn mich die Entdeckung gemacht, die bewaffneten Schaaren, welche vor Kurzem CataKnien beunruhigten, von denen man jetzt aber schon nicht viel mehr hört, seyen Carlisten, und dieß hänge damit zusammen, daß in jener Provinz der Klcrnö am meisten Einflnß habe und die religiösen Bruderschaften am verbrcitetsten seyen. Die „Kspgnrm", das Organ der gemäßigten Liberalen, ist denn doch einsichtig genug, zu gestehen, daß von einer Uebertreibung deS religiösen Eifers, wovon die „^acüon" zu sprechen liebt, dem Lande keine Gefahren drohen, wohl aber von den unsittlichen, Religion und Monarchie unterwühlenden Schriften und Blättern, gegen welche die Bischöfe pflichtgemäß einschreiten. Die Bischöse sind übrigens auch nach den Landesgesetzen vollkommen in ihrem Recht. DaS Concordat vindicirt ihnen in Artikel 2 und 3 das Recht, gegen Bücher, welche dem Glauben oder den Eilten schädlich sind, einznschreiien, und eS wird ihnen dazu der Beistand der weltlichen Macht zugesagt. Die Gesetze, welche die Freiheit der Presse auösprechen, haben die Nothwendigkeit einer Prüfung von Seite der Bischöfe bei Schriften, welche religiöse Fragen berühren, anerkannt. So die Gesetze vom 20 Oct. 1820, August 1836, 9. April 1844. Dennoch haben die entfesselten Leidenschaften die Blätter mit der maßlosesten Polemik gegen den Episkopat angefüllt. Die liberale Presse würde übrigens gewiß nicht so heftig gegen das Auftreten der Bischöse eifern, wenn sie sich nicht gestehen müßte, daß bei der großen Mehrzahl ccr Spanier, trotz aller Aufkläruugsvcrsuche des Liberalismus und JndisserentismnS, ein bischöflicher Hirtenbrief mehr gilt, als ein Dutzend liberaler Leitartikel. «Schluß folgt.) Gott und die Gebildeten. Bezeichnend ist es, wie sich die vornehme Welt und die „Gebildeten" von Gott entfernen, wenn man z. V. nur einige gewöhnliche Gruß-., Wunsch- unv HöslichkcitS- Formeln betrachtet. 294 In einem Brief kannst du höchstens noch einen Armen oder einen Bauern mit dem schönen alten „Gott zum Gruß!" anreden, der Bürger würde darüber schon die Nase rümpfen, die vornehme Welt aber würde diesen Gruß als die größte Flegelei oder als Wahnwitz auslegen. Zum nießenden Armen oder Dienstboten, Bauern zc. kannst du meinetwegen noch sagen: „helf Gott!" zc., zu einem Bürger schickt sich schon sast nichts anderes mehr, als „zum Wohl," zu einem Halbgebildeten „zur Genesung;" der ganz Gebildete nimmt und gibt diesen Wunsch längst nicht mehr, da er „zu gemein" ist. Wenn der Arme und Niedrige ißt, so kannst du zu ihm noch sagen: „gesegn'S Gott!" zum Bürger und Mittelftändler mußt du schon sagen: „guten (oder besten) Appetit!" Der Gebildete aber verschmäht schon längst Geben nnd Hinnehmen dieses „altvä terischen" Wunsches. So schreiten wir auf der Bahn der Civilisation vorwärts! Kirchliche Notizen. Turin. Die auS ihrem Kloster vertriebenen Karthäuser von Collegno haben in der „Armonia" folgende Protestation veröffentlicht: Am 10. laufenden Monats August, während die unterzeichneten Väter der Karlhause von Collegno ihrer Ordensregel gemäß beschäftigt waren, und in Abwesenheit ihres Obern, drang die bewaffnete Macht in ihre Wohnung ein. Nachdem sie den Pförtner überrumpelt, trieb sie die Väter gewaltsam hinaus, von denen einer seit einem Monctt krank war und eben erst drei Aderlässe und eine Blutigelanlegung ausgestanden hatte. Sie ließ ihnen keinen Augenblick Zeit, um ihr persönliches Mobiliar mitzunehmen, und schloß die Kirche, um sie an der Wegnahme der heiligen Zierralhen zu hindern. Inzwischen verbreiteten sich einige von den Eindringlingen und andere den frommen Bewohnern von Collegno ganz fremde Personen im Kloster, und raubten werthvolle Gegenstände, unter andern Wein und Eßwaaren. Die Väter der Karlhause von Collegno waren einige Tage vorher aufgefordert worden, ihre eigene Wohnung abzutreten; da sie aber diesem Gesuch nicht willfahren konnten, ohne zuvor den Befehl ihrer Obern einzuholen, so wurde ihnen wie billig aus ihre Bitte die nöthige Zeit gewährt, um diese Erlaubniß einzukommen. Aber plötzlich vertrieben, und jetzt bei einer frommen Person versammelt, ohne deren christliche Liebe sie mitten auf der Straße lägen, protxstirten sie hiermit von neuem schriftlich, wie sie schon feierlich und mündlich prolestirt haben, während sie die Befehle ihrer Obern abwarteten, und erhoben sich vor der bürgerlichen Gesellschaft PiemontS, vor dem katholischen Piemont, wider eine so ungeheure Ungerechtigkeit. Sie protestiren im Namen des Rechts und des Eigenthums, die durch die Gesetze verbürgt und durch einen despotischen Act verletzt sind, den man bis jetzt verweigert hat ihnen mitzutheilen. Sie Protestiren im Namen der Unvcrletzlichkeit, die daS piemon« tesische Statut anerkannt, im Namen der Religion, die durch die gottlose Verletzung der Klausur uud der CauoneS beschimpft ist, im Namen der Ehre, die ein gegebenes Wort und ein gethanes Versprechen heilig macht, endlich und zuletzt noch im Namen aller Gesetze der Menschlichkeit, die in Bezug auf sie mit Füßen getreten werden. Collegno, 11. August 1854. (Folgen die Unterschriften.) » » « Rom, 23. Aug. Der heilige Vater har gestern ganz Rom durch eine schone That mit einer Begeisterung für sich erfüllt, welche an die ersten Tage, jene überglücklichen seines PontificatS, erinnen. Die Cholera greift täglich mehr um sich; viele Aerzte haben sich von Rom entfernt, andere weigern sich, zu den Kranken zu gehen; das Volk drohr mit Unruhen. Der heilige Vater weiß von Allem. Um die Furcht und den Schrecken vor geglaubter Anstcckung der Krankheit durch seine persönliche Furchtlosigkeit zu verscheuchen, begab er sich gestern gegen Abend, von den MonsignorS 295 Stella und Hohenlohe begleitet, in daS Hospital der Cholerakranken in San Spirito. Er besichtigte jedes einzelne Krankenzimmer, sprach mit den Aerzten, bat sie, nach Gewissen ihre Pflicht zu thun, und sprach den Leidenden Muth und Trost ein. Der Eindruck dieses Besuches Sr. Heiligkeit und seine günstige moralische Wirkung im Publikum übersteigt jede Vorstellung. 6 » « Köln, 4. Sept. Der hiesige katholische Gesellenverein wurde in seiner gestrigen sehr zahlreich besuchten sonntäglichen Abendversammlung durch die Anwesenheit eines werthen GastcS erfreut. ES war nämlich der Präses deS Wiener Gesellenvereins, Herr Dr. Gruscha, Professor am k. k. Theresianum zu Wien, welcher auf einer durch Deutschland unternommenen Reise nach Köln gekommen war. Nach einem Vortrage deS Herrn Präses, Domvicar Kolping, nahm der Gast aus Oesterreich daS Wort und verbreitete sich in einer geist- und gcmüthvollen Rede über die Entstehung, Fortbildung und jetzige Lage deö aus ungefähr 15(10 Mitgliedern bestehenden Wiener Vereins und über die Theilnahme, welche dimsclben geschenkt wird, nicht bloß von hochgestellten Personen aller Stände, sondern selbst von Sr. Majestät dem Kaiser von Oesterreich, der eine Adresse des Vereins, gelegentlich seiner Vermählung, aus den Händen deS Präses entgegen zu nehmen geruht und dabei in den edelsten Wor-en seine Wünsche für das Gedeihen der Vereinssache ausgesprochen hat. Demnächst trat ein Mitglied des hiesigen Vereins auf den Rcdnerstnhl, dankte dem Herrn Professor Dr. Gruscha für seinen ehrenden und erfreuenden Besuch, dankte ferner für die Grüße der Vereinsgenossen, erwiverte dieselben im Namen aller hiesigen Mitglieder und endete mit einem, mit stürmischem Jubel ausgebrachten dreifachen „Hoch!" auf die Freunde und Brüoer zu Wien. » » « Wien, 31. Aug. In Wiener-Neustadt wird von den Vätern der Gesellschaft Jesu, Joseph und Mar Kliukowström, Roman und Schmude eine Mission vom 3. bis incl. 17. September abgehalten werden. Die „Bohemia" berichtet höchst Erfreuliches über die Mission, welche die Väter der böhmisch-deulschen Mission deS CapucinerordenS zu Prag im k, k. ProvincialzwangSarbeitShause vom 21. bis zum 27. August abgehalten haben. — Zu Cairo sind am 31. Jnli die neuen für die katholische Mission in Centralafrica btstinimten Mitglieder angelangt. « « « Salzburg, 2 « ' - Stift Seitenstctten (Niederösterreich), 25. Aug. Durch die stets rege ober- hirtliche Fürsorge unsers frommen und gelehrten Ordinarius, des bochwürdigsten Herrn Jgnaz Feigerle und durch das bereitwillige Entgegenkommen unsers allverehrten Herrn Abtes, Ludwig Ströhmer, der jedem geistigen und geistlichen Aufschwünge immer hold sich erweiset, wurden in den freundlichen und geräumigen Mauern deS hiesigen VenedictiiierstiftcS vom 21. bis 25. d. M. Priestcrererzitien gehalten, an denen die Seelsorger dreier das Stift umgränzenden Deccmate Theil nahmen. Dieselben wurden, geleitet von dem hochwürdigen Herrn Pater Nohmann 8. und von dem hochwürdigen Herrn Stiftöabte, Montag den 21. d, M. Abends 5 Uhr nnter Jntonirung deö Veni Creator Spiritus eröffnet. Gleich zu Anfang gewann die Herzen aller hochwürdigen Herren Erercitanten, deren Zahl sich auf 39 belief, der einfache, rnhige, klare, reiche Erfahrung uuo fleißiges Lesen verrathende Bortrag des hochwürdigen Herrn Pater Rohmann, der mit zarter Schonung hier ein Schönpflästerchen von einem I^aovus abzustreifen wußte, dort manchen Lässigen vom gewohnten Ruhekissen aufrüttelte und zur Arbeit in den angewiesenen Weingarten zu ermuntern sich bemühte. Waren auch die Uebungen im geistlichen Lager zu Seitenstetren zunächst nur für den Secnlarklerus berechnet, so theilen wir doch die Ansicht jener, welche glauben, daß dort, wo Volksmissionen angezeigt sind, Priestererercilien vorausgehen sollten; nichts dcsto weniger hegen wir das zuversichtliche Vertrauen, daß diese Erercitien durch die Gnade Gottes mit einem eben so segenvollen Erfolge gekrönt werden, wie die im Oct. v, I. hier abgehaltene Volksmission und rufen dem gefeierten Oberhirten der St. Pöitner Diöcese, dem würdigen StiftSabtc und der ganzen Gesellschaft Jesu auS gerührtem Herzen einstimmig zu ein aufrichtiges veo gratis«! Verantwortlicher Redacteur: L, Schönchen, Verlags-Inhaber: F. E. Kremer, Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger postzeitung. -. - 17. September M^- 18S4. Diese« Blatt erscheint regelmäßig alle Touutage. Der halbjährige «bou»eme«t«prel< -^v kr., wofür e« durch alle köuigl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werd»» tau». Der Tob Boltaire'S. (Fortsetzung.) Maria FraneoiS Arouet, Sohn eines Advocaten und spätern Schatzmeisters der Rechnungskammer zu Paris, wurde daselbst 1694 geboren. War'S Eitelkeit, Laune, over sonst ein Beweggrund, den »nS die Geschichte nicht überliefert hat, genug, der Name des VaterS behagte in der Folge dem Sohne nicht mehr, der sich nun selbst Voltaire nannte und unterschrieb. Um die Erziehung des Knaben erwarb sich daS Jesuilen-Collegium seiner Vaterstadt große Verdienste, und Voltaire gedenkt in seinen Briefen und anderwärts mehrmals seiner Lehrer aus diesem Orden mit einer Pietät, die das Kriterium der Sprache deS Herzens an der Stirne trägt, und die wir daher auch hier nicht unerwähnt lassen wollten. Denn, wir haben eS schon gesagt, weder Haß noch Vorliebe führt bei diesem Aufsatz die Feder, und wir lesen gern solche Auge aus dem Leben eines menschlichen Wesens auf, weil sie die ganze Galtung ehren und ihr als Beispiele zur Nachahmung Zinsen bringen. Wir halten dieß auch für historische Gerechtigkeit gegen jedes Individuum, daS man zum Gegenstande öffentlicher Besprechung macht, und zugleich für eine von der Nächstenliebe uns auferlegte Pflicht, daS Gute überall aufzusuchen, und, haben wir'S gefunden, wäre eS auch in d>r Seele deS übcrwiescncn und verurtheilien hundertfachen Verbrechers, freudig und ohne Scheu anzuerkennen. Wir heben diesen Umstand auch noch besonders in Rücksicht aus Vol, tuire'S Erzieher hervor, und haben hierbei nicht etwa bloß das achtzehnte Jahrhundert all, in im Auge. Es ist fürwahr der höchsten Beachtung werth, daß ein Mann wie Voltaire, dessen ganze Lebensaufgabe eS gewesen zu seyn scheint, dem Christenthum« und seinem Stifter zn fluchen und Hohn zu sprechen, ohne sichtlichen oder auch nur denkbaren äußern Zwang den Führern seiner Jugend die ungeheucheltste Hochachtung zollt, und zwar iu Ausdrücken, die, obschon zunächst von Einzelpersonen gebraucht, doch in ihrem Cvnlert einer Huldigung gegen die ganze Gesellschaft nicht unähnlich sehen, welche sich nach dem von ihm geschmähten Gottmenschcn nennt, die dessen Fahne und Lehre in alle Welttheile getragen und noch trägt, und deren Mitglieder eS gewiß nicht versäumt halten, den Samen dieser Lehre auch in die empfängliche Brust ihres Zöglings zn ftrenen. Hält man diese Aeußerungen Voltaire'S über seine Lehrer mit manchen andern, später anzudeutenden Erscheinungen in seimr langen irdischen Laufbahn zusammen, und sucht mau dann auf psychologischem Wege das Ergebniß dieser Zusammenstellung zu ermitteln, so gelangt man zu dem unabweiSlichen Schlüsse, daß jene Aeußerungen daS reine Gepräge eines inneren Zwanges haben, d. h., daß sie, unter der Gestalt einer individuellen Achtungsbezeugung, Voltaire'S unbewachte Ueberzeugung von der Vortrefflichkeit der christlichen Religion enthalten, während Hochmuth, herrschender Welttou, Sucht nach Berühmtheit und Reichthum, ^vv verbünden mit ei'ner sarkastischen Natur, deren steter Heißhunger, gleich dem der Verleumdung, auch des Heiligsten nicht schont, sobald sie jener Ueberzeugung begegnen, den Kampf gegen dieselbe mit um so größerer Erbitterung sichren, je mehr sie, wie sie'S anch recht gut fühlen, auf unbesiegbaren Widerstand stoßen. Bedenkt man ferner, daß jeder große oder berühmte Mann dazu verurtheilt ist, sich bei jedem Schritt und Tritt von einer zahllosen Schaar Trabanten umgeben zu sehen, die jedes Wort deS Meisters mit hastiger Gier verschlingen, und, wie die Schüler deö PythagoraS, unter dem Rufe: „Er hac's gesagt!" als Orakelspruch wieder von sich geben; erwägt man die uns zwar nicht natürliche, sondern »ach außen angebildete, darum aber nicht min, der geringe Furcht vor Jnconscquenz, die falsche Schämn, selbst nach erlangter Einsicht unseres Irrthums etwas von dem zurückzunehmen, was so treue Anhänger und Jünger als unser und ihr Schibolcth von allen Dächern herab verkündigt haben, und wendet man diese Betrachtungen nach Wahrheit und Gerechtigkeit auf Voltaire an, so begreift man vollkommen den innern Hader und Zwiespalt, die an dem zur einsamen Ruhe Zurückgekehrien, den auf der Schaubühne der Welt stolz aber künstlich einherschreitenden Triumphator fürchterlich rächen, ihm den dürftigen Schlummer, die kurze Erholung verkümmern, ihn rastlos umhertreiben, bis zur Erschöpfung foltern, und dann wieder in das Gewühl des Tages Hinansstoßen, um in später schweigsamer Nacht das Strafgericht von Neuem zu beginnen. Welch' ein beneioenSwertheS LooS! Wer, dem ein menschliches Herz im Busen schlägt, kann einem solchen Schauspiele ohne Schauder und Rührung beiwohnen? Anch wir fühlen uns menschlich bewegt, denu das Geschöpf, das zu unserm Gemälde sitzen soll, war ja auch ein Mensch, und- Irvtz seiner Schätze, seines Ruhms, seiner Herrschaft über sein Jahrhundert ein sehr unglücklicher Mensch! Sein Wirken empfinde die ganze Schwere unseres Unwillens, denn eS soll uns und Andern ein Spiegel seyn, damit wir seine Wege nicht wandeln; aber seiner Person werde und bleibe unser aufrichtiges Mitleid: er hat schwer gesündigt hienieden, aber auch schon hienieden schwer gedüßt. Von wichtiger Vorbedeutung für den dem Knaben noch näher als dem Jünglinge stehenden Voltaire war seine Einführung in die sogenannte große Welt, die sich damals bt-sonders zahlreich in der Wohnung der Pariser Aspasia, Ninon de LecloS, versammelte. Der abgefeimteste, unbegränzter Schwelgerei des Geistes wie deS Körpers opfernde EpikuräiSmus, den weder der mißverstandene Grieche noch der seiner Cpur folgende Römer für den ihrigen erkannt hätten, hatte hier seinen Thron aufgeschlagen, und hundert willige Vasallen umstanden ihn, stets bereit, jeden Wink deS Herrschers als Besehl zu vollziehen. Sevigne, La Fare, Ehaulieu, Chateaunenf zc. versahen hier abwechselnd daS Amt eines CeremonienmeisterS oder „Irilrodueteur"; so Letzterer, der Voltaire'S Pathe war, bei diesem. Der Besitzerin deS Hauses ward nicht weniger geschmeichelt und hofirt, als der milesischcn Hetäre zu Athen, und Männer jedes Allers und Standes, die sich durch Bildung, Glücksgüter, Annehmlichkeit der Person u. s. w. auszeichneten, buhlten nm die durch den „von ton" gebotene Ehre, „de tsire leur cour » cette merveüliz du inonde." Witz und Laune waren die unerläßliche Würze, die jeder Gast zur Unterhaltung beisteuern mußte, und da die Wahl des Gegenstandes unbeschränkt blieb, ,,car I'esprit doit. s'exereer surtcmt", so wurde Heiliges wie UnheiligeS auj'S mnibwilligste bewitzelt und bespöttelt. Grundsätze waren verpönt, und mit ihnen Wissenschaft und Kunst, in so fern diese von Grundsätzen ausgehen oder darauf zurückführen; wenn auch zuweilen Verse, besonders dramatische (von Corneille, Racine, Mvliere) und erotisch-satyrische, vorgetragen und beuriheilt wurden, so geschah Letzteres doch nur nach einer längst fertigen Schablone, von welcher keine Appellation stattfand; am schlimmsten kam die Religion weg, namentlich die römisch-katholische. Hier bei diesem weiolichen Lovelace bildete sich eine der Hauptpflanzschnlen, woraus die Gründer und Lenker deS philosophischen Jahrhunderts hervorgingen, dessen Philosophie jedoch einzig daraus hinauslief, mißliebige Dinge lächerlich zu machen, wozu vor allen die Religion gehörte. „I.e ridieule tu«", hieß eS und heißt eS noch in dem Lande, dessen Sprache wir hier entlehnen. Allein — „c>n vous dorme dien de8 ridieules" 299 sagt Jemand bei Barthelemy zu Diogenes, und der Cyniker antwortet: ,Miis so ne les sceeple pss." DaS sagte und sagt auch noch die Religion, so oft Frevler darauf ausgingen oder ausgehen, ihr die Narrenjacke anzuziehen. Verunglimpfung wie thätliche Angriffe prallen machtlos von ihrer gepanzerten Brust ab, und selbst der Mißbrauch reicht bis zu ihrer Höhe nicht hinauf; sie kann, wie Kunst und Gerechtigkeit, der Erde auf eine Zeitlang den Rücken zuwenden, sich zum Sitz ihreö Urhebers emporschwingen, aber das Unreine der Erde färbt auf sie nicht ab. Der Asterphilosophie Bemühen znr Zerstörung des Unzerstörbaren war also eine SisyphuS- oder TantaluS- Arbeit; sie mochte sich heiser schreien und brüllen: „Ler-isex I'inlume!"— „^'inlume", daS Wort vom Stifter oder der Stiftung oder von beiden zugleich verstanden, lebte und lebt fort und ward nicht zertreten. Zwar gingen die Nachbeter Voltaire'S, d'AlembcrtS, DiderotS und sämmtlicher Encyklopädisten im letzten Zehntel des Jahr- hunderS noch um einige Riesenschritte weiter: sie versuchten eS mit den Bekennern der Religion, aber anch diese täuschten ihre Erwartung; sie gaben freudig ihr Leben preis, aber nicht daS, was dein Leben Reiz und Werth verleiht. Delille schleuderte den Scheusalen sein „"sremdleü, vous eles immortels!" entgegen, und damit gcwisser- maaßen zugleich seinen Kopf anf's Blutgerüst; La Harpe, der sich vom Altmeister und dessen Adepten losgesagt hatte, rief mir empörtem Selbstgefühl: „<)uoi! IVous serions les eselsves et les Instruments c!e eeux ciui n'ont rien, czui ne tvnt rion, et czui ne savent, rien?" und Chateaubriand gab 18l)l, als zwar Terrorismns und Direktorium zu Grade getragen war, aber im Staatsrath noch darüber gestritten wnrde, ob Christenthum, Polytheismus oder Atheismus einznsühren, seine Verherrlichung des Kreuzes, sein „Lerne clu Lliristmnisrne" heraus, nachdem DupuiS den Heiland zur astronomischen Mythe verzerrt h'tte. Die Philosophie deS neunzehnten Jahrhunderts mag an und für sich nicht blutdürstig seyu, sie kennt aber eben so wenig wie die des vorigen daS: „Dulde und entbehre" EpiktetS, sie lockert durch ihre nichtgelösten Zweifel die Bande, die Himmel und Erde miteinander verknüpfen, und einmal gelockert, währt'S nicht lauge, so reißen sie entzwei. Ein System, daS die Schöpfung ans Nichts wie ein Märchen behandelt, die Eristenz GotteS in Abrede stellt, dagegen aber die Ewigkeit der Materie als dogmatisches Ariom anpreist, verdient höchstens cin muleioigeS Achselzucken, durchaus keine Widerlegung, weil eS das gehäufte Maaß von Abgeschmacktheit und ein unvermeidliches 1'est.imoniuin pgupertatis für deu Geist seines Erfinders ist. Wenn Sophisten in seinem Beiseyn die Bewegung lüugneten, stand SokrateS ans und wandelte hin und her. Bestreitet Einer uuS die Möglichkeit der Schöpsnng aus Nichts, so wolle er unS beim Beginn deS Frühlings in die wieder- anflebende Natur begleiten; genügt ihm dieses stumme, und doch so beredte Argument nicht, so möge er eS uns nicht verdenken, wenn wir ihn für absichtlich verstockt oder für eine arkadische — Nachtigall halten. Letzteres würde unfehlbar der Fall seyn, wenn er uns von ureigner ProdnctivnSkraft der Natur, d. h. einer Erdscholle spräche, er, der es lächerlich finden würde, wenn man seinen Eßlöffel, sein Brodmesser ooer gar seine Taschenuhr als von ungefähr oder dnrch selbststä ndige Verbindung der Stofftheile entstanden erklärte. Da gefällt unS doch der schon genannte Chateaubriand besser, ein Mann, der eben nicht als stumpfsinniger Dummkopf oder als gedankenloser Betbruder bekannt ist. Der aber hatte anch die überschwenglichen Philosophie scheu Systeme, wonach die christlichen Zustände „überwunden" sind, „neue Götter" daS Regiment übernommen und „allen alten GlaubenSsauerteig auS unsern Herzen ausgefegt" haben, der Reihe nach durchgemustert, und als er damit zu Stande war, da sagte er kopfschüttelnd: „Klr dien, tout cela veut svoir I'air cle cjuelcjue coose; pour moi, je tiens tiue le clurpelet cle mon eure est plus sür." Wenn wir übrigeng den Erfindern derartiger Systeme die von Andern daraus gezogenen blutigen Conse- quenzen nicht aufbürden wollen, so sind sie doch nicht von aller Schuld freizusprechen; denn sie hätten an Göthe'S „Zauberlehrling" denken können und sollen. — Und nun zurück zu Voltaire. Unter solchen Einflüssen begann der sechzehnjährige Jüngling seine literarische 300 Laufbahn mit dem Trauerspiel „Oedip", dem die Akademie den Pre!S versagte, und dafür vom Verfasser mit Epigrammen beschossen wurde. Wegen dieser Frechheit auS dem elterlichen Hause verjagt, ging der reizbare Poet mit der franzosischen Gesandtschaft nach dem Haag, kehrte aber bald wieder zu seinem besänftigten Vater zurück, nachdem er ihm versprochen hatte, sich mit Ernst auf die Jurisprudenz zu legen. Dieß Studium kam ihm jedoch nach kurzer Zeit so trocken vor, daß er eS ausgab. Nun griff er wiever zur Feder und schrieb eine satyrische Darstellung der letzten Rcgie- rungSjahre Ludwigs XIV., weßhalb er (1716) in die Bastille wandern mußte, wo er seine „Henriade" anfing. 1718 wurde er daraus entlassen und seinem „Oedip" der Preis zuerkannt. Neue Händel brachten ibn von Neuem in die Bastille, wo seine Haft dießmal nur sechs Monate währte, aber durch seine Verweisung auS Frankreich verschärft wurde. Er wandte sich nun nach England, und ließ dort seine inzwischen fertig gewordene „Henriade" unter dem Namen „I.» I.igue" zum erstenmal drucken. 1728 nach Paris zurückgekehrt, verfaßte er bei Gelegenheit der Bulle „Dnigenitus" seine Schrift „8ottisks cles cleux cüt6s." Zwischen 1730—1735 mußte er wegen seiner „I^vttres pruloscipniques", die das Parlament öffentlich verbrennen ließ, so wie wegen der „pucelle cl'Orleims", worin alle Blumauer'sche Unsittlichkeiten weit übertroffen find, seine Vaterstadt wiederholt verlassen, und seine Freundin, die Marquise von Chatelet zu Chivay in der Champagne, nahm den Flüchtling sreundlich auf. Seiner fruchtbaren Feder entflossen nach und nach eine Menge Werke, so die Romane: „Xach'g", „Kvrigiscdsm", „Lk>n), wir achten ihn sehr, fürchten ihn aber nicht, weil wir bei unsern geringen Leistungen stets darauf bedacht wareu und noch sind, daß Ansang, Mitte und Ende zu einander stimmen, unserer Freiheil unbeschadet. „8e bei. — Eine andere höchst löbliche Maaßregel der Regierung betrifft daö Kloster San Lorenzo vom EScurial ES ist ein Meisterstück der Baukunst, verbunden mit einer königlichen Residenz. König Philipp II. stiflcie cö zur Erinnerung an den Sieg von Saint-Quentin. Die Bewohnnng und Erholung veS GcbäudcS war den Einsiedlern vom heiligen HicronymuS übergeben. Als t836 die Mönchsorden aufgehoben wurden, mußten auch die Hieronymuen den ESc mal verlassen. Seitdem verfiel das Gebäude von Jahr zu Jahr. Endlich ist man zur Einsicht gekommen, daß eS eine Ehrensache für die Krone und Nation sey, dieses Bauwundcr deS alten katholischen Spaniens nicht zu Grunde gehen und den Zweck der Stiftung nicht ganz unerfüllt zu lassen. In den letzten Jahren wurden einige Wellgeistliche bestimmt, den Gottesdienst dort zu besorgen. Jetzt sind die Hicronymitcn zurückberufen worden. DaS königliche Dccret lautet: „Zu dem besondern und einzigen Zwecke der besseren Bewachung und Erhaltung deS königlichen Klosters San Lorenzo vom EScurial nach der Anordnung seines Gründers und zur Erfüllung der religiösen Stiftungen soll dort eine OrdenS-Congregation gegründet werden nach der Regel deS OrvenS vom heiligen HieronymuS, aber dem Diöcesaubischof oder meinem Großalmo- 302 seni'er untergeben und mit den nöthigen Modifikationen, worüber sich meine Regierung mit der geistlichen Behörde, nach dem Concordate, verständigen wird. Zu dem angegebenen Zwecke und zur Unterhaltung der Kongregation überweiseich, um dem Staate keine neuen Lasten aufzulegen, von der Veröffentlichung dieses Debets an den reinen Ertrag deS Theils der früher denselben Kloster gehörenden Güter, welcher an mein königliches HauS gefallen ist und als mein Privat-Eigenthum verwaltet wird." Auch die Fiauenklöster beginnen sich wieder zu füllen und fast jeden Tag hört man von Einkleidung reicher und vornehmer junger Damen. Bis jetzt bestehen nur solche Nonnenklöster, welche sich dem Unterrichte und den Werken der thätigen Nächstenliebe widmen, und die Regierung hielt eö bei Gelegenheit der Wiedereinführung der Hieronymiten in den EScnrial für nöthig, den Liberalen gegenüber zu erklären, daß sie nicht daran denke, die unterdrückten, dem beschaulichen Leben gewidmeten Orden wieder herzustellen; indessen wird auch in diesem Stücke die Zeit Rosen bringen. Die religiösen Bruderschaften gewinnen neues Leben, die feierlichen Trituen, Novenen und andere Andachten mehren sich, der Besuch der Kirchen anch an Werktagen nimmt in erfreulicher Weise zu, kurz Alles weise darauf hin, daß die Revolution in Spanien ihre Rolle ausgespielt hat, und daS Land wieder auf den rechten Weg zum wahren VolkSglücke einlenkt. Ilino illsg laei^mae! Uine illae teneursrum irao! *) Besondere Anerkennung verdient der Eifer, welchen die spanische Regierung in neuester Zeit entwickelt, um wieder einigen Einfluß im heiligen Lande zu gewinnen, welches den früheren Königen so vieles verdankt. Es gab eine Zeit, in der fast alle katholische Fürsten mit einander wetteiferten, die religiösen Anstalten deS heiligen Landes reichlich zu beschenken; und es gibt in ganz Palästina keine Kirche oder keine Sakristei, welche nicht einige Beweise davon aufzuweisen hat. Die beträchtlichsten Spenden hat jedoch daS heilige Grab aus Spanien empfangen. Jsabella, Königin von Castilien, wicS außer den werlhollen Kleinodien, deren sie sich zu Gunsten deS heiligen GrabcS beraubte, den Geistlichen ein jährliches Geschenk von tausend Gold- thalcrn an. Kaiser Carl V. ließ die Kirche, welche einzustürzen drohte, auf seine Kosten wieder herstellen. — Philipp II. sendete einen außerordentlich reichen Kirchenschmuck von schwarzem Sammt, auf dem mit ächten Perlen berrliche Darstellungen deS Leidens unseres Herrn und der vorzüglichsten Heiligen deS seraphischen Ordens gestickt waren. — Philipp III. und seine Gemahlin Margareiha setzten den Mönchen eine Rente von 30,000 Ducaten fest, schenkten Kelche, Meßgewänder, eine silberne Lampe, die größte, die eS damals gab, und vermehrten ihre Wohlthaten so sehr, daß man im Kloster gewöhnlich sagte: „Se. katholische Majestät erwählte sich daS heilige Grab znr Residenz, und die Königin Margarethe, machte sich zur Sacristanin desselben." Vor allen diesen zeichnete sich Philipp IV. auS; er allein hat für die Unterhaltung der heiligen Orte während der Dauer seiner Regierung mehr gethan, als die übrigen Fürsten in drei Jahrhunderlen. Im Jahre 1628 schickte er 30,000 Ducaten zur Ausbesserung deS Klosters zn Bclh'ehem, und vom Jahre 1640 bis 1652 sendete er den lateinischen Vätern, den Wächtern deS heiligen Grabes, sc> bedeutende Geschenke, daß man von ihm sprüchwörilich sagte: „er verwahre seiue Schätze im Grabe deS Herrn." — Carl III vermachte den religiösen Stiftungen im Oriente, wo die meisten lateinischen Priester Spanier waren, Fondö von 15 Millionen Realen, welche durch die seit 20 Jahren capilalisirten Zinsen jetzt auf 30 Millionen gewachsen sind. — Nun soll daS neu errichtete FranciScaner-Kloster San PaSqual wieder daö Contingent für daS gelobte Land stellen. Zugleich ist der Gmeralcomuiissär der Olira pis (»er Mission in Palästina), Herr Golfanqnez, von der Regierung nach Pnego geschickt worden, um das dortige große Kloster San Francisco für Novizen, die sich für die Mission im *) Zu bedauern ist es nur, daß leider in Folge der jetzigen neuen Revolution in Spanien alle diese Hoffnungen wieder vereitelt werden, so wie Alles, was eine bessere religiöse Richtung constatirte, nun desgleichen den verderblichen Rückgang nimmt. 303 heiligen Lande vorbereiten, einzurichten. Die Zahl dieser Novizen, die vorläufig zu Aranjuez untergebracht sind, mehrt sich rasch. — Spanien verlangt ein gewisses ihm zustehendes Protektorat über die heiligen Orte, wo sich zwei unter dem Schutze Ihrer katholischen Majestät stehende kaiholische Institute befinden, zurück. ES ist bereits eine Commission ernannt, um den Ursprung und den Umfang dieser Rechte, welche seilher außer Gebrauch gekommen waren, festzustellen. Auch ist ein General-Consul für Jerusalem ernannt worden, um die Prärogative der spanischen Krone zu überwachen. — Andere Consulate sollen zu Jerusalem, Jaffa, Ramla und Aleppo errichtet werden. Zur Deckung der Kosten hiefür sollen ein Drittlheil der Zinsen der FondS Carl III. und der Rest für den Cultus verwendet werden. Freilich werden durch den AuSbruch deö Krieges im Oriente, so wie durch die neue Revolution in Spanien diese löblichen Entwürfe für jetzt größtentheilS unausführbar werden. Kirchliche Notizen. Die „D. Vhl." entnimmt der „Civiliu cattolica" folgende Notiz auS Italien: Der 8. August war der fünfte Jahrestag von einigen kleinen Heldenthaten derjenigen Republikaner, die 1849 noch in Rom waren. Da sie vernommen, daß die rechtmäßigen Besitzer dcS „Collegio Romaiw" vermöge allerhöchster Willensäußerung schon vom 2. ab wieder in ihr Eigenthum zurückkehren dursien und wollten, so beeilten sie sich, den Eigenthümern das Gebäude in seinem vornehmsten Theile verbrannt zurückzugeben. Nun war aber das Feueranlegen an einem Orte, wo die Brandwächter oder PompierS ihr Quartier haben, nämlich dicht am Eingange des CollegiumS, kaum möglich. Was thaten denn nun unsere erfindungsreichen Volksbeglücker? Sie riefen eine Weile vor dem beabsichtigten Bubenstück die PompierS dieses Sanct JgnazviertelS herbei, um einen von ihnen selbst angelegten Brand eines Heubodens vor der „Porta di San Lvrenzo" auf dem Wege von Tivoli zu löschen; auch wußten sie unter andern Vorwänden die Vrandwächter der übrigen Viertel auS Rom zu entfernen. Und als nun das Feuer im „Collegio Romo.no" auSbrach, da waren entweder gar keine PompierS zum Löschen bei der Hand, oder die von Tivoli Zurückgekehrten waren so vereinzelt und so ermüdet, daß sie nicht helfen konnten. Dank also diesen neuen „Aufklärern" gingen in Flammen aus: die sogenannte „Congregazione della ScaKtta"; das reiche physikalische Cabinet mit allen seinen zur Nalurwissenschast dienenden Maschinen und Instrumenten, woran die Väter der Gesellschaft 25 Jahre gesammelt hallen, nebst der nicht weniger reichhaltigen Zugabe, einem Geschenk dcS „römischen Seminar"; die Aula Marima, vielleicht einer der größten Säle, worauf Rom stolz seyn kann; die Volircapelle oeS heiligen Ludwig von Gonzaga; ferner, wenn auch glücklicherweise nicht ganz, der schöne Saal vor dem Zimmer (5tan?g) deS heiligen Ludwig, Wir wollen hoffen, daß so große Tapferkeit und so viel guter Wille in den Annalen jenes goldenen Zeitalters der Republik von 1849, die nicht volle fünf Monate dauerte, mit dem gebührenden Lobe verzeichnet ist oder wird. Jetzt h.iben die Väter mit großem Kostenauswande die „Congregazione della Scaletta" wieder hergestellt, und zu unserer Freude, gewiß auch zur Freude der guten Republikaner, weisen wir auf den Umstand hin, daß der frühere Hängeboden durch ein Gewölbe ersetzt ist, das die „Scaletta" um vier Meter erhöht, woraus denn folgt, daß, trotz deö Sprüchworts, nicht jedes Uebel zum Schaden ausschlägt. Wir zweifeln nicht, daß mit der Zeit unter GotteS Beistande auch die übrigen Spuren der 1849er „Ausklärung" allmälig verschwinden werden, obschon wir, wie'gesagt, nicht wünschen, daß die Erinnerung daran zugleich mit verloren gehe. NdV i»» aUlnubinV '>>>ii Hnit» ^KlN'-li-!.' Oiv ki> »»Hi-Zs uz « AIS Beweis, wie sehr verschieden die Gesinnung der badischcn Regierung von der der untergeordneten Beamten ist, gelte folgende Correspondenz deS „Schw. Merk." vom 22. Aug. „Heute firmt im Auftrage deö Herrn ErzbischofS zu Freiburg der Bischof 304 Weis von Speyer in Wiesenthal, morgen in Vhilippsburg, übermorgen in Bruchsal. Die Ortsvorständc hatten mit ihren Gemeinden beabsichtigt (MerkuriuS prüft Herzen und Nieren), an diesem Acte nicht in ihrer politischen Eigenschaft und korporativ, sondern nur einzeln als Katholiken Antheil zu nehmen, so daß man also außer der Kirche von der Anwesenheit deS Herrn Bischofs wenig oder nichts bemerkt hätte. Dieser Absicht entgegengesetzt erhielten die betreffenden A»mtSvor- stände von Karlsruhe die Weisung, dahin zu wirken, daß der Bischof von Speyer seinem Stande und seiner Würde gemäß auch von den Gcineinden, als solchen, auch außer der Kirche empfangen werde. >Ni Ptlj^ >N'j^!I5<) Ills N^>? « Wien. Einem Schreiben in den Rheinischen Volksblättern entnehmen wir folgende Notiz: »In einem StrafhauS bei Wien, worin an 15» Criminalsträflinge weiblichen Geschlechts sich befinden, die ans ein, zwei, fünf bis zehn Jahre, die meisten in Eisen, vcrnrtheilt sind, haben sechs Nonnen und zwei Laienschwestern auS dem Orden der Frauen zum gnten Hirten die alleinige Aufsicht, Leitung und Versorgung der ganzen Anstalt. Keine Mannsperson ist im Hause, auch keine Wache; unter Gebet und Arbeit wechselt das Tagwerk, — Zur Osterzeit dieses JahreS war allgemeine Beichte; die Theilnahme war Jedem frei gestellt. Ein paar Tage vor der bestimmten Zeit waren von den 150 Sträflingen nur drei, die sich weigerten, zur heiligen Beichte zu gehen; sie schimpften über die Dummheit, daß man Gott seine Sünden hersagen solle. Alle Zureden von Seiten der Ordensfrauen und deS Geistlichen wollten nicht anschlagen. Endlich kamen am vorletzten Tage von diesen Dreien noch zwei zur Oberin und baten um den Beichtvater. Darüber gerielh die dritte fast in Wuth, besonders gegen die zwei, und geberdete sich so arg, daß man schon daran dachte, sie wegen ihrer gotteslästerlichen, wahrhaft teuflischen Reden auS der Anstalt zu emsernen. Alle Hoffnung, durch Zureden in Ernst und Güte auf sie einzuwirken, war verschwunden. Nur noch ein Mittel, von dem man sich Erfolg versprach, war übrig: das Gebet. ES wurde nun eifrig für dieses arme Geschöpf gebetet, und iiihe da, am folgenden Morgen kam diese Person gan; verstört zur Oberin, erklärte, daß sie zwar mit allen Kräften gegen Gott sich gewehrt habe, daß nun aber alle ihre Kraft aufgezehrt sey und daß sie nicht mehr widerstehen könne; sie bitte daher, ihr den Beichtvater zu schicken, sie wolle sich mit Gott ernstlich versöhnen. Sie hat daraus gebeichtet, mit den Andern communicirt und darf von demselben Tage an zu den Bessern in der Anstalt gerechnet werden. — Mehrere, welche ihre Strafzeit überstanden haben, haben die Oberin gebeten, in der Anstalt bleiben zu dürfen. Sie wollten gern jeden Gehorsam leisten und mit der schlecht-stcn SlräflingS- kost zufrieden seyn — nur solle man sie in der Anstalt lassen; denn seiidem sie das Bessere kennen gelernt hätten, wollten sie von der Welt nichlS mehr wissen, in der sie nur neuen Gefahren entgegengingen. — Wahrlich, wenn man dieses Wiener StrashanS betrachtet und daneben unsere Strafanstalten stellt, prachtvolle Gebäude, mit militärischen Wachen, mit einer Schaar von Directvren, Inspektoren, Rendanten und Aufsehern, mit ihren ungeheuern Ausgaben und — wenigem Erfolge, so kommen Einem eigene Gedanken." z' ... ^'.>>) '«i"-!).'7! '?>- >> ^ .ru'I 5::lU>>.ljj n>6 » Bern. Berner Blätter melden, der heilige Vater habe für den projectirten Bau einer katholischen Kirche in der VundcSstadt 21,500 Franken gezeichnet. Gewiß ein großmüthiger Act der Wohlthätigkeit, besonders wenn man bedenkt, daß der heilige Vater für so viele Bedürfnisse auf der ganzen katholischen Welt oder nur in Europa zu sorgen hat und. auch wirklich auf väterliche Weise sorgt. Erstaunlich ist eS, von so vielen und so großen Spenden nach allen Richtungen zu hören. Gott segne und erhalte noch lange unsern heiligen Vater PinS IX. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlag»-Inhaber: F. E. Kremer. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Äügstmrger PostMtung. 24. September AN. 1854. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Gvuutage. Der halbjährige Abouucmenlsprei» kr., wofür e« durch alle kvuigl. baver, Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden k>.nn. Die abgelaufene englische Parlamentsfession in ihrer Stellung zu den katholifchen Interessen. *) Die englischen Blätter aller Farben sind darin einstimmig, daß die kürzlich abgelaufene Parlamentssession nicht zu den fruchtbaren gehört lM Die Reformbill, welche eigentlich die Hauptmaßregel der Session werden sollte, ist zurückgenommen, desgleichen eine Anzahl anderer Gesetzentwürfe, wieder andere sind durchgefallen, und nur einige minder wichtige sind angenommen worden. Ueber den Krieg ist viel geredet, aber einen großen Einfluß hat das Parlament in dieser Hinsicht nicht ausgeübt. Ja die Session hat nicht einmal eine einzige „große Debatte" auszuweisen. In Einer Hinsicht aber ist die Session fruchtbarer gewesen, als die meisten frühern, an DiScussioncn über kirchliche und religiöse Gegen staub e. Ein Londoner Blatt zählte schon vor einigen Wochen ganz genau auf, an wie vielen 'Abenden über religiöse Fragen diScntirt und wie vielemal über solche abgestimmt sey; ich habe die Zahl vergessen, sie war ober sehr groß. Mit wenigen Ausucchinen halten diese DiScuisiouen auf katholisch-kirchliche Verhältnisse Bezug, und man darf eS wohl als einen Beweis dafür ansehen, daß die katholische Kirche im brittischen Reiche eine Macht geworden ist, die man wenigstens nicht ignoiiren kann, wenn in einer Session so vielfach von ihr die Rede war, deren Aufmerksamkeit sonst fast ausschließlich von der KriegSsrage in Anspruch genommen wurde. Leider gab sich aber auch in dieser Diskussion ein starkes und sehr weit verbreitetes Gefühl der Abneigung gegen n'e Kirche und ihre Institutionen kund, und man kann sich nicht verhehlen, wenn unter Verhältnissen, wie die jetzigen sind, wo eS mehr alS je im Interesse deS englischen Staates liegt, bei allen Parteien und Confessiouen und ganz besonders bei den kacholischen Jrländern Vaterlandsliebe und Opferwilligkeit recht rege zu erhalten, wo England, um nach Außen mächtig zn seyn, im Innern recht einig seyn müßte, — wenn unter solchen Verhältnissen die Feindschaft gegen die katholische Religion und die Bitterkeit gegen ihre Bekcnner so stark hervortreten konnte, dann mnß sie sehr tief eingewurzelt seyn. Man hatte von der jetzigen Regierung, als sie an die Stelle von Lord Derby's Cabinet trat, erwartet, sie werde sich durch eine milde und billige Polilik gegen die Katholiken auszeichnen. Die hervorragendsten Mitglieder derselben gehöeen der Peelilen- Partci an, die in dieser Hinsicht immer in gutem Rufe stand; mehrere derselben hatten sich bei der Debatte über die Titelbill durch eiue eifrige und beredte Bekämpfung der antipapistischen Tendenzen Lords John Russell's ausgezeichnet; einzelne untergeordnete ministerielle Aemter wurde», was unter Russell'S uud Derby'S Verwaltung nicht vorgekommen war, Katholiken übertragen, und bei der ungefähr gleichen Slärke der Partei ») Aus Fr. v. Florencourt's politischer Wochenschrift. 306 der Whigs und Peelilen einerseits und der Partei der Torieö anderseits schien die Regierung schon von selbst darauf angewiesen zu seyn, sich der Unterstützung der Jrlän- der zu versichern. ES hat nun allerdings das jetzige Cabinet in dieser Session keine Titelbill eingebracht, wie Russell, und keine königliche Proklamation gegen katholische Processionen und gegen die AmtStracht der katholischen Priester erlassen, wie Derby, überhaupt nicht in eclatanter Weise die Rechte und Gefühle der Katholiken verletzt; aber von einer billigen und geneigten Gesinnung gegen die Katholiken war in dem Benehmen der Minister nicht manche Spur zu finden. Von Parität ist wohl in keinem protestantischen Staate so wenig die Rede, wie in England, und selbst die jetzigen Minister scheinen sich mit dem Gedanken gar nicht befreunden zu können, daß die katholischen Unterthanen der Königin doch auch einigen Anspruch auf Berücksichtigung ihrer religiösen Interessen haben. Die sämmtlichen katholischen Bischöfe der vereinigten Königreiche wandten sich in einer Denkschrift an das Ministerium mit der Bitte, doch für die religiösen Bedürfnisse der zahlreichen Katholiken im Heere und auf der Flotte, namentlich während des jetzigen Krieges, bessere Fürsorge zu treffen: Lord Aberdeen antwortete mit einigen schönen Redensarten und mit einer bittern Abweisung. Zu wiederholten Malen wurden die religiösen Bedürfnisse der Katholiken auf der Flotte im Unterhaus? zur Sprache gebracht: Sir JameS Graham berief sich dem gegenüber auf die „bestehenden Reglements." Man kann Lord Palmerston die Anerkennung nicht versagen, daß er als Staatssecretär des Innern Manches gethan hat, um den katholischen Geistlichen den Zutritt zu Gefangenen und' Sträflingen kaiholischer Confessiou zu ermöglichen; aber auch in dieser Hinsicht ist noch viel zu wünschen übrig, uud als Palmerston beim Unterhause eine kleine Vergütung für einige katholische Geistliche, welche die Gefängnisse besuchen, beantragte, da gelang eS den Fanatikern rechts und links, eine kleine Majorität gegen den Antrag zusammen zu bringen. Die gegen die Kirche feindlichen Anträge, welche in der verflossenen Session zur Discnssion gekommen sind, gingen nicht von dem Ministerinin aus; die meisten Minister haben dagegen gestimmt, einige dagegen gesprochen; aber auch bei denjenigen Anträgen, welche von einzelnen Ministern ganz entschieden als ungerecht uud verwerflich bezeichnet wurden, ist nicht das Cabinet als Ganzes zu Gunsten der Katholiken aufgetreten und eben so wenig hat es seinen Einfluß auf die ministerielle Partei in diesem Sinne geltend gemacht. Solche antikalholische Anträge gingen auch keineswegs bloß von Mitgliedern der Opposition auS; einer der schmählichsten darunter, der Antrag auf eine Untersuchung der Frauenklöster durch eine besondere Commission, hat einer. Whig, T. ChamberS, zum Urheber, und wiewohl Lord I. Russell mit anerkennungS- werthem Eifer dagegen sprach, haben viele seiner Partei, namentlich die schottischen Liberalen, welche sich überhaupt durch antipapistischen ZelotismuS auszeichnen, dafür gestimmt. Ein ähnlicher gegen die Klöster gerichteter Antrag ist bekanntlich schon in den zwei oder drei letzten Parlamenlssessionen gestellt, aber jedesmal durchgefallen. Dicßmal hat ChamberS mehr Glück gehabt: das Unterhaus beschloß wirklich die Niedcr- sctzung einer Untersuchungscommission; die Mitglieder derselben waren bereilö vorgeschlagen und nur dem unermüdlichen Widerstande und der geschickten Taktik einiger irischen Mitglieder ist es zu danken, daß für dieses Jahr noch das Scandal eines Verhörs der englischen Klosterfrauen durch UnterhauSmirglieder unterbleibt. Die Geschäftsordnung des englischen Parlaments gibt bekanntlich den einzelnen Mitgliedern und der Minorität viele Mittel an die Hand, sich einigermaßen gegen Unterdrückung durch Majoritäten zu schützen; zwei Mitglieder können immer auf Vertagung der Debatte und auf Schluß der Sitzung antragen und jedesmal eine förmliche Abstimmung über diesen Antrag verlangen; die Majorität kann nie gewaltsam die Debatte abschneiden und dergleichen. An sich ist eS nun freilich ein Mißbrauch der Geschäftsordnung, wenn einige Mitglieder bei einer offenbaren Majorität und nach vollständiger Erschöpfung des Gegenstandes durch solche Mittel die Erledigung einer Frage hinausschieben; aber wer will eS den katholischen Jrländern verargen, wenn sie einer Majorität gegenüber, 307 die gegen Gründe und Bitten taub ist, alle gesetzlich erlaubten Mittel anwenden, um gegen ihren blinden Eifer zn kämpfen? Bei dem Chambers'schen Antrage ist eS ihnen wirklich gelungen, durch ihren hartnäckigen Widerstand bei jedem Schritte, durch endlose Reden und durch stets wiederholte Abstimmungen über Vertagung das Unterhaus so gründlich zu langweilen und zu drangsaliren, daß man es endlich für gerathen fand, ihnen für dieß Jahr uachzugeben und die Sache bis zur nächsten Session ruhen zu lassen, um zu andern wichtigern Geschäften übergehen zu können. Whiteside, ein Mitglied deö Derby'schen Ministeriums, hatte an den Chambers'schen Antrag einen ähnlichen angeschlossen, wodurch den Klosterfrauen daS Recht beschränkt werden sollte, über ihr Vermögen zu Gunsten ihres Klosters zu di'Sponiren; er hat eS, durch daS Schicksal des Chambers'schen Antrags gewarnt, gleichfalls für besser gehalten, die Sache für dieß Jahr fallen zn lassen, wiewohl er einer Majorität sicher seyn konnte. Spooner, vielleicht der schroffste und eigensinnigste Gegner der Katholiken im Unterhause, hat s-leichfalls mik seinen antipapistischen Anträgen für dießmal kein Glück gehabt, wiewohl er es an Eifer nicht hat fehlen lassen. Sein Antrag, die von der Regierung dem katholischen Seminar zu Maynooth gezahlten Subsidien, wenn nicht wegsallen zn lassen, doch wenigstens von der jährlichen Bewilligung deS Parlaments abhängig zu machen, ist durchgesallen und von der Commission, welche auf seinen Antrag voriges Jahr niedergesetzt wurde, um daS im Semiuar befolgte ErziehnngS- system zu untersuchen, hört man bis jetzt so gut wie nichts. Der Erfolg der antikalholischen Bestrebungen im Parlamente ist überhaupt in dieser Session sehr gering gewesen. DaS ist aber auch unwichtig in Vergleich zu der unbestreitbaren Thatsache, daß die feindliche Gesinnung gegen die katholische Kirche in dieser Session im Parlamente sehr stark in den Vordergrund getreten ist, trotz der wichtigen Frage, von welcher man hätte erwarten sollen, daß sie alles Andere zurückdränge» würde. Auch ist nichr zu läugnen, daß die Gegner der katholischen Kirche im Parlamente in den letzten Sessionen allmälig immer mehr Terrain gewonnen haben, und wenn nicht ein plötzlicher Umschwung eintreten sollte, ist zu erwarten, daß in der nächsten Session eine Maaßregel gegen die Klöster durchgeht, daß schon bald die Maynooth-Dotation zurückgenommen wird, unv daß die DiScussion sich in den nächsten Sessionen schon um die Aushebuug der Katholiken-Emancipation drehen wird, — man spricht schon stark davon, eS werde in der nächsten Session ein darauf bezüglicher Antrag eingebracht werden. Ich halte eS für eine unrichtige Auffassung, wenn man diese ganze Bewegung bloß als eine Aeußerung deS blinden und gemeinen Hasses gegen die Kirche ansieht. Allerdings sind, vielleicht Nordamerika ausgenommen, wohl in keinem Lande unter den Protestanten die Vorurtheile gegen die katholische Kirche so stark und so weit verbreitet, wie in England und Schottland, Die unsinnigsten Fabeln von den Greueln der „römischen Kirche," von der Herrschsucht der Priester, den Intriguen der Jesuiten u. s. w. finden dort noch gläubige Hörer und Leser und die Schmutz- und Lügen-Literatnr läßt eS an Bemühungen nicht fehlen, die Vorurthn'le zu unterhalten. Selbst in den größern Zeitungen findet man in dieser Hinsicht Mißverständnisse. Unwissenheit und Lügenhaftigkeit, die an'S Unglaubliche gränzen. Unter den Gebildeten gilt die katholische Religion mindestens für eine eines englischen Gentleman unwürdige, wohl hauptsächlich darnm, weil sie die Religion Paddy'S, deS verachteten JrländerS ist. Der Glaube, der Papst strebe dauach, Ihre allergnädigste Majestät zu entthronen und daS englische Reich durch einen Cardinal-Legaten regieren zu lassen, ist weiter verbreitet, als man für möglich halten sollte. Die Uebertritte zur katholischen Kirche haben bei der großen Menge nur dazu gedient, die Abneigung gegen die Kirche zu verstärken und auch auf die Puseyiter auSzudelmen. Daraus erklärt sich, daß dem großen Hansen Alles gründlich zuwider ist, was ihn an die Fortschritte erinnert, die der Katholicismus unverkennbar in den letzten Jahrzehnten in England gemacht hat. Daraus erklärt sich daS Gemisch von Angst und Unwillen, welches sich regt, wenn der Katholicismus in die -303 Oeffeutlichkeit tritt, während man seine Eristenz so gern ignoriren möchte. Als der Papst die kirchliche Hierarchie wieder herstellte, entstand darum eine große Bewegung, während man sich an die Eristenz der apostolischen Vicare schon gewöhnt hatte. So ist auch jetzt die antipapistische Aufregung fast nnr gegen Dinge gerichtet, wodurch man in sehr fühlbarer und unangenehmer Weift an die stillwirkeude Macht der Kirche erinnert wird, gegen die Klöster, daS katholische Seminar, daS Wirken der katholischen Geistlichkeil im Heere, ans der Flotte, in den Gefängnissen u. s. w. (Schluß folgt.) Der Tob Boltaire'S. (Fortsetzung.) Können und wollen wir daher aus den citirten Fragmenten auch keinen Schluß auf Voltaire'S literarische Befähigung ziehen, so möchten sie doch diejenigen, welche mit den Werken dieses Schriftstellers vertraut sind, an dessen hin und her schwankende GemüihSverfassung erinnern, deren Grund wir bereits angegeben zu haben glauben. Eine krankhafte Reizbarkeit, die Folge seines unablässigen Bemühens, jeden Stoff, der, gehörig abgegränzt unter seinen geschickten Händen, die Kunst oder Wissenschaft bereichert und verherrlicht hätte, als Mittel zur Vernichtung des Christenthums aufzufassen und zu verarbeiten, oder, wo der Stoff selbst diesem Zweck widerstrebte, durch Noten zum Tert nachzuhelfen, diese Reizbarkeit hat allen Voltaire'schen Geistesproducten ihr Siegel aufgedrückt und sie der Vergänglichkeit geweiht. Vielleicht sind seine kritischen Beurtheilungen der Tragödien Corneille's die einzige, gewiß eine von den seltenen Ausnahmen, wo wir mit innerer Befriedigung einer rein künstlerischen und wissenschaftlichen Thätigkeit begegnen, die uns aber auch wieder das Bedauern abnöthigt, daß ein so Heller und ernsten Studien nicht fremd gebliebener Kopf sich und uns durch eigenes Verschulden um seinen Beitrag an gediegenem Golde gebracht hat, woran die Schatzkammer der Literatur wahrlich noch jetzt Ueberfluß besitzt. Statt dessen sehen, hören oder ahnen wir auf jeder Seite seiner Schriften daS eben so geistlose als unkünstlerische und unwissenschaftliche „Louvens? vous cls leergser!" DaS steht in Fraciurschrift in seinen Brüstn an D'Alembert, Diderot u. A., in Andentungen, Renitenzen und auch ganz ausgeschrieben an tausend Stellen, wo es der Einheit deS bihandelnden Gegenstandes schadet, also anch schon ästhetisch zu seinem Ankläger wird: „v«5ni'or6" verhielt eS sich anders. Diese mächtige Herrscherin hatte zwar auch einen großen Ruf; allein dieser Ruf konnte sich nicht wie der Friedrichs aus sein eigenes Postament hinstellen und sprechen: „Ich bin ich", und eS war ihrem weitschauenden Blicke nicht entgangen, daß Männer, wie Diderot, d'Alembert und Voltaire, welche die öffentliche Meinung, und mit ihr Ruhm und Schande, in der Hand haben, mir Achtung und Zuvorkommenheit behandelt werden müssen, wenn sie ihre Hand zn unsern Gunsten öffnen sollen. Daher waren denn anch besonders die drei Genannten der Gegenstand ihrer unermüdlichen Huld und Aufmerksamkeit, und Voltaire erhielt von ihr außer andern werthvvllen, oft wiederholten Geschenken ihr mit Brillanten besetztes Bilbniß. DaS dürfte nichc unvergolten bleiben und blieb eS auch nicht. WaS endlich die über- schenen, in Dunkelheit und Mangel vegetirenden Gelehrten, Künstler und Schriftsteller anbelangt, so haben wir nicht weit auszuholen, um diese Erscheinung zu erklären: ihr Verdienst macht sie mißtrauisch gegen sich selbst, dieß Mißtrauen erzeugt Bescheidenheit, Bescheidenheit drängt sich nicht vor, und wer sich nicht vordrängt, wird nicht bemerkt und geht überall leer aus. Die Folge davon ist denn natürlich, daß sie in Armuth gerathen und verkümmern, und Armuth ist in den Augen der Welt, trotz dem deutschen und französischen Sprichwort, eine Schande und ein Laster. Solche paradoxe Begriffsverwirrung ist gar nicht selten, selbst bei hochstehenden, in der Logik und Sittcnlehre gut bewanderten Männern; sagte doch der berühmte Talleyrand, als ihm die Erschießung des Herzogs von Enghien zu Ohren kam, mit diplomatischem Kopf, schütteln: „L'est plus yu'un orime, c'est une kaute." (DaS ist mehr als ein 310 Verbrechen, eS ist ein Fehler.) Voltaire aber kannte die Ansicht der Welt sehr gut, und wollte sich um keinen Preis des Lasters der Armuth schuldig machen, sondern, und dieß auch um jeden Preis, reich werden. Wir wollen ihn ungesehen begleiten, um seine Mittel zum Zwecke kennen zu lernen, und sind darunter welche, die vor dem Richterstuhl der Moral, der Gerechtigkeit, und selbst vor dem der konventionellen Ehre, schlecht bestehen, so mag er's verantworten. Mit der Aufführung seiner Dramen machte er den Anfang, dann folgte die Herausgabe seiner Werke aller Art und in allerlei Format. Pensionen,auf den königlichen Schatz, auf die Privatschatulle der Königin und des Herzogs von Orleans, Lotterien, Handel mit Gemälden, Diamanten und Getreide, lieferten das dritte Contingent. Darauf kommen Verträge mit Buchhändlern aus den vornehmsten Städten Frankreichs, Englands, Hollands, Deutschlands und der Schweiz, wobei einmal vier zu gleicher Zeit dasselbe Manuscript um schweres Geld an sich brachten, indem Jeder nach der Versicherung des AutorS darauf geschworen hatte, der alleinige Bevorzugte zu seyn. Lieferung von Lebensmitteln und Kleidungsstücke an die Armee, Actien, Antheil an Schiffen, Kontrakte, Wechselscheine, Geldverleihen gegen Leibrenten und ans Hypothek, Tratten, Geldwechsel :c. rundeten den Haufen immer mehr. Diplomatische Unterhandlungen, vor-heilhafte Übertragung von Sinecuren, Rückverschreibungcn, Erbpachte, Urbarmachung weitschichtiger Haidcn, Selbstbewirthschaftung von drei beträchtlichen Kron- gütcrn, Allodien, Zehnten, Anlage von Mannfacturen, Hänserverkauf, Spiel, Spion- dienste, gemeine Speculationen, Stellionat und andere schändliche Gaunereien, steuerten ebenfalls nicht wenig bei, und die Ausbreitung aller Stände setzte dem Werk die Krone aus. Seine Kammerdiener, die auch seine Schreiber waren, Verwandte und Freunde, vom Schauspieler und Taglöhner bis zum Autokralor aller Reußen, kurz, keiner blieb ungerupst, um den hab- uud ehrgierigen Federhelden zum Millionär, Grafen und Grundherrn zu machen. Voltaire liebte Pracht und Wohlleben, aber nur, wenn sie ihm nichiS kosteten. Darum wanderte er in seiner Jugend von Schloß zu Schloß, und in seinen reifen Jahren sah man eine Präsidentin, eine Baronin und eine Marquise um die Wette alten Anstand bei Seite setzen, um ihn auf ihren üppigen Landsitzen zu beherbergen, zu bewirthen und zu lobhudeln. Er war mich ein zu guter Rechner, um nicht längst herausgebracht zn haben, daß Briefporto, Steuern und Einquartierung die Einkünfte deS davon Heimgesuchten nicht vermehren, und Halle er, der damals schon zwei Meilen Grund besaß, Klugheit und Einfluß genug, um sich von diesen drei lästigen negativen Erwerbsmitteln Befreiung zu erwirken. Und so hatte er denn endlich auch die Freude, Dankseiner Ausdauer und tausend zweibeinigen Künsten und Kniffen, sich an der Spitze von 140,000, sage einhundertvierzigtausend Livreö Renten zu sehen, etwa so viel, als sein berühmter College, unser Zeilgenosse, Herr Scribe zu Paris, sich mit eigenen und fremden Fingern zusammengeschrieben hat. Legen wir diesen Mammon nun mit den übrigen uns schon bekannten Vorzügen Voltaire'S in die eine Schaale, Edelmuth, Selbstverläuguung, Rechtschaffenheir und Frömmigkeit 'in die andere, und geben dann die Waage selbst in die Hand des Jahrhunderts, das mit bewuudernSwürdiger Gewandtheit bis an die Knöchel, was sagen wir? bis an die Kniee und höher im Schlamme watete, ohne seine Eöcapins und weißseidcne Strümpfe zn beschmutzen, so wird eS Niemanden auffallen, wenn jene von beiden Schaalen sinkt, diese in die Höhe geschnellt wird, und Jever wird die colossale Pyramide von Lorbeerkränzen begreifen. worunter der neue Krösus seine colossalen Schätze verbergen konnte. Was Hals's, daß Kritiker wie Frervn seine Schriften geißelten, Bischöfe das Anathem über sie ausspracken, Parlamente sie ver- mtheilten, Zollbeamte sie in Beschlag nahmen, der Henker sie verbrannte? Minister und Gesandte verschlangen sie, und schickten sie unter ihrem Couvert über die Gränzen, in alle Länder dießseitS und jenseits des MeereS, um alle Throne zu erschüttern, in allen Köpfen den Geist der Revolution aufzurufen und zn nähre». Wir haben uns nur auf eine Skizze von Volicüre'S Leben einlassen können, da hier zunächst sein Tod besprochen werden sollte. Wir erwähnen daher auch bloß, und zwar mehr um 311 uns selbst eine Brücke zu bauen, als um den Lesern etwas Neues zu berichten, daß er in srühern Jahren mehrmals aus Frankreich oder aus der Hauptstadt verbannt wurde. Diese Crilsperioden benutzte er zu freiwilligen oder gezwungenen Wanderungen nach Cvlmar, Liineville, Lyon zc, bis er sich zu TW'zeS und dann zu Ferney, beides in der Nähe von Genf, bleibend niederließ. Hier gründete er eine Kolonie von 12l)l1 Personen, worunter verschiedene Künstler, namentlich Uhrmacher, und sorgte väterlich für ihr Aufblühen und Gedeihen. Hieher ließ er auch die Enkelin Corneille's kommen, überhob sie aller Nahrungsqnalen, hielt ihr Lehrer für'S Nothwendige, wie für'S Angenehme, und veranstaltete zu ihrem Besten eine Subscription, woran fast alle Fürsten Europa'S Theil nahmen. Hier erlebte er die Demüthigung, daß Joseph II. Haller besuchte und ihn vorbeiging. Aber hier sollte er auch zu einem beispiellosen Triumphe nach Frankreichs Hauptstadt zurückberufen werden, und alle seine zerstreute Siegesbeute wie zu Einem großen Ehrendenkmal versammelt sehen. Dieser Feier, die Voltaire nur wenige Monate überlebte, wollen wir noch beiwohnen. Sie erfolgte im Jahre 1773, und der Gekrönte war also inzwischen ein vierundachtzigjähriger Greis geworden. (Fortsetzung folgt.) - , . „ ,, Kirchliche Notizen. Der Elberf. Ztg. wird aus Berlin geschrieben: „Wir haben bereits früher darauf hingewiesen, daß die barmherzigen Schwestern namentlich bei den hiesigen Innungen, mit denen sie vielfach Verträge in Betreff der Pflege der Kranken ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses abgeschlossen haben, in großem Ansehen stehen. Bei dem nicht geringen Mißtrauen, mit welchem sie Anfangs auS dem Grunde hier zu kämpfen hatten, weil man sie als Vorläuferinnen der Jesuiten betrachtete, ist die Gunst, welche die barmherzigen Schwestern sich bei den hiesigen V^lkSclassen im Allgemeinen erworben haben, eine bemerkenswerthe Thatsache. Die Zahl der hiesigen barmherzigen Schwestern wird, wie man hört, noch vermehrt werden." ^ « ^ Prag. Am 27. August wurde die Mission geschlossen, welche — in Böhmens Hauptstadt die erste dieser Art— vom 21. bis 27. dieß im k. k. Provincial-ZwangS- ArbeitShause auf dem Hradschin gehalten worden war. Es bctheiligten sich daran die Väter der böhmisch-deutschen Mission des Capuciner-OrdenS: P. AloiS (Superior), P. Bernard, P. Ubald, P. Theodor. Von 181 Eorrigenden und 150 Sträflingen blieb nicht Einer zurück Alle machten die ganze Reihe dieser geistlichen Exercitien mit und empfingen die Keiligen Sacramente der Buße und des AltarS, obschon die Theilnahme an dieser Mission Jedem freigestellt war. Ein unS über diese Mission zugehender Bericht hebt hervor, daß die meisten ihre Generalbeichten mit erhebender Zerknirschung und inniger Rührung verrichteten. Bei der Communion gingen die Beamten mit schönem Beispiel voran, indem sie sammt ihren Gemahlinnen die ersten zum Tisch des Herrn traten. Der ergreifendste Act war am Donnerstag die Abbitte vor dem hochwürdigsten Gute, welches in feierlicher Procession unter zahlreicher Assistenz von Capuciner-Priestern und unter Begleitung der Hauswache getragen und auf dem am Hofe eigens dazu errichteten Altar ausgestellt wurde. LauteS Weinen und AuSruse inniger Reue unterbrachen öfter die erschütternde Rede des Predigers. Eben so erhebend war Samstag die Kreuzweihe, der die Kreuzpredigt folgte. Die nachmittägigen deutschen, so wie die abendlichen böhmischen Predigten waren auch von vielen frommen Gläubigen auS der Stadt besucht. Seine Eminenz der Herr Cardinal Fürst Schwarzenberg, auf dessen Veranlassung diese Mission abgehalten wurde, hatte für den ganzen Stand des ZwangS-ArbeitShauses auS eigenen Mitteln Missions-Andenken und Rosenkränze anschaffen und jedem Einzelnen eine Zubesserung angedeihen lassen. » » .1'n !ti»»Ptt!>-tgKll!>>jt ^ .»5 y> n " ^iS ! 1U»NM» '^M^UiKtih ndu» äii>n' .s,i5, ., > >.-.,. - » « Wien. Eine Anzahl von Mitgliedern deS katholischen Gcsellenvereins von Wien, 52 an der Zahl, haben sich bei der Subscription zum Nationalanlehcn mit dem Ge- sammtbetrage von 5210 fl. betheiligt, welches um so lobenSwerther ist, indem dieselben unter den jetzigen Zeilverhällnissen nur einen geringen Wochenlohn beziehen und alle Lebensbedürfnisse sehr theuer sind. Es sind mehrere dabei, welche 100 bis 500 fl. gezeichnet haben. Dieselben übergaben ihrem Sebutzvvrstande die Kaution, um selbe für sie zu erlegen, welches auch sogleich bei der Filialcasse am Neubau geschah. » « » Mainz. Mit Ausnahme von ganz alten und kranken Priestern gibt cö in der Diöcese keinen Geistlichen mehr, der die geistlichen Ererciiien nicht mitgemacht hätte. Bei den zu Ende August hier abgehaltenen heiligen Uebungen, die P. v. Lamezan geleitet har, waren über 150 Priester gegenwärtig. Sogar ein ehrwürdiger, fast ganz erblindeter Greis, der immer geführt werden mußte, wohnte denselben bei. * 5 * Der Lieutenant im k. k. Kaiserjäger-Regimente, Graf von Mohr, welcher für eine glänzende Waffcnthat mit der großen goldenen Verdienstmedaille belohnt wurde, hat auf Pension und Medaillen-Zulage Verzicht geleistet und wird in den Orden der PP. Capuciner eintreten. _ Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlag«-ZuHaber: F. C. Bremer. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augslmrger PojiMtung. 1. Oktober M- ^ 1854. . --- Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abo»uement«vrei« Tl) kr., wofür e« durch alle köm'gl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kaun. Gegrüßt seyst du. Maria. Ein Röslein wundersam erblüht, Umwogt von Purpurschimmer; Vom reinsten Himmelsduft durchglüht, So lieblich wie wohl nimmer. Die Blümlein nahen all' im Kreis, Und sprechen sanft in ihrer Weis': Gegrüßt seyst Du, Maria! Von dieser Erde unversehrt, Bewahrt's die Hcrzensblüthen: Bleibt ganz allein zu Gott gekehrt, Die Liebe treu zu hüten. Um seine Blätter süß und lind, Melodisch spielt der Frühlingswind: Gegrüßt seyst Du, Maria! Ein ahnungsvoller Strahlenschcm Zieht durch der Seele Spiegel, Als ruhte in dem Hcrzensschrein Ein tlefverschloss'nes Siegel, Das nimmer seine Lösung fand, Weil es den Gruß noch nicht verstand, Gegrüßt seyst Du, Maria! Die abgelaufene englische Parlamentssession in ihrer Stellung zu den katholischen Interessen. (Schlnß.) Es ist zu hoffen, daß diese Abneigung einer großen Masse der englischen Protestanten, eben weil sie hauptsächlich auf Unwissenheit und Vornrtheilen beruht, allmälig abnehmen wirv; aber jetzt ist sie sehr stark. Im Parlamente sind solche Gegner der Kirche natürlich nicht so zahlreich, wiewohl eS deren gibt; aber zahlreich sind sie unter den Wählern, und es ist noch wohl in der Erinnerung, welchen Einfluß die antipapistische Aufregung auf die letzten Wahlen ausgeübt und wie gewissenlos und erfolgreich sie damals vielfach ausgebeutet wurde. Und leider gibt cS nicht 314 wenige Mitglieder des Unterhauses, denen persönlich alle konfessionelle Diskussionen sehr g!eichgiltig oder sehr zuwider sind, die aber sich dabei betheiligen oder wenigstens im antipapistischen Sinne stimmen, weil sie bei einem großen Theile ihrer Wähler dadurch in Gunst bleiben oder weil sie eS bei der Wahl ausdrücklich versprochen. Herrn ChamberS sagt man z. B. nach, seine Anträge und Reden gegen die Kloster seyen hauptsächlich für seine Wähler berechnet. Solche Gegner der Kirche mögen minder gefährlich oder wenigstens minder eifrig seyn, sie stehen sittlich viel tiefer als die erstgenannte Classe. — Es ist nicht zu verkennen, daß bei den Abstimmungen deS Parlaments über kirchliche so gut wie über andere Fragen Manche sich weniger von einer festen Ueberzeugung, als von Parteigeist leiten lassen. Die Erscheinung ist ja im parlamentarischen Leben Englands nicht selten, daß eine Maaßregel, welche die Regierung vorschlägt, bei der Opposition hauptsächlich darum auf Widerstand stößt, we>l diese eS für ihre Aufgabe hält, dem Ministerium Schwierigkeiten in den Weg zu legen. So haben auch in dieser Session offenbar manche Mitglieder der Opposilionsp>>r>ei für antipapistische Anträge gestimmt, weil sie von Spooner, Ncwdegale, Whiteside und andern Mitgliedern der jetzigen Opposition ausgingen und von Mitgliedern der Regierung bekämpft wurden; und von mehrern der jetzigen Minister, namenilich den Peeliten, ist wohl anzunehmen, daß sie entschiedener zu Gunsten mancher Fvrderungen der Katholiken auftreten würden, wenn sie nicht durch ihr Partei-Interesse dazu veranlaßt würden, Alles zu vermeiden, was der Opposition dem ohnehin schwachen Cabinet gegenüber Waffen in die Hände geben könnte. Blinde Vorurtheile und Partei-Interessen sind eS hauptsächlich, welche die Opposition gegen die Kirche unterhalten. Indeß hat die Kirche in England doch auch Gegner, die auf einem andern Standpuncte stehen. In wenigen Ländern sind Kirche und Staat rechtlich so enge miteinander verwachsen, wie in England; die englische Verfassung, wie sie sich in den letzten Jahrhunderten gestaltet hat, kann mit Recht eine protestantische genannt werden, sofern die anglicanisch-protestantische Confession darin als StaatSkirche im strengsten Sinne des Wortes, ja eigentlich nur als Departement der Staatsverwaltung erscheint. Die Bischöfe sitzen im Hause deS LordS, aber das Parlament ist auch in kirchlichen Dingen compelent, die jedesmaligen Minister ernennen die Bischöfe und ein halb geistlichis, halb weltliches Kollegium unter dem Vorsitz der Königin entscheidet in letzter Instanz in allen kirchlichen Fragen, sogar in Glaubenssachen. Zu diesem System paßt offenbar eine Gleichberechtigung der Katholiken und Difscnters mit den Anglicanern nicht, und die Katholiken-Emancipation war, so gerecht und nothwendig sie auch war, eine große der bestehenden Verfassung geschlagene Wunde. Der englischen Verfassung droht aber überhaupt jetzt von manchen Seilen der Untergang; im Parlamente wird der Radikalismus und der moderne Liberalismus immer mächtiger und fast mit jeder Session kommt die englische Verfassung ihrem Untergange näher. ES gibt im Parlamente Männer, welche diesen Proceß erkennen und vergebliche Anstrengungen machen, ihn aufzuhalten, und diese streiten darum consequenl auch gegen Alles, was dem „protestantischen" Charakter der Verfassung Gefahr droht. Ein sehr interessanter Repräsentant dieser Richtung war das frühere Parlamentsmitglied für die Universität Orford, Sir Robert JngliS. Er stimmte und sprach, wie gegen alle Neuerungen, so auch gegen jede den Katholiken zu machende Concession; aber Niemand konnte ihn einer eigentlichen Intoleranz oder einer ungerechten und unbilligen Gesinnung gegen die Katholiken beschuldigen; er galt für einen durchaus graden und ehrlichen Charakter; er sprach scharf und strenge, aber selten kränkend und beleidigend gegen die Katholiken, und war gewiß bereit, ihnen alle Concessionen zu machen, wenn sie nicht seiner Auffassung der englischen Verfassung widersprachen. Einen so reinen und consequcnten Vertreter hat diese Richtung jetzt im Parlamente nicht mehr; aber daß sie noch jetzt fortwirkt, ist nicht zu bestreiken, und mitunter wird der Gedanke wohl schon offen und klar ausgesprochen, daß die Verfassung auch in kirchlicher Hinsicht einer gründlichen Revision bedürfe. Manche treffende Gedanken neben einigem hohlen Raisonnement enthält darüber folgendes Bruchstück aus einer von ZZS Disraeli, dem Führer der „conservativen" Partei im Unterhause, am 3. August bei Gelegenheit der Maynooth-Debatte gehaltenen Rede: „. . . Wir haben n'ne DiScussion gehabt über die Frage, ob eine Dotation der römisch-katholischen Erziehung staltfinden solle, dann über den römisch-katholischen Eid, seine eigentliche Bedeutung, seinen Zweck und seine Tragweite, dann über die Anstellung von römisch-katholischen Caplänen für die Gefängnisse. Alle diese Fragen wurden von sogenannten unabhängigen Parlamentsmitgliedern angeregt, die auf verschiedenen Seiten deS HauseS sitzen und in der Regel in politischen Fragen nicht harmoniren. Ist eS möglich, gegen eme so auffallende Erscheinung blind zu seyn? Ich halte diese Fragen für sehr wichtig und glaube nicht, daß eS gut wäre, wollten wir die DiScussion derselben umgehen und unS bemühen, einer Lösung derselben auszuweichen. Was ist die Bedeutung aller dieser Fragen? Zu welchen Conscaueuzen werden sie führen? Sicher sind eS Fragen, welche von Staatsmännern ausS sorgfältigste geprüft zu werden verdienen. Mir scheint, ihre Bedeutung ist diese, daß das Land mit dem politischen StatnS nicht zufrieden ist, welchen unsere römisch-katholischen Mitunterthanen mit Bezug auf die protestantische Verfassung unseres Landes einnehmen. In welcher Form die Frage sich auch darbietet, das liegt immer zu Grunde und was wird die Folge davon seyn, wenn diese Unzufriedenheit auf so mannigfaltige Weise laut wird, in Diöcussionen über die Dotation römisch-katholischer Collegien, über die Interpretation römijch-katholischer Eide oder über die Anstellung römisch-katholischer Capläne? Was muß die Folge davon seyn, wenn solche Fragen stets controverS bleiben, ohne daß Jemand auftritt und die öffentliche Meinung über die Sache aufklärt? Die Folge kann nach meiner Ueberzeugung keine andere seyn, als innere Zwietracht, vielleicht Gewaltthaten und Unordnungen und eine grobe Verletzung des Princips der bürgerlichen und religiösen Freiheit ... ES darf nicht geduldet werden, daß in jeder Session eine wichtige Frage in Bezug auf das Verhältniß unserer römisch-katholischen Milunterthanen zu der protestantischen Verfassung unseres Landes aufgeworfen und nicht gelöst wird und ein Gegenstand der öffentlichen Cvntroverse bleibt, so daß jedes einzelne Parlamentsmitglied, welches auch seine politischen Ansichten im Allgemeinen seyn mögen, aufstehen und daS Volk ausregen und durch solche Discussionen den ganzen Gang der Staatsgeschäfte unterbrechen kann. Ich glaube, eS ist jetzt mit dieser Frage so weit gekommen, daß eS die Pflicht der Regierung ist, der Schwierigkeit entgegenzutreten nnd sie zu lösen und die Controverse zu entscheiden, welche in so vielen Formen und von so vielen Seiten ausbricht. Haben wir eine protestantische Versassung oder nicht? Wenn wir eine protestantische Verfassung haben, was bedeutet das? Möge die Regierung auftreten und durch Gesetze bestimmen lassen, welches die Funktionen, welches die Attribute, welches der Einfluß und welches die Tragweite dieser protestantischen Verfassung ist. Möge sich ein Jeder, Protestant und Katholik, darüber klar werden, welche Rechte und Privilegien er unter dieser Verfassung genießt, was er thun und was er nicht thun darf. Ich glaube, das ist eine Frage, die gelöst werden muß, daS sind Gegenstände, welche die Aufmerksamkeit der Staatsmänner verdienen, welche entschieden angegriffen und in befriedigender Weise erledigt werden müssen... Ich glaube, es ist die Pflicht der Regierung, nach gehöriger Ueverlegung und gehörigem Studium dieser Frage auszutreten und ein Princip festzusetzen, wonach die Rechte der Privilegien der Unterthanen Ihrer Majestät genau geregelt werden sollen^ die der Protestanten sowohl, wie die der Mitglieder der römisch-katholischen Kirche. Ich glaube, es darf nicht fast jeden Abend der Session darüber gestritten werden, ob die Römisch-Katholischen das Recht haben sollen, Klöster zu gründen, ob der Staat Collegien doliren soll zur Erziehung des Klerus, welcher nicht der KleruS deS Staats ist, ob der Eid eine Bedeutung hat, welchen die römisch-katholischen Mitglieder ablegen, oder ob die Bestimmungen über die Gefängnisse und andere Anstalten eine Verletzung der protestantischen Verfassung des Landes involviren oder nicht? Ich glaube, wenn man sagt, man wolle die protestantische Verfassung aufrecht halten, so vertritt man die Rechte der römisch-katholischen Unterthanen Ihrer Majestät 316 eben so gut, wie die Ihrer protestantischen Unterthanen. Ich halte die protestantische Verfassung für die Bürgschaft der bürgerlichen und religiösen Freiheit des Volkes, und weil ich diese Ueberzeugung habe, so glaube ich, wenn die Regierung ihre Pflicht versäumt und wenn diese Bruchstücke der Frage zum Gegenstand der öffentlichen Diskussion und der parlamentarischen Debatte gemacht werden, wird das Resultat eine starke Beeinträchtigung der bürgerlichen und religiösen Freiheit seyn." Aber wer unter den englischen Staatsmännern darf sich getrauen, eine Lösung dieser Frage zu versuchen? Wenn Disraeli Lord John Russell vorschlägt, so ist das wohl nur bittere Ironie, und auch unter den andern Wortführern beider Parteien wüßte ich keinen, der einer solchen Aufgabe gewachsen wäre. Der Tod Voltaire'S. - (Fortsetzung.) In der „französischen Akademie", wo Voltaire'S Porträt über dem Präsidentenstuhl prangte, worein er sich setzen mußte, und in der „Comödie Fran?aisc" wurde er mit fast göttlicher Verehrung gefeiert. Wir wollen darüber den deutschen Baron und französischen Journalisten Grimm hören, der diesen doppelten Empfang beschreibt: „Nein," sagt er, „ich glaube uicht, daß Geuie und Schristenihnm je einen schmeichelhafter» und ergrcifendern Triumph erlebt haben, als der war, der Herrn von Voltaire hier zu Theil wurde. Dieser hochberühmtc GreiS erschien heute zum ersten Mal in der Akademie und im Theater. Hinter seinem Wagen wogte bis in die Höfe des Louvre eine zahlreiche Menge Volks, die ihn sehen wollte. Alle Ein- und Zugänge der Akademie waren von Menschenschwärmen umlagert, die sich langsam öffneten, um den Gefeierten durchzulassen, und dann mit Jubel und Beifallöäußcrungen hinter ihm herstürzten. Die Akademie kam ihm bis inS erste Vorzimmer entgegen, eine Ehre, die noch nie einem Mitglied wiverfuhr, ja, nicht einmal fremden Fürsten, die ihren Sitzungen beizuwohnen gekommen waren. Er mußte sich auf dem Sessel des DirectorS niederlassen und ward durch einstimmige Wahl zu dieser binnen Kurzem erledigt werdenden Ehrenstelle erhoben. Ot'schon der Gebranch in solchem Falle das Loos vorschreibt, so hielt diese gelehrte Gesellschaft eS doch mit Recht für angemessen, zu Gunsten eines großen ManneS davon abzusehen, und sie entsprach dadurch wirklich dem Geiste und der Al'sicht ihres Stifters. Hr. v. Voltaire hat diese Auszeichnung sehr dankbar entgegengenommen. Die Versammlung war möglichst zahlreich; doch inuß man die dem Hrn. v. Voltaire hier dargebrachten Huldigungen nur als Vorspiel zu denen ansehen, die ihn im Nationaltheater erwarteten. Seine Fahrt tiuS dem Louvre in die Tuilerien glich einem öffentlichen Triumphzuge. Der ganze unermeßliche Prinzenhof bis zum Eingange deS CcirroufselS war mit Menschen angefüllt; nicht geringer war der Zulauf auf der Gartenterrassc, und in dieser Menge fand jedes Geschlecht, jedes Alter und jeder Stand seine Repräsentanten. Sobald man den Wagen in der Ferne ansichtig wurde, erhob sich ein allgemeines Freudengeschrei; Zurufen, Händeklatschen, Entzücken nahm in dem Maaß zu, wie er näher kam; und als man nun den ehrwürdigen Greis selbst erblickte, als er, auf zwei Arme gestützt, auöstieg, da erreichte die Rührung und Bewunderung ihren Gipselpuuct. DaS Volk drängte sich zu ihm hin; es drängte sich aber mehr, um ihn vor dem Zudrang zu schützen. Jeder Eckstein, jeder Schlagbaum, jedcS Fenster war mit Zuschauern besetzt, und kaum hielt der Wagen still, so stieg man oben darauf oder auf die Räder, um die Gottheit besser in der Nähe zu sehen. Im Schanspielhause schien die Begeisterung deö PublicumS, von der man glaubte, daß sie nicht weiter gehen könne, sich auf's Doppelte zu steigern, als Herr v. Voltaire in der Loge der Kammercavaliere über dem Erdgeschoß zwischen den Damen Deniö und von Vill-tte Platz nahm und Herr Brizard nun einen Lorbeerkranz brachte, den Frau von Villeite dem großen Mann auf's Haupt setzte, dieser ihn aber gleich wieder herabnahm, 317 obschon das Publicum dieß unter betäubendem Klatschen und Geschrei abwehren wollte. Alle Frauenzimmer standen. In den Gängen war es noch voller, als in den Logen. DaS ganze Schauspielerpersoual trat vor dem Aufziehen deS Vorhangs an den Rand der Bühne. Man erstickte einander sogar am Eingange in'S Parlerre, wohin mehrere Damen, die anderwärts keine Plätze finden konnten, hcrabgestiegen waren, um nur ein paar Secunden den Gegenstand so vielseitiger Anbetung zu sehen. Schon sah ich den Augenblick kommen, wo der Theil deS Parlerre unter den Lo.M niederkmeen würde, weil ihm in seiner Verzweiflung kein anderes Mittel zum Sehen übrig blieb. Der ganze Saal war eine Staubwolke, von der Ebbe und Flulh der wogenden Menge aufgewirbelt. Diese Begeisterung, diese Art allgemeinen Wahnsinnes dauerte über zwanzig Minuten, uud den Schauspielern gelang eS erst nach vieler Mühe, das Stück ansangen zu können. Es warHrene; nie wurde einem Drama weniger Aufmerksamkeit und zugleich mehr Beifall geschenkt. Als der Vorhang fiel, neues stärkeres Zurufen, neuer doppelt lauter Beifall. Der edle Greis erhob sich, um dem Publicum zu danken, und kaum eine halbe Minute darauf sah man mitten auf der Bühne ein Postament, auf dem Postament daS Brustbild deS großen ManneS, alle Schauspieler und Schauspielerinnen im Halbkreise um die Büste herum, mit Laubgewinden und Kränzen in der Hand, alle Laien, die in den Coulissen gestanden hatten, hinter ihnen, und ganz in der Vertiefung der Bühne die Garten, welche im Trauerspiel aufgetreten waren, Brizard setzte den ersten Kranz auf die Büste; die Andern folgten dann Brizard'S Beispiel, und nachdem sie dieselbe so mir Lorbeer und, wie Einige behaupten, mit Küssen bedeckt hatten, trat Madame VeslriS bis an den Rand vor, um dem Gott des Festes selbst ciu Gedicht vorzutragen, daö vom Publicum mit ranschendcm Beifall aufgenommen wurde, vermuthlich deßhalb, weil cS darin einen Anklang seiner eigenen Gefühle wiederzufinden glaubte. ES mußte wiederholt werden, und in einem Nu waren tauseud Abschriften davon im Umlauf. Die Büste blieb mit ihrer Lorbeerlast auf der Bühne stehen. Der Augenblick, wo Herr v, Voltaire das Theater verließ, schien noch rührender, als der seiner Ankunft; die zweifache Last der Jahre und der Siegesiränze, womit man sein Haupt beladen Halle, schien ihn niederzudrücken. Man sah ihm die innere Rührung an: seine Anzcn funkelten noch durch die Blässe des Gesichts hindurch, aber man glaubte wahrzunehmen, daß sein Athem nur vom Gefühle seines Ruhmes uuierhalten wurde. Die Frauenzimmer hallen sich auf beiden Seilen aufgestellt, sowohl in den Gängen als ans den Treppen, um ihn zwischen durchzulassen; sie irrigen ihn gleichsam in ihren Armen, uud so gelaugte er zum Krrschenschtage. Vor der Thüre des Schauspielhauses hiell man ihn so lange als möglich auf. DaS Volk schrie: „Fackeln, Fackeln! damit Jeder ihn sehen kann'." AIs er im Wagen saß, drängte sich das Gewühl um idn herum; man stieg auf den Tritt, hängte sich an die Schläge, um ihm die Hände zu küssen. Man bar den Kutscher, Schritt zu fahren, damit man beibleiben könne, und so begleitete ihn ein Theil des Volkes bis znm Pvnt-Royal. Die Eifrigsten suchten seine Kleider zu berühren, seine Hände zu küssen, seine Pferde zu streicheln; in einem Anfinge von Inbrunst wollten sie die Pferde ausspannen und den Wagen selbst ziehen, der für diese festliche Veranlassung bestellt zu seyn schien; denn er war himmelblau uud ganz mir gvldcnen Sternen besäet, genau wie der Wagen des EmpyräumS. Der Grabstichel blieb auch nicht müß g, uud alle Scenen von Voltaire'S Krönung wurden durch ihn für daS Auge gefesselt." — Man ward'S nichr müde, ihn zu sehen, zu feiern, zu verherrlichen. Man halte ordentlich den Narren an ihm gefressen, sprach von nichts als von ihm, und überhäufte ihn bis zum Uebermacrß mit Besuchen nnd Gedichten. DaS Volk stand harrend vor seiner Thür und auf den Quais, um seiucr Gegenwart froh zu werden. DaS Jncognito war für ihn zur Unmöglichkeit geworden. Er mochte sich in'S Theater oder in die Akademie begeben, alle Well zog hinter seinem Wagen her, den man schon in der Ferne erkannte. Ging er zu Fuß aus, so lockte sein sammrner Rock, sein Pelzwerk, besonders aber seine ungeheure schwarze Perrücke, die ihres Gleichen nur in der von Bachaumont hatte, alle Buben des Stadtviertels herbei; sodann die 318 Savoyarden, Bnchertrödlcr, Fischweiber, Maiilaffen jeder Art; sie ließen nicht von ihm ab, folgten ihm wie sein Schatten, umringten, drängten ihn, und schrieen ihn fast taub mit ihren Vivats. Sie brachten ihn auch zu dem Geständniß, eS gebe keine „Welches" (Wälsche) mehr, und die Franzosen seyen wieder aus dem Grabe erstanden. (Fortsetzung folgt.) Kirchliche Notizen. BreSlau. DaS Hirtenschreiben deS hochw. Herrn Fürstbischofs, in welchem der Klerus zu einer am 26., 27. und 23. September abzuhaltenden Diöcesan-Conferenz eingeladen worden ist, lautet in deutscher Uebersetzung: „Heinrich, durch GotteS Erbarmung und deS heiligen apostolischen Stuhles Griade Fürstbischof von BreSlau zc. zc, dem ehrwürdigen Klerus der Diöcese Gruß und Segen in dem Herrn. Wo Zwei oder Drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen, sag» JesuS seineu Jüngern in jener denkwürdigen Stunde, in welcher er ihnen die vertrauensvolle Schlüsselgewalt übergab. Wenn dieß einer jeden Versammlung, welche im heiligsten Namen deS Weiterlösers statt hat, versprochen worden ist; um wie viel mehr, werden wir sagen, erstreckt sich diese hockst trostvolle Verheißung auf die Versammlung derer, denen der Herr besohlen, die Kirche zu regieren und das heilige, heilbringende, von ihm vollbrachte Werk durch alle Zeilen fortzusetzen. Daher anerkannten die zu Chalcedon und Konftantinopel im heiligen Geiste versammelten Väter mit vollem Recht, daß man mit dem festesten Glauben an jenen Worten hängen, und von da den himmlischen Segen zur Vollendung deS unternommenen Werkes erwarten müsse: eben so sprachen eS die Bischöse auS, als sie die Priester zu den von der Kirche so weise eingesetzten Synoden beriefen, man müsse wegen eben derselben Verheißung Jesu Christi in vertrauensvoller Gesinnung heilsamen Erfolg hoffen. Und der heilige CaroluS BorromäuS sagt: „Um wie viel mehr wird er in der Mitte von nicht Zweien, sondern von mehr als neun Hunderten seyn, und zwar nicht auS jeder beliebigen Classe der Menschen, sondern von seinen Priestern, die in seinem Namen vereinigt sind? Wenn wir in derselben Gesinnung geeint, dasselbe zugleich athmen, wenn wir all unsere Zwecke und Absichten zur Erreichung seiner Gnade und seines heiligen Geistes einrichten werden?" u. s. w. So lange daher die Diöcesan-Synoden ihrer Einrichtung gemäß, d. h. alljährlich abgehalten wurden, blühre die lodcnSwerlhe kirchliche Ordnung: während seit ihrer Vernachlässigung nicht nur der kirchliche Eiser seinen Nerv zu verlieren begann, sondern auch das kirchliche Leben sowohl der Laien als auch der Priester ermattet ist. AuS diesem Grunde beschloß die heilige Synode zu Trient, die Diocesan-Synoden sollen alljährlich abgehalten werden; auch alle Erempten, welche sonst, auch ohne Eremption beiwohnen müßten, und nicht den General-Capiteln untergeben sind, sollen gehalten seyn, bei ihnen zu erscheinen. Fürwahr! den Bescklüssen deS heiligen Concils fehlte nicht der heilsamste Erfolg. Ein neues Leben erwachte in der Kirche. Vorzüglich aber sind eS zwei große Kirchenfürsten gewesen, von denen der Eine durch sein Umschreiben an die Bischöfe, der andere durch sein Beispiel in der Wiedereinführung der Synoden sich auszeichnete, die HH. PiuS V. und CaroluS BorromäuS, welcher letztere durch die achtzehn Jahre seiner kirchlichen Regierung sechs Provincial- und eilf Diöcesan-Synoden abhielt. Wie viel Mühe überhaupt in jeder Zeit und später bis zur Mille deS ISten Jahrhunderts die deutschen Bischöse sowohl als die Kleriker in der Abhaltung der Synoden angewandt haben, bezeugt die von Harzheim besorgte Concilien-Sammlung. Seit der Mitte des Igten Jahrhunderts aber hinderten die Macht der falschen Philosophie und viele äußere Drangsale sowohl die gesammte Regierung der Kirche, als auch den Eifer in der Abhaltung der Synoden so sehr, daß weder die Ermahnungen deS Papstes Benedict XIII. noch daS berühmte Buch BenedictS XIV. über die 319 Diöcesan-Synode die Hindernisse überwinden konnten. Und obwohl zu Ende deS t8ten Jahrhunderts der berühmte Bischof zu Baltimore, Johannes Caroll, Diöcesan-Synoden versammelte, so folgte doch Europa seinem Beispiele wenig, am wenigsten Deutschland. Gcliebteste Brüder! eS bedürfte gewiß schwerer Strafen und furchtbarer Heimsuchungen, damit unsere Kirche jene Freiheit und Kraft wieder gewönne, welche den Berathungen und Beschlüssen der zu Würzburg versammelten deutschen Bischöfe plötzlich erschien. Von da vernahmen wir folgende Wort?: „So wie wir selbst auf Provincial-Synoden zusammenzukommen beabsichtigen, eben so werden wir, geliebteste Brüder, auch Euch — zu unserer Freude — nach unserer Bestimmung zusammenberufen, auf daß wir die von Alters her von der Küche eingesetzten Synoden wieder herstellen, damit durch sie das heilige Band zwischen den Bischöfen und ihren Priestern fester und inniger geknüpft, die an vielen Orten verfallene kirchliche Ordnung verbessert und wir selbst durch die gemeinschaftlichen Gebete und Berathungen gekräftigt wurden, um unser schweres und ernstes Amt zu Gottes Ehre und zum Heile der Gläubigen zu verwalten." Indessen traten der Ausführung dieser Bestimmungen bis zu diesem Tage vor Allem zwei Hindernisse in den Weg: das eine, daß die Provincial-Concilien, welche nach der kirchlichen Anordnung den Diöcesan-Synoden vorangehen und sie vorbereiten sollen, nicht erneuert werden konnten, das andere, daß die Verhältnisse unserer Zeit eine gewisse Furchr einflößen, welche auch den heiligen Vater mit Besorgniß erfüllte. Denn nachdem unser Papst, Pius IX,, den Gott lieben, erhalten und leiten wolle! die Bischöse der Würzburger Versammlung gebührend belobt, verschweigt er ihnen nicht, indem er die alte Einrichtung, der gemäß die Diöcesan-Synoden durch die Provincial-Concilien vorbereitet werden sollen, ins Gedächtniß zurückruft, warum er bei Unterlassung der letzteren für die Abhaltung der Diöcesan--Synoden besorgt sey. Diese mit so väterlichem Herzen und so weise angedeuteten Besorgnisse dürfen unS nicht unbedeutend erscheinen, obwohl sie sich schwerlich auf unsere Diöcese erstrecken. Wie daher Unser erhabener, in Gott ruhender Vorgänger, dessen Andenken von UnS immer in Ehren gehalten werden muß, für jetzt wenigstens die Diöcesan-Synoden nicht glaubte abhalten zu dürfen, eben so werden Wir auch in gebührender Rücksicht auf den vom heiligen Vater ausgesprochenen Willen, das Bei'piel deS Vorgängers nachahmen, bis der heilige Stuhl erklärt, daß jene Besorgnisse geschwunden sind. Weil aber Unsere Diöcese bei einer so großen Ausdehnung und einer so schwierigen Lage der Dinge der heilsamen Früchte, welche aus den Synoden und ihren Berathungen sowohl der Bischof als der Klerus und die gesammte Heerde zu gewinnen pflegen, insbesondere bedarf: so haben Wir Tage und Nächte nachgedacht über einen Mittelweg, auf dem Wir sowohl dem Wunsche deS heiligen Vaters ehrfurchtsvoll genügen, als auch jene wünschenSwerthen Vortheile erreichen. Nachdem Wir also lange und vielfach mit Gott und unserm Gewissen UnS belachen und den Rath Unsers geliebten Capitels so wie die Ansichten weiser Männer und der erhabensten Kirchenfürsten vernommen haben, beabsichtigen Wir die ErzPriester der ganzen Diöcese zusammenznberufen, damit in dieser Versammlung sowohl Wir selbst unsere Wünsche und Bestimmungen deutlicher zu erklären Gelegenheit haben: als auch die Erzpn'ester einfacher und bündiger aussprechen können, wiS Noth thue und waS der KleruS und die gesammte Heerde meine. Ans diese Weise, hoffen Wir, wird der gerade Weg zur Erneuerung der Diöcesan-Synoden leichter gebahnt werden. Obwohl Wir in diesem ersten Jahre Unsers schweren Episkopates mit Arbeiten zu sehr überhäuft, durch verschiedene Sorgen fast erdrückt, in bittere Kämpfe sogar verwickelt, kaum einsehen, wie Wir überhaupt dieser abzuhaltenden Diöcesan-Berathung genügen können, so wollen Wir doch die Ausführung Unsers Vorhabens nicht auf weiterhin verschieben, sondern, im Vertrauen, daß Gott mit seiner Hilfe beisteht und die Angelegenheit zu einem guten AuSgange führt, noch in diesem laufenden Jahre ins Werk setzen. Falls ihr, Brüder, nach den Ursachen fraget, warum Wir so glauben eilen zu müssen, so können wir mehrere anführen. Zunächst drängt die eilende Zeit mit ihren Zeichen, und Niemand, der seine Hand an den Pflug legt und zurücksieht, ist tauglich zum Reiche GotteS. Sodann: obwohl 320 die Schickungen des Himmels ein neues Leben in Unserer Kirche angeregt haben, so bleibt doch MehrereS anders und besser zu thun. Vieles einzurichten, Vieles zu verbessern übrig. Da serner die Widersacher der Kirche, ausgerüstet mit der Weisheit dieser Welt, mit Macht und Hilfsmitteln, mit einer wunderbaren Emsigkeit wirken, so geziemt nothwendigerweise den Zionswächtern mit gemeinschaftlicher Kraft und Weisheit zu widerstehen. Endlich muß das Band, durch welches sowohl die Presbyter mit dem Bischof, als der Bischof mit den Presbytern verbunden seyn sollen, durch Verkehr und Rücksprache fester und enger geknüpft werden, sobald eS durch die Ungunst der Zeit schlaffer geworden ist. Unter diesen Umständen beabsichtigen Wir mit Gottes Hilfe zum Ende des Monats September, in welcher Zeit die Visitationen und Convente der ArchipreSbyterate beendigt seyn und keine kirchlichen Feste eine Anwesenheil in den Parochien erheischen werden: mit Unserem Capitel und General-Vicari.itSamte alle Commissarien, Erzpriester und Schul-Inspektoren in einer Woche, deren Anzeige Wir für eine andere Zeit vorbehalten, durch drei Tage bei Uns zu versammeln, um gemeinschaftlich zu berathen: was uns Priestern selbst in dieser Zeit Noth thut, damit wir im Angesichts Gottes und der Menschen so leben und arbeiten, um als treue Diener Jesu Christi befunden zu werden. Was in der kirchlichen Ordnung im Cnlruö bei Verwaltung der Sacramente, den Predigten, der Katechese und Anderem heilsam scheine? Wir vertrauen, daß diejenigen, welche wir mit Liebe und Verirauen rufen, gleichfalls mit Liebe und Vertrauen kommen, und, falls sie rechtmäßig verhindert sind, auö ihren Archipresbyteraten erwählte Priester als Stellvertreter senden werden. Wir hegen außerdem das Vertrauen, daß wenn Einige sehr arm seyn sollten, ihnen die Reise- und Ausenlballökosten von den Geistlichen der Cirkel, zu denen sie gehören, ersetzt werden. Wir haben endlich das Vertrauen, daß sie zu einer so ernsten und heiligen Sache mit Bewahrung des klerikalen AnstandeS kommen, und nicht in off ntlichen Gasthäusern, sondern in Privathäusern einkehren werden. Wir selbst, die Canonici, die Geistlichen an der Kathedrale, der ehrwürdige Stadlklerus werden in unsere Wohnung gastfreundlich ausnehmen, so Viele wir werden aufnehmen können. ES erübrigt, daß wir das, was wir im Namen des Herrn angefangen, in dem Geiste verfolgen, dem Gott einen gute» und heilsamen Erfolg nicht verweigert. Indem Wir UnS seine Gnade und Hilfe erflehen, erbitten Wir Euch Allen den göttlichen Segen und Frieden. Breslau, am Tage deS heiligen Heinrich 1854. Heinrich. n»'anll«jIr.'nK -in» nvlu»'"^'' -!>^ Aus zchZ^s» .«ck>Ä?n kniaLilml i^t ',-i^i ,1 ), >"v"' > „-^ ^ V Posen, 15. Sept. Dem Vernehmen nach werden gegenwärtig von unserer erzbischöstichen Domgeistlichkeit die nölhigen Vorbereitungen getroffen, um der, wie eS heißt, schon seit längerer Zeit beabsichtigten Wieberherstellung einiger Klöster in unserer Provinz näher zu treten. Bekanntlich wurden alle Klöster im Großherzoglhum Posen mit Ausnahme deS der Krankenpflege gewidmeten Klosters der barmherzigen Schwestern unter der früheren Regierung nach und nach aufgehoben. Auch in unserer Provincialhauptstadt wird der Versuch mit Errichtung eineö NvviziatS des Resonnaten- ordenS gemacht werden, wozn bereits zwei Klostergeistliche anS Westfalen hier erwartet werden, welche ihre Wohnung vor der Hand in dem frühern Karmeliierkloster nehmen sollen. Ein Abgeordneter dieses Ordens war unlängst schon hier anwesend, um die nöthigen Verabredungen und Einleitnngen zu diesem Behuf zu treffen. Man rechnet dabei ans reichliche Unterstützungen der hiesigen frommen Katholiken, da die Unterhaltung der Klostergeistlichen vorläufig nur durch Sammlungen beftrilten werden kann. Der Gehcimeralh Antike, welcher in unserm Kultusministerium die katholischen Angelegenheiten bearbeitet, weilt gegenwärtig in unserer Stadt und hat bereits mehrfache Konferenzen mit unserm Erzbischos gehabt, welche, wie verlautet, die kirchlichen Angelegenheiten der Provinz betreffen. .NN^üsnv ;i5?ikm ?'iN n»inäi <»'s ^. lnlsül« Uj> inin l!i6!ir>!H vs'liK m:nkcru, Gibt kaum den Schatten dir von Jesu Lieblichkeit. Mag ihre Zaubcrmacht bis zur Bvllcudung reichen, So muß vor Seiner Schönheit dennoch sie erbleichen. Die Seele sand den Anscrwähltcn, lichtnmslossen — Anbetend sie zu Seinen Füßen niedersank; Aus Seinen hcil'gcn Wunden ward ihr eingcgossen, Bis lies in's Herz ein wunderbarer Liebcslrank: Daß neues Lebe« sich i« allen Gliedern reget, Verborgne Gottcskraft den ganzen Geist beweget. Ganz sicher ruht ich, wie in einer Gnadenzclle, Demi aller Erdenschmerz in Licbeslust zerfloß; Indeß der Weisheit Strahl in lichter Sonnenhelle, Wie eine Zlammenströmung sich in mich ergoß. Die dunkle Glaubcnsnacht war nun verschwunden, Da ich den Urquell alles Lichtes selbst gesunde». Begrabe» lag schon längst im Kreuze all' mein Wissen, Damit ich Ihn, der. Einen, wüßte ganz allein; 322 Und von der Welt und ihrer Weisheit losgerissen. In wahrer Selbstverläugnung lernte w»tse seyn. Nun aber, da ich lebend Ihm, mir selbst gestorben, Ist wunderbare Weisheit mir durch Ihn gew»rden. Ganz unbelauscht im tiefvcrborgnen Scelengrnnde, Den ich zu einer stillen Rast Ihm cmSersehn, Vernahm ich unerfaßlich hohe Himmelskunde, Und lernte Dinge — gar geheimnißvoll — versteh»! Die keine Mcnschenweisheit jemals wird ergründen, Doch auch mein Mund vermag sie nimmer zu verkünde». Wenn du verlangst nach dieser reichen Gnadenqnelle, Die aus dem Herzen Jesu ewig strömt und quillt: So such' auf Golgatha dir eine Ruhestelle, Bis daß Dn ganz von süßer Liebespein erfüllt. Dann wird in Ihm gcstillct all' dein Sehnen, In sel'ger Liebeslust begraben Schmerz und Thränen. Die katholische Universität zu Dublin. *) Sehr gern, verehrter Freund, will ich Ihrer Einladung folgen, die Zustände, namentlich die religiösen Verhältnisse von Großbritannien und Irland in einigen Artikeln zu erörtern. Die große Wichtigkeit der religiösen Bewegungen in England mich für das politische Leben dieses Staates wird wohl von Niemand bezweifelt, und eS bedarf darum keiner Rechtfertigung, daß eine politische Wochenschrift davon Notiz nimmt. Selbst die brennende Frage der Gegenwart, die orientalische, hat in England die Ausmerksamkeit von der religiösen Frage nicht ganz abzuziehen vermocht, — die Verhandlungen der dießjährigen Parlamentssession geben davon Zeugniß. Ich werde mich bei meinen Berichten nicht strenge an eine systematische Anordnung der verschiedenen Puncte binden, sondern, wie eS mir für eine Wochenschrift geeigneter scheint, an die Tagesereignisse anknüpfend, bald die Entwicklung und Ausbreitung der katholischen Kirche besprechen, bald ihr Verhältniß zum Staate und den Seeten, bald das Nnterrichtswesen, bald die Bewegungen im Schooße der StaatSkirche, bald die Bestrebungen der Katholiken im Parlamente, bald literarische Erzeugnisse oder waS sonst für Puncte sich noch darbieten mögen, über welche ich Interessantes und Belehrendes darbieten zu können glaube. Erlauben Sie mir aber, noch eine Bemerkung zur Orientirung Ihrer Leser vorauszuschicken. Sie wissen, ich bin mit Ihnen darüber einverstanden, daß eS nicht nur, waö man kürzlich geglaubt hat in Erinnerung bringen zu müssen, den Laien nicht zusteht, in der periodischen Presse als Richter, Kritiker oder Rathgeber in Gegenständen der kirchlichen Verwaltung aufzutreten, sondern daß dieß überhaupt nichr der Beruf und das Recht einer Zeitung, also auch nicht ihrer geistlichen Mitarbeiter ist. Sie und »Ihre Leser dürfen versichert seyn, daß ich mich gar nicht versucht fühle, über die hier gezogenen Schranken hinauszugehen. Ich halte eS aber auch, überhaupt davon abgesehen, für besser, bei der Darstellung der Zustände und der Zeitgeschichte eines Landes mehr berichtend, erzählend und beschreibend als raisonnirend und reflectirend zu verfahren, und mein Hauptziel bei diesen Artikeln wird eS darum seyn, die zu besprechenden Ereignisse und Verhältnisse nach den mir zu Gebote stehenden Quellen recht klar und anschaulich darzustellen. — Für dießmal erhalten Sie einen Bericht über die Gründung der katholischen Universität zu Dublin. Vor einigen Jahren bestand unter den irischen Bischöfen eine Meinungsverschiedenheit darüber, was in Bezug auf die von der englischen Regierung unter dem Namen *) Aus Fr, v, Alorencourt'S politischer Wochenschrift, 323 „(Zueen's Colleges" errichteten höheren UntcrrichtSanstalten zu thun sey. Ueber das Bedenkliche solcher gemischten Anstalten war man einig; nur glaubien einige der Bischöfe, insbesondere der verstorbene fromme und milde Erzbischos Murray von Dublin, eS werde vielleicht möglich seyn, das Gefährliche der Anstalten zu paralisiren, während die meisten entschiedene Maaßregeln, um die katholische Jugend von derselben fern zu halten, für räthlicher hielten. Die Sache wurde dem heiligen Stuhle vorgetragen und in Folge der von Rom eingetroffenen Entscheidung untersagten die Bischöfe den Geistlichen, Professuren an den Kollegien anzunehmen, und warnten die Katholiken vor dem Besuche dieser Anstalten. Zugleich enthielt aber die Antwort dcS heiligen Stuhles den Rath, die Bischöfe möchten versuchen, nach dem Beispiele des belgischen Episkopats eine katholische Universität zu bilden und so der studirendcu Jugend Gelegenheit zu bieten, sich alle nöthigen Kenntnisse anzueignen, ohne ihren Glauben und ihre Sittlichkeit zu gefährden. Dieser Vorschlag saud allgemeinen Beifall, und eS wurden gleich Maaßregeln ergriffen, denselben zu verwirklichen. Man verhehlte sich die Schwierigkeiten deS Unternehmens nicht, aber man vertraute auf Gottes Beistand und die Unterstützung der Katholiken, nicht bloß des armen Irlands, sondern insbesondere auch Englands und Nordamerikas. Die Katholiken dieser Länder haben auch durch die That gezeigt, daß sie die hohe Wichtigkeit einer solchen Anstalt zu erkennen wußten. Eine im Jahr 1851 in einem großen Theile von Irland veranstaltete Kirchencollecte lieferte einen vcrhältnißmäßig reichen Ertrag, in der Diöcese Weath z. B. über 3000 Pf.; der jetzige Erzbischos von Dublin, Dr. Cullen, welcher, sich mit besonderem Eifer der Sache annahm, erhielt von reichen Katholiken in England und Irland sehr bedeutende Summen, zwei nach Nordamerika gesandte irische Geistliche sandten als Ertrag ihrer dort veranstalteten Sammlungen taufende von Dollars nach Dublin, und 40 —50Mt) Pfund stehen jetzt bereits zur Disposition. Die englischen Zeitungen haben seit vier Jahren über dieß Projcct Paddy'S gespottet und gewitzelt und es für lauter Mondschein verschrieen. Man hat sich in Irland nicht irre machen lassen, sich nicht übereilt und Alles vorher gut überlegt; jetzt ist ein HauS für die Universität angekauft, die Organisation derselben nach einem von dem berühmten Dr. Newman entworfenen Plane fast vollendet, und im Herbst sollen die Hörsäle geöffnet werden. Am 18., 19. und 20. Mai wurde zu Dublin unter dem Vorsitze des Erz- bischofs von Dublin, Dr. Cullen, Primas von Irland und apostolischen Delegatm, eine Synode der irischen Bischöfe gehalten. Es waren zugegen die vier Erzbischofe; von den 29 Bischöfen waren 20 persönlich anwesend, drei durch Bevollmächtigte vertreten; der Bischof von Roß befand sich in Rom. Die Synode übertrug dem Dr. Newman förmlich das Rectoramt, zu welchem er bereits früher ernannt war; der heilige Vater hat die Wahl bestätigt. Alljährlich hat der Rector den Bischöfen einen Bericht über seine Amtsführung zu erstatten. Zum Vicc-Rector wählten die Bischöfe den hochwürdigen vr. Leahy, Präsidenten deS Kollegiums zu ThurleS. Die Namen der Professoren sind noch nicht veröffentlicht. In einer von Newman herausgegebenen Wochenschrift werden vor und nach die Statuten nebst Erläuterungen und meisterhaften Aufsätzen zur Orientirung über den Zweck und die Einrichtung der neuen Anstalt mitgetheilt. Ich behalte mir vor, später darauf zurückzukommen; für heute lassen Sie mich eine Feierlichkeit schildern, und eine Reve mittheilen, welche am besten geeignet find, das Unternehmen zu charakterisiren. Der Pfingstsonntag (4. Juni) war eS , an welchem der Rector feierlich daS Tridentinische Glaubensbekenntniß ablegen sollte. Der Dubliner Dom war von Gläubigen ganz gefüllt; daS Fest hielt die Bischöse in ihren Diöcesen zurück und die meisten Geistlichen in ihren Pfarren. Die Geistlichen, welche erscheinen konnten, waren auf dem Chöre versammelt. In der Mitte desselben kniete Dr. Newman neben dem Bischof von Bombay, der gerade in Dublin anwesend war; der Erzbischos von Dublin assistirte auf seinem Throne mit Mitra und Stab dem Hochamt, welches der Bischof von Antigona i. p., Coadjutor deS Bischofs von Kerry, Dr. Moriarty, celebrirte. Nach 324 dem Hochamt ertheilte der Erzbischof den versammelten Gläubigen den Segen und sehte sich, nachdem das Veni Lrestor gesungen war, vor dem Altare nieder; Dr. Newman kniete vor ihm und legte mit vernehmlicher und fester Stimme in der üblichen Weise das Glaubensbekenntniß ab. Darauf bestieg der Erzbischof die Kanzel und hielt eine kurze, in Inhalt und Form meisterhafte Anrede an die Versammelten. Er begann, an das Fest anknüpfend mit einer Schilderung des Waltens des heiligen Geistes in der Kirche, wies dann darauf hin, wie die Kirche zu allen Zeiten die Lehrerin der Völker und die Beschützerin und Pflegerin der ächten Wissenschaft gewesen und schloß mit folgenden Worten: „Die Kirche hat stets die Unwissenheit bekämpft, sie hat stets wahre Wissenschaft gefördert. Zwar ist sie unveränderlich in ihrer Lehre und gestattet nicht die göttliche Wahrheit anzugreifen und in Frage zu stellen: aber ist daS nicht ihre Pflicht? sind nicht ihre Lehren die Lehren der Offenbarung, die ihrer Hut als eine heilige Hinterlage von ihrem göttlichen Stifter anvertraut sind, und ist nicht sie zur Säule und Grundfeste der Wahrheit gemacht? ES ist wahr, sie verdammt Schriften und verbietet ihren Kindern, sie zu lesen; aber ihre Verbote sind nur gegeu schlechte Werke gerichtet, die das Herz verderben würden, wie unsittliche uud unanständige Romane, oder die sie Grundlage des Glaubens durch Verbreitung des Unglaubens und Jrr- glaubeus untergraben würden. Die Kirche hat die Aufgabe, ihre Kinder zur ewigen Seligkeit zn führen, und darum muß sie dieselben vor der Pest der Sünde und vor der Finsterniß des JrrthnmS schützen . . . Die katholische Kirche kämpft auch gegen gewisse Schulen und Erziehungssysteme: aber thut sie nicht auch dieses darum, weil dieselben dem Glauben und den Sitten gefährlich sind? Und wenn sie die fleischliche Wissenstaft verdammt und verwirft, welche der heilige Jacobus als irdisch sinnlich und teuflisch bezeichnet, fördert und unterstützt sie nicht alle nützlichen Künste und alle Zweige der Wissenschaft, welche den großen Zweck unserer Erschaffung fördern können? Ist sie nicht die Lehrerin der Völker gewesen? Haben wir nicht ihr die allgemeine Verbreitung der Bildung zu danken, die wir unter allen Ständen der Gesellschaft in jedem christlichen Lande finden? Sie hat Schulen errichtet zur Erziehung der Armen, Eollegien und Universitäten gegründet für die Reichen uud Höherstehenden. Alle Universitäten in Europa mit wenigen Ausnahmen verdanken ihr das Entstehen. Selbst die jetzt der kalholischcn Kirche feindlichen Universitäten, wie Orford uud Cambridge, wurden von unsern kalholischen Vorfahren gegründet und dotirt uud von den Nachfolgern VeS heiligen PetniS geschützt nnd unterstützt. Diejenigen, welche jetzt von der Kirche getrennt sind, mögen den Glanz und die Herrlichkeit der Institute rühmen, die sie besitzen: aber wäre es nicht billig, zn gestehen, daß der Rnhm nicht ihnen gebührt, daß das, worauf sie stolz sind, das Werk katholischer Hände und daS Erzeugniß katholischer Geister ist. Wenn man diese Thatsachen beachtet, wie kann dann ein Unparteiischer der katholischen Kirche vorwerfen, sie sey eine Feindin des Fortschritts? Für Irland gab cs eine Zeit, sie ist noch nicht lange verflossen, wo die Erziehung geächtet, wo es Hochverrath für einen Katholiken war, ein Lehrer zu werden oder sein Kind in eine katholische Schule zu schicken. Und doch gibt eS Menschen, die von ihrer Liebe zur Wissenschaft und Aufklärung sprechen und die Rückkehr dieser Tage der Finsterniß und Verfolgung wünschen. Als die Strafgesetze etwas gemildert wurden, war es der erste Gedanke der irischen Katholiken, für die Erziehung ihrer Kinder zu sorgen. Sie bedeckten das Land mit Schulen nnd Kanten Kollegien, und viele ihrer ErziehuugSinstitute lassen sich denen aller andern Länder kühn an die Seite stellen, nnd daö alles hat das Volk mit seinem Eifer ohne fremde Unterstützung vollbracht. Wir hatten allerdings manche ErziehnngSsysteme zu bekämpfe», aber nur darum, weil ihnen die Absicht zu Grunde lag, unseren Glauben zn zerstören und uns von der katholischen Kirche loszureißen. Wir sind verpflichtet, Reich und Arm vor solchen Systemen zu warnen, wir fordern sie auf, ihre Kiuder vor vergifteten Weiden zu bewahren, aber wir ermähnen sie, ihnen die Segnungen einer guten Erziehung zuznwcndtn und sie zu den Quellen wahrer Wissenschaft zu führen. Auch jetzt geben 325 die irischen Katholiken unter der Leinmg ihrer Bischöfe und im Einklänge mit den Ermahnungen des heiligen Stuhls einen neuen Beweis von ihrer Liebe zur Wissenschaft, durch die Anstrengungen, die sie machen, inid durch die Opfer, die sie bringen, um eine katholische Universität ins Leben zu rufen, wo die irische Jugend ihren Wissensdurst befriedigen und sich dem Studium der Wissenschaften und Künste widmen kann, ohne ihren Glauben zu verlieren, — ein Unglück, welches viele getroffen hat — und ohne sich den Gefahren und Versuchungen auszusetzen, die sie in antikatholischen Instituten umgeben. Der Plan ist groß und schwierig, uud müßten wir nnS ans unsere Kraft allein verlassen, die Größe des Unternehmens würde uuS zurückschrecken. Aber unsere Hoffnung ist zuversichtlich — wir vertrauen ans Gott, ans den mächtigen Schutz der allerseligsten Jungfrau und unserer Schutzheiligen, auf die Sympathie aller Katholiken, auf den Segen des Nachfolgers des heiligen PetruS, auf die Gebete der Gläubigen und besonders der Armen. Das Unternehmen ist groß, aber mit Gottcö Hilfe wird eS gelingen. Die Sorge, dasselbe auszuführen, ist von den, irischen Bischöfen dem hochwürdigen Herrn übertragen, welcher eben nach altem Brauch beim Aiuritt seines AmtcS in eurer Gegenwart das Glaubensbekenntnis) abgelegt und erklärt hat, er wolle alles aufbieten, die Lehren der heiligen katholischen Kirche zu erhalten, zn bewahren und zu vertheidigen. Er ist ein Mann eben so ausgezeichnet durch gründliche Gelehrsamkeit, als durch Tugend und Frömmigkeit. Er kann sich rühmen, Verfolgung gelitten zu haben um der Gerechtigkeit willen und eine harte Prüfung bestanden zn haben wegen seiner Anhänglichkeit an unsere heilige Religion. Dürfen wir nicht hoffen, Geliebteste, daß nnter der Leitung eines solchen RectorS das iZenfkörnlein, welches seiner Sorge anvertraut ist, zu einem großen Baume heranwachsen werde, der daS Land mit seinen mächtigen Zweigen überschattet? DaS heutige Fest führt unS vor die Seele, was Gottes Macht vermag: Diese zwölf armen Männer, welche wir in Furcht und Zittern in Jerusalem versammelt sehen, sind bestimmt, das Salz der Erde zu werden und daS Licht der Welt; sie gehen hin ohne Ansehen, ohne Macht, ohne Reichthum, und trotz des Widerstandes aller Mächte der Erde nud der Hölle bekehren sie die Welt, verbannen sie Götzendienst und Aberglauben und unterwerscn sich die Völker der Erde; durch ihre Predigt wird das Kreuz, welches den Heiden eine Thorheit war und den Juden ein Aergerniß, die stolzeste Zierde des TiademS der Könige und Fürsten und wird eS triumphirend aufgepflanzt auf den prächtigsten Denkmälern Griechenlands und Roms. Wenn also Gott mit unS ist, wen haben wir zn fürchten? nnter seinem Schutze, und da wir arbeiten zur Ehre seines Namens und für daS Heil unserer Seelen, dürfen wir mit voller Zuversicht auf das Gelingen unseres Werkes rechnen. Und Sie, hochwürdiger Herr, dem die Ausführung eiueS fo großen Werkes von der irischen Kirche übertragen ist, erlauben Sie mir, Sie zn ermähne», den Schwierigkeiten und Beschwerden, auf die Sie stoßen werden, muthig und entschlossen entgegen zu gehen. Sie haben den Segen des Nachfolgers des heiligen PetruS, die Gutheißuug und Mitwirkung der irischen Kirche nud die inbrünstigen Gebete der Glän- bigen, — alle Schwierigkeiten werden allmälig schwinden und Ihrer Wirksamkeit wird sich ein schönes und ausgedehntes Feld eröffnen. Lehren Sie die ihrer Hut anvertraute Jugend, alle Felder des Wissens zu bebauen, die Tiefen jeder Wissenschaft und die Geheimnisse jeder Kunst zu erforschen; nntcrftützen Sie die Entsaltnng deS Talents nnd den Flug des Genius, aber wehren Sie dem Wachsen deS Irrthums und seyen Sie ein festes Bollwerk gegen ÄlleS, was die Interessen der Religion und die Lehre der heiligen katholischen Kirche gefährden könnie, Unter allen Umständen und zu allen Zeiten seyen Sie bestrebt, eine ächt katholische Gesinnung, einen wahrhaft religiösen Geist den zarten Gemüthern der Jugend einzuflößen; lehren Sie dieselben den Werth dieses inoins 5l>tHZ»< ^l»« - »ül,H/!lZöH Das Gebetbuch, welches die k. k, Akademie der bildenden Künste zu Wie» sür Ihre Majestät die Kaiserin Elisabeth anfertigen läßt, dürfte an Schönheit und Kunst- werlb allcS bisher in diesem Genre Gelieferte übertreffen und vielleicht das einzige Eremplar von solchem Werthe bilden. Der Tert der Gebete ist mittelst der Feder äußerst kunstvoll auf Pergament geschrieben, jedes Blatt hat eine eigens entworfene neue Randzcichnuug, an deren Ausführung sich die vorzüglichsten Künstler der Residenz betheiligten. Für die äußere Ausstattung wurde ebenfalls das Schönste und Geschmackvollste besorgt. Der Einband enthält massive Beschläge von Gold und Silber, die nach eigens gemachten Zeichnungen und Matrizen geprägt und gravirt werden, * 5 * In der Türkei haben die sranzösischen Soldaten sich in der Krankenpflege ihrer von der Cholera befallenen Kameraden so wacker bewieseil, daß der Marschall S. Arnand sie mit barmherzigen Schwestern verglich. Es muß doch waS Absonderliches seyn um den Muth einer barmherzigen Schwester, wenn man sogar einem Soldaten, bei dem doch Courage zum Handwerk gehört, ein Kompliment damit macht, ihn einer barmherzigen Schwester zu vergleichen. >---- , Nerautwortlicher Redacteur: L, Schvuchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. 15. October ^ ^2. ^854. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Touutage. Der halbjährige Abou»ementsvre!« TV kr., wofür e« durch alle köm'gl. bayer. Postämter und alle Buchhaudluogen bezogen werde» konr. Pilgerlied. Der Himmel ringsum ist so trüb', Das Herz voll Traurigkeit; Wir blicken bang und sorgenmüd' Auf die bedrängte Zeit. Wir schauen nach dem wahren Glücke, Nach der ersehnten Rettungsbrücke, I» dunkle Fernen weit. Und immer düstrer wird der Schmerz, Kein Stern durch Wolken bricht; Nach Licht sich sehnet unser Herz, Doch ach, wir finden's nicht. Wo ist aus diesen Nebclgründen Ein sichrer Ausgaug noch zu finden, Aus Nacht zum Sonnenlicht? Nur hier und dort ein Schimmer glüht, Doch flüchtig wie ein Traum; Wir sind so arm, so erdenmüd', Warum? — wir wissen'S kaum. Durchleuchte Du, o Jungsrau hehre! Die Herze», ach, so glaubcnslecre, Im öden Weltenraum. Das Erdendunkcl Du erhell' Mit Deinem Licht so rein; O leuk' des Himmels Gnadenquell In diese Welt hinein. Enthülle Du die Truggestalten, Laß an der Wahrheit fest uns halten, Au Deinem Sternenschein. 33V Kirchen und kirchliche Bauwerke an den heiligen Stätten des Morgenlandes. Bon Prisac, I. Jerusalem. Die heiligen Stätten deS Morgenlandes, und namentlich jene von Jerusalem und Bethlehem, haben sowohl wegen ihrer Wichtigkeit an sich, als wegen der wichtigen diplomatischen Streitsragen, die sich neuerdings daran knüpfen, augenblicklich wieder die Aufmerksamkeit und Theilnahme von ganz Europa, so wie eines nicht unbedeutenden Theiles von Asien erregt. Wir gedenken aber hier nicht, den dunkeln Vorgängen einer byzantinischen Politik zu folgen, oder von der andern Seite die wohl verbrieften und begründeten Rechte der Katholiken in Bezug auf jene Fragen zu schildern, sondern wir halten uns diesmal an dem Architektonischen, Künstlerischen und Kunstgeschichtlichen. So müssen wir aber gleich Anfangs bemerken, daß jener bekannte Spruch: „Wo der Türke seinen Fuß hinsetzt, da wächst kein Gras mehr," nicht bloß auf die morgenländischen Zustände im Allgemeinen, sondern auch vorzüglich hier paßt. Kommen Sie nach dem heiligen Lande, so sehen Sie nichts als Ruinen, es umgibt Sie nichts als Trauer und Elend. Die Natur selbst scheint sich umgeändert zu haben und unter dem Fluche zu seufzen. Nur hier und da scheint die Hand Gottes wieder durch, und Sie können sich überzeugen, daß Sie sich doch noch immer in dem gelobten Lande befinden. Schwerlich möchten Sie einen Teppich bunter und prächtiger wirken, als die Blumengcfilde jener Lande, die Sie ans allen Wegen und Stegen antreffen. Nichts gleicht ihrer Farbengluth, und es ist nicht umsonst gesagt, wenn Salomo in seiner königlichen Pracht von der Herrlichkeit und Schönheit der Lilien und Blumen der Felder spricht. Das Getreide in Galilää und Samaria trägt hundertfältig, wie eS im Evangelium steht; aber in den duftigen Blumen, in dem Tymian des Carmel keine Biene, in dem schönen Getreive riesenhohe Disteln, Stengel an Stengel, die Mann und Pferden wie hohes Strauchwerk über den Kopf gehen, und das Land der Verheißung, das einst von Milch und Honig floß, hat keine Landbewohner, die es bauen, wenige Städte, nur hier und da einige elende Steinhütten, die ein stinkendes »Dorf bilden, vor dessen Wohnungen man den Kameelmist als Brennmaterial anhäuft, aber desto mehr Ruinen und darunter Ueberbleibsel der prächtigsten und schönsten Bauwerke, die eS nur geben kann, und zwar aus jener Periode, die wir für die beste der christlichen Zeitrechnung halten. Denn die abendländischen HeereSzüge kamen in dem Anfange ihrer Kreuzfahrten schon mit großen Bauerfahrungen und mit Begeisterung dorthin, und überall, wo sie irgend einen in der heiligen Schrift durch Erinnerung an den Heiland, seine seligste Mutter oder die Apostel geweihten Ort fanden, erbauten sie auch eine Kirche und neben der Kirche zur Wahrung deS Dienstes ein Kloster. Es war aber damals noch die blühende Periode des 12ten und 13ten Jahrhunderts, und nirgends fand sich besseres Material als in dem an prächtigen Bausteinen so reichen Palästina. Mitunter waren freilich die Zeiten drangvoll, und wurde bei Befestigung der Städte in einer solchen Noth in einer Weise verfahren, die wir keineswegs billigen wollen und die wir hier um so weniger zu rechtfertigen haben, als sie bei keinem Kirchengebäude in Anwendung kam, sondern nur an Schlössern und Hasenwerken, wie in Cäsarea, Laodicea, Rhodos u. a,; nämlich man setzte die köstlichen Säulen von ägyptischem Granit, Gallo antico, Rosso antico, oder noch prächtigerem Materials, die man aus dem Alterthume vorfand, wie rohe Bausteine als Querlage ein, also daß der Ritter Joinville in seinen Memoiren sich wohl nicht so ganz mit Recht wundern konnte über die Schnelligkeit, womit der heilige Ludwig Cäsarea ausbaute. Im Kirchenbau verfuhr man ganz anders, und schon gleich beim Eintritte in das heilige Land beweisen die schönen Ruinen an der Kirche des heiligen Georg in Lydda, daß hier und da die durch das Christenthum verherrlichte germanische Zeit in seinen edelsten Formen gewaltet. Dazu kommt noch, 331 daß jene Ruinen außer einer gewaltsamen Zerstörung fast gar nichts gelitten von dem Zahne der Zeit, so frisch und ucn sind sie in ihrem glänzenden goldgelben Farbentone, als wären sie erst heute geschaffen^ so scharf und kantig ist AUeS. Doch wir gehen nun zu den Einzelheiten über, und zwar zunächst zu den bedeutendsten und wichtigsten von Jerusalem. EusebiuS berichtet in seiner Kirchengeschichte, daß die heilige Helena bei ihrer Anwesenheit in Palästina die heiligen Orte nicht bloß von dem Schmutze und der Entweihung des Heidenthums gereinigt, sondern auch allenthalben, namentlich in Jerusalem und Bethlehem, prächtige Kirchen an den heiligen Stätten errichtet. Die von ihr errichtete Kirche von Jerusalem hatte namentlich vielen Einfluß auf die spätere Bauweise von Byzanz. Als aber die Kreuzfahrer am 15. Juli 1099 Jerusalem erobert und TagS darauf die heiligen Stätten gereinigt, fanden sie die von der heiligen Helena erbaute Kirche, die bereits im 9ten Jahrhundert von Hakem zerstört worden, nicht mehr vor. Aber der Erzbischos Wilhelm von TyruS erzählt in seinem „Buche der Eroberung", wie die Kreuzfahrer unter der Oberleitung deS frommen Gottsried von Bouillon, der eS sogar verschmähte, da eine goldene Krone zu tragen, wo der Heiland unter einer Dornenkrone geblutet, gleich daran gingen, ihrem Erlöser einen neuen Tempel über dem Orte seiner Auserstehung zu erbauen. Sie zogen aber damals alle durch sein Leiden geweihten Stellen, welche sich in der Nähe deS heiligen Grabes fanden, nach der Erzählung deS gedachten Wilhelm von TyruS, also nicht nur den Kalvarienberg oder die Schädelstätte, die Stelle, wo der Heiland vor seiner Grablegung von Nicodemus und Josepb von Arimathia in Leintücher gewickelt und gesalbt wurde und welche gegenwärtig noch unter dem Namen deS SalbungSsteiueS bekannt ist, sondern auch den Kerker deS Heilandes, wo er so lange verweilt, bis Alles zu seiner Hinrichtung fertig war, den Ort der Kleiderveriheilung, der Kreuzaufsindung durch die heilige Helena und sonstige geweihte Stellen, vielleicht auch noch ein paar Stan'onen, da der Kreuzweg sich in Spirallinie um den Kalvarienberg herumwand, jener aber zum Zwecke deS Baues schon in den Zeiten der Helena mit Ausnahme jener, die als besonders geheiligte unberührt blieben, wie der Ort der Kreuzigung und Kreuzausrichtung, geebnet wurde, in die Kirche mit hinein. Sie muß nach einzelnen Ueber- bleibseln höchst prächtig gewesen seyn. Leider ist aber von ihrem Bau gegenwärtig nur noch wenig vorhanden. Sie hatte zwei Kuppeln und war in der Form einer Ellipse erbaut. Unter der größern Kuppel befand sich daS heilige Grab. Die von den Kreuzfahrern im Anfange deS 12ten Jahrhunderts erbaute Kirche stand noch bis zum Jahre 1808, wo das christliche Europa unter dem Joche der kirchenfeindlichen Revolution und namentlich auch eines Zwingherrn seufzte, der trotz seiner prahlerischen Ansprüche auf seine Verdienste um die katholische Religion bei seiner Anwesenheit in Asien den dortigen Katholiken viel geschadet und eben damit beschäftigt war, daS Oberhaupt der Kirche gefangen zu nehmen. Die von Europa, namentlich von Spanien und Oesterreich, verlassenen Katholiken im Morgenlande litten bald die höchste Noth. Den Grie« chen, die auf den reichen Schutz Rußlands rechneten, war dieß nicht unbekannt, und sie suchten eine Gelegenheit wahrzunehmen, zu dem längst erstrebten Besitze deS heiligen GrabeS zu gelangen. Da wurde Jerusalem plötzlich in einer Nacht von dem Brande deS heiligen Grabes aufgeweckt. Die Flamme knisterte zuerst in der Capelle der schismatischen Armenier, sie ergriff dann die Kuppel, welche in ihren Trümmern auf das heilige Grab stürzte, und was sonst der Zerstörung noch fehlte, fügten die geschäftigen Hände der Griechen hinzu, die zu einem solchen Werke schon in Bereitschaft standen. Da mußte beim vor Allem jedes Andenken deS Abendlandes vernichtet werden. Das Grab Gottfrieds von Bouillon blieb, wie der FranciScaner-Cvnvent, von dem Feuer verschont; auch das heilige Grab hätte noch erhalten werden können, aber die Griechen zerstörten, was sie zerstören konnten, weil sie wußten, daß die Latein« zum Neubau keine Mittel und keine Hilfe hatten und nach türkischem Recht, mit Beseitigung aller weiteren Ansprüche, dem die Kirche gehört, der sie baut. Die Griechen hatten aber das Geld zum Neubau in Bereitschaft liegen, und sie gingen rasch ans Werk. Die 332 Kuppel wurde im schlechten russisch-griechischen Style wieder aufgebaut und in der Hast so schlecht construirt, daß sie jetzt den Einsturz droht, Wind und Wetter hindurch läßt und die Vögel deS Himmels ihre Nester darunter bauen. Auch die GrabeS- Capelle wurde damals wieder neu aufgerichtet, aber in eben so schlechtem Style, daß wir uns hier aller weitem Kritik enthalten. Von der alten Kirche blieb nur ein Theil deS Haupt-EingangcS stehen, der aber so schön und geschmackvoll ist, daß man wohl vollkommen berechtigt ist, daraus einen Schluß auf das Ganze zn machen. Die schadhafte und traurige Lage der erwähnten Kuppel, so wie die wiederholten Anmaßungen der nnter russischem Protektorate stehenden Griechen gegenüber den gerechten Ansprüchen der Katholiken sind in der letzten Zeit der Gegenstand verschiedener Unterhandlungen gewesen, und zwar sowohl in Betreff der Bauenden, wie deS Baustyles, und beides wird wohl durch den gegenwärtigen Krieg entschieden werden müssen. Denn selbst das AuSkunstSmittcl, daß die hohe Pforte die Baulast übernehmen will, die unter jeglichen andern Umständen sich Jeder vom Halse wälzt, hier aber sehr wesentliche Rechte im Gefolge hat, wird durch die Erfahrung als unstatthaft verworfen. Die Katholiken werden sich einem solchen AuSkunftSmittel nie fügen können, so lange die Griechen noch russisches Geld haben. Denn die Katholiken würden dadurch in ihren wesentlichen Rechten stets gefährdet seyn und jeden Augenblick zn gewärtigen haben, daß eS irgend einem Pascha auch ohne Berathung mit der hohen Pforte einfallen würde, für irgend einen hinreichenden Backschis, den Canon alles Verfahrens im Oriente, von dem angeblichen türkischen StaatSrechte Gebrauch zu machen und als Eigenthümer die Griechen in den ganzen Besitz einzuweisen. Eben so ist der Styl von der höchsten Bedeutung in der gegenwärtigen Frage. ES ist gleichsam der fortwährende Rechtstitel, der für diesmal nur allein durch das Schwert festgesetzt werden wird. (Schluß folgt.) Der Tod Boltatre'S. (Fortsetzung.) Wir wollen nunmehr an einzelnen Beispielen aus verschiedenen LebenSperioden Voltaire'S klar zu machen suchen, waS wir srüher mehrmals ausgesprochen oder angedeutet, nämlich, daß sein ChristuShaß und sein öffentliches Prahlen damit viele Achnlichkcit mit dem eines Maulhelden habe, der nie dreister auftritt, als wenn er vor Furcht in ein Mäuseloch kriechen möchte. Alle unsere Leser kennen Gcllert'S Erzählung „der Freigeist", und wissen, wie dieser unerschrockene GoiteSlaugner, der seine alle einfältig gläubige und fleißig betende Haushälterin wegen ihrer Frömmigkeit nicht genug ausziehen konnte, später während einer gefährlich scheinenden Krankheit eben dieser Person die besten Worte von der Welt gibt, damit sie doch an seinem Beile einige von den so schnöde von ihm verachteten Kirchengebcten laut bete oder singe, und ihn mir seiner Angst nicht allein lasse. Denken sie dann noch mit unS an Lessing'S tief greifenden und hier in vonci-eto fürchterlich wahren AuSspruch: „Nicht Jeder ist frei, der seiner Kelten spottet", so können sie sich ohne unser Zuthun ein getreues Bild von der, übrigens im Vorigen schon geschilderten, durchgängigen GemülhSlage Voltaire'S entwerfen, und sie werden uns nicht zürnen, wenn sie sehen, daß unser Unwille aus dem Kampfe mit dem Mitleid nicht immer siegreich hervortritt. Im Jahre 1723, also im 29sten seines Lebens, stand Voltaire zum ersten Mal am Rande deS Grabes, nnd beeilte sich, zu beichten und sein Testament zu machen. Daraus erwartet er den Tod mit ziemlicher Gelassenheit, obschon nicht ganz ohne Leidwesen darüber, daß er seine Freunde so frühe verlassen müsse und seiner „Henriade" nicht den letzten Pinselstrich geben könne, wie sein eigener Brief aus dem December 1723 an Baron von Breteul bezeugt. Auf einer seiner Reisen in Sachsen, sagt Barrucl in seinen Memoiren, ward er gefährlich krank. Sobald er seinen Zustand erkannte, verlangte er einen Priester, legte ihm seine Beicht ab, und bat ihn dringend 333 um die setzte Oelung. Er empfing dieses Sacrament auch wirklich nach einer Reihe von Bußübungen, die freilich die Gefahr nicht übeldauerten; denn kaum hielt er sich für gerettet, so zwang er sich zu einem vornehmen Lächeln über seine Kleinheit, wie cr'S nannte und sagte zu seinem Sccretär: „Freund, Sie habe» den Menschen in seiner Schwäche gesehen/' Auch das Alter schien ihn nicht zu verdüstern. Eo schreibt er am 28. December 1761 an de BerniS: „Wenn ich nicht leivcnd bin, so lache ich viel, und ich bin der Meinung, mau solle lache», so lange man'S noch ka»». So lachen Sie denn, denn zuletzt finden Sie auch Ursache dazu." DaS Warum gibt er in seiner Antwort an denselben BerniS vom 25. Februar 1763: „Der alte siebenzig- jährige Blinde ist schwach, aber doch recht munter, er sieht alle Dinge dieser Wett für Seifenblasen an, und ausrichtig gesprochen, sind sie auch nichts Anderes." Darum schrieb er denn wohl auch am 14. Juli 1760 an Mad. du Deffant: „Ich lache über Alles, und mache mich über die Welt lustig " Am 15. Jänner hatte er ju ihr gesagt: „Man muß bis zum letzten Augenblicke mit dem Leben spielen." Am 27. Juni 1766 faßte er auch förmlich diesen Entschluß, und theilte ihn d'Alembert so mit: „Ich will, wenn ich kann, lachend sterben." Inzwischen meldete er unterm 3. März 1769 der Frau von Saint-Jnlien, eS mache ihm Vergnügen, um sein Grab herumzutanzen. Wer solche Maximen nicht annahm, der war in seinen Augen geächtet. In seinem Briefe vom 12. Mai 1766 an den Grafen de la Touraille bedünkt eS ihn, daß La Fontaine wie ein Pinsel gestorben sey Den 21. September 1764 erfährt Frau du Deffant, in welch' heftigen Zorn ihn die Nachricht versetzt habe, ei» d'Argenson sey die letzten fünf Stunden seines Daseyns mit einem Priester allein gewesen, und diesen d'Argenson habe er doch sonst für einen vernünftigen Mann gehalten. MaupertuiS hatte seinen letzten Seufzer in den Armen von zwei Capucinern ausgehaucht; darum wird ihm denn auch in einem Briefe Voltaire'S vom 29. August 1759 an Bertrand der Vorwurf gemacht, nicht als Philosoph gestorben zu seyn. Im selben Jahre betheuerte er mit einem Schwüre vor Friedrich II., daß er diesem Beispiele nicht folgen werte. Sei» Ideal vom Tode war also wohl ein philosophischer Tod. Und was verstand er unter diesem? Eine Lausbahn voller Ausschweifungen und Schändlichkeiten durch ein gottloses Ende krönen. Und als Vorbild führte er DuboiS an! Hatte er auch Gründe zur Vertheidigung seiner Lehre? O ja, und wir wollen sie zwu Stellen seiner Korrespondenz mit Frau du Deffant aus dem Jahre 1764 entnehmen. Die erste ist vom 9. Mai: „Bloß der Gedanke, daß man nicht mehr erwachen wird, verursacht uns Kummer; nur die Rüstung zum Tode ist schrecklich, jene barbarische Oelung, jene Grausamkeit, womit man anzeigt, daß Alles sür uns dahin ist. Wozu nutzt eS, unS so unser Urtheil zu sprechen? eS wird schon vollzogen werden, ohne daß Notar uud Priester sich darein mengen. Mon sagt bisweilen von einem Menschen: er ist gestorben wie ein Hund; aber in Wahrheit, der Hund ist recht glücklich, daß er ohne all' dieß Gepränge stirbt, womit man den letzten Augenbl'ck unseres Lebens verfolgt. Hätte man ein Bischen Mitgefühl sür uns, so ließe man unö sterben, ohne uuS etivaS daoon zu sagen. Das Schlimmste dabei ist noch, daß man dann von Heuchlern umgeben ist, die Einem zusetzen zu denken, wie sie nicht denken, oder von Dummköpfen, die verlangen, daß man ebenso ein Dummkopf seyn soll; das ist AlleS sehr widerlich. Die einzige Freude des Lebens zu Genf ist, daß man dort sterben kann, wie man will: viele ordentliche Leute schicken nicht nach dem Priester. Man tödtet sich selbst, wenn'S Einem so beliebt, ohne daß sich Jemand darüber aushält, oder man wartet den Augenblick ab, ohne daß Einen Jemand belästigt." Am 31. August unterzeichnete er folgende Zeilen: „Die letzten Augenblicke sind in einem Theile von Europa von so widerlichen und lächerlichen Umständen begleitet, daß es oft schwer fällt, zu erfahren, waS die Sterbenden denken. Alle werden den nämlichen Ceremonien unterworfen. Jesuiten sind so schamlos gewesen, zu behaupten, Montesquieu sey wie ein einfältiger Tropf gestorben, und sie hielten sich deßwegen für berechtigt, auch alle übrigen als Tröpfe sterben zu lassen. Man 334 muß gestehen, die Alten, in Allem unsere Lehrmeister, hatten auch darin einen großen Vortheil vor uns voraus; sie störten weder das Leben noch den Tod durch Aufbürdungen, die beiden Unheil bringen. Zur Zeit der Scipionen und Cäsaren lebte, dachte und starb man, wie'S Einem gefiel; unS aber behandelt man wie Drahtpuppen." Vielleicht ist hier die Bemerkung nicht unpassend, daß Voltaire sich in seinen Briefen vom 27. Jänner 1733 an de Cideville und de Formont rühmt, der Baronin von Fontaine-Martcl selbst angekündigt zu haben, daß sie fort müsse, und ihr einen Priester zugeführt zu haben, um sie Beichte zu hören und ihr die Sterbsakramente zu spenden, AbschiedSceremonien, wovon sic in diesen tranrigen Umständen nichts hören Wollte. Aus sn'ncn Memoiren scheint auch hervorzugehen, daß er einen Priester bei der Hand gehabt haben würde, um Frau du Chatelet denselben Dienst zu erweisen, hätte er voraussehen können, daß sie so frühzeitig und so unerwartet daS Zeitliche segnen würde, indem Keiner am Hofe zu Luncvillc ihren baldigen Tod ahnen konnte. Weisen wir nun nochmals als auf eine Thatsache darauf hin, daß Voltaire nicht gestorben ist, ohne zu wissen, daß seine letzte Stunde herannahe, und sagen dann, mit welcher Gnnüthsstimmung cr sein leidiges Urtheil vernahm. (Fortsetzung folgt.) Kirchliche Notizen. Siebe nbürgischcS. Die schönsten, die größten Kirchen von Hermannstadt und Kronstadt, die wahre Meisterwerke der gothischen Baukunst sind, befinden sich seit der Reforma'ion i» den Händen der Lutheraner. Auch sind daselbst noch die schönen Kelche, die alten, reichen Meßgewänder u. s. w. aufbewahrt. Aber daS unglaublichste ist, daß die Lutheraner regelmäßig Nachmittag zur Vesper läuten und eine Art Vesper halten; ich wohnte einer solchen in Kronstadt bei. Im obern Ende der beiden Chorstühle laS ein Prediger etwas vor — daraus setzte er sich hin — las wieder — nnd laS nicht mehr! Die fingirte Vesper war zu Ende. ES fand sich Niemand dabei ein, a'S zwei obligate in den Chorstühlen sitzende Lehrer oder Küster. Noch unglaublicher ist Folgendes: Dreimal deS Jahrcö wird in der evangelischen Haupt- Kirche zu Herrmanustavl (ob auch in Kronstadt, weiß ich nicht), die Messe nach katholischem RitnS aufgeführt! Am Christtage — am ersten Oftertage und am ersten Pfingsttage. Nachdem der gewöhnliche Gottesdienst vollendet ist, wird so lange gewartet, bis sich allcS verlanfcn hat; dann beginnt die Aufführung, die ihren guten materiellen Grund hat. ES tritt ein Prediger im Meßgewande zum Altar mit dem Kelche. Auf dem Chor singt man das K^rio Kloris dreclo — der Canon bleibt auSÜ Sollte man glauben, daß dieser Unfug geschieht seit Jahren! Gott weiß — wie lange es geschehen wird! Und wenn Sie fragen, warum das geschieht, so hören Sie die Antwort: Es wird Vesper und Amt gesungen, um die katholischen StiftuugSgelder unter diesem Vorwand einstreichen zu können. Gott weiß wie viel Stiftungen von Messen in dieser Weise den Abgestorbenen, die sie gestiftet haben, durch obige Komödie vorenthalten werden! Ist das nicht ein Spott und Hohn, den man mit der katholischen Kirche treibt. Wäre eS denn nicht an der Zeit, sich an Match. ?4, 15 zu erinnern. * - * - Hamburg, 10. Sept. Der eifrige, treue Oberhirt der norddeutschen Missionen, C. A. Lüpke, fast im achtzigsten Lebensjahre suchend, unternahm noch einmal die weite Reise zu den entlegenen Missionskirchen, um die seiner Obsorge anvertrauten Gemeinden nach einem Zeitraum von sieben Jahren wieder zu sehen und bei ihnen daS heilige Sakrament der Firmung zn spenden. Der Reihe nach hat der hochw. Herr die Gemeinden zu Bremen, Hamburg, Altona, Lübeck, Schwerin besucht und in allen 335 diesen hatte eine recht erfreuliche Theilnahme an der Feier sich gezeigt. So unerwartet groß war die Anzahl der sich einstellenden Firmlinge gewesen, daß die mitgenommenen Firwzettel schon in Schwerin längst nicht ausgereicht hatten. Sie können denken, welche Freude der hochwürdigste Bischof aus diesem überall merklichen Aufschwünge der religiösen Gesinnung bei den Katholiken schöpfte; seine abnehmenden Kräfte schienen sich mit jedem neuen Tage mehr zu verjüngen. H>>,Ä tit,? ,Ä>nHylliir »i>ui i!)it bijzil ^nki'li"»^ Fortschritt. In Hamburg kamen in den lutherischen Pfarrkirchen vor: im Jahre 1753 3105 Taufen, 85,118 Communicanien; im Jahre 1853 4732 Taufen, 17,674 Communicanien. Hieraus geht hervor, daß in Hamburg jährlich hundert Kinder ungetauft bleiben und in keine religiöse Gemeinschaft aufgenommen werden. Ferner sieht man hieraus, daß von 8, die vor hundert Jahren noch zum Abendmahl gingen, jetzt nur noch einer geht. Nach der vermehrten Bevölkerung müßten jetzt nach dem Verhältniß von 1753 127,677 Communiccmtm seyn; es sind aber nur 17,674. Und daS geht jedes Jahr schlimmer. Wir reden aber nur von den Protestanten, denn in der katholischen Gemeinde zu Hamburg hat sich in dem einen Jahre 1852 bis Ende 1853 die Zahl der Communicanien von 2700 auf 3600 vermehrt. — In Berlin waren im Jahre 1849 631 EhescheivungS-Processe anhängig: im Jahre 1853 aber 856. Diese EhescheidungSprocesse haben sich also in der Stadt in vier Jahren um ein Drittel vermehrt. — In Mecklenburg sieht es noch schlimmer auS: auf der Pastvral- Conferenz zu Malchin im September 1852 theilte der Oberkirchenrath Kliefoth mit, daß in drei Kreisen im Jahre 1851 der sonntägliche Gottesdienst 223mal ausfiel, weil auch nicht Einer zur Kirche gekommen war und der Prediger deßhalb unverrichteter Sache umkehren mußte. In Mecklenburg gibt es 469 Ortschaften, in denen ein Drittel bis über die Hälfte der Geburten uneheliche sind, und 79, in denen gar keine ehelichen mehr vorkommen. »,uwtV sml nrwuiV nwsMM,»,'i',n5 5,H«,«-, , . ... Turin. Es scheint, das sardinische Ministerium lassen seine eigenen Lorbeeren nicht schlafen, und eS suche immer mehr sieb selbst zu übertreffen. Die „Armonia" berichtet uns nun auch die Ausireibung der Mission vom heiligen Vincenz von Paula zu Casale, und zwar „um für künftige mögliche Choleralranke ein Lazarett) bereit zu halten." DaS Nähere über diesen neuen Feldzug gegen eine religiöse Körperschaft war zwar genanntem Journal noch nicht bekannt, doch ist dasselbe mit Recht der Meinung, daß Angriff, Kampf und Sieg der Herren „Jtalianissimi" hier nicht minder glänzend und ruhmreich gewesen seyn möchten, als in den Straßen und an den Thoren Turins gegen die so furchtbaren Stiftsdamen, Capucincssen, Dominicaner und Oblaten, deren Verblendung so weit ging, sich unter der dreifarbigen Fahne des Statuts zu vereinigen und die durch eben dieses Statut verbürgte Unverletzlichkeit deS häuslichen Herdes und überhaupt des Eigenthums auch für sich in Anspruch zu nehmen! Gegen die zuerst Vertriebenen machte man das SophiSma geltend, Collectivbesitz sey dem individuellen nicht gleich zu achten. Nun ist aber daS HauS zu Casale wahres Privat- und individuelles Eigenthum, iudem einzelne Mitglieder cS aus ihrem eigenen Vermögen angekauft haben; dennoch kommt ihnen daS Statut nicht zu gute! Man sieht, Herr Rattazzi liebt den Fortschritt. Der „Campanone" bringt über diese Sachlage einen Artikel unter der Ueberschrift: „Was sich gegen ein verfolgungssüchtiges Ministe- 336 rium thun läßt"; wir theilen daraus einige der prägnantesten Stellen mit. „Alle Revolutionäre", heißt eS darin, „so lange sie nicht am Ruder sind, proclcuniren laut und bethätigen noch lauter „„das heilige Recht deS Aufstandes."" Wir als Katholiken halten solches für nicht erlaubt, da die Uebel deS AnsstandeS großer sind, als die Leiden, denen er abhelfen soll. Dennoch predigen wir darum keine gänzliche Untätigkeit: Vorstellungen, Petitionen, Comites, Presse zc. sind ja auch Waffen, wenn auch nicht blutige, wie die unserer Gegner, und ein passiver Widerstand, den ja kein Gesetz verbietet, ließe sich auch mit Erfolg zur Anwendung bringen." Nun schlägt mehr- gedachteS Blatt den Bischösen vor, bei vorkommender Gelegenheit die Absingung deS Tedeum abzulehnen, da dieß bei der offenen Verfolgung der Kirche und der frevelhaften Verletzung der Reichsvcrfassung einem Hohn gegen Gott, die Religion und daS Volk nicht unähnlich sähe. Der Artikel schließt mit der Bemerkung, daß in Piemont nur Juden, Waldeuser, Engländer, politische Flüchtlinge und einzelne Beamte Ursache hätten zu singen, allen Uebrigen dagegen das Weinen besser ließe. Rom, 34. Sept. Im Auftrage Sr. Heiligkeit erließ Seine Eminenz der Car- dinal-Vicar eine Aufforderung an die Stadt Rom zu eifrigem Gebete um Abwendung der Cholera. Zu diesem Zwecke sind vom 2(1. bis 30. d. M. folgende Reliquien ausgesetzt: Die heiligen Häupter der Apostel PetruS und Paulus zu S. Giovanni in Laterans; der Finger des heiligen Petrus in S. Peter; der heilige Leib des Papstes PiuS V. in der Basilika Liberiana: das heiligste Kreuz nebst der Ausschrift in S. Croce di Gcrusaleme; die Säule der Geißelung m S. Prassede; die Ketten deS heiligen PetruS zu St. Peter in Vinculis; der Arm deS heiligen RochnS in der Kirche dieses Heiligen; die Reliquien deS heiligen PhilippuS Neri zu S. Maria in Vallicella; der Arm des heiligen Franz Xaver in der Kirche al Gesu; die Reliquien deS heiligen Sebastian in S. Andrea dclla Valle; das Herz des heiligen Carl Borromeo in der gleichnamigen Kirche am Corso. Außerdem sind alle namhafteren Crucifire und Mutter- gottcS-Bildnisse zum audächtigen Besuche anempfohlen. Zur Anregung und Belohnung der Andacht sind Ablässe verliehen. In der That wird mit großem Eifer gebetet und zwar nicht bloß vom weiblichen Geschlechte, sondern auch von Jünglingen und Männern. ^ 5 ^ London, 25. Sept. (N. Pr. Z.) Eine neue prote st an tische Bewegung ist im Gange. Die Rede, die Benjamin d'Jsraeli am 3. August dieses Jahres im Unterhause hielt, hat das Signal gegeben; seine Frage: Haben wir eine protestan, tische Versassung? klingt im ganzen Lande wieder und schon kommen die ?rote8t- ^Lsoeiations, z. B. die in Irland, und bringen ihm und Spooner (der gegen die Staatsunterstützung deS katholischen Kollegiums von Maynooth agiurt) Dankadressen und Worte der Aufmunterung. Die TorieS kommen dieser Bewegung mit offenen Armen entgegen. Ihr Wochenblatt „Preß« sagt: „Die öffentliche Meinung wird sich immer energischer diesem ernsten Gegenstande zuwenden müssen. Aber vergeblich wird sie sich aufregen, wenn sie nicht eine staatsmännische Leitung erhalten wird, waö wir allerdings glauben. Die protestantische Gesinnung des Landes darf sich nicht unter der Fintenpolitik (olsptraii polier) deS Schreibers deS Durham-BriefeS (Russell) verflüchtigen und nicht, wie in dem Falle Mr. ChamberS und der Klosterfrage, in ein verwegenes Spiel gezogen werden." - Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. K reiner. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur miq»! ui klivit.Snu , ,,tchi'.5j»»!--g »z »n-kl n?.M Augsburger Mostzeitung. 2». Ocl-ber ^ ^l». l8S4> Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Gonntage. Der halbjährige Monuement«prei« TV kr., wofür e< durch alle köm'gl. bayer, Postämter und alle Buchhaudluugeu bezogen werden kavr. Kirchen und kirchliche Banwerke an den heiligen Stätten des Morgenlandes. Von Prisac. I. Jerusalem. (Schluß.) Ein trauriger Anblick ist es, wenn man vor die Kirche deS heiligen Grabes tritt. Man gelangt, wenn man von dem lateinischen Kloster kommt, auf einer engen abschüssigen Straße zuerst an ein kleines Pförtchen, womit fast alle Klöster im Morgenlande, wahrscheinlich zur Deckung gegen feindlichen Ueberfall, versehen sind, auf einen viereckigen Platz von etwa dreißig Schritten Länge und Breite. Der Platz hat ehemals als Porhof gedient, und noch stehen einzelne Basen von den schönen Säulen, womit derselbe geschmückt und abgesperrt war. Kommt man zu der Stunde, wo die Kirche geschlossen ist, Morgens von etwa zehn Uhr bis Nachmittags vier Uhr, so ist eS nur mittels eines enormen BakschiS, den man an die Türken verabreicht, möglich, hinein zu gelangen. Denn diese sind thatsächlich die Wächter deS heiligen Grabes und werden es wohl noch so lange bleiben, bis sich Europa wieder zu Einer Kirche bekennt und das SchiSma derart gedemüthigt ist, daß eS nicht mehr auf fremde Hilfe rechnen kann. Ist die Pforte offen (und die heilige Grabeskirche hat nur Einen Eingang), so erblickt man gleich, zum Aerger der christlichen Welt, auf einer mit einem bunten Teppich belegien Pritsche vier bis fünf Türke» aus ihren langen Pfeifen rauchend und immer neigen Kaffee schlürfend. Der Eintretende hat dann zunächst den Salbuugsstein vor sich, zur Rechten den Kalvarienberg. Zur Linken gehl es in der Diagonale hinüber zur Capelle des heiligen Grabes, diesem gegenüber in gerader Linie ist das Chor der Griechen und in der DurchschnittSlinie zuerst die Stelle, wo der göttliche Heiland der heuigen Magdaleua als Gärtner erschienen, der Altar der heiligen Magdalena und endlich die Capelle der Laleiner mit einem Theile der GeißelungSsäule iu dem FranciScaner-Kloster. Gebt man nun weiter an der Sacristei vorbei in dem Umgange, so folgen hier der Reihe nach erst die Capelle deS Kerkers, dann die deS LonginuS, die der Kleidervertheilung, der heiligen Helena und der Krcuzausfiudung, etwa dreißig bis vierzig Stufen unter der Erde, wiederum über der Erde die Capelle der Spottsäule und endlich der Kalvarienberg, etwa zwanzig Stufen gegenwärtig über dem Boden der Kirche. Von dem Kalvarienberge gehört die Stelle der Kreuzausrichtung den Armeniern, der Kreuzannagelung aber den Katholiken. Die sämmtlichen Capellen sind mit Altären versehen, woran Messe gelesen wird, und bloß die hl. GrabeScapelle hat als solche keine besondere Tumba vonnöthen, weil das heilige Grab selbst dazu dient, so daß über diesem selbst die heilige Messe gefeiert wird. Daö heilige Grab 338 hat aber, so wie alle Gegenstände, welche dasselbe berühren, keiner besondern Weihe vonnöthen. Es ist durch den Erlöser selbst geweiht. Von außen, an dem Kalvarienberge, haben die Lateiner, wir meinen die Katholiken, noch eine kleine Capelle, welche der schmerzhaften Mutter gewidmer ist. Man kann zu dieser gelangen ohne die türkischen Wächter, und noch in der letzten Stunde meiner Anwesenheit in Jerusalem machte ich im Geleite unseres gemüthlichen Klosterbruders Fra Salvatore einen Gang dorthin, um Kirche und Bild mit frischen Blumen zu schmücken. Dieser Capelle gegenüber links ist das Kloster der Griechen mit verschiedenen Kapellen, oben und unten, in denen sich auch einzelne Madonnenbildcr in dem strengen griechischen Geschmacke befinden. Die Madonna, wie die Griechen sie male», ist nicht die milde, barmherzige Mutter, die zarte Jungfrau, sondern die ernste Matrone, der man, auch wenn das Bild zufällig die sonstigen Erfordernisse deö guten GeschiAackcs hat, doch nicht ohne Furcht und Zitiern nahen kann. ES ist ganz das byzantinische Hvfceremoniel, das sich darin ausspn'cht und nach dem in.ni den Tod verwirkt hat auch bei dem geringsten Verstoße gegen die Etiquette des hohen HofeS. Weiter abwärts zur Rechten liegt die Capelle der als gute Kaufleute bekannten Armenier, die überhaupt in Jerusalem zahlreich sind, ein eigenes Viertel bewohnen und mehrere Kirchen haben, Alles im Geschmacke der Griechen. In einiger Entfernung, vielleicht fünfzig dunkle Stufen unter der Erde, doch noch immer zusammenhangend mit dem ehemaligen Bau der heiligen Grabeskirche, liegt die Kirche der Kopten. Die Kirchen der Kopten haben wie die der Maioniten und sonstigen orientalischen Riten ihre ganz besondere Einrichtung. Sie haben, wie man das schon in Alerandria sehen kann, eine Menge von Tafel- und buntem Holzwerk, nicht nur zur Absperrung des Allerheiligsten von den sonstigen Gläubigen, sondern auch von den Franen, zuweilen auch eine Menge kleiner Tafelgemälde von der Größe eineö BucheS, sind aber sehr arm, dunkel und schmutzig und ganz unheimlich. Die Kirchen der Griechen und Armenier sind besonders in Jtrnsalem und Bethlehem mit reichem Gvlbschmucke und einer Menge von Bildchen versehen, aber Großes ist in denselben nicht vorhanden (mit Ausnahme der Wandgemälde vom heiligen Kreuz bei Jerusalem); ihr Geschmack ist kleinlich, ihre alten Bilder sind steif und starr, ihre neuen lheebreltartig geleckt, — Die Kirche an dem lateinischen Kloster St. Salvator ist klein und ein dürfliger Nolhbau, den mau schon längst erweitert hätte, wenn nicht Hindernisse in den Weg getreten wären, die einstweilen nicht zu beseitigen sind. Von großartigen Ruinen oder in Moscheen verwandelten Kirchen besitzt Jerusalem- die Aksa Moschee, die Kirche der heiligen Anna, deS heiligen JacobuS Minor, der heiligen Maria Magdalena, der heiligen Jungfrau, den Kerker dcS heiligen PerruS, das Cönaculum. — Die Aksa Moschee ist ein prächtiges Gebäude in dem Basilikenstyle deö 12ten Jahrhunderts und stößt unmittelbar an»die Area des alten Tempels. Sie war einstens der Ausopferung Maria im Tempel geweiht, u^id eS ist wahrscheinlich, daß es dieselbe Stelle war, wo die seligste Jungfrau als zartes Mädchen von kanm einigen Jahren in den Tempeldienst aufgenommen wurde und bis zum dreizehnten Jahre verblieb. Auch sind von jenen alten Tempel-Snbstructionen wahrscheinlich noch einige Reste vorhanden, schwere Bausteine von etwa sechzehn bis zwanzig Fuß Lange und in Bossage behauen, die man an jener Stelle erblick«, wo sich am Freitag Nachmittags die Juden versammeln und den Untergang deS Reiches Israel und Juda beweinen. Wenn man diese Leute so dasitzen sieht in der Thora betend, unter tiefem Schluchzen oder lautem Weinen, wie Leute, denen augenblick ich daS größte Unglück begegnet ist, kann man sich unmöglich des Mitleids enthalten, und man möchte wünschen, raß in mancher christlichen Kirche deS Orientes jene Andacht und jener Ernst deS Gebe.'eö vorhanden wäre, die hier leider eine Hoffnung errichtet, welche nur dann ihre Verwirklichung findet, wenn sich Gottes Barmherzigkeit von Neuem über die Kinder der Verbeißung ergießt und sie zu dem verkannten Erlöser zurücksührt. Die Kirche der heiligen Anna ist ein grandioses Bauwerk im Basilikenstyle deS ILlen Jahrhunderts, etwa wie die Liebfrauenkirche in Halberstadt, von schönen edlen 339 Firmen, noch ganz wohl erhalten, und würde jeder Hauptstadt in der Christenheit noch immer eine besondere Zicide seyn. Sie gehörte ehemals deutschen Numen, ich glaube, Benedictinessen, und eS ist große Hoffnung vorhanden, daß sie bald wiederum in deutschen Händen seyn wird. Ich konnte wenigstens, wenn sich jene Hoffnung nicht verwirklichte, ganz Deutschland dafür in Bewegung bringen. Wie die Kirche der heiligen Anna, so war auch die des deutschen OrdenS mit dem deutschen OrdenShause ein höchst elegantes Gebäude. N'ch gegenwärtig sind davon sehr schöne Ueberreste vorhanden, leider von dem Schmutz und dem Unglück einer Stadt be eckt, die ihren Heirn verkannt, und eS ist eine höchst grandiose GeschichtSanschauung, wenn der GeschichiSschreiber der ersten Kreuzzüge, Wilhelm von TyruS, bei jedem Unglücke, das die Kreuzfahrer getroffen, immer als Einleitung zu der Erzählung desselben sagt: Unsere Sünden gaben uns in die Hände unserer Feinde. DaS alles wirb nirgendwo klarer, als wie im Morgenlande, weil hier die meisten Zustände ohne die europäische Schminke offen da liegen nnd die Gegensätze vollends entwickelt ohne ein vermittelndes Glied dastehen. Die Ueberreste an dem OrdenShause der deutschen Ritter verrathen aler auch, so wie ein Stück von dem Templerbogen, nicht bloß ein Gebäude von hoher Schönheit, sondern letztere mögen auch mitunter Norm gewesen seyn für manche Gebände in Deutschland, oder wenn man dieses nicht will, so sind sie doch gcinz vom deutschen Geiste durchdrungen, der aber, weit entfernt, ein erclusivcr zu seyn, damals das ganze civilisirte Europa in gleichem Maaße durchdrungen, also daß er hier unter dem Namen der Franken aus-rat und noch gegenwärtig alle europäischen Katholiken unter diesem Namen bezeichnet werden, so wie die Protestanten unter demjenigen der „Jnglesi." Dem französischen Patriotismus kommt jenes mannigfach zu Gute. ES gibt aber für die Erhallung der alten Kirchen im Morgenlande, für ihre Reinigung von dem türkischen Schmutze kein Heil, als wenn alle katholischen Mächte deS Abendlandes sich wieder unter gemeinsamem Banner versammeln. Von dem Schmutze Jerusalems und von der Schmach, womit die meisten der ehrwürdigsten Ruinen bedeckt sind, haben Sie in Europa keine Ahnnng. Der Kerker des heiligen Petrus, noch gegenwärtig mit den Resten einer schönen Kirche geschmückt und mit einem Kreuzgewölbe überwölbt, gleicht einer Mistpfütze; die Kirche der heiligen Maria Magdalena, in welcher man noch gegenwärtig den Eindruck ihrer Füße'sieht, die sich bei der Gelegenheit eingepreßt, wo sie an dem göttlichen Erlöser das Werk verrichtet, das er selbst als von guter Vorbedeutung gepriesen, das Haus der Maria Marci in Jerusalem, ebenfalls mit den Spuren der Füße der seligsten Jungfrau gezeichnet, siiid fast unzugänglich vor dem angehäuften Straßenmist, Kamcelkoth und sonstigem Schmutz- D.'S Cönaculum oder der Abendmahls-Saal nnd der Ort der Zusammenkunft am Pfingstfeste, einst eine prächtige Kirche, gegenwärtig durch eine Moschee entweiht, sind ebenfalls in dem traurigsten Zustande der Entweihung; die Kirche des heiligen Jacobus steht leer, wäre aber leicht herzustellen. Gehen Sie nach außen durch das StephanSthor nach Gethsemani nnd dem Oelberg hin, so liegen hier gleich im Thale das Grab der heiligen Maria, eine Grotte, die etwa fünfzig Stufen hinabführt, in dieser zur Rechten die Gräber von Joachim und Änna, ihnen gegenüber links das des heiligen Joseph und ganz nnten in der Tiefe in einer besondern Capelle jenes der heiligen Maria. Die Kirche ist jetzt in den Hänvcn der Schismatiker, nnd bloß die sogenannte Todangst-Grotte ist den Katholiken verblieben. Alle jene Kirchen, welche den Griechen und schiSmatischen Armeniern gehören, sind an den heiligen Stätten reich geschmückt mit vielem Gold und kleinem Bildwerk, aber der morgenländische Geist, der sich so oft und kühn in grandiosen Formen in den Gedichten der Hebräer, Araber und Perser ausspricht, hat weniger Empfänglichkeit für eine großartige Auffassung in der bildenden Kunst." Hier ist AlleS kleinlich uns klein, geschniegelt und geziert. Wie daS zusammenhängt, könnte ich leicht psychologisch und historisch entwickeln, aber ich will hier kein Aergerniß geben. 340 Ein Wiener Seandal. DaS Testament deS seines Lebenswandels wegen nicht sehr gerühmten Theater- DirectorS Carl — wurde in vielen Blättern, ja auch in Broschüren veröffentlich!, Äs ist dieß Aktenstück ein eigenthümliches Scandal, indem das große Vermögen auf verschiedene uneheliche, mit Namen bezeichnete Erben ganz kaltblütig vertheilt wird. Ueber die Veröffentlichung deS Testaments hat nun auch Saphir in seinem Humoristen in einer anerkennungS- aber auch am geeigneten Orte beherzigenSwerthen Weise sich unter anderm also ausgesprochen: „Die Veröffentlichung seines Testaments ist ein Fehler und eine Dummheit. Wir können nicht umhin, hier unser schmerzliches Bedauern darüber auszudrücken, daß es — so Hat'S wenigstens den Schein — jedem ersten Besten, der ein Gelüste darnach trügt, freisteht, für einen Gulden und so viele Kreuzer Abschreibgebühr jedes Testament jedes Verstorbenen der Publicität übergeben zu können! Sollte diese traurige Lücke wirklich in unserm Rechtszustande sich vorfinden? Wie? Familienglück, Ehre, Scandale, Dinge, über welche man dicht gewebte Schleier zu ziehen wünscht, sollten in die Welt geworfen werden können, von Todten und Lebenden, ohne daß dagegen das Sitlengesetz einzuschreiten berufen sey? Es ist von Erheblichkeit und für tausend und tausend Menschen von unberechenbarer Wichtigkeit, zu wissen, ob sie wirklich der Gefahr ausgesetzt sind, daß ihr Testament, in welchem vielleicht Geheimnisse, die für andere verletzend, für die Oeffcntlichkeit empörend, aber als testamentarische Verfügungen zu erörtern nöthig sind, ohne weiterS nach ihrem Tode dcr Oeffentlichkeit preisgegeben werden können I? Der Tod eineS Menschen ist der letzte Äct von seinem Leben, das Testament eines Menschen —, wenn eS denn einmal schon dem Urtheil der Menge übergeben ist, — daS Testament eineS Menschen ist nur die Schlnßscite seines Denkens und FühlenS. Im Testament Carl finden wir überall den Th eater - D ir ect or, nirgends den Menschen, überall den Geldmenschen, nirgends den Christ! HumanilätS-Anstalten und fromme Stiftungen sind von dem Besitzer des „Zauberschlags", sind leer von dem Inhaber einer Reihe Häuser entlassen worden! Seiner Theaterdichter, der eigentlichen Erbauer all' dieser Häuser, hat er nicht gedacht! Nestroy, — der Leser wird mich keiner besondern Parteinahme sür Nestroy beschuldigen!! — Nestroy ist von Carl in seinem Testament nicht erwähnt worden, Nestroy, der mit seinen drei Handlangern „Knieriem", „Zwirn" und „Leim" die CarlSgasse in Hietzing baute! — Die Selbstüberschätzung und die Geringschätzung Anderer haben Karl auch beim Abfassen seines letzten Willens dictando zur Seite gestanden. Sein jahrelanger Secretär „Franz", seine rechte Hand und sein linker Fnß/seiu Minister des Innern und des Aller-Aeußersten, fleißig, tüchtig wie eine Ameise, treu wie ein Pudel — nicht im hündischen Sinn — unermüdlich wie ein Telegraph, der blinde Vollstrecker seiner Austräge t on bemächugt hat, so waren und sind wir berechtigt, es auch zu thun und schließen hiermit die traurige Verhandlung darüber," _ Der Tod Voltaire's. ^ (Fortsetzung,) Unsere Leser mögen nunmehr als sreiwillige Geschworne zusammentreten, nicht, um über den Mann selbst und seine Thaten Gericht zu halten und ihm sein fertiges Urtheil inS Jenseits mitzugeben — dort steht der Stuhl Desjenigen, der da spricht: „Die Rache ist mein!" und: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!" nein, sondern bloß, um die Zeugen zu prüfen, welche über die Art seines Todes ausgesagt haben. Wir, die wir dieses schreiben, gestehen offen unv unumwunden, daß wir dieser äußern, materiellen Zeugnisse nicht bedürfen, um unS Voltaire'S Seelenzustand während der Dauer seiner letzten Krankheit klar und lebhaft vorzustellen, da wir aus innern Gründen, woraus wir im Laufe dieses Versuchs auch kein Geheimniß gemacht, fest überzeugt sind, daß jener Zustand auf seinem Sterbelager nur eine poienzirte Wiederholung desjenigen war, den der Unglückliche an siebenzig Jahre wie eine schwere und durch ihr Gewicht schmerzende Kugel- und Ke tenlast allenthalben mit sich herum, schleppte, ohne ihrer auch nur einen Augenblick, selbst nicht im Gewühl eines rmldcn Lebens, loswerden zu können. Und das kann auch gar nicht anders seyn. Der Mensch hat allen Halt verloren, sobald er das Band zerreißt — oder vielmehr ,» zerreißen versucht, welches daS Geschöpf mit dem Schöpser verknüpft, und z» eer Haltlosigkeit gesellt sich die Qual, weil der in noch so ercenlrischen Bahnen schweifende Dünkel das Gefühl wie das Bewußtseyn des ew gen, unwandcll'arcn Mitielpunclcü behält. Voltaire verwahrt sich zwar ausdrücklich, und zwar öfters, gegen den Verdaut oder Vorwurf der Alheisterei, und spricht viel vom höchsten Wesen (I'ötrv surirSmv); allein er war ja als Christ getauft und erzogen, und kannte den dreieinigcn Go i, wie ihn die Kirche lehrt. Auch hatte er zu viel Verstand und Belesenhcit, um den Heiland für eine Schöpfung der EinbildungSkrafi irgend einer Classe von „VolfSauS- beutern" zu hallen, und zu viel Scharssinn, um den einmal historisch seststchenvcu Christus bloß für einen sittlichen und aufgeklärten Lehrer oder Moralphilosophen zu erkennen. Sein Kampf gegen den Gottmenschen und dessen vollbrachtes Werk (opus operstum) war daher schon von Anfang an der eines Verzweifelten, der voraus weiß, daß er unterliegen wird, unterliegen muß, und seine schon entschiedene Niederluge durch gesteigerte Wuth verhehlen will. So Kaiser Julian der Abtrünnige. Die gainc Macht deS römischen Reiches — freilich doch nur eine jämmerliche Ohnmacht — bot er auf, um daS Christenthum zu vernichten; nicht durch rohe Gewalt, deren Fruchtlosigkeit ihm die Geschichte seiner Vorgänger zeigte, nein, durch Spott und Herabwürdigung, ganz s Is Voltaire, durch Wiedereinführung und Verherrlichung der Göllcr des Olymps, und durch daS scheußliche Verbot, daS den Christen alle Quellen d,S Unterrichtes verstopfen sollte. Julian hatte Talent, Gelehrsamkeil, einen sehr scharfen Verstand, unermüdliche Thatkraft, wie Voltaire, und überdieß jchwang er das Scepter 342 der Cäsaren noch über die größere Hälfte der damals bekannten Welt; allein er scheiterte an derselben Klippe, die später Voltaire in den Abgrund stieß: er rief einen K'mpen in die Schranken, den seine Waffen, wie er auch wohl wußte, nicht erreichen konnten, müdete sich ab in Fechterstteichen, die in die Luft gingen, sank erschöpft, entmuthigt auf sein letztes Lager, und beschloß sein junges, an unmögliche Zwecke verschwendetes Leben mit dem, mehr als der dickste Commentar sagenden Geständniß: „ Du hast gesiegt, o Galiläer!" Ob sein brechend Auge Vergebung erfleht, sich erhört und beruhigt zum ewigen Schlaf geschlossen habe, daS wissen wir nicht; allein eine ansmcrksame Betrachtung seiner Geschichte, von seinem geräuschlosen, den Studien gewidmeten Ausenthalt in Athen bis zu seiner Erhebung zum Cäsar und AugustuS, seine kurze RegierungSzeit mitgerechnet, läßt uns keinen andern AuSgcmg erwarten; denn sein Sircben war von vornherein ein verkehrtes nnd darum verfehltes; die von ihm selbst als solche >rkannte Wahrheit sollte auf kaiserlichen Befehl bei Allen, die sie eden so innig fühlten und noch dazu liebten, für Luge gelten. Wer dieß nicht auS ' der Acht läßt, der würde Julians Geständniß errathen, wenn eS auch nicht authentisch vorläge, und ebenso würde ihm der AuSgangSpunct der Voltaire'schen Thätigkeit genügen, um ihren Verlauf und endlichen AuSgang durch Induktion zu ermitteln. — Die Philosophen, Voltaire'S Freunde und Anhänger, die Gelegenheit hatten," ihn auf dem Sterbebette zu betrachten, sollen daS Wort zuerst haben. — „Die Aerzte machen kein Hehl daraus, daß alle Hoffnung ve loren sey, daß sein Leben bald erlöschen werde, die Kunst vermöge hier nichts mehr. Er selbst schien sein nahes Ende zu fühlen: „„Man kann seinem Geschicke nicht entfliehen; ich bin nach Paris gekommen, um zu sterben,"" sagte er zu La Harpe, der diese Details in seiner »lilerarischen Corr.spondenz" niedergelegt hat. — „Vor seiner Krankheit (Brief d'Sllembert's vom 1. Juli 1778 an den König von Preußen) fragte er mich in einer vertraulichen Unter» redung, welches Benehmen ich ihm anriethe, wenn er während seines Aufenthaltes in Paris krank würde. Meine Ant-vort war so, wie jeder verständige Mann sie an meiner Stelle gegeben hätte, nämlich, er würde wohl thun, sich unter solchen Umstanden an daS Beispiel aller vor ihm gestorbenen Philosophen zu halten, namentlich Fonteiulle'S und Montesquieu'S, die dem Herkommen gefolgt wären. Er schenkte meiner Antwort seinen vollen Beifall, und setzte hinzu: „„Ich denke eben so; man soll mich nicht auf den Schindanger werfen, wie ich'S an der armen Lccouvreur (eine Schauspielerin vom Ili^tre lrancsis) erlebt habe."" Er hatte einen großen Abscheu vor einer derartigen Beerdigung, und entschloß sich ohne Weiteres, everitusliter unserer Uebereinkunft gemäß zu handeln." — Voltaire leichtste und unterschrieb den Widerruf, den Abbe- Gautier verlangte. Er hatte (nach Wagniere) über 100.000 LivreS baar zu Ferney zurückgelassen; dennoch überg ib er (nach W.) seinem GewissenSrath für die Armen von St. Sulpice nur eine, erst nach seinem Tode zahlbare Anweisung von 600 LivreS. Möglich, daß dieses Almosen ihm als Buße auferlegt worden; es war sicherlich die beste, die man ihm auslegen konnte. Den 18. December 1762 hatte er an Marquis de Thibou ille geschrieben: „Man stirbt, wie man gelebt hat." Scheint er das Sprüchwort nicht durch die Geringfügigkeit jenes Legats gerechtfertigt zn haben? Eine solche Knickerei mußte wohl nicht viel Trost über seine letzte Stunde ausgießen. Ging er in seinem Geiste alle Gelegenhei en durch, wo er Unglück lindern konnte und nicht linderte, welche gegründete Aussicht hatte er da wohl, vor dem Auge eines ver- gelienden GolteS Gnade zu finden? Schon am 11. J muar 1771 meldete er Friedrich: „DaS System der Atheisten ist mir stets unsinnig vorgekommen. Die Annahme eines ungerechten Gottes ist meines BedünkenS eine Unverschämtheit; so viel ist gewiß, daß der Rechtschaffene nichts ju fürchten hat." Suchen wir nun zu erfahren, ob Voltaire ohne GrauS den Augenblick nahen suhlte, wo er über den Gebrauch seines Vermögens und seiner Geistc?gaben Rechenschaft ablegen sollte, — In dem schon angeführten Briefe d'SllembertS erzählt der Verfasser, Voltaire'S TodeStampf sey ein langer und schmerzhafter gewesen, und der Philosoph habe in seiner Krankheit große Ruhe gezeigt, obschon er ungern vom Leben zu scheiden schien: zwei 343 Dinge, die sich augenfällig widersprechen. — „Er entschlummerte sanft (La Harpe, liter, Corresp.), und erkannte nur noch mühsam die Personen, die sich seinem Lager näherten. AIS Abb6 Gautier und der Pfarrer von St. Sulpice bei ihm eintraten, wurden sie bei ihm angemeldet. Erst horte er gar nicht; dann antwortete er: „„Versichert sie meiner Hochachtung"" Der Pfarrer trat an ihn heran, und richtete folgende Worte an ihn: „„Herr von Voltaire, Sie stehen am Ziel Ihres Lebens; erkennen Sie die Gottheit Jesu Christi an?"" Der Sterbende sagte wiederholt: „„JesuS Christus! JesuS Christus!"" Dann streckte er die Hand auS, wie um den Pfarrer zu entfernen, mit den Worten: „„Lassen Sie mich in Frieden sterben!"" „„Sie sehen ja, daß er nicht bei sich ist,"" sprach der verständige Pfarier zum Beichtvater, und sie verließen beide das Zimmer. Die Wärterin trat ausS Bett zu; er sagte mit ziemlich starker Stimme zu ihr, indem er mit der Hand auf die abgehenden Priester wieS: „„Ich bin deS TodcS!"" und sechs Stunden später lag er im Verscheiden." — Nach der „Liter. Corresp." von Grimm, Juni 1778, starb Voltaire wie er gelebt halte, ohne Schwäche und ohne Vorurtheil. (Fortsetzung folgt.) ,W irnzzii!/ ,,-i't twuL '"öiis.!m''L ,sri>bZ Kirchliche Notizen. Heiligenbilder. Die xylographische Kunstanstalt von Braun und Schneider in München, Herausgeber der „Fliegenden Blätter" zc., hat nun auch Heiligenbilder in Holzschnitt herauszugeben unternommen. Da eS bei diesen Bildchen, von denen auch das Aermste unseres Volkes eine kleine Galerie besitzt, vorzüglich darauf ankommt, den Geschmack des Volkes mit den Anforderungen der Kunst zu vereinen, so find sie nicht so leicht anzufertigen, als man glauben möchte. Braun und Schneider haben diese schwierige Aufgabe glücklich gelöst. Die Holzschnitte sind fast durchaus nach guten Meistern gefertigt, und wahr und treu colorirt, so daß sich die Figuren lebhaft vom Hintergrunde abheben. Auf die Rückseite jedes Bildchens ist eine kurze Lebensbeschreibung jedes Heiligen, dann ein Gebet oder ein Denkspruch gedruckt. Dieß alles kann man haben für Einen Kreuzer. Wir wünschen diesen Bildchen gleiche Verbrei>ung, wie den andern Werken dieser Kunstanstalt, und zweifeln nicht, daß sie solche auch finden werden. Mögen sie in aller Welt Zeugniß geben, daß in Bayern auch für die Kunstbedürfnisse der ärmsten Classe mir Liebe und Geschmack gesorgt wird. ilttu ti^ä^KluV ÄZtbil,? «57)? > ^iili»>n5 i^chl^diil HlvrA. mmis um ?ti>lil 6nu i?I,m Ais Newton und Voltaire. (Ein wahrer und ein falscher Prophet.) Der berühmte Newton, von dem sich die neueren großen Entdeckungen in den Naturwissenschaften herschreiben, war, wie schon öfter erwähnt, zugleich ein frommer Christ, und hat z. B. auch eine Auslegung deS Propheten Daniel geschrieben. In diesem Buche sagte er auch, daß in den letzten Zeiten, von denen Daniel weissage, wunderbare Erfindungen gemacht werden würden, man würde 50 (englische) Meilen in einer Stunde zurücklegen in s. w. Der Spoiler Voltaire sagte darüber: „Sehet, was aus dem gewaltigen Geiste Newtons geworden ist, seitdem er, altersschwach, sich daran gemacht hat, dieses Buch zu studiren, daS man die Bibel nennt! So sehr b-'t er seinen Verstand verloren, daß er uns weiß machen will, der menschliche Verstand werde noch so weit kommen, daß er das Geheimniß entdecken werde, 50 Meilen in einer Stunde zu machen. Der arme Träumer!" — Und nun? '.mökti HchzmK ui!ir*s5Ultti»Ä »i>«nv h»v >chk»rm M« ^».'U nni'i«». >!pmg ni Kk«'-s' MW ?»Uv «'» ,A nzköiÄ» n^Ni'n ü>«v >ch'>/> m' Hk4 « Münster, 21. Sept. Die altehrwürdige Stiftskirche auf St. Mauritz umgibt sich mehr unv mehr mit einem Kranze kirchlicher Jnstitule, deren rasches Eulstehen und Aufblühen an jene Zeiten erinnern, wo die thätige Liebe die Welt zur Bewunderung aufforderte. Auf der Westseite der Kirche umschließt das vor einigen Jahren errichtete Kloster zum „guten Hirten" bereits gegen siebzig Büßerinnen. Ihr Tagewerk besteht in Handarbeit, Gebet und Erlernung der Hellswahrheiten. Alles wird ausgeboten, diese Unglücklichen aus ihrer Erniedrigung zu heben und den Funken höherer Liebe in ihnen wieder anzufachen. Auf der südöstlichen Seite bringt ein zweites großartiges Bauwerk, durch rastlosen Fleiß gefordert, seine einzelnen Theile der Vollendung nahe. Die Kranken mehrerer Pfarrgemtinben werden hier leibliche Pflege und Heilung nebst einer milden Gabe für ihre Seele empfangen. Das Gebäude soll zugleich Mutlerhaus für die „Krankenschwestern vom heiligen FranciScuS" werden. Für beide Zwecke erhebt sich aus ihren Grundmauern, unmittelbar verbunden mit der Anstalt, in gothi, schein Style eine geräumige Capelle. Einige hundert Schritte nach Osten steht, eben vollendet, ein massives HauS, daS seine Thore solchen verwaisten Kindern öffnet, welche auf andere ähnliche Anstalten kein Anrecht haben. ml Verauluwrtlicher Steda« lcur! v Scheuche» Verlags-Inhaber- H. Kremer, Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augstmrger Psjizeitung. 29. October 1854. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle ZSouutage. Der halbjährige Abo»ncinen»s>,rel« kr., wofür e« durch alle köm'gl. baver. Postämter und alle Buchhandlungen bezog-n werden k^un. Der VtneentiuS-Berein. Stiftung, Plan und Bedeutung desselben für die Gegenwart. ES war im Jahre l833, als in Paris mehrere studirende Jünglinge in einem Saale deS lateinischen Viertels zu gemeinsamen Besprechungen über literarische Materien sich versammelten. Sie nannten ihre Zusammenkünfte nach einem dort geläufigen Ausdrucke Co ufere uzen. Viele derartige Vereine waren vor und mit ihnen entstanden und wieder untergegangen, darum blieben sie auch unbekannt nnd unbeachtet. Wer hatte auch Zeit und Lust, an eine Gesellschaft junger Leute viel zu denken, da ganz andere Interessen das öffentliche Leben beherrschten! Drei Jahre vorher war ja unter immensem Applaus der liberalen Meute das legitime Königthum zum zweiten Male gefallen, das Bürgcrtbum konnte nun statt deö verhaßten Ad.ls sich behäbig sonnen in den Strahlen seines BürgerkönigS, der VoliairianiSmuS erhob von Neuem sein Haupt uud die Genoseva muhte in dem zu ihrer Ehre erbauten Tempel „allen Göttern" weichen, die statt ihrer min dort ihren Einzug feiern scllten, Voltaire und Rousseau voran, deren cynische Leiber die ehedem geweihte Stätte besudelten. Die Kirche von Frankreich trauerte tief, eö schien, als sollte der alte gottlose Geist deS Unglaubens und der Frivolität mit allen Mitteln wieder herausbeschworen werden und von Neuem blutelen ihre kaum vernarbten Wunden. Der Mensch denkt, Gott lenkt. Da fiel ein zündender Funke höhern Lebens herab von Oben und ein heiliges Feuer flammte aus in den Herzen der acht Jünglinge dort im lateinischen Viertel zu Paris, gerade dort, wo der PhilosophiSmuS seine meisten Jünger zählte. Sie machten sich aus, wie vor Jahren einst jene Zehn unter ihrem Führer JgnatiuS von Loyola, Studirende der Universität Paris wie sie, und rcich-en sich die Hände zur Verbrüderung. Sie wollten die Noth ihrer leidenden Brüder lindern, sie wollten dem armen, verlassenen, verwahrlosten Volke Hilfe bringen. DaS aber ist der Jugend eigen, daß jedes edle und erhabene Wort Wiederhall findet in den Seelen, darum schlössen sich mehr und immer mehr Studirende dem Bunde der Jünglinge an, aus der medicinischen Anstalt und der Rechtswissenschaft, von den polytechnischen und Militärschulen kamen sie herbei in immer weitern und wcitern Kreisen, Beamte, Officicre, Notare und Advocaien, Kami»crmitglicder — Alle gezogen vom Geiste heiliger Liebe reihten sich ihnen an, sie wollten dem armen, verlassenen, verwahrlosten Volke Hilfe bringen. Sie gingen hinaus am Abend — nicht in strahlende Säle und glänzende Gesellschaften, nickt zu geistreichen Abcndversammlungen und den hell erleuchteten Theatern, wo Alles sich vereinigt, um die jugendlichen Sinne zu berauschen — sie gehen in die verödeten, verrufensten Gassen der Stadt, in diese Höhlen deö menschlichen Elendes, sie trösten dort den Kranken auf seinem Strohlager, sie spenden Almosen, so weil ihre Kräfte reichen, nehmen die verwaisten Kinder aus, 346 bringen den Gefangenen christlichen Zuspruch und suchen für die Arbeitslosen Brod und Beschäftigung, Sie wollten dem armen Volke helfen, aber sie wußten, daß sie ihm nur helfen können dadurch, daß sie eS zu einem sittlichen Volke machen. Aber alle Bemühungen für die Sittigung der Massen hielten sie für umsonst, wenn diese nicht auf religiösen Grundlagen ruht, die tief hineingelegt sind in die Herzen. Sie wollten einen starken Bau aufführen, darum ihn nur auf den Fels des Glaubens gründen und nicht auf Philanthropie, dieses wankende, schwankende, ncbelhaf'e Ding. Und darum wählten sie einen Priester zu ihrem Vorsitzenden, um durch die Weihe der Religion sich im Voraus des Gelingens zu versichern. Nun sahen sie sich um in der Geschichte von Frankreich; da erschien ihnen ein Mann groß durch den Adlerblick seines Geistes, groß durch die unbeugsame Energie seines Willens, aber noch größer durch die Glut heiliger Liebe im Herzen. Es war ein Heiliger. Er sollte ihr Vorbild und ihr Beschützer werden, und sie nannten sich nach ihm „Die Gesellschaft deS heiligen Vincentius von Paula." AuS dem Schooße der studirenden Jugend von Paris ging ein Männerbund hervor, der Europa vor der Häresie gerettet hat. Dreihundert Jahre später ging von hier ein zwener Männerbund aus, um die Gesellschaft zu retten von CommuniSmus und Socialismus. Ihr Zweck ist ein anderer, eine andere ihre innere Organisation, denn die Gefahren sind andere; aber die Stelle ist die nämliche, das lebende Princip ist die katholische Glaubenökraft und ihre himmlische Tochter, die rettende Liebe. Der NincentiuSverein, aus Tausenden von Mitgliedern bestehend und über ganz Frankreich verzweigt, hat Großes gewirkt; eine noch größere Zukunft steht ihm bevor. Schon in dem ersten Jahrzehent seines Bestandes waren anderthalb Millionen Franken an die Armen vertheilt worden, nachdem die ersten Jahre kaum einige Tausend Franken ergeben hatten. Dann aber mehrten sich die Einnahmen in steigender Progression. Im Jahre 1833 waren eS nur 2000 Franken. Im Jahre 1840 schon 96,000, im Jahre 1841 - 142,000, — im Jahre 1842 — 232,000, - im Jahre 1843 — 322,000, — im Jahre 1844 — 447.000. Aber er hat bei seiner weiten Entfaltung sein niedriges Herkommen und die unscheinbaren Anfänge nicht vergessen, auS denen er entstanden ist. Darum nennen sich die einzelnen Zweigvereine „Conferenzen", sie wollen bei ihrem ausgebreiteten Wirken den Segen, den Demuth bringt, nicht verlieren. Der charakteristische und fast ausschließliche Zweck des VinceutiusvereinS zu Anfang seiner Gründung war die Besuchs-Armen pflege. Der Verein erkennt und betrachtet diese seine besondere Aufgabe nicht als Ergebniß menschlicher Wahl und Berathung, sondern als besondere providentielle Leitung GotteS. ES ist dieß, wie der Bericht vom 8. Mai 1851 besagt, duS gemeinsame Feldzeichen, an welchem sich die einzelnen Abtheilungen erkennen, wie die auf viele Posten vertheilten Schaaren des einen Heeres. Es unterscheidet sich sonach das großartige Wirken des VincentiuSvereins in dreifacher Hinsicht wesentlich von der öffentlichen und amtlichen Armenpflege. Einmal erscheint jede, auch die geringste seiner Gaben, als reiner Ausfluß freier christlicher Liebe, die auS Mitleid sich über die Armen erbarmt, nährt sonach an der Brust deS Hilfsbedürftigen die sanften Gefühle der Dankbarkeit, während die „Beiträge" (!), welche der Arme cmS den öffentlichen Cassen regelmäßig empfängt, in ihm einen scheinbaren Rechtsanspruch begründen, darum nicht selten nur seine Unzufriedenheit mehren und statt deS DankgesühlS finstern Trotz und empörende Undankbarkeit zur Folge haben. Zweitens beschränkt sich die Wirksamkeit des Vereins nicht auf die Darreichung einer augenblicklichen Unterstützung, sondern er betrachtet diese nur als eines der vielen Mittel, deren er sich zur Linderung der Noth bedient. Der vorzüglichste Hebel für Erleichterung der Noth aber ist die persönliche Einwirkung der Mitglieder, die einen Reichthum von geistigen und materiellen Hilfsquellen für alle Verhältnisse und Lebenslagen deS Armen in sich birgt, den unerschöpflichen Reichthum der heiligen Liebe, welche Wort und That, Einfluß und Vermögen, die Kraft und der Scharfsinn ihres Geistes, die Wärme ihres Herzens, die Beredsamkeit ihres Mun- 347 deS aufbietet, um den Armen zu retten, die den Hochmüthigen durch ernste Worte niederschlägt, den Faulen ausstachelt, den Gebeugten emporrichtet durch linde Rede und den Verzagten beruhigt. Drittens endlich unterscheidet sie sich von jeder ofsiciellen Armensorge dadurch, daß sie dem Spender selbst ein eben so großcs Almosen, wie dem Empfänger bietet, Sie öffnet sein Herz den edlen Gefühlen heiliger Luve, sie zeigt ihm edle, heilige Seelen unter der ranhen Hülle der Armuth, die ihn mit Rührung und Staunen erfüllen; sie heiligt ihn selbst, indem er arbeitet an der Heiligung seiner Brüder, beschenkt und bereichert ihn mit jenem Lohne, der den Barmherzigen verheißen ist. Jene Seligkeit im Herzen tragend, die im Geben liegt, da ja „Geben seliger ist, als Nehmen," geht das Mitglied des VincentinSvercius heraus aus der niedern, dumpfen Wohnung des Armen, hinweg vom SchmerzenSbette deS Sterbenden. DaS Almosen ist himmlischer Thau für den, der gibt, irdischer Thau für den, der empfängt, sagt Herr von Barante in den „Annalen von der christlichen Liebe," Sie bietet dem jugendlichen Thatendurst ein weites offenes Feld und gräbt dem innern Strome jugendlich frischer Begeisterung ein tiefes Bett, daß er nicht seine Dämme überfluthend, ringS umher Alles verwüstet und verheert. Ein Schreiben Papst Gregors XVI. vom Jahre 1845, welches den VincentinS- Verein durch Verleihung von Ablässen auszeichnete, hat den von Anfang an dem Vereine innewohnenden ächt kirchlichen Charakter vor aller Welt ausgesprochen und besiegelt. Der Besuch des Armen in seiner Wohnung ist nach dem Gesagten der eigentliche Brennpunct, um den die ganze Thätigkeit des Vereins sich ordnet, von hier aus Richtung uud Bedeutung gewinnt. Denn wer sich niedersetzt zu dem Armen an seinen häuslichen Herd, sagt ein Bericht vom Jahre 1844, wer da sein ganzes Elend, seine Leiden und seine Entblößung sieht, der kann bei solchem Anblicke unmöglich kalt, glcich- gillig^ bleiben. Hier erzählen sie uns die Geschichte rhreS Unglücks, diese oft uuunter- trochene Kette von Leiden uud harten Schlägen deS Schicksals, Wir folgen ihnen bis zur erste» Quelle ihrer Mißgeschicke, entdecken die letzten, oft verborgenen Ursachen und gewinnen nnr so die richtige Einsicht und Kenntniß der sichern Mittel, durch welche wir ihren Nothstand heben oder wenigstens erleichtern können. Von der Wohnung deS Armen ans öffnet sich uns der Blick uud wir schauen weithin über ein großes, ausgedehntes Land voll Noth und Elend, Jetzt erst enthüllt sich uns die Armuth in ihrer ganzen furchtbaren Größe. Wir glanbtcn ein gutes Werk zu thun, einen Verein für mildthätige Zwecke gestiftet zu haben; aber ein Abgrund rief dem andern zu, ein Werk veranlaßte das andere, ein Keim weckte nene Pläne, Von der Dachstnbe führte die Noth den Besucher in die Werkstätte, in die Schule, iu daS Spiral, in das Gefängniß, in die Bewahranstalt und es sind so die verschiedenen Werke christlicher Liebe nur die einzelnen Strahlen, die von diesem Brennpuucte heiliger Liebe nach dem weilen Umkreise deS ganzen socialen Lebens anSgehen, So umfaßt denn die Gesellschaft deS heiligen VincentinS von Pcmla in den mannigfaltigen, aber immer in organischer Gliederung ihm sich einfügenden Einigungen alle Siufen und Nuancen deS menschlichen Elendes. ES sind dieß die einzelnen kleinern Capellen, den einzelnen Nothständen deS Volkes geweiht, aber über alle wölbt sich der weite erhabene Dom heiliger, rettender Liebe, Keiner hatte den Plan für den ganzen Bau erfunden, Keiner hatte den Grundriß vorgezeichnet; es ist eine böhere Fügung, die in seiner Geschichte sich offenbart, und ihr schreibt der Verein allen Segen zu, der seit Jahren durch ihn geflossen ist über das Volk und unläugbar als vorzüglichster Factor die gegenwärtigen besseren Zustände verbreitet, Darnm verkennen die Mitglieder auch keinen Augenblick die hohe, bedeutungsvolle Mission, die der Verein an dem Geschlecht der Gegenwart zu erfüllen hat. „Gott hat unsere Mühen gesegnet," spricht der Berichterstatter, „aber denken wir deßwegen noch nicht daran, zu rasten. Auch daS Elend rastet nicht, die Propaganda der Gottlosigkeit schreitet voran, daS Laster kennt keinen Stillstand. Arbeiter im Weinberge deS Herrn, Streiter im Kriegsheere Jesu Christi, müssen wir kämpfen und arbeiten ohne Rast! Unsere Mission ist 348 zu groß, als daß wir uns Ruhe geben könnten; nein, im Angesichts von Hunger und Noth, im Angesicht? dieser unheimlichen Symptome, dieses schlecht verhaltenen Grim. meS, dieses glühenden HasseS gegen die Gesellschaft, welche deS Egoismus und der Korruption bezüchtigt wird, im Angesichts dieser neuen Barbarei, die heraus gerufen werden soll, um die Welt zu läutern, vor diesen Verheerungen, grauenhafter als ehedem die Züge der Ungläubigen — nur Ein Mittel bleibt unS, die Gesellschaft und Bildung und Gesittung zu retten, und es ist nichts Anderes, als rückhaltlose Hingebung zur Linderung des Elendes, zur Bekämpfung der Unsitte. Wir müssen den Gegner entwaffnen, dadurch, daß wir ihm jeden Vorwand zu seinem Hasse aus den Händen winden. Wohlan denn, Christen! Gott will eS haben, darum hat er unser Werk gesegnet, Gott will eS haben! Die heilige Liebe, daS ist unser Kreuzzug im 19ten Jahrhundert!" Der Tob Boltaire'S. (Fortsetzung.) In „Voltaire'S Leben" rückt Douvernet offener mit der Sprache heraus: „Herr von Villevieille schreit ihm in'S Ohr: „„Ihr Beichtvater, Herr Gautier, ist da!"" und der Philosoph antwortet zur großen Verwunderung der Zeugen seiner Agonie: „,,Abb6 Gautier, mein Beichtvater? empfehlen Sie mich ihm bestens."" Darauf wurde der Pfarrer angemeldet. Beim Wort Pfarrer richtet sich der Sterbende halb auf, reicht ihm die Hand, ergreift die deS Seelsorgers, küßt sie und spricht: „„Ehre meinem Pastor!"" Diese Stellung, diese Liebkosung, diese wenigen Worte schienen Letzten» zu sagen: „„Herr, quälen Sie mich nicht."" Allein der Pfarrer fragt ihn von Neuem, und zwar in nicht sehr festem Ton: „„Herr, erkennen Sie die Gottheit Ehristi an?"" Und Voltaire, sterbend, mit offener Hand und gestrecktem Arm, wie um den Pastor zn entfernen, antwortet mit lauter, fester Stimme: „„Herr, lassen Sie mich ruhig sterben!"" Der Pfarrer wiederholt seine Fra^e, und spricht ihm nochmals von der Gottheit Christi. Da rafft der Philosop'? alle seine Kraft zusammen, entfaltet zum letzten M.il den Ungestüm seines Charakters, und stößt ihn mit der Faust zurück, wobei man die Worte hört: „„Im Namen GotteS, reden Sie mir doch nicht vcn dem Menschen!"" Das waren Voltaire'S letzte Worte. Man darf mit Recht versichern, daß, auf vie Ungeduldsäußerung, die durch die Zudringlichkeit deS Pastors veranlaßt, wurde, eine große Ruhe eintrat, und daß Voltasre zwei Stunden später mit der Gelassenheit und Ergebung eines Philosophen starb, der zum großen Wesen eingeht." — „Zwei Tage vor diesem traurigen Sterbsalle (VVsgniere, me'inoii-es) holte Abb6 Mignot dm'Pfarrer zu St. Sulpice und den Abb6 Ganticr in das Zimmer deS Kranken, dem er meloete, AbbS Gautt'er sey da. „„Nun denn,"" sagte der Patient, „„meine Empfehlung und meinen Dank an ihn."" Der Abb6 sprach einige Worte zu ihm und ermähnte ihn zur Geduld; darauf trat der Pfarrer au5 St. Sulpice näher, gab sich ihm zu erkennen, und fragte ihn mit erhobener Slimme, ob er die Gottheit unseres Herrn Jesu Christi anerkenne? Der Kranke fuhr nun mit einer Hand nach dem Käppchen des Pastors, stieß ihn zurück, und rief, indem er sich rasch umwandte: „„Lassen Sie mich in Frieden sterben!"" Der Pfarrer ging darauf mit Abbe Gauu'er weg. Als sie fort waren, sagte Herr v. Voltaire: „„Ich bin deS TodeS!"" Dieser große Mann starb mit der größten Gelassenheit, nachdem er die grausamsten Schmerzen ausgestanden. Zehn Minuten zuvor, ehe er den letzten Seufzer auöstieß, faßte er seinen Kammerdiener Morand, der bei ihm wachte, bei der Hand, und drückte sie ihm mit den Worten: „„Adieu, lieber Morand, ich sterbe "" Das waren Voltaire'S letzte Worte." Da La Harpe, Grimm, Douvernet und Wagniere während deS Besuchs der beiden Geistlichen nicht in Voltaire'S Zimmer waren, so ist eS angemessen, nachstehende Zeilen des Beichtvaters anzuführen: „Wir traten in'S Gemach deS Herrn von Voltaire, sagt Abb6 Gautier. Der Pfarrer zu St. Sulpice wollte zuerst" mit ihm 349 reden, allein der Kranke erkannte ihn nicht. Ich versuchte eS mm meinerseits ihn anzureden; er drückte mir beide Hände, und gab mir Beweise von Vertrauen und Freundschaft; aber ich gen'ech sehr in Erstaunen, als er zu mir sagte: „„Herr Abl>6 Gautier, ich bitte Sie, mich dem Herrn Abb6 Gautier bestens zu empfehlen."" So fuhr er fort, mir Dinge ohne allen Zusammenhang zu sagen. Da ich sah, daß er irre redete, so sprach ich weder von Beichte noch von Widerruf. Ich bat seine Auge- hörigen, mich benachrichtigen zu lassen, sobald er wieder zu sich käme, was sie mir auch versprachen. Ach! ich halte mir vorgenommen, den Kranken wieder zu besuchen; allein schon früh am nächsten Morgen erfuhr ich, drei Stunden nach unserm Weggänge sey er verschieden." Abb6 Gautier ist nicht so anSführlich, wie die Pbilosophen; er beweiset aber, daß Wagniere sich hinsichtlich deS Besuchstages der beiden Priester geirrt hat. Die Anekdote vom Käppchei? findet sich nur bei W allein, und eS bleibt dem Leser überlassen, ob er sie für wahr oder für eine Erfindung deö Erzählers ansehen will. — Mehrere Stunden liegen zwischen der Entfernung deS Beichtvaters und Voltaire'S Tod. Welche» Gebrauch machte der Sterbende von seiner Vernunft, nachdem daS Phantasiren vorüber war? Alle seine Freunde haben nnS so eben versichert, er sey bis in die letzte Stunde hinein vollkommen ruhig gewesen. Kanu nnd darf der Historiker bei ihrem Zeugniß stehen bleiben? Nein; denn eS sind andere Autoritäten vorhanden, die eS entkräften. Formey („Souvenirs cl'un eitoven") berichtet, Voltaire habe seine Laufbahn in schrecklicher Verzweiflung beschlossen. In der „Xouvelle Kevus enevclopeclic;ue" kommt folgende Stelle vor: „Man hörte sagen, Dr, Trauchi», der Herrn v. Voltaire behandelte, und ihm bis zn seinem letzten Athemzuge bcigestauden, habe sich besonders über die vcrzweiflungsvolle Raserei entsetzt, die Voltaire in dieser verhängnißrollsten aller Lagen geäußert, er, der sich selbst die Heilsmittel und Tröstungen geraubt hatte, die man aus der Religion schöpfen kann. Der Patient schrie immerfort: „„Herr, helfen Sie mir da heraus!"" worauf Tronchin nothgedrungcn eben so einförmig antwortete: „„Ich vermag nichts, Sie müssen sterben"" Die Worte preßten dann dem Sterbenden den Sckmerzensruf auS: „„So bin ich denn von Gott und den Menschen verlassen!'"' Der Doctor, ein Protestant, sagte laut und oft: er hätte zur Bekehrung der Ungläubigen nichts anders gewünscht, als sie am Sterbebett Voltaire'S versammeln zu können und zu Zeugen der gräßlichen Angstqualen desselben zu machen, welche nach seiner Meinung einen liefern Eindruck auf ihren Geist und ihr Gemüth bewirkt haben würden, als die rührendsten Reden und lichtvollsten oder überzeugendsten Schriftwerke." — Pater Harel erzählt in seinem „iieeueil cle» psrticularites curieuses cle Is vie et cle li» mort ele Voltsire": „Nachdem der Pfarrer zu St, Sulpice und Abb6 Gautier fort waren, fand Volta're's Arzt, Herr Tronchin, den Kranken in schrecklicher Gemüthsbewegung; er schrie wie ein Rasender: „Ich bin von Gott und den Menschen verlassen", griff in seinen Nachltopf und verzehrte den Inhalt, vr. Tronchin, der dieses Factum verschiedenen achtbaren Personen erzählte, that dieß immer mit dem Zusätze: Ich wünschte, Alle, die durch Voltaire'S Bücher verführt wurden, wären Zeugen seines Todes gewesen; eS ist unmöglich, bei einem solchen Schauspiele nicht in sich zn gehen. Chaudon wiederholt diese Erzählung, und bemerkt dazu, „nichts sey glaubhafter. Reizbare Phantasien seyen von Natur religiös, besonders wenn sie früh mit den vortrefflichen Grundsätzen der Religion genährt worden. Voltaire habe daher gewiß seine letzte Stunde nicht so ruhig und glcichgiltig schlagen hören, wie seine Anhänger behaupten, zumal andere Zeugnisse das Gegentheil darthun. Möge er im gesunden Zustande nicht geglaubt haben, so wäre sein Unglaube doch wankend und seine Krankheit sicher nicht ohne Zweifel gewesen. Wer aber zweifle, berge wider Willen Schrecken und Verzweiflung in seinem Busen." Barruel („HelvienneS") verweist an P. Harel, und führt dann den Prälaten de VivierS an, zu dem Tronchin eines TageS sagte: „Rufen Sie sich die ganze Raserei und die Wuthanfälle deS Orestes ins Gedächtniß zurück, so haben Sie doch nur ein mattes Bild von denen Voltaire'S während seiner letzten Krankheit." In seinen 3S0 „Mmoires" ist Barruel ausführlicher: „Der Biograph fürchte hier nicht zu übertreiben. Was für ein Gemälde er auch entwerfen mag von den WuihauSbrüchen, Gewissensbissen, Vorwürfen, Ausrufungen und Lästerungen, die sich während einer langen Krankheit auf dem Lager des sterbenden Gottlosen ablösen, selbst die Genossen seiner Gottlosigkeit werden daS grellste Coloril nicht Lügen strafen, Ihr gezwungenes Stillschweigen wiegt die zahlreichen Zeugnisse und Denkmale der Geschichte über diesen Tod, den fürchterlichsten, ver je einen Gottlosen getroffen hat, nicht auf, oder vielmehr jenes Stillschweigen von Männern, denen so viel daran liegen muß, unsere Zeugnisse als falsch darzustellen, ist ihre urkundlichste Bestätigung. Auch nicht ein einziger von den Sophisten hat die Kühnheit gehabt, dem Haupt ihrer Verschwörung die geringste Festigkeit beizulegen, ihm auch nur die Ruhe eines Augenblicks zu vindiciren in den langen drei Monaten, die von seiner Krönung im „'tü^trs sran^sis" bis zu seinem Tode verflossen. Dieses Stillschweigen ist beredt; eS sagt deutlich, wie sehr ein solcher Tod sie demüthigte." Um den letzten Satz zu verstehen, muß man sich erinnern, daß die meisten Schriften der Philosophen, woraus wir Stellen angeführt, erst mehrere Jahre nach BarruelS ,Mmoirk8" erschienen. Dieser Autor fährt also fort: D'Alem- bert, Diderot und zwanzig andere Verschworene, die sein Vorzimmer belagerten, nahten ihm jetzt nicht mehr, ohne Zeugen ihrer eigenen Demüthigung in der ihres Meisters zu seyn, und nicht selten wurden sie unter Verwünschungen und Vorwürfen von ihm zurückgewiesen. „Fort mit euch! fuhr er sie an, ihr seyd schuld an meinem Zustande. Fort mit euch! Ich konnte euch alle entbehren, ihr mich nicht; welch' unseligen Ruhm verdanke ich euch!" Diese Verwünschungen wider seine Adepten riefen die grausame Erinnerung an seine Verschwörung (gegen Christus und Christenthum) in ihm wach, und dann konnten seine Jünger mir eigenen Ohren hören, wie er, von Angst und Schrecken gefoltert, diesen nämlichen Gott, den frühern Gegenstand seiner Anschläge und seines Hasses, abwechselnd nannte, anrief und lästerte. Mit lang gezogenen Tönen, der Stimme des nagenden Gewissens, rief er bald: „JesuS Christus! JesuS Christus!" und bald klagte er, von Gott und Menschen verlassen zu seyn. Die Hand, die dem schwelgenden Belsazar das vernichtende Mene Tekel an die Wand schrieb, schien jetzt Voltaire'S Augen seine eigene Formel: „Zertritt doch den Schändlichen!" als VerdammnngSurtheil vorzuhalten. Vergebens suchte er die grausenhafle Erinnerung zu verscheuchen, stets war sie da, leuchtend wie Phosphor in ver Nacht; denn die Zeit war gekommen, wo er dem „Schändlichen" verfallen, von ihm gerichtet, vielleicht von seinem Fuße zertreten werden sollte! Seine Aerzte, vor allen Tronchin, kamen, um ihn zu besänftigen, und gingen wieder, um zu bekennen, sie hätten daS grausigste Bild des sterbenden Gottlosen gesehen. Der Hochmuth der Verschworenen wollte vergebens solchen Bekenntnissen wehren. Tronchin sagte vor wie nach, die Raserei deS Orestes gebe nur einen schwachen Begriff von der Raserei Voltaire'S. Marschall Richelieu, der Zeuge einer solchen Scene war, floh eiligst davon und sagte: „In Wahrheit, daS ist zu stark; man kann'S nicht aushalten." Der berühmte Deluc, dem vorstehende Beschreibung später zu Gesicht kam, schrieb unterm 23. October 1797 von Windsor an den Verfasser (Barruel): „WaS Sie bei Gelegenheit eines Umstan- deS, der mit allen anderen zusammenhängt, vom Tode Voltaire's berichten, kann ich als wahr bezeugen. Bei meiner Anwesenheit in Paris im Jahre 1731 kam ich öfters mit einer von den Personen zusammen, die Sie nach dem öffentlichen Gerücht als Gewährsmann anführen; diese Person war Herr Tronchin. In Vollaire'6 letzter Krankheit ward Tronchin zu ihm gerufen, und aus dem Munde dieses Arztes weiß ich Alles, waS damals in und außerhalb Paris über den schrecklichen Seelenzustand des grauen SündcrS beim Herannahen deS TodeS erzählt wurde. Als Arzt that Herr Tronchin alles Mögliche, um dessen Aufregung zu stillen, deren Heftigkeit jede Arznei unwirksam machte; seine Bemühungen blieben fruchtlos, und daS Grausenhaste dieses ganz eigenthümlichen Wahnwitzes zwang ihn, den Bedauernswürdigen aufzugeben. Ein so gewaltsamer Zustand in einem hinfälligen Körper kann nicht lange währen; Gefühllosigkeit, ein Vorbote der sich auflösenden Organe, muß naturgemäß darauf 351 folgen, wie auf jede heftige vom Schmerz veranlaßte Aufwallung, und diese seine Seelenlage hat man mit dem Namen „Ruhe" geschmückt. Herr Tronchin, der jedem Irrthum hierüber vorbeugen wollte, verbreitete persönlich als unverwerslicher Zeuge alle jene Umstände, wie ich sie in Ihrer Darstellung der Wahrheit getreu nacherzählt finde." Den Philosophen schien ein solches Zeugniß doch zu wichtig, um eS geradezu falsch zu erklären; man schlug also einen Seitenweg ein. Wognit-re bat einen Netter deS verstorbenen Tronchin um Auskunft, welcher auch so gefällig war und ilnn am 25. Jänner 1737 antwortete, „im schriftlichen Nachlaß seines Verwandten habe sich keine Spur von dergleichen Aeußerungen gefunden, auch habe Tronchin ihm nie mündlich etwas AehnlicheS mitgetheilt " Das beweiset aber weiter nichts, als waS buchstäblich in den Worten liegt; denn daraus, daß ich Zc, V oder Z eine Sache nicht anvenraut, folgt doch keineswegs, daß ich sie darum auch A, B oder C habe verhehlen müssen, und daß Tronchin über seine Erfahrungen an Voltaire'S Sterbebett nichts Schriftliches hinterließ, bedingt rben so wenig die Wirklichkeit dieser Erfahrungen als ihre Mittheilung an dritte Personen. DaS Verfahren von Voltaire'S Adepten in Betreff dieses Puncts war also um so unlogischer, da sie selbst die Aechlheit der bestrittenen Facta am besten kannten, und als Gelehrte auch Einwürfe voraussehen mußten, wie die unsrigen. Zwei Jahre hatten sie geschwiegen, das war klug; daß sie dieses kluge Stillschweigen nachher brachen, zeugt von ihrer Verwirrung, und daß sie, die ersten Köpfe Frankreichs, so tölpisch verfuhren, von einer faulen Sache, die man um jeden Preis retten wollte, weil man sie zu der seinigen gemacht hatte. Unsern Lesern aber versprechen wir für nächstens zwei Beweisstücke, die jedem Angriff trotzen; es sind dieß ein eigenhändiger Brief TronchinS an Bvnnet und die von einem katholischen Bischof verbürgte Erklärung der Wittwe Marquise de Billette, in deren Hotel Voltaire seinen Geist aufgab. (Schluß folgt.) Eine Jubelfeier in Ornbau. Ornbau, 15. Oct. „Ehre, wem Ehre gebührt!" Diese Worte fanden heute bei einer eben so seltenen, als festlichen Veranlassung ihre Deutung. Der hoch- würdige Herr Decan und Stadtpfarrer zu Ornbau, Jgnaz Königsvorfer, hat nämlich heute — 15. October — fast am nämlichen Tage, an welchem er vor fünfzig Jahren dem Herrn die Erstlinge im hochheiligen Opfer dargebracht, nunmehr seine Secundiz gefeiert. An Geist uud Leib gleich rüstig, schritt der ehrwürdige Jubelgreis den Opferaltar hinan, um dem Allerhöchsten für die in langer Jahresreihe empfangenen Gnaden seinen Dank und seine Anbetung im heiligsten Geheimnisse auszudrücken. Sämmtliche Capitularen des Capitels Ornban — nur zwei waren zu ihrem Bedauern wegen Krankheit und zu weiter Entfernung zu erscheinen verhindert —, mehrere Priester auS der Ferne, darunter nahe Verwandte und ehemalige Zöglinge deS Gefeierten, und eine äußerst zahlreiche Masse deS gläubigen Volkes auS allen Theilen des Capitels und der Umgegend waren herbeigeeilt, um dem hochwürdigen Jubelpriester ihre Verehrung, Liebe und Freude kund zu geben. Seit vielen Jahren wirkte der Jubilar als Landralh des Kreises Mittelfranken, geehrt und geliebt als AlterS-Präsident, und wie sehr man seine Verdienste um Kirche, Thron und Vaterland allerhöchsten OrteS anzuerkennen wußte, dessen ist Zeugniß, daß Seine Majestät ihn zum Ritter deS Verdienstordens vom heiligen Michael zu ernennen geruhten. Aber auch sein hochwürdigster Bischof glaubte den verdienstvollen Greis für sein Wirken im Gebiete der heiligen Kirche auszeichnen zu müssen. Die Ernennung zum bischöflichen geistlichen Rathe, eine in der Diöcese Eichstädt seltene Ehre — wurde dem greisen Decan mit einem ehrenden Beglückwünschungsschreiben von Seite deS bischöflichen Ordinariates zu Theil, und um die FesteSfeier zu erhöhen, hatte sich als 352 Stellvertreter deS hochwürdigsten Herrn Ordinarius Herr Domkapitular und General- Vicar Fricß eingesunden, und er, so wie der tonigl. Landrichter Dennefeld von Her« rieden, gaben der Gemüthsstimmung aller Anwesenden den sprechenden Ausdruck, nachdem ehcvor Herr Stadtpfarrer und Kammerer Bernhard von Herrieden in der Festprcdigt die hohe Bedeutung dieser Feier in Beziehung auf die Würde deS PriesterthumS hervorgehoben hatte. In Wahrheit, eS bestätigte sich auch hier die ächt katholische Liebe und Theilnahme bei diesem Feste, das so recht in katholischem Geiste gefeiert wurde. Noch möchte ich eine» Blick hinrichten auf den gefeierten JubilariuS. ES gewährt einen herrlichen Genuß, den tieferfahrnen Mann am Abende seines Lebens eine Rundschau anstellen zu sehen, auS seinem beredten Munde die vielfachen Erlebnisse seines bewegten Lebens, die Freuden und Leiden während seiner Studienzeit in Augsburg, Dillingen und in dem herrlichen Stifte Ottobeuern schildern zu hören. Mit hoher Begeisterung spricht der dankbare Schüler noch von seinen ehemaligen Lehrern in diesem Stifte, deren Ruf wohl noch in spätern Zeiten nicht verklungen seyn wird, — von einem MauruS Feyerabend, Prior und Schulvräfect, dessen in 5 svee respecl s ss volonlv ssinte, „5e crains Dien, ober .4bner, et n'si point cl'sutre criiinte." (Der den empörten Wellen einen Zügel anlegt, weiß auch die Anschläge der Bösen zu hemmen: mit ehrfurchlsvoller Ergebung in seinen heiligen Willen fürchte ich Gott, theuer Abner, und sonst nichts.) Galler und Graf Etolberg, nicht minder gelehrt und begeistert, feiern den Sieg der „Thorheit" deS Kreuzes über die „Weisheit" rer Welt. Tiedge führt uns den Zweifler vor, und zeigt uns den Gewinn deS Grübeins: „Stolze Weisheit, durftest du mir'S rauben, „Das erhaben stille Seelenglück? „Nimm, was du mir gabst, nur meinen Glauben, „Meine Hoffnung nur gib mir zurück! „Daß mein Haupt auf ihren Sch'ooß sich neige, ' „Und dieß Herz, das schwere Seufzer trug, „Ihr die Narben von den Wunden zeige, „Welche mir das harte Leben schlug! ^ 3SK „Wie geschreckt von einem grausen Fluche, „Der aus einein Himmel mich verstieß, „Fahr' ich zitternd auf und suche „Mein Verlornes Paradies." Schiller warnt vor jenem falschen Forschgeiste, der mir vcm Hochmuth und der Eitelkeit fröhnt; denn wer nicht mit reinem Herzen nach der Wahrheit sucht! „Dem wird sie nimmermehr ersten ich seyn " Derselbe Schiller hatte auch seine eigenen Gedanken über Weltverbesserer. Er wendet sich an Einen derselben: „Von der Menschheit — du kannst nie groß genug von ihr denken. „Wie du im Busen sie trägst, prägst du in Thaten sie aus. „Auch dem Menschen, der dir im engen Leben begegnet, „Reich' ihm, wenn er sie mag, freundlich die helfende Hand: „Doch für Regen und Thau und für's Wohl der Menschengeschlechte» „Laß dn den Himmel, Freund, sorgen, wie gestern, so heut. Und Wicland, der vielleicht Manches hätte ungeschrieben lasse» könuc», mag uns denn zu guter Letzt eine Stärkung mit auf den Weg geben, wofür unsere Leser ihm gewiß eben so dankbar seyn werden, wie wir selbst. Es ist nur eine einzige Strophe, aber sie verdient in Gold gefaßt zn werden. Man urtheile: „Mir sagt mein Herz, ich glaub's, und fühle, was ich glaube: „Die Hand, die uns durch dieses Leben führt, „Läßt uns dem Elend nicht zum Raube; „Und wenn die Hoffnung auch den Ankergrund verliert, „So laß uns fest an diesem Glauben halten, „Ein einz'ger Augenblick kann Alles umgestalten." - y»tl?tzl . N«U»HNÄNy ,Hi>»ijjjs<»IH ?! >r",v>,>'i,'n' >i, ,. ,.,„',, : li^ii,».'s> «' ^ ,. . i.'I-,-!',."f.-i London. In Irland gedenken die HH. John O'Counell (Daniels dritter Sohn) und Raynolds einen neuen großartigen Verein zu Stande zu bringen, der die Förderung deö liberalen Princips in Staat, Kirche und Gemeinde zum Zweck haben, und von dem altcii. Repeal - Verein sich dadurch unterscheiden soll, daß er nicht ein bestimmtes politisches Einzeljiel anstrebe. Die ordentlichen Mitglieder dieses Vereins haben 1 Pf, St., die bloßen „Genossen" 1 Shilling als Jahresbeitrag zu entrichten. In Dublin soll eine neue katholische Zeitung gegründet werden. * 5 * Linz (in Rheinpreußen), 5, Oct. Äm nächstfolgenden Sonntag findet zu Niever- brcisig in der dortigen katholischen Pfarrkirche eine Ercommnnication statt. Ein dortiges katholisches Mädchen, welches seit langen Jahren in unerlaubtem Umgange mit Juden lebte und bereits Mutter ist, hat, allen Ermahnungen und Warnungen des Pfarramts zum Trotz, sich auf dortigem Bürgermeisteramte mit letzterem civilrechtlich trauen lassen. Der AuSspruch des großen Kirchenbannes über die Getraute und deS klcincn über drci Betheiligte soll, auf bischöfliche Anordnung, am künftigen Sonntag stattfinden, wenn bis dahin die Beiheiligte das Verhältniß nicht ausgegeben hat. Während in der katholis^ cn Pfarrgemeinde täglich Gebete um Aufhören deS Aergernisses zum Himmel gerichtet werden, hält auch die jüdische Synagoge Billveisamm- lnngen und droht ihrerseiiS ihre Glaubensgenossen auS der Synagoge zu verstoßen. Die biSbl-ngen Predigten haben indessen einen sittlichen Eindruck auf die Pfarrgenossen wie auf die von außen zahlreich hcrbeigeströmten Zuhörer hervorgerufen. » » Znv'ittilii'' -nzmiuä. WZÄ llc»>^>, l!Z>? ZN!Ä ? !! h ' 1 ? ' Agram, Der Herr Erzbischof von Agram hat zum Andenken der Vermählung Sr. Majestät eine fromme Stiftung für immerwährende Zeiten gemacht, Sie besteht darin, daß aus jedem der sechs Gränzregimenter, welche ganz oder theilweise zur geistlichen Verwaltung deS Agramer ErzbiSthumS gehören, jährlich drei, mithin im Ganzen jährlich achtzehn arme und unbescholtene katholische Gränzmädchen, die im Begriffe stehen, eine Ehe einzugehen, je mir 3V fl. in klingender Münze betheilt werden. Se. Majestät hat diese Stiftung genehmigt nnd erlaubt, daß sie den Namen Elisabeth- Stiftung führen dürfe. Der Herr Erzbischof hat das StiftungScapital mit 10,800 fl. dem Agramer Militär-Gouvernement übergeben. * » * 3S8 Paris, 9. Oct. ttine schöne Feier fand am gestrigen Sonntag Abend in der deutschen M i ssi on s ki > ch e siue I.glsz'ktte) statt; es war der Schluß der achttägigen Anbetung des hochheiligen AltarsacramenteS. Einen besondern Glanz erhielt die Festlichkeit dnrch den Umstand, daß der hochwürdigste Bischof von Belley, Msgr. Chalandon, derselben präsidirte. ES sind jetzt drei Jahre, seitdem die fromme Anstalt besteht; ihr Gründer, der ehrwürdige Pater Chable uns zugleich ihr Director, hat fast das Unmögliche möglich gemacht, ihre Erfolge haben alle Erwartungen weit übertroffen: wir benutzen daher jeden Anlaß, das christliche Werk auch unsern Glaubensgenossen jenseits des Rheins ans Herz zu legen. «- » » Breölau, 18. Oct. Heute früh, am Jahrestage der bischöflichen Consecration, haben Seine fürstbischöfliche Gnaden, nachdem Hochdieselben früh »m vier Uhr in der Kathedrale noch das heilige Meßopfer, von den sämmtlichen Alumnen deS Klerikal- Scminars assistirt, dargebracht, die Reise nach Rom angetreten. Seine bischöfliche Gnaden, Herr Weihbischof Latussek und Herr Dombecan Dr. Ritter, begleiteten Hochdieselben bis zum Bahnhof. » » « Türkei. EinS der unerwartetsten Ergebnisse deö Krieges im Orient, welches die Vorsehung herbeigeführt hat. besteht darin, daß die christliche Hingebung der barmherzigen Schwestern aus einen Schauplatz gestellt ist, von welchem ihre Tugend in einem herrlichen Lichte erscheint. Seit einem Monate veröffentlichen europäische und amerikanische Zeitungen die Heldenthaicn der barmherzigen Schwestern bei der Pflege der Cholerakranken; die gottlosen Blätter, welche zu andern Zeiten von Lügen und Schmähungen über die Nonnen überfließen, schweigen jetzt voll Schaam, in diesem Augenblicke dürsten sie eS nicht wagen, sich Verleumdungen zu erlaube». Auch die meisten protestantischen Zeitungen sprechen ganz freimüthig ihre Bewnnoerung aus. Der »New-Aork Herald" vom 10. September spricht sich so auSi „Die französischen Spitäler sind mit Allem versehen, was man nur wünschen kann, und nichts, was in den Kräften der Menschen stellt, wird von den Osficieren, den Kameraden der Kranken, von den Chirurgen, von den barmherzigen Schwestern unterlassen, um für die Cholera- kranken zu sorgen. Nichts scheint die Türken mehr in Erstaunen zu setzen, als die regelmäßige Erfüllung dieser Pflichten durch die barmherzigen Schwestern. Ueberall, wo das Fiber am hitzigsten, überall, wo die Pest am heftigsten, überall, wo Kummer am verzweifelndsten, die Celera am tödlichsten, das menschliche Leiden am schärfsten ist, da finden wir die Engel, welche die Schätze ihrer himmlischen Erhebung verschwenden. DaS ist für die Türken die neue Erschaffung des Wesens, was er Frau nennt. Und vielleicht ist von allen Ereignissen des gegenwärtigen Krieges kein anderes bestimmt, auf die Nachkommen Mohammeds, einen so heilsamen Einfluß zu üben. Hier wird ihnen die erhabene Bestimmung des Geschlechts gezeigt, welches nach ihrer Religion nur daS Werkzeug ist, die Leidenschaften deö Mannes zu befriedigen." <» »' > », >> >"^>lil f">? «'sS )M « Jr'and. Eine prachtvolle Kirche im gothischen Style, dem heiligen AlphonS von Lign n geweiht, ist so eben zu Ballibrack feierlich eingeweiht. — Zur Erinnerung an O'ConneU wird auf dem Kirchhofe von GloSncwin ein Denkmal errichtet, welches in einer Capelle mit einem runden Thurme bestehen soll. * » * Salzburg, 2Z. Oct. Der Verein zur Unterstützung hilfsbedürftiger Studenten in Salzburg hat am 12. Oct. seine erste Generalversammlung abgehalten. Der prov. Director erstattete Bericht über den Stand deS Vereins. Er zählt gegenwärtig über fünfzig Mitglieder. Ihre k. k. Majestät Carolina August« haben allergnädigst zur Vertheilmig an dürftige Studenten 100 fl. C M. überreichen zu lassen geruht. Eine 359 gleiche Summe spendeten Se. sürsterzbischöfliche Gnaden zum Beginne der Kostgebung in St, Sebastian, Se, Durchlaucht der k. k. Landespräsident versicherten dem Vereine ebenfalls gnädigst, einen Beitrag zu seinem Zwecke verabreichen zu wollen, Die hoch- würdigsten Herren Metropolitan-Domcapitularen traten als Mitglieder bei und durch das Verordnungsblatt sür die Erzdiöcese Salzburg wurden die Herren Seelsorger aufgefordert, auch ihre Gemeinden zur Unterstützung deS NereinSzweckes zu ermuntern. Ueberdieß erklärten die Professoren-Kollegien der theologischen Facultät und deS k, k. Gymnasiums, so wie auch sämmtliche Kloster-Convente der Stadt Salzburg ihren Beitritt zum Vereine. Mir diesen großen Wohlthätern der studirenden Jugend vereinigten sich bereits mehrere Herren aus dem Geistlichen-, Beamten- uud Bürgerstande auch vom Laude, so daß jetzt über fünfzig Mitglieder sind nnd darunter so großmüthige Spender. In der Versammlung wurden die gegenwärtigen Leistungen des Vereins bekannt gemacht. Durch die ehrwürdigen Kloster>Eonveute werden nebst einigen Geld- gaben wöchentlich bei 130 Kostportionen gegebn, und von den bei dem Verein eingegangenen und zu hoffenden Gaben zu Sr, Sebastian täglich zehn Studenten gespeist und täglich sechs Studenten in Loretto mir sogenannter Rumforder-Suppe uud Brod betheilt. Zudem werden Schreibmaterialien und einige Bücher an arme Studenten verabreicht. In Zuversicht auf bereits gemachte Zusichernngen werden vom l. November an wieder täglich sechs Studenten mehr verkostet werden. Da sicherlich noch mehrere Mitglieder dem Vereine beiirelen, und auch vom Lande manche Gaben fließen werden, wird man in der erfreulichen Lage seyn, dürstigen Sindenten auch für andere Bedürfnisse Hilfe zu leisten. Besonders aber wird ein wachsames Auge auf die Quartiere der Studenten gerichtet, indem deren Einfluß so heilsam als rerdcrblich werden kann. (Verdiente allenthalben Nachahmung.) Um die Zwecke drs Vereins sicherer zur allgemeinen Zufriedenheit der Mitglieder uud zum Besten der Studirenden anzustreben, wurde festgesetzt, daß halbjährig, nämlich am Ende jeden Semesters eine Generalversammlung aller verehrten Mitglieder deS Vereins abgehalten werde, damit Jedermann seine Bemerkungen, Antrage und Wünsche bezüglich der VercinS'hätigkeit vortragen könne. Schließlich stellte der Verein sich und sein Wirken unter den Schutz deS heiligen LandeöpatrvnS Nuperlnö und wählte den hochwürdigsten Oberhirtcn zu seinem Protectvr. * 4: * jchzin. ,7,1 Ktth'.Ä'-i^MlMtM«! '»!>HMAW)Mliiü «tttch'i'lchM »">^— l. ' '^!Ük>u^ -> u ^>K) t? mlch dem Urchristenthiimc schreit, sollte man dasselbe auch kennen. Beide Schriften kommen bald vereinigt vor, so daß die CanoneS dem achten Buche der Constitutiouen als -47stes Capitel angehängt sind, bald von einander getrennt, wie sie es auch der äußeren Form nach sind; deßhalb werden wir dieselben ebenfalls gesondert betrachten. 1. Die apostolischen CanoneS. Die apostolischen CanoneS sind eine Sammlung von Conciliarbeschlüssen und bischöflichen Erlassen aus dem zweiten, dritten und vierten christlichen Jahrhunderte; denn daß diese CauoneS nicht aus ein und derselben Zeit sind, beweist die Materie einzelner CanoneS, welche deutlich gegen gewisse Ketzereien gerichtet sind; ferner die 363 verschiedenen Quellen, auS denen man einzelne Canones nachweisen kann; einige nämlich sind wirklich den Schriften der Apostel, namentlich den paulinischen Pastoralbriefen entnommen, oder stehen dem Inhalte nach der apostolischen Zeit ganz nahe; andere stehen in engster Verbindung mit den Synoden von Anliochia, Ephesus, Nicäa, und wieder andere behandeln Gebrechen unter dem KlcruS, welche erst nach und nach eingerissen seyn konnten. Im Abendlande wurden die apostolischen Kanones zuerst bekannt durch DionysinS EriguuS, welcher sie ans einer griechischen Canonensammlung ins Lateinische übersetzte, wie sie unseren meisten Conciliensammlungen beigegeben sind; DionysiuS kannte aber nur 5t) apostolische CanoneS. Etwa ein halbes Säculum später gab der autiochenische Presbyter Johannes ScholasticnS ebenfalls eine Canonensammlung heraus, worin aber 85 apostolische CanoneS enthalten waren; beide Männer hatten wahrscheinlich verschiedene Handschriften vor sich und daher kommt denn die verschiedene Anzahl der apostolischen Canones. Weil das Wesentlichste, waS sich über diese Schrift sagen läßt, auS dem Inhalte derselben hervorgeht und derselbe gewiß nicht ohne Interesse ist, so mag derselbe hier im Auszuge folgen. 1. Ein Bischof soll wenigstens von zwei oder drei Bischösen ordinirt werden. 2. Puestcr, Diaconen und die übrigen Kleriker werden von einem Bischöfe ordinirt. 3. Nur was zum heiligen Opfer nothwendig ist, soll am Altare dargebracht werden, nämlich Brod, Wein, Oel zur Beleuchiung und Weihranch, 3. Wenn ein Bischof oder Priester etwas anderes darbringt, als der Herr auf dem Altare befohlen hat, wie Honig, Milch, Geflügel :c., so soll er abgesetzt werden. *) 4. Anvere LebenSmillel sollen an einen besonderen Ort (Gazophylacium) gebracht und vom Bischöfe oder Priester unter die Kirchendiener und die Armen vertheilt werden, 4. Nur frische Aehren und Trauben, Oel zur Beleuchtung und Rauchwerk, soll bei der Opferfeier dargebracht werden. *) 5. Ein verheiratheter Bischof, Priester oder Diacon soll bei Strafe der Absetzung und Ercommunication seine Frau nie verstoßen; sey es auch unter dem Vorgeben der Religion, 6. Bischöfe, Priester und Diaconen sollen sich niemals mit weltlichen Geschäften befassen. ' 7. Die Osterfeier soll nicht mit den Juden vor dem Frühlings - Aeqninoctium begangen werden. 8. Jeder Bischof, Priester oder Diacon, welcher dem heiligen Opscr beiwohnt, soll, triftige Gründe ausgenommen, auS der Hand deS Celebranlen communiciren, um dem christlichen Volke kein Aergerniß zu geben. 9. Die Strafe der Ereommunication trifft jene Gläubigen, welche vor Beendig gung des Gottesdienstes und Empfang der heiligen Communivn die Kirche verlassen. (Gratian bezieht diesen Canon aus den Tag des Herrn). 1l>. Wer auch nur der Privatandachr eines Ercommunicirten beiwohnt, werde ausgeschlossen. 11. Dasselbe gilt von demjenigen, der mit einem abgesetzten Kleriker Privat- andachtcn abhält. 12. Kein Laie oder Priester solle ohne Einwilligung desjenigen Bischofs, der ihn ercvmmunicirt hat, in die Kirche wieder aufgenommen werden. 13. Kein Bischof soll seine Dlöcesc verlassen und eine andere übernehmen, eS sey denn zum Heile der Gläubigen und nach dem Gutachten seiner Mitbischöfe. 14. Ein Geistlicher, welcher seine Gemeinde verläßt und zu einer andern sich begibt, werde suSpendirt, und wenn er dem Bischöfe nicht Folge leistet, in die Reihe der Laien gestellt (ut laieus eommumeet). ") Diese deinen Canones machen in oen griechischen Handschriften den dritten Canon aus, so daß nur 84 erscheinen; worauf beim Citiren Rücksicht zu nehmen ist. 364 15. Wenn ein Bischof einen solchen aber noch als Kleriker aufnimmt, sey er ercommunicirt. 16. Zu sämmtlichen Weihen solle Keiner zugelassen werden, welcher nach ver Tause zweimal sich vcrheirathet oder im Coneubinate gelebt hat. 17. Ebenso sind alle diejenigen irregulär, welche eine Wittwe, eine Verstoßene, eine Concubine, eine Schauspielerin oder die eigene Magd; 18. Zwei Schwestern, oder endlich eine Brnderstochter geheirathet haben. 19. Ein Kleriker solle sich nicht zum Bürgen hergeben. 20. Dagegen ist ein Ennuche, der es von Natur oder durch die Bosheit eines Andern ist, nicht irregulär 21. Hat er aber sich selbst verstümmelt, dann ist er wie ein Mörder irregulär. 22. Sollte dieses aber ein Kleriker an sich thun, so werde er seiner Würde entsetzt. 23. Ein Laie, der sich verstümmelt, werde auf drei Jahre ausgeschlossen, denn er stellte seinem eigenen Leben nach. 24. Ein Bischof, Priester oder Diacon, welcher der Hurerei, deS Meineides oder Dicbstcchls überführt ist, werde abgesetzt; ebenso die übrigen Kleriker. 25. Die Lectoren und Canloien dürfen auch nach der Weihe noch heirathen. 26. Kein Bischof, Priester oder Diacon darf einen Gläubigen oder Ungläubigen schlagen, wenn dieser ein Vergehen beging, weil auch Christus nicht so handelte. 27. Wenn ein r-chtlich abgesetzter Bischof, Priester oder Diacon noch geistliche Verrichtungen vornimmt, werde er aus der Kirche ausgeschlossen. 28. Ein Bischof, Priester oder Diacon, welcher dnrch Geld sich diese Würde verschaffte, soll abgesetzt; wer aber solche Weihen ertheilte, ercommunicirt werden. 29. Ein Tischos, welcher sich welllicher Macht bediente, um zu seinem BiSthnm zu gelangen, soll abgesetzt und ercommunicirt werden, wie diejenigen, welche ihm Hilse leisteten. 3l). Ein Priester, welcher seinem Bischöfe zum Trotze eine eigene Gemeinde gründet, und Privatzusammenkünfte hält, so wie jeder daran Theil nehmende Kleriker soll abgesetzt, die Theil nehmenden Laien ercommunicirt werden; und zwar nach dreimaliger Ermahnung des BischosS. 31. Einen ercommnnicirten Priester oder Di.icon soll kein anderer Bischos wieder in die Kirche aufnehmen, es sey denn der Bischof gestorben, welcher ihn ercommunicirt hatte. 32. Kein fremder Bischof, Priester oder Diacon werde aufgenommen, ohne die nöthigen Empfehlungsschreiben. 33. Die Bischöfe einer Provinz sollen ihren Metropoliten haben, und in wichtigen Dingen ihn um Rath fragen, der Metropolite dagegen soll nichts gegen das Gutachten seiner Snffraganbischöfe thun. 34. Der Bischof, welcher in einer fremden Diöccse Ohne Erlaubniß deS epis- eopu8 loei) die heiligen Weihen ei theilt, macht sich seiner Würde verlustig, ebenso der Geweihte. 35. Ein Bischof, Priester und Diacon, welcher die ihm übertragene Stelle nicht annimmt, werde abgesetzt in dem Falle, wo das Volk ihn nicht haben will, behält der Bischof seine Würde, der DiöcesanklcruS aber sey ercommunicirt, weil er das rebellische Volk nicht zum Gehorsam ermahnt. 36. Die Bischöfe sollen jährlich zweimal Zusammenkünfte halten, sich über kirchliche Angelegenheiten besprechen und die Differenzen ausgleichen; nämlich in der vierten Pfingstwoche und in der zweiten Woche deS OctoberS. 37. Die Bischöse sollen Sorge tragen für das Kirchenvermögcn, und weder selbst noch ihre Verwandten dasselbe verschwenden; haben sie arme Verwandte, so soll er sie wie die übrigen Armen seiner Diöcese unterstützen. 38. Priester und Diaconen sollen nach den Vorschriften ihres Bischofs handeln. 39. Hat ein Bischof Privatvermögen, so kann er damit schalten nach seinem 365 Gutdünken, und nach seinem Tode mag eS seine Familie an sich ziehen, waS aber der Kirche gehört, daS muß auch billiger Weise der Kirche gewahrt bleiben. 40. Dem Bischöfe gehört die Verwaltung deS Eigenthums der Kirche zu; er hat eS zu seinem Bedarfc, zum Unterhalte seiner geistlichen Gehilfen und zu Werken der Wohlthätigkeit zu verwenden. 41. Bischöfe, Priester und Diaconen, welche der Trunkenheit oder dem Spiele ergeben sind, sollen abgesetzt werden, wenn sie sich nickt bessern. 42. Dasselbe gilt von den übrigen Klerikern und Laien, sie sollen in diesem Falle crcommunicirt werden. 43. Kein Bischof, Priester oder Diacon soll Geld aus Wucher leihen. 44. Kein Bischof, Priester oder Diacon soll dem Gottesdienste der Ketzer beiwohnen; wenn er sie dazu auffordert, solchen abzuhalten, so werde er seiner Würde entsetzt. 45. Dieselbe Strofe trifft eineu Bischof oder Priester, welcher einen Ketzer die Taufe und das heilige Opfer verrichten läßt. 46. Kein Bischof soll einen nach Borschrift der Kirche Gelausten wieder tanftn, oder einen solchen nochmals zu taufen sich weigern, der von den Ungläubigen getaust wurde. 47. Wer seine Frau verstößt und eine andere heirathel, oder eine Verstoßene heirathet, ist zu ercommunicircn, 48. Ein Bischof oder Priester, welcher nicht auf den Namen deS VaterS, deS SohneS und des heiligen Geistes tauft, soll abgesetzt werden. 49. Ebenso soll die Tonfe nur durch dreimaliges Untertauchen (Aufgießen) verrichtet werden. 5V. Wenn ein Bischof, Priester, Diacon oder ein Laie der Ehe, der Fleischspeisen und deS Weins sich deßhalb enthält, weil er sie für etwas Sündhaftes hält, werde er abgesetzt oder ercommunicirt, weil er dadurch auch den Schöpfer schmäht. 51. Jeder Bischof, Priester oder Diacon, welcher einen Sünder abweist, der Buße thun will, verliere sein Amt. 52. Derselben Straft macht sich derjenige Bischos, Priester oder Diacon schuldig, welcher an Festtagen Fleisch und Wein verschmäht, weil deren Genuß sündhaft sey. 53. Nur ans Reisen ist den Klerikern der Besuch eines Gasthauses erlaubt. 54. Die Strafe der Absetzung trifft einen Kleriker, welcher seinem Bischöfe eine Beleidigung zufügt. 55. Jeder Kleriker, welcher einem Priester oder Diacon eine Schmach anthut, soll crcommunicirt werden. 56. Derselben Strafe verfällt der, welcher die körperlichen Gebrechen eines Andern verspottet. » 57. Ein Bischof oder Priester, welcher in seinem seelsorglichcn Amte nachlässig ist, soll ercommunicirt, und wenn er sich nicht besftrt, seiner Würde entsetzt weiden. 58. Bischöse und Priester sollen sür ihre armen Kleriker sorgen, außerdem werden sie crcommunicirt, und wenn sie bei ihrcr Härte verharren, abgesetzt. 59. Dieselbe Strafe erwartet den, welcher falsche, häretische Schuften in der Kirche verbreitet. 60. Menschen, welche der Hurerei, des Ehebruches oder eines andern Verbrechens überführt sind, können niemals zum geistlichen Stande gelangen. 61. Wenn ein Kleriker aus Furcht vor Juden, Heiden oder Ketzern seinen Glauben verläugnet, werde er crcommunicirt; wenn er blos seine geistliche Würde verläugnet, abgesetzt. 62. Kein Laie oder Kleriker soll daS Fleisch eineS erstickten, oder krcpirlen, oder von einem anderen Thiere getödteten Thiere genießen. 63. Kein Laie oder Kleriker soll in den Tempel der Juden oder Ketzer gehen, seine Andacht zu verrichten. 64. Ein Kleriker, welcher im Streite Jemand mit einem einzigen Schlage < unfreiwillig) getödtet hat, soll abgesetzt werden. 366 65. Kein Kleriker oder Laie soll am Tage deS Herrn oder am Sabbat, den CharsamStag ausgenommen, fasten (gegen Simon Mngns, Menander und andere Ketzer. 66. Wer eine Jungfrau nothzüchtigt, werde ercommunjcirt und soll sie zur Frau nehmen. 67. Es sey bei Strafe verboten, die heiligen Weihen zu wiederholen, außer es habe sie Einer von einem Ketzer empfangen, denn Niemand kann Taufe und Ordi-- nation von einem Ketzer empfangen. 68. Am Mittwoch nud Freitag sollen Kleriker und Laien während der Qnadra- gesimalzeit fasten, nur Kränklichkeit erleidet eine Ausnahme. 69. ES sey strenge verboten, an den Fasten, den Festtagen und religiösen Ge^ brauchen der Juden, z. B. dem Genusse uugesäuertcr Brode Theil zu nehmen. 70. ES ist nicht erlaubt, iu den Tempeln der Heiden und Juden Oel zu opfern, oder an ihren Festen die Lampen anzuzünden. 71. Wenn ein Laie oder Kleriker auS der Kirche Oel oder Wachs entwendet, werde er ercommnnicirt. 72. Die heiligen Gesäße und Geräthschaften sollen nie zum Privatgebrauchc verwendet werden. 73. Wenn ein Bischof von glaubwürdigen Männern verklagt wird, sollen ihn die übrigen Bischöfe dreimal vorladen und über ihn urtheilen; erscheint er nicht, so soll cr von der Synode gerichtet werden. 7-l. Gegen einen Bischos kann nie ein Ketzer, auch nicht ein einziger Gläubiger als Kläger auftreten. 75. Keiu Bischof soll einen Verwandten ordiniren, um ihn zum Nachfolger in seinem Amte zu mache», eine solche Weihe ist als ungiltig anzusehen. 76. Wer ein Auge verloren hat, oder hinkt sey nicht deßhalb vom Episkopale ausgeschlossen, 77. Wer aber taub oder stumm ist, kann nicht zur Bischofswürde gelangen. 78. Ein Besessener ist irregulär uud soll auch uicht cun Gottesdienste der Gläubigen Theil nehmen, bis er befreit ist. 79. Ein Neubelehrtcr soll nicht zum Bischöfe ordinirt werden, er sey denn mit besonderen göttlichen Gnaden übergössen. 80 Ein Bischof oder Priester soll sich nicht in weltliche Händel einlassen. 81. Sklaven sollen als solche nicht zum geistlichen Stande gelangen. 82. Bischöfe, Priester u. Diaconen, welche Kriegsdienste thun, solleu abgesetzt werden. 8j. Geistliche, welche die schuldige Hochachtung gegen weltliche Obrigkeiten vernachlässigen, werben abgesetzt, Laien, welche sich solches beigehcn lassen, werden ercommunicirt, 84 (nach andern Handschriften 85), Enthält den Canon der heiligen Schrift und zwar die gewöhnlichen Bücher deS alten Testaments, zum neuen Testamente aber werden gerechnet: Die 4 Evangelien. 14 Briefe Panli, 2 Briefe Pctri, 3 Briefe deS Johannes, t Brief des JacobuS und 1 Brief deS JuoaS; ferner die 2 Briefe deS Clemens und die Constitmionen, „welche aber ihres mystischen Inhalts wegen nichl allgemein verbreitet weiden sollen, uud unsere, der Apostel Thaten." Eine Schrift fehlt in diesem Verzeichnisse, welche sich in unserem Canon finde», die Apokalypse deS heiligen Johannes, was uuS indeß nicht wundern darf, wenn wir wissen, daß die 'Apokalypse nach der Verwerfung des ChilieiSmuS ihr apostolisches Ansehen '.erlor und in diese Zeit mag die Abfassung obigen Bibcle.'nc'nS fallen. Den Canonen ist nech eine Erm»h»ung zur gewissenhaften Beobachtung derselben beigefügt. Heldenmuth eines FeZdcaplanS. Höchst interessant ist das folgende Schreiben deS Herrn Schuen aus Bukarest ddo. 18. September au die kalh. Bl. a Tirol, in welchem der im Kampfe gegen die 367 Russen bewiesene Heldenmuth eines katholischen Feldcaplans geschildert wird: Am 3. Februar d. I, kam eS in der Nähe von Giurgewo zu einem schweren, blutigen Kampfe, und dieß war der Tag, an dem ein katholischer Priester eine heldenmülhigc Uuerschrockcnheit in Erfüllung seiner Pflicht bewies. Er, ein geborner Albancse, war mit 8l)t) seiner tapfern Landsleute im Dienste des SultanS, unterdessen Botmäßigkeit Albanien steht, an die Donau gezogen, und befand sich am obigen Tage mit einem Theile seiner Mannschaft im Treffen den Russen gegenüber. Die Russen fochten mit großer Uebermacht, die Albanesen und Türken mit unbrechbarem Tode?muth. Ven den 35l) Männern aus Albanien, welche im Ge-echt standen, blieben 50 todt und ivv wurden mehr oder weniger schwer verwundet. Der brave Fclvcaplan stellte sich an die Spitze seiner Tnppe, und daS Kreuz in der Hand und die Stola um die Schultern ermunterte er die Scmigen zum Gottverlrauen und zur unerschrockenen AnSdaucr. Die nordischen Kugeln flogen rechts und links vorüber, sie zischten über sein Haupt hin, sie schlugen vor seinen Füßen in die Erde, aber keine traf; in Entfernung weniger Schritte gaben die Feinde wiei-crbolt Pclotonfeucr, doch wie durch unsichtbare Hand abgelenkt sauSle das tödlliche Blei, ohne ihn zu verwunden, vorbei. Zweimal wurde ihm die Bedeckung vom Haupte geschossen, sein Rock war an mehreren Stellen von Kugeln gestreift und zerlöcheit, er aber blieb wie durch ein Wunder unvtrletzt, obschon rechts und links neben ihm die Kämpfendcn fielen. Während dieses lauge andauernden blutigen Kampfes wich der muthi^e Mann, welcher vom Pulverrauch nach und nach an Händen und Angesicht ganz geschwärzt worden war, keinen Schritt; nur wenn wieder einer der Seinigen zu Tode getroffen zusammenstürzte, hob er den Blutenden auf seine Schultern und trug ihn hinter die Linie der Kämpsenden. Daselbst legte er sich mit ihm zur Erde, horte, wenn eö n ch möglich war, seine Beicht, unv ihn mit dem heiligen Oele salbend, stand er demselden im TodeSkampse bei, worauf er sich sogleich wieder an die Spitze seiner Truppe stellte. Nicht bloß als pflichtgeircuer Piiester handelte der brave Albancse bei diejcr Gelegenheit, sondern auch als tapferer Soldat. Von der russischen Uebermacht gedrängt war eine türkische Kanone in Gefahr verloren zu gehen. Schon hatte der Feind sie umrungen und ein Russe saß bereits droben, während andere die vorgespannten Pserde aulrieben, um die Beute in Sicherheit zu bringen, da führte der Feldcaplcm seine Leute zum Sturm vor. Unaufhaltsam AllcS vor sich niederwerfend, drangen sie aus die Feinde ein, töteten einige derselben, drängten die andern in die Flucht, und eroberten das bereits Verlorne Geschütz wieder zurück. Der Heldenmut!) dieses Priesters erregte unter den Türken großes Aufsehen, und als Omer Pascha, welcher daS Verdienst zu würdigen weiß, davon Kenntniß erhielt, schickte er dem Tapfern einen Orden, auf den selbst hochgestcl-te Officiere stolz seyn dürften, wenn er an ihrer Brust erglänzen würde, und beantragte, ihm einen jährlichen Gnadengehalt bei der hohen Pforte zu erwirken. Nach dem Treffen bei Giurgewo bcwüs der Albanese ncucrdiugö seinen unbeugsamen Muih, indem er mit seinen Leuten einige Zeit in der belagerten Festung Silistria, und zwar in dem zumeist bedrängten Fort Arab Tabia stand,, und soriwährenb wieder den Todesgefahren ausgesetzt war. Ich lcrnte diesen muthvollen Feldcaplan persönlich kennen, indem derselbe mit der siegreichen türkisch^! Ärmce nach Bukarest kam und einige Tage im bischöflichen Hause wohnlc. Er (Nicolai Vianchi ist sein Name) zählt Lg Jahre, und spricht albanesisch und italienisch; von der lateinischen Sprache, welche er in der Jugend zu erlernen keine Gelegenheit hatte, versteht er nur daS Nothbürstigste. Die Kleidung, die er trug, bestand in iincm kurzen, türkischen Beinkleid, blauen Strümpfen, einfachen, weit ausgeschnittenen Schuhen. Auf dem Haupte Halle er daS nationale Feß, und ein langer vorne zugeknöpfter Rock von rölhlicher Farbe vollendete seinen Anzug. Was ihm, abgesehen von seinem Heldenmnth, zur besondern Ehre gereicht, ist, daß er immer ganz beschämt dastand, wenn man von seinen Bcrdiensten sprach. Seine Dekoration trug er nur, wenn es die Convenienz erforderte, sonst legte er sie beiseite, oder verbarg sie in den Falten seines Kleides. 368 Kirchliche Notizen. Besorgnisse hegt in Frankfurt Jungisiael: Ans der Provinz Starkenburg meldet daö „Frankfurter Journal" unterm 12. dieß Folgendes: Es werden, namentlich und zunächst in einem Orte an der Bergstraße, Anstrengungen gemacht, den sogenannten englischen Fräulein die Erziehung der katholischen weiblichen Jugend in die Hände zu spielen. Sodann werden, durch Unterbringung mehrerer Knaben bei jungen Geistlichen auf dem Lande, die ersten Keime geistlicher Vorseminarien und etwaiger Jesuitenschulen gelegt, um auf alle Ereignisse vorbereitet zu seyn. Gegen diese Bestrebungen ist bis jetzt die Thätigkeit deS Gustav. Adolph-VercinS, der viel mehr Theilnahme finden sollte, ohnmächtig. ES wäre wohl anch den protestanti'cheu Geistlichen mehr Rührigkeit und Wachsamkeit zu wünschen, in welchen Eigenschaften der Herr Prälat ihnen mit gutem Beispiele vorangeht. * 5 * Amsterdam. Zu Vieler nicht geringem Befremden vernahm man dieser Tage, daß in einer Prädicanten-Versammlung die öffentliche Verehrung des heiligen Boni- facius in der Sitzung „eines GedcnkzcichenS" ihm zu Ehren zur Sprache kommen ließ; daß einem Heiligen, der ron den Katholiken der Niederlande sehr verehrt wird, ein Andenken gesetzt wird von einer Versammlung sich reformirt nennender Prädicanten, ist gewiß zu verwundern. Hat man denn ganz vergessen, welches die erste Heldenthat der sogenannten Reformation in unserm Lande war, wie viele BonisaciuSbilver sie bei ihrem Beginne vernichtete; somit wird durch dieses Ereigniß der Stab schon gebrochen über die damalige Bilderstürmerei. Waö uns betrifft, wir wollen unS darüber nicht beklagen, wir hoffen vielmehr, daß man endlich mehr und mehr zurückkommen wird von den unsinnigen Vorurthcilcn und dem Hasse, wovon man in den letzten Jahrhunderten beseelt war; wir hoffen, daß man endlich mit uns scheint erkennen zu wollen, daß die Verehrung unserer großen Glaubenshelden und die Bewunderung ihrer ed.lsten Thaten, fern davon Abgötterei zu seyn, vielmehr mit der menschlichen Natur ganz nahe zusammenhängt. * 5 * Ncw-Uork, 3. Oct. Vorgestern sahen wir wieder, wie sehr die segensvolle Eintracht, in welcher die verschiedenen Rcligionsgenossenschaften seit der Unabhängig- keitS-Erklärung unter uns gelebt hatten, nunmehr gestört ist. An diesem Tage wurde hier das Concil der katholischen Bischöfe mit einer öffentlichen Procession der Mitglieder desselben eröffnet, und cS machte einen sehr peinlichen Eindruck, den Zug der Bischöfe verschiedener Diöcesen aus allen Seiten von der Polizei schützend umgeben zu sehen. Die Behörden brauchten nämlich diese Verficht in Besorgnis) fanatischer Angriffe. In dem solennen Hochamte, das in einer der hiesigen katholischen Kirchen gehalten wurde, sind nebst dem Erzbischofe HughcS von New-Aork die Bischöfe von Albanv, Boston, Bufsalo, Hartford, Brookiyn, Rewark, Burlington (Vermont), so wie die Vorstände der Nedemptoristcn nnd der Jesuiten anwesend gewesen. Aus der EröffnungS- Rede, welche der Eizbischof HugheS nach der feierlichen Messe hielt, konnte man entnehmen, daß die Thätigkeit der überall auftauchenden „Know-Nothings", so wie die durch Straßen-Predigten hervorgerufenen Angriffe gegen die Katholiken tne Hauptveranlassung zu dem Concil bilden. Der „Engel Gabriel", wie man den bekanntesten Straßenprediger der Puritaner nennt, der bald hier auf der Treppe deS Stadthauses, bald in Brooklyn, bald in MassachuselS oder sonst wo seine Feuerbrände gegen die katholische Kirche schleudert, we>r nirgends sichtbar. Ans dem Rückzüge wurde die Procejsion der Bischöfe abermals von einer starken Polizeiwache escorrirt, (K. Z.) Verantwortlicher Redacteur: L, Schönchen. Verlag«-Inhaber: F. C. Kremer. Vierzehnter Jahrgang. 19. November ^ ^7. 1854. Dieses Blatt erscheint regelmäßifl alle Gonutage. Der halbjährige Abonucmcntsprei« kr., wofür e« durch alle köm'gl. bayer. Postämter uud alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die apostolischen Constituti'onen sind ein ausführliches Lehrbuch der Dogmatik, Moral und Liturgie der ersten christlichen Jahrhunderte, uud genossen stets in der Kirche großes Ausehen, obgleich manche Stellen von den Häretikern corrumpirt sind. Daß diese Schrift weder von den Aposteln noch von Clemens Romanuö verfaßt ist, findet man beim Durchlesen, obgleich diese sprechend ausgeführt werden. Die einzelnen Theile lassen vielmehr auf mehrere Verfasser und verschiedene Zeiten schließen; ein Späterer mag dann die einzelnen Theile verbunden haben, wie wir sie jetzt besitzen. Im Ganzen lassen sich drei verschiedene Schriften unterscheiden, uämlich die sechs ersten Bücher, welche schon Cusebins uud AihanasinS als den Lehrinhalt der Apostel bezeichnen; das Buch schließt dann mit einer Schlußermahnung. Wir vermissen aber in diesem Theile die ganze Arcandisciplin, was sich, wie AthanasiuS bezeugt, daraus erklärt, daß diese Schrift in vielen Gemeinden den Ncubekehrten vorgelesen und erklärt wurde; eS geht zugleich daraus hervor, daß dieser Theil der Coustitulionen noch zur Zeit der Christeuverfolgung i-bgefaßt sey» mußte. DaS siebente Buch hat seinen eigenen Eingang und Schluß uud behandelt fragmentarisch großtentheilS schon in den sechs ersten Büchern behandelte Gegenstände, nur ist diesem zweiten Theile noch eine Anzahl von Gebeten und liturgischen Formularen angehängt, er unterscheidet sich auch der Schreibart nach von dem ersten. Das achte Buch endlich unterscheidet sich wiederum total von den beiden ersten durch Inhalt und Form, und dieser Theil ist gewiß der Zeit nach der jüngste; während nämlich der erste Theil aus dem 3ten Jahrhunderte und der zweite auS dem ^ten seyn mag, so ist dieser dritte Theil gewiß aus einer spätern Zeit, wo die Kirche ihre heiligen Handlungen und Mysterien nicht mehr vor der Welt geheim zu halten brauchte; deßhalb enthält auch dieses achte Buch der Konstitutionen eine vollständige Liturgie der damaligen Zeit. Noch weniger wissen wir über die Verfasser der einzelnen Theile; und eben so wenig, zu welcher Zeit und durch wen die drei verschiedenen Schriften vereint wurden; jedenfalls war zur Zeit des CpiphaniuS, in der letzten Hälfte deS 4len Jahrhunderts, die Vereinigung schon vollendet; denn er nennt daS Ganze schon 6t«?«5e/S rmi- »Troo-ro^e^, welcher Titel vom achten Buche der genommen ist. Wir halten uns in unserm Auszüge auS den Constitutionen an die Ausgabe derselben von Franz. Turrian. Venedig 1563, welche sich in unsern Conciliensammlungen allgemein findet. Die Concilien des ersten christlichen Jahrhunderts. (Fortsetzung.) 2. Die apostolischen Constitutionen. 370 Erstes Auch. Von den Laien. Gnade und Friede Euch Allen, die ihr durch das kostbare Blut unsers Herrn Jesu Christi erlöset, Erben und Kinder GolteS seyd; höret aber und befolget auch seine heilige Lehre und strebet in Allem den Willen GotteS zu erfüllen; denn wer dagegen handelt, der ist vor seinen Augen wie ein Heide und Verächter deS Gesetzes. Suchet vor Allem die Selbstsacht und Bcgierlichkeit, die Quelle aller Ungerechtigkeit, auS dem Herzen zu reißen; das Gesetz lauiet: Du sollst nicht begehren, und im neuen Reiche ist schon die Begierde Sünde; überhaupt ist daS lebendige Gesetz einfach und wahr in deS Menschen Brust geschrieben: Was du nicht willst, das von Andern dir geschehe, dessen enthalte dich gegen Andere (t). Beleidiget und kränket einander nicht, denn der Fluch, welchen du über den Nächsten schleuderst, kehrt über dein Haupt zurück; ertraget einander und seyd versöhnlich, übet den christlichen Heroismus gegen Eure Feinde, wie es Kindern Gottes geziemt. Besonders gilt dieses jenen, welche sich in der menschlichen Gesellschaft näher stehen, dem Gatten und der Gallin; aus ungelheilte hingebende Liebe soll der Ehebund gegründet seyn (2). Hüte dich, deinem Nächsten auch nur durch dein AeußereS, z. B. durch sreche Kleidung, Veranlassung zur Sünde zu werden, indem du in ihm die Begierde erregst; kleide dich anständig und naturgemäß, so wie Gott AlleS zum Besten deS Menschen geschaffen hat; bemühe dich nicht, durch äußern Aufwand und Ziererei dich vor Golt und den Menschen beliebt zu machen, es wird dir besser durch die Schönheil und den Schmuck der Seele gelingen (3). Verschwende deine Zeit nicht, mir lieblosem Vergnügen den Fehlern und Schwächen Anderer nachzuspüren; suche vielmehr dein Leben dem göttlichen Gesetze conform zu machen, forsche daher seinen ewigen Wahrheiten nach (4), wie du sie finvest in den heiligen und ehrwürdigen Büchern, welche unS die Propheten und Gesandlen Gottes hinterlassen haben (5). Ober sollen bei dir die verkehrten falschen Ideen der Heiden mehr gelten als die göttliche Wahrheit, sollen ihre Gesetze und Einrichtungen die Richtschnur deiner Grundsätze und deines Handelns werden? Hast du in unsern heiligen Büchern nicht eben so viel Poesie und Ledenssrische, eben so viel philosophische Tiefe und Wahrheit; dürstet dich darnach, dann stille deinen Durst aus dem göttlichen Borne der Weisheit, dazu eben ist er unS gegeben; auch da findest du die sich immer wiederholende Lehre der Geschichte, daß ein demoralisirteö, verkommenes Geschlecht der Zuchtruihe des ewigen Richters verfällt und seinem Unter- gange entgegeneilt, während ein gotlesfürchtigeS und gesittetes Volk mit Glück und Wohlstand gesegnet ist; übermüthige Tyrannen werben gestürzt und tugendhafte und gerechte Fürsten sind der Stolz ihrer Völker- Hieraus findest du Nahrung für deinen Geist und für das Herz. Hüie dich olm vor Verweichlichung des Körpers, denn sie verdüstert den Geist und macht das Herz schlaff (6). Fliehe ein srecheS, wollüstiges Weib und scheinen ihre Worte dir auch süßer als Honig, du wirst das bittere Verderben ihrer Umarmung erst dann gewahren, wenn ihr Netz dich umstrickt hat und du ihr zur schändlichen Beute geworden bist, wenn Fie Schlange dein jugendsrohes Gemüth ertödtet und dein Lebensmark vergiftet hat (7), Die einzig rechtmäßige Verbindung deS WeibeS mit dem Manne ist in der Ehe. Wie aber Gott den Drang der ausopfernden Hingebung in das weibliche Herz gelegt hat, so wollte er auch, daß das Weib alsvann dem Manne ganz und allein gehöre; die Ehefrau soll nicht noch andern Männern zu gefallen suchen, sondern ihr Leben sey, wie unS Salomon das Bild einer treuen, bescheidenen Hanssrau entwirft: sie lheilt des Lebens Last mit dem Manne und sucht die rauhen Dornenwege ihm zu versüßen, der einzig sie beseelende Gedanke ist, deS Gatten Erdenglück zu bauen. Dazu nun wird eine würdige Ehefrau vor Allem Ehrbarkeil und Sictsamleil zu wahren wissen; sobald aber ein Weib sich einmal so weil vergessen hat, daß sie andern Männern gegenüber gefallsüchtig und kokett ist, ihre Augen auf sich zu ziehen sich Mühe gibt; dann stürzt sie der Lawine gleich von Abgrund zu Abgrund und Schande und Schmach folgt ihrer Ferse, wie 371 ein schädlicher Wurm zerstört sie die stille Wohnung ehelichen Glückes. An Chn'stinen sollte man solches gar nie erfahren müssen; eine christliche Ehefrau wird ihren Gatten durch den reichen Schatz ihres Herzens gewinnen und an sich fesseln, nicht durch künstlichen Flitter, und ein lasterhaftes Weib ist trotz ihrer Schönheit auch in Purpur und Seide ein furchibares Scheusal (8). Schamhaftigkcit vor den Männern ist somit des WeibeS schützender Engel und hält auch von Andern die Versuchung fern (9), Wie endlich eine sittsame, bescheidene Hausfrau deS Maunes kostbarste Perle ist, so ist cm zänkisches, geschwätziges Weib seine Plage; wehret deßhalb, christliche Frauen, eurer Zunge alle Streitsucht und Rechthaberei, denn wie leicht könntet ihr schuld tragen an dem Unmuthe, an der Gotilästerung eureS Mannes. Befolget diese Lehren und ihr werdet euch dadurch Gottes Wohlgefallen erwerben und seiner Glorie euch würdig machen. Zweites Such. Von dem KleruS. Zum Bischöfe werde ein verständiger und gebildeter, dabei aber herablassender, mildthäiiger und friedliebender Mann gewählt; auch sein früherer Lebenswandel soll rein seyn vou aller Ungerechtigkeit (1); er muß ein tüchtiger Hausvater seyn, denn wie kann er im Hause deS Herrn gur regieren, wenn er seiner eigenen Familie schlecht vorstand (2)? Dabei lasse er sich nicht von Zornsucht und Verschwendung leiten, er sey im Gegentheile liebevoll und gefällig gegen alle Menschen (3); seine Mildthätigkeit berücksichtige besonders jene Wittwen, welche sich nicht den nöthigen Unterhalt erwerben können und die der Unterstützung vorzüglich würdig sind; Liederlichkeit und Trägheit aber soll von ihm nickt gepflegt werden (4). Vor ihm gelte kein Ansehen der Person, er schmeichle weder den Vornehmen, noch verachte er die Armen; fern von Aufwand und Vergnügensucht soll sein Sinn stets darauf gerichtet seyn, wie er die ihm anvertraute Heerde mit aller Schonung nnd Geduld ihrem Heile entgegenführe (5), Er sey deßhalb nicht nur selbst frei von allen bösen Leidenschaften und weltlichen Gelüsten, von Habsucht, Schmähsucht, Rachsucht, Herrschsucht u. f. w, er bemühe sich auch diese Laster bei seiner Gemeinde durch Wort und Beispiel auszurotteu (6); denn die sollen heilig seyn, welche der Kirche Christi angehören (7). Wird Jemand ungerechter Weise von den Ungläubigen verleumdet, der tröste sich, daß Gott seine Unschulv kenne; ist er aber eines Verbrechens überführt und will sich durchaus nicht bessern, den soll der Bischof von seiner Gemeinde ausschließen (8); dabei lasse er sich aber nicht durch das Ansehen oder den Reichthum der Person bestimmen, diejeS soll sein Urtheil nicht blenden und bestechen (9); denn dadurch würde er die Strafe, welche dem Verbrecher gebührt, auch über sich herabruseu, er würde zum Verräther an seiner Würde an der Kirche und sein Respect wäre dahin (10). Er, der die Stelle Christi auf Erden vertritt, sell auch seine Gerechtic-keit sich zum Vorbilde nehmen (ll), ebenso aber Gottes Langmuih und Erbarmung (12), welche zuvor AlleS versucht, den Ucbel-Häter zu bessern und nur an dessen Bekehrung, nicht an der Strafe eine Freude hat (13). Er nehme somit den reuigen Büßer in Gnaden auf, ohne sich um jene zu kümmern, welche da sagen, man solle sich nicht durch den Umgang mit Sündern beflecken; Gott verbietet ja nur an ihren sündhaften Handlungen Theil zu nehmen und verdirbt nie den Gerechten mit dem Sünder, er rechnet nie die Schuld des Einen dem Andern an (14). Soll er nun den bereits dem Ertrinken Nahen nicht ins Wasser zurückstoßen, so darf er doch nicht blind und nachlässig seyn gegen die Sünden des Volkes, er verbinde Langmuth mit weiser Gerechtigkeit (15). Hat also Einer wirklich gefehlt, dann sey er vom Gottesdienste ausgeschlossen, auf Buten der Diaconen lasse ihn der Bischof vor sich kommen, und zeigt er Reue, so werde ihm eine Buße von längerer Zeit, etwa Fasten, je nach dem Verhältnisse des Vergehens, auferlegt, denn der Bußfertige soll nie gänzlich verstoßen werden (16). ES ist klar, daß der Bischof selbst rein seyn muß, wenn er zu Gericht fitzen will, damit er nicht Aergerniß gibt und seine Laster- hastigkeit nicht die ganze Heerde anstecke; denn das HauS GotteS soll keine Räuber- 372 höhle seyn (17), Ueberhaupt soll der Bischof die Tugendhaften im Guten bestärken, die Schwachen ermuntern und aneisern, die Gefallenen bessern (18), und wie den Vorsteher einst seine Nachlässigkeit richten wird, so hat auch der Untergebene seinen Ungehorsam zu büßen (19). Die Gläubigen müssen sonach ihren" Bischof wie einen guten Bater liebe» und ehren, der Bischof lasse dagegen seinen Untergebenen alle mögliche Sorgfalt und Liebe angcdeihen (20); er sey nicht hartherzig uud eigensinnig, nicht übermüthig, anmaßend und unmenschlich oder aufbrausend gegen sie, er nehme keine Klage gegen Jemand an ohne zwei oder drei bewährte Zeugen, die ohne Haß und Mißgunst sind; er fälle auch kein Urtheil, ohne beide Theile gehört zu haben; er richte Keinen, vernicht überführt ist, damit dieser nicht eine Leute der Ungläubigen werde (21). Der Bischof lasse sich wem'gsteuS von der Geschichte belehren und nehme ein Beispiel, wie Gott gegen David, die Niniviten, gegen EzechiaS und seinen Sohn ManaffeS (22), wie er aber auch gegen ManasscS Sohn Amon verfuhr (23), und wie unser göttlicher Erlöser mit Sündern umging (24). Von den Steuern und Zehnten, welche der Bischof rechtmäßiger Weise von den Gläubigen erhält, soll er nur so viel für sich behalten, als er zu seinem Lebensunterhalte nöthig hat, das Uebrige und was für die Armen und Dürftigen eigeuS dargebracht wird, vertheile er unter die Wittwen und Waisen, Armen und Kranken, und davon wirs er Gott einst Rechenschaft geben müssen (25). Die geistliche Würde ist so erhaben, daß der Bischof, der Diacon und die Diacouifsin mit den drei göttlichen Personen, die Priester mit den Aposteln verglichen werden können (26); kein Laie soll es deßhalb wagen, unberufeu sich das Amt und die Verrichtungen der Kleriker anzumaßen, eingedenk des Saul, Oziaö und der Coriten (27). Bei den LiedeSmahlen sott die Würde und daS Verdienst eines jeden Klerikers berücksichtiget werden (28); in dem Bischöfe ehre man überhaupt den Stellvertreter Gottes (29), iu den Diaconen die Diener dcö Bischofs nnd seine Gesandten (30); die Diaconen nämlich sind in Allem den Bischöfen untergeordnet und kein Diacon erlaube sich einen Tadel gegen i-cn Bischos (31), kein Diacon darf ohne Erlaubniß des Bischofs etwas verschenken, sey cS auch an die Armen (32). Die Priester aber sind als geistliche Väter aller Hochachtung würdig wie die leiblichen Eltern (33). So sehr also der Geist erhaben ist über die Leiblichkeit, so hoch steht das Priesterthum über der KönigS- wmde; deßhalb soll auch der Bischof als Vater, König und Herr geliebt uud ihm die Erstlinge und Zehnte dargebracht werden, wie dieses schon im allen Buude bestimmt war (34); davon werde den Dienern der Kirche und den Armen der nöthige Unterhalt gegeben und vom Bischöfe keine weitere Rechenschaft über die Verwendung gefordert, er hat diese vor Gott abzulegen (35). Beobachtet die Gebote G-ttes und richtet Niemanden, denn daS Gericht ist von Gott den Priestern übertrafen (36), der Bischof wird dabei Verleumdung von der Wahrheil wohl unterfchciden und kein voreiliges Urtheil fällen. Er lasse den Fehlenden zu sich kommen unv stelle ihm in aller Milde und Geduld seinen Fehler vor (37); nur der Hartnäckige uud Verstockte sott ausgeschlossen, dem reuigen Sünder aber verziehen werden (38). Der Ausgeschlossene werde wie ein Ungläubiger behandelt und er hat keinen Antheil an der heiligen Eommunion, bis er sich gebessert hat (39); er soll indeß nicht ganz dem Verderben preisgegeben werden, man tröste ihn und mache ihm Muth, um ihn so wieder zu gewinnen (40), denn an einem solchen soll Alles versucht werden, ihn zu heilen, und uur dann, wenn er offenbar unverbesserlich ist, werde er gänzlich aus der Kirche ausgeschieden (41); dabei gilt aber keine Parteilichkeit, kein Ansehen der Person (42). Verleumder und Ehreinäuber sotten, wenn sie von ihrem bösen Treiben nicht ablassen und so fortwährend Uneinigkeit und Unruhe iu der Kirche stiften, ebenfalls als verderbte Glieder getrennt werden (43). Minder wichtige Dinge mögen die Diaconen bereinigen (44); überhaupt sollten nnler den Gläubigen keine Streitigkeiten vorkommen oder wenigstens unter ihnen geschlichtet und nicht vor die welllichen Gerichte gebracht werden (45), seyd daher versöhnlich und laßt eure Händel nicht vor die Ungläubigen kommen, wie diese auch nicht Zeugniß gegen einen Christen ablegen dürfen (46). Alle Streitigkeilen sollen am zwei en Wochentage vor daS geistliche Gericht gebracht werden, damit sie 373 bis zum Tage des Herrn beigelegt seyen (47), die Strafe aber richte sich nach der Größe deS Vergehens (48). Der Ankläger und Angeklagte hat vor dem Richter zu erscheinen und jener bringe da seine Klage vor; hierauf sollen die Richter erwägen, welchen Leumund dieser Kläger besitz!, ob nicht Feindschaft oder Mißgunst u. s. w. zwischen beiden Contrahenten bestehe und ob der Kläger Zeugen von zuverlässigem guten Rufe habe; ebenso werden dessen Lebensverhältnisse untersucht (49); ein früherer Fehler des Angeklagten gilt nie als Beweis für die vorliegende Klage. Stell! sich eine Verleumdung heraus, so werde sie strenge bestraft; ist aber der Angeklagt überwiesen, dann erst kann gegen ihn verfahren werden (50). Kein Urtheil darf somit gefällt werben, ohne daß beide Theile vernommen wurden (51), wie dieses auch die weltlichen Gerichte bei den Heiden beobachten, damit kein Unschuldiger vernrtheilt werde (52). Die Nichter seyen gerecht, friedliebend, ohne Zorn und Feindschaft, denn diese sollen unter Christen überhaupt gar nicht vorkommen (53), deßhalb lasse der Bischof vor dem Gebete, damit dieses vor Gott augenehm und fruchtbringend sey, jedesmal durch die Diaconen zur Ablegung aller Feindschaft crmahnen (54); ebenso wie Gott zu allen Zeilen das Volk durch seine Propheten zur Buße crmahnen ließ (55). Emmüihig sollen sich die Gläubigen zum Lobe Gottes versammeln, und die Vorsteher der Kirche haben dafür zu sorgen, daß Friede und Eintracht in der katholischen Kirche crhalten werden (56). Beim Gottesdienste soll der Bischof in der Mitte auf seinem Throne sitzen, zu beiden Seiten der übrig- KleruS; die Diaconen haben dafür zu sorgen, daß das Volk sich ruhig und mit Anstand versammle, die Frauen von den Männern getrennt. Der Lector lese nun von einem erhöhten Orte in Mitten der Kirche die Schriften deS MoseS und der Propheten, darauf folge der Psalmengesang, uns nun soll die Apostelgeschichte oder die Briefe Pauli gelesen werden; ein Priester oder Diacon verkünde das Evangelium und halte eine Ermahnung, und endlich folgt die Anrede deS Bischofs. Die Ostiarier und Diaconissincn haben für Ordnung während deS Gottesdienstes zu sorgen. Darauf sollen Klle sich erheben und nachdem die Katechn- menen und Büßenden die Versammlung verlassen haben, soll ein Gebet verrichtet werden und die einen der Diaconen haben am Allare zu dienen, die andnn die Aussicht beim Volke zu halten; der assistirende Diacon crmahnt das Volk zur Anlegung aller Feindschaft und alles Hasses, und hierauf geben sich die Männer unter einander und die Frauen unter einander den Friedenskuß; der Diacon betet nun für die gcsammte Kirche, für die ganze Welt, für zeitlichen Wohlstand, für die Priester und Vorgesetzten, daö kirchliche Oberhaupt, den König, und um Frieden für Alle; der Obcrpriestcr segnet darauf das Volk und betet für dasselbe. Run beginnt das heilige Opfer und nach der Aufwandlung sollen Alle mit Würde uud Andacht zum heiligen Abcudmcihle hintreten (57). Wenn ein Fremder mit Empfehlungsschreiben ankommt, so werde er mit aller Zuvorkommenheit und Auszeichnung aufgenommen, und behandelt, und dabei soll nicht auf den Rang, das Ansehen oder Vermögen deS Gastes Rücksicht genommen werden (58). Jeder soll fleißig beim Morgen- und Abendgebete in der Kirche erscheinen, besonders aber am Tage des Herrn zur Lesung der heiligen Schrift, dem heiligen Opfer und der heiligen Communion (59); oder sollen uns die Juden und Heiden beschämen mit ihrem eitlen Gottesdienste (60)? Keine weltlichen Geschäfte sollen daher vom Kirchenbesuche abhalten (61). Ihr sollet euch auch ferne halten von dem Treiben der Ungläubigen und Ketzer, uud an ihren Festen, Gebräuchen und Vergnügen, Zauberei und Wahrsage, ei, Schauspielen und Fechterspielen, selbst an ihren Jahrmärkten keinen Theil haben (62). Gebet euch auch nicht dem Müssiggange hin, so daß ihr der Kirche zur Last fallet, denn auch die Apostel, obgleich sie das Wort des Herrn verkündeten, suchten sich durch Handarbeit ihren Lebensunterhalt zu erwerben (63). (Fortsetzung folgt.) , 374 Zur Frage über die unbefleckte Empfängniß Maria. Um vielen vorkommenden ganz unrichiigen Auffassungen dieser Frage zn begegnen veröffentlicht die „Landöhuter Zeitung" auS kundiger Feder nachstehende Erörterung, die wir auch unsern Lebern hier mittheilen: ES handelt sich nicht darum, ob JesuS Christus von Maria ohne Erbsünde empfangen worden sey (venn das versteht sich von selbst, weil Christus in Einer und derselben Person Gott und Mensch zugleich ist und Seine Empfängniß unmittelbar vom heiligen Geist bewirkt wurde); sondern darum handelt es sich, daß der bereits allgemein geglaubte Sa«): Maria selbst, obwohl sie nur auf natürlichem Wege wie wir von Adam abstammt, sey wegen Christus, dessen Mutter sie werden sollte, und auf Grund Seiner unendlichen Verdienste ohne die Makel der Erbsünde empfangen wor- . den, — daß dieser bisher freiwillig geglaubte Satz, sage ich, nunmehr zu einem förmlichen Dogma oder gebotenen Glaubenssatz festgestellt werden soll. Der Unterschied zwischen einem förmlichen, verbindenden Glaubenssatze und einem freigestellten, wenn auch allgemein geglaubten Satze ist nämlich der: Wenn eine Lehre förmlich als Dogma oder verbindender Glaubenssatz von der katholischen Kirche zu glauben vorgestellt wird, so muß ein Katholik eine solche ausdrücklich bestimmte Glaubenslehre als unfehlbare, göttliche Wahrheit gläubig annehmen, wenn er anders vor Gott noch als ein Katholik gelten will, und darf auch ohne Sünde nicht daran zweifeln, weil der Verheißnna Cbristi gemäß die Entscheidungen der Kirche in Glaubenssachen ebenso unfchlbar, richtig und wahr sind, wie jede andere göttlich geoffenbarte Wahrheit. Hingegen, wenn -eine Lehre noch nicht als förmlicher Glaubenssatz von der Kirche ausgesprochen ist, so würde man, wenn man innerlich nicht daran glauben wollte, noch keineswegs aufhören, ein Katholik zu seyn, auch wenn alle übrigen Katholiken daran glauben. Jedoch wäre es eine sehr gewagte und unter Umständen auch sündhafte und freventliche Sache, sein eigenes Urlheil über daS der Gesammtheit der Gläubigen zu setzen, auch wenn eS sich nur um eine von den Gläubigen allgemein angenommene und geglaubte fromme Meinung handelt. Es gibl in der katholischen Kirche mehrere allgemein geglaubte Wahrheilen, die aber doch nicht als förmliche Glaubenslehren mit der strengen Verbindlichkeit, selbe zu glauben wie andere Glaubensartikel, ausgesprochen und bestimmt sind. So wird auch die Lehre, daß die seligste Jungfrau unbefleckt, d.h. ohne Erbsünde empfangen worden ist, überall in allen kacholischen Ländern deS Erdkreises allgemein geglaubt; auch der Papst und die Bischöfe der katholischen "Kirche glauben daran, und die Päpste haben in diesem ihrem Glauben daS Fest der unb-fleckten Empfängniß am 8. Dcc. jeden Jahres eingesetzt und unter schwerer geistlicher Strafe verboten, die gegentheilige Ansicht, als sey Maria nicht ohne Erbsünde empfangen worden, öffentlich auSzusprechen, zu lehren und zu vertheidigen. Deßungeachtct war diese Lehre bisher nur eine in der katholischen Kirche allgemein geglaubte fromme Meinung, nicht aber eine förmliche Glaubenslehre, so daß alle Katho iken daran auch innerlich zu glauben nothwendig verbunden und verpflichtet gewesen wären. Nachdem aber der heilige Vater auS allen Theilen der Christenheit mir Bitten bestürmt wurde, der Lehre von der unbefleckten Empfängniß Mariens durch eine feierliche Entscheidung und Beschlußfassung daS Siegel kirchlicher Beglaubigung aufzudrücken, so daß Niemand mehr belügt wäre, dieselbe in Zweifel zu ziehen: da sah sich vor einigen Jahren Papst PiuS IX. veranlaßt, von allen Bischöfen des katholischen ErdlreiseS in dieser Angele enheit ein Gutachten abzufordern; und nachdem diese Lehre mir einer Sorgfalt und Umsicht, wie sie mit menschlichen Kräften nur irgend möglich ist, geprüft, mit u»wider!?g!ichcn Gründen bestätigt und auS den heiligen Lehrern und Vätern der Kirche von den ältesten Zeilen der Kirche an nachgewiesen worden: so will nunmehr der geistliche Statthalter Jesu Christi auf Erden, Papst Piuö IX., die allgemein geglaubte fromme Meinung von der unbefleckten, ohne Erbsünde geschehenen Empfängniß Mariä zur größeren Ehre Gottes und zur besondern Verherrlichung Mariens, deren Fürbitte namentlich unserer Zeit so überaus Noth thut, 375 als einen förmlichen Glaubenssatz feststellen, so daß alle Katholiken, wenn sie nicht aufhören wollen, Katholiken zu seyn, daran zn glauben streng verpflichtet werden. Da aber zur Feststellung eines förmlichen Glaubenssatzes mit unfehlbarer Gewißheit alle bloß menschliche Einsicht und Geisteskraft nicht hinreicht, vielmehr die erleuchtende Gnade des heiligen Geistes selbst unumgänglich nothwendig ist, dessen Beistand der Kirche von Christus auch ausdrücklich zugesagt wurde: so hat Ptipst PiusIX. sernerS an sämmtliche Bischöfe die Aufforderung ergehen lassen, mit den Gläubigen ihrer Diöcesen Gott mit flammendem Eifer um die Erleuchtung deS hei igen Geistes anzuflehen. Zugleich muß noch angemerkt werden, daß hiedurch nicht etwa ein neuer Glaubensartikel gemacht, sondern nur der alte, sich gewissermaßen von selbst aufdrängende, allgemeine Glaube an dieß wunderbare Geheimniß feierlich bestäligt und dem Katholiken als ein eigener GlaubenSpnnct nicht mehr zum freiwilligen Glauben, sondern zum pflichtmäßigen Glauben, mit Ausschluß allen Zweifels, vorgestellt werde. Wird ja auch durch eiuen nenen Katechismus, wie gerade jetzt anch ein neuer eingeführt wird, nichts weniger als ein neuer Glaube gelehrt oder festgestellt, sondern nur der alte Glaube ist eS, der darin gelehrt wird, nur geschieht eS mit andern Worten. DaS Nämliche findet statt in so vielen Millionen katholischer Predigten, Christenlehren, Unterrichts- und Erbauungsbücheru. Bloß die Worte, die Form und Einlheilnng u. s. w. sind verschieden; der GlaubenSiuhalt aber ist immer der nämliche. Eben so irrig wäre eS, wenn man glauben wollte, daß nunmehr dieser neu festzustellende Glaubenssatz etwa den zwölf Artikeln des apostolischen Glaubensbekenntnisses orer des sogenannten „Glauben an Gott" als 13ter Glaubensartikel beigefügt würde. Denn indem in diesem Glaubensbekenntnisse der Glaube an Eine heilige katholische Kirche ausgesprochen wird, so ist eben damit auch der Glaube an Alles, waö diese Kirche zu glauben vorstellt und befiehlt, schon eingeschlossen. Der ganze Unterschied zwischen bisher und künftig besteht also einzig und allein darin, daß eine Lehre, welche bisher einem Jeden zu glauben freistand, weil das göttlich eingesetzte, unfehlbare Lehramt der Kirche, bestehenv ans dem Papste und den mit ihm vereinigten Bischöfen, darüber noch nichts cnischieden hatte, künftighin von I.dem, der katholisch seyn will, ohne Widerrede geglaubt werden muß — eine Gestaltung der Sache, über die sich gewiß jeder wahre gotiliebeude Katholik und Verehrer Mariens nur von ganzem Herzen freuen kann. Somit wäre, da eine nähere Erklärung und Begründung dieser Glaubenslehre nur auf die Kanzel, nicht in iine Zeitung gehört, bloß der allgemeine Slandpuuct angegeben, von welchem aug die fragliche Angelegenheit betrachtet werden müsse, um irrige Auffassung zu vermeiden. Kirchliche Notizen. Linz. Die christliche Liebe ist nicht bloß erfinderisch, sie ist auch schöpferisch; dieß dachte ich mir, als ich jüngst einige Züge aus dem Leben des hochwürdigcn Herrn Mathias Kirch steiger las, der »»längst in Linz seine Secundizseier gehalien hat. Als Caplan von Linz hat er im Jahre 18V6 schon mit dem einen seiner College» ein Taubstnmmen-Jnstisut und mit dem andern, dem nachmaligen Bischof Wagner von St. Polten, eine SonntagSschule gegründet. Besonders aber die nachfolgenden KriegS- jahre öffneten ihm ein weites Feld für seine thätige Liebe. Als im Jahre 1809 die von den Franzosen gefangenen Oesterreicher, an Kleidung und Lebensmiiteln darbend, im Capucinergarten und im Schlosse eingeschlossen wurden, stellte sich Kirchsteiger an die Spitze Derjenigen, welche mit glücklichem Erfolge Lebensmittel sammelten und cigeu- händig an die Gefangenen vertheilten. Bei der im Jahre l8l2 herrschenden großen Theuerung wanderte er, nicht achtend das Gespötte gefühlloser Menschen, von HauS zu HauS und bewog durch seine Bitten die Frauen und Dienstboten, ihm die markigen Knochen und sogenannte Zuwage aus der Fleischbank.für die Armen zu überlassen. » 376 Mit diesem einfachen Mittel hatte er der ärgsten Noth Einhalt gethan. Theils auS eigenem Vermögen, theils unterstützt miethete er für die Armen eine Wohnung, errichtete eine förmliche VersorgungSanstalt, auS welcher oft an ?0l1 Personen Nahrung erhielten. Als in den Jahren 1813 und 1814 eine verheerende Epidemie auS- brach, zeigte sich sein Eifer im schönsten Lichte, indem er, wie noch lebende Personen bezeugen, oft von 3 Uhr srüh bis Abends, ohne Nahrung zu sich zu nehmen, nur damit beschäftigt war, den Sterbenden den Trost der Religion zu spenden, bis ihn selbst die tödtliche Krankheit darniederwarf. Um die durch den Tod so vieler Eltern verwaisten Kinder zu retten, war er bemüht, sie bei braven Familien zu versorgen und rief eine Kinder-Bewahranstalt inS Leben. Als er dann später zu kirchlichen Würden emporstieg, so war und ist noch sein größeres Einkommen ihm nur das Mittel, den Bedürfnissen der Kirche und der Armen, der Fremden und Kranken entgegenzukommen. M',6lll)l>.,< ./"'Hl.Ii-^iNI. IM^ «gti^M «Ktttltz-'MzguvlN ?»NV,N .'lN Hl» Mlll « In Schön au bei österreichisch Krumbach ließ unlängst die Familie Berndställer für die Pfarrkirche eine 18 Centncr schwere Glocke gießen. — DaS erinnert an den frommen, katholischen Sinn unserer Vorfahren. * 5 * Schweiz. In Bern hat auf Anlaß einer von einem Apostaten jüngst in die Welt hinauSgeschleuderten Schrift über die Ohrenbcichte der katholische Pfarrer Baud sich anheischig gemacht, dieselbe öffentlich anö dem Worte Gottes zu rechtfertigen. Nicht weniger als 15 protestantische Geistliche haben diese Rechtfertigung als einen Fehdehandschuh betrachtet, den sie aufgenommen und ihm eine öffentliche Confli4uilFN!MU tMl^M -tNi.!^ II'f l-I>,n?»>Knk! t,^ri»e «,->- V-"^ '' iR^ ' «-'«„!',. Knaili >i5>- >>'<" 1,>-, '<-'. .„K, räbniß, das Oel die Gnade und das Chrisam die Bestärkung der Bekehrung (17). ' Der Getaufte betet im Namen der gläubigen Gemeinde das Gebet deö Heirn; er soll sich von nun a» aller Gottlosigkeit und aller Werke dcS Satans enthalten und ein keusches, reiueS und heiliges Leben führen; wie wir auch als Kinder Gottes beten: Vater uuser, der du bist .... vou allem Uebel. Dein ist daS Reich, und die Macht und die Herrlichkeit deö VaterS und des Sohnes und des heiligen Geistes, jetzt unv immer nnd in alle Ewigkeit, Amen (18). Die Diaconen seyen rein und ohne Makel, wie der Bischof selbst. Ihre Zahl richtet sich nach dem Bedürfniß und ihnen liegt ob, die Männer zn bedienen, wie den Diaconissinen die Frauen; sie haben die Botendienste zn versehen und am Allare zn dienen; sie sollen ihre Geschäfte mit Eiser und Liebe verrichten, und die Dürfn'gen versorgen (19). Der Bischos werde wenigstens von zwei Bischöfen vrbinirt, die Priester und die übrigen Kleriker von einem Bischöfe; den Priestern kommt daS Predigen, Taufen, daS heilige Meßopfer und die Segnungen zu, die Diaconen aber sollen dem Bischöfe und den Priestern im heiligen Dienste beistehen (20). Viertes Auch. Von den Waisen. Die Gläubigen sollen besonders der armen Waisen sich annehmen, und diejenigen werden sich Perdienste vor Gott sammeln, welche, wenn sie kinderlos sind, solche 381 Kinder adoptiren, oder wenn sie selbst Kinder haben, für die Waisen dadurch sorgen, daß sie diese mit ihren Kindern zn verhcirathen snchen (1). Die Pflicht der Bischöfe aber ist eS ganz vorzüglich, überall zn helfen, wo sie können, sie sollen sich um so mehr die Sorge für die Waisen angelegen seyn lassen, indem sie für daS Forlkommen derselben sich bemühen (2); wer aber geizig genug ist, Niemanden von seinen aufgehäuften Schätzen etwas zu gönnen, ist ein Gräuel vor Gott (3). Wittwen und Waisen sollen dagegen mir Ehrfurcht und Dank die empfangenen Wohlthaten genießen und den Geber alles Guten dafür loben und preisen (4); und weil Wohlthaten von ungerecht erworbenem Gute nie Segen bringen können und der Herr daS Gebet deS Empfängers für einen Räuber, Mörder, Betrüger und Lasterhaften nie erhören wird, so sollen sie sich wohl hüten, von solchen gottlosen Menschen eine Gabe anzunehmen (5), denn solche hartnäckige Sünder sind Gegenstand des göttlichen Zornes, die heiligen Propheten haben sich auch niemals mit deren verbrecherischen Gaben vernnreiniget (6), und eS ist besser, von dem rechtlich und saner erworbenen Gute ein geringes Almosen zugeben, als durch Ungerechtigkeit sich in den Stand zu setzen, mehr geben z» können, so wie es besser ist Hnnger leiden, als von den Verbrechen Anderer sich zn fälligen (7). Die Priester sollen zur Wohlthätigkeit und zur Linderung deS menschlichen ElendS ermähnen (8), ist aber wider ihren Willen solch' ungerecht erworbenes Geld in ihre Hände gekommen, dann sollen sie davon keineswegs die Wittwen, Waisen und Armen unterstützen (9). Ihr aber, christliche Väter/erziehet eure Kinder in der Furcht deS Herrn, lasset sie eine anständige Arbeit lernen und besorget nicht, ihr möchtet ihnen durch Strafe wehe thun, ihr werdet sie vielmehr retten; denn wer eS gut meint mit seinen Kindern, der züchtiget sie, wie schon daS alte Testament sagt; unterrichtet sie von Jugend auf im Worte des Herrn, und lasset sie die Jngendzeit nicht mit NichlS- thun und sinnlichem Genuß vergeuden, sorget auch für ihre ehrbare Verheirathung; ihr werdet einst Rechenschaft für sie ablegen müssen (10), Dienstboten sollen gefällig seyn gegen ihre Herrschaften, aber nicht wie Sclaven gegen ihre Herren, fondern mir Liebe, wie gegen ihre Ettern; wenn sie auch nicht alle ihre Handlungen loben können. Herrschaften aber sollen ihre Dienstboten nicht als Sclaven delrachten, sondern bedenken, daß sie ihnen wenigstens als Menschen und Mitchristen gleich sind(ll). DaS göttliche Gesetz gebietet ferner, die wellliche Obrigkeit zu ehren, ihr in allem, was dem Willen GolteS gemäß ist, zu gehorchen und die schuldigen Abgaben zu cntrich-cn (12). Was die Jnngfräulichkeit betrifft, so ist dieselbe dem freien Willen eines Jeden überlassen; man sey nicht leichtsinnig und übereilt bei einem derartigen Gelübde; hat man aber dasselbe übernommen, dann gebe man sich auch Mühe, ihm treu zu bleiben. (Fortsetzung folgt.) Kirchliche Notizen. Ans Wien wird uns unter cmderm geschrieben: Sichtbar ruht die segnende Hand Gottes über den Frauen vom guteu Hirten und der von ihnen geleilclen 'Ausla l; ja, in Folge der in dieser entwickelten Wirksamkeit ist es geschehen, daß ^lenwäniz schon sieben ähnliche Hänser in der Monarchie in Bau und Einrichtung begriffen sind, die ab^r von den barmherzigen Schwestern verschen werden müssen, da der Orden der Frauen vom gulen Hirten uns nicht so viele deutsche Frauen abgeben kann, als dazu nöthig sind. » » « Linz. Vom 7. bis 17. v. M. wurde in Rainbach bei Freistadt durch die hochwürvsgen PP. Redemptoristen aus Pnchheim: Rcindl, Drick, Brosch, Schinv- lauer und Töchterle eine Mission abgehalten. » » » Auch in der Kölner Erzdiöcese ist nun der P. Joseph Deharbe'sche Katechismus 382 eingeführt worden unter der Ausgabe „Katechismus für den Jugend- und Volks- Unterri'cht in der Erzdiöcese Köln." » » » M ü n st e r. Mit dem Beginn deS Studienjahres ist daS LolloZium Korromseum für die den philosophischen und theologischen CnrsuS absolvirenden Avspiranten zum geistlichen Stande förmlich und als selbstständige Anstalt eröffnet worden. » » » Paderbor». Von dem in zwanglosen Heften erscheinenden BonifaciuS- Blatt ist so eben daS 2te Heft deS 3ten Jahrgangs erschienen. Dasselbe enthält zunächst die Nachweise über die Einnahme und Ausgabe des BonifaciuS-Vereins für das Jahr 1853. Die Gesammteinnahme hat in dem genannten Jahre 45,861 Thlr. betragen, worunter ein Cassenbestand vom Jahre 1852 mit 17,838 Thlr. Von 25 Diöcesen, in welchen der Verein eingeführt ist, sind 26,423 Thlr. an Beiträgen gezahlt. Die GesammtauSgabe pro 1853 hat 24,211 Thlr. bctrageu, mithin ist ein Bestand von 21,649 Thlr. vcrblieben, über welchen bereits verfügt worden ist. An Unterstütznngen sind 20 verschiedenen Diöcesen 22,631 Thlr. zugewender. Eine Vergleichung deS Einnahme-Verzeichnisses ergibt, daß der Verein abermals im Jahre 1853 einen höchst erfreulichen Fortschritt gemacht hat. So erfreulich aber auch diese Fortschritte sind, welche der Verein macht, so bleibt doch noch überall viel zu thun übrig. Viele oft überwiegend katholische, wohlhabende Gemeinden irrigen wenig bei, viele haben sich noch gar nicht belhciligt, während aus ärmeren Gegenden die Beiträge im reichern Maaße fließen. Wenn auch die schweren Zeiten drücken und die Mildthätigkeit durch andere Vereine z» frommen Zwecken und durch Eollccten wieverholt in Anspruch genommen wird, so sollte doch keine einzige katholische Gemeinde dem Werke dcS BonifaciusvereinS ihr Almosen versagen; eS wird ja nicht viel verlangt und überall wird sich Theilnahme zeigen, wenn nur die hochw. Geistlichkeit die Förderung der Sache in die Hand nimmt und zweckmäßige Anordnungen zur Einsammlung der Beiträge trifft. » » » Berlin. Am 31. Oct. wurde hier die „christliche Mädchen-Herberge" feierlich eröffnet. Der Zweck derselben ist, dienstlosen, ordeniliche» Mädchen ein Unterkommen und Gelegenheit zur weiter» Ausbildung für ihren Beruf zu verschaffen und sie zugleich vor den Gefahren der Prostitution zu bewahren. Die Gemahlin deS StaatSministerS Hrn. v. Vodelschwingh ist Curalorin dieses JnstiluteS. — Nach der „Zeit" soll in Berlin die Gründung einer kalholischnr ErziehuugS-Anstalt unter der Leitung der Schwestern dcS Ordens vom guten Hirten bevorstehen und hat bereits der Ankauf eineS Grundstückes für diesen Zweck stattgefunden. » » » AuS Baden theilt der „Schw. Merkur" mit, daß Se. Ereellenz der hochwürdigste Erzbischof von allen Decaiiaten genauen Bericht über daS Verhalten der Beamten beim Conflict eingefordert habe. Wir finden die Thatsache eben so begreiflich, wie die Veiblüffung deS „Schw. MerkurS", der seinen Lesern glauben machen zn wollen scheint, die badische Bureaukratie sey zu einem Frieden mit der Kirche diSponirt. — Dasselbe Blatt läßt sich berichten, daS Scand^l in Kirrlach solle durch die Entfernung deS „landesherrlichen PfarrvenveserS" Hor-H, auf welche hin auch der vom Erzbischof bestellte Geistliche Finncisen zurückgezogen und ein vom Ordinariat auf Grundlage einer Verständigung ernannter Pfarrer eintreten wurde, beseitigt werden. » » » Bremen, 4. Nov. In welcher tiefen Finsterniß deS Irrthums und der Vorurtheile einige von der Kirche gelrennte Christen auch jetzt noch sich befinden, darüber mag folgende, obgleich schmerzliche Probe mitgetheilt werden. Von einem protcstanti- 383 schen Prediger in Bremen ist in diesen Tagen ein Buch herausgegeben, in dessen Vorrede aus die Zusammenkunft der Bischöfe in Rom als auf ein heilloses Attentat gegen den Thron Jesu Christi und gegen das Christenthum hingewiesen wird. — Man wolle nämlich in Rom erklären und festsetzen, Maria sey auf übernatürliche Weise (so wird das Wort „unbefleckt" mißdeutet) erzeugt!! Demnach sey sie — daS gehe daraus hervor — als Göttin anzubeten und als die Mutter GotteS in dem Sinne, daß „JesuS ihr seine Gottheit verdanke." Gegen solche Abgötterei, heißt eS dann, müsse man mit allen Kräften auftreten; und der Verfasser warnt wirklich mit naiver Gutmüthigkeit die katholischen Christen vor solchen Ucbergriffen RomS. — Welch eine Unwissenheit! — Und dieser Unsinn wird der katholischen Kirche zur Last gelegt! Und wird von einem Prediger im I. 1354 in der freien Hansestadt Bremen verkündigt! « » « Nach der Turincr Campanone sollen in Piguerol und Genua protestantische Kirchen gebaut werden; die Regierung habe bereits die Erlaubniß dazu gegeben. DaS Echo von Montblanc berichtet mehrere Fälle, wo sich die Propaganda durch Ankauf von Gruuvstückcn in Savoyen sestzus.tzeu sucht. « » « In Neapel begnadigt der König alljährlich am Charsreitag mehrere Verbrecher auf folgende rührende Weise: Der Monarch wohnt mit seiner Familie und dem Hofstaate dem Gottesdienste bei, und nachdem daö Kreuz Christi enthüllt und zum Küssen ans den Boden hingelegt wird, da tritt, wenn der Erzbischof daö Crucifix zuerst geküßt hat, der oberste königliche Haushofmeister herbei, um eS im Namen dcS Königs anch zu küssen, und legt am Fuße dcS KreuzeS in eine silberne Schüssel ein Packet königlicher Decrete, worin die Begnadigung mehrerer Verbrecher enthalte» ist. Hierauf nähert sich der Generol-Procurator deS obersten Gerichtshofes und nimmt nach dem Kusse des Crucifixes die Decrete hinweg und die in denselben bezeichneten Gefangenen erhalten die Freiheit. « * « Belgien. Aus Brüssel wird an die zu Brügge erscheinende Zeitung I.» k>»trie geschrieben: Am Sonnabend den 2l. October versammelte sich der große Orient von Belgien um 7 Uhr Abends in seinem gewöhnlichen Local. Der Hauptgcgenstand dieser Sitzung war die Abschaffung deS Artikels deS Reglements deS großen Orients, welcher den ihm untergebenen Logen untersagt, sich mit politischen und religiösen Gegenständen zu beschäftigen. Der Antrag dazu war, beim großen Freimaurcrsest den 24. Juni am Johannistage von Vcrhaegen und Boulard gestellt. Die Sache fand gar keine Schwierigkeit; von den 24 anwesenden Mitgliedern wurde die Abschaf- fuug des genannten Artikels einstimmig beschlossen. Bei dieser Gelegenheit brach aber eine Spaltung im großen Orient aus, mehrere der angesehensten Mitglieder betheiligten sich nicht nn der eben erwähnten Versammlung, und begnügten sich, durch ihr Nichterscheinen zu protestiren. . . ^ ^'.l>1 ^> :N j »^ , , 5.!-,!! '!!,^ » Nordamerika. Msgr. Hughes, Erzbischof von New-Uork, hat die Bischöfe seiner Kirchenprovinz nebst ihren Theologen und den Ordensobern auf den ersten Sonntag im October zu einer Provincialsynode eingeladen. — Auch der Erzbischof von Baltimore hat die Bischöfe seiner Kirchenprovinz auf den 5. November in seine Metro- politankirche berufen. » «- « Ein amerikanisches Blatt berichtet von einer neuen, in den vereinigten Staaten entstandenen religiösen Secte -„die Zillerer". Der Ort, in welchem sie sich versammeln, ist ein großes, 80 Fuß langes und 6l) breites Gebände ohne Säulen und Gallcrien. Man siehr durchaus kein Mobiliar, ausgenommen einige Stühle für Fremde, die an der Pforte ausgestellt sind, und einige plumpe Bänke, die an die Wände stoßen. Der Gottesdienst (?) wird in folgender Weise abgehalten: Die Frauen treten durch die eine Pforte ein und setzen sich auf die an der einen Seile stehenden Bänke, die Männer machen eS auf der andern Seite eben so. Alle sind gleich gekleidet; die Männer trage» weite Beinkleider und lange blaue Jacken und sind in Hemdärmeln; die Frauen weile weiße Kleider nnd Spitzenmützen. Ost fitzen sie langer als eine halbe Stunde in tiefem Schweigen, die Arme auf die Brust gekreuzt; das leiseste Flüstern ist untersagt. Äus ein gegebenes Zeichen erheben sich Alle, häufen die Bänke in den Ecken auf und stellen sich einander gegenüber. Daraus tritt der Redner des TageS hervor und improvisirt eine Rede. Dann beginnt Gesang ohne Orgelbegleitung. Einige starke Stimmen leiten den Chor. Darauf tanzen sie vor- und rückwärts und gehen zu Drei und Drei die Mauern entlang, wobei die Männer von den Frauen stets getrennt sind. Den Beschluß macht ein anderer Tanz, welcher lebhafter als der erste ist, und bei dem sie zur großen Belustigung derer, die es zum ersten Male sehen, groteske Sprünge machen. UebrigenS säüt die ungcmcine Reinlichkeit in ihren Ansied- lungen auf. Ihre Felder sind sehr gut bebaut und die Secte nimmt rasch zn. (Es gibt also keinen Unsinn, der nicht Anhänger fände.) » Ä> » China. Wie jetzt selbst Protestanten über den gerübmten „chinesischen Apostel" urtheilen, zeigt uns ein Stultgarlcr UnterhalluugSblalt, welches über Gützlaff berichtet: „Während Gützlaff für andere Missionäre möglichst geringe Einlünsle empfahl, lebte cr selbst wie ein kleiner Fürst, gab seiner Frau sür den Hanshalt 30t) Thlr. monatlich, eine Summe, über deren Unzulänglichkeit sie sich seibst noch bei den Missionären beschwerte, halte einen Schwärm von Dienern, wie einen Hofstaat hierarchisch organi- firt, vom Haushosmeister herab bis zum Senftenträger, dabei einen gefüllten Keller, den er gern und fleißig benntzie, und wenn er seinen Chinesen Kanzelvorträge hielt, so brachten sie solche Beredlsamkeit gleich in Verbindung mit dem Weinkeller, und wenn er ihnen bei Strafe der Ercommunication den Genuß des Opiums untersagte, so meinten sie, cS sey doch im Grunde kein anderer Unterschied zwischen Opiumrausch und Wcinrausch, als daß den einen die Chinesen liebten, den andern die Europäer. Eine Folge solcher Kasteinngcn war sein colossaler Bauch und seine Leiden an Gicht und Podagra, und ein Hauptbeweggrund seiner Reise nach Europa, so wie die physische Ursache seines Todes. Verantwortlicher Redacteur: L, Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Äremer. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augslmrger Pojheitung. 3. December M»- ^N. 1854. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Ab^uuemeniepiei« kr, wofür e« durch alle königl. bayer, Postämter und alle Auchhandluügkn bezogen werden kauu. Trauerrebe für die verlebte Königin Theresia, gehalten in der katholischen Pfarrkirche zu Schweinfurt. „Ich war hungrig, und du hast mich gespeist" zc. Matth. 27, Z7. In welchen Zeiten leben wir? welche Gewalten regen und rütteln sich im Schooße der Zukunft und erschüttern bereits die Gegenwart?! ES zieht sich unverkennbar eine dumpfe Gewitterschwüle durch alle Poren der Gesellschaft, ein ahnungsvolles Bangen hat sich der Völker bemächtigt, große Ereignisse, welterschütternde Katastrophen fordern mahnend ihre Erfüllung — ein neneö Blatt wird umgeschlagen im Buche der Weltgeschichte, beschrieben vielleicht mit Charakteren blutig-roth, erfüllt von tausendfachem Weh. — Wir können nicht hineinschauen in die Rathschlüsse Gottes, wir können nicht entsiegeln das Siegel seiner unerforschlichen Weisheit, aber so viel bleibt sicher: ein Geschlecht ist heraufgestiegen auf die Höhe der Zeit, welches die Zuchlrulhe GotteS noch nicht gefühlt, welches die Furcht des Herrn nicht kennt — diese Generation führt das große Wort, und eö ist das Wort des Uuglaubeus, das Wort der Auflehnung gegen die göttliche Autorität, es ist ein tausendfaches frivoles Nein, wo Gott ein Ja sagt, daö eine Ewigkeit der andern nachhallt! So viel bleibt gewiß: Gott ist die unendliche Liebe, die unendliche Langmnlh; mit dem Blnle seines cingebvrnen Sohnes hat Gott in das Buch der Weltgeschichie geschrieben: Ich bin die Liebe von Anbeginn, die ewige, unerschafsene Liebe! Wenn aber diese Liebe nicht mehr gekannt wird, wenn die Menschen Gottes Barmherzigkeit zur Sünde mißbrauchen, wenn GotlcS Langmuth statt Heilmittel Gift zu werden droht, dann gürtet sich der Herr mit dem Schwerte seiner Slrasgerechtigkcit, dann tritt ein Umschwung ein: erschütternd und zermalmend, aber auch läuternd und heilend. Bereits hat der Herr gewisse Mahnboten vorausgeschickt, eS schlagen warnende Stimmen an nnser Ohr, eS zucken Blitze im Osten, die NahrungSsorge geht wie ein bleiches Gespenst von HauS zu HauS, die Masse der Besitzlosen wächst zur Lawiuc heran, und der Tod zieht aus, um eine große Ernte zu hallen. — Sind wir, gcliebtcste Trauerversammlung, unberührt geblieben von diesen Wahrzeichen deS Herrn, wurde nicht auch unser engeres Vaterland bereits schwer betroffen, ist nicht gerade dieses Jahr ein ewig denkwürdiges durch die Wunden, die es geschlagen?! Kaum hatten wir uns iu Etwas erholt, kaum fiugeu wir an, leichter zu athmen, da streckt sich abermal aus die Hand deS Ewigen, und greift in die höchsten Regionen unseres Staatra»erb.weiten Volkes, wir wollen unserer verblichenen Fürstin daö letzte Lebewohl, die letzte Huldigung bringen. Sie war ja unsere Mutter, wie wir ihre Kini-er; ibre königliche Würde war mit dem Streben, unS Mutter zu seyn, auf das Innigste verschmolzen, sie trug .eine Krone, aber Heller als die Edelsteine in derselben schimmerten die reinen wohlwollenden Gefühle, die sie hegte gegen ihr Volk; sie trug einen Scepter, aber es war der milde Scepter einer mütterlichen Sanftmuth und Liebe, und als sie Krone und Scepter niedergelegt, war sie innerlich doch noch unsere Königin, unsere liebende und geliebte Mutter! Gerne würde ich, geliebteste Trauerversammluug, in detaillirter Ausführung, in Auszählung ctarakreristischer Züge daö reiche Leben der gefeierten Königin Therese Jl',rem Geiste vorführen, wenn ich nickt fürchtete, einerseits dieser großen und schweren Ausgabe nur unvollkommen zu genügen, und anderseits: gerade durch diese Nerein- zeluug von Charaktcrzügen jenen Totaleindruck zu schwächen, wie er bereits bei Vorstellung dieser königlichen Erscheinung Ihrem Gemüthe innewohnt. Nur Eines will ich erwähnen, nur Einen Ton anschlagen, weil er der Grundakkord jenes geliebten und gefeierten Herzens war, das nun nicht mehr schlägt. Ich sage: das menschliche Herz kann eigentlich nur für Eines leben, von Einem Streben getragen und beseelt seyn. AIS im Jahre 1557 durch die kühne Wassenlhat des Herzogs von Guise der Schlüssel Frankreichs, die Stadt und Festung Ealais für die Engländer verloren ging, war die Königin Maria von England schlechterdings nicht zu trösten, ein Jahr darauf lag sie auf dem Sterbebette und brach hier in die schmerzlichen Worte aus: „Wenn ihr nach meinem Tode meine Brust öffnet, so wird der Name Ealais in mein Herz geschrieben stehen" — so war die Ehre der englischen Nation mit dem Pulcschlag dieser Köuigiu Eins gewesen. Wir loben, wir bewundern ein solch königliches Herz, allein um wie viel mehr müssen wir das Leben und Streben unserer Fürstin Theresia loben, indem sie füglich sagen konnte: „Wenn ihr nach meinem Tode meine Brust öffnet, so werden tau end Namen von Armen und Nothleidenden in derselbe» verzeichnet stehen." Ja, diese Liebe zu den Armen, dieser Drang, dem menschlichen Elend liebeselig zu begegnen und die Wunden desselben zu verbinden, diese Sehnsucht, zu geben und wieder zu geben und immer zu geben, dieses Hochgefühl, im 387 Armen und Kranken und Nochleidenden dos gemarterte Antlitz Jesu Christi zu erkenne», die Thränen deS Herrn zu trocknen, seine Schmerzen zu stillen und in Freude zu verklären, daS war der Herzschlag unserer gefeierten Königin, das war der Opferblüihe»- duft ihreS stillen Lebens, daS war der Grundton ihres Gemüthes. Die Miitter s^rgt zunächst, wenn sie auch der gesunden Kinder nicht vergißt, doch vor Ml-m für die kranken, für die leidenden und hilfebedürftigen, diesen ist sie vor Allem nahe, diesen weiht sie Ange und Haud, für diese gießt sie den volle» Opferstrvin ibreS liebenden Herzens auS — und so, Geliebtrste, ist das Leben unserer gefeierten Fürstin ein langer, himmelreincr, sonniger, Segen in Fülle bringender Tag gewesen, und so ist sie vorübergegangen wie eine große Sonne, die Leben spendet allüberall. Wie viele Thränen wurden von ihr getrocknet, wie viele müde geknickte Herzen richieten sich am Strahl ihrer königlichen Liebe empor, wie viel neue LebeuShoffmiugen wnrd.n durch ihren Hauch entfacht, wie viel Kranke, Gebeugte, Lebensmüde, gegen G^'tt und ihr Geschick Grollende wurden wiederum durch sie mit Gott und ihrem Schicksal versöhnt! — DaS ist freilich der große Vorzug, das Prärogativ der Fürsten uud Großen dieser Erde, das kleidet sie in den Abglanz göttlicher Würde, daß sie Ströme von göttlichem Segen allhin auSgießen können, daß sie Gelegenheit haben, mit einem einzigen Federstrich mehr GuteS zu wirken, als wir Alle in uuserm ganzen Leben. Aber, Geliebieste, cS ist nicht so leicht für ein Menschenherz, eS gehört ein großer, ei» christlicher Heroismus dazu, diese Stellung beständig zu begreifen und zu behaupten, denn daS Hofleben ist eine eigene Welt, und ein Fürst bedarf eines HofeS; er ist eS sich und seinem Volke schu-big, seine Würde in äußern Glanz zu kleiden. Was nur ein Land Großes, Herrliches, Ästhetisches, Kunstsinniges, Feines, Erhabenes bietet nach allen Gebieten und Richtungen hin — alte diese Strahlen fließen im Fürsten und dessen Hof in Eine» Lichtherd, in Einen Fokus zusammen; so bildet sich um den Fürsten ei» eigenthümlicher Zauber kreis, eine Lichtatmosphäre deS Feinsten und Höchsten, was daö Lebe» bietet, und eS ist begreiflicher Weise für ei» Mcnschenherz schwer, opferreich uud im höchsten Grade heldenmülhig, von diesem Zauberkrcis sich nicht blenden und fesseln zn lassen, sondern oft uud freudig herabzusteigeu von dieser sublimen Höhe, mit tausend und tausend Sorgen sich zu belasten, tntz Verkennung und Undank das Wohl und Wehe auch deS Geringsten auf die fürstliche Schulter zu nehmen, und mit der tausendfachen Noth deS Lebens im Volke einen fortwährenden Kampf zu bestehen; die Geschichte zeigt, daß mancher Fürst an dieser Klippe gescheitert bei einem sonst guten Herzen und redlichen Streben. Anders unsere gezierte Theresia! Der Glanz des Heflel enS hat sie nicht geblendet, hat keine Schranke gebant zwischen ihr und ihrem Volk, ihr Herz schlug für des Volkes Wohl und ihre Hand war stets geöffnet, wohlzuthun und die socialen Wunden zu heilen. „Geben war ihr süßer denn Empfangen" — und so möge der König der Könige sprechen: „Ich war hungrig, und du hast mich gespeist" w f. f., und wenn sie sagt: Herr, wann habe ich dich je hungiig oder durstig oder obdachlos oder wund und krank gesehen? so wird der Herr zu ihr sa^eu: „Was du dem Geringsten von nieine» Miibrüdern, dem Geringsten ans deinem Volk gethan, das hast du mir gethan! Geh ein in die Freude deines Herrn!" Und nun, verehrieste Tranervcrsammlnng, soll dieß schöne reiche Leben in seinem Thatenschmiick und sinniger Hoheit an uns vorübergegangen seyn, ohne eine duftreiche Blülhe unserem Gemüthe zn entlocken, ohne eine edle Frucht in uns zu reifen? O tewiß nicht! Wir wollen nur um so entschiedener halten zu Thron und Vaterland, wollen um so treuer ergeben seyn unserm König, und zwar aus Liebe zu Gott, mit der vollen Wärme eines religiösen Herzens! Wir Wolleu, wenn eS gilt, mit Muih und Vegeistirung einstehen für deS Königs gerechte heilige Sache, mögen auch in rumänischer Tiefe feindliche Elemente sich entfesseln und gegen uns anstürme». Fürst und Vaterland! y-ilig und unzertrennlich sind diese Begriffe. Wer nur eine» Funken Vaterlandsliebe hat, der wird seinen Fürsten ehren, und wer seinen Fürsten nicht ehrt, der ist nicht werth, daß er die Luft der Heimat athmet, daß ihn die vaterländische Erde trägt. Z83 Wir wollen aber auch beten für unsern König und unser Vaterland. Wissen wir denn, waS auf unS wartet? Wenn der Herr sagt: „Ich will den Hirten schlagen und die Heerde," können wir den Arm des Herrn anders aufhalten, als durch Gebet? Bereits hat vom Mittelpunct der Welt auö der heilige Vater seine Stimme erhoben und ermahnet alle Völker zur Buße und zum Gebet — denn, wie ich Eingangs gesagt: wir gehen einer ernsten Zukunft entgegen! Der Heiland sagt in gewohnter göttlicher Präcision: „Wo das AaS ist» da sammeln sich die Adler!" Und läugnen wir eS nicht: viel AaS, viel sittlicher Unrath, viel verderbliches MiaSma hat sich aufgehäuft seit mehr denn dreißig Jahren. Kunst und Wissenschaft haben zwar den herrlichsten Aufschwung genommen, aber ihr Streben ging vielfach dahin, sich von Gott zn emancipiren. Der menschliche Geist will seine Apotheose seiern, sich an die Stelle Jesu Christi selber sehen, sein eigener Heiland und Bescliger seyn. Der Mensch, daS ist der Gott deS neunzehnten Jahrhunderts, und der ewige lebendige Gott, so sagt die diabolische Weisheit der Zeit, der ewig lebendige Gott ist als blinde Welt- sccle geboren; in die Bande seiner Schöpfung, seiner Naturgesetze eingewickelt, kommt er erst im Menschen zum Selbstbewußtseyn und zur freien Selbstbestimmung — so steht der Mensch auf dem Piedestal der Schöpfung, als der einzige Gott, aber ach, ein Gott mit der Schellenkappe der Thorheit und mit dem Stempel der Erbärmlichkeit! Und dieser Wahufinn uennt sich Wissenschaft, und solcher Unglaube hat bereits die Massen vielfach durchsäuert, mit frecher Stirne werden die schwersten Sünden begangen, der Eiv zum Allerhöchsten ist fast zur leeren Ceremonie geworden, der letzte Anker der Gesellschaft: das Gewissen im Volke beginnt haltlos hin- und herzuschwanken, die Verbrechen häufen sich, die Kerker füllen sich — ach, TodcSwunden überall! Wenn nun der Herr sagt: Ich will mich erheben, die Völker zu schlagen, ich will meine Tenne säubern, ich will meine Ehre fordern, die Köpfe der Drachen will ich zermalme» und die Cedern Libanons zerschmettern, ich will die Völker durcheinander rütteln wie man den Waizcn siebt, und ein Feuer will ich in meinem Eifer entzünden — groß uud furchtbar, um die Spreu zu vernichten und ein frommeres Geschlecht zu erziehen — müssen wir dann nicht kniefällig anbeten die Gerichte deS Ewigen? Beugen wir unS jetzt schon unter seine heilige Hand, umklammern wir Hilfe suchend die Füße unseres gekreuzigten Erlösers und bekennen wir unS durch Wort und Wandel zn Dem, der die Wahrheit und das Leben ist! Amen. Die Concilien des ersten christlichen Jahrhunderts. Die apostolische» Constitutionen. Fünftes Duch. Von den Märtyrern. Wer denen, welche um deS NamenF Jesu willen von den Ungläubigen verfolgt und gemartert werden, irgend eine Erleichterung gewährt, zu dem wird der ewige Richter einst sagen: kommet, ihr Gesegneten meines Vaters und nehmet daS Reich in Besitz, welches euch seit Gründung der Welt bereitet war(1); und wie man sich beflecket durch den Umgang mit Mördern und Ehebrechern, so nimmt man dadurch Theil an der Krone deS Martyriums, wenn ihr auch von den Tyrannen eures Umgangs mit den heiligen Märtyrern wegen Züchtigung zu dulden habet (2). Leistet ihnen somit alle mögliche Hilfe und sollte euch selbst Gefahr drohen (3). Etwas Schreckliches aber würde eö seyn, wenn Einer Christum verläugnete aus Furcht vor den Menschen (4); während Christus JesuS alle Güter der Erde, selbst das Leben verschmähte, aus Liebe zum Vater und zu den Menschen; glückselig sind ja diejenigen, welche er der Theilnahme an seinem Leihen würdigt. Indessen sollen wir keineswegs absichtlich der Verfolgung und Marter unS entgegenstürzen (5); haben wir aber unseres Glaubens wegen 389 Qualen und Verfolgungen zu leiden, dann weist uns der Glaube auch hin auf den Tag der Auferstehung; derjenige, welcher den Adam ans Erde gebildet, der den Sohn der Wittwe durch EliaS, der den LazaruS und viele Andere vom Tode erweckte, ja selbst vom Tode auferstanden ist, wird auck uns auferwecken am Tage dcS Gerichtes; viele Helden glaubten schon an eine Unsterblichkeit und stellten die Auferstehung unter dem Bilde des Vogels Phönir dar (6). Die heiligen Märtyrer aber sollet ihr ehren wie den heiligen Bischof JacobuS und den heiligen StephanuS (7), wenn solche wirklich ihres Glaubens wegen getödtet wurden (8). Hütet euch vor allen ausgelassenen, sündhaften Vergnügungen, welche eure Feste entweihen (9), am meisten aber fliehet den Götzendienst (10), schwöret nicht bei den Göttern und betet die Gestirne nicht an (11), Haltet feierlich eure Feste, besonders die Geburl deö Herrn, die Epiphanie und Ostern, beobachtet auch die vierzigtägige Fasten und (12) rufet euch das Leiden des Herrn ins Gedächtniß zurück (13), in der heiligen Woche sollet ihr faste» und zwar am Mittwoche zur Erinnerung an den Verrath nnd am Freitag zum Gedächtnisse des Leidens unsers Herrn, am Samstage aber bis zum Hahnenrufe, weil der Herr der Welt im Grabe liegt (14). Wie groß war doch die Verstocklheit der Juden, welche die Prophezeiungen nicht erkannten und den Heiland kreuzigten; darum ist ihnen auch daS Reich genommen und euch zugetheilt worden (15). DaS Osterfest sollet ihr hierauf zur bestimmten Zeit des JahreS mit allem Eifer begehen und euch an eure Erlösung erinnern (16). Fastet somit in der Chanvoche vom Montage cmgejangen und enthallet euch von Wein und Fleisch, am Freitage und EamStage aber sollet ihr, wenn die Gesundheil eS gestattet, gar nichts genießen (17); und an diesem letzlern Tage vom Abende bis zum Hahnenrufe versammelt seyn, das Gesetz und die Propheten lesen, die Katechumenen taufen und euch erbauen; dann leget die Trauer ab und feiert daS heilige Opfer zum Gedächtnisse Jesu. Am achten Tage darauf erinnert euch nochmals an die Auferstehuug des Herrn und nach vierzig Tagen sollt ihr seine Him- melsahrt feiern (18). Am zehnten Tage nach der Himmelfahrt sollt ihr daS Fest der Sendung deS heiligen Geistes besonders feierlich begehen und dieses dauere eine gan^e Woche hindurch, die darauffolgende Woche sey eine Bittwoche, und da soll am Mittwoch und Freirag gefastet werden (19). Sechstes Auch. Von den Schismatikern und Ketzern. Die Bischöfe mögen sich besonders vor aller Häresie bewahren, und sich nicht vom Ehrgeiz zu einer Trennung verleiten lassen, damit es ihnen nichl gehe wie Dathan, Abiron und Anderen (1). Jede Auflehnung gegen die geistliche Obrigkeit ist überhaupt wie gegen die wellliche sehr sträflich (2); schon im alten Bunde strafte Gott so schrecklich den Trotz und die Widerspenstigkeit gegen Moses (3). Lasset euch deßhalb warnen, daß ihr euch nicht von der Kirche trennet und mit den Ungläubigen verbindet^), es könnte euch gehen, wie dem Volke Israel, i»S der Herr jetzt ver- worfen(5); ihr sehet es in Secten zerfallen und unter sich selbst uneinS (K). Auch an uns haven sich dereils die Ketzer gemacht und wollten unS täuschen, wie Simon der Magier (7). Hütet euch vor denjenigen, welche ihre Irrthümer unter euch verbreiten möchten, wie dieser Simon der Magier, CorinthnS, Menander, BasilideS und Andere (8). Simon wvllle mit Hilfe des Satans sogar Wunder lhun und durch die Lust fliegen, er wurde aber durch Petrus gestürzt (9). Eö gibt ferner solche, welche Gott lästern, die Unsterblichkeit der Seele läugnen, sich den schändlichsten Lüsten hingeben, und andere greuliche Irrthümer verbreiten, sie sind Werkzeuge des Teufels (10). Wir bekennen dagegen nur einen Gott, den Schöpfer aller Dinge, der ewig ist und in einem unnahbaren Lichte wohnt, der sich uns aber geosfeubaret hat durch das Gesetz und die Propheten, der Vater des eingebornen SohneS Jesu durch den heiligen Geist. Wir glauben an den menschgewordenen Sohn Gottes, der für unsere Sünven gelitten hat, gestorben nnd auferstanden, nnd zum Himmel aufgefahren ist. Wir glau- 390 ben, daß alles Geschaffene gut ist, also auch keine Speise sündhaft; daß die rechtmäßige Ehe nichts Entehrendes hat, und nur unrechtmäßige und widernatürliche Geschlechts- Verbindung sündhaft und verboten sey; daß die Seele des Menschen mit Vernunft und freiem Willen beaabt »nd unsterblich ist, daß alle Menschen vom Tode auferstehen werden zum Gerichte. Wir g'auben auch, daß Christus kein bloßer Mensch war, sondern Wort Gottes, Gottmenfch, unser Mittler und Hohepriester beim Vater; und daß die jüdische Beschneidung nicht mehr nothwendig sey (11) So haben wir Apostel beschlossen auf der Synode zn Jerusalem (12) und haben den Gläubigen darauf geboten, den Umgang mit denen zu fliehen, welche der wahre» Lehre widerstreiten (13), Eben so haben wir u»S gegenwärtig versammelt, euch die wahre christliche Lehre hier mitzutheilen (14), Die Taufe soll nur einmal ertheilt werden von dem verordneten Priester und auf den Namen des Vaters, des SohneS und des heiligen Geistes; ihr jollet von keinem Ketzer euch taufen lassen und die Taufe nicht ausS Todbett verschieben (15); wie den Umgang mit den Ketzern, so sollet ihr auch ihre falschen Schriften fliehen (16). Der Bischof, Priester und Diacon sollen nur Eines WeibeS Mann seyn, wenn sie aber einmal ordmirt sind, sollen sie nicht mehr hcirathen; nur die Kleriker der vier niedi-ren Grade dürfen heiraiheu, aber keiner soll eine Hme, eine Tienstmagd, eine Wittwe oder Verstoßene zur Frau nehmen; zur Diaconissin werde nur eine keusche Jungfrau, oder eine zuverlässige Wittwe genommen, welche nur eiumal vcrheirathet war (17). Wie eö der Wille Gottes ist, die Nenmüthigen aufzunehmen, unv wenn sie noch nicht getauft sind zu taufen, so sollen die hartnäckigen Ketzer ausgeschlossen und ihr Umgang gänzlich gemieden werden (18). Das Gesetz Jesu Christi ist somit einfach und vollkommen und die Erfüllung der zehn Gebote ganz übereinstimmend mit dem Naturgesetze (19), eS ist für uuS hinreichend, wie die Gesetze deS alten BundiS ganz nach dem HerzenSznstande deS jüdischen Volkes eingerichtet waren (20). Ihr vorher zum Götzendienste geneigter Sinn mußte erst bezwungen werden, wir aber gehorchen freiwillig und stehen so unier dem Gesetze der Gnade (ZI). Die blutigen Opfer hat der Herr ausgehoben, indem er sie erfüllt hat (22), das Naturgesetz hat er nech vervollkommnet durch seine Gebote, ebenso hat er das Priesterthum in ein neues umgeschaffcn, zudem uicht blos mehr ein Stamm berufen war; statt der täglichen Waschungen hat er das heilige Sacrament der Taufe und statt der blutigen Opfer das große geheimnißvolle unblutige Opfer seines Fleisches und Blutes eingesetzt, das nun überall gefeiert wird (23). Haltet fest an diese Gebote und blicket hin auf die Juden, welche in die römische Knechtschaft gerathen sind, weil sie dem Herrn untreu wurden (24); hütet euch vor denen, welche Gott lästern, indem sie die Gottheit Christi unv seine Ewigkeit läugnen, indem sie gewisse- Speisen und die Ehe für sündhaft erklären (25). Leget auch alle heidnischen Norurlheile und Gebräuche ab, ihr könnet euch durch nichts verunreinigen, was natürlich ist, nur durch Uebertretung deö Gesetzes (26), durch Ehebruch und Hnrerei, durch unnatürliche Sünden und verbotene Lust (27). Das Weib soll ihrem Manne in aller Liebe unterworfen seyn und der Mann sein Weib lieben wie seinen eigenen Leib, Hurerei und Ehebruch aber können durch alle Flüsse der Erde nicht abgewaschen werden (28). Die jüdischen und heidnischen Gebräuche, die V^ruureiuiguugen und Waschungen gelten nicht für euch, schmücket euch vielmehr mit Tugeud und Heiligkeit und ihr werdet der Verheißungen Christi ihcilhafr werden und die Herrlichkeit Gottes schauen, wie StephanuS, ihm sey Anbetung und Ehre durch Jesum Christum dem allmächtigen Gotte jetzt und in Ewigkeit. Amen (29). Siebentes Ruch. Vom christlichen Leben, dem Gebele und dem Unterrichte vor der Tauf e. ES gibt zwei Wege, die der Mensch gehen kann, der eine führt zum Leben und der andere zum Verderben, jener ist uns von Gott vorgeschrieben, dieser ist der Weg deS 391 bösen FeindeS (1); den Weg des Lebens wandelt derjenige, welcher daS Gesetz erfüllet und die Gebote Gottes beobachtet (2); den Weg des Verderbens aber geht der Mörder, der Ehebrecher, der Knabenschänder, der Hnrer und Dieb (3); der Zauberer, der Meineidige, ebenso wer seine Kinder tödtet und falsches Zeugniß gibt (4), der Verleumder und Chrcnräuber, der Rachsüchiige, der Achselträger, der Schwätzer, Lügner, Betrüger und Heuchler (5), der Scheinheilige und Hochmülhige, der Zornige, Neidische und Haßsüchtige (6), der Schmähsüchtige, Unmäßige und Geizige und Ehrsüchtige, wer sich den heidnischen Augurien hingibt (7); wer boshaft und hartherzig ist (8). Seyd deßhalb milde, nachsichtig und barmherzig gegen Andere; seyd rein nnd gotteS- fürchtig, und geduldig im Leiden (9); ehret die, welche euch das Wort Gottes verkünden wie eure Ellern (10), verursachet leine Trennung, sondern strebt den Frieden in der Kirche zu erhalten, urcheilet nach Recht und Gerechtigkeit (II)! werdet nicht kleinmülhig (12), seyd freigebig und theilet das Eurige mit den Dürftigen, ziehet die Hand nicht ab von eurem Sohne, sonder» lehret ihn Furcht des Herrn (13), seyd liebevoll gegen eure Dienstboten und diese sollen gehorsam nnd fleißig seyn (14); haltet heilig die Gebote GolteS (15), ebret die Eltern nnd liebet eure Verwandten (16), achtet die Obrigkeit und entrichtet eure Abgaben (l7), nahet euch dem Herrn mir einem reinen Herzen im Gebete (18); denn wenn ihr dieses nicht thut, dann geht ihr den Weg des Verderbens, der voll Gotllesigkeit und Ungerechtigkeit ist (19); wendet euch also incht ab von der Frömmigkeit (ZV) und genießet die Güter der Erde, Speise und Trank mit Mäßigkeit und Tank (21), enthaltet euch aber vom Gotzcnfleische (22). Die Taufe soll nach der Vorschrift deS Herrn verrichtet werden, der Täufling aber empfange zuvor die Salbung mit Oel und nach der Taufe die Salbung mit dem Chrisam, er soll auch vor der heiligen Taufe fasten (23); außerdem sollet ihr nur am Minwoch und Freitag fasten, znm Gedächtnisse deS Leidens und TodcS Christi, ebenso am Eharsamölag, wo der Herr im Grabe lag, den Sabbat sollet ihr seiern zur Erinnerung an die Schöpfung, und den Tag deS H.rrn zur Erinnenmg an seine Auferstehung (24), Betet nicht wie die HencdKr, sondern machet euch würdig. Gott euer» Valcr nennen zu dürfen, und be>et wie der Herr vorschreibt und uns gelehrel hat (25). Seyd dem Herrn tankbar für Alleö, beionders für die kostbare Speise seines heiligen Fleisches und BlutcS (Gebei) (26), Bereitet euch würdig ans deren Genuß vor (Gebet) (27). Reiche! keinem Ketzer das heilige Abendmahl nnd betet bei der heiligen Oelung (Gebe!) (28), Habet keine Gemeinschaft mit den falschen Propheten (29). Reichet den Priestern des Herrn die Erstlinge eueres Gewinnes, damit der Segen Gottes darauf ruhe, und gebet den Witiwcn uud Armen den zehnien Theil davon (30). Am Tage des Herrn sollet ihr znscunmen kommen und Gott loben und preisen für seine Güle (31). Wählet euch würdige Männer zu Bischöfen und Priestern, und hallet sie iu Ehren (32); denket an das Weltende und an das Gericht (33). (Anbetung der göttlichen Vorsehung bei der Erschaffung und Erhaltung der Welt, Danlgebcte für die Erlösung uud die vielen Gnaden, welche uns durch dieselbe zugeflossen sind 34—39). Vor der Taufe sollen die Katechumeueu unterrichtet werden in den Wahrheiten unserer heiligen Religion, zugleich aber soll für sie gebetet werden, daß der Herr sie erleuchle und ihre Herzen öffne (40). Daraus sollen sie erst dem Satane und allen bösen Werken abjchwören (41); und das christliche Glaubensbekenntniß ablegen, ehe mit der Salbung begonnen wird (42). DaS Oe! aber werde vorher vom Bischöfe geweiht (43) z ebenso wie das Tanswasser, ehe es gebraucht wird (44), uud daS heilige Chrisam (45), und endlich bete der Priester für den Getauften (46). Zum Schlüsse theilen wir euch die Bischöfe noch mit, welche wir Apostel ordinirl haben, diese sind: JacobuS, Simon Cleophae, Juda der Sohn deS JacobuS, ZachäuS, Cornelius, Theophilus, EvodiuS, JgnaliuS, AnnianuS, AbiliuS, Linus, Clemens, Timotheus, JoauneS, Ariston, SlraleaS, Ariston der andere, CajuS, DemctriuS, Lucius, TiruS, DionysiuS, Mar- thon, ArchippuS, Philemon, Acesimus, CrescenS, Aquila, NicetaS und CrispuS (47). 39Z Kirchliche Notizen. AuS Freiburg schreibt die „Bad. LcmdeSztg.": Der Besuch an hiesiger Universität hat auch dieses Wintersemester, wie gewöhnlich, zugenommen. Bon den dieses Semester neu zugegangenen Studirenden widmen sich bei Weitem die meisten der Theologie; überhaupt ist der Zndrang zur Theologie seit einigen Jahren gewachsen und die Hörsäle sind wieder, wie in frühern Jahren, von den Candidaten derselben gefüllt. « « '»HittOz St«« «:i?r ÄiNt i°?iiü5-?»"' jen, das angegebene Wcihegebet laut spreche», während die anwesenden Bisccöfe und Priester dasselbe stille milbeteu (4). Am Schlüsse antworten die Piiestcr uud das Volk: Ämen. Man bringt dem Ordinirten eine Hostie, geleitet ihn an seinen Thron und da geben ihm die andein Bischöfe den Fliedcnekuß; darauf beginnt die Lesung der heiligen Schrift und der Ordinirte bringt der Kirche seinen Gruß: „Die Gnade unsers Herrn Jesu Christi und die Liebe GetleS des Vaters und die Gemeinschaft mit dem heiligen Geiste sey mit euch Allen/' Alle antworten: „Und mit deinem Geiste", und er hält nun eine Erbauungsrede; der Diacon fordert die Büßenden und Ungläubigen auf, sich zu entfernen und er mahnt zum Gebete für 397 die Katechumenen; die Gläubigen beten für sie daS Kyrie eleison, und der Diacon fordert die Gläubigen auf zum Gebete für die Katechumenen, woraus sie den Segen deS Bischofs empfangen und sich entfernen. Der Diacon fordert auf, für die Energumenln zu beten, daß Gott sie befreien möge von den bösen Geistern (6), und der Bischof spricht über sie den angeführten Segen; nachdem diese vom Diacon ermahnt sich entfernt haben, fordert er auf für jene zu beten, welche getauft werden wollen; sie neigen sich und der Bischof spricht über sie den Segen (7). Der Diacon heißt sie fortgehen und ermahnt für die Büßenden zu beten, daß der Herr ihre Schuld - vergeben möge; alle Anwesenden sprechen daS Kyrie eleison und der Bischof betet den Segen über sie (8). Der Diacon fordert nun Alle auf, welche dem heiligen Opfer nichc beiwohnen dürfen, sich zu entfernen, und ermahnt die Gläubigen auf den Knieen Gott zu bi ten (9) für den Frieden aus der ganzen Erde, für die katholische Kirche, für die Diccese, sür die Bischöfe, für den gesammten KleruS, für Jungfrauen, Wittwen und Waisen, für die Cheleute, für die Asceten, für alle Gutthäter der Kirche und dir Armen, für die Neugeiauftcn, für die Kranken und Reisenden, für die deS Glaubens wegen Verfolgten und für die in Gefangenschaft Schmachtenden, für Feinde und Verfolger und alle Ungläubigen und Ketzer; endlich für die Kinder und für jede christliche Seele (lv). Alle erheben sich und der Bischof spricht den Segen, hierauf grüßt der Bischof die Gläubigen mit den Worten: „Der Friede GottcS sey mit Euch Allen!" daö Volk antwortet: „Und mit Deinem Geiste," dann folgt der Jriedenskuß, welchen die Kleriker dem Bischöfe, die Laien, Männer unter sich und Frauen unter sich einander geben. Die Diaconen sorgen dafür, daß keine Unordnung einsteht; eben so sollen Diaconen und Subdiacomn vn den Kirchenthüren styn, damit Niemand sich enifeine, und die Thüren während dcS OpscrS nicht geöffnet werden. Ein Subdiacon reicht den Priestern daS Wasser zur Händewaschung (i l) Nun beginnt die eigentliche Messe, nachdem deßhalb ein Diacon ucchmalS crmahnt hat, daß kein Katcchume, kein Büßender, Ungläubiger oder Ketzer anwesend und die Gläubigen in aller Ehrfurcht beiwohnen sollen, bringen die Tiaconen die Gabcn zum Aliare vor den Bischof, welcher rcchis und links von den Priestern umgeben ist; zwei Diaconen geben an beiden Seilen des Altares auf den Kelch Obacht, daß nichts hineinfalle. Der Bischof tetet leise mit den Priestern, bezeichnet sich, angethan mit d>m glänzenden Gewände, auf der Stirne mit dem Zeichen des Kreuzes und spricht: „Die Gnade GottcS dcS VaterS und die Liebe unsers Herrn Jesu Christi und die Gemeinschaft mit dem heiligen Geiste sey mit Euch Allen" und alle antwort.n: „Und mit Deinem Geiste." Bischof. „Hebt eure Herzen empor!" Volk. „Wir haben sie bei Gott." Bischof. „Laßt uns Gott Dank sagen!" V^lk. „So ist eS würdig und recht." Bischof. Ja, wahrhast würdig und recht ist eS ic Volk, Amen. Bischof. Der Friede GorreS sey mit Euch Allen! Volk. Und mit Deinem Geiste (12). Der Diacon fordert auf zum Gebete, daß Goit das Opfer gnädig aufnehmen möge für die Kirche nnd der Bischof betet laut zu Gott. Der Diacon spricht wiederum das „Laßt u»S gesammelt seyn" und der Bischof: „Das Heilige nur für Heilige." Volk: Einer ist heilig. Einer der Herr, Einer ist Christus. Hochgelobt zur Ehre GotteS deS VaterS in alle Ewigkeit. Amen. Ehre sey Gott in der Höhe und Friede den Menschen, die eines guten Willens sind: Hvsanna den, Sohne Davidö: Gelobt sey, der da kömmt im Namen deS Herrn. Hierauf cvmmunicirt der Bischof, dann die Priester, Diaconen und Subdiaconen, die Lcctoren, Cantonn und Asceten, die Diciconissinen, die Jungfrauen und Wittwen, endlich die Kinder und daS ganze Volk. Der Bischof reicht die Communion mit den Worten: „Der Leib Christi" und der Empfangende antwortet: Amen; den Kelch reicht der Diacon und spricht: „DaS Blut Christi der Kelch deS LebenS" und der Empfangende antwortet: Amen. Während der Communion wird der 33fte Psalm rccitirt; 398 und wenn dieß vorbei ist, nehmen die Diaconen die Ueberbleibsel und bringen sie in den Tabernakel (lg). Hierauf ermahnt der Diacon zum Danke für die Theilnahme an dem kostbaren Fleische und Blute Christi u. s. w. (14) und der Bischof betet die bestimmten Gebete nach der Communioii. Der Diacon fordert die Gläubigen auf, sich zu beugen vor Gott zum Segen und der Bischof betet den Segen über das Volk, zum Schlüsse spricht der Diacon: „Gehet in Frieden" (15). Bei der Priesterweihe legt der Bischof in Beiseyn der Priester und Diacone dem Weihecandidaten die Hände auf und betet über ihn daS'Wcihegebet (16): ebenso legt er dem zu weihenden Diaconen im Beiseyn der Priester und Diacone die Hände auf (17) und betet das Weihegebet (18), dasselbe geschieht bei der Weihe der Diaconifsincn (19, 20) und der Subdiaconen (21); auch dem Lector, welchen der Bischos erwählt h.u, legt er unter Gebet die Hände auf (22). Besonders Bekenncr deS NamenS Jesu machen sich würdig der heiligen Weihen, sie sollen sich aber nicht eigenmächtig diese vindiciren (23); die Ausnahme in den Stand der Gott geweihten Jungfrauen und der Wittwen geschieht nicht durch Ordination, sondern durch ihren freien Willen (24, 25), ebenso wird das Erorcistat nicht durch die Ordination, sondern durch besondere Gnade Gottes verliehen (26). Der Bischof soll wenigstens von zwei Bischöfen ordüu'rt werden (27), die übrigen Weihen ertheilt ein Bischof; ebenso kann mir der Bischof oder Priester den Segen ertheilen und die unter ihm stehenden Grade ercommum'ciren, der Diacon soll nicht taufen oder comccriren, sondern den Gläubigen nur die Commnnion reichen; überhaupt soll kein Kleriker sich die Verrichtungen eincS höheren GravcS anmaßen (23). Die Weihe des WasscrS und des Oelcs kommt dem Viichose zu und in dessen Abwesenheit dem Priester, er spreche dabei daS Weihegebet (29). Die Erstlinge aller Früchte sollen dem Bischöfe, den Priestern und Diaconen gehören, die Zehnte aber werden zum Unterhalte der übrigen Kleriker, der Jungfrauen, Wittwen und Armen verwendet (30); waö vom heiligen Opfer übrig geblieben ist, soll unter die Geistlichen und Di.'coni sinen vertheilt werden (3t). Besondere Vorsicht soll angewendet werben bei der Anfnahme in die Kirche und der Zulassung zur Tause; vor Ällem sollen nur solche aufgenommen werden, welche aus reiner Absicht und mit dem Versprechen, ein wahrhafl christliches Leben zu führen, sich zur Taufe melden. ^ Slle, welche ein verdächtiges Gewerbe treiben, wie Unzüchtige, Zaubererund Wahrsager, Schauspieler, Fechter, Wagcnlenkcr. Schnellläufcr, Mnsicanlen, Tänzer uns Gaukler, oder Verfertiger von Götzenbildern werden nur unter der Bedingung ausgenommen, daß sie ihr Gewerbe soglu'ch verlassen, außerdem werden sie wieder entlassen. Will eine Ungläubige, welche im Concubinat gelebt hat, übertreten, so stll sie angenommen werden, wenn sie nur mit einem Manne zu thun hatte; hat ein Gläubiger eine Eoncubine, und sie ist seine Leibeigene, so soll er sie entlassen, ist sie aber ei>e Freie, so soll er sie zur rechtmäßigen Frau nehmen, Daö Katechumenat dauert rrei Jahre, kann aber abgekürzt werden, wenn cm Katechumene besondere Frömmigkeit und Begierde nach der Taufe zeigi; die Katecheten, wenn sie auch Laien sin?, soüen erfahren seyn im Worte GoteS und ein tugendhaftes, sittliches Leben führen (32). An folgenden Tagen sollen alle Knechlöarbeilen ruhen, nm Satchat zum Gedächtnisse der Schöpfung, und am Tage deS Herrn zur Erinnerung an seine Auferstehung, die ganze Ehar- und Osterwoche, am Himmclfahrtstage, am Pfingstfeste, an Weih nullen, am Feste der Epiphanic, an den Apostelragen, am Tage des heiligen St.phaiiiiS und andirer heiliger Märtyrer (33), Beten sollet ihr zur Morgenstunde, zur dritten, sechsten und neunten Stunde, am Abende und beim Hahnenruf; wenn die Zusummcnkünfte iu den Kirchen von den Ungläudigen mrhindcrt werden, so mag der Bischof die Gläul igen in einem Hause versammeln, und ist auch dieses nicht möglich, so bete und singe Jeder für sich; nur sollen auch da die Katechumenen ausgeschlossen seyn vom Gcbete (34). Wenn der Bischof die Gläubigen zum Abendgebete versammelt hat, und der Abendpsalm (der 149.) gebetet ist, fordert der Diacon auf zum Gebete für die Katechumenen, Energumenen, für die Ncugetauften und Büßenden (35); und nachdem die Lichter angezündet sind, zum Gebete für alle Gläubigen, daß 399 der Herr sie allezeit schützen möge (36); der Bischof spricht nun ein Abendgebet und nachdem der Diacon die Gläubigen ermahnt hat: Inclinste sci impositicmem msnus, ertheilt der Bischof den Abend segen und der Diacon schließt die Versammlung: Lxite in pave. Ebenso wird am Morgen der Morgcnpsalm, dann die Gebete für die Katechumenen, Energumenen u. s. w. gebetet, und nachdem diese entlassen sind, ermahnt der Diacvn zum Gebete, daß Gott diesen Tag und alle Zeit deS LebenS unS'schützen möge (37), der Bischof betet daS Morgen geb et (38), und gibt den Morgensegen; worauf der Diacon: ^dito in psce (39). Auch für die Früchte des Feldes soll das vorgeschriebene Gebet verrichtet werden (4l)), so wie auch für die in Christo Verstorbenen (41); die Erequien für diese werden am dritten, nennten und vierzigsten Tage abgehalten und am Jahrestage ihr Gedächtniß dadurch gefeiert, daß von ihrer Hinterlassenschaft Spenden an die Armen verabreicht werden (42); dieses gilt aber nur von den frommen und gläubig«. Verstorbenen (43); bei den Todtcn- mahlen soll indeß die größte Ordnung, Mäßigkeit und Nüchternheit herrschen (44). Flüchtlinge» welche ihres Glaubens wegen aus einer andern Stadt vertrieben wurden, sollen gastliche Ausnahme und Unterstützung finden (45). Jeder soll zufrieden seyn mit der Stelle, welche er in der Kirche einnimmt und die Ordnung Christi nicht stören, kein Kleriker aber soll ein höheres Amt in der Kirche sich anmaßen (46). (Nun folgen die kirchlichen, apostolischen Canones.) Kirchliche Notizen. Königsberg. Am 15. Nov. Vormittags 10^ Uhr versammelten sich die Mitglieder der „evangelischen Dissidenten" im Kneiphöfischcn Junkerhofe zum Gottesdienst. Es waren 48 männliche und 1!3 weibliche Personen anwesend. Zu orderst wurt>e das Lied:, „Wenn Einer alle Kunst und Weisheit hätte zc," gelungen und dann von Dr. Rupp ein Vortrag über: „Was Wahrheit ist, ron der Christus gelehrt," gehalten. Darauf wurde eine Tause abgehalten, vor weicher das Lied: „LiebeS Kind lieblich und mild :c " gesungen wurde, Dr. Rupp legte dem Kinde die rechte Hand auf die Stiine mit den Worten: „So sey gegrüßt, Anna Louise," womit die Handlung beendet war. Während des Gottesdienstes wurde kein Gebet verrichtet. » » » DaS „Magdeb. Jüd. Voiköbl," bringt folgende Neuigkeiten im Jndenlhum: In Berlin wohnten 1839: 6028 Juden, 185V: »946, jetzt über 13,000 — DaS preußische Ministerium hat entschieden, das jüdische Stadtverordnete bei der Wahl der Provinzial-LanstagSal'gcoidnklen nicht mitwählen dürften. Der oberste Medizinal- Director der Heilanstalren bei der französischen Armee in der Krim ist ein Jude, Dr. Michael Levy, — In Nordamerika ist im Jahre 5614 ein Jude, Herr Benjamin, zum Senator, ein anderer, Herr Cohn, zum Repräsentanten gewählt worden; der amerikanische Gesandte in Span en, Svnlcz, ist ein Jude, und der Agent der ameri'a- nischen Regierung in Biüssel, Belmont, ebenfalls, — In demselben Jahre sind 8000 Juden dort eingewandert. » » » PiuS lX. Es war im Jahre 1844 oder 1845, in den Carnevalötagen, zu Jmola, wo kardinal Masten damals den bischöflichen Stuhl einnahm. Vr dem zum 40stündigen Gebete ausgestellten heiligen Sacramenle kniete der fromme Oberhin in der unterirdischen Capelle (Crypla) der Haupikirche, als von Seufzern unterbrochenes Geschrei und herzzerreißende Klagen in sein Ohr drangen. Der Bischof eilt hinauf, findet einen von Dochstichen schwer verwundeten Mann, kauert sich zu ihm nieder, befragt ihn leise über seinen Unfall, hebt ihn auf, legt ihn auf seine Kniee und forscht emsig nach der verwundeten Stelle. Auch schickt er durch den ersten besten nach einem 400 Arzt. Darüber stürzen die Mörder in den Tempel, und wollen ihr Opfer vollenvs tönten. Der ehrwüidige Mastai tritt ihnen mit ernst wehmüthiger Miene entgegen: „Wie," spricht er, „ihr habt den Muth, diesen Unglücklichen bis zu den Füßen des lebendigen GotteS zu verfolgen! Genügt's euch nicht, sein Blut vergossen zu haben? Ihr wollt'S also auch noch trinken!" Die erschreckten Mörder entfliehen, und als der inzwischen angekommene Arzt das nahe Ende deS ManneS verkündet, hört der Cardinal diesen Bericht, spricht ihn los, segnet ihn und empfängt bald darauf seinen letzten Seufzer. Darauf entfernt sich der hohe Seelenhirt, aber nicht eher, bis er alles Nöthige zur anständigen Bestattung deS Verblichenen angeordnet. Und jener Cardinal ist, wie gesagt, unser nunmehriges Kirchenoberhaupt, unser PiuS IX. » * » » Chartum. Nach dem letzten Schreiben des Tiroler Missionärs Gostner in Afrika vom 27. Aug. d. I., ist derselbe gesund, und eben so auch der Herr Provicar Knoblecher, welcher bei Abgang deS Briefes eben im Begriffe war einen Bericht vom „weißen Fluß" zu verfassen. Wie Hr. Gostner meldet, befinden sich gegenwärtig 25 Knaben in der Missionsschule zu Chartum, wovon die Mehrzahl bereits getaufc ist, und die alle gute Fortschritte machen. Hr. Gostner ertheilt darin seit dem Tode des hochwürdigen Hrn. Haller den Religionsunterricht. Sein Hauptaugenmerk, schreibt er, sey auf ihren Neubau gerichtet; jedoch möge eS wohl noch zwei Jahre dauern, bis die Missionäre ihre Erd-Hütten mit einer festern Wohnung werden vertauschen können. Unverhohlen drückt er seine Freude über die Nachricht aus, daß Verstärkung für die Gesellschaft im Anzüge sey und daß darunter Landsleute sich befinden. Brauchen sie ja doch Leute, und zwar solche, die voll himmlischen Muth.es und ohne irdische Absichten sich ganz dem Dienste GotteS weihen wollen. Interessant ist, was er von den koptischen Christen, ihrer Kirche, ihren Priestern und ihrem Erzbischof in Chartum berichtet. Tiefe religiöse Nersunkcnheit, grobe Unwissenheit und Erstarrung im äußerlichen Formenwesen kennzeichnen diese monophvsmsche Secte Afrikas, wie ihre Schwester in Asien. Hr. Gostner erkannte bei seinem Besuche der koptischen Kirche, eines sehr großen viereckigen, durch eine Quermauer in zwei Theile abgesonderten Zimmers, den Erzbischof nicht, so zerlumpt und schmutzig sah der Mann auS. Erst als er einen schwarzen Mantel mit ungeheuern Klunkern übergeworfen, hielt er ihn für einen Priester. Daß er der Erzbischof sey, mußte er selbst sagen. Seine Wohnung fand er schmutzig, ohne alle Einrichtung und ohne Buch. Von den Priestern, schreibt Gostner, daß sie förmlich gepreßt weroen. Der nächste beste Schreiber, Schuster oder Schneider wird im Falle deS Bedürfnisses ergriffen und so lange eingesperrt, bis er sich gutwillig weihen läßt. Ihr Unterhalt für Weib und Kinder sind die Stolgebühren, mit denen sehr simonistisch umgegangen werde, und die Sammlungen. Sie seyen sehr unwissend und können in der Negel außer ihrer Messe, die sie auswendig gelernt haben, weder lesen noch schreiben. In der Kirche beim Gottesdienste soll eS, nach dem Berichte von Augenzeugen, gar toll hergehen. Bei der Predigt rufe der nächste Beste: Das ist nicht wahr! Du bist ein Lügner, halte das Maul u. s. w,, und beim übrigen Gottesdienste schreie bald der Eine, bald der Andere: Mach, daß du einmal fertig wirst, du Faullenzer! Beim Herausgehen auS der Kirche habe ein Missionär Alle an Stücken Brod nagend gesehen. Auf die Frage, was das wäre, sey ihm erwiedert worden: sie thäten communiciren. Daß eS mit der Sittlichkeit bei diesem Volke eben nicht gut aussieht, läßt sich leicht denken, zumal auch die Vielweiberei unter ihm herrscht. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlag»-Inhaber: F. d alle Buchhandlungen bezocim werden kann Bemerkungen aus Anlaß der Dogmatisirung der unbefleckten Empfängnis der seligsten Jungfrau, von Professor Franz CoSta. Es ist in der christlichen Well nicht unbekannt, daß der heilige Stnhl sich anschickt, zur Ebre der unbefleckten Empsängniß der seligsten Jungfrau und GolteSmntler einen großen Act zu vollziehen. Es einspricht das nur den vielseitigsten Wünschen und Bitten, welche von allen kirchlichen Ordnungen und anS allen Ländern eintreffend unsern heiligen Vater PiuS !X. bestimmten, unter dem 2. Febr. 48-49 iu Seiner Weisheit sich an den gesammten Episkopat über die Angelegenheil zu wenden und in neuester Zeit eigens Gebete in der Christenheit für diesen Zweck anzuordnen. Auch ist wohl schwerlich ein Katholik, dem nicht schon die Knnde zn Ohren gekommen, wie eine große Anzahl von Bischöfen auS allen Weltgegenden beim Slcllvertreter Jesu Christi sich in dieser Angelegenheit zusammenfindet. Allein nicht Jeder besitzt die nöthigen oder doch dienlichen theologischen Begriffe, um in der Sache klar zu sehen; um Solchen behilflich zn seyn, behandelt die nachstehende kurze Unterweisung in fünf Hauptstücken 1) die Lehre von der unbefleckten Empsängniß der seligsten Jungfrau; 2) die Haltung, welche die Kirche stets gegen diese Lehre eingenommen; 3) was heule neues in der Sache geschehen soll; ^ was damit bezweckt werden will, und 5), welche Pflichten dem Christen erwachsen, wenn der Auöspruch, wie zu hoffen steht, vom Natican ausgeht. Erstes Haupt stück: Die Lehre von der unbefleckten Empsängniß der seligsten Jungfrau. 1. Was man unter dieser unbefleckten Empsängniß versteht. Es läßt sich keine bessere Definition von der unbeflecktm Empsängniß geben, als sie in den Worten der Bulle Lollioitucic» von Alexander VII, unter dem 8. Dec. 1661 enthalten ist. Wenn die Gläubigen, sagt dieser Papst, die Empfängniß Mariens ehren, geht ihre Absicht dahin, der ganz besondern Gnade, womit Gott im Hinblick auf die Verdienste Jesu Christi die Seele der seligsten Jungfrau vom ersten Augenblick ihrer Erschaffung und Einigung mit dem Leibe an vor der Befleckung durch die Erbsünde bewahrt und geschützt hat,- ihre Hnldignng zu erweisen. Daö bedeutet, daß, als die Seele Mariens mit ihrem Leibe im Schooße der Mutter geeinigt wurde, sie bereits geschaffen war im Stande der Gnade und geheiligt durch den heiligen Geist. In diesem Sinne wird die Empsängniß der Jnngfran unbefleckt genannt, im Gegensatz zu den übrigen Nachkommen Adams, welche insgesammt mit der Makel der Sünde ihres Stammvaters, die um deswillen Ursünde (peeeatum originale im Lateinischen) genannt wird*), behaftet und Die deutsche Sprache hat den Begriff in dem Ausdruck: Erbsünde nicht getreu wieder gegeben, sondern eine theologische Auslegung für den allgemeineren Begriff gesetzt. 40S folgerichtig der heiligmachenden Gnade, welche ihnen erst in der Taufe wieder verliehen wird, so daß sie die Kindschaft Gottes und Anwartschaft deS Paradieses erlangen, beraubt empfangen werden. Z. WaS man mit der unbefleckten Empfängnis) nicht verwechseln darf. Mit der unbefleckten Empfängnis) Mariens darf man weder die immerwährende Jungsrauschafr, noch das Vorrecht, daß sie von jeder wirklichen Sünde, selbst der geringsten läßlichen, während ihres sterblichen Lebens bewahrt blieb, noch die Heiligung vor der Geburt verwechseln. In Betreff der beiden ersten Eigenschaften leuchtet das unmittelbar ein; aber cS ist auch nicht schwer zu begreifen, daß es etwas anderes ist, von der Erbsünde ausgenommen und gänzlich von ihr bewahrt bleiben, und etwas anderes, von ihr durch die Heiligung im Muttcrscbooße gereinigt werden. Die letzte Gnade steht sehr beträchtlich unter der andern und findet sich in ihr wie der Theil im Ganzen. So ist männicttich bekannt, daß der heilige Johann Baptist im Mntterschooße geheiligt wurde, und daß auS diesem Grunde seine Geburt festlich gefeint wird; aber es ist um deßwillen noch Niemanden beigefallen, die Empfängnis) dieses Heiligen zu verehren, wie das in Ansehung der seligsten Jungfrau der Fall ist. Der heilige Johann Baptist wurde vor der Geburt geheiligt, aber nichtsdestoweniger war er mit der Makel der Erbsünde behaftet. Ucbrigens sprechen die Ausdrücke, deren wir uns zur Bezeichnung der beiden Borrechte bedienen, den Unterschied hinreichend aus: im Mntterschooße geheiligt werden heißt von der Erdsünde durch eine Wirkung der eingegossenen Gnade befreit werden, bevor man auf die Welt kommt; eS beißt nicht davor bewahrt bleiben, WaS gemeint ist, sobald man von der unbefleckten Empfängnis) spricht. Zweites Hauptstück: Wie sich die Kirche zu der oben auseinandergesetzten Lehre beständig verhalten soll. 1. Die Kirche hat die Lehre von der unbefleckten Empfängnis) geschützt und begünstigt. Die Glaubensartikel im strengen Sinne deS Wortes find gewisse von Gott geoffenbarte Wahrheiten erster Ordnung, welche eine Menge anderer von zweiter Ordnung in sich begreifen. Die letziern sind in den erstem enthalten wie der Keim und die entwickelte Pflanze im Samenkorn. Je länger man daher über die Glaubensartikel nachdenkt, eine desto größere Fruchtbarkeit an gewichtigen Folgerungen entdeckt man in ihnen, darunter solche, deren Tragweite von gewissen Geistern in den ersten Zeiten noch nicht gewürdigt oder die von ihnen gar nicht wahrgenommen worden sind. In dieser Hinsicht ist eS an der Kirche, der treuen Bewahrerin und unfehlbaren slus- legerin der göttlichen Offenbarung, weil sie sich des Beistandes deS heiligen Geistes fortwährend erfreut, je nach den verschiedenen Forderungen der Zeit-, Personen- und Orisumstände diese in der Hinterlage der Offenbarung einbegriffenen Wahrheiten zweiler Ordnung als Glaubenssätze festzustellen. Das ist ihr Recht wie ihre Pflicht; die Kirchengeschichte legt darüber vollgiltiges Zeugniß ab. Um uns auf ein einziges Beispiel zu beschränken, führen wir den Artikel des apostolischen Glaubensbekenntnisses an: „Jesus Christus, geboren auS Maria der Jungfrau, empfangen vom heiligen Geiste." Eine einfache Folgerung hieraus ist: Jesus Christus war Gott, also ist die Mutter Jesu Christi Mutter Gottes. Diese Folgerung fließt so unwiderlegttch und natürlich aus den Vordersätzen, daß jeder Gläubige selbst darauf kommen und sie ohne Zögern aussprechen würde; sie fand sich aber noch außerdem durch die Thatsache bestätigt, daß in den göttlichen Officien die Jungfrau Gotteö- gebärerin genannt wurde, was genau eben so viel sagt, als Mutter Gottes. Indessen gab eS im fünften Jahrhundert Sectirer, welche zwei Personen in Jesus Christus annehmend eS wagten, Maria den Titel Mutter Gottes abzusprechen und ihr bloß den Titel Mutter Christi beließen. Ein Irrthum von solcher Bedeutung forderte eine feierliche Verdammung und diefe ward auch auf der Kirchenversammlung von Cphesnö im Jahre 431 ausgesprochen. So kam die Dozmatisirung der göttlichen Mutterschaft Mariens zu Stande. °iL.«^Ä »'<^>^ - ^ 403 Eine andere Folgerung, die sich aus demselben Glaubensartikel des apostolischen Bekenntnisses mit Leichtigkeit ableiten läßt, ist, daß die Jungfrauschaft Mariens in einem Sinne, welcher der Größe ihrer Würde am günstigsten ist, verstanden werden muß, d. h, folgerichtig, daß man sie für eine immerwährende annehmen muß. Die Kirche hatte iu der That diesen Glauben; gleichwohl definirte sie dieses Ehrenvorrecht der Jungfrau erst, als sie einen Grunv dazu erhielt; eS traf dieß zwar früher ein als der Anlaß zur Definition der göttlichen Mutterschaft, aber gleichwohl erst im 4ten Jahrhundert auf der Kirchenversammlung zu Rom 390 vurch den Papst SiricmS, welcher die freche Läugnung der immerwährenden Jnngfranschaft durch Jovinian und seine Secte verdammte. Eine dritte gleichfalls einleuchtende obwohl ferner liegende Folgerung schließt, daß die vollkommene Unversehrtheit der Jungfrau von einer so bevorzugten Heiligkeit begleitet seyn mußte, daß sie sogar die leichteren läßlichen Sünden, iu welche auch die reinsten Seelen fasten, ausschloß. Der Glaube hieran findet sich eingeschrieben in die Seelen der Gläubigen von den ersten Jahrhunderten herab und die Kirchenväter haben ihm sofort entsprechenden Ausdruck geliehen, er entfaltete sich auch und wuchs, so daß die Kirche ihn auf eine nachdrücklichere und feierlichere Weise bekannte; und gleichwohl wurde er erst im löten Jahrhundert definirt, als das Concil von Trient dieß geeignet fand, obwohl damals Niemand daran dachte, die fragliche Glaubenswahrheit anzutasten. Man sieht an diesen drei Beispielen, auf welche Art die Kirche immer den gelegenen Moment ergreifend den Gläubigen die in der Hinterlage der Offenbarung enthaltenen Wahrheiten als Glaubenssätze (Dogmen) vorstellt. Die immerwährende Jungfrauschafr Mariens ward erklärt und deftuirl erst im vierten, die göttliche Mutterschaft im fünften, die Ansnahme von jeder wirklichen Sünde im sechzehnten Jahrhundert; welcher Katholik wagte es deshalb zu behaupten, daß die genannten drei Wahrheiten vor den angegebenen Zcitpnncten in der Hinlerlage der Off.nbaruug nicht eingeschlossen gewesen seyen und daß die Kirche bei ihrer Defiuirung willkürlich neue Glaubenssätze gemacht habe? WaS uun aber in Ansehnng dieser eben besprochenen drei Vorzüge Mariens in den verschiedenen Zeitpuncten geschehen ist, eben daS und nichts Anderes wünschen wir gegenwärtig zn Gunsten eines vierten, der Bewahrung vor der Erbsünde, der gleichfalls in der erhabenen, mir der Würde der Gottesmutter verbuudemn Heiligkeit inbe- griffen ist, erneuert. AuS dem oben angeführten Glaubensartikel deS apostolisch,» Synwolnms läßt sich auch in der That dieses Vorrecht der unbefleckten Empfängniß als Folgerung ableiten! denn das Zusammenseyn von zwei so entgegengesetzten Eigenschaften, wie eS einerseits die 'erhabene Würde der Mmter deS eingeborenen SohneS Gottes ist und andererseits das Elend eines, sey es auch nur einen Angenblick, in die Knechtschaft der Sünde verstrickten Geschöpfes läßt sich nicht begreifen. DaS hätte aber stattgefunden, wenn nicht die Seele Mariens in dem Augenblicke, da sie geschaffen und mit dem Leibe vereinigt wurde, durch eine besondere Gnade Gottes, dessen Mutier sie werden sollte, vor der Befleckung der Erbsünde bewahrt worden wäre. Nur aus dieser Lehre läßt sich die Thatsache erklären, doß die Gläubigen die Empfängniß der Mutter Gottes mir eiuem besondern Cnlte ehrten. Der Cult datirt rom höchsten Alter und war, anerkannt von der Kirche, eine Anerkennung von nicht geringem Gewicht, wenn man bedenkt, daß die Gläubigen, indem sie die Jungfrau nach dieser besondern Richtung hin verehrten, eben damit zu ihren Gunsten eine Ausnahme von dem Glaubenssatz? der Ver«rbung der Sünde AdamS auf seine gesammte Nachkommenschaft machten. Der Schluß ist statthast: wenn die Kirche nicht ihre Stimme erhob, so mußte der Cult mit ihrer Lehre einstimmen. Uebrigens hat sie selbst durch positive Acte daS Fest, die Tagzeiten und die Messe zn Ehren der Empfängniß der unbefleckren Jungfrau genehmigt, wie das erhellt aus der Bulle Lum riraeexcelsa von Sirtns IV.; der heilige Pins V. ging noch weiter und schaltete solche dem römischen Brevier, so wie dem Missale ein; Jnnocenz XII. bereicherte daö Fest mit einer Octave, Clemens XI. erhob daS Fest zu einem gebotenen, und Benedict XlV. fügte 404 zur Erhöhung seiner Feierlichkeit den weitem Schritt bei, daß er für ewige Zeiten päpstliche Kapelle am 8. December anordnete. So lange die Kirche keinen endgiltigen Ausspruch über das fragliche Vorrecht gefällt hatte, konnten einzelne Gelehrte, von dem Gedanken beseelt, ein solches Vorrecht lasse sich mit dem göttlichen Richterspruche, der alle Kinder Adams verurtheilt, die Sünden ihres Stammvaters zu tragen, nicht vereinigen, sich wohl berechtigt glauben, in diesem Puncte eine der Meinung fast aller Christgläubigen entgegengesetzte Ansicht zu hegen. Der Slreit, welcher daraus erfolgte, hatte seinen Nutzen; weit entfernt, die Verehrung der unbefleckten Empfängniß zu mindern, hat er ihr Wachsthum verursacht, indem er die Wahrheit der Lehre, worauf sie sich stützt, mehr inS Licht setzte und den apostolischen Stuhl veranlaßte, seine Ansichten auf eine nur um so sprechendere Art zu erkennen zu geben. Jener außergewöhnlichen Klugheit gemäß, welche seine Entschließungen kennzeichnet, benahm er sich mit großer Mäßigung den Gegnern der Lehre gegenüber, und das aus Rücksicht auf ihre Frömmigkeit und den Beweggrund ihrer Opposition; aber zn gleicher Zeit ließ er sie fühlen, wie sehr er sie mißbillige, indem er den Vertheidigern des frommen Glaubens und dem ihr entsprechenden Culte fortwährend neue Begünstigungen zn Theil werden ließ. Als sodann der Streit lebhafter geworden für die Gläubigen Anlaß zu Aergerniß bieten konnte, legten die Päpste Jedem, der den Glauben zu bekämpfen Lust trug, unbedingtes Stillschweigen auf. Alle diese Acte ließen mehr und mehr erkennen, welches die Ansicht der Kirche sey, und bezeugten immer deutlicher, daß sie wirklich zu Gunsten der Mutter GotteS ?ine Ausnahme vom Gesetze der Erbsünde zulasse. So erlebte man denn auch, daß der Widerstand allmälig abnahm und sich verringerte, um endlich ganz zu erlöschen. Und so gelangte der Glaube an diese Ausnahme Mariens von der Erbsünde zu einem nur um so herrlicheren Siege. 2. Die Kirche bekennt heutzutage ausdrücklich die Lehre von der unbefleckten Empsängniß. Die großen Begünstigungen des heiligen Stuhles gegenüber dieser Lehre deuteten hinlänglich an, daß er sich selbst zu ihr bekannte; sodann zollt man religiöse Verehrung .nur dem, was heilig ist, die Kirche verehrte aber die Empsängniß der Jungfrau durch das Fest gleichen Namens. Indessen war der Augenblick noch nicht für sie gekommen, sich ausdrücklicher zu erklären, aber wenn die Gläubigen in der letzten Zeit dringender als zuvor um die Erlaubniß baten, der Empfängniß der Jungfrau den Titel unbefleckt in den Tagzeiten und der Liturgie beisetzen und in die Litaneien die Bitte: „Königin, ohne Erbsünve empfangen", aufnehmen zu dürfen, so gewährten die Päpste diese Gunst erstmals dieser oder jener religiösen Kongregation, di-ser oder jener Diöcese, diesem oder jenem Reiche, zuletzt aber der ewigen Stadt selber und allen, die darum baten. Diese Gewährung gestattet nicht dem leisesten Zweifei darüber Raum, ob die katholische Kirche die Lehre der unbefleckten Empfängniß der Mutter GotteS bekenne. Es ist hier noch zu bemerken, daß die Beifügung des Wories „unbefleckt" nur eine entwickeltere Art des Bekenntnisses der frommen Lehre ist; denn schon indem man die Empfängniß ehrt, ehrt man, wie Papst Alexander VII. ausdrücklich erklärte, daS Vorrecht, kraft dessen die Seele der seligsten Jungfrau im Augenblick ihrer Schöpfung und Einigung mir dem Leibe vor der Befleckung der Erbsünve bewahrt wurde, was gerade so viel heißt, alö: man ehrt die unbefleckte Empfängniß. (Fortsetzung folgt.) Die Concilien des zweiten christlichen Jahrhunderts. Sicilianl'scheS Concil, 125 nach Chr. Diese Provincialsynode soll von den Bischöfen SicilienS gehalten worden seyn gegen den Valentinicmer Herakleon, welcher daselbst die falsche Lehre verbreitete: wie daö Feuer keine Kälte, sondern nur Wärme in sich habe, so sey auch alle Sünde . 405 von dem Getauften ferne, könne von ihm nicht begangen werden. Die versammelten Väter berichteten des Ketzers sämmtliche Irrthümer an den Bischof von Rom, Alexander I., welcher auch Herakleon veranlaßte, Sicilien zn verlassen, und man wußte nicht mehr, wohin er geflohen war. Concil zu Rom i. I. 146. Gegen TheodotuS, welcher während der Verfolgung Christum verläugnetc und den heidnischen Göttern opferte; als ihm daher von den Gläubigen sein Vergehen vorgehalten wurde, erwiderte er: Ich habe nicht Gott verläugnet, sondern einen Menschen. Concil zu Pergamum i. I. 152. Gegen ColorbasiuS und seine Anhänger, welche mit dem Anathem belegt wurden. Concil im Oriente i. I. 160. Gegen die Irrthümer des CerdoniuS. Concil zu Rom i. I. 170. Gegen die Quartadecimaner vom Papste Am'cetuS in Anwesenheit deS Bischofes von Smyrna, Polycarp, gehalten. Die Synode bestimmte, daß das Leiden unseres Herrn am Charfreilage mystisch begangen und seine Auferstehung am folgenden Sonntage hochfcstlich begangen werden sollte. Concil zu HierapoliS i. I. 173. Zusammenberufen von ApollinarinS, dem Bischöfe von HierapoliS; auf demselben wurde von den Bischösen dieser Provinz die Lehre des MontcmuS und der Moniani- sten, so wie die des TheodotuS verdammt. Nun folgen die Concilien über den Osterfeierstreit, Die Orientalen nämlich feierten zugleich mit den Juden ein Paschamahl am 14. Nisan (Mär^), die Occwen- talen dagegen beobachteten während der ganzen Charwoche strenges Fasten, und aßen das Paschalamm am Vorabende deS Auferstehungsfestes, welches sie jedesmal am darauffolgenden Sonntage feierten. Concil zu Rom i. I. 167. Unter dem Papste Victor wurde gegen die Orientalen ein Concil zusammenberufen, und dieses beschloß, daß die Osterfeier nur am Sonntage nach dem l^l. Nisan und dem FrnhlingSäquinoctium begangen werden sollte, wie es in der römischen Gemeinde und im ganzen Abendlandc herkömmlich sey. Concil zu EvhesuS i. I. 197 (od. 198). Auf dieser Synode waren fast alle Bischöse Kleinasiens und der nahen Provinzen versammelt und Polycarp, Bischof von EphesuS, präsidirte der Versammlung. Dieser bestand darauf, daß Ostern am 14. Nisan gefeiert und nicht auf den folgenden Sonntag verschoben werden sollte. Das Synodalschreiben PolycarpS an den Papst Victor brachte diesen so gegen die Orientalen aus, daß er sie crcommunicirte und ihr Concil verdammte. Concil von PontuS i. I. 197. Die Acten dieses Concils, von den Orientalen gehalten, sind ganz verloren. Ueber denselben Gegenstand wurden in demselben Jahre noch mehrere Provincial- Synoden in Asien abgehallen, zu OSroene, Korinth und Cäsarca in Palästina, welche aber sämmtlich von der abendländischen Kirche verworfen wurden. Dagegen blieben auch die abendländischen Bischöfe nichi unthätig. Concil zu Lyon i. I. 197. Der heilige JrenäuS, welcher längst die Streitigkeiten innerhalb der Kirche mit Schmerz angesehen hatte, hielt eine Synode, auf der 13 Bischöfe anwesend waren, und ermähnte zum Frieden unter den Gläubigen. 406 Nach heftigem Widerstreite besonders von Seite der Orientalen drang endlich der Gebrauch der römischen Kirche durch, die hartnackigen Gegner wurden als Schismatiker betrachtet und das ökumenische Concil von Nicäa (325) sprach sich vollkommen dafür aus. Concil zu Lyon i, I, 198 (od. 199). Gegen die Irrthümer des NalentinuS, ein Bruchstück des Syuodalschreibens, hat BaluciuS in seine neue Sammlung aufgenommen. «na.'i«? ,,Mlü«!.!i,«'.ltaG,tchin >-wK ^ s^tt'-Ä?-?, /i'-,/r^My» Concilren des dritten chri^llichen Jahrhunderts. Bei den immer mehr überhandnehmenden Ketzereien, besonders der gnostischen, mußte sich von selbst die Frage auswerfen, ob die Taufe der Ketzer für gütig anzusehen sey, oder ob einer nochmals getauft werden müsse, wenn er von den Häretikern getauft worden sey und zur katholischen Kirche zurückkehre. Concil zu Carthago i. I. 215. AgrippinuS, Bischof von Carthago, versammelte die afrikanischen Bischöfe zur Untersuchung der Frage über die Ketzerlaufe, unv der Beschluß der Syuode lautete dahin, daß die Ketzer den heiligen Geist selbst nicht haben und folglich in der Taufe seine Gnaden nicht mi'theilen können; daß die Neubekehiten, welche von den Ketzern getauft seyen, bei ihrem Uebertrnte sich taufe» lassen müßten. Dieses Concil wie alle dahin entscheidenden wurden von der Kirche verworfen, wie wir sogleich sehen werden. Concil von Carthago i. I. 217. Cyprian erwähnt diese Synode in seinem sechsuudsechzigstcn Briefe, daß nämlich auf derselben bestimmt worden sey, kein Kleriker solle eine Bvrmnndschaft und dergleichen Geschäfte übernehmen, Concilien zn SIlerandria i. I. 223 u. 235, Auf dieser Syuode wurde OrigencS seiner priesterlichen Würde entkleidet, weil er sich selbst verstümmelt hatte, nur die Geistlichen von Palästina, Arabien, Phönizien und Achaja unierschrieben das Unheil nicht. An demselben Orte wurde später eine andere Provincialsynode gehalten (235), aus welcher Bischof Ammoniuö, der vom Glauben abgefallen war, für die Kirche wiederum gewonnen wurde. Concil von Jkoninm und Synnada 235. Diesen beiden Synoden wohntxn die meisten Bischöfe Kleinasiens bei, und erklärten sich gegen die Gilligkeit der Ketzertaufe. Concil zu Rom i. I. 237. Papst Fabian vernrtheilt den OrigeneS, dieser aber wendet sich in einem Schreiben an den Papst und gelobt Unterwerfung und Buße. Concil von LambesuS i. I. 240 od. 242 od. 215, Gegen den Ketzer PrivatuS, der wahrscheinlich schon früher Irrthümer verbreitete, er wurde von den 9V anwesenden afrikanischen Bischöfen vernrtheilt, und von Papst Fabian erconimuuicirr. Concil zu BostraS i. I. 242 od. 243. Der gelehrte Origenes wohnte dieser Svuode der afrikanischen Bischöfe bei und brachte den Bischof BerylluS, welcher in die Irrthümer des Theodotuö verfallen war, zum Widerrufe. Concil zu EphcsuS (od. iu einer andern asiatischen Stadt) im I, 245. Gegen Noctw?, welcher Irrthümer über die Dreipersönlichkcit Gottes verbreitete. 407 » Concil in Arabien i. I. 249. Auf welchem On'genes die Irrlehre von der Sterblichkeit der Seele, und daß dieselbe mit dem Körper wieder anferweckt werde, mit aller Kraft der Beredtsamkeit bekämpfte, und durch die Macht seines Wortes die Ketzer zum Widerrufe zwang. Concil in Achaja i. I. 250. Gegen die Valesier, welche behaupteten, daß nur Kastraten ins Himmelreich eingehen konnten. Concilien zu Karthago i. I, 252, 255, 256. Bus diesen drei Synoden, welche Cyprian mit den afrikanischen Bischöfen abhielt, wurde die Ketzertause für ungiltig erklärt; sie sind aber von der Kirche verworfen worden. Dagegen erklärte Papst Stephan auf dem Concil zu Rom i. I. 256, daß die Ansicht der katholischen Kirche, daß die Taufe, wenn sie unter Anrufung des NaterS, des SohneS, und des heiligen. Geistes ertheilt, giltig sey, obgleich sie von einem Ketzer ertheilt wurde; man solle also keine Neuerung vornehme», sondern bei der Ueberlieferung und dem Gebrauche der römischen Kirche verharren. In diese Zeit fällt auck der Streit über die Gefallenen. Die häufigen Mißbrauche nämlich, welche mit den Empfehlungsschreiben der Märtyrer von den Gefallenen gelrieben wurden, veranlaßten den heiligen Cyprian zu größerer Strenge, dem widersetzte sich aber NovaluS in Verbindung mit dem Diacou FelicissimuS. NovatuS begab sich nach Rom, schlug sich aber da zur Gegenpartei unter Novcitian und so entstand die schiSmalische Secte der Reinen oder Katharer, welche der katholischen Kirche vorwarfen, sie habe sich durch die Ausnahme der Gefallenen befleckt, eS wurden deßhalb in dieser Angelegenheit mehrere Synoden abgehalten. Concil zu Rom i. I. 250 od. 253. Nach dem Tode dcS Papstes Fabian versammelte sich der römische KleruS und lnd auch die benachbarlen Bischöfe zur Besprechung ein; die Synode beschloß, daß die Abgefallenen zur Buße wiederum zugelassen, ihre Aufnahme aber bis zur Beendigung der neuen Papstwahl verschoben werden sollte. Concil zu Rom i. I. 251. Die 60 anwesenden Bischöfe, der Papst Cornelius an ihrer Spitze, schlössen NovcUian von der Kirche aus und bestimmten, daß die Gefallenen zur Buße wiederum aufgenommen werden sollten. Concil zu Karthago i. I. 251. Diese Synode erklärte, daß die Gefallenen nach langer Bußzeit die Absolution erhalten sollten, und verdammte den Nvvatian, welcher sogar gewagt halte, mir verleumderischen Ausfällen auf Cornelius an die Synode zu schreiben; sie ercommunicirte endlich den FelicissimuS mit fünf andern afrikanischen Geistlichen zum drilteumale, nachdem dieselben nochmals angehört wor en waren. Kirchliche Notizen. Piemont. GioviniS „Unione" versichert, daß daS Säcularisationsdecret, wie sie eS heißt, schon ganz fertig ist, und daß „mir Ausnahme der religiösen Genossen, schasten von gesellschaftlichem Nutzen" alle andern aufgelöst werden; den Mönchen und Nonnen der unterdrückren Klöster wird eine anständige Pension zugewiesen werden." — Die in Nizza erscheinende Vcrii» richtet eine von ihrem Direcior, dem Herrn Grafen Victor v. Cambnrzano unterzeichnete Aufforderung an die Minister, einzuhalten aus der abschüssigen Bahn und von den Verfolgungen der Kirche, der Bischöfe, der Geistlichen und Ordenöleutc, der katholischen Beamten und der katholischen Presse ' 408 abzulassen. „Wir stehen, schließt der Artikel, vor einer feierlichen Epoche, welche die Meinung aller Völker vorauSzufühlen scheint. In den großen Staaten Europas zeigt sich allenthalben eine Rückkehr zur katholischen Kirche; folgen Sie diesen edlen Vorgängen; Sie werden dabei Ehre für Ihren Namen und für unser Vaterland Ruhe finden. Wir verlangen für eö, daß Sie den Gottesdienst unserer Ahnen, daö Priester- thum, das uns leitet^ die Heiligkeit der Altäre achten." « Wien. Das Doctoren-Kollegium der philosophischen Facultät an der Wiener Universität hat am 25, Nov. d. I. das Patrocinium in althergebrachter Weise durch eine in der UniversilätSkirche abgehaltene feierliche Segenmesse würdig begangen, und somit ein katholisches Lebenszeichen der von den HabSburgern als Seelengeräthstiftung gegründeten Universität gegeben. Abends versammelte Hr. Prof. Ur, Ritter v. Holger, bekonnilich eines der eifrigsten Mitglieder dieses, so wie des medicinischen Docioren- CollegiumS, der kein Opfer scheut, um die ehrwürdigen Gebräuche unserer katholischen Vorfahren wieder aufleben zu machen, eine auserlesene Schnar von Mitgliedern aller Faculiäten bei sich, um in den festlich geschmückten Räumen seiner Wohnung gelehrte Unterhaltung über philosophische Disciplinen nach Weise der älteren am Katharinatag gehalrnieu Colloquicn zu pflegen. » » « In Lille ist ein Werk im Beginn, welches den großartigsten Unternehmungen deS MittelalterS auf dem monumentalen Gebiete zur Seite gestellt werden kann. Am 1. Juli dieses Jahres wurde daselbst in feierlichster Weise der Grundstein zu einer Kirche gelegt, welche der allerseligsten Jungfrau gewidmet werden soll, und zwar gleichsam zur Sühne für die Zerstörung der dortigen Liebfrauenkirche während der ersten Revolution. Der darauf zu verwendende Betrag von drei Millionen Franken ist bereits zum größten Theile, und zwar meist durch freiwillige Subscriptionen gedeckt, so daß man zuversichtlich glaubt, schon im nächsten Jahrc den Bau beträchtlich fördern zu können. ZI? »f.S >'»Z<««b.!'j6 Z sli'I « Aus Tirol. Man erinnert sich an den schauderhaften Tod König Friedrichs von Sachsen, dem, aus dem Wagen geworfen und unter das Gespann gerathen, ein Schlag deS Pferdefußes die Gehirnschaale sprengte. Die Königiu Wittwe Marie, welche die Nachricht dieses TvdcS Anfangs niederschmetterte, fand in der Frömmigkeit den Trost, den nur allein die Religion gewähren kann. Einer ihrer ersten Gedanken war, an dem Ort, wo ihr Gemahl den verhängnisvollen Schlag erhielt, ein Kreuz ausrichten zu lassen, und sie sandte deßhalb nach Tirol, damit ihr Wunsch vollführt werden möchte. Allein man hatte ihrem Sehnen vorgegriffen; die Einwohner deS Dorfes hatten schon an dieser Stelle deS Unglücks daö Zeichen des Trostes und der Hoffnung aufgepflanzt. AIS die Königin von diesem freiwilligen Acte des Glaubens und der Ehrfurcht Kunde erhielt, ließ sie fragen, was sie zu thun vermöge, um dieser Einwohnerschaft ihre Erkenntlichkeit zu bezeigen. Man antwortete, daß die Kirche zu arm sey, um das Oel für die Lampe zu zahlen, welche vor dem allerheiligsten Sacm- mente brennen sollte, und daß man bitte, sie möge es gnädigst liesern. Zur Ehre GotteS war eS also, zu welcher die uneigennützige Bitte der Dankbarkeit der Königin die Richtung gab. » » » In der Münze zu Rom wird eine goldene Denkmünze auf die unbefleckte Empfängniß Mariä geprägt, die vom Papst an alle in Rom versammelten Bischöfe vertheilt werden soll. Das Gold zu dieser Münze kommt aus Australien, von wo es dem Papst zum Geschenke gemacht wurde. Verantwortlicher Redacteur: L, Schöuchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt ;ur Augslmrger PMeilmlg. 24. December SS. 1854. DisseK Vlatt ««scheint rcqslmäßiq KÜle Gonvtage. Der halbjährige Abonnementsprei« AK lr.. wvfnr es durch alle kSutgl. baver. PoKSmt?r und alle Buchhandlungen bezöge» werde» kovv. Das letzte Ave. Wenn die ernste Dämin'rung schweigend Durch die Abcndfluren schreitet, Und den grauen Wolkenschleier Um des Thales Wiege breitet; Zich'n des Avcglöcklcins Töne Feierlich hin in die Weite, Und der Engel Segen dienet Schirmend ihnen zum Geleite, An des Dörfchens letzter Hütte Sleh'n die Pilger an der Schwelle; Drinnen in der niedern Stube Glimmt ein Flämmchen ärmlich-helle: Eine Wittwe kniet am Ecktisch, Um sie her die lieben Kleinen; In der Mutter stilles Seufzen Mischet sich ihr lautes Weinen, „Benedeite Gottesmutter ,,Mit dem gnadenreiche» Kinde," Spricht die Wittwe, „denke meiner, „Daß ich scl'ge Ruhe finde „Bei dem Herrn, daß er in Gnaden „Mit des Himmels reichem Mahle „Mich erquicke, wenn ich scheide „Hier aus diesem Thränenthale." „Daß er die verlassenen Waisen „Schirme mit der Liebe Armen, „Mitleidsvolle Herzen rühre, „Die der Schwachen sich erbarmen, „Die sie voll der zarten Sorge „In der Furcht des Herrn erziehen, „Daß sie in dem Lilicnkleide „Für den Himmel fromm erblühen." Stille wird es in dem Stübchcn, Und die frommen Pilger ziehen Heimwärts, wo am lichten Bogen Gold'ncr Stcrnlcin Kränze blühen: — Da des FrührothS erste Strahlen Durch die runde» Scheiben brachen, Feierte die sauft Entschlafne Dort ihr freudiges Erwachen. I. B. Tafrathshofer. Die katholische Kirche in China. Man wird nicht in Abrede stellen, daß eS eine auffallende Thatsache sey, daß, während Amerika, die neue Welt — seit Langem der Kultur und dem Christenthum geöffnet und gewonnen ist, der größte und wichtigste Theil von Asten noch immer einem verschlossenen Garren gleicht. ES unterliegt wohl kaum einem Zweifel, daß Hochasien noch eine große providentielle Aufgabe habe, mag diese nun welche immer 410 seyn, daß eS also ganz besonders verdient, unsere Aufmerksamkeit aus sich gelenkt^ zu sehen. Keinem Gebildeten ist es wohl unbekannt, daß Rußland bis jetzt alle Augsicht hat, eine Weltmacht zu werden; mag eS auch im Westen einstweilen noch zurückgewiesen werden, so hat eS doch an seinem nichts weniger als bedeutungslosen Sibirien (man vergleiche hierüber die osteuropäischen Thesen in den histor. polit. Blättern) den Schlüssel zu Hochasien, und gelangt eS da zur Herrschaft, dann ist nicht abzusehen, wie weit es seine eisernen Arme ausstrecken, welche Kämpfe eS insbesondere der katholischen Kirche bereiten werde. Wir sind nun freilich nicht im Stande, die Plane der Vorsehung zu erforschen; aber es ist unsere heilige Pflicht, drohenden Uebeln nach Kräften vorzubeugen. Das kann und soll nun auch im vorliegenden Falle geschehen. Wenn eS mit GotteS Gnade gelingt, den katholischen Glauben in Ost- und vielleicht auch Hochasiens Boden fest einzupflanzen, ehe noch der Riese eS an seinen ehernen Busen drückt, so ist seine Kraft gelähmt, wenn nicht ganz gebrochen. Eine andere Frage ist freilich die, ob dieß auch möglich sey? Darauf antworten wir mit Thatsachen. Schon der heilige FranciscuS von Zcavicr wollte sich mit allem Ernste der Bekehrung des sogenannten himmlischen Reiches widmen, da er aber im Angesichte dieses Landes aus diesem Leben hinwcg- genommen ward, übernahmen andere Missionäre aus dem Orden deS heiligen JgnatiuS, DominicuS und FranciScuS das apostolische Werk. Ihrem Wirken folgte reichlicher Segen; leider aber litt daS kaum ausblühende Christenthum bald unter den bekannten verhängnißvollen Streitigkeiten. Auch blutige Verfolgungen kamen hinzu, und da besonders die Jesuiten sich zu wenig mit der Heranbildung eingeborner Priester befaßten, auch der Errichtung von BiSthümern und apostolischen Vicariaten viel zu sehr entgegen waren, so war diese Hecrde jedesmal verwaist, so oft die europäischen Missioncne in die Verbannung oder zum Martertode gehen mußten. Erst dem hochseligen Papst Gregor XVI. war eS vorbehalten, die Kirche Chinas neu zu organisiren; Corea, Hukuang, Kiangsi, die Mandschurei, die mongolische Tatarci und Amman erhielten in den Jahren 1833 u. 1839, Honan, Kuectscheu, Schcmgtong, Scheust und Tsche- kiang im Jahre 1846 apostolische Vicare mir bischöflicher Würde. Das gleiche Glück wurde um 1846 den Provinzen von Mittel- und Süd-Tonking, so wie Unter-Cochin- china, und 1852 den Missionen von Ober-Cochinchina und Cambodja zu Theil, so daß gegenwärtig für ganz China 3 Bisthümer (wovon aber 2 — Peking und Nanking — nur administrirt werden),' 22 apostolische Vicariate und die 1848 errichtete Prüfectur von Hongkong für Canton (Stadt und Provinz), Kuangsi und Hainan bestehen, und — die Coadjuloren eingerechnet — die Zahl der Bischöfe sich auf circa 37 gehoben hat. Fast jede Diöcese hat ihr Seminar znr Heranbildung inländischer Priester, die freilich im eigentlichen China meist noch auf ziemlich schwachen Füßen stehen, in Tongking aber wirklich blühen, wie man auS dem Umstände ersehen mag, daß Weft-Tongking im I, 1852 67 eingeborne Priester, 9 Diaconen, 5 Snddiaconen, 8 Minoristen, 4 Tonsuristen, 33 andere Theologen und in 5 Collegien 240 Lateinschüler zählte. — Freilich stand diese Mission von jeher unter spanischen Dominicanern, die frühzeitig schon auf Heranbildung inländischer Priester bedacht waren, weßhalb auch heutzutage noch unter den 15 Millionen Bewohnern Anoms sich mehr Christen (über 600,000) befinden, als unter den 300 Millionen des übrigen Chinas, obgleich die Verfolgungen bis auf unsere Tage herab sicherlich nicht minder heftig wütheten. Ein wichtiges Institut, dem menschlicher Weise die Erhaltung des Christenthums in China wohl größtentheils zu verdanken seyn möchte, ist der Stand der Katechisten. Zu dieser Würde werden gewöhnlich die tüchtigsten, rechtschaffensten und eifrigsten Neubekehrten auserlesen, wenn nicht schon eigene Anstalten zu ihrer Heranbildung bestehen. Die Katechisten sind die gewöhnlichen Stellvertreter der Missionäre in den einzelnen Gemeinden, sie unterrichten die Katechnmenen, verrichten Meßnerdienste, halten mitunter auch Schule, sind die verläßigsten Täufer u. s. w., kurz sie leisten im Allgemeinen wirklich sehr viel, und ersetzen vielfach die ohnehin so übermäßig in Anspruch genommenen Priester. Daher wird auch auf ihre Ausbildung große Sorgfalt 41t verwendet. West-Tongking ist auch in dieser Beziehung allen andern Missionen voraus. ES zählte im Jahre 1852 über 200 Katechisten und 800 Katechisten-Zöglinge in 38 Häusern. So ausgestattet, hat die Kirche von China gewiß sichere Aussicht, sich nicht nur erhalten, sondern immer tiefere Wurzeln fassen zu können Mögen auch neue Stürme über sie hereinbrechen, sie wird nicht fallen, daS sehen wir in Coreci. Bis zum Jahre 1836 hatte dieses Land nie einen Bischof gesehen und nur ein oder ein paar Mal einen chinesischen Priester, ein Laie (Mandarin) war der Apostel dieses Landes. Und doch fand Bischof Jmbert (1836) bei 9000 Gläubige, ja selbst, nachdem dieser Bischof mit 250 seiner Gläubigen und 2 Priestern für seinen Glauben den Martertod gelitten hatte, nachdem im Jahre 1847 der erste und bisher einzige corea- nische Priester, Andreas Kim-Hai-Kim, der letzte Sprößling einer heldenmüthigen Märtyrer-Familie, die lange Reihe koreanischer Märtyrer (über 800!) beschlossen Halle, zählle man um 1850 schon bei 15,000 Christen, obgleich das Henkerschwert noch immer über ihren Häuptern schwebt und schon das bloße Eindringen eines Europäers ihm und seinen Helfern das Leben kostet, sobald es ruchbar wird. Es möchte nicht schaden, wenn man unserm verweichlichten Geschlechte öfter einen solchen Spiegel vorhielte. Wer kann, ohne von tiefer Wehmuth ergriffen zu werden, an die Millionen und Millionen unserer Brüder denken, die auf Asiens schönen Gefilden umherstreifend noch immer in der Finsterniß und im Schatten des TodeS wandeln. Von der Wolga bis zur Mündung deö Hoangho schaut man zum Dhalai-Lama in H'Lassa auf, von den Ufern deö Aral-SeeS wie deS Saghalien kommen Schaaren von Pilgern (5—600 Stunden weit mit Weib und Kindern) nach Karakorum an der Tula, um dem großen Lama ihre Ehrfurcht zu bezeigen. WaS könnte aus diesen Völkern werden, wenn das Licht deS Glaubens ihnen leuchten würde! Doch bis jetzt gleicht dieser Welttheil einer wohl verwahrten Festung: im Westen halten der Islam und daS SchiSma strenge Wache; im Süden ragen die Bergketten deS Himalaya als Grä'nzschcioe bis über die Wolken hinan; im Osten sucht der „Sohn des Himmels" der Kirche den Zugang zu verwehren; den ohnehin schon durch den Altai abgesperrten Norden hat daS Schisma rollständig in Beschlag genommen. Da müssen die Vorwerke erst genommen werden, und daS wichtigste derselben ist eben China", Ist das erobert, so steht der Weg nach dem Herzen Asiens offen, die Thore von H'Lassa und Karakorum werden dann bald zusammenbrechen, und die Macht des Satans ist vernichtet. (Schluß folgt,) Concilren des dritten christlichen Jahrhunderts. Concil zu Carthago i. I. 252. Nochmals vertheidigte FclicissimuS seine Ansicht, daß alle Gefallenen ohne Buße ausgenommen werden sollten; Novatian aber die entgegengesetzte, daß kein Gefallener mehr zur katholischen Kirche zurückkehren könne. Die 52 anwesenden Bischöfe unter dem Vorsitze CyprianS verwarfen beide Maximen und bestimmten, daß erst »ach bestandener Buße die Gefallenen aufzunehmen seyen, die Zeit der Noth und Verfolgung ausgenommen. Der Häretiker PrivatuS wurde vom Concil abgewiesen, sammelte darauf einen Anhang uud wählte einen gewissen FortunatuS zu CyprianS Gegenbischof; da er sich aber mit seinen Anhängern, um über Cyprian zu klagen, an den Papst nach Rom wandte, wurde er ebenfalls abgewiesen. Concil zu Rom i. I. 25?. Der Beschluß deS Concils von Carthago (25l) wurde bestätigt, und besonders auf den Kleruö angewendet, daß die Gefallenen aus dem Klerus zwar wieder aufgenommen, aber in den Laienstand versetzt und ihres geistlichen Amtes entkleidet werden sollten. 41S Concil zu Antiochia i. I. 253. Der Bischof DemetriuS setzt den NovatuS ab, weil er die Ketzer in Schutz genommen hatte. Concil zu Carthago i. I. 253. Diese Synode wurde gehalten als die Christenverfolgung etwas nachließ, um den zerrütteten Zustand der Kirche zu bessern. Auf derselben wurde beschlossen, daß widerspenstige Kleriker gestraft werden sollten, denn hartnäckige Widersetzlichkeit gegen die Vorgesetzten sey der Anfang zur Häresie; daß ferner GeminiuS Victor ercommunicirt sey, weil er gegen den Beschluß einer früheren Synode einen Kleriker zum Vormund seiner Söhne bestellt habe, endlich bestimmten die 60 anwesenden Bischöfe unter dem Vorsitze deS heiligen Cyprian, daß neugeborne Kinder sogleich nach der Geburt getauft werden sollten. Concil zu Carthago i. I. 253 od. 254. Gegen die beiden spanischen Bischöfe BasilideS und Martial gehalten, welche sich Certificate verschafft hatten, als hätten sie den Göttern geopfert (l.ioe>Igtici)z der spanische Episkopat hatte sie entsetzt und zwei andere an ihre Stellen befördert. Damit unzufrieden, wandte sich BasilideS und Manial nach Rom, die spanischen Bischöfe aber legten die Sache einer afrikanischen Synode vor, und diese bestätigte das gefällte Urtheil. Die an ihre Stelle beförderten Bischöfe SabinuS und Felir brachten ebenfalls die Entscheidung dieser Synode an den Papst, widerlegten in Rom die falschen Anschuldigungen des BasilideS nnd unterwarfen sich der Entscheidung des römischen Stuhles. Concil zu Narbon i. I. 257 od. 260. Der heilige Paulus, Bischof von Narbon, war von zwei rachsüchtigen Diaconen, die ihrer ausschweifenden Lebensart wegen schon öfters gestraft worden waren, verbotenen Umgangs mit Frauen beschuldigt worden. Der heilige Bischof rechtfertigte sich vor den versammelten Bischöfen und vor dem Voile , durch ein augenscheinliches Wunder; worauf die gottvergessenen Ankläger ihre diabolischen Machinationen gegen ihren Bischof reumülhig eingestanden. Concil zu Rom i. I. 260 od. 263. Auf dieser Synode wurde DionysiuS, Bischof von Alerandria, welcher des Sa- bellianismuS angeklagt war, nach reiflicher Erwägung, wie der heilige Athanasiuö erzählt, einstimmig losgesprochen und für unschuldig erklärt. Concilien zu Alerandria i. I. 263. In diesem Jahre wurden von Bischof DionysiuS zwei Synoden gehalten, auf der ersten wurde Sabellius seiner häretischen Lehren über die Trinität halber verurtheilt, aus der andern aber Bischof Nepotian und CerinihuS, 'vlche den Chiliasmus lehrten und die Nothwendigkeit blutiger Opfer, verdammt. Concil von Antiochia i. I. 264 od. 266. Diese Synode wurde von Papst DionysiuS zusammenberufen, um die Häresie deS Paul von Samosata, Bischofs von Antiochien, zu untersuchen; er hatte nämlich Irrthümer über die Gottheit Christi verbreitet. Firmilian, Bischof von Cäsarea in Capadocien, präsidirte der Versammlnng, welche den Paul von Samosata zur Verantwortung vorlud; dieser aber fürchtete, seinen Bischofstuhi zu verlieren, heuchelte Reue und Widerruf und entging so allen weiteren.Unannehmlichkeiten. Concil von Antiochia i. I. 268. Bald nach dem ersten Concil von Antiochia fiel Paul von Samosata in seine Irrthümer zurück, und die Bischöfe versammelten sich nochmals in dieser Stadt in großer Anzahl, setzten den Ketzer seiner Irrthümer und suneS unordentlichen Lebenswandels wegen ab, und übergaben seine Bischofswürde dem DomnuS. Die versam- 413 melten Väter schickten ihre Beschlüsse an den Papst DionysiuS nach Rom und an alle andere Bischöfe und theilten ihnen die Absetzung Pauls von Samosata und die Ernennung deö DomnuS mit. Paul von Samosata weigerte sich zwar, seine Stelle dem DomnuS einzuräumen, bis sich auch Kaiser Aurelian inS Mittel legte und befahl, daß derjenige den bischöflichen Stuhl inne haben sollte, welchen die Bischöfe von Italien, besonders der Bischof von Rom desselben für würdig erklärt hätten, und so mußte der Ketzer weichen. » Concilien des vierten christlichen Jahrhunderts. Concil von Atuiinum in Afrika i. I. 304. Auf demselben wurden diejenigen, welche die heiligen Bücher den Ungläubigen auslieferten (Irsclitores), von ver Kirche ausgeschlossen. Concil von Cirtha in Numidien i> I. 305. Dieses Concil hielten die Bischöse NumibienS, welche selbst meist Irsclitoreg waren und heilige Bücher und Gerüche den Heiden übergeben halten, und wählten an die Stelle des verstorbenen Bischofs von Cirtha einen gewissen Paulus, ebenfalls Traditor, und suchten sich hier wegen ihres Verbrechens zu rechtfertigen. Diese Tra- diloren, besonders der Primas von Numidien, trugen später sehr viel bei, das Schisma der Donatisten, welches der afrikanischen Kirche so großes Unheil gebracht hat, zu befördern. Concil von Elvira i. I. 303 (305)*) Dieses Concil ist besonders wichtig wegen der verschiedenen Urtheile, welche sowohl über die Zeit der Abhaltung desselben, als über die daselbst verfaßten Ccmonen, welche oft falsch verstanden wurden, gefällt worden ist. Die Strenge der Disciplinar- vorschriften veranlaßte Viele, die Väter dieses Concils für Novalianer auszugeben und selbst der gelehrte Bcllarmin wirft dem Concil Irrthümer vor; dagegen erhoben sich Vertheidiger des Concils wie Mendoza, Anbespinc (Albaspina) , de Aguire und VaroninS, welche die Schmach des NovalianiömuS zurückweisen und darthun, wie daS Concil den Abtrünnigen, Traditvren und großen Sündern nur das Abendmahl, durchaus nicht die Buße und Aussöhnung auf dem Todbette verweigere, zu welcher Strenge sich die Väter durch die damaligen Verhältnisse veranlaß? sahen, dieses liegt auch in den verschiedenen Graden der Ercommnnication selbst. Cs ist dieses das erste spanische Concil, welches wir kennen und bestand aus 19 Bischöfen, unter denen der berühmte ^osins von C^rdova, die Bischöfe von Sevilla, Eivira, Merida, Saragossa, Toledo u. s. w>; bei den Bischöfen saßen 26 Priester und daneben standen die Diaconen und das anwesende Volk. Tic 8t dem Concil zugeschriebenen Äußcanones sind ein ehrwürdiges Zeugniß der strengen Disciplin des christlichen Alterthums. t. Wer nach Empfang der heiligen Taufe noch heidnische Tempel besucht und da opfert, sey, wenn e>r bei reifem Verstände ist, selbst auf dem Todbette ercommunicirt. **) 2. Heidnische Priester, welche sich tanfen ließen, darnach aber wieder dem Götzendienst sich zuwenden und die Opfer besorgen, verfallen derselben Strafe. 3. Wenn dieselben nicht geopfert, svndern nur Feierlichkeiten veranstaltet haben, so sey ihnen die Communion in der Todesgefahr gestattet, wenn sie cauvnische Buße gethan und darnach sich nicht fleischlich versündigt haben. 4. Dieselben können nach dreijährigem Mtechnmenat zur heiligen Taufe gelassen werden, wenn sie sich während dieser Zeit von den Opfern enthielten. Bis hichcr sind die Nachrichten über die Concilien höchst mangelhaft uns unvollständig, es rostet oft Mühe, nur den Ort und die Zeit herauözufinvcn, wo und wann einzelne Sunoven gehalten wurden. Das Wort communio wurde in vielfacher Bedeutung genommen. 1. Antheil am Gebete der Gläubigen. L. Die Gemeinschaft der einzelnen christlichen Kirchcn. 3. Aussöhnung mit Gott und der Kirche durch die sacramentale LoSsprcchung. 4. Der Empfang der Eucharistie. 414 5. Wenn eine Frau ihre Magd so schlägt, daß sie innerhalb drei Tagen stirbt, so scll sie sieben Jahre Buße thun, wenn sie absichtlich an deren Tode schuld ist, wo nicht, fünf Jahre; stirbt die Magd nach drei Tagen, so ist jene frei; wenn aber die Frau während der Bußzeit erkrankt, so kann ihr die Communion gestattet werden. 6. Wer einen andern durch Zauberei löstet, der soll selbst auf dem Todbette ercommunicirt seyn. 7. Wer Unzucht wegen mit einer Kirchenbuße belegt wurde, und doch in diese Sünde zurückfällt, unterliegt derselben Strafe. 8. Eben so Frauen, welche ihre Männer verlassen und andere heirathen. 9. Wenn eine Frau ihren ehebrecherischen Mann verläßt und einen andern hei- rathet, so soll ihr erst nach dem Tode deS ersten ManneS die Communion gestattet werden, wenn nicht Todesgefahr eintritt. 10. Wenn eine Frau während deö Katechumenatö ihren Mann verläßt und einen andern heirathet und eben so, wenn ein Mann seine Frau verläßt, so können sie getaust werden; wenn aber eine christliche Frau einen Mann heirathet, der ohne Grund sein Weib verließ, so soll sie selbst auf dem Todbette ercommunicirt seyn. 11. Wenn eine Katechumcne einen Mann heirathet, der ohne Grund seine Frau verlassen hat, so soll ihre Taufe fünf Jahre hinausgeschoben werden, wenn sie während dieser Zeit nicht lebensgefährlich erkrankt. 12. Jeder Gläubige un> jede Mutter, welche ihre Tochter der Unzucht feil bietet, soll selbst auf dem Todbctte ercommunicirt seyn. 13. Gottgeweihie Jungfrauen, welche ihr Gelübde brechen, verfallen derselben Strafe. Wenn sie aber nur einmal aus Schwachheit oder durch Verführung gefallen sind, und bis ans Lebensende Buße gethan haben, so kann ihnen die Communion gereicht werden. 14. Mädchen, welche ihre Jungfräulichkeit verloren haben, sollen ein Jahr ercommunicirt seyn, wenn sie den zum Manne nehmen, mit dem sie gesündiget haben, Heimchen sie einen andern, so haben sie fünf Jahre Buße zu thun. 15. Ein Christ soll seine To'chter nie einem Heiden zur Frau gebe». 16. Eben so keincm Juden und Häretiker, welcher den christlichen Glauben nicht annehmen will; Ellern, welche dagegen handeln, sind ans fünf Jahre ercommunicirt. 17. Wer seine Tochter einem Gökcnpriester zur Frau gibt, der soll auch aus dem Todbctte ercommunicirt seyn. 13. Bischöfe, Priester und Diacone sotten nicht auf den Märkten herumziehen, um Geschäfte zu machen, sie können zu ihrem Bedarfe ihre Söhne, Freigelassene oder Jemand andern dahinschicken; jedenfalls sollen sie in ihrer Diöcese bleiben. 19. Ein Bischos, Priester oder Diacon, welcher sich fleischlich versündiget hat, soll der Communion selbst im Tode beraubt seyn. 2t). Ein Geistlicher, welcher Zinsen nimmt, soll abgesetzt und ercommunicirt seyn; ein Laie aber, der solchen Wucher treibt, soll auSgcstoßen werden, wenn er nicht Besserung verspricht. 2 k. Wer drei Sonntage nach einander in der Henmath ist, und den Gottesdienst versäumt, soll dafür eben so lange nicht zur Communion gelassen werden. 2Z. Wenn ein Ueberläufcr zur katholischen Kirche zurückkehrt, soll er zehn Jahre Buße lhim, wenn al'er ein Kind zur Häresie verführt wurde, so kann eS ungesäumt wieder aufgenommen werden. 23. Das außerordentliche Fasten soll alle Monaie mit Ausnahme des Juli und August, beobachtet werden. « 24. Wer außer seiner Diöcese getaust wurde, soll nicht zu den heiligen Weihen zugelassen werden, weil sein Lebenswandel nicht so bekannt ist. (Fortsetzung folgt.) 413 Kirchliche Notizen. Militärische Honneurs vor den „barmherzigen Schwestern." Friedrich Fürst von Schwarzenberg, der berühmte ritterliche „Lanzknecht", welcher im Jahre 1821 als k. k. Oberlieutenant gegen Neapel seine militärische Laufbahn begann, 1830 als Volontär den Feldzug gegen Algier mitmachte und das Kreuz der Ehrenlegion erhielt, 1838 als Vertheidiger der Legitimität im Heere des Don Carlos in Spanien kämpfte, 1847 für die Rechte der Urkantone in der Schweiz gegen den Radikalismus auf dem Kampsplatze erschien, 1848 kaiserl. Oberst als einfacher Landschutze in Tirol, 1849 als Volontär im Regimente seines Bruders gegen die Rebellen seines Kaisers in Italien und Ungarn kämpfte, sich den Orden der eisernen Krone, das Militär-Verdienstkreuz und daS Patent als General erwarb — ist eben so ausgezeichnet als Gelehrter und als Christ, wie als Soldat. Seine kirchliche Gesinnung gibt sich am bestimmtesten kund in der hohen Achtung, mit der er für die religiösen Institute erfüllt ist. Besonders aber scheinen die „barmherzigen Schwestern" es zu seyn, die sein Augenmerk auf sich ziehen. Wir erlaube» uns auS eiucm soldatisch- humoreSlen Aufsatze: „Eine Mvrgenvromcnade in Wien," welche er in der „Libussa 1854" niedergelegt hat, Nachstehendes mitzutheilen: „Nachdenkend über Kraft, Tapferkeit und HerzenSgüte, wandelte ich weiter. — Da rauschten im saltigen grauen Gewände zwei Frau engestalten an mir vorüber; — ein weißeS Kopftuch umhüllte daS Haupt, am Gürtel hing der Nescnlranz mit dem Kreuze deS Erlösers; sie kommen von einem Sterbebette, wo sie g> tröstet, und gehen zu einem Krankenlager, wo sie pflegen; sie trotzen dem stillen lautlosen Feinde, nicht um zu tödten, um zu helfen. Nicht das kochende Blut — nicht stürmischer Ehrgeiz, — nicht der augenblickliche Rausch der Begeisterung verhüllt hier die Gefahr, mindert die Anstrengung — nicht im Fener erglühend, — nicht umrauscht vom Trompetengeschmetter der Schlacht erscheint hier der eisengepanzerte TodeSengel — nein! er lauert dießmal blaß, hohläugig, giflathmend himer dem Siechbette, nicht siegjnbelnd oder im Donner der Geschütze die Todtenklage verkündend ist der Abschied von der Welt; nein! nur das Sterbcglöcklein mahnt, leise uud unwillkommen, vom Kirchthurme die heilere, lebenslustige, beschäftigte Menge, daß in diesem Augenblicke ein Bruder oder eine Schwester von hinnen scheidet! Ja, dachte ich, nnter diesen grauen Falten schlägt noch ein festeres, edleres Herz, als unter dem Waffenrvcke deS Kriegers, der Schiffjacke des Seemannes und dem Pelzwamse des BärenjägerS! Muth und Krast zum Zerstören, zum Vertheidigen ist ein Attribut jeder ächten Männlichkeit, ihr gebührt die Eichenkrone und ihn krönt der Lorbeer. — Ist sie dazu verwendet zu schützen und zu retten, so bezeichnet sie den Helden; aber die Palme reicht die Gottheit selbst jener Selbstaufopferung, die da für den leidenden Bruder duldet und trägt, und zugleich mildert und tröstet; sie producirt den Menschen zum Viceeugel, und meistens sind die zwar seltenen Candicaten dazu ans diesem Weltball weiblichen Geschlechtes, so wie die schlechten Individuen desselben auch gleich wahre TeuselS- kadetten werden, ohne erst intermediäre Chargen zu durchlaufen. Wenn im Himmel ein Grenadier auf dem Posten steht, so bin ich überzeugt, daß er vor den einpassiren- den barmherzigen Schwestern daS Gewehr präsentirt! Ich aber rnfe sicherlich: „Gewehr aus!" — sollte mich auch der heilige Petrus, der himmlische Wachtmeister, zum Pro- fosen schicken!!" (B. V. Bl.) » » «- Wien. DaS von den Professoren der Akademie der bildenden Künste zu Wien verfertigte prachtvolle Gebetbuch ist am 8. Dec. Abends Ihrer Majestät der Kaiserin Elisabeth in einer den Repräsentanten der Akademie bewilligten Audienz überreicht worden. Dieses Kunstwerk vereinigt auf 84 Pergamentblättern in Quartformat und in seinen reichen, auö Edelsteinen, Perlen, vergoldetem Silber, Elfenbein und Email geschmackvoll arrangirten Deckeln, nach Zeichnungen deS Professors van der Nüll, von den Professoren Radnitzky und Bauer modellirt und vom Juwelier und Goldarbeiter 4^6 Rothe ausgeführt, Alles, was die Kunst zur Ausstattung eines derartigen Werkes bieren kann. Das Buch selbst ist mit sieben blatt^roßen Miniaturen von den Professoren Blaas, Fuhrich, Geiger, Kuppelwieser, Meyer, Nuben, Schnitz, einem in Farben ausgeführten Schristtitel von Professor Roßner, dann einem reichen und sinnig comvonirten DedicationSblatt von Professor van der Null und C Meyer geschmückt. Die reich in Gold und Farbenpracht vrnamentirtcn unzähligen großen und kleinen Initialen, so wie die Schiußftücke der Zeilen und der Kapitel sind von dem Architekten Anton Groner, Schüler des Professors van der Null und dem Zeichner Joseph Stork ausgeführt. Neueste Veränderungen im Perfonalstand der Diöcese Augsburg. Anstellungen und Versetzungen nicht bepfründeter Geistlichen, Die Herren: Leopold Keßler, Vicar des Curatbeneficiums in Oberrrittelsbach, als Früh- meßbeneficiums-Vicar in Buchloe. -— Karl S chw ägerl, Pfarrvicar in Alsmoos, als solcher in Laugn«. — Joh, Laute nbacher, Pfarrvicar in Fischen, alsCuratievicar in Unterjoch. — Georg Meitinger, Bcneficiumsvicar in Lanacrringcn, als Vicar des Curat- und Schulbenef. in Altenberg. — Canut Gut, in Horgau, als Pfarrvicar in Altenstadt. — Konr, Schreiner, Pfarrvicar in Deiuingen, alsVenef,-V. in Vuggcnhofe». — Jos Reitmayr, HilfSpriester in Uffing, als Caplan in Huglfing. — Joh. Hofmiller, Hilfspriester in Mertingen, als Caplan in Buchenberg. — Michael Penzinger, Pfarrvicar inHeimenkirch, als solcher in Böhen,— Math. Steppich, Caplan in Huglfing, als solcher In Horgau. -— Dominicus Stotz, Pfarrvicar in Ncttcnberg vor der Burg, als solcher in Rieden, Capl. Füssen. — Andr, Sieb er, Hilfspricster in Geiolsbach, Erzbisthum München, als Caplan in Ncichertshofen, Capl. Neuburg. — Jos. Hofmann, Hofmeister bei Hrn Grafen v, Maldeghem in Augsburg, als Vicar deS Frühmeß- und Schulbencficiums in Pfaffenhofen a, d. Jlm, — Anton Weg mann, Ncomhst in Augsburg, als Stadtcaplan in Schongau. — Albert Riedel, Stadtcaplari in Cchongau, als 3. Stadtcaplan bei St, Ulrich in Augsburg. — Sebastian Kneipp, Caplan in BooS, als 3. Stadtcaplan bei St. Georg in Augsburg. — Ant. Burghart, Neomyst in Meßhofen, alö Caplan in Boos. — Ben, Ostner, j. Stadtcaplan bei St. Ulrich inAugSburg, als Neligions-Aushilsslehrer an der polytechnischen, so wie an der Kreis-Landwirthschafls- und Gcwerbschule. — Joscph Gottschalk, Caplan in Aislingcn, alS Hilfopriester in U. H, Ruhe bei Fricdberg. — Georg Abbt, Vicar des 2. Lumpcrt'fche» Manual-Caplaneibcncficiums zu hl. Kreuz in Augsburg als Caplan in Aislingcn. — Wunibald Britzelmayr, Schloßcaplan in Blumcnthal, als Vicar des Stadtprädik.-BeneficiumS in Friedberg. — Mar Nikl, Pfarrvicar in Walchensee, als solcher in Zalling.— Fr Xav. Kopp, Curatbenef.-Vicar inBurgau, als solcher in Konzenberg, — Jos. Ant. Rist, Pfarrvicar in Obcrstorf, als Curatbenef.-Vicar in Burgau. — Joseph Sing, Hilfspriester in Habach, als Pfarrvicar daselbst. Kanonische Institution erhielten: Die Herren: Bernh. Neisach, Frühmcßbenef. in Buchloe, auf das Curatbenef. in Oberwittelsbach. — Jos. Puchner, Pfarrer in Laugn«, auf das Bencficium in Diedorf. — Mar Alois Hc im, Curat in Unterjoch, auf die Pfarrei Fischen. — Ambros Degen hart, Caplan in Buchenberg, auf das Veneficium in Langenerringen. — Jakob Eigelspcrger, Bencficiat in Buggenhofen, auf die Pfarrei Deiningen. — Eust, Mayer,, Pfarrer in Böhen, auf die Pfarrei Heimenllrch. — Jos. Jgn. Ernst, Pfarrer in Rieden, auf die Pfarrei Netten- berg v, d. Burg, — Frz. Xav. Fichtl, Frühmcß- und Schulbeneficiat in Pfaffenhofen an der Jller, auf die Pfarrei Alsmoos. — Jos, Ant. Wildnauer, Pfarrer in Zalling, auf die Pfarrei Walchensee. — Frz. Borg, Haller, Curatievicar in Konzenberg, auf die Pfarrei Obcrstorf. Gestorben: Herr Kaspar Grundler, Pfarrer in Habach. Verantwortlicher Redacteur: L. Schöucheu. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger pojheitung. 31. December M SS. 1854. DicseS Blatt erscheint rsqelmäßiz aA« Gonstag«. Der halbjährige Abuouemcnlsvrei« fr., wofür e« durch alle köuigl. bayer. Poüämter nud alle Buchhaudlunfl-n bezog?« werde» k^n». Die katholische Kirche in China. (Schluß.) AlleS Bisherige steht in einem natürlichen Zusammenhange mit dem Vereine der heiligen Kindheit. Zu einem so außerordentlichen Werke, wie daS erwähnte ist, bedarf eS auch außerordentlicher Mittel, diese soll nun eben größtentheilS der Verein der heiligen Kindheit liefern. Seine Aufgabe ist eine dreifache. Kr soll 1. möglichst vielen sterbenden Heidenkindern, sie mögen nun ausgesetzt seyn oder nicht (wir kommen darauf noch ausführlicher zurück), den Himmel öffnen, damit sie dort am Throne Goltcs sürbitten. — Ihre Zahl belauft sich bereits über eine Million. - Er soll 2. so viel eS in seinen Kräften steht, die Mittel verschaffen helfen, um arme, verwaiste, verstoßene oder verwahrloste Kinder aufnehmen, erziehen und zu braven Gliedern der Kirche, wie der Gesellschaft heranbilden zu können. Wir sagen, er soll helfen, denn im Allgemeinen thun die Christen in China ihrerseits hiesur, was sie nur immer können, ja sie bringen nicht selten die größten Opfer, aber ihre Kräfte reichen bei weitem noch nicht auS. 3. Soll der Verein der heiligen Kindheit theilweise auch zur Errichtung von Volksschulen behilflich seyn, denn ohne solche wird es immer schwer, oft fast unmöglich seyn, eine hinreichende Anzahl gehörig befähigter Candivaten des Priesterthums nnd deS so wichtigen KatechistendiensteS zn findm, Ueberdieß bedarf es keiner weitern AuS» einandersetzung, wie wichtig die Volksschulen auch zur Hebung deS gemeinen Volkes an sich schon sind, welchen Einfluß sie auf die noch heidnischen Stammgenosscn machen müssen u. s. w. Zum Schlüsse noch einige Bemerkungen über den 1. Punct. ^ Es scheint die Ansicht starr verbreitet zn seyn, als seyen alle die Heivenkinder, die in China jährlich getauft werden, ausgesetzte Kinder. Das ist nicht der Fall. ES sind durchgehends solche, die dem Tode nahe sind, aber weit die größte Zahl sehen nur einem natürlichen Tode entgegen. Nur in den Küstengegenden — von Peking angefangen bis herab nach Canton — und in den großen fruchtbaren Ebenen am Hoanghv und Jantsekiang mit ihrer übermäßigen sittenlosen Bevölkerung — vorzüglich in den ungeheuren Städten, herrscht die abscheuliche Sitte, alle schwächlichen oder überflüssig scheinenden Kinder auszusetzen, oder gleich selbst zu tövten. Die Zahl dieser unglücklichen Schlachropser mag nun freilich alljährlich eine Entsetzen erregende Höhe erreichen; aber wer wäre im Stande, sie alle zu taufen oder auch nur zu zählen? denn das Laster sucht in der Regel doch auch hier das Dunkel. — Ein nicht unbeträchtliches Conlingent zur Zahl der Täuflinge biiven jene Kinder, die in sogenannten kaiserlichen Waisenhäusern zwar langsamer, aber fast eben so sicher dem Tode entgegengeführt werden. 418 Die Mehrzahl aber jener 200,00(1 Heidenkinder, denen jährlich vor ihrem Tode noch das Glück der heiligen Taufe zu Theil wird, sterben eines ganz natürlichen TodeS. In Sutschuen allein, dem rauhen Berglande, von dem das Sprichwort sagt: „Alter Mann, geh' nicht nach Sutschuen!" und das darauf antwortet: „Und du Jüngling, geh' nicht nach Canton!" (in das sittenlose Nest), in dieser Provinz allein wurden schon vor 10 Jahren jährlich über 20,000 Heivenkinver in Todesgefahr getaust; mit Hilfe des Vereins der heiligen Kindheit aber hat sich diese Zahl fast versechsfacht (1852 belies sie sich auf 115,423). Darunter sind nach einem Bericht des hochwürdigsten Bischofs von Sinite, E. Jos. Defleches (vom 1. Nov. 1852) nur wenige ausgesetzte, da die Mehrzahl jener unglücklichen Kleinen, die man einmal nicht behalten will, gleich nach der Geburt heimlich getödtet wird. Man wird sich weder über diese große Anzahl von Taufen noch über den anscheinenden Widerspruch wundern, wenn man bedenkt, daß Sutschuen 300 Stunden lang und 320 Stunden breit ist, 12 Städte eisten, 19 zweiten, 121 dritten Ranges, nebst unzähligen Flecken und Dörfern hat mit einer ungeheuren Volksmenge (worunter etwa b0,000 Christen). Da in diesem Vicariate die Umstände und Verhältnisse für das Taufwerk ganz besonders günstig sind, so hat sich schon 1838 eigens zn diesem Zwecke ein Verein gebildet, „englische Gesellschaft" (soeietss i>nM>i csu. SS. 419 3t. Junge Leute, welche nach der Taufe ein unreines Leben geführt, sollen nach vollbrachter Buße, wenn sie sich verheirathen, zur Communion gelassen werden. 32. Wer ein schweres Verbrechen begangen hat, soll seine Buße vom Bischöfe erhalten, wenn er aber erkrankt, kann derselbe durch einen Priester oder Diacon auf Befehl des Bischofs die Communion empfangen. 33. Bischöse, Priester, Diaconen und andere Kleriker, welche wirklich im Amte sind (positis in ministerio), sollen von ihren Weibern sich enthalten, außerdem werden sie abgesetzt, 34. In den Cömeterien sollen unter TagS keine Kerzen angezündet werden, damit die Gläubigen daselbst ungestört sind. 35. Bei Nacht sollen, um Unordnung zu vermeiden, keine Frauen sich in den Kirchen aufhalten. 36. Der Gegenstand unserer Anbetung soll nicht an die Kirchenwände gemalt seyn. 37. Wenn Katechumenen von bösen Geistern besessen sind, so soll ihnen in der Todesgefahr die heilige Taufe gespendet werden, sind solche Encrgumenen schon getauft, so soll die Communion ihnen nicht entzogen werden, nur dürfen sie keine Lampen in der Kirche anzünden. 38. Ein Gläubiger, der weder Büßer ist noch in der zweiten Ehe lebt, kann in der Noth einen Katechumenen taufen, nur hat dieser dann, wenn er gerettet ist, sich dem Bischöfe zu melden und zur Firmung zu stellen. 39. Ungläubige können, wenn sie von einer Krankheit befallen sind, sogleich durch Händeauflegung Katechumenen werden, wenn sie dieses wünschen und einen ehrbaren Lebenswandel geführt haben, 40. Die Ländereibesitzer sollen bei Straft von fünfjähriger Ercommunication ihren Pächtern nicht gestatten, etwas für Göyenopfer zu verrechnen. 41. Die Gläubigen sollen keine Götzenbilder in ihren Häusern dulveu, sollten sie sich aber fürchten, ihren Knechten dieselben z» nehmen, so sollen sie sich wenigstens vom Götzendienste ferne halten. 42. Wer den christlichen Glauben annehmen will, der kann, wenn er sich gut verhalten hat, nach zwei Jahren zur heiligen Taufe gelassen werden; es müßte denn Krankheit oder heftiges Bitten von ihm Veranlassung gebeu diese Zeit abzukürzen. 43. Das Pfiugstsest soll nicht am vierzigsten, sondern der heiligen Schuft znfolge am fünfzigsten Tage nach Ostern gefeiert werden. 44. Wenn eine Frau, welche vorher eine öffentliche Hure war, heirathet und dann zum Christenthum übergehen will, soll sie ohne Zögern aufgenommen werden. 45. Wer einmal, auch vor langer Zeit, Katechumene war, aber vom Christen- thume sich wieder abwandte, der kann die heilige Tanse erhallen, wenn er nur selbst oder durch Zeugen beweisen kann, daß er Katechumene war. 46. Wenn ein Christ lange Zeit die Kirche nicht besuchte, ohne aber den Götzen geopfert zu haben, der kann, wenn er wieder kommt, nach zehn Jahren zur Communion gelassen werden. 47. Wenn ein christlicher Ehemann mehrere Ehebrüche begangen hat, so kann ihm auf dem Todbette die Communion gereicht werden, wenn er Bnße und Besserung verspricht; fällt er nach der Genesung wieder in die alte Sünde, so soll er für immer ercommunicirt seyn. 48. Die getaust werden sollen nicht mehr Geld in das Tanfwasser legen, damit aller Schein von Simonie fern bleibe, auch sollen ihnen der Bischof und die Geistlichen nicht die Füße waschen. 49. Die Besitzer von Ländereien sollen den Segen der Priester nicht verachten, indem sie ihre Feldfrüchte von den Jnden segnen lassen. 50. Eben so sey eS unter dem Anathcm allen Gläubigen verboten, jüdischen Gastmählern beizuwohnen. 51. Gläubige, welche früher der Häresie angehörten, dürfen nicht in den Klerikal- ftand aufgenommen werden. 420 52. Wer schändliche Bücher in die Kirche bringt, sey mit dem Anathem belegt. 53. Einen Ercommnnicirten kann nur derjenige Bischof wieder ausnehmen, welcher ihn ercommunicirt hat, ein anderer Bischof würde sich der Gefahr der Absetzung aussetzen. 54. Wenn die Eltern ein Ehegelölmiß aufheben, ohne daß die Braut oder der Bräutigam ein schweres Verl-rechen begangen haben, so sollen sie drei Jahre ercommunicirt seyn. 55. Götzenpriester, welche nur die Corona getragen und weder den Opferdienst verrichtet, noch befördert haben, sollen nach zwei Jahren in die Kirche aufgenommen werden. 56 Die Duumvirn sollen das Jahr hindurch, wo sie ihr Amt begleiten, die Kirche nicht betreten. 57. Frauen, welche sich nach heidnischer Weise putzen, sollen drei Jahre ercommunicirt seyn. 58. Wer Empfehlungsschreiben (üttorav communieatorige) *) besonders von einem sehr alten Bischofssitze bringt, soll befragt werden, ob sich wirklich Alles so verhalte. 59. Wer auf das heidnische Capitol geht, um daselbst zu opfern oder den Opfern zuzusehen, der sey, wenn er ein Christ ist, auf zehn Jahre ercommunicirt. 60. Wer bei Vernichtung von Götzenbildern gelobtet wurde, der soll unter die Zahl der Märtyrer aufgenommen werden. 61. Wer die Schwester seiner verstorbenen Frau heirathet, sey fiinf Jahie ercommunicirt; wenn keine Krankheit einln'tt. 62. Wenn ein Wagenlenker od-r Schauspieler zum christlichen Glauben sich bekehren will, so hat er zuvor seine Kunst zu verlassen, ehe er aufgenommen wird, und darf nie mehr zu ibr zurückkehren. 63. Wenn ein Weib ans dem Ehbruchc, ein Kind empfängt und dasselbe tödtet, so s-y sie selbst auf dem Todbelte ercommunicirt. 64. Eben so eine Frau, die bis ans Lebensende im Ehebruche gelebt hat, wenn sie aber zuvor ihren Fehler ablegt, so hat sie zehn Jahre Buße zu thun. 65. Eben so ein Kleriker, welcher weiß, daß seine Frau die Ehe gebrochen hat, und sich nicht von ihr trennt. ' , 66. Wer in blutschänderischer Ehe lebt, sey für immer, auch im Tode noch ercommunicirt. 67. Eine christliche Frau. welche sich einen Schauspieler hält, sey ercommunicirt. 68. Wenn eine Katechumene ihr ans dem Ehbrnche erzeugtes Kind tödtet, soll sie auch auf dem Todbctie die Taufe nicht empfangen. 69. Wenn ein Mann oder eine Frau nnr einmal einen Ehbruch begangen hat, so unterliege sie fünfjähriger Buße, wenn nicht Lebensgefahr eintritt. 70. Wenn eine Flau mit Wissen ihres ManneS die Ehe gebrochen hat, so sey er auch im Tode ercommunicirt, hat er sich aber dann rwn ihr getrennt, so sey er nnr zehn Jahre ercommunicirt. 7t. Knabcnschänder sollen für immer, auch in Lebensgefahr ercommunicirt seyn. 72. Wenn eine Willwe einen Mann heirathet, mit dem sie vorder gesündigt hat, so sey sie auf sünf Jahre ercommunicirt; heirathet sie aber wiederum einen andern, so sey sie sür immer ercommunicirt, dieser aber, welchen sie heirathet, sey zehn Jahre ercommunicirt. 73. Wenn ein Gläubiger Jemanden angibt, und dieser sofort verbannt oder getödtet wird, so sey er-sür immer ercommunicirt; ist aber die Sache nicht so bedeutend, so sey er fünf Jahre ercommunicirt; Katechmnenen sollen deßhalb fünf Jahre von der Taufe ausgeschlossen bleiben. *) Auch litlerne commenclstitiss waren Beglaubigungsschreiben, daß Einer sich wirklich in der kirchlichen Gemeinschaft befinde; sie wurden den Reisenden in andere Diöcesen mitgegeben, um sich dort ausweisen zu kynnen. 421 74. Ein falscher Zeuge soll zwei Jahre Buße thun, wenn die Umstände erleichternd sind, außerdem sey er fünf Jahre ercommunicirt, 75. Wer einen Bischof, Priester oder Diacon falsch anklagt, sey für immer, selbst in der Todesgefahr, ercommunicirt. 76. Wenn ein Diacon sich ordiniren ließ, wo er ein schweres Verbrechen auf sich hatte, und dieses dann selbst bekennt, so hat er drei Jahre Buße zu thun, .wird er aber von Ändern angeklagt, so hat er fünf Jahre Buße zu thun und darf nur mehr an der Laiencommunion Theil nehmen. 77. Wenn ein Diacon, der in der Scelsorge ist, Katechumenen ohne den Bischof oder einen Priester tcmsr, so soll diese der Bischof confirmiren; wenn aber einer von ihnen vorher stirbt, so kann er nach seinem Glauben gerechtfertigt seyn. 78. Ein Ehemann, der mit einer Jüdin oder Heidin einen Ehebruch begeht, und sich selbst angibt, sey drei Jahre in der Kirchenbuße, wenn er von einem andern überführt wird, so dauert die Kirchenbuße für ihn fünf Jahre. 79. Ein Gläubiger, der um Gel? Würfel spielt, sey ercommunicirt, wenn er sich aber bessert, werde die Straft nach einem Jahre aufgehoben. 80. Leibeigene, deren Herren Ungläubige sind, sollen nicht in den geistlichen Stand aufgenommen werden. 81. Die Frauen von Gläubigen (Klerikern) sollen in ihrem Namen den Laien keine Empfehlungsschreiben geben und von ihnen keine annehmen. Concil zu Alcrandrien i. I. 306. Wie der heilige AlhanasiuS berichtet, wurde auf dieser Synode der Bischof MeletiuS von LykvpoliS in Egypien, vom heiligen Petruö, Bischof von Alcrandrien, welcher später den Martyrtod starb, verschiedener Verbrechen beschuldigt, besonders daß er den Götzen geopfert habe, und deßhalb seiner Würde entsetz?. Um sich zu rächen, verursachte MeletiuS eine Spaltung, welche noch fünfzig Jahre nachher dauerte. Concil zu Rom i. I. 313. Nach dem Tode des Bischofs Mensurius hofften zwei angesehene aber ehrgeizige Priester, BolruS und Cclestius, auf den erledigten Stuhl zu gelaugen, sie fanden sich aber durch die Wahl getäuscht und der Archidiacon deS MensuriuS Cäcilian wurde auf der Synode zu Carthago 311 gewählt und von Wir von Aptunga consecrirt. Nun verbanden sich alle Gegner deS Neuerwählten zu dessen Sturz, sie baten den Primas und die Bischöfe NmnidienS nach Carthago zu kommen und über Cäcilian zu richten; daselbst wurde er beschuldigt, währ^i^ der Verfolgung die gefangenen Christen hark behandelt, heilige Bücher ausgeliefert zu haben und seiue Ordincttion sey ungiltig, weil auch Felir von Aptunga ein Traditor wäre; Lucilla, eine reiche Matrone, welche sich auch von Cäcilian beleiht glaubte, hatte es mit Geld durchgesetzt, daß Cäcilian abgesetzt und an seiner Statt ihr Hausfreund, der Lector Majorinus zum Bischof gewählt wurde; und so war denn die Spa tung in der afrikanischen Kirche vollendet, welche nach DonatuS von Casämgrä, dem Nachfolger Majorm's, benannt wurde. Außerhalb Afrika's galt Cäcilian allgemein als rechtmäßiger Bischof. Die Schismatiker übersandten dem Kaiser Constantin d. G. zwei Schreiben, worin sie ihm die Klagepuncte gegen Cäcilicin vorlegten und ihn baten, Richter anö Gallien ernennen, welche entscheiden sollten. Der Kaiser ernannte drei gallische Bischöse, MaternuS von Cöln, ReticiuS von Antun und MarinuS von ArleS und befahl ihnen, mit dem Papste MelchiadiS und fünfzehn andern i'alienischen Bischöfen zu Rom eine Synode zu halten, auf der auch Cäcilian und seine -Ankläger zu erscheinen hätten. Der Papst eröffnete das Concil an der Spitze von neunzehn Bischöfen am 2, Octobcr, und eS stellte sich heraus, daß Cäcilian vollkommen unschuldig und nur von seinen Feinden zu Carthago in seiner Abwesenheit verurtheilt worden war, alle Schuld des Schismas wurde dem Donatus zur Last gelegt, der schon, als DonatuS noch Archidiacon war, zu Carthago wieder getaust, und in der VcrfolgungSzeit gefallenen Bischöfen die Hände wieder auflegte, und die Zeugen dieser Handlungen bei Seile geschasst habe. 422 Doncitus konnte nichts entgegnen und mußte Alles zugestehen, er wurde daher verurtheilt; den übrigen donatistischen Bischöfen aber der Friedensvorschlag gemacht, wenn sie zur Einheit der Kirche zurückkehren wollten, so sollten sie in ihrer Würde verbleiben, so daß in jeder Stadt, wo bisher zwei Bischöfe, der eine von Cäcilien,, der andere von Majorin ordinirt wären, der erstgeweihte den Sitz behaupten, der andere aber mit einem cmdern BiSthume verschen werden sollte. Die Acten des Concils würben von den Bischöfen an Constantin geschickt, und zwei Deputirte der Synode sollten den Spruch derselben in Afrika verkünden; der heilige Augustin bewundert die außerordentliche Milde und Schonung des Papstes gegen die Schismatiker und nennt ihn deßhalb ein Kind deS Friedens, den wahren Vater der ganzen Christenheit. Concil von Arles i, I. 314 Die Donatisten gingen auf die Anträge deS Concils von Rom nicht ein, und beklagten sich wiederum beim Kaiser, man habe sie in Rom nicht vollständig gehört; dieser sah sich deßhalb veranlaßt, den ganzen Strn't nochmals untersnchen z» lassen, besonders die Anschuldigung gegen Felir von Aptunga. und lud dazu die streitenden Parteien, und die Bischöfe sciueS Reiches, so wie den Papst zu einer großen Synode nach ArleS ein. Der heilige Sylvester schickie zwei Priester und zwei Legaten, und es fanden sich dabei eine große Anzahl von Bischöfen auS verschiedenen Gegenden des Abendlandes, aus Gallien, Afrika, Sicilien, Sardinien, Spanien und England ein. Felir von Aptunga und Ccicilian wurden auch hier für unschuldig erklärt und die Ankläger derselben theils verurtheilt, theils mit ihren Klagen abgewiesen, indeß stellte ihnen die Synode wiederum die früheren Anerbietungcn, wenn sie zur Einheit der Kirche zurückkehren wollten. Dieses Concil ist in dem donatistischen Streite das berühmteste, indeß kommen auf demselben auch andere Gebrechen der Zeit zur Sprache, und die Väter verfaßten demzufolge auch 22 Discipliuarbeschlüsse. Die Donatisten appellirten aufs Neue au den Kaiser nnd dieser ließ endlich den Cäcilie«» und seine Gegner zu Mailand 316 vor sich kommen und prüfte persönlich die Anklage und Vertheidigung, indeß auch hier wurde Cäcilian für unschuldig erklärt. Die Conciliar- beschlüsse v^n ArleS haben verschiedene Deutung und Erklärungen erlitten und lauten: t. Daö Osterfest soll ans rem ganzen Erdkreise an einem und demselben Tage gefeiert und vom Papste dieser Tag schriftlich angezeigt werden. 2. Die Geistlichen haben an dem Orte zu verbleiben, für den sie ordinirt sind. 3. So vaten, welche im Frieden (im Kriege) die Waffen wegwerfen, seyen ercommunicin. 4 Gläubige, welche sich mit Wagenrennen abgeben, seyen ercommunicirt. 5. Eben so Schauspieler, welche die Bühne nicht verlassen wollen. 6. Wer auf dem Krankenbette den christlichen Glauben annehmen will, dem soll man die Aufnahme nicht versagen. 7. Gläubige, welche zu einer Ehrenstelle befördert werden, sollen sich von ihrem Diöcesanbischofe ein Schreiben geben lassen, damir sie sich als Christen ausweisen können an dem neuen Orte und der Bischof daselbst die Seelsorge für sie übernehme. 8. Der afrikanischen Kirche gegenüber wird bestimmt, daß ein Ketzer, der in den Schooß der katholischen Kirche zurückkehre, um das Glaubensbekenntniß gefragt werde, und ist er auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes getauft, so soll er bloß durch Häudeausleguug den heiligen Geist empfangen, ist er aber nicht auf die göttliche Triniiat getauft, so soll er erst getauft werden. 9. Wer Empfehlungsschreiben von Bekennern (Lonleszorum litterse) vorlegt, der soll dagegen vom Bischöfe ein Aufnahmsschreiben (dvmmunicatorias litteriiö) erhalten, (can. 25 v. Elvira 303.) Wenn christliche Männer ihre Frauen im Ehebruche finden, so sollen sie bei Lebzeiten derselben keine andere heirathen. 5 11. Christliche Jungfrauen, welche einen Ungläubigen heirathen, seyen aus einige Zeit ercommunicirt. 423 12. Klcn'lti, welche Wucher treiben, verfallen der Ercommuni'cation. 13. Wer die heiligen Bücher und Gefäße, oder die Namen seiner Mitbrüder überliefert hat, wie die gerichtlichen Acten nacdweisen, soll vom geistlichen Stande ausgeschlossen werden; die Weihe, weiche ein solcher Traditor ertheilt hat, kann deß« . halb nicht beanstandet werden; läßt sich ober eine solche Anklage nicht durch die gericht- lichen Acten beweisen, so soll sie unberücksichtigt bleiben. 14. Wer fälschlicher Weise seine Milbrüver anklagt, sey ercommuniciri bis in deu Tod. 15. Die Diaconen haben durchaus nicht die Gewalt, das heilige Opfer darzubringen, wie es oft geschieht. 16. Wer eines Vergehens wegen irgendwo ercommunicirl worden ist, kann nur an demselben Orte wieder zuge,äffen werden. 17. Kein Bischof soll irgendwie in die Rechte eines andern Bischofs eingreifen. 18. Die Diaconen seyen deu Priestern in Ehrerbietung untergeordnet. 19. Wenn ein fremder Bischof in eine Stadt kommt, so soll ihm gestattet seyn, daß er daselbst das heilige Opfer darbringe. 20. Ein Bischof soll von sieben oder wenigstens diei andirn und niemals von einem Bischöfe ordinirt werden. 21. Priester und Diaconen sollen bei Strafe der Absetzung die Kirche nie verlassen, für welche sie bestimmt worden sind. 22. Den Apostaten, welche nicht Buße thu», und erst auf dem Todbette von der Kirche die Communion wünschen, soll keine Willfahrung werden, außer sie genesen und haben würdige Buße gethan. Concil von Ancyra i. I. 314 od. 315. Sobald mit dem Tode dcS Kaisers Marimin die grausame Christenverfolgung nachließ, und die Ruhe im Morgenlande hergestellt war, suchten die Bischöfe daselbst die kirchlichen Verhältnisse wieder zu ordnen, und die vielen aus Menschensurcht und zeitlichen Rücksichten Gefallenen der Kirche wieder zu gewinnen. Sie veraustalielen zu diesem Zwecke eine Synode zu Ancyra, der Hauptstadt von Galaticn; dieselbe wird für ein Generalconcil des ganzen Orients gchalten, weil nicht bloß Bischöfe aus Galalien, sondern von Cilicicn, von HellespvuS, Pontus, By-Hinien, Pamphilien, Cappadocien, Syrien, Palästina und Großarmenicn anwesend waren, und ovgleich nur achtzehn unterschrieben sind, vermuthet mau doch, daß weit mehr versammelt waren, aber aus jeder Provinz nur einige unterzeichneten. DaS Resultat ihrer Berathungen unter dem Vorsitze des Bischofs Vitalis von Antiochieu legten die versammelten Väter in 25 Canouen (wenn wir mit DivnyS d. kleinen den 4 u. 5. oder mit Jsibor Mer- calor den 22. u, 23. verbinden, so erhalten wir 25), welche meist die Aufnahme der Gefallenen betreffen, nieder und diese wurden dann zu Nicäa 325 bestätiget. 1. Priester, welche den Götzen geopfert, nachher aber diesen Schritt ernstlich bereut und standhaft der neuen Verfolgung entgegen gingen, sollen zwar in der Kirche ihren Ehrensitz beim Bischöfe wieder einnehmen, jedoch ihre kirchlichen Funciionen nicht ausüben dürfen. 2. Diaconen, welche in derselben Lage sind, sollen ebenfalls jene Auszeichnung geuießen, welche ihrem Amte gebührt, aber ihre geistlichen Verrichtungen nicht eher ausüben, bis der Bischof in Rücksicht auf ihren Bußeiser und ihr Benehmen ihnen größere Gnade angedcihcn läßt. 3. Wenn Gläubige von den Verfolgern ergriffen, ihres Vermögens beraubt und gemartert wurden, und wenn man sie mit Gewalt zum Opfern und zum Genusse deS Opferfleisches gezwungen hat, während sie sich fortwährend als Christen bekannten; so sollen sie durchaus von der Communion nicht abgehalten seyn. 4. Wer zum Götzeuovfer gezwungen wurde, darnach aber im Freubengewande an den Opfermahlen Theil genommen hat, der soll ein Jahr unier den Hörenden und drei Jahre unter den Büßenden seyn; darauf soll er zwei Jahre nur am Gebete und endlich auch an der Communion Theil haben. 424 5. Wer den heidnischen Opfermahlen in Trauerkleidern beigewohnt, und weinend daran Antheil genommen hat, soll nach dreijähriger Buße zur Communion zugelassen werden, ohne selbst opfern zu dürfen; hat ein solcher von den Opferspeisen nichts genossen, sc. soll er zwei Jahre Buße thun und im dritten zur Communion gelassen werden, aber erst nach drei Jahren vollkommen entsühnt seyn; jedoch steht eS immer dem Bischöfe frei, nach Verhältnissen Milde oder Strenge eüureten zu lassen. 6. Diejenigen, welche auS Furcht für ihr Leben und Vermögen geopfert haben, aber gegenwärtig um Wiederausnahme nachsuchen, diese sollen bis zur nächsten Ostern unter den Hörenden seyn, hierauf drei Jahre unter den Flehenden, und nach zwei Jahren der Communion theilhaftig seyn, ohne selbst opfern zu dürfen; in der Lebensgefahr indeß soll ihnen die letzte Wegzehrung nicht versagt werden. 7. Diejenigen, welche ihre eigenen Speisen zu den heidnischen Götzenmahlen herbeischafften und aßen, sollen nach zweijähriger Buße wieder aufgenommen werden, indeß soll das Weitere den Bischöfen überlassen bleiben. 8. Wer sich zwingen ließ, zwei- oder dreimal zu opfern, soll vier Jahre Buße thun, zwei Jahre die Communion empfangen ohne zu opfern und nach sieben Jahren erst vollkommene Aufnahme erhalten. 9. Wer nicht blos selbst der Apvstasie verfiel, sondern auch seine Milbrüber dazu veranlaßte, sey drei Jahre bei den Hörenden, sechs Jahre bei den Büßenden, das nächste Jahr werde ihnen die Communion gestattet, ohne opfern zu dürfen, und erst nach zehn Jahren seyen sie vollkommen gesühnt. 10. Diaconen, welche bei ihrer Weihe dem Bischöfe ihre Absicht zu heirathen erklärten, dürfen sich nach der Weihe auf die Erlaubniß deS Bischofs hin verheiralhen, heirathen sie aber als Diaconen, ohne bei der Weihe etwas davon gesagt zu haben, so sollen sie ihres Amtes entsetzt werden. 11. Ist eine Verlobte von einem Dritten entführt und selbst mißbraucht worden, so soll sie doch ihrem Nerlobien zurückgegeben werden. 12. Diejenigen, welche vor ihrer Taufe den Götzen geopfert, können vrdinirt werden, weil sie gereiniget sind durch das Bad der Tause. 13. Die Landbischöfe sollen keine Priester und Diaconen weihen, und ihnen nichts befehlen ohne Permissionsschreiben des Bischofs. 14. Wenn Priester und Diaconen sich des Fleisches oder des Gemüses, in welchem dasselbe gekocht ist, enthalten, als sey dasselbe unrein, so sollen sie ihres Amtes entsetzt werden. 15. Wenn Geistliche, während der Erledigung des Bischofssitzes, Kirchengüler verkauft haben, so kann der neuerwählte Bischof den Verkauf umstoßen, oder den Kaufpreis fordern. 16. Wer sich durch unnatürliche Unzucht verfehlt, und das zwanzigste Lebensjahr noch nicht erreicht bat, unterliegt der fünfzehnjährigen Kirchenbuße und svll außerdem noch fünf Jahre keine Opfergabe bringen; wer aber eine solche Sünde begeht, wo er über zwanzig Jahre alt unv verheiralhcl ist, sey fünfundzwanzig Jahre in der Kirchenbuße und darf fünf Jahre keine Opfergabe bringen; wer endlich daS fünfzigste Lebensjahr überschritten hat und verheiraihet ist, der soll erst am Lebensende die Communion erhalten. ' 17. Dergleichen Leute, welche durch Wollust in abscheuliche Krankheiten ver« fallen, sollen von den übrigen Büßenden abgesonderr einen eigenen Platz außerhalb der Kirche bekommen, damit Andere von ihnen nicht angesteckt werden. Titel und Inhalt des Jahrganges folgen mit einer der nächsten Nummern. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Sonntags-Beiblatt Augsburgs postzeilung. Zwanzigster Jahrgang. « 8 ««. Druck vcn Z. M. Kleinlc. Augsburg. Nedartian und Verlag von Dr. Man Huttler. Allgemeiner Inhalt des Anilsliurger Sonntagslil altes PL v 1860 abgetheilt in I. Gedichte. Lcbcns-Rcgcl. Seite 17. Zur 100jährigen Jubelfeier des Geburtstages des hochsei. Bischofs Witlmann. 25. Das kleine Häuflein. -11. Das Schifflein Petri von Boos. -19. Rom. 73. Der St. Peters-Pfennig. 80. Roms Name. 81. Nur Unverzagt vc»J. B. üafiathshvfcr. 89 Nachts. 97.1 An das Veilchen. 105. Drei Maricn-Gcdichtc von Carl Barth. 129- Zur Mai-Andacht. 161. Die sichere Bucht von I. B. TasratbShofcr. 329. Iiilroil,» »19. Ein armer Geiger. 119- Audienz und Hofvienst. 125. Verachte das Gespött der Weltkinder und trachte nach der ewigen Glückseligkeit. 126. Maria Mutter der Barmherzigkeit. 127. Wahrheiten für Jedermann. 127. Die Lage der katholischen Kirche in Australien. 310. Das Gift. 3 >5. Die Bedrückung der Kirche in den katholischen Staaten im 18. und 19. Jahrhundert und ihre Folgen. 316. Reflexionen über das Wallfahrten nach Einnebeln. 3 >9. Aus dem Leben einer Fürstcntochtcr. 327. Die Schaumünze. 329- Der Pfarrer von St. Agatha. 336. Die neuern religiösen Fraucninstitutc. 343. Vom Urtheile über Predigten und geistliche Betrachtungen. 345. Der Tageslauf. 351. Zur Geschichte der Vertreibung der Jesuiten aus Sicilien. 353. Die Rose. 356. Die katholische Kirche in den Vereinigten Staaten Nordamerika'S. 364. Die christlichen Dienstboten. 372- Die Maienglöcklcin. 373. Einiges über die Verhältnisse der Katholiken in Sachsen. 375- Charaktcrzügc aus dcm Leben Pius IX. 380. Missionsbericht des hochw. ?. Franz Xaver Weninger. 388. Zufall oder Strafe. 390. Die Greuelscencn in Syrien. 393. Der Schutzengel. 398- Die Bisthümcr Asiens. 414. Die letzten Lebensmomente Sr. Eminenz deS > Cardinals Viale Preis. 415- we Artikel. Nächstenliebe. 135. Die wahre Auferstehung. 136. Allina d'Eldir. 136. Ein wahrer Hirt. 143. Seltene Ehrlichkeit. 144- Warme Herzen unter einem groben Rocke. 152. Eine kaiserliche That. 152. Jugcndklänge von Franz v. Salcs Walk. 159. Wahre Nächstenliebe. 160. Fluche nicht! 175. Scelenstärke eines katholischen Priesters. 176. Chinesischer Spruch. 176. Eine neue Previgtmethode in Amerika. 183 Ein Zug von Sirius V. 184. Dcnksprüche. 184. Rose und Dornen. 191. Der Name Maria. 192. Papst Pius IX. und ein französ. Soldat. 199. Thomas Morus. 200. Freiwillige Selbstbestrafung. 206- Vcrläuindung. 208. Die einfache Antwort. 208. Heilige Stimmen. 207. Die letzten Stunden gläubiger Bekenn« Christi. 216, 224, 232. Die Folgen des Irrwahns. 224. Der König und sein Diener. 230. Heimsuchung Gottes. 231. Ein Muttergottesbtldchen. 232. Fragen und Antworten. 240. Was sagt Sckiller über den Papst? 247. Die Thüre. 248- Gerechte Strafe. 246. Ein protestantisches Zeugniß für das kathol. Ordcnslcben. 255. Ein treu geliebter Scclenhirt. 256. Die sterbende Nonne. 264. wei Jungfrauen. 264. aS weinende Kind. 271. Kloster und Fabrik. 272. Gebet zum heil. Alohsius. 288. Die Compaßblume- 296. Die sieben Gnadenbittrn im Gebete des Herrn. 304. Gottes und der Welt Ehre. 312. Lebensurtheile. 312. Pon der wahren Weisheit. 328. Von der Lauheit. 344. Der Tageslauf. 351. Die schönste Perle. 352- Was ist das gegenwärtige Leben? 360. Ein Jähzorniger. 360. Edle That. 368. Die Verhältniffe der Katholiken inSachsen. 375. Die glaubenstrcuen Gefangenen. 376- Praktische Nächstenliebe. 376. Veilchen und Tulpe. 383. Thörichte Furcht. 384. Unsere Hoffnungen. 391- Die Wirkung der Bilder. 392- Das Gewissen. 392. Macht'S nach'. 400. Wer seinem Glauben nicht treu ist, der ist auch seinem Könige nicht treu. 416. Augsburger Sonntagsblatt. Nr. 1. 1. Januar 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Poſt⸗ Zeitung XX Jahrgang) erſcheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abomementspreis iſt 20 fr., wofür es durch alle k. bayer. Poſtämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Katholiſche Miſſion auf den Seſchellen Inſeln. —yb— Die Seſchellen-Inſeln, auf der Oſtſeite Afrikas, 4 Grade ſüdlich vom Aequator gelegen, haben der katholiſchen Miſſions⸗Thätigkeit zwar nur einen kleinen Wirkungskreis geboten; aber das Wirken eines armen Capuziners daſelbſt bietet um ſo mehr Intereſſe, da in einer ſo kurzen Zeit erſt neulich die katholiſche Religion auf dieſen faſt vergeſſenen Eilanden wieder hergeſtellt und feſt gegründet wurde, und da dieſer Poſten auch für die Miſſionen in dem öſtlichen Afrika von Bedeutung iſt. Dieſe Inſeln, dreißig an der Zahl, jedoch noch nicht alle bewohnt, waren zu jener Zeit, als ſie von den Portugieſen entdeckt wurden, nur von Schildkröten, Krokodilen, Affen und Vögeln der verſchiedenſten Art belebt. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts aber erhielt die größte dieſer Inſeln, Mahon, eine franzöſiſche Niederlaſſung, wodurch ſie für die Krone Frankreichs in Beſitz genommen wurde. Die große Fruchtbarkeit des Bodens zog bald mehrere Anſiedler nach, aus den gegenüberliegenden Küſten Aſrikas wurden Neger als Sclaven eingeführt, und ſo wuchs die Bevölkerung raſch heran. Ein franzöſiſcher Prieſter beſorgte die geiſtlichen Angelegenheiten ſeiner Landsleute, für welche auf Koſten der Regierung 1787 eine katholiſche Kirche erbaut wurde. Die bald nachher ausgebrochene Revolution Frankreichs ſendete ihren zerſtörenden Einfluß bis auf dieſe entfernte heranblühende Kolonie; es kamen rabiate Republikaner aus dem Mutterlande hieher und brachten alles in Verwirrnng; ſie ſelbſt aber wurden theils Seeräuber, theils Sclavenhändler. Erſt als dieſe Inſeln 1844 an die Engländer abgetreten wurden, ward wieder einige Ordnung hergeſtellt; aber die meiſten Katholiken verließen jetzt dieſe ihre Heimath, alle wenigſtens, denen es ihre Vermögens-Verhältniſſe möglich machten; die Urſache davon war die Aufhebung der Sclaverei, weil jetzt die Schwarzen nach erlangter Freiheit nichts mehr arbeiten wollten, und deßhalb die beſten Ländereien unbenützt liegen blieben und verwilderten; dann aber auch, weil kein Prieſter mehr auf den Inſeln war, und die Katholiken ihre religiöſen Bedürfniſſe nicht mehr befriedſgen konnten. In Folge dieſer Vorgänge gerieth die katholiſche Religion gänzlich in Verfall. Die alten Chriſten verloren ſich nach und nach, die Kinder wuchſen ohne Unterricht heran, und hatten zuletzt als Gottesverehrung ein Gemiſch von Chriſtenthum und Heidenthum. Weitaus der größte Theil der Einwohner, die Schwarzen, waren Heiden. Alle heidniſchen Gräuel waren in Uebung; Zauberer, Wahrſager, Todtenund Teufels⸗Beſchwörer ſtanden bei Chriſten und Heiden im größten Anſehen. Aber eine eigene Erſcheinung, gewiß eine beſondere Gnade der göttlichen Vorſehung war es, daß dieſe halbverwilderten Katholiken eine hohe Verehrung zur allerſeligſten Jungfrau Maria nie aus ihrem Herzen verloren, und daß ſie die Bildniſſe der Muker Gottes, die ſie von ihren Eltern ererbt hatten, als Heiligthümer in ihren Wohnungen bewahrten, und denſelben ſehr hohe, meiſt auch abergläubiſche Verehrung erwieſen. Auch ſehnten ſie ſich nach der hl. Meſſe, von deren Heiligkeit und hohem Werthe ſie gar oft hatten reden hören. Dieſe beiden Umſtände legten ſpäter 2 dem Eindringen des Irrglaubens in ihre Herzen die größten Hinderniſſe in den Weg. Ihre Sehnſucht nach der hl. Meſſe veranlaßte ſie endlich, ſich an die engliſche Regierung mit der Bitte um einen Prieſter zu wenden. Man ſäumte nicht, ihre Bitte zu gewähren; man ſendete ihnen — einen Methodiſten⸗Prediger, der der franöſiſchen Sprache kundig war; denn dieſe iſt noch immer die Sprache des Volkes. Mit Freude wurde er aufgenommen. Er nannte ſich ihnen zu Gefallen Prieſter; hielt ihnen ſogar Meſſe; dieſen Namen gab er nämlich feiner calviniſchen Predigt; aber das betrogene Völklein ging ganz und gar unbefriedigt aus dieſer ſogengnnten Meſſe, dieſe gefiel ihnen keineswegs, und daß er mit ſolchet Gleichgiltigkeit von „der Maria“ ſprach, das ſtieß ſie gänzlich von ihm ab. Sie erkannten bald, daß dieſer „Prieſter“ nicht die Religion ihrer Vorfahren lehre, und blieben allmälig größtentheils von ſeinen gottesdlenſtlichen Handlungen weg. Weil aber ſolches die Weißen thaten, ſo verachteten die Schwarzen nur um ſo mehr eine ſolche Gottesverehrung. Nach einem zehnjährigen Wirken hatte der Prediger, obgleich er ſich mitunter auch der polizeilichen Gewalt bediente, nicht mehr als ungefähr 300 Neubekehrte gewonnen, der übrige und viel größere Theil ſeiner Anhänger waren die eingewanderten Engländer und die Familien der Beamten. Endlich ſchlug für dieſe Inſeln die Stunde des Heils; und dieſes Heil ſollte ihnen erwachſen aus den Leiden der heil. Kirche, aus der Verfolgung der Miſſionäre. In Abyſſinien nämlich veranlaßte der dortige häretiſche Biſchof eine Verfolgung gegen die Katholiken, und ihre Miſſionäre mußten 1850 aus dem Lande flüchten. Einer derſelben, Pater Leon des Avanchers, ein franzöſiſcher Kapuziner, kam nach Aden, Stadt an der ſüdweſtlichen Spitze Arabiens, und hörte vom Miſſionär dort ſelbſt von der Verlaſſenheit der kleinen Heerde auf den Seſchellen. Pater Leon entſchloß ſich ſogleich dahin zu reiſen, und es bot ſich ihm auch bald die Gelegenheit hiezu dar. Der 1. März 1851 war der glückliche Tag, an dem nach beinahe 70⸗ jähriger Unterbrechung der erſte katholiſche Prieſter wieder ans Land ſtieg. Nach wenigen Tagen ſchon war die Ankunft des Prieſters auf allen bewohnten Inſeln bekannt; voll Neugierde ſtrömte das Volk von allen Seiten herbei, den Miſſtonär zu ſehen. Sein langes Ordensgewand, ſein Miſſionärkreuz auf der Bruſt, ſein Roſenkranz im Gürtel, alles war für ſie eine wundervolle Erſcheinung. Beſonders die Schwarzen betrachteten den Prieſter oft lange mit ſcheuer Ehrfurcht, und wenn ſie ihn vom Fuß bis zum Scheitel genau beſichtigt hatten, dann riefen ſie tiefathmend aus:„Das iſt nun einmal ein Prieſter! ſo iſt alſo Gott endlich gekommen!“ Sie fühlten es, daß dieſer Prieſter ein Abgeſandter Gottes ſei; ſchon ſein Anblick hatte ihre Herzen gewonnen. Nun ging es aber auch ſogleich an die Arbeit. Ein weiter Saal wurde in eine Kirche umgeſtaltet und das Erſte, was das Volk vom Prieſter verlangte, war, daß er ihnen die heil. Meſſe leſe. Es geſchah am folgenden Tage; das kleine Hãuflein der Katholiken kniete voll heiliger Freude und Andacht um den Altar, während die ſchwarzen Heiden in lautloſer Stille und heiliger Ehrfurcht die niegeſehene heil. Handlung umſtanden. Am Schluſſe derſelben hielt der Pater eine Aurede an das Volk, worin er den Chriſten Glück wünſchte zu ihrer Ausdauer im Glauben ihrer Eltern und ſie aufforderte, dieſe Zeit des Heils jehßt eifrig zu benützen. Die Rührung des Volkes war außerordentlich; das Weinen desſelben übertönte zuletzt die Stimme des Prieſters, ſo daß er ſeinen Vortrag nicht mehr fortſetzen konnte. Nun wurden die Kinder getauft, Ehen eingeſegnet; jeden Morgen und Abend wurden allgemeine Unterweiſungen in der chriſtlichen Lehre gehalten, die aufs eifrigſte beſucht wurden; und faſt keine Stunde des Tags verging, wo nicht auch noch beſonderer Unterricht ertheilt wurde. Der Zudrang, als Kinder Gottes durch die heil. Taufe in den Chriſtenbund einverleibt zu werden, war außerordentlich; dieſe Gnade konnte aber natürlich nur Jenen zu Theil werden, die in der Heilslehre hinlängliche Kenntniſſe ſich erworben und durch Aufgeben ihrer heidniſchen Unſitten Proben ihres chriſt 3 lichen Eifers an den Tag gelegt hatten; dieſe wurden oft in Abtheilungen von 200 bis 300 Perſonen getauft. Nicht blos das Heidenthum verminderte ſich täglich mehr, auch in die Reihen des Proteſtantismus begann der Abfall einzureißen, von denen nicht wenige ſich in die katholiſche Kirche aufnehmen ließen. Jetzt erwachte aber auch der Neid des proteſtantiſchen Predigers; der Tempel des heiligen Geiſtes ſoll nie und nirgends ohne Mühe, ohne Kampf, ohne Anfeindung aufgebaut werden. Um den Eroberungen der Gnade ein ſchnelles Ende zu machen, wußte der Prediger die Ortsbehörde gegen den Miſſionär aufzuhetzen. Die Folge davon war, daß dieſem zuerſt alle geiſtlichen Amtsverrichtnngen auf's ſtrengſte unterſagt, dann aber ſogar er ſelbſt aus der Inſel verbannt wurde. Wie ſchwer es ihm fiel, ſeine treue Heerde zu verlaſſen, ſehen wir aus den eigenen Worten des Miſſionärs; er ſchrieb nämlich: „Wie ſchmerzlich fiel mir dieſe Trennung, da ich mit Gewalt mich der Liebe meiner Kinder im Herrn entriſſen ſah Die ganze Bevölkerung war herbeigeſtrömt, um meiner Abreiſe beizuwohnen. Ich hörte um mich her nichts als Weinen und Schluchzen. In dem Augenblicke, wo ich das Fahrzeug beſtieg, das mich wegführen ſollte, ſtürzten meine Reubekehrten, Männer, Weiber, Kinder, Greiſe, Weiße und Schwarze, am Ufer auf die Kniee, ſtreckten mir die Arme entgegen und beſchworen mich, ſie nicht auf immer zu verlaſſen.... Ich hatte gemeint, ich opfere mich für die Ruhe dieſer guten Inſulaner, wenn ich den Verfolgern nachgab und ſtatt deſſen habe ich ſie in ein Leidweſen gebracht das mir das Herz zerriß. So ward alſo die katholiſche Anbetung des wahren Gottes verhindert, verpönt und aufs ſtrengſte unterſagt, während der Heide aus jedem Lande nach ſeiner Art dem Teufel opfern und ſeine Göꜩen anbeten durfte, wie es ihm beliebte. Der Miſſionär und die Seſchellaner hatten einen ſchriftlichen Proteſt gegen dieſes intolerante, durch nichts gerechtfertigte Verfahren vorbereitet, welchen der Pater dem Generalſtatthalter auf Ile de France übergab, von dem ſodann die Schrift an die Königin von England befördert wurde. In Folge deſſen wurde nun nicht nur die ungehinderte Ausübung der kathol. Religion auf dieſen Inſeln geſtattet, ſondern die engliſche Behörde dortſelbſt erhielt auch einen ſtrengen Verweis für ihre bewieſene Unduldſamkeit, die ſie überdieß auch noch dadurch an den Tag gelegt hatte, daß ſie die kathol. Kinder mit Gewalt in die proteſtantiſchen Schulen, und die Schwarzen durch Gerichtsdiener in das proteſtantiſche Bethaus treiben ließ. Während der Abweſenheit des Miſſionärs verſammelten ſich die Gläubigen alle Sonntage zum Gebete in der kathol. Kirche; die Anordnungen, die der Prieſter ſchriftlich für ſie hinterlaſſen hatte, wurden auf's pünktlichſte befolgt, und ſo verharrte die kathol. Gemeinde im Glauben und in der Gemeinſchaft des Gebetes, bis nach ein paar Jahren wieder neue Hirten mit Vollmacht des oberſten Hirten, des Papſtes, und mit Zuſtimmung der Königin von England auf den Inſeln einzogen. Statt des vertriebenen Miſſionärs kamen nun 1854 drei andere CapucinerVäter als Miſſionäre an, und wurden vom Volke mit größtem Jubel empfangen. Neues Leben erwachte auf den Inſeln, Kirchen und Bethäuſer entſtanden an mehreren Orten, die heiligen Sacramente wurden auf's eifrigſte empfangen, das Heidenthum ſchwand immer mehr zuſammen, viele Proteſtanten kehrten zur kathol. Kirche zurück ſo daß ſich der proteſtantiſche Prediger einer dieſer Inſeln ſelbſt für unnütz auf dieſem Poſten hielt und freiwillig abzog. Dieſer beſchönigte nachher dieſen Schritt mit den Worten:„mit den Seſchellanern iſt einmal nichts zu machen.“ Altherkömmliche Laſter und eingewurzelte böſe Gewohnheiten verlieren ſich immer mehr, während Zucht, Ordnung, Kenntniſſe, Sittlichkeit von Tag zu Tag mehr ſich verbreiten, ſo daß die proteſt. Beamten ſelbſt eingeſtehen, die kathol. Miſſionäre ſeien die beſten Handhaber der Ordnung und der Polizei. Kloſterfrauen, die man von Ile de France herüberkommen ließ, beſorgen den Unterricht der Jugend und nehmen ſich ganz beſonders um die ſchwarzen Kinder an. Arbeitsluſt und hiemit der Wohlſtand 4 hebt ſich zuſehends; mit einem Worte: die kath. Miſſion hat in allen Verhältniſſen eine gänzliche Umwandlung bei dem verkommenen Volke hervorgebracht. Die Bevölkerung der Seſchellen beläuft ſich gegenwärtig auf 9000 Seelen, wovon 7000 der kath. Kirche angehören; die übrigen ſind Proteſtanten, Heiden und Ungläubige. Am 25. Aug. 1858 ſchrieb der Vorſtand der Miſſion, P. Jeremias; „In Betreff der Religion ſtehen die Sachen gut; die Bekehrungen der Irrgläubigen mehren ſich. Der proteſt. Prediger, gegenwärtig ohne allen Einfluß, iſt nun auf das Schulweſen beſchränkt; er öffnet ſeinen Tempel kaum einmal Sonntag Morgens.“ Die Zahl der Proteſtanten, die bis jetzt (1858) in die Kirche aufgenommen wurden, beträgt 400 und noch täglich finden Uebertritte ſtatt. Die noch übrigen Heiden ſind faſt durchgängig ſolche, die man theils wegen ihrer Laſter, theils wegen ihrer Unwiſſenheit noch nicht aufnehmen konnte. So ſind die Seſchellen​⸗​Inſeln mit ihrer kath. Bevölkerung nach kurzer Zeit ein wenn auch kleiner, doch koſtbarer Edelſtein in der Krone der kath. Kirche geworden. Was aber dieſem kleinen Miſſionsfelde eine beſondere Wichtigkeit verleiht, iſt dieſes, daß es bei ſeinem geſunden Klima, fruchtbaren Boden und ſeiner nahen Lage an der Oſtküſte Afrikas ein Vorpoſten für die wichtige Miſſion der ausgebreiteten Gallas​⸗​Länder wird, in welchen ſeit einigen Jahren die kathol. Miſſionäre mit unglaublichen Mühen, aber auch mit außerordentlichem Erfolge das Werk der Bekehrung begonnen haben. Von den Seſchellen aus können die Glaubens​⸗​Boten leicht zu den Gallas hinüber gelangen, wie auch der ſchon genannte P. Leon von hier aus in die Miſſion der Gallas wieder zurückkehrte. Und wenn dann dieſe Arbeiter im Weinberge des Herrn auf den ungeſunden Oſtküſten Afrikas ihre Geſundheit geopfert, ihre Kräfte erſchöpft haben, und nichts mehr brauchen auf dem Kampfplatze dieſes Lebens, als ein Plätzchen, um darauf ihre Abberufung in den Himmel zu erwarten; ſo finden ſte ein ſolches auf den nahen Seſchellen bei einem kathol. Völkchen, und haben dabei noch den Vortheil, den Schauplatz ihrer Mühen nicht ganz aus dem Geſichte zu verlieren. Die Peſt der ſchlechten Bücher. Von P. K. Clemens. Der als Miſſionär und Prieſter der Verſammlung des allerheiligſten Erlöſers auch in weiteren Kreiſen rühmlichſt bekannte P. Clemens, gegenwärtig zu Bornhofen, hielt vor einigen Jahren in der Jeſuitenkirche zu Coblenz eine Reihe von Vorträgen über die Peſt der ſchlechten Bücher, die gegenwärtig im Drucke erſchienen ſind*), und denen wir den fünften Vortrag, „die Widerlegung der falſchen Entſchuldigungen“ entnehmen, während wir das vortreffliche und praktiſche Büchlein unſeren Leſern zugleich auf das Wärmſte empfehlen. P. Clemens fertigt die Einwendungen und Entſchuldigungen gegen das Leſen ſchlechter und verdächtiger Bücher in folgender Weiſe ab: „Man erzählt von einem aſiatiſchen Fürſten der Vorzeit, er habe eines Tages mit einem ihm benachbarten Fürſten ein Freundſchaftsbündniß geſchloſſen. Lange Zeit hindurch ging Alles gut, man gab ſich gegenſeitig Geſchenke und Niemand wäre es eingefallen, zu glauben, der benachbarte Fürſt meine es nicht gut. Bald aber wurde der Fürſt über ſeinen Nachbar völlig enttäuſcht, denn er erkannte, daß eben dieſer ſo freundliche Nachbar ihm nach der Krone ſtrebte. Es kam nun zu einem heftigen Kriege, in welchem der Fürſt das Haußptheer ſeines treuloſen Nachbarn *) Der vollſtändige Titel des Werkchens lautet:„Die Peſt der ſchlechten Bücher. Sechs Vorträge von P. K. Clemens, Prieſter der Congregation des allerheiligſten Erlöſers. Nebſt einem Anhange: Die Lehre der katholiſchen Kirche über das Leſen der heiligen Schrift. Mainz, Verlag von Franz Kirchheim.“(Preis 36 kr.) 5 völlig ſchlug. Da aber der Feind auch einige wilde Volksſtämme zu Bundesgenoſſen hatte, welche verwüſtend noch durch das Land ſtreiften, ſo ſah ſich der Fürſt genöthigt, auch gegen dieſe Bundesgenoſſen noch einen Feldzug zu eröffnen, um dieſelben entweder aufzureiben oder wenigſtens für immer aus dem Lande zu jagen. Etwas Aehnliches läßt ſich auch in Bezug auf unſern Gegenſtand ſagen. Mancher Leſer hatte Freundſchaft mit glaubens⸗ und ſittengefährlichen Büchern geſchloſſen. Man gab ſich gegenſeitig Geſchenke, d. h. dieſe Bücher gewährten manches Vergnügen und der Leſer brachte wenigſtens ſeine koſtbare Zeit, wo nicht noch mehr als Gegengeſchenk zum Opfer. Es ſteht nun aber feſt, daß ein ſchlechtes Buch kein wahrer Freund ſein kann, ſondern daß es dem Leſer vielmehr nach der Krone ſtrebt, und zwar nach der Krone des ewigen Lebens. Ich glaube zwar, daß die gegen das Leſen ſolcher Schriften angeführten Gründe wichtig genug ſind, um eine Neigung für ſolche Geiſtesfrüchte zu vertilgen; — allein es bleiben noch die Bundesgenoſſen zu überwältigen übrig, und ſo lange dieſe nicht geſchlagen ſind, herrſcht kein Friede im Gebiete der Seele. Wer ſind aber dieſe Bundesgenoſſen, dieſe wilden Völkerſtämme, die verwüſtend durch das Reich der Seele ſtreifen? Es ſind die falſchen Entſchaldigungen und die Scheingründe, unter deren Schutz und Schatten man gern noch länger bei der gefährlichen Lectüre verweilen möchte. Ich will bei der Abfertigung dieſer Scheingründe wenigſtens die Ordnung beobachten, daß ich bei den oberflächlichſten derſelben anfange und nach und nach zu den Entſchuldigungen fortſchreite, die ſcheinbar einiges Gewicht haben. Die erſte Entſchuldigung lautet in der Regel:„Ich laſſe mir keine Vorſchriften machen über Das, was ich leſen und nicht leſen ſoll; denn ich ſtehe in einem Alter und auf einer Bildungsſtufe, wo man ſelber zu urtheilen verſteht. Ich bin mein eigener Herr.“ Das iſt wohl die oberflächlichſte Entſchuldigung, die ſich dagegen vorbringen läßt und ich würde derſelben gar nicht einmal erwähnen, wenn man nicht wüßte, daß die Falſchmünze ſolcher Scheingründe oft am weiteſten durch das Land läuft und oft am leichteſten angenommen wird. Was werde ich nun einem Leſer antworten, der ſo ſpricht? Ich werde ihm ſagen: deine Ausrede hat zwei faule Stellen; denn erſtens wehrſt du dich gegen eine Gewalt, die dir gar nichts zu Leide thut; und zweitens prahlſt du mit einer Freiheit, die im Grunde gar keine Freiheit iſt. Es iſt gewiß eine ſehr große Thorheit, ſich gegen, eine Gewalt zu wehren, die Einem nichts zu Leide thut, ſondern vielmehr darauf bedacht iſt, Einem wahrhaft zu nützen. Wer iſt denn die Gewalt, die auf dich eindringt? Es iſt die heilige Kirche, welche zu dir redet durch den Mund ihrer Prieſter, durch den Mund deiner frommen Eltern, Verwandten und Freunde, und durch den Mund deiner hochachtbaren Lehrer. Es ſind alſo zunächſt freilich nur Menſchen, die dich warnen vor dem Leſen ſchlechter Bücher; aber bemerke es wohl: dieſe Menſchen verlangen in dieſem Falle von dir nichts Anderes, als was ihnen die Erfüllung ihrer heiligſten Standespflichten ſtreng vorſchreibt. Sie reden wirklich zu dir im Namen der Kirche Gottes, denn die Kirche verabſcheut und verdammt die ſchlechten Bücher. Wenn aber nun ſo die Kirche zu dir ſpricht, ſo höreſt du eigentlich nur die Stimme Gottes, der dieſe Kirche gegründet hat und fortwährend durch ſeinen heiligen Geiſt regieret. Siehe alſo, Golt ſelbſt redet zu dir. Er ſieht dich an den Abgrund des Verderbens eilen. Er weiß, daß dein Glaubenslicht ſich verdunkelt und daß deine Liebe zur Tugend erkaltet, wenn du fortfährſt, ſolche Bücher zu leſen. Gott weiß es gar wohl, daß du bei den ſchlechten Büchern und Zeitungen jetzt freilich nur noch in die Lehre gehſt; aber er weiß auch ſehr gut, daß der Zeitpunct nicht mehr fern iſt, wo der Geiſt dieſer Bücher aus deinem Munde und aus deinen Thaten reden wird. Wenn alſo du ſageſt: Ich laſſe mir keine Vorſchriften machen, ſo ſchlägſt du nur aus wider Gott und triffſt deine eigene Seele. 6 Und worin beſteht denn dieſe Gewalt der Kirche, daß du dich dagegen ſo wehreſt? Kommen etwa die Prieſter auf dein Zimmer, um dich vor ein Gericht zu ſchleppen? Wirft man dich etwa ins Gefängniß, oder legt man dir Geldſtrafen auf? Nichts von dem. Du ſtehſt nicht vor einer rohen Gewalt, ſondern vor einer geiſtigen Macht. Alles, was die Kirche thuet, iſt dies: ſie eifert durch Belehrungen, ſie beſtürmt dich durch Bitten, ſie bittet durch Thränen und Gebetfenfzer, und wenn Alles nicht hilft, ſo droht ſie dir mit den Strafgerichten Gottes, wofern du deinen böſen Weg nicht verläſſeſt. Dann aber nimmt fie wehmüthig Abſchied von dir, um dich nie mehr zu beläſtigen. Mehr können auch deine Eltern, Lehrer und Freunde nicht thun. Sie können zwar ihre Wachſamkeit verdoppeln, ja verzehnfachen, — aber was wird das helfen? Die Erde hat zahlloſe Schlupfwinkel, wo du heimlich das Gift der ſchlechten Bücher einſaugen kannſt. Und felbſt das haſt du nicht nöthig; du kannſt es machen, wie es ſchon ſo viele elende Chriſten gemacht haben: du kannſt ſogar in die ſonntägliche heilige Meſſe ſolche ſchändliche Bücher mitnehmen, damit dir der kurze Aufenthalt vor deinem Erlöſer nicht gar zu langweilig werde. Niemand wird es ſo leicht merken. Siehe da, welche Thorheit dich beſeelt! du kämpfeſt gegen eine väterliche Gewalt, du entzieheſt dich einer wahrhaft mütterlichen Sorgfalt; du gleicheſt einem in's Waſſer Gefallenen, der das rettende Seil mit der Hand zurückſtößt. (Fortſetzung folgt.) Das Erdbbeben zu Norcia. (Das alte Nurſta, Geburtsftätte des heil. Benediet.) Die alte Stadt Norcia, unter dem 42° 47' 28“ Breiten⸗ und dem 30° 45' 25“ Längengrade gelegen (Meridian der Inſel Ferro), und 625 Metres über die Meeresfläche erhebt ſich in Mitte eines weiten Thales, welches von allen Seiten von hohen Bergen der Apenninenkette eingeſchloſſen iſt. Sie wurde ſchon öfters durch Erdbeben zerſtört, und erfuhr überhaupt ſo häufige Erſchütterungen, daß ſolche, als gewöhnliche Vorkommniſſe, nicht einmal aufgezeichnet wurden. Doch haben geſchichtliche und andere Urkunden einige der verderblichſten angemerkt, wodurch die Stadt entweder ganz oder zum großen Theil niedergeworfen wurde. Solches geſchah am 14. December 1321, wie Ciucci in ſeiner noch handſchriftlichen Geſchichte erzählt; vom Erdbeben des Jahres 1328 macht Villani Erwaähnu g. In der Folge waren jene von 1703 und vom 3. September 1815 die ſchreckichſten. Dadurch geſchah, daß die Bevölkerung dieſer Stadi, welche in früheren Zeiten gegen 12,000 Seelen betrug, nach und nach ſich bis auf 4500 verminderte. — Gegen Mitte Auguſt d. J. begannen daſelbſt in großen Zwiſchenräumen leichte Erſchütterungen des Bodens, welche als etwas gar nicht Seltenes auch keine Furcht erregten; als auf einmal am 22. Augaſt zwiſchen 4 Uhr 15 Minuten und 1 Uhr 30 Minuten Nachmittags, ohne daß irgend eine bemerkbare Veranderung in der Luft eingeireten wäre, ein ſtarker Knall ertönte, ähnlich dem eines ſehr groben Geſchützes, und in dem Momente begann die Erde heftig zu wanken, zuerſt emporhebend, dann horizontal, und zwar dreimal nach einander, mit immer größerer Staärke, in der Dauer von 6— Secunden. Von den 676 Häuſern, aus denen die Stadt beſtand, waren nicht weniger als 195 in einem Nu dem Boden gleichgemacht; 405 andere ſtürzten entweder durch die in den nächſten Tagen nachfolgenden, wenn auch ſchwächeren Erſchütterungen zuſammen, oder waren ſo zerklüftet, daß die meiſten derſelben wegen der augenſcheinlich nächftdrohenden Gefahr des Einſturzes ganz abgetragen werden mußten. Nicht mehr als 76 ſtehen noch, die für den Augenblick zwar keine Beſorgniß einflößen, obwohl ſie auch größtentheils voller Riſſe und Spalten ſind. Nur 7 äußerſt wenige blieben ganz feſt, wenn auch nicht unbeſchädigt. So ſind alſo zwei Drittheile der Stadt, und namentlich jene Stadttheile, die ſich den Abhang des Hügels terraſſenförmig hinaufziehen, größtentheils die Wohnungen der Armen, von Grund aus zerſtört, und jetzt, nach Hinwegräumung ſo vieler Trümmer, und nach den gemachten Auſtrengungen, die erſchlagenen Bewohner auszugraben, und das wenige Hausgeräthe, was noch aufzufinden war, herauszuziehen, ſieht man nur mehr einen unförmlichen Haufen von Mauerwerk, Trümmern und Balken untereinander geworfen. Die Stadtmauern ſtürzten an drei Siellen ganz zuſammen, an vielen anderen wurden ſie ſehr beſchädigt. Gottes Barmherzigkeit ließ es zu, daß dieß ſchreckliche Ereigniß zu einer Stunde geſchah, in welcher der größte Theil der Bewohner entweder ſich bei der Feldarbeit befand, oder in einer benachbatten Ortſchaft, wo Jahrmarkt abgehalten wurde, oder auch im Freien auf den Plätzen, von wo ſie alſogleich ihr Heil in der Flucht ſuchen konnten. Demungeachtet zählte man nicht weniger denn 101 Erſchlagene, mehr oder minder ſtark Verwundete aber eine überaus große Zahl. Der Schrecken und das Entſetzen jedoch mit allen Folgen in phyſiſcher und moraliſcher Beziehung, die grauſame Beklemmung wegen Verluſt der Eltern, der Heimath, der nothwendigſten Lebensbedürfniſſe, erzeugte in jener Schaar troſtloſer Flüchtlinge eine ſolche Niedergeſchlagenheit, daß ſie Anfangs wie ſinnlos ſchienen. — Es iſt hier weder der Ort noch der Raum, das bei dieſem traurigen Anlaß verdiente Lob dem Delegaten der Provinz, Mſgr. Pericoli, ſo wie den braven Beamten und Bürgern zu ſpenden, welche wetteifernd ſich aufopferten, um auf alle Weiſe das Unglück zu lindern. Vor Allem ſetzte man Mühlen und Backöfen in brauchbaren Stand, um der hungrigen Menge Brod zu verſchaffen, hernach wurden von allen Seiten Aerzte und Chirurgen herbeigerufen, den Verwundelen beizuſtehen; es wurden Arzneien bereitet, die Hinwegräumuung des Schuttes eingeleitet, Mundvorräthe herbeigeſchafft, Gezelte und hölzerne Baraden zum Schutze gegen die rauhe Witterung aufgerichtet, und Vorſorge getroffen, jede Unordnung zu verhüten, welche bei ſolcher Verwirrung nur allzuleicht entſtehen konnte. Dieß waren die erſten Maßregeln der weltlichen und geiſtlichen Behörden, wodurch dem Drange des augenblicklichen Bedürfniſſes auch entſprochen wurde. Der heil. Vater beeilte ſich, nicht blos reichliche Geldunterſtützungen zur Hebung der dringendſten Noth zu überſenden, es war auch ſein Wille, daß man vor dem Wiederaufbau der Stadt die Beſchaffenheit des Bodens, auf welchem ſie ſtand, und die Bauart der Häuſer unterſuche. Es ließ ſich nämlich befürchten, daß irgend eine locale vulkaniſche Wirkſamkeit, oder natürliche Aushöhlungen und Riſſe das Daſein der neuen Stadt wieder in Gefahr ſetzten; auch mußte geprüft werden, ob in der Art, das Gemäuer aufzuführen, nicht vielleicht fehlerhaft vorgegangen worden, ſo daß dieſem wenigſtens zuin Theil der große Schaden zugeſchrieben werden könne. Hierzu wurden der Hochw. P. Secchi ad d. G . F., Director der Sternwarte des römiſchen Collegiums und der Profeffor Poletti abgeordnet, und nach genauer Unterſuchung erklärten Beide ihre Anſichten über die Urſachen der ſo häufigen und verderblichen Erdſtöße in jener Gegend und die möglichen Schutzmittel gegen künftige Gefahren der Verwüſtung, als welche ſie insbeſonders eine verbeſſerte Bauweiſe der Häuſer und beſſeres Malerial zu den Mauern empfehlen. Wunderbarer Schutz durch das hl. Sacrament. Die ehrwürdige Schweſter Maria Gonzaga ans der Genoſſenſchaft von Jeſus Maria ſchreibt in einem Berichte über die Gefahren nud Verfolgungen, denen ſie bei dem Kriege in Oſtindien im Jahre 1837 ausgeſetzt waren, aus der Feſtung Sealcote alſo: 8 „Jedesmal, wenn ich an die Gefahren denke, die wir beſtanden haben und denen wir durch die Barmherzigkeit Gottes entgangen ſind, ſo faßt mich Entſetzen. Damals war ich voll Muth, und jetzt darf ich kaum daran denken. Die größte Gefahr jedoch drohte unſerem Pater Paul. Immer wollte man ihm ans Leben. Ich zweifle gar nicht daran, daß der allmächtige Schutz des heiligen Sacramentes, das er in ſeinen Händen trug, ihn erhalten habe. Bei einem der Beſuche, den uns die Sipahis abſtatteten, als wir noch im Kloſter waren, fragte ihn einer der Wüthenden, was er denn in den Händen habe. — „Es iſt mein Gott,“ antwortete der Pater.„Laß mich ihn ſehen, deinen Gott,.“— Der Pater zeigte ihm den hl. Speiſekelch, der Soldat ſah ihn und ergriff die Flucht. Auch muß ich zur Ehre unſeres lieben Herrn noch ſagen, daß jedesmal, wann der Pater ſich Soldaten näherte, die bereit waren, auf ihn zu ſchießen, dieſelben, wie vom Schrecken ergriffen, zurückwichen, als ob ihre Wuth durch eine höhere Macht gefeſſelt ſchiene. Und doch hatten wir keine andere Wehr, als den Schutz des heiligſten Altarsſacramentes. Uebrigens danke ich dem lieben Gott, daß gar keine Waffe zu unſerer Beſchützung verwandt worden iſt; indeß wäre jeder Widerſtand unmöglich und wir wären unfehlbar verloren geweſen. Wie eine Mutter liebt. (Eine wahre Begebenheit.) Kein Menſchenherz auf Erden liebt inniger als das Mutterherz. Wie oft wird das von Kindern vergeſſen! Hier ein Beiſpiel ſolcher Mutterliebe. Im Jahre 1858 mußte der Sohn des M. L. zu S. Soldat werden. Er kommt in die 4 Stunden entfernte Stadt L. in Garniſon. Da ſieht man nun jeden Samſtag Nachmittag ſein Mütterchen zum Bäcker eilen, um einen Kuchen zu beſtellen für den lieben Fr. Welche Freude leuchtet aus ihren Augen, daß ſie das kann. Am Sonntag Morgen noch ehe die Sonne aufgeht, wandert das Mütterchen mit einem Stück trockenen Brodes im Sacke und dem Kuchen im Tuche zur Stadt. Sie iſt früh aufgeſtanden; doppelte Liebe ruft ſie; ſie will den lieben Heiland in der heil. Meſſe und ihr Kind beſuchen. Nachdem ſie ihre katholiſche Chriſtenpflicht in der Kirche zu L. mit inbrünſtiger Andacht erfüllt, eilt ſie an den Platz in der Nähe der Kaſerne, wo ſie ihren Fr. treffen ſoll. Beſcheiden und ſchüchtern ſteht ſie da und harrt ſeiner Ankunft. Endlich nahet er. O welche Liebe, welche Sehnſucht ſpricht aus dem Mutterauge! Sie ergreift ihres lieben Kindes Hand, und kann ſich erſt gar nicht ſatt ſehen. Sie hat ihn ja acht Tage lang nicht geſehen. Dann folgt Frage auf Frage. Obgleich ſie ſchwerhörig, verſteht ſie doch jedes Wort: das Mutterauge hilft dem Ohr. Wie ſchnell flieht die Zeit! Der Sohn muß fort, die Mutter auch! Doch ehe die Mutter ſich losreißt, greift ſie noch in ihren Sack: Geld hat ſie keins; nur noch ein Stück Brod: das ſoll ſie ſtärken auf dem Heimwege. Schnell drückt ſie es ihm in die Hand: „Da F. nimm das Brod, ſchneid's Dir in die Suppe, ich werde ja wohl ohne Brod heim kommen.“ Der Sohn weigert ſich, es zu nehmen, da reißt ſie ſich los mit den Worten: Franz, ſei brav und folge ſchön! und eilt fort. Mehrmals ſchauet das treue Mutterauge noch um, ob ſie ihren Liebling noch einmal ſehen könne; dann trocknet ſie ihre Freudenthränen, und mit einem„Gott ſei Dank!“ wandert ſie, faſt ohne etwas genoſſen zu haben, 4 Stunden lang heim, und erzählt dem Vater und den Kindern daheim, was ſie geſehen und gethan. Jetzt iſt der Sohn weiter gekommen, nach Würzburg. Ach nun kann ſie ihn nicht mehr beſuchen, und auch zum Kuchenſchicken iſt die Baarſchaft zu klein. Wie oft denkt und ſchaut ſie gegen.:„Wird er wohl bald kommen? Wir bräuchten ihn doch ſo nöthig.“ So ſeufzt ſie überlaut:„Herr, dein Wille geſchehe!“ So liebt ein Mutterherz! Wird dieſe Liebe ſtets gewürdigt? Redaction und Verlage Dr. Mex Huttler.— Druck von M. Kleinle AWliilM AmtigMalt. Ä. 8. Januar 1860. DaS Airgsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Aboimementspreis ist 20 rr., wofür eS durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Auf das „Augsburger Sountagsblatt", vierteljährig 20 kr., kann «ran sich noch immer abonniren, was bei der nächstgelegenen Post geschehen möge. Der wahre Bräutigam.*) ^ „Warum weinst du, Agathe?" — fragte die Mutter. „Ach! schon bricht die Nacht herein, und noch ist Heinrich nicht da" — ent- gegnete die Tochter. — „Hat er seine Braut vergessen, oder ist ihm ein Unglück zugestoßen?" Bald sollte die bange Ungewißheit des armen Mädchens in schreckliche Gewißheit sich wandeln. Marie, Agathens Schwesterchen, stürzte herein. — „Denke dir, Mutter!" begann das Kind mit geschäftiger Eile — „Heinrich ist bei einem Scheingefechte auf dem Ercrcierplatze von einem Soldaten unvorsichtiger Weise erstochen worden und augenblicklich todt geblieben." „Todt!" — schrie Agaihe und sank ohnmächtig zu Boden. Den Bemühungen der Mutter, deS herbeigeholten Arztes gelang es, Agathen zwar zum Leben, aber nicht mehr zur vollen Gesundheit zurückzurufen. Das Auge verlor seinen Glanz, die Wange ihre Blüthe, und die Lippen hauchten oft den Namn:: „Heinrich!" In einer Nacht senkte sich der wohlthätige Schlummer über die oft schlaflosen Augenlider der unglücklichen Kranken und ein süßer Traum erquickte ihre Seele. Ihr war'S: sie säße beim Lampenscheine vor ihrer Arbeit und harre ihres Heinrichs. Eine unnennbare Bangigkeit beschlich ihr Herz, denn das Licht der Lampe erlosch, ihr Auge ermüdete, und Heinrich kam noch nicht. Da kniete sie sick vor das Bild des Gekreuzigten, sich und ihren Bräutigam dem Schutze des Allmächtigen zu empfehlen. Siehe! mit einem Male erfüllte ein Lichtglanz ihr Zimmer, überirdisch strahlend und doch nicht blendend. Und das Lichtmeer nmfloß einen Jüngling, welcher wie ein Seraph in's Gemach schwebte und freundlich lächelnd zur Beterin jagte: „Stehe auf, mein Kind, und schaue mich an! Ich bin dein Bräutigam." Agathe blickte auf und sah in die himmlisch schönen Züge des Jünglings. Dann sagte sie, traurig den Kopf schüttelnd: „Du bist mein Heinrich nicht." Mit Hoheit und Milde versetzte der Jüngling: „Ich bin Christus, der wahre und einzige Bräutigam deiner Seele. Warum also weinst du? Agathens Auge suchte den Boden. Heilige Schauer ergriffen sie. Der Jüngling fuhr fort: „Siehe die Strahlen, die Funken des mich umgebenden Lichtmeeres! Jeder Strahl, jeder Funke ist ein Heiliger, ein Seliger, welche alle in mir, ihrem Mittelpunkte, Anögang und Znströmung zu meiner, wie zu ihrer Verherrlichung erkennen. Dein Auge sei für einen Augenblick mit himmlischer Seh- ) Diese Erzählung ist Eigenthum des Sonntagsblattes. W W 10 kraft gerüstet! Gewahrst dn deinen Heinrich als Funke des unendlichen Lichtmceres?" „Ein leises Ja entfloh den Lippen AgathenS, welche anbetend niedergesunken war. Der göttliche Sprecher nahm von Neuem das Wort: Willst auch du ein Funke, ein Strahl dieses Lichtmeeres werden, um einst in der innigsten Vermählung mit mir dich deinem Heinrich zum ewigen Bunde vermählen zu können, so suche in mir gleich deinem verstorbenen Freunde, welcher im irdischen Leben nicht nur für Fürst und Vaterland, sondern auch für Gottes Ehre durch Heiligkeit des Wandels kämpfte, den Anfang, den Mittelpunkt deines Strebens, welches zu keinem Ende, sondern zu unendlicher, ewiger Herrlichkeit führt!" „O Herr!" — antwortete die Jungfrau — „Ich bin ein Gefäß der Sünde und nicht der Gnade. Sprich: welche Handlungsweise kann mir die Würde einer so hehren Brantschaft erwerben?" „Betrachte das heilige Meßopfer! Nur reiner Wein, ohne künstliche Zumischung, vvm Gewächse des Weinstockes bereitet, verdient es, in das heilige Blut, so ich am Kreuze vergossen, verwandelt zn werden. Und ich sage Dir: nur eine Thräne anS reinster, tiefster Rene und Sehnsucht nach Gottvcrsöhnung ohne Beimischung irgend eines irdischen Schmerzes kann vor dem Herrn als unblutige Sühne deiner Ver- gehungen gewürdigt werden. Frage nun deine Seele, weßhalb sie trauert: etwa ihrer Uebertretnngen willen, oder weil derjenige, welchen dn znm Begründer deines zeitlichen Glückes bestimmt hast, jetzt schon im Himmel mit brünstigem Gebete dir eine ewige Wohnstätte zu bereiten trachtet? — Willst du dich aber vom Leiblichen loSschäleu, gehe bin, empfange nach würdiger Vorbereitung meinen heiligen Leib! Er ist die Nahrung der Seele, welche andere Nahrung ausschließt, gleichwie eS meine einzige Speise war, dem Willen meines göttlichen Vaters bis zum Tode am Kreuze zn gehorsamen." „O Herr! nicht alle Tage ladet uns daS Brod deS ewigen Lebens, alle Tage jedoch zeitliche Lockung schuldloser, wie sündiger Art." „Wer sagt dir, daß du deinen Jesum nicht täglich genießen könntest, sei cS auch nnr geistiger Weise durch Anhörung einer heiligen Messe, in welcher du deine fromme Meinung mit jener des communicirenden Priesters vereinigst, oder weil Krankheit an's Lager dich fesselt, durch den festen, alles Irdischen entkleideten Willen, dich geistiger Weise deinem Jesu zu vermählen? „O Herr! wer vermag alles Irdischen sich zu entkleiden, wenn wonnige Bande, oder leidgetränkte Erinnerungen an die Erde ihn fesseln, wenn der Gedanke uns festhält, daß diese Wonnen, diese Erinnerungen nicht Sünde, sondern erlaubt, geboten seien? War es Sünde, meinen Heinrich mit reiner Liebe als Gatten zu wünschen, schon im Geiste mir heitere Bilder auszumalen, wie ich einst, christlicher Verpflichtung treu, des Lebens Bitterkeit mittragen, durch die Obsorge für die Erfüllung seiner Wünsche, für tausend kleine Bequemlichkeiten sein Dasein versüßen wolle?" „Ist deine Liebe zu Heinrich eine so reine, in mir, deinem Heilande sich begegnende, warum kannst dn nicht den Kelch der Entsagung leeren, wenn dir statt Menschlichem Göttliches gewährt werden soll, wenn du selbst dieses Göttliche nicht ausschließlich geistig zn empfangen und zn genießen brauchst? Dn hängst am Irdischen, am Mittragen von Lebensbitterkeiten, an der Obsorge für die Erfüllung erlaubter Wünsche, für kleine Bequemlichkeiten? So erkenne in jedem Armen und Hilfsbedürftigen gleichsam die irdische Natur deines göttlichen Bräutigams! Der einem Unglücklichen von dir gestillte Schmerz ist mir gestillt, die ihm gewährte Freude mir gewährt,, und, wenn du einem Kranken aus reiner Liebe zn mir auch nnr das Kopfkissen ausschüttelst, so hast Du mir sanfte Ruhe bereitet." „Ein Gedanke überkömmt meine Seele. Wenn Dn, o Herr! mir Genesung wiederschenkest, so sei mein Leben dem Orden der barmherzigen Schwestern geweiht, die für's Vaterland blutenden Krieger zn pflegen. Jede z« verbindende Wunde sei mir Heinrichs TodeSwuzide, die ich nicht verbinden konnte; jedes Auge eines Sterbenden, welches ich zudrücke, Heinrichs im Tode gebrochenes Auge, das ich nicht mehr schauen durfte. So ehre ich des Verblichenen Andenken auf eine dir wohlgefällige, den Menschen ersprießliche Weise." Der Lichtglanz verdunkelte sich. Der Jüngling schwebte langsam dein Auö- gange zu. „O Herr!" — rief Agathe — „bleibe bei mir, denn eS will Abend, Nacht in meiner Seele werden." „Willst du, daß ich bei dir bleiben soll, so bleibe, lebe, wirke auch du in mir, dem entsündigenden Vermittler, und nicht im entsündigten Geschöpfe, welches, wandelte eS nicht in meiner Anschauung, wohl deines Gebetes, aber nicht deines von allem Himmlischen wie Irdischen Dich losreißenden Schmerzes bedurft hätte!" „Kann ich dies thun, o Herr, wenn du nicht das Vollbringen gibst? Der heilige Paulas, von der Sünde befreit, rief anS: „„Nicht ich habe vieles gewirkt, sondern Gottes Gnade in mir."" Und ich, über und über mit dem Aussatze der Sünde beladen, sollte, wen» auch nur Weniges, aus mir selbst wirken können?" „Dir haben Glaube, Gottvcrtranen und Demuth geholfen, so daß ich mit dem reinen Wollen mich begnügen werde. Dulde nnn den letzten irdischen Schmerz! Denn heute noch wirst du mit mir im Paradiese wandeln!" Nach diesen Worten löste sich ein Strahl von göttlichem Lichtmeere und wandelte sich rascher, als des Gedankens raschester Flug, in einen Greis mit ernst-freundlichem, ehrwürdigen Haupte, dessen Kinn ein silberweißer Bart bis znr Brust herab schmückte. Der Greis führte in seiner Rechten einen Stab, mit welchem er leise die Brust Agathens berührte. Da schwand wie auf einen Zanberschlag der Lichtkreis nutz der von ihm umflossene göttliche Jüngling. Der wonnige Traum löste sich auf in schmerzliche Wirklichkeit. „Mutter! Mutter!" — schrie das geängstete Mädchen. Die Mutter, welche im Zimmer ihrer Tochter schlief, sprang erschreckt vom Lager auf. Ein Blutstrom bedeckte über und über ihr krankes Kind, dessen Gesicht von TodeSblässe überzogen war. „Marie! Marie! den Arzt, den Geistlichen:" — riefdie halbverzwcifelndeFrau. , „Mutter! Schwester! verzeiht mir!" — hauchte Agathens ersterbende Stimme. „Ich vergebe dir den einzigen Schmerz, welchen du mir durch deinen Tod bereitest" — schluchzte dte Mutter und warf sich auf die leblose Hülle ihres KindcS. Als Agathe zu Grabe getragen ward, schmückte ihren Sarg ein Kranz von Lilien nnd weißen Rosen zum Zeichen, daß sie eine reine Jungfrau, im göttlichen Menschenfreunde allein den wahren Bräutigam erkannt habe. O möchte jede Jungfrau, jeder Jüngling, deren Sarg dies heilige Sinnbild reinster Jungfräulichkeit schmückt, desselben auch im Leben vollkommen würdig gewesen sein! Pfarrer nnd Pfarrgemeinde. In jedem Kirchspreugcl wohnt eiu^Mann, der keine Familie hat und doch zu jeder Familie gehört, den man als Zeugen, Rath oder Theilnehmer zn den feierlichsten Verhandlungen des Lebens zieht; der den Menschen bei der Geburt empfängt nnd erst am Grabe verläßt, der die Wiege, das Ehe- nnd Sterbebett und den Sarg segnet und einweiht; ein Mann, den die kleinen Kinder zn lieben, zu verehren und zu furchten gewohnt sind; dem die Christen ihre innersten Geständnisse, ihre geheim- sten Thränen zu Füßen legen; ein Mann, welcher der berufene Tröster in allem Elend der Seele nnd deö Leibes, der verpflichtete Vermittler des Reichthums nnd der Bedürftigkeit ist, der den Armen nnd den Reichen abwechselungSweise an seine Thüre 12 klopfen sieht; den Reichen, nm sein geheimes Almosen darzubringen, den Armen, nm es ohne Erröthen zn empfangen; ein Mann, der, ohne einen bestimmten Rang in der Gesellschaft einzunehmen, allen Classen anf gleiche Weise angehört; den unteren Classen durch seine einfache Lebensweise und nicht selten durch die Niedrigkeit seiner Herkunft; den höheren Classen durch seine Erziehung, Wissenschaft und den Adel der Gefühle, die eine menschenfreundliche Religion einflößt und verlangt; mit Einem Worte, ein Mann, der Alles wissen, Alles sagen darf und dessen Wort mit dem Gewichte und der Gewalt einer göttlichen Sendung zu dem Verstände und dem Herzen der Menschen spricht. — Dieser Mann ist der Seelsorger — der Pfarrer. Nicht umsonst will die Kirche, daß die Gläubigen in den Qnatemberwochen Gott durch Fasten, Beten und andere gute Werke inständig anflehen, daß er seiner Kirche würdige Diener nud Hirten verleihen möge, denn Niemand kann einer Gemeinde mehr Gutes oder Schlimmes erweisen, als der Seelsorger — der Pfarrer, je nachdem er seinen hohen Beruf erfüllt oder mißkennt. Dagegen ist es aber auch eine große Gnade, die Gott einem Pfarrer erzeigt, wenn er dessen Obhut eine Gemeinde anvertraut, die willig ihr Ohr dem öffnet, was deren Scclenhirte aus einem frommen und väterlich besorgten Herzen zn ihr spricht und das Nichts Anderes bezweckt, als das zeitliche und ewige Wohl der Pfarrkinder selbst. Als eine derartige Gemeinde hat sich in der neueren Zeit unter vielen andern eine Pfarrei in der Schweiz bewährt, der wir einige Augenblicke jetzt uns zuwenden wollen. Welcher Tourist hat jemals daran gedacht, von Frei bürg in der Schweiz anS das eine Stunde davon entfernte Dorf Dudingen zu besuchen? Die Weg- weiser wissen kein Wort von ihm, man findet dort weder celtische Druidenstcine, noch römisches Mauerwerk, weder Schwefelquellen, noch Wasserfälle, noch sonst irgend Etwas, was der Bemerkung werth wäre; sogar von Felsen und Tannen ist nicht mehr da, als gerade nöthig ist, wenn ein schweizerisches Dorf nicht gänzlich nm seinen guten Namen kommen soll. Und dennoch gibt es hier für eine christliche Seele viel Liebes und Schönes! Die Pfarrei Dudingen zählt im Ganzen gegen viertausend Seelen; darunter waren vor etwa drei Jahrzehnten noch sehr viele Arme. Die Kirche des Ortes drohte einzustürzen, und der Pfarrer beschäftigte sich Tag und Nacht mit seinen zwei heißesten Wünschen: mit dem sehnlichen Verlangen das Elend zu mildern und das Gotteshaus wieder herzustellen. Er fing mit dem Dringlichsten an und die christliche Liebe fehlte nicht. Indessen, mochte die Anzahl der Armen zu beträchtlich, oder die fördernde Ordnung bei der Vertheilung der Unterstützung nicht möglich sein, die Hilfsmittel reichten nicht aus. Nun versammelte er seine Pfarrkinder: „Wir haben — sagte er zn ihnen — nur Ein Mittel, des Elends Meister zn werden, wir müssen die Armen, besonders die Kinder, unter uns theilen. Die Größeren lassen wir arbeiten, die Kleinen ziehen wir groß, und Alle sind so geborgen. Dann können wir ruhiger und auch wirksamer für die Bedürfnisse der Frauen und Greise sorgen. Was haltet ihr davon?" — Die ehrlichen Pfarrkinder wußten im ersten Augenblick nicht, was sie thun sollten, und es ließen sich hier and dort kleine Bedenklichkciten hören. „Verschieben wir die Sache auf ein paar Tage!" — meinte der Pfarrer und ließ die Versammlung anS- einandergehen. — Am nächsten Sonntage bestieg er die Kanzel. „Ihr lieben Freunde, wir müssen die Sache mit nnseren Armen denn doch in Ordnung bringen, denn wir haben wohl Zeit genug zum Ueberlegen, sie aber nicht zum Warren!" Als Text hatte er den Spruch eines Heiligen gewählt: „Wenn einer von Euch sieben Kinder hat, so nehme er ein achtes an Kindesstatt an, und mit diesem wird der gütige Gott in sein Hans ziehen!" Was er dazu gefügt, wie er alle Gemüther bewegt hat, wir wissen eö nicht; nur das wissen wir, daß alle Stimmen, zn einer einzigen Stimme vereint, willig und freudig seine Rede mit dem Rufe >»««>»» «!!>>l 13 beantworteten: „Wir Alle wollen davon haben, wir wollen sie Alle nehmen!" Und sogleich, noch in derselben Stunde, vertheilte man die arme» Kinder unter sich, und nicht nach dem Maßstabe des Vermögens, sondern nach dem Dränge des Herzens und Erbarmens eines Jeden. Dieser nahm eines, Jener zwei, ein Anderer noch mehr; und die Langsamen, die später kamen und verlangten, konnten keine mehr erhalten. Ehrwürdiger Priester! welcher Redner wurde jemals herrlicher befriedigt, als Du? Wer durfte dem Himmel inniger danken für die Gabe des Wortes und Herzens? Wer war glücklicher, als Du? Nicht nur jene geretteten Armen müssen Dich segnen, sondern auch alle die wackeren Leute, deren Familie Du vermehrt, unter deren Dach Du eine lebende gute That eingeführt hast, die zu ihnen spricht, und mit Liebe und Dank ihnen zugethan ist! Bald nach jenem schönen Tage kam ein Fremder nach Dndingen. Es war ein Festtag; die Preise wurden in den Schulen vertheilt, und die schweizerische Gast- sreundlichkeit lud den Neuangekommenen zu der Feierlichkeit ein. Und als er die Kinderschaar so zufrieden, heiter, reinlich und wvhlgekleidet erblickte, und sich zum Pfarrer wendend fragte: „Haben Sie denn hier keine Armen?" erwiderte ihm dieser mit feuchten Augen: „Nein, nein, Gott sei Dank! wir haben keine mehr!" Was aber hier geschah, war keineswegs die Wirkung einer raschen vergänglichen Aufwallung. Die christliche Liebe zu Dudingeu hat sich dauerhaft und echt katholisch, d. h. in einem hohem Grunde, als in bloßen Gesühlsanwandlungeu wurzelnd, bewährt, die Kinder sind unter dem Dache, das sie aufgenommen, geblieben, mehrere wurden förmlich adoptirt, Alle haben aber in ihren Beschützern wohlwollende Väter gewonnen. Auch für die erwachsenen Armen fand sich bald die entsprechende Hilfe. — Der Pfarrer scheint indeß wohl gewußt zu haben, welche Verbindlichkeit er durch die Verheißung übernahm: daß eS Jeglichem wohl ergehen werde, der Haus und Herz den Armen deö barmherzigen Gottes eröffnete. Der Segen des Himmels ist an dieser Stelle augenscheinlich geworden, und die Wohlfahrt des Ortes ist wahrhaft wunderbar, was durch das Folgende klar wird. Die Armen hatten ihre Wohnung, und eS war nun die Frage: wo der liebe Gott wohnen sollte? Denn die alte Kirche zerfiel gänzlich, und es wurde dringend, eine neue zu bauen. Dem Gesetze gemäß ließ mau einen bescheidenen Bauplan entwerfen, und bat um die Ermächtigung zum Baue und zu einer entsprechenden Umlage. Allein der Kanton Freiburg hatte eben zu dieser Zeit nach dem Beispiele Frankreichs eine kleine Revolution aufgeführt; die Regierung war noch neu und voll Eifer, aufgeklärt und zeitgeistig zu erscheinen und zu verfahren. Demnach mußte ihr das, was die Einwohner von Dudingeu wollten, sehr ungelegen kommen ; sie hielten eS für zweckmäßig, die Ausführung zu hindern, und so hieß eS denn: „Bauet, wenn ihr wollt, wir können eS euch nicht verbieten, aber wir gestatten keine Anfinge!" — Diese väterliche Entschließung gelaugte nach Dudingeu und der Pfarrer theilte sie seinen Bauern mit. — „Aber wir bauen unsere Kirche dennoch, nicht wahr?" fragte er. — „O ganz gewiß!" — „Und eS soll auch nichts daran fehlen?" — „Durchaus nichts!" — „Wann wollen wir anfangen?" — „Morgen schon! — Und sie fingen in der That an. Jeder lief in die Sakristei, um seine Erklärung aufzuschreiben, wie viel er an Geld beitragen wolle; und am nämlichen Abend erreichte die Unterzeichnung schon nahebei die Summe von fünf und dreißig Tausend Frank. Ein Einziger hatte widersprochen; auch einige Einwohner der Stadt, welche Ländereien in der Gemeinde besaßen und vielleicht selbst zu den RegierungSmit- gliedern gehörte», verweigerten die Beisteuer. „Desto schlimmer für sie!" sagte» die Bauern. U M- 7M- -,-z ' LW I-,^ -Ä'i ML^.I Ir. 18 8 14 Der Pfarrer sprach nun abermals zn der Gemeinde, und die Herzen öffneten sich seinem Worte ebenso bereiiwillig, als au dem Tage, wo er ihnen die Armen empfohlen hatte. Derselbe Znrnf, derselbe Erfolg antwortete ihm; die Reichen gaben das Geld, die Frauen ihre Kleinodien, die Armen die Kraft ihrer Hände. Man schrirt unter der Leitung des CaplanS eifrig zum Werke. Die Einen trugen Holz und Steine bei, die Andern waren Maurer, wieder Andere dienten als Handlanger. Niemals kam es zu Klagen und Schwierigkeiten, wenn cS sich um den Vollzug der übernommenen Verpflichtungen handelte; ja sogar, wenn nachträgliche Leistungen nöthig wurden, was zwei- oder dreimal üatlfand, zeigte sich kein Verdruß und kein Hinderniß. Der Pfarrer versammelte nur seine geistlichen Kinder, stieg auf die Kanzel und sagte: „Kinder, wir haben Nichts mehr, es ist Alles ausgegeben!" und am nächsten Morgen war wieder Geld in der Kasse. Das Wunderbarste aber war, daß Niemand wußte und auch nicht zn erfahren suchte, was der Andere gegeben hatte. Nur der Pfarrer kannte das Geheimniß Aller. Die Arbeit wurde ohne Rast und Ermüdung fortgesetzt nnd in wenigen Jahren war die Kirche vollendet. Sie ist schön und geräumig. Sie kostete der Gemeinde von vier Tausend Seelen über hundert und dreißig Tausend Francs, aber sie ist auch der Stolz und die Freude der guten Leute. Wir haben dieser Erzählung Nichts beizusetzen; sie spricht für sich selber. Nur den Einen Wunsch haben wir, daß allenthalben, wo es sich um eine christliche Versorgung von den Armen, oder um die würdige Herstellung eines heruntergekommene» Gotteshauses in einer Gemeinde handelt, der jeweilige Pfarrer ein eben so bereitwilliges und werkthäligeS Entgegenkommen von Seite seiner Pfarrkinder finden möge, wie es sich dessen der Pfarrer von Dudingen zu erfreuen hatte! Die Pest der schlechten Bücher. Von I'. K. Clemens. (Fortsetzung.) Der zweite faule Fleck dieser Ausrede liegt in der Prahlerei mit einer Freiheit, die eigentlich gar keine Freiheit ist. So ein Leser sagt: „Ich bin mein eigener Herr, ich kaun lesen, waS ich will; eS geht Niemand etwas an!" Aber besteht denn die Freiheit etwa darin, daß man treiben kann, was Einem einfällt? Wenn das wäre, dann müßten die Räuber in den Appeninnen und Pyrenäen und die Wilden in Australien die fceicsten Menschen sein. Allerdings besteht die Freiheit darin, daß mau nach eigener, unbeschränkter Wahl sich für oder gegen Etwas entscheiden kann. Wahrhaft frei ist aber nur der- jenige Wille, der in Gott seinen EinignngSpunct und Ruhepunct gefunden hat. Ein Wille dagegen, der an etwas Unheiligem nnd Sündhaftem hängt, ist nimmermehr ein freier Wille, sondern es ist ein sklavischer, geknechteter Wille und darum daS Armseligste, was es geben kann. Adam nnd Eva hatten freilich auch freien Willen, von dem verbotenen Baume zu essen, nnd als sie eS thaten, da geschah es jedenfalls aus freiem Willen. WaS war aber die Folge davon? Ich will jetzt von allem Elende, das dadurch über die Welt gekommen ist, ganz absehen und nur beim freien Willen stehen bleiben. Nun, hat dadurch der freie Wille gewonnen oder verloren? Er wurde geschwächt — und das ist der Fluch der Sünde und eine ihrer schrecklichsten Folgen, daß auch jetzt noch durch jede Sünde der Wille geschwächt wird. Mit Recht sagt der heilige Angnstinuö: „Gefällt nnS die ächte Freiheit, „nun so streben wir, frei zn werden von der Anhänglichkeit an die wandelbaren „Dinge; und wem Herrschaft gefällt, der hange in Unterwürfigkeit nnd in größerer „Liebe, als zu sich selbst, Gott, dem einen Herrscher aller Dinge an. DaS ist die 1 ^- 7 ' 15 „volle Gerechtigkeit, daß wir das Bessere mehr, das Geringere weniger lieben. Aber „wir sind in Eitelkeiten und schändlichen Tand so versunken, daß wir auf die Frage: „ob daS Wahre oder das Falsche besser sei, zwar einstimmig antworten: das Wahre! „allein dabei doch der Lust nnd dem Tand weit inniger anhangen, als den Lehren „der Wahrheit." (Sr- Augustiners, von der wahren Religion.) Ein Anderer sagt: „Ich habe mit dem Bücherlescn gewiß keine bösen Absichten. Ich lese znr Unterhaltung. Man kann doch nicht in Einem fort an der Arbeit sein, oder daS Gebetbuch und das Leben der Heiligen immer in der Hand haben. Wenn ich nun hier und da in freien Stunden zu meiner Erholung und Unterhaltung ein schönes Buch lese, so möchte ich doch wissen, wer das mit Recht tadeln kann?" Wenn wir diesen Grund anhören, so müssen wir sigen: Nein, dagegen läßt sich nichts einwenden. Willst dn zuweilen zn deiner Erholung etwas lesen, so darfst dn daS gewiß. Darin sind wir ganz einig. Aber warum wählst dn dir gerade solche verliebte Geschichten? Warn», gerade solche süßliche Romane? Warum gerade jene weichlichen Taschenbücher, die schon durch ihre schmachtenden Titel: Vielliebchcn, Vergißmeinnichtchen, Lilien und Rosen, Perlen, Cvrnelia n. s. w. verrathen, in welchem Sumpfe sie gewachsen sind? Warnm gerade solche Werke, welche von dem blauen Dunste der falschen Aufklärung erfüllt sind? Gibt es denn keine besseren Bücher? — Das ist gewiß nicht ohne Bedeutung, daß du gerade solche Bücher schön nnd interessant findest. Suchen wir darüber klar zu werden. Wie lieblich ist es, im Frühlinge hinauszugehen und das prachtvolle Blüthen- kleid der Erde zn betrachten. Von, Garten nnd von der Wiese des Thales an bis hinauf zur steilen Felsenwand ist Alles mit Blnmen geschmückt. Und welch ein Leben herrscht überall! Bunte Schmetterlinge wiegen sich auf den Blnmen und saugen begierig den Honig ein. Unzählige Bienen sind von früh bis spät geschäftig, den süßen Honig in ihre Zellen zu tragen, und auch die Käfer finden da ihren Tisch gedeckt nnd wühlen behaglich in dem gelben Blüthcnstaub nnd nagen mit Lust an den zarten Blnmenblättchcn, die ihnen zur Nahrung dienen. Dagegen gibt es wieder ganze Schwärme von Fliegen nnd auch mehrere Arten von Käfern, die sich anS den schönen Blumen gar nichts machen. Spüren sie aber von ferne Gegenstände, die in Fäulniß übergehen, und von denen sich der Menschheit Auge und Nase voll Abscheu wegwenden muß, so fliegen sie eilig darauf zu und fallen mit dem nämlichen Behagen darüber her, wie die Bienen und Schmetterlinge über die Honig- reichen Blumen. Hier haben wir ein Gleichniß, das keine weitere Erklärung bedarf. — „Auch ich — sagt wieder ein Anderer — lese nicht aus böser Absicht. Nein, ich lese bloß deßhalb, weil ich einsehe, daß man sich heutzutage nicht ganz gegen die Literatur abschließen kann. Man muß doch wenigstens wissen, was in der Welt vorgeht und mit der Zeitcntwicklung einigermaßen gleichen Schritt halten. In dieser Absicht lese ich sowohl waS für, als auch was gegen die gute Sache geschrieben wird." Man kann diesen Zweck gewiß nicht unbedingt verwerfen. Es kommt nur darauf an, suf welcher religiösen Stnfe Jemand steht. Wenn in dem Geiste eines Menschen der Glaube zn einer großen Klarheit und in dem Herzen zu einer großen Entschiedenheit gelangt ist, dann ist allerdings keine Gefahr zn fürchten. Ein solcher Leser wird schon mit der nöthigen Vorsicht und Selbstüberwindung lesen. Seine religiöse Festigkeit kann dadurch vielleicht noch gewinnen, gleichwie ein Feuer, welches vielen Brennstoff um sich nnd über sich hat, vom Sturme nicht ausgelöscht, sondern nnr noch mehr angeblasen wird. ES kaun ihm gehen, wie einem reichen Gutsherrn, der zn Hans Alles in Fülle besitzt nnd am Ende etwas gleichgiltig gegen sein Glück wird. Kommt dieser Herr aber einmal in die Hütten der Armuth nnd sieht da, wie die Armen vor Kälte zittern nnd das tägliche Brod nicht haben und noch dazu krank sind, da schätzt er sein Glück um so höher und spricht: „Was gibt eS doch so großes Elend in der Welt; wahrhaftig ich kann meinem Gott nicht genug danken, 16 daß er mich nicht in so traurige Verhältnisse verseht hat." So wird auch ein im religiösen Leben befestigter Mensch noch fester und entschiedener werden, wenn er wahrnimmt, welche niederträchtige Aufklärern und welch abscheuliches Gift heutiges Tages in Schriften verbreitet wird. Auf diese Voraussetzungen kommt es eben an und auf dieselben muß man den schärfsten Nachdruck legen. Wer im religiösen Leben aber noch schwankend ist und wer sich weder mit einem an Brennstoff reichen Feuer, noch mit einem sehr wohlhabenden Gutsherrn vergleichen kaun, der wird vom Lesen solcher Bücher nur Verlust, statt Gewinn zu erwarten haben- (Fortsetzung folgt.) Kirchliche Nachrichten. Preußen. Paderborn. Unser altehrwürdiger Dom war am 27. Nov., dem ersten Adventsonntage — Zeuge einer eben so ergreifenden, als großartigen Kundgebung. Unser hochw. Bischof Konrad hatte in einer Predigt am Feste Allerheiligen alle guten Katholiken, denen in den jetzigen schweren Zeiten die Sache des hartgedrückten heiligen VakerS am Herzen liege, eingeladen, am ersten Adventssonntage bei Gelegenheit des ewigen Gebets in unserer Domkirche für nnscren Ober- hirten, PiuS IX., die heilige Kommunion zu empfangen. Nachdem der hochw. Herr Bischof um 5 Uhr das feierliche Amt gehalten und eine Betstunde für den heiligen Vater eröffnet hatte, begann Hochderselbe kurz nach 6 Uhr die Ausspendung der heiligen Ccmmnnion. Kurz darauf erschien zu demselben Zwecke der hochw. Hr. Weihbischof; unausgesetzt bis 9 Uhr setzten die beiden hochw. Herren die Allstheilung des hl. Sakramentes fort, — über viertausend Gläubige haben aus ihren Händen den heiligen Leib des Herrn empfangen. Wegen Mangel an Zeit sahen viele Hunderte sich gezwungen, in den anderen Kirchen der Stadt die Spcndung des heiligen Sakramentes zu erbitten, und man kann deßhalb die Gesammtzahl der Kommunionen auf fünftausend anschlagen. Milde Gaben für die Mission in Perleberg Uebortrag.71 fl. 57 kr. Von einer Frau znm neuen Jahr für die armen Perlebcrger (Gott vermehre es tausendfach).— fl. 12 kr. Zweiter Beitrag von einem „Kaplan aus Oberfranken" .... 5 fl. 12 kr. Summa: 77 fl. 21 kr. Redaction und Verlag: Dr. Mar Huttlcr. — Druck »on I. M, Klcinle. AGbilM SmkllgMM. Hir. A. 15. Januar 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (SonntagS-Beiblatt zur Augsburger Post» Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementsprcis ist 2V kr., wofür es durch aste k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Lebens-Regel. Ruf an dein Gott, Halt sein Gebot, Leid Geduld in Noth, Gib den Armen Brod, Schweig, trag und leid. Die Unzucht meid, Frag nicht nach Neid, Hab Acht der Zeit, Auf Freund nicht bau, Nicht Allen trau, Auf dich selbst schau, Sei nicht zu genau, Pfleg dein Gesund, Negier dein Mund, Treib nicht bös Find, Hüt dich vor Sünd, Die Alten verehr, Dein Haus ernähr. Die Jugend lehr, Des Zorns dich erwehr, Halt dich fein rein, Mach dich nicht gemein, Bleib gern daheim, Getreu ich's mein. Der Einfluß der katholischen Religion auf die verschiedenen Gewerbe in materieller Beziehung. Welchen wohlthätigen Einfluß die katholische Religion auf die schonen Künste und Wissenschaften ausgeübt habe und noch stets ausübe, ist schon oft von den gelehrtesten Männern jedes Jahrhunderts hervorgehoben worden; ja dafür sprechen die Werke der Kunst selbst, die mir dem Gefühle religiöser Begeisterung aufgefaßt und dem betrachtenden Auge vorgestellt, nuwillkürlich tiefe Rührung im Herzen des Beobachters hervorrufen, in welcher der schaffende Geist drö Künstlers mit seinen Fittigen der Glaubenskraft und innigen Frömmigkeit nnS umweht. Wir dürfen nur denken an jene bisher unerreichten Gebilde der christlichen Baukunst, der schöpferischen Malerund Bildhauerkunst, um »»getheilten Herzens mit einzustimmen in den Ruf begeisterter Kunstfreunde: Wahrlich, so was vermag nur der von, heiligsten Glauben durchdrungene Geist hervorzubringen. Und wirklich, wahre, ächte, gediegene Kunst findet Kch nur im Bereiche der katholischen Kirche. Die herrlichen Tempel, welche der katholische Glaube erbaut, bald in ungeheuern Wölbungen im edelsten Geschmacke zu erhabener Höhe mächtig sich erhebend, bald in tausendfältigen Spitzbögen in verschiedenartigster Nerzweignng vereint, als eben so viele Zeiger zum Himmel weisend; die Schöpfung der bildenden Kunst, die bald mit ihrem Zanberpinsel nnS sichtbar die Bewohner des Himmels in ihrer Seligkeit zeigt, bald mit ihrem Meißel selbst dem todten Steine Leben gibt, reißen nicht nur den für Kunst Empfänglichen, sondern jeden Menschen insgemein zu», Staunen, zur Bewunderung hin, er fühlt es, er befinde sich vor einem Werke, das von Geistern höherer Art Leben und Dasein erhalten hat. IrM'i iMKi W W 18 Doch den staunnngswürdigen Einfluß des katholischen Glaubens auf die Kunst wollen wir hier nicht vortragen; das überlassen wir den Männern von Fach, die nicht ermangeln werden, uns in die geheiligten Hallen kirchlicher Kunst einzuführen, und unserm Geiste die herrlichen Schöpfungen glaubensbegeisterter Künstler vorschweben zn lassen. Wir wollen nur Herabsteigen in das Getriebe des gewöhnlichen Lebens, und möchten eine Rundschau halten unter den verschiedenen ErwcrbSzweigen des bürgerlichen Lebens, um zn sehen, ob nicht gerade die katholische Religion auch hierin den wohlihätigsten Einfluß ausübt, und zwar nicht bloß durch Veredelung des Geistes, durch Beförderung der Sittlichkeit, des wechselseitigen Friedens, der Eintracht und Gottesfurcht, was sie ja stets thut, wo sie in's Leben tritt; sondern wir wollen davon sprechen, wie die katholische Kirche mit dem geistigen Brode des Lebens auch das leibliche Brod ihren Kindern reicht, indem sie ihnen Arbeit, Verdienst und Erwerb sichert und sich als die wahre Brodmntter zeigt. Glauben wir ja nicht, dieser Gegenstand sei nicht ehrend genug für unser heil. Religion, oder wir setzten uns der Gefahr aus, auf unwürdige Weise von unserer heiligen scligmachenden Kirche zu sprechen. Nein, so lange der Mensch lebt, bedarf er für Seele und Leib seine Nahrung, und wer BeideS uns reicht, der ist unserer Achtung, Ehrfurcht und treuesten Anhänglichkeit auch doppelt würdig. Darum ist keine Furcht, durch diese Worte die Liebe nud Ehrfurcht gegen die heil. Kirche zu schwächen, wenn von den verschiedenen Gewerben, die entweder ganz oder theilweise ihr Fortbestehen, ihr Blühen und Gedeihen, ihren klingenden Nutzen, mit einem Worte, ihren Broderwerb, dem katholischen Leben verdanken, die Rede ist. Vielmehr hoffen wir, daß am Schlüsse dieses Aufsatzes auch die freundlichen Leser mit uns einverstanden sein werden, nnd uns vielleicht noch danken, daß sie auch noch diese tief ins Leben greifende Seite unseres heiligen Glaubens kennen gelernt haben, eine wichtige Seite, die aber, soviel wissentlich, noch von Niemanden berührt worden ist. Die katholische Religion nimmt den ganzen Menschen in Anspruch, sie will seine Seele heiligen, und sie mit den Kenntnissen des ewigen Heils er- füllen; sie nimmt aber auch seine leiblichen Sinne in Anspruch, und wirkt durch dieselben auf seinen Geist ein; darum stehet unsere heil. Kirche nicht blos im reinsten, gottgefälligsten, unsichtbaren Brautschmucke der Heiligkeit vor uns, sondern auch im äußeren, sichtbaren Schmucke der jungfräulichen Heileanstalt für uns Menschen da. Vermöge dieses innigen Zusammenhanges des Unsichtbaren mit dem Sicht- Laren, des Geistigen mit dem Körperlichen führt sie die menschliche Seele ihrer ewigen Bestimmung zu, gebraucht aber auch die Kräfte des Leibes, eben ihr sichtbares Dasein zu begründen, und reicht dadurch ganz oder theilweise auch das nothwendige Brod zum Leben. An jedem Orte, wo sie ihre beseeligcnde Macht entwickelt, da ist sie vor Allein besorgt, ein Gotteshaus und eine Schule zn bauen, nm einen Ort zn haben, ihre großen und kleinen Kinder um sich zu vcisammeln, nnd ihnen das Brod des Lebens zn brechen. Bei diesem Baue aber hat nicht nur der Künstler, der den Plan entwirft, seine Rechnung, sondern tausend geschäftige Hände werden in Bewegung gesetzt; der gemeine Maurer, der Zimmermann, der Taglöhnec findet dabei für lange Zeit seinen Erwerb, siin tägliches Brod; in den Steinbrüchen arbeitet der Steinmetze, der Fuhrmann liefert sie zu dem bestimmten Orte, und so sind Viele bctheilt, die ihren Erwerb dem Kirchenbaue verdanken. Bedenken wir nun, wie viele Tausend Gulden sind nicht in den dreißiger und vierziger Jahren sogar aus dem öffentlichen Staatsschätze in unserm Vaterlande unter die arbeitende Klasse gekommen, und haben ihr Brod verschafft, die sonst ausgeblieben wären, wenn nicht die Liebe znm heil. Glauben diese Bauten nothwendig gemacht hätte! Ist aber das Gotteshaus fertig, so ist der Erweib für den Stein- nnd Holzarbeiter noch nicht gesperrt; die jährlich wiederkehrenden Reparaturen oder Ausbesserungen sichern stets fort mehr oder weniger den Erwerb. 19 Wollten wir noch fragen: In welchem Lande sind die meisten Glockengießer? so dürfte Tirol wohl vor allen am besten bedacht sein, nnd wovon leben diese? Wohl größtentheils von dem Gnsse der Kirchenglocken, von welchen Jahr aus Jahr ein gar viele anS der Werkstälte in den hohen Thurm wandern, um dort zur Andacht die Gläubigen za rufen. Wäre Tirol nicht katholisch, so würde das Gewerbe der Glockengießerei wohl ein sehr schwaches und seinen Mann kaum nährendes sein. Mit dem Glockengießer findet aber auch der Zimmcrmann und Schmied seinen Theil des Erwerbes, der Eine mit der Bereitung des so nothwendigen GlockcustuhleS, der Andere mit dem nothwendigen Glockenschwengel, Pfannen und Klammern, um dem Werke Festigkeit zu geben. Die Gold- nnd Silberarbeiter finden wohl nur in der katholischen Kirche den geeigneten Platz, ihre Kunst und Talente zu zeigen, und zugleich ihren Erwerb zu sichern; denn wer bedarf sonst der im schönsten Juwelen- und Goldschmncke glänzenden Monstranzen, der mit Schmelzarbeit verschiedenster Art geschmückten Kelche? Die heil. Kelche und die kostbaren Jnsignicn der bischöflichen und Prälaten-Würde sind eine stets sich erneuernde Quelle des Verdienstes für das Gewerbe der Gold- und Silberarbeiter; dazu kommen die mannigfaltigen kostbaren Verzierungen, deren die Kirche sich bedient, den Schmuck der Altäre zu erhöhen, die schönen Kronen, die silbernen Lnichter, Opferkannen nnd Rauchfässer, die Beschläge der heil. Bücher, die Rahmen der Cauontafcln, wo Alles nie kostaar genug sein kann. Hier ist eS auch, wo der Kupferarbciter seine Kunst an den Tag legen kann, da die hohen, mächtigen Leuchter, die Verschalungen des Tabernakels, die Umhüllungen des Altartisches von Kupfer verfertigt, in Feuer vergoldet, mit Silberzicrratheu geschmückt, auch einen imposanten, des heiligen Ortes würdigen Anblick gewähren. Nehmen Sie den katholischen Glauben hinweg, und alle diese Gewcrbslente in Gold, Silber und Kupfer büßen einen bedeutenden, ja wohl den größten Theil ihres Erwerbes ein. Davon gibt wohl Zeugniß, daß in protestantischen Orten durchaus kein Silberarbeiter gefunden wird, der so was Großartiges in seinem Fache zu leisten im Stande wäre, wie der katholische zu thun vermag. Wo die Armuth der Kirche diese kostbaren Gerüche anzuschaffen nicht vermag, da finden andere Gewerbe ihren Verdienst, als da sind der Gürtler, der Zinngießcr, die aus minder edlen Metallen dieselben für die Kirche nothwendigen Geräthschaften liefern, und mancher Artikel dieser Gewerbe würde gänzlich aus ihrem Waarenlager verschwinden, wäre nicht die katholische Kirche, die desselben bedarf. Was soll man erst von dem Wachszieher sagen? Wenn einmal die Kerzen aus unseren Altären ausgelöscht würden, so könnten sämmtliche Wachszieher ihre Arbeit einfüllen, nnd sich lediglich anf Willi-, Stearin- nnd andere Kerzen verlegen, da Wohl der größte Theil ihres Verdienstes rein von der Kirche ihnen zufließt. Nicht viel besser erginge eS dem Bortenwirker nnd Posamentirer, deren Gold- und Seiden-Gcwcbe zum Schmucke der priesterlichen Gewände verwendet wird. Nehmen wir die große Anzahl der Meßkleitcr, Levitenröcke, Rauchmäntel, der Antipen- dien und großen Baldachine, der tragbaren Himmel nnd geschmückten Ferknln, die mehr oder weniger bereits jährlich ne» gemacht werden; berechnen wir die Massen ' von Gold-, Silber- und Seidenborten, die großen Quasten jeder Gattung, die Menge der Fransen, die darauf find, nnd wir werden finden, daß jährlich eine große Summe des Verdienstes dieser Gewerbe rein von der Kirche ihnen zukommt. Auch der Weber hat hiebe! seine Rechnung, da ja die feinste, beste Leinwand, wie überhaupt Linnenzcug. zu den nothwendigsten Erfordernissen der Kirchenwäsche gehören, nnd wohl viele Tausend Ellen deßwegen mehr verfertigt werden müssen, als der Verbrauch im bürgerlichen Leben eS erheischt, wobei auch der Spitzenfabcikant nicht zu kurz kommt, da die Alben, Chorröcke, Corporalien, Pakten, Ueberleger oder sonstige Altartücher schöner, bald kleinerer, bald größerer Spitzen nicht entbehren können. Und weil wir nnS schon am Altare befinden, halten wir Umschau, und da 7EÄ -ÄS-> -- W 20 liW N W W '.ÄS sehen wir die Arbeit des Tapezierers an den Altarpolstern, des Dachbinders an dem Meßbuche, der sonst auch an den Brevieren der Geistlichkeit viele Arbeit findet, des Blccharbciters an den Beschlägen der Altarrahmen nnd Einfassungen je nach Art nnd Gebrauch, des Teppichwirkers an den ausgebreiteten Teppichen; des Tuchmachers an den überhängenden rothen oder schwarzen Tüchern. Der Seiden- und Sammtwirker findet seinen Absatz bei den priesterlichen Kleidern, den damastenen oder sammtncn Tapeten, den großen, den ganzen Altar umschattenden Baldachinen und andern Gegenständen, während der Schriftgießer seine ganze Kunst aufbieten kann, nm die Meß- und Ponlificalbücher würdig auszustatten. Weil wir aber gerade von Seide und Sammt sprechen, so ist es am geeigneten Orte, auch von einem Gewerbe zu sprechen, das in unserem Vaterlande viele Hundert Hände beschäftigt nnd Nahrung verschafft, lediglich, weil eS eine katholische Kirche gibt; wir meinen hier die Stickerei. Die Zunft der Gold- und Silbersticker war noch zu Anfang des vorigen Jahrhunderts in höchster Blüthe, und ernährte viele Familienväter auf die honnetteste Weise; ihre reich gestickte Zunfifahne überstrahlte bei öffentlichen Umzügen weit alle übrigen Znnflfahuen. Wohl trugen damals Herren und Frauen reich gestickte Kleider, die jetzt wegen der allgemein gewordenen Armuth nnd wegen der Vorliebe für den Flitter der wechselnden Mode außer Gebrauch gekommen sind; doch war ihr Hanptcrwerb die Verfertigung der kostbaren Kirchenklcidung, deren entwickelten Reichthum und kunstfertige Arbeit wir Alle noch anstaunen. Und jetzt, da diese ehrenvolle Arbeit rein in die Hände deS frommen Geschlechtes übergegangen ist, wie viele Frauenzimmer leben nicht blos in unserer Hauptstadt lediglich von der Kirchenstickerci! Lassen sie aufhören den katholischen Glauben in unserem Vaterlande, nnd alle diese unermüdlich stickenden Personen sind an den Bettelstab gebracht, denn ihre Kirnst findet bei der Welt keinen Anklang, wie man auch an Orten, wo man die Kirche nicht liebt, auch keine fertige Goldstickerin findet; daher auch viele Bestellungen weit nm in's Ausland von hier aus gehen, ja filbst über das Weltmeer nach Amerika hinüber. Ist hier die Kirche nicht eine wahre Brodmutter für diese ihre Kinder? Hier sei eS uns erlaubt, auch noch von den Wäscherinnen Meldung zu machen, die eben, weil die Kirchdnwäsche eine besondere Bearbeitung bedarf, gerade auch bei der Kirche den gesichertsten Erwerb finden, so wie die sogenannten Krauzclbindcrin- nen, deren Arbeit ja größtenlheilS znm Schmucke der Altäre dient. Sehen wir uns aber noch mehr in der Kirche um, so finden wir darin beschäftiget den Tischler, der nicht nur die Bänke und Stühle liefert, sondern auch je nach Umständen die Altäre baut, die dann der Vergolder mit Kunst und Geschmack zu herrlichen Gebilden nmschafft, sowie Beide gemeinschaftlich an den üblichen Fer- knln und sonstigen Ho'zgcrächschaften sich betheilcn, während der Lackircr nach seinem Gewerbe diesen oder jcnen Anstrich den Arbeiten des Tischlers gibt. Der Schlosser liefert daS mächtige Kreuz, das vom Thurme herabglänzt, nnd auf den Knopf gesetzt ist, den der Kupferschmied geliefert, nachdem er die Thurmkuppel mit seinem festen Metalle zugedeckt. Die künstlichen Eisengitter in der Kirche, sowie die kunstvollen Schlösser an den Kirchenihüren sprechen laut, daß der Schlosser hier viele und lohnende Arbeit gefunden. Der Glaser gehet dabei auch nicht leer aus, vielmehr kann er an den hohen Kirchenfenster» seine ganze Kunstfertigkeit an den Tag legen. WaS wi brlt und schmct.eri aber droben in der Empo.kirche? ES sind die Musikanten. Nrhmen sie dirsen den karhvlischen Gottesdienst, wie viel Einbuße würben sie erleiden? Sie dienen durch ihre Kunst der Kirche, leben ober auch von der Kirche, während Andere ihnen wiederum die erforderlichen Instrumente liefern, und so mittelbar ebenfalls bei der Kirche ihr Brod finde». (Schluß folgt.) Der Orden des heil. Benedictus in Nordamerika. Es ist längst bekannt, wie groß und drückend in Amerika, zumal in den Vereinigten Staaten, der Mangel au Priestern ist; wie viele Seelen deßhalb schon verloren gegangen sind, wie viele andere bloß aus diesem Grunde nicht der Kirche gewonnen werden konnten. Doch der Herr, scheint es, will sich auch hier erbarmen, und besonders durch den Orden des heil. Benedictus Großes vollbringen. Mit einigen Studenten und einer Schaar anderer junger Männer landete im Herbste 1846 — also vor 13 Jahren — 1*. BonifaciuS Wimmer ans dem Siifte Metten an der Küste von Amerika, und schon blüht heute dieser älteste und ehrwürdigste unter allen Orden des Abendlandes in zehn verschiedenen Diöcescn Amerika's! V. BonifaciuS ist iufulirter Abt deS StammklosterS St. Vincent im BiSthum Pilts- burg*), und hat außerdem bereiiS Filialen (meistens Priorate) zu Butler und Car- rollton in derselben Diöcese; zu Marienstadt, MorraiS (St. Sevcrin) und Eric im Bisihum Erie, zn Bellefonte im BiSthnm Philadelphia, zu Newaek und Covington in den Diiiccsen gleichen Namens, zn St. Clond (eigentlich 3 Stationen: St. Cloud und St. Joseph, St. Paul von Shacopie mit 8 Priestern) im Bislhum St. Paul (Minnesota), zu Doniphan im apost. Vicariate KansaS (Douiphan und Leavenworth), zu Omaha-Ci>y im apost. Vicariate Nebraska und endlich zn 8:>n loso im Bisthum Galveston (Teras) gegründet. Neberdieß hat das Kloster Einsiedeln in der Schweiz seit etlichen Jahren eine Filiale (Priorat) zu St. Meinrad im Bisthum VinccuneS (Jndiana). In der Abtei St. Vincent ist außer dem Noviziat und der theologischen Lehranstalt für Candidaten des Ordens- wie des WclipriesterstandcS noch ein vollständiges Kollegium oder Knabenseminär mit wenigstens 100 Zöglingen, die theils für den geistlichen Stand bestimmt, theils aus Barmherz'gkeit aufgenommen sind. Selbst der hochwüldigstc Bischof Neumann von Philadelphia läßt dort mehrere junge Leute zum Priesterstande vorbereiten. In Marienstadt ist das Mutterhaus der Benedictinerinncn -für Nordamerika (gleichfalls von 0. BonifaciuS gegründet), welches bereits Filialen hat zu Erie, Ne- wark und St. Cloud. Zu Newark wurden bereits vor einem Jahre die nöthigen Räume hergerichtet für ein Knabenseminar; zn Covington wurde unter dem Tiiel: ,,8t. ilcmeplm klassierst Meristem)'" eine ähnliche Anstalt eröffnet, in St. Clond soll ebenfalls ein Seminar für weiße, in St. Joseph ein solches für Judianerknaben errichtet werden. Gleiches wird hrff.ntlich in Marienstadt oder Erie, in Doniphan und 8mi 4osa geschehen, falls eö nicht bereits geschehen ist. An allen Orten ohne Ausnahme und meist noch in weiter Umgebung versehen die Beuedictiner die Scelsorge, hauptsächlich bei den Deutschen, häufig aber auch bei den englisch und französisch Redenden, wo diese keine eigenen Gemeinden bileen. Gewöhnlich haben sie gepade solche Gemeinden übernommen, die keinen eigenen Seelsorger erhalten können, weil sie zu arm sind, wie in den Bergen der Alleghany's, in Minnesota, KansaS und Nebraska. WaS anderen Orden und Kongregationen unmöglich ist, könne» die Söhne des heil. Benedicius leisten, weil sie von einer beträchtlichen Anzahl Laienbrüder (im Ganzen mögen ihrer dermal beiläufig 100, der Priester aber gegen 50 sein) unterstützt werden, die durch ihrer Hände Arbeit daS reichlich ersetzen, was arme Gemeinden bei ihrem besten Willen nicht leisten können. Wie hochgeschätzt die Brnediciiner sind, mag man daraus abnehmen, daß die Bischöfe von Convington und Leavenworth, beide aus dcr Gesellschaft Jesu, nicht Amand Krammer aus der Linzcr-Dtvccse ist Prior, k. Karl Gcverstanger auS Salzburg Subprivr in Sl. Vincent. 22 IKÄ 22 ruhten, bis sie solche erhielten, und daß der hochverdiente Bischof Odin von Gal- veston die weite Reise nach St. Vincent nicht scheute, um den Abt zur Uebernahme von 8an lose zu bewegen. Mancher mag vielleicht geneigt sein, dem unermüdlichen p. Bonifacins vorzuwerfen, daß er zu viel unternehme; aber wer sich die Mühe nehmen will, die kirchlichen Verhältnisse in Amerika näher kennen zu lernen, der wird auf ganz andere Gedanken kommen. So waren gegen Ende des Hörigen Jahres in Minnesota unter 270,000 Einwohnern 50,000 Katholiken, und Priester — 27! darunter 8 Benediktiner; — ohne diese also wären es gar nur 19 gewesen! Ja in Neu Mcrico waren für 78,000 Weiße und 5000 bekehrte Indianer, also für 83,000 Katholiken nur 26 Priester da. Aehnlich ist'S anderwärts. Der im Ucbrigcn ausgezeichnete Ur. I'. Petrus Lechner von Schepern läßt in einem Berichte, der in den Heften der Leopoldincnstiftung abgedruckt ist, erkennen, daß ihm das Leben der Trappisten in Kentuckp ungleich besser gefallen hätte. Die Erfahrung hat aber bereits gelehrt, daß letztere, die zndem weder Scelsorge noch Seminarien haben, abnehmen, während die Benedictiner sich so rasch vermehren und verbreiten — ein Beweis, daß 0. Bonifaz den geeignetsten Weg eingeschlagen hat, um möglichst viel Gutes zu wirken. Möchten Alle, die am Gedeihen unserer heil. Kirche in Amerika, mithin auch an dem Anfblüh.-n des Benedi'ctiner-OrdcnS daselbst — Antheil nehmen, ihn wenigstens mit ihrem Gebete fleißig unterstützen. (Schluß folgt.) I- W Die Pest der schlechten Wucher. Von r. K. Clemens. ' , (Fortsetzung.) Schon Mancher hat sich verleiten lassen, verderbliche Bücher zu lesen; er glaubte nur eine unschuldige Neugier zu befriedigen und spiegelte sich vor, er wollte doch auch auf der Höhe der Zeitbildung stehen — und was ist daraus geworden? Er verlor noch das Fistikchen Glauben, welches er hatte und mit dem GlanbenSsünkleiu erstürben auch die schwachen Keime seiner Tugend. Daß dies nicht aus der Last gegriffen ist, kann mau bald gewahr werden, wenn man die ungeheure Menge der Halbgebildeten betrachtet, welche in Privaikreiseu wie im öffentlichen Leben, in bürgerlichen Versammlungen wie in den Verhandlungen der Kammern mit vollen Backen die falsche Weisheit der neuen Zeitbildung aussprudeln. Woher kommt diese rohe Unkenntuiß der einfachsten Rechtsgrundsätze? Woher kommt dieses hochmüthige und falsche Aburtheilen über Zeitsragen und Zeitereignisse? Woher kommt eS, daß in ganzen Gegenden und Ländern die öffentliche Meinung völlig irregeleitet und verkehrt ist? Woher kommt selbst bei den sogenannten Gutgesinnten dieses feige Liebäugeln mit Grundsätzen, die man einfach mit Füßen treten sollte? — Ich weiß wohl, daß unsere Zeit auf den faulen Fundamenten des sieben; Huten und achtzehnten Jahrhunderts steht; ich verkenne auch nicht den ungeheuren Einfluß, den eine verkehrte Erziehung äußert — aber das wird man doch zugeben müsssn, daß die schlechte Literatur einen großen Theil der Schuld trägt. Ebenso ist eS eine Wahrheit, welche von der täglichen Erfahrung tausend Mal bestätigt wird, daß viele unserer Zeitgenossen, die in religiöser und sittlicher Beziehung j tzt verwildert sind, anfangs Herz- gute Leute waren. Aber sie halten nun ei, mal das Unglück, der schlechten Presse znr Beule zu werden. Sie lasen täglich die nichtSwürdigstcn Zeitungen, sie schöpften ihre Fortbildung aus Gcschichlswcrke», Zeitschriften und ConversaiionSleriken der schlechtesten Art und hatten doch vorher noch keinen festen Grund im Guten gelegt. Sie lasen jene socialistischen und communistischen Teudcuzromaue und Broschüren uud st--! t?- 23 jene Bücher mit der Alles verflachenden Humanitätstendenz — kurzum: sie bestelln- deten sich auf das Innigste mit dem Zerrbild und Fratzenbilv der Menschheit, ehe sie noch das schöne Ideal derselben geschaut hatten. Und daS geschah anfangs bloß aus Neugier und bloß aus dem schöuklingenden Beweggründe, mit der Zeitbildung gleichen Schritt zu halten. Ja, da soll es auch noch heißen: „Ich lese dafür nnd auch dawider." Mau weiß wohl, wie es geht. Wer sich einmal seine LebenSanschauungen aus schlechten Zeitungen und Büchern zurecht gelegt hat, der sieht nicht mehr nach, was gute Zeitschriften, z. B.: die historisch-politischen Blätter sagen; er gibt sich auch schwerlich die Mühe, ein gutes Werk zu lesen, wie z. B.: die Symbolik von Möhler, daS Handbuch von Deharbe und Andere. Also auch diese Redensart: „Ich lese auS Neugier, oder der Zeitbildung wegen" kann kein Freibrief znm Lesen schlechter Bücher sein. Jetzt kommt Einer und sagt: „Ich lese allerhand Romane, Novellen und Ge- dichte, das ist wahr: aber ich thue das nur, um mir Menschenkenntniß zu sammeln. DaS ist auch der Grund, warum ich fleißig in's Theater gehe. In den Romanen und Schauspielen werden die verschiedenartigsten Charaktere und Lebensvcrhältnisse geschildert, die ich sonst kaum in meinem Leben in der Wirklichkeit zu schauen hoffen darf. Da werden die reich bewegten Lebenswege des Menschen als Bild in einen engen Rahmen zusammengedrängt. Da erblickt man den Menschen im Kampfe mit sich selbst, im Kampfe mit der Natur, im Kampfe mit dem Schicksale; da treten die sonst im Verborgenen wirkenden Beweggründe und Ursachen offen zu Tage und daraus schöpfe ich Menscheukenntniß." Bis hierher hat die Sache einen guten Klang. Aber halt, guter Freund, du hast zwei wichtige Puncte übersehen. Du sagest, es werden da Charaktere und Verhältnisse geschildert; gut, — werden denn aber auch die Gegenstände immer wahr- heitgemäß und getreu geschildert, oder ist es nicht vielmehr so, daß die Phantasie des Schriftstellers Alles im Zauberlichte der Poesie und der Uebertreibung zeigt? Wer dergleichen gelesen hat, wird wissen, daß bei solchen Darstellungen Wahrheit und Dichtung sehr sein ineinandergewoben sind nnd daß in einem solchen Buche gewöhnlich mehr Dichtung als Wahrheit herrscht. DaS ist das Eine. — Zweitens mußt dir auch erwägen, welche GeisteSrichtnng denn in einem solchen Buche herrscht. Wehet ein unklarer oder indifferentistischcr oder geradezu gottloser Geist durch das Buch — wie kannst du dann Werth darauf legen? Wenn ein Buch getreue Schilderungen enthält nnd in gutem Geiste geschrieben ist, dann kann man wohl zugeben, daß es dir Beiträge zur Menschenkenntniß liefert, aber nicht gerade wegen der darin enthaltenen Schilderungen, sondern mehr darum, weil diese Schilderungen deine Aufmerksamkeit auf die Erscheinungen deS wirklichen Lebens lenken nnd so einen gewissen Beobachtnugsgeist in dir wecken. In die Tiefe der Menscheukenntniß steigen auch die besten Romane nur selten, nur in einzelnen Lichtblicken und Sentenzen; der überwiegende Inhalt beschäftigt sich nur mit dem äußeren Menschen. Meine größte Befürchtung ist jedoch diese: du liesest viel solcher Bücher und suchest DaS, was dn darin als Wahrheit anerkennst, aus das wirkliche Leben anzuwenden. Du stellst Begleichungen an zwischen Dem, was dir der Schriftsteller vorgelegt hat und Dem, was dir das wirkliche Leben zeigt. Du prüfest, ob der Schriftsteller Recht oder Unrecht hat und auf diese Weise wirst du, ohne eö zu merken, dahin gebracht, Alles auf die Außenwelt zu beziehen und nicht in deine innere Welt hinabzusteigen. Wo bleibt aber da der wichtigste Theil der Menschen- kenntniß — nämlich die Selbstkennlniß? Es ist wahr, du verstehst die Charaktere und die Lcbensverhältniffe der Menschen ziemlich gut zu beurtheilen — aber wann hast du je eine Anwendung auf dich selbst gemacht? Siehst du denn nicht ein, daß ein ausschließliches Lese» solcher Bücher dich nur noch mehr darin bestärken wird: - U^''^ M IMi IM W D IA-.. IW >* : >7 24 nach Außen hin zu leben, aber ein Fremdling in deinem eigenen Herzen zu bleiben? Der Mensch ist ohnehin schon zu sehr geneigt für diese Richtung und du wolltest nur noch dies mehr befördern? —> Du gleichest einem Menschen, der eine reiche Erbschaft angetreten hat und nun sich gleich ohne Weiteres auf die Reise macht, um fremde Länder zu sehen. WaS hilft es ihm, wenn er auch noch so viele fremde Lander nnd Völker kennen lernt, aber von seinen eigenen Besitzungen keine nähere Kenntniß hat? ES kann ihm begegnen, daß, während er sich auf seinen Reisen gut unterhält, seine eigenen Landgüter von schlechten Verwaltern nnd von Räubern verwüstet und verschleudert werden, so daß er plötzlich ein armer Mann ist. Dieses Jahr ist vielleicht daS letzte Jahr deines Lebens. Du trägst vielleicht jetzt dein letztes Kleid und man wird dir kein neues mehr anmessen. Blicke nun in dein bisheriges Leben und erforsche dich, ob du auch nur eine Spur von Selbstkcnntniß entdeckst. Du warst bisher ein Welleuspiel der Zerstreuungen, deine ganze Frömmigkeit war von zufälligen Stimmungen abhängig. Du suchtest dich zu überreden, es sei dir um eine wahre Besserung zu thun und doch hast dn nie über die Ursachen deiner Fthler nachgedacht, du kennst noch nicht einmal deinen Hauptfehler und deine vorherrschenden Leidenschaften, kurz: in deinem bisherigen Leben herrschte keine Ordnung, kein Plan, und so lebst du Jahr aus Jahr ein dem furchtbaren Tage der Ewigkeit entgegen. Damit will ich keinen Wermnth in dein Lcbeu mischen, sondern nur sagen: man überschätzt sehr leicht solche Bücher und man vergißt darüber die Selbstkcuntuiß, welche doch von aller Menschenkenntniß die nothwendigste ist. — (Schluß folgt.) Christliche Wohlthätigkeit. (Neue Wohlthätigkeits-Anstalt in Paris.) Einen überaus wohlthätigen Eindruck muß auf die für das Wohl der leidenden Menschheit ernstlich besorgten Katholiken die Ueberzeugung machen, daß in Mitte der sie allseitig umgebenden Genußsucht wahrhaft edle für das Wohl und Wehe der leidenden Mit- brüdcr egnpsängliche Seelen sich finden. Den Beweis hiesür liefert eine erst neulich durch Sammlung milder Gaben inS Leben gerufene WohlthätigkeitSanstalt in Paris. Durch amtliche Nachforschungen hat sich nämlich herausgestellt, daß in Paris bei der Ueberfüllung der Spitäler viele der Unterstützung bedürftige Greise zurückgewiesen werden mußten. Ihre Zahl soll sich in Paris allein auf 6000 belaufen. Die armen hilflosen Menschen fallen nun ihren Kindern, die oft selbst kaum Brod für die Sprößlinge ihrer Ehe haben, zur Last. Krankheit und körperliche Gebrechen verhindern die Mehrzahl derselben den Gottesdienst zu besuchen, und so entbehren sie in ihrem ohnehin erbarmenswerthrn Zustande auch noch des religiösen Trostes. Diesem Uebelstande abzuhelfen, hat sich eine Gesellschaft gebildet, welche in kurzer Zeit durch Sammlung milder Gaben das Geld zum Ankauf nnd zur Ausstattung eines Hauses, dem auch eine Kapelle angebaut ist, zusammenbrachte, in welchem bereits mehrere dieser Unglücklichen unter Leitung der barmheizigeu Schwestern Obdach und Verpflegung finden. Vier Stücke, die großen Frieden bringen. 1. Befleiße dich, lieber eines Andern W llcn zu thun, als deinen eigenen. 2. Ziehe es stets vor, weniger als mehr zu haben. 3. Suche immer den untersten Platz nnd unterwirf dich gerne Anderen. 4. Wünsche allezeit und bete, daß der Wille GottcS vollkommen geschehe! Redaciid» und Verlag: Oo. Mar Hultler. — Druck «ru 2. M. Kleinlc. 22. Januar 1860> Das Augsburger SonntagSblatt (Tonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Zur IVVjährigen Jubelfeier des Geburtstages des hochfel. Bischofs Wittulann. Ihn beschweren alle Ehren, Aller Feier ist Er feind; Denn die Demuth sieht mit Wehmuth, Was nicht Gottes Ehre meint. Doch gibt's Feste, wo als Gäste Engel selbst mit uns sich sreu'n, Wo ste kommen, um den Frommen Gnaden auf den Weg zu streu'n. Solch ein reines Fest ist Seines Pricsterthumes Jubeltag, Wo mit Grunde unserm Munde Segenswunsch entströmen mag. Fünfzig Jahre am Altare, Fünfzig Jahr' im Dienst des Herrn, Ohne Rasten, allen Lasten Beugt Er Seine Schultern gern. Fromm und innig, still und sinnig Wirkte Er an Seinem Ort, Tausend nahmen heil'gen Samen In sicl> aus auS Seinem Wort. Wer Ihm nahet, der bejahet, Daß das heil'ge Wort nicht trügt: Daß hienicden scl'gen Frieden Findet, wer sich selbst besiegt. Streng bekämpfet und gcdämpfet Hat Er jede Leidenschaft; Um so weiser ist Sein Eifer, Um so fester Seine Kraft. Wcnn's zu wehren gilt die Ehren Gottes oder Seiner Braut; Wenn's zu wahren vor Gefahren Gilt die Schaar, die Ihm vertraut. In den Wellen, die im schnellen Wechsel treibt der Strom der Zeit, Wankt Er nimmer, fest wie Trümmer Besserer Vergangenheit. Ob es stürme, ob sich thürmc Drohend Wetter rings umher, Kein Erblassen kann Ihn fassen, Denn Sein Muth stammt hoher her. Stadt! gib Zeugniß dem Ereigniß Aus der schreckenvollen Zeit, Wo die Sieges-Gier des Krieges Dich dem Untergang geweiht.*) Kugeln raffeln, Flammen prasseln, Häuser stürzen krachend ein. ') Bei Erstürmung »on Regen-burg 1809. Alles zittert, unerschüttert Geht Er Seinen Weg allein, Sucht die Armen voll Erbarmen, Sucht die Kranken rettend auf, Kein Gcwirre macht Ihn irre, Nichts hemmt Seiner Liebe Lauf. Gleich dem Pfeile, der mit Eile Unverrückt zum Ziele dringt, Gleich dem Keile, der die Theile, Die Er faßt, zu weichen zwingt; So eilt g'rade auf dem Pfade Strenger Pflicht Sein Fuß dahin. So siegt mächtig, wohlbedächtig Sein in Gott gestählter Sinn. Doch die enge Zucht und Strenge, Die dem Leichtsinn mahnend wehrt, Wird erweitert, es erheitert Sich Sein Antlitz wie verklärt. Wenn die Kleinen Ihm erscheinen, Wenn ihr traulich Ihn begrüßt. Vor dem Kinde schmilzt die Rinde, Die Sein liebend Herz umschließt. Denn Sein zarter, wohlbewahrter Blick, den heil'ge Scheu umhüllt, Sicht im Kinve keine Sünde, Sieht das reine Gottcsbilv Niedcrscheinen auS den Kleinen, Sieht die Engel vor dem Thron Betend knicen, aufwärts ziehen Ktnderherzen zu dem Sohn. Also wandelnd, rastlos handelnd. Ward Er heut' ein Jubelgreis; Und noch immer ruht Er nimmer, Ja, noch reger wird Sein Geist. Auch nach plagevollem Tage Bleibt Ihm Ruh' und Schlummer fern. Mitternächtig ringt Er mächtig, Wie einst Jakob, mit dem Herrn. Hebt die Hände, daß sich wende Seiner Strafgerichte Droh'n, Und Er betet noch, da röthet SiH im Ost der Morgen schon. Unergründlich scheint uns stündlich, Was Sein Jnn'res drängend fühlt. Mann des Geistes! Du nur weißt es, Was Dir Gottes Geist enthüllt. 26 > " -^1 Als eine Zeuge an der Neige Alter Tage stehst Du da! Was dieß Gähren will gebären. Sag' unS, wenn Dein Aug' es sah. Doch Du schweigest ernst und zeigest Betend auf das heil'ge Buch: „Und ich lese: Böse, böse Ist die Zeit und schwer der Fluch. Betet, wachet, kämpft und fachet An des hcil'gen Feuers Gluth. Ihr Erkalten löst den alten Drachen, löst der Hölle Wuth." Jubelpriestcr! da so düster Sich der Tage Abend senkt, So bleib' bei uns, ach! und sei uns Stern, der durch die Nacht uns lenkt! Da dieser Hochselige nicht mehr unter uns weilt, sondern, von der Erde Last und Wirren erlöst, des himmlischen Friedens sich freut, blicken wir in der Zuversicht seiner Seligkeit zu ihm auf und rufen, an den Schluß des obigen herrlichen Lobgesanges auf das fünfzigjährige Priestcrjubiläum Wittmanns aus dem Munde des nun ebenfalls Heimgegangenen großen Kirchenfürsten Melchior v. Diepenbrock anknüpfend: Nun dort oben, Gott zu loben In des Himmels Seligkeit, Blickst du nieder auf die Bruder, Wallend noch in trüber Zeit. Schon erschlossen sind die großen Zlckunftsblüthen Deinem Blick; Doch wir stehen noch in Wehen, Bangend um der Welt Geschick. Fleh' am Throne bei dem Sohne Und der Mutter mackcllos, Daß mit Würde seine Bürde Trage Pius, mild und groß. Daß die Priester wie Geschwister Stehen um den Vater treu, Und nicht wanken aus den Schranken, Wenn sich nah't der Hölle Leu. Wenn der Feinde Macht sich einte Gegen GottcS Braut zum Streit, Ist zum Schutze wie zum Trutze Erd' und Himmel auch bereit. Nicht erlieget, der besieget Schon am Kreuz die Macht der Welt; Mit Vertrauen also schauen Wir wie Du zum Sternenzelt. — Der Einfluß -er katholischen Religion auf die verschiedenen Gewerbe in materieller Beziehung. (Schluß.) Trete» wir aber aus der Kirche hinaus in das Leben, so begegnen wir hier ebenfalls den verschiedensten Erwerbszwcigen, die theilweise dem katholischen Lebe» mehr oder weniger ihr eigenes Leben verdanken. Der Gelbgießer mit seinen Crnci- firen, Pfenningen und Medaillen kann nur in einem katholischen Lande bestehen. Der Lithograph und Kupferstecher lebt wohl hauptsächlich von den Heilgenbildern, die der Katholik mit Freude und "Ehrfurcht für sich und seine Kinder gerne aufnimmt. Nährt nicht der Palmsonntag manchen Familenvatcr aus den südlichen Gegenden, da er für diesen Tag weit und breit die Oelzweige, die sein Vaterland ihm reichlich bietet, an Orte liefert, wo keine solchen gedeihen, wo er aber eben wegen der herrschenden katholischen Kirche den gewissen Absatz weiß? Auch der Kranzver- fertiger aus Bachs und Ephen schlägt seinen Gewinn am Seelentage hoch an, wie anch der Gärtner es nicht verschmäht, zu kirchlichen Festen seinem Garten die schönsten Blumen zn entnehmen, und daraus nicht unbeträchtlichen Gewinn zn ziehen. Muß nicht der Müller das feinste und reinste Weizenmehl liefern, damit eS tauglich sei, ans demselben das Brod zum hochheiligen Opfer der Messe zu bereiten, und hat der Bäcker an den hohen Festtagen dcS katholischen Kirchenjahres, an denen der Katholik zur geistigen Freude auch die leibliche und Familienfrende vereinet, nicht besondere Arbeit und besondern Erwerb? Wir dürfen dabei nur an den Weihnachtszeiten oder an daS Osterbrod und den Allerheiligen-Hasen denken. Daß an diesen Tagen der Freude auch der Zuckerbäcker nicht leer ausgehe, kann man sich leicht denken. Aber auch der Weinhändler findet eine nicht unbedeutende Absatzqnelle für seine Getränke. Wenn auch zum heiligen Meßopfer nur eine ganz kleine Quantität Wein 27 erforderlich ist, so muß doch eine bedeutende Menge nach jenen Gegenden gerade zum kirchlichen Gebrauche gesendet werden, in denen der Weinstock nicht gedeiht, da die katholische Kirche ja von einem Pole der Erde bis znm andern ihre Mntterarme ausgestreckt hat. Zu den Weinhändlern gehört auch daS Wirthsgewerbe. Alle Welt weist aber, dast Niemand größere Freude hat an großen kirchlichen Festen, als gerade die Wirthe, da sie wohl wissen, daß der Mensch nach dem Gennsse geistlicher Nahrung gerne auch nach Labung für seinen Leib verlangt; es sollte freilich kein Mißbrauch der Gaben GotteS, kein Uebermaß im Genusse der Getränke erfolgen, und dann ist der redliche und ehrliche Gewinn den Wirthen für ihre Mühe und Sorge wohl zu gönnen. Noch haben wir nichts vernommen von dem Gewerbe der Kürschner, Schneider nnd Schuster. Sollen diese von der Betheiligung an der Arbeit der Kirche ausgeschlossen nnd gleichsam als Stiefkinder bewachtet werden? Nein, wenn auch nicht groß die Anforderungen an diese Gewerbe sind, so sind sie doch nm desto ehrenvoller und ausgezeichneter. Der Kürschner liefert den hohen Prälaten, Bischöfen, nnd Domherren ihren vorgeschriebenen Hermelinmantcl, der zur Hebung des äußeren Ansehens derselben beiträgt. Ncbstdem, daß es eigene Kirchenschneider gibt znr Verfertigung der Paramcnte, hat doch fast jeder Kleidcrmachcr Gelegenheit genug, nebst dem der Mode unterworfenen Kleide der Weltlichen auch die gleichbleibenden Talare und überhaupt die ehrwürdige Tracht der Diener der Kirche seinen geübten Händen anvertraut zu sehen. Weniger Abwechslung findet Hiebei der Schuhmacher, da die Fußbekleidung doch ziemlich allgemein die gleiche ist; es wäre hier nur, daß man die sonst nicht gebräuchlichen Schnallenschuhe oder die für die rauhen Bergwcge des Priesters be- rechncien Kanonsticfel anführen wollte, die jedenfalls auch nicht unbedeutenden Erwerb liefern möchten. Jedoch widerfährt der Arbeit des Schuhmachers die höchste Ehre, da ja auch ein Schuhmacher den mit dem goldenen Kreuze gestickten Pantoffel verfertigt, den der heil. Vater anzieht, sobald er sowohl Hohe als Niedere zum üblichen Fußknsse zuläßt. Während der Seiler znm Behufe des LäutenS die Glockenstricke aus Hanf dreht, flechtet der Sattler dieselben aus ledernen Riemen, oder überzieht die Hanfstricke mit der gegerbten Haut der Thiere. Allein nicht nur die Handarbeit oder eigentliche Handwerker finden Mittel- oder unmittelbar, mehr oder weniger Verdienst und Erwerb wegen des herrschenden katholischen Glaubens, sondern auch der Kaufmann, der mit den verschiedensten Gegenständen Handel treibt. Wir wollen schweigen von den Buchdruckern und Buchhändlern, die gewiß allgemein das Zeugniß abgeben, daß die Diener der katholischen Kirche ihre besten Kundschaften sind; auch der Schnittwaarenhändker sieht gewiß mit Freude den Pfarrer oder den Kirchpropst in sein Gewölbe kommen ; denn er weiß daß diese die sichersten Abnehmer seiner Seiden- und Sammtstoffe, seiner wollenen nnd leinenen Damaste, seines Spitzen- nnd TüllverlagcS sind, weil dieses alles gar wohl znm Kirchendicnst verwendbar ist. Der Speccreihändler, was verdankt nicht dieser für einen schönen Gewinn dem katholischen Gottesdienste, oder fragen wir nur, wie viel Weihrauch würde er verkaufen, wenn es keinen katholischen Gottesdienst gäbe? nnd wie viel Oel verschleußt er nicht gerade wegen des ewigen Lichtes, das Tag und Nacht vor dem Tabernakel der kathvlsschen Kirche das ganze Jahr hindurch brennt? Auch dürfen wir bei diesen Speccreihändlern nicht vergessen den namhaften Gewinn, den ihnen die Fasttage der katholischen Kirche abwerfen, oder, fragen wir weiter, würden jene viele Centner Stockfisch, Häring und Anguilloti je nach Rom kommen, wären wir nicht gewissenhaft genug, die vorgeschriebenen Fasttage zu halten? Ohne die Fasttage würde dieser Handelsartikel bei uns gar nicht im Schwünge, oder ein ganz unbedeutender sein. 28 Weil wir aber gerade von den Fasttagen sprechen, so können wir noch einen Erwerbszweig nicht unerwähnt lassen, der gerade dieser Einrichtung der katholischen Kirche seinen besten Verdienst verdankt. Wir meinen hier die sogenannten Mehlbcreien. Wann sind diese am meisten besucht? wann bringen sie ihre Verrathe an Mehl, Schmalz und Hülsensrüchtcn rc. am besten an den Mann? Unstreitig doch an und für die Fasttage. Schreiber dieses hat manche große Stadt besucht, und geflissentlich um dieses Gewerbe sich umgesehen, fand aber, daß verhälinißmäßig nirgends so viele Victualicnhändler, Greißler, bei uns Mehlbler genannt, sich aufhalten, als in unserer katholischen Hauptstadt, was wohl ein Zeugniß sein dürfte, daß das so geschmähte und verachtete Fastengebot der Kirche hier noch am gewissenhaftesten dürfte eingehalten werden. Hier dürste auch nicht Übergängen werden, wie viele Personen nnr bei der kathol. Kirche entweder ganz oder thcilweise ihren Lebensunterhalt finden; wir dürfen blos erinnern an die Mcßuer und Organisten, an die Ministranten und anderes Sacristei- nnd Thurm-Personale, nm uns die vielseitige Brodspendung der heil. Kirche vor Augen zu führen. Und wollten wir erst die anS dem Geiste der kath. Kirche her- vorgegangenen Vereine und Bruderschaften, die Spitäler, Klöster und sonstige Wohl- thätigkeits-Anstalten durchgehen, welche Masse von Unterstützungen, Ernährung, Erwerben und Verdiensten, mit einem Worte, welche Menge Brod verschafft nicht die katholische Kirche dort, wo sie in Blut und Saft des Volkes übergehet! Doch wir wollen die Geduld der Leser nicht länger mißbrauchen. Aus den kurzen Umrissen müssen wir ersehen haben, welchen materiellen Segen unser heil. Glaube zu verbreiten im Stande ist. Denken wir nnö nur, wenn auch nur auf zehn Jahre unsere Kirchen geschloffen, unsere Priester verbannt, wenn in dieser Zeit das neue Hcidcnthum oder förmliche Religionslosigkeit, oder auch nur eine andere Religion als die kaiholische herrschen würde, wie würde eS in unserm Vaterlande aussehen? Ach, das schauerlichste Bild alles Elendes würde sich gar bald offenkundig zeigen. Nicht nur, daß alle Zucht und Sittlichkeit aufhörte, daß kein Eigenthum sicher, keine Erziehung möglich wäre, nicht nur, daß alle Bande der Ordnung ausgelöst, das Familienleben entheiliget, der Gehorsam entfremdet, und dafür Ruch- losigkeit, ja selbst Raub und Mord au der Tagesordnung wären, selbst der nährende Erwerb, die Brod verschaffende Arbeit würde für Viele entweder ganz, oder auf sehr empfindliche Weise zum Theile verloren gehen; warum? weil die eigentliche Brodmntter, die liebende Verpflegen« ihrer Kinder au Leib und Seele von uns gewichen wäre. Man darf nicht glauben, diese hier ausgesprochene Ansicht sei ein bloßes Phantasicbild oder ein ernsthafter Scherz, o nein, eS ist lautere Wahrheit. Dafür spricht wohl die laute Thatsache, daß gerade an den Orten, wo die katholische Religion entweder verschwunden, oder wo gänzliche Gleichgiltigkeit gegen dieselbe herrscht, die Armuth einen schreienden Grad erreicht, den wir zum Glücke gar nicht kennen, und manche Gewerbe so darnieder liegen, daß die mistigen dagegen in vollster Blüthe sich entwickeln. Ja, eS lohnt sich der Mühe, nnd unsere heil. Religion verdient es, auch diese wohlthätige Seite der heil. Kirche tief aufzufassen und zu Gemüthe zu führen. ES wäre doppelter Undank und doppelte Strafwürdigkeit von unserer Seite, wollten wir in den Ton des neuen AufklärichtS einstimmen, und unsere heil. Kirche besudeln mit bösen, unverdienten Vorwürfen und thörichten Beschimpfungen. In nnsircr Zeit, wo man alle Erfolge und glücklichen Resultate nach Proccnten und Geldsummen berechnet, ist es gewiß von großer Wichtigkeit, den Feinden unseres heil. Glaubens auch kühn entgegentreten und sagen zu können: Unsere Kirche ist auch unsere Brodmntter. Ja, so ist eS auch, und wir glauben gar nicht die Summe zu übertreiben, wenn wir zu behaupten wagen, daß bereits eine halbe Million jähr- lich nur in unserer Stadt, einzig weil sie katholisch nnd weil Tirol katholisch ist, in 29 Umlauf gesetzt wird, ungerechnet dessen, was christliche Liebe und Mildthätigkeit noch besonders Gutes spendet. Darum freuen wir uns, der heil. katholischen Kirche anzugehören. Diese hl. Kirche ist unsere Mutter, die mit liebender Sorgfalt nicht nur unsere Seelen für eine selige Unsterblichkeit vorbereitet, nicht nur unseren Geist mit der erhabensten Kenntniß über Gott, unsern Zweck und unsere ewige Bestimmung ausrüstet, und denselben für alle Vorfälle des an Abwechselung reichen Lebens stärket, ihn lenkt und leitet die Bahn der Tugend und Gottseligkeit zn wandeln, sondern auch den Bedürfnissen unseres sterblichen Leibes bereitwillig und mit vollen Händen abzuhelfen sich bemüht. Ihr gebührt unsere volle Achtung, Liebe und Anhänglichkeit aus doppelter Beziehung. Bleiben wir fest und unveränderlich in treuer Ehrfurcht ihre gehorsamen Kinder. Mag auch der herrschende Zeitgeist mit aller Wuth blinder Räsonnirsncht, mit allem Gifte der Schmähung, des Spottes und Hohnes über unsere Kirche herfallen: mag er auch von seiner erträumten Höhe vornehm lächelnd auf sie Herabblicken — Uns bleibt sie eine heilige, verehrnngöwürdige Mutter, welcher anzugehören wir uns zur höchsten Ehre und zum größten Glücke rechnen. Uns ist sie jene liebreiche Mutter, der wir aus ganzem Herzen durch treue Anhänglichkeit unsere Dankbarkeit darbringen, weil sie uns bricht das Brod der Seele, aber auch das des Leibes. Sie blühe und wachse, sie vermehre sich an Kindern aller Art auf dem ganzen weiten Erdenrunde, sie blühe und bleibe im gesegnetsten Zustande in unserm allzeit katholischen Tirol! Die Pest der schlechten Bücher. Von r. K. Clemens. (Schluß.) Ein Anderer sagt wieder: „Aber diese Bücher sind doch sehr schön geschrieben; und gerade um Gewandtheit im Ausdrucke zu erlangen, lese ich sie." — Hier könnten wir mit einander streiten, ob denn für deinen Stand wirklich eine so große Rede- und Schreibfertigkeit nöthig ist. Aber nein, wir wollen annehmen, es wäre so. Wird denn damit der Zweck erreicht? Theilweise wohl; aber daraus folgt ja noch nicht, daß man hierzu verderbliche Schriften wählen müsse. Was wäre das für ein Gewinn, wenn man sich die wunderschöne Schreibart eines Schriftstellers aneignete, zugleich aber auch den schlechten Geist desselben? Will man zu seiner Ausbildung lesen, so gibt cö noch genug gute Bücher. UcbrigenS ist dies nicht genug. Wem eS wirklich darum zu thun ist, sich eine größere Fertigkeit im schriftlichen Ausdruck anzueignen, der muß nicht glauben, daß er dies durch Lesen allein schon erlange. Er muß sich vielfach üben in den verschiedenen Arten von Aufsätzen und seine Arbeiten von einem kundigen Lehrer verbessern lassen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich recht angelegentlich ein Buch empfehlen, welches zur Ausbildung in deutschen Aufsätzen sehr geeignet ist. Es hat den Titel: „Entwürfe zu deutschen Aufsätzen und Reden, nebst einer Einleitung, enthaltend das Wichtigste anS der Stylistik und Rhetorik. Für Gymnasien, Seminarien, Realschulen und zum Selbstunterrichte von Joseph Kehrein, Professor am herzoglichen Gymnasium zu Hadamar, jetzt Dircclor des katholischen SchullehrerseminarinmS zu Montabaur rc. Paderboru, Verlag von Schöningh. 185^." Außer der wissenschaftlichen und prac- tischcn Gediegenheit, die überhaupt alle Schriften des gelehrten Verfassers auszeichnet, verdient der christliche Geist dieses Buches die dankbarste Anerkennung. Es ist meines Wissens das erste Buch dieser Art, welches die Wahrheiten der heiligen Religion gebührend berücksichtigt. Es ist also auch diese Auörcdc: „ich lese um die schöne Schreibart zu lernen," eine ganz unbegründete. — '.z> 1-^ 30 M IM- IM' Ss W V. Endlich gibt cs noch Einige, welche von Kummer nnd Betrübniß niedergedrückt find und solche Bücher lesen, nm sich zn zerstreuen nnd ihren Gram zu vergessen. Für den Augenblick hilft eS wirklich nnd das kommt daher, weil der Geist vom Gegenstände seines Verdrusses abgelenkt nnd auf einen anderen Gegenstand hingeführt wird. Um also anf kurze Zeit sein Leiden zn vergessen, braucht man nnr eine Thätigkeit zn wählen, die den Geist so viel als möglich von der Ursache des KnwmerS ablenkt, ihm Zerstreuung verschafft. So würde z. B.: gesellige Unterhaltung oder große Thätigkeit in den BernfSgeschäftcn oder eine kleine Erholungsreise zwar gnte Wirkung thun, aber nnr für kurze Zeit. So wie die Beschäftigung abgebrochen wird, kehrt der Kummer zurück. Da aber die Zerstreuungen nur anf wenige Stunden Linderung verschaffen, so sollte man auch nicht zn viel Werth darauf legen, sondern vielmehr anf ein Mittel sinnen, welches für immer den Schmerz der Seele heilte. Ein solches Mittel besitzen wir aber in der Anwendung des Glaubens. Wenn man zur Religion seine Zuflucht nimmt, so erhält man folgenden Aufschluß: Dn leidest Trübsale? Wohlan, wo ist ein Mensch, der nicht sein Kreuz hat? Wo hast du je von einem Heiligen gehört, der nicht durch die Schule des Leidens gegangen wäre? Die größten Heiligen tranken gerade den bittersten Lcideuskelck, z. B.: die Mntlergottes, der heilige Johannes der Täufer u. A. Wo siehst dn einen Sünder, der nicht auch sein Kreuz hat? Oder hat der Sünder kein Krenz, so beneide ihn nicht, er ist vielleicht von Gott aufgegeben. Dn magst also ein Sünder oder ein Gerechter sein, so ist Leiden dein Antheil. Gibt Gott dir dein Leiden nicht zur Buße, so gibt Er dir'S doch znr Prüfung. — Auf diese und ähnliche Weise gelangt man zum Verständniß seines Leidens und nun trägt man eS ruhiger. Man weiß, Gott meint es gut. Man übt nun das Gebet, man empfängt die heiligen Sacramente, denn der Glaube lehrt daß durch Gebet und Sacramente eine übernatürliche Kraft dem Menschen zu Theil wird. Frage die frommen Dulder alle, ob sie Trost aus der Religion schöpfen. Sie werden sagen: „O Gott, hätte ich die Religion nicht, so lebte ich längst nicht mehr." Wie magst du nun ein so kräftiges Trostmittel versäumen nnd dafür deine Zuflucht znr Apotheke des Teufels, nämlich zu den schlechten Büchern nehmen? Wie magst du solche Bücher lesen, welche deinen Glauben eher untergraben als befördern? Siehst du nichr, daß Gott durch die Trübsale dich näher an sich ziehen will? Will Er dich nicht losreißen von der Anhänglichkeit an das Irdische? Warum willst du Gott entfliehen nnd dich durch solche Lectüre noch inniger an das Irdische anklammern? Umfasse dein Krenz, gehe ein in die Absichten Gottes und der Friede des heiligen Geistes wird in dein Herz einziehen. Siehe, christliche Seele, alle die Scheingründe, die mau für daS Lesen schlechter Bücher anführt, zerrinnen in Nichts, sobald man sie ruhig betrachtet. Wozu wirst dn dich nun entschließen? Wirst dn stark genug sein, nm diesen Büchern zn entsagen: oder wirst du zurückkehren in den Irrgarten der glaubend- nnd sittengcfähr- lichcn Literatur? Wärest dn wohl so verblendet, nm nicht zu erkennen, daß diese Bücher wirklich sehr verderblich sind und daß dn leider nur allzn empfänglich für dieses Gift bist? Schrecken dich die traurigen Folgen dieses Lesens nicht nnd hältst du deine Gründe für so wichtig, so sage ich: Ja, so gehe denn hin! Berausche deine Phantasie an diesen sinnlichen Gemälden; verblende deine Erkenntniß an dem trüben Scheine dieser Irrlichter! Thue, was du willst; treibe, was dir gefällt; — aber ehe dn zurückkehrest in den Irrgarten dieser schlechten Literatur, so erfülle noch meine letzte Bitte und begleite mich im Geiste zu einem anderen Garten. Dieser Garten liegt draußen vor Jerusalem. Wir treten hinaus in eine schauerliche unheimliche Nackt. Der Himmel ist mit schweren schwarzen Wolken überzogen. Nnr durch einige Wolkenrisse fällt daS Mondeslicht anf die stille Flur. Da liegen unter den Bäumen einige Männer; nnd wir sehen eine menschliche Gestalt, hingeworfen ans die Knie. Sie zittert und bebt. Wir treten hinzu und schauen, nnd ein blasser Strahl des MoudeS läßt uns Jesum sehen. Von seinem Angesichte rieselt blutiger Schweiß. Warum bist du so betrübt, liebster Jesus? Warum das Zittern? Dieser blutige Schweiß? Ach, sagt Jesus seufzend, ich sehe vor mir die Sünden aller Menschen, die Vergangenheit und Zukunft. Ich sehe, daß ich Diele vergebens erlöse. Viele werde ich erlösen, aber sie werden mich wieder verlassen. O die undankbaren Seelen! Ich gebe ihnen Alles und mich selbst; sie aber wollen mir nicht daS geringste Opfer bringen. Nicht einmal einem Buche können sie aus Liebe zu Mir entsagen; wie werden sie die größeren Prüfungen und Versuchungen ertragen! Sie werden in's Verderben stürzen. Und nnn, christliche Seele, betrachte deinen Heiland. Du hast schon genug Sünden auf deinem Gewissen; willst du dir selbst den Weg des ewigen Lebens abschneiden? Willst du deinem Heiland nicht die Freude gönnen, dich auf Erden heilig und im Himmel selig zu sehen? Siehe, dein Schicksal liegt in deiner Hand. Heute noch sollst du deinen Entschluß fassen. Wähle so, daß er dich nie gereue. Der Orden des heil. BenedictuS in Nordamerika. (Schluß.) ES mag nicht überflüssig sein, durch ein paar Beispiele etwas deutlicher zu zeigen, welch große und schöne Aufgabe dem Orden des heil. BenedictuS in Nordamerika gegeben und welch ein unermeßliches Feld offen vor ihm da liegt. Man darf im Durchschnitte sicher annehmen, daß in den Staaten des Westens und der Mitte, die in Missouri, Kansas, Iowa, Minnesota, Wisconsin, Michigan, Illinois, Jndiana, Ohio und Pcnsylvanieu, in den Diöcesen Buffalo (New-Uork) und Coviugton (Kentncky) die Hälfte der kathol. Bevölkerung deutsch ist. Nun waren aber z. B. in Minnesota zu Ende des vorigen Jahres außer den 8 Bene- dictinecn nur 2 bis 3 deutsche Priester, und diese nicht ausschließlich für die Deutschen bestimmt: daraus mag man schließen, wie sehr Jene schon von der Seelsorge der Deutschen allein in Anspruch genommen waren. Und noch ist wenig Aussicht auf eine Wendung zum Bessern. Im Jahre 1850, als das Visthum St. Paul errichtet wurde, hatte Minnesota eine kathol. Bevölkerung von zwei tausend fünf hundert Seelen, nach 8 Jahren zwanzigmal so viele! Diese staunenöwerthe Vermehrung der Bevölkerung leidet aber durch die verminderte Einwanderung aus Europa keine wesentliche Aenderung; denn in Amerika geht die Uebersiedlnng aus den älteren Staaten in den frnchlbarercn und gesünderen Westen ununterbrochen fort; zumal nach dem nordwestlichen Wisconsin und nach Minnesota. Und weil in St. Paul noch kein Seminar vorhanden ist, so wird selbst der neue ausgezeichnete Bischof 6r-,ee (aus dem Dominicaner-Orden) froh sein müssen, wenn es ihm nur gelingt, die Zahl seiner Priester in demselben Verhältnisse zu vermehren, in welchem sich die Einwohnerzahl vergrößert; somit ist auch für die Benedictiner keine Aussicht auf Erleichterung. Da sie zudem seit mehr als einem Jahre selbstsländig sind, müssen sie, sobald eS irgend möglich ist, eine Lehranstalt mit Seminar eröffnen, da sie auf Verstärkung aus St. Vincent nicht mehr rechnen dürfen. Endlich hat der wohlbekannte und hochverdiente Indianer-Apostel Pier; schon wiederholt und dringend um einen oder mehrere Gehilfen zu seinem schwierigen aber reich gesegneten Werke der Bekehrung und Sittigung der Ureinwohner angehalten, und ist damit nur einem lebhaften Wunsche der Benedictiner entgegengekommen, ohne daß sie ihn bis jetzt erfüllen konnten. — In Teras haben vor wenigen Monaten 3 Väter und 2 Brüder aus St. Vincent die Kirche zu 8an äosv, einer ehemaligen Indianer-Mission, übernommen, um da ein Priorat ihres Ordens zu errichten (zu welchem Ende ihnen der Bischof v. Galvcston 600 Acres Landes überwies) und dann von hier aus die katholischen 32 W IW W M D Deutschen in 6a5troviIIo, 8an Antonio, Neu-Braunfels, FriedrichSbnrg, DhaniS, Kuihi n. s. w. zu pastorircn, da sich bis jetzt weder Weltpricster noch die deutschen Minoriten daselbst halten konnten. Diese Missionen der Deutschen allein würden 10 bis 12 Priestern mehr als genug zu schaffen geben, besonders wegen der weiten Entfernung von einander; die Benediktiner muffen aber überdieß auch hier so bald als möglich Lehranstalt nnd Seminar errichten, und das nicht bloß für deutsche Jünglinge, sondern auch für die spanisch und englisch Redenden. Ferner wäre eö schon lange der sehnlichste Wunsch der Missionäre wie des Bischofs, daß endlich auch einmal für die Bekehrung jener Indianer etwas geschehe, die zwischen Teras und New-Merico Hausen; und endlich hofft und wünscht der hochwürdigste Bischof Odin, daß sowohl 8an lose als die benachbarte Kirche zur Unbefleckten Empfängniß Maria bald bedeutende Wallfahrtsorte werden sollten. Somit auch hier Aussichten auf Arbeit und Mühe in Hülle nnd Fülle! Ganz ähnlich steht eS in Kansas und NebraSka, nicht viel besser in den Diöcesen Covington, Erie, Newark und im westlichen Theile der Diöcese Philadelphia, nm von anderen Staaten und Sprengeln, wo die Bcnedicliner noch nichts übernommen haben, gar nicht zu reden. Doch Eine Hauptaufgabe, die — wie ich zuversichtlich hoffe — der Benediktiner wartet, muß ich noch kurz erwähnen: es ist die Bekehrung und allmälige Befreiung der Neger, deren es in den Vereinigten Staaten gegen >1 Millionen gibt. Es scheint mir sogar, daß eS besser wäre, zuerst mit allem Ernste an die Bekehrung dieser armen Verbannten zu gehen und aus ihrer Mitte dann mit der Zeit auch Apostel für die Völker ihrer Heimath zu bilden, als fort und fort die wackersten Missionäre nach Afrika zu schicken, wo sie gewöhnlich ein heißes Grab finden, ehe sie noch recht ihre Wirksamkeit entfalten können. Die Sache scheint mir so wichtig, daß ich wohl bald ausführlicher darauf zurückkommen werde: für heute nur noch die Bemerkung, daß in Amerika beinahe einzig nur darum für die Bekehrung der Neger noch sehr wenig geschehen ist, weil die vorhandenen Missionäre noch lange nicht im Stande sind, nur die bereits vorfindlichen weißen Katholiken gehörig zu versorgen — denn — offen gestanden — Nordamerika wird von Deutschland nnd Oesterreich viel zu sehr unterschätzt und viel zu wenig unterstützt — Dank besonders der Rührigkeit der Freimaurer und der Leichtgläubigkeit unserer kathol. Zeitblätter! U. I.V.2 M, Verschiedenes. (Einfache Sitten.) Ein Brief von den Ufern des Ural in Rußland enthält denkwürdige Nachrichten von den Kirgisen in der Nähe von Orenburg. Im Winter erscheinen Taufende von Kirgisen bei den ersten Kaufleuten von Orenburg und nehmen in den Magazinen Alles, was sie brauchen können, heraus. Der Kauf- mann liefert dem Käufer, ohne ihn zu kennen, die Waaren aus, bestimmt deren Preis, schreibt den Namen desselben und die Anzahl der genommenen Gegenstände ein, und entläßt ihn mit den Worten: „Du wirst mich bis Frübjahr oder Sommer bezahlen nnd mir dann Hämmel geben, welche ich zu dem Preise, in dem sie eben stehen, annehme." Znr festgesetzten Zeit kommt der Kirgise und entledigt sich ehrlich seiner Schuld gegen seinen Gläubiger. Bleibt er aus, so wird der Kaufmann nicht unruhig: „Es gibt so viele Dinge, sagt er, die ihn zurückgehalten haben können! Er hat dieses Jahr nicht bezahlt, so bezahlt er nächstes Jahr; eine Schuld eines Kirgisen ist niemals verloren." Uuv in der That ist kein Beispiel vorbanden, daß ein Kirgise seine Verbindlichkeiten nicht gelöst hätte. Stirbt er, so bezahlen allemal seine Erben, Vater, Sohn, Bruder oder Verwandter, seine Schulden. Die Erben bezahlen sogar die Interessen mit dem Kapital. Reductivu und Lerlag: t)r. Mar Huttler. — Druck, vrn 3. M. Nlcinle. Ailgsdlirgcr AmtigslitÄ. Hir. 5. 29. Januar 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur AugSburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle r. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die ehrwürdige Maria Christina von Savoyen, Königin beider Sicilien. sOiviltä rsttviieit.) (Uebersetzmig der K.ithol. Blatler aus Tirol.) Wir wissen nicht, weßwegen das Königreich Neapel in diesen letzten Zeiten vom Himmel so bevorzugt wurde, der Kirche allein mehr Heilige zu geben, als das ganze übrige Italien. Denn, wenn es wahr ist, dass die Reize der Natur die Gemüther an- und von den göttlichen Dingen abziehen, so müßte das Königreich Neapel, welches wegen der Reinheit und Klarheit srines Himmels, der Fruchtbarkeit und Schönheit seiner Fluren und des Zaubers seiner MeereSufer der Garten Italiens genannt wird, mit allen diesen Reizen den menschlichen Geist berücken, und dessen hohen Ausflug zur Heiligkeit hemmen. Es war jedoch dieses Reich der erste Boden Italiens, welcher von den Apostel- fürsten Petrus und Paulus nach ihrer Ausschiffung von Palästina her betreten wurde, und wo sie die Erstlinge des Glaubens pflanzten, der seither immer so unversehrt und rein dort erhalten wurde, wie er vom heiligen Geiste in den Herzen der Voreltern befruchtet ward. Somit darf man nicht staunen, wenn dieser glückliche Keim dort Heilige und Wunder erzeugt, wie in den ersten Jahrhunderten der Kirche; denn es ist offenbar, daß auch in unsern Tagen in jenem Reiche die Herr- lichsten Wunder geschehen, auch ohne jenes der Bewegung im Blute des hl. Jauuarius, was durch viele Jahrhunderte hindurch jährlich zweimal geschieht, zu erwähnen. Wohl wissen wir, daß dieser lebhafte Glaube von Unwissenden und Ungläubigen als Aberglaube und Sache des niedern Volkes und der Weiber gescholten wird. Und vielleicht hat Gott eben um diese schimpfliche Meinung zu beschämen, ein himmlisches Wesen nach Neapel gesandt, welches die Heiligkeit auf die Höhe eines königlichen Thrones erheben sollte: wir sahen nämlich die schönste Königin, welche Italiens Boden schmückte, im zarten Alter von kaum 20 Jahren auf dem neapolitanischen Throne in einem Glänze von Heiligkeit strahlen, welcher alsobald sich verbreitete, um die Kirche zu verherrlichen, und die Welt zu belehren. In einer Zeit, wo zügellose Anmaßung kein Verbrechen scheut, um sich an der von Gott eingesetzten, obersten Gewalt zu vergreifen, und man wetteifert, die Träger derselben zu beschimpfen und zu verleumden, da ist es sehr gelegen, die Tugenden einer Frau inS Gedächtniß zurückzurufen, deren Vater, Onkel und Gemahl Könige waren, welche selbst Mutter eines Königs geworden, und jetzt aus dem Puncte steht, die höchsten Ehren der Kirche zu empfangen. Christina von Savoyen sah Vater und Onkel großmüthig der Krone entsagen; diesen, um abgesondert von der Welt in einem Kloster zu leben;*) jenen, um sich nicht nach einer seinem Gewissen widerstrebenden Regierungsform zu fügen. Sie ^ Emmanuel lV. trat in die Gesellschaft Jesu) und starb im Noviciate zu St. Andrea in Rom. 34 > ^ -s L-> selbst, durch die hl. Ehe mit König Ferdinand II. verbunden, ward ihm ein Vor- bild jener hohen Frömmigkeit, welche diesen Regenten auszeichnete, und umgibt jetzt vorn Himmel herab gleichsam mit einem übernatürlichen Strahlenkränze ihr einzig geliebtes Gut (ihren Sohn), dem sie schon 14 Tage, nachdem sie ihm das Leben gegeben, den letzten Kuß auf die Lippen drückte, und welcher nebst den vielen Vorzügen, die ihm die Liebe seines Volkes sichern, noch besonders jenen besitzt, der Sohn einer heiligen Königin zu sein. I Die Königstochter. Victor Emmanuel, welcher durch die Thronentsagung Karl Emmanuel IV, seines ältesten Bruders, König von Sardinien geworden war, erhielt von Maria Theresia von Lothringen-Este, Erzherzogin von Oesterreich, vier Töchter: Maria Beatrir, welche er an Franz IV., Herzog von Modena, verheiratete; Maria Theresia, Zwillingsschwester mit Marianna, an Karl von Bonrbon, Herzog von Lncca, dann auch von Parma und Piacenza, vermählt; Marianna, welche mit Kaiser Ferdinand von Oesterreich verbunden wurde; die Letzte ward ihm in Cagliari am 14. Novbr. 1812 geboren, und noch am selben Tage, gemäß der Sitte des frommen Königs Victor Emmanuel, getauft, und von ihrem Tanfpathen, dem Bruder deS Königs Karl Felir, damals Herzog von Genua, und seiner Gemahlin Maria Christina, mit den Namen Maria Christina, Karolina, Josephine, Cajetana und Ephisia benannt! Gleich bei ihrem ersten Ausgauge aus dem Schlosse nahm die fromme Königin Maria Theresia ihr.Töchterlein mit, um selbes in der Kirche Unserer Lieben Frau della Mercede, am Meeresufer nahe bei Cagliari, genannt alla Buonaria, dem ' Schutze der göttlichen Mutter anzuempfehlen, ja es der Himmelskönigin als die letzte und süßeste Frucht ihres Leibes völlig zu eigen zu geben. Sobald das Kind dies erfuhr und verstand, bestätigte sie selbst diese Aufopferung, und nannte sich stets eiu Kind Mariens, welche solches sehr huldvoll aufzunehmen zeigte, indem das Kind von frühester Jugend mit zuvorkommender himmlischer Gnade beglückt wurde, wie ihre Schwester», die Herzogin von Parma und die Kaiserin von Oesterreich, sowie die Ehrendamen und die Kammerfrauen ihres HofeS in den Verhandlungen der Heiligsprechung bestätigten. Die Ehrendame, welche sie von ihrer frühesten Kindheit an bis zn ihrer Vermählung unter Aufsicht hatte, bestätigt Folgendes unter einem Eide: „Ich hielt sie stets für eine bevorzugte Seele, welche ohne das Erbtheil der untergeordneten Be- gierlichkeit auf Erden wandelte." Ihre Schwestern erklärten: „Maria Christina war eine jener privilegirten Seelen, welche durch die Segnungen der göttlichen Gnade ausgezeichnet, ohne die unselige Erbschaft der AdamSschnld geboren scheinen, nämlich ohne die bei allen Kindern Adams zu ihrer eigenen Qual sich frühzeitig schon regenden unbotmäßigen Leidenschaften." Eine ihrer Kammerfrauen sagte ferner aus: „Ich fühle mich verpflichtet zu sagen, daß die Dienerin Gottes wahrhaft von der göttlichen Gnade bevorzugt war." — Auch der Verfasser dieser wenigen Daten selbst, welcher in Turin viele Herren und Damen von Maria The5esia'S Hofe kennen lernte, hörte oft und oft diese Dinge aus der Kindheit und Jugendzeit der Prinzessin erzählen, besonders in jenen Tagen, als Ferdinand II. zur Vermählung nach Genua gekommen war. Daß die ehrwürdige Christinn mit besonderer Gnade begabt war, erhellt schon aus den Acten der Frömmigkeit, die sie noch vor dem vollkommenen Gebrauche ihrer Verrinnst ausübte; so forderte sie als kleines Kind schon stets ihre Kammerfrauen auf, mit ihr zu beten, und sie betete, die Hände gefaltet, mit solcher Inbrunst, daß sowohl die Königin, als ihre Schwestern und ihre Umgebung gerührt wurden. Auch liest man in den Verhandlungen, daß sie, erst 5 Jahre alt, beim jedesmaligen Erwachen in der Nacht ihre Kammerfrau mit den Worten anrief: „Rosa, Rosa, erwecken wir doch Glaube, Hoffnung und Liebe!" Wahrlich ein augenscheinliches 35 Zeichen, daß das Kind gotterfüllt, und den Tag hindurch in Gott versammelt war, da auch beim Aufwachen in der Nacht, wo doch die Kinder voll Schlaf and in einem Durcheinander von Vorstellungen befangen sind, die kleine Christinn gleich zu sich kam, an ihren geliebten Himmelvater dachte, und ihn mit den lebendigsten Uebungen der Seele, wie die drei göttlichen Tugenden sind, anbetete. Gleich beim Aufstehen war sie die Erste, welche zum Morgengebcte aufforderte. Sie legte den Keim der schönsten Tugenden, in denen sie immer zunahm, in ihr väterliches HauS; so berichtet wieder ihre Ehrendame: „In den Jahren-vor dem Tode ihrer Mutter habe ich ein stetes Wachsthum ihrer Tugenden wahrgenommen. Von der Natur mit lebhafter Gcmülhsart ausgestattet, sah man deutlich, wie sie dieselbe mit zunehmendem Alter zu bezähmen trachtete, mit mehr Eifer sich zu beten bemühte, den Wünschen der Mutter immer eiliger nachkam, uud stels liebevoll mit den Schwestern umging; kurz: man erkannte, daß sie nach der vozn Evangelium vorgeschriebenen Vollkommenheit strebte. In der That zeigte sie sich fortwährend so gelehrig, so sauft, so anmnthsvoll, und zugleich so heiter und freudig, daß Alle, die zu Hofe kamen, einstimmig sagten: „V ir haben nicht eine.Prinzessin, sondern einen Engel." Und dies mit Recht, denn ihre eigenen Schwestern bezeugen, daß man an ihr nicht einmal die gewöhnlichen Fehler der Kindheit wahrgenommen, so daß, wenn man ihr etwas anbot, sie es mit den Worten ablehnte: „Ihr wißt ja, daß die Mutter cS nicht gerne hat." Dieser in einem Kinde bewunderungswürdige Gehorsam vervollkommnete sich mit den Jahren derart, daß sie gar keinen eigenen Lßillcn mehr zu haben schien. Die Königin Maria Theresia selbst, welche diese-ihre Lctztgcborne, die so anmuthig, so gut, so geistvoll war, wie ihren Augapfel liebte, konnte nie, selbst vom 18 jährigen- Mädchen, irgend einen Wunsch erfahren, sondern sie erhielt stets die Antwort: „Mutter, mir ist nur daS angenehm, was Sie wollen." Auch ihre ältere Schwester Marianua, welche ihr so gerne Freuden bereitet hätte, vernahm immer nur: „Wie Du willst, wie es Dir lieb ist." Und da sie von Allen geliebt uud ihr von Allen geschmeichelt wurde, hätte cS ja nur eines Blickes bedurft, nm ihre ganze Umgebung mit Erfüllung ihrer Wünsche bemüht zu sehen. Mögen nun unsere Jungfrauen bedenken, ob das Lesen der modernen Romane ihnen den Gehorsam und die Unterwürfigkeit gegen Jene einflößt, welche das Recht und die Pflicht haben, ihre Jugend zu leiten ; da wir hier an einem königlichen Hofe eiue junge und lebhafte Prinzessin sich demüthigen und den Keim der erwachenden Leidenschaften unterdrücken sehen. Niemand ist freier, als der den Zaum seiner Begierden in Händen hält, und sie zu beherrschen weiß. Aber in der modernen Erziehung ist das Gesetz der Freiheit ein anderes; indem es die Jungfrauen gegen die Unterwürfigkeit empört, facht cS in ihnen zugleich die heftigsten Leidenschaften an, wodurch sie Andern zur Last und selbst unglücklich werden. Maria Christina hingegen war überzeugt, daß der Friede des Herzens in der Demuth, in der Gelehrigkeit, in der Sanftmuth, in der vollkommenen Erfüllung ihrer Pflichten als Christin und Tochter seine Wurzeln hat. Daher 'war auch Niemand so heiler und zufrieden als sie, weil sie dieses' Glück nicht in dem von Manchen mit Unrecht beneideten Prunke eines königlichen HofcS, der nur Wenigen be- schieden ist, suchte, sondern vielmehr in der Bezähmung ihrer Neigungen und in der Selbstbeherrschung, welche Tugenden Allen, und noch mehr Jenen erreichbar sind, welche in bescheidenen Verhältnissen und vom Hofe ferne -leben. Sie war mit Gott vereint, und liebte ihn ; und aus Liebe zu ihm siegte sie über ihre Neigungen, welche, wenngleich nicht ungeordnet, so doch gewiß' heftig und stark waren. Ihre Liebenswürdigkeit im Umgänge gewann ihr die allgemeine Liebe uud Achtung; selbst ihre Befehle würzte sie mit Freundlichkeit und Güte,' ohne ihre Würde zu vergeben; ihre Kammerfrauen erinnern sich nie, einen gebieterischen Auftrag von ihr erhalten zu haben; denn sie sagte immer: „Mochtet'Ihr mir diese Gefälligkeit 36 erweisen? Möchtet Ihr das thun? Ich bitte euch rc. w." Besonders benahm sie sich gegen die Schwester Marianna mit bewundernngSwerther Nachgiebigkeit; so steht in den Verhandlungen: „Gegen die ältere Schwester war sie stets liebreich nnd unterwürfig; nie begegnete sie ihr mit einer Unart oder einem hochmüthigen Worte, sondern stets mit einer besonderen Zärtlichkeit, Sauftmnth und Nachgiebigkeit, so daß diese in voller Wahrheit sagen konnte, daß ihre Christin« ihr nie auch nur den mindesten Verdruß verursacht habe." ES-konnte auch nicht anders sein; denn in ihrem Gemüthe nnd in ihren Handlungen war Alles so geordnet und gesetzt, wie man es nur bei Seelen beobachtet, die vom heiligen Geiste geleitet werden. Solches bezeugen Alle, die sie umgaben, und besonders ihre erhabenen Schwestern: „Sie besaß in hohem Grade die Liebe zur Ordnung; schon als Kind ordnete sie ihre Handlungen, ihre Wohnung und Alles, was sie. betraf; so hielt sie auch die Stunden des Unterrichtes, der Arbeit und ihre sonstigen Beschäftigungen immer genau ein. Stets war sie der Befehle ihrer königlichen Mutter gewärtig, und erachtete jeden Unfrieden zn verhüten. Auch strebte sie immer nach Vollkommenheit in der'Ausführung ihrer Arbeiten, so geringfügig selbe auch sein mochten." (Fortsetzung folgt.) Die Jesuiten nnd Redemptorisien in den Bereinigten Staaten von Nprdamerika. Unter den religiösen Orden, die in den vereinigten Staaten von Nordamerika eine mehr ausgebreitete Wirksamkeit entfalten, stehen oben an die Gesellschaft Jesu und die Kongregation des allerheiligsten Erlösers (oder die Redemptoristen). Die Gesellschaft Jesu hat daselbst zwei Ordensprovinzen: Maryland und Missouri. Die erstere zählt 215 Glieder, nämlich 72 Priester, 61 Novizen, 82 Laien- brüder; in der zweiten befinden sich 19-1 Glieder, und zwar 58 Priester, 55 Novizen und 81 Läienbrüder. Die Jesuiten besitzen in den Staaten der Union 11 Stu- dienanstaltev, theils znr Heranbildung des eigenen Nachwuchses, theils auch für auswärtige Studircnde, zwei Noviziate, 2-1 Residenzen und 4 MissionSstationen. Die Versammlung des allerheiligsten Erlösers hat eine amerikanische Provinz, welcher gegenwärtig P. Georg Ruland vorsteht. Sie läßt sich vorzüglich die Befriedigung der SeclsorgSbedürfnisse der Deutschen angelegen sein, indem mehr als fünfzig ihrer Priester in 13 Kirchen ausschließlich für die Deutschen die beständige Seelsorge üben und 10,000 Kindern christlichen Unterricht ertheilen. Es finden sich in dieser Provinz nachstehende Kollegien und Hospitiern das Colleg zum hl. AlphouS in Baltimore; das Kollegium zur hl. Philomena in PittSbnrg; das Kollegium zum allerheiligsten Erlöser in New-Uork; das Hospiz zum hl. Joseph in Rochester; daS Hospiz zum hl. Petrus in Philadelphia; das Hospiz znr unbefleckten Empfänguiß der hl. Jungfrau Maria in Buffalo; daS Hospiz zu Maria Himmelfahrt in Detroit; das Hospiz zn Maria Himmelfahrt in New-OrleanS; das Hospiz (Studen- dal) zu den Heiligen Petrus und Paulus in Cumberland; daS Hospiz (Noviziat) zur hl. Theresia in Annapolis. Der Provinzial der Redemptoristen-Cougregation, P. Ruland, hat vor einiger Zeit an die Central-Direction des Leopoldinen-VereiuS*) in Oesterreich einen Bericht eingesendet, dem wir Folgendes im AuSznge entnehmen: *) Der Leopoldincn-Vcrein wurde im Jahre 1829 gegründet. Sein Zweck ist, die katholischen Misstonen in den nordamcrikanischcn Freistaaten zu unterstützen. Die Briefe der unterstützten Mifsteaiäre werden inIeigencn Heften unter dem Titel: »Berichte der Lcopol- dincn-Stiftung im Kaiserthum Oesterreich" herausgegeben, und wird daselbst auch Rechenschaft abgelegt über die eingegangenen und verausgabten Gelder. Präsident des.Leopol- dinenvereinS ist der jeweilige Fürsterzbischos von Wien. Die Gaben der Leopoldinen-Stiftnng — schreibt P. Rnland — werden nur zur Erziehung unserer Novizen und Studenten verwendet. Der Unterhalt des Noviziats und StudendatS kostet uns jährlich bei der gegenwärtigen Zahl von Studenten und Novizen über 6000 Dollars. Woher die Mittel allesammt kommen, weiß ich selber nicht. Ich habe oft keinen Cent Geld in der Hand, wenn 200, 300, 400 und 500 DollarS zu zahlen find. Seither hat uns Gott immer wunderbar geholfen. Obgleich der Bau des StndendateS uns mehre tausend DollarS Schulden zurückließ, so hoffe ich doch, daß der Herr die Schuld wird zahlen helfen. — Gott hat bis jetzt so viele junge Leute zur Congregation berufen, daß wir bereits ein blühendes Stndendat haben, in dem gegenwärtig 47 Jünglinge den verschiedenen Zweigen der Studien obliegen, nm sich zu fähigen und tüchtigen Arbeitern im Weinberge des Herrn heranzubilden. Ueberdieß zählt unser Noviziat in diesem Augenblicke 18 Novizen. ES gränzt diese Erscheinung in einem Lande, wie Amerika, fast anö Wunderbare, und unsere kühnsten Erwartungen hätten sich vor wenigen Jahren noch einen solchen Zuwachs kaum zu träumen gewagt. Unser Stndendat zu Cnmberland ist das drittstärkste unter den Seminarien in den vereinigten Staaten. Dabei haben wir die gegründete Hoffnung, daß der Zngang von jungen Leuten in den nachfolgenden Jahren wenigstens gleich stark, wenn nicht noch viel bedeutender sein wird. Denn von den Knaben, die unsere deutschen Schulen besuchen, zeigen alljährlich fast immer mehr Lust zum Studiren, und dann, wenn sie das gehörige Alter haben, bei uns einzutreten. Eine bedeutsame Thatsache bei dem Materialismus der großen Masse, bei dem ewigen Haschen nach Geld und Gewinn! Insbesondere sind eS die Deutschen, unter deren Söhnen sich der Herr Arbeiter für seinen Dienst auSerwählt, während er die Eltern bewegt, demselben ihre Kinder freudig darzugeben und deßhalb sogar manches zeitliche Opfer zu bringen. Denn es kostet ziemlich viel, hier einen Knaben bis zu sein-m 16. Jahre, wo er erst bei uns aufgenommen werden darf, studiren zu lassen. Dank der göttlichen Vorsehung, die Alles so ordnet! Ruhm dem deutschen Namen, der über Kurz durch seine Abkömmlinge, die hier gebornen Deutschen, die Fahne des Glaubens ergreifen wird, um dieses Land der Kirche zu unterwerfen! Denn daß die Bekehrung Amerikas vorzüglich durch das deutsche Element zu geschehen hat, ist meine festeste, innigste Ueberzeugung. Was unsere Arbeiten im vergangenen Jahre betrifft, so sind sie ohne Veränderung dieselben gewesen, wie in den früheren Jahren. Nur nehmen sie in einer Weise zu, daß wir schon Manches angethan lassen müssen, zu dem wir uns unter andern Umständen verpflichtet halten würden. Um z. B. nur von dem allernächsten Platze, von Baltimore selbst zu reden, so sind wir bei Weitem das nicht mehr zu leisten im Stande, was die deutsche katholische Bevölkerung in und um die Stadt erfordert, die in ihren geiftlichenBedürfnissen ausschließlich aufunS angewiesen ist. Nacheiuer Berechnung, die sich auf eine Zählung der Familien und Personen der Stadt gründet, gibt eS wenigstens 16,000 Deutsche in Baltimore, die katholisch sind. Sie find in der ganzen Stadt zerstreut d. i. auf einem Terrain, daS in einer Richtung IVi, in der andern 1^ Stunoeu, im Durchmesser hat. Wenn nun 8 Priester diese 16,000 Katholiken in 3 Kirchen zu versehen haben, wenn 2 dieser Kirchen excurrancko besorgt werden, wenn die Patres zum Versehen und Besuchen der Kranken, die besonders im Sommer bei der großen Hitze sehr häufig sind, Stunden weit gehen müssen, so begreift man sehr leicht, daß das Feld zu groß, die Arbeit über ihre Kräfte ist und Vieles nicht gethan werden kann, was sie zu thun wünschen. Die Predigten, die Conferenzen für die Bruderschaften alle Sonntage, der KatechiSmuS- unterricht in den Schulen und an den Sonntagen in der Kirche, der Unterricht der Brautleute, deren im vorigen Jahre hier 226 Paare getraut wurden, der Unterricht der Konvertiten, die oft nur einzeln kommen und darum einzeln vorgenommen werden müssen, Versehnng der Kranken, die 3, 5, 6, 7 englische Meilen im Lande wohnen, , dieß Alles nimmt die Zeit der Patres so in Anspruch, daß sie vom frühen Morgen 38 bis zum späten Abende beständig in Athem find, nnd kaum die nöthige Ruhe zur Erholung finden können. Nebstdem huben sie ihre Obliegenheiten als Ordensleute noch zn erfüllen, wie die Regel sie vorschreibt. — In einem gewissen Stadttheile finden sich nahe an 500 Familien oder vielleicht darüber, von denen etwa nur, 200 regelmäßig in die Kirche kommen, da diese zu weit von jenem Stadtthcile entlegen ist. Eine neue können wir nicht bauen, denn nur haben die Patres nicht, nm sie zu versehen. Vor etlichen Jahren richtete man dort eine eigene Schule ein; das ist Alles, was wir vorläufig bei unserem besten Willen zn leisten vermochten. Es gehen Hunderte von Seelen verloren, die, wenn sie eine Kirche in der Nähe hätten, vielleicht angezogen und so gerettet würden. Was ich von hier sage, gilt in noch größerem Maße von vielen andern Städten, und ist überhaupt ein allgemeines Bild von ganz Amerika. Die Bischöfe begehren Hilfe. Viele haben sich schon an mich gewendet um Patres; aber die traurige Antwort, die ich jederzeit geben mußte, war: „Ich, kann nicht helfen, unsere Zahl ist schon viel zu gering für die uns auferlegte Arbeit." Es gibt Diöcescn, wo es Deutsche zn Tausenden gibt, die in kleinen Ortschaften lebend oder aus dem Lande zerstreut kaum Einmal im Jahre einen Priester sehen. Da ist die augenscheinlichste Gefahr, daß sie im Glauben erkalten, wenn sie ihn nicht ganz verlieren und daß ihre Kinder ohne alle Religion aufwachsen. Die Besorgung der religiösen Bedürfnisse solcher in kleinen Gemeinden zusammen oder auch familienweise anf dem Lande zerstrcnt lebenden Katholiken fällt natürlicher Weise am besten religiösen Orden zn, wie unsere Congregation ist. Ju der That werden auch von allen unsern Häusern überall solche kleine Stationen besucht nnd versehen, aber die Zahl der so pastorirten Stationen steht mit dem allgemeinen Bedürfnisse in noch gar keinem Verhältnisse. Mögen darum unsere Wohlthäter mit ihren Gebeten in dieser Beziehung uns fleißig beistehen! Es ist uns das Almosen des Gebetes noch viel nothwendiger, als selbst Unterstützungen in materieller Weise, so dankbar wir auch für diese sein müssen. Wie uncrforschlich sind doch die Rathschlüsse GotteS! Während die Zahl der Arbeiter so gering ist, vermindert er dieselbe über- dieß durch öftere Todesfälle unter den Unsrigen! Die verlassenen Katholiken schreien nach dem Brode des Lebens, und von den Wenigen, die es ihnen brechen könnten, werden auch noch mehrere durch den Tod hinweggerasft! Derlei Heimsuchungen sind hart, härter als Alles und möchten einem fast das Herz brechen. Man hat seinen ganzen Glauben, und alle seine Ergebung in den Willen GotteS aufzubieten, um solche Schläge ertragen und sagen zu können: „Der Name deS Herrn sei gebenedeit." (Schluß folgt.) Gedächtnißtafel, gut für zaghafte Katholiken. Im Beginn von 1809 stand der erste Napoleon, ein anderer Kriegsheld wie sein Neffe, anf dem Gipfel seiner Macht; Frankreich und fast ganz Italien gehorchten ihm, Deutschland mit Preußen lag zn seinen Füßen, in Spanien war er siegreich und hatte das meiste Land besetzt. Oesterreich hatte zwar mit der Kcrnhastigkeit seiner Völker zum neuen Kriege sich erhoben, war aber in einer Schlacht nach der andern geschlagen worden, und am 13. Mai hielt der Gewaltige seinen Einzug in der Kaiserstadt Wien. Da wagte er sich an den Stellvertreter Christi. Am 17. Mai 1809 raubte er dem heiligen Vater Pms VIl., dem ehrwürdigen milden, Greise, iu vielen Stücken ähnlich dem gegenwärtigen Pius lX., den Kirchenstaat mit den Allmachtworten: , „Der, Papst hat aufgehört, ein weltlicher Regent zu sein." Rom wurde für die zweite Stadt des napoleonischen Kaiserreichs erklärt, dem Papst ein ansehnlicher Gehalt angeboten und die Wahl gelassen, ob er zu Rom oder zu Paris sich aufhalten wolle. Schon fünf Tage nach diesem Frevel traf den Gewaltigen ein 39 schwerer Schlag; er, der bis dahin nie besiegt worden, wurde in der zweitägigen furchtbaren Schlacht von Aspern (21. und 22. Mai) von Oesterreichs Helden-Ecz- herzog Karl zum erstenmal geschlagen und mit ungeheurem Verlust über die Donau zurückgeworfen. Pius VU. verwarf alle Anträge des DrängerS, der gegen Bitten und Vorstellungen taub blieb, und im Juni 1809 sprach der Stellvertreter Christi den Bann aus gegen Napoleon, so wie gegen alle, welche dessen ungerechte Befehle vollzögen oder die Bekanntmachung des BanueS hinderten. Wohl spottete Napoleon dessen, ließ den ehrwürdigen Greis im Quirinalpalaste gefangen nehmen und nach Valence, dann nach Paris schleppen; aber — von dort ab sank sein Stern. Durch eilends herbeigezogene Truppen hatte er sich zwar in Oesterreich so verstärkt, daß er bei Wagram auf dem Marchseld am 5. und 6. Juli eine wo möglich noch furchtbarere Schlacht als bei Aöpern schlug, aber den schweren Sieg nur mit ungeheuren Opfern erkaufen konnte, während Erzherzog Karl immer noch schlagfertig blieb, eroberte Kanonen und Tausende von französischen Gefangenen mit sich führte. Kaiser Franz verlangte Frieden, Napoleon gestand ihn gern zu: denn die Tapferkeit der österreichischen Truppen hatte ihn erschüttert. Oesterreich verlor in diesem Frieden viel, über 2000 Onadraimeilen Landes, nachdem schon in frühern Kriegen noch mehr von seinem alten Gebiet ihm entrissen worden war. — Aber trotz Allem, was Napoleon noch weiter im folgenden Jahr an Land und Leuten zusammenraubte, glaubte das katholische Volk schon damals nicht mehr an die Dauer seines Glückes: denn er hatte zu seinen andern Gewaltthaten noch die Verfolgung der Kirche gefügt und das Maaß voll gemacht; er hatte die göttliche Gerechtigkeit herausgefordert und der Bannspruch lastete auf ihm. Und das katholische Volk hatte Recht. — Im Jahr 1812 endlich sollte der furchtbare Glücksumschwung beginnen, welcher in der ganzen Weltgeschichte seines Gleichen nicht hat. Während der englische Herzog v. Wellington und die spanischen Guerillas die französischen Marschälle in Spanien im Schach hielten, begann der Krieg mit Rußland, dessen Kaiser Alexander I. der so lange gepflegten Bnndesbrüderlichkcit mit Napoleon durch dessen Schalten und Walten über ganz Europa satt geworden war. Eine halbe Million auserlesener Krieger mit 1200 Geschützen unter erprobten Feldherrn und tüchtigen Officieren brachte er gegen Rußland. Der deutsche Rheinbund, Oesterreich, Preußen, Schweiz und Polen hatten ihm zusammen über 200,000 M. stellen müssen. Nach blutigen Schlachten zog er in Moskau ein, aber kaum dort, so steckten die Russen selber ihre alte Stadt in einen Brand, der Alles verzehrte, Obdach und Vorräthe hinraffte. Der Rückzug mußte angetreten werden über 300 Stunden Weges durch eine Wüste von Eis und Schnee, wo Fleisch von gefallenen Pferden fast die einzige Nahrung war. Es gehört nicht hierher, all' die furchtbaren Leiden und Schrecknisse oder die ungeheuren Verluste der „großen Armee" auszumalen, bei der sich die Deutschen vor Allen durch ihre Ausdauer wie durch ihren Muth fortwährend auszeichneten. — Am 13. Febr. 1813 rief der König von Preußen sein ganzes Volk zu den Waffen auf und sagte sich los von Napoleon. Die Jahre der Noth und der Schmach hatten Preußen geläutert, das am 28. Febr. ein Bündniß mit Rußland schloß. Aber Napoleon hob auf'ö Neue 300,000 Franzosen aus, 100,000 Mann hatte er noch in den Festungen von Danzig bis Wesel und der deutsche Rheinbund stellte abermals ihm seine Schaaren. Mit harter Müh' siegte Napoleon bei Lätzen und Bautzen; dann schloffen die ermüdeten Streiter 6 Wochen Waffenstillstand, nm sich beiderseitig zu verstärken, aber noch schwankte die Waage sehr. Da gab Oesterreich — das in all' seinen schweren Kämpfen im Stich gelassene, von Preußen wiederholt verrathene Oesterreich — die Entscheidung und er-. klärtd am 12. August den Krieg. Zugleich kam aus Spanien die Botschaft, daß Wellington in einer Schlacht nach der andern dort über die Franzosen gesiegt hatte. Schlacht auf Schlacht folgte jetzt in Deutschland, fast ohne Ausnahme unglücklich für die französischen Heere. Am 8. Oct. erklärte auch Bayern den Krieg, 40 am 18. Oct. wurde die große Völkerschlacht bei Leipzig und in derselben Napoleon gänzlich anf's Haupt geschlagen; es kostete wohl 80,000 Menschen. Die Franzosen mußten fliehen zum Rhein, während der bayerische General Wrede ihnen noch bei Hanau den Weg verlegte, wo Napoleon sich am 30. und 31. October nur mit großem Verluste durchschlagen konnte. Die Verbündeten zogen dem Feind nach über den Rhein; über die Pyrenäen von Spanien her drang Wellington. Schlacht auf Schlacht. Noch am 20. März 1814 prahlte Napoleon: „Ich bin näher bei Wien als bei Paris;" aber am 31. März zogen die Verbündeten in Paris ein, am 12. April mußte Napoleon, dem mehrere Marschälle den weiter» Dienst versagten, abdanken, und in Gnaden ließ man ihm noch die Insel Elba als souveränes Für- stenlhum, wohin er am 28. April abging. Doch während hiernach die Fürsten in Wien über eine neue Staatenordnung von Europa rathschlagten und nicht eins werden konnten, wurden sie durch die Rückkehr Napoleons von Elba nach Frankreich am 1. März 1815 eins gemacht. Die französische Armee war ihm wieder zugefallen, der kaum wieder eingesetzte König Ludwig XVIII. mußte fliehen; aber am 18. Juni wurde die furchtbare Schlacht von Waterloo geschlagen, in der die deutsche Tapferkeit die Entscheidung gab. Der einst Allgewaltige wurde als lebenslänglicher Gefangener hinaus ins Weltmeer nach der Felseuinsel St. Helena gebracht, wo er am Jahrestag der Schlacht von Leipzig ankam. Der heilige Vater erhielt den Kirchenstaat wieder, die Rückkehr des schwergeprüften PiuS VI l. glich einem Triumphzug. — Dies denn möge man im Auge behalten, während jetzt der „Neffe" des Oheims unsern heiligen Vater PiuS IX. bedrängt! Mögen auch noch schwere Zeiten heraufziehen, St. Helena liegt noch auf dem alten Fleck! Lug und Trug, Arglist und Gewalt, werden beim Dritten enden, wie sie beim Ersten geendet haben, aber die Dauer seines Treibens wird schwerlich so lang sein wie die der Macht seines Oheims. _ Milde Gaben für die Mission in Perleberg. DaS neue Jahr beginnt mit recht erfreulichen Gaben für die obeugenannte der Hülfe so bedürftige MissiouSstation. Uebertrag.77 fl. 21 kr. Aus Biberach (Württemberg) erhielten wir durch b. k. k. 1 fl. — kr. 0. 8vd. 1 fl. — kr. IN. I». 1 fl. 10 kr. 0. IN. 1 fl. 10 kr. 8ed. u.«. 1 fl. 30 kr. X X — fl. 45 kr. X IV. — fl. 30 kr. 4. 8vd. — fl. 30 kr. X k. — fl. 12 kr. L. k. — fl. 12 kr. Von der Plenarversammlnng des PiusvereinS ....... 9 fl. 27 kr. Opfer (bei der wöchentlichen Rosenkranz-Andacht für das Wohl des heiligen VatcrS).11 fl. 24 kr. Zugleich erhielten wir durch die ehrw. Frau Oberin zu P. mit dem Motto: „Gott segne es" an baarem Geld . . . . 10 fl. — kr. nebst 2 Meßgewändern und 1 Chorrock.*) Lr votv .. . . . 10 fl. — kr . _ Summa: 126 fl. 11 kr. *) Wir haben jetzt die Schachtel mit Parametiten, die von B. kam, ganz voll, und an baarem Gelde fl. 116. 11 kr., was wir Alles unter dem Heutigen an seinen Bestimmungsort abgehen ließen. Ein „Vcrgelt's Gott" von dort her und ein Original-Bericht über den gegenwärtigen Zustand der Misston in Perleberg wird dann wohl nicht lange auf sich warten lassen. D. N. Redaction und Verlag: Ur. Mar Hunlcr. — Druck »o» Z. M. Kleinle. Ailgslmgcl AmtugsM. 6 . 5. Februar 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage» Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr», wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Das kleine Häuflein. Bereits ist wieder im Strome der Zeiten Geroüet dahin und entschwunden ein Jahr; Das nächste, was wird es den Menschen bereiten? So fraget sich Mancher und wird sich nicht klar. Doch lasset uns bauen auf göttliches Walten, Erhebet die Herzen zum Himmel empor! Es wird sich doch Alles zum Besten gestalten. So hoffet ganz sicher der christliche Chor. Laßt brausen die Fluthen und schäumen und toben, Laßt laufen sie Sturm auf das heilige Rom: Es steht auf dem Felsen, beschirmet von Oben — Die Kirche des Herrn als gewaltiger Dom! Die Feinde der Kirche sich wüthend geberden In ihrem verstockten, dämonischen Wahn: Sie finden noch gläubige Christen auf Erden, Die schimpfen sie „Nömling" und „Ultramontan!" Sie träumten ein winziges Häuflein zu sehen, Das über die Berge nach Rom sich erhebt; Nun möchten sie aber vor Aerger vergehen, Wcil's Häuflein sich stark und gewaltig belebt. Ja tausendmal Tausend von Ultramontanen, Die längst man vergraben im Schlummer geglaubt, Erheben zum Kampfe die christlichen Fahnen, Und stehen gcschaart um das geistliche Haupt. Die Fürsten der Kirche sich kräftig erheben Und rufen in's Toben mit riesiger Macht; Es wecket ihr Ruf ein gewaltiges Leben Und Alles erhebt sich zur geistigen Schlacht! Wir kämpfen mit Muth und mit Gottesvcrtraucn Für Recht und für Wahrheit den heiligen Krieg; Auf Beistand des Himmels im Kampfe wir bauen, Der wird uns verhelfen zum glänzenden Sieg. K. «. Die ehrwürdige Maria Christinn von Savoyen, Königin Leider Stellten. esttolies.) (Ueberletzung der Kathel. Blätter aus Tirol.) (Fortsetzung.) Da sich aber mit zunehmendem Alter und durch Entwicklung der Kräfte und Bildung des Geistes im jugendlichen Herzen Leidenschaften erzeugen, welche in de«- selben eben Nahrung finden, so ist eS eine weise Einrichtung der christlichen Erziehung, daß in den verschiedenen Stadien dieses Alters die heiligen Sacramente gespendet werden, welche Schutz und Stärke gegen deren Andrang gewähren. Mit 8 Jahren ging Christin« zur ersten heiligen Beicht,, und mit 12 empfing sie die heil. Firmung und die heil. Commnnion, nach welcher sie hernach eine solche Sehnsucht fühlte, daß eS eine große,' nur durch den Gehorsam einigermaßen gemilderte Entbehrung für sie war, Anfangs nur einmal monatlich sich derselben nahen zu dürfen. Dies war in jener Zeit der einzige Neid gegen ihre Schwestern, denen solches wegen ihres höher» Alters öfters gestattet war. Mit gleicher Andacht betete sie ihr Morgen- und Abendgebet vor drei heil. Bildern, welche sie sehr liebte, und vor denen sie das Leiden deS Erlösers betrachtete. Alle ihre Kammerfrauen bestätigen ihre Frömmigkeit, besonders eine in den Verhand. lungcn mit den Worten: „Ich sah sie immer knieend, unbeweglich, gesammelt und eifrig beten; ebenso während des heil. Meßopfers, so daß auch alle Uebrigen bei ihrem Anblicke zur Andacht ermuntert wurden. Auch möchte ich behaupten, daß die Dienerin Gottes in allen Stunden, wo ich sie in ihren Gemächern sah, in sich versammelt und nach meiner Meinung mit den Gedanken bei Gott verblieben sei." Sie hatte auch die Sorge für die HauSkapelle mit großer Freude über sich genommen; und wenn Abends die Stunde des Rosenkranzes nahete, war eS ihre Freude, mit einer Glocke von einem Zimmer zum andern zu gehen, nm die Königin, die Schwestern, Damen und Kammerfrauen zu demselben einzuladen. Die größte Freude aber verschaffte ihr jährlich die Ausstattung der Krippe um Weihnachten, wozu sie schon mehrere Wochen vorher von ihrem ZeichnungSlehrer Pläne zu neuen Anlagen und Grotten begehrte, und solche selbst äußerst geschmackvoll ausführte. Auch schnitt und nähte sie immer neue Kleider für die Hirten und Könige rc., und wollte sogar noch eine kleinere Krippe für ihr eigenes Zimmer, vor welcher sie dann in heiligen Gesprächen mit dem göttlichen Kinde sich unterhielt. Mit den Armen konnte Christina wohl nicht, wie eS ihr Wunsch gewesen wäre, verkehren, sie besuchen, trösten und in den Spitälern und ärmlichen Hütten aufsuchen; dies hätte man ihr nicht gestattet. Dessenungeachtet war sie aber keineswegs gleichgiltig oder unempfindlich gegen däs Elend; im Gegentheil, sie weinte, wenn sie davon erzählen hörte, und that ihr Möglichstes, um zu trösten und zu helfen, manchmal zu viel, so daß die Königin ihr hie und da Einschränkung gebieten zu müssen glaubte. Sobald aber ihre kleine Börse leer war, nahm sie dennoch die große Liebe der Mutter in Anspruch, um auch außerordentliche Beiträge für ihre Armen zu erhalten. Auch beschäftigte sie sich vorzugsweise mit Verfertigung von Kleidern für arme Mädchen bei Gelegenheit ihrer Firmung oder der ersten Commu- nion, obwohl sie großes Geschick zu Stickereien und seinen Arbeiten besessen halte. Diese liebevolle Aufopferung bei oft groben und gemeinen Handarbeiten ist noch mehr hervorzuheben, weil Christina auch große Geistesfähigkeiten und lebhaftes Ge- dächtniß besaß, so daß ihre Lehrer ob der Leichtigkeit und Schnelligkeit bei Erlernung der Sprachen und Wissenschaften staunten. Sie schrieb nicht nur das Italienische und Französische mit Präcision, sondern auch daS Denssche und Englische, und verstand und las die berühmtesten Schriftsteller dieser Nationen. Auch hatte sie sehr 43 viel Sinn für die Naturwissenschaften, bei deren Studium sie stets aus den Schöpfer selbst zurückkam. Musik betrieb sie auch mit Gefühl und Geschick, ebenso Zeichnen nnd Malerei und jegliche weibliche Handarbeit. Allen diesen Beschäftigungen lag sie sehr pünktlich ob, und hielt genau die hiezu bestimmten Stunden ein : ihre Lieblings- Beschäftignng jedoch in freien Augenblicken war das Lesen frommer Bücher, beson- ders der Heiligen-Legenden und der Geschichte der Kirche, bei deren Verfolgungen sie auch Thränen vergoß, wie die Verhandlungen berichten. Und da sie wenig Zeit zu dieser Beschäftigung erübrigte, so benützte sie hiefür auch jene, die ihr zum Frifiren und Anziehen bestimmt war, indem sie dieß Alles ihren Dienerinnen überließ, nnd niemals die Augen erhob, um sich im Spiegel zu beschauen, der vor ihr hingestellt wurde, und wenn selbe sie fragten, was für eine Frisur ihr gefällig sei, antwortete sie allemal: „Thut, wie Ihr wollt." Solches wird vielleicht ernsten Männern von geringem Belang scheinen, nicht so Frauen nnd Mädchen, welche es gewiß als einen Act der Ueberwindung und der Demuth anerkennd« werden. Und Christina war demüthigen Herzens, und legte gar keinen Werth auf ihre geistigen oder körperlichen Vorzüge, so daß sie bei den ihr hierüber gespendeten Lobeserhebungen, denen sie uic entging, mit den «Schwestern herzlich lachte, und selbe äußerst abgeschmackt fand. Nur zu bald aber lernte dieser Engel, der gleichsam in einem Orte der Verbannung und in einer für sein Hans und ganz Europa sehr unruhigen Zeit geboren war, die Vergänglichkeit der irdischen Größe kennen, und wie Gott bisweilen auch die edelsten Monarchen auf die Probe stellt, wenn sie für die Treue und den Eifer ihrer Pflichterfüllung, anstatt Anerkennung, nur Undank und Bosheit ernten. Victor Emmanuel, einer der mildesten und großmüthigsten Regenten, sah 1821 plötzlich sein ganzes Reich in Verschwörung gegen seine Krone sich erheben; weßwegen er, um großem Uebeln vorzubeugen, die königliche Würde seinem Bruder Carl Felir, Herzog von Genua, abtrat. Bei dieser Gelegenheit ahmte Christina die Seelengröße ihres königl. Vaters nach, nnd erhöhte ihre Entsagung noch durch die kindliche Liebe. Wahrhaftig! das Schauspiel einer königlichen Familie, welche beinahe mit Freuden vie Krone verliert, um hiedurch Gewissen und Ehre zu retten, könnte heutzutage, wo man mit unerhörter Frechheit Gewissen nnd Ehre mit Füßen tritt, um feine Begierde nach Macht zu sättigen, mehr als eine Stirne erröthen machen. Ein hochgestellter Zeuge gibt uns folgenden Bericht über jenen Act: „Ich erinnere mich, an jenem Abende zwischen der Königin und dem Prinzen Carl Albert gesessen zu haben. Als nach beendeter Mahlzeit die Nachricht der Abdankung des KönigS anlangte, berief die Königin alle Prinzessinnen in die HanScapclle, und sprach zu ihnen: „Der König, Euer Vater, hat dem Throne entsagt, und von nun an sind wir nnr mehr einfache Privatleute; danken wir aber Gott, daß wir hiedurch das Gewissen und die Ehre gerettet haben." Die Königin hatte nämlich, so heißt es in den Verhandlungen, nach Prüfung der modernen Konstitutionen die Ueberzeugung gewonnen, daß alle irgend etwas Unmoralisches enthalten. Alsdann kündigte sie ihnen auch ihre bevorstehende Abreise an, nnd kniete vor dem Altar nieder; weder eine der Prinzessinnen noch die Mutter hatten eine Thräne im Auge, während wir Alle laut schluchzten." Ich erwähne dieser Abdankung Victor Emmanuels, um die Seelenstärkc nnd Resignation Christincns hervorzuheben, welche schon in so zartem Alter diese Trübsal zn überstehen hatte. Derselbe Zeuge fügt noch hinzu, daß, als er nach Nizza reiste, um diesem großmüthigen Fürsten seine Ehrfurcht zn bezeigen, Christin«, obwohl weit entfernt sich über den Verlust des Reiches zu beklagen, dennoch die Trauer und den Schmerz wegen ihrer Eltern nicht verbergen konnte, indem sie sagte: „Mein Vater ist so gut, und hat dennoch fo viel Kummer erleiden müssen." Vielleicht wußte die unschuldige Seele damals nicht, daß eben in dieser Welt der Täuschungen und der Prüfungen der Kummer das Erbtheil der Guten ist. - ^ ' t s, Mit nicht geringerer Seelenstärke ertrug Christina den herben Schmerz ob dem Verlast des Vaters; ihr einziger Trost Hiebei war die Erinnerung an dessen Frömmigkeit und übrige Tugenden, welche ihm bald den Genuß der ewigen Seligkeit sichern würden, und um diese noch mehr zu beschleunigen, opferte sie alle ihre Gebete, Beichten und Commnnionen in dieser Meinung auf, und ließ oftmals auf Kosten ihres kleinen Wochengeldes das heil. Opfer darbringen. Da auch die Königin Maria Theresia sehr fromm war, so besuchte sie oft mit ihren Töchtern Marianna und Christina die schönsten Kirchen Geuua'S, wo der Gottesdienst sehr feierlich begangen wurde, was Christinen sehr lieb war, wie sie ihren Vertrauten einmal gestand, indem sie sagte, daß ihr der Aufenthalt in Rom und Genua der liebste sei, weil daselbst der Gottesdienst feierlicher als anderswo abgehalten werde. Jeden Sonntag, nach Anhörung zweier heil. Messen in der kgl. Capellc, führte die Königin ihre Töchter in die Pfarrkirche zur heil. Messe und Predigt, wobei die junge Prinzessin stets verschleiert erschien, und mit solcher Andacht und Ehrerbietigkeit auf den Knieen ausharrte, daß es znr allgemeinen Erbauung war, und nicht Wenige, nur um diese engelglciche Frömmigkeit der Prinzessin zu bewundern, in jene Kirche sich verfügten. Im Jahre 1825 begab sich die köuigl. Wittwe mit ihren Töchtern nach Rom, nm dort das heil. Jubiläum zu gewinnen. Eö ist nicht zn beschreiben, mit welcher Freude Maria Ehristina Mutter und Schwester in jene heil. Kirchen und zu den in St. Peter abgehaltenen päpstlichen Festlichkeiten begleitete. Schreiber dieser Zeilen hatte die Ehre, die Königin mit ihren Töchtern in das Noviziat von Sant'Andrea a Monte Cavallo einzuführen, wo der heil. Skanislans Kostka gestorben, nnd erinnert sich lebhaft ihrer Andacht, welche besonders bei Christinen einen himmlischen Widerschein zeigte. Sie kniete vor der Statue sein Meisterwerk des berühmten Le Gros*) nieder, betete längere Zeit, und küßte dann Hände und Füße derselben mit Innigkeit. Jene beiden heiligen Seelen mußten gegenseitig über ihre Aehnlich- kcit in der Unschuld und Liebe Gottes entzückt sein! In jenen Tagen bet diese Königin mit ihren Töchtern dem römischen Volke ein Schauspiel der Frömmigkeit, welches die ganze Stadt in Erstaunen setzte. So sagt ein Augenzeuge: „Am ersten Sonntage im Mai ging die Königin von Sardinien mit ihren Töchtern Marianna und Christina, den Rosenkranz in der Hand nnd ohne Schuhe, blos in den Strümpfen aus dem Palaste, und sie begaben sich, mit dichten Schleiern bedeckt, zum Besuche der Hanptkirchen. Dieser Anblick rührte das Volk dermaßen, daß es in kurzer Zeit in großer Anzahl ihnen folgte, um sie anzustaunen. Als sie wieder nach Genua zurückgekehrt nnd Marianna schon an den König Ferdinand von Ungarn vermählt war, setzte Christina, obwohl bereits 18 Jahre alt, ihre unschuldige, unterwürfige, bescheidene und demüthige Lebensweise fort und ihre Mutter, welche sie übermäßig liebte, konnte ihr nie einen Wunsch aus den Augen lesen, weil sie sich bemühte, dieselben stets von der Mutter abhängig zn bewahren, und im strengsten Gehorsame zn verbleiben, wie es in den Verhandlungen heißt: „Es war eine solche Ruhe und Ordnung in ihrem Geiste, daß man nur selten irgend einen Wunsch ihr im Gesichte lesen konnte." Und weiter oben heißt es: „Sie war von solcher Willfährigkeit, daß sie sich dem Willen der Mutter stets ohne Widerspruch unterwarf." *) Er stellte den Heiligen liegend auf einer Decke von gestreiftem Alabaster vor. Hände, Füße und Kopf sind aus glänzend weißem Marmor, das klebrige des Leibes auS dunkelm Gestein. So scheint er lebendig und mit dem religiösen Kleide angethan. Der Künstler selbst, ein Kalviner, wurde bei Betrachtung seines Werkes und des himmlischen Ausdruckes im Gesichte des hingestreckten Heiligen so ergriffen, daher, der inneren Bewegung folgend, niederstürzte, und ihn mit Inbrunst küßte. Bald darauf wurde er Katholik. 45 Diese Tugenden waren durch Uebung von Kindheit auf so sehr ihr zur andern Natur geworden, daß diejenigen, welche mit ihr näher umgingen, selbe nicht als die Frucht einer fortgesetzten Selbstüberwindung, sondern als Eigenschaften ihres natürlichen Charakters ansahen: Noch mehr muß man staunen, daß diese Tugenden, welche eher innerhalb der 4 Mauern eines Klosters oder in einer einsamen Hütte erzeugt werden könnten, ans einem königlichen Hofe mitten unter Pracht, Herrlichkeit und Verführung hervorgingen, nnd daher eine größere Kraft znr Bezähmung der Neigungen erforderten. Obwohl freundlich mit Allen, so war sie doch im Umgänge so zurückhaltend, daß, wie man auch vom heil. Aloisinö liest, sie niemals einem Herrn des Hofes in'S Gesicht sah, noch auch je, weder vom Obersthofmeister oder einem Andern, sich beim Ein- nnd Aussteigen aus dem Wagen den Arm reichen ließ. Zierereien einer Betschwester! wird hier mancher Nasenweise höhnisch ausrufen, nnd dennoch ließen diese „Zierereien" die Heiligkeit auf einem Throne leuchten, während das zu freie Benehmen der Jungfrauen, seien sie auch noch so vornehm, nichts als Unruhe im Kerzen nnd Unfrieden in den Familien nnd Anstoß in den Städten verursacht. Diese nngemeine Delicatesse und Eingezogenheit im Umgänge machte sie aber keineswegs unfreundlich oder skrupelhasl oder blöde, im Gegentheil wird von Solchen, die lange nm sie waren, versichert, daß sie stets sehr artig und immer frei von Skrupeln gewesen sei. Auch ward sie von Allen als sehr geistreich und vernünftig anerkannt und besonders von der ältern Schwester in zweifelhaften Fällen zu Rathe gezogen, wie dies auch in den Verhandlungen dargelegt wird, wo es heißt: „Von Kindheit an war sie mit einer besondern UrtheilSkrast begabt, und schon als Mädchen konnte man sie eine weise Frau nennen; ihre ältere Schwester Marianna erholte sich oft bei ihr NatheS, den sie ihr immer sehr klar nnd einfach, aber auch sehr klug zu vollster Befriedigung und zur Verwunderung der Schwester ertheilte." Obwohl wir hier nur einen sehr kurzgefaßten Abriß der vielfältigen Tugenden Christinens bis zu ihrem 20stcn Jahre gegeben haben, so ist dies doch hinreichend, um in ihr eine cngelgleiche Seele zn erkennen, welche, wie ihre Schwestern sagten, die Sünde Adams nicht ererbt zu haben schien. Ja die Kaiserin Marianna, deren hervorragende Tugenden der Welt bekannt sind, glanbt versichern zn können, „daß solange ihre Schwester mit ihr zusammenlebte, selbe gewiß nie eine schwere Sünde begangen habe." Man sollte meinen, daß eine Blume solch auserlesener Tugenden, welche auch vom Himmel mit besonder,« Wohlgefallen ausgezeichnet wurde, in irgend ein verborgenes Gärtchen eines einsamen Klosters gepflanzt werden sollte, um dort sich noch mehr zn veredeln, nnd die Anzahl jener bevorzugten Jungfrauen zu vermehren, welche ungekannt von der Welt nnd selbst derselben unkundig, leicht und zart über diese Erde hiuschwcben, ohne selbe kaum berührt zn haben. Dieß wäre auch der heißeste Wunsch Christinens gewesen. Jedoch unter den vielen Fesseln, welche das Leben der Höfe mit sich führt, ist auch jene, daß die berechtigtsten Neigungen des Herzens und oft selbst das edle Sehnen einer der Welt fremden Seele dem sogenannten StaatSwohle geopfert werden müssen. Wir wollen damit nicht gesagt haben, daß dieß bei Christina auch der Fall gewesen sei, da ihr die Vorsehung in Ferdinand ll. einen ihrer würdigen Gemahl ausersehen hatte. Dennoch mußte sie bei Einwilligung in jene Verbindung einen anstrengenden Sieg über ihre LieblingSneigungeu erringen, worüber aber sowohl die Kirche, als das Königreich beider Sicilieu sich nur Glück wünschen durften. (Fortsetzung folgt.) Die Jesuiten und Rebemptoristen in den Bereinigten Staaten von Nordamerika. (Fortsetzung.) In den Gemeinden, die wir in 14 Kirchen mit 50 Patres versehen, haben wir z. B. im Jahre 1856 gegen 5700 Kinder getauft. Kommunionen haben wir in diesen Kirchen gespendet 280,500. Die erste heilige Kommunion empfingen 1444 Kinder. Protestanten wurden im .Glauben unterrichtet und in den Schoß der Kirche aufgenommen 179. In unseren Schnless empfingen 6655 Kinder religiösen nnd Elementar-Unterrichr, größtentheilS unter der Leitung von Schnlbrüdcrn nnd der armen Schulschwestern. Ueberdieß werden 130 schwarze Kinder von schwarzen Klosterfrauen unterrichtet, deren Leitung sammt der Besorgung einer Gemeinde von etwa 500 Schwarzen ebenfalls einem unserer Patres anvertraut ist. Diese Gemeinde ist seit Jahren die einzige in den Vereinigten Staaten, die ausschließlich anS Schwarzen mit einer eigenen kleinen Kirche besteht. Anderswo find die Schwarzen in den Kirchen meistens auf einen Winkel, die Emporkirche angewiesen. Da in solchen Fällen kaum die Hälfte derselben Platz finden kann, so liegt am Tage, daß deren religiöser Eifer wesentlich darunter leidet. Die Stühle sind von den Weißen besetzt. Kaum darf es ein Schwarzer wagen, sich einen Sitz unter diesen zu nehmen. Hätte man Priester genug, nm sich mit den Negern eigens besassen zn können, so könnte man wohl in kurzer Zeit Gemeinden von Tausenden zusammenbringen. In den Sklavenstaaten hat mancher Herr Hunderte und selbst Tausende von Sklaven, die meist Methodisten und Bapiistcn — wenigstens dem Namen nach — oder Nichts find. Es wäre gar nicht schwer, gute Katholiken aus ihnen zn machen; aber eö ist Niemand da, der die. Sache in die Hand nehmen könnte. Meinem Vorgänger hat eine Lady von South-Carolina den Antrag gemacht, 2 bis 3 Patres während der Wintermonate auf ihre Plantagen zu schicken, um dort ihre nnd ihrer Nachbarn Sklaven zu unterrichten, von denen bei tausend zusammenkommen würden. Einen ähnlichen Antrag machte mir der verstorbene Bischof von CharlcSton. Allein mein Vorgänger, wie ich konnte hier nicht entsprechen, denn es gibt in der Nähe und unter den Weißen so viel Arbeit, daß wir mit den wenigen uns zu Gebot stehenden Kräften kaum die Hälfte davon thun können. Um wieder auf unsere Schulen zurückzukommen — fährt P. Rnland, Provin- cial der Nedemptoristen-Kongregation fort — so findet sich die zweitgrößte Zahl von Kindern in New-Orleans, wo 1100 derselben unterrichtet werden. Vierhundert davon sind deutsche, nnd 700 englische, denn dort versehen wir auch eine englische Gemeinde. Die deutschen, wie die englischen Mädchen stehen nnter der Leitung der armen Schulschwestern, deren Stammhaus in München ist. Die Patres haben mir mit großer Befriedigung die Aenderung zum Besseren gemeldet, die besonders bei den englischen Mädchen unter ihren dermaligeu Lehrerinnen sich kund gibt. Die drittgrößte Zahl von Schulkindern, 1040 hatten wir in New-Nork. Philadelphia zählt 800, Buffalo 690 n. s. s. Außer den Schulen nehmen auch die Waisenhäuser unsere Sorge in Anspruch. DaS Waisenhaus in Baltimore ist im Stande, 200 Kinder und selbst 300 aufzunehmen, obgleich gegenwärtig nicht die Hälfte hiervon darin sind. Bei dem Bau dieses Hauses haben sich die Deutschen selbst übertreffen; denn nur durch deren Freigebigkeit war es möglich, ein so geräumiges Gebände auszuführen, das in Zukunft von großem Nutzen werden kann. Die Sorge für die Waisen haben gleichfalls die armen Schulschwestern übernommen, während der Unterhalt der Kinder von den Beiwagen der deutschen Katholiken gewonnen wird. In PittSbnrg, Detroit, Bnffalo, New-Orleans bestehen gleichfalls Waisenhäuser. Auch diese werden von den Schul- fchwestcrn besorgt. 47 Rücksichtlich der einzelnen Stationen, die wir auf dem Lande versehen, können wir wenig mehr thun, als den Leuten Gelegenheit zum Empfange der heil. Sakramente zu bieten, und, wo es möglich ist, Schulen zu unterhalten. Gewöhnlich erhalten in diesen 00 bis 40 Kinder Unterricht. Eine dieser Stationen, acht Meilen von Baltimore, hat sich seit einigen Jahren so gehoben, daß eine neue, ziemlich große Kirche gebaut werden mußte, die etwa 7 — 800 Menschen faßt. Sie steht ganz isolirt da, nur ein Hans nebst dem Schnlhanse ist sichtbar, wenn man an den Platz kommt; alles Andere scheint Wildniß zn sein. Aber rings herum in einem Umkreise von 6 — 7 engt. Meilen sind so viele einzelne Hütten versteckt, daß jetzt schon bei 500 deutsche und englische Katholiken zum monatlichen Gottesdienste zusammenkommen. Wenn irgendwo eine Kirche gebaut wird, ist es gerade, als wenn die Katholiken anS dem Boden hervorwüchsen. Wo man anfänglich nur 10 vermuthete, zeigen sich gleich 20, und es stellt sich Mancher als Katholik heraus, den sonst Jedermann für einen Protestanten angesehen hatte. — Größere Stationen versehen PittSbnrg und andere Häuser. Das bisher Gesagte wird genügen, um sich von dem Erfolge der Patres Redemptoristen in ihrem gewöhnlichen und tagtäglichen Wirkungskreise in Nordamerika eine Vorstellung bilden zu können. Es erübrigt nur noch, auch etwas über jene Arbeiten beizufügen, die deren eigenthümlichen Beruf ausmachen — über die Missionen. (Schluß folgt.) Arm und Reich. Don Karl Beycrl. I Gut, weil ich noch ein Bettler, will ich schelten, Und sagen, Reichthum sei die ctnz'ge Sünde, Und bin ich reich, spricht meine Tugend frei. Kein Laster geb' es, außer Bettelei. Shakespeare. Seht jene Gebäude rechts und links der Straße! Dort ragt im Mondlicht schimmernd der Palast deS Reichen aus den Platanen des Parkes, hier wirft das Häuschen des Armen einen düsteren Schatten auf das schmale Kraulbect, das der Mangel vor der Zeit entblätterte! Welcher Kontrast! — Nun verschwindet der Mond hinter Wolken und die Nacht verhüllt mit dunklem Schleier Palast und Hütte. Deckt sie auch die großen Gegensätze des Lebens? Diese verschwinden nie; selbst im Tranme noch lächelt der Glückliche, weint der Hungernde! Fröhliches Tönen wogt hernieder von den hohen, hell erleuchteten Bogenfenstern des Reichen, die Hütte ist stumm, — doch nein, tritt näher, neige dein Ohr an die zerbrochenen Scheiben, und vielleicht dringt ein klagender Ton an dein Herz, der das darin schlummernde hohe Lied zum vollen Klänge weckt. Besuchen wir die Wohnung einer armen Taglöhnersfamilie. Eine Thranlampe beleuchtet mit düsterem Scheine ein ernstes Bild. Die Mutter sitzt angstvoll am Bettchen des jüngsten Kindes. Die vier anderen Kinder theilen das Strohlager des Vaters auf dem harten Boden. Die Frau blickt schmerzlich auf das rauhe, mit Lumpen bedeckte Lager des kranken Kindes; sie steht auf und sucht in dem Kasten in der Ecke. Ihr Sountagshalstuch fällt ihr in die Hand; sanft breitet sie es dem Kinde unter, dann kniet sie vor dem Beuchen nieder, lauscht auf die Aihemzüge des Kleinen und betet,, indeß Thräne um Thräne über ihre bleichen Wangen rollt: „O Jesus, Jesus! hilf du, sonst kann ja Niemand helfen!" 48 lE »M 48 Die arme Fran hörte die Stnndenschläge einer großen Wanduhr vom Palaste herüberdröhnen. So oft die Uhr schlug, zählte sie ängstlich, als hoffte sie, sich das letztem«! getäuscht, einen Schlag überhört zu haben. Um Mitternacht erlosch die Lampe und die Unglückliche brach zusammen unter dem unsäglichen Elende der Armuth, die das Nothwendigste entbehren muß; selbst das Licht am Lager des todtkranken KindeS! Um zwei Uhr erwachte der Mann, stand auf, fragte besorgt nach dem Kinde und ging dann fort, der schweren Arbeit dieses Tages nach. Noch eine qualvolle Stunde. Endlich flammte es im Osten. „ES werde Licht!" rief unwillkürlich die Frau, ergriffen von der Bedeutung dieser Liebesworte des Schöpfers, die der Mensch erst dann recht innig erfaßt, wenn er leidend eine jener entsetzlich langen Nächte durchwacht, in welchen das Leben rings um den Einsamen wie erstürben schlummert und Niemand mit ihm spricht, als der unabläßig pochende Schmerz. Die Glocken der Stadt begrüßten fröhlich den jungen Tag, da rollte eine Chaise vor das Häuschen, ein alter Herr mit schneeweißen Haaren, aber heiteren, fast jugendlich liebenswürdigen Zügen sprang heraus und trat in das Stübcheu. „Gott belohne Sie, Herr Doctor!" rief die Frau innig. „Christenpflicht!" sprach Doctor Helfer, „hat das Kind geschlafen?" — „Die ganze Nacht." „Gut, es ist gerettet. Geben Sie ihm das Säftchen noch fort, eS wird sich bald erholen. Sorgen wir aber auch ein wenig für die andern Kinder und für Sie, gute Frau! kochen Sie ein kräftiges Süppchen! Behüte Sie Gott!" Der Doctor eilte hinaus und die Chaise rollte weiter. Auf dem Bettchen des KindeS lag ein blanker Frauemhaler. „O du guter, herrlicher Mensch!" rief die gerührte Mutter mit Freudenthränen, „wohin du trittst, bringst du Genesung, Trost und Hilfe! O Gott! laß dieses edle Herz immer einen Himmel in sich tragen." Das Kind erwachte und blickte die Mutter mit hellen Augen an. Entzückt küßte sie ihr wiedergeschenkteS Glück. Einige Stunden darnach kam der Mann nach Haus. Er hatte sich durch einen unglücklichen Hieb mit der Sense am Fuße verletzt und war so auf einige Zeit arbeitsunfähig geworden. Die Freude über die Genesung seines Kindes machte einer dumpfen Verzweiflung Platz. Er warf sich auf das Stroh und stöhnte, indeß die Frau den blutenden Fuß verband: „Jetzt müssen wir verhungern oder die Kinder auf den Bettel schicken." Die Arme seufzte und schwieg. Die Töne eines Wiener Flügels rauschten vom Palaste herüber, und der Verwundete fuhr grimmig fort: „Hörst du, wie der reiche Mann dem armen Musik macht? Für Instrumente, Pferde und Vergnügungen haben sie Tausende, für den armen Mann Nichts. O Gott, warum leuchtest du nicht einmal mit einem Straf- blitz in die Häuser der Reichen und zermalmest ihre steinernen Herzen?" „Frevle nicht," bat die Frau erschrocken, „die Reichen thun viel für die Armen, wir hätten ohne sie kein Brod. Die reiche Frau drüben ist gut und wohlthätig, ich will zu ihr gehen und sie um Hülfe bitten." „Sie wird dir einige Kreuzer hinwerfen lassen mit der Ermahnung nicht zu betteln," grollte der Mann, „thue eS nicht. Lieber etwas Anderes." — „Gerne, aber was?" fragte die Frau. (Fortsetzung folgt.) Redaction und Dr. Mar Huttler. — Druck »ou 3. M. tklcinl«. 12. Februar 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Poft- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abounementspreis ist 20 rr., wofür es durch alle k. Layer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Das Schifflein Petri. Fahre, Schifflein, wohlgemuth Durch die sturmbewcgte Fluth! Halte, wack'rer Steuermann Kräftig nur am Nuder an! Heulet wild die Windesbraut, Schlägt's auch ein, daß Allen graut, Stehe fest, du Steuermann! Einer ist, der helfen kann. Er, der einst dem Sturm gebot, Kennt Dein Leiden, Deine Noth, Sieht dem Wcllenspicle zu; Steuermann! was fürchtest Du? Wenn dein Schiff am Abgrund schwebt. Ist es Gott, der sich erhebt, Und zu Wind und Wellen spricht: „Dieß mein Schifflein laß' ich nicht." Und auf Sein allmächtig Wort Zieh'n, beschämt, die Wellen fort; Ruhig wird es, still und licht: Gott verläßt die Kirche nicht. N»«,«. Die ehrwürdige Maria Christin« von Savoyen, Königin beider Sicilien. (Liviltä esttolics.) (Uebersetzung dcr jkathol. Blätter aus Tirol.) (Fortsetzung.) « Die Gemahlin »nd die Königin. Daß in den prachtvollen Hallen der Großen und noch mehr in den schimmernden Königsburgen lästige Sorgen, trübe Gedanken und innere Kämpfe zu finden seien, welche Ruhe und Zufriedenheit ranken, das wird anch von dem Gemeinsten und Habsüchtigsten zugegeben, der es gleichsam zur Beschwichtigung seines ohnmächtigen Neides sich vorsagt. Daß aber, umgeben von der Fülle aller irdischen Güter, von einer Schaar Untergebener, welche mit ihren Dienstleistungen so verschwenderisch sind, und von zudringlichen, nach der Gunst ihrer Gebieter geizenden Höflingen, das Gemüth dennoch vereinsamt und verwais't sich sehe, dies wird nur jenem begreiflich sein, der weiß, wie wenig eine Gott liebende, der Welt abgeneigte Seele sich von deren Prunke und Vorstellungen hinreißen lasse. Das war eben bei Maria Christina von Savoyen der Fall. Nach dem Tode ihres Vaters, und nachdem sie sich von ihren Schwestern nach und nach hatte trennen muffen, verlor sie dann auch die letzte ihr gebliebene Stütze, -M.7 50 t,'/ >' N »k.> IM W W-N Z W LÄc-^ ihre zärtliche Matter, welche von ihr so vnanssprechlich geliebt warde. Nan stand sie wirklich einsam nnd verlassen, ohne Rath and Erfahrung da in dieser Welt. Lange war sie unschlüssig, ob sie zu einer oder der andern ihrer Schwestern, nach Lucca, Modena oder Wien sich begeben solle; jedoch kam sie zarter Rücksichten der Convenienz oder der jungfräulichen Zurückhaltung wegen hievon ab, nnd hing dafür immer mehr dem Lieblingsgedanken ihres Herzens nach, das klösterliche Leben zn wählen, wie schon andere savoyische Prinzessinnen vor ihr, um daselbst eine neue Familie zu finden, und fern von der Welt nur Gott allein unter den himmlischen Wohlgerüchen der Lilien und Rosen seines Gartens leben zu können. Nachdem sie solches lange bei sich erwogen hatte, eröffnete sie es ihrem Seelenführer, Pater Terzi, und zugleich den festen Entschluß, in den Orden der ewigen Anbetung zu treten, wo sie hier auf Erden schon das Amt der Engel erfüllen könnte, gui staut i» eiroiüti tllrorii ot acioraiit Deum. Obwohl Niemand eigentlich wissen kann, wie diese kindliche Eröffnung ausgenommen worden wäre, wenn sie selbe dem mütterlichen Herzen selbst hätte mittheilen können, so wäre doch, nach dem, was im vorigen Artikel von den hohen Tugenden der königlichen Frau erzählt wurde, leicht anzunehmen, daß sie ihr bei diesem schönen Vorhaben hilfreiche Hand geleistet haben würde. Die süße Abhängigkeit von einer liebenden Mutter hatte sich zu einer pflichtgemäßen Unterwerfung unter einen neuen, ihr entfernt verwandten König gestaltet, der schon einige Vornrtheile gegen sie gefaßt hatte; inglcichen auch unter eine neue Königin, welche noch vor wenigen Monaten einem im Vergleich zn ihr niedrigeren Stande angehörte. Mit König Karl Felir'S Tode war die erste königl. Linie von Savoyeu auSgestorben, und wurde Carl Albert von Carignano aus der jüngern Linie auf den Thron gesetzt. Als König von Sardinien war nun Carl Albert auch das Oberhaupt der ganzen königl. Familie, und seine Gemahlin Maria Theresia von Toscaua theilte mit ihm dieses Vorrecht. Beide nun, sei eS, weil sie mit der früher regierenden Familie so selten Umgang pflogen, oder daß sie, wie es bei den Höfen oft geschieht, aufgehetzt und falsch benachrichtigt gewesen, waren der Meinung, daß Christina durch die überaus große Liebe der Mutter verzärtelt, immer nur den eigenen Willen und ihre Launen durchsetzen wollte, und waren nicht wenig erstaunt, die Sache ganz anders zu finden, als sie sich dachten. Als man ihrer Ehrendame auftrug, mit aller Emsigkeit es dahin zu bringen, daß die Prinzessin bescheiden und unterwürfig sich benehme, erwiderte diese sogleich: »Se. Majestät möge sich versichert halten, daß die Prinzessin äußerst gut sei, und daß der König nie ein befehlendes Wort ausznsprechen veranlaßt sein werde, da sie schon jedem Wunsche bereitwilligst nachkommen würde." Und es dauerte nicht lange, daß man schon bei der ersten Ankunft ChristinenS in Turin ihre Gesinnungen gegen die Neuen Regenten erkannte, welche noch kurz vorher nicht auf so hoher Stufe standen, wie sie. Bei der ersten Zusammenkunft mit der Königin, welche sie eben umarmen wollte, beugte Christine das Knie, und küßte ihr ehrfurchtsvoll die Hand. Die Königin aber, auch eine ausgezeichnet tugendhafte Frau, bedurftd nicht jenes ActeS, um zu erkennen, wie viel Sanftmuth, Demuth, Liebenswürdigkeit und GotteSliebe in jenem unschuldigen Herzen wohne. Sie gewann sie so lieb, daß sie auch nach ihrer Vermählung oft mit zärtlicher Zuneigung von ihr sprach, und ihr Porträt iu ihrem Zimmer behielt, ja nach ihrem Tode sie wie eine Heilige verehrte. Trotz dieser Zuneigung aber hatte Christine dennoch oft manche Unannehmlichkeiten zu ertragen, wodurch sie die auserlesensten Tugenden zu üben, nnd die Nebligen, besonders die Königin, sich von der Gründlichkeit derselben und von ihrer vollendeten Selbstbeherrschung zu überzeugen Gelegenheit hatten. Es mag hier am Orte seiu, eines Falles zn erwähnen, der anstatt aller übrigen, die beinahe täglich vorkamen, znm Beweise dienen kann. Der Ehrencavalier am Hofe ihrer Mutter, welcher auch thr ganzes Vertrauen genoß, verließ, kaum hatte Carl Albert den Thron bestiegen, plötzlich die Königin- 51 Wittwe, um bei der regierenden Königin in den gleichen Dienst zu treten. Es ist leicht zu begreifen, wie schmerzlich dieses ehrsüchtige Benehmen Christi'nenS Mutter berührt haben mußte; sie fühlte die Kränkung tief und Christine, in deren Herz sich alle Freuden und Leiden der Mntter spiegelten, litt ebenfalls darunter, und weinte darüber bitterlich. Carl Albert, entweder das Vorgefallene nicht bedenkend, oder um ChristinenS Unterwürfigkeit zu prüfen, bestellte eben diesen Herrn zum Verwalter ihrer Güter. Bei der Nachricht von dieser Anordnung erwiderte sie kein Wort, obwohl sich ein innerer Kampf deutlich kund gab; sie bestimmte ruhig eine Stunde für den folgenden Tag, nm ihren neue« Verwalter zu empfangen. „Als dieser eintrat" (so erzählt uns die Dame, die es verbürgt), „und ich ihn bei der Prinzessin meldete, überfiel sie ein unfreiwilliges Zucken; doch sie wendete den Blick zum Himmel, eilte an ihren Betschemel, betete einige Augenblicke, und schickte sich dann an, ihn zu empfangen, und zwar mit jener würdevollen Ruhe, welche der beleidigten Großmuth eigen ist." Es stand ihr aber ein weit größerer Kampf bevor, zu welchem sich die Jung- stau durch das gänzlich zurückgezogene Leben, das sie in Turin führte, vorzubereiten schien. Sie war viel bei der Königin, deren Tugenden und edle Ergebung in so vielen Widerwärtigkeiten, da sie noch dazu kinderlos war, sie stets bewunderte, begleitete sie auch bei ihren öftern Besuchen des GnadcnbildeS „Unserer lieben Frau della Consolata", vor welchem sie dann ihr Herz ergoß, und flehte, unter die Anbeterinnen des Allerh. SacramenteS aufgenommen werden zu können- Dieser schöne fromme Wunsch sollte aber nnr daS Verdienst der Darbringuug haben! Wenn es sonderbar schien, einer schon erwachsenen Prinzessin einen Verwalter zu bestimmen, ohne sie hierüber zu befragen, so wird noch viel auffallender die Bestimmung ihrer Zukunft scheinen, da man ihr sogar die Person, an die sie sich ihr Leben lang binden sollte, erwählte, ehe sie Etwas hievon nur geahnt hätte. Aber wie schon gesagt, so ist cS Sitte bei den Höfen, wo zu allen andern unvermntheten Widerwärtigkeiten noch besonders jene hinzukömmt, die berechtigtsten und edelsten Neigungen des Herzeus und des Geistes den gegenseitigen Beziehungen der regierenden Häuser, den Plänen zukünftiger Vergrößerung rc. und dem Gleichgewichte der Verwandtschaften opfern zu müssen; mit einem Worte, allen jenen allgemeinen oder Privatrücksichten, die man Politik nennt. Kann aber nicht selbst diese oft den Fügungen der göttlichen Vorsehung dienen? Kann ein unschuldiges Herz, wenn es diesen nachkömmt, nicht auch auf diesem Wege die Vollkommenheit erreichen? Christine gibt uns hiefür ein Beispiel, da sie ein Vorbild der Gattinnen und Königinnen wurde, wie Neapel es beweisen kann. (Fortsetzung folgt.) Die Jesuiten und Redemptoristen in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. (Schluß.) Im verflossenen Jahre — wir legen den folgenden Mittheilungen die Berichte der „Annalen des Glaubens" zu Grund — veranstalteten die Redemptoristen in Nordamerika in zwei Hauptpartieen Missionen: englische und deutsche, deren letztere vorzüglich im Westen stattfanden, während die englischen in den östlichen Staaten gegeben wurden und mit Ausnahme der Sommermonate das ganze Jahr dauerten. Die deutschen Missionen — und nur von diesen soll hier die Rede sein — wurden in der Erzdiöcese St. Louis und in der Diöcese Alton vom Anfang September bis zum Schlüsse des Jahres 1858 durch die hochw. Patres Lüthe, Clauß und Brandstälter abgehalten. Die Erzdiöcese St. Louis hat 67 katholische Kirchen, von denen die meisten längs der beiden großen Ströme Missouri und Missisippi liegen. Von den deutschen Katholiken daselbst kömmt die Mehrzahl aus Niederdeutschland, doch gibt eS unter ihnen auch viele Bayern, Tyroler, Böhmen n. s. w. Die Missionsarbeilen begannen zu St. Louis in der St. Marienkirche, wo der hochw. Hr. Welcher, der eifrige Generalvicar der Diöcese, als Pfarrer wirkt. Während 10 Tagen täglich wurde dreimal gepredigt und manche Seele, die sich jahrelang verirrt hatte, kehrte wieder zum guten Hirten zurück. Nach der Mission gab ein Pater den Ursulinerinnen, die hier ein freundliches Kloster besitzen, eine blühende höhere Töchterschule leiten und im Stillen sehr viel Gutes zur Erweiterung des Reiches Gottes beitragen, während einer Woche die geistlichen Uebungen, sowie später auch den Zöglingen des Instituts. Es sind diese Klosterfrauen theils aus Oesterreich, theils aus Bayern durch den hochw. Hrn. Generalvicar Welcher hieher verpflanzt worden. Unterdessen hielten die andern Patres im nördlichen Theile der Stadt eine Missionserneoernng in der St. Liboriuskirche, wo den Winter zuvor bereits eine Mission statt gehabt hatte. In dieser Gemeinde zeigt sich, was eifrige und fromme Katholiken im Vereine mit einem guten Priester zu leisten im Stande sind. Obgleich die Gemeinde noch ganz klein ist, weil erst entstanden, so haben die Mitglieder derselben doch in kurzer Zeit eine große und schöne Kirche, sowie ein SchulhauS erbaut, haben dem Herrn im heiligsten Sacramente einen Altar errichtet, der allein 500 Dollars (1250 fl.) kostet, und fahren mit unermüdctem Eifer fort, bis Alles vollendet ist. Manche der Irrgläubigen sind daselbst schon zur katholischen Kirche zurückgekehrt, wie es auch bei dieser Renovation wieder geschah und fast bei allen Missionen vorkömmt. Nicht weit von der genannten Kirche steht ein protestantisches Gesang - und Predigthaus, dessen Thurm mit einem Kreuze durch den orthodoren Theil der Mitglieder geziert war; Anderen davon war dies jedoch ein Dorn im Auge. Sie nahmen deßhalb Stricke, Leitern und Hammer und schlugen das Zeichen der Erlösung von der Thurmspitze herab in den Koth der Straßen. Mitglieder der St. Liborius-Gemeinde kauften es und setzten es auf die katholische Kirche. Da riefen die Protestanten selbst aus: „Seht, wie die Katholiken das Kreuz ehren, das wir vernnehren." Dieß Ereigniß trug viel dazu bei, die Sache unserer heil. Kirche bei den Protestanten znr Veranschaulichnnq und Geltung zu bringen. Die nächste Mission war 150 Meilen südlich von St. Louis, in Perry County, und zwar in der St. Josephskirche zu Apple Creck, wo meistens Badcnser und Rheiubayern sich angesiedelt haben. In der Nähe wohnen eine Menge Altlutherauer auS Sachsen, die hier eine eigene Secte bildeten. Matt nennt sie auch Stcphanisten, da ihr Gründer oder Bischof Stephan hieß. Aber die Meisten sind schlecht auf ihn zu sprechen, weil er mit der ihm anvertrauten Kasse durchging. Sie gehören zu der Klasse der Pietisten, bei der jeder Bauer, der bibelfest ist, einen Prediger abgeben kann, und sind eben jetzt wegen des tausendjährigen Reiches in großer Uneinigkeit untereinander. Der Sohn eines protestantischen Predigers kam durch öfteres Beiwohnen der katholischen Missionspredigten znr Erkenntniß der Wahrheit und bat um Aufnahme in die katholische Kirche. Da die Leute alle zerstreut wohnen und die Wege nicht fahrbar sind, so kommt in der Regel Alles, Männer und Frauen, reitend znr Kirche, so daß die ganze Kirche von Reitpferden umringt ist. Obschon in Folge des damals stark herrschenden Fiebers sehr viele krank waren, so schleppten sie sich doch herbei; ja der Eifer war so groß, daß die Mehrzahl den ganzen Tag bis Abends 4—5 Uhr in der Kirche blieb. Man nahm sich ein kleines Mittagsmahl mit, um ja keine der Predigten zu versäumen. Zwei andere Missionen wurden hierauf abgehalten in St. Charles County nördlich von St. Louis in zwei Landgemeinden: zu Dardenne und Ellen Prairie, wo recht brave Katholiken wohnen. Sie haben aus eigenen Mitteln zwei hübsche Kirchen erbaut, denen nur mehr Weniges zur inneren Vollendung fehlt. Hierauf war eine Mission in St. Charles. Die Deutschen betheiligten sich mit großem Eifer an derselben und mehr als 550 empfingen die hl. Sakramente. Die nächste Mission gaben die Patres in Weston, einer Stadt am Missouri, noch 500 Meilen nordwestlich von St. Louis, dem in den letzteren Jahren so bekannt gewordenen Cansas Territorium gegenüber. Es war eine äußerst beschwerliche Reise, um auf dem Missonriflasse beim gerade herrschenden niedrigen Wasserstande mittels Dampfschiff aufwärts zu kommen und brauchte man deßhalb eine volle Woche, um Weston zu erreichen. Die letzte Mission im Staate Missouri war die in Neu-Bremen, einer Vorstadt von St. Louis, wo der thätige Pfarrer dortselbst gerade eine neue Kirche gebaut und vollendet hatte. Am Eröffnungstage der Mission wurde sie von dem hochw. Hrn. Erzbischofe feierlich consecrirt. Ueber tausend Gläubige nahten sich den heil. Sacramentcn. Ein reges katholisches Leben beseelt die ganze Gemeinde. Bei dieser Gelegenheit wurde von den Patres auch ein Kreuzweg eingeweiht, dessen Stationsbildcr die schönsten im ganzen Westen sind. Sie sind das Geschenk eines frommen GemeindemikgliedeS. Die erste Mission im Staate Illinois,'Diöcese Alton, eröffneten die Patres in Bellville, einer Stadt von etwa 12,000 Einwohnern. Sie dauerte 12 Tage und Gott wirkte dabei viele Wunder der Gnade. Bei der Erneuerung der Tausgelübde entsagten sechs Protestanten ihrem Jrrihume, und wurden feierlich in Gegenwart von Katholiken und Andersgläubigen, welche das geräumige Gotteshaus ganz anfüllten, in die katholische Kirche ausgenommen. Mehrere Andere erklärten den Entschluß, denselben Schritt thun zn wollen, und das um so mehr, weil die Leere des Protestantismus für Geist und Herz besonders dort im Westen schmerzlich gefühlt wird. Darnach veranstalteten die Patres zwei andere Missionen, die eine in Ccntre- ville, die andere in Maskoutah. Am ersten Orte wagte es ein gottloser Mensch, ein ungläubiger Protestant, zn höhnen und zn spotten über die Misston und verschiedene Gotteslästerungen gegen die katholische Religion anSzustoßen. Er hatte kaum seine Lästerungen vollendet, als eine Drehmaschine, an der er gerade beschäftigt war, ihm die Arme wegriß. Jedermann sah dieß als ein Gottesgericht an. Die andere Gemeinde, die wegen Priestcrmangel in religiöser Beziehung ganz heruntergekommen war, wurde zu neuem Aufschwung begeistert und viele, die den hl. Sacramenten sich entfremdet hatten, nahten sich wieder ihrem Herrn und Gott. Auch eine öffentliche schon seit 13 Jahren dauernde bittere Feindschaft zwischen mehreren angesehenen Familien wurde bei dieser Mission aufgehoben. Nach einer brüderlichen, öffentlichen Versöhnung gingen Alle mitsammen zum Mahl der Liebe. Die Beobachtung der Kirchengebote, besonders der Fasttage, wurde dringend eingeschärft, weil davon in Amerika oft die Gnade des katholischen Glaubens ganz und gar abhängt. Ueber- Haupt ist für den Westen Amerikas jetzt der kritische Moment, ob der katholische Glaube das Volk durchdririgcn wird oder nicht; jetzt ist der Zeitpunct, wo die abgefallenen, aber nicht noch ganz erblindeten Katholiken zurückgebracht uud durch ein lebendiges, thätiges, ächt katholisches Beispiel den gleichsam im Naturzustände lebenden Protestanten die Augen öffnen sollen. Andere Missionen wirrten in der St. Marien-Gemeinde von James Will in der St. Michaelskirche zu Praierie du Long abgehalten. Die letztere Kirche war bis jetzt nur eine Blockkirche, d. i. aus zugehauenen Baumstämmen aufgeführt. In Folge der Mission einigten sich die bisher uneinigen Gemcindeglieder und wurden von solchem Eifer beseelt, daß sie auf der Stelle 2000 Dollars zeichneten, um eine ueue schöne Kirche aus Backsteinen zu erbauen. — Die letzte Mission war in Waterloo, dem Gerichtsorte von Monroe County. Sie sckloß am St. Stephanstage. So hatten die Patres Redemptoristen im Jahre 1858 in Nordamerika 13 Missionen, 1 Erneuerung und 2 RetreatS gegeben, dabei 4—500 Predigten gehalten und viele Tausende von Beichten gehört. Der größte Segen dieser Missionen besteht offenbar in der Bekehrung nnd Wiederbelebung einer sehr großen Zahl von Katholiken, die in ihrem Glauben tau geworden, ja denselben ganz verloren hatten. Eine unzählbare Menge von Zurück- erstattnngen gestohlenen oder unrecht erworbenen Gutes wurde gemacht. Und wenn auch viele der stattgehabten Bekehrungen von keiner Dauer waren — ist das nicht eine Folge menschlicher Armseligkeit überall? — so wurden doch auch überaus rührende Beispiele von Beharrlichkeit bekannt. Jedenfalls wurden Tausende und Tausende von Sünden wenigstens für eine Zeit lang verhindert — Gewinn genug, wenn die Missionen auch sonst gar keinen andern gehabt hätten. Auf die MifsionSthätigkeit der Jesuiten in Nordamerika werden wir in einem spätern Artikel zurückkommen. Arm und Reich. von. Karl Beycrl. (Fortsetzung.) Der Mann zögerte mit der Antwort. „Was nützt mir", sagte er endlich, „meine Sackühr? Sie geht schon lange nicht mehr. Trage sie zu einem Uhrmacher, es ist ein gutes altes Werk, das Silber ist vier Gulden werth." „Wie, deine Uhr?" entgegnete die Frau, „dein einziges Andenken an Vater nnd Großvater? Nein, lieber Mann, die Uhr ist dein ganzer Reickthum, und erst gestern wünschtest da nur so viel zu haben, um sie wieder richten lassen zu können." — „So versetze sie!" „Dann ist sie auch für uns verloren, wir können sie nicht mehr auslösen. Nein, ich will zu der reichen Frau gehen und sie um Arbeit bitten, ich kann schön stricken." Der Verwundete kehrte sich schweigend gegen die Wand. Die Frau küßte ihr Kind und eilte dem Palaste zn. Sie wußte, daß ArbcitSauflräge nicht von Agnesen selbst, sondern von einer Kammerjungfer besorgt wurden; eine dunkle Hoffnung trieb sie aber an, die Frau des HauscS selbst um Gehör bitten zn lassen. Diese erfüllte ihren Wunsch und empfing sie freundlich. Unter häufigen Thränen schilderte die Arme ihre Noth. Agnes trug ihr eine ansehnliche Bestellung auf, und da sie gleich vorausbezahlen wollte, fragte sie um den Preis. Die Arme nannte ihn. „So wenig?" rief Agnes verwundert. „Und wie lange brauchen Sie zu der ganzen Arbeit?" „Vierzehn Tage!" — „Wie kann man von solcher Arbeit leben?" „Wir leben nicht blos von dem," sagte die Arme, „mein Mann arbeitet im Taglohn, und ich stricke. DaS Spinnen wird noch schlechter bezahlt." — „Aber wer einzig vom Stricken oder Spinnen leben muß?" — „Der mnß sich anf's Aeußerste einschränken, auch erhalten Viele Unterstützung aus der Armenkasse." Agnes crröthete. „Gott!" rief sie, „einschränken bis zum Hungern, Unter- stütznng von der Armenkasse — und für wen! Nein, gute Frau, schenken Sie mir nicht die Hälfte Ihres verdienten Lohnes, fordern Sie." — Sie unterbrach sich selbst, öffnete rasch eine Chatonlle, nahm eine Geldrolle heraus, drückte sie der erstaunteu Frau in die Hand und sprach: „Nehmen Sie! kaufen Sie die Wolle, das Uebrige ist für die Arbeit." Die Arme fühlte die schwere Rolle kalt in ihrer heißen Hand, sie sah im Gedanken den Trost, die Hilfe in ihr Stübchen einziehen, sie konnte nicht spreche«. Thränen rannen ihr die Wangen herab und auf die freundlich dargebotene Hand der reichen guten Frau. Kaum war die Arme fort, so kam der Hausarzt, Doctor Helfer. Er fand Agnes in Aufregung; sie erzählte ihm den Vorfall. Des DoctorS Herz hob sich iu 55 Freude, er rieb sich vergnügt die Hände and sah sie mit einem seligen Lächeln voll Güte an. So traf Arthur Beide. Dieser wiederholte bloß, daß er im Allgemeinen immer mehr das Vertrauen zu den Armen verliere. „O Ihnen fällt die letzte Katzenmusik wieder ein!" rief der Doctor. „Warum nicht?" fragte Arthnr. „Dieß und noch viel mehr. Wie oft habe ich Dank gesäet und Undank geärntet, wie oft Haß für Liebe! Lassen Sie mich nur Einiges berühren. Ich unterstützte eine arme Wittwe mit vielen Kindern, sie verpraßte das Geld mtt eineip liederlichen Burschen, und mir legte der Pöbel die schlechtesten Motive unter; ich unterhielt dürftige Familien, aber die Kinder kamen nicht aus den Lumpen, die Väter nicht anS den Branntweinschenken. Als vor drei Jahren unser einziges Kind getauft wurde, ließ ich reichlich Almosen vertheilen, und als das holde Wesen kurz darnach starb, hörte ich zwei Bettler nnter meinen Fenstern sagen: „Dem ist recht geschehen, der Reiche soll auch fühlen, daß er ein Mensch ist." Genug, ich will nicht länger solche Erfahrungen machen; ich gebe jährlich eine namhafte Summe in die Armenkasse, damit habe ich gethan, was mau verlangen kann. Sie kennen mich, Sie wissen, von welchem Wohlwollen und Mitgefühle für alle Dürftigen mein Herz erfüllt war, und ist, aber auch der beste Wille mnß endlich erkalten, wenn er überall dem sinnlosen Hasse der Besitzlosen gegen die Besitzenden, dem Undanke und der Unwürdigkeit begegnet. Jeder Tropfen Liebe, den Sie in die Masse werfen, verwandelt sich in Gift in diesem Meere niederer Leidenschaften." „Nicht doch," rief AgncS mit Begeisterung, „jeder Funke Liebe erhellt weithin diese schauerliche Nacht! Nur die Liebe wird den Haß bezwingen! Es ist Wonne, Gutes zu thun! Sollte es so schwer sein, Herzen zu finden, die dafür empfänglich sind? Heute traf ich sie ungesucht. Seht die guten Lente da drüben am Fenster! Die Matter zeigt freudig das Geld, die Kinder umhüpfen sie, fröhlich sich sättigend, der kranke Mann schleppt sich herbei, er umarmt sein Weib, er nimmt etwas von der Wand und hält eS an's Fenster, nnn zeigt er es den Kindern — es ist eine Uhr, sicher sein einziger Reichthum, er wollte sie wahrscheinlich verkaufen und freut sich nun über ihre Rettnng. Seht nnn falten sie alle die Hände! Sie beten wohl für mich? Und was that ich denn? Ich gab der armen Frau nur einen freigebigen Arbeitslohn, indem ich nnr einmal von der allgemeinen Unsitte abwich, welche ihr Gold verschwenderisch in die reichen Magazine des ausländischen Laras wirft and die nothwendige und mühsame Arbeit der Dürftigen mit dem halben Preise bezahlt." Arthur blickte freundlicher auf die Erglühende, und-sie fuhr fort: Wir dürfen uns durch nichts abschrecken lassen, gut zu sein, und können wir auch nicht sein wie die Sonne, die über Gute und Böse mit gleicher Wärme strahlt, so bleibt es doch ewig wahr, waS Shakespeares Herzog Vinceutio sagt: „Der Himmel braucht uns, so wie wir die Fackeln, „Sie leuchten nicht für sich: wenn unsre Kraft „Nicht strahlt nach außen hin, wär's ganz so gut, „Als hätten wir sie nicht. Geister sind schön geprägt »Zu schönem Zwecke —. Agnes blickte wieder zu den frohen Armen hinüber, sie wünschte innig, dieß schon früher gethan zn haben, und auS ihrem Innern wallten in die Wohnung der Noth heilige Gedanken, die zu weitlenchtenden Segensstrahlen werden sollten. Der Doctor drückte warm Arthurs Hand und flüsterte: „Lassen Sie Ihre Gemahlin dem Zuge ihres Herzens folgen, sie wird eine der größten unter den Frauen werden!" — So sprach der gute Doctor und ging, dem armen Manne den Fuß zu verbinden. (Fortsetzung folgt.) r-'^HÜ- 'M5 -4»«^ S... W !W LB 56 Ein Amerikaner über den Kirchenstaat. In der zu New-Nork erscheinenden Zeitung „Tribüne" schreibt ein gewisser F. L. NicholS also: Ueber den eigentlichen Charakter und die Ausdehnung des päpstlichen Despotismus bin ich etwas im Unklaren. Unsere Aufklärer, die Zeitungsschreiber, ziehen es vor, in Allgemeinheiten sich zu bewegen, sie lassen sich nicht herab, auf Einzelnheiten einzugehen. Mau setzt von nnS, dem Publikum, stets voraus, daß wir von Allem unterrichtet seien. Hat man nnS nicht zu verschiedenen Malen gesagt, „die päpstlichen Staaten sind am schlechtesten regiert" rc., und daß eS nnnöthig sei, es zu wiederholen! Doch eS möge einem schlichten Manne, der bei weitem nicht alle jene Kenntnisse besitzt, die man von ihm voraussetzt, erlaubt sein, einige Fragen zu stellen. Worin besteht der Despotismus der päpstlichen Regierung? Besteht er etwa darin, daß Geistliche Civilämrer bekleiden? Durch viele Jahre hindurch waren die Priester, die im Kirchenstaate Aemter bekleideten, in viel geringerem Verhältniß als dies in manchem Staate unserer Union der Fall war, und ihre Besoldungen waren in noch geringerem Verhältnisse zu- den Besoldungen der weltlichen Beamten. Oder in der Kostspieligkeit der Verwaltung? Sie ist aber eine der sparsamsten in Europa. Die Besoldungen der höheren Beamten überschreiten nicht 3000 Dollars jährlich und die ganze Civilliste beträgt ungefähr 600,000 Dollars. Ist das Volk mit schweren Abgaben gedrückt? Die Abgaben in Rom sind geringer als in England, Frankreich oder New-Nork. Ist das Volk der Wohlthat des Unterrichts beraubt? Die päpstlichen Staaten haben bei einer Bevölkerung von weniger als drei Millionen sieben Universitäten; und die Stadt Rom. hat im Verhältniß zur Einwohnerzahl mehr Freischulen als New-Nork, und was noch mehr werth ist, dieselben sind von einer verhäliuißmäßig weit größeren Anzahl Kinder besucht. Vielleicht wird für die Armen nicht gesorgt und deren Leiden nicht beachtet? In Rom gibt eS verhältnißmäßig mehr und bessere Spitäler und Zufluchtsstätten für Kranke, Arme, Altersschwache, Leidende aller Art, als in jeder anderen Stadt in der Welt.. Es gibt keine Gestalt menschlichen Leidens, die dort nicht schnelle Hilfe fände. Zu Rom fragt man nicht, was ist des Mannes Heimath oder Glauben. ES genügt, daß er ein leidendes Geschöpf sei, um ihn dem Mitgefühl dieser — wenigstens in der Beziehung — christlichsten aller Städte zu empfehlen. Vielleicht hat eine schlechte Regierung das Volk in Pauperismus (Armuth) versetzt? Nein! die Statistiken Europa'S zeigen, daß in England, Holland, Frankreich und in andern freien und aufgeklärten Ländern ein verhältnißmäßig drei bis zehnmal so großer Pauperismus herrscht. Worin besteht den» also der schreckliche Despotismus? Die Regierung ist eine Wahlmonarchie. Es besteht eine liberale Verfassung, leichte Besteuerung, sehr wenig Armaih, eine ökonomische Verwaltung, wohlfeiler over ganz freier Unterricht für alle Classen und eine überreiche Zahl von Anstalten für die dürftige und leidende Bevölkerung. Ich wage zu behaupten, daß die einzige Stadt New-Aork Jahr für Jahr mehr Abgaben zahlt, von den unredlichen Beamten ärger bestohle» wird, mehr Arme zn unterstützen hat, mehr ungezogene Kinder enthält, von mehr Laster, Trunkenheit, Schurkenstreichen rc. zu leiden har, und überhaupt durch mehr Verbrechen heimgesucht wird, als die ganze nahe an drei Millionen zählende Bevölkerung des Kirchenstaates. So der ehrliche Amerikaner. Milde Gaben für die Mission in Perleberg. Sollen beten für einen verstorbenen Priester.5 fl. Stkdacrwu u»d Benag: r»r. Mar Hailter. — Lrulk »vu 0. M. Ktclitte. ke. AngMgtt AmtlijMatt. Hl'. 8. 19. Februar 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr., wofür es durch alle r. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die ehrwürdige Maria Christina von Savoyen, Königin beider Sicilien. (lllvilt» csttolics.) (Uebersktzimg der Kachel. Blauer aus Tirol.) (Fortsetzung.) Schon seit längerer Zeit waren geheime aber ernstliche Unterhandlungen wegen der Verbindung Maria Christinens von Savoyen mit König Ferdinand U. zwischen den Höfen von Neapel und Turin gepflogen worden, so daß man nun die Angelegenheit als abgemacht ansehen konnte. Da aber Carl Albert die Abneigung kannte, welche Christine gegen die Ehe zeigte, so ließ er kein Mittel unversucht, sie nach seinem Willen zu stimmen. Alle, die sie umgaben, bemühten sich im Auftrag des KönigS mit lästiger Zudringlichkeit, auf sie einzuwirken. Christine schätzte Anfangs den erst unlängst erfolgten Tod der Mutter vor, dann die Vorliebe znr Einsamkeit, und mehrere andere Gründe, um ihre Abneigung vor einer Standesänderung kundzugeben. ES kam aus Lacca die Herzogin, ihre Schwester, um sie zur Einwilligung zu bewegen, auch wurde sie zur Herzogin von Modena geführt, welche sie als die älteste Schwester wie eine zweite Mutter liebte und verehrte; aber Alles umsonst. Für Diejenige aber, welche nur durch geistliche Beweggründe geleitet wurde, mußte die Stimme dessen, der an Gottes Statt ihre Seele führte, das größte Gewicht haben. AIS der Beichtvater ihren festen Entschluß, in's Kloster zu gehen, vernahm, sagte er zu ihr: „Der Stand, den Sie erwählen wollen, ist sehr beschwerlich, und erfordert große Tugenden und einen besondern Beruf; ich meine aber, daß Gott von Ihnen dies nicht verlangt, sondern daß eS Ihm vielmehr angenehm wäre, wenn Sie die Verbindung eingingen, die er selbst Ihnen anbietet." Dies war hinreichend; in ihrer ungewöhnlichen Demuth glaubte sie wirklich, die für den geistlichen Stand nöthigen Tugenden nicht zu besitzen, und tröstete sich damit bei diesem schweren Acte des Gehorsams; sie blieb eine Zeiilang ruhig and in sich versammelt, und sich dann dem Ausspruche ihres Beichtvaters fügend, willigte sie endlich ein, die Gemahlin des KönigS beider Sicilien zu werden. Wir wissen nicht, aus welchen Gründen der Mann Gottes diese Worte sprach, wohl aber, daß kraft derselben ein Opfer beschlossen worden, welches den königlichen Thron in den Augen der Völker verherrlichte, und der katholischen Kirche in kurzer Zeit eine jener heißen Thränen trocknete, deren sie so viele über ihre treulosen und aufwieglerischen Kinder weint. In den Tagen lebendigen Glaubens leuchtete die Heiligkeit auf dem Throne und an den Höfen der Könige ebenso, und vielleicht noch mehr, als in den Hütten der Armen und in den Zellen der Orden. Italien, Frankreich, Spanien, Deutschland, England, Schottland, Ungarn, Dänemark gaben von ihren Königen und Fürsten der Kirche so viele Heilige, daß, wenn man die geringe Anzahl so hochgestellter Personen im Verhältniß zu andern anschlägt, viel mehr Heilige unter den Ersten zu finden sind, als in jedem andern Stande. Und es war wirklich ein herrliches Schauspiel, wel- ches Erde rrnd Himmel erfreute, jene Helden und Heldinnen, welche man auf dem Throne bewundert hatte, auch auf den Altären verehrt zu sehen, was leider in unsern Zeiten nicht mehr so oft geschieht, wo, nachdem der Glaube verschwunden, die Fürsten beinahe freiwillig die durch Gottes Gnaden sie schmückende Krone niederlegten, nm sich durch die Gnade des veränderlichen, unsteten Volkes auf ihren Sitzen erhalten und geschützt zu erklären. Es fehlten zwar auch in diesen schlechten Zeiten den königlichen Höfen nicht alle heldenmüthigen Tugenden; und eS scheint eine besondere Fügung der Vorsehung, daß die beiden, den Ehren der Heiligen nächstftehenden königlichen Frauen, Clotilde und Christine, ihre Nichte, aus dem Hanse Savoyen hervorgehen sollten, unter dessen Schild jetzt so gotteSräuberische Willkür gegen die Kirche und ihr Oberhaupt geübt wird. Eben deßhalb war es nöthig, daß jene Blume nicht in ein Kloster, wo, Gott sei Dank, noch viele andere gedeihen, sondern in eine Königsburg gepflanzt wurde, wo sie wegen der Seltenheit auf solchem Erdreich desto Hellern Glanz der Heiligkeit verbreitet hat. Und wahrlich, Alle, die sie kannten, sagten schon bei der Trauung voraus, was sich in der Folge durch die That bewährte. Bei ihrer Abreise im November 1831 war am ganzen sardinischcn Hofe, wie auch im Gefolge des Königs von Neapel, welches zu seiner Begleitung mit nach Genua gekommen war, nur Eine Stimme: Christine sei ein Engel. Und erst als das neapolitanische Volk mit seinem so warmen Herzen und so lebendigen Glauben, mit seiner so feurigen Phantasie und ausdrucksvollen Affectcn, das sich in dichtem Gedränge bei ihrer Ankunft versammelt hatte, jene demüthige, aber würdevolle Haltung der Prinzessin beobachtete, welche in ihrer blendenden Schönheit, in der Blüthe der Jahre und auf dem Gipfel irdischer Hoheit der bewandertste Gegenstand des glänzendsten Hofstaates war, da hörten die Freudenrnfe, die Bewunderung und die Segenswünsche nicht mehr auf, und wie aus Einem Munde erscholl es, in Neapel sei eine heilige Königin angekommen. Als die königliche Jungfrau Gattin und Königin geworden war, setzte sie sich eine feste Richtschnur des Handelns vor, welcher sie ihr noch übriges Lrben mit un- verbrüchlicher Ausdauer nachkam; leider dauerte dies nur so kurz! Als Gattin hatte sie sich vorgenommen, in Allem dem Fürsten, der Thron und Scepter mit ihr getheilt, unterworfen zu sein, ohne jedoch zu versäumen, ihn immer vom Guten zum Bessern hinzuleiten. Außerdem wollte sie in der königl. Familie das goldene Band des Friedens sein, der süße Strahl der Freude, der Trost, die Eintracht, daS gute Beispiel für die ganze Königsburg. Sie hatte Schwiegermutter, Schwäger und Schwägerinnen, war von Hofdamen, Fräulein und zahlreichen Hausgenossen umgeben, denen Allen sie sich stets liebreich und hilfreich nach eines Jeden Bedürfniß zu zeigen sich vornahm. Von der Schwiegermutter angefangen, welche in den Familien oft ein Stein des Anstoßes für junge Frauen ist, wenn sie nicht die nothwendige demüthige Bescheidenheit und Selbstbeherrschung besitzen, ermangelte sie gegen dieselbe keiner irgendwie denkbaren Ehrerbietung. Sie erbat sich Anfangs vom Könige die Erlaubniß, ihr täglich die Hand küssen zu dürfen, und brachte ihn am Ende alle Tage selbst dazu. Ja, in den Verhandlungen steht, daß, „wenn sie zehnmal des TageS mit der Königin zusammentraf, sie ihr zehnmal die Hand küßte, und zwar mit solcher Ehrfurcht, daß sie beinahe vor ihr niederkniete. Den übrigen Verwandten begegnete sie mit so vieler Zuvorkommenheit und Zutranlichkeit, daß sie ihre Herzen, wie jenes der Königin-Mutter, vollständig gewann. WaS die Dienerschaft betrifft, so verhielt sie sich stets mit bewunderungswürdiger Bescheidenheit gegen dieselbe, und wenn sie etwas von Jemand derselben forderte, geschah es immer mit der Formel: „Thun Sie mir die Gefälligkeit." Noch besonders hervorzuheben ist die Gleichmäßigkeit ihres Betragens gegen Alle, wodurch sie die Eifersucht unter ibrer Umgebung verhinderte, so daß sich Jeder selbst für den von ihr Bevorzugten hielt. Und da dies eine schwierige Aufgabe ist, besonders bei lebhaftem feurigem 59 Charakter, so betete sie jeden Morgen um diese Gabe, „wie uns die Königin selbst erzählte." Die liebevolle Unterwürfigkeit, welche sie dem Könige, ihrem Gemahl, erzeigte, läßt sich kaum beschreiben. ES schien, als ob sie keinen eigenen Willen gehabt, oder daß sie den Willen des Mannes, den ihr Gott gegeben, zn dem ihrigen gemacht hätte; und eS ist gewiß etwas Außerordentliches, daß Mehrere eidlich versichern können, niemals habe man eine Handlung beobachtet oder ein Wort vernommen, welches auch nur von ferne einen Widerspruch gegen einen Wunsch des Königs angedeutet hätte. Ueber diesen Punct sind viele Einzelnheiten in den Verhandlungen aufgezeichnet; wir wollen nur die Eine anführen, daß, so oft Christine Briefe von ihren Schwestern erhielt, sie selbe zuerst immer «»eröffnet ihrem Gemahl übersendete, und selbe erst dann las, nachdem sie ihr vom Könige wieder waren eingehändigt worden. Da sie wegen ihrer anerkannten Klugheit von dem Könige und von den Staatsmännern oft in schwierigen Fällen zu Rathe gezogen wurde, so antwortete sie dann gewissenhaft nach ihrer Ueberzeugung; aber in ihrem gewöhnlichen Umgänge mit dem Könige verließ sie nie ihre Einfächheit und Demuth. Es wird unsern Lesern gewiß erwünscht sein, zn hören, wie König Ferdinand II., rühmlichen Angedenkens, selbst seiner Christine Lobeserhebungen spendet, und wie er keinen Anstand nimmt, frei zu bekennen, daß er durch ihre gütigen und freundlichen Bestrebungen in den drei glücklichen Jahren seines Zusammenlebens mit ihr nicht wenig in der Frömmigkeit gefördert worden sei. Ebenso wie Clotilde bei Clodwig, König der Franken, wie die hl. Elisabeth bei Ludwig, Landgrafen von Hessen und Thüringen, und die heil. Hedwig bei Heinrich, Herzog von Polen und wie viele Andere, wirkte sie bei ihrem Gcmabl sehr mächtig für den Fortschritt in den christlichen Tugenden. DaS m:t einem Eide bekräftigte Zeugniß des Königs lautet also: „Die Dienerin Gottes, unsere erlauchte Gemahlin, ist während der ganzen Zeit ihrer Ehe religiös und fromm und in Sitten makellos gewesen; die Erhabenheit ihrer Würde paarte sie mit Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit, so daß wir versichern können, daß sie uns nie Anlaß auch nur zur geringsten Klage gegeben hat; im Gegentheil war sie es, welche bei znwei- ligen, in keiner Familie zu vermeidenden Vorfällen durch ihre Ansprnchlosigkeit, durch ihre religiöse Gesinnung und bewundernugswürdiges Benehmen immer Alles wieder in'S rechte Geleise brachte. Man bewunderte ihre Zurückhaltung in Worten und im Benehmen, während sie doch immer ihre Würde hehaupteke, und dabei die wahre Demuth eines echten Christen bewahrte. Ihr Betragen hat nie zu irgend einer üblen Nachrede Gelegenheit geboten." Weiter unten seht er noch hinzu: „Wir gestehen, daß wir der Dienerin Gottes sehr viel verdanken, indem sie unS stets zn Uebungen der Tugend und Frömmigkeit angeleitet, und von vielen geistigen Uebeln bewahrt hat, da ihre Ruhe, Sanftmuth und Frömmigkeit auf uns stets großen Eindruck machte." (Fortsetzung folgt.) Die Bedrückungen der Katholiken in Polen. I. G In dem Regierungsbezirke von WitebSk (Alt-Weißrußland, einem Theile des frühern Königreichs Polen), Distrikt Dryzna, liegt ein großer Marktflecken, Namens Dzierzanowicze, deren Bewohner als Grundholden einem Herrn Anton von Kor- sack zugehören. Die Vorfahren dieser adelichen Familie gründeten vor unvordenklichen Zeiten daselbst eine Pfarrkirche und überließen die Seelsorge in derselben den ehrwürdigen Vätern der Dominicaner. Auch noch mehrere umliegende Ortschaften wurden diesem römisch-katholischen Kirchensprengel zugetheilt. Im Jahre 1842, während der großen Verfolgung der mit den Katholiken nnir- ten Griechen, fiel man auch über die Kirche und Pfarrei Dzierzanowicze her, unter dem Vorwande, dieselbe habe früher zu den nnirtcn schismatischen Griechen gehört. Man nahm daher diese Kirche zn Dzierzanowicze zu Gunsten des Schisma weg, und die Pfarrei sah fich gezwungen, nach der Waldkapelle Siodlowo sich zurückzuziehen. Allein schon nach Verlauf eines Jahres befahl der abtrünnig gewordene Bischof LusyuSki, ein würdiger Geselle des Erzapostatcn Siemaszko, daß diese Pfarrei, wie so viele andere in gleicher Bedräugniß, zum Uebertritte gezwungen werden solle. Das Verfahren, das man dabei anwendete, ist bekannt. Man organisirte eine sogenannte orthodore MissionSgesellfchaft aus griechischen Priestern, Polizeibcamten und Jnfanterieabtheilnngen. Dicke BekehrungStrnppe begann damit, die Katholiken zur Theilnahme an der Kommunion in der griechisch n Kirche aufzufordern, um dadurch ihre Anhänglichkeit an den griechischen Glauben bezeugen zn können. Da jedoch dergleichen Aufforderungen immer fruchtlos blieben, so trieb man das Volk mit Bajonetten in die griechische Kirche, und jene, denen nicht das Glück zu Theil wurde, ihr Widerstreben mit dem Tode büßen zn können, warf man anf das Kirchenpflaster hin nnd zwang ihnen, die bereits mit Blut bedeckt und in verzweifeltem Kampfe ohnmächtig geworden, die Kommunion mit Gewalt anf. Nach solch schauderhaftem Verfahren, das an Mehreren verübt wurde, erklärte man die ganze Pfarrei für griechisch rechtgläubig oder orthodor. Vorstehend geschilderte, allgemein angewendete Vergewaltigung mußte in seiner ganzen Strenge die Gemeinde Dzierzanowicze unter der Regierung deS Kaisers Nikolaus l. im Jahre 1843 erdulden. Unter Kaiser Alexander ll. wiederholte sich diese Handlungsweise 1858 abermals an dem nämlichen Unglücksorte. Diese Pfarrei blieb nämlich während des langen Zeitraums von 15 Jahren, wie so manche andere, die mit ihr ein ähnliches Schicksal rheilte, der katholischen Religion treu. Kein Mitglied betrat die russische Kirche. Die Eltern tauften ihre Kinder selbst, und junge Leute enthielten sich von jeder ehelichen Verbindung mit Andersgläubigen- Dessen uugeachter spiegelten die Popen, griechische Geistliche, der vorgesetzten Behörde immer vor, alle Einwohner wären sehr zufrieden, der Orthodoxie ganz eifrig ergeben und verrichteten immer regelmäßig ihre Religionspflichten zn Ostern in der schismatischen Kirche. Dieser Zustand, der fast in allen zur griechischen Kirche gewaltthätig gedrängten Gemeinden derselbe war, währte in der Pfarrei Dzierzanowicze bis zum Jahre 1857. Da richteten die Mitglieder derselben, anf die Milde des Kaisers Alexander li. bauend, ein Bittgesuch um freie Ausübung ihrer katholischen Religion an ihn. Dieses Gesuch wurde aber von der einschlägigen hohen Stelle mit Verweis zurückgesendet, und die guten Leute wagten eS, dasselbe 1858 zn erneuern. So große Beharrlichkeit beunruhigte jedoch die Provinzialbehörden, nnd der Bischof LuzynSki ordnete eine neue Mission ab, ähnlich der von 1843. Anf sein Ansuchen beauftragte Kolokoliow, der Gouverneur von WitebSk, den StaatSrath Howorowicz, sich mit dem Abgeordneten des abtrünnigen Bischofs, dem Erzpriester Humilew, nach Dziernowicze zu begeben, um durch vollständige Bekehrung der dortigen Einwohner, die doch im Jahre 1853 (43?) daselbst einen so guten Anfang genommen, Ruhe und Ordnung herzustellen. Genannte Herrn kamen Anfangs April 1858 in Dzierzonowicze an. Denselben waren weiter beigegeben derDistrictS- Polizeichef Spodarcon mit seinen zwei Assessoren ZelinSki und Loweyko und ein Stellvertreter Namens Popowy, der später durch einen dritten Assessor, Namens SidelSky, ersetzt wurde. Mehrere griechische Geistliche, deren Zahl in der Folge bis anf 40 anwuchs, und endlich eine Abtheilung Truppen, bildeten die nunmehrige BekehruugS- misfion. 61 Mit Austheilnng von Faustschlägen und Prügeln wurde dieselbe eingeführt, und ihr erstes Geschäft war, herauszubringen, wer die Verwegenheit haben konnte, zur Abfassung eines Bittgesuchs an den Kaiser zu rathen und dasselbe niederzuschreiben. Schon floß allenthalben Blut. Da trat beim Anblicke so vieler Glaubensbe« kenner ein Mann hervor, der zur Schonung der Uebrigen bereit war, allein sich dem Martertode zu weihen. Sein Name ist Vincent. Er war Schlosser und Chirurg im Orte, geliebt und geachtet von Allen, weil er in Allem Helfer und Stütze im Glauben zugleich war. Auf ihn entlud sich nun die ganze Wuth der Popen und der Mannschaft. Man schlug ihm die Zähne ein, trat ihn mit Füßen und mißhandelte ihn der Art, daß er keinem Menschen mehr gleich sah. Obwohl dem Tode nahe, unterlag doch seine kräftige Natur nicht ganz, aber er verlor seine Besinnung, und in diesem Zustande warf man ihn, schwer mil Ketten belastet, nebst noch drei Andern, die man für Mitschuldige hielt, grausam in einen schauerlichen Kerker. Da man aber diesem Nur glücklichen kein Gcständniß irgend einer Art zu erpressen vermochte, so kehrte man seine Behausung von unten zu oberst, durchstöberte alle Winkel, um nur ein Anzeichen von dem angeblichen Staatsverbrechen zu entdecken, etwa eine Liste der Ver- schwornen, oder vielmehr der eifrigsten Katholiken, und diese Hausdurchsuchung geschah mit solcher Unmenschlichkeit, daß die Frau des Vincent und eine ihrer Nachbarinnen, die eben guter Hoffnung waren, eine Frühgeburt erlitten und Beide TagS darauf in Folge dessen starben. Die Gefangenen wurden Anfangs in Deyzna und später in WitebSk eingesperrt, wo sie vorläufig den gemeinsten Slräflingsarbeiten unter- warfen waren. Diejenigen, welche bei diesen ersten Vorgängen am meisten durch Grausamkeit sich hervorthaten, waren die Popen, der Polizei-Director Spodariow und der Assessor ZalinSki. Man konnte aber auch nicht einmal eine Abschrift von dem erwähnten Bittgesuch au den Kaiser entdecken, so sehr man eine solche aufzufinden sich Mühe gab. Da versuchte man mit der nämlichen Rohheit jene katholischen Geistlichen ausfindig zu machen, bei denen dieses brave Volk während eines fünfzehnjährigen Katacomben- lebens seine Beichte verrichtete. Aber auch hierüber wurde nichts verlantbar, so daß man am Ende den Verdacht schöpfte, eS könnten dieß wohl keine andern sein, als die dem Orte zunächst liegenden Dominicaner. Einige Tage darauf traf der Gendarmerie-Oberst Losiew mit mehreren seiner Leute ein, und gab Befehl, alle Mannschaft von der ganzen Umgebung habe in Dzierzanowicze sich zu versammeln. Hierauf verlegte er sie zu den Bauern der Pfarrei inS Quartier, mit dem Auftrage, durch alle erdenklichen HauSqnälereien an dem Be- kehrungSwerke mitzuwüken. Er selbst stieg im Schlosse ab und stattete eine Abtheilung, das sogenannte schwarze Zimmer, mit den nöthigen Folterwerkzeugen für die Bauern aus, die einer nach dem andern herbeigerufen wurden. Fortwährende Schmerzensrufe und Stöhnen von diesem Zimmer her kündeten die Art der apostolischen Mission an, die daselbst gehalten wurde. Unterdessen waren die Popen nicht minder eifrig. Ueberall schlichen sie, zwei oder drei beisammen, in und außerhalb der Dörfer umher, und wo sie irgend einen einzelnen Bauern abseits überraschen konnten, fielen sie über ihn her, schlugen ihn nieder mit dem wüthenden Rufe: „Bekenne die Wahrheit und nimm unsern Glauben an." (Fortsetzung folgt.) Ä7, '«^..7^-'.^-/>Et»74-7? 62 M IM M IN-, Arm und Reich. Bon Karl BcyerI. (Fortsetzung.) II Wc>ui ich die Sprache der Menschen und der Engel redete, hatte aber die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz, oder eine klingende Schelle. Ja, wenn ich mein ganzes Vermögen zum Unterhalte der Armen austheilte, und meinen Leib hin- opserte, so daß ich mich verbrennen ließe, es fehlte mir aber an Liebe, iv hülfe es mir nichts. l. Korinth. XIII. 1. und 3. Es ist eine der größten Schändlichkeiten der schlechten Literatur, daß sie so oft die Würde der Frauen in den Staub tritt und ihre Heldinnen — namentlich in den höheren Kreisen — als unnatürliche Mannweiber oder als mnth- und kraftlose Geschöpfe malt. Blickt hin auf die heiligen Heroinen der Vorzeit, seht in der Gegenwart auf jene geweihten Jungfrauen, welche der Welt und ihren Freuden entsagend sich mit innigster Hingebung dem schweren Berufe der Erziehung widmen oder in freiwilliger Armuth ein ganzes reiches Menschendasein dem dornenvollen Dienste bei Kranken, Sterbenden nnd Todten opfern! Schauet auf die vielen hochherzigen und zartfühlenden Frauen unserer Zeit vom Throne bis zur letzten Hütte, gedenket eurer Mütter und der Sorgen nnd Schmerzen des Mntterhcrzens! Thut dies Alles, und ihr werdet die Geschöpfe einer George Sand erbärmlich finden! Agnes war eine wahrhaft fromme nnd edle Frau. In ihr hatte der Schöpfer recht herrlich sein Ebenbild ausgeprägt: in der schönen Form die schöne Seele. Ein reiches, inniges Gemüth, ein unauslöschliches RcchtSgefühl, das Bewußtsein ihrer Würde und Pflicht und vor Allem der reine Wille, nur Gott wohlzugefallen, machten sie zu einem jener liebenswürdigen Wesen, die ihre ganze Umgebung mit einem Lichtkreise des Friedens und der Freude erhellen. MD - kii In der weisen nnd eintrachtsvollcn Regierung Gottes wird die Absichr im allerhöchsten Grade erreicht, nach welchem die menschliche Politik ringt, daß nämlich jedes Mitglied das gemeinsame Beste befördere, indem es an seinem eigenen Wohlsein arbeitet, denn kein verständiges Wesen kann seine wahre Glückseligkeit befördern, ohne ein Wohlthäter der ganzen Schöpfung zu werden, so genau, so unzertrennlich hänget im Staate Gottes das besondere und allgemeine Interesse zusammen. Moses Mendelssohn. Arthur, Agnes und der treue Hansfreund saßen in einer Laube im Garten. Agnes erzählte ihren Traum und offenbarte ihren Entschluß, selbst einige arme Familien zu besuchen und den Armen und Bedrängten fortan den Zutritt zu ihr zu gestatten, um ihre Bedürfnisse und die Mittel zur Abhilfe in Wahrheit kennen zu lerne». „Denn gewiß", fügte sie bei, „mit dem kalten Gelde allein ist nicht geholfen, dem Armen gereicht oft ein guter Rath, ein freundliches Wort zu größerem Nutzen nnd Troste, als ein Geschenk, das ihm blos wie eine Abfindung für seine Ansprüche auf Menschenglück und Menschenrang zugeworfen wird." Arthur blickte mit Wehmnth in daS unschuldige, von innerem Frieden selig- strahlende Antlitz seiner Gemahlin. „Armes Kind", sagte er, „fürchtest du keine Ent- täuschung? Wird nicht die Menge deine Seelengute als einen Tribut au ihre wach- 63 sende Macht betrachten? Wehe dir, wenn dn die Würdigen beschenkst! die schlimme Mehrzahl wird dir deßwegen znm rachesüchtigen. Feinde. Willst du daS finstere Chaos der Leidenschaften, welche über die Masse wogen, mit dem Lichte der Bildung erhellen, die Entarteten mit der sittlichen Reinheit adeln, in welcher die Liebe lebt? Erinnere dich an die Warnung in Schiller'S Glocke: „Web denen, die dem Ewigblinden Des Lichtes Hinnnelsfackel leih'n, Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden, Und äschert Stadt' und Dörfer ein." „Erlaube mir", erwiderte Agnes sanft, diesen Versen andere eines bekannten Dichters entgegenzusetzen, die, wenn ich nicht irre, so lauten: „Was der größte Schmerz im Leben? Ganz in Liebe zu entbrennen, Nah sich stch'n, sich nicht umfassen. Und sich, ach! nicht lieben können! —" So ist's zwischen den Vornehmen und Geringen; Gott schuf sie zu gleichem Ziele, sie möchten sich gegenseitig beglücken, sie entbrennen in Liebe, sie stehen sich so nahe und können sich nicht umfassen, und ach, nicht lieben! Das ist der große Schmerz unserer Zeit! Eine Mauer von Eis durchschneidet die Menschheit: der Stolz! Leider ist es bittre Wahrheit, daß die Stände vielfach nur in ihrem Kreise den Menschen anerkennen, daß die Glücklichen verachten, die Entbehrenden trotzen! Die Liebe, welche Alles kann, Alles überwindet, die weltbefreiende Liebe wird auch diese Götzenmaner mit ihrem Strahle zerbrechen. Durchdränge ein echter christlicher Sinn die Welt, o dann wäre nicht dieses Mißbehagen in den feindlich sich aneinander reibenden Schichten der Gesellschaft, dann gäbe eS wieder eine hehre einige Menschenfamilie, die Mißtöne würden nicht mehr in Chören erschallen, sondern vereinzelt in der großen Harmonie verklingen." . „Gut, aber wie willst du mit Erfolg in diesem Sinne wirken?" fragte Arthur. „Nichts ist leichter", entgegnete Agnes, „ich wirke im Stillen." Arthur sann nach. Endlich sagte er gerührt: „Folge deinem Herzen und laß mir die Freude: dich dabei zu unterstützen. Wie wäre es, Doctor! wenn wir auch beitrügen?" — „Einverstanden!" rief Helfer fröhlich. „Wir wollen uns noch darüber berathen. Es wird sich Manches finden." — „Genug, genug!" meinte der Doctor. „Ich könnte zum Beispiele", sagte Arthur, „fleißigen Gewerbslentcn kleine Capitalien ohne Zins vorschießen?" — „Ja, thun Sie das, solche Capitalien sind nie verloren!" „Auch werde ich noch mit meinen Freunden darüber sprechen", fuhr Arthur fort. „Ich auch", sagte Helfer. Agnes lächelte selig. „Fürwahr", sagte sie, „so gut hätte ich eS nicht erwartet. Ihr seid ja schon ganz auf meiner Seite. Lieber Arthur! führe deine edle Absicht durch, du wirst himmlischen Lohn empfangen. O wie viele Familien, die jetzt für immer verloren sind, hätten im rechten Augenblicke mit einer kleinen Beihilfe für immer gerettet werden können! Gewiß, dn wirst noch viele dankbare Menschen durch dich glücklich sehen! Nun aber wollt ihr hören, was ich in den letzten drei Tagen so heimlich that, daß es selbst euch verborgen blieb?" Auf die bejahende Bitte deS Gemahls und des Hausfreundes holte Agnes ihr Tagbnch und laS: „Den 16. August 18^8. Mit dem Beistand der Himmelskönigin trat ich heute Nachmittags von Hedwig begleitet meine Reise in das Vandiemensland unserer Stadt an. Die Vorsehung lenkte unsere ersten Tritte. Wir gingen über den Promcnadeplatz, auf dem eben die Oleanderstanden in voller Blüthe stehen. Wir eilten an einer ärmlich gekleideten Frau vorüber, welche ein etwa sechsjähriges Mäd- chen an der Hand führte. „Sieh, Mntter, die schönen Blumen!" rief munter das I.H- '< 7 ' IM?! 8 iW 64 Mädchen. „Ach, Kind", sagte die Frau, „laß mich mit deinen Blumen, ich wollte lieber, ich wüßte, wo ich auf dse Nacht Brod hernehme." Im Weitergehen hörte ich die Frau noch seufzen: „Ach Gott! eS ist schrecklich! nun stirb nur, ThereSchen, wir haben nichts mehr zu essen!" Ich wandte mich um und sah ein leidvolles Gesicht zum Himmel schauen. Schnell waren wir bei der Frau und gingen mit ihr in ihre Wohnung. Sie ist eine verschämte Hausarme, eine Wittwe mit sieben Kindern, zwei davon sind krank, die Mutter muß sie verpflegen und kann also wmig verdienen. Welches Elend! „Wir wären ohne den Doctor Helfer, der uns wöchentlich eine Unterstützung gibt, längst verschmachtet", sagte die Arme. Der edle liebe Doctor, er schenkt Alles seinen Armen, er muß selbst arm sein! „Wenn der gute Doctor wieder zu der Wittwe kommt, wird er freudig sehen, daß Frauenhände dort walteten; die zerrissenen Kleider, die modrige Spreu, die papiernen Fensterscheiben sind verschwunden, die kleinen Kranken liegen in reinlichen Betten, die gesunden Kinder sitzen sauber gekleidet um ein blankes Tischlein von Fichtenholz und lernen vergnügt und stolz in neuen Schulbüchern; die größeren stricken, spinnen oder malen nach meiner Anleitung Bilderbogen für eine Spielwaaren- Handlung; so verdienen sie schon etwas. Der Mutter, einer geübten Stickerin, habe ich einen Auftrag gegeben und die Materialien verschafft, deren sie znr Stickerei bedarf. Es sieht jetzt dort, wo erst eine düstere Keuche war, Alles so freundlich aus, und die Sonne blickt mit Lust durch die hellen, von Schlingpflanzen umrankten Fenster über die Blumen, welche ThereSchen bcgießt, in das heitere Stübchen. Mit den Arbeitswerkzeugen, die ich den Guten kaufte, hoffen sie nun, die größte Noth schon abwehren zn können, und die Mutter glaubt, das kleine Capital, das ich bei ihr anlegte, nur selten angreifen zn dürfen. Hätte mir doch heute mein Arthur zugesehen! Mit dem ersten Tage bin ich sehr zufrieden." „Den 17. August 1848. Heute führte mich Hedwig zu einer Sterbenden. Am äußersten Ende der Hauptstraße hinter den stolzen Palästen der Glücklichen steht in der Stadtmauer ein uralter Thurm. In diesem ist ein enges Gemach, durch dessen zersprungene Fenster der Wind saust. Dort lag eine junge Wittwe auf hartem Lager. Sie hatte die heiligen Sterbsacramente schon empfangen und betete. Ihre vier Kinder knieten schluchzend neben ihr. Die armen Kleinen, zwei Knaben und zwei Mädchen, sollten nun getrennt werden, denn das Waisenhaus sondert seine Zöglinge nach den Geschlechtern ab. Die arme Mutter warf noch einen Blick voll Liebe und Schmerz auf ihre Kinder. „Ich will für sie sorgen!" rief ich und sie lächelte selig, im Verscheiden noch einen leuchtenden Blick auf mich werfend." „Ich war tief erschüttert und weinte laut mit den Kindern. Hedwig richtete mich auf. Sie gab mir den Rath, die Kinder einer braven, kinderlosen Familie znr Erziehung gegen billige Vergütung zn übergeben. Dieß, sagte sie, könnten wir noch öfter thun. So thaten wir denn, wir brachten die Kinder zu einem braven Schreiner, der mit seiner Gattin Elternstelle an ihnen vertreten wird. So werde ich noch öfter verlassenen Kindern einen Vater und eine Mutter geben, und wenn mein Nadelgeld nicht mehr hinreicht, dann weiß ich ja besser als die armen Waisen, wo ich betteln darf, die Cassa meines theuren Arthur ist ja reich, und noch reicher ist sein Herz." (Fortsetzung folgt.) W Äeoacnvil und Verlag: Max Huttlcr. —- Lrua ven M. Kleinte. 62- Beilage zum AugSb. Sountagsblatt Nro. 8. Arm und Reich. (Fortsetzung zu II k ES war am 15. August 18^8. Die Glocken läuteten feierlich durch die Abendstille den Tag zur Ruhe, an welchem einst die Himmelskönigin zum Throne ihres ewigen Sohnes emporschwebte. Und als das Ave Maria der Thürme verhallt war, als die Nacht kam, und die geheimnißvolle Weltenschrift des Allmächtigen am Himmel flammte, da eilte Agnes an den Flügel, die Saiten erklangen seelenvoll unter ihren Händen, und in den reinsten Tönen sang sie sehnend und ahnend ein Lied an Madonna. Und drüben öffnete der arme Mann das Fenster und lauschte mit den Seinen und sagte: „Müßte ich den Flügel der edlen Frau stundenweis zu ihr schleppen, ich würde en freudig thun. Wie sie singt! So muß es droben über den Sternen klingen!" — Als die Reichen drüben anf seidenen Kissen, die Armen herüben auf ihrem Strohlager mit friedlichen, der Versöhnung geöffneten Herzen entschlummerten, da schwebten liebende Engel herab auf die Träumenden und aus dem Allerheiligsten des Himmels strömte der Eine Segen des Vaters ungetheilt auf Palast und Hütte. Einschlummernd wiederholte sich Agnes die Gedanken und Gefühle des vergangenen Tages. Sie erinnerte sich, wie sie einst von Visionen frommer Seelen gelesen und dabei ungläubig gelächelt hatte — jetzt war ihre Stimmung eine andere, heiligere — sie gedachte der Erscheinung des Engels vor Maria, der Bekehrung des Paulus, des Auferstehungswunders; sie erwog, wie schon die Gemälde eines Raphael dem Widerglanze aus einer höheren Welt gleichen, wie göttlich erst ein Bild sein müsse, blos vom gläubigen, gotterfüllten Geiste im Momente der glühendsten Entzückung erschaut in einer Schönheit, wie keine Kunst sie, die überirdische Erscheinung, festzuhalten vermag; sie sehnte sich, ihr Seelenauge möchte einem solcheli Schauen des Unsterblichen, wenn auch nur im Traume, geöffnet werden. Mit diesem Wunsche schloß sie die Augen. Sie befand sich außerhalb einer großen fremden Stadt. Prächtige Linden- hallen wölbten sich am Ufer eines breiten Stromes, auf dessen blauem Spiegel festlich geschmückte Schiffe vorüberglitten. Scherzend und plaudernd lustwandelten Herren und Damen in den Alleen. Inmitten des fröhlichen Treibens saß unter einer Linde ein blinder Greis, in Lumpen gehüllt. Niemand beachtete ihn, von Hunderten kaum Einer warf ihm einen Pfennig zu und hörte mit den heiteren Gruppen forteilend nicht mehr sein inniges: Vergelte es Gott! Nur sein kleiner Hund leckte ihm freundlich die Hände und die Linde bot ihm theilnehmend ihren Schatten. Agnes eilte zu dem Blinden. Die trübe Schrift des Elends stand ergreifend auf dem lichtlosen Angesichte: „Nicht genug, dem Schwachen aufzuhelfen, Auch stützen muß man ihn!" — So sprach das edle Herz in ihr, als sie den Armen fragte: „Wie geht es, lieber Mann, habt ihr Nahrung und Pflege?" Das Antlitz des Greises erheiterte sich zu jenem unbeschreiblich rührenden Ausdrucke, der den Blinden eigen ist. Er lächelte so gutmüthig dankbar, so erquickt und seelenfroh! Mit ihm, dem verlassenen Paria der christlichen Gesellschaft, hatte ein Mensch menschlich gesprochen! Er schlug die lichtlosen Augen auf, als müßten sie ihm dieses liebende Wesen zeigen! „Mich pflegt Niemand", sprach er, „als Kind schon ward ich Waise und blind; seit ich denke, muß ich leider betteln." — „Armer Mann!" rief Agnes, „wo wohnt Ihr, wie schlaft Ihr?" „Der Himmel ist mein Dach bei Tage," erwiderte der Greis > „die Nacht habe ich auch schon oft unter diesem Baume zugebracht, aber gewöhnlich lassen mich gute Leute in meinem nahen Heimath- dorfe in Scheunen oder Ställen schlafen." Vom tiefsten Mitleid bewegt sprach Agnes: „Kommt, lieber Mann, geht mit mir, auch Euer treues Hündchen sollt ss,: > V 62 «« Ihr mitnehmen. Ihr sollt nicht mehr betteln, sollt Ruhe für Eure müden Glieder, Nahrung und Pflege erhalten, kommt, laßt Euch leiten!" Der blinde Greis richtete sich auf und legte die Hand segnend auf die Stirne der Trösterin, und ein heiliger Schauer durchrieselte sie, als hätte sie der Finger Gottes berührt, ihre Kniee brachen, ihre Augen starrten in himmlischer Entzückung empor, das Gewand des Bettlers leuchtete blendend weiß, und vor ihr stand strahlend in unsäglicher Schönheit und Majestät der Welterlöscr, und mit allen Harmonien des Himmels drangen von seinem göttlichen Munde in ihre Seele die Worte der Verheißung: „Was du immer den Geringsten von diesen thust, das hast du mir gethan!" Als Agnes erwachte, strahlte die Morgensonne hell auf die Wirklichkeit um sie, aber die Erscheinung blieb in ihrer Seele, und gläubig dankte sie der ewigen Gnade mit glühender Inbrunst. >sie glaubte an eine Weihe von oben, sie fühlte diese im seligen Herzen, und tiesdurchdrungen von dieser Weihe, die ihr ganzes Wesen um eine Stufe höher im Seelenrciche hob, gelobte sie, sich keiner, irdischen Rücksicht mehr zu unterwerfen und erhaben über alle Furcht vor Men- schcntadel zu sein eine treue Magd des Herrn. — Seit die Arme sie um Arbeit angesprochen, Pflegte die edle Frau täglich, sobald sie angekleidet war, theilnehmend nach den kleinen -Fenstern hinüber zu blicken. Sie sah, wie die Strickerin arbeitete vom frühesten Morgen bis in die tiefe Nacht. Liebe und Sorge zogen sie hinüber: sie befürchtete, das Geld möchte nicht ausreichen, die Armen möchten Mangel leiden. Endlich heute war die Unermüdliche fertig geworden, Agnes sah es, wie sie Paar auf Paar zusammenlegte und sich zum Ausgehen anschickte. Bald kam sie auch schüchtern mit der feinen sauberen Arbeit. Agnes äußerte ihre Zufriedenheit und fragte theilnehmend nach den Verhältnissen der armen Familie: — da erfuhr sie die volle Wahrheit, den ganzen Umfang des Elendes verschämter Armuth! Lne Unglücklichen hatten einst bessere Tage gesehen, ja sie waren wohlhabend gewesen, und als sie sich ein kleines Anwesen kaufen wollten, da fallirte ein stolzes Haus und begrub mit dem Vermögen vieler Familien auch das ihre. Und nun lange Jahre des Mangels! Fünf Kinder uud oft kein Brod! Und im Winter keine warmen Kleider, keine Betten, kein Holz! Und inmitten des Jammers, des Hungers, welches Gottvertrauen, welche Redlichkeit! Welche Anstrengung der müden Hände, der thränendunklen Augen noch bei Lampenlicht und Mondenschein! Diese Frau, welche schöne Seele im Gewände der Demuth und Niedrigkeit! „Als mein ältestes Mädchen", schloß Hedwig ihre Erzählung, „vier Jahre alt war, wollte es das Waisenhaus aufnehmen. Wir waren für diese Wohlthat dankbar und gaben das Kind her. Aber wir hatten keine Ruhe. Die ganze Nacht durch glaubte ich mein Kind schreien zu hören, und als es Tag ward, ging mein Mann und holte es wieder — 0 wie weinte die Kleine vor Freude an meinem Halse, und ich mit ihr!" Agnes war Anfangs gesonnen, eines von den Kindern zu sich zu nehmen, jetzt stand sie davon ab, aber ein anderer, ein großer, heiliger Gedanke erleuchtete sie. Wie verklärt stand sie da, und die Arme glaubte zu träumen, als die reiche Dame sie Plötzlich umschlang, ihre Hand ergriff und innig bat: „Seien Sie meine Freundin!" Die Arme wagte nicht zu antworten, und Agnes fuhr fort: „Ja, Sie müssen meine Freundin sein! In uns Beiden reichen sich jetzt Armuth und Reichthum die Hände zur Versöhnung, zum Frieden! Die Welt ist zerklüftet; auch in dieser Stadt gähnt zwischen den Reichen und Armen ein schwarzer Riß, ein Abgrund des Hasses — ein Hauch der Liebe und Rosen füllen ihn aus! Ich will Blumen in die Wüste pflanzen, will helfen, trösten, rathen, wo ich kann, und Sie sollen mich dabei geleiten. Lassen Sie uns das Amt der Versöhnung üben, es ist ein Engclsamt! Wollen Sie, meine Freundin?" Die Arme blickte auf die Reiche, nicht mehr zaghaft, sondern mit einer heiligen Ehrfurcht, gehoben von dem Feuer der hochherzigen Frau rief sie begeistert: „Ich will!" AlPbllM §mllt«gstl«tt. H'l». N 26. Februar 1860. DaS Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Angsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die ehrwürdige Maria Christina von Savoyen, Königin beider Sicilien. (OiviltL esltolicu.) (Übersetzung der Aathvl. Blätter aus Tirvl.) (Fortsetzung.) So wird nun Europa, welches über ein Vierteljahrhundert hindurch in Ferdinand li. die Frömmigkeit als dessen zweifelsohne größte Zierde bewundert hat, das Verdienst hievon großeniheils jenem himmlischen Wesen zuschreiben dürfen, welches die Vorsehung als Engel des Rathes ihm an die Seite gestellt hatte. Man glaube jedoch nicht, daß Christine sich in die Staats-Angelegenheiten mehr, als es einer königlichen Frau ziemte, eingemischt hätte; sie verstand es gleich vom Anfange ihrer Thronbesteigung, sich als eine dem Monarchen untergeordnete Frau zn benehmen, und suchte nur durch Gebet, gutes Beispiel und Wohlthaten der Regierung zu nützen. Und wem es bekannt, wie viel das Eiste bei Gott, das Zweite bei den Großen, und die Dritten bei den Kleinen vermag, wird diese Laufbahn, in der die Edle Gott und den Menschen zu dienen sich vorsetzte, gewiß nicht gering achten. Nicht ohne Grund sagen wir „zu dienen" auch den Menschen gegenüber, da dieses biblische Wort seinen vollen Sinn hat, denn eine Würde, welche sie auch immer sei, kill Uai ininistiw in konum. Wcw das Gebet anbelangt, war es am königlichen Hofe allgemein bekannt, daß die Königin ohne Unterlaß und sehr inbrünstig für das Wohl des Staates betete, und für diesen Zweck auch viele heilige Messen lesen, und fromme Seelen, besonders in den Klöstern, beten ließ. An den Tagen der Staatsberalhungcn kniete sie während der ganzen Zeit, als der König mit den Ministern conferirte, in ihrem Oratorium, und flehte den heiligen Geist an; ja schon vor Beginn derselben bewog sie auf sanfte Weise den König, dasselbe zu rhnn; so bestätigt ein Zeuge. Ein anderer fügt noch bei: „Ich erinnere mich, daß, wenn der König vor der Berathung sich bei ihr beurlaubte, sie ihm betend die Hände auf die Brust legte, was mich stets rührte.". Es scheint, als habe Christine durch diesen Act so zärtlicher Gattenliebe und >o lebhaften religiös « Glaubens einen Theil jener göttlichen Flamme des G'bcleK, von der sie eben ganz entzündet war, auch in die Brust des KönigS einflößen wollen. Vielleicht wollte sie hiedurch den König warnen, daß er sich in seinen Urtheilen nicht nach der menschlichen Klugheit richte, ohne zu erforschen, ob diese auch mir den göttlichen Rathschlägen übereinstimmen; vielleicht auch sein Herz gegen die falschen Einflüsteinngen ruchloser und wegen ihrer Heuchelei doppelt gefährlicher Menschen verschanzen. In der inenschlichm Natur ist die NachahmungSsncht eine angebornc Eigenschaft, welche besonders in schwachen Gemüthern stark ausgeprägt, das Beispiel sehr wirksam macht, vorzüglich wenn es von höher gestellten Personen ausgeht, deren Handlungen allein schon oft für Niedere ein Gesetz sind. So erwies sich auch das bloße Erscheinen Chriftinenö, dieses Vorbildes der erlesensten Tngen- den, am Hofe Neapels für sehr Viele als ein Mittel heilsamer Umänderung, da sie sich entweder darin gefielen, die Königin nachzuahmen, oder sich nicht getrauten, in ihrer Nähe ein dem ihrigen entgegengesetztes Betragen zn beobachten. Eines dieser nnr durch ihr Benehmen auferlegten Gesetze für alle Damen des HofeS war die Sitlsamkeit in der Kleidung, welche sich alsbald auch auf die ganze Stadt ausdehnte, und solches war in jener Zeit gerade nicht überflüssig. In diesem Stücke begnügte sie sich nicht einmal mit dem bloßen Beispiel; wo eS möglich war, suchte sie auch mit Worten darauf hinzuwirken, und machte sanfte Vorwürfe, so daß keine Dame mehr anders als in dem geziemendsten Anzüge sich ihr vorzustellen wagte. Und wagte es Eine, so trug sie sicher eine liebevolle, aber wirksame Zurechtweisung davon, die sie gewiß nicht so bald vergaß, und von welcher dann die ganze Stadt mehrere Tage hindurch zu reden hatte. So erinnert mau sich, daß. als einmal eine sehr geachtete hohe Dame in minder sittsamer Kleidung vor ihr erschienen war, die gute Königin sich einen kostbaren Schleier ablöste, und indem sie damit deren Schultern und Brust bedeckte, selbe bat, ihn als ein kleines Zeichen ihrer Zuneigung anzunehmen. ES kaun nicht wundern, daß sie, die selbst so sittsam war, sich nicht einmal als Kind von den Dienerinnen ankleiden zu lassen, auch von Anderen diese Tugend verlangte. Als sie jedoch Gattin geworden war, gestattete sie, obwohl von jeder weiblichen Eitelkeit frei, daß man ihre Person und ihr Haupt schmückte, wie es ihrem hohen Range und Stande gebührte, einzig um ihrem Gemahle zu gefallen. Sie ließ aber die Sorge hicfür gänzlich den Andern über, und cS ist unterhaltend, in den Prozeßakten die Ausdrücke der Verwunderung zu lesen, deren sich die Kleidermacherin und der Friseur noch nach mehreren Jahren bedienten, wenn sie hievon als von einer bisher unerhörten Sache sprachen. Dieser Letztere bemerkt noch überdieß, daß sie ihn nie zu seinen Verrichtungen zuließ, ohne bis oben an den Hals in den Pudermantel eingehüllt zu sein; daß sie ihre Augen nie weder zu ihm, noch zu dem Spiegel erhob, und während seiner allemal nnr kurzen Arbeit stets in einem frommen Büchlein oder in den Bittschriften der Armen las. Obwohl wir mit dem Hofleben selbst nicht bekannt sind, so scheint nnS doch jene dort herrschende Unihätigkeit und die daraus erfolgende Ungezähmtheit der Zunge eine der gefährlichsten Gewohnheiten daselbst zu sein. Wie heilsam mnßte daher das Beispiel einer Königin wirken, welche nicht nur dem Müssiggange ewige Feindschaft geschworen, sondern auch nie ein unnützes, geschweige ein unordentliches Wort über die Zunge gebracht hatte. Sie erhob sich des Morgens sehr frühe, auch wenn sie spät zur Ruhe gegangen war, und theilte ihre Zeit sehr regelmäßig zwischen Lectüre, Arbeit und Gebet. Und nicht etwa blos ein kleiner Theil war bei ihr der Arbeit gewidmet, gleichsam um zn zeigen, daß kein auch noch so hoher Stand sich >eneS ckvlce lar niants erlauben sollte, welches, ich weiß nicht, ob eine Glückseligkeit, Vorzug oder eine Pein der Reichen ist, und welches dem von dem Schöpfer allen Adams- kiudcrn auferlegten Gesetze der Anstrengung so sehr widerstrebt. WaS den Werth jener Handarbeiten Christinens noch erhöhie, war der ihnen bestimmte wohlthätige Zweck; denn waren eS gröbere Nähereien oder Strümpfe, so mußten damit arme Kinder gekleidet werden; waren es hingegen seine Stickereien, worin sie große Kunstfertigkeit besaß, so wurden sie ungekannt verkauft, und deren Erlös zur Unterstützung der Armen verwendet. Wie viele unsinnige Systeme hat nicht unser Jahrhundert auSgcdacht, um den Druck der Armuth zu heben, und (um mich des gewöhnlichen Ausdrucks zn bedienen) die Erniedrigung des Arbeiters abzuschaffen? Und was bewirkten am Ende alle diese Systeme anders, als den Armen die Entbehrung durch die Ungeduld unerträglicher zu machen, und durch Versprechungen eines unmöglichen Glückes den Stolz und die gefährlichen Leidenschaftcn des Arbeiters zu erwecken? Sehen wir nun, ob die Heiligkeit nicht auf schnellere und edlere Weise dieses bewerkstelligt, ohne selbst nur den Schein davon zu haben. Sehet, da baden wir arme Waisen, welche wissen, daß die Strümpfe und das Röcklein, das sie tragen, Arbeiten ihrer Königin seien; da sind angesehene Frauen, welche nm einige Dncati eine Hanbe, eine Halskrause oder ein Taschentuch, zierlich gestickt von unbekannter Hand, gekauft haben und erst später erfahren werden, daß selbe von der Königin verfertigt waren. Wie kann man wirksamer dem Elend des Armen steuern und den Werth der Arbeit erhöhen? Um eben dies zu erlangen, ist es nothwendig, daß sich znr Nächstenliebe die Liebe Gottes als deren Seele und Leben zugeselle; ohne diese zweite hofft man vergebens auf Vollkommenheit, ja sogar auf die Hinlänglichkeit der ersten. Wäre einmal die Trägheit und der Müssiggang bei den Höfen verpönt, so fielen wohl auch drei Vertheile jener unnützen Schwätzercien weg, womit die Hoflcnte viele Standen des Tages vergeuden, nm, wie sie sagen, „die Zeit zu tiftten." Eö ist beinahe unglaublich, wie viel Christine durch ihre Mäßigkeit im Reden auf ihre Umgebung wirkte; sie war hierin ein so vollendetes Muster, daß die Damen in ihrer Gegenwart sehr auf der Hut waren, besonders wenn eS sich um den Ruf Anderer handelte; denn sie duldete nie auch die entfernteste Spnr einer Verkleinerung, was doch in den Gesprächen bei Hofe so häufig vorkömmt, da man dort in Einkleidung fremder Fehler außerordentliche Gewandtheit und sogar Anmuth besitzt, wodurch nicht selten die Verwundung noch schmerzhafter wird. (Schluß folgt.) Die Bedrückungen der Katholiken in Polen. (Fortsetzung.) Diese so vielfach thätige Missionsart hatte übrigens keinen weitem Erfolg, als daß ein Einziger wirklich von seinem Glauben abfiel. Dieß war ein Sattler, Namens Joseph, ein Mensch, der seiner entarteten Sitten wegen ohnehin schon der allgemeinen Verachtung preisgegeben war. So mußte also der Oberst Lvstew gleichwohl die Fruchtlosigkeit seines bisheri- gen Verfahrens einsehen. Er berief daher sämmtliche Familienvater, ohngefähr 80 an der Zahl, zu einer öffentlichen Versammlung, erschien dabei, umgeben von den Popen, dem Polizeibeamten und seiner Mannschaft, in voller Uniform und sprach dann nach einigen Augenblicken feierlicher Stille: „Se. Majestät will, daß ihr Alle der orthodoxen Kirche angehöret. Warum wollt ihr nicht zn unS übertreten? „Hoher Herr," antworteten sich tief verbeugend alle einstimmig, „wir sind des Kaisers Unterthanen, wir zahlen gerne die Steuern, wir weigern uns nie, daß unsere Söhne der Armee einverleibt werden, wir sind bereit, Alles für ihn zu opfern, selbst unsers Lebens nicht zu schonen, unsern Glauben allein ausgenommen." „Ihr widerstrebt also noch immer dem Kaiser," versetzte jetzt der Oberst. „Ihr seid Rebellen und gehet sämmtlich zn Grunde, wenn ihr nicht eure Vorstände angebt. Macht cnch gefaßt anf die Knnte und auf Sibirien. Nie werdet ihr dann eure Weiber oder eure Kinder je wieder sehen. Wollt ihr also euch retten, so nennt eure Vorstände." Da riefen die Bauern: „Wir sind Alle Vorstände, denn wir Alle sind Katho- liken. Möge man uns peitschen oder nach Sibirien schicken; wir trennen uns dann wohl von unsern Weibern und unsern Kindern, nie aber von unserer heiligen Kirche." „Aber man bat euch ja doch auch in der unsrigen gesehen?" Auf diesen Einwarf noch tiefer sich verbeugend, fuhren die Männer fort: „Nehmt unsere Worte nicht ungnädig auf, hoher Herr. Wenn die ganze Versammlung hier von zwei Compagnien Soldaten mit gefälltem Bajonnelt umzingelt wäre, so könnte man dieselbe ebenso gut in einen Schweinstall hineintreiben, wie man nuS in eure Kirchen genöthigt hat. Ihr wißt eS, daß wir mit aller Kraft solcher Gewaltthat zu widerstehen versuchten. Wie viel Blut wurde an den Thüren eurer Kirche nicht vergossen, und unsere verstümmelten Hände von dort her, — wollt ihr sie sehen?" Der Gendarm sah bei solcher Rede zu Boden und schwieg. Die Popen hingegen erwiederten um so hochmüthiger: „Aber ihr habt ja doch communicirt?" „Ja, es ist euch gelungen, einigen von nnS mit der Spitze des Degens den Mund aufzureißen, und so eure Kommunion ihnen hineinznschieben. Aber soll eine auf solche Weise vollzogene Handlung, ohne Beicht, ohne nüchtern zn sein und ohne eigenen Willen eine Kommunion sein? Nein, nein, so hat euer schismatischer Gott nicht bis zu unserer katholischen Seele gelangen können." Einen Augenblick standen die Popen jetzt in Verlegenheit da; allein der schlankste unter ihnen, der Erzpriester Humilew, als Abgeordneter deS abtrünnigen Bischofs, nahm nnn eine ganz sanfte Miene an und sprach: „Wie sehr bedaure ich euch, meine lieben Kinder und eure Verblendung! Ihr seht uns doch vor euch, und ihr setzt noch Zweifel in uns! Habt ihr je daS Bild Jesu Christi geseben?" „Ja, das haben wir." „Nun denn, ist unser Bart nicht gerade so wie der scinige? Sind unsere Haare nicht ebenso gescheitelt wie bei ihm? Und unsere Kleidung, hat sie n cht viel Aehnlichkeit mit der seinigen? Ihr glaubt dieß Alles, seht es täglich vor euch, und dennoch könnt ihr euch nicht überzeugen von der Wahrheit unserer Religion! Welch bedauernSwerthe Lage!" Gewöhnliche Leute hätten bei diesen Worten kanm ein Lächeln unterdrücken können, aber unsere Leidensgefährten blieben ernst und antworteten in frommer und würdevoller Weise: „Ja, wir wissen eS, daß unser Herr einen Bart trug und lange Haare, und eure Kleidung mag einige Aehnlichkeit mit der seinigen haben. Wenn ihr aber keine andern Beweise für die Wahrheit eurer Religion habt, so bleibt dabei, lasset aber auch uns bei der mistigen in Frieden." So endete diese Versammlung. Gewaltthätig?, schmachvolle und grausame Behandlung sind also die Hauptgründe der Popen, die sie gegen die Katholiken anwenden, und womit diese auch am Schlüsse noch überhäuft, endlich entlassen wurden. Während aber die Polizei mit den Popen gemeinschaftlich auf neue Mittel und Wege sann, gelang eS der Schwester deS unglücklichen Vincent, Namens Mag» dalena, einem Mädchen von großer Frömmigkeit und seltenem Muthe, die bei der ersten Verfolgung schrecklich mißhandelt wurde, der Wachsamkeit der Polizei zu entschlüpfen und ein drittes Gesuch an den Kaiser abzusenden. Dieß war wohl auch das einzige, das in dessen Hände gelangte; denn bald darauf ordnete er in seiner Herzensgüte den Senator Szczerbicin ab, diese Religionsangelegenheit am Orte selbst inS Reine zu bringen. Seine Ankunft war auf den 12. Juli festgesetzt. II. Die Nachricht über das Eintreffen eines Abgeordneten des Kaisers selbst erregte in der ganzen Pfarrei große Freude und die Hoffnung, daß nun Gerechtigkeit geübt und ihnen die volle Freiheit in Ausübung ihrer Religion wieder gestattet werde. Allein diese Freude verwandelte sich nur zn bald in den tiefsten, ganz trostlosen Schmerz, als man nämlich in Erfahrung brachte, der in WitcbSk angekommene Senator habe dort zn verstehen gegeben, er sei nicht so fast zn dem Zwecke da, Gerechtigkeit auszuüben, als vielmehr das begonnene Unrecht erst ganz zn vollenden. Er wollte daher mit Beiscitesetzung jeden Anstandes sogar die Person des Adelsmarschalls selbst zu diesem seinem saubern Vorhaben mißbrauchen, dessen hohe Stellung eS schon 69 mit sich führte, Unterdrückte zu trösten und zu beschützen. Zu diesem Zwecke machte er ihm den Vorschlag, er möchte sich selbst nach Dzierzanowicze begeben, die dortige» Bauern für das Schisma zugänglich zu machen und denselben beizubringen suchen, daß eS der Wunsch des Kaisers sei, sie der griechischen Kirche einverleibt zu sehen. Der Marschall aber lehnte solch eine feindselige nnd entwürdigende Zumuthung als guter Katholik ab, und so sah sich der Senator gezwungen, die Mission selbst zu versuchen, die er auch wirklich damit begann, daß er den berüchtigten Obersten Losiew mit noch einem aus Petersburg mitgenommenen Herrn als seinen Vorläufer vorausschickte. Unterwegs stiegen diese beide Herren im Dominicanerkloster ZabielSk ab, nm den dortigen Pater Prior, Namens Dziegielski zu sprechen. „Man hat sie beschuldigt, sagte er zu ihm, daß Sie nicht etwa blos eine oder mehrere Personen, sondern eine ganze Pfarrei zur katholischen Religion zurückgeführt haben, daß Sie, den Regiernngsvorschriften zuwider bandelnd, in der Volkssprache Predigten hallen und Leute Beicht hören, von denen Sie nicht genau wissen können, ob sie der katholischen Kirche wirklich angehören oder nicht. Es ist das ein StaatS- Vcrbrechen, wodurch Sie die Aufhebung und Wegnahme des Klosters verwirkt haben. Und dieser Strafe können Sie nur entgehen, wenn Sie den begangenen Fehler wieder gut machen. Lassen Sie die Gelegenheit nicht nnbenützt vorübergehen. Sie wissen, daß der vom Kaiser abgeordnete Senator in drei Tagen in Dzierzanowicze eintreffen wird. Schicken Sie daher sogleich einige Ihrer Patres, namentlich den Prediger Mokrzecki, ab, mit dem Auftrage, daß sie den Willen Sr. Majestät kund geben und daS Volk zum Uebrrtritte in die griechische Kirche veranlassen." Der Vater Prior wies diesen Antrag kurzweg zurück. Nun stimmte der Oberst einen andern Ton an, und, als ob er für daß eigene Beste der Mönche ganz besorgt wäre, fuhr er fort: „Sie haben da ein hübsches Kloster mit einem großen Garten und einer weit ausgedehnten Fernsicht. Sollten Sie zur Erhaltung riues so schönen BesttzthnmS dem Kaiser zu Gefallen wirklich sich nicht zu dem verstehen wollen, was ich Ihnen so eben angeralhen?" „Ganz gewiß nicht", war die trockene Antwort des Priors. „Ihr seid also widerspenstig, rief jetzt der Obe. st entrüstet aas, und lehnt euch gegen den Kaiser auf." „Wir gehorchen unserm Kaiser, versetzte der Prior, Gott aber vor Allem." ^ Nachdem hier der Oberst auf solche Weise seine V rsuche gescheitert sah, begab er sich eiligst nach Dzierzanowicze, um dem Senator daselbst einen feierlichen Empfang zu bereiten. (Fortsetzung folgt.) Der PeterSpfennig. Seit den ältesten Zeiten der Kirche sinken wir unter den Gläubigen einen edlen Wetteifer in der Kundgebung der Achtung und Liebe zu dem apostolischen Siuhle. Diese Kundgebungen erneuerten sich insbesondere bei Entbehrungen, Leiden, Unglücksfällen, welche über den heiligen Stuhl hereinbrachen, und in allen Theilen der Welt hätten eS die Gläubigen für eine Schmach gehalten, wenn das Haupt der Religion, der Stellvertreter Jesu Christi auf Erden, den Nachtheilen des Mangels ausgesetzt und in seiner Amtsführung verhindert werden sollte. Und darum waren Fürsten und Völker beflissen, durch Gaben ihre hohe Achtung für den Nachfolger deS hl. Petrus auszudrücken und so zu der Erhaltung und Regierung der allgemeinen Kirche beizutragen. Die englischen Könige, welche mit ihrem Volke von Rom anS die lki^L-ikL 70 e. W W «', t- .1 W I ,Ä I'-r^ ^ liK-^ W 1 ^ 5 ^ lä-AÄ D i ^ Ä Gabe des Glaubens empfangen hatten, nehmen unter den vielen christlichen Fürsten, welche ihre Ehrfurcht und Dankbarkeit gegen den römischen Stuhl mit frommen Gaben bezeichneten, einen der ersten Plätze ein, indem sie die ständige Abgabe des sogenannten PeterSpfcnnigS an den apostolischen Stuhl einführten. Offa, König von Mercicn (ch 796), hält man für den Urheber dieser Abgabe. Derselbe versprach dem hl. Petrus, dessen Fürbitten er seine Siege zuschrieb, für sich und seine Nachkommen eine jährliche Abgabe von 300 Mark und bekräftigte dieses Versprechen in Gegenwart der päpstlichen Legaten mit einem feierlichen Eide. Allmälig dehnte sich die Einrichtung des Peterspfennigs auf alle christlichen Staaten aus; z. B. Frankreich, Schottland, Dänemark, Schweben, Norwegen, Deutschland, Polen u. s. w. Seitdem jedoch der Papst feste Mittel deS Unterhaltes nnd das Nothwendige zur Bestreitung der Bedürfnisse in bleibender Weise erhalten hatte, traten diese Gaben zurück. — Die Revolution von 1849 beraubte den hl. Vater seines Besitzlhnms und suchte daS Werk der Jahrhunderte zu zerstören. Dieser Frevel aber bewirkte, daß die nicht gealterte Liebe der Gläubigen einen neuen Ausdruck fand. An die Stelle des entrissenen Staates trat wiederum die Gabe des Pelerspfennigs. Derselbe wurde zuerst in Frankreich und dann in der ganzen Welt gesammelt. Die Vereinigungen zur Einsammlnng der Gaben verbreiteten sich nicht blos durch Europa, sondern auch nach Amerika, Indien, China nnd den Philippinen. Jeder wollte nach seinem Vermögen beitragen, und selbst die Aermsten rechneten es sich zum Glück, den Heller zu opfern, welcher die F ucht^ ihrer Anstrengungen nnd ein Ecsparniß an ihrem armseligen Verdienste war. Selbst Andersgläubige nahmen an dieser Manifestation der Liebe Theil. So richtete ein gewisser Freitag aus Lübeck an den heil. Vater ein Geschenk von 30 Duc., begleitet von einem schölten Schreiben, dessen Schluß also lautet: „Gestatten Sie mir, heiliger Vater, daß ich, voll der tiefsten Ehrfurcht für Ihre geheiligte Person, fortfahre in meinen Gebeten für Sie zu Christus dem Erlöser, und würdigen Sie sich zum Entgelte meine Familie zu segnen, welche, obgleich lutherisch-protestantisch, über Ihr geheiligtes Haupt die reichsten Segnungen von der Hand unseres Vaters in dem Himmel herabflehek, der da ist die Liebe nnd Heiligkeit selbst." — Aus allen Theilen der Welt gelangten Briefe an den Papst, begleitet von Gaben, die um so kostbarer waren, weil sie, indem sie gegeben wurden, zugleich hinwiesen auf die Armuth der Geber nnd auf ihr Verlangen, mehr zu geben. Der PeterSpfennig hatte eine hohe Bedeutung. Er war nicht nur ein Act der Liebe und treuer Anhänglichkeit, sondern zugleich ein Protest der ganzen katholischen Welt gegen die Beraubung des Kirchenstaats und eine Manifestation für die völlige Unabhängigkeit deS kirchlichen Oberhauptes. Während die Revolutionäre in Rom die Beispiele Neros und Caligula's erneuert halten, erneuerten die Gläubigen in der ganzen Welt die Beispiele der ersten Christen. Und edel, wie die Gaben, war die Verwendung derselben. Plus IX. vereinigte r>en PeterSpfennig, statt ihn zu seinem eigenen Gebrauche zu verwenden, mit andern Summen seiner besonderen Bezüge, nnd widmete, nach seiner Wiedereinsetzung in den Besitz des Kirchenstaats, alles den wichtigen Werken des Unterrichtes, der Erziehung und Frömmigkeit, welche znm Theil jene Uebel heilten, die von den beweineuöwerthcn Schicksalen verursacht wurden, welche den Kirchenstaat verwüsteten. Die heutige Revolution ist eine Erneuerung der Revolution von 1849. Nur hat sie eine andere Form angenommen und sich dabei unter den Schutz von Fürsten gestellt. Sie erfreut sich der Protektion dessen, der sie vor einem Jahrzehnt unterdrückt hat. Sie ist um so gefährlicher, als dabei neue Principien zur Geltung gebracht werden, welche den Fortbestand sämmtlicher Throne in Frage stellen. Es wäre die größte Kurzsichtigkeit, wollte man annehmen, daß der heutige Kampf nur auf eine Einigung Italiens, und in Bezug auf den Kirchenstaat auf die LoStrcN- nung der Legationen abziele. Es ist vielmehr aus die Vernichtung der weltlichen 71 und geistlichen Sonverenätät des Papstes und auf die Zertrümmerung sämmtlicher Throne gerichtet. Das wird in der nächsten Zukunft immer deutlicher hervortreten. Je gefährlicher aber der Kampf ist, desto deutlicher muß sich die Gesinnung und Liebe der Gläubigen offenbaren. Dieselbe hat sich bereits in den Adressen kundgegeben. Das Christenthum will aber nicht eine Liebe, die sich mit Worten begnügt, sondern eine werkthätige Liebe. Lassen wir auch diese hervortreten. Wir können nicht für den hl. Vater in den Kampf ziehen, aber wir haben andere Waffen: Gebet und Liebesgaben. Beten wir für das Oberhaupt unserer Kirche und geben wir Gaben, durch welche wir den Beweis liefern, daß wir noch von den alten Principien des Gehorsams, der Treue und Liebe zum apostolischen Stuhle durchdrungen sind. Bereits in fast allen Diöcesen wird gesammelt. Insbesondere zeichnet sich das arme Irland aus. Die Diöcese Culm wird nicht zurückbleiben. Sie tritt freudig ein in den Wettkampf der Liebe. Wir fordern deßhalb alle Diöcesanen, insbesondere aber die hochw. Herren Seelsorger hiermit auf, diesem Mahnruf Folge zu geben und sobald als möglich Sammlungen zu veranstalte». Jeder, sei er weß Standes er wolle, kann und wird sich dabei beiheiligen. Der ganz Arme wird mit Frenden seinen Pfennig, der Wohlhabendere seinen Silbergroschcn, und der, welchen Gott mit irdischen Gütern gesegnet hat, wird nicht minder das Seinige thun, damit die Pfennige und Silbergroschen der Armen und Wohlhabenderen zu Thälern anwachsen. Die Redaction des katholischen Wochenblatts hat eS übernommen, die gesammelten Beiträge von Nah und Fern entgegenzunehmen, die Gaben durch das katholische Wochenblatt regelmäßig zu veröffentlichen und dieselben schlüßlich in die Hände unseres hochwürdigsten Herrn Bischofs Joannes znr Weiterbeförderung nach Rom zn legen. Wir haben das feste Vertrauen, daß die Diöcese Culm nicht zurückstehen, sondern, wie so oft, auch hier beweisen wird, daß der alte, feste und treue kath. Glaube in ihr noch lebt und wirkt. (Kath. Wochenblatt der Diöcesen Culm und Ermlaud.) Ein protestantisches Urtheil über -ie weltliche Herrschaft -es Papstes. Der Protestant Wolfgang Menzcl spricht sich in seinem Literaturblatte Nr. 90 Jahrg. 1859 folgendermaßen über die weltliche Herrschaft des Papstes aus: „Man mag vom Priesterregimente im Kirchenstaate denken, wie man will, so steht doch die Thatsache fest, daß seit mehr als tausend Jahren alle Bemühungen und Kämpfe der Byzantier und Langobarden, der deutschen Kaiser und französischen Könige, der CrcscentiuS und Cola di Rienzi, alle Eroberungen Roms durch fremde Truppen, aristokratische und demokratische Revolutionen Roms, alle Vertreibungen, Gefangeu- nehmnngen und Ermordungen der Päpste am Bestände deS gateimonium kolri nichts verändert oder dasselbe nur vermehrt, nie verringert haben. Ferrara z. B. ist eine noch ziemlich neue Acquisition deS Kirchenstaates. Diese erstannungswürdige Zähigkeit des Kirchenstaates aber erklärt sich ganz einfach aus dem welthistorischen Charakter der römischen Kirche. Diese Kirche kann nie gleich der byzantinisch-russischen Staa^skirche von einem weltlichen Monarchen abhängig sein; sie stand daher das ganze Mittelalter hindurch, so l nge es nur Einen Kaiser gab, demselben gegenüber. Seitdem neben dem deutschen Kaiserthnme Frankreich und nachher auch Spanien sich selbstständig zu immer mächtigern katholischen Großstaaten erhoben, wurde es vollends unmöglich, den Kirchenstaat zu säcnlarisiren und den Papst zum Unterthanen eines weltlichen Herrn zu machen, weil, wenn er Unterthan deS einen hätte werden sollen. es die andern nicht geduldet hätten. Der Kirchenstaat kann aber auch nicht wesentlich verkleinert und aus das nächste Gebiet der Stadt Rom beschränkt werden, weil er dann gegenüber den Nachdacen absolut zu schwach wäre. Der Kirchenstaat ist eine Bedingung deS Bestandes der katholischen Einheit nnd weil es mehre kath. Großstaaten gibt nnd die romanischen Volker fast ohne Ausnahme, die demschen zum großen, die Slaven zum kleinen Theile Katholiken sind und jener unzerstörbaren Einheit angehören, so wird der Kirchenstaat bestehen bleiben trotz aller napoleonischen Ideen, trotz aller Congresse, trotz aller Mazzini und Garibaldi und trotz aller Beschwerdeführungen deutscher und englischer Akalholiken." So spricht sich Menzel aus, ein Mann von Verstand nnd von klarem historischen Urtheil. Kirchliche Nachrichten. AnS der badischen Pfalz, 29. Jan. Es wird in der Pfalz ein sog. „Himmelsbries" verbreitet, welcher so voll des abergläubischen, gotteslästeilichen Unsinnes ist, wie wir noch selten etwas gelesen haben. Es heißt unter Andern: darin: „Der Brief sei 1805 auf dem Grabe des Herrn gefunden worden, worauf ihn der Papst dem Kaiser geschenkt habe; ferner Goit selber habe den Brief eigenhändig geschrieben, wer nicht da--an glaube, solle nicht selig werden; wer ihn bei sich trage, der sei ganz sicher vor Hauen, Stechen Schießen, Pestilenz u. s. w," Der Pilger erfüllt eine christliche Pflicht, wenn er darauf aufmerksam macht, daß alle die, welche solche abergläubische Dinge drucken und verbreiten, von der katholischen Kirche mit strengen Strafen bedroht werden. Daraus gebt auch unzweideutig hervor, daß solche Dinge unmöglich von katholischen Priestern ausgehen, wenn ihre F inde eS auch tausendmal behaupten. Gerade dieser unsaubere Himmelsbrief liefert den Beweis deS Gegentheils, denn er ist aus einer frei maurerischen Druckerei in Mannheim hervorgegangen. Wir dürfen nun billiger Weise fragen: was veranlaßt die Gegner der Kirche solches zu drucken? Der wahre Grund wird kein anderer sein, als die Schuld der Sache den katholischen Geistlichen in die Schuhe, den Verdienst abec in die eigene Tasche zu schieben. Milde Gaben für die Mission in Perleberg. Wir haben, nicht wie wir in Nro. 5 angekündigt haben, 126 fl. 11 kr., sondern blos hundert Gulden an baarem Gelde und eine große Schachtel mit Paramenten für die Mission in Perleberg an den Hrn. Misfions-Vicar Müller in Berlin abgesandt; eS verbleiben also in Casse noch 26 fl, 11 kr., seither ist neu hinzugekommen 5 fl. und 1 fl., also in Summa 32 fl. 11 kr. baar Geld. Herr Missions-Vicar Müller hat den richtigen Empfang der 100 fl. in dem von ihm redigirten „Märkischen Kirchenblatte" Nro. 7 abqnittirt nnd schreibt uns in einem Briefe hierüber noch folgende Zeilen: „Gott vergelte tausendfach die schöne Sendung für Perleberg. Das Geld hat großen Trost gebracht und den armen Leutchen über den Berg hinweg geholfen, so daß die Mission daselbst gesichert ist. Selbst kirchliche Grwänder sind ziemlich ausreichend, so daß man von der Augsburger Sendung auch andern, hungriger» Staiionen Brocken zuwerfen darf." Von H Für den heiligen Vater. 1 fl. — kr. Redaction und Verlag: Dr. Mar Huttler. — Druct von I. M. Kleinle. AngMgtt ZmtigMtt. Hr 1«. 4. März 1860. Das NugSburger SonntaaSblatt (Sonntags-Beiblatt rur AugSburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonncmentspreis ist 20 rr«, wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. R o,n. Altes Rom, es ging oft sausend, brausend, Völkerfcgend durch die alte Welt; Doch du stehst dein drittehalb Jahrtausend, Alles ist, nur du bist nicht zerschellt. Standest einst an vieler Völker Wiegen, Deren Sein und Namen längst dahin. Neue sind dann trotzig aufgestiegen, Um auch schnell in's Meer des Nichts zu zieh'n. Altes Rom, wie hat man dich gerüttelt! Zwei Jahrtausend heißt du schon verfault; Doch die Vielen, die an dir geschüttelt, Haben längst, ja längst schon ausgcmault. Brechen wollten dich die nord'schen Stämme, Doch du brächest der Germanen Kraft, Und wir stecken jctzo in der Klemme, Aus der du dich lachend aufgerafft. Ach seit unsern starken Hohenstaufcn, Herrn der Freiheit, fast des neuen Lichts, Kommen nun die Knaben angelaufen, Raufen, zanken um ihr eitles Nichts. Doch du, das die alte Welt durchschnobcrt Und gefesseltdurch — wodurch? — deinHaupt, Hast die neue Welt dazu erobert, Und es glauben, die noch nie geglaubt. Altes Rom, dir brachte keinen Schaden Kein Napoleon noch Attila. Wir auch werden Fluch nicht auf uns laden, Attilas sind, denk' ich, auch nicht da. Meiden d'rum werd' ich mit Rom zu brechen. Denn mir sagt es Der, der ohne Wank: Deine Segen wirst du lang noch sprechen, Wenn manch' jctz'ges Herrlein längst versank. Neue Völker wirst du kommen sehen, Deinem Blick' ein längst gewöhntes Spiel; Denn im Völkerglauben wird bestehen, Was durch Völkerfehde halb zerfiel. Fels bleibst du, an dem die Wogen brechen, Und des Heilands Wort blieb wahr bis jetzt. Und wie auch Kleinköpfe sich erfrechen, Haupt bleibst du, weil dich der Herr gesetzt. Zwar wird einst auch deine Stunde schlagen, Altes Rom, im altgewordnen Zwist. Doch wer wagt, ihr Klugen, eS zu sagen, Was dann von der Welt noch übrig ist? Die ehrwürdige Maria Christina von Gavoyeu, Königin beider Sicilien. (Livillä cattolica.) (Uebersrtzung ocr Katbol. Blauer aus Tirol.) (Schluß.) Diese zarteste Rücksicht für den fremden Ruf, obwohl oft durch die Gerechtigkeit geboten, wird durch die Nächstenliebe eigentlich noch behutsamer, und führt so anf natürlichem Wege zu jener Wohlthätigkeit, wodurch die fromme Königin nicht nur der Trost und die Hilfe der Armen, sondern auch den Reichen ein so nachahmuugs- In kDÄ -- 74 würdiges Beispiel geworden ist. Zahlreich sind die Zeugen, welche bestätigen, daß sie nie eine Fürbitte für Bedürftige gethan hätten, ohne daß diese reichlich von ihr unterstützt worden wären. Die Vertrautheit mit ihren Damen, mit einigen Kavalieren, und besonders mit ihrem Beichtvater bot ihr das Mittel, ihre Wohlthaten zu verberge», und dennoch selbe durch ebensoviele Kanäle zu verbreiten, welche in die unbekanntesten Theile der bevölkerten Hauptstadt sich ergossen, alle aber im Herzen der mildthätigen Königin, wie in einer unversiegbaren Quelle, ihren Ursprung hatten. Man sagte, daß sie jährlich nicht weniger als dreißigtausend Ducati vertheilte, und von den 300,000, welche sie selbst mitgebracht, fand man nach ihrem Tode nur sieben oder acht, welche sie ebenfalls schon zu wohlthätigen Zwecken, wie die andern alle, bestimmt hatte. Und dennoch fühlte sie oft aus Liebe zu ihren Armen selbst das Erröthcn der Armuth; obwohl sie nie zögerte, bei'm König um neue Mittel zu Unterstützungen zu bitten, so geschah eS doch, daß ihr einmal drei Bittschriften für Bedürftige vorgelgt wurden, als sie nur nenn Ducati besaß; mir einer Schamröthe, welche den Schmerz, nicht mehr spenden zu können, ausdrückte, sagte sie: „Wie werde ich ich aber nur so wenig geben können?" Da ihr Wohlthätigkeitssinn durch die echte, evangelische Liebe geleitet wurde, so entzündete er sich noch feuriger, wenn sie nebst dem körperlichen auch dem geistigem Elende abhelfen oder vorbeugen konnte, obwohl sie von den Bosheiten und dem Sündenwuste der Welt selbst so wenig wußte, daß sie in ihrer Unschuld ganz verwundert den Beichtvater befragte, wie es möglich sei, daß durch ihr Almosen vielleicht eine Todsünde verhütet werden könne; und daß, als ihr der König eines Tages sagte, sich bei'm Ausführen zu beeilen, damit der Kutscher nicht zu fluchen beginne, sie vor Schrecken ganz blaß wurde. Eine jede Beleidigung Gottes war für sie ein Gräuel; deshalb übte sie auch mit Vorliebe jene Wohlthätigkeit, welche nebst der Wohlfahrt des Leibes auch jene der Seele im Auge hat; diesem Umstände ist gewiß auch jene mütterliche Sorgfalt zuzuschreiben, welche sie bis an ihr Ende fünfzig armen Waisenmädchen zuwandte, welche sie zur Danksagung gegen Gott für ihre glücklich erfolgte Entbindung, dem Elende und der Verlassenheit entrissen, und in einem Konservatorium in der Furcht Gottes erzogen haben wollte. Das letzte Wort jener Seligen auf dem Sterbebette, welches sie dem Könige, als er mit unsäglichem Schmerze von ihr Abschied nahm, noch zuflüsterte, war eine Fürbitte für diese ihre geliebten Töchter. Und dieser hehre Augenblick kam für Maria Christina leider bald, zu bald für Alle, die sie umgaben, nicht so sehr für sie selbst, welche ihre Liebe und ihre Hoffnungen schon einem bessern Vaterlande zugewendet hatte. Sie hatte auch von der Stunde ihres bevorstehenden ScheidenS eine so sichere nnd klare Vorahnung, daß man solche kaum für etwas Anderes als für eine himmlische Eingebung halten darf. Obwohl stark und gesund wie immer vorher, gab sie gegen Ende December 1835 einer ihrer Schwestern ganz bester hievon Nachricht, und sendete einer andern gleichsam als Vermächtniß eine Kleinigkeit, welcher den Werth für Beide nur die kindliche Liebe gab, da eS eine Arbeit ihres Vaters war. Sie schrieb wirklich in folgenden Ausdrücken: „Diese Alte (so sprach sie von sich) geht jetzt ihrem Grabe entgegen. Ich komme zu meiner Entbindung nach Neapel, aber auch um dort zu sterben. Ja, ich werde sterben, nnd will meiner Marianna (der Kaiserin von Oesterreich) das Liebste hinterlassen, was ich besitze." Und in der That, es war eine Prophezeiung! Am ersten des darauffolgenden Jänners gab sie ihrem Erstgeborenen, der Franz von Assist getauft wurde, das Lebe», und wurde in Folge der schweren Geburt von einer unheilbaren Krankheit befallen. Wie viele nnd inbrünstige Mbete, private und öffentliche, in der volkreichen Stadt während der Woche, als selbe dauerte, Gott dargebracht wurden, sobald sich die Nachricht hievon verbreitete, und welch' allgemeine Bestürzung entstanden, als die Gefahr sich vergrößerte, mag Derjenige erzählen, der von ihr eine ausgedehntere Lebens- 75 beschreibung zu liefern unternehmen wird. Wir beschränken uns nur darauf, zu erwähnen, daß die allgemeine Meinung, welche sie nicht nur als sehr tugendhaft, sondern als heilig erklärte, bis zu ihrem letzten Athemzuge herrschend war. Beim höchsten Schmerze aller Derjenigen, die um sie waren, blieb sie allein heiter, gefaßt und vergnügt, während ihre Gedanken zwischen den lieben Zurückbleibenden und dem himmlischen Vaterlande schwebten, dem sie sich mit voller Zuversicht näherte. Von jenen erbat sie sich Verzeihung, weil sie fürchtete, nicht immer gutes Beispiel gegeben zu haben; nach diesem sehnte sie sich so innig, daß sie es kaum erwarten konnte, bis sie dahin gelangte. Unter diesen Liebessenfzern schien sie ganz auf den traurigen Abschied zu vergessen, welcher allen Anwesenden das Her; zerriß, und die Augen mit Thränen schwellte bei dem Anblicke einer jungen, schönen, blühenden, geliebten Gattin und bewunderten Königin, welche nun am Rande deS Grabes stand, und nur die herben Schmerzen der Mutter kostete, ohne den Trost gehabt zu haben, sich von der theuren Frucht ihres Leibes gekannt und geliebt zu sehen. Als aber, gefolgt von der ganzen königl. Familie, daS Allerh. AltarSsacramcnt in ihr Zimmer gebracht wurde, um es ihr als Wegzehrung zu dieser letzten Reise zu reichen, erhob sich die Sterbende mit solch' himmlischer Andacht, daß ihre Züge allen Anwesenden von dem Widerscheine jenes Himmels verklärt zu sein schienen, der sich schon über ihrem Haupte öffnete, um die am Ziele der Pilgcrschaft ange- langle Seele aufzunehmen. Bevor sie jedoch diesen erhabenen Flug begann, hatte sie noch eine letzte Aufgabe auf Erden zu erfüllen, nämlich ihrem einzigen vielgeliebten Kinde, welchem das Leben zu geben sie, dies engelgleiche Wesen, diese denkwürdige Zierde und Vorbild, von der Vorsehung eigens auf den Thron Neapels erhoben zu sein schien, einen Kuß aufzudrücken. Wer Neapel in der Woche zwischen dem Tode und der Leichenfeier Maria Christiuens, und noch mehr am Tage derselben nicht gesehen, kann sich keine Vorstellung von einer großen, lärmenden, kaum erst wegen der Geburt eines Kronprinzen von Festlichkeiten und Freudcnbezengungen erfüllten Stadt machen, welche auf einmal in eine so unaussprechlich tiefe Trauer versenkt war, als ob Alle und jeder Einzelne eine liebe Schwester oder eine theuere Mutter verloren hätten. Ei» fortwährendes Stöhnen, von Seufzern, Thränen und Schluchzen unterbrochen, welches beinahe die langsamen Glockenschläge und die traurigen Harnionieu der Mnsikbanden übertönte, begleitete den Sarg arn dem langen Wege, der von der Burg zur Kirche Saum Chiara führt, wo sich die Grabstätten der königlichen Familie von Neapel befinden. Und wir, die wir davon Zeuge gewesen, erwarten mit fröhlicher Zuversicht jenen, vielleicht nicht fernen Tag, au welchem, nachdem die Kirche jener Tugcndhcldin die Ehren der christlichen Apotheose wird zuerkannt haben, ihre Reliquien im Triumphe durch dieselben Straßen und unter den festlichen Anrufen eines gläubigen Volkes, das schon gewohnt ist, vor ihrer Urne nicht ohne Erhörnng zu bereu, getragen sein werden. — Die Bedrückungen der Katholiken in Polen« (Fortsetzung.) G Der Unheil verkündende Tag nahte heran, und man versammelte daS Volk vor dem Schlosse, das zur Wohnung für den Senator hergerichtet war. Nach bangem Harren, denn hohe Herren lassen gerne lange auf sich warten, nahte endlich ein unabsehbarer Zug von Popen, Gendarmen und Polizcibeamten, und mitten unter diesen im höchsten Glänze und in voller mit Orden bedeckter Uniform der kaiserliche Abgeordnete. Endlich hielt der Zug. Es herrschte eine Ruhe und Stille, als ob man kaum zu athmen wagte. Da richtete der Senator in feierlichem aber sehr herablassendem Ton folgende Worte an das brave Volk: „Meine lieben Leute, ihr habt an unsern Kaiser Alerander, erhabenen Sohn deS Kaisers Nikolaus, die Bitte gerichtet, daß er euch erlaube, katholisch bleiben zu dürfen. Ick muß euch in seinem Namen erklären, das dieß nicht möglich ist; denn Se. Maiestät Alerander II. hat bei Besteigung des Thrones seines unsterblichen Vaters Nikolaus l. geschworen, die orthodore Religion zn beschützen und weiter auszubreiten. Der Monarch selbst mit der ganzen kaiserlichen Familie bekennt sich hiezu, und also sollet auch ihr dieselbe annehmen. Es ist das der Wille des Kaisers, folglich auch der Wille Gottes selbst; denn Gott regiert die Welt, und der Kaiser herrscht an Seiner Statt über sein Volk. Was also der Kaiser befiehlt, das ist auch zugleich Gottes Befehl, und wer immer dem Kaiser sich widersetzt, der ist von Gott verflucht. Der Kaiser aber will, daß ihr zur griechischen Religion euch bekennet, also will auch Gott selbst, daß ihr ein Gleiches thuet." „Nein, Nein schrie jetzt das Volk laut auf, in heftiges Weinen und Schluchzen ansbrechend. Das kann Gott nicht wollen, und auch wir, wir können eS nicht. Es ist doch den Juden, Türken und Protestanten gestattet, Gott nach ihrer Weise zn verehren. Man lasse also auch nnS die Freiheit, den Gott unserer Vater anzubeten und ihm nach unserer Art zn dienen. „Es ist vergebens, meine lieben, guten Leute, noch länger zu widerstreben. Ob ihr wollt oder nicht wollet, ihr müßt orthodor werden. Ich wiederhole eS euch noch einmal, eS ist des Kaisers unabänderlicher Wille, also auch Gottes Befehl. Laßr euch nicht länger mehr durch die Dominicaner hinhalten. Aas diesen haftet bereits die volle Ungnade Sr. Majestät. Euer aufrichtigster und bester Rathgeber ist euer Kaiser, und in seinem Namen und an seiner Statt stehe ich vor euch und spreche zu euch." Bei diesen mit besonderin Nachdrucke ausgesprochenen Worten rief eine Stimme muten aus der Umgebung des Senators: „Auf die Kniee vor des Kaisers Stellvertreter! Auf die Kniee! Die ganze Versammlung verneigte sich in Folge dieser Aufforderung zwar ehrfurchtsvoll vor dem Senator, aber weiter nichts. Da schrien sämmtliche Popen auS vollem Halse: „Ehrt man so den Kaiser in der Person seines Abgeordneten? Augenblicklich werfet euch vor dem Senator auf die Kniee und küsset ihm die Hand." Das Volk, das über die Bedeutung dieser Aufforderung nicht recht klar werden konnte, blieb ruhig stehen. Da fiel die ganze Umgebung des SenatorS, mit den Popen an der Spitze, über die guten Leute her, und schleppten sie eines nach dem andern zn den Füssen des SenatorS. Dieser reichte ihnen dann seine Hand dar zum Kusse, und er selbst küßte hierauf jeden auf die Stirne, zum Zeichen, daß er sie nun als orthodor betrachte. Alle die mit einem Kusse begnadigt, hiednrch gleichsam das Siegel ihres UebcrtrittS aufgedrückt erhielten, wurden sogleich auch als orthodor angesehen und dem Senator auf die rechte Seite gestellt, ihre Namen in ein bereit liegendes Buch eingetragen und so dessen Inhalt mit einer neuen Lüge vermehrt. Die zuletzt ankamen, merkten aber die teuflische List, und widerstanden aus Leibeskräften jolch schmachvollem Vorgehen. Es waren aber nur mehr ihrer acht. Mit diesen wurde als Rebellen auf ähnliche Weise verfahren, wie wir bereits gelesen haben. Zuletzt sperrte man sie in einen Schweiustall ein. Der Senator fühlte sich indessen ganz glücklich über solch guten Erfolg, und um seine Frende und seine Zufriedenheit hierüber kund zu geben, lud er die Bauern ein, am andern Tage in die russische Kirche zur Kommunion zn kommen, und ließ ö Rubel, etwas über 9 st., als Trinkgeld unter sie vertheilen. Das ist aber nicht der einzige Zug edler Freigebigkeit dieses Senators; wir wollen hier noch eines solchen Erwähnung thun. Als ein Bauer anS dem Dorfe des Hrn. Niedzwiccki, wegen Widerstandes gegen das Schisma vorn Assessor Zwierow halb todt geprügelt, vor dem Senator erschien und, ihm seine entlößteu Schultern weisend, die so zerschlagen waren, daß die nackten Knochen hervorstanden vud die blutenden 77 Fleischfetzen ringS herabhingen, über solche Mißhandlung Beschwerde führte, hatte der Senator keine andere Antwort hierauf, alS: dergleichen Beschwerden seien hier ganz nnd gar am unrechten Platze, und warf ihm zur Linderung einen Rubel hin. Die Bauern von Dzierzanowicze waren unterdessen übereingekommen, dem Senator seine 5 Rubel wieder zurückzugeben, nnd gingen auch nicht in die Kirche. Vergebens wartete er immer, wollte jedoch selbst keine Gewalt anwenden, und kehrte nach Witebsk zurück, in der Erwartung, dort ausgedehntere Erfolge zu ernten. Er hatte ein zu weiches Gemüth, als daß er hätte Blut fließen jehen können. Es hätte ihm dieß vielleicht auch noch mehrere Rubel entlockt. Das überließ er daher andern, die weniger zartfühlend waren, wie wir gleich vernehmen werden. Bereits am Eingang unsers Berichtes haben wir gesagt, daß die Ortschaft Dzierzanowicze ein Besitzthum des Herrn Anton von Korkak ist, eines Abkömmlings aus einer hohen adeligen Familie, die für den Glauben und das Vaterland schon große Verdienste hatte. Dieser, seiner Ahnen ganz unwürdige Sprößling, hatte aus Feigheit noch im Jahre 1842 der russischen Regierung die Versicherung gegeben, er werde alle seine Unterthanen znr Abtrünigkeit zu bringen suchen. Es ist unbekannt, aus welchem Grunde und um welchen Preis er eine so strafbare Verbindlichkeit eingehen konnte. Als nun der Senator in Witebsk ankam, ließ er den bedauernswerthen Gutsherrn zu sich rufen, erinnerte ihn auf sein gegebenes Versprechen, und sagte ihm, jetzt sei der Augenblick da, seiner eigenen Unterschrift Ehre zu machen. Hr. von Korkak schützte Krankheit vor, erklärte jedoch mit Zustimmung des Senators seinen Verwalter, Namens Zacnowski, als ganz hiezn geeignet, zu seinem Stellvertreter. Dieser Elende war früher Polizeibeamtec, besaß sehr einschmeichelnde Manieren, hatte aber einen niederträchtigen Charakter. Da sein ganzes Streben ohnehin nur auf Geldgewinn ausging, gleichviel aus welche Weise dieß geschehen konnte, so war er ganz der Mann zur Uebernahme einer solchen Rolle. (Schluß folgt.) Arm und Reich.*) Vl>» Karl Beycrl. (Fortsetzung.) „Den 18. August 1848. Heute leitete mich Hedwig zu der Unglücklichsten, die ich je gesehen: eine junge Frau, Wittwe eines braven Mannes, Mutter eines schönen Kindes. Vor einem Vierteljahre trat der Mann gesund und blühend eine Reise an; in wenigen Tagen wollte er zurückkehren. Wochen verginge», er kam nicht wieder. Endlich erhielt sie durch die Gerichtsbehörde die furchtbare Nachricht, ihr Gatte sei unfern vom Ziele seiner Reise ermordet worden. Seitdem ist sie krank an Leib und Seele, der Anblick ihres kleinen Heinrich, sonst das Entzücken der Mutter, entlockt ibr Thränenströme, denn das holde Kind trägt die Züge seines unglücklichen Vaters. Sie empfing mich kalt; o könnte ich ihr Vertrauen noch gewinnen! Ihr Schmerz ist namenlos, ihr Gatte war ein vortrefflicher Künstler und Mensch, der zärtlichste Gatte und Vater. O sie ist sehr krank, so blaß, so abgezehrt, die Augen haben einen so ergreifenden, schon überirdischen Glanz." *) Berichtigung. Im Sonntagsblattc Nro. 8- ist in der Erzählung „Arm und Reich" ein unangenehmer Verstoß unterlaufen. Das Capitel Nro. II. wurde nur zum Theil den verehelichen Lesern mitgetheilt, zwei ganze Seiten wurden übersprungen. Dieses Ausgelassene, das zum II. Capitel gehört, und aus Seite 62 nach „des Friedens und der Freude erhellen" hingedacht werden mögen, geben wir in der anliegenden Beilage, welche mit Seite 62° und 62 numcrirt ist. Wir bitte» dieses Versehens wegen um gütige Entschuldigung, Die Redaction des Augsb, Sonntagsblatts. M 1^4 D»sz D »S/ > ' 78 Agnes hielt inne und blickte den Doctor fragend an. „Ich kenne sie," sagte dieser, „die Arme eilt ihrem Gatten zu!" Agnes fuhr fort zu lesen: „O könnte die BcdaneruSwertheste noch gerettet werden! Und wenn dieß nicht möglich, möchte es mir vergönnt sein, ihre letzten Tage friedlich zu machen, ibrem Kinde eine zweite Mutter zn werden, ihm einen zweiten gmen Vater zn geben! Mit schwerem Herzen gingen wir heim. Jetzt vor Schlafengehen, da ich diese Zeilen schreibe, liegt all' das Leid, das ich gesehen, vor mir, als hätte ich cS selbst durchgekämpft, meine Seele trauert, aber um keinen Preis, nicht um die schönsten Empfindungen meiner glücklichsten Stunven gäbe ich das wehmuthreiche Gefühl, das mich jetzt durchdringt. Ich habe meinen Beruf erkannt. Möge Gott und die heilige Jungfrau mir bcistehen, daß ich meine Sendung erfülle!" Agnes schloß das Tagbnch. Arthur zog sie zärtlich in seine Arme und sprach mit Fencr: „Erfülle deinen himmlischen Beruf nnd liebe! Ich will mit dir streben und handeln, nnd «Niere Ehe sei fortan ein Bund mit dem Herrn!" Helfer sagte mit väterlichem Händedruck; „Fahren Sie so fort, liebes, gutes Kind! Nehmen Sie anch meinen Beistand an! Den Arzt macht seine Kunst znm Freunde der Armen wie der Reichen; vor Allem lassen Sie nnö aber auch mit den Geistlichen dieser Stadt sprechen, sie machen reiche Erfahrungen, besonders an den Betten rcr Kranken und Sterbenden, und freudig werden sie uns Rath und Beihilfe leihen und Gottes Segen aus Ihr edles Vorhaben herab flehen." „Ja, fahre so fort," sprach Arthur. „Als Knabe dachte ich mir einst hehre Menschen unter dem Chalifen Harun al Raschid nnd seinem Großwessir, wie sie nächtlich die Stadt durchwanderten nnd das Unglück kennen lernten und wie Götter Hilfe brachten. Du wirst mit deinem guten Herzen Größeres wirken als dcr Chalif." Agnes blickte ihn dankend an. „Wenn du Alles wissen wirst, was mir Hedwig erzählte, wie sie mich leitet, da wirst sie hochachten," sagte sie bescheiden. „Willst du nicht deinen Großwessir rufen lassen?" fragte Arthur lächelnd. „Ich will unsern Garten bedeutend vergrößern, nnd wir müssen nun einen eigenen Gärtner haben, diese Stelle habe ich Hedwigs Gatten zugedacht, das Häuschen dort im Park wird groß genug für die Familie sein." Dankend eilte Agnes fort, um den.Beglückten die frohe Kunde zn brsngcn. Nach acht Tagen waren sie wieder beisammen. Agnes hatte ein holdes Kind anf dem Schoße. Die unglückliche Knnstlcrswittwc war ihrem ermordeten Garten gefolgt nnd Agnes hatte der Waise einen guten Vater, - eine gute Mutter gegeben. Nicht bloß Agnes, aach Arthur nnd der Doktor hatten dicßmal zu erzählen. Alle waren mit ihren Erfolgen zufrieden. Manche edle That, manche neue wohlthätige Einrichtung wurde in der Stadt schon laut gepriesen, ohne daß man noch die Urheber kannte. Auch unter befreundeten Herzen hatten sie schon mächtig gewirkt, und wie Arthur und Agnes als die Sterne der höheren Gesellschaft diese mit ihrer Liebes- begeisternng entzündeten, so thaten cS die gute Hedwig und ihr dankbarer Gatte in ihrer Sphäre, und Helfer wirkte erwärmend nnd erleuchtend in seinem alle Kreise umfassenden Berufe. Dadurch gewann das Lebe» nm sie her allmälig eine schönere Gestalt, die Nächstenliebe brach den Trotz und Neid der Besitzlosen und lehrte sie Gegenliebe und Dankbarkeit, und die Reichen und Vornehmen wandelten nicht mehr wie hochmüthige feindliche Wesen durch die Reihen der Niedrigen, sondern als hohe Menschen geehrt und geliebt. Nach Jahresfrist war viel, unermeßlich viel geschehen. Zwei goldene Sätze waren zur Wahrheit geworden: „Es kommt nicht darauf an, was du bist, sondern wie du es bist." Diese Worte, von den hervorragendsten Menschen thatsächlich anerkannt, lehren alle Stände sich gegenseitig nach ihrem inneren Werthe achten, und das höchste Gebot: „Liebe Gott über Alles, deinen Nächsten wie dich selbst!" bezeichnet Allen die unfehlbare einzige Bahn zum irdischen und ewigen Heile. 79 Agnes aber hatte sich seit dem Anfange ihres Wirkens einen Namen erworben, der ihr bleiben and noch einst am großen Tage des Weltgerichtes für sie zeugen wird, den hehren Ehrennamen: die gute Frau. (Schluß folgt.) Ein paar „Stückchen" vorn guten Pins IX. Eines TageS schlich sich in das Vorzimmer der apostolischen Gemächer des VaticanS in Rom ein kleiner Knabe in ärmlicher, aber reinlicher Kleidung. Die Wachposten wollten ihn abweisen; aber der Kleine bestand darauf, er wolle zum Papst. Während dieses Zwiegespräches kam ein Kammerherr des heiligen Vaters in das Zimmer. Auch dieser sachte dem Knaben begreiflich zn machen, daß hier seines Bleibens nicht sein könne. Als dieser aber inständig in den Kammerherrn drang, er möge ihn doch nur einen Augenblick zum Papst lassen, hieß ihn letzterer endlich warten und ging fort, um dem heiligen Vater den Vorfall gleichsam zum Scherze zu erzählen. Pins IX. befahl sogleich, den Knaben vor sich kommen zu lassen. Er wurde gerufen. „Was willst du hier, mein Kind?" fragte der Papst in väterlichem Tone. — Ohne die mindeste Verlegenheit antwortete der offene Junge: „Ich möchte gern studieren, meine Eltern können mir aber keine Bücher anschaffen, und wenn ich sie darum er- suche, sagen sie allemal, der Papst werde sie mir kaufen. Aber es dauert so lange, bis ich sie bekomme; da wollte ich denn einmal selbst gehen und sehen, woran es hält." — „Wie viel Geld hast du nöthig?" — „Ungefähr fünfzig Paoli!,, (Etwa zwölf Gulden.) Der Papst lächelt und besiehst dem Kammerherrn, dem Knaben zwei Scudi, d. h. zwanzig Paoli, zn geben. Der Junge nimmt das Geld, schaut aber trübselig bald die zwei Scudi, bald Pins IX. an. Endlich platzt er heraus: „Entschuldigen Sie, heiliger Vater! dafür kann ich mir die Bücher nicht kaufen." Mit der Miene des höchsten Wohlwollens reichte ihm nun der Papst zwei Goldstücke im Werthe von fünf Scudi jedes. Der Knabe staunte nicht wenig (denn jetzt hatte er die erbetenen fünfzig Paoli) und eilte, vor Freude fast den Dank vergessend, fort. Ihm folgte ein päpstlicher Kammerdiener mit dem Auftrag, das Bürschchen nicht aus dem Auge zu verlieren, auf dein Fuße nach und kehrte mit Kunde zurück, der Kleine sei zuerst zum Buchhändler gelaufen und habe dann die Bücher sammt dem kleinen Rest deS dafür bezahlten Geldes seiner armen Mutter treulich überbracht. Dadurch wurde PinS für den glücklichen Knaben noch mehr eingenommen und wies ihm einen monatlichen Gehast an, wodurch dieser tu den Stand gesetzt wurde, seine wissenschaftliche Laufbahn fortzusetzen. Ein solcher Fürst, der mit so viel Geduld und Herablassung die einfältigsten Bitten der ärmsten Unterthanen hört und erhört, kann doch nicht der unfähige Regent sein, als welchen ihn die Kirchenfeinde ausgeben, sondern muß das Herz am rechten Fleck haben und seine ganze große Familie mit desto größerer Liebe umfangen, da er schon die Einzelnen und Kleinsten so liebevoll behandelt. Item muß er kein abgesagter Feind der Aufklärung sein, da die Wohlthat zum Ankauf von Schulbüchern bestimmt war. * Im Sommer des Jahres 1847 sah Papst Pius IX-, als er ansfnhr, in einer Straße RomS einen alten Mann ohnmächtig anf dem Boden liegen. Der edle, menschenfreundliche Papst ließ sogleich halten nud anf sein Befragen, wer der Arme sei, antwortete Einer aus der gaffenden Menge: „Es ist nur ein Jude!" Unwillig über diese lieblose Antwort, stieg der hochherzige Pius aus, half eigenhändig den Ohnmächtigen in den Wagen heben, fuhr mit ihm nach seiner Wohnung, schickte ihm unverzüglich seinen Leibarzt und sorgte für die nöthige Verpflegung. DaS Oberhaupt der katholischen Kirche ist also auch tolerant, duldsam gegen Andersgläubige. Freilich ist er eS nicht in dem Sinn, wie die Ungläubigen eö verstehen: er denkt nicht, es wäre einerlei, ob man Jude oder Christ, Protestant oder Katholik sei. Eine solche Gesinnung heißt aber auch nicht „Toleranz," sondern „Gleichgültigkeit im Glauben." Die wahre Toleranz verwirft und verabscheut den Irrthum, liebt aber den Irrenden und hilft ihm in der Noth. In diesem Sinn ist der Papst tolerant und jeder Katholik, auch die „Jesuiten und Ultramoutanen." Der Dulder für den Glauben. SvaneS, ein reicher Perser, wurde in der Verfolgung deS Veranes vor Gericht geladen. SvaneS hatte tausend Sklaven. Der König fragte ihn, welcher von seinen Sklaven der schlimmste wäre? Als ihn SvaneS genannt, befahl der König, daß er sammt allen seinen Sklaven diesem dienen, und daß des SvaneS Gemahlin diesem zur Frau gegeben werden sollte. SvaneS ertrug Alles und beharrte im Bekenntnisse des hl. Glaubens. Siuufpruch. Menschlich ist es, Sünde treiben; Teuflisch ist'S, in Sünden bleiben! Christlich ist eS, Sünde hassen; Göttlich ist eS, Sünd' erlassen. Der St. PeterS - Pfennig. In altxr Zeit war's Christenbrauch, Den Pfennig Nom zu geben; So hielt's der Fürst, der Bettler auch: Der Papst ja mußte leben. Da nahte Pipin, Frankreichs Sohn, Und gab — fürwahr nicht wenig — Dem heil'gen Vater einen Thron Als seinen Peters-Pfennig. Noch mancher Fürst bracht' Gaben dar Für „Gott vergclts!" zum Lohne; Doch dankt' am laut'sten immerdar Rom seinem „Aelt'sten Sohne." Die Zeiten grauer Vorwelt, seht! Sie kehren heut' zurücke; Nur daß nicht Einer es erräth, Wer heut' den Pfennig schicke. Die MLcht'gen dieser Welt sie sind So karg mit ihren Gaben, Den Vater muß das arme Kind Mit seinen Hellern laben. Und, Karol MagnuS, Pipin — seht! Den Pfennig, den sie gaben, Will, der aus ihrem Throne steht, Zurück — ein Räuber — haben. „Der Kirche Sohn?!" Fluch deiner That! Willst so den Pfennig mehren? Der Herr, der dich erhoben hat, Muß sich vom Diebe kehren. Greif, „Ehrenmann," mit Frcvlermuth Und räuberischen Händen Nur immerhin nach Kirchengut, — Dies Werk wird Frankreich schände». Gcbrandmarkt deinen Namen wird Die Weltgeschichte sehen; Doch strahlend Pius — guter Hirt! Zur Nachwelt übergehen. Redaction und Lerlag: Dr. Mar Huttler. — Druck von 2. M. Kleinte. m- AilgMgtr ZWMgMatt. Air. 1L. 11. März 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburg er Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. RomS Name. Höret ihr den Namen Rom, Denkt nicht täppisch nur die Stadt, Die am gelben Tiberstrom Herrscht und einst geherrschct hat. Römer sein und Herr der Welt Galt vereinst so ziemlich gleich. Ist das ird'sche Rom zerschellt, Kam des Geistes größeres Reich. Und es bleibt die Stadt der Welt, Herrschet selber ohne Rom. Wo das Haupt ist, steht und fällt Christi Stadt, sein Geist, sein Dom. Die römische Inquisition Kein Institut der römischen Kirche ist so angefeindet worden, als die Inquisition. Wenn schon in neuerer Zeit viel Fleiß nnd Mühe angewendet worden ist, auf dem Gebiete der Geschichte das Wahre vom Falschen, das Gewisse vom Zweifelhaften, das Wirkliche vom Enstelltm und Uebertriebenen zn sondern, nnd wenn schon insbesondere über die Inquisition berühmte Gelehrte, wie Graf Maistre, ganz andere Aufklärungen geliefert haben, als von protestantischen Autoren und ihren Nachbetern gewöhnlich zu Markte gebracht werden, so ist eS noch lange nicht an dem, daß über besagtes Institut genuine Begriffe allgemein verbreitet wären. Feinde der Religion und der Kirche spekuliren noch immer auf die Unwissenheit und die Borurtheile der Menge, um durch recht grelle Ausmalung der Gränel der Inquisition das Papstthum verhaßt zu machen. Wie die römischen Republikaner von 18^9 jene Gräuel in grauser Wirklichkeit den Römern in Erinnerung zu bringen versuchten, ist im Juden von Verona zu lesen, und wird auch im Verlaufe dieser Abhandlung gemeldet. Wir entnehmen dieselbe dem interessanten Werke Maguire's: „Rom und sein Beherscher", zweite Abtheilung, welche erst kürzlich erschienen ist; und zwar nicht, als wenn wir bei unsern geehrten Lesern auch irrige Vorstellungen in Betreff der römischen Jnqui- fition voraussetzten, sondern weil in unseren Gegenden die Bedeutung und der Wirkungskreis derselben Wenigen näher bekannt ist, und unsere Zeitverhältnisse eine sichere Kenntniß päpstlicher Einrichtungen erwünscht zu machen scheinen. Maguire beginnt über diesen Gegenstand folgendermaßen: An einem der letzten Tage des Monats Oktober im Jahre 1858 stand eine Gruppe von vier oder fünf Fremden vor einem der schönen Gemälde, welche die Vaticanische Galerie, wiewohl sie au Ausdehnung und Manchfaltigkeit von andern Sammlungen übertreffen wird, weltberühmt gemacht haben. Das fragliche Gemälde ist merkwürdig, aber nicht besonders lieblich anzusehen, sondern macht vielmehr eine» peinlichen Eindruck: eS ist eine sehr anschauliche Darstellung deS Martyriums der heiligen ProccssuS und Martiniauuö, au welchen die heidnischen Henker mit crstu- derischcr Grausamkeit ihre Wuth auslasten. Gerade vor dem Bilde stand eitler der ausgezeichnetsten Prälaten der irischen Kirche, einige Schritte von ihm entfernt stand ein Herr mit seiner Tochter. — „O Papa", fragte das junge Mädchen, „was stellt denn dieses Bild dar?" — „Das, mein Kind", antwortete der wohlunterrichtete Vater, „ist eine Scene von der Inquisition; diese armen Leute werden auf Befehl der Inquisition gefoltert." Der Prälat, welcher diese eigenthümliche Erklärung eines sonst ziemlich bekannten Kunstwerkes zu seiner eben so großen Erheiterung wie Verwunderung hörte, sah nach dem Sprecher hin, da ihm unwillkürlich der Gedanke kommen mochte, er werde vielleicht in der Kleidung und äußern Erscheinung deS Fremden etwas wahrnehmen, was die Albernheit seiner Worte entschuldigen konnte. Aber nein, es schien ein gebildeter und vornehmer Herr zu sein. — Hätte dieser Gelehrte nur aus den Zettel am Rahmen des Gemäldes blicken wollen, so würde er sich nicht durch die Bemerkung lächerlich gemacht haben, welche ihm seine Unwissenheit und seine Vor- urtheile eingaben; aber es gibt freilich Leute, welche Augen haben, und doch nicht sehen. Die Tochter eines solchen Vaters ist wahrscheinlich eine junge Dame von großer Wißbegierde; vielleicht hat sie im Laufe des Tages den Vater noch weiter gefragt, ob die Inquisition zu Rom auch jetzt noch bestehe, und ob man die Leute auch jetzt noch so foltere und martere, wie zn der Zeit, welche „jenes schreckliche Bild" darstelle. Hat sie so gefragt, so hat sie gewiß die Antwort erhalten: „O ja, mein Kind, die Inquisition besteht freilich noch , und ich zweifle nicht daran, daß die nämlichen Grausamkeiten auch heute noch verübt werden, nur vielleicht nicht mehr so öffentlich, wie in frühern Zeiten. Wie man eS früher getrieben hat, das hast du auf jenem Bilde gesehen, welches auf Befehl des Papstes selbst im Vatican ausgestellt ist." „Himmel! Wie schrecklich!" mag das arme Kind gedacht haben. Es gibt aber viele Leute, welche von der Inquisition nicht viel mehr wissen und nicht viel besser denken, als dieser gelehrte Fremde. Darum dürsten einige Beiner- kuugen über die römische Inquisition — den es besteht allerdings noch jetzt in der ewigen Stadt ein heiliges Officinm — hier am Orte sein. Was zunächst die Aufgabe und Einrichtung des heiligen Officiums betrifft, so kann dasselbe als ein Gerichtshof bezeichnet werden, dessen Pflicht cS ist, über die Reinheit und Unversehrtheit des Glaubens zn wachen, dem Eindringen von Irrtümern in die Kirche zu wehren, und den Bischöfen in schwierigen und zweifelhaften Angelegenheiten der Art Belehrungen und Weisungen zn ertheilen. Präsident dieses Gerichtshofes ist der Papst selbst; wenn sehr wichtige Sachen verhandelt und entschieden werden, führt er persönlich den Vorsitz, und die Sitzungen werden dann im päpstlichen Palaste gehalten; gewöhnlich aber versammeln sich die Mitglieder in dem Dominicanerkloster neben der schönen gothischen Kirche an der Piazza di Minerva. Die Cougregation der Inquisition hat mehrere Cardinäle, lauter bejahrte, ehrwürdige, gelehrte und erfahrene Männer, zu Mitgliedern. Ihnen stehen die „Consultoreu" zur Seite, Erzbischöfe und Bischöfe, welche zu Rom wohnen, hochgestellte Prälaten und die gelehrtesten Obern der religiösen Orden. Der General der Dominicaner, der Llggi-itkr 8k>cri pglatii, der Commissarius des h. Officiums und sein 8r>cius oder erster Assistent sind geborne Consultoreu. Au der Spitze der Consultoren, deren eS gewöhnlich fünfundzwanzig bis dreißig gibt, steht der Assessor des hl. Officiums. Sie haben die Fragen, welche ihnen vorgelegt werden, zu stndiren, und ihr Gutachten darüber abzugeben. Verbunden mit dem heil. Officium ist die Kanzlei unter der Leitung deö Custos der Archive, welche von der größten Wichtigkeit sind, da darin alle seit Jahrhunderten von diesem Tribunal erlassenen dogmatischen Entscheidungen aufbewahrt werden. Zn den Beamten des h. Officiums gehören ferner ein erster Notar mit 8 Assistenten, welche alle Priester sind, ein Sommista und eine Anzahl Secretäre und Schreiber. Einer der Consultoren heißt Fiscal-Advocat, und fungirt in Cciminalsache» als Ankläger, ein anderer hat den Angeklagten zu vertreten. 83 Die Jurisdiktion der Inquisition ist theils criminalgerichtlich, theils rein doctrinell. Da letztere der bei weitem wichtigere Theil der Aufgabe des heil. Osfi- ciums ist, so rede ich davon zuerst. Das heilige Officinm hat namentlich die Anfragen der Bischöfe aus allen Theilen der Welt zu beantworten, welche die Verwaltung der Sacramente betreffen, zum Beispiel die Ehe, und zwar die Ehen sowohl zwischen Katholiken, als die gemischten Ehen, die Ehehindernisse u. s. w. Ich erwähne einige Fälle, in welchen das heilige Officinm sich über die giltige Spendnug eines Sakramentes ansznsprechen hatte. Ein schiSmatischer Grieche ließ sich in die lateinische Kirche aufnehmen; er war von einem griechischen Priester in einem Patriarchate des Morgenlandes gcfirmt worden, und es entstand nun die Frage, ob die Firmung gütig gewesen sei, oder ob er nochmals gesinnt werden sollte. Nach einer langen und sorgfältigen Untersuchung wurde erklärt, daß der Grieche nicht gütig gesinnt worden sei, hauptsächlich darum, weil Benedict XIV. den griechischen Priestern jenes Patriarchates die Gewalt zu firmen entzogen hatte. Unter dem Pontificate Clemens XI. wurde bei Gelegenheit der Rückkehr eines schottischen Bischofs, Namens Gordon, zur katholischen Kirche von dem heil. Officinm die Frage nach der Gütigkeit der Ordination, welche er von einem andern schottischen Bischöfe empfangen hatte, verhandelt und verneinend entschieden. Wenn ferner in einem Theile der katholischen Welt eine Irrlehre anftanchr, z. B. in einem Buche vorgetragen wird, und durch dieses Verbreitung findet, und der Bischof der betreffenden Diöccse eine entscheidende Erklärung der höchsten kirchlichen Behörde nachsucht, so wird die Sache dem h. Osficium überwiesen. In solchen und ähnlichen Fällen ist das Verfahren folgendes. Der Commifsarius des heil. Offi- cinmS und seine beiden Socii oder Assistenten stellen die betreffenden Sätze zusammen, suchen in den Archiven die frühern, darauf irgendwie bezüglichen Entscheidungen, und entwerfen eine kurze und übersichtliche Darstellung der ganzen Sache. Die Kongregation beauftragt dann einen der Consultoren, den Gegenstand zu studiren, nnd zur Diskussion vorzubereiten. Dieser verfaßt dann ein ausführliches, motivirtes Gutachten, welches gedruckt und den andern Consultoren mitgetheilt wird. Nachdem auch diese die Sache studirt haben, treten sie zusammen nnd discntiren dieselbe in Gegenwart eines Notars, welcher die von den Einzelnen vorgetragenen Bemerkungen aufzeichnet. Dieses Protokoll wird gleichfalls gedruckt und allen Cardinälen eingehändigt, welche Mitglieder der Kongregation sind. Nach einigen Tagen trete» die Car- dinäle zu einer Berathung zusammen, welcher auch die Consultoren beiwohnen. In dieser Sitzung wird die Frage von den Cardtnälen mit Stimmenmehrheit entschieden. Ihre Entscheidung wird dem Papste vorgetragen, und wird erst durch dessen Bestätigung rechtskräftig. Gewöhnlich werden jede Woche zwei Fragen verhandelt, eine doctrinclle nnd eine criminalgerichtliche. (Fortsetzung folgt.) Die Bedrückungen -er Katholiken in Polen. (Schluß.) Kaum in Dzierzanowicze angekommen, begab er sich des Nachts, gleichsam, als wollte er den Popen nnd der Polizei verborgen bleiben, von Haus zu Haus, weint mit den beklagenswerthen Bauern, bittet und beschwört ste im Namen seines guten Herrn und als ihr aufrichtiger Freund, sie sollten doch ia ihrer Hartnäckigkeit nachgeben. „Ihr seid wirklich sehr unglücklich, sag'e er zu ihnen; mein Leben gäbe ich für euch, könnte ich euch helfen. Ihr wißt es ja, wie sehr ich euch liebe; es ist euch nicht minder bekannt, wie viel euer Herr auf euch hält. Aber Alles, was wir für euch gethan zu eurer Rettung, war fruchtlos. Bereits ist das Dorf von den Soldaten umringt. Morgen, ja morgen schon, wenn ihr noch ferner dem Willen des Kaisers widerstrebet, werden die Martern wieder beginnen, und noch zehnmal ärgere als bisher an euch verübt werden. Erstens wird man mit ZOO Hieben beginnen, und wer sich widersetzt bekommt noch weitere 500 und so fort. Dann kommt die Knute und zuletzt Sibirien. Eure Weiber, Schwestern und Töchter fallen den entarteten Soldaten anheim. Wenn euch also euer Leben und eure Ehre, die Ehre eurer Weiber, Schwestern und Töchter lieb ist, so bitte ich euch inständigst, widersetzet euch nicht länger mehr dem Befehle des Kaisers, sondern tretet zur griechischen Kirche über; denn sein Entschluß ist unwioerrnflich. Ihr seid der Verfolgung ver- fallen, selbst über das Grab hinaus. Wollt ihr als Katholiken sterben, so wird man euch einscharren wie llnheilige. Auf solche Worte hin konnte daS brave Volk keine Antwort finden; eS betete nnd befahl laut jammernd sein trauriges Schicksal dem Schatze Gottes. Tags daraus führte man vor der gesainmten versammelten Gemeinde den unglücklichen Vincent ein, der, früher ihr einziger Schutz nnd ihre Stütze, jetzt in Folge seiner entsetzlichen Leiden seiner Sinne nicht mehr mächtig war. Und nur in solchem Zustande war eS auch möglich, daß er eine sogenannte Erklärung seiner Anhänglichkeit an die Orthodoxie unterzeichnete, womit man dann hochprahlcnd das Volk aufforderte, ihm, der als ihr Hanpt jetzt zur wahren Kirche sich gewendet, ebenfalls nachzufolgen. Dieser Leidensmensch, fast unkenntlich gemacht durch die erlittenen Unbilden, stand da vor seinem Volke, aus Erschöpfung zitternd nnd die Augen niedergeschlagen, gleich einem Verbrecher, nnd ein lang anhaltender tiefer Senfzer entwand sich der Brnst aller Anwesenden. Und dennoch waren alle diese teuflischen Erfindungen nicht vermögend, den Glauben dieses Heldeuvölklcins zu erschüttern. Vergebens blieben selbst jetzt noch erneute Foltern, die der Gendarmerie-Oberst so vortrefflich anzuwenden verstand. Allein die ganze Angelegenheit mußte zn Ende geführt werden; so kantete der Befehl des Senators, nnd zwar mit Hinweisung entweder auf die Gnade oder auf die Ungnade des Kaisers. Man nahm also wieder seine Zuflucht zur Spendnng des Sacramentes, und ordnete auf den andern Tag, eS war den 14. Juli 1858 alter Zeitrechnung, eine allgemeine Commnnion an. Sowie Jemand ans seinem Hanse trat, nm seiner Feldarbeit nachzugehen, ergriff man ihn, schleppte ihn in die Kirche nnd nöthigte sie ihm unter fortwährender Mißhandlung mit Gewalt ans. Nach diesem wurden die Namen sämmtlicher Einwohner, gleichviel, ob sie gegenwärtig waren oder nicht, noch einmal in das Buch des Verderbens eingetragen, des Verderbens nämlich für diejenigen, die da mehr oder minder betheiligt waren. Dieses verhängnißvolle Buch wurde dann durch den elenden ZarnowSki gleichsam als ein Zeichen des Triumphes dem Senator übergeben, der vor lauter Rührung ihm nm den Hals fiel, ihn mehrmal küßte, seinen beiden jüngern Töchtern Freiplätze im ErziehnngSinstitnte der Kaiserin auswirkte nnd ihm noch weitere AnSsichten auf noch größere Gnnstbezengnngen nnd Belohnungen eröffnete. Der unbegreifliche Herr von Korsak setzte diesem Werke erst noch die Krone ans dadurch, daß er unmittelbar darauf die ältere Tochter dieses Schuften als seine Gattin heimführte. Und ach! vielleicht schon während dieser Hochzeitfeier nehmen diese blutigen Tranerscenen mit dem Tode eines so höchst bedauernswürdigen Unglücklichen ihren endlichen Abschluß. Der edle Vincent nämlich, dem man jetzt wieder seinen Aufenthalt in Dzier- zanowicze gestattet-hatte, erfuhr später seinen angeblichen Abfall vom wahren Glauben. Da wurde der gute Mann ganz trostlos. Er lief von Hans zn HauS, beweinte überall seinen Fehler nnd brachte ganze Nächte im Gebet und Jammern vor einem Bilde der heil. Jungfrau zn. Bereits gränzte sein Schmerz an Wahnsinn, nnd in einem äußerst heftigen Anfalle in der Nacht vom 23. auf den 24. Juli, machte er auch wirklich durch eine Pistolenkugel seinem elenden Leben ein Ende. 85 Um das Unglück der Gemeinde voll zn machen, tauften die russischen Geistlichen mit Gewalt alle Kinder der Pfarrei nach dem griechischen RitnS, und trugen ihre Namen auch in ihre Register ein. Die Eltern zwar werden in ihrem Herzen fort katholisch bleiben, allein was wird aus den Nachkommen werden unter einer Regierung, welche erlaubt, daß die grausamsten und blutigsten Verfolgungen wieder Platz greifen dürfen, welche erst vor Kurzem wieder den Befehl ergehen ließ, daß unter schwerer Strafe kein katholischer Priester Jemanden zum Genusse eines Sacramentes zulassen darf, der nicht ein amtliches Zeugniß vorweisen kann, daß er auch wirklich der katholischen Kirche angehört und angehören darf? WaS wird endlich aus so vielen Millionen Katholiken werden, die so zu sagen an Händen und Füssen gebunden fort und fort in Gefahr schweben, vom weit geöffneten Schlnnde des Schisma verschlungen zu werden, wenn Gott selbst nicht eine mächtige Hand erweckt, die sie errettet?! I. Hd. Arm und Reich. Don Karl B'cyerl. (Schluß.) IV Denen, die Gott lieben, muß Alles zum Guten gereichen- Röm. VIII., 28. Der Sommer des Jahres 1849 neigte sich zn Ende. Inmitten des Europa erschütternden Aufruhrs hatte die Stadt an innerer Gesundheit und Kraft zugenommen. Da beliebte es einem vielgcwanderten Trenftcund*), dort eine Rede zn halten. Zu der in pomphaften Ankündigungen voransbcstimmten Stunde erschien der Mann der Zukunft auf dem großen Marktplätze und bestieg eine eigens für ihn errichtete Tribune. Es war an einem Sonntage, und das müßige Volk stellte sich neugierig sehr zahlreich ein. Der Redner war einer von den Gewaltigen jener Tage. Er verstand eS meisterhaft, dem Volke zu schmeicheln und seine schwachen Seiten zu fassen. Selbstliebe, Haß und Genußsucht waren die Grundtöne, aber er verhüllte sie, wie eine Viper in Rosen,-in prächtigen und stolzen Phrasen von Staatsweisheit, Weltlage und anderen großen Dingen, dann kam die Unterdrückung der Menschenrechte, dann zuckten Racheblitze gegen alle kirchliche und weltliche Autorität, gegen alle Besitzer, dann flöteten die Sircnenlocknngen der Freiheit — da wartete der Arme nicht mehr auf die Brosamen des Reichen, da setzte er sich selbst an die wohlbesetzte Tafel, da war Wohlleben überall in Hülle und Fülle! Waren auch die Zuhörer bisher ruhig und besonnen geblieben, solche Worte regten den sinnlichen Menschen auf, sie zündeten, und der Redner konnte es fortfahrend wagen, den Krieg gegen Kirche, Gesetz und Besitz als verdienstlich, als nothwendig zu preisen. Schon erhitzten sich die Gemüther, das Gemnrmel unter dem Volke wird lauter, einzelne gefährliche Rufe erschallen: Vorboten eines drohenden Sturmes — da wird eö plötzlich still, der Lärm sinkt znm Geflüster herab, der Redner selbst schweigt verblüfft — durch die lautlose Stille tönt das helle Klingen eines näher kommenden GlöckleinS — ein Prister schreitet heran, das Allerheiligste tragend, nm einer zur Vergeltung abgerufenen Seele den letzten Trost zu bringen. DaS Volk, wie aus einer Fieberphantasie erwacht, sinkt auf die Kniee und beugt sich vor dem allmächtigen Schöpfer und Richter des Himmels und der Erde. Und wie der Priester weiter wandelt, fliegt eine ernste Frage, eine unerwartete, erschütternde Antwort durch die Menge. — „Wer stirbt?" — „Eine Wöchnerin — die gute Frau!" — *) Siehe „die Vogel" von Goethe. MK M 86 Da folgte dem Priester ein unabsehbarer Zug schweigender, trauernder Menschen bis zum Hause Arthurs, und während der Diener dcS Herrn Agnes auf dem Wege zum liebenden Vater im Himmel vorbereitete, kniete unten das Volk im heißen innigen Gebete. Als der Priester das Haus verließ, blieb das Volk noch betend vor demselben. Oben standen Arthur und der Doctor am Lager der Sterbenden. In höchster Erschöpfung schloß sie die Augen. Arthur suchte mit quallvollem Bangen die Blicke des Doctors, der unverwandt ernst die Leidende beobachtete. Hedwig kniete in stummem Schmerz zur Seite des Bettes. Das Schluchzen des Volles tönte herauf. Der Doctor wechselte Zeichen mit Arthur, dieser verstand ihn, schlich leise aus dem Zimmer und ging hinab. Als er aus dem Hause trat, da harrte noch lange das Volk, wie eS hergezogen war. Theilnahme unv Schmerz lag auf allen Gesichtern, selbst die Augen rauher Mänuer waren feucht. Ehrerbietig, wie eine Schaar ergebener Kinder, lauschte die Menge dem guten Reichen, der jetzt so blaß, so schmerzerfüllt dastand, und mit bebender Stimme den Tiefergriffeuen seiner Gattin letzte Grüße und seinen Dank verkündete und sie bat, mit ihm zum Herrn des Lebens um Rettung der Theuren zu flehen. „Wir wollen in den Dom gehen und beten!" rief leise eine Stimme, und das Volk zog in den Dom und betete wie mit Einem Herzen heiß und bange für die Jnuig- geliebte. Agnes schlummerte lange, und als sie erwachte, sah sie Wonnethränen in Arthur'S Augen; Helfer sprach so selig wie noch nie das Freudcnwort „gerettet!" und empfahl Ruhe; Hedwig legte vor Entzücken weinend ein schönes Kindlein an die Brust der glücklichen Mutter, und der kleine Heinrich fragte an der Thüre, ob er nun endlich zum Mütterlein dürfe. Hedwig fliegt fort und verkündet des Himmels wunderbare Hilfe dem Volke, das hocherfreut dem Herrn dankt für die doppelte Rettung, für die der guten Frau und seine eigene! Die Freude über das allgemeine Mitgefühl trug nicht wenig zu Agnes baldiger Erstarkung bei, und Gott blieb bei ihr und segnete sie und ihren Gemahl mit dem reinsten häuslichen Glück. Arthur und Agnes sind bis jetzt als die Wohlthäter der Stadt von Allen hoch geehrt und innigst geliebt; Helfer,-der verehrungS- würdige Greis, ist von ihnen unzertrennlich und verbindet jugendkräftig mit seinem menschenfreundlichen Berufe begeisterte Liebesthaten und Hedwig, die Gute, ist bescheiden geblieben und glaubt sich der Kränze nicht werth, mit denen sie die Freundschaft schmückt. Mögen die Edlen noch recht lange glücklich sein im Beglücken und werde es doch überall zur Wahrheit, was der gute Doctor sagte, als am zweiten Geburtstage der kleinen Marie eine Schaar blühender Kinder danksagend und glückwünschend im Palaste erschien: „Möchte doch in jeder Stadt sich eine Agnes unter den Reichen, eine Hedwig unter den Armen finden! Solche Frauen vereinigen als Symbole und Priesterinncn der versöhnenden Liebe die Höhen und Tiefen der Welt, die heilige CharitaS leuchtet siegreich aus ihrem zarten Bunde auf, und auch die stolzen und hochstrebenden Männer nähern sich allmälig einander in diesem Lichte, denn ewig wahr bleibt'S und Alle sehen es klar: Kein lorbeerbekränztes Streben, keine Heldenthat, keine irdische Größe ist so reich an wahrer Ehre, so beseligend, so unsterblich groß wie die Liebe, die größte von Allen!" 87 Ein paar Variationen über das Thema: „Gott Vater schaut zum Fenster raus Und spricht: Ihr Uarr'n, es wird nichts draus!" I. Von der Mang fall. Für unsere gegenwärtige Lage möchten beifolgende Begebenheiten geeignet sein, für die heilige Kirche und ihr Oberhaupt nicht zu sehr bekümmert zu werden, weil der alte Gott noch lebt, und es wahr ist, daß: „Wenn es lange noch so fort geht, geht eS nicht mehr lange so fort." Nachdem nämlich Napoleon I. 1804 sich in Gegenwart PinS VII. selbst die usarpirte Kaiserkrone aufgesetzt, lag demselben Alles daran, dieses Oberhaupt der Kirche für seine Pläne zu gewinnen und keine Güte und keine in Aussicht gestellte Strenge und Gewalt blieb unversucht, um den ruhig in sich abgeschlossenen Kirchenfürsten fügsam und nachgiebig zu machen. In einer geheimen Conferenz lud er den Papst zu sich ein, um auf diese Art mit dem, was er eigentlich wollte, den Anfang zu machen. Unruhig ging Napoleon in seinem Schlosse zu Fontainebleau auf und ab, und erwartete PiuS Vll., indem er nach seiner Gewohnheit im Zustande der Aufregung mit einem eisernen Instrumente in Tische und Stühle stieß, stach und bohrte. Endlich trat nach öfterem vergeblichem Hinausgehen, der ehrwürdige heilige Vater ernst und feierlich inS Cabinel des neuen Kaisers ein. Ehrerbietig bot ihm derselbe einen prachtvollen Stuhl an, und PiuS setzte sich. Nnu trug Napoleon in traulicher, schmeichelnder, süßer Rede seine Wünsche vor, bittend, rathend, den Sitz von Rom nach Paris zu ver- legen, wo er dann in einem der kaiserlichen Schlösser seinen Thron errichten möchte. Mit ihm wolle er die Kirche auf dem ganzen Erdkreise regieren, seine Einkünfte verdoppeln und eine glänzende Leibwache ihm beigeben. Papst Pins VII. hörte die Rede des Kaisers ruhig an, und antwortete am Schlüsse derselben daS kurze, wiederholte Wort: „Comödiante!" Dieses war genug, um den Stolz des Gewaltigen zu beleidigen, und zornig aufspringend rief er aus: „Was, ich ein Komödiant! Pfaffe, nun ist's aus mit uns." Heftig und schnaubend auf- und abgehend, ergriff er ein auf dem Tisch stehendes Kunstwerk in Mosaik, die Peterskirche in Rom vorstellend, und vor den still sitzen gebliebenen Papst hiutreteud, warf er es in Stücke zur Erde mit den donnernden Worten: „Siehst Du, so werde ich nun Dich, Deinen Stuhl, Deine Kirche und Dein Reich zerschmettern; der Tag des Zornes ist über Dich auSgebrochen." — Und der heilige Vater sprach in derselben feierlichen Haltung klar und fest wie das Erstemal, jetzt das einzige Wort: „Tragödiante!" und verließ dann das Cabiuet. — Gut hatte PiuS VII. vorherverkündigt. Fünf Jahre ward Napoleon durch seine Siege bei Ansterlitz, Friedland, Erlan, AbenSbcrg, Regensburg, Landshut, Wagram das Weltwunder. Völker und Fürsten huldigten ihm, dem großen Schauspieler, dem eS eine Last war, Menschen nach Millionen hinopferu zu lassen, um sein Spiel gut zu spielen; kaum er aber das Oberhaupt der Kirche gefangen von Rom (1809) abführen ließ, begann auch schon der Wendepnnct, die Nachtseite seines Lebens, eS begann sein Trauerspiel, wo er wieder die Hauptperson spielte im ersten Act in Rußland 1812, als er fliehend vor den Kosaken, mit genauer Mühe sein Leben rettete auf dem Schlitten eines polnischen Juden. Seinen Soldaten, die znm Theil erfroren oder erhungerten, fielen deßhalb die Gewehre aus den Händen, obwohl er mit dem Banne beladen, spottend sagte: deßwegen würden die Gewehre den Soldaten noch nicht aus den Händen fallen. Der zweite Act spielte bei Leipzig 1813, der dritte, als er abdanken (1814) mußte, in Paris, der vierte 1815 in Niedcrland, als bei Water- loo der Stern seines Glückes gänzlich erblaßte, und der fünfte war, als er, von den Engländern gefangen, auf der verlassenen Insel Helena sein Trauerspiel durch den Tod (1821) schloß. PiuS VU. war aber längst wieder in seinen Kirchenstaat zurückgekehrt, und sein Stuhl, sein Reich und die Kirche wurden also nicht zerschmettert. — U. Im Vorhofe der Tailerien zu Paris sah man vor etwa 47 Jahren einen Knaben, der in seine kleinen Hände klatschend freudig umhersprang, bei dem Anblicke der Eskorte der Soldaten nnd glänzenden Officiere, die den Wagen seines Vaters umdrängten. Um diesen Knaben zu ergötzen, hatte man zn seinen Spazierfahrten sanfte blendend weiße Lämmer abgerichtet, man spannte sie vor seinen kleinen Wagen, dem bereits seine künftigen Kammerherren, die Söhne derjenigen, welche in den Gemächern seines Vates als solche den Dienst verrichteten, folgten. Als man dieses Kind zu seiner mit goldenen Bienen verzierten, kleinen Equipage, einem Genius gleich, vorüberbegleitcn sah, flüsterte man sich einander bewundernd zu: „Das ist der Sohn Napoleons, der König von Rom, und voll Hoffnung setzte man bei: Eines Tages wird er Kaiser der Franzosen werden." Doch anders kam's in der Zeiten Laus. Napoleons Sohn war kein Kind der Vorsehung, und darum sollte es weder den Thron seines Vaters in Paris besteigen, noch weniger aber König von Rom werden. Napoleon Franz brachte es nur zu einem Major eines k. k. Regiments in Wien, wo er 1832 in der Blüthe seiner Jahre starb. Seine Leiche in der Kaisergrnft dortselbst muß uns daher wieder lebhaft überzeugen, wie wahr jenes Wort sei: Der Mensch denkt, Gott lenkt, oder wie der Dichter sagt: „Gott Vater schaut zum Fenster raus Und spricht: Ihr Narr'n, es wird nichts d'raus." Es wird darum Napoleon U1. solange es dem Himmel beliebt als Comödiante die Welt iu Erstaunen setzen, man wird ihn respectiren, Weihrauch streuen, fürchten und gewähren lassen, weil er einmal die Macht und den Willen hat, glaubt sich derselbe jedoch noch ferner berufen, auch den Ordner in der Kirche zu spielen und durch List oder Gewalt das geheiligte Oberhaupt derselben zu bedrängen und über seinen Besitz zu verfügen nach Willkür, dann beginnt er als Tragödiante sein Trauerspiel. Act auf Act wird sich folgen. Sein Ende wird kläglich sein. Wenn der ' mächtige Hohenstaufe Kaiser Friedrich U. mit seinen 7 Kronen das Haupt am Felsen der Kirche sich zerschmetterte, wird ein Napoleon IU. für das seine keine Ausnahme erwarten dürfen und sogenannte Ideen vermögen ihn nicht zu schützen vor der Hand des Herru, er mag sie noch so praktisch auszuführen wissen. Glaubenseifer eines KindeS. Als sich LeonidaS, Vater des berühmten Kirchenvaters OrigeneS, wegen des christlichen Glaubens im Kerker befand, überschickre ihm dieser zärtliche noch nicht 14 Jahr alte Sohn folgenden Brief: „Ach Vater! ich bitte dich knieend, verläugne nicht unsertwegen Christum. Ich werde statt deiner meine Matter und meine sechs Brüder ernähren, ich werde von Haus zu Haus betteln, damit sie leben könueu, wenn du für den Glauben stirbst." Reaction uud Lrrtag: Dr. Mar Huttlcr. — Druck »>m 3. M, Nlcinle. AilgsbiiM AmiltijMtt. 1S. 18. März 1860. Da« Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Nur Unverzagt! Nur unverzagt. Du Felsenmann, So grimm die Stünne toben; Voll Gottvcrtrau'n sei unverwandt Dein Blick zum Herrn erhoben! Es schirmet Dich der Arm deS Herrn, Der Deinen FclS begründet Im Zeitenmcer, und Dich der Welt Als Felsenmann verkündet. An seinem Worte, ewig wahr. Zerstieb die Macht der Bösen, Die stolz des Rechtes heilig Band Mit wildem Trutze lösen. Der Heidcnkaiser Tyrannei, Die Wuth der Häresien: Wir seh'n sie schmachbedeckt vor Dir Zn blut'ger Schlacht entfliehen. Als Frevler in den deutschen Gau'n Sich gegen Rom empörten. Und Frankreichs Söhne glaubenslos Altar und Thron zerstörten: — Die Felsenburg ragt unversehrt Hoch aus der Brandung Wogen, Und die zu stürzen sie vermeint. Sind schmählich abgezogen! Wie viele Wellen stürmten schon Heran zum hohen Walle, Und drohten Deiner Fclsenburg Bald mit dem nahen Falle! So bleibe, frommer Felscnmann, Getröstet in den Stürmen, Ob auch der Bosheit und der List Gewölke auf sich thürmen! Er lebt, der bei Tiberias Gebot den mächt'gen Wellen, Und läßt nicht vor der Hölle Macht Sanct Petri Fels zerschellen. I. B- Tafrathshofer. Die römische Inquisition. (Fortsetzung.) Zur Jurisdiktion des h. OfsiciumS gehören alle Verbrechen und Vergehe» gegen den Glauben, z. B. Gotteslästerung, Verunehrung der Sakramente, Bigamie als Verunehrung des Sakramentes der Ehe, Erschleichuug der h. Weihen und unerlaubte Consecration eines Bischofs als Verunehrung des Sakramentes der Priesterweihe, Vergehen eines Beichtvaters als Verunehrung des Sakramentes der Buße, ferner vorgebliche Heiligkeit, Wunder und Prophezeihuugeu, kurz alle Vergehen, welche von Personen, die sich zur kath. Religion bekennen und äußerlich Mitglieder der kath. Kirche sind, gegen den kath. Glauben begangen werden. Ich will den Charakter und den Nutzen dieser criminalgerichtlicheu JuriSdic- tiou des hl. OfsiciumS durch einige Beispiele veranschaulichen, schicke aber einige Bemerkungen über das Verfahren desselben voraus. DaS h. Officium leitet eine Untersuchung ein auf Grund van freiwilligen Aussagen, wozu sich Gläubige durch eine Gcwissenspflicht angetrieben fühlen. Diese Aussagen müssen aber in der gesetzlichen Form und eidlich gemacht werden. ES wird ferner eine sorgfältige Untersuchung des Charakters, der Glaubwürdigkeit und der Beweggründe der Zeugen angestellt, um die Möglichkeit zn verhüten, daß sie als Werkzeug persönlicher Feindseligkeit oder Rachsucht sich gebrauchen lassen. Auch über den Charakter des Angeklagten werden genaue Crkundignngcu eingezogen. Der Gerichtshof läßt die Sache fallen, wenn er nicht die feste Ueberzeugung von der Glaubwürdigkeit und Ehrenhaftigkeit der Ankläger gewinnt. Steht diese fest, so wird der Angeklagte vorgeladen, und über alle Puncte der Anklage in der vorgeschriebenen Weise vernommen. Ueber daS Verhör wird ein Protokoll aufgenommen, und daraus der Advocat des Angeklagten gehört. Die Sache wird darauf in einer Plenarsitzung verhandelt, nnd nach reiflicher Ueberlegung das Unbeil gesprochen. Alle Betheiligten müssen sich eidlich zum Schweigen verpflichten: dadurch will man einerseits den Rnf des Angeklagten schonen, andererseits diejenigen, welche sich durch ihr Gewissen zur Anklage angetrieben fühlen, vor Belästigung und Rache schützen. In den nachstehend mitgetheilten Fällen handelte eS sich nm allgemein bekannte Vergehen, in Bezug ans welche das Geheimhalten unklug gewesen sein würde, wenn es auch möglich gewesen wäre. Die Untersuchung wurde allerdings, wie sonst, in der Stille geführt-, daS Urtheil aber wurde öffentlich verkündet, wie daS Vergehen öffentlich verübt wurde. Vor ungefähr dreißig Jahren gelang einem Egyptier, welcher als Student in der Propaganda aufgenommen war, ein merkwürdiger Betrug. Er verbarg hinter einem unbedeutenden, ja unangenehmen Aeußeru ein ungewöhnliches Maß von Schlauheit und Ehrgeiz. Als namenloser und nichts weniger als ausgezeichneter Student faßte er den verwegenen Plan, sich in die höchsten kirchlichen Ehrenstellen einzudrängen, nnd für einen Augenblick gelang es ihm. Mit Hilfe von angeblichen Schreiben des Pascha'S von Egypten nnd anderer hochgestellter Personen jenes Landes, in welchen sein Gesuch durch sehr starke, daS Aufblühen der katholischen Religion in Egypten betreffende Gründe unterstützt wurde, wußte er cS dahin zu bringen, daß er nicht nur zum Priester geweiht, sondern sogar zum Erzbischof consecrirt wurde. Einige Zeit war Leo X1>. gar nicht geneigt, auf daü so ungewöhnliche Gesuch einzugehen, so dringend auch dasselbe in jenen Docnmenten befürwortet wurde. Nach langem Bitten ließ er sich durch die anscheinend sehr triftigen Gründe zu der Zusage bestimmen, er wolle selbst den jungen Priester consecriren. An dem festgesetzten Tage sühlle sich der Papst plötzlich unwohl; dieser Umstand, verbunden mit seinen nicht ganz beschwichtigten frühern Bedenken und einer dunkeln Ahnung, daß nicht Alles richtig sei, bestimmten ihn zn dem Entschlüsse, die Cousecration mindestens zu verschieben. Leider ließ er sich doch wieder von diesem Entschlüsse abbringen, und der Egyptier empfing die bischöfliche Weihe von den Händen deS ehrwürdigen Leo. Der junge Erzbischof blieb »och einige Zeit in Rom im vollen Genusse seiner hohen Würde; freilich wird er in der Furcht vor der anf die Dauer unvermeidlichen Entdeckung seines Betruges mit nicht ganz ungetrübter Freude die ihm gezollten Ehrenbezeugungen und Glückwünsche seiner Bekannten entgegengenommen haben. An einen Betrug dachte Anfangs Niemand, zumal mau die geringe geistige Begabung des jungen Mannes kannte. Mit Rücksicht auf seine Jugend und Nnerfahrcnheit wurde ein Geistlicher von großer Klugheit und Erfahrung bestimmt, ihn nach Egypten zu begleiten, um ihn in allen wichtigen Angelegenheiten mit seinem Rathe zn unterstützen, oder eigentlich ibn zu leiten. — Als die Nachricht von der Cousecration nach Egypten kam, waren die Behörden im höchsten Grade erstaunt und daö Volk so erbittert, daß man den Betrüger, wenn er auf seiner Absicht, in Egypten zu landen, beharrt hätte, au den Galgen gehängt haben würde. Der Erzbischof sah sich also 01 genöthigt, mit seinem Begleiter nach Rom zurückzukehren ; aus der Reist gab er mehrere Male durch sein schlechtes Benehmen großen Anstoß. Als er zu Rom ankam, wurde» die Docnmeute, mit deren Hilfe ihm sein Betrug gelungen war, nochmals untersucht, und man fand nun, daß das Papier der angeblich in Egypteu geschriebenen Briese das Wasserzeichen einer Fabrik zu Foliguo im Kirchenstaate trug. Es wurde ihm nun der Proceß gemacht, und er wurde zu lebenslänglicher Einsperrnng.vernrtheilt. Zugleich wurde er in der Eapelle des hl. OfstcinmS feierlich degradirt in Gegenwart einer Anzahl von Studenten der Propaganda, der Anstalt, welche er durch sein Verbrechen besonders beschimpft hatte. Es waren ungefähr zwanzig bis dreißig Personen bei dieser ergreifenden Ceremonie zugegen. Der Schuldige wurde von den Beamten dcS Gefängnisses in die Eapelle geführt, bekleidet mit den Gewändern und Jnstgien der bischö flichen Würde; sein Gesicht, welches immer abstoßend war, sah vor Scham und Schrecken ganz gespenstisch aus. Der snngirende Bischof nahm ihm die Miira, das Zeichen der bischöflichen Würde, welche er entehrt hatte, vom Haupte und warf sie auf den Boden; das Evangelicnbuch wurde ihm aus der Hand genommen, zum Zeichen, daß ihm das Recht zu lehren entzogen worden sei; der Ring, „das Zeichen der Treue", wurde ihm vom Finger gezogen und auf den Boden geworfen, weil er „die Kirche, die Braut Christi, verunehrt" hakte: der Hirtcnstab, welcher seine Gewalt zu leiten und zu strafen vcrsinnbildere, wurde ihm anS der Hand genommen; das Haupt und die Hände wurden abgeschabt, um gleichsam die Wirkungen der Salbung mit dem hl. Salböl zu vernichten; die Gewänder deS hl. AmteS, welches er beschimpft hatte, wurden ihm abgerissen und mit Füßen getreten; bei jedem einzelnen Theile der Ceremonie sprach der Bischof die von der Kirche vorgeschriebenen feierlichen und ergreifenden Worte, durch welche die Bedeutung der Degradation erläutert wird. Der Unglückliche sank endlich nieder, wurde mit einem Büßergewandc beccckt und wie leblos anS der Eapelle hinausgetragen. Die spätern Schicksale dieses unglücklichen Menschen können iu wenigen Worten erzählt werden. Er wnrdc iu das Gefängniß des heil. Osficinms gebracht, erhielt aber die Erlaubniß, in dem ganzen großen Gebäude der Inquisition frei umherzugehen. Er that aufrichtig Buße. Der Sturm der Revolution von l8si8 störte ihn in seinen Gedanken an eine bessere Welt; er wurde genöthigt, daS Gebäude zu verlassen, welches er mehr als Stätte heiliger Znrückgezogenheit, denn als Gefängniß anzusehen sich gewöhnt hatte. Die republikanischen Behörden glaubten in ihm ein passendes Werkzeug für ihre Zwecke zu finden, nnd ersuchten ihn, iu Sanct Peter das hl. Meßopfer darzubringen; er wies — zn seiner Ehre sei es gesagt — dieses Ansinnen mir Entrüstung zurück. Hätte ihn nicht die Gewisscnspflicht dazn bestimmt, so würden schon Rücksichten der Dankbarkeit für die Milde, mit der er behandelt worden war, ihn dazu vermocht haben, auf einen derartigen Vorschlag nicht einzugehen. Als die römische Republik nach kurzem Bestehen durch die Waffen dcS republikani- schen Frankreich vernichtet worden war, stellte er sich freiwillig wieder bei dem heil. Officium, und erklärte sich bereit, sein Gefängniß von neuem zu beziehen ; aber der Papst gestattete ihm, in Anerkennung seiner lobeuSwerthen Festigkeit gegenüber einer großen Versuchung, sich in ein Kloster zurückzuziehen. Nach einiger Zeit wurde ihm von dem heil. Vater nicht nur vollständige Begnadigung zu Theil, sondern auch eine Pension von monatlich 20 Scndi ausgesetzt. Noch jetzt kann man den egyptischen Büßer zu Rom an den hohen Festtagen vor den Altären der Kirche beten sehen, welcher er in seiner Jugend so großes Aergerniß gegeben. Ein furchtbares Sacrilegium wurde von einem Weibe begangen, welches eine Nonne gewesen war — es war die einzige Nonne welche während des wüsten Taumels der Revolution abtrünnig wurde. Nachdem sie daS Kloster verlassen, begann sie ein schlechtes Leben, und hauStc mit einem der wüthenstcn Schreier gegen die päpstliche Regierung zusammen. Nach der Wiederherstellung der Ordnung wurde sie von dem Cardival-Vicar einer Anstalt zur Besserung verkommener Frauenzimmer überwiesen. Bon teuflischem Hasse gegen die Religion beseelt, und durch ihr zügelloses Leben durch und durch verdorben, beschloß sie, ihrer au Wahnsinn grenzenden Wuth in einer Weise Luft zu machen, welche katholische Herzen auf'S tiefste verwunden mußte. Sie wußte die Wachsamkeit der andern Bewohner der Anstalt zu täuschen, und schlich sich in der Stille der Nacht in die Capellc, in welcher das hl. Sacra- ment aufbewahrt wurde, sie öffnete das Tabernakel, nahm das Ciborium heraus, schüttete den beiliqeu Inhalt desselben auf den Boden, und trat ihn mit Füßen. Das furchtbare Sacrilegium, das schrecklichste, welches ein Katholik sich denken kann, wurde am folgenden Morgen zum großen Entsetzen der Bewohner des Hauses entdeckt. DaS war ein Fall, in welchem das h. Officium einschreiten mußte; nach einer sorgfältigen Untersuchung, durch welche die Schuld des Weibeö unwidersprechlich erwiesen wurde, wurde dasselbe zu einer mehrjährigen Gefängnißstrase verurthcilt. (Fortsetzung folgt.) Marianna vorn heil, Vincenz a Paula. So heißt die fromme Jungfrau, die als Gründerin eines Vincentius- Frauen-Vereines eben von einem Werke der Nächstenliebe heimkehrt, und zu Hause wieder in die Schule der Geduld eintritt, in welcher sie bei einer katho- likenfeindlichen Tante, Frau M.täglich geübt wird. Marie, wer mag wohl die Häckelnadel erfunden haben, weißt du nicht? fragte Frau M.... an einem schwülen Juni-Abende, als sie eben ihre Aufmerksamkeit zwischen ihrer Handarbeit und einem offenen Buche, das vor ihr lag, theilte. Marianne schüttelte verneinend mit dem Kopfe. Ach, du weißt auch nie etwas Nützliches; man hat gar keinen Trost an dir. Ich glaube, euere Religion besteht darin, daß ihr stillschweigt und betrübt dreinschaut: jetzt hast du wieder seit einer Stunde kein Wort gesprochen — man lebt mit dir, wie mit einer Taubstummen. Da'..jetzt haben wir's! Ich Hache eine Masche fallenlassen und das kommt alles durch dich! rief die alte Dame aus und griff nach ihrer Brille. Ich glaube, ich kann nicht mehr sehen, um sie wieder aufzunehmen. Wo war ich? Aha, mindere einen, nimm zwei auf, stricke — jetzt bin ich verwirrt und muß die ganze Stricknadel aufziehen. Nun, ihr Katholiken seid doch ohne Ausnahme die lästigsten Leute in der Welt; ihr sprecht immer, wenn... und denkt an nichts, als an eure nichtswürdigen Armen! Du bist gar nicht mehr das Mädchen, das du früher warst, und ich wundere mich nicht, daß der Vetter so über dich spricht, — sei doch stille! Marie, ich glaube, ich bring' es wieder in Ordnung. Marie, die au Frau M_'s mürrische Rechthaberei gewöhnt war, hatte ein Buch zur Hand genommen und hörte dem Selbstgespräche der guten Dame gelassen zu. Auf ihrer freien Stirne ruhte ein fast strenger Ausdruck von Ernst; ihre Lippen waren fest zusammengepreßt, wie dies gewöhnlich der Fall war, wenn sie einen Entschluß gefaßt hatte, oder, wie Frau M.... es bezeichnete: wenn sie einen Anfall von Eigensinn hatte. Ein tiefer Seufzer, der unwillkürlich sich ihrem Busen entwand, erregte die Aufmerksamkeit ihrer Tante, die eben ihre Schwierigkeit überwunden und nun Zeit hatte, auch anderen Gegenständen ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Was fehlt dir, Kind? fragte sie. Woran magst du doch wohl immer denken? Du ermüdest dich zu sehr, indem du den ganzen Morgen, Gott weiß wo, herumläufst. Doetor Sommer sagte zu deiner Cousine, du würdest dir noch den Tod holen, wenn du in diesem heißen Wetter damit fortführest. 93 Ich Lachte an Las, bemerkte Marie, was jetzt alle unsere Gedanken in Anspruch nehmen sollte, an — die Cholera. Gott stehe mir bei, meine Liebe! Dn willst Loch nicht etwa sagen, daß sie hier sei? Wie du einen erschrecken kannst! Die ganze Welt erwartete sie voriges Jahr, und man traf seine Maßregeln darnach; aber es kam keine Cholera. — Fragen sie Sommer, was er denkt, erwiderte M. ruhig. Doch er ist vielleicht zu politisch, als daß er die Patienten von sich fortscheuchen sollte. — Nun, er sagte, es kämen vielleicht einige vereinzelte Fälle vor; doch rieth er in höchst uneigennütziger Weise, die Stadt zu verlassen, sobald dieser langweilige Proceß es gestatten würde. Es scheint nämlich nicht, als ob Angela und ihr Bräutigam in dieser Saison schon einen festen Entschluß fassen werden. Der Graf sagte, er würde dich gern mitnehmen, wenn — ich könnte dann nach M. gehen. Wenn — was? Aber warum sprach mein Onkel nicht mit mir selbst? Weil er glaubte, du würdest seine Bedingungen nicht annehmen; er weiß, daß du alle Fehler deiner mütterlichen Vorfahren geerbt hast. Nicht annehmen? Sind denn seine Bedingungen so unannehmbar, daß Sie fürchten, dieselben zu nennen? Nun, meine Liebe, er verlangt sie auch nur für einstweilen. Wolltest du nur mit der Familie zu unserer (Protest.) Kirche gehen ober ruhig zu Hause bleiben, und nicht der ganzen Nachbarschaft dadurch Aergerniß geben, daß du in die Spelunke gehst, die ihr Kapelle nennt, und wo man solche abscheuliche Mummereicn treibt, Laß man sich darüber wundern muß, daß ein so vernünftiges (!) Mädchen, wie dn, sich dabei des Lachens enthalten kann; — wolltest du blos dieses Bekreuzen bei Tische sein lassen, wenn unser Hausgeistlicher das Tischgebet spricht, und nicht so ernst drein sehen, wenn er Polka tanzt oder etwas leichtsinnig witzelt; und wenn du Freitags Fleisch essen wolltest, und — Kurz, wenn ich meinem Gewissen eine Zwangsjacke anlegen ließe! Sagen Sie doch, erwartete der Onkel dies von mir? Bei dieser Frage blitzten Mariens Augen und ihre Wangen glühten vor Entrüstung. Keineswegs erwartete er das, im Gegentheil, er hielt es für vergeblich, davon zu sprechen. Er sprach Etwas von einem großen Opfer, welches du gebracht hättest, und meinte, es sei Thorheit, dich nun noch zum Nachgeben bewegen zu wollen. Ich weiß aber doch nichts von einem Opfer, das du hättest bringen müssen. Du hast Alles, was du bedarfst, und wenn du für gut findest, deine Zeit auf so wunderbare Weise zuzubringen, so hast du das allein zu verantworten. Es freut mich, daß der Graf mir wenigstens Gerechtigkeit widerfahren läßt, bemerkte M. bitter. Was Dr. S. betrifft, so weiß er eben so gut wie ich, daß die Cholera schon seit einiger Zeit hier ist, und obschon ich selbst bis jetzt noch keinen Fall gesehen habe, der tödtlich gewesensist, so weiß ich doch, Laß die Sterbe- Register sich täglich mehr füllen. — Noch nicht gesehen?! Wie, Marie, willst du wirklich sagen, du habest die Cholera gesehen? fragte Frau M. blaß vor Schrecken. Aber dn besuchst doch wohl keine Leute, welche die Cholera haben? Und eucre kathol. Priester sind doch nicht so wahnwitzig, das sie sich an solche Herde der Ansteckung wagen? — Was sollte denn aus unsern Armen werden? fragte Marie, indem sie kaum ein Lächeln unterdrücken konnte. — Die müssen in's Spital kommen, natürlich! Da gibt es Wärterinnen, Aerzte und alles das, und sie haben es dort besser als zu Hause. Soweit es den Leib angeht, wohl, — obschon nebenbei bemerkt, die Hospitäler bald zu klein für Alle sein werden. Aber was sollte aus ihren unsterblichen Seelen werden, wenn die Katholiken nicht so „wahnwitzig" wären, sich zu ihnen zu wagen? Davon seien Sie überzeugt, Tante, daß man keines dieser 94 armen Geschöpfe ohne geistlichen Trost wird hinsterben lassen, so lange man noch Einen Geistlichen hat, der ihnen die heil. Sacramcnte spenden kann, wußte er auch, daß augenblicklicher Tod die Folge seiner Aufopferung wäre. -— Du willst doch nicht behaupten, daß dieß zu euerem Glauben gehört? fragte Frau M., in Lein sie die Äugen aufriß. Ich dächte, euere Geistlichen kümmerten sich blos um reiche Leute, beschwätzten sie, ihr Testament zu machen, ihre .Kinder zu enterben und ihre Tochter'in's Kloster zu schicken, und — Fräulein S. lachte hell auf und sagte: Es ist doch erstaunlich, wie trotz all diesen so leicht erworbenen Reichthümern unsere Kirchen so arm bleiben; noch erstaunlicher aber ist, wie alle diese enterbten Kinder solche Ungerechtigkeiten sich ruhig gefallen lassen, da man nie etwas von ihnen hört. — Doch, das ist sicher, sei die Gefahr auch noch so groß, die Seelen kath. Ärmen werden niemals eueren Wärterinnen, Aerzten oder Spital-Geistlichen überlassen werden, selbst wenn — Aber, Marie, was hast du denn gegen die Spital-Geistlichen? Du erwartest doch nicht, daß unser Pfarrer sein schätzbares Leben auf das Spiel setzen und seine Frau mit ihren sechs lieben Kindern in Gefahr bringen sollte, angesteckt zu werden, da doch jeder Andere den Kranken einige Eapitel aus der Bibel vorleien kann.? (Fortsetzung folgt.) Die christliche Barmherzigkeit. 1. Der Besucher des Speisckastcns. Gras Rumford, dieser verdienstvolle Mann für so viele herrliche und nützliche Institute BayernS sowohl, als besonders Münchens, errichtete auch in dem von ihm gegründeten Arbeitshaus in der Vorstadt Au eine Anstalt für Arme und Noth- Icidende, welche, wen» sie nirgend eine Mitiagsuppe bekämen, dort eine nahrhaft und hinreichende Schüssel Suppe gegen Erlag eines Kreuzers genießen konnten, um wenigstens veS Tages Einmal gesättigt zu werden. Diese Anstalt wurde später in die Hauptstadt verlegt, und war um so wohlthätiger, als durch die Gastfreundlichkcit und mildthätige Spende der aufgehobenen Klöster die ärmste Elaste, die dort an den Pforten täglich verpflegt wurde, diese wahrhaft christliche Mildthätigkeit entbehren mußte. Diese Snppe bestand aus guter gerebelter Gerste, Erbsen, mit Essig und Pflanzengewächscn nahrhaft nnd geschmackvoll gekocht. Das Loeal hatte, außer der geräumigen Küche, einen Speisesaal mit Tischen und Bänken, auf welchen die reinlichen Geschirre der Gäste harrten. An diesen Saal gränzte ein geheimes Speisezimmer, unter dem bekannten Namen „Speisekasten", zu welchem ein eigener, jedem Auge entzogener Gang führte. In dieses konnten die Leute gehen, ohne bemerkt zu werden, die, ihrer Armuth oder augenblicklichen Noth sich öffentlich schämend, dort im Stillen und geheim die sparsame Mittagskost einnehmen wollten. Es war bei dieser wahrhaft wohlthätigen Anstalt zugleich gesorgt, daß man auf Verlangen zur Suppe auch ein Stückchen Fleisch erhalten konnte. In den „Speisekasten", wo die Heimlichen aßeu, gelaugte die Speise mittelst einer Drehwinde, die in der Küchen- waud eingemauert war, so daß durch diese zarte Schonung Niemand erkannt wurde. Der Gast durfte nur an die Winde klopfen, in welche er Geschirr und Kreuzer legte, und schnell schwang die Winde dem Unbekannten die Speise herein. Dieses gastliche, wohlthätige Asyl wurde täglich von einer Menge Menschen besucht, dort ihre Labung zu finden. Aber anch viele Wohlthäter sendeten mehrmals Geld, Fleisch, Gemüse und andere Lebensrnittel in die Gemeinküche, um die Besucher zuweilen auch au Feier- und Festtagen mit besserer Speise zu laben. — Einer der 95 ausgezeichnetsten Wohlthäter war der menschenfreundliche König Maximilian. Mir Grvßmnth unterstützte er gleich Anfangs diese wohlthätige Anstalt und gedachte der Hungrigen mit reichlichen Sendungen. Täglich bezahlte er zweihundert Billets, welche den Allerdürfiigsten ausgetheilt wurden. Sein gütiges Herz riß ihn sogar dahin, daß er persönlich (so wie er oft anch Krankenhäuser und Spitäler besucht hatte) nicht nur mehrmals sondern häufig auf dem heimlichen Wege in den „Speisekasten" ging, dort sich zu den Armen fitzte, einen Teller nahm, selbst zur Winde trat und sich wie jeder Andere die Suppe durch das Zeichen um einen Kreuzer geben ließ, damit er sich selbst persönlich überzeuge, ob die Küche den Armen die nahrhafte und gut bereitete Suppe reiche. Nachdem er so oft in ganz einfachem Anzug unter den Armen Platz nahm und von derselben Suppe gegessen hatte, verließ er die Speise- winde nie, ohne mehrere Kronenthaler unter den Teller zu legen, so daß man nicht selten diesen Geber an der Gabe zu erkennen glaubte. Welcher Fürst kann je mit segenvolleren Empfindungen eine Stätte verlassen, als König Mar diesen von ihm so herzlich mild behandelten Zufluchtsort der Noth verließ? — Aber nicht genug, daß der Gütigste der Fürsten, während seiner vielen Besuche, stets wohlthätige Schenkungen hinterließ, er gedachte auch in der Residenz desselben OrteS. An hohen Festtagen und anderen feierlichen Zeiten schickte er durch einen Vertrauten immer eine bedeutende Summe in die Küche um mit Braten, Würsten und Fleisch die Armen zn bewirthen, und auch au solche» Tagen ging er oft hin, sich zn überzeugen, wie sein guter Wille vollzogen werde. Man zeigt noch manchen Stuhl in Bayern, auf welchem Napoleon während seiner Schlachten dem fechtenden Heere zusah; wahrlich, der Stuhl, auf welchem Mar oft hier im „Speise- kasten" nnter seinen Armen saß, verdiente wohl eben diese Erinnerung. 2. Die Ueberraschung. Herr Daviau, Erzbischof von Bordeanr, hatte eine so große Liebe zn den Armen, daß er ihnen nicht nur Alles schenkte, was er besaß, sondern anch, um ihnen bei- zustehen, sich oft das Allernöthigste versagen mußte. Es war so weit gekommen, daß er nur noch zwei Hemden hatte. Wenn die Hc^spitalschwesteru, die es über- uommen, seine Wäsche zn besorgen, Geld von ihm verlangten, um ihm dafür Leinwand und Strümpfe anzuschaffen, so gab es immer einen Nothleidenden, den der wohlthätige Prälat nicht warten lassen konnte. Die guten Schwestern ersannen daher eine List, indem sie ihm eines TageS vorstellten: „Ein kränklicher nnd bejahrter Herr sei durch Almosenspenden so sehr verarmt, daß er auf eine anständige Weise nicht mehr vor den Leuten erscheinen könne, weshalb sie den Herrn Erzbischof bäten, ihnen ein Almosen zu geben, um diesem verarmten Christen sechs Hemden und sechs Paar Strümpfe zn kaufen!" Der fromme Prälat beeilte sich, ihnen die nöthige Summe einzuhändigen, und nach einigen Tagen brachten die Hospitalschwekeru ihm die Hemden nnd Strümpfe. Als nun der mildthätige Erzbischof in sie drang, diese Sachen dem verarmten Herrn, von welchem sie ihm geredet, bald zukommen zu lassen, sprachen sie zn ihm: „Eure Gnaden wissen nicht, wem Sie in der Armuth beigestanden haben.-Sie sind es selbst!" — Wie steht es, werther Leser, mit der Barmherzigkeit in deinem Herzen? Gottes Herz, das ganz voll ist von Barmherzigkeit und daher die Barmherzigkeit liebt, kann mit Wohlgefallen und Liebe sich nur zuwenden einem Herzen, in welchem die Barmherzigkeit wohnt, nnd wendet sich mit Mißfallen von jedem Herzen ab, dem dieselbe fehlt, und entzieht, demselben Seine Gnade. Sei also, mein Christ, reich an Theilnahme, an Mitleid, aber anch reich, nach Kräften reich an Hülfe nnd Gabe, nnd sei dann versichert, daß der Herr dich in Gnaden ansehe und dich mit Gnade» überhäufe und auch an dirBarmherzigkeit thue. Der österreichische Minister Metternich über die weltliche Gewalt des Papstes. AlS einst in einer Unterredung L. VeuillotS (Hanptredacteur des „UniverS") mit dem Fürsten Metternich das Gespräch ans die weltliche Gewalt des Papstes führte, setzte Fürst Metternich zunächst auseinander, daß der Papst als Unterthan irgend eines Staates nicht frei wäre, vielmehr stets von dein betreffenden Staate zur Erweiterung seines staatlichen Einflusses auf andere Staaten gebraucht zn wer- den, Gefahr liefe; dann fuhr er fort: DaS habe ich einst auch zu Napoleon gesagt: als der Papst in Savona Frankreichs Gefangener war. Napoleon schenkte mir eine gewisse Zuneigung, und wußte, daß der Papst mich mit seinem Vertrauen beehrte. Eines Tages nun ließ er mich kommen, und sagte zn mir: „Leisten Sie mir einen Dienst; ich bin der Gefangenschaft des Papstes müde. Ans dieser Lage kann nichts Gutes hervorgehen, es ist von Werth, sie nicht länger bestehen zn lassen. Ich wünsche, daß Sie nach Savona gehen. Der Papst schenkt Ihnen sein Wohlwollen, Sie werden von meiner Seite aus als gemeinschaftlicher Freund mit ihm reden und ihn bestimmen, einen Plan anzunehmen, den ich aufgesetzt habe, um diese leidige Angelegenheit zu berei- vigen." Ich wand ihm ein, daß ich dazu der Erlaubniß meines Kaisers bedürfe. „Sie verweigern mir also den Dienst?" entgegncte er. „Mir scheint, daß Sie sich durchaus nicht compromittireu würden, wenn Sie für den Frieden der Welt Dienste leisten." Daran eben, fuhr ich fort, zweifle ich, ob eS der Frieden ist, den Ew. Majestät dem Papste vorschlagen. Wollen Sie mir diesen Plan wissen lassen? „Hier ist er", versetzte Napoleon ganz ruhig, „iu Zukunft wird der Sitz der Kirche nicht mehr zu Rom, sondern in Paris sein. . ..." „Ja", fuhr der furchtbare Mann fort, „ich lasse den Papst nach Paris kommen, und errichte dort den Sitz der Kirche. Aber ich will, daß der Papst unabhängig sei. Ich gründe ihm bei der Hauptstadt eine angemessene Ansiedlung; ich schenke ihm ein Schloß, und daß er auf eigenem Boden wohne, mache ich aus einer Strecke Laubes von etlichen Stunden ein neutrales Gebiet. Er wird dort sein Car- dinalScollegium, sein diplomatisches CorpS, seine Kongregationen, seinen Hof haben; und damit ihm nichts fehle, füge ich eine jährliche Dotation von sechs Millionen zu. Glauben Sie, daß er daS auSschlägt?" Ich behaupte das, und ganz Europa wird ihn in seiner Weigerung unter- stützen. Der Papst wird nicht ohne Grund finde», daß er auch bei Ihren 6 Millio- neu so gut Gefangener wäre als in Savona. Napoleos fuhr iu seiner Art auf, und brachte tausend Gründe für seine Plane vor. Endlich sagte ich zu ihm: Ew. Majestät entreißen mir ein Geheimniß. Auch der Kaiser von Oesterreich hat denselben Gedanken gehabt wie Sie. Er sieht, daß Sie den Papst nicht nach Rom entlassen wollen, er will nicht, daß der Papst iu Gefangenschaft bleibt, und denkt ebenfalls daran, ihm eine Existenz zu schaffen. Ew. Majestät kennen das Schloß zu Schönbronu: der Kaiser schenkt es dem Papst mit einem Gebiet von 10—15 Stunden, das ganz neutral sein wird; er fügt eine Dotation von 12 Mill. Einkünfte bei. Wenn der Papst auf dieses Arrangement eingeht, werden Sie ebenfalls einwilligen. Er begriff vollständig, was ich damit vertheidigen wollte; aber er war der Stärkere und wollte die Ansicht PinS Vil. über seinen Plan erfahren. Der Papst gab zur Antwort, waS ich so leicht vorausgesehen hatte: daß ihm Savona ein so gutes Gefängniß scheine als PariS; daß er sich wie anderswo im Mittelpuncte der Kirche befinde; daß sein Gewissen sein freier Boden sei, daß 6 Mill. Einkünfte für seine Bedürfnisse nicht nothwendig seien, und daß er mit 20 SouS täglich auskomme, die er gern als Almosen der Christenheit erhalten würde. Stcdaciiou un« Verlag: Dr. M. Hutkler, — Druck »an 3. M. Steinte. Ailgsbmgtt SmitiigMiltt. ICr. LA. 25. Mär; 1860. Das Augsburger Sonntaasblatt (Sonntags-Beiblatt rur Auasburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementsprcis ist 20 er., wofür es durch alle k. barer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Nachts. Wenn die Sterne aufgezogen llnd der Mond am Himmelszelt, Schweben lichte Gottesboten, Heil'ge Engel auf die Welt. Wandeln facht durch alle Straßen Und in jedes Kämmerlein, D'rin noch Sorg' und Kummer wachen Treten leife sie hinein. Wägen all die stillen Seufzer, Die Gebete ohne Zahl, All' die Thränen, welche fließen Auf dem weiten Erdenthal. Gießen aus den gold'nen Schalen Frieden, Trost nnv Schlummer aus, Und Verlagen, wie sie kamen, Leise, segnend dann das Haus. Niemand hört die stillen Tritte, Keiner ihrer Flügel Schlag, Ihre Lichtgestalt kein irdisch Auge je erschauen mag. Doch ein Paradieses Ahnen Füllt die Seele wundermtld, Und in sel'ge Träume dämmert Leis hinein ihr himmlisch Bild. Aus Perleberg, Provinz Brandenburg in Preußen, haben wir nachstehendes Schreiben erhalten: Hochgeehrtester Herr! 12. März 1860. Im Juli v. I. baten wir Cw. Wohlgeboren um gütige Ausnahme eines Artikels: „die Leiden und Freuden der Misston Perleberg." Diese Bitte muß wohl geneigtes Gehör gefunden haben, denn wir empfingen vor einigen Wochen durch den Herrn Missions-Vicar Müller zu Berlin von dort her den Betrag von 100 Gulden. Diese Nachricht hat uns große Freude bereitet, sie war Charpie für wunde Herzen, die hier noch fortwährend unter der Ueberzahl der Protestanten kämpfen. Gott vergelt es daher den edlen Wohlthätern von Augsburg, da wir es nicht anders als durchs Gebet vermögen und das wird geschehen, so lange noch einer in der Gemeinde Gedächtniß für empfangene Wohlthaten hat. Vorläufig unseren herzinnigen Dank auch Ihnen, hochgeehrtester Herr, für Ihre Bemühungen, die Sie für eine unbekannte arme Gemeinde angewendet haben. Wenn doch unsere entfernten Glaubensbrüder und Schwestern die Noth der Missionen im Norden des Vaterlandes in ihrem ganzen Umfange besser kennten, gewiß, dessen halten wir uns überzeugt, würde so manches milde Herz im Westen und Süden desselben sein Schärflein zur Linderung der kirchlichen Noth für die armen zerstreuten Katholiken gerne beitagen. Am 1. October v. I. sind wir in das neuerworbene Haus eingezogen. Wenngleich noch nicht der Würde entsprechend eingerichtet, war doch allerseits die Freude unbeschreiblich groß, nunmehr den lieben Gott in einem Eigem thum beherbergen zu können. Schnell wurde alles soviel, wie es die vorgerückte Jahreszeit gestattete, in Stand gesetzt, das Fehlende bis zum Sommer dieses Jahres ausgesetzt, am Allerheiligen-Feste, 1. November, Kirchweihfest gehalten, zu dem sich zum Theil aus großer Ferne, auch Protestanten hiesiger Stadt, ein- gefunden hatten, die sich alle mit uns herzlich freuten. — Seitdem halten wir nun in unsrer kleinen, wenn auch noch dürftig ausgestalten Mutter-Gottes-Capelle abwechselnd feierlichen und Laien-Gottesdienft und versäumen es nie, varin recht dringend für unsere guten Wohlthäter zu beten. Von diesen sind etwas über 900 Thlr. eingegangen, so daß wir am 1. Oct. v. I. die eontractlich festgestellte Zahlung der 900 Thlr. machen konnten. Die übrigen 1400 Thlr. bleiben für 3 Gläubiger aus dem Grundstück hypothekarisch haften und die Zinsen zu 41/2 °/o werden von der Gemeinde aufgebracht. Wir wären schon recht sehr zufrieden mit diesen Ergebnissen, wenn wir die Mittel besäßen, die im vorigen Jahre ausgesetzten, noch nöthigen Erweiterungen der kleinen Capelle auszuführen. Unsere Armuth gestattet es nicht, dies aus eigenen Mitteln zu bewirken — wir vertrauen auch in dieser Beziehung auf den lieben Gott, daß er uns helfen wird. Im Uebrigen machen wir hier gute Fortschritte. Wenn wir uns auch alle Reckte erst erkämpfen müssen, so bringen diese Kämpfe doch eben Leben in die Gemeinde. Zuerst war es die Kirchhofsfrage, welche von uns in Angriff genommen wurde. Nachdem von der hiesigeck protestantischen Geistlichkeit in zwei Fällen das katholische Begräbnis? auf dem protestantischen Kirchhofe verweigert worden war, beschwerten wir uns direet bei dem Minister und von diesem empfingen wir den vom 30. September v. I. datirten Bescheid, daß nunmehr die protestantischen Prediger hierselbst sich einverstanden erklärt hatten, daß die Beerdigung der Mitglieder der katholischen Gemeinde durch deren Pfarrer auf dem protestautischcu Kirchhofe liturgisch vollzogen werde. Sodann war es die Schulfrage, welche einen langen und scharfen Kampf hervorrief. Die Stadtbehörden protestirten gegen die von uns beantragte Concession einer Schule, auch hier mußte eine mehrseitige gerechte Beschwerde uns helfen — genug des Protestes ungeachtet empfingen wir im November v. I. die Concession zur Errichtung einer katholischen Schule, in der gegenwärtig 25 Kinder unterrichtet werden und welche dem Katholicismus einen daurcnden und festen Halt gibt. Um die Mitglieder der kleinen Gemeinde stets wach zu erhalten, ist im vorigen Jahre neben dem vor mehreren Jahren gestifteten und aggregirtcn St- Wineentius-Vcrein noch ein Pius-Verein hier gegründet, der fleißig besucht wird. Aus Allem bicsem wollen Sie hochgeehrter Herr schließen, daß wir in Beziehung auf unsere hl. Religion ein reges Leben führen, was in der jetzigen bedrängten für die Katholiken so verhängnißvollen Zeit wohl noth thut. Wollen Sie unseren edlen Wohlthätern aus dem Vorstehenden die densel'» den interessirenden Nachrichten in Verbindung mit unserem herzinnigsten Danke für die gespendeten Gutthaten mittheilen, so würde uns das recht lieb sein, möglich daß ein Wohlthäter auch unserer ferneren Noth gedächte und ein weiteres Schärflein zur Abhilfe derselben uns schenkte, was wir mit besonderer Freude und großem Danke annehmen würden. Im Uebrigen verharren wir als Ew. Wohlgeboren dankergebene Diener Der Vorstand der katholischen Gemeinde Wesener. Henke. Hövel. Wie man sieht, ist, Dank der Hilfe Gottes, die auch in unsern so entfernten Gegenden manches Herz und manche Hand geführt und gerührt hat, zur Linderung geistiger Noth beizusteuern, für das Nöthigste wenigstens nunmehr in Perleberg gesorgt. Die noch in unseren Händen befindlichen Gaben im 99 Betrag von 32 fl. 11 kr., zu denen nachträglich aus Biber ach noch 6 fl. *) hinzugekommen, in Summa also 38 fl. II kr. , die wir nun gleichfalls an ihren Bestimmungsort abgehen lassen, werden daselbst nicht minder willkommen sein. Wir erlauben uns aber bei diesem Anlasse unsere geehrten Leser zugleich auf den nachstehenden Artikel aufmerksam zu machen, wo uns die Lage katholischer Gemeinden geschildert werden, in denen es leider noch an dem Aller- nöthigsten — nämlich fehlt. Die unglückliche Lage der Katholiken in Stargard und GoeöLin in Pommern. Stargard ist eine verkehrsreiche Stadt von 1-1,000 Einwohnern. Die katholische Gemeinde zählt am Orte ^00 Seelen vom Civilstande und 150 Militär-Personen. Außerdem leben in drei angränzenden Kreisen zerstreut noch an 200 Katholiken, welche in Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse ausschließlich auf Stargard angewiesen sind. Für diese 600 Katholiken nun, zu welchen noch eine bedeutende Zahl ab- und zugehender Beamteten und Reisenden kommt, ist als Gotteshaus eine außer der Stadt gelegene Capclle, um jährlich 6 Thlr. vermickhcl, welche 36' lang, 18' breit, 20' hoch und mit 100 Personen überfüllt ist. Rechnet man von der angegebenen Zahl der Katholiken an Sonn- und Feiertagen nur den 3. Theil als Kirchenbesncher, so erhellt, daß die Hälfte vom Zutritt znm Gottesdienste ausgeschlossen bleibt. An einen herzerhebcudeu Schmuck der Capellc ist nicht zu denken; eine Fahne gibt es nicht; eine Sakristei kennt man nicht, ein Umgang beim sieht wie Ironie anS, Processioncn sind unbekannt, die erhebenden Feierlichkeiten der Charwochc, des Frohnlcichnams ganz fremd. Keine Glocke ruft die Irenen Seelen zur Kirche, mahnt sie zum Gebet oder geleitet sie zum Giabe. Es eristirr kein Tausstein, der die erwachsene Jugend au den ersten mit ihrer Mutter, der Kirche, geschlossenen Bund erinnerte, und auf akatholischen Kirchhöfen müssen die letzten Ruheplätzchen mit schwerem Gelde erkauft werden. Vergebens haben sich seit 18^3 Geistliche und Gemeinde an die Behörden um Abhilfe dieser Ucbelstände gewendet,- man hat nichts gethan, als sie anf das Einsammeln milder Spenden verwiesen, mit deren Hilfe denn auch bic Erwerbung eines Pfarr- und Schulgcbäudcs, eines Banplatzes und die Anlage eines kleinen BancapitalS ermöglicht wurde, aber die Mittel den Ban zn beginnen, oder auch nur um die Genehmigung hiezn nachzusuchen, sind noch viel zu gering, und das Beste, eine Kirche, fehlt daher noch immer. — Gleich traurig wie in Stargard sind die Verhältnisse der Katholiken in CoeSlin. In dieser Stadt, welche einst der Sitz eines Bischofs gewesen, sind in der ehmals katholischen Lateinschule eine Capelle, das Schnlloeal sowie die nöthigen Wohnangcn für den Geistlichen und interimistischen Lehrer eingerichtet, und so nothdürftig als denkbar ausgestattet. Alles was von der Aermlichkeir und Unzulänglichkeit des GottcSdienstslocalS in Stargard gesagt worden, gilt in gleicher Weise auch von CoeSlin. Alle jene Katholiken, welche das Glück haben ihrem Gölte ohne Hinderniß und Beschwerde dienen zn können, besonders aber jene, welche mit zeitlichen Schätzen gesegnet sind, finden hier ein weites Feld für die Thätigkeit christlicher Liebe, nud wir sind überzeugt, daß sie eingedenk deS Wortes: „sammelt euch Schätze für den Himmel" ihr Schärflein beitragen werden zur Hcbnng des katholischen Glaubens, und zur Verherrlichung ihrer Religion. — Gott wird's lohnen! *) Als Motto wurden diesen jüngsten Gaben beigefügt: Durch 3. 0. ?. aus Biberach.— fl. 30 kr. Nachträgliches Opfer in der wöchentlichen Roscnkranzandacht für das Wohl des heiligen Vaters.5 fl. 30 kr. Summa: 6 fl. — kr. Die römische Inquisition. (Fortsetzung.) Vor nicht langer Zeit — vor zwei oder drei Jahren — wurde zu Rom von einer Person von außerordentlicher Heiligkeit gesprochen; sie wirke Wunder, hieß cS, und weissage, sie habe Verzückungen, Visionen und übernatürliche Offenbarungen, und trage die Wundmale an Händen und Füßen. Der Ruf der Heiligen, welche zu Sezze, fünfzig englische Meilen von Rom, wohnte, wachs von Tag zu Tag; man vernahm immer mehr Berichte über Wunder, die sie gewirkt, und über schreckliche Ereignisse, die sie prophezeit hatte. Pilger von allen Classen und Ständen strömten zn ihrer Zelle. Selbst bejahrte Leute ließen sich für einige Zeit von dem Strudel mit fortreißen; jüngere Leute kamen in Schaarcu zn der Heiligen. Die Prophetin war nichts weniger als wortkarg und strenge: während sie ernstere Besucher durch Weissagungen von Calamitäten und unglücklichen Ereignissen in Schrecken setzte, ließ sie sich doch auch herab, Manchen in zarten Herzens- und Familien-Angelegenheiten die Zukunft zu enthüllen. Die Engländer in Rom bestanden in dieser Versuchung nicht besser, schienen vielmehr die Italiener an Gläubigkeit zu übertreffen; hat cS ja einen gewissen Reiz ^ für den Menschen, zn vernehmen, daß schreckliche Ereignisse drohend über dem Haupte eines ganzen Volkes schweben, namentlich eines fremden Volkes. Ein ehrwürdiger „Jusnlaucr," welcher eben von einem länger» Besuche bei Katharina Fanelli — so hieß die vermeintliche Heilige — zurückgekehrt war, traf einen Bekannten, der gleichfalls aus einer der briliischen Inseln geboren war, und machte demselben durch Ge- i berden cbensowhl wie durch Worte begreiflich, daß er der anscrwählte Träger eines furchtbaren Geheimnisses sei. Sein Freund fragte, was das Alles zu bedeuten habe, erhielt aber einige Zeit keine andere Antwort, als eine Reihe von wunderlichen Ausrufungen, begleitet von entsprechenden Grimassen; endlich sagte der Geheimnißkrämer, ' theils um dem Fragenden einen Beweis seiner Freundschaft zu geben, theils um sein eigenes Herz zn erleichtern, mit feierlicher Stimme: „Ich habe Grund zn glauben daß eine schreckliche Pest über Rom kommen wird; am Feste Mariä Himmelfahrt wird sie beginnen." Dann ging er fort in der wohlwollenden Absicht, auch Andern die schreckliche Kunde mitzutheilen. Der Tag, an welchem der Todesengel die unglückliche Stadt betreten sollte, kam und ging vorüber; von der Pest sah man keine Spur. „Nun. die Zeit ist da," fragte einige Wochen später der Freund seinen gläubigen Landsmann, „was sagen Sie jetzt von der Prophezeiung Ihrer Heiligen?" In seinem festen Glauben gar nicht erschüttert, meinte er, die Römer müßten mittlerweile Buße gethan und den Zorn des Himmels besänftigt haben. Ich kenne Fälle, wo Damen von mehr als „einem gewissen Alter" voll freudigen Entzückens waren, da sie von den Lippen der Heiligen die Versicherung vernommen hatten, daß sie binnen Jahresfrist verheirathet, und demnächst von lieblichen Kindern umgeben sein würden. — Die Verblendung ging so weit, daß Manche Rom verließ, um in der Nähe und gleichsam unter dem Schatten der Heiligen ihren Wohnsitz zu nehmen. Wenn sie in die Stadt kam, drängten sich Tag und Nacht Hunderte , zu dem Hause hin, wo sie sich aufhielt. Endlich wurde Katharina bei dem h. Ofsicium angezeigt, welches selbst nicht die Initiative zn ergreifen und die Schuldigen aufzusuchen pflegt. Die lange und sorgfältige Untersuchung, welche angestellt wurde, konnte nur zu Einem Resultate führen: Katharina wurde für eine Betrügerin erklärt. ES stellte sich heraus, daß noch schlimmere Dinge, als die Erdichtung von Weissagungen und Wundern der Anerkennung ihrer Heiligkeit im Wege standen. Sie gestand selbst ihre Schuld ein, aber erst nachdem dieselbe unwidersprcchlich erwiesen war. Sie wurde in das Kloster der Frauen vom guten Hirten gebracht, und auf den öffentlichen Plätzen von Rom wurde die Sentenz ihrer Verurtheilung zn ILjährigem Kerker angeschlagen. 101 Auch Fossombrone hatte daS Glück eine Heilige derselben Classe zu besitzen, — Maria Bordonr, welche im Jahre 1852 blühte, vier Jahre früher, als Katharina Fanelli berühmt wurde. Auch sie wurde dem h. Officium denuucirr, und ihre Schuld erwiesen durch eine Untersuchung, welche selbst ein an ein langsames Gerichtsverfahren gewöhnter Engländer nicht übereilt nennen wird. DaS sind einige der Fälle, wie sie zur Criminal-Jarisdiction deS h. Osficiums gehören. Die Freunde deS Wunderbaren, welche die römische Inquisition nur aus spannenden Romane» kennen, oder nach den Berichten über das strenge und blutige, halb politische, halb religiöse Tribunal beurtheilen, welches früher in Spanien bestand*), würden die römische Inquisition, wenn sie dieselbe kennen lernten, wie sie wirklich ist, für ein langweiliges Institut erklären, welches kein romantisches oder dramatisches In- teresse darbietet. Die römische Inquisition röstet keine Juden, foltert keine Ketzer, spannt keine abtrünnige Priester auf die Tortur, und mauert keine Nonnen ein; in der That muß denjenigen, welche an aufregenden Berichten von Grausamkeiten und Quälereien Ge- fallen finden, die Milde und Nachsicht der römischen Inquisition wahrhaft langweilig und uninteressant vorkommen. Da der eigentliche Zweck derselben Besserung nicht Bestra- *) Man mag in unserer milderen Zeit die Maßregeln der spanischen Inquisition noch so strenge beurtbeilen, es darf dabei nickt übersehen werden, was die Geschichte fast aller europäischen Völker beweist, daß religiöse Verfolgnngssncht in frühern Jahrhunderten ein allgemein verbreiteter Fehler war. Das grausame Verfahren gegen die Häretiker in Spanien unter Ferdinand und Jsabclla läßt sich einigermaßen erklären, freilich nicht entschuldigen. „Dieses letzte Sckauspiel, das Autodafe", sagt Prcscott in seinem Leben Philipps II., „war eine natürliche Folge der langen Kriege mit den Moslemin, welche die Spanier dem religiösen Unglauben gegenüber sehr intolerant machten." Man wußte, daß die Juden den Ungläubigen, welche so lange die schönsten Theile der spanisckeu Halbinsel in Besitz, gehabt hatten, gewogener waren, als den Christen; und Unwissenheit und Vorurthcilc verstärkten den Widerwillen, den man damals in der ganzen Christenheit gegen die Nachkommen derjenigen empfand, durch wclcke des Menschen Sohn dem sckmählichsten Tode preisgegeben worden war. Die Spanier des fünfzehnten Jahrhunderts sahen in den Juden Feinde Jesu Christi, und hielten es für eine Pflicht, dieselben zu bekehren, oder für ihre Hartnäckigkeit zu bestrafen; 'Aber wenden wir unsere Blicke von Spanien im fünfzehnten Jahrhundert nach einem andern Lande im sechszehntcn Jahrhundert. Unter Heinrich VIll. von England wurden Leute dcnuncirt und vcrurtheilt, nicht weil sie an die Erlösung der Menschen durch den Sohn Gottes nicht glauben wollten, sondern weil sie an dem Glauben ihrer katholischen Vorführer festhielten, oder weil sie in ihren Ansichten noch etwas weiter von dem Glauben der altchristlichen Kirche abwichen, als die herrschende Partei. Es war eine Zeit, wo die Menschen, nachdem sie den sichern Ankergrund des Glaubens verlassen, auf dem Meere der Meinungen und Zweifel hin und her getrieben wurden, und wo oft heute etwas Anveres gelehrt wurde, als gestern. Man hätte erwarten sollen, daß die Ungewißheit, in welcher sich die Reformatoren hinsichtlich dessen, was zu glauben und was nicht zu glauben sei, befanden, sie zur Toleranz und Milde stimmen würde; sie schien aber im Gegentheil die Vcrfolgungssucht nur zu befördern. In den Annalen der spanischen Inquisition findet sich schwerlich ein schrecklicherer Fall von Härte oder Grausamkeit, als die Hinrichtung des Londoner Schulmeisters Lambert, welchen vr. Barnes, ein Lutheraner, wegen irriger Meinungen über das Abendmahl denuncirt hatte. „Nack den jetzt geltenden Gesetzen", sagtHumc, „war Barnes geradeso schuldig, wie Lambert; aber so groß war die damals herrschende Verfolgungssucht, daß er auf die Bestrafung dieses Mannes drang, weil derselbe in der Abweichung von dem alten Glauben einen Schritt weiter ging, als er selbst... Lambert wurde auf einem langsamen Feuer verbrannt; seine Füße und Beine waren schon ganz vom Feuer verzehrt, da machten einige voir der Wache, welche mitleidiger waren, als die Ändern, seinen Qualen dadurch ein Ende, daß sie ihn mit ihren Hellebarden ganz in's Feuer warfen." Man lese ferner die Berichte über den Justizmord zweier berühmten Männer, Fischers, den Hallam als den „unbeugsamsten und ehrlichsten Prälaten jener Zeit" bezeichnet, und Morc's, „dessen Name", wie derselbe Schrifstcller sagt, „keines Beiwortes bedarf", — und man sehe, ob die spanische Inquisition je ungerechtere Urtheile gefällt hat. Huinc erzählt ihre Geschichte also: „John Fischer, Bischof von Röthester, war ein Prälat, ausgezeichnet noch mehr durch seine Gelehrsamkeit und Tugend, als durch seine hohe kirchliche Würde und die Gunst, in welcher er lange bei dem Könige gestanden hatte... Er wurde angeklagt, vcrurkhcilt und enthauptet, weil er die Suprematie des KönigS gcläugnet hatte. — Die Hinricktung dieses Prälaten sollte zugleich eine Warnung für More sein, dessen Nachgeben wegen des großen Ansehens, das er in England und st, andern Ländern genoß, und wegen des Ruhmes seiner Gelehrsamkeit und fang ist, so erlangt Jeder, welcher sein Vergehen bekennt und bereut, leicht Verzeihung, und eS kommt nicht selten vor, daß Personen, welche dem h. Officium angezeigt zu werden fürchten, der Anzeige zuvorkommen, und durch ein freiwilliges Bekenntniß ihres Fehlers der Strafe entgehen. Die härteste Strafe, selbst für so grobe Vergehen, wie ich sie erwähnt habe, ist Einsperrnng, je nach dem Charakter des Vergehens, auf kürzere oder längere Zeit; in gewöhnlichen Fällen ist die zeitweilige Einschließung in ein Kloster die einzige Strafe, welche tnseS,Tribunal, das einen so gefürchtet?» Namen trägt zu verhängen pflegt. (Schluß folgt.) Ein kleines Bild von der großen europäischen Welt. Dem im Jahre 1829 im Josephs-Hospital zu München verstorbenen ehemaligen Missionär Pater Wolfgang Bock wurde 1811, als er aus dem Oriente zurückkam, von der Polizei verboten, in seiner Ordenstracht der Carmelitcr auszugehen. Da legte der kluge Pater schnell türkische Kleidung an, wozu sein schöner, langer Bart gut paßte, und siehe, den die Polizei als Ordensmann nicht duldete, ließ sie als Türken ungenirt in der Stadt München erscheinen, was nicht geringes Aufsehen machte, so daß ein Künstler den Pater im Türkenanznge abbildete, und der Kupferstich schnell vergriffen ward. Auch erhielt Pater Wolfgang in feinem Türkencostüm Audienz beim Könige Mar Joseph, und ward mit 100 bayerischen Thalern beschenkt, um sich die Kleidung eines Weltgeistüchen anschaffen zu können. — Heutzutage scheint die große europäische Welt auch den Grundsatz zu haben: Lieber Türk als OrdenS- mann! Den Thron der europäischen Türkei hat man mit größeren Opfern, als 100 Thalern, gestützt und geschützt, und dem Obern aller Ordens- und Ehristeuleute, dem heil. VatH zu Rom, will man versagen und rauben, was er mit mehr Recht besitzt, als der Türke sein geraubtes Reich, und mit älterem Rechte, als alle Fürsten Enropa'S ihre Kronen. Tugend dem Könige sehr erwünscht gewesen sein würde... Rieh, der General-Fiscal, wurde zu More ins Gefängniß^gcschickr, um mit ihm zu verhandeln. More beobachtete hinsichtlich der Suprematie ein vorsichtiges Stillschweigen; er ließ sich nur zu der Bemerkung verleiten, eine Frage über das Gesetz in Betreff der Suprematie sei ein zweischneidiges Schwert; die eine Antwort auf diese Frage bringe vas Leben der Seele, die andere das Leben des Leibes in Gefahr. Mehr bedurfte man nicht, um More des Hocbverraths anzuklagen. Sein Schweigen erklärte man für böswillig und verbrecherisch, unv jene Worte, die er hatte fallen lassen, legte man als Läugnung der Suprematie aus. Die gerichtlichen Untersuchungen waren unter diesem Könige bloße Formalitäten; die Geschworenen erklärten More für schuldig. Er hatte sein Schicksal lange erwartet, und bedurfte keiner Vorbereitungen, um sich gegen die Schrecken des Todes zu stärken... Am 6. Juli wurde er im 53. Lebensjahre enthauptet." — „Viele andere, minder ausgezeichnete Männer", sagtHallam, „namentlich Geistliche, wurden später aus Grund desselben Gesetzes hingerichtet." Hume sagt über die Hinrichtungen unter Heinrich VIll.: „Wir wissen nicht viel von der Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit des über diese Männer gesprochenen Urtheils, wir wissen nur, daß die Verurtbcilung eines Mannes in dieser Zeit noch kein Beweis für seine Schuld ist." — „Heinrich", sagtHallam, „zeigte sich unparteiisch in seiner Intoleranz, sofern er abwechselnd bald die eine, bald die andere der beiden streitenden Parteien verfolgte. Ein Mal wurden drei Personen, welche seine Suprematie bestricken, und drei, welche die Transsubstantion gcläugnct hatten, aus demselben Karren zum Nicht- platzc gefahren." Wenn das ein treues Bild von England im sechszehnten Jahrhunderte ist, verdient dann blos die spanische Inquisition des fünfzehnten Jahrhunderts unfern Tadel? Preseott muß zugeben, daß Sirius IV. „den übermäßigen Eifer der Inquisitoren tadelte, und sie sogar mit Absetzung bedrohte." Alexander Vl. setzte den Thomas dc Tor-' qucmada wirklich ab. 103 Alls dem Pariser Leben. * Ein junger Maler war für eine abgelieferte Arbeit so glänzend bezahlt worden, Laß es ihn drängle, seinen Freunden eines jener colossalen Frühstücke zu geben, die Mittags anfangen und erst am nächsten Tage endigen; Gelage, bei welchen der Champagner in Strömen stießt, die Gläser und Flaschen zertrümmert unv die Wände deS Locales mit den Eingeweiden der Pasteten bemalt werden, kurz, die glücklich abgelaufen sinv, wenn man mit blauem Auge und den Nest der Nacht auf der Polizci-Wachtstube davongekommen ist. Es war um eilf Morgens, als unser Künstler im besten Anzüge and in heiterster Laune sich nach dem verabredeten Locale begab und mit einem Leichenzugc zusammen traf, der außerordentlich armselig war, denn keine Seele begleitete den armen unbekannten Todten nach seiner letzten Ruhestätte. So froh gestimmt der Künstler auch war, er blieb stehen und sagte: „Ach, es ist doch sehr traurig, einen Menschen so ganz allein zum Kirchhofe zu führen! Das ist eine Schande! Nein, so etwas sollte zu Paris nicht vorkommen. Ich will ihn begleiten. Die Freunde mögen warten." Er geht also hinter der Leiche her. Bald aber bemerkte er, daß er nicht allein war, er hatte zum Begleiter bei der frommen Pflichterfüllung einen jener kleinen alten schwarzen Hunde, die gern ihrem Herrn folgen,-der aber sehr schmutzig aussah, denn eS war Regcnwetter. Mann kommt auf den Kirchhof, und der arme Todte sollte in die allgemeine Grube hinabgesenkt werden. Das that dem Künstler wehe; er beeilte sich, ihm eine Begräbniß- stätte zu kaufen. Es war in jeder Beziehung ein reicher Tag für ihn. Nachdem man ein kleines schwarzes Kreuz über dem Hügel aufgepflanzt hatte, in dem der Unbekannte ruhete, kehrte er zu seinen Freunden zurück. Er eilte in großen Schritten, als er Etwas zwischen seinen Füßen verspürte. Es war der kleine schwarze Hund, welcher ihn lieb- kosele. „Geh," sagte er, „Du machst mich schmutzig, du weißt nicht, daß ich meine besten Kleider anhabe." Und er bemühte sich, ihn fortzujagen. Aber kaum hatte der junge Mann einige Schritte vorwärts gethan, so war auch der Hund wieder da und verdoppelte seine unangenehmen Liebkosungen. Bald hätte das arme Thier einen Schlag mit dem Stocke erhalten; eS entfernte sich auf diese Drohung, blickte aber immer rückwärts, wenn eS etwas Vorsprung hatte. „Drolliges Thier," sagte der Künstler, „man sollte glauben, es wünsche, daß ich ihm folgen möge. Laßt sehen, was daraus wird." Der Hund verfolgte seinen Weg, blicket aber von Zeit zu Zeit zurück, lenkte endlich in eine enge Gasse ein, dann in den Eingang eines alten, armseligen Hauses, fünf Stockwerke hinauf, und kratzte nun mit den Pfoten an einer Thüre, um Einlaß zu erhalten. Der junge Künstler half ihm, indem er die Klingel zog, war aber ganz bestürzt, als ein Mädchen mit rothgeweinten Augen die Thüre öffnete. „Ich bringe Ihnen den Hund zurück, Mademoiselle," sagte er. Es war das gerade das Gegentheil, was er hätte sagen müssen. „Sie haben Jemanden verloren?" . . . Das junge Mädchen seufzte und verbarg ihr Gesicht und ihre Thränen mit dem Tuche. Da warf der junge brave Künstler einen Blick in das traurige Wohnzimmer. Auf einem armseligen Strohsacke bemerkte er eine abgemagerte, vor Kälte zitternde Frau, deren Haut nur noch Knochen umhüllte; ein wahres Gerippe mit den Zügen der fürchterlichsten Leiden . . . Diese Familie betrieb einen Handel in der Provinz, aber nach mancherlei Unglücksfällen war sie, wie so viele andere, nach PariS gekommen, um dort ihr Glück zu suchen, oder ihren Fall zu verbergen. DaS Elend war ihr Antheil. Der Künstler nahete sich der kranken Frau. „Sie sind krank," redete er sie an. — „Ach, ja," antwortete sie, „ich bin krank und sehr unglücklich. Ich habe meinen Mann gelödtet; ich bin die Ursache seines Todes . . . Der arme gute Mann sah mich seit sechs Wochen krank und arbeitete Tag und Nacht, um zu verhindern, daß ich nicht ins Spital gebracht werde ... Er war so schlecht genährt! Er ist vor Mattigkeit und Kumme gestorben ... Aber ich will meine Tochter nicht umbringen, wie ich meinen Mann umgebracht habe . . . Meine Tochter ist noch das Einzige, was mir auf Erden geblieben . . . Morgen will ich ins Spital gehen." Bei diesen Worten umschlang das junge Mädchen seine Mutter mit beiden Armen, bedeckte sie mit Küssen und Thränen und schluchzte unter Seufzern: „Mutter, meine gute Mutter, warum sprichst Du so? . . . Nein, Du gehst nicht ins Spital . . . Auch ich will Tag und Nacht arbeiten. Wenn es sein muß, so ernähren wir uns hier beide zusammen ... So lange ich Arbeit habe . . ." Man kann sich leicht denken, wie dem Künstler zu Muthe war; er war ties gerührt, und die Thränen entströmten seinen Augen . . . Die letzten Worte des jungen Mädchens waren eine Offenbarung für ihn. „Was arbeiten Sie?" fragte er dasselbe. — „Ich bin Näherin." — „Gut, einer meiner Freunde hat Hemden zu machen, ich werde sie Ihnen herbringen." Des anderen Tages erschien er mit einem Ballen Tuch, den er mit seinem Gelde bezahlt hatte. Er ließ einen Arzt holen, den er für einen seiner Freunde ausgab, der aber aus seiner Börse das theuere Honorar bezog. Der Arzt bestätigt, die arme Wittwe sei nur krank wegen Armuth und Entbehrungen. Er verordnete eine gute Nahrung, Fleischbrühen und kräftiges Fleisch; nichts durfte fehlen. Der gure Künstler, welcher bisher nur halbe Tage gearbeitet, änderte dieselben in Tage um, und zwar unter dem Spotte seiner Freunde, die seinen Fleiß und seine Zurückgezogenheit verspotteten. Er hatte aber einen wahren Schatz gefunden: das Glück der Arbeit und Ordnung. Die Lage der beiden Frauen hatte sich indessen wesentlich verbessert. Behaglichkeit war an die Stelle der Noth getreten. Bei seinen öfteren Besuchen hatte der Künstler die edlen Eigenschaften des jungen Mädchens kennen gelernt, das durchaus nicht für das Leben der Armuth bestimmt schien. Der junge Künstler, welcher, wie so viele Andere, bisher nur von einer reichen Verbindung geträumt hatte, nur an Lurus gedacht, verlangte von der Mutter Die zur Ehe, welche nichts mitbrachte, als eine schöne Seele .... Wenige Tage nachher segnete die Kirche ihre Verbindung. Der Segen des Himmels wird ihnen gewiß nicht ausbleiben. Recept zur Dämpfung eines Bolksaufstaudes. * Im Jahre 18^8 war in einer kleinen französischen Provinzialstadt ein Aufruhr ausgebrochen; ein Bataillvnscommandant wurde zur Dämpfung dorthin beordert. Derselbe war ein munterer, jovialer Soldat, dem es nicht darum zu thun war, Blut zu vergießen, und er wendete deshalb ein ganz eigenthümliches Mittel an, den Aufstand zu überwältigen, ein Mittel, das in nichts Geringerem bestand, als in seiner ausgezeichnet schönen Stimme. Als er vor dem Volkshaufen ankam, der aus Revolutionären aller Schattirungcn bestand, sah er, wie ein Redner von seinem Karren herab die Masse haran« guirte und die Köpfe erhitzte. Der Commandant ließ ihn Herabsteigen und nahm sogleich seinen Platz ein, indem er ausrief: „ES ist noch nicht genug gesprochen worden, jetzt kommt erst noch die Reihe an mich!" und damit stimmte er vor der erstaunten und verblüfften Menge ein altfranzöstscheS Lied an, das bet den Aufrührern sehr bald ein allgemeines Gelächter hervorbrachte. Damit war aber auch der Aufstand total besiegt, denn der Franzose ist entwaffnet, wenn es gelingt, ihn zum Lachen zu bringen. (Mulleis und Müller, das Elend zu Paris). Redacn'en uu« Bering: Dr. M. Huttler. — Druck vo» I. M. Älcinle. AiigsbiiM SmillagMM. Mr. 14. 1. April 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. An das Veilchen. So hast du'doch vernommen Den Sehnsuchts-Nuf nach dir. Und bist verjüngt gekommen Du erste Garten-Zier! Du Freude deiner Finder ^ Auf frischcrgrünter Au, Du Liebling aller Kinder, Mein Veilchen hold und blau! Mein- blaues, holdes Veilchen, Wie hoch entzückst du mich; Es wird mir nur zum Weilchen Ein Tag bei Lob auf dich! Dein Sinnen, dein Verlangen» Und deiner Wünsche Ziel Ist Prunken nicht, noch Prangen Durch buntes Farbenspiel. Aus Stolz dein Haupt zu heben, Nie fällt dir dieses ein: Dein wärmstes, reinstes Streben Ist, klein, gering zu sein. Du liebst es, still, verborgen, Aus zartem Blätter-Grün Ob Abend oder Morgen Zu duften und zu blüh'n. Du lässest gern dich finden Von Kleinen ohne Schuld; Und dich zum Sträußchen winden Voll herzlicher Geduld. Ein reiches Honig-Brünnlein Nur athmend Wohlgeruch Erstattet treu das Bienlein Alltäglich dir Besuch. Von dir ich möcht erlernen. Am Geiste mild und zart. Mich niemals zu entfernen Von kindlich frommer Art. Bei dir ich Tröstung finde Für's trauervolle Herz; Bei dir mir wirv gelinde Auch herber Trennungs-Schmerz. Denn deine Ankunft kündet Mir an den Ostertag, An dem der Tod verschwindet, Und wie durch Zauberschlag Berühret all die Lieben Zum Leben aufersteh'n; Und wir verkläret drüben Bei Gott uns wiedersehen; Und wir mit Engel-Chören Durch Alleluja-Nuf Den Ersterstand'nen ehren, Der uns und dich erschuf; — Dich schuf zum schönen Bilde Der hohen Lieb' und Lust Zur Demuth, Einfalt, Milde In eig'ner, reinster Brust; — Uns schuf, damit wir ahmen In Tugend allgemach Zum Lob' auf seinen Namen Auch dir, o Veilchen, nach! Die römische Inquisition. (Schluß.) Wie zu erwarten war, wußte man znr Zeit der römischen Republik v. 18-19 den Nutzen wohl zu würdigen, der bei einiger Klugheit und List aus der Jnqui- sition zn ziehen war. Man fand es sehr zweckmäßig, den befreiten Römern, welche so lange Opfer des „PfaffentrugeS" gewesen waren, die Geheimnisse der Tyrannei zu enthüllen, unter welcher sie so lange geseufzt hatten, und ohne die Revolution noch jetzt seufzen würde». Demgemäß wurde ein kleines Spektakelstück arrangirt und mit glänzendem Erfolge aufgeführt. Ju einem der Gemächer des h. OfficinmS brachte man eine Fallthüre an, nnd in einem Loche, welches man eigens zu dem Zwecke grub, häufte mau einige Knochen auf, die man in den Kellern ansgegraben hatte; nachdem alles arrangirt war — Fallthüre, Grube, Kerker, d. i. die Keller und Knochen — stellte man es dem leichtgläubigen nnd staunenden Pöbel zur Schau, und daS protestantische Europa begrüßte die „Entdeckung" mit den gewohnten Ausrufen des Entsetzens. Die römische Republik erreichte ihr Ende, und die zurückgekehrten Beamten der Inquisition hatten uuu Gelegenheit, die Zweckdienlichkeit der Veränderungen, die man vorgenommen hatte, zn bewundern. Daß man menschliche Gebeine aus dem Boden anSgrabeu konnte, war nicht zu verwundern, da der Theil des Gebäudes, unter welchem man dieselben fand, auf einem Platze steht, welcher früher als Kirchhof benutzt worden war. Aber ein Pöbelhaufen pflegt keine besonders ausgedehnten archäologischen Kenntnisse zu haben, und wiewohl man in London und Paris und andern Städten nicht selten Menschenknochen und ganze Skelette da auSgräbt, wo jetzt Hänser stehen, ohne daß dieses besondere Aufmerksamkeit erregt, so ist eS ganz etwas Anderes, wenn man dergleichen zu Rom findet, zumal unter den Kellergewölben der Inquisition, wenn man gegen die päpstliche Regierung eine Anklage zu erheben wünscht. Sehr begierig, die „Kerker der Inquisition" mit eigenen Augen zu sehen, begab ich mich eines TageS mit einem Freunde auS England nach dem Gebäude des hl. OfficiumS, welches gegenwärtig von den Franzosen als Kaserne benützt wird. Die Gefälligkeit des dienstthuenden französischen OfficierS setzte uns in den Stand, das ganze große Gebäude in allen seinen Theilen zn besehen. Große Gemächer und schöne Hallen, zum Theil mit herrlichen Fresken von großen Meistern geziert, wur- den mit sträflicher Gleichgiltigkeit raschen Schrittes durchwandert, da die Begierde, die „Kerker" zu sehen, uns unaufhaltsam voran trieb. Unser Führer, ei» sehr höf- licher und lebhafter Franzose, brachte uns endlich an das Ziel unserer Wünsche. Aber welche Enttäuschung! „Kerker" der Art, wie sie in den gewöhnlichen romanhaften Vorstellungen von der Inquisition vorkommen, fanden wir gar nicht, und als Ersatz dafür nur eine Anzahl von Hallen, die etwa 12 Fuß breit und 15 Fuß lang waren, und einige Gemächer von 16—18 Fuß Länge und Breite. Erstere waren zur vorläufigen Unterbringung von Verhafteten, letztere als Gefängniß der zu zeit- welliger Einsperrnng Verurteilten benutzt worden. Statt tief unter der Oberfläche zu liegen, wo sich der Romanleser „die Opfer der priesterlichen Tyrannei in der giftigen Atmosphäre eines dunkeln und dumpfen KerkcrS schmachtend denkt," befanden sich alle diese Räume im zweiten Stockwerk, und waren vielleicht besser erhellt, als nach italienischen Begriffen, namentlich während deS Sommers, bequem nnd angenehm ist. Man kann sich gar keine gewöhnlichern und minder merkwürdigen Räumlichkeiten denken, als diese „Kerker" der römischen Inquisition. Man steht nicht einmal einen Nagel an den nackten Wänden, an den man einen Verdacht hängen könnte, und kein Zeichen und keinen Strich auf dem Fußboden, welcher ahnen ließe, daß sich etwas Schreckliches unter demselben befinden konnte. Eine Zelle in einem gewöhnlichen Kloster bietet mehr Anlaß zu Phantasien; die Einfachheit und Unver- 107 dächtigkeit dieser Gemächer ist in der That so groß, daß sie anf Jeden, der mit den gewöhnlichen Vorstellungen hinkommt, einen unangenehmen Eindruck machen müssen. Um die Sache noch schlimmer zu machen, fanden wir auch noch einen Garten mit Bäumen und breiten Wegen, wo früher die Gefangenen täglich ihren Spazicrgang machten, und -war ohne Ketten, Fesseln und andere dergleichen Dinge, mit welchen sich eine lebhafte Phantasie die Gefangenen des h. OfficiumS geschmückt denken könnte. Wo übrigens vormals Cardinäle beriethen, und ihre Consultoreu wichtige Puncte des GlanbenSsystcmS der katholischen Welt erörterten, da fanden wir jetzt französische Soldaten träge anf ihren Betten liegen, muntere Lieder von Liebe oder Ruhm singen, oder Domino spielen; und Säbel nnd Musketen standen in den Gemächer», wo früher die dicken Folianten aufgestellt waren, in welchen die dogmatischen Entscheidnngeu der Congrcgation des hl. OfficiumS aufgezeichnet wnrden. Mit einem Worte: so wenig man die Beschreibung, welche TacituS von Nero'S goldenem Hause gibt, bestätigt findet, wenn man die Hänfen von Steinen und Schutt betrachtet, welche jetzr die einzige Spur seiner frühern Eristeoz sind, eben so wenig kaun man in der prosaischen Darstellung dessen, was daS h. Officinm wirklich ist, die Jugnisiton wieder erkennen, wie wir sie in Romanen und romanhaften Geschichtswerkcn in den Tagen unserer gläubigen Jugend mit so köstlichem Schaudern geschildert lasen.*) *) Balmes charakterisier in seinem vortcfflichen Werke über die europäische Civilisation die Milde der römischen Inquisition im Gegensatze zu der Strenge der spanischen, und zeigt, wie der Geist des hl. Stuhles von dem aller europäischen Regierungen und Nationen zu einer Jett sich unterschied, welche wohl als die Periode der Verfolgungen bezeichnet werden könnte. „In der Zeit der größten Strenge gegen die judaisirenden Christen", sagt er, „verdient eine Thatsache Beachtung. Manche, weiche bei der Inquisition angeklagt waren oder deren Verfolgung fürchteten, gaben sich alle Mühe, aus dem Bereiche dieses Tribunals zu entkommen, indem sie Spanien verließen uuv nach Rom gingen. Werden diejenigen, welche meinen, Rom sei immer das wahre Treibhaus der Intoleranz, ein Fcucrbrand der Verfolgung gewesen, dieses glaublich finden? In zahllosen Fällen wurden während der ersten fünfzig Jahre des Bestehens der spanischen Inquisition die Processe von Spanien nach Rom hinübcr- genommcn und fast in allen Fällen zeichnete sich Rom durch größere Milde aus. Ich glaube nicht, daß man einen einzigen Fall namhaft machen kann, in welchem nicht der Angeklagte durch eine Appellation nach Rom Vortheil gewann. Die Geschichte der Inquisition in dieser Zeit berichtet von vielen Streitigkeiten zwischen Königen nnd Päpsten, und wir finden durchgängig daß der heil. stuhl sich bestrebte, die Inquisition in den Schranken der Gerechtigkeit und Humanität zu halten. Die Weisungen der römischen Curie wurden nicht immer gebührend beachtet; so sahen sich denn die Päpste genöthigt, viele Appellationen anzunehmen, und das Loos zu mildern, welches die Appellanten getroffen haben würde, wenn ihre Sache in Spanien cndgiltig entschieden worden wäre ... In einer Bulle vom 2. August 1483 sagt der Papst, er habe die Appellation einer großen Anzahl von Bewohnern von Sevilla angenommen, welche aus Furcht, verhaftet zu werben, es nicht gewagt hätten, in Spanien an den höhern Gerichtshof zu appellircn... Später beklagte er sich darüber, daß man die Strafmilderungen, welche er mehrcrn Angeklagten bewilligt, in Sevilla nicht gebührend berückficht habe. Nach mehrern andern Ermahnungen weist er Ferdinand und Jsabella daraus hin, daß Milde gegen die schuldigen Gort wohlgefälliger sei, als Härte, und erinnert an den guten Hirten, der dem verirrten Schafe nachgehe. Schließlich ermähnt er sie, diejenigen milde zu behandeln, welche ihre Vergeben freiwillig cingcstäuden; er wünscht, mau möge ihnen gestatten, zu Sevilla oder an einem andern Orte, den sie wünschen möchten, zu wohnen und im Besitze ihres Eigenthums zu bleiben, als wenn sie sich des Vergehens dcr Ketzerei schuldig gar nicht gemacht hätten. „Wenn Angeklagte sich nach Rom wendeten, so geschah dieses nicht immer, um die Aufhebung eincS ungerechten Urtheils zu erlangen, sondern oft, weil sie wußten, daß sie dort Gnade und Nachsicht finden würden. Einen Beweis dafür liefert die große Zahl von spanischen Flüchtlingen, welche zu Nom wegen Nückfalls in das Judcnthum vcrurtheilt wurden. Man fand deren einmal im Jahre 1498 250; aber keiner derselben wurde hingerichtet. Es wurden ihnen nur einige Bußwcrke aufgelegt, und dann wurde ihnen die Lossprechung ertheilt und gestattet, nach Hause zurückzukehren. „Es ist bemerkenswerth, daß die römische Inquisition niemals ein Todcsurtheil fällte, vbschon damals auf dem apostolischen Stuhle Päpste saßen, welche in Allem, was auf die bürgerliche Verwaltung Bezug hatte, äußerst strenge waren. In allen Theilen Europas fin- Marrauna vom heil. Nincenz a Paula. (Fortsetzung.) Was Ihres Pfarrers Amtspflicht ist, habe ich nicht zu unterscheiden; aber der Priester, — der übrigens am Sterbebette weit mehr zu thun hat, als ein Capitel aus der Bibel vorzulesen — ist nicht gewohnt, die Erfüllung einer seiner wichtigsten Pflichten einer Krankcnwärterin oder einem Arzte zu überlassen. Einige vielleicht am andern Ende des Zimmers gemurmelte Gebete, eine eilige Frage nach diesem oder jenem Kranken: und die geistlichen Funetionen euerer Spital-Geistlichen sind zu Ende. Noch mehr-Was ist denn das? fragte hier Frau M. die Magd, welche hereintrat und Marie ein beschmutztes, sonderbar gefaltetes Papier übergab, welches mit einer kolossalen, noch feuchten Oblate zugemacht war. — Marie blickte auf die Adresse, welche lautete: An das geehrte Fräulein v. S— Gnaden; sie öffnete den Brief lächelnd und las folgende, in wunderlicher Orthographie geschriebene Worte: Höchst gütiges und ehrwürdiges Fräulein, — Bitte, Fräulein, Eur' unterthänigste Dienerin, Winnh Prall, liegt sprachlos aus dem Sterbebett, und sagt, Fräulein, sie kann nicht ruhig sterben, wenn sie Sie nicht sieht; so hoffen wir demüthig, Eur' Gnaden wollen nicht zögern, da unsere Mutter die Nacht durchaus nicht überleben kann. Eur' Gnaden ergebenste Diener, ihre Söhne Franz und Joseph Prall, Fischerbrücke rc. Laß Las Mädchen hereinkommen, sagte Marie, und ehe noch Frau M. fragen konnte: Was soll denn dies Alles heißen, so spät in der Nacht? stand ein blasses Mädchen vor ihr, dessen Züge die Spuren von Sorge und Entbehrung trugen. — Ist denn die Frau Prall wirklich so krank? Ich bin nur eine Nachbarin von ihr. Aber ich hörlc, sie wäre schon fast besinnungslos; sie könne aber nicht sterben, ehe Sie kämen. Hat man den Geistlichen rufen lassen? fragte Marianne ängstlich. — Ich weiß nichts, gar nichts; aber wenn Euer Gnaden kommen, so werden Sie Alles erfahren! und das Mädchen wendete sich hastig zur Thüre. — Gut, ich werde mit dir da sein, sagte Marie. — Aber du willst doch nicht wirklich gehen, Marie? meinte Frau M...., als ihre Nichte den Hut aufsetzte und sich die Mantille reichen ließ: Es ist ja spät! — Es ist sehr spät; jedoch in diesem Falle ruft den wir das Schaffet aufgerichtet, um Vergehen gegen die Religion zu bestrafen, und überall sehen wir Scenen, die das Herz mit Trauer ertüllen: Nom bildet eine Ausnahme von der Regel, dasselbe Rom, welches man als ein Ungeheuer von Intoleranz und Grausamkeit dargestellt hat. Allerdings haben die Päpste nicht, wie die Protestanten, allgemeine Duldung gepredigt; aber die Thatsachen zeigen den wahren Unterschied zwischen den Päpsten und den Protestanten: die Päpste haben trotz ihres intoleranten Tribunales keinen Tropfen Blut vergossen, die Protestanten und Philosophen ganze Ströme. „Ich will nicht eine ausführliche Prüsting des Benehmens der spanischen Inquisition gegen die judaisircndcn Christen versuchen, und ich bin weit entfernt, ihre Strenge gegen diese Menschen der Milbe vorzuziehen, welche die Päpste empfahlen und übten. Ich wollte hier nur zeigen, daß die Strenge eine Folge von außerordentlichen Umstände», ein Ausdruck der damals bei den europäischen Völkern herrschenden harten Anschauungen und Sitten war. Dem Katholicismus können diese durch verschiedene Gründe veranlaßten Ercesse nicht zum Vorwurf gemacht werden. Wenn wir aber ferner den Geist beachten, welcher in allen Instruktionen der Päpste in Betreff der Inquisition herrscht, wenn wir sehen, wie sie augenscheinlich immer zur Milde geneigt und bemüht waren, den Schandflecken zu vertilgen, welcher an den Schuldigen und an ihren Familien haftete, so dürfen wir annehmen, daß die Päpste wohl noch weiter gegangen sein würden, wenn sie nicht gefürchtet hätten, dadurch allzusehr die Unzufriedenheit der Könige zu erregen und verderbliche Zwistigkeiten zu veranlassen. „Welches Verfahren wurde von Luther empfohlen? Nach Seckendorf sagte er: man solle die Synagogen der Juden anzünden, ihre Häuser niederreißen, ihre Gebetbücher, den Talmud, und selbst die Bücher des Alten Testamentes ihnen wegnehmen und ihren Rabbineri verbiete» zu lehren, und sie nöthigen durch Handarbeit ihr Brod zu verdienen." 109 mich eine gebieterische Pflicht. — Aber ich sehe hier gar keine Pflicht — und ich glaube die Frau kann auch warten bis morgen. Ich würde mich kaum wundern, wenn Alles nur eine List wäre, um dich herauszulocken und zu ermorden. — Ich wüßte nicht, was man dabei gewinnen könnte; aber ich kenne die Frau. Dennoch begreife ich nicht, was es dich angeht! murrte Frau M.... Protestantische Damen kennen ihre Pflichten gegen die Gesellschaft zu gut, als daß sie sich unter solche Leute wagen sollten! Ueberdics dürste kein Frauenzimmer in eine Krankenstube gehen, ehe sie wenigstens Jahre alt ist. Aber ich könnte eben so gut zu einer Bildsäule reden, fuhr sie fort, als die Thür sich hinter M. schloß, ich wünsche zu Gott, sie wäre einmal verheirathet, dann würde sie vielleicht gescheiter werden. Mit leichten, eiligen Schritten und ruhiger Entschlossenheit schritt Fräulein S. durch einige Straßen, dann über einen Platz und ließ nicht eher von ihrer Eile ab, bis Sie die Wohnung erreicht hatte. Das Gesicht der kranken Frau Prall hatte schon jene grünlichblaue Farbe angenommen, welche das letzte Stadium der fürchterlichen Krankheit begleitet. Ihre Söhne und einige Frauen befanden sich bei ihr; aber wenn sie gleich geschäftig hin und her liefen, so sah man doch, daß Keiner von ihnen sich der Stubenccke zu nähern wagte, wo die Kranke lag. Es ist die Cholera, sagte Marie, indem sie die Hand der Frau ergriff. Sie erblaßte, als sie den schnellen, aber schwachen Pulsschlag derselben fühlte. Sie hat nicht lange mehr zu leben; habt ihr nach dem Geistlichen geschickt? — Sie wollte sich von uns nichts sagen lassen und verlangte nur nach Ihnen. Trinken! Trinken! Ich ersticke, kreischte die Frau; gebt mir zu trinken, sag'ich. Marie fand in einer zerbrochenen Tasse etwas kalt gewordenen Thee, welchen sie der Kranken an die Lippen hielt. Dann schrieb sie ein paar Zeilen auf ein Blatt ihres Taschenbuches und übergab dieses dem Sohne Franz mit der Weisung, ja leine Zeit zu verlieren, bis er es in die Hände eines Geistlichen überliefert bättc. Wer ist da? schrie die Frau und starrte um sich. Teufel sind's, die ich überall sehe. Ich sterbe, ich sterbe — und was wirb aus meiner armen Seele werden? O Mutter, sagte Joseph, indem er sich vorsichtig näherte, der Geistliche wird gleich hier sein, und Fräulein S. will mit dir beten. — Guten Abend, Fräulein, sagte die Mutter hastig, hab' ich nicht versprochen, ich wollte zu meiner Pflicht zurückkehren? Jetzt ist es zu spät; ich werde todt sein, ehe der Geistliche kommt, und beten kann ich auch nicht. Ein neuer fürchterlicher Krampf trat ein, so daß M. glaubte, diese Befürchtung möchte in Erfüllung gehen. — Ich will für Euch beten, sagte M-, als die Kranke etwas ruhiger wurde. Sie kniete nieder und begann die Litanei für die Sterbenden; von Zeit zu Zeit blickte sie ängstlich nach der Thüre. — Sagen Sie mir, Fräulein, sagte Plötzlich die Frau und erhob sich in ihrem Bette, müssen wir unsern Feinden vergeben? Das möchte ich gern wissen. — Gewiß, wenn wir selbst Verzeihung hoffen wollen; sicherlich haben wir Gott öfter beleidiget, als irgend ein Geschöpf uns beleidigt haben kann. — Wie? ich soll meinem Manne vergeben? Hat er mich verlassen, daß ich mit den Kindern Hungers sterben konnte? Und hat er nicht vor meinen Augen eine genommen, die protestantisch ist, wie er selbst? Hat er mich nicht getreten, geschlagen und — Denkt jetzt nicht an seine Mißhandlungen! Betet, damit ihr beide einst im Himmel glücklich zusammen werdet. — Im Himmel! schrie die Kranke, mit einem mehr noch von Wuth, als von Schmerz entstellten Gesichte; im Himmel? Was soll der im Himmel thun, der Abtrünnige! Wollte er mich nicht dahin bringen, daß ich meine Religion verkaufen und heucheln sollte wie er, blos um das Armen- geld zu bekommen? Mißhandelte er mich nicht, weil ich die Kinder nicht von ihm zu Heiden gemacht haben wollte? Und hat er mir nicht mein liebes Mädchen gestohlen, damit es ihm und seinem Weibsbilde aufwarten mußte? Hat er nicht einen Teufel aus mir gemacht und mich zum Gotteslästern gebracht? Aber jetzt wird der Satan uns beide in die Klauen bekommen. — Ein neuer Krampf- anfall folgte; die arme W. sank erschöpft und ohnmächtig auf das Lager hin. Mit zitternder Stimme begann M. von Neuem die Litanei; sie sah, daß das schlecht angewandte Leben der unglücklichen Frau sich dem Ende näherte. — Mit einem unterdrückten Freudenrufe aber sprang sie auf als der Priester hereintrat. Komm ich zu spät? fragte der Priester. Fräulein M. Zeigte auf das Bett. Der Geistliche beugte sich darüber, richtete einige Worte an die Kranke und gab dann den Anwesenden ein Zeichen, das Zimmer zu verlassen. Mit der Gefühllosigkeit, welche die Folge gewohnheitsmäßiger Gotteslästerung ist, schlichen die Männer auf den Gang, die Frauen waren in der anstoßenden Kammer bald am Plaudern. Marianna kniete auf der morschen Treppe nieder und verweilte die nächste halbe Stunde im heißen Gebete, auf daß die heil. Jungfrau Fürbitte einlege zu Gunsten des verirrten Geschöpfes, welches bald vor seinen beleidigten Richter treten sollte. Und wie brachte der Priester diese Zeit zu? Angegriffen und erschöpft durch ein Tagewerk voller Anstrengung, war er mit freudiger Bereitwilligkeit dem Gebot der Pflicht gefolgt, welche ihn abrief, als er eben sich der ersehnten Ruhe überlassen wollte. Jetzt stand er gestützt auf die Lehne des Bettes' er athmete die stinkende, verpestete Luft des schmutzigen, von Ungeziefer wimmelnden Zimmers ein; er beugte sich über die Kranke, deren Athem den Tod bringen konnte, deren Wnthausbrüche wie giftigePfeile für sein Herz waren, welches gern das Leben geopfert hätte, um das Heil einer einzigen unsterblichen Seele zu erkaufen. Er dachte nicht an Müdigkeit oder Gefahr; es war seine Pflicht. „Pflicht!" jenes wunderthätige Wort — das Fcldgeschrei der kath. Priester — die Fahne, um welche sie sich schaaren; das Wort, welches Verfolgung, Undankbarkeit, Krankheit, Armuth, jedes Hinderniß verachten lehrt, — das sie zum Siege oder Tode führt. Ohne Rücksicht auf den Beifall oder die Verachtung der Welt, voll Mitleid, aber erhaben über die kleinlichen Sorgen des Lebens, streben sie vorwärts, bis das Opfer ihrer Jugend oder die mühevolle Sorge eines langen Lebens mit der Martyrerkrone und mit ewiger Seligkeit belohnt wird. — Endlich öffnete sich die Thüre und auf ein Zeichen vom Priester kam M. wieder ins Zimmer. „Ich werde ihr das heil. Abendmahl reichen", sagte der Geistliche feierlich. Fräulein M. sah sich vergebens nach einer Stelle um, welche sie für das allerhciligste Sacrament würdig vorrichten konnte. — Der Priester begann jene ergreifenden Gebete, welche die Kirche für solche Gelegenheiten vorschreibt. Es wäre eine wirkungsvolle Scene für einen Maler gewesen: das wüste verfallene Zimmer, das helle Mondlicht, welches durch die zertrümmerten Fenster siel, die Gegenstände mit seinem eigenthümlichen Glänze umsäumte und voll auf das weiße Kleid der knieenden Jungfrau fiel, die mit gebeugtem Haupte und gefalteten Händen für nichts als die Gegenwart Gottes Sinn zu haben schien; die entfärbten und verzogenen Gesichtszüge der sterbenden Frau, deren Augen nun mit einem Ausdruck hoffnungsvoller Ergebung an den Zügen des Priesters hingen, welcher sich über sie gebeugt hatte und in dessen Gesichte jene tiefe Andacht sich ausdrückte, welche der Feierlichkeit des Augenblickes und Dem gebührte, dessen erhabene Gegenwart jene Hütte des Elendes jetzt erfüllte. (Schluß folgt.) Napoleon I. in der Katechese. K. Im Jahre 1811 gegen Ende März rief Napoleon l. unvermuthet eine Versammlung zu sich. Sie bestand aus den Cardinälen Fesch, Maury, dem Erzbischof von Mecheln, den Bischöfen von Nantes, Trier, Evreux, Verweil und Abbö Emerv und p. Fontaer. Zwei Stunden ließ er auf sich warten. Menschen, sagte er, welche gewartet hätten, werden „stumpfsinniger." Endlich erschien er in außerordentlichem Aufzuge von seinen Großoffieieren umgeben. In einer sehr langen und heftigen Rede ward die Sitzung eröffnet gegen den Widerstand des Papstes Pins VII. Keiner der Cardinäle oder Bischöfe hatte den Muth gegen die Verläumdungen und Entstellung die Wahrheit gegen die Macht und Gewalt des Kaisers und Königs geltend zu machen. Zum Ruhm der Religion fand sich aber ein einfacher Geistlicher — ein anderes Mitglied jener Versammlung. Es war nämlich der 80jährige Priester Greis Abbö Emerh, empfehlenswert!) durch seine Wissenschaft und Frömmigkeit. Nachdem Napoleon gesprochen hatte, sah er alle Anwesenden an und fragte hierauf diesen Abbö: „Mein Herr, was halten Sie von der Gewalt des Papstes?" Mit einer Art ehrerbietigem Vorzüge blickte er den Bischöfen und Cardinälen in's Angesicht, als wollte er sie um die Erlaubniß bitten, seine Meinung zuerst auszusprechen und antwortete dann: „Sire! Ich kann keine andere Gesinnung haben, als jene, die in dem Katechismus enthalten ist, der aus Ihren Befehl in allen Kirchen gelehrt wird. Auf die Frage: Was ist der Papst? heißt es dort: Er ist das Oberhaupt der Kirche, der Stellvertreter Jesu Christi, dem alle Christen Gehorsam schuldig sind. „Kann nun je ein Körper seines Hauptes, kann er desjenigen entbehren, dem er nach göttlichem Rechte Gehorsam schuldig ist?" Nachdem Napoleon das Wort Katechismus murrend ausgespochen, fuhr er fort: 'Nun dann, ich streite Ihnen die geistliche Gewalt des Papstes nicht ab, da er dieselbe von Christus empfangen hat, aber Christus hat ihm die zeitliche Macht nicht gegeben; diese hat Carl der Große ihm gegeben, und ich, der Nachfolger Carl des Großen, will dieselbe ihm Hinwegnehmen, weil er sie nicht zu gebrauchen weiß und sie ihn verhindert, seine geistlichen Funktionen auszuüben. Wie denken Sie hierüber, Herr Emerp? Derselbe erwiederte: Eure Majestät ehren den großen Bossnet und finden Gefallen daran, ihn oft anzuführen. Nun kann ich selbst keine andere Gesinnung haben, als Bossuet in seiner Vertheidigung des Klerus ausspricht. Ich will die Stelle anführen, die daraus meinem Gedächtniß genau gegenwärtig ist. Bossuet, Sire, spricht also: Wir wissen es wohl, daß die römischen Päpste und der priesterliche Stand durch die Verleihung der Könige Güter, Rechte und Fürstenthümer (imperia) erhielten und solche rechtmäßig besitzen, wie andere Menschen mit sehr gutem Rechte dieselben besitzen. Wir wissen, daß diese Besitzungen, insoferne sie Gott gewidmet sind, heilig sein müssen, und daß man solche ohne gotteslästerlichen Raub nicht überfallen noch rauben und an Weltliche verschenken kann. Man hat dem apostolischen Stuhl die Oberherrschaft über die Stadt Rom und andere Besitzungen verliehen, damit derselbe freier und gesicherter seine Gewalt in der ganzen Welt ausübte. Dazu wünschen wir nicht nur dem apostolischen Stuhle, sondern auch der gesammten Kirche Glück und beten aus ganzem Verlangen unseres Herzens, daß dieses geheiligte Fürsten thum (nrinichmt) auf alle Weise frei und unberührt bleibe. Iüi>. I. 860t. 10, eap. 16. Nachdem Napoleon in Geduld zugehört, sprach er in sanften Worten: Ich verwerfe das Ansehen Bossuets nicht; dieß Alles war wahr zu seiner Zeit. Als Europa mehrere Oberherrn erkannte, war es nicht schicklich, daß der Papst einem besondern Souverän unterworfen wäre, allein, was kann es wohl wehren, P?.-.' iK 112 daß der Papst mir unterworfen sei, da Europa keinen anderen Herrn als nur mich anerkennt. Herr Emery schien sich zu bedenken, weil er die persönliche Hosfart des Kaisers nicht beleidigen wollte und sagte unter Anderm zuletzt die Worte: Sire! Sie kennen die Geschichte der Revolutionen so gut, wie ich; es ist möglich, daß, was jetzt besteht, nicht immer besteht. Man muß also eine mit so großer Weisheit gegründete Ordnung nicht ändern. Bevor die Sitzung endete, fragte Napoleon einen der Bischöfe, ob es wahr sei, was Emery aus dem Katechismus gesagt habe. Auf eine bejahende Antwort schickte er sich an sich zu entfernen; da ihm einige Prälaten bemerken wollten, Emery habe ihm vielleicht mißfallen, sprach der Kaiser: Ihr seid irrig, ich zürne ihm keineswegs, er hat wie ein Mann gesprochen, der seinen Gegenstand kennt und ich sehe es gerne, daß man so mit mir spreche. Hr. Emery denkt nicht wie ich, aber Jedermann darf hier seine freie Meinung haben. Mit Achtung und Ehrfurcht grüßte Napoleon beim Vorübergehen, aber letztens den Abbö. Durch Uebermuth und Stolz verblendet, achtete er aber nicht auf die letzten Worte seines wohlmeinenden Lehrers und wird sich wohl erst auf St. Helena erinnert haben, daß derselbe auch ein Prophet gewesen, weil, „was einst bestand, nicht mehr war" und der große Kaiser zum kleinen General degradirt wurde. Gleiches oder ähnliches Geschick trifft ohne Zweifel Napoleon III-, wenn derselbe wirklich es wagt, an die geheiligte Person des Statthalters Hand anlegen zu lassen und über das geheiligte Fürstenthum mit List oder Gewalt einen andern zu setzen als den, welchen die göttliche Weltregierung eingesetzt hat. Möge daher dieser neue Franzosen-Kaiser die Katechese, dieLection, in welche er durch die trefflichen Hirtenbriefe der Cardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe seines Reiches noch zur rechten Zeit genommen wurde, nicht gleich den alten, für Meinung nur, sondern für eine Wahrheit halten, die ihn frei machen wird von schwerer Schuld und Strafe. I'-'E: Für -en KLrchenbau der armen Katholiken in Stargard und Köslin ist der erste Baustein von Augsburg angekommen in Gestalt einer 10 st. Banknote! (Herzliches Vergelt's Colt dafür dem wackern, braven Manne «... D. R.) Und schnell ist ihm ein zweiter gefolgt: Von Pf. I. P. L. 3 st. Gebe Gott Segen und Gedeihen für und für! Milde Gaben für die Mission in Prrleberg. Durch X. IV. von mehreren Freunden der armen Pcrleberger, welche das Glück haben, in schönen und herrlichen Gotteshäusern ihre Andacht verrichten zu können ....... st. 18 kr. Redaciiau und Verlag: Dr. M. H u tt l e r. — Druck vd» I. M. Älcinle. AilgMgtt AmtligMM. M» 1S. 8. April 1860. DaS Augsburger Sonntaasblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnemcntspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. Bayer. Postämter und alle Buchhand- lungen bezogen werden kann.* Marianna vom heil. Nincenz a Paula. (Schluß.) Unter den vielen feierlichen und bedeutungsvollen Ceremonien der Kirche gibt es keine ergreifendere, keine rührendere, als wenn der wiederversöhnte Sun der, dessen Leben eine ununterbrochene Folge von Leiden und Armuth, vielleicht auch von schweren Verschuldungen gewesen, im Begriffe steht, zum letzten Male den Gott in sein Herz aufzunehmen, vor dem die Seraphim ihr Antlitz verhüllen, vor dem die Großen der Erde nichts sind und vor dem der Sünder in wenigen Augenblicken erscheinen soll. Dasselbe Sacrament, welches wir im Triumphe wenigstens einmal im Jahre durch die Stadt feierlich geleiten, von Priestern in reichen Gewändern, von flatternden Fahnen und zahlreichen Lichtern umgeben, den Weihrauchwolken umwallt und umdustet von prächtigen Blumen, diesem schönen Schmucke der herrlichen Schöpfung Gottes, — wird sonst in gar demüthigender Weise von dem Priester, allein, zu Fuße, oft im rauhcsten Wetter, zu dem Lager eines Sterbenden getragen, um dort, vielleicht ohne daß ein einziger Mensch dabei ein Gebet spricht, des Armen Abschied von dieser Welt zu versüßen und ihn aus seinem letzten furchtbaren Wege zu begleiten. Die Tröstungen der Religion waren der unglücklichen Frau Prall zu Theil geworden und die letzten Gebete waren noch auf des Priesters Lippen, als Marianne, deren Augen auf die Kranke gewandt waren, eine Bewegung bemerkte, welche sie überzeugte, daß der Lebensfunke erloschen sei. Sie erhob die Hand und der Geistliche, der sie augenblicklich verstand, begann die Gebete für die Verstorbenen zu sprechen. Der Priester, der vor Müdigkeit fast niedersank, wollte sich eben entfernen und auch Marianne, welche sich der späten Stunde erinnerte, war im Begriff das Zimmer zu verlassen, als ein wild aussehender Kerl, der an der Schwelle stand, ihren Arm ergriff. — Um Vergebung, Fräulein, begann er, was bedeutet dieser Lärm hier? Es kommt einem Manne doch sonderbar vor, wenn er heimkommt und seine Stube mit solchem Volk gefüllt findet. Es ist ja, als wenn ein Irrenhaus geöffnet worden wäre, — nichts für ungut, Fräulein! Es ist wahrhaftig Prall selbst, der schändliche Mann der Verstorbenen! schrie eine kleine Person. Tritt näher, du Mörder deines Weibes und betrachte dein Weib hier: schämst du dich nicht deinen beiden Jungen unter die Augen zu treten? Aber du hast das Schämen längst verlernt, du nichtsnutziger Landstreicher! Um Gotteswillen, Fräulein, sagen Sie mir, was sie meint, sagte der Mann, der Plötzlich sehr blaß geworden war und verstört um sich blickte. Er war offenbar berauscht. — M..... trat ängstlich zurück — und sprach: Euer Weib ist todt und ohne das Kind gesehen zu haben, das Sie mitgenommen hatten. Vollständig ernüchtert durch diese Mittheilung stöhnte er die Worte hervor: Um Gotteswillen, Fräulein, sprechen Sie die Wahrheit? — Er stürzte auf das 114 Bett zu und starrte tu das Gesicht der Leiche, dem die Merkmale der schrecklichen Krankheit deutlich ausgeprägt waren. O Weib, rief er aus, indem er neben dem Bette auf die Kniee sank, sieh mich noch ein Mal an, deinen unglücklichen Mann, der wieder zu dir zurückgekehrt ist. Ich weiß, ich bin ein schändlicher Mensch, ein verworfener Hund: schilt mich nur, aber laß mich noch einmal deine Stimme hören! Sie ist todt und alles Klagen ist nutzlos, sagte M.mit thränenvollen Augen. — Da wandte er seine blutunterlaufenen Augen gegen das Fräulein und seufzte: Hören Sie mich 'mal an! — Ich war vor dreiundzwanzig Jahren Soldat — auch eben kein Glück für mich — und *mcin Regiment stand in Coblenz. War es nun mein rother Rock oder mein frisches Gesicht — ich war damals ziemlich hübsch — genug, dies arme Weib ließ sich von mir überreden, bei der Versetzung unseres Regiments aus dem elterlichen Hause zu entfliehen. Sie war das einzige Kind eines bejahrten Mannes und leider mutterlos. Wir wurden von einem evang. Prediger getraut. Anfangs war ich auch recht gütig gegen sie, wenigstens so weit mir dies bei meinem heftigen Charakter möglich war; aber das Trinken und schlechte Gesellschaft — und keine Kirche, waren mein Verderben. Ich wurde degradirt, verließ das Militär, ging auf Fabrik und behandelte mein Weib schlimmer als einen Hund. Zuletzt ließ ich sie ganz im Stich und hauSte mit einer Andern. Ich liebte diese nicht, aber sie paßte zu mir, weil sie eben so verdorben war, als ich selber; auch kümmerte sie sich nicht darum, wie ich zu dem Gelde kam, wenn sie es nur verprassen konnte. Von Zeit zu Zeit besuchte ich mein Weib: sie hoffte noch immer auf meine Rückkehr, aber die Andere hatte mich in den Klauen. Sie war hinter meine Schliche gekommen und konnte mich, wenn sie wollte, in den Ochsenkops bringen. So wurde ich von Tag zu Tag schlechter. Ich fühlte mich auch immer unglücklicher: mein Herz sehnte sich, irgend einen Gegenstand zu lieben, und alles schien mich zu hassen, ausgenommen mein Töchterchen. So oft ich nach Hause kam, schlang das Kind seine Aermchen um meinen Hals, küßte mich und nannte mich „Vater!" Ich entschloß mich zuletzt, das Kind zu stehlen und brachte es zu Martha in's Haus. Dadurch wurde aber meine Lage immer schlimmer. Das Weib haßte mein Kind; mißhandelte es, um es zu zwingen, aus dem Hause zu laufen. Das Mädchen war sehr hübsch geworden, als sie heranwuchs, zu hübsch — ganz wie ihre Mutter, als ich sie zuerst kennen lernte. Ich hoffte ihr einen Dienst zu verschaffen; aber wer wollte die Tochter eines solchen Vaters zu sich in's Haus nehmen? Martha, die elende Creatur, hat sich aus dem Staube gemacht! Um sie kümmerte ich mich wenig; aber mein Kind ist auch fort — mein einziger Schatz, den ich mit Gefahr meines Lebens, auf Kosten meines Seelenheils geraubt hatte! Ich spürte dem erbärmlichen Weibe nach und fand sie bei einem Menschen, der, so schlecht ich auch bin, doch noch tausendmal schlechter ist, als ich. Sie gab mir, als ich nach meinem Kinde fragte, mit höhnischem Gelächter zur Antwort, ich möchte sie — aus den — aus den Straßen suchen! Diese Worte brachten mich dem Wahnsinn nahe. Und nun hier das Elend! — Ach, daß ich meiner Frau nicht gefolgt, nicht mit zum kathol. Priester gegangen bin! — Sie, hochw. Herr, waren ja der Beichtiger meiner Frau, als sie noch zur kathol. Kirche ging! — Ach — wenn's einen Gott gibt! helfen Sie mir! Marianne und der Priester dachten nach, was hier zu thun sei. hätten wir Klöster für die Ausgestoßenen der Menschheit, hieß es — jetzt aber wäre bei dem Mangel an Anstalten für solche Unglückliche kein rechtes Mittel, das sichere Hoffnung auf Besserung gebe. Man fand später das Mädchen, — allein schon vergiftet an der Seele. Alle Besserungsmittel der Humanität und der freien Gabe des Sct.-Vincentius- 115 Vereins fanden in den Herzen, welche durch die Sünde durchlöchert waren und Lie kein Sacrament der Buße kannten, keinen Boden mehr. Beide, Vater und Tochter — geriethen später ins Zuchthaus, wo sie wenigstens der Mitwelt unschädlich gemacht sind. Den unsterblichen Seelen war wohl kein Heil mehr im Gefolge der schwersten Versumpfung in Sünden des Vl. Gebotes, der Vater st^-b — nicht einmal im letzten Augenblicke zu Gott gewendet, wie sein Weib doch zuletzt gethan. Was thut nun wohl Noth, daß der St.-Vineentius-Verein nicht blos leiblicher Armuth wehre, sondern der geistigen Armuth, die der leiblichen Noth seiner Pfleglinge vorausgegangen, zu steueru vermöge?! — Marianne weiß es, und betet. Gott wird helfen. Der Schmied von Regendach. Im Fürstenthume Hohenlohe-Langcnburg liegt ein Dorf, heißt Regendach, wo sich vor mehreren Jahren die folgende herzzcreißcnde, aber auch herzerhebende Geschichte zugetragen hat. Es war an einem Sonntag Nachmittag, da saßen in der Wirthsstube zu Regenbach viele Männer und Frauen aus dem Dorfe gemüthlich bei einander bei ihrem Krug Bier und Keiner von ihnen hatte eine Ahnung, was an diesem Tage noch Schreckliches und Furchtbares geschehen sollte. Auch der Schmied saß unter den Leuten, ein starker, rüstiger Mann, mit einem recht entschlossenen Gesicht und kühnen Blick, aber auch mit einem so gutmüthigen Lächeln auf den Lippen, daß ein Jeder ihn lieb haben mußte, wer ihn nur ansah. Jeder schlimme Gesell aber mochte ihm ja aus dem Wege gehen, denn der wackere Schmied konnte kein Unrecht leiden, und es war nicht gerathen, mit ihm anzubinden, außer im Guten. Seine Arme waren wie Eisenstangen und seine Fäuste glichen Schmicdhämmern. Nur wenige Menschen gab es, die es an Körperkraft mit ihm aufnehmen konnten. Der wackere Schmied saß nicht weit von der Thür und plauderte mit einem Nachbar. Auf einmal springt die Thüre auf und ein großer Hund kommt in Lie Stube, ein großes, mächtiges Thier von grimmigem, schrecklichem Aussehen. Den Kopf mit den rothglühenden Augen hielt er gesenkt, das Maul stand ihm offen, die bleifarbene Zunge hing ihm weit aus dem Halse und den Schwanz hatte er zwischen den Hinterbeinen geklemmt. So kam das Thier zur Stube herein, die keinen Ausgang weiter hatte, als nur die einzige Thür. Kaum hatte aber der Nachbar des Schmieds, es war der Chirurg vom Ort, das Thier gesehen, so wurde der Mann plötzlich todtenblaß; er sprang aus und rief mit entsetzter Stimme: „Gott sei uns gnädig, Leute, der Hund ist toll!" Nun gabs einen Schrecken! Die Stube war fast von Menschen angefüllt und das wüthende Thür stand vor dem einzigen Ausgang und Niemand konnte ins Freie, außer daß er an ihm vorbeigemußt. Die Bestie aber schnappte wild nach rechts und links und Keiner vermochte an ihm vorüberzukommen, ohne von ihm gebissen zu werden. Das Angstgeschrci war entsetzlich; Alle wichen zurück, sprangen auf Tische und Bänke und schauten mit stieren Blicken voll Todesangst auf den tollen Hund. Wo gabs Rettung vor ihm? Da stand auch der Schmied auf und wie er die Todesangst so vieler Menschen sah, gedachte er sogleich, wie viele der glücklichen und zufriedenen Leute durch den tollen Hund könnten grenzenlos unglücklich gemacht werden, und er faßte einen Entschluß, wie es kaum seines Gleichen in der Geschichte der Menschheit gibt, der an Hochherzigkeit und Edelsinn ihm gliche. Freilich erblaßte seine 116 gebräunte Wange ein wenig, aber sein Auge funkelte in wahrhaft göttlichem Feuer und eine erhabene Entschlossenheit leuchtete von der Stirn des schlichten, einfachen Mannes. „Zurück Alle!" donnerte er mit seiner tiefen, kräftigen Stimme. „Keiner rübre sich, denn Keiner kann das Thier zwingen außer ich. Ein Opfer muß fallen, um Alle zu retten, und dies Opfer will ich sein! Ich bändige das Thier und während ich's thue, entflieht!" Und der Schmied hatte kaum diese Worte gesprochen, so kam die Bestie von tollen Hund heran und gerade auf den krächzenden Mcnschenknäucl zu. Kam aber nicht weit. „Drauf mit Gott!" rief der Schmied, und drauf stürzte er, packte es mit seinen Riesenarmen und warf es zu Boden- Aber ach, das war ein entsetzlicher, schrecklicher Kampf, der nun folgte! Grimmig biß der Hund um sich und sträubte sich mit Stöhnen und dumpfem Geheul. Seine zolllangen Zähne zerisscn den Arm, den Schenkel des hochherzigen Schmieds, aber der Schmied ließ ihn nicht los. Nicht achtend des grimmigen Schmerzes, nicht achtend den gewissen schrecklichen Tod, der dem Kampfe folgen mußte, hielt er mit Riesenkraft die schnappende, beißende und stöhnende Bestie nieder, bis Alle entflohen waren, bis Alle gerettet und in Sicherheit waren, nur er mit dem Hunde noch allein blieb. Da schleuderte er die halberwürgte Bestie von sich gegen die Wand und bluttriefend, mit giftigem Geifer besudelt, verließ er das Zimmer und verschloß die Thüre hinter sich. Durch das Fenster schoß man den Hund todt. Aber, o barmherziger Gott, was sollte aus dem unglücklichen, wackeren Schmied werden? Weinend und wehklagend umringten ihn die Leute, die er gerettet hatte, gerettet auf Kosten seines eigenen Lebens. „Seid still, Männer, weinet nicht um mich, Frauen und Kinder", sagte er, „Einer muß sterben", um die Anderen zu retten. Dankt mir auch nicht, denn ich habe nur eine heilige Pflicht erfüllt. Wenn ich todt bin, so gedenkt meiner in Liebe und betet für mich, daß mich Gott nicht zu lange und zu sehr leiden läßt. Daß aber kein weiterer Schade durch mich geschieht, da ich nun freilich toll werden muß, dafür will ich schon sorgen!" Und er ging geraden Weges zu seiner Schmiedewerkstatt und da suchte erschwere Ketten heraus, die schwersten und festesten aus seinem ganzen Vorrath, dann sachte er ein mächtiges Kohlensauer an und glühetc dabei die Ketten und mit eigener Hand schmiedete er sie um Hand und Fuß und auch um den Amboß, welchen keine Menschenkraft aus der Erde reißen konnte, so wie keine Menschenkraft im Stande war, die eisernen Ketten zu brechen. — „So, nun ist's geschehen", sagte er nach ernst vollbrachtem Werke, „nun seid ihr sicher und ich bin unschädlich. So lange ich lebe, bringt mir meine Kost, das Andere füge Gott. In seine Hände befehle ich meinen Geist!" —> Nichts konnte den braven Schmied retten, nicht Weinen, nicht Jammern, nicht Gebet. Die Wuth ergriff ihn und nach den neun Tagen mußte er sterben, aber wahrlich, er starb nur, um an Gottes Throne zu einem schöneren, zu dem herrlichsten Leben zu erwachen! Er starb, aber sein Andenken lebt fort von Geschlecht zu Geschlecht, von Kind zu Kind, und gesegnet sei es bis an der Welt Ende. Schaut Euch um in den Büchern der Geschichte der Menschheit — keine That werdet Ihr finden, mehr des Ruhmes, des Edelsten Werth, als die That dieses einfachen Mannes, des Schmieds von Regenbach. In den Opfertod zu gehen mit der Gewißheit sterben zu müssen, und zudem auf den schrecklichsten Tod noch warten zu müssen, fürchterliche Stunden und Tage hindurch — das heißt nicht ein Mal, das heißt tausend Mal sterben. Und solchen Tod starb der Schmied, solches Opfer brachte der Schmied von Regenbach zur Rettung seiner Nebenmenschen! Darum sei uns sein Andenken heilig! ._ 117 Die Fregatte „Novara" in Neu-Seeland. Man schreibt aus Anckland (Nen-Seeland, Anstralien) dem „UniverS": Das österreichische Kriegsschiff „Novara" hatte vorzüglich eine wissenschaftliche Aufgabe zu lösen; allein deßungeachtet erfüllten seine Officiere und Matrosen noch eine »ndere Sendung, nämlich: für einen katholischen Großstaat in fernen Gegenden, wo kaum sein Name bekannt war, Gefühle der Bewunderung einzustoßen, und sowohl die Bischöfe als Missionäre zu erfreuen — diese Glaubensheldcn, welche aus Eifer für das Seelenheil sich zum Leben auf einer so vereinsamten Insel entschlossen, wohin nur selten Europäer kommen. Gegen Weihnachten des verflossenen Jahres warf die „Novara" vor Nen-Seeland die Anker. Den folgenden Tag stattete der Kommodore B. WüllerSdorf, begleitet vom SchiffScapitän, seinen Besuch in der höflichsten Weise unserem Bischöfe ab. Diese Aufwartung erregte unter den Eingeboruen desto größeres Aufsehen, weil mau in diesem Hafen niemals ein stattlicheres Kriegsschiff und ein Osficiercorps von so guter Haltung erblickte, so daß unsere MaoriS von der Nation, der die Soldaten angehören, einen hohenBegriff sich bildeten. Am nächsten Sonntage, dem ersten des Jahres 1859, wurde der Schifföcaplan vom Bischöfe eingeladen, das Hochamt zu lesen, bei welchem der hochwürdigste Oberhirt eine Predigt in der Landessprache hielt. Die gesammte Mannschaft, welche durch den Dienst anf dem Fahrzeuge nicht verhindert war, wohnte in voller Parade dem Gottesdienste bei — zur Erbauung des ganzen Volkes. Dieö gute Volk, das in seiner Abgeschlossenheit sich — in Bezug des Glaubens — mit seinen 10—12 Missionären so vereinsamt vorkömmt, war vor Freude fast außer sich, als es angesehene Männer von so fernen Ländern an seinen religiösen Uebungen Theil nehmen sah, und dadurch den Beweis hatte, daß cS durch die Bande der gleichen Religion mit großen Nationen anderer Welttheile vereinigt sei. Alö unser Bischof den Officieren der Fregatte den Gegenbesuch abstattete, ließ er sich von einigen der vornehmsten MaoriS (Nen-Seeländern) begleiten, welche durch die herrliche Einrichtung des Schiffes und besonders durch die ihrem Bischöfe erwiesenen Ehren ganz entzückt wurden. Der Kommodore, in der Parade-Uniform, empfing ihn am Borde, stellte ihm daS ganze Osficiercorps vor, und geleitete ihn in alle Theile der Fregatte. Zur Heimkehr bot er dem Bischöfe seine eigene Barke an, begrüßte ihn bei der Abfahrt mit dreizehn Kanonenschüssen, und ließ ihm durch den Marinecaplan das Geleite bis zur Wohnung geben. — Als der Kommodore nach einem Aufenthalte von zehn Tagen im Begriffe war, die Anker zu lichten, händigte er im Namen Sr. apostolischen Majestät des Kaisers von Oesterreich dem Bischöfe einen ganzen Kirchcnornat von ausgezeichneter Schönheit, eine Monstranz von kunstvollster Arbeit und andere Gegenstände für den Gottesdienst zum Gebrauche der Mission ein. Man kann sich die Ueberraschung und Freude nicht nur der Missionäre, sondern vorzüglich der eingeborenen Katholiken vorstellen, welche nie etwas AehnlicheS gesehen, und sich durch einen mächtigen Kaiser geehrt fühlen, für den sie mit Inbrunst beten werden, seinen Namen dankbar segnend. Auch die Klosterfrauen unserer Mission, zwanzig an der Zahl, welche beiläufig dreihundert Mädchen unterrichten, erhielten von dem Kaiser Franz Joseph ein herrliches Geschenk: zwei schön geschmückte Statuen der unbefleckt empfangenen Gottesmutter. Eine dieser Statuen, in einer der heiligsten Jungfrau geweihten Capelle aufgestellt, bot den Anlaß, daß sich die Verehrung der Himmelskönigin verdoppelte; denn man kömmt aus allen Theilen der Stadt, um vor diesem Bilde zu beten. Unsere Klosterfrauen sind aus dem Orden zur „Erlösung der Gefangenen", und der Abstammung nach alle Inländerinnen, welche englisch und maorisch lehren. — Unser Bischof schenkte dagegen den Officieren die Werke, welche er in englischer und maorrscher Sprache für seine Diöcese herausgab, sowie einige Gegenstände der neu-seeläudischeu Industrie, besonders Bildhauerarbeiten, welche, obgleich keine Meisterstücke, doch glück- liche Fähigkeiten anreizen. — Während ihres VerweilenS anf der Insel sah man die österreichischen Matrosen und Soldaten oft schaarenweise zu dem Bischof gehen, der ihnen seinen Segen und verschiedene geweihte Sachen gab. Auch nach der Abreise erfuhr man nicht das Mindeste, was den durch ihre Haltung bewirkten guten Eindruck geschwächt hätte. Noch muß ich erwähnen, daß die Fregatte vom Vorgebirge der guten Hoffnung fünf Neger von 12—15 Jahren auf den Bord nahm. Um ihre Seelen zu retten, lernte der Schiffscaplan Marochiui ihre Sprache, machte grammatikalische Bemerkungen, verfaßte ein kleines Wörterbuch, und brachte eS dahin, daß er ihnen die vorzüglichsten Wahrheiten des christlichen Glaubens vortragen konnte. Er wurde ihr Schüler in der Sprache, nnd sie wurden seine Schüler in der Religion. Als sie in Neuseeland anlangten, waren sie schon so unterrichtet, daß sie hätten getauft werden können; allein man verschob diese heil. Handlung anf eine noch feierlichere Gelegenheit. — Das war unser größter Trost, den wir im Laufe des Jahres in unserer Drangsal und den Umtrieben hatten, durch welche die Lüge und der Irrthum die Seelen Gott dem Herrn entreißen will. Die Mission in Neuseeland besteht seit 23 Jahren; sie hat 2 Diöcesen und 30,000 Gläubige, darunter 25,000 Eingcborne und 5000 Europäer. Pantine, das Weltkind, oder Weltfinu fuhrt zum Verderben. Im Jahre 1839 lebte zu Freiburg in der Schweiz ein Mädchen von 18 Jahren mit "Namen Pauline. Dieselbe war in ihrer frühesten Jugend recht brav, fromm und eingezogen, aber seit sie in die öffentlichen Gesellschaften mitgehen, alle Vergnügungsorte besuchen und sich öffentlich sehen lassen durfte, seit sie von Vielen bewundert und von angesehenen Jünglingen verehrt wurde, da war auf einmal der fromme Sinn bei ihr geschwunden. Sie dachte nur mehr an irdische Dinge; Theater, Ball und Vergnügungsplätze waren ihre Lieölings- »rte, Romane ihre Lieblingsleetüre, schöne Kleider ihre größten Freuden, all ihr Verlangen bezog sich aus immer neue Vergnügungen. Sie floh das Gebet, ihre Gebetbücher lagen bestaubt und ungebraucht in einem Schranke ihres Wohnzimmers, das Crucifix mußte einem neumodischen Spiegel Platz machen, das Marienbildchen mußte den von ihren Verehrern ihr geschenkten Nippsachen weichen, der Betstuhl mußte auf den Speicher wandern — kurz, wie in ihrem Herzen, so war auch in ihrem Wohnzimmer eine große Veränderung vor sich gegangen. Sie mied die Kirche und den Gottesdienst, und vernachlässigte den Empfang der heil. Sacramente, was ihr früher immer so viel Trost und Freude gebracht hatte, sie brachte einen großen Theil des Tages vor dem Spiegel zu, entwarf immer neue Pläne, welche neuen Kleider sie sich noch beschaffen würde und selbst in ihren Träumen beschäftigte sich ihr Geist stets mit Kleidern und sinnlichen Vergnügungen. Da warf Gott das gottvergessene Weltkind aufs Krankenlager. Die Aerzte erschöpften ihre Kunst, um zu helfen, aber tagtäglich wurde es schlimmer mit ihr. Man holte einen Priester herbei. Dieser erkannte sogleich, daß dem Leben des Mädchens große Gefahr drohe und dasselbe bald sterben werde, und ermähnte sie ernstlich, an Gott und ihr Seelenheil zu deuten und die heiligen Sacramente als Vorbereitung aus die Ewigkeit zu empfangen. Er sagte zu ihr: Pauline, bereite dich zu beichten — denn du wirst sterben. Aber von allen dem wollte sie nichts wissen. Unruhig schaute sie nach ihrem Kleiderschränke, richtete sich mühsam in ihrem Bette auf, blickte starr vor sich hin, dann seufzte sie tief auf und schrie: O mein Gott und meine schönen Kleider! sank aus ihr Lager zurück und war eine Leiche. — So weit, bis zur Unbußfertigkeit, führt die Liebe zur Welt und ihren Eitelkeiten. M. 0. 119 Der brave Zsraelit. Ein elternloser 14jähnger Knabe aus Südstadt, im AmteBrinzhausen, im Königreiche Hannover, konnte in seinem Geburtsorte und der Umgegend kein Unterkommen finden, weil er an Geist und Körper durch Mangel an Unterricht und an gehöriger regelmäßiger Nahrung verkrüppelt war. Er entschloß sich daher, in das Oldcnburgische zu gehen. Hier hatte er dasselbe traurige Schicksal. Bettelnd, mit erfrornen Füßen, abgezehrt, mit angeschwollenem Unterleibe, ein lebendes Bild des Elendes und des nagenden Hungers suchte er sein Brod vor den Thüren der mildthätigen Oldenburger, jedoch vergebens um Ausnahme flehend. So kam er endlich in den Flecken Ovelgönne. Hier wurde der edel- müthige Jsraelite Leib von seinem traurigen Zustande gerührt, nahm den christlichen von seinen Mitchristen (?) verlassenen Knaben in sein Haus, ließ ihn kleiden, die Wunden Füße verbinden und den armen Knaben durch einen geschickten Arzt auf seine Kosten herstellen. Sodann behielt er ihn bei sich, ließ ihn im Schreiben und Rechn?n gehörig unterrichten und bildete ihn zu einem ge schickten und redlichen Handelsmanne. Als dem inzwischen militärpflichtig gewordenen jungen Manne im Jahre 1824 verstattet wurde, einen Stellvertreter zu stellen, lieh ihm sein großherziger Wohlthäter, der Jsraelit, 200 Reichsthaler dazu und unterstützte ihn mit Rath und That dermaßen, daß es ihm gelang, in kurzer Zeit nicht nur die Kosten des Stellvertreters, sondern auch dasjenige, was. er durch den plötzlichen Eintritte zum Militärdienste und während desselben zugesetzt hatte, wieder zu verdienen. Der brave Jsraelit und sein Schützling erfreuten sich fortwährend der vorzüglichen Achtung und des Zutrauens ihrer Mitbürger. Ein armer Geiger. * Eine Frau war reich und verstand es, auf die zarteste Weise reichliche Wohlthaten zu spenden. AI- sie eines Tages nach Hause kam, fand ste an ihrer Thüre einen armen Geiger; er zitterte vor Kälte, denn es war Winter, und seine Kleidung har- monirte durchaus nicht mit der Jahreszeit; seine Fußbedeckung setzte ihn dem Schnee und Kothc so auS, daß seine Füße mit diesen in die innigste Berührung kamen; sein Aussehen war blaß und blau angelaufen, von seiner Magerkeit gar nicht zu sprechen. In diesem Zustande mußte er die Geige spielen und die Zuhörer ergötzen. Die junge Frau, von Mitleid erfüllt, ließ ihn in ihren Salon eintreten, setzte ihn an's Feuer, erquickte ihn mit einem Glase Wein und gutem Brode, was alles gewürzt ward durch ihre freundlichen, tröstlichen Worte. Er verließ das Haus mit von Freude und Dankbarkeit erfüllten Herzen. Die junge Frau dachte nicht mehr an ihn, er aber vergaß seine Wohlthäterin nie, er erkundigte sich stets nach ihr, sein Herz folgte ihr überall, er war glücklich in ihrem Glücke. Aber ach, auch für ste kamen böse Tage; ein gänzlicher Verlust ihres Vermögens nöthigte sie, ihre kostspielige Wohnung zu verlassen, die reiche Einrichtung wurde verkauft, und bald mußte sie, um ihr Leben zu fristen, auch den letzten Rest ihres ehemaligen Glückes veräußern und ihre Brieftasche mit Pfandscheinen anfüllen. Unglückselige Scheine, wo findet man dieselben heutzutage nicht? Eine Person redet uns schüchtern und mit demüthiger Miene an, zeigt einen dicken Bündel Papier, weißes, gelbes, buntes Papier, eS sind PsandhauSscheine: das heißt Elend, Elend, daS man täglich sehen kann. Der gute Geiger hört ihre Noth, er vervielfacht sich in der Kunst, im Muth, arbeitet Tag und Nacht, arbeitet sogar spät Abends unter Gefahr, mit der Polizei zu verfallen, sein Talent scheint zuzunehmen, ein edler Gedanke begeistert ihn, entlockt seiner armen Geige Töne, die sie nie kannte, und die kleinen SouS regnen von den Fenstern herab. Auf der anderen Seite legt er sich Entbehrungen auf, ein Stückchen Brod ist fast seine ganze Nahrung, von Wein ist gar keine Rede mehr, das Gläschen Branntwein ist verpönt; wiewohl er eS bisher als den unentbehrlichsten Trost des Lebens angesehen . . . Kraft dieser Arbeit und Entbehrungen bringt der brave Geiger eine Summe von hundert Franken zusammen. Nun ist er reich, glücklich, nicht für sich, sondern des Guten wegen, das er thun will. Er sucht also seine Wohlthäterin in ihrer Mansarde auf; sein Gesicht strahlt vor Freude, und er schien die Veränderung, welche mit ihr vorgegangen, gar nicht zu bemerken; er beschäftigte sich nur mit ihrer Person, ihr seine Erkenntlichkeit zu bezeugen; ihre Wohlthätigkeit habe ihm Glück gebracht, er mache seit dieser Zeit gute Geschäfte, er habe keinen Mangel mehr, er habe sogar mehr, als er zum Leben brauche; er lege Geld bei Seite, er habe sogar hundert Franken bei sich, er wisse nicht, waS er dann' anfangen solle; wenn sie dieselben annehmen wolle, so würde sie ihn sehr verbinden, ihn glücklich machen: kurz, er sprach so lange und so gut, daß sie dieselben annahm. Er kam nun öfter, und stets brachte er ein Fünffrankenstück, was er nicht bedurfte, und wenn es angenommen wurde, ging er fort, und auf seinem blassen Gesichte erglänzte ein unbeschreiblicher Ausdruck der Freude und des Glückes . . . Zuletzt wollte doch die zartfühlende Frau nichts mehr annehmen, sie fürchtete, ihm ein zu großes Opfer aufzulegen; da wurde unser wandernder Musikus untröstlich, aber sein Herz fand ein anderes Mittel, das man nicht abweisen durfte: er schlug ihr Vor, das Geld leihweise anzunehmen. Dieses Anerbieten konnte man natürlich nicht abweisen, aber, WaS bei Geschäftsleuten nicht vorkommt, er wollte so viel und so oft verleihen, daß seine in Schutz Genommene ihm sagen mußte: „Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen je wiedergeben kann!" — ,,Bah, bah!" antwortete er, „was liegt daran, nehmen Sie nur; Sie geben es mir wieder, wenn Sie wieder reich geworden sind." Kurz, es ging nun so gut, daß bei der armen Frau Muth und mit diesem auch ein gewisser Wohlstand zurückkehrten; sie fing, Dank der Vorschüsse deS Geigers, einen kleinen Handel an; das Geschäft ging gut, und sie wurde sogar wieder reich: die Wohlthätigkeit brachte Beiden daS irdische Glück zurück. Der Künstler ist ein ansehnlicher Mann in der Gesellschaft geworden, und seine Wohlthäterin lebt wieder in ruhiger Behaglichkeit. (MulloiS und Müller, das Elend zu Paris.) Für den Kirchenbau -er armen Katholiken in Stargard nnd Köslin. Aus Traunstein: „Rette, o Herr, den heiligen Vater aus den Händen seiner Feinde!" ..3 st. — kr. Milde Gaben firr die Mission in Perleberg. Aus Traunstein: „Rette, o Herr, den heiligen Vater aus den Händen seiner Feinde!".3 st. — kr. Redaction und Verlag: Dr. M. Huttlcr. — Druck von I. M. Kleittlc. AWlwM" Hl'. 16. 15. April 1860. Das AugSburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage» Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr», wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Rundschreiben des heiligen Vaters Papst PiuS IX. an die ge- samrnte katholische Christenheit. An unsere ehrwürdigen Bruder, die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe und übrigen Ortsordinarien, die in Gemeinschaft mit dem hl. Stuhle stehen. Pins IX. Papst. Ehrwürdige Brüder, Gruß und apostolischer Segen! Wir können es mit Worten nicht ausdrücken, ehrwürdige Brüder, welchen Trost und welche Freude in allen unseren Schmerzen euere und der euch anvertrauten Gläubigen ausgezeichnete und wundervolle Treue, Frömmigkeit und Anhänglichkeit an uns und diesen apostolischen Stuhl, sowie die Einstimmigkeit, die Schnelligkeit, der Eifer und die Standhaftigkeit in der Vertheidigung der Rechte dieses Stuhles und der Sache der Gerechtigkeit uns bereitet haben. Kaum hattet ihr aus unserem Rundschreiben vom 18. Juni des vorigen Jahres und dann aus unseren zwei Ansprachen, welche wir im Consistorium gehalten, zu euerem großen Schmerze die schweren Heimsuchungen vernommen, welche über Kirche und Staat in Italien gebracht worden sind, kaum hattet ihr Kunde erhalten von den schmählichen Bewegungen und Wagnissen des Aufruhres gegen die legitimen Fürsten Italiens, und gegen unsere nnd dieses heiligen Stuhles geheiligte und legitime Herrschaft, — da habet ihr, unseren Wünschen und Sorgen sogleich entsprechend, ohne Verzug öffentliche Gebete in eueren Diöcesen mit aller Sorgfalt angeordnet. Ferner habet ihr nicht nur in den ergebensten und liebevollsten Schreiben an uns, sondern auch in Hirtenbriefen und andern religiösen und gelehrten, unter dem Volke verbreiteten Schriften euere bischöfliche Stimme zum ausgezeichneten Ruhme eueres Standes und Namens erhoben, ihr habet die Sache unserer heiligen Religion und der Gerechtigkeit tapfer verfochten und eueren Abscheu gegen die gottesräuberischen Angriffe auf die weltliche Herrschaft standhaft schützend, mit Freuden bekannt und gelehrt, daß sie durch eine besondere Fügung der Alles regierenden und leitenden Vorsehung dem römischen Papste gegeben worden sei, auf daß derselbe, keiner weltlichen Gewalt je Unterthan, das von Christus dem Herrn und Gott selbst ihm anvertraute höchste Amt des apostolischen Berufes zu vollster Freiheit und ohne irgend ein Hinderniß ausüben könne über die ganze Erde. Auch die theuersten Söhne der katholischen Kirche haben, durch euere Lehre genährt und durch euer treffliches Beispiel ermuntert, sich bestrebt, dieselbe Gesinnung uns zu bezeugen, und thun es noch bis auf diese Stunde. Denn aus allen Ländern der ganzen katholischen Welt haben wir fast unzählige Schreiben, sowohl von Geistlichen als Laien jeder Stellung und jedes Standes erhalten, unter ihnen solche, welche von Hunderttausenden von Katholiken unterzeichnet sind, in welchen sie ihre kindliche Anhänglichkeit und Verehrung gegen uns und diesen Stuhl des heil. Petrus laut bekräftigen, den Aufruhr und die Wühlereien, welche in einigen unserer Provinzen vorgekommen sind, entschieden ver- 122 werfen und erklären, daß das Erbtheil des heil. Petrus völlig unversehrt und unverletzt zu erhalten und gegen jede Unbill zu vertheidigen sei. Nicht wenige von den Unterzeichnern haben außerdem Dasselbe in zu sehr gelegener Zeit veröffentlichten Schriften gelehrt und weise bewiesen. Alle diese herrlichen Kundgebungen von euerer und der Gläubigen Seite, die des höchsten Lobes würdig und mit goldenen Buchstaben in die Annalen der katholischen Kirche einzutragen sind, haben uns so tief ergriffen, daß wir freudig ausrufen mußten: „Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesu Christi, der Vater der Barmherzigkeit und Gott alles Trostes, der uns tröstet in aller unserer Kümmerniß!" Unter den schweren Aengsten, welche auf uns lasten, konnte uns nämlich nichts Angenehmeres, Freudigeres und Erwünschteres begegnen, als zu sehen, von welchem einträchtigen und wunderbaren Eifer zur Vertheidigung der Rechte dieses heiligen Stuhles ihr Alle, ehrwürdige Brüder, beseelt und begeistert seid, und mit welchem vortrefflichen guten Willen die euerer Sorge anvertrauten Gläubigen nach demselben Ziele streben. Ihr könnet euch darum schon selbst leicht denken, wie sehr unsere väterliche Liebe gegen euch und gegen das ganze katholische Volk, wohl verdient und mit dem besten Rechte, von Tag zu Tag zunimmt. Während aber diese euere und der Gläubigen herrliche Gesinnung und Liebe gegen uns und den heiligen Stuhl unseren Schmerz linderte, kam uns von einer anderen Seite her eine neue Ursache zur Trauer, und wir schreiben euch deshalb diesen Brief, damit in einer Sache von so hoher Bedeutung unsere Gesinnung euch vor Allen und von Neuem kund werde. Wie mehrere von euch schon wissen werden, ist nämlich in der Pariser Zeitung, welche den Titel „Moniteur" führt, ein Schreiben des Kaisers der Franzosen veröffentlicht worden, durch welches er auf unseren Brief antwortet, in welchem wir Seine kaiserliche Majestät eindringlich gebeten hatten, daß er auf dem Pariser Congresse unsere und dieses heiligen Stuhles weltliche Herrschaft durch sein mächtiges Fürwort unversehrt und unverletzt erhalten, und selbe von einer verbrecherischen Rebellion befreien möge. In diesem seinem Schreiben weist der erhabene Kaiser auf einen Plan hin, den er uns kurz vorher über diese unsere rebellischen Provinzen vorgelegt und gibt uns jetzt den Rath, daß wir auf den Besitz dieser Provinzen verzichten möchten, da "seiner Ansicht nach nur auf diese Weise der gegenwärtigen Verwirrung gesteuert werden könne. Ein jeder von euch, ehrwürdige Brüder, sieht ein, daß wir, unserer schwersten Pflicht eingedenk, nicht schweigen konnten, als wir einen derartigen Brief empfingen. Wir haben uns daher beeilt, ohne Verzug demselben Kaiser zurückzuschreiben, indem wir ihm mit apostolischem Freimuth klar und offen erklärten, daß wir in keiner Weise seinem Rathe beipflichten könnten, weil „unüberwindliche Schwierigkeiten mit demselben verbunden seien, in Betracht unserer und dieses heiligen Stuhles Würde und unseres geheiligten Charakters, und wegen der Rechte desselben Stuhles, die nicht den Nachfolgern und Erben irgend einer königlichen Familie, sondern allen Katholiken angehören;" zugleich sprachen wir aus: „daß wir nicht abtreten können, was nicht unser ist, und daß wir ganz wohl einsehen, wie jener Sie^, welchen er den aufrührerischen Einwohnern von Aemilien gewährt zu sehen Wunsche, den eingeborenen und auswärtigen Wühlern anderer Provinzen eine Ermunterung sein werde, dasselbe zu verüben, wenn sie sähen, welcher glückliche Erfolg den Rebellen zu Theil geworden." Weiter haben wir unter Anderem demselben Kaiser eröffnet: „daß wir auf die erwähnten in Aemilien gelegenen Provinzen unserer päpstlichen Herrschaft nicht Verzicht leisten können, weil wir in diesem Falle den feierlichen Eid, durch welken wir gebunden sind, verletzen, Unzufriedenheit und Unruhen in unseren übngen Provinzen erregen, allen Katholiken eine Schmach anthun, und endlich die Rechte nicht nur jener italienischen Fürsten, welche ihrer Herrschaft ungerecht beraubt worden, 123 sondern auch aller anderen Fürsten in der ganzen Christenheit schwächen würden, welche nicht gleichgiltig zusehen können, daß die gefährlichsten Grundsätze zur Geltung gelangen.". Auch unterließen wir nicht, hervorzuheben, „daß es Seiner Majestät bekannt sein müsse, durch welche Menschen, mit welchem Geld und welcher Unterstützung die neuen Versuche der Revolution in Bologna, Ra- venna und in anderen Städten angestiftet und vollzogen worden sind, indem der bei Weitem größte Theil der Bevölkerung jenen Bewegungen, die sie nicht im Geringsten ahnten, wie erstarrt gegenüberstand und in keiner Weise sich geneigt bezeigte, denselben sich anzuschließen." Und weil der durchlauchtigste Kaiser der Ansicht war, daß jene Provinzen deßhalb von uns abgetreten werden müßten, weil dort eine revolutionäre Bewegung angezettelt worden, so antworteten wir ihm ganz sachgemäß, daß ein solcher Beweis nichts beweise, weil er zuviel beweise, denn ähnliche Bewegungen sind sowohl in Europa, als anderwärts schon sehr oft vorgekommen. Allein jeder Vernünftige sieht ein, daß das kein legitimer Grund ist, um den Bestand eines Staates zu vermindern. Wir unterließen es ferner nicht, demselben Kaiser auseinanderzusetzen, daß jener erste Brief, den er vor dem italienischen Kriege an uns gerichtet und der uns Trost, nicht Betrübniß gebracht hat, — ganz anders gelautet habe, als diese seine letzten Schreiben. Da aber aus einigen Worten jenes kaiserlichen Schreibens, welches die besagte Zeitung veröffentlichte, sich für uns die Befürchtung ergab, es möchten am Ende gar diese unsere Provinzen in Acmilicn schon als von unserer päpstlichen Herrschaft getrennt betrachtet werden, deßhalb baten wir Seine Majestät im Namen der Kirche: es möge Dieselbe auch mit Rücksicht auf das eigene Wohl und den Nutzen Seiner Majestät dahin wirken, daß diese unsere Furcht völlig verschwinde. Und mit jener väterlichen Liebe, womit wir für das ewige Heil Aller sorgen müssen, haben wir Ihm zu Gemüthe geführt, daß von Allen dereinst eine genaue Rechenschaft abgelegt und ein strenges Gericht bestanden werden muß vor dem Richterstuhle Christi, und daß daher Jeder sorgfältig dahin streben müsse, lieber der Barmherzigkeit, als der Gerechtigkeit, Wirkungen an sich zu erfahren. Das war es vorzugsweise, was wir unter Anderem dem erhabenen Kaiser der Franzosen geantwortet und wir haben es für nothwendig gehalten, euch, ehrwürdige Brüder, es mitzutheilen, damit vor Allen ihr und die ganze katholische Welt mit euch immer mehr und mehr erkenne, daß wir mit Gottes Hilfe und nach unserer Pflicht und Schuldigkeit furchtlos Alles wagen und nichts unversucht lassen werden, um die Sache der Religion und der Gerechtigkeit tapfer zu vertheidigen, die weltliche Herrschaft der römischen Kirche, ihren irdischen Besitz und ihre Rechte, welche der ganzen katholischen Welt gehören, mit Sündhaftigkeit unversehrt und unverletzt zu erhalten und zu schützen, sowie für die gerechte Sache aller übrigen Fürsten in die Schranken zu treten. Vertrauend aus die göttliche Hilfe Desjenigen, der da gesagt hat: „In der Welt werdet ihr gedrückt werden; aber fasset Muth, ich habe die Welt überwunden" (Joh. 16, 33.), und: „Selig Diejenigen, welche Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen" (Matth. 5, 10.), — sind wir bereit, in die glänzenden Fußtapfen unserer Vorfahren zu treten, ihrem Beispiel nachzufolgen, alles Harte und Bittere zu leiden und selbst unser Leben lieber hinzugeben, als daß wir in irgend einer Weise von der Sache Gottes, der Kirche und der Gerechtigkeit abtrünnig würden. Ihr könnet euch leicht denken, ehrwürdige Brüder, welcher bittere Schmerz uns ergreift, wenn wir sehen, durch welchen abscheulichen Krieg unsere heilige Religion zum größten Nachtheile der Seelen heimgesucht, und durch welche gewaltige Stürme die Kirche und dieser heilige Stuhl erschüttert werden. Ebenso begreifet ihr unsere tiefe Bekümmerniß, wenn wir die Gefahren betrachten, in welchen so viele Seelen in jenen empörten Provinzen schweben, wo namentlich durch Schriften, die man gleich einer Pest unter dem Volke verbreitet, Frömmig- keit, Religion, Treue und Ehrbarkeit der Sitten tagtäglich mehr untergraben werden. Ihr also, ehrwürdige Bruder, die ihr zur Theilnahme an unserer Hirtensorgfalt berufen seid, und mit so großer Treue und Sündhaftigkeit und Kraft zur Vertheidigung der Religion, der Kirche und des apostolischen Stuhles euch erhoben habet, — fahret fort, mit noch größerem Muthe und Eifer dieselbe Sache zu vertreten, und die euerer Obsorge anvertrauten Gläubigen täglich mehr zu entflammen, damit sie unter euerer Führung alle ihre Thatkraft, ihr Sinnen und Trachten unaufhörlich auf die Vertheidigung der katholischen Kirche und dieses heiligen Stuhles, sowie auf die Schützung der weltlichen Herrschaft dieses Stuhles und des Erbtheiles des heiligen Petrus verwenden, indem dessen Vertheidigung eine Pflicht für alle Katholiken ist. Und auch Das verlangen wir von euch abermals und abermals, ehrwürdige Bruder, daß ihr mit uns und mit den eurer Obsorge anvertrauten Gläubigen die inbrünstigsten Gebete ohne Unterlaß zu dem allmächtigen und gütigen Gotte richtet, damit er den Stürmen und dem Meere Ruhe gebiete, damit er mit seiner sichtbaren Hilfe uns beistehe, damit er sich erhebe und seine Sache richte, damit er mit seiner himmlischen Gnade alle Feinde der Kirche und des apostolischen Stuhles gnädig erleuchten und sie mit seiner allmächtigen Kraft auf den Weg der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des Heiles zurückführen wolle. Und damit Gott, durch Bitten erweicht, um so eher sein Ohr hinneige zu unserem, euerem und aller Gläubigen Gebet, so lasset uns anrufen vor Allem, ehrwürdige Brüder, die Fürbitte der unbefleckten und heiligsten Gottesmutter und Jungfrau Maria, welche die liebevollste Mutter und eine feste Hoffnung von uns Allen, eine kräftige Schätzerin und Säule der Kirche, und deren Fürbitte bei Gott so mächtig ist. Flehen wir ferner um die Fürbitte des allerseligsten Fürsten der Apostel, den Christus der Herr in seiner Kirche aufgestellt hat als einen Felsen, gegen welchen die Pforten der Hölle nie etwas vermögen werden, dann auch seines Mitapostels Paulus und aller Heiligen, die mit Christus im Himmel herrschen. Wir zweifeln nicht, ehrwürdige Brüder, daß ihr nach eurer bewährten Frömmigkeit und priesterlichem Eifer diesen unseren Wünschen und Bitten auf das Eifrigste nachkommen werdet. Indessen aber ertheilen wir als ein Unterpfand unserer glühenden Liebe zu euch, aus tiefstem Herzensgründe und mit dem Wuirsche alles wahren Glückes, den apostolischen Segen euch selbst, ehrwürdige Brüder, und allen Geistlichen und Laien, die eurer Fürsorge anvertraut sind, mit aller Liebe. Gegeben zum Rom bei St. Peter am 19. Januar 1860, im vierzehnten Jahre unseres Pontificates. Aus den MissionSbriefen der Gesellschaft Jesu. China. Schang-Hai, den 21. Jänner 1859. Die Mission von Kiang-nan ist noch ziemlich klein, wenn wir die Zahl der Heiden bedenken, die noch zu bekehren sind; denn wir predigen das Evangelium in einem Lande von 70 Millionen Einwohnern, und wir haben bisher nicht mehr denn 75,000 Christen. Allein wenn wir all das Gute, was geschehen ist und fortwährend geschieht, in Anschlag bringen, darf die verwendete Zeit und Mühe nicht bereuet werden. Seit den 12 Jahren, als ich hier bin, sah ich die Anzahl der wahren Gottesverehrer um mehr als 20,000 zunehmen; die älteren Gläubigen sind besser unterrichtet und auch eifriger; die in großer Anzahl gestorbenen Kinder unserer Christen, welche die Unschuld uoch nicht verlieren konnten, und deßwegen nun gewiß im Paradiese wohnen, sind nicht hinzugerechnet. Beiläufig 100,000 kleine Heidenkinder, welche in der Todesgefahr getauft wurden, haben wir ebenfalls 125 dahin gesendet. Mehrere Tausende junger Heiden, welche die Taufe überlebt haben, wurden in unseren Anstalten oder bei Christen auferzogen; gegen 5000 Kinder besuchen unsere Schulen und erhalten eine solide Erziehung; ein Kollegium, höhere Schulen und ein Semiuarium liefern uns Priester und Katechisten, und aus Allem können Sie entnehmen, daß die Arbeiten von einigen 30 Missionären nicht ohne Resultat sind. Fügen Sie noch zu ihrer Auserbauung hinzu, daß mit wenigen Ausnahmen „ein Christ" hier soviel sagen will, als einer, der seine Andachten fleißig verrichtet, der die hl. Sacramente empfängt, der die Gebote Gottes und der Kirche gewissenhaft beobachtet, der sehr besorgt ist, sich im Stande der Gnade zu erhalten. So haben wir also den Trost, hoffen zu können, daß die Tausende von Christen, welche jährlich in den Missionen sterben, beinahe eben so viele Seelen seien, die wir in den Himmel schicken. Glauben Sie auch nicht, daß unsere Christen, da sie im Allgemeinen sehr lenksam und eifrig sind, solches aus Stumpfheit oder einer Art Gleichgültigkeit seien, weßwcgen sie leicht geleitet werden können, indem sie uns nicht zu widerstehen vermögen. Der Chinese hat wie jeder Mensch seine guten Eigenschaften und seine Fehler, und ich möchte auf keiner Seite etwas übertreiben: allein die göttliche Gnade, welche ebenso wenig in Europa als in China mangelt, beiseits, so glaube ich, daß der Grund, aus welchem die Chinesen in Erfüllung ihrer Christenpflichten genauer als viele Europäer sind, darin liege, daß sie mehr positiv sind und folgerichtiger handeln. Ein Christ heißen, einige Religionsübun- gen vornehmen, und dennoch das nicht thun wollen, was zur Rettung deiner Seele nothwendig ist, das heißt dich einschiffen, und doch bis zum Hafen nicht Hinsegeln wollen, es heißt eine Sache nur halb wollen, und sie nicht erlangen wollen. Unsere Chinesen räsonniren besser. „Ich bin ein Christ", sagen sie, „ich will es auch so sein, um die Vortheile davon zu haben, ich will es sein bis zu dem Puncte, um Gott, meinem Herrn und Richter, zu gefallen, ich will folglich alle Gebote halten, und mich im Stande der Gnade erhalten." Einige beobachten sogar die evangelischen Räthe, und arbeiten ernstlich an ihrer Vervollkommnung. Beten Sie für diese guten Leute, sowie für die zahllosen Heiden, für die Missionäre und insbesonders für mich u. s. w. Audienz und Hofdienst. Zwei Freunde, Johannes und Bernhard, begegneten sich in den Straßen Wiens, und es entspann sich folgender Diseurs: Johannes. Wohin Nachbar Bernhard in diesem Putze und mit dieser Eile? Bernhard. Ich habe heute Audienz und Hofdienst. Joh. Wie? was? Au—dienz und Hof—dienst? Bist Du nicht bei Trost? Es ja Niemand vom Allerhöchsten Haf da, und wenn auch, wie kämest Du, Nachbar Bernhard, zum Hofdienste? Beruh. Ich sage Dir, der allerhöchste Herr mit seinem ganzen Hofstaat ist Wohl da und ertheilt -Audienz. Ich habe hier in meiner Seitentasche einen ganzen Bündel Bittschriften, die ich alle vortragen werde. Ja, wundere Dich nur, ich darf zur Audienz kommen, wann und wie oft ich will und auch mitbringen, wen ich will. Joh. Entweder träumst Du oder ich — Beruh. Nun wir wollen sehen. Komm mit, Du sollst Dich von der Wahrheit meiner Worte überzeugen. Sie gingen mit einander noch eine Straße entlang; dann blieb Bernhard in der Nähe einer Kirche stehen und sprach: „Siehe, Johannes, hier die Hofburg >^L--:'-"uÄt^- IM k^5- M MfÄ M^i A 126 des Königs der Könige, des Herrn der Hcerschaaren, der sich gewürdigt hat, in Brodcsgestalt bei uns Armseligen zu wohnen. Umgeben von unsichtbaren Geistern, Engeln und Heiligen, thront er auf unserem Altare. Der allerhöchste Herr gibt hier allezeit Audienz. Er steht auf seinem Throne und ruft Allen zu: „Kommet zu mir, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken! Rufet mich an zur Zeit der Noth, ich will euch erretten! Bittet, ihr werdet empfangen, klopfet an, es wird euch aufgethan werden; suchet, ihr werdet finden!" Siehe, Nachbar her zeigte ihn: ein Gebetbuch) hier habe ich einen ganzen Bund Bittschriften, Dankadressen, Huldigungsschrcibcn, auch Gesuche um Amnestie, dann eine Menge Grüße an die königliche Mutter, sowie an die Herren und Damen des Hofstaates, Bitten um deren Fürsprache. Diese alle will ich jetzt vortragen. Aber Johannes, Du wirst ja so nachdenkend. Ist es vielleicht gefällig, mitzugehen? Ich darf mitbringen, wen und wie Viele ich will. Je mehr, desto lieber ist es dem Allerhöchsten Herrn. Joh. (ernst.) Ich bin jetzt zu einer solchen Audienz nicht gekleidet, auch noch nicht vorbereitet. Beruh. O, da mache Dir keine Sorgen! Dieser Herr sieht nicht aus das Kleid; er sieht nur auf das Herz. Betrachte dort die arme Wittwe und hier den Bettler! Er empfängt sie alle mit gleicher Liebe und Güte. Es dauerte nicht eine halbe Stunde, so betrat Johannes mit seiner Frau im Sonntags-Anzüge die Kirche: sie gingen zur Audienz und verrichteten Hofdienst beim Könige des Himmels. X. 8. Verachte das Gespött der Weltkinder, und trachte nach der ewigen Glückseligkeit. Der heilige Jvo, in Bretagne gebürtig, anfänglich beider Rechte Dvctor, hatte den Titel „Armen-Advocat" bekommen, weil er die Armen um Christi willen stets zn seiner Tafel zog, ja sie nach Kräften in seinem eigenen Hanse unterhielt und nährte, nnd ihre rechtlichen Sachen unentgeltlich vertheidigte. Hernach aber entsagte er diesem müheseligen Amte, wurde Priester nnd war ein besonderer Verehrer Mariens, derer mütterlicher Fürbitte nnd Schutz er sich immerdar befahl. Er achtete keineswegs das Gespött der Weltlente, die ihn in seinem Stande gering achteten, ja oftmals seiner ärmlichen Lebensweise spotteten; da er hingegen in der Welt ein angesehenes Leben hätte führen nnd noch zn höheren Ehrenstellcn gelangen können. Denn die Weltkinder schätzen nur das, was glänzt, nnd urtheilen nach dem Acnßern schief. Allein ihm, dem GotteSmann, war die Ehre Christi über Alles, und die Sorge für sein nnd seiner Brüder ewiges Heil angelegener, als blos RechtShäudel der Menschen, des irdischen GewinncS wegen, schlichten; denn er betrachtete, daß Jesus Christus die Seelen mit seinem Blute so theuer erkauft hatte. Nach diesem göttlichen Mnster führte er deshalb ein armes Leben, liebte den Frieden und söhnte entzweite Herzen gerne aus. — Einstmals, da er ebenfalls ein Brod von seinem Munde für einen Armen ersparte, geschah cS wundersam, daß eine ansehnliche Frau dafür ihm drei Brode brachte: welche er selber für mehr denn eine gewöhnliche Erscheinung, ja für die allerseligste Jungfrau Maria selbst hielt, die er kindlich in allen Nöthen anzurufen pflegte. — Er fastete gewöhnlich an gebotenen Fasttagen bei Wasser nnd Brod, nnd nährte so zu sagen seine Seele mit geistlicher Nahrung, mit dem Lesen und Betrachten der heiligen Schrift; besonders war er beständig in die Betrachtung des bitteren Leidens Jesu vertieft, und betete oft stundenlarrg bei einem Crucifire, wobei er auch zuletzt betrachtend gottselig seinen Geist aufgab. So lebt und stirbt der Gerechte. Der Wandel des Gerechten ist im Himmel, d. h. nnr darauf gerichtet, einst den Himmel zu erwerben. Nicht auf der Welt, L27 sonderu r>nr im Himmel ist wahre Glückseligkeit zu finden, nud darum fragten auch alle GotteSniänner, wie der h. Jvo, nicht nach dem Gespötte der Weltkinder, die Ehre Gottes, des Nächsten Heil und ihre Seele zu retten, das allein lag ihnen am Herzen. Nach welcher Glückseligkeit, mein Christ, ist das Verlangen deines Herzens gerichtet? Strebst auch du vor Allein nach dem Himmel? Und wenn du darnach strebst, handelst du auch stets so, daß du hoffen darfst, die Sehnsucht deines Herzens dereinst wirklich befriedigt zu sehen? Erforsche dich hierüber einmal ernstlich und zwar noch am heutigen Tage. Maria, Matter der Barmherzigkeit. Vor einigen Jahren wurde ein Priester in Straßburg zu einem Herrn gerufen, der sein ehemaliger Mitschüler gewesen, aber leider im Laufe der Zeit am Glauben Schiffbruch gelitten hatte, und nun ernstlich erkrankt, von keiner Bekehrung zu Gott wissen wollte. Der Priester erscheint nud versucht es mit allen Mitteln der Beredsamkeit, den Kranken aas heilsame Gesinnungen zu bringen; allein vergeblich. Alle Einwendungen des Ungläubigen wußte der Priester zu widerlegen; aber sein Herz konnte er nicht erweichen. Da gerieth er auf den Gedanken, den armen Sünder der Himmelskönigin zu empfehlen. „Lieber Freund!" sprach er zu ihm, „mit Angst und Betrübniß sehe ich Sie ohne Versöhnung mit Gott in die Ewigkeit hin- übcrgehen. Haben Sie mir auch Alles versagt, so versagen Sie mir nicht, ein kleines Gebet zur seligsten Jungfrau, ein Ave Maria zu verrichten. Und sollte eS Ihnen au Zutrauen fehlen, so bringen Sie der göttlichen Mutter das meinige dar: sie ist so gütig, daß sie auch auf ein fremdes hinsehen wird. Wenn Sie mir eS versprechen wollen, so getrau ich mir Ihnen die Versicherung zu geben, daß Sie am künftigen Marien-Feste mit Gott sich aussöhnen werden." Die Wangen des Kranken benetzten einige Thränen; er reichte freundlich dem Priester die Hand und betheuerte, daß er eS thun wolle. Mit immer größerer Andacht betete er das Ave Maria. Am Tag Mariä-Verküudignng war der Kranke ganz verändert; die Mutter der Barmherzigkeit hatte ihm die Gnade der Bekehrung erfleht. Er beichtete mit allen Aeußerungen der Reue und empfing die hl. Sterbsacramente mit glühender Andacht. Sein letztes Wort war ein Dank gegen seine mildeste Beschützerin Maria! Wahrheiten für Jedermann. 1. Gute Ermahnungen sind oft, wie die Wintersaat, die Monate lang in der Erde liegt, bis sie ausgeht. 2 . Blicken wir auf die Fehler Anderer, so nehmen wir gerne ein scharfes Fernrohr; sollen wir dagegen auf die eigenen sehen, so kehren wir das Rohr schnell um — und Alles erscheint uns winzig klein. 3. Was man mit Ungestüm verlangt, erhält man entweder gar nie, oder erst dann, wenn man es nicht mehr mit Leidenschaft erstrebt. L Ein guter Mensch wird um so besser, je mehr sein Lebensweg zur Neige geht, gleichwie die Sonne am schönsten wird beim Untergehen. 128 Mit Schwelgen etwas tragen, Ist mehr, als laut zu klagen. 6 . Gehaßt werden oft auch die Besten, niemals aber verachtet. 7. Wenn spielende Kinder sich verstecken, so vermuthet Jedes das Andere in dem Busch, in welchen! es selbst gewesen. Ebenso vermuthet der Mensch Andere gerne in demjenigen Laster, in dem er selber gesteckt war. Darum wollen die Geizigen überall Kargheit, die Stolzen überall Hofsart finden u. s. w. 8 . Wie im Kiesel der Funke schläft, so liegt auch im harten Herzen noch eine Spur von Tugend. 9. Wenn Silbergeschirr geputzt wird, muß es zuvor trüb und schmutzig gemacht werden. Auch die Tugend glänzt am hellsten, wenn zuvor eine Verleumdung über sie gekommen und Freundschaften werden oft um so aufrichtiger, reiner und wahrer, wenn sie durch Verleumdung und Mißverständnisse hindurchgegangen sind. '8 l > Für den Kirchenbau der armen Katholiken in Stargard und Köslin. Uebertrag . Ein Baustein von der Mangfall. Für die armen Katholiken in Stargard. Für die armen Katholiken in Köslin . Motto: „Gottes Gnade verlasse mich nicht." 16 sl. — kr. 1 fl. — kr. 2 fl. 15 kr. 2 fl. 15 kr. Summa: 21 fl. 30 kr. Milde Gaben für die Miffion in Perleberg Uebertrag.3 fl. 18 kr. Von der Mangfall. 1 fl. — kr. Motto: „Gottes Gnade verlasse mich nicht.".2 fl. 15 kr. , Summa: 6 fl. 33 kr. Redaction uno Verlag: Dr. M. Huttler. — Druck von 3. M. Äleinlc. H». LT. 22. April 1860. Das AugSburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Auqsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Drei Marien - Gedichte cilS Beitrag zur Mai-Andacht von t »,I »N,«I>. 1) Morgen und Abend. Es fällt mein Blick am frühen Morgen, Wann ich von Ruh' gekräftigt bin, Zum Labsal für die neuen Sorgen Aufs Bild der Mutter Gottes hin. Ich muß es lange still beschauen, Dann greif' ich erst die Arbeit an, Mit Andacht, Demuth und Vertrauen Hab' ich gar bald sie abgethan. Am späten Abend kehr' ich wieder Zu ihrem lieben Bild zurück, lind lege dankend vor ihm nieder Des Tagewerkes Leid und Glück. Mein Auge läßt nicht ab zu schauen Nach ihr, der Mutter meines Herrn, Der benebeltesten der Frauen, Der Tage Tr'ost, der Nächte Stern. 2) Die Patronin Mariä Trost hab' ich empfunden Zur Zeit, da ich mich selbst verließ, Er wandelte zum Paradies Die Bitterkeit der trübsten Stunden. Mariä Hilf ist mein Vertrauen, Denn sie erfocht für mich den Sieg, Als jeder and'rc Helfer schwieg, Auf den ich glaubte fest zu bauen. Mariä Rath trat mir zur Seite Und ließ mich nicht in Zweifel steh'n, Ich konnte still und ruhig seh n Auf meinen Feind im ärgsten Streite. Mariä Schutz wird mich erhalten, Ich seh' das Kind in ihrem Arm, Das eine Welt voll Leid und Harm Zur Auferstehung konnt' entfalten. Mit ihrem' Trost und Rath versehen, Von ihrer Hilf' und Schutz bedacht, Will ich am Tage wie bei Nacht Durch jedes Schicksals Windung gehen. ' ' ' ik 130 3) Die Ernte. Ich sehe dich in immer sanft'rcm Lichte, Vermenschlicht, wie es unser Aug' verlangt. Doch mit dem Himmelsstrahl im Angeflehte, Herniederschweben in das Thal, das bangt. Ich sehe Segen aus den Händen fließen, Wie Saamen aus der vollen Hand entfährt, Von Erd' und Himmel wirst du lobgkpricsen Und Alles, was dich siehet, ist verklärt. So stehst du, meinen Blicken nicht verborgen. Der Schutz der Ernte, wenn die Wetter zich'n, Sie freuet sich an deinem Gnaden-Morgen Und trinkt den Thau der Wolken, die entflieh'». O wögst du auch in meiner Lebens-Ernte, Behüterin des nahen Schnittes, steh'», Die — nicht genug, daß sie Gefahr entfernte, — Verderben läßt in Segen übergeh'n! Aus den Missionsbriefen der Gesellschaft Jesu. Madurö in Vorderindien. Während die Stürme der Revolution im nördlichen Indien sich zu legen begannen, sah man im Süden andere sich erheben, zwar von verschiedener Natur, doch aber geeignet, für die Landesbehörden binnen kurzer Zeit sehr bedenklich zu werden. Ich spreche von dem sehr pro- noncirten Kampf und Widerstand der Kasten Wider den Protestantismus, den die Prädicanten durch ihr Benehmen compromittirten. Die Königin von England hatte in ihrer Proklamation erklärt, daß alle Religionen Indiens respectirt werden sollten. Nach diesem Versprechen sollte keine Religion Ursache der Ausschließung von irgend einem Amte oder Befähigung sein. In Folge dessen glaubten die Jndier, denen die Idee von Religion und Kaste synonym ist, daß ihre Gebräuche von der Regierung respectirt würden. An denselben hängt der Jndier, wie an seinem Leben. Nun sind aber die protestantischen Missionäre die erbittertsten Feinde der Kasteneinrichtungen. Immer das Geld in Händen, immer rechnend auf die ihnen auch selten verweigerte Unterstützung der Behörden, geberden sich diese Evangelischen als die muthwilligsten Widersacher der indischen Dorurtheile, und rechnen es sich zum Ruhme, darüber zu triumphiren. Diese Triumphe aber sind am Ende weder Fortschritte in der Civilisation, noch in der Religion; im Gegentheile, sie sind wahre Niederlagen. Wie sie nur irgend einen Vortheil erringen, entzündet sich der Haß aller Jndier, die zu einer etwas höheren Kaste gehören, und wenn sich morgen günstige Gelegenheit ergibt, so werden sich die indischen Bevölkerungen in Masse erheben, um gegen diese protestantische Propaganda eine sicilianische Vesper einzuläuten. Um dies anschaulicher zu machen, will ich erzählen, was in jüngsten Tagen geschehen ist. Es ist eine Episode jenes großen Kampfes, der sich vorbereitet, heute noch unter der Asche lodert, morgen aber zum Ausbruche kommen kann. Nicht weit von meinem Wohnorte ist eine große Stadt, deren sehr berühmte Pagode gleichsam einen der großen Vereinigungspuncte des indischen Heiden- thumes bildet. Die Stadt heißt Tinnevelly. Kein Europäer hat sich je dort niedergelassen. Die Bevölkerung ist ganz eingeboren, besteht aber aus vielen Kasten und vielerlei Religionen. Katholiken gibt es nur wenige, 80 Familien unter den Parias und 7 oder 8 Familien einer besseren Kaste. Die Protestan- 131 ten sind in noch geringerer Anzahl, als wir; ihr Contingent mag 3—4 Familien betragen, doch haben sie eine ziemlich große Kirche erbaut. Dies geschah, weil sie früher große Hoffnungen hegten, die aber nun zu Wasser geworden sind. Eine Anzahl von <40 Leinweberfamilicn, welche, ohne jedoch geadelt zu sein, in Tinnevelly sehr in Ansehen stehen, brauchten Schutz wegen gewisser noch schwebender Processe. Da sie solchen von den Prädieanten erwarteten, so wurden sie evangelische Christen. Als die Gefahr vorüber war, beseitigten sie die neue Religion und deren Diener, und kehrten zum Heidenthum zurück. Ein einziges Individuum fuhr fort, sich Protestant zu nennen. Er that dies aus Interesse und Politik. Da sehe man den Beweis. Dies Individuum war schon sehr alt und dem Tode nahe. Wenige Stunden vor seinem Tode ließ er den Superior der anglikanischen Missionare zu sich rufen, und sagte zu ihm: „Ich bitte um eine Gnade; veranstaltet doch, daß mein Leichnam mit großem Gepränge am Flusse begraben werde, welcher zwischen Palamacottah und Tinnevelly stießt. Ich habe wohl ein Recht auf diese Ehre, weil ich der Einzige bin, der gläubig geblieben ist." Von Seite des Sterbenden war dies die reine Wahrheit. Er wollte, daß man von ihm spreche, und wenn man seinen Leichnam durch eine seiner Kaste verbotene Straße trüge, so wollte er sich dadurch mit ihr einigermaßen aussöhnen. Der Wortsdiener erblickte darin ein Mittel, die Herzen seiner ungetreuen Schäflein wieder zu gewinnen und darüberhin eine Gelegenheit, seine Macht zu zeigen. Er gab also sein Ehrenwort und so war die Sache beschlossen. Sie siel aber anders aus, als der Sterbende und der Geistliche geglaubt hatten. Bald darauf starb der Kranke. Alsogleich wandte sich der Geistliche an den englischen Oberbeamtcn, der ein eifriger Anhänger der Secte und intimer Freund desselben ist, und verlangte eine Ordre an den Magistrat behufs der Beschützung des Leichcnzuges. Dies geschah; allein kaum war es bekannt, als sich die ganze Stadtbevölkerung erhob. Drei Tage hindurch waren alle Kaufläden geschlossen, aller Verkehr gehemmt, und die Straßen mit zornentbrannten Jndiern, die sich mit Prügeln und Steinen bewaffnet hatten, angefüllt. Die Localobrigkeit fürchtete die Folgen solcher allgemeiner Erbitterung, und glaubte deßwegen eine Abänderung des Auftrages der Obcrbehörde unternehmen zu dürfen, weil ein früherer Auftrag diesem widersprach, und ordnete die Nebertragung des Todten durch eine andere Straße an und dessen Beisetzung nach den alten Gebräuchen. Das Volk beruhigte sich und die bewaffneten Zusammenrottungen zerstreuten sich; die Protestanten aber, solchergestalt gedemüthigt, sannen auf Rache; sie weigerten sich für jetzt den Leichnam an gewöhnlicher «stelle einzuscharren, sondern begruben ihn in aller Eile und ohne Feierlichkeit auf ihrem Kirchhof. Die Gelegenheit eines neuen Versuches ließ aber nicht lange auf sich warten. FünfTage darauf wurde einer ihrer Anhänger, ein Mensch aus der untersten Kaste, von der Cholera befallen. Sie eilten, ihn in's Hospital zu schassen, wo er bald starb. Während dieser Zeit wurde ein neuer Magistrat bestellt, dem nun der Oberbeamte die nämliche Ordre, wie das vorige Mal, übersandte. Dieses Mal gehorchte der Magistrat. Strenge Befehle wurden ertheilt, damit der Leichenzug auf der ominösen Straße geschützt werde. Das Volk erhob sich aus's Neue, und die Polizei wich vor der drohenden Menge zurück. Der Magistrat wollte aber nicht nachgeben, und rief das Militär zur Hilfe; 500 Mann rücken eiligst herbei und besetzen die Wege, um das Volk aufzuhalten, welches auf das Gerücht dieses Vorganges von allen Dörfern der Nachbarschaft haufenweise herzuströmte. Der Commandant, ein englischer Officier, und der Magistrat begleiteten den Leichenzug. Kaum hatten sie den Fuß in die für die Todten aus jener Kaste verbotene Straße gesetzt, als die Steine über ihren Häuptern regneten. Die Truppen machten Miene mit dem Bajonette anzugreifen; allein die Masse des Volkes wich nicht von der Stelle. Man droht, Feuer zu geben; zwei Dechargen schießt man in die Luft; aber das Volk, fern sich einschüchtern zn lassen, widersteht lebhaft. Die Steine fliegen in noch größerer Anzahl, und der Commandant wird im Gesichte getroffen. Da nehmen die Sachen eine andere Wendung, die Truppen feuern auf das Volk und zahlreiche Opfer stürzen zn Boden. Man ficht diese Unglücklichen von den ersten Stockwerken des Thurmes der Pagode todt niederstürzen. Andere fielen anf allen Seiten. In Mitte dieses Gemetzels tonnte der protestantische Leichnam vor der Pagode vorbcigetragen werden, und die ganze Begleitung ihren ' Triumphzug fortsetzen. Die Herren Prädicanten waren Sieger! Am folgenden Tag wurde in den öffentlichen Blättern angezeigt, die Zahl der Getödteten be- ' trage 6, am Abend desselben Tages waren es schon 20, Tags darauf wußte man, daß ^6 gefallen seien, und nun weiß man ganz bestimmt, daß deren An zahl 7^ bis 77 sei. Seitdem bewahrt das Volk ein düsteres Schweigen; allein es ist wutherfüllt in seinem Innersten. Alle Jndier sind gereizt durch diese Abschaffung der Kasten, alle sinnen aus Rache. Mittlerweile aber handelt die Regierung sehr energisch. Ein Brahmane erlaubte sich öffentlich, den Protestantismus und die Behörden zu tade ln; man führte ibn vor den Magistrat, von dort zum Richter, der ihn zu dreijähriger Kcttcnstrafe verurtheilte. Mehrere Individuen, welche beschuldigt wurden, Steine geworfen zu haben, wurden ergriffen, und die einen zu 3, die andern zu 5 Jahren schweren Kerkers verurtheilt. Die vornehmsten Jndier haben Agenten nach Madras gesendet, um Gerechtigkeit zn erlangen und die Sachen stehen nun anf diesem Punct. —- Ich komme nun auf einen noch schwerer wiegenden Gegenstand, der gegenwärtig ganz Malleallan, oder das Königreich Travancor in Aufregung versetzt. ^>er König dieses Landes ist ein Heide, und hat nicht mehr Macht, als das britannische Gouvernement ihm einzuräumen für gut findet. Er bedarf der aus- > drücklichen Erlaubniß des englischen Residenten, wenn er mit einem Europäer sprechen, oder aus einer gewissen Umgrenzung hinansschreiten will. Unter dem Schutze dieses gefangenen Königs haben sich jedoch die Gebräuche der Kasten besser erhalten, als im Nachbarlande, wo ich wohne. Unter diesen zahllosen Gebräuchen ist einer ein sehr abgeschmackter, unsittlicher, und eines für civilisirt gehaltenen Landes sehr unwürdiger. Wenn nämlich eine Person aus einer niederen Kaste mit einer andern aus einer höhern Kaste spricht, oder sich nur ihr vorstellt, so muß sie ihre Schultern, ja den ganzen Oberleib bis zum Gürtel entblößen. Folglich müssen die Frauenspersonen, so oft sie öffentlich erscheinen, dieser Entblößung sich unterziehen. Der Katholicismus konnte natürlich solche Unanständigkeiten nicht gleichgiltig zulassen; allein die Missionäre, aller menschlichen Hilfe bar, konnten diesen Unfug auch nicht direct angreifen. Die besonnene, sanfte und geduldige Verfahrungsart der apostolischen Arbeiter im Verein mit den Ideen europäischer Civilisation hatte gute Erfolge. In den der englischen Herrschaft gänzlich unterworfenen Ländern, wie der District von Tinnevelly und selbst in Travancor, können die katholischen Frauen öffentlich herumgehen, ohne besagtem unsittlichen Gebrauch sich unterwerfen zu müssen. Nur für gewisse Gegenden herrscht eine Ausnahme, wo nämlich die Brahmanen oder andere höhere Kasten wohnen, oder sich häufiger einsiuden Die Protestanten aber, anstatt wie wir einfach und demüthig zu Werke zu gehen, wollten auch hier ihre Macht zeigen, und haben Alles verdorben. Was thaten sie? In Travancor schnürten sie alle liederlichen Weibsleute und alle Schulmädchen in Corsette ein. Wie diese Unglücklichen mit der europäischen Toilette auf den Gassen erschienen, wurden sie mit Hohngelächter empfangen, und so oft sich ein solches Corsett zeigt, schreiet Alles zusammen: „Sehet eine protestantische Parias!" Die Katechisten ärgerten sich darobs, und fingen an, ihre Frauen nach Art der vornehmeren Kasten zu kleiden. Dies verursachte nun große Verwirrung. Die Heiden der 3 untersten 133 Kasten hofften von ihrer Erniedrigung erlöst zu werden, wenn sie sich an die protestantische Bewegung anschlössen. Die nächste Wirkung hievon waren Streitigkeiten, Processe und tödtliche Feindschaften. Die Sache kam bis vor den König. Dieser, nachdem er die Bewilligung der englischen Regierung erhalten, erklärte sich zu Gunsten der höheren Kasten, und ließ unter Trommelschlag verkünden, daß die Frauen der drei letzten .Kasten, seien sie Christen oder Heiden, nur im Zustande der Nacktheit nach altindischem Gebrauche öffentlich erscheinen dürften. Die noblen Kasten, um die Physische Nebermacht der Gegenpartei zu schwächen, und ihre eigene Anzahl zu vermehren, erklärten die Türken, die Paravers und die Moukouvcrs für Leute edler Racc, deren Frauen sich bedecken dürfen. Die beiden letzgenannten Kasten sind zahlreich und katholisch, und hätten der Partei, die man demüthigen wollte, ein beträchtliches Ncbcrgewicht verliehen. Die Ehre, die mau ihnen aus Barmherzigkeit, aber auch aus Berechnung zugestand, sollte sie nun davon trennen. Die königliche Proclamation hat Niemanden befriediget, und das Uebel nur ärger gemacht. Seitdem kann kein Weib mehr öffentlich sich sehen lassen, ohne von der einen oder andern Partei angefallen zu werden, und ihre Kleidung bis zum Gürtel in Stücke gerissen zu sehen. Es sind gegen 100 Sipahis unter dem Commando eines englischen Ossiciers, an der Spitze derselben der erste Minister des Königs von Travancor, auch eine englische Creatur, angekommen, um das so unanständige Decret des Königs zur Ausführung zu bringen. Raufereien und Brandlegungen sind die ersten Folgen davon. Die Bewegung theilt sich schon den Nachbardistricten mit, und die Souars v. Tinne- velly wollten jenen von Travancor zu Hilfe eilen, wurden aber von den englischen Truppen daran gehindert. Ceylon und Madurö sind sonach in einem Zustand der Aufregung, der Alles befürchten läßt, wenn die Protestanten noch länger schalten und walten können. — Die Proclamation, welche jeglichem Cult gleichen Schutz zusagte, könnte unseren braven Katholiken große Vortheile bringen. Bis nnn sind bei der Post, der Polizei, der Finanz, den Gerichten alle Stellen ausschließlich mit Türken, Heiden und Protestanten besetzt. Der Katholicismus war factisch ein Titel der Ausschließung und nichtsdestoweniger, wenn einige Katholiken mehr in der Armee und in der Verwaltung gewesen wären, wären die Engländer nicht so abscheulich verrathen und hiugemordet worden. Es ist gegen 50 Jähre, daß in einem Sipahi-Regiment eine Meuterei ausbrcchen und alle europäischen Officiere ermordet werden sollten. Allein im Regimente diente ein katholischer Sipahi, der brave Castouri; er zeigte Alles dem Commandanten an, und das Complvtt scheiterte. Zur Belohnung schenkte die Regierung dem Castouri ein gewisses Terrain in der Nähe von Palamacottah. Eine gleiche Belohnung erhielt auch ein türkischer Sipahi von Trichintipaly, welcher ebenso treu gehandelt hatte. Beide Männer, zu gleicher Zeit, auf gleiche Weise und wegen der gleichen Handlung belohnt, sind schon lange todt. Die Familie des Türken befindet sich noch im Besitz des geschenkten Terrains; die katholische Familie aber, daraus verdrängt und von Allem entblößt, lebt in größtem Elende. Die Kinder des treuen Castouri mögen Wohl seit zehn Jahren petitioniren, sie werden bald unter dem einen, bald unter dem andern Verwand abgewiesen. Diese unglücklichen Armen, denen ich oft ein Almosen gegeben habe, um die Kosten des Bittgesuches und das Postporto zu bestreitcn. Wären sie Protestanten geworden, so hätten sie ihre Güter längst schon zurückerhalten; aber nun haben ihre Bitten noch nichts erwirkt, und arm und katholisch zu sein, ist für sie ein doppeltes Unglück. Papst Pius IX und der Schichflicker. Papst Pius IX., der 259. Nachfolger des heil. Petrus, steht jetzt in einem Alter von 68 Jahren. Seine Gestalt ist von mittlerer Größe; in seiner ganzen Haltung und Bewegung liegt jedoch eine Ehrfurcht gebietende Majestät. Aus seiner offenen freien Stirne thront Hoheit und Würde; aus seinen lebendigen Augen leuchtet Verstand und Entschlossenheit; seine klangvolle Stimme erweckt Vertrauen, um seinen Mund spielt beständig ein freundliches Lächeln; seine Züge sind voll, aber sie lassen bemerken, daß schwere Leiden darüber hinweggezogen sind. Wenn der heilige Vater sich zeigt in dieser liebenswürdigen, anmuths- vollen Gestalt, mit seinen weißen Haaren, angethan mit seinem großen, ganz Weißen Talare und der hohenpricsterlichen Stola, glaubt man eine tröstende Erscheinung aus einer besseren Welt zu sehen. Das Aeußere des heil. Vaters ist ein Bild seines Seelenlebens. Pius IX. ist keiner von jenen Päpsten, welche die Welt mit der unbeugsamen Durchführung großer Ideen in Erstaunen setzten; nicht mit unerbittlicher Strenge will er das Scepter eines Statthalters Christi auf Erden führen: sein ganzes Wesen ist Milde und Herzonsgüte. Wie einst Gott dem Elias nicht im Sturm und Erdbeben und Feuer, sondern im Säuseln sanfter Lüste erschien, so will auch Pius IX. seinem Volke und dem Universalreich der Kirche mehr «in gütiger Vater als ein strenger Herrscher sein. Diese väterliche Liebe des Papstes zieht sich wie ein goldener Faden durch seine ganze Wirksamkeit. Nachdem Johann Mastai-Ferretti (dies ist sein Familienname), Sohn des Grafen Jerome Mastai zu Sinigaglia, seine Vorstudien am Gymnasium zu Volterra beendet und die Theologie mit großer Auszeichnung zu Rom absolvirt hatte, wurde ihm die Leitung einer schönen Waisenanstalt ^ übertragen, die in Rom unter dem Namen Tata Giovanni bekannt ist; in der bescheidenen Kapelle dieses Hauses brachte er Gott zum ersten Mal das heilige Meßopfer dar. Diese Anstalt, durch einen braven Maurer gegründet, zählte ungefähr 100 Waisenkinder. Der Abbate Mastai war für diese Kleinen ein Vater. All' sein Geld gab er hin, um den Kleinen wärmere Kleider und eine gesundere Nahrung zu verschaffen; er ließ es auch an Freude und Vergnügen nicht fehlen. Da er selbst von Natur sehr munter ist, so war er ganz glücklich, wenn er diesen verlassenen Kleinen so recht frohe und heitere Stunden bereiten konnte. Es ist noch gar nicht lange, als der heilige Vater in Begleitung eines Prälaten seines Hauses an einer Mauer vorüberging, die zum Theil abgebrochen war. „Ich selbst", sagte er, „habe dies thun lassen; ich suchte überall einen Garten für meine kleinen Waisen, konnte aber nirgends einen solchen erhalten; nun stand hier ein Haus, welches mir zugehörte; ich ließ es abbrechen und so hatte ich einen Garten." Es ist fast unnütz zu sagen, wie sehr er von allen Kleinen geliebt wurde. Ein armer Schuhflicker, der früher unter seiner Leitung ein Waisenkind dieser Anstalt war, sagt von ihm Folgendes: - „Als der Cardinal Mastai zum Papste erwählt war, sagten ich und seine früheren Zöglinge: Wahrlich, er ist für uns ein Papst der Armen und Verlassenen!... Ich erinnere mich noch immer meines Platzes, den ich im Speisesaale zu Giovanni an der Ecke eines Tisches acht Jahre besessen, und da ich nicht sehr still, noch sehr reinlich war, so blieb Abbe Mastai sehr oft bei mir stehen und gab mir eine väterliche Rüge... „Ich habe zu Tata Giovanni einender traurigsten Auftritte meines ganzen Lebens erlebt; es war an einem herrlichen Sommerabende, ich vergesse ihn nie. Nach einem Aufenthalte von sieben Jahren mußte uns Abbe, Mastai verlassen, weil er für eine ferne Mission bestimmt war. Wir wußten es noch nicht, als 135 schon der Augenblick unserer Trennung geloinmen war. Wir bemerkten, daß erwählend des Abendessens kein einziges Work gesagt hatte. In dem Augenblicke, als wir das Dankgebet gesprochen und vom Tische aufstehen wollten, gab er uns ein Zeichen, sitzen zu bleiben; und nun theilte er uns die traurige Nachricht mit... Ein Schrei des Schmerzes ertönte von einem Ende des Speisesaales bis zum anderen. „Wir waren unser 122, Große und Kleine, und Alle weinten vom Kleinsten bis zum Größten. Alle zusammen verließen wir unsere Plätze, um uns in seine Arme zu werfen! Einige küßten seine Hände, Andere hängten sich an seine Kleider; Diejenigen, welche ihn nicht berühren konnten, riefen seinen theueren Namen und flehten zu ihm, uns doch nicht zu verlassen. Wer soll uns trösten? ... Wer wird uns lieben? ... Er wurde so bewegt über unser Jammergeschrei, daß er selbst mit Thränen in den Augen ausrief, indem er einige der Zunächststehendcn an seine Brust drückte: „Ich hatte niemals geglaubt, daß unsere Trennung so hart sein würde." Darauf riß er sich aus unserer Mitte und stürzte in sein Zimmer, aber er versuchte vergeblich, die Thür zuzumachen, Wir traten mit ihm hinein. Diesen Abend wollte Keiner schlafen. Er tröstete, er ermähnte uns aus die rührendste Art. Er empfahl uns die Arbeit, den Gehorsam gegen seinen Nachfolger, die Liebe zu unseres Gleichen, die Erfüllung aller unserer Pflichten und Ergebung und Geduld bei allen Unglückssällen. „Der Tag brach endlich an, und wir hörten schon vor der Thüre den Wagen stille halten, der unseren Wohlthäter wegführen sollte. Eine Stunde nachher und wir waren Waisen zum zweiten Mal!".. Der arme Schuster vergoß eine Thräne, indem er seine Erzählung beendigte. Eines Tages sprach man mit dem heiligen Vater über ihn, der lächelte, da er erfuhr, daß eines seiner früheren Waisenkinder in Pins IX den Abbö Mastai wiedererkannte. Wir müssen, sagte er, dafür ein Andenken geben. Und schon den anderen Tag schickte er ihm einige Doublone in Gold, die der arme Mann mit seinen Küssen bedeckte, und wie eine kostbare Reliquie bis heute aufbewahrt. Nächstenliebe. Ein Berliner sehr achtbarer Geschäftsmann war in letzter Zeit- durch allerlei Unglücksfälle in seinen Vermögensverhältni'sscn derart derangirt worden, daß er Erecntionen nicht mehr abzuwenden vermochte und kürzlich sogar zum Schuldenarrest abgeführt wurde. Für die Familie war dies ein um so härteres Unglück, als dieselbe früher in guten Verhältnissen gelebt hatte und nun sogar ihres Ernährers beraubt war. Wie aber so oft im Leben das schwerste Geschick zuweilen sich nicht so hart erweist, daß es nicht auch gute Folgen haben könnte, so auch hier. Der Kaufmann und Lederhändler N. steht im Begriff, eine andere Wechselforderung gegen den unglücklichen Familienvater einzutreiben und begibt sich dieserhalb in die Wohnung desselben. Da erfährt er, was geschehen, — ohne sich zn besinnen, hebt er die eigene Erecntion auf, tröstet Frau und Kinder in herzlichen Worten und da er sich jedem Dank entziehen will, wendet er sich an einen andern Geschäftsfreund mit dem Anftrage, den Unglücklichen beiznstehen und ihnen zur Linderung der drückend- sten Noth dasjenige an baarem Gelde zu behänvigen, was seine Theilnahme für'S Erste bestimmt hatte. Nachdem dies geschehen, suchte er bei Freunden und Verwandten ein Sümmchen zusammen zu bringen, läßt mit den Gläubigern seines eigenen Schuldners eben so schleunig als thatkräftig unterhandeln und arrangirt die Sache soweit, daß in diesem Augenblicke die gegründete Hoffnung vorhanden ist, dem armen Zurückgekommenen werde vollständig geholfen werden. Solche Züge wahrer Herzensgute und uneigennütziger Handlungsweise verdienen gewiß öffentliche Anerkennung. Die wahre Auferstehung. Haubs erzählt in seinen Homilien eine einfache Geschichte, die uns mit wenigen Worten zeigt, wie wir vom Tode der Sünde auferstehen sollen. — Ein junger Mensch, heißt es da, begegnete nach Ostern einer Person, mit welcher er vorher einen verbotenen Umgang gepflogen, die aber das große Glück hatte, sich zu bekehren. Erstaunt, daß sie, ohne auf ihn zu achten und ihn zu grüßen, an ihm vorüberging, redet er sie also an: „Kennen Sie mich denn nicht mehr? Ich bin ja der und der .... " Sie antwortete: „M ö gen Sie Iener sein, ich bin aber nicht mehr Jene." — Das heißt von den Todten auferstehen, wenn man seine früheren Sündenwege verläßt, seine sündhaften Gewohnheiten, Bekanntschaften und Neigungen aufgibt, und nichts mehr sucht, nichts mehr will, als nur Christum und der Seele Heil. — Die heilige katholische Kirche, unsere liebevoll sorgsame Mutter, fordert gleichfalls eine solche heilsame Auferstehung von allen ihren Kindern; darum verordnet sie nicht ohne weise Absicht gerade zur Osterzeit die sogenannte österliche Beicht und Comm union. Wohl Jenen, die dem Rufe ihres auferstandenen Heilandes und der weisen Anordnung ihrer heiligen Kirche treulich folgen! Alina d' Eldir. In Paris lebte vor einigen dreißig Jahren eine Schriftstellerin, die von Geburt eine indische Prinzessin und eine rechtmäßige DeScendeutin von Timur oder Tamerlan war. Sie wurde von gewinnsüchtigen Räubern in der Kindheit entführt und endlich nach Frankreich gebracht. Sie hieß Altna d' Eldir. Sie wurde dem Hofe Lnvwig XVI. vorgestellt und kannte die unglückliche Königin Maria Antoinette, von der sie in ihren Schriften sehr sinnreich sagt: Sie besaß die Anmuth Frankreichs, die Klugheit Englands, die Lieblichkeit Italiens, die Strenge des Nor- denS und die Majestät Asiens. Im Jahre 1818 kam ein indischer Scheich in Paris au, um sie im Namen der regierenden Familie in Indien vom srauzössischen Hofe zurück zu fordern. Allein die Prinzessin, welche inzwischen den christlichen Glauben angenommen hatte, wollte lieber arm in Frankreich bleiben, als unter dem Pompe des OrieutS die wahre Religion verlassen, der sie von ganzem Herzen gehuldigt hatte. Für den Kirchenbau der armen Katholiken in Stargard nnd Köslin. Uebertrag.21 sl. 30 kr. Bon München ein Baustein für die armen Katholiken in Stargard 1 fl. -15. kr., Bon München ein Baustein für die armen Katholiken in Köslin 1 fl. 45 kr. , ,, Summa: 25 fl. — kr. Milde Gaben für die Mission in Perleberg. Uebertrag.6 fl. 33 kr. Von München.. 1 fl. 45 kr. Summa: 8 fl. 18 kr. Redaction uno Verlag: II n. M. Hüttler. —. Druck oo» I. M. Kleinlc. AiigMgtt AmtagsM. 18. 29. April 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (SonntagS-Beiblatt znr Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Deutsche Missionen in Chile, l Auf den Wunsch mehrerer Freunde veröffentlichen wir hier einige Briefe zweier Priester der Gesellschaft Jesu, P. Th. Schwerter und P. Bernh. Engbert, die mit dem Laienbruder Joseph Schorro im October 1858 von uns Abschied nahmen, um in Chile, einem Freistaate auf der westlichen Küste Südamerika's, eine Mission unter den eingewanderten Deutschen zu gründen. Groß war bis dahin die Verlassenheit dieser armen Colonisten, die wegen des großen Mangels an Priestern und der gänzlichen Unmöglichkeit, einen deutschen Seelsorger zu erhalten, so verwahrlost waren, daß die Erwachsenen Jahre lang die heil. Sacramente nicht empfingen, die Kinder aber ohne allen Religionsunterricht aufwuchsen und in Folge dessen mit dem Verfall der Sitten auch der Verlust des Glaubens zu befürchten stand. Dringend und ernst war daher der Hülseruf nach eifrigen Verkündigen: des göttlichen Wortes und Ausspendern der heil. Geheimnisse; inständig vor Allem die Bitten des hochw. Bischofs jener Gegend an die Obern der Gesellschaft Jesu, sie möchten doch, eingedenk ihrer treuen Hingebung an den Statthalter Christi, der ihm diesen Theil seiner Heerde anvertraut, seinen verlassenen Schäflein zu Hülfe kommen. So geschah es nun, daß die besagten Patres zu diesem gottgefälligen Werke bestimmt wurden. Vielen Priestern und Gläubigen in den Diöccsen Münster und Paderborn find die Namen der beiden Missionäre bekannt; manche Familie, manche Gemeinde und religiöse Genossenschaft nennt sie mit Liebe und Verehrung; sowohl hier als in andern Gegenden Deutschlands leben Freunde und Verwandte jener deutschen Colonisten; manche Andere haben durch Opfer christlicher Liebe und durch Gebete innige Theilnahme an dem Unternehmen bewiesen: — weßhalb wir hoffen dürfen, daß auch Dielen die hier mitzutheilenden Nachrichten willkommen sein werden. Denn selbst abgesehen von den angedeuteten Beziehungen nehmen ja alle katholischen Leser ein gemeinsames Interesse an den Schicksalen und der Verbreitung unserer heil. Kirche, deren göttliche Merkmale der Einheit und Katholicität so herrlich hervortreten, wenn wie einst von den Gestaden des See's Genesareth die frohe Botschaft durch die Apostel an den Indus und die Tiber gebracht wurde, so 18 Jahrhunderte später durch Glaubensboten, die auf den Ruf der Nachfolger der Apostel herbeieilen, von den Usern der Nordsee über Tausende von Meilen hin bis an die Gewässer der Südsee auf der andern Erdhälfte die Leuchte des Evangeliums getragen wird. Und wie tröstlich ist es auch für den Sohn der Kirche, wenn er vernimmt, daß, während entartete Kinder den heil. Vater durch gottlose Frevel in seinen eigenen Staaten tief betrüben, aus den Urwäldern des fernsten Südamerika's Dank- und Bittgebete zum Himmel emporsteigen für ihn, den treuen Hirten, welcher der zerstreuten Schäflein seiner großen Heerde in Liebe gedachte und sie, die hülfslos Umherirrenden, mit zärtlicher Sorgfalt aufsuchen ließ. Den ersten Brief, den wir hier mittheilen, schrieb P. Schwerter noch in Bordeaux kurz vor seiner Abreise aus Europo. II Brief des P. Schwerter. Bordeaux, 24. Oktober 1858. Den 18. October früh um 5 Uhr trafen wir hier ein und erfreuten uns einer sehr herzlichen Aufnahme. In Paris trafen wir einen Priester aus Chile, der eine Wallfahrt nach Jerusalem und Rom gemacht hat, und nun im Begriffe ist, nach Chile zurückzureisen. Seine Begleitung ist uns namentlich für die Landreise sehr erwünscht, da er die Gewohnheiten und Sprache des Landes gut kennt. Wir erhielten in Paris ein für einen Missionär höchst werthvolles Möbel: ein schönes verschließbares Kästchen von 2 Fuß Länge, IV, Fuß Breite und Vr Fuß Höhe, das alles für die heilige Messe Nothwendige auf's Beste geordnet enthält: Kelch, Kännchen, Albe, Meßgewand, Meßbuch, Leuchter, dazu noch Ciborium, Gefäße für die heil. Oele, ein Eisen um Hostien zu backen; freilich Alles so klein und dünn wie möglich, aber doch zum Gebrauch geeignet und für uns sowohl zur See, als später aus Excursionen sehr bequem. Der Kasten selbst dient als Altartisch und bedarf nur einer Unterlage, wie sie ein gewöhnlicher Tisch bietet. Da wir in Paris den Altarstein nicht mehr konnten consecriren lassen, mußten wir hier einen andern consecrirten mitnehmen. In jener Hauptstadt lernten wir einen Mitbruder kennen, der mit drei andern nach Schanz- > Hai in China abreisen wird, so wie hier in Bordeaux den P. Cabus, der gerade jetzt mit sechs andern Missionären die Reise nach Madure antritt. Gewiß sehr ermunternde Beispiele für uns. Was uns aber so rechte Hochachtung für unsern heil. Beruf einflößte, war die Freundlichkeit eines ehrwürdigen greisen Priesters in Paris gegen uns. Es schien als wollte er durch Liebe zu den Missionären sein Unvermögen zu den Missionen selber ersetzen. Mit kindlicher Freude brachte er uns bald ein Bild, bald ein Büchlein, bald ein anderes Andenken. Wir benutzten die Tage vor der Abfahrt des Schiffes, das Merkwürdigste ! der Stadt, besonders was religiöses Interesse hat, in Augenschein zu nehmen. Vom St. Michaels Thurm hatten wir einen herrlichen Ueberblick über die Stadt ' und den Hafen. Unter den schönen Kirchen zeichnet sich der Dom vor allen aus: ein majestätisches altgothisches Gebäude mit 5 Schiffen, ganz aus Sandsteinen ! gebaut. Die zwei Thürme an der Nordseite sind ganz von derselben Hohe und ! Bauart, wie die am Kölner Dome werden sollen. Auch an der Südseite wollte l man zwei bauen, die aber nicht fertig geworden sind. Im Dome liegt der heil. Simon Stock, Gründer der Scapulier-Bruderschast, begraben. Zur Erlangung einer Vollmacht behufs der Aufnahme in diese Bruderschaft kamen mir die hie- ^ sigen Carmeliten freundlich entgegen. Wir besuchten ihre neue Kirche, die wirklich schön gebauet ist; in und außer derselben erscheinen die Ordensmänncr im weißen Habit mit braunem Mantel. Bordeaux war der Geburtsort des heil. Paulinus, dessen Namen noch ein Platz in der Stadt führt, und vieler andern Heiligen, namentlich auch des großen heil. Severin, Erzbischofs von Köln und Freundes des heil. Martin von Tours. Der Kirchhof in der Nähe des schönen alten Karthäuserklosters wird schwerlich in Frankreich oder Deutschland seines Gleichen haben an Größe und Schönheit. Auf sehr vielen Familiengräbern stehen kunstreich gebaute gothische Capellen mit Altären, an welchen von Zeit zu Zeit die heilige Messe gelesen wird. 139 Wir besichtigten auch das Haus von der Barmherzigkeit, das denselben Zweck hat, wie die Klöster vvm guten Hirten. Die Stisterin war eine adelige Dame, die im Rufe der Heiligkeit gestorben ist und aus deren Leben man uns viel Wunderbares erzählte. Man nennt sie nur „die gute Mutter." Die Ordensschwestern feiern noch am Feste der heil. Theresia ihren Namenstag, gerade als ob sie unter ihnen lebte. Die jetzige Oberin ist ihre Nichte und scheint ihre Tugenden geerbt zu haben. Es befinden sich in dem Hause gegen 300 Personen, die auf diese Weise den Gefahren der Welt entrissen worden. Frägt man die Schwestern, wovon sie alle leben, so antworten sie, von der göttlichen Vorsehung. Die gute selige Mutter hatte die Hausschlüssel der Mutter Gottes und dem heiligen Joseph übergeben. Fehlte etwas, so hielt sie eine neuntägige Andacht, und ihr Vertrauen ward nie getäuscht. Größeres Gottvertrauen als bei diesen Schwestern fand ich noch nirgends. Wir mußten unsere Namen in ein großes Buch einschreiben, wo wir die Namen vieler Missionäre aufgezeichnet fanden, und erhielten die Versicherung, daß man beständig für uns beten werde. Wie wohlthuend ist es, eine solche Versicherung mit auf's Meer nehmen zu können, zu der sich das tröstliche Bewußtsein gesellt, daß so viele theuere Mitbrüdcr in Europa, und so viele Gläubige, die an unserm Schicksal Theil nehmen, uns mit ihren frommen Gebeten begleiten. So treten wir denn wohlgemuth unter Gottes und Mariä Schutz und mit dem treuen Beschützer der Reisenden, dem heil. Erzengel Raphael, dessen Fest wir heute feiern, die weite Reise an. Uns drei begleiten wenigstens auf der Seefahrt sechs unserer Mitbrüder, die für verschiedene Stationen Südamerika's bestimmt sind; nämlich: P. Brindesi, ein Grieche, von der Insel Delos gebürtig, der außer der griechischen, auch die türkische, russische, italienische und französische Sprache redet. Er wird bis Montevideo unser Oberer sein; P. Ciaceri, ein Sicilianer aus Palermo, sehr lebhaften Charakters. Da er uns erzählte, er habe einige Zeit deutsch gelernt, und wir daher eine deutsche Unterredung mit ihm anknüpfen wollten, erwiderte er: »o» spreü», ncm »xreko: P. Bofarull, ein «Spanier aus Catalonien, mit zwei Laienbrüdern seiner Nation, Jturzaota und Ortiz, wovon ersterer das Glück hat, nahe beim väterlichen Hause des heil. Jgnatius geboren zu sein — und mit einem jungen spanischen Scholastiker Puig, der uns viel Interessantes über Majores und Loyola, sowie über das Aufblühen der katholischen Kirche in seinem Vaterlande mittheilte. Wir haben in diesem liebenswürdigen Mitbrüder einen tüchtigen Lehrer der spanischen Sprache, auf deren Erlernung wir uns eifrig verlegen. Da keine große Schwierigkeiten dabei zu überwinden sind, — namentlich ist die Aussprache sehr leicht — so hoffen wir in kurzer Zeit große Fortschritte zu machen. Meinen nächsten Brief schreibe ich Ihnen, so Gott will, aus Montevideo. Theodor Schwerter, 8. 1. (Fortsetzung folgt.) Welch ein Ende die Verfolger der Päpste genommen. (^rnionis.) Niemals konnte sich ein Souverän, welcher seine Hand gegen einen Papst erhoben, einer langen und glücklichen Regierung erfreuen. (Graf Maistrc in einem Briefe an den König von Sardinien vom 6. Juni 1810.) Lactantius schrieb im vierten Jahrhundert das Buch: „l)e morto per- üeouwrum", worin er das tragische Ende der Feinde Gottes und seines Gesalbten nachgewiesen. Ein Buch dieser Art, welches die Fürsten, von denen die Päpste Verfolgungen zu leiden hatten, namhaft machen und zeigen würde, wie 140 sie sämmtlich schon in dieser Welt von der göttlichen Gerechtigkeit erreicht, und entweder in ihrer Person oder in isiren Nachkommen schrecklich gestraft wurden, wäre heutzutage gewiß ein sehr nützliches. Eine solche Arbeit zu unternehmen, fehlt uns aber der Muth und die Zeit. Doch wollen wir einige bezügliche Thatsachen anführen, und sie der Betrachtung unserer Leser anheimgeben. Die Gegner werden freilich sagen, es seien Zufälle, Zusammentreffen der Umstände, Ohngefähr u. s. w.; allein eine fortgesetzte Reihe von ähnlichen Ereignissen muß doch einem jeden nicht ganz Hirnlosen etwas zu denken geben. Von Nero bis auf Julian den Abtrünnigen wurde die Kirche und die römischen Päpste von 18 Kaisern verfolgt und von diesen machten 4 durch Selbstmord ihrem Leben ein Ende, 9 wurden von andern ermordet und 5 gingen sonst auf elende Weise zu Grunde. Nero, der den heil. Petrus todten ließ, nahm sich aus Verzweiflung mittelst des Schwertes das Leben. Maximian Herkuleus erwürgte sich mit einer Schnur. Aurel und Hadrian wählten freiwilligen Hungertod. Einige brachte Verrath der Ihrigen um das Leben, wie Domitian, Julius Maximin, Aurelian, Gallus, der den Papst Cornelius nach Civitavecchia verbannte, und Volusian. Andere fielen im Kriege in der Schlacht, wie Decius, oder nach dem Kriege als Sieger, wie Licinius, der auf Befehl des Konstantin erdrosselt wurde, oder wie Valerian, der, nachdem er dem persischen König Sapor als Fußschemel gedient, hernach geschunden und wie ein Schlachtthier einge- salzen wurde. Trajan, welcher den Papst Clemens aus Rom vertrieben, starb sehr wahrscheinlich an Gift. Diocletian wurde mehr vom Aerger, nicht im Stande gewesen zu sein, den Christenglauben mit Blut zu ersticken, als vom langsamen Fieber verzehrt. Den Severus tödtete die Melancholie, Galerius und Marimin wurden bei lebendigem Leibe von Würmern verzehrt. Julian der Apostat erhielt einen Pfeilschuß von unbekannter Hand, und seine Wunde war so schmerzlich, daß er in der Verzweiflung sein eigenes Blut gen Himmel spritzte, und den Sieg des „Galiläers" bekannte, den er so frevelhaft bekämpft hatte. — Von den ersten heidnischen Verfolgern übergehend zu den ketzerischen, finden wir den Kaiser Konstantins, den fanatischen Begünstiger der Arianer. Dieser vertrieb den Papst Liberius aus Rom, und verbannte ihn nach Thracien. Wie endete aber Konstantins? Er wurde ein Spielball seiner Höflinge, und hätte sein Reich verloren, wenn er nicht am Fuße des Taurus ganz unvermuthet gestorben wäre im Jahre 361. — Papst Johann I.. durch den Ehrgeiz des Gothenkönigs Theodorich gezwungen, nach Konstantinopel zu reisen, wurde nach seiner Zurückkauft in Ravenna gefangen gehalten, weil er mit den Plänen des hochmüthigen Königs nicht einverstanden war. Wie endete Theodorich? Er kam in einer Schlacht elend uin's Leben. Anastasius >., Kaiser von Konstantinopel, beschimpft die Legaten des Papstes Shmmachus, der ihn excommunicirt. Nach mehrfachen Empörungen starb der unglückliche Monarch, von einem Blitzstrahl getroffen, im Jahre 518. Die Päpste Silverius und Vigilius trieb Kaiser Justinian l. in die Verbannung. Allein von dem Zeitpuncte an, wo er die Päpste feindselig behandelte, wurde er auch der Tyrann seiner Völker, selbst aber tyrannisirt von Theodora, jener schamlosen Buhlerin, die er zum Weibe genommen. Der heil. Papst Martin wurde vom Kaiser Konstans II. verfolgt, verjagt und mißhandelt. Der Verfolger starb jedoch grausam ermordet im Jahre 668. Andreas, Sohn des Patriciers Troilus, folgte ihm eines Tages in das Bad unter dem Vorwand, ihn zu bedienen. Dort nahm er das Wassergefäß und schlug es ihm so heftig an den Kopf, daß er ihn todt niederstreckte. Der Kaiser Justinian ll. erklärte sich als persönlichen Feind des Papstes Sergius, welcher weder seinen Lastern noch seinen Missethaten Beifall gab. Und Justinian fiel als ein Opfer eines Volksaufstandes, man schnitt ihm die Nase ab, und schickte ihn nach dem Cher- sonnes in die Verbannung. Von den bilderstürmenden Kaisern, Feinden und I > i j Verfolgern der Päpste und der kathol. Kirche starb Theophilus aus purer Herzensangst; Leo der Armenier wurde von den Verschworenen in der Kirche in Stücke gehauen; Leo IV. erlitt schmerzlichen Tod wegen ekelhafter Kopfgeschwüre. Konstantin Kopronimus nahm ein ähnliches Ende, und Nicephorus ward im Kriege von den Bulgaren getödtet. Papst Leo III- mußte von Denjenigen, welche seine treuesten Freunde und Mithelfer sein sollten, Verfolgungen leiden. Allein Gott beschützte den Papst aus wunderbare Weise; aus Rom vertrieben, kehrte er triumphirend in Mitte seines Volkes, das ihm entgegen kam, zurück. Karl der Große verurtheilte die beiden Verfolger des Papstes zum Tode. Leo III. rächte sich aber als hoher Priester, indem er vom Kaiser Gnade erbat und erhielt. Papst Johann VIII. war genöthigt, in Frankreich eine Zuflucht zu suchen, um sich den Plackereien Lamberts, des Herzogs von Spoleto, zu entziehen, der in Rom unerhörte Gewaltthätigkeiten verübte. Jedoch bald darauf wurde Lam- bert aus seinem eigenen Herzogthume vertrieben. Crescentius, der gegen Ende des 10. Jahrhunderts in Rom den Aufruhr anzettelte, sich an die Stelle des Papstes setzen wollte, und dessen zeitliche Herrschaft usurpirte, endete damit, daß er auf Befehl Otto III. auf den Zinnen der Engelsburg aufgeknüpft wurde. Der Demagog Arnaldo da Brescia, welcher dem Papste sein zeitliches Besitzthum rauben wollte, wurde eingekerkert, verbrannt und seine Asche in die Tiber geworfen, während die Römer dem Papst Hadrian IV. vie Huldigung leisteten. Cola Rienzi, der sich im Jahre 1354 ebenfalls der Usurpation der Oberherrlichkcit über Rom schuldig gemacht hatte, wurde von dem wüthenden Volke aus der Stadt gejagt; ein Diener des Hauses Cölonua stößt ihm den Dolch in's Herz, und die Römer hängen seinen blutigen Leichnam an den Galgen. (Schluß folgt.) Der gesellige Verkehr. Je weniger die häusliche-und die in der Schule und in der Kirche erlangte Erziehung für die Festigkeit der Denkungsweise gewirkt hat, je mehr diese Wirkung durch die nachherige Uebergangszeit der Lehrjahre und des bewachten Jugendalters abgeschwächt worden ist, desto größer muß — bei den verschiedenen Classen des Nährstandes — die Einwirkung des geselligen Verkehrs auf die Volksbildung sein; und diese Einwirkung ist, leider! — in sehr häufigen Fällen auf traurige Weise entscheidend. Willst Du wissen, wer du bist, sieh, wer Deine Gesellschaft ist. — Böse Gesellschaften verderben gute Sitten. — Alte, vergeblich wiederholte Sprichwörter! Aber welche Gesellschaft ist denn böse? — Die ernste? — In dieser versammelt mau sich nur um der Geschäfte willen, und auch sie schließt gewöhnlich mit Heiterkeit. — Vielleicht die heitere? — Gewiß nicht; denn Heiterkeit ist ja die Würze des Lebens, die Erholung, welche jeder thätige Mensch sich gönnen darf, sich gönnen soll; sie ist eine Aeußerung der Gesundheit des Körpers und der Seele, und fördert sogar wieder diese doppelte Gesundheit. Aber Heiterkeit geht nicht selten in Lustigkeit über, nud hier stehn wir an einer Grenze, wo das richtige Maß sehr leicht überschritten werden kann, um so mehr von der unerfahrenen Jugend. Uebrigeus ist jede Gesellschaft gemischt. In jeder werden Ansichten, Meinungen und Behauptungen vorgebracht, welche neu, anziehend, witzig, treffend sind und auf Kops und Herz ihre Wirkung nicht verfehlen, und das um so minder, je geringer die vorausgegangene Bildung des Zuhörers, je beachtenswerther, wir sagen nicht achtungswerther die Persönlichkeit, die Erfahrung des Sprechenden, 142 je blendender, wir sagen nicht gründlicher seine Redeweise, sein Vertrag ist; und derlei Erscheinungen gehören allen Classen des Volkes an. Der Knabe, der heranwachsende Jüngling, der in den Lehrjahren oder in einem, diesen ähnlichen Verhältnisse mit einer gewissen Geringschätzung sich behandelt sieht, welcher er gern entwachsen sein möchte, sehnt sich nach der Zeit, wo er, der Gleiche unter den Gleichen, mitsprechen darf über sein Erlerntes, über seine, wenn auch kurzen Erfahrungen, die mit jedem Tage zunehmen, die bei jedem Einzelnen anders sich gestalten. In der Werkstätte Geselle mit den Gesellen, Arbeiter mit den Arbeitern, findet er bald scheinbar, bald wirklich Ueberlegene, sei es im Geschäfte, sei es in sonstigem Wissen; er findet in den Einen Anziehendes, in den Ändern Abstoßendes; aber darin liegt leider nicht selten die Täuschung; was ihn anzieht, sollte er prüfen, ob es auch werth ist, ihn anzuziehen; was ihm unangenehm, rauh, ernst erscheint, sollte er ebenfalls prüfen, um zu erfahren, ob nicht die herbe Schale einen guten Kern verbirgt; und an dem Mangel dieser Lebensklugheit scheitern so Viele. Mit der Unabhängigkeit des jungen Mannes fängt aber auch gewöhnlich die Genußsucht an, und sie äußert sich im zeitweisen Besuche des Wirthshauses, der Schenke. Samstage, Sonntage, Montage vereinigen die Arbeiter meistens beim Weine, beim Biere. Der junge unerfahrene Mensch bekommt da Gelegenheit, einige Worte zu hören, welche die Wortführer besonders gerne im Munde führen, Worte, die so aufklärungsmäßig erscheinen, bald klar, bald minder klar ausgesprochen werden, die man auch in sogenannten Volksbüchern — was wird nicht Alles für das liebe Volk geschrieben! — häufig lesen kann, Worte, welche eben deßwegen eine nähere Beleuchtung verdienen; — sie heißen: Vcrdummung, — freie Forschung. Diese Wörter, sammt den Begriffen, welche sie darstellen, sind übrigens nicht aus unserm Boden entstanden, sie sind weiter her und haben eben deßhalb so freundliche Aufnahme gefunden. Wenn Du übrigens, lieber Leser, das Wort: Nerdummung, im geselligen Gespräche von irgend Jemand hörst, so bist Du fast ausnahmslos berechtigt, den, der es gebraucht, selbst für bedeutend verdummt zu halten; denn gewöhnlich bezeichnet er damit Deine Achtung für Alles, was Dir bisher heilig war; Deine Ächtung für göttliche und menschliche Gesetze und für Diejenigen, die mit ihrer Handhabung betraut sind; Deine Achtung für Treue und Glauben, für die Alten und für die Eltern; Deine Achtung für Dienertreue und Unterthanentreue; Dein Gefühl für Pflicht, ohne immerwährenden, eifersüchtelnden, anmaßenden Rückblick auf Rechte. Findest Du das erwähnte Wort in einem Buche, und Du wirst ihm, zumal in vielen sogenannten Volksbüchern nur zu häufig begegnen, so wirf solch eine Schrift ohne Wetters weg; etwas Nützliches wirst Du keinen Falls aus ihr lernen; wäre jedoch der Inhalt so anziehend, so fesselnd, daß Du Dich nicht davon trennen könntest, so lies wenigstens mit jenem Mißtrauen, mit jener prüfenden Vorsicht, die nicht Alles, was ein gewandter Schwätzer auftischt, für baare Münze hinnimmt, sondern Wahrheit von Trug, den Schein vom Wesen zu unterscheiden weiß. Du wirst dann finden, daß das Ziel eben dasselbe ist, wie bei den daraus erlernten Gesprächen, nicht zu erbauen, sondern zu untergraben; selbst das an sich Wahre zu verdrehen und zu mißbrauchen; denn auch das ist einer der Kunstgriffe der Vcrdcrber. Freie Forschung! Es ist schon häufig erwähnt worden, daß die Natur in der Begabung des Menschen mit gesundem Verstände eben nicht verschwenderisch ist; seine vielfältigen, heftigen Leidenschaften, um so wirksamer, wenn Erziehung und Religion sie nicht gezügelt haben, sind weit entfernt, ihn zu fördern; seine Lebensansichten werden eben dadurch höchst einseitig; auch das richtige Denken will erlernt wer- den; stellen wir uns nun einen Menschen vor, behaftet mit allen diesen Unvoll- kommenheiten, und aufgefordert zum — freien Forschen! — zum freien Forschen über Alles, was Gegenstand des menschlichen Ersorschens sein kann, oder auch nicht sein kann. Gibt es etwas Lächerlicheres in der Zumuthung? etwas Lächerlicheres, aber zugleich auch Traurigeres in der Ausführung? und dennoch ist es mit unserer Volksbildung dahin gekommen, daß Alle sich anmaßen über Alles abzusprechen. Allerdings spricht der Weber nicht über Metallarbeit, und der Metallarbeiter nicht über Schneiderei, aber über Staatseinrichtung, Gesetzgebung und Sittenlehre sprechen sie Alle; — und wie? das muß man hören. Wer die Folgen dieses Uebelstandes beobachtet hat, der kann es nur bedauern, daß es noch immer angebliche Volksschriftsteller gibt, welche, aus eigennütziger Specula- tion, — solcher Lehre anhängen und ihr Geltung zu verschaffen suchen. Ein Maler im Alterthume stellte seine Gemälde vor seiner Werkstätte der öffentlichen Beurtheilung aus, und, dahinter verborgen, vernahm er die verschiedenen Aeußerungen der Vorübergehenden. Unter andern fand ein Schuster die Fußbekleidung eines Mannes auf dem ausgestellten Bilde ganz unrichtig und tadelte, was zu tadeln war. Der Künstler unterließ nicht, dem Gebrechen abzuhelfen, und ebenso unterließ auch der Tadler nicht, dieser Verbesserung seinen Beifall zu spenden, als er, ein paar Tage darnach, dieselbe bemerkte. Dieser Beweis von Gelehrigkeit gab ihm jedoch den Muth, das Werk einer genaueren Betrachtung zu unterziehen und sich zu äußern, daß der ganze Fuß überhaupt verzeichnet zu sein scheine. Da rief der Maler aus seinem Verstecke hervor: Du, Schuster, bleibe beim Leisten! Die von den Rednern der Schenke und in den Flugblättern der sogenannten Volksschriststeller so häufig gebrauchten, oben angeführten Kraftausdrücke gehen auch, unter hundert Fällen in neunundneunzig von Denjenigen aus, die eine Aufklärung verbreiten wollen, welche keine ist; von Denjenigen, denen daran liegt, den Glauben, das Gewissen, das Vertrauen der Unwissenden aber auch noch Unverdorbenen zu untergraben; allen Leidenschaften, zumal der Eitelkeit zu schmeicheln; die leicht zu Verführenden mit jenem Dünkel zu erfüllen, in welchem sie sich über Alles erheben, über Alles hinwegsetzen, Alles mit Argwohn betrachten; das Volk berufen zu erklären für Dinge, zu denen es nie berufen war, noch ist, noch sein wird und nie berufen sein kann, wie die Weltgeschichte es allen Denen beweiset, welche Augen haben zu sehen, und auch sehen wollen; — sie sind eingegeben vom Haschen nach Dolksgunst, von der Sucht, den Leidenschaften des Pöbels zu sröhnen, von der gewissenlosesten Buch-- händlerspeculation, und wenn im hundertsten Falle Einer einmal in argloser Einfalt, in aufrichtig guter Meinung sie gebrauchte, so geschieht es entweder im Aberwitze oder er ist ein Verblendeter, ein Verführter. Selbst aus diesen etlichen Zeilen geht deutlich hervor, wie wichtig für die Volksbildung der gesellige Verkehr, überhaupt hinsichtlich der zu Bürgern heranreifenden Handwerksgesellen ist, für welche leider die Schenke nur zu oft eine einladende Schule der Verzogenheit und Verderbtheit ist. (A.A.B.) Ein wahrer Hirt. Der allverehrte Patriarch von Venedig pflegt in später Abendstunde die verschiedenen Stadtviertel zu durchstreifen und in vorkommenden Fällen Hilfe und Trost zu spenden. Nach Hause zurückkehrend, traf Se. Eminenz vor der Thüre einer ärmlichen Hütte in Canareggio einen Mann, welcher bitterlich weinte und wehklagte. Auf die Frage des Patriarchen, was ihm fehle, erzählte der Mann unter Schluchzen, daß sein Weib todtkrank darniederliege und er nicht die Mittel habe, ihr die nöthige Pflege, angedeihen zu lassen, da er nicht einmal so viel Geld besitze, Oel zu kaufen und deßhalb die Kranke im Finstern allein mit ihrem Schmerze ohne Hilfe darniederliege. „Führe mich zu der Kranken — sprach der fromme Seelenhirt — ich werde ihr nach meinen Kräften geistige und körperliche Hilfe leisten." Auf die verzagte Antwort des Mannes, daß er und sein Weib der jüdischen Religion angehörten, erwiderte der Patriarch: „Jude oder Christ, wir sind Alle Kinder Eines Gottes, und ich werde Euch als Bruder beistehen. In der That folgte der edle Kirchensürst dem Gatten zum Krankenlager seiner Frau, der er in wahrhaft christlicher Weise Trost zusprach und ihr versicherte, daß er für sie sorgen werde. So geschah es auch; eine Geldspende setzte den betrübten Gatten in die Lage, die Pflege seiner Frau zu besorgen, und der auf Befehl des Patriarchen sogleich erschienene Hausarzt desselben verordnete die nöthigen Arzneien. Kurz, bald erschien der glückliche Gatte mit seiner vollkommen genesenen Frau bei seinem edlen Wohlthäter, um seinen Dank auszusprechen, und wurde mit wahrhaft väterlicher Güte empfangen und über sein künftiges Loos beruhigt, da der Patriarch ihm eine seinen Verhältnissen angemessene Anstellung versprach. Seltene Ehrlichkeit. Als einstens Robert Thomas durch den Broadway in die Stadt ging, verlor er sein Taschenbuch mit 1200 Doll. in Banknoten und anderen wichtigen Papieren. Sobald er seinen Verlust bemerkte, eilte er denselben Weg zurück und begegnete zwischen Franklin Avenue und Washstraße einem zwölfjährigen Knaben, Namens John Moore, dem Sohn einer armen Wittwe, der, das ängstliche Umherschauen des Mannes bemerkend, ihn fragte, ob er etwas verloren habe. Aus die bejahende Antwort sagte der ehrliche Knabe, der von dem Verkauf von Zeitungen sich und seine Mutter erhält, er habe ein Taschenbuch gefunden. Der Fremde nahm den Knaben mit nach einem nahen Laden, beschrieb ihm sein verlorenes Taschenbuch genau, worauf es ihm der Knabe unversehrt einhändigte. In seiner Freude nahm Thomas den ehrlichen Jungen mit nach einem Kleiderladen und kaufte ihm einen vollständigen Anzug. Von da führte er ihn zu einem Uhrmacher, von dem er eine hübsche silberne Taschenuhr entnahm, in deren Deckel er die Worte graviren ließ: „Robert Thomas von Ken- tuckv dem kleinen John Moore", mit dem Motto: „Ehrlichkeit ist die beste Politik", und schenkte sie ihm. Außerdem kaufte er noch eine seidene Börse, that zwanzig Dollars in Gold hinein und hieß den erfreuten Kleinen seinen wohlerworbenen Reichthum seiner Mutter bringen. Für den Kirchenban der armen Katholiken in Stargard und Köslin. Uebertrag.25 fl. — kr. Für die armen Katholiken in Stargard.^ fl. — kr. Für die armen Katholiken in Köslin .4 fl. — kr. Motto: „Gott segne es." Summa: 33 fl. — kr. Motto: Milde Gaben für die Misfion in Perleberg Uebertrag. Gott segne es 8 fl. 18 kr. 4 fl. 12 kr. Summa: 12 fl. 30 kr. Redaction und Verlag: I)r. M. Huttlcr. — Druek von 3. M. Ltciiilc. AilgMzcr Amillagstlatt. 1S. 6. Mai 1860. Das Augsburger Tonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur AugSburger Post» Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. MisfionSleben in Texas. Der überaus eifrige französische Missionär, Emanuel Domenech, hat in verschiedenen Berichten Interessantes aus seinem Missionsleben in Texas mitgetheilt. Das ist ein Land, wohin vornehmlich Deutsche auswandern, und der wackere Missionär hat sich auch vorzüglich unserer deutschen Landsleute dort angenommen. Es kann daher von doppeltem Interesse für uns katholische Deutsche sein, einige Bilder aus dem Wanderleben des genannten Missionärs kennen zu lernen. Von Frankreich aus begab sich der noch jugendliche Missionär nach Galve- ston in Texas, dem Sitze des Bischofs, dessen Palast aus drei Hütten mit circa sieben bis acht kleinen Zimmern besteht. Da bekommen wir nun gleich einen Begriff von dem Leben eines katholischen Bischofs in Amerika. „Des Abends besuchten einige Katholiken den Bischof, und unter einem von Feigen und Rosenlorbeeren beschatteten Gang versammelt, horchten wir auf die Erzählung von seinen Reisen und die Entwicklung seiner Gedanken über die Bedürfnisse und Zukunft der Mission. Das waren die angenehmsten Stunden. Die Hauptkirche, welche sich jetzt in Galveston erhebt, war damals noch nicht vollendet, und der Gottesdienst wurde in einer kleinen hölzernen Capelle gehalten, welche die Gläubigen kaum faßte. Wenn es regnete, drang das Wasser durch das Dach. An einem Sonntage regnete es während der Predigt des Bischofs Odin sehr stark, das Wasser sickerte durch die Ritzen und fiel in Tröpfchen auf die Gläubigen, so daß sie mitten in der Kirche ihre Schirme ausmachen mußten. Wenn so die Kathedrale des armen Bischofs beschaffen war,, wie muß es erst um die übrigen Kirchen des Landes aussehen! Hier ist nicht Vieles, sondern noch Alles zu thun. Auf der Reise nach seinem Bestimmungsort kam unser Missionär auch nach dem bekannten Braunfels. Sehr naiv ist die Schilderung von einem Stück deutschen Lebens, welches Domenech hier zu beobachten Gelegenheit fand. Braunfels ist eine große deutsche Colonie. Wir langten daselbst am Abend an, und sahen nichts als Gruppen von Betrunkenen, welche schrieen und dis- putirten, durch den Wein und die Reden doppelt erhitzt. Ich getraute mir nicht, die Nacht in solcher Gesellschaft hinzubringen; allein man sagte zu mir: „Achten Sie nicht darauf, es ist heute Wahltag, der Lärm ist größer als der Schaden." In der Wirthsstube befanden sich tüchtige Weintrinker, welche mit der Cigarre im Munde und dem Glas in der Hand Politik machten. Ein Musikant erschien und wurde mit Hurrah begrüßt. Alle schrieen, er solle ihnen was zu tanzen aufspielen. Der Musikant erklärte, sein Instrument ginge nicht, so lange seine Gurgel trocken wäre, es würde aber gehen, so lange seine Gurgel feucht wäre. Neue Hurrah's. Der Tisch bedeckte sich mit Wein- und Branntweinflaschen. Alsbald entströmen der Geige Walzer und Tänze mit kreischenden Tönen und unbarmherzigen Mißlauten. Die Wähler sprangen, arbeiteten sich ab, drehten sich, heulten, daß einmi Tauben das Trommelfell hätte zerspringen mögen. Nach dreistündigem Hexenlärm zersprang zum Glück an der Geige eine Saite; Musik und Tanz hielten inne, und die Leute taumelten auseinander. Der gute Missionär aber suchte die Nachtruhe in einem in der Zechstube selbst befindlichen Bette. Nicht viel besser als in Braunfels erging es ihm mit einem Nachtlager in dem Städtchen Sän Antonio, in dessen Nachbarschaft die einst berühmten Missionen liegen, welche nun, wie so viele in Amerika, das Bild des traurigsten Verfalls zeigen. Zwei bis drei Meilen von Sän Antonio, am Flüßchen gleichen Namens, befinden sich die beiden alten Missionen Sän Josö und La Conception. Die eine steht mitten in einem Chaparal (großem Gebüsch), die andere liegt in einem Wäldchen verborgen, welches sie mit seinen riesigen Bäumen bedeckt. Sän Josö hat noch eine dicke Mauer auszuweisen, welche drei bis vier Morgen einschließt. Hier erhebt sich eine Kirche von mittlerer Größe mit schönen Verhältnissen, reichen Sculpturen und einem zierlichen Thurm. Während des Befreiungskrieges haben die Flinten der Texaner einige Arabesken beschädigt und einige Heilige in ihren Nischen zerbrochen. Die Zeit nagt mehr und mehr an dem Gebäude; aber der Kitt ist so fest, daß, wenn die Hand der Menschen nicht nachhilft, noch manches Jahrhundert verstreichen wird, ehe es zusammenstürzt. Dieser Kitt, berichtet die Sage, ist aus Kuh- und Schafmilch bereitet worden, und darum ist er so stark. Früher brachten die Spanier an diesen entlegenen Ort indianische Gefangene, welche die Franziskaner in der Religion, im Ackerbau und in einigen Handwerken unterrichteten. Die Häuschen dieser barbarischen Zöglinge waren an die Mauer gelehnt. Gegenwärtig haben sich ihre Nachkommen nach Sän Antonio oder auf andere Puncte am Fluß begeben; es sind nur noch ein paar arme indo-mexanische Familien übrig, welche ein wenig Mais bauen, in schrecklichem Schmutze leben und sich des Abends neben ihre verfallenen Hütten legen mit der unvermeidlichen Cigarre in der Hand; die Kirche wird nur noch von Wolken von Fledermäusen besucht; die weiten Löcher in den Ringmauern lassen das Wild, die Indianer und sogar die ungeheueren, langsamen, von Ochsen gezogenen Wagen mit ihren massiven Rädern ein. La Conception liegt auf der anderen Seite von Sän Antonio, die Kirche ist kahl und klein; aber der kühle Schatten und das kühle Wasser müssen es zu einem angenehmen Aufenthalt gemacht haben. Die Priester in Sän Antonio waren Spanier; sie bewohnten ein garstiges Haus von Stein auf dem Marktplatze. Ich wurde in eine Bodenhälfte gesteckt. Das Mobiliar bestand aus einem elenden Gurtenbette ohne Matratze und Strohsack, aus einem hinfälligen Tische, zwei Stühlen, wovon der eine keinen Sitz und der andere nur drei Beine hatte, und aus einem Sarg, mit der Bestimmung, die Armen auf den Kirchhof zu tragen, von wo der Sarg ohne den Leichnam zurückkehrte, um denselben Dienst zu unbestimmter Zeit zu wiederholen. Ein Fensterchen ging auf die Straße von Mexico; in dem Dache war eine Lücke angebracht; das Dach ließ den Regen und namentlich die heißen Sonnenstrahlen durch. An Bewohnern fehlte es in meinem Verstecke durchaus nicht: die Fledermäuse, Ratten, Spinnen, Moskitos, Scorpionen, Jnsecten aller Art lebten mit mir. Der spanische Pfarrer erzählte mir, daß er lange Zeit keinen Todten auf den Kirchhof, welcher nur einen Pistolenschuß weit von der Pfarre entfernt ist, habe begleiten können, ohne sich von Bewaffneten escortiren zu lassen; so unsicher ist die Gegend. Dieser Schilderung eines Pfarrhofes in Texas können wir ein Gegenstück aus dem Berichte eines anderen Reisenden, des Hrn. Olmstedt Law, zur Seite stellen, sowohl um die Wahrheitsliebe unseres Missionärs zu bezeugen, als auch den Lesern anschaulich zu machen, was texanische Pfarrer sind. „Während die Pferde beschlagen wurden, ritt ich", so erzählt Herr Olm- stedt, „nach der alten mexanischen Stadt La Bahia oder Alt Goliad hinüber, um die Kirche und die Mission zu besehen. Sie scheint in dieser Gegend die bedeutendste gewesen zu sein." Ich ritt durch Dorf und Fort und hielt vor den Thüren der zertrümmerten Kirche still. Ueber eine Mauer guckte das Gesicht eines Mannes, welchem ich einen guten Abend bot; ich fügte die Frage hinzu, ob ich mir das Innere des Gebäudes betrachten könne. „Gewiß, gewiß; warum denn nicht?" war die Antwort. In einem Glockenstuhle hingen zwei alte spanische Glocken; dort band ich mein Pferd an. Jener Mann konnte mich für einen Banditen oder einen texanischen Ranger halten, wenigstens sah ich einem solchen ähnlich. Wir waren in dieser Gegend vor Pferdedieben gewarnt worden; in meinem Gürtel steckten einige Revolver und ein Bowiemesser; als der Nordwind kam, hatte ich einen Kittel von blauem Flanell übergeworfen und meine Kappe bis dicht an die Nase gezogen; am Sattel hing meine Flinte. Der Mann, mit welchem ich in solcher Weise zusammentraf, mochte etwa-40 Jahre alt sein; er war mager, von dunkeler Gesichtsfarbe und schien intelligent zu sein. Ich lüftete meine Kappe zum Gruß, sagte, ich sei gekommen, um die Ruinen zu sehen, wollte aber nicht etwa einer Familie Störung verursachen. Er entgegnete, daß er allein wohne und keine Familie habe, fragte, woher ich komme, und meinte New-Dork sei recht weit entfernt. Dann fuhr er fort: „Es freut mich, Sie hier zu sehen; kommen Sie doch herein und betrachten Sie sich die Ruine. Die Kirche war früher sehr hübsch, aber die Amerikaner haben Alles zerstört, dort jene Gallerie verbrannt, die Schnitzereien vernichtet. Alles ist zu Trümmern geworden. Es ist bitter, daß meine Landsleute hier so arm sind; Sie können sich kaum ein Begriff davon machen; Alle zusammen haben gewiß nicht dreißig Dollars im Vermögen. Ich bin vor acht Tagen hier angekommen, während der letzten Tage war ich unterwegs und habe Kranke besucht. Sehen Sie, hier habe ich einen Anfang gemacht, um die Ruinen etwas Zu beseitigen." Er hatte an dem einen Ende der Kirche die Wände geweißt, den Boden gereinigt, einen Theil der Mauer mit Kattun beschlagen, ein beschädigtes Heiligenbild wieder aufgestellt, vor welchem einige Glasleuchter mit Kerzen standen. Aber der Regen war schon hineingeschlagen, die Weiße Wand von Schlamm wieder verunreinigt und der Kattun hing schlaff herab; der Nordwind hatte ihn am heutigen Morgen zerrissen und der Geistliche, denn das war der Mann, hatte noch nicht Zeit gefunden, ihn auszubessern. Von der Geschichte dieser Kirche wußte er nichts zu erzählen, außer daß die Amerikaner Kirche und Fort eingenommen und große Zerstörungen angerichtet hatten. Er führte mich in seine Wohnnng, die er in einer vormaligen Capelle aufgeschlagen hatte. „Hier ist mein kleines Zimmer, ich konnte kein anderes bekommen. Die Mexicaner leben wie die Hühner, alle ohne Unterschied des Geschlechtes schlafen in einem und demselben Zimmer. Die Leute sind recht gutmüthig, aber arm; wenn sie mit ihrer Aussaat fertig sind, wollen sie mir hilfreich an die Hand gehen, die Kirche wieder säubern und ausbessern und ein Haus bauen. Dann bekomme ich auch wohl irgend eine alte Person, die mir etwas kocht. Es thut mir leid, daß ich Ihnen nichts zur Erfrischung anbieten kann; wenn mich hungert, muß ich im ersten besten Hause vorsprechen und essen, was ich eben vorfinde; aber ich kann Ihnen eine sehr gute Cigarre geben." Der Mann wohnte in einem feuchten Gewölbe bei offenen Kisten und Kasten, und einigen hundert gut eingebundenen Büchern, welche schon zu schimmeln anfingen, einer Pritsche, auf welcher Kleider lagen, und einem Stuhle; den letzteren bot er mir an, und wir 148 unterhielten uns eine Weile. Er sagte mir, der Bischof habe ihn hieher gesandt, um zu sehen, ob sich etwas für diese Leute thun lasse, aber die Aussichten seien sehr schlecht, hier sei Alles Verfall. Und doch sei die Gegend gesund, schön und fruchtbar, wenn ich mich ansiedeln wolle, so könne ich keinen geeigneteren Punct finden. Ich dankte dem würdigen Pfarrer für seine Freundlichkeit und ritt (Fortsetzung folgt.) 14 '''NA Welch ein Ende die Verfolger der Päpste genommen. (Armanis.) (Schluß.) Schlaget auf das Buch der Geschichte, schreibt Cretineau-Joly in der zweiten Ausgabe seines Werkes: „Die römische Kirche Angesichts der Revolution", durchgehet die Regierung eines Feindes der Kirche, eines Usurpators ihres Pa- trimoniums, und sei er auch deutscher Kaiser wie Heinrich t V. oder Friedrich II-, unausweichlich bietet sich euch eines jener Trauerspiele dar, welche die Einbildungskraft erschrecken. Der Fürst ist mit dem Anathem belegt und ein Verächter Gottes, in einer Reihe von Missethaten führt er zu gleicher Zeit einen vater- mörderischen Krieg wider seine empörten Söhne und wider den heil. Stuhl. Allenthalben trifft man auf schreckliche Todfälle, Verschwörungen ohne Ende, gottlose Kämpfe, wüthenden Haß und Rachsucht, welche in Mitte des Christenthums an das Schicksal der unglücklichen Atriden zu denken zwingen. Von einer Verwegenheit zur andern fortschreitend, sieht dieser große Stamm der Hohen- staufen das Haupt Konradins, seines letzten Sprößlings, auf dem Blutgerüste rollen, und das „äolietü majorum iminkritu>; lues" findet in seinem vergossenen Blute eine schauerliche Anwendung. Otto I-, genannt der Große, vertrieb Johann XII. aus Rom, der ihm doch kurz zuvor das kaiserliche Diadem aufgesetzt hatte, und Otto starb bald darauf am Schlagflusse. Otto IV. von Sachsen wurde 1209 vom Papste excommunicirt, weil er sich wider die heiligsten Vorschriften der Gerechtigkeit und auch wider seine feierlichsten Versprechungen der Ländereien des heil. Stuhles bemächtiget hatte. Und Gott der Allmächtige bestätigte den Bannfluch, Otto bekam Frankreich und ganz Deutschland gegen sich, und verlor zuletzt den eigenen Thron, während er darnach strebte, den eines Andern zu besteigen. — Friedrich der Rothbart beanspruchte die Oberherrlichkeit über Rom und ganz Italien, und wurde vom Papste Alexander lll. in den Bann gethan. Von dieser Zeit an nahmen die Angelegenheiten Friedrichs eine so üble Wendung, und er wurde, wie ein Schriftsteller sagt, vom höchsten Richter dermaßen gezüchtiget, daß er endlich gezwungen war, sich zu demüthigen, und durch Gesandte von dem Papste die Lossprechung zu erbitten. (Baronius, d. I. 1176. Fleury, Kirchengerichte, 73. Buch.) Kaiser Heinrich V., Verfolger des Papstes Pascal II., mußte Alles leiden, was ein Mann und ein Fürst leiden kann. Sein ungerathener Sohn starb nach einer sehr unruhigen Regierung an der Pest. Friedrich II., der die Päpste verhöhnte und deren Städte in Besitz nahm, endete nach seiner Absetzung vom Kaiserthum durch Gift, das ihm sein eigener Sohn reichte. Philipp der Schöne, der Verfolger des Papstes Bonifaz VIII., starb an einem Sturze vom Pferde im Alter von 47 Jahren. Wenn die Vorsehung, fährt Cretineau-Jolh fort, den Schuldigen nur mittelbar bestraft, wie Lndwig den Bayer oder Philipp IV. von Frankreich, so straft sie mit solchen Töchtern, welche unter dem Namen Jsabella als Königinnen zu Paris oder in London den Staat zu Grunde richten und den Thron schänden. Dieser Fluch, der in allen Jahrhunderten sich findet, schont weder die Siegreichen, .noch selbst die Reuigen. Sie haben sich an dem Gesalbten des Herrn vergriffen! Die Geschichte des Hauses Savoyen erzählt glücklicher Weise nicht viele Beispiele von Attentaten gegen den heil. Stuhl. Diejenigen aber, welche vielfältig Victor Amadeus tl. und dessen Widersetzlichkeiten gegen den Papst anführen, mögen nickt vergessen, wie unglücklich er geendet, und wie bald darauf sein ganzer Stamm erloschen! — Ludwig XIV. versündigte sich eben nicht durch allzu demüthige Unterwürfigkeit gegen den heil. Stuhl, und als seine Tage aus die Neige gingen, schrieb er Vorsichtshalber um seines Scelenheiles willen den famosen Brief an Clemens XI., der seinen Widerruf enthielt. Napoleon I. konnte wohl das Original, aber nicht die Copien davon verbrennen. Indessen, was Ludwig XIV. verschuldet, wie mußte Ludwig XVI. es büßen! —> Napoleon I., der Pius VII. fünf Jahre hindurch gefangen hielt, sah sich gezwungen, im nämlichen Palaste zu Fontainebleau der Krone zu entsagen, in welchem er dem Statthalter Christi seine Gesetze dictirte, und nach fünfjähriger Verbannung starb er verlassen auf St. Helena. Joachim Murat, welcher in das Patrimonium des heil Petrus einfiel, und sich zum Herrn von ganz Italien machen wollte, wurde nach drei Monaten zu Pizzo erschossen. Napoleon II., von seinem Vater König von Rom genannt, führte keineswegs ein glückliches Leben, und starb im blühendsten Alter in jenem Palast zu Wien, in welchem sein Vater das unselige Decret, das den Papst der zeitlichen Herrschaft beraubte, unterzeichnete. So erging es den Verfolgern in früheren Zeiten, und so wird es Denjenigen ergehen, die ihre gottesräuberischcn Hände gegen den heil. Vater erheben, sein Herz betrüben, und seine Rechte mit Fußen treten. Eine exemplarische Mutter. Vor nicht langer Zeit ließ sich in Valenee in Frankreich eine arme deutsche Arbeiterfamilie nieder. Sie stammte aus der oberen Moselgegcnd, von wo sie schon seit 5 Jahren aus Mangel von Arbeit und Verdienst ausgewandert war, um in den benachbarten französischen Provinzen beides zu suchen. Als sie zu den Thoren von Valence einzog, litt der Mann, Nikolaus Hübschgen, bereits an einer auszehrenden Krankheit, die ihn für jede Arbeit untauglich machte. In einer elenden Wohnung am äußersten Ende einer jener schaurigen Gassen, die in keiner größern Stadt fehlen, fand diese Familie, die außer dem kranken Manne noch aus fünf Köpfen, darunter vier Kinder, wovon das jüngste kaum zwei Jahre zählte, bestand, ein höchst armseliges, dürftiges Unterkommen. Die einzige Stütze dieses wandernden Elendes war ein dem Anschein nach junger blasser Mensch von zwciundzwanzig Jahren, den man Michael nannte, der den Vater verpflegte und für die Kinder sorgte. Die Kinder nannte er seine Geschwister, wie er denn auch den kranken Mann als seinen Vater behandelte. Während der letztere nun zu Hause verweilte und auf die Kinder Acht hatte, ging Michael zu den Bauhandwerkern in Tagelohn, machte den Handlanger bei den Maurern, oder arbeitete an der Eisenbahn mit Hacke und Schaufel, wie er es schon seit 5 Jahren gewohnt war. Der Michael hatte dabei sein eigenes Wesen. Früh Morgens, noch bevor das Tagwerk begann, eilte er zur Kirche, um beim heiligen Meßopfer sich Trost und Stärkung zu harter Arbeit zu holen; bei der Arbeit selbst war er still und eingezogen, hielt sich von allen Kameraden ferne, verzehrte unnöthig keinen Pfennig, ließ sich nicht einmal auf ein Geplauder ein, sondern schaffte so fleißig und ordentlich, daß man ihm endlich noch täglich zwei Silbergroschen zu seinem bedungenen Lohne zusetzte. Vielleicht wußte 150 man auch, mit welch' treuer Liebe Michael für die zahlreiche, blutarme Familie daheim sorgte. War nämlich das Tagewerk gethan, dann eilte Michael heim, richtete und schaffte in dem kleinen Haushalte, pflegte den immer kränker werdenden Vater und besorgte die Kinder mit einer so rührenden Sorgfalt, daß dieses selbst den übrigen Bewohnern des Hauses auffiel. Besonders trug er gerne das Jüngste herum, das in arbeitslosen Stunden fast nicht von seinen Armen kam. Nun brach die Winterszeit herein. Es war ein besonders strenger Winter, so daß arme Leute sich kaum der Kälte zu erwehren wußten. Damit war die Arbeit bei den Eisenbahnen und Bauwerken in's Stocken gerathen; und war es bisher unserem Michael schon schwer geworden, der zahlreichen Familie von dem noch immerhin kargen Tagelohn das Allernothwcndigste zu beschaffen, so fing die rechte Noth nun erst an, da alle Lebensmittel im Preise stiegen, die Feuerung da sein mußte und sich kaum hie und da eine Gelegenheit fand, einen Franken zu verdienen. Bald fehlte es in dem Haushalte Michaels an Allem, was des Lebens dringendste Noth erheischt. Dazu legte sich nun der Hausvater aufs Krankenlager, das ihm zum Sterbebette werden sollte, und Gott allein weiß, was die arme, deutsche Familie ausgestanden hat in jenen Tagen der Bedrängniß an einem Orte, wo kein Mensch an sie.dachte. Da war es allerdings nicht anders möglich, als daß Michael sich nach fremder Hilfe umsehen mußte, und so besuchten dann die Mitglieder des Vereines vom heiligen Dincenz von Paula die arme Familie und brachten dieß und das zur Linderung des ärgsten Elendes, während noch hinreichend übrig blieb, um den frommen Glauben an Gottes allwaltende Vaterliebe auf harte Proben zu stellen. Doch wie jammervoll es auch in der elenden Kammer aussah, Vater Nikolaus hielt treu aus seinen Gott und dem Michael sank der Muth nicht, wie tief auch Kummer uud Elend anf seinem blaffen Gesichte sich eingruben. — Um Weihnachten gings mit Vater Nikolaus zum Sterben. Michael war und blieb der treue Pfleger, der mit der rührendsten Sorgfalt, wie es sonst kein Mensch ihm nachzumachen verstanden, den sterbenden Vater Pflegte und sich den letzten Bissen vom Munde abbrach, um den Hunger der Kinder zu stillen. Endlich erlöste der liebe Gott am 31. December den kranken Vater von seinen Leiden. Mit den heiligen Sacramenten gestärkt, ist er als ein blutarmer Mann, aber als ein guter Christ gestorben. Michael und die Kinder weinten bei seiner Leiche. Noch an demselben Tage wurde Michael mit den nunmehrigen Waisen — die Frau des Verstorbenen sollte vor zwei Jahren gestorben sein, — auf das Bürgermeisteramt beschieden, um den Todesfall des Vaters anzugeben und die Kinder in die Waisenlisten eintragen zu lassen. Hier sollte er von seiner vorgeblich verstorbenen Mutter Vor- und Zunamen angeben, wann und wo sie gestorben, wie auch den betreffenden Todtenschein beibringen. — Michael gerieth in bange Verwirrung und wollte mit der Antwort nicht heraus. „Darüber", sagte er endlich, „kann ich keine Erklärung abgeben." Das aber galt vor dem Amte nicht und man drängte ihn, die nöthige Auskunft zu ertheilen. Endlich sagte er stotternd: „Ich kann und darf keine Lüge sagen. Ich selbst bin die Frau des Verstorbenen, Susanne Arzt, und die Mutter dieser Kinder. Die armen Kinder, die nun erst merkten, um was es sich handle, schrieen nun auch dazwischen: „Ja, ja, es ist unsere gute Mutter! indem sie sich um dieselbe drängten. Das arme Weib zog sie innig an sich, während ihm die Thränen aus den Augen stürzten. Die Beamten standen erstaunt und ergriffssn bei dem seltsamen Auftritt und trauten kaum ihren Augen und Ohren. Aber es war wirklich so, wie die männlich gekleidete Fran gesagt. Bereits vor 5 Jahren hatte sie, da damals schon der Mann zu kränkeln begann, ihre Haare abgeschniten, männliche Kleider an- 151 gezogen und war statt des Mannes an die harte Arbeit gegangen. Durch ihr Herumwandern war ihr diese List möglich geworden, ohne auch nur Verdacht gegen sich zu erregen. So hatte die heldeumüthige Mutter Jahr aus Jahr ein das Brod für die Familie herbeigeschafft, bis in Valence die ärgste Noth über sie hereinbrach und des Mannes Tod sie zur Entdeckung zwang. Auf ihrem Betragen ruhte kein Mackel. Auch in der rauhen Umgebung und unter dem Arbeiter-Kittel hatte sie des Weibes christliche Würde bewahrt. Die Kunde von dieser Entdeckung verbreitete sich schnell in der ganzen Stadt und gar viele Leute, die das Große um so mehr bewundern, als sie weniger im Stande sind, es nachzumachen, eilten nach der Wohnung des verstorbenen Hübschgens, um die herrliche Mutter zu sehen, die mit solch heldenmütiger Hingebung für ihre Familie gearbeitet, gekämpft und gelitten. Man fand eine erschreckliche Armuth. Da war kein Tisch, kein Stuhl — die armen Kinder saßen auf kleinen Holzstückcn, — kein Bett und Geräthe. — Die Leiche lag noch da auf dem letzten Rest von Stroh und alten Kleidungsstücken, worauf der arme Mann seinen Geist aufgegeben. Aber bei dem Kommen und Zusehen blieb es natürlich nicht. Man brachte Speise und Trank, Mobilien und Kleider, Bett und Geräthe und was sonst zu des Lebens Nothdurft gehört. Man rechnete es sich zur Ehre an, hier Hilfleistung zu bringen. Selbst der todte Mann gelangte noch zu einem recht anständigen Begräbnisse. Als man der armen Frau neue Frauenkleider brachte, äußerte sie nur die eine Furcht, in den langen Gewändern ihrer gewohnten Arbeit nicht nachgehen zu können. Und wie sollte sie sonst ihre Kleinen ernähren? Mit diesem letzten hatte es indeß keine Noth mehr, die Gaben flössen so reichlich, daß die gute Wittwe sich bereits in einigem Wohlstände befindet und zu Hacke und Schaufel ihre Zuflucht nicht mehr zu nehmen braucht. Sie selbst kann nur nicht begreifen, was die Leute Großes darin finden, daß eine Mutter sich für Mann und Kinder aufopfert. Das, meint die fromme Frau, verstehe sich ja von selbst. Deßhalb hat sie auch bisher in ihrem Leben nichts geändert, bleibt eingezogen, fromm und bescheiden und verdient dadurch die gerechte Bewunderung aller braven Leute noch mehr, als durch die frühere harte Arbeit. Der Präfect des Drome-Departements, in welchem Valence liegt, hat die edle und die hochherzige Handlungsweise der Wittwe Hübschgen nach Paris an den Kaiser berichtet. Die Kaiserin hat durch ihren Secretär der braven Frau ein einiges Schreiben zugeschickt, das folgendermaßen lautet: „Madame! Die Kaiserin hat die Schilderung der frommen List, zu der Sie Ihre Zuflucht genommen, um Ihren kranken Mann und Ihre Kinder zu ernähren, mit besonderer Theilnahme gelesen. Durch diese Schilderung tief gerührt, kam der Kaiserin sogleich der Gedanke, sich Ihnen hilfreich anzubieten und die Versorgung zweier Ihrer Kinder zu übernehmen und sie hat mir besohlen, mich zu dem Zwecke mit dem Herrn Präfecten des Drome-Departements zu verständigen. Die Kaiserin weiß wohl, daß es Tugenden gibt, für welche die Großen dieser Erde keine Belohnung haben; allein Sie möchte Ihnen doch auch ein Zeugniß davon geben, welche Gefühle Ihr Thun in Ihrem Herzen rege gemacht; sie will Sie überzeugen davon, Madame, daß die sich aufopfernde Gattin und entschlossene Familienmutter ihren höchst persönlichen Beifall erworben hat. Ich bitte Sie, Madame, empfangen Sie die Versicherung meiner ehrfurchtsvollsten Huldigung. — Palast der Tuilerien, den 18. Jänner 1854. Der Secretär der geheimen Angelegenheiten." So schlägt oft unter der ärmsten Hülle das größte Herz! So lohnt Gott oft in diesem Leben wahre Tugend — doch nicht immer hier, jenseits aber gewiß noch reichlicher! Warme Herzen unter einem groben Rock. In einer Stadt eilte ein armer Handwerksgeselle schnell znm Thore hinaus, weil man schon die Sperre läutete. Unter WegS begegnete ihm ein Greis, welcher ebenfalls, um einen Kreuzer zu ersparen, eiligst aus der Stadt gehen wollte. Allein er war zu schwach, er konnte nicht fortkommen, obwohl er um eines Kreuzers wegen seine letzte Kraft anstrengte. „Guter Alter!" sagte der junge Handwerksbursche, welcher die Anstrengung des alten Mannes sah, „ich will euch gerne helfen; gebt mir euer« Arm. Der Jüngling führte den Greis; allein sie hatten doch zu lange gezögert. DaS Thor war schon gesperrt. Der Greis fing bitterlich zu weinen an. „Guter Bursche", sagte er, „ich habe mir heute den ganzen Tag nicht mehr als zwei Kreuzer erbettelt, und nun ist die Hälfte dahin." „Sorge doch nicht, alter Vater, erwiderte der HandwerkSburscke; ich habe sechs Kreuzer, bin noch jung und werde bald Arbeit bekommen; da hast du all' mein Geld. Laß dir eine Maß Bier holen und thue dir etwas GuteS; ich kann wohl ein paar Tage hinbringen. Hierauf zahlte er den Sperrkreuzer und sie gingen znm Thore hinaus. AIS sie vor das Thor kamen, zankten sie sich immer. Der Alte wollte daS Geld nicht nehmen, sich nicht satt essen und jenen hungern lassen. Zu diesem edlen Streit kam ein Grenadier, der auf der Wache war uud ihnen schon eine Weile zugehört hatte. „Ha, Brüder!" rief er, „was seid ihr ehrliche KerlS!" und eine Thräne fiel ihm auf seinen Schnurbart. „Ich will den Ausschlag geben. Hier hab' ich mir einen Zwanziger erspart nnd wollte am Sonntag mit meinem Mädchen zum Biere gehen; aber hol der T_ das Bier nnd den Tanz, wenn ihr Noth leiden solltet. Da habt ihr den Zwanziger; nur macht mir nicht viel Flausen." Der Greis uud der HandwerkSbnrsche standen wie versteinert über diesen SchiedSmanu und ein Dank vom Herzensgründe war alles, was sie ihm antworten konnten; der Grenadier aber eilte nach der Wachtstube und trillerte sich eiu Lied vor mit vergnügter Seele. _ Eine kaiserliche That. Ein Jnde, der als Soldat im österreichischen Heere diente, sich bei Montebello ausgezeichnet und die große silberne Tapferkeitsmedaille erhalten hatte, wurde bei Magenta gefangen; doch gelang es ihm, auf die abenteuerlichste Weise zu entkommen und er traf gerade recht bei -seinem Corps ein, um die Schlacht von Solferino mitzumachen, wobei er sich abermals dermaßen auszeichnete, daß er die goldene Tapferkeitsmedaille erhielt. In dieser Schlacht wurde er jedoch schwer verwundet und ver- ließ in der Folge den Militärdienst. Dieser Mann fand sich vorige Woche iu der Audienz bei Sr. Majestät ein und stellte in derselben die Bitte, Se. Majestät möge geruhen, ihm eine Anstellung zu verleihen. Er trug bei der Audienz einen ziemlich fadenscheinigen Rock, an welchem die beiden Medaillen, jedoch ohne Bänder geheftet waren. Nachdem der Bittsteller sein Gefach vorgetragen hatte, fragte der Kaiser: „Warum tragen Sie die Medaillen ohne Band?" Der Mann erwiderte, eS fehle ihm daS Geld, nm Bänder zu kaufen. „Geben Sie die Medaillen her!" sagte der Kaiser in dem kurzen Ton des Kommandos. Der Mann erblaßte nnd legte schweigend die Medaillen in die Hände des Monarchen, worauf der Kaiser, sagte: „Morgen verfügen sie sich zu meinem Generaladjntauten, wo sie daS Nähere erfahren werden." — TagS darauf begab sich der Mann in die Burg; der Generaladjutaut empfing ihn sehr freundlich, ging iu ein Nebenzimmer und brachte aus demselben einen OfficierSwaffenrock, auf welchen die beiden Medaillen nnd der Orden der eisernen Krone geheftet waren, und übergab ihm denselben mit den Worten: „Se. Majestät ernennt Sie hiemit znm Lieutenant und sendet Ihnen hier die Medaillen mit Bändern versehen, nebst 400 st. zu ihrer Eqnipirnng." Ncdacüvn und Verlag: I)r. M. Huttlcr. — Druck von I. M. Älcinlc. AiigMgcr AmtkgsM. S«. 13. Mai 1860. DaS AugSburger Sonntagsblatt (SonntagS-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle r. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Zwei Bruder. 6. In einer großen Stadt Deutschlands lebten zwei Bruder, welche ein sehr geringes väterliches Erbtheil erhalten. Der Eine hatte sich der Schriftstellern gewidmet und erwarb durch die Abfassung von Romanen, Schauspielen und ähnlichen Schriften nicht nur den Beifall des gebilvet sein wollenden Pub- lieums, sondern auch ein reichliches Einkommen für sich und die Seinen. Er verband mit ausgezeichneten Anlagen zu seinem Berufe nicht nur hervorragende Kenntnisse und gründliches Wissen, sondern auch in seinem Privatumgange feine Sitten und ein wahrhaft liebenswürdiges Benehmen, so daß er in gleichem Ansehen bei der gelehrten Welt, wie in den vornehmsten Zirkeln stand. Bei all' diesen glänzenden Eigenschaften beseelte ihn das aufrichtigste Streben nach dem, was er für's Beste seiner Familie hielt. Seine Gattin nahm an seinen Vergnügungen, seinem Ruhme Theil. Antonien, seiner einzigen Tochter, einem hoffnungsvollen Mädchen von siebzehn Jahren, sollte ein nach des Vaters Meinung glänzendes Loos beschieden werden. Darum durchwachte Aerr Ellen — so wollen wir den Schriftsteller nennen — nicht selten halbe Nächte bei anstrengenden Kopfarbeiten, um seinem lieben Kinde Nichts versagen zu müssen, was, wie er glaubte, die Bildung des Geistes, den Genuß des Lebens erhöhte. Antonie war belesen in den gefeiertsten Schriftstellern des In- unv des Auslandes, ja zur Freude ihrer Eltern berechtigten ihre eigenen Versuche im Gebiete der Poesie zu den schönsten Hoffnungen. Durch den seelenvollen Vertrag, welcher ihrem Gesänge, ihrem Klavierspiele innewohnte, riß sie ihre Zuhörer zur Bewunderung hin, und ward auf diese Weise nicht selten die Königin eines geselligen Festes. Auch in der Malerei, in kunstvollen weiblichen Arbeiten war sie nicht ungeübt, und eine große Fertigkeit in der französischen, wie englischen Sprache war der Schlußstein ihrer modernen Bildung. Alle diese Künste und Wissenschaften trieb Antonie mit großem Eifer und ausdauerndem Fleiße; allein die größte Vorliebe hegte sie doch für die Literatur nach ihrem Geschmacke: Romane, Schauspiele und verwandte Dichtungen, welche ihren Sinnen schmeichelten und ihre Einbildungskraft aufregten. Alle Zeit, welche sie ihren andern Beschäftigungen, ihren geselligen Vergnügungen entziehen konnte, wurde dem Lesen solcher Bücher geweiht, und da das Mädchen, wie dies bei Menschen von seltenen Naturanlagen häufig der Fall ist, äußerst reizbare Nerven besaß, so mußte die Befriedigung dieser ihrer Lieblingsneigung schon ihrer körperlichen Entwicklung schädlich sein. Ihre thörichten Eltern hätten dies wohl einsehen sollen; allein Antonie war ja im Wachsen, und so mußten sich alle krankhaften Erscheinungen an ihr mit dem Eintritte der reifern Jahre verlieren. Unersetzbar jedoch war der Verlust an geistiger Bildung, welche Antonie aus solchen Büchern schöpfte, unverzeihlich war es, einer Tochter, die ihren Eltern große Freude bereitete, ein so schuldloses Vergnügen zu nehmen. Von einem sittlichen Verderben konnte ohnedies keine Rede sein, denn Antonie wax nach der Meinung ihrer verblendeten 156 mehr ausschließlich Röberts und Justinens Kind, auch ir^ Oheim und Tante verehrte sie von jetzt Vater und Mutter an Antoniens Stelle. In ihrer glücklichen Verbindung mit Richard schenkte ihr Gott zwei hoffnungsvolle Kinder, die Franz wie seine Enkel liebte, aber nicht, wie einst seine Tochter verzärtelte. Möchte die in diesen Zeilen liegende Wahrheit jeder Vater, jede Mutter beherzigen! Die romanlesende Jugend fehlt oft nur aus Unverstand; jene Ael- tern aber, welche derlei Vergnügungen gestatten, sündigen stets mit vollem Verstände. Missionsleben in Texas. (Fortsetzung.) Kehren wir nach dieser Abschweifung wieder zu unserem Missionär zurück. Von Sän Antonio gelangte er bald nach dem nicht sehr entlegenen Orte seiner Bestimmung, Castroville. Aber was für ein seltsamer Empfang harret seiner! „Bei meiner Ankunft zu Castroville", erzählt er, „begab ich mich gleich nach dem Hause des Missionärs, um mich darin einzurichten. Wie groß war mein Erstaunen, als ich es bewohnt fand. Eine Familie hatte es in Besitz genommen und lebte darin, als wenn es ihr eigen wäre. Ein leer stehendes Haus ist leicht zu nehmen. Indessen wurde ich sehr anständig aufgenommen, das muß ich bekennen: es wurde mir ein Bett zurecht gemacht, man machte den Wirth in einem Hause, welches man sich angeeignet hatte. Bei diesen unerwarteten Freunden schlief ich so gut, daß ich mich später erhob als die Sonne, ich kleidete mich in aller Eile an, und las schnell die heilige Messe in der erbärmlichen Hütte, welche den Namen einer Kirche führte. Niemand wohnte ihr bei; meine Ankunft war nicht bekannt geworden. Nach dieser einsamen Handlung untersuchte ich das Haus. Der AbbS Dubuis hatte es in Gemeinschaft mit dem verstorbenen Pater Chapelle, seinem Gefährten, erbaut. Es war aus Holz, Stein und Backstein; die Winkel hatten sich stellenweise auseinander gegeben, und eröffneten den Eidechsen und Schlangen in Begleitung von Ratten, Ameisen und Skorpionen einen vielbenutzten Durchgang. Dieses Besitzthum bestand aus zwei, durch einen Gang und einen Speicher getrennten Zimmern; davor lag ein Gemüsegarten und ein Hühnerhof, zur Seite zwei Hütten, von denen die eine nach Belieben ein Pserdeställ, ein Vorrathshaus und ein Hühnerhaus, manchmal auch alles zusammen war, während die andere, aus Baumästen errichtet und mit einem Strohdache versehen, die Kirche und die Schule enthielt. Diese Kirche bestand, wie schon gesagt, aus einer Hütte von Holz und Erde; kaum ein paar Familien hatten darin Platz, und die meisten Gläubigen mußten dem Gottesdienst vor der Kirche beiwohnen. Wir liehen von einem Ansiedler ein Glöckchen; es war ein Schweizer, welcher dasselbe nach dem Gebrauche seines Landes einer Kuh an den Hals gehängt hatte. Auf dem Dache der Kirche wurden vier Bretter zusammengelegt, welche den Thurm vorstellten. So klein auch die Glocke war, so wurde boch ihr Geläute, weil die Luft sehr rein ist, von der ganzen Stadt und sogar auf der Ebene und auf den Bergen, zumal des Abends und des Morgens, gehört. Uebrigens trug der Eifer des Abbe Dubuis seine Früchte. Die Bewohner fingen an, den Sonntag heilig zu halten, und gaben die Gewohnheit auf, an diesem Tag zu arbeiten, um sich am folgenden beim Saufen und Schwelgen auszuruhen. Einige Warnungen der Vorsehung hatten den Predigten des guten Missionärs Nachdruck gegeben; mehrere Colonisten, welche am Sonntage arbeiteten, hatten Unglücksfälle erlitten und die Bevölkerung begriff, daß es an diesem Tag sicherer wäre, wenn man in die Kirche ginge. Das Osterfest 18-19 war für uns wahrhaft tröstlich; fast alle 157 Katholiken in Castroville gingen zur heiligen Communion. Vor und nach dem Gottesdienst kamen Viele zu uns und fragten uns um Rath in Betreff der Verwaltung und Verbesserung ihrer Farmen; dem Abbe Dubuis legten sie ihre Streitigkeiten vor. Sie erblickten in dem Missionär nicht bloß einen Mann, welcher unterweist, ermuntert und tröstet, sondern auch einen praktischen Mann, welcher tausend Mittel kennt, um die materielle Noth zu überwinden, den Boden fruchtbar zu machen, kurz einen Familienvater, welcher für das geistige und leibliche Glück seiner Kinder sorgt, welcher sich um ihretwillen vergißt, um ihretwillen sich so vielen Anstrengungen und Entbehrungen unterzieht. Auch war uns unsere Arbeit lieb und unsere Heerde theuer; wir genossen froh, was wir Gutes thaten. Die Frömmigkeit unserer Ansiedler, die Armuth unserer kleinen Kirche, die Einfachheit unserer gottesdieustlichen Handlungen machten mir oft das Herz weich und entlockten mir Thränen, während ich unsere einzige Monstranz in den Händen hielt. In den schönen Kirchen Europas ist der Gottesdienst voll Glanz: Gold, Crpstalle, Lichter blenden die Augen, Alles richtet sich an die Phantasie; hier dagegen spricht Alles zum Herzen und zieht es gerührt und liebeerfüllt hin zu den Füßen Gottes. Jeden Sonntag um 10 Uhr wurde eine heilige Messe mit Musik gehalten, denn wir hatten einen Singchor errichtet, welcher gar nicht zu verachten war. Um drei Uhr versammelte sich die Gemeinde, um einen Rosenkranz zu beten; dann sangen wir die Vesper. Am Tage vor Ostern wünschte ich unsere Capelle geschmückt zu sehen und ihr ein festliches Ansehen zu geben; ich borgte alle Shawls, Stoffe und Leuchter in Castroville, und sogar zwei kleine Thüren, um Seitenaltäre zu errichten. Die Mousseline und Shawls verwendete ich zu Behängen. Ich machte aus gedrehtem Holz, welches ich vergoldete, und aus Moos Gefäße; hier that ich Blumen von jeder Größe und Farbe, welche in den Wäldern und auf der Ebene gepflückt waren, hinein. Unsere Colonisten waren ganz in Verwunderung über die große Pracht. Am folgenden Tage wohnten sämmtliche Katholiken aus der Stadt und von den Farmen dem Gottesdienst in tiefer Andacht bei, auf der Erde und im hohen Grase lange Stunden knieend, mit entblößtem Haupt und ohne an die drückende Sonnenhitze zu denken, welche ihnen die Stirne verbrannte. Du armes, vereinsamtes Volk, wie groß, aufrichtig und rührend war deine Andacht! der Allmächtige muß an jenem Tage gütig auf das Stückchen Erde, wo du betetest, herabgeschaut haben. (Schluß folgt.) Der Revivalismns in Gngland. Es ist ein eigenes Ding um den Volksgeist. Weder Kirche, noch Schule, noch Polizei haben vermocht, ihn seiner Geneigtheit zu phantastischen Kundgebun- gebungen zu entwöhnen und die oft excentrischen Ausbrüche desselben zu verhüten. Zwar sehen wir vornehm von der Höhe unseres realistischen Standpunctes auf das Mittelalter herab, in welchem dergleichen allerdings häufig genug in die Erscheinung traten, man denke nur an die Geißlerfahrten, an den Hexenglauben mit seinen Teufeln und Dämonen, an die Kinderkreuzfahrten u. s. w., aber ist es denn unserem aufgeklärten und so ganz und gar materialistischen Zeitalter, dem Zeitalter der Intelligenz, gelungen, jenen wunderlichen Geist zu bannen? Freilich haben sich Gendarmen und Schulmeister redlich bemüht, dem Volke seine von den Vätern überkommenen oft schönen und sinnigen Gebräuche und Sitten zu nehmen, und leider ist es ihnen oft nur zu gut gelungen, ihm dieselben als abergläubische Ueberreste einer dunkeln Vorzeit, die sich für unsere auf- 158 geklärte Zeit nicht mehr schicken wollen, zu verleiden, ohne in ihrer Kasernen- dressur einen genügenden Ersatz bieten zu können. Und so ist denn ein nüchternes, aller Poesie daares Geschlecht herangewachsen, ohne dessen Dasein der Cultus der Materie nicht hätte ein so allgewaltiger und alleinseligmachender werden können, als jetzt leider der Fall ist. Den finstern Geist des Aberglaubens aber haben sie nicht zu bannen vermocht. Er ist, kümmerlich verdeckt durch den Firniß der Cultur, zurückgeblieben in all' seiner Kraft und Macht, um bei jeder Gelegenheit die ihm widerwärtige Hülle zu sprengen. Wir dürfen uns nicht aushalten bei den Geisterbeschwörungen und Teufelsaustreibungen des vorigen Jahrhunderts, die Gegenwart gibt uns hinlänglich Stoff zu ernster Betrachtung. Thierischer Magnetismus, Somnambulismus und Hellseherei haben ungescheut ihr Wesen bis aus die letzten Tage treiben dürfen. Vornehmer und geringer, reicher und armer, gebildeter und ungebildeter Pöbel ist gläubig und schaaren- weise in die Behausung von Betrügern und Betrügerinnen gewallfahrtet, um angebliche Wundererscheinungen und das „Hereinragen der Geisterwelt" in die Gegenwart mit leiblichen Augen zu schauen; Tischrückerei und Geisterklopferei haben ihren Umzug durch die Welt gehalten und schon berichten die Zeitungen wieder von einer neuen derartigen Erscheinung in dem aufgeklärten England, die, weil solche moralische Epidemien ansteckend sind, vielleicht auch noch bei uns wird beobachtet werden können. Es ist dies der sogenannte Revivalismus. (Wiederaufleben des Geistes.) „Der heilige Geist", erzählte emphatisch ein hiesiger, eben von dort zurückgekehrter Bibel-Gesellschasts-Missionär dem Referenten, „der heilige Geist hat sich über England ergossen, die Kirchen vermögen die Menge der zu ihnen wallenden frommen Beter nicht zu fassen, die Täuzsäle werden in Bethäuser verwandelt, die Schenken geschlossen u. s. w." Also England ist wieder auf dem Wege das zu werden, was es einst gewesen, „die Insel der Heiligen." Nun wir wünschen es lebhaft und bitten zu Gott, daß dem so werden möchte. Einstweilen aber wollen wir uns Nachrichten darüber verschaffen, welche Bewandtniß es mit der verkündeten Ausgießung des heiligen Geistes über jenes Land habe. Und da kommt uns der Bericht eines Arztes aus London in einer medicinischen Zeitung wie erwünscht, so daß wir denselben hier auszugsweise mittheilen wollen. „Im Allgemeinen läßt sich sagen, daß die englischen Revivalisten es nicht ganz so toll treiben, wie es vor einer Reihe von Jahren in Amerika geschah, wo ein fanatischer Prediger in den Hinterwäldern Männer und Weiber, die sich in seinem Lager versammelten, zu Hunderten mit eigner Faust niederschlug und dann einen Triumphgesang anstimmte, daß er so und so viele Seelen aus den Klauen des Satans gerettet habe. Hier haben wir nur große Zusammenkünfte von reumüthigen Sündern, entweder im freien Felde, oder in Kirchen, oder aus offenen Plätzen, oder in Privathäusern, unter welchen fanatische Prediger ihr Möglichstes aufbieten, um hysterische Paroxismen herbeizuführen. Sie halten keine eigentlichen Predigten, sondern schreien in Einem fort in außerordentlich schrillen Tönen von Hölle, Verdammniß, Gnade, und wenn dies eine Zeitlang gedauert hat, offenbaren sich auch allmälig die Wirkungen in der Zuhörerschaft. Dieselben sind sehr verschieden je nach der Individualität; meistentheils sind es unverheiratete Frauenzimmer, welche am ärgsten befallen werden, aber auch Kinder und „weibische Männer" werden häufig afficirt. Während der Geistliche noch im höchsten Discant Gott anfleht, sofort auf die Erde hinabzusteigen und alle Unbekehrten zu Boden zu schmettern, entsteht ein wahrer Sturm von Schreien, Grunzen, Stöhnen, Heulen und Brüllen — kurz eine Scene, wie sie in einem Irrenhause schwerlich geduldet werden würde. Einige schreien stundenlang Nichts als Hölle! Hölle! Andere stoßen blos tiefe Seufzer aus, Manche rufen: Herr Jesus habe Erbarmen mit meiner armen Seele! Dabei zittert der ganze Kör- per wie Espenlaub, die Befallenen fühlen eine unerträgliche Last auf ihrer Brust, ein Gefühl von Erstickung ergreift sie, sie schlagen mit Händen und Füßen um sich, erholen sich dann nach einer gewissen Zeit und erklären nun, daß sie Gnade gefunden haben. Andere fallen gleich auf die Erde wie vom Schlage gerührt, ohne ein Wort zu sagen; Manche reißen sich die Haare aus; Andere sitzen stundenlang im Gebete da, oder citiren in einem eigenthümlich nasalen Tone die hl. Schrift, lesen ihren Namen „im Lebensbuche des Lammes" und haben Offenbarungen dutzendweise. Eine junge Frau schrie einmal ernstlich um Gnade, als plötzlich ein Junge einen Lichtstrahl am Fenster sah und ausrief: Nun wird sie Frieden bekommen, ich sehe das Licht! die übrigen Anwesenden singen den Ruf auf und wiederholten ihn, und obwohl die Laterne, welche den plötzlichen Lichtstrahl veranlaßt hatte, bald deutlich sichtbar wurde, indem ihr Träger an's Fenster trat, so blieben doch die Revivalisten einmüthig dabei, daß sie ein übernatürliches Zeichen von Gottes gnädiger Aufnahme der Seele dieser Frau gesehen hatten. Einige Leute sind blind und taub und Andere vollständig verrückt geworden; Andere zeigten Blutflecke und Wunden an ihren Händen und Füßen; Manche hatten sogar Zeichen und Symbole Plötzlich auf ihre Brust gedrückt und das Wort „ 61 M 8 U 8 " (unorthographisch für Jesus) durch die Kraft des heiligen Geistes auf die Haut eingegraben; bei genauer Untersuchung dieser Fälle stellte sich heraus, daß Zeichen und Worte, wo sie sich überhaupt vorfanden, auf sehr rohe Weise mit einer Nadel und blauer Farbe eintättowirt worden waren. Auch Wunder sind vorgekommen; einer von den Bekehrten in Mopse in Irland,— so schreibt ein Vater an seinen Sohn — war stumm allezeit bis er zum zweitenmal niedergeworfen wurde, und die Liebe Gottes breitete sich so in seinem Herzen aus, daß er betete, der Herr möge seinen Mund öffnen und seine Zunge loslassen, damit er Andern sagen könne, was Gott für seine Seele gethan habe. Von der Zeit an erhörte ihn Gott und eröffnete seinen Mund, und er kann jetzt so laut sprechen, wie irgend Jemand; bis er niedergeschmettert wurde, hatte Niemand jemals ein Wort von ihm gehört, selbst nicht seine Verwandten, welche sich mit ihm durch Zeichen verständlich zu machen pflegten. (Schluß folgt.) Jugendklänge von Franz von Sales Walk. (Eichstätt, 1860. Eigenthum des Verfassers. Preis 30 kr.) Nicht gar fern sind die Tage, in welchen unter andern traurigen Begebenheiten unser armes Deutschland auch von einer heillosen schwarzen Fluth aus den jugendlichen Federn noch nicht flügge gewordener Gymnasiasten überschwemmt wurde. Seitdem ist in dieser Beziehung eine wohlthuende Ebbe eingetreten, zurückgeblieben aber ist ein gerechtes Vorurtheil. Möge man jedoch eine ehrenvolle Ausnahme gestatten. Eine solche scheint durch vorliegende „Jugendklänge" gerechtfertigt zu sein. Der Verfasser derselben zeichnet sich zwar keineswegs durch die beliebten Gedankenblitze und überraschende Großartigkeit der Ideen aus, allein es liegt in diesen Tönen, abgesehen von der, einige wenige Unebenheiten der Sprache ausgenommen, durchweg tadellosen Form, eine Zartheit und Kindlichkeit des Gefühls, die unmittelbar zum Herzen spricht. Der Inhalt ist vorwiegend religiös und das möchte — leider muß man es sagen — für Manchen Grund genug sein, das Büchlein zu ignoriren. Aber man höre, wie der Verfasser auch solche Stoffe anziehend zu machen weiß. 160 A b e n d b i t t e. Mein Auge! schließe Dich zu. Du, Vater, gieße, Süße Ruh' In seine Gluth. Trübe ist es von Sorgen; Stille bis Morgen, Vater, sie du! Trost. Die Lieben brauchen Hilfe, Die mir sind ferne; Ich kann nicht, und ich hälfe So gerne, gerne. Ich sag's dein Himmel, Der überall ist. Der hilft den Lieben. Frage. um Himmel streben ic Blümlein der Au. Zum Himmel schweben Die Vvglcin in's Blau. Mein Herz, wohin strebst du? Such' hicnicden Nicht den Frieden, In Gott ist deine Ruh'! Ist es nicht erquickend, statt der allzu wohlriechenden Salonsdüfte und der säuselnden „Sommerabendlüfte" ein wenig morgensrische Gottesluft zu athmen? Aber auch auf dem weltlichen, freilich nicht auf dem „sinnlichen" Gebiete der Poesie hat der Verfasser der „Jugendklänge" manches Schöne geliefert. Es sei uns erlaubt, auch hievon ein paar Beispiele anzuführen: Klage um den Freund. Ich wandle in dem Maien, Im weichen Gras ich ruh'! Rings Blümlein blüh'n zu zweien Und rufen da mir zu: Meine! Weine! Ich geh' dahin im Walde, Im Schalten halt ich Rast. Da zwitschern mir alsbaldc Zwei Vöglein von dem Ast: Meine! Meine! Ich nahe mich der Quelle Und schaue sinnend drein. Da lispelt, ach, die Welle Dem Äug' und Ohre mein: Meine! Meine! Besondere Hervorhebung verdienen noch: „Berthold und Hedwig" (S. 9), „Der Maienkönigin" (S. 32), „Sonnenuntergang" (S. 48), „Vaters Fluch" (S. 49), „Die Abendwolken" (S. 67). So schließen wir denn mit dem Wunsche, der geneigte Leser möge sich selbst von der Wahrheit unserer Worte überzeugen, ihm auffallende Mängel aber der Jugend des Verfassers zu Gute halten, dessen schönes Talent zu seiner höheren Entwicklung vor Allem freundlicher Ermuthigung bedarf und derselben jedenfalls nicht unwerth ist. Der Druck (von C. Fr. Meyer in Weissenburg) ist schön und correct; die Ausstattung überaus geschmackvoll. Rath. Laß kriechen And're! Was da kriecht auf Erden, Ach, wie leicht Kann es zertreten werden. Laß fliegen And're! Sieh', aus hohen Lüften Fällt man leicht Zerschmetternd sich in Klüften. Gehe männlich du Deinem Ziele zu. Wahre Nächstenliebe. Das „Echo de la Marne" erzählt folgenden Zug von dem jüngst verstorbenen Bischof von Chalons. Einem armen Familienvater von Chalons, welcher kein Mittel mehr sah, seine Kinder zu ernähren, wurde gerathen, sich an den Bischof zu wenden. Er ging in den bischöflichen Palast, trug dem Bischof seine Lage vor, und dieser behändigte ihm 15 Francs. — Der gewissenhafte Mann nahm das Geschenk nicht an, ohne vorher zu erklären, daß er ein Jude sei. — Der Bischof aber öffnete seine Börse von Neuem und sagte: „Mein Freund, alle Menschen sind Kinder Gottes; ich gab Ihnen 15 Fr. im Namen des Sohnes, hier sind 15 andere Fr. im Namen des Vaters." Redaction und Verlag: Dr. M. Huttler. — Druck von I. M. Nlcinle. AllgstMgtt AmtljMjt. S1. 20. Mai 1860. Das Augsburger SonntagSblatt (Sonntags-Beiblatt rur AugSburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 rr., woftir es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Zur Mai-Andacht. Es fällt mein Blick am frühen Morgen, Wenn ich von Ruh' gekräftigt bin, Zum Labsal für die neuen Sorgen Auf's Bild der Mutter Gottes hin. Ich muß es lange still beschauen, Dann greis ich erst die Arbeit an, Mit Andacht, Demuth und Vertrauen Hab' ich gar bald ste abgethan. Am späten Abend kehr' ich wieder Zu ihrem lieben Bild zurück, Und lege dankend vor ihm nieder DeS Tagewerkes Leid und Glück. Mein Auge läßt nicht ab zu schauen Nach ihr, der Mutter meines Herrn, Der benedeitesten der Frauen, Der Tage Trost, der Nächte Stern. Die Kirche in Piemont seit 1848. Die „Armonia" hat sich die Mühe genommen, alle gegen die katholische Kirche seit dem Jahre 1847 bis 1857 in Piemont geübten Feindseligkeiten zu registriren. Uin leichter überblicken zu können, wie systematisch die Feinde der Religion zu Werke gehen, wenn sie irgendwo die Oberhand bekommen, wollen wir diese Aufzeichnungen hier in Uebersetzung bringen. — Die piemontesische Freiheit ward geboren im October 1847, und es wurde die Presse frei erklärt, ausgenommen die Hirtenbriefe der Bischöfe, welche zur Revision an die politische Behörde gelangen mußten. Die subalpinischen Bischöfe protestirten, und Msgr. Charvaz, damals Bischof von Pigncrol, verlangte und erhielt seine Entlassung. Im März 1848 wurden die Jesuiten auf die schonungsloseste Weise aus dem Lande geschafft, so daß sogar (Äioberti darob empört die Piemontesen fragte: „Ist dies euer Cdelmuth gegen die geheiligten Rechte des Unglückes?" Am 20. Juni erhob sich in der Kammer ein Sturm gegen den Bischof von Nizza, weil er einem in notorischer Unbußfcrtigkeit Verstorbenen das kirchliche Begräbniß verweigerte. Am 18. Juli verhandelte man über die Aufhebung der Oblaten, man wußte aber nicht, ob jene der sel. Jungfrau oder des heil. Carl. gemeint seien. Am 25. August ward ein Decret ausgefe tigt, laut welchem die Jesuiten und die Frauen vom hh. Herzen Jesu definitiv aus dein Lande verbannt wurden. Am 15. Sept. schrieb der Minister Pinelli einen trotzigen Brief an den Erz- » bischof von Vercelli, undam4. Oct. veröffentlichte Buoneompagni sein Gesetz über den öffentlichen Unterricht, welches später die Bischöfe und der Papst verdammten. Am 23. Oct. protestirt der Bischof von Tortvna gegen Buoncampagni, der sich anmaßte, die geistlichen Directoren in den Collegien zu ernennen. Am 11. November wurden zu Turin scandalöse Komödien aufgeführt, und „il Pirata", das Theaterjournal, beklagte sich, daß die Regierung erlaube, einen Katheder der Prostitution auszurichten. Am 20. Nov. werden die Geistlichen, welche ein Straßenauflauf aus Genua vertrieben, gewarnt, nicht mehr zurückzukehren, weil sie „nicht die Sympathien der Regierung besäßen." Am 8. Decbr. verbietet der Präsident des Universitätsrathes zu Turin durch ein Circulare, die theologischen Thesen, welche zu öffentlichen Disputationen bestimmt sind, den Bischöfen zur Revision einzureichen. Am 25. Dec. befiehlt Ratazzi den Bischöfen, sich den Ansichten der Regierung zu conformiren, wenn sie eine politische Materie behandeln. — Im Jahre 1849. Die ersten Monate zog der Krieg alle Aufmerksamkeit auf sich, die Kirche konnte aufathmen. Allein kaum war der Friede mit Oesterreich geschlossen, begannen wieder die Feindseligkeiten gegen den Katholicismus. Im Juli 1849 protestirten 22 Pfarrer von Genua wider den gottlosen Mißbrauch der Preßfreiheit; am 22. August stürmische Kammersitzung wider den Erzbischof von Turin und den Bischof vonAsti; am 26. Sept. eine insolente Zuschrift des Ministeriums an den heil. Stuhl mit der Drohung, den Ehedispensen im ersten Grade der Affinität das Exequatur zu verweigern. Am 2. Jänner 1850 Sequestrirung der erzbischöflichen Mensa von Cagliari, weil der Erzbischof einer Zehent-Aufhebungs-Commission sich nicht fügen wollte. Im Februar citirt Minister Siccardi den ehrwürdigen Bischof von Saluzzo, um sich wegen eines Fastenpatentes zu verantworten. Am 25. Februar wurde das famose Gesetz Siccardi gegen die geistlichen Immunitäten vor die Kammer gebracht und am 9. April angenommen; am nämlichen Tag verließ der päpstliche Nuntius Turin. Im Mai wurde der Erzbischof von Turin eingekerkert, und einen Monat lang in der Citadelle gefangen gehalten. In demselben Monat Einkerkerung und Perurtheilung des Erzbischvfes v. Sassari. Im Juli zweite Einkerkerung des Erzbischofes von Turin und fruchtlose Haussuchung bei den Oblaten tiolla (^!on- soliita. Am 26. August billigt Graf Cavour im „Nisorgimento" die außerordentlichen Maßregeln gegen den Erzbischof Fransvni von Turin. Im September Perurtheilung, Beraubung und Verbannung des Erzbischofes. Das nämliche Loos trifft den Erzbischof von Sassari. Durch eine „außerordentliche" Verfügung werden auch die Servilen aus Turin vertrieben. Der Fastenprediger von Mon- dovi wird verhaftet, nach 2 Monaten Gefängniß als unschuldig entlassen. Ein anderer Prediger in Cuneo verhaftet, unschuldig erklärt nach 45tägigem Gefängniß. Der berühmte Canonicus Audisio wird aus der kgl. Akademie von Soperga ausgeschlossen. Am 1. November beklagt sich Pius IX. in einer Allocution über Alles, was im Königreich Sardinien gegen die Kirche geschehen ist. Im nämlichen Monat will das Ministerium auf dem Wege der Berufung wegen Mißbrauch gegen den Bischof von Acqui einschreiten, doch widersetzt sich dem der Magistrat von Casale. — Im Jahre 1851 am 15. Jänner sagte der Abgeordnete Brofferio in der Kammer: „Da wir die Oesterreicher nicht überwinden konnten, wollen wir wenigstens die Gesellschft des heil. Paulus unterdrücken." Am 6. März erklärt der Minister des Innern dem Senate, daß zwischen dem heil. Stuhle und der Regierung keine Spaltung bestehe, wurde aber von: „Giornale di Roma" zurechtgewiesen. Am 17. März brachte der Abgeordnete Peyron einen Gesetzentwurf wider die Klostergelübde in der Kammer ein. Am 18. wurde eine Mitra und ein Kelch sequestrirt, welchen die Katholiken vou Genua ihrem Mitbürger, dem Erzbischof von Turin gewidmet hatten. Am 13. Mai erließ der Minister des Unterrichts verschiedene unkirchliche Vorschriften an die Bischöfe rücksichtlich des theologischen Studiums. Am 28. Juni nahm man eine HauS- untersuchung im Franziscanerconvente zu Alghero in Sardinien vor, wogegen der Bischof protestirte. Ueberdics beschwerte man die Kirchengüter mit einer neuen Amortisationssteuer. Am 6. Aug. protestirten die Bischöfe gegen die ungesetzliche und constitutionswidrige Erlaubniß, daß dieWaldenscr ein öffentliches Bethaus in Turin eröffnen dürfen. Am 22. Aug. verdammt Pius IX die auf der Universität von Turin von Professor Nuitz vorgetragenen Lehren. Am 17. November wurde der Regierung eine mit 10,154 Unterschriften, größtentheils von Familienvätern, bedeckte Petition um Zurückberufung des Erzbischofes von Turin überreicht, aber erfolglos. Im December wenden sich die Bischöfe an den König, weil er auf der Universität die Vortrüge von schismatischen, ketzerischen und protestantisirenden Lehren noch immer fortdauern. Eine Regierungscommission untersucht die Verwaltung der Gesellschaft ves heil. Paulus, und findet sie der öffentlichen Belobung würdig. Am 17. Jänner 1852 wurde die benannte Gesellschaft sowohl der Verwaltung als des Besitzes aller ihrer Güter beraubt. Am 12. Juni übergibt Buoncompagni einen Gesetzentwurf über die Civilehe „zur Sicherstellung der Familien!" Im Juli unterwirft der Minister des Innern in einem eigenen Decrete die Pfarrer der besonderen Oberaufsicht der Intendanten, der Finanz- nnd anderer Regierungsbehörden, weil gegen genanntes Gesetz viele Petitionen zur Unterzeichnung im Umlauf waren- Im August erklärt derselbe Minister, es stehe „ausschließlich" der Civilgewalt zu, die Erlaubniß, an Festtagen zu arbeiten, zu ertheilen. Am 12. August wurde der Graf Costa della Torre, Rath des Cassationshofes, wegen Herausgabe eines Buches gegen die Civilehe processirt, zu zwei Monaten Gefängniß und 2000 Lire Strafe verurtheilt, und später seines Postens enthoben. Am 19. Sept. nimmt ein kgl. Decret der Congregation civil» Ali^vi-ivorcii» zu Casale ihre Güter; diese protestirt am 11. October feierlichst gegen solche Ungerechtigkeit. Am nämlichen 19. Sept. schrieb Papst Pius IX. dem König Victor Emanuel einen Brief, und fragt, welches denn die Verbrechen des Klerus seien und welche die Schuldigen? Bis heute sind weder Verbrechen, noch Namen genannt. Am 27. December verhöhnte man in ^>er Deputirtcnkammer die subalpinischen Bischöfe, und nannte sie Barbaren, Ehrsüchtige, Heuchler. Im Jahre 1853. Im Jänner wurden die drei Pfarrer von Roneo, Villareggio nnd S. Giusto in den Kerker geworfen, als der Aufwiegelung und anderer Intriguen schuldig; allein nach einigen Wochen Gefängniß kümmert man sich nicht mehr um sie. Am 10. Jäner ward die Gesellschaft der Schwestern civil» (lmnsm^ionv in Savoyen aufgelöst und beraubt. Im Mai wurde die Anzahl der Kleriker und Novizen, welche Militärbefreiung genießen, verringert. Am 29. Juni beklagt sich Papst Pius IX. gegen die piemon- tesische Regierung, welche seit 3 Jahren unterlassen, die Bedingungen eines Vertrages zwischen Bencdict XIV. und dem König Carl Emanuel III. vom 5. Jän. 1741 zu erfüllen. Am 31. Aug. säcularisirt ein kgl. Decret das königliche apostolische Oeconomat (ein Kirchenfond unter dem Patronate des Königs). Im October wird ein Circulare des Ministers des Innern gegen die Seelsorger publicirt. Am 21. October ein drohendes Circulare an die Oberen der geistl. Orden in Piemont; am 27. ein Circulare der Quästur von Turin gegen die Pfarrer. Am 3. November ein Circulare des Justizministers, um zur Einrichtung der berüchtigten (lass» vveivsianliv» den Weg zu bahnen. Am 13. Decbr. feierliche Eröffnung des waldensischen Tempels in Turin. — (Schluß folgt.) Der RevivalismuS iu England. (Schluß.) Die revivalistische Bewegung ist nicht allein auf den ärmeren Theil der Bevölkerung beschränkt geblieben, obwohl allerdings die meisten Bekehrten den unbegüterten Classen angehören, auch unter den gebildeten Ständen haben sich manche Leute davon hinreißen lassen. So wird erzählt, daß zwölf bis zwanzig Studenten einen Wandel über ihren Geist hätten kommen suhlen, und daß sie anstatt zu rauchen und zu trinken, nur noch beteten. Ein begüterter Mann im Spiritushandel und Eigenthümer verschiedener Branntweinschenkcn in Newcastle erhielt einen so tiefen Eindruck von den revivalistischen Zusammenkünften, daß er in voller Versammlung seine Absicht erklärte, nichts mehr mit Schnaps zu thun zu haben, sondern nur noch Thee trinken zu wollen; dies erregte, wie sich leicht denken läßt, ungeheure Sensation. — In Wcdegar, einer Stadt in Wales, predigte vor einiger Zeit ein hausirender Scheerenschleifer, und machte solchen Eindruck bei seiner Zuhörerschaft, daß an einem einzigen Tage dreitausend Personen sich verpflichteten, keinen Whisky mehr zu trinken. Nicht blos Civilisten, sondern auch das Militär nahm an einigen Otren an der Bewegung Theil, indem die Soldaten jeden Morgen vor und jeden Abend nach der Parade Be- täübungen hielten. — Außerdem wird von den Freunden und Beförderern des Revivalismus angegeben, Laß der moralische Wandel iu der Bevölkerung überall gleichen Schritt mit der religiösen Bewegung gehalten habe; Trunkenheit sei fast ganz verschwunden; der Steuereinnehmer in einem verhältnißmäßig unbedeutenden Districte habe erklärt, daß daselbst in einem einzigen Monat für 600 Pfd. Sterl. (6000 fl.) weniger Schnaps getrunken sei als früher; Ruhestörungen und schlechte Aufführung sei ganz unerhört; die Polizei habe nichts mehr zu thun; die Branntweinschenken stünden leer und die Wirthe machten Bankerott;- kleine Diebstähle von Obst uud Kartoffeln, die früher so häufig gewesen seien, kämen jetzt gar nicht mehr vor; die Almosensammler iu den Kirchen bemerkten, daß arme Leute, welche früher nie etwas gegeben hätten, jetzt regelmäßig ihre Pfennige in den Klingelbeutel legten; Priester aller Art, Episkopaten, Pres- byterianer, Jndependcnten, Methodisten, Baptisten, Nemouisten (?), kämen in väterlicher Liebe und christlicher Gemeinschaft zusammen, läsen, bäten und sängen; Processe hätten aufgehört, lüderliche Frauenzimmer gäbe es gar nicht mehr; dagegen bekämen die Sparkassen bedeutende Einlagen; von politischen Parteiungen sei gar keine Rede; Streitigkeiten aller Art seien zu Ende; der Redacteur einer Zeitung sei ganz unfähig geworden, seine Gedanken beisammen zu halten, und die Setzer in einer großen Druckerei hätten die Lettern nicht mehr manipuliren können; — geflucht würde gar nicht mehr und überall fließe der Strom der Harmonie, des Friedens und der Menschenliebe." Nun das sind doch noch Resultate, die sich der Mühe lohnen und die sich die kühnste Phantasie kaum zu hoffen wagen durfte. Was wollen hiegegen die Erfolge der Missionsbcstrebungen der kathol. Kirche, die Wirksamkeit aller der verschiedenen Vereinigungen zur Besserung und Veredelung des Menschengeschlechtes bedeuten? Unser Missionär scheint Recht gehabt zu haben, als er meinte, der heilige Geist habe den Strom seiner Gnade über das glückliche England ergossen und das Weltende muß nahe sein, denn der Mensch hat dort ja den Gipfel der Vollkommenheit erreicht. Was werden nun alle die armen unnützen Richter und Advocaten, die Policisten und Prediger anfangen, die nun auf einmal entbehrlich gemacht werden durch die „Wiederbelebung des Geistes?" Das glückliche England! Bei uns müssen unaufhörlich Straf- und Arbeitshäuser gebaut werden, während sie dort bald gar nicht mehr werden gebraucht werden. 165 Doch gemach, noch scheint das große Werk nicht ganz vollendet. Unser Londoner ärztliche Berichterstatter zieht in seiner »«poetischen materiellen Anschauungsweise einen neuen Factor in Betracht: die Statistik, und kommt dadurch zu ganz anderen Resultaten, als die neuen Heiligen Albions uns glauben machen wollen. Er sagt: „Gegen einige von diesen Behauptungen legen indessen die unerbittlichen Zahlen Zeugniß ab; so finden wir z. B. daß die Trunkenheit in den vom Revi- valismus heimgesuchten Districten durchaus nicht abgenommen, sondern sich im Gegentheil bedeutend gesteigert hat, indem in der betreffenden Zeit in einem einzigen Districte -182 Leute mehr als sonst im Durchschnitt wegen Trunkenheit und unordentlichen Betragens vor die Polizeihöfe gekommen sind; ferner daß die Unsittlichkcit guvml noxu», durchaus nicht aufgehört, indem besonders am Sonntag Abend, wo am wildesten gepredigt wird, bei großen Versammlungen oft fünfzig und hundert Individuen wegen — unanständigen Betragens eingesteckt werden müssen. Es wäre in der That zu Wunsche», daß die Behörden sich hier in's Mittel legten, und wenigstens nicht zuließen, daß Wunder geschähen, wie vor Zeiten auf das Grab des Abbk- Paris geschrieben wurde: „I)e pnr le Nui — o'«>st «Ivl'eiid» I)e Nur« iiiinicw ilrin» Neu." (Verboten ifl's durch Königs Wort, Wunder zu thun an diesem Ort.) In einigen Fällen von Revivalismus haben übrigens Aerzte sich veranlaßt gesehen, therapeutische Versuche zumachen und dabei das folgende Verfahren auf der Höhe des Paroxysmus wirksam gefunden: Man gießt kaltes Wasser strom- weise den Niedergeschmetterten auf das Gesicht und durchnäßt ihre Haare, ihre Kleidung und ihren ganzen Körper, so daß sie sich äußerst unbehaglich fühlen; außerdem zieht man 'eine lange Schecre hervor und sagt halblaut: das Haar (bei Frauen) oder der Bart (bei Männern) müsse durchaus abgeschnitten werden. Auf diese Medication ist in manchen Fällen überraschend schnelle Heilung erfolgt." Der ärztliche Bericht ist so klar und deutlich, daß es einer weitern Erörterung der Sache nicht bedarf, um sich ein Urtheil hierüber bilden zu können. Das Mutter-Söbnchen. Paul lebte mit seiner Frau sonst in gutem Frieden, der einzig und allein nur der Kinder wegen gestört wurde. Paul war ein besonnener strenger Vater, seine Frau aber eine unbesonnene dumme Mutter. Er sah den Kindern keinen Fehler nach, sie aber bemäntelte die gröbsten Vergehungen in ihrer Affenliebe. Es kann keinen größeren Fehler in der Erziehung geben, als wenn die Eltern nicht eines Sinnes sind, oder wenn sie sogar in Gegenwart der Kinder mit einander streiten, ihre gegenseitige Erziehung tadeln; solche Kinder entarten gewiß, aber zum Nachtheile der eigenen Eltern, welche die Rnthenschläge, die sie au dem Kinde sparen, dann gar oft von den eigenen Kindern bekommen. — Paul hatte fünf Kinder, einen Knaben und vier Mädchen, deren Erziehung ihm, wie ich schon sagte, sehr am Herzen lag, doch konnte er sie nicht so besorgen und leiten, wie er wollte, denn sein Geschäft gestattete ihm nur die Mittags- und einige Abendstunden unter seinen Kindern zu verweilen, oft rief es ihn tage-, ja wochenlang aus dem Hause. Er war Handelsmann. Die Mutter hatte nun ihre ganze und zwar übertriebene Liebe auf das einzige Söhnchen geworfen, eben weil es das einzige war; die armen Mädchen mußten das oft gar bitter erfahren. Denn das Fränzchen — so hieß der Knabe — mußte immer Recht haben, wenn er auch die größten Ausgelassenheiten beging. Die verblendete Mutter wußte ihn immer zu verheidigcn. Lasse dir nun, lieber Leser, einige Scenen erzählen, wie sie da oft vorkamen. — Eines Abends, als Vater Paul nach Hause kam, sah er, daß alle vier Mädchen rothgeweinte Augen hatten. Er stutzte darüber, rief die Kinder zu sich uud fragte sie um die Ursache. Von neuem begannen die armen Kinder zu schluchzen und wollten nicht gestehen, was geschehen war, denn sie fürchteten den Zorn der eigenen Mutter. Nur als diese einige Augenblicke sich entfernte, entdeckte das eine Mädchen, daß sie es nicht sagen dürfen, wenn es die Mutter höre. Franz sei sehr grob und abscheulich gewesen, Habe im Zorne mit dem Stocke sie geschlagen, ihnen ihre Schulbücher beschmutzt und zerrissen und sie auf die abscheulichste Art bei der Arbeit geneckt. Sie hätten es der Mutter geklagt, und anstatt Recht zu finden, habe die Mutter ihnen mit Schlägen gedroht. Indessen trat die Mutter ein. Paul rief den Knaben und hielt es ihm vor; der aber, verzogen wie er war, begann zu weinen und zu schreien. „Aber sag' mir doch, was hast Du denn mit dem armen Kinde?" fragte höchst erzürnt die einfältige Mutter. „Bis jetzt noch nichts", antwortete Paul, „gehet, Kinder, zeiget mir eure Aufgaben." Die Kinder gingen und brachten ihre Bücher und Paul sah, daß sie Wahrheit gesprochen hatten. „Franz, komm her zu mir. Sage mir, wer hat denn diese Bücher so mit Schmutz und Tinte befleckt, ja sogar zerrissen?" „Ich nicht", schrie der Bube, zappelte mit Händen und Füßen und lies zur Mutter. Doch der Vater erwischte ihn noch und gewann Zeit, ihm mit der Ruthe einige Streiche zu geben. In größter Wuth sprang die blinde Mutter dazwischen, entwand dem Vater die Ruthe, zog den Buben zu sich und schalt den Vater aus die empörendste Weise: „Was hast du doch immer mit dem Knaben ! Ja, ich weiß es längst, daß er dir ein Dorn im Auge ist. Nichts hat der Knabe begangen. Er hat mit den vier lügenhaften Dingern ein wenig gescherzt, sonst nichts. So ein Kind wird auch sehr schlagen können", sagte sie bitter höhnend. „Diese empfindlichen Dinger lügen dich an, weil sie schon wissen, daß sie bei dir Hülse finden. — Komm, mein Fränzchen, komm zu deiner Mutter, dein Vater kann dich, armes Kind, so nicht leiden, hast auf der Welt so Niemanden, als deine Mutter, die dir gut ist. Armes Kind, wie würde man mit dir umgehen, wenn ich nicht wäre!" Was weiter geschah, kannst du dir denken, lieber Leser. Einige Wochen darnach nahm Paul, als er eben aus der Kirche kam, den Knaben her, gebot ihm, seine Schulbücher zu zeigen, fragte ihn nach Dem und Jenem, und da er weder in den Büchern Ordnung fand, noch eine Antwort von dem Knaben erhielt, befahl er, ihm nichts Anderes zu geben, als einen Teller Suppe und ein Stück Brod. Und da der Knabe in einen wüthenden Zorn ge- rieth, ließ es Vater Paul auch an körperlicher Strafe nicht fehlen. Die Ursache alles dessen war, weil sowohl der Pfarrer, als der Lehrer über den Buben geklagt hatten, sowohl wegen seiner großen Ausgelassenheit als auch wegen seiner Nachlässigkeit. Nun hätte man ein tolles Weib in der Frau des Paul sehen sollen. Die Entziehung des Mittagsessens konnte sie nicht verhindern, denn Paul hatte sich ernstlich gegen jeden Widerspruch verwahrt und sein väterliches Ansehen zu schützen gewußt. Nun ließ das tolle Weib seinen Zorn gegen Pfarrer und Lehrer aus und schimpfte in Gegenwart der Kinder auf beide, den Kindern ehrwürdige Personen, so daß die vier Mädchen helllaut weinten. Alles Verbot Pauls half nichts. Er selbst nahm Stock und Hut, um nur von dem furiosen 167 Weibe wegzukommen. Kaum war er zur Thüre hinaus, so bekam das ungezogene Kind alles Erdenkliche zu essen. Der verzogene Knabe überaß sich, als hätte er dem Vater wollen einen Possen beweisen! Die Folge aber davon war, daß ihn eine Krankheit fast zum Sterben brachte. — Wäre nicht Schade gewesen, aber Unkraut verdirbt nicht, sagt das Sprichwort. Das Neble war, daß nun der Knabe, nachdem er genesen war, noch lange kränkelte und so gegen jede Strafe gleichsam geschützt war. Alle seine Unarten und Untugenden wußte die Mutter zu verheimliche«, zu entschuldigen und das Muttersöhnchen zu schützen. Es könnte dich langweilen, lieber Leser, wenn ich dir alle die entsetzlichen traurigen Scenen beschreiben wollte, die sich da zugetragen haben. Man gab ihn in die Lehre, aber es geschah, daß ihn kein Meister behalten wollte, obwohl die verblendete Mutter alles zudeckte, was ihr verdorbener Sohn that. Da und dort zahlte sie, was er gestohlen und verdorben hatte, hier wieder legte sie alle Schuld aus den Meister und die Gesellen. Man gab ihn in Schulen, er sollte studiren, auch da kam Klage auf Klage, aber Alles lenkte die Mutter ab, und alle Welt mußte Unrecht haben, nur gegen ihren Franz ließ sie nichts sagen. Vater Paul, sonst ein sehr braver rechtschaffener Mann, durchblickte die ganze Sache. Doch er war einerseits zu schwach, um dem Unwesen Einhalt zu thun, anderseits ließ es ihm sein Geschäft nicht zu, und beides war Ursache, daß das Uebel schon viel zu weit um sich gegriffen hatte, als daß er hätte entgegenwirken können. Kurz, der Gram ergriff ihn und zehrte am Marke seines Lebens, bevor noch alle seine Kinder versorgt waren. Er starb mit Thränen bitteren Schmerzes in den brechenden Augen. Diese Thränen, o sie waren verzehrende Feuer, sie waren dem sterbenden Vater erpreßt von einer blinden Gattin an einem ungerathenen Sohne. — Gefühllos standen beide am Grabe des Ehrenmannes. — Nothdürftig waren die vier Töchter verheirathet. Franz hatte sich endlich der Jägerei gewidmet, und, da er sich mehrmals im Interesse der Herrschaft, wo er diente, gegen Waldfrevler und Wilddiebe mit Aufopferung seines Lebens ausgezeichnet hatte, bekam er eine Försterei, die ihm allenfalls ein Auskommen verschaffte. Diese Beschäftigung war ihm eben recht, das Herumwildern in den Wäldern gefiel ihm, und dabei durfte er seinem rohen Gemüthe, aus dem er oft den armen Holzsammleru alles Unheil bereitete, ungestraft Nahrung verschaffen. Er war gefürchtet und gehaßt in der ganzen Gegend. Bei all seiner Rohheit hatte er doch noch so viel Gefühl, daß er seiner Mutter ein Plätzchen im Hause einräumte, aber wieder nur deßhalb, weil ihm nun das alte Weib Magd sein mußte. Verheirathet hatte er sich nicht, dazu war er selbst zu roh und entartet, und von Allen gefürchtet und verabscheut. Das waren bisher die Früchte einer Mutter, welche die Sünde vertheidigte. Lasse dir auch das Ende dieser Mutter und dieses Sohnes, und somit die entsetzliche Frucht einer für nichts gehaltenen fremden Sünde erzählen, die da heißt: die Sünde vertheidigen. Siehe dort, im einsamen Jägerhanse sitzt in einem Winkel, zusammengekrümmt vor Hunger und Jammer, das alte Weib, und harret mit Zittern und Beben der Heimkunft ihres Sohnes. Todt, still, öde und einsam ist's ums Försterhaus, in welchem sich kein lebendiges Wesen befand, als die alte Mutter und zwei Kettenhunde, die vor Hunger heulten. Nun kam der rohe entartete Sohn in einem fürchterlichen Zustande. Es war Nacht. Unterwegs hatten ihn die über seine Rohheit entrüsteten Leute aus der Nachbarschaft abgelauert und ihm einmal einen Denkzettel angehängt. Er blutete aus mehreren Wunden. Da er jener nicht Herr werden konnte, so ließ er nun — mit Entsetzen erzähle ich es — seine Wuth an der eigenen Mutter aus. Die beklagenswerthe Alte konnte ihm, da er nach Hanse kam, nichts zu essen vorsetzen; sie hatte nichts und der * Hunger quälte sie selbst entsetzlich. Das empörte den Wütherich. Ihre mitleidigen Fragen wegen seiner Wunden hielt er für Hohn; denn das Gewissen war laut. — Er mißhandelte seine alte Mutter. — Sie mußte nun die Schläge, die sie in ihrer Blindheit von dem Sohne abgehalten hatte, in ihrem Alter selbst erleiden. Nach einigen Wochen war sie, von Alter, Gram und Mißhandlungen getödtet, eine Leiche. Einige Tage nachher fand man im Dickicht des Waldes den Förster todt in seinem Blute. Nach dem Tode seiner Mutter, die noch das einzige menschliche Wesen war, das bei ihm ausgehalten hatte, wilderte er ganze Nächte im Walde herum; denn mit wahrer Tigerwuth verfolgte er die Raubschützen. Diese hingegen hatten sich vorgenommen, Jagd auf ihn zu machen, wie auf eine allgemein gefürchtete Bestie. Und wahrlich, sein Betragen war ein wahrhaft bestialisches. Denn selbst gegen arme Leute, welche von der Herrschaft die Erlaubniß hatten, dürre Aeste zu brechen und zu sammeln, hatte er seine Rohheiten ausgeübt. Kurz, er war so verachtet und gehaßt, daß sich der Pfarrer nicht getraute, ihm ein öffentliches, ehrenvolles Begräbniß zu gestatten. In der Stille trugen ihn einige Männer aus dem Walde auf den Kirchhof und in aller Stille segnete ihn der Pfarrer ein. Keine Thräne floß ihm, kein Vater unser ward für seine Seele gebetet. Seufzend gedachte der Pfarrer in der heil. Messe seiner armen Seele. * Mein lieber Leser und besonders liebe Leserin, bedenke dies Lebensbild ernst und still. Siehe da die entsetzliche Frucht einer Sünde, die schreckliches Wehe nach sich zieht, und diese Sünde heißt: die Sünde vertheidigen. Ein Unrecht, über das sich Manche so leicht hinaussetzen, ja, das sie gar oft für recht halten. Die Sünde vertheidigen, heißt den Bösewicht ärger machen, als er ist und war, und Jeder, der es thut, ladet schreckhafte Schuld aus seine eigene Seele. Besonders im Ehestände, in häuslichen Verhältnissen, ereignet es sich so oft, daß verblendete Mütter die Fehler ihrer Kinder bemänteln, sie auch bei den gröbsten Fehlern in Schutz nehmen und vertheidigen, oft sogar, wie es hier geschah, dem eigenen Vater gegenüber vertheidigen. Solche Mütter, die größten Theils selbst keine Erziehung haben, bedenken es nicht, daß sie sich selbst die Ruthe binden, mit der sie in alten Tagen von ihren eigenen verzogenen Söhnen und Töchtern gestraft werden. Möge diese kurze Erzählung manchen so verblendeten Eltern die Augen öffnen, und sie sich das Wort der Schrift zu Gemüthe führen, die da sagt (Sprüchw. 17, 15J: „Der den Gottlosen rechtfertigt und der den Gerechten verdammt, die sind beide ein Gräuel vor dem Herrn." H. S. R Für den Kirchenban der armen Katholiken in Stargard nnd Köslin. Uebertrag.33 fl. — kr. „Von einem Eaplane in Obersranken".10 fl.— kr. Summa: ä3 fl. — kr. Redaction und Ncrlaq: Oiv M. HutNcr. — Druck von I. M. Kleinlc. AiigsdiiM ZmMgsM. Hi. SS. 27. Mai 1860. DaS Augsburger SonntagSblatt (SonntagS-Beiblatt zur AugSburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnemenkspreis ist 20 kr., wofür es durch alle r. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die Kirche in Piemont seit 1848. (Schluß.) Im Jahre 1854 im September quält man einen Pfarrer in der Grafschaft Nizza, um in seinem Hause einen Schatz zu suchen. Im Oktober werden die Servilen aus Alessandria vertrieben; im November wird der laich. Friedhof von Novara entweiht. Am 28. desselben Monates wird dem Parlament ein Gesetz gegen die Klöster vorgelegt, welches der Episcopat als „ungerecht, ungesetzlich, antikatholisch und antisocial" erklärt. Im Jänner 1855 veröffentlicht der „Jndipendente" von Aosta ein Thema, welches ein Professor des dortigen Collegiums seinen Schülern dictirte, wo der Satz vorkömmt: „Ich glaube weder an Gott, noch an den Teufel." Pius IX. beklagt in einer Allocution die zahllosen Uebel, welche die Kirche von Piemont zu erdulden habe. Am 6. Februar spöttelt GrafCavour in der Kammer über den Papst; das Ministerium sendet ein Circulare herum, daß die Pfarrer überwacht würden, damit sie in der Kirche keine Anspielung aus die päpstliche Allocution machten. Am 22. Februar erklärte Cavour in der Kammer: „Wir werren anfangen, die wohlhabenderen Klöster aufzuheben." Am 9. März erklärte ein gerichtliches Urtheil 16 Pfarrer für unschuldig, welche angeklagt waren, Unruhen im Val d'Aosta angezettelt zu haben, und aus dem fiskalischen Requisitorium ging hervor, daß der Klerus zu den Aufständischen sich nur verfügte, um die Ruhe wiederherzustellen. Am 26. April bot der Episcopat der Regierung die Summe von 928,412 Lire. „Ein neuer Beweis, sagte Graf Cavour, des patriotischen Gefühls, welches den Episkopat beseelt." Das Anerbieten wurde zurückgewiesen, und die Klöster aufgehoben. Am 29. Mai wurde die kirchliche Akademie von Soperga ebenfalls aufgehoben. Am 6. Juni pro- testirte der Erzbischof von Tnrin Wider das Klosteraufhebungsgesetz, sein Protest wurde aber sequestrirt. Am 29. Juni unterwirft ein Decret die weiblichen Klosterschulen der Aufsicht der Regierungsbehörden, und zwar trotz einem widersprechenden Decrete vom 18. Februar 1851. Am 12. Juli gewaltsames Eindringen in das Kloster der heil. Clara zu Cuneo; am 20. erbrach man die Thore des Kapucinerklosters; am 15. Oktober mußten die Klosterfrauen der Marchesa von Barolo vermöge Ministerialverordnung den Unterricht der kleinen Kinder im ABC einstellen. Am 1. Nov. verwandelte man das Kloster stell» llonüolata in eine Schenke. Am 13. erhielt der kgl. Senat einen Gesetzentwurf, welcher die Wucherfreiheit anordnet. — Das Jahr 1856 beginnt mit einer Adresse der Protestanten an den König, worin sie sich Glück wünschen ob der Thätigkeit seiner Minister. Am 2. Jänner sendet die „Maga" von Genua als Angebinde nach Rom „die Mündung einer Kanone;" am 3. Jänner entließ der Magistrat von Turin die Schulbrüder, „weil sie geneigt seien, die kirchlichen Autoritäten zu unterstützen." Am 26. März wird in der Deputirtenkammer der Generalvicar von Fossano beschimpft. Am 27. März haben die Pfarrer von Savoyen das zweite Semester 1855 ihrer Congrua noch nicht empfangen. Im Mai protestiren die Bischöfe gegen ein neues Unterrichtsgesetz. Am 27. März übergeben die sardinischen Bevollmächtigten dem Pariser Congreß eine Note gegen die päst- liche Regierung. Am 3. Mai erging an mehrere Ordenshäuser der Auftrag der Concentrirung. Am 1. Juui machte man dem Pfarrer von Derres den Proceß, Welcher bei einer Taufe einen Excommunicirten nicht als Pathe annehmen wollte. Am 9. Juni ein Ministerialbefehl an die Polizeibehörden zur Ueberwachung des Klerus. Am 1. Juli ein neues geheimes Circulare des Ministers des Innern Wider die Pfarrer. Am 13. Juli bezeugt der protestantische Pfarrer Bert, daß viele katholische Friedhöfe durch Bestattung von Akatholiken im Austrage der Civilbehörden entweiht seien. Am 26. Juli Proceß gegen den Pfarrer von Ca- stagnole, der für unschuldig erkannt wird; am 11. August Proceß gegen den Pfarrer von Bosconero, der ebenfalls unschuldig. Am 11. September Untersuchung der Agenten der Lass» eeelesiastica im Convente der Augustiner von Genua; am 23. wird vom Intendanten zu Oneglia eine Lehrerin abgesetzt, weil sie einer Processton beiwohnte! Am 25. Oct. Einbruch in das Kloster ciells An- vsle-m und Vertreibung der Religiösen. Am 10. Jänner 1857 hat der ministerielle Deputirte Antonio Galenga eingestanden, daß er im Auftrage Mazzini's dem Leben des Königs Carl Albert nachgestellt, und verließ deßwegen die Kammer; Graf Cavour empfängt von den Aufständischen in der Romagna eine Medaille, und am 18. Jänner widerruft der Ankläger jener Pfarrer von Val d'Aosta seine Verläumdung. Am 26. wird in der Kammer ein Antrag verhandelt über Ausschließung jeglichen katholischen Unterrichtes aus den öffentlichen Schulen. Im Februar veröffentlichte man einen Ausweis, aus welchem erhellte, daß durch das Gesetz gegen die Klöster 7850 Personen betroffen wurden. Am 30. März berieth die Deputirtenkammer den Modus, die Rabbiner zu wählen. Die Rechnungsausweise der l!35»u trcolosi-istier, zeigen, daß sie vom 29. Mai 1855 bis Ende 1856 schon 317 Processe führen mußte, von denen 32 bereits gegen sie entschieden wurden. Eine Ministerialverordnung verbietet die fernere Besetzung von Dompräbenden. Ferner wurden die Serviten aus Genua, die Dominicaner aus Alessandria, die Augustiner aus Carmagnola, die Cistercienser aus Cortemiglia, die Olivetaner aus Duarto, die Carmeliter aus Turin u. s. w. vertrieben. Am 29. April erklärt Gras Cavour in der Kammer, daß es nicht möglich sei, mit Rom eine Vereinbarung zu treffen. Am 22. Mai wird im Senate der Klerus von Savoyen mit Unbilden überhäuft. Der Minister Desoresta sendet einem Diacon eine Heirathserlaubniß, indem erste mit einer Altersdispense verwechselt. Am 6. Juni errichtet der Minister in Savoyen öffentliche Bordelle. Am 30. Juli erhebt der Bischof von Jvrea feierliche Klage wegen der fortwährenden sacrilegi- schen Räubereien. Am 13. August ein Circulare des Ministers Ratazzi gegen den Bischof von Jvrea. Am 15. Nov. die allgemeinen Wahlen zu Gunsten der Conservativen, welche dann größtenteils von der Kammer für ungiltig erklärt wurden. Am 30. Dec. insultirt Cavour die französischen Bischöfe, welche die römische Liturgie in ihren Diöcesen eingeführt hatten. Die Ereignisse der Jahre 1858 und 1859 sind noch in zu frischem Gedächtnisse, als daß es nöthig wäre, sie einzeln aufzuzählen. Das bedeutendste Attentat gegen die Kirche war 1858 die Ausschließung der Canoniker aus der Deputirtenkammer unter dem Dorwand, sie befaßten sich mit der Seelsorge, indem das Statut die Seelsorger für nicht wählbar erklärt. Uebrigens seufzt die kath. Kirche noch immer unter gleichem Drucke, die Mitglieder der unterdrückten geistlichen Genossenschaften nagen am Hungertuche, und die armen Pfarrer, deren Loos die Liberalen durch Verwendung der eingezogenen Klostergüter verbessern zu wollen stolz verkündeten, müssen 5 — 6 Monate und noch länger warten, bis ihnen ihre kurzbemessene Congrua ausbezahlt wird, wie erst wieder in den letzten Tagen die Klage der Pfarrer aus der Insel Sardinien herübertönte. Die 171 6s85A ecclesisgtios hat lange schon Bankerott gemacht, die Klostergüter sind verschleudert, die Zehenten aufgehoben, und so muß genannte Cassa aus der StaatS- Cassa, d. i. aus dem Säckel der Unterthanen dotirt werden, und da sind die Geistlichen die Letzten, die daraus etwas beziehen. So hat es nun auch Farini in Modena gemacht, der dort im schönen herzoglichen Palast in Saus und BrauS die anticipirten Steuern des unterdrückten Volkes verschlemmt. Er hat auch Zehenten und Sammlungen aufgehoben, d. h. zu Gunsten der Staatscassa, indem dafür die Steuern verdoppelt werden; dann hat er den Gehalt der Pfarrer auf 800 Lire, also auf kaum 300 fl. erhöht (!), und glaubt wie großmüthig gehandelt zu haben, wenn diese miserable Ziffer auf dem Papier steht, und die mitten unter dem geplünderten Volke stehenden Seelsorger der Willkür eines jeden sreimaurerischen Cassaschreibers preisgegeben werden. In geistlicher Beziehung erleidet die Kirche Piemonts ebenfalls immerwährende Verluste. 10 —12 bischöfl. Sitze sind erledigt, und unter gegenwärtigen Umständen ist nicht daran zu denken, daß die kirchlichen Verhältnisse geordnet werden könnten, denn die Regierung bietet nur zu jenem die Hanv, wodurch der Kirche neue Wunden geschlagen werden; so gestattet sie die unsittlichsten Darstellungen aus den Theatern, die öffentliche Ankündigung und Schaustellung der obscönsten Bücher, Bilder u. s. w., sie duldet, daß das Land mit verfälschten Bibeln, Traktätlein und Broschüren, welche mit wüthendstem Hasse gegen Rom erfüllt sind, überschwemmt werde; alle protestantischen Agenten haben den freiesten Verkehr im Lande, öffentliche Aergernisse, auch die rohesten Ausschweieungen bleiben ungestraft; selbst Mordanfälle gegen Priester, die das Allerheiligste zu Sterbenden trugen, ereigneten sich, ohne daß man vernommen, daß solche Ruchlosigkeiten gezüchtigt, oder wenigstens auf die Thäter gefahndet worden wäre. Daß Seelsorger in Aufrechthaltnng der öffentlichen Zucht und Sitte irgend eine Unterstützung vom Staate zu erwarten hatten, darf man sich ohnehin nicht einbilden, und so braucht es wohl ein unerschütterlich katholisches Volk, kernfeste Gesinnung bei Hausvätern und Gemeinde- Vorständen, die treu den Seelsorgern zur Seite stehen, um den Strom der Ent- christlichung und Entsittlichung, der in diesem so schwer heimgesuchten Lande aus allen Ufern getreten, wenigstens nothdürftig einzudämmen, damit die Verheerung nicht allgemein werde. So ist es aber auch und der Herr erweckt, wie immer in den Zeiten allgemeiner Begriffsverwirrung und sittlicher Verkommenheiten, auch nun in Piemont Männer, die wie feste Säulen des Rechtes, der Religion und Gerechtigkeit dastehen, von denen wir blos an einige bekannte erlauchte Namen aus dem Laienstande erinnern wollen, als Graf Solaro della Margherita, Graf Revel, Marchese Brignole, de la Motte u. s. w., welche durch die Kraft ihrer Rede und die Gründlichkeit ihrer Schriften sich auszeichnen, wie vorzüglich Ersterer durch seine Schrift gegen das Libell „Der Papst und der Congreß", die bereits in's Französische übersetzt ist, großes Aufsehen machte. Ebenso hütet der Herr und facht in den Herzen des Volkes immer wieder neu die Flamme deS Glaubens an, und die Verfolgung der Kirche muß selbst dazu dienen, in Vieler Herzen das schlummernde kath. Bewußtsein zu wecken, und ihm lebendigen Ausdruck zu geben, wie wir solches in den vielen Adressen an den heil. Vater aus allen Theilen des Landes und den zahlreichen Geldbeiträgen für denselben ersehen. (Kathol. Blätter aus Tirol.) DaS Testament. Der alte Granson lag schwer krank. Er fühlte, daß die Zeit den letzten Zoll von ihm fordere. Er nannte diese Krankheit schon das Anklopfen deS Todes bei ihm. Er hatte recht empfunden, denn bald war er nicht mehr. Doch vor der Scheidestunde ließ er seine beiden Söhne bei dem Sterbebette erscheinen. Er theilte die großen Summen seines Vermögens unter dieselben. Die Abendglocke schlug sieben. Draußen stürmte die kalte Herbstluft und schüttelte die welken Blätter von den Bäumen, wie der Tod bald die Körperhülle von der Seele des alten Granson abstreifte. Die Lampe brannte düster in der Krankenstube des alten Granson, und warf einen trüben melancholischen Lichtschein nach den ringshin braun getäfelten Wanden. Auf dem Schranke, der mit zierlichen Glasarbeiten umstellt war, lagerte sich der schwarze Hauskater und schielte mit seinen flammenden Augen aus dieser durchsichtigen Umgebung hervor und regte sich auch furchtsam oft, als bedrohe ihn das Aufsteigen von Gewitterstürmen. Die Wanduhr aus alter Zeit noch kommend, knarrte mit ihrem einförmigen Schlagklange durch die Todten- stille des Gemaches, welche dann zuweilen von den schweraufkeuchenden Seufzern und von dem unheimlichen und qualvollen Athemholen des alten Granson unterbrochen wurde. Seine beiden Söhne und der Gerichtshalter der Gegend traten herein. Der letztere schauderte. Werner Granson, der jüngere, betete mit bangem Herz- erzittern; Franz Granson, der ältere Sohn, bewegte die Mienen wie zum jauchzenden Lächeln. Er gedachte der Erbschaft und der freien Tage später. Der Anblick Granson's mußte furchtbar sein. Er war ein Bild der Verzweiflung. Abgemagert und abgezehrt lag, im Leben schon das Gerippe des Todes, sein Körper da. Die Brust röchelte dumpf. Er schien der Lunge mühsam noch diese leisen und letzten Bewegungen abzuzwingen. Das wirre Auge quoll aus seinen Höhlen. Kalter Schweiß rann ihm von der kahlen Stirne, sobald er aus den wildgährenden Fieberträumen auffuhr, und mit den langen grauen Fingern an der Wand herumtappte. Diese Finger wurden ihm jetzt zur Peinquelle. Er sah sie und ihm wurde das Gedächtniß zu den falschen Eiden hingerissen, die sein Mund und sein Herz geschworen. Er sah Blut kleben an diesen Fingern von Unschuldigen, die sein Urtheil zu Grunde richten ließ, und darüber erhoben sich die umherstehenden und von Gold strotzenden Säcke als die lautesten Ankläger. Wie mit Eishänden hielt ihn der Gedanke auf diese Thaten seines Wirkens gedrückt. Aus dem Gewissen stieg ihm ein finsterer Geist hervor. Der weckte die Stimme der Vergangenheit noch mehr auf, und dem Sterbenden dröhnten wie Gerichtstagdonner die Klagen der Wittwen und Waisen in das Ohr, welche sein Betrug um Hab und Gut gebracht hatte. Er rang sich auf, drohte, die Finger zur Faust ballend, diese Klaggestalten von seinem Lager fort. Sie blieben aber starr, und ihr Jammern und Seufzen preßte ihm ein Mark und Bein erschütterndes Heulen aus. Dabei nahm das eingefallene tief- gelbe Gesicht, im trübsten Lampenschimmer, eiue Schwärze an, die Entsetzen erregte. „Das Vermögen ist euer, theilt euch in dasselbe. Aber nun bitt ich euch, lasset mir doch bald, den Priester kommen, ja recht bald, daß ich ruhig sterben kann!" So deutete der Alte seinen Söhnen jetzt. Er sprach's. Aber der Tod überfiel ihn plötzlich, wie ein gewappneter Mann. Er starb. Werner weiyte kindlich, Franz jedoch frohlockte teuflisch. Die Brüder theilten sich in das Vermögen. Es ward dem Einen zum Fluche, dem Andern zum Segen. Franz nahm einen großen Theil seiner Erbschaft und zog in die Welt hinaus am Stab des Leichtsinnes. Er vergaß Gott und Kirche und Tugend, und warf sich in den Strudel ekler und sündhafter Zerstreungen. Werner Granson aber blieb getreu den guten Lehren seiner vielbeweinten Mutter , welche dieselben noch vom Sterbebette herab ihm in's Herz gesprochen. Er hielt fest am Glauben seiner Väter, verweilte gern im Hause Gottes, und war der Spender zahlreicher milder Gaben an die Armen. Er lebte fromm und übte Barmherzigkeit am Nächsten stets, bis daß er starb. Die von ihm erquickte 173 Armuth goß ihm Thränen des Dankes auf die Gruft hin. Matt segnete sein Andenken. Ein Glöckchen der Waldcapelle dort im Gransou'schen Besitzthume tönte zur Ferne und lud die Gläubigen zum Gebete bei der Todtenmesse. Die Capelle, grau durch das Alter, stand inmitten grüner weitverzweigter Linden. Es war stille hier. Rings sah man Bildstöcke angebracht, welche Bilder aus der Leidensgeschichte Jesu vorstellten, und welche die Andacht zu umwandeln pflegte. Schon sangen die Geistlichen die Todtenvesper und an Grab und Gericht mahnten die Psalmen. Wurde von den Priestern innig für den Verstorbenen gebetet, so gewiß auch von den Armen, welche vor der Capelle knieten auf dem Sandboden. Sonderbar mußte der Eindruck auf das Herz eines Fremden wirken, wenn der durch diese Waldeinsamkeit geschritten wäre. Auf der rechten Seite befanden sich fünfzig Männer und auf der linken fünfzig Frauen, zu zweien stets gereiht. Alle trugen den Schnee des Alters in den wenigen Haaren noch. Ihre Kleider waren die stummen Zeugen ihrer Noth. Ihr Gebet war salbungsvoll auch durch die äußere fromme Haltung. Thränen befeuchteten manches Auge. Wer diese Greisen sah, konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß bei Manchen vielleicht das Kirchen- gehen bald ein Ende habe. Die Glöckchcn läuteten eben zusammen und der Gottesdienst begann. Da war auch keiner unter den Anwesenden, welchen diese Gedächtnißfeier für einen geliebten Todten nicht tief gerührt und zum Gebete und zum Danke gestimmt hätte. Klagsam schallte durch den Wald der Gesang und hallte in seinen Gründen feierlich wieder. Horch! Rossegewieher und Peitschenknall und Hörnerklingen und Stimmen- geräusch wurde vernehmbar, und die Wogen der Töne kamen immer näher. Ein junger Mann, umgeben von rohen Gesellen, ritt daher, und der Chor der Todten- lieder machte keinen Eindruck auf ihn. Er lachte laut über diese Meßklänge und ließ die Hörner blasen, um die ernsten Choralstimmen zu bedecken. Die Gesellschaft kam heran. Sie stutzte. Nun aber lärmten Alle fort, und doch wieder unterbrachen sie ihr Getöse, als sie vor der Capelle die betenden Greise sahen. Der junge Mann gebot Ruhe seiner Schaar, welche fast dem wilden Heere glich. Er selbst schien bald einem vom Sturme gerüttelten Baume ähnlich. Seit Jahren mied er die leiseste Berührung mit allem, was an Tugend und Gott und Ewigkeit mahnte. Er ward darum nur schlecht der Raubgras genannt. Die Vorsehung schien ihn Plötzlich hieher geführt zu haben. Die Grablieder, wemuthvoll und dumpf und auf Verwesung deutend, lasteten auf seinem Herzen. Er fühlte, daß des Christen Beruf höher sei als nur das Vertieftsein in's Irdische und in das Lasterhafte. Er schämte sich seiner Vergangenheit und der Meisterführer verworfener Menschen zu sein. Er wünschte seine Umgebung in ferne Welttheile. Es waren ihm Alle treuergebene Genossen, weil des Verschwenders Geld für sie zur goldenen Kette geworden. Er scheute jetzt den Anblick der Abentheurer. Dieser junge Mann war Franz Granson, der seithin das reiche Erbtheil von seinem Vater bis zur Hälfte schon mit dieser Schaar vergeudet hatte. Er stand im ernsten Sinnen. Der Gottesdienst war beendigt und die Lieder erklangen. Die fünfzig Männer und die fünfzig Frauen schlössen vor dem Kirchlein einen Kreis. Der Meßpriester trat heraus mit einer großen Papierrolle und las unter Anderm: „Das ist noch mein besonderer Wille, daß alljährlich an meinem Todestage hundert arme Personen gekleidet und frei bewirthet werden. Der Gotteslohn dafür sei, daß sie beten für Granson, den Vater, und für mich Werner Granson!" — „Danket dem Allerhöchsten, ihr Armen," rief .der Priester, „für solches Testament, für solche heilbringende Verwendung des Ueberflußes zeitlicher Güter! Gott erquicke Werner Granson's und seines Vaters Seele dafür in der Ewigkeit!" Der Priester schwieg, und an die hundert Personen wurden vollständige Kleidungsstücke vertheilt und eine kleine Geldzulage beigegeben. Die Beschenkten knien noch einmal nieder und riefen dankbar den Namen des Menschenfreundes „Werner Granson." Franz Granson ward in diesem Augenblicke für den Himmel gewonnen. „Guter Bruder!" rief er laut, „wie christlich hast du, und wie unchristlich hab' ich gehandelt! Ich will dir nachfolgen! Ich will besser werden!" Seinem frommen Entschlüsse folgte bald auch die schöne Verwirklichung. Er schritt fortan wie ein treuer Jüngling des Erlösers durch das Leben. Wohlthuend begrüßte er die Hütte der Armuth oft. Sein Testament später glich dem seines Bruders. Vor dem Tode. 6. Valentin war ein braver Taglöhner, welcher sein ganzes Leben lang Gott vor Augen gehabt hatte. Jetzt lag er an einem unheilbaren Lungenleiden schwer darnieder. Seine betrübte Frau, seine beiden erwachsenen Kinder sahen mit Bekümmerniß dem Frühjahre entgegen. Der Arzt hatte gesagt, daß diese überall hin Leben und Freude bringende Zeit für den Kranken, für seine Familie die Zeit des Todes und des Schmerzes sein werde. Der Leidende allein hoffte zuversichtlich auf Wiedergenesung, und, da man ihm mit der Hoffnung für das Leben das Leben selbst genommen hätte, und ihm deßhalb die traurige Wahrheit verhehlen mußte, so konnten ihn weder die eindringlichen Bitten der Seinen, noch die ernsten Mahnungen seines Seelsorgers zum Empfange der heiligen Sacramente bewegen. — „Der heiligen Oelung bedarf ich nicht" — pflegte er zu sagen — „denn ich bin nicht auf den Tod krank, und die übrigen Sacramente empfange ich lieber, wenn ich wieder gesunden Leibes bin. Dann ist mein Geist zum Erkennen klarer, mein Gemüth minder niedergeschlagen." — Der Arzt, ein glaubensloser Mann, welcher durch den Empfang der heiligen Sacramente Minderung der Lebenshosfnung und als Folge zu große Aufregung für den Kranken fürchtete, bestärkte denselben in seiner vorgefaßten Meinung. Veronika hingegen, des Taglöhners Gattin, und ihre beiden Kinder wurden von tiefster Gemüthsunruhe ergriffen. Denn selbst der Gerechte fällt des Tages siebenmal. Wie leicht also konnte Gatte und Vater für's zeitliche, wie für's ewige Leben verloren gehen? Während Anna, die Tochter, der Mutter im Hauswesen, in der Pflege des Kranken treulich half und auf diese Weise nur wenig mit weiblichen Arbeiten verdienen konnte, war hingegen Franz, der Sohn, darauf hingewiesen, mit seiner Hände Fleiß fast die ganze Familie zu ernähren. Zu arm, ein Gewerbe erlernen zu können, war, wie früher bei'm Vater, Taglohn seine einzige Quelle des Broderwerbs, und mit rastlosem Eifer arbeitete er vom frühesten Morgen bis zum spätesten Abend. Ein Gewitter im Leben der Natur ist die Aufeinanderfolge mehrerer Blitzstrahle und Donnerschläge. Nicht selten verhält es sich auf gleiche Weise bei den Gewittern, welche den menschlichen Lebenshimmel trüben. Der Vater lag auf dem Siechbette, und der Sohn wurde eines Abends bewußtlos in's Haus getragen. Ein von der Höhe auf seinen Kopf fallender Gegenstand hatte eine Ohnmacht hervorgerufen. Der bei'm Vater weilende Arzt erklärte dieselbe als Wirkung einer leichten, gefahrlosen Hirnerschütterung. Wirklich kehrte das Bewußtsein bald wieder, und Tags darauf fühlte sich Franz so weit hergestellt, daß er leichtere Geschäfte verrichten konnte. Franzens Bewahrung vor so augenscheinlicher Todesgefahr erfüllte die Familie mit unbeschreiblicher Freude. Der Kranke betete in seinem Bette, Veronika jedoch und Anna eilten in die Kirche, Gott zu danken, welcher ihnen nicht nur ein Glied, sondern auch die Stütze der Familie erhalten hatte. Franz aber glaubte, mehr thun zu müssen. — „Wie leicht" — sagte er — „wäre ich nicht mehr zum Leben erwacht, und also unvorbereitet vor den Richterstuhl des Herrn getreten! Gott hat mich aus doppelter Gefahr errettet. Bezüglich einer mnftigen Leibesgefahr stehe ich in seiner Vaterhanv. Was indessen die Gefahr der Seele betrifft, so soll mir dieser Vorgang eine ernste Warnung sein, mein ganzes Leben so einzurichten, daß ich mit des Allerbarmers Hilfe mich möglichst vorbereitet seinem gerechten Richterstuhle nahen kann." — Er ging in's Gotteshaus, legte ein reuiges Sündenbekenntniß ab, und empfing das Brod des ewigen Lebens. Am fünften Tage nach jenem Unglücksabende kehrt Franz äußerst erschöpft von der Arbeit zurück. Es stellte sich Erbrechen ein, und die Miene des gerufenen Arztes ließ das Aergste befürchten. Wirklich, nach zwei Tagen qualvoller Leiden war der Unglückliche eine Leiche. Mutter und Tochter weinten laut auf. Der Vater aber war still, in sich gekehrt. Ohne Zureden begehrte er seinen Seelsorger. — „Franz" — sagte er — hatte die ersten Tage nach seinem Unfälle keine oder nur geringe Schmerzen. Meine Brust brennt mich oft, als ob die Sünden meines ganzen Lebens in ihr nagten. Franz hatte Recht; das Heil der Seele, aber nicht des Leibes ist in unsere Hand gegeben." Die Befürchtungen des Arztes erwiesen sich als falsch. Denn nach dem Empfange der heiligen Sacramente war das Gemüth des Kranken so ruhig, so heiter, daß es aus den Körper die wohlthuendste Wirkung übte. Als Valentin sanft in den Herrn entschlafen war, gestand der Arzt selbst, daß die gefaßte Haltung des Kranken nach seiner geistigen Vorbereitung ihm das Leben wenigstens einige Tage verlängert habe. Leser! Wohl dem, welcher den milden Zuruf Gottes in den heil. Gnaden- mitteln selbst aufsucht! Der Herr braucht ihm dann nicht mit ernster Prüfung zu nahen, damit er seine Seele rette. Möge diese Wahrheit nicht nur der Kranke auf dem Todtenbette, sondern auch der Mensch in vollster Lebensblüthe beherzigen! Fluche nicht! Der Fluch einer unnatürlichen Mutter ist vor Kurzem auf eine schreckliche Art an einem jungen, fleißigen Mädchen aus dem Veßprimer Comitate (in Ungarn) in Erfüllung gegangen, welches schon seit mehreren Jahren an einer Drehmaschine der dortigen Herrschaft arbeitete und ihre greise Mutter, ein boshaftes, unverträgliches Weib, durch ihrer Hände Arbeit ernährte. Diese entließ nun eines Morgens ihre Tochter eines geringfügigen Anlasses halber mit dem herzlosen Fluche: „Möae dir doch einmal die Maschine dein: Hand zerschmettern." Nächster Tage ging auch der furchtbare Fluch in Erfüllung. Das arme Mädchen strauchelte nämlich am Tische der Maschine, griff mit der rechten Hand in die Räder und verlor in einem Augenblicke den Arm bis an's obere Gelenk; die herzlose Mutter machte ihren Gewissensvorwürfen in verzweifelten Verwünschungen Luft und das brave Mädchen tröstete seine Mutter damit, daß sie ihr auch mit der linken Hand allein das Brod zu verschaffen im Stande sei. Seelenstärke eines katholischen Priesters. Unter die vielen Priester, die in der französischen Revolution als Opfer ihrer religiöseil Standhaftigkeit fielen, gehört auch der 28jährige Geistliche Novi, Caplan von Anjac. — Nachdem er aus den Marktplatz der Stadt Bans war geführt worden, wo man eben 8 Priester, die der Republik nicht zugeschworen, hingerichtet hatte, ließen die Mörder den Vater des Caplans Novi kommen und umgeben von den 8 hingestreckten Leichnamen erklärten sie ihm: „Es werde das Loos seines Sohnes nur von seinem Rathe und Einflüsse abhängen; sein Sohn werde sterben gleich den Anderen, wenn er noch länger auf der Weigerung des Eides bestünde; leben würde er, wenn es dem Vader'gelänge, ihn zur Leistung des Eides zu bewegen." — Der unglückliche Vater, unschlüssig, zwischen den Gefühlen der Natur und der Religion hin und her gezogen, stürzt sich zuletzt, von Zärtlichkeit überwunden, seinem Sohne um den Hals; mehr noch durch seine Thränen -und durch sein Schluchzen, als durch Worte dringt er in ihn und fleht: „Mein Sohn! erhalte mir das Leben, indem du das deinige erhältst!" „Ich will's besser machen, mein Vater" — versetzte der Sohn — „Ihrer und meines Gottes würdig will ich sterben! — Sie haben mich in der katholischen Religion erzogen; ich bin so glücklich ein Priester dieser Religion zu sein; es wird Ihnen zum süßeren Troste gereichen, einen Matyrer zum Sohne zu haben, als einen Abtrünnigen!" Der Vater wußte nicht, welchem Eindrucke er sich hingeben sollte; er umarmt nochmal diesen Helden, er benetzte ihn nochmal mit seinen Thränen. „Mein Sohn!" — mehr kann er nicht sagen. — Die Schergen entreißen ihm den Sohn; er sieht ihn den Hals unter das Beil hinhalten; da schreit er auf und stört und hindert die Mörder an ihrem unseligen Geschäfte. Zwei unsichere Hiebe haben den Priester zu Boden geworfen und es hat den Anschein, als ob die Henker ihn so liegen lassen wollten. Sein Brevier war den Händen entfallen; er hebt es ruhig auf, und er reicht das Haupt nochmal dar; siehe! da trifft ihn ein neuer Hieb mit der Axt und sein Opfer ist vollendet. Chinesischer Spruch. Nicht den leicht'sten Fehler kannst du hegen, Der mit schwerem Schaden dich verschone, Doch auch nicht die kleinste Tugend pflegen, Die sich dir nicht zwiefach lohne. Für den Kirchenban der armen Katholiken in Stargard und Köslin. Uebertrag.43 fl. — kr. Aus Beuerberg: „Möchten recht viele Katholiken ihren Brudern im Norden zu einem würdigen Tempel verhelfen!! ... 2 fl. 42 kr. Summa: 45 fl. 42 kr, Redaction uno Verlag : Dr. M. Huttler. — Druck von I. M. Klei nie. AiigMgrr AmtugMM. SL. 3. Juni 1860. DaS Augsburger TonntaaSblatt (Sonntags-Beiblatt zur AuqSburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die LeidenSblume.*) 6. Im Dorfe wohnte ein Amtmann, dessen Töchterchen der kleinen Clara Altersgenosfin und Gespielin war. Einst kam nun Clara voll Freude nach Hause gesprungen. — Mutter! — rief sie — Ich chabe heute bei Amtmanns eine wunderschöne Blume gesehen; aber sage mir, warum heißt sie denn Leidensblume, wie sie Röschen nannte? Sie ist so lieblich, daß bei ihrem Anblicke das Herz vor Freude brechen möchte. Sie heißt Leidensblume, weil sie das Leiden unseres Erlösers versinnbildet. Wie das? Sage mir erst, welche Farbe die Blume hatte, weil es deren mehre Arten gibt. Sie war weiß und in der Mitte purpurroth. Gib nun Acht! Die Blume ist weiß, die Schuldlosigkeit des Leidens unseres Heilandes anzudeuten. Roth ist überhaupt die Farbe des Leidens. Daß aber die Mitte der Blume, also ihr Strahlenkranz roth ist, soll uns daran erinnern, daß das Herz Jesu, der Mittelpunct des Lebens, am tödlichsten vom Leiden betroffen ward. Der Strahlenkranz ist ferner die Krone jeder Blume. Mit der Krone verbinden wir den Begriff des Höchsten. — Das soll also sagen — fiel Clara der Mutter in's Wort — daß das Leiden Christi die höchste Stufe erreicht hat. Getroffen, mein Kind! Nun laß Dir noch Etwas bemerken, was Du vielleicht nicht beobachten konntest. Gerne stützt sich der Stiel dieser Blume an die benachbarte stärkere Pflanze. Selbst in diesem geringfügigen Umstände liegt die tiefste sinnreichste Deutung. Ich habe sie, ich habe sie — rief Clara frohlockend — Simon half Jesu sein Kreuz tragen. Und warum meinst Du wohl, daß dies geschah? Ei aus demselben Grunde, aus welchem ein Mensch dem Andern Etwas tragen hilft, weil Einer für die Last zu schwach ist. Nachdem Clara dies gesprochen, ward sie Plötzlich ernst und nachdenkend. Einige Minuten herrschte Stille. Dann begann die Mutter: Worüber sinnst Du, mein Kind! Du hast mir so oft gesagt, daß der Mensch das höchste Wesen auf Erden sei. Jetzt beneide ich diese Blume um ihr herrliches Loos. Thue das nicht! Was die Blume unfreiwillig ist, das kann der Mensch aus freien Stücken werden: das möglichst vollkommene Abbild des göttlichen Leidens. Bitte, bitte, Mütterchen! zeige mir das und nimm dazu einen recht braven, frommen Menschen, denn gewiß nur ein solcher kann ein Abbild Gottes werden. Du hast nicht ganz Unrecht; allein wir sollen nicht immer an andern *) Die weiße Passionsblume. Menschen lernen wollen. Am besten lernen wir an uns selbst; deßhalb habe ich Dich hiezu gewählt. Mich? bin ich denn so brav und fromm? — fragte Clara ganz verwundert. Gott behüte mich, daß ich dieses je behaupte; allein Du kannst und sollst es werden. Und ich will es werden, meine liebe, gute Mutter! Das freut mich. Lege jetzt einen Beweis davon ab, indem Du hübsch aufmerkst! Siehe: Während der Heiland freiwillig litt, so müssen wir Alle, der mehr, jener minder, unfreiwillig leiden. Wir Alle? Ja, auch Du, mein Kind! Hat Dir noch nie ein Finger, oder der Kopf, oder sonst Etwas wehe gethan? Oft schon. Aber meistens war ich selbst Schuld daran. Wenn mich der Finger schmerzte, hatte ich mich geschnitten oder gestoßen. Darin unterscheiden wir uns also vom Heilande, der ohne Selbstverschulden litt, während wir gewöhnlich selbst Ursache an unsern Leiden sind. Allein in einer andern Art können wir Jesum in der Schuldlosigkeit des Leidens nachahmen. Ich weiß, liebe Mutter! was Du sagen willst. Mir fällt die alte Martha bei'm Tode ihres Kindes ein. Sie gab in ihrem Schmerze Alles Gott anheim. Du hast's gesunden. Wie der Mittler sein unverschuldetes, so müssen wir unser verschuldetes Leiden tragen gleich einem Schuldlosen durch die gänzliche Hingabe an Gott, den Schuldlosesten. — Welcher Schmerz indessen hat Dir unter allen Schmerzen am Wehesten gethan? Der Schmerz, welchen mein Herz empfand. Sie hierin eine Ähnlichkeit mit dem göttlichen Leiden! Die ausgebreiteten Arme, die durchbohrten Füße am Kreuze, die Dornenkrone auf dem Haupte ! schmerzten den erhabenen Dulder nicht so tief, als die Wunden seines Herzens. — Weßhalb, oder wann nun that Dir das Herz am Wehesten? Wenn ich Dich beleidigt hatte, liebe Mutter! Hierin liegt ein Gegensatz, welcher uns so recht an den Unterschied des göttlichen und menschlichen Leidens erinnert. Erkläre mir dies deutlicher! Den Heiland schmerzten die Wunden des Herzens am meisten, weil er es ^ mit dem Herzen empfand, daß ihn die Menschen verwundeten, deren Wunden er unaufhörlich geheilt. Uns thut das Herz am Wehesten, wenn und weil wir ^ fühlen, daß wir Andern wehe gethan. — Der göttliche Dulder empfand die Wunden, welche ihm geschlagen wurden. Wir empfinden da gleichsam die Wunden, die wir selbst geschlagen. Clara weinte. Weine nicht, mein Kind! Es gibt Etwas, das uns selbst im herbsten Leide tröstet. Auch hierin erinnert uns die Passionsblume an eine Ähnlichkeit und einen Unterschied des göttlichen und menschlichen Leidens. Ich verstehe Dich nicht. Wenn Dir etwas wehe thut, wem klagst Du es? Dir, liebe Mutter! weil ich weiß, daß Du an meinem Schmerze treulich Theil nimmst. Wie also Simeon Jesu das Kreuz tragen tragen half, so haben wir auf Erden Menschen, die unser Kreuz tragen helfen. Hierin beruht die Ähnlichkeit zwischen beiden Leiden, wenn gleichwohl Simeon unfreiwillig half, wir aber öfter zu aufrichtiger Theilnahme bereitwillige Herzen finden. Nun höre weiter! Als ich jüngst so krank war, daß ich den Tod erwartete, und der Arzt Dir verboten, Dir etwas gegen mich verlauten zu lassen; wem klagtest Du da Deinen Kummer? Vielleicht der Nachbarin? ! 179 O nein, Mutter! Sie war so griesgrämig, theilnahmlos. Wem denn? Ich eilte in mein Stübchen und schloß dem lieben Gott mein Herz auf. Wie fühltest Du Dich nach dem Gebete? Mir war so wohl, wie wenn mir eine schwere Last zur Hälfte abgenommen worden. Gewahrst Du jetzt die Verschiedenheit!? Ja, Mutter! Gott ward im Kreuztragen von einem Menschen unterstützt, wir aber erfreuen uns hierbei der göttlichen Hilfe. Wessen Kreuz wird also eine sanftere Bürde sein? Gewiß das uns'rige. Noch mehr. Wenn uns Gott das Kreuz eine Strecke Weges tragen half, so nimmt er uns oft ganz. Ja, allein auch Jesu ward das Kreuz genommen, nachdem es ihm Simeon mitgetragen. Wohl war! Als aber Jesu das Kreuz abgenommen, ward er nicht daran geheftet, um zu sterben? — Und Du? Als mir Gott mein Kreuz genommen und Dich wieder gesund werden ließ, begann für mich ein neues Leben. Siehe! mein Kind! So ist die Passionsblume ein Mahnbild, wie wir im Leiden dem Erlöser ähnlich werden können und sollen zur Belebung unseres Muthes; sie erinnert uns aber auch an die unendliche Verschiedenheit zwischen göttlichem und menschlichem Leiden zur Demüthigung unseres Herzens. Der Verein der unbefleckten Empfängnis Mariä zur Unterstützung der Katholiken im Orient. In mannigfachen Weisen tönen schon seit vielen Jahrzehnten die Seufzer der katholischen Bewohner der westlichen Provinzen des türkischen Reiches in die österreichische Monarchie hinüber. Indeß die Bevölkerung des östlichen Bosnien dem Schisma heimfiel, ist die näher liegende des Westens vom Anbeginn Heu bis zum heutigen Tage der katholischen Kirche treu geblieben. Der Adel des Landes sicherte Lei dem Einbruch der Türken seinen Besitz durch den Abfall zum Islam. Unter öfters wiederkehrenden schweren Verfolgungen fand sich ein großer Theil der glaubenstreuen Einwohner zur Auswanderung genöthigt. Von dreißig Fran- ziscanerklöstern, die einst für die Erhaltung der christlichen Lehre und des christlichen Lebens wirkten, haben blos drei die schweren Stürme der Zeit überdauert, die andern sieben und zwanzig sind verschwunden. Jenen ist die Erhaltung des katholischen Glaubens unter großen Mühen, unter niemals weichenden Gefahren zu verdanken. Sämmtliche Priester des Landes gehören diesem eifervollen Orden an. Aus einem Flächenraume, welcher den von Mähren und österreichisch Schlesien übertrifft, wohnen 120,000 Katholiken des kroatischen Volksstammes. Sie sind insgesammt eben so arm, als glaubenscifrig. Durch das ganze Land zerstreut werden sie Wohl in 56 Pfarreien eingetheilt, besitzen aber blos fünf Kirchen, drei davon jenen Franziscaner-Conventen angebaut, zwei kleine anderwärts. Da jedoch alle fünf zusammen kaum den sechzigsten Theil der Katholiken fassen könnten, diese nicht selten, um zu einer solchen zu gelangen, Tagereisen zurückzulegen hätten, so müssen die Priester die hl. Messe meistentheils auf freiem Felde, unter Zeltdächern oder Laubhütten feiern; an Orten, wo sie etwas besser dran sind, in Bretter- Hütten neben Viehställen, an Oertlichkeitcn, welche einzig dem Priester ein noth- dürftiges Obdach gewähren, während die Gemeinde in Staub, Schlamm oder Schnee knieend dem Gottesdienst beiwohnt. Oft muß von dem bewaffneten und nach türkischer Weise gekleideten Ordensmanne die heil. Wegzehrung über unwegsame Gebirge auf Tagreisen weit gebracht werden. Daß es überhaupt in diesem Lande noch Priester gibt, ist einzig der christlichen Fürsorge des österreichischen Kaiserhauses zu danken. Zwar hat in neuerer Zeit die Verhandlung des verstorbenen F--M.-L- Grafen von Leiningen mit dem Sultan den katholischen Christen Bosniens die Befugniß erwirkt, neue Kirchen bauen, neue Franziscanerconvente gründen zu dürfen. Wie sollen aber die Gläubigen bei ihrer bitteren Armuth dieses erfreuliche Zugeständniß sich zu Nutze machen, da es ihnen an allen Mitteln hiesür gebricht? Wohl haben sie aus ihren Nothpfennigen Bauplätze sich angekauft, wohl schleppen sie auf ihren Schultern über Pfadlose Strecken Steine und andere Baumaterialien zusammen; aber mit all dem erheben sich noch keine, wenn auch noch so ärmlich ausgestattete Kirchen. Erst seit einigen Jahren fließt aus den Sammlungen des St. Franz-Laver-Missionsvereins den Bosniern jährlich eine Summe zu; aber auch das ist dem schreienden Bedürfnisse gegenüber nur ein ärmlicher Nothbehels. Diese Thatsachen, obiger wahrheitsgemäßen Schilderung der kirchlichen Zustände Bosniens an die Seite gestellt, heben die Nothwendigkeit eines ausgiebigeren und nachhaltigen Mitwirkens durch die Gläubigen des Abendlanves in der augenfälligsten Weise hervor. Diese Nothwendigkeit wird noch einleuchtender durch die Erwägung, daß einzig die katholische Geistlichkeit, d. i. der seraphische Orden es ist, welche die Achtung vor abendländischer Sitte, Bildung und Wissenschaft auch unter den Muhamedanern Bosniens fortwährend erhält, und. daß es wahrscheinlich nur eines ernsten Anstoßes bedürfte, um die ursprünglich slavische Bevölkerung dieses Landes in großer Zahl zum christlichen Glauben zurückzuführen. Demnach würde andauernde Bethätigung christlicher Liebe nicht s blos tröstend, beruhigend, ermunternd auf die Mitlebenden einwirken, sondern zu- ! gleich eine erfreulichere Zukunft anbahnen. Ist zwar in Alt-Serbien die Zahl der Katholiken unbeträchtlicher, als in den bisher genannten Landschaften, so ist deren Erhaltung um so dringlicher, da dort das höchst Berücksichtigungswerthe vorkömmt, daß hier und da in einem Hause heimlich katholischer Gottesdienst gefeiert wird, indeß die Bewohner öffentlich in der türkischen Moschee sich einfinden. Knüpft sich nicht hierin die Hoffnung, die noch nicht erloschenen Erinnerungen an die Vergangenheit dürften früher oder später wieder zum hellen Bewußtsein sich entfalten? Soll nicht Jeder, dem sein Glaube und seine Kirche lieb sind, hierin eine Mahnung erkennen, zur Erhaltung des noch Vorhandenen, zur Anbahnung einer heiteren Zukunft willfährig beizutragen ? Wenden wir uns nach Macedonien. und dem Oesterreichs Gränzen noch näher gelegenen Albanien. Auch in diesen Landschaften ist die Erhaltung des katholischen Glaubens einzig dem unbesiegbaren Eifer der armen Jünger des heil. Franziscus zu ver- i danken. Unter dem Erzbischof von Durazzo stehen in achtzehn Gemeinden etwas über 8000 Katholiken, unter 140,000 Muhamedaner und eben so viele Schismatiker zerstreut. Drei von jenen Gemeinden entbehren einer Kirche, so daß der Priester zur Feier des Gottesdienstes einer Privatwohnung sich bedienen muß. Die vorhandenen Kirchen sind meistentheils sehr klein, nach morgenländischer Weise blos aus getrockneten Backsteinen erbaut. Mehr, als Materialien für ihre gottes- dicnstlichen Gebäude mühsam herbeizuschaffen, vermögen bei drückender Armuth die Gläubigen auch hier nicht. Die meisten dieser Kirchen besitzen ein eiziges Meßgewand, welches für jedes Fest dienen muß, einen einzigen Kelch, diesen nicht immer in der vorgeschriebenen Beschaffenheit. Dann fehlen Altarleuchter und f 181 Anderes, was der einfachste Gottesdienst erheischt. Wie dringlich wäre nicht Hilfe schon in dieser Beziehung! Der Erzsprengel von Antivari, ebenfalls in Albanien, zählt gegen 7000 ' Katholiken; in den Sprengeln von Scutari und Alexia wohnen deren mehr. Die Lage Aller ist keine günstigere, als in den bisher genannten Landschaften der europäischen Türkei. Wie sehr die von Armuth gedrückten Katholiken der Unterstützung ihrer diesseitigen Glaubensgenossen bedürfen, erhellet auch daraus, daß ihre Bischöfe sich hinreichend ausgestattet sehen, wenn jedem 200 Scudi durch die Propaganda zu Rom zugestellt werden, sie im Uebrigen auf die Gaben der Armuth ihrer höchst bedürftigen Pflegebefohlenen sich angewiesen sehen; so wie daß ein Missionär mit dem zehnten Theile des erwähnten Betrages durch das ganze Jahr hiedurch sich behelfen muh. Betrübend muß es für jedes lebendige Glied der Kirche sein, zu vernehmen, daß die Zahl der Katholiken in den Provinzen der europäischen Türkei sich vermindert. Aus dieser Thatsache sollte eine ernste Mahnung an dasselbe ergehen, vereint mit Anderen dazu beizutragen, daß die noch Vorhandenen in ihrem Glauben erhalten werden, die Zahl derselben sich mehre. Zu jener Verminderung haben freilich Verfolgungen Lurch die Moslemin, arge Bedrückungen von Seite der Schismatiker vielfach beigetragen; ein Grund derselben liegt aber auch in dem Mangel an Priestern. Dieser zwingt nicht selten die Gläubigen, ihre Ehen durch Schismatiker einsegnen, durch diese ihre Kinder taufen zu lassen. So ist es gekommen, daß selbst ganze Gemeinden ihrem katholischen Glauben entsagt haben, wie dieses zu Nikopolis an der Donau in Bulgarien geschehen ist. Jenen, durch Jahrhunderte andauernden Bedrängnissen und Beschränkungen gegenüber hat die neueste Zeit das Erfreuliche gebracht, daß von den Christen in de^ Türkei — namentlich den katholischen — durch den Hat-Humayum des Sultans der bisher auf ihnen lastende Druck, das empfindlichste Hemmniß ihrer gottesdienstlichen Uebungen, hinweggenommen werden soll. Stellen sich auch der Durchführung dieses Erlasses noch manche Hindernisse entgegen, der Verlauf der Zeit, der Glaubensmuth unserer Mitchristen wird dieselben allmälig beseitigen; die Befugniß, neue Kirchen zu Lauen, die bisherigen herzustellen, sie zu erweitern, wird und muß endlich vom Papier ins Leben übergehen. Damit dieses geschehe, müssen diese armen Völkerschaften auf das Gebet und die werkthätige Mithilfe ihrer begüterten und rücksichtlich ihrer geistlichen Bedürfnisse längst sicher gestellten Mitbürger zählen dürfen. Diese Zustände, die übrigens auch in Kleinasien und bis hinein an den Ganges sich fühlbar machen, haben bei mehreren wohlgesinnten Männern der österreichischen Monarchie — geistlichen und weltlichen Standes — die Frage hervorgerufen: ob es nicht pflichtgemäß und möglich wäre, den Katholiken dieser Gebiete einige Hilfe zuzuwenden? Der Gedanke an Gründung eines über die ganze Monarchie sich erstreckenden Vereines zu diesem Endzweck lag- nahe. Bedenken wir die Katholiken Nordamerikas, machen wir es möglich, daß den Negern des innersten Afrika'» das Licht des Evangeliums leuchte, sollten da nicht auf die ungleich näher liegenden hilfsbedürftigen Glaubensgenossen ebenfalls die Blicke und die Bestätigung der christlichen Liebe zu wenden sein? Unter diesen Erwägungen reifte der Vorsatz, die Gründung eines Vereins unter dem Schutze ver unbefleckt empfangenen heil. Jungfrau und zum Zweck der Unterstützung der Katholiken im türkischen Reiche und im Orient in Anregung zu bringen. Da dieses Vorhaben die Kirche berührte, ward zuerst die Willensmeinung des Oberhirten der Wiener Erzdiözese, Sr. Em. des Cardinal-Erzbischofs v. Rauscher vernommen. Seine Eminenz sah in dem Vorhaben ein an sich verdienstliches in seinen Folgen und Wirkungen auch anderweitig ersprießliches Werk, säumte daher nicht, dasselbe gutzuheißen. Hiernach ergab sich kein Hinderniß, von 182 »E dem Vorhaben auch die höchsten weltlichen Behörden in Kenntniß zu setzen, denselben die Statuten und den Entwurf einer Bekanntmachung vorzulegen, und um Erlaubniß zu bitten, die Sache ins Werk setzen zu dürfen. Unter dem 6. August 1857 langte von dem hohen Ministerium des Cultus und des Unterrichts die Eröffnung herab: „Se. k. k. apostolische Majestät haben mit Allerhöchster Entschließung vorn 31. v. M. allergnädigst zu gestatten geruht, daß durch den Verein der unbefleckten Empfängniß Marien's behufs der Unterstützung der Katholiken im Oriente im ganzen Umfange der Monarchie Sammlungen eingeleitet werden." Se. Eminenz der Cardinal-Crzbischof hatte die Gnade, das Protectorat des Vereins zu übernehmen. Sofort wurde die definitive Aufstellung eines Comites vorgenommen und die hochwürdigsten Erzbischöfe und Bischöfe der Monarchie durch das hohe Ministerium des Cultus von der Stiftung des Vereines in Kenntniß gesetzt und um ihre Mitwirkung angegangen. Se. Heiligkeit Papst Pius IX. gewährte durch Breve vom 25. Juni 1858 dem Verein, „damit derselbe mit der Hilfe Gottes von Tag zu Tag größere Ausbreitung gewinne," zugleich mit der kirchlichen Anerkennung reiche Ablaßbewilligungen aus dem Gnadenschatz der Kirche. Der erste Jahresbericht des Vereins bis zum 31. März v. I. liegt vor uns und wir können nicht verkennen, daß Gottes Segen sichtbar und in reichem Maße auf dem neuen Werke ruht, das zu Ehren seiner unbefleckt empfangenen Mutter gegründet worden. An Sammelbeiträgen aus bisher 37 dem Vereine beigetretenen Bisthümern der Monarchie sind im ersten Jahre 24,264 st. CM. eingegangen. Dazu kommen noch verschiedene einzelne Gaben für die Vereinszwecke. Die Ausgabeposten theilen wir einzeln mit, da die Art und Richtung der mannigfaltigen Wirksamkeit des Vereins hieraus am besten erkannt wird. Von den eingelaufenen frommen Gaben wurden verwendet: Zum Ausbaue der katholischen Kirche zu Plojest in der Walachei 800 sl. Zum Baue mehrerer katholischen Kirchen in Bosnien 1500 sl. Für den Unterhalt der kath. Schule zu Belgrad in Serbien 250 sl. Zum Baue einer neuen kath. Kirche zu Bellina in Bulgarien 500 sl. Für die Bedürfnisse der Katholiken in Indien dem Hrn. Athanasius Zuber, Bischof von Patna, 1500 fl. Für die Bedürfnisse der armenisch-kathol. Missionen im Orient 1000 sl. Zum Baue einer neuen Kirche zu Pagnevo dem Herrn Bischöfe von Scopia in Albanien, Urban Bogdanovich 500 fl. Für das armenische Priester-Seminar in Tokat in Kleinasien 400 fl. Zum Baue einer Mädchenschule den englischen Fräulein zu Bukarest in der Walachei 1600 fl. Zur Restaurirung der Kirche San-Giovanni in Albanien 320 fl. Zur Restaurirung der Kirche zu Benzi in Albanien 320 fl. Für die Bedürfnisse der Armenisch-katholischen Schulen zu Smyrna und Aiden in Kleinasien 2000 fl. Dem apostolischen Vicar von Bosnien, Herrn Marian Sunjic, für die Ausstattung der Kirche in Gucia-Gora 300 Ducaten — 1480 fl. Für die zwei Mechitaristen-Misstonen in Perstcn 1000 fl. Für die armenische Mission in Konflantinpel 2000 fl. Für ein ordinäres Meßkleid für die Kirche zu Scutari in Albanien 28 fl. Für die katholische Kirche zu Rimnik in der Walachei 1 silberner Kelch zu 140 fl. Für die katholische Kirche zu Rimnik in der Walachei 1 Festmeßkleid zu 129 fl. Für die katholische Kirche zu Rimnik in der Walachei 6 metallene Altarleuchter, 3 Kanontafeln und 1 Rauchfaß angeschafft zu 206 fl. Für ein Vereins- und Procuraturstegel, 1 Stampiglie und ein Rechnungs-Journal 18 fl. Für die Drucklegung der Statuten, Aufrufe und Sammelblätter 111 fl. Für das Lithographien der Empfangsbestätigungen 20 fl. Dem Kupferstecher für das Vereinsbild 105 fl. Dem Kupferdrucker für 4000 Abdrücke 80 fl. Für den Kauf einer niederöst.^ Grundentlastungs-Obligation 183 pr. 100 fl, ausgelegt 91 fl. An Stempel-, Aviso- und Geldbriefegebühren 29 fl. Für Canzlei-Ersordernisse 43 fl. Summa der dießjährigen Ausgaben 16,172 fl. Diese neue Blüthe am Baume der katholischen Kirche: Der Verein der unbefleckten Empfängniß Mariä zur Unterstützung der Katholiken im Orient, die zu so schönen Hoffnungen für die Ausbreitung der kathol. Religion im Orient berechtigt, stimmt gewiß jedes gläubige Herz zu heiliger Freude und erfüllt es mit den innigsten Segenswünschen für das Land, in welchem sie sich entfaltet: für das glaubenseifrige Oesterreich und sein frommes Kaiserhaus! Eine neue Predigtmethode in Amerika. Es wird eine Zeit kommen, wo die Leute sich selber Lehrer aufladen, die predigen, wonach ihnen die Ohren jucken. (St. Paulus, 2 Tim. 10.) Unsere Sectenprediger sind schon seit längerer Zeit in größter Verlegenheit, was sie ihren Schafen vorpredigen sollen. Jahr ein Jahr aus haben's über den Papst, über'» Bibelverbot in der katholischen Kirch', über's Cölibat, über die Klöster, über die Beicht, über's Fegfeuer, über die „Anbetung" Mariä und der Heiligen und so weiter und so weiter sich auf der Kanzel Sonntags ereifert; aber die Sach' zieht jetzt nicht mehr und eckelt an, nach dem bayerischen Spruch: Was zu lang währt, laut't nicht schön. Das Gähnen und zuletzt gar noch der Kirchenschlaf kommt über Männlein und Fräulein, zumal in den comfortabel gepolsterten Kirchstühlen, und der Reverend Prediger hat höchstens noch ein paar alte Weiber vor sich, die ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zuhören. Diesem Uebelstand abzuhelfen, sind manche Prediger auf den Einfall gerathen, die Politik mit hineinzuziehen und auf die Kanzel zu stellen. So hat seller Henry W. Beecher in Brooklyn den Kossuth, gottseligen Andenkens, einmal seinen andächtigen Schafen vorgestellt, und ihn als den Messias des 19. Jahrhunderts promulgirt. Das zog, da kam Alles gelaufen. Später hat selbiger Prediger das blutende Kansas auf die Kanzel mitgenommen und ausgerufen: Lcco Kansas — sieh, wie jämmerlich Kansas gemartert tvird von der Democratie! Zuletzt aber kam der John Brown dran. Dieser „Märtyrer" der Freiheit figu- rirte in der neuesten Zeit in sehr vielen protestantischen Kirchen, und das zog Schaaren von Zuschauern an. Da nun aber auch dieses Feuer bald wieder sich abkühlte, und die alte Langeweile jetzt wieder ihr Medusenhaupt in die protestantischen Tempel und „Meeting"-Häuser hineinzustecken anfängt, so ist ein Prediger, Rev. Corbett von der Methodistengemeinschaft, auf einen interessanten Einfall gerathen, und hat vorigen Samstag in den Zeitungen angekündigt, daß er am darauffolgenden Sonntag Abends in der Kirche an der Ecke von Broome und Green St. eine Predigt halten wolle für die Diebe und Huren (Ibievas SN(! Ilarlots) der Stadt Neuyork. Da hätte nun Jemand das Gelaufe sehen sollen vorigen Sonntag. Wie der hiesige „Herald" berichtet, so war schon eine halbe Stunde vor dem Anfang der Predigt kein Platz mehr zu finden. Gentlemen und Lädies, meistens den sog. „respectabeln" Classen der Gesellschaft angehörend, drängten sich mit neugieriger Hast in die Kirche. Ein Geheimpolizist (Spitzel), der den Reporter des „Herald" begleitete, bemerkte demselben, daß er im Ganzen nur vier stadtbekannte Ilarlots anwesend sehe; von den (in der Diebs- gallerie abconterfeiten) Püievvs aber nicht einen einzigen; trotzdem daß der Prediger hatte publiciren lassen, diese beiden Sorten sollten nur beherzt kommen, die Polizei werde sie nicht incommodiren. Die Rede für die genannten Sünder und Sünderinnen, wie das vorausgehende Gebet wurden häufig mit den Zurufen 184 „Amen" unterbrochen. Nach der Predigt und dem Singen einiger Verse ging die ganze Versammlung ruhig auseinander. Bei'm Hinweggehen aber (wie der „Herald" berichtet) nahm ein Jeder von den Männern seine Taschen wohl in Acht, da ja im Gedränge ein naher Dieb leicht manipuliren konnte, und die Damen straften mit einem strengen Blick jedes Mannsbild, das etwas zu stark sie anglotzte, um nicht für Ilarlok gehalten zu werden. Daß solcher Humbug übrigens nur demoralisirend einwirken kann, das liegt auf klarer Hand. Kein Wunder, daß die protestantischen Sectentempel immer leerer werden. (N.-Y. K.-Z.) Ein Zug von Sixtus V. Sirius der Fünfte erinnerte sich als Papst Anfangs ganz und gar nicht mehr eines Advocaten, mit dem er in der vertrautesten Freundschaft gelebt hatte, als er noch Franziscanermönch gewesen. Der ehrliche Advocat ward krank, und in seinen äußerst dürftigen Umständen fehlte es ihm durchaus an jeder Art von Pflege und Erleichterung. Ganz von ungefähr brachte seine alte Wirthin den päpstlichen Leibarzt zu ihm, eben durch ein solches Ungefähr erwähnte der Leibarzt der Krankheit des Advocaten beim Papste und sagte, daß er die große Dürftigkeit des Mannes für die Ursache seiner Krankheit halte. Sixtus lenkte das Gespräch auf etwas anderes. „Apropos, sagte er den folgenden Tag zu dem Leibarzt, wißt Ihr, daß ich mich auch mit Receptverordnen abgebe? Ich denke, das meinige wird nicht unwirksam gewesen sein, Ihr spracht gestern von dem armen Jurinaz; ich erinnere mich jetzt schon mit Vergnügen daß ich diesen armen Mann ehedem recht gut gekannt habe, ich habe ihm Kräuter zu einem trefflichen Salat geschickt, die ihn wahrscheinlich gesund machen werden." „Salat? Heiliger Vater! in der That, die Curart ist ganz neu!" „Sagt dem Jurinaz," erwiderte der Papst lächelnd, daß er in Zukunft keinen andern Arzt als mich brauchen soll; diese Kundschaft schnappe ich Euch weg. Der Arzt, der nicht erwarten konnte, wie die Cur abgelaufen sein würde, verfügte sich eiligst zu seinem Kranken, den er auch wirklich ganz hergestellt fand, worüber er denn nicht wenig stutzte. — „Zeigen Sie mir doch den Salat, den Ihnen Se. Heiligkeit geschickt hat; ich muß doch die Natur dieser wunderthätigen Kräuter kennen lernen." „Ja!" versetzte der Kranke mit sichtbarer Zufriedenheit, „sie sind in der That wunderthätig; ich bin überzeugt, daß Ihre ganze Heilkunst keine so glückliche Cur macht." Nun brachte der Advocat einen Korb mit gewöhnlichen Kräutern zum Vorschein. „Was," davon wären Sie besser geworden?" — „Untersuchen Sie nur etwas genauer, tiefer unten liegt die rechte Panacee!" Der Arzt that es und fand eine sehr ansehnliche Summe Zechinen. — „Solche Mittel können wir unsern Kranken freilich nicht verschreiben." — Er ging zum Papst. — „Heiliger Vater, Sie hatten wohl recht, Sie sind der geschickteste Arzt von der ganzen Welt." Sixtus antwortete: „Ich behandle aber nicht alle meine Kranken nach dieser Methode." — Die Geschichte ist sprichwörtlich geworden. Wenn man von Jemanden redete, dem mit Geld geholfen wäre, so sagte man: ihm fehlt ein Salat von Papst Sixtus dem Fünften. D e n k f p r ü ch e. 1. Was nützt es, wenn Jemand katholisch glaubt und heidnisch lebt. 2. Wehe demjenigen, der die Gesundheit mehr als die Heiligkeit liebt. Rrdaclion uno W-rlag: I)r. M. Huttlcr. — Druck von I. M, «l-inle. Hl-. S4 lSbMgkl 10. Juni 1860. Das AugSburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Angsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr., wofür eS durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Religiöse Zustände Englands. Die „Armonia" erhält von dorther folgende Correspondenz: Seit einigen Monaten machen die Protestanten außerordentliche Anstrengungen, tun ihren Glaubensgenossen, wenn anders noch möglich, ein wenig religiöses Leben einzuhauchen, welches, wie jeder Beobachter sehen muß, völligem Erlöschen nahe ist, und die Anstrengungen selbst sind ein klarer Beweis, daß die unglücklichen Schüler Luthers und Calvins bereits merken, daß ihnen dies Leben ausgeht. Nach den im Jahre 1855 angestellten Berechnungen gibt es in England über 5,500,000 Menschen, welche nie einen Fuß in ein dem Gottesdienste gewidmetes Local setzen, und der größte Theil der klebrigen gibt nur selten zu erkennen, daß er eine Religion übe; darum entzündete sich der Eifer vieler der entschiedensten Protestanten, und sie beschlossen, alle möglichen Mittel zu versuchen, um die erlöschenden Lebensgeister wieder aufzuwecken. Es war damals, daß Lord Shaftesbury vom Parlamente die Befugniß erhielt, daß Jedermann innerhalb seines Eigenthums Stätten des öffentlichen Cultus eröffnen dürfe, ohne bei der Regierung um weitere Erlaubniß sich bewerben zu müssen; und man legte nun Hand an's Werk neue Kirchen und Capellen zu erbauen, Gelder in großer Menge einzusammeln, um zu diesem Werke an ärmeren Orten behilflich zu sein, ferner in den Dom- und anderen Hauptkirchen specielle Funktionen einzuführen, welche gewöhnlich im Absingen einiger Psalmen mit zahlreicher musikalischer Begleitung und in einer Predigt bestehen, welche letztere von gewählten Rednern im Turnus gehalten wird. Nichtsdestoweniger aber blieb die Masse des Volkes wie früher ohne religiöses Leben; denn was sind denn in London z. B. 15,000 Personen, welche bei diesen Extra-Gottesdiensten sich einfinden, wovon auch der größte Theil bei den gewöhnlichen erscheint, im Vergleich mit beinahe 2 Millionen, welche an Sonn- und Festtagen nicht den mindesten Religionsact ausüben? Rücksichtlich der Kirchen bemerkten die protestantischen Blätter wiederholt, daß nicht das mindeste Bedürfniß vorhanden sei, deren neue zu bauen, indem die bereits bestehenden immer leer seien. Da es sich also zeigte, daß diese Weckmittel nicht hinlänglich sich erwiesen, sann man auf ein anderes, nämlich die Theater zu Stätten der Predigt und des religiösen Unterrichtes zu verwenden; ein Mittel, darauf wirklich nur Protestanten verfallen konnten; denn man wird nie gehört haben, daß die Heiden, Mohamedaner, Juden je das Theater zu gottesdienstlichen Handlungen benutzt hätten. Wer Montags die in der Hauptstadt erscheinenden Blätter in die Hand nimmt, kann, wenn er will, zu seiner Erbauung die Rechenschaftsberichte über die religiösen Funktionen lesen, welche in den vornehmsten Theatern stattgefunden hatten. Da wird der Anzug und Putz der Damen beschrieben, die natürlich durch ihr Erscheinen keinen Unterschied zwischen dieser und einer andern Unterhaltung machen; ferner die scenische Verzierung der Kanzel, von welcher der herausgeputzte Prediger, ganz Feuer für die Angelegenheiten der Seele, seine Beredsamkeit glänzen ließ, während die Zuschauer, zum Beweise der tiefen Gefühle der Frömmigkeit und Zerknirschung sich, wie gewöhnlich, mit Pomeranzen, Confect, Ligueurs, Gefrorenem und anderen Erfrischungen reichlich versahen, die von Hand zu Hand bereitwilligst gereicht wurden; endlich auch, welche Zeichen der Zu-oder Mißstimmung bemerkt wurden, das Stillschweigen oder das Gesumme, nach den verschiedenen Eindrücken, welche die Predigt hervorbrachte. Ihre Leser werden vielleicht Aergerniß nehmen an einer solchen Art und Weise, den Tag des Herrn zu heiligen; auch Lord Dungannon aUerirte sich darüber und erhob Klage im Parlamente; allein der Pseudobischof von London trat allsogleich als Vertheidiger auf, und der sehr fromme Pseudoerzbischof von Can- terbury bemerkte scharfsinnig mit Gamaliel daß, wenn diese Neuerung nurMeu- schenwerk sei, sie alsbald verschwinden werde; komme sie aber von Gott, soll man ihr kein Hinderniß in den Weg legen. Den Eiferern ist es aber noch zu wenig, die Theater als Kirchen zu gebrauchen, sie ersannen noch ein Mittel, welches für einige Zeit wohl zweckdienlich sein mag, inzwischen aber schneller als ein anderes den Ruin des Protestantismus durch Anbahnung des völligen Jndifferentismus herbeiführen wird. Sie senden nämlich nach allen Seiten Missionäre mit dem Auftrage aus, alle Diejenigen, bei denen sie noch einen Funken religiöser Anwandlung vermuthen können, zu den Versammlungen einzuladen, welche im Stadthause gehalten werden, wo sich Alle, jeden Unterschied im Dogma oder Ritus beiseits lassend, zum gemeinschaftlichen Gebete vereinen. Beim ersten Anblicke möchte es wirklich scheinen, daß die religiöse Vereinigung in England wiedererstanden sei, und mit derselben auch Frömmigkeit und Eifer; denn nicht blos an allen Straßenecken und an den Thoren der gottesdienstlichen Gebäude der verschiedenen Seelen sieht man die Einladungszettel zur religiösen Versammlung im Saale des Stadthauses angeheftet, sondern fast in jeder Kneipe bekömmt, man dieselben zu lesen, und sie machen keinen , Unterschied zwischen einem Methodisten oder einem Ouäcker, einem Baptisten oder einem Unitarier, einem Schwedenborgianer oder einem Congregationalisten. Be- ! gebt ihr euch nun hin in -jene Versammlung, so werdet ihr staunen nicht blos über die außerordentliche Anzahl der Andächtigen, sondern über die Cordialität, mit welcher Personen von so entgegengesetzten religiösen Ansichten und Meinungen einander begegnen. Wie ihr aber einmal die Predigt gehört, so werdet ihr gleich erkennen, daß die ganze religiöse Einigkeit darin besteht, nichts zu glauben und die kath. Kirche zu hassen. Dies ist das Ziel, welches die verschiedenen religiösen Associationen, welche in neuester Zeit gleichsam als Nachässung der zahlreichen im Schooße der hl. Kirche blühenden kathol. Vereine unter den Protestanten sich gebildet haben, verfolgen. Unter anderen führt eine derselben den Titel: „Association der Jünglinge". Vor wenigen Tagen sah man an allen Straßenecken von Cardiff große Zettel angeheftet, worin die Mitglieder dieser Gesellschaft zu einer Reihe von Predigten eingeladen wurden, welche während der Fastenzeit von tüchtigen Rednern gehalten werden. In meiner Neugierde las ich den ganzen Inhalt der Ankündigung, und ich entnehme nicht ohne Verwunderung, daß die erste Predigt von einem anglikanischen Prädicanten, die zweite in der Capelle , der Baptisten, die dritte in jener der Unitarier gehalten werden sollte. Die Methodisten werden die Ehre der vierten haben, und so wurden die Jünglinge eingeladen, die Schriftauslegung nach den Ansichten der verschiedenen Secten der Reihe nach anzuhören. Ich sagte, nicht ohne Verwunderung; denn bisher galten den Anglicanern die Dissidenten für Ketzer, und sie wollten mit ihnen keine Gemeinschaft Pflegen; nun aber ist es offenbar, daß sie alle miteinander gemeinsame Sache machen, und daß der Protestantismus am Vorabende ist, das zu werden, was er in seiner innersten Wirklichkeit ist, ein reiner Deismus. Inzwischen lenkt es auch die Vorsehung, daß die Puseyiten, welche sich schmeichelten, die Ueberzeu^ gung zu begründen, die anglicanische Kirche sei ein Ast der katholischen, fast 187 täglich mahnende Beweise erhalten, wie sehr sie darin irren. Die Tumulte, welche seit langer Zeit die Funetionen in der protestantischen Kirche des h. Georg im Westende Londons wegen der dort vom Pastor eingeführten puseytischen Neuerungen stören, Tumulte welche letzthin so arg wurden (man zerschlug die Altarzierden und zerriß die gottesdienstlichen Gewänder), daß sie den Unwillen aller Parteien erregten, weil dadurch die Meinungsfreiheit und der öffentliche Anstand straflos gehöhnt wurden, zeigen offenbar, daß die Masse der Protestanten weder von Dogmen noch von religiösen Ceremonien etwas wissen, sondern ihr Heiden- thum, mit ein wenig christlichem Firniß übertüncht, sich bewahren will; ganz charakteristisch für den Protestantismus überhaupt! Die katholische Kirche aber gewinnt fortwährend an Terrain. Neue Kirchen, neue Schulen, neue Convente und Klöster entstehen allerwärts. Die Klosterfrauen insbesondere vermehren sich, und breiten sich auf wunderbare Weise aus, und überall will man sie als Lehrerinnen in den Schulen. Der Ausnahmszustand, in dem sich hier die kath. Kirche befindet, bewirkt, daß dies Alles geschieht, der Katholicismus sich befestigt und im steten Fortschreiten begriffen ist. Wer aus katholischen Gegenden hieher kömmt, die kathol. Kirchen und Institute zu besuchen, glaubt in seinem Daterlande und nicht in einem protestantischen Lande sich zu befinden. So weit genannte Correspondenz. Da wir von den Bemühungen eifriger Protestanten zur religiösen Wiederbelebung ihrer Landsleute in England gehört, so wollen wir auch einen Bericht der „N. preuß. Zeitung" anfügen, der uns von originellen Besserungsversuchen erzählt, welche mehrere anglikanische Geistliche und Laien zur Gewinnung lasterhafter Personen für ein christliches Leben anstellten. „London, 17. Februar. Eine Anzahl protestantischer Geistlicher der „evangelischen" oder l.o^v-Giuec-li (niederkirchlichen Richtung), so lautet der Bericht, „die mit Liebe und Aufopferung dem Reiche Gottes dienen und seit Jahren überall eines ehrenvollen Rufes genießen" — Männer wie Mr. Brock, Mr. Maxwell, Mr. Baptist Noel (der Sohn des Carl of Gerrisborough) und Andere hatten sich zu einem sehr eigentühmlichen Vorhaben vereinigt. Seit längerer Zeit galt ein Theil ihrer Wirksamkeit der Wiedergewinnung verlorener Dirnen. Betrübt über die geringen Erfolge ihrer Bemühungen und in der Unmöglichkeit, dem Gegenstand ihrer Sorge anders als auf offener Straße und nach Mitternacht beizukommen, beschlossen sie, ein bisher unerprobtes Mittel zu versuchen. Acht Tage lang verbrachten sie die zweite Hälfte der Nacht auf den Straßen. Wo sie eine Person der betreffenden Classe sahen, schlichen sie leise heran, drückten ihr ein elegantes Billet in die Hand, und entflohen, um allen Weiterungen zu entgehen. So vertheilten sie mehr als tausend gedruckte Briefe folgenden Inhalts: „Einige Freunde erlauben sich die Bitte um das Vergnügen Ihrer Gesellschaft in der Restauration von St. James, Regent Street, für Mittwoch den 8. um 12 Uhr Nachts auszusprechen." — Diese Nacht kam, und mit ihr an 250 der geladenen Dirnen! Männliche Begleitung wurde nicht mit eingelassen, was Verdacht erregte und Viele noch an der Thür vom Eintritt zurückhielt. Drinnen fanden sie einen wohlbesetzten Theetisch, und daran den genannten Geistlichen, den reichen Banquier Latouche, Mr. Maxwell, den Sohn Lord Farnham's und eine kleine Gesellschaft von andern Menschenfreunden aus den höchsten Ständen der Gesellschaft; zusammen an zwanzig Gentlemen. Die Dirnen setzten sich, mit all dem elenden Flitter ausstaffirt, der den sittlichen Abgrund ihres Daseins überdeckt, lustig an den Tisch. Sie griffen zu und benahmen sich, wie sie dem mysteriösen Briefchen zufolge sich berechtigt glaubten. Um 1 Uhr endlich, als der Thee vorüber war, und die Gesellschaft vollzählig schien, und als den Tafelnden wohl schon beträchliche Zweifel an dem Zwecke der Reunion aufgestiegen waren, trat der Nev. Mr. V. Brock mit einer geistlichen Ansprache vor sie hin. Er sprach für seinen Zweck vortrefflich. Wenn er keine Achtung vor der Versammlung ausdrücken konnte, so drückte er seine Achtung vor dem aus was sie sein sollten, ja sein würden, im Augenblick da sie es wollten. Ihm folgte der Hon. und Rev. Mr. Baptist Noel mit einer schlichten Beschreibung des Lebenslaufes einer tugendhaften Frau. Viele schluchzten. Die Mehrheit, welche gleichgiltig blieb, verhielt sich ruhig, da die Beachtung und das schonende Entgegenkommen Allen wohlthat. Schließlich versprach man jeder einzelnen genügende Beihilfe zur Begründung eines neuen Lebens, und das Meeting trennte sich, nicht ohne eine Hoffnung auf gute Frucht in den Herzen feiner Veranstalter zurückzulassen. In Deutschland wäre es wohl nicht denkbar, daß Männer von so reinen Zwecken und so ernstem Sinne sich eines derartigen weltlichen Mittels, gleichsam einer Begleichung und Ueberraschung der Sünde, bedienen würden, um ihre christlichen Ziele zu fordern." Gebt mir gute Mntter und ich bekehre die Welt. Andreas Corsini, ein Sohn des Nikolaus Corsini und dessen Gattin Pere- grina, war in Florenz im Jahre 1302 geboren. Obschon er im Elternhause stets Gutes gehört und gesehen, so schied er doch frühzeitig von der Bahn des Guten und überließ sich, dem Beispiele wüster Genossen folgend, vielen Ausschweifungen. Statt Freuden bereitete er seinen Elken: Kummer und Schmerz. Es herrschte nur Trauer in ihrem Palaste, nur noch die Stille des Grabes, von Schluchzen und Seufzen der schwer betrübten Mntter unterbrochen. Mit wahrhaft christlicher Sanftmuth suchte Peregrina ihren Sohn auf den Weg des Heils zurückzuführen; doch jedes Wort, jede Bitte floh wie Windeswehen, ohne eine Spur zurücklassend, unwirksam an seinem Herzen vorüber. Peregrina, überwältigt von ihrem Weh, legte nun alle Pracht der Kleidung, wie sie ihrem vornehmen Stande gebührte, ab und hüllte sich in Trauerkleider. Stundenlang kniete sie vor dem Bilde der schmerzhaften Mutter Gottes iu der Karmeliterkirche und flehte um Fürbitte bei Gott für die Bekehrung ihres armen, unglücklichen Sohnes Andreas. Die Stätte, wo sie in Andacht versunken zu weinen pflegte, zeigte sich jedesmal von unzähligen Thränen benetzt. Eines Tages begegnete Andreas zufällig seiner Mutter in den Trauerkleidern, als sie eben durch die Karmeliterkirche schritt. Er sah ihre rothgeweinten Augen, bemerkte ihre blassen Wangen und ihr sichtbares Gcbcugtsein. Stumm gab er ihr das Geleite. Ihr Anblick-Hatte ihn betroffen gemacht. Ihr Schweigen aus dem Heimwege drückte ihn noch mehr. In der Behausung angelangt, sagte er endlich: Aber liebe Mutter, du trauerst ja. Es muß Jemand in unserer Familie gestorben sein, weil ich Dich in diesem dunklen Anzüge erblicke. Warum hast du mir diesen Sterbefall nicht angezeigt? Auch ich hätte dann, wie es sich ziemt, Tranerkleider angelegt. — Ja, mein Sohn, es ist Jemand in unserer Familie gestorben, aber nicht den Tod des Leibes, sondern den Tod der Seele. Und dieser Gestorbene List — du. Denn durch dein lasterhaftes Leben, das du seither führst, bist du todt für Gott und Seligkeit. Und um diesen deinen entsetzlichen Tod traure und weine ich Tag und Nacht, aber ich bete auch Tag und Nacht^ daß Gottes Huld nud Gnade dich erwecken und erleuchten möge, daß du vor meiner Sterbestunde noch auferstehen mögest zum Leben in Christo und dann ich zu deinem ehrwürdigen Baker in Frieden in die Ewigkeit hinübergehen könne I Ach du bist wohl der Wolf, den ich ehedem im Traume gesehen habe. Durch Liese Worte fühlte sich Andreas tief erschüttert. Er wurde unruhig, griff nach der Hand seiner Mutter und bat sie, ihm diesen Traum zu erzählen. 189 Peregrina sagte ernsten, doch liebesanften Tones: „Am Tage vor deiner Geburt, mein Sohn Andreas, hatte ich einen seltenen, fürchterlichen, nachher aber in gar wundersamer Tröstung sich ändernden Traum. Mir war, als hätte ich einen Wolf geboren. Entsetzt und halb ohnmächtig siel ich zu Boden, flehte zu Gott um Erbarmen in dieser gräßlichen Noth, und siehe, Gott erhörte mein Gebet, denn der Wolf verwandelte sich in ein anmuthiges Lamm, das da in die Kirche lief, und — ich erwachte. O, mein Sohn! der erste Theil meines Traumes, der so fürchterliche, ist leider bereits erfüllt. Durch dein sündhaftes Leben bist du seither der entsetzliche Wolf gewesen. Wann, ach wann wird sich der zweite Theil meines Traumes, der so tröstliche, erfüllen, daß du ein Lamm in der Kirche Gottes werdest? Wann, ach wann schlägt diese glückselige Stunde? Ach, sie schlägt vielleicht — nie. O ich ärmste Mutter, hätte ich dich doch nimmer geboren I Andreas, den in diesen rührenden Worten die Gnade Gottes sichtbar und mächtig ergriff, sank weinend zu seiner Mutter Füßen nieder, bat sie reumüthig und demüthig um Verzeihung und rief aus der Tiefe seines Herzens das feierliche Gelübde ihr entgegen: „O meine gute Mutter, vergib mir! Ja ich will von nun an ein Lamm in der Kirche Gottes werden und es auch bleiben bis an mein Lebesende. Dazu verhelfe mir die Fürbitte der heil. schmerzhaften Mutter Gottes und die Barmherzigkeit ihres gebenedeiten Sohnes, meines gekreuzigten Heilandes." Am anderen Tage ging Andreas mit seiner Mutter in die Karmeliterkirche, legte dort einem greisen Priester seine Beicht ab, und Mutter und Sohn empfingen beim Altare der schmerzhaften Mutter Gottes die hl. Communivn. Noch lauge knieete dort der Jüngling, sein seitheriges leichtsinniges Leben mit heißen Bußethränen beweinend. Er opferte sich nun Gott unter dem Schutze der gnadcn- vollen Jungfrau gänzlich auf und anstatt in die Welt zurückzukehren, nahm er das Ordenskleid. In der Abgeschiedenheit des Klosters bändigte er mit wunderbar heldenmüthiger Kraft alle Versuchungen des bösen Feindes, er kreuzigte sein Fleisch und dessen Begierden durch schmerzliche Geißelung, Fasten, Stillschweigen, Gebet und Betrachtung unter dem K euze seines Erlösers, und namentlich durch Uebung solcher Tugenden, die von seinem früheren Lasterleben das Gegentheil bildeten. Nach abgelegtem Ordenseid und Gelübden wurde er Priester, studirte noch drei Jahre in Paris, kehrte dann in sein Kloster zu Florenz zurück, wo man ihn wegen seiner ausgezeichneten Wissenschaft und Frömmigkeit zum Prior einsetzte. Durch sein frommes Beispiel und seine salbungsreichen Predigten, die Tausende und Tausende verstockter Sünder zur Buße riefen, nannte man ihn geradezu den Apostel des Landes und wählte ihn später, als der Bischofssitz zu Fiesolie erledigt war, einstimmig zum Bischöfe. Als Bischof vermehrte er seine Wachsamkeit und sein Gebet und übte die christlichen Tugenden um so angestrengter, als er einsah, wie heilig er in einer so hohen Stellung leben müsse. Sein Lager waren Reiser von Weinreben, seine Nahrung war strenges Fasten und Darben, seine Erholung Armenpflege. Um seinem Heilande soviel wie möglich in Allein ähnlich zu werden, pflegte er an jedem Donnerstage den Armen die Füße zu waschen und sich auf diese Art zu demüthigen. Einmal wollte ein Armer die Füße nicht darreichen, weil sie voll Geschwüre waren. Der Bischof wusch sie dennoch, und der Kranke war davon befreit; denn Gott hatte dem großen Büßer auch die Gabe der Wunder verliehen, und nach allen Richtungen hin glich sein Leben einem frischen Baume, der die besten Früchte trug. In der Christnacht 1372 überfiel ihn während der heiligen Messe eine große Schwäche, die in ein qualvolles Fieber überging. Er bereitete sich durch Empfang der heiligen Wegzehrung auf die Ankunft des Herrn vor und starb am 6. Jänner 1373, nachdem er auf dem Krankenlager noch oft ausgerufen hatte: „O meine gute Mutter im Himmel, wäre ich doch eine Lamm geworden! 190 Ach, mein süßer Jesus, wäre ich doch ein Lamm in deiner hl. Kirche geworden!" Er starb in einem Alter von 70 Jahren gottselig im Herrn. Siehe da, mein lieber Leser, einen zweiten Augustin, der durch das Gebet und die Thränen seiner Mutter von den Irrwegen der Sünde auf den Pfad der Tugend und Heiligkeit geleitet wurde. O möchten alle Mütter so zärtlich für daS Seelenheil ihrer Kinder sorgen, wie gut wäre es! Sie sorgen zwar: aber statt des Kleides der Unschuld geben sie ihnen das Kleid der Eitelkeit, statt sie für Gott christlich und fromm zu erziehen, erziehen sie sie für die Eitelkeit. Mit Recht konnte ein weiser Mann rufen: „Gebt mir gute Mütter und ich bekehre die Welt." — Mütter, das beherziget! Seht, soviel hängt von der Erziehung ab, die ihr euern Kindern gebet. _ Gottlob, baß der Korb fertig ist! „Aber, lieber Doctor, wo sind Sie so lange gesteckt? Die ganze Gesellschaft hat Sie wohl eine Stunde lang erwartet. Machen Sie nur nicht Miene, sich entschuldigen zu wollen. Wir wissen ja doch, was Sie sagen wollen. Sie haben Kranke besuchen müssen, nicht wahr? O ja, ein Doctor kann sich leicht entschuldigen." „Gewiß! Hat's meine Frau nicht erzählt? Ich genoß so eben das Vergnügen, sie hierher zu begleiten, als ich mitten auf dem Wege angehalten wurde. Eine beliebige Alte war sicher mir zum Trotze krank geworden, und so mußte ich meine junge Anna allein pilgern lassen und mich zur alten Susanna begeben." „Und da blieben Sie so lange?" „Daß ich ein Narr gewesen wäre! Ich schrieb ihr ein Recept auf „O weh' mir, wie wird mir!" und entfloh ihr, als sie eben daran war, mit unergründlichem Scharfsinn mir eine ellenlange Rede halten zu wollen. Daraus"- „Eilten Sie gewiß nicht hierher! Wo sind Sie gewesen?" „Ich stürmte vorwärts, wie ein Schnellläuser, holte in jener Straße kaum einmal Athem und segelte so rasch an den Leuten vorbei, daß ich mit dem einmaligen Hutabnehmen an zwölf Grüße zugleich beantworten konnte, und doch"- „Nun, was kam dazwischen?" „Ein Korbmacher und seine Frau. Aber meine Herrschaften rechts und links, laßt mich erst zur Ruhe kommen! So, da steht mein Stock, hier mein Hut, dort der Sessel ist mein; gut, ich bin da und sitze. Darf ich bitten um eine Tasse Thee? Ach, schön; ich danke einmal, zweimal und dreimal." „Aber der Korbmacher und seine Frau?" „O es ist etwas ganz Unbedeutendes. Ich kam vor seinem Hause vorbei und hörte in demselben ein Fluchen und Schalten, ein Kreischen uud Heulen, ein Schlagen und Prügeln, daß ich Alles vergaß und in die Thüre trat, um Ordnung zu stiften. Es war richtig, wie ich mir dachte, der Mann prügelte seine Frau; sie hatte aber auch das Ihrige geleistet, denn seine Nase blutete nicht wenig. Als ich erschien, fuhren sie auseinander und bedrängten mich nun so mit gegenseitigen Erklärungen und gegenseitigen Verwünschungen, daß ich fast blind und taub wurde. Ich hatte Arbeit, beide zum Schweigen zu bringen, und dann erst eine Partei und daraus die andere ihre Sache vorbringen zu lassen. Der Meister hatte, so erzählte er, die ganze Woche auf einen Korb gearbeitet, erst heute, am Sonnabend Abend, war sein Werk vollendet. Er betrachtete es, belobte es, weil es gut gelungen war und in aller Freude rief er aus: Gottlob, daß der Korb fertig ist. Seine Frau hatte im Zimmer gesessen und auf seine Gemüthsbewegungen keine Rücksicht genommen. Und weil ihr trockenes, kaltes Gesicht ihn ärgerte, rief er ihr zu: So freue dich nun auch einmal! Sag auch einmal: Gottlob, daß der Korb fertig ist! 191 Die Frau erwiderte zerstreut: Wie sagst du? Der Meister: Du sollst dich auch einmal freuen, sollst auch einmal sagen: Gottlob, daß der Korb fertig ist! Warum sollte ich denn das sagen? fragte sie. Und er: Warum? Das ist eine Frage! Ich freue mich, ich sage es; du sollst dich auch freuen, sollst es auch sagen! Sie: Ja, du bist mir ein Mensch! Was geht mich dein Korb an? Ich habe ja nicht daran gearbeitet! Er: Was dich mein Korb angeht? Muß ich dich nicht mit meiner Hände Arbeit ernähren? Wird dieser Korb uns nicht ein gutes Stück Geld einbringen? Sie: Freilich, über das Geld, das du von dem Gewinne mir gibst, will ich mich freuen; aber mit deinem Korbe schweig' nur still! Er: So thue es mir zum Gefallen. Sie: Ach, sei kein Narr! Wenn ich meine Wäsche gewaschen habe und am Ende spreche: Gottlob, daß ich mit der Wäsche fertig bin, sprichst du mir dann nach: Gottlob, baß ich mit der Wäsche fertig bin? Lass' die Dummheiten! Thue du deine Sachen und freue dich über das Deinige; überlast' mir meine Sachen, und ich will mich freuen über das Meinige. Der Mann konnte sie durch Bitten nicht bewegen, nicht durch Drohungen, nicht durch Schelten. Es entspann sich ein hitziges Wortgefecht, und nach diesem entbrannte der heftigste Krieg, und Hand und Fuß arbeiteten, als ich in's Zimmer trat. Nachdem mir der Mann dies erzählt hatte, nahm ich die Frau vor. Sie theilte mir dasselbe mit, suchte aber mit großer Erregtheit ihr Benehmen nicht nur zu entschuldigen, sondern auch als vernünftig und recht darzustellen und klagte bitter über die Gefühllosigkeit ihres Mannes und über das grobe Benehmen desselben. Was sollte ich beginnen? Jcy gedachte den Streit zu schlichten und den Frieden wieder herzustellen und bat deßhalb die Frau, den Wunsch ihres Mannes zu erfüllen, es sei ja nur eine Kleinigkeit. Sie weigerte sich. Ich suchte sie zu überreden und brachte, nachdem sie der Mann mit schönen Argumenten nicht hatte überzeugen können, Argumente all twminom, -,ct tominam, all angkllim vor, und als ich ganz fest glaubte, sie sei erweicht, drängte ich sie wiederum, sie sollte doch nur einmal sagen: Gottlob, daß der Korb fertig istl Und wissen Sie, was sie erwiderte? Lieber will ich mich rädern und Viertheilen lassen! So erklärte sie. Und der Mann, dem ich Nachgiebigkeit predigte, wollte nicht nachgeben, sondern bestand mit Gewalt auf seiner Forderung und schrie: eher sollte die Erde zu Grunde gehen, ehe er auch nur ein Wort von seinem Verlangen zurücknähme! Ich merkte, es ging mir schlecht ab mit dem Friedensstiften, ich muß das leider bekennen. Ja noch mehr. Ich sorgte für mein eigenes Leben, nahm die Flucht, und während der Kamps wahrscheinlich wieder in voller Blüthe steht, sitze ich hier wohlbehalten an der Seite meiner lieben Frau, mit der ich mich noch nie gescholten habe. Und ich freue mich, daß meine Anna nicht so ist, wie die Frau des Korbmachers. (Schluß folgt.) Rose nnd Dorn. 6. Eine Heilige war gezwungen, ihrer Pflicht der Mildthätigkeit nur im strengsten Geheimen zu genügen, da sie einen hartherzigen und jähzornigen Gatten besaß. Einstmals jedoch begegnete ihr derselbe, als sie gerade einen Korb voll Brod einer dürftigen Familie bringen wollte, und fragte sie barsch: Was trägst du in diesem Korbe? Rosen — erwiderte die Heilige erschrocken. 192 Der Gatte deckte ungestüm den Korb auf, und siehe! die lieblichsten Rosen dufteten ihm entgegen. Die Heilige nahm eine der Rosen und steckte sie an ihre Brust. Doch ein Dorn senkte sich tief in's Fleisch und quälte sie mit fürchterlichem Schmerze. Da klagte die Gemarterte Gott ihr Leid und fragte, wodurch sie es verschuldet habe. — Und eine innere Stimme flüsterte ihr zu: Erkenne in den Rosen den glücklichen Erfolg, welchen die Lüge für Dich gehabt hat, und welchen jede Versündigung zuweilen haben kann; im Dorne aber den Stachel der Reue, welcher jeder Sünde unausbleiblich folgen muß. Wohl dem Menschen der diesen Stachel noch in diesem Erdenleben fühlt, wo es noch nicht zu spät ist, ihn aus der Brust zu ziehen und die offne Wunde mit dem Balsam frommer Bußübungen zu schließen! Der Name Maria. Im orientalischen Kriege, in Konstantinopel wie in Algier, haben die Muselmänner, da sie die französischen Soldaten, wenn sie sich zuriefen oder sich fragten, immer die zwei Worte: „vis doim" (sag doch) wiederholen horten, mit der Zeit in ihrer Einbildung diesen Zuruf mit der Benennung Soldat verwechselt. Somit bedeutet für das Volk von Stambul ein <1,8 . Nur war es eine Lust, zu sehen, wie geschickt und zierlich sie auszuweichen wußten, wenn sie die Hand des Capitäns hinter ihren Ohren witterten. Meist retteten sie sich auf den Mastkorb oder lenkten die Wucht der strafenden Faust des erzürnten Herrn durch einen kühnen Seitensprung ab. Was aber alle Furcht verringern mußte, war die nach den Gesetzen der Nautik und Physik vollendete Struktur des Schiffes selbst: denn obwohl ein gewaltiger Coloß von bedeutender Länge, 16 Fuß unter Wasser gehend, seine Masten 129 Fuß über dem Verdeck erhebend, war es von verhältnißmäßig sehr geringer Breite, so daß es dem Anprallen des Windes und der Wogen siegreich trotzte. Und so geschah es, daß wir am fünf und dreißigsten Tage in dem Hasen von Rio vor Anker lagen. Eine rasche und glückliche Fahrt, wie sie von uns Allen angesehen wurde. Wir hatten freilich im Ganzen gerechnet eine Woche verloren; denn unter Madeira trat einige Tage Windstille ein, und die letzten drei Tage trieben wir uns langsam in der Bai von Rio an der brasilianischen Küste umher. Ferner hatten wir den Wind nur seitwärts, meistens innerhalb der heißen Zone von Südost, während uns nur der Nordost höchst förderlich sein konnte. Und doch war die Fahrt eine so außerordentlich rasche, wie fast bisher um diese Jahreszeit noch keine. Mögen Andere der Geschicklichkeit unseres Capitäns die Ehre geben,, mir sei es erlaubt, einen höheren Grund zu suchen. Während wir von den Meereswogen dahingetragen wurden, stiegen in Europa aus den frommen Herzen unserer Mitbrüder und anderer Gläubigen wirksame Gebete zum Throne des Herrn empor. Er war es, der die Winde und Wellen uns dienstbar machte. Wie oft wird das äve maris stell» für uns gebetet worden sein zur unbefleckten Jungfrau, der Maikönigin! Der Weg auf dem wir hin- segclten, ist ein heiliger Weg; denn auf ihm sind mehr als 200Jahre lang dieApo- stel, Märtyrer, die Heiligen unserer Gesellschaft nach drei Welttheilen hingefahren, um den Namen Jesu Völkern und Fürsten kund zu thun: ein heiliger Franz Xaver, Peter Claver, Johann de Britto, die vierzig Märtyrer, die Heilsboten 197 für Ost- und Westindien, jene Männer, welche Millionen Seelen im nahen Süd- amerika, wie im fernen Asien mit ihrem Schweiße und Blute für den Herrn gewonnen. — Das ist der Weg, auf dem unsere Vater im vorigen Jahrhundert als Gefangene und Geächtete nach Enropa gebracht wurden. Die guten Hirten! man riß sie hinweg aus der Mitte ihrer theuren Heerden, die sie für die heilige Kirche und für das ewige Leben groß gezogen hatten. Arm, krank, von Anstrengung und Arbeit im Dienste des Herrn erschöpft, mit Schmach und Unbild aller Art beladen, wurden sie aus Südamerika hinweggeschleppt, und so ein großer Theil des Landes in eine dem religiösen wie socialen Leben verderbliche Barbarei gestürzt, von welcher sich der Augenzeuge mit Schmerz und Schrecken wegwendet. Besonders, als wir längs den kanarischen Inseln hinsteuerten, als Madeira, Teneriffa, Ferro sich uns zeigten, und wir in etwa die Richtung nach der Insel Palma einschlugen, wie wäre es möglich gewesen, hier der Apostel Brasiliens, der vierzig Märtyrer zu vergessen, die an dieser Stelle die glorreiche Palme errungen haben? — So wachten also diese heiligen Beschützer über uns; und wer den allmächtigen Gott, die heilige Jungfrau, die Engel und Seligen des Himmels in Vereinigung mit den Gerechten auf Erden zu Freunden und Führern hat, wie sicher ist der vor Unglück geborgen, so daß er selbst auf der stürmischen Fluth des Meeres wie ein Kind auf den Armen der Mutter sorgenlos dahingetragen wird. Das Auge des Herrn sah uns mit gnädigen Blicken an. Dieser Gedanke drängte sich uns auf, wenn wir innerhalb des tropischen Himmelsstriches den schönen Horizont beim nächtlichen Rauschen der Wogen betrachteten. Der Glanz der Sterne ist hier weit lebendiger und doch milder, weit schöner und reiner, als ich ihn in Deutschland je gesehen. Der Himmel ist in eigentlichem Sinne des Wortes mit Sternen besäet, deren Größe so mannigfaltig, deren Gruppirung so schön ist. Ein unbeschreiblicher Eindruck! Hier lernte ich die rührende Betrachtung des heiligen Jgnatius besser verstehen, wenn er sich von den Geschöpfen zur Größe, Güte und Schönheit des Schöpfers erhebt, verständlicher wurden mir die herrlichen Stellen im Buche Job und in den Psalmen, namentlich die, welche wir ml recitiren. Gottlob, daß der Korb fertig ift! (Schluß.) So sprach der Doctor, und die Gesellschaft trank Thee, lachte und machte ihre Bemerkungen. Vor Allem ergriff der Hausherr, der Amtmann von Sp_ das Wort und ließ es so laut erschallen, daß die Uebrigen, aus Furcht, er möchte die Klingel ziehen und sie über die Seite bringen lassen, bald verstummten und schwiegen. „Mit den Ehen unter dem gemeinen Volke", so erklärte er, „steht es schlecht. Es ist keine Einheit, keine Zusammengehörigkeit zwischen Mann und Frau. Sie sind zusammengewürfelt, wie es sich eben fügte, und daher kommt es leicht dahin, daß sie so gleichgültig sind bei des Andern Freuden und Leiden. Ich bin überzeugt, Emilie", — hiermit wandte er sich an seine Frau Gemahlin — wenn ich der Korbmacher gewesen wäre, du hättest nicht so geantwortet. Du hättest dich gefreut und gesagt: Gottlob, daß der Korb fertig ist!" Und die Frau Gemahlin entgegnetc: „Ja was sind das für Reden! bist du denn ein Korbmacher?" „Gesetzt den Fall, ich wäre einer." „Dann hätte ich dich nicht geheirathet. Nimm mir's nicht übel, lieber Mann!" — 198 „Du hast Recht, liebe Frau. Aber sieh, ich setze ja nur den Fall, es ist nur ein Spiel der Einbildungskraft. Wir können es uns ja denken, daß ich ein Korbmacher wäre, daß ich viele Tage an einem Korbe gearbeitet, daß ich nach beendigter Arbeit mich gefreut und gejubelt hätte: Gottlob, daß der Korb fertig ist! Hätte ich dann aufgefordert, dasselbe zu sagen, so würdest du jedenfalls — —" „Nein, nein! Ich kann mir den Fall gar nicht denken, daß ich eineKorb- macherin wäre. Ueberhaupt ich liebe dies Gespräch nicht, und sähe gern, wenn du mich mit solchen Znmuthungen verschontest." „Frau, du bist eine Närrin. So will ich denn verzichten auf den Titel eines Korbmachers, damit deine Qual sich legt; titulux no>, ext vitulux. Aber ich verzichte nicht darauf, hiermit zu sagen: Gottlob, daß der Korb fertig ist! und verzichte nicht darauf zu wünschen, daß du mir die Worte nachsprichst." „Wenn du nicht Korbmacher bist, so hat ja der Wunsch gar keinen Sinn !" „Ja, was in der Welt hat immer einen Sinn. Aber du hörst ja, ich bitte dich!" „Das höre ich freilich, kann mich indessen nicht entschließen, die Bitte zu erfüllen." „So befehle ich!" „Oho!" „Bin ich nicht Herr?" „Das versteht sich, und ich bin die Herrin!" Der Diener, welcher die Aufwartung besorgte, hatte mit offenem Munde dem Gespräch zugehört, und das Erste, als er wieder die Küche erreichte, war, daß er der Köchin das sonderbare Erlebuiß mittheilte. „Das sind mir Ehen unter den Vornehmen", bemerkte er darauf. „Da heißt es immer: »Lieber Mann" und „Liebe Frau;" aber sollen sie die Liebe einmal beweisen, so fallen sie jämmerlich durch. - Warum diese eigentlich heirathen?" Die Köchin versetzte: „Du meinst, unser Herr hätte seine Frage zur Seite lassen sollen?" „O nein, unsere Frau hätte den Wunsch des Amtmanns erfüllen sollen!" „Das sehe ich nicht ein!" „Sei doch vernünftig, Mädchen! In einem Vierteljahre werden wir uns heirathen, und wir werden ein glückliches Paar werden. Ich will dich auf den Händen tragen und du wirst mir gut sein. Wenn ich nun, dein Mann, dessen Leiden und Freuden du mitträgst, dann eines guten Tages Veranlassung habe, mich zu freuen und zu sprechen: Gottlob, daß der-Korb fertig ist! Und ich spräche zu dir: Nun sage doch auch: Gottlob, daß der Korb fertig ist! was würdest du thun?" „Ich würde nichts thun, und schweigen!" „Das wäre kaltes Wasser auf meine Freude!" „Warum stelltest du solch ein Begehren!" „An dich? Du wärest ja doch meine Frau!" „Also mit den Frauen kann man machen, was man will? „Du würdest also meine Freuden nicht theilen?" „Ist das eine Freude für den Mann, wenn die Frau sein Papagei wird!" „Ei, du verstehst mich nicht! Ich will und verlange, daß du sprichst, wenn wir uns erst geheirathet haben: Gottlob, daß der Korb fertig ist!" „Wenn du später so aufzutreten gedenkst, so-" > „Du erwartest wohl, ich werde einstens dein dummer Junge sein?" „Nein, du wirst aber auch nicht mein Mann sein. Suche dir eine andere Frau, ich nehme mein Versprechen zurück." „Danke!" rief der Diener, und eilte zornig wieder in den GesellschaftsSaal. Hier war inzwischen der Streit zwischen Amtmann und Frau auf den höchsten Gipfel gestiegen. Mit geröthetem Gesichte und flammenden Augen saßen sie sich gegenüber, und nur die Gegenwart der Fremden verhütete Unheil über Unheil. Diese waren verlegen, und stumm sah Einer den Andern an. Die Männer rannten den Amtmann in die Seite oder gaben ihm sonstige Winke; die Frauen zupften Madame am Kleide, und suchten sie zurückzuhalten. Eine Windstille herrschte und ein unheimliches Schweigen. Da gedachte der Doctor, der an dem ganzen Unglücke die Schuld trug, das Schifflein der Frölichteit wieder stott zu machen. Er rechnete Lei sich aus: stelle ich an meine Frau die Frage, so wird sie sofort willfährig antworten, Alles wird in Gelächter ansprechen, und wo gelacht wird, läßt sich der Friedensboden leicht aufbauen. „Anna", so redete er im schmeichelnden, liebkosenden Tone zur Frau Doctorin, „wenn ich nun riefe: Gottlob, der Korb ist fertig, ich zweifle nicht, du würdest im Augenblick -" „Nun auch er! Nun kommt das Wetter auch auf mich!" schalt Frau Anna und zürnte, warf ihm einen drohenden Blick zu, sprang aus vom Sessel und eilte aus dem Zimmer. Die Frau des Amtmanns sprang ihr nach, und alle Damen, vielleicht aus Furcht, daß nun sie an die Reihe kämen, folgten in Hast. Und durch die Flucht der Frauen waren die Männer geschlagen; nur der Amtmann und der Doctor, die sehr beschämt waren und sich für schwer beleidiget hielten, brachten ganz unfeine Redensarten hervor. Der Diener gab ihnen Recht, und hätte gern mitgeschimpft. „So geht's", lachte der Kaufmann Knippknapp, „wenn man in der Familie keine Ordnung hat." „Haben sie bessere?" brummte der Amtmann. „Freilich, ich wechsle ab im Regiment. Die eine Woche regiert meine Frau, die andere gehorche ich. Und wenn sie regiert, so hüte ich mich wohl, eine Bitte zu wiederholen, die sie einmal mit Nein beantwortet hat!" „Kein übler Vorschlag für einen armen Ehemann: die erste Woche laß' deine Frau regieren, und in der zweiten Woche gehorche du!" spotteten einige, während Andere vorschlugen, man solle rasch Frieden vermitteln zwischen den Männern und den geflohenen Frauen. Nach einigem Hin- und Herredeu machte man die Versuche, erhielt aber nur einen knappen Waffenstillstand, und nach dem Schlüsse der Gesellschaft wird der Krieg wohl wieder ausgebrochen sein. Papst Plus 1L. und ein französischer Soldat. Es geschah vor nicht langer Zeit, daß in Rom ein dort in Garnison liegender französischer gemeiner Soldat die große Treppe, die zum Vatican führte, betrat. Da sieht man beständig ein Duzend oder mehr von den bunt gekleideten s Schweizergardisten nicht eben in kriegerischer Haltung aufgestellt. Die Einen legen sich mit der Hellebarde an die Wand, Andere sitzen auf einer hölzernen Bank. Doch kann sich der Papst jederzeit auf seine Wächter verlassen. Nun kommt der französische Rothhösler und redet einen der Schweizer an, und gibt ihm, so gut er's kann, zu verstehen, er wolle direct zum Papste. Der Schweizer i sieht den Rothhösler verwundert an, ohne ein Wort zu sagen. „Ja ja, zum , Papste will ich, wisse? pgzser." — „Zum Papst? Hast du die Erlaubniß?" — ^ „Brauch keine Erlaubniß. Große Herrn brauchen dergleichen, wir Andern werden ohne Ceremonien behandelt; seid so gut und führt mich sogleich in's Zimmer des Papstes, die Sache pressirt." Dem Schweizer aber pressirte es nicht, und ' erst nachdem er gesehen, daß der Franzose sich nicht ergeben und die Festung mit Sturm nehmen wollte, führte er ihn zn einem der Prälaten, welche die Fremden dem Papste zur Audienz vorstellen. Auch hier trug der Soldat sein Anliegen vor, und da der Prälat wissen wollte, was er denn eigentlich vom Papste verlange, so zeigte es sich, daß ein Brief von einem Kriegskameraden aus der Krimm angelangt war, worin dieser eine schreckliche Schilderung der Leiden machte, welche die französischen Soldaten dort zu ertragen hatten. Deswegen solle er, der Empfänger des Briefes, den heiligen Vater ersuchen, für das Wohl der französischen Arme eine heil. Messe zu lesen. Nach mancherlei vergeblichen Versuchen, den Franzosen eines Bessern zu belehren, ging endlich der Prälat zum Papste und meldete den sonderbaren Besuch. Der heilige Vater ließ ihn vortreten. Nicht wenig erstaunten die in den prächtigen Vorsälen des Vaticans befindlichen weltlichen und geistlichen Herren, als der französische Gemeine diese Säle durchschritt, und in das einfache Gemach, worin gewöhnlich der Papst Audienzen ertheilte, eintrat. Der Gemeine ließ sich aber nicht einschüchtern und blieb, als er vor dem Papste erschien, in militärischer Haltung aufrecht stehen, hob zur Begrüßung die Hand an die Stirn und sprach dann mit einem so entschiedenen Tone, als stehe er vor seinen Offizieren: „Mein Papst, da ist der Bries eines Kriegskameraden aus der Krimm; lesen Sie denselben und sagen Sie mir dann, was ich antworten soll. Zugleich überreichte er mit der einen Hand den Brief, in der andern etwas Geld. Der Papst nimmt den Brief, liest ihn und gibt ihn mit den Worten zurück: „Guter Freund, meine Messe ist für morgen schon unabänderlich bestimmt, übermorgen aber werde ich unfehlbar für jenes große französische Heer Messe lesen. Doch setze ich die Bedingung, daß du derselben beiwohnest und dich vorbereitest, bei derselben die heilige Communion zu empfangen. Das Geld magst du behalten und für dasselbe aus die Gesundheit deiner Kameraden trinken. — „Gut, mein Papst," antwortete der Besucher, „sogleich gehe ich, mich auf eine kleine Revue bei unserm Feldprediger zu rüsten und übermorgen bin ich zur bestimmten Stunde aus meinem Posten." Darauf salutirte er wieder mit der Hand, machte halbe Wendung rechts un zog sich zurück, wie er gekommen war. Der Papst aber sah mit Vergnügen dem sonderbaren Gaste nach. Am angesagten Tage erschien dieser wirklich bei der päpstlichen Messe und hatte das Glück, aus den Händen des heiligen Vaters die Communion zu empfangen. Thomas Morus, der edle Lordkanzler von England, wohnte täglich gewissenhaft der heil. Messe bei, und zwar immer schon, ehe er an seine Geschäfte ging, ohne sich hierin stören zu lassen, selbst wenn der König ihn zu sich berufen hatte. Selbst in dringenden Fällen, wenn die königlichen Boten auf seinem alsbaldigen Erscheinen bestanden, gab er ganz ruhig die Antwort: „Er habe zuvor einem größeren Herrn zu gehorchen und dann werde er dem Könige ohne weiteren Verzug aufwarten." M hielt es für eine Ehre, dem Priester beim heil. Meßopfer zu dienen, selbst dann noch, als er zur Würde des Reichskanzlers emporgestiegen war. Und als einst der Herzog von Norfolk zn ihm kam, um bei ihm zu speisen und ihn in der Kirche mit dem Ministrantenkleide angethan fand und nach geendigtem Gottesdienste ihm zurief: „Wie, der Lordkanzler ein Küster? Ihr entehrt ja den König und sein Amt!" erwiderte Morus lächelnd: „Keineswegs, denn dem Könige, meinem und eurem Herrn, kann wohl das nicht mißfallen, was ich aus Gehorsam gegen Gott, den Herrn des Königs thue, noch wird sein Amt dadurch geschändet." Redaction un» Verlag: Dr. M. Huttler. — Druck von I. M. Äleinle. Das Augsburger Sonnlaasblatt -(Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Vorn Aberglauben. Die Tugend liegt in der Mitte, nämlich mitten zwischen zwei Lastern. So z. B. ist der Geiz auf der einen, die Verschwendung auf der anderen Seite ein Laster, mitten zwischen beiden aber steht die Sparsamkeit als christliche Tugend. Die Mittelstraße ist also die beste und sicherste, das ist der Weg der Tugend, der zum Himmel führt. Aber leider! diese Mittelstraße finden und gehen die wenigsten Menschen, und wenn sie auch eine Zeitlang auf derselben wandeln, so kommen sie doch oft und leicht wieder davon ab; sie lassen sich bald rechts und bald links auf die Seite ziehen, und gerathen so auf die verschiedenen Abwege des Irrthums und der Sünde. Jene sind die Glücklichsten, die den Mittelweg einschlagen, und weder rechts noch links von der Wahrheit und Tugend abweichen. Dieses gilt vor allem Anderen von der Pflicht des Glaubens. Wer zu wenig oder gar Nichts glaubt, ist ein Ungläubiger, wer aber zu viel oder gar Alles glaubt, ist ein Abergläubiger, und beide stehen fern vorn wahren und rechten Glauben, der nur an das glaubt, von dessen Wahrheit er hinlängliche Beweise hat. Beide, der Unglaube wie der Aberglaube, sind gleich thöricht, vernunftwidrig und sündhaft. Etwas läugnen, für dessen Wahrheit doch die stärksten und klarsten Beweise sprechen, ist eben so unvernünftig, als etwas glauben ohne genügenden und vernünftigen Grund. Und doch sind diese beiden Extreme und entgegengesetzten Abweichungen vorn goldenen Mittelwege des wahren Glaubens auch heutzutage noch häufig zu finden. Es herrscht in unserer Zeit nicht blos viel Unglauben, sondern auch noch viel Aberglaube in allen Ständen. Von dem letzteren soll nun hier die Rede sein. Das Wort Aberglaube bezeichnet einen thörichten, widersinnigen, grundlosen Glauben, welcher der Vernunft und der göttlichen Offenbarung widerstreitet. Der Aberglaube besteht darin, daß man gewissen (natürlichen oder auch heiligen) Dingen und Handlungen eine geheime Kraft und Wirkung zuschreibt, die sie weder von Natur aus, noch von Gott, noch durch die Segnungen der Kirche haben können. Man unterscheidet drei Arten des Aberglaubens: den natürlichen, den dämonischen und den religiösen, — je nachdem sich derselbe entweder aus das Verhältniß der Geschöpfe zu einander, oder auf den Einfluß der bösen Geister, oder auf gottesdienstliche Handlungen, Gebete rc. bezieht. Leider ist auch in unserem „aufgeklärten" Jahrhunderte der Aberglaube unter allerlei Formen sowohl auf dem Lande, als auch in den Städten, bei den höheren wie bei den niederen Ständen, noch häufig anzutreffen. Man kann denselben am häufigsten wahrnehmen in der Form der Wahrsagerei, welche darin besteht, daß man aus eitlen Zeichen, aus zufälligen Ereignissen, oder einzelnen Sachen, die weder an sich noch durch göttliche Anordnung hierzu geeignet sind, die Zukunft erspähen und vorhersagen, die Schicksale der Menschen entziffern und verborgene Dinge erforschen will. So z. B. gibt es Christen, die da glauben, Wenn zur Nachtszeit ein Hund heulet, so werde gewiß bald Jemand in der Nach- 202 barschaft sterben; oder wenn Einem beim Ausgehen ein Hase quer über den Weg läuft, so bedeute dies ein nahes Unglück, das ihn treffen wird; oder so oftmal man im Frühlinge den Kuckkuck schreien hört, so viele Jahre werde man noch leben rc. Unter den gebildet sein Wollenden gibt es so Manche, die da glauben, wenn zufällig dreizehn an einem Tische zusammensitzen, so werde bald Einer davon sterben, warum? weil Christus mit seinen Aposteln beim letzten Abendmahle die Zahl dreizehn vollmachte und bald daraus starb. Um zu wissen, welcher von zwei Ehegatten früher sterben werde, dürfe man nur die Buchstaben ihrer Vor- und Zunamen zusammenzählen, bei dessen Namen eine ungerade Zahl herauskommt, der stirbt zuerst. An einem Freitage soll man keine Arbeit anfangen, keine Reise unternehmen, denn dies sei ein Unglnckstag, sagt man, und warum? weil an einem Freitage Judas sich erhängte! u. s. w. Welche Thorheiten! Eine andere Form des herrschenden Aberglaubens liegt in der Traumdeuterei. Wohl hat Gott oft schon durch Träume den Menschen wichtige, zukünftige Dinge geoffenbaret, wie dies die Geschichte des ägyptischen Josephs, des Königs Pharao, des Nährvaters Jesu Christi n. s. w. beweiset; aber in der Regel sind doch die Träume nichts anderes, als ein natürliches Erzeugnis unserer Phantasie, die gewöhnlich im Schlafe das weiter ausmalt, was den Tag über oder am Abende besonderen Eindruck auf uns gemacht hat. Thörichter und sündhafter Aberglaube ist es daher, im Allgemeinen den Träumen Glauben zu schenken und danach die Zukunft zu deuten. Darum heißt es schon im Buche Sirachs (3^i, 1—7.): „Eitle Hoffnung und Lüge täuschen den Thoren, leere Träume machen stolz den Unverständigen. Wie Einer, der nach dem Schatten greift und den Wind erhäschen will, ist Derjenige, der auf falsche Träume hält. Wahrsagerei, lügenhafte Deutung aus dem Vogelfluge und die Träume sind Eitelkeit .... Hänge dein Herz nicht daran; es wäre denn das Gesicht von dem Allerhöchsten gesendet. Denn Viele wurden durch Träume betrogen und in ihrem Vertrauen daraus getäuscht." Ja getäuscht durch die Träume und deren eitle und willkürliche Auslegung (nach dem sogenannten Tranmbüchelchen) haben schon Viele, besonders aus der ärmeren Classe, all ihre Habe verschwendet, sich und die Ihrigen an den Bettelstab gebracht und Viele sind noch gegenwärtig auf dem Wege dahin. Bei den vornehmeren wie bei den unteren Ständen ist der Aberglaube häufig auch zu finden in der Fom des Kartenschlagens. Aus der Aufeinanderfolge gemischter Kartenblätter will man verborgene, gegenwärtige und zukünftige Dinge erforschen, etwa, wer dies oder jenes gestohlen habe, ob diese oder jene Person noch lebe, wo und wie sie sich befinde, ob der Ehegatte treu sei, oder ob man mit dieser oder jener Person eine glückliche Ehe treffen werde, und dergleichen Albernheiten mehr, wodurch man Gottes Vorsehung, seine Weisheit und Allmacht gleichsam zu Schanden machen will. Denn daß diese leblosen und unvernünftigen Dinge, die nicht einmal von sich selbst etwas wissen, noch viel weniger von den Schicksalen der Menschen etwas wissen und angeben können, soll doch wohl jedem vernünftig Denkenden eben so einleuchten, als daß Gott, wenn er schon einem Menschen über sein eigenes oder Anderer Schicksal etwas offenbaren will, sich gewiß nicht so unwürdiger Dinge, wie der Karten, bedienen würde. Und wenn doch, wie man behauptet, schon öfters durch diese und dergleichen eitle Zeichen wirklich verborgene Dinge erforscht und angezeigt worden sind, so kann dies nur durch den Einfluß und durch Hilfe der bösen Geister geschehen, die vermöge ihrer Natur nicht nur wissen, was in der Gegenwart an entfernten Orten geschieht, sondern auch einen, wenn gleich beschränkten Blick in die Zukunft thun und auf den Menschen blendend und verderbend einwirken können, in wie weit es Gott zuläßt. So war auch zur Zeit, als der Apostel Paulus zu Philipps das Evangelium predigte, daselbst eine Magd, die einen Wahrsager- geist hatte, d. h. von einem bösen Geiste besessen war und manches Zukünftige vorhersagte, und dadurch ihrer Herrschaft großen Gewinn verschaffte, die aber Liese ihre Kunst alsbald verlernt, nachdem Paulus den bösen Geist beschworen und ausgetrieben hatte. (Apostelg. 16.) Eine von der Wahrsagerei dem Zwecke (d. i. Erforschung zukünftiger und verborgener Dinge) nach verschiedene Form des Aberglaubens ist der Gebrauch eitler und nur durch Beihilfe der bösen Geister wirksamer Mittel, um gewisse, nicht in der Natur der Sache, nicht in göttlicher Anordnung und kirchlicher Weihe gegründete Wirkungen, z. B. Heilungen von Krankheiten an Menschen und Thieren hervorzubringen. Wenn es auch in der That sogenannte sympathetische Heilmittel für verschiedene Krankheiten gibt, deren Heilkraft nicht einzusehen, deren Wirkung aber durch die Erfahrung und das Zeugniß verständiger Aerzte außer Zweifel gesetzt ist, und wenn auch dieser Mangel an Einsicht nichts Bedenkliches dagegen haben kann, weil die Natur überhaupt noch vielfach für den Menschen ein verschlossenes Buch ist, und weil wir an tausend täglichen Erscheinungen der Natur wohl die Ursache und Wirkung, aber nicht den Zusammenhang beider, d. h. wie denn diese Ursache eine solche Wirkung hervorbringen könne, einsehen: so ist es doch gewiß ein thörichter und sündhafter Aberglaube, wenn man z. B. unbekannte Namen, sinnlose und geheimnißvolle Worte auf einen Zettel schreibt, dieselben immer bei sich trägt und anhängt, und dabei glaubt, diese eitlen Zeichen und Zettel können vor Krankheiten bewahren oder dieselben heilen, vor Verzauberung schützen, oder bewirken, daß gestohlene Sachen wieder zurückgebracht werden, oder daß man von keiner feindlichen Kugel getroffen, von keines Meuchlers Dolch durchstochen werde u. s. w. Eine häufig anzutreffende Form des Aberglaubens besteht endlich noch darin, daß man an sich gute und heilige Mittel gebrauchet, aber zu einem nnheiligen Zwecke, indem man nämlich diesen heiligen Mitteln, z. B. dem Gebete und verschiedenen Andachtsübungen, eine ausserordentliche Wirkung und eine gewisse unfehlbare Kraft zuschreibt, welche sie durchaus nicht haben, wodurch dann eben der sonst gute Gebrauch jener Mittel abergläubisch wird. Wir haben nämlich in der katholischen Kirche Heilige, die wir verehren und anrufen, Bilder und Reliquien der Heiligen, die wir in Ehren halten, Zeichen gewisser Bruderschaften und Andachten. Die Kirche selbst weiht diese und noch andere Dinge z. B. Brod, Wasser, Wein, Salz, Fleisch rc., und sie billiget den Gebrauch dieser geweihten Dinge nicht nur, sondern sie hat dabei die Absicht, die sie auch bei der Weihe dieser Dinge ausspricht und um was sie auch zu Gott bittet, daß er nämlich diese Dinge durch die Verdienste Jesu Christi zum zeitlichen nnd ewigen Wohle Derjenigen gereichen lassen wolle, welche sie mit kindlichem Vertrauen auf Gott und in Vereinigung ihrer Andachten mit dem Gebete der Kirche gebrauchen. Allein Aberglaube ist es, wenn man dergleichen geweihte Dinge bei sich trägt und gebrauchet zu einem ganz anderen Zwecke, als den die Kirche bet der Weihe derselben intendirt, oder wenn man von ihnen eine gewisse Wirkung erwartet, die sie weder an sich noch durch die Segnungen der Kirche haben können. Aberglaube ist's, wenn man meint und sagt: wer beständig den Rosenkranz, ein Scapulier oder ein anderes geweihtes Ding bei sich trägt, der werde nicht eines jähen Todes sterben, nicht in's Fegseuer kommen, oder iiü Handeln glücklich sein, von keinem Räuber angefallen werden rc. Bei solchem Aberglauben, wie sehr wird das Seelenheil vernachlässigt! Man betrachtet oft diese geweihten Sachen als Freiheitsbriefe für die Sünden, da sie doch vielmehr Erinnerung»- und Ermunterungszeichen zur Pflichterfüllung sind. Was soll wohl der Rosenkranz in der Tasche, in welcher sich etwa auch ungerechtes Gut befindet? Ist die Erwartung, die man von der Kraft solcher heiligen Dinge sich macht, nicht Aberglaube ? 204 Noch immer kann man in Städten und auf dem Lande von gewinnsüchtigen Krämern verbreitete, recht kräftige und fromm scheinende Gebete und Büchlein finden, denen nebst der Verheißung von verschiedenen Ablässen auch die Versicherung beigedruckt ist, daß, wer dieses Gebet in seinem Hause hat, oder selbes Lei sich trägt, oder aber täglich mit Andacht hersagt, dem werde kein Unglück widerfahren weder zu Wasser, noch zu Land, dem hat die Mutter Gottes versprochen, sie wolle ihm auf dem Sterbebette erscheinen und ihn ohne Beicht nicht sterben lassen rc. rc. Und noch immer gibt es Christen, welche diesen eitlen Verheißungen und Betrügereien allen Glauben schenken und mit allem Fleiße danach thun. Um das leichtgläubige Volk desto mehr zu täuschen, ist solchen abergläubischen Gebeten auch zuweilen der Name eines Papstes oder Bischofes beigesetzt, der diese Andacht, dieses Gebet angeordnet, gutgeheißen, oder mit Ablässen von so und so viel Tagen und Jahren beschenkt haben soll rc. Aber woher denn noch so viel Aberglauben in unserem aufgeklärten Zeitalter, wo doch so viel gelehrt, gepredigt, gedruckt und geschrieben und gearbeitet wird an der intellectuellen und moralischen Bildung des Volkes? oder mit anderen Worten, welche sind denn die Quellen des noch so häufigen Aberglaubens ? Die verschiedenen Arten und Formen des Aberglaubens kommen auch aus verschiedenen Quellen. Eine Hauptquelle des besonders in den Städten herrschenden Aberglaubens ist der Unglaube. Der Mensch ist einmal so beschaffen, daß er ohne Glauben nicht leben kann. Glaubt er nicht der ewigen Wahrheit, so fällt er dem Aberglauben anheim. Alle Kenntniß und Wissenschaft des Menschen beruht, streng genommen, auf Glauben. Auch das Wissen, zu welchem der Mensch durch die sinnlichen Anschauungen und Wahrnehmungen, durch Gesicht, Gehör rc. gelangt, ist ein Fürwahrhalten oder Glauben auf das Zeugniß der Sinne, die freilich oft genug täuschen. Daß die Kenntniß des Ueberstnnlm chen aus Glauben beruhe, ist ohnehin klar, nur kommt es hierbei darauf an, daß der Glaube vernünftig sei, d. i. auf vernunftgemäße Gründe sich stütze, der Vernunft nicht widerspreche. Es ist ein ungerechter Vorwurs, den man gar oft der katholischen Kirche macht, daß sie nur blinden Glauben verlange und die Vernunft gar nichts gelten lasse. Wie wäre dies möglich, da ja der Mensch ohne Vernunft gar nicht glauben könnte, weil ihm das geistige Auge zur Auffassung des Lichtes der göttlichen Wahrheit fehlen würde? Indessen lehrt es die Erfahrung, daß gerade Diejenigen, die sich eines starken Geistes, einer aufgeklärten Vernunft rühmen, am meisten unvernünftig sind in ihrem Glauben und Handeln. Glauben, was Gott geoffenbaret, was Jesus Christus gelehret hat und was die heilige katholische Kirche, geleitet vom heiligen Geiste, lehret und zu glauben vorstellt, was so sichere Wahrheit ist, daß kein vernünftiger Zweifel dagegen obwalten kann, das nennt man Köhlerglauben, Geisteszwang rc.; aber glauben, was die eigene Phantasie eingibt, oder was ein listiger Betrüger vor- schwätzt, das ist Beweis eines starken Geistes, einer hohen Vernunft! Ja, das ist eine schandvolle Strafe des Unglaubens, daß Diejenigen, die die Wahrheit wegwerfen, über alles Heilige sich hinaussetzen, über Vorurtheile und Aberglauben scherzen und schmähen, welchem nach ihrer Meinung frommgläubige Christen huldigen, daß gerade diese am meisten und am tiefsten in den Aberglauben verfallen Man will die katholische Lehre nicht glauben, weil man mit dem schwachen Verstände Manches nicht begreifen kann; aber wie Vieles glaubt man doch wieder ohne allen Grund, wie Vieles nimmt man auf eitles Menschenwort hin für wahr an, dessen Wahrheit doch schwer zu begreifen und sehr zu bezweifeln ist! Man glaubt nicht, was der Geist Gottes in der katholischen Kirche lehrt,, aber wohl glaubt man, was ein altes Weib aus den Kartenblättcrn enträthseln will, was die Phantasie im nächtlichen Traume vorspiegelt rc. Wahrlich hier 205 gilt das Wort des Apostels Paulus: „Von der Wahrheit werden sie das Gehör abwenden, zu den Fabeln aber hinwenden." (2 Tim. 4.) Es liegt in der Natur der Sache und die Erfahrung bestätigt es, daß man, je mehr man sich vom Mittelpuncte der katholischen Kirche entfernt, je mehr der wahrhaft göttliche Glaube sich verdünnt und verliert, um so mehr dem Aberglauben anheim falle, und daß vollendeter Unglaube mit vollendetem Aberglauben identisch sei. Das beweiset auch die ganze Geschicke des alten und neuen Heidenthumes. Oft hat der Aberglaube seinen Grund in den von den Voreltern erzählten und ererbten Sagen und Geschichten, die der leichtgläubige Landmanu bloß auf's Wort hin, weil es der Großvater rc. gesagt hat, unbezweifelt für wahr hält, oder die er etwa gar durch irgend eine zufällige Begebenheit bestätigt gefunden hat. Von solchen Leuten sagt der Wcltapostel: „Ich gebe ihnen das Zeugniß, daß sie Eifer für Gott haben, aber nicht nach Einsicht." (Röm. 10, 2.) Eine der vorzüglichsten Quellen des religiösen Aberglaubens unter weniger unterrichteten Leuten sind die leider noch immer verbreiteten schlechten Büchlein und gedruckten Gebetsformeln, deren Gebrauche die albernsten Gnadenwirkungen zur Erlangung des zeitlichen und ewigen Glückes verheißen sind, welchen Verheißungen man so gern glaubt, bloß darum, weil es ja hier gedruckt steht, folglich auch wahr sein muß. Aus der Vernunft und Offenbarung, sowie aus den traurigen Folgen, welche die Erfahrung aufzählen kann, läßt sich klar beweisen, wie thöricht und sündhaft, wie eines vernünftigen Menschen, eines Christen unwürdig der Aberglaube sei und wie derselbe der wahren Gottesverehruug, dem christlichen Glauben und Vertrauen, sowie der christlichen Nächstenliebe zuwider sei und wie sehr man sich durch den Aberglauben gegen Gottes heilige und gütige Vorsehung und höchst weise Weltregieruug versündigen und in die Fallstricke des Satans gerathen kann. Uebrigens muß man jedoch wohl unterscheiden zwischen dem, was eigentlicher Aberglaube ist, und zwischen dem, was die Welt als solchen ausruft, die nicht selten die ganze christliche Religion selbst, besonders aber die Einrichtungen, Ceremonien und Segnungen der katholischen Kirche als Aberglauben verschreien will. Weder ungläubig noch zu leichtgläubig, fern von der Sucht nach außerordentlichen Dingen, halte sich daher der katholische Christ fest an die Entscheidungen und Aussprüche der heiligen katholischen Kirche und so wird er den goldenen Mittelweg des echten und wahren Glaubens und durch denselben das Land der ewigen Seligkeit finden. DaS baufällige Haus. 6. Es besaß Jemand ein Haus, welches sehr baufällig war. Die Bauver- ständlgen riethen ihm, er solle es gänzlich einreisten und wieder von Neuem ausbauen lassen, damit es fest und haltbar würde. Der Eigenthümer aber lachte und bequemte sich nur zu den nöthigsten Reparaturen. Da stürzte in einer Nacht plötzlich das Haus ein und begrub den Eigenthümer unter seinen Trümmern. Mensch! dies baufällige Haus ist Dein sündhafter Lebenswandel, der Bewohner dieses Hauses Deine Seele, welche durch diesen Lebenswandel den Grad ihrer Unheiligkeit verräth. Da kommt der Bauverständige, d. h. Dein Beichtvater zu Dir und sagt: Reiste Dein Haus gänzlich ein, d. h. tilge Deinen sündhaften Lebenswandel vor Gott und vor Dir selbst durch eine giltige und umfassende Generalbeicht, welche Dein ganzes Leben von der frühesten Kindheit bis zur Jetztzeit dem Priester und Dir vor Augen führt. Dein Beichtvater fügt bei: 206 und baue es von Neuem wieder auf, d. h. wenn Du nun durch die Geueralbeicht Deinen Lebenswandel vor Gott und vor Dir getilgt hast, dann fange einen neuen Lebenswandel an, der fest und haltbar ist. Verstehen wir aber unter der Baufälligkeit die Sündhaftigkeit, so müssen wir unter der Festigkeit und Haltbarkeit die Tugend begreifen und zwar, wenn wir nur unsre Seele im Auge behalten, die unsern sündhaften Neigungen gerade entgegengesetzten Tugenden. — Du aber lachst, d. h. Dein Eigendünkel hält Dich für Weiser und verständiger, als Gottes Stellvertreter und verwirfst dessen wohlmeinenden Rath. — Du bequemst Dich nur zu den nothwendigsten Reparaturen, d. h. du beichtest zwar, aber nur die Sünden nach Deiner letzten Beicht. Du gehst auf die Vergangenheit Deines ganzen Lebens nicht zurück, welche Dir allein und ausschließlich in einem Gesammtüberblicke Deine Leidenschaften und Neigungen als die Quelle Deiner Versündigungen offenbaren könnte. So tilgst Du also Deinen alten Lebenswandel nicht vom Herzensgründe aus, und kannst mithin auch keinen gänzlich neuen Lebenswandel, ausgeschmückt mit dem Liebreize aller Tugenden, an seine Stelle setzen, da Sünde und Tugend nicht unter einem Dache leben können. Alle guten Werke, welche die Früchte Deiner Beicht sind, bessern zwar Deinen Lebenswandel, aber sie sind ohne Dauer, selbst wenn sie in Tugendübungen bestehen, welche als Gegensätze zu Deinen Begierden von der augenblicklichen Besiegung derselben Zeugniß ablegen. Demnach bleibt die nicht in ihrer vollen Tiefe erkannte Leidenschaft als wankender Grundstein im Herzen zurück, der Deinen Tugendbau untergräbt. Da stürzte des Nachts das Haus ein. Die Nacht ist die Zeit des sorglosen Schlummers. So lebt auch der, welcher eine augenblickliche Dämpfung seiner Leidenschaften mit ihrer völligen Unterjochung verwechselt und wegen der durch die Kürze des Zeitraumes beschränkten Beobachtung verwechseln muß, mit stets geringerer und lauer werdender Wachsamkeit auf die Regungen seiner Seele dahin, indem er ja der Tugend sich ergeben wähnt. — Plötzlich stürzte das Haus ein, d. h. ohne vorheriges Wanken, vielleicht auch ohne äußere Veranlassung. Und plötzlich stürzt Dein unhaltbares Tugendgebäude ein, und die nur schlummernde Leidenschaft erwacht mit erneuter Stärke, ohne daß ein allmäliger Uebergang in Deiner Seele Dich vorbereitete, ohne daß vielleicht eine äußere Gelegenheit Dich lockte. — Und begrub den Eigenthümer unter seinen Trümmern. — O Mensch! Dein Tugendgebäude ist eingestürzt; Deine Seele, vergraben in der Sünde, stirbt den geistigen Tod, vielleicht ohne je wieder zum Leben in Christus zu erwachen, wenn sie in diesem Zustande die leibliche Hülle abstreifen muß. Darum, o Mensch! schlage nicht an die sündige Brust mit dem Ausrufe: Ich habe gesündigt seit vier, sechs oder acht Wochen, sondern sprich: Ich habe gesündigt mein ganzes Leben hindurch, d. h. lege so oft, als Deine Umstände erlauben, eine Geueralbeicht ab! Wenn Du des Jahres zwölfmal beichtest, sollte mindestens Eine Beicht eine Generalbeicht sein. Freiwillige Selbstbestrafung. Eine englische Zeitschrift theilt die nachstehende Anekdote von Kur großen Gelehrten Samuel Johnson mit: Es war im November 1776 bei einem entsetzlichen Wetter, denn es regnete nnd es schneite und es wehrte ein kalter, schneidender Wind. Alle angesehenen Personen der Stadt Lichtfield und der Umgegend hatten sich bei der Gräfin v. L_ versammelt, um mit dem Doctor Johnson zu speisen, der seinen Geburtsort besuchte. Die Stunde der bestimmten Zeit verging und Johnson kam nicht; man wartete zwei Stunden vergeblich und aß 207 endlich ohne ihn. Man hatte bereits den Thee getrunken, es war dunkel geworden und die Gesellschaft wollte sich entfernen, als man den Doctor anmeldete. Er trat ein und sein ungewöhnliches Aussehen fiel sogleich allen Anwesenden auf. Es war nicht mehr jenes stolze, rauhe Wesen, das ihm so viele Feinde zuzog, trotz seiner vortrefflichen Eigenschaften; er sah vielmehr bleich, schwach und ermattet aus; sein Anzug befand sich in großer Unordnung und war mit Schnee und Reis bedeckt. Man sah ihn schweigend an. Er schritt auf die Gräfin zu und sagte: „Gnädige Frau, ich bitte mich zu entschuldigen. Als ich versprach zu Ihnen zu kommen, dachte ich nicht daran, daß heute — der 21. November wäre. Sie verstehen dieß nicht? Nun wohl, ich will es Ihnen erzählen; es wird eine Buße mehr sein. Heute vor vierzig Jahren, am 21. November, sagte mein alter, kranker Vater zu mir: „Samuel, nimm den Wagen, da ich nicht wohl bin, fahre auf den Markt nach Walstall und verkaufe für mich die Bücher in den Laden." Ich, gnädige Frau, thöricht, stolz auf die Kenntnisse, die er mir gegeben, ich, der ich nur das Brod seiner Arbeit gegessen hatte, ich, dem es bisher an Brod gefehlt hatte..., ich weigerte mich. Der Vater drang mit einer Sanftmut!), an die ich jetzt mit dem größten Schmerze denke, in mich und sagte: „Samuel, sei ein guter Sohn, geh', es wäre Schade, einen Markttag einzubüßen." Ich weigerte mich aus thörichtem Stolze fortwährend; da fuhr mein Vater selbst, und es war ein Wetter, wie heute; mein Vater ging und starb wenige Tage nachher." In diesem Augenblicke bedeckte der Doctor mit seinen beiden Händen die Thränen, welche über sein würdevolles Antlitz rannen. Dann fuhr er fort: „Dies geschah vor vierzig Jahren; seitdem komme ich jeden 21. November nach Lichtfield. Den Weg, den ich damals nicht fahren wollte, mache ich zu Fuße und ohne gegessen zu haben, ich bleibe vier Stunden auf dem Markte von Walstall mit unbedecktem Haupte an der Stelle stehen, wo mein Vater dreißig Jahre lang die Bude hatte, die ihn und mich nährte. Es sind seitdem vierzig Jahre vergangen, ich bin älter geworden, als mein Vater war, da er starb, und kann nicht sterben!" Niemand wagte Johnson zu trösten, aber kein Auge blieb bei der rührenden Erzählung des reuigen alten Mannes thränenleer. Gehorche deinen Eltern! Verlaum-ung. Die Verläumdung ist eine Art Mord. Denn dreifach ist unser Leben: das geistige Leben, das in der Gnade Gottes besteht, das körperliche, das durch die Seele gehalten wird, und das bürgerliche, das in Ehre und gutem Rufe seinen Bestand hat. Der Verläumder begeht durch einen einzigen Stich seiner Zunge gewöhnlich drei Mordthaten auf einmal. Er tödtet geistiger Weise seine eigene Seele, raubt demjenigen, den er verläumdet, das bürgerliche Leben, verwundet z tödtlich auch die Seele desjenigen, der ihn anhört. „Denn, wie ein weiser Mann spricht, sowohl der Verläumder, als der Anhörer desselben haben den Teufel bei sich, dem einen sitzt er auf der Zunge, dem andern im Ohr." Oder wie David sagt: „Die Verläumder haben ihre Zungen gespitzt, wie eine Natter." Die Nattern haben eine Gabelzunge mit zwei Spitzen, und mit einer ähnlichen Zunge durchsticht und vergiftet der Verläumder mit Einem Male sowohl den guten Namen desjenigen, von vem er spricht, als auch das Herz desjenigen, der ihn anhört, und es kommt nicht ihm zu Gute, wenn das Herz des Anhörers mit einem edlen Gegengifte bewaffnet ist. Jene nun, welche bei ihren Verläumdungen erst ehrenvolle Vorreden halten oder allerlei Artigkeiten von Liebe und Lob dazwischen bringen, sind die schlauesten und giftigsten Verläumder von allen. Sie sagen zum Beispiel: „Ich habe ihn wirklich recht lieb, oder: ich weiß sonst nichts Uebles von ihm, oder: er ist sonst ein rechtschaffener und gebildeter Mann — aber was wahr ist, ist wahr: in diesem Puncte n. s. w." Wer mit dem Bogen schießen will, zieht, so stark er ist, den Pfeil an sich, aber nur deshalb, damit er ihn mit desto größerer Gewalt abschnelle. Ebenso scheinen auch jene den Pfeil der Verläumdung an sich zu ziehen um desto sicherer Las Herz der Zuhörer zu treffen und desto tiefer in dasselbe einzudringen. Noch grausamer, wenn auch nicht so boshaft, ist diejenige Verläumdung, welche scherzweise vorgebracht wird. Der Schierling ist an und für sich kein schnelles Gift; er wirkt vielmehr ziemlich langsam und kann durch Gegenmittel gehemmt werden; wird er aber mit Wein vermischt, so ist jedes Mittel vergeblich. Eben so bleibt auch die Verläumdung um so fester im Herzen der Anhörer sitzen, wenn sie durch ein witziges oder Lachen erregendes Wort gewürzt wird. Sie ist dann recht eigentlich wie Natterngist, das anfänglich nur einen angenehmen Kitzel erregt, dadurch aber das Herz und die Eingeweide erweitert und sich dann desto tiefer einsaugt. Franz von Sales. Die einfache Antwort. Ein Metzgerbursche Namens Lavoine hat ohnlängst auf dem Weg nach St. Germain eine muthvolle That vollbracht. Ein Ochse hatte sich in einem Anfalle von Wuth auf zwei junge Eheleute gestürzt; er hatte den jungen Mann mit den Hörnern aufgehoben und einen Theil seiner Kleidungsstücke zerrissen, ohne ihn jedoch zu verwunden, und kehrte sich nun gegen die Frau, welche sich hinter einen Baum zu flüchten gesucht hatte; da bewaffnete sich Lavoine mit einem Messer und stieg aus dem Wagen, auf dem er mit drei Kameraden saß. Diese riefen ihm zu: „Du gehst in den Tod!" Lavoine stellte sich, ohne auf sie zu hören, entschlossen gerade vor das wüthende Thier hin; der Ochse, in der Meinung, er könne sich seiner so wie seines früheren Opfers entledigen, stürzte sich auf ihn, aber Lavoine machte eine geschickte Wendung und stieß ihm seine Waffe mit so vieler Kraft und Gewandtheit in das Genick, daß er das Rückenmark traf und das Thier wälzte sich unmittelbar zu den Füßen seines Siegers. Dieses unerwartete Gefecht währte nicht länger als drei Minuten, und als das junge Paar sich in Ausdrücken des Dankes gegen seinen Befreier ergoß und Jedermann wiederholte, er habe eine Heldenthat gethan, antwortete Lavoine bescheiden: „Habe ich eine gute That begangen, so wird mir die Vorsehung sie einst lohnen!" Heilige Stimmen. O unfruchtbare Seele, was thust du? Was List du so träge, sündhafte Seele! Der Tag des Gerichtes kommt, nahe ist der große Tag des Herrn, nahe und sehr nahe. Der Tag des Zornes, jener Tag! Der Tag der Trübsal und der Angst! Der Tag des Unglücks und des Elends! Der Tag der Finsterniß und der Dunkelheit! Der Tag des Nebels und des Sturmes! Der Tag der Posaune und des Tones! O bittere Stimmen des Tages des Herrn! Was schläfst du, laue und des Ausschüttens Werthe Seele? Was schläfst du? Wer nicht aufwacht, wer nicht zittert bei solchem Donner, der schläft nicht, sondern ist todt. H. Anselm. Redaction und Bcrlag: M. Hutttcr. — Druck von I. M. Klcinle. ST 1. Juli 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur AugSburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Das Manna. 0. Eine der lehrreichsten Geschichten des alten Testamentes ist jene des Himmelsbrodes. Der Herr hatte den Kindern Israels über's Meer geholfen nnd sie in die Wüste geführt. Eine Wüste nun ist eine Strecke Landes, unfruchtbar und unbewohnt. Daher bietet sie den Reisenden leine Nahrung, und die Kinder Israels empfanden Lies bald, nachdem sie die aus Aegypten mitgenommenen Vorräthe aufgezehrt hatten. Allein Gott sorgt für die Seinen. Er ließ ihnen Brod vom Himmel thauen, und sättigte sie mit dieser Speise, welche sie das Himmelsbrod, Manna, nannten, auf ihrem langen Zuge durch die Wüste. — Gewiß! — rief Clara, nachdem sie der erzählenden Mutter aufmerksam zugehört, — hatten die Kinder Israels vertrauensvoll zu Gott in ihrer Noth gebetet, weil er sie so wunderbar errettet, und ihm für seine Hilfe im Herzen und im Wandel gedankt. Nein, mein Kind! Im Elende murrten sie und wünschten sich die Fleischtöpfe Aegyptens zurück. Nnd als sie das Brod hatten, rissen es die Gewalt- thätigeren an sich und wollten die Schwächeren darben lassen. Später selbst war ihnen das Himmelsbrod verleidet, nnd es gelüstete sie nach Fleisch. Die Undankbaren! Sie hatten Brod für lange Zeit und brauchten nicht zu arbeiten. Wie mancher arme Mann, der nicht murrt, Gott gerne danken würde, muß sich abplagen nnd darbt am täglichen Brode! Was schließest Du daraus? Der Schluß liegt nahe. Fast möchte man sagen: Gott ist liebevoll gegen die, welche ihn verlassen, und verläßt jene, welche ihm liebevoll anhangen. Du hast dem ersten Anscheine nach nicht ganz unrecht. Wie, Mutter!? Ich sage: auf den ersten Anblick! Betrachte viele Reichen! Sie gehören zu jenen, welchen gleichsam das Brod vom Himmel regnet, indem sie bei geringer oder gar keiner Arbeit Ueberfluß haben an Allem. Sind sie nicht, wie die Kinder Israels? Sie murren gegen Gott, vergessen seiner und beten das goldene Kalb des Mammons an. Unzufrieden mit ihrem Ueberflusse jagen sie nach Mehreren:. Und Gott gibt ihnen mit vollen Händen. Doch mancher Arme? Du hast vorhin in wenigen Zügen sein Bild selbst entworfen. — Wohin nun wirst Du einen zweiten, tiefern Blick richten müssen, diesen Widerspruch zu lösen, diese Gegensätze auszugleichen? Nach dem Himmel. Recht so, meine Clara! Doch nicht ausschließlich nach ihm als dem Throne des Herrn, sondern auch nach ihm als der künftigen Wohnung der vor Gott treu Befundenen, zu welchen der vertrauensvolle Arme, doch nicht der undankbare Reiche zählt. Wohl wahr, liebe Mutter! Aber Du selbst hast nur von vielen undankbaren Reichen und manchen vertrauensvollen Armen gesprochen. Allerdings. Was meinst Du damit? Es muß also auch dankbare Reiche und Vertrauenslose Arme geben? Unzweifelhaft. Da nun die Dankbaren und Vertrauensvollen treu befunden werden vor Gott, so müssen dankbare Reiche in den Himmel kommen, vertrauenslvse Arme von demselben ausgeschlossen bleiben? Gewiß. Armuth und Reichthum sind demnach nicht die Förderungs- oder Hinderungs- mitte! des Himmelreichs? Wenigstens nicht ausschließlich und nicht nothwendig. So könnte Gott Armuth und Reichthum ausgleichen oder aufheben, indem er wiederum Manna vom Himmel regnen ließe für die ganze Dauer unserer Lebensreise. Die Mutter konnte sich eines Lächelns über die ausgesuchte Spitzfindigkeit Clarens nicht erwehren. Gleich zu Anfange hatte sie das Ziel der Einwürfe erkannt, und beschloß nun, ihre Tochter auf die einfachste Weise von ihren Abwegen zurückzuführen. — Das könnte Gott freilich — gab sie scheinbar zu — um so mehr, da er auch, wie bei den Jsraeliten, uns nur einen Moses zu senden brauchte, welcher das gesammelte Brod unter Alle nach Bedarf vertheilen müßte. Nichts destoweniger würden wir einen der schönsten Genüsse des Christenthums verlieren. Der wäre? Das Gebet des Herrn so recht aus Herzensgründe, — versetzte die Mutter. Oder könntest Du beten: Unser tägliches Brod gib uns heute! die vierte Bitte dieses herrlichen Gebetes? Warum denn nicht? Du selbst hast der Jsraeliten Aufenthalt in der Wüste mit unserer Reise durch das Leben verglichen. Wenn wir nun Manna oder ausreichenden Bedarf hätten für das ganze Leben, warum dann noch Gott Tag für Tag um das bitten, was er uns schon auf immer gewährt hat? — Glaubst Du: wir wären nicht minder undankbar, wie die Kinder Israels; trachteten nicht minder nach Mehrerem, unzufrieden mit dem Genug? Ich glaube nicht, liebe Mutter! das Christenthum hat uns veredelt. Bist auch Du Christin? Mutter! Du fragst sonderbar. Du bist verwundert. Wo ist denn Deine Veredlung durch das Christenthum? Du setzest Dich zu Tische und hast vorher Gott kaum oberflächlich mit den Lippen gedankt. Du möchtest mehrere und bessere Speisen genießen. Du stehst auf und betest zerstreut, Deiner unerehrbietigen Stellung nach zu urtheilen. Der Mutter aber gedenkest Du gar nicht. Dem Mädchen traten Thränen in die Augen. Weßhalb thust Du dies? Mutter! Ich weiß nicht. Gewiß geschieht es nicht aus bösem Herzen. Aber siehe! Mit der Essenszeit kommt das Essen wie von selbst. Ich möchte sagen: es regnet vom Himmel. Würdest Du ernstlicher darüber nachdenken, so müßtest Du erkennen, daß es Dir Gott durch Deine Mutter bescheert. Was nun in den Kinderjahren Gleichgiltigkeit ist, das wird in reifern Jahren Herzensbosheit. — Wann indeß Hast Du mich doch um Essen gebeten? So oft mich hungerte und Du mich darben ließest. Wann geschah dies? 211 Sobald ich mich gegen Deine Vorschriften verfehlt hatte. Schöpfe aus dem bisher Gesagten zwei Lehren! einmal: der vertrauensvolle Arme betet zu Gott aus brünstiger Seele: Unser tägliches Brod gib uns heute! weil seiner Bitte auch Wahrheit, nämlich Mangel und nicht allein demüthige Erkenntniß der gewährenden Vaterhuld zu Grunde liegt. Der Reiche ferner, dessen Herz noch nicht verhärtet ist gegen jede bessere Empfindung, wird durch zeitweises Entbehren des irdischen Wohlseins von seinen Abirrungen zurüü- geleitet auf den Weg der Wahrheit. Unter dem täglichen Brode begreifen wir nicht nur Speise und Trank, sondern auch die Sorge für alles Irdische. Wenn aber Gott die aufrichtige Bitte des Armen oder Reichen in der Stunde der Prüfung um das tägliche Brod nicht erhört? Erinnerst Du Dich nicht — fragte die Mutter dagegen — einer Zeit, wo Du klagtest: es hungere Dich gar sehr, und dennoch gab ich Dir nichts oder wenig zu essen? Als ich krank gewesen und mich auf dem Wege der Genesung befand. Wohl, mein Kind! Weßhalb — glaubst Du — geschah dieses? Der Arzt hatte gesagt: Das geringste Speisenübermaaß könnte mir tödt- lich, mindestens höchst gefährlich sein. Doch als Du völlig hergestellt warst? Da durfte ich wieder essen und trinken, bis ich gesättigt war. So, liebe Clara! würde das geringste Maß oder Uebermaß irdischen Wohlseins diesem Armen, jenem Reichen gefährlich sein für das geistige Heil. Der Vater im Himmel sieht dies voraus, und deßhalb versagt er dem Kind, die Gewährung der zur Zeit thörichten Bitte. Hat nun der Geprüfte durch sein Leiden das Maß der Kräftigung erhalten, welches nöthig ist, zur Ertragung selbst eines bescheidenen Glückes; dann erhört Gott die durch diese Kräftigung des Bittenden jetzt weise gewordenen Bitte. Wie aber, wenn der Geprüfte dieses Maß der Kräftigung nie erreicht? Dann besckließt oft die göttliche Vorsehung über Jenen immerwährendes Leid, dessen Seele in der Freude zu Grunde gehen würde. Jetzt ersässe ich die Seligkeit der Noth- und Kummerleidenden. Es ist die Seligkeit der Zukunft. Wie unglücklich aber sind jene Reichen, bei denen die Bitte um das tägliche Brod wirklich nur eine demüthige Anerkennung der gewährenden Vaterhuld und nicht wahrhafte Bitte wäre! Ihr Leichtsinn, der das Beten vergißt, ist strafbar, aber doch verzeihlich! , Begreifen wir, liebe Clara! unter dem täglichen Brode, wie schon bemerkt, unser ganzes irdisches Wohlsein, dann ist kein Reicher, kein Glücklicher auf Erden, der nicht täglich diese Bitte aus Herzensgründe zu Gott richten dürfte. Läßt der Schöpfer einem Reichen bei kleinerem Leiden ein größeres Maß der Freude und versteht dieser scheinbar Glückliche das Maß nicht zu nützen für sein und seiner Mitmenschen Heil; dann dürfen wir annehmen, daß ihn Gott nicht Werth befunden der zukünftigen Seligkeit und ihn deßhalb genießen lasse die Seligkeit der Gegenwart. Im Ganzen, gute Mutter! haben die Jsraeliten doch den Vorzug vor den Christen, daß ihnen Gott einst das Brod vom Himmel regnen ließ. Das Brod des Leibes, ja. Bei der Nahrung der Seele verhält es sich umgekehrt. Die Juden hatten nur Eine Bundeslade, nur Ein Allerheiligstes. Den Christen regnet das Brod des Lebens in zahllosen Kirchen durch die Unterweisungen zahlloser Geistlicher gleichsam vom Himmel. — Worin, glaubst Du, gleichen wir den Kindern Israels? Die Jsraeliten wurden des Himmelsbrodes satt und sehnten sich nach den Fleischtöpfen Aegyptens. Auch wir verachten das Himmelbrod, welches wir kaum oder nicht gekostet haben, und begehren die Fleischtöpfe der Welt und Sinneslust. Wir Thoren wollen lieber Knechtschaft und Genuß, als Freiheit und Selbstverläugnung. Die Gebetstunde.*) Das Fronleichnamsfest ist ein Massenzeugniß der katholischen Welt für den Glauben an die wirkliche, wahrhafte und wesentliche Gegenwart Jesu Christi im allerheil. Sacramente des Altares.. Diesem lauten, feierlichen, allgemeinen Bekenntniß des Glaubens gegenüber steht das Einzelzeugniß einer gott liebenden Seele. Wir wollen einen betrachteden Blick auf dieses Zeugniß werfen und das Gemälde vor unseren Augen entrollen, wie sich das Einzel gebet eines kathol. Christen in der Stille und Einsamkeit gestaltet, eines jener Stundengete, welches die Glieder des Vereines zur beständigen Anbetung des allerheil. Sacramentes gelobt haben. Ist die Fronleichnamsfeier wie ein Frühlingsfesttag, der tausend Blumen aus der frischerquickten Erde hervorlockt; wie Sonnenschein, der die jubelnde Stimme der Vögelein im Walde wach ruft: so ist das Einzelgebet wie ein duftendes Veilchen, das im hohen Grase verborgen blüht, oder wie eine seltene Blume, die von kundiger Hand im Wohnzimmer gepflegt selbst im Winter erblüht, und wenn auch nur von Wenigen gekannt, doch diese um so mehr entzückt. Was am schillernden Glänze und äußern Pompe, was am lauthintönenden Jubelgesang abgeht, das ist reichlich durch die Glut der Gottesliebe, durch die Innigkeit der Glaubenstreue ersetzt. Hier zeigt es sich wahrhaft, daß das Gebet der Lebensodem der Seele ist, und daß sich der Christ anf den Flügeln der Andacht von der Erdenschwere loslösen nnd in den Himmel erheben kann. Stellen wir aber die Annahme voraus, jene fromme Seele, welche das Stundengebet zu halten hat, sei in ihren äußeren Lebensverhältnissen unabhängig und sie könne ungestört und ungehindert nach ihrem Sinne in ihrem Gemache der Andacht obliegen, und nehmen wir ferner an, die Gebetstunde treffe in der eilften Stunde zur Nachtzeit ein. Schon der vorausgehende Vormittag findet die fromme Seele in einer religiös aufgeregteren Stimmung, der Tag hat für sie eine gewisse Feierlichkeit, und wenn es anders möglich zu machen war, empfing sie am Morgen die heil. Sacramente der Buße und des Altares, um zu ihrem Engelsgeschäfte in der Nacht ein Gott wohlgefälliges Herz mitzubringen. Lange bevor die bestimmte Stunde hereinbricht, ist mit einer eigenen ängstlichen Sorgfalt der Betaltar schon geordnet, das Cruzifix ist mit Blumen geschmückt, die Lichter sind hergerichtet, das Gebetbuch, der Rosenkranz ist bereitet. Zu Hause näml'.ch in ihrem stillen, verschwiegenen Kämmerlein wird sie die Gebetstunde halten, denn das Haus Gottes ist um diese nächtliche Stunde verschlossen, das allerheil. Sacrament ist im dunklen Tabernakel verborgen und nur ein sanftes Ampellicht vor demselben deutet dort mit leisem Schimmer auf die Gegewart jenes geheimnißvollen ewigen Lichtes, das zugleich die Wahrheit, der Weg und das Leben ist. Der Frieden und die Stille der Nacht breitet sich immer dunkler über die Erde aus und ringsum versinkt alles in Schlaf und Ruhe, doch das Vereins- initglied wacht noch mit Hellem Auge und horcht auf den Schlag der sich nähern- *) Die Mitglieder des „V er ein es zur beständigen Anbetung des allerh eiligsten Sacramentes" wählen sich bekanntlich „in jedem Monate eine stündliche Anbetung des hochwürdigsten Gutes." („Der kath. Christ" 1859. II. 139^) Diese Stunde ist eine Stunde der ungetrübtesten Freude und, wir wollen es zuversichtlich hoffen, auch eine Stunde der Gnade. 213 den Stunde. Da werden die Lichter an dem Betschämel angezündet und unwillkürlich denkt die Seele an jenes Mitglied, dessen Gebet nun zu Ende geht. Sie weiß nicht, wer dies sei, ob der hochwürdigste Bischof, oder ein anderer Priester, oder ein Laie, ob eine Frau oder ein Mann, ob eine vornehme Dame oder eine Magd; sie weiß nur das eine, daß der Ruf „Heilig" in dieser Stadt nicht verstummen soll und daß sie selbst denselben alsogleich fortsetzen wird, sobald er auf anderer Lippe zu Ende ging. Horch! da schlägt die eilfte Stunde; und beim ersten Schlage sinkt die christliche Seele auf die Kniee, bezeichnet sich mit dem heil. Kreuze, neigt das Haupt, faltet die Hände und stellt sich in die Gegenwart Gottes, in die Gegenwart des allerheil. Altarssacramentes; dann hebt sie leise, leise zu beten an: „Heilig, heilig, heilig, Herr Gott Sabaoth, Himmel und Erde sind deiner Herrlichkeit voll! — Hochgelobt und gebenedeit sei ohne End" — Jesus Christus im allerheiligsten Altarssacrament!" Wahrhaftig! bei diesem Rufe bebt ein heiliger Schauer durch das Gebein, das Herz erzittert und pocht fast mit lautem Schlage, der Geist fühlt die Nähe der heiligen Gottheit; denn es geschieht, was die heil. Schrift sagt: „Alsbald wird zu seinem Tempel kommen der Herrscher, den ihr suchet, und der Engel des Bundes, nach dem ihr verlanget." — Wie! eines Menschen Kind, ein sündhaftes Menschenherz wagt es, in den himmlischen Lobgesang der Cherubim und Seraphim am Throne des Lammes seine irdische Stimme hineinzumischen! Ein Erdensohn wagt es, dasselbe Wort zu sagen, was die Engel im Himmel nur zitternd aussprechcn, das Wort, den Namen, bei dem sich alle Kniee beugen sollen im Himmel, auf der Erde und unter der Erde! Ja, der katholische Christ wagt es und er darf es; er darf sein Auge zum Himmel aufschlagen, denn der Sohn Gottes selbst, der gekreuzigte Heiland hat ihm die Pforten des Himmels erschlossen. „Wenn ich werde erhöhet sein" — sprach er — „werde ich alle an mich ziehen." Und so blickt die gläubige Seele auf zu dem Herrn mit Entzücken, mit vertrauensvoll ergebenem Herzen, denn sieh! der Heiland ist in den Himmel erhöht, er zieht >— zieht jetzt die betende Seele an sich, daß nun mit größerer Glut, mit wachsender Begeisterung von den zitternden Lippen das Wort fließt: „Heilig, heilig, heilig, Herr Gott Sabaoth!" Und sieh! der entzückte Geist weilt nicht mehr eingeschlossen in die enge Kammer, er fliegt hinaus zur Kirche, er weilt vor dem Hochaltare, er liegt auf den Knieen vor dem Altarssacramente. Doch sieht er das Haus Gottes nicht in's nächtliche Dunkel gehüllt, er schaut es in seiner Herrlichkeit; im hellen Lichterkranze strahlt der Altar; das silberweise Brod des Lebens leuchtet herab aus der goldenen Monstranze. Da neigt sich der Christ tief zur Erde und vergeht fast in stiller, stummer Anbetung; die Worte versagen ihm, nur seufzen, nur weinen kann er, weinen vor Freude. Die Macht des heil. Geheimnisses ist über die andächtige Seele hereingedrungen und hat sie bewältigt. Sie denkt nichts, als den Gedanken der unendlichen Güte des Sohnes Gottes, der nicht bloß sterben wollte für uns, sondern auch leben; der nicht bloß lebt für uns, sondern auch wohnt unter uns; der nicht nur wohnt unter uns, sondern uns auch nährt zum- ewigen Leben, daß nicht wir leben, sondern Christus in uns. — O unbegreifliche, unendliche Gnade! „Heilig, heilig, heilig! Hosianna in der Höhe! Gepriesen sei, der da kömmt im Namen des Herrn! Hosianna!" Und sieh! der Geist wandert auf den Flügeln der begeisterten Andacht hinaus, höher hinauf zum Himmel; er blickt in den Himmel, den geöffneten Himmel. Das liebende Herz wird weit, so weit — es öffnet sich mit allen seinen Poren, es möchte den Himmel in sich hiueinsaugen und ihn nimmer lassen, denn es sieht darin seinen Heiland, den süßen Heiland, Jesus Christus. 214 O wie beflügelt wird nun der Athem des Gebetes! o wie steigt es rasch auf zum Himmel, unablässig, wie der Springbrunnen eines Ziergartens, unablässig, wie der Duft einer Frühlingsblüthe. Minute um Minute fließt und mit ihr die Lebensseufzer und die Thränen heiliger Rührung. O mein Gott, wie lieb bist du und wie entzückend ist deine Gnade! Nun entströmt begeistert die Litanei zu Ehren des allerheil. Sacramentes und alle ihre süßen Liebesworte, nun folgt Gebet auf Gebet ohne Rast, ohne Ruhe; aber wer wollte, wer könnte sie alle aufzählen, die Gebete, welche eine gottbegeisterte Seele zu ihrem Gott emporzuschicken versteht. — Und doch müssen wir eines Gebetes noch erwähnen, eines Gebetes von ergreifender echt katholischer Bedeutung. Die christliche Seele betet nämlich nicht für sich allein; so eben hat sie alle Mitglieder des Vereines, so eben alle ihre Theuren im Leben und dann alle katholische Christen in ihr Gebet eingeschlossen. Doch welcher Gedanke steigt nun in ihr auf, wie eine schwere Gewitterwolke am reinen Abendhimmel. Er preßt bittere Thränenperlen aus, die schwer über die Wange rollen und die Stätte netzen. Ja, die fromme Seele weint Thränen des Schmerzes, denn sie gedenkt in tiefer Reue und Zerknirschung ihrer eigenen Sünden und ach! der Sünden ihrer Mitchristen. Sie sieht im Geiste das allerheil. Sacrament von Vielen, ach! von sehr Vielen vergessen, mißachtet, verunehrt, gelästert. Mit glühender Liebe bittet sie dem Erlöser all' diese Wunden, all' diese Geißelhiebe, all' diese Stacheln der Dornenkrone ab, bittet um Gnade für seine Feinde, um die Gnade der Erkenntniß, Reue, Buße und Besserung. — O könnte sie mit ihren Thränen und Seufzern auch nur die fremde Schuld tilgen uud auslöschen! Die katholische Seele betet nicht für sich allein, Ihr Blick und ihr Gebet wendet sich auch denen zu, die sich selbst nicht mehr helfen können. Mit inniger Theilnahme empfindet sie in der Tiefe ihres Herzens die Sehnsucht der armen Seelen im Fegefeuer nach Erlösung. Sie sieht gleichsam die Hände derselben flehend nach oben gestreckt, sie hört die unaufhörlichen Seufzer um Erretung aus dem Orte der Büßung. Ach! wer, mit einem christlichen Herzen in der Brust, sollte jener Lieben und Theuren vergessen, die uns im Tode vorausgingen, wer sollte derer vergessen, welchen wir am schauerlichen Grabe ein thränenvolles „ruhe im Fieden" nachriefen. Ruhe im Frieden des ewigen Lichtes, Ruhe in Gott! wann kann diese Bitte wohl kräftiger wirken, als wenn sie in der Anbetung des allerheil. Altarssacramentes gestellt wird, das ja eben ein Unterpfand dieses Friedens ist, erkauft mit dem kostbaren Blute des Heilandes. O möge die Bitte um Gnade gesegnet sein! So betet das fromme Vereinsmitglied und unter solchen Gebeten entschwindet die Stunde — wie ein Augenblick. Es schlägt zwölf Uhr: die Lichter verlöschen; das Gebet ist beendet. Während in einem anderen Hause mittlerweile ein anderes Vereinsmitglied seine Gebetstunde beginnt, sinkt hier der Christ, zufrieden über das treu vollbrachte Tagewerk, in die Arme des Schlafes. Der heil. Schutzengel aber wacht über dem Schlafe des Gerechten. Vormals und Jetzt. Das Bonifacius-Blatt entwirft in Nr. 1 d, I., um einige Anregung zu geben zur Betheiligung an dem Werke, welches der nach dem Apostel Deutschlands benannte Verein sich vorgesetzt hat, ein kleines Bild von der kirchlichen Vergangenheit desjenigen Theiles unseres deutschen Vaterlandes, welchem der Bonifacius-Verein seine Aufmerksamkeit und Fürsorge vornehmlich widmet. Die Armuth und Noth, in welcher dort die Kirche gegenwärtig sich befindet, tritt 215 um so greller hervor, wenn man sie vergleicht mit der glänzenden Lage und Stellung, deren sie sich in den nämlichen Gegenden ehemals erfreute. Wir meinen die Landstriche in Mitte des nördlichen Deutschlands, wo, wie das gegenwärtige Bedürfniß, so auch der Unterschied zwischen Vormals und Jetzt am augenfälligsten sich zeigt. In dem weiten Gebiete, welches im Süden von der obern Werra, dem Thüringer Walde und Erzgebirge, — im Osten von der Neisse und der untern Oder, — im Norden von der Ostsee und der Eider — und im Westen von der Weser begränzt wird, besteht gegenwärtig nur ein einziger Bischofssitz, nämlich zu Hildesheim; die Katholiken, welche nicht zu diesem Bisthum gehören, sind theils den ziemlich entlegenen bischöflichen Kirchen von Paderborn, Fulda und Brcslau, theils den apostolischen Vicarien zu München, Dresden und Osnabrück überwiesen. Die Diözese Paderborn allein hat in ihrem sächsischen Antheile Bruchstücke von nicht weniger als acht nunmehr eingegangenen Bisthümern; und an Orten, wo vor Zeiten um die bischöfliche Kathedrale mit ihrem zahlreichen Klerus eine beträchtliche Zahl von andern Stifts- oder Klosterkirchen und Psarr- gemeinden sich reiheten. trifft man dermalen in mehr als einem Falle nur eine nothdürftig ausgestattete katholische Capclle oder auch nicht einmal diese, sondern nur ein zikr Abhaltung des katholischen Gottesdienstes gemiethetes Zimmer. Wenden wir uns dagegen um vier bis fünf Jahrhunderte oder noch weiter in der Geschichte zurück: — welch' einen ganz andern Anblick gewährt uns da der äußere Stand der Kirche in jener Gegend! — Da finden wir zunächst, fast im Mittelpuncte des vorher bezeichneten Ländereomplexes, das Erz bisthum Magdeburg — gegründet im Jahre 968 durch Kaiser Otto l- —, dessen erster Oberhirt jener Adalbert war, den der nämliche Kaiser nicht lange vorher an die Ufer des Dniepr nach Kiew entsandte, um auf den Wunsch der russischen Großfürstin Olga unter ihrem Volke als Apostel des christlichen Glaubens zu wirken. Nach ihm waren Tagino (dem sein Freund, der heilige Wolfgang von RegenZburg auf dem Sterbebette diese Erhebung vorher verkündigt hatte), Hunfried aus dem Burkaroskloster zu Wüczburg, Werner, ein Bruder des h. Anno ll. von Köln, ganz besonders aber der hl. Norbert (Stifter des Prämonstratenser-Ordens, 1134). so wie weiterhin Theodor ich, vordem Bischof von Minden (si 1367), und Friedrich (fi 1464) Zierden dieses Erzstuhles gewesen. Noch steht als ein beredter Zeuge des einstigen Glanzes dieser bereits in den Stürmen der Reformation und später vollends durch die Bestimmungen des Westfälischen Friedens der Säcularisation anheimgefallenen Metropole der herrliche (nunmehr Protest.) Dom, welcher, nachdem vier Generationen daran gebaut, von dem obengenannten Theodorich in Anwesenheit zahlreicher Bischöfe, Aebte und weltlicher Großen im Jahre 1363 eingeweiht wurde. Diesem erzbischöflichen Stuhle waren fünf Diözesen als Suffraganbis- thümer untergeordnet: Brandenburg, Havelberg, Meissen, Merseburg, Naumburg. Die beiden erstgenannten Bischofssitze, von Otto l- 946 errichtet und bis zum Jahre 968 vor der Hand der Mainzer Kirchenprovinz zugehörig, bildeten, weil am meisten nach Osten und jenseits der Elbe gelegen, lange Zeit hindurch gewissermaßen die am weitesten vorgeschobenen Gränzwachen christlichgermanischer Cultur dem slavischen Heidenthum gegenüber; freilich vermochten sie, immer aufs Neue von Osten her bedrängt, fast zwei Jahrhunderte lang kaum sich zu behaupten; erst mit dem Auftreten des Markgrafen Albrecht des Bären in der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts wurde die deutsche Herrschaft und damit zugleich die Existenz dieser Bisthümer sichergestellt. Havelberg sah sogleich in Anselm, dem Bruder des Markgrafen und vertrauten Freunde des heil. Bernard von Clairvaux, seinen berühmtesten Bischof. Bewandert nicht nur in den geistlichen Wissenschaften, sondern namentlich auch in der griechischen Sprache, wurde er sowohl vom Kaiser Lothar, wie von Friedrich Barbarossa mit einer Gesandt- schaft nach Constantinvpel betraut; und dieser letztere Kaiser war es gleichfalls, der in dankbarer Anerkennung der durch Anselm ihm geleisteten Dienste dessen Berufung auf den erzbischöflichen Stuhl von Ravenna bewirkte. — Die mehr nach Süden, am linken Elbufer gelegene feste Stadt Meissen von Heinrich dem Finkler erbaut, hatte gleichzeitig mit Magdeburg durch Otto's 1 Vermittlung einen Bischofssitz mit einem weit ausgedehnten Spreugel erhalten, welcher im Westen bis an die Mulde und im Osten bis an die Oder sich erstreckte und also einen großen Theil des jetzigen Königreichs Sachsen, sowie der preußischen Provinz Schlesien umfaßte. Treu und gewissenhaft hatten die ersten Bischöfe von Meissen, namentlich Jdo und der heilige Benno die Absicht, welche dem Stifter ihrer Kirche vorschwebt, zu e reichen und die Herrschaft des Christenthums unter den Slaven nach Osten und Süd-Osten zu verbreiten und zu befestigen gestrebt; mit zahlreichen Schöpfungen christlicher Frömmigkeit und Barmherzigkeit hatten auch deren spätere Nachfolger ihre Regierung bezeichnet; aber — merkwürdiges Verhängniß — der Meissener Bischofsstuhl und mit ihm beinahe sämmtliche frommen Stiftungen, welche dessen seitherige Inhaber in's Leben gerufen, sollten fast in dem nämlichen Augenblicke zusammenstürzen, als die Tugenden und Verdienste des ausgezeichnetsten Meissener Bischofs, des heil. Benno, durch dessen 'vom Papste Hadrian VI- im Jahre 1523 vorgenommene Canonisation ihre feierliche Anerkennung und Aussprache fanden*). Das Bisthum, dessen Sitz nach Stolpen und dann nach Würzen verlegt worden war und an diesen Orten noch eine Weile seine Existenz gefristet hatte, ging bereits zwei Jahrzehnte vor dem Anfange des siebenzehnten Jahrhunderts vollständig ein; und von den vielen Stiftern und Klöstern, welche ehedem in diesen Gegenden blühten, haben nur drei durch alle Stürme der Reformations- und der folgenden Zeit hindurch glücklich bis aus den heutigen Tag sich erhalten. Es sind die in der sächsischen Lausitz gelegenen Nonnenklöster Marienthal und Marienstern, und in dem nämlichen Landestheile das Domstift zu Bautzen, durch die Bemühungen des Domdecans Leisen tritt (7 1586) für den Katholicismus gerettet. (Schluß folgt.) Die letzten Stunden eines gläubigen Bekenners Christi. Carl V 1 !I., König von Frankreich, besichtigte das Schloß Amboise, welches er aufbauen ließ. In Folge einer starken Verletzung, die er am Kopfe erlitt, > als er schnell durch eine sehr niedrige Thüre dieses Gebäudes schreiten wollte, fiel er rücklings in der Gallerie nieder, durch die er mit der Königin gegangen ^ war. Die Kopfw unde erwies sich als tödtlich, und man legte den bewußtlosen König auf einen armseligen Strohsack, der das Eigenthum eines der dort arbeitenden Maurer gewesen; und auf diesem elenden Lager harrte der Herrscher Frankreichs seinem letzten Stündlein entgegen. Dreimal gewann er die Sprache und dreimal rief er aus: Mein Gott! Du glorreiche Jungfrau Maria! Mein heiliger Claudius und Blasius! Stehet mir bei!" Und erst Abends um neun Uhr erschien seine Seele vor Gottes Thron in der Ewigkeit! — Die Königin aber knieete neben der Leiche, rang die Hände und rief: „Was ist der Mensch ? ! — , Was ist ein König?! — Alles ist Eitelkeit der Eitelkeiten!!" *) Luther veröffentlichte bei diesem Anlaß die Schrift: „Wider den neuen Abgott und alten Teufel, der zu Meissen soll erhoben werden." — Gegenwärtig ruhen die Reliquien deS b. Benno in der Domkirche zu München, wohin sie schon einige Jahrzehnte nach der Einführung der Reformation in Meissen auf Anstehen des damaligen Herzogs von Bayern gebracht wurven. Redaction unv Ncrlag: Dr. M. Hutttcr. — Druck uou.J. M. ÄleiNIc. 4 Zr. S8. 8. Juli 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonncmentsprcis ist 2tt kr», wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Vormals und Jetzt. (Schluß.) Merseburg, das westliche Nachbarbisthum von Meisten, ebenfalls eine Stiftung Otto's I., weiset uns in der Reihenfolge seiner Oberhirtcn die berühmten Namen Dietmar, Werner, Thilo u. A. auf; — der erstgenannte, ein Mann von höchst edlem und liebenswürdigem Charakter und tiefer Frömmigkeit, die sich auch in den acht Büchern der von ihm verfaßten Chronik abspiegeln; der andere bekannt durch die Kämpfe, welche er gegenüber dem Kaiser Heinrich IV. zu bestehen hatte, und von segenreichem Einflüsse auch für spätere Jahrhunderte als Gründer des Benedictinerklosters zum hl. Petrus; der dritte, in der letzten Hälfte des fünfzehnten und dem Anfange des sechszehtcn Jahrhunderts (im Ganzen achtundvierzig Jahre lang) regierend, war gewissermaßen dazu bestimmt, wie eine prächtig leuchtende Abendsonne über die Kirche von Merseburg noch einmal den schönsten Glanz zu verbreiten, ehe das Licht des wahren Glaubens aus derselben gänzlich entschwand. Noch ein fünftes Suffragan-Bisthum von Magdeburg hatte Kaiser Otto l. innerhalb des oben umschriebenen Territoriums *) im Südwesten des Merseburger Sprengels errichtet und demselben Zeitz (an der Elster) als Sitz angewiesen. Indeß bereits der vierte Bischof dieser Diözese, Hildeward, verlegte mit Genehmigung des Papstes Johann XX und des Kaisers Conrad II. die bischöfliche Residenz nach Naumburg an der Saale, als einer sicherer gelegenen und feindlichen Ueber- fällen weniger ausgesetzten Stadt. In dem majestätischen Dome, dessen Ban besonders der Bischof Dietrich II-, Nachfolger des Verdienstreichen Engelhard (j- 1242) betrieb, erblickt man unter andern Erinnerungen an die katholische Zeit auch noch das Bild des letzten katholischen Bischofs, des wackern Julius von Pflug (1- 1564). Außer der Metropole Magdeburg mit den genannten fünf Suffragan-Bis- thümern bestand während des Mittelalters in dem hier in Rede stehenden Theile des nördlichen Deutschlands noch eine andere Kirchenprovinz, deren Gebiet übrigens in westlicher und noch mehr in nördlicher Richtung (zeitweilig auch nach Osten) sich über die Gränzen hinauscrstrcckte, welche wir uns abgesteckt haben. Es ist die erzbischöfliche Kirche von Hamburg-Bremen mit ihren Suffraganen: Lübeck, Schwerin, Ratzeburg; von dem jenseits der Eider gelegenen Schleswig rc. sehen wir ab. Sogleich von der Zeit an, wo der h. Ansgar als erster Erzbischof den vereinigten Kirchen Hamburg und Bremen vorgesetzt wurde, erlangte dieses Erzbisthum eine hervorragende und angesehene Stellung; die Kirche des „Apostels des Nordens" erschien wie von selber zur Metropole des Nordens bestimmt und erwies sich auch in der That als eine solche durch die eifrige Be- *) Eine sechste, jedoch außerhalb des hier uns beschäftigendcnDistrictS giegene Sussragan- kirchc von Magdeburg war Posen, welches aber späterhin zu der polnischen Metropole Gnescn sich hielt. Heiligung ihrer Oberhirten an der Begründung des Christenthums und der Ordnung des Kirchenwesens in Dänemark, Schweden, Norwegen; selbst für das ferne Island wurde der erste ständige Bischof, Jslcf, im Jahre 1056 durch Adal- bert von Bremen geweiht. Ebenso ist bekannt, wie nicht allein dieser Adalbert, sondern bereits seine Vorgänger einen wesentlichen Antheil an den Angelegenheiten des deutschen Reichs und seiner Nachbarländer genommen haben. Erz- bischof Adalach war ein vertrauter Freund des Kaisers Otto 1- und zog mit diesem nach Rom; bei ihm verlebte auch der Papst Benedict V., an der Fortführung des Pontificats durch den mächtigen Herrscher gehindert, den Rest seiner Lage. — Der Glanz und Einfluß, welchen die Erzbischöfe von Hamburg-Bremen durch die Errichtung eigener Metropolitanstühle in Scandinavien (zu Lund, ilpsala und Drontheim) und die Verbindung der ältern, sowie der jüngern bischöflichen Kirchen dieser Länder mit letztem allmälig im Norden verloren, wurde ihnen wiederersetzt durch die Erweiterung ihres Metropolitansprengels nach Osten. Schon Otto l. hatte zu Aldenburg (oder Oldenburg — im äußersten Nordosten des heutigen Holstein) ein Bisthnm gegründet, welches aber fast zweihundert Jahre hindurch das (früher erwähnte) Schicksal seines südlichen Nachbar- bisthums Havelberg theilen mußte. Erst dem kräftigen Arme Heinrichs des Löwen und noch mehr der apostolischen Ständhaftigkeit des heiligen Vicelin sollte es gelingen, die Ländergebiete des jetzigen Fürstenthums Holstein-Lauenburg und der beiden Mecklenburg für das Christenthum dauernd zu gewinnen. Vicelin, zu Hameln an der Weser geboren, zu Padcrborn durch den gelehrten Hartmann in den Wissenschaften ausgebildet*) und durch den heil. Norbert zu Magdeburg im Jahre 1126 zum Priester geweiht, hatte es durch die ausdauernde und unermüdliche Thätigkeit, welche er dreiundzwanzig Jahre lang den wilden Volksstämmen in diesen Gegenden widmete, unterstützt durch die äußere Beihülfe der sächsischen Herzoge, insbesondere Heinrichs des Löwen, endlich dahin gebracht, daß das schon seit lange eingegangene Bisthum Aldenburg, und zwar mit Aussicht auf festen Bestand, wiederhergestellt werden konnte. Er selber sollte die neue Reihe der Oldenburger Bischöfe eröffnen und empfing im Jahre 11^49 durch die Hand des Bremer Erzbischofs Hartwich die Conseeration. Im Jahre 1163 — neun Jahre nach Vincelins Tode — wurde auf den Wunsch Heinrichs des Löwen der Sitz dieses Bisthums nach Lübeck verlegt. Hier regierte um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts der Bischof Albert, vordem Glaubensprediger in Liefland und nachmals Erzbischof von Riga, während um die nämliche Zeit Gerhart, Graf von der Lippe, der erzbischöflichen Kirche von Hamburg-Bremen vorstand; — der erstere durch seinen Namen**) und sein eigenes Wirken, der andere durch seine Abkunft***) auf die Verdienste hinweisend, welche der deutsche Norden in seinen edelsten Söhnen sich um die Bekehrung der jetzigen russischen Ostscepro- vinzcn erwarb. Auch noch kurz vor Ausbruch der kirchlichen Wirren des scchs- zehnten Jahrhunderts hatte wie Magdeburg an Friedrich, Merseburg an Thilo, so Lübeck an Nikolaus und Arnold, zweier ausgezeichneten Oberhirten sich zu erfreuen. Ersterer, ein großer Wohlthäter der Armen und strenger Wächter der *) In dem Bencdictinerkloster Ubdinghoff zu Padcrborn bewahrte man eine Lebensbeschreibung der heiligen Bischöfe Willehad, Änsgar und Nimbcrt, welche Vicelin in freundschaftlicher Erinnerung an seinen frühern Verkehr mit den Benediktinern ihnen von Bremen aus zum Geschenk gemacht hatte. **) Einige Jahrzehnte früher war ein anderer Albert (von Apeldern) der eigentliche Apostel Lieflands geworden. ***) Der Vater dieses Gerhart war in seinem scchszigsten Lebensjahre Cisterzienser und Glaubcnsbote in Liefland und endlich Bischof von Lehall geworden. Sein Sohn Otto, Bischof von Utrecht, ertheilte ihm die bischöfliche Conseeration; er selber weihte darauf unter Assistenz Dieses Otto seinen andern Sohn Gerhart zum Erzbischof von Bremen; und endlich weihte dieser Gerhart im Jahre 1228 einen dritten aus diesem Bruderkrcise, Bernard, zum Bischöfe von Paderborn. So trugen der Vater und drei Söhne die bischöfliche Jnfula. 219 Zucht, wurde ebenfalls für den Mctropolitanstuhl von Riga in Aussicht genommen, zog aber vor, bei seiner Kirche zu bleiben; Arnold (von Westfalen) war wegen seiner gelehrten Bildung, namentlich wegen seiner Rechtskenntuisse berühmt, und gleich seinem Vorgänger auf das Wohl seiner Kirche eifrig bedacht. Neben Lübeck bestanden in jenen Gegenden, deren Apostel der heilige Vicelin geworden war, noch zwei andere Sufsraganbisthümer der Hamburger Kirchenpro- vinz; Schwerin nämlich und Ratzeburg. Ersteres Bisthum, dessen ursprünglicher Sitz zu Mecklenburg (nördlich von Schwerin) sich befand, hatte mit dem alten Bisthum Oldenburg das Loos zeitweiligen Eingehens und nach erfolgter Restauration, eine bald darauf vorgenommene Verlegung des bischöflichen Sitzes gemein. Seit 1169 war Schwerin Residenz der Oberhirten dieses Sprengels, unter denen noch zwei der letzten ihrer Regierung die gerechtesten Ansprüche aus den Dank aller Wohlgesinnten verschafften: Conrad, der während seiner zwanzigjährigen Amtsverwaltung den äußeren Wohlstand, wie die innern Zustände in seinem Bisthum ungeachtet seines hohen Alters mit jugendlichem Feuer stetig zu bessern und zu heben sich bestrebte, und sein zweiter Nachfolger Petrus ('s 1516), der vermöge seiner geistigen Tüchtigkeit und in Folge seines länger» Aufenthaltes in Rom zu einem noch ausgedehnteren Wirkungskreise wie berufen erschien. — Das Bisthum Ratzeburg, dessen Gründung*) und Wiederherstellung gleichzeitig mit derjenigen des eben besprochenen Bisthums erfolgte, hatte den Ruhm, unter den Kirchensürsten, welche im ersten Jahrhundert nach seiner Restauration ihm vorgesetzt waren, nicht weniger als drei als Heilige verehrt zu sehen: Evermod, Jsfried und Ludolf. Auch des Letzter» Namensgenosse, Ludolf II., der zwei Jahrhunderte später regierte (ch 1166), war, um die Worte seines Zeitgenossen Alb. Kranz (Metrop. IX. 50.) zu gebrauchen — „ein wahrhaft apostolischer Mann, der das Muster eines Bischofs abgab." — Mit den bisher angeführten theils zur Magdeburger theils zur Hamburger- Provinz gehörenden Diözesen — zusammen zwei Erzbisthümer und acht Bis- thümer — sind wir noch nicht am Abschluß der Reihe von bischöflichen Kirchen angelangt, welche in der älteren Zeit im Innern des nördlichen Deutschlands existirten, gegenwärtig aber eingegangen sind. Auch abgesehen von dem Bisthum Lebus, dessen Sitz zwar links von der Oder**), dessen Sprengel aber großentheils jenseits dieses Flusses gelegen war (wie es denn auch zu der polnischen Metropole Gnesen gehörte), bleiben noch zwei andere hier zu erwähnen, welche der ersten und größten deutschen Kirchenprovinz zugewiesen waren. Der Erzstuhl des heil. Bonifacius zu Mainz, dessen Metropolitanhoheit nach Süden bis tief in die Alpen und nach Norden bis in die unmittelbare Nähe'Hamburgs sich erstreckte***), *) Die bedeutenden Fortschritte, welche das Christenthum um die Mitte des elften Jahrhunderts durch die Bemühungen des Wcndenfürsten Gottschalk in jenen Gegenden machte, gaben Anlaß, neben dem Bisthum Äldenburg noch diese zwei: Mecklenburg und Ratzeburg zu errichten. **) In den letzten Zeiten v or der Reformation war der Sitz vieses Bisthums in Fürstenwalde an der Spree. ***) »Der Erzverband von Mainz" — sagt Gfrörer (Gregor Vll. und sein Zeitalter I. S- 301) — »übertraf an Umfang vier deutsche Königreiche von heute. Der geistliche Arm der Nachfolger des heiligen Bonifacius reichte vom Comcrsce bis zur Niederelbe, vom Don- nersbcrg bis zu der Stelle, wo die Unstrut in die Saale mündet." Wer» — fährt er fort — „der eine solche Würde einnimmt, wird sie nicht behaupten wollen! Behauptet konnte sie aber nur dann werden, wenn das iuiporiui», das Reich germanischer Nation, aufrecht blieb. Die Mainzer Erzbischöfe waren daher in Allem, waS löblich und recht, geborne Zwillingsbrüder der Kaiser und Vater unseres Volks. Und wie eifrig haben sie in älternZeiten ihre Aufgabe erfüllt! Auf die Grundlage der kirchlichen Einrichtungen hin, welche der h. Bonifacius schuf, ist durch den Bcrduner Vertrag der deutsche Neichskörpcr gebaut worden. Als zu Ende des 9. und Anfang des 10. Jahrhunderts ein Haufe mächtiger Uebelthäter das Reich zerreißen, die deutsche Nation wie eine herrenlose Heerde theilen wollte, zog sie Hatt» zur wohlverdienten Rechenschaft. Abermals zwei bis drei Menschenaltee später hat Willigis, der Unvergeßliche, dreimal den wankenden Staat gerettet." 220 hatte hier im Norden außer Hilbesheim noch zwei andere Suffragankirchen, nämlich Gerden und Halberstadt. Beider Alter ging über ein Jahrhundert hinter die Gründung der sächsisch-slavischen Bisthümer: Magdeburg, Mersebnrg u. s. w. zurück; sie waren unter den acht, deren Errichtung sich an die zur Zeit Carls des Großen und Ludwig des Frommen bewerkstelligte Einführung des Christenthums unter den Sachsen anschloß. Auch die spätern Schicksale derselben verliefen insofern auf die nämliche Weise, als beide, obwohl in ihrem Bestände bereits während des sechzehnten Jahrhunderts erschüttert, kurz vor Mitte des sieben- zehnten noch einmal sehr günstige Aussichten auf Wiedergewinnung des an den Protestantismus verlorenen Terrains erhielten; Werden, als der kräftige Füst- bischof von Osnabrück, Franz Wilhelm von Wartemberg, im Auftrage des päpstlichen Stuhles die Verwaltung des Bisthums übernahm und in der Cathedrale zu Werden am 8. Mai 1630 eine Synode feierte; — Halberstadt, als um die nämliche Zeit ein österreichischer Erzherzog an die Stelle der seitherigen lutherisch gesinnten Administratoren eintrat. Indeß das Wasfenglück Gustav Adolfs und seiner Bundesgennossen, und die Bestimmungen des im Jahre 16-18 geschlossenen westfälischen Friedens vereitelten die Hoffnungen, welche hinsichtlich der Restauration der in diesen Gegenden gelegenen katholischen Bischofssitze angeregt waren. Um den gewaltigen Abstand zwischen Vormals und Jetzt einigermaßen uns zu vergegenwärtigen, dürfen wir endlich nicht vergessen, wie viele sonstige kirchliche Stiftungen: Klöster, Canonicat-Stifter u. dgl. neben den angeführten nunmehr eingegangenen Bisthümern in jenen Landstrichen früher vorhanden waren. Außer den Bischöfen, die durchweg Reichsfürsten waren, treffen wir in der Zahl dieser unmittelbar unter dem Kaiser stehenden kirchlichen Würdenträger den Abt von Saalfeld (oberhalb Rudolstadt) und die Äbtissinnen von Quedlinburg, Gan- dershcim und Gernrode. Zu diesen reichsunmittelbaren Stiftern kommen nicht wenige andere, deren Vorsteher zwar nicht den Fürstenrang genossen, von denen aber manche dennoch immerhin höchst bedeutend und angesehen waren. Dahin gehören die Abteien Helmstädt, St. Michael zu Lüneburg, Bergen bei Magdeburg, Pegau, Altzell, Gesek, Pforta, Lauterbach u. s. w. — der langen Reihe von Mendicanten-Klöstern gar nicht einmal zu gedenken. Diese alte Herrlichkeit, dieser Reichthum an kirchlichen Anstalten ist dort nunmehr entschwunden; möchten aber bald wieder, wenn auch nicht die Kuppeln neuer Stifter und Dome, doch wenigstens die Kreuze bescheidener Capcllen an zahlreichen Stellen daselbst sich in die Lüfte erheben — zur Ehre Gottes und seiner heiligen Kirche und zum Troste unserer verlassenen und vereinsamten Glaubensgenossen. Der Stein. kl. Alle Dinge der Natur — sagte einst die Mutter zu Clären — sind unserer Betrachtung werth: nicht nur, weil sie Gott in's Dasein gerufen nnd an ihre und keine andere Stelle gesetzt hat, sondern weil sie gleichsam den Schlüssel zu vielen goldenen Regeln unseres sittlichen Verhaltens und Nicht- verhaltens bilden können. Auch der Stein? Vorzüglich der Stein, wenn wir ihn nach seinen verschiedenen Merkmalen und Arten betrachten. — Der Stein wird einmal ausgehöhlt durch das oftmalige Auffallen von Wassertropfen. Sollen wir ihn hierin nachahmen? Nein, liebe Mutter! wenn ich auch leider bekennen muß, daß Deine Ermahnungen nicht selten auf einen Stein fallen und also oft wiederkehren müssen, bis sie eindringen. 221 Also hinsichtlich des Guten sollen wir uns gleich erweichen lassen. Wie ist es nun mit dem Bösen zu halten? Da sollen wir unerweichlich sein. Gleichen wir im Betreff des Guten dem Steine, so beschämt er uns im Bösen. Er wird nur hohl durch oftmaliges Auffallen von Wassertropfen. Unser Herz öffnet nicht selten auf leisestes Anpochen der Verführung das innerste Heiligthum. — Gehen wir zu etwas Anderem über! Wodurch unterscheidet sich der werthvolle Stein vom gewöhnlichen? Den gewöhnlichen finden wir auf der Straße ohne Mühe, den kostbaren nur mit großen Anstrengungen aus tiefem Bergesschachte. So auch begegnen uns der gewöhnlichen Menschen viele auf dem Lebenswege, die seltenen hingegen finden wir nur mit klug prüfendem Blicke. Was verbürgt diesem Blicke seine Sicherheit? Wiederum das Hinschauen auf den Stein. Die gewöhnliche Gattung dieses Minerals trägt ihre Eigenschaften auf der Oberfläche; der gewöhnliche Mensch Herz und Charakter im Aeußern, manchmal gar nur auf der Zunge. Und der edle Mensch? Dieser findet sein Ebenbild am edelsten der Steine: dem Diamanten, dessen Farben erst durch mühsames Schleifen im blitzenden Lichte erstrahlen. Auch er entkleidet die ihm innewohnenden Tugenden der unscheinbaren Hülle der Alltäglichkeit, wenn wir diese Hülle durch vertrauten Umgang behutsam abgestreift haben. Weßhalb indeß strahlt der Diamant in herrlichern Farben, als ein anderer Edelstein, wenn man ihn geschliffen? Weil er ein einfacher und gediegener Stoff, die andern Edelsteine meistens zusammengesetzte Körper, stets aber geringeren Stoffes sind. Wende dieß aus den Menschen an! Derjenige, dessen Wille mehre und niedrige Ziele verfolgt, welche oft nicht vereinbar sind, wie die Einen Stein bildenden Stoffmassen, sondern sich geradezu ausschließen, wird wegen seiner unvereinbaren, oder sich unter- und beiordnenden Wünsche nie etwas Großes erreichen. Wer aber seinen ganzen Willen, seine ganze Kraft nur auf Ein erhabenes Ziel richtet, der ist groß in der Weise seines Strebens, selbst wenn dies Streben bescheiden oder unerreichbar wäre. Doch der Diamant strahlt in mehreren Farben. Dies spricht gegen die Einheit. Wie der Diamant ein einmastiger und reiner Körper ist, so muß auch der Wille des Menschen von einheitlichem und edlem Streben beseelt sein. Bildet nun die Stoffeinheit und Reinheit des Diamanten die Ursache seines vielfachen Farbenspieles, so wird die Einheit des guten Willens in mehreren trefflichen Eigenschaften sich ausprägen, welche dem Schwachsinnigen und Bösen abgehen. Wo Willenseinheit, da herrscht Ueberzeugungstreue, da Festigkeit; wo Festigkeit, da ein geregeltes Handeln. Siehe Clara! diese Versinnbildungen liegen in den natürlichen Eigenschaften des Steines und seiner Abarten. Hältst Du ihn noch immer für einen bedeutungslosen Beitrag zur Verfinnbildung des ganzen Menschen, wie sie erstrahlt aus der ganzen Schöpfung? Nein, meine Mutter! Nun tritt die Symbolik der Kunst hinzu, mannichfaltig, wie jene der Natur. — Betrachte den einzelnen Stein! Was ist er selbst in der Gestalt eines ungeheuren Felsens? Ein Stäubchen gegen das All der Schöpfung. Aber zusammengehäuft und ausgethürmt in unübersehbaren Felsmassen zum Gebirge? Da erscheint er gleichsam als irdische Wohnung des unendlichen Weltgeistes. Was ist nun die Kunst? 222 Das menschliche Nachbild des göttlichen Vorbildes in der Weltschöpfung. Wie konnte die Kunst diesen großen Gedanken einer irdischen Wohnung des unendlichen Geistes im Kleinen nachahmen? Dadurch, daß sie Häuser schuf zum endlichen Aufenthalte für den endlichen Menschen. Nachdem Gott den Stoff im Steine gegeben, gab er auch einen Fingerzeig zu seiner Benützung in demselben Minerale. Woran erkennen wir diesen Fingerzeig? Das Gcbirg: ward es gebildet aus Einem Felsen? Und das Haus, wird es erbaut aus Einem Steine? Nein. Der Mensch jedoch baut nach bestimmtem Risse; planlos schichten sich die Felsmasscu zum Gebirge empor. Mit Nichten. Gleich dem menschlichen hatte und hat auch der göttliche Baumeister seinen Plan, welcher jedem Ständchen seine Stelle anwies und noch anweist; allein dieser Plan ist uns unsichtbar, wie sein erhabener Begründer und Verwirkliche!. — Welches ist ferner der Hauptzwek und Urzweck des Hauses? Es bildet die feste Niederlage der Familie. Die Familie aber im Großen bezüglich ihrer religiösen und weltlichen Vereinigung, wie heißt man sie? Staat und Kirche. Die festen Grundlagen nun: d. h. die ewigen, oder nur nach bestimmten Regeln wandelbaren Gesetze des kirchlichen, staatlichen Rechts und Völkerrechtes in ihrer gewissenhaftesten Befolgung versinnbilden sich im Begriffe des Hauses, wie die auf diesen Grundlagen ruhenden Gemeinschaften im Begriffe der Familie. Diese Versiunbildung ist die Symbolik der Baukunst. Mutter! Noch beschäftigt sich eine zweite Kunst mit dem Steine: minder erhaben, doch unmuthiger, als die Baukunst. Du meinst die edle Bildhauerkunst. Welches ist ihr schönstes Ziel? Menschen und menschliche Thaten zu verherrlichen im herrlichsten Werke. Du nanntest sie unmuthiger. Auch ihre geistige Beziehung und Anwendbarkeit in dieser Richtung auf uns ist lieblicher, trostreicher und gleich erhaben, wie jene der Baukunst. Ihre sinnigsten Leistungen sind also Grabsteine. — Worauf setzt man einen Grabstein? Auf's Grab eines Verblichenen. Weßhalb? Anzudeuten, wer hier den Schlaf der Ewigkeit schlafe, geliebt und unvergessen von seinen Zurückgebliebenen, welche Liebe und Gedächtniß an den Todten Lurch den Denkstein kund geben. Nun gibt es noch ein Grab, in welchem der Verstorbene nicht schlafen, sondern gleichsam fortleben soll. Dies Grab wird das Herz sein der zurückgelassenen Freunde. Und ist das Herz ein Grab, kann nicht der ganze Mensch, der dies Herz umschließt, ein Grabstein sein, welcher nicht den Namen, sondern die Persönlichkeit des Verewigten vor Augen stellt? Wie das? Dadurch, daß wir den edeln Charakter des Verblichenen in unserm Charakter vergegenwärtigen, seine treffliche Handlungsweise nicht dem geistigen Auge der Erinnerung überlassen, sondern in unsern Handlungen neu verkörpern. — Vergleicht man den erdbeworfenen Todtenhügel mit einer solchen Gruft, dann heißt es: dort schläft, hier aber lebt der Verblichene. — Und dies ist die rührendste Symbolik der Bildhauerei. , Diese Verstnnbildung, liebe Mutter! ist um so trostvoller, da sie nicht, wie 223 jene der Baukunst, einer Gesammtheit von Menschen, sondern jedem einzelnen Sterblichen zur Nacheiserung vorschwebt. Welches Labsal! mit dem Tode nicht vergessen zu sein! Dies Labsal erquickt nur den, welcher selbst seiner Vergangenen nicht vergißt. Bis jetzt kennen wir nur einen todten Stammbaum von Namensregistern in den Familien. Lebendig würde ein Stammbaum aus Tugeudregistern blühen und Früchte tragen. Aus dem Leben Pins LX.. Im Jahre 1824 begegnete Feretti in Rom einem jungen Verbrecher, Namens Gactano, in dem Augenblick, als dieser zur Richtstätte geführt wurde. Durch das sanfte, gottergebene Ansehen des Unglücklichen gerührt, begab sich der Priester eilends in den Vatican und erwirkte dessen Begnadigung zu lebenslänglichem Gefängniß. Er wurde in der Engelsburg in Haft gebracht. Zweinndzwanzig Jahre später war jener mitleidige Priester Papst Pins IX. geworden. Er hatte Gaetano nicht vergessen und wollte sich nun selbst überzeugen, ob der Begnadigte seine Güte verdiene und sich bekehrt habe; zu gleicher Zeit wollte er sehen, wie man die Gefangenen in seiner Hauptstadt behandle. Er kleidete sich deshalb als einfacher Priester und machte sich Abends ganz allein auf den Weg nach der Engelsburg. Dort angekommen, wandte er sich an den Beschließer um Zulassung. Dieser, ein brutaler Mensch, wollte ihn abweisen; als ihm aber der vermeintliche einfache Priester einen schriftlichen Befehl des Papstes vorzeigte, wonach ihm ein Besuch des Gefangenen gestattet war, ließ er ihn mürrisch zu. Pius >X. trat in die Zelle Gaetano's. Dieser kannte ihn ebenfalls nicht und fragte zitternd nach seiner Absicht. „Ich bringe Nachrichten von Ihrer Mutter!" war die Antwort. Bei diesem süßen Namen rief der Gefangene: „Meine Mutter! Sie lebt also noch? Gott sei's gedankt!" — „Sie lebt und schickt mich zu Ihnen, um Ihnen die Hoffnung einer besseren Zukunft zu bringen." Der Gefangene wirst sich überglücklich in die Arme des Priesters, der ihn liebevoll an sein Herz drückt. „Gott erbarmt sich also meiner, indem er mir einen Engel des Trostes schickt?" Nachdem die ersten Augenblicke dieser rührenden Scene vorüber waren, erzählte ihm der unglückliche junge Mann die Geschichte seiner zweiundzwanzig Leidensjahre. „Sie hätten an den Papst schreiben, sagt ihm der Geistliche, und seine Gnade anrufen sollen. Ein Verbrechen, im siebenzehnten Jahre begangen, war hinlänglich gesühnt." — „Ich schrieb, aber meine Briefe blieben ohne Antwort." — „Schreiben Sie nochmals!" — „Mein Brief würde aufgefangen, bevor er zu Gregor XVI. käme." — „Gregor XVI. lebt nicht mehr; schreiben Sie an Pius IX." — „Wer wird ihm den Brief übergeben?" — „Ich; schreiben Sie, hier ist Papier und Bleistift." Der Gefangene schrieb einen Brief ohne Bitterkeit und voll edler Gefühle. „So, noch vor Abend soll der Papst den Brief haben. Leben Sie wohl, mein Freund, vertrauen Sie auf Gott, bitten Sie Ihn für Pius IX. und hoffen Sie." Darauf kehrte er zu dem Beschließer, der voll Zorn und Ungeduld aus seinem Zimmer umherging, zurück. „Zum Teufel! Herr Abbate, Sie haben sich schwer vergangen, schrie dieser ihn an; Sie sollten nur eine Stunde hier bleiben und jetzt sind schon zwei Minuten darüber; machen Sie, daß Sie fortkommen !" — „Ihr vergeht euch durch das Fluchen; wenn das der Papst wüßte!" — „Nun, wenn er's auch wüßte! Der Papst kümmert sich so wenig um mich, als ich mich um ihn." — „Ihr kennt denn Papst nicht, sonst wüßtet Ihr, daß er von Keinem verächtlich denkt. Wie heißt Ihr?" — „Das geht Euch nichts an; scheert Euch zum Kukuk!" — Der Papst begab sich sogleich zum Gouverneur der Engelsburg. Dieser war nicht minder übel gelaunt. „Noch ein Lästiger! rief 224 er; rasch, Herr Abbate, was wollen Sie, ich bin beschäftigt!" — „Ich fordere die Freiheit für ihren Gefangenen Gaetano." — „Sie scherzen; nur der Papst taun begnadigen." — „Ich komme auch im Namen des Papstes, mich an Sie zu wenden." — „Der Beweis?" — „Hier!" — Pins IX. nahm eine Feder und schrieb: „Ich befehle dem Gouverneur der Engelsburg, Gaetano sogleich in Freiheit zu setzen und seinen Beschließer fortzujagen. Unterzeichnet: Pius, Papst." Der Gouverneur stürzte dem Papst zu Füßen und flehte um Gnade wegen seines barschen Benehmens. Der grobe Beschließer erhielt nach Verlauf von zwei Monaten einen kleinen Posten, nachdem er versprochen, nicht mehr zu fluchen und nicht mehr brutal zu sein. Er hielt Wort. Die letzten Stunden eines gläubigen Bekenners Christi. Balthasar Alvarez, geboren zu Cervera in Spanien, ließ sich in die Gesellschaft Jesu aufnehmen. Er war einer der gelehrtesten Männer seines Zeitalters, Beichtvater der h. Theresia von Jesu, und begleitete in dem Orden die ansehnlichsten Aemter. Der General der Jesuiten ernannte ihn zum Provinzial in Toledo und schrieb dabei der Provinz: „Ich gebe das Beste, was ich habe, indem ich euch den Pater Balthasar schicke!" — Er reiste dahin, wie er zu sagen pflegte, „mit Jesus dem Gekreuzigten im Herzen", und mit seinen drei Gefährten „Armuth, Verachtung und Leiden." — Auf der Reise wurde er von der Sonnenhitze, von seinen anstrengenden Arbeiten und anderen Beschwerden so abgemattet, daß sein schwacher Körper unterlag. Der Arzt wollte ihm die Gefahr verbergen; aber Balthasar sprach zu ihm: „Fürchten Sie sich nicht, mein Herr, mir gerade herauszusagen, daß ich sterben muß! Ich achte dieses Leben nicht, und betrübe mich nicht über dessen Verlust! Wenn es einmal sein muß, warum denn jetzt nicht?" — Nach einer siebentägigen Krankheit endigte er sanft und selig seine Pilgerschaft, im stillen Genuß der Nähe Gottes. Die Folgen des Irrwahns. Eine französische Zeitung sagt: Einem sehr beklagenswerthen Volksurtheil, das wir nur allzu oft zu bekämpfen hatten, ist in Montpellier ein neues Opfer gefallen. Kürzlich wurde in dem St. Lazeruskirchhofe nicht weit von der Capelle ein neugeborenes Kind ausgesetzt. Der Leichenwärter fand es noch lebendig gegen 10 Uhr; aber statt alsogleich für dasselbe Sorge zu tragen, wie es dessen Lage erforderte, ließ er es, einem unseligen Vorurtheile folgend, einer kalten Temperatur ausgesetzt, und kaum in ein wenig Leinwand eingehüllt, liegen, und benachrichtigte den Polizeicommissär Capin von der Sache. Dieser Beamte begab sich sogleich an Ort und Stelle und ließ das Kind in die Stube der Wächter bringen, wo es alle nöthige Pflege erhielt. Aber es war zu spät, das arme kleine Geschöpf starb einige Augenblicke, nachdem es getauft worden war. Man kann bei dieser Gelegenheit nicht genug daran erinnern, daß es in allen Selbstmordfällen oder beim Versuche dazu die Pflicht der anwesenden Personen ist, dem in Gefahr befindlichen Individuum Leizuspringen; das Zweite ist, die Agenten der Obrigkeit von dem Vorfalle in Kenntniß zu setzen. Anders handeln heißt gegen die Gesetze der Menschlichkeit handeln, gegen die christliche Liebe verstoßen, und eine schwere moralische Verantwortlichkeit auf sich laden. Redaction nuo Verlag: Div M. H'uttlcr. —> Druck von I. M. Klein lc. AlijMgkl Zmiltli stlatt. Hr SS 15. Juli 1860. DaS Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Zlugsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Deutsche Missionen in Brasilien. I. (Fortsetzung.) Inzwischen rückten wir immer südlicher voran. Am 20. Mai hieß es, wir wären bereits mit Rio auf demselben Breitengrade. Es war so, aber leider lag das Ziel unserer Reise noch fünf Längegrade fern. Wir griffen nach dem Fernrohr, um mit bewaffnetem Auge Land zu entdecken, das sich dem bloßen Blicke entzog. Mancher entdeckte Land, aber leider nur in seiner Einbildung. Die Schiffsbeamten antworteten auf alle einschlägigen Fragen sehr mysteriös mit zweideutigen Restrictionen. Am Freitag Morgen trieb die Entdeckungslust Viele noch bei Nacht und Nebel auf's Verdeck. Und wirklich, noch hatte die Sonne den Horizont nicht erreicht, als man eben in nicht weiter Ferne hohe Bergketten erblickte, die allerdings noch in einen dichten Nebel gehüllt waren. Die Erklärung des Capitäns, der uns darin nur Wolken erkennen lassen wollte, konnte Niemanden mehr täuschen. Zudem änderte sich die Farbe des Wassers; sie ward erst blaßgrün, bald aber dunkelgrün. Schwärme von Vögeln kamen uns entgegen, die Bergspitzen traten immer deutlicher hervor, augenscheinliche Beweise, daß wir der Küste nahe seien. Wir fuhren bereits in der Bai von Rio; das Cap Frio, das dieselbe nach Norden begränzt, lag schon hinter uns, das Cap Negro zog sich in seinen Auszackungen zu unserer Rechten hin. Nun bot sich der Anblick ^ der Küste deutlich dem freien Auge dar: gewaltige Granitfelsen, die in sestge- schlossenen Reihen, aber in vielfachen Windungen häufige halbkreisförmige Einschnitte bilden, sich aber senkrecht in's Meer herablassen, und so die anprallenden Wogen zurückwerfen. — Allein gerade jetzt trat Windstille ein. Vergebens winkte uns der Leuchtthurm von Rio, und erkannten wir schon die Einfahrt in den Hafen. Eben so wenig vermochte der schöne wolkenlose Himmel, der in Brasilien sonst immer den Fremden bezaubert, unsere Sehnsucht zu befriedigen. Denn zwei Tage noch auf dem Schiffe zu balanciren im Angesichte des Hafens, ist gerade nicht sehr reizend. Doch was half das Murren? Am Vorabende von Pfingsten, den 22. Mai sollten wir aus der Arche steigen. Schon morgens neun Uhr wurde um ein Dampfschiff telegraphirt, das uns in den Hafen bringen sollte. Allein bis Nachmittag vier Uhr mußten wir warten. Dann erst rauchte der „Protector" heran und brachte uns nach anderthalb Stunden in den Hafen. Ungefähr in einer halbstündigen Entfernung vom User ließ er uns zurück. Der Anker wird ausgeworfen, die brasilianischen Zoll- und Sanitäts-Commissionen rudern aus Barken unter Zelten heran und besteigen mit bedeutsamer Miene die „Petropolis." Wir werden als zulassungsfähig erklärt; ein Boot, das so eben die kaiserlichen Commissäre an Bord gebracht, nimmt uns auf, und binnen 25 Minuten stehen wir wieder auf festem Lande am Hafen gegenüber dem kaiserlichen Palaste. — Somit haben wir einen Weg von 75 Breite- und 50 Längegraden in 35 Tagen zurückgelegt. Der Herr war mit uns und auf die Fürbitte der seligsten Jungfrau wendete er alles Unheil von uns ab. Ihm allein sei dafür Ehre, Opfer und Anbetung; unserer gebenedeiten Beschützerin aber Lob und Preis immerdar! II Den Eindruck, den die glückliche Ankunft in der neuen Welt auf mich machte, vermag ich Ihnen kaum zu schildern. Wenn der Anblick der riesenhaften Bergketten, die an der Küste beginnend wellenförmig in's Innere des Landes fortlaufen, großartig ist, so darf man die üppige Vegetation auf den hohen Granitgebirgen prachtvoll nennen. Sie tragen bis zu den äußersten Spitzen auf ihren schrägen Flächen die schönsten der Bäume, die Palmen, an deren Kronen herrliche Blumen prangen, mit anderen tropischen Gewächsen jeglicher Art, die ohne alle Cultur gedeihen. In den Thälern aber erst entfaltet sich ein paradiesischer Schmuck. Eine ganz neue Flora findet man hier; nur in größeren botanischen Gärten Deutschlands erinnere ich mich, einige dieser Pflanzen gesehen zu haben. Aber was sind diese abgelebten Treibhaus-Produkte gegen ihre Stammgenossen, die hier ganz frei vegitiren und wuchern? Daher die ausgebildete Größe selber bei Blumen, daher die Frische, Lebendigkeit und Mannichfaltigkeit der Farben, an denen sich anfangs das Auge nicht genug ergötzen kann. Dieses reiche und frische Colorit findet sich auch in den Häusern, an den Kleidern und Gemälden sehr geschmackvoll gemischt wieder. Die verschiedenartigen süßen Früchte sind für den Europäer zwar sehr anlockend, aber mäßig zu genießen, will er nicht bald ein Opfer des gelben Fiebers werden. — O wenn sich doch nicht auf dies herrliche Bild der Natur aus dem sittlichen Gebiete des Volkes dunkle Schatten lagerten! Doch ehe ich Sie dort hinüberführe, möchte ich Ihre Sinne noch ein wenig an das Irdische fesseln, indem ich in schwachen Umrissen die Stadt selbst zeichne. Eine der größten Merkwürdigkeiten der jetzigen Hauptstadt Brasiliens ist wohl ihr schöner, großartiger Hafen, zu dem man von der hohen See durch die Bai von Rio Janeiro gelangt. Es gibt nur eine einzige Einfahrt in denselben. Während nämlich längs der Küste die hohen Granitfelsen sich senkrecht in das Meer hinablassen und nur kleinere halbkreisförmige Ausschnitte bilden, so erstreckt sich einer dieser Ausschnitte unabsehbar in das Land hinein, und der Fremde, welcher der Küste entlang fährt, möchte glauben, ein mächtiger Strom münde hier in's Meer. Diese scheinbare Mündung des Stromes ist in Wirklichkeit die Einströmung des Meeres in die weite Bergschlucht und bildet den Eingang zum Hafen. Sie ist etwa eine halbe Stunde breit. An beiden Enden erheben sich zwei hohe Felsen, die Ausläufer der hier durchbrochenen Gebirgskette. Der eine dieser Felsen steigt kegelförmig hervor und heißt deßhalb „Zuckerhut;" der andere fällt mehr terrassenförmig schräg in die Bucht, an dessen Abhängen ein großes wohlbesetztes Fort erbaut ist, das die Brasilianer mit der Festigkeit des Malakoff vergleichen möchten. Diesem gegenüber unter dem „Zuckerhut" liegt ein kleineres weiter der Stadt zu ein drittes Fort, um so jeder feindlichen Flotte den Eingang zu verwehren. Diese Einströmung des Meeres erstreckt sich der Länge nach sehr weit in's Land, etwas weniger der Breite nach, jedoch so, daß zu beiden Seiten in die Thäler noch viele Nebenströmc auslaufen, die so tief sind, baß die größten Kriegs- und Kauffarthei-Schiffe an's Ufer fahren können. Die eigentliche Stadt breitet sich halbinselförmig längs des Hauptstromes (Rio) und des einzigen südwestlich auslaufenden Nebenstromes aus, fast in am- phitheatralischer Erhöhung mit kolossalen Gebirgen im Hintergründe, deren äußerste Spitzen der Schaulustige wie auf Stufen ersteigen kann, falls ihn nicht der glühende Sonnenstrahl zurückhält. Ursprünglich wurde die Stadt entlang dem Ufer des Rio und des südwestlichen Nebenstromes gegründet, nämlich im rechten Winkel beider Ströme. Jnerhalb dieses Raumes liegen die Hauptgebäude der Stadt: 227 das kaiserliche Schloß, die allmiciogg (Zollhaus), die «snta ca-m 6a misoncorclia (Spital), die Benedictinerabtei, ein Theil des alten Jesuitencollegiums, der pgssoio pulilioo, die Mariaschule, Kaufhallen. Doch bei zunehmender Vergrößerung rückte man bald über die ebene Fläche hinaus und siedelte sich auf den terrassen- artigen Anhöhen im Halbkreis an. Auch unsere Kater erweiterten ihre erste Niederlassung, und stiegen mit ihrem Bau bergan. Von der Fronte des Kollegiums aus, die zunächst auf den unten liegenden Garten schaut, hat man eine wundervolle Aussicht auf die Stadt und den Hafen. Der Neubau der Kirche wurde wegen Aufhebung der Gesellschaft Jesu nicht vollendet; bisweilen wird darin noch die heil. Messe gelesen. Einen Theil des geräumigen Kollegiums bewohnen jetzt die Patres Lazaristen, den andern nimmt dies oder jenes Bureau der Verwaltung ein, in die übrige Wohnung theilen sich Soldaten, Gefangene und zahllose Neger. Den Haupteingang ziert noch der Namenszug des Erlösers. Ich wandere alle Tage um diese theure Stätte und seufze zu ihrem ersten Gründer, dem ehrwürdigen l'. Anchieta empor, den die Brasilianer jetzt noch als ihren Apostel verehren. Viele und zwar gebildete Brasilianer erzählen noch mit freudiger Wehmuth von ihren Vätern, wie sie die alten Patres nennen. — Unter dem Garten des Kollegiums liegt das weitberühmte Spital: 8anta easa 6a miski-i- eui6ia; das Leproscnhaus, uuser ehemaliges Noviziat, liegt in St. Christoph außer der Stadt. Rio-Janeiro selbst ist zwanglos angelegt, mit nicht gar breiten, aber sehr langen Straßen, mit großen freien Plätzen und Promenaden in der Nähe des Hafens. Die Häuser sind meist Nur zwei Stock hoch, stehen tief im Boden und bieten nicht selten den Anblick eines alten Stadtviertels in Nieder- dentschland; die älteren Kaufläden sind finster und schwärzlich, und erinnern, zumal wenn gerade das Auge auf viele Negergesichter fällt, an die in gewissen Gegenden altherkömmliche Rauchbühne. Das kaiserliche Schloß ist nichts weniger als palastartig nach europäischen Begriffen, manches Gymnasium oder Rathhaus in Deutschland könnte sich mit ihm messen. Allein je unansehnlicher hier manchmal die Häuser von Außen, desto bequemer sind sie im Innern. Fast jedes Zimmer gleicht dem Salon einer Sommer-Villa, geschmückt mit prächtigen Tapeten und seltenen Blumen; schön sind die Gänge und Altanen, auf denen Wasserbecken zur Kühlung angebracht sind. Ueberhaupt ist die ganze Anlage und Bauart der Häuser für die heiße Zone berechnet, um gegen die Gluth der Sonne ein Asyl zu gewähren. Die Stadt selbst, ihre Theile, Straßen und öffentliche Gebäude sind nach Heiligen benannt, was allerdings nicht befremdet, da ja dies auch in vielen anderen Städten geschieht; aber mehr als auffallend ist es zu hören, wie die verschiedenen Theater, auf denen noch mehr Unsitte, wie in Europa herrscht, 8. ?o6rv 6a ^icanelara, 8. "lore-ai, 8. OrIci8, 8. Antonio heißen. Freilich unsere jetzigen europäischen Industriellen benennen nicht mehr so die hier gebauten Schiffe, angelegten Straßen und Eisenbahnen. — Einige Theile sind schmutzig und für den Fußgänger sehr unbequem. Steinklötze, die etwas mit Erde beworfen sind, sollen das Pflaster bilden, indeß sie tiefe Löcher offen lassen, die bei Nacht lebensgefährlich werden können. Man wirft Abfälle jeder Art aus die Straße, und namentlich leisten die Neger hierin Ausgezeichnetes, trotzdem daß die civilisirten Europäer mit Aufgebot der Wissenschaft dagegen raisonniren und schreiben. — Die Ausdehnung der Stadt ist, ich möchte fast sagen, unermeßlich. An Raum fehlt es nicht. Wem die Ebene nicht gefällt, dem stehen die.Götzen zur Verfügung. Wohin man nur geht, überall findet man guten Boden, überall Schönheiten der Natur. Daher ringsum die vielen Landhäuser (qui»li>8) mit herrlicheu Gärten, Palmenhainen und Blumenwäldern, wo reiche Eigenthümer aus verschiedenen Erdtheilen, besonders Kaufleute, wohnen. — Die ganze Stadt ist mit Gas beleuchtet, und wegen ihrer Lage ist diese Erscheinung fast feenhaft. Wenn man in der Abenddämmerung vom Hasen in die Stadt blickt, schimmern Millionen Lichter in allen Farben entgegen. Ueberhaupt kostet es hier wenig Mühe, die Pracht und den Glanz der großen europäischen Städte in weit höherem Grade zu reproduciren, worauf denn auch Engländer, Frauzosen und Deutsche kräftig hinarbeiten. (Fortsetzung folgt.) Die heilige Messe. * Es ist wahr, daß wir nach dem Gebote der Kirche nur alle Sonn- und Feiertage der heiligen Messe mit Andacht beiwohnen sollen, allein, mein Christ, frage Dein Herz: Was thut der göttliche Menschenfreund in der heiligen Messe für Dich? Er erneuert unblutiger Weise sein blutiges Kreuzopfer. — Und Du? Erneuerst nicht Du Christi Leiden und Sterben, aber blutiger Weise und nicht im göttlichen Sinne? Deine Hartherzigkeit gegen die Armen, Deine Unredlichkeit im Handel und Wandelberauben Jesum seiner Kleider, Deine Unkcuschheit geisselt ihn, Dein Hochmuth hüllt ihn in einen rothen Mantel, Deine Glaubenslosigkeit setzt ihm die Dornenkrone aufs Haupt und verspottet ihn als einen König der Juden, Dein unwürdiger Empfang des heiligen Altarsacramentes reicht dem am Kreuze dürstenden Heilande Essig zum Tränke. Siehe, o Mensch! täglich, vielleicht stündlich erneuerst Du das Leiden Jesu auf so blutige, Gott beleidigende Weise. Warum willst Du dies heilige Leiden nicht auch unblutiger Weise und nach göttlichem Wohlgefallen täglich durch Anhörung einer heiligen Messe mit erneuern? Zeugt Deine Lauheit, die dich streng festhalten lehrt am kirchlichen Gebote, von Liebe und Danbarkeit zu Deinem Schöpfer? Und sollst Du nicht Gott lieben aus ganzem Gemüthe, aus vollstem Herzen und aus tiefster Seele? Welche Verdienste wirkt eine Messe, welcher Du mit Andacht beigewohnt hast, für Dein eigenes Seelenheil? — Diese Verdienste sind dreifacher Art. Die heilige Messe ist 1) nicht nur ein Opfer, sondern auch ein Vorbild des Opfers. — Christus opfert sich für uns seinem himmlischen Vater auf, und hierin beruht das Opfer. — Er zeigt uns ferner, wie auch wir uns unserm himmlischen Vater aufopfern sollen, nämlich mit gänzlicher Hingebung in den göttlichen Willen, und hierin leuchtet er uns als Vorbild vor. Diese ungeteilteste Hingebung ist freilich bei Christus und den Menschen entgegengesetzter Art. Christus verleugnet gewisser Massen seine göttliche Natur, indem Er, der Reine, Schuldlose, die Schuld der Unreinen auf sich nimmt. Wir aber müssen unsre menschliche Natur möglichst verleugnen, indem wir abstreifen unsre Leidenschaften, bösen Neigungen und Begierden. — Die heilige Messe ist: 2) eine gvttesdrenstliche Feier und zwar die erhabenste, verdienstvollste. Wenn nun Gott schon durch die inbrünstige Verrichtung einer minder erhabenen Andacht zur Erfüllung jener Bitten bewogen wird, deren Gewährung unser Bestes bezielt, wird diese Erfüllung dann nicht in doppeltem und dreifachem Maße bewirkt werden durch die andächtige Anhörung einer heiligen Messe? — Das dritte Verdienst des heiligen Meßopfers endlich besteht im Nachlasse der geringen läßlichen Sünden. — Glaubst Du nun, o Mensch! wahrhaft Dich selbst zu lieben, wenn Du von diesem Quell der Gnaden und Verdienste nur die Sonntage und Feiertage schöpfest, während er täglich für Dich fließt? Du darfst und sollst Dich aber selbst lieben. Denn es steht geschrieben: Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst. Wenn nun die Liebe zu Gott, welche das erste Gebot vorschreibt, keine sinnliche, aus irdischen Neigungen beruhende sein darf, sondern rein geistig sein muß, so wird auch die Liebe zu uns selbst eine rein geistige, über irdische Neigungen erhabene sein müssen, indem ja sonst die Liebe in einer sich widersprechenden Auffassung: einmal als übersinnliche und dann wieder als sinnliche 229 Gott wohlgefällig sein müßte; und diese rein geistige Liebe nun findet ihre erquickendste Nahrung im heil. Meßopfer. Welche Verdienste kannst Du durch andächtige Beiwohnung einer heiligen Messe Deinem Nächsten zuwenden? — Das heil. Meßopfer enthält ein älomcnto für die Lebendigen, und auch eines für die Todten. Allein nicht nur diese beiden Denkgebete, sondern jeden einzelnen Theil des heiligen Meßopfers, ja die ganze Messe können wir dem geistigen, wie leiblichen Heile eines Mitbruders zuwenden. Wie tröstend ist der Gedanke, geliebten Seelen im Reinigungsorte, welche nichts mehr für sich thun können, Jesu Verdienste, vielleicht auch ein kleines Verdienst unser selbst zuwenden zu dürfen? Wie beruhigend ist es für das menschliche Herz, einem Mitbruder in einer frommen Meinung bei der heiligen Messe geistiger Weise begegnen zu können, während wir vielleicht körperlicherseits weit von einander getrennt leben müssen? — Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst, also auch mit geistiger, übersinnlicher Liebe! Liebst Du nun ihn in Wahrheit, wenn Du aus den höchsten Liebesquelle nur alle Sonn- und Festtage, nicht täglich für ihn schöpfen willst? Das elfenbeinerne Crucifix von Genua.*) Dieses berühmte Crucifix, das so große Aufmerksamkeit auf sich zog, als es über derLeiche des Hochwürdigsten Bischofs Neumann stand, während dieselbe in der Kathedral-Capelle auf dem Paradebette lag, verdient mehr als eine vorübergehende Beachtung. Der verstorbene Prälat schätzte diese Reliquie mehr als alle andern irdischen Besitzungen, und kaufte sie um eine große Summe, um sie in der neuen Kathedrale aufzustellen. Wir fügen unten die Geschichte des Crucifixes selbst, sowie auch eine kurze Skizze des gottbegeisterten Künstlers bei, von welchem dieses merkwürdige, wenn nicht wunderbare Werk vollendet wurde. Um das zu thun, sagt der (latlloliv Ileralli null Vüilor vom 7. Februar 1857, müssen wir unsere Leser bitten, uns im Geiste nach einem der lieblichsten Thäler zu begleiten, welche unter dem blauen italienischen Himmel liegen. Beinahe ganz umringt von Bergen, scheint das Thal von Brcmbana, in einer Entfernung von 50 Meilen von Mailand, gänzlich von einer Welt der Sorge und des Ehrgeizes, des Streites und menschlichen Stolzes ausgeschlossen zu sein. Der reiche Boden des Thales hatte Jahrhunderte lang alle Lebensbedürfnisse der einfachen Einwohner erzeugt, deren irdische Bedürfnisse gering, deren Freudentage die Feste der Kirche, und deren ahnungsvolle, sehnsüchtige Erwartung auf das himmlische Reich gerichtet waren, wo sie nach diesem Leben zu wohnen hofften. In jenem friedlichen Thale erblickte Carlo Antonio Pesenti am 22. Februar 1801 zuerst das Licht der Welt. Die niedere, aber niedliche Wohnung amBerg- abhange, in welcher Carlo's Eltern wohnten, erfüllte sich mit Freude über diese Begebenheit, denn er war ihr erstgeborner Sohn, und als er am Taufstein den Namen des erlauchten heiligen Carl, später bei seiner Confirmation den des heiligen Antonius erhielt, freuten sich die Dorfbewohner in der Freude seiner Eltern. Er nahm unter dem Mutterauge zu an Tugend, und seine Gutmüthig- keit und Frömmigkeit machte ihn bald zum Liebling bei dem ehrwürdigen Pater, der in Wahrheit der geistliche Vater der guten Landleute im Thale war. Der Knabe zeigte ein hohes Verlangen nach Kenntnissen. Die traditionellen Geschichten der Heiligen Gottes, welche Glorie über die Kirche ergossen hatten, waren ihm bekannt von den Lippen seiner Eltern. Er wünschte mehr über dieselben von *) Aus der zu Philadelphia kürzlich erschienenen Broschüre „Leichenfeierlichkeit des Hochwurdigsten I. N. Neumann, v. v. e. 88. k. eic." dem geliebten Priester zu erfahren, und da der gute Pater ihn als eifrigen Schüler erkannte, lehrte er ihn lesen. Um sein achtzehntes Lebensjahr hatte er sein großes Ziel erreicht, er konnte in der Bibliothek des guten Priesters von der Reinheit und Demuth der Jungfrauen und Beichtiger der Kirche, von dem Heldenmnthe der Märtyrer und der Heiligkeit des Lebens lesen, welches ihre zahllosen Einsiedler und Einsiedlerinnen in allen Zeitaltern des Christenthums auszeichnete. Den jungen Carlo verlangte es, in seinen Mußestunden die glorreichen Beispiele Derer nachzuahmen, deren Leben er studirt hatte. Aus den Büchern die er las, erwarb er die Tugenden christlichen Heldenmuths, der Demuth, des Gehorsams, der Keuschheit und Ausvauer, der Barm- herzikeit und des Gebetes. Er beschloß, diesen Vollkomcnheiten nachzueifern. In seinen Mußestunden schnitzte er rauhe Bilder der Jungfrau und seiner heiligen Patrone; seine einzigen Modelle waren die Muttergottesbilder am Wege, oder die Statue des heiligen Carlo, die in der Kirche stand, sein Material ein Stück Holz, sein einziges Werkzeug ein Messer. Bei den lebhaften Erinnerungen an die ehrwürdigen Persönlichkeiten, welche Gott geehrt hatte, erhöhte sich das mit ihm aufgewachsene Gefühl der Andacht von Jahr zu Jahr. Als Carlo sich dem Mannesalter näherte, beschloß er, sich Gott allein zu weihen. Einer seiner heißesten Wünsche war, die ewige Stadt, den Weltsitz des Christenthums, zu besuchen; nicht um einer eitlen Neugier zu fröhnen, sondern um dem Grabe der Apostel seine Ehrfurcht zu zollen. Sein Vater stand noch in der Blüthe seines Lebens, ein jüngerer Bruder wuchs heran, und in seinem 22. Jahre begann er mit Einwilligung seiner Eltern seine Wallfahrt nach der heiligen Stätte. Der Bruder seiner Mutter wohnte zu Rom, und zu ihm beschloß der junge Carlo zu gehen, um Gelegenheit zur Befriedigung seines löblichen Verlangens zu finden. Es trug sich zu, daß in Folge einer Aufregung in den Kirchenstaaten Fremde keine Erlaubniß erhielten, hineinzukommen, und unser junger Wanderer wandte sich deßhalb zur Seite »ach dem Kloster St. Nieolai von Tolentino, wo ihm, nach Angabe seiner Wünsche und Enttäuschungen, der Superior zu bleiben gestattete. Das Kloster von St. Nicolaus, außerhalb der Mauern von Carbonara, steht wie eine Krone auf einem der erhabenen Berge, welche „Genua, die Prächtige" überschauen. Von dort konnte man die Kirchen und Paläste sehen, welche die Stadt verschönern. Aus der Südseite breiten sich die Gewässer des Mittelmeeres aus, in deren Wogen sich von der einen Seite die Spitzen der hohen Alpen spiegeln, und von der andern Seite die Appenninnen, vergoldet von der aufgehenden und untergehenden Sonne. Die Erhöhung, auf welcher das Kloster stand, war fast umgeben von einem Amphitheater höherer Berge. Der Effect desselben, nebst den Palästen in der Ferne, den Orangen-Plantagen mit ihren goldenen Früchten, den purpurnen Weinreben und dem sanft abfallenden Berge war eben so herrlich als erhaben. Aber für die Mönche von Tolentino hatte die Stadt der Paläste mit ihren daran stoßenden Schönheiten keine Gewalt, um sie aus ihren friedlichen Zellen zu ziehen. Die ruhige Zufriedenheit der Religion war für sie alles, was sie wünschten, und nirgends konnte man diese Empfindungen besser genießen, als innerhalb der stillen Klostermauern. (Schluß folgt.) Der König und sein Diener. * Ein König wollte bei einem seiner niedrigen Bediensteten Einkehr halten, und er sandte deßhalb köstliche Speisen und prächtige Geräthschaften voraus, damit er würdig empfangen werde. Der Diener aber verpraßte mit seinen Freunden die Speisen und Getränke und zertrümmerte die Geräthschaften. Als nun der König kam, fand er nicht nur Nichts zu seiner Bewirthung, sondern auch das Haus seines Dieners beschmutzt und in Unordnung. Der Bedienstete hatte Strafe verdient, aber sein Herr verschonte ihn für diesmal. Ja, damit der Verschwender sein Vergehen wieder gut machen könne, ließ er sich zum zweiten Male als Gast ansagen und sandte zum zweiten Male die köstlichsten Speisen und Geschirre. Allein der Treulose machte es jetzt noch ärger, als vorher. Und so ging es dem armen Könige noch viele Male. Da ward er endlich ungeduldig und ließ den treulosen Diener für die übrige Lebenszeit in einen dunklen Kerker werfen. Der König, mein Christ! ist Dein Heiland! der treulose Knecht bist Du das Gastmahl ist die heilige Kommunion, die Speisen und Geräthschasten sind die geistigen Dorzügs, welche Du von Gott empfangen, die Gnaden, die er Dir mittheilt, damit Du sie zu seinem Dienste gebrauchest. Die Freunde sind die Welt und ihre Verlockungen, in deren Dienste Du Deine Vorzüge und Talente vergeudest. Wenn nun Christus in Dein Herz einziehen will, findet er Deine Gaben und Fähigkeiten im Dienste der Welt verwendet, die Wirkungen seiner Gnade ertödtet, Dein Herz in Unordnung und mit ungczähmten Leidenschaften beschmutzt. Da theilt er Dir von Neuem seine Gnade mit, erhält und steigert Deine Fähigkeiten. Du aber verharrest im Dienste der Welt und empfängst wiederum unwürdig den Leib des Herrn. So mißbrauchst Du gar oft die Güte Deines Gottes, bis Dich der Tod abruft zu den Qualen der ewigen Finsterniß. Heimsuchung Gottes. Gentilezza, eine vornehme römische Dame, war stolz und eitel über ihre Schönheit, den Freuden der Welt und dem Putze sehr ergebeu. Sie vernachlässigte ihre Pflichten gegen ihren Mann und ihre Kinder, und überließ sich sorglos den Vergnügungen. Die hl. Franzisca hatte Mitleid mit ihrem Zustande, und suchte sie durch liebevolle Ermahnungen aus bessere Wege zu bringen. Allein die leichtfertige Dame lachte der guten Worte und spotette der Ermahnungen. Franzisca betete für sie und sprach eines Tages zu ihr: „Du verlachst meine Ermahnungen und die deines Beichtvaters; aber bald wirst du sehen, daß man nicht ungestraft der Gewalt des Herrn der Welt widerstehen kann." Bald darauf that Gentilezza, die in der Hoffnung war, einen schweren Fall auf der Stiege ihres Palastes. Ihre Diener hoben sie halbtodt auf; sie hatte sich die Nase gebrochen und die Lippen gespalten. Die Aerzte erklärten ihren Zustand hoffnungslos. In diesem furchtbaren Augenblick dachte sie nur an den Verlust ihrer Schönheit, nicht an den ihrer Seele. Da trat die heilige Franzisca an ihr Bett, um sie zu trösten, und ihr beizustehen. Mit aller Güte, aber auch mit Ernst hielt sie der Kranken ihr früheres Benehmen vor, erklärte ihr daß dieser Vorfall eine Strafe wäre, welche Gott ihr in seiner väterlicher Barmherzigkeit zugeschickt, um sie von den Wegen des Verderbens zurückzuführen, und mahnte sie zur Reue und Buße. Da ging Gentilezza in sich, erkannte die Gefahr ihrer Seele, und überzeugte sich, daß sie Gott gezüchtiget und daß sie noch größere Strafe verdient hätte. Mit Ergebung ertrug sie die Schmerzen ihrer Krankheit, und als sie wieder gesund wurde, ward sie eine der frömmsten, musterhaftesten Frauen Roms. 232 Ein MuttergotteSbildchen. Ueber einen Familienvater waren hintereinander (ob durch seine eigene Schuld oder nicht, ich weiß es nicht) so schwere Schicksale hereingebrochen, daß sein Vertrauen auf Gott und die Menschen von der Verzweiflung überwältigt wurde. Die Verzweiflung ist aber das Allerschlimmste in einem Menschenherzen; denn der Familienvater nahm einen Strick, um sich daran aufzuhängen. Beim Fortgehen wollte er seine Kinderchen, auch seine Ehefrau nicht mehr ansehen, damit er nicht etwa durch den rührenden Anblick an seinem schrecklichen Vorhaben gehindert würde. Er wählte sich einen vor der Stadt gelegenen einsamen, mit Weidenbänmen bepflanzten Platz zur Ausführung seiner verzweiflungsvollen Gedanken. Da sah er beim Hinschleichen im Pfade ein weißes viereckiges Papier liegen. Er hob es auf und drehte es um — es war ein Muttergottesbildchen, worunter die Worte standen: „O Maria, ohne Sünd' empfangen, Litt' für uns, Die wir zu dir unsere Zuflucht nehmen." „Ei, das ist ja eine wunderbare Fügung", dachte der Mann und blieb stehen. „Muß ich denn gerade dieses Bildchen jetzt finden, sehen, aufheben, lesen?" Er ging weiter, indem er auf die Worte sah: Bitt für uns, die wir zu dir unsere Zuflucht nehmen. Jetzt bleibt er wieder stehen, — es wird ihm plötzlich so leicht im Herzen, neue Lebenslust kehrt in seine Brust zurück, er betet: Bitt' für uns — er wendet sich um, — er betet: die wir zu dir unsere Zuflucht nehmen, — er schleudert den Strick weg, — er küßt das Muttergottesbildchen und eilt in seine Familie zurück, umarmt sein Weib und seine Kinderchen, bittet sie um Verzeihung, zeigt ihnen das Bild und alle knieen hin und beten: „O Maria, Mutter Gottes, bitt' für uns, die wir unsere Zuflucht zu dir nehmen!" Hierauf entdeckte der Mann sein sündhaftes Vorhaben auch seinem ehemaligen Beichtvater und bald war es mit Gottes Hülfe gelungen, den Familienvater vor aller weiteren Noth zu retten. Das Bildchen aber bewahrte er heilig, weil er sagte: „Durch dieses Muttergottesbildchen hat mich Gott erhalten." Die letzten Stunden gläubiger Bekenner Christi. Als der Abt Johannes dem Sterben nahe kämm, und zwar, wie Kinder gegen ihre Eltern,in solcher Stunde zu thun pflegen, umgeben von seinen Jüngern, baten ihn diese inständig, er möchte ihnen doch etwas zu ihrem Troste und zu ihrem geistigen Fortschritte sagen, und ihnen eine denkwürdige Vorschrift, gleichsam als ein Erbstück, hinterlassen, wodurch sie, wie vermittelst einer kurzen Anleitung, desto leichter zum Gipfel der Vollkommenheit gelangen könnten. — Einen tiefen Seufzer holend antwortete darauf der Abt: „Niemals that ich meinen Willen, und niemals lehrte ich Jemanden etwas, was ich nicht selbst im Werke geübt habe!" Carl lll., König von Spanien, lag auf dem Sterbebette. Bevor er die heilige Wegzehrung empfing, wurde er von dem Patriarchen von Indien befragt, ob er auch seinen Feinden verzeihe? Und der Kranke gab die wahrhaft christliche und königliche Antwort: „Also hätte ich bis auf diesen ernsten Augenblick warten sollen, um meinen Feinden zu verzeihen? Ich habe ihnen gleich damals schon verziehen, als sie mich beleidigten!" Redaction und Verlag: I)n. M. Huktlcr. — Druck von I. M. Klei nie. AngMrgcr AmtGM. Hir. LV. 22. Juli 1860. Da- AugSburger SonntagSbltta (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Poji- Aettung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür eS durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Deutsche Misskonen in Brasilien. I. (Fortsetzung.) Nun aber, wie ich Ihnen vorher andeutete, muß ich zu dem hellen Bilde auch die Schattenseite liefern. Mit Schmerzen gehe ich an diese Ausgabe, da ja gerade auf jene Partie der Schatten fällt, von wo aus sich das Licht verbreiten sollte. Nur zu wahr ist es, für die Ehre des Herrn ist in Rio-Janeiro wenig gesorgt. Vor hundert Jahren genügten wohl die Kirchen den religiösen Bedürfnissen, denn die Stadt zählte damals kaum den sechsten Theil der jetzigen Bevölkerung, die, wie man mich versichert, schon 300,000 weit übersteigt, und täglich fabelhaft zunimmt. Im Verlaufe der Zeit wurden einige alte Klosterkirchen in Kasernen oder Hallen verwandelt, andere sind ganz oder theilweise verfallen, dazu aber nur wenige Capellen gebaut, so daß die neueren Stadttheile fast alle ohne Kirche sind, oder nur ein Blockhaus zur Abhaltung des Gottesdienstes haben. Sind auch die älteren Kirchen nicht geschmacklos gebaut, und mit Statuen oder anderen, selbst kostbaren Zierrathen geschmückt, so sind sie für jetzt doch sehr vernachlässiget und bieten einen bejammernswerthen Anblick dar. Noch betrübender aber für das katholische Gemüth ist der Gottesdienst selber, bei dem man feierlichen Ernst, kirchlichen Anstand und religiöse Würde so sehr vermißt. Während ein profanes Orchester den theatralischen Gesang begleitet, werden von den Anwesenden laute Unterhaltungen angeknüpft, worauf noch manchmal possenhafte, weltliche Aufzüge folgen. Wie es da erst mit dem Empfange der heiligen Sacra- mente bestellt sei, können Sie wohl denken. — Allerdings ist das Volk noch gläubig und hält am katholischen Glaupen, dessen Gepräge ihm, ich möchte sagen, unvertilgbar aufgedrückt ist, wenn ich die gegen denselben von verschiedenen Seiten, mitunter von Oben herab in Thätigkeit gebrachten zersetzenden Elemente betrachte. Der Segen des Priesters geht dem Brasilianer über alles und hat besonders am Freitage nach seiner Meinung eine ausnehmende Kraft. Der heiligen Mutter Gottes (Ao88g 8enhora) ist er ungemein zugethan, freilich nach seiner Art, in etwas übertriebener, daher auch »»kirchlicher Richtung. Todtenmessen lind hier zahlreicher als irgendwo, selbst der Ungläubigste läßt deren zur Seelenruhe seiner verstorbenen Angehörigen abhalten und ladet im Haupt-Journale seine Freunde dazu ein. Jeder ohne Ausnahme, der Vermögen besitzt, vermacht Etwas dem Spitale zur Misericordia: hochgestellte Beamte, selbst Minister gehören zur Bruderschaft, deren Aufgabe eS ist, das Gedeihen dieser Anstalt zu fördern. Eben solche und selbst jene, die Mitglieder geheimer Gesellschaften sind, erscheinen auch bei vfsentlichen Processionen, im Gewände irgend einer Bruderschaft, der sie einverleibt sind. Die, welche noch die heilige Messe hören, thuen es knieend, mögen sie Soldaten, Beamte, sein gekleidete Damen, oder Neger und Mamelucken sein. Man kann es zwar Manchem ansehen, daß ihm das Knieen sauer wird, dennoch harrt er aus. Es gibt auch in den Kirchen weder Kniebänke noch Sitze. Beim 234 Eintritt in dieselbe besprengt sich Jeder mit Weihwasser und macht 'eine so ehrerbietige Verbeugung, wie ich sie an manchen Orten Deutschlands kaum bemerkt habe, die ganz Frommen gehen dann zu den Bildern und Statuen, die sie küssen und besteigen manchmal das Postament dieser letzteren, woran die Kinder selbst hinaufklettern. Dann hat aber auch bei sehr Vielen die Andacht ihr Ende erreicht, und ganz weltliche Zerstreuung tritt an deren Stelle. So sehen Ew. Hochwürden, daß wirklich der Glaube noch im Volke wurzelt, obwohl er, weil der ihn belebende Geist gewichen, bei Vielen in ein mechanisches, todtes, säst abergläubisches Formenwesen übergegangen ist. Zwar möchte ich hierin nicht Alles einer bloßen Äußerlichkeit oder einem Gepränge von Religiosität, die man zur Schau tragen will, zuschreiben, immerhin aber darf ich behaupten, daß es hier mit der Religion und den sittlichen Zuständen recht schlimm stehe. Die Ansicht erfahrener und urtheilssähiger Männer leitet und unterstützt meine eigenen Beobachtungen. An der nothwendigsten Wissenschaft der ewigen Heilswahrheiten und des Religionsunterrichtes gebricht es, so zu sagen, ganz. In den Schulen wird daraus keine oder nur geringe Rücksicht genommen; da überhaupt die ganze Erziehung, besonders die der studirenden Jugend, der Töchter höherer Stände, junger Zöglinge für Marine und Handel in den Händen europäischer Pädagogen und Lehrer liegt, von denen Manche durch ihren rationalen Liberalismus und Jn- differentismus eher geeignet sind Religion und Sittlichkeit zu untergraben, als dieselben einzupflanzen und zu fördern. Nicht einmal gründliche, profane Wissenschaft und echte Bildung darf man da erwarten. Freilich muß eine schöne Schminke von Aufklärung und sogennantem Fortschritt das Oberflächliche und Principienlose decken. Umsonst sucht man in den Tagesblättern einen etwas gediegenen Aufsatz, umsonst irgend welche gesunde Erzeugnisse klassischer Literatur und gründlicher Philosophie zur Nahrung des Geistes. Nur für Industrie, Materialismus und Genußsucht scheint die Presse rührig zu sein. Sehr selten sind hier gute Bücher, indeß leichtfertige, schlüpfrige, schändliche Romane der Menge nach in's Land gebracht und verbreitet werden. Und wären diese verderblichen Schriften nur die einzigen unheilbringenden Producte, welche Europa mit Brasilien austauscht! Der Reichthum dieses Landes, welcher dem Handel so ergiebige Quellen bietet, und die Leichtigkeit, mit der hier manche Ausländer zu Vermögen und Ansehen gelangen, ziehen zahlreiche Fremde aus den verschiedensten Ländern hierher, namentlich Engländer, Franzosen, Deutsche und Portugiesen, wohl auch Nordamerikaner, und es kann da nicht ausbleiben, daß sie etwas weit Schlimmeres, als bloße Speculationen und Handelsgelüste mit hineinbringen: die Einen feine Genußsucht und üppigen Luxus, zugleich mit rohem Materialismns, die Anderen freisinnigen Rationalismus und religiösen Jndisferentismus, dessen letzte Konsequenz Unglaube und Haß gegen die Kirche ist. Die Brasilianer aber, unerfahren und halbgebildet, wie sie sind, von Natur zur Bequemlichkeit, fast zur Trägheit hinneigend, ein phantastisches, auf eingebildete Größe stolzes Volk, das der Schmeichelei so leicht zugänglich ist, läßt sich gern in goldene Träume einwiegen und schlürft das Gift unvermerkt, ja Wohl selbst mit behaglichem Genusse ein. Die Brasilianer können nun einmal die Europäer nicht entbehren. Sie brauchen sehr viel zum Leben, können aber die dazu erforderlichen Gewerbe- und Kunsterzeugnisse selbst nicht liefern. Kostbare Naturalien und Geld besitzen sie: Lockspeise genug für die industriellen Europäer, ihnen das Uebrige zu verschaffen. Für Gold aus den Minen, die nun freilich größtentheils die Engländer in der Provinz Minas Geraes ausbeuten, für Kaffee, Zucker, Farbeholz, Ochsenhäute und andere Artikel liefern sie ihnen Fabricate jeder Art; Alles, was zum Leben und zum heiteren Lebensgenuß nützlich, bequem oder angenehm ist; bauen Straßen und Eisenbahnen, Fabriken, Gasthöfe, Theater und erlangen so einen bedeutenden 235 Einfluß auf das Volk. Gewiß bringen sie in materieller Beziehung selber teilweise in der Civilisation bessere Zustände hervor: wie wir es ihnen denn gern Dank wissen/ wenn sie für die Reinlichkeit und Beleuchtung der Straßen, für Verdünnung der mephitischen Luft, für angemessene Civilisirung der Neger, wohl auch zur Wahrung des öffentlichen Austandes manches Lobenswerthe thun. — Aber eine Umwandlung der Herzen, eine Besserung des unsittlichen Lebens, die bringen sie wahrlich mit aller Aufklärung nicht zu Stande. Und es ist doch in der That grausenhaft, wenn man in diesen Abgrund moralischer Verkommenheit hineinblickt, der sich selber der Öffentlichkeit nicht verschließt. Meine Feder sträubt sich, Ihnen hiervon eine genauere Schilderung zu entwerfen. — Und wie muß Liese so vielfach genährte Fäulniß immer mehr um sich greisen, da leider auch das Salz mitunter schal geworden ist! Was hierbei noch einigermaßen tröstet, ist, daß sowohl die Lazaristen, die einige Knabenseminare und ein bischöfliches Priesterseminar leiten, als auch die Capuziner, die mehr gelegentlich einigen Theologen Anweisung zum geistlichen Leben ertheilen, nach Kräften zur Förderung des kirchlichen Lebens beitragen. Die Lazaristen sind hier zunächst die geistlichen Väter der barmherzigen Schwestern und daher auch Seelsorger für die von denselben geleiteten Spitäler und Schulen. Mit der größten Liebe haben sie uns empfangen und theilen mit uns ihre Wohnung. Die Capuziner sind in ihrem Berufe sehr thätig und wahre Apostel der armen Neger. Ihre Kirche, in der ich oft die heil. Messe lese, wird von vielen noch treuen und eifrigen Katholiken, auch aus den höheren und gebildeten Ständen besucht. Sie stehen, wie überhaupt Ordenspriester aus Europa beim Volke in Achtung, und man hört ihre Predigten mit Aufmerksamkeit, zuweilen mit lauten Aeußerungen des Beifalls oder Unwillens. Leider sind die guten Patres, wie auch andere Priester in ihrem Wirken behindert, wo die Grundsätze, welche am Ende des vorigen und im Anfange dieses Jahrhunderts an manchen Orten in Europa Geltung fanden, bedeutenden Einfluß üben. Diesen gemäß, wird die katholische Kirche als Staatsanstalt angesehen und als solche behandelt, was natürlich auf die Entwickelung des religiösen Lebens höchst nach- theilig wirken muß. Nehmen Sie noch hinzu, daß auch hier wie in Europa die geheimen Gesellschaften stark sich verbreiten, so wird Ihnen manche Schattirung in diesem düsteren Bilde nicht mehr so räthselhaft vorkommen. Im verflossenen Jahre war einige Aussicht auf bessere Zustände vorhanden, da durch Vermittelung des hier anwesenden päpstlichen Legaten, dessen Weisheit und Geschäftskunde von der Regierung wie von den fremden Gesandten hochgeachtet wurden, ein Concordat mit dem heil. Stuhle erzielt werden sollte, zu dessen nahem Abschluß wirklich Alles vorbereitet war. Da raffte leider das gelbe Fieber den erlauchten Prälaten hinweg und noch sind keine weiteren Verhandlungen angeknüpft, obwohl man fortwährend einen neuen Legaten erwartet. Der häufige Verkehr, in dem wir hier mit den hochwürdigen Patres Lazaristen und Capuzinern stehen, die schon längere Zeit in diesem Lande die Verrichtungen ihres heiligen Amtes üben und alle Verhältnisse genau kennen, ist für uns sehr nützlich, da diese würdigen Männer mit großer Zuvorkommenheit ihre Erfahrungen uns mittheilen. Besonders gab mir der hochwürdige Pater Wendelin, Capuziner aus Tirol, über Manches sehr angemessene Ausschlüsse. Dieser eifrige Priester hat Brasilien nach allen Richtungen durchwandert, verkehrte mit den höchstge- stellten Personen, denen er auch am Sterbebette beistand, wie mit den ärmsten Negern, deren Protector er ist und mit Fremden aus verschiedenen Nationen. Bald wird er eine Reise nach Europa antreten. Es gibt hier auch noch einige Patres Franziskaner vom heiligen Grabe. Diese Ordensmänner leisten, wie die vorgenannten, derKirche wesentliche Dienste.— Allein was ist ihre geringe Zahl für diese Millionen Menschen, deren unsterbliche Seelen vom Verderben gerettet werden sollen! Einen nicht unbedeutenden Theil bilden unter dieser Bevölkerung die Neger, welche auf die sittlichen Zustände des Landes sehr großen Einfluß üben und ganz besonderer Pflege bedürfen. Doch über diesen Punct, so wie über einige weitere Beobachtungen, die für Ew. Hochwürden nicht ohne Interesse sein werden, in einem anderen Briefe. Das gelbe Fieber hat uns, Gott sei Dank, bisher verschont. Beten Sie, daß wir auch ferner gesund bleiben, um doch Etwas zum Heile der Seelen wirken zu können. Michael Kellner, 8. Das elfenbeinerne Crucifix von Genua. (Schluß.) Ein Jahr war vorüber, seit der junge Carlo diese abgeschiedene Zufluchtsstätte betreten hatte. Sein Noviziat war zu Ende, und der Superior, gerührt von seinen frommen Bitten, gestattete ihm als Laienbruder die feierlichen Gelübde abzulegen. Er gab sich sofort den Pflichten hin, die er erkoren hatte. Jahre glitten in Frieden vorüber. Jenseits der Mauern war Bruder Carlo nicht gekannt, außer von den Armen, den Bejahrten oder Kranken in der Umgegend der Gebirge, denen die Mönche durch den Laienbruder Carlo Trost und Hilfe sandten. Die Zeit, welche er nicht in Liebeswerken oder den zum Kloster gehörenden Arbeiten, im Gebet oder in frommer Betrachtung zubrachte, verwandte er zum Lesen der frommen Bücher in der Klosterbibliothek, oder zum Schnitzen künstlicher Bilder des Titnlar-Patrons des Klosters, des heil. Nicolaus oder der Jungfrau und ihres Gotteskindes. Seine Lectüre und sein beschauliches Leben hatten in seiner Seele die erhabenen Eindrücke der Liebe, Dankbarkeit und Verehrung befestigt. Eines Abends saß er in seiner einsamen Zelle, und dachte über die Leiden nach, durch welche sein Heiland seine Erlösung erkauft hatte. Während er so in Gedanken versunken war, schien er einen Augenblick sich selbst entrückt zu sein — äußerliche Gegenstände waren für ihn nicht vorhanden. Finsterniß war um ihn her — nicht die kalte, bekannte Finsterniß der Nacht, sondern ein dunkel- rother Schimmer, gefärbt durch eine dicke, bleifarbene Masse, welche den Tag schrecklich dunkel machte, so wie man es sich wohl beim Untergang der Welten denken könnte. Anfangs war in dieser entsetzlichen Düsterheit kein Gegenstand sichtbar. Der Geist des Beobachters war gedrückt — er schien zu ersticken, ohne Kraft, es abzuwenden — allmälig traf ein heftiges Gemurmel das Ohr des Mönches, es schwoll an wie das Getöse eines starken, rauhen, mißtönenden Tumultes. Es war kein Jubel in dem Schalle, er schwoll wie ein Sturmgebrüll, das plötzlich in dem weiten Raume der Finsterniß gehemmt wird und verloren geht. Die Seele des Mönches war schwer — niedergedrückt mit der Vision des Cal- varienberges — das Getöse, in ein hohles Spottgelächter umgewandelt, ward durch das dumpfe Brüllen hindurch gehört, und eben, als die Sonne aus der greifbaren Düsterheit hervorzubrechen schien, fühlte er sich neu belebt. Er sah den eben noch so stürmischen Haufen verstummt, als ob ein elektrischer Schlag sie leblos niedergestreckt hätte — als er nochmals hinsah, hatten sie sich langsam hinweg- gewandt. Dumpfer Kummer und Scham beugte ihre Häupter, und da am Fuße des Kreuzes des Erlösers schien der Mönch allein und stumm zu stehen. Ueber ihm hing das göttliche Opfer für die Sünden der Menschen. Der Mönch blickte empor, ein Lichtstrahl schien auf das Antlitz des todten Heilandes, das Leben war in demselben Augenblicke entflohen, als das Licht wiederkehrte. Leiden hatte dort geherrscht, es war jetzt hinweg, der Schmerz des Todes hatte ein Zeichen aus der Stirne zurückgelassen, gleichsam zum Zeugniß, daß er vorhanden gewesen war. Dennoch ruhte ein süßes Lächeln unbeschreiblich still auf den Gestchtszügen. 237 Es war ein Schmerzenslächeln, durch göttliche, obwohl unvergoltene Liebe erhellt. Der Strahlenschein wurde glänzender, als der Mönch mit liebeverllärtem Mitleid auf die Züge des Todten blickte, der den Tod besiegte. Diese himmelerhclltcn Züge waren in seinem Herzen portraitirt, während eine Stimme in seiner Seele ihm gebot, jenen Blick auf irgend einem unvergänglichen Stoffe zu fesseln. Der Mönch erwachte für dir äußerliche Welt als wie aus einer todesähn- lichen Verzückung — er erhob sich von der harten Erde, auf welcher er unbewußt niedergestreckt lag — er weinte. Er hatte oft zuvor in den tiefen Betrachtungen in seiner Zelle versucht, die Scenen aufzufassen, welche das Vollbringen der Erlösung der Welt begleiteten. Er wünschte dort gewesen zu sein, um seine Liebe zu erklären. War jene Mission ihm verliehen, und das große Werk ihm als Bußarbeit auferlegt? Er fühlte seine eigene Unwürdigkeit und seine Schwachheit zur Vollführung des Gebotes, welches ihm noch durch jeden Nerv, jede Fiber und durch sein Gehirn strömte. Aber die bald zurückkehrende Vernunft sagte ihm, daß der Mensch stets im Stande ist, die ihm auferlegte Last zu tragen, wenn er Kraft sucht, wo sie allein gefunden werden kann. Er fühlte, wie tief auch seine eigene Unwürdigkeit sein möge, daß er in der unbefleckten Mutter des Heilands eine Schutzpatronin habe, welche nie ihre Bittenden verläßt, wenn man sich mit Zuversicht an sie wendet. Der Mönch rief ihren Beistand an, auf daß sie ihn leiten und Kraft verleihen möge zur Erfüllung seines Werkes. Die Hoffnung belebte ihn — er fühlte, die Kraft werde ihm verliehen werden. In dem alten Vorrathszimmer des Klosters, wohin Bruder Carlo's Pflichten ihn häufig riefen, lag ein massives Stück Elfenbein. Nimand wußte, woher es kam, außer durch eine alte, jetzt fast vergessene Tradition, welche es als den Fangzahn irgend eines Ungeheuers von der Elephanten-Gattung beschrieb, das vor der Sündfluth die Erde stampfte. Sicherlich existirt jetzt kein Thier, welches eine so große Masse Elfenbein als Fangzahn tragen könnte. Es war in früheren Zeiten häufig von Antiquaren untersucht worden, und alle waren darin einverstanden, daß sie ihm ein vorsündfluthliches Datum beilegten. Man hatte ferner gemuthmaßt, daß es in früheren Zeitaltern durch ein genuesisches Schiff aus dem Orient gebracht worden sei. Es konnte in der That keinem neueren Zeitalter angehören. Es maß über drei Fuß in der Länge, vierzehn Zoll im Durchmesser, und wog einhundert und fünf und zwanzig Pfund. Als der Mönch in jener Nacht auf seinem harten Lager lag, dachte er an diese ungeheure Masse Elfenbein. Er dachte nicht an die Schwierigkeiten ihrer Umbildung in die erforderliche Gestalt, er sah darin nur den von der Vorsehung dargereichten Gegenstand, aus dem er eine Darstellung jener leidenden, aber göttlichen Züge schneiden sollte, die so unvertilgbar in seinem Herzen eingegraben waren. Er dankte dem Himmel und erneuerte seine Andacht zu ihr, die man die I'urris eburnka nannte. Am nächsten Tage schaffte er unter dem Beistande seiner Mönchsbrüder, denen er seine Vision mitgetheilt hatte, die beinahe vergessene Masse Elfenbein nach seiner einsamen Zelle, nebst solchen Werkzeugen, wie er sie sich verschaffen konnte. Und jetzt begann er sein großes Werk — ein Werk der Buße und der Liebe. Er mußte erst die verdorbenen Theile entfernen. Die Außenseite war ein schmutziges, poröses Grau, die zunächst liegenden Theile waren dichter und gefleckt braun', dann folgte eine Abtheilung, so schwarz wie Ebenholz, und nachdem dies hinweggeschasit war, wurde eine zolldicke Haut, fast so hart wie Glas abgehauen, und dann blieb ein solides Stück reinen Elfenberns übrig, kaum weniger hart, von gelblicher Rahm-Farbe. Und nun konnte Bruder Carlo die Verkörperung seiner Vision beginnen. Vier volle Jahre lang arbeitete er an einem Block, der zu hart für den Meißel war. Ost arbeitete er zwanzig, zuweilen sogar dreißig Stunden hinter einander mit kaum soviel Speise, als zur Erhaltung des Lebens nothwendig war, und versagte sich die Ruhe, bis ihn die Natur zwang, kurze Rast zu suchen. Zuweilen beschlichen ihn auch Gedanken der Ermüdung oder Trägheit, und sein innerer Kampf wurde auf seinen eingefallenen Zügen sichtbar. Aber er verjagte solche Gedanken augenblicklich als Eingebungen des Bösen, um ihn von seinem ihm zugetheilten Werke zu verführen oder zu schrecken. Dann Pflegte er seine Zuflucht zum Gebet zu nehmen, und sich vor dem Heilande niederzuwerfen, oder zur Jungfrau zu flehen, daß sie ihm die Gnade der Ausdauer in seinem Werke verleihe. Wenn er sich aus dem Kampfe erhob, gaben seine hohe, bleiche Stirn und seine glühenden, sinnenden Augen Zeugniß von der Hoffnung und dem hohen Entschlüsse. Als das Werk der Vollendung zuschritt, war die Geschichte seiner außerordentlichen Verdienste als Kunstwerk und der außerordentlichen Umstände, unter denen es geschaffen wurde, sowie der Inspiration, nach welcher es modellirt war, über die Klostermauern hinausgedrungen. Aber der Künstler- Mönch hatte keine Eitelkeit, welcher das Lob der Welt schmeicheln konnte, obwohl häufig ausgezeichnete Männer von Zeit zu Zeit seine abgeschlossene Zelle besuchten. Er war stets bescheiden, warf sich häufig vor dem Bilde seines gekreuzigten Meisters nieder und betete, daß es in einer Weise vollendet werden möge, die Seiner in Etwas würdig sei. Er war jetzt 19 Jahre im St. Nicolauskloster gewesen, im ersten Jahre als Novice, und hatte sich in den letzten vier Jahren dem Werke gewidmet. Am Schluß des Jahres 18-13 besuchte Mr. E. Lester, Consul der Ver. Staaten zu Genua, das Kloster, und von Bewunderung über seine Vollkommenheit betroffen, beschloß er, der Besitzer des Werkes zu werden. Nach langer Ueberredung wurde der Mönch bewogen, sich von seinem großen Werke für eine sehr große Summe zu trennen, welche, da er das Gelübde der Armuth abgelegt hatte, zum Gebrauch des Klosters für mildthätige Zwecke verwendet wurde. Sechs Monate lang, nachdem das Crucifix aus seinem Besitz gegangen war, besuchte der Mönch mit Erlaubniß seines Superiors die Wohnung des Mr. Lester, um dem Werke den letzten Ausputz zu geben und kehrte dann zu seinen Pflichten als der einfache Laienbruder von St. Nicolaus von Tolentino zurück. Das Meisterwerk der Kunst wurde in der Akademie der schönen Künste zu Genua ausgestellt, und Künstler aus allen Theilen Italiens strömten herbei, es zu betrachten. Die berühmtesten Anatomen Italiens prüften es, und erklärten es einstimmig für ein Werk unnachahmlicher Kunst und anatomischer Genauigkeit, das als nichts Geringeres, als ein Wunder betrachtet werden könne, da es aus den Händen eines einfachen Mönchs kam, dem nie ein irdischer Meister die Grundzüge anotomischen Wissens gelehrt, und der dieselben nie von Menschen empfangen hatte. In der Figur des gekreuzigten Christus steht man die zarten Adern, als ob sie durch die Haut cursirten, jede Muskel ist geformt, als ob sie lebte — und alles dies mit den genauesten Einzelheiten, die man nur nach eifrigem Studium kennen lernen konnte. Die Form eines jeden Theiles eines von einem Kreuze herabhängenden Körpers ist auf's Wundervollste zur Anschauung gebracht. Aber der Triumph des Werkes (wenn ein Theil einen andern übertreffen kann) ist in dem göttlichen Antlitz. Von Genua wurde es auf Anregung des größten amerikanischen Bildhauers, Herrn Powers, nach Florenz gebracht. Er glaubte einen Theil der Augenbraunen verbessern zu können, und die Statue blieb zehn Tage lang zu dem Zwecke bei ihm, aber als diese zehn Tage verstrichen waren, erkannte er aufrichtig an, daß es seiner Ansicht nach von keinem Künstler auf Erden, und gewiß „nicht von mir", fügte er hinzu, verbessert werden könne. Es wurde später in mehreren Städten Europa's und Amerika'? ausgestellt (ein Umstand, der uns verhindert, näher auf die Einzelnheiten einzugehen), und aller 239 Orten ist es von den fähigsten Richtern als ein unübertreffliches Kunstwerk betrachtet worden. Aus dem Besitz des Herrn Powers, der es von Hrn. Lester kaufte, ging es in die Hände des Kosmopolitan-Kunstvereins über, welcher es um die Summe, von 10,000 Dollars kaufte, von da an einen Herrn dieses Staates, und von diesem in den Besitz des Hochwürdigsten Bischofs Neumann, durch welchen es seine passende Bestimmung in dem Tempel jenes göttlichen Wesens erreichen sollte, von welchem die Inspiration kam, nach der das Werk gebildet wurde. _ Der Allerseelentag. 6. Am Allerseelentage besuchte Leuthold mit seinem dreizehnjährigen Sohne den Friedhof. Beide durchwandelten die Reihen der mit Blumen reich geschmückten Gräber, und der Knabe äußerte die lebhafteste Freude, wenn er ein Grab nach seinem Sinne recht geschmackvoll geziert fand. Da kamen sie an ein Grab, welches mit keinen Blumen bekränzt war. Nur ein Mädchen kniete vor dem einfachen Kreuze und betete und weinte bitterlich. Ach! — sagte der Knabe — dies Grab ist ja gar nicht geschmückt. Glaubst Du? — entgegnete der Vater — Ich sage Dir, es ist schöner geschmückt, als alle verzierten Gräber ringsumher. Wie das? mein Vater! Blumen schmücken doch mehr als keine Blumen. Woher weißt Du, mein Kind! daß nicht auch dieses Grab mit Blumen geschmückt ist? Ich sehe keine. Es sind Blumen der Andacht und Dankbarkeit, welche aus dem Gebete, den Thränen dieses kleinen Mädchens erblühen. Beide Blumen sagen uns, daß unter diesem Grabe ein edles Herz schlummern muß, welches des Dankes und seiner Bethätigung durch inbrünstiges Gebet zu Gott nicht unwürdig ist. Doch die Blumen der andern Gräber, zeugen nicht auch sie von der dankbaren Erinnerung an die in den Gräbern Schlummernden? — fragte der Kleine. Möglich, und auch nicht möglich — versetzte Leuthold. Warum auch nicht möglich? Hast Du nicht bemerkt, daß alle Gräber, dies einzige ausgenommen, mit Blumen bekränzt sind? Freilich, allein weßhalb diese Frage? Siehe! die größere Zahl gleichartiger Erscheinungen bildet stets die Regel, die kleinere Zahl entgegengesetzter Erscheinungen die Ausnahme von diese Regel. Die geschmückten Gräber bilden also die Regel, das nicht geschmückte die Ausnahme. Ist es uun nicht denkbar, daß Manche nur deßhalb die Gräber ihrer Entschlafenen mit Blumen umwinden, um nicht zu dieser Ausnahme zu gehören? Wohl wahr, lieber Vater! Manche Gräber jedoch, und zwar die wenigeren sind so mit Kränzen und Guirlanden überladen, daß auch sie gegen die übrigen mindergezierten die Ausnahme bilden, weil ja gerade in der geringern Zahl die Ausnahme liegt. Die Angehörigen von den Bewohnern dieser Gräber strafen also Deine Behauptung Lugen. Freilich bilden auch diese eine Ausnahme. Was bemerkst Du indeß bei'm Vergleiche dieser Ausnahme mit der frühern? Daß beide Ausnahmen sich gegenüberstehen. Richtig — versetzte der Vater — dieser Gegensatz äußert sich nun auch in entgegengesetzten Wirkungen. Worin bestehen diese entgegengesetzten Wirkungen? — fragte der junge Leuthold. In dem Aussehen, welches das nicht gezierte und die überzierten Gräber durch 240 ihre Augenfälligkeit vor den übrigen erregen müssen, sowie in dem Urtheile, welches die Menge hierüber fällt. Die Menge urtheilt dem Aussenscheine nach. Ist dieser Schein glänzend, wie bei den überschmückten Gräbern, dann fällt auch das Urtheil glänzend aus. Ist er vermieden, dann ist das Urtheil zum mindesten bemitleidend, oft sogar bitter. Die Eigenthümer jener überzierten Gräber also haben nicht ihre Todten, sondern sich selbst ehren wollen, indem sie der Welt dargethan, daß sie keine Kosten scheuten, um einer an sich frommen, aber oft bis zur Thorheit mißbrauchten Sitte zu huldigen. Wie glücklich ist der Todte dagegen, welcher in diesem Grabe schlummert? Keine Zierrath an seinem Kreuze deutet auf einen Angehörigen, der vor der Menge glänzen wollte; ihn aber ehrt dies knieende Mädchen vor den Augen der Welt, wie vor Gottes Auge. Vor den Augen der Welt? Ja, mein Kind! Für wen nach seinem Tode mit solcher Inbrunst gebetet wird, der besitzt Jemanden auf der Welt, welcher sich ihm zu heißestem Danke verpflichtet fühlt. Er muß sich also dieses Dankes durch edle Handlungen werth gemacht haben, und kann mithin kein schlechter Mensch gewesen sein. Und vor Gottes Angesicht? Ich habe Thränen und Gebet dieser Kleinen schon früher Blumen der Dankbarkeit und Andacht genannt. Die Wohlgerüche dieser Blumen steigen zu Gott empor, sie sammeln sich zu Verdiensten für den Verblichenen und wägen vielleicht die letzten Makeln auf, welche bisher die Seele des Verewigten der göttlichen Anschauung noch nicht würdig machten. — Ist dieser Entschlafene nicht in Wahrheit geehrt? Und glücklich, lieber Vater! Wie bemitleidenswerth dagegen sind die Bewohner der übrigen, mit Blumen geschmückten Gräber? Urtheilen wir nicht zu vorschnell! Schon beim Anfange unseres Gespräches habe ich die Möglichkeit einer dankbaren Erinnerung ihrer Hinterbliebenen zugegeben, welche Erinnerung ja auch durch Gebet werkthätig und fruchtbringend werden kann. Die Blumenverzierungen sind also nutzlos und eitel? Das nicht, mein liebes Kind! Sie dienen zur Versinnbildung der dankbaren, im Gebete sich geistiger Weise äußernden Erinnerung und erfüllen so ihren Zweck vollkommen. Fehlt aber diese Erinnerung als Seele des Sinnbilves, dann wird dies kindlich einfache Sinnbild ein Prunkbild vor der Welt. — Das Sinnbild, liebes Kind! verdorrt, und sei es aus den schönsten Blumen geschlungen; allein das Versinnbildete: die Blume des Dankes und der Andacht erblüht ewig, unverwelklich. _ Fragen und Antworten. 1. Frage. Wer ist der wahrhaft freie Mann? Antwort. Den keine Lust mehr knechten kann. 2. Frage. Sag', welches ist der beste Weg, zum Himmel zu gelangen? Antwort. Der ist es, den der Herr vom Himmel selbst vorangegangen. 3. Frage. Wie wird es sein in jenem Leben? Antwort. Es wird auf dieses Antwort geben. Redaction un» Verlag: Dr. M. Huttler. — Druck »on 3. M. jkleinle. Aiigslmgcr Somit« M«tt. 29. Juli 1860. Das AugSburger Sonntagsbltta (Sonntags-Beiblatt zur AugSburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Deutsche Missionen in Brasilien. (Fortsetzung.) lll. Brief des U Kellner. Portalegre, 25. Juni 1858. Wir sind nun um ein Bedeutendes unserem Ziele näher gerückt; doch bevor ich Ihnen etwas über unsere Reise von Rio-Janeiro hierher erzähle, muß ich noch, wie ich in meinem letzten Briefe versprach, Ihnen über einige Puncte nähern Ausschluß geben. Ich beginne mit dem interessantesten, der die Neger betrifft. Früher holten europäische Schiffe ganze Ladungen dieser Unglücklichen an der afrikanischen Küste und brachten sie wie Stücke Vieh aus die Sclavenmärkte Brasiliens. Was sich da zugetragen, wird einst offenbar werden. Seitdem in neuerer Zeit diese Einfuhr von Negern verboten worden, blieben die bereits eingeführten, so wie Alle, die von einer Negersclavin abstammen, Sclaven. Häufig besteht das ganze Vermögen eines Brasilianers im Besitze von Negern. Denn sie sind die Arbeiter, und was ist hier ein Landbesitzer ohne Arbeiter? Das Loos dieser Sclaven hat sich jetzt physisch bedeutend gebessert. Man treibt sie nicht mehr wie Maulthiere auf den Markt, sondern kauft und verkauft sie unter der Hand; man peitscht sie nicht mehr in Masse zu Tode, der Neger kann sich sogar loskaufen, man wirft ihre Leichen nicht mehr, wie Aas, auf die Straßen; kurz, die barbarische Denk- und Handlungsweise hat sich geändert. Gleichwohl gilt der Unglückliche noch als Waare; ein Stück erster Qualität kostet immer seine 1500 bis 2000 Thaler. Ein solches Capital muß er nun durch Arbeit seinem Herr wieder einbringen; auf dem Lande braucht man ihn in den Plantagen und Bergwerken, in der Stadt als Knecht, Lastträger, Hausirer mit Waaren. Es gibt solche, die deren einige Dutzend besitzen, und sie, wie man etwa in Deutschland bei Lohnkutschern Pferde und Wagen vermiethet, täglich um einige Franken verdingen. Oder der Sclave muß sich selber Arbeit suchen und dafür seinem Herrn jeden Tag ein Gewisses zahlen. Verdient nun der arme Mensch unglücklicher Weise nicht so viel, dann hat er es durch Prügel zu ersetzen, verdient er mehr, so gehört der Ueberschuß ihm. Sie verdienen aber schon ihren Taglohn; denn, es ist fast unglaublich, ein Neger trägt mehrere Centner und zwar auf dem Kopf, so daß ich nicht begreife, wie diese gewaltigen Lasten ihnen nicht den Schädel zerquetschen. — Der Herr seinerseits muß sie nähren und kleiden. Hungern läßt man sie nun nicht, es liegt dies im eigenen Interesse; aber für die Kleider wurde ebenfalls schlecht gesorgt. Der Sclave bekam ein baumwollen Hemd, eine Hose und eine Jacke, und das mußte er tragen, so lange die Lumpen noch zusammenhielten. Da haben denn die Europäer mit Klagen und Schimpfen den Brasilianern solch eine Unsitte begreiflich gemacht, und jetzt bekommt der Neger nach Bedürfniß entweder abgetragene Kleider von der Familie, oder seine freien Stunden zur Arbeit, damit er sich Geld für Kleidung verdienen könne. Nun, — weil er sich für schöner als die Weißen hält, und wenigstens eben so eitel ist, wie sie, — sucht er sich auch aufzuputzen, und geht am Sonntage in Staatskleidern herum: in schwarzem Rock oder Jacke, weißen oder schwarzen Pantalons, einem im Regen verunglückten Seidenhut mit breiten herabhangenden Krampen, einer Weste mit Chemisette, worauf sich die Farbe seines Gesichts abgespiegelt hat, die Finger voll Ringe (dazu dient ihm ein alter Fingerhut oder der Ring von einer Tasse oder sonst einem zerbrochenen Gefäß); eine Cigarre oder Ghpspfeife im Munde, und wenn diese verdampft ist, eine Maultrommel; aber ohne Fußbekleidung, denn die darf er nicht tragen. Die Negerin, die in der Küche, mit der Wäsche, bei den Kindern beschäftigt ist, zeigt sich selten auf der Straße: erscheint sie in Gala, so geschieht es im weiten Kleide mit verschiedenen Abstufungen, woran unzählige Glöckchen hängen und was sie sonst etwa geschenkt bekommen hat, halb wild, halb parisermäßig, ebenfalls barfuß. Unter einander nennen sich die Neger ,,8e„üor," was sie von den hochtrabenden Titulaturen ihrer Herren angenommen haben, denn der Brasilianer hat zehn oder zwölf Titel vor seinem Namen und eben so viele dahinter. Läßt sich aber einer ihrer Ra?e einfallen, nicht mehr sein schlechtes Portugiesisch zu krächzen und zu kreischen, sondern nimmt er einen Anlauf, rein zu sprechen, so fragen sie ihn, ob er vielleicht ein braneo üiäslgo (ein weißer Edelmann) geworden sei. — Ganz ausfallend, was ein Neger aushalten kann. Mit bloßem Kopfe in der glühenden Mittagshitze arbeiten, aus freier Straße campiren, oder in der Hausflur auf bloßem Boden schlafen, in einen Pestilenzischen Dunstkreis gehüllt sein, nicht selten tüchtige Hiebe fühlen müssen: das thut ihm alles nichts, er ist dabei wohl und zufrieden; nur der Cholera kann er nicht trotzen, die besonders unter den Schwarzen ihre Opfer sucht. Aber, werden Sie fragen, wie sieht es mit ihrer Moral und Religion aus? Leider, nicht gut. Und darf das wohl befremden? Man sagt zwar: der Neger sei dumm und undankbar, flegelhaft, könne nur mit Prügeln gebessert werden. Allerdings wahr, aber wenn man ihn, wild wie er ist, in seiner Wildheit erhält, ihm keinerlei Unterricht ertheilt, sein Herr sich gar nicht darum kümmert, ob und wie er Religion übe, ja wenn er von seinem zügellosen Herrn nichts Gutes sieht und hört oder selbst zum Bösen angeleitet wird, — wie kann er da gut gesittet werden oder bleiben? Zudem sind diese Sclaven mit Arbeit überladen, manchmal taub und blödsinnig, jedenfalls sehr bornirt, woran auch, wie mir Wendelin bemerkte, das fortwährende Lasttragen auf dem Kopse schuld ist. So geschieht es, daß die Meisten ohne alle Begriffe von Religion aufwachsen. Die guten Patres Capuziner halten ihnen Christenlehre und hören besonders die Alten und Tauben Beicht, was eine entsetzliche Mühe ist. Gleichwohl sagen die Patres im Spital, daß die kranken und sterbenden Neger für die Hilfe der Religion am empfänglichsten seien. Sie glauben kaum, wie wehe es uns that, wenn wir diese Armen sahen und ihnen nicht helfen konnten. Ueber 100,000 sind in Rio-Janeiro allein, über drei Millionen in Brasilien, und jeder derselben hat eine unsterbliche Seele! Großer Gott! wann kommt denn ein zweiter Apostel, wie der selige p. Claver, um so vielem geistigen Elende zu steuern? Ich bin überzeugt, daß es nicht so schwer wäre, sie für Gott und den Himmel zu gewinnen, wenn man nur freundlich mit ihnen umgehen kann. Sie sind gutmüthig, und weil ihrer eigenen Unfähigkeit nnd Niedrigkeit bewußt, gelehrig und folgsam. Aber Erwachsene wie Kinder haben eine angeborene Furcht vor den Weißen, nnb wenn man ihnen noch so freundlich begegnet, zittern sie doch zuerst einige Augenblicke. Wenn ich die Kinder anredete oder Miene machte, sie bei der Hand zu nehmen, so fingen sie an zu lausen und zu schreien, und 243 guckten mich mit ihren Mohrengesichtern wie scheue Hündchen an. Wenn ihnen darauf ein Bekannter vom Hause ein Stück Brod oder eine süße Frucht zeigte, so kamen sie wieder heran, und ich hätte mich mit ihnen unterhalten können, falls wir uns verstanden hätten. Die Waisenkinder im Spital sind gar interessant, und die barmherzigen Schwestern erziehen sie vortrefflich. Nichts macht mir mehr Vergnügen, als unter einem Corps solcher Kinder zu stehen, die alle Farben im Gesichte tragen, von der blaßweißen bis zur kohlschwarzen, und dabei so bunt gekleidet sind, wie die Vogel Brasiliens. Die Kinder der Weißen sind hier wie überall; sie lärmen, schreien und schlagen sich, indeß die Negerkinder sanfter und nachgiebiger sind. O, wie viel Gutes könnte man hier allein bei den Kindern wirken! Tausende wachsen auf, wie die jungen Waldbewohner, die von einem Ast zum andern springen; der Schulbesuch ist frei, und nur die Reichen schicken ihre Kinder zur Schule. — Eines Tages hatten die barmherzigen Schwestern eine Schaar Schwarzer von fünf bis acht Jahren in ein Schulzimmer eingeschlossen. Ich ging vorbei, da vernahm ich Plötzlich ein Geschrei, als wären Raben in der Nähe. Ich blickte um mich, siehe! die kleinen Schwarzen steckten durch die Fenstergitter ihre wolligen Köpfe und glänzenden Gesichter. „Venor, Vener," riefen sie Allemir entgegen. Ich trat näher. „Ihrsprecht ja französisch, Kinder!" — Oui, ülonsieur. Ich unterhielt mich dann mit ihnen, sie waren so herzlich und munter, redeten so verständlich, daß ich ganz entzückt war. Da fragte ich: „Woher kennt ihr mich?" — Sie haben uns heute die heilige Messe gelesen. „Habt ihr etwa beigewohnt?" — Ja, ja! „Habt ihr gebetet?" — Ja! Ich stellte dann ein Gespräch über den Katechismus an. Unter Anderem sagte ich Einem: „Da ihr Alle das Kreuz machen könnt, gut, du Kleiner, mache es." Da fletschte der Junge die Zähne, warf seine funkelnden Aeuglein umher, stieß einen fast affenartigen Laut aus und ballte ingrimmig die Faust gegen mich. Was da Plötzlich für Ideen in dem schwarzen Köpfchen auftauchten, weiß ich nicht: ob sich sein Ehrgefühl durch eine so gewöhnliche Frage verletzt glaubte? Ich hatte Mühe, das Lachen zu unterdrücken, und mußte die Unterhaltung schließen. Alle Kinder verabschiedeten sich so artig, wie sonst Kinder in gebildeten Familien, reichten mir durch das Gitter die Hand und entließen mich unter Freudengeschrei. Ein anderes Mal lernte ich von ?. Wendelin, der das trefflich versteht, wie man mit den ziemlich abgestumpften und doch gutmüthigen Negern ganz eigenthümlich umgehen müsse. Ein Schwarzer lief ihm gerade in die Hände, dessen nicht musterhaften Wandel er kannte. „Du bist doch ein rechter Taugenichts, daß du solche Gemeinheiten begehst." — 8ou twmem, sou komem (ich bin ein Mensch). „Was, ein Mensch bist du? — Du handelst ja wie ein unvernünftiges Thier." — Pater, soll ich einen Act der Reue erwecken? „Ja wohl, das hast du schon nothwendig. Du hast dadurch gesündigt." Dies Letztere schien er nicht gefaßt zu haben. 1*. Wendelin half also nach, .um ihm deutlich zu machen, was sündigen heiße. „Du bist ein Sclave?" — Ja! „Siehe, dein Herr kann mit deinem Leibe machen, was er will, dich verkaufen, dich prügeln, dir Lasten auflegen. Aber über deine Seele hat er Nichts zu sagen. Denn diese kriegt er nicht, weil sie ihm der himmlische Vater versteckt hat. Bist du brav, so kommst du in den Himmel und kriegst eine goldene Krone, während dein Herr vielleicht in die Hölle kommt, und du ein König wirst, er aber ein Sclave. .." (Letzteres gefiel dem Neger.) „Ja/ fuhr der Pater fort, „es ist so. Aber jetzt bist du nicht blos ein Sclave deines Herrn, sondern auch ein Sclave des Teufels. Du bist das Pferd des Teufels, woraus er reitet." — klon ^esu Oboist! miillm Lonlior»! (Guter Heiland! meine Gebieterin, Maria!) „Ja, du hast unserem Herrn ein Messer in's Herz gestoßen. Das machte den Neger immer nachdenkender, und nach einigen Augenblicken fragte ihn der Pater: ob er das wieder thun wolle. — >unen iiuiis, nunoo inais, meu Mute«! (Nie wieder, mein Vater!) Ich meinte, es müsse dem Burschen jetzt Ernst sein; allein ?. Wendelin zweifelte und fürchtete, bis zum Abend würde er wieder der alte Sünder sein. Da die Neger wegen des verpönten afrikanischen Sclavenhandels nun seltener werden und man doch Arbeiter braucht, so macht man Jagd auf Weiße und Auswanderer; die nicht vorsichtig sind, fallen Speculanteu oder ihren Agenten in die Hände und haben fast kein günstigeres Loos, als die Sclaven. Unlängst klagte ein betrogener Schweizer bitter bei ?. Wendelin, wie ein solcher Plan- tagenbesitzer eine Schweizer-Colonie kommen ließ, aber die arglosen, unbemittelten Leute durch perfide Contracte fast zu seinen Sclaven gemacht hat. Als endlich die Schweizer aus seinen Fesseln entkommen, lockte er eine Schaar Chinesen an, die ihm nun willfährig sein müssen. Die Regierung selbst verfährt nicht so treulos und schimpflich, wenn sie Colonisten herruft. Aber da sie vieler Mittelspersonen sich bedienen muß, kann immer noch Betrug stattfinden, k. Wendelin fragte beim Minister an, ob auswandernde Tiroler freie Uebersahrt, Beförderung an Ort und Stelle, und ein Stück Land erhielten. Der Minister antwortete ihm: Freie Uebersahrt nicht, wohl aber das Andere. Wie eben dieser erfahrene Mis- fionair versicherte, stehen sich die Eingewanderten, freilich nachdem sie vieles Bittere gekostet, in vielen deutschen Colonien, die er kennt, sehr gut; namentlich gilt dies von der größtentheils deutschen Colonie Petropolis, die jetzt zur Stadt erhoben und in der heißen Jahreszeit von angesehenen Brasilianern und Ausländern, sogar vom Hofe bewohnt wird. Bereits führt von Rio-Janeiro eine Eisenbahn dahin. (Fortsetzung folgt.) Wie Hannchen beten lernt. In einem kleinen Orte, der von prächtigen Wiesen und Wäldern umgeben ist, hatten brave Eltern ein Mädchen von sieben Jahren. Sie liebten ihr Hannchen gar sehr, und alle Leute hatten es gern, denn es war ein freundliches, gutes Kind. Es blickte die Menschen aus seinen blauen Augen freundlich und treuherzig an, und an dem lächelnden Munde und den beiden Grübchen in den Wangen merkte man gleich, daß es gern lustig sei. Mit ihren Händen hatte Hannchen immer etwas zu thun; recht ruhig konnte sie dieselben nicht leicht halten und die Füßchen vollends wollten gar nie lange an einem Platze bleiben. Sie wäre gerne in die Schule gegangen, wenn man dort nur auch ein wenig hätte herumspringen dürfen. Kurz, Hannchen war ein sehr lebhaftes Mädchen. Sie war aber nicht nur lustig, sondern sie hatte auch ein liebes gutes Herz, das keinem Thierchen und keinem Kinde wehe thun konnte; sie war den Eltern gehorsam; denn wenn sie es auch einmal nicht war, so geschah es nicht aus Un- gehorsam, sondern aus Leichtsinn; und wenn man sie deßhalb bestrafte, machte sie kein trotziges Gesicht, sondern weinte, versprach in Zukunft folgsamer zu sein, wischte sich die Thränen ab und war hierauf für viele Tage aufmerksam auf die Befehle der Eltern und des Lehrers. Aber einen großen Fehler hatte Hannchen doch: es dauerte ihr Alles gleich zu lang, was ihr nicht Unterhaltung gewährte; besonders wurde ihr beim Beten gar bald die Zeit zu lang. — Ja, wenn der Lehrer in der Schule vom guten Gott sprach, wie schön er die Welt gemacht habe und wie das Alles nur durch sein Allmachtswort entstanden sei, — da dauerte es ihr immer zu kurz. Aber beten und im süßen Namen Jesu mit dem lieben Himmelsvater sprechen, das that sie doch nicht gern, oder doch nicht lange; denn sie meinte: weil Gott Alles wisse, so müsse er auch wissen, daß sie ihn lieb habe; ihm danke oder ihn in ihrem Herzen um Dieses oder Jenes bitte. Darum sagte sie beim Abendgebet gar gern: „Lieber Gott! du weißt schon, was ich brauche, gib es mir! Amen." Das war aber nicht recht von Hannchen; und eben, weil der liebe Gott wohl wußte, was sie brauchte, lehrte er sie vor Allem selbst das Beten, so daß sie es nicht mehr verlernte, so lange sie lebte. Hört nur, wie das geschah. Es war ein wunderschöner Sommertag; die Mücken tanzten in der Luft, die Grille zirpte in ihrer kleinen Höhle, die Wachtel schlug im Grase und die Vögel sangen die schönsten Lieder; der Himmel war so blau, daß ihn kein einziges Wölkchen verdüsterte; nur die kleinen weißen Himmelsschäffchen versilberten ihn, und im Walde, da reiften bereits die süßen Erdbeeren, so daß Hannchen meinte, die Mutter brauche gar nicht mehr zu kochen. Die Schule war aus, die Eltern hatten im Felde zu thun. Auf dem Lande ist es nicht wie in der Stadt, wo die Kindsmagd das Vesperbrod bringt; auf dem Lande holen es sich die Kinder selbst, wenn der Wald so nahe ist und es Erdbeeren gibt. Hannchen ging also in den Wald hinaus, ganz allein, das war ihr nicht verboten, denn das thun alle Dorfkinder; nur war ihr befohlen, beim Gebetläuten wieder zu Hause zu sein. Hannchen hatte ein Töpfchen bei sich, in bas sie die Erdbeeren, welche sie nicht selber aß, hineinthat, um sie des andern Tages an die Stadtkinder zu verkaufen. Beim Beerensuchen kam sie immer tiefer in den Wald hinein, wo das Gras, die Kräuter, die Blumen und das Moos immer schöner werden, weil die heiße Sonne nur mild durch die Zweige blickt, und sie also nicht austrocknet und der Fuß der Menschen sie nicht zertritt. Da gibt es auch noch schönere Schmetterlinge und noch glänzendere Käfer als nahe beim Wege und Dorfe. Hannchen hatte bereits viele Beeren im Töpfchen und noch mehr im Magen; sie meinte also nun ausruhen zu dürfen, und legte sich in's hohe, weiche Gras, sah die schöne blaue Himmelsfarbe durch die Zweige der Bäume schimmern und dann blickte sie wieder zur Erde nieder auf das Käferchen, das über den Grashalm kroch, und wieder herunterfiel und dann wieder hinaufkletterte, und dachte, daß es weit geduldiger sei, als sie selbst; dann horchte sie aus den Gesang der Vögel und ahmte ihre Stimmen nach; und dann mußte sie über Alles, über sich selbst lachen, und das war lustig. Hier und da dachte sie freilich an's Heimgehen; aber wenn sie einige Schritte gegangen war, mußte sie wieder stehen bleiben; denn sie sah ja dorten im Gebüsch ein Häschen sich putzen, und dort auf dem Baume ein Eichhörnchen springen, und da eine so große prächtige Erdbeere, die allein schon einen Kreuzer werth war, und die sie pflücken mußte. So kam allmälig der Abend heran; es wurde schon ein wenig düster, denn die Sonne war bereits untergegangen; sie hatte aber doch das Gebetläuten noch nicht gehört und war noch gar nicht müde und schläfrig. Nun machte sie sich aber doch eilig auf den Weg; denn Plötzlich wurde ihr bange, zuerst nur, weil sie fürchtete, von der Mutter gezankt zu werden; dann 246 fiel ihr ein, daß der Vater ihr früher einmal wegen zu langen Ausbleibens Strafe angeboten hatte. Sie lief nun, was sie konnte, aber sie kam doch nicht schnell weiter; bald blieb sie mit den Kleidern am Gesträuche hängen; bald schlugen ihr die Zweige in's Gesicht; zuletzt trat sie in einen Dorn und sank vor Schmerz zur Erde nieder; zugleich wurde es ihr ganz wirre im Kopse, sie erkannte den Weg nicht mehr und es war inzwischen auch ganz dunkel geworden. Weiter gehen konnte sie nicht, denn die bloßen Füße waren ganz wund getreten und der scharfe Dorn verursachte entsetzliche Schmerzen, wenn sie auftrat. Was sollte sie thun? — Sie weinte bitterlich und das Herz pochte laut in entsetzlicher Angst. Der sonst so schöne Wald kam ihr grausenhaft vor; die Stille, welche nunmehr eingetreten, machte es ihr recht klar, wie allein und ganz verlassen sie war; und wenn es hier und da im Gebüsche rauschte, — dann hörte das Herzchen beinahe zu klopfen auf vor Angst. Nun fürchtete sie sich nicht mehr vor Vater und Mutter; o wie gerne hätte sie Zank und Strafe hingenommen, wenn nur Eines von ihnen gekommen wäre; aber wie sie auch nach Vater und Mutter rief — Niemand kam. In dieser entsetzlichen Angst fiel ihr Plötzlich ein Verslein des Büchleins, in dem sie in der Schule lasen, ein: „Gebet erlöst aus aller Noth; Drum bete und vertrau auf Gott!" Und wieder ein anderes: „Vertrau auf Gott und laß ihn walten; Er wird dich wunderbar erhalten!" Nun war dem armen Hannchen plötzlich leichter um's Herz; sie wußte, was sie thun konnte. Augenblicklich kniete sie nieder, faltete die Händchen, sagte aber nicht: „Lieber Gott, vu weißt schon, was ich brauche, gib es mir! Amen." Nein, sie rief mit inniger, flehender Stimme: „Lieber Gott! ich habe mich im Walde verirrt; ich fürchte mich entsetzlich! Gewiß thut mir ein böses Thier etwas, oder ein Räuber nimmt mich mit, daß ich nie mehr zu Vater und Mutter komme; oder ich muß im Walde verhungern! O Gott! du hast ja deine Kinder lieb und erhörst sie, wenn sie beten! O hilf mir und sende meine Eltern zu mir, daß sie mich nach Hause führen, und laß meinen Schutzengel über mir wachen!" Als Hannchen oft und oft dieses Gebet verrichtet hat, fiel es ihr schwer auf's Herz, daß sie früher gar nicht beten wollte; da erinnerte sie sich vieler frommer Verse, die sie in der Schule hatte lernen müssen, und wie sie so im Grase lag, wiederholte sie einen derselben und sprach leise: „Bin ich allein in dunkler Nacht, Und will mir bange werden, So denk ich: Sternlein halten Wacht Nun statt der Sonn auf Erden. Und denke das sind Engelein, Die alle mich bewahren, Und jedes Kind, so schwach und klein, Umgeben in Gefahren. Und denke: Wie der Mond so klar Sieht Gottes Aug hernieder; Und legt den Schlaf so wunderbar Aus meine Augenlider. Und webet süße Träume mir In meinem tiefen Schlummer; Drum wacht mein Heiland über mir, So schlaf ich ohne Kummer. O scheinet Mond und Sternelein! Ihr sollt ein Bild mir werden Von Gott und seinen Engelein, Die wachen stets auf Erden!" Hannchen hatte die letzten Worte schon halb im Schlafe gesprochen; denn 247 von Müdigkeit, Angst und Weinen wurde sie leise in Schlummer gewiegt, und ein schöner Traum von „Gott und seinen Engelein, Die wachen stets aus Erden", versüßte den Schlummer des armen Kindes. — Sie mochte geraume Zeit geschlafen haben; der Mond war inzwischen aufgegangen und belauschte ihren Schlaf. Da wurde es Plötzlich ganz hell im Walde; große Lichter, von Männern getragen, zogen daher und voraus lief eine Frau, welche unter Schluchzen laut rief: „O Hannchen! mein Kind! wo bist du?" — Als sie zu der Stelle kamen, wo Hannchen schlief, fiel eben der klare Mondschein auf das blasse Kindesgesicht, und mit dem lauten Schrei: „Das ist mein Kind! mein kleines, verlorenes Hannchen!" stürzte die Mutter auf die Kniee und drückte ihr Mädchen auf die Brust. Hannchen öffnete verwundert die Augen: noch erkannte sie ihre Mutter nicht; sie hielt die Lichter für den Schein der Engel, von denen sie geträumt hatte. Als sie aber den Vater und die übrigen Männer sah, stieß sie einen lauten Freudenschrei aus und siel ihrer guten Mutter um den Hals. O wie hatte sich diese inzwischen geängstiget, als es Nacht wurde, und ihr Töchterchen nicht vom Walde zurückkam! — Alle Nachbarn theilten ihren Jammer und suchten mit ihr seit vielen Stunden das Verlorne Kind, und die arme Mutter hatte bereits die Hoffnung aufgegeben, ihr Hannchen wieder lebend an's Herz zu drücken. Als sie nun ihr Mädchen gefunden hatte, sank sie mit demselben auf die Kniee und rief laut aus: „Gott im Himmel, ich danke dir!" Der Vater nahm nun Hannchen auf den Arm, trug es heim und legte es in's warme Bettchen. Als Hannchen des andern Tags erwachte, war ihr Erstes, Gott knieend für ihre Errettung zu danken. Sie hatte, obwohl noch ein kleines Kind, doch in der großen Noth gelernt, wie heilsam und tröstlich das Beten sei, und daß diese Lehre, welche der gute Gott ihr im dunklen'Walde gegeben hatte, für sie sehr nothwendig gewesen wäre. — Von dieser Zeit an durfte man Hannchen aber nimmer zum Gebete mahnen, es dauerte ihr auch nie mehr zu lange, — vielmehr war es für sie eine süße Freude. Was sagt Schiller über den Papst? Es ist gewiß überaus merkwürdig, daß gerade die hochbegabtesten Männer, selbst wenn sie nach ihrer sonstigen Denkweise zu den Gegnern des Papstes und der katholischen Kirche gehören, dennoch vom geschichtlichen Standpuncte aus eine große Achtung und Erfurcht vor dem Papstthum an den Tag legen. So sagt Schiller, den Deutschland als seinen größten Dichter ehrt, in seiner „universalhistorischen Uebersicht der merkwürdigsten Staatsbegebenheiten zu den Zeiten Kaiser Friedrichs I.: „Man sah Kaiser und Könige, erleuchtete Staatsmänner und unbeugsame Krieger im Dränge der Umstände Rechte aufopfern, ihren Grundsätzen ungetreu werden und der Nothwendigkeit weichen; so etwas begegnet selten oder nie einem Papste. Auch wenn er im Elend umherirrte, in Italien keinen Fuß breit Landes, keine ihm holde Seele besaß, und von der Barmherzigkeit der Fremdlinge lebte, hielt er standhaft über den Vorrechten seines Stuhles und der Kirche. Wenn jede andere politische Gemeinheit durch die persönlichen Eigenschaften derer, welchen ihre Verwaltung übertragen ist, zu gewissen Zeiten etwas gelitten hat und leidet, so war dies kaum jemals der Fall bei der Kirche und ihrem Oberhaupte. So ungleich sich auch die Päpste in Temperament, Denkart 248 und Fähigkeit sein mochten; so standhaft, so gleichförmig, so unveränderlich war ihre Politik. Ihre Fähigkeit, ihr Temperament ihre Denkart schien in ihr Amt gar nicht einzuflößen; ihre Persönlichkeit, möchte man sagen, zerfloß in ihrer Würde, und die Leidenschaft erlosch unter der dreifachen Krone. Obgleich mit jedem hinscheidenden Papste die Kette der Thronfolge abriß und mit jedem neuen Papste wieder frisch geknüpft wurde, — obgleich kein Thron in der Welt so oft seinen Herrn veränderte, so stürmisch verlassen wurde; so war dies doch der einzige Thron in der christlichen Welt, der seinen Besitzer nie zu verändern schien, weil nur die Päpste starben, aber der Geist, der sie belebte, unsterblich war." Die Thüre. * Der Bruder des seligen Thomas von Kempis hatte ein schönes Haus bauen lassen, und jeden Besucher machte er aus die Schönheiten desselben aufmerksam und fragte ihn dann nach seinem Urtheile. Die Meisten seiner Freunde und Bekannten lobten dasselbe ausserordentlich. Einer aber wollte doch einen Fehler an ihm erkennen. — Welchen? — fragte der Hausbesitzer gereizt. —> Daß das Haus eine Thüre hat — erwiderte der Tadelnde ruhig. — Wie! — versetzte der Bruder des gottseligen Thomas von Kempis mit spöttischer Miene: — hat nicht jedes Haus eine Thüre, damit man ein- und ausgehen kann? — Wohl — entgegnete der Tadler — allein für Dich ist dies ein Fehler, denn aus dieser Thüre wirst Du einst todt herausgetragen werden und dann von allen Annehmlichkeiten Deines Hauses, welche dir dasselbe jetzt so anziehend machen, keine einzige mit Dir nehmen können. Mensch! diesem Hause ist in vielen Beziehungen dein Körper vergleichbar, die Wohnstätte deiner Seele. Du hast ihn zwar nicht selbst geschaffen, allein auf seine Erhaltung und Bequemlichkeit verwendest Du das Uebermaaß deiner Kräfte. Seine Reize und Vorzüge bewunderst Du und läßt sie so gerne von Andern bewundern. Du vergissest jedoch, daß Du fünf Sinne hast, durch welche der geistige Tod, wie durch Pforten, zu deiner Seele eindringen kann. Und ist Deine Seele ein Opfer dieses Todes für immer geworden, welche körperlichen Reize und Vorzüge kann sie mit sich nehmen in die Ewigkeit? Belächle also nicht den Freund, der Dich auf die Lust Deiner Sinne aufmerksam macht, und sage nicht zu ihm: habe ich nicht Augen, damit ich sehe, und Ohren, auf daß ich höre? Denn wisse: der verblendete Bruder jenes gottseligen Mannes besaß nur Einen Freund, welcher ihm die thörichte Liebe zu seinem Hause vorhielt. Alle Andern aber stimmten in das Lob des Hauses mit ein und rechtfertigten so die eitle Liebe zn demselben. _ Gerechte Strafe. Im Departement Untere Charente in Frankreich lebte eine beiläufig neun und achtzig Jahr alte Frau, welche vor langer Zeit eine hohe Stellung eingenommen hatte, von Almosen unter Entbehrungen. Ohnlängst wurde sie auf einmal von einem heftigen Uebelfinden befallen: einer ihrer Neffen, der anwesend war, wollte einen Arzt holen, aber die liebe Frau, welche wußte, daß dieser Besuch etwas kosten würde, setzte sich dem Verlangen des jungen Menschen hartnäckig entgegen. Nach Verlaus einer Stunde starb die arme Alte aus Mangel an Hilfe. Man fand in ihrem Bettstroh 1750 Fünffrankenstücke, 530 Zwanzig- srankenstücke, 9 Banknoten zu 1000 Fr. und 10 Obligationen öer Stadt Paris, jede nach der gegenwärtigen Taxe 1130 Fr. werth. Die Strafe war grecht: sie hat gegen Gott, gegen ihre Nächsten und gegen sich selbst gesündigt. Redaction un» Verlag i I)in M. Hutilcr. — Druck von I. M. Aleinlc. H- 3S 5. August 1860. Das Augsburger Sonntagsbltta (Sonntags-Beiblatt zur AugSburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Deutsche Missionen in Brasilien. (Fortsetzung.) IV. Picade da Sau Jose, 28. October 1859. Nach einem zweitägigen Aufenthalt verließen wir Porto Alegre. Aus einem Dampfschiffchen, woraus sich fast nur Deutsche hier ansäßigo Colonisteuin deutscher Manier zusammenfanden, fuhren wir weiter auf dem Rio dos Sinos nach St. Leopold, dem Hauptorte unserer deutschen Colonie. Hier mußten wir übernachten. Am andern Morgen gegen 11 Uhr gewahrten wir auf der andern Seite des Flusses einige Männer mit Pferden für uns. Wir ließen unser Gepäck in Verwahr, schifften hinüber und fanden recht herzliches Willkommen unter diesen deutschen Pflanzern, die zwar nicht zum Pfarrbezirk unserer güten Patres gehörten, aber doch von ihnen den Auftrag erhalten hatten, im Falle unserer Ankunft uns zur Weiterreise behilflich zu sein. Von jetzt an geht alles Reisen zu Pferde, da es hier noch keine Straßen zum Fahren gibt und mit diesem Ritt legten wir die erste Probe von unserer Reitkunst ab. Wir bestanden sie nicht alle glücklich; denn Einer fand sich nach einer Weile auf dem Wege abgesetzt, und sein muthiges Pferd hatte sich in die weite wilde Welt verloren. Doch zum Glück war dem Reiter selbst kein Leid widerfahren. Auf dem Hamburger Berg, wo sich verschiedene Handelsleute niedergelassen haben, bestiegen wir andere Pferde und nun ging's auf steilen und abschüssigen, ich möchte sagen, halsbrecherischen Wegen nach der Baum-Picade (Illo-uw «tos cious Irmaos), wo wir mit einbrechender Nacht am 27. Juni, Gottlob! endlich endlich bei dem hochw. P. Lipinski eintrafen. Wie groß die wechselseitige Freude war, können Sie sich wohl vorstellen: die seinige, über die lang ersehnte und nun angelangte Hilfe, die unsrige, über die glückliche Ankunft am Ziele der weiten Reise. Die religiöse Liebe und Armuth bereiteten uns einen herzlichen Empfang. Wir bewohnen ein einsames, einstöckiges Hüttchen, von einem kleinen Garten umgeben. Der Palast besteht aus vier Kammern, wovon die vierte, Speisesaal und Vorrathskammer, Schul- und Empfangssaal, Arbeits- und Schlafzimmer für die Brüder ist. Ein großer Saal säst ohne alle Kirchenornamente bildet die Capelle zum heil. Michael, die uns eben so wenig gehört, wie das Häuschen und der Garten. Wir leben precär von Almosen, die ziemlich sparsam, von Stipendien, die dann und wann geboten werden, von Victualien, die man mitunter bringt, die sich aber hier zu Lande nicht lange aufbewahren lassen; frisches Fleisch ' hält sich zur Zeit der Hitze keinen Tag. Nach einem Monat ging ich zu der 6 Stunden entfernten Station des l>. Sedlak, kioculo clo 8--»n .lose. Man nennt diese Flecken Picadcn, d. i. Durchstich, weil eben an solchen Stellen der Wald durchstochen, niedergehauen ist. Was nun das Feld unserer geistlichen Wirksamkeit betrifft, so ist dies ein sehr großes. Die ganze deutsche Cokonie St. Leopold zählt gewiß 17—18,000 Deutsche, wovon fast die Hälfte katholisch. Sie ist auf drei Kirchspiele (trogne-nii.-;) vertheilt; in zweien derselben fungiren die beiden Patres Lipinski und Sedlak, die schon mehrere Jahre als Missionaire hier wirken, als Pfarrer; im dritten ein brasilianischer Priester, der im Städtchen St. Leopold seinen Sitz hat. In dem Kirchspiele des 0- Sedlak leben zudem noch sehr viele Brasilianer, die im Volksmunde Portugiesen heißen, so daß die ganze Frequesie nahe an 300 Familien in sich schließt, mit einer Scelenzahl von 3000, wenn nicht mehr. Ueberdies kommt noch die Hälfte der Pfarrgenossen von St. Leopold zu uns zur Beichte, zum Gottesdienste, zur Kranken-Provisur, da sie von ihrer Pfarrkirche zu weit entfernt sind, und dann dort einen Priester finden, der nur portugiesisch versteht. Gerade jetzt wird in unserem Bezirke noch eine neue Colonie mit einer Stadt angelegt, wo vorläufig für 1000 Familien eine Unterkunft vermittelt werden soll. Um sich genauer orientiren zu können, gebe ich Ihnen eine kleine Beschreibung der Colonie. Sie ward 1827 gegründet. Die ersten deutschen Ankömmlinge waren vorn Hundsrücken und von der Mosel, nämlich aus dem Gebiete zwischen Trier, Saarlouis, Koblenz und Birkenfeld. Die damalige Kaiserin, eine österreichische Prinzessin, wollte Deutsche in Brasilien haben, von denen schon seit 1813 viele als Soldaten angeworben waren. Die Regierung beförderte sie unentgeltlich von den deutschen und holländischen Seehäfen nach der südlichsten Provinz Rio Grande do Sul, und wies ihnen im Urwald, ungefähr 30 Meilen von der östlichen Meeresküste, nach Süd- und Nordwest hin Colonien umsonst an, von denen eine 100 brayas in der Breite, 1600 in der Länge mißt. Eine bra^38 ist etwas weniger als 7 Fuß. — Aber ein amerikanischer Urwald, welche wild üppige, riesenhafte Vegetation! Man sieht hier Bäume, die dreimal so hoch sind, als deutsche Eichen, und ihre Kronen in einem für einen Nichtaugenzeugen unglaublichen Durchmesser ausbreiten. Sie stehen da im frischesten Grün oder zur Zeit der Blüthe in Rosen- und Lilicnbüschen. Daneben ragen in zweiter Ordnung eine Menge tropischer Gewächse empor, von denen ich bis jetzt nur die Palme, die Kokosnuß, den Jasmin und eine Art Theebaum erkennen konnte. Unten wächst dichtes Rohrgras, das beste Futter für's Vieh, und Schlingpflanzen die in allen möglichen Windungen und Verzweigungen undurchdringliche, wie aus festen Schiffstauen geflochtene Netze bilden und oft noch die höchsten Bäume umstrickt halten. Der Urwald selbst ist ein Abhang der Terra, eines sägeartigen Gebirgszuges, der von Norden nach Süden läuft. Auf diesem Abhang, der gleichsam die Rippen der Terra bildet, erheben sich zwischen sehr breiten Thälern einzelne Berge, so daß der ganze Urwald sich wellenförmig in die Serra anlehnt und gegen Osten an das Meer, gegen Süden und Westen aber in Ebenen (oam>> 08 ) ausläuft. Diesen Urwald nun, bisher blos bewohnt von Indianern, Bukrer genannt, von Tigern, Tapiren, Schlangen, Affen, Papageien, und von unbändigen Waldströmen durchrauscht, sollten die armen Einwanderer fern von aller menschlichen Gesellschaft, ohne alle Verbindungswege, cultiviren und hatten nichts anderes als Axt, Säge, Spaten, Hacke, nebst Doppelgewehr und Dolch. Es gelang ihnen, freilich unter unzähligen Entbehrungen und Drangsalen aller Art, besonders in den ersten Jahren, wegen der häufigen Einfälle der Bukrer und des Bürgerkrieges, der von 1836 bis 1845 in der Provinz tobte, und in den die Deutschen theils durch schimpfliche Parteiungen ihrer eigenen Stammgenossen, theils durch brasilianische Räuberhorden mit verwickelt wurden. Allmälig wuchs die Bevölkerung des brasilianischen Deutschlands. Gegen 25 Picaden, von denen die größten 70 bis 90 Familien zählen, also gegen 25 Gemeiden führen schon das regste Leben und die ältern Picaden sind in der That sehr wohlhabend. Denn die Prodncte 251 des Bodens, wie Milch, Bohnen u. s. w. gehen in die übrigen Provinzen zu hohen Preisen; dabei liefern die vielen Hausthiere, die hier frei umher laufen und sich selbst Nahrung suchen, reichlichen Vorrath an Lebensmitteln. Kein Wunder, wenn ein Moselländer, der in seiner Heimath ein winziges Stück Weinberg und zwei Ziegen besaß, nunmehr ein oavallikiro bniüüeiro zu sein glaubt, weil er eine hübsche Strecke Landes, eine dazu passende Wirthschaft, 5 Reitpferde u. s. w. besitzt. Da darf freilich an seinem Gesicht der Knebelbart und an seiner Bekleidung das englische Leder nicht fehlen. — Die Regierung selbst scheint den Deutschen sehr gewogen zu sein und thut ihnen sehr Vieles zu Gefallen. Sie wirbt jetzt wieder in Deutschland Colonisten und fast täglich sehen wir Schaaren von Einwanderern an unserm Hause vorbeiziehen oder in dem uns gegenüber liegenden ehemaligen protestantischen Bethause untergebracht werden, die dann weiter geyen Westen nach Ncupetrvpolis gehen sollen. Sie kommen von Hamburg und sind meistens Protestanten aus Sachsen und Pommern. Zu den ersten katholischen Ansiedlern gesellten sich später andere aus dem Mainzischen und Hannöverschen, aus Pfalzbayern und Sachsen. Die ganze deutsche Colonie erstreckt sich jetzt 12 Stunden in die Länge und 10 in die Breite. Mir liegt es hauptsächlich ob als Missionair, die verschiedenen Bezirke zu besuchen; besondere Sorgfalt muß ich denen widmen, die 5 oder 6 Stunden von der Pfarrkirche entfernt im dichten Wald liegen, damit sie nicht verwildern und endlich vergessen, daß sie katholisch sind. Auf einem solchen Ausfluge, der 4 bis 5 Tage dauert, halte ich dreitägige Missionsübungen in kurzen Vortragen, höre täglich 30 bis ^0 Beichten und versammle die Kinder zur Christenlehre. Nebenbei besuche ich die Kranken, klopfe an die Herzensthür armer, verkommener Menschen, nnd biete auch den Negern und Portugiesen die Hilfe der heiligen Religion an. Sie sind im höchsten Grade unwissend, lassen sich aber durch geistliche Gespräche, die man glücklich einleiten muß, in vertraulicher Unterredung gewinnen und belehren. In unserer Pfarrkirche selbst habe ich mehrere Male im Monat zu predigen, wo immer eine große Volksmenge aufmerksam zuhört. Auch bereitete ich hier schon Kinder auf die erste heilige Communion vor. Hätten wir nur für die armen Kleinen gut eingerichtete katholische Schulen! Einige gehen nun in die der Protestanten, die hierfür bereits gehörig gesorgt haben und uns mit ihren Bemühungen hindernd in den Weg treten. Wenigstens eben so viel Nachtheil bringen uns die lähmenden Maßregeln, die hier nicht selten gegen die Kirche ergriffen werden. Ich habe diesen Uebelstand schon in einem Briefe berührt, den ich Ihnen von Rio-Janeiro aus schrieb. Betrübender aber für uns sind die Schwierigkeiten, denen wir manchmal bei den Deutschen selber begegnen. Sie bringen mitunter aus Europa einen Freiheitsschwindel her, der da beansprucht völlig ledig zu sein von Allem, was schwer fällt und Ueberwindung kostet, und der nicht selten in einer zügellosen Großsprecherei, in einem groben und arroganten Benehmen sich kund gibt. die rastlose Arbeitswuth, von welcher der neue Ankömmling aus Noth, der ältere Colonist aus Gewinnsucht getrieben wird, erstickt das religiöse Streben nach überirdischen Gütern; endlich sind die fremdartigen Elemente, die aus allen deutschen Gauen und Religionsbekenntnissen zusammenströmen und mit den etwa vorhandenen guten Bestandtheilen sich mischen, unserem Wirken nicht gar förderlich. Einen Trost haben wir doch; das abscheuliche Laster gegen die Sittlichkeit ist unter den Deutschen, besonders wenn sie getrennt von Brasilianern leben> sehr selten. Die gleichsam durch die Ansiedelung bedingte Lebensart schützt sie davor, indem manche äußere anderswo so schädliche Gelegenheiten nicht da sind, und junge Leute, die sich verglichen wollen, bald mit reger Arbeitsamkeit eine sichere Existenz haben. — Ich wundere mich über den kräftigen schönen Wuchs der hier geborenen Deutschen; sie haben weit ausgeprägter die deutsche Physiognomie, als die Ankömmlinge aus Deutschland. Ihr riesenhafter Knochenbau, ihre blonden Haare, blauen Augen, vollen Gesichter, ihr schlanker, proportionirter Wuchs erinnert lebhaft an die glten Germanen. Ueberhaupt scheint der liebe Gott diese deutschen Ansiedelungen zu begünstigen. Der ungemein große Wohlstand bei Oekonomen und Handwerkern, das rasche Wachsthum der Bevölkerung, das hohe Alter, welches sie erreichen, die geringe Sterblichkeit, endlich, was noch weit mehr ist, die wunderbare Fügung, wie die armen Deutschen von spanischen Patres aufgefunden, mit der Kirche wieder in Verbindung gebracht, und durch ihre Bemühungen mit deutschen Priestern versehen wurden: alle diese Umstände dienen zum Aufblühen der Colonie und sind handgreifliche Beweise des Wohlwollens, womit die göttliche Vorsehung über sie wacht. Gern bringt da der Missivnair das geringe Opfer seiner Mühen und Entbehrungen; seien es nun die schlechten Wege, besonders zur Regenzeit, wo die Pferde tief in den Schlamm sinken, oder das Tage lange Sitzen auf dem Pferde, oder die schmalen Pfade, welche voll Wurzeln und Steingeröll unten, von oben mit Aesten und Flechtwerk überwölbt lind, so daß man immer gebückt auf dem Pferde sitzen muß, oder die lästigen Mücken, oder die ärmlichen Herbergen und gar ärmlichen Capellcu, oder endlich der rasche Temperaturwechsel. Alles zum Heile dieser verlassenen Seelen, bei denen sich doch schon erfreuliche Früchte der Arbeiten unserer beiden thätigen Vorgänger zeigen, und die Hoffnung geben, daß sie durch ihren Eifer den Absichten der heiligen Kirche und den Anstrengungen der von ihr gesendeten Priester entsprechen werden. Mögen Ihre frommen Gebete unsere Wünsche und Hoffnungen verwirklichen! (Fortsetzung folgt.) " M. Ke lluer, 8. R Christus in der heiligen Connnunion. C. 'Wenn du Jesum in der heiligen Cvmmunion empfängst, dann denke, o gläubiger Christ! es ist derselbe Jesus, welcher als neugeborenes Kind in der Krippe lag. Willst auch Du ihm einen so dürftigen Lagerstall in Deinem Herzen bereiten? Du nimmst das göttliche Jesukind in Deinem Herzen auf, zu welchem drei Könige aus fernem Morgenlande kamen, es anzubeten. Siehe: Dir ist es so nahe, kommt selbst zu Dir. Willst Du es nicht auch anbeten? Du genießest denselben Jesum, welcher der Verfolgungen des Herodes willen aus Bethlehem flüchten mußte. Glaubst Du nicht, daß er aus Deinem Herzen flüchten werde, wenn Du ihn mit Deiner Sündhaftigkeit verfolgst, derentwillen er am Kreuze bluten mußte? Als der göttliche Jesusknabe zwölf Jahre alt war, nahmen ihn Joseph und Maria nach Jerusalem mit zur Feier des Osterfestes im heiligen Tempel. Wie nun Jesus in seinem zwölften Lebensjahre zum ersten Male das Heiligthum seines himmlischen Vaters betrat, so und auf noch innigere Weise sollst auch Du, mein Christ! im zwölften Lebensjahre zum ersten Male dein Tempel des Aller- heiligsten, dem Tische des Herrn Dich nahen! — Siehe! der zwölfjährige Jesus weilte im Tempel, mitten unter den Lehrern, fragte sie und antwortete auf ihre Fragen. Weilst auch Du nach der heiligen Communion in Deinem Jesus, wie Jesus in Dir weilt, hörst auf die Zuslüsterungen seiner mahnenden Stimme, fragst ihn: „Herr! liebst Du mich?" und antwortest ihm, wenn er dich fragt: „Ja, Herr! ich liebe Dich!" Du wirst diese Fragen verneinen müssen, denn wenn Du in der Stunde der Prüfung deinen Heiland suchst, dann muß er dir zurufen: „Weißt du denn nicht, daß ich im Hausi meines Vaters sein muß?" Das Haus seines Vaters aber wäre dein Herz, wenn Du es in der Liebe und Furcht des Herrn zu einer ständigen Wohnstätte Deines Gottes bereit erhalten wolltest. 253 Du genießest Jesum im heiligen Abendmahle, ihn, der dreißig Jahre lang in stiller Einsamkeit lebte, gehorsam dem Willen seiner Eltern, sich vorbereitend auf seinen wichtigen Beruf als Stifter einer neuen Lehre, eines neuen Opfers. Doch Du, lebst auch Du nur Ein Jahr, Einen Monat, Eine Stunde in stiller Zurückgezogenheit vor der Welt, gehorsam dem Willen Deines himmlischen Vaters, Dich vorbereitend zu dem ernsten und heiligsten Berufe, ein Bürger zu werden der von Gott gestifteten triumphirenden Kirche? Jesus kommt zu Dir in der heiligen Hostie, Er, der seine Jünger um sich sammelte, indem er ihnen zurief: „Kommet und sehet!" und: „folget mir nach!" Willst nicht auch Du sein Jünger werden? O so komm recht oft zu seinem Tische, und siehe die Wirkungen seiner heiligen Gnade! Willst Du sein Jünger werden, so nimm Dein Kreuz auf Dich, und folge ihm nach! Derselbe Jesus wird dir in der heiligen Kommunion zu Theil, der im Tempel Gottes deir Viehhändlern und Wechslern zugerufen: Macht das Haus meines Vaters nicht zu einem Kaufhause!" Siehe! Auch Dein Herz ist nun ein Haus Deines Gottes geworden. Soll es noch ferner ein Marktplatz weltlicher Angelegenheiten, ein Tummelplatz irdischer Vergnügungen bleiben? Die Viehhändler und Wechsler wurden nicht, weil sie überhaupt Handel getrieben, sondern nur, weil sie Gottes Haus zu einem Kaufhause gemacht, aus dem Heilig- thume des Herrn gejagt. Auch Du darfst Dein Herz weltlichen Geschäften, schuldlosen Freuden erschließen, nur nicht zu jener Zeit, welche dem Dienste Gottes gehört: sei es in versammelter Gemeinde, sei es bei stillem Gebete in einsamer Kammer. Denn Jesus entfernt nicht die zeitlichen Sorgen und Zerstreuungen aus Deinem Herzen, welches sein Heiligthum sein soll, wie er einst die Verkäufer aus dem Tempel getrieben hat, sondern er entfernt sich selbst aus dem ihm fremd gewordenen Tempel Deiner Seele und überläßt sie weltlicher Verstrickung. Jesus reicht Dir im heiligen Abcndmahle das Brod des Lebens, Er, welcher der Samariterin am Brunnen lebendiges Wasser versprach. Wer von diesem lebendigen Wasser trank, den sollte in Ewigkeit nicht mehr dürsten nach dem Becher der Lust. Und möchtest Du ein einziges Mal würdig von diesem Brode essen, Dich dürfte in Ewigkeit nicht mehr hungern nach den Fleischtöpfen der Welt. Allein leider unterscheidest Du nicht dieses lebendige Brod von einer gemeinen Speise, und so issest und trinkst Du Dir selbst das Gericht und nach dem Gerichte die Verdammung, wo ein ewig nagender Hunger, ein ewig brenender Durst Dich quälen. Jesus naht sich Dir in der heiligen Communion, Er, der zu seinen Jüngern sagte: „Ich will Euch zu Menschenfischern machen." Auch Dich kann er zu einem Menschensischcr machen, wenn Du die Gnade, welche Dir durch die heilige Communion zu Theil wird, in Dir wirken läßest, so daß sie aus Deinem ganzen Lebenswandel gleichsam herauslcuchtet und du in Andern die Sehnsucht erweckest nach einem Strahle dieser leuchtenden Gnade. Nur mußt Du zuvor, wie der heilige Petrus, Deinem Heilande zu Füssen fallen und ausrufen: „Herr! geh' von mir hinaus, denn ich bin ein sündiger Mensch!" d. h. Du mußt beichten nach vollkommenster Selbsterkenntniß, in tiefster Zerknirschung, mit festestem Vorsätze zum Guten. Jesus kehrt durch den Empfang der heiligen Hostie in Dein Herz ein, Er, welcher zu den Bewohnern Kapharnaums sprach, da er in ihrer Stadt weilte: „Thut Buße! das Himmelreich ist nahe!" Wehe dir, wenn Du nicht schon Buße gethan hast vor seiner Einkehr bei Dir! Christus und mit ihm das Leben wird dir am Tische des Herrn gereicht, jener Christus, der die Tochter des Jairus vom Tode erweckte. Bist du schuldlos, wie dieses Kind, von welchem der Heiland sagte: „Es ist nicht gestorben, es schläft nur?" Oder schläfst du den Schlaf der Sünde so fest, daß Jesus dir zurufen müßte: „Du schläfst nicht, Du bist gestorben ?" Jesus brachte der Tochter des Jairus das Leben, als er zu ihr trat. Bringt er auch Dir das Leben der Seele, wenn er in Dein Herz einzieht, oder vielleicht ihren ewigen Tod, indem Du zum göttlichen Gastmahle gehst ohne ein hochzeitliches Kleid? O mein Christ! Du genießest im heiligen Abendmahle Deinen Mittler, der den acht und dreißig Jahre lang Kranken gesund gemacht hat. Auch Dich will er gesund machen, und wärest Du viel länger, viel ärger krank. An einem Sabbathe heilte der göttliche Menschenfrend den Kranken, und deßhalb ladet dich die katholische Kirche alle Sonnabende und Vorabende heiliger Feste zum ernsten Bußgerichte, weil es ihm an Sonn- und Feiertagen die innigste Freude gewährt, Kranken die Gesundheit, Todten das Leben wieder zu schenken durch den Genuß seines heiligsten Leibes und Blutes. Doch Du, machst Du nicht gerade an diesen Tagen, die vorzüglich Deinem Gott gewidmet sein sollten, Dich krank durch übermäßigen oder unerlaubten Genuß von Weltsreudcn? Jesus erquickt Dein Herz durch die heilige Communion mit himmlischem Labsale, Er, welcher der büssenden Magdalena die Sünden vergeben, nachdem sie seine Füsse mit köstlicher Salbe begossen. Siehe! Du bist nicht würdig, Deinem Herrn und Meister die Schuhriemcn aufzulösen, vielweniger seine Füsse zu salben, zu küssen oder mit Thränen zu benetzen. Dennoch hat er Dir Deine Sünden vergeben und reicht Dir nicht nur seine Füsse, sondern sich ganz, mit Leib und Blut in der heiligsten Brodgestalt. Du jedoch, benetzest Du ihn mit den Thränen wirksamer Reue, mit dem Oele der Gottinnigkeit, oder beschmutzest Du ihn nicht vielmehr mit dem Gisthanche Deiner Sünden? Dein Heiland besucht Dich im allerheiligsten Altarssacramente, wenn Du ihn in Dein Herz aufnehmen willst, Er, welcher dem Stnrme auf hoher See gebor, daß er schweige, wird er nicht auch durch seine in Dir wirkende Gnade dem Sturme Deiner Leidenschaften gebieten können, sich zu legen, wenn Du nur nicht ihn wach erhalten willst? Warum also, Kleingläubiger! verzweifelst Du an der Kraft der göttlichen Gnade und Deiner eigenen ernsten Mitwirkung, und sagst: „meine Leidenschaften sind zu tief eingewurzelt, als daß ich sie bekämpfen könnte!" Verschließe der Gnade Dein Herz nicht, welche durch den Empfang der heiligsten Hostie Dich überströmt. Christus auf hoher See gebot uur Ruhe, Christus in Deinem Herzen aber gebietet nicht nur dem Sturme Deiner Begierden und Neigungen Ruhe, sondern er wirkt auch in Dir neue Kraft zur Tugend. Jesus kommt zu Dir im heiligen Abendmahle, der einst zu Petrus gesagt hat: „Deinem Bruder sollst Du stebenzig Mal sieben Mal vergeben." Siehe! auch Dir vergibt er stebenzig Mal sieben Mal. Wann nun willst Du zum letzten Male sündigen? Jesus sättigt Deinen Liebeshunger in der hochheiligen Brodgestalt. Mit fünf Broden hat er Tausende von Menschen gespeist. O undurchdringliches Geheimniß! Mit einem Brode speist er Millionen! Es ist dies das Brod des ewigen Lebens für die nach der Tugend Hungernden und Dürstenden, das Brod des ewigen Todes für die im Giftbecher der Sünde unersättlich Schwelgenden. O Geheimniß der Geheimnisse! Jesus labt und stärkt Dich mit seinem heiligsten Leibe und Blute. Labst auch Du ihn mit der Inbrunst Deines Herzens, mit heißer Sehnsucht nach seinem Besitze? Siehe! die Kleinen, welche von den Müttern zu Jesu gebracht wurden, mußten von den Jüngern des Meisters rauhe Worte hören, bis er ihnen zurief: „Lasset die Kleinen zu mir kommen!" Doch Du? Deine Mutter, die katholische Kirche führt auch Dich zu Deinem Mittler. Jesus und seine Jünger, die Priester, laden Dich mit den liebreichsten Worten, oft, recht oft zu kommen. Niemand drängt Dich zurück, und Du kommst dennoch nicht, oder vielleicht nur Ein Mal des Jahres. Warum nicht? Weil Du nicht schuldlos und rein bist, wie diese Kleinen waren; weil Du nicht mehr werden willst, wie sie. 255 Jesus geht ein unter Dein Dach, wenn Du auch seiner nicht würdig bist. Er spricht nur Ein Wort und Deine Seele wird gesund, aber er spricht dies Wort nicht immer gleich. Die Mutter der vom bösen Geiste besessenen Tochter hörte er Anfangs nicht, dann gab er ihr scheinbar unfreundliche Worte. Doch sie hörte nicht auf, nach ihm zu rufen. Und so sprach er: „Dein Glaube ist groß," und heilte ihre Tochter. Siehe! Du hast ihn aufgenommen in Dir, und Du fühlst nicht die Wirkungen seiner Gnade im Kampfe gegen den bösen Geist der Sünde. Du rufst ihn, und er schweigt. Du rufst nochmal und er antwortet Dir, wie jenem Weibe: „Erst müssen die Kinder, d. h. die Schuldlosen satt werden. Es ist nicht billig, daß man den Kindern das Brod, d. h. das Brod des Lebens mit seinen Gnadenwirkungen nehme und es den Hündchen, d. h. den Unreinen und Sündern vorwerfe." Wenn Du nun in Herzensdemuth antwortest, wie jenes Weib: „Ich weiß es, Herr! allein die Hündchen bekommen doch Etwas von den Brosamen ihrer Herren," dann wirst Du gewiß in Dir die Stimme Deines Mittlers vernehmen, die da spricht: „Dein Glaube, Deine Hoffnung, Deine Liebe sind groß, fest, wie Felsen, und auf diesen Felsen will ich mir eine Kirche bauen, eine Wohnstätte meiner Gnadenwirkungen bereiten. (Schluß folgt.) Ein protestantisches Zeugniß für -as katholische Ordensleben. Gegenüber den vielen Angriffen und teilweise gemeinen Ausfällen, welche besonders wieder seit neuerer Zeit gegen das Ordensleben gemacht werden, ist es gewiß nicht ohne Interesse, auch das Urtheil eines Mannes zu höreu, der sich eben so sehr durch das größte Wissen als die lauterste Wahrheitsliebe ausgezeichnet hat, — nämlich des größen sächsischen Philosophen Leibnitz. Dasselbe lautet also: „Da Jeder auf verschiedenerlei Art entweder durch Befehl oder durch Beispiel, nach Stand und Fähigkeit, die Ehre Gottes fördern und seinem Mitmenschen nützlich sein kann, so ist es offenbar, daß es nebst denen, welche als Staatsbeamte und Privatpersonen leben, zum größten Nutzen auch in der Kirche asketische und contemplative Männer gebe, die losgetrennt von allen irdischen Sorgen und abgeschält von den Vergnügungen, sich ganz in der Anschauung des göttlichen Wesens und in die Bewunderung seiner Werke versenken, oder auch aller eigenen Geschäfte entlöst, nur auf das bedacht sind, daß sie den Nöthen Anderer zu Hilfe kommen, indem sie entweder die Unwissenden und Irrenden belehren, oder den Dürftigen und MülMjgm beistehen, und dies ist nicht die geringste aus den Eigenschaften, welche jene Kirche empfehlen, die allein den Namen und das Kennzeichen der Katholicität zu jeder Zeit behauptete und in der wir allein die hehren Beispiele der herrlichsten Tugenden und des ascetischen Lebens allenthalben glänzen und sich fortpflanzen sehen. Ich gestehe also, daß ich allzeit die klösterlichen Vereine, die frommen Confraternitäten und Gesellschaften und andere dergleichen lvbenswürdige Anstalten vorzüglich gebilligt habe, denn diese sind gleichsam eine Himmelsmiliz auf Erden, wenn sie nur, ferne von Verderbniß und Mißbräuchen, nach den Satzungen ihrer Stifter regieret und vom obersten Bischof zum Nutzen der allgemeinen Kirche angewendet werden." Was sollte in der That ruhmvoller sein, als das Licht der Wahrheit durch Fluthen, Feuer und Schwerter zu den entferntesten Völkern tragen, nur mit dem Heile der Seelen sich beschäftigen, auf verschiedene Vergnügungen und selbst auf den Reiz der Unterhaltungen und Gesellschaften verzichten, um der Betrachtung der unergründlichen Wahrheiten und der göttlichen Beschauung obzuliegen, sich der Erziehung der Jugend widmen, um sie zu den Wissenschaften und zur Tugend zu bilden; den Elenden, Verzweifelten, Unglücklichen, Gefangenen, Verurteilten, I kl'... » W- 256 Kranken, im Unstath, in den Banden, in weit entfernten Gegenden Hilfe leisten, ihnen beistehen, nnd sich sogar nicht einmal durch die Schrecknisse der Pest vor ausgebreiteten Liebeswerken abschrecken lassen: „Wer dieses verkennt oder vernichtet, der hat nur einen gemeinen oder niedern Begriff von der Tugend und beschränkt in dummer Einfalt die Pflichten der Menschen gegen Gott schlechthin auf äußerliche Verrichtungen und geistlose Gewohnheiten, welche insgemein ohne Eifer und Gefühl geschehen." Der berühmte Philosoph Leibnitz denkt und urtheilt also über die Orden ganz anders, als mancher badische Professor und Landstand. Ein treu geliebter Seelenhirte. Aus Treno in der Lombardei schreibt man: Unser ehrwürdiger Pfarrer und Decan wurde am 8. Mai aus dem Gefängnisse entlassen. Die Richter in Bergamo wurden es endlich müde, den guten Pfarrer, welcher der Majestätsbeleidigung angeklagt oder vielmehr verdächtiget worden war, nach 2 und i/z Monaten gesänglicher Haft länger zu quälen, da sie nicht einmal einen Schein des angeschuldigten Verbrechens aufzufinden vermochten; sie begründeten ihr desfallsiges Erkenntniß mit dem Verwände, daß nach dem seit dem l. dieses eingeführten Gesetze es nicht möglich gewesen wäre, ihn zu verurtheilen. Wie dem nun auch sei, so kann man sich keine Vorstellung machen von der Freude der Bewohner Treno's und der Umgegend, als dieselben die Freilassung ihres Seelsorgers erfuhren; sie kamen noch denselben Abend nach Bergamo, um ihn ungesäumt zurückzuführen, mußten aber bis zum nächsten Tage ihr Vorhaben aufschieben, welche Zeit sie indeß benützten, um geeignete Vorbereitungen zu treffen, den Empfang noch glänzender und feierlicher zu machen. Lange vor der Wagen in Treno anlangte, waren alle Glocken in Bewegung und die Landleute gaben Feuersalven mit Flinten, Pistolen, Böllern, kurz mit Allem, was sie eben zur Hand hatten. Bis eine Meile von dem Flecken war das Volk dicht an der Straße geschaart, so daß der Wagen bei seiner Ankunft nur im Schritte vorwärts kommen konnte. Ein Jeder wollte seinen Pfarrer zuerst sehen und ihm die Hände drücken, und Alles schrie ohne Aufhören: „Es lebe unser Pfarrer!" „Es lebe die Unschuld!" rc. Als man endlich zum Pfarrhause gelangte, sah man die Unmöglichkeit in das Haus zu gelangen; denn dasselbe, der Garten, die Bäume, Alles war dicht mit Menschen besetzt. Die Priester des ganzen Decanats, welche ihrem Vorstand entgegengeeilt waren, führten ihn also in die Kirche, wo ein „Gott Dich loben wir" angestimmt und hierauf mit dem allerheiligsten Sacramente der Segen ertheilt wurde. Als die Feierlichkeit geendet war, wollte Niemand die Kirche verlassen, denn die Gemeinde wünschte, der Pfarrer möchte noch die Kanzel besteigen und einige Worte an sie richten. Allein der gute Decan war so gerührt von dem herzlichen Empfange, daß er nichts hervorzubringen vermochte: da bestieg nun ein anderer Priester die Kanzel, nnd hielt eine vortreffliche Ansprache von den Tröstungen, welche Gott denen bereitet, die für die Religion Leiden und Trübsale erdulden. Die braven Leute weinten vor Rührung, so daß der Redner inne halten mußte, um ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Endlich verließen sie die Kirche, umringten aber den Pfarrer und verließen ihn nicht eher, bis ihm Jeder die Hand geküßt hatte. So wurde der gute Seelsorger für mehr als zweimonatliche Gefangenschaft und Trübsal im reichsten Maße durch die Liebe seiner Psarrangehörigen an einem einzigen Tage entschädigt. Redaction un» Verlag: vn. M. Huttler. — Druck von I. M. Aleinlc. 12. August 1860. Das Augsburger Sonntaasblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Deutsche Missionen in Brasilien. (Fortsetzung.) V. Brief des 1'. Klüber. Picada dos duos Jrmaos, im November 1858. Wie wir am 27. Juni glücklich hier angelangt sind, werden Sie schon vernommen haben. Wir fanden ein weites, weites Feld, das noch manchem apostolischen Arbeiter, den sein Eifer nach Südamerika hinzieht, Raum, Beschäftigung und Beschwerden bietet. Ich hoffe auch, daß der Boden in religiöser Beziehung mit der Zeit eben so ergiebig sein wird, als er es im Pflanzenreiche ist. Von der erstaunlichen Fruchtbarkeit habe ich mich selbst überzeugt, als ich die Plantagen besuchte. Aus Einem Roggen- oder Weizen- oder Gerstenkorn habe ich 30, äO, 60 und noch mehr große volle Aehren mit ihren Halmen aufgesprossen gezählt. Das sogenannte Milienkorn trägt das <100- bis 500 fache. Dazu jährlich mehrere Ernten. Der Mangel an leichten Communicationsmit- teln hindert die Colonisten, ihre Producte besser zu verwerthen. Aller Transport geschieht durch Pferde und Maulthiere. Aber ein kleiner deutscher Knabe zu Pferd an der Spitze und seine kleine Schwester zu Pferde im Nachtrab reichen hin, um die längste Karawane meilenweit über Flüsse und Berge zu comman- diren. Ueberhaupt können hier schon die kleinen Kinder bei der Arbeit behilflich sein, da außer dem Waldhauen, das sehr beschwerlich ist, verschiedene der übrigen Arbeiten leicht und gesund sind; aber alle müssen fast nur durch Menschenhand verrichtet werden. Das Klima, obwohl einen guten Theil des Jahres sehr warm, ist doch in der Provinz Rio Grande für die Deutschen so ausnehmend gesund, daß es unter ihnen beinahe keine Krankheiten gibt und sie trotz der Arbeit sehr alt werden, an die hundert Jahre und darüber. Alle Ritte die ich zu den Kranken mache, bestätigen es. Außer den Kindern, die etwa in ihren ersten Jahren verscheiden, sterben die Andern ungefähr nur vor Alter, oder durch ein äußeres Unglück. Wie viele Achtziger, Neunziger habe ich schon gesprochen, welche die Zahl ihrer Kinder und Enkel nicht zusammenbringen können, indeß sie selbst noch ganz rüstig wie ein Vierziger alle schwere Arbeiten verrichten. Die schon mehrmals mit den letzten heil. Sakramenten Versehenen wollen garnicht sterben und stehen oft den andern Tag wieder in der Plantage. Hätten einmal die Gottesfurcht und der heil. Glauben in den einzelnen Familien Wurzel gefaßt, so würde bei dem patriarchalischen Leben, und dem Mangel äußerer Gelegenheiten Das Gute sich leicht erhalten und fortpflanzen. Die Protestanten sind hier größer an Zahl und mächtiger an Einfluß, was daher rührt, daß viele Katholiken ganz arm herkamen; Loch auch diese können, wenn sie arbeitsam sind, nicht nur der drückenden Noth entgehen, sondern selbst wohlhabend werden. Nur Eine bittere Noth verkümmert allen Verständigen ihr sonstiges irdisches Glück; das ist der Mangel an guten deutschen katholischen Schulen, um die Nachkommen christlich zu erziehen. Da hier Lehrfreiheit herrscht, könnten wir sogleich beginnen, wenn wir nur tüchtige Lehrer hätten. Aber woher anders, als von Deutschland können wir solche erwarten? Ich bin überzeugt, daß da mancher tugendhafte Lehrer edelmüthig genug sein wird, um dem Zuge der Gnade hieher zu folgen. Aber entschieden für seinen Lehrerberuf muß er sein, damit er voll Eifer die verlassenen deutschen Kinder für die Religion und den Himmel rette und nicht Gefahr laufe, seinen Lehrerstand bei einem lockenden Vortheil ganz aufzugeben, um wie die Anderen nur den Boden zu cultiviren; obwohl es allerdings gut wäre, wenn er in beschränktem Maße für sich Oekonomie betreiben könnte. — Haben wir einmal etwas weiter vorangearbeitet, dann hoffen wir auch aus die Erziehung der weiblichen Jugend eine sorgsamere Pflege verwenden zu können durch deutsche Klosterfrauen, für die in unsern Picaden ein Klösterchen erbaut werden müßte, mit einem Schul- und Erziehungshause zur Heranbildung der jungen Mädchen in allen weiblichen Arbeiten und Tugenden. Denn wachsen diese unwissend und verwildert auf, wie geht es dann mit der Religion? Die große Entfernung vieler Colonisten, die sich tief im Urwald angesiedelt haben, von Kirche und Priester hemmt ebenfalls das Aufblühen der katholischen Religion. Wir müssen es den guten Leuten in so fern erleichtern, daß wir von Zeit zu Zeit entweder die einzelnen Ortschaften besuchen, oder uns an irgend einem Mittelpuncte, wohin sie von verschiedenen Seiten kommen können, länger aufhalten. Letzteres habe ich neulich versucht, indem ich mehrere Wochen aus dem Buckerberge verweilte und während der Zelt Missions-Uebungen vornahm. Einen genaueren Bericht über dieses erste Unternehmen werde ich Ihnen nächstens abstatten. — Der eben erwähnte Uebelstand würde schon durch Errichtung guter katholischer Schulen auf verschiedenen Puncten bedeutend vermindert. Hierzu kommt aber noch eine Noth, die gerade wegen der zweifachen genannten noch fühlbarer wird, da sie eben deshalb nachtheiligere Folgen hat, nämlich der Mangel an guten katholischen Büchern. Wir brauchen nothwendig Tausende von Katechismen, biblischen Geschichten, Gebet- und Gesangbüchern, sodann Erklärungen des Katechismus und der Evangelien, Leben der Heiligen und andere nützliche Werke zur Belehrung und christlichen Erbauung. Welch ein kräftiges Mittel hätten wir hierin, um der Unwissenheit und' Verwilderung so vieler uns anvertrauten Seelen zu steuern! Wie eifrig würden es unsere guten Deutschen benutzen, denen in ihrer Waldeinsamkeit ein gutes katholisches Buch ein willkommener Freund wäre! Sie haben wirklich einen Heißhunger darnach, und wären bereit, auch die ärmeren, große Opfer zu bringen. O wüßte das manche edle Seele in Deutschland: wie Viele würden nicht bereitwillig ihren katholischen Landsleuten in Brasilien zur Erlangung eines so nothwendigen und heilsamen Mittels hilfreiche Hand bieten. Ach! muß denn überall das Böse dem Guten voraneilen; muß denn Las Gift vor der gesunden Nahrung gereicht werden? Es ist unglaublich, was von Deutschland aus, namentlich in den Seestädten zur Verbreitung schlechter Bücher geschieht. Schon in Hamburg, Bremen u. s. w. werden den unwissenden Auswanderern die gottlosesten und schändlichsten Bücher, Romane, Traktätleiu zugeschoben. In Masse werden solche verpestete Schriften hierher geschickt, und unter den Protestanten bestehen ganze Leihbibliotheken; ja bis ganz in den Urwald hinein habe ich in den Händen der Katholiken die abscheulichsten Bücher gefunden. O! darf man es da dem katholischen Missionair verargen, wenn er mit blutendem Herzen seine klagende und flehende Stimme über die Meere schickt? 259 Ich weiß, wie innig Ihr liebevolles Herz unsere Noth und meinen Kummer mit mir suhlt, und wie gerne Sie helfen möchten, wenn Sie könnten. Um Eines bitte ich Sie aber dringend, unterstützen Sie mich, Ihren schwachen Mit- bruder, mit Ihrem Gebete, damit sich Gottes unendliche Barmherzigkeit zu unsern deutschen Gemeinden Herabneige. Bonifacius Klüber, 8. 5. (Fortsetzung folgt.) Christus in der heiligen Communion. (Schluß.) 0. Gläubige Seele! Du schauest und genießest in der Brodgestalt Deinen göttlichen Mittler, welcher sich einst seinen Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes in seiner Gottverklärung auf dem Berge zeigte. Diese Apostel genossen nur mit dem Auge, was Du mit dem Auge, der Zunge, dem Herzen genießest. Und dennoch waren sie durchschauert von heiliger Gottesfurcht. Warum bist nicht auch Du durch- bebt von dieser heilwirkenden Furcht, durchglüht von der innigsten Liebe zu Gott, welche beide Anfang und Ende der Weisheit bilden? Denn wisse: Jene empfanden nur die Herrlichkeit, Du aber verkostest auch die Lieblichkeit des Herrn. — Petrus sprach zu Jesus: „Herr! hier ist gut sein" und er wollte ihm mit seinen beiden Freunden eine Hütte bauen. Jesus hat schon aus Deinem Herzen nicht eine Hütte, sondern einen Tempel für sich erbaut, als er Einkehr bei Dir hielt. Was willst Du nun thun, ihn in diesem Tempel festzuhalten? denn: „Wo der Herr ist, da ist gut sein." Zachaus, welcher ein sündiger Zöllner gewesen war, sagte zum Herrn, als dieser ihm versprach, in seinem Hause einzukehren: „Herr! mein halbes Vermögen gebe ich den Armen, und, wenn ich Jemanden betrogen, erstatte ich es vierfach zurück." Siehe! Jesus kehrt auch in Deinem Herzen ein. Warum willst Du nicht arm werden im Geiste, damit Deiner das Himmelreich sei? — Um unzählige Stunden hast Du deinen Heiland betrogen, und sie der Welt geopfert. Willst Du von nun an auch nur den vierten Theil dieser Zeit Deinem Mittler in frommen Tugendübungen widmen, und ihm so Einiges von dem zurücker- erstatten, was ihm gehört? Schon siebenzig Mal sieben Mal hast Du deinen Erlöser und dein Herz betrogen. Willst Du es ihm auch nur ein einziges Mal ganz und ungetheilt zu eigen geben? Jesus kommt zu Dir im heiligen Abendmahle, Er, der den Blindgeborncn wieder sehend gemacht. Dich Blindgebornen hat er in der heiligen Taufe von der Blindheit der Erbsünde geheilt, Dich Selbstverblendeten im heiligen Büß- gerichte von der Selbstverblendung. Nun naht er sich Dir, Er, das Licht, die Wahrheit und das Leben. Siehe, o Christ! den Blinden hat er nur einmal sehend gemacht, und der Geheilte ward sein Anhänger. Dich hat er schon unzählige Male geheilt. Warum willst Du ein Anhänger der Welt bleiben, die Dich wieder blind macht? Maria hat aus Dankbarkeit zu Jesus, der ihren Bruder Lazarus von den Todten erweckt hatte, die Füße des Herrn mit köstlichem Oele gesalbt, als dieser in ihrem Hause weilte, und mit der Salbung nicht bis zum Bcgräbnißtage des göttlichen Menschenfreundes gewartet, wie sie anfänglich gewollt. Erblicke hierin, o Christ! ein Beispiel zur Nachfolge! Du willst Jesum mit den Thränen Deiner Reue, mit dem Oele Deiner Tugendübungen nicht eher benetzen, als bis dessen Todes- und Auserstehungsfeier wiederkehren, d. h. zur österlichen Zeit, wo Jeder die heiligen Sacramente empfangen muß. O warte nicht! Vielleicht mehr, als Maria, hast Du dem Heilande zu danken. Maria's Bruder hat er nur Ein 260 Mal vvm leiblichen Tode erweck!. Wie oft hat er Dich schon vor dem Tode der Seele, des Leibes bewahrt? Dies nun, o Mensch! sind einige der Empfindungen, welche sich Dir aufdrängen müssen, wenn Du Jesum Christum im heiligen Altarsaeramente als Kind, als Lehrer in Wort und Wandel betrachten willst. Welche heiligen Gefühle müssen Deine Brust durchschauen:, wenn Du Deinen Heiland als Mittler zwischen seinem himmlischen Mater, dem Reinen, und Dir und Deinen Mit- Lrüdern, den Unreinen, als Sühnopfer für fremde Schuld auffassen willst! die Vermittlung und das Sühnopfer sind es ja, welche in diesem hochheiligen Gnadenmittel ihre Bethätigung und unblutige Erneuerung finden. Wie lehrreich ist die Betrachtung von Jesu und seinem Verräther, da wir in ihr so ganz das Bild einer ungiltigen Deicht und unwürdigen Communion enthüllt sehen? Nicht offen warnte Christus den Verräther, nur im Geheimen warnte er ihn mit liebevoller Stimme. Und dasselbe thut er heutzutage mit Dir durch den Mund Deines Beichtigers. Warum nun heuchelst Du im Beichtstühle den Bußfertigen, während Du eine schwere Sünde verschweigst, da es Dich doch Nichts fruchtet? Unglücklicher! So verrathe denn Deinen Heiland! Wie Judas den Bissen genossen, iß Du dir das Gericht und geh hinaus in die Nacht und Finsterniß der Sünde! Du empfängst Jesum im Geheimnisse seines göttlichen Leibes und Blutes, ihn, welcher seinen drei geliebten Jüngern am Oelberge zugerufen: „Nicht einmal Eine Stunde könnet Ihr mit mir wachen? O wachet und betet, damit Ihr nicht der Versuchung unterlieget!" Allein die Jünger schliefen: dennoch wieder ein. Siehe! diese Jünger hingen Christo, Du hängst der Welt an. Diese Jünger waren gleich Dir kurz zuvor durch den Genuß des beiligen Abendmahles geftärl: worden. Sie konnten keine Stunde wachen. Glaubst Du dein:, eine einzige Minute wachen zu tonnen, wenn Du nicht beständig um die Gnade Gottes stehest? Als der göttliche Dulder von den Häschern und Dienern des hohen Rathes gefangen genommen werden sollte, zeigte er seine Allmacht, die nur freiwillig die Verfolgungen und Qualen der Ohnmächtigen über sich ergehen lassen wollte, dadurch, daß auf sein einfaches Wort: „Ich bin es!" Alle zu Boden stürzten. Siehe! auch Dich könnte seine Allmacht augenblicklich zu Boden stürzen oder tödten, wenn Du durch den unwürdigen Genuß des heiligen Abendmahles noch einmal seine namenlosen Qualen und Leiden über das göttliche Osterlamn: verhängest. Allein seine Langmuth, welche nicht den Tod des Sünders will, sondern daß er sich bekehre und lebe, duldet nochmals freiwillig die Qualen und Martern. Der Herr ist zwar ewig, aber auch in seiner Langmuth gegen Dich? Wir empfangen Jesum in der heiligen Hostie, welcher zu Annas sprach: „Was fragst du mich über meine Lehren? Frage meine Zuhörer! Sie wissen es, was ich gelehrt." Siehe! Dein Erlöser in höchst eigener Person, mit Fleisch und Blut kommt zu Dir im heiligen Abendmahle. Warum forderst Du, daß er auch noch unmittelbar aus seinem göttlichen Munde seine heilige Lehre Dir verkünde? Glaube doch den Lehrern, die er gesandt hat, den Büchern, die unter Eingebung des heiligen Geistes niedergeschrieben worden sind. Willst Du aber auch diesen keinen Glauben beimessen, o so glaube dem Schauer und der Süßigkeit, welche Dein Herz durchdrungen nach dem Empfange des allerheiligsten Leibes und Blutes! Dieser Schauer, diese Süßigkeit verkünden Dir die Erhabenheit und Lieblichkeit eines Gottes, welcher es nicht verschmäht hat, in einem menschlichen Herzen Wohnung zu nehmen. Merke auf, o Christ, wie tief Dich Judas, der Verräther, beschämt. Als er das Todesurtheil seines verrathenen Herrn und Meisters vernahm, wollte er ihn noch retten. Er bekannte den Hohenpriestern, daß er einen Unschuldigen ver- 261 rathen habe, die aber verlachten ihn, und so verzweifelte er und nahm sich das Leben. Nun frage Dein Herz! Reut es Dich, durch eine unwürdige Kommunion Deinen Herrn und Heiland dein Gerichte der Menschen von Neuem, oder empfindest Du Reue, Dich dem ewigen Gerichte überliefert zu haben, wenn Du überhaupt Reue fühlst? Wie tief Du aber auch in dieser Beziehung unter Judas stehst, in anderer Weise kömmst Du ihm oft völlig gleich. Wenn Dich nämlich die Welt und die Sünde verlassen haben und Du Deine verkaufte Unschuld zurückfordern willst, und die Welt Dich verlacht und verspottet, dann verzweifelst Du an Dir selbst und, anstatt Trost zu suchen im wirklichen oder auch nur im geistigen Genusse des hochheiligsten Leibes und Blutes, nimmst Du Dir zwar nicht, wie Judas, das zeitliche, aber doch auch das ewige Leben. Als Pilatus das jüdische Volk fragte, ob er Christum, den Schuldlosen, oder Barrabas, den Mörder, freigeben solle, schrie die Masse: „Den Barrabas gib frei, Christum aber kreuzige!" Und Du, mein Christ! nachdem Christus in Dein Herz Einkehr gehalten, wenn die Leidenschaft es wieder heimsucht mit ihren Anfechtungen, rufst nicht selten, wenn auch nicht in Worten, doch in Werken: „Hinweg mit Christus! an's Kreuz mit ihm! der Sünde aber volle Freiheit über meine Seele!" Und Christus ist doch rein und schuldlos, die Sünde aber nicht, wie Barrabas, ein Aufrührer gegen irdische Gesetze, ein Mörder des Leibes, sondern ein Empörer gegen göttliche Gesetze, ein Mörder der Seele. Sieben Todsünden sind es vorzüglich, welche die Sittenlehre als das Gepräge unserer Hauptleidenschaftcn darstellt. Sie sind: Die Hosfart, der Geiz, die Unkeuschhcit, der Neid, die Unmäßigkeit, der Zorn und die Trägheit. Für jede dieser Sünden mußte der Erlöser eine eigene Marter dulden. Der Geiz beraubte ihn seiner Kleider, die Unkeuschheit geißelte ihn, die Hoffarth drückte die Dornenkrone auf sein Haupt, gab ihm den rothen Mantel um die Schulter und das Rohr in die Hand. Die Trägheit ließ Jesum selbst das Kreuz auf den Calvaricnbcrg tragen; der Zorn ließ ihn zwischen zwei Missethätern kreuzigen, auf daß er in dem Ausrufe: „Vater! verzeih ihnen! Sie wissen nicht, was sie thun!" das schönste Vorbild der Sanftmut!) uud Feindesliebe gebe. Neid und Mißgunst zogen dem göttlichen Dulder den Spott eines mitgekreuzigten Verbrechers zu, der im schadenfrohen Bewußtsein, einen Leidensgefährten zu haben, seiner eigenen Dualen halb vergaß. Die Unmäßigkeit reichte dem am Kreuze Blutenden einen Schwamm, mit Essig gefüllt, als er ausrief: „Mich dürstet!" Nun, o Christ, würdest Du einem Menschen eines dieser Leiden auch nur innerlich auwünschen, selbst wenn er Dein Feind wäre? Und Deinem Heilande, Deinem besten Freunde, wünschest Du nicht nur solche Leiden, sondern Du fügest sie ihm selbst zu, indem Du ihn in Dein Herz aufnimmst und den kaum Aufgenommenen Deiner Hoffarth, Deinem Zorne, oder welcher einer von diesen Todsünden von Neuem preisgibst. Du, o moderner Christ, der Du nur alle Sonntage der raschgelescnsten Messe beiwohnst, jährlich nur Ein Mal zur heiligen Beicht und Communion gehst, und Deine Barmherzigkeit nur in wohlthätigen Vereinen und zu milden Zwecken veranstalteten Vergnügungen öffentlich zur Schau trägst, erblicke in Pilatus das vollkommenste Ebenbild Deiner selbst! Dieser römische Landpfleger wusch sich die Hände und rief: „Ich bin unschuldig an diesem Blute!" Er erkannte die Hoheit und Würde, die Anmuth und Reinheit des Gottmenschen und ließ ihn doch zum Tode führen. Und Du, moderner Christ! erkennst nicht auch Du die Heiligkeit und Schönheit Deiner Religion, die Lieblichkeit Deines geopferten Erlösers und bleibst dennoch lau, also weder warm, noch kalt? In dieser Lauheit nun willst Du Jesum in Dir aufnehmen, welcher ein liebeglühendes Herz verlangt. Oberflächlich erforschest Du Dein Gewissen, welchem Du ein ganzes Jahr Schweigen auferlegt hast, kennst keine Neue über das Böse, keinen Vorsatz zum Guten, beichtest ungültig, überlieferst durch eine unwürdige Kommunion Deinen Herrn und Heiland von Neuem dem Kreuzestode, und, nachdem Du ihn gekreuzigt, schreibst Du an's Kreuz: „Dies ist der König der Wahrheit!", wie einst Pilatus geschrieben: „Dies ist der König der Juden!" Warum thust Du dies Alles? Wie Pilatus nicht mit dem römischen Kaiser und den Juden, möchtest du es nicht mit der Welt verderben. Darum handelst Du gegen Einsicht und Gewissen und glaubst, Deine Hände in Unschuld waschen zu können, wenn Du Deine Lauheit dem Dränge der Geschäfte, dem scheinbar Nachahmungswerthen Vorbilde sogenannter Ehrenmänner zuschreibst. Wasche, wasche nur zu! das schuldlos vergossene Blut bleibt an Deinen Fingern kleben, und die Flammen der Hölle werden es nicht austilgen können. Du genießest Jesum im heiligen Abendmahlc, welchem Joseph von Ari- mathäa und Nicodemus ein ehrliches und köstliches Grab bereiteten. Frage Dein Herz, ob es nicht schon oft eine Richtstätte, ein Grab für Verbrecher gewesen war, in welches Du den empfangenen Heiland legtest? Aus dem Grabe des Joseph ging Jesus verherrlicht zu neuem Leben hervor. Aus Deinem Herzen aber wird er entweichen, beschmutzt, entweiht vcrunehrt. Kurz vor seiner Himmelfahrt äußerte sich der göttliche Erlöser gegen seine Apostel und Jünger: „Ich bin alle Tage bei Euch bis an's Ende der Welt." Auch bei Dir, mein Christ, der Du ja auch sein Jünger und Nachfolger sein sollst, würde er alle Tage bleiben bis an's Ende Deines Lebens, wenn Du ihn nur würdig empfangen und bewahren wolltest. Dieser Jesus alio wird in der heiligen Kommunion empfangen. Wer aber sind die Empfangenden? Wenn du dies, mein Christ! aufrichtig erwägest, dann mußt Du an Dein Herz schlagen und ausrufen: „O mein Herr! Ich bin nicht würdig, daß du eingehst unter mein Dach, sondern sprich nur Ein Wort, und meine Seele wird gesund." Der Gang der Volksbildung in unfern Tagen. Die Grundlagen der Volksbildung sind: die häusliche Erziehung, der Schulunterricht, die Religiouslehre im Vaterhause, in der Schule und in der Kirche, die Geschästslehre, der Verkehr mit der Welt oder mit den jeweiligen Umgebungen, das Bücherlesen, der Verkehr mit sich selbst. Die erste, die wichtigste, die entscheidendste Sorge für das hilflose Geschöpf, das einst Mensch im vollen Sinne des Wortes, das einst Staatsbürger werden soll, hat dev Allgütige in die Hand, in das Herz der Mutter gelegt. Die ersten zwei, drei, vier Jahre des Kindes sind fast ausschließlich der Mutter überlassen; die Eindrücke, die Gefühlsrichtungcn, die es da empfängt, sind in den meisten Fällen entscheidend für das ganze Leben. Unser Geistiges wird theilweise so sehr durch unser Körperliches bestimmt, daß wir später nur sehr schwer den Neigungen und Leidenschaften uns erwehren und entringen können, die wir, so zu sagen, mit der Muttermilch eingesogen haben. Tritt nach und nach entscheidender, etwa nach dem vierten Jahre, der Einfluß des Vaters hinzu, wenn er sich überhaupt um die Erziehung der kleinen Wesen bekümmert, so ist schon Vieles oder Alles gewonnen, Vieles oder Alles verloren. Wir setzen hier immer voraus, daß wenigstens einige Eintracht unter den Gatten herrsche, die Ehe eine ziemlich glückliche sei. Doch man kennt unsere Zeit! „Die Kinder sind stolz, hochfahrend, zornmüthig, neidisch, neugierig, eigennützig, träge, flatterhaft, furchtsam, unmäßig, lügnerisch, heuchlerisch, sie wollen nichts Uebles leiden, thunes aber gern Anderen," sagte einer der größten Men- 263 schenkenner im siebenzehnten Jahrhundert. Diese Fehler, deren Quelle in der körperlichen Trägheit, in dem Streben nach Bequemlichkeit, nach Ueberlegenheit und Herrschaft liegt, zu beseitigen, zu überwinden, an ihre Stelle die entgegengesetzten Tugenden einzupflanzen, kostet Thätigkeit und Kampf, und das ist vorzugsweise Aufgabe der häuslichen, vorzugsweise der väterlichen Erziehung. Hat nun die Mutter derlei Fehler einwurzeln, um sich greifen, erstarken lassen, so wird das Bemühen des Vaters, ihnen entgegen zn wirken, wenn nicht gute Anlagen vorhanden sind, ein äußerst schwieriges sein. Wir reden hier vom Volke, vom Nährstande. Wir reden von der Kindheit des Knechtes, des Ackerbauers, des Häuslers, des einfachen Grundbesitzers auf dem Lande; des Taglvhners, des Dieners, des Arbeiters, des Handwerkers, des Schreibers, des Unterlehrers in der Stadt. Das Kind hat nun das schulpflichtige Alter erreicht. Dieses fällt bald nach Umständen, bald nach dem Willen der Eltern zwischen das sechste und siebente Jahr seines Lebens. Der Eintritt in die Schule ist ein kleines Vorbild seines Eintrittes in die Welt. Der Kreis seiner Umgebungen, seiner neuen Bekannten und Lehrgenossen ist ein weit größerer als der seiner bisherigen Spielgefährten, da sind reifere und minder reife, lustigere und stillere. Seine Vorgesetzten sind ihm neu und fremd, sie haben nicht den Ton des Vaterhauses, sie haben einen Ton, in den das Kind sich erst finden muß, wenn es sich nur hineinfinden kann, was jedoch in der Regel bald geschieht. Allein mit welcher Vorbereitung tritt das Kind in die Schule? was ist geschehen, um es auf seiner Huth zu erhalten vor bösen Gesellen? denn es ist so unmöglich als unklug, dasselbe immer am Gängelbande führen zu wollen. Was geschieht, um seine sittlichen wie seine geistigen Fortschritte wahrzunehmen, wir wollen nicht sagen, zu überwachen? Wenn hier nicht die häusliche Erziehung immer Hand in Hand mit dem Schulunterrichte geht, so wird der letztere, in der Regel, nur geringe Früchte tragen. Es hat im Volke achtungswürdige Mütter gegeben, und es gibt deren gewiß noch viele, welche in dieser Beziehung höchst Ersprießliches leisten. Nun aber auch zur Schattenseite. Es gibt leider! jederzeit Eltern, welche, der eine Theil oder der andere, oder auch beide, die Kinder als eine Last betrachten, und sie nähren, weil es eben sein muß, ohne weder um ihre gegenwärtige, noch um ihre künftige Ausbildung sich zu bekümmern; Eltern, die von den Anstalten zum Unterrichte der Jugend, und von den Männern, die an denselben sich verwenden, mit Geringschätzung und noch schlimmer sprechen: wie läßt sich erwarten, daß Kinder solcher Väter und Mütter gehörig vorbereitet seien zum Eintritt in eine Schule, daß sie von dem Besuche derselben den entsprechenden Vortheil ziehen. Aber so wunderbar sind die Wege der Vorsehung, daß auch Söhne solcher Eltern bisweilen und ausnahmsweise vortrefflich gediehen sind. Bewundern wir die Gnade des Allgütigen, welche mitwirkt, sobald der Mensch will. Die Dauer des Schulbesuches ist fünf, sechs, sieben Jahre; bald unterbrochen, bald ununterbrochin; der Erfolg ist bedingt durch Talent, Fleiß und häusliche Forderung, entweder sehr gut, gut, mittelmäßig, schwach oder schlecht, das heißt unter Null; Mancher bringt sogar noch Uebleres heim, als er hineingebracht hat, was dann ungerechter Welse der Schule zur Last gelegt wird. Die Jahre des Schulbesuches sind vorüber. Der austretende Schüler, die austretende Schülerin soll lesen, schreiben, rechnen können, und das Wesentlichste der Religionslehre wissen. Zur Erhaltung nnd Befestigung dieses Wissens sind Wicderholungsschulen eingeführt. (Schluß folgt.) 264 Die sterbende Nonne. * Als eine Nonne, welche wie eine Heilige gelebt hatte, auf dem Sterbebette lag, ward sie von einer frommen Mitschwester gefragt, welche wohl die drei schönsten Stunden ihres Lebens gewesen wären. Die erste — erwiderte sie — war jene, in welcher ich das erste Mal das hochheilige Altarsacrament empfing. Ich fühlte innerlich, wie mein Jesus sich mit mir vereinigte. Denn ich besaß damals ein reines schuldloses Herz, wie niemehr in meinem späteren Leben. Die zweite glücklichste Stunde war jene, in welcher ich das Gelübde des ewigen Gehorsams ablegte. Da wußte ich, daß ich mich nun ganz und unge- theilt meinem Jesus scheuten mußte, wie sich Jesus schon so oft ganz und ungeteilt mir geschenkt hatte im heiligen Abendmahle. Ich begriff, daß mein Leben von diesem Augenblicke an ein ununterbrochenes Streben sein müsse nach steter, immer fester werdender Vereinigung mit Jesu. Ob die dritte, wichtigste Stunde meines Lebens auch die schönste desselben bilden werde, weiß Gott allein, der Allbarmherzige. Es ist die Stunde meines Todes, deren Herannahen ich fühle, und ich hoffe und vertraue auf die Gnade meines Gottes, daß sie die Stunde sein werde ewiger und innigster Vereinigung mit Jesu. Zwei Jungfrauen. Als man die heil. Euphrasia in ein Haus der Sünde bringen ließ, auf daß sie dort durch Gewalt verlöre die jungfräuliche Keuschheit, folgte ihr ein frecher Soldat, die Gelegenheit zu nützen. Die Jungfrau war klug; sie hatte ein Fläschchcu voll Oel bei sich und sagte zu dem Soldaten also: Mit der Bedingung, daß du von deinem Vorhaben abstehest, will ich dir ein gewisses Oel geben; wenn du damit bestrichcn in's Feld ziehst, wirst du von den Feinden nicht verwundet werden können. Und willst du vich von der Kraft des Oels überzeugen, so sieh meinen Hals, damit bestrichen, mache den Versuch mit deinem Schwerte und zwar mit aller Gewalt. Der Soldat that es und entlud einen Streich, so gewaltig er konnte. Das Haupt der Heiligen sprang vorn Rumpfe, der Leib fiel enseelt zu'Boden, doch die jungfräuliche Reinheit blieb aufrecht stehen und unversehrt. Das war die Jungfran Euphrasia von Antiochia. * Aehnlich ist die Geschichte der heil. Digua von Aquiläa. Nachdem Attila, der König der Hunnen, sich diese Stadt unterworfen, wurde die Heilige als Beute einem Anführer zu Theil, der sie des theuersten Kleinodes berauben wollte, das sie als solches Christo geweiht hatte. Jener befand sich mit den Seinigen in einem Thurm, welcher am Flusse Natizon lag; zur Sünde von ihrem Gebieter aufgefordert, ersuchte sie ihn — ohne zu thun, als wenn sie in sein Begehren nicht einwilligen wollte, er möchte mit ihr die höchste Stelle des Thurmes, als den einsamsten Ort, besteigen. Sie gehen hinauf, und sobald sich dort Digna steht, da spricht sie zu dem Barbaren sich wendend, der ihr nachkam: Wenn du mich besitzen willst, so folge mir nach! und mit diesen Worten stürzte sie sich in die brausenden Fluthen, wo sie ihre Keuschheit mit dem Tode rettete. O ihr heiligen Jungfrauen! ihr seid würdig, daß man eurem Muthe zwei ewige Denkmale im Tempel der Tugend errichte! Beide seid ihr noch reiner aus der Gefahr für eure Reinheit hervorgegangen — die eine durch Blut, die andere durch Wasser! Redaction uu» Dcrlug: Or. M. Huttlcr. — Druck vou I. M. Äleinle. AiizMgtt SmtlllMtt. L4. 19. August 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Nugsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle r. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Deutsche Missionen in Brasilien. (Fortsetzung.) Vl. Brief des 1>. Kellner. Picada da Sän Jose, im October 1858. Wenn ich nicht auf Missionsreisen bin, wohne ich hier bei I>. Sedlak in dem stillen Häuschen, wohin weder weltliches Getümmel, noch weltliche Nachrichten dringen. Und wir bedürfen deren auch nicht, da wir ja den lieben Gott besitzen, der uns in brüderlicher Liebe vereint erhält und desto mehr himmlischen Trost uns ertheilt, je weniger wir menschlichen verkosten. Auch Bruder Ruhkamp sollte uns beigesellt werden, hatte aber noch auf den Stationen des k. Lipinski einige Arbeiten zu vollenden, die der andere dort wohnende Bruder, Anton Sonntag, nicht allein vollbringen konnte. Vor Kurzem besuchte uns der Obere der ganzen Mission, ?. Sato von Montevideo und hinterließ uns sehr heilsame Vorschriften, um in verschiedenen eventuellen Lagen so genau wie möglich unsere heil. Regeln beobachten zu können, wofür wir ihm zu innigem Danke verpflichtet sind. Unlängst traf ich auf meiner Missionsreise viele französische Familien aus dem Canton Freiburg in der Schweiz, welche die heil. Sacramente zu empfangen wünschten. Wie freute ich mich, als sie mit sichtbarer Rührung von den Patres sprachen, die sie in der Schweiz gekannt, und von denen sie geistliche Hilfe empfangen hatten. Bald werde ich sie wieder besuchen. Westphalen habe ich hiernach nicht angetroffen, ausgenommen einen Arzt aus Billerbcck, dessen Frau aus Münster ist. Er besuchte uns auf unserer Durchreise in Porto Alegre, wo er wohnt. Die dortigen Patres rühmten ihn uns als einen geschickten Arzt und beide als sehr eifrige Katholiken. Trotz der weiten Entfernung ist dieser Herr unser nächster Arzt. Wir wären daher übel berathen, wenn wir nicht den lieben Gott und die heil. Engel zu Beschützern unserer Gesundheit hätten. Unter so liebreicher Obhut aber wurden wir diese vier Monate im besten Wohlsein erhalten. Ich befinde mich frischer und stärker, als in Europa. Die gefürchtete Hitze habe ich bisher nicht verspürt, wohl aber litt ich im Juni, Juli und August von der Kälte, namentlich auf der Seefahrt von Rio-Janeiro hierher und hier in den naßkalten Regennächten besagter drei Monate. Es kam mir bisher selten wärmer vor, als zu Münster im Monat Mai. tleberhaupt scheint es auf dieser südlichen Hemisphäre kälter zu sein, als auf der nördlichen. Die Missionaire, die etwa um das Cap Horn nach Chile segeln, sollen sich gut mit warmen Kleidern versehen, denn wie ich von V. Sato hörte, ist es da zum Erfrieren kalt. Hier im Urwalde wird die Luft jeden Tag regelmäßig zwischen 1 und 2 Uhr Nachmittags durch einen angenehmen Wind gekühlt, so daß es selbst in den heißesten Sommermonaten, December und Januar, von 3 Uhr an erträglich wird. Von 10 bis 3 Uhr flüchtet sich um jene Zeit Alles in den Schatten der Wohnungen, die von Palmen, Orangen und andern tropischen Bäumen umgeben sind. Auch die lebendigste Phantasie wird befriedigt beim Anblick der wirklich fabelhaften prächtigen Pflanzenwelt und der in dem schönsten buntfarbigen Federschmuck prangenden Vogelschwärme, die leider nicht, wie die europäischen, durch melodischen Gesang erfreuen, sondern nur durch ihr Geschrei und unarticulirtes Gezwitscher des Reiters Unmuth reizen. Dazu helfen noch die schreienden schwatz- s haften Papageien und die geschwänzten Waldbewohner, das listige, diebische Volk- lein, die vielartigen Affen. Die Thiere sind nicht so bösartig, als man es nach ^ der geographischen Lage des Landes erwarten sollte. Es gibt zwar Schlangen in Unzahl, sehr giftige, worunter besonders die ganz kleine Corallenschlange, die ^ 7 Fuß lange und armsdicke Schararak, ein boshaftes Thier, dessen Biß selten ! Rettung zuläßt, auch andere Arten, die 10 bis 16 Fuß lang sind: aber doch ! selten greifen sie den Menschen an, wenn man nicht unversehens auf sie tritt, ja alle fliehen vor ihm. Unsere Deutschen sind gegen sie in unversöhnlichem Kampfe, den sie mit Kühnheit und Gewandtheit führen, selbst Kinder und Frauen; ^ die Schlange wird entweder erschossen oder erschlagen. Gefährlicher sind die Spinnen, deren Biß tödtlich ist. Hätte ich eine gute praktische Naturgeschichte, so könnte ich manche nützliche Beobachtung machen, wohl auch einige Sammlungen anlegen. Ein seltsames Natur-Phänomen waren mir die heftigen Orkane, welche Gewittern vorangehen, so wie die mit starken Regengüssen verbundenen Gewitter selbst. Dabei zucken schreckliche Blitze und fortwährender Donner kracht und rollt, als müßte er die ganze Linie zwischen den zwei Polen durchlaufen. Dies Schauspiel dauert eine ganze Nacht, nicht selten den ganzen Tag, sogar zwei oder , drei Tage, so daß mir beim ersten Male etwas bange wurde und ich den Ausbruch eines Erdbebens erwartete, was aber, wie ich höre, in Brasilien völlig unbekannt ist. Die Provinz Rio Grande do Sul, in der unsere deutschen Picaden liegen, > gehört wohl zu den besten des großen brasilianischen Kaiserreiches und das verdankt sie gerade diesen Colonien, wo reges Leben und mit Ordnung geleitete Betriebsamkeit herrscht. Von hier aus wird sich wahrscheinlich die Cultur über die westlichen Provinzen und noch weiter verbreiten, falls nicht Anarchie den Plan vereitelt. Es ist nämlich unleugbar: nur der schmale Küstenstrich am atlantischen Meer ist cultivirt, der größte Theil des Innern von Brasilien ist noch so gut wie unbekannt und unangebaut. Größtentheils sind es Hypothesen und Phantasien, was man in Büchern europäischer Gelehrten weitläufig über Boden, Beschaffenheit und Produete des innern westlichen Brasiliens liest: denn vielleicht hat es bis jetzt Niemand vollständig bereist, am allerwenigsten jene europäischen Touristen, die sich wohl hüten, auf Maulthieren Monate lang in Sümpfen und Wäldern das Innere zu besichtigen, sondern gemächlich in den Seestädten sitzen bleiben, und ihre Feder irgend einer Partei verkaufen, von wo 1 aus ihnen dann der Bericht für das Publicum in Europa vordictirt wird. — Dreißig bis vierzig Stunden von uns entfernt im südwestlichen Theile dieser Provinz, genannt das Gebiet der A 1>88068 (Missionen), liegen die ehemaligen Reductionen, wo die Vater unserer Gesellschaft bekehrte Indianer zu Gemeinden versammelten, und noch bestehen die von ihnen angelegten Flecken: St. Borgia, St. Maria, St. Stanislaus, St. Gabriel; die schönsten Kirchen jedoch sind verfallen und die großen Glocken liegen im hohen Grase der Campos. Dieser ehemals wirklich heilige Boden, an dem für uns so theure Erinnerungen haften, wird jetzt von großen Viehheerden abgeweidet und zertreten. Aber auch diesen Gegenden scheint Gottes Barmherzigkeit wieder nahe zu sein. An den Gränzen von Paraguay, etwa 90 Stunden von hier, wohnen Indianer (Bukrer). Einer ihrer Caziken hat vor nicht langer Zeit sich an den Präsidenten der Provinz und an den Minister gewendet, mit der Bitte, ihm doch Missionaire zu schicken, und versicherte: er kenne noch einen andern Häuptling, der über 5000 Indianer herrscht, der ebenfalls gesonnen sei, Christ zu werden. Auf den Wunsch des Präsidenten ist nun einer unserer Pater unlängst hingereist, um die Stimmung und Verhältnisse der dortigen Indianer-Stämme zu untersuchen. Gott gebe, daß sich zu deren Bekehrung Alles günstig gestalte! Vielleicht würde dann mir Unwürdigen noch die Gnade zu Theil, Mitarbeiter dieses schönen Werkes zu werden. Indeß bin ich so zufrieden mit der mir angewiesenen Mission, daß, sollte ich nach meinem Tode wieder auf die Erde kommen und wäre mir die Wahl gelassen, ich abermals bitten würde, wieder nach Brasilien geschickt zu werden. Sagen Sie das doch meinen lieben Mitbrüdern in Deutschland, und fügen Sie bei, daß ich, obwohl nahe dem südlichen Eismeer, auf der westlichen Hemisphäre im dichten Urwald manchmal in meinen Gedanken nach Nordost mich wende, um mich in Ihre Mitte zu versetzen; vorzüglich aber bitten Sie alle um Gebet für mich, deun ich bedarf dessen. M. Kellner, 8. 1. VI!. Brief des Klüber. Picada dos dous Jrmaos, 30. November 1858. Am Feste des heil. Michael, unseres Kirchenpatrones, empfingen -10 Kinder, deren Unterricht ich gleich nach meiner Ankunft begonnen hatte, zum ersten Male die heil. Cominunion. Tages darauf traf unerwartet der hochw. k. Superior Jose Sato hier ein, für uns alle eine große Freude. Aber am selben Tage stellten sich auch drei Männer ein, um mich zu der für die vier deutschen Gemeinden Buckerberg, Wallachei, Theewald und Jammerthal bestimmten Mission abzuholen. So hatte ich den Trost und den Schmerz einer sehr kurzen Unterhaltung mit dem liebreichen Pater. — Es ging somit fort trotz dem Rcgenwetter aus den für die Pferde schlüpfrigen Wegen, vie steilen Berge hinauf und hinunter durch Thäler und Flüsse, hin zum ersten derartigen Missionsversuche unter den Deutschen in diesen brasilianischen Urwäldern. Ich ritt zwar mit Vertrauen auf Gott, aber auch mit Besorgniß, weil ich so viel Schlimmes von jenem leichtsinnigen Völklein vernommen, von denen Viele Jahr aus Jahr ein in keine Kirche, sondern an Sonntagen lieber auf die Jagd gingen, Viele von Unglauben angesteckt waren, so zwar, daß ? Lipinski diesen Versuch der Gnade schon zum Voraus, wenn nicht durch Worte, so doch durch Miene, als einen mißlingenden zu weissagen schien. Wir erklommen den steilen hohen Buckerberg, Berg der Wilden, weil da vor der Ankunft der Deutschen die Indianer noch hausten. Als wir die Mitte des Berges erreicht, sahen wir vor uns auf einer kleinen mit ungebrannten Baumstämmen übersäeten grünen Ebene eine artige Capelle liegen, welche die Deutschen erbaut und dem heil. Franz Taver, dem Patrone aller Missionaire, geweiht hatten. Ich stieg sogleich vom Pferde ab, um der unbefleckten Jungfrau und dem heil. Taverius mich und diesen Ansang der Missionen wie ihren Fortgang zu empfehlen mit dem sichern Vertrauen, nicht unerhört zu bleiben. Der Mann, welcher die Capelle besorgt, Nikolaus Müßniß mit Namen, den ich im Verlauf der Mission als eine sehr edle, zum Wohle dieser Gegend von Gott auserwählte Seele kennen lernte, hieß mich in seiner naheliegenden, einstöckigen, bescheidenen, aber anständigen Colonistenwohnung ein Kämmerlein beziehen. Es waren noch manche Vorbereitungen für die Mission zu treffen, ein kleiner Tabernakel zur Aufbewahrung des hochwürdigsten Gutes, eine tragbare Kanzel und Anderes zu fabriciren. Am Sonntag Morgen, gerade an demselben Rosen- kranzseste, an dem ich vor zwei Jahren mein Verlangen nach den überseeischen Missionen meinen Obern vorgelegt hatte, geschah die Eröffnung. Die Leute stellten sich ziemlich ein, aber bei Weitem nicht so zahlreich, wie man erwartet hatte; dazu Manche mit dem zum Voraus ausgesprochenen Entschlüsse, die heil. Mission nicht mitzumachen, weil es die weite Entfernung und ihre Arbeiten durchaus nicht gestatteten. Aber die Gnade des allbarmherzigen Gottes wirkte schon durch die zwei Predigten des ersten Tages und auf das viele Gebet, das man von da an überall verrichtet hat, so daß es aller Orten zu Haus bei Jung und Alt hieß: „Nein, es mag gehen, wie es will, es mag Alles liegen und stehen bleiben, ich bleibe keinen Tag zu Haus." Und wenn es einen Streit gab, so war es nur der, wer das Haus hüten müsse. Wiewohl es noch am selben Abend, die ganze Nacht hindurch und noch den ganzen Morgen bis zur Predigt in furchtbaren Güssen regnete, so daß ich, wie alle Andern, säst glaubte, es werde Niemand über die gefährlichen Uios (Flüsse) aus der Wallachei, oder dem Jammerthale, oder dem Theewald kommen, da Alle Stunden lang halsbrecherische Wege zu reiten haben; so waren sie doch beinahe Alle da, jedenfalls weit zahlreicher, als am Sonntage. Gegen die Wenigen aber, die noch ausgeblieben, übten mehrere Männer aus eigenem Antrieb ein heilsames Apostolat, indem sie nach allen Richtungen durch die Picaden bei ihren bekannten oder verwandten Mitcolonisten herumritten, die Saumseligen zur Theilnahme an der heil. Mission aufzurufen, mit der Drohung, im Weigerungsfälle alle freundschaftlichen Verhältnisse mit ihnen abzubrechen, da sie sich ihrer als katholischer Landsleute ja nur schämen müßten. Andere Männer aus dem Theewald. meistens Moselaner, brachten Werkzeuge mit, nur auf der Heimkehr sich einen kürzeren Weg über die Berge durch den Urwald zu hauen. "— Aber nach der Misston, bei einem Ausflug in den Theewald, habe ich es in eigener Person gefühlt, was das für ein entsetzlicher Weg war, den die Männer so wie die Frauen mit ihren Kindern täglich erklommen. Denn von der einmaligen Tour mußte ich mehrere Tage ausruhen, und an der abschüssigen Stelle, wo das Pferd und der abgestiegene Reiter nur Hinabrutschen können, wäre ich auf der Rückreise beinahe um's Leben gekommen, wenn mich Maria nicht beschützt. Als ich die Höhe erstiegen, sank ich ohnmächtig zu Boden. Was erst müssen diese guten Leute ausgestanden haben? Aber es scheint, sie haben in ihren Weinbergen an der Mosel das Bergklettern gut gelernt. Es würde zu lang, wenn ich beschreiben wollte, mit welch begeistertem und standhaftem Eifer alle Tage schon am frühen Morgen trotz Regen, trotz der schwierigen weiten Wegen über die Berge, durch Flüsse und Wälder alle daher geritten kamen, die kleinen Knaben und Mädchen, wie die alten Männer und Frauen, Greise, die sonst wohl kaum ihren Fuß über die Hausschwelle setzen mochten, und die Mütter mit ihren Kindern aus dem Arm zu Pferde. Und gerade Jene, die seit Jahren an Sonntagen anstatt zur heil. Messe in die Kirche zu reiten, auf die Jagd durch Berg und Wald, oder sonst zu einer unterhaltenden Beschäftigung gegangen waren, zeigten sich am eifrigsten und entschiedensten. Und wie zahlreich die Fremden sich einfanden, so freigebig und gastfreundlich benahmen sich gegen dieselben die Buckerberger Colonisten, indem sie dieselben unentgeltlich bewirtheten und die wegen Beicht oder aus anderen Gründen zurückblicken, auch beherbergten, so daß meist Jeder der umherwohnenden Colonisten gewöhnlich 20, 30, selbst 40 Gäste an seinem Tisch zu bewirthen hatte. Schon am zweiten Sonntage kamen sie im wahren Büßgänge zu Fuß aus den verschiedenen Picaden in drei schönen andächtigen Pocessionen zur Taverius-Capelle. Der Missionair ging von da aus mit einer jedes Mal durch die neu Angekom- 269 menen verstärkten Procession zum Empfang und Segen entgegen. Ein wahrhaft rührendes Schauspiel in diesem fremden Lande, die Einen von den Höhen der Berge durch die Wälder herab-, die Andern über den Fluß aus den Thälern heraufsteigen, das Kreuz und die Fahne voran wallen zu sehen, und sie so aus Herzensgrund mit ihren hellen deutschen Stimmen ihre frommen Lieder singen oder so eifrig beten zu hören, daß Berge und Thäler das Echo andächtig wieder- hallten. Wahrlich, sagte ich mir, Jesus ist eifersüchtig darauf, den Armen vor Allen das Evangelium zu verkünden und der liebe Gott wird reichliche Gnaden über so gute Seelen ausziehen. Bis auf Einen, der das Heilmittel von sich wies, legten Alle ihre Beicht ab und mit welcher Zerknirschung, aber auch mit welchem Troste nachher! so daß sie, wie man mir mehrmals hinterbracht hat, vor übergroßer Freude nur zu aufrichtig einander gestanden: „Ohne diese Beicht, ohne diese heil. Mission war ich ewig verloren." Die Einen meinten: jetzt komme ihnen die ganze Natur ganz anders — freudig — vor; die Berge, Thäler und Plantagen lachten sie nur so an; Andere, die vorher entschlossen waren, ganz von hier fortzuziehen, änderten ihren Entschluß. Rührend war es auch, Ehemänner zu sehen, wie sie von weither ihre kranken Frauen, die vor Schwäche nicht reiten konnten, an der Hand herzuführten und über die steilen Berge oder Flüsse trugen, damit doch auch sie dieser großen Gnade theilhaft würden. Da die Mislion mehrere Wochen dauerte, gingen ungefähr Alle noch zum zweiten und dritten Male zur heil. Beicht und mit musterhafter Andacht zur heil. Kommunion. Ueber den jungen Mann, der von der Beicht zurückgeblieben, indem er nach dem Unterrichte darüber frech gesagt, so könne d. h. giltig wolle er nicht beichten, und deßhalb unter dem Vorwande, einem Freunde beim Waldhanen helfen zu müssen, an den Rio Taquarh fortgezogen war, über ihn ließ der Herr ein anderes Gericht ergehen: da er beim Niederstürzen eines gefällten Baumes, von einem winzigen Aestchen im Nacken getroffen, augenblicklich todt niedersank. — Die Bekehrungen waren entschieden. Ueberall versöhnten sich Alle unter vielen Thränen, auch jene, welche durch alte eingewurzelte Feindschaften getrennt waren. Von einer jeden Familie wäre manches Interessante zu erzählen, was unter den Mitgliedern derselben oder zwischen Nachbarn vorgefallen und jedes christliche Gemüth erbauen würde. Mehrere gingen in ihrem besonderen Eifer weinend sogar zu ihren protestantischen Nachbarn, baten um Verzeihung oder boten ihnen Versöhnung an; was diesen natürlich unerhört und ganz unbegreiflich vorkam. Andere schrieben Briefe oder unternahmen weite Ritte, um mit ihren Feinden wieder Ein Herz zu werden. Als eine wackere katholische Frau, die ungeachtet ihrer kleinen Kinder und des furchtbaren Weges keine Predigt versäumt hatte, eines Tages wieder nach Hause kam, mußte sie alsbald Geschäfte halber zu einer protestantischen Familie. Sie fand die Stube voll protestantischer Weiber; sie stellten natürlich manche neugierige Frage. Da fing sie ihnen so von den gehörten Wahrheiten zu wiederholen und zu predigen an, daß im ganzen Zimmer Nichts als Weinen und Schluchzen gehört ward. Und überhaupt mußten die Protestanten, zu denen der Ruf drang, denn nur Wenige wohnten bei, nicht ohne einen gewissen Neid das große Glück der Katholiken offen eingestehen, daß sie verwundert sagten: „O welch ein himmelweiter Unterschied zwischen eurem Glauben und dem unsrigen! Wir haben gar nichts. O daß auch unsere Prediger uns ein ähnliches Glück verschafften!" (Fortsetzung folgt.) 270 Der Gang der Volksbildung in unsern Tagen. (Schluß.) Nun tritt die Zeit der Geschäftsbildung ein. Der ganz Arme wird au dem Lande Knecht, der Vernachlässigte in der Stadt Taglöhner, der Verwendbare wird Lehrjunge in irgend einem Handwerke, der Federfertige, der sich etwas mehr zu sein dünkt, sucht Schreibcrsdienste u. s. w. Diese Uebergangsjahre, vom zwölften oder vierzehnten bis zum zwanzigsten des Menschenlebens, sind die entscheidendsten und die gefährlichsten für die Volksbildung. Die sprudelnde Jugendkraft, die Empfänglichkeit für alles Neue, Schöne, Große, die Unerfahrenheit, selbst das mißverstandene Gefühl für Edelmuth und Opfer- willigkeit sind eben so viele Klippen für tiefer und zarter fühlende Gemüther, deren es im Nährstande auch gibt; als andererseits Stärke und Roheit zu gemeinen Leidenschaften hinreißen. Ausgebreiteter wird des jungen Mannes Verkehr mit der Welt. Ausländer bringen großsprechend in seiner Gegenwart Weisheit zu Markte, und jedes Wort, jede neue Anschauungsweise prägt tief sich ein in das jugendliche, in das nur zu empfängliche Gemüth. Ein fester Schild, ein eherner Schild gegen jede Gefahr ist unstreitig in dieser Uebergangszeit die Religion, die Religion, von der ein höchst ehrwürdiger und Weiser Zeitgenosse*) in einer so Wahrheit- als würdevollen Rede sagte: „Sie ist das Wiederanknüpfen des Diesseits an das Jenseits, des sterblichen Menschen an den ewigen, unsichtbaren, außer- und überweltlichen, dreipersönli- chen Gott, keine bloß zufällige Erfindung, keine willkürliche Einrichtung, mit der sich die Welt je nach Laune oder wechselnder Mode beschäftigen, oder deren sich Jever, der es wollte, auch ganz einschlagen, oder von der man möglicher Weise gar keine Kenntniß nehmen könnte. Nein! die Religion beruht auf den dringendsten und allgemeinsten Bedürfnissen der Menschennatur; sie hat ihren nothwendigen. unverlierbaren Platz im Leben des Einzelnen und der Gesellschaft." Religion ist Anbetung, Glaube, Liebe, Hoffnung, Vertrauen und Gehorsam. Sie ist nach allem Diesem mehr Sache des Herzens, als des Verstandes. Wer wollte auch sich anmaßen die Geheimnisse des Herrn, des ewig Unerforschlichen mit seinem Verstände zu ergründen! Die Keime religiösen Gefühles in das Herz des Kindes zu legen, ist unstreitig die heilige Pflicht einer guten Mutter, die auch alle Ursache hat es zu thun, an jedem Morgen, an jedem Abend, in Leiden wie in Freuden. Sie zu befestigen mit ernsten, frommen Worten, mit Berufung auf die Erfahrungen seines Lebens ist eine leicht zu erfüllende Pflicht des Vaters; denn wer hätte nicht, wenn er es nur will, das Walten der Gnade Gottes in seinem Leben bei irgend einem Anlasse, ja bei vielen Anlässen wahrgenommen? Tritt nun ein Jüngling also vorbereitet in das Leben, so ist er so ziemlich gerüstet gegen die Gefahren, die seiner Denkungswcise und seiner Sittlichkeit nachtheilig werden könnten. Junge Leute, eben in diesem Uebergangsalter, wenn sie einige Fertigkeit im Lesen haben, ergeben sich sehr gern dem Lesen von — Unterhaltungsbüchern. Wir können sie nicht anders als Unterhaltungsbücher nennen, weil es gewöhnlich nur solche sind. Für den ersten Anblick scheint die Sache ganz unschuldig, ja sogar empfehlenswürdig, denn die Schriften werden gewöhnlich unter der Bezeichnung: „classische Werke" angepriesen. Allein was ist die Frucht, welches ist der Nutzen solchen Bücherlesens? Die meisten dieser Werke sind von Verfassern, deren Denkungsart und Anschauungsweise mit der uns anerzogenen im Wider- *) Dr. Joh. Kutschker, Rector-Magnificus der Wiener Hochschule. spräche steht; ihr Styl ist einnehmend, bestechend, er führt uns irre; die Bilder und Schilderungen, die uns vorgeführt werden, sind blendend; sie erscheinen wahr, aber sie sind es nicht; Tugenden und Laster werden auf die Spitze gestellt, und wir verlieren den richtigen Maßstab für das wirkliche Leben. Welchen Nutzen gewährt also solch ein Lesen? Durchaus keinen. Noch ist aber zu erwähnen, was von dem genossenen Unterrichte verloren gegangen, was verderbt worden ist. Wie viele von tausend Kindern, welche die Schule besucht haben, können noch lesen, noch schreiben? rechnen können sie wohl, in so fern es das Nothdürftigste betrifft; aber um auf das Wesentlichste zu kommen, welche Begriffe sind ihnen geblieben von Sittlichkeit und Religion nach dem Verkehre mit einer Welt, die in dieser Beziehung so Vieles wünschen läßt? Doch nun zum letzten Puncte, znm Verkehr mit sich selbst. Wenn der junge Mann, der eine früher, der andere später, der Schule entwachsen ist, wenn kein Lehrer, kein Lehrherr, kein Vormund mehr über seine Handlungen zu gebieten, eine unwiderstehliche Einwirkung auf dieselben zu üben hat, da tritt ein Gefühl der Unabhängigkeit, der Selbstbestimmung, wie man es gern nennt, ein; und in diesem Zeitpuncte ist der Verkehr mit sich selbst, das Nachdenken über Das, was man ist rind was man geleistet hat, so für sich wie für Andere, von der größten Wichtigkeit, wird aber, wie aus dem bisher Gesagten sich ergibt, in der Regel gänzlich vernachlässigt. Ein alter Spruch sagt: „Was du auch 'thun magst, das thue mit Vorsicht und bedenke das Ende." Das Christenthum ermähnt uns, unser Gewissen täglich zu erforschen. Die gewöhnliche Lebensklugheit gebietet uns, aus dem, was wir gethan, was wir erfahren, Lehren für die Zukunft zu schöpfen. Ein kluger Vater, ein guter Vater wird seine Kinder zeitig anhalten bei Allem, auch dem Unbedeutendsten, was sie thun, zu denken; denn es gibt Nichts, wie unscheinbar es auch sein möge, das, unbesonnen gethan, nicht von nachtheiligen Folgen sein kann. Dieser Verkehr mit sich selbst, richtig geleitet, ist auch der wirksamste Weg zu einer ersprießlichen Volksbildung. Das weinende Kind. * Charfreitag war es, der Todestag unseres göttlichen Heilandes, und ein Kind vergoß in einer Kirche am heiligen Grabe des Gottmenschen die bittersten Zähren. Ein frommer Priester trat hinzu, und fragte dasselbe: „Warum weinst Du so, meine Kleine!?" „Ach!" — versetzte das Mädchen —- „Wenn ich bedenke, was mein Heiland für mich gelitten hat, soll ich da nicht in Thränen ausbrechen?" „Weine nicht über den göttlichen Mittler, sondern über Dich!" — ent- gegnete der Priester — „denn siehe! schon über achtzehnhundert Jahre ist der Menschensohn am Kreuze gestorben, und nicht nur an seinem Todestage, sondern alle Tage fließen die Thränen der Gerechten und Büßer vor seinem Grabe, seines Opfertodes willen. Du aber bist vielleicht noch kein Jahr todt, und dennoch fließt keine Thräne deinetwillen. Darum weine über Dich und nicht über Christus! Der Heiland und Erlöser bedarf keiner Thräne, denn er ist nach seinem Opfertode eingegangen in die Herrlichkeit seines Vaters. Weißt Du, ob auch Du nach deinem Tode die Freuden der Seligen genießen wirst? Darum weine über Dich und nicht über Christus! Weine, da es noch Zeit ist! Wenn die Ewigkeit für Dich naht, dann ist es zu spät." 272 I." e. lW ML I. Kloster und Fabrik. (Die Congregatio n der Schwestern vom hl. Kreuz.) Mehrere Blätter brachten unlängst die Nachricht, die gräflich v. Waldstein'sche Tuchfabrik in Oberleutensdorf sei dem Capuziuerorden käuflich überlassen worden, welcher dieselbe in ein Kloster umzuwandeln gedenkt. Diese Notiz ist nicht ganz richtig. Genannte Fabrik, welche sonst in Händen von Pächtern war, seit vielen Jahren aber nicht mehr in Betrieb ist, wurde allerdings und zwar um den Preis von 100,000 st. verkauft, jedoch nicht an den Capuzinerorden behufs der Umwandlung in ein Kloster, sondern an die Congregation der Schwestern vom h. Kreuze, welche diese durch ihre Erzeugnisse einst berühmte Fabrik in kurzer Zeit wieder in Betrieb setzen, mit diesem Betriebe aber erziehliche und andere wohlthätige Zwecke verbinden wird. Diese Congregation wurde erst in der Neuzeit von einem Priester des Capuzinerordens, dem hochw. Hrn. U Theodosius, derzeitigen Su- perior dieser religiösen Gesellschaft, zu Chur in der Schweiz gegründet, wo sich auch noch jetzt das Mutterhaus derselben befindet. Die in diesen Verein eintretenden Damen, meist Töchter aus intelligenteren Familien, werden an denselben nicht für ihre ganze Lebenszeit gebunden, wie dies bei anderen Orden der Fall ist, sondern sie legen ihr Gelübde immer nur für drei Jahre ab; sie widmen sich neben ihren religiösen Standpspflichten nicht nur der Erziehung und Bildung der weiblichen Jugend, sondern besorgen außerdem auch Krankenpflege, errichten Klcinkinderbewahranstalten, Waisenhäuser, haben in der Schweiz, in Frankreich und Deutschland bereits über 70 Filiale gegründet, und sich durch ihre erfreulichen Erfolge allseitige Anerkennung erworben. Besonders segensreich wirkt diese Congregation dadurch, daß sie zur Erreichung ihrer humanen Zwecke auch die Industrie benützt; sie besitzt nämlich schon 2 Fabriken, welche sie selbst leitet — wobei sie die darin verwendeten Arbeiter an Ordnung, Fleiß, Sparsamkeit und wahrhaft christliches Leben gewöhnt, Waisen und andere arme oder moralisch verwahrlos'te Kinder der Umgegend aufnimmt, diese unterrichtet, erzieht und durch passende Arbeiten zu nützlichen Gliedern der bürgerlichen Gesellschaft heranzubilden sucht. Diese industriellen Unternehmungen haben sich bisher mit 20—25 Procent verzinset, da die Leitung wenig Auslagen verursacht, die Schwestern ein anspruchloses Leben führen, wie Familienglieder vereint sind, und zahlreiche Wohlthäter, theils durch prcismäßige Lieferung von Rohstoffen, theils durch bereitwillige Abnahme der Erzeugnisse den edlen Zweck solcher Etablissements zu fördern bemüht sind. Auch in Oesterreich wird dieser schöne Verein bald seine Thätigkeit entfalten. Schon trifft der hochw. Hr. Hfarrer P. F. Habel in Oberleutensdorf im Namen dieses Vereins die nöthigen Vorbereitungen, damit die daselbst angekaufte Tuchfabrik baldmöglichst in Betrieb komme; auch sind schon von mehreren hohen Gönnern Zusagen auf Lieferung von Wolle nnd Bestellungen auf Tuch erfolgt. Und so wird denn das freundliche Städtchen Oberleutensdorf für dessen Umgegend und das nahe Erzgebirge eine Zufluchtsstätte für arbeitslose Arme und verlassene Kinder werden. Außerdem ist diese Congregation auch mit mehreren Städten dieser Gegend, namentlich auch mit Dux, Komotau und Bilin, wegen Uebernahme der öffentlichen Mädchenschulen in Unterhandlung. Redaction un» Verlag: Dr. M. Huttlcr. —. Druck von Z. M. Kl einte. AWtiiM AmtliiMoIt. Mi 35. 26. August 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Poft- Aeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Deutsche Missionen in Brasilien. (Fortsetzung.) Alle Tage der Mission, besonders aber die beiden, welche dem allerheiligsten Altarssacramente und unserer unbefleckten Jungfrau Maria geweiht wären, sahen unzählige Thränen des Schmerzes und der Liebe fließen. Wir haben uns bemüht, diese Tage bei unserer äußersten Armuth so sinnig und kindlich zu feiern, wie es unsere schwache Kräften gestatteten. Angenehm und trostvoll war es zu sehen, wie die Blumen und Kränze zum Schmucke der Himmelskönigin nicht von Mädchen und Jungfrauen, sondern mit frommem Kindersinn von den Männern und ehrwürdigen Greisen gewunden wurden, die sich einmal diese Ehre nicht nehmen lassen wollten, obwohl sie schon viele Kindeskinder zählen. Und wie gnadenreich leuchtete das einfache ganz ärmliche Muttergottes-Bild — wie wir es in der Noth hier ausweiden konnten — zwischen Lichtern, grünen Palmzweigen, Blumen und Kränzen auf die ihr fromm ergebenen, mit Gott wieder versöhnten Kinder hernieder, welche den ganzen ihr geweihten Tag, wie auch die folgenden nicht müde wurden, aus frohem Herzen zu ihrer Ehre die andächtigsten Lieder zu singen. — Mit gleicher Entschiedenheit, wie die Aussöhnungen, gingen, wie man mir berichtigte, die Rückerstattungen ungerechten Gutes vor sich, sei es an Gegenwärtige oder an Abwesende, sogar bis nach Europa. Man trat ganze Theile von Colonien wieder ab. Auch dem Branntwein entsagten sie; gleichwohl dürfte hierin an der Beharrlichkeit des einen oder andern Trinkers gezweifelt werden, da keine kirchliche Bruderschaft oder ähnliche Hilfe sie im Kampfe gegen die starke Neigung und häufige Gelegenheit unterstützt. — Während der Mission hatte ich natürlich allein Beicht zu hören und zu predigen; dabei oft zu taufen und zu begraben. Am Morgen hielt ich die Predigten oder Unterricht, gewöhnlich zwei, oft auch dreimal. Nach der ersten Woche waren jeden Nachmittag die Beichten bis in die Nacht. Aber nach den ersten 14 Tagen, um mit den Beichten mehr voranzukommen, hielt ich drei Tage keine Predigt. Und später setzte ich noch einmal sechs Tage aus. Der Schluß der von Gott reichlich gesegneten Mission war am Feste Allerheiligen. Möchten doch Alle die heilsamen Einwirkungen der Gnade und inneren Ergriffenheit mit durchs Leben auf das Todtenbett bringen! Die dankbare Liebe zur römisch-katholischen Kirche und besonders die treueste Ergebenheit an den heil. Vater den Papst strahlte auf Aller Antlitz. Die Schlußpredigt war über das heil. Missionskreuz, welches neben der Capelle des heil. Raverius in einem Halbkreis von schönen Palmbäumen gerade an jener Stelle steht, wo es in vier Thäler hinabblickt und alle Vorübergehenden schon von ferne zum Gebete einladet. Seit der Zeit ist nun auch frommer Brauch, wie ich anfangs selbst sah und später erzählen hörte, daß Alle, Jung und Alt, wenn sie vorüber- reiten, absteigen und vor dem Kreuze betend niederknieen. — Kaum war die 274 Mission für die Lebenden geschlossen, so begannen die nun eifrig gewordenen Colonisten alsbald am Allerseelentage eine Mission zur Erlösung der Verstorbenen, indem sie 8 Tage jeden Abend auf das Zeichen des Glöckleins, das hell über die benachbarten Berge und Thäler schallt, mit Gebet das Herz Gottes zu Gunsten der armen Seelen bestürmten, wie sie es einen Monat lang für die Bekehrung der Sünder gethan. Am Allerseelentage haben die Priester in Brasilien das Privilegium, drei heilige Messen zu lesen. Alle Gläubigen opferten die heilige Communion für die Verstorbenen auf. Nach der Predigt hielten wir feierlichen Umgang über den Gottesacker unter Gebet und Gesang; dann zogen wir hin zum heiligen Missionskreuz, unter dem wir nach einem Gebete um Beharrlichkeit von einander Abschied nahmen. Tages darauf ritt ich über hohe und abschüssige Berge in das „Jammerthal," begleitet von einem langen Zuge Reiter und Reiterinnen. Als wir in das tiefe Thal hinabestiegen, kamen uns die frommen Bewohner in Procession singend entgegen. In einer mit Blumen und Palmen ausgeschmückten Lehmhütte, die noch nicht vollendet war und künftig als Schule dienen soll, brachte ich das hochheilige Opfer dar, bei dem sich von ferne her unsere Deutschen — auch Protestanten im Feierkleide — einfanden. An dem improvisirten ländlichen Altare hatte der fromme Sinn der guten Einwohner wohl alle Bilder und Bilderchen zusammengebracht, die sich in der ganzen Picade finden ließen. Nach der heil. Messe schritten wir in Procession zur Einsegnung des Missionskreuzes, das mit Kränzen umwunden ebenfalls in einem Halbkreise von Palm- bäumen an einem zur Andacht einladenden Orte steht. Daraus folgte die Einweihung des Gottesackers und eine Predigt unter dem Friedhofskreuze. Endlich bewegte sich der Zug zum heil. Missionskreuze zurück, wo wir nach andächtigem Gebete einander Lebewohl sagten. — Dasselbe geschah Tages darauf in der andern Picade „Wallachei," wo die Bewohner mit vereinten Kräften in heiliger Freude Alles aufgeboten hatten zum Schmucke ihres Missionskreuzes und einzusegnenden Gottesackers. Während der Mission war mein Kämmerlein aus dem Buckerbergc lange in Belagerungszustand versetzt, da sich Alle um die wenigen frommen Gegenstände, Bilder, Rosenkränze, Medaillen, die ich Lei mir hatte, förmlich stritten, besonders aber Männer und Jünglinge um jeden Preis sich einen Rosenkranz verschaffen wollten; ja würdige Männer, die vielleicht in ihrem Leben nie einen Rosenkranz angerührt hatten, thaten weite Ritte zu mir oder zu k Lipinski, um einen solchen als Missionsandenken zu erhalten. Hätte ich nur einen großen Worrath solcher Gegenstände, welch große Freude könnte ich diesen guten Leuten machen; wie leicht und wie oft würden sie sich an die gehörten Wahrheiten und die gefaßten Entschlüsse erinnern, und wie manche fromme Gebete würden sie vor den Bildern und beim Gebrauche des Rosenkranzes verrichten! Endlich nach sechs Wochen kehrte ich heim. Den Sonntag darauf erschienen nach dem Gottesdienste in Masse alle vier Picaden, Gläubige jeden Alters und Geschlechtes, vor unserm Häuslein, wiewohl der Regen in starken Güssen vom Himmel stürzte, um auf alle Weise dem hochw. k. Lipinski für die Wohlthat zu danken, daß er ihnen den Missionair geschickt habe. Während ihre Abgeordneten eintraten, stimmte draußen das ganze Volk das „Großer Gott, dich loben wir" an, und nachdem sie dreimal laut den Segen des Himmels auf uns Herabgerufen, hörte man sie unter Jubelgesängen zu Ehren der Mutter Gottes von dannen ziehen. Das wäre also die erste oder so ein Anfang von Misston unter unsern deutschen Auswanderern, zwar ein sehr bescheidener, wobei nicht, wie in Deutschland, 15 oder 20,000 Zuhörer sich einfanden, aber immer doch ein von Gottes Gnade reichlich gesegneter, und ich darf sagen, eine Mission, wie mir noch keine ähnliche vorgekommen, wo die armen Leute gerade wegen der Mission so viele und große Schwierigkeiten zu überwinden gehabt und sie auch wirklich edelmüthig überwunden hätten. Indem Gott allein davon alles Lob gehört, der mit seiner Gnade diejenigen, welche ihr selbst bei Missionsgelegenheiten in Europa widerstanden, endlich im fernen Brasilien zu besiegen wußte, so möge zur Vermehrung seiner Ehre das Licht des katholischen Eifers und der christlichen Erbauung, das unsere armen Deutschen in den Urwäldern Amerika'? leuchten lassen, auch hinüberdringen in ihr altes Hcimathland zum Troste ihrer dort zurückgebliebenen Landsleute, aber auch zum Beweise für Alle, denen das Heil dieser verlassenen Seelen zu Herzen geht, daß sich hier gar Manches, ja Alles für die katholischen Deutschen und die Brasilianer selber bewerkstelligen ließe, wenn uns von Deutschland aus geeignete Hilfe zukäme. Indessen wollen wir die uns zu Gebote stehenden Mittel und Kräfte fleißig und treu benutzen, um die trostreichen Worte des Herrn vernehmen zu können: „Wohlan, du guter und getreuer Knecht, weil du in Wenigem getreu warst, will ich dich über Vieles setzen." Bonifacius Klüber, 8. 5. Die gegenwärtige Lage der Genfer Katholiken. Seit dem Berichte, welchen die Kirchenzeitung Anno 1857 über Genf erstattete, hat die Lage der Katholiken sich daselbst immer mehr befestiget und erweitert. Wir reden nicht von der Landschaft; denn hier ist sie ungefähr die nämliche geblieben, doch nimmt das Uebergewicht der Katholiken dort immer mehr zu. Dieses Uebergewicht, an und für sich gerecht und sich in mäßigen Schranken haltend, ist eine Folge der Verfassung von 18-16. Auch in der Stadt vermehrt sich der Einfluß der Katholiken, nicht etwa durch Uebertritte der Calvinisten zum Katholicismus (davon ist keine Rede), sondern weil unter den vielen Ankömmlingen, welche die Bevölkerung vermehren, die Mehrzahl Katholiken sind: Folge der Eisenbahnen, durch welche, zum Nachtheile der kleinern, größere Mittelpuncte der Industrie gebildet werden. So entsteht in Genf eine neue Bevölkerung von Industriellen und meistens Bedürftigen. So schlägt der Katholicismus immer tiefere Wurzeln und befestigt sich immer mehr. Indeß wird diese Bevölkerung, wenn auch im Zunehmen begriffen, den Protestanten gegenüber, was sociale Stellung und Einfluß betrifft, noch lange die schwächere sein, theils weil sie noch nicht alt genug ist, theils weil ihr gehörige Wohlhabenheit und Bildung großenteils fehlen. Denn die Zahl einzig, wenn die gehörigen Eigenschaften abgehen, gibt in dieser Welt noch nicht den Ausschlag. Durch das allgemeine Stimmrecht gelangt Wohl eine ziemlich große Anzahl Katholiken in den Großen Rath, aber da sie, wie gesagt, meistens ohne socialen Einfluß sind und nur durch die radicale Strömung hineingeführt werden, so gelten sie bloß als Zahlen bei den Abstimmungen und weiter nichts. Handelt es sich blos um materielle Interessen, so sucht man diese katholische Bevölkerung zu befriedigen. Ist aber von höheren, moralischen oder politischen Fragen die Rede, so folgt dieselbe gelehrig der Regierung, sei es, weil dieselbe nichts gegen ihr Gewissen von ihnen verlangt, oder weil die hartnäckige Verfolgung von Seite der conservativen protestantischen Partei sie zwingt, ihre Interessen mit denen der Radikalen zu vereinigen. Auch muß man gestehen, daß die dermalige Regierung gegen die Katholiken immer im höchsten Grade gemäßigt und billig ist. Freilich ist dieselbe auch von den revolutionären, antikatholischen Lorurtheilen angesteckt, aber in der Praxis zeigt sie sich über dieselben erhaben und respectirt den nicht unbedeutenden Einfluß der Katholiken. Daher wird unsere Geistlichkeit von der Regierung mit vieler Achtung behandelt. Die protestantisch-conservative Partei hat dermalen weder im Regierungsrathe noch im Kantonsrathe einigen Einfluß, wohl aber im Stadtrathe von Genf und auf diesen Einflnß ist sie sehr eifersüchtig. Hier ist sie Meister und läßt es die Katholiken bei jedem Anlasse fühlen, immerhin aber bloß in administrativen Angelegenheiten. Vorzüglich bei Naturalisationen ist die Stadt Calvin's ihren alten Traditionen treu geblieben; der Stadtrath sucht seine Partei durch häufige Naturalisation von Protestanten zu vergrößern. Seien diese > übrigens wer sie wollen, dem Parteigeist sind sie alle willkommen. Außerhalb den Behörden üben die Katholiken übrigens einen reellen Einfluß aus. Sie üben denselben aus durch einen ausgezeichnet guten Klerus, > welcher die Welt und die Zeit kennt und seiner Aufgabe in einer Stadt, wo er ! sich beständiger Eifersucht und Kritik ausgesetzt sieht, vollkommen gewachsen ist. Sie üben ihn aus durch die Vereinigung einiger ausgezeichneter Familien, welchen sich die katholischen Weltleute anschließen, und in welchen auch viele Fremde Zutritt suchen und finden. Was Einzelnes betrifft, habe ich Ihnen zu melden, daß unsere neue Kirche unter dem Titel der unbestellten Empfangn iß seit 20 Monaten dem öffentlichen Cultus übergeben ist. Wir haben zwei Pfarrabtheilungen, die von üiotrk-vame und jene der vormaligen Kirche von St. Gervais. Diese Vertheilung war bei einer katholischen Bevölkerung von 17,000 Seelen durchaus nothwendig und hat schon sehr glückliche Resultate herbeigeführt. Es ist bewiesen, daß über ^000 Personen gegenwärtig die hl. Messe anhören, welche vor zwei Jahren nicht daran dachten, dieses zu thun. Der Empfang der hl. Kommunion hat in gleichem Maße zugenommen. Die Zahl derjenigen, welche sich > nicht kirchlich verheiratheten, welche ihre Kinder nicht taufen ließen, welche mit einem Worte ohne Cult lebten, hat bedeutend abgenommen. Solche wie Wilde lebende Katholiken kommen gewöhnlich aus Mittel-Deutschland oder aus den größern Städten Frankreichs. Unter diesen Unglücklichen sucht die protestantische Propaganda durch Geld sich zu recrutiren. Ist es zu verwundern das es ihr zuweilen gelingt? Aber solche Seelenkäufe sind wenig solid; besser gelingt es ihnen durch die Mischehen, die sie auf alle Art und Weise befördern. Die Protestanten zeigen in Genf eine große Rührigkeit; sie suchen die Aufmerksamkeit der Katholiken durch alle Mittel, durch Conferenzen, Controversen, Lehrcurse rc. auf sich zu ziehen. Aber die Katholiken achten nicht darauf; hat sich doch sogar eine aus erkauften italienischen Flüchtlingen bestehende protestantische Gemeinde wieder aufgelöst. Die durch den Bundesrath letzten Winter geforderten Maßregeln haben in dieser seinsollenden Kirche große Verirrungen hervorgerufen. In unsern beiden Kirchen zu ?lotro-vam6 und St. Gervais blühen mehrere fromme Vereine, Kongregationen des Herzens Jesu, des Allerheiligsten Altars- sacramentes, die Frauen der christlichen Liebe, die Gesellschaft für Dienstboten rc. Im Kanton bestehen überdieß vier St. Vincentius-Conferenzen. Unsere „Lieb-Frauen-Kirche" ist noch nicht vollendet und schwere Schuldenlast drückt noch unsern verehrungswürdigen Hm. Pfarrer. Auch mangelt noch ein Pfarrhaus, um die 6 Priester unterzubringen, welche unter der Leitung des Hochw. Hrn. Abbö Mermillod die Pfarrei besorgen. Diese Pfarrei öiolre- V»M6 empfängt keine Unterstützung von der Regierung, der Unterhalt und die Wohnung der Priester, der ganze Cultus, kurz Alles muß durch die Gläubigen bestritten werden. Eine Dame, welche den Katholiken von Genf schon viele Wohlthaten erwiesen, hat uns in der Nähe der neuen Kirche einen Theil.ihres Parks abge- , treten, um dort ein Haus für die barmherzigen Schwestern zu bauen. Unser so thätige und intelligente Klerus fährt übrigens fort unter der Leitung des Abbe Mermillod die so geschätzten „Katholischen Annalen von Genf" herausgegeben. Diese Annalen verdienten unter dem Klerus eine größere Leserzahl, denn sie behandeln protestantische Angelegenheiten nicht nur von Genf, sondern auch von ganz Europa. Ihr Genfer Korrespondent möchte endlich die Aufmerlsamkeit gerne noch auf einen andern Gegenstand lenken, nämlich auf die Rehablitation (Wieder- gültigmachung) der so zahlreichen ungültigen Ehen. — In der Fremde gibt es tausend und tausend Katholiken, die sich zum Concubinate verleiten lassen. Wenn die „Gesellschaft des hl. Regis", die sich's zur Aufgabe gestellt hat, solchen Verbindungen die Gültigkeit der Ehe zu verschaffen, in der Schweiz Schritte thut, um die nöthigen Papiere zu erhalten, so stößt sie auf tausend Schwierigkeiten. Es gibt sogar Kantone, wie St. Gallen, Graubündten, Thurgau, Aargau und andere, wo solche Rehabilitationen unmöglich sind, weil die Gemeinden übermäßige Taxen fordern. Könnte die Eidgenossenschaft, die Bundesbehörden, welche sich um Ehescheidungen und Mischehen so sehr bekümmern, nicht auch Etwas für diese Unglücklichen thun, und es ihnen nicht länger unmöglich machen, den Opfern der Ausschweifung wieder zu ihrer Ehre zu verhelfen? Diese Frage verdient Beachtung. Mir scheint unmöglich, daß man mit Geduld und Aus- harrung am Ende nicht Etwas erlange. Jesuit und Redemptorifi auf dem Sterbebette. Die Gegner der katholischen Kirche haben keinen der religiösen Orden, die im Laufe der christlichen Jahrhunderte entstanden, so gehaßt, verleumdet und verfolgt als den der Jesuiten und Redemptoristen. Es kaun nicht im Zwecke dieser Blätter liegen, eine ausführliche Vertheidigung dieser vielge- schmähten kirchlichen Institute zu unternehmen; ohnedieß haben unterrichtetere und gelehrtere Männer schon hundert und tausendmal es vor uns gethan, so daß Jeder, der hier eine genügende Belehrung sucht, sie auch leicht finden kann; aber Eines möchten wir doch zu bedenken geben, wie nämlich der alte Satz: „Der Tod ist eine Probe auf das Leben" gerade sin den genannten Orden sich oft so glänzend bewahrheitet. Wir theilen hier aus Vielen nur zwei Sterbebilder mit: eines aus dem Orden der Redemptoristen, das andere aus dem der Jesuiten und gewiß muß Jeder, der unbefangen diese Aufzeichnungen liest, sich eingestehen: Orden, in denen man so stirbt, können nicht schlecht und verwerflich sein, wie man sie häufig schildern hört. — Vor anderthalb Jahren verschied zu Tournah in Belgien im Hause der I>. I>. Redemptoristen der hochw. I*. Joseph Passerat, der zweite General- vicar der transalpinischen Provinzen der Kongregation des allerheiligsten Erlösers. Geboren zu Joinville im I. 1772 — 15 Jahre vor dem Tode des heil. Alphons von Liguori, Stifters dieser Kongregation — lebte ?. Passerat nicht viel weniger, als ein Jahrhundert; und dieses Leben, so reich an Jahren, war es nicht minder an Arbeiten und Tugenden. Getreu der Gnade, die ihn berief, sich Gott zu weihen, war er im Begriffe, für den heiligen Dienst der Seelen sich vorzubereiten, als er seinen Studien und seinem Vaterlande durch die französische Revolution sich entrissen sah. Die Vorsehung lenkte es indessen, daß er in Polen wieder die Freiheit erlangte, seinem Berufe zu folgen. Er trat zu Warschau in die Kongregation des allerheiligsten Erlösers, wo er im Jahre 1796 in die Hände des e. Hoffbauer, des ersten Generalvicars des Ordens, seine Gelübde ablegte. 278 Der Geist des Gebetes, der Liebe und der Selbstverleugnung vermehrte sich in ihm nach dem Maße, als er weiter aus dem Wege kam, den Gott ihn führte, und er zeigte in der Folge einen solchen Muth und eine solche Stand- haftigkeit mitten unter den härtesten und langwierigsten Proben in jener Zeit der Verirrnng, daß der hochwürdige r>. Hosfbauer sterbend noch ihn als den Fähigsten bezeichnete, die Bürde seines hl. Amtes zu tragen. u. Passerat wurde demnach im Jahre 1820 zum Generalvicar ernannt. Unter, seiner väterlichen Regierung und durch seine Sorge geschah es, daß das apostolische Institut des heil. Alphons von Liguori in Deutschland und in der Schweiz, in Frankreich, in Portugal, in Belgien, in Holland, in England und in den vereinigten Staaten von Nordamerika sich ausbreitete. Gott hatte ihn zu einem vorzüglichen Werkzeug seiner Ehre erkoren und erfüllte ihn mit seinen Gaben, deren dieser keine verloren gehen ließ. Er war vor Allem ein innerlicher Mensch, wie es diejenigen sein müssen, die sich's zur Aufgabe machen, den Fußstapfen der Heiligen zu folgen; er führte seine Schüler zur Liebe des Gebetes durch Rath und Beispiel, und man konnte von ihm in Wahrheit sagen, das Gebet sei das Athemholen seiner Seele gewesen, denn Gebet fand sich in Begleitung bei allen seinen Werken und machte den eigentlichen Grund seines Lebens aus. Seine Herzensgütte war nicht blos die eines Vaters, sondern die einer Mutter. Als der Nuntius des heil. Stuhles eines Tages ihn für einen bischöflichen Sitz vorschlagen wollte, suchte U. Hosfbauer den Gesandten des heiligen Vaters abzubringen, indem er sagte: „Ich kann seiner nicht entbehren, er ist wie die Mutter der Congregation." Dieses Zartgefühl des Herzens für seine Brüder mußte desto mehr bewundert werden, je mehr er streng und abgetödtet gegen sich selbst war. Die heilige Schrift war ihm das kostbarste Vergnügen; Kraft, Salbung, Einfachheit und Autorität charakterisirten in bei Verkündigung des göttlichen Wortes. Personen vom höchsten Range in der Kirche und in der Welt wurden in seiner Gegenwart von Rührung ergriffen und beugten sich vor dem ehrwürdigen Greis, während er allein, sanft und demüthig von Herzen, nicht wußte, in welch' hohem Grade die Vereinigung mit Gott so zu sagen aus seiner ganzen Person herausstrahlte. Die traurigsten Ereignisse konnten ihn nicht verwirren, noch vermochten die trostreichsten Begebenheiten ihm die Ruhe des Herzens zu nehmen, indem seine Seele so innig mit demjenigen vereiniget war, dem man sich auf dem Wege der Heiligen sowohl durch Freude als durch Schmerz nähert. Für Alle, die ihn kannten, ist sein Andenken wie eine Gnade; sie werden, was sie von ihm hörten, wohl nie vergessen; seine zahlreichen Briefe über das innerliche Leben, seine geistliche Leitung und Führung werden immer ein Schatz für seine Jünger bleiben. Eine Revolution war es die ihn aus seinem Vaterlande entfernt hatte, eine andere Revolution vertrieb ihn aus Wien im Jahre 1848. Sein Herz führte ihn nach Belgien. Sein hohes Alter ließ ihn die Befreiung von der Last seines AmteS verlangen und dort diesen Wunsch auch erreichen. Das Ende seines Lebens war die Krone desselben nach den Worten der Schrift: „Die Geduld vollendet das Werk." Jak. 1, 4. Zweimal vom Schlage getroffen schien er nur leben zu müssen, um zu leiden; indeß verwendete er noch seine ganze Kraft, um dafür den Herrn zu preisen und von göttlichen Dingen zu sprechen. Durch die Unmöglichkeit, in die er versetzt war, das heil. Meßopfer zu feiern, war er seines größten Trostes beraubt; daher hörte er täglich mehrere hl. Messen und empfing täglich die hl. Communion. Obgleich schwer leidend nahm er sich doch in keinem einzigen Puncte von der Ordensregel aus, was seine Umgebung mit Staunen erfüllte. Die Frömmigkeit, und zwar die Frömmigkeit eines Heiligen, war die Seele 279 seines zurückgezogenen, wie seines ganzen früheren Lebens. Alle, die das Glück hatten, Zeugen der letzten Jahre des Seligen gewesen zu sein, sprechen mit Rührung von seinen zahlreichen Uebungen der Liebe zu Gott, des Vertrauens auf die unendlichen Verdienste Jesu Christi und auf die Fürsprache der unbefleckten Jungfrau Maria, des heil. Joseph, der hl. Apostel und des hl. Alphons, von jener unveränderlichen Sanftmuth, von jenen demüthigen Ausdrücken, womit er für jede, auch die geringste Dienstleistung dankte, von seiner Geduld, die sich immer gleich blieb, von seiner beständigen Ergebung in den Willen des Herrn. Denselben Tag an dem er das drittemal vom Schlage getroffen wurde, ließ er sich den Gedanken des heil. Franz von Sales mehreremal wiederholen: „Daß die vollkommene Ergebung in Beziehung auf den Tod, der eine gerechte Strafe für die Sünde ist, zugleich auch eine vollkommene Sühnung dafür in Jesu Christo sei." Da der heilige Greis sein Ende nahe glaubte, verlangte er alle Mitglieder der Communität vor sich vereint zu sehew; doch vermochte er damals nicht, zu ihnen zu reden, dafür aber sagte er während der Nacht zu dem seiner Mitbrüder, der bei ihm Wache hielt: „Ich wollte ihnen gestern Abends empfehlen, immer in der Furcht Gottes zu leben. Versprechen .Sie mir, dieß allen meinen Mitbrüdern sagen zu lassen." Man konnte nicht umhin, bis zu Thränen gerührt zu werden, wenn man ihn das Gebet für die Verstorbenen aus sich selbst anwenden hörte: „Herr, gib mir die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte mir!" Indessen erhörte ihn Gott nicht sogleich und schien zu wollen, ihn noch auf Erden das Fegfeuer der Heiligen durchgehen zu lassen, welches darin besteht, daß er ihnen die Erfüllung der Hoffnung nach dem verzögert, wornach sie so heiß verlangen. Das Uebernatürliche bei diesen Prüfungen war unschwer zu erkennen; denn während er das Gedächtniß für Alles das, was zeitliche Dinge anbelangt, beinahe gänzlich verloren hatte, hörte man ihn über göttliche Dinge wie einen wahren Weisen reden, der vom Geiste Gottes erfüllt ist. Bis zu seiner letzten Stunde gab er denen, die ihn über ihren Seelenzustand zu Rathe zogen, Antworten voll Erleuchtung. Er hörte nicht aus, die Acte der Liebe zu Gott und dem Nächsten zu erneuern, und bat den Bruder Krankenwärter, nach dem Beispiele des hl. Alphons, ihm solche Acte der Liebe vorzubeten, welche die vollkommensten wären. Es war hinreichend, in seiner Gegenwart den Namen Maria auszuspre- chen, um allen seinen Zügen den Ausdruck kindlicher Freude zu geben, und eine Quelle in seinem Herzen zu eröffnen voll der glühendsten und vertrauensvollsten Gebete. Der Rosenkranz kam nie aus seinen Händen, und das Ave Maria war das letzte Gebet, das er mit hinsterbender Stimme gesprochen. Er verschiev, getröstet durch die heil. Sacramente der Kirche, ohne Todeskamps in der Vigil von Allerheiligen des Jahres 1858. — Das ist der Tod eines Redemp- to risten. (Schluß folgt.) Religion und Industrie. Es dürfte nützlich sein, bekannt zu geben, was die Vertreter der Industrie in Belgien thun, um die moralischen und physischen Zustände der arbeitenden Classe zu heben. Der Vorsteher an den Hochöfen, die an einem berühmten Flusse liegen, erschrack, als er sein Amt antrat, über die Verkommenheit und Stumpfheit, in welcher die Familien der seinen Befehlen Unterstehenden sich befanden. Von nun an beseelte ihn nur ein Gedanke, jener nämlich: einer solchen Lage abzuhelfen und diese Seelen der menschlichen Gesellschaft wiederzugeben. Auf einer Reise nach Paris hatte er das Vorhaben, sich an die Oberin der Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul (barmh. Schwestern) zu wenden und ihr seine Gedanken vorzulegen. Das den Schwestern dargebotene Schlachtfeld, wo sie ihren Eifer, ihre Ergebung zeigen sollten, war ein ihnen bisher unbekanntes; es handelte sich darum: ohne Schleier in große, vom Rauche geschwärzte Werkstätten, wo eine unermeßliche Hitze herrscht, zu dringen; Männern, die Teufeln gleichen, die süßeste, die sanfteste der Erscheinungen zu bringen; die Erscheinungen von Engeln in Menschengestalt, diesen Menschen in Gestalt von Gespenstern das Licht des himmlischen Lebens zu bringen, ihre Kinder zu lehren, ihre Kranken zu Pflegen und zu heilen. Nach einigem Unterhandeln wurde das gemachte Programm angenommen, und fünf französische Nonnen sollten sich auf den Weg machen, um die Bewohner von Kohlendistricten zu civilisiren. Der Vorsteher zauberte gleichsam ein anständiges Haus für die barmherzigen Schwestern aus der Erde heraus, und sie nahmen es in Besitz. Es sind nun beiläufig fünf Jahre, daß sie ihre Arbeit an den Pforten einer Anstalt, die 2000 Arbeiter zählt, begannen und man kann bestätigen, ohne des Gegentheils überführt zu werden, daß sie die Gegend ganz geändert haben. Sie halten Mädchenschule, und Abends halten sie Stunden für die Erwachsenen. Eine 23-jährige Nonne erklärt jungen Leuten die großen Wahrheiten unserer hl. Religion, und lehrt ihnen Alles, damit sie hier als vollkommene Christen, gute und ehrliche Arbeiter und ehrsame Hausväter leben können. Wird in den Hammerwerken ein Arbeiter, sei es Mann oder Weib, beschädigt, was da, wo die Dampfkraft in Bewegung ist, nicht selten vorkömmt, so wird er alsogleich zu den barmherzigen Schwestern getragen, wo er mit mütterlicher Sorgfalt gepflegt wird. Frauen von christlichen Vereinen besuchen alle Wochen mit einer barmherzigen Schwester die ärmsten Familien und erleichtern ihnen ihr trauriges Loos. Ich war Augenzeuge dessen, was die guten Schwestern den Kranken thun, und ich habe mich an ihren Leistungen erbaut. Wie erhält sich ein so nützliches, patriotisches Werk? Der Edelmann, der es gestiftet, ist von Gott begeistert worden. — Zuerst hat er gewollt, daß alle Arbeiter Sonntags die heil. Messe hören, und Jene, welche Sorge zu tragen haben, daß die Oesen nicht erlöschen, treten ihre Arbeit erst um halb 8 Uhr an, nachdem sie vor 6 Uhr ihren Pflichten als Katholiken nachgekommen sind. Auch segnet ihn die Vorsehung in Allem was er unternimmt. Noch einige solche, vom Geiste Gottes beseelte Jndustriemänner, und die schweren Forderungen der Industrie wären im schönsten Einklänge mit den Geboten Gottes und der Kirche. Um nichts zu verschweigen, soll es gesagt sein, daß das Beispiel dieses so frommen und intelligenten Vorstehers die schönste Frucht, die es tragen konnte, gebracht hat. Es hat sich in Brüssel eine unter den Schutz des Grafen Merus gestellte Gesellschaft gebildet, deren Zweck ist, in den Kohlendistricten von Lüttich, Brüssel u. s. w. zu überwachen, daß 1. katholische Schulen für die Kinder der Arbeiter erhalten werden; 2. Zufluchtsstätten für greise und kranke Arbeiter bestehen. Diese Schulen und Spitäler sollen so viel als möglich unter der Leitung von Priestern stehen. — Edle und großmüthige Fabrikbesitzer! geht vorwärts, ohne euch von Hindernissen abschrecken zu lassen, Ihr werdet an das Ziel gelangen, Ihr werdet so den großen Bedürfnissen nachkommen. Ich habe die barmherzigen Schwestern in Mitte dieser von Rauch und Steinkohlen geschwärzten unzähligen Arbeiter betrachtet, und ich habe sie eben so reich an Entsagung und Ergebung, als auf den Schlachtfeldern der Krim gefunden. Es sind immer barmherzige Schwestern; da, wo sie sind, athmet man den Duft der heldenmütigsten Tugenden ein. Redaction un» Wcrlag: Dr. M. Huttlcr. — Druck von I. M. Klein le. As*. 36. 2. September 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post» Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr.» wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Aus den Misstonsbriefen der Gesellschaft Jesu. Philippinische Inseln.-) Brief des Hochw. k. Cuevas an ? Mendiat. Manilla, 20. October 1859. Hochw. Vater! Die Geschäfte gehen hier nicht so schnell, als Sie sich etwa denken mögen; wir sind noch nicht in Mindanao, und wissen auch nicht, wann wir uns dort werden ansiedeln können; jedoch ist eine Entdeckungs-Rundreise schon im Plane, welche nur wegen der schlechten Jahreszeit und der Nothwendigkeit meiner Gegenwart in Manilla bis zu Ende des Jahres verschoben worden ist. Wir hoffen sicher, diesen Ausflug machen zu können, und auch einen zur Errichtung einer Mission passenden Ort zu finden, um die zahlreichen Heiden, welche in den Bergen und längs der Küsten hernmirren, unter den Hort des Glaubens zu bringen. Die Briefe nach Mindanao müssen die Aufschrift „über Manilla" haben, weil diese Stadt der Centralpunct aller Curiere für den ganzen Archipel ist. Dieses Land ist sehr schön, und ohne Uebertreibung eines der reichsten im Orient; wenn die spanische Regierung es verstünde, sie recht zu verwalten, so könnte ihr diese Colonie nützlicher werden als Cuba. Der Cacao, Zucker, Kaffee, Indigo gedeihen da im Ueberflusse; jedoch die einträglichsten Producte sind der Tabak und der Abaca, eine Gattung Hanf, welche in großer Menge nach Europa und Amerika ausgeführt wird. In dem öffentlichen Schatze dieses Landes sind immer viele Millionen, welche nach Spanien gebracht werden, und wohl die Auslagen ersetzen, die seit drei Jahrhunderten zur Cultivirung dieser früher unfruchtbaren Insel gemacht wurden. Gott der Herr hat sicher das Vertrauen Philipp II- belohnen wollen, welcher, als ihm seine Rathgeber diese Inseln auszugeben riethen, weil sie keine Gold- und Silber-Minen enthalten, erwiderte: „Aber sie enthalten viele Seelen, welche man für den Himmel gewinnen kann." Jedoch ist es nicht wahr, daß diese Gegenden gänzlich dieser Art Reichthümer entbehren; denn wenn man auch keine kostbaren Minen entdeckt, so findet man doch sehr viel Waschgold im Sande der Bäche und Flüsse. Die Bevölkerung dieser unter spanischem Scepter stehenden Inseln übersteigt fünf Millionen. Die Mehrzahl sind Katholiken, und nur gegen Süden bei Mindanao und in den entlegensten Bergen des Nordens bei Leizon findet man Ungläubige. In dieser Insel, sowie in Jolo und Basilay und andern hängen die Küstenbewohner dem Mohamedanismus an, und sind daher, wie alle Anhänger des Korans, sehr schwer für das Evangelium zu gewinnen, während *) Bekanntlich reiS'ten vor einem Jahre aus Spanien eine Anzahl Missionare d. G. I. nach den Philippinen. die Ungläubigen hingegen Missionäre begehren, um unterrichtet und getauft zu werden; aber es sind nicht genug Arbeiter hier für einen so großen Weinberg. Die Pfarren werden durch 500 spanische Mönche aus den Orden des heiligen Dominicus, Franciscus und Augustinus besorgt; der Hochw. Hr. Erzbischof, sowie die drei Bischöfe, deren Hirtensorge dieser Archipel anvertraut ist, sind ebenfalls Spanier und auch aus diesen Orden. Es gibt sehr wenige Bewohner spanischer Abkunft, aber beinahe keine andere als europäische Priester; wohl gibt es indianische, aber dieser einheimische Klerus sowohl hier als in andern Gegenden ist für mich eine Utopie; er macht dem geistlichen Stande weder durch seinen Eifer noch durch seine Tugenden Ehre; ich glaube, daß man dem Lande eine große Wohlthat erwiese, wenn man diese indianischen Priester durch europäische ersetzen würde. Die Unterhaltsmittel fehlen nicht; im Gegentheil ist der Klerus sehr reich; es gibt Seelsorgsstationen, welche eine jährliche Rente von 50—60,000 Frcs. eintragen. Die Wohnungen der Priester gleichen Palästen; eine Menge Indianer stehen ihnen zu Diensten, auch besitzt jeder Priester seinen Wagen oder wenigstens ein Pferd zu seinen Reisen. Damit Sie sich einen Begriff von den hiesigen Zuständen machen können, wird es genügen, Ihnen zu sagen, daß in dem Augustiner-Kloster zu Manilla sich hundert Dienstboten zur Bedienung des Hauses befinden. Die Pfarreien sind jedoch noch zu sehr ausgedehnt; es gibt deren, welche über ^40,000 Seelen zählen. Was den Cultus anbelangt, läßt sich nichts Glänzenderes denken; viele Kirchen besitzen sehr hohe Altäre von Silber, und beinahe jede hat ihr eigenes Orchester, denn die Indianer sind große Musikfreunde und man würde schwerlich einen Marktflecken finden, der nicht gut damit versehen wäre. Auch dürfen Sie etwa nicht glauben, daß diese Indianer in dieser Beziehung mit etwas Mittelmäßigem zufrieden wären; man führt hier die beliebtesten europäischen Compo- sitionen aus und bedient sich derselben Instrumente. Am ersten Sonntage im October sah ich hier die Procession, welche, wie auch in Spanien, zur Erinnerung an die Schlacht von Lepanto abgehalten wird. Sie könnten sich nichts Schöneres vorstellen. Dreitausend Personen mit Fackeln in der Hand schritten in zwei Reihen in größter Ordnung und tiefster Stille einher; an der Spitze die Männer, dann die Frauen mit einem Marienbilde. Hierauf folgten 15 Fahnen, worauf die Geheimnisse des Rosenkranzes in Gold und Silber gestickt waren; so auch die Bildnisse der Heiligen Vincenz Ferrerius, Pins V., U. F vom Rosenkränze in reichstem Schmucke. Es waren auch Einige, welche auf herrlichen Sänften im Werthe von tausend Francs getragen wurden, auch folgten 2 Compagnien Soldaten mit Fackeln, die einen Einheimische, die andern Europäer; drei oder vier Militär-Banden, dann der Klerus des Dominicaner-Ordens, des lateranischen Collegiums und jener des heil. Thomas; endlich kam ein Priester, welcher den Rosenkranz laut vorbetete, der vom Volke in größter Andacht nachgesprochen wurde. Ich versichere Sie, daß ich ganz gerührt war bei diesem' erbaulichen Anblicke, und wenn ich dachte, wie Spanien diese ehedem so wilden Völker derart umgestalten konnte, daß sie nun civilisirt, religiös und wohlthätig geworden. An jenem Tage sind in der einzigen Kirche des heiligen Dominicus nicht weniger als 5000 Communionen gespendet worden; vier von unsern Vätern saßen diese ganze Woche Morgens und Abends fortwährend im Beichtstühle, ohne ausruhen zu können. Die hiesigen Indianer sind sehr fromm; die Frauen tragen das Scapulier und die Männer den Rosenkranz aus der Brust; sobald die Glocke des englischen Grußes ertönt, halten augenblicklich alle Wagen an, und alles Volk verrichtet das Gebet, und dies überall sowohl in der Calzada als im Prado de Manilla, und da auf dieser Promenade oft zwei- bis dreihundert Wägen fahren, so ist 283 dies ein auffallend schöner Anblick, selbe Leim ersten Glockenton Plötzlich anhalten zu sehen; die tiefste Stille folgt aus den betäubendsten Lärm. Die spanische Regierung unterhält zur Vertheidigung dieser Inseln zehn Regimenter, welche ganz wie die spanische Armee disciplinirt sind; die Gemeinen sind Eingeborne, die Corporäle, Feldwebel und Officiere beinahe durchgängig Spanier; es ist auch ein Lancier-Regiment hier, und zwei Brigaden Artillerie, wovon die eine aus Einheimischen, die andere aus Europäern besteht; um die Inseln kreuzen 5 oder 6 Kriegsdampser, und wir erwarten noch ^ oder 5 andere sammt 20 Kanonenbooten. Mögen aber die Aufgeklärten dieses Jahrhunderts sagen, was sie wollen, die beste Infanterie, Cavallerie und Artillerie bleiben doch die Frailes (die Mönche); sie sind es, welche ven spanischen Namen bei den Indianern beliebt machen. Einer der würdigsten sagte mir einmal, daß er es allein auf sich nehmen würde, ein Pronunciamento (Volksauflauf) zu ersticken, nur durch das Läuten der Glocken zu einer Procession in seiner Pfarre, und durch das Aus- stellen der Kirchen-Fahnen an der Kirchenthüre; denn sicher würde der Gedanke an eine Procession das Pronunciamento vergessen machen. Möchten Sie doch, mein Vater, in Paris Nonnen suchen, welche die Erziehung der Mädchen unserer Stadt Manilla auf sich nehmen würden; ich glaube, daß sie viel Gutes wirken könnten und Nichts entbehren dürften. (Schluß folgt.) Die Landschaft. 6. Mutter! welche köstliche Fernsicht! — rief die entzückte Clara, welche von Frau Ellen auf einen Berg geführt worden war, und von ihrem erhöhten Standpuncte aus die Gegend bewunderte. Warum gefällt Dir diese Fernsicht so außerordentlich? Warum? Ich weiß es selbst nicht, liebe Mutter! Einmal ist mir, als ob ich alles Schöne in einem Ueberblicke zusammenfaßte, und dann meine ich wieder, es fehle noch Etwas, ohne eigentlich zu wissen, was. Ach, so viele Gegensätze bieten sich dem Auge, und doch: welche Einheit! Siehe, mein Kind! Dir gefällt diese Ansicht so sehr, weil sich, Dir selbst unbewußt, in diesem Bilde der Natur ein Bild des menschlichen Lebens ausprägt. Wie so dies? Sagtest Du nicht, Du meintest alles Schöne in einen Ueberblick zusammenzufassen, und doch fehle diesem Alles immer noch Etwas? Was wolltest Du mit dieser Aeußerung andeuten. Mutter! mir gefällt es so sehr, daß alle Theile dieser Landschaft: der düstere Wald, der schlängelnde Bach, das freundliche Dörfchen gleichsam ein in sich abgerundetes und vollendetes Gemälde ausmachen, und daß dies Gemälde alle denkbaren Naturschönheiten in sich aufnimmt. Darum meine ich, alles Schöne in Einen Blick zusammenzufassen. — Wenn ich aber frage, was liegt hinter diesem Dörfchen, hinter diesem Walde, das meinem Auge unzugänglich ist; so dünkt mir wieder: das Gemälde sei nicht abgeschlossen, sondern nur eingeschränkt, und diesem Alles müsse noch Etwas, noch sehr Vieles fehlen. Und der Mensch? Betrachte selbst den Glücklichsten oder Tugendhaftesten! Vor Dir glaubst Du einen Sterblichen zu gewahren, dessen irdische oder innerliche Vollkommenheit unübertrefflich, in sich abgerundet scheint. Allein könntest Du Deinen beschränkten Geisteskreis erweitern bis in's innerste Innere dieses Sterb- 284 lichen: was ruht hinter diesem Abglanze von Glück oder Tugend verborgen: vielleicht ein noch stilleres, erhabneres Glück, eine noch vollendetere Tugend, ewig unerreichbar dem körperlichen oder geistigen Auge des fremden Beschauers? — Doch was entzückte Dich noch ferner an diesem landschaftlichen Gemälde? Der Wald, aus dessen düsterem Hintergründe nur um so mehr das freundliche Dörfchen sich hebt. Erkenne hierin den Gegensatz von Schatten und Licht! Er drückt sich im menschlichen Leben aus durch die Nacht der Trauer und den Tag der Freude. O mein Kind! Eine nur sonnige Landschaft blendet und ermattet, eine blos schattige Gegend aber verdüstert daS menschliche Auge, wenn anderes Licht ohne Schatten, oder Schatten ohne Licht denkbar ist. Nur Glück würde das menschliche Herz zur hohlen Ueppigkeit, nur Schmerz zur dumpfen Verzweiflung bringen. Der weise Wechsel aber von Lust und Harm erhält die Seele in jenem Gleichgewichte, welches so wohlthuend auf das eig'ne Herz, wie auf das fremde Auge wirkt. — Sprachst Du nicht auch vom schlängelnden Bache? — — Ja, liebe Mutter! Siehe nun, der Bach versinnbildet die Bewegung, das Schlängeln die sanfte, gemäßigte, erquickende Bewegung als Gegensatz der Ruhe, welche das freundliche Dörfchen, der düstere Wald darstellen. Wie in dieser Landschaft, so ist es auch im Leben des wahrhaft glücklichen Menschen. Wie dort augenla- bende Bewegung mit Ruhe, so wechselt hier still und sicher wirkende Thätigkeit mit süßer Erholung. Allein wäre der Anblick eines stürzenden Gießbaches nicht erhabner? fragte Clara. In dieser Ladnschaft schwerlich. Sie gewährt uns den Gesammteindruck einer glücklichen, mildsriedlichen Gegend, in welcher alles Rauschen und Toben ein störender Mißklang wäre. Aber die Anwendung hievdn auf's Leben des Glücklichen? Sie liegt im Wesen des Glückes. » Worin besteht das Glück? Im Frieden. Und der Frieden? In einer Thätigkeit, welche von Mäßigung und Ueberlegung beherrscht wird. Eine sich überstürzende Thätigkeit: würde sie Wohl schaffen oder zerstören? Und wäre sie die Aeußerung eines gesunden, im Gleichgewichte sich haltenden Charakters? Nein, meine Mutter! Noch Etwas, Clara! Du hast bisher nur abwärts geschaut. Willst Du ein erschöpfendes Gesammtbild der Landschaft in Deine Seele prägen, dann mußt Du auch aufwärts blicken. — Was gewahrst Du da! Den blauen klaren Himmel. Wie dieser die Krone des landschaftlichen Gemäldes, so ist der gläubige und zuversichtliche Blick gegen den Himmel der schönste Trost, die heiterste Freude des wahrhaft glücklichen und tugendhaften Menschen. Ja, Landschaft und Mensch versänken ohne diesen Himmel und ohne die Hoffnung auf ihn in undurchdringliche Nacht und verzweislungsvolle Trübsal. Warum ist indessen der Himmel blau? Er könnte ja roth sein, Gottes Liebe, oder grün, des Menschen Hoffnung auf diese Liebe anzudeuten. Er hätte also eine rein göttliche, oder rein menschliche Beziehung. Durch die blaue Farbe hingegen vereinigt er beide Beziehungen in ihrem wahrsten und anschaulichsten Verhältnisse zu einander. Wie das? Blau ist die Farbe der Treue und Zuversicht. Die Treue bezeichnet die 285 göttliche Beziehung, indem Gott sicherlich seine Versprechungen erfüllen wird. Die Zuversicht bedeutet das menschliche Erkennen und Festhalten an der göttlichen Treue. Allein der Himmel ist auch klar. Recht, mein Kind I Er ist klar durch seine reine Bläue. Wolkenverschleiert wäre er grau. So ist des Menschen zuversichtlicher Blick zu Gott ein klarer; sein verzagendes, kleinmüthiges Auge hingegen ein umdüstertes. — Doch jetzt laß uns nach Hause gehen! O Mutter! tief hat sich das Bild dieser Landschaft in meine Seele geprägt. Könnte sich es nur ausprägen im Bilde eines wahrhaft tugendhaften und glücklichen'Menschen! Noch einmal, liebe Clara! vergiß nur nicht den Himmel! Mit Gott im Bunde können wir uns selbst besiegen. Jesuit und Redemptorist auf dem Sterbebette. (Schluß.) Treten wir jetzt au das Sterbebett eines Jesuiten! Am 26. Februar 1858 starb zu Paris L. Ravignan, der ehedem so berühmte Kanzelreduer und vielgesuchte Beichtvater. I>. Ravignan war im Jahre 1793 in Bayonne aus einer sehr angesehenen Familie geboren. Seine ersten Studien machte er zu Paris im College Bourbon und widmete sich hieraus der Rechtswissenschaft. Lizentiat geworden unterzog er sich dem Amte eines Sachwalters am königlichen Gerichtshöfe in Paris mit so glücklichem Erfolge, daß er schon im 23. Jahre seines Lebens zum Staatsprocurator ernannt ward. Im August 1821 wurde er Sub- stitut des Oberprocurators am Tribunal der Seine, legte aber bereits im Mai 1822 ! dieses Amt in die Hände des Generalprocurators nieder, um in den Orden der Jesuiten einzutreten. — Es soll hier nicht von den unglaublichen Mühen und Arbeiten die Rede sein, denen dieser demüthige und seelencifrige Jesuit im ^ Dienste des Herrn sich unterzogen, auch wollen wir nicht von den gesegneten ! und glänzenden Erfolgen sprechen, die er mit Gottes Gnadenbeistand als Prediger und Beichtvater erzielt; wir beschränken uns daraus, nur das erhabene Schauspiel seines Todes zu erzählen! Das Hinscheiden Raviguau's war würdig seines Lebens; damit ist Alles in Einem Worte ausgedrückt. Seit langer Zeit waren die Quellen der Existenz wie erschöpft in ihm. Er hatte seine Kräfte mit einem solchen Uebermaß der christlichen Liebe in seinem Berufe verzehrt, daß ihm nur ein schwacher Hauch des Lebens geblieben war und daß die Stärke seines Körpers nicht mehr im Einklänge mit der so mächtigen und feurigen Seele stand, die er umhüllte. Schwere Leiden, mit Heldenmuth ertragen, mahnten ihn von Zeit zu Zeit, daß i der Augenblick vielleicht nicht mehr ferne sei, da dieser gebrechliche Leib in Staub ' zerfallen werde.' Der gute Pater setzte jedoch sein erhabenes Amt fort, getheilt s zwischen dem Wunsche, das Reich Gottes und die Zahl der für den Glauben ^ wiedergewonnenen Seelen durch seine Verdienste zu mehren, und zwischen der Sehnsucht „aufgelöst und bei Christo zu sein." > In diesem Zustande fand ihn die Krankheit, die ihn durch lange und ! schmerzliche Leiden zur ewigen Glückseligkeit führen sollte. Es war etwa zwei Monate vor seinem Tode, als er von einem schweren Brustübel befallen, auf's H Krankenlager sank, um sich nicht wieder zu erheben. Schon in den ersten Tagen ! erkannten die Aerzte die Bedenklichkeit des Uebels und bald erklärten sie den > Kranken für rettungslos. Die, Erschöpfung der Natur war so groß, daß keine menschliche Macht mehr helfen konnte. Auch der Kranke sah ein, daß sein Ende nahe sein müsse, und als man endlich ihm dieß mit deutlichen Worten sagte, konnte er einen Ausruf der Freude nicht zurückhalten. Man leidet — sprach er zu seinem Arzte mit einem Ausdruck den man nicht schildern kann — man leidet, aber nach dem stirbt man! Und sein Antlitz strahlte vor Heiterkei und Gottesliebe. Sechs Wochen lang litt er unsäglich und ohne Unterlaß; man konnte sagen, er sei während dieser ganzen Zeit jeden Tag und jeden Tag mehrere Male gestorben. Er war dem Ersticken nahe, der Athem fehlte ihm und doch kein Gedanke an sich selbst, keine Klage, kein Zeichen der Ungeduld, das ihm entschlüpft wäre! Er verwendete diese ganze Zeit, um für die Kirche, für Frankreich, für die ihm so theure, so bewundernswürdige und doch so viel verkannte Gesellschaft Jesu, um für alle jene in der ganzen Welt zerstreuten Seelen zu beten, die er für die Gnade wieder gewonnen und mit Gott versöhnt hatte. Indeß veminderten sich seine Kräfte von Tag zu Tag, und die Stunde des Scheidens nahte sich sichtbar. Donnerstag den 25. Februar In der Abendzeit verkündeten allzu sichere Vorzeichen das nahe Ende. Gegen 11 in der Nacht betrat der k. Superior des Jesuitenhauscs in der Straße Sevres die Zelle des Sterbenden, um ihn für den großen Schritt vorzubereiten. ?. Ravignan lag auf seinem ärmlichen Krankenbette erschöpft, leidend, betend. Der Superior gab ihm zu verstehen, daß der Augenblick seines Todes herannahe und daß das Opfer seiner Vollendung entgegengehe. Auf diese Nachricht ward der Kranke nachdenklich und schwieg einige Augenblicke. „Was ist Ihnen, mein guter Vater — sprach der Superior zu ihm — sollte ich Sie schmerzlich berührt haben, da ich Ihnen diese Ankündigung so unvorbereitet und rasch machte?" — „O nein! mein Vater — entgegnete der fromme Ordensmann, indem er die Augen zum Himmel erhob —> aber es scheint mir, als ob ich noch nicht genug gelitten habe." — Als ihm der Superior sofort sein Ende als gewiß ankündigte, erwiderte der Sterbende: „O um so besser, um so besser! Wie gut ist Gott, ich hatte die Hölle verdient und stehe da, er gibt mir das Paradies." — „Welches Fest feiern wir Morgen?" — „Das Fest der Wunden Christi." — „Das offene Herz Jesu; welch' schönes Thor, um in den Himmel zu gehen" rief U. Ravignan freudig aus. Als der Provinzial ihn Tags zuvor etwas gefragt hatte, hatte er geantwortet: „Ich bin sehr angegriffen?' Aber so ganz erfüllt war sein Geist von Geduld und Selbstverleugnung, daß er sich dieses einfache Wort als Fehler anrechnete, und, da er eine halbe Stunde vor seinem Tode den k. Provinzial in seine Zelle treten sah, alle seine Kräfte aufraffte, um ihm mit vernehmlicher Stimme zu sagen: „Ich bitte Sie um Verzeihung, mein Vater, wegen des Wortes, das ich gestern Abends gegen Sie ausgesprochen." Gegen Mitternacht sagte ihm der Superior, er wolle ihm jetzt die Absolution geben und ihn der Früchte des Jubiläums theilhaftig machen, das die Pariser Erzdiözese feiere, k. Ravignan sammelte sich vollkommen, machte eines von jenen Kreuzeszeichen, die voll Majestät und Kraft bei ihm eine ganze Predigt waren und sprach, seine abgemagerten Hände mit Innigkeit faltend, in einem Tone voll erhabener Demuth: „Mein Gott, ich bitte Dich um Verzeihung für alle Beleidigungen in meinem Leben." Nachdem hierauf die entsprechenden Bedingniffe jerfüllt waren, sagte der Superior: „Damit Sie Ihren Jubiläums- Ablaß gewinnen und die vorgeschriebenen Kirchenbesuche ersetzen, küssen Sie das Kreuz." Der Sterbende drückte seine Lippen mit Inbrunst auf dasselbe. „Und jetzt, mein Vater, um die Fasten einzubringen, weihen Sie Gott das Opfer Ihres Lebens." — „Von ganzem Herzen." — Nach diesen rührenden und erhabenen Worten begann man das Sterbgebet, ,dem U- Ravignan bis zum Ende l i > > ! mit vollständig bellem Bewußtsein folgte. Gegen den Schluß dieses Gebetes bemerkte der U. Superior, daß der letzte Augenblick gekommen sei; er hielt das Bild des gekreuzigten Heilandes vor die Augen des Sterbenden, der es unverwandt betrachtete, drei leichte Seufzer ausstieß und im Frieden des Herrn entschlief. Es war der 26. Februar um halb zwei Uhr Morgens. So verließ die große Seele des U Ravignan ihre sterbliche Hülle und diese Welt der Schmerzen, um einzugehen in den Besitz der göttlichen Liebe. Aber man konnte sagen, sie habe zuvor noch ihren Eindruck im Körper zurückgelassen, so sehr spiegelte sich im Antlitz des großen Todten seine Heiligkeit, sein Glaube und jene kraftvolle und überzeugende Milde wieder, die ihm Aller Herzen gewonnen. Drei Tage lang war die Hülle des Seligen der Betrachtung und Verehrung einer unzähligen Menschenmenge ausgesetzt, auf seinem Todenbette liegend, im Ordensgewand, in seinen gefalteten Händen ein Kruzifix auf's Herz gedrückt, und der Ausdruck seiner Züge war so schön und so fromm, daß man glauben konnte, er wolle den Mund öffnen, um von Gott zu sprechen. — So stirbt man in den Orden der Jesuiten und Redemptoristen; — setzen wir bei: auch wie diese beiden Männer U. Ravignan und l'. Passerat ihr Leben hinbrachten, so bringen es sämmtliche Mitglieder genannter Orden hin, d. i. Gutes wirkend in einem Maße, das nur durch die Schmähungen und Beleidigungen der Gottlosen und jener Armen überboten wird, die dabei nicht wissen, was sie thun. — Sollte man aber vernünftiger Weise, statt diese Orden zu hassen, zu verlenmden und zu bekämpfen, nicht vielmehr wünschen und mit allen Kräften dahin arbeiten, daß sie sich allenthalben immer weiter ausbreiten, damit auch Andere — und recht Viele durch sie die Kunst lernten, recht zu leben, und die Kunst der Künste, selig zu sterben? — Thue, was recht ist, geschehe dann, was wolle. Es war einmal ein alter Griesgram. Diesem ging's wie es alten Menschen zu gehen pflegt, er erkrankte und starb. Während seiner Krankheit beeilten sich Neffen und Nichten, Vettern und Basen, deren Zahl Legion hieß, ihn mit der zärtlichsten Sorgfalt zu umgeben. Der gute Alte war nämlich Wittwer, er hatte keine Kinder und besaß ein namhaftes Vermögen. Doch diese Zudringlichkeit war nicht von sehr langer Dauer. Gleich in den ersten Tagen seiner Krankheit ließ er alle Erben zu sich rufen und hielt ihnen folgende Rede: „Ich habe euch alle sehr gern, meine lieben Freunde; allein sehet, ich befinde mich nicht wohl, weswegen es mir lästig ist, so viele Menschen stets um mich her versammelt zu sehen. Mein altes, gutes Lieschen, die ja meine Bedürfnisse weiß, möchte ich allein bei mir behalten. Denn damit sich Niemand von euch bevorzugt glaube und jeder Eifersucht zuvorgekommen sei, so darf Keines von euch bei mir bleiben." Da war's ein Jammer und Wehklagen unter den Vettern und Basen. Jeder betheuerte, er könne ihn nicht verlassen, er stände ganz zu seinem beliebigen Dienste. „Ich hab's schon gesagt," erwiderte der Alte, „ihr seid mir zur Last, macht mich nicht überdrüssig; fort, laßt mich allein! Wer sich untersteht, auch nur noch ein Mal vor meinem Angesichts zu erscheinen, der wird von der Liste meiner Erben gestrichen. Verlaßt euch daraus!" Das war getroffen, ein wahres Zauberwort. Keiner hätte mehr gewagt, zu Widerreden und seine Pflege anzubieten. Still und ruhig zogen sie sich zurück in ihre Wohnungen, wie die Schnecke in ihr Häuschen. Um aber beim Herrn Oheim nicht in Vergessenheit zu kommen, so unterließen sie nicht, jeden Tag sich bei Lieschen nach seiner GesE^t zu erkundigen. Doch eine der Nichten des Alten, ein junges, schlichtes, offenes Mädchen, Maria mit Namen, war bei jener Familien-Versammlung nicht zugegen gewesen. Bei ihrer Ankunft ging sie geraden Weges zu ihrem Oheim. Obschon sie von dessen Willen in Kenntniß gesetzt ward, so war doch kein Schwanken in ihrem Entschlüsse zu gewahren. Sie nahm ihre geringen Habseligkeiten unter den Arm und verlangte dreist von dem Oheim, daß sie bei ihm wohnen dürfe. „Geh mir doch aus den Augen," sprach der Alte, „ich will allein sein. Weißt du denn nicht, was ich allen Vettern und Basen befohlen habe? Willst du dich denn durch deine Widerspenstigkeit von meiner Erbschaft ausschließen?" — „Ich weiß das alles ganz gut, mein lieber Oheim, aber was liegt mir denn an ihrer Erbschaft? Ich will, daß sie gesund werden; dies, und dies allein liegt mir am Herzen. Sie sind krank, ihre Magd ist alt und schwach; meine Pflege ist also nicht ganz zu verschmähen. Sollten sie mich auch enterben; gilt gleich, hier bleib ich!" Was ein Weib will, das will's. Uebel oder wohl, der Oheim mußte Maria bei sich behalten. Sechs Monate nachher starb der gute Mann, trotz aller Sorgfalt des liebenswürdigen Kindes. Jetzt liefen die Verwandten, höhnisch lachend über die Gut- müthigkeit der Maria, znm Notar, in der Hoffnung, den Lohn ihres Gehorsams zu erhalten. Wie groß war aber ihr Erstaunen, als sie Einsicht von dem Testamente nahmen, das in folgenden Worten abgefaßt war: „Da ich mein Vermögen nur demjenigen meiner Verwandten hinterlassen woFte, der mir einen untrüglichen Beweis seiner Liebe gegeben hätte , so unterwarf ich sie einer Prüfung, durch welche die Beschaffenheit ihrer Gesinnungen an den Tag treten würde. Die Gleichgültigkeit, die sie alle, mit Ausnahme der kleinen Maria, für meine Person hatten, gab mir zu erkennen, daß sie mehr an meinem Vermögen, als an mir selbst hingen. Maria allein hat meinem scheinbar sich widersetzenden Willen Trotz geboten; bis znr letzten Stunde hat sie mir beigestanden und mich mit kindlicher Hingebung gepflegt. Sie allein soll auch die Erbin meines ganzen Vermögens sein." Jetzt wurde geflucht und geschworen! In ihrem Innern gaben sie doch dem Oheim das Zeugniß, daß er kein Narr war, und dachten an das Sprüchwort: „Thue, was recht ist, geschehe dann, was wolle." Dies ist auch in der That die einzige Lebensregel für den rechtschaffenen Mann, die tngendsame Frau und besonders den wahren Christen. Denn Jesus Christus hat zu Allen gesagt: Suchet zuerst das Reich Gottes (das heißt, die Wahrheit und Gerechtigkeit), und alles^ Uberige wird euch hinzugegeben werden." Gebet znm heil. Aloifins. (Für Kinder.) Jesu, bleib in meiner Seele, Halte mich von Sünden frei, Mach, daß ich nur Gutes wähle, Und dereinst ein Engel sei; Schütze mich in Leibsgefahren, Laß die Unschuld mich bewahren, Aloisi, Aloist, Aloisi, steh mir bei! Redaction un« Verlag: Ilr- M. Huttlc.r. von I. M. Kleint.c. 9. September 1860. DaS Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige i Abonnementsprets ist 2Ü kr., wofür es durch alle r. bayer. Postämter und aste Buchhandlungen bezogen werden kann. > i Aus den Misfionsbriefen der Gesellschaft Jesu. Philippinische Inseln. Brief des u. Bellarte Hochw. Vater! an den Hochw. U. Novizenmeister von Loh ola. Fernando-Po, 10. Decbr. 1859. Sie werden sicher schon die zwei Briese erhalten haben, die ich Ihnen nach meiner Ankunft in dieser Colonie schrieb. Am 3. dieses Monats habe ich die jährlichen Exercitien in Gesellschaft von 3 Vatern nnd 3 Brudern gemacht; da aber k. Dalmaser und k Aranjo selbe zu unterbrechen gezwungen waren, so haben sie am 19. selbe wieder begonnen, und zwar mit den übrigen Vatern und Brudern. Sobald Alles vollendet war, verfügten 0. Aeövc-do und ich uns zum Könige der Bubis nach Ba-na-pa. Unser Zweck war, ihm anzukündigen, daß wir wünschten, mitten unter seinen Unterthanen wohnen zu dürfen, um ihnen Gutes thun zu können. Ein Portugiese bot sich an, uns zu begleiten und als Dolmetscher zu dienen. Da der erste Tag nicht hinreichte, um an's Ziel unserer Reise zu gelangen, so mußten wir in einer großen Hütte Unterkunft suchen, wo wir sehr freundlich aufgenommen wurden, denn diese guten Inselbewohner betrachten uns als „Männer Gottes", welchen Namen sie uns stets auch geben. Wir waren gleich anfangs von den einfachen Sitten dieses Volkes angenehm überrascht; sie versammeln sich zu 20, 30 oder 40 in einer dieser großen Hütten, und sprechen ruhig unter einander, die Männer auf der einen, die Frauen auf der andern Seite, unermüdlich mit der Verfertigung von Strohhüten beschäftigt, ohne sich um die Männer zu bekümmern. Alle horchten begierig auf uns, obwohl unser Wort erst durch einen langweiligen Dolmetscher zu ihnen gelangen konnte; und als wir ihnen den Zweck unserer Reise eröffneten, so wurden sie erst recht aufmerksam, und verlangten sogleich, daß wir ihnen von dem neuen Gotte, den wir verkünden, erzählen sollten, was wir auch sogleich zu ihrer großen Befriedigung thaten. Da wir nun den Weg nach Ba-na-pa nicht kannten, so bot sich der Häuptling des Stammes als Begleiter für den nächsten Tag an; aber der Schlaue spielte uns einen Streich, den wir ihm in Rücksicht der frommen List, die er Hiebei anwendete, gerne verziehen. Sobald wir seine Hütte verlassen hatten, durchlief er in aller Eile die ganze Umgebung, um allen seinen Stammesgenoffen anzukünden, daß Männer Gottes angekommen seien, welche ihnen Allen die frohe Kunde und die himmlische Botschaft dieses neuen Gottes mittheilen würden. Als wir am folgenden Morgen in seine Hütte kamen, um Abschied von ihm zu nehmen, sagte er uns, daß er während der Nacht beim Könige von Bama-pa gewesen sei, um ihm den Zweck unserer Reise zu eröffnen, und daß Punct 8 Uhr der König selbst, seine Kinder und ein großer Theil seines Volkes 290 A hieher kommen würden; wir mußten also warten. Um 8 Uhr führte er uns in eine große Hütte, wo wir wirklich eine große Anzahl Bubis versammelt sahen, aber keine königliche Familie. Es war ganz einfach der Stamm unseres guten Freundes, den er selbst während der Nacht zusammenberufen hatte; nun setzt er sich selbst ganz majestätisch nieder, und ist bereit mit seinem ganzen Volke uns zu hören. Unmöglich ist er zu bewegen, uns weiter zu begleiten, und das ganze Volk vereint sich mit ihm, um uns aufzuhalten, indem sie uns die Reise nach Ba na-pa als mit unübersteiglichen Hindernissen verbunden schilderten. Wir blieben aber unerschütterlich bei unserem Vorhaben, denn die Befehle des heil. Gehorsams lauteten zu bestimmt. Da wir den guten Häuptling nicht zu unserer Begleitung mehr bewegen konnten, so entschlossen wir uns, die Fortsetzung unserer Reise über Berg^ und Thal mit unserm armen portugiesischen Wegweiser, welcher ganz verwirrt war, allein zu wagen; wir nahmen also, obwohl mit schwerem und gepreßtem Herzen, Abschied von dieser guten Gemeinde mit dem Versprechen zurückzukommen, sobald wir unser Vorhaben ausgeführt hätten. Zugleich erinnerten wir uns auch, daß an jenem Tage das Fest der Vorstellung Mariä im Tempel war, und so empfahlen wir uns ihrem Schutze und jenem unserer heiligen Schutzengel und des heil. Franciscus Taverius, und gingen geraden Weges voll Vertrauen vorwärts. Die Reise war zwar etwas abenteuerlich, dennoch aber recht angenehm, bis auf eine Strecke sehr tiefen Schlammes, der uns zwang, barfuß zu gehen und das Kleid bis zu den Knieen aufzuschürzen; auch war uns diese Begegnung um so auffallender, als es seit Langem schon nicht mehr geregnet hatte. Wir hatten 6 Flüsse zu durchschreiten, bald watend, bald schwimmend, wie wir eben konnten; einmal, als wir einen sehr breiten, aber wenig tiefen Fluß durchwateten, glitschte?. Acevedo ein wenig aus, und streckte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, die eine Hand aus, in welcher er seine Strümpfe hielt; durch diese Bewegung entschlüpften ihm dieselben und rollten schon im raschen Laufe dem Meere zu; doch unser Dolmetscher eilte ihnen noch zu rechter Zeit nach, und rettete sie; tausend andere kleine Vorfälle trugen nicht wenig dazu bei, uns die Beschwerden der Reise zu versüßen. Endlich gelangten wir nach Ba na-pa, wo wir vom Könige auf das Herzlichste und Freundlichste aufgenommen wurden. Und hier werde ich aufhören, denn die überseeischen Blätter werden Ihnen die Folgen unserer Erlebnisse mittheilen; es genüge Ihnen, zu wissen, daß unser königlicher Gastgeber sich sehr wohlwollend gegen uns beweist, und schon ein Haus für unsere Väter bauen läßt. Gott sei gelobt! Alle diese gutmüthigen Bubis lieben uns sehr, bis auf die arbeitende Classe, welche sich entfernt hält. Diese einzige Insel von Fernando-Po würde um 12 Missionäre mehr bedürfen; auch die umliegenden von Spanien abhängigen Inseln Corisco und Cabode-San-Juan bedürften ebenfalls Mitglieder der Gesellschaft. Was ist das für ein Kummer für das Herz eines Jesuiten! Diese armen Inselbewohner rufen zu uns, und wir können ihnen jetzt noch nicht helfen! — Die Lerche und der Adler. 6. Welcher Vogel fliegt am höchsten? — fragte Clara ihre Mutter. Der Adler. Warum? Weil er am ruhigsten und stetesten fliegt. Und andere Vögel? Die stiegen nicht so hoch, so ruhig und so stet, wie z. B. die Lerche, welche vor ihrem Auffluge ihr Nest in immer höhern Kreisen umschwebt. Dennoch fliegt auch sie so hoch, als es ihre Kraft und die Milde der Luft gestatten. 291 Der Herr Pfarrer hat gesagt, daß unser Gebet wie auf Adlersflügeln zu Gott empordringen soll. Ich möchte ein Adler sein, wenn ich bete. Sage das nicht und begnüge Dich mit dem Jubelopfer der Lerche! Und weßhalb! Du wirst dies Weßhalb begreifen, wenn wir die Natur der Lerche, wie des Adlers betrachten. Wodurch unterscheiden sich beide am augenfälligsten? Der Adler ist groß, die Lerche klein. Du willst also vor Gott groß sein. Weißt Du denn, ob Du nicht klein, vielleicht ein Garnichts vor ihm bist? Gehen wir zum Aufenthalte beider Vogel über! Wo hat der Adler seinen Horst? Auf hohen Felsen, in unwirthbaren Gegenden. Und die Lerche ihr Nestchen? In Feld und Wald, leicht zugänglich dem Menschen. Siehe! wie die Wohnungen dieser Vogel, so sind auch die Herzen jener Menschen beschaffen, welche im Emporschauen zu Gott dem Adler, oder der Lerche gleichen. Das Herz des Adlermenschen ist verschlossen, unzugänglich den Schwächen seines Mitbruders, abgelenkt von allem Irdischen, was auch dem Bestgesinnten, aber doch der Welt Anhängenden Leid und Freude bringen könnte. Das Herz dieses letztern hingegen strebt zwar nicht so hoch, aber doch auch zu seinem Schöpfer empor. — Begreifst du jetzt, warum der Adler so hoch, so sicher fliegt, die Lerche aber in niedern Kreisen emporschwebt? Weil der Adler zu seinem Horste auswärts fliegt, die Lerche jedoch von ihrem Nestchen sich erhebt. Getroffen, mein Kind! Es kann Herzen geben, welche, wenn sie beten, gleichsam in ihre Heimath eingehen. Keine Sorge für's Irdische beunruhigt sie mehr. Die bittersten Entbehrungen tragen sie freudig Gott zu Liebe. Solche Gottesfürchtige empfinden durch ihr tief inbrünstiges Gebet den Vorgenuß der zukünftigen Heimath für uns Alle schon in der Gegenwart, des Himmels hier auf Erden. — Andere aber, welche süße Bande an's Irdische fesseln, können zwar auch brünstig und innig zu Gott beten, aber nur allmälig, wie die Lerche, reißen sie sich von ihrer irdischen Heimath los, versetzen sich nie ganz so tief in jenen seligen Vorschmack, weil sie, bildlich gesprochen, die so hoch fliegen, wie der Adler. — Wie schwingt sich die Lerche empor? Anfangs in engem und niederm, dann in stets weiterm und höherem Kreise, bis sie ihren Ausflug nimmt. So auch, mein gutes Kind! jene Herzen, welche wir der Lerche vergleichen. Nicht plötzlich, wie der Adler, nur durch allmälige Angewöhnung und häufige Uebung reißen sie sich vom Irdischen los. — Worin aber beschämt sie der fröhliche Liedersänger? Wie seinen Ausflug, so auch nimmt er umgekehrt seinen Niederflug. Und der Mensch, oder wenigstens die meisten Menschen? Mutter! Darf ich die Hand auf's Herz legen, so muß ich bekennen, es bedarf lange, sehr lange, bis wir uns in andächtige Stimmung versetzen; allein im Nu kehren wir zu unsern irdischen Gedanken zurüü. — Wie hoch nun fliegt die Lerche und wie hoch der Adler? Der Adler, liebe Clara! erhebt sich in den Aether, d. h. in den reinsten Luftkreis, während die Lerche im Dunstkreise der Athmosphäre bleibt. Doch die Bezugnahme dieses Gleichnisses aus den Menschen? Sie liegt nahe. Der eine Beter erhebt seine Seele in jene Höhe, wo nichts Irdisches mehr bestehen kann; der andere streift nie, selbst nicht im brünstigsten Gebete, die Liebe zum Irdischen ganz von seinem Herzen ab. — Worin glaubst Du, daß diese Liebe bestehen dürfe? Ich weiß es nicht. Der Hinblick auf die Lerche wird Dir's sagen. — Wovon reißt sie sich los? Von ihrem Nestchen. Wer wohnt darinnen? Ihre Jungen. Welche Liebe zum Irdischen darf also dem Gebete seinen rein göttlichen Charakter nehmen, von diesem hinwiederum die Weihe ihrer Heiligung empfangen? Kindesliebe, Elternliebe. Nur diese? Ich glaube: die Liebe zu allen Menschen. Du glaubst das Wahre. Lerche und Lerche lieben sich gegenseitig auch ohne Familienbande. — Der Mensch sollte sich beschämen lassen? Mutter! Jetzt möchte ich eine Lerche sein. Und weßwegen. Die Lerche singt so hübsche Lieder, der Adler erhebt ein unheimliches Geschrei. Setze hinzu: vor den menschlichen Ohren. Was dem göttlichen Ohre wohlklingender, oder ob ihm beides nicht gleich angenehm ist, wissen wir nicht. Wie soll ich das verstehen? So geht es mit dem Gebete des Menschen. Wer noch an der Erde und ihren schuldlosen Freuden hängt, mag den Menschen ein wohlgefälligeres Vorbild sein. Wer aber mehr Gnade gefunden vor Gott: ob dieser, ob sein nur frommen Uebungen lebender Mitbruder; darüber dürfen wir nicht richten, aus daß auch wir nicht gerichtet werden. Die christliche Mutter.*) Der Herr ward von Mitleid über sie gerührt und sprach zu ihr: „Weine nicht!" Luk. 7, 13. Wir wundern uns nicht, Geliebte, daß die Wittwe von Naim bittere Thränen weinte, als sie dem Leichenzuge ihres einzigen Sohnes folgte; wir Wundern uns nicht; denn über die Liebe einer Mutter zu ihrem Kinde — zumal zu ihrem einzigen Sohne, geht keine Liebe, darum ist auch der Schmerz einer Mutter über den Tod ihres einzigen Sohnes der höchste natürliche Seelen- schmerz. Wir- finden deßhalb gerecht diese Thränen der Wittwe zu Naim und können uns leicht auch denken, wie groß, wie innig ihre Herzensfreude gewesen, als der Herr über Leben und Tod vor der Leiche ihres Sohnes das allmächtige Wort gesprochen: „Jüngling, ich sage dir, stehe auf!" Wir können uns denken, wie herzlich sie dem lieben Gott gedankt, als der belebende Ruf des Heilandes den im Tode verlorenen Sohn ihr wieder zurückgegeben — als dieser sie wieder als seine liebe Mutter begrüßte! Doch — gibt es denn für die Menschenkinder nicht noch einen andern Tod, der tausendmal mehr zu beklagen ist, als ihr zeitlicher, ihr leiblicher Tod; gibt es kein anderes Leben, das tausendmal höher angeschlagen werden muß, als das irdische Leben, das Leben in der Hülle des Körpers? Ach — Geliebte! Wer im Solde der Sünde steht, dessen unsterbliche, für Gott geschaffene Seele ist gleichfalls gestorben; wer die heiligmachende Gnade verloren und den Leidenschaften dient, dessen Seele ist auf Erden schon todt für den Himmel. Das ist der zweite Tod — bei lebendigem Leibe; das ist die ewige Trennung von Gott, die zu beweinen selbst ein Thränenmeer nicht Thränen genug bieten könnte. Indeß — es gibt auch ein zweites Leben, es gibt ein Leben der heiligmachenden Gnade; *) Predigt, gehalten am Feste der heil. Monika von G- M. R. es gibt ein von Gott getragenes, übernatürliches Leben, das, auf Erden beginnend, seine glückseligste Fortsetzung findet im Jenseits. Die Gnade Gottes selbst ist ewiges Leben in Christus Jesus, unserem Heilande. Das ist jenes ewige Leben, für dessen Wonne wir hienieden zwar keinen genügenden Maßstab haben, dessen Herrlichkeit aber der Apostel andeutet, wenn er spricht: „Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, und in keines Menschen Herz ist es gedrungen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben!" Und wenn nun der Sohn einer wahrhaft christlichen Mutter vorn Tode der Seele zum Leben der Gnade erwacht in Christus dem Herrn, wer vermöchte dann die Freude eines solch christlichen Mutterherzens zu erfassen, wer solch einer Mutter nach Gebühr Glück zu wünschen! O deßwegen preisen wir glücklich die heil. Monica, denn die Seele ihres Sohnes Augustiners war gestorben, das Leben der Gnade war nicht in ihm, weil er nicht dem heil. Glauben ergeben war, weder in der Gesinnung, noch im Leben. Der Herr aber hat in seiner unendlichen Barmherzigkeit ihn erweckt vom Tod der Sünde zum Leben der Gnade. Und das that er aus das beharrliche Thränengebet der heil. Monica. Ihr kennet Wohl Alle die Geschichte der heil. Monica, und deßhalb ist es nicht nöthig, näher anf dieselbe einzugehen; wir haben auch an ihrem heutigen Feste zu ihrer Verherrlichung genug gethan, wenn wir ernst ins Auge fassen, daß Monica nicht blos die leibliche Mutter des heil. Augustinus gewesen, daß sie vielmehr Lurch ihr unablässiges Gebet ihn für den Himmel geboren; wir haben genug gethan zu ihrer Verherrlichung, wenn wir zu erkennen uns bestreben, was eine wahrhaft christliche Mutter für die Tugend und das ewige Leben ihrer Kinder vermag, wie glücklich deßhalb auch jeder Mensch ist, dem eine wahrhaft christliche Mutter zu Theil wurde. Das sei zunächst der Gegenstand unserer Betrachtung; darauf wollen wir sehen, wie unglücklich derjenige sei, dem keine wahrhaft christliche Mutter be- schieden war. l. Als die erste Mutter des Menschengeschlechtes, als Eva ihren Erstgebornen gebar, rief sie aus: „Ich habe einen Menschen von Gott empfangen!" Auch du, o christliche Mutter, erhältst dein Kind von Gott. Doch — du e hältst dein Kind nicht allein von Gott du erhältst es auch für Gott. Du sollst es. wieder Gott zuführen. Jeder christlichen Mutter gilt das freundliche, einladende Wort des Herrn: „Lasset die Kleinen zu mir kommen, und wehrt es ihnen nicht." Deßhalb hat der Herr der Mutter ein Mutterherz gegeben, auf daß sie ihren Beruf, ihre Kinder zu Gott zu führen, auch erfüllen könne. Etwas Wunderbares ist es um solch ein Mutterherz. Es hat fast unbedingte Gewalt über das Kind — sei es zum Guten oder zum Bösen. Das Kind wird gewöhnlich das, was die Mutter durch Wort und Beispiel aus ihm macht — gut oder bös, selig oder verworfen. So war es schon vor den christlichen Zeiten. Wie Elisabeth, die Gattin des Zacharias, gerecht vor Gott war, und in allen Satzungen und Geboten des Herrn tadellos wandelte, so that es auch ihr Sohn, der h. Johannes; und wie Herodias der Eitelkeit und Sinnenlust ergeben war, so auch ihre unglückliche Tochter, die das Haupt des h. Johannes begehrte. Es zeigt sich hier, was sich uns jetzt noch in tausend Fällen zeigt: die Kinder treten gewöhnlich in die Fußstapfen ihrer Eltern, und ganz besonders in die Fußstapfen ihrer Mütter. Es zeigt sich, daß die Zweige heilig sind, wenn die Wurzel heilig ist, daß aber auch die Zweige schlecht sind, wenn die Wurzel schlecht ist. Drum, o christlich e Mutter, wie glücklich bist du zu preisen; du vermagst deine Kinder wahrhaft glücklich zu machen — eben weil du ihre Mutter bist. Von dir empfängt ja dein Kind die ersten Wohlthaten. Deßhalb hat es auch an dich eine besondere Anhänglichkeit, hängt mit dankbarer Liebe und kindlichem Ver- trauen an dir, nimmt alle deine Ermahnungen und Unterweisungen arglos in sein Herz auf. Unter allen Geschöpfen auf Erden liebt dich, o Mutter, dein Kind am meisten. Wenn du nun dieses Gefühl der Liebe hinüberleitest auf den ewigen Vater, der Alle liebt, Alle erhält. Allen Gutes erweiset, so wird unfehlbar in dem Herzen deines Kindes die Liebe zu Gott erwachen. Wenn du dem Kinde sagst, sobald es dich nur verstehen kann: Alles, was du issest, hat der liebe Gott erschaffen, Alles, was du siehst, kömmt von ihm, Alles, was du vonnöthen hast, gibt er dir, so wird auch Dankbarkeit gegen Gott in dem Herzen deines Kindes lebendig werden. Durch diese Dankbarkeit ehrt es Gott und dieß ist zugleich der Weg, auf dem der Herr, wie der Psalmist sagt, ihm das Heil zeigen will. — Sagst du dem Kinde weiter: der himmlische Vater ist der höchste und heiligste Herr Himmels und der Erde, er ist überall gegenwärtig, wo du auch immer bist, mein Kind; überall sieht dich der liebe Gott; was du thust, thust du vor seinen Augen; was du denkst, weiß er; gute Kinder liebt und belohnt er; böse Kinder bestraft er; sagst du das deinem Kinde schon in den ersten Jahren seiner Verstandesthätigkeit, sagst du es ihm wieder und wieder, schon bevor und während es die Schule besucht, so wird auch Ehrfurcht und Vertrauen gegen Gott in dem Herzen deines Kindes sich begründen; diese Lehren schreiben sich wie mit goldenen Buchstaben in seine Seele, und glänzen in derselben alle Tage seines Lebens; sie glänzen mitten in den Versuchungen, mitten in den Stürmen der irdischen Wanderschaft; sie glänzen wie Sterne in dunkler Nacht, und führen dein Kind durch alle Gefahren zu einem seligen Ende. — In der That! die ersten guten Endrücke, die in der frühsten Jugend von der Mutter der so weichen, biegsamen, empfänglichen Seele des Kindes gegeben werden, werden so sehr zur anderen Natur des Kindes, daß sie sich später nicht leicht wieder verlöschen lassen, und jener christliche Gelehrte hat ganz Recht, wenn er sagt: „Die Erziehung des Menschen wird großenteils in den ersten sechs Jahren auf dem Schooße der Mutter vollendet, und was sich in späteren Jahren im Kinde entwickelt, hat die Mutter vielfach in den ersten Lebenslagen dem Kinde eingepflanzt." Noch mehr! Selbst dann, wenn manche Mutter schon lauge im Grabe ruhte, und das Kind, das sie einst unter dem Herzen getragen, auf den Wogen des Lebens hin und her geworfen, seinen Glauben und seine Tugend verloren hatte und nahe daran war, für immer zu Grunde zu gehen — selbst dann ist schon manchem Kinde in seiner Verirrung die fromme Gestalt seiner im Herrn entschlafenen Mutter vor die Augen getreten, und hat es mit wunderbarer unwiderstehlicher Gewalt auf den Weg der Tugend, des Glaubens und der Seligkeit zurückgeführt. Wie die heilige Monica im Leben ihren Augustinus durch inständiges Gebet vom Verderben errettete, so hat auch schon manche Mutter nach ihrem Tode durch ihr Flehen vor dem Throne Gottes die Bekehrung ihrer Kinder bewirkt. — So kam vor einigen Jahren ein junger Mann, der seine Studien an einer der österreichischen Universitäten eben vollendet hatte, in ein in der Nähe gelegenes Dorf, um seine zerrüttete Gesundheit bei seiner dort wohnenden Schwester wieder herzustellen. Neben der leiblichen Pflege suchte ihn diese auch durch religiöse Trostgründe aufzurichten und zu erheitern. Bald aber erklärte ihr der unglückliche Bruder, daß er an Nichts mehr glaube und auch in seiner Krankheit Nichts von religiösen Zusprüchen wissen wolle. Die gute Schwester eilte zum würdigen Pfarrer des Ortes, klagte unter vielen Thränen ihre Noth, und bat ihn, er möge doch der Bekehrung ihres armen Bruders seine ganze Sorgfalt widmen. Da der junge Mann, der in hohem Grade an der Schwindsucht litt, bei gutem Wetter bisweilen noch spazieren ging, so benützte der seeleneifrige Priester diese Gelegenheit, sich ihm zu nähern. Er traf ihn eines Tages auf einem solchen Gange und erkundigte sich freundlich nach seinem Befinden. Der Kranke aber ward finster, sprach wenig; ja, als der Seelsorger das Gespräch hinleitetc auf den Trost, den die Religion im Leiden verleihe, verabschiedete er sich sogleich trotzig mit der Bemerkung, daß das anhaltende Sprechen seiner Gesundheit schade. Bald darauf verschlimmerte sich die Krankheit des jungen Mannes und der Arzt sprach die Befürchtung aus, daß er wohl nur mehr wenige Wochen zu leben haben werde. Da war es nun die Pflicht des Seelsorgers ihn zu besuchen und mit Ernst und Liebe auf sein ewiges Heil aufmerksam zu machen. Nachdem er am Morgen während der hl. Messe die bisher verlorene Seele des Kranken dem guten Hirten empfohlen und um Beistand und Erleuchtung zu Gott gesteht hatte, trat er den schweren Gang zu dem Leidenden an. Die treue Schwester geleitete den Seelsorger zu dem schwer kranken Bruder. Doch dieser warf ihr einen zornigen Blick zu, und erklärte auch sogleich dem Seelsorger, daß sein Besuch ihm geradezu unangenehm sei. Vergeblich sprach der Seelsorger die freundlichsten Wörte, vergeblich waren alle Hinweisungen auf den vielleicht nicht sehr fernen Gang in die Ewigkeit, vergeblich alle Erinnerungen an die gläubigen Tage der Kindheit des Kranken. Alles vergeblich! Die Schwester war trostlos. Nicht genug! Kaum war der Pfarrer unverrichteter Dinge wieder zu Hause angekommen, da erhielt er auch schon ein Briefchen, das der Kranke mit zitternder Hand geschrieben. Er verbat sich darin alle weiteren Besuche, und erklärte auch seiner Schwester, nicht länger in ihrem Hause bleiben zu wollen, wenn sie nochmals einen Geistlichen zu ihm führe. — Aber welch' plötzliche Gesinnungsveränderung des Kranken schon nach wenigen Tagen! Eines Morgens gleich nach der hl. Messe kam die Schwester eilig zum Pfarrer und rief voll Freude aus: „Gott sei Dank! mein Bruder ist wieder ein Christ, kommen Sie bald zu ihm; er will Sie seines seitherigen Verhaltens wegen um Verzeihung bitten. Als der Pfarrer erschien, bat er ihn unter Thränen, des Vorgefallenen nicht mehr zu gedenken und fügte bei: „Danken Sie mit mir dem lieben Gott; ich bin wieder ein Christ. Helfen Sie mir, baß ich als guter Christ sterbe. Gestern Abends — sprach er — durchmusterte ich die Bücher in dem Wandschranke meiner Schwester. Da fiel mir das Gebetbuch meiner Mutter in die Hand. Ich öffnete es, und das Erste, was ich sah, war dieses Bildchen da. Sehen Sie, die gute Mutter hat darauf den Tag meiner ersten Communion, Den 14. April, bemerkt, und darunter dieses Gebet geschrieben: „ „Jesus Christus! du bist in das Herz meines Sohnes herabgekommen; ich preise deine unendliche Liebe, und bitte dich, erhalte ihn im Glauben und in heiliger Unschuld; führe ihn durch die Gefahren der Welt zum ewigen Leben!" " O — sagte er weiter — als ich dieses gelesen, da trat meine gute Mutter mir klagend vor die Seele; ich gedachte ihrer Lehren und Warnungen, nicht minder auch der Versprechen, die ich ihr am glücklichen Tage meiner ersten hl. Communion gegeben, und zugleich meiner späteren Verirrungen. Endlich fand ich auch das Abendgebet, das sie mit uns Kindern täglich verrichtete. Da sank ich unwillkürlich auf meine zitternden Kniee. Ich betete nach drei Jahren wieder zum ersten Male. Es war mir, als ob meine gute Mutter neben mir knieete und mit mir betete. Tief erschüttert und Thränen bitterer Reue weinend, legte ich mich zu Bette. Ich konnte lange nicht schlafen. Endlich bezeichnete ich mich mit dem Zeichen des h. Kreuzes und verfiel darauf in einen erquickenden Schlaf. Als ich heute Morgen erwachte, betete ich das Morgengebet meiner Kindheit und wurde in dem Entschlüsse bestärkt, mich wieder zu Gott zu wenden. Gott hat mich jetzt — es sei ihm tausendmal gedankt — von meinen Zweifeln befreit; vor dem Lichte der Gnade verschwanden die Scheingründe, womit ich meinen Unglauben vor mir selbst zu rechtfertigen suchte, und nun habe ich keine größere Sehnsucht, als nach langer Zeit wieder zum erstenmale die hl. Sacramente zu empfangen.— Er empfing sie nach entsprechender Vorbereitung mit größter Andacht. Der 296 frühere Mißmuth war nun gänzlich verschwunden; er war froh und heiter und trug sein schweres Körperleiden mit großer Geduld. Es war ihm immer eine Herzensfreude, von seiner frommen Mutter zu sprechen, und in ihrem Gebetbuche zu beten, oder daraus sich vorbeten zu lassen. Wenige Tage vor seinem Hinscheiden ließ er sich nochmals die hl. Sacramente reichen, sah dann dem Tode mit der Ruhe und dem Vertrauen eines Christen entgegen und freute sich besonders auf die Wiedervereinigung mit seiner Mutter. Eine halbe Stunde vor seinem Ende versank er in einen Schlummer. Auf einmal erwachte er, breitete seine Arme aus und rief freudig: „Mutter, Mutter!" Dann neigte er sein Haupt und entschlief sanft. — Geliebte! War die fromme, verklärte Mutterseele für diesen Kranken nicht sein zweiter, schützender Engel? Verdankte er nebst Gott nicht gerade ihr seine Rückkehr auf den Weg des Heils und eine glückselige Sterbstunde? O gewiß, es steht fest: Glücklich ist der Mensch, dem eine wahrhaft christliche Mutter zu Theil wurde. Die Compaßblume. 6. Die Compaßblume, eine neuentdeckte Pflanze Amerikas, neigt sich stets nach Norden bei freundlichem Sonnenschein, wie während des tosenden Sturmes. Durch diese Eigenschaft kann sie den Compaß bei Seereisen ersetzen, aber unendlich nützlicher ist ihre symbolische Bedeutung für den Menschen bei seiner Reise durch das Leben. Die Compaßblume neigt sich stets nach Einer Richtung, und auch der Sterbliche soll stets nur Eine Richtung verfolgen. Diese Richtung ist bei der Compaßblume der strenge und unfreundliche Norden, die mitternächtige Gegend; bei dem Staubgebornen aber soll sie der Weg, die Nacht des Leidens, der Trübsale sein. Wohl dem Menschen, an dessen Erdenhimmel es Mitternacht geworden ist, d. h. dessen Leiden den für seine Kräfte höchsten Grad erreicht haben! denn über seine Kräfte wird Keiner versucht. Der Herr gibt einem Solchen die Gewalt gleichsam in die Hand, mit welcher er den überirdischen Himmel an sich reißen soll. Der Mensch muß den Weg des Leidens gehen beim tosenden Sturme, d. h. wenn der himmlische Vater Heimsuchungen und Drangsale über sein Haupt gesammelt hat. Allein auch beim Sonnenschein des Glückes soll der Sterbliche den Weg des Leidens gehen durch freiwillige Entsagung, und indem er Andere ihre Leiden tragen hilft, wie Christus diesen Weg gewandelt ist, da er freiwillig den Freuden des Himmels entsagte und freiwillig unsägliche Schmerzen litt für fremde Sündenschuld. In diesen Deutungen also kann und soll die Compaßblume dem Sterblichen zum Vorbild dienen. Es gibt indessen auch Gegensätze zwischen der Blume und dem Menschen. Die Blume muß der Gewalt des Sturmes weichen. Geknickt neigt sie das Haupt zur Verdorrung. Der Mensch jedoch soll durch Lebensprüfungen zu Gott empor gerichtet werden. Die Blume neigt sich bestimmungslos gegen Norden. Der Sterbliche aber soll auf dem Wege der Leiden seiner ewigen Bestimmung: der Vereinigung mit Gott entgegengehen. Redaction uu> Verlag: vn. M. Huttier. — Druck von Z. M. Kleinle. Hl'e'. 38. 16. September 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur AugSburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Aus den Misfionsbriefen der Gesellschaft Jesu. Schreiben des ?- D. Smet aus der Gesellschaft Jesu an den hochwürdigsten u. General derselben Gesellschaft. Mein hochwürdigster 1'. General! Aus kindlicher Ehrfurcht und nach dem Wunsche des hochwürdigen U. Provinzial schreibe ich an Eure Paternität, um Ihnen eine kurze Schilderung meiner Beschäftigung mitzutheilen während jener Zeit, die ich bei der Armee der vereinigten Staaten als Feldcaplan zubrachte, nämlich von dem halben Mai 1858 angefangen bis zum 23. September 1859, an welchem Tage ich wieder nach St. Louis zurückkam. Am 13. Mai 1858 erhielt ich ein Schreiben des Kriegsministers folgenden Inhalts: „Der Präsident der vereinigten Staaten wünscht Sie der Armee von „Utah in der Eigenschaft als Feldcaplan bcizugeben. Er ist der Ansicht, daß „Sie hiedurch dem öffentlichen Wohle wichtige Dienste leisten würden, und zwar „in mehrfacher Beziehung, namentlich wegen des dermaligen Zustandes unserer „Angelegenheiten in Utah. Deßwegen hat er auf Sie, als eine hiezu geeignete „Person, seinen Blick gewendet, und mir aufgetragen, Ihnen seine Wünsche in „dieser Beziehung kund zu geben. Er hofft, daß Sie seinen Antrag annehmen „werden, und daß die Stelle eines Feldcaplans mit Ihren geistlichen Pflichten „nicht unverträglich und Ihrer persönlichen Gesinnung nicht entgegen sein werde." Der hochw. ?. Provinzial und alle Consultoren waren mit Rücksicht auf die Verhältnisse der Zeit der Meinung, daß man den Antrag annehmen müsse. Ich begab mich alsobald auf die Reise nach dem Fort Leavenworth, um bei der Armee einzutreffen, und erhielt meinen Platz bei dem 7. Regiment, welches aus 800 Soldaten bestand, wovon drei Viertheile Katholiken waren, unter dem Oberst Morisson und einem zahlreichen Generalstab von Officieren und Ingenieuren. Der Chef der Armee stellte mich persönlich dem Obersten vor, welcher, obgleich Protestant, ihm herzlich dankte, indem er sagte: „General, ich habe es schon für eine große Begünstigung angesehen, daß man mir das Geniecorps anvertraut hat, heute krönen Sie Ihr Wohlwollen dadurch, daß Sie mir einen Repräsentanten der alten und ehrwürdigen Kirche beigeben." — Indem er mir freundlich die Hand drückte, hieß er mich in ihrer Mitte willkommen und gab mir die Versicherung, daß ich meine heiligen Verrichtungen bei den Soldaten mit aller Freiheit werde ausüben können. Der würdige Oberst hat auch getreu sein Wort gehalten während der ganzen Zeit, die ich mich bei dem Corps befand, das er commandirte, und alle Officiere waren gegen mich nicht minder gefällig. Ich habe bei der Ausübung meiner geistlichen Pflichten nicht das geringste Hinderniß erfahren. Die Soldaten hatten immerdar freien Zutritt zu meinem Zelt, sowohl beim Unterrichte, als um zu beichten, oft schon sehr früh Morgens. Ich hatte den Seelentrost, das heilige Meßopfer darzubringen, und jedes Mal fand sich dabei eine große Zahl Soldaten zur Cvmmunion ein. 298 Als ich durch das Thal des Platastromes reiste, stieß ich auf mehrere Feldlager der Wilden, welche mich dringend baten, ihre Kinder zu taufen. Ich taufte deren 208. Sie gehörten hauptsächlich zu der Völkerschaft der Pawnies und Bacotoha oder Sioux. Alle nahmen mich mit Zeichen der Freude und Hochachtung auf, und äußerten das lebhafteste Verlangen, Schwarzröcke zu ihrem Unterricht zu haben. Die Armee hatte auf ihrem Marsche nach Utah ungefähr die Hälfte des Weges, das ist 1000 Meilen von St. Louis zurückgelegt, als der General Hearny die Nachricht von dem hergestellten Frieden bei den Mormonen und den Auftrag erhielt, nach dem Fort Leavenworth zurückzukehren. Ich kehrte mit ihm zurück, und kam dann nach St. Louis. Ich übergab dem Kriegsminister meine Erklärung, das Amt als Feldcaplan niederzulegen. Meine Abdankung wurde nicht angenommen. weil so eben ein neuer Krieg zwischen den Völkerschaften der steinigen Berge und der Regierung ausgebrochen war. Durch den Telegraphen kam mir die Weisung zu, mich nach New-Dork zu verfügen, und mich dort mit dem General Hearny und seinem Generalstabe einzuschiffen. Am 20. Sept. 1858 verließen wir den Hafen von New-Uork um uns nach AsPinwall zu begeben, das 2000 Meilen entfernt war. Da die Aequinoctialzeit war, so hatten wir auf der Ueberfahrt bei den Inseln von Bahame einige Stürme und große Windstöße zu bestehen. Wir fuhren eine Zeit hindurch längs der Ostküste der Insel Cuba und sahen einige Vorgebirge von St. Domingo und Jamaika. Am 29. passirte ich aus einer guten Eisenbahn die Landenge von Panama, die eine Breite von 47 Meilen hat. Tags darauf hatte ich das Glück, in der Kathedralkirche von Panama das Opfer der h. Messe darzubringen. Der hochwürdigste Bischof bat michs dringend, mich bei Eurer Paternität zu verwenden, um eine Ansiedlung von Jesuiten zu erhalten. Er drückte den lebhaften Wunsch aus, sein geistliches Seminar der Sorge der Gesellschaft Jesu anzuvertrauen. Neu Granada und so viele andere Länder des spanischen Südamerika wären allerdings ein weites Feld für den Eifer unserer Väter. (Fortsetzung folgt.) Der katholische» Kirche Obsorge sür das Leibliche. 6. Bei genauer Betrachtung der katholischen Kirche und ihrer segenreichen Wirkungen mag die geringe Zahl ihrer treuen Anhänger im Verhältnisse zur großen Menge der Weltdieuer seltsam erscheinen. Der Grund liegt nahe. Wir vergessen der großen Aengstlichkeit um des Irdischen willen gerne der Sorge um das Himmlische, während vernunftnothwendig in der Wohlfahrt der Seele die einzige und wahre Wohlfahrt des Leibes begründet wird. Wirkt nun die katholische Kirche das Heil der Seele, dann muß sie auch das Heil des Leibes wirken. Sie sorgt nun 1) sür das leibliche Heil in steter und inniger Vereinigung mit der Obsorge sür das geistige Wohl zum Unterschiede von der Welt, welche die Wohlfahrt des Leibes stets im Ausschlüsse oder mit Nichtbeachtung des geistigen Heiles zu erstreben sucht. Eine wichtige Folge dieser vereinten Sorgfalt ergibt sich aus dem Verhältnisse der Seele zu dem Körper. Die Seele ist unendlich wichtiger, als der Körper. Die Sorge für die Seele muß also stets wichtiger, als jene sür den Leib sein. Darum richten alle Einrichtungen der katholischen Kirche ihr Augenmerk erst auf die Seele, dann auf den Leib. Es ist in keiner kirchlichen Einrichtung ein Zwiespalt denkbar zwischen der Sorge sür die Seele und jener sür den Leib, eine Oberhand des leiblichen Interesses über das geistige. Denn sonst würde die Kirche ihren hohen Beruf vergessen, das Heil der Seele zu Wirten. Gleich undenkbar ist in irgend einer kirchlichen Einrichtung eine wahrhafte Vernachlässigung, ein wirkliches Schadennehmen des Leibes zu Gunsten der Seele. Denn sonst wäre der Satz unwahr, daß die leibliche Wohlfahrt sich ausschließlich gründe aus das geistige Heil. Die katholische Kirche sorgt 2) für das leibliche Wohl in steter Uebereinstimmung mit den Anforderungen der menschlichen Vernunft, ja, sie erweitert das Maß dieser Forderungen, unterstützt und ermöglicht ihre Erreichung. Die katholische Kirche erweitert das Maß der Anforderungen der menschlichen Vernunft. Die Vernunft lehrt Mäßigkeit im Genusse des Erlaubten, die katholische Kirche jedoch preist die Tugend der Versagung selbst eines erlaubten Genusses. Wer nun ist unabhängiger in der Welt: der mäßig Genießende mit wenig Bedürfnissen, oder der dem Genusse Entsagende mit noch geringerem Bedürfe? — Wessen Körper mag der kräftigere sein: der Körper dessen, welcher, wenn auch in mäßigem Genusse, Bequemlichkeit und Wohlbehagen, die Quelle der Verweichlichung, liebt, oder jenes Menschen Körper, der abgehärtet ist in Entbehrungen jeglicher Art? Die katholische Kirche unterstützt uns, ermöglicht es uns, den Anforderungen der menschlichen Vernunft zu genügen. Die Vernunft des Weisen sucht die irdische Glückseligkeit nicht im Genusse, sondern in den wohlthätigen Wirkungen einer im ruhigen Gleichgewichte sich befindenden Seele auf den Körper und alle äußern Lebensverhältnisse. Die Vernunft befiehlt also, jegliche Leidenschaft zu bekämpfen, weil sie dies Gleichgewicht stört und seine segnenden Wirkungen entfernt. Die katholische Kirche nun kennt des Sterblichen unzulängliche Kraft zu diesem Kampfe und vermittelt dem Menschen göttlichen Beistand. Warum aber sind alle diese aufgeführten Vorzüge nur im Geiste der katholischen Kirche gelegen? — Ferne sei es von uns, anderen christlichen Religions- Gcnossenschaften manche Vorzüge für das Zeitliche abzusprechen. Allein solche Vorzüge haben diese Religionsgemeinschaften bei ihrer Lostrennung von der katholischen Kirche mit hinüber genommen in ihre neu begründete Genossenschaft, z. B. die segensreichen Wirkungen des Gebetes für zeitliche Angelegenheiten, soferne wir im Geiste der Demuth, des Gehorsams und der Genügsamkeit beten. Bei allen jenen kirchlichen Einrichtungen aber, welche von andern christlichen Genossenschaften abgeändert oder gänzlich verworfen sind, erstrecken sich die schädlichen Folgen dieser Abänderung oder Nichtanerkennung nicht nur auf das geistige, sondern auch auf das leibliche Wohl der Menschheit. Betrachten wir z. B. die schädlichen Folgen der Auflösbarkeit der Ehe, welcher die Protestanten huldigen, auf Staat, Familie, Vermögen! Haben aber solche Genossenschaften Einrichtungen mit schädlichen Wirkungen auf einzelne zeitliche Verhältnisse, so tragen sie eben nicht den gesammten Bedürfnissen der Zeitlichkeit genügsame Rechnung. Diese mangelhafte Sorge für das Leibliche entspringt aus der mangelhaften Sorgfalt für die Seele, und es muß als nothwendiger Gegensatz bei der katholischen Kirche aus der allumfassenden Sorgfalt für das Geistige auf die allumfassende Sorge für den Leib geschlossen werden. Wie viele Segnungen kennt nnn die katholische Kirche für das leibliche Wohl? Sie sind unzählbar. — Wie ist ihr Einfluß beschaffen aus das Zeitliche? — Ihr Einfluß kann unmittelbar oder mittelbar sein. Der Einfluß ist unmittelbar, wenn die Einrichtung neben der geistigen auch noch eine leibliche Wirkung bezielt. Dies finden wir bei der vierten Bitte des Gebetes des Herrn: Unser tägliches Brod gib uns heute! Hier bitten wir erst um das Brod des ewigen Lebens und dann um die Nahrung für das zeitliche Leben. — Der Ein- 300 fluß ist mittelbar, wenn nicht neben, sondern aus der geistigen Wirkung eine leibliche bezielt wird. Die siebente Bitte desselben Gebetes: Erlöse uns von dem Uebel! zeigt dies deutlich: Das Uebel ist der Tod der Seele, welcher von der Sünde hervorgerufen wird. Wir bitten also um gnädige Verschonung vom Tode der Seele, und nur vom Leben der Seele in Jesu hängt die Verherrlichung ab unsres Leibes nach seiner Auferstehung. Hier also die erste trostreichste Wirkung zwar nicht für das Zeitliche, aber doch für den Leib, welche aus der Erhörung dieser Bitte für die Seele fließt. — Ferner: der Tod für die Seele kann nicht nur Lurch die Beharrlichkeit im Bösen bewirkt werden, sondern auch durch das plötzliche Hinsterben in der Sünde. Diese Bitte bezielt also auch die Verschonung von einem jähen Tode. Hier also die zweite für die Zeitlichkeit höchst wichtige Folgerung aus einer Bitte für das Geistige. Nur noch einige der zahllosen Segnungen für das Zeitliche, welche die katholische Kirche über ihre Kinder ausbreitet: 1) Das Gebet. Gott hat die Erde erschaffen, auf daß sich der Mensch durch weisen Gebrauch ihrer Früchte freue und veredle. Wir werden also Gott um die Gewährung irdischer Dinge zu diesem Zwecke bitten dürfen. Mit diesem Schlüsse der menschlichen Vernunft stimmt die Lehre der katholischen Kirche überein. Gott will, daß wir ihn um das bitten, was wir brauchen, und, da wir auch Zeitliches bedürfen, sollen wir auch um das Zeitliche bitteu. Unser tägliches Brod gib uns heute! hat uns Jesus selbst beten gelehrt. Damit wir nun auf die rechte Weise das Rechte von Gott erflehen möchten, .hatte die katholische Kirche sowohl bezüglich unserer himmlischen, wie uns'rer irdischen Angelegenheiten zu verschiedenen Zeiten, wie an verschiedenen Orten verschiedene öffentliche Gebete oder Antachtsübungen eingeführt oder gebilligt. Wer kennt nicht die Bitt- woche, die Maienbetstunden, in welchen wir Gott für das Gedeihen der Feld- früchte anflehen? In der Litanei zu allen Heiligen bitten wir Gott gleichfalls um das Gedeihen der Erdfrüchte. Bei Krieg, Hungersnoth, ansteckender Krankheit und dringender Gefahr werden: allgemeine Andachten abgehalten; das rührendste Gebet in theilweise irdischer Angelegenheit aber ist das allgemeine Gebet für einen schwer Erkrankten. 2) Eine gleich wichtige Segnung, vorzüglich dem Gebildeten zu empfehlen, ist die Betrachtung. Wenn selbst der unbedeutendste Gegenstand der Natur oder Kunst zu den lehr- und trostreichsten Gedanken anregen kann, so muß dies um so mehr bei den erhabenen Geheimnissen der katholischen Religion der Fall sein. Gott selbst hat uns auf das Feld der Betrachtung geführt, indem er gerne in Gleichnissen redete und lehrte. Wenn nun in diesen Gleichnissen von irdischen Dingen die Anwendung gemacht wird auf das Göttliche, so muß folgerichtig die Beziehung göttlicher Geheimnisse oder heiliger Begebenheiten auf irdische Angelegenheiten gestattet sein. Was könnte beispielsweise der für Gesundheit und Vermögen so verderblichen Modesucht besser steuern, als der häufige geistige Hinblick auf den rothen Mantel, welcher den göttlichen Dulder umhüllte? Siehe, v Reicher! Deinen Heiland Wider Willen gekleidet in ein Gewand der königlichen Farbe, verspottet in diesem Anzüge, dann jeglicher Hülle beraubt und an's Kreuz genagelt. Du kleidest Dich mit Freuden in die kostbarsten Stoffe und Farben, die Aller Augen auf Dich locken müssen. Glaubst Du nicht, daß die Anhänger der Welt Dir nur eine wohlgefällige Miene zeigen, Dich aber im Herzen beneiden, zu verderben suchen, Dich innerlich verhöhnen, wie sie Jesum äußerlich verspottet haben? Siehe die Bosheit der Menschen, oder die prüfende Hand Gottes entkleidet Dich des blendenden Flitters. Nackt und elend wirst Du an's Kreuz der öffentlichen und herzlosen Meinung geschlagen. — Würde eine solche Betrachtung Eingang finden in den Herzen der Vornehmsten und Reichsten, die größere Einfachheit der höhern Stände müßte unzweifelhaft die größere Einfachheit der minder Vornehmen und minder Reichen herbeiführen, wie auch die Prunksucht von den Angesehenern auf die Geringeren übergegangen ist. (Schluß folgt.) Die Katholiken in Schleswig-Holstein. Schleswig-Holstein gehört gegenwärtig wieder zu den Ländern, die den Politikern viel zu schaffen machen. Bei dem Drucke, den Dänemark auf die Herzogthümer ausübt, um deutsche Sitte und deutsche Sprache zu vernichten, regen sich allerwärts die Sympathien der Deutschen für die „Meerumschlungenen," und herüber und hinüber erschallt der Hilferuf gegen die Unterdrücker eines der „edelsten" deutschen Stämme. Dänemark hat das Recht der „Meerumschlungenen" schwer gekränkt; das bestreitet Niemand, der noch ein offenes Auge hat. Niemand wird aber auch bestreiten, daß die Schleswig-Holsteiner einen harten Druck ausüben gegen ihre deutschen Brüder, die Katholiken, und dieser Druck muß die Sympathien bedeutend schwächen, welche die „Meerumschlungenen" beanspruchen. Und die Presse muß Act nehmen von jenem Druck. Wir wissen wohl, daß wir dadurch nach der Ansicht gewisser Leute einen „Mißton" anschlagen; aber das soll uns nicht abhalten, unsere Pflicht zu thun: als eine Pflicht aber sehen wir es an, diese schwarze Seite in dem Leben der Schleswig-Holsteiner zu zeigen, in der Hoffnung, daß auch sie endlich ihre Brüder nicht mehr knechten, sondern ihren billigen Forderungen Gerechtigkeit widerfahren lassen werden. Denn wer Gerechtigkeit von Anderen fordert, muß erst selber gerecht sein. Schleswig-Holstein, eine lutherische Feste, ist intolerant gegen Katholiken und Reformirte. Das Loos Aller, die sich nicht zur lutherischen Landeskirche bekennen, ist wahrhaft abscheulich; Zeugniß davon geben die vielen Gesetze, die gegen die Nichtlutherischen vorhanden sind und bis auf den heutigen Tag mit aller Strenge gehandhabt werden; die Gesetze sind erlassen worden kurz nach dem Westfälischen Frieden und nach Emanirung der deutschen Bundesacte. In denselben herrscht ein Geist der Intoleranz, wie erste selbst in derTürkei nicht zu finden ist. Indem wir dieselben näher in's Auge fassen, berühren wir natürlich nur das Loos der Katholiken, und zwar in Holstein, als dem eigentlich deutschen Lande. Die Holsteincr können das Läuten katholischer Glocken nicht hören, — vielleicht bekommen sie Nervenzucken davon, — deshalb sind die Glocken verboten. Die Holsteincr können keinen katholischen Kirchthurm anschauen, darum darf ein solcher nicht errichtet werden. Die Holsteincr können den Anblick eines katholischen Bischofes nicht ertragen, darum darf derselbe ihr Land nicht betreten. Es gibt nur vier „privilegirte" Orte — Alton«, Glückstadt, Kiel und Rendsburg, — an denen ein katholischer Priester Gottesdienst halten darf, während die Katholiken in anderen Orten nicht einmal die Erlaubniß haben, einen Geistlichen auf eigene Kosten zu sich kommen zu lassen, es sei denn, daß ein schwer Ertränkter des geistlichen Beistandes bedürfte. Gemischte Ehen dürfen von einem katholischen Geistlichen nicht eingesegnet werden- selbst wenn Leide Brautleute es wünschen. Kinder aus gemischten Ehen dürfen durchaus nicht katholisch erzogen werden, selbst wenn der lutherische Ehetheil vollkommen mit der katholischen Erziehung einverstanden ist, oder sie gar wünscht. Sollte ein Holsteincr lutherischer Confession das Bedürfniß fühlen, sich der katholischen Confession anzuschließen, so darf der katholische Priester oder ein katholischer Laie ihm dabei nicht behilflich sein, wenn anders er unter den „edelmüthigen" Holsteinern noch länger verweilen will. Don katholischen Begräbnissen kann in 302 Holstein natürlich gar keine Rede sein; denn kein Kirchhof in Holstein hat eine Abtheilung, aus der die Katholiken nach ihrem Ritus beerdigt werden dürfen, was doch im umgekehrten Falle in Oesterreich stattfindet. Holstein ist „toleranter," denn es verbietet dem katholischen Geistlichen den Zutritt zum Kirchhof. Nun aus der Unzahl der Thatsachen zur Charakteristik der „Toleranz" der Schleswig-Holsteiner nur einige. Im Jahre 18^i3 wurde der erste Geistliche für die neu errichtete Station Kiel ernannt; indessen mußte er erst sieben Monate warten, bis ihm von der holstein'schen Regierung die Erlaubniß ertheilt ward, Gottesdienst halten zu dürfen. Dem Bau der Kirche in Kiel hat man tausend Hindernisse in den Weg gelegt; der damalige Bürgermeister der Stadt äußerte öffentlich, er wolle es noch dahin bringen, daß das neue Gebäude zu einem Tanzsaale würde. Die Kirche ist freilich fertig, der Bürgermeister aber auf der Insel Sylt gestorben. — Dem Geistlichen wurden allerlei Chicanen bereitet, ja es hat gar den Anschein, als ob man sieh der katholischen Kirchenvorsteher dazu bedient hätte, denn auf deren Antrag wurde, während der Geistliche auf Missionen abwesend war, einige Tage vor seiner Rückkehr sein Zimmer gerichtlich erbrochen, ein Inventar aufgenommen, seine Bücher und Papiere durchsucht, die Kirche erbrochen, sogar das Tabernakel, — angeblich um ein Inventar des kirchlichen Besitzes aufzunehmen. Außerdem wurden diejenigen Schubladen, deren Erbrechung man sich doch nicht erlaubte, versiegelt. Wenn nun auch diese Inventaraufnahme und Versiegelung von den katholischen Kirchenvorstehern ausging und deßhalb die Kirchencasse selbst die tiefe Schmach bezahlen mußte, so war doch der Magistrat der Universitätsstadt Kiel gewiß sehr human und edelmüthig, dem Antrage solcher Leute nachzukommen,, namentlich da der Geistliche nach drei oder vier Tagen heimkehrte; man hätte glauben sollen, der Magistrat würde sich eher tausendmal bedache haben, als daß er auf diesen Antrag hin das Heiligthum der Katholiken, das Tabernakel, mit schmutzigen Fäusten öffnen ließ. Interessant ist außerdem das aufgenommene Inventar selbst. Man erinnere sich, daß der Vorsteher den Antrag der Inventaraufnahme nur dahin gestellt hatte das Besitz- thum der Kirche kennen zu lernen; aber es scheint döch ein Hohn zu sein, wenn in derselben neben der Bibliothek des Pfarrers und den heiligen Gefäßen auch mehrere Beinkleider paradircn, deren schadhafte Stellen genauer beschrieben werden. Man sollte glauben, der edelmüthige „deutsche Sinn" und die Bildung des Magistrates der Universitätsstadt Kiel hätte wissen sollen, daß Beinkleider nicht zuipr Kircheninvcntar gehören. Im Jahre 1856 wurden eines schönen Tages alle Eltern, welche in die neu errichtete katholische Schule zu Kiel Kinder geschickt hatten, Plötzlich vor Gericht bcschieden; es verlautete schon, man wolle die Schule unterdrücken. Die Katholiken wendeten sich Schutz suchend an den französischen Consul zu Kiel, der sich gleich mit dem dänischen Stadtdirector in Verbindung setzte, und dieser dänische Stadtd irector verbot alsbald dem deutschen Stadtconsistorium, gegen die katholische Schule etwas zu unternehmen. Man hat sogar die Absicht gehabt, die katholische Gemeinde sammt ihrem Pfarrer dem lutherischen Stadtconsistorium zu Kiel zu unterstellen. Das interessante Aktenstück, von der (deutschen) holsteinischen Regierung erlassen, liegt noch vor. Aber eine Jmmediatein- gabe an König Christian Vlll. hatte den Erfolg, daß dieser Fürst das Damoklesschwert von dem Haupte der katholischen Gemeinde entfernte. Im Jahre 1852 wollte ein Katholik sein Kind in der Stadt Oldesloh von dem katholischen Geistlichen in Lübeck taufen lassen. Der Magistrat erhielt Kunde davon und ließ ein Aktenstück ausfertigen, in welchem er sich auf das Gesetz berief, daß die Katholiken in nicht privilegirten Orten ihren Geistlichen nicht zu sich kommen lassen dürften. Im Jahre 1857 wollte sich ein Katholik mit einer Person lutherischer Confession verheirathen; aber er wollte die Ehe 303 nur unter den Bedingungen eingehen, daß er 1) katholisch getraut würde, 2) seine zu erwartenden Kinder katholisch erzogen würden. Von Seiten der Braut ward nichts dagegen erinnert, desto mehr aber von den Predigern. Um allen Widerwärtigkeiten auszuweichen, geht der Mann mit seiner Braut nach Hamburg und wird dort in der katholischen Kirche getraut. Nach seiner Heimkehr aber wird die Ehe einfach annullirhund der Mann lebt vor dem Gesetze im Concubinat. — In demselben Jahre 1857 wurde der Geistliche in Alton« verklagt, weil er zur Winterzeit in dem nichtprivilegirten Bellingen ein Kind katholischer Eltern getauft habe. Posfirlich war die Klageschrift des lutherischen Predigers; er zog ebenfalls obiges Gesetz an und setzte dem Gerichte zugleich auseinander, daß anch dem Concil von Trient der lutherische Prediger das Kind eben so gut hätte taufen können, denn das Concilium Tridentiuum erkenne solche Taufe an. 0 s-meta siinchwims! — Der Graf Hahn wurde 1858 zur Rechenschaft gezogen, weil er in seiner Hauscapelle die heil. Messe hatte feiern lassen. — In demselben Jahre 1858 convertirte eine Dame, v. Woliser, die an einer Privatschule Lehrerin war. Durch ihre Conversion wurde sie nicht allein von dieser Schule, an der sie keinen Religionsunterricht gab, entfernt sondern es wurde ihr auch untersagt, irgendwo und in welchem Fache auch immer Privatunterricht zu ertheilen, wodurch die Arme, die bis dahin auch ihre alte Mutter unterstützt hatte, in die äußerste Noth gerieth. — Bei einer Vernehmung seitens des Magistrates in Kiel, betreffend die „strafbare Trauung" eines k. k. österreichischen Hauptmannes mit einer lutherischen Holstcinerin durch den katholischen Geistlichen, wurde dem Geistlichen vor dem ganzen Magistrate von einem Mitgliede desselben öffentlich gesagt, alle katholischen Geistlichen achteten sich protestantischen Behörden gegenüber nicht zur Wahrhaftigkeit, verpflichtet. Diese Aeußerung wurde weder von dem Vorsitzenden, dem noch jetzt fungirendcn Syndikus der Stadt Kiel, Witt, gerügt, noch auch von einem der übrigen Herrn Senatoren mit einem Zeichen der Mißbilligung begleitet. Als der beleidigte Geistliche sich wegen dieser Aeußerung klagend an das Stadtdirectorium wandte, dem der Baron v. Plessen, der Präsident des letzten holsteinischen Landtages, vorstand, wurde er von demselben zwar artig, aber doch abschlägig beschicken, so daß es ihm nicht möglich wurde, seine Klage anhängig zu machen. Ueberhaupt haben diese zu verschiedenen Malen stattgehabten Verhöre vor dem Kieler Magistrate in besonderer Weise den liebenswürdigen Edelmuth der Holsteiner gezeigt. Und das Alles in Kiel, das sich rühmt, eine Hauptleuchte der Bildung und Humanität, ein Hauptfitz deutscher Sitte und deutschen Lebens zu sein! Wegen allen diesen Bedrängnissen, die der holsteinische Edelmuth den Katholiken auferlegt hat, wandte man sich von Seiten der Katholiken an den vorigjährigen Landtag zu Jtzehoe. Der Graf Hahn brachte ihre Petition vor und vertheidigte dieselbe. Aber Keiner der Versammelten schloß sich ihm, dem einzigen Katholiken des Landtages, an; Advocat Lehmann aus Kiel, einer der Vorsteher und Festesser des Nationalvereines im englischen Hause, hüllte sich bei den Bedrängnissen der Katholiken in unverwüstliches Schweigen, er, dem ein dänisches Wort schon Fingerzucken macht, Lehmann, der den Toast des Professors Mommsen auf Holsteins edlen Bruderstamm gemüthlich einstrich — Lehmann sagte nichts. Und Deutschland mußte es vernehmen, daß die Holsteiner über die himmelschreienden Leiden ihrer katholischen Brüder zur Tagesordnung übergegangen. So handeln die freisinnigen, edlen Holsteiner! Worin hat nun diese Intoleranz ihren Ursprung? Bei den Einen zum größten Theil in der Unwissenheit, bei den Anderen in der Gewinnsucht. Man möge es dem gemeinen Holsteiner nicht verdenken, wenn er gegen die Katholiken so eingenommen ist, die er kaum für Christen hält. Daß das so ist, liegt in dem Unterricht; bezüglich des Katholicismus herrscht in Holstein ein System 304 der Verdummung, über welches man staunen muß. Ein Beispiel davon geben wir in Folgendem. Versmann, Prediger an der Stiftskirche zu Jtzehoe und Vorkämpfer des Lutheranismus und als solcher auf dem letzten Landtage ebenfalls gegen die Beschwerden der Katholiken, gibt ein Kirchenblatt heraus, in welchem er die aberwitzigsten Dinge über den Katholicismus vorbringt, und Loch glaubt der Herr, ein sehr gelehrter Theologe zu sein. Eine katholische Lehrerin bekam eines Tages das Blatt zufällig in die Hand. Entrüstet über diese, wie sie glaubte, Böswilligkeit — sagen wir lieber, Unwissenheit, — kaufte sie einen Ketechismus und sandte diesen dem Herrn Prediger mit der Bitte, daß, wenn er künftig wieder den Beruf in sich verspüren sollte, über katholische Dinge zu schreiben, er zuvor in dem übersandten Katechismus über dieselben sich in- sormiren möge. Die Intoleranz der Holsteiner, namentlich ihrer Behörden, ist ferner aus dem Grunde zu erklären, daß die lutherische Geistlichkeit einen sehr überwiegenden Einfluß ausübt. Ihre Pfründen find durchschnittlich sehr reiche Pfründen. Dadurch sind sie in den Stand gesetzt, ihre Kinder gut erziehen zu können, die dann meistens Beamte werden. Wir möchten Wohl glauben, daß es in ganz Holstein keinen höheren Beamten gibt, der nicht entweder eines Predigers Sohn, oder dessen Schwiegersohn oder Schwiegervater ist; selten aber wird es vorkommen, daß ein höherer Beamter einen Prediger zum Sohne hat. Schließlich die Bemerkung, daß man ja nicht glauben darf, jene Verfolgungen gingen von den Dänen aus; die Dänen sind daran völlig unschuldig: die Dänen unterdrücken das deutsche Wesen in Holstein, die Holsteiner aber unterdrücken die Katholiken, und Beides ist trotz Mommscn kein Edelmuth. Die sieben Gnadenbitten im Gebete des Herrn. 6. Die sieben Bitten im Gebete des Herrn haben sieben Gnaden zum Gegenstände. Die erste Bitte ist eine Bitte um die Gnade der Gottverherrlichung. In der zweiten Bitte erflehen wir die Gnade der Selbstheilignng. Denn das Reich des Herrn, welches uns schon auf Erden zukommen soll, kann nur ein gottgeheiligtes Herz beherrschen. Die dritte Bitte umschließt die Gnade des Gehorsams, die vierte nach ihrer geistigen Richtung die Gnade der Vereinigung mit Gott, die fünfte die Gnade der Sündenvergebung. Anscheinend seltsamer Weise folgt hier die Sündenvergebung der Vereinigung mit Gott, während im Leben der Kirche die Sündenlossprechung dem Empfange der heiligen Communion vorangeht. Dieser scheinbare Widerspruch zwischen dem Gebete des Herrn und dem Leben der Kirche löst sich auf einfache Weise. Die Ordnung im Gebete des Herrn ist eben eine andere, als die Ordnung im kirchlichen Leben, ohne daß die eine die andere ausschlöße. Im Gebete des Herrn nämlich umfassen die vier ersten Bitten die Beziehungen eines von der Sünde gereinigten Menschen zu seinem Schöpfer. Die drei letzten Bitten hingegen erstreben jene Gnaden, die zur Tilgung oder Verhütung der Sünde dienen. Die sechste Bitte nämlich bezielt die Gnade des Tugendsieges bei jedem Kampfe, jeder Gelegenheit zur Sünde, ja ein Fernehalten der Gelegenheit selbst, soweit dies des Herrn weiser Rathschluß zuläßt; die siebente Bitte endlich die ununterbrochene Fortsetzung dieser Gnade des Tugendsiegcs bis zu einem gottseligen Ende, d. h. die Gnade der Beharrlichkeit. Die Ordnung im Gebete des Herrn bezweckt mithin das leichte . Verständniß des Betenden. Die Ordnung des kirchlichen Lebens hingegen beobachtet die Gnadenaufeinanderfolge in der Seele des Menschen. Nach dieser Ordnung daher muß die Gnade der Sündenlossprechung jener der Gottvereinigung vorangehen. Redaetl»« »n» Verlag: Dr. M. Huttler. — Druck »,n 3. M. Kleiste. AilgMgtt SmtajMiilt. Mr. 3S. 23. September 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Nugsburget Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Aus den Misstonsbriefen der Gesellschaft Jesu. Schreiben des k. D. Smet aus der Gesellschaft Jesu an den hochwürdigsten u. General derselben Gesellschaft. (Fortsetzung.) Die Entfernung von Panama nach St. Francesco beträgt mehr als 3000 Meilen. Das Dampfschiff legte in der prachtvollen Bai von Acapuca, einem kleinen Seehafen von Mexico an, um die Briefpost, Wasser und Kohlen einzunehmen. Am 16. Oct. Abends kam ich zu St. Francesco an, und schätzte mich glücklich, in einem Hause der Gesellschaft und in der Mitte mehrerer meiner Brüder in I. Ch. mich zu befinden, welche mich mit Beweisen der Güte und der herzlichsten Liebe überhäuften. Man fühlt und schätzt es besonders, qusm licmum et suecmäum Imlntaro lcMi'es in nimm, wenn man ein californisches Schiff verläßt, auf dem mau sich einige Zeit in der Mitte von 1400 bis 1500 Menschen aus allen Nationen der Erde befunden hat, die Alle von dem Goldfieber angesteckt sind, und an nichts denken und von nichts reden und träumen, als von Goldminen und von den irdischen Freuden, welche ihnen das Gold späterhin verschaffen wird. Aber diese Hoffnung wird oft fürchterlich getäuscht. Wir reisten am 20. von St. Francesco ab, und legten mehr als 1000 Meilen in 4 Tagen zurück, um uns nach dem Fort Van Couver in Columbien zu begeben. Zu Van Couver erhielt man die Nachricht von der Einstellung der Feindseligkeiten und der Unterwerfung der indianischen Völkerschaften. Indeß mußte man den Wilden noch ihre Vorurtheile und Unruhe benehmen, und falsche Gerüchte berichtigen und widerlegen, die ausgestreut waren und späterhin leicht neue Feindseligkeiten hätten herbeiführen können. Mit den Aufträgen des commandirenden Generals 'versehen, verließ ich das Fort Van Couver am 26. Octbr., und begab mich unter die Völkerschaften der Gebirge, die etwa 800 Meilen entfernt waren. Auf meiner Reise besuchte ich die katholischen Soldaten in den festen Plätzen zu Dalle-city und Walla-Walla. Hier traf ich zu meinem großen Troste den hochw. U. Congiato auf seiner Rückreise von den Missionen und erhielt von ihm sehr beruhigende Nachrichten über die Stimmung der Wilden. Der würdige Commandant des Forts hatte die ausgezeichnete Güte, auf mein Begehren allen Gefangenen und den Geiseln der Coeurs d'Alönes und Spokanes die Freiheit zu schenken, und er vertraute mir es an, sie zu ihren betreffenden Völkerschaften zurückzuführen. Diese guten Wilden, besonders die Coeurs d'Alenes, waren während ihrer Gefangenschaft der Gegenstand großer Erbauung in Mitte der Soldaten, welche sie oft mit Verwunderung umgaben, wenn sie Morgens und Abends ihre andächtigen Uebungen hatten und ihre frommen Lieder sangen. Gewiß fühlten manche der Soldaten Hiebei innerlich einen Vorwurf- Auf der 306 ganzen Reise gaben sie mir fortwährend Zeichen ihrer aufrichtigen Dankbarkeit, und ihre Genauigkeit bei den religiösen Uebungen war für mich eine Quelle des Trostes und der Freude. Den 21. November kam ich in der Mission vom heiligsten Herzen Jesu an. Des gefallenen Schnees wegen mußte ich daselbst bis zum 18. Februar 1859 verbleiben. Während dieser Zeit schneite es mehr oder weniger durch 43 Tage und 43 Nächte; 7 Tage hatten wir Regen, 21 Tage trübes Wetter, und 16 Tage war das Wetter heiter und hell. Ich verließ die Mission am 18. Februar mit dem hochw. 1> Joset, der mich begleitete, bis wir mit dem hochw. U. Hoecken zusammentrafen, der uns auf dem Flusse bis Klark oder Pends d'oreille entgegenkam. Eis, Schnee, Regen und Winde verzögerten sehr unsere Reise, die wir in schwachen Kähnen von Baumrinde auf den Flüssen und großen Seen zu machen hatten. Oft waren wir in Gefahr durch die Strömungen und Wasser- stürze umzukommen, von denen der Fluß Clarke besäet ist. Ich habe aus einem Wege von 70 Meilen deren 34 gezählt. Ueberall fanden wir kleine Feldlager der Indianer in ihren Winterquartieren. Beim Herannahen dieser Jahreszeit sind sie in der Nothwendigkeit, sich in kleine Parthien zu theilen, und sich in Wäldern und längs der Flüsse und Seen aufzuhalten, wo sie von der Jagd und vom Fischfänge leben. Sie nahmen uns überall mit dem größten Wohlwollen auf, und trotz ihrer äußersten Armuth theilten sie doch gern mit uns ihren kleinen Vorrath an Lebensmitteln. Sie benützten unsere Anwesenheit auf das Eifrigste, um dem Unterrichte, den wir ertheilten, und der heil. Messe, sowie den Andachtsübungen Morgens und Abends beizuwohnen, die wir abhielten, so viel es die Umstände erlaubten. Am 11. März kam ich in der Mission von St. Jgnaz bei den Bergbewohnern von Pends d'oreilles an. — Als die Kocktanois, Nachbarn der Pends d'oreilles, meine Ankunft erfahren hatten, machten sie einen Weg von mehreren Tagreisen mitten durch den Schnee, um mir die Hand zu drücken, und ihre kindliche Dankbarkeit auszusprechen. Ich war der erste Priester, der ihnen das Wort Gottes verkündet hatte, und hatte alle ihre Kinder und Erwachsene getauft. Sie kamen jetzt mit einer bewunderungs- und der ersten Christen würdigen Einfalt und Demuth, um mich zu versichern, daß sie dem Gebet, das heißt der Religion, getreu geblieben sind, und allen guten Lehren, die sie erhalten haben. Alle Väter ertheilten diesen guten Wilden das größte Lob. Es herrscht bei ihnen in voller Blüthe die brüderliche Einigkeit, evangelische Einfalt, Unschuld und Friede. Ihre Ehrlichkeit ist so groß und bekannt, daß der Gastwirth, wenn er sich manchmal für einige Wochen entfernt, sein Haus und seine Lorrathskammer offen stehen läßt. Die Indianer kommen und bedienen sich selbst dessen, was sie gerade nöthig haben; und wenn der Wirth zurückkehrt, bezahlen sie auf das getreueste, was sie zum Gebrauch genommen haben. Er hat mir dlbst erklärt, daß er bei dieser Gattung von Handelschaft niemals verkürzt werfen sei, auch nicht um den Werth einer Stecknadel. Am 18. März begab ich mich mitten durch den Schnee in das Thal St. Marie, das 70 Meilen weit entfernt war, um meine ersten und ältesten geistlichen Kinder in den Bergen wiederzusehen, die armen und verlassenen Tetes-plates. Sie waren sehr erfreut zu hören, daß Eure Paternität sich ihr geistliches Wohl zu Herzen nehme, und die Absicht haben, die Mission wieder besorgen zu lassen. Ihr oberster Vorsteher versicherte mich, daß sie seit der Abreise der Väter nicht aufgehört haben, sich Morgens und Abends zu versammeln, um ihr Gebet zu verrichten, zur gewöhnlichen Stunde zum englischen Gruße zu läuten, und an den Sonntagen sich einzufindeu, um den großen Tag des Herrn zu feiern. Um nicht zu lange zu werden, gehe ich nicht in eine ausführliche Schilderung ein über den gegenwärtigen Zustand dieser kleinen Völkerschaft. In Abwesenheit ihrer 1 307 Däter hat der Teufel manches Uebel unter ihnen angestiftet, indessen mit der Gnade des Herrn ist der Schaden nicht unheibar. Ihre täglichen Gebetsübungen und die Besprechungen, die ich in diesen Tagen mehrmal mit ihnen hatte, geben mir die tröstliche Ueberzeugung, daß der Glaube sich unter ihnen erhalten hat, und noch Früchte des Heils wirkt. Ich wurde bei meinem flüchtigen Besuche der Mission in den steinigen Bergen überall von den Indianern mit Zeichen aufrichtiger und kindlicher Freude ausgenommen. Ich glaube, Eurer Paternität sagen zu dürfen, daß meine Gegenwart in ihrer Mitte von einigem Nutzen war, sowohl in religiöser Beziehung als aus ihr zeitliches Beste. Ich habe mein Möglichstes gethan, um sie zu ermuntern, getreu und beständig zu sein in den Uebungen unserer heiligen Religion, und die Bedingungen des mit der Regierung abgeschlossenen Friedens genau einzuhalten. Auf dieser Wanderung habe ich die Freude gehabt, mehr als hundert Kinder und eine schöne Zahl Erwachsener zu taufen. Am 16. April begab ich mich nach dem Auftrag des commandirenden Generals in das Fort Van Couver, und verließ die Mission St. Jgnaz. Auf mein Verlangen begleiteten mich alle Häuptlinge der verschiedenen Völkerschaften aus den Bergen, um den Frieden mit dem General und den Intendanten der indianischen Angelegenheiten zu erneuern. Ich setze ihre Namen bei, und den Namen der Völkerschaften, welchen sie angehören: Alexander Temploghetzin oder der Mann ohne Haare, Häuptling der Pends d'oreilles: Victor Alamiken oder der glückliche Mann (er verdient diesen Namen ganz wunderbar, denn er ist ein Heiliger), Häuptling der Totes Plates: Adolph Kwitkwisshapo oder die rothe Feder, Häuptling der Totes Plates; Franz Saxa oder der Fraguese, ein anderer Häuptling der Totes plates; Dionysins Sementietze oder Kleid des Donners , Häuptling der Schujelpi; Andreas Bonaventura, Häuptling unter den Coeurs d'Alönes oder Sleizonmich; Kamiatein der Jakomans und Gezzy, oberster Häuptling der Spokanes. — Diese zwei Letzteren sind noch Heiden, aber ihre Kinder haben bereits die Taufe erhalten. (Fortsetzung folgt.) Der katholischen Kirche Obsorge sür -as^Leibliche. (Schluß.) 6. 3) Die Wirkungen der beiden vorhergehenden Segnungen erkennen auch christliche Genossenschaften mit andern Glaubenssymbolen. Wir betrachten nun mehre göttliche Gnadenspendungen, welche fast ausschließlich oder doch zum größer» Theile im Schooße der katholischen Kirche sproßen. Hieher zählen die hl. Sacramente und andere Gnadenmittel. Die sichtbaren Zeichen mehrer dieser heiligen Gnadenmittel erinnern uns gleichsam an ihre sichtbaren Wirkungen für das zeitliche Wohl der Menschheit. Das Bekenntniß der Sünden, die Losspre- chung des Priesters in der heiligen Beicht sind von gleich fruchtbaren Einflüsse auf die Gegenwart, auf die Zukunft sür das irdische Wohl des Einzelnen, wie auf den ganzen Weltkörper. Menschen, deren Gewissen eine schwere Schuld drückte, waren schon oft der Verzweiflung nahe, und in der gänzlichen Zerrüttung des Gemüthes keimte die Zerrüttung der körperlichen Gesundheit. Da wälzte ihre reumüthige Schuldanklage, das gewichtige Wort des Priestirs „adsolvo te!" eine Zentnerlast von ihrer Seele, und Ruhe kehrte in das Herz und frisches Leben in den siechen Körper zurück. Anders glaubende Christen, oder Katholiken, deren Glaube erloschen ist, kennen keine Linderung, keine Befreiung von der Gewissensfolter, und oft stei- gert sich ihre Verzweiflung zum Selbstmorde. Wie unermeßlich endlich sind die Wirkungen des heiligen Bußsacramentes für den Weltverkehr? Liebe, Friede kehren in Familien, Gemeinden zurück, in denen früher Haß und Zwietracht herrschte. Redlichkeit erstattet ungerecht gewonnenes Gut, und in frommer Mildthätigkeit gegen Einzelne findet der reuige Sünder ein Sühnemittel für seine Verbrechen an Gott, au sich selbst, an den Mitmenschen. Während das heilige Bußsacrament das Herz von der Sünde befreit, erfüllt es das heilige Altarssacrament mit den unendlichen Segnungen göttlicher - Liebe. Dieser Gegensatz einer tilgenden und gewährenden Gnade prägt sich auch in den zeitlichen Wirkungen dieser erhabenen Heilmittel aus. Die heilige Buße nimmt von der Seele die Folter des Gewissens; ihr Zustand wird Ruhe vom Sturme. Das allerheiligste Altarssacrament erfüllt die Seele mit der stillen Heiterkeit befriedigter Sehnsucht; ihr Zustand wird Ruhe in Gott. ^ Sobald der Sinn für diese stille Heiterkeit, für diesen Frieden im Herrn ; aus der Menschenbrust entflieht, weicht auch der Geist Gottes von uns, welcher ! durch seine Einkehr in unser Herz diesen stillen Sinn weckte und belebte. Wir ergötzen uns wieder au den rauschenden Vergnügungen des Tanzes, des Theaters, Wirthshausbesuches, weil der rauschende Weltgeist, der Urheber dieser Genüsse, wiederum in unserm Herzen wohnt. Die letzte Oelung ist für den Kranken ein Gnadenmittel zur Wiedererlan- ^ gung seiner Gesundheit, wenn dieselbe für seine Seele heilsam ist. Aber eben j dieses Wenn macht diese Wirkung wenigstens zu keiner regelmäßigen. Die ficht- s Laren Zeichen jedoch der Salbung und des priesterlichen Gebetes lassen uns nicht selten sichtbare Wirkungen der innern Gnade am Kranken gewahren, welche derselbe vor dem Empfange dieses heiligen Sacramentes nicht empfunden hatte. s Diese sichtbaren Wirkungen haben ihre Quelle in der jetzt erlangten Krast, den > körperlichen Schmerz, die geistige Furcht vor dem Tode zu beherrschen, wie im neubelebten, oder erst gewonnenen Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit, und üben auf das geistige wie leibliche Wohl des Kranken den wohlthätigsten Einfluß aus. Haben in letzter Beziehung Schmerz und Furcht keine Gewalt mehr über den Verstand, so erlangt dieser die nöthige Kraft zur Ordnung irdischer ! Angelegenheiten. Die Hoffnung aus Gottes nachsichtsvolle Huld macht den Leidenden nachsichtsvoll und dankbar gegen seine Umgebung. Und doch kann menschlicher Unverstand aus Furcht vor der entgegengesetzten Wirkung dem Kranken diese stärkende Tröstung ganz oder zu rechter Zeit versagen? Die Ehe in der sakramentalen Auffassung der katholischen Kirche ist eine Nachbildung der Verbindung Jesu mit seiner heiligen Kirche und als solche von doppelter Wirkung auf das Wohl der Menschheit. Wie der Geist Gottes bei der Kirche bleiben wird, so wird er auch stets über eine Verbindung wachen, welche das Gepräge dieser kirchlichen Verbindung an sich trägt. Das Bewußtsein von diesem geistigen Schutze, welches durch die priesterliche Einsegnung belebt und gestärkt wird, ermuntert die Ehegatten zur Erfüllung ihrer religiösen, wie irdischen Berusspflichten, zum treuen Aushalten und Hoffen auf Gott in der Stunde ewiger, wie zeitlicher Gefahr. Wie ferner die Verbindung Jesn mit seiner heiligen Kirche eine unauflösbare ist, so muß auch ihre Nachbildung: die Ehe unzertrennlich sein bis in den Tod. Diese Unauflösbarkeit der Ehe muß vor der Eingehung beide Theile und die zur Einsprache Berechtigten zur reiflichen Erwägung des wichtigsten Lebensschrittes bewegen. Im Ehestände selbst aber verbürgt die Unauflösbarkeit der Gattin die der Frauenwürde gebührende Lebensstellung, den Kindern die ihrem geistigen, wie leiblichen Heile ersprießlichste Erziehung zu brauchbaren Gliedern der Menschheit. Einer der rührendsten Beweise der mütterlichen Sorgfalt der katholischen ! Kirche für ihre Kinder ist der Ablaß, d. h. Nachlaß der durch die Sünde ver- ! dienten zeitlichen Strafen, welcher an die Erfüllung gewisser äußerst gelinder und dem Seelenheils förderlicher Bedingungen geknüpft ist. D Eine fernere Bürgschaft für unser zeitliches Wohlergehen gewähren die trostreichen Glaubenswahrheiten der katholischen Kirche. Die Gemeinschaft der Heiligen versichert uns der Fürsprache uns'rer himmlischen Brüder, sowie die Gemeinschaft mit der leidenden Kirche diese Fürsprache von uns verlangt, damit sie auch uns einst zu Theil werde im Orte der Reinigung. Wenn wechselseitiges Geben und Empfangen schon die Seele und Seligkeit weltlicher Freundschaft und Liebe bildet, um wie viel mehr muß dies bei einer so rein geistigen, heiligen Brudergemeinschaft der Fall sein? Und wenn schon irdische Freundschaft Segnungen ausbreitet über Geist, Gemüth und irdisches Wohlergehen des geliebten Freundes, wird dann dieses von Gott gestiftete himmlische Freundschaftsband unberücksichtigt lassen eine dieser Beziehungen? Wir wissen, daß Christus dxn obersten Eckstein, das unsichtbare Haupt dieser von ihm gegründeten Gemeinschaft bildet, und daß wir also als Glieder dieser Gemeinschaft Verbündete Gottes sein müssen. Durch diesen Bund mit Gott und der Kirche wissen wir, daß wir nicht allein stehen im Kampfe gegen das Böse, sondern im Leben und nach dem Tode durch liebende Brüder Fürsprache finden vor Gottes Thron. Dies tröstende Bewußtsein verleiht unserm ganzen Wesen eine ernste Heiterkeit, eine entschlossene Haltung, eine richtige Schätzung aller irdischen Dinge, welche wir lieben, wenn sie zum Guten, und hassen, wenn sie zum Bösen führen, eine Liebe welche nicht nur beim Gebete bleibt, sondern durch fromme Werkthätigkeit sich und den Brü- dern aus Erden, im Reinigungsorte Verdienste sammeln will. Der Protestant, welcher im Leben keinen Vermittler kennt zwischen sich und seinem Gott, nach dem Tode keinen Rettungsanker, wirkt nicht in Furcht und Zittern, sondern in Verzweiflung; nicht in demüthigem Gottverirauen, sondern im stolzen Selbstvertrauen das Heil seiner Seele und hat eine kalte Tugend ohne Liebe, oder er gibt sich auf im Kampfe gegen das Böse und hat eine brennende Liebe ohne Tugend, eine Liebe zu allem Sündhaften. 5) Die heiligen Tugendübungen gelten in allen christlichen Religions- genossenschaftcn, in den meisten philosophischen Lehrgebäuden als mitthätige oder ausschließliche Begründerinnen geistiger, wie irdischer Wohlfahrt. Jedes Laster trägt in sich den Zerstörungskeim der menschlichen Gesundheit; jede entgegengesetzte Tugend entfernt nicht nur diesen schädlichen Keim, sondern befestigt auch die menschliche Gesundheit.in der einem bestimmten Laster entgegenwirkenden Richtung. Wir erinnern an Völlerei und Mäßigkeit, an Zorn und Sanftmuth. Dies war schon die heidnische Anschauung, wie sie Senecca in seinen Büchern über den Zorn darlegt. Unendlich höher steht die christliche Anschauung, soweit sie von der katholischen Kirche in die übrigen christlichen Genossenschaften übergegangen ist. Sie lehrt uns nicht nur die Tugenden um Gotteswillen lieben, sondern sie hat auch viele den Heiden unbekannte Tugenden z. B. Demuth, Feindesliebe aufgestellt. Unerreichbar ist die Auffassung der katholischen Kirche, welche nicht nur die vorerwähnte Anschauung in sich schließt, sondern auch durch Aufstellung eines neuen Grundes die Liebe zur Tugend eine neue Tugend gegründet hat. Es ist dies die Tugend der Gottinnigkeit, welche uns jede Tugend nicht nur ihrer selbst willen, sondern als Ausfluß und Eigenschaft des höchsten Wesens lieben lehrt. Da nun durch die Tugenden jeder irdische Genuß seine dem Christen allein geziemende Veredlung erhält, z. B. der Genuß von Speise und Trank durch die Tugend der Mäßigkeit; so muß dieser durch die Tugenden auf Gott bezogene Genuß irdischer Güter von unberechenbarem Einflüsse sein auf unser zeitliches Wohl und zwar in doppelter Weise: für uns selbst, für unsere Mit- Lrüdcr. Keine Speise und kein Trank, kein Schlummer kann uns wahren Schaden bringen, wenn sie zur Verherrlichung Gottes dienen. Kein Verlust eines irdischen 310 Gutes ist schmerzerweckend, weil der Name des Herrn nicht durch den Genuß, sondern im Entbehren des Verlornen Gutes verherrlicht werden soll. Diese Liebe zu Gott erzeugt Dankbarkeit gegen ihn, den Geber alles Zeitlichen, und da wir ihm das Zeitliche nicht in ihm selbst zurückgeben können, so geben wir es ihm nach seinem eigenen Gebote in unsern dürftigen Mitmenschen zurück. Daher hat die mit Entsagung verbundene Mildthäthigkeit in keiner Religionsgenossenschaft eine solche Blüthe erreicht, wie in der katholischen Kirche, weil ihre frommen Jünger im Armen und Kranken den nackten und dürstenden, den leidenden und blutenden Gottmenschen erblicken. Den zeitlichen Segen aber einer solchen liebevollen Mildthätigkeit für den Geber, wie Empfänger erkennen Alle. Dies nur wenige zeitliche Wohlthaten der Segnungen der katholischen Kirche, abgesehen von ihren unendlich ersprießlicheren Wirkungen auf das Heil der Seele. Vieles blieb unberührt, wie der wohlthuende Einfluß des Fastens, der Entsagung, des gottesfürchtigen Beispiels. Vergleichen wir dagegen den Genuß der Welt von zeitlichen Gütern! Der fromme Christ erstrebt Zufriedenheit, der Weltling Befriedigung im zeitlichen Genusse. Daher verliert der Weltmensch mit den zeitlichen Gütern Alles, der Christ Nichts, weil der Christ in der Ewigkeit seine Befriedigung sucht, der Weltjünger diese Ewigkeit verwerfen möchte. Des Christen Genuß zeitlicher Güter ist für die ganze Lebensdauer, des Weltanhängers Genuß nur für den flüchtigen Augenblick berechnet. Darum ist des Christen Herz stets mit Freude erfüllt, des Weltjüngers Herz stets leer an der wahren, oft auch an der eingebildeten, selbst vorgelogenen Lebensfreude. Des Christen Quelle, woraus er den Genuß irdischer Güter schöpft, ist Liebe zu Gott, zur eigenen Seele, zu des Nächsten Seelenheile. Des Weltmcnschen Ge- nußanelle bildet die Liebe zum eigenen Körper, die Selbstsucht. Mensch! nur aus Einer, nicht aus beiden Quellen kannst Du trinken. Trinkst Du aus der Quelle der Selbstsucht, so wirst Du den ewig quälenden Durst der Hölle empfinden. Schöpfest Du aus dem Quelle der Liebe von dem lebendigen Wasser, dessen Jesus im Gespräche mit der Samariterin am Brunnen erwähnte, so wird es Dich in Ewigkeit nicht dürsten. Die Lage der katholischen Kirche in Australien. Die Geschichte der Kirche in Australien beginnt unter besonders günstigen Auspizien, die Vortheilhaft mit den Anfängen der Kirche in den amerikanischen Unions-Staaten contrastiren. Es würde in der That schwer sein, in Staaten, die eine confessionell gemischte Bevölkerung haben, günstigere Verhältnisse zu finden, als sie Australien hat. In allen Colonien Australiens gehört es zu den Grundrechten, daß alle Religionen vor dem Gesetze gleich sind. In Folge hiervon erhalten der katholische Bischof und seine Priester ebenso vom Staate ihre Besoldung, als die Diener des protestantischen Cultus. Ebenso wird das Schulwesen nach gleichen Bestimmungen behandelt. Es find getrennte Schulen für die Kinder jeder Consession errichtet und obgleich gegenwärtig eine mächtige Partei in Australien für s. g. „Mischschulen" thätig ist, so berichten wir doch mit Freuden, daß zu Sydney die katholischen Schulen ihr Terrain behaupten und sich besser und wohlfeiler als ihre Rivalen beweisen. Dasselbe Princip findet auch Anwendung auf das höhere Schulwesen. Das Colleg von St. Johann, welches die Katholiken von Neu-Süd-Wales so glänzend dotirt haben, ist durch Parlaments-Acte der Universität von Sydney einverleibt; ebenso gibt es ein mit der Universität von Melbourne verbundenes katholisches Colleg. Die Katholiken Australiens bilden nicht weniger als ein Viertel der Totalbevölkerung des Landes und sie sind daselbst gleichmäßig in allen Classen und Ständen vertreten. In Amerika legt die demokratische Partei großes Gewicht aus die Stimme der Jrländer, aber dennoch ist die Zahl der Katholiken, welche als Abgeordnete im Repräsentantenhause sitzen, unbedeutend und wir erinnern uns nicht des Namens irgend eines katholischen Staatsmannes von Bedeutung. In Australien dagegen haben wir katholische Minister, katholische Ober- und Unterbeamte, sowie katholische Repräsentanten. Die Katholiken figuriren also mit Ehre in allen Rangstufen der politischen und socialen Hierarchie. Bei solchen erfreulichen Verhältnissen ist es auffallend, daß die Zahl der kirchlichen Gebäude und Priester dem Einflüsse und der Größe der Kirche in Australien nicht entspricht. In der Diöcese Melbourne zählt man nur 23 Priester inmitten einer katholischen Bevölkerung von 90,000 Seelen, die sich von Tag zu Tag vermehrt und über ein großes Ländergebiet verbreitet ist. Die Diöcese Brisbane zählt 7000 zerstreut wohnende Katholiken und doch hat der Bischof dieser großen Diöcese nur zwei Priester zu Mitarbeitern. Ueber die kathol. Bevölkerung des Bisthums Adelaide finden wir keine statistischen Angaben; sie wird sicher 30,000 Seelen erreichen und doch zählt man dort nur neun Missionaire. Im Verhältniß zu ihrer Ausdehnung und Bevölkerung scheint die Diöcese Hobart-Thown die am besten organisirte von allen Diäresen Australiens zu sein; sie zählt äO Priester. Der Erzbischof von Sydney hat zwar die beträchtliche Zahl von 53 Priestern. Aber wenn man den großen Umfang der Diöcese Sydney und die großen Entfernungen, welche die einzelnen Pfarren trennen, betrachtet, so wird man erkennen, daß das Leben eines Seelsorgers ein äußerst mühseliges ist. Die katholische Bevölkerung der Metropolitan- stadt beträgt schon 32,000 Seelen. In den andern großen Städten, z. B. Goulburne, Dass, Bathurst, gibt es Pfarren von 3000 bis 5000 Seelen. Und überall, wo eine irgendwie beträchtliche Schaar Katholiken sich ansiedelt und sammelt, da wird mit einer wahrhaft irländischen Opferwilligkeit für die Gründung von Pfarren alles Mögliche geleistet. Man liest häufig in den Zeitungen, daß „eine schöne katholische Kirche" da und dort vollendet oder in Angriff genommen sei. Zu Aass sind unlängst drei Kirchen erbaut, vier andere in Wagga, Jugiony, Gunning und Gundagai. Und für diese sieben mit großen Kosten erbauten Kirchen hat man nur — zwei Priester! Der Schematismus gibt die Totalsumme der Katholiken in der Diöcese Sydney nicht an; aber sie kann nicht unter 80,000 sein. Schon nach der Zählung von 1851 betrug sie 56,889 Seelen, seitdem aber ist die Einwanderung von Katholiken beständig im Wachsen. 1851 war Australien den Jrländern kaum als ein Feld zur Auswanderung bekannt und seitdem, also in 9 Jahren, hat sich seine Bevölkerung verdoppelt! Der Staat zahlt jährlich für die verschiedenen Culte ^6,000 Pfd. Sterling und von dieser Summe empfangen die Katholiken 11,000 Pfd. Die statistischen Angaben über die Schulen sind befriedigend. Die Katholiken von Neu-Süd-Wales besitzen 100 katholische Schulen, welche 7,600 Schüler zählen. Jeder Schüler kostet den Staat 27 Francs, während in den s. g. „Mischschulen" aus den Schüler 68 Francs kommen. Mehr als für jede andere Frage müssen die Katholiken in neuen Colonien sich für die Unterrichtsfrage einig, wachsam und entschlossen zeigen. Im Mutterlande Europa ist diese Frage die wichtigste, von allen. In den Unions-Staaten Amerika's haben die katholischen Interessen viel gelitten von dem ungläubigen Ecziehungs-System in den vorn Staate gegründeten Mischschulen. Für die Katholiken Australiens dagegen ist es ein Glück, daß ihre Beziehungen zum Staate so freisinnig geordnet sind, und es würde ihre eigene Schuld sein, wenn sie in der Folgezeit die errungenen Vortheile verlieren sollten. 312 Eine große Lücke in dem kirchlichen Leben Australiens ist der Mangel jeglichen Männerordens. Man kamst sich ohne Mannsklöster kaum große katholische Kirchensysteme mit Bischöfen und Capiteln, mit Kathedralen und Collegien denken. Sydney ist allerdings durch seinen berühmten Erzbischof theil- weise mit Hilfe der Benedictiner organistrt. In Amerika sind alle Orden der Kirche, von den Augustinern bis zu den Passionistcn, gleichsam repräsentirt, und das Aufblühen der Kirche in den Unions-Staaten verdankt man zum großen Theile diesem Ordens-Klerus. In Australien würden die religiösen Orden ein unermeßliches Feld für ihr Apostolat finden, ein Feld, für dessen sorgfältige Bebauung der Psarr-Klerus zu wenig zahlreich ist. Nach zwanzig Jahren wird Australien wahrscheinlich eine Million gut unterrichteter und reicher Katholiken zählen; sie werden in politischer Hinsicht einflußreich sein und ihre Vertreter in allen hohen Staatsämtern und gesetzgebenden Versammlungen haben. Gerade jetzt ist es Zeit, für den Ausbau der Kirche und für Verbreitung kirchlicher Institution in Australien thätig zu sein. Wenn auch der materialistische Geist unseres Jahrhunderts dort viele Verehrer des goldenen Kalbes sammelt, so hat anderseits der dortige Staat die Kirche noch nicht in beengende Fesseln geschlagen. Die katholischen Interessen sind geschützt durch die Bestimmungen der Constitution; es besteht volle Freiheit des Unterrichts. Bei solchen günstigen Verhältnissen muß das katholische Australien nach Verlauf von zwanzig Jahren eine der blühendsten Provinzen der Kirche sein, und wir bitten Gott, daß er dazu seinen Segen gebe. Gottes und der Welt Ehre. 0. Jede an sich tugendhafte Handlung, z. B. Beten, Fasten, Almosengeben können wir dadurch entheiligen, daß wir sie nicht zur Ehre Gottes, sondern zur Ehre der Welt unternehmen. Umgekehrt können wir jede an sich weltliche Handlung, soferne sie nur dem göttlichen Sittengebote nicht widerstreitet, dadurch heiligen, daß wir uns ihr zur Ehre Gottes unterziehen. In Bezug auf diese letzte Behauptung schreibt der heilige Paulus (Cor. 10, 31. Col. 3, 17): „Ihr möget essen oder trinken, oder etwas Anderes thun, so thuet es zur Ehre Gottes!" Hätte der heilige Paulus die christlichen Pharisäer an dieser Stelle bekämpfen wollen, seine Worte müßten lauten: „Ihr möget beten, fasten oder Almosen geben, oder sonst etwas an sich Verdienstliches thun, so thuet es zur Ehre Gottes, und nicht zur Ehre d^rWelt!" Mensch! bei jedem Vergnügen, das Du genießen, bei jedem Gewinne, den Du ziehen willst, frage Dich: „thue ich es, oder kann ich es zur Ehre Gottes thun?"! Müßtest Du diese Frage mit Nein beantworten, so unterlasse die Handlung! Denn sie würde einem göttlichen Sittengebote Widerstreiten. Lebensurtheile. 6. „Das Leben ist süß", ruft der Sterbliche aus, wenn er aus dem Becher des Glückes trinkt. „Das Leben ist sauer", klagt derjenige, welcher im Schweiße des Angesichtes sein Brod verdienen muß. „Das Leben ist bitter", seufzt der von den Drangsalen Geängstigte. Thoren, die ihr für das Leben den sinnlichen Geschmack als Maßstab anlegt! Das Leben ist übersinnlich für den, welcher sein ganzes Dasein in Gott versenkt. Redaction uno Verlag: Vi'. M. Hutrler. — Druck von I. M. Äle inte. AugstiiM"' .. Hr 4V 30. September 1860. Das Augsbürger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Aus den Mifsivnsbriefen der Gesellschaft Jesu. Schreiben des k D. Smet aus der Gesellschaft Jesu an den hochwürdigsten k>. General derselben Gesellschaft. (Fortsetzung.) Wir hatten auf der Reise großes Elend und viele Gefahren auszustehen wegen des Hochwassers der Flüsse und der großen Menge Schnee. Zehn Tage hindurch mußten wir uns einen Weg bahnen mitten durch diese Wälder, wo Tausende von Bäumen, die Winde und Wetter umgeworfen hatten, und die 6—8 Schuh hoch mit Schnee bedeät waren, über den Weg lagen. Mehrere Pferde gingen zu Grunde. Ich und mein Pferd, wir stürzten oft, aber außer einigen Kontusionen, einem durchlöcherten Hute und einem zerrissenen Kleide kam ich frisch und gesund aus diesem schlimmen Walde heraus. Ich sah dort Weiße Cedern, deren Stamm 5, 6 und 7 Ellen im Umfange hatte, und deren Höhe damit im Verhältnisse war. Nach der Reise von einem Monate kamen wir glücklich im Forte Van Couver an. Am 18. Mai hatte die Zusammenkunft des Generals und des Ober-Intendanten mit den indianischen Häuptlingen statt; sie war für beide Theile sehr befriedigend. Man bestimmte beiläufig drei Wochen dazu, daß die Häuptlinge auf Kosten der Regierung die vorzüglichsten Städte des Staates von Oregon und des Gebietes von Washington besuchen sollen, um alles Merkwürdige zu besichtigen, die Fabriken, die Dampfmaschinen, Schlosser- und Tischlerwerkstätten, die Druckereien u. s. w., lauter Dinge, von denen die armen Indianer entweder gar nichts oder doch nur sehr wenig verstanden. Am meisten schien die Häuptlinge das Gefängniß von Portland zu interesstren, und die Unglücklichen, welche sie dort mit Ketten beladen erblickten, besonders als man ihnen die Ursachen und die Dauer ihrer Kerkerstrafe erklärte. Dies blieb vorzüglich dem Häuptling Alexander im Gedächtniß. Kaum war er in sein Feldlager zurückgekommen, so versammelte er sein Volk und erzählte ihm alle die wunderbaren Dinge der Weißen, und besonders die Geschichte von dem Gefängnisse. „Wir haben", sprach er, „weder Ketten noch Gefängnisse, deßwegen sind so Viele böse und haben ein hartes Ohr. In meiner Eigenschaft als Häuptling bin ich entschlossen, meine Pflicht zu erfüllen. Ich werde mich der Ruthe bedienen, um die Schuldigen zu strafen. Alle, die sich etwas vorzuwerfen haben, mögen sich vorstellen." Nach dieser kurzen Ansprache trat Einer nach dem Andern vor, um seine Portion Schläge zu empfangen, der Eine mehr, der Andere weniger. Diese Geißelung dauerte einen und einen halben Tag. Ehe die Häuptlinge das civilisirte Land verließen, erhielten sie Geschenke vom General und Ober-Intendanten und kehrten ganz fröhlich und zufrieden nach Hause zurück. Ich meines Theils hatte die von der Regierung mir gegebene Aufgabe bei den Indianern vollendet. Ich stellte dem General die Gründe 314 vor, warum ich wünschte, durch das Innere des Landes nach St. Louis zurückzukehren. Er stimmte meinem Wunsche mit aller Freundlichkeit bei, und in seiner langen Antwort sprach er sehr ehrenvoll seine Anerkennung über die von mir geleisteten Dienste aus. Am 15. Juni verließ ich mit den Häuptlingen das Fort Van Couver, um in die Gebirge zurückzukehren. Ich brachte den 7., 8. u. 9. Juli in der Mission vom Herzen Jesu unter den Coeurs d'Alönes zu. Von da setzte ich mit i^. Con- giato meine Reise nach St. Jgnaz fort, die wir in 8 Tagen zurücklegten. Die Beschwerden derselben verdienen eine kurze Erwähnung. Stellen Sie sich die dichtesten Urwälder vor, wo sich Tausende von umgestürzten Bäumen befinden. Der Fußsteig ist kaum erkennbar, und ist mit Barrikaden verlegt, welche die Pferde immerdar übersteigen müssen, und welche jedesmal das Leben des Reiters der Gefahr aussetzen. Zwei schöne Flüsse oder vielmehr 2 große Waldbäche, der Coeur d'Alene und der S. Franz Borgias durchschneiden in Schlangenwindungen diese Wälder. Ungeheure Felsenblöcke und große, durch das Wasser abgerundete Steine bilden ihr Flußbett. Auf dem Fußsteige muß man den ersten Waldbach 39mal, den andern 32mal übersetzen. Das Wasser geht oft bis zum halben Bauche des Pferdes, manchmal bis über den Sattel; man darf sich Glück wünschen, wenn man jedesmal, so oft man das Wasser übersetzt, nur nasse Füsse bekömmt. Ein hoher Berg von 5000 Fuß oder vielmehr eine Kette von Bergen, „bittere Wurzel" genannt, trennt die zwei Flüsse. Die Abhänge dieser Felsen, mit dichten Wäldern von Cedern und verschiedenen Gattungen Fichten und Tannen bewachsen, erschweren den Weg außerordentlich wegen der Menge von umgestürzten Bäumen über den Weg und am Rande von Abgründen, wozu endlich noch große Flächen, mit 8 bis 12 Schuh tief Schnee bedeckt, kommen, die man durchschreiten muß. Nach 8 Stunden einer sehr beschwerlichen und ermüdenden Reise kamen wir aus die schöne und mit Blumen Lesäete Ebene, wo ich, als ich vor 16 Jahren das erste Mal hieher kam, ein Kreuz ausgepflanzt habe. Auf diesem schönen Platze wünschte ich nach einem so rauhen Marsche unser Lager aufzuschlagen. Aber 1>. Congiato meinte, wir könnten in zwei Stunden an den Fuß des Berges kommen, und somit setzten wir unsere Reise fort. Nachdem wir die geglaubten 2 Meilen zurückgelegt hatten, und hierauf noch andere 4 Meilen, überfiel uns die Dunkelheit in Mitte aller dieser Hindernisse. Auf der Ostseite des Berges hatten wir Schneehügel und Barrikaden von umgestürzten Bäumen zu passiren, hier am Ufer spitzige Felsen, dort einen so steilen Abhang, daß es nur des kleinsten saschen Schrittes bedurfte, um in die Tiefe zu stürzen. Ohne Führer, ohne Weg, in ganzer Finsterniß, Einer von dem Andern getrennt, ruft ein Jeder um Hilfe, ohne sie erhalten zu können. Man fällt, man tappt herum, man kriecht auf allen Vieren, immer geht es abwärts. Endlich leuchtet einige Hoffnung. Wir vernehmen von weitem das Rauschen der Gewässer und das Getöse der Wasserfälle des großen Stromes, den wir suchen. Ein Jeder schlägt die Richtung nach dieser Seite ein, Alle kamen endlich glücklich an, Einer nach dem Andern, um 11 und 12 Uhr in der Nacht, nach einem Marsch von 16 Stunden, ermüdet und gleichsam kampfunfähig, die Kleider in Stücke zerrissen, voll Kontusionen, jedoch nicht von Bedeutung. Man macht in aller Eile das Mittags- und Abendessen, Jeder erzählt die Geschichte seiner Wanderung und unterhält seine Gefährten. Der l>. Congiato erkennt den Fehler seiner Berechnung und ist der Erste, der sich darüber lustig macht. Die armen Pferde fanden an diesem Orte nichts zum Fressen die ganze Nacht hindurch. — Ich kann hier nicht umhin, allen Vätern und Brüdern der Mission vom Herzen Jesu meine Dankbarkeit auszusprechen für ihre wahrhaft brüderliche Liebe, die sie mir erwiesen, und ihren Werthen Beistand, um die mir anvertraute Mission zu erfüllen. 315 Der ?. Congiato wird Eurer Paternität über den Stand der Mission in den Bergen umständlich Bericht erstatten. Ich beschränke mich darauf, diese armen Bewohner der Wüste Ihrer Vorsorge anzuempfehlen. Ich hoffe, die göttliche Vorsorge wird sie nicht verlassen. Viele tausend Kinder, die nach empfangener Taufe gestorben sind, und eine sehr große Zahl Erwachsener, die als gute Christen gelebt haben und fromm gestorben sind, werden schon jetzt ein himmlischer Fürsprecher sein. Sie dürfen besonders aus den Schutz der Louise aus der Völkerschaft der Coeurs d'Alenes und des Loyola, Häuptling der Kalipets, rechnen, deren Leben eine Reihe von ununterbrochenen heroischen Tugendacten war, und die gleichsam im Gerüche der Heiligkeit gestorben sind. Ich nehme mir vor, Eurer Paternität die Notizen über ihr erbauliches Leben und ihren Tod zu übersenden. (Schluß folgt.) Das Gift. 6. Frau Ellen hatte ihrer Tochter das Dasein gewisser Gifte erklärt, deren Wirkungen die Wirkungen anderer Gifte aufheben. Ei! — versetzte Clara — da könnte man eine Untugend mit der andern vertreiben. Nehmen wir auch die Wahrheit dieser Behauptung an und wollen z. B. den Hang zur Verschwendung durch die Neigung zum Geize ersticken, so würde eben das Laster des Geizes in unserm Herzen fortwuchern, während das schaden- tilgende Gift keinen neuen Schaden im menschlichen Körper anrichtet. Woher rührt dies? Von der Art und Weise, wie unser Körper ein Gift, unser Herz eine Untugend als Gegenmittel empfängt. Unterscheiden sich diese beiden Empsangsweisen? Allerdings; das Gegengift für den Körper wird in keiner starken Gabe, nicht rein, sondern vermischt mit andern Stoffen gereicht, welche ihm seine tödtende oder zerstörende Kraft rauben. Das Gegengift für das Herz aber, wenn wir des Gleichnisses willen diesen Namen den Untugenden leihen dürfen, nehmen wir nur zu bereitwillig im größten, alle andern Kräfte niederdrückenden Maße, nehmen es rein ohne die geringste Vermischung mit irgend einer Tugend, welche seine schädlichen Wirkungen mildern könnte. Das Leben erweist die Wahrheit dieser Behauptung an den abschreckendsten Beispielen. Schon mancher Verschwender, der sich ernstlich bessern wollte, ward ein Geiziger, mancher Tollkühne ein Feigling, mancher Zornmüthige nahm eine verächtliche Gleichgiltigkeit an, welche Alles über sich ergehen läßt; mancher Hosfärtige erniedrigte sich zum demüthigsten Schmeichler. Könnte man also keine Untugend ablegen, ohne in die entgegengesetzte zu fallen? Wir können es im Hinblicke auf den Gebrauch des Gegengiftes für den Körper, welches durch Beimischung anderer Stoffe seine schädliche Einwirkung verliert, mithin aufhört, Gift zu sein. Wir müssen demnach jene Untugenden, welche das Gegengift des Herzens sein sollen, mit Tugenden vermischen, welche ihnen, unbeschadet ihrer Gegenwirkung, ihre Gefährlichkeit nehmen, sie also in erlaubte, ja erstrebenswerthe Vorzüge verwandeln. Du hast die Bezeichnung unrichtig gewählt. Eine Untugend bleibt, was sie ist; auch unter der Verhüllung der erhabensten Tugenden. Es kommt also nicht auf ihre Vermengung mit dem Guten, sondern aus ihre Verwandlung durch das Gute an, bevor wir sie in unser Herz aufnehmen. Der Proceß, welcher 316 beim Körper nach Empfang des Gegengiftes, muß bei der Seele vor Empfang des Gegenmittels sich entwickeln. Welches Gute veredelt aber das Böse? Die Betrachtung des Gegengiftes führt uns auf den rechten Weg. Gift und Gegengift haben die entgegengesetztesten Wirkungen; allein beide Wirkungen würden sich in der Kraft, zu schaden, berühren, wenn nicht der dem Gegengifte beigemischte Stoff in der Mitte zwischen beiden Giften den schädlichen Wirkungen derselben das Gleichgewicht hielte. Die richtige Mitte ist also der die Untugenden veredelnde Geist des Guten. Getroffen, mein Kind! Sie bildet den Inhalt der christlichen Weisheit, und, indem sie den Untugenden ihre Schärfe nimmt, verwandelt sie dieselben in eine milde Tugend. Zwischen Geiz und Verschwendung steht die Sparsamkeit; zwischen Hoffarth und kriechender Demuth gerechtes Selbstvertrauen im Hinblicke auf den göttlichen Beistand; zwischen aufbrausendem Zorne und charakterloser Sanftmuth der gerechte Zorn, der nur bei einer gerechte^ Veranlassung in weiser Mäßigung sich zeigt. Aber, Mutter! Vertreiben Untugenden auch nie das Böse überhaupt, so pflanzen sie doch Tugenden in unser Herz. Wir sind z. B. geduldig aus Prunksucht in dieser Tugend. Wenn wir indeß mit unserer Geduld nicht mehr prunken könnten, sondern uns demüthigen würden in den Augen der Menschen, wären wir da nicht stolz auf unsre Ungeduld? Wann würden wir unsern Stolz demüthigen in der Geduld? Wenn wir geduldig wären in der Demüthigung unseres Stolzes. Siehe mein Kind! daß der Zweck das Mittel heilige, ist ein verkehrter Satz; um wie viel verkehrter muß erst der Satz sein: daß Las Mittel den Zweck heilige? Worin nun zeigt sich die Falschheit eines Zweckes äußerlich? In seiner Dauer. Eine gottähnliche Absicht des Wirkens ist gewissermassen unbegränzt, wie das Göttliche selbst, endet also in ihrer reinen Erhaltung erst mit unserm Leben. Eine weitgemäße Absicht begränzt sich durch die Begriffe der Welt, ändert sich mit der Veränderung oder dem Widersprüche dieser Begriffe. Wie verräth sich der Unterschied beider Absichten in unserer Handlungsweise? Wer nach göttlichem Gesetze handelt, sucht Gott nachzuahmen in der Einheit seines Geistes. Wer die Welt zur Richtschnur nimmt, ahmt sie nach in der Vielheit ihrer Charakterlosigkeit. Die Bedrückung der Kirche iu den katholischen Staaten im 18 . und 19 . Jahrhundert und ihre Folgen. „Niemals konnte sich ein Souverain, welcher seine Hand gegen einen Papst erhoben, einer langen und glücklichen Regierung erfreuen." Inwieweit die Geschichte diesen Ausspruch des berühmten sardinischen Staatsmannes bewahrheitet, ist in einem dem Mainzer Sonntagsblatt entlehnten, Aufsätze des Kirchenblattes (Nr. 17.) in kurzen Zügen nachgewiesen worden. Die Geschichte zeigt aber auch, wie alle die katholischen Staaten, deren Regierungen, von falschen Voraussetzungen ihrer Oberhoheit ausgehend, und in völliger Verkennung ihrer Stellung zum heil. Stuhle und zur Kirche, die letztere zu unterdrücken und als Mittel zur Erreichung ihrer absolutistischen Zwecke herabzuwürdigen bestrebt waren, von dem göttlichen Strafgerichte getroffen wurden. Nachdem der Bourbonische Ludwig XlV., dessen Absolutismus die sogenannten gallicanischen Freiheiten ihr Dasein verdanken, in Frankreich den Reigen eröffnet hatte, waren ihm die Vettern aus seinem Hause, die Regenten von Spanien, 317 Neapel und Parma eifrigst in ihren lirchenfeindlichen Bestrebungen gefolgt; das Haus Braganza in Portugal überbot diese an Trotz und Gewaltthätigkeit gegen die Kirche und ihre Organe, und Joseph ll. brachte in Oesterreich sein, einen Abklatsch jener gallicanischen Kirchenverfassung bildendes System der Aufklärung in Ausführung, unter dessen unheilvollen, verderblichen Folgen Volk und Regierung heute noch empfindlich zu leiden haben. Das ganze 18. Jahrhundert war ein ununterbrochener Kampf der weltlichen Mächte gegen die Gewalt der Kirche, ein fortwährendes Hindrängen zum Cäsareopapismus. Den Nachfolgern auf dem Stuhle des heiligen Petrus ward statt mit der gewohnten Verehrung und Hingebung, mit Trotz und Uebermuth. mit Hohn und Spott begegnet, und wahrlich, wenn man die Geschichtsbücher jener Periode durchblättert, so wird man wie von Wehmuth, von innigstem Mitgefühl für diese erhabenen Märtyrer ergriffen, denen eine glaubenslose, freche Zeit den Leidensbecher bis aus den letzten Tropfen zu verkosten gab. Unter allen jenen Ländern ist auch nicht eines, das der Zorn Gottes nicht getroffen und unter seine Strafruthe nicht gebeugt hätte. Wie die Verfolgung der Kirche von Frankreich ausging und ihren Umzug hielt durch die Staaten Europa's, so war jenes Land auch die Geburtsstätte und Wiege der Revolution, die von dort aus sich wie ein Strom ergoß über alle Länder und seit jener Zeit ununterbrochen fortgedauert hat bis aus den heutigen Tag, hier unter der Asche glimmend, dort in Flammensäulen auflodernd, nur daß sie heute nicht blos von den Völkern ausgeht, sondern auch von Regierungen und Herrschern gehegt und gepflegt wird. Es ist aber die Revolution ein vielköpfiges Ungeheuer, das auch seinen eigenen Erzeuger verzehrt. „Beuge das Haupt," sprach bei der Taufe der hl. Remigius zum Herrscher des Frankenreiches, Chlodwig, „beuge das Haupt, stolzer Sigamber, verbrenne was du angebetet hast, und bete an, was du verbrannt hast." Und Chlodwig beugte sein Haupt auf das Geheiß des Bischofs und erhielt mit Wasser die hl. Taufe. — Vierzehn Jahrhunderte später beugte abermals ein Herrscher des Frankenreichs sein Haupt, nicht auf das sanfte Gebot eines Bischofs, sondern aus das Wuthgeschrei eines entfesselten, blutberauschten Pöbels, und er beugte sein Haupt — um mit Blut die Taufe zu erhalten durch das Schwert des Nach- richters. Dieser Herrscher war ein Enkel jenes stolzen Ludwig des Vierzehnten, der sich den Großen nennen ließ, der seine Person mit dem Staate identificirte (t vl.n c'esr moi), und seinen Willen frech zum höchsten Gebot auch über das der Kirche setzte. Und jener so allgewaltig herrschende, souveraine Pöbel, der Frankreich in einem Meere von Blut zu ersäufen drohte, er war das würdige Erzeugniß einer Zeit, die durch die unheilvollen Lehren jener so bewunderten und vergötterten Verkünder der Menschenrechte, jener Apostel der Freiheit, der Aufklärungs-Philosophen des 18. Jahrhunderts hervorgerufen war, die den Fürsten begreiflich zu machen wußten, daß ihre Macht durch die Unterdrückung der Kirche stärker und fester würde werden, und welchen diese hinwieder ihre Dankbarkeit nicht besser zu bezeugen wußten, als daß sie eine christliche Kirche zu ihren Ehren in einen heidnischen Tempel umwandelten. Mit eisernem Fuße zertrat Napoleon der Hydra der Revolution den Kopf und stellte als Grundsäulen der neuen Ordnung der Dinge das katholische Kirchenthum wieder her. Aber auch ihm sollte die Kirche nur als Hebel für die Ausführung seiner Pläne, als Mittel zum Zweck dienen. Sie ward durch organische Gesetze in spanische Stiefeln eingeschnürt, und als sie gleichwohl sich nicht zum bereitwilligen Werkzeuge seiner Weltherrschafts-Jdeen hergeben wollte, da, um sie mit Gewalt zu beugen, streckte er seine gewaltige Hand aus gegen die geheiligte Person des Statthalters Christi. Aber die Hand Gottes war noch stärker. Sie erfaßte ihn in den eisigen Gefilden Rußlands, und seine Weltherr- KÄ rs MG 318 schaft war vernichtet. Fünfzehn Monate später, als er dem gefangenen Papste das falsche Concordat von Fontainebleau abgezwungen hatte, mußte er in demselben Fontainebleau seine Abdanlungsurkunde unterzeichnen. Die Bourbonen nahmen ihren alten Thron ein. -Aber dieses Geschlecht hatte Nichts vergessen und Nichts gelernt. Der Gallicanismus ward wieder proclamirt und in den Kammerverhandlungen (1827) durch die Weiherede des Bischofs von Hermopolis sanctionirt. Schon nach drei Jahren macht eine neue Revolution der Bourbonenherrschaft ein Ende. Ihr Nachfolger ist der liberale Bürgerkönig, Ludwig Philipp, der Sohn jenes berüchtigten Herzogs von Orleans, Philipp Egalite, der für den Tod seines Königs, seines so nahen Verwandten gestimmt hatte. Klug und verschlagen, sucht er die Stützen seiner Herrschaft nicht in der Kirche, nicht in der Aristokratie, sondern in dem Ton angebenden Philisterthum des Bürgerthums, dem er aus jede Weise schmeichelte, um es an sein Interesse zu fesseln. Die Universität zu Paris wird die Kanzel, von der herab Haß und Verachtung gegen die Kirche ungescheut gepredigt, wo der Jugend frühzeitig jene Grundsätze der Glaubenslosigkeit eingeprägt werden dürfen, der er selbst, der alte Voltairianer, huldigte, und die ihn, den allwärts Freundlichen, veranlaßt, der Kirche feindlich gegenüber zu treten. Achtzehn Jahre hatte er regiert, unverletzt von den Kugeln, die von Mörderhand neunmal gegen ihn entsendet wurden; seine Dynastie ist nach menschlicher Berechnung lange gesichert, da ereilt auch ihn das Geschick. Wenige Stunden reichen hin, um seinen durch alle Mittel menschlicher Klugheit befestigten Thron zu stürzen. Wie sein Vorgänger, stirbt auch er als Flüchtling auf fremder Erde. Abermals herrscht die Revolution und abermals wird sie von einem Napoleon niedergetreten. Wie die Bestrebungen dieses Mannes, der, aus was immer für Motiven, zu der wüthendsten Verfolgung gegen Las Oberhaupt der Kirche das Hallali geblasen, wie diese enden werden, das steht in dem Buche der Vorsehung geschrieben, die allen menschlichen Bestrebungen und Entwürfen ein Ziel setzt. Die Geschichte aber gibt deutliche Winke, die keiner Erläuterung bedürfen. Wenige Zeit nach dem Falle der Julidynastie schrieb einer der geistvollsten deutschen Publicisten, einer der größten Geister Deutschlands überhaupt, dessen vollen Werth erst eine dankbare Nachwelt zu würdigen wissen wird, schrieb Carl Ernst Jarcke:-„Es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen der Umstände, daß, Wider alle menschliche Berechnung und Vorsicht, jede Macht in Frankreich, welche die Kirche knechten wollte, jedesmal bald nachher ihren Untergang fand. Hätten wir irgend einem künftigen Beherrscher dieses Landes, wie er auch heiße, einen Rath zu geben, so dürfte es vielleicht an der Zeit sein, ihm den Vorschlag zu machen: er möge es einmal auf dem entgegengesetzten Wege versuchen. Er möge das Experiment machen, die Kirche nicht zu verfolgen, aber auch nicht durch seinen Schutz zu erdrücken, sondern sie frei zu geben und für sich selbst sorgen zu lassen. Es wäre, scheint es, doch des Versuches werth. Schlimmeres als der alten Monarchie, dem Kaiserreiche, der Restauration und dem Julikönig- thume könnte ihm doch nicht begegnen, wenn er die gallicanischen Grundsätze aufgäbe. Und wer weiß, ob nicht die von den Staatsfesseln befreite Kirche wieder fähig würde, jenen Frieden in den Gemüthern wiederherzustellen, ohne welchen Freiheit und Ordnung der Gesellschaft Worte der Täuschung und Lüge sind." Ludwig Napoleon hat diesen Weg nicht eingeschlagen, sondern mit der Erbschaft seines Oheims auch dessen Kampf gegen die Kirche übernommen. Damit ist auch sein Schicksal besiegelt. Das Land aber muß, aus tausend Wunden blutend, für die Verblendung seiner Herrscher büßen.*) (Schluß folgt.) *) tzuiä^uiä äelirrml reßes, pleciuvtur Xrckivi. Virxil. Reflexionen über da«s Wallfahrten nach Eiufiebeln. Verschiedene öffentliche Blätter in der Schweiz und im Ausland haben im verflossenen Jahre gemeldet, die 3 Gesandten der Mächte Frankreich's, Oesterreichs und Sardinien's hätten, nachdem sie das in Villafranca zwischen den beiden Kaisern Frankreich's und Oesterreich'? begründete Friedenswerk in seinen ^ Hauptzügen zu Zürch gezeichnet hatten, eine Wallfahrt nach Ein siedeln . gemacht, und seien in dem dasigen Kloster von dem sehr humanen und gefälligen Herrn Prälaten gastfreundlichst bewirthet worden. Was! Abgeordnete der größten Mächte Europa's wallfahrten noch in ' der Mitte des aufgeklärten XIX Jahrhunderts ! Wallfahrten nach Ein siedeln, der Zufluchtsstätte des einfältigen Volkes! wallfahrten zu einem dort der Verehrung ausgesetzten sog. wunderthätrgen Bilde! wallfahrten dahin wohl auch wegen der weit in die Welt Hinausschallenden Sagen von einer wund urbaren, ja göttlichen Einweihung einer für dieses Bild dort er- ! richteten Capelle, welche schon vor uralter Zeit geschehen sein soll. Wohl möchte manches nach Einsiedeln locken: die romantische Lage des Ortes, die Pracht des dortigen Klosters, die prachtvolle Kirche, die ergreifende ! Würde des Gottesdienstes, die herrliche Musik, der imposante Choralgesang, die > Gesänge und Gebete der tausend Pilger, welche von verschiedenen Ländern, mit verschiedenen Sprachen, in den mannigfaltigsten Trachten an diesen Ort her ^ wallfahrten, und bis in die späte Nacht hinein in dem düster erleuchteten Gottes- j Hause um die marmorne Capelle der Gottesmutter herum sitzen oder knieen, ! dieses muß wohl anziehen und ansprechen. 1 Alle diese ansprechenden und anziehenden Dinge sind aber nur Ausflüsse des Glaubens an jenes unendlich wichtige Ereigniß der wunderbaren Einweihung der Capelle, welches Allem zum Grunde liegt, und ohne welches alle diese i Dinge entweder gar nicht wären, was sie jetzt sind, jenes Ereigniß, welches die > ursprüngliche Chronik des Klosters erzählt, das Ereigniß nämlich der Einweihung der Cappelle durch Christus selbst und seiner hl. Engel, weßwegen sie Engelweihe genannt wird, und welche im Jahre 948 in der Nacht des 14. September geschehen sein soll. So erzählt dieselbe Chronik: „Im September „des Jahres 948 lud Abt Eberhart den Bischof Konrad von Konstanz zur feierlichen Einweihung der erneuerten Mnttergotescapelle nach Einsiedeln ein. „Um Mitternacht des zur Einweihungsfeier bestimmten Tages begab sich Konrad „mit noch einigen Mönchen in die Kirche zu Gebet und Betrachtung. Da ver- ! „nimmt der Bischof, wie er in die Kirche eintritt, einen wunderschönen Gesang. „Er schaut umher, und gewahrt immer deutlicher, daß Engel dieselben Cerrmonien „verrichteten, welche bei Einweihung einer Kirche gebräuchlich sind. Jener sieht „ausdrücklich,.daß Christus selbst in der Gnadencapelle das heiligste Opfer dar- . »bringt, umgeben von mehreren hl. Vätern. Während dieser Handlung stand die s „seligste Jungfrau Maria in glänzender Lichtgestalt vor dem Altare. Mittler- „weile rüM der Morgen an; es war Donnerstag, den 14. Herbstmonat, Alles „zur Weihung erforderliche war bereit und man drang in Konrad, die Weihung „endlich vorzunehmen. Allein, als er sich dazu herbeilassen und die Einweihung „beginnen wollte, ertönte von der Höhe herab die Stimme: „Höre auf Bruder, ' „die Capelle ist schon göttlich eingeweiht!" — Die Anwesenden, „welche diese Worte mitanhörten, und zwar zum drittenmal«!, wurden von heiligem Schauer ergriffen, und Konrav stand ab von der Einweihung der Capelle „und weihte dagegen nur die neugebaute Kirche" u. s. w. So erzählt die älteste Chronik des Klosters Einsiedeln und diese Erzäh- 320 lung wurde schon von Abt Konrad an den damaligen Papst Leo XIII. nach Rom gesendet, von diesem in einer eigenen Bulle als glaubwürdig dargestellt, und dann zu verschiedenen Zeiten von zwölf Päpsten bestätiget; der letzte war noch Pius VI. im Jahre 1795. Da drängt sich nun wohl die wichtige Frage auf: „Was ist von dieser Erzählung der wunderbaren Einweihungder Capele zu halten? — Ist eine solche möglich? Wäre es wohl möglich, daß Christus selbst vom Himmel Herabkomme auf die Erde und an den Ort, auf welchem die Kirche und die Capelle Einfiedeln stehen, und daß Er dann selbst die kirchliche Einweihung derselben unter dem Beistande von Engeln und hl. Vätern verrichtete? War dieses wohl möglich? Die Möglichkeit läßt sich wohl kaum bezweifeln. Denn was könnte dem Allmächtigen unmöglich sein? Wäre ja diese Herabkunft vom Himmel auf die Welt offenbar ein kleineres Wunder, als die erste durch die Menschwerdung es war, und als die letzte sein wird, wann Er kommen wird in großer Kraft und Herrlichkeit, die Lebendigen und Todten zu richten? Und ist er ja nach der Auferstehung in seiner verklärten Gestalt mannigfaltig hie und da erschienen, aß und trank sogar mit seinen Jüngern Fische und Honig u. s. s. — Also an der Möglichkeit läßt sich nicht zweifeln. Allein wie steht es mit der Wirklichkeit? können und dürfen wir diese vernünftig und historisch als sicher annehmen? Es sind in dieser Sache nur drei Dinge möglich, von denen Eines wir annehmen müssen. Entweder ist die ganze Sache nur ein Phantasie-Gesicht, d. h. ein Traum. Es hat vielleicht dem frommen Bischof Konrad nur so geträumt; es war eine schöne Biston des hl. Mannes, sagt die Well. Allein die Chronik sagt: Konrad sei um Mitternacht am 14. Sept. mit einigen Mönchen in die Kirche gegangen zum Gebete. Sollte es nun wohl wahrscheinlich gewesen sein, daß er und alle, die mit ihm waren, im Gebete eingeschlafen wären und geträumt hätten? Diese heiligen Männer, welche gewiß manche ganze Nacht im Gebete und Betrachtung zugebracht hatten, wären so leicht eingeschlafen! Und sollte jdieser weise Bischof auf einen bloßen Traum so viel abgestellt haben? Oder hätte sich ein bloßer Traum so viele Jahrhunderte lang in der Täuschung erhalten können? —Nein, bloßer Traum oder Phantasie- Gesicht kann jene göttliche Erscheinung nicht gewesen sein; denn ein bloßer Traum wäre schon lange verschwunden. Aber vielleicht war es eine geistige Vision, welche der hl. Mann in einer geistigen Entzückung gesehen hat? Aber sind denn gerade alle, welche beisammen in der Capelle waren, so auf einmal verzückt geworden? Die Chronik sagt aber: „Alle Anwesenden „haben die Engel gesehen, wie sie die Cermonien der Einweihung vernichteten. und haben die StimmevonOben herab gehört: Höre aus Bruder! die Capelle ist schon göttlich eingewiht!" — Also auch eine Vision kann es kaum gewesen sein, weil ja das Ereigniß gesehen und gehört wurde, und zwar nicht von Einem sondern von Mehreren. (Schluß folgt.) Redaction nno Verlag: I)r. M. Huttler. — Druck von 3. M. Kleinle. AiigMgcr §mMg§M. Ml. 41. 7. Oktober 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur AugSburger Post» Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Aus den Missionsbriefen -er Gesellschaft Jesu. Schreiben des ?. D. Smet aus der Gesellschaft Jesu an den hochwürdigsten k. General derselben Gesellschaft. (Schluß.) Am 22. Juli verließ ich die Mission von St. Jgnaz, begleitet von ?. Congiato und einigen Führern und Jägern der Wilden. Das Fort Benton liegt in einer Entfernung von beiläufig 200 Meilen. Das Land, welches man vier Tage lang durchzieht, ist schön und malerisch, und bietet keine Schwierigkeit dar. Es ist eine Reihe von freien Wäldern, schönen Wiesen, Strömen und Bächen, und hie und da erblickt man Seen, die 3—4 Meilen im Umfange haben, deren Wasser klar ist wie Krystall, und das Auge des Reisenden entzückt. Dem größten See haben wir den Namen Maria gegeben. Am 26. Juli überschritten wir den Berg, welcher die Quellen der Flüsse Colombie und Missouri von einander scheidet; er liegt im 48. Grade nördlicher Breite und im 3. der Länge. Der Uebergang über diesen Berg ist sehr leicht, selbst für Wagen, und dauert kaum 20 Minuten. Wir zogen dann im Thale des Sonnenflusses fort, säst bis zu seiner Mündung. Im Vorbeigehen besuchten wir die größten Wasserstürze des Missouri. Der vorzüglichste hat 93 Fuß; die andern machen zusammengenommen 400 Fuß aus aus einem Wege von 19 Meilen. Die U?. Höcken und Mogri kamen uns entgegen. Am 29. kamen wir in dem Fort Benton an, eine Station der Pelzwaaren-Gesellschaft von St. Louis, wo alle Beamte uns sehr freundlich aufnahmen. Die Schwarzfüße bewohnen einen ungeheuren Landstrich. Sie zählen 10—12,000 Seelen in den sechs Völkerschaften, die ihre Nation bilden. Seit mehreren Jahren haben sie Schwarzröcke begehrt; dies ist ihr allgemeiner Wunsch. Als ich sie im Jahre 1846 besuchte, baten sie mich, ihnen einen Priester zu verschaffen, der sie unterrichte. In Folge dessen brachte damals der 1'. Point einen Winter in ihrer Mitte zu. Das Resultat seiner Mission erhellt aus meinem 23. Briefe (kl-öcis Iiisloriquö). Ihr großes Verlangen scheint endlich erfüllt zu sein; U. Hocken wohnt in diesem Augenblicke bei ihnen, und ich habe,mit größtem Vergnügen in den Annalen zur Verbreitung des Glaubens gelesen, daß das Werk der Bekehrung der Schwarz- süße mit völliger Gutheißung Eurer Paternität begonnen hak. Bei unserer Ankunft in diesen Gegenden lagerte eine große Zahl Indianer in der Umgebung und in der Nähe des Fort. Es war die Zeit, wo ihnen jährlich von den Agenten der Regierung Geschenke ausgetheilt werden. Sie bezeigten ihre Freude und Zufriedenheit über die Anwesenheit des Missionärs in ihrem Lande und hofften, daß Alle ihr Ohr und Herz eröffnen werden, das heißt nach ihrer Sprachweise, daß Alle seinen Unterricht gelehrig und aufmerksam vernehmen werden. Der Häuptling eines großen Feldlagers, das wir besuchten, erzählte uns eine sehr merkwürdige Thatsache, die Erwähnung verdient. Die Kunde davon hatte sich in den Lagern der Schwarzfüße überall verbreitet, und machte bei ihnen den Eindruck einer großen Hochschätzung unserer heiligen Religion. Als k. Point sich unter den Schwarzfüßen befand vertheilte er an einige Häuptlinge mehrere Kreuze als besonderes Unterscheidungszeichen. Er hatte ihnen die Bedeutung des Kreuzes und der Abbildung Christi erklärt, und sie ermuntert, besonders zur Zeit der Gefahr den Sohn Gottes, dessen Bild sie tragen, anzurufen und auf ihn ihr ganzes Vertrauen zu setzen. Der Häuptling der dies erzählte, stand an der Spitze von 30 Kriegern, welche gegen die Raben in's Feld gezogen waren. Als diese die Absichten ihrer Feinde erkannt hatten, versammelten sie sich eilends in großer Anzahl, um sie zu vernichten. Sie entdeckten sie bald in einem Walde, durch trockene Baumstämme verschanzt, und umgaben sie mit Kriegsgeschrei. Die Schwarzfüße waren bei dem Anblicke der überlegenen Zahl ihrer Gegner, die sie unvermuthet überfielen, der festen Ueberzeugung, daß sie alle zu Grunde gehen müssen. Einer von ihnen trug das Zeichen des Heiles, das Kreuz auf der Brust. Er dachte alsdann an die Worte des Schwarzrockes, und theilte sie seinen Gefährten mit, und alle riefen aus: „Das Kreuz allein ist für uns noch Hoffnung des Heils." Sie rufen sodann die Hilfe des Gekreuzigten an und verlassen die Barrikade. Der Träger des Kreuzes zieht an der Spitze, die Andern folgen ihm. Die Raben schleudern eine große Menge Kugeln und Pfeile gegen sie; aber Niemand ist ernstlich getroffen, und Alle entkommen glücklich. — Als der Häuptling diese Erzählung endigte, fügte er mit einem Tone des Vertrauens zu: Ja führwahr, das Gebet (die Religion) des Sohnes Gottes ist Allen gut und mächtig; wir verlangen Alle sie anzunehmen und ihrer würdig zu sein. Als ich den General Hearney verließ, hatte ich die Absicht, mit seiner Beistimmung, die ganze Reise bis St. Louis zu Pferd zu machen, in der Hoffnung, einer großen Anzahl indianischer Völkerschaften zu begegnen, namentlich der zahlreichen und kriegerischen Völkerschaft der Comanchen, um mit ihnen in Bezug auf meine Mission zu verhandeln. Ich mußte jedoch auf diesen Plan Verzicht leisten, denn die sechs arme Pferde waren ganz erschöpft und nicht mehr im Stande, den langen Weg zurückzulegen, der noch übrig blieb; sie waren fast alle auf dem Rücken verwundet, die übermäßige Hitze vermehrte noch das Uebel; da sie nicht beschlagen waren, so waren ihre Hufe durch die vielen Steine und Felsenwege sehr beschädigt. In der Verlegenheit, in der ich mich befand, ließ ich im Forte Benton ein kleines Boot zurichten, und der würdige Herr Danton, Oberintendant der Pelzwaarengesellschaft, hatte die ausgezeichnete Güte, mir drei Ruderknechte und einen Piloten zu bewilligen. Am 3. August nahm ich von U Congiato und Höcken und vom lieben Bruder Mogri Abschied, und schiffte mich auf dem Missouri ein, welcher Fluß wegen seiner Felsen und Wassergefahren berühmt ist. Auf unserm gebrechlichen Fahrzeuge fuhren wir beiläufig 2ä00 Meilen stromabwärts. Wir machten gewöhnlich 50 bis 60 Meilen des Tages, manchmal sogar bei günstigem Winde 80 Meilen. ^Sobald wir das erste Dampfschiff begegneten, schifften wir uns mit unseren kleinen Effecten aus demselben ein. Von da aus machten wir 700 Meilen in sechs Tagen, und am 23. Sept., am Vorabend des Mariensestes von der Erlösung der Gefangenen, liefen wir in den Hasen von St. Louis ein. Auf dieser langen Wasserfahrt brachten wir die Nächte unter freiem Himmel zu, oder in einem kleinen Zelte. Oft blieben wir auf Sandbänken, um uns vor den Mosquiten zu schützen, oder am Sande einer Ebene oder in einem 323 Urwald. Oft hörten wir in unserer Nähe das Geheul der Wölfe oder das dumpfe Schreien des grauen Bären, des Königs der Thiere in den hiesigen Gegenden, ohne sehr zu erschrecken. Man lernt vorzugsweise in der Wüste erkennen, daß der Herr allen Thieren Furcht vor dem Menschen eingeflößt hat. Eben so lernt man in der Wüste und fern von allen menschlichen Wohnstätten die väterliche Vorsehung Gottes bewundern, die so überflüssig für die Bedürfnisse der Menschenkinder gesorgt hat. Die Worte des hl. Matthäus 5, 26. drücken dies so wunderbar aus: „Betrachtet die Vogel des Himmels, sie säen nicht u. s. w., aber euer himmlischer Vater erhält sie. Seid ihr nicht biel mehr werth, als diese?" Während der ganzen Reise hat Gott immerfort für uns gesorgt. Ja wir lebten sogar im Ueberflusse. Die Flüsse lieferten uns ausgezeichnete Fische verschiedener Gattung, Wasserhühner, Enten und Schwanen. Die Wälder und die Ebenen versahen uns mit Wurzeln und Früchten. Wildpret hat uns keinen einzigen Tag gefehlt. Ueberall trafen wir bald Heerden von Büffeln, bald Rehe, Fasanen^ Tauben, wilde Hühner und Rebhühner. Den Weg auf dem Missouri entlang begegnete ich Tausenden von Indianern aus verschiedenen Völkerschaften der Assiniboins, der Raben, der Minotaries, Mandans, Ricories, Sioux u. s. w. Ueberall verweilte ich einen oder zwei Tage unter ihnen; sie gaben mir von ihrer Seite die größten Beweise von Hochachtung und Zuneigung, und schenkten meinen Ermahnungen die lebendigste Aufmerksamkeit. Seit vielen Jahren verlangen alle diese Völkerschaften Missionäre und Unterweisung. Mein großer Trost, und ich möchte fast sagen mein einziger, ist, daß ich auf dieser langen Reise in der Hand der göttlichen Vorsehung ein Werkzeug des ewigen Heils für beiläufig 900 arme, verlassene Kinder war, denen ich die Taufe ertheilte. Es schien, als ob Viele derselben gleichsam auf dieses Glück warteten, um dann sogleich in den Himmel zu fliegen, und Gott durch die ganze Ewigkeit zu loben. Gott und der seligsten Jungfrau Maria sei die Ehre und unser demüthig- ster, innigster Dank für den Schutz und die erhaltenen Gnaden auf dieser langen und letzten Reise. Nachdem ich zu Lande und auf den Flüssen 8314 englische Meilen und auf dem Meere 6950 englische Meilen ohne irgend ein bedeutendes unglückliches Ereigniß zurückgelegt hatte, kam ich frisch und gesund zu St. Louis in der Mitte meiner lieben Brüdcr in Jesu Christo an. Ich bin mit tiefster Hochachtung und aufrichtigster Ergebenheit Hochwürdigster Vater Ihr demüthiger und gehorsamsterDiener in Jesu Christo p. I. de Smet 8. g. Universität von St. Louis am 1. Nov. 1859. Die Bedrückung der Kirche in den katholischen Staaten Lm 18. nnd 19. Jahrhundert und ihre Folgen. (Schluß.) So ist das stolze Spanien, das unter der Herrschaft freimaurerischer Ideen sich dem allgemeinen Sturme gegen die Kirche angeschlossen hatte, aus dessen Drängen vorzüglich Papst Clemens XI V. den Jesuitenorden aufzuheben genöthigt ward, von seiner einstigen Höhe zu einer Macht dritten Ranges herabgcsunken. Kaum vom Napoleonischen Joche befreit, ward es der Schauplatz ununterbrochener Revolutionen und Bürgerkriege, während welcher Kirche und Klerus unterdrückt, 324 die Klöster aufgehoben, ihre Besitzungen eingezogen, Mönche und Nonnen dem Mangel und Elend preisgegeben und aus die Wohlthätigkeit der srommgesinnten Gläubigen verwiesen wurden^ Die Priester, die sich dagegen auszusprechen wagten, wurden bestraft und die pflichttreuen Bischöfe, die das Werk der Gewalt anzuerkennen sich weigerten, in die Verbannung geschickt, so daß der greise Papst Gregor XVI. sich veranlaßt fühlte (1842), eine Aufforderung zu öffentlichen Gebeten für die bedrängte Kirche in Spanien zu erlassen. Trotz alledem oder vielleicht gerade deshalb blieb das Land in seiner Ent« Wickelung zurück Wie überall zeigte sich auch hier, daß durch die Beraubung der Kirche und ihrer Institute, für welchen Akt der Gewalthätigkeit die Neuzeit die euphemistische Bezeichnung: Säkularisation erfunden hat, der allgemeine Wohlstand nicht vergrößert worden ist, während die Massenarmuth entschieden zugenommen hat. Erst in der allerjüngsten Zeit, nachdem die weltliche Macht ihren Frieden mit der Kirche geschlossen, macht sich ein Aufschwung zum Besseren nach allen Richtungen bemerklich, vorzüglich wohl auch darum, weil der gesammte Kern des Volkes sich von fremden Einflüssen abgeschlossen und mit Innigkeit und Herzlichkeit seinem alten katholischen Glauben treu verblieben. Das angrenzende Portugal dagegen, das katholische Land, in welchem noch jüngst barmherzige Schwestern, jene herrlichen Töchter der christlichen Charitas, denen die ungläubigen Herrscher der Türkei und Perstens ihre Achtung und Anerkennung zu erkennen gaben, denen selbst die wüthenden und blutdürstigen indischen Rebellen, ihrer uneigennützigen Thätigkeit eingedenk, Schonung ange- deihen ließen, wo diese öffentlich beschimpft wurden, Portugal, das Vaterland der Albuquerque und Vasco de Gama, ist fast aus der Reihe der selbststäudigen Staaten gestrichen und eine englische Colonie geworden, in welcher Ungläubige und Freimaurer ihre verderbliche Herrschaft führen. Das Volk aber ist verarmt, die Beraubung der Kirche hat es nicht reich gemacht, es ist in Künsten und Wissenschaften zurückgeblieben und kaum ein namhafter Dichter ist in der Neuzeit in dem Vaterlande der Gil Vincente und Camoöns erstanden. Auch Neapel, deren Herrscher dem Beispiel seiner Bourbonischen Vettern folgend, sich an dem heiligen Stuhle versündigt, auch Neapel hat dies bis aus den heutigen Tag zu büßen. Seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts von Revolutionen heimgesucht, deren Grund allerdings nicht sowohl in der Unzufriedenheit des Volkes, als in fremden Wühlereien und Umtrieben zu suchen ist, konnte es natürlich nicht zu einer gedeihlichen Entwickelung gelangen, obschon nicht zu läugnen, daß der jüngstverstorbcne, über Gebühr verlästerte und geschmähte König Ferdinand, außerordentlich viel für den materiellen Wohlstand des Landes gethan. Eben jetzt ist der Aufstand, Dank englischer und sardinischer Hetzerei, wieder in lodernden Flammen ausgebrochen, und der junge Herrscher wird aller Kraft und Energie bedürfen, um ihn zu unterdrücken, um sich und sein Geschlecht auf dem wankenden Throne zu halten. Die Regenten Toskana's und Parma's, deren Vorgänger in den Reigen der Kirchenstürmer eingestimmt, sind ihres Thrones beraubt und essen das Brod der Verbannung, ihre Länder aber sind die Beute raubsichtiger Abentheurer und Revolutionäre geworden. Oesterreich endlich, wo man die Kirche durch den starrsten Bureautratis- mus ersetzen zu können vermeinte, auch Oesterreich ist von seinem Schicksal ereilt worden. Die Ereignisse des glorreichen Jahres 1848, und noch mehr der letzte italienische Krieg, der dem Reiche die Lombardei kostete, sowie die mit demselben in engster Verbindung stehenden jüngsten Enthüllungen, haben eine Cor- ruption in den Kreisen jener plumpen, glaubenslosen Bureaukratie erblicken lasten, die wie ein fressender Krebsschaden an dem Mark und Kern des wackeren Volkes nagte und sein bestes Herzblut aussaugte, und die die Wiederherstellung der Autorität der Kirche im Concordat im glänzendsten Licht erscheinen läßt. Es war dies ein Akt wie der Gerechtigkeit, so der Nothwendigkeit. Denn die Geschichte hatte gezeigt, daß die autoritätslose Kirche keine Stütze mehr war für den Thron und daß jener starre Bureaukratismus der Revolution Thür und Riegel öffnete. Daß die Beseitigung der kirchlichen Obergewalt eben die Fürsten zur Revolution geführt, ist keine „ultramontane Anschauung," wie man gegenerischer- seits behauptet, sondern eine Thatsache, die von der Umsturzpartei sehr gut gekannt und gewürdigt wird. Als Beleg führen wir eine treffende Stelle aus einem Werke Proudhons, an. Der bekannte Socialist spricht sich in seinen „Bekenntnissen eines Revolutionairs" folgendermaßen aus: „Seit undenklichen Zeiten war der Staat bestrebt, sich von der Kirche unabhängig zu machen. Das Zeitliche hatte sich vom Geistlichen losgerissen. Die Könige als die ersten Revolutionäre kamen dahin, den Papst mit ihrem Eisenhandschuh zu ohrfeigen. Indem das Königthum sich gegen den Papst erklärte, betrat es den Weg zu seinem Untergang. Indem die Kirche gedemüthigt war, fand sich das Princip der Autorität an der Wurzel angegriffen; die Gewalt war nur noch ein Schatten. Jeder Bürger konnte die Regierung fragen: Wer bist du, daß ich dir gehorchen soll? Der Socialismus verfehlte nicht, diese Consequenz zu ziehen, und wenn er, die Hand auf eine Charte gestützt, welche das Evangelium leugnete, sich der Monarchie in's Angesicht zur Anarchie, zur Leugnung jeder Autorität zu bekennen wagte: so hat er nur die Folgerung aus einem Raisonnement gezogen, welches sich seit tausend Jahren unter der revolutionären Action der Regierungen und der Könige entfaltet hatte." In diesem tausendjährigen Kampfe des Königthums gegen die kirchliche Obergewalt, hat das erstere nur schwere, unheilvolle Wunden davongetragen, während die Kirche aus all ihren Bedrängnissen in immer erneuerter und gesteigerter Macht- und Kraftfülle hervorgegangen ist. Und grade diejenigen Herrscher, welche am gewaltigsten gegen die Kirche anstürmten haben zur Befestigung der Macht und des Ansehens derselben, allerdings gegen ihren Willen am meisten beigetragen. So die Hohenstaufen, so Heinrich IV., so Napoleon I.; sie alle unterlagen der moralischen Kraft des Papstthums, das auch in Gregor XVI. den Kaiser Nikolaus, jenen starren, unbeugsamen Czaren, demüthigte, und in dem jetzt wahrhaft glorreich regierenden heiligen Vater Pius IX., auch den Sieg über den zweiten Napoleon und seine Trabanten davontragen wird. In der so glänzend zu Tage gekommenen Anhänglichkeit und Liebe der Gläubigen des ganzen Erdkreises liegt eine solche Fülle des freudigen Trostes und der Genugthuung für den so schwer geprüften Statthalter Christi, daß er ungebeugten Muthes allen den Prüfungen und Heimsuchungen entgegensehen kann, die der Herr in seiner Langmuth und Weisheit zum Heile der Kirche zulassen will. Reflexionen über das Wallfahrten nach Einfiedeln. (Schluß.) Vielleicht aber ist die ganze Sache nur eine Täuschung oder gar absichtliche Betrügerei des Klosters, um damit Millionen Pilger und Wallfahrter nach Einfiedeln zu ziehen, und diesen ihre Spar-Pfennige aus der Tasche herauslocken zu können. Vielleicht ist die ganze Sache nur eine spekulative Spiegelfechterei der Mönche in Einfiedeln. Allein eine Täuschung, könnte sie sich auch bereits 1000 Jahre lang erhalten?! Sollte es möglich sein, daß eine Täuschung während so langer Zeit, von so gelehrten Männern, wie das Kloster Einfiedeln zu allen Zeiten zählte, nie entdeckt worden wäre? Nein gewiß nicht! — Oder tonnte es gar absichtlicher Betrug oder eben specu- lativc Spiegelfechterei des Klosters Einsiedeln sein, um durch die Wallfahrt viele Pilger für das Kloster zu erwerben, wie es die arge Welt und boshafte Menschen auslegen, nach dem bekannten Grundsätze der Welt: Nunllu» vull cwe'ijii, llocllchMui' Allein bedenke man, welch eine schändliche Verruchtheit ein solcher Betrug wäre. — Betrügen, und zwar wissentlich und mit Absicht und aus ungerechter Gewinnsucht betrügen, und zwar Millionen Menschen und um Millionen Gulden — betrügen im Heiligthume der Religion und dcsGlaubens! wahrlich für die Verruchtheit eines solchen Betruges gäbe es keine Benennung. Und ein solcher Betrug geschebc durch gelehrte, geachtete, heilige Männer, welche von der katholischen Kirche auch als Heilige anerkannt worden, und geschehe durch neun Iahrhunderte hindurch!! Welch' eine höllische Verruchtheit wäre dies nicht! Wer dürfte eine solche einem Institute zutrauen, welches seit Jahrhunderten sich den Ruhm der Gelehrsamkeit, Frömmigkeit und Wvhlthätigkeitbewahrt hat, und manchem Sturm trotzte, und aus mancher Niederlage sich wieder erhob?! — Nein solche Scheusale von Volksbetrügcrn können keine in einem Institute wohnen, dessen Zweck und Bestreben nur Heiligung seiner selbst und der Nebenmenschen ist! --- Wenn es aber so ist, wenn jenes Ereigniß der wunderbaren ja göttlichen Einweihung der Capelle im Kloster zu Einsiedeln, weder ein Traum oder bloße Vision und noch viel weniger absichtlicher Betrug oder speeula- tive Spiegelfechterei von Seite des Klosters sein kann, was bleibt dann Anderes übrig, als anzunehmen und zu glauben, daß dasselbe in der That und Wahrheit das gewesen sei, für was es Jahrhunderte gehalten wurde, nämlich eben eine wunderbare, ja göttliche Einweihung jener Cape lle durch Christus und seine hl. Engel, um welcher willen die Sache eben Engel weihe genannt wird. — Da es aber so ist, — für was müssen wir wohl jene geheiligte Stätte halten, und was sollen wir dort thun? Müssen wär jene heilige Capelle nicht für eine Hütte Gottes bei den Menschen halten, von welcher der hl. Johannes in seiner geheimen Offenbarung schreibt: „Sieh da die Hütte Gottes bei den Menschen! Er „wird bei ihnen wohiren, und sie werden sein Volk sein, und Er der Gott mit „Ihnen, wird sein Gott sein. Er wird abwischen alle Thränen von ihren Augen, „und es wird nicht mehr sein Jammer und Klage und Schmerz." Osfenb. 21.10. Wenn es aber so ist, wie es wohl zuverlässig ist — dürsten wir uns wohl schämen, in jene Hütte Gottes zu pilgern und zu wallfahrten? Ja wer möchte nicht gerne, wohnen in der Hütte Gottes bei den Menschen? — Und was sollen wir in derselben vorzugsweise thun? Ach müssen wir nicht uns freuen der Güte und Menschenfreundlichkeit unsers Herrn und Gottes, welcher sich würdiget zu uns zu kommen und Wohnung unter uns aufzuschlagen? Und müssen wir nicht anbetend preisen die Erbarmung und Lieb'e unseres Gottes, daß Er uns in dieser Seiner Hütte eine Zufluchtsstätte in jeder Noth und eine Trostquelle in jeder Betrübniß des Leibes und der Seele angewiesen hat. Und sollen wir nicht die angebotene Erbarmung und Gnade von Oben dankbar annehmen und anwenden zu seiner Ehre und unserm Heile, und aus dem Uebermaße seiner Erbarmung durch die vermittelnde Fürbitte seiner Mutter, schöpfenVergebung, wenn wir gesündiget haben, Kraft, wenn wir schwach find, Muth, wenn wir gedrängt werden durch Leiden und Verfolgung, Trost, wenn Unglück uns drückt und Heil und Segen in zeitlichen und ewigen Dingen. Ja hört, der Herr ruft aus jener Capelle uns entgegen: „Kommet zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, „ich Will euch erquicken! Ja kommet und empfanget mit Zuversicht, was ihr bedürfet!" — Oder sollte vielleicht Jemand an der Möglichkeit solch wunderbarer Dinge zweifeln, so möge er bedenken, daß ein Wunder ja immer erwas Ungewöhnliches und Unerklärliches ist; daß man konsequent entweder alle Wunder leugnen oder doch wenigstens jene annehmen müsse, welche man factisch und historisch nicht leugnen kann — daß dem Allmächtigen nichts unmöglich sein kann — er solle denken an das Wandeln Gottes im Paradiese, an seinen vertrauten Umgang mit den ersten Menschen — an die Erscheinung Gottes dem Moses im Dornbüsche. In dem neuen Bunde an die verschiedenen Erscheinungen des auferstandenen und neu lebendigen Heilandes bei seinen Jüngern z. B. im Saale zu Jerusalem, aus dem Wege nach Emaus, am See Liberias, ja das Essen und Trinken des sonst vergeistigten und verklärten Christus u. s. w. Dann auch noch an sein Wohnen in dem Tabernakel unserer katholischen Kirchen in der sacramentalischen Brodesgestalt und endlich an sein von Ihm selbst vorgesagtes Wiederkommen am letzten Gerichtstage als Richter der Lebendigen und der Todten. O lasset uns nicht ungläubig, sondern gläubig sein! Scheuen wir uns nicht im zuversichtlichen Glauben an die Heiligkeit jener ehrwürdigen Capelle in der Kirche zu Einsiedeln, in diese zu wallfahrten im Dränge des Herzens und da aus dieser Heilesquelle zu schöpfen Gnade um Gnade und Heil für die Zeit und für die Ewigkeit! Aus dem Leben einer Fürstentochter. Zu den edelsten und ruhmwürdigsten Sprossen am Stamme des österreichischen Kaiserhauses zählt Anna Julian«, Erzherzogin von Oesterreich, 1566 zu Mantua geboren. Ihr Vater war Herzog Wilhelm III. von Mantua, und ihre Mutter Eleonora, des Kaisers Ferdinand 1. Tochter, beide hangend mit innigster Zärtlichkeit an dieser letzten zartesten Frucht ihres Ehestandes, die in ihrer ersten Jugend lange hoffnungslos krank darniederlag, eine vielbestrittene Himmelsblüthe, kaum gewöhnbar an die Schärfe der irdischen Luft, nur mühsam dem frühzeitigen Verwelken abgerungen. „Jesus und Maria!" war das süße Wort auf ihrer kaum gelösten Zunge, oft wiederholt mit heiligster Andacht der Leitstern ihres Lebens, das, abgewandt von den Freuden dieser Welt, in reinster Gottesliebe emporschlug in die Wonnen himmlischer Betrachtung. Kaum sechszehn Jahre alt geworden, völlig unbekannt mit den Reizen der prangenden Sünden dieser Welt, für alle reinen Seelen überaus liebenswürdig in ihrer harmlosen Unschuld, wanderte sie nach Innsbruck, und trat im Jahre 1582 an die Stelle der gefeierten Philippine Weiser als zweite Gemahlin des Erzherzogs Ferdinand, geziert mit den Erinnerungen an ihre fromme Mutter, daher dem Volke Tirols als Sprosse des österreichischen Kaiserhauses höchst wohlgefällig, in aller Ueber- macht der italienischen Glaubensinnigkeit, unerbittlich der Irrlehre vom Norden her. Mit allem Feuer ihrer herzlichen Frömmigkeit, mit aller Aufopferung einer himmlisch gesinnten Seele ehrte und liebte sie ihren Gemahl, der bereits bejahrt mit der sinkenden Flamme seines Lebens athmete und wirkte für die Rechtgläubigkeit der Tiroler, für sein eigenes ewiges Heil, und bewog ihn, überall die Ehre des Erlösers und seiner Mutter Maria zu befördern, und dadurch die Glut der katholischen Andacht im Volke anzufachen. Mit emsiger Sorgfalt linderte sie seine Negierungssorgen, wie ein Engel Gottes betete sie neben dem Nachtschlummer ihres Herrn und Vaters — denn so pflegte sie ihn zu nennen — daß der gute Geist von Oben ihn durchdringe zur Heiligung des Vaterlandes im wahren Glauben, in unverfälschter Tugend. Alle irdischen Begierden waren in ihrer reinen Seele ausgestorben, nur der eine, kindlichstille, himmlischklare Sinn lebendig, dem göttlichen Heilande in strenger Abtödtung zu dienen, und den Hauch der Gnade durch alle Thäler ihrer neuen Heimath zu verbreiten. Ihre weibliche Dienerschaft wählte sie ausschließlich aus Edelfräulein des Tirolerlandes, sie anhaltend zu fleißiger Arbeit, übend in heiliger Zucht, das zukünftige Glück ihrer Ehe bewachend, die untugendhaften Bewerber zurückstoßend. Dadurch wurde im weiblichen Geschlechte des eingebornen Adels die alte lernhafte Frömmigkeit wieder eingepflanzt, und durch den göttlich erneuten Fraueneinfluß unberechenbare Vortheile für die Versittlichung verwildeter Gemüther begründet. Alle Armen fanden an ihr die zärtlichste Mutter, und an jede fürstliche Gabe war die Ermahnung geknüpft: „O Kinder! Lieber hundert Mal sterben, als eine Todsünde begehen!" Der Ruf: „Lieber hundert Mal sterben, als eine Todsünde begehen!" scholl durch's ganze Land, geweiht durch den warmen Liebeshauch der Landesmutter, bestärkt durch die H^jligkeit und Reinheit ihres Beispiels, eine Gottesmacht für alle noch nicht erstorbenen Herzen, entwurzelnd die Sündenlust, himmlische Begeisterung für die Tugend weckend. Sie speiste selbst täglich zwölf arme Weiber, ihre Füße waschend, ihre Wunden küssend, sich selbst vernichtigend im Liebesdienste gegen diese kostbaren Glieder des Leibes Christi, in dieser selbstgewählten Vernichtung des menschlichen Stolzes eine Predigt zur Buße für den ganzen Hofstaat, die eindringlichste, siegreichste Lehre der Demuth gegen die Prunkliebe und Schwungsucht der Großen in der damaligen Zeit. In allen Leiden dieser Erde war sie empfindunglos gegen die Bitterkeiten weltlicher Anfechtung, emporgerichtet an's Kreuz ihres Erlösers, vertieft in die Schmerzen ihrer himmlischen Mutter Maria. Ihr Beichtvater war Joseph Maria Bracht, ein italienischer Capuziner, von Mantua gebürtig, daher der Fürstin von Jugend auf werth, ein Mann von schlicht .einfältigen Sitten, gebildeter in der Schule der Leiden Christi, als in weltlicher Wissenschaft, arm und abgelöst von aller Anhänglichkeit an diese Welt. Mit ihm sprach sie oft von göttlichen Dingen, versunken in die Wonnen und Schmerzen heiliger Liebe zu JesuS, unserem Herrn. — , (Schluß folgt.) Bon der wahren Weisheit. 6. „Die Wurzel der Weisheit ist die Furcht des Herrn" ruft Sirach, 1, 25. Die Blüthe der dem Sterblichen möglichsten Vollendung in der Weisheit indeß wirb die Liebe zum Herrn sein. Dafür spricht der Unterschied zwischen der übernatürlich unvollkommenen und natürlich vollkommenen Reue in ihrem Wesen, ihrer Folge. Beide sind übernatürlich, weil sie sich auf Gott beziehen. Die erste indeß ist unvollkommen ob ihres Ausflusses aus der Furcht des Herrn, der den unbekehrten Sünder einst mit ewiger Strafe belegen wird; die zweite aber vollkommen ob ihres Ursprunges in der Liebe, welche den reuigen Sünder mit unermeßlichen Wohlthaten überhäuft hat. Nur diese Reue, nicht auch die unvollkommene kann uns Sünden- verzeihung erwirken, wenn wir ausser der Möglichkeit einer giltigen Beichtable- gung und im ernsten Vorsätze aufrichtiger Besserung uns befinden. Wie nun, die Liebe zu Gott stünde in der Reue ob unserer Missethaten über, in der Ausübung verdienstlicher Werke aber unter der Furcht des Herrn? Nedacm» uno Verlag : Dr. M. Hatt! er. — Druck »o» I. M. Äleinlr. H>>. 4S. 14. October 1860. Das Augsburger SonntagSblatt (Sonntags-Veiblatt zur Augsburg er Post« Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die sichere Bucht. Da grause Stürme wüthend droh'n Dein Lebensschtfflein zu zerschellen, Das wild erfaßt der Gruiim der Wellen, Daß schier die Rettung Dir entfloh'»: Such' ungesäumt dem Schiffbruch zu entrinnen, Die sichre Bucht der Kirche zu gewinnen! Da rief der Hoffnung Anker aus, Daß in des Glaubens tiefem Grunde Er wurzelt, und zu günst'ger Stunde Dir winkt der Liebe gastlich Haus, In dem willkommen Du mit sel'gen Gaben Froh magst am reichen Mahle dich erlaben! __ I. B. Tafratshofer. Die Schaumünze. (Erzählung.) 6. Stolz vom Bertze herabschauend, beherrschte Schloß Waldegg, welches früher einer adeligen Familie angehört hatte, und nunmehr die Wohnung eines Amtmanns bildete, das im Thäte liegende Dörfchen. Jost — so hieß der Bewohner des Schlosses — war im Amtsrocke ein treuer Diener des Staates, im Wirthshausrvcke der Freund und Rathgeber Aller, im Schlafrocke der liebenswürdigste Familienvater. Seine Gattin, eine ehrwürdige Matrone, lebte und webte nur für Gatten und Kind. Fritz, der Sohn, trat nicht in die Fußstapfen seiner braven Eltern. Er hatte die Hochschule der benachbarten Stadt bezogen, sich zu einem tüchtigen Beamten im Rechtssache heranzubilden; allein die ausschweifenden Lustbarkeiten seiner Studienfreunde ließen ihn nicht selten den Ernst des Lebens vergessen. Marie, seine ältere Schwester, war still und einfach, wie die sie umgebende ländliche Natur, und seltsamer Widerspruch eines demüthigen Herzens! — was sie zu besitzen selbst nicht wähnte, das suchte sie mit sorgfältigem Eifer zu vervollkommnen: einen Wandel im frommen Glauben und in Einfalt der Sitte. Von ihrem Schwesterchen Emma galt der Ausspruch des göttlichen Kinderfreundcs: „Lasset die Kleinen zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich. Fürwahr! der Himmel der Unschuld strahlte in ihr Herz, aus ihrem Auge. Das fühlte der mit freundlichem Gruße Bedachte, wenn sie den Bergabhang hinab an ihm vorbei zum Schulbesuche eilte. Diesen Abhang schmückte ein Kirchlcin, Tags über dem frommen Beter offen. Nie ging die Kleine den Weg zur Schule, oder nach Hause ohne Einsprache in der Capelle. In der Schule ward zwar auch gebetet, und, wo Zwei oder Drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen — hatte nach des Pfarrers Lehre der Herr gesprochen. Dennoch ließ sich's allein traulicher mit dem Gottes- kiude schwatzen. — Die uns Begegnenden muß man freundlich grüßen — hatte die Mutter gesagt. Warum sollte man den lieben Herrgott nicht besuchen dürfen, wenn man an seinem heiligen Hanse vorüberkam? Ihrer frommen Gewohnheit gemäß hatte Emma einst an frühem Morgen die Kirche kaum betreten, als sie mit einem Schreckensrufe dieselbe hastig wiederum verließ. 330 „Warum stürzest du so athemlos zum Zimmer herein? — fragte Frau Jost ihr heimgekehrtes Kind. — „Du wirst kaum in der Schule gewesen sein." „Mutter! Mutter! Ein Todter!" „Närrchen!" — sprach der eben eingetretene Amtmann. „Nein, Vater! im Küchlein. Mir graust noch jetzt vor dem Anblicke." „So will ich selbst mit dem Knechte gehen und sogleich den Dorfarzt besorgen lassen. Du, Frauchen! halte Zimmer und Bett bereit für den Fall, daß ein Unglücklicher unserer Hilfe bedarf." * Kaum waren diese Anordnungen befolgt, als auch der Amtmann mit dem Dorfarzte wieder erschien. Ihm folgten zwei Männer mit einer Tragbahre, auf welcher ein junger Mann ohne Lebenszeichen ausgestreckt lag; allein bald siegte das Gefühl der Menschlichkeit über den Schrecken. Doch als die aufopfernde Sorgfalt der braven Familie sich mit glücklichem Erfolge gekrönt sah, und der Fremde zum Leben wieder erwacht, den Umstehenden warm die Hand drückte, erinnerte sich vorzüglich die fromme Mutter, daß nicht sie und die Ihrigen sich in den Dank zu theilen hatten, sondern daß dieser dem Herrn ausschließlich gebühre. Sie eilte daher in's Kirchlein und dankte brünstig, daß Gott einem Unglücklichen Hilfe und ihnen die Gelegenheit zu einem verdienstlichen Werke gewährt habe. Nach Hause gekommen, wollte sie Emma zeigen, daß eine edle That nebst der innern Belohnung der Selbstzufriedenheit auch schon in diesem Leben oft einen äußern Lohn mit sich bringe. — „Liebes Kind!" — sagte sie — „heute hast du mich so sehr erfreut, daß ich dir gerne eine Gegenfreude machen möchte." „Bitte, Mütterchen! schenke mir jene Schaumünze, die du mir versprochen hast, wenn Du einmal besonders mit mir zufrieden sein könntest. Heute war ich doch recht brav." „Nur nicht stolz, mein liebes Kind!" — versetzte die Mutter mit dem Finger drohend. — „Du vergissest über Dein geringes Verdienst, was dem Herrn gebührt." — Emma hüpfte vor Jubel, als sie die seltene Münze in Händen hielt, welche die Amtmännin als junges Mädchen von ihrer Pathin empfangen hatte. Mit großen Augen betrachtete sie'die räthselhafte Schrift der Kehrseite, die Figuren der Vorscite, welche eine heilige Handlung darstellte. Aber plötzlich legte sie das Goldstück weg. — „Mutter! Nicht eher mag ich die Münze, als bis du mich geküßt hast." — Sie sprang der Mutter auf den Schooß und küßte sie und ließ sich küssen. ^ , Herr Jost wollte sich nicht durch unbescheidenes Forschen nach den Schicksalen des. Erretteten für sein und der Seinen geleistete Dienste bezahlt machen. Allein sobald der Unbekannte sich so weit erholt hatte, daß er ohne zu große Anstrengung sprechen konnte, erzählte er unaufgefordert seine Lebensgeschichte, weil es ihm, wie er sagte, Bedürfniß, Pflicht der Dankbarkeit war, sein Herz in die Brust eines Mannes anszugießen, dessen edles Wohlwollen sich vorzüglich gegen ihn geäußert hatte. August Finner — so nannte sich der Fremde — ein geborner Deutscher, war in früher Jugend mit seinen Eltern nach Frankreich ausgewandert und führte dort im Schooße seiner Familie ein friedsames Leben, dem Kaufmannstande sich widmend. Die französische Revolution gegen Ludwig XlV. sollte auch diese Glücklichen nicht verschonen. Augusts Eltern starben auf dem Schafotte dewTod für Gott und Vaterland. Er selbst entkam uur durch die List eines Gefangen- wärters und irrte, mit wenigem Gelde versehen, Tage lang umher, bis er die Gränze erreichte. Freundlich winkte ihm die Kirche vom Berge. Dort wollte er von allem Irdischen verlassen, zu Gott seine Zuflucht nehmen. Kaum hatte er 331 ihre heilige Schwelle betreten, als seine fast erschöpften Kräfte gänzlich schwanden. —' „Die letzte Stunde meines Lebens schien mir genaht" — schloß er seine Erzählung mit thränennassem Auge. „Nur die letzte Stunde Ihres Elends," — versetzte Jost, — „wenn sie anders mit der bescheidnen, aber sichern Stellung eines Schreibers bei meinem Amte, mit einem stillen Plätzchen an meinem Heerde nur einigermassen sich trösten können für Ihre unersätzlichen Verluste. — Bist du's zufrieden, Johanna? fragte er seine Gattin, welche schon zu Anfange der Erzählung Finners eingetreten war. „Mit dir und meinem neuen Hausgenossen. Ich wiederhole den Wunsch meines Gatten: mögen Sie in uns, wenn auch nicht völligen, doch einigen Ersatz für ihre Verlornen Eltern finden!" „Und Sie bei Gott den Entgelt, den ich nicht geben kann!" — entgegncte Finner, Frau Jost gerührt die Hand reichend. (Schluß folgt.) Aus dem Leben einer Fürstentochter. (Schluß.) Sie spornte sich täglich selbst an zum Eifer in der Tugend und sprach: „O mein Gott! Du bist von so Vielen geehrt und geliebt, soll nicht auch ich etwas thun zu Deiner Ehre? O Jesus leidend für mich unendliche Pein! soll nicht auch ich etwas leiden um Deinetwillen? Tausende hast Du zu Deinem besonderen Dienste berufen, soll ich allein zurückstehen? Ach! wozu, o Herr! bin ich geboren? Gewiß nicht, Freude und Kurzweil zu genießen, das Paradies auf dieser Welt, ewige Pein in der anderen! O nein! o nein! mein Herr und mein Gott! Mache mit mir, was Du willst, ich will nicht aufhören Dich zu lieben, weil Du mich liebest ohne mein Verdienst! In Dir will ich glühen in ewiger Liebe, ausziehend alles Sterbliche, mir anbildend das himmlische Leben im Paradiese." — Mit besonderer Andacht war sie der allerseligsten Jungfrau Maria zugewandt, dieser gottgesetzten Führerin der tirolischen Volkskraft auf allen Wegen der irdischen Trübsal, und beförderte allenthalben ihre Ehre, durch die jungfräuliche Reinigkeit der Gottesgcbärerin ausfegend die Fäulniß einer besudelten Zeit, die Gemüther empfänglich machend für die Spannkraft der keuschen Gesinnung. Aus aller Noth der weltlichen Strudeleien flüchtete sie in's Herz ihres Heilandes, und betete mit Innigkeit: „Sei gegrüßt, reinstes Herz Jesu, meines süßesten Herrn und Meisters, mit unzähligen Wunden für mich durchbohrt! Deine Wunden durchflammen meine Seele mit den Pfeilen der göttlichen Liebe! Versenke mich in die Tiefen Deiner heiligen Seee, tränke mich statt mit dem Weine Deiner himmlischen Gnaden, daß ich Dir vereint lebe und sterbe in unaussprechlicher Liebe!" Als ihr Gemahl im Jahre 1594 tödtlich erkrankte, blühte sie hell auf aus den Thränen ihrer tiefen Hcrzbekümmerniß mit den Wunderblüthen der Gott- ergebung, der Geduld, der zartinnigsten Theilnahme, unermüdlich am Lager dessen, dem sie in kindlichster Treue an dreizehn Jahre gedient, ihn pflegend mit lieber Hand, ihm zusprechend im Tode, ihn hinüberbetend in die ewige Freude, dem Todten opfernd ihr Blüthenalter von acht und zwanzig Jahren, mit der Liebe, die keinem Zweiten gilt, wenn auch umworben von den ehrenvollsten Anträgen fürstlicher Bewerber nach dem Tode des Landesfürsten. Mit ihrer Liebe unveräußerlich hinübergeschlungen an die Seele ihres Gemahls am Herzen Gottes, saß sie einsam in ihrer Wittwenzelle, die verwaisten Töchter hangend an ihrem Gewände, mit Thränen heiliger Sehnsucht nach der ewigen Heimath. Gold und N 332 Edelsteine hatte sie abgelegt, ein schwarzes Bnßkleid umhüllte ihre Glieder, sie setzte sich zur schmerzenreichen Mutter Maria, aufathmeno in gläubiger Andacht, sie wählend zum Vorbilde in der Trauer um ihren göttlichen Sohn. „Diese —> sagte sie — war in der Jugend meine Lust, in der Ehe mein Trost, und soll mir im Wittwenstande der einzige Ruhm, der Gegestand meiner besonderen Verehrung sein." Die Hofbetten verschwanden, zellenhaft klein und schmucklos stand ihr zurückgezogenes Schlafgemach. Sie betrieb mit allen Hausgenossen die tägliche Handarbeit auf das Eifrigste. „Es gibt nichts köstlicheres, als die Zeit — war ihr Grundsatz — diese ist das heiligste Kleinod aller frommen Seelen. Der Arbeitsame, trotz aller Anfechtung des Teufels, er lebt in der Ruhe eines guten Gewissens!" Ihre Marienliebe kannte keine Gränzen. „O süße Mutter Gottes! - betete sie ohne Unterlaß — wüßte ich nur, was Dir angenehm ist, mit Freuden wollte ich es thun! Alles, Alles will ich Dir geben, selbst das Herz aus meinem Leibe!" Zu Fuße besuchte sie die umliegenden Andachtsstätten der allerseligsten Jungfrau, Mils, Loretto bei Hall, Wiltau, Waldrast und andere, dem gemeinsten Volke gleichgestelt und durch ihre Demuth jedes christliche Gemüth erbauend. Selbst die Tadelsucht der Andachtlofen entwaffnete ihre Sanftmut!), ihr mildes Wesen, , ihr menschenfreundliches Vergessen aller Unbild. Im eigenen kleinen Hofhalte war sie die lauterste, herablassendste Liebe, sie bediente in eigener Person die Kranken, reinigte ihre Wunden, erquickte ihre Seele mit freundlichen Zusprüchen. Ost wirkte die von ihr bereitete und dargereichte Arznei wunderbare Heilung, denn die Gnade Gottes war mit ihr. Besonders liebevoll stand sie am Bette der Sterbenden, ihren Todeskampf segnend, ihn erleichternd mit dem Gebete ihres reinen Herzens. Mit dieser gottseligen Lebensweise nicht zufrieden, gespornt vom Gluthauche der wachsenden Gottesliebe, gründete Anna Juliana schon im Jahre 1606 das sogenannte versperrte Kloster fürJungfrancn im Stadtsaggen zu Innsbruck, und baute daran ein Regelhaus für Wittwen, in welches letztere sie selbst eintrat, entschlossen, ganz der Welt zu entsagen und dem armen Erlöser zu folgen in strengster Los- sagung vor allen zeitlichen Dingen, nach der Regel der Dienerinnen Mariens, die sie aus Italien nach Deutschland verpflanzte, unter der geistlichen Obhut der Väter des nämlichen Ordens, denen sie zu Innsbruck das Kloster des heiligen Joseph stiftete. Die Jungfrauen waren durch bleibende Gelübde lebenslänglich gebunden, die Wittwen als sogenannte-Drittordensschwestern durch einfache (Belobung ihnen beigefügt.- Von Anna Juliana's Töchtern war Eleonore in früher Jugend gestorben, Anna heirathete den König Matthias, und Maria folgte ihrer Mutter in die jungfräuliche Klosterstille. Der Eintritt erfolgte im Jahre 1612. Man sammelte sich am 1. Juni in der Pfarrkirche, sieben Jungfrauen, fünf Wittwen, die Stisterin und ihre Tochter. In feierlichem Zuge, der von geistlichen und weltlichen Würdenträgern, von allen Zünften der Bürger und vielen Anderen geleitet war, schritt man nach dem Kloster. Die sieben Gottesbräute waren alle in Weiße Seide gekleidet, mit einem blauseidenen Baude um die Mitte gegürtet, und trugen eine Lilie in der einen, ein Kreuzbild in der andern Hand, aus der Finsterniß irdischer Eitelkeit eilend zur Hochzeit mit dem himmlischen Bräutigam. — Hierauf erfolgte in der Ordenskirche die Einkleidung. Als Anna Juliana vor allem Volke erschien, in schlichtem Gewände, thränennaß von Andacht und Liebe, brachen alle Gegenwärtigen in Thränen aus; denn es war die Eitelkeit des Lebens gerichtet durch die Demuth und Weltverachtung der Erzherzoginnen. Nach der Einkleidung kam die Nachricht, daß ihre Tochter Anna zur Königin gekrönt sei. „Wohlan! — rief Juliana aus — erfreue dich, meine Tochter, der Kaiserkrone, und der Segen Gottes möge dich stets mit himmlischen Gnaden überströmen! Ich Lrfreue mich mit herzinniger Lust meines Schleiers, womit mich die allerseligste Jungfrau Maria gekrönt hat!" Sie entsagte sofort 1^2 333 aller Dienerschaft, allem Unterschiede der Person, schwesterlich lebend mit den Schwestern, deren Kleider sie demüthig flickte, selbst des abgenütztesten Anzuges froh. Tief beklagte sie ihre leibliche Schwachheit, die ihr nicht erlaubte, an den gemeinsten Haus - und Küchenarbeiten Antheil zu nehmen. Alle Tage betete sie in der innigsten Zufriedenheit ihres Herzens: „O mein Jesus! O Bräutigam meiner Seele! O glorwürdigste Jungfrau Maria! Wie habe ich die Gnade verdient, dieses hl. Trauerkleid zu tragen und mit der Mutter Gottes den Tod meines Erlösers zu beklagen! O hätte ich es mit dem Reichthume der ganzen Welt, mit tausend Leben erkauft, es wäre nicht zu theuer bezahlt!" Sie feierte oft das Leiden Christi innerhalb der Mauern ihres stillen Klosters auf eigenthümliche Weise. Alle Schwestern zogen durch die Klostergänge, barfuß, jede mit einem Strick um den Hals, ein schweres Kreuz auf den Schultern, eine Dornenkrone aus dem Haupte, Klagelieder singend dem gekreuzigten Heilande. Sie selbst, weil leiblich zu schwach für die Last des Kreuzes, ließ sich mit einer eisernen Kette um den Hals, mit gebundenen Händen mitschleppen, in solcher Andacht und Zerknirschung, daß die Schwestern, in ihr Christus erblickend, wie er zum ungerechten Richter geschleppt wurde, bitter weinten im schmerzhaftesten Wehgesühle. In jeder Noth und Trübsal sprach sie voll Ergebung in den göttlichen Willen: „Das Leiden und Sterben Jesu Christi und das Mitleiden und Mitsterben der seligsten Jungfrau Maria sei allzeit in meiner Seele und meinem Leibe!" Sie litt sehr an Gichtschmcrzen, Nervenansälle warfen sie oft mit grimmiger Gewalt die Stiege hinunter, wiederkehrende große Leibesschwäche, durch strenge Abtödtung vermehrt, rückte sie vor der Zeit an den Rand des Grabes. Im Jahre 1618 erkrankte sie so ernstlich, daß sie nie mehr ganz gesundete, aber der tröstliche Grundsatz: „Christus ist mein Leben, und Sterben mein Gewinn!" hielt sie aufrecht in allen Lcibesnöthen. Sie wurde das lebendige Leiden Christi. Im Kopfweh fühlte sie mit inniger Freude die Dornenkrone ihres göttlichen Meisters. Zur Zeit gänzlicher Entkräftung flüsterte sie: „O wie gedrückt ist Jesus unter dem Kreuze um meinetwillen! O wie schmerzlich fällt er zur Erde!" Schmerzte sie die Hüfte, so fühlte sie die Geißelstreiche ihres Gottes; sie athmete leise: „Jetzt geißelt mich der Herr, ich muß leiden, ich will leiden, um ihm für seine schmerzhafte Geißelung zu danken!" Wollten sie ihre Füße nicht tragen, so seufzte sie bei jedem Schmerzenstiche durch Mark und Bein: „Kein Schmerz unter der Sonne gleicht dem Schmerze Christi am Kreuze. O könnte ich mit ihm sterben im schrecklichen Kreuztode, ich stürbe mit Freuden, und dankte mit Inbrunst für diese ausgezeichnete Gnade." Ihre Augen wurden durch anhaltende Kopfflüsse oft unbrauchbar; sie betete in diesem Zustande der Blindheit die Leiden Christi an, die er von seinen Feinden mit verbundenen Augen in bitterster Verhöhnung gelitten. So fühlte und betete sie sich aus ihrem Leiden in das Leiden ihres Heilandes hinein, mitleidend mit seinem göttlichen Herzen, und je schwächer der Leib, desto größer wurde ihr Lcidcnsdurst, desto süßer versank ihre Seele in den Wonnen des Erlösers. Gegen das Fest der heil. Anna des Jahres 1621 befiel sie eine tödtliche Schwäche. Sie mußte zu Bette gehen, ein starkes Fieber stellte sich ein, alle Lust zum Essen und Schlafen verschwand. „Die heilige Anna ruft mich zu sich!" sagte sie lächelnd, und verggß im Gespräche von den Freuden des ewigen Lebens allen Schmerz ihrer Krankheit. Am 2. August wurde ihr Zustand bedenklicher, sie fühlte das Nahen ihrer Todesstunde und sprach: „An dem Mittwoch bin ich nicht mehr bei euch, laßt mich sorgen für meine Seele!" Ihr Auge hing mit seinem letzten Schimmer an dem holzgeschnitztcn Bilde des Gekreuzigten. Furchtbare Seitenstiche, nach ihrem eigenen Geständnisse die Pein des Fegfcncrs, marterten sie durch volle 2^ Stunden mit den grimmigsten Qualen. Sie umfaßte das Kreuz mit der innigsten Zärtlichkeit, ihr einziges Heil, ihre Todesruhe, ihren M p W 334 Himmelstrost und sprach leise: „Lebet wohl, o Schwestern, im Paradiese sehen wir uns wieder!" Man fragte sie, ob sie dürste? „Mich dürstet — fiel sie lebhaft ein — nach dem Wasser der himmlischen Brunnen." Ihre letzte Kraft war geschwunden, im Sterben segnete sie noch die Zurückbleibenden, ihnen wünschend die ungetrübte Wahrheit der katholischen Kirche, Todesmuth für die Gnade des heiligen Glaubens. Sie entschlief am 3. August, 55 Jahre alt, wovon sie die neun letzten im Kloster zugebracht hatte. Man stellte ihren Leichnam in der schwarz ansgeschlagenen Kirche zur Schau. Eine Dornenkrone ruhte auf ihrem Haupte, ein Todtenkops lag zu ihren Füßen, und ein hölzernes Kreuz in ihren Händen. Ihr Leib war mit Blumen bestreut, die von den Besuchenden gierig aufgelesen wurden als Denkmal an die heilige Frau. Als man ihren Sarg 27 Jahre nach ihrem Tode öffnete, fand man ihre Leiche unverwesen, weich anzufühlen, bräunlich gefärbt. Eine strengärztliche Untersuchung bestätigte die Thatsache. Dieses merkwürdige Weib war, wenn auch kaum hervorgetaucht aus den beschränkten Denkkreisen des mädchenhaften Alters, gleichwohl schon bei ihrem Einteilte in's Tirol auf den universellen Standpunct, auf die Höhe des welt- erobernden kathol. Princips getreten, abhold aller revolutionären Nationalität, namentlich der kindisch trotzigen Deutschthümelei, die den inneren Volks- und Neichswurmstich durch einseitige Losgerissenheit von Rom zudecken und heilen wollte, mit der Kraftliebe ihres flammenwerfendeu Gemüthes die ganze Welt umfassend als eine große Völkerinnung unter dem kühlenden Schatten der römisch-katholischen Kirche. Die südliche Lebenswärme des Katholicismus dem tirolischen Landesfürsten als Brautschmuck zuführend, setzte sie mit dem Muthe einer gcbornen Heldenseele das volle Menschenleben ein für das Gedeihen dieser Himmclspflanze in den Bergen Tirols. Sie war in diesem Berufe eines jener höchst interessanten Doppelwesen, bei denen es zweifelhaft bleibt, ob das männliche oder weibliche Element in ihrer Art vorherrscht, ob der Muth des Helden die Zartheit des Gemüthes überwiege. Ihr dunkelblickendes, sprühendes Auge, angeglüht von der geistig entflammten Innerlichkeit, ihr entschlossener Ausdruck, ihre Züge, in denen die weibliche Anmuth von niederhaltendem Mannesernste umleuchtet ward, waren die geheimnißvollen Strahlen ihrer verborgenen Seelen- kraft, selbst die Liebsten nnd Vertrautesten mit strenger Ehrfurcht durchdringend. Deßhalb blieb sie, wie Alle ihresgleichen, fremd auf Erden ihr ganzes Leben lang, den unsichtbaren Geisterkräften allein befreundet, selbst von ihren eigenen Verwandten mehr gefürchtet, als geliebt, ein lebender Schrecken für alle Religions- Feinoe im Lande, wie ein Gottesgericht einschlagend in die Nacht verstockter Gewissen. Was an ihr dem ersten Anscheine nach irdisch aussah, war der Zug ihres Herzens nach den religionsfreudigen, blüthenreichcn Erinnerungen ihrer italienischen Heimath, an die Männer, die ihre Jugend begeistert, an die Freuden heil. Unschuld in argloser Kindesseele, an die liebgewonnenen Formen des jugendlichen Gottesdienstes. Sie blieb demselbeu unverbrüchlich treu bis zum Tode, stets bereiter Anhaltspunct aller Religionsströmnngen von Italien nach Deutschland, aushäl- tige Freundin der muthigen Männer, die lebenverachtend in's Gebirge eindrangen zur Steuer der wahren Kirche, hold allen Ordensvereinen, die in Deutschland über das Verderben der Zeit gesiegt, sie heraussehnend zur Kampfarbeit auf deutscher Erde. Aus diesem Dränge ihres Gemüthes gingen das Capuciner- kloster und der Servitenverein in Innsbruck hervor, beide die ersten ihrer Art in Deutschland, und von hier aus mit Glück vordringend in's deutsche Reich. — Verurteilt von lauen Höflingen, von Verwandten selbst als verschwenderisch und überspannt getadelt, von Neuerungssüchtigen oft bitter angegriffen in ihrem Rückschritt zur alten Kirche stand sie unbewegt in ihrer geistigen Eigenthümlichkeit, mit Ausdauer und Gemüthsruhe, oft mit der genialen Findigkeit höherer Gedankenweihe einstürmend auf's vorgesetzte Ziel ohne Nebenblick, ohne Furcht — nur dem inneren Rufe folgend. Und diese fast übermännliche Seelenstärke stand in keinem Verhältnisse zu ihrer schwächlichen Leibeshülle, und war daher fortwährend der Grund zu schmerzlicher Krankhaftigkeit. Weit ausgreifend in ihren Christusideen umschlang sie mit gleicher Innigkeit die zerstreuten Reste des Judenvolks, die Türken und Heiden, wie die in Irland verfolgten Glaubensmartprer, die Einen herüberbetend in den Schoß der Kirche, die Anderen auf alle mögliche Weise unterstützend. Daher gewährte sie auch zwei Jüdinnen und einer Türkin, die sie an Kindes Statt angenommen, den Schleier ihres Klosters, sich kindlich freuend über diesen Seelengewinn. Unter den lieben Adoptivkindern dieser Art zeichnete sich vorzüglich der Jr- länder O'dale aus, ein Knabe noch, mit seinen glaubensflüchtigen Eltern nach Belgien übergesiedelt. Hier starben Vater und Mutter bald, O'dale stand allein, arm, verlassen. Der Primas von Irland, Petrus Lombardus, ebenfalls land- flüchtig, nahm sich des Knaben an, schickte ihn zu studiren nach Rom, und unterhielt ihn dort mit äußerst sparsamen Mitteln. Als sein Fortkommen daselbst unmöglich wurde, ging er auf das Anrathen seines Wohlthäters nach Köln zurück, unter der Obhut treuer Begleiter. Mit diesen kam er an die Gränzen Tirols, verlor sie ebenfalls durch plötzliches Unglück, und stand wieder allein, auf deutscher Erde, ohne Reisegeld, ohne Vaterland, ohne Kenntniß der deutschen Sprache. In der Nähe von Innsbruck begegnete er zwei Capucincrn, diesen eröffnete er seine Lage in gebrochenem Latein, sie empfahlen ihn der weltumfassenden Anna Julian«. Diese nahm den helläugigen Knaben als ein Gottesgeschenk freudig auf, als ihr liebes Kind, schickte ihn nach Hall, wo er, von ihr unterhalten, studirte und später als erster Zögling in das von ihr gegründete Servitenkloster zu Innsbruck kam. „Ich vergaß — sagt er selbst — von dieser Zeit an mein Volk und das Haus meines Vaters, und hing der Anna Juliana, meiner zweiten Mutter, an. Ihr Volk wurde mein Volk, ihr Gott mein Gott." Er wirkte in Innsbruck segensreich als Lehrer des Klosters in allen Fächern der Theologie, ein eben so gewandter Lateiner, als gründlicher Verfechter der katholischen Glaubenslehre. Als seine zärtliche Mutter im Todeskampse lag, war er mit den übrigen Mitbrüdern seines Ordens gegenwärtig, er flehte hingestreckt auf die Erde vor ihrem Bette um den Segen, und netzte den Boden mit heißen Thränen; denn die einzige verwandte Seele auf Erden sollte ihm entschwinden. Als aber die Todte rosen- haft erblühte, strahlend in reinster Himmelswürde, trocknete er seine Thränen ab und Preßte das Todesbild seiner fürstlichen Retterin in die innerste Seele, daß es ein Frühling werde für seine eigene Erlösung aus den Banden des Leibes. Seine Vorstände nöthigten ihn, das Leben der Anna Juliana zu schreiben. Er that es unter der Bedingung, daß es nach seinem Tode erst veröffentlicht werde. Darin spricht er sich aus mit aller Uebermacht des kindlichen Gefühls, mit aller Farbenfrische der grünen Berge von Erin, mit aller Beweglichkeit der blauen Wogen um die Vorgebirge seiner Heimat. Dieser Jrländer, am Grabe der Landesfürstin, der Fremdling in den Bergen Tirols, die Fremdgebliebene preisend in kühner, regelloser Sprache, mit den Ausbrüchen einer nur wenig gezügel- ten Phantasie setzt der Charakteristik des seltenen Weibes die Krone auf, und redet uns mit stummen Zügen die große Wahrheit an's Herz: „Der Glaube der Katholiken umkreiset die ganze Welt, ohne Maß und Beschränkung, wie die Luft des ewigen Himmels, seelenanziehend, seelcnvereinigend in göttlicher Liebe, unhemmbar durch irdische Macht, alle engherzigen Dämme nationaler Vorurtheile durchbrechend, Alles verschlingend in die Flut heiliger Gottesbegeisterung, wogend und brausend ohne Rast, bis Ein Hirte aus Erden Eine Heerde regiert!" 336 Der Pfarrer von St. Agatha. Eine rührende Geschichte aus den Zeiten der französischen Revolution. 1 . ^ Von dem Dörfchen St. Agatha in den Tagen des Glückes. />(> Noch am Ende des vorigen Jahrhunderts stand in einem der unbekanntesten und entferntesten Ecken des tieux—8övie Departements in Frankreich ein Dörfchen, wenn man das Häuser nennen durfte, was eher einem alten Bretterverschlag oder einem Viehstalle glich. Die Mauern waren meistens aus Aesten zusammengefügt, die mit einem Pflaster von gehacktem Stroh und etwas Lehm überzogen waren. Die Dächer waren mit Schilfrohr oder Stroh gedeckt. Die Bewohner des Dörfchens, das unter den Schutz der h. Agatha gestellt war und deswegen St. Agatha hieß, hatten von ihren Voreltern Armuth und mancherlei Noth geerbt, aber daneben auch ein Herz voll Biedersinn, Redlichkeit und Einfalt. Es war, als habe der Geist des Hochmuthes, der Lüsternheit und anderer » Laster den Weg in dies^-abgelegene Gegend tnich gefunden. So war denn das Dörfchen bei allem äußern Elend Loch glücklich zu nennen, weil sich das Glück als eine Himmelsgabe nicht nach schönen Röcken und schönen Häusern richtet, sondern nach der Verfassung des Herzens, und goldene Herzen in schmutzigem Kittel find, vielleicht eben so häufig, als schmutzige Herzen in goldenen Mänteln. Ndch bei dem Ausbruche der französischen'Revolution, in den letzten Achtzigerjahren, lebte als Pfarrer in dem kleinen Orte ein alter, ehrwürdiger, frommer Geistlicher, der schon bald nach seinem Antritt des Priesteramts, im Alter von 25 Jahren, diese Pfründe übernommen hatte. Seit 50 Jahren war er der Gemeinde Helfer, Tröster, Vater gewesen. Sein Pfarrhof, arm, wie die anderen Hütten, stand dennoch jedem Hülssbedürftigen offen. Er war im buchstäblichen Sinne berufen, den Armen das Evangelium zu predigen, den Gedrückten die Last des Lebens zu erleichtern, die Unwissenden zu lehren, die Bedürftigen durch himmlische Gaben zu bereichern. Das that er denn auch als ein getreuer Haushalter und war darum auch von allen Pfarr- kindern als Vater geehrt und geliebt, ja man nannte ihn nur „Vater Leonhard" — dies war sein Name. A>" liebsten hatten ihn die Kinder, er aber sah vor allem auch darauf, diese für Gott zu gewinnen, und das in ihnen schlummernde Gute, den reinen einfältigen Sinn zu pflegen. In Voraussicht der traurigen Ereignisse, die bevorstanden, sagte er oft: „Es werden böse Tage kommen und sie sind schon da, wo die Menschen glauben, sie brauchen keinen Gott mehr. Die sieben Todsünden werden regieren. Die Reichen werden geizig sein und den Nothleidenden nicht nach ihrem Vermögen mittheilen und ihr Herz wird hart wie Stein sein. Die Armen hingegen werden wieder neidisch sein, und denen die mehr haben als sie, Alles mißgönnen. Ueberall wird die Hoffart sich breit machen durch Putz und Gefallsucht — durch Prahlerei und liebloses Urtheil über den Nächsten; der Landmann wird sich in feine Tücher kleiden und nicht mehr zufrieden sein mit der gewöhnlichen Hausmannskost. Die Menschen werden glauben, sie seien nur auf der Welt, um zu essen und zu trinken — daher wird überall Fraß und Völlerei herrschen. Die Unzucht wird in die Häuser eindringen und schreckliche Verwüstungen unter den Seelen anrichten. Viele werden durch die Unkeuschheit aus einem Tempel des hl. Geistes ein Tempel des Satans werden und dem Leibe zwar lebendig, der Seele nach aber todt sein — wenige Häuser wird es nur mehr geben, wo man Seelen findet, die ein reines Herz haben und dasselbe zu Gott erheben. Selig, wer sich dann von dieser falschen Weisheit nicht bethören läßt; selig, wer in Einfalt des Herzens nur nach himmlischen Gütern trachtet: „selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich." (Forts, folgt.) Redaction u,w Verlag: Dr. M. Huttlcr. — Druck von I. M. Klei nie. AWblirgtt Amuligsbl«». 4S 21. Oktober 1860. DaS Augsburg er Tonntagsbkatt (Sonntags-Beiblatt zur AugSburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 er., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. »il Hei. Laß, Herr, mich den Altar betreten, Auf dem Du als das reinste Lamm Dich opferst zu der Menschen Heile Wie dort am blut'gen Kreuzesstamm! Wie soll ich Armer es erfassen, So hohen Reichthums werth zu sein, Daß Du zum höchsten, reichsten Mahle Den armen Sünder ladest ein? O daß die Brust von Andacht flammte Wie dort die reinen Kerzen glüh'n: Daß ich mir heiligem Ernst mich möchte Melchisedech zu sein bemüh'n! So gieße, Herr, der Liebe Schaale Hinein in Deines Dieners Herz, Daß es von des Altares Stufen Entschwebe selig himmelwärts! I. B. Tafrathshofer. Die Schaumünze. (Erzählung.) (Schluß.) Die Wünsche des Amtmanns und seiner frommen Gattin schienen sich bewahrheiten und für die Familie selbst segensreich werden zu wollen. Finner war ein fleißiger Arbeiter, ein stiller und ernster, aber dennoch freundlicher Hausgenosse. Dies Benehmen erwarb ihm nicht nur die Achtung aller Familienangehörigen des Herrn Jost, sondern auch die Liebe Mariens, welche in der von ihren Eltern vollkommen gebilligten Wahl dieses Mannes die Bürgschaft ihres künftigen Lebensglückes zu erblicken glaubte. Allein der Becher des Leidens, welchen Gott seinen treuen Anhängern schickt, sollte auch von der christlichen Familie des Amtmanns gekostet und bis zur Hefe geleert werden. Von des Amtmanns Zimmerchen, dessen Fenster die Aussicht in den Garten gewährten, tönte eines Tages ein so heftiger Lärmen, daß Marie und August, im Garten beschäftigt, voll Schrecken in's Gemach des Vaters eilten. Bruder Fritz war von der benachbarten Stadt gekommen und umklammerte heftig des Amtmanns Kniee. — „Vater!" — rief er — „Nur diesmal hilf mir noch! Meine Ehre, meine Freiheit ist verloren." — „Ein Spieler kennt weder Freiheit, noch Ehre" — versetzte Herr Jost mit ernstem und anscheinend festem Tone. — „Dir nochmals helfen und zwar mit einer so großen Summe von fünfzig Gulden hieße Deine Schwestern bestehlen." „Väterchen!" — fiel Marie in die Rede. „Still, Kind! Glaubst Du: ich würde Dir erfüllen, was ich Deinem Bruder abschlagen mußte?" „Stehlen! das ist das rechte Wort" — sagte Fritz mit bitterm Tone — „Ich muß den Vater bestehlen, welcher mir meine Ehre rauben will." Ein strenger Blick des Amtmanns bannte die Verlobten aus dem Zimmer und dem Sohne das Wort auf die Lippen. — „Ungerathener!" — rief der alte Jost — „Aus meinen Augen I" — 333 Fritz blieb, die heiße Stirn an die kühle Fensterscheibe legend. „So werde ich gehen." — Mit diesen Worten verließ der Amtmann das Zimmer. Der junge Mann war allein. Rasch nahte er dem Bette seines Vaters, von einem Gedanken plötzlich erregt. Ein Griff unter das Kopfkissen, und die Hauptcassenschlüssel waren sein. Die Ehre der Welt gebot, die Ehre Gottes und seiner selbst verbot diese Handlung. So stand er, äußerlich ruhig, innerlich von heißem Kampfe durchtobt, und Stunde nach Stunde verrann. Wiederum erschien der Amtmann. — „Noch hier?" — fragte er finster.— „Geh' schlafen, damit du morgen zeitig in die Stadt zurückkehren kannst! Ich will Dir leuchten." Als Beide in Fritzens Schlafzimmer waren, warf sich der Sohn noch einmal zu des Vaters Füßen. Auch Mutter und Schwestern unterstützten seine Bitten, allein vergeblich. Unten im Dorfe schlug es zehn Uhr. Bei seiner Rückkehr traf der Amtmann August im Cassenzimmer, ihn erwartend, wie es schien. — „Verzeihung!" — stammelte Finner verlegen — „Schon zweimal war ich hier, ohne Sie oder Fritz zu treffen. Nun beschloß ich, Sie zu erwarten." „Womit kann ich dienen?" — fragte der alte Jost. August ward immer verlegener. — „Sie wollen Ihrem Sohn nicht helfen?" „Aus Grundsätzen. Augenblickliche Hilfe stürzt ihn für immer in's sittliche, wie zeitliche Verderben. Augenblickliche Gefahr rettet ihn vielleicht für's ganze Leben." „Verweigern Sie ihm wenigstens nicht die Unterstützung eines Freundes! Meine Ersparnisse betragen freilich nur zehn Gulden." „Braver Mann! Dieser Abend hat mir einen Sohn verloren, und einen neuen gewonnen. Mein Dank für Ihren Edelmuth kann nur im unbegrenztesten Vertrauen bestehen. Furcht vor Entehrung sei meinem Fritz die einzige Strafe für die Unruhe, welche er über mich gebracht hat, und einst über sich selbst bringen wird, wenn er sich nicht bessert. Die in drei Tagen verfall'ne Schuld soll einer meiner Stadtfreunde mit der ihm bis dahin von mir übersandten Summe tilgen." — Dies sprechend, drückte er Finners Rechte. Beide suhlten das Zittern ihrer Hände. Als der Alte allein war, nahte er dem Bette. Die Schlüssel lagen un- verrückt. — „Gott! ich danke Dir" — rief er, auf die Kniee sinkend — „mein Sohn ist kein Verbrecher geworden." — Dann schrieb er bis in die tiefe Nacht. Des andern Morgens schloß er Fritz zärtlich in seine Arme. — „Du hilfst mir?" — fragte Fritz, freudig überrascht. „Nein" — entgegnete der Vater fest, aber doch milder, als gestern, und ruhiger, wenn auch nicht heiter, trat Mariens Bruder die Reise in die Stadt an. Einige Stunden nach diesem Auftritte stürzte der alte Jost in das Zimmer seiner Gattin — „Johanna!" — schrie er mit herzzerreißender Stimme: „Die Casse ist bestohlen, und mein Sohn der Dieb." „Heinrich!" — versetzte die arme Mutter, einer Ohnmacht nahe. — „Gestern entzogst du deinem Sohne die väterliche Liebe, heute nimmst du ihm die Achtung." „Urtheile selbst! Nicht wahr: mein Schlafzimmer, in welchem die Casse sich befindet, ist immer verschlossen und der Schlüssel fast stets in meiner Tasche? Weiter! Niemand hält sich in diesem Zimmer auf, ausser in meinem Beisein. Nur gestern ließ ich Fritz mehrere Stunden allein daselbst strotz einer verfäng- 339 lichen Aeußerung von ihm, weil mir der Eifer keine Ueberlegung gönnte, und weil ich das in der That für unmöglich hielt, was schon durch das Wort mir die Zornsröthe, meinem Sohne leider nicht die Schamröthe in's Gesicht trieb. Bei meiner Rückkunft war Fritz noch da, und stand, wie ich mich nun genau entsinne, gerade vor meinem Bette." „Dein Gedächtniß ist grausam." „Aber treu. Ferner: wer kennt den ausnahmsweisen Versteck der Schlüssel unter meinem Kopfkissen?" „Niemand, ausser mir und Deinen beiden ältern Kindern, falls ihn nicht Marie Finnern entdeckt hat." „Was ich sogleich erfahren werde." — Jost öffnete das Fenster und rief seiner im Hofe beschäftigten Tochter. Marie erschien. — „Hast Du je" — fragte er sie streng — „Finner den Gewahrsam meiner Lasse schlüssel gezeigt?" „Um des Himmels Willen! Was ist geschehen?" „Du sollst antworten." „Bei Allem, was mir heilig ist, nie. Aber, Vater! sprich doch!" „Geh!" — Marie wollte gesenkten Auges gehorchen. Da winkte ihr der Vater zurück. — „Geh Kind!" — sprach er mit erkünstelter Freundlichkeit — „Später erfährst Du Alles." Kleinlaut fragte Johanna ihren Gattin: „Weißt Du gewiß, daß sonst Niemand im Zimmer war?" „Ich weiß gerade das Gegentheil." Ein leiser Hoffnungsstrahl belebte die Brust der armen Mutter. „Als ich aus Fritzens Schlafgemach zurückgekehrt war, traf ich August im Gästezimmer." „ O Gott!" — schluchzte Frau Jost — „Entweder eine schreckliche Vergangenheit des Sohnes, oder eine düstere Zukunft für die Tochter!" „Fürchte Nichts für Marien! Finner kennt nicht den Versteck meiner Schlüssel, Fritz kennt ihn; Finner war nur die kurze Zeit im Cassezimmer, welche ich in meines Sohnes Schlafzimmer verweilte, Fritz aber lange, sehr lange. Zudem fehlen fünfzig Gulden, genau die von meinem Sohne geforderte Summe, Finner aber kam, seine geringe Baarschaft zur Unterstützung anzubieten. Fritz ist ein Verschwender, August lebt sparsam." „Halt' ein! Ich muß das Schuldig sprechen. Was indeß willst Du thun?" „Meine Pflicht als Staatsdiener und als Vater: den traurigen Vorfall verschweigen, die Summe ersetzen, den reuigen Sohn zwar hart strafen, aber dennoch an die Vaterbrust drücken, den verstockten hingegen nach Amerika senden, damit ihn das Elend bessere." „Und ich will in die Kirche gehen, und Gott bitten, daß er das Herz meines Sohnes und sein Geschick zum Guten wende" — Frau Jost wankte zur Thüre. Bei'm Oeffnen gewahrte sie Emma. — .„Du hast Alles gehört?" — fragte sie erschrocken. „Nur, daß Fritz gestohlen haben soll" — entgegnete die Kleine. Drohend erhob der Amtmann die Hand. „Züchtige mich, Vater! weil ich Strafe verdiente, aber schone den schuldlosen Fritz!" „Wer sagt Dir das?" „Mein Herz. — Mutter! laß mich in's Kirchlein gehn! Das Jesukind will ich bitten, daß es den Dieb nenne, will ihm versprechen, recht brav zu sein, es lieb zu haben, wie Euch und Marie und Fritz. Gewiß! dann schlägt mir das heilige Christkind Nichts ab." „Du gutes Mädchen I Laß ja kein Wort über Deine Lippen kommen!" „Wie sollt' ich Böses vom Bruder plaudern, der nichts Böses that!" Des andern Tages war der Amtmann in die Stadt gegangen. Mutter und Kinder lagen am Abende im brünstigen Gebete. Da ward heftig vor der Hausthüre geschellt. „Der Vater kommt. Kehre mit ihm Gottes Segen ein!" — rief die Mutter und eilte zu öffnen. Vater und Sohn traten ein. Die Mutter stieß einen Schrei aus. Schweigend gingen sie in's Zimmer. — „Fritz will Abschied nehmen" — hub der Amtmann an. „Was heißt das?" — fragte die Mutter erschüttert. „Das heißt, daß ein Verbrecher" — fiel der alte Jost ein. „Vater!" — unterbrach ihn Fritz — „Nicht vor Mutter und Schwestern will ich meine Unschuld betheuern. In ihren Zügen lese ich ja die harten Worten Deines Mundes. Nur um Vergebung flehe ich für die dem Mutterauge abgepreßten Thränen. Sie haben sich in einem Kelch gesammelt, welchen ich jetzt austrinken muß bis zur Hefe." „Ich vergebe Dir Deine Fehltritte. Geh' mit Gott! Du bist nicht immer mit ihm gegangen" — sagte die Mutter weinend. „Mutter!" — begann Fritz von Neuem, in Thränen ausbrechend — „Deinen Segen! Ich gehe an den Rhein, mich Lei'm dortigen Hilfscorps anwerben zu lassen." „Gott segne Dich durch meine Hand!" —versetzte Frau Jost feierlich und erhob die segnende Rechte über den knieenden Sohn. „Marie!" — sagte Fritz mit bittendem Blicke — „Auge und Hand wendest Du von mir, ist auch Dein Herz von mir gekehrt?" „Nein, nein!" — rief diese heftig erschüttert — „Gott bess're Dich!" Lautschluchzend trat Emma herzu und klammerte sich fest an ihren Bruder. — „Bleibe, bleibe bei uns!" — schrie sie mit durchdringender Stimme — „Innig habe ich im Kirchleiu zu Marien und ihrem Kinde gefleht, daß die Strahlen ihrer himmlischen Sonnen auf deine Schuldlosigkeit fallen möchten, habe die von der Mutter geschenkte Schaumünze in den Opferkasten geworfen, und die göttliche Jungfrau und ihr Kindlein verschmähten die Gabe nicht, lächelten mir zu. Deckt nun der Himmel Deine Unschuld auf, und Du weilst uns ferne, wer bringt Dir diese Freudenbotschaft?" „Herzliebes Schwesterchen! Tausend Dank Dir für Deinen Glauben an meine Unschuld!" Jetzt vernahm man leise Tritte im Hausgange. Der Amtmann öffnete gerade die Zimmerthüre, als Finner die Treppe in's obere Stockwerk, woselbst er wohnte, hinaufgehen wollte. „Verzeihung!" — stotterte er betreten — „Ich fand die Hausthüre offen." „Wahrscheinlich aus Versehen offen geblieben" — entgegnete der Amtmann. „Hierher, August!" — begann Emma — „und halte Fritz fest, daß er uns nicht verlasse!" — Die Kleine zupfte an Finners Rockschooße und zog den Zaudernden vollends in's Zimmer. Plötzlich fiel etwas Klingendes auf den Boden. Emma hob es rasch in die Höhe. — „Das ist ja die von mir der Gottesmutter geschenkte Schaumünze" — rief sie verwundert. Finners widerstrebende Bewegung gegen Emma's drängende Gewalt mußte der Münze in der überfüllten Tasche seines Roä- schooßes den verräterischen Ausgang geöffnet haben. Auch der Verrathene bückte sich hastig, das Uebcrführuiigsmiltel seiner Schuld uneingeweihten Blicken zu entziehen. Allein ein zweites Geldstück entfiel seiner Tasche. 341 Alle standen, wie vom Donner gerührt. Marie allein hatte sich nieder gelassen, denn ihre Füße vermochten sie nicht zu tragen. Herr Jost erholte sich zuerst von seinem Schrecken. — „Die Schlüssel zu Ihrem Zimmer, Herr Finner!" — begann er ernst, aber ohne Bitterkeit. „Was ich besitze" — entgegnete der Genannte niedergeschlagen — „verdanke ich Ihrer Güte, fünf Zehnguldenrollen, mit deren Entwendung ich Ihre Liebe vergalt, und das im erbrochenen Opferstocke des Kirchleins gefundene Geld ausgenommen." „Herr Finner!" — fuhr der Amtmann in demselben Tone fort: — „kein Vorwurs komme über meine Lippen I Der Anblick meiner durch Sie unglücklichen Tochter, welche bewußtlos zu Boden liegt, meiner Gattin, welche mit stiller Ergebung ihr armes Kind in's Leben zurückzurufen sucht, sei Ihre Strafe!" Fritz trat auf den Vernichteten zu: „Gehen Sie" — sagte er dringend — „statt meiner zur Rheinarmee! Fliehen Sie noch diese Nacht, bevor Sie der Arm der Gerechtigkeit erreicht!" „Nein!" — versetzte August fest — „So viel Edelmuth erdrückt mich. Nur die Sühne vor dem Gesetze kann mich mit Gott, mit Ihrer Familie, mit mir selbst aussöhnen. Diese Nacht sei meine letzte in Ihrem gastlichen Hause!" — Der Sprecher ging mit einem Blicke voll unbeschreiblicher Wehmuth auf Marien. Finner konnte nicht Wort halten, denn das göttliche Gericht griff der menschlichen Gerechtigkeit vor. Man fand ihn des anderen Morgens todt im Bette. Ein Schlagfluß hatte sein Leben geendet. Die Persönlichkeit des unglücklichen Verbrechers konnte nie ermittelt werden, da seine Erzählung bei'm ersten Erscheinen in des Amtmanns Hause wohl schwerlich auf Wahrheit beruhte. Fritz sank bei'm Anblicke der Leiche August's an des Vaters Brust mit dem Ausrufe: „Ich will mich bessern." — Dann schloß er sein Schwesterchen in die Arme — „Dein Gottvertrauen hat mich vom ewigen, Marien vom zeitlichen Verderben gerettet" — sagte er mit Thränen im Auge. „Und die lieben Eltern lehrten mich dies Gottvertrauen" — erwiderte das gute Kind. Der Pfarrer von St. Agatha. Eine rührende Geschichte aus den Zeiten der französischen Revolution. (Fortsetzung.) 2 . Wie große Noth über das Dorf hereinbricht. Die Revolution in Frankreich war seit einigen Jahren ausgebrochen, hatte bereits mit Flammen und Schwert alle Hauptstädte, alle Städtchen und größern Dörfer durchzogen. Der uralte Königsthron des heiligen Ludwig war gestürzt, die Religion, so weit es in menschlicher Macht lag, vernichtet und ein neues Staatsgesetz gegründet. Es war zu hoffen, daß indessen alle diese Vorgänge das arme Dörfchen St. Agatha nicht berühren werden. Doch dem war nicht also. Eines Abends, als der ehrwürdige Pfarrer vor seiner Hütte saß und eben in einem alten Buche blätterte, trat ein etwas wild aussehender Mann mit einem Briese in der Hand vor ihn. Es war ein Schreiben von der höchsten Stelle des Departements, wodurch er aufgefordert war, aufdieBürger Constitu tion der Geistlichkeit, wie man sie damals hieß, den Eid zu leisten; widrigenfalls er von seiner Pfründe abtreten und seine Amtsverrichtungen einstellen sollte. Bekanntlich enthielt jene Konstitution Dinge, die ein katholischer Priester, ohne an der Kirche treulos und ein Verräther zu werden, nicht beschwören durfte. Da- her viel tausend Geistliche in die Verbannung zogen, oder ihr Leben der Pflichttreue opferten und des Martyrertodes starben. Der ehrwürdige Pfarrer von St. Agatha las das Schreiben bedächtlich, sah, daß es nichts von Lehre und Seelsorge, wozu er doch eigentlich berufen war, enthielt, und daß es keineswegs von seinen rechtmäßigen Obern ausgegangen sei; daher gab er das Papier zurück ohne den Schwur zu leisten. Daß er aber seine Pfarrkinder deßhalb verlassen sollte, kam ihm nicht einmal in den Sinn. So blieb er also in St. Agatha und verrichtete ferner was seines Amtes war, als ob gar nichts Ungewöhnliches vorgefallen wäre. Unterdessen erregte jener Befehl von der Revolutions-Obrigkeit, vermöge welchem alle Priester den Eid der Treue schwören sollten und wogegen die meisten derselben sich erhoben, in vielen Departements bedenkliche Unruhen. Besonders war dies in den westlichen Provinzen der Fall. Hier, wo sich viele Geistliche geweigert hatten den ungerechten Eid zu leisten, ließ die Regierung dieselben einziehen und ins Gefängniß werfen. Dagegen aber stellten sich an vielen Orten die Gemeinden und vertheidigten ihre Priester; entschlossen, Blut und Leben für ihre geistlichen Führer zu geben, rotteten sie sich bewaffnet zusammen, bildeten Vereine mit Nachbargemeinden, und hin und wieder mußten die Gerichtsdiener unverrichteter Sache abziehen. Da bot die Regierung, um den Trotz der Ungehorsamen zu bändigen, Truppen auf und ließ sie gegen die Bauern marschiren. Da geschah manche Unthat, manche Flamme röthete den Himmel, manches Saatfeld wurde zerstört, manches unschuldige Blut vergossen. Lange und weitausgedehnt bildete sich der Widerstand aus, und die Flamme konnte nur mit vielem vergossenen Blute gelöscht werden. Den Truppen gingen besonders beauftragte Commissäre voran. Einer derselben kam nach Niort. Dieser Unmensch war einer von den Vielen, die sich durch blutige That, durch Gewaltstreiche bei der Regierung Kredit erwerben und zugleich die Aufrührer einschüchtern wollten; er ließ einen Priester um den andern ins Gefängniß werfen und setzte Preise auf den Kopf der entflohenen. Auch der ehrwürdige Pfarrer Leonhard sollte der Acht nicht entgehen, und ehe er sich's versah, wurde ihm eines Abends die Anzeige gemacht, es werde Tags darauf eine Compagnie Freiwilliger unter Anführung des jüngst in Niort eingesetzten Beamten anrücken, um ihn zum Eid zu zwingen. Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht von Hütte zu Hütte, die Bewohner thaten sich zusammen, Drohungen gegen die Soldaten, vermischt mit Jammern und Klagen, hörte man allerwärts. Die Männer waren entschlossen, Gewalt gegen Gewalt zu brauchen, selbst Weiber und Kinder schlössen sich den Tapfern an: Sie sollen es wagen, unsern alten ehrwürdigen Pfarrer wegzunehmen! Wer würde uns von Sünden lösen? Wer uns das hochheilige Sacrament reichen? Wer sollte uns auf dem Todtenbette die letzte Oelung geben? Ach! nicht mehr könnten wir dem h. Meßopfer beiwohnen! Nicht mehr das Wort Gottes hören! Während die Einen weinten, riefen die Andern: Wer soll uns dann trösten, wer soll uns rathen, wer in dem Anliegen unserer Seele helfen? Er hat uns ja getauft — in der h. Religion Jesu unterrichtet, uns die Los- sprechung ertheilt, und so oft haben wir das h. Sacrament aus seinen Händen empfangen. — Ja, wie oft hat er uns auf der Kanzel gebeten, recht fromme, gute, liebevolle Christen zu sein, das reine Herz stets zu bewahren, damit wir einst Alle Gott anschauen. Wie rührend waren nicht seine Worte am Krankenbette! — Nur über unsere Leichen geht ihr Weg zu seinem Hause! Wir lassen ihn nicht aus unserer Mitte, riefen Alle, den Priester des Herrn — wir wollen mit unserm Hirten leben und sterben! Der Pfarrer vernahm den Tumult auf der Gasse und Plötzlich trat er hinaus unter seine Kinder und mit wenigen Worten wußte er sie wieder zu be- 343 sonstigen, da er sie auf Lehre und Beispiel Jesu und seiner Jünger aufmerksam machte. Vor Allem wiederholte er die Worte: „Selig sind die Sanft wüthigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. (Fortsetzung folgt.) Die neueren religiösen Frauen-Jnstitute. Unter den neueren religiösen Frauen-Jnstituten versteht man jene Genossenschaften von Frauen, die nach Art einer Ordensgemeinde ein gemeinschaftliches Leben nach einer approbirten Regel führen, unter der Oberleitung einer gemeinsamen Oberin in geschlossener Einheit zu einem Ganzen vereinigt sind, und entweder nur durch einfache Versprechen oder durch einfache Gelübde ohne strenge Clausur-Verpflichtung gebunden werden. Der Unterschied der neueren religiösen Frauen-Jnstitute von den wirklichen kirchlichen Frauen-Orden liegt im Begriff, den das Kirchenrecht von Orden und Ordensfrau aufstellt, und in den Organisationsverordnungen, welche die kirchliche Gesetzgebung für die wirklichen Frauen-Orden erlassen hat. Der Orden in kirchenrechtlichem Sinne ist ein Verein von Personen einerlei Geschlechtes, welche durch Ablegung der Gelübde der Armuth, Keuschheit und des Gehorsams in einer als solche vom Papste approbirten Genossenschaft sich auf Lebensdauer verpflichtet haben, ihr Leben nach einer approbirten Regel und unter Einhaltung strenger Clausur einzurichten. Die neueren religiösen Frauen-Genossenschaften sind in Bezug auf die Gelübde, auf die Lebensweise, so wie auf ihre Organisation von den Ordensge- noffenschaften, wie sie die Kirchenversammlung von Trient kennt, ganz verschiedene Institute. Der Orden hat die päpstliche Approbation und somit feierliche Gelübde; in den neueren religiösen Frauen-Jnstituten ist blos die Regel derselben vom Papste approbirt, Nsie dieß z. B. erst im vorigen Jahre noch bei der Regel der „armen Schulschwestern U 344 Jahre 1705 bezüglich der englischen Fräulein. Wenn aber dennoch später religiöse Frauen-Jnstitute von der Kirche approbirt wurden, wie z. B. im I. 1819 die von der Jeanne-Antide Thouret gestiftete Genossenschaft barmherziger Schwestern, so ist diese Approbation, im Unterschied von der Approbation eines Ordens, nur als das Resultat der über den Zweck und die Moralität eines Institutes angestellten Untersuchung, gleichsam als der richterliche Aussprnch zu betrachten, durch welchen die höchste kirchliche Autorität erklärt, daß die nach klösterlicher Art lebende Genossenschaft erlaubt, fromm, lobwürdig sei und geeignet, die sich ihr Anschließenden zum ewigen Heil zu führen, ohne ihr jedoch das eigentliche Ordenswesen mitzutheilen. So gelangten die Mitglieder derartig approbirter Frauen-Jnstitute in eine Mittelstellung zwischen dem Laien- und Ordensstande, und finden darum auch verschiedene Bestimmungen des Kirchenrechts und Decrete der allgemeinen Kirchen- versammlung von Trient z. B. über Clausur und Bestrafung der Clausur-Verletzung, über die Bestellung eigener Beichtväter durch den Bischof rc., die für die eigentlichen Ordensfrauen gelten, auf die Mitglieder der neueren Institute keine Anwendung. So viel zur Feststellung des Unterschiedes zwischen den ältern und neueren religiösen Frauen-Geuossenschaften. Sinv indeß die letzteren auch keine wirklichen Orden, so ist ihnen damit von ihrer hohen Bedeutsamkeit für die Gegenwart Nichts genommen. Ziel und Ende des klösterlichen Lebens war von jeher: bei dem Ausbau des Reiches Gottes aus Erden in thatenreicher Weise mitzuwirken; zur Erreichung des großen Zweckes der Erlösung und Heiligung in den vielen Hilfsbedürftigen durch Pflege der Kranken, durch Unterstützung und Tröstung der Armen und Betrübten, durch Unterricht des Nächsten hilfreiche Hand zu bieten, durch Uebung der Buße und eifrige Selbstheiligung den Herrn zu verherrlichen. — Und gerade das wollen ja auch die neueren religiösen Frauen- Jnstitute. (Schluß folgt.) Von der Lauheit. 6. „Weil Du lau, weder kalt, noch warm bist, so will ich Dich aus meinem Munde ausspeien." (Off. 3, 16. Röm. 12, 11.) Wer Gutes zu thun weiß und nicht thut, dem gereicht es zur Sünde. (Jak. 4, 17.) Diese zwei Stellen predigen laut gegen die Lauheit im Guten. Massillon, ein gelehrter Gottesmann, äußerte in seinen Schriften, daß es nicht genüge, keine Sünde zu begehen, sondern daß man auch Gutes thun müsse. Betrachte, o Mensch! ein kleines Kind! Kann es gedeihen, wenn nur die schädlichsten Einflüsse von ihm ferne gehalten werden und es das Nöthigste empfängt? Und Deine Seele? Sie wandelte im Lichte der Auserwählten, wenn sie nur frei bliebe von schwerer Dergehung, wenn sie zufrieden sein müßte mit der spärlichsten Gnadennahrung? Diese Wahrheit beherzige, o Sterblicher! der Du nicht Mörder, nicht Ehebrecher bist, und nur einmal des Jahres das Brod des ewigen Lebens genießest! R-dacti-n un» D-rla,: Dr. M. Huttlcr. — Druck ,»» 2. M. Kl-inlc. AWimgrr AmntagÄalt. Mr. 44. 27. Oktober 1860. DaS Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr., wofür es durch alle k. baycr. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Vorn Urtheile über Predigten und geistliche Betrachtungen. O. Unser göttlicher Lehrmeister spricht im Gleichnisse vom Säemann nur über die Befolgung, nicht auch über die Art und Weise der Anhörung seines heiligen Wortes. Ein Sittenspruch lehrt: „Gottes Wort und gute Lehren muß man üben, nicht blos hören." Wie aber der Glaube den Tugenden die sie heiligende Grundlage verleiht, so kann auch nur die richtige Erkenntniß des Wortes Gottes die Quelle seiner richtigen Befolgung bilden, und diese Erkenntniß des Wortes selbst wieder wurzelt in der richtigen Anhörung oder Lesung des göttlichen Wortes. Diese richtige Anhörung oder Lesung nun besteht in der einfachen Regel: „Stelle Dich nicht über das Wort des Herrn durch voreilige Urtheile von seinen Verkündern, von der Fassung der vorgetragenen Wahrheiten, sondern unterordne Verstand und Herz diesem göttlichen Worte durch demüthige Beziehung auf Dich selbst!" Christus lehrte seine Wahrheiten in einfachen Gleichnissen oder in ganz schmucklosen Sätzen. Warum verlangst Du eine Llnmenreiche Sprache, oder künstliche Schlüsse? Die Wahrheiten Jesu bilden das göttliche Wort, und dieses Wort soll Fleisch werden im menschlichen Leben, wie es Fleisch geworden im Leben des Gottmenschen. Christus wollte leiden für uns; wir müssen leiden unser selbst und Christi willen. Wenn schon die bessern Schulen der heidnischen Philosophen Entsagung predigen, so sollen auch wir der treuern Nachfolge Jesu willen, welcher die heidnischen Mächte überwunden hat, neben den verhängten Prüfungen noch freiwillige Leiden uns auferlegen. Rauh also und den Sinnen abhold ist der Weg durch's irdische zum ewigen Leben in zweierlei Hinsicht; die Worte aber, welche uns den christlichen Wandel auf diesem Wege lehren sollen, dürften glatt sein und in üppiger Bildersülle den Sinnen .schmeicheln? Wäre da kein Widerspruch zwischen Inhalt und Form, kein Gegensatz zwischen dem beschauenden Leben im Hause des Herrn und dem werkthätigen Berufe im Getriebe der Welt? Oder willst Du gar in Worten der Entsagung auf Erden, die Deine Phantasie bestechen, Deinen Selbstmuth heben, den Vorgeschmack kosten des Genusses im Himmel, einen sinnlichen Vorgeschmack für einen übersinnlichen Genuß? Die katholische Religion ist ein Ausfluß Gottes. Ihre Worte wurzeln in der göttlichen Weisheit, ihre Thatkraft aber und Leidensstärkc im Wirken und duldenden Gehorsame bis zum Kreuzestode unseres erhabenen Mittlers. Wenn nun Gott der Urquell alles Schönen ist, wie, der edelste Ausfluß dieser Quelle dürfte seinen Ursprung verleugnen durch Mangel an wahrhaft geistiger Schönheit und Lieblichkeit? Vergleichen wir die Physische Weltschöpfung und die geistige Schöpfung der Kirche! Die erste ist dem Gesetze der Vernichtung in ihrer Gesammtheit wie in ihren einzelnen Theilen unterworfen, die zweite kennt eine ewige Fortdauer für sich und ihre Glieder in der triumphirenden Kirche. Die erste huldigt dem Wechsel als der Grundbedingung ihrer Existenz. Stetigkeit ist das innerste Wesen der zweiten. Unwandelbar, unerschütterlich ist die geistige Schöpfung als Ganzes, und die Pforten der Hölle haben sie nicht überwältigt. Die Weihe der Unerschütterlichkeit will sie allen ihren Gliedern auf dieser Erde mittheilen durch die Fülle ihrer Wahrheiten, die Schätze ihrer Gnadenmittel, und zwar nicht nur sür's ewige Leben im Himmel, sondern auch jetzt schon für die Zeit des Kampfes auf Erden. Wer ein Mitglied der triumphirenden Kirche werden will, muß ein wahrhaftes Glied der streitenden Kirche gewesen sein. Welche dieser beiden Schöpfungen nun als in allen Beziehungen die heiligere, vollkommnere wird den Stempel der göttlichen Schönheit in höherem Lichte an sich tragen: die von der allwirkenden Macht, oder die von der allleidenden Liebe am Kreuze in's Dasein gerufene? Betrachten wir die katholische Kirche als Bindeglied zwischen Gott und Mensch! Gott ist das Urbild der Schönheit, der Mensch das Ebenbild der göttlichen Schönheit. Und die Kirche, die von Gott für den Menschen bestimmte und den Menschen für Gott bestimmende, sollte alle Eigenschaften ihres göttlichen Stifters und nur die Schönheit nicht an sich tragen? Freilich ist der Begriff dieser himmlischen Schönheit übersinnlich, der Gegensatz unsrer sinnlichen Anschauungsweise. Suche deßhalb die Schönheit der katholischen Kirche, die Schönheit der katholischen Religion als des Lehrgebäudes dieser Kirche nicht in gewählten Worten von der Kanzel herab, oder aus Büchern heraus zur Befriedigung deiner sinnlichen Denk- und Empfindungsart! Suche sie vielmehr in ihrer Verkörperung am Leben der Heiligen, in ihrer Vergeisti- gung am Brode des ewigen Lebens, welches Brod alle Lust in sich begreift! Es genügt indeß nicht, am Leben der Heiligen zu suchen, was wir an uns selbst finden sollten: die Bethätigung nämlich der christlichen Wahrheiten in unserm Leben durch ihre Befolgung im Geiste des Herrn. Wer nun das Wort des Herrn im Geiste Gottes erfüllen will, der muß dasselbe im Geiste kennen lernen. Der Geist Gottes aber ist der Geist der Demuth, der Geist der Hingebung an Gott nach dem Vorbilde Jesu, welcher sich den Menschensohn genannt, und ausgerufen hat: „Vater! nicht mein sondern Dein Wille geschehe!" Da nun die Anhörung von Predigten und die Lesung geistlicher Bücher Haupterkenntnißquellen der göttlichen Lehre bilden, so müssen wir aus diesen Quellen im Geiste demüthiger Unterwerfung schöpfen. Nicht dem Vortheile unsres kurzsichtigen Verstandes, sondern ganz der Erkenntniß des göttlichen Wortes zum Zwecke der Erfüllung sollen wir uns hingeben. Gehören wir z. B. dem gebildeten Stande an, so sollten wir vorzüglich folgende drei Puncte erwägen: 1) Nicht der Rang vor der Welt, sondern der Rang vor Gott, nicht eitle Wissensfülle, sondern brünstige Liebesfülle zu Gott bestimmen den Grad der wahrhaften Bildung, welche nicht, wie häufig die Weltbildung, das Herz unbeachtet läßt. Haben uns nun in dieser wahrhaften Bildung nicht schon viele Heilige beschämt? Beschämen uns vielleicht nicht noch Mache, welche wir für große Sünder halten? 2) Alle Prediger haben als Diener Christi das göttliche Wort erfaßt, denn der Geist des Herrn ist über sie gekommen. „Ich bitte Dich, daß Du die Gnade Gottes wieder erweckst, welche Dir durch Auflegung meiner Hände zu Theil wurde." 2. Tim: 1, 6.1. Tim: 4. 14. Nicht Alle jedoch besitzen die Fähigkeit, das erfaßte Wort in glänzende Perlen zu fassen, welche dein geistiges Auge blenden und dennoch lichtlos find gegen die Strahlen der von ihnen umkleideten göttlichen Wahrheit. Ferner gibt es viele Menschen, deren Bildung ausschließlich in der Einfalt ihres Herzens, in einem frommgläubigen Gemüthe besteht. Diesen genügt die Wahrheit in schmucklosem Gewände, und sie verdienen um so größere Berücksichtigung, als sie vielleicht der ächten Bildung näher kommen, denn die gebildet sein Wollenden. Endlich, wenn Du Dich wirklich begabter, 947 kenntnisreicher fühlen solltest, als der Verkünder des göttlichen Wortes, so frage gar nicht: „Beruht dies Gefühl nicht auf selbstgefälliger Einbildung?!" Eine solche Frage beschäftigt sich mit der Form als etwas Ausserwesentlichem im Vergleiche zum Inhalte. Sie ist ferner eine Frage des Hochmuths, und ihre Beantwortung mit ja hieße im Hochmuthe verharren. So fragt nicht ein gläubiges Gemüth, welches um das Verständniß des göttlichen Wortes besorgt ist, sondern ein selbstsüchtiger Geist, der sich mit seinem eigenen Verstände beschäftiget. Unterwirf Dich also in Demuth unbedingt dem göttlich vollkommnen Worte aus dem Munde eines unvollkommenen Menschen! Erkenne in dieser Selbstver- demüthigung einen Schritt zur Selbsterkcnntniß, in der Selbsterkenntniß aber einen Schritt zur Gotterkenntniß! 3) Diese Selbsterkenntniß fragt nicht nach unserm Wohlgefallen am Vortrage des göttlichen Wortes, oder gar am göttlichen Worte selbst, sie fragt vielmehr nach dem göttlichen Wohlgefallen an uns. Sie will unser Herz in ein gutes Erdreich wandeln, in welchem die Körnlein des göttlichen Wortes sprossen und Früchte bringen. Sie lehrt, daß nicht der Mensch, sondern Gottes Gnade in ihm das Vollbringen gibt, und daß Gott seine Gnade nur den Demüthigen mittheilt. Die Tadler an der Form des göttlichen Wortes sind minder hoffärtig, minder gefährlich, als Jene, welche bald das göttliche Wort selbst, bald seine Verkünder, bald seine Hörer und Anhänger ihrem bittern Tadel unterbreiten. Wer über die göttlichen Wahrheiten freventlich urtheilt, der hat nicht diese, sondern sich selbst verurtheilt. Wer sie vor den Augen der Welt verwirft und in seiner Verwerfung beharrt bis zum letzten Tage seines Lebens, den wird auch der Herr vor den Augen der Welt verwerfen am Tage des allgemeinen Gerichts. Mensch, der Du Dich einen Christen nennst, warum urtheilst Du über die Diener Christi in der Erfüllung ihres Berufes, in ihrem Lebenswandel? Wisse: nicht die Seele Deines geistlichen Hirten wird von Dir gefordert werden, wohl aber Deine Seele von Deinem geistlichen Hirten. Wehe dem Priester, welcher Aergerniß gibt! Wehe aber auch dem Laien, welcher aus Lieblosigkeit Aergerniß nimmt! Der Ausspruch eines heiligen Bischofs möge uns Alle beruhigen! „Wie oft" — sagt der fromme Mann — „hätte ich vor meinem Beichtkinde nieder- knieen und ausrufen mögen:" „Du bist heilig, ich aber ein großer Sünder!" Warum urtheilst Du, o Christ! über Deinen Nebenmenschen, indem Du sagst: „Dieses, oder jenes Wort möge Dieser, oder Jener sich zu Herzen nehmen!" Die christliche Religion ist eine Relgion der Liebe, Du aber willst sie zu einer Religion des Hasses entweihen. Christus jagte die Käufer und Verkäufer aus dem Tempel, den sie zu einem Kaufhause gemacht hatten. Dich sollte er in sein Reich eingehen lassen, nachdem Du seine heilige Wohnstätte zur Richtstätte über die Ehre Deines Nächsten gewählt hast? Die neueren religiösen Frauen-Jnstitute. (Fortsetzung.) Als der wilde Fanatismus der europäischen Revolution die meisten Ordens- fraucn aus den stillen Zufluchtsstätten des beschaulichen Lebens vertrieben hatte, sahen sie bald ein, daß, so lange eine solche antireligiöse. Richtung die Zeit beherrsche, ihre Rückkehr nur möglich sei durch das Thor der Spitäler und Schulen. Und fürwahr! Armuth des Geistes und des Körpers waren und sind jene beiden furchtbaren Uebel, die so viel Elend erzeugten und so viele Hilfsbedürftige hervorbrachten, daß selbst Staatsgewalten, die nichts weniger als religiösen Gesinnungen huldigten, sich für unfähig erkannten, den immer mehr anwachsenden Uebeln zu steuern und religiöse Institute der katholischen Kirche zu Hilfe riefen. Darum sind Unterricht und Erziehung, wodurch der meistens auch zur wirth- schaftlichen Verarmung führenden Geistesarmuth gesteuert wird, und leibliche Pflege, welche zunächst die Leiden des Körpers in den Armen und Kranken zu lindern bestrebt ist, die beiden Hauptaufgaben, welche die neueren Frauen-Jnsti- tute zu lösen bestrebt sind. Und so vielartig auch die Seiten der Noth sind, welche die genannte Doppelarmuth im Gefolge hat, keine bleibt von der zum religiösen Enthusiasmus gesteigerten Nächstenliebe dieser Institute unberücksichtigt. Seien es Findelhäusec, welche jene unglücklichen Geschöpfe aufnehmen, die sonst dem Laster und dem Elend preisgegeben sind, oder Krippcnanstalten, Kleinkinderbewahranstalten, Volks-, Feiertags-, Töchter-, Industrie-Schulen, Waisenhäuser, Rettungsanstalten, Zuftuchts- Häuser junger Mädchen, Corrections-, Irrenhäuser, Strafanstalten, Versorgung^ Häuser — endlich noch die große Masse jener, welche irgend eine von den tausenderlei menschlichen Krankheiten auf das Schmerzenslager niedergestreckt hält, sei es in Hospitälern, Krankenanstalten, oder in Privatwohnungen vom leichten Fieberkranken anfangend bis zu den mit jenen ekelhaften Krankheiten Behafteten, vor denen selbst eine heroische, abgetödtete Natur in natürlicher Scheu zurückbebt, alle habe die neueren religiösen Frauen-Jnstitute zum Felde ihrer Thätigkeit erwählt. Und dieser Zweck soll erreicht werden nicht blos in reichen Städten, sondern selbst in armen Dörfern und Flecken. Die religiösen Frauenorden der früheren Zeit huldigten zumeist der betrachtenden Richtung. Fern von dem Geräusche der Welt, in stiller Beschaulichkeit, wollten die Jungfrauen Gott dienen und ihrem Seelenheile leben. Zwar wurde die Erziehung von Mädchen nicht ganz vernachlässiget, aber es fand dieß nur unter gewissen Beschränkungen statt. Großartiges leistete in dieser Beziehung seit dem 12. Jahrhundert der unter dem Namen Beghuinen bekannte klösterliche Verein frommer Jungfrauen und Wittwen, die in mancher Beziehung mit den neueren religiösen Frauen-Jnstituten Ähnlichkeit haben. Es wird von ihnen gerühmt, daß sie als Beschützerinnen ihres Geschlechtes, als Krankenpflegerinnen und Erzieherinnen, sowie durch Frömmigkeit, Fleiß und Ehrbarkeit Achtung und Theilnahme sich erwarben. Leider versäumten sie, durch rechtzeitige Annahme einer von der Kirche approbirten Ordensregel ihrem Werke eine bestimmte Richtung und gesetzliche Unterlage zu geben; manche von ihnen drängten sich all- mälig in eine ihrem Berufe ganz fremde Sphäre, und zogen sich den gegründeten Verdacht religiöser Schwärmerei und eines unsittlichen Lebens zu, waS ihre Auflösung an vielen Orten zur Folge hatte. Glücklicher war später in dem Vorhaben, die Erziehung des weiblichen Geschlechtes zu übernehmen, die von der heil. Angela Merici gegründete Gesellschaft der Ursulinerinnen. Ihr Beispiel blieb nicht ohne Einwirkung auf andere wirkliche Frauenklöster. Die Stätten des leiblichen Elends hat die'Kirche von jeher als diejenigen betrachtet, aus denen sie ihrem göttlichen Berufe gemäß mit der Allgewalt ihrer Liebe helfend, tröstend und erquickend sich erweisen sollte. Es läßt sich wohl annehmen, daß jene, vom kirchlichen Geiste so tief durchdrungenen, reinen Seelen, welche gegen das vor dem Bischöfe abgelegte Gelübde immerwährender Keuschheit von diesem zu gottgeweihten Jungfrauen eingesegnet wurden, und die wir als die ersten Knospen des später in reicher Blüthenpracht sich entfaltenden weiblichen Ordensleben begrüßen, jener liebenden Fürsorge der Kirche für das leibliche Elend der Menschen sich nicht entzogen haben werden. Und so finden wir denn auch derlei Jungfrauen als Krankenpflegerinnen in Spitälern auf den Pilgerzügen in das heilige Land; ferner gehören hieher die mehr als 20 weiblichen Hospitalorden nach der Regel des hl. Äugustin; jene frommen Seelen, die erfaßt von der Liebesglut des heil. Franz von Assist sich in den dritten (regulirten) Orden aufnehmen ließen u. a. m. Diese Orden waren in Folge ihres abgelegten Gelübdes zur strengen Clausur verflichtst; ganz verschieden davon sind die derartigen neueren Frauengenossenschaften. Es war offenbar, daß bei der durch das eigentliche Ordcnswesen bedingten Zurückgezogenheit und ascetischen Lebensweise viele Ideen der Humanität, deren Ausführung ein Bedürfniß war, Seitens der weiblichen Orden unberücksichtigt bleiben mußten. So drängte denn theils das allgemeine Bedürfniß, theils der dem strengen Ordensleben feindliche Charakter der Zeitalter, wie in natürlicher Entwicklung zur Bildung frommer Vereine und Genossenschaften, in denen für christliches Wohlthun begeisterte Frauen und Jungfrauen ihren Eifer nach den Bedürfnissen der Zeit und der Menschen ungestört walten ließen, und ohne die Strenge des eigentlichen Klosterlebens aus sich nehmen zu müssen, dennoch die Vortheile des klösterlichen Lebens genießen konnten. Die Schöpfung des hl. Vincenz von Paul, der in den Töchtern der christlichen Liebe (barmherzigen Schwestern) eine solche Genossenschaft ins Leben rief, wirkte wahrhaft elektrisch. Eine lange Reihe der wohlthätigsten Schöpfungen der christlichen Charitas sind seitdem in's Dasein getreten. Zeugniß geben hie- für die mannichfachen Arten der Hospitaliterinnen, die in der Sorge für die Pflege des Nächsten miteinander wetteifern. Aber es ist ein Unterschied zwischen den Hospitaliterinnen, die wirkliche Klosterfrauen sind, und zwischen jenen, die den genannten Genossenschaften angehören. Während bei den Ersteren die Krankenpflege dem eigentlichen Ordenswesen untergeordnet erscheint, ist bei den Letzteren von Kloster und Klosterwesen nur so viel adoptirt, als sich mit der Hingabe an den speciellen Zweck der Armen- und Krankenflege verträgt. Die barmherzigen Schwestern sind keine Nonnen, sondern Frauen, welche kommen und gehen, wie weltliche. Und es war gut, daß der heil. Vincenz mehr auf den Geist als aus die Form seiner Stiftung sah, indem gerade dadurch ihre Verbreitung in den verschiedenen Ländern und ihre Verträglichkeit mit den bestehenden Gesetzen und Verhältnissen ermöglichet wurde. Es haben die barmherzigen Schwestern als Klöster die Häuser der Kranken, als Zellen ein durstiges Zimmer, das oft nur gemiethet ist, als Capelle ihre Pfarrkirche, als Kreuzgang die Straßen ihrer Stadt, als Clausur den Gehorsam, als Gitter die Furcht Gottes, als Schleier die hl. Bescheidenheit. Von diesem Gesichtspuncte aus sind in den neueren religiösen Instituten die Verhältnisse der Frauen zur Krankenpflege geregelt. Diese besorgen sie in ihrem Hause — außer demselben, als ambulante Krankenwärterinnen — ohne Unterschied des Standes und Alters der Hilfsbedürftigen — ohne Unterschied des Bekenntnisses — ohne Unterschied des Geschlechtes. Wie in der Natur nur ein Gesetz herrscht, das Alles, vom Größten bis zum Kleinsten in Harmonie und Einheit leitet; wie nur jene Religion die wahre sein kann, die durch ihre Einheit den göttlichen Ursprung offenbart; wie ja Jesus Christus nur deshalb auf die Erde gekommen ist, um die zerstörte Verbindung zwischen Gott und Menschen wieder herzustellen, so sehen wir denn auch in allen religiösen Genossenschaften, welche durch freiwillige Uebernahme der drei evangelischen Räthe, der Armuth, Keuschheit, des Gehorsams, sich zu einem innigen Bunde vereinigten, daß sie diese Einheit nicht blos als ein äußeres charakteristisches Merkmal erstrebten, sondern daß dieselbe sogar mit der Existenz der Genossenschaft als gleichbedeutend erscheint. Diese Einheit wird zunächst bedingt durch eine gemeinsame Regel. Die Frauenvereine der neueren Zeit beschränken sich nicht, wie ehemals, auf einzelne Länder, sondern sie haben die Schranken der Oertlichkeit durchbrochen, und doch soll das Band der Einheit Alle umschlingen und Alle sollen ein organisches Ganze, wie eine große stufenweise sich erweiternde Familie bilden. Wo immer die Kirche ihren Weinberg bebaut, können ihr als muthige Arbeiterinnen die Frauen-Jnstitute nachfolgen. Sie sind beweglich, wie der Segen des Thaues und Regens. Die barmherzigen Schwestern eilen aus Frankreich in die Türkei, in den neuesten Zeiten nach Cochinchina, um die kranken Soldaten zu pflegen, die dem dortigen Klima nnb der heidnischen Barbarei unterliegen; die Schwestern der Kongregation Jesus- Maria von Lyon nach Quebeck, die englischen Fräulein aus Bayern nach Ostindien, und rührend ist es zu vernehmen, wie die Muhamedaner und Hindus, welche mit jeder erdenklichen Grausamkeit alle anderen Europäer mordeten, an einzelnen Orten gerade diese Schwestern sorgsam schützten, die armen Schul- schwestern aus München nach Nordamerika u. s. w. Alle diese einzelnen Niederlassungen, so entlegen sie auch sein mögen, bestehen nicht für sich allein, sondern bilden ein Ganzes, sie sind nur Glieder einer Familie, Aeste eines großen Baumes. Und wie der Ast mit dem Stamme nothwendig in Verbindung sein muß, damit er durch ihn Lebenskraft empfange, so auch stehen diese einzelnen klösterlichen Niederlassungen nothwendig in Verbindung mit dem Muttcrhause, von dem sie den Personalstand, neue Arbeitskräfte an die Stelle der durch Tod oder Krankheit aufgeriebenen, sogleich Hilfe bei vorkommenden Unglücksfällen, somit gleichsam die Dauer ihrer Existenz beständig empfangen. Jede Jungfrau, die ihre Gelübde abgelegt hat, opfert sich damit dem Besten des Ganzen; sie gehört nicht mehr dem einzelnen Hause an, wie in den wirklichen Frauenklöstern, sondern sie ist bereit dem Gebote der Vorsteherin Folge zu leisten, wohin immer ihr Ruf sie führt. (Schluß folgt.) Der Pfarrer von St. Agatha. Eine rührende Geschichte aus den Zeiten der französischen Revolution. (Fortsetzung.) 3 . Die Noth steigt aufsHöchste. Da trat der Beamte des Ortes, ein erfahrner stattlicher Mann, auf den Pfarrer zu und flüsterte ihm etwas ins Ohr, sagte sodann laut zu den Umstehenden: Verhaltet euch nur ruhig und gehe jeder in sein Haus oder an seine Arbeit, dem Hochwürdigen Herrn Pfarrer soll dennoch nichts Leides geschehen. Die Leute gehorchten, denn der Mann hatte Ansehen. Aber die meisten gingen statt an die Arbeit in die Kirche, um den lieben Gott in so schwerer Noth anzurufen. Ihrer Drei oder Vier, denen der Vorsteher der Gemeinde gewinkt hatte, blieben bei diesem, und nachdem der Priester noch einige Sachen in seiner Wohnung geordnet, das Wichtigste an Schriften unter den Arm genommen hatte, zog er in Begleitung der Männer in einen benachbarten Wald hinaus. Dort stand beinahe in Mitte des Gehölzes eine halb zerfallene Köhlerhütte, in welche sich sofort der Pfarrer verbarg. Der Vorsteher kehrte nun wieder in das Dorf zurück, die andern Männer blieben aber bewaffnet im Walde, theils um ihren Seelsorger im Nothsall zu vertheidigen, theils um ihn zu hindern, sich selbst freiwillig auszuliefern. Wie die Gemeinde für ihren Vater, so betete der Pfarrer in seinem dunkeln Schlupfwinkel für seine lieben Kinder, der Herr möchte sie vor Unglück bewahren. Aber anders war es vom Herrn geordnet/ Des folgenden Tages kam wirklich, wie man es angekündigt hatte, eine Schaar von 80 Bewaffneten, unter Anführung des Repräsentanten, und 2 Kanonen mit sich schleppend nach St. Agatha. Die Compagnie stellte sich auf dem Hauptplatze des Dorfes, wenn man so sagen darf, das heißt in Mitte zwischen den Häusern auf, der Commandant beschied die Dorfbewohner vor sich und ließ dann eine Aufforderung verlesen des Hauptinhaltes: Sie sollen ihren Pfarrer ausliefern. Die Leute erwiderten gutmüthig, sie könnten das nicht, da der Pfarrer nicht zu Hause sei. „Man kennt euch, ehrloses Lumpenpack, wir wollen den Pfarrer schon finden," schrie der Commandant, ließ die geladenen Kanonen gegen den Pfarrhof aufpflanzen und begab sich sofort mit der Hälfte der Mannschaft in denselben. Alles wurde durchsucht, die Kästen, Schränke, welche zertrümmert wurden, alle Zimmer, aber umsonst. Von da ging es in die Kirche, wo übermal nicht nur kein Winkel undurch- sucht blieb, sondern auch die größten Gotteslästerungen verübt wurden. So ging es ferner in allen Hütten des Dorfes, doch alles umsonst, denn der Gesuchte war nicht zu finden. Da entbrannte der Commandant in Wuth. Noch einmal ließ er die Dorfbewohner, versammeln, forderte sie noch einmal auf im Namen des Gesetzes, den wiedrspenstigen Priester, wie er ihn nannte, auszuliefern— und als abermals alles schwieg, erklärte er den Flüchtigen vogelsrei und als ausser dem Gesetze stehend, demjenigen aber, der ihn einbringen würde, versprach er die schöne, runde Summe von 20,000 Franken. Keiner hatte Lust das Blutgeld zu gewinnen, und doch wußten Viele, wo ihr Pfarrer war, und Viele ahnten, was sie bei solcher Weigerung zu erwarten hatten. Wirklich ließ der Anführer die Kirche, den Pfarrhof, das ganze Dörfchen anzünden und zusammenschießen. Die Strohhütten faßten nur zu leicht Feuer und in wenigen Stunden lagen Schutt und Trümmer, wo die Wohnungen armer, aber glücklicher Menschen gestanden waren. Der Tambour wirbelte, die Mordbrenner zogen ab, denn es war nichts mehr zu verbrennen. Die Leute aber schlugen die Hände über den Kopf zusammen und Viele vermochten sich kaum in das große Elend zu fügen. Denn anders sieht das Elend aus, wenn es in der Ferne steht und anders, wenn es uns wirklich heimsucht; da thut es oft recht Noth in Jammer und Trauer zu gedenken des Wortes: „Selig, die da trauern, denn sie werden getröstet werden." (Fortsetzung folgt.) Der TageSlauf. Q. Weßhalb betrachten wir die Sonne mit verschiedenen Empfindungen, folgen aber stets sehnsuchtsvoll dem Laufe der nächtlichen Gestirne? — fragte Clara ihre Mutter. Weil wir unbewußt in der Sonne und den nächtlichen Gestirnen den Spiegel des eigenen Lebensglückes schauen. Wie Las? Dir dies klar zu machen, wollen wir den Lauf des Tages betrachten. — Früh geht die Sonne aus, und Alles fühlt sich erquickt und gestärkt von ihrem neuvelebenden Strahle. — Wie ist der Mensch in einem neuen Glücke, in welches er sich gleichsam noch nicht recht gefunden? Es ergreift ihn Freude in der Empfindung, Lust zur Thätigkeit. Doch die Strahlen der Sonne brennen stärker, wir gewöhnen uns mehr an unser Glück? Dann lassen die Geschöpfe von ihrem Jubel, die Menschen von freudiger Empfindung und Thätigkeit ab. Beide werden gleichgiltig gegen Sonne und Glück. Nun erreicht die Sonne die Mittagshöhe in der Natur, das Glück in den äußern Umständen des Menschen? Dann, liebe Mutter! suchen die Vogel den Schatten, verdorren die Gesträuche. — Der Mensch ist seines Glückes überdrüssig, wünscht sich ein geringeres Maß, manchmal gar das Unglück. Die Sonne, das Glück stehen in Abnahme begriffen, auf einer der Natur, dem Menschen zuträglichen Stufe? Hier tritt wiederum Gleichgiltigkeit ein, wie früher bei der erträglichen Zunahme der Sonne, des Glückes. Die Sonne, das Glück schwinden allmälig oder Plötzlich am Erdenhimmel. Nacht ruht auf der Schöpfung, Nacht stürmt im Herzen des Menschen? Dann treten die leuchtenden Gestirne an den nächtlichen Himmel. Der Schöpfung ja, nicht immer des menschlichen Herzens — unterbrach die Mutter die Sprecherin. — Jetzt kommt der Grund der verschiedenen Gefühle Lei Betrachtung der Sonne, des Einen Gefühls beim Anschauen der Sterne. Er beruht im Unterschiede der Wirklichkeit, welche ik^ 'rrfinnbildung in der Sonne, der Hoffnung, welche die ihre in den Sternen , . Ich habe ihn erfaßt — fiel die begeisterte Clara e.« — Wirklichkeit erweckt in uns verschiedene Gefühle, bald der Freude, bald des Schmerzes; hier der Nimmerersättigüng, dort des Ueberdrusses. Hoffnung belebt nur mit Einem Gefühle: jenem der Sehnsucht. Wir sehnen uns also nach dem entschwundenen Glücke. Diese Sehnsucht ist der Stern uns'res Herzens. Wie den nächtigen Gestirnen die Sonne des Tages, — hoffen wir — werde der Sehnsucht die Befriedigung folgen. Mutter! Ich war vorhin zu eilig. Nicht immer treten die Sterne an den nächtlichen Himmel. Glaubst Du? Die Gestirne sind da, aber ein neidischer Wolkenschleier verhüllt dieselben dem menschlichen Auge. Das ist ein trauriger Unterschied zwischen dem Erdenhimmel und dem Lebenshimmel.. An letztem schwindet gar oft der Stern der Hoffnung. Nein. Der Stern ist da. Aber das von nächtiger Verzweiflung umflorte Herz will ihn nicht schauen. — Kennst Du diesen Stern, mein Kind? Er leuchtet nicht nur am Himmel, sondern im Himmel dem gerechten Hartgeprüften. Mutter! Gott schützte Jeden vor der Blindheit des Herzens, damit er stets diesen Stern schaue! , Die schönste Perle. Mutter! welche ist wohl die schönste Perle? — fragte Clara und schob der Mutter ein Kästchen voll Perlen hin. Die Mutter schob das Kästchen weg. — Die schönste Perle — erwiderte sie — ist die Thräne des Mitleids. Sie schmückt, wenn sie in unserem Auge glänzt, unser Herz, während andere Perlen nur Hals und Arme zieren. Sie erquickt uns ferner, wenn sie uns geweint wird, auf geistige, alles andere Perlen- geschmeide auf sinnliche Weise. Verwerthe die kostbarste Perle! Sie wird das nicht geben können, was dir die Perle des Mitleides gewährt: Trost und liebevolle Hilfe. Sicductiru un» iLcrlag: vr. M. Huttlcr. — Druck »ou 3. M. Slcinlc. AiigMgn §mt«gM«1t. 45 . 4. November 1860. Da» Augsburger Sonntagsblatt lSonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige AbonnementSpreis ist 2Y kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Zur Geschichte der Vertreibung der Jesuiten aus Sicilien. Die von k- Terwecoren in Belgien erscheinenden I>rc-c>s bisrorlgues enthalten folgende interessante Episode über die Vertreibung der Jesuiten aus Sicilien: Die göttliche Vorsehung bediente sich eines Jesuiten aus Belgien, des Lambelin, welcher bereits vier Jahre auf dieser Insel sich aushielt, um seinen Mitbrüdern den Schmerz und die Leiden ihrer Verbannung zu versüßen und zu erleichtern. Die Ereignisse, welche sich seit dem 4. April daselbst zugetragen, sind hinlänglich bekannt. Sie bildeten das Tagesgespräch aller Journale. Am 23. Mai hatten die Oberen der sicilianischen Provinz den k Lambelin nebst zwei anderen Vatern und einem Laienbruder aus der ehemaligen Provinz Turin nach Neapel geschickt, wo sie ihre fernere Bestimmung abwarten sollten. Man verlangte hier für den Pronp, ein Schiff des französischen Geschwaders, welches auf der Höhe von Neapel kreuzte, einen Schiffscaplan. k>. Lambelin ward dazu bestimmt. So machte er nun Bekanntschaft mit den französischen Seeofficieren, die ihn mit aller möglichen Aufmerksamkeit behandelten. Herr Barbier de Tinan, Vice- Admiral und Obercommandant des französischen Geschwaders, erwies ihm jene Achtung, welche dem priesterlichen Charakter gebührt. Hier erhielt k>. Lambelin Kenntniß von dem Decrete Garibaldi's vom 17. Juni, wodurch er alle Güter der Gesellschaft Jesu auf Sicilien mit Beschlag belegte und die Glieder dieser Gesellschaft rücksichtslos von der Insel verbannte. — Sogleich begab sich k. Lambelin zum französischen Vice-Admiral, stellte ihm die traurige Lage seiner Mitbrüder auf Sicilien vor Augen, und erhielt von ihm die ausgedehnte Vollmacht, sich auf einem französischen Kriegsschiffe nach Palermo zu begeben und seinen Mitbrüdern auf Sicilien mitzutheilen, daß sie auf einem Schiffe seines Geschwaders unentgeldlich abreisen könnten. Der Herr Vice-Admiral gab ihm außerdem noch ein Begleitschreiben mit an den Contre-Admiral Jehenne, welcher sich auf der Rhede von Palermo befand, und ersuchte denselben, dir Jesuiten der Insel unter seinen Schutz zu nehmen, ihre Einschiffung zu erleichtern, und überhaupt dafür zu sorgen, daß ihnen von Seiten der revolutionären Regierung kein Leid zugefügt werde. Das edelmüthige Benehmen dieser französischen Officiere zeigte sich über alles Lob erhaben; alle die schönen Züge, welche dem französischen Nationalcharakter angehören, erschienen in den persönlichen Eigenschaften dieser Männer noch mehr veredelt. Ihre Achtung gegen Priester und ihr Mitleid mit fremdem Unglück gewährten den von der Revolution Geächteten Trost und Hilfe. U. Lambelin schiffte sich also auf der Mouette, einem Aviso- Schiff des Geschwaders, ein. Er erhielt hier seine eigene Cajüte, ward vom Capitän täglich zu Tisch geladen, und gelangte nach Palermo. Herr Jehenne, der Contre-Admiral, hatte bereits mit offenem Freimuthe und zarter Theilnahme über die unglückliche Lage der geächteten Jesuiten Er- kundigung eingezogen. Er wollte ihre Leiden vermindern, und dem Lambelin zur Erreichung seiner Sendung behilflich sein. Täglich stieg der Pater an's Land, gewöhnlich in Begleitung eines Seeofficiers, bisweilen auch in Gesellschaft des SchiffScaplans, und suchte seine Mitbrüder auf. Er selbst schlief gewöhnlich am Bord der Mouette oder des Kriegsschiffes Donawerth. Er ließ zuerst diejenigen sich einschiffen, welche schon zur Abreise bereit waren; unter ihnen befand sich auch der U. Provinzial. Unter dem Schutze des französischen Geschwaders war es den Jesuiten möglich, manche dringende Geschäfte noch zu erledigen und einige Werthgegenstände ihres Eigenthums auf das Schiff des Contre-Ad- mirals zu bringen. Der U. Provinzial hatte vor seiner Abreise nach Rom dem u Lambelin den Auftrag ertheilt, in Palermo zu bleiben, um seinen übrigen Mitbrüdern zur Abreise behilflich zu sein. So blieb U. Lambelin noch 3 Wochen in Palermo. Die erste Abtheilung der geächteten Jesuiten war noch nicht lange abgereist, als der Polizei-Minister der revolutionären Regierung an allen Straßen Palermo's eine Verordnung anheften ließ, worin den Jesuiten bedeutet wurde, innerhalb ^8 Stunden die Insel zu räumen. Die Verordnung selbst war in einer Sprache abgefaßt, wie sie nur revolutionären Mordbrennern eigen ist, und gab das Leben dieser Ordenspriester der höchsten Gefahr Preis. u. Lambelin las diese Verordnung und sprach darüber mit dem Contre- Admiral auf dem Schiffe Donawerth. Herr Jehenne rieth dem Pater, ungescheut eine Audienz bei Garibaldi zu verlangen, und ihm offen alle Folgen dieser Verordnung auseinanderzusetzen. Dies geschah am Juli. Zwei Wochen vorher, am 20. Juni, hatte Garibaldi dem Contre-Admiral einen Höflichkeitsbesuch am Bord seines Schiffes abgestattet. Zufrieden mit dem Empfange, den er von Seiten des Contre-Admirals gefunden, soll er bei seiner Entfernung Herrn Jehenne seine Gegendienste verheißen haben, wenn er deren bedürfe. Nun war die Gelegenheit dazu geboten. Der Contre Admiral, Herr Jehenne, hatte zwar dieses Versprechen sich nicht erbeten, aber wollte doch davon Gebrauch machen. Er schrieb also nicht so fast als französischer Admiral, denn als eifriger Katholik, der den Unglücklichen Hilfe bringen wollte, an den Dictator, und bat ihn, dem I'. Lambelin, einem Belgier von Geburt, eine Audienz zu gewähren. Er sagte ihm zugleich in dem Schreiben, daß dieser Pater ihn für sich und seine Mitbrüder, nämlich die sämmtlichen auf Sicilien geächteten Jesuiten, noch um Aufschub für einige Tage bitten werde, damit sie das zur Abreise Nothwendige leichter vorbereiten und eine schickliche Gelegenheit zur Einschiffung nach Neapel abwarten könnten. Das Schreiben setzte Garibaldi davon in Kenntniß, daß in Ermanglung eines Handelsschiffes Herr Jehenne vom Herrn Vice-Admiral bevollmächtiget sei, den von Sicilien vertriebenen Vätern der Gesellschaft Jesu die Abfahrt nach jener Stadt auf einem der Staatsschiffe zu gestatten, wenn ein solches dorthin abgehe; aber für den Augenblick stand keines zur Verfügung. Deßhalb mußten die Ordensmänner, ohne beunruhigt zu werden, auf der Insel den Tag ihrer Einschiffung abwarten können. Ueberdies mußte der Dictator wissen, daß die polizeiliche Verordnung, die am Tage vorher angeheftet war, den Vätern nur W Stunden fernern Aufenthalts in ihrem Vaterland gestattete. Weil kein Fahrzeug zur Einschiffung abging, sahen sich die Väter in die absolute Unmöglichkeit versetzt, diesem Decrete Folge zu leisten. Deßhalb verwandte sich der Contre-Admiral bei Garibaldi für 1^. Lambelin, der gegenwärtig am Bord des französischen Geschwaders Zuflucht gesucht, und sich an den Contre-Admiral gewandt habe, daß er ihm doch in diesen mißlichen Umständen zu Hilfe komme; er erbat von Garibaldi die Gunst, um die U. Lambelin ihn dringend angehe, weil es sich durchaus um eine Frage der Menschlichkeit handle. 355 Der Dictator wohnt in dem königlichen Palast; eben nicht sehr demokratisch! Es ist unmöglich, ohne Karte Audienz bei ihm zu bekommen; auch das ist wenig populär, doch was liegt den Leuten daran? Lambelin hatte keine Karte. Er händigte statt dessen dem wachthabenden Officier das Schreiben des Contre-Admirals ein, und sagte ihm, daß er mit dem Dictator in einer sehr dringenden Angelegenheit zu verhandeln habe. Ein Officier führte ihn durch sehr viele Salons und zahlreiche Schildwachen bis zu einem Vorzimmer, worin sich der dienstthuende General-Adjutant befand. Dieser meldete ihn bei Garibaldi an, der in sogleich eintreten ließ. Der Officier führte den Jesuiten ein, welcher hier eine ganz unerwartete Ausnahme fand. Der Dictator bewohnte ein sehr einfaches Zimmer in dem Pavillon über dem neuen Portal des Palastes. Es fand sich dann ein kleiner leerer Tisch vor, von ärmlichem Aussehen, und einige ganz gewöhnliche Sessel. Der Jesuit glaubte sich bei diesem Anblick in seine Zelle versetzt. Bei seinem Eintritt erhob sich Garibaldi, nahm für den Pater einen Sessel und setzte sich mit ihm nieder. Der Dictator trägt eine rothe Blouse von Flanell, wie unsere Metzger; — ein trauriges Sinnbild des vielen Blutes, das er fließen läßt! Ein lederner Gurt schließt über diese Blouse seine aschgrauen Pantalons; — ein trauriges Bild so großer Verheerungen! um seinen Hals hängt nachlässig ein Tuch, das in Form eines Dreiecks doppelt gelegt, kunstlos zusammengerollt und im Nacken geknüpft ist. Dies ist die vorschriftsmäßige Kleidung der Garibaldianer. Wäre der Pater nicht ganz anders berichtet gewesen, er hätte geglaubt, daß er es hier mit einem Diener, nicht aber mit dem Herrn zu thun habe. Uebrigens ist Garibaldi ein schöner Mann, von mittelmäßigem Wuchs, schöngebautem Körper und verräth ein Alter von 50 Jahren. Seine schlanke Gestalt, die durch einen Bart noch verschönert wird, trägt keineswegs die wilden Züge und das geheimnißvolle Anzeichen seiner verruchten Thaten an sich, sondern scheint vielmehr Spuren von Güte und Zuvorkommenheit zu verrathen. Er empfängt die Fremden sogar mit vieler Würde. (Fortsetzung folgt.) Die neueren religiösen Frauen-Jnstitute. (Schluß.) Die Regierungsform in den neueren religiösen Frauen-Jnstituten ist monarchisch. An der Spitze steht die General-Oberin, der einige Frauen zur Assistenz beigegeben sind. Diesen sind untergeordnet alle Localoberinnen der einzelnen Filialen. — Erst die neuere Zeit hat das Institut der Generaloberinnen ausgebildet. In dem geistlichen Rechte suchen wir vergebens einen Canon, der die Rechte und Pflichten einer Ordensfrau angibt, die eine gewisse Gewalt nicht blos in dem Umfange einer Diözese ausübt, sondern über Häuser sogar, die in verschiedenen Saatsgebieten, ja in verschiedenen Welttheilen liegen. Die allgemeine Kirchenversammlung von Trient bestimmt vielmehr (25. Sitzung), daß die Superiorität einer und derselben Ordensfrau nur über ein einziges Haus sich erstrecke. Erst durch die Erfahrung mußte sich allmälig herausstellen, weche Regierungsprinzipien für diese neueren Institute unter den mannigfachen Verhältnissen heilsam, nützlich und nothwendig seien, und welche nicht. Daher die Erscheinung, daß der hl. Stuhl anfänglich die ersten Generaloberinnen auf ein sehr geringes Maß der Gewalt einschränkte, und erst später größere Vollmachten verlieh. Für alle neueren religiösen Frauen-Jnstitute überhaupt wichtig ist die Entscheidung Benedicts XlV. zu Gunsten der englischen Fräulein in München i. I. 17^9. Darnach hat die General-Oberin das Recht, t) alle 356 Häuser ihres Institutes zu visttiren, von der Beobachtung der klösterlichen Ordnung und dem Stande des ganzen Hauses Einsicht zu nehmen und in dieser Hinsicht geeignete Verfügung zu treffen. 2) Sie führt das Oberaufsichtsrecht über die Schulen und Pensionate und wacht über den geeigneten Fortschritt in Lehre und Erziehung. 3) Sie ist berechtigt, die Fräulein in die verschiedenen Häuser zu entsenden, und, wo solches nöthig oder dienlich erscheint, Personalveränderungen vorzunehmen. In Ausübung aller dieser Rechte ist sie von den re- spcctiven Diözesan-Bischöfen stets abhängig — jedoch mit Aufrechthaltung des Gencralverbands. — Die Generaloberin erscheint demnach gleichsam als eine Mutter für die Congregation ihrer Töchter, die sie zum Lehramte oder Hospitaldienste erzieht, jeder ihren Wirkungskreis zutheilt, ihre Thätigkeit überwacht, die Disciplin aufrecht erhält, und wird darum von den Schwestern auch gewöhnlich mit dem Namen „ehrwürdige Mutter" bezeichnet. Der Verband aller Häuser und Personen wird endlich unterstützt und erhalten durch eine gemeinsame Casse. Behält auch jede Filiale ihrer Spezial- casse, so verbleibt dieser doch die Pflicht der Rechenschaft an die General-Oberin, und alle Activa und Passiva berühren das ganze Institut, so daß eine genaue Rechnungslage erforderlich ist, damit nicht etwa durch übermäßige Sparsamkeit eine Anhäufung von Schätzen stattfinde, sondern daß die allenfallsigen Ueber- schüsse nach Vorschrift der Regel zu geeigneten Zwecken verwendet werden. So freudig nun auch jeder Menschenfreund die neueren religiösen Frauen- Jnstitute für Krankenpflege und Schule begrüßen muß und die letzteren namentlich von großem Segen sich erweisen werden, wenn sie in Demuth fortfahren, den Nachdruck ihrer Thätigkeit auf die religiös sittliche Erziehung der Jugend zu legen, und nicht etwa zu jener Weise des Unterrichtes neigen, bei der man mit einem eitlen Gedächtniß-Mechanismus mehr glänzt, als nützt — so dürfen dabei dennoch jene religiösen Frauen-Genossenschaften, die rein betrachtender Natur find, auch in der Gegenwart nicht unterschätzt werden. So gewiß es ist, daß es jederzeit Viele gibt, die für das Unterrichtsfach oder die Krankenpflege weder Neigung noch Geschick, aber dennoch einen entschiedenen Beruf für das klösterliche Leben haben, so unleugbar ist es auch, daß für diese ein betrachtender Orden Bedürfniß ist. Es unterliegt keinem Zweifel, daß diese jungfräuliche Schaar durch ihre Gebete und stellvertretende Buße die Gnade des Himmels auf Viele herniederziehe. Und wenn man noch hinzufügen kann, wie dort Zucht und keusche Sitten blühen, wie begüterte Töchter, selbst aus höheren Ständen, der herrschenden Genußsucht sich entziehen, um innerhalb der stillen Klosterräume ein Leben der Entsagung und Abtödtung zuführen; wie von den Erübrigungen durch ihre Genügsamkeit so vielen Armen das tägliche Brod gespendet werden kann, so dürfte damit der überzeugendste Beweis geliefert sein, daß auch die Klöster zu «seelischen Zwecken, insbesondere gegenüber dem Sittenverderbniffe, wovon die Schwurgerichtsverhandlangen allerwärts ein so schauderhaftes Gemälde entwerfen, liebliche Sterne in der Nacht sind, und weit entfernt, in unseren Tagen überflüssig zu sein, vielmehr nothwendig erscheinen für die krankhaften socialen Zustände der Gegenwart, nicht minder, als jene Institute, welche sich mit Unterricht und Krankenpflege besassen. Die Rose. 6. Mutter! — fragte Clara — welche Tugend versinnbildet die Rose? Keine Tugend insonderheit — versetzte die Mutter — sondern die Tugend in ihrer allgemeinen Bedeutung. Welches ist die allgemeine Bedeutung der Tugend? 357 Eine doppelte:, einmal der Begriff irgend eines sittlichen Vorzuges, und dann der Inbegriff mehrerer solcher sittlichen Vorzüge. Wir wollen sehen, in wiefern die Rose diese letzte Bedeutung des Tugendbegriffes versinnbildet. Warum, glaubst Du, ist diese Blume die Königin der Blumen? Jede Blume hat irgend einen Vorzug: die eine Schönheit der Farbe, die andere Lieblichkeit des Geruches, eine dritte Zartheit der Form. In der Rose nun findet nicht nur eine Vereinigung, sondern auch eine Steigerung dieser Eigenschaften statt. Getroffen. Warum indessen — wähnst du — steigen diese Eigenschaften in der Rose zu einem Hähern Grade der Vollkommenheit? Ei, weil ein Vorzug den andern emporhebt, ihn erst ins rechte Licht setzt. Dasselbe ist nun beim Tugendhaften der Fall. Er erstrahlt nicht in Einem, sondern in mehreren sittlichen Vorzügen. Er beherrscht durch diese Vervollkommnungen seine Mitmenschen, die unwillkübrlich sich vor ihm beugen, entweder in Verwunderung oder Liebe, oder im edlen Nachahmungseifer. Seine Vorzüge endlich heben sich selbst gegenseitig und zwar auf doppelte Weise. Wie das, liebe Mutter? Einmal in den Augen der Menschen. Wie wir den Purpur lieber an einem Gewände bewundern, wo sich mit der Schönheit der Farbe das Ebenmaß der Form paart, als an einem mißgestalteten Lappen; in gleicher Weise gewahren wir die Aeußerungen der Andacht lieber auf den Lippen des Sanftmütigen, als auf jenen des Schmähsüchtigen. Zeigen wir an diesem Beispiele die zweite Art der gegenseitigen Erhebung! Diese, liebe Mutter! ist das innere Wachsthum der Tugend. Woraus schließest Du das? Ich denke: wenn das Wohlgefallen die Wirkung der Tugenden in den Augen der Menschen ist, so müssen sie doch auch eine Wirkung in den Augen Gottes, in sich selbst haben, da sie ja ihren Zweck im Gottesurtheile und in sich, aber nicht im Menschenurtheile tragen. Du denkst richtig, denn jeder Selbstzweck kann nur der des Wachsthumes, der Vervollkomnung sein. Glaubst Du nun, daß wahre Andacht in einem liebevollen Herzen leichter gedeihe, als in einem zur Schmähsucht sich neigenden Gemüthe? Freilich, denn die Liebe gegen Gott und die Nichtliebe des Nebenmenschen, welche letzte die Quelle der Schmähsucht ist, bilden einen Widerspruch. Ein solches Gemüth muß also letztere unterdrücken, bei seiner Schwäche oft unterdrücken, die Andacht zu erstreben. Aber, Mutter! wir haben rothe und weiße Rosen. Gibt es denn auch zweierlei Begriffe von der wahrhaften Tugend? Nein. Es gibt nur eine Wahrheit, nur eine Wahrhaftigkeit, also auch nur einen wahrhaften Gesammtbegriff der Tugend, welcher sich indessen in den verschiedensten Ausflüssen vereinzelt und verkörpert. Was nun die Blume in getrennter Gestaltung versinnbildet, das vereinigt in Wahrheit der menschliche Herzenstempel der Tugend. Weiß ist die Farbe der Reinheit. Unsre Seele muß rein sein von niedrigen Leidenschaften. Roth ist die Farbe der Liebe. Unser Gemüth muß erfüllt sein mit erhebender Liebe zu Gott; dann erst wird in unser Herz die Tugend einziehen. Ist denn diese Reinheit und Liebesfülle eine leichte Aufgabe? Nein, ihre Erlangung und Bewahrung erfordern unsäglichen Kampf. Und diesen Kampf versinnbildet die Rose auf die schönste, erhabenste Weise: Keine Rose ohne Dornen; keine Herzensreinheit und Gottesliebe ohne den Stachel der Entsagung, welcher unsre Fleischeslust verwunden und ertödten muß. Der Pfarrer von St. Agatha. Eine rührende Geschichte aus den Zeiten der französischen Revolution. (Fortsetzung.) 4 . Der Pfarrer lehrt zurück. Aengstlich hatte indessen der fromme Greis in der Köhlerhütte gewartet, was da kommen sollte; den ihm ahnete nichts Gutes für seine Heerde. Gegen Mittag sah er mit Schrecken, wie der Himmel gegen die Richtung von St. Agatha sich röthete. Er hieß einen der Männer, die bei ihm waren, auf einen Baum klettern, um zu sehen, was das wäre. Der Mann kletterte auf eine hohe Tanne und sah leider, wie das ganze Dorf in Flammen stand. Bald darauf hörte man Jammer und Wehklagen durch daz dichte Gehölze erschallen. Es kamen einzelne Weiber und Kinder mit weinenden Augen und zerrissenen Kleidern, ein wahres Bild des Jammers, und erzählten weitläufig alles, was geschehen. Da brach der Pfarrer in lautes Weinen aus und klagte sich selber an, daß um seinetwillen so großes Unheil über sein Volk gekommen sei. „Ich muß wieder zu ihnen, ich muß sie sehen, muß sie trösten." So sprach er. Es hals alles Abwehren der ihm beigeordneten Männer nichts, und der Greis eilte aus seinem Schlupfwinkel heraus, drängte sich durchs Gebüsch und bald stand er außerhalb des Waldes. Welch ein trauriges Bild sah er nun vor sich. Einige Schutthaufen bezeichneten die Stelle, wo das Dörfchen St. Agatha gestanden. Noch wirbelte der Rauch empor und die Mauertrümmer der Kirche standen in Mitte der Verwüstung wie ein verstümmelter alter Krieger auf dem Schlachtfelde unter den Leichen seiner Bruder. Traurig aber war der Anblick der unglücklichen Dorfbewohner, die sich mit dem Wenigen, was sie aus den Flammen retten konnten, und mit dem übergebliebenen Vieh aus dem Felde gelagert hatten. Hier Weiber, die sich die Haare zerrauften, Kinder, die unaufhörlich nach Brod schrieen, und die Mutter konnte ihnen keines mehr geben, Männer, die stumm und starr mit dem Blicke der Verzweiflung auf den Boden sahen. Doch der fromme Priester-Greis kam immer näher und näher — da hieß es auf einmal: „Unser Vater kommt" — und die Betäubten erwachten ein wenig und gingen ihm entgegen. Er kam mit entschlossenem Herzen, sie aufzurichten und zu trösten, aber als er ihre Thränen sah, ihr Schluchzen hörte, da brach auch seine Kraft, und weinend rief er: „Kinder, warum habt ihr das gethan? warum mir kein Wort gesagt? warum meinen Aufenthalt dem Commandanten nicht endcckt? Waren denn die wenigen Monate oder Tage, die ich noch zu leben habe, es werth, so theuer erkauft und bezahlt zu werden? Was gilt mein graues Haar gegen die rothen Wangen dieser unschuldigen Kinder, die starken Arme dieser Jünglinge und Männer." Aber die guten Leute erwiderten ihm ganz einfach: Er sei ihr Vater, sein Leben um jeden Preis zu erkaufen, sei Pflicht der Gerechtigkeit gewesen, jener Gerechtigkeit, von welcher er ihnen so oft geprediget, sie sollten darnach hungern und dursten; werden sie nun auch großen Mangel und Noth leiden, sie wollen gerne alles erdulden, da er nun gerettet sei; haben sie auch kein irdisches Brod mehr, der Mensch lebe ja nicht vom Brode allein, und auch so seien sie selig nach dem Worte: „Selig, die da hungern und dursten nach Gerechtigkeit, denn sie werden ersattiget werden." 5 . Der Pfarrer wird verrathen. Drei Tage nach diesen schrecklichen Vorfällen saß der Volksrepräsentant, der nach St. Agatha gezogen war, in seinem Arbeitszimmer zu Niort, wo er sich 359 so eben mit dem öffentlichen Ankläger und dem Henker über die Mittel besprach, die Aufrührer durch gewaltsame Maßregeln zu schrecken und sie zur Pflicht zurückzuführen. Sie waren noch nicht lange beisammen, als man einen alten Mann in das Zimmer führte. Dieser ging gebeugt an seinem Knotenstock einher, sein Haupt war kahl, der Blick aber voll Leben und Feuer; die ärmliche lange schwarze Kleidung ließ in ihm einen Geistlichen vermuthen; die bestaubten Schuhe zeigten an, daß er einen weiten Weg hieher gemacht. „Bürger Repräsentant", sagte der eingetretene alte Mann, indem er sich ihm muthig näherte, „Sie ließen in St. Agatha bekannt machen, es sollen demjenigen, der den Pfarrer jener Gemeinde ausliefere, 20,000 Francen ausbezahlt werden. Geben Sie mir diese versprochene Summe und ich verspreche Ihnen dagegen den genannten Pfarrer auszuliefern." So sehr auch der Beamte an die Schlechtigkeit der Menschen gewohnt war, so schauderte er doch bei dem unerhörten Antrag, mit welchem ein Mann, der nur noch einige Schritte vom Grabe entfernt war, ihm den Kopf eines andern Greises gleichsam zu Füßen legen wollte. „Priester", sprach er erstaunt, „wie ist es für einen Mann Ihres Standes und Alters möglich, mir ein solches Anerbieten zu machen?" „Nicht so unmöglich, als Sie glauben. Wollen Sie es annehmen?" „Ich nehme es an, aber das vergossene Blut falle zurück auf Ihr graues Haupt." „Nun ja; so geben Sie die versprochenen 20,000 Francen heraus." „Sobald Sie mir den Schurken von St. Agatha ausliefern." „Versteht sich. Aber merken Sie wohl, ich verlange überdies, daß Sie mir die nöthige Zeit und Mittel gewähren, um das Geld, sobald ich es gewonnen und erhalten habe, nach meinem Belieben zu verwenden." „Wie könnte ich Ihnen Zeit und Mittel zu solchem Vorhaben verweigern? Gehört Ihnen denn das Geld nicht eigenthümlich zu, sobald Sie es erhalten?" „Daß weiß ich alles. Versprechen Sie mir nur einstweilen, um das ich bitte; ich habe meine guten Gründe, auf diesem Puncte zu bestehen." „Zwar sehe ich nicht ein, wozu das dienen soll, doch verspreche ich Ihnen als wahrer Republikaner feierlich, die nöthige Zeit und Mittel zu gewähren, um über den Lohn dieser Schandthat zu verfügen." „Nun gut. So geben Sie mir das Geld, denn ich selbst bin der Pfarrer von St. Agatha und ich überliefere mich in Ihre Hände. „Sie!" schrie der Repräsentant, der vor Erstaunen plötzlich Ton und Sprache änderte, „Sie — Pfarrer von St. Agatha? „Ich selbst", erwiderte kaltblütig der Alte. „Und Sie wollen sich mir selbst überliefern?" „Ich liefere mich aus, um die versprochenen 20,000 Fr. zu erhalten." „Was wollen Sie mit dem Gelde anfangen? Wissen Sie nicht, was Jhney bevorsteht? Sie sind außer dem Gesetze." „Eben darum verlange ich die bewußte Summe und will auf der Stelle zu meinen Pfarrkindcrn nach St. Agatha geführt werden." „Was willst du dort?" „Das mögen die Wachen erzählen, die Sie mir zum Geleite dorthin geben." Der Repräsentant zahlte dem Pfarrer die 20,000 Francen in Papiergeld aus, welche dieser sofort in seine Brieftasche legte, und nun verlangte, ohne Verzug in sein zerstörtes Dörfchen zurückgeführt zu werden, um dort eine der schönsten Thaten auszuüben, und sich so bei seinem baldigen Tode Gottes Erwärmung zu sichern nach dem Worte: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen." (Schluß folgt.) Was ist das gegenwärtige Leben? Man fragte einst einen Philosophen, was das gegenwärtige Leben sei, und er antwortete: „Es ist die Reise, die ein Verbrecher, nachdem man ihm sein Urtheil verlesen, von seinem Kerker bis an die Gerichtsstätte macht." In der That sind wir Alle vom Mutterschooße aus zum Tode Verdammte, und wir gehen daraus nur hervor, um uns an unsere Todesstätte zu begeben. Zwar verbindet man uns die Augen nicht, wie den Verbrechern; allein, was auf vas Nämliche herauskömmt, man verbirgt uns die Todesstätte. Wir rücken diesem Orte immer näher, aber ohne zu wissen, wo er ist, und ohne zn wissen, ob wir demselben nahe oder ferne sind. Alles, was wir wissen, ist dieses, daß wir uns ihm alle Tage nähern, daß wir ihm heute näher sind als gestern, daß wir einst dahin werden gekommen sein ohne es zn wissen, und daß wir uns vielleicht schon wirklich da befinden, oder nur noch einen Schritt dahin zu hun haben. Etwas, das wir noch nicht wissen, ist die Todesart, wozu wir verdammt sind, welche in dem Urtheilsspruche nicht ausgedrückt ist, und die uns Gott im Dunkel seiner Vorsehung noch verborgen hält. Wird sie sanft, wird sie grausam sein? Wird sie schnell und plötzlich, oder lang und von Dauer sein? Werden wir noch einen Augenblick haben, uns zu erkennen und unsere Geschäfte in Ordnung zu bringen, oder werden wir ihn nicht mehr haben? Das wissen wir nicht. Wirklich zum Erstaunen ist, daß wir, beladen mit dem Todesurtheile, während dieser Reise, die wir aus dem Kerker an die Richtstatte thun , noch sündigen, lachen, Possen treiben, Projecte machen! So geschieht es aber anch häufig, daß Viele mitten unter ihren Freuden und Unternehmungen sich am Ziele finden, das sie noch weit entfernt glaubten, nämlich, daß sie, ohne vorbereitet zu sein, Plötzlich äuf dem Richtplatze stehen.und die Strafe des Todes erleiden müssen, an die sie nicht gedachten. (Aus Bonag ventura's Parabeln.) Ein Jähzorniger. Ein Gelehrter, welcher ein Buch über „geistige Krankheiten" geschrieben, erzählt darin: er habe als Knabe einen Menschen gesehen, der sich sehr beeilte, eine verschlossene Thüre mit einem Schlüssel auszuschließen, es wollte ihm aber nicht gelingen, obschon er mit dem Schlüssel auf allerlei Weise es probirte. Kurz, es ging nicht! Darüber nun und namentlich weil es Eile hatte, gerieth jener Mensch in solche Wuth und verfiel in solchen Zorn, daß er den Schlüssel zerbeißen und die Thüre mit Fußtritten einstoßen wollte. Da auch dies nicht gelang, so verstärkte sich sein Zorn dermassen, daß er die Fäuste ballte, die schrecklichsten Flüche ausstieß, Schaum vor dem Mund bekam und anfing zu toben, wie ein Wasserscheuer. Seine Augen funkelten und traten vor den Kopf, so daß man fürchten mußte, der wüthende Mensch werde sich einen Tod anthun. — „Bei diesem Anblicke, schreibt der Gelehrte, habe ich einen solchen Abscheu vor dem Laster des Zornes bekommen, daß mich von dieser Zeit an kein Mensch mehr erzürnt sah, weil ich fürchtete, ich möchte einmal jenem Rasenden ähnlich werden." (Folge dem Beispiele dieses Gelehrten.) Redacliou und Berlaz: 1-1°. M. Hutller. — Druck »ou 3. M. Klciule. H>>'. 4G. 11. November 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr., wofür es durch alle k. baper. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Zur Geschichte der Bertreibung der Jesuiten aus Sicilien. (Fortsetzung und Schluß.) .k Lambelin bat um die Erlaubniß, sein Anliegen dem Herrn Dictator vorbringen zu dürfen, und sprach dann ungefähr in folgenden Worten: „Herr Dictator, ich erscheine in der Tracht eines französischen Feldpriesters, ! aber Sie müssen wissen, daß ich ein Mitglied der Gesellschaft Jesu bin. Ich bin Jesuit, Belgier von Geburt. Als ich zu Neapel weilte, vernahm ich die mißliche Lage unserer Vater auf Sicilien, und ich begab mich daher nach Pa- > lermo, um ihnen dort Hilfe zu leisten. Nachdem die Regierung ihre Vertrei- > bung beschlossen, suchten unsere Däter ein Mittel, sich aus dem Vaterlande zu ! entfernen, konnten aber kein Schiff finden. Dennoch dringt man auf ihre Ab- ! fahrt; der Polizei-Minister läßt in den Straßen Palermo's eine mordbrennerische Verordnung anschlagen, die uns der Wntb des Volkes Preis gibt, wofern wir nicht abreisen. Wir wollen gern und hätten uns schon entfernt, wäre nur Gelegenheit zur Einschiffung dagewesen. Was unsere Lage noch verschlimmert, ist der Umstand, daß die Regierung unsere Güter eingezogen und uns aller Mittel beraubt hat, Vorkehrungen zu unserer Abfahrt zu treffen." Garibaldi hörte aufmerksam, und sogar mit einer gewissen Theilnahme zu. Er antwortete dem Pater in französischer Sprache, und zwar sehr geläufig: „Mein Herr, ich kenne die Verordnung vom 17. Juni, durch die ich mich genöthigt sah, die Jesuiten von Sicilien zu entfernen: denn die Väter sind, wie Sie wohl wissen, der Bewegung in Italien nicht günstig. Aber es war nicht meine Absicht, dieselben so sehr zu drängen; ich wollte Ihren Vätern Muße lassen, damit sie Vorkehrungen treffen und den günstigen Augenblick zur Einschiffung abwarten könnten. Was aber jene Verordnung angeht, von der Sie sprachen, so habe ich nicht die geringste Kenntniß davon." (8io!) — „Herr Dictator, wenn Sie diesen Ministerial-Erlaß nicht kennen, werden Sie erlauben, selben Ihnen vorzulegen. Hier ist er." — „Ich möchte diese Verordnung gerne lesen." — Er las dieselbe und sagte dann: „Erlauben Sie mir, mein Herr, dieselbe aufzubewahren, denn sie wird mir dienlich sein können." — Garibaldi fügte hinzu, daß er sogleich an den Polizei-Minister schreiben werde, um ihn zu beauftragen, er solle, da die Forderung des Pater sehr billig sei, über die persönliche Sicherheit der Jesuiten wachen, und ihnen alle Zeit lassen, die zu den für die Reise nöthigen Vorkehrungen erforderlich sei. Darauf fragte er den Lambelin, wie viel Zeit es denn gebrauche? Der Pater erwiderte: „Es ist schwer, dieselbe genau zu bestimmen, und zwar wegen der großen Schwierigkeit, alle Mitglieder, welche sich seit der Veröffentlichung jenes Be- ! schlusses aus der ganzen Insel zerstreut haben, wieder zu vereinigen. Dazu ist Zeit nöthig, um so mehr, da die Briefe nicht so schnell an Ort und Stelle ge- ! langen können. Ich wünsche daher eine unbestimmte Zeit, verspreche aber, daß 362 die Väter dieselbe nicht mißbrauchen werden, zumal, da sie unter der neuen Herrschaft auf Sicilien sich nicht mehr glücklich suhlen können, sondern sogar so bald als möglich sich zu entfernen wünschen." Der Dictator ging in dieses Gesuch ein. Es handelte sich noch um den Widerruf der an den Straßen angehefteten Verordnung, welche wie ein Damocles-Schwert über den Häuptern der Jesuiten schwebte, und das Volk jeden Augenblick gegen sie aufregen konnte, denn der Minister erklärte darin, daß im Falle des Ungehorsams gegen diesen allerhöchsten Befehl die Regierung keine weitere Verantwortlichkeit auf sich nehme; folglich überlieferte sie die Väter als öffentliche Ruhestörer der Wuth des Volkes, das in jenen Tagen seine Lust daran hatte, die Häscher, Polizei-Aufseher, Gendarmen und alle Jene niederzumetzeln, von denen es, ob mit Recht oder mit Unrecht, vermuthete, daß sie noch mit dem Könige halten, oder daß sie der Revolution feindselig gesinnt seien. U. Lambelin bedeutete dem Dictator noch, daß das Volk von der durch Garibaldi verordneten Zurücknahme jenes Erlasses in Kenntniß zu setzen sei, weil es sonst, wofern es die Jesuiten in Palermo erblicke, jenem Ministerial- Erlaß gemäß gegen dieselben einschreiten könne. — „Diese Ihre Bemerkung" — erwiderte Garibaldi — „ist ganz billig. Ich werde dem Minister anzeigen; daß er dem Volke meinen Willen bekannt mache." Er bat dann den Pater, er möge sich auf einige Minuten in das Vorzimmer zurückziehen, damit er zwei Zeilen an den französischen Contre-Admiral schreibe, und fügte hinzu, er werbe dann den Pater bitten, diese Antwort mit sich zu nehmen. Nach wenigen Augenblicken wurde U- Lambelin wieder vorgelassen, und nahm den Brief Garibaldis in Empfang, der ihn dann mit den Worten entließ: „Mein Herr, wenn Sie meiner noch bedürfen, steht es Ihnen frei, wieder zu kommen." — Das waren allerdings schöne Worte! Aber warum nahm er sein tyrannisches Decret nicht ganz zurück? Auch Liese Maßregel wäre sehr billig gewesen, und war die einzige, deren die Ordensmänner von Seite ihres Verfolgers bedurften. In dem Brief an den Contre-Admiral schrieb Garibaldi, daß das Ansuchen des Herrn Jehenne, den Jesuiten zur Vorbereitung für ihre Abreise noch einige Tage Aufenthalt aus der Insel zu gestatten, ganz billig sei; er werde alsbald Befehl geben, daß den Wünschen des Contre-Admirals willfahrt werde. ?. Lambelin blieb auf der Rhede zurück, um dort die sicilianischen Väter zur Abreise zu versammeln. Allmälig kamen sie an, und die Geächteten schifften sich nach Neapel ein, um von da sich in verschiedene Länder zu vertheilen. ?. Lambelin verlängerte noch seinen Aufenthalt in Palermo, um wo möglich noch manche ihrer Habseligkeiten zu retten. Er fand indessen noch öfters Gelegenheit, mit Subaltern-Beamten der neuen Regierung zu sprechen, die er kurze Zeit vorher in den Gefängnissen, worin er seine priesterlichen Verrichtungen ausübte, kennen gelernt hatte. Sie ? schrieen über den Despotismus der päpstlichen Regierung; der Pater hätte diese ^ Beschuldigung zurückweisen und aus jenen Despotismus anwenden können, dessen Opfer die sicilianischen Väter wurden. Unterdessen hatte das Schiff Donawerth Befehl erhalten, die Rhede von ^ Palermo zu verlassen und nach Syrien abzugehen. Der Pater ging einen pie- montesischen Admiral um Schutz an, der ihn sogleich zusagte, mit dem Bemerken die Väter würden zwar nicht alle erwünschten Bequemlichkeiten der Reise vorfinden, aber man würde für sie Sorge tragen. Die Empfehlung des Contre- Admirals Jehenne leistete ihm auch für diesen Fall gute Dienste; der Pater blieb noch am Bord des Aviso-Schiffes Mouette. < Zwei Aerzte hatten von der Regierung die Weisung bekommen, die kranken und älteren Mitglieder der Gesellschaft Jesu zu besuchen, und zu entscheiden, ob vielleicht der eine oder andere von der Verbannung auszunehmen sei. Von einem jener Aerzte nun erfuhr ?. Lambelin am Tage vor seiner Abreise von Palermo, daß ein Jesuit ins Gefängniß geworfen sei. Das schien ihm unbegreiflich, da doch Niemand für die Reise fehlte. Der Pater forschte genauer nach und hörte auf der Polizei, daß der Polizeiminister in Folge höheren Befehls genöthigt ' gewesen sei, einen Jesuiten gesanglich einzuziehen, weil sich derselbe als Laie ' gekleidet habe, um sich desto leichter in die Familien einzuschleichen und überall die gefährlichen Lehren der Jesuiten zu verbreiten. Der Pater antwortete, er sei nicht Willens, sich in eine Erörterung über die Lehren der Jesuiten einzulassen, da er zum Voraus wisse, daß er mit seinem Gegner nicht einig werde. Er erkundigte sich nach dem Namen des Gefangenen, sowie nach der Zeit, Art und Ursache der Gefangennehmung. Man konnte ihm kein Vergehen namhaft machen, ! und der Pater mußte drohen, bei dem piemontesischen Contre-Admiral Gerechtig- ' keit für den Gefangenen zu verlangen. „Endlich" — erzählte ?. Lambelin — „hatte ich den großen Trost, selbst dem Gefangenen die Thür seines Kerkers zu öffnen; dies geschah noch am selben Tage, Abends gegen 11^ Uhr. Am andern Tage führte ich ihn mit noch 13 andern Vater am Bord der Mouette nach Neapel." Das Verbrechen des eingekerkerten Jesuiten war folgendes: Der r. Vigna, Minister im Pensionat der Adeligen zu Neapel, hatte einige ! Zöglinge bei ihrer Rückkehr in die Heimat bis Reggio begleitet. Bei seiner ! Rückreise wurde der Dampfer Elba, auf dem er sich befand, von der Veloee, ! einer neapolitanischen Corvette, genommen, und von dieser, die sich einige Tage ! vorher dem Garibaldi ergeben hatte, nach Palermo geführt. Alle Passagiere wurden freigelassen; nur Vigna nicht, welcher nur für die Zeit seiner Reise Civilkleidung trug, aber sich offen für einen Jesuiten ausgab, ein Umstand der genügte, ihn zu einem ehrenvollen Gefängniß zu verurtheilen. Die Einwohner von Palermo hatten anfänglich, als sie den ? Lambelin in der Gesellschaft französischer Marineofficiere sahen, geglaubt, er habe die Gesellschaft Jesu verlassen, um die Stellung eines Schiffscaplans bei dem Geschwader einzunehmen. „Wie Vortheilhaft auch" — sagte ?. Lambelin — „für meine persönliche Sicherheit diese falsche öffentliche Meinung war, so kränkte sie mich doch zu sehr, als daß ich darob hätte schweigen können. Ich erklärte deßhalb ganz frei und rückhaltslos, wie auch vor Garibaldi, daß ich noch Jesuit sei mit Leib und Seele (i„ o-»?ns er ossibus sagt das Original), und nur als solcher habe ich mich dem französischen Admiral vorgestellt, und seinen Schutz erhalten. Diese Freimüthigkeit, die vielleicht etwas gewagt sein mochte, hatte nicht nur keinen Nachtheil für mich, sondern gewann mir vielmehr wenigstens dem Anschein nach die Gunst dieser Leute. Der Staatssecretär, dessen feindselige Gesinnung gegen unsere Gesellschaft bekannt war, sagte mir eines Tages, daß . ich mit ihm noch eine Sache abzumachen habe; er sehe mit Vergnügen, daß ich ein Mann von Grundsätzen sei, daß die Regierung in mir eine Ueberzeugung ahne, die ich nicht zu verhehlen suchte, wie es einige meiner Mitbrüder gethan, ! die er, der Minister, sehr höflich Gauner, Verbrecher und Verräther nannte. Er fügte hinzu, daß das gegen die auf Sicilien befindlichen Jesuiten ge- ^ richtete Verbannungs-Decret auf mich gar keine Anwendung finde; ich könne also mit voller Freiheit auf der Insel verbleiben, und die Regierung werde sogar erforderlichen Falls für meinen Lebensunterhalt sorgen. Man begreift leicht, welches meine Antwort auf diese so sonderbare Anrede gewesen sei. Es paßten hier treffend die Worte: ->ngui8 in üvrka (die Schlange versteckt sich unter ; Blumen), um so smehr, da sechs oder sieben Tage vorher, als ich mich gerade- zu an den Dictator Garibaldi wandte, derselbe Minister gezwungen war, öffentlich seine Verordnung zurück zu nehmen." Dieß sind die hauptsächlichsten Umstände bei der Abreise der sicilianischen Väter. Von 308 Mitgliedern, welche die Gesellschaft Jesu daselbst zählte, waren nur 8 wegen Kränklichkeit und Schwäche von der Verbannung ausgeschlossen. Ein Greis von 84 Jahren mußte gleich den Uebrigen sich der Acht unterziehen, und unter einem andern Himmelsstrich die Freiheit suchen, welche durch die Revolution auf Sicilien vernichtet ward, wie dies überall geschieht, wo die Revolution zur Herrschaft kommt. — Die katholische Kirche in den Bereinigten Staaten Nordamerika s. Bei den Stürmen, die jetzt von allen Seiten den Felsen Petri umtoben und das Herz des getreuen katholischen Christen mit Trauer und Bangigkeit erfüllen, muß eine so ausfallende Erscheinung, wie sie die großartige äußere wie innere Entwickelung der katholischen Kirche in den Vereinigten Staaten Nord- Amerika's darbietet, von einer um so erfreulicheren und wahrhaft trostreichen Rückwirkung sein. Der Hinblick auf das wahrhaft wunderbare Wachsthum der Kirche in einem Lande, in welchem die unbeschränkteste Freiheit in politischer und religiöser Beziehung herrscht, wo jeder Einzelne nach Maßgabe seiner individuellen Geistesrichtung eine neue Religion zu verkünden und als deren Messias aufzutreten berechtiget ist, wo der L>taat als solcher keine Religionsform begünstigt oder unterdrückt; in einem Lande endlich, wo jede Leidenschaft sich nach jeder Richtung und in der ungezügelsten Weise geltend machen darf, der Hin- vlick aus alles dieses liefert aufs Reue den schlagenden und unwiderleglichen Beweis, daß die Kirche keine veraltete und verrottete menschliche Einrichtung sei, aus der der göttliche Geist des Stifters gewichen und die sich dadurch zu einem starren, äußerlichen Formenwerk krhstallisirt habe. Wenn es je des Beweises bedürfte, daß die katholische Kirche als ein göttliches Werk nie veralte, sondern, unberührt von dem Zeitenstrom, in unwandelbarer, ewiger Jugend und Schöne sortblühe, die Idee Gottes auf Erden überall verwirklichend, wo nicht die Menschen von Blindheit geschlagen ihrem Wirken gewaltsam hemmend entgegentreten, so liefert ihn ihre'Entwickelungs-Geschichte in dem genannten Lande, die wir hier in kurzen Zügen darzulegen versuchen wollen, auf das vollständigste und überzeugendste. Als in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts die Katholikenhetze im freien England ihren höchster: Grad erreicht hatte, so daß das Verharren und Festhalten an der altenKirche gleich dem schwersten Verbrechen mit den härtesten Strafen, selbst Tod und Verbannung, belegt wurde, da verließen im Jahre 1633 zweihundert katholische Familien ihr Vaterland, um sich im neuen Welttheil eine neue Heimath zu suchen, in welcher sie, frei von jedem Zwange und jeder Verfolgung, ungestört ihrem alten Glauben anhangen und der Gewissensfreiheit genießen könnten, die ihnen daheim nicht gewährt wurde. Unter Leitung von Lord Baltimore ließen sie sich im heutigen Maryland (Marienland zu Ehren der heiligen Jungfrau von ihnen genannt) nieder und begründeten daselbst die Stadt Baltimore. Hier nun genossen sie eine Zeitlang des mit so vielen Opfern erkauften und errungenen Friedens, während ringsherum unter den schon damals zahlreichen protestantischen Secten Haß und Verfolgungsgeist wütheten, dergestalt daß, je nach dem augenblicklichen Siege der einen oder andern Partei, die Sieger die Anhänger der unterlegenen Secte von ihren Sitzen vertrieben. Einzelne dieser Flüchtlinge wandten sich nach Maryland, wo sie von den Katholiken freundlich ausgenommen wurden und sich der vollkommensten Glaubensfreiheit erfreuen durften. Kaum wurde dies bekannt, als die Zahl der von allen Seiten herbeiströmenden Sectirer so. groß ward, daß sie bald das numerische Uebergewicht über ihre katholischen Gastfreunde erlangten. Und nun vereinigten sich in der katholischen Colonie alle die Sectirer, die sich kurz vorher auf das bitterste angefeindet und verfolgt hatten, zu einem Act schwärzester Undankbarkeit. Die gastfreundliche Aufnahme von Seiten ihrer Wirthe, die echt christliche Liebe, mit der ihnen dieselben Rechte verliehen wurden, deren die Katholiken sich erfreuten, belohnten sie dadurch, daß sie, ihre Ueberzahl benutzend, jenen, die sich allein in ihrem Unglücke ihrer erbarmt hatten, die Ausübung ihrer Religion verboten. „Noch zählte die Ansiedelung von Baltimore," heißt es in dem Berichte des Missionsvereins, „noch keine fünf und zwanzig Jahre, und schon sahen sich die Katholiken ihrer bürgerlichen, religiösen und politischen Rechte beraubt; eine Heerde Fremdlinge, vor Kurzem noch verbannt, zog die Güter jener ein, die sie gastlich aufgenommen hatten, machte Jagd auf ihre Priester, wie auf schädliche Thiere, und um die Bekenner des Glaubens herabzuwürdigen, setzte man auf einen Jrländer, der sein Vaterland verlassen hatte, um seinem Gott getreu zu bleiben, die nämliche Eingangstaxe wie auf einen Neger. Bei dieser erniedrigenden Vergleichung blieb man nicht einmal stehen; denn der Sclave konnte doch ungehindert seine Götzenbilder anbeten, während der edle Sohn Irlands nicht ungestraft das Kreuz verehren durste auf einem Boden, wo er besteuert und gebrandmarkt wurde. „Aus diese Art," so schrieb der protestantische Geschichtschreiber Mac Mahon, „wurde in einer von Katholiken gegründeten Colonie, die unter der Regierung eines Katholiken zu Macht und Wohlhabenheit gelangt war, der Katholik allein das Opfer der religiösen Intoleranz." So vergingen anderthalb Jahrhunderte, während welcher die ehrwürdigen Väter der Gesellschaft Jesu, unter dem härtesten Drucke und beständigen Drangsalen, ununterbrochen das Seelenheil der Colonisten leiteten. Da brach der Unabhängigkeitskampf der Colonien aus, an welchem sich auch die eingeborenen Katholiken betheiligten. Es wurden dreizehn Staaten gebildet, die sich jeder einzelne seine Gesetzgebung gaben. Aber nicht einer war unter ihnen, in dem die neuerrungene Freiheit auch auf die katholischen Mitbürger übergegangen wäre. Sie blieben überall gesetzmäßig von allen öffentlichen Aemtern und Ehrenstellen ausgeschlossen, und selbst das Jahr 1789, in welchem die noch gegenwärtig bestehende Verfassung an die Stelle der ursprünglichen Bundesartikel trat, brachte ihnen keine Erleichterung. General Washingthon, der erste Präsident der Vereinigten Staaten, an welchen sich die Katholiken vertrauensvoll mit dem Gesuche wandten, seinen Einfluß bei den Staaten auch auf den Widerruf jener sie bedrückenden Beschränkungen zu verwenden, gab zwar die Ungerechtigkeit jener Beschränkungen zu, meinte jedoch rücksichtlich ihres Gesuches, „daß der Widerruf das Ergebniß der besseren Ueberzeugung ihrer Mtbrüder werden müsse, die, gleich ihm, das Wohlverhalten und die Treue ihrer katholischen Brüder erkennen und ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen würden." Wir haben bereits bemerkt, daß die geistliche Obhut der Katholiken in den Vereinigten Staaten lediglich der Sorgfalt der Väter der Gesellschaft Jesu überlassen war, die selbst nach der Auslösung ihres Ordens in Europa dem ihnen anvertrauten Werke mit der größten Aufopferung ihre Kräfte widmeten. Bis dahin hatten sie unter dem apostolischen Vicar von London gestanden. Als aber die Unabhängigkeit der Staaten erkämpft war, wurde auch die Gegenwart eines eigenen Oberhirten als dringendes Bedürfniß erkannt. Die Geistlichkeit Mary- lands und Pensylvaniens, als der Hauptsitze der Katholiken, deren Gesammt- zahl im Jahre 1790 nicht über 25,000 betrug, wandte sich an den Papst Pins VIl., der ihr die Erlaubniß gewährte, sich selbst einen Bischof zu wählen. Ihre Wahl fiel einstimmig auf den ehrwürdigen John Carrol von der Gesellschaft 366 Jesu, einen allgemein verehrten, und auch Lei Protestanten in hoher Achtung stehenden Mann, bei dem die Gründer der amerikanischen Freiheit sich Raths erholten, um den Grundsatz der Religions-Unabhängigkeit in die Constitution einzuführen, und der mit ihnen die feierliche Bundes-Urkunde unterzeichnete. Als Bischof Carrol im Jahre 1791 die erste Diöccsan-Synode hielt, der seine sämmtlichen Priester beiwohnten, waren ihrer zwei und zwanzig, bei einer Gläubigenzahl von 24,500. Mit Ausnahme eines einzigen Klosters, das von Schwestern der hl. Theresia bewohnt war, gab es im ganzen Lande weder Klöster) noch Collegien, noch Seminarien, noch endlich katholische Schulen; ja, mit Ausnahme der katholischen Kirche zu Baltimore, auch keine Kirchen. Was als solche bezeichnet wurde, bestand in kleinen Hütten oder Privathäusern. Das war der Bestand der katholischen Kirche in den Vereinigten Staaten im I. 1791. (Fortsetzung folgt.) Der Pfarrer von St. Agatha. Eine rührende Geschichte aus den Zeiten der französischen Revolution. (Schluß.) 6 . Die Rückkehr des Pfarrers nach St. Agatha. Indessen war in St. Agatha alles in großer Besorgniß, wie es doch ihrem alten Seelsorger gegangen, und wo er hingekommen sei. Man vermuthete irgend ein Unglück, und einige Männer traten zusammen und beriethen sich auf offenem Felde über die Mittel, den Verlornen wieder in ihre Mitte zu bringen. Der eine glaubte, jeder Versuch dieser Art wäre überflüssig, da gewiß ihr Pfarrer schon verrathen und verurtheilt sei; andere dachten, er könnte sich in irgend einem Schlupfwinkel aushalten, wo es ihm an der nöthigen Nahrung und Unterhalt fehlte; wieder andere meinten, er sei nur für kurze Zeit fort, und nach seiner großen Liebe zu seinen Pfarrkindern zu schließen, werde er bald wieder zurückkehren. Man wurde indessen einig, aus jeden Fall einige Männer nach verschiedener Richtung auszusenden, um den gnten Priester aufzusuchen und zu bitten, wieder nach St. Agatha zurückzukehren. Aber während sie sich also beriethen und die bezeichneten Männer schon bereit waren, ihren Weg zur Aufsuchung des Pfarrers anzutreten, sah man von Weitem Staub aus der Straße wirbeln, bald zeigte sich ein kl iner mit Ochsen bespannter Wagen, der sich dem Orte näherte, wo die armen Abgebrannten aus dem Felde beisammen waren. Wie freute sich nicht die ganze Gemeinde, als der Wagen ankam und man aus demselben den geliebten Pfarrer erkannte. Zwar erschracken viele Anfangs bei dem Anblick der vier bärtigen Soldaten, die bewaffnet zu seiner Seite waren; denn sie erkannten, daß dieselben auch bei dem Brande und der Plünderung ihres Dörfchens unter den Thätigsten gewesen waren, aber bald erkannten sie an den frohen Mienen und den Begrüßungen des Pfarrers, daß es diesmal sich um etwas anderes handle, als ihr Unglück zu vermehren. Also lief Alles eilends herbei; man hob den Greis von seinem harten Wagensitze herab und Jung und Alt drängte sich um ihn, küßte ihm die Hand, bat ihn um seinen Segen und bestürmte ihn mit tausend Fragen, wo er gewesen, wie es ihm gegangen, wie es komme, daß diese Soldaten bei ihm seien. Er wollte reden, konnte aber lange nicht zu Worte kommen, da besonders die Kinder ihn umringten, seine Hände tüßten und ihre kindliche Freude auf mancherlei Art äußerten. Endlich gelang es ihm zu sprechen, und mit tiefer Bewegung, obwohl dem Anscheine nach ruhig, begann er folgendermaßen zu reden: „Kinder, ich bin wieder unter euch und darum fühle ich mich Wohl. Ich sehe an euerm Gedränge, an euern Mienen, daß ibr mich nicht vergessen, daß ihr es gut und redlich mit mir meint, daß eure Gesinnung rein ist, wie Gold, und ihr ein keusches, reines, unschuldsvolles, frommes Herz besitzt. O bewahret dieses kindlich reine Herz: „Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott anschauen." 7. Schluß. „In der Einfalt eures Herzens", so fuhr der Pfarrer fort, „wäret ihr unzufrieden mit mir; ihr meintet, ich habe euch, ohne Abschied zu nehmen, verlassen, ihr glaubtet, mich nicht wiederzusehen. Ihr habt euch getäuscht. Kinder, man scheidet nicht so von einander, wenn man sich fünfzig Jahre lieb gehabt hat. Ich hatte im Städtchen ein keines Geschäft, und aus Furcht, ihr möchtet mich zurückhalten, begab ich mich heimlich dahin. Da nun dieses Geschäft nach Wunsch besorgt ist, so komme ich, darüber mit euch zu sprechen." Hier machte der Pfarrer eine lange Pause und Alles war in der gespanntesten Erwartung. „Mir zu Lieb, mich zu retten, habt ihr", so fuhr er zu reden fort, „eure Wohnungen, eure Hausgeräthe und die Frucht einer langen mühevollen Arbeit ohne die geringste Klage hingeopfert. Wohlan! ich bringe euch etwas, um euern Verlust wenigstens zum Theil zu ersetzen. In dieser Brieftasche — er hob sie vor Aller Augen empor — liegen 20,000 Franken, ich übergebe sie dem Vorsteher der Gemeinde, mit der Bitte, diese Summe unter euch nach Verhältniß des betreffenden Verlustes zu vertheilen. Fragt mich nicht, wie ich dies Geld erhalten, das bleibt für jetzt ein Geheimniß, später möget ihr es erfahren, wo es herkommen möchte. Ich werde mit diesen Herren, die mich hieher führten, zurückkehren und euch auf unbestimmte Zeit wieder verlassen. Wann und wo wir uns wieder treffen, das steht in der Hand desjenigen, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache fällt." Hier wischte sich der ehrwürdige Greis flüchtig die nassen Augen, und in großer Gemüthsbewegung fuhr er fort: „Gott erhalte euch in euerm friedlichen, arbeitsamen Geiste, bei den einfachen, von den Vorvätern ererbten Sitten. Liebe und Eintracht sei zwischen euch; vor allem aber bewahret die Furcht Gottes, welche ist der Anfang der Weisheit. Traget stets eine keusche Seele in einem keuschen Leibe und verunehret nicht den Tempel Gottes, zu dem ihr in der heil. Taufe geweiht worden seid. Fürchtet, — fürchtet und meidet die schrecklichen Todsünden; lieber sterben, als Gott durch die Sünde zu beleidigen, das sei auch fortan euer heiliger Vorsatz. Gedenket eures alten Pfarrers, der die meisten aus euch zu christlichen Menschen erzogen, und bei euerm Leiden immer gern das eigene vergessen hat. Früher oder später treffen wir uns wieder in dem schönen Vaterlande, wo alle, die sich in Wahrheit liebten, sich wieder sehen werden. Daher ihr Eltern, ihr Väter und Mütter — euch bitte ich besonders, habet Acht aus die Seelen eurer Kinder, gebet thuen kein Aergerniß, haltet sie ab von allem Bösen und führet sie an eurer Hand ins himmlische Land. Betet mit ihnen auch fortan knieend das Morgen- und Abendgebet und gedenket dabei auch meiner, denn auch ich werde den himmlischen Vater für euch bitten. Und ihr Kinder gehorchet euern Eltern, wie immer, macht ihnen Freude durch eure Unschuld und Tugend, und vergesset meine Lehren nicht, — ihr wisset, wie lieb ich euch habe, denn euch ist ja das Himmelreich verheißen. Eines möchte ich Allen noch besonders ans Herz legen, ja ich mache es zur Bedingniß, unter welcher ihr dies Geld annehmen sollt. Segnet eure Verfolger, fluchet nicht denen, die euch hassen 368 vergeltet nicht Böses mit Bösem, auf daß ihr Kinder des Vaters im Himmel seid, der seine Sonne aufgehen läßt über Gute und Böse. Die Scheltenden nicht wieder schelten, den wüthendsten Feinden verzeihen, für Gott selbst dem Tode sich weihen, — das führt uns ins himmlische Reich. Ja diese versöhnende friedfertige Gesinnung ist es allein, die euch zu wahren Kindern Gottes macht. Steht nicht geschrieben: „Selig die Friedfertigen, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden." „Und nun, meine Kinder, knieet nieder und empfanget, vielleicht zum letztenmal, meinen väterlichen, priesterlichen Segen." Bei diesen Worten warf sich die ganze Gemeinde und selbst die Soldaten, die den Pfarrer bewachten, schluchzend und weinend auf die Erde. Der Greis aber erhob Auge und Geist in die himmlischen Regionen, streckte die Arme weit aus, faltete sie dann mit Inbrunst und flehte den Segen des Allbarmherzigen herab für die Verfolger. Nach ge- endigtem Gebete wandte er sich mit freudigem Muthe zu seiner Wache, mit den Worten: „Meine Herren, Sie haben zu befehlen, mein Geschäft ist zu Ende." Auf dem Karren wurde er nach Niort zurückgeführt, und die ganze Ge- meinde folgte ihm weinend und betend nach. Der Repräsentant, dem er sich auslieferte, wollte indeß die Verantwortung nicht auf sich nehmen, ihn selbst zum Tode zu verurtheilen, und das Urtheil vollziehen zu lassen, daher sandte er ihn nach Nantes, wo er drei Monate nachher in den Fluthen der Loire die Krone der Märtyrer sich erwarb. St. Agatha wurde nicht mehr erbaut. Seine Bewohner, die lange nicht erfuhren, *>wie es ihrem greisen Priester ergangen, zerstreuten sich nach allen Richtungen und ließen sich in den umliegenden Ortschaften nieder. Groß war immer noch ihr Elend, trotz der erhaltenen Unterstützung. Nur Eines vermochte sie in solcher Noth aufzurichten, die Aussicht in jene Heimat, wo kein Verfolger mehr eindringt, und die gerade den hier auf Erden Verfolgten verheißen ist. „Selig, die da Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen, den ihrer ist das Himmelreich." k. v. Edle That. Der Schiffsofficiant Stokker, welcher die belgische Schaluppe Nr. 5 führte, begegnete in der Nacht in der Nordsee beiläufig 12 Meilen von Westcapelle dem Bracke des gescheiterten schwedischen Norden von Stockholm, Capitain Savenson, mit Holz und Eisen beladen. Die Mannschaft der Schaluppe hörte das Angstgeschrei von neun Unglücklichen, welche mitten in dem fürchterlichen Sturme schon sechs Stunden lang auf diesen Trümmern gegen den Tod kämpften. Anfangs konnte man sie wegen der Dunkelheit nicht unterscheiden; aber der brave Stokker verließ darum die Unglücklichen nicht. Er näherte sich ihnen beim ersten Lichtstrahl trotz der Gefahr wegen der Brandungen umher. Man setzt das Boot in See und hat die süße Genugthuung die neun Menschen zu retten. Das war indeß der Schaluppe nicht genug. Die neun unglücklichen Schiffbrüchigen, erschöpft, fast sterbend vor Leiden und Entbehrungen, größtenteils ihrer Kleidungsstücke beraubt, wurden am Bord der Schaluppe mit bewundernswürdiger Liebe gepflegt und in's Leben gebracht. Die belgischen Seeleute nahmen sich um die Wette ihre Kleidungsstücke vom Leibe und bedeckten damit die erstarrten Schweden. Ja sie führten die Schiffbrüchigen bis auf den Quai, wo sie in einer Herberge untergebracht wurden.. Rcdl>cli,n un« Lerl-z: vr. M. Huttlrr. — Druck ,»n Z. M. «lcinle. AiiggbNM AmtagMtt. 18. November 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die katholische Kirche in den Vereinigten Staaten Nordamerika's. (Fortsetzung.) Bald nahm das Gebiet der Kirche zu. Als die Staaten 1794 das bis dahin französische Louisiana mit einer überwiegenden katholischen Bevölkerung erkauften, wurde in der Hauptstadt Neu-Orleans ein zweiter Bischofssitz errichtet, dem sich im I. 1808 die Bisthümer Bardstown im Staate Kentuky, New-Uork im Staate gleichen Namens, Boston im Staate Massachusets und Philadelphia in Pensylvanien anreihten, so daß es im genannten Jahre bereits 6 Bisthümer gab. Im Laufe der folgenden zwanzig Jahre mußten abermals vier neue Bisthümer errichtet werden, Charlestown in Süd-Carolina, Richmvnd in Virginien, Cincinnati (1821) in Ohio und St. Louis in Missouri, so daß im Jahre 1830 10 Bisthümer mit 230 Priestern vorhanden waren. Von da ab "nahm die Zahl der Katholiken durch Einwanderer aus Europa, zumeist Jrländer und Deutsche, sowie durch zahlreiche Bekehrungen und Uebertritte aus andern Re- ligionssecten aus eine so überraschende Weise zu, daß es im I. 1845, also nach beiläufig einem halben Jahrhundert seit der Begründung eines selbstständigen Kirchenthums, bereits 23 Diöcesen gab, die unter sechs Metropolitensitze, Baltimore (seit 1808), St, Louis, Oregon-Citp, New-Dork, Cincinnati und New- Orleans vertheilt war^n. Die Zahl der Gläubigen betrug damals annähernd anderthalb Millionen (1,300,000). Welche colossale Entwickelung. 1791 1 Bis- thum mit einigen Capellen und 22 Priestern und 25,000 Gläubigen, 54 Jahre später 23 Bisthümer mit anderthalb Millionen Gläubigen. Es hatte also durchschnittlich eine jährliche Zunahme von circa 27,000 Seelen stattgehabt, eine Durchschnittszahl, die üch in den folgenden fünf Jahren beinahe verfünffacht. Nach den Berichten in den Jahrbüchern der Glaubensverbreitung war der Stand 1er Kirche im Jahre 1850 folgender: Statt des einzigen Bisthums vom Jahre g790 gab es deren nun dreißig; an die Stelle jener 22 Priester waren 1100 betreten, die an mehr als 1300 Kirchen und Capellen fungirten. Während eS damals nur ein einziges Frauenkloster gab, kirchliche Institute aber gar nicht vorhanden waren, zählte man 1850 29 Seminarien zur Ausbildung katholischer Geistlichen, 9 geistliche Orden, 23 Genossen-Gesellschaften, 34 von Priestern geleitete Kollegien, 58 Frauenklöster, 86 Lehranstalten und Schulen für Mädchen, zahllose Spitäler, Zufluchts- und Rettungshäuser, sämmtliche unter Leitung gottgeweihter Jungfrauen, und statt einer Bevölkerung von 24,500 Seelen, deren mehr als zwei Millionen, so daß bei einer Gesammt-Bevölkerung von p. p. zwanzig Millionen Einwohnern je der zehnte freie Nordamerikaner Katholik war. Freilich läßt sich dieses riesige Wachsthum erklären, wenn wir in dem Schreiben, das die im Jahre 1849 zu Baltimore versammelten Väter des siebenten Concils an die Präsidenten der Glaubensverbreitung richteten, die Notiz lesen, daß jährlich mehr denn 250,000 Katholiken aus Europa nach den Vereinigten Staaten auswandern. Ist diese Notiz annäherungsweise richtig, wie wir keinen 370 Augenblick Anstand nehmen zu glauben, so muß die Zahl der Katholiken gegenwärtig mindestens vier Millionen betragen. Begreiflicher Weise läßt sich eine endgiltige Feststellung derselben, bei dem Mangel officieller Populationslisten und der Unmöglichkeit, solche bei dem fortwährenden Herfluthen der Einwanderer genau anzufertigen, nicht ermitteln. Mit dem Wachsthum der Gläubigenzahl haben auch die kirchlichen Einrichtungen gleichen Schritt gehalten. Die Zahl der Kirchenprovinzen ist bis auf 7 gestiegen, die der Bischöfe von 27 auf 49, die der Priester von l lOO auf 2235, die der Kirchen und Capellen von 1300 auf 385 Kirchen und 1128 Stationen und Capellen. In gleichem Verhältnisse haben die Seminarien (von 29 auf 49), die Collegien für Knaben, Akademie en und Pensionate für Mädchen, die Freischulen, die Spitäler, Klöster, Waisenhäuser u. s. w. zugenommen. — Und gleichwohl sind der Arbeiter im Weinberge immer noch zu wenige, und reichen alle die genannten kirchlichen Institute bei Weitem nicht aus, um den dringenden Bedürfnissen zu genügen. Man muß hierbei wohl erwägen, daß der größte Theil der katholischen Bevölkerung arm, sehr arm sei, denn nicht die Reichen wandern aus, sondern größtenteils doch nur solche, die sich eine bessere Existenz gründen wollen. Wenn, wie die Augs- burger Postzeitung berichtet, im verflossenen Jahre in den Vereinigten Staaten 46 Kirchen eingeweiht und zu 25 der Grundstein gelegt wurde, so sind im Durchschnitte alle 14 Tage drei katholische Kirchen eingeweiht oder im Bau begonnen worden. Eine Thätigkeit im kirchlichen Leben, wie sie die Geschichte kaum ein zweites Mal nachzuweisen vermag. Und diese Thätigkeit beschränkt sich nicht nur auf das kirchliche Gebiet. Wie sehr katholische Gesinnung und Anschauung in Fleisch und Blut übergegangen, hiervon gibt beispielsweise Cincinnati, eine Stadt, die man füglich das amerikanische Rom nennen könnte, und in welcher allein über 40,000 deutsche Katholiken wohnen, einen glänzenden Beleg. Die dortigen Deutschen haben im vorigen Jahre, „um die katholische Jugend von Cincinnati gegen schlechte Gesellschaft und die täglich mehr zunehmenden Gefahren der Jmmoralität zu schützen," ein Institut auf Actien errichtet, in welchem dem Plane gemäß die Jugend, aber auch die gesammte katholische Bevölkerung im Allgemeinen, Gelegenheit und Mittel für Unterricht, Erholung und gegenseitige Ausbildung durch sociale katholische Unterhaltung finden soll. Genauer findet sich der Zweck der Anstalt in einer eigenen Broschüre entwickelt (Geschichte und Organisation des katholischen Institutes in Cincinnati, Cinc. 1860.), wo es §. 1. der Statuten heißt: Zweck und Aufgabe ist, ein Gebäude zu errichten, verbunden mit einer großen Halle, wo die Katholiken der Stadt und Umgegend zur Abhaltung von Vorlesungen, Debatten, Concerten und Fairs (Ausstellungen) zusammenkommen, die katholischen Vereine ihre Versammlungen halten können, wo durch Errichtung einer Bürger- oder Fortbildungsschule, einer Lesehalle und Bibliothek den Katholiken Gelegenheit zur weiteren Ausbildung geboten wird, und wo die katholische Familie auch zur geselligen Unterhaltung sich versammeln kann." Die Anstalt zerfällt in eine musikalische, literarische, historische Section, Debattirklub (Zweck: die intellectuelle Vervollkommnung der Mitglieder durch Lesen von Aufsätzen und Besprechungen von Fragen allgemeinen und besonderen Interesses) und in eine gymnastische Section. Der erste Director ist der jedesmalige Erzbischof von Cincinnati, z. Z. der hochw. Herr I. B. Purcell; die übrigen Directoren sind Deutsche. Es ist dies ein Werk, das für die Katholiken Cincinnati's von unbechenbaren wohlthätigen Folgen sein muß. „Die Idee," sagt der Erzbischof in seinem Empfehlungsschreiben, „ist der deutschen Katholiken von Cincinnati würdig, welche wegen ihrer unerschütterlichen Anhänglichkeit an den alten Glauben ihres Vaterlandes, wegen Erbauung prachtvoller Kirchen, Unterhaltung ihrer Schulen, wegen der Verbreitung der heiligen Grundsätze der Religion, Moralität und des erleuchteten Patriotismus 371 einer katholischen Presse sich einen beneidenswerthen Ruf daheim und auch auswärts erworben haben." Wir haben dieses neuen und großartigen Werkes deshalb ausführlicher erwähnt, weil wir uns nicht entsinnen, in ganz Deutschland, wo es doch auch Städte gibt, die 40,000 katholische Bewohner zählen*), von einem auch nur annähernd ähnlichen gehört zu haben. Und doch, wie Noth thäten bei der Herrschaft des Materialismus und des Unglaubens dergleichen Institute an gar vielen Orten. Wir kehren nach dieser Abschweifung zu unserem Thema zurück. Während sich zu Ende des vorigen Jahrhunderts ein Verhältniß zwischen Katholiken und Protestanten wie l: 200 herausstellte, war im Jahre 1850 fast schon der zehnte Amerikaner Katholik. Dieses Verhältniß ist heute, nach kaum zehn Jahren schon wieder ein anderes, da sich die Zahl der Katholiken verdoppelt, während die Zunahme der Gesammt-Bevölkerung nicht gleichen Schritt gehalten hat, da dieselbe sonst auf 40,000,000 angewachsen sein müßte, während sie kaum mehr als 29 Millionen betragen dürfte, wonach sich also ein Verhältniß von 1 :7 herausstellt. Daß ein so bedeutendes Element auch in politischer Beziehung von nickt untergeordnetem Interesse sein könne, beweisen die letzten Präsidentenwahlen auf das entschiedenste, wo die Candidaten der verschiedensten Parteien sich um das Wohlwollen der Katholiken bewarben. Daß die früheren, aus dem freien England nach Amerika verpflanzten Ausnahme-Zustände, gesetzliche Zurücksetzung und Bedrückungen der Katholiken längst aufgehört, kann als bekannt vorausgesetzt werden, tw. England, Bischof von Charlestown in Süd-Carolina, sprach sich bei seiner Anwesenheit in Wien im I. 1833 über diese Verhältnisse in einem an den Fürst-Erzbischof von Wien als Präses des Leopolden-Vereins gerichteten Bericht folgendermaßen aus, nachdem er der früheren Zustände kurz gedacht: „Wir haben völlige Befugniß, Alles zu thun, was wir möglicher Weise begehren oder für die Religion ersprießlich halten können. Wir können Ordenshäuser, Kollegien, Klöster, Seminarien, Schulen und Kirchen errichten, wir können ^ deren Eigenthum versichern lassen und unter Beobachtung der gesetzlichen Vorschriften die allerausgedehnteste Sicherheit erlangen, nicht nur gegen die Raublust von Individuen, sondern selbst gegen die Möglichkeit eines Eingriffes der > Regierung in religiöse Stiftungen. Die amerikanischen Regierungen beschützen ! die Rechte aller Religions-Gesellschaften, ohne sich in die innere Disciplin irgend einer zu mischen. Wir brauchen unsere Regeln keiner Aufsicht zu unterwerfen, nie ist's Jemand in den Sinn gekommen, Correspondenzen mit dem heiligen Stuhle zu beengen; wenn wir von dieser höchsten Stelle Weisungen erhalten, so vollziehen wir den Inhalt derselben ohne Hinderniß. Man erklärt uns ganz einfach, daß wir den Gesetzen verantwortlich sind, wenn wir sie verletzen, und daß die Regierung mit unseren geistigen Angelegenheiten, sowie der Papst mit unserer weltlichen Regierung nichts zu thun hätten, und daher unsere Correspon- denz mit ihm sie nichts anginge. Unsere getrennten Brüder genießen gleiche Rechte, die sie frei gebrauchen, und sie, wie wir, sind mit derselben Wärme unserer Verfassung ergeben, die uns diese Rechte selbst gegen die Gewalt des > Präsidenten oder Congresses gewährleistet." (Forts, f.) *) Unser Breslau zählt auch mehr als 40,000 Katholiken, die eine sogenannte katholische Ressource haben, deren Zweck allerdings ein wesentlich anderer ist, als der obigen Institutes, und wo Kladderadatsch und Jllustrirte Zeitung neben dem Kirchenblatt die Haupt- und einzige Lectüre bilden. 372 Die christlichen Dienstboten. Ein frommer Dienstbote bringt nach der Lehre der heil. Schrift den Segen Gottes in das Haus seines Herrn. Besonders vermag er den wohlthätigsten Einfluß aus die Kinder des Hauses auszuüben, und daher soll der Hausherr gute Dienstboten angelegentlich suchen, der Katechet aber im Unterrichte über das vierte Gebot den Kindern die Pflichten eines guten Dienstboten eifrigst darlegen und auch im Einzelnen zeigen, wie ein guter Knecht und eine gute Dienstmagd die Kinder des Hauses zum Guten anhalten und wirklich zu ihrer guten Erziehung beitragen kann. Es wird nicht ohne Interesse sein, wenn ich in nachfolgenden Erlebnissen eines Freundes an einem Beispiele zeige, wie eine fromme Magd Maria in ihm, einem Geistlichen und Lehrer, Liebe zur Religion und Lust zu seinem jetzigen Berufe zuerst gefördert hat. „In meiner Jugend," so erzählte mir mein Freund, „hatten wir im elterlichen Hause eine fromme Magd Maria, der ich vor allen übrigen den Vorzug gab und die ich zu allen Arbeiten begleitete. Wenn sie Gemüse aus dem Garten holen wollte, setzte sie mich aus den Schubkarren und schaukelte mich bis zum Platze ihrer Arbeit, während welcher ich mich an ihrer Seite hielt. Dann sagte sie mir, daß der liebe Gott alle die schönen Gewächse des Gartens aus Liebe und Fürsorge für uns Menschen hervorbringe und wachsen lasse, und wir dafür recht dankbar sein und deßhalb andächtig unser Gebet bei Tische verrichten müßten. Wenn ich mich auf den Rasen hinlegte und mit dem Gesichte nach oben fragte, was da doch sei über der Sonne, so gab ich ihr Gelegenheit auf ihr Lieblingsthema, den Himmel, zu kommen, dessen Schönheit sie mir mit unerschöpflicher Beredsamkeit zu schildern wußte. Bald stellte sie mir die lieben unzähligen Engel am Throne Gottes dar, die auch, auf Flügeln getragen, zu uns Menschen heruntersteigen, uns helfen und schützen, und nach dem Tode zum Himmel bringen. Bald zeigte sie mir die Freuden des Himmels an bekannten irdischen Freuden, die wir da beim lieben Gott haben werden. Ihre Katechese über den Himmel ging mir immer so zu Herzen, daß ich auf ihre Frage, ob ich wohl sterben möchte, wenn ich wüßte, daß die Himmelsthüre mir durch den hl. Petrus würde geösfet werden, mit herzlichem Ja antworten konnte. Ich fragte sie einmal, welche Menschen Wohl am sichersten in den Himmel kämen, worauf sie mir sagte daß die Geistlichen die beste Gelegenheit hätten, denselben zu erwerben. Von dem Augenblicke an war der Entschluß gefaßt, Geistlicher zu werden, und ich habe diesen Entschluß nie wieder aufgegeben, sondern zur Ausführung gebracht. Nach den Geistlichen, meinte sie, wären die Lehrer in der glücklichsten Gelegenheit, sich den Himmel zuverdienen, daun aber dürften die Landleute, die sich alle Tage so plagen müßten, die sicherste Hoffnung auf den Himmel haben. Ich hörte sie besonders deshalb so gern an, weil sie mit der größten Geduld alle meine Fragen anhörte und mit Vergnügen mir dieselben beantwortete, während die Mutter, welche täglich für zwanzig Personen das Hauswesen versorgte, sich nicht viel mit mir abgeben konnte. Bloß des Abends, wenn sie mich zn Bette brachte und die Gebete lehrte, konnte ich durch ihre Belehrungen meine Wißbegierde befriedigen und ich schätzte mich glücklich, wenn ich ihr sichtlich durch Nacherzählen Desjenigen Freude machte, was ich Tags über von der guten Maria gehört hatte. An den Vater wandte ich mich nicht gern mit meinen tausenderlei Fragen, weil ich zu viel Scheu und Ehrfurcht vor ihm hatte, obschon derselbe nie schalt oder strafte. Zuweilen jedoch schenkte mir auch der Vater einige Aufmerksamkeit und ließ mich meine Gebete repetiren. Wenn ich meine Sache zu seiner Zufriedenheit machte, versprach er mir Belohnungen, die er mir nächstens aus der entlegenen Stadt mitbringen werde. Das war mir Freude genug, denn er 373 hielt immer Wort, und ich wagte nur dann meine Wünsche zu offenbaren, wenn er es mir erlaubte und mich aufforderte, zu sagen, was ich am liebsten hätte. War mein Kreidevorrath zu Ende, so war es immer die angelegentlichste Bitte mir ein tüchtiges Stück mitzubringen. Diese Bitte gewährte er mir aber nicht gern, weil ich alle Thüren und Fenster damit besudelte, und doch bedurfte ich der Kreide ganz besonders in meiner Sonntagsschule, welche die fromme Maria mit mir hielt. Ich litt an Körperschwäche und konnte vor dem neunten Lebensjahre weder Schule noch Kirche besuchen. Wenn die Reihe an Maria kam, am Sonntag Morgen während des Hochamtes das Haus zu hüten, wurde in unserer Küche eine gute Sonntagsschule gehalten. Wir waren dann abgeredeter Maßen allein zu Hause, indem Maria den andern Mägden gestattete, nur alle zur Kirche zu gehen. Zuvor suchten wir uns in Sicherheit und Ruhe zu setzen; Maria holte den großen Kettenhund, einen wahren Cerberus, nach der Schlafkammer des Vaters, in welcher, wie wir wußten, der Geldvorrat!) aufbewahrt wurde, ich holte den Jagdhund von seiner Kette und band ihn an die Hausthüre. Dann setzten wir uns am großen, langen, abgescheuerten Küchentische hin und fingen unsere Uebungen an, nachdem ich mein Stück Kreide in Bereitschaft gelegt hatte. Zuvor aber mußte ich noch erst Alles beten, was ich konnte, d. h. vom Vaterunser an bis zu den sechs Stücken; dann erst durfte der Unterricht beginnen, der ein völlig zwangloser und dessen Gang ein ganz ungewöhnlicher war, indem ich die Fragen stellte und der Lehrerin die Kreide zur Hand gab. Bald mußte sie mir einen Altar Hinmalen, bald einen Predigtstuhl, bald eine Orgel u s. w., weil mir das Innere einer Kirche völlig unbekannt war. Ich fand ihre Zeichnungen immer sehr gelungen und konnte dieselben einzeln wieder nennen, wenn die Tischplatte beschrieben war. Die Erinnerung an diese Freuden gehört zu den angenehmsten meines ganzen Lebens! Unser Unterricht, der mir nie zu lange dauerte, wurde nach dem Willen meiner frommen Gouvernante immer auf eine sehr feierliche Weise auf einige Augenblicke unterbrochen. Wenn es ihr nämlich ungefähr Zeit zu sein schien, ging sie auf den Hof und horchte, ob man mit der Glocke das Zeichen der heil. Wandlung gab, wie es in unser er Gemeinde Sitte war. Sobald sie das herüberschallende Läuten hörte, eilte sie zu mir, um es zu verkündigen. Wir fielen dann beide auf unsere Knie und beteten den Heiland an mit einer Andacht, die den beim heil. Opfer Gegenwärtigen nicht selten fehlt. Darnach durfte ich nicht gleich wieder Figuren- malen, von ihr verlangen, sondern sie setzte ihre Andacht eine kleine Weil fort. Wollte ich aber wissen, was der Priester jetzt am Altare thue und wie die Anwesenden in der Kirche die hl. Handlung mit ihrer Andacht begleiteten, so hielt sie diese Frage nicht für störend, sondern zur Andacht förderlich. So war diese Sonntagsschule für mich sehr bildend und belehrend. Als ich dann später für's erste Mal mit zur Kirche ging, fand ich darin Alles so, wie ich es mir vorgestellt hatte, und ich konnte mit wirklicher Andacht zugegen sein. (Schluß folgt.) Die Maienglöcklein. 6. Mein liebes Kind! — sagte einst die Mutter zu Clara, welche ihr einen Strauß Maienblumen gebracht, wie die Passionsblume die Blume der Geduld, die Immortelle jene der Unsterblichkeit, so sind die Maienglocken die Blumen der Andacht. Wie das? Sage mir: welche Farbe hat die Blume? Sie ist weiß. »d'hl W Weiß ist die Farbe der Reinheit. — Wir sollen Gott stets ein sünden- reines Herz im Gebete aufopfern. — Welche Gestalt hat die Blume? Von der Gestalt trägt sie den Namen der Glocke. Und die Glocke? Sie diente, wie du mir erzähltest, früher nur zum Gebetrufe der Gläubigen. Später erst ward sie nebstdem weltlichen Zwecken geweiht. So auch, mein Kind! lebten die ersten Christen nur frommem Gebete im Worte, wie im Wandel. Später erst hat das weltliche Leben ihre Herzen dem Irdischen und Sinnlichen geöffnet. Wie aber die Glocke ihren ursprünglichen Zweck nicht hintansetzt, sondern stets als Hauptzweck betrachtet, so sollen wir über unsere weltlichen Angelegenheiten des göttlichen Berufes nicht vergessen, ja ihn stets als das Endziel vor Augen haben. — Welche Eigenschaft theilt ferner die Maienglocke mit der ehernen, wenn auch in einem andern Eindrucke aus die Sinne. Die eherne Zunge trägt weithin ihren Schall, die Maienglocke weithin ihren Duft. Das Gebet des Frommen hat diese Eigenschaft in doppelter Beziehung. Sein körperlicher Ausdruck begeistert unwillkürlich zur Nachfolge. Sein geistiger Inhalt «her findet durch die Erhörung des himmlischen Vaters die weitreichendste Wirkung für den Beter sowohl, wie für seine Mitmenschen. — Betrachte die Glocke der Maiblume! Strebt sie empor, oder senkt sie sich niederwärts? Sie ist niederwärts gesenkt. Das gesenkte Auge ist das Auge der Demuth. Wie Blume und Glocke der Wirkungen ihres Duftes und Klanges, müssen wir unbewußt bleiben der Doppelwirkung unseres Gebetes. Warum befinden sich an einem Stengel mehre Glocken? Hierin erblicke das Sinnbild der Vereinigung! Wie mehre Glocken süßer duften, denn eine, so steigt das Gebet mehrer Frommen brünstiger zu Gott empor. Der Stengel vereiniget die Glocken. Die Andächtigen möge das Gotteshaus versammeln! Wenn diese Blume so bedeutungsvoll ist, warum blüht sie nur im Mai und nicht das ganze Jahr hindurch als Versinnbildung des gottgefälligen Gebetes? Hierin ruht die sinnigste der Deutungen. — Weßhalb heißt der Mai der Wonnemonat? Weil er der schönste Monat des Jahres ist. Alles jubelt zum neuen Leben erwacht. So auch sollen wir in Glück und Wonne, nicht erst in den Tagen des Elendes an Gott denken. Wir sollen jubeln, wie die Vögel, zum neuen Leben erwacht. Das Glück erweckt zum Leben, denn es gibt immer Gelegenheit zum Gutesthun für unsre Mitmenschen. Leider beten wir gewöhnlich erst im Unglücke zu Gott: da, wo unsre Kräfte zu ersterben drohen unter der Bürde des eigenen Schmerzes. — Welches ist aber die Glück- nnd Wonnezeit des Lebens? Es ist der Mai, die Blüthezeit der goldnen Jugend. Ja, mein Kind! da sollen wir oft und viel zu Gott beten, daß unsre Blüthen nicht rasch abfallen, wie die Maiglocken, sondern zur Frucht reifen. Viele versäumen Frühling, Sommer und Herbst, manche denken kaum im Winter des Lebens an Gott, der alle Tage unser eingedenk ist. 375 Einiges über die Verhältnisse der Katholiken in Sachsen. Dem Oesterr. Volksfreunde wurde vor Kurzem aus dem Königreiche Sachsen geschrieben: „Die Berichte Ihres geschätzten Blattes über die gedrückte Stellung der Katholiken in Mecklenburg, Holstein und anderen protestantischen Ländern veranlassen mich, auch einiges über unsere Lage in Sachsen zu bringen. Auch sie ist keine beneidenswerthe. So hat man jetzt gleichsam zum Höhne des katholischen Königshauses ins Schloß die protestantische Capelle gesetzt, um ja zu wachen, ob nicht der Fürst etwa in der Nacht einen Jesuiten sähe, da es bei Tage durch andere Mittel verhindert ist. Auch sorgt die Presse ihrerseits hinreichend für Haß und Verachtung des Katholicismus, damit der Katholik Sachsens nur als Paria des Landes erscheine. Zum Beweise hierfür diene eine Corre- spondenz der „Deutsch. Allg. Ztg." über den St. Vincentius-Verein Sachsens. Ist es „Dummheit" oder „Bosheit," wenn jenes Blatt in Betreff dieses Vereines, der doch meistens aus Laien besteht, also schreibt: „Es handelt sich hierbei (nämlich bei der Zulassung des St. Vincentius-Vereines durch die Regierung) um Zulassung und Zutritt eines in Spanien, Frankreich, Oesterreich und sonst verbreiteten „Ordens" (?), dessen Stiftungszweck darin besteht, seine Mitglieder überall hinzuschicken, wohin sie durch Bischöfe berufen oder von Pfarrern zugelassen werden, um verwahrlosten Menschen, wozu von der römisch-katholischen Kirche „selbstverständlich" (?) die protestantischen Ketzer gezählt werden, durch Unterricht und Seelsorge beizustehen; daneben beschäftigen sich die Mitglieder, „welche auch Lazaristen heißen" (das Lächerliche einer solchen albernen Unwissenheit leuchtet ein, abgesehen von der Bosheit sonstiger Motive), allerdings auch mit Krankenpflege; dies ist aber weder Haptzweck noch Hauptbeschäftigung." Ist es „Dummheit" oder „Bosheit," wenn die Zeitung weiter behauptet, daß „der St. Vincentius-Verein oder „Orden" (?) in engster Verbindung mit dem Jesuitenorden stehe, oder vielmehr ihm affiliirt sei (?), weshalb das Erstaunen Derer, welche die Verhältnisse „genau kennen" (?), gerechtfertigt gewesen sei, als sie lesen mußten, daß in Sachsen einer der in Evangelicis beauftragten Minister kein Bedenken getragen habe, dem St. Vincentius-Verein den Zutritt in Sachsen zu gestatten." Ist es ferner „Dummheit" oder „Bosheit," wenn weiterhin behauptet wird, „es sei Thatsache (!), daß der Verein zwei Schulen (?) habe, eine für Mädchen, die andere für Knaben; er beschäftige sich also mit Unterricht und namentlich mit Religionsunterricht, wie es die Regeln des Ordens (?) vorschreiben." Ferner sei es „Thatsache (!), daß in den Schulen desselben bereits jetzt schon mehrere Kinder protestantischer Eltern und Protestantisch getauft, in den Lehren der römisch-katholischen Kirche erzogen werden, — als „schlagender" Beweis, Laß der Vincentius-Verein allerdings das Kirchliche und Confcssionclle sehr stark ins Auge faßt." Ein Zeichen mehr von „Bosheit" als „Dummheit" scheint uns schließlich die Behauptung jener Zeitung: es gehöre bekanntlich (!) zu den Pflichten jedes römisch-katholischen Geistlichen, ganz besonders aber auch der Mitglieder des „Vincentius-Ordens" (?), die Glaubensfreiheit als Ketzerei nach Kräften zu bekämpfen, und es sei ein alter und bekannter (!) Kunstgriff der römisch-katholischen Geistlichkeit, über Bedrückung zu klagen, wenn ihr die Freiheit genommen wird, die Glaubensfreiheit Anderer zu unterdrücken." Der kleinste Theil aller dieser lügnerischen Verleumdungen und Entstellungen — gegen einen protestantischen Verein, oder die protestantische Geistlichkeit gerichtet — hätte genügt, die ganze «katholische Presse in Alarm zu setzen, oder auch die Confiscation des Blattes, das sie enthielt, zu verhängen. Aber wir Katholiken in Sachsen scheinen kein Recht zu haben, denn man hat ungehindet diese Injurien und Lügen gegen und über uns verbreiten und lesen dürfen." Die glaub enstreuen Gefangenen. Sechszehn spanische Gefangene, welche von den Marokkanen nach Tetuan gebracht worden waren, erzählen von ihrer Gefangenschaft, daß sie die unwürdigste Behandlung erfuhren. Sie wurden mit Ketten beladen mit einem eisernen Ring am Halse in verpestete Keuchen gesteckt. Man versuchte alle möglichen Mittel, sie zur Verleugnung ihrer Religion zu verleiten; aber nichts hat ihren Glauben und ihren Muth erschüttert. Sie haben Vergnügungen, Reichthum, Grade und Besehlshaberstellen, die man ihnen anbot, verachtet; sie wollten lieber Hunger, Durst, Nacktheit, Beschimpfungen und die Aussicht auf einen gewissen Tod erdulden, als ihre Pflicht als Christen und Soldaten verletzen. Ein einziger von den Gefangenen hat sein Vaterland und seinen Glauben verrathen, es ist ein gewisser Carranque, Freiwilliger in den baskischen Bataillonen. Dieser Elende war der eingefleischteste Feind der Gefangenen, welcher den Fanatismus und die Wuth der Marokkaner gegen seine Brüder und ehemaligen Landsleute aufstachelte. Eines von den schrecklichen Mitteln, welche die Mauren anwandten, um die Gefangenen mürbe zu machen, bestand darin, daß sie die Köpfe der andern Christen, welche sie als Siegeszeichen nach Fez brachten, unter sie warfen. Diese tapferen und unglücklichen Soldaten haben endlich am Mai Fez verlassen; als sie aus der Stadt abzogen, bekam jeder einen vollkommenen sehr reichen und eleganten maurischen Anzug: die Verkündigung des Friedens hatte die Mauren ihnen geneigter gemacht. Welcher Art die Begegnung war, welche sie erfuhren, davon mag auch zeugen, daß Hauptmann Roeamora, welcher sich unter ihnen befand, in seiner Gefangenschaft wahnsinnig wurde. Das Zusammentreffen dieses Unglücklichen mit seiner Mutter, welche nach Tetuan gekommen war, war eine rührende und zugleich herzzerreißende Scene: der Sohn kannte seine Mutter nicht. Praktische Nächstenliebe. Vor Kurzem gingen vier Soldaten von der Linie in einem französischen Dorfe, der Gemeinde Jakob, spazieren; da sahen sie eine arme alte Frau trostlos an der Schwelle ihres Hauses stehen. Auf Befragen versetzte sie, ihr Mann wäre seit lang her krank, es wäre jetzt der Augenblick, wo im Weinberge Gruben gemacht werden müßten; sie bekäme keine Arbeiter, weil sie sogleich bezahlt sein wollten und sie die Mittel dazu nicht habe. Es war Mittag. Unsere Kriegskameraden sahen einander einen Augenblick an, ziehen ihre Weste aus, lassen sich Werkzeuge geben und machten sich bis vier Uhr an die Arbeit. Den andern Tag kamen sie wieder und machten die Arbeit vollends fertig. Das arme Weib dankte ihnen lebhaft und bot ihnen eine Maß Wein an. Aber sie wollten nichts annehmen und sagten erfreut im Weggehen, wenn vor der Herstellung ihres Mannes noch eine Arbeit zu thun wäre, wollten sie wieder kommen. Diese gute That christlicher Liebe erhöht noch die Einfachheit und Uneigen- nützigkeit, mit der sie vollbracht ward, ganz im Sinne der Lehre dessen, der da sagt: „Was ihr dem Geringsten unter euch thut, das habt ihr mir gethan." Redaction und Verlag: Dr. M. Huttler. Druck »an I. M. Klcinlc. 25. November 1860. Mr. 4?. Das Augsburg er SonntagSblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle r. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die katholische Kirche in den Bereinigten Staaten Nnrdamerika's. (Fortsetzung.) Wunderbar! Die katholische Kirche in Nordamerika ist vollständig souverain; sie kann frei und ungehindert sich nach allen Richtungen entfalten und ausbreiten, Klöster aller Art errichten und llor-istliite stiem! sogar Jesuiten für ihre Zwecke verwenden, und-der Staat geht nicht unter? schreitet vielmehr trotz dieser „Feinde der Freiheit, dieser Werkzeuge des absolutesten Despotismus" mit Riesenschritten in seiner Entwickelung vorwärts? Seltsame Gegensätze! Die Gothaer in Baden fuhren entsetzt in die Höhe, als sie den Abschluß des badischen Concordates vernahmen; Himmel und Erde setzten sie in Bewegung, um das Volk gegen dasselbe aufzustacheln und den Fürsten des Landes dadurch zum Bruche eines rechtsgiltigen Vertrages zu bewegen; die bloße Angst vor der ungefesselten Kirche spiegelte sich in all ihren Reden und Handlungen ab, und riß sie zu den unsinnigsten Expectorationen gegen dieselbe hin. Sie haben dadurch sich und der Sache, der sie dienen, ein vollgiltiges Armuthszeugniß ausgestellt. Die Kirche anderseits hat vor ihnen keine Angst, ob sie auch in ihrem blinden Hasse gemeinschaftliche Sache mit der Revolution machen. Denn wenn Garibaldi, der jetzige Herrscher von Sicilien von Louis Napoleons und Victor Emanuels Gnaden, in einem seiner letzten Erlasse die Jesuiten und Liguocianer für Feinde der Freiheit und willige Werkzeuge der bisherigen absolutistischen Regierung erklärt, sie demgemäß aus dem Lande jagt und ihre Besitzungen einzieht und für Staatseigenthum erklärt, was hat er Schlimmeres gethan als die Liberalen in allen den Ländern, wo sie zum Unheil des Landes das Heft der Regierung in die Hände bekamen? Garibaldi ist ein Revolutionär von Prosession, es war nichts Anderes von dem Manne der Gewalt zu erwarten, aber die Thaten jener, unter dem Scheine der Gesetzmäßigkeit verübt, stinken noch weit mehr zum Himmel, um mit Shakespeare zu reden. Die katholische Kirche ist keine Feindin der Freiheit. Die Geschichte lehrt, wie sie jederzeit sich der Unterdrückten angenommen, wie sie stets der Schirm und Schutz der Völker gegen die Despotie der Fürsten gewesen; daher das gewaltige Anstürmen der mächtigen Dynasten aller Zeiten gegen sie; wir erinnern nur an die Hohenstaufen, Philipp den Schönen, Napoleon rc. rc. Auch ist der gewaltige Aufschwung, den die Kirche in den Vereinigten Staaten genommen, nicht zum geringsten Theile der vollständigen Freiheit der Bekenntnisse zuzuschreiben. Wäre es anders, sie hätte längst aufhören müssen zu sein. In diesem Sinne spricht sich auch die New-Uorker „Katholische Kirchen-Zeitung" dahin aus: „Das Katholische nimmt hier zu, denn der Protestantismus nimmt hier ab. Ein besonderer Grund, warum unsere Kirchen sich immer mehr füllen, während protestantische Prediger zu leeren Stühlen reden, liegt wohl in der freien Verfassung unseres Landes, wo Jedermann ungenirt dem Dränge seines Geistes und Herzens folgen kann. Und wo das Innere den Menschen hindrängt, da geht er leicht hin, wenn kein ollstseulum sonst ihm im Wege steht. Die katholische Religion ist die Religion der Freiheit, und das Herz Dessen, der nach Religion verlangt (und das Himmlische nicht blos in gut Essen und gut Trinken setzt), findet in der katholischen Kirche allein die vollste Befriedigung. Und hier in Amerika, wo alle? menschliche Zwang aufhört, da ist so ein glücklicher Schritt (zur Conversion) leichter geschehen, als drüben in Europa, wo konfessionelle und andere Rücksichten oftmals einen großen Hemmschuh anlegen. Kurzum, es ist hier die Religionsfreiheit und der Drang der Seele nach Wahrheit auf der einen, und die geistige Gewalt der Kirche auf der andern Seite die Ursache, warum wir Katholiken nicht ab-, sondern immer mehr zunehmen in Amerika." Dieser vollständigen Glaubensfreiheit in Amerika stehen noch andere Momente helfend zur Seite. Während nämlich die Katholiken in ihrer Minderheit eine einheitliche geschlossene Masse bilden, ist der Protestantismus in unzählige Seelen zerfallen, von denen auch nicht eine dem Katholicismus an Zahl der Bekenner gleich kömmt. Zudem ist der weitaus größte Theil der Protestanten im vollständigen Jndifferentismus befangen, so daß die Berichterstatter in den Jahrbüchern der Glaubens-Verbreitung (1850) nicht mit Unrecht sagen, daß „ehemals Amerika in der That protestantisch war, während dasselbe es heute nur noch dem Namen nach ist." Von der damaligen Bevölkerung gehörten nämlich zwei Millionen der katholischen Kirche, 4 Millionen zur einen oder zur andern der unzähligen Seelen, wovon die Vereinigten Staaten wimmeln, die übrigen 14 Millionen haben sich noch für keine Religion entschieden, hoffen aber, wie sie sagen, noch vor ihrem Tode ihre Wahl zu treffen. „Nach ihren Reden zu urtheilen, dürfen wir größere Hoffnungen hegen, als jede andere Religion. Aus diesen Thatsachen erhellt, daß der Protestantismus sich in dem nämlichen Maße aus Amerika zurückzieht, als der Katholicismus darin fortschreitet; daß derselbe bei der großen Mehrzahl nur noch Gleichgiltigkeit findet und jeden Tag mehr dahin strebt, sich in dem Nichts seines Ursprunges aufzulösen." Mit dieser Beobachtung des katholischen Priesters stimmt der Ausspruch eines protestantischen Angloamerikaners vollständig überein, dessen Jarke erwähnt: „Wir sind Indifferentsten dem Gesetze nach, aber Religionseiferer durch die Sitte und das religiöse Gefühl. Was das Dogma betrifft, so wird Amerika in jenem Zustande der Trennung der Kirche vom Staate bleiben, bis wir in völlig unbeirrter Freiheit, unsere Wahl getroffen haben werden." (Principiensragen, Paderb. 1854. S. 109.) Das ist aber der Unterschied zwischen den amerikanischen Jndifferentisten und denen der alten Welt, daß jene, mögen auch Tausende von ihnen ihr Leben im Zustande der Unentschiedenheit beschließen, dennoch dem Grundsätze nach die Nothwendigkeit des Entschlusses anerkennen und Keinen verlästern und beschimpfen, der seine Wahl getroffen, während unsere Liberalen, seien sie Freimaurer oder nicht, jeden, der sich nach seiner Ueberzeugung auf einen conservativ-religiösen Standpunct stellt, mit Koth beweisen. In dem amerikanischen Jndifferentisten „der noch keine Wahl getroffen" (i Nave not ^et msllo elioice, ist ein überaus häufig gehörter Ausdruck), lebt ihm unbewußt ein tiefes religiöses Gefühl, und es muß dies eine in die Augen fallende Erscheinung sein, da so viele Beobachter amerikanischen Lebens und Treibens darin übereinstimmen. So fällt ein protestantischer Schriftsteller, Jacob Naumann, der viele Jahre in Amerika gelebt und mit scharfem Blicke die dortigen Verhältnisse beobachtet und geprüft, ein merkwürdiges Urtheil über das dort bestehende Verhältniß zwischen Religion und Staat. „In keinem Lande der Erde," sagt er, „gibt es so viele verschiedene, obgleich ursprünglich sämmtlich dem Christenthum entstammte Religionsparteien und Seelen, wie in den Vereinigten Staaten, aber es gibt auch 379 vielleicht kein Volk außer dem amerikanischen, Lei welchem durchgehend so tiefe und unverkennbare Spuren des allgemeinen Einflusses der Religion wahrzunehmen wären, bei welchem der Glaube so sehr als das höchste wahre Gut betrachtet würde, oder bei welchem, wenn schon der Staat, in Betreff der äußeren Religion, sich als völlig theilnahmlos verhält, die Religion selbst so sehr zur großen Haupt-Pulsader alles Lebens und Webens geworden wäre." (Nordamerika, sein Volksthum und seine Institutionen. Lpz. 1848. S. 95.) Daher genießt denn auch die katholische Religion in den Vereinigten Staaten allgemeiner Achtung und großen Ansehens, wozu die in jeder Weise achtungswerthe Haltung des Klerus nicht wenig beiträgt. „Die katholische Kirche in Nordamerika," sagt Heinrich Berghaus, „geht unverdrossen und unbekümmert um das politische Treiben ihren festen Schritt, die Zahl ihrer Bekenner mehrt sich mit jedem Jahre und die Geistlichen dieser Kirche sind tüchtige Männer, deren uneigennützige Hingebung selbst in Amerika Bewunderung erregt." (Allgemeine Länder- und Völkerkunde, Stuttg. 1844, Bd. 6., S. 97.) Diese Achtung und Bewunderung gab sich unter andern in der sonst wegen ihres puritanischen Eifers bekannten Stadt Boston auf auffallende Weise kund. Im Jahre 1846 starb der berühmte und hochverdiente Bischof Fenwick. Der Zug, der die Leiche zur Grabstätte bringen sollte, durchzog die Straßen der Stadt, wobei zum ersten Male priesterliche Ornate, Kreuze, Fahnen und die ganze Pracht des katholischen Cultus offen einhergetragen und überall von der staunenden Menge mit Ehrfurcht empfangen wurde. Von zwei protestantischen Kirchen herab tönte Grabgeläute, und verwundert nahm man wahr, daß der Tod eines katholischen Bischofs ein Ereigniß für Boston war. Ein ähnliches Beispiel gewährte 1849 Baltimore, als daselbst die Väter der siebenten Kirchenversammlung versammelt waren. Zwei Erzbischöse und dreiundzwanzig Bischöfe zogen durch die Straßen, um am Fuße des nämlichen Altars die letzte Sitzung zu schließen. Eine unzählbare Menge Menschen von verschiedenen Religionen hatte sich diesem Zuge angereiht, der unter dem feierlichen Geläute aller Glocken der Stadt und dem Absingen geistlicher Lieder in der ganzen bischöflichen Pracht sich nach der Hauptkirche bewegte, um dort seiner freudenreichen und fruchtbaren Verbindung das Siegel aufzudrücken. Ueberall, auf dem ganzen Durchzug, beugte sich die Menge vor diesen ehrfurchtgebietenden Bischöfen, die alle schon seit langen Jahren als Missionäre gewirkt und von denen die meisten ihre Kirchen selbst gegründet hatten. Der Anblick dieser Greise, deren zitternde Hand sich ohne Unterlaß zum Segnen erhob, der Gesang dieser durch das Verkünden des heiligen Wortes gebrochenen Stimmen gab selbst den Protestanten zu erkennen, daß die segnende, betende und sich selbst aufopfernde Obrigkeit die einzige ist, deren Befehle mit Liebe befolgt werden. Dieses tiefe, in der Majorität des Volkes herrschende religiöse Gefühl und sein Ernst um den Glauben sind es, die den ruhigen, Alles erwägenden Forscher und Beobachter über die Zukunft dieses Volkes beruhigen, eines Volkes, das wie kein anderes eine Menge der verschiedensten Elemente in sich aufnehmen und zu einer im Ganzen und Großen gleichartigen Masse verschmelzen muß. Denn es sind nicht blos die Nachkommen jener ersten Ansiedler, die in streng puritanischem Eifer ihr Vaterland verließen, um in Amerika eine neue Heimat zu gründen, die hier in Betracht kommen. Seit einer langen Reihe von Jahren wirkt das Meer alljährlich eine große Anzahl Menschen aus allen Ländern Europa's an die amerikanischen Gestade, die Daselbst eine bessere Existenz zu finden hoffen, als das verlassene Vaterland ihnen zu bieten vermochte. Wenn wir hören, daß die Zahl dieser, an Sprache, Religion und Sitten so wesentlich von einander verschiedenen Einwanderer nicht selten die Höhe von einer halben Million erreicht, so können wir uns leicht einen oberflächlichen Z80 Ueberschlag über die Gesammtmenge dieser neuen Ankömmlinge machen. Dabei ist zu erwägen, daß es der großen Mehrzahl nach gerade nicht die edelsten ihrer Söhne sind, die Deutschland, England und Irland, Frankreich und Belgien u. s. w. entsendet, daß weder der Reichthum noch die Bildung dieser Länder durch jene repräsentirt wird, daß vielmehr oftmals der Abschaum, die unterste Hefe der Bevölkerung sich unter ihnen befindet, die ihr altes Vaterland nicht länger in seinem Schooße dulden mag. Und alle diese verschiedenartigen Elemente, die daheim längst alle Achtung vor dem Gesetze verloren hatten, hier lernen sie sich ihm beugen, und werden sie durch die Liebe zu ihrem neuen Vaterlande, das ihnen gastliche Aufnahme und volle Freiheit ihres politischen und religiösen Bekenntnisses gewährt, zu einer im Ganzen und Großen achtungswerthen Masse umgewandelt. Wenn wir wissen, daß allein Irland fast die Hälfte sämmtlicher Einwanderer liefert, daß außer Deutschland Frankreich, Belgien und Spanien ein beträchtliches Contingent stellen, so wird die überraschende Zunahme der katholischen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten erklärlich, da mindestens zwei Dritttheile der gesammten Einwanderung der katholischen Kirche angehören, während gleichzeitig die Zahl der jährlich, stattfindenden Conversionen eine un- gemein beträchtliche ist. Haben wir bisher die katholische Kirche in den Vereinigten Staaten nach ihrer äußeren Erscheinung betrachtet, so wollen wir auch der Innerlichkeit derselben einige Aufmerksamkeit zuwenden und uns hierbei der Führung eines Mannes überlassen, dem als geborenem Amerikaner und ehemaligen Protestanten, der nach anhaltender tiefer Betrachtung und Forschung „seine Wahl getroffen," und der sich der Kirche anvertraut, in der allein Heil zu finden, dem, wiederholen wir, in Folge der eingehendsten Studien über den Charakter seiner anglo- amerikauischen Landsleuie, wie Keinem ein berechtigtes Urtheil zusteht. Wir meinen Brownson. (Fortsetzung folgt.) Charakteristische Züge aus dem Leben Pius 1^. Unter diesem Titel ist ein kleines Werk von Abbe v. Dumax erschienen (in deutscher Uebersetzung bei Kirchheim in Mainz), das des Interessanten, Rührenden und Erbaulichen viel enthält, und aus welchem das Volksblatt für Tirol und Vorarlberg einiges von dem minder Bekannten mittheilt. Ein Bild der äußeren Erscheinung des hl. Vaters entwirft ein mitgetheilter Privatbrief in folgender Weise: .... Man hat viele Porträts des Papstes sowohl zu Rom, als zu Paris verfertigt, wenige darunter sind ähnlich, die meisten bleiben weit hinter der Wahrheit zurück. — In der breiten und hohen Stirne Pius IX., seinen ausdrucksvollen Augen mit dem lebhaften Blick voll Scharfsinn, Verstand, Wohlwollen und Güte, dem intelligenten Ausdrucke des Mundes, dem hinreißenden Lächeln, dem Antlitz, über welches eine sanfte Heiterkeit ausgegossen ist, die das Unglück zwar verschleiern, aber nicht gänzlich verwischen konnte, in all' dem liegt ein geheimnißvoller Reiz, den die Künstler nicht wiederzugeben vermochten; fast scheint es, als ob sie nicht wagten, dieses erhabene Antlitz nach Muße zu beschauen. Pius IX. ist über mittlere Größe, seine Haltung ernst und ohne Ziererei, seine ganze Persönlichkeit macht den Eindruck eines überaus wohlwollenden und mit hervorragenden geistigen Kräften ausgestatteten Mannes, ein Eindruck, dem sich Niemand zu entziehen vermag. Am Altare scheint sein Antlitz von einer himmlischen Schönheit zu leuchten; alle Pilger, die ihre Frömmigkeit nach Rom führt, sagen dieß, und selbst die leichtfertigsten Touristen sind gezwungen, es zuzugeben. Ich meinestheils werde nie den erhabenen Eindruck vergessen, der mein Inneres bewegte als es mir zum ersten Male vergönnt war, ihn am Altare zu sehen: Welche Anmuth! Welche Hoheit! Welcher Friede! Welche Frömmigkeit! — Ich hatte herrliche Musik gehört, großartige Feierlichkeiten gesehen .... aber meine Blicke hingen an dem hl. Vater, ich hatte nur Ohren, um seine Stimme zu hören, als er sie in dem Heiligthume erhob, um für die Kirche zu beten und zu segnen. Die Stimme Pius tX. ist sanft und wohlklingend, und hat in der Unterhaltung eine bezaubernde Wirkung; zugleich vermag sie nach Bedürfniß, ohne dabei etwas von ihrem Wohlktang einzubüßen, eine solche Kraft zu entfalten, daß wenige ihr gleichkommen. Es ist, sagt man, eine der schönsten und gewaltigsten Stimmen Roms. Stets waren die Fremden entzückt, wenn sie dieselbe widerhallen hörten an den Gewölben der Peterskirche in dem Gesänge der Präsation, oder des Pater noster, oder wenn in den feierlichen Worten der päpstlichen Segnung am heiligen Ostertage sie über den Petersplatz mit einer Kraft erscholl, daß der letzte Widerhall jenseits des großen Obelisken zurück- tönte! Der Papst spricht gut französisch, kaum einige italienische Worte entschlüpfen ihm in der Unterhaltung mit Franzosen. Seine Sprackweise ist elegant und einfach und trägt in vertrauteren Gesprächen das Gepräge von Wohlwollen und Leutseligkeit und — ich kaun den Ausdruck wiederholen, dessen sich einer seiner Geschichtsschreiber bediente, — einer ausgezeichneten Gutherzigkeit, welche sich nichts von ihrer Würde vergibt und zugleich anzieht. In der Predigt erhebt sich seine Sprache zur Beredsamkeit, und Alle, die ihn predigen hörten, versichern einstimmig, daß er seine Zuhörer fesselt. Beim Empfang zeigt der Papst das herablassendste Wohlwollen. Man hat gesagt, daß dann sein Blick zum Herzen dringt und der Ausdruck seines Gesichtes und sein Lächeln eine unwiderstehliche Wirkung üben; wenn man ihn verlasse, so trage man einen Strahl seiner Seele mit sich. Es beruht dieses auf Wahrheit, und alle jene, welchen die Ehre zu Theil wurde, zugelassen zu werden, haben diese glückliche Erfahrung gemacht. Auch ich habe sie gemacht, und ich wünschte, sagen zu können, mit welcher Güte, welcher väterlichen Zuneigung er die Priester empfängt! wie er sie anredet: mein Sohn! Welch' liebenswürdiges Lächeln seine Lippen belebt! Wie er jeder Bitte nachgibt, die man an ihn richtet, mit welcher Gnade er sie gewährt, mit welcher Rührung er segnet! — O ich wünschte, dieß alles sagen zu lönnen! Werde ich es jemals! Man bewahrt in der Seele einen tiefen Eindruck, welcher sie durchdringt, im Gedächtnisse eine Erinnerung, welche niemals erlischt; aber das Wort ist zu schwach, sie auszudrücken. „Er ist ein geborner Herrscher," schrieb ein Fürst, nachdem er den Papst gesehen; dieß ist wahr, es ist der Eindruck, welchen man sofort empfindet. Einer der römischen Großen drückte nach seiner ersten Audienz mit nicht geringerer Energie den nämlichen Gedanken aus: „Er ist ein König," sagte er, „und man möchte glauben, daß er es stets gewesen ist." Vor kaum einem Jahre schrieb ein französischer Geistlicher zu Rom folgendes an ein religiöses Blatt: Pius lX. ist aus dieser Welt die schönste Personi- ficirung der Güte und christlichen Liebe. Ueber sein Antlitz ist eine unbeschreibliche Mischung von Geist und Sanftmuth ausgegossen, seine lebhafte und für alles Gute empfängliche Seele scheint in seinen Augen und seinen Zügen zu liegen. Einige Wochen früher sagte ein französischer Soldat, indem er von Pius 3S2 IX. sprach: „Es ist ein wohlthuendes Gefühl, ihn zu sehen. Das Herz ist von einem Balsam erquickt, wenn man vom Papste kommt, und man befindet sich für den Rest des Tages in gehobener freudiger Stimmung." Als die junge Prinzessin von Preußen die Peterskirche mit ihrem Vater besuchte, begegneten sie dort dem Papste, welcher einige Worte an sie richtete, wie er sie zu sprechen versteht. Die Prinzessin, obgleich Protestantin, war von Bewunderung hingerissen. . . . Man hatte eine Erfrischung aufgetragen, und lud sie ein, sich zur Tafel zu setzen. „O nein." antwortete sie, „mein Herz. ist zu voll, ich fühle mich gesättigt von dem Glücke Pius !X. gesehen und gehört zu haben." _ Die christlichen Dienstboten. . (Schluß.) Mein Entschluß, Priester zu werden, schien indeß durch ein unerwartetes Ereigniß zu Wasser werden zu wollen, da ein älterer Bruder vom Vater zum Studiren bestimmt und mit Sack und Pack zur Stadt gebracht wurde, um dort Ungestört seine Vorbereitung beginnen und ausführen zu können. Das wollte mir gar nicht gefallen, weil ich meinte, der Vater würde mich nun davon zurückhalten. Wem konnte ich meine Bekümmernisse darüber besser mittheilen, als der guten Marie, die zu Allem Rath wußte? Die sagte mir, das thäte nichts, weil der Vater Geld genug habe, wenn wir auch alle vier studireu wollten. Das beruhigte mich vollkommen; dazu dauerte das Studium des ältern Bruders nicht lange. Kaum war derselbe einige Tage in der Stadt gewesen, als derselbe an einem Abend im Zwielichte wieder auf dem väterlichen Hofe erschien mit der Erklärung, er möge in der Stadt gar nicht sein. Der Vater aber, der von seinem Willen nie abging, bestellte augenblicklich einen Knecht, der den weinenden Gerhard wieder zu seinen Büchern bringen mußte. Dadurch war jedoch seine Lust zum Stadtleben nicht größer geworden. Als wie einige Tage später zusammen zu Mittag speiseten, stellte sich der Student nochmals wieder vor: mit weinenden Augen stand er an der Thüre und gab die Schlußerklärung, er wolle lieber sterben, als länger in derStadt sein I Die Mägde und Schwestern liefen vor Schrecken davon; dem starken Baumeister sogar entfiel aus Furcht vor dem Zorne des Vaters, der vom Stuhle aufsprang und nur mit Mühe von der besänftigenden Mutter zurückgehalten wurde, der Löffel aus der Hand. Keiner glaubte, daß der Vater nachgeben werde! Während dieser so im schweigenden Zorne nach dem stehenden Sohne sah, flüsterte mir die treue Marie, die allein Stand gehalten hatte und neben mir saß, zu, ich möchte sagen, daß ich später gern in der Stadt bleiben und studiren wolle. Ich that das auch ganz beherzt, und gab dadurch der Scene eine sehr glückliche Wendung. Der Vater nannte mich Weiser als den großen Gerhard und schien Plötzlich ganz besänftigt. Den das Aeußerste fürchtenden Bruder holte er an der Hand zum Tische und gestattete ihm ausdrücklich, jetzt zu Hause zu bleiben, „nur müsse er jetzt wissen zu arbeiten," wozu er sich auch sehrbereit erklärte. Als ich dann wieder mit meiner Ju- gendsühreren allein war, wurde ich von ihr angewiesen, die Rückkunft des Bruders aus der Stadt als eine Fügung des lieben Gottes anzusehen, und zu glauben, daß ich, und nicht der andere Bruder, zum Priesterstand berufen sei; nur müßte ich fleißig beten, und schon jetzt anfangen recht fromm zu sein. — In solcher Weise wußte sie einen frommen Sinn in mir zu wecken und Lust zu meinem späteren Berufe zu beleben; kein Wunder, daß ich sie als meine zweite Mutter liebte. Daher wurde ich in die größte Trauer versetzt, als es hieß, sie werde unser verlassen nnd sich weit von da verheirathen. Ich bot Alles auf, ihr Ver- bleiben zu erwirken: bald wandte ich mich an den Vater mit der Bitte, er möge ihr das Weggehen verbieten, dann wäre es ja aus. Der Vater galt mir als ein ganz unumschränkter Gebieter. Bald suchte ich durch die Mutter ihr Verbleiben durchzusetzen, indem ich den Vorschlag machte, die Mutter möge den Vater dazu bewegen, daß er Maria erlaube bei uns zu bleiben und ihren Mann herüber zu holen. Die Mutter trug diese meine Bitte auch wirklich vor, sobald der Vater mit den Arbeitern vom Felde heimgekehrt war. Das gab zu meinem größten Erstaunen eine allgemeine Heiterkeit und ein schallendes Gelächter. Wenn ich bei ihr allein war, wollte ich sie durch allerlei Ueberredungskünste von ihrem Vorhaben abbringen, und ich sah mich genöthiget, das letzte und nach meiner Meinung unfehlbare Mittel, sie zum Verbleiben zu bewegen, in Anwendung zu bringen. In unserem Hause wohnte damals ein Geometer, der die Vermessung der zu verteilenden Heidegründe vornahm. Der hatte mir von seiner Reise einen Stock mit einem großen „goldenen Knopf" mitgebracht, welcher einen Pferdefuß mit blankem Hufeisen vorstellte. Dies Geschenk hatte in meinen Kindesaugen einen solchen Werth, daß ich es für Alles in der Welt nicht lassen, konnte. Der Vater bot mir oft einen blanken Thaler dafür, aber vergeblich; dann sagte er, er wolle mir dafür die Auswahl eines unserer sechs Pferde gestatten, ich aber meinte, der Knopf sei werthvoller, als alle sechs zusammen. Nach langem Bedenken, als alle Mittel erschöpft waren, beschloß ich, durch Hinopferung meines „immensen" Schatzes meine gute Jugendführerin zum Bleiben gleichsam zu zwingen. An einem Sonntag Morgen, als sie mir eben wieder durch ihren Unterricht eine große Freude gemacht hatte, nahm ich beherzt ein großes Messer, schnitt den schönen Knopf wirklich vom Stocke ab und reichte ihr denselben unter der Bedingung ihres Verbleibens. Dieser rührende Act meiner kindlichen Anhänglichkeit ging der Person so zu Herzen, daß kie sich der Thränen nicht erwehren konnte, wie ich mich noch sehr deutlich erinnere. Und doch erreichte ich meine Absicht nicht! Sie verließ unser Haus, und auch ich wurde bald zur Stadt geschickt, wo ich der weiten Entfernung des elterlichen Hauses wegen im Hause des Lehrers Wohnung und Aufnahme fand. Jene Person habe ich in meinem Leben nie wieder gesehen, ihr Andenken aber blieb immer bei mir in Segen. — Nach eingezogenen Erkundigungen ist sie, die von Aaus aus arm war, von Gott auch mit zeitlichem Segen ungewöhnlich beglückt, dessen sie nach obiger, wahrheitsgetreuer Schilderung in ihrer Dienstzeit so würdig geworden ist, und lebt jetzt im hohen Alter glücklich und zufrieden." — So weit die Erzählung meines Freundes. Das ist ein Beispiel aus der Wirklichkeit. So kann ein treuer Dienstbote im Stillen durch frommen Einfluß auf die Kinder des Hauses einen Dienst leisten, der nach Geldeswerth nicht abgeschätzt werden kann. So kann eine gute Magd oder ein guter Knecht durch Theilnahme an der Erziehung der Kinder der Herrschaft sich des göttlichen Segens für das ganze künftige Leben gewiß machen, und Herrschaft und Kinder zu lebenslänglichem Danke verpflichten. So hat auch im Stillen der Heiland seine Lehrer und Diener gelehrt, die wirken zu seiner Ehre und zur Ausbreitung seines heiligen Reiches. So bestellt der Heiland nicht allein die seligen Geister des Himmels, sondern auch fromme Menschen zu Schutzengeln der Unschuld. Veilchen und Tulpe. 6. Mutter! — sagte einst Clara — die Tulpe prangt so majestätisch schön, das Veilchen ist kaum sichtbar. 381 5-->r Aber das^ Veilchen, mein Kind! verbreitet einen lieblichen Geruch, die Tulpe einen unangenehmen Duft. — Was wird hieraus folgen? Daß wir die Tulpe stehen lassen, wenn wir uns an ihr satt gesehen, das Veilchen hingegen an die Brust stecken, bis es verdorrt. Wer, glaubst Du; ist vor dem Winde besser geschützt, Deichen oder Tulpe? Das Veilchen. Leicht biegt sich der Stiel mit dem Blümchen, der Tulpe hochaufstrebender Stengel jedoch wird gebrochen, sie selbst entblättert. Siehe! so ist das Gute oder Böse nie vereinzelt, sondern stets vereint mit mehren Vorzügen oder mehreren Gebrechen in der großen Welt sowohl der herrlichen Schöpfung, als auch in der kleinen Welt des menschlichen Herzens. — Was versinnbilden Veilchen und Tulpe? Demuth und Hoffart. Das demüthige Herz wirkt im Stillen. Der hoffärtige Geist prangt mit Wahnverdienst und Scheinverdienst, selten mit wahren Vorzügen. Ist nun die ungesuchte Demuth gefunden, so verbreitet sie einen lieblich lockenden Duft. Der Stolze hingegen macht selbst angenehme Vorzüge niedrig durch Eigendünkel und Eigenlob. — Was wird die Folge davon sein? Sie schwebt uns vor in der Betrachtung von Veilchen und Tulpe. Recht so. Die vielleicht bewunderten Vorzüge des Hvffärtigen lassen uns gegen ihn selbst gleichgiltig, wenn wir uns in der Bewunderung ersättigt. Am demüthigen Herzen vergessen wir gerne seine Unvollkommenheiten, ziehen es an unsere Freundesbrust, bis ihm oder uns der ewige Friede winkt. Mutter! nun erklärt sich auch, warum der Demüthige fest dem Unglücke trotzt, der Hoffärtige erliegt. Der Sturm beugt den Ersteren zwar, allein der Gebeugte erhebt sich am Freundesherzen im tröstenden Bewußtsein, daß er nicht vereinzelt stehe. Der Hoffärtige, welcher nie sich beugen gelernt, wird gebrochen vom schrecklichen Gefühle gänzlicher Verlassenheit, die er im Glücke selbst gesucht. Du hast's nur annähernd getroffen, Clara! Allerdings erhebt den Demüthigen der Trost, daß seine Thränen nicht ungezählt fließen, schmettert den Hvffärtigen das Bewußtsein nieder gänzlicher Verlassenheit. Allein diese belebenden und vernichtenden Gefühle ruhen nicht immer im Vertrauen auf menschliche Freundschaft, welche der Uebermüthige nach seiner Weise im Glücke nicht verschmähte, der Demuthvolle im Unglücke oft nicht findet. Worin beruhen sie dann, wenn nicht im Vertrauen auf göttliche Freundschaft? Jetzt bist Du auf dem rechten Wege. Der Demüthige setzt seine Stärke in Gott, der Hoffärtige die seine in sich selbst. — Wer wird besser das Unglück tragen können? Der welcher mit Gott, nicht jener welcher ohne Gott trägt. Dies Letztere versucht der Hochmüthige, der selbst in der Stunde der Prüfung Gott nicht finden will. Thörichte Furcht. Als der deutsche König Rupert gefährlich krank darnieder lag und an den Empfang der heil. Sacramente der Buße und des Altars ermähnt wurde, sich auch die h. Oelung ertheilen zu lassen, weigerte er sich dessen mit dem Vorgeben, er müsse sonst sterben. Da nun die Krankheit überhand nahm, willigte er endlich ein. Wie er nun bei der Spendung dieses hl. Sacramentes den Priester auch um die Gesundheit des Leibes beten hörte, rief er aus: „Hätte ich gewußt, daß die letzte Oelung auch zur Gesundheit des Leibes verhilflich sei, würde ich sie schon langst empfangen haben." Er wurde auch wirklich gesund. Redactivn u»v Verlag: Dr. M. Hu liier. — Druck »au 3. M. Klei nie. AWhSM AMljMIt. 49. 2. December 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr., wofür es durch alle r. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die katholische Kirche in den Vereinigten Staaten Nordamerikas. (Fortsetzung.) „Ohne Zweifel," sagt Brownson in der erwähnten Schrift, „hat die katholische Bevölkerung unseres Landes, größtentheils ein Zusammenfluß aus den niederen Classen in der alten Welt, soweit in dreihundert Jahren ihre Vater von der Bigotterie, der Unduldsamkeit, den Verfolgungen, den Unterdrückungen Seitens protestantischer oder halbprotestantischer Regierungen zu leiden hatten, manche Züge angenommen in ihrem Charakter, ihren Sitten und ihrem Betragen, welche für den nichtkatholischen Amerikaner äußerlich wenig Anziehendes, ja etwas Abstoßendes haben. Unleugbar mag sich in unseren größeren Städten eine, leider, unverhältnißmäßig zahlreiche Volksclasse von Namenkatholiken finden, die weder ihrer Religion, noch dem Lande ihrer Geburt oder dem Lande, das sie aufgenommen, zur Ehre gereichen. Kein Katholik wird leugnen, daß die Kirche dieser Leute schmählich vernachlässigt worden, daß man sie ohne den geringsten Unterricht in den Grundlehren der Sittlichkeit und Religion aufwachsen und unsern lasterhaften Pöbel, die Menge unserer Taugenichtse und Galgenstricke anschwellen läßt. Das ist gewiß sehr zu beklagen, aber es erklärt sich leicht, ohne ein übles Licht auf die Kirche zu werfen, wenn man die nachteiligen Verhältnisse in Erwägung zieht: die Lage, in welcher diese Leute sich befanden, ehe sie hieher kamen; die Enttäuschungen und Entmuthigungen im fremden Lande; die Wehrlosigkeit den neuen und unvorgesehcnen Versuchungen gegenüber; die Thatsache, daß sie auch in ihrer Heimat nicht zu den besten Katholiken gehörten; ihre Armuth, Verlassenheit, Unwissenheit, mangelhafte Bildung, nebst einer gewissen Unbeholfenheit und Sorglosigkeit; endlich unsern großen Mangel an Schulen, Kirchen und Priestern. Es ist übrigens das Verhältniß dieser Leute zu unserer ganzen katholischen Bevölkerung ein weit geringeres, als man gewöhnlich annimmt. Auch sind sie nicht so durch und durch verdorben, als sie scheinen; denn selten oder nie bekümmern sie sich um ihr Aeußeres und sie verstehen es schlecht, ihre Fehler zu verbergen. Wie tief sie auch stehen und wie verkommen sie auch sein mögen, so sind sie doch nie so gemein und lasterhaft als die entsprechende Classe von Protestanten in protestantischen Ländern. Ein lasterhafter protestantischer Pöbel ist immer schlechter, ein lasterhafter katholischer immer besser, als er zu sein scheint. In den Schlechtesten unter diesen ist immer noch ein Keim, der mit angemessener Sorgfalt zum Leben herangezogen werden, Blüthe treiben und Frucht bringen kann. In unseren engen Gassen, geschlossenen Häfen, dumpfen Kellern und schwülen Bodenkammern, wo es wie in einem Bienenstöcke schwärmt und summt, — im tiefsten Schmutz und im zerlumptesten Elend, wo der Trunk die Luft verpestet und die Lästerung laut aufjauchzt und flucht, — da, wo man äußerlich nichts sieht, als Höhlen des Lasters und des Verbrechens und der Schande, da findet man oft einzelne Personen, von welchen man wohl annehmen darf, sie haben ihre Taufunschuld noch nicht 4 ' ' zss " verloren, wahre llour» >le Nai'ie, die sich immer rein und unbefleckt erhalten und die in ihrem niederen Lebenskreise glänzende Beispiele liefern der helden- müthigsten, christlichen Tugenden. Der größere Theil unserer katholischen Bevölkerung besteht aus ungelehrten Bauern, armen Handwerkern, Dienstmädchen und Taglöhnern aus verschiedenen Theilen Europa's; wenn auch an sich ganz schätzbare Leute und brauchbare Kräfte für das Land, können sie doch, wenigstens von einem weltlichen und gesellschaftlichen Standpuncte aus gesehen, nicht für solche gelten, nach welchen über die Katholiken ihrer Heimat ein unbefangenes Urtheil zu fällen möglich wäre. Der katholische Adel, die gebildeteren, wohlhabenderen Classen, die besseren Schichten im Gcwerbestande sind nicht hierher gewandert. Zwei oder drei Millionen aus den niederen, ärmeren, weniger gebildeten, und oft weniger tugendhaften Classen des katholischen Volkes in Europa sind in einem verhältnißmäßig kurzen Zeitraume an unsre Ufer geworfen worden, ohne oder fast ohne daß Vorsorge getroffen worden wäre für die Befriedigung ihrer geistigen, sittlichen oder religiösen Bedürfnisse. Und dennoch sehen wir, was diese Bevölkerung ist und was mit jedem Jahre mehr aus ihr erwächst, so können wir nur staunen über ihre wunderbare Willenskraft und ihre Fortschritte. Die geistige Thätigkeit der Katholiken tritt, wenn man Alles erwägt, weit glänzender hervor als die unserer nicht- katholischen Landsleute, und im Verhältniß zu ihrer Anzahl und ihren Mitteln tragen sie weit mehr als irgend eine andere Classe der amerikanischen Bürger- schaft zu Erziehungs zwecken, für niedere und höhere Bildungsanstalten bei, denn aus dem öffentlichen Schatze erhalten sie wenig oder nichts, und außer dem, was sie für ihre eigenen zahlreichen Schulen thun, haben sie ihren Beitrag zu liefern für die Staatsanstaltcn. Ich behaupte nicht, daß die katholische Bevölkerung unseres Landes lite- rarisch hoch stehe, oder daß ihr als einem Ganzen überhaupt nur in einigermaßen strengem Sinne geistige Bildung zugeschrieben werden dürfe. Wie wäre das möglich, da die meisten dieser Leute sich abzuarbeiten hatten um das tägliche Brod und alle ihre Kräfte in Anspruch genommen sahen durch die Sorge für die dringendsten Bedürfnisse der Religion und ihrer persönlichen und häuslichen Selstständigkeit? Gleichwohl ist ein achtbares katholisch-amerikanisches Schriftenthum im Aufblühen begriffen, und die Katholiken haben ihre Vertreter unter den ersten Gelehrten und wissenschaftlichen Größen des Landes. In der Metaphysik, in der theoretischen und praktischen Philosophie stehen sie bereits an der Spitze; in der Naturgeschichte und den physikalischen Wissenschaften bleiben sie nicht weit zurück; und wird erst einmal die Schranke gefallen sein zwischen ihnen und der nichtkatholischen Lesewelt, so werden sie in der gemeinnützigen und schönwissenschaftlichen Literatur bald die erste Stelle einnehmen. Noch ist unser eigenes lesendes Publicum aus den oben erwähnten Ursachen leider nicht zahlreich genug, um den Schriftstellern aufmunternd entgegenzukommen, und die übrige Lesewelt macht es sich zum Gesetze, unsere, der Katholiken, literarische Bemühungen zu übersehen*). Aber das wird nicht immer so fortgehen, denn es streitet mit den Vortheilen und dem Geiste aller edelfreicn Bildung, und die katholischen Schriftsteller werden bald ein Publicum finden, das ihnen Gerechtigkeit widerfahren läßt. Die Nichtkatholiken thun sich selbst großes Unrecht, .indem sie nach dem Grundsätze handeln, von Nazareth könne nichts Gutes kommen; denn in dem, was wir selbst schreiben, was wir von den Werken unserer Brüder im Lrititschen Reiche abdrucken, und was wir an katholischen Büchern aus dem *) Dieselbe Erscheinung macht sich auch bei uns täglich bemerkbar. Die hervorragendsten Erzeugnisse katholischer Schriftsteller werden vornehm ignorirt oder nur erwähnt, um durch geringschätzende Kritik und wegwerfendes Urtheil ihrem Eindringen in das lesende Publicum entgegenzuarbeiten. Ueberall doch dieselbe Tactik! Deutschen, Französischen, Spanischen und Italienischen übersetzen, haben wir bereits eine reichere und auch vom gelehrten und wissenschaftlichen Standpuncte aus betrachtet gewichtvollere Literatur, als unsere Gegner vermuthen. Ich habe lange und genaue Bekanntschaft gepflogen mit dem protestantischen Klerus der Vereinigten Staaten und bin keineswegs geneigt, die natürlichen Fähigkeiten oder die gelehrten und wissenschaftlichen Kenntnisse desselben zu niedrig anzuschlagen, und wiewohl ich die jetzt lebenden Mitglieder desselben für sehr tief unter ihren Vorgängern stehend erachte, so habe ich doch hohe Achtung vor den Beiträgen, die sie zur Wissenschaft und Literatur unseres ge- s meiusamen Vaterlandes geliefert haben und zu liefern fortfahren. Aber unsere katholische Geistlichkeit wiewohl in mancher Beziehung wegen Ungunst der Verhältnisse weniger gebildet, als sie es sein sollte, kann, abgesehen von solchen Mitgliedern, deren Muttersprache nicht die unsere ist, in Bezug auf Genauigkeit und Feinheit im englischen Ausdrucke nicht anders als sehr zu ihrem Vortheile mit Jenen verglichen werden. Im Ganzen genommen übertrifft sie den nicht- katholischen Klerus an wohl eingeschulter Logik, an theologischer Wissenschaftlich- keit und an Gründlichkeit, nicht selten auch an Reichthum und Mannigfaltigkeit der Kenntnisse. Ich habe in der That unter den Katholiken in ihrem Denken, ihrem sittlichen Urtheil, ihrem persönlichen und gesellschaftlichen Verhalten einen höheren Ton vorwaltend gefunden, als ich ihn jemals auch unter günstigeren Verhältnissen bei meinen nichtkatholischen Landsleuten zu beobachten Gelegenheit hatte; und nimmt man die katholische Bevölkerung unseres Landes auch nur als das, was sie unter allen Nachtheilen ihrer Lage gegenwärtig ist, so wird auch der gebildetste und feinste Mann der Wissenschaft oder der Gesellschaft nichts finden, weshalb er sich zu schämen brauchte und nicht gern bekennen möchte, er sei ein Katholik. — s -Freilich habe ich Ursache gehabt, mich über Katholiken bei uns und in andern Ländern zu beklagen; allein nicht, als stünden sie in Vergleich mit den Nichtkatholiken auf tieferer Stufe, sondern weil sie von der Höhe, die sie als Katholiken behaupten sollten, herabgesunken sind. Ich finde in der Denk- und Handlungsweise zwar lange nicht Aller, aber doch nur zu Vieler wie zur andern Natur geworden einen Mangel an männlichem Muthe, an Willenskraft und Geradheit, welche mir als eine eben so große Unklugheit erscheinen, wie sie für die Besscrgesinnten unter den Engländern und Amerikanern etwas Abstoßendes haben. In Dingen, die nicht zum Glauben gehören, herrscht unter uns weniger Einmüthigkeit und weniger Hochsinn, weniger Schicklichkeitsgefühl und weniger Neigung, alle berechtigten Meinungsverschiedenheiten sich frei aussprechen zu lassen, als man erwarten sollte. Aber ich weiß ja, daß ich selber nicht unfehlbar bin, und mich vielleicht beklage, wo ich es nicht sollte. Vieles mag mir als Unrecht erscheinen, weil ich nicht daran gewöhnt bin. Einiges muß auf das eigenthümliche Wesen des Volkscharakters und seine Entwickelung zurückgeführt werden; und was weder durch natürliche noch durch geschichtliche Verhältnisse zu ^ rechtfertigen oder zu entschuldigen sein möchte, das läßt sich in allen Fällen aus Ursachen herleiten, die mit der Religion nichts gemein haben. Die Gewohn- > heiten und Eigenthümlichkeiten, welche mir am wenigsten behagen wollen, sind offenbar daher entsprungen, daß unsere Katholiken größtenteils aus Ländern eingewandert sind, wo entweder der katholische Theil der Bevölkerung unterdrückt wurde von einer nichtkatholichen Regierung, die grundsätzlich den Katholicismus zu schwächen und zu ersticken suchte, oder wo der Staat dem Despotismus verfallen war, welcher aus den unseligen Religionswirren im 16. Jahrhundert hervorging, und welcher dem gemeinen Volke keine Rechte zuerkannte und ihm nicht > gestattete, sich der herrschenden Masse gleich zu achten. Unter den despotischen ! Regierungen einiger katholischer Länder und unter der Bigotterie und Jntole- ranz protestantischer Staaten konnte es kaum fehlen, daß sie sich mancherlei angewöhnten, was nicht stimmt zu der Art nnd Weise solcher, die niemals verfolgt wurden und sich nie gezwungen sahen, um leben zu können, darauf zu sinnen, wie sie grausamen Willkürgesetzen oder den Launen eines Gewaltherrn ausweichen möchten. (Schluß folgt.) Misfionsberichte -es hochw. I*. Franz Xaver Weninger. Ich begann das Jahr 1859 in Cincinnati, mit meiner eigenen Mission, d. h. mit den geistlichen Uebungen des hl. Jgnazius. Diese Ordnung hat kür mich eine ganz eigene Wichtigkeit und Bedeutung. Da mich nämlich mein Beruf als Missionär dazu auffordert, Anderen aus allen meinen Kräften beizustehen, damit sie das Geschäft ihres Heiles in Sicherheit setzen, so thue ich wohl am Besten, wenn ich bei dem Beginne des Jahres zuerst bei mir selbst anfange. Denn „was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, und an seiner Seele Schaden leidet." Ueberdies sind Exercitien gerade das von Gott begnadigte Mittel, den Eifer für die Ehre Gottes und die Rettung der Seelen immer von Neuem zu beleben. Bekannterweise ging die Stiftung der Gesellschaft Jesu, deren mindestes Glied ich mich zu nennen das Glück habe, eben aus den geistlichen Uebungen hervor, welche der hl. Jgnazius einst mit sich selbst zu Manrosa hielt. Ich thue demnach gut, wenn ich diesem Winke folgend jährlich die ^geistlichen Uebungen in Cincinnati durchmache, und dann als Fortsetzung derselben die Missionen gebe. — Ich Pflege scherzweise mich eines Vergleiches zu bedienen, den mir besonders Amerika überall vor Augen stellt. Ich Pflege nämlich zu sagen: Zuerst heize ich die Locomotive und erhebe die Dampfkraft, dann hänge ich die Waggons der Misston an und fahre davon. Es versteht sich, daß man dabei auch während der Fahrt nicht unterlassen darf, nachzuheizen und nachzupumpen, aber vorerst hat nian die Dampfkraft selbst gehörig zu conden- siren. So eben, was den Seeleneifer für das Werk der Missionen, und über^ Haupt der Seelsorge betrifft. — „Mich verlangt nicht, von deiner Armuth reich zu werden," so ruft der hl. Bernhard denjenigen Arbeitern im Weinberg des Herrn zu, die viel arbeiten aber wenig beten. Die erste Mission gab ich hierauf in der Stadt Louisburgh, Cincinnati gegenüber. Die Mission kam um so gelegener, da so eben ein großes Vergehen des Pfarrers derselben Gemeinde gewaltiges Aergerniß gegeben hatte. Jetzt befindet dieselbe sich wieder in einem vortrefflichen Zustand. — Ich gab hierauf noch vier Missionen in der Diöcese Fort-Wayne, und entschloß mich, dieses Jahr Texas mit Missionen zu bereisen. Ich hatte bereits vor zehn Jahren dem hochwürdigsten Bischof von Gal- veston, Hrn. Odin, versprochen, seine Diöcese mit Missionen zu bereisen; allein es war mir nicht möglich, es früher zu thun, und so war es besser. Die Mission konnte nicht gelegener kommen als gerade dieses Jahr, wo Texas beinahe alle seine deutschen Priester zugleich verlieren sollte. — Ich gestehe jedoch daß ich übergroße Beschwerden von dieser Mission befürchtete, wenngleich ich nicht wußte, woher insbesondere dieselben mir erwachsen würden. Ich wußte nur, daß es ein tropisches Klima habe und von unzähligen giftigen Jnsecten wimmle, und daß das gelbe Fieber an der Küste des Golfes von Merico in entsetzlicher Weise wüthe. Indeß es gab andere noch größere Hindernisse zu überwältigen, wie der Verlauf meiner Erzählung sogleich darüber Aufschluß gehen wird. Ich reiste von Cincinnati mit Anfang des Monats März ab. Der Bischof wünschte, ich sollte die Mission in der Faste beginnen. Leider war damals die Eisenbahn bis New-Orleans noch nicht vollständig fertig, wie sie es heute ist, und so mußte ich einen Tag und zwei Nächte in amerikanischen Reisekutschen> und zwar durch die Moräste und Wälder des Staates Misfisippi zubringen. Nie hat mich eine Reise so sehr erschöpft wie diese. Die Passagiere an diesen Plätzen waren öfter genöthigt, mit aller Anstrengung die mit Koffern bepackten Wagen aus den Morasthöhlen herauszuheben, und neben denselben im tiefen Koth zu waten. Wie froh ist man dann, wenn man nach solchen Strapazen wieder das Pfeifen der Eisenbahn hört! Durch Hilfe deS Dampfes gelang es mir dennoch, die Strecke von 1600 englischen Meilen in drei Tagen zurückzulegen. Die ganze Reise von Cincinnati nach Galveston kann jetzt in H Tagen zurückgelegt werden. — Ich begann die Mission in der Kathedrale selbst, und zwar am ersten Fasten-Sonntag. Bald wurde es mir nun klar, welche Prüfung der Herr mir besonders für Texas aufbewahrt habe. Es war nicht sowohl das Klima und die physischen Uebelstände, als der Fanatismus der Methodisten, die besonders hier in Texas mächtig sind. — Die Veranlassung zu dieser Art von Raserei und Opposition der Methodisten gab der „Wahrheitsfreund" von Cincinnati. Derselbe verkündigte meine Abreise nach Texas mit der Bemerkung, daß ich daselbst den Methodismus zu begraben gedächte. Diese Aeußerung brachte die Methodisten in Angst und Wuth. Die Redacteure eines ihrer Haupt-Jour- nale, nämlich „des christlichen Apologeten," stellten sich an die Spitze der Bewegung. Sowie die Mission begann, störmten diese Methodisten schaarenweise herbei, und die Pastoren notirten sich bei der Predigt, was ihnen besonders ausfiel. Indeß sie konnten dabei wenig gewinnen; ich gab die Mission nach ihrer Ordnung und polemisirte nicht. — Da bot ihnen der Beichtstuhl mehr Gelegenheit zu Verleumdungen dar. Es gibt in Texas eine Unzahl von gemischten Ehen, und leider ist bei sehr vielen die katholische Kindererziehung nicht gesichert. Da hieß es nun auf einmal, und wurde auch sogleich durch Zeitungen ausposaunt, es habe eine katholische Frau bei mir gebeichtet, die einen protestantischen Mann, einen Büchsenmacher, geheiratet, und die ihre Kinder in der protestantischen Kirche taufen und protestantisch erziehen ließ. Dieser Frau nun hätte ich gesagt, daß die Taufe ungiltig sei, und daß sie besser gethan hätte, wenn sie die Kinder in kochendes Wasser gesetzt und ihnen die Haut über die Ohren herabgezogen hätte. Jeder Mensch sieht leicht ein, was an der Sache Wahres gewesen sei, und wie der Lügengeist die Sache entstellte, um den Methodisten einen solchen Braten aufzutischen, nach welchem ihnen gerade gelüstete.— Herr Mölnig, der Redacteur des Apologeten, ein abgefallener Katholik, richtete demnach, und zwar. im Namen aller Protestanten von Galveston ein offenes Sendschreiben an mich, mit der Aufforderung, ich sollte mich über diesen Beichtfall vertheidigen. Ich ergriff diese Gelegenheit, um, abgesehen von dem Beichtfalle, einige Fragen zu beantworten, die sich auf solche Lehren der h. Kirche beziehen, welche von den Feinden derselben besonders entstellt zu werden Pflegen. Ich schrieb ein Pamphlet. Im Eingang erklärte ich Hrn. Mölnig, daß ich sein Schreiben, wenn es indessen alleinigem Namen an mich gerichtet gewesen wäre, Wetters auch nicht berücksichtigt hätte. Ihn treffe der Ausspruch des deutschen Dichters: „Ein solcher Wurm erstickt in seinem eigenen Gestank." Wenn ich dessenungeachtet auf eine Antwort eingehe, so geschehe es nur aus Rücksicht aus die Protestanten von ganz Galveston, in deren Namen er das Schreiben an mich gerichtet habe. Unter diesen seien allerdings ehrenwerthe Männer und für diese sei die Antwort geschrieben. Ich bemerkte jedoch, wie unpassend es für ihn als abgefallenen Katholiken sei, mich über einen Beichtsall zu fragen. Er wisse doch, daß ich als kathol. Priester daraus nicht antworten könne. Wolle er und Consorten wissen, Wie ich Beichtende anzureden Pflege, so möge er selbst kommen und beichten. — 390 Die Fragen, die ich dann abgesehen vorn Beichtfalle selbst^ beantwortete, waren diese: 1. Was halten wir Katholiken von der Taufe durch Protestanten ertheilt, und warum werde dieselbe zeitweise unter Bedingung ertheilt? , 2. Warum verlangt die lathol. Kirche die lathol. Erziehung der Kinder aus gemischten Ehen, und was ist von einer katholischen Mutter zu halten, welche die kathol. Kirche als die allein seligmachende Kirche erkennt, und ihre Kinder dennoch aus Rücksicht für ihren Mann protestantisch erziehen läßt? 3. Verdammen wir Katholiken die Protestanten, wenn wir behaupten, daß die kathol. Kirche die allein seligmachende sei, oder verdammen sich dieselben selbst, wenn sie freiwillig irren? Ist freiwilliger Irrthum im Glauben wirklich eine schwere Sünde. 5. Ist der Beweisgrund für die Wahrheit der kathol. Kirche wirklich durchaus an und für sich peremtorisch: Die erste Kirche die wahre? Diese Fragen beantwortete ich so bündig, einfach und klar, als es mir nur möglich war, und ließ das Pamphlet an den protestantischen Kirchthüren vertheilen. — Der Eindruck war ein gewaltiger. Während man früher aus offener Straße debattirte, verstummte nun Alles. (Fortsetzung folgt.) Zufall oder Strafe. Bei der immer höher steigenden Fluth der Gottlosigkeit und des Sitten- verderbnisses in Italien treten auch immer häufiger merkwürdige Erscheinungen zu Tage, in welchen das noch gläubige Volk mit Recht die strafende Hand Gottes erkennt. Als neulich der Präsident der sardonischen Kammer das Ver- zeichniß der Abgeordneten aus den annexirten Staaten verlas und eben die Namen der Deputirten aus der Nomagna, jener dem Papste und der katholischen Kirche gewaltsam entrissenen Provinz, aussprechen wollte, sank er vom Schlage getroffen ohnmächtig nieder und mußte aus dem Saale bewußtlos fortgetragen werden. Dieser Vorfall verursachte unter den Anwesenden einen solchen Schrecken, daß die beiden ältesten Glieder der Kammer, welche das Präsidium zu übernehmen gebeten wurden, diese Ehre ablehnten. Noch auffallender ist folgender Fall, der erst vor wenigen Tagen in den öffentlichen Blättern mitgetheilt wurde. Ein Gottloser trat in ein Wirthshaus und forderte ein Glas Liqueur mit den Worten: „Gebt mir für zwei Kreuzer von der Excommunication!" Er trank das Glas in einem Zuge aus >— und fiel todt zu Boden. An einem Wallfahrtsorte fand ein wohlbeleibter Volksversührer sich bemüßigt, eine Versammlung in der Nähe der Kirche zu halten und gegen die Excommunication zu Felde zu ziehen. Der Pfarrer öffnet seine Kirche und läßt mit der Glocke ein Zeichen zum Gebete geben; Alles eilt zur Kirche, wo der Priester über den geistigen Tod spricht. Der Volksverführer lästert fort und ereifert sich im Fluchen so sehr, daß er, vom Schlage getroffen, zusammenbrach. Ein Student, der in Rom den Universitätsscandal gegen die Unterzeichnung der Adresse an den Papst veranlaßt und öfter gesagt hatte, es sei besser zu sterben, denn als Sclave der Priester zu leben, bekam plötzlich den Blutsturz und erklärte in der Todesgefahr vor einem Priester und vor eigens berufenen Zeugen, er nehme den frevelhaften, von ihmden geheimen Gesellschaften geschworenen Eid zurück und bitte um Verzeihung des gegebenen Aergernisses. Er starb eines christlichen Todes. — In Bologna starb eines jähen Todes jener Deputirte der Nationalversammlung, welcher das Decret der Entthronung des heiligen Vaters verfaßt hatte. — Zu Cesena, einer gleichfalls in der Roma- gna gelegenen Stadt, ließ sich Graf Spada zum Deputirten wählen und war Tags darauf eine Leiche. — Salvagnoli in Florenz, der dort den Cultusminister abgab, hatte kaum durch ein Decret das Concordat mit dem heiligen Stuhl außer Kraft gesetzt, als er vom Schlage gerührt wurde. Er ließ zwar einen Priester rufen, allein da er sich weigerte, sein Decret zu widerrufen, wurden ihm die hl. Sacramente nicht gereicht. — Vor etwa zwei Monaten ging ein Dampfschiff auf dem Wege von Livorno nach der Insel Corsica in der Nähe von Bastia zu Grunde. Auf demselben befand sich eine Schauspielertruppe, die kurz zuvor in Florenz ein schändliches Stück zur Verhöhnung des heiligen Vaters aufgeführt hatte. Eine freche Dirne hatte darin den Papst gespielt, war aber noch am selben Abend in Wahnsinn verfallen, in welchem sie sich aus dem Fenster auf das Pflaster herabstürzte und todt blieb; ihre übrige Gesellschaft fand danach den Tod in den Wellen. — Als jüngst eine Abtheilung päpstlicher Gendarmen unter Oberst Pimodan von dem Strerfzuge gegen die aus Toscana eingefallenen Freischärler heimkehrte, klagte ein Osficier über seine Erschöpfung, die ihm den Weitermarsch unmöglich machte. Oberst Pimodan überließ ihm deßhalb sein Pferd, das jedoch der Unglückliche kaum bestiegen hatte, als er herab geschleudert ward, wobei ihm die Hirnschale so schwer verletzt wurde, daß er daran starb. Da fand sich unter seinen Papieren der schriftliche Beweis, daß daß er bereits mit den Aufrührern in Unterhandlung getreten war und die Zusicherung von 2000 römischen Thalern im Fall seines Desertirens erhalten hatte. — Aus diesen wohlverbürgten Strafbeispielen geht hervor, daß Gott immer noch der Herr ist über Leben und Tod und daß er schon dafür zu sorgen weiß, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Unsere Hoffnung. Eines Tages — vor beinahe 1000 Jahren — als die Raubschaaren der Saracenen ganz Italien bedrohten, erschienen neapolitanische Gesandte im Lager eines Emirs, um ein Bündniß zu schließen. Aber dieser würdigte sie nicht einmal einer Audienz, sondern ließ ihnen, nachdem er sie einige Tage in einer angstvollen Ungewißheit gehalten hatte, folgende verhöhnende Antwort geben: „Diese Leute mögen in ihre Heimat zurückkehren und ihren elenden Herren sagen, daß die Sorge für das Abendland mir gebühre. Ich werde schon wissen, nach meinem Gutdünken das Schicksal seiner Bewohner zu regeln. Sie mögen abreisen und es sich merken, daß ich nicht blos Neapel und seine ganze Umgebung zum Untergänge verurtheilt habe, sondern auch die Stadt jenes schwachen Greises, den sie Petrus nennen." Wenige Tage nachher, sagt die alte Legende, schlief dieser Fürst der Ungläubigen in einer alten Capelle, als Plötzlich eine ehrwürdige Gestalt vor ihn trat. Der Emir ist unwillig, daß man so seinen Schlaf stört und stößt im Traume heftige Drohungen aus, aber plötzlich fühlt er sich von einem Stäbe getroffen, den die Erscheinung in der Hand führte. Erschreckt fährt er aus dem Schlafe auf, ruft seine Wache und befiehlt, nachzuforschen, ob sich irgend ein Römer in seinem Lager befinde, und ihn dann herbeizuführen. „Als man mich entdeckt hatte — berichtet der Erzähler — führten sie mich vor den Emir." „Male mir, rief er, das Gesicht des Greises Petrus." „Ich kenne keinen Petrus," antwortete ich ängstlich. „Aber, rief der Emir von Neuem, ich meine den Petrus von Rom." Als ich ihm dann die Gesichtszüge des h. Petrus hingemalt hatte, sagte er: „Ja, ich erkenne ihn wieder; er ist es, der mich tödtlich verwundet hat während des Schlafes, gerade da, als ich so eben in Gedanken den Plan zur Eroberung des Abendlandes und vor Allem zur Vernichtung Moms entworfen hatte." Diese alte Geschichte bleibt ewig wahr und neu; unter welchem Namen immer der Feind der christlichen Civilisation, der Verwüster des Friedens, der Ehre und des Lebens der Völker auftritt, gegen den heil. Petrus — gegen den Papst, seinen Nachfolger — richtet er seine grimmigsten, unaufhörlich wieder- ^ holten Angriffe; es ist die Vernichtung der Kirche, ihrer Autorität, ihrer Unabhängigkeit, worauf er neben seinen andern finstern Planen vorzugsweise sinnt. Aber welche Prüfungen auch über den h. Stuhl in seiner Bedrängniß ergehen mögen, welche Grausamkeit, Perfidie und Schwäche auch immerhin sich verbünden 1 mögen, um ihn zu beschimpfen, zu berauben und zu demüthigen — er ist es, welcher thatsächlich alle Gewaltthätigkeit wie alle Ränke beherrscht; es ist der Stab des schwachen Greises, welcher die stolzesten Gegner zu Boden wirft; es ist der hl. Petrus, welcher die Feinde des Herrn und der Gesellschaft tödtlich verwundet. Die Wirkung der Bilder. Ein katholischer Geistlicher ist einmal mit der hl. Wegzehrung zu einem Schwindsüchtigen gekommen, der beim Empfang des hl. Sacramentes, obwohl unter Protestanten lebend, einen ungewöhnlich kräftigen Glauben und innige Andacht an den Tag legte und ihm Folgendes erzählte: Von katholischen Eltern gut erzogen entschied er sich bei der Standeswahl für das Geschäft eines Weinhändlers, bei dem er allmälig, indem er den verschiedenen Versuchungen unterlag, ein leidenschaftlicher Trinker wurde. Die Vorwürfe seines Gewissens über die dadurch herbeigeführte Zerrüttung seiner häuslichen Verhältnisse suchte er durch unmäßigen Branntweingenuß zu übertäuben. Das religiöse Gefühl war längst abgestumpft. Eines Abends spät kehrte er von einem Geschäftsgang in seinen Wohnort zurück, fiel in der Trunkenheit nieder und blieb liegen. Als er Morgens aus dem Schlaf erwachte, sah er über sich das Bild des Gekreuzigten, da er gerade unter einem Feldkreuz niedergefallen war. Dieser unerwartete Anblick und der Umstand, daß er eine kalte Märznacht ohne Schaden auf freiem Felde zugebracht hatte, machte einen so tiefen Eindruck auf den Mann, daß er an Ort und Stelle unter einem Strom von Reuethränen das Gelübde ablegte, nie mehr einen Tropfen Branntwein zu trinken. Zugleich hörte er von der Stadt her das Geläute zum Frühgottesdienste am Feste der Verkündigung Mariä, und dies vollendete seine Umwandlung. Er legte sofort eine hl. Beicht ab, die erste wieder seit mehreren Jahren, und hielt von da an treulich das Gelübde, das er unter'm Kreuzbilde gemacht hatte. Das Gewissen. Es ist mit dem Gewissen, wie mit einem Wecker an der Uhr. Der Wecker weckt, mahnt und schreckt nur, aber er zwingt dich nicht aufzustehen, noch viel weniger hebt er dich selber aus dem Bett, was oft nöthig wäre. So mahnt auch das Gewissen, aber du kannst gleichwohl thun, was du willst. Ferner fällt der Wecker ein-, zwei-, dreimal und du hörst ihn; stehst du aber nicht aus, sondern schläfst wieder ein, so hörst du ihn immer weniger, bis du seiner gar nicht mehr achtest; er fällt zwar und lärmt stark genug, aber dich weckt er nicht, du hast dich gewöhnt, ihm nicht zu folgen. So redet das Gewissen immer zu und stößt und mahnt dich; aber ein-, zwei- und dreimal nicht gefolgt, — da wird es stiller; es weiß ja, daß es nichts nützt. Das letzte Sonntagsblatt wurde unrichtig anstatt mit Nr. 48 mit Nr. 47 bezeichnet. Sikdatti»» uuv Lcrlaz: Dr. M. Hutller. Druck von 3. M. Kleiulc. 5O. 9. December 1860. Das Augsburger Sonntagsblatl (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonncmentspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die Greuelscenen in Syrien. *) Es ist kaum einige Monate her, daß eine Schreckenskunde das christliche Europa mit tiefer Trauer erfüllte. In einer asiatischen Provinz des zusehends dahinsterbenden und nur durch die Eifersucht der Großmächte zusammgehaltenen ottomanischen Reiches war der Fanatismus der Drusen wild aufgeflackert, und hatte, unterstützt von jenem der Muselmänner, sich in so schauderhaften Greuelscenen kundgegeben, daß nicht weniger durch die Menge der Opfer, als durch die Grausamkeit der würgenden Horden die civilistrte Welt an die Zeiten der großen Christenverfolgungen gemahnt wurde. Jede neue Post brachte auch neue Nachrichten von schauerlichem, jedes christliche und menschliche Gefühl auf's tiefste empörendem Inhalte Und wahrlich! wessen Herz könnte ungerührt, wessen Hand geschlossen bleiben bei der Aufzählung und Schilderung eines so großen, eines so namenlosen Elendes! In Syrien sind ermordet 20,000 Menschen, gefallen bei der Vertheidigung mit den Waffen in der Hand über 1000, nach der Küste und in's Gebirge geflohen und daher gezwungen von Almosen zu leben 75,000, Waisen beiderlei Geschlechts 10,000, Wittwen 6000. Ferner sind 360 Dörfer mit ihren Heerden vernichtet, 28 christliche Schulen und neun religiöse europäische Anstalten zerstört, 560 Kirchen und Klöster niedergerissen oder verbrannt, der ganze Ernte-Ertrag, alle Lebensmittel, Maulbeerbäume und Seidenvorräthe auf einer Strecke von 50 Stunden Länge und 30 Stunden Breite zu Grunde gerichtet. In Folge dessen gehen die überlebenden Bewohner bei dem nahenden Winter einem nicht zu schildernden Elende entgegen, wenn nicht die christliche Mildthätigkeit denselben in ganz ungewöhnlicher Weise zu Hilfe kommt; wie groß die eben erwähnten Verluste sind, mag man daraus entnehmen, daß der Gesammtschaden auf eine Summe von 250 Millionen Piaster geschätzt wird. Zunächst waren es die Drusen, die alten Feinde der katholischen Maroniten, durch welche, unterstützt von Muselmännern, worunter sogar türkische Pascha's und Soldaten sich befanden, auf dem Libanon und Antilibauon jede Art von » Greul verrichtet wurde; später folgte diesen sich eine Zeit lang fortsetzenden Schreckensthaten noch das große Blutbad in Damascus. So Außerordentliches brachte denn doch die europäische Diplomatie in Bewegung; in Paris wurde eine Vereinbarung zwischen den Großmächten abgeschlossen, gemäß derer 12,000 Mann europäischer Truppen sich nach Syrien begeben sollten, um die türkische Regierung bei Bestrafung der Schuldigen zu unterstützen. Die Hälfte dieser Truppen sollten Franzosen sein, die andere Hälfte aus andern europäischen Truppen bestehen; bis jetzt sind nur die Franzosen unter dem Oberbefehl des Divisions-Generals Beau- fort d'Hautpoul nach Syrien abgegangen, doch liegen Fahrzeuge von fast allen Nationen au der syrischen Küste. Auch ist ein General-Bevollmächtigter der Pforte, *) Aus dem „Organ" des Vereines vom h>. Grabe. Fuad-Pascha, bereits in Syrien angekommen, und mit der Untersuchung der Ereignisse und der Bestrafung der Schuldigen beschäftigt. Ohne die Dazwischen- kunft der Großmächte und die Anwesenheit der europäischen Truppen würde es um die Bestrafung der Schuldigen wohl um so schlechter gestanden haben, als die türkische Regierung schon in gewöhnlichen Zeiten nicht im Stande ist, in den entlegenen Theilen des Reiches dem Rechte Geltung zu verschaffen und die türkischen Beamten sich schwerlich ein Werk hätten angelegen sein lassen, zu dem, von allem Andern abgesehen, ihnen augenscheinlich die Macht abgeht. In Damascus sind .bereits hundert und einige dreißig Personen gehängt und erschossen worden, und noch jüngst der Gouverneur dieser Stadt mit einigen Officieren. In Beirut wird nun die noch weit schwierigere Untersuchung gegen die Drusen und ihre auf dem Libanon verübten Greul fortgesetzt werden. Fuad- Pascha hatte bereits die Scheits derselben aufgefordert, sich daselbst zu stellen und sich zu verantworten. Auf diese Aufforderung hat sich jedoch nur eine ganz geringe Anzahl derselben, und höchst wahrscheinlich nur diejenigen, die am wenigsten schuldig waren, eingestellt. Jetzt hat Fuad Pascha wiederholt eine Aufforderung an die drusischen Scheiks erlassen, worin denselben angezeigt wird daß, im Falle sie sich nicht zur Untersuchung in Beirut einfinden, sie ihrer Stellen entsetzt, ihre Güter eingezogen und sie in contumaciam ohne Appell ver- urtheilt werden würden, es sei denn, daß sie ihr Ausbleiben mit triftigen Grüdenzu entschuldigen vermöchten. Es wird sich nun bald zeigen ob die Drusen dieser Aufforderung Folge leisten, oder ob, wie es den Anschein hat, die Franzosen, welche sich bereits zu Deir el Kamar im Gebirge zur Beschützung der Christen befinden, auch noch den Türken helfen müssen, um die Schuldigen herbeizuschaffen. Es darf nicht unerwähnt gelassen werden, daß auch England einen Commissar, Lord Dufferin, nach Beirut gesandt hat, ohne Zweifel um das englische Ansehen und Interesse zu wahren, und gewiß nicht weniger, damit seinen edlen Freunden und Schützlingen, den Drusen, nur ja nicht zu wehe geschehe.*) Hamdan Belmini, der Großpriester der Drusen, hat für diese auch bereits den Schutz der Königin von England nachgesucht. Mit Bezug aus die Zustände in Syrien und auch der ganzen Türkei kann der Katholik die Anwesenheit der französischen Truppen in Syrien nur mit Freuden begrüßen; zwar ist die Zahl derselben gering, doch werden schon andere Truppen nachfolgen, wenn sich diese Zahl als ungenügend erweisen sollte, ehe die übrigen 6000 Mann europäischer Truppen eingetroffen sind. Nachdem so schreckliche Ereignisse sich zugetragen, gibt es nur den einen Wunsch und die eine Hoffnung, daß die Züchtigung eine so strenge, gründliche und eklatante werde, um auch dem türkischen Volke, d. h. jedem einzelnen gewöhnlichen Türken, das begreiflich zu machen, was die türkischen Würdenträger, wie Fuad-Pascha, längst wissen, nämlich, daß den christlichen Mächten, wenn sie den redlichen Willen dazu haben die Kraft inne wohnt, nicht bloß jedem an den Christen verübten Frevel die Strafe auf dem Fuße folgen zu lassen, sondern nöthigenfalls dem ganzen türkischen Reiche ein Ende zu machen. Wäre man jenes guten Willens der Mächte versichert, so würde gewiß jeder Christ und Menschenfreund beruhigt sein und die Franzosen nach den in der Vereinbarung stipulirten sechs Monaten gern *) Ein Gespräch, das in Gegenwart des Msgr. MiSIin zwischen einem Engländer und einem maronitischen Scheik Statt hatte, bezeichnet in Kürze die Stellung, welche England zu den götzendienerischen Drusen einnimmt. „England und Frankreich," sagte der Engländer, „find zwei rivalistrende Mächte, deren Interessen fich gegenüberstehen; wenn also Frankreich in Eurem Lande seinen Einfluß durch die Maroniten begründet, so muß England nothwendiger Weise bestrebt sein, demselben durch die Drusen ein Gegengewicht zu schaffen." — „Dann wird," erwiederte kalt der Scheik, „an dem Tage, wo Frankreich sich für Gott erklärt, England mit Nothwendigkeit für den Teufel Partei ergreifen müssen," (llislin, bos SaiiUs Ineux, tom I. cliap. VIII») s-» -- ^--'E 395 wieder abziehen sehen. Allein unter den obwaltenden Umständen sind wir fast geneigt, zu glauben, daß die Franzosen Syrien nicht eher verlassen werden, als bis die wichtige orientalische Frage gelöst ist, und bei der Nähe des Verfalles des türkischen Reiches müssen wir, offen gestanden, dieses auch wünschen: ein Abzug vor diesem Zeitpunkte würde wenn nicht eine gänzliche Umwandlung in den muselmännischen Gemüthern, die doch nicht zu erwarten ist, vor sich gegangen, nichts Anderes bedeuten, als die ganze christliche Bevölkerung des Landes und wohl darüber hinaus dem muselmännischen Fanatismus Preis geben. In dieser Sache dürfte übrigens die Macht der Ereignisse wohl mehr für die Unterdrückten thun, als die seinberechneten Maßnahmen der europäischen Diplomatie, welche in der Regel nur von dem kalten Egoismus eingegeben sind. Wie dem sei, die Kirche zählt eine große Anzahl von Blutzeugen mehr, darunter Priester, Mönche, Nonnen und Kindern, deren Fürbitte dem unglücklichen Lande und seinen Bewohnern jedenfalls mehr nutzen wird, als die Gewalt und der Erfolg der Waffen. Wir können diese Zeilen nicht schließen, ohne einen Augenblick bei dem rührenden Gedanken zu verweilen, den das Schauspiel gewährt, zu einer Zeit, wo das Oberhaupt der Kirche selbst so schwer geprüft ist, das treue Volk der Maro- niten, das dem römischen Papste vielleicht vor allen andern in Liebe zugethan ist,*) so schwere Prüfungen um des Glaubens willen erdulden zu sehen. Möchte für den milden Papst und für die ihm in Liebe zugeneigten Söhne der Berge bald der Tag erscheinen, der ihren Leiden ein Ende macht. Wir sind diesmal wegen Mangels an Raum nicht im Stande, auch nur gedrängt Näheres über den Schauplatz der Ereignisse und die interessanten Völkerschaften desselben mitzutheilen. Außer den Briefen aus dem h. Lande, so wie einigen näheren Todesnachrichten, müssen wir uns daher auf die Mittheilungen eines Schreibens aus Beirut und eines andern aus Damaskus beschränken, welche die Haupt-Ereignisse in anschaulicher Kürze und lebendiger Schilderung vorführen. (Föns. folgr.) »^1 Die katholische Kirche in den Bereinigten Staaten Nordamerika's. s(Schluß.) „Der katholische Theil unseres Volkes, gleichviel ob im Auslande oder hier geboren, wagt es bis jetzt noch kaum, sich frei zu fühlen in diesem Lande der Freiheit. Sie sind so lange eine zertretene Masse gewesen, daß sie Mühe haben, sich ihre Freiheit hier als wirklich gesichert zu denken. Sie haben sich nie mit dem alten puritanischen Gemeinwesen aus England versöhnen können und neben *) „Die Maroniten charaktcrtstren sich durch eine fast beispiellose Anhänglichkeit an den römischen Stuhl und den unbedingten Gehorsam gegen ihre Priester. Es kann zweifelhaft sein, ob sich irgendwo ein Volk nachweisen läßt, welches eine so aufrichtige und tiefe Verehrung für den Papst hegt, als die Maromten in Syrien." Robinson, Palästina u. s. w. Bd. 3., S. 747. — „Bald kam die Rede auf Pius IX. Alle diese guten Maroniten küßten mit der größten Verehrung eine Medaille, auf welcher sich das Portrait des h. Vaters befand, uno die ihnen von Msgr. Pompallier gezeigt worden war. Auf einmal erhoben sie sich entblößten das Haupt, und Einer von ihnen stimmte das Gebet an, welches sie in der Kirche für das Oberhaupt der Kirche zu singen pflegen; alle Andern antworteten darauf im Chor. „Während in Italien," so fährt der Verfasser fort, der im Jahre 1848 die Maroniten besuchte und dessen Worte heute leider wieder zutreffend sind, „während in Italien ein Volk, daS Pius >X. mit Wohlthaten überhäuft hat, sein Herz mit Bitterkeit tränkt, segnet hier ein verlassenes, armes und unterdrücktes Volk seinen Namen und singt sein Lob auf den höchsten Gipfeln des Libanons. Wie tröstlich ist es, die innige Anhäiiglichkeit dieser guten Maroniten an die Religion zu bemerken; sie ist der Anfang und das Ende aller ihrer Handlungen." sölislin, bes Samts bieux, tom I. cbsp. IX.) ihrem alten Katholicismus halten sie noch an zu Vielem fest, was an die persönliche und staatliche Verkommenheit der BoUrbonen und Stuarte erinnert. Sie sind in ihrer großen Mehrzahl den republikanischen Einrichtungen unseres Landes zugethan, in einem solchen Grade, daß keine Klasse unserer Staatsbürger es ihnen daran zuvorthut, und sie würden zu deren Schutz ihr Leben zum Opfer bringen. Aber ihr inneres Leben hat sich noch nicht zu vollem Einklang mit denselben umgestimmt, und sie sind geneigt, entweder in ihrem Eiter für die amerikanische Demokratie sich in den äußersten Radicalismus zu verlieren, oder im Eifer für Gesetz und Ordnung dem übertriebensten Conservatismus zu huldigen. Sie wissen nicht immer die rechte Mitte zu treffen. Aber das darf uns nicht Wunder nehmen, denn kein Mensch hält diese Mitte, wenn nicht sein inneres Leben und sein ganzes Wesen dieser Richtung nachgebildet ist.-Wo die Verhältnisse gleich sind, da wissen katholische Einwanderer sich weit leichter in unsere Rechtsversassung einzuleben, als irgend eine andere Klasse von Fremden, und unter den Katholiken, das bemerke man wohl, gelingt vas denen am besten, welche ihre Religion am besten kennen und am meisten üben. Diejenigen, welche vom wahren Amerikanerthum am weitesten entfernt sind, und sich am leichtesten von Demagogen irre führen lassen, das sind solche, die vom Katholicismus fast nichts weiter an sich haben, als daß sie von katholischen Eltern geboren und gleich nach der Geburt zur Taufe gebracht worden sind. Sie sind es, die auf die Gesammtheit ihrer Glaubensgenossen ein falsches Licht werfen. -Daß die Wirren in Europa auf die Denkart der Katholiken in unserem Lande Einfluß gehabt haben, ist sehr wahr, und es läßt sich nicht leugnen, daß dieser Einfluß hier und da ein ungünstiger gewesen ist. Einige von unsern neu eingewanderten Katholiken, aus welchen zu Hause Las Joch des Despotismus gelastet hatte, fühlen sich, sobald sie hier gelandet sind, aller Fesseln entledigt; sie achten nicht mehr des Gehorsams, welchen sie den vom heiligen Geiste über sie gesetzten Hirten und Bischöfen schuldig sind; sie werden widerspenstig und leben mehr wie Protestanten, denn als Katholiken. Andere, des revolutionären Geistes herzlich satt und um der üblen Folgen willen, die er in der alten Welt gehabt, tief bekümmert, trauen nicht der Unabhängigkeit und persönlichen Würde, deren sich der Amerikaner überall der Obrigkeit gegenüber bewußt bleibt, und sind geneigt, in jedem Eingeborenen einen Mann zu sehen, dessen Herz dem Geiste des Umsturzes, wo nicht dem Unglauben, verfallen sei. Sie haben keinen rechten Maßstab für den amerikanischen Charakter, der sich immer vor dem Gesetze, nie aber vor Personen beugt, und der immer sorgfältig zu unterscheiden pflegt zwischen dem Manne und dem Amte; sie sehen diese Denkweise gern für eine solche an, die sich mit der vom Evangelium eingeschärften wahren Lehre vom Gehorsam nicht vereinigen lasse. Aber sie und ihre conservativen Brüder in Europa verkennen, dünkt mich, den wahren Charakter des Amerikaners. Es gibt in der Christenheit kein loyaleres Volk, keines, das mehr aus Recht und Gesetz hielte, als die echten Bürger unseres Staatenbundes. Ich habe den Geist der Kirche ganz mißverstanden, wenn ein erleuchteter Gehorsam, ein Gehorsam, welcher weiß, warum er gehorcht, welcher aus Grundsatz, Ueberzeugung, freiem Willen und Pflichtgefühl hervorgeht, ihrem mütterlichen Herzen nicht angenehmer ist, als die blinde, gedankenlose, kriechende Unterwürfigkeit Derer, welche nichts wissen von Freiheit. Knechtische Furcht zählt bei den katholischen Gottesgelehrten nicht sehr hoch, und die Kirche wünscht die Menschen als solche, die sich ihrer selbst bewußt sind, zu regieren, wie der allmächtige Gott sie regiert, d. h. in Uebereinstimmung mit der Natur, welche Er ihnen angeschaffen, als mit Vernunft und freiem Willen begabte Wesen.- -Indem ich von katholischen Völkern spreche und sie auf katholischer Wage wäge, finde ich Vieles zu bedauern, zu beklagen und selbst zu tadeln ; 397 vergleiche ich sie aber mit nichtkatholischen Nationen, so stellt sich das Urtheil ganz anders, und ich kann nicht zugeben, daß die katholische Bevölkerung irgend eines Landes zurückstehen sollte hinter irgend einem protestantischen Volke, und auch nicht in den Eigenschaften, in welchen man gerade am liebsten den Katholiken die größten Mangel Schuld zu geben Pflegt. Bei keinem katholischen Volke wird man jene Großthuerei finden, die Carlyle an den mittleren Klaffen in Groß- britanien so unbarmherzig dem Gelächter preisgibt, oder jene Hochachtung vor dem bloßen Reichthum, die abgöttische Verehrung des Geldbeutels oder die gemeine Kriecherei vor dem großen Haufen oder der öffentlichen Meinung, welche in den Vereinigten Staaten so allgemein verbreitet und der öffentlichen und persönlichen Tugend so verderblich sind. Ich spreche unserer katholischen Presse kein gar hohes Verdienst zu; sie ermangelt mit wenigen Ausnahmen der Würde, der Gedankensrische, der weiten Umschau, erscheint auf einen ungelehrten Leserkreis berechnet; doch herrscht in ihr ein Ernst, eine Aufrichtigkeit, ein Freimuth, eine Unabhängigkeit, wie man sie in unserer nichtkatholischen Presse, der religiösen und der weltlichen, vergebens suchen wird. Auch haben die Katholiken unseres Landes, im Ganzen genommen, sich persönliche Freiheit der Gesinnung, Unabhängigkeit, Selbstachtung, Gewissenhaftigkeit, Wahrheitsliebe, Hingabe an bestimmte Grundsätze in einem Maße bewahrt, wie man sie in allen übrigen Klaffen der amerikanischen Staatsbürgerschaft vergebens suchen wird. Der sittliche Ton ist bei ihnen, wie der sittliche Maßstab für sie ein höherer, und sie lassen sich allgemeiner regieren von dem Bewußtsein tiefer Verantwortlichkeit gegen Gott und gegen ihr Vaterland. — Die Katholiken unseres Landes, sie, die nichts weniger als für die Blüthe gelten können des katholischen Volkes in ihrer alten katholischen Heimat, richten sich in ihrer großen Mehrheit nach ehrlich angenommenen Grundsätzen, nach aufrichtiger und ernster Ueberzeugung, und sind bereit, eher zu sterben, als in irgend einer wichtigen Frage abzuweichen von dem, was sie für Wahrheit und Gerechtigkeit halten. Sie haben den Grundsatz und die Willenskraft, festzustehen in dem, was ihnen als wahr und gerecht gilt, im Glück und Unglück, gleichviel ob die Welt mit ihnen geht oder gegen sie. So laßen sie sich auch eines Besseren belehren durch Gründe, die ihrer Vernunft annehmbar gemacht werden, und lassen sich antreiben durch Berufung aus ihr Gewissen, auf die Furcht vor Gott und auf die Liebe zur Gerechtigkeit. Der Nichtkatholik hat keinen Begriff von dem Schatze, welchen die Vereinigten Staaten in diesen zwei oder drei (3-—4) Millionen Katholiken besitzen, wie niedrig auch äußerlich die Mehrzahl derselben gestellt sein mag. Ich habe nie etwas von einer Neigung verrathen, ihre Fehler zu bemänteln oder zu beschönigen; aber wie ich sie und meine nichtkatholischen Landsleute kenne, darf ich unbedenklich die Behauptung wagen, sie seien trotz allen ihren Fehlern und Mängeln doch das Salz des amerikanischen Gemeinwesens und der wahrhaft couservative Lebenskeim im amerikanischen Volke. — -Ohne Zweifel wird unsere katholische Bevölkerung — größtenteils aus den verschiedenen Ländern Europa's hieher eingewandert, ein buntes Gemisch aller Arten von Volkstümlichkeiten in Gesinnung, Charakter, Geschmack, Lebensart und Gewohnheit, bis jetzt noch in nichts Anderem, als in der Religion zu einem Ganzen verwachsen, — allerdings wohl Züge an sich tragen, die dem seinem eigenen Volksthum von Herzen zugethanen und erst vor Kurzem zum katholischen Glauben bekehrten Amerikaner mehr oder weniger abstoßend erscheinen. Indessen aber die Leichtigkeit, womit diese-verschiedenartigen Elemente sich mit einander verschmelzen, und die Schnelligkeit, womit die katholische Gesammtheit ein gemeinsames Gepräge annimmt, in die Strömung des amerikanischen Lebens eingeht und in Allem, was nicht der Religion zuwider ist, sich nach der neuen Heimat umstimmt und gestaltet, beweist die Kraft des Katho- licismus und dessen unermeßliche Bedeutung für die Bildung eines wahren und edlen National-Charakters und für die Erzeugung und Erhaltung einer wahren, edelu, hochherzigen Vaterlandsliebe. In wenigen Jahren werden sie die Amerikaner der Amerikaner sein, und auf sie wird es ankommen, ob das herrliche Werk der Erhaltung amerikanischer Civilisation durchgeführt und die Hoffnungen der Gründer unseres großen und wachsenden Freistaates in Erfüllung gehen werden." Dies sind die aus tief eingehenden Studien und Beobachtungen hervorgehenden Ansichten eines Mannes, der durch reiche Lebenserfahrungen, durch Stellung und Beruf vor Tausenden befähigt erscheint, über die sittlichen und religiösen Zustände seines Vaterlandes ein gewichtvolles Urtheil zu fällen, der in seinen bisherigen Leistungen sich als einen nüchternen, umsichtigen und scharfen Beobachter gezeigt hat, und dessen Unparteilichkeit und Wahrheitsliebe wir um so weniger anzufechten berechtigt sind, als seinem Urtheil über die Zukunft seines Vaterlandes das einer anderen, zweifelsohne vollwichtigen Autorität beipflichtend zur Seite steht. Wir meinen Papst Gregor XVI., der zwar die amerikanischen Verhältnisse und Zustände nicht aus eigener Anschauung kannte, wohl aber durch seinen Verkehr mit den unzähligen Amerikanern, die Rom alljährlich besuchten und von denen Keiner Rom verließ, ohne dem heiligen Vater seine Ehrfurcht bezeugt zu haben. In einer Unterredung mit Jarke, die dieser zu den merkwürdigsten Erinnerungen seines Lebens zählt, und deren er in seinem bereits erwähnten Buche (Principienfragen) erwähnt, hatte sich dieser große Kirchenfürst auf ähnliche Weise wie der Amerikaner über die religiöse Zukunft dieses Volkes ausgesprochen. Er, der wie kein Anderer seit Jahren Gelegenheit gehabt, täglich eine Musterkarte der Menschheit vor sich ausgebreitet zu sehen, stellte von allen Völkern den angelsächsischen Stamm und die Angloamerikaner insbesondere in die erste Reihe. Dies seien die, welche, wie der Papst ausdrücklich bemerkte, selbst ohne Unterschied ihres religiösen Bekenntnisses „diesem heiligen Stuhle und somit dem, dessen Stelle der Nachfolger Petri aus Erden vertritt" die meiste Ehrfurcht zu beweisen pflegten. Auch Gregor prophezeite dem amerikanischen Volke, „dem es um den Glauben tiefer Ernst sei," eine große Zukunft Der Schutzengel. Erzählung aus meinem Leben. Die gesürchteten Prüfungen waren glücklich vorüber, das hl. Dankamt gefeiert und jeder eilte mit Sehnsucht der Heimat zu, um dort im Kreise der Seinen die Ferien zu genießen; gibt es ja doch für den Studenten keine größere Freude, als wenn er nach zehnmonatlicher Plage und nach mancherlei Entbehrungen, die insbesondere bei armen Studenten nie ganz fehlen, mit einem guten Zeugnisse versehen eine zweimonatliche Freiheit vor sich sieht. Auch ich wollte keinen Augenblick mehr in der Stadt verlieren und begab mich mit meinem Ränzlein versehen auf das Schiff, das mich — nicht nach Hause — aber doch der Heimat näher führen sollte. Doch diesmal sollte meine Sehnsucht nach der theuren Heimat noch zuerst einige Prüfung durchmachen, ehe sie gestillt wurde. Nach wenigen Stunden mußte das Schiff das mich aufgenommen hatte, — damals fuhren noch keine Dampfschiffe, denn es war im Jahre 1832 — heftigen Windes wegen anlegen und, wie man sagt, windseie n, was mir gar nicht taugen wollte. Nun wurde eine Strecke zu Fuß zurückgelegt, nächsten Tag wieder eine Strecke zu Schiff und abermals zwang der Wind zur Landung, erst am dritten Tage gelangte ich nach S., wohin ich bei günstigem Winde an einem Tage hätte gelangen können. — Ich hatte nun noch einen Weg von 399 mehreren Stunden zu Fuß zu machen; zwar hatte der Himmel mit düsteren Wolken sich umzogen, welche sich bemühten, mein Heimweh mit ihrem nassen Inhalt abzukühlen, und wenn zuweilen das liebliche Blau aus den Wolken hervorblickte, so war es nur auf wenige Minuten, dann aber folgte wieder Regen, der. je weiter ich ging, desto stärker sich ergoß. Doch junges Blut hat frischen Muth und ich war wohlgemuth weiter marschirt und bis nach A. gekommen, obwohl ganz durchnäßt. Da winkte mir außerhalb des Ortes ein wohlbekannter Fußsteig, in einer Stunde längstens soll er mich nach Hause bringen. Ich hatte mir, obwohl von dem beschwerlichen Wege ziemlich erschöpft, keine Labung mehr gegönnt, schien mir ja jede Viertelstunde verloren, die ich mich hätte aufhalten müssen und so folgte ich dem Fußwege fast die Schritte zählend, die ich noch bis zum lieben Vaterhause zurückzulegen hatte. Doch Halt! Da stehe ich Plötzlich an dem Büchlein, das sonst kaum ein paar Schritte breit ruhig und sanft seine Reise durch das grüne Thal macht, aber heute zum tobenden Wildbache angeschwollen ist, der in hastiger Eile seine schlammigen Wassermaffen dahin- wälzt und den ganzen Thalgrund erfüllet. Einige Augenblicke stehe ich vor dem stürmischen Elemente, zweifelnd, ob ich werde hindurchkommen können. Doch was soll ich thun? Den Weg zurück machen? Das hieße mich von der Heimat entfernen; eine Brücke oder auch nur ein Steg ist nicht in der Nähe —> also ich wage es in Gottes Namen, gehe etliche Schritte in das reissende Wasser und schon glaubte ich, die tiefste Stelle des Bettes erreicht zu haben und war nur bis an die Brust im Wasser, also voll guter Hoffnung, da mache ich noch einen Schritt vorwärts und der Boden schwindet unter meinen Füßen, der Strom hat mich erfaßt und reißt mich fort — ein ängstlicher Blick nach Oben, ein Act der Reue und „heiliger Schutzengel rette mich!" Das ist Alles was ich thun und sagen konnte unv schon sah ich den sichern Tod vor Augen. Doch da ist's, als zöge mich eine unsichtbare Hand'aus der heftigen Strömung seitwärts und ich weiß selbst nicht wie, aber ich stehe unversehrt auf festem Boden, freilich, wieder auf jener Seite, auf der ich zum Wasser gekommen war. Noch heute wenn ich daran denke, erkenne ich in jener Rettung das Werk des heiligen Schutzengels. Jetzt blieb also wohl nichts anderes übrig, als auf die Straße zurückzukehren, um auf derselben den Heimweg fortzusetzen. Ich mußte da einen Umweg machen hart an dem Marktflecken N. vorbei, und es war mir, als sagte eine Stimme: Bleibe in diesem Orte über Nacht! aber das Verlangen die liebe Mutter nach so langer Abwesenheit wieder zu sehen, war mächtiger; ich ging an N. vorbei rüstig die Straße entlang, bis mich abermals ein bekannter Fußweg einlud, auf dem ich in kürzerer Zeit zum ersehnten Ziele zu gelangen hoffte. Mittlerweile fing es zu dunkeln an und Plötzlich war ich vom rechten Wege abgekommen. Da irrte ich nun in unheimlich finsterer Nacht stundenlange auf und ab und konnte den Weg nicht mehr finden, den ich so oft gegangen, mich überhaupt nicht mehr zurecht finden in der ganzen Gegend; ich meinte gewiß mehr als eine Stunde weit vom Ziele abgekommen zu sein und entschloß mich endlich, diese Nacht unter freiem Himmel zuzubringen; auf einem durchnäßten Feldraine suchte ich selbst ganz durchnäßt die Ruhe. vom Froste geschüttelt lag ich ermattet da, während die Wolken vom heftigen Winde getrieben über mir hinzogen, zum Glücke regnete es nicht mehr; aber der Schlaf floh die müden Glieder und wie unendlich lange währten die Stunden, bis endlich im fernen Osten der Morgen zu grauen begann. Zuletzt hatte nicht ein Schlaf, sondern eine Art Betäubung von der großen Anstrengung des vergangenen Tages und von der überstandenen Angst sich eingestellt und schauerliche Bilder zogen an meinem Geiste vorüber, da horch! ertönt ein Glöcklein so mild, der Ton ist mir so bekannt, ich habe ihn wohl viele hundert Male gehört, es ist 400 das Glöcklein von G., das so lieblich „Ave Maria!" ruft. Ave Maria! sprach auch ich und erhob mich, und nur 20 Schritte von meinem Nachtlager ist der gesuchte Weg und in einer Viertelstunde stehe ich am Vaterhause und klopfe, da noch Alles in Ruhe ist, an die Thüre. Schnell kommt die Mutter und öffnet und als ich nach herzlicher Begrüßung ihr die Erlebnisse des gestrigen Tags und der Nacht erzählt hatte, sprach sie: „O mein Sohn! da hat dich gestern Anbends der h. Schutzengel vom Wege abgeführt,?jum dir ein zweites Mal das Leben zu retten. Denn wisse! der letzte Bach über den du hättest gehen müssen war zu einer furchtbaren Höhe angeschwollen, der Steg vom Wasser weggerissen und du wärest sicherlich ertrunken, wenn du in der Nacht hättest darüber gehen wollen." — So die Mutter und sie hatte Recht, zweimal an einem Tage hat mir der Schutzengel das Leben gerettet. — O wie oft ist im Leben das, was wir für ein Unglück halten, ein großes Glück! Macht'S nach. „Wie geht es mit Ihrem neuen Hochaltar in F.", fragte vor einiger Zeit einen Amtsbruder ein Pfarrer, der in wenigen Jahren alle Kirchen seiner Gemeinde im Innern gänzlich und schön erneuert hat, und eben im Begriffe war, das edle Werk mit dem letzten Altare zu vollenden. „Wie geht es mit Ihrem Hochaltar?" — „Gut; angebaut ist er schon!" antwortete derselbe. Von dieser Antwort überrascht, fragte der Andere weiter: „Was willst du mit deinem „angebaut^ sagen? — Der eifrige Pfarrer erwiederte ihm Folgendes: Bei der letzten Aussaat habe er mit seiner Gemeinde die Verabredung getroffen, daß Jeder, je nach der Größe seines Gutes und seines guten Willens einen kleinen Theil seines Fruchtfeldes oder Weinberges für den neuen Altar anbauen wolle. So sei es auch geschehen. Bei der Ernte und im Herbste habe ihm Jeder den versprochenen Beitrag an Korn, Weizen, Gerste, Most u. s. w. ins Pfarrhaus gebracht, das Gesammelte sei alsdann verkauft worden, und aus diese Art habe er das Geld zu seinem Altare herbeigeschafft. Saget: ist das nicht ein schöner trefflicher Gedanke und Werth, nachgeahmt zu werden? Probirt's mal, ihr Landleute, und ihr werdet bald, ohne daß es euch so wehe thut, als wenn ihr baares Geld hergebet, euere neue Kirche oder Capelle „angebaut" haben; oder wenn ihr die schon besitzet, dann „bauet an" zur Verschönerung und Ausschmückung derselben. Euere Geistlichen werden euch schon sagen, und wenn ihr klare katholische Augen habt, werdet ihr auch selbst sehen, was euch noch Noth thut, bis das Haus Gottes hübsch in Ordnung ist. Für die Misfio» in Perleberg: „Von der Altmühl" . e.2 fl. —kr. Redaction und Verlag: vr. M. Huttler. — Druck »an I. M. Äle inte. 51. 16. December 1860. Das Augsburg» Sonntagsblatt (SonntagS-Beiblatt zur Augsburg» Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. AGP- Beim Herannahen des Jahres und resp. des I. Quartals oder I. Semesters 1861 erlauben wir uns, unsere ergebenste Einladung zur baldigen Bestellung des Augsburg» Sonntags-Blattes (Beiblatt zur Augsburg» Post-Zeitung) zu machen, auf daß wir die Auflage bemessen und unsern Titl. Herrn Abonnenten vollständige Exemplare liefern können. Der Abonncments-PreiS ist derselbe wie im abgelaufenen Jahre (pro Quartal 20 kr., pro Semester 40 kr). Man abonnirt bei der n ächstgelegenen Poststation. Auch durch den Buchhandel kann der Bezug bewerkstelligt werden. Die Expedition. Vifion Verdüstert zieht am nächt'gen Htmmelsbogen Des Mondes Horn herauf in flücht'ger Eile> Als ob ein Nachen die umschäumtcn Wogen Mit seines Kieles Brüstung jäh zertheile. Die cw'ge Stadt am lauten Tibcrstrande Hat schon in stillen Schlummer sich gebettet; Nur Einer wacht, der von des Abgrunds Rande Als muth'gcr Hirt die scheue Hecrde rettet. In stummer Andacht tief das Haupt gesenket Vor des Erlösers lichtumstrahltem Bilde, Erfleht der Greis für die, so ihn gckränket, Inbrünstig des barmherz'gen Richters Milde. Und eine Thräne, wie im Sonnenstrahls Der Thau erglänzt, benetzt die bleiche Wange; Da sich! Ein Engel faßt mit gold'ner Schaale Die rinnende, und seufzet schwer und bange. Er schaut im Geiste wohl, wie die Gefahren Sich thürmen gleich den sturmgejagten Wellen, Und hört, wie sie mit frevelndem Gebühren Sauer Petri Schifflein drohen zu zerschellen. Nun breitet aus die Stirne des Geprüften Der Bote Gottes segnend aus die Hände, Und licht entschwebt er nach des Himmels Lüften Mit des bewährten Dulders Opferspende. „Plus getröstc fromm sich mit der Hecrde" „In der Versuchung Noth!" spricht der Gerechte; „Um dieser Einen Zähre willen werde" „Sein Leos ein glänzendes, dem treuen Knechte!" G. B. TafrathShof». Die Greuelfcenen in Syrien. (Fortsetzung.) Beirut, den 1. August 1860. Der nördliche Theil des Libanon, von Tripolis bis zum Nähr el Kelb oder Hundsflusse, der sich anderthalb Stunden nördlich von Beirut befindet, ist ausschließlich von maronitischen Christen bewohnt. Dort befindet sich in nur geringer Entfernung vorn Nähr el Kelb, in dem Districte von Kes- ruan, die Residenz des maronitischen Patriarchen, des apostolischen Delegaten, die berühmten Kollegien von Antura und von Ghazir, mit einem Worte, die vorzüglichsten katholischen Anstalten des Landes. Jenseit des Nähr el Kelb und ganz um Beirut herum, erstreckt sich eine andere Region, in welcher die Bevölkerung ziemlich gleichmäßig aus Maroniten und Drusen besteht. Dann 402 ^ >1 kommt das Ras et Metn, Her Mittelpünct der drufischen Macht, in dem.jedoch, aber ganz abgeschnitten von den andern maronitischen Gegenden, die christliche Stadt Dei'r el Kamar, die alte Residenz des Emir Beschir liegt; dieselbe zählt etwa 4000 Einwohner. Im Süden von Ras el Metn, auf dem Gebirge und an dem Ufer bis nach Scuda (dem alten Sidon) ist das Land von außerordentlich verschiedenen Volksstämmen bewohnt: Drusen, Metuabrs oder Muselmänner von der Seele Ali's, arabische Sunniten, Maroniten, unirte und schismatische Griechen wohnen daselbst. Nach der Organisation, die dem Libanon im Jahre 1840 von den fünf Großmächten gegeben worden, ist das Gebirge beinahe ganz frei, regiert sich selbst und zahlt der Pforte nur einen Tribut; diese ernennt die Kaimakan's, welche die höchste Gewalt inne haben und aus den Leuten des Landes gewählt werden müssen. Nördlich ist das Land einem maronitischen, südlich einem drufischen Kai- makan unterstellt, mit Ausnahme der Leiden Städte Zahl eh und Det'r el Kamar, wovon die erste Stadt sich selbst regiert, die andere aber direct unter der Pforte steht. Händel, ja selbst Kriege zwischen Drusen und Maroniten kommen sehr häufig vor. So gab es noch im vorigen Jahre einige Kämpfe, weil die Maroniten den Kaimakan nicht annehmen wollten, den die Pforte ihnen sandte; durch das Dazwischentreten der Consuln wurde diesen Kämpfen aber bald ein Ende gemacht. Aber keiner dieser Kriege, selbst nicht jener von 1845, der doch so viel Aussehen in Europa gemacht hat, kommt dem diesjährigen nur entfernt nahe. Seit mehreren Monaten konnte man die Vorzeichen desselben bemerken: in den drufischen Dörfern waren christliche Reisende und ein maronitischer Priester ermordet worden, auch herrschte die größte Aufregung aus dem ganzen Libanon. Inzwischen hoffte man noch immer, daß die Feindseligkeiten nicht vor dem Ende des Sommers ausbrechen würden, und man ihnen vielleicht noch zuvorkommen könne. Man näherte sich nämlich der Zeit, wo die Ernte der Cocons beginnen sollte, und da die Unterbrechung dieser Ernte den Drusen und den Maroniten gleichen Nachtheil bringt, so pflegen nm diese Zeit, selbst in den heftigsten Kriegen, alle Feindseligkeiten aufzuhören. Ungeachtet dieser Hoffnung versammelten sich, da der Horizont sich immer drohender umwölkte, am 20. Mai d. I. die bedeutendsten europäischen Kaufleute von Beirut in den Sälen der türkischen Bank, und unterzeichneten eine an die Consuln der verschiedenen Mächte gerichtete Petition, um von diesen zu erlangen, daß sie sich hei dem Pascha zu dem Zwecke verwendeten, damit er die Sicherheit der Stadt und den Frieden im Gebirge aufrecht erhalte, welches Beides nothwendig sei, wenn die Handelsthätigkeit fortbestehen sollte. Zwei oder drei Tage später erfuhr man, daß am Nähr el Kelb ein Zusammenstoß stattgefunden hatte. Um unparteiisch zu sein, muß ich anerkennen, daß an diesem Tage die Christen zuerst das Feuer eröffnet hatten.*) Erschreckt durch die von den Drusen verübten Mordthaten, und durch das Gericht, welches eine allgemeine Metzelei der Christen in Aussicht stellte, wollten die Maroniten dieser Gefahr dadurch zuvorkommen, daß sie selbst ihre Feinde angriffen. Der Krieg hatte begonnen, aber seine Ausdehnung konnte noch immer verhindert werden. Die Consuln wendeten sich deshalb an Kurschid-Pascha, den Gouverneur dieses Theiles von Syrien, und dieser machte die schönsten Versprechungen von der Welt. *) Die schlechte Presse hat nicht verfehlt diese Thatsache in ihrer Weise zu benutzen; gerade als ob dieser Umstand genüge, die Grcuelthaten der Drusen zu entschuldigen. Poriges Jahr hat sie es mit der Kriegserklärung Oesterreich'S eben so gemacht. In Folge dieser Versprechungen verließ er Beirut mit 750 Mann regelmäßiger Truppen, mit Kanonen und einer großen Anzahl von Baschi-Bozuks und wandte sich nach dem Gebirge unter dem Vorgeben, dort den Frieden wieder herzustellen. Aber kaum hatte er die Stadt verlassen, so hielt er Plötzlich an und ließ ohne scheinbaren Grund zwei Kanonenschüsse abfeuern. Man hätte denken können, dies sei ein Signal gewesen, denn so zu sagen in demselben Augenblicke erhob sich eine große Flamme auf einem der obern Puncte des Libanon. Es war dies das schöne christliche Dorf Veit Meri, zwei Stunden von Beirut, welches so eben von einer beträchtlichen Schaar Drusen überrascht und in Brand gesteckt worden war. Bald darauf sah man die Feuersbrünste, sich über das ganze Gebirge verbreiten, und man hörte Gewehrfeuer in allen Richtungen. Während der ersten Tage widerstanden die Christen mit Muth und Erfolg; sie drängten die Drusen in Unordnung zurück und drangen mit ihnen gemeinschaftlich in den Ras el Mein ein, dessen vorzüglichstes Dorf, genannt El Metn, sie als Repressalie in Brand steckten. Um diesen glücklichen Erfolg aufrecht zu erhalten, bedurften die Christen an den Orten, wo der Kampf stattgefunden hatte der Unterstützung; sie bedurften der Hilfe der Bevölkerungen aus den durchaus christlichen Districten, besonders jene ihrer Nachbarn, der kriegerischen Bewohner des Kesruan, die den Drusen ein Schrecken sind. Nun hatte aber Kurschid- Pascha auf seinem Marsche plötzlich Halt gemacht und sein Lager zwei Stunden von Beiruth aufgerichtet, an einem Orte, genannt Babdah, das er seitdem nicht mehr verlassen, und wo er durch einen Zufall, der sorgfältig berechnet zu sein scheint, den einzigen Weg abschnitt, auf welchem die Männer des Kesruan zu den Maroniten hätten gelangen können, bei welchen der Kampf begonnen hatte. Bis dahin hatte der Krieg, obgleich er einen ganz besonders wilden Cha- ratter trug, sich in den gewöhnlichen Grenzen dieser Art von Vorkommnissen gehalten. Plötzlich erfuhr man aber, daß er eine bis dahin unbekannte Ausdehnung annahm. Der Dschihad oder „heilige Krieg" war gepredigt worden unter den Drusen des Hauran, und inmitten aller Beduinen-Stämme Coelesyriens in der Umgegend von Balbek, und Alle machten sich auf, um den Drusen des Libanon zu Hilfe zu eilen. Zu derselben Zeit schloffen die Metualis aus der Umgegend von Saida mit den Drusen ein Bündniß, und ergriffen die Waffen, nm denselben beizu- stehen. In den Metzeleien und Feuersbrünsten um Sa-da und Sur machte sich bald eine gewisse Regelmäßigkeit bemerkbar, und schon waren die Bischöfe dieser beiden Städte gezwungen gewesen, zu fliehen und sich nach Beirut zu flüchten. Alle Stämme, welche ich soeben aufgezählt habe, und die sich in einem Augenblicke erhoben hatten, eilten alle nach ein und demselben Punkte. Welcher war dieser Punkt? Niemand wußte es. Auf den Abhängen des Anti-Libanon, nach der Seite von Damaseus hin, bestanden zwei reiche und blühende Districte, die beinahe ausschließlich von griechischen Christen bewohnt wurden, nämlich jene von Hasheia und Rascheia. Dies war der Weg, dem die Drusen des Hauran folgen mußten, um den Kamm des Libanon zu erreichen und ihre Vereinigung mit ihren Glaubensgenossen aus der Gegend von Beirut zu bewerkstelligen. Die Einwohner von Hasbeia und Rascheia lebten in der vollkommensten Sicherheit. Der Krieg war weit von ihnen entfernt, und nie hatten sie sich bei ähnlichen Gelegenheiten bedroht gesehen. Sie lagen daher mit vollem Vertrauen ihren gewöhnlichen Beschäftigungen ob, als ihr Territorium von einer wahren Fluth von' Barbären über- 404 schwemmt wurde; von Damascus, angeblich zur Aufrechthaltung der Ordnung gesandte Soldaten, keine Baschi-Bozuks, wie bei Beirut, sondern Nizams, Soldaten der regulären Infanterie, langten zur selben Zeit in den beiden Distrikten an. Nachdem sie sich von ihrem ersten Schrecken erholt hatten, begannen die Christen lebhaften Widerstand zu leisten, so daß die Entscheidung schwankte. Aber die Nizams sielen ihnen in den Rücken und begannen das Blutbad, an dem nun die zurückkehrenden Drusen einen thätigen Antheil nahmen. Die Schlächterei dauerte mehrere Tage ohne Unterbrechung fort, und die christliche Bevölkerung von Hasbeia und Rascheia ist so zu sagen vernichtet. Kaum 2000 Seelen dieser beiden Districte mögen entschlüpft sein, und sich inmitten von tausend Gefahren nach Beirut und nach dem Kesruan geflüchtet haben. Bei diesem Schrecken fühlt das Herz sich erquickt durch einen Zug des Muthes und der Aufforderung. Den District von Hasbeia bewohnte eine gewisse Anzahl von muselmännischen Emir's, die inmitten der christlichen Bevölkerung und in großer Eintracht mit derselben lebte. Als die Drusen des Hauran das Land überflutheten, hätten diese Emir's sich leicht außerhalb jeder Gefahr stellen können. Sie thaten dies durchaus nicht. Sie griffen mit den Christen zu den Waffen, thaten alles um sie zu vertheidigen und theilten auch ganz ihr Schicksal. Einunddreißig derselben fielen in dem Gemetzel, und gegenwärtig sind ihrer nur noch drei vorhanden; nach Beirut geflüchtet, sind sie gezwungen, wie die ärmsten der Flüchtlinge, ihr Brod in den Straßen zu betteln. Von Hasbeia und Rascheia streiften die Drusen bis in die Umgebungen von Damascus, wo sie ihre Vereinigung mit den Beduinen von Balbek bewerkstelligten, und wo sie von Neuem alle christlichen Dörfer anzündeten. Jeden Augenblick glaubte man sie in Damascus einziehen zusehen, und die ungeheuere muselmännische Bevölkerung dieser Stadt sprach mehrere Tage lang von nichts, als davon, der Sache ein Ende zu machen und alle Giaurs (Ungläubige) zu tödten; sie warteten nur auf ein Signal. Die Christen der ersten Stadt Syriens werden nur durch die plötzliche Dazw i schenkunst und die Thatkraft Abd-el-Kader's gerettet. Aber bald sammelten sich alle muselmännischen Streitkcäfte vor Zahleh, dem Schlüssel aller christlichen Positionen auf dem Libanon, einer bis dahin unbesiegten Stadt, deren Einwohner-in den vorhergehenden Kriegen immer die Drusen zum Zittern gebracht hatten. Für die Feinde der Christen war die Eroberung dieser Stadt der größte Erfolg, den sie erringen konnten, der. Haupt- und entscheidende Triumph. So waren denn auch alle Anstrengungen gegen diesen Punkt gerichtet. Drusen vom Libanon, Metualis, Drusen vom Hauran, Araber, Beduinen Coelesyriens und aus der Ebene Esdrelon, Baschi-Bozuks, Arnauten, reguläre türkische Infanterie mit sechs Stück Kanonen, aus Damascus abgezogen und unterwegs ausständig geworden, versammelten sich vor den Mauern Zahleh's. Die Einwohner zählten nur 2000 streitbare Männer, sie hatten wenig Lebensmittel und wenig Munition, und dabei waren sie mit einer großen Anzahl von Frauen und Kindern beschwert, die aus benachbarten Gehöften in ihre Stadp geflüchtet waren. Nichts desto weniger hielten sie sich mehrere Tage und wichen nur der unverhältnißmäßigen Uebermacht ihrer Feinde. Als in Beirut die Gefahr bekannt wurde von der Zahleh bedroht war, gab sich daselbst eine große Aufregung kund. Von Neuem hielten die Cosuln Rath, und da sie einsahen, daß das Geschick christlicher Dürfen, welche noch auf dem Gebirge bestanden, so wie die Sicherheit der Stadt Damascus selbst zum größten Theil von dem Geschicke Zahle's abhänge, entschlossen sie sich, statt vereinzelter Schritte, einen feierlichen gemeinsamen Schritt zu thun, um die türkische Behörde zu veranlassen, die Belagerung aufheben zulassen. So begab sich denn das ganze 40ö Corps der Consuln, begleitet von ihren Dolmetschern, bis nach Bladah zu dem Pascha. Dieser empfing dasselbe mit den Versicherungen der besten Art. Alles, was man von ihm verlangte, bewilligte er auf der Stelle. Auf Ehrenwort verpflichtete er sich die Einnahme Zahleh's zu verhindern, und um die Consuln zu beruhigen, ließ er vor ihren Augen mehrere Regimenter abziehen mit der Weisung der Belagerung ein Ende zu machen. (Fortsetzung folgt.) Missionsberichte -es hochw. 1^. Franz Xaver Weninger. (Fortsetzung.) Ich reiste von Galveston ab; indeß das Methodisten-Blatt stieß die Drohung aus, daß im Fall ich es wagen würde durch Texas durchzureisen, sie mir zweifelsohne den Garaus machen und die Haut über die Ohren herabziehen würden. — Ich konnte natürlich auf solche Drohungen nicht achten, und begab mich in die große, Galveston zunächst gelegene texanische Handelsstadt Houston, wo auch die nächste deutsche Gemeinde sich befand. Die Mission ging ohne Störung vor sich. Die Protestanten und Radicalen murmelten sich nur in die Ohren, was sie aus den Zeitungen erfuhren; „das ist Der," hieß es — aber dabei blieb es auch. Ich trat nun meine Reise in das Innere von Texas nordwestlich an. Die erste deutsche Gemeinde in dieser Richtung befindet sich in Victoria. Man fährt, um dahin zu gelangen, über den Golf von Merico nach Port-Lavaca, Der Golf ist als ein sehr bösartiges Meer bekannt. Er ist nicht tief und da gewöhnlich eine sehr starke Brise sich Nachmittags erhebt, so schaukeln die kleineren Dampfboote ungemein, und Alles wird seekrank. Ich leide nicht an dieser Krankheit, allein man fühlt doch immer sehr deutlich, daß man nicht auf dem festem Lande sei. So wie man an das Cap Powderhocn gelangt, und um so mehr, so bald man in die davon nicht ferne liegende Seestadt Port-Lavaca kommt, da merkt man, daß man in ein Land kommt, welches mehr den Typus von Mexico als von den Vereinigten Staaten an sich trägt. Die Vereinigten Staaten sind buchstäblich Neu-England. Die ganze Lebensweise ist die der Engländer, ebenso der Bau der Wohnhäuser. Nebstbei sind die Vereinigten Staaten nun kreuz und quer von Eisenbahnen durchschnitten. Texas hat erst einige Ansäge von Houston aus mit Anlegung von Eisenbahnen gemacht. Bis jetzt werden die Transporte mit Ochsen-Caravanen bewerkstelligt, und Passagiere reisen mit den berüchtigten amerikanischen „Stages," eine Art Eilpost aus der älteren Zeit. Da ist man doch auf den so gefährlichen amerikanischen Eisenbahnen noch weit sicherer als in diesen Postkutschen, in die man wie Pickelhäringe eingepfercht sitzt. Es ist in der That ein merkwürdiger Anblick, eine ganze Stadt gleichsam mit Ochsen-Zügen belagert zu erblicken. Alle Straßen sind mit Wagen der ganzen Länge nach besetzt, vor welchen gewöhnlich mindestens sechs Joch Ochsen gespannt sind, die ganz majestätisch vor denselben auf der Erde liegen, bis die Zeit zur Abfahrt da ist; da fahren dann mehrere zugleich fort, zehn bis zwanzig Wagen, um sich an schlechten Sumpfstellen auf dem Weg wechselseitig Hilfe zu leisten. Welch ein Contrast im Vergleich mit den mächtigen Eiscnbahnzügen, wo die Ochsen selbst zu Tausenden in Wägen sitzen! — Was das Land selbst betrifft, so bietet dasselbe von Port-Lavaca bis Victoria den Anblick einer unabsehbaren Steppe. Hat man so eben im Golf nur Himmel und Wasser gesehen, so sieht man jetzt nur Himmel und Gras. ES 406 thut deyr Auge wohl, wenn man das anmuthige Städtlein Victoria mit wald- begränzten Anhöhen vor sich erblickt. Ich bemerke hier gelegenheitlich etwas über die Beschaffenheit des Staates Texas, von dem so viel für und wider in Deutschland geredet und geschrieben wird. Texas unterscheidet sich, was den Boden betrifft, wesentlich, je nachdem man den nordöstlichen oder südwestlichen Theil betrachtet. Der Norden und Osten unterscheidet sich wenig von den übrigen südlichen Staaten. Hingegen die Südwest-Seite ist häufig sanddürres Land und leidet oft sehr an Wassermangel. Es kann geschehen, daß es da sechs bis acht Monate mrd noch länger nicht regnet. Der Boden an und für sich ist jedoch durchweg fruchtbar, auch in diesen trockenen Theilen; namentlich was die Haupterzeugnisse, Baumwolle und Welschkorn betrifft. Für beide ist Texas das eigentliche Vaterland. Merkwürdig ist es, daß einige Flüsse auch von der größten jahrelangen Trockenheit nicht beeinflußt werden. Ihre Quellen sprudeln immer gleichmäßig hervor, ja manchmal bei großer Trockenheit noch reichlicher. Glücklich, wer sein Land an diesen Flüssen gelegen hat, und dasselbe mit Cauälen bewässern kann. So ist namentlich der St. Antoniusfluß beschaffen. Was das Klima betrifft, so hat Texas ein beinahe mexikanisches Schön- wetter. Winter und Sommer unterscheiden sich, was die Sonnenhitze selbst betrifft, wenig von einander. Das heißt, wenn kein Nordwind weht, so hat die Sonne immer große Kraft; doch wenn der Nordwind heult, dann kann es auch in zehn Minuten eine solche Veränderung geben, wie Niemand es glauben kann der es nicht erfahren hat. Es kann geschehen, daß ein paar Männer ohne Rock mit einander reden und schwitzen, und auf einmal erhebt sich im Winter ein Nordwind, der bis in das Mark der Gebeine dringt und selbst das Wasser gefrieren macht, und wo Alles beeilt ist, in den Oefen und Kaminen Feuer anzuzünden. Doch wie der Wind nachläßt, tritt sogleich die Wärme an seine Stelle. Man sollte meinen, ein so schneller Wechsel der Temperatur müsse nachteilig auf die Gesundheit einwirken; in der That ist aber das in Texas dennoch nicht der Fall. Texas ist am Golf bis 12 Meilen landeinwärts ein wegen der Pest des gelben Fiebers höchst gefährliches Land. Hingegen im Innern ist Texas das nach Minnesota gesundeste Land, das ich in Amerika angetroffen. Ich fürchtete die drückende Hitze, allein ich fand dieselbe in der That nicht so lästig wie in den nördlichen Staaten, oder wie in New-Orleans und überhaupt in Louisiana. Es weht nämlich durch die zehn warmen Monate beständig die angenehmste Brise vom Golf landeinwärts, so daß beide Winde, der Süd- und Nordwind, kühl und erfrischend wehen. Während in New-Aork an einem heißen Sommertag zehn Todesfälle am Sonnenstich sich ereignen können, ist ein Sonnenstich in Texas unerhört. Doch wehe, wenn die Brise ausbleibt; da schnappt man auch im Innern von Texas nach Luft wie der Fisch nach Wasser; allein es ist selten der Fall- Ich fand auch durchweg, daß die Leute, die in Texas ein paar Jahre gelebt nicht ohne Schrecken an die Winter des Nordens gedenken können. Die göttliche Vorsehung vertheilte das Angenehme und Unangenehme so in der Welt, daß jeder Theil seine Bewohner an sich zu fesseln geeignet ist; sonst würden wohl Alle sich gerade nur an die besten und angenehmsten Stätten drängen, und die Erde würde nicht allgemein bewohnt, sondern nur an gewissen Orten ganz überfüllt sein So anziehend z. B. das Klima von Texas im Vergleich mit den nördlichen Staaten ist, so hat es doch anderseitsso abschreckende Eigenthümlichkeiten, daß Tausende ohne Bedenken ihm jede Strenge des Winters vorziehen. Dieses Abschreckende sind die unzähligen ekelhaften und höchst gefährlichen Jnsecten. Die lästigen Moskitos sind freilich nur am Golf, das Innere von Texas ist von dieser Plage des Nordens frei; aber welch eine Unzahl von schwarzen Spinnen, Seorbionen, Taranteln und besonders von den berüchtigten eoini^eä oder Tausendfüßlern durchwimmelt das Land. Am wenigsten gefähr- lich find aus diesen die Scorpionen. Ihr Biß schmerzt wüthend eine sehr kurze Zeit, dann ist es vorbei. Es gibt Wespen, die ärger stechen. Die schwarzen Spinnen können lebensgefährlich werden. Die Taranteln sind noch weit gefährlicher; am giftigsten aber sind die Lenripeä. Diese colossalen ekelhaften giftig befaßten Würmer erreichen die Länge von 9 bis 16 Zoll. Ihr Biß ist mehr gefürchtet, als der einer Klapperschlange. Sie halten sich in altem oder feuchtem Gemäuer, und in faulem Holze aus. Was die Klapperschlangen betrifft, so kommen selbe selbst in den Städten bis in die Zimmer, wie z. B. nach St. Antonio, wo es jährlich Todesfälle in Folge von solchen Bissen gibt. Es ist Hiebei jedoch zu bemerken, daß jedes dieser giftigen Thiere den Menschen flieht, so lange es kann. Darum thun die Mexicaner nicht schwer mit denselben. Sie lassen solche gewähren, d. h. diese Jnsecten halten sich über den Zimmern unter denMächern auf, und dableiben sie. So wie man sie aber dort verfolgt kriechen sie überall herum und werden um so gefährlicher. Der Deutsche bliebt ein reinliches Haus, und so kommt er nicht selten mit dergleichen Miteinwoh- nern in Conflict. Ich halte es jedoch für etwas außerordentliches, daß trotz der Menge dieser Thiere es doch jo selten vorkömmt, daß Jemand verletzt wird. Es kam mir nicht ein einziger Fall vor, daß ein Deutscher von einem Oemipeä gebissen wurde, und doch sind deren überall zu finden, kriechen manchmal die Kleider hinan oder fallen in der Stube vor dem Gesichte auf den Boden nieder. Ja die Scheu, die anfänglich jeden Einwanderer vor diesem Ungeziefer befällt, verwandelt sich bald in eine wirkliche Verachtung dieser Gefahr. Es gibt Viele, welche das ganze Jahr im Freien schlafen ohne die geringste Angst vor dem nächtlichen Besuch solcher Jnsecten. Wenn somit einer meiner geehrten Leser Lust hat, nach Texas einzuwandern, so darf er sicher sein, die Angst vor dieser Landplage dürfe ihn durchaus nicht zurückhalten. Es bewährt sich da ganz auffallend das Wort des Herrn: Kein Haar werde ohne den Willen Gottes von euerem Haupte fallen. So viel im Vorübergehen von dem Lande selbst. Ich rathe Keinem hin, ich rathe Keinem ab; aber würden die guten Tiroler von Priestern begleitet auswandern, so meinte ich doch, Minnesota und Texas im Inland wäre, weil so gesund, eine weit geeignetere Aösiedlung als Peru. Ich nehme den Faden meines Missionsberichtes wieder auf. In Victoria hatte ich wie in Houston englisch und deutsch zu predigen. Das ist in der That lästig und anstrengend. Ich mußte dabei den Heißhunger des englischen Volkes nach dem Worte Gottes bewundern. Menschen aus den besten Ständen, selbst Advocaten und Prediger, saßen durch eine ganze Stunde da, bis die deutsche Predigt vorüber war, und dann die Reihe an sie kam. Es fing der Methodisten-Sauerteig allda zu gähren an; doch kam die Sache erst nach mir zum Ausbruch. Es reute die Methodisten, daß sie mich so unbeirrt gewähren ließen, besonders da ich zu Victoria, wie auch zu Houston und Galveston Protestanten in den Schooß der katholischen Kirche aufnahm. Ich ging nach St. Antonio ab, um allda zuerst die Charwoche zu feiern, und dann am hl. Ostersonn- tag selbst mit der Mission zu beginnen. In St. Antonio lebt eine große Anzahl Mexicaner. Sie haben eine große Kirche. St. Antonio kann ungefähr 12,000 Einwohner zahlen. Auch die Deutschen sind dort sehr zahlreich. TexaS erhielt einen beträchtlichen Theil der Einwanderer vom Jahre 1848. Ich hätte nie geglaubt, daß diese Stadt es sein sollte, wo das Gewitter der Methodisten- und Radicalen-Verfolgung sich über mich entladen sollte, um mich dann durch ganz Texas zu begleiten. (Fortsetzung folgt. 408 Der Bamu und die Quelle. 6. Clara war von einem Besuche aus der Stadt zurückgekehrt und klagte über die vielen reichen Leute, die da müsfig umhergingen. Woraus schließest du aus den Müsfiggang dieser Leute? — fragte die Mutter. Aus ihrer Berufslosigkeit und der Zwecklosigkeit ihres Daseins. Bei Allen? Ich wüßte keinen Grund zu einer Ausnahme. Frau Ellen ließ das Gespräch fallen. Nachmittags herrschte eine heitere, aber ungewöhnlich heiße Witterung. Die Mutter machte mit der Tochter einen Spaziergang. Sie gingen nicht die besuchte Straße, sondern einen entlegenen Pfad durch Felder und Wiesen. Bald war Clara müde und klagte über brennende Hitze und glühenden Durst. Tröste Dich, mein Kind! Wir finden bald an einem lieblichen Plätzchen Abwehr gegen beide. Und wirklich. Nur noch eine kleine Strecke waren sie gegangen. Da lud sie ein Baum mit weitausstrebenden dichtbelaubten Aesten zur Ruhe, da bot ein Quell köstliches Wasser zur Labung. Erkenne in diesem Baume und in dieser Quelle das Bild vieler scheinbarer reicher Müssiggänger! versetzte die Mutter. Wie? — entgegnete Clara! — Die Reichen der Stadt sind mitten im Weltgetriebe, Baum und Quelle in abgeschiedener Verborgenheit. Gerade dieser Gegensatz verdeutlicht noch mehr die Ähnlichkeit des Bildes. Baum und Quelle würden mehre Wanderer erquicken, lägen sie an der Landstraße, und mancher Reiche vielleicht mehr Gutes stiften mit seinem Ueberflusse, lebte er, der einzige Wohlhabende, auf dem Lande in durstiger Gegend. Dessenungeachtet thun Baum und Quelle, thut mancher Reiche in der Stadt aner- kennenswerthes Gntes. Baum und Quelle würden also Mehrere erfreuen bei der günstigen Lage an der Landstraße? Allerdings, deßgleichen thäte auch mancher Reiche mehr Gutes, wenn er sich an jenen Platz stellte, an welchen ihn sein Talent und die Gelegenheit, dasselbe auszubilden, bestimmt haben. Verbringt er gleichwohl sein Leben in behaglicher Ruhe, verdient er doch insoweit uns're Achtung und nicht lieblose Aburtheilung, als er durch Mildthätigkeit dem allgemeinen Berufe genügt, seinen Mitmenschen Gntes zu thun. Woher aber wissen wir, daß er diesem Berufe genügt? Ich gewahrte an diesen Reichen kein Kennzeichen ihrer Mildthätigkeit. ^Djes wissen wir freilich selten und müssen deßhalb so lange das Gute vermuthen, bis wir vom Gegentheile überzeugt sind. Allein deine Frage erinnert mich an einen zweiten Vergleichungspunkt in unserm bisherigen Bilde. Hättest du wohl die Labsale des Baumes und der Quelle so beachtet, wenn sich beide in einer Wald und wasserreichen Gegend befinden würden? Keines Falles. Halte jetzt an dem äußern Gegensatze fest, welcher sich schon bei unserm ersten Vergleiche ergab! Die Mildthätigkeit des wohlhabenden Mannes nämlich finde umgekehrt größere Beachtung durch ihre Vereinzelnung in dürftiger Gegend, als durch ihre Vereinigung mit der Mildthätigkeit reicher Genossen. In großen Städten wirkt oft die Liebe Gutes im Gewände christlicher Demuth. Redaction un« Verlag: Or. M. Huttler. — Druck von I. M. Klei nie. AiigZhllM Äililtagslililtt. Hr. LS 23. December 1860. DaS AugSburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Rüg Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Beim Herannahen des JahrcS und resp. des I. Quartals oder I Semesters 1861 erlauben wir uns, unsere ergebenste Einladung zur baldigen Bestellung des Rugsburger Sonntags-Blattes (Beiblatt zur AugSburger Post-Zeitung) zu machen, auf daß wir die Auflage bemessen und unsern Titl. Herrn Abonnenten vollständige Exemplare liefern können. Der Abonnements-Preis ist derselbe wie im abgelaufenen Jahre (pro Quartal 20 kr., pro Semester 40 kr). Man abonnirt bei der nächstgelegenen Poststation. Ruch durch den Buchhandel kann der Bezug bewerkstelligt werden. Die Expedition. (Eingesandt.) An PinS IX. Gerüstet mit des Glaubens Schild und Bogen, Des starken Glaubens, der da spielt mit Bergen, Der stolze Niesen nievcrwicsl gleich Zwergen, Und furchtlos schreitet auf deS Meeres Wogen, So kommst Du in den großen Kampf gezogen; Doch nicht Giganten nah'n, noch grimme Fergen, Nein, Pharisäer senden ihre Schergen, Den Geist zu sah'», der himmelan geflogen. Da neigt zu Dir sich ganz deS Heilands Liebe, Daß er den treuen Streiter herrlich lohne, Bekränzt er dich mit seiner Dornenkrone; Schon würfeln frech um Dein Gewand die Diebe Und rasen blind, nicht Dir, nur sich zum Höhne: Du stehst unsterblich groß vor Gottes Throne. K. D. Die Greuelfcenen in Syrien. (Fortsetzung.) Alles dies war aber nur eine Falle. Die Consuln merkten sie nicht, und kehrten voller Vertrauen in die Rechtlichkeit des Pascha nach Beirut zurück. Dieses Vertrauen war so groß, daß der französische Consul dem mächtigsten christlichen Scheik des Gebirges Namens Joseph Kawam, der an der Spitze einer Truppe aus der Umgegend von Tripolis kam, und im Begriffe stand Zahle!) zu Hilfe zu eilen, den förmlichen Befehl zugehen ließ, sich ruhig zu verhalten und nichts zu unternehmen, weil der Pascha alles Nöthige zu tbun übernommen habe. Was war die Folge dieses Vertrauens? Die von dem Pascha angeblich nach Zahlet) gesandten Truppen machten an einer Stelle Halt, wo durch sie alle. Hilfe an Menschen, Lebensmitteln und *'.I "' 17 -' Munition, die der Stadt noch hätte geleistet werden können, abgeschnitten war, und dort blieben sie ohne sich zn rühren. Die Einwohner Zahlchs erwarteten mit Ungeduld die Hilfe Joseph Kawam's, die ihnen angezeigt worden war. Als sie ihn nicht eintreffen sahen, und weder Brod noch Pulver mehr hatten, entschlossen sie sich, die Stadt zn räumen und sich kämpfend durch ihre Feinde nach dem Kesruan durchzuschlagen, Nicht Alle erreichten dieses Land der Rettung: eine große Anzahl blieb auf dem Wege; indessen kann man sagen, daß es der Mehrzahl der Bevölkerung von Zahleh gelang, sich zu retten. Es waren in der Stadt einige Nachzügler, einige Frauen und einige Kinder zurückgeblieben, Leute, welche hofften, nichts für ihr Leben befürchten zu müssen. Alle mußten über die Klinge springen. Zwei Jesuitenväter empfingen zu Zahleh die Martyhrer-Palme: der eine, ein Araber, wurde getödtet in dem Augenblick, wo er auf seine Rettung bedacht war; der andere, ein Franzose, der Pater Billotet wurde im Beichtstühle ermordet, wo er einigen Unglücklichen, die sich zum Tode vorbereiteten, die Absolution gab. Die Drusen des Hauran zeigten vor allen andern eine besondere Wildheit. Die Drusen des Libanon zogen gegen dieselben den Säbel, um aus ihren Händen die französischen Ingenieure zu befreien, die auf dem Wege nach Damakus beschäftigt sind, und die sie ebenfalls morden wollten. Dieses geschah am l8. Juni. Am folgenden Tag wandten die Würger sich in Menge von Zaleh nach Deck- el Kamar. Der türkische Divisions-General Feryk-Pascha war noch mit seinen Soldaten in der Stadt, und zwar unter dem Scheine, die Ausführung des Vertrages zu garantircn, welchen er die Einwohner hatte unterzeichnen lassen. Als die Horden, welche Zaleh genommen hatten, vor Dew el Kamar anlangten ließ Feryk-Pascha die Christen sich versammeln und sagte ihnen, daß sie von einer großen Gefahr bedroht seien; daß sie derselben aber entgehen könnten, wenn sie ihre Waffen ablieferten und sich in das Serail zurückzögen unter dem Schutze der türkischen Ehre. Die Unglücklichen glaubten seinem Worte, lieferten ihre Gewehre ab, und zogen sich so entwaffnet, theils in das Serail, theils in die Kirche und Häuser zurück. Daraus wurden die Stadtthore den Drusen geöffnet, welche, unterstützt von den türkischen Soldaten, die Schlächterei begannen. Alle Häuser wurden mit Gewalt genommen; was aber die Christen betrifft, welche in das Serail geflüchtet waren, so wurden sie mit Stockschlägen und Bayonnet- stichen gezwungen, einer nach dem andern das Serail zu verlassen und sich den Schüssen der Mörder auszusetzen, welche aus sie gerichtet wurden, sobald sie vor der Thüre erschienen. Das Blutbad dauerte vom Morgen bis zum Sonnenuntergang; 2730 Personen verloren dabei das Leben. Ich kann Ihnen diese Zahl verbürgen; sie ist auf authentische Weise durch ein Actenstück beglaubigt, das den verschiedenen Consulaten zugestellt worden ist/') Was nun die Details betrifft, welche erzählt werden von einzelnen Personen, die dem Blutbad haben entrinnen, so wie von Verwundeten, die sich bis Beirut haben schleppen können, so sind sie grausenerregend. An diesem Bluttage bestand der Lieblingsscherz der Drnsen und Türken, darin, die unglücklichen Christen von De>r el Kamar aus dem Kreuze zu ermorden, indem sie ihnen zuriefen: „Warum rettet dich jetzt dein Gott nicht?" Andere sind auf der französischen Flagge mit ähnlichen Worten getödtet worden. Die Schule der Stadt hatte, als Zeichen des Schutzes, die dreifarbige Fahne aufgezogen; sie ist nichts desto weniger verbrannt und die Farben Frankreichs in den Koth getreten worden. Was wird Europa? was wird Frankreich zu diesen Greuelthateu sagen? * * * ___ * *) Als die französischen Truppen nach De'i'r el Kamar kamen, fanden siedaselbst in den Straßen noch 300 unbegrabene Leichen, welche von ihnen bestattet wurden. 4,1 Damascus, den 12. Juli. Dies ist ohne Zweifel mein letzter Brief, und ich schreibe ihn, damit Du, Wenn ich nicht mehr bin, die Verluste beanspruchen kannst, die wir durch Plünderung und Feuer erlitten haben .... Das christliche Quartier besteht nicht mehr, das jüdische Quartier ist zerstört, und das Feuer dehnt sich schon nach dem türkischen aus; der Anfang wurde von den Türken gemacht, später fielen noch vielleicht 50,000 Drusen, Araber, Beduinen u. s. w. über die Stadt her, die überall plündern und brennen, selbst in den muselmännischen Quartieren: die christliche Bevölkerung zu Damascus besteht aus 20,000 Seelen und 5—6000 von jenen, welche in benachbarten Städten und Dörfern dem Blutbad entronnen sind^ in diesem Augenblicke haben sich 4—5000 in die Festung geflüchtet, 1000 in türkische Häuser, die andern sind unter der Axt gefallen oder verbrannt; später, wenn Gott will, daß ich der Gefahr entgehe, werde ich das Nähere mittheilen. Der Emir Abd-el-Kader wird zuletzt angegriffen werden; er hat 3000 entschlossene Algierer um sich, aber das Feuer kann auch ihn zwingen. (Schluß folgt.) Misstonsberichte -es hochw. t?. Franz Xaver Weninger. (Fortsetzung.) Meine Feinde hatten die Sache sehr schlau angelegt. Sie verbreiteten durch Zeitungen, ich zöge durch das Land, um alle katholischen Frauen von ihren protestantischen Männern zu jagen. Das wirkte; denn das allarmirte ^ alle diese Portestanten und gab auch den Radicalen einen erwünschten Anhalts- punet. Sie wußten wohl, daß sie mit den Verleumdungen der Missionen an und für sich nicht durchdringen konnten. Es traf sich nun, daß der reichste und einflußreichste Protestant zu St. Antonio, ein Bierbrauer, eine katholische Frau hatte. Dieser Mann stellte sich wie ein Absalon an die Kirchthür und forderte die Hineingehenden auf, mich zu lynchen, d. h. durch Volksjustiz zu richten. Davon weiß man in Deutschland und überhaupt in Europa nichts mehr, seit den Tagen der Revolution. Hier in St. Antonio ist das kein ungewöhnlicher Fall. Derselbe ereignet sich auch sonst in den Vereinigten Staaten. Wenn das Volk eines großen Verbrechers habhaft wird, so hängt man denselben ohne Weiteres auf. Es geschah schon, daß um St. Antonio herum mehrere Leichen zugleich von den Bäumen hingen. Die Sache wollte jedoch nicht ziehen, bis sich ihm ein Sherif der Stadt selbst anschloß. Er hatte ein Weib, die früher schon drei Männer hatte. Als diese ihm erklärte, sie könne keine Lossprechung erhalten, sondern müsse ihn vorerst verlassen, da brach der Stnrm los. Er kam zu einem katholischen Bürger, zeigte ihm einen Dolch und sagte: Dieser Dolch ist für den Missionär heute Abend bestimmt. Man sagte es mir. Ich predigte den- . selben Abend von der Verehrung des h. Herzens Jesu, und sah eine Menge ganz , ungewöhnlicher Gesichter in der schönen, großen deutschen Kirche, die 30,000 l Thaler gekostet. Ich hatte auch da in zwei Sprachen zu predigen. Man hörte mich mit gespannter Aufmerksamkeit an. Als die Predigt vorüber war, erhob sich ein Gemurmel. Die Verschworenen besprachen sich, was zu thun, und wagten sich nicht an mich. Ich gab den Segen mit dem allerhl. Sacrament und entließ das Volk. Es sollte nun der besondere Standesunterricht der Jünglinge beginnen. Ich bemerkte, daß sich das Volk nicht entfernen wolle. Ich fragte um die Ursache; da hieß es, die ganze Straße sei voll von bewaffneten Protestanten. Der Rädelsführer kam ganz nahe an mich. Ich trug ihm dagegen ganz ruhig einen Platz an. Da wendete er sich um, und sagte ganz entrüstet: Jetzt haben wir ihn doch nicht. Er entfernte sich und ich hielt meinen Stan- 412 des-Unterricht. Man erwartete des Nachts einen Angriff auf das Haus, wo ich bei den Schulbrüdern wohnte. Es geschah jedoch nichts. Des andern Tages hingegen war die ganze Stadt voll Drohgerüchte. Man wolle, koste es was es wolle mich Abends in der Kirche ermorden, oder außer der Kirche aufhängen. Das erfuhren nun auch die Katholiken, und ohne daß ich etwas davon wußte, bewaffneten sich dieselben. Namentlich zeigte sich dabei der französische Charakter in seinem eigenthümlichen Lichte. Es gab Franzosen, die wohl 30 Jahre nicht mehr in die Kirche gingen, Allein als andere zu ihnen kamen und ihnen sagten: ^ujourciliui notre »sinkt! ivligion sora stlsguee — venex pour 1s llekencle-:! (Heute wird unsere h. Religion angegriffen, — kommt, um sie zu vertheidigen) -— da zogen sie sogleich ihr Pistol und gingen mit: Ssn» cloukv, oui — il t'sm I,. lletenäl't! ! (Ohne Zweifel — ja — man muß sie vertheidigen). Als die Rebellen davon Wind bekamen, da kühlte sich ihr Müthchen ab. Die ganze Kirche war gedrängt voll und bewaffnet; auch der Major der Stadt war gegenwärtig. Ich feierte die Erwählung Mariä zur Mutter, und Alles lauschte auf jedes Wort mit Ehrfurcht und Bangen. Es geschah nichts und ich beschloß den andern Tag hochfeierlich die Mission. Hierauf gab ich noch den Ursulinerinnen in französischer Sprache die ltou-siie, und ging nach Castroville. Da lebt eine große Anzahl von Elsäßern und Schweizern. Auch da ge'' lüftete es einem She'rif, das Beispiel von St. Antonio nachzuahmen. Doch mit Elsäßern und Schweizern ist nicht viel zu scherzen. Er gab sein Ansinnen bald wieder aus. Dagegen war die nächste Station eine höchst gefährliche. Es war die letzte, sehr nahe an der Gränze von Mexico gelegen. Der Priester, der mich dahin begleitete, sagte: Ich kenne die Leute; ich gehe nicht dahin, es sei denn, ich habe zuvor eine Generalbeicht abgelegt. Es gab dort ganz wüthende Ra- dieale. Der Ort heißt D'Haunis. Al» wir dort ankamen, da rotteten sich diese Kameraden sogleich der Kirche gegenüber in einem Gasthause zusammen, und fingen zu saufen und zu singen an. Ich hatte die Nacht allein in einer höchst unsaubern von Ungeziefer wimmelnden Sacristei zuzubringen. Das war eine in der That sehr unsichere Nacht, die ich lange nicht vergessen werde. Doch auch hier verzog sich das Drohgewitter. Gott fügte es nämlich hier und an allen folgenden Orten, daß sich jedesmal ein Haupträdelssührer bekehrte, der mich dann beschützte. So hier zu D'Haunis. Als ich allein im Wohnhaus war, das ich nach jener Nacht bewohnte, da kam er zu mir und sagte: Fürchten Sie sich nicht vor mir; ich komme um Ihnen meinen Respect zu beweisen. Man wird Ihnen gesagt haben, ich stünde an der Spitze des Mob, den man gegen Sie angezettelt. Hochwürdiger Herr! ich habe Ihre Predigt gehört, und jetzt solle Einer etwas gegen Sie anfangen, da rechnen Sie nur auf meine Hilfe. — Es trug sich übrigens in D'Haunis ein sehr merkwürdiger Fall zu. Ich pflege nämlich in den Kirchen, wo ich Missionen gebe, wenn das Kreuz sich nicht im Freien ausrichten läßt, in der Kirche selbst ein Kreuz, 12 Fuß hoch, aus Wallnußholz verfertigt, aufzurichten. Jedes dieser Kreuze trägt die Inschrift in Gold: „Wer ausharrt bis ans Ende, wird selig." Da nun in dem kleinen Städtlein D'Haunis kein Vergolder war, so ließ ich das Kreuz zu Castroville verfertigen, und mit der Inschrift in Gold zieren- Man wickelte das Kreuz ein und legte es auf einen Wagen. Mir bangte gleich anfänglich, die Inschrift würde beim Fahren abgerieben und verletzt werden. So war es auch. Als das Kreuz ankam und enthüllt wurde, da war dir Inschrift beinahe unleserlich und ganz weggerieben. Der Pfarrer war trostlos. Doch siehe, was geschieht. Das Kreuz blieb so drei Tage lang in meinem Zimmer stehen. Als die Zeit kam, daß man dasselbe zur Einweihung in die Kirche bringen sollte, siehe, da stand die Inschrift unversehrt in vollem Goldglanze da. Wie der Pfarrer das sah, rief er: das haben 413 Sie gethan! — Freund, wie können Sie so etwas denken, war meine Antwort, ich habe doch kein Gold mitgebracht, und verstehe mich auch nicht darauf. Alles verwunderte sich. Das Kreuz stund die ganze Zeit in meinem Zimmer. Niemand berührte es. Da sagte ich den Leuten: Wisset ihr, Freunde, was dies zu bedeuten hat? Weder mein Predigen, noch eure Vorsätze können uns die Gnade der Beharrlichkeit versichern, sondern sie ist und bleibt eine Gnade. Bitten wir Gott recht oft und inständig um dieselbe vor diesem Kreuze. — Mir war dieser Fall um so trostreicher, weil es die äußerste Station meiner Missionsreisen in dieser Richtung war. Ich ging von D'Haunis nach Friedrichsburg. Diese Stadt liegt säst an dem Territorium der wilden Comanches- Jndianer. Da zog sich wieder gegen mich das Gewitter des Hasses und der Wuth der Radikalen schwarz in den drohendsten Formen zusammen. Eben zur Zeit der Mission sollten auch die Sänger von Texas ihr Sängerfest dort feiern. Was konnte diesen ungelegener kommen, als eben diese Mission? Es fügte, sich, daß die Kirche, wo ich Mission hielt, gerade an dem entgegengesetzten Theil der Stadt gelegen war. Dies war ein sehr erwünschter Umstand. Die Sänger hatten sich ein Gezelt für Musik, Spiel und Tanz aufgeschlagen, und vor der Kirche wurde auch ein Zeltdach aufgespannt, um die Menge der Zuhörer zu beschatten, welche nicht Raum in der Kirche fanden. Die Sänger wagten es nicht, sich dem Stadttheil der deutschen Kirche zu nahen; selbst nicht als sie ihre Proeessions-Umzüge hielten. Man hörte ihr Lärmen nur von ferne, während das andächtige Glöcklein der Kirche die Leute zu den geistlichen Uebungen rief. Das ganze war eine lebhafte Illustration der Meditation von den zwei Fahnen. Indeß, die Sache sollte doch nicht ohne Mobversuch gegen mich ablaufen. Es erhoben sich einige der Haupträdelsführer und beantragten, mich in der Nach: zu besuchen unb aus Friedrichsburg zu verjagen. Dagegen nahm ein Advokat aus St. Antonio das Wort. Wie, sagte er, meine Herren, Sie thun sich so viel auf die Redefreiheit von Amerika zu Gute! wie können Sie einem Priester verwehren, in der Kirche rundweg seine Meinung herauszusagen? Wenn Ihnen seine Predigt nicht zusagt, so bleiben Sie davon. Im Falle Sie sich unterstehen und thun dem Priester Gewalt an, dann meine Herren haben Sie es mit mir zu thun; ich werde ihn vertheidigen. Darauf erwiederten die Haupträdelsführer: Nun denn, wenn es hier nicht geschieht, daß der Missionär gemobt wird, so soll das doch gewiß in Neu-Braunsfeld geschehen. Sie gingen darauf eine Champagner-Wette ein, mich in Braunsfeld zu überfallen. Ich ging dahin ab, und es kostete sehr viel, einen Priester als Begleiter dahin zu bekommen. Jeder fürchtete sich. Die Gemeinde war schon drei Jahre ohne Priester, um so weniger durfte ich dort die Mission unterlassen. Endlich entschloß sich der Generalvicar von St. Antonio mit mir zu gehen. Die Lage der Kirche selbst erleichterte jedes Attentat gegen mich. Die katholischen Bürger sind seit Erbauung derselben größtentheils 5, 6 bis 8 Meilen weg von der Stadt auf das Land gezogen. So war ich mitten unter deu Protestanten. Sie konnten ihre Wette leicht gewinnen. Man warnte mich besonders vor einem Wirthe daselbst. Ich jedoch ging, als ich ankam, gerade zu ihm, und speiste daselbst. Der Mann wurde ganz enthusiastisch für mich und die Mission eingenommen. Als die Mitte der Mission herankam und die Rädelsführer an ihre Champagner-Wette dachten, da sprachen sie ganz offen im Gasthaus von ihrem Plan. Allein der reiche Gastwirth nahm meine Partei und sagte: Meine Herren, ich warne Sie, dem Missionär etwas anzuhaben. Sie sollen wissen, daß ich bereit bin. denselben zu vertheidigen, und koste es mich mein ganzes Vermögen. Sogleich bezahlen Sie den Champagner, nnd wir trinken denselben im Frieden mit einander aus. So geschah es auch. Ich bemerke hier gelcgenheitlich, daß ich in Braunsfeld auch den Trost hatte, zwei Tirolerfamilien zu begrüßen. Graf 414 Coreth wohnt nämlich ein paar Meilen von Braunsfeld entfernt, nnd Herr Carl v. Mayerhofen ungefähr 30 Meilen. Letzterem schrieb ich. Er kam mit seiner Gemahlin, was mich sehr erfreute, und wohnte dem Schluß der Mission bei. Ich begab mich von Braunsfeld nach Austin, der Hauptstadt des Landes. Die Anzahl der Deutschen ist daselbst klein. Ich predigte vorzüglich englisch. Wer sollte es glauben — selbst hier wurde ich bedroht. Man schrieb nämlich ganz absurde und infame Lügen in die deutschen Zeitungen, als hätte mich die Bevölkerung von Castroville, aufgeregt durch meine anstößigen Standespredigtcn, bis St. Antonio verfolgt rc- rc. Von allem war kein Wort wahr. Doch schlechte deutsche Radicale übersetzten diese Berichte ins Englische, und lasen dieselben auf Gassen und Straßen den Amerikanern vor. Indeß, diese konnten mich selbst hören, und somit verzog sich das Ungewitter auch hier. Es erübrigten noch drei deutsche Gemeinden in der Nähe von Friedrichsburg. Auch da war ich in einer dieser Gemeinden in großer Gefahr. Ein Protestant, dessen Frau katholisch war, und die ihm erklärte, daß alle Kinder katholisch erzogen werden müßten, kam in Raserei und sprengte an die Kirche heran. Nachdem er sich um dieselbe herum satt geflucht, wollte er den Mob einleiten. Allein Gott fügte es, daß gerade Der, welchen er zum Leiter des Aufstandes sich erkoren, bereits zur Beichte gekommen war und ihm erklärte, er schieße ihn sogleich nieder, wenn er etwas gegen mich unternähme. So kam ich auch hier unversehrt davon und hatte noch den Trost, in der nächsten Pfarre acht Protestanten in die h. Kirche aufzunehmen, d. h. alle, die in jener Pfarre sich befanden. Ich wohnte bei dieser Mission in einem ganz bethlehemitischen Pfarrhaus, nämlich in einem Pferdestall. Es war dies die einzige Hütte nahe an der im Walde gelegenen Küche. Indeß bietet ein solches Pfarrhaus doch mebr Trost in meinem Beruf, als alle die bequemen Wohnungen, die ich als Missionär in Deutschland bei Missionen bewohnte. Die Bisthnmer Asiens. Asien, der größte Welttheil, die Wiege des Menschengeschlechts, dessen größere Hälfte er allein in sich birgt, die Geburtsstätte des Christenthums, dessen göttlicher Stifter daselbst seine irdische Laufbahn wandelte, hat hinsichtlich der Ausbreitung der christlichen Religion durch Gottes Zulassung ungemeine Rückschritte gemacht. Alle jene blühenden Gemeinden und Bischofssitze, Zeugen der ruhmvollen Wirksamkeit der Väter der Kirche, sie sind zerstört, auf ihren Trümmern Hausen rohe Horden, fanatische Feinde des Christenthums, deren Wuth erst ganz neuerdings Ströme christlichen Blutes geflossen sind. Auch in den weiter gelegenen Ländern dieses ungeheuren Welttheils kämpft Satan mit äußerster Macht für seine Herrschaft, und weicht nur Schritt vor Schritt vor dem von allen Seiten eindringenden Evangelium zurück. Ob aber auch dieses Eindringen bisher nur sehr langsam von Statten gegangen ist, so dürfen wir uns doch ' der Hoffnung hingeben, baß auch für diese im Todesschlaf befangenen Gegenden der Tag des Erwachens nahe sei. Unter 650 Millionen Bewohnern befinden sich im Ganzen annähernd sechs bis höchstens sieben Millionen katholischer Christen (die Anzahl der Protestanten ist kaum nennenswerth), von welchen die größere Hälfte allein auf die Philippinischen Inseln kommen. Sie sind unter 109 Diöcesen vertheilt, von denen 38 allein auf die asiatische Türkei kommen, 25 auf Ehina und seine Nebenlande, 22 auf Ostindien, 8 auf Anam, 4 auf die Philippinen, 3 auf Persten, auf Japan, Siam, Java, Borneo je 1. Die der Zahl der Gläubigen nach größten Diöcesen befinden sich begreiflicher Weise auf den Philippinen, wo 3Vr Million Gläubige in vier Diözesen vertheilt sind, so daß fast auf jede eine Million Seelen kommen. Alle andern sind bedeutend kleiner bis zu vier, die sogar weniger als tausend (1000) Gläubige zählen; es sind dies Sero im griechischen Archipelagus mit 500, Zer (Tprus) in Syrien mit 700, Diarbekir und Kaisanich in Kleinasien, letzteres gar nur mit 250 Seelen, Armeniern, die erst neuerdings zur Kirche zurückgetreten sind. Die Zahl der Säcularpriester beträgt aber 6500, von denen 3000 auf die Philippinen kommen, 1900 auf die asiatische Türkei (darunter 1200 maronitische, 300 lateinische, 200 malchitische, 100 armenische, 100 syrische), 1000 auf Vorder-Jndien, 300 auf Anam, 200 auf China, die übrigen in geringerer Zahl zerstreut über den ganzen Erdtheil wirkend. — Von männlichen Ordensvereinigungen sind 19 in 188 Häusern vertreten, von denen die größte Anzahl (127) auf die asiatische Türkei kommt, während sich auf den Philippinen 30, in Ostindien 16 Niederlassungen befinden. Am zahlreichsten sind die Maroniten in 60 Häusern (1500 Mitglieder), die Franziskaner in 37, die Kapuziner in 20, die Lazaristen in 17, die Jesuiten in 14 Häusern; alle übrigen sind in geringerer Anzahl vertreten. Die Zahl sämmtlicher Ordensmitglieder ist unermittelt. — Von weiblicher Congregation finden wir 13 in 63 Häusern verzeichnet, von denen 35 auf die asiatische Türkei, 11 auf Ostindien, die übrigen in geringerer Zahl verstreut. Am zahlreichsten unter ihnen sind die Maronitinnen, 14 mit 400 Mitgliedern, die barmherzigen Schwestern in 12, die Josephsschwestern in 10 Häusern; außer ihnen finden sich die Schwestern vom guten Hirten (in 2 Häusern), Englischer Fräulein (2), Lorettinerinnen (3), Congregation der Heimsuchung Maria (3), Töchter von Sion (2), die Schwestern von Nazareth in Palästina, Morizschwestern (in China), Damen vom hl. Mauros (in Hinter-Jndien), Jgnatiusschwestern und Carmeliter Ordens- srauen in einer Niederlassung. Die Zahl der Mitglieder ist ebenfalls nicht ermittelt. (Schluß folgt.) Die letzten Lebensmomente Sr. Ein. des Cardinals Btale-Prela, Erzbischofs von Bologna. ß Gegen das Ende deS Monats Februar hat sich der Cardinal bei der allzu rauhen Jahreszeit ein Brnstleiden zugezogen, das er bei der Erfüllung seiner Berufspflichten nicht beachtete, und dessen Hebung er in seinem Eifer nicht die Aufmerksamkeit widmete, die es erheischte. Das Leiden steigerte sich mit jedem Tage; aber er unterließ nicht, mit Wärme sich allem Dem zuzuwenden, was sein beschwerliches Amt ihm auflegte. Im April hatte das Leiden solche Fortschritte gemacht, daß man an seiner Rettung verzweifelte; aber durch seine Geisteskraft und seine Seelenstärke mochte er an eine Besserung mit dem Eintritte der bessern Jahreszeit und mit einer Luftveränderung glauben. Eitle Hoffnung! die Landlnft war ihm nicht zuträglich, sondern vielleicht sogar schädlich. Die Symptome mehrten sich und schwächten seine Kraft, aber nicht seinen Muth, obgleich die damaligen Verhältnisse ihm daS Herz sehr verbitterten. Nach einigen Tagen Aufenthalt war er zur Rückkehr nach Bologna genöthigt, und kam daselbst viel gebrechlicher und schwächer am 8. Mai des Abends an. Am folgenden Tage verließ er daS Bett und blieb den ganzen Tag hindurch auf. Durch die Bitten derer, die ihn besuchten, ließ er sich am folgenden Tage bestimmen, im Bette zu bleiben, und gegen Abend sowie während der Nacht stellte sich ein heftiges Fieber ein, das ihm die Besinnung raubte. Am 11. kehrte diese zwar wieder zurück, aber die Kräfte schwanden immer mehr. Am Sonntage den 13. empfing er die hl. Wegzehrung und richtete an den Klerus und au die vielen Bologneser, welche bei der hl. Handlung anwesend waren, folgende Worte: „Bevor ich von meinem innigstgeliebten Volke scheide, will l '-s ich, daß es durch mich Zeugniß erhalte von dem Glauben, der Frömmigkeit und Nächstenliebe, welche ich zu meinem großen Troste iu seiner Mitte habe blühen sehen. Dann will ich, baß mau wisse und kenne die besondere Liebe zu meinem Klerus, hauptsächlich zu meinem Capitel und der gesammten Pfarrgeistlichkeit, die sich durch Eifer und ein musterhaftes Leben so sehr auszeichnet, und die meine Hilfe und Stütze gewesen. Ich bitte dann Alle, immer mehr zu wachsen iu der religiösen Gesinnung, welche Bologna so sehr auszeichnet, und unerschütterlich festzustehen iu der Vereinigung mit dem Mittelpuncte der Einheit, der Säule der Wahrheit, dem Stuhle des hl. Petrus, dem römischen Papste. Ich habe mein Leben zum Opfer gebracht für mein Volk; und wenn der Herr mich gnädig in den Himmel aufnimmt, so werde ich vollenden das Werk, au dessen Ausführung mich die Kürze des Lebens und die Ungunst der Zeitverhältnisse auf Erden gehindert." Thränen iraten in die Augen aller Anwesenden, und das zahllose Volk, welches den Hofraum des. erzbischöflichen Palastes anfüllte, stimmte ein iu die Klagen deS Klerus, der das allerheiligste Altarssacrameut begleitete. Er segnete alle seine Diener, seine Freunde und Anwesenden, die um das Bett herum knieten. Da er ihre Thränen bemerkte, so sagte er mit heiterer nnd lächelnder Miene, daß sie ja keine Ursache haben sich zu betrüben, sondern daß sie sich vielmehr freuen sollten, weil Christus der Herr sein Flehen erhört und seine Wünsche, sich zum Besten seines Volkes zum Opfer zu bringen, erfüllt habe. Diesen nnd den folgenden Tag brachte er in beständiger Betrachtung nnd im Gebete zu, soweit eS sein schweres Leiden ermöglichte. Das, was ihn bedrohte, erfnhr er zwar nicht mehr, wohl aber sah er noch die Gefangeuuehmung seines GeneralvicarS, des Monsignor Ratta, die in demselben Augenblicke stattfand, in dem er ihm die hl. Wegzehrung reichen sollte. Auch seine Verhaftung würde erfolg! sein, wenn fein Zustand die Trausporiirung in den Kerker erlaub! hätte. Gegen die Nacht vom 14. auf den 15. war der Schmerz sehr groß; er war auf das Höchste gestiegen; zu den Personen, welche knieend für ihn beteten, sprach er, sie möchten lauter beten, weil er noch mit ihnen beten wollte. Es war schon Mitternacht, wenige Augenblicke nur mehr in seinem Lebe, da verlangte er eines seiner Gebetbücher, mit dem Titel „Das Licht nnd die Liebe der Welt" Luzern 1833 und las das in demselben enthaltene Gebet bei der vierzehnten Kreuzwegsstatiou. Als er eS gelesen, bat er die Umstehenden, daß sie drei Vaterunser und Ave zn Ehren deS heiligen Michael beten möchten, und entschlief dann im Frieden deS Herrn. Wer seinem Glauben nicht treu ist, der ist auch seinem Könige nicht treu. Der Kaiser Constantius Chlorus stellte sich, als wolle er nach seiner Vorgänger Sitte die Christen aufs Neue verfolgen und sie zwingen, den Götzen zu opfern. Er drohete seinen Hofdienern mit Lein Verluste ihrer Güter und Ehren- stellen, wofern sie nicht an dem Götzendienste Theil nehmen wollen. Mehrere gaben alsbald ihre Bereitwilligkeit kund, dem Willen des Kaisers nachzukommen; Andere standen fest wie Eisen in ihrem Glauben und erklärten offen heraus, sie würden um keinen Preis von demselben ablassen. Die Letzteren behielt Constantius in seinem Dienste, die Ersteren verabschiedete er alle insgesammt. Recht so! Wer seiner Religion und seiner Kirche Treue und Gehorsam beweiset, der wird sich als der beste Unterthan und der zuversichtlichste Freund bewähren. Redaction und Verlag: Dr. M. Huitlcr. — Druck von I. M. Älcinlc. Hi. LS. 30. December 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 rr., wofür cS durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. HM" Beim Herannahen des Jahres und resp. des l. Quartals oder I. Semesters 1861 erlauben wir uns, unsere ergebenste Einladung zur baldigen Bestellung des Augsburger Sonntags-Blattcs (Beiblatt zltr AugSbnrger Post-Zeitung) zu machen, auf daß wir die Auslage bemessen und unsern Titl. Herrn Abonnenten vollständige Exemplare liefern können. Der AbonnementS-Preis ist derselbe wie im abgelaufenen Jahre (pro Quartal SO kr., pro Semester 40 kr). Man abonnirt bei -er nächstgelegenen Poststation. Auch durch den Buchhandel kann der Bezug bewerkstelligt werden. Die Expedition. Die Grenelscenen in Syrien. (Schluß.) Damascus, den 16. Juli. Ich schreibe Dir in Eile einige Worte, die ich einem genaueren Berichte entnehme. Montag, den 9. Juli. — Am Morgen hatte man auf die Thüren mehrerer Häuser geschrieben: Tod den Christen! Gegen Mittag sah sich das christliche Quartier plötzlich von muselmännischen Banden überfluthet; das Haus des Consuls von Rußland wird unter den ersten angegriffen, geplündert und verbrannt; der Consul war in diesem Augenblick nicht zu Hause; auf mehreren Punkten bricht Feuer aus; die Besatzung, welche Kanonen hat, läßt Alles geschehen; die Plünderer stehlen ganz offen, ja selbst Soldaten verlassen ihre Reihen, um ihren Theil an der Beute zu haben, auch sieht man Frauen, die von den Terrassen herunter die Männer zur Plünderung und zum Gemetzel antreiben. Wir denken daran uns zu vertheidigen, da wir des Glaubens sind, daß es sich nur um einige Banditen handelt; aber da wir hören, daß sie zu Hunderten auf einmal die Häuser erstürmen, daß sie zugleich morden, und das Feuer uns bald umgeben wird, so denken wir an die Flucht; es war hohe Zeit, denn während wir auf die Terrasse steigen, stößt man bereits die Thür ein; mit Hilfe einer Leiter gelangen wir von Terrasse zu Terrasse zu dein Hause Boulade, welches auf die Hauptstraße geht und dem Consulate Griechenlands gegenüber liegt. Es ziehen Truppen vorüber; wir sprechen mit dem Ofsicier; derselbe antwortet uns, Geduld zu haben; einer seiner Soldaten legt das Gewehr auf uns an, und wir haben nur eben Zeit, uns zurückzuziehen; wir beeilen uns, während von Weitem fortwährend Flintenschüsse auf uns gerichtet werden, die Straße zu passiren, und uns zu dem Consul Griechenlands zu flüchten, vor dessen Hause sich eine Abtheilung Soldaten befindet; aber zehn Minuten später zieht diese Abtheilung schon ab und läßt uns von Neuem unserm Schicksal ausgesetzt, als glücklicherweise der Emir Abd-el-Kader an der Spitze seiner Algierer erscheint, um die Flucht der Christen zu beschützen und alle, die er kennt, in seine Wohnung zu führen; wir schließen uns ihm an, und auf dem Wege bemerken wir Soldaten, die ebenfalls plündern. Nach sehr vielen Gefahren kommen wir beim Emir an, wo wir die Con- suln von Frankreich und Rußland finden, die sich bereits dahin geflüchtet hatten .... Nach und nach langen die Vater Lazaristen, die Schulschwestern mit ihren Waisen und 200 Kindern, griechische, syrische, maronitische und viele andere Christen an, welche die Algierer herbeiführen; das HauS des Emirs ist überfüllt. Während der Nacht schickt der Gouverneur und läßt die Consuln und Europäer fragen, ob sie wünschen, nach der Festung geführt zu werden, wo ein geeigneter Raum hergerichtet ist; der Consul Frankreichs und andere Europäer lehnen dies ab, der russische Consul, ein Arzt und ich, so wie zwei Lazaristen nehmen das Anerbieten an. Aus dem Wege laufen wir die größte Gefahr; dreimal werden wir von den Türken angehalten, welche verlangen, daß man uns ihnen überliefere; endlich, ein wenig vor Tagesanbruch langen wir an. Die Feuersbrunst ist ungeheuer; der Himmel ist vom Feuer geröthet. Dienstag, den 10. Juli. — Die Algierer Abd-el-Kader's haben inmitten der Flammen die ganze Nacht das christliche Quartier durchzogen und alles was sie finden konnten mit sich geführt; aus Mangel an Raum führt man die Christen in Zügen nach der Festung; bald befinden sich dort mehrere Tausend Männer, Frauen, halbnackte Kinder, wovon einige verwundet sind. Man erfährt, daß die Drusen, Türken und Araber der Umgegend angelangt sind, um an der Plünderung Theil zu nehmen; da die Letztem zu spät gekommen sind, so schleppen sie Frauen und Mädchen mit sich in die Wüste. Die Feuersbrunst dauert fort. Wir fühlen uns in der Festung, wo die Thüren offen stehen, und worin sich nicht 100 Soldaten befinden, nicht sicher; wir erinnern uns des Blutbades von Hasbeia und Rascheia,*) wo unter dem Verwände, die Christen zu beschützen, man dieselben vereinigt hatte und dann die Soldaten sie durch die Drusen hatten morden lassen. Zuletzt langen die Christen mit Tausenden in der Festung an, und wir fürchten, daß der Hunger gar bald die Folge sein werde; wir ziehen von einer Escorte begleitet nach dem Serail, unter dem Verwände einer Mittheilung an den Pascha, in Wahrheit aber; um dort wo möglich eine Zuflucht zu finden. Die beiden Secretäre des Pascha's veranlassen uns, bei ihnen zu bleiben; dort langen alle Nachrichten, alle Details an. An diesem Tage wird das französische Consulat sechs Mal angegriffen, aber der Angriff wird immer von den Algierern abgeschlagen, und die Nachbarn verhindern, daß man über die Terrassen in das Gebäude gelange. An diesem Tage wurden auch die Unglücklichen, welche sich mit Hunderten in die Kirchen und Klöster geflüchtet hatten, verbrannt; Die Väter des h. Landes kamen alle um, und in der griechischen Kirche mehr als 500 Opfer. Da der Pascha unsere Ankunft im Serail erfährt, läßt er uns zu sich rufen und ladet uns zum Mittagessen ein; der Pascha scheint guter Dinge, und während 14,000 Leichen in den Straßen liegen, speisen wir beim Schalle der Musik; es war wirklich herzzerreißend. Der Pascha richtet einige Worte an uns über die Ereignisse: er gibt als Grund an, daß er nur 600 Soldaten habe, die seit 35 Monaten keinen Sold empfangen und von denen die Hälfte Uebelthäter seien, die man mit Gewalt zu Soldaten gemacht. Wir stellen uns, als ob wir diese Gründe für zutreffend halten, aber wir wissen, daß die besten Truppen absichtlich auf die Seite gebracht worden sind; denn Emir-Pascha (Ungar) und Mustapha Pascha (ein entschlossener Mann) sind zu Balbek und im Hauran mit nichtssagenden Missionen betraut. (Ahmed Pascha, der Gouverneur von Damascus, ist mit mehreren andern Officieren am 8. September in Damascus standrechtlich erschossen worden.) *) Vielleicht eine Verwechslung mit dem Vorgänge zu De-r ei Kamar. 419. Mtsfionsberichle des hochw. ^ Franz Laver Weninger. (Schluß.) Nachdem ich aus solche Weise den zwölf deutschen Gemeinden in Texas die Mission abgehalten, kam ich glücklich nach Galveston zurück. Ich dankte Gott, daß ich dort kein gelbes Fieber fand. Das wäre gefährlicher gewesen, als alle die durchgemachten Glaubensversolgungen. — Während meiner Abwesenheit von Galveston starb allda ein Franzose, an dessen Krankenbett ich auch einen nicht uninteressanten Pastoralsall erlebte. Dieser Franzose war bereits gegen 70 Jahre alt; ein echtes Muster französischer Nationalität. Er rühmte sich, katholisch zu sein, hatte aber in seinem ganzen Leben noch nie gebeichtet. Er entschuldigte sich immer, es sei ihm unmöglich, Reue und Leid zu erwecken, und so sei es für ihn unnöthig zu beichten; er könne doch nicht losgesprochen werden. Der hochwürdigste Bischof ersuchte mich, zu ihm zu gehen, denn sein Lebensende könne nicht mehr ferne sein. Er lag allein in einem Hause, und man kam nur zeitweise nachzusehen, wie es ihm gehe, und um ihm Nahrung zu bringen. Ich ging zu ihm. Er antwortete mir wie Allen, die Beicht sei umsonst, da er keine Reue erwecken könne. Da ich schon öfter wahrgenommen, daß dergleichen Menschen, denen die Beichte ein Bedürfniß war, und die nur durch teuflische List aus Furcht von der Beichte zurückgehalten wurden, auch außer der Beichte, wenn man sie so ausfragt wie im Beichtstuhl, ganz aufrichtig antworten und beichten, so fing ich die Beichte mit diesem Kranken geradezu an, und fragte ihn aus. Er antwortete ganz unbefangen auf alle meine Fragen. Als ich die Gewissenserforschung beendigt hatte, sagte ich ganz freundlich zu ihm: Sehen Sie, jetzt haben Sie gebeichtet. Er machte große Augen. Ja wohl, sagte ich, oder wissen Sie noch etwas. Er antwortete: Nein, aber was hilft es, ich kann ja keine Reue erwecken. Da zog ich ein Kreuzbild heraus, und hielt es ihm vor. Sehen Sie auf das Kreuzbild, sagte ich, und ich werde für Sie die Reue erwecken. Da erweckte ich laut diesen Act, und so nachdrücklich als ich konnte. Der Kranke blickte dabei bald auf mich, bald auf das Kreuz. Auf einmal füllten sich seine Augen mit Thränen. Mein Gott! rief er aus, was ist doch das, was ich jetzt fühle; ist das nicht die Reue? Ja wohl, sagte ich, und sprach ihn los. Ich hoffe, er starb als ein Kind der Seligkeit. Ich feierte das Fest des hl. Jgnatius in New-Orleans, im Collegium der Unseligen. Ich habe nie eine Kirche im mozarabischen Styl gesehen. In diesem ist unsere prachtvolle Kirche in New-Orleans gebaut. t>. Camhiaso entwarf den Plan und leitete den Bau. Darauf gab ich drei Missionen im Staate Jndiana, nämlich zu Canelton, Trotz und Ronport, und begab mich nach Brooklyn, New-Vork gegenüber. Ich hatte, so lange ich in Amerika bin und Missionen gebe, keine so große Menschenmasse versammelt gesehen, als unter dem Missionskreuz zu Brooklyn. Wer sollte es glauben, daß es mir möglich war, ein Missionskreuz im Freien zwischen den drei mächtigen Städten New-Uork, Brooklyn und Williamsburg aufzurichten, welche drei Städte eigentlich nur eine Stadt bilden. Ich hatte so was freilich nicht geträumt, als ich vor eils Jahren zum ersten Mal New-Vork erblickte. Hierauf gab ich die Misston zu Randout am Hudson-Strom. Ich fand beinahe die Hälfte der großen Gemeinde aus gemischten Familien bestehend. Da gab es nun Arbeit, um die Erziehung der Kinder der heil. katholischen Kirche zu sichern. Doch Gott Lob und Dank, es gelang mir. Ich ging hieraus in die Höhen der Olleghanys, in jene Gegenden, wo Fürst Galizin die katholischen Gemeinden gründete. Ich gab die erste Mission daselbst in der großen Fabriksstadt Johnstown. Allda arbeiten an 3000 Männer in einer einzigen Eisensabrik, Ei » s W 420 Hierauf gab ich die Mission zu Carrolton und in drei angränzeuden Gemeiden, und zuletzt noch in der Stadt Jndiana, gleichfalls auf den Höhen der Olle- ghanys gelegen. Es war mir ein wahrer Trost, auf'diesen höchsten Höhen der östlichen Berge der Vereinigten Staaten das siegreiche Banner des hl. Kreuzes zu erheben. Alle diese Pfarren werden jetzt von den UU. Benedietinern von St. Vincenz versorgt. Ich begab mich hierauf nach Fort-Wahs, wo sich die deutschen Katholiken eine ungemein stattliche Kirche im gothischen Styl erbauten. Bischof Luers, mein alter Freund aus Cincinnati, wo er früher Pfarrer war, beehrte die ganze Mission mit seiner Gegenwart. Hier ereignete sich auch ein merkwürdiger Versöhnungsfall. Es lebt daselbst ein Vater, der einen solchen Haß gegen seinen bereits verheirateten vierzigjährigen Sohn faßte, daß er denselben im Friedhof selbst bei einem Leichenbegängnis; erschießen wollte. Nach der Predigt von der Versöhnung kam der Sohn in die Sacristei, und bat mich unter Thränen, ihn mit seinem Vater zu versöhnen. Ich ließ den alten Mann aus der Kirche rufen. Sowie er in die Sacristei eintrat, fällt der Sohn ihm weinend zu Füßen. Da kniet der alte Vater sich auch vor ihm nieder. Beide weinten und unarmten sich vor mir auf den Knien. Es geschah bei derselben Predigt, daß Einer, der in tödtlicher Feindschaft mit einem anderen Manne lebte, sich bei der Predigt dachte: Ach Gott, was fange ich an; wenn ich zu dem Manne gehe, so schießt er mich doch nieder. Wie er so nachdenkt, da klopft ihm Jemand auf die Schulter. Er sieht sich um: das war eben der Feind, der ihm während der Predigt die Hand zur Versöhnung reichte. Nun eilte ich nach Cincinnati, um allda die Festpredigt in der neu con- secrirten St. Franziskus-Kirche zu halten, wovon bereits ein Bericht, so viel ich weiß, an Ihre geehrten Blätter abgegangen. Ich erneuerte hieraus noch die Mission in der Kirche des heil. Augustin und beging dabei zugleich den Schluß des Jahres. Ich hatte Ursache, der göttlichen Vorsehung besonders für deren huldreichen Schutz in den Missionen von Texas zu danken. Ich dankte aber dabei für nichts so sehr, als daß es mir gelang, für Texas den Orden der Benediktiner von St. Vincenz zu gewinnen. Gott gebe diesem hochverdienten Orden ein recht gesegnetes Feld allda, und besonders den deutschen Gemeinden durch denselben eine bleibende Stütze Es lebe Jesus! k>. F. L. Weninger, Missionär aus der Gesellschaft Jesu. Glauvenseifer eines Kindes. Als sich Leonidas, Vater des berühmten Kirchenvaters Origenes, wegen des christlichen Glaubens im Kerker befand, überschickte ihm dieser zärtliche, noch nicht 14 Jahre alte Sohn folgenden Brief: „Ach Vater! ich bitte dich knieend, verleugne nicht unsertwegen Christum. Ich werde statt deiner meine Mutter und meine sechs Brüder ernähren, ich werde von Haus zu Haus betteln, damit sie leben tonnen, wenn du für den Glauben stirbst." Redaction und Verlag: Dr. M. Huttler.— Druck von I. M. Rleinlc. Nr. 1. 5. Januar 1868. Der Siege göttlichster ist das Vergebe». Iea» Paul. LLM AM Rache «md Liebe. Nacb dem Französtsckm von B>na S ch. Während der langen Kämpfe zwischen England und Frankreich znr Zeit der Republik und unter dem Kaiserreich war eine Reise nach den Antillen, so häufig und gefahrlos in unsern Tagen, nicht ohne große Schwierigkeit. Aber wenn auch der Seehandel mit Gefahren verbunden war, so führte er doch um so schneller z« Glück und Reichthum. Die Kolonialwaaren standen so hoch im Preis, daß zwei, drei glückliche Fahrten genügten, den Seeleuten ein bescheidenes Auskommen für den Nest ihrer Tage zu sichern, oder — was sie meistens vorzogen — ihnen einige Monate lang ein lustiges Leben zu gestatten. Trotz der Wachsamkeit der Engländer fehlte es daher nicht an kühnen Männern, die ihr Glück versuchten. Im August 1807 schickte sich der Dreimaster Maria-Hilf an, die Nhcde von Basse-Terre, der Hauptstadt von der Insel Quadeloupe, zu verlassen. Das Sprachrohr in der Hand ertheilte der Capitän Borschel die vor der Abfahrt nöthigen Befehle, als ein kleiner Nachen auf sie zukam, der bei den vereinigten Anstrengungen von vier kräftigen Ruderern schnell über das Wasser dahinglitt, und in welchem zwei Frauen und ein Kind saßen. Als der Capitän sie gewahrte, drückte er durch einen energischen Fluch sein lebhaftes Mißfallen über" ihre Ankunft aus: »Hol' der Henker diesen Eigensinn! Sie wird es bitter bereuen, wenn cS zu spät ist; wäre ich doch schon zehn Meilen weit in See!" Indessen trotz seinem Aerger half er doch den neuen Passagieren an Bord. Zuerst stieg eine farbige Frau aus, deren ergrautes Haar mit einem bunten Tuch zusammen- gefaßt war. Sobald sie an Bord gekommen, streckte sie die Hände nach dem kleinen Knaben aus, den ihr einer der Schiffer emporrichte und den die kurze Luftfahrt sehr z» amüsircn schien. Nachdem die Dame, die zuletzt den Kahn verließ, die Schiffer reichlich belohnt hatte, reichte sie Herrn Borschel die Hand zum Aussteigen, und dieser nahm sich so viel als möglich zusammen, seine üble Laune zu verbergen. Ja Frankreich hätte man die junge Reisende für fünfundzwanzig Jahre halten können; wer aber weiß, wie schnell man in diesem südlichen Klima altert, der hätte gefunden, daß sie noch nicht so alt sein konnte. Ihre feinen regelmäßigen Züge und ihre unmuthige Gestalt verriethen, daß sie sehr schön gewesen sein mußte, aber Krankheit oder Kummer hatten ihr den Reiz der ersten Jugend genommen. Obwohk die Bewegungen der jungen Frau von der den Crevlinen eigenen Nachlässigkeit zeugten, bemerkte man doch bald, daß sie in besonderen Fällen großer Energie fähig wäre. Wenn sie ihr wunderbar schönes Auge, das meist halb geschloffen war, einmal aufschlug, verrieth dieser Blick heftige Leidenschaftlichkeit. Der Capitän hatte in diesem Augenblick nicht Zeit, sich viel mit den neuen Ankömmlingen zu beschäftigen, erst nach einer Stunde, nachdem alle Anordnungen getroffen waren, näherte er sich der jungen Frau, die auf dem Verdeck spazieren ging, während die Mulattin das Kind einschläferte. Sie ging sogleich mit einem liebenswürdigen Lächeln ihm entgegen, so daß der Capitän, statt der Vorwürfe, die er ihr nmche« wollte, nur sagte: „Sie haben es also durchaus gewollt, gnädige Frau!* „Ja, Herr Capitän, zweifelten Sie an meinem Entschluß?* „Oh,* brummte dieser zwischen den Zähnen, den alten Volksspruch verkehrend: „Frauenwille — Teufclswille." „Was sagen Sie?" — fragte die junge Crcolin. „Daß Sie sich an das erinnern sollen, was ich Ihnen gesagt habe; Sie kennen die Gefahren, ich will keine Schuld haben.* „Sie scheinen keine große Zuversicht auf die heilige Patronin ihres Schiffes zu haben," sagte die junge Dame lächelnd, „da hab' ich schon mehr Vertrauen. Uebrigcus," fügte sie mit einem Blick auf die Stückpforten bei, „scheint mir, daß es den Herren Engländern nicht so leicht werden soll, uns zu fangen, wenigstens würden wir unsere Freiheit theuer verkaufen." „Wie tapfer Sir sind!* spottete der Capitän. „Die Wahrheit zu sagen, liegt mir nichts daran, Ihnen Beweise davon zu gebe«, aber das verspreche ich Ihnen, daß Sie im Fall eines Unglücks nicht von Klagen und Jammergeschrei belästigt sein sollen. Glauben Sie mir, Herr Borschel, ich habe die Reise nicht leichtsinnig unternommen; ich habe lange überlegt, nicht meinetwegen, sondern meines Kindes wegen; nachdem ich gefunden, daß sein Interesse mehr noch als das meine dieselbe gebietet, war mein Entschluß gefaßt. Ich glaube, Ihnen diese Gründe mittheilen zu sollen, damit Sie mich nicht für unbesonnen halten." „Wenn diese Gründe Ihnen genügen, so muffen sie es mir wohl auch, obwohl ich bezweifle, daß Sie eine solche Reise rechtfertigen?" „Oh, die Männer," sagte die junge Dame mit Bitterkeit, „die kennen keine ander« als materielle Interessen." „Wir ziehen eben den gesunden Verstand zu Rathe." „Und wir das Herz, wollten Sie sagen.* „Eigentlich wollte ich etwas Anderes sagen." „Lassen wir daS," sagte die Dame etwas stolz, „Sie werden mir nie Recht geben, also sprechen wir nicht mehr davon." Mit diesen Worten machte sie eine leichte Verbeugung und ging zur Wärterin, die endlich das Kind in Schlaf gebracht hatte. „Fürchtest Du nicht, gute Mela," sagte die Fremde, die wir künftig Luch nenne« wollen, „daß die Abendluft Georg schaden möchte?" „Ich gehen schon, aber Herrin auch nicht bleiben auf dem Deck." „Nur noch einige Augenblicke, die Kühle ist so angenehm." Als Mela ging, beugte sich die junge Frau über das Kind und drückte einen Kuß auf seine Stirne. Nachdem sie allein war — deun die Paar Matrose« waren keme s lästigen Zeugen — wandte sie den Blick traurig der Heimath zu und ein tiefer Seufzer entstieg ihrer Brust. Ein unbestimmtes Borgefühl sagte ihr, daß sie ihr schönes Vaterland nicht mehr sehen werde. Und welch' bittere Schmerzen harrten vielleicht ihrer in diesem Frankreich! Aber wenigstens wird sie ihr Schicksal erfahren; ist nicht Alles dieser entsetzlichen Ungewißheit vorzuziehen? Was waren die Gefahren, von denen ihr der Capitän Borschel sprach gegen das, waö sie vielleicht fürchten mußte? Vielleicht eine Gnade von Gott, um nicht viel Schrecklicheres zu erleben. Mit solchen Gedanken beschäftigt, umgeben von dem großartigen Naturschauspiel, faltete sie unwillkürlich die Hände und flüsterte leise: „Mein Gott, steh' mir bei mit Deiner Gnade in der schweren Prüfung, die ich vielleicht zu bestehen habe; gib mir Kraft gegen das Unglück zu kämpfen, und wenn es unabänderlich ist, gib mir Ergebung es zu tragen." Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als sie inne hielt. Der Ausdruck ihrer Züge verrieth, daß die Ergebung keine Tugend sei, deren Ausübung ihr eben leicht würde. Dann ging sie, wie um ihren Gedanken zu entfliehen, mit langen Schritten auf und ab. Einige Augenblicke nachher kam Mela zurück, um ihre Herrin wiederholt zu mahnen, sich zur Ruhe zu begeben. Die alte Mulattin war Lucy's Amme gewesen, und ein wahrer Typus der Hingebung und Anhänglichkeit, die man manchmal bei den Schwarzen findet, es war zugleich die Treue einer Mutter und einer Sclavin, die vor keinem Opfer zurückgcbcbt wäre. Mit derselben Sorgfalt pflegte sie jetzt Georg, wie einst Lucy, deren volles Vertrauen sie besaß; sie kannte die Beweggründe ihrer Reise nach Frankreich und gerne hätte sie diese um den Preis ihres Lebens vereitelt. Aber vergebens hatte sie ihre Gebieterin fußfällig angefleht; sobald sie ihre Anstrengungen erfolglos sah, unterwarf sie sich mit jenem der Sclavcrci eigenen passiven Gehorsam und verlangte die einzige Gnade, von ihren Lieblingen nicht getrennt zu werden. N. Der Widerwille, womit Capitän Borschel Lucy gleichsam gezwungen an Bord aufl genommen hatte, verschwand schon in den ersten Tagen der Reise. Er hatte gefürchtet/ die an allen Conifort gewöhnte reiche Creolin werde sich schlecht in einen längeren Aufenthalt auf einem Handelsschiff finden, wo, wie bekannt, jede Bequemlichkeit der Nothwendigkeit zum Opfer gebracht wird, so viele Waaren als möglich unterzubringen. Es bedurfte auch eines förmlichen Befehls von Seite seines RhedcrS, um ihn zur Aufnahme der Dame zu bewegen; als er aber sah, mit welcher Geduld sie alle Unannehmlichkeiten des Scclebcns ertrug, erklärte er, sie sei würdig, die Frau eines Seemannes zu sein, «in Compliment, das in dem Munde des Capitänö ein non plus ultra von Galanterie war. Lucy brachte fast alle Abende auf dem Verdeck zu und suchte im Gespräch den Capitän öfter über Frankreich auszufragen. Dieser aber konnte nicht begreifen, wie man Interesse für eine andere als eine Hafenstadt haben könne, und nur wenn er von dem schönen, stolzen Bordeaux sprach, da konnte er nicht genug erzählen. Je mehr man sich dem Ziele der Reise näherte, desto unruhiger und erregter wurde Lucy, sie schien die Ankunft gar nicht erwarten zu können. Das Wetter war beständig schön gewesen und alles ließ auf eine glückliche Ankunft hoffen. „Noch acht Tage solchen Wind und wir sind am Ziel," sagte Herr Borschel ganz vergnügt; „dann will ich die ganze Kriegs- daucr über nicht mehr in See gehen, damit meine arme Frau sich nicht mehr so sehr um mich sorgen muß. Doch haben wir noch nicht völlig gewonnenes Spiel, je mehr wir uns der Küste nähern, desto gräßcr wird die Gefahr." Drei Tage später traf Lucy eines Morgens den Capitän mit dem Fernglas in der Hand eifrig nach einem Punkt am Horizont spähend. „Was betrachten Sie so aufmerksam," fragte sie, „gibt es etwa ein Gewitter?" 4 „Wollte Gott!" murmelte der Capitän, dann fügte er laut hinzu: „Nein, wir »erden ganz schönes Wetter bekommen.* Die Crcolin heftete ihre großen schwarzen Augen neugierig auf den Seemann und nahm dann das Fernglas, das er ihr lächelnd überließ. Nach vergeblichen Versuchen sich dessen zu bedienen, legte sie es ärgerlich bei Seite und sagte: „Sie verbergen mir, eine Gefahr; theilen Sie mir dieselbe lieber mit, denn meine Phantasie vergrößert sie nur noch.* „Darf ich denn nicht einmal mehr durch mein Fernglas schauen, ohne daß ich einen Vorwand erfinden müßte?* „Oh, ich laste mich nicht mit leeren Worten abspeisen, da Sie mich aber zum Warten verdammen, gut, so werde ich warten.* Sie setzte sich an ihren gewöhnlichen Platz in der Nähe des Steuerruders und der Capitän ging nachdenklich auf und ab. Nach einiger Zeit griff er wieder nach dem Glase, sah scharf auf denselben Punkt hin und trat dann auf Lucy zu mit den Worten: „So hören Sie denn: Ich sehe da unten eine englische Fregatte, von der ich etwas weiter weg sein möchte.* Ein leichtes Zucken glitt über die Züge der Creolin, indessen verrieth ihre Stimme keine Furcht, als sie sagte: „Und glauben Sie, daß man uns auch gesehen hat?* „„Noch nicht, aber das wird nicht ausbleiben und bald werden wir erfahren, was sie vor hat.** „Und wenn sie uns angreift, was gedenken Sie zu thun?* „ „Ich habe keine Wahl, mein Gott — alle Segel aufspannen und mich auf die Fittige von „Maria-Hilf* verlassen. Mein Dreimaster ist ein vortrefflicher Segler und wir können noch entwischen; uns aber in einen Kampf einzulassen — daran ist nicht zu denken.*" Der Capitän rief jetzt alle seine Leute auf's Verdeck und Lucy, die nicht im Wege ein wollte, ging in die Cajütte hinab, der Mulattin ihre tödtliche Angst noch verbergend. Nach einer Stunde kam sie wieder herauf und wandte sich an einen der Matrosen, von dem sie eher die Wahrheit zu erfahren hoffte, als vom Capitän: „Glaubt Ihr, Freund, daß sie uns gesehen haben?" fragte sie. „„Ob sie uns gesehen haben, die Meerschweine! sie glauben uns schon zu packen.** „Und hofft Ihr nicht, daß wir noch entrinnen können?" Der Matrose schüttelte zweifelnd den Kopf. „ „Wie können wir so schnell wie sie fahren, die wir alle Flanken voll Kaffee und Zucker gestopft haben.** „So müssen wir uns also darauf gefaßt machen, gekapert zu werden?" „„Gekapert!"* rief der Matrose, „„ich hoffe wohl, der Capitän wird sich zuerst ein Bischen wehren. Ich für meinen Theil möchte lieber auf dem Meeresgrund liegen, als auf ihren alten Gerippen zu Grunde gehen.*" Bald konnte auch ein ungeübtes Auge gewahr werden, daß die Fregatte immer näher kam. Obwohl man sich noch nicht auf Kanonenschußweite nahe war, merkte Borschcl doch schon die Absicht des Feindes: er wollte die schöne Beute unbeschädigt haben und gedachte sie zu entern. Da griff er zu einem verzweifelten Mittel: er ließ den größten Theil der Ladung in's Meer werfen, theils um schneller zu segeln, theils um im schlimmsten Fall dem Feind die Beute zu schmälern. Mit etwas bewegter Stimme gab er den Befehl, der jedem Matrosen seinen Antheil am Gewinn rauben sollte, aber nicht das leiseste Murren ließ sich vernehmen, mit der größten Schnelligkeit ging Iedec an's Werk; ihre Lage war auch wirklich verzweifelt genug. Jetzt erst segelte der Dreimaster „Maria Hilf* wirklich dahin, als habe er Flügel, wie der Capitän sagte. Bald gewann er einen bedeutenden Vorsprung vor der englische» Fregatte, aber diese hatte bis jetzt ihre ganze Schnelligkeit noch nicht entfaltet. Nach »irrigen Augenblicken ängstlicher Beobachtung wurde es dem Capitän klar, daß sie wieder näher komme. Noch ein Opfer blieb zu bringen übrig, mit schwerem Herzen ging er daran, die Kanonen mußten den Weg der Kaufmanns - Waaren nehmen. „Die Kanonen in's Meer!" rief er mit einer Stentorstimme; „es muß sein, Freunde!" setzte er hinzu, „sie hindern unsere Flucht und nützen unserer Vertheidigung doch nichts." Man gehorchte schweigend. Als Lucy vermuthete, der Capitän könne sich von der Wirkung dieses letzten Mittels überzeugt haben, fragte sie anscheinend ruhig: „Was halten Sie von unserer Lage?" „„Gewiß ist sie nicht glänzend, aber ich gebe die Hoffnung noch nicht auf."" „Die Gefahr ist also nicht ganz unvermeidlich? Verstehen Sie mich wohl, ich will die Wahrheit hören, keinen eitlen Trost." „„Auf Ehre, ich habe noch einige Hoffnung."" „Ich glaube Ihnen und danke Ihnen," sagte Lucy sich entfernend. m. Zwei Stunden hatte dieser Wettlauf schon gedauert und noch war die englische Fregatte dem Dreimaster nicht auf Schußweite nahe gekommen, so daß ihre Salven ihn noch immer nicht erreichten. Jede neue Ladung wurde daher nur mit Hohnlachen begrüßt. „Schlecht gezielt, ihr Herren!" — „Nicht so sehr, sie machen ja den Fischen den Krieg." — „Sie wollen sich nur ein wenig einüben." — „Verwünschte Goddcm! Wären unsere Kanonen nur nicht auf dem Meeresgrund — wir wollten euch antworten, wie sich's gehört." — So ging es fort, denn das Seemannslebcn ist ein Leben voller Gefahren und macht gegen dieselben stumpf. Der Tag verging, ohne daß Jemand das Verdeck verließ. Natürlich nahm auch Lucy den lebhaftesten Antheil an dieser entsetzlichen Jagd, aber sie blieb immer ruhig und gefaßt und Capitän Borschel konnte ihr seine Bewunderung nicht versagen. Endlich kam die längst ersehnte Nacht und hüllte Alles in tiefes Dunkel. Die Mannschaft auf Maria-Hilf athmete wieder auf. Alles begab sich zur Ruhe und Lucy schickte noch ein inniges Dankgcbet zum Himmel. Am andern Morgen war keine Spur von der englischen Fregatte mehr zu sehen, und der Capitän rief Lucy schon von Weitem zu: „Morgen laufen wir im Hafen von Bordeaux ein; leider werden wir mit dem Ausladen schnell fertig sein!" Wie immer geschieht nach der Gefahr, bereute jetzt der Capitän die Opfer, die er gebracht, doch tröstete er sich bald bei dem Gedanken, seine Frau und seine Kinder wieder zu sehen. In seiner Herzensfreude gewahrte er es kaum, als die junge Creolin sich von ihm verabschiedete, während er die Seinen in die Arme schloß. „Wie glücklich er ist!" sagte sie zu sich selbst, „seine Ankunft macht die Deinigen glücklich Mich erwartet Niemand; was werde ich in diesem Lande erfahren müssen!" Auf Mela's dringendes Bitten gönnte sich Lucy in Bordeaux einige Tage Ruhe. Nur ein Gedanke beschäftigte sie und von demselben hing ihre ganze Zukunft ab. In dieser Stimmung war es begreiflich, daß sie nicht aufgelegt war» sich durch den Augene schein zu überzeugen, ob Capitän Borschel seine Geburtsstadt allzu sehr gepriesen. Si- vcrließ ihr Hotel nicht, bis sie in den Wagen stieg, der sie mit möglichster Eile nach dem Ziel ihrer Reise führen sollte. Vier Tage nach ihrer Landung war sie in Digne; es war Nachmittag und die Hitze unerträglich. Der Postillon fragte Lucy, wo sie abzusteigen gedenke, im Weißen Hirsch oder im Goldenen Löwen. Ersterer meinte er, sei bei Weitem vorzuziehen wegen seiner vortrefflichen Küche, was gar nicht zu verwundern sei, da die Wirthin lange Zeit Köchin im Schloß Vericourt gewesen war. Er hätte noch beifügen können, daß, so oft er Fremde hinführe, die Wirthin ihm Gelegenheit gebe, ihre Kochkunst zu Prüfen; aber er unterließ cS, vielleicht weil er sein Urtheil nicht für maßgebend hielt. — Wie dem auch sei, die Fremde, die Anfangs ganz gleichgültig über die Wahl war, wollte plötzlich in den „Weißen Hirsch," zur großen Freude unseres Postillons. Frau Goulard, die dicke Wirthin, eilte den Reisenden entgegen, und führte sie in ihr bestes Zimmer; der Postillon rühmte die Freigebigkeit der Fremden und erzählte wir er Mühe gehabt, sie für den „Weißen Hirsch" zu bestimmen. „Schön, schön," sagte Frau Goulard, „geh' nur in die Küche und laste Dir's schmecken. Du weißt schon, ich bin nicht undankbar." Während Mela sich mit dem Ordnen des Gepäckes beschäftigte, und der kleine Georg vor Ermüdung eingeschlafen war, sing Lucy ein Gespräch niit der dienstfertigen Wirthin an; sie befragte sie über die Gegend und welche Gesellschaft sie wohl finden könnte, wenn sie gedächte, sich hier niederzulasten. Jetzt war Frau Goulard im Fahrwasser, sie kannte einige Familien aus der Nachbarschaft, die oft bei Döricourts auf Besuch waren, und sie überlegte schon, wie ein solcher Entschluß den Aufenthalt der Dame bei ihr verlängern müsse. Sie sagte daher: „Gewiß hätte sich die gnädige Frau an Niemand Geeigneteren wenden können; ich weiß mehrere Landhäuser, die für Sie ganz paffend wären." „Ich bin noch nicht fest entschlossen," erwiderte Lucy, „aber ich sehe vorzüglich darauf, eine meinem Geschmack entsprechende Gesellschaft zu finden." „Ganz natürlich, und es läßt sich leicht errathen, welcher Art diese sein müßte. Da ist einmal das Schloß Assas, vor der Revolution waren die Herren reich, aber jetzt sind sie sehr herabgekommen, dann die d'Apremont, sie haben auch viel verloren, machen aber immer noch ein Haus, die werden der gnädigen Frau gewiß zusagen!" Die Fremde hörte mit schlecht verhehlter Ungeduld zu und fragte mit einiger Aufregung: „Und wer ist sonst noch da?" „Weit über alle steht an Ade! und Reichthum die Familie Vtzricourt, meine ehemalige Herrschaft." „Ich glaubte, die Familie sei ausgestorbcn," sagte die Dame mit zitternder Stimme. „AuSgestorben? nein, Gott sei Dank, und hoffentlich wird sie es auch nicht so bald." „Ich hörte doch ..." „Ach ja, ich begreife jetzt, was den Irrthum veranlaßte, und wenn es die gnädige Frau nicht langweilt ..." „Fahren Sie fort," sagte Lucy kurz. „Die Frau Gräfin Vöriconrt hatte einen sehr reichen Onkel in . . . in . . . ich weiß den Namen nicht mehr, das thut nichts zur Sache, aber es war sehr weit und man mußte lauge auf dem Meer fahren. Da kam ein Brief, der Onkel sei todt und sie sei die Erbin seines Vermögens, es solle jemand Vertrauter kommen und die Erbschaft schlichten. Die Frau Gräfin ist aber sehr mißtrauisch und so schickte sie ihren einzigen Sohn Georg, und wenn sie auch beim Abschied weinte, so tröstete sie sich doch bald mit dem Gedanken, es sei für sein Glück. Es verging ein Jahr, zwei Jahre, Herr Georg schrieb immer, seine Geschäfte seien nicht beendigt; seine Mutter ward über sein Ausbleiben ärgerlich und schrieb, er solle trotzdem kommen, da hörte man lange gar nichts mehr. Die Frau Gräfin war von einem Humor — nicht zum Aushalten, so daß ich mich entschloß, den armen Goulard zu hciraihen. Sechs Monate später erfuhr man, daß sich der junge Herr auf dem Schiffe „Heinrich" einschiffen wolle. Wie kann man auch nur den Namen eines Christeumcnscheu so einem schwimmenden Haus geben!" „Und weiter?" sagte Lucy ungeduldig. „Da war nun große Freude eine Zeit lang, aber Herr Georg kam iwmrr nicht, nud die Mutter vermuthete schon, er sei ziicht abgereist, als eines Tages — ich war zufällig auf dem Schloß — die Krau Gräfin, die eben beim Frühstück war, einen Schrei ausstieß und ohnmächtig zu Boden siel, ein Zeitungsblatt in der Hand haltend. Schnell holte man den Arzt, aber sie konnte nach acht Tagen das Bett noch nicht verlassen. — Bald erfuhren wir die Ursache; die Frau Gräfin hatte in dem Blatt die Nachricht gelesen, daß der „Heinrich," der vor drei Monaten von . . ., ich weiß den verwünschten Namen nicht, abgesegelt war, mit Mann und Maus zu Grunde gegangen sei. Das war ein Jammer, man fürchtete, die Gräfin möchte den Verstand verlieren, denn sie glaubte Schuld an seinem Tode zu sein. Da kam eines Morgens Herr Beaupro, unser , Pfarrer, mit wichtiger Miene und ließ sich melden, obwohl es erst sieben Uhr war. Er theilte der Gräfin behutsam die freudige Nachricht mit, daß der junge Herr nicht gestorben, sondern sich mit einem andern Matrosen gerettet habe, daß es ihnen sehr schlecht gegangen, haß er aber jetzt schon in Marseille sei und bald kommen werde. — Welche Freude, als sie des andern Tags ihren Sohn umarmte! Aber wie sah er aus! Bleich, abgemagert zum Erschrecken, aber wir waren doch Alle glücklich." (Fortsetzung folgt.) Ein Bild des Elendes. (Aus dem Acrlcktssale.) Aus Prag, 30. December, wird geschrieben. Es ist in der That erschreckend, z« welchen Verbrechen die bittere Noth den Menschen mitunter verleitet. Die Schlußverhandlung, welche heute beim hiesigen Landesgericht durchgeführt wurde, zeigte, daß die Noth auch das natürlichste aller Gefühle, das der Mutterliebe, zu ersticken vermag. Antonia Chwatlina ist die 33jährigc Gattin eines Schusters in Kaiserkuchcl, Bezirk Bömisch- Brod. Ihr Mann konnte wegen eines Augenübels sein Gewerbe nicht ausüben und vergriff sich an einigen Federbettstücken seines 'Nachbars. Um sich der gerichtlichen Verfolgung zu entziehen, verließ er die Gegend und versetzte damit seine Familie in eine trostlose Lage. DaS arme Weib, welches gerade damals (um Jacobi d. I.) die Wohnung räumen mußte, war nicht im Stande, im ganzen Dorfe ein neues Quartier zu finden. Die Unglückliche war genöthigt, auf dein Gemcindeplatze unter einer Pappel aus Brettern eine Bude aufzustellen und in dieser fünf volle Wochen mit ihren drei Kindern zuzubringen. Das tägliche Brod erwarb sie, indem sie als Taglohnerin 30 kr. ohne Kost erhielt. Mittlerweile war heftiges Regcnwettcr eingetreten, und die Chwatlina übersiedelte i mit ihren Kindern in eine im Baue begriffene Baeakc, aus welcher sie aber bald vcr- I wiesen wurde, so daß sie abermals unter freiem Himmel ihr Lager aufschlagen mußte. In dieser verzweifelten Lage entschlüpften ihr oft die Worte, sie würde sich oder ihre» ! Kindern, bald der Toni, bald wieder dem Franz und bald dem kleinen Wenzel das Leben nehmen. Manchmal forderte sie auch die Toni auf, den zweijährigen Wenzel ins Wasser zu werfen, ohne daß sie jedoch jetzt bestimmt angibt, ob sie es ernstlich meinte oder nicht- Das unschuldige Kind nahm den Befehl der Mutter nicht für baare Münze; auch war ihm, wie es selbst sagt, um des liebe Brüderchen leid. Als aber die Mutter eines Abends / ihren Auftrag unter Androhung von Schlägen wiederholte, da ergriff das neunjährige . Töchterchen Angst. Am nächsten Morgen, den 15. Qctobcr d. I., bereitete die kleine ^ Toni das aus einigen Erdäpfeln bestehende Frühstück und schickte der Mutter, welche ! schon zeitlich früh aufs Feld mußte, ihren Antheil durch den Franz, ihren 8 Jahre alten ^ Bruder. Darauf nahm sie den kleinen Wenzel auf den Arm, trug ihn zu einem beim Walde befindlichen Wasscrtümpel und warf ihn unter Thränen hinein; sie stand so lange am Ufer, bis das Kind keine Bewegung mehr machte. Als Franz der bedauernswerthcn Mutter die Nachricht von Toni'S That hinterbrachte, wollte die Arme daran nicht glauben. Die Sache wurde selbstverständlich bald ruchbar uud Antonic Chwatlina gefänglich ' eingezogen; der gerichtsärztliche Befund lautete dahin, daß der kleine Wenzel in Folge 8 Ertrinkens starb und bei seiner körperlichen Beschaffenheit nicht im Stande war, sich selbst zu retten. Die gerichtliche Untersuchung hatte theils nach dem Geständniße der Jnhaftir- ten, theils nach den damit übereinstimmenden Zeugenaussagen das voranstchende Ergebniß; Antonie Chwatlina wurde des Verbrechens des bestellten Mordes angeklagt. Der erst neun Jahre zählenden Toni konnte natürlich ihre That nicht angerechnet werden. Am 31. December wurde die Angeklagte C h w a t l i n a des bestellten Meuchelmordes schuldig erklärt und zum Tode verurtheilt. (Der Weinstock. Eine Parabel.) Als Dionysos noch ein Knabe war, machte er durch Hellas eine Reise nach Naxos. Der Weg war lang, der Knabe wurde müde und er setzte sich auf einen Stein, um auszuruhen. Als er seinen Blick zu Boden warf, erblickte er ein kleines Kraut, das er so schön fand, daß er es mitnahm, um es in seiner Heimat anzupflanzen. Da jedoch die Sonue sehr heiß brannte, fürchtete er, daß das Kraut in seiner Hand verderbe. Als er aber auf dem Wege einen hohlen Knochen von einem Vogel fand, steckte er das Kraut hinein und ging weiter. In der Hand des jungen Heros begann nun das Kraut in einer Weise zu wachsen, daß es den Knochen nach allen Richtungen ausdehnte. In der Furcht, daß der Knochen gesprengt würde, nahm Dionysos das Bein von einem Löwen, das größer war, als des Vogels und steckte die Pflanze sammt dem Gehäuse hinein. Die Pflanze wuchs auch da in einer Weise, daß sie das Löwenbein nach der Breite und der Länge ausdehnte. Zum Glücke hatte aber Dionysos ein Eselsbein gefunden, das noch größer war als der Löwenknochcn, und jenes benützte er, um die Pflanze zu verwahren. Sä kam er denn nach Naxos. Hier wollte er die Pflanze in den Boden stecken, als er bemerttc, daß ihre Äeste durch das Bein des Vogels, des Löwen und des Esels durchgedrungen seien, und daß man die Pflanze, ohne sie zu verletzen, nicht aus dem Gehäuse nehmen könne. So pflanzte er denn das Ganze in den Boden. Die Pflanze wuchs überraschend schnell, und Dionysos bemerkte zu seiner Freude, daß sie wunderbare Beeren trug. Diese preßte er aus und so entstand der erste Wein. den er den Menschen zu trinken gab. Aber Dionysos erlebte daran folgendes Zeichen: Wenn die Menschen den Wein zu trinken ansingen, wurden sie lustig und sangen wie die Vögel. — Hatten sie etwas mehr getrunken, wurden sie kühn und muthig wie die Löwen. — Hatten sie aber lauge getrunken, so ließen sie die Köpfe hängen und wurden dumm, wie die Esel. Unser „Sonntagsblatt" ist häufig der Gegenstand diametral entgegengesetzter I Wünsche gewesen. Während die Einen, namentlich Herren auf dem Lande, mit demselben recht zufrieden waren und dies in häufigen Briefen an uns aussprachen, wünscht eine andere Partei, daß man das Sonntagsblatt ganz eingehen lassen und dafür ^ eine wissenschaftlich-belletristische Beilage geben zolle; eine zweite Partei findet den Inhalt als nicht auf der Höhe der Postzeitung stehend; eine dritte wünscht mehr religiösen Stoff, Erbauliches u. s. w. Wo findet Verlag und Redaktion den Leitfaden aus diesen Gewirr sich ' widerstreitender Anschauungen und Wünsche? Indem wir von den uns richtig scheinende« I Erwägungen ausgehen: 1) daß netzendem ernsten, politischen und wissenschaftlichen Stoffe auch der Unterb" .> tungslectüre unbedingt Rechnung getragen werden müsse; > > 2) daß das für die Unterhaltung bestimmte Extrablatt so eingerichtet sein müsse, daß j man es von der Zeitung trennen und am Jahresschlüsse eigens binden lassen könne s 3) daß das Sonntagsblatt als Aunexum einer politischen Zeitung nicht die Aus- t gäbe habe, mit den verschiedenen religiösen Sonntagsblättern in irgend eine Csncuv- j, renz zu treten; i lassen wir es vorderhand und bis auf Weiteres beim Alten, fund werden dem Inhalte alle I erdenkliche Sorgfalt zuwenden s Druck, Lerlai »»d riedaMo» dei lttnartichei! InstMitS 0r. M. HlUUer, Nr. S. 12. Januar 1868, Wenn ein Bück deinen Geist erhebt und dir eine edle und kräftige Gesinnung einflößt, so suche keine andere Regel, um das Werk zu beurtheilen: es ist gut und von geschickter Hand verfaßt. Jean Paul. Rache und Liebe. (Fortsetzung.) „Also," sagte die Fremde, die mit schmeichelhafter Aufmerksamkeit der geschwätzigen Wirthin zugehört hatte, „ist er seit achtzehn Monaten hier." ,,yab' ich das gesagt? Ich wußte es gar nicht mehr. Jetzt erfuhren wir erst, warum die Gräfin so sehr auf die Rückkehr gedrungen hatte; sie wollte ihn verheirathen." „Ah!" „Mit Fräulein d'ÄPremont, das merkten wir bald. Die beiden Familien waren immer beisammen, die Gräfin behielt Fräulein Paulinc ganze Wochen im Schloß, und wenn sich zwei junge Leute so oft sehen, da bleibt die Liebe nicht aus. Zudem war Fräulein Pauliue reizend und Jedermann sagte, er könne gar nicht besser wählen." „Aber," rief die junge Crcoliu lebhaft, „er hat sie doch nicht geheirathet!" „Was, nicht geheirathet! Ja freilich, schon vor einem Jahr!" „Geheirathet! sagen Sie," rief Luch von ihrem Stuhl aufspringend und erblassend. „Geheirathet, Angesichts aller Welt," antwortete Frau Goulard ganz betroffen über die Wirkung, die ihre Erzählung hervorbrachte. „Was ist denn daran zu verwundern?" Aber die Fremde ging, ohne etwas zu erwidern, mit langen Schritten im Zimmer auf und ab, Frau Goulard erschrack fast vor ihren heftigen Bewegungen und funkelnden Blicken, sie beeilte sich daher unter dem Vorwand, man habe ihr gerufen, das Zimmer zu verlassen. „Es ist klar am Tag," sagte sie zu sich selbst, „da steckt etwas dahinter, warum hab' ich Närrin auch Plaudern muffen." IV. Luch hatte das Fortgehen ihrer Wirthin gar nicht bemerkt, sie schien in einer ent setzlichcn Aufregung. Manchmal hielt sie die Hände vor die Stirne, als fürchte sie den Verstand zu verlieren, dann legte sie dieselbe auf's Herz, wie wenn sie einen furchtbaren Schmerz empfände. „Vcrhcirathct!" rief sie immer wieder, „vcrhcirathet, welche Niederträchtigkeit! Er ist also weit entfernt, mich zu erwarten, er glaubt, für mich sei er todt, er denkt: „Weine, arme betrogene Frau, weine und traurc dein ganzes Leben hindurch, was liegt ,mir daran, ich bin glücklich! Aber du sollst mich wiedersehen, Graf Vüricourt, und natt der Gewissensbisse soll wenigstens die Züchtigung nicht ausbleiben. O ich Thörin, vic ich noch auf seine Liebe baute! Aber ich will mich rächen, und die Rache soll der Schmach gleich kommen, ich will sie Alle mit Schande bedecken!" Dann sank sie niedergedrückt von Schmerz auf einen Stuhl, ohne nur in Thränen eine Erleichterung zu finden. Mela, die ab- und zugehend, von tzcr Erzählung der Wirthin kein Wort verloren hatte, näherte sich jetzt ihrer Herrin nutz sagte: „Arme Herrin! Sie den Undankbaren vergessen und in unser schönes Land Zurückkehrn, ich Frankreich schon satt haben." — 10 Aber Lucy schien sie nicht zu hören. „Ich habe immer gesagt," fuhr die Mulattin fort, „die Reise nichts Gutes bringen, — wenn Herrin will, ich sogleich einpacken und morgen fort." „Laß mich," sagte die Crcolin in einem Ton, daß Mcla erschreckt zurückwich. — Dann fügte sie sanfter hinzu: „Ich leide furchtbar, gute Mela, quäle mich nicht auch noch." — Die Mulattin entfernte sich und drückte nur noch durch Blicke den Antheil aus, den sie an dem Kummer ihrer Herrin nahm. Gegen Abend brach ein heftiges Gewitter- aus; Lucy, die es in der drückenden Zimmcrluft nicht aushielt, blieb demungeachtet aus dem Balkon. Sie fühlte nicht, wie der Regen ihr in's Gesicht schlug - der Sturm in ihrem Innern machte sie fühllos gegen den Aufruhr in der Natur. Erst als Frau Goulard Licht brachte und sie beschwor, sich doch nicht so der Gefahr auszusetzen, und beim Donnern am offenen Fenster zu bleiben, ließ sie sich willenlos in's Zimmer zurückführen. „Befehlen die gnädige Frau sonst nichts mehr?" fragte die Wirthin. „Nein!" -- Frau Goulard, die gerne noch Manches erfahren hätte, wandte sich jetzt an Mela. „Ach, und der herzige Kleine! Wie alt ist er denn?" „Drei Jahre," sagte das Kind ganz stolz. „Und wie heißt Du denn?" „Georg." Frau Goulard warf einen Blick auf die Fremde und fürchtete schon, ihr Mißfallen erregt zu haben, aber diese war in Gedanken versunken und sagte nur zur Wirthin, die sich zum Gehen anschickte: „Können Sie mir für morgen einen Wagen verschaffen?" „Doch nicht um abzureisen?" „Nein, nur um mich in der Gegend umzusehen." Die Wirthin versprach es und ging. Mela, die ihre Herrin nicht bewegen konnte, zu Bette zu gehen, war endlich auf einem Stuhl eingeschlafen. Nur die arme Lucy wachte, all' ihre Gefühle concentrirten sich in dem einen bittern Gedanken: du bist vergessen von dem, den du so sehr geliebt. Hie und da floß eine brennende heiße Thräne über ihre Wangen, die sie aber sogleich unmuthig abtrocknete. „Mögen Andere weinen," sagte sie, „ich — ich will mich rächen, er soll meine verrathene Liebe, seine gebrochenen Schwüre theuer bezahlen; Leid um Leid, und Gott weiß, wie viel ich gelitten, während er nur seiner neuen Liebe lebte. Aber die Stunde der Vergeltung hat geschlagen; du wirst aus deinen süßen Träumen erwachen müssen, Graf Vtzricourt, und dich des Vergangenen erinnern. Du hast mein Herz zerrissen, mich zur Verzweiflung getrieben, jetzt will auch ich ohne Erbarmen sein." Dann Plötzlich wechselten ihre Empfindungen, vom Zorn ging sie in bitteren Schmerz über, sie weinte über ihr verlorenes Glück, über ihr verlassenes Kind. Sie neigte den Kopf auf den steinernen Rand des Balcons und hoffte, die Kälte werde ihre Fieberhitze etwas lindern. Lange blieb sie so dem Schmerz ganz hingegeben, bis die Mulattin erwachte und sich so trostlos zeigte, sie noch auf zu sehen, daß Lucy eher um sie zu beruhigen, als um selbst Ruhe zu finden, sich zu Bette begab. Am andern Morgen meldete Frau Goulard, daß der Wagen bereit sei. Es entging der neugierigen Wirthin nicht, daß die Fremde, als sie den Knaben beim Abschied küßte, schwere Thränen in den Augen hatte; und als sie ihr beim Einsteigen noch eine vergnügte Promenade wünschte, glaubte sie zu hören, daß die Dame als Ziel derselben das Schloß Vöricourt nannte. Es ist nicht zu beschreiben, welcher Sturm von Empfindung in Lucy während der einstündigen Fahrt tobten. Doch begriff sie die Nothwendigkeit, ruhig zu scheinen. Sie suchte sich also zu beherrschen, nur Gott allein sah, was in ihr vorging, und Ihn flehte 11 sie um Beistand an. Als der Wagen vor dem Schlöffe hielt, fragte sie einen Bedienten, ob der Graf zu Hause sei. „Nein, gnädige Frau," war die Antwort, „es ist nur die Mutter des Herrn Grafen zu Hause." „So melden Sie ihr, daß eine Dame, die ihr sehr Wichtiges mitzutheilen habe, sie zu sprechen wünsche." Der Diener ging und kam bald mit der Antwort zurück, die Dame möchte die Frau Gräfin im Salon erwarten. Er führte die Fremde in ein weites Gemach, dessen Meubel so alt wie das Schloß zu sein schienen und dem Zimmer ein düsteres Ansehen gaben. Eine Stickrahme, eine Farbenschachtel, daneben ein angefangenes Bouquet, verriethen die Anwesenheit einer Frau; Lucy wandte sich weg, der Anblick that ihr wehe. Da bemerkte sie am andern Ende des Zimmers zwei Bilder in Lebensgröße, einen jungen Mann und eine junge Frau. Die Züge des ersteren waren ihr wohl bekannt, es war Graf Väricourt und sein Anblick erweckte die widerstreitendsten Gefühle in ihr. Vielleicht dachte sie einen Augenblick nur an vergangene glückliche Zeiten, doch der Gedanke währte nur kurz, sie wandte den Blick auf das Portrait der schönen Pauline d'Apremont, die ihr jede Hoffnung auf Glück geraubt. Wie frisch und unmuthig sie war im Glanz der ersten Jugend. Diese reine, weiße Stirne hatte noch kein Gedanke des Haffes getrübt, dieser reizende Mund hatte nur Worte der Liebe und des Wohlwollens gesprochen, welch' bezauberndes Ganze von Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit! Und doch mit welch' bitterem Hasse betrachtete Lucy das Bild! — Sie war so in ihren schmerzlichen Gedanken versunken, daß sie die Ankunft der Gräfin gar nicht bemerkte, die sie erstaunt ansah und endlich sagte: „ „Wie man mir gesagt hat, haben Sie mir Wichtiges mitzutheilen, ich bin bereit, zu hören."" Bei diesen Worten schob sie der Dame einen Armstuhl hin. — So groß auch Lucy's innere Bewegung war, so begann sie doch eben so ruhig und kalt, als ihre Fragestellerin: „Vielleicht ist es auch nichts Neues für Sie, Frau Gräfin, doch werde ich Ihre Erinnerungen auffrischen, wenn ich Ihnen sage, Laß es Bezug auf den Aufenthalt Ihres Sohnes in den Antillen hat." — Die Creolin heftete einen durchdringenden Blick auf die Gräfin; doch, sei es Selbstbeherrschung oder Unkenntniß, ihre Züge verriethen nur Erstaunen. Lucy fuhr fort: „Ihr Sohn hat Ihnen gewiß von Herrn Ravieres, einem reichen Colonisten in Basse-Terre gesprochen, der ihm in seinen verwickelten Angelegenheiten vielfach behülflich war." „„In der That, ich erinnere mich dieses Namens." " „Dieser Mann war mein Vormund " Die Gräfin verneigte sich etwas hochmüthig. „Ich sehe mit Bedauern," fuhr Lucy fort, „daß das unerklärliche Schweigen Ihres Herrn Sohnes meine Aufgabe weitläufiger macht, als ich gedacht, und ich muß auf die Einzelnheiten unserer ersten Begegnung zurückkommen. Mein Vormund war der intime Freund feines verstorbenen Onkels und konnte ihm daher in Allem die beste Auskunft geben, und gefällig und gastfrei wie er war, bot er ihm, in Erinnerung seines alten Freundes, sein Haus zum Aufenthalt während seiner Anwesenheit in Basse-Terre an." Lucy hielt einen Augenblick inne, die Züge der Gräfin verriethen keinerlei Bewegung. Tann fuhr Lucy fort: „Ich war damals siebzehn Jahre alt, und ich darf es ohne Eitelkeit sagen: ich war schön. Der Kummer hat diese Vorzüge so völlig zerstört, daß ich deren erwähne, damit Sie um so eher die Liebe begreifen, die ich Ihrem Sohne einflößte." „„Eine Liebe, auf die Ihr dienstfertiger Vormund wahrscheinlich rechnete."" Die blassen Wangen der Creolin färbten sich bei diesen Worten, doch antwortete sie ruhig: „Mein Vormund liebte mich mit der Zärtlichkeit eines Vaters; er bemerkte zu 12 seinem größten Leidwesen meine Neigung für einen Fremden und er verfehlte nicht, Herrn Vöricourt sogleich mitzutheilen, daß er sich dieser Verbindung ernstlich widersetzen werde." „„Wie lächerlich,"" sagte die Gräfin, „„ein Herr Ravieres sollte sich der Verbindung eines Vsricourt mit seiner Mündel widersetzen!"" „Was Sie auch davon halten mögen, Frau Gräfin, Ihr Sohn war in Verzweiflung, als ihm mein Vormund das Haus verbot, und that Alles, ihn pon seinem Entschluß abzubringen." „„Und Ihr Vormund ließ sich erweichen?"" fragte die Gräfin spöttisch. „Er that es," erwiderte die Fremde bitter, „nicht für Ihren Sohn, sondern für mich arme Thörin, die ich seine Schwüre von ewiger Liebe für Ernst nahm." „„Sagte Ihnen mein Sohn denn nicht; Fräulein, daß er eine Mutter habe, die nie in eine solche Verbindung willigen würde?"" „Er sagte mir, seine Mutter liebe ihn zärtlich und wolle ihn gewiß nicht unglücklich sehen." „„Er wußte aber doch, daß ich schon eine andere Hcirath für ihn beschlossen hatte."" „Dann war sein Verfahren nur um so strafbarer." „„Ich läugne nicht, daß er leichtsinnig gehandelt hat, aber leider ist dies in seinem Alter ein gewöhnlicher Fehler, und Ihr Vormund war sehr unklug, Sie der Gefahr auszusetzen. Was soll ich Ihnen sagen, Fräulein? — Ich kann das Ende Ihrer Geschichte jetzt leicht errathen. Mein Sohn — und glauben Sie mir, ich tadle es strenge — hat Ihre Uncrfahrenheit und Ihre Liebe mißbraucht und Sie verführt; das ist ein Unglück, ein großes Unglück, weil es sich nicht ändern läßt. Aber deßhalb muß ich mich auch wundern, Sie hier zu sehen. Eine Verführungs - Geschichte ist ein abgedroschener Gegenstand; man ist der armen Mädchen müde, die ihre Schande zur Schau stellen, in der Hoffnung, sich dieselbe möglichst gut bezahlen zu lassen oder ihre Verführer zu bewegen, sie zu heirathen. Ich halte Sie einer solchen Berechnung zwar nicht fähig, aber Sie müssen doch gewußt haben, daß mein Sohn vcrheirathet ist."" Luch hatte die Gräfin ausreden lassen, ohne sie zu unterbrechen. Gott weiß, welche Gefühle des Hasses und der Rache in ihr tobten. Als die Gräfin schwieg, erwiderte sie: „Beruhigen Sie sich, gnädige Frau, mein Vormund liebte mich zu sehr, um nicht vorsichtig zu sein; ich hatte nie etwas gemein mit jenen traurigen Heldincn, deren Unglück Niemand rührt. Sie thun auch ihren: Sohne Unrecht, wenn Sie ihm so unedle Absichten unterschieben. Wie auch sein Betragen seitdem gewesen sein mag, ich bin gewiß, daß er es damals ehrlich meinte, als mein Vormund, durch unsere Bitten besiegt, ihm meine Hand gewährte. Er betheuerte, daß seine Mutter sich gewiß mit einer Heirath aussöhnen werde, die ihn so glücklich mache." „ „Aber Ihr mußtet Alle wissen, daß diese Verbindung nicht ohne meine Zustimmung stattfinden konnte." " „Sie irren sich, die Vollmachten, die Ihr Sohn in Händen hatte, um Sie in Bafse-Terre zu vertreten, waren genügend." „„Aber wohin soll das führen?" " fragte die Gräfin niit etwas erregter Stimme. „Ihnen zu sagen, daß ich allein die rechtmäßige Frau des Grafen Bvricourt bin." „„Unmöglich!"" rief die Gräfin, „„daS ist eine infame Lüge."" „Halten Sie ein, Gräfin, keine Beleidigungen mehr, erregen Sie nicht noch mehr meinen Zorn, es ist Ihnen schon zu gut gelungen." „„Die Beweise, die Beweise,"" rief die Gräfin außer sich. „Fragen Sie Ihren Sohn, und Sie werden die ersten in seinem Gewissen finden, was die übrigen betrifft, werde ich sie an geeignetem Ort zur Geltung bringen." „„Was gedenken Sie zu thun,"" fragte die alte Dame in höchster Angst. „Wie, Gräfin, Sie errathen es nicht? Ich werde das Verfahren des Grafen 13 VSricourt aller Welt kund thun — und für mich und mein Kind meine Rechte geltend machen." „„Aber kennen Sie denn die Folgen einer solchen Anklage nicht?"" „Oh," erwiderte die Creolin mit einem vernichtenden Blick, „ich kenne sie, obgleich der Gegenstand nicht so abgedroschen ist." Frau von Väricourt sank erschöpft auf ihren Stuhl zurück; bald aber rief sie zuversichtlich: „„Nein, ich kann es nicht glauben, Sie sind Gattin, Mutter, Sie werden nicht ohne Mitleid sein."" „Mitleid! hatten Sie Mitleid mit mir, als Sie mich für ein betrogenes Mädchen hielten? Hatte Ihr Sohn Mitleid, als er mich zur ewigen Trauer um seinen Tod verurtheilte, als er Frau und Kind feige verließ und ein neues Bündniß einging? — Und ich sollte Mitleid haben! Nein, Ihnen Gräfin, gebührt eine Demüthigung für Ihren Stolz, Ihrem Sohn eine Züchtigung für sein Verbrechen und mir Rache für Alles was ich gelitten. Oh, es soll Jedem sein Recht widerfahren." Frau von Vnricourt blieb sprachlos und regungslos vor der Frau, die sie den Augenblick zuvor so tief gekränkt hatte. Lucy, die ebenfalls in heftigster Erregung war, schwieg einige Augenblicke, dann fuhr sie kalt und ruhig fort: „Wollen Sie diesen meinen Entschluß dem Herrn Grafen Vtzricourt gefälligst mittheilen." Damit stund sie auf, und schickte sich zum Gehen an. — Jetzt erwachte die Gräfin aus ihrer Betäubung, sie hielt sie zurück und rief: „„Sie haben mich nur erschrecken wollen, nicht wahr, Sie können unmöglich gegen den Vater Ihres Kindes Klage stellen."" „Ich bin dazu fest einschlössen." „ „Wollen Sie Gold?" " fuhr die Gräfin fort, „„ich gebe Ihnen Alles, was ich besitze." " Die Fremde sah die Gräfin mit bitterem Unwillen an. „Es soll mir also keinerlei Kränkung erspart bleiben," erwiderte sie. „Behalten Sie Ihr Gold, ich brauche es nicht, ich habe mir keine Schande bezahlen zu lassen, und es soll Sie von der Ihrigen nicht loskaufen." Und ohne länger auf die Gräfin zu hören, eilte Lucy dem Wagen zu. (Fortsetzung folgt.) Rothschild und Dienstmann. Der Baron Rothschild in Paris, welcher gern zu Fuß ausgeht wie ein anderer Sterblicher, hatte kürzlich einen weiten Gang unternommen und gerieth schließlich in daS Stadtviertel hinter dem Pantheon, das ihm gänzlich unbekannt war, so daß er sich bald völlig verirrte. Anfangs sah er sich einigermaßen unruhig um, er erblickte aber weder eine Droschke, noch einen Omnibus, ja kaum einige wenige Fußgänger, sein Mißmuth über diesen Zufall schwand, als er überlegte, welch amüsante Zerstrcung ihm dieses kleine Abenteuer bieten könne, und er begann ganz vergnügt weiter zu schweifen und gleichsam auf Entdeckungsreisen auszugehen, denn dieses Stadtviertel von Paris war für ihn eine ebenso unbekannte Gegend wie Amerika vor der Landung des Columbus für die Europäer. Plötzlich bemerkt er den Laden eines Trödlers, tritt hinzu, beschaut sich das bunte Gewirr von den verschiedenartigsten Gegenständen und entdeckt mitten unter diesem Wust einen alterthümlichen Barometer aus der Zeit Ludwigs des Sechzehnten, der zwar keine Spur mehr von seiner ursprünglichen Vergoldung zeigte, aber trozdem im Schnizwerk noch voll- kommen wohl erhalten war. Der Baron ist ein eifriger Liebhaber und Kenner von dergleichen Kuriositäten, und so beschloß er sofort, den Barometer zu kaufen. Der Preis dafür betrug zehn Francs und ganz erfreut über eine so wohlfeile Aquisition, greift Rothschild in die Tasche um zu bezahlen — aber o weh! in der Eile und Zerstreuung hat er zu Hause seine Börse liegen lasten. „Nun, das schadet nichts, ich nehme auf alle Fälle diesen Barometer," sagte er zu der Trödlerin; „schicken Sie ihn mir zu, ich bin Baron Rothschild, man wird ihnen das Geld in meinem Hotel einhändigen." „Den Namen und die Adresse kenne ich nicht, mein Herr," entgegncte die Trödlerin, „und überdies schicke ich niemals den Leuten Sachen zu, die nicht vorher bezahlt worden sind." Jetzt stand der Baron völlig verblüfft da, denn er hatte sich's nicht träumen lassen, daß Jemand seinen Namen nicht einmal kenne, aber da er einmal bei guter Laune war, so amusirte ihn dies nur um so mehr, und er stand eben im Begriff, der Frau einige. Aufklärungen über seine Stellung zu geben, als er auf der andern Seite der Straße einen Dienstmann vorübergehen sah. Er winkte denselben herbei und frug ihn lächelnd: „Weißt Du vielleicht etwas von dem Baron Rothschild?" „Na das ist aber eine komische Frage, das ist ja unser Geldkönig. Warum fragen Sie aber danach?" setzte der Mensch etwas patzig hinzu, da er glaubte, man wolle ihn vielleicht mystifiziren. „Weil Diadame hier ihm soeben einen Credit von zehn Franks versagt hat," sagte Rothschild aus die Trödlerin zeigend. „Ist das wirklich wahr, Madame DucloS?" rief der Dienstmann im höchsten Grad erstaunt. „Ja, sehen Sie, Monsieur Pierre, man kann doch eben nicht alle Welt kennen," erwiederte die Trödlerin ganz verlegen. „Sie kenne ich aber, und wenn Sie mir dafür garantiren wollen. . .?" Bei diesen Worten unterbrach der Baron die Frau durch ein so herzliches Gelächter, "daß er sich eine ganze Weile kaum beruhigen konnte. „Nun gut, Monsieur Pierre," sagte er dann noch immer lachend, „wenn Sie dann die Bürgschaft für mich übernehmen wollen, so gehen Sie einmal vor allen Dingen mir einen Wagen zu holen, und dann tragen Sie diesen Barometer in meine Wohnung." Der Packträger ließ sich dieß nicht zweimal sagen, er grüßte den Baron sehr respektvoll, schaffte ihm rasch den anständigsten Wagen, den er auftreiben konnte, und eilte dann mit dem Barometer in das Hotel des Geldfürsten, wo er für das „übernommene Risiko," wie Rothschild sagte, reich belohnt wurde. (Das amerikanische Haus.) Dds amerikanische Haus wird in einem Artikel der „Südd. Pr." über New-Vork folgendermaßen geschildert: Das normale amerikanische Haus ist in drei Fensterbreiten abgetheilt; seine Einrichtung ist folgende: Es hat ein Untergeschoß, dessen Sohle 2 — 3 Fuß unter der Straßenflüche liegt, darunter geräumige, unter das Trottoir reichende und dort mit verschließbaren Klappen versehene Keller, darüber ein Erdgeschoß (Hochparterre) und zwei, selten drei Stockwerke. Der Eingang zum Untergeschoß befindet sich in einer kleinen Halle unter der Platte, welche die Aufgangsstiege und den Haupteingang des Hanfes verbindet; in der fünften und den anliegenden Avenues, auch sonst nicht selten, sind die Straßenstiegen und das Portal des Hauses aus weisem Marmor. Ein Durchgang läuft von vorn nach hinten durch das Untergeschoß, vorn liegt zwei Fenster breit der Speisesaal, hinten die Küche, zwischen beiden ein zu mancherlei Zwecken verwandter Raum. Das Erdgeschoß hat eine geräumige Flur, die sich in der Hausmitte in das Treppcngehäuse und einem Durchgang spaltet, hinten sich in die Noth- stiege und den Ausgang zum Hofe theilt. Ueber dem Speisesaal liegt der Parlor, das Empfangs- und Unterhaltungszimmer für alle Bewohner des Hauses; über der Küche das Familienzimmer; der Zwischenraum dient zu Schlafstätten u. s. w. Die obern Geschosse sind ebenso eingerichtet, An großes Zimmer vorn und hinten, und da die Stiege in der Mitte des Gebäudes liegt, so wird über den Eingängen auf Vorder- und Rückseite Raum für zwei kleinere Zimmer gewonnen. In dem Mittelraum des ersten Stockes ist eine 15 V Abtheilung für ein Badezimmer und WaterclosetS eingerichtet. Aus diesem Grunde springt Erdgeschoß und erster Stock in der Regel nach dem Hofe zu um 8 bis 10 Fuß vor und bildet durch die platte Bedachung eine Art Balkon für den zweiten Stock. Jedes Zimmer ist mit Gasbeleuchtung versehen und hat laufendes warmes und kaltes Wasser. Die Wasserleitung ist nämlich so eingerichtet, daß ein Arm derselben iu einen am Herde ange- ^ brachten großen Behälter mündet, wo das Wasser durch das gewöhnliche Küchcnfeuer erhitzt und durch den nachwirkenden Druck der Leitung nach den geöffneten Röhren im obern > Hause getrieben wird. Da die amerikanische Küche drei Mahlzeiten vorschreibt: Morgens Kaffee oder Thee mit warmen Fleisch- und Eierspeisen, Mittags ein Paar Fleisch- oder ähnliche Gerichte, Abends ein Hauptcsscn mit den unerläßlichen Pies (Pasteten, Kuchen u. s. w.) so fehlt es selten an warmem Wasser, um dem Bedürfniß aller Bewohner nach warmen Bädern :c. zu genügen. Der Bodenraum ist zu Kammern und zu einer Oberlicht-Anlage für die Stiegen benutzt. Auf demselben Raume mehr und zweckmäßiger einzurichten, möchte dem erfindungsreichsten Baumeister nicht gelingen. Alle Bauten sind massiv, in vielen Städten rein aus Backstein, anderwärts mit Quader untermischt, hin und wieder, wie in New-Aork und Philadelphia, aus geschliffenem Granit und Marmor. Die Fußböden der Zimmer dürfen in keincni anständigen Hause ohne durchgehende Teppiche sein. Die Heizung geschieht meist durch Kamine. Obgleich der Winter anhaltend und streng ist — der Maimonat Pflegt in New-Aork und dem ganzen Norden noch empfindliche Kälte zu bringen, und in den Wintermonaten bleibt sogar der Hafen von Baltimore nicht ganz frei vom Eis — und obgleich man nur Steinkohlen brennt, zieht man doch die luftigen Kamine den Oefcn vor. Sorge für Luft und Wasser sind die beiden lobenswerthesten Vorzüge der neueren amerikanischen Städte-Anlage. Jede Stadt, und wäre sie noch so jung, denkt vor Allem an Wasserleitung und neben den breiten Straßen an freie Plätze. (Die beiden Geizhälse.) Ein Geizhals, der in Koufa wohnte, erfuhr, daß in Bassora ein größerer Knauser, als er, existire, der ihm in der Oekonomic Unterricht geben könne. Er machte sich daher auf den Weg, um von diesem großen Meister eine Lection im Geize zu nehmen, und erschien als demüthigcr Zögling vor seinem Lehrer. „Sei willkommen," begrüßte ihn der Geizhals von Bassora, „und um gleich mit dem Zcitersparniß anzufangen, wollen wir uns sofort auf den Weg machen, um unsere Einkäufe zu besorgen." Sie begaben sich zum Bäcker. „Hast Du gutes Brod?" frugen sie. „Gewiß, meine Herren, ich habe gutes, frisches Brod, das Euch schmecken wird wie Butter." „Du hörst es," sagte der Geizige von Bassora zu dem von Koufa, „das beste Brod wird mit Butter verglichen. Jedenfalls ist also Butter besser als Brod. Nimm viel oder wenig, deßhalb wird sie nicht weniger schlecht. Es ist daher unter allen Umständen gerathen, Butter zu nehmen." Sie gingen daher zum Butterhändlcr und frugen ihn, ob er gute Butter habe. „Sehr gute," erwiderte er, „meine Butter ist schmackhaft, wie Olivenöl!" „Merke Dir," sagte nun der Lehrer zu seinem Zögling, „die beste Butter wird mit Olivenöl verglichen; Letzteres ist daher vorzuziehen." Und sofort begaben sie sich zum Oelhändler. „Hast Du gutes Oel?" „Von der besten Qualität. Es ist weiß und durchsichtig wie Wasser." „Merke Dir's also," sagte abermals der Lehrer zum Schüler, „nach dem, was wir gehört haben, ist Wasser das Allerbeste. Wohlan denn, ich habe zu Hause einen Bottich voll guten Wassers und ich lade Dich im Namen der Gastfreundschaft zu mir zu Tische." 16 Und als sie nach Hause kamen, bot er seinem Gaste nichts, als Wasser, nachdem *Z7 er ihm bewiesen hatte, daß Butter besser sei als Brod, Oel besser als Butter, usd Wasser besser als Oel. „Allah sei gelobt," sagte der Geizhals von Konfa beim Weggehen, „ich habe in der That gelernt, und meinen Weg nicht umsonst gemacht." (Der Elephant vor der Pflugschaar.) Die Engländer spannen gegenwärtig in Indien den Elephanten vor den Pslug. Sie haben aus dem schonen Thiere einen friedlichen Arbeiter gemacht. Mau fertigt in London uugemcin große und starke Pflüge an, wie sie der Kraft des Thieres angemessen sind, und schafft sie per Dampfboot über das mittelländische Meer durch den Canal Suez, das rothe Meer und den indischen Ocean nach ihren Bestimmungsorten. Jeden Morgen nimmt der Elephant seinen Führer beim Gürtel, setzt ihn sich auf den Rücken und geht auf's Feld. Zwei Arbeiter halten dort die beiden Pflugsterzen. So lauge die Sonne über dem Horizont steht, macht der Elephant seinen Weg und wirft hinter sich einen Haufen Erde oder vielmehr einen langen kleinen Hügel auf; er zieht auf diese Weise eine Furche von beinahe fünf Fuß Breite und drei Fuß Tiefe. Des Vögeleins Bitte Es ist bitterlich kalt, Und der Schnee liegt so hoch, Im Wald, auf der Flur Wo im Sommer ich flog. Wohl hab' ich mein Kleid Von Federn so dicht; Weil der Hunger mich quält, So wärmt es mich nicht, Kommt der Lenz erst zurück So dank' ich es Euch, Sing Lieder der Lust Auf dem sungen Gezweig. Und im Sommer erst gar! Kommt mein ehelich' Glück, So zahl' ich mit Zinsen Die Gabe zurück. Die Raupe am Blatt, Der Käfer am Ast, Jcy sitz' aus vem Zweig', Seh' ins Fenster binein, i?b nicht Jemand kommt Läßt kaum er sich sehen — Und erbarmet sich mein. Bin ein kleiner Gesell Und wenig genügt So ist er gefaßt. Doch noch ist es kalt Und Alles voll Schnee; Ihr Menschen habt Mittleid! Der Hunger thut weh! Wenn Ihr Brosamen gebt, So bin ich vergnügt. Eo. Mithelfen. Ein Gärtner kam zu seiner Herrschaft, welche im Winter in der Stadt wohnte. — „Nun, Heinrich, ist es schon grün bei Euch?" fragte der Herr. — „Ja, Herr," war die Antwort, „und das Vieh muß auch bald heraus." — „So? — Nun, liebe Frau, wird es auch für uns bald Zeit." Charade (Aus zwei einsilbigen Wörtern.) Wer dem Ersten sich ergibt, Weder Liebcswerke übt, Noch des Zweiten Zierung liebt; D'rum auch muß es lassen gelten, Wenn, um weidlich ihn zn schelte Jedermann dreist ruft ihm zu: „Thor! das Ganze das bist du." weidlich ihn zn schelten, Druck, Dertaa und Redaktion des literarischen Instituts von Dr. M. Huuler. Nr. L. 19. Januar 1868. Augsbnr^er Was das Leben gab, ertrage Und verschmerze, was es nahm. Schulze. Rache und Liebe. V. Georgs Mutter war auf dem Platze geblieben, wo Lucy sie blaß und niedergeschmettert verlassen hatte; sie fragte sich, ob sie wache oder träume? Doch nein, sie hört noch den fortrollenden Wagen, es ist Wirklichkeit, sie kann nicht daran zweifeln. — Sie überdenkt die Folgen der eben gehörten Drohung: dieser Sohn, auf den sie so stolz ist, wird verfolgt, festgenommen werden, ein schmählicher Prozeß wird ihm gemacht, eine entehrende Strafe zuerkannt werden; nach dreihundertjährigcm Glanz soll der Name V6ricourt entehrt, geschändet werden, und ihr Sohn, ihr Georg soll es sein, der den edlen Stamm besudelt. Welche Freude für die Neider! welcher Triumph für die Feinde! Wenn aber Georg nicht schuldig ist? wenn das Ganze ein Gewebe von Lügen wäre? Aber was konnte die Fremde für eine Absicht haben? was konnte ihr die Lüge nützen? Wozu hätte sie ihr Land verlassen und die beschwerliche Reise unternommen, um Rechte geltend zu machen, deren Unächtheit sie kennen mußte? Dann erinnerte sie sich der Veränderung im Wesen Georgs, seiner langen Weigerung, Pauline zu heirathcn, obgleich er sie liebte. Und jetzt noch, woher die tiefe Traurigkeit, die oft der ausgelassensten Freude folgte; warum stieß er oft seine junge Gattin unfreundlich zurück und überhäufte sie dann wieder mit Beweisen von Zärtlichkeit. Umsonst will die Gräfin sich dieser peinlichen Logik entziehen, sie empfindet einen Schmerz, gegen den die Trauer um den todt geglaubten Sohn nichts war; sie muß vielleicht noch beklagen, daß er bei dem Schifsbruch nicht umgekommen ist. Mitten unter diesen schmerzlichen Erwägungen wurde sie von fröhlichem Gelächter unterbrochen, die Thüre ging auf und Pauline trat herein. „Liebe Mama, sehen Sie nur, wie ich aussehe," sagte sie und breitete ihr mit Schmutz bedecktes Rcitkleid aus. — „Sie sind doch nicht böse, daß wir nicht schon gestern gekommen sind? Es war uns bei dem furchtbaren Gewitter wahrhaftig nicht möglich.^ „„Nein doch, nein,"" sagte die Gräfin, die kaum gehört hatte, was ihre Schwiegertochter gesagt, „„seid Ihr zu Pferd gekommen?"" „Ja, ich wollte lieber mit Georg reiten, als mich von meinem Bruder nach Hause fahren lassen, und sehen Sie nur, wie ich zugerichtet bin." „„Wo ist Georg?"" — fragte Frau von Vöricourt. „Er sieht nach den Pferden, denke ich. Wir waren so vergnügt, Georg war so liebenswürdig! Wie er mich zu zerstreuen suchte während des Gewitters, weil er weiß, daß ich mich fürchte. Ich kann aber auch nicht sagen, wie sehr ich ihn liebe, meinen guten, meinen vortrefflichen Georg." „„Wo ist mein Sohn?"" fragte die Gräfin neuerdings. Die junge Frau sah sie erstaunt an. „Sie sind blaß, Mama," sagte sie, „find Sie unwohl?" „„Nein, mein Kind, nur etwas Migräne, aber ich möchte mit Georg sprechen.'" 18 Jetzt trat Georg in's Zimmer und auch er schien ausnahmsweise sehr heiter zu sein. Er küßte seiner Mutter die Hand und fragte, wie es ihr ginge. „Die Mama ist leidend," sagte Pauline. „Wirklich, ich finde Deine Züge etwas angegriffen." „„Ziehe den Vorhang vor, Pauline, die Helle thut mir wehe."" Die junge Frau beeilte sich, dem Wunsche nachzukommen, und die Gräfin benützte den Augenblick ihrem Sohne zu sagen: „Ich muß mit Dir sprechen, folge mir sogleich «s- in mein Zimmer." Sie ging und Pauline fragte ganz betroffen: „Was hat denn die Mama, ich habe sie noch nie so gesehen; sie muß sehr leidend sein." „Ich weiß nicht," sagte Georg, den die bevorstehende Unterredung beschäftigte; „aber kleide Dich doch um, meine Liebe!" „Ach ja, ich hatte ganz darauf vergessen! Ich war so heiter, als ich kam, und jetzt ist mir's ganz schwer um's Herz; ich komme gleich wieder, Georg, laß mich jetzt nicht allein. Aber was hast Du denn, Du antwortest mir nicht." „Das Unwohlsein meiner Mutter beunruhigt mich." „Sie ist so Plötzlich fort." Diese Worte erinnerten Georg, daß die Gräfin ihn erwarte. Er verließ seine Frau und eilte zu seiner Mutter, die ihm ungeduldig entgegen ging. „Endlich!" sagte sie, „das hat lange gewährt. Und doch waren es kaum fünf Minuten;" dann fuhr sie ohne Umschweife fort: „Georg, kannst Du Deines Aufenthaltes in den Antillen ohne Furcht und Reue gedenken?" Bei dieser plötzlichen Frage erblaßte der Graf, er seufzte und verbarg das Gesicht in die Hände. „Georg, so rede doch," drängte die Gräfin in höchster Aufregung. „Ach," sagte er leise, „der gefeuchtete Augenblick ist gekommen, und wenn Gott damit zögerte, so war es nur, um die Strafe desto empfindlicher zu machen." . „Es ist also wahr," schrie die Gräfin laut auf, „mein Sohn ist ein Ehrloser!" „Mutter!" „O warum konnte ich nicht sterben, bevor dieser Tag anbrach." „Mitleid, Mutter, ich bin ohnedieß schon so unglücklich." „Mitleid?" — rief die Gräfin außer sich, „Du findest es weder bei Deiner verlassenen Frau, noch bei Deiner Mutter, die Du mit Schande bedeckt hast, und wolltest Du etwa das des unglücklichen Mädchens anflehen, auf die unsere Schmach theilweise zurückfällt?" „Höre mich, Mutter!" rief Georg. „Du hast den mackellosen Namen Deiner Ahnen befleckt. — Fluch und Schande über Dich!" Mit diesen Worten sank sie ganz erschöpft in ihren Lchnstuhl. Georg, ein wahres Bild der Verzweiflung, kniete vor ihr nieder. „Höre mich," flehte er, „ehe Du mir fluchst. Ich bin strafbar gewesen, sehr strafbar, aber gerade Du, Mutter, solltest am ersten mit Nachsicht urtheilen " Die Gräfin machte eine verneinende Bewegung, während ihr Sohn fortfuhr: „Als ich nach einem einjährigen Aufcnthait in den Antillen eine Verbindung einging, von der ich wußte, daß Sie sie nie billigen würden, war ich von einer Leidenschaft beherrscht, die um so größer war, als man mir Hindernisse in den Weg legte. Ich überredete mich, Ihre Zärtlichkeit werde mir Verzeihung angedcihen lassen und schmeichelte mir, dieselbe ^ um so eher zu erlangen, wenn ich meiner Sache selbst das Wort redete, deßhalb zögerte ' ich immer, Ihnen meine Heirath brieflich mitzutheilen. Zudem muß ich der armen Lucy Gerechtigkeit widerfahren lasten, sie war schön, reich und gebildeter als alle Frauen ihres Landes, und außer ihrer Geburt hätten Sie gewiß keinen Tadel an ihr finden können. 19 Ich liebte sie, liebte sie leidenschaftlich, doch sollte ich nie ein reines Glück genießen, mein > unseliges Geheimniß lastete mir schwer auf dem Herzen, besonders nachdem mir Luch einen Sohn geschenkt, fühlte ich das Gewicht einer verletzten heiligen Pflicht erst recht. Ihre Briefe, die zur Rückkehr mahnten, wurden immer häufiger; Sie sprachen von Ihrer erschütterten Gesundheit, von Ihrer Befürchtung, mich nicht mehr zu sehen. Ich konnte meiner Frau, die erst von einer schweren Krankheit genas, die weite Reise nicht zumuthcn; eben so wenig wagte ich auf dem Vorschlag zu bestehen, allein zu reisen. — Aber als sie sah, in welcher beständigen Angst mich die Nachrichten über Ihre Gesundheit versetzten, als sie meine Verzweiflung sah bei dem Gedanken, daß mir eines Tages die Nachricht von Ihrem Tode zukommen könnte, da gab sie nach. Ich versprach ihr, nicht länger in Frankreich zu bleiben, als bis ich Sie mit unserer Verbindung ausgesöhnt und bewogen Hütte, sie als Tochter aufzunehmen. Gott weiß, kein strafbarer Gedanke kam mir damals in den Sinn. Ich reiste ab; Sie kennen die Geschichte unseres Schiffbruchs, das elende Leben, das ich während sechs Monate führte, Gott täglich, nicht mehr um Errettung bittend, die ich für unmöglich hielt, sondern um den Tod, der meinen Leiden ein Ziel setzen sollte. Endlich auf ein Kauffahrteischiff aufgenommen, sah ich mein Vaterland wieder, ich sah Sie wieder, Mutter!" „Ach ja, das war ein schöner Tag," sagte die Gräfin, „und ich Thörin glaubte jetzt allem Unglück Trotz bieten zu können." Nach einigen Augenblicken des Schweigens fuhr Georg fort: „Werden Sie begreifen, was mir noch zu sagen übrig bleibt? Ich glaube nicht, denn ich selbst begreife es nicht. Aber es ist nur zu wahr: so sehr hatten meine Leiden mein ganzes Wesen verändert, daß ich all' die Wünsche vergessen hatte, mit denen ich Baffe-Tcrrc verließ. Ich wollte nichts anderes mehr, als ein ruhiges Leben mit Ihnen in meinem Vaterland. Bei meiner Ankunft waren Sie noch leidend durch den Kummer über meinen vcrmeint- . Ucheu Tod; Sie sprachen mir sogleich von dem Heiraths-Project mit Pauline, ich wollte Sie in diesem Augenblick nicht betrüben, indem ich Ihnen das unübersteigliche Hinderniß mittheilte und wollte zuwarten. — Indessen wäre es an der Zeit gewesen, Luch von meiner glücklichen Rettung in Kenntniß zu setzen; ich wollte ihr schreiben, doch da hätte ich beifügen müssen, daß ich noch nichts gethan, Ihre Einwilligung zu unserer Verbindung zu gewinnen. Neun Monate waren seit meiner Abreise von Baffe-Terre verflossen; sie mußte von unserem Schiffbruch gehört haben. Der heftigste Schmerz ist vorüber, dachte ich, wäre es nicht bester, ihr meine wunderbare Rettung ganz zu verschweigen, da sie in mir doch den Mann nicht mehr fände, den sie geliebt. Der Krieg entbrannte aus'S Neue, wie hätte ich sie holen können? — Erlassen Sie mir, Ihnen all' die elenden Scheingründe aufzuführen, welche mich leiteten, und bei denen ich selbst er- röthe. Ich frage mich oft, wie es möglich ist, daß Physische Leiden den Menschen so abstumpfen! Ja, ich fürchtete mich, noch einmal eine Reise zu unternehmen, die mir so unheilvoll geworden war; ich beschönigte meine Feigheit durch die Vorspiegelung, daß ich meine Frau und mein Kind solchen Gefahren nicht aussetzen dürfe. Bald gesellte sich zu dieser Gedanken-Ausgeburt meiner unsäglichen Leiden ein anderer Beweggrund" —Georg hielt inne, es ward ihm schwer, fortzufahren. „Ich weiß, Mutter," begann er wieder, „daß ich sehr gefehit habe, aber gerade Sie sind mir am ehesten Nachsicht schuldig, da Sie, obgleich unfreiwillig, am meisten Schuld an meinem Fehltritt tragen. Jeden Tag rühmten Sie mir Paulinens Schön- ^ hcit, ihre Anmuth, ihre Liebenswürdigkeit, ihre Sorgfalt, mit der sie mich pflegte, als ' ' ich nur langsam wieder zum Leben zurückkam, bis ich endlich gewahrte, daß mein Herz, das ich für alle zärtlicheren Gefühle schon erstürben glaubte, für Fräulein d'Apremont nicht unempfindlich geblieben sei. Damals hätte ich fliehen sollen, Alles machte es mir zur Pflicht: meine Ehre, mein Verhältniß zu Lucy, wie Paulinens naive Liebe, die ich nur zu leicht durchschaute. Aber ich blieb, ich unglücklicher Thor, ich hielt mich für 20 stärker, als ich war. Erinnern Sie sich, Mutter, wie sehr Sie in mich drangen, Pau- line zu heirathen, die ich schon innig liebte, Sie stellten mir diese Heirath als den höchste» Wunsch Aller vor und mein Herz war nur zu geneigt, Ihnen zu willfahren." „Die Vorwürfe meines Gewissens," fuhr Georg fort, „beschwichtigte ich damit, daß Lucy mich längst für todt halten mußte, was lag daran, daß wir noch weiter getrennt würden? Ich war fest überzeugt, daß sie nie mehr etwas von mir hören würde, da sie sehr zurückgezogen lebte, und auch ich wollte dieses Schloß nie mehr verlassen. — Lucy war auch reich, sie brauchte mein Vermögen nicht, weder für sich noch für ihr Kind. Glauben Sie jedoch nicht, daß ich mein Verbrechen beschönigen will, ich will Ihnen nur darthun, wie ich durch diese Sophismen mein Gewissen einschläferte und der schrecklichen Versuchung erlag. Sie werden wissen, wie ich noch am Vorabend der Vermählung völlig abbrechen wollte. Ich war die ganze Nacht wie unsinnig auf dem Feld herumgeirrt, die Gewissensbisse verfolgten mich, ich war mir selbst zum Abscheu, und faßte endlich den Entschluß, Alles zu gestehen. Bei den ersten Worten unterbrachen Sie mich zornig; Sie thaten daran nicht klug; Ihren Bitten hätte ich vielleicht nachgegeben, Ihre Vorwürfe bestärkten meinen Entschluß. Wir wären so Alle gerettet gewesen, da erschien Pauline. Bei ihrem cngclgleichen Lächeln, bei ihren Liebe und Glück athmenden Worten * wankte mein Vorsatz. Es schien mir grausam, dieses liebende Herz zu brechen. Ich kämpfte nicht weiter, ich schloß die Augen wie Einer, der am Rand eines Abgrundes einschläft, mit der festen Ueberzeugung, bei der ersten Bewegung hinabzustürzen. Aber welche Last ist es, um ein böses Gewissen! Wie viele ruhelose Tage und schlaflose Nächte verbrachte ich, in denen mir Lucy meinen Meineid vorwarf, wie oft hab' ich den Abgrund ermessen, in den die Wahrheit mich einst stürzen müßte! Ich weiß nicht, ob diese Strafe mir noch vorbehalten ist, aber zwanzigmal hab' ich sie schon im Geist erduldet! Doch wie haben Sie mein schreckliches Geheimniß errathen? Mutter, haben Sie die Gewissensqual auf meiner Stirne gelesen?" „Errathen? Unglücklicher! Deine Frau selbst hat mir Alles gesagt, Deine Frau, die nur auf Rache denkt." „Lucy!" rief Georg, mit Blitzesschnelle aufspringend, „Lucy ist in Frankreich, sie war hier?" „Leider, und ich, die ich von ihren Rechten nichts wußte, reizte sie noch, indem ich sie als Aveuturicre behandelte, die eine Liebelei mit Dir ausbeuten wollte. Wie konnte ich auch meinen Sohn für so strafbar halten? Du selbst mußtest es mir sagen, bis ' ich es glaubte." Georg war in einem Zustande völliger Betäubung. Lucy wußte also um seinen Verrath und wollte die Rache niemand Anderem überlassen. Diese Frau, die er einst so zärtlich geliebt, und die mit so viel Liebe an ihm gehangen, war jetzt seine erbittertste Feindin. Was sollte aus der armen Pauline werden, auf die ein Theil der Schande zurückfällt. Er ließ sich alle Einzclnhcitcn der Unterredung noch einmal erzählen, und das Verzweifelte der Lage wurde ihm immer klarer. „Womit könnte man doch diese Frau zum Schweigen bringen?" fragte endlich die Gräfin. Georg senkte den Kopf, er kannte die junge Creolin zu gut; wenn sie auch hingebend und aufopfernd war, so erwachte doch die ihrem Lande eigene Leidenschaftlichkeit, wenn sie sich in ihren Gefühlen verletzt sah, und konnte sie als Gattin und Mutter tiefer gekränkt werden? Nach dem zwischen Lucy und Frau von Vöricourt Vorgefallenen war diese nicht die geeignete Person, eine friedliche Lösung anzubahnen, sie wandte sich daher an eine Mittelsperson, deren Stand und Charakter dazu passend schien. (Fortsetzung folgt.sf Das Weihnachts - Geschenk. In weichen, weißen Flocken siel der Schnee aus schweren, grauen Wolken nieder auf die schweigende Erde, sie liebevoll einhüllend vor der starren Kälte des Winters. — Die Nacht war früh, sehr früh herabgesunken, bereits bedeckte sie mehrere Stunden mit ihrem weiten, sternlosen Mantel Stadt und Land. Neberall waren die Thürmcr beschäftigt, mit kräftigen Armen die Stränge der Glocken in Bewegung zu setzen, damit ihre eherne Stimme verkünde, daß inmitten der öden Winternacht ein reiches Frühlingsleben angebrochen, daß Weihnachten, das beseligende Fest, eingekehrt, der Stern der Liebe aufgegangen über Hütten und Paläste. Auch in der Provinzialstadt A. . . . erklang der volle Accord der Glocken von allen Thürmen, Hütten und Paläste schmückten sich verschieden und doch cinmüthig, denn überall begegnete man sich ja in einem Gefühl. Aus allen Fenstern, sie mochten verhüllt sein durch schwere Scidengardinen, geschlossen durch einfache Läden, stahl sich ein Heller, freundlicher Schimmer, der Kunde gab, daß in den Zimmern Lust und Freude herrsche, daß überall das Gcburtsfcst des Heilandes gefeiert werde, in allen Häusern ein Christbaum entzündet sei. In allen Häusern? Die Unterstube eines stattlichen, in einer der besten Straßen belegenen Hauses war behaglich erwärmt, jedem Luftzug der Einzug verwehrt durch dichte Vorhänge und Portieren. Ein weicher Teppich bedeckte den Fußboden, elegante Meubles füllten das Zimmer, duftende Blnmen auf Etageren und Blumentischen zauberten, der Winterkälte spottend, den milden Hauch des Frühlings. Die auf dem Tische brennende Lampe beleuchtete silbernes Theegeschirr; es zeugte Alles von Comfort und Wohlhabenheit; nichts aber erinnerte daran, daß heute Weihnachtsfest sei. Keine Bcscheerung war ausgebreitet, kein Tanncnbaum angezündet, denn es, war kein Kind da, das jubelnd die Gaben der Eltern empfangen hätte — das Weihnachtsfest war für die Bewohnerin dieses Zimmers kein Fest der Freude, sondern des Schmerzes. Die Frau, welche allein in jenem Zimmer am Tische saß, war noch jung, vielleicht zu Anfang der dreißiger Jahre. Gott hatte sie in dem ersten Jahre ihrer Ehe des hohen Mutterglückes gewürdigt, sie hatte ein holdes Kind an ihre Brust gedrückt; aber schon nach wenigen Wochen hatte der Herr seinen Engel wieder zu sich gerufen in die himmlische Heimat. Mit unendlichem Schmerze hatte sie das -Kind forttragen sehen, war sie zurückgeblieben in dem Hause, welches fortan still blieb — ein Nest ohne Vogel, ein Garten ohne Blumen! Zehn Jahre waren seitdem vergangen. Die Gatten, welche sich unter beschränkten Verhältnissen die Hände gereicht zum Bunde für das Leben, sahen ihre irdischen Güter sich mehren, sie wurden wohlhabend, reich; sie liebten einander; aber sie waren nicht glücklich. Es war still um sie, die Räume ihres Hauses widerhallten nicht von der schönsten Musik, dem Tone fröhlicher Kinderstimmen. Er umgab seine Gattin mit allem, was das Leben verschönern kann, und sie war dankbar, machte ihn nicht zum Zeugen ihres tiefen Schmerzes, ließ ihn nicht ahnen, welche Leere sie fühlte, wenn er seinen Bcrussgeschäften nachgehend, sie einsam zurückließ in dem öden, reichgcschmückten Hause. Auch heute war er gegangen, mit dem Versprechen, ihr ein schönes WeihnachtS- Geschenk mitzubringen, und sie hatte dazu gelächelt und ihm scherzend eingeschärft, es ja nicht zu vergessen. „Er ist so gut," hatte sie dann zu sich gesagt, „er soll es nicht wissen, wie wenig Freude ich habe an diesem Luxus, diesen Kostbarkeiten, mit welchen feine Liebe mich so verschwenderisch umgibt. Ich sehne mich, ein warmes Kindcrherz an das meine zu drücken, meine Hand streckt sich aus, die kleine Hand zu erfassen, mein Ohr lauscht, ob es nicht liebliches Kindergeplauder vernehme. Ich möchte beschenken und muß mich beschenken lasten, ich möchte arbeiten und sorgen für Andere und muß für mich sorgen lasten. Ich kann keine Bcscheerung ausbreiten, keine grüne Tanne mit Lich- lern und Näschereien schmücken; es umflattern sie ja keine munteren Vögel; der Baum würde sich wundern, weßhalb man ihn seiner schönen Waldesheimat entrissen und ihn hierhergebracht, wo keine Weihnachtsfrcude." Stundenlang hatte die einsame Frau in ihren Betrachtungen gesessen, die Nacht war gekommen, der Diener hatte die Lampe angezündet, den Theetisch geordnet, sie hatte es kaum bemerkt. Jetzt erzitterte der Festgruß von den Thürmen, weckte sie aus ihrem Hinbrüten, drang in ihr Herz, wie eine Mahnung zu hoffen, daß auch ihr noch Glück beschicken sei. Tritte erschallten vor der Thür, sie öffnete sich und ihr Mann trat herein. Sorgfältig trug er ein Bündel, legte es vorsichtig auf den Tisch nieder und sagte mit seltsam bewegter Stimme: „Da bringe ich Dir ein Wcihnachts-Geschenk, das Gott mir bescheert. Ich wollte Dir einen Schmuck kaufen, den ich gestern am Schaufenster eines Juweliers gesehen; im Begriff, in den Laden zu treten, höre ich ein leises Wimmern, das aus diesem schon halb mit Schnee überdeckten Bündel kam, ich öffne es, sende darin ein fast erstarrtes Kind und eile damit hieher. Ich vergaß darüber den Schmuck zu kaufen, wirst Du mir zürnen?" Er öffnete bei diesen Worten das Bündel und die erstaunte Frau erblickte ein kleines Mädchen, ungefähr von demselben Alter, wie das ihrige war, als der Tod es von ihr gefordert. Erweckt von der Wärme, welche Plötzlich auf das von der Kälte erstarrte Gesicht einströmte, öffnete das mutterlose Kind die Augen und streckte weinend die Arme aus nach der kinderlosen Mutter. Sie nahm es aus den Armen ihres Gatten, betrachtete es lange und innig, ein warmer Quell der Liebe öffnete sich in ihrem Herzen für das hilflose Wesen und mit heißen Thränen sprach sie: „Du bringst mir ein Weihnachtsgeschenk, kostbarer als Diamanten. Du hast es gefunden; aber unser Kind dort oben, Christus, der Kinderfreund, haben es gesandt, damit Las verwaiste Kind Eltern, die verwaisten Eltern ein Kind haben. So sei es denn unser und Gott gebe seinen Segen!" „Amen," sagte der Mann und Amen klangen die Glocken, welche so eben im letzten Pulse verhallten. Obgleich ihr Dienerinnen zu Gebote standen, ließ es sich die hochbeglückte Mutter nicht nehmen, das ihr geschenkte Kleinod selbst aus den umhüllenden Tüchern zu befreien, es zu erwärmen und ihm Milch einzuflößen. In den Tüchern, welche ohne jedes Zeichen, fand sich ein Zettel, auf dem die Worte standen: „Das Kind ist getauft und heißt Marie." Es war dies das einzige sehr schwache Zeichen, welches als Anhaltepunkt für Nachforschungen über des Kindes Herkunft dienen konnte; die Adoptiv-Eltern bedurften desselben nicht; sie wollten nicht forschen und fragen, sie wollten behalten, was ihnen bescheert. Das Kind blieb das ihre. Fortan ging kein Wcihnachtsfcst wieder so still vorüber, Marie, von Jahr zu Jahr sich lieblicher entfaltend, jubelte um den Tannenbaum und erfuhr niemals, daß die, welche ihn für sie schmückten, nicht wirklich ihre Eltern, daß sie selbst ein Weihnachts-Geschenk sei. Das Jahr 1868 als Säkular-Jahr. Dasselbe ist ein solches für eine ungewöhnlich große Anzahl welthistorischer Begebenheiten. Achtzehn Jahrhunderte sind in ihm seit dem Tode des Tyrannen Nero und dem Aussterben des Cäsarischcn Geschlechts verflossen (68 n. Chr. Geb.); sechzehn nach der Stiftung der großen germanischen Völkerbünde an der Ober-Donau, der Weser und dem Ober-Rhein (268); fünfzehn seit dem Erscheinen der Ostgothen unter Her« manrich am Dnieper, und der Westgothen unter Athanarich au der Donau (368). 23 Vicrzehnhundert und fünfzig Jahre sind verflossen, seit die Westgothen (unter Wallia) zuerst in Spanien erschienen (418), und gerade vicrzehnhundert, daß sie, unter ihrem tapferen König Eurich, die Römer aus demselben gänzlich vertrieben (468). Fünzig Jahre weniger, daß Justin 4, den Thron von Konstantinopel besteigend, im Orient eine neue Kaiser-Dynastie begründete (518); und gerade dreizehn Jahrhunderte, daß Alboin, König der Langobarden, in Italien einrückte und dort die Gründung des longobardischen Reiches begann (458). 1150 Jahre sind es her, daß Winfried oder Bonifazius, der Apostel der Deutschen durch englische und irländische Missionarien unter fränkischem Schutz das Christenthum in Deutschland ausbreitete, und Prinz Pelayo zu Gijon das erste kleine christliche Reich in Spanien, Asturien geheißen, stiftete (718). Eilf Säkula verrannen im Zeiten- strome, seit Pipin's des Kurzen großer Sohn Karl der Große den Thron des Frankenreichs bestieg, und eine neue Aera in der Weltgeschichte vorbereitete (768); und gerade ein Jahrtausend, daß von den seefahrenden Normannen die Faröer- und die Shctlands-Jnseln entdeckt und im oströmischen Reiche durch Basilius I. ein neues Kaisergeschlecht, das „makedonische", zum Throne gelagte (868), den es, allerdings mit einigen Unterbrechungen, bis zum Jahre 1056 inne hielt. Achthundertfünfzig Jahre sind es her, daß der Normanne Kanuth der Große die Throne von England und Dänemark vereinigte und daß zu Jerusalem durch Hugo von Pajcns, der später so mächtige Tcmpelhcrrn-Orden gestiftet wurde. Am 30. Mai 1168, also vor sieben hundert Jahren, siegten bei Legnano die verbündeten oberitalienischen Städte über den deutschen Kaiser Friedrich Barbarossa, und vor sechshundert Jahren legte eben dieses Kaisers Urenkel (Konradin von Schwaben) zu Neapel sein Haupt auf den Henkerblock (am 29. Oktober 1268), nachdem er zuvor (am 23. August) gegen den Usurpator Karl v. Aujou, Bruder König Ludwigs lX. (des Heiligen), der vorn Papst Klemens IV. die Belehuung mit Sizilien und Neapel erhalten hatte, die Schlacht von Tagliacozzo verloren hatte. Bon diesem blutigen, historisch hochwichtigen Tage datirt der Untergang des ruhmreichen Hauses der Hohenstausen, die Zerstückelung der beiden Herzogthümer Franken und Schwaben und der Anfang der Landeshoheit der deutschen Reichsstünde, der Landstände und des Faustrcchts. Ein halbes Jahrtausend verrann, seit Hongwu, ein Chinese von geringer Herkunft, der mongolischen Zwingherrfchaft über China ein Ende machte und, den Thron besteigend, die Myng-Dynastie begründete (1368). Vierhund ertfünfzig Jahre sind es her, daß das für das abendländische Kirchenregiment so wichtige Konzilium zu Kostniz geschloffen wurde, und daß die ersten Zigeuner in Europa erschienen (1418); vierhunderst Jahre aber, seit Mathias Corvinus den Thron Ungarns bestieg, die Portugiesen die Küste von Ober-Guinea in Afrika entdeckten. 'Gerade dreihundertfünfzig Jahre sind seit dem Auftreten Ulrich Zwingli's in Zürich und dem Reichstage zu Augsburg verflossen (1518); dreihundert aber seit der Hinrichtung der edlen niederländischen Grafen von Egmont und Hoorn und dem Tode des Don Carlos von Spanien (1568). Ein Vicrteljahrtausend verrann, seit zu Breslau der Dichter der zweiten „schlesischen" Dichtcrschulc, Christian Hofmann von Hofmannswaldau, geboren ward; seit der Kurfürst Johann Sigismund von Brandenburg, nach dem Tode des Herzogs Albrecht Friedrich, den erblichen Besitz des Hcrzogthums Preußen für sich und seine Nachkommen von der Krone Polens erhielt und damit die Herrschaft der bran- denburgischcn Hohmzollern Mx Ostpreußen begründete und so die Errichtung des Königreichs Preußen vorbereitete; sowie daß zu Prag jener entsetzliche Krieg seinen Anfang nahm, welcher durch dreißig Jahre hindurch alle Gauen Deutschlands mit Blut und Verheerung erfüllte und die Zerrissenheit des großen Vaterlandes permanent machte (1618). Zweihundert Jahre sind es her, daß Portugal von Spanien als unabhängig anerkannt, zu Aachen zwischen Frankreich (Ludwig XIV.) und den Niederlanden Frieden ge- 24 schloffen und Kanada von den Franzosen kolonisirt und Quebeck durch Champlain ge- ^ gründet wurde; sowie daß der berühmte niederländische Maler Philipp Wouvermann zu Haarlcm starb (1668). Anderthalb Säcula sind verflossen seit dem Frieden von Paffarowitz (am 21. Juli 1718), durch welchen Oesterreich zwar Temcsvar, das nördliche Serbien und die westliche Walachei gewann, Venedig aber Morca an die Türken verlor; seit der ra Stiftung der Quadrupel - Alliancc zwischen England, Frankreich, Oesterreich und Holland, gegen Spanien, am 2. August, und dem großen Seesiege der Engländer über die Spanier am sicilianischen Cap Paffaro, am 22. desselben Monats; endlich seit dem Einfall König Karl's XII. von Schweden in Norwegen und seinem rätselhaften Tode bei Friedrichshall, am 1. Dezember 1718. Gerade hundert Jahre sind verflossen seit dem Tode des Kunsthistorikers Johann Joachim Winkclmann, resp. am 1. und 18. März und 8. Juni 1848. Desgleichen seit folgenden merkwürdigen weltgeschichtlichen Begebenheiten: Seit dem Verkaufe der Insel Korsika an Frankreich (am 5. Jänner 1768); dem Erlaß der parmcsanischcn „pragmatischen Sanktion" zur Beschränkung der Macht des Papstes (16. Jänner); seit der Konföderation des polnischen Adels zu Bar, zum Behufe der Vernichtung der Rechte der polnischen Dissidenten (am 29. Februar); seit der dänischen Anerkennung Hamburgs als freie Reichsstadt (am 27. Mai); seit dem Zusammentritte des ersten nordamcrikanischen Volks-Konvcntcs zu Boston, zum Behufe der Präcisirung und Vertheidigung der Kolonien gegen die Eingriffe des englischen Mutterlandes (am 22. und 23. Juni), und endlich seit dem AuSbruche eines neuen, bis 1774 währenden, russisch-türkischen Krieges (im Oktober 1768). Ein halbes Jahrhundert endlich verrann seit der Aufhebung der Leibeigenschaft im Königreich Württemberg (1. Jänner 1818); seit dem Tode König Karl'S XIII. von Schweden und der Thronbesteigung Bcrnadotte's als „Karl XIV." (am 5. Februar); seit der Begründung der Freiheit Chile's durch den Sieg des chilenischen Generals St. ^ Martin über die Spanier (am 5. April); seit der Eröffnung des ersten polnischen Reichstages durch Alexander I. (am 27. April); seit der Emanation des Königreichs Bayern und des Großhcrzogthums Baden, resp. am 26. Mai und 22. August; seit dem Erlaß einer Synodal-Verfassung in Preußen (am 29. August); seit dem Zusammentritte des wichtigen europäischen Monarchen- und Minister-Kongresses zu Aachen (am 9. Oktober bis 15. November); und endlich seit der Aufhebung der Universitäten Erfurt, Münster, Duisburg und Padcrborn und dagegen Stiftung der Universität zu Bonn (letztere am 18. Oktober 1818); sowie endlich seit der Aussendung der größcrn britischen Expedition zur Erforschung der Nordpol-Regionen und einer nördlichen Durchfahrt von dem Stillen nach dem Eismeer. (Obstraupenvertilgung.) Die Amerikaner binden an eine Stange einen Lappen, tauchen diesen in Erdöl und berühren damit diz Raupcnncstcr, wodurch die Raupen angeblich getödtct werden. Versuche wären zn empfehlen. (Heupressen.) Ein Landwirth mit nur irgend erheblichem Wiesenbesitz sollte eine Heupresse haben, mittelst welcher er sein Heu ein ganzes Jahr hindurch in gleicher Ernährungskraft erhalten, in einem viel kleineren Raume aufbewahren und jede Verschleppung desselben schnell entdecken könnte. _ ^Mein Liebling ist Jelängerjelieber," sagte ein Landgeistlicher zu dem Schulzen, den er im Pfarrgarten herumführte. Der alte Treuherz cntgegnete: „Das spürt man in Ihren Predigten." Druck, »erlua u»d «kdaltio» d«S Uterarilcheu Institut« »ou vr. W. HuMcr. Nr. 4 . 20. Januar 1868. Angsburgee Wer eine große Seele hat, trägt die Sanftmuth auf dem Gesicht. Herder. Rache und Liebe. (Fortsetzung.) VI. Lucy war vom Schlöffe Vöricourt in der äußersten Aufregung zurück gekommen. In ihrer Liebe wie in ihrem Stolz bitter gekränkt, war ihr nichts erspart geblieben, was ihren Zorn nähren konnte. „Er hat nicht einmal mit seiner Mutter von mir gesprochen," sagte sie bei sich selbst; „vielleicht dachte er schon an falschen Verrath, während er mir von seinem Schmerz über die unvermeidliche Trennung redete. Und die, die mich so mit Schmach überhäuften, kann ich jetzt mit einem Wort zu Grunde richten — oh, sie sollen mir meine Thränen theuer bezahlen." Wie bei allen nervösen Frauen, die im Augenblick der Aufregung oft eine ungewöhnliche Kraft zeigen, folgte derselben bald eine völlige Abspannung. Auf die theil- ^ nehmenden Fragen Mela's machte sie eine abwehrende Bewegung, sie fühlte ein unabweisbares Bedürfniß nach Ruhe und sank bald in einen Lehnstuhl, wo man sie hätte schlafend glauben können; ohne die convulsivischen Zuckungen, die ihren Körper von Zeit zu Zeit erschütterten. Der kleine Georg spielte im Nebenzimmer, um die Mutter nicht zu stören, da ertönte die Stimme der Frau Goulard: „Ja wohl, die gnädige Frau ist zu Hause, kommen Sie nur mit mir." In demselben Augenblick öffnete sie die Thüre und ein Greis, dessen Kleidung einen Geistlichen verrieth, trat in's Zimmer. „Herr Bcauprs, unser Pfarrer, möchte gerne mit Ihnen sprechen, gnädige Frau." Lucy verneigte sich kalt. Nachdem die Wirthin, wiewohl ungerne, sich zurückgezogen hatte, begann der Pfarrer: „Wenn ich mich in die unglückliche Geschichte mische, die mich hieher führt, so geschieht dies auf dringendes Bitten der Gräfin V6ricourt, in deren Haus ich seit dreißig Jahren ein - und ausgehe." Die Crcolin machte abermals eine stumme Verbeugung. „Vor Allem," fuhr der Pfarrer fort, „drücke ich Ihnen das aufrichtige Bedauern der Gräfin aus, wenn sie im Verlaufe Ihrer Unterredung einen verletzenden Ausdruck gebraucht hat." „„Ich bin der Frau Gräfin für diese Rücksicht sehr verbunden, obwohl ich vermuthe, welchem Beweggrund sie entspringt."" „Und jetzt wollte ich Sie bitten, mir zu sagen, was Sie zu thun gedenken." „„Das kann Ihnen die Gräfin sagen, sie weiß es von mir selbst."" „O nein, es ist nicht möglich, daß Sie ein solches Vorhaben ausführen, Sie sagten nur so in der ersten Aufwallung eines gerechten Zornes, Ihr Herz mißbilligt es gewiß schon jetzt." O 26 „»Da haben Sie sich von meinem Herzen eine viel zu Vortheilhafte Meinung gemacht. Nein, nein, ich bekenne meine schlimme Natur, ich kann nicht Böses mit Gutem vergelten." " „Der unglückliche Georg hat schwer gegen Sie gefehlt, aber bedenken Sie die Folgen einer solchen Bekanntmachung. Ziehen Sie als Frau und Christin nicht ein großmüthiges Verzeihen vor?" „„Und meine Pflichten als Gattin und Mutter, soll ich die bei Seite setzen? — Soll ein Mann die Existenz einer vordem so glücklichen Fran ohne Gewissensbisse vernichten, soll er der heiligsten Bande spotten können, soll die Verzeihung seines Opfers ihm noch Straflosigkeit zusichern? Das hieße Gesetz und Moral umgehen."" „Glauben Sie ja nicht," fuhr der Pfarrer fort, „daß Georg ohne Gewissensbisse ein so verdammenswerthcs Verbrechen begangen hat." „„Oh,"" sagte Luch bitter, „„nur kommen sie zn spät, wie das Bedauern seiner Mutter."" „Wenn die Strafe den Schuldigen allein träfe", entgegnete Herr BeauprS traurig, „würde ich keine weiteren Vorstellungen wagen, aber die Schande füllt auf eine ganze Familie zurück, deren Namen stets geachtet war." „„Ich kann für diesen Namen keine Rücksichten haben, die Herr VSricourt selbst nicht gehabt hat."" „Aber es ist auch der Name Ihres Sohnes." „„Die Schmach wird nicht auf ihn fallen; sobald meine Heirath bekannt ist, verlasse ich dieses Land für immer."" „Ueberdieß," sagte Herr Beauprtz säst schüchtern, „bereiten Sie einer andern ganz schuldlosen Frau ein elendes Loos." „„Zögen Sie vor, daß sie an die Giltigkeit dieser scandalösen Ehe fortglaubte?"" „Von heute an," erwiderte der Priester ernst, „ist zwischen Herrn Vüricourt und Fräulein d'Apremont eine ewige Scheidewand. Aber nachdem sie die Nothwendigkeit der Trennung erkannt, lassen Sie ihr wenigstens den unwissentlichen Fehler beweinen, ohne daß die Blicke der bösen Welt auf sie gerichtet sind." „„Fräulein dÄpremont,"" sagte die Crcolin bitter, „„mag hierin handeln, wie ihr Gewissen ihr vorschreibt, es steht mir kein Recht zu, sie zu leiten."" „Aber Sie müssen doch zugeben, daß sie kein solches Loos verdient hat." „„Oh sie, sie ist geliebt,"" rief Luch, ihr Gesicht in beide Hände verbergend. Das war jener Seelenschrei, der unsere innersten Gedanken verräth. Aber sogleich über ihre Schwäche erröthend, fügte sie bei: „„Ich bin selbst so unglücklich, mein Herr, daß mir kein Mitgefühl für das Unglück Anderer bleibt. Wenn Sie wüßten, welche Qualen mein Herz gelitten! Seit länger als einem Jahr beweinte ich den Tod meines Gatten, da hörte ich, daß Georg nicht nur am Leben, sondern im Begriff sei, eine neue Ehe einzugehen. Anfangs glaubte ich an eine Verwechslung, als ich aber nicht mehr zweifeln konnte, daß er dem Schiffbruch entkommen, verwarf ich wenigstens den Gedanken an eine Heirath als eine Verläumdung, mein Herz empörte sich, daran zu glauben. — Selbst sein Schweigen suchte ich zu entschuldigen, und hoffte jeden Tag ihn zurückkehren zu sehen. Endlich konnte ich diese Marter nicht länger ertragen, trotz der Bitten meiner Freunde und der Gefahren der Reise während der Kriegszeit, reiste ich ab, ich mußte Gewißheit haben. Vielleicht, dachte ich, komme ich im schlimmsten Falle noch rechtzeitig genug, ein Verbrechen zu verhindern. Aber kaum angekommen, höre ich, daß er verhei- rathel ist, vcrheirathet seit einem Jahr, während ich noch seinen Tod beweinte! Und man wage es jetzt, mir von Mitleid, von Vergessen, von Verzeihen zu sprechen. Nein, Herr, ich habe zu viel gelitten, und leide noch schrecklich."" Mit diesen Worten sank sie in einen Lehnstnhl und brach in Schluchzen aus. — Der würdige Priester war tief erschüttert; er versuchte es, den einzigen Trost zu spenden. 27 den seine Stellung erlaubte: die Hinweisung auf eine bessere Welt. Aber Lucy's Seele war zu sehr von Bitterkeit erfüllt, nur ergebenen Gemüthern kann man von der himmlischen Vergeltung sprechen, sie wollte Rache. Jetzt versuchte er nur noch, Georg weniger strafbar erscheinen zu lassen. „Hören Sie wenigstens, durch welchen Zusammenfluß unseliger Umstände Ihr Gemahl so weit kam: Seit vierzehn Tagen hatte Georg Ihr Land verlassen, als ein furchtbarer Sturm losbrach, das Schiff „Heinrich" konnte bald nicht länger gegen die Elemente kämpfen, und die Mannschaft sah ihrem Untergang uni so gewisser entgegen, als das Schiff anfing, von allen Seiten Wasser zu schöpfen und ein Versinken unvermeidlich war. Einige Unglückliche, darunter auch Ihr Gatte, suchten durch Schwimmen die nahe Küste zu erreichen; von zwölfen gelang es nur zweien, die andern fanden ihr Grab in den Wellen. O gnädige Frau, hätten Sie Georg die Schilderung seiner Leiden machen hören! alle Uebel schienen in dieser Filiale der Hölle vereinigt zu sein, und dort mußte er Wochen, Monate zubringen. Solche Qualen hätten den Stärksten niedergedrückt, wie viel mehr einen Mann, dem Entbehrungen neu waren. Als daher nach sechs Monaten unsäglicher Leiden Herr von Vsricourt zurückkam, erkannte ihn seine eigene Mutter nicht." Luch war bewegt. Der Pfarrer fügte noch Alles bei, was Georg seiner Mutter zu seiner Entschuldigung gesagt hatte; einen Augenblick gab er sich der Hoffnung hin, die Sache seines Clienten gewonnen zu haben, als er aber den Namen Pauline d'Apre- mont ausgesprochen, erwachte all' ihr Haß wieder und er konnte weiter nichts erreichen, als das Versprechen, vor drei Tagen keinen entscheidenden-Schritt zn thun. VII. Trotz der vorgerückten Tageszeit begab sich Herr Beauprö wieder nach Schloß Vsricourt, um seine Freunde von dem freilich nur sehr geringen Erfolg seines Besuches in Kenntniß zu setzen. Es war ihm bei seiner tiefen Mcnschcnkcnntniß leicht gewesen, zu errathen, daß Luch ihren Gemahl noch immer liebe, aber er nahm sich vor, das Geheimniß vor Georg sorgfältig zn bewahren, denn Hoffnungen an diese noch bestehende Neigung zu knüpfen, wäre thöricht gewesen, ihr Entschluß sich zu rächen, stand zu fest, und das bittere Gefühl verschmähter Liebe machte ihn vielleicht um so unerschütterlicher. — Als er auf dem Schlöffe ankam, war es fast Nacht, die erste Person, die ihm entgegen kam, war Pauline. „Ach, lieber Herr Beauprs," sagte sie, „wie froh bin ich, daß Sie kommen, vielleicht können Sie mir erklären, was hier vorgeht; die Mama ist unwohl und will sich nicht von mir pflegen lassen; Georg hat sich in sein Zimmer eingeschlossen und will mich nicht sehen. Es muß irgend eine unangenehme Nachricht eingetroffen sein, aber warum theilen sie mir dieselbe nicht auch mit, soll ich nicht Theil an ihren Sorgen haben?" Als der Greis in trübem Schweigen verharrte, fuhr Pauline fort: „Georg hat allerdings schon öfter solche Anfälle von Melancholie gehabt, es war dies bis jetzt mein einziger Kummer, aber dann war immer die Mauia um so liebenswürdiger mit mir, während heute auch sie mich zurückstößt. Ich kann mich doch nicht erinnern, Veranlassung dazu gegeben zu haben." „Ich werde ausführlicher mit Ihnen reden müssen, mein Kind," sagte endlich der Pfarrer, „und bitte Sie daher, morgen früh zu mir zu kommen." „So hab' ich also doch gefehlt," fragte sie ängstlich. „Niemand ist ohne Fehler, deßhalb müssen wir lie Prüfungen, die Gott uns schickt, mit Ergebung tragen. Aber fragen sie mich jetzt nicht weiter, ich kann Ihnen im Augenblick nur so viel sagen, daß weder Georg noch seine Mutter Ihnen zürnen." 28 Pauline beruhigte sich bei dieser Versicherung und der Pfarrer begab sich zur Gräfin und ihrem Sohn. „Nun, wie stehts," fragten Beide zugleich in größter Spannung, „was haben Sie ausgerichtet?" „Nichts als einen Aufschub von drei Tagen." „Also keine Hoffnung, dieses unglückliche Weib zu rühren!" rief die Gräfin. Nach einigem Schweigen setzte sie hinzu: „Wäre es nicht möglich, die Ehe für ungültig erklären zu lassen, vielleicht wegen irgend eines Formfehlers?" „Wenn Sie solche Dinge beabsichtigen, so suchen Sie anderswo Rath, gnädige Frau," erwiderte der Pfarrer streng, „ich habe mich wohl zum Anwalt für den Schuldigen aufgeworfen, aber ich werde die Hand nicht dazu bieten, sein Opfer zu unterdrücken. Diese Frau hat heilige Rechte und schon der Versuch, sie ihr zu rauben, wäre eine Infamie." „Meine Heirath mit Luch hat in aller Form Rechtens stattgefunden," sagte Georg, „und was auch kommen mag, ich will mich auf solche Weise demselben nicht entziehen." „Aber was können wir denn anders thun?" „Gott bitten, Gräfin, daß er das Herz der schwergekränkten Frau rühre. Für jetzt bleibt mir noch eine schwere Pflicht zu erfüllen. Fräulein d'Aprcmont von ihrem Unglück zu unterrichten." „Oh, noch nicht, jetzt noch nicht!" rief der Graf schmerzlich. „Warum sollte ich zögern?" erwiderte der Priester, „muß sie nicht die unselige Wahrheit erfahren? Außerdem gebieten mir die Verpflichtungen meines AmteS, dieß ohne Aufschub zu thun, ich kann nicht zugeben, daß diese reine Seele ein von nun »n strafbares Gefühl beflecke. Ueberdieß verlangt sie von mir Aufschluß über das, was hier vorgeht, und so hart auch der Schlag sein mag, so hoffe ich, er soll sein Heilmittel in sich tragen." „O ja," sagte der Graf höchst aufgeregt, „Sie werden Alles thun, ihr Herz von mir abzuwenden." „Ich hoffe, es soll dies keine große Anstrengung kosten, Fräulein d'Aprcmont wird selbst fühlen, daß Sie ihrer Liebe unwürdig sind." „Mein Herr, mißbrauchen Sie meine unselige Lage nicht!" „Nein," entgegnete der Priester mit Würde, „ich habe lange meinen Unwillen niedergehalten, aber endlich fließt er über. Wie, in dem Augenblick, wo Sie mit blutigen Thränen das elende Loos beweinen sollten, das Sie zwei unschuldigen Frauen bereitet haben, wagen Sie es, zu bedauern, daß wenigstens die Eine minder unglücklich ist, indem sie Ihnen ihre Liebe entzieht?" Bei diesem Vorwurf senkte der Gräf beschämt das Haupt. „Ich fühle ja mein Unrecht," sagte er niedergeschlagen, „aber Sie kennen das Gefühl nicht, dessen Einfluß mich so ganz beherrschte." „Wenn es einen so verdammenswürdigen üben kann, so danke ich Gott aus ganzem Herzen dafür," sagte Herr Beauprs. Dann wandte er sich zur Gräfin und fuhr fort: „Ich laste Fräulein d'Aprcmont noch eine Zeit lang unter Ihrem Dach, weil ich die Nothwendigkeit einsehe, alles Aufsehen zu vermeiden; denn trotz meiner geringen Hoffnungen will ich doch noch alles versuchen, ein Aergerniß zu verhindern." Der Pfarrer ging und ließ die Gräfin und ihren Sohn in einer Unruhe zurück, die an Verzweiflung gränzte. (Fortsetzung folgt.) 29 Max kehrt wieder! And'rer Schmuck zur letzten Ehre Sei der Kranz der Lorbecrrciser -- Eine wchmuthstrübc Zähre Weinet um den todten Kaiser! Wo ist Einer, dem nicht schwer Heut' das Herz im Jammer bebte Ob der blut'gen Wiederkehr Dessen, der vergebens strebte? O, des Purpurs schweres Rauschen Lockte wie Sirenensünge; Seinem Kaiscrtraum ru lauschen Mied er gern das Hofgeprängc; Doch die Träume täuschten ihn Und es ward das scgeusbarc Diadem ein Scheingewiun An der Bucht zu Miramarc! Als vom heimathlichen Sterne Er, ein Meteor, geschieden, Fand in transatlant'schcr Ferne Max nur einen blut'gen Frieden, Haschte von des Purpurs Gluth Nur mehr einen matten Funken, Bis an seinem Kaiserblut Sich die Geier satt getrunken. Wien, 18. Jan. 1868. Laßt uns seine Bahre zimmern, Wer wird uns die Thräne wehren, Denn ihr Glänzen uud ihr Schimmern Soll den todten Helden ehren! Eine Thräne, jammerblcich. Legt nun als die schönste Gabe, Tief erschüttert, Oesterreich Nieder auf des Kaisers Grabe! Nur die Asche kehrte wieder, Aus der Mörder Hand gerettet, Und die blut'gen Kaiscrgliedcr Sind in unsrer Gruft gebettet! Laßt zu einer Krone reihen Jene Perlen, jene feuchten, Laßt unS ihm die Thränen weihen. Daß sie bis in's Jenseits leuchten. Daß ihn auf der Todtcnbahrc Dreifach hier die Kroucnspangcn: Martcrkronc, Reichstiarc Und der Thräncnkranz umfangen; Beugte ihn das Diadem, Statt ihn kaiserlich zu schmücken — Wird der Wehmuth Kron-Eblcm Sanft den todten Kaiser drücken! des Kaisers Maximilian.) (Zur Beisetzung Ein Nachtstück, nach der Natur gezeichnet. Am Ende eines Dorfes in Ostpreußen steht ein kleines, niedriges, einsames Haus aus Holz, wie es die Losleutc fast immer bewohnen, wie überhaupt die mchrsten Bauernhäuser wenig anders gebaut sind. Vier Zimmer mit einem kleinen Fenster und je einer fast dunkeln Kammer daran, in der Mitte des Hauses der weite Schornstein mit Durchgang, zwei kleine Hausflure mit Leitern nach dem Boden, das ist der ganze Grundriß des Hauses, mit getrennten Wohnungen für vier und mehr Familien; denn selten bewohnt Eine ein Zimmer mit Kammer allein. Nur besonders Glückliche können die Miethe von 7 bis 10 Thalern für eine solche Wohnung allein erschwingen. Der Stakelzaun vor dem Häuschen, der im Sommer das winzig kleine Gürtchen schützte, ist längst verbrannt. Wir arbeiten uns durch den hohen, losen Schnee. Die eingeklinkte Hausthür öffnet sich schwer, da eingestühmte Schnccmassen ein Hinderniß bieten. Leise treten wir in die Stube rechts, die eine bis zum Herbste gut gestellte Losmannsfamilie allein bewohnt. Ein Schnee- streifen hat noch durch die Ritzen der Stubenthür den Eingang gefunden, und zeichnet auf dem Lehmcstrich einen weißen Strich. Die gcweißtcu Wände sind mit Eiskristallen bedeckt, das Fenster so dicht befroren, daß im Zimmerchen nur ein Halbdunkel herrscht. Der Kamin zum Kochen an der Wand am Schornsteine hat keine Thüren mehr; sie sind verbrannt. Lange nicht benutzt, ist er voll Stroh gestopft, um dem Winde und dem Schnee den Eingang zu wehren. Am Tische rechts in der Ecke sitzt ein junges, eingehülltes Weib, gedankenlos, mit den Händen einen Zipfel ihres Tuches über ein kleines 30 Mädchen deckend, welches die Füßchen auf die Klumpen gestellt, sich in ihren Schooß geworfen. Auf der Ofenbank, am eiskalten Ofen, liegt aus Gewohnheit ein schlafender Knabe, mit einem zerrissenen Sacke bedeckt. Von dem dürftigen Bette links in der Ecke, welches die ganze Familie aufnehmen muß, wollen wir schweigen. Es ist nicht in Ordnung gebracht. Wahrscheinlich hat las kleine Mädchen, die Wärme in demselben suchend, es nur eben verlassen, um von der Mutter Brod zu verlangen. Unter dem Bette gähnt schwarz ein viereckiges tiefes Loch. Zur Aufnahme von Kartoffeln bestimmt, blieb es dieses Jahr leer, und der Holzdeckel desselben ist längst verbrannt. Die kleine Blechlampe auf dem Ofen ist bestäubt und befrorcn, da lange schon kein Oel da war, die Abende zu erhellen. Eine peinliche Stille herrscht in dem Zimmer, nur von dem leisen Weinen des kleinen, hungrigen Mädchens unterbrochen, von dem Knistern der Scheiben, die der Frost sprengt. Unter schweren, langsamen Schritten hört man draußen den Schnee knarren. — Die Frau lauscht. „Marickc, weine nicht, der Vater kommt; er bringt Geld und Brod, er war ja schon acht Tage auf Arbeit aus." Der Vater tritt ein, eine große, kräftige, aber von Elend und Ermüdung gebeugte Gestalt. Die Klumpest, ja die über die Beinkleider gezogenen wollenen Socken voll Schnee, den langen Stock mit der Eiscnspitzc in der Hand, den Reise- oder jetzt besser Bettelsack auf dem Rücken, die Pelzmütze mit einem Tuche gegen den Schncesturm festgebunden. Die Augen der Frau sind fragend auf ihn gerichtet. Stumm nickt er mit dem Kopfe und legt eine Krähe und einige kleine Vogel auf den Tisch. „Sie sind erfroren, koche sie." — „Womit? Ich habe kein Holz, an Salz nicht zu denken." „Borge bei den Nachbarcn." „Hat keiner. Die Nachbaren auf der anderen Seite sind seit Tagen fort betteln; der Nachbar nebenan erkrankte in der Stadt und starb im Lazareth." „Es ist hier so kalt als draußen; holtest Du oder der Junge kein Sprock?" — „Der Schnee ist zu tief; wir kamen seit Tagen nicht mehr durch. Beim letzte« Gange hat sich Karl, dort liegt er, die Füße abgefroren." Eine traurige Pause trat ein, dann fragte die Frau: „Vater, Du warst auf Arbeit an der Eisenbahn; bringst Du kein Geld mit?" „Man schickte mich von der Stadt auf die nächste Station; ein schwerer Marsch mit hungrigem Magen; und von da — nach Hause, da keine Karren da wären." „Und gingst Du nicht zur Narpe-Entwässcrung, Vater?" „Da habe ich gearbeitet, schwer gearbeitet, uud erhielt fünf Silbergroschcn den Tag. Davon wurde ich allein bei den theuren Preisen nicht satt; vielweniger war für Euch beizulegen. Da ging ich fort und -- bettelte mich nach Hause." „Vater, wir — mußten es auch, um nicht zu verhungern; jetzt ist der Schnee zn tief, wir zu schwach. Seit zwei Tagen kommen wir nicht mehr fort. Jetzt — hungern wir. Suchtest Du aber nicht bei Bauern zu dreschen? Die hätten Dir doch das Essen und für uns 1 Sgr und 4 Ps. gegeben?" „Habe versucht, Mutter; aber cS hat beinahe keiner mehr zu dreschen, die Scheunen sind leer." — „Vater, der Exekutor war hier wegen rückständiger Klassensteuer. Er fand nichts zu nehmen. Vater, was thun wir, damit die Kinder und wir nicht verhungern?- Ich hörte einmal von 600,000 Thalern Unterstützungs - Geldern, die bei der Regierung liegen sollen." — „Mutter, ich hörte auch, aber jetzt ist's stille davon. Wenn's das Wetter erlaubt, gehen wir Alle betteln. Die Kraft ist erschöpft; arbeiten kann ich auch nicht mehr, wenn's selbst Arbeit gäbe." 31 „Vater, ehe es dahin kommen nmß, — warst Du bei dem großen benachbarten Grundbesitzer nach Arbeit?" — „Ach Gott ja, aber er hat ja keine; kaum Getreide genug, um seinen eigenen Leuten Deputat geben zu können. Da bekam ich das Brod" er nimmt es aus dem Bettelsack — „es ist gefroren, aber eßt; ich aß dort warme Suppe, ich halte schon eine Weile aus. — Der Bettelstab ist eine schwere Arbeit. - Und nur auf den Gütern gibt's noch Essen und Brod. Die Bauern haben selbst nichts. Sie haben die Höfe geschlossen, um nicht die Notleidenden mit Worten abweisen zu mr ssen." — Die Familie versank in düsteres Schweigen, in Gedanken au den Bettelstab. -s- * Ein trauriges Bild aus dem Leben! Nicht ein bestimmtes Bild, aber 30,000 bis 40,000 solcher oder ähnlicher Scenen spielen jetzt leider ungefähr täglich im Regierungs- Bezirk Gumbinnen allein!!! Helft!!! Napoleon 8. in Orgon. „Da könnt ihr ihn noch sehen Den alten, stolzen Aar, Da seht ihr ihn noch stehen, Der Herr der Erde war. „Sie haben ihn verstoßen. Besiegt von deutscher Macht, Ihn, der so vielen Großen Demüthigung gebracht." So hört man Viele sagen, Die ihn gefangen sah'n Nach solchen Siegestagen, Nach solcher Siegesbahn. Erblaßt sind seine Wangen, Das stolze Haupt gebeugt. Man sieht nicht Sterne prangen, Die einst die Brust gezeigt. Er hört die Weiber höhnen: „Verflucht! du Bluttyran! Du spielst mit unsern Söhnen, Ihr Blut in Strömen rann." Die Faust geballt umdrängen Selbst Greise sein Gefährt: „Du ließest Länder sengen, Die deine Hand verheert. Wir mußten alle darben Am harten Bettelstab. Und uns're Söhne starben: Du grubst ihr frühes Grab." Indem die Menge höhnet. Zu seinem Spott vereint: Vor Schmerz der Kaiser stöhnet —7 Der große Kaiser — weint! - ll. X. «. *) Es ist historisches Faktum, daß Napoleon l. bei seiner Abführung nach Elba, als er das Städtchen Orgon passirte und von der Menge ans's Gröbste insnltirt wurde, Thräne» vergossen hat nnd nur durch die begleitenden Offiziere vor wettern Exzessen des Pöbels bewahrt blieb. (Dichter nnd Schuster.) Zur Zeit des Königs Jakob l. von Mayorka lebte in Perpignan ein berühmter Troubadour, dessen Lieder weit und breit bekannt waren; besonders galt ein Lied, zu dem er auch eine reizende Musik geschrieben hatte, als ein Meisterwerk. Die ganze Stadt kannte es, und wo man hinkam, hörte man nichts, als dieses Liebchen, was natürlich den Dichter mit großer Freude erfüllte. Als er eines Tages durch die Straßen ritt, vernahm er einen gräßlichen Gesang, der sein Ohr malträtirte. Es war ein Schuster, der so gräulich sang, und das Lied, das er so verstümmelte, war das bekannte Meisterwerk des Troubadours. Dieser stieg vom Pferde, setzte sich zu dem Schuster und bemühte sich, ihm einen bessern Ton beizubringen. Doch vergebens! ! 32 Der Schuster kümmerte sich wenig um die guten Lehren des Troubadours und verballhornte das Lied nach wie vor. Der Troubadour wurde hierüber zornig, zerriß wüthend ein Paar Schuhe, die der Schuster zum Verkaufe ausgehängt hatte, setzte sich zu Pferde und ritt eiligst davon. Hierüber entstand ein Prozeß. Der Schuster verklagte den Sänger vor dem Könige, der diesen vor sich citiren ließ Der Sänger war weil entfernt, seine That zu läugnen, sondern meinte, er habe nur Repressalien geübt. „Ist es wahr," sagte er, „daß ich der Verfasser dieses Liedes bin, und daß die ganze Stadt es nachsingt? Gut denn; nun seht, dieser Mensch hier hat sich vorgenommen, mein Lied gräßlich verstümmelt zu Gehör zu bringen; zum Beweise möge er es hier vortragen, und der König mag entscheiden, ob ich Unrecht habe." Der Schuster erhielt Befehl, das Lied zu singen. Das ganze Auditorium, der König mitinbcgriffeu, brach in ein lautes Gelächter aus über die wahrhaft höllischen Töne, die der Schuster ausstieß, und der König entschied, daß der Dichter die mitgenommenen Schuhe zu bezahlen habe, zugleich aber verbot er dem Schuster, je wieder das besagte Lied zu singen, „denn," begründete der König das Urtheil, „das Lied des Troubadours ist die Frucht seiner Wachen, und wollt Ihr nicht, daß er Eure Arbeit beschädige, so dürft Ihr auch nicht die scinige verstümmeln. Lasset ihn in Frieden, und ich verbiete ihm, Euch je wieder zu belästigen." Kläger und Geklagter waren mit diesem Urtheile einverstanden und entfernten sich zufrieden aus dem Saale. (Nur ein Hund!) Die „WienerVorstadt-Ztg." läßt sich aus Mödling vom 4. ds. nachstehende Geschichte schreiben, welche wohl würdig ist, in die nächste Auflage vonBrehm's „Thierleben" aufgenommen zu werden: „Im Dorfe N. lebte seit einiger Zeit ein junger, hübscher und in ziemlich guten Vermögens-Verhältnissen stehender Gutsbesitzer auf seiner eigenen Realität, der hier und in Wien in größter Achtung stand. Schon seit einiger Zeit bemerkte man Tieffinnigkcit an ihm so oft er aus Wien kam, und doch fuhr er am nächsten Tag nach seiner Ankunft von Wien wieder dorthin zurück. Niemand konnte in Erfahrung bringen, was die Ursache seiner Fahrten und seiner Traurigkeit war. Gestern Früh fuhr Hr. W. wieder nach Wien und kehrte Abends nach 11 Uhr mit seinem Viergespann nach Hause zurück. Hier angelangt, warf er dem Kutscher die Zügel und eine Fünfgulden-Note zu und sagte: „Die vier Pferde sind dein Eigenthum, lebe wohl!" — pfiff seinem Hund und ging in sein Zimmer. Der Kutscher, nichts Gutes ahnend, rief den anderen Stallburschen und folgte eiligst seinem Herrn. Als er im Vorzimmer anlangte, hörte er einen Schuß fallen — er trat in das Zimmer seines Herrn. Dieser saß bleich und verwirrt, eine Pistole in der Hand haltend, auf dem Sessel und starrte eine in ganz kleine Theile zerschnittene Photographie an. Der Schuß hatte seinem Kopfe gegolten, allein in eben dem Moment, als Hr. W. die Mündung der Pistole an die Stirne gesetzt hatte, um loszudrücken, war der treue Hund an ihn hinangesprungen, hatte die rechte Hand gefaßt — und der Schuß ging, statt in den Kopf des Unglücklichen, durch's Fenster in's Freie. Als der Diener eintrat, stand der Hund noch neben seinem Herrn und hielt die Hand mit der Pistole fest in seinem Munde, die er auch nicht losließ, bis der Diener diesem die Pistole aus der Hand genommen hatte. Dann sprang er freudig bellend im Zimmer auf und ab. Hr. W. liegt nun schwer erkrankt danieder". Jemand hatte in ein Fremdenbuch geschrieben: „Ich liebe bei allen Sachen den Kern." — Ein Anderer schrieb darunter: „Mit Dir ist gut Kirschen essen!" Auflösung der Charade in Nro. 2: ^ ___„Geizhals." _ Druck, Aerlaa und Redaktion des literarischen Instituts von vr. M. Huttler. Nr. S. 2. Februar ^1863 Angsbnrger Thu nnr das Rechte in deinen Sachen, Das Andre wird sich von selber machen. Göth e. Rache und Liebe. (Fortsetzung.) VIII. Äm andern Tag begab sich Pantine in aller Frühe zu der besprochenen Unter» redung in die Wohnung des Pfarrers. „Mein Kind," sagte dieser ernst, „ich habe Sie hiehcr kommen lassen, um ungestört mit Ihnen sprechen zu können. Ich kenne Ihre Scelenstärke, die nicht in eitler Philosophie, sondern in der Demuth des Herzens ihren Grund hat; so hören Sie denn, welche Prüfung Gott Ihnen auferlegt." „Sie wollten mir von Georg sprechen," unterbrach ihn Pauline angstvoll, „liebt er mich etwa nicht mehr?" „Im Gegentheil, Sie müssen an diese Liebe nicht anders mehr denken, als um für ihn die Verzeihung des Himmels zu erflehen." „Was sagen Sie da! — Wie können Sie einer Frau die Liebe zu ihrem Gatten verbieten!" „Wenn Sie aber erfahren, daß er durch ein Verbrechen sich Ihrer Liebe unwürdig gemacht hat." „Ich würde nicht daran glauben/" „Aber wenn man Ihnen die Beweise lieferte?" „So würde ich," sagte die junge Frau in steigender Aufregung," mit ihm weinen und beten, denn dann bedürfte er meiner Liebe um so mehr." „Wie aber, wenn gerade auf Sie die Folgen des Fehlers zurückfielen, wenn er Ihnen die traurigste Ansnahmsstellung damit bereitet hätte?" „Es ist immer besser, ich bin die Beleidigte, denn nirgends kann er mehr Nachsicht finden." Das war es nicht, was der Pfarrer erreichen wollte, denn in dem Augenblick war eS ihm nicht darum zu thun, Verzeihen von Beleidigungen einzuschärfen. Er erwiderte daher: „Wenn wir auch den Schuldigen nicht hasten sollen, so müssen wir doch die -Schuld verabscheuen und das Mitleid nicht in strafbare Schwäche ausarten lasten." „Um des Himmels willen, so reden Sie doch, ich höre." „Nun, arme Frau, Herr Vericourt hat Sie betrogen." „Er liebt eine Andere?" rief Pauline. „Er war nicht frei, Ihre Hand anzunehmen; während seines Aufenthaltes in den Antillen hat er eine andere Verbindung eingegangen." Pauline begriff den ganzen Ernst der Anklage noch nicht „Oh, das war sehr Unrecht!" sagte sie. „Wie muß das arme Mädchen gcltten haben, sich in ihrer Neigung getäuscht zu sehen. Aber Sie sagten, gegen mich habe Georg gefehlt, ich finde, daß die verlassene Fremde sich am meisten zu beklagen hat." 34 „Armes Kind," entgegnete der Greis ganz ergriffen bei dem letzten Schlag, den er führen mußte, „sie hat freilich das Recht, sich zu beklagen, denn das Band, das Herr von Väricourt geknüpft, ist nach allen göttlichen und menschlichen Gesetzen geheiligt. — Mögen alle himmlischen Mächte Ihnen beistchen: — Der Graf ist ihr Gemahl!" Ein erdrückter Schrei entwand sich Paulinens Brust, sie sank in den Stuhl zurück, und war nahe daran, die Besinnung zu verlieren; ihre Augen erweiterten sich übermäßig und ein convulsivisches Zittern befiel sie. „Muth, Muth, meine Tochter," sagte der Pfarrer, „mit Gottes Hilfe werden Sie diesen Schmerz überwinden, die Wunde wird vernarben." Nach der ersten schmerzlichen Betäubung begann Pauline: „Aber Georg ist ja verloren, wenn die Wahrheit an den Tag kömmt!" Herr Beauprö mußte dieses edle Selbstvergessen bewundern, die dem Opfer vor Allem die Gefahr für den Schuldigen in Erinnerung brachte, ohne an das eigene für immer verlorene Glück zu denken; dann sagte er tief betrübt: „Leider ist es nur zu wahr, der Augenblick der Strafe ist für den Grafen gekommen: seine verlassene Frau ist mit ihrem Kinde hier angekommen und will ihre Rechte geltend machen." „Aber das wäre ja Georgs Verderben, nein, das kann sie unmöglich, oder sie hat ihn nie geliebt." „Hüten Sie sich," unterbrach sie der Pfarrer, „daß Ihr Mitleid für den Strafbaren, denn ein anderes Gefühl darf für ihn nicht mehr in Ihrem Herzen bleiben, Sie nicht ungerecht mache. Bedenken Sie, was die Fremde gelitten!" Und er erzählte ihr seine Unterredung mit Lucy, während Pauline einen Strom von Thränen vergoß. „Mein Kopf ist in Fieber," sagte sie, „ich bin unfähig, zu handeln. Sagen Sie mir, was ich zu thun habe." „Wir sind übereingekommen, die Gräfin und ich, daß Sie vor der Hand noch im Schlosse bleiben, aber Sie werden begreifen, daß der Graf für Sie nicht mehr existirt, sein Verfahren läßt keine Entschuldigung zu, also hören Sie keine an. Was die Zukunft betrifft, so hängt diese ganz von des Grafen Frau ab, sie hat Euer Aller Schicksal in Händen. Ihrer Familie kann man für den Augenblick die traurige Wahrheit noch verschweigen, es würde die entsetzliche Lage des Grafen nur noch verschlimmern und möglicher Weise ein Unglück herbeiführen." Die arme Frau willigte in Alles; sie, die bis jetzt nur dem Glück gelebt, sah sich mit einem Mal in ihrer Liebe wie in ihrer Ehre bedroht, sie war für immer von ihrem Gemahl getrennt und mußte auch noch für ihn zittern. Sie erkannte die Größe seines Fehlers, aber wenn auch Alles ihn verdammte, hatte sie das Recht, ihn zu verdammen, der zu Liebe er seinen Schwur gebrochen? — Und hatte nicht sie ihn zuerst geliebt und so Theil an seiner Pflichtvergessenheit genommen? Es war freilich nur die Liebe, die sie in ihren Augen als mitschuldig erscheinen ließ, denn hätte sie von seiner Heirath gewußt, wäre er ihr niemals gefährlich geworden. Sie folgte dem Pfarrer in die Kirche und betete da lange mit Inbrunst. Als sie endlich ging, gewahrte sie hinter ihr eine junge Frau in tiefer Andacht versunken, neben ihr hatte eine Mulattin einen kleinen Knaben auf dem Schooß. Pauline war wie auf der Stelle gebannt, als sie dem Blick der Fremden begegnete. Diese erkannte ihrerseits in Pauline leicht das Original von dem Portrait auf dem Schlöffe, wenn auch die Züge jetzt statt des süßen Lächelns tiefe Trostlosigkeit verriethen. Wie sollte man die Gefühle schildern, die in dem Blick lagen, den die beiden Frauen wechselten? — Von Seite der Creolin die furchtbarste Eifersucht, fast Haß, obwohl sie sich des Mitleids nicht erwehren konnte, als sie sah, welche Spuren das Unglück bereits aufgedrückt; Pauline dagegen, wenn sie auch die feinen Züge der Creolin bewundern mußte, betrachtete doch mit Abneigung und einer Art Entsetzen die Frau, die sie plötzlich in einen Abgrund von Elend gestürzt und die mit einem Wort Georg in's Verderben bringen konnte. » 35 Der Eindruck war für Dcide unvergeßlich, welche von ihnen war wohl mehr zir bedauern?! Pauline fühlte ihre Sinne schwinden, auf ihre Kammerfrau gestützt, verließ sie die Kirche. IX. Im Schloß angekommen, wollte sich Pauline sogleich auf ihr Zimmer begeben, als ein Diener ihr meldete, daß der Graf wiederholt nach ihr gefragt habe, und hinzusetzte, ob er ihn von ihrer Ankunft benachrichtigen solle. „Nein, es ist nicht nöthig," sagte sie lebhaft. Aber in demselben Augenblick kam Georg und bat sie, ihr in den Salon zu folgen. „Pauline," begann er, indem er sie mit der bittersten Reue betrachtete, „Du weißt Alles?!" — „Ja." „Und hast Du kein Wort der Verzeihung für mich?" „Du hast meine ganze Zukunft vernichtet; dennoch wünsche ich, Gott möge Dir verzeihen, wie ich Dir verzeihe." „Das thust Du als Christin, aber hat sich Dein Herz schon ganz von mir abgewendet?" „Könntest Du wünschen, daß es anders sei, daß ich durch diese strafbare Liebe meine Leiden noch erhöhte?" „Ja, und solltest Du mich der abscheulichsten Selbstsucht anklagen, der Gedanke, daß ich Dir gleichgültig bin, ist mir unerträglich. Pauline, laß Dein Herz mein Richter sein, wenn mein Fehler groß ist, so ist es auch meine Liebe, Du weißt nicht, wie viel ich gekämpft und gelitten habe." „Nein, ich will nichts wissen, laß mir wenigstens die Vergangenheit, daß ich ohne Schuldbewußtsein jener glücklichen Zeit gedenken kann, wo ich Dich lieben durfte." Pauline wußte selbst nicht, wie viel Liebe diese Worte in sich schloßen, erst die Blicke Georg'S verriethen ihr dies. „Geh," sagte er, „es steht nicht in Deiner Macht, mir Deine Liebe zu entziehen; wenn ich nur die eine Gewißheit habe, daß Dein Herz mir noch gehört, so trotze ich dem Schicksal; Pauline, sage mir, daß meine Stimme noch einen Widerhall in Deiner Seele findet!" Jetzt gedachte Pauline der Mahnung des Pfarrers und im Gefühl der eigenen Schwäche sagte sie mit erheuchelter Strenge: „Ist das der geeignete Augenblick, von Liebe zu sprechen, wenn Sie jede Stunde zur Rechenschaft gezogen werden können für ein so großes Vergehen!" „O, nur um Deinetwillen beklage ich es." „Nun denn, wenn es wahr ist, daß Sie wenigstens thcilwcise das an mir verübte Unrecht gut machen möchten, so bitte ich nur um das Eine: daß Sie mich nie mehr allein sprechen, so lange ich noch dieses Haus bewohne; ich müßte sonst sogleich ein anderes Asyl suchen." „Ich werde mich Ihrem Willen fügen," erwiderte der Graf, das Gesicht in die Hände verbergend, „aber gedenken Sie manchmal eines Unglücklichen, dessen Leiden seinem Verbrechen gleich kommen." „Mitgefühl und Gebet sind die einzigen Beziehungen, die fortan zwischen uns bestehen können, sie sollen Ihnen nie fehlen." Damit verließ die junge Frau das Zimmer und Georg wagte es nicht, sie zurück zu halten. Es war schon Abend, als der Pfarrer einen neuen Versuch machte, mit der Fremden zu sprechen. Aber diese hatte so bestimmt erklärt, sogleich das Haus zu verlassen, wenn Frau Goulard uoch einmal einen Besuch ohne Erlaubniß einführe, daß die Wirthin ein solches Wagniß nicht unternehmen wollte, und Herrn Beauprs nur anmeldete, / 36 worauf Lucy ihn bitten ließ, ihr künftig das Bedauern zu ersparen, ihn nicht empfangen zu können. Als Mcla den Auftrag ausgerichtet hatte, sagte die Wirthin zu ihr: „Ihre gnädige Frau thut sehr Unrecht daran, den Herrn Pfarrer so fortzuschicken, er ist ein so braver Mann." „Herrin schon ihre Gründe haben," meinte die Mulattin. „Ich weiß wohl, was sie will, ist schwer zu bekommen," versetzte die Wirthin schlau lächelnd. „Was bekommen?" fragte Mela. „Mein Gott, glauben Sie denn, daß man fünfzig Jahr in der Welt lebt, ohne zu wissen, was darin vorgeht. Ähre Herrschaft ist doch nicht zum Spazierengehen nach Frankreich gekommen, wozu sonst die vielen Fragen über die Familie Vöricourt." „Herrin das nicht leiden können, daß man sich in ihre Sachen mengen." „Ich bin nicht neugierig, aber mau hat doch seine Augen im Kopf. Ihre Herrin ist eine sehr achtungswerthe Dame, daran ist nicht zu zweifeln, aber die Männer sind so schlimm, ich kenne sie, war ich nicht auch jung? Zudem muß man sagen, daß nicht leicht Einer dem Herrn Georg gleich kömmt, was ist zu wundern, wenn Ihre Herrin in ihm einen vollkommenen Cavalicr sah." Die Mulattin war so betroffen, die Wirthin so gut unterrichtet zu sehen, daß sie gar nicht zu antworten vermochte, die geschwätzige Frau Goulard konnte daher fortfahren: „Mein armer Goulard hat es immer gesagt, daß Reisen für junge Leute gefährlich ist; denn gewiß, Hütte Herr Georg die Reise nicht unternommen, so hätte er nicht Schissbruch gelitten und hätte auch Ihrer Herrin keine thörichten Versprechungen gemacht. Unter uns gesagt, bcläuft sich daS Ncucgeld hoch?" — Als sie aber die erstaunte Miene der Mulattin sah, fügte sie erläuternd bei: „Sie kennen vielleicht den Ausdruck nicht, sehen Sie, das ist so: Herr Väricourt wird Ihrer Herrin die Ehe versprochen haben; aber Versprechen und Halten sind zweierlei, besonders in Liebcssachen, Ihre Herrin wird sich aber sicher gestellt und in einem schriftlichen Versprechen eine bedeutende Summe verlangt haben, falls der Herr Graf sich anders besinnt, und obwohl die Vericourts meine ehemalige Herrschaft sind, so muß ich doch sagen, sie haben Unrecht, denn Versprechen macht Halten." Ucbcrraschung und Zorn hatten Anfangs die Mulattin sprachlos gemacht, endlich schrie sie im höchsten Unwillen: „Geld, die Herrin wollen Geld! wer das sagen, der lügen niederträchtig." „Nun, so sind Sie nur nicht böse, man kann sich irren, ich wünsche es für Ihre Dame." Aber die Mulattin ließ sich damit nicht beruhigen. Die Wirthin hatte mit Scharf- sicht das rechte Mittel getroffen, sie zum Reden zu bringen. Die gröbsten persönlichen Schmähungen hätte sie gelassen hingenommen, aber jetzt war sie in ihren theuersten Gefühlen verletzt. „Herr Georg werden jetzt zittern," rief sie außer sich, „aber nicht für Geld, für seine Ehre." Die Wirthin sah sie ungläubig an. — „Herrin den Betrüger schon strafen," fuhr sie fort, vor Zorn erblassend, „und auch seine Frau . . . werden schon sehen." „Seine Frau, was kann denn das unschuldige Kind dafür, wenn ihr Mann sein Wort nicht gehalten hat." „Aber wenn sie nicht die Frau sein?", platzte endlich die Amme heraus. „Ei was Tausend, als ob wir nicht Alle der Trauung beigewohnt hätten!" — lachte die Wirthin. „DaS sein nichts." „Eine Trauung von Herrn Bcauprä, unscreni Pfarrer, daS wäre nichts?" Die Mulattin behauptete es durch Zeichen. „Die Anhänglichkeit an Ihre Herrschaft macht Sie unvernünftig, ich glaube wohl, 37 daß Sie Herrn Georgs Frau nicht leiden können, aber deßhalb ist sie doch seine Frau." „Werden schon sehen, werden schon sehen!" „Es ist ein ernsthaftes Ding um die Ehe bei uns, Niemand lann damit Scherz treiben, vielleicht daß man es bei Ihnen, wo eS noch viele Wilde gibt, nicht so genau nimmt." — Mela preßte die Lippen zusammen, das Schweigen kostete ihr eine große Anstrengung. Aber die neugierige Wirthin wollte durchaus das Geheimniß herauskriegen und fuhr daher fort: „Wir armen Frauen sind immer das Opfer, besonders wenn wir ein zärtliches Herz haben; mir geht das Unglück Ihrer Herrin wirklich nahe, aber was kann man machen, Herr Georg ist nun einmal vcrhcirathct." „Werden schon sehen," murmelte Mela wiederum zornig drohend. „Pah, was soll man denn sehen?" fragte Frau Goulard etwas verächtlich. „Ob ein Mann zwei Frauen heirathcn können," sagte Mela außer sich. Endlich, dachte die Wirthin, ist das große Wort gefallen, dann rief sie mit erkünstelter Ucberraschung: „Was sagen Sie mir! Sollte das wahr sein?" Aber Mela bereute schon die unklugen Worte, die ihr entschlüpft waren. Aergerlich über sich und die listige Wirthin, die ihr Geheimniß entrissen, ging sie fort, ohne mehr ein Wort zu sagen. Frau Goulard dagegen war höchst befriedigt über daS Gelingen ihres Planes. Die schlaue Wirthin hatte bald vermuthet, daß Lucy's Fragen über die Familie Vüricourt einen andern Zweck hätten, als bloße Neugierde; ihr Besuch auf dem Schloß und noch mehr die Unterredung mit dem Pfarrer bestätigten ihr dies. — Wir wollen annehmen, daß häusliche Geschäfte sie in das anstoßende Zimmer führten, wo sie von dem Gespräch wenigstens so viel vernehmen konnte, daß Herr BcauprS immer im Ton der Bitte, die Dame dagegen immer im Ton des Unwillens sprach; einen Augenblick dachte sie an ein Ehevcrsprechen, bald aber kam sie der Wahrheit auf die Spur, denn sie kannte den Stolz ihrer ehemaligen Herrschaft zu gut, als daß sie glauben konnte, sie ließe sich um des Geldes willen zum Bitten herab. Jetzt hatte sie die Gewißheit, daß jeden Augenblick Schmach und Schande über die Vvricourts hereinbrechen konnte; da sie aber im Grunde nicht böse war, so nahm sie sich fest vor, zu schweigen. Wir werden in der Folge sehen, wie sie in ihrem Vorhaben bcharrte. (Fortsetzung folgt.) Das Auge. ES ist oft bemerkt worden, daß das edelste der -menschlichen Sinneswerkzenge, daS Auge, eine gehcimnißvolle und fast Furcht erregende Wirkung auf die übrige lebende Schöpfung äußert. Die giftige Schlange fühlt sich durch den starren und unverwandten Blick des wüthigen Ziegenhirteu gleichsam entwaffnet, und daS grimmige Thier, welches einige Augenblicke vorher mit lechzender Zunge und mit glühenden Blicken sich zum Angriff rüstete, streckt nun seinen Körper auseinander und wagt nicht mehr, von der Stelle zu weichen. Tiger und Löwen, welche in dem engen Raume eines eisernen Käfigs verschlossen und von den sie bedienenden Wärtern vor jeder Mahlzeit durch gewaltsame Entreißung des ihnen dargereichten Futters in grenzenlose Wuth verseht werden, würden in solchen Augenblicken Jedermaun ohne Unterschied anfallen; der mit ihnen vertraute Wärter dringt nur unter lärmenden Vorbereitungen in das Behältniß des hochcrbittcrten Thieres, faßt es aber zugleich mit so durchdringenden Blicken, daß das betrogene Ungcthüm zu Boden fällt und durch die gewöhnlichen Liebkosungen dem Könige der Schöpfung huldigt. Der Muth der amerikanischen Wölfe hört von dem Augenblicke auf, da sie der Mensch starr anblickt. Ich bin nicht nur überzeugt, daß ein unerschrockener Mann, wann er anders nicht der angreifende Theil, in äußerst wenigen Ausnahmen vor den Angriffen der 38 im freien Zustande befindlichen reißenden Thiere vollkommen gesichert ist, sondern auch, daß sie ihm jedesmal ausweichen werden, sobald sie noch Raum genug besitzen, um ihm aus dem Wege zu gehen. Ich nähme mich häufig versuchsweise mit verschlossenem Auge deni Rennthierc, ohne es zu verscheuchen, während es bei dem leisesten Blinzeln von meiner Seite mit Windesschnelle davonjagte. — Im zoologischen Garten in London suchte ich, so oft ich hinkam, die Löwen auf, deren sich über ein Dutzend dort befindet. Mit einem derselben unterhielt ich mich besonders gerne, d. h. nur mit den Augen. Blickte ich ihn freundlich und sehnsüchtig an, so kam er so nahe, als es die Schranken seines KäsigS erlaubten, mit Geberden, als ob er mich liebkosen wolle; warf ich ihm aber durchdringende und finstere Blicke zu, so ging er nach dem Hintergründe, sich unterwegs wiederholt nach mir umschauend ob ich in meinem Trotze verharre. Aendcrte ich den Blick, dann kehrte er wieder zurück; bcharrte ich aber in meinem scheinbaren Grimme, dann suchte er sich im hintersten Winkel seines Lagers zu verbergen und stieß ein dumpfes stöhnendes Brüllen auS der Tiefe seiner Brust hervor, als ob er seinen besten Freund verloren hätte. Rabbi Maier und sein Weib. Un einem Sabbathtage saß der große Gelehrte Rabbi Maier auf seinem Lehrstuhle in der Schule und unterrichtete das Volk. Während dieser Zeit waren seine beiden Söhne, junge hoffnungsvolle und kerngesunde Menschen, eines plötzlichen Todes gestorben. Das Weib des Rabbi trug die beiden Leichen auf die Platform des Hauses, legte sie auf ein Bett und bedeckte sie mit weißen Linnen. Am Abende kam Rabbi Maier nach Hause. „Wo sind meine Söhne?" fragte er, „damit ich ihnen meinen Segen ertheile." „Sie sind in die Schule gegangen," erwiderte sein Weib. „Ich habe sie dort gesucht, ich habe mich nach allen Seiten umgesehen, aber meine Söhne nirgends erblickt." Da es Abend ward und der Sabbath mittlerweile zu Ende ging, verrichtete Rabbi Maier das übliche Gebet, trank einen Schluck Wein und fragte von Neuem: „Wo sind meine Söhne? Ich will, daß sie von dem gesegneten Weine trinken." „Wahrscheinlich sind sie nicht weit von hier," erwiderte die Mutter. Und sie reichte ihrem Manne zu essen. Nachdem er gegessen und das Nachtischgebet verrichtet hatte, sagte sein Weib zu ihm: „Erlaube mir, daß ich an Dich eine Frage richte." „Sprich, Geliebte," erwiderte er. „Vor einigen Tagen hat mir Jemand einen werthvollcn Schmuck anvertraut, den er heute von mir wieder zurückfordert. Muß ich ihm denselben zurückstellen?" „Eine solche Frage," erwiderte der Rabbi, „hätte mein Weib an mich zu richten nicht nöthig gehabt; — willst Du denn von mir ermächtigt werden, den Schmuck zu behalten?" „Weit entfernt," antwortete sie, „aber nur wollte ich es nicht thun, ohne Dich früher davon zu unterrichten." Mit diesen Worten führte sie ihren Mann hinaus auf die Platform zu den beiden Betten und nahm die weißen Decken herab. „Meine Kinder," rief der Vater entsetzt aus, „meine Kinder todt!" Die Mutter wandte sich weinend ab. Dann ergriff sie ihren Mann bei der Hand und sagte: „Rabbi! hast Du mich nicht gelehrt, daß man ohne Murren das zurückgeben soll, was einem anvertraut wurde? Siehst Du, der Herr hat sie uns gegeben, der Herr hat sie uns gcuommcu, der Name des Herrn sei gelobt in Ewigkeit!" „Gebenedeit sei der Name des Herrn!" wiederholte der Rabbi und begab sich beruhigt in sein Zimmex zurück. 39 (Der Chignon.) Damen, die Chignons tragen, werden mit Vergnügen hören, daß die Angabe, das Haar dazu werde von den Leichen der in Hospitälern und sonstigen öffentlichen Anstalten sterbenden Personen genommen, nicht auf Wahrheit beruht. Sobald der Tod eintritt, wird das Haar spröde und läßt sich nicht mehr locken und flechten. — Marseille ist der Hauptplatz für den Handel mit menschlichen Haaren, und mehr als 40,000 Pfund dieses Artikels werden dort alljährig, hauptsächlich aus Italien, und speciell aus Sicilien, Neapel und dem Kirchenstaate, zum Theil auch, jedoch in gerin» geren Quantitäten, aus Spanien und einzelnen französischen Departements, eingeführt. Von den Provinzen Frankreichs liefern die Bretagne und die Auvergne die stärkste Zufuhr; die Käufer gehen dort an den Markttagen umher und lassen die Mädchen, die ihr Haar verkaufen wollen, auf ein Weinfaß steigen und ihre Frisur lösen, worauf um das Herabwallende Haar ein eifriges Bieten erfolgt. Da ein gewöhnlicher Chignon nicht mehr als 3'/2 Unze wiegt, so würde die Zufuhr für den Markt in Marseille allein für 180,000 Kopfzierden hinreichen. Ein großer Theil des dort importirren Haares wird in der Stadt verarbeitet und dann wieder nach Spanien und Algier cxportirt. Die Friseure von Marseille, die alle mehr oder weniger sich mit der Fabrikation und dem Handel mit Chignons befassen, zählen gegen 400 Mann, und vier große Fabriken bringen jährlich 55,000 Chignons allein für heimische Consumption in den Handel, wovon 30,000 in's Innere geschickt, die übrigen 25,000 in Marseille und dessen Vorstädten verbraucht werden. Ein einziges Pariser HauS in der Passage des Petits Pcres setzt jährlich im Detailverkauf nicht weniger als 15,000 Chignons ab. Die Preise wechseln zwischen 12 — 70 Francs, obwohl es auch einzelne Chignons 250 FrancS per Stück gibt. Am theuersten werden die rothen bezahlt, die meist aus Schottland kommen. Von Frankreich wurden nach England im vorigen Jahre 11,954 Stück und außer diesen noch für 7000 Francs Haare zu Chignons ausgeführt, welche letztere in England zurccht gemacht wurden. Der Gesammtwerth der französischen Ein- und Ausfuhr von Chignons iu Haaren im vorigen Jahre belicf sich aus 1,206,500 Francs. Die besten Kunden waren England und Amerika. (Eine Legende der Neger.) Jedes Volk hat seine Legenden, selbst den Negern am Senegal fehlt es nicht daran. Eine derselben erzählt die Schöpfung des Menschen- Geschlechts in folgender Art: Nach ihrer Angabe nahm Gott, als er die ersten Menschen erschaffen wollte, Thon, knetete denselben, bildete daraus die Form eines Menschen, die er in einen Ofen stellte, um sie dort zu brennen, und ihr dann, wenn der Körper fertig hergestellt sei, eine Seele zu geben. Die irdene Statue, welche den Wirkungen des Feuers zu kurze Zeit ausgesetzt gewesen war, kam blaß aus dem Ofen. Gott hatte den Weißen erschaffen, den Europäer, das unvollendete Geschöpf, welches der göttliche Künstler als seiner ganz unwürdig w fgab. Den zweiten Versuch des menschlichen Wesens ließ er länger im Ofen und zog ihn dann heraus; seine Farbe war dunkler, aber sie war noch nicht die Vollkommenheit; Gott hatte nur den Mauren erschaffen. Gott nahm nun sein Werk zum dritten Male auf, und dann ging auS dem Brenn- Ofen der Neger, d. h. die Vollkommenheit, hervor. Gott ließ dann die drei erschaffenen Wesen — den Mauren und den Neger — einschlafen und während ihres Schlafs stellte er eine Börse und ein Pferd neben sie. — Der Erste, welcher erwachte, war der Weiße; er sah das Pferd und die Börse und nahm das Geld. Der Maure öffnete als der Zweite die Augen; er bemächtigte sich des Pferdes, sprang auf den Rücken desselben und eroberte die Wüste. 40 Was den Neger anbetrifft, welcher schöner als seine Bruder, aber auch fauler war, so erwachte derselbe zuletzt und hatte Nichts. Deßhalb ist der arme Teufel zur Arbeit während der Ewigkeit verurtheilt, weil der erste Vater seiner Race die Dummheit begangen hat, eine Stunde zu lange zu schlafen. (Frauenarbeit.) Frau von Gayette - Georgens sagt in einer Erwiderung auf »in Gedicht Paul HeyscS, gegen die Bestrebungen, die Stellung der Frauen im Arbeits» und Staatsleben zu reformircn: „Nachdem man so viel auf der Erde über die Frauen gesprochen, dürfte es an der Zeit sein, die Emancipation der Männer in's Auge zu fassen; diese Emancipation von süffisanter politischer Freiheitsspielerei, von schleichender Rechlsverdrcherci, von träger Indifferenz bei den wichtigsten Zeitsragen, von schleppender Nonchalance im Geschäfte bei fetter Besoldung, von anmaßender Flegelei und specifischer Grobheit b;i Gelegenheiten, wo auf dem Posten gefällig und hülfreich zu sein Pflicht wäre, vom Wirthshaus-Schlendrianlebeu, vorn gedankenlosen Kartenspiel, vom Schulden» machen und so viel tausend Dingen mehr, von Vorurtheilen, faden Complimenten armseliger Ueberhebung u. s. w. Es fehlt aber an emancipirten Männern, die meisten lassen sich von den Frauen, die sie so gering halten, und denen sie die Fähigkeit deS Denkens absprechen: berücken, beschwatzen, bethören, kurz — regieren." (Zur Statistik der Orden.) Man zählt heute 148 Orden sür Verdienste im Civil und Militär, und zwar in Frankreich, Griechenland, Braunschweig, Sachsen-Weimar und Sachsen-Gotha, Mecklenburg, Oldenburg, Schwarzburg-Rudolstadt und Schwarzburg-Sonders- Hausen, in der Republik Sau Marino, Modena, im Fürsteuthum Monaco, in Montenegro, Tunis, in China und auf den Sandwichs-Jnseln je 1; in Dänemark, im Nassauischeu, iu Hessen-Darmstadt, Belgien, Parma und Persien je 2; in Hannover, Württemberg, im Badischen, in Toscana, in der Türkei und Mexico je 3; iu Italien, den päpstlichen Staaten, im König reiche Sachsen, >u Holland und"Kurhesserr je 4; in Schweden und Norwegen, dann in Sicilien »nd in Brasilien je 6; in Portugal und England je 7; iu Rußland 8, in Oesterreich 9, (in ! Spanien 10, in Preußen 11, in Bayern 18, darunter vier Franenorden. Deutschland steht demnach im großen und ganzen hier diesfalls obenan. Zn diesen Decorationen kommen noch zwei kirchliche Orden, die unter den Auspicken des heiligen Stuhles stehen. Die ältesten Orden sind: der militärische Calatrava Orden (1158 durch Sancho ü>. von Castilien gestiftet), St. Jago vom Schwerte (1170), Alcantara-Orden (1156), der dänische Danebrog-Orden (1219), die por- tugiesischenOrden des hl. Beuedict von Aviz (1162) und St. Jago (1167). Zu den jüngsten Orden gehören: der Stern von Indien und der türkische Osmanie-Orden (1861), der mexikanische Adlci'Orden, Kamehameha auf den Sandwichsinseln (1865). Unter den abgedachten Decorationen sind acht nur für Damen bestimmte, nämlich in Oesterreich der Sternkurez-Orden iu Bc' < a der Orden der heiligen Elisabeth, der Theresien-Orden, der St. Aunen-Ordcn des Damenstistes zu München und der gleichnamige Orden des Damenstiftes zu Würzburg; in Portugal der Orden St. Elisabeth; in Mexico der kaiserliche Orden des heiligen Karl; in Preußen der Louisen-Orden. Alle Republiken, mit Ausnahme von Sau Marino, kennen keine durch Ordens-Verleihuug begrüuoete persönliche Auszeichnung. „Wer da?" rief die Schildwache, während in der Nacht ein Dieb an einem Hause vor- beiging. Keine Antwort. — „Wer da, Spitzbube!" rief die Schildwache zum zweiten Male. — „Nun, wenn Ihr mich kennt, warum fragt Ihr denn noch," entgegnete der Dieb. »ad Uttn>ri(che» JustiwtS »oa vr. HxtUv. Nr. 6 . 9. Februar 1868. „Sag nur, warum du in manchem Falle So ganz untröstlich bist?" Die Menschen bemühen sich alle Umzuthun, was gethan ist. Göth e Rache und Liebe. (Fortsetzung.) X. Noch einmal wollte Herr Beauprs versuchen, das Herz der Creolin zu erweichen. Er ging abermals in den „Weißen Hirsch" und schrieb ein Paar Zeilen, worin er dringend um eine Unterredung bat. „Ich will warten, gnädige Frau," schrieb er, „so lange es Ihnen gefällt, aber ich gehe nicht, bis ich Sie gesprochen habe." — Luch willigte ein. Wiewohl höchst ungern. „Mein Herr," begann sie, „Sie mißbrauchen die Achtung, die ich vor Ihrem Stande und Ihrem hohen Alter habe." „Verzeihen Sie den Unglücklichen, wenn sie lästig sind, gnädige Frau." „Aber wenn alles Bitten vergebens ist." „Wissen Sie nicht, wie schwer man eine letzte Hoffnung aufgibt?" „Oh, nur zu gut weiß ich cS," erwiderte Lucy, über ihr eigenes Schicksal nachdenkend. „Man klammert sich daran wie der Schiffbrüchige an das Brett, das seine elende Existenz um einige Stunden fristen soll, dann kommt der schreckliche Augenblick, der auch diese letzte Stütze raubt — man fühlt das Herz im Leibe erstarren! — Ich kenne das, mein Herr, Ihre Schützlinge haben es mich gelehrt." „Ich erkenne, wie gerecht Ihre Entrüstung ist, aber je größer die Beleidigung, desto edler wäre das Verzeihen, Gott selbst hat dies Gebot uns eingeschärft." „Nein, ich habe zu Viel gelitten, ich will Sühne haben. Nur aus Rücksicht für Sie habe ich einen Aufschub von drei Tagen gewährt, will Herr Vericourt dieselben zur Flucht beuützen, so mag er es thun, nach zwei Tagen erkläre ich meine Heirath." „Ach, der Graf mag fliehen oder nicht, die Schande lastet auf ihn und seiner Familie. „Ohne Zweifel." „Aber Sie können das nicht wollen." „Gewiß, ich will es, Gott hat mich zum Werkzeug gemacht, sein Verbrechen zu strafen." „Dieser entschiedene Ton ließ keine Hoffnung mehr aufkommen. Mit betrübtem Herzen kehrte Herr Beauprs in's Schloß zurück. „Sie müssen fliehen, Graf," sagte er, „es ist noch immer besser, wenn Sie während des scandalösen Prozesses nicht hier sind." Auch die Gräfin drang in ihn, aber Georg bestund darauf, zu bleiben. — „Nein," sagte er, „wenn ich weder Pauline noch meine Ehre retten kann, so fliehe ich nicht feige, um mich der Strafe zu entziehen." „Nun, so mag Gott mir gnädig sein und mich sterben lassen," seufzte die Gräfin. Nach einigem Schweigen fügte sie bei: „Wie wäre es, wenn ich selbst zu dieser Frau 42 ginge. Ach, um meinen Sohn zu retten, wollte ich mich demüthigen und sie auf den Knieen um Verzeihung bitten." Herr Beauprs schüttelte traurig den Kopf. Trotz allem guten Willen war sie bei ihrem stolzen, reizbaren Charakter zur Rolle einer Bittenden nicht geeignet, überdieß sah Lucy in ihr die erste Ursache ihres Unglücks. „Mutter," sagte Georg, dessen Züge sich plötzlich belebten, „ich selbst will zu Lucy gehen." „Du, das ist unmöglich, nicht wahr, Herr Beaupre, das kann nicht sein?" Der Pfarrer gedachte der Liebe, die Lucy noch immer für ihren Gemahl empfand, und freute sich innerlich dieses Entschlusses, obwohl er deren Gefühle nicht verrathen wollte. Er sagte daher nur: „Ich habe nichts dagegen einzuwenden, vielleicht hat Gott ihm den Gedanken als letztes Rettungsmittel eingegeben." Bevor wir dieser Unterredung folgen, wollen wir uns umsehen, ob Frau Goulard ihrem Vorsatz, zu schweigen, treu geblieben ist. Gewiß hatte sie den besten Willen dazu gehabt, ein ihrer ehemaligen Herrschaft so fatales Geheimniß zu bewahren, sie that es auch einen ganzen Abend, aber zum Unglück traf sie des andern Morgens ihren Zunft- Genossen, den Wirth zum „Goldenen Löwen." „Sie haben ja jetzt eine vornehme Dame, die von den Antillen kömmt, zu Gast Geben Sie Acht, den Leuten, die so weit her sind, ist nicht zu trauen, solche Gäste seh' ich immer lieber vor meiner Thüre vorüber gehen." Frau Goulard fühlte die Zornesröthe in's Gesicht treten, sie antwortete aber gelassen: „Sie möchten Recht haben, Herr Bvnard, denn Sie können aus Erfahrung sprechen. Die Geschichte mit dem angeblichen Lord, der voriges Jahr bei Ihnen logirte, und sich wie er sagte, vor der Regierung verbarg, war ärgerlich genug, denn eines Tages konnten Sie ihn selbst nicht mehr finden, er war fort und hatte vergessen, die Zeche zu zahlen. Aber sorgen Sie sich nicht, ich weiß um die Angelegenheiten, die die Dame hieher führten." „So, sie hat Sie zur Vertrauten gemacht," spottete der Wirth, von der Anspielung auf den Lord unangenehm berührt. „Wundert Sie das?" „Mich? — nicht im Geringsten, ich bin auch überzeugt, daß Niemand von dem Geheimniß etwas erfährt." „Und warum?" „Eh" lachte der Wirth laut auf, „weil Sie selbst nichts wissen." „So, weil ich nichts sagen will, meint man, ich weiß nichts." „Ich behaupte es sogar." „Das ist zu arg; aber ich merke, Sie wollen mich reden machen, nichts sollen Sie erfahren, nur das Eine sage ich: In kürzester Zeit wird ein Ereigniß eintreten, das die ganze Stadt in Aufregung bringen wird, dann erinnern Sie sich des Gesagten." Und mit ihrer Standhaftigkeit sehr zufrieden, ging Frau Goulard von bannen. — Eine Stunde später erzählte man sich die abenteuerlichsten Gerüchte über die fremde Dame. Frau Goulard wurde förmlich mit Besuchen bestürmt, noch eine Zeit lang hielt sie sich tapfer, aber endlich erlag sie dem erheuchelten Mißtrauen ihrer Fragestellcrincn, und bald war die Nachricht von des Grafen Heirath mit Lucy in der ganzen Stadt bekannt. Die Zeit der Revolution war noch nicht so ferne, daß nicht in der Bevölkerung ein gewisser Haß gegen die Adeligen zurückgeblieben wäre, besonders gegen die Vvricourt's, die der großen Katastrophe so glücklich entgangen waren. Mit wahrem Vergnügen hörte man daher von dem scandalösen Ereigniß, das den Stolz dieser Familie brechen mußte. Das Gerücht kam endlich auch dem Staatsanwalt zu Ohren, einem jungen Beamten, der darin mit Freuden die Möglichkeit zu einem glänzenden Debüt erblickte. Einen ganzen Tag erwartete er die Anzeige, die, wie man ihm sagte, die Fremde zu machen gedenke; als sie nicht kam, sagte er sich, daß die Dame ohne Zweifel eine Scheu habe. 43 ihre Rechte geltend zu machen, und daß es an ihm sei, sie aufzumuntern. Freilich, wenn er wieder bedachte, aus welch' trüber Quelle die Angaben flößen, war er wieder zweifelnd, was er thun solle, ein voreiliger Schritt mußte ihn ja lächerlich machen. Lassen wir den jungen Beamten in seiner Unschlüssigkeit und kehren wir zu Luch zurück. XI. Au dem tiefen Seelenleiden, das an der unglücklichen Luch nagt, hat sich auch ein körperliches Unwohlsein gesellt. Umsonst hat sie den Fauteuil an's Fenster geschoben, aus der engen, schmutzigen Gasse dringt nur eine schwere, unreine Luft herein, es liegt wie eine ungeheure Last auf ihrer Brust und sie möchte rufen: Luft, Luft! Wer gibt ihr ihre schöne Heimath wieder? Wer den Frieden und das Glück ihrer Jugend? Ach, sie sind auf immer entschwunden, wie jene Tage in den Schooß der Zeiten. — In wenigen Stunden ist die Frist um, die sie auf Herrn BeauprL's Bitten gewährt hat, sie wird vor aller Welt die Anerkennung ihrer Ehe verlangen und die Nichtigkeit jener der Fräulein d'Apremont beweisen. Mit einem Schlag werden ihre Feinde vernichtet fein! — Wie kommt es denn, daß sie bei dem Gedanken an Georg's Strafe ein unbestimmtes Entsetzen fühlt? Umsonst will sie gegen diese Schwäche kämpfen, sie wünscht, ihr schuldbeladener Gemahl möge sich durch die Flucht retten. Der Zufall wollte, daß dieser Tag der fünfte Jahrestag ihrer Vermählung war. Welch furchtbare Veränderung in dieser kurzen Zeit, wer hätte ihr damals eine solche Zukunft prophezeit! Wie glücklich schien Georg, wie feurig schwur er ihr ewige Liebe zu, und mit welcher Hingebung legte sie ihr Geschick in seine Hände. Sie dachte an die Glückwünsche, die sie empfing, an die sanften Vorwürfe, die sie ihrem Vormund machte, daß er die allgemeine Freude nicht theile; nicht als ob Herr Raviercs die Aufrichtigkeit des Grafen bezweifelte, er bedauerte nur, daß er sich von seiner lieben Mündel trennen mußte. Wie viel bittere Thränen sind diesen kurzen Augenblicken der Freude gefolgt! Plötzlich sprang der kleine Georg, der im Nebenzimmer gespielt hatte, in'S Zimmer und rief: „Mama, ein fremder Herr." Lucy erhob die Augen — — ihr Gemahl stand vor ihr. Eine tödtliche Blässe überzog das Gesicht der Crcolin, sie legte die Hand auf's Herz, um dessen Schläge zu hemmen, sie wollte aufstehen, aber ein heftiges Zittern zwang sie, in den Stuhl zurück zu sinken. Umsonst will sie gegen diese Verletzung ihres Asyls Verwahrung einlegen, die Worte ersterben ihr auf den Lippen, ihre Augen nur drücken aus, was in ihrer Seele vorgeht. Fast nicht weniger ergriffen betrachtete sie der Graf mit schmerzlicher Ueberraschung. Auf diesem, jüngst von Schönheit und Jugend strahlendem Gesichte, kann der Unglückliche alle Qualen lesen, die er verursacht, und eS däucht ihm, daß er unmöglich Verzeihung erlangen kann. „Mein Herr," begann sie endlich mit kaum vernehmlicher Stimme, „was wollen Sie hier?" „Ich bin gekommen, für meine Mutter zu bitten ..." „Ihre Mutter ist mir nichts, und auch Sie sind mir nichts mehr, Graf, denn Sie habe» alle Bande zwischen uns zerrissen, also lassen Sie mich!" „Stoße mich nicht zurück, Lucy, ohne mich gehört zu haben, im Namen unseres KindcS bitte ich!" „Des Kindes, das Sie verlassen haben!" sagte Lucy mit vernichtender Verachtung. „Ich will nichts hören, nichts gewähren." „Ich versuche nicht mich zu rechtfertigen," stammelte Georg, „wie sollten Sie die unselige Veränderung begreifen, die meine langen Leiden in mir hervorgebracht. Ohne alle Energie, scheute ich den Kampf gegen meine Mutter, um Sie ihr als Tochter vorführen zu können; ich fühle, wie verächtlich dies war, und erröthe darüber, aber glauben Sie mir, ich war damals nicht mehr ich selbst." 44 „Und als Sie Fräulein d'Aprcmont an den Altar führten, war es auch in diesem Zustand der Entkräftung und Hinfälligkeit," unterbrach ihn Lucy mit bitterem Spott. „Nein," sagte Georg mit gesenktem Blick, „eine strafbare Liebe hatte sich in mein Herz geschlichen, mein Verbrechen ist ohne Entschuldigung." „Warum ohne Entschuldigung? Suchen Sie dieselbe doch in ihrer Schönheit, in ihrer Geburt, die wenigstens sie würdig machte, Ihren Namen zu tragen. Zudem konnten Sie sich ja schmeicheln, daß Ihre verlassene Gattin Ihren Verlust nicht überlebt habe, und Sie sonach frei wären, eine andere Verbindung einzugehen. Leider hat der Kummer nur meine Gesundheit zerstört und diese Schönheit, die Sie einst so zu fesseln schien, aber ich habe nicht sterben können. Glauben Sie mir, Niemand beklagt dies mehr, als ich." „Du bist grausam, Lucy," sagte der Graf, „aber ich habe kein Recht, mich zu beklagen. Dennoch hab' ich nicht ganz an Deiner Verzeihung verzweifeln können. Du warst immer die beste, hochherzigste Frau, die ich gekannt, ich appellire an dieses Gefühl." „Sie irren sich, wenn es so war, haben Haß und Unwille diese Eigenschaften völlig verdrängt." „Unmöglich, so können Sie sich nicht geändert haben. Doch hören Sie wenigsten- die Vorschläge, die ich Ihnen mache. Ich nehme im Ausland Dienst, vor meiner Abreise vermache ich unserem kleinen Georg rechtsgiltig mein ganzes Vermögen, er soll in Frankreich bleiben und bei meiner Mutter erzogen werden. Sie können seinetwegen gewiß ruhig sein, meine Mutter wird in ihm die einzige Erinnerung an ihren Sohn sehen, denn ich kehre nie mehr zurück." „Das heißt, mein Sohn soll auS Gnaden bekommen, was ihm von Rechtswegen gebührt. Nein, Herr Graf. mein Vermögen genügt ihm; was ich will, ist die Anerkennung des Namens, der ihm zukömmt. Fliehen Sie, ich will so lange noch warten." „Ist das Ihr letztes Wort?" „Ja, und es ist unerschütterlich." „Wohlan, so hören Sie auch das meine: Ich will keinen entehrten Namen tragen, und werde nicht fliehen, aber an dem Tage, an dem meine Schmach offenkundig wird, werde ich ein Leben endigen, das ehrlos geworden, mag Gott mich alsdann in Gnaden aufnehmen." Lucy bebte zusammen. In diesem Augenblick hörte man im Gang eine Männerstimme: „Ich finde mich schon zurecht. Freund, die erste Thüre rechts, nicht wahr?" — Kaum hatte sie noch Zeit, in das anstoßende Zimmer zu treten, als ein Diener die Thüre öffnete und einen fremden Herrn einführte. Es war ein junger Mann, dessen ernste Haltung fast erkünstelt schien, er grüßte mit einer gewissen Beschützermiene, und nahm dann unaufgefordert einen Stuhl. Die Ucbcrraschung ließ Anfangs Lucy nicht zu Wort kommen; sie erwartete auch, der Fremde werde sogleich den Grund seines Hierseins erklären, als dieser aber schwieg, und erst nach Worten zu suchen schien, sagte sie mit kaum verhehlter Ungeduld: „Darf ich fragen, was Sie hicher führt, mein Herr? Ich habe allen Grund zu glauben, daß Ihre Gegenwart auf einem Mißverständlich beruht." „Ich bin hier Staatsanwalt, gnädige Frau." Die junge Frau machte ein Zeichen des Erstaunens: „Und was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?" Jetzt war der Beamte seinerseits überrascht, er hob aber mit einer gewissen Emphase an: „Auf den ehrenvollen Posten, den ich begleite, berufen die Unschuld zu beschützen, das Laster zu entlarven, wie hoch auch der Rang sein mag, hinter welchen es sich verbirgt, mit einem Wort, dem Rechte zum Sieg zu verhelfen, habe ich nicht erst Ihre Aufforderung'abwarten wollen, — um Ihnen den Schutz anzubieten, den Ihre Lage erheischt." 45 Und sehr zufrieden mit seiner Rede, erwartete er nun, die Fremde werde ihre lebhafte Dankbarkeit beweisen, als Lucy etwas stolz antwortete: „Und worin sollte dieser Schutz bestehen?" „Die Absicht, mit welcher Sie in dieses Land kamen, ist kein Geheimniß mehr, gnädige Frau; man weiß, daß Sie heilige Rechte, die unwürdiger Weise verläugnet worden sind, geltend machen wollen. Aber welches auch die sociale Stellung des Schuldigen sein mag, eS soll Ihnen Gerechtigkeit werden." Das Erstaunen der Creolin wuchs bei jedem Wort. Wer konnte diesem Manne ihr Geheimniß verrathen haben, da sie doch so gewissenhaft die Frist des Schweigens beobachtet hatte? Ihre Stimme zitterte, als sie fragte: „Wie können Sie mir eine solche Absicht unterbreiten, mein Herr?" „Aber die ganze Stadt spricht ja davon, und Sie werden begreifen, daß ich mir daher die nöthigen Aufklärungen bei Ihnen erholen wollte. Es liegt mir daran, zu bc» «eisen, daß keine Rücksicht auf Rang und Vermögen mich als Beamten abhalten könnten, dem Verbrechen die verdiente Strafe zuzuerkennen, wenn ich gleich als Mensch dasselbe beklage. Nur müßten Sie mir die Beweise vorlegen, auf die sich Ihre Ansprüche stützen." — Der dienstfertige Anwalt hätte noch lange reden können, ohne daß Lucy ihn gehört hätte, so sehr war sie in ihre Gedanken versunken. Der Augenblick war also gekommen, wo sie mit einem Wort bluiige Rache nehmen konnte. Georg, die Gräfin und Pauline, alle drei werden in das Unglück hin-ingczogen, und ist es nicht gerecht? Haben nicht alle drei an dem Verbrechen Theil? Sie denkt an die Lage des Grafen, der jedes WoA der Unterredung mitanhören muß, mit welcher Seclenangst muß er die Antwort erwarten, von der sein Schicksal abhängt. Wie mußte er leiden! Bei diesem Gedanken fühlte sie selbst eine unaussprechliche Beklemmung. Sollte sie diese qualvolle Ungewißheit in noch schrecklichere Gewißheit verwandeln, die ihn, wie er sagte, zum Selbstmord treiben würde? Würde Gott sie nicht zur Rechenschaft ziehen für ein Leben, das sie ihrer Rache geopfert? Doch nein, ihre Sache ist gerecht, Gott will seinen Meineid strafen. Woher denn aber dieser Aufruhr in ihrem Herzen? Sollte sie so feige sein, den schuldigen Gemahl noch zu lieben? Ja! ihr Herz ist zerrissen bei dem Gedanken an die bevorstehende Strafe Georgs, trotz seines Fehlers ist er ihr noch theuer. Einen Augenblick noch kämpfen Haß und Eifersucht gegen diese zärtlicheren Gefühle — da tritt der kleine Georg in's Zimmer und eilt in die Arme seiner Mutter, die er mit schmeichelnden Blicken ansieht, gleich, als wolle er für den unglücklichen Vater bitten, ihöar es Zufall, der den unschuldigen Für» sprecher gesandt, oder hat der Himmel Herrn Väriconrt dieses letzte NettungSmittel eingegeben? Die junge Frau preßte den Knaben an ihr Herz und eine heiße Thräne fiel auf seine Stirne. Einen Augenblick blieb sie unbeweglich mit geschlossenen Augen, dann küßte sie den Knaben abermals und schob ihn sanft bei Seite. — Ein großer Entschluß war zwischen diesen beiden Küssen gefaßt, ein großes Opfer vollbracht worden. (Fortsetzung folgt.) Der Seeteufel In der Besprechung von William Elliotts „Larolinu Sports dz? I,anä snä >Vat6r« sagt das „Athenäum": Leichtgläubige Reisende und lügnerische Schriftsteller haben über diesen monströsen und wunderbaren Bewohner des Meeres an der Küste von Carolina so viele Fabeln erzählt, daß es Leuten, die keine Neigung zur Erforschung der Natur haben, und unter gewöhnlichen Umständen die Tiefe gern im Besitze ihrer Geheimnisse lassen, angenehm sein wird, kennen zu lernen, was ein zuverlässiger Zeuge von diesem sonderbaren Geschöpfe sagt — ein Zeuge, der die technischen Ausdrückt der Wissen» 46 schüft vermeidend, es so schildert, daß seine Iagdbrüder darüber Aufklärung erhalten und zugleich Freude darin finden können. Mit Ausnahme einer wichtigen und zweier vergleichsweise unwichtigen Beziehungen wird der Seeteufel ziemlich genau beschrieben in James E. De Kay's „Xoolo^v ol' und wahrlich das Gemälde Herrn Dc Kay's ist nicht verlockend. Ein ungeheuer breitrückiger, breitköpfiger, langschwänziger Fisch, ist er seines großen Gewichts wegen selbst mehr noch als ob seiner Muskelkraft ein gefährlicher Gegner. Herr De Kay schreibt ihm die folgenden Dimensionen zu: Länge bis zur Basis des Schwanzes 10 Fuß; bis zum Ende des Schwanzes 16 Fuß; Breite über die Lappen der Brusttheile 17 Fuß. Herr Elliott aber tödtete einen, welcher 18 Fuß über dem Rücken maß und 3 bis 4 Fuß dick war. Die Länge und die Dünne des Schwanzes stehen in auffallendem Gegensatz zu der Breite und Dicke seines Leibes und zum Abstand zwischen seinen Augen, die in Herrn De Kay's Exemplar 4 Fuß von einander waren. Zu den anderen hervorragenden und unterscheidenden Eigenthümlichkeiten des Körperbaues dieses Geschöpfes gehören die Klappen oder Flügel, durch die es im Stande ist, sich über das Wasser zu erheben und Luftsprünge auf der Oberfläche zu machen; dann das ungeheure Maul, in welches es einen Schwärm Sccgarnellcn in einem Schluck mit vollkommener Glcichmüthigkeit aufnimmt; ferner seine Hörner oder Fühler, die etwa drei Fuß lang und an den Enden merkwürdig gegliedert sind, so daß sie den Fingern einer geballten menschlichen Hand gleichen Seine Farbe ist gewöhnlich weiß und wechselt unterhalb ab uiit großen dunklen Flecken. — So viel von seinem allgemeinen Aussehen; es dürfte genügen, um zu zeigen, daß. wenn man seinen gewaltigen Rücken gerade unter der Oberfläche des Meeres sieht oder wenn man es entdeckt, wie es die Gräte der Wogen mit seinen vier Fuß auseinander stehenden Augen überschaut, oder wenn es in einem Anfall von Mnthmillen seine Luftsprüngc aus dem Wasser herans macht, ein furchtsamer Fischer, der nichts von den Gewohnheiten des Thiers kennt, keine Neigung verspürt, in seiner Nähe zu verweilen. Auch würde ihn seine Vertrautheit mit den kleinen Kniffen und Pfiffen nicht völlig aussöhnen mit der Nähe der langen gegliederten Fühler, die so liebevoll hartnäckig festhalten, was sie zufälliger Weise einmal gepackt haben. Dem teuflischen Gebrauch, welchen dieses abstoßende Geschöpf von solchen mächtigen Waffen macht, verdankt es hauptsächlich seinen Namen, und um diesem Namen dir volle Bedeutung und noch etwas darüber hinaus zu geben, Pflegt eS öfter ein eigenthümliches Spiel mit den Booten der Matrosen und dem Takclwerk der Fischer zu spielen. Man erzählt sich eben so furchtbare als possierlich; Geschichten von dem Unheil, welches der Seeteufel auf diese Weise angerichtet hat. — Schiffe sind von ihrem Ankerplatz weggeschleppt und meilenweit in das Meer aus den Häfen weggeführt worden, ohne daß man sah, durch welche Kraft. — Herr De Kay, der ein fast wörtlich mit einem von Catesby berichteten Fall übereinstimmendes Beispiel gibt, sagt: „Ein glaubhafter Augenzeuge erzählte mir einen derartigen Fall, welcher sich im Hafen von Charleston zugetragen hat. Man sah, daß ein vor Anker liegender Schooner sich plötzlich mit großer Raschheit quer über den Hafen bewegte, fortgetrieben von irgend einer unbekannten u«d geheimnißvollen Kraft. Bei Annäherung an die gegenüberliegende Küste änderte sich sein Lauf so plötzlich, daß das Schiff sich beinahe auf die Seite legte, dann aber mit seiner früheren Geschwindigkeit über den Hafen fuhr, und diese Scene wiederholte sich, als e- sich der Küste wieder näherte. Diese gehcimnißvollen Flüge über den Hafen wurden mehrmals in Gegenwart von Hunderten von Zuschauern wiederholt und hörten plötzlich auf." Die bewegende Kraft war ein Seeteufel, der den Anker des Schooners ergriffen und dann das Schiff ungefähr in der geschilderten Weise fortgeschleppt hatte. — Sicherlich hat der Fisch, der sich so betragen kann, keinen ungehörigen Namen erhalten. Von dem Schrecken, welchen diese ungeheuren Plagegeister des Meeres den Bootsleuten von Port Royal Sound verursachten, ehe die benachbarten Pflanzer den Seeteufelfang zu ihrem gewöhnlichen Jagdvergnügen machten, gibt Herr Elliott eine amüsante Erzäh- lung, die er in seiner Kindheit von einem alten Neger gehört hatte, welche bei einer gewissen Gelegenheit in der Nähe von Hilton Hcad Brach auf den Haifischfang ausgegangen war. Ein Seeteufel, der entweder die Haifisch-Leine mit seinen Fühlern ergriff, oder dem zufälliger Weise der Haken in den Leib eingedrungen war, schleppte nämlich das Boot dieses Mannes von dem Ankerplatz weg und zog es mit solcher Geschwindigkeit in das Meer hinaus, daß die auf dem Fahrzeug befindlichen Leute sich vor Schrecken auf ihr Gesicht niederwarfen und ihren nahen Tod für unvermeidlich hielten. „Nachdem ich," sagte der Erzähler, welchem die Erinnerung an seine Gefahr einen schreckerfüllten Gesichtsausdruck gab, „lange Zeit in Erwartung des Todes in dieser Stellung gelegen, gewann ich endlich einigen Muth, warf einen verstohlenen Blick über den Dahlbord, und sah Eisen schwimmen — der Anker flog wie die Kieselsteine, die man spielend über und durch das Wasser wirft, auf dem Meeresspiegel dahin, während das Boot, mit dem Hintcrtheil Voraus, der See zulief! Endlich schnitten wir, als das Thier uns beinahe in's Meer hinaus gebracht hatte, den Anker loS." Ein zweites Beispiel einer solchen durch dieselbe Kraft bewirkten Fortbewegung gibt Herr Elliott in folgenden Worten: „Es liegt viel Angenehmes in der Erregung heftiger Bewegung! so dachte Doctor Johnson. Wahrscheinlich aber würde Jones vorsichtiger Weise beigefügt haben: „so lauge wir die Bewegung in unserer Macht haben." Erst nach Bcrfluß einiger Minuten hatte er die Geistesgegenwart, oder vielmehr Kraft, ans^scincr liegenden Stellung langsam sich zu erheben und seinen Sitz am Hintcrtheil des Schiffes einzunehmen, wo er indessen bald sich beruhigte und die ganze Wonne seiner Lage genoß. Der Wind fächelte sein Gesicht, sein Haar floß in rechten Winkeln von seinem Kopf herab, und das Wasser schäumte wüthend um den Schiffsschnabel, da das Boot, fortgetrieben durch die mehr als tritonische Kraft, mit der Geschwindigkeit eines Pfeils durch die Gewässer schoß. Und nun näherte er sich seiner Heimat und freute sich, zu sehen, daß mehrere seiner Freunde am Ufcrrande versammelt waren, um ihn bei seiner Rückkehr zu begrüßen. Wie groß aber war ihr Erstaunen, als sie JoneS aufrecht im Hintcrtheil des Boots sitzen sahen, das ohne die Hilfe von. Rudern, Ruderern, Segel oder Dampf, und ohne irgend eine andere sichtbare Triebkraft durch die Gewässer zu fliegen schien. Erstaunen war ihre erste Gemüthsbewegung — Freude ihre zweite, und endlich erhoben sie ein wahres Triumphgcschrei, denn sie glaubten: Jones müsse wirklich das Problem ewiger Bewegung gelöst und das por- potuum mobile; erfunden haben. Er rief sie um Beistand an: „Bemannt mir ein Boot, meine Freunde; eilt und rettet mich!" Seine Stimme, zitternd vor Aufregung, oder durch die Entfernung völlig unhörbar gemacht, erreichte ihre Ohren nie. Er schwenkte seinen Hut und rief abermals; sie schwenkten gleichfalls die Hüte und antworteten mit einem neuen Triumphgcschrei, allein kein Boot stieß ab, keine Rettung kam. Was war zu thun? Es blieb dem armen Mann nichts anderes übrig, als es zu machen, wie es mancher Politiker vor ihm gemacht hatte, still zu liegen und irgend eine günstige Wendung der Dinge abzuwarten. „Diese heftigen Bewegungen," dachte er, „müssen ein Ende nehmen, und selbst der Seeteufel muß müde werden. Die Friction, die mir so oft Mühe und Kummer gemacht, wird nun mein Freund." Endlich machte der Fisch wirklich eine Pause, aber erst als das Boot ganz aus dem Hafen Hinausgetrieben war, und auf den Gewässern des weiten atlantischen Oceans schwamm. Jetzt verließ unser Waidmann seine Stellung im Hiiuerthcil des Schiffs, wo sein Gewicht nothwendig gewesen, um das Gleichgewicht zu erhalten, und schnitt mit seinem Federmesser die Leine ab, welche ihn an seinen furchtbaren Geführten band. Die Ruder waren mittlerweile über Bord gerathen und verloren, das Segel indessen noch vorhanden, um ihn nach Hause fortzubewegen. Erst spät in der Nacht kam er an, erschöpft von Aufregung und körperlicher Anstrengung, und erklärte seinen besorgten Freunden das Geheimniß seiner Fahrt, die zum Glück für ihn nicht auf dem Prinzip einer ewigen Bewegung beruhte." 48 Ein sonderbarer Gast. In einer Bauernhütte des thüringischen Dorfes B. saß vor etwa 10 Jahren ein hochbetagteS Ehepaar in traulichem Gespräche beisammen, als die Thür aufging und ein nicht minder hochbetagtcr fremder Mann hcreintrat. Er sagte „Guten Abend!" zu den Beiden, die einander verwundert ansahen, als der Fremdling ohne alle Umstände in dem Großvaterstuhl am warmen Ofen Platz nahm, den der Eigenthümer so eben verlassen hatte. „Kennst du den Alten?" fragte die Frau ihren Mann. „Nein. Ist er Dir bekannt?" „Mir auch nicht." „Oho, schau' mich nur 'mal recht an!" tönte es vom Großvaterstuhl her. „Ei ja," sagte die Frau, nachdem sie den Graukopf eine Weile gemustert; „das Gesicht glaube ich zu kennen." „Nicht wahr? Freilich istS lange her, daß wir uns zulczt gesehen — seit Anno Achtzehnhundcrtzwölf." Die Frau machte große Augen, als sie die Jahreszahl hörte, und sah dem Alten schärfer in das Gesicht. „Wahrhaftig — der Melchior!" schreit sie Plötzlich auf. „Der Melchior? Dein erster Mann?" rief ihr jetziger Gatte aus. „Ich denke. Der ist lange todt?!" „Was Ihr Euch denkt!" versetzte Jener, indem er seinen weißen Schnurrbart drehte. „Aber ich hab's ja Schwarz auf Weiß vom Gericht!" stammelte die Frau. „Daß ich todt bin?" sagte Melchior ruhig. „Als ob daS Gerichtsich nie geirrt hätte!" „Weil du seit so und so viel Jahr und Tag Nichts von Dir hören ließest, hat eS Dich für todt erklärt." „Hm, soll man wohl von sich hören lassen," brummte der Verschollene, „wenn man da hinten in Sibirien steckt. „In Sibirien? Wie bist Du denn da hingekommen?" „Als K iegsgcfangener, nachdem ich Anno Zwölf mit den Franzosen nach Rußland mußte. Vor zwei Jahren wurde ich, weil ich dazu noch rüstig genug war, als russischer Fuhrknecht nach der Krim geschickt, wo die Franzosen mich wiederum gefangen nahmen und nach Frankreich schickten. Da blieb ich denn bis zur Auswechselung der Gefangenen, nnd sollte nun wieder nach Rußland zurückkehren Jetzt hatte ich aber daS ewige Schicken satt. „Ich bin ein deutsches Landeskind '' sagte ich, „und will nach Hause." Da bin ich denn zu Hause, und will Denjenigen scheu, der mich wieder von hier fortschickt. Auf einen Platz im Großvaterstuhl werde ich wohl in meinen vier Pfählen noch Anspruch machen können." „Na ja," sagte der andere Alte, „wenn Ihr sonst keine Ansprüche macht—" „Ein bischen Essen wird sich wohl auch noch finden." Jener nickte zustimmend. „Und ein Viertelpfund Knaster wöchentlich kostet ja auch nicht den Hals," meinte der Veteran. „Wenn mir dann die Kehle trocken wird, erzähle ich den Bauern im Kruge von meinen Kriegsthaten und Abenteuern; damit denke ich mir einen freien Trunk zu verdienen." DaS Ehepaar war damit einverstanden , und noch im vorigen Jahre behauptete der Heimgekchrte seinen Platz im Großvaterstuhl. Frage: Was ist ein Frauenzimmer, wenn sie bei Regen mit einem aufgcspann- ten Regenschirm und leeren Krug am Arm geht? Antwort: Das ist eine Ucbcrspanntc mit einem geleerten (Gelehrten) am Arm. Druck, Derlaa und Rsdaltion deS ttterarrschen Institut- von vr. M. Huttler. Nr. V. 16. Februar 1868. Augsburger Und wenn was umzuthun wäre, Das würde wobt auch gethan. Ich frage dich bei Wort und Ehre, Wo fangen wir's an? Gvthe Rache und Liebe. XI. (Schluß dieses Kapitels.) Der junge Beamte war den verschiedenen Gemüthsbewegungen der Creolin aufmerksam gefolgt, und sagte dann mit erheuchelter Theilnahme: „Ich begreife, wie peinlich es Ihnen ist, eine solche Angabe zu machen, aber Sie sind es sich und der ganzen Gesellschaft schuldig." „Ich habe Nichts anzugeben, mein Herr." „Wie, — es wäre nicht wahr, daß Sie die Gemahlin des Grafen von Vöri- court sind?" „Nein, mein Herr." „Wissen Sie denn, gnädige Frau, wohin die öffentliche Meinung gehen wird, wenn man erfährt, daß Sie eine gesetzliche Verbindung läugnen?" Die junge Frau zuckte gleichgültig die Achseln. „Man wird sagen, daß dann andere Beziehungen vorhanden gewesen sein müssen!" „Eine solche Voraussetzung ist eine Niederträchtigkeit." „Sie werden damit Niemand überzeugen, wenn Sie jetzt aus übertriebener Groß- muth Ihre Rechte nicht bekennen, opfern Sie Ihren Ruf." Luch schien sichtlich ergriffen. „Was beschließen Sie?" drängte der Beamte. Ein furchtbarer Kampf ging in ihrer Brust vor. Soll sie dem Manne, der sie verrathen, auch noch ihren Ruf zum Opfer bringen!? „Ich erwarte eine Antwort," wiederholte der Beamte. „Ich habe Ihnen keine zu geben; in wenigen Tagen verlasse ich Frankreich." „Da Sie auf Ihrem Schweigen beharren, so muß ich annehmen, daß Sie wirklich keine Rechte haben, und Sie im Interesse der Familie Vericourt bitten, diese Gerüchte förmlich zu widerlegen." „Sie scheinen sich der Ehre der Familie Vsricourt allzusehr anzunehmen," sagte Luch mit bitterem Unwillen, „überlasten Sie es ihr selbst, mich zu belangen." Die Zuversicht, mit der die Fremde sprach, bestärkte den Anwalt in seiner Meinung, daß sie den Grafen nur schonen wolle. Er machte sie daher noch einmal auf das Gefährliche dieser Sophismen aufmerksam, aber Luch cntgcgncte: „Wenn ich des Rathes .bedarf, so suche ich ihn bei solchen, die Alter und Erfahrung haben, aber ich verschmähe aufgedrungene Rathschläge." Mit diesen Worten erhob sie sich und machte eine leichte Verbeugung, so daß der Etaatsanwalt die Unterredung als beendigt ansehen mußte. „Ich sehe, daß ich Sie 50 nicht überzeugen kann," sagte er, „und ich wünsche nur, daß Sie diese übertriebene Groß. muth nie bereuen möchten." Damit verabschiedete er sich kalt, ohne sein Mißvergnügen ganz verbergen z« können. XII. Sobald Luch allein war, sank sie in ihren Stuhl zurück und verbarg ihr Gesicht in die Hände. „Es ist geschehen," sagte sie leise, „mein Schicksal ist erfüllt." So blieb sie einige Zeit in sich versunken, als ein leichtes Geräusch sie aus ihren Träumen schreckte. Georg stand neben ihr. „Oh Luch!" rief er, „wie kann ich Ihnen meine Dankbarkeit bezeigen!" „Ich verlange keine, mein Herr," sagte sie lebhaft, „nicht um Ihretwillen habe ich mich selbst verläugnet, Gott allein habe ich meine Rache zum Opfer gebracht." „O, wüßten Sie, was mein Herz empfand, als Sie diesem Manne eine so edle, großmüthige Lüge sagten." „Vielleicht," sagte Lucy traurig, „hab' ich mich hierin über meine Pflicht getäuscht, dann mag mir Gott verzeihen." „O fürchten Sie nichts für Ihr Kind, in meiner Liebe zu ihm will ich meinem Dank, meiner Hochachtung für seine Mutter Ausdruck geben. Aber werden Sie ihn mir überlasten?" Nach kurzer Unentschiedenheit sagte sie fest: „Ja, Herr Graf, Georg soll in Frankreich bleiben. Nichts in der Welt könnte mich zu diesem Opfer bewegen, wenn ich nicht fühlte, daß meine Tage gezählt sind; ich bin für solches Leid nicht stark genug. Bald, Herr Graf, soll Ihrem Glück nichts mehr im Wege stehen." „Oh, reden Sie nicht so, Lucy, der Gedanke, Ihren Tod verschuldet zu haben, ist mir fürchterlich." „Sie haben mein Leben so elend gemacht, daß ich den Tod als eine Wohlthat begrüße. Vor meiner Abreise sende ich Ihnen meinen Sohn, und wenn es wahr ist, daß Sie Ihr Unrecht bereuen, so machen Sie wenigstens mein Kind glücklich." „Ich gehe," sagte der Graf ganz niedergebeugt; „aber bevor wir uns wohl für immer trennen, soll ich nicht ein Wort der Verzeihung hören?" Lucy schüttelte den Kopf. „Ich flehe darum." „Ich bin leidend, Graf, und Sie sind ohne Rücksicht, haben Sie nicht mehr erlangt, als Sie hoffen durften?" „Es ist wahr, aber Ihre Großmuth vermehrt noch meine Reue und meinen Schmerz. O könnte ich mit meinem Blute die Vergangenheit zurück erkaufen!" „Ich will es glauben," erwiderte Lucy bitter lächelnd, „denn ganz taub können Sie gegen Ihre Gewissensbisse doch nicht sein." „Nur ein Wort könnte sie lindern." „Nein, nein," rief Lucy heftig, „ich kann Ihnen nicht verzeihen. Sie haben mich gezwungen, den geheiligten Namen als Gattin zu verläugnen, vor dem Manne zu er- röthen, der mir seinen beleidigenden Argwohn nicht verbarg, Sie haben einer schwachen Frau mit Selbstmord gedroht, wenn sie nicht moralisch sich selbst morde und so Ihr Leben in dieser und jener Welt erkaufe — suchen Sie Verzeihung bei Gott, für solche Verbrechen bedarf es einer göttlichen Barmherzigkeit." Georg stand da, wie ein Bild der Demüthigung und Verzweiflung. „O Lucy," rief er, „Sie sind gerächt!" Die Augen Lucy's glänzten fieberhaft, ihre Wangen waren tief geröthet, sie kämpfte mühsam eine nervöse Krisis nieder. „Sie leiden," rief Georg, sie erschrocken ansehend, „erlauben Sie, daß ich bleibe oder Jemand rufe." 51 „Nein, Mela ist nicht da, ich bedarf nur der Ruhe, gehen Sie." „So sehr bin ich Ihnen verhaßt, — daß Sie meinen Anblick nicht ertragen können, bis ..." „Alles ist zwischen uns zu Ende; der Georg, den ich so sehr geliebt, ist todt. Sie find der Gemahl der Fräulein d'Apremont. So gehen Sie doch," fuhr sie mit neu erwachter Eifersucht fort, „beruhigen Sie Ihre Gemahlin, sagen Sie ihr, wie Sie mich zum Schweigen gebracht, daß es jetzt an mir ist, zu erröthen, daß sie jetzt Gräfin Bsricourt ist und die Fremde nur eines jener verlorenen Geschöpfe, die sich ihre Schande bezahlen lassen wollen. O Herr Graf, Ihr Unwille ist nicht am Platz, es war dies die Anschauung Ihrer eigenen Mutter." „Gnade! Mitleid!" flehte der unglückliche Mann. „Warum sind Sie auch geblieben, ich fühlte, daß meine Seele voll Bitterkeit war, und hieß Sie gehen." „Ich hätte Sie gerne ruhiger verlassen, Luch." „Die Ruhe des Grabes — nicht wahr? Mein Herz kann nur vergessen, wenn es aufhört, zu schlagen." „Nein, ich ertrage diese Qual nicht länger!" rief jetzt Georg. „Lucy, bevor eine Stunde um ist, mache ich unsere Ehe bekannt. Zweifelst Du daran," fuhr er fort, als er die ungläubige Bewegung der Creolin sah. Sie faßte ihn am Arm und sagte ernst: „Auf Ihre Ehre, ist es wahr, daß Sie Ihr Glück Ihren Gewissensbissen opfern wollten." „Auf Ehre, ja." „So ist doch nicht jedes edle Gefühl in Ihnen erstarken," begann sie nach kurzem Schweigen, „und wenn ich auch das Opfer nicht annehme, so danke ich Ihnen doch für die gute Regung, die Sie zu dem Anerbieten bewog. Aber eS ist zu spät, lassen wir es, wie es ist." Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer, einen schmerzlichen Blick auf den Grafen zurückwerfend, der nicht wagte, sie aufzuhalten. Georg schloß den Knaben, der erstaun: dem ganzen Auftritt zugesehen, in die Arme und eilte aus dem Gemach. Xlll. Als Herr von Vericourt in's Schloß zurückkam, fand er den Pfarrer, seine Mutter und seine Frau in großer Bangigkeit seiner Rückkehr harrend. Jedes suchte in seinen Augen zu lesen, keines wagte zu fragen; seine Blässe, seine Niedergeschlagenheit ließ sie nichts Gutes ahnen. „Also haben Sie nichts ausgerichtet?" fragte endlich der Pfarrer. „Sie hat mir Schweigen zugesagt." Ein Schrei der Freude entfuhr Pauline, die Gräfin athmete auf und sagte: „Aber warum dann diese Traurigkeit? Du hast mich ganz erschreckt." „Warum, Mutter? Weil ich mich noch nie so elend gefühlt." Dann erzählte er seine Unterredung und wie er zuletzt sich selbst habe angeben wollen. „Ist es möglich, die Thorheit so weit zu treiben!" rief die Gräfin. „Sie hat es abgelehnt, die edle Frau!" sagte der Pfarrer. „Gott sei mein Zeuge, daß ich ihrem Kinde eine Mutter sein will," betheuerte Pauline. „Zwei Engel," murmelte Georg, „und ich!" Es wurde nun berathen, unter welchem Vorwand er in's Ausland reisen sollte, um den Gerüchten, die in Umlauf waren, keine neue Nahrung zu geben. Als der Pfarrer das Schloß verließ, wollte er der unglücklichen Lucy noch Lebewohl sagen. Er fand sie sehr leidend. „Wissen Sie auch," sagte sie unter Anderem, daß ich meinen Sohn hier lasse? Das überrascht Sie vielleicht, aber ich habe die feste Ueberzeugung, nicht lange mehr in meiner Heimath zu leben, vielleicht kehre ich nicht lebend zurück; mein armes Kind wäre somit auf der gefährlichen Reise ganz Fremden überlasten." „Gönnen Sie sich doch vorerst einige Erholung," mahnte der Pfarrer, „und w^nn Sie den Knaben bis zum Augenblick Ihrer Einschiffung noch bei sich behalten wollen, so bin ich mit Freuden crbötig, ihn von der Hafenstadt abzuholen." „O danke," sagte Luch gerührt! „Welches Opfer in Ihrem Alter!" „Sie müssen mir aber auch versprechen, sich zu pflegen." „Ich hoffe, nicht mehr lange zum Leben verurtheilt zu sein. Ach, Sie misten nicht, welche Trauer in meinem Herzen wohnt!" „Aber es bleibt Ihnen doch die Befriedigung, die man bei jeder edlen großmüthigen That empfindet." „Nein, mein Herr, zum Ucbermaaß meines Jammers muß ich noch errathen über den Beweggrund der Handlung, die Sie edel und großmüthig nennen." — Nach einigem Zögern fügte sie bei: „Glauben Sie, Fräulein d'Apremont hätte an meiner Stelle eben so gehandelt." „Ich glaube ja, Pauline ist edel und gut. Auch sie hat ja viel zu verzeihen." „Doch nicht so viel, wie ich." Herr Beauprö verabschiedete sich und wiederholte noch sein Versprechen bezüglich des kleinen Georgs. Am andern Morgen fuhr eine Post-Chaise aus dem „Weißen Hirsch", Frau Goulard und die ganze Dienerschaft begleiteten sie unter vielen Danksagungen, denn die Freigebigkeit der fremden Dame hatte alle Erwartungen übertreffen. Die Nachbarslcute steckten die Köpfe aus den Fenstern und kaum war der Wagen um die Ecke, so ging es an ein Fragen: „Nun, Frau Goulard, die fremde Dame reist fort, wie steht es mit Ihrer Prophezeiung?" — „Frau Goulard hat geträumt." „Es wird eben so eine Aventuriere gewesen sein." „Was, eine Aventuriere!" rief Frau Goulard, „sie zahlte wie eine Prinzessin. — Zudem wäre in diesem Fall der Herr Pfarrer so oft zu ihr gekommen? Noch gestern war er zwei Stunden da." „Vielleicht hat sie eine gewichtige Sünde zu beichten gehabt." „Die Vericourts werden sie gut bezahlt haben, damit sie schweigt." „Unsinn!" rief die Wirthin, „läßt sich eine so ungeheuer reiche Frau zahlen? — Ihre Dienerin erzählte mir, sie hätte in ihrem Lande ein prächtiges Besitzthum und vierhundert Schwarze." „Mir scheint," sagte ein Witzbold, „sie gebe diese Schwarzen alle gerne für Einen Weißen." Dieser Einfall erregte allgemeines Lachen und die Unterhaltung ging in diesem Ton noch eine Zeit lang fort. Acht Tage lieferte das Ereigniß Stoff zu Vermuthungen, dann mußte man wohl davon ablassen. (Fortsetzung folgt.) Die Hörmaschine. Eine wahr? Begebenheit. Ein Bauernsohn von Longhrea in Irland, mit Namen Casey, war vor mehreren Jahren die Geißel der Dubliner Poststraße. Er verdankte seine Ausbildung dem famo- sen Wcglagerer Foeney, und das Beispiel seines Meisters befolgend, nahm er so manchem Landedclmann die Börse ab, bevor dieser noch „was ist das?" herausbringen konnte. In einer schönen, mondhellen Nacht, als Casey und seine Genossen auf die Landkutsche von Galway warteten, sahen sie einen ansehnlichen Familienwagen des Weges kommen. 53 ^ „Nun zieht Euch zurück, meine Burschen," sprach Casey, „und seht zu, wie ich diese Leute traktircn werde." — Und ohne eine andere Waffe, als einen gewöhnlichen Spazicrstock, schritt er vorwärts und hielt die Pferde an. „Wer seid Ihr, Herr?" — schrie der wohlbeleibte Kutscher mit drohender Stimme und Geberde. „Ein gewisser Casey," antwortete der Straßenränder. „Ach, Herr Casey! Sehr erfreut. Eure Bekanntschaft zu machen," — stöhnte der Kutscher, halb todt vor Angst, und hielt nun selbst die Pferde zurück „Alle Wetter, was gibt es?" — rief eine kreischende Stimme aus dem Innern des Wagens. „Ich muß Euer Gnaden höflichst bitten, mir Dero Börse, Ohrringe und sonstigen Kostbarkeiten zu überliefern," sagte Casey und trat mit einer Verbeugung an den Kntschcnschlag. „Was will der Kerl von mir?" — kreischte die alte Dame und fuhr mit einem metallenen Instrumente dicht vor das Antlitz des Räubers. Dieser war durch das uner- wartete Manöver ganz außer Fassung gebracht und fand den ersten Augenblick keine Worte, um seine Bitte zu wiederholen. „Wie könnt Ihr Euch unterstehen, meine Kutsche anzuhalten?" schrie die erzürnte Dame, und zielte beständig nach seinem Gesichte. „Ich bitt Euer Gnaden tausendmal um Vergebung," sagte Casey, „es war nur ein Irrthum — belieben Euer Gnaden wieder fortzufahren." „Ich sollte Euch arretiren lasten," versetzte die alte Dame. „Erbarmen, Erbarmen!" schrie Casey und warf sich auf seine Kniee in den Straßenkoth. „Fahre zu, Jonas!" rief die lebhafte alte Dame. Der Kutscher hieb auf sciue Pferde, und Casey blieb zurück mitten auf der Straße, in knieendcr Stellung. -> „Das hast Du Pfiffig gemacht," — sagte einer der Gesellen zu Casey, als dieser zurückkam. „Wo sind nun die Ringe und die Börsen?" fragte ein Zweiter. „Die Weiber werden verdammt kriegerisch in dieser Gegend," sagte Casey. „Es hätte nicht viel gefehlt, so wäre ich dießmal um's Leben gekommen. — Die alte Hexe kriegte ein Terzcrol hervor, mit einer so großen Mündung, daß ich Anfangs glaubre, es sei eine Haubitze." „Und wer sagte Dir, daß das Ding geladen war?" fragte Einer von der Bande. „Geladen oder nicht geladen, es schien mir jedenfalls gefährlich," versetzte Casey. Aber bei diesen Worten brachen die Bursche in ein unmäßiges Gelächter aus, warfen ihre Hüte in die Luft, wälzten sich vor Lust im Grase herum und sagten ihrem eingeschüchterten Führer sodann, daß die Alte Niemand Anderer gewesen sei, als Mistreß Anastia Malony, die taube Ofsiziers-Wittwc, welche sich einer Hörmaschine zu bedienen Pflege. „Hm!" sagte Casey, „sollte dem wirklich so sein, so bleibt mir nichts übrig, als diese Gegend für immer zu verlosten. Meine Reputation ist compromittirt. — Was werden die Leute denken, wenn eS heißt, Casey von Longhrca habe sich vor der „Hörmaschine," eines alten Weibes entsetzt.— Der Teufel hole die Maschinen!" Sonderbare Leute. In einem neuerdings unter obigem Titel erschienenen Werke des Franzosen Loredan Larchey finden wir eine Anzahl neuerer, zum Theil komischer Beiträge für die Absonder- lichkciten gewisser in der Geschichte und Literatur bekannter Persönlichkeiten. Wir wollen einige davon mittheilen. Der Marschall Castellane, vor noch nicht langer Zeit gestorben, war einer der rauhesten Haudegen der französischen Armee und in Lyon, wo er commandirte, mehr gefürchtet, als geliebt. Seine Regimenter galten, als sie aus der Krim zurückkehrten, allgemein für die abgehärtesten und geübtesten. Die Bevölkerung von Lyon und namentlich des Stadttheils Croix-Roufse ist eine sehr leicht erregbare und zu Thätlichkeiten geneigte. Als nun der Marschall verlangte, daß sämmtliche Offiziere stets in Uniform gehen sollten, machte man ihn darauf aufmerksam, wie gefährlich dies sei, falls ein Offizier gerade in jenem Stadttheil etwas zu thun habe. Am andern Tage durchstrich Castellane in voller Marschalls-Uniform ganz allein langsam die übelberufensten Straßen des Quartiers Croix-Roufse. Niemand that ihm etwas zu Leide und der Befehl blieb bestehen. — Ein andermal hinterbrachte man ihm, daß ein Barbier in Lyon zu einem seiner Kunden, den er rasirte, gesagt habe: „Ja, wenn ich Castellane so hätte, wie ich Dich hier habe, so wär's um ihn geschehen!" Der Marschall begab sich sofort in den Laden des Barbiers, der ihn natürlich sehr genau kannte. „Rasircn Sie mich!" sagte er. „Schnell! Ich bin neugierig, zu erfahren, wie Sie mir den Hals abschneiden werden!" — Natürlich passirtc ihm nichts weiter, als daß er ein wenig geschunden wurde, und auch das hatte der Barbier ohne Absicht gethan. Die Bälle, die er gab, waren sehr schön und sehr besucht, aber Punkt 12 Uhr mußten sie beendet sein. Darin war er unerbittlich und die Kronleuchter erloschen vor den Augen der tanzlustigen Herren und Damen. An die letzteren vertheilte er während des Balles kleine Foulards und Stangen fein präparirten Zuckers. Diese Stangen waren verschieden groß, je nach dem Rang, den die Männer der Damen in der ofsiciellen Rangliste einnahmen! Malherbe, einer der bedeutendsten französischen Dichter aus dem sicbenzchnten Jahrhundert, hatte immer kalte Füße und zog so viel wollene Strümpfe an, daß er zuletzt Spielmarken benutzen mußte, um sich nicht zu verzählen. Jedesmal, wenn er auf den linken Fuß einen Strumpf zog, legte er eine Marke in ein Näpfchen, bis der Fuß genug bestrumpft war; wenn er sich dann zum rechten wandte, nahm er nach jedem neuen Strumpf eine Marke heraus. Später ließ er jedes Paar »ach dem Alphabet bezeichnen, ABC u. s. f. Er soll nach seiner eigenen Versicherung bis zu L, also bis zu eilf Paar Strümpfen gekommen sein, und bildete aus diese Weise ein wandelndes Thermometer, als man die quecksilbernen noch nicht kannte. „Es scheint heut kälter zu sein, wie gestern," sagte z. B. ein Cavalier Heinrichs IV. oder der Maria Mcdicis. „Nein," antwortete ihm der Andere. „Malherbe trägt heute F, gestern trug er G." — Mal- herbe besaß keine eigene Wohnung. Mehr aus Absonderlichkeit als aus Geiz, wohnte er in einem meublirten Zimmer. Hatte er viel Besuch, waren die sieben oder acht Stroh- stühle besetzt und klopft es an die Thür, so rief er hinaus: „Warten Sie! Es ist kein Stuhl frei!" Er arbeitete schrecklich langsam. Zwei Tage lang überlegte er, ob ein einziges Wort paffend sei oder nicht. Wenn man hundert Verse oder zwei Seiten „wahre Prosa" geschrieben habe, müsse man sich zehn Jahre ausruhen — das war seine Ansicht. Als dem Präsidenten von Verdun seine Frau gestorben war, richtete Malherbe eine Ode an sie. Er brauchte drei Jahre dazu. Inzwischen hatte der Präsident es eiliger gehabt und sich längst wieder verheiratet; die junge Frau empfing also die Lobrede ihrer Vorgängerin. F o urnier-Vern euil, ein Pariser Journalist, wohnte um's Jahr 1830 in einem ausrangirtcn Omnibus, und in diesem Omnibus befand sich zugleich das RcdactionS- Bureau eines von ihm herausgegebenen Journals. Der General Marey-Monge, erst vor einigen Jahren gestorben, besaß eine Liebhaberei für Hieb- und Stoßwaffen und eine glänzende Sammlung derselben. Auch verfertigte er fortdauernd neue Modelle, um die „blanke Waffe" auf den Gipfel nie geahn-- 55 ter Vollkommenheit zu erheben. Als er in der Bibel gelesen hatte, daß JoaS einem Häuptling, während er ihn verrätherisch küßte, mit seinem Säbel den Bauch aufgeschlitzt, ohne den Arm zu bewegen, ruhte Marey nicht, bis er eine Waffe erfunden, mit der sich dasselbe Kunststück ausführen ließe, ohne daß der Betreffende, dessen Bart man nach orientalischer Weise mit der linken Hand vorher faßte, etwas von einer Bewegung des Verräthers merkte. Der Marquis de St. Erica kam täglich zu Tortoni, um dort sein Eis zu nehmen, aber er that es auf sonderbare Weise. Er setzte sich vor das Cafö und bestellte ein Vanille- und ein Erdbeer-Eis. Dann zog er die Stiesel aus und goß ein wie alle Mal das Vanille-Eis in den rechten, das Erdbeer-Eis in den linken Stiefel. Hatte er sich zufällig daher geirrt, so schüttete er das Eis wieder aus dem Stiefel, bestellte zwei neue Portionen und wiederholte dieselbe Manipulation, aber in der richtigen Weise. Im Uebrigen war er leidlich vernünftig. Der Sohn des großen Conde, des Siegers von Nocroy, gewöhnlich nur „der Prinz" genannt, wurde von der fixen Idee ergriffen, daß er todt sei. In Folge dessen verweigerte er jede Nahrung. Um ihn zu retten, gingen die Aerzte auf diesen Unsinn ein und erklärten ihn für vollkommen todt. Aber, sagten sie, es gäbe gewisse Todte, die dennoch äßen, und zu diesem Zwecke verschrieben sie ihm einige berühmte Todte, die mit ihm speisen sollten, seinen Großvater und den Marschall von Luxembourg. Die erste derartige Mahlzeit fand in einem Souterrain des prinzlichen Schlaffes statt. Zwei Diener des Prinzen, Girard und Richard, stellten den Großvater und den Marschall vor. Ein dritter Diener spielte die Rolle des Marschalls Turenne, der ebenfalls als Schatten anwesend war. Auswärter in Leichentüchern bedienten die Todten und der Doctor Finot, der dieses seltsame Mahl belauscht und beschrieben hat, sagt, daß er beinahe geplatzt sei, denn die Gespräche der Todten seien über alle Maßen spaßhaft gewesen und er habe sich nur mit der allergrößten Mühe des lauten Auflachens erwehren können. (Die angebliche Vergiftung der Erzherzogin Charlotte.) Der Zustand der Geistesstörung der Gemahlin des Erzherzogs Maximilian wurde bekanntlich schon vor Monaten wiederholt einer stattgefundenen Vergiftung zugeschrieben. War die Behauptung von vornherein eine unglaubwürdige, so wird sie dies um so mehr durch die vor ganz kurzer Zeit erfolgte Erklärung des Leibarztes der unglücklichen Fürstin und seiner Gemahlin, Doctor Scmelender, der zwar die Möglichkeit einer Vergiftung nicht absolut verneint, es jedoch ganz überflüssig findet, eine solche anzunehmen, um die Geisteskrankheit der Erzherzogin zu erklären; so lange er im Verkehre mit derselben gewesen, habe er übrigens nie irgend etwas an ihr bemerkt, was im Entferntesten das Eintreten einer Geistesstörung hätte vermuthen lassen. Interessant ist, was derselbe Hiebei (in einem Schreiben an die Wiener Med. Pr.) über das Gift selbst mittheilt, das der Erzherzogin in Mexiko gegeben worden sein soll. Er schreibt: „Man spricht von einem Gifte, das je nach der Menge, die einem Menschen beigebracht wird, schneller oder langsamer den Verlust des Verstandes und später den Tod verursacht. Nach einer mir zur Benützung überlassenen Angabe aus einem handschriftlichen Hefte über Botanik des Frater Francisco de Ochva y Cadena im Franciskanerkloster zu Chiapas wäre dieses Gift das Camotillo. Das Wort Vandoux-Gift ist hier nicht bekannt. Das Camotillo - Gift soll von einem Strauche stammen, der an der Küste des Stillen Meeres wächst, von Chiapas bis Aca- pulco. Die Pflanze hat lorbecrartige Blätter; auS den Zweigen fließt beim Abschneiden ein Milchsaft, der auf Baumwolle gesammelt und getrocknet wird. In die Nase gesteckt, soll diese Baumwolle dann ein gutes Mittel gegen Kopfschmerz und Schnupfen sein. — An den Wurzeln der Pflanze hängen längliche Knollen (Cametes, daher der Name), welche ein sehr heftiges Gift enthalten, das hauptsächlich das Gehirn angreift. Die Be- 56 wohner jener Küste sollen einander oft damit vergiften; namentlich die Weiber von Tehuantepee ihre Liebhaber, wenn ihnen diese Grund zur Eifersucht geben. Ich folge meiner Quelle. „Sie schaben die Knollen, werfen das Geschabsel in eine Taste mit Master und geben diesem die nöthige Stärke. Tiefer Aufguß äußert seine Wirkung Monate, selbst ein Jahr, nachdem er genommen wurde, je nach der Menge des Giftes, die er enthielt. Er verursacht Verrücktheit und langsamen oder plötzlichen Tod. Man sagt, der Bischof von Arigoyen-Oaxaca sei auf diese Art vergiftet worden, denn er verlor den Verstand und starb bald darauf." Ueber nähere Erkenntniß einer stattgehabten Vergiftung wird nichts gesagt. Drei Gegengifte sind angeführt; Cordoncillo, Acrba de la Culebra und Coanenpili. Diese werden auch gegen Hundswuth, Schlangenbiß und eine große Zahl anderer Krankheiten gerühmt. Ueber ihre Anwendung fehlen alle Angaben. Diese Andeutungen sind gewiß sehr allgemein gehalten. Die Wirkungsweise des Giftes wäre höchst merkwürdig, und ehe sichere Angaben vorliegen, ist wohl ein Zweifel erlaubt. Kann ich, wie man mir verspricht, Gift und Gegengift erhalten, so will ich Sorge tra- gen, daß Beides in die rechten Hände gelange, um einer gründlichen Prüfung unterworfen zu werden " (Der Hauslöwe.) Kürzlich fanden wir m einem alten Manuscript unter dem Titel „Historischer Lustgarten Philippi Cammerarii" folgende Notiz, die als Anekdote zu dem in der k. k. Hof- und Staatsdruckerei veröffentlichten Prachtwerke über die deutschen Reichskleinodien des Canonicus Dr. Fr. Bock hier eine Stelle finden möge. Es heißt daselbst wörtlich: „Es ist noch heutigen Tages bekannt, daß Kaiser Maximilianus der Andere einen trefflichen Hauslöwen gehabt, der wie ein Hund mit sich spielen und um- gehen lasten, auch Niemand kein Leid thät, den man von Jugend auf am kaiserlichen Hof erzogen, auch meistentheils mit Zugemüß und Brei und nicht mit Fleisch gcspeiset. Den hat der Kaiser so lieb gehabt, daß man ihn nach desselben tödtlichcn Abgang kaum von dem Sarg desselben hat hinweg bringe» können. Ich weiß mich aber zu erinnern, daß die Gesandten unserer Stadt Nürnberg oft erzählt haben, daß man Kaiser Karl's Krone, Mantel und andere Kleinodien, so lange Zeit hier in Verwahrung gehabt, nach Regensburg zu Kaiser Maximilians gebracht, damit sein Sohn Kaiser Rudolph gekrönt worden und das gemeltc kaiserliche Kleinodien vor Ihrer kaiserlichen Majestät in seinem Gemach aufgelegt wurden . . . ist der Löw neben dem Kaiser gestanden, umb die Krön, Scepter, Schwert, Reichsapfel und kaiserlichen Mantel herumgegangen und sich gleichsam verwundert. Da man sie aber wicdrum aufgehoben und verwahret, hat sich der Löw auf die Thruhe gelegt und dieselbe fleißig bewacht. Dergleichen zahmen Löwen hat Juan d'Austria, Kaiser Karl's natürlicher Sohn, gehabt, welcher einen unsterblichen vietorirm, wider die Türken erhalten. Dieser Löw ist gemeiniglich als ein Trabant neben ihm gelegen und gestanden." (Amerikanische Zündhölzchen.) Als ein Beispiel deS Umfanges, in welchem die Fabrikation eines scheinbar unbedeutenden Artikels in Amerika betrieben wird, kann die Herstellung der Zündhölzchen dienen, wie sie zu Frankfort, im Staate New-Uork betrieben wird. Einen Begriff von der Mäste der Streichhölzchen, die alljährlich dort erzeugt wird, kann man sich einigermaßen aus der der Thatsache bilden, daß 700,000 Fuß Fichtenholz zur Bereitung derselben, 400,000 Fuß Lindenholz für die Verpackungslisten, in denen man sie versendet, und 400 Fässer Schwefel, sowie 9600 Pfund Phosphor verbraucht werden. Zur Anfertigung der Büchsen braucht man jeden Tag 1900 Pfd. Pappendeckel und Papier, und die TagcSkosten der NegierungS - Stempelgcbühr betragen 1440 Dollars. Die Zahl der Arbeiter beläuft sich auf 300, und die Zahl der täglich gefertigten Strcichholzbüchsen, die natürlich auch täglich gefüllt werden, auf 144,000. Druck, «erlüg und Redaktion de» literarüchc» Institut» «o» »I. W. Huiiler, Nr. 8 . 23. Februar 1868. Arrgsburger Sonntag Das Herz gleicht ganz dem Meere, Hat Sturm und Ebb' und Fluth, Und manche schöne Perle In seiner Diese ruht. Rache «nd Liebe. (Schluß.) XIV. Krank an Geist und Körper kam die Reisende nach Bordeaux. Ihre erste Sorge war eine Schiffsgelegenheit nach den Antillen. Sie hörte zu ihrem Vergnügen, daß Capitän Borschel, trotz des geringen Erfolges seiner letzten Reise, noch einmal sein Glück versuchen wolle. Lucy bat ihn schriftlich zu ihr zu kommen, was er sogleich that. — „Nun, gnädige Frau, Sie wollen Frankreich schon wieder verlassen? — Sind Sie wenigstens mit dem Resultat Ihrer Reise zufrieden?" „Ja, Capitän." „Ihrem Aussehen nach hätte ich's nicht geglaubt. Sie haben sich verändert!" „O, nur Ermüdung von der Reise. Wann gehen wir?" „Sobald die Ladung fertig ist; Sie wissen, das Ausladen war schnell geschehen," fügte er mit einem Seufzer bei. „Wollen Sie unterdessen Bordeaux sehen? Sie wissen vielleicht nicht, daß Bordeaux die schönste Stadt ist. Meine Frau soll Sie begleiten." „Ich danke Ihnen, Herr Borschel, wäre ich nicht unwohl, würde ich von Ihrem freundlichen Anerbieten Gebrauch machen. Doch wird Bordeaux bei mir stets im guten Andenken sein, da es mich an einen der vortrefflichsten Männer erinnert," fügte sie, seine Empfindlichkeit bemerkend, hinzu. So lange sie noch in Bordeaux war, verließ sie den Gasthof nur, um in die Kirche zu gehen. Als sie Mela mittheilte, sie müsse mit dem Kinde in Frankreich zurückbleiben, war die arme Mulattin trostlos, es war mehr als ihr Leben, was ihre Herrin verlangte. Als aber diese beifügte: „Es muß sein, gute Mela, Georg bedarf Deiner," wagte sie nichts mehr dagegen einzuwenden. Als Herr Beauprs eintraf, den Knaben zu holen, fragte sie anscheinend ruhig, „was sich im Schloß Vsricourt zugetragen." „Es herrscht dort große Traurigkeit," antwortete der Pfarrer. „Herr Vsricourt ist von tiefer Reue erfüllt und erwartet nur meine Rückkehr mit dem Knaben, um seine Abreise festzusetzen." „Er mag sich damit nicht beeilen, bald wird sie nicht mehr nöthig sein. Meine Freunde können mir nichts Besseres wünschen, als das Grab," fuhr sie fort, den traurigen Blick des Pfarrers begegnend. Hierauf theilte sie ihm noch einige Bestimmungen mit für den Fall, daß sie Bafse- Terrc nicht mehr erreiche, und bat ihn, dem Kinde doch von seiner Mutter zu sprechen. „Ach," seufzte sie, „eine Andere wird seine ganze Zärtlichkeit haben, und gerade sie, die mich schon aus dem Herzen mcimk Gemahls verdrängt!" 58 Deim Abschied bewies sie großen Muth. Sie drückte den kleinen Georg lang an's Herz, ohne eine Thräne zu vergießen, während die arme Mulattin in Thränen gebadet vor ihr auf den Knieen lag und ihr Kleid küßte. „Ich empfehle Ihnen mein.Kind und auch diese arme Verlassene, Herr Pfarrer," sagte Luch mit gebrochener Stimme, „jetzt laßt uns gehen." An der Thüre wollte ihr die Kraft versagen, sie wankte und suchte nach einer Stütze, aber mit energischer Willensstärke kämpfte sie diese Schwäche nieder, sie stieg in den Wagen und fuhr an den Hafen, wo das Schiff „Maria-Hilf" nur mehr ihrer harrte, um abzusegeln. Noch im letzten Augenblick wandte sie sich an den Pfarrer und sagte: „Bei unserer Trennung habe ich Herrn Vsricourt meine Verzeihung verweigert; ich war seitdem bemüht, allen Haß aus meinem Herzen zu verdrängen. Bevor ich diese Reise unternehme, deren Ende ich schwerlich erlebe, habe ich meine Seele von jedem Necken reinigen wollen: sagen Sie Herrn Vericourt, daß ich ihm verzeihe." „Sie schreiben mir doch," bat der Pfarrer, der seine Thränen nicht mehr zurückhalten konnte. „Ja," sagte Luch mit einem Lächeln, das einem in's Herz schnitt, „bald sollen Sie Nachricht von mir haben." Schmcrzcrfüllt machte sich Herr Beauprü eine Stunde später auf die Rückreise. — Als er dem Grafen die versöhnenden Worte hinterbrachte, sagte dieser finster: „Aber ich werde mir nie verzeihen!" Sobald sein Sohn im Schloß untergebracht war, trat er die Reise an. — „Theure Paulinc," sagte er beim Abschied. „Du verläßt meine Mutter nicht, nicht wahr?" „Niemals, ich schwöre es Dir, weder sie noch Dein Kind. Was auch die Zukunft bringen mag, mein Schicksal ist mit dem ihrigen verknüpft." XV. Mehrere Monate waren verflossen, Georg reiste in Deutschland und gab oft Nachricht, aber noch immer hatte Herr BcauprS nichts von der jungen Crcolin gehört. — Endlich erhielt er einen Brief aus Bordeaux; er war vom Capitän Borschel, der Pfarrer durchflog ihn hastig, er lautete: Mein Herr! Nach einer langen, diesmal sehr einträglichen Reise, komme ich nach Frankreich zurück und mein Erstes ist, das Versprechen zu lösen, welches ich der jungen Dame gab, die Sie mir an Bord brachten. Bald nach unserer Abfahrt bemerkte ich, daß ihre Gesundheit sehr angegriffen war, obgleich sie sich nie beklagte; wenn ich sie darum befragte, gab sie mir ausweichende Antworten. Eines Tages, als sie sich besonders unwohl fühlte und nicht auf's Verdeck kommen konnte, ließ sie mich rufen. Capitän, sagte sie, wie weit haben wir noch nach Basse-Terre? Ich antwortete, daß ich hoffte,"in acht Tagen dort zu landen. Dann werde ich, mein Vaterland nicht wieder sehen, entgegnctc sie, und als ich sie von dem Gedanken abbringen wollte, fügte sie bei: Das Leben ist mir so zur Last geworden, daß ich nicht dagegen murre, wenn Gott es abkürzt, für manchen Schmerz ist Sterben eine Wohlthat. Dann gab sie mir noch verschiedene Aufträge für ihren Verwalter in Baffe-Terre und bat mich, ihren Tod Ihnen bei meiner Rückkehr sogleich anzuzeigen. Leider täuschte sich die arme Frau nicht, sie sollte ihr Vaterland nicht wieder sehen. Ich wollte es gar nicht glauben, daß sie ihrem Ende schon so nahe sei, solche Ruhe und Freiheit des Geistes zeigte sie. Ihre letzten Augenblicke waren die einer Heiligen, sie betete beständig, oft hörte ich sie den Namvn Georg aussprechen, was mich nicht wunderte, da ihr Söhnchen so heißt. Wenn Sie in ihrer Familie eine Pauline kennen, so können Sie ihr sagen, daß sie auch von 59 ihr oft gesprochen hat. Ich schreibe Ihnen dies, weit ich weiß, daß solche Einzeln-- f heilen den Angehörigen wohl thun. Am Borabend ihres Todes stellte ste an mich noch die Bitte, ihre Leiche nach Basse-Terre zu bringen. „Ich möchte in meiner Heimath ruhen/ sagte sie. Ich versprach es feierlich und habe auch Wort gehalten. Bei meiner Ankunft ließ ich die Freunde der jungen Dame kommen, und übergab ihnen die Leiche. Ich bin fest überzeugt, daß die arme Frau an einem großen Kummer gestorben ^ ist; doch Sie kennen ohne Zweifel ihre Verhältnisse näher und ich bedarf dessen, . um gewiß zu sein, daß sie ein besseres Loos verdient hätte. — Empfangen Sie, mein Herr, bei dieser Gelegenheit die Versicherung wahrer Hochachtung, womit ich bin Ihr ergebenster Borschel, Capitän. Sobald Herr Beauprö den Brief gelesen, eilte er damit auf's Schloß. Er traf da Pauline und den kleinen Georg, dem sie ein Mährchen erzählte. Eine Zeit lang betrachtete er Beide schweigend, als Pauline seine ungewöhnliche Blässe bemerkend, ihn um die Ursache fragte. „Schenken Sie dem Kinde Ihre ganze Liebe, denn seine rechte Mutter ist todt/ sagte Herr Beaupre bewegt. Die junge Frau stieß einen Schrei schmerzlicher Ueberraschung aus, bald aber nahmen ihre Gedanken eine andere Richtung. „Also kann Georg wieder kommen,* — rief sie. „Pauline," sagte der Greis strenge, „ist es möglich, daß Ihr erster Gedanke ber dem Tod des Opfers die Rückkehr seines Mörders ist?" Pauline erröthete und verbarg ihre Beschämung und ihre Thränen, indem sie das Gesicht an den Kopf des Kindes lehnte. „Warum machen Sie die gute Mama weinen," sagte der Knabe zornig, „sie soll nicht weinen." Dann suchte er sie mit seinen Liebkosungen zu trösten. Dieser Auftritt erinnerte ^ Herrn Beauprv an die Worte der Creolin: „Sie wird die Liebe meines Kindes besitzen, wie sie mich schon aus dem Herzen meines Gemahls verdrängt hat." Ein Jahr später war große Freude im Schloß Vericourt, der Graf wurde noch für den Abend erwartet; sein letzter Brief, von einem Grenzstädtchen datirt, schloß also: „Am 17ten bin ich bei Euch, kaum fasse ich mein Glück und begreife nicht, wie Gott eS mir gewähren konnte." Der Tag schien Paulinen und der Gräfin endlos. Ihr ungeduldiges Warten verwandelte sich in schmerzliche Besorgniß, als sie den Pfarrer allein kommen sahen. So sehr sie sich sonst seiner Ankunft freuten, dießmal erfüllte bange Ahnung ihr Herz, und blaß und angstvoll riefen Beide zugleich. „Mein Sohn?" „Wo ist Georg?" Herr Beauprs sah mit Thränen im Auge zum Himmel und indem er die Hand des Knaben ergriff, sagte er: „Er nur wird ferner auf diese» Namen hören." Nur mehr wenige Stunden von Vericourt wurden die Pferde scheu, und der Postwagen stürzte über einen Abhang. Tödtlich verwundet, wollte der Graf noch zu seiner Mutter gebracht werden, aber er starb in Digne in den Armen des greifen Pfarrers, der seine Seele der himmlischen Barmherzigkeit empfahl. Wir versuchen es nicht, den Schmerz der beiden Frauen über Georg's plötzlichen Tod zu schildern. Wenn Gott ihn den irdischen Freuden, die er jetzt erhoffte, entrückt hat, so war es wohl, weil sein Verbrechen nicht hinlänglich gesühnt war. 60 Die Noth i« Ostpreußen. Den Hilfs - Comites in Deutschland, welche zusammengetreten sind, um die Noth in Ostpreußen zu lindern, hat das Provinzial-Comits in Königsberg seinen ersten Rechenschaftsbericht über seine Wirksamkeit zugehen lasten. Wir finden darin, daß sich die mildthätige Hand in allen Theilen unseres deutschen Vaterlandes aufgethan hat und zur großen Freude gereicht es, daß gerade aus unserem Bayern eine große Anzahl von Gaben verzeichnet ist. Aus dem Berichte ergibt sich die beruhigende Versicherung, daß diese Gaben auch die ganz zweckentsprechende Verwendung sinken. Man sucht durch Verschaffung von Arbeit für Arbeitsfähige und Hingabe von Speisen und Lebensmitteln an Arbeitsunfähige der Noth vorzubeugen oder zu steuern. Die aus den verschiedenen Vereinen Deutschlands zugehenden Beiträge werden möglichst dorthin dirigirt, wo es am meisten Noth thut. Darunter steht in erster Reihe das Dorf Rudau. Dieses an und für sich arme Dorf bildet ausnahmsweise ein Ablagerungs-Depot für die von den umliegenden Gütern nach der Erndtezeit entlassenen, größtentheils halb- invaliden Jnstleute, Taglöhner, die sich dortselbst eine Wohnung, und nach Möglichkeit als gewöhnliche Arbeiter Beschäftigung suchen. Bei diesen herrscht schon seit Beginn des Winters ein totaler Mangel an Brennmaterial und Lebensrnitteln, die Leute, besonders die Frauen, sind gezwungen, mit den Kindern von Haus zu Haus betteln zu gehen, um nicht Hungers zu sterben, sie sind gezwungen. Holz zu stehlen, um nicht zu erfrieren. — Der arbeitsfähige Arbeiter kann bei der hohen Schncelage und der kurzen Tageszeit kaum so viel verdienen, daß er sich selbst arbeitsfähig erhalte, für die Existenz von Frau und Kind kann er schon gar nicht sorgen. Auf's Schwerste ist von dem allgemeinen Nothstände auch die Stadt Wehlau betroffen. Vierhundert Familien mit fast tausend Köpfen sind dort von den nothwendigsten Lebensmitteln entblößt. Die wohlhabenderen Einwohner der Stadt suchen zwar nach Kräften der Noth zu steuern, allein alles das reicht nicht anS, um den Hunger der Armen zu stillen, es ist nur ein Tropfen, der auf einen heißen Stein fällt. Man braucht Arbeits-Material, namentlich Flachs, Wolle rc., ». um selbe den Hunderten von Frauen, die solche begehren, zu schaffen und eine feste geheizte Arbeitsstätte einzurichten, man braucht Viktualien und Geld zur Errichtung einer Suppenanstalt. Ebenso hilfebedürftig ist die Gemeinde Ruß. Sie erlitt im Juni vorigen Jahres eine vierfache Ucberschwcmmung; die Leute dort, meist kleine Grundbesitzer, Schiffer und Losleute sind ganz erbärmlich daran, den ersteren ist das Heu fortgeschwemmt, aus dessen Verkauf sie das nöthige Getreide hätten kaufen können, den Schiffern mangelte es in dem verflossenen Jahre an den nöthigen Frachten, um das Erforderliche zum Unterhalte ihrer Familien während des Winters zu erwerben. Der Fischfang ist überhaupt in den letzten Jahren nicht lohnend gewesen und die Losleute, denen sonst der Holzhandel reichlichen Verdienst gab, haben für den Winter nichts ersparen können, da der Holzhandel im letzten Jahre ein sehr beschränkter war, der größere Theil derselben ist brodlos und wenn sich einer bei den Chausseebautcn wirklich etwas verdient, so kann er sich damit wohl selbst ernähren, aber bei der herrschenden Theuerung für Weib und Kind nur sehr wenig erübrigen. Dazu kommt noch, daß eine Menge von Knechten und Mägden brodlos geworden. Ueberall die schreiendste Noth und Mittellosigkeit der Gemeinden, derselben zu steuern. Schaaren von Kindern ziehen in dem kläglichsten Zustande hungernd und bettelnd müher. Die übermittelten Gaben werden dort zunächst zur Einrichtung von Suppenanstalten verwendet, damit die dürftigen Kinder dort zu essen bekommen und nicht mehr vom Hunger zum Bettel gezwungen sind. Mit diesem gras- sirenden Nothstände steht die herrschende Typhus-Epidemie im Zusammenhang. Viele ^ Arbeiter, die im Herbste an der Südbahn gearbeitet haben und jetzt brodlos herumirren, sind von dieser Krankheit heimgesucht und tritt dieselbe bei diesen kümmerlich genährten und entkräftigten Leuten intensiver auf. Es ist dringend geboten, daß für Aufnahme und Verpflegung solcher unglücklicher Arbeiter, welche Verdienst suchend, auf der Reise am 61 ^ Typhus erkrankten und nach einer größeren Krankenanstalt nicht mehr übergesiedelt werde« können, Sorge getragen werde! Im Städtchen Darkehmen steigerte sich die Noth schon im November dermaßen, daß die Aerzte dem Hungertyphus entgegen zu arbeiten mahnten, dem auch wirklich zwei Opfer unbestreitbar erlegen sind. Die dortige Gegend gehört sonst zu den fruchtbaren, aber die Kartoffeln sind meist ertränkt und verfault, daS Getreide ist bei fortwährendem Regen nicht gereift und die meisten Einwohner sind ^ Handwerker, meist mit großen Familien. Es wurden dort von 430 Unterstützungs- Bedürftigen die 60 Aermsten herausgegriffen, von denen aber nur täglich die Hälfte mit 30 an einem Tage gespeist werden konnte und die andere Hälfte auf Ueberhungern bis zum nächsten Tage gewiesen werden mußte. Eine schreckliche Noth herrscht im Kreise Labian, es sind zur Zeit 16,000 Menschen dort, die der Hilfe bedürfen! Um das Maß des Unglücks zum Ucberströmen zu bringen, hat der grimmigste Feind des Vorjahres, das Hochwaffer, sich wieder eingestellt. Der Winter mit seiuer beispiellosen Strenge, seiner Kälte von 25 Grad, hatte wenigstens noch das Gute, die Communi- kation auf dem Eise der Gräben, Kanäle und überstauten Wiesen zu ermöglichen, so daß auch noch die entferntesten Niederlagen mit Lebensmetteln versorgt werden konnten, denn es muß Jedes und Alles hingeschafft werden, gebaut ist absolut Nichts in jenen Gegenden. Da trat plötzlich Thauwetter ein und daS Wasser stieg in einer Nacht um 6 bis 7 Fuß. Mitten im Januar mußte abermals der schlechtverwahrte, unheizbare, zugige Boden die Zufluchtsstätte der Menschen werden >— und zugleich bedeckte sich bei dem sofort wieder eintretenden Frost die unabsehbare Waffermaffe mit einer dünnen Eiskruste, nicht stark genug, um die Fortbewegung auf ihr zu gestatten, zu stark, um das Fahren mit Booten zu ermöglichen, so daß alle Communikation vollständig unterbrochen war. — „Von Labian aus übersieht man ein unendliches Eismeer, mit den daraus hervorragenden Häusern: aber hinten, in der meilenweitcn Ferne, wohin das Auge nicht reicht und . leider auch nicht die helfende Hand, sondern nur der schaudernde Gedanke, da harren Tausende von Menschen, hungernd, frierend im hoffnungslosen Kampfe mit den Elementen. ..." So berichtet ein vom Provinzial-ComitS nach jenem Kreise gesandter Vertrauensmann und aus einem Briefe eines jungen Geistlichen in Lithauen entnehmen wir folgende entsetzliche Schilderung: Der Hungertyphus ist bereits da, am Sonntag habe ich Typhuskranke besucht, um ihnen das heilige Abendmahl zu geben. Solche Jammergestalten habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Schon die Stube war entsetzlich, — der Fußboden aufgeweicht — Du kennst es — die Wände naß und schwarz wie ein Schornstein, im ganzen Raum ein Tisch, ein Schaff voll Schmutz und Staub, em Rocken, eine Ofenbank und ein Bett in einer Ecke. Auf dem letzteren krümmte sich eine Jammergestalt, das leibhaftige Bild des Todes. Das einzige Stück Bett war das Kopf- kiffen, sonst nur Stroh und Lumpen, durch welche die spitzen Knochen durchschienen; das Auge halb gebrochen, die Lippen vermochten die Zähne nicht zu bedecken. — „Aus tiefer Noth schrei ich zu Dir," wimmerte der Kranke mit Geisterstimme nach. Es war eine grauenhafte Scene, dazu angethan, Zeitlebens einem im Gedächtniß zu bleiben. Ich fragte die schmierige Mutter nach ihren Kindern, „da sind sie" antwortete sie, auf den Ofen zeigend, ich konnte jedoch nichts entdecken und fragte noch einmal. Da fing's sich auf das Rufen der Mutter hinter dem Ofen und in der zum Kochen eingerichteten Röhre an zu regen; zwei Jungen krochen hervor, einer uothdürftig mit einem Hemde bedeckt, halb lebendig, der andere halb bekleidet, zerlumpt und beide schwarz wie die Neger. . . . Solchen Thatsachen gegenüber wird sich die menschenfreundliche Gesinnung, die sich bisher in Bayern für unsere unglücklichen Brüder im Norden bekundet hat, auch fernerhin gewiß nicht verschließen und wir geben uns der Hoffnung hin, daß die Summe des bisher Gegebenen in kurzer Zeit sich verdoppeln möge. Wir sagen: „in kurzer Zeit!" denn wer schnell hilft, hilft zwei Mal. 62 Die hungernde» Ostpreußen. Ihr habt die .Bruder' angerufen. Und bei dem Gotte, der uns schuf, Es hallt bis an der Berge Stufen, Ihr habt die Bruder angerufen. Nicht sei vergeblich euer Ruf! Uns faßt «in göttliches Erbarmen; Voll Liebe drücken wir und Schmerz Die frost- und hungerkranken Armen, Daß sie sich sättigen und erwärmen. An unser deutsches Christenhcrz. Wo bang die Noth zum Himmel kreischet, Wär's auch beim Feind, wir säumen nicht Doch seid denn ihr's, die uns zerfleischet? Ihr thatet ja nur, was erheischet Des heiligen Gehorsams Pflicht. Nur ihr, des Preußensiaates Wächter, Nehmt nicht in euren sünd'gen Mund Das hcil'ge Wort! Ihr Brüderschlächter, Des Rechtes und der Treu Berückter, Jhrmitdemwälschen Feind im Bund. — Im Bund, nicht um euch zu verthrid'gen. Rein, um den Bruder selbst, o Schmach, Mit schnödem Angriff zu belcid'gen. Ihn zu vernichten! Jbr Meineid'gen, Da jeder Odem Lüge sprach! Roch dampft von eurer Brudertreue Der böhmische Grund, die Frankenflur, kustozzr dampft . . . dock sonder Reue St>bt ihr nock da, — vielleicht auf neue Berbrüdcrungsthatcn sinnt ihr nur! Nehmt die Millionen, uns entrissen. Dazu so leicht sich hat bequemt Das faule modrige Gewissen, — (Ihr möchtet einst nock Freunde missen). Den ungerechten Mammon nehmt. *) Gebt ihn an sie, die, nothvcrnichtet, Noch schmachten in der Steuer Joch! So wird die Schuld — zwar nicht geschlichtet — Doch minder streng dereinst gerichtet, Und w.ir — verzeihen leichter doch! Xuim» kovaric». ») ruka» 18, S. (Wie man Nattern und Wilddiebe fängt.) Ich ging einmal mit einem Kameraden, der auf Alles was kriecht, eine besondere Passion hat, über die Felder spazieren. Plötzlich sahen wir eine große Natter, welche wie eine Rolle Kübeltabak geringelt im Grase lag, nach verfassungsmäßiger Entwickelung von vier Fuß Länge sich in ein Loch verkriechen. Flugs eilte mein Kamerad ihr zu und erwischte sie noch glücklich beim Schwänze, an dem er sie festhielt. Gib mir ein Messer, rief er mir zu, und als ich ihm mein Sackmesser gereicht hatte, schaute ich aus gehöriger Entfernung zu, was er denn mit der ecklen Natter anfangen werde. Da zog er denn mit der einen Hand die Natter langsam aus dem Loche, während er mit der andern Hand das Messer zum Schnitte bereit über dem Loche hielt, in welches das Thier sich verkriechen wollte. Endlich als er merkte, daß „das Trum" zu Ende gehe und der Kopf nicht mehr lange warten lasten würde, schnitt er den wurmigen Faden ab, so daß der Kopf noch in der Höhle stecken blieb. 63 Diese Geschichte gehört zwar weder in die hohe noch in die niedere Jagd, aber ein« Jagd bleibt's doch, eine Jagd, wozu mehr Muth gehört, als einem Hasen den Lauf abzuschießen. Ungefähr wie dieser Natter erging es nun im letzten Jahre einem Wilddiebe in H. Dieser Wilddieb war ohne Gewehr gerade so gefährlich, als mit demselben. Ging er ohne Gewehr in's Revier, so konnte man sicher annehmen, daß er ausgehe, einen Auer- Hahn zu „verhören," oder Fallen und Drahtschlingen zu legen, oder ein in die Fallt gerathenes Stück auszuiiehmen. Das Letztere war nun einmal der Fall. — In eine ehemalige, nunmehr fast ganz verschüttete Knappenhöhle, vulgo Stollen, hatte er einem Marder eine Falle gelegt und wollte nun nachsehen, ob der Marder auch wirklich darinnen stecke. Nichtig lag er in eingeklemmter Vcrendung in der engen Höhle. In dem Augenblicke, als der Wilddieb seine Beute herauszuziehen sich anschicken wollte, bemerkte er aber den Jagdeigenthümer und noch einen Jäger in der Ferne, glaubte jedoch von ihnen noch nicht bemerkt worden zu sein, und um den Augen der Unberufenen sich ganz zu entziehen, kroch er auf dem Bauche 4'/? Fuß weit (weiter ging's nicht) in die Höhle hinein, in welcher er neben dem glücklich gefangenen Marder die Gefahr vorüber gehen lasten wollte. So lag er dann bis an die Knöchel lebendig vergraben. Was er in dieser kritischen Lage sich dachte, ist nicht bekannt, gewiß ist, daß er sich von dem nichts träumen ließ, was bald nachher geschah. Die beiden Jäger hatten nämlich den Wilddieb „einfahren" gesehen und nach kurzem lkriegsrath ward das Manöver mit dem Wilddieb beschlossen, wozu übrigens keine weiteren Vorbereitungen getroffen wurden, als daß der eine der Jäger eine dicke, zähe Ruthe sich abschnitt. Sie pirschten nun den eingefahrenen Wilddieb, und als sie ihm nahe genug waren, packte der eine Jäger den Wilddieb bei den noch etwas vorstehenden Füße» und begann ihn sachte, sachte aus dem Loche zu ziehen, während der andere Jäger mit der geschwungenen Ruthe in der Hand einen gewissen Abschnitt im Längenmaße des Wilddiebs abwartete. Als nun so viel von demselben an's Tageslicht gezogen war, als zur Applikation von Prügeln gemeinhin nöthig ist, begann die Execu- tiou. — Der Eine hielt die Füße fest, damit der Wilddieb weder vor- noch rückwärts konnte und der Andere prügelte darauf los; der Wilddieb aber, der sich in dem engen Loch nicht rühren konnte, brüllte und fluchte in die Höhle hinein, daß der verendete Marder in der Falle sich hätte seiner erbarmen mögen. (Für Gärtner und Blumenzüchter.) Aus wahrem Zufall wurde im vergangenen Jahre gefunden, daß die Schale der gewöhnlichen rothen arabischen Bohne die Blüthen weißer Blumen in rothe, die der schwarzen arabischen Bohne in ganz dunkelbraune, und die der blauen arabischen Bohne in blaue verwandelt. Das Verfahren ist folgendes: man schält die Schalen ab, welches mit einem Messer, obgleich etwas mühsam, zu bewirken ist. Die Schalen werden getrocknet, zu Pulver gerieben und mit zwei Drittel Erde vermischt, in welche Mischung der Same der zu verwandelnden Blumen gesäct wird. Die Pflanzen werden nochmal in eine gleiche Mischung Erde gesetzt. Ob die fernere Generation ohne diese Erdmischung die neue Farbe constant bewahrt, kann ich in Folge der jungen Entdeckung nicht behaupten; dabei ist mir aber eingefallen, ob nicht auf diesem Wege die längst gesuchte blaue Georgine erzielt werden dürfte. Daß übrigens vor mehreren hundert Jahren ein ähnlicher Gedanke auftauchte, ist daraus erweislich: In einer der ältesten Gartenschriften, gewiß 200 Jahre alt, die mir vor langen Jahren zu Händen kam, las ich wie folgt: Man nehme eine arabische Bohne, schneide den Keim heraus, quelle die Bohne, stecke das Samenkorn von einer weißblüheudcn Nelke hinein, lege sie in Erde und die hervorwachsende Pflanze werde brennend rothe Blumen tragen. 64 (Das Bauchaufschlitzen in Japan.) Das „Harakiru"— Bauchaufschlitzen — der Japaner ist so einzig in seiner Art, daß wir nach dem preußischen Werke über Ost- Asien, welches seine Mittheilungen aus bester Quelle geschöpft hat, hierüber Einiges berichten müssen. Das Harakiru wird für alle Adeligen zur Nothwendigkeit, wenn ihnen Schande droht. Der Krieger entleibt sich, um nicht in Gefangenschaft zu gerathen, der Beamte, wenn sich unter seiner Verwaltung Ungehöriges zugetragen hat, gleichviel, ob mit oder ohne sein Verschulden; er rettet dadurch seinen Nachkommen Ehre, Vermögen und die erbliche Würde. Nur in zweifelhaften Fällen scheinen Männer von Rang das Urtheil des Taikun abzuwarten, und dann gilt es als Gnade, wenn das Harakiru befohlen wird. Es ist die Zuflucht des japanischen Edeln in jeder Calamität; die Knaben werden Jahre lang in der Kunst unterrichtet, sich mit Würde und Grazie den Leib aufzuschlitzen, wie man bei uns tanzen lernt. Vor Zeiten war es noch ungleich beliebter als jetzt Das vom Kaiser gebotene Harakiru wird mit großer Feierlichkeit vollzogen. Männer von Stande führen das für solchen Fall vorgeschriebene weiße Sterbeklcid auf allen Reisen mit sich, ebenso die weißen Zeltvorhänge, mit denen die Wohnung des Aufzuschlitzenden während der That von Außen bekleidet sein muß. Alle Verwandten und Freunde sind zu der Feierlichkeit geladen: man reicht Speisen und Getränke, und bringt einige Stunden in traulichem Gespräche zu. Dann trinkt das Schlachtopfer mit den Seinen die Abschiedsschaale, sagt feierlich Lebewohl, hört in ehrerbietiger Stellung noch einmal den Erlaß des Siogun vorlesen und ergreift dann das zum Harakiru bestimmte kleine Schwert bei der Klinge. Er umwickelt diese, um sie zu halten, in der Mitte mit seinem Gewände, und bringt sich, geneigten Hauptes auf der Matte sitzend, mit der Spitze einen Querschnitt in den Leib bei. Sein vertrautester Diener ist indeß hinter ihn getreten und schlägt mit einem Hiebe seinen Kopf herunter. Die Herzhaftesten sollen sich den Leib kreuzweise aufschlitzen und dann noch mit eigener Hand die Hals-Arterie durch- haucn. Das Kopfabschlagen durch Andere gilt als eine Neuerung unseres verweichlichten Jahrhunderts. Der lange Friede hat übrigens diese Sitte sehr gemildert; auch ist die Gesetzgebung eingeschritten. Denn früher mußten sich auch die Diener beim Tode ihres Herrn entleiben; jetzt ist dies durch kaiserliche Edicle verboten. (Ueberraschende Wirkung der tropischen Sonne.) Livingstone erzählt in seinem neuesten Riesenwerke, daß er am Wcstufer des Nhassa-Sees in Afrika beobachtete, wie die Steine am Tage so erhitzt wurden, daß selbst nach Sonnenuntergang Niemand darauf sich niedersetzen konnte. In Folge der raschen nächtlichen Abkühlung und Zusammenziehung der äußeren Schichten des Gesteins springen diese ab. Der Reisende hört dann deutlich im Lager den Donner der abgesprengten Felsen, wie in einem Steinbruche und wenn er sich die Mühe gibt, die einzelnen Stücke wieder zusammenzusetzen, so sieht er, daß ihre Bruchstücke genau an einander passen. Charade. Zweisilbig ist das erste Wort, Und dieses nennt die Millionen, Die frei nud gleich, die immerfort Bevölkern jene Regionen, Die finster, wie nicht leicht ein Ort, Und so uns nennt das zweite Wort. Sind beide Wörter ungetrennt, So zählen sie der Silben vier, Und bilden sie ein Wort, das nennt Bald einen Menschen, bald ein Thier. Druck, Derlag und Redaktion des Uteaarischeu Instituts von vk. M. Huttler. Nr. S 1. März 1868. Augsburger Wie die immer wieder angeblasene Kohle endlich zur Asche verglüht, also verglüht auch das Gefühl der Zucht in der zu lang oder zu oft ausgehaltenen Gluth deS SchamrölhenS. Maria Mnioch. Nacht und Nebel (Aus dem Leben eines Schiffskapitäns.) Von Heinrich v. Litirow. Die See ging hohl. Die Brigg Aretusa, ein starker Kauffahrer unter österreichischer Flagge, kämpfte in einer Dezembernacht mit wenigen Segeln gegen die Wuth der erzürnten Elemente. Der Wachhabende stand auf der Commandotreppe am Hintertheil, in seinen Mantel gehüllt und starrte in die dunkle Nacht, deren tiefe Finsterniß nur zuweilen von einem Blitze der phosphoreszirenden Wellen erleuchtet war. Ein feuchter kalter Wind aus Südost, der schon zwei Tage gewüthet hatte, heulte in ungleichen Stößen durch's Takelwerk und peitschte den Schaum der am Schiffe zerschellenden Wogen hoch über Deck. Todtenstille herrschte an Bord und nur das Gekrach der Masten und des Steuerruders unterbrach zuweilen das eintönige Gemurmcl des tosenden Meeres. — Ein dichter Nebel hatte seinen Schleier über die Masten gelegt, so daß man kaum das Licht wahrnehmen konnte, das die Laterne am Bugsprit spärlich verbreitete. Der Steuer- mann in seiner Jacke mit Kapuze lehnte an den Specken des Steuerruders; sein Auge blickte unverrückt auf die Compaßscheibe am Wachhause, dessen Fenster von der inneren Wärme angelaufen, er zuweilen mit dem Acrmel seiner Jacke wieder klarer zu machen suchte. „Wie viel Uhr ist's?" fragte endlich der Wachhabende auf der Treppe, ohne sein Antlitz auch nur für einen Moment einwärts zu biegen. „Fünf Minuten fehlen auf vier Uhr, Herr Wullicr," antwortete der Steuermann, nachdem er sich gebückt und auf die Sanduhr gesehen hatte, die unter der Welle des Rades vor Wind und Wetter gesichert stand. „Noch drei Stunden Nacht," seufzte der Offizier, „und gar kein Anschein, daß sich das Wetter ändern will, bevor es Tag wird. Wenn wir nur schon aus diesem langweiligen Gewässer wären, im Kanal von Nhodus finden wir sicher guten Wind." „Ich habe es gestern dem Herrn Kapitän prophezeit," meinte der Steuermann, — „als wir an der Rhede von Kos so gleichgültig vorübersegclten, und er zuversichtlich auf guten Wind hoffte. Wären wir dort nicht besser und ruhiger vor Anker als hier unter Segel, ohne einen Faden zu gewinnen? Und noch dazu mit der Angst, auf so einen griechischen Kammerdiener zu stoßen, der uns von Kopf bis zu Fuß entkleidet. Mich wundert's, daß wir noch keinen zu Gesicht bekommen haben, sonst sind sie hier zu Hause — aber wahrscheinlich war das Wetter auch ihnen zu scharf, um aus ihren Höhlen zu kriechen. Zu meiner Zeit —" „Ist Jedermann wach am Verdeck?" rief jetzt der Wachhabende, ohne weiter dem Geplauder des Steuermanns Aufmerksamkeit zu schenken. — „Jedermann wach," ertönte es zurück von drei verschiedenen Stimmen der drei Posten, die an den beiden Bordseiten und am Bug aufgestellt waren, um Alles zu beobachten, was in der See bemerkt werden konnte. 66 Und tiefe Stille folgte wieder für geraume Zeit; der Wind ließ allmählig nach, die Nebelhülle lichtete sich und eben war man im Begriffe, die Neffen loszubinden, die man Abends vorher genommen hatte, und die Bramsegel aufzuhissen, als Wullier auf seiner Treppe sich plötzlich bewegte, starr seine Augen gegen den Vordertheil richtete, endlich seinen Mantel abwarf und von der Treppe hinab gegen vorwärts im Schiffe eilte. „Augen aufgemacht und nicht geschlafen!" rief er dem wachhabenden Matrosen am Steucrborde zu, indem er ihn zugleich so derb auf die Schulter schlug, daß dieser unwillkürlich mit der Hand nach der so unsanft berührten Stelle fuhr. „Ich schlafe nicht, Herr, aber luvwärts gibt's nichts Neues " „So?" — fragte Wullier ironisch, indem er ihn am Ohre nahm. „Was ist denn das dort? Vielleicht ein Wirthshaus, von dem Du träumst! Nun, kommt's Dir noch nicht vor, wie ein Schiff?" — Und indem er ihn wieder am Ohre zerrte, „siehst Du noch nicht klarer, blinde Nekrutenseele? Und der andere Schurke am Vordertheile hat auch nichts gesehen! Ich muß für Euch auch gucken, nicht wahr? Und Ihr steckt Eure Augen in die Taschen, damit sie Euch vor Schlaf nicht in's Wasser fallen?" Bei den letzten Worten dieser Anrede war er schon am Vorderkastcll und gab seinen Worten noch mehr Nachdruck durch die Faust, die bald da, bald dort niederfiel, und die, wie er oft selbst in seiner Gutmüthigkcit zu sagen pflegte, die Unterscheidungszeichen seiner Ncde schreibe, um dadurch den Matrosen den tiefen Sinn derselben klarer zu machen. „Ich will Euch schon dem Kapitän empfehlen," fuhr er fort, „wenn er aufs Verdeck kommt; einstweilen marsch hinauf Beide in den Maslkorb, und wenn Ihr dort auch schlaft, so bleibt mir wenigstens der Trost, daß Ihr über Bord stürzt und ich Euch auf eine gute Art los werde." Die Brigg „Aretusa" war ein wohlbemanntes, auf dalmatinischer Wcrfte gebautes Schiff, aber immer ein Kauffahrcr. Diese mögen noch so gut bemannt sein, so verläßt sie, wenn sie allein segeln, ohne daß ein Kriegsschiff sie begleitet, dennoch nie die Furcht vor den Piraten. Die Mündung im Norden des Kanals von Nhodus, bekannt wegen seiner Ungcwitter, war zugleich wegen Sccräuberei eine der gefährlichsten Stellen des insclrcichen Archipel, und bildete vor wenigen Jahren noch ganz die Scylla und CharybdiS der armen Kauffahrcr, die kaum der mühevollen Fahrt zwischen den zahlreichen Inseln der Cykladen und Sporaden entgangen, hier wieder neue Beweggründe finden, besorgt zu sein, und mit Sehnsucht nach der offenen See jenseits Nhodus blickten, wo ihre Schifffahrt weniger gefahrvoll war und in jeder Beziehung ruhig sich bis an die Küste von Alcxandrien erstreckte. In solchen Momenten der begründeten Angst vor den stark bemannten unternehmenden Piratcnschisfen war für die Seeleute eine Inselgruppe und Windstille das, was zu Land in unsicheren Gegenden dem Reisenden ein Wald und eine sternlose finstere Nacht ist. Die Windstille gab den Seeräubern die Sicherheit, daß ihre Beute nicht entfliehen konnte; die Fclfengruppe war ihr Versteck, hinter dem sie, aller Buchten und Höfen kundig, lauerten, angriffen und verschwanden, ohne eine Spur der Richtung ihrer Flucht zurückzulassen. In den gefährlichsten Zeiten, die — dem Hunmel sei es gedankt — nun längst vorüber, aber noch nicht vergessen sind, passirtcn also Kauffahrcr beinahe nie jene Gegenden, ohne Bedeckung eines Kriegsschiffes, und wenn dennoch ein kühner Kapitän es wagte, sie allein zn durchsegeln, so wählte er hiezu immer günstigen, frischen Wind, oder vertraute der Kraft seines Schiffes im Kampf mit Wind und Wetter, denen lange zu widerstehen die leichten Ruderbänke nicht geeignet waren. Kapitän S . . ., der die „Aretusa" kommandirte, war keineswegs ein Mann ohne Muth und ohne Kenntnisse zur See. Er hatte ersteren zu öftermalen schon lobcnswerth bewiesen, letztere sich auf seinen häufigen Reisen in fast allen Theilen der Welt erworben. Aber wie dann der Matrose mit seiner reifsten Erfahrung dennoch Lehrling blieb bis an'S Ende seines Lebens, so hatte er sich auch diesmal geirrt und in der sicherm Ueberzeugung eines Wetterwechsels eine Fahrt unternommen, die nur unter den günstig, stcn Umständen hätte gewagt werden sollen. Nun war man aber in Mitte der Unter- nehmung, der Weg zurück zu lang und so gefährlich, als jener vorwärts; das einzige Mittel war also das im Leben so oft wirksame Rezept: perlor 6t obelura — der große Wahlspruch des Seefahrers, der ohne Vergleich mehr als jeder andere Erdenpilger Gelegenheit hat, die tiefe Wahrheit und die praktische Gediegenheit dieser sinnreichen Worte zu prüfen, die auf eines jeden Schiffes Wimpel in goldenen Lettern als Wahlspruch des Handwerkes glänzen sollten. llerlsr ot obäuru — ertrage und halte aus! Kapitän S . . . kannte diese Worte auch, tröstete sich aber immer bei deren Anwendung auf's Leben mit Wullier'S guter Gesellschaft, der, seit Jahren sein guter Reisegefährte, ihm oft mit seiner Seelenruhe und seinen guten Einfällen an die Hand gegangen war, gut und anspruchlos sein Scherflein beitrug, und damit oft zum besten AuS- gang führte. Die Lage, in der man sich befand, war aber schon am Abende vorher nicht dir angenehmste gewesen: der Betrug des Wetters, auf das man sich verlosten hatte, war deutlich ausgesprochen, die Unsicherheit der Gegend bekannt und große Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß mit diesem Südostwinde die Piratenschiffe gegen Norden ziehen würden, und somit ein Begegnen fast unvermeidlich sein dürfte, aber nichts desto weniger ging der Kapitän ruhig zu Bette. Er wußte ja, daß Wullier die Nachtwache habe und da war sein Schlummer ungestört. Wullier hatte Vollmacht zu thun, was er für gut hielt. Wullier wechselte Stcuercours, so oft es ihm beliebte. Wullier setzte Segel aus, ließ Segel reffen oder bergen, ohne es zu melden, mit einem Worte: Wullier that, waS er wollte, weil Kapitän S . . . die Erfahrung gemacht hatte, daß Alles, WaS Jener thun wollte, zum gesellschaftlichen Besten geschah. Diese hohe, gegründete Meinung dcS Kapitän war natürlich bald auf die Mannschaft übergegangen. Das sämmtliche Schiffs» Volk wußte bald, wen es an Wullier besaß; der Name Wullier, sein abgekürzter Zuname mit dem ihn der Kapitän freundschaftlich zu tituliren Pflegte, war bald vorn Steuermann bis zum Schiffsjungen bekannt und Alles hieß ihn Herrn Wullier. Niemand beurtheilt den Seemann oder Marine-Offizier besser, als der Matrose, der unter seinen Befehlen arbeiten muß. Wie die Pferde in der Regel gleich beim ersten Druck des Schenkels, bei der leisesten Bewegung des Zügels ihren Reiter kennen, sich füge» und gehorchen, oder eigensinnig und stutzig werden, so kennt der gemeine Matrose in den ersten Wochen seinen Offizier, und beurtheilt seinen Herrn am richtigsten aus der Art und Weise, mit der er von ihm geleitet wird. Zweckloses, ängstliches Manövriren, das den armen Matrosen ermüdet, ohne irgend einen Vortheil zu gewähren, erzeugt Kleingeisterei, die endlich aus Mangel an Geistesgegenwart in entscheidenden Momenten doch wieder der Erfahrung der Mannschaft, ihrer Uebung vertraut und so den Zügel schießen lasten muß, wo der Führer am unentbehrlichsten, am nothwendigsten wäre. Die Stunden, in denen Wullier die Wache hatte, waren Stunden der Lust für die Mannschaft, und oft schon hatte es sich ereignet, daß kleine Streitigkeiten zwischen den beiden Wachabtheilungen entstanden, weil jede mit ihm die Stunden seiner Wache zubringen wollte. Wullier war nachsichtig und mild, dort wo Nachsicht und Milde von den Umständen gestattet werden durfte; dafür verlangte er den strengsten Dienst, die größte Wachsamkeit in Augenblicken der Gefahr und ließ sich bei entdeckter Nachlässigkeit, wie eben in der heutigen Nacht, nicht selten verleiten, mit den Schuldigen derb, ja handgreiflich zu verfahren. So unerlaubt diese Handlungsweise war, so wurde sie meistens nur den Anfängern im Dienst zu Theil, und die persönliche Kränkung, die das Individuum dadurch erlitt, war durch das Andenken an so manche andere Beweise von Hcv- zensgüte, die Wullier ihnen zukommen ließ, wieder gemildert und vergessen. (Fortsetzung folgt.) 68 Der blinde Fönia. Ein Sängergruß aus Altbahern am 18. Februar 1868. Ein Wunder ist geschehen, So selten Wunder sind; Die blinden Könige sehen, Die sehenden sind blind. In Deutschlands Gartenbeeten Manch' edle Blume blüht: Was Sehende zertreten, Der blinde König sieht. Er sieht in diesen Tagen Klar seines Volks Gemüth, Sieht tausend Herzen schlagen. Die ganz für ihn erglüht — In dieser Zeiten Jammer, Wo Alles wankt und bricht, Die schönste „Silberkammer" Wohl unter'm Sonnenlicht. Er sieht des Volkes Liebe, Die Sehende nicht sehn; Wenn ihm sonst nichts verbliebe, Die wird ihm nie vergeh'«. Er sieht die deutsche Treue, Die Sehenden nichts werth, An seinem Volk aufs Neue, Aufs Glänzendste bewährt. Er sieht, erprobt im Werke, Ein jetzt gar selt'nes Kraut: Er sieht Charakterstärke, Auf die man Throne baut. Nicht feile Seelen schleichen Hinab jetzt gegen Wien, Nein, Männer fest wie Eichen Zum blinden König zieh'u. Zwar solche Eichen ständen In Deutschland viel umher: Wenn sich nur Blinde fänden, Die sähen so, wie er! Er sah sein Land zwar rauben Im ungerechten Krieg: Er sieht im festen Glauben Auch seiner Sache Sieg. Sein Recht ist ja verflochten Mit Gottes ewigem Recht: Wird dieses ausgesochten, Wird seines auch gerächt. Mag jetzt Gewalt sich brüsten Als Herrscherin der Welt: Nicht ewig darf verwüsten Sie Deutschlands Gartenfeld. Der Herr wird auf sich richten Und dieses Regiment Zerschmettern und vernichten. Das nur Gewaltthat kennt. — Du blinder König im Osten! Jetzt triumphirt Gewalt; Doch Liebe wird nicht rosten, Die ein Jahrtausend alt. Die Liebe weiß zu tragen Still und mit Mannesmuth, Bis sie empor darf schlagen In Heller Flammengluth. Sie hat in alten Zeiten Sich treu bewährt und groß, Sie wird auch Dich geleiten Zurück zum Ahnenschloß. Die Liebe weiß zu warten Mit ungebroch'ner Kraft, Bis Gott erscheint im Garten Und wieder Ordnung schafft. Dann blüht Deutschland aufs Neu« Zum Segen wird der Fluch, Und von der deutschen Treue Gilt neu der alte Spruch. — Im Osten ist erklungen Des Hochrufs voller Schall' Im Westen ward gesungen Dieß Lied als Wiederhol!. Nimm aus dem treuefesten Liebwertben Bayerland, Fürst! diesen Gruß, den besten. Den ich im Herzen fand! -rr-r. 69 Timm Thode Die Schauerthat in Groß-Campen, die dem Namen Timm Thode in der Criminal- Geschichte zu einer entsetzlichen Berühmtheit verholfen hat, kam am 31. vor. Mts. vor dem Schwurgericht in Jtzehoe zum gerichtlichen Abschluß. Timm Thode, der im Jahre 1866 an einem Tag seinen Vater, seine Mutter, seine vier Brüder, seine Schwester und ein Dienstmädchen erschlagen und dann — um das Verbrechen zu verhüllen — das elterliche Haus angezündet hatte, ist erst 23 Jahre alt, und macht den Eindruck eines Bauers, wie man sie in den holsteinischen Marschen häufiger antrifft. Er sieht sehr wohl aus. Der untere Theil des Gesichts springt etwas hervor, die Lippen sind wülstig aufgeworfen, die Augen spotten in ihrem glitzernden Leuchten, wenn er sich einmal dem Znschauerraum zuwendet, der classischen äußern Unbefangenheit, welche er an den Tag legt. Den Hergang des Verbrechens erzählt Timm Thode selbst, ohne dabei die geringste Erregtheit zu verrathen, folgendermaßen: Er habe mit seinen Brüdern Johann, Martin und Cornils auf unfreundlichem Fuße gestanden; auch das Verhältniß mit seinem Vater sei nicht günstig gewesen. Mit den Uebrigen, meinte er, wär' eS „gegangen." Im Frühjahr 1866 faßte er den Entschluß, seine Familie zu todten, um dem fortwährenden Streit ein Ende zu machen; dann den Hof, welcher ihm nach dem Tode seiner Angehörigen zufallen würde, zu verkaufen, und somit in alleinigen Besitz eines bedeutenden Vermögens zu gelangen. Am 6. August hatte er schon eine fünf Fuß lange Handspeiche bereit gelegt, um die Brüder zu erschlagen. „Een bi een woll ick se in dc Schün locken, um se denn en na enander dodtslagen!" sagte er. Diese Absicht wurde nicht ausgeführt, da es ihm nicht gelingt, den Plan in gedachter Weise zu vollbringen. Am Dienstag den 7. August fuhren die Eltern aus dem Hause, um einen Besuch bei Bekannten abzustatten. Timm Thode weiß es zu veranlassen, seinen mit der Arbeit beschäftigten Brüdern Martin, Cornils und Reimers einzeln nachzugehen, und erschlägt dann hinterrücks mit der fünf Fuß langen, am untern Ende dicken „Handspake" die Brüder nach einander. Martin fällt zuerst unter des Bruders mörderischer Hand, dann Reimer und Cornils. Den Johann schlägt er über den Kopf. Dieser taumelt hin und her, und ruft den Bruder an. Der Mörder schwingt auf's Neue die Handspeiche, und schlägt ihn dann todt. Nun mußte der Vater, welcher inzwischen mit der Mutter heimgekommen war, beseitigt werden. Timm weiß ihn durch die Aussage, die Ochsen seien ausgebrochen, zu veranlassen, vor die Hausthür zu treten, und „links" vor der Hofstelle erschlägt er ihn. In einer Karre bringt er den Leichnam des Vaters nach Hause, und vertilgt die etwaigen Blutspurcn durch Ausgrabung der Erde, welche er mit auf die Karre wirft. Zwei wachsame Hunde sind auf dem Hofe des Joh. Thode. Diese könnten dem Mörder gefährlich werden; deßhalb muß er dieselben beseitigen. Die Hunde sind ihm zugethan. Er lockt sie an sich heran, schlingt einen Strick um den Hals des ersten und hängt diesen auf. Darauf ruft er den andern Hund. Das Thier folgt dem Rufe. Mit seinem Rasiermesser sucht er demselben den Hals abzuschneiden. Es gelingt ihm nicht ganz, und heulend enteilt der Hund den Händen des Mörders. Die Mutter erscheint mit brennendem Licht an der Thür, und fragt nach der Ursache des Lärmens. „Es ist nichts," behauptete Timm. Nun erfolgt die Erzählung des entsetzlichen Kampfes in der kleinen Stube zwischen Schwester und Bruder. Von einem Schlag der Axt betäubt, liegt die Mutter auf dem Boden. Die Schwester springt aus dem Bett, um die Mutter zu retten. Mit einem Messer sticht er auf die Schwester los, und schlägt sie dann mit der Axt todt. Die Mutter „günste" noch; er erschlägt auch diese. Endlich eilt er in die Mädchenkammer, fühlt im Finstern nach dem Kopfende des Bettes, schlägt mit der Axt zweimal zu, ünd der letzte Mord ist geschehen. Lautlos stirbt das Mädchen. „Da har ick se all todt!" sind seine eigenen Worte. Dann steckt er die Scheune in Brand, um die That zu verdecken, und legt die Leichname sb, daß dieselben beim Aus- bruch der Feuersbrunst zerstört werden mußten. Hierauf legt er sich so lang abwartend 70 auf das Bett, bis das Feuer den gewünschten Umfang genommen hatte. Die ErzSh- ^ lung der Schauerthat aus des Mörders eigenem Munde macht auf die Zuhörer den entsetzlichsten Eindruck. Der Vertheidiger weiß nichts zu sagen, als sein innerstes Bedauern über die That auszusprechen. Der Gerichtshof beschloß darauf, ohne Hinzuziehung der Geschworenen, das Urtheil zu fällen. Nach demselben wird Timm Thode wegen des Verbrechens wiederholter Brandstiftung und achtfachen Mords zum Tode ver- ^ urtheilt. Der Angeklagte hört mit unerschütterlicher Ruhe sein Urtheil an, und auf die letzte Frage des Präsidenten: ob er noch irgend etwas zu bemerken habe, antwortete er in seinem Plattdeutsch: „Ne — nix." Ein Dampfmeusch. Die Welt schreitet mit Sicbcnmeilenstiefeln fort. Nachdem die Alchymisten sich Jahrhunderte lang vergebens abgemüht, auf chemischem Wege einen Homunkulus herzustellen, ist es jetzt einem einfachen Mechaniker in Ncwark, N. I. Zaddock Deddrick, gelungen, einen Dampfmenschen zu erfinden, der abermals eine „Revolution" in dem Verkehrs- und Transportations - Wesen hervorbringen wird, sofern er so construirt ist, daß er nicht nur in jeder gewünschten Richtung und mit beliebiger Schnelligkeit läuft, sondern auch noch als Locomotive für eine Last dient, zu deren Fortbewegung sonst drei starke Zugpferde erforderlich wären. Der „Newark Advertiser" gibt uns über dieses jüngste Erzeugniß des nimmer rastenden Menschengeistes folgende Einzelnheiten: Der Dampfmensch steht sieben Fuß und neun Zoll „in seinen Schuhen" und sämmtliche Dimensionen seines Körpers sind vollkommen proportiouirt, so daß er an den bekannten Riesen Daniel Lambert erinnert, wie denn auch Deddricks Arbeiter die Figur blos den langen Daniel nennen. Der Rumpf ist nichts Anderes als eine Dampfmaschine von drei Pferdekraft, nach Art der bei den Dampfspritzen gebräuchlichen, mit einem Gewicht von 500 Pfund. Die Beine, auf denen der Rumpf ruht, sind wunderbar komplicirt; >> mittelst ihrer macht die Figur Schritte mit der größten Natürlichkeit und überraschender Leichtigkeit; sobald der Körper auf dem vorgesetzten Fuße weiter rückt, hebt sich der andere mittelst einer Feder vom Boden, und wird durch den Dampf vorwärts bewegt. Bei jedem Schritt rückt die Figur zwei Fuß vor und jede Umdrehung der Maschine gibt vier Schritte; da nun die Maschine in einer Minute mehr als 1000 Umdrehungen machen kann, so würde der Dampfmensch nach diesem Verhältniß in einer Minute etwas über eine Meile zurücklegen; um aber ganz sicher zu gehen, namentlich auf unebenem Boden, will Herr Deddrick die Maschine bloß 500 Umdrehungen in der Minute machen lassen, so daß sein „Mann" eine halbe Meile in der Minute macht — immer noch eine ganz anständige Geschwindigkeit. Sofort wird der Bursche vor eine gewöhnliche Kutsche gespannt, deren Laune dazu dient, ihn in seiner vertikalen Stellung zu unterstützen; diese Laune besteht aus zwei eisernen Stangen, die in der gewöhnlichen Weise an der Kutsche befestigt und in einen eisernen Reif eingehängt sind, der die Figur wie ein Gürtel umschließt. Die nöthigen Kohlen werden unter dem Rücksitze der Kutsche, das erforderliche Wasser in einem Kessel unter dem Vorsitz untergebracht; der Vorrath von beiden ist auf einen halben bis ganzen Tag berechnet. Natürlich würde das Daher- sausen eines solchen Riesen eine Verwirrung unter dem Vieh, namentlich den Pferden, verursachen, allein Herr Deddrick hilft diesem Ucbelstande dadurch möglichst ab, daß er der Figur ein ganz menschliches Aussehen gibt, und sie wird stets Rock, Hose und Weste nach der neuesten Facon tragen. So oft das Feuer geschärt werden muß, hält der Kutscher, steigt ab, knöpft dem „Daniel" die Weste auf, öffnet eine an der Stelle des Herzens befindliche Thür, schaufelt die nöthige Quantität Kohlen hinein, knöpft die Weste wieder zu und fährt weiter. Für alle Vorkommnisse, plötzliches Anhalten, Sperren, Bergauffahren re. ist vollkommen gesorgt; alle diese Manöver werden durch einen ein- 71 fachen Druck an einer Feder regulirt. Zur Verdeckung der verschiedenen Schrauben trägt die Figur einen Tornister mit gerolltem Mantel; das schwarze Haar und der schwarze Schnurrbart kontrastiren unmuthig mit dem Gesicht „wie Milch und Blut;" der au- Blechplatten zusammengesetzte „Kalabreser" dient zugleich — wie ja bei vielen anderen Menschen auch — als Rauchfang. Der Dampfmensch kostet bis 2000 Dollars. — Herr Deddrick hofft aber in nicht ferner Zeit ein brauchbares Exemplar, für das auf ein Jahr garantirt wird, für 300 Dollars herstellen zu können. Fällt dieser erste Versuch befriedigend aus, so wird der erfindungsreiche Meister sich an die Construktion eines wirklichen, nicht blos figürlichen „Dampfrosses" machen, das die Arbeiten von zwölf gewöhnlichen Pferden verrichten wird. Ueber die Spinne« Ein aufmerksamer Blick in das Treiben der mannigfaltigen Kerbthierwelt lehrt sogleich, daß die Spinne den nützlichsten Geschöpfen angehört. Hier hat eine solche ihr Netz ausgearbeitet—und bestrickt soeben ein gefangenes, zappelndes Wesen, dort stürzt sich eine andere mörderisch auf ein anderes Thier, und wohin wir die Spinnen verfolgen—überall tödten und verzehren sie lebende Geschöpfe. Keineswegs aber dürfen wir sie deshalb hasten und verfolgen — denn alle diese vielen, ganz kleinen nnd kleinsten Wesen, die den Spinnen zur Beute fallen, sie sind fast sämmtlich für den Haushalt der Natur, oder auch für den Menschen unmittelbar schädlich. Während wir, in diese Betrachtungen versunken, dem künstlichen Weben einer großen Spinne zuschauen-langt plötzlich der alte Nachbar aus dem Nebcnhause um die Ecke, ergreift das dicke Thier, streicht es auf das Butterbrot» und verzehrt es — wohl bekomm'- ihm! Es gibt recht viele Menschen, die Spinnen zum Butterbrod für sehr schmackhaft halten. Andere suchen auf frische Wunden reine Spinnennetze und wollen danach augenblickliche Linderung des Schmerzes fühlen. Und noch andere sammeln die Spinnen als leckeres Futter ihrer Lieblinge, der Stubenvögcl auch wohl zur Heilung derselben,wenn sie erkrankt sind, sowie auch für kranke Hühner. Ein Franzose, Le Blond, hat die großen Kreuzspinnen sogar noch in umfassender Weise in den menschlichen Nutzen zu ziehen versucht, indem er in einem besonderen Zimmer deren viele Hunderte hielt, fütterte und aus ihren Gcspinn- sten sogar ein Paar Strümpfe und ein Paar Handschuhe für Ludwig XIV. machen ließ. Dergleichen Versuche sind später noch unzählige angestellt worden, haben indeß zu keinem bcachtcnswchrtcn Ergebniß geführt. Wie wir gesehen, sind die Spinnen ja aber auch außerdem, durch ihre mittelbare Thätigkeit, für uns von großer Wichtigkeit. Es gibt bei uns in Deutschland eine große Anzahl verschiedener Arten, deren nähere Betrachtung uns zu weit führen würde; wir müssen sie daher im Allgemeinen überblicken. Die meisten von ihnen bewohnen selbstgewcbte Netze, deren Fäden aus sechs bis neun, am Hintcrleibe befindlichen Oeffnungcn flüssig hervortreten, und von dem Thiere zu einem Ganzen vereinigt werden. Dies ist indessen noch nicht wunderbar genug, denn jeder dieser neun Fäden ist aus tausend Fädchen zusammengesetzt und doch erreichen erst Neunzig dieser neunmal tausendfachen Fädchen die Dicke eines Fadens der Seidenraupe und ihrer Achtzchntausend erst die eines Mcnschenhaarcs. Andere Spinnen haben keine Netze, sondern erhäschen ihre Beute im Sprunge. Alle Arten aber spinnen ihre Eier in kugelförmige Behälter und einige von ihnen tragen dieselben stets mit sich herum. Die Jungen kriechen oft im Herbst, meistens aber im Frühjahr auS und sorgen sogleich für sich selber. Den Winter bringen die Spinnen in Löchern und Verstecken zu und können mehrere Jahre alt werden. Die größte und schönste unserer deutschen Spinnen ist die bereits erwähnte Kreuzspinne, die in den Wäldern gewaltige Netze von einem Baum zum andern zieht. Am merkwürdigsten muß uns jedoch die Wasserspinne erscheinen. Sie läuft nämlich für gewöhnlich auf dem 72 Wasserspiegel umher, taucht aber auch hinab in die Fluth, und webt sich hier an den Wasser- pflanzen ein Häuschen von der Größe einer starken Haselnuß. In dasselbe trägt sie sodann von der Oberfläche herab, ein Luftbläschen nach dein andern, bis sie das g anze Gewölbe mit Luft gefüllt hat und nun mit ihrer Brüt behaglich im Trocknen sitzt, wo sie dann auch überwintert. Einige Leute halten die Spinnen für giftig, dies ist jedoch keineswegs der Fall, und ebenso hat der Biß aller unserer einheimischen auch durchaus keine nachteiligen Folgen. Der Biß der in Italien einheimischen über einen Zoll lang werdenden Tarantel bringt dagegen eine Geschwulst hervor. Der sonderbare Glaube des „Tarantelstichs, " dessen schrekliche Folgen nur durch einen Tanz (die Tarantella) geheilt werden können- ist nichts als müssige Erfindung. Die größte und .furchtbarste von allen ist.die Vogclspinne, welche über drei Zoll lang wird, in Erdlöchcrn und Baumritzcn lebt und von Kerbthieren aller Art und selbst kleinen Vögeln sich ernährt. Eine solche Spinne war einst mit einer Ladung Kampecheholz aus ihrem Vaterland Brasilien in einem Schiffe nach Stettin gekommen, wo sie einige Zeit mit jungen Vögeln gefüttert und am Leben erhalten wurde. Alle Spinnen können ungemcin lange hungern, worauf sie bei ihrer wartenden Lebensart auch angewiesen sind. So nützlich sie dem Naturfreunde auch im Freien erscheinen müssen, so widerwärtig sind sie der Hausfrau, die mit dem Staubbesen einen unablässigen Krieg gegen sie und ihre Gespinnste führt. Liebhaber dagegen wissen sich viel mit ihnen zu beschäftigen, sie so zu zähmen, daß sie auf ihren Ruf herbeikommen, und Andere locken sie sogar durch Musik heran, von der die Spinnen große Freunde sein sollen. Daß Napoleon I. einst durch eine Spinne vom Tode gerettet wurde, indem dieselbe in seine vergiftete Chokolade siel, ist den Lesern wohl bekannt. (Pferdefleisch.) In eines der besuchtesten Bierlokale am Alexanderplatz in Berlin kam am Dienstag ein alter Herr und verlangte ein Beefsteak. Als ihm dasselbe gebracht wurde, besah und beroch er es erst von allen Seiten, wobei er gar bedenkliche Miene machte. Ein zweiter Herr an demselben Tische, der eine Zeitlang dem „Alten" zugesehen, sagte jetzt: „Da sind Sie schön hineingefallen. Das ist ja Pferdefleisch." Mit Abscheu schob der alte Herr den Teller von sich und verlangte Butter und Käse. — „Bin wirklich neugierig, wie das Pferdefleisch schmecken mag", sagte der zweite Herr nach einer kleinen Pause, „Siejerlauben wohl." — „Sehr gern." — Hierauf band sich jener die Serviette um, griff nach Meffer und Gabel, nach Mostrich und vertilgte das ganze Beefsteak. Mit halbem Entsetzen sah der alte Herr dem Esser zu und fragte dann endlich: „Aber wiedersieht Ihnen das nicht?" — „Nein", sagte Nummer Zwei, sich den Mund abwischend, „ich habe mich nämlich geirrt, es war doch Rinder-Filet und zwar vom allerfeinsten. Es hak mir vortrefflich geschmeckt." — „Wie kommen Sie aber dazu, mir den Appetit zu verderben? Wer sind Sie denn? — „Ich bin Jemand, der es nicht verschmäht, ein gutes Beefsteak von Rinder-Filet zu essen, dessen Kasse aber dagegen Einspruch thut." -- Das verblüffte Gesicht des alten Herrn entzieht sich llcr Beschreibung. _ (Amerikanische Diebe.) Ein Mitglied der Firma A. und C. Kaufmann in New- Pork begab sich nach dem Zollhause. Während sich Herr Kaufmann daselbst besand, ward ihm ein Portemonnaie aus der Tasche gestohlen, welches jedoch nur zwei Postmarken enthielt. Zu seiner nicht geringen lleberrajchung erhielt nun der Bestohlcne vorgestern das leere Portemonnaie zurück, und zwar mit einem Schreiben begleitet, wovon das Folgende eine wörtliche Uebersetzung ist: „Mein Herr! Es^hat mir viel Mühe gemacht, Ihren Namen und Ihre Adresse auszumitteln. Ich möchte esie ersuchen, künftig etwas mehr Geld in der Tasche zu tragen als gestern, weil sonst mein Geschäft rninirt wäre. Für einen Gentleman von Ihrer Stellung und Ihren Mitteln ist's doch wahrhaftig eine Schande, mit einem nur zwei Post- Marken enthaltenden Portemonnaie in der Tasche auszugehen. Wenn ich wieder Gelegenheit habe, Ihre Tasche zu leeren, hoffe ich wenigstens einige größere Bills zu finden; andernfalls müßte ich Sie einem gewandten Einbrecher zur Berücksichtigung empfehlen. Ihr nicht sehr dankbarer Taschendieb. l>. 8. Die zwei Post-Marken habe ich dem Jungen für Ueber- Mittelung dieses Briefes gegeben." Druck, »«lau und Redaktion der lit»»ritchrn Instituts von vi. M. Hunln. Des Todes Schmerz liegt in der Vorstellung. Der arme Käfer, den dein Fuß zertritt, Fühlt körperlich ein Leiden, ganz so groß, Als wenn ein Riese stirbt. Shakespeare, Maaß sür Maaß A. !N. 1. König Ludwig I. 'i' Wie hätten wir dich, schöner Tag, begrüßt Mit tausend Freuden, tausend Dankesthränen, Der uns der Botschaft frohen Inhalt brachte Daß Er uns wiederum erhalten ist. An dessen fernes Siechbett unser Sehnen Die heißen Wünsche der Genesung trug Und Der dem Land noch Seine Grüße sandte, Als für Ihn schon die Scheidestunde schlug Und Ihm kein Stern des süßen Hosfens lachte. Der Königsgreis am fernen Meeresstrande. Ludwig todt! Es ist das Loos gefallen. „Ludwig todt!" so schallts von Mund zu Munde. Und ach — in tiefes Leid versunken — In schlichter Hütte, in Palasteshalleu Fühlt jedes Herz den Schlag der Trauerkunde. „Ludwig todt" — so tönt's durch's ganze Land, Ja durch die Hemisphäre eilt der Ruf „Ein Königsherz gebrochen, todt die Hand, Die, bis verglomm des Lebens letzter Funken, Hier Gutes that und dort Erhabnes schuf." Uns grüßet schon des Frühlings holder Bote, Weckt die Natur aus ihrem Winterschlaf Und neues Leben keimt im Weltenall; Ihm ward sein Gruß der finst're Tvdesbote Der Ihn begrüßend, unsre Herzen traf; Doch zog Er auch nach jenen lichten Höh'n, Ludwig lebt doch ewig bei den Seinen. Ich seh' die Kunst am Sarkophage steh'n Und, ob des Schlages, der sie beide traf, Sie mit der Armuth, schmerzlich Ihn beweinen. 1 ! 74 Ludwig todt — das Löwenherz gebrochen! Fern von der theuren Heimath goldnem Heerd, Ludwig todt — o welch ein herbes Wort! Stumm ist der Mund, der hehres oft gesprochen Es ruht die Hand — die Leier und das Schwert. Nur Eines lebt und wird auch nie veralten Und dieses Eine ist Sein groß' Vermächtniß: Des Dankes Thräne und Sein Herrscherwalten, Die Ihm, der Armuth Freund, der Künste Hort, Ein Monument sind und ein groß' Gedächtniß! So riß auch Ihm des Lebens morschen Faden Die Hand entzwei, vor der Geburt nicht schützt, Die, wie den Bettler — so den König findet Und sich nicht kümmert um Verdienst und Thaten; Wohl Ihm, Der nun bei Seinen Vätern sitzt, Der nach des Lebens vielbewegten Tagen Jn's Reich des Friedens zog, ein ird'scher Allah, Den wir beweinen, Den wir tief beklagen, Und Dem die Nachwelt dankbar Kränze windet. Dem Königsgreis der ewigen Walhalla. D. Uödcl. Nacht und Nebel. (Fortsetzung.) Eben war man im Begriffe, das große Segel beizusetzen und die Bramsegel aufzuhissen, als Wullier mit dem Fernrohr in der Hand die Richtung des entdeckten Schiffes zu ermitteln suchte, das noch ziemlich entfernt, seine unsicheren Conturcn in Nebel hüllte und durch die hohe See auf- und abbewcgt, immer wieder aus dem Feld des Fernglases entschlüpfte. Endlich hatte er es erhäscht und sein geübtes Auge erkannte den schwarzen Piraten, den berüchtigsten aller Seeräuber jener Zeit und jenes Meeres. „Die große Schebeke (ein langes, schmales und sehr scharf gebautes Fahrzeug, welches fast von allen am Mittelmeere wohnenden Nationen vorzüglich zum leichten Kriegsdienst und zum Kreuzen gebraucht wurde) ist es," sagte er endlich mit seiner gewöhnlichen Ruhe, „und steuert auf uns los." Diese Worte, so ruhig sie gesprochen waren, goßen Eis in die Adern der umhcr- stchendcn Schiffsmannschaft; die sämmtliche Bemannung d^r Brigg bestand, den Kapitän mitgerechnet, in 21 Köpfen. Die Schebeke hatte deren wenigstens 100 an Bord, somit war an einen siegreichen Widerstand von Seite der „Arctusa" nicht zu denken. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Schreckensnachricht vom Back bis auf's Hintertheil des Schiffes verbreitet und der Steuermann streckte den Hals, um seitwärts über Bord zu sehen, und sich selbst von der Nähe des gcfürchteten Unthicrs zu überzeugen. Während dessen war Wullier wieder auf's Hinterdeck gekommen, daS Licht in der Laterne am Bugsprit war erstürben, die Bramsegel, bis zu deren Höhe ebenfalls die Neuigkeit gelangt war, sanken wieder herab auf's Haupt der großen und Vorstange, der Wind flüsterte in den ungehißten Segeln, und brausten die Raaen bald vor, bald zurück. Alles halte die Fallen und Treppen verlosten, und war an den Steuerbord geeilt, um nach der Schebeke Hinauszulugen. 75 „Soll ich um einige Striche abfallen vom Steucrcnrs?" fragte ängstlich der Steuermann, „damit wir Zeit gewinnen und den Herrn Kapitän wecken können?" Und schon griff seine Hand nach der andern Spaten, um die Ruderpinne luvwärts zu stellen und so den Segeln volleren Wind zu geben. „Was füllt Dir denn ein, Hasenfuß!" rief Wullier erzürnt, „knapp am Wind und keinen Vicrtclsstrich geändert! Die Schcbcke hat uns in jedem Falle gesehen, dort am Bord schlafen die Ausluger nicht, wie bei uns, und wenn wir abfallen, zeigen wir Furcht und die Schcbcke nimmt dann auch viel Wind und ist uns auf dem Leibe." „Sollen wir den Kapitän wecken?" fragte ein Anderer aus dem Schiffevolk. „Laßt ihn schlafen," antwortete Wullier, „er ist müde und hat die halbe Nacht gewacht. Wir werden schon fertig werden; der Mond ist schwach und bevor es Tag wird, kann uns die Schcbcke nicht nahe kommen. Ruft mir einstweilen, ohne viel zu schreien, alle Mann von den Masten herab, hißt die Bramsegel nicht, auch das große Segel laßt wie es ist und paßt auf jede Bewegung der Schcbcke, ob man uns gesehen hat und wie man dort steuert. Hier hcißt's schlau sein und den Kopf zwischen die Fäuste nehmen, denn mit offener Gewalt richten wir nichts aus." Schnell eilte er wieder an's Vordcrkastcll, nahm das Fernrohr zur Hand und richtete es auf die Schcbcke. „Noch scheint man uns nicht bemerkt zu haben, aber schon fängt der Morgen an zu dämmern," fuhr er fort, „der Nebel wird sich lüften. Gebt also Acht auf meine Befehle! Sind alle Mann von den Masten herab?" Man bejahte die Frage und er überzählte seine Mannschaft. „Ihr begebt Euch nun Alle unter Deck, verhaltet Euch rubig und weckt mir den Schlafenden nicht." Erstaunt blickte einer den andern und Alle zusammen den Sprechenden an. Jetzt, wo die Gefahr von Augenblick zu Augenblick wuchs, wo in der nächsten Viertelstunde ein Entern von Seite des Piraten zu fürchten war, jetzt sollte Alles thatenlos bleiben, den Bord-Offizier und den Steuermann allein an Bord lassen. „Thut, was ich Euch sage," unterbrach Wullier das Stillschweigen der Erstaunten, „sorgt Euch um Nichts, morgen sind wir am Pistupi vorüber und in Nhodus wehen österreichische Flaggen, die uns Schutz für die weitere Reise geben werden." „Und was soll denn mit mir geschehen, Herr," fragte der Steuermann besorgt um sein Schicksal. „Du steure knapp am Wind und sei unbesorgt. Du bekommst die leichteste Rolle in der Comvdic, die ich der griechischen Rüuberscele spielen will. Und nun marsch unter Deck, das Schiff ist nahe und der Wind springt immer zurück, noch einmal sag' ich Euch, daß mir Keiner raufkriecht, ohne daß ich Euch rufe." Ein leichtes Gcmurmcl ließ sich unter der Mannschaft hören, man gehorchte ohne zu begreifen warum, die Ruhe, mit der Wullier alles behandelte, das unbeschränkte Vertrauen, das er sich bei so manchen Gelegenheiten durch sein besonnenes, kaltblütiges Entschließen und Ausführen zu verdienen gewußt, hatten auch dießmal blinden Gehorsam zur Folge, obwohl die Gefahr zu groß, zu augenscheinlich war, als daß auch nur Etner von Allen den Rettungsplan zu ahnen im Stande gewesen wäre, den Wullier dennoch rein und unfehlbar vor Augen zu haben schien. Der Letzte war durch die große Lücke kopfschüttelnd hinabgekrochen und brachte in die unter Deck versammelte Mannschaft noch die Nachricht, daß Wullier vom Steuermann noch das große Svrachrohr verlangte; aber auch diese Nachricht verbreitete noch kein Licht über die mystische Handlungsweise Wulliers. „Was will er mit dem Sprachrohr?" meinte einer, der durch's Hinabkricchcn der Ucbrigen in seinem Schlummer gestört, über der Nachricht von der schwarzen Schcbcke aus seiner Hängematte gesprungen war. „Will er die „ Aretusa" für ein „Kriegsschiff" ausgeben, und mit dem Piraten parlamentiren?" „Gott weiß es," sagte ein Anderer, „wenn ich nicht schon seit neun Jahren mit ihm eingeschifft wäre, so würde ich vielleicht an seiner Ehrlichkeit zweifeln und einen Vcr- 76 rath wittern; aber Wullier uns verrathen, und noch dazu den Griechen, die er schon seit seiner Jugend haßt, weit sein Vater in ihren Händen umgekommen ist!" Alles wurde still und horchte, um zu vernehmen, was sich auf dem Verdecke zutrug. Uutcrdcß hatte sich Wullier selbst an's Steuerruder gestellt und dem Steuermann den Auftrag ertheilt, sich wie todt luvwärts auf s Verdeck zu legen. Der Tag brach allmählig an, das Näubcrschiff war deutlich zu sehen und Wullier steuerte knapp am Winde ihm gerade entgegen. Die Unordnung im Tackclwcrk der Brigg, die flatternden, halb aufgehißten, halb niedergeholten Segel fielen jenem beim ersten Blick auf und der erste Schuß vom Pnateuschiff, dessen Kugel, obschon matt wegen der allzugroßen Entfernung in die Küche neben dem Fockmast fiel, streute alle Gattungen von Hausgeräthschaftcn auf dem Verdeck umher, und gab dem Ganzen einen noch größeren Anstrich von Verwirrung und Nachlässigkeit. Wullier steuerte nach dem Schusse unmittelbar, soweit es seine Segeln, die nicht gebraßt werden konnten, erlaubten, auf die Schcbcke los, an deren Vordcrkastcll sich eine Menge Volk mit rothen Mützen und schnurrbärtigen Gesichtern versammelt hatte, das, über die Art des Manövers verwundert, neugierig diesem Näherkommen entgegensah. So standen endlich die beiden Schiffe auf Flintenschuß Entfernung neben einander, da verließ Wullier las Steuerruder und eilte anf's Hintcrkastcll der Brigg, ergriff das Sprachrohr und schrie mit zitternder Stimme auf's Verdeck der Schcbeke herüber: „Gott segne Eure Ankunft, Ihr kommt, um mich zu retten, der Himmel hat Euch gesendet, seht Euch mein Schiff an und erbarmet Euch. Neunzehn Tage schon irre ich in der See herum und bin der einzige Lebendige auf der ganzen Brigg; von vierundzwanzig Mann, die wir in Allem waren, bin ich der Letzte, der vor einer Stunde Jenen dort — indem er auf den Steuermann zeigte — sterben sah. Alle Uebrigen hat die Pest dahingerafft, in fünf Tagen dreiundzwanzig Mann; die Cadaver liegen theilweise noch an Bord. — Ich konnte in den letzten stürmischen Tagen das Steuer nicht verlassen und verlebte mit dieser Verwirrung im Scgelwerk zwei schreckliche Nächte. Erbarmt Euch, gute Leute, werft ein Tau aus und nehmt mich zu Euch an Bord, wir können die Brigg dann iu's Schlepptau nehmen, nur rettet mich, denn ich fühle es, daß ich auch dem Tode nahe bin und hier allein elendig verschmachten werde." Unterdessen war man sich vollkommen nahe gekommen und so weit es die Umgebung erlaubte, betrachteten Alle von der Schebeke die menschenleere Brigg, die mit ihrem verwirrten Manöver wirklich das getreue Bild einer Pestverwirrung vorstellte. Wullier hatte sich bei den letzten Worten seiner Erzählung auf die Knie geworfen, das Sprachrohr war seinen Händen entfallen und seine Kniee zitterten vor Kälte. Noch war keine Antwort von Seite der Schcbeke erfolgt. Wullier sah die Menschenmasse unter sich reden, bald auf die Segel der Brigg, bald auf den vermeintlichen Kadaver deutend, den Einige auf dem Verdeck bemerkt hatten; der Piratenhauptling, ein langer, hagerer Mann mit martialischem von der Sonne verbranntem Gesichte und kleinen, fcuersprühenden Augen, stieg selbst die ersten Wcbelslinien der Wanten seiner Schcbeke hinauf, um sich von dem Zustande des Kauffahrers und der Wahrscheinlichkeit der Erzählung zu überzeugen, blickt eine Weile hinüber, kroch endlich kopfschüttelnd wieder herab und besprach sich mit den Uebrigen. Wullier stöhnte einstweilen wieder durch's Sprachrohr seine Beschwörung um Barmherzigkeit und Rettung aus dem verpesteten Schiff und der Sicuermann, der die Rolle des Todten übernommen hatte, fühlte trotz der kühlen Morgenluft große Schweißtropfen über seine Stirne rollen, so daß ihm der Gedanke, er sei wirklich pestkrank, nicht mehr ganz fremd war. Das Schiff gegen die Planken des Verdeckes gekehrt, wagte er es kaum, Athem zu holen, und seine Glieder blieben steif und unbeweglich, als ob wirklich der kalte Tod sie schon versteinert hätte. Endlich schien man auf der Schcbcke zu einem Beschluß gekommen zu sein. „Setze Deine großen Segel in Gci und beschlage die Marscgel so gut Du kannst," ertönte des Piraten-HäuptlingS Stimme, „fang das Schlepptau, das wir Dir hinüberschicken, nimm es doppelt, berühre aber Niemand im Boote, bleibe auf Deinem Schiffe, und thue, waS Dir besohlen wird?' Da hat man keine Lust, Fuß an Bord zu seyen, dachte Wullier, dankte für die Gyade, die Brigg in's Schlepptau zu nehmen, sprach im Vorübergehen seinen Leuten unter Deck Muth und Ruhe zu, schloß den Luckdeckcl, und schickte sich an, die Befehle des Piraten zu erfüllen. Der Wind war schwach, dennoch frisch genug für die Schcbeke, die sich trotz ihrer eingehöhltcn und zum Theile gestrichenen Segel immer, etwas weiter entfernte, und cS dadurch möglich machte, daß Wullier Zeit und Gelegenheit fand, dem Steuermann Muth einzusprechen, den Kapitän der Brigg durch die Mannschaft von Allem in Kenntniß zu setzen und so mit Sorgfalt und Klugheit seinen Plan ausführen zu können; das große Segel war thcilwcisc aufgcgcit, die Marscgel ebenfalls, die Bramsegel nur flatterten unordentlich um die Tope der Stangen, wurden aber durch die Brassen in die Richtung des Windes gebracht. Ein Boot wurde ausgeworfen, nm das Schlepptau unter die Brigg zu bringen, woselbst angelangt, es mit der größten Vorsicht an die eisernen Treppenklammcrn befestigt und von Wullier mühsam bis an's Vvrdcrtheil gebracht wurde. Dort angebunden, wurde es bald von der Schcbeke straff angespannt. Da sie nun wieder alle ihre Segel dem Winde ausgesetzt hatten, wandle die Brigg und brachte sie schnell in ihr Fahrwasser. (Fortsetzung folgt.) König Ludwig S. und der Jude Ephraim. Ein Jude, Namens Ephraim, erschien eines Tages bei König Ludwig I., um ihm einen geschnittenen kostbaren Stein von seltenem Werthe zu verkaufen, er hatte das Kleinod ererbt, und konnte für denselben keinen Käufer finden, denn derselbe hatte den Werth von einigen tausend Gulden. Dem Könige gefiel das Kleinod sehr, er zahlte die verlangte Summe und der Jude verließ ganz glücklich den Palast. Eines Tages erschien ein berühmter englischer Archäolog am Hofe des Königs, dieser ließ den geschnittenen Stein demselben zur Ansicht vorlegen. Der König nannte den Preis, um welchen er den Schatz an sich gebracht. — „Ich hätte," sagte der Kenner, „den zehnfachen Werth namhaft gemacht." Der König war hierüber erstaunt, und als von anderer Seite ihm das bestätigt wurde, ließ der König den Juden herbeirufen, um ihm den vollen Werth auszahlen zu lasten. Ephraim weigerte sich, das Geld anzunehmen. „Der Handel ist geschlossen, das geht nichr," sagte er, „im entgegengesetzten Falle hätte ich Euercr Majestät auch kein Geld zurückgezahlt." „So Hütte ich Sie geklagt und dazu gezwungen," sagte der König. „Majestät hätten den Prozeß sicher verloren, denn der Handel ist geschloffen." „Ich kann mir von keinem meiner Unterthanen etwas schenken lasten," sagte stolz der König. „Und ich nehme auch von Niemanden ein Geschenk an, selbst wenn es mein König wäre," sagte der Jude. „Und wenn ich Ihnen einen Orden gäbe," versetzte Ludwig. „Majestät, ich würde ihn nicht annehmen, denn ich habe ihn durch nichts verdient." „Sie sind der ehrlichste nnd uneigennützigste Mensch, der mir je vorgekommen ist." „Das verdient keine Auszeichnung, das ist nur meine Pflicht." Der König reichte dem ehrlichen Ephraim die Hand und sprach: „Seien Sie mein Freund, ich bitte Sie um Ihre Freundschaft," und schloß den alten Mann gerührt in seine Arme. Ephraim ward der Freund des Fürsten, obgleich er nur wenig besaß, erbat er sich doch nie eine Gunstbczeugung. Der König war bestrebt, sich seinem Freunde 78 als GöNttcr zu bezeugen, er erfuhr, daß Ephraim ein bigotter Jude sei, und ließ bei dem Oberrabbi in Fürth die Anfrage stellen, welches die höchste Auszeichnung und Würde sei, welche einem frommen Juden, als solchen, zu Theil werden kann. Die Antwort lautete ganz kurz: „Das Oberrabbinat." In Folge dieses Gutachtens ernannte der König Herrn Ephraim zum Honorar-Obcr-Rabbi. Das Diplom ward dem Juden zugestellt. Mit Angst und Entsetzen las Ephraim seine Ernennung, denn er war ein im Talmud gänzlich unbewanderter Mann, und die Auszeichnung würde ihn nur dem Höhne Preis gegeben haben. In später Nacht eilte Ephraim zum König, um diesen zu bestimmen, die Ernennung rückgängig zu machen, ehe dieselbe offiziell bekannt gemacht würde. Mit schwerem Herzen mußte der König nachgeben. „Das ist," sagte der König, „der erste Mensch, der mir auf meinem Lebenswege begegnet ist, dem selbst ein König nichts zu gewähren vermag. Ephraim ist ein antiker Charakter." (König Ludwig und der Trunkenbold.) Eines Tages schritt König Ludwig I. durch die Straßen Münchens, da begegnete ihm ein Mädchen, dessen traurige Miene ihm auffiel. Das Mädchen war von wundervoller Schönheit und der Ausdruck des Kummers verschönerte dessen Antlitz. Der König redete das Kind an und fragte nach der Ursache seiner Traurigkeit. Das Kind blickte in die großen hellen Augen des ihm unbekannten Mannes und faßte sogleich Vertrauen Es erzählte, daß der Vater, ein Trunkenbold, die Mutter mißhandelt habe, die Mutter sei in Folge dessen krank, zudem fehle es an Allem im Hause. Der König ließ sich von dem Kinde in das HauS seiner Eltern geleiten, er sah mit eigenen Augen, daß das Kind nur zu wahr gesprochen; er ließ den Vater herbeirufen. Dieser, ein trotziger Mann, kam mit störrischer Miene herbei, sah und erkannte den König und sank zerknirscht vor Reue auf die Knie. Der König machte dem Manne Vorstellungen, und um seiner Besserung gewiß zu sein, nahm er ihn in seine Dienste. Der Mann ward ein treuer, verläßlicher Diener, dem der König blindlings vertrauen konnte. Mit Stolz stellte er nach Jahren einmal diesen Menschen dem Czaren vor, mit den Worten: „Diese Seele habe ich vor dem Verfalle gerettet." Noch vor wenigen Jahren lebte der treue Georg, dessen Tochter gegenwärtig in München unter glücklichen Verhältnissen verheirathet ist. (Eine große Seele.) Ein Greis an Jahren, besaß König Ludwig I. die Rüstigkeit und frische Kraft eines Jünglings, seine Lebensweise war eine höchst einfache und regelmäßige. Wohl trafen sein Haupt manche schwere Schicksalsschläge, hoffnungsreiche Kinder und Enkel sah er vor sich in's Grab wanken, sein Herz blutete, doch seine Seele blieb von den Stürmen ungebrochen. Als er den Tod des Königs Max II. erfuhr, trat er an das offene Fenster und blickte zu dem wolkcnbedeckten Himmel empor, den ein Blitz durchzuckte und während der Donner rollte, murmelte er mit Thränen in den Augen: „Mein Sohn! wie dieser Blitz, so schwand Dein Leben." Währ.nd der Regen in Strömen sich ergoß, wandelte er sodann in seinen Gedanken versunken unter den Trümmern des alten Rom, und als er in seine Villa zurückkehrte, war sein Gemüth beruhigter und er schlief ruhig ein. Als König Ludwig den Tod seiner heißgeliebten Tochter, der Erzherzogin Hildegarde erfuhr, rief er, des eigenen Wehes vergessend: „Barmherziger Gott! tröste die verwaisten, armen Kinder." Mit thränenden Augen brach er die Blumen, die den Sarg der früh Heimgegangenen zu schmücken bestimmt waren. Ueber die Beschaffenheit der Sonne haben sich die Ansichten bedeutend geändert, wenn. man die Jetztzeit mit einer nun längst vergangenen Zeit vergleicht. — Früher dachte man sich den Sonnenkörper von einer Lichtsphäre umgeben, während er 79 selbst dunkel, von fester Form und mäßiger Temperatur sei, so daß etwa tropische Pflanzen und den Erdgeschöpfen ähnliche Wesen darauf gedeihen könnten. Jetzt weiß man, daß das Sonnenlicht nicht von einer einen dunkeln Himmelskörper unigcbcndcn Lichtfülle herrührt, sondern daß der Sonncnkörper selbst dieses Licht ausstrahlt und eine enorm kohe Temperatur hat, so daß seine Masse sich in hellster Glut befindet, ohne daß aber ein eigentlicher Verbrennungs-Prozeß besteht. Bielmehr wird wahrscheinlich daS Glühen des Sonnenballs durch den Anprall zahlloser großer Mcteormafscn bewirkt, welche sich zwischen dem Merkur und der Sonne befinden. Diese Ansicht wird durch die Annahme plausibel gemacht, daß durch Stoß eine 4000mal stärkere Hitze als durch den Verbrennungs-Prozeß erzeugt werden kann. Nach der Berechnung der Astronomen soll aber die Anzahl der den Sonncnkörper stoßenden und sich dabei mit demselben vereinigenden Mcteormassen so groß sein, daß sie noch 10,000 Jahre hindurch genügen, um die Sonne auf derselben Temperatur zu erhalten. Nach diesem sollen die Planeten (also auch die Erde) zum Stoßen kommen, wodurch dann nach und nach das ganze Sonnensystem von der Sonne verschlungen würde. — Wir wissen nicht, wer diese Theorie ausgeklügelt hat — doch wohl nicht der alte Schäfer Thomas? „Es ist keine Frcundschafts-Cigarre!" sagte jüngst ein riesiger Cigarren- Fabrikant in Leipzig, sein Cigarrcu-Etui präsentirend, zu einem Geschäftsfreunde, als ihn dieser um eine Cigarre bat. „In der That," schmunzelte der Geschäftsfreund, „dieses Kraut ist nicht übel! Eine gediegene Cigarre! Alle Hochachtung!" — »Daß Ihnen mein Upmännchen schmeckt," erwiderte der Fabrikant, „kann ich mir lebhaft vorstellen, aber wo bleib' ich? Thun Sie auch was, offeriern Sie mir auch irgend etwas Gediegenes!" — Die beiden Herrrn befanden sich bei diesem Cigarrcn-Geschäfte auf dem Hofe des cigarrenbeschenkten Geschäfts - Freundes und unfern von ihnen lagerte, seiner industriellen Bestimmung gewärtig, ein drei Centner schwerer Mahagoniblock. „Na," lächelte der Geschüfts-Freund schlau, „warum denn dieses nicht? Stecken Sie sich dieses Maha- goniblöckchen bei! S'ist auch eine sehr gediegene Pflanze!" Doch „Dem war kaum das Wort entfahren, möcht' cr's gern ini Busen bewahren," denn mit dem Rieseninaß seines Leibes trat unser Cigarrenfabrikant sofort heran an den Block, packte ihn mit den Klammern seiner eisernen Fäuste, legte ihn sanft auf seine Schultern und schritt mit einem freundlichen „Empfchl' mich Ihnen!" zum Hofe hinaus. Der Andere stand, den Ernst der Lage en dloc nicht gleich erfassend, erst sprachlos da, dann aber murmelte er: „Schweres Brct! Er wird doch Spaß verstehen?" Der Riese aber verstand keinen Spaß mit gediegenen Sachen, und da das Mahagoniblöckchcn einen Werth von circa 30 Thalern hatte, so kann man „die vcrhängnißvolle Cigarre" allerdings keine Freund- schaftScigarrc, aber doch eine 30-Thalcr-Cigarre nennen. (Guttenberg.) Am 24. Februar, dem 400jährigen Todestage des Erfinders der Buchdruckerkunst, war die „Gastwirthschaft zum Guttenberg" von Franz Emmermann in Elbcrfeld geschmückt durch die mit Blumen und Guirlanden bekränzte Statue des großen Meisters und durch folgendes Transparent: Umstrahlt von Glorie stehst dll lauscndfach baut dir die heutige Well lempel des Ruhmes für Zeit und Ewigkeil Einzig ist dein Werk, und schwinden kann'S niL liimm den Scgenskranz nach Jahrhunderten hiN bautest dir selbst das Denkmal auf's GraÖ kngel — aus — himmlischer — Höhk Kufen stets segnend herniedek 80 (Ein fataler Mißgriff.) Bärcnschinken sind zjvar ein beliebter und wirklich vortrefflicher Bissen, dennoch dürfte es selten vorgekommen sein, daß Jemand, der sich in den Besitz eines Schweines und dessen Schinken zu setzen bemüht ist, dafür einen Bären — nicht etwa anbindet — sondern wirklich antrifft und erfaßt. Doch selbst in unserer Zeit ist die Romantik nicht erstürben, das zeigt folgende, ergötzliche und wirkliche wahre Geschichte. Ende Januar d. I. wurde in Schwebt a. O. bei Berlin zwei große, starke Tanz-Bären herumgeführt, die auf der Tour nach Angcrmündc ihre Gcschicklichkeit im Tanzen auf der Straße zeigten. Gegen Abend zog die Truppe weiter, um in dem Dorfe Flehmsdorf an der Chaussee nach Angermünde zu übernachten. Der dortige Gastwirth verweigerte jedoch den fremden Gästen mit ihrer unheimlichen Begleitung ein Unterkommen, unter dem Vorgeben, daß er nur einen Schweinstall habe, der von einem Mastschwein besetzt sei und deßhalb die Bären nicht placiren könne. Auf Requisition der Ortspolizei mußte der Gastwirth jedoch wider Willen Unterkommen schaffen, und es blieb ihm deßhalb nichts Anderes übrig, als das fette Schwein auf die eine Nacht auS dem Stalle zu entfernen und denselben den Bären einzuräumen An dem Vormittage desselben Tages war beim Gastwirthe ein Händler gewesen, welcher um das fette Schwein gehandelt hatte; der Handel war indeß nicht zum Abschlüsse gediehen. Dieser Händler fand es nun bequemer, sich das Schwein in der Nacht, und zwar ohne Geld zu holen. Zu dem Zwecke kam er mit einem Wagen, den er von der Seite des Weges an das Gehöft des Gastwirthes gebracht hatte, und erbrach in Gemeinschaft mit einem Gehilfen den Stall, um das fette Schwein schnell und in aller Stille fortzuschaffen. In der nächtlichen Finsterniß tappte der Schwcincdieb im Stalle umher, aber, Iwiribils ciiotu, er erfaßte die rauhen Füße des einen Bären, ehe er jedoch seinen Irrthum einsah, hatte ihn dieser, über diese nächtliche Störung erbittert, bereits mit seinen Tatzen erfaßt und fing an, ihn auf das Schrecklichste zu zerfleischen. Auf des Ertappten und seines Gefährten Geschrei gelang es dem herbeieilenden Gastwirthe, noch ehe Schlimmeres geschehen war, die Besitzer des Bären zu rufen und den Dieb aus den Klauen desselben zu retten. Derselbe ist namentlich an Gesicht und Brust schrecklich zerkratzt, so daß er, wenn er auch das Augenlicht behalten sollte, jedenfalls sein Lebenlang gekennzeichnet bleibt. Jemandem, der nicht einmal seinen Namen schreiben konnte, wurde einst ein Schriftstück zur Unterschrift vorgelegt. Als er zu seiner Beschämung seine Unkenntniß einge- stand, sagte ein Spaßvogel: „Das können Sie bald lernen; machen Sie nur eine Null und ein Kreuz (OX)!" Charade (Viersilbig.) Ist das Erste stark und breit. Wird mit großer Leichtigkeit Odne viel und lang zu rasten, Uns auch zentnerschwere Lasten Jener bringe» stundenweit, Der, wenn ihm das Zweite gilt, Kaum sich sehr geschmeichelt fühlt. — Läßt sich dieser darauf ein, Rechts uud jinks sich so zu drehen, Wie's die Leute gerne sehen, Wird er bald das Ganze sein. Auflösung der Charade in Nro. 8: „ Todtenczräber ." Druck, B-rla» und Reduktion d«s lileratischrn Instituts von vr. M. Huttlii. Nr. 1L 15. März 1868 Augsbnrger 4 - Ohne Seelenruhe wird nichts Großes. Wo kleine Leidenschaften an den Menschen zerren, kann er nur abgebrochene kleine Dinge thun. Selbst wo starke Leidenschaft große Dinge bewirkt, ist eine Art von Stille in der Seele. F H. Jacobi. Dem Gedächtnis; König Max SL. von Bayern. -j- 10. März 1864. In dumpfen- Schlägen dröhnt es noch vom Thurm Dem Volke kündend, was es jüngst verlor Und noch umhüllt der schwarze Trauerflor Des Baycrnlandes ruhmbedeckt' Panier- Da hebt schon wieder sich, inmitten Blumenzier' Ein Katafalk, und von dem hohen Chor Des Doms erbraust der Orgel Feierton Zum ke-guii-m für König Max, den Sohn Des greisen Vaters, Den des Schicksals Sturm Zur Gruft der großen Ahnen jüngst berief Und Der, wie Max, für uns zu früh entschlief. Zwei Särge mehr in diesem dunklen Raum Und von zwei rühm- und thatenreichm Leben, Von Gott zur Wohlfahrt uns'res Land's gegeben. Zwei todte Herzen und — ein Hcrrschertraum! Der Sarkophag umschließt die theure Hülle, In Der ein Baterhcrz dem Volk' geschlagen Das, bis man Es zu Grabe hat getragen Bemüht war, Seine Sendung zu erfüllen Und Das wir stets in tiefem Schmerz beklagen. Ja — um zwei Fürsten weint Bavaria heute Und um zwei Herzen, nun des Todes Beute! Nach Maxens Gruft, der Stadt am Isarstrande Worin der König schläft den Todesschlummer In der Er ausruht von der Krone Kummer, Wallfahrtet heut' im Geist das Bayernland. Die Thräne fließt — ein schuldiger Tribut — Ihm, Der so viel des Großen that hienicden Dem Seiner Kinder Wohl Sein höchstes Glück, Und Der mit Seinem Volke hielt den Frieden. Nun ruht sie aus die todte Königshand, Die voll des Segens, durch ein großes Leben Dem Land sein Glück, dem Volk sein Recht gegeben. 82 Doch, khrcn wir auch hoch Sein groß' Vermächtnis Und so, wie Er's verdient hat und gewollt. In Bruderliebe, fester Eintracht Gold, Des theuren Herrschers rühmliches Gedächtniß?! — Ach — blickt um euch und klagt euch reuig an. Daß ihr nicht würd'gcr Seines Worts geworden; Er schuf dem Volke eine Segensbahn Ihr säet Zwietracht in der That — in Worten; Er wollte stets mit Seinem Volke Frieden Und ihr Pflegt feindlich euch die Stirn' zu bieten, Unwürdig euch zu schmähen aller Orten! Schon Pocht Verrath an eures Hauses Thor Und was in ihm Jahrhunderte gehalten, Will blindlings er in Neues umgestalten. Er schielt sogar zu eurem Thron empor Und webt zum eig'nen Sterbkleid' sich den Flor. Anstatt daß Ihr euch fest in Ein's gestaltet, Seid ihr bemüht, euch frevelnd zu entzweien, Statt daß ihr hoch der Eintracht Banner haltet, Versucht ihr euch im Kampfe der Parteien Und hoffet Segen, wenn die Feindschaft waltet. Die Liebe stirbt, weil nie der Haß veraltet! Blickt auf den Sarg der stillen Königsgruft Wo euer Max bei eurem Ludwig ruht Verschließt das Ohr nicht, wenn Er zu euch ruft: „Bewahrt den Frieden als das höchste Gut! Seid Brüder, selbst wenn sich die Meinung theilt Verschmäht den Unrath aller gift'gcn Reden, In dieser Zeit ist Einigkeit von Nöthen, Sie ist gar ernst und das Verhängniß eilt!" O hört dieß' Wort, verschließt das Herz ihm nicht, Geht, Hand in Hand, nur auf des Friedens Wegen Versöhnt, vereint, dem schönen Ziel entgegen! So zeigt ihr euch des besten Lohnes werth, So haltet ihr Ihm, Der uns Allen theuer, Dem König Max die würd'ge Todtenfcicr Und Segen ruht auf eurem Heimathhcerd; Im Bürgerglück beruht des Landes Kraft, In ihm nur keimt des großen Zicl's Gedeihen Und Bürgcrunglück bringt die Leidenschaft. O laßt zu Maxens Sarg den Schwur uns senden: „Wir steh'n zum Thron in aller Zeiten Lauf!" Des Schicksals Gang halt zwar der Mensch mcht auf Doch kann er ihn, vereint, zum Bessern wenden! B. Nödel. 83 Nacht und Nebel (Schluß.) Die Brise war schwach, das Meer noch immer etwas bewegt, aber die heiter aufgehende Sonne versprach einen heiteren Muttertag. Wullier hatte indeß mit dem Kapitän durch die Kajütenluckc gesprochen. AnS de« Steucrkurs der Schebeke war zu entnehmen, daß sie nach Kap Cato zu segeln im Sinne habe, welches auch bei günstigem Winde vor Nacht zu erreichen nicht möglich war. „Ich danke Euch, lieber Wullier, für den guten Gedanken, den Euch der Himmel eingegeben hat," flüsterte der Kapitän aus seiner Kajüte, „nur stehe er uns noch ferner mit seinem Schutze bei, um ihn zu Ende zu führen, obwohl ich nicht recht begreife» kann, wie das Ganze ausgehen wird." „Sorgt Euch nicht," cntgcgncte Wullier, „in Nordwest steigen Wolken auf, die Nacht wird finster werden und uns günstigen Wind bringen, dann kappen wir da< Schlepptau und vor dem Wind mit hoher See segelt die „Aretusa" wie ein Delfin. — Aber horch! man brüllt schon wieder etwas durch's Sprachrohr, bleibt ruhig, ich will hören, was es gibt." Wullier eilte an den Bugsprit, um die Befehle des Piraten zu vernehmen. „Wirf den Cadaver, den Du noch auf dem Schisse hast, über Bord, wie auch alle Betten, Hängematten und Effekten der übrigen Verstorbenen!" ertönte es aus dem Sprachrohr des Piraten. Die Pantomime der Bejahung von Seite Wullier's war mit einigen Zuckungen deS armen Steuermannes verbunden, der den SchrcckenSbefchl vernommen hatte und sich schon eine Beute des Todes glaubte. Ich soll also in's Meer, dachte er bei sich, bloß ui» meine Todtcnrolle recht natürlich zu spielen? Schon war er im Begriffe, sich auf die Beine zu machen und durch sein Aufstehen Alles zu verrathen, als Wullier zu ihm hin- trat, sich in seiner Nähe etwas zu thun machte und ihn beschwor, sich ruhig zu verhalten. „Ruhig/ murmelte Jener in die Planken des Verdeckes hinein, „ruhig? wenn Sie mich über Bord werfen wollen? Sagen Sie dem Piraten, daß ich sterbend, aber noch nicht todt sei — da Sie keinen Mord begehen wollen — oder werfen Sie einen Ander» über Bord, einen der wenigstens unpäßlich ist, aber mich nicht, so frisch und gesund." „Sei unbesorgt," erwiderte Wullier, der trotz seiner kritischen Lage sich des Lachens nicht enthalten konnte. „Das Schicksal Aller ist nun in Deiner Hand, Du kannst Alle- durch Deinen Mangel an Muth verderben. Ich gebe Dir ein Tau um den Leib, binde ein Ende an die Gallerie des HinterverdeckeS und kaum bist Du in die See geworfen, so ziehst Du Dich unter den Spiegel, klammerst Dich unter dem Heckbalkcn fest und kriechst bei der Hinteren Lugpforte wieder herein. Von der Schebeke aus kann Dich Niemand sehen, da Du durch das Schiff gedeckt bist. Wir segeln kaum zwei Knoten, und somit hast Du auch von der Schnelligkeit des Schiffes nichts zu fürchten. Bist Du nun einverstanden?" „Nun, wenn es sein muß, so will ich mich in des Himmels Namen darein fügen," seufzte der Steuermann, „nur sorgen Sie für ein gesundes Tau und halten Sie e- kurz, sonst gehe ich zu tief beim Wurf." Wullier kitte unter Deck, um einige Gcräthschaften, Kleider u. s. w. herauszubringen, und sie im Angesicht des Piraten, der mit seinem Fernrohr beständig am Hintcr- thcil der Schebeke stand und auf die Brigg lugte, über Bord zu werfen. Die sämmtlichen Effekten wurden neben und auf den Schcintodten geworfen und zugleich ein Strick gereicht, dessen Ende er sich, unter den aufgcthürmten Gcräthschaften verborgen, um de» Leib band. Wullier flößte seinen Leuten unter Deck noch Muth und Vertrauen ein durch die in Eile mitgetheilte Erzählung seines neuen Schnippchens, das er dem Piraten schlug und durch das er sich um so sicherer irre zu führen hoffte, als er damit seine 4 84 früheren Aussagen bestätigte, ließ die Hintere Lugpfortc öffnen, und eilte wieder geschäftig mit einigen Effekten beladen auf's Verdeck. Nun wurde das andere Ende des Strickes, den der Steuermann um den Leib hatte, am Hintcrtheil des Schiffes festgemacht, ein Stück nach dem andern über Bord geworfen und endlich der Leichnam des lebendigen Todten auf die Schultern geladen und gegen das Hintervcrdeck geschleppt. „Werfen Sie mich nicht an's Steuerruder oder an den Spiegel," flüsterte der Pseudotodte, „sonst schlag ich mir ein Loch in den Kopf, und wäre dann wirklich todt oder gezwungen, zu schreien —" nun plump, fiel der wohlbeleibte Mann über Bord, tauchte eine Weile unter Wasser, kam aber bald wieder auf die Oberfläche, kroch an seinem Tau bis an's Schiff und schwang sich hier bei der Lugpforte wieder hinein. Im unteren Schiffsraum empfing man ihn mit herzlichem Händedruck, reichte ihm ein Glas Rum als niederschlagendes Getränk nach überstandener Todesangst und ließ ihn nun von seiner tragi-komischen Lage erzählen. Indeß war es Mittag geworden — trotz der allgemeinen Gemüthsbewegung stellte sich der gewöhnliche Seeappctit ein, der heute mit Zwieback allein gestillt werden mußte, da Niemand die Küche auf dem Verdeck besorgen durfte. Wullier zählte die Stunden bis zu Sonnenuntergang, und freute sich über die immer heraufziehenden Gewitterwolken in Nordwcst, auf denen er den Regenbogen der Rettung zu sehen glaubte. Die ohnehin schwache Brise, die unter Tags geweht hatte, ließ gänzlich nach, um zwei Uhr Nachmittags war schon die Sonne hinter dichte Wolken getreten und über die See hatte sich eine vollkommene Windstille gelagert. Gänzliche Windstille in den Wintcrmonatcu ist in der See gewöhnlich der sichere Vorbote eines Sturmes. Diese unnatürliche Ruhe der Luft, dazu die meist von vorhergegangenen Stürmen noch bewegte hohle See, die am Horizont sich meist zu gleicher Zeit erhebenden Wolken, die von verschiedenen Winden getrieben, sich nach und nach zusammenziehen, um dann vereint alle unter den Befehlen eines ausgesprochenen Orkans zu mar- schiren — Alles das gibt einer Windstille den widerlichen Anschein von Hinterlist und Tücke, die auf den alten Matrosen selbst einen unangenehmen Eindruck hervorbringt. — Die Elemente lauern gleichsam und sammeln Kräfte, um dann mit verdoppelter Wuth zu rasen und zu stürmen. Die Piratcn-Schebeke bemannte die Ruder; durch die schwere Brigg im Schlepptau und durch die aus Nordwest fluthcnde See verhindert, bewegten sich aber beide Schiffe kaum vorwärts. Wullier saß am Hintcrtheil seines Schiffes und blickte bald auf die sich immer und immer thürmendcn Wolken, bald auf die Sanduhr, bald auf die in langen Wogen rollende See, die ihm so ganz den Anschein bot, als wolle sie den Piraten auf seiner Schebeke einwiegen, um während seines Schlafes die armen Seefahrer zu befreien. Kein Segel war an dem bereits im Dämmerlicht eingehüllten Horizont zu erspähen und die Todtenstille, die überall herrschte, schien Wullier geschaffen, um die Nettungspläne für die bevorstehende Nacht zu überdenken und alle möglichen Fälle zu erwägen. „Wie geht's über Deck?" flüsterte jetzt aus der Kapitänlucke eine Stimme, die Wullier für jene des Kapitäns erkannte. „Windstille und hohle See aus Nordwest," antwortete Wullier, in seinen Rettungsplänen gestört. „Was macht die Schebeke?" lispelte der Stcucrmcister. „Der geht's schlechter als uns," erwiderte Wullier, „sie rudern sich zu Tode, um morgen früh — nichts zu sehen — nicht einmal ein verpestetes Schiff. Haben Sie unsern Punkt genau auf der Karte?" „Sehr genau," antwortete der Kapitän, — „wir stehen fast in der Mitte zwischen Nekro und Kap Korio." „Dann kommt Nordwest sehr erwünscht," meinte Wullier, „und er wird uns sicher nicht fehlen, verlassen Sie sich darauf; und haben wir einmal Sejenii uud Kap Aluopi. 85 passirt, so springt der Wind am Kanal von Rhodus nach West und wir sind geborgen. Sorgen Sie nur dafür, daß Jedermann wach bleibt heute Nacht, um bei der Hand zu sein. wann's nöthig wird." „Das immer und immer zunehmende Dunkel der hereinbrechenden Nacht gestattete auch mehr Freiheit am Bord des Kauffahrers, man kroch nach und nach auf'S Verdeck, theilte sich die verschiedenen Pläne mit, fügte gute Gedanken hinzu und freute sich über den Nebel der allmählig immer dichter und dichter sich niedersenkte, so daß man die Schebeke nur etwa noch im Schattenriß erspähen konnte. „Höhe von der Brigg," tönte es wieder aus dem Sprachrohr des Priraten herüber. Wullier eilte vor, um das Zeichen der Aufmerksamkeit zu erwidern. „Zünde Deine Laterne am Bugsprit an und sorge, daß sie helle brenne," lautete der Befehl. „Soll sogleich geschehen," lautete die Antwort Wulliers, ließ eine Laterne bringe» und befestigte sie unter dem Klüverbaum. „Das ist unangenehm," meinte der Kapitän, „daß der Grieche auch daran gedacht hat, nun wird er uns, wenn der Nebel nicht sehr dicht wird, nicht außer Auge laste» und jedes unser Manövers bemerken können." „Macht gar nichts," antwortete Wullier, „lasten Sie eine zweite große Laterne am Hinterdeck bereiten, wenn wir das Schlepptau abgekappt haben, so lasten wir eine Weile hindurch das Vordere recht licht brennen; wenn wir dann so weit genug zurückgeblieben sein werden, wenden wir das Schiff, löschen die Laterne am Klüverbaum aus und hissen die andere auf der Gaffel beiläufig iu dieselbe Höhe, wie die erste, so wird er im Nebel unsern Spiegel für den Gallion halten, unser Licht auf der Gaffel für jenes am Bugsprit und glauben, daß wir noch im Schlepptau wären, wenn wir mit allen Segeln vor dem Winde nicht mehr eingeholt werden können." Indeß war es Nacht geworden, die See aus Nordwest ging schon bedeutend hoch und der Wind aus derselben Himmelsgegend wuchs von Stunde zu Stunde an Kraft. Die Schebeke hatte Anfangs alle Segel ausgesetzt, um so knapp als möglich am Wind zu steuern und sich luvwärts vom Kap Korio zu erhalten, aber der zunehmende frische Wind, die bewegte See und die Brigg im Schlepptau zwangen die Piraten, ein Segel nach dem andern zu streichen, so daß sie gegen neun Uhr Abends nur mit ganz gerafftem Marsegel und einem Nef im Topsegel mühsam vorwärts steuerten, — dabei noch stark im Abtrift verloren. „Ich wette, die Schebeke wird jetzt durch den Wind wenden," sagte Wullier, der in der letzten Zeit das Vorderkastell der Brigg nicht mehr Verlusten hatte, „warten wir noch das Manöver ab und in der nächsten Stunde sind wir flott. Wirklich wand die Schebeke, um nicht zu weit luvwärts getrieben zu werden. Während dieses Manövers kam die Brigg wieder mehr in die Nähe und der Pirat konnte sich überzeugen von der Genauigkeit, mit der man folgte. Als die Schebeke umgelegt und nun weiter segelte, wurde an's Schlepptau an Bord der Brigg ein anderes Tau angeknüpft, um sich so etwas entfernter vom Piraten zu halten und mit mehr Freiheit manövriren zu können. Wullier stellte seine Mannschaft an die Brassen, Fallen und Toppcnanz, die Ruderpinne wurde luvwärts gelegt und bei der ersten Seitenbewegnng der Brigg der Klüver still aufgehißt. Nacht und Nebel begünstigten das Unternehmen, das, ohne eine Silbe zu sprechen, zu Ende geführt wurde; die Brigg — von den Wellen in die Flanken getrieben — fiel schnell ab, und als sie das Hintertheil gegen die Schebeke gestellt hatten, wurden die Segel alle in Kreuz aufgehißt, in die Shottcn gehöhlt, die Laterne auf die Gaffel gehißt und die Ruderpinne in die Mitte gestellt; der Wind stand in allen Segeln und die „Arebusa" theilte mit verjüngter Kraft die schäumenden Wogen. In wenigen Augenblicken waren die Letscgclsparren an Steuer und Backbord hinausgestoßen, und Flügeln ähnlich, blähten sich die Segel zu beiden Seiten und setzten die Brigg in eine 86 Fährt von neun Knoten. Der zunehmende Wind, der mit seinen ersten Stößen Fuß faßte, hatte auf der Schebeke viel zu thun gegeben und Niemand hatte in den ersten Momenten seine Aufmerksamkeit auf die Prise gerichtet. Neues Leben war dagegen auf der Brigg in die Mannschaft gekommen; jeder arbeitete nach Leibeskräften, begeistert durch die Idee der unfehlbaren Rettung. Wullier stand am Hullertheil und lugte nach der Schebeke aus, von der kein Schatten mehr zu sehen war, als plötzlich ein Blitz die Gegend beleuchtete, in der sie stehen mußte und gleich darauf der Donner eines Kanonenschusses ertönte. „Man salutirt," sagte Wullier lächelnd, „sollen wir danken, Kapitän?" — und ein allgemeines Gelächter bemeistertc sich der umstehenden Mannschaft. „Spottet nicht," meinte dieser, „noch sind wir nicht im Hafen. Glaubt Ihr wirklich, Wullier, daß nichts mehr zu fürchten sei?" „Wenn sich die Schebeke in eine Seemöve verwandelte," erwiderte Wullier, „so holt sie dennoch die Aretusa nicht mehr ein/' Die Laterne war herabgenommcn, der Steuermann wieder an sein Ruder getreten, obwohl zuweilen seine Blicke von der Wiederkehr abschweiften und er sich auf die Fußspitzen stellte, um rückwärts zu schauen. Wullier bestieg in seinen Mantel gehüllt wieder ruhig die Treppe des Hinterdeckes. „Wollen Sie schlafen gehen, Kapitän?" fragte Wullier endlich, — „es muß bald Mitternacht sein und hier gibl's nichts mehr zu thun." „Ich danke Euch, lieber Wullier, ich bin zu bewegt, als daß ich schlafetz könnte, ich bleibe bei Euch über Deck, um noch eiii wenig zu plaudern." „Nun, so schicken wir wenigstens die Mannschaft in die Hängematten, damit sie ein wenig ausruhen nach all' der Arbeit." Der halben Mannschaft wurde gestattet, unter Deck zur Ruhe zu gehen; allein Keiner benutzte die Erlaubniß. Alles wollre Wullier nahe bleiben, der seiner stillen Gemüthsart zufolge schwieg und sich wenig um die Aufmerksamkeit und Liebe der Mannschaft bekümmerte. So graute der nächste Morgen; alle aufgeregten pochenden Herzen waren ruhig geworden; nur der Steuermann traute dem Glück noch immer nicht, und wandte sich oft zurück, um sich zu überzeugen, ob der Pirate verschwunden sei. Der Nebel zertheilte sich mit dem dämmernden Tage, der Mont Lavola von Rhvdus schimmerte am Horizonte als Vorbote des nahen Hafens. Wenige Stunden darauf lag die Brigg nächst dem Thore de Cavalieri vor Anker und der Kapitän stieg in sein Boot, um die Meldung des Vorfalles am Bord des österreichischen Kriegsschiffes zu machen, dessen Flagge ihm zugleich Schutz zur weiteren Reise gewähren konnte. „Nun," sagte der Steuermann, als der Anker geworfen war, und er seinen Posten verlosten durfte, zu den umstehenden Matrosen, „es ist doch ein angenehmes Gefühl, durch Muth und Geistesgegenwart der Netter eines Schiffes zu sein. Wenn ich nicht an Bvrd gewesen wäre," fügte er hinzu und schlug mit der flachen Hand auf seine Brust, „wie stünde es jetzt mit Tuch, Ihr armen Schlucker!" (Der Mohr der Königin.) Einst fuhr die Königin Thcrese mit großem Gefolge nach Starnbcrg und nahm auf der „Post" Quartier. Der Posthalterin machte es Sorgen, die vielen Leute nach Rang und Klaffe zu beherbergen, und kaum glaubte sie fertig zu sein, siel ihr ein, dem Mohr noch kein Zimmer angewiesen zu haben, und in Ermanglung dieses sollte die HauSmagd ihr Bett und Zimmer für diesen Abend dem Mohren überlasten. Kaum wurde Letzterer dieß bedeutet, rief sie empört über dieses Ansinnen: „Vor drei Tagen habe ich erst frisch überzogen, und jetzt soll ich den rußigen Kerl hinein legen lasten?!" — Diese naive Weigerung kam zu Ohren der Königin, die herzlich lachen mußte, die Magd rufen ließ und sie mit einem Ducaten beschenkte. 2. 87 Zwei Heimfahrten. (An den große» Todten von E. F. Sturm, Professor in Nizza. AnS der A. Z.) I. Ins schöne Land, wo die Orangen glühen, Zog Dich. den Jüngling, einst ein hehreS Streben. Wo Goethe durchdrang zu dem vollren Leben, Entflohn der engen Heimalh Sorg' und Mühen, Da sollt' auch Dir ein schönres Sein erblühen, Da lerntest Du der Kunst geheimes Weben < Und schwurst: „Ich will das heil'ge Banner beben, Zum Schönen will auch ich mein Volk erziehen I" Und heimgekehrt hast Du den Schwur gehalten! Der Maler schafft unsterbliche Gestalten, Es heben sich die stolzen Tempelhallen, Darin der Schönheit Jünger jubelnd wallen; Es fließt der Dichtkunst ewig klarer Bronnen: Ein ganzes Volk hast Du der Kunst gewonnen! II. Und wieder kehrst Du heim vom wälschen Lande, Wo hoch die Lorbeer» und Cypresscn ragen, i Doch, ach! das Herz das einst so hoch geschlagen, Es brach, es fiel dem grimmen Tod zum Pfande; Und Dir entgegen von dem Jsarstraude Vernimmt man Weinen uur und dumpfes Klagen, Der Künste Banner, einst so hoch getragen, Es geht gesenkt, mit schwarzem Trauerbande. Doch sürchte nicht! Die Saat die Du gestreuet, Sie keimet mächtig fort durch alle Zeiten: Die Musen, denen Du Dein Volk geweihet, Sie werden es zum hohen Ziel geleiten. Solange deutsche Kunst und Ehre glänzet, Wird auch Dein Bild, o Wittelsbach, bekränzet! (Von König Ludwigs Leutseligkeit.) Vor ungefähr 20 Jahren reiste König Ludwig l. in Begleitung des königlichen Prinzen Adalbert von München nach Bcrchtesgaden über Wasserburg, wo während des Pferdcwechsels der Stadtmagistrat seine Begrüßung machte. König Ludwig war sehr guter Laune, sprach aus dem Wagen mit jedem Einzelnen auf die herablassendste Weise. Als er aber den wohlbeleibten Brauer Andre Ponschab bemerkte, richtete er sogleich die Frage an ihn: „Wie viel Mäßl — 10 bis 12, 10 bis 12!" — Als Ponschab antwortete: „Majestät, ich halte mehr auf das Essen," rcplicirte König Ludwig: „Ja, ja, 12 Mäßl!" Nahe am Wagen- schlag stand Chirurg Hvlzner in Landwehr-Uniform als Hauptmann; diesen frug der König: „Waren Sie schon bei'm Militär, weil Sie so eine gerade Haltung haben?" — „Nein, Majestät!" — „Was führen Sie für ein Gewerb?" — „Ich bin Chirurg." — „Ah, das ist gut, da können Sie die Wunden, die Sie mit Ihrem Schwert hauen, sogleich wieder heilen!" Inzwischen war die Umspannung vollendet und der König harrte etwas ungeduldig aus seinen Gefährten, den Prinzen Adalbert, der sich im Gastzimmer gut zu unterhalten schien. Endlich kam dieser und entschuldigte sich bei seinem Barer über sein zu langes Verbleiben, worauf ihn der König frug: »Hast Du Wein getrunken?" — „Nein, Bier, Papa!" 2. 88 Ludwig I. von Bayern. Durch Bayerns Gau'n tönt dumpfes Grabgeläute; Der alte König steigt in seine Gruft. Er sah noch Deutschlands blut'gc, wilde Kluft, Er, den des Friedens Glück so lang erfreute. Sein Name, traun, wird nicht des Todes Beute: Die Tempel ragend in des Himmelsluft, Der Künste Gärten voller Glanz und Duft Verkünden spät noch seinen Ruhm wie heute. O deutsches Volk, bespritzt mit Bruderblut! Wohl magst du Ludwig eine Thräne weinen; Sein Kömgsherz war dentschgesinnt und gut. Auf, zähle deine Fürsten! Hast du keinen, Den Gottes Geist gesalbt mit Königsmuth? Wann wird der große Retter uns erscheinen? Joseph Baicr. König Ludwig von Bayern trat eines Tages Unerwartet in das Atelier Kaulbach's. Der Meister hielt in diesem Augenblick die Hand eines reizenden Mädchens, welches ihm als Modell diente, in seinen beiden Händen.- Als die Schöne den König sah, entzog sie ihre Hand rasch den Händen Kaulbach's. — „Ei, Meister," sprach der König lächelnd, — „das ist doch das schönste Werk, — das jemals aus Ähren Händen gekommen ist!" (Treue Herzcnseinfalt.) Die ehemalige englische Schauspielerin Miß Mellon, nachhcrige Herzogin von St. AlbanS, erzählt in ihren sashionablen Gesellschaften gern folgende rührende Geschichte aus ihrer Jugend: Als ich noch ein armes kleines Mädchen war und für dreißig Schillinge die Woche sehr hart arbeiten mußte, ging ich während der Feiertage nach Liverpool, um in einem neuen Schauspiele mitzuwirken. Ich stellte ein Waiscnmädchen vor, das auf den äußersten Grad der Armuth reducirt war. Ein herzloser Geschäftsmann verfolgt das arme Kind wegen einer für seine Verhältnisse bedeutenden Schuld und beharrt darauf, es in's Gefängniß zu setzen, wenn nicht Einer für dasselbe Bürgschaft leiste. Das Mädchen erwidert: „Tann bin ich ohne Hoffnung, denn ich habe keinen Freund in der Welt." — „Was, es will Niemand für Dich bürgen, um Dich vom Gefängniß zu erretten?" ruft der strenge Gläubiger. — „Ich habe Ihnen gesagt, daß ich keinen einzigen Freund auf Erden besitze," erwiderte ich. Doch kaum hatte ich in weinendem Tone diese Worte hervorgebracht, als ich einen Matrosen von den hintersten Plätzen her über Bänke und Barrieren klettern, über das Orchester und dip Rampe wegsetzen und auf der Bühne neben mir erscheinen sah „Äa," rief dieser, „Sie sollen wenigstens einen Freund haben, armes Mädchen, der bis zu jedem Betrage für Sie Bürge werden will." Und dabei sprach sich in seinem rauhen, sonnverbrannten Gesicht die tiefste Bewegung aus. „Sie aber," fügte er, gegen den harten Gläubiger gewendet, drohend hinzu, „Sie werden meine Bürgschaft annehmen und das arme Ding gehen lassen, oder ich breche Ihnen, wenn Sie hinauskommen, alle Knochen im Leibe entzwei." Man kann sich die Aufregung denken, welche diese Scene im ganzen Hause hervorrief. Frage: Was für ein Unterschied ist zwischen einem Eisbär und einem Nettig? Antwort: -uouui b-mzß asq dzzä mßnv ssi aygsiZ LZ(§ Druck, Berlaa und Redaktion deS literarischen Instituts von Dr. Nc. HutUer. Nr. 1S. 22. März 1868. Der Schöpfung ew'ger Mittelpunkt Ist in des Menschen Herzen, Aus welchem durch die Welten funkt Ein Strahl von Lust und Schmerzen. ^ . Rückcrt. Eine Mntterthräne. Der Mutter Bedürfniß ist es, ihre Kinder durch's ganze Leben so recht fest mit dem Mutterherzcn verbunden zu halten. Selbst wenn der Sohn an Lcibcsgröße der Mutter über den Kopf gewachsen, für's Herzgefühl und die Zuthunlichkcit ist s gleich viel; «uch im spätern Leben sucht die Mutter ihr erwachsenes Kind zu besitzen, wie an seinem ersten Lebenstag, wo sein Augenstern zum ersten Mal sich ihr erschlossen und Liebe zündend in ihr Herz geschienen. Die Mutter nämlich behält ihr Recht auf das Herz des Kindes; „es gehört mir," sagt sie und sie weist ein Document auf, woran kein Advokat Etwas umwerfen kann: das Muttcrherz und drinnen die ticfgegrabcnc Flammenschrift der Mutterliebe. Nun kommt aber für den Jüngling eine Zeit, wo sein Pflichtgefühl, der Mutter zu gehören, nicht so stark ist, als der Mutter Rechtsanspruch, ihren Sohn zu besitzen. Es ist halt die Zeit, wo der Flaumbart sprießt, der Blick in die verlockende Welt sich erweitert, wo es dem Menschen am elterlichen Herd zu enge und zu dumpfig wird und wo seine Füße unter den Tisch der Wohnstube so recht nicht mehr passen wollen. Da gibt's denn ein Hin- und Herncigen zwischen Sohnes- und Mutterherzcn, ein Anziehen und ein Abstoßen, Verstockung und Rcugefühl. Viel Harm wird gesät, manche Thräne geweint, mancher Vorsatz gemacht und gebrochen, mancher Ansatz zu scharfer Predigt von der Mutter probirt und doch vor überfließendem Wchgefühl auf halbem Wege inne gehalten. Zuweilen auch sammelt und ballt sich der gesteigerte Anmuth zu Hagelschauern zusammen und es prasselt nieder auf den Sohn — in kalten spitzen Worten; aber genutzt hat es Nichts, dagegen viel geschadet; denn aus falscher Scham verstack sich der Sohn, weil er tief gekränkt worden. Da bedarj's denn mitten im Schmerze darüber, daß der Sohn sich vom Mutterherzcn losgerissen, der Klugheit, um den Riß nicht weiter zu machen; da bcdarf's aller Milde, und doch aller Gemessenheit, alles Ernstes und doch aller Innigkeit im Muttergesühl, im Mutterblick und im Mutterwort, um des Sohnes Herz, das in gefährlicher Schwankung sich bewegt, zu ergreifen und wieder in seinem alten Schwerpunkt, der Gottes- und Mutterliebe, zu befestigen. Ein ungeschickter Griff, ein mißlungener Plan, wodurch des Sohnes Widerspruch gereizt wird, kann die Heilung für immer verderben, so daß die Flegelei sich einnistet, die Entfernung vom Vaterhausc zunimmt und die theure Menschensecle in fremder Leute Händen zu Grunde geht. Wie eine Mutter in so kritischem Zeitpunkte das Rechte gesunden, das will ich Dir in Kürze berichten. Es ist sicher passirt und noch nicht lange her, und ich erzähle es Dir, Mutter, nicht damit Du es gerade so nachmachst, denn das würde vielleicht fehlschlagen, zumal wenn Dein Sohn auch die Zeitung läse, sondern damit Du Dich darnach richtest, d. h. nach der Geschichte Sinn und Gehalt. In einer großen Stadt am Niederrhcin ist ein großes Fabrikgeschäft. Der Eigenthümer desselben, Rüdger Rasfgut, wäscht sich in Gold die Hände und erwirbt besten 90 jeden Tag mehr. Nur einen einzigen Sohn hal er, der einst Geschäft und Fabrik erben wird. Der heißt Emil. Der Vater ist nicht ungläubig, auch nicht unkirchlich; aber er weiß, daß er Geld hat und hält was d'rauf, fast mehr, als gut ist. Er ist halt wie mancher Mann vom Geschäft, der denkt: Haben ist besser, als Kriegen, und Kriegen ist auch gut, wenn das Haben dadurch vermehrt wird. Seine Frau dagegen ist tief religiös und fromm; auch sie freut sich über'S Haben, denn sie weiß gut, wo sie ihre Ersparnisse als Kapitalien für den Himmel anlegt; auf's Mehrkricgen ist sie gerate nicht sehr erpicht, weil sie genug hat. Der Emil mußt' mit dem fünfzehnten Jahre in's Geschäft und Fabrikwcsen hinein. Der Alte Pflegte oft zu sagen: „Erstens muß cS von Natur d'rin sitzen und zweitens muß es frühzeitig hineingebracht werden — der Handel, die Spekulation und das Geschäft, sonst gcht's heut zu Tage nicht." So wurde der Emil denn gleich mit jungen Jahren in die Bücher, in die Kaste, in die Robstoffc, in die Ballen, in die Aktien hineingesteckt, und der Alte sagte nach kurzer Zeit, indem er sich froh die Hände rieb: „Gott sei Dank, — der Junge ist nicht aus der Art geschlagen". Emil war auf bestem Wege, ein junger perfekter und feiner Kaufmann zu werden. Die Mutter hatte nur halben Spaß daran, sie hätte lieber was ganz Anderes aus ihrem Kinde gemacht, zumal da es der Erst- und Einziggcborene war. Aber weil er das Letztere gerade war, darum sagte der Vater: „Mein Name soll nicht ausstcrben, und mein Geschäft auch nicht." Und der Emil ward, was er wurde. Die Mutter hatte in jungen Jahren einen großen Einfluß auf Emil's Gemüth gehabt. Emil hatte auf ihrem Schooßc recht kindlich beten gelernt, an ihrer Hand war er fromin geworden, an ihres Gesichtes Ja- und Neinwinken war ihm der Unterschied von Gut und Böse klar geworden. Aus der Kinderstube war er jetzt in's Comptoir verpflanzt — natürlich, ganz verschiedenes Erdreich. Die Umgebung war eine andere, — seine Gedanken stacken zwischen dem Papier und den Maschinen; seine Gefühle gingen in Ebbe und Fluch, je nachdem die Aktien stiegen oder sielen. Kein halbes Jahr verging, da war das Kind vollständig abgestreift, und nach zwei Jahren gcrirt er sich schon wie ein großer Mann. Der KaufmannSgcist war über ihn gekommen. Da wird das Herz leicht trocken und zum Blcchkastcn, und wenn dann noch Etwas darin tickt und pocht, dann ist es doch wie das Geräusch knöcherner Würfel, die in einem blccherncn Becken gerüttelt. Das stieg dem jungen Kaufmann auch in den Kopf, daß er von aller Welt stark rcspektirt wurde, und wenn ein von der Fabrik und dem Geschäft Abhängiger an Zahltagen mit tiefem Bückling ihn anredete: „Guten Morgen" oder „guten Tag, Herr Nasfgut," dann schmeichelte ihm das ungeheuer, und der sechzehnjährige Herr Naffgut jun. machte dann ein Gesicht, als ob er das schon feit Jahr und Tag gewohnt gewesen. In einer großen Stadt gibt es aber der Kaufleute und Kaufleutchcn gar viele; es sind meist feine Herren und Herrchen, wenigstens mit äußcrm Firniß, und wenn die Schreibstube und das Gcschäftslokal zugemacht ist, dann gcbährdcn sich Manche, als ob das Pläsir und der Jubel die Hauptsache im Menschenleben wäre. An den jungen lebens- frischcn, gutmüthigen Emil hängten sich allmälig wie Kletten auf der Straße und dem Spaziergangc andere Bcrufsgenosscn, meistens „kleinere Leute," di: fremdes Brod aßen, auch einige Ladenjünger, deren ganzes Verdienst in feiner Leinwand und einer künstlich verknoteten Halsbinde bestand. Diese hofirtcn dem Emil als jungen, gescheidtcn Kaufmann und — aber das sagten sie nicht ausdrücklich dabei — als dcreinstigcn Erben eines ansehnlichen Geschäfts und Vermögens, dessen Börse auch jetzt schon vom Vater mit reichlichem Taschengeld gespickt war. Emil labte sich und andere gern, wcnn's ihm Lobsprüche eintrug; darum war's nicht außergewöhnlich, daß er, wenn der Spaziergang schwül und die Zunge trocken wurde, mit seinen Freunden in einem Kaffeehaus oder einem Conditorladcn einsprach. Die leisen Wünsche und Winke der Kameraden waren häufig der Grund; aber Emil'S Börse blieb fast jedesmal für dergleichen gemeinschaftliche Unternehmungen die finanzielle Grundlage. Entschädigt wurde er jedoch durch 91 Schmeichelnden und unterhaltendes Gespräch, worin er im Scherze Mancherlei erfuhr, was er — die Sache ernstlich genommen — noch nicht sobald hätte zu erfahren gebraucht. Seine Neigung für's Theater wurde geweckt und genährt. Man lobce mit stürmischem Beifall sein Urtheil über die Künstler, noch mehr aber über die Künstlerinnen, und wenn er obendrein noch eine oder zwei Flaschen ponirte, dann sagte man entzückt, der Umgang mit Emil sei doch so bildend und unterhaltend, daß man unter keinen Umständen auf diesen geistigen Genuß verzichten möchte. Durch solche Schmeicheleien verblendet, warf sich Emil denn auch als Kenner und Liebhaber des Theaters auf; er war schon so weit, daß er für den Fuß einer Tänzerin schwärmen konnte. Er that wenigstens so. Die Hauptsache, im Mindesten für seine Genossen, blieb das Zechgelage, wo Emils Freigebigkeit aus purer Eitelkeit keine Grenze fand. Der Vater mochte vielleicht von den großen Verschwendungen Nichts wissen; daß der Sohn bis zum späten Abend, ja bis auf die Schwelle der Nacht ausblieb, und zuweilen mit übermäßiger Heiterkeit wiederkehrte, dagegen hatte er so viel nicht einzuwenden; nur wenn's zu arg war, z. B. wenn Emil nicht ganz mehr das Gleichgewicht halten konnte, dann schüttelte er höchstens den Kopf, und sprach ein ungesalzenes Wort, welches der Emil überhörte, traten aber der Mutter bei solchen Gelegenheiten die Thränen in die Augen, dann beschwichtigte der Vater sie mit den Ausdrücken: „Nun, Lenchcn, ehe ich zur Vernunft kam, bin ich auch einmal jung gewesen; junger Wein muß brausen, sonst klärt er sich nimmer und bleibt Spülwasser nach wie vor." Wollte aber die Mutter noch hingegen eine Einrede thun, dann wurde der Vater selbst ärgerlich und sagt wohl knapp: „Ihr Fraulcut' kreischt auch um jede Kleinigkeit." Damit war der Mutter für den Augenblick wohl der Mund geschlossen, aber des Herzens Wunde nicht. Es war ihr, als ob ihr der Emil von Tag zu Tag mehr abhanden käme, und sie wollte ihn doch einmal so ganz gut und christlich haben. Am meisten stach es ihr in'S Herz, daß Emil im Hause nicht mehr so zutraulich, heiter und freundlich war, als sonst; vergeblich spähte sie nach jenem zuthunlichen kindlichen Blick, in dem für die Mutter die Liebessprache des Herzens liegt. Draußen bei den Genossen konnte er doch lustig und heiter sein, und während die Pfropfen flogen, auch seinen an- gcborneu Witz in zählendem Sprudel schäumen lassen. Warum zu Haus die Mißmuthsfalten auf der Stirn, warum die Fältchcn an den Mundwinkeln, die bekannten kleinen tückischen Schlangen? Das Alles schnitt der Mutter in'S Herz, denn sie meinte, und sie hatte Recht, des Kindes beste Stimmung gehöre ihr. Der Mutter ist es am allcrhärtesten, wenn ihr Kind frühzeitig alt und selbstständig werden will; dann hört das Kind fast auf, ihr Kind zu sein! Sie möchte am liebsten, daß ihr Sohn kindlich bliebe, und auch darin hat sie Recht, denn der Muttcrschooß bleibt der beste Hafenplatz, wo das Kindeshcr; sich vor Anker legen kann. Aber der Unmuth und der Harm und das Herzeleid rinnt zuletzt im Muttcrherzen so dick zusammen, daß es sich ausschütten muß. Anfangs hatte sie möglichst sanft aus der Ferne gewinkt, dann zugeredet, zuletzt in allem Ernste gesprochen; Emil aber hatte geschwiegen oder abgewehrt, zuweilen auch störrisch gesagt: „Ein Haushuhn wolle er nicht werden, und Ausspannung komme einem jungen Manne zu." Als sie aber einmal spitz gefragt, ob er ihr denn absolut wehe thun wolle, da hat der zwanzigjährige Sohn spitz geantwortet, ob sie ihm denn absolut kein Vergnügen gönne. Es blieb, wie es war, oder vielmehr, es ward allmählich schlimmer. Zudem merkte sie mit Schrecken, daß sein Herz für die Religion erkaltete. Natürlich, unter all' seinen Freunden war kein Einziger, der, wenn er überhaupt noch zuweilen in die Kirche ging, ein Gebetbuch mitnahm. In frühern Jahren war er oft und gern mit ihr in die Himmclfahrts-Kirche gegangen, aus eigenem Dränge trat er häufig zum Tische des Herrn! Jetzt war er schon zufrieden, wenn er blos an Sonntagen spät eine Schnappmcffe bekam; aus Gewohnheit that er's vielleicht, oder auch aus letzter Rücksicht auf die Mutter. — 92 Kaum aber beugte er noch bei der Wandlung das Knie, um so weniger das Herz, mit den Fingern strich er den schwarzen Gedankenstrich über der Lippe, musterte die enge« karrirtcn Hosen oder steckte die Hände nachlässig vornehm zwischen die Knüpfe des Pale- tot's. Diese religiöse Gleichgültigkeit war der Mutter am allerhältesten; jugendlicher Ucbcrmuth hätte viel leichter bei ihr Gnade gefunden, wenn des Herzens Kern wäre unberührt geblieben. Die Wurzel dieser verkehrten Lebensstimmuug sah sie im Umgänge mit dem Schwärme seiner Kameraden. (Fortsetzung folgt.) Eine Pariser Dame über die Civil Ehe. Den Unterschied des Eindrucks, welchen die Civiltrauung macht, von jenem der kirchlichen Trauung, beschreibt nach eigener Erfahrung eine Pariser Dame, wie folgt: Es ist nicht zu bezweifeln, daß die Heirath auf dem Stadthaus ziemlich wichtig ist, aber ist eS für ein feines Gefühl möglich, diese Wichtigkeit ernst zu nehmen? Ich habe die Sache kennen gelernt, ich habe, wie Jedermann, diese mühsame Förmlichkeit erfüllt, und ich kann nicht ohne eine Art Demüthigung daran denken. Kaum aus dem Wage» gestiegen, bemerkte ich rechts eine schmutzige Treppe; die Mauern waren mit Anschläge« in allen Farben beklebt, und davor stand ein Mann mit braunen Beinkleidern, ohne Hut, eine Feder hinter dem Ohr, und rollte eine Cigarette zwischen seinen mit Tinte befleckten Fingern. Links öffnete sich eine Thür, und ich bemerkte einen niedrigen und finsteren Saal, in welchem ein Dutzend Tambours von der Nationalgarde schwarze Pfeifen rauchten. Mein erster Gedanke, als ich in die Kaserne eintrat, war, daß ich wohl daran gethan hatte, kein weißes Kleid anzuziehen. Wir stiegen die Treppe hinaus und ich sah nun einen langen, schwach erleuchteten, unreinlichen Korridor mit einer Menge Glasthüren, auf welchen geschrieben stand: Beerdigungen — Expropriationen — Todesfälle — Reklamationen — Geburten u. s.-w. und endlich: Heirathen. — Dort nu» traten wir ein.mit einem Knaben, welcher eine Tintcnflasche trug; es herrschte hier eine dicke, schwere, unangenehm warme Luft, welche Einem übel machte. Ein Man» in blauer Livrse, welcher ungefähr so aussah, wie die Tambours, die ich unten gesehen hatte, kam auf uns zu, um sich zu entschuldigen, daß er uns nicht gleich in den Salon des Herr» Bürgermeisters (das ist der Wartcsaal für die erste Klaffe) geführt habe. Ich lief so schnell, wie nach einem Wagen, wenn es anfängt zu regnen, dahin. Dieser Salon Ketzern: Bürgermeisters hatte aber einen Anstrich von Provinzialismus und Spießbürgertum, der mich sehr heiter stimmte. Ich betrachtete zunächst die Uhr, sodann ein Barometer und eine Bibliothek, welche da hingestellt zu sein schien, um eine Thür zu verbergen; und über der Bibliothek stand das Bildniß des Kaisers in Gyps. — In der Mitte des Zimmers stand ein Tisch mit einer grünen Decke, worauf mehrere Tintenflecke waren. Zwei Individuen brachten endlich zwei Register, und als sie sie aufgcschlagc» hatten, schrieben sie etwas hinein. Sie fragten uns nach unseren Namen, Alter, Vornamen, und fuhren dann fort zu schreiben, und i^' hörte, wie der Eine zum Ander» leise sagte: Scmicolou — zwischen den beiden Ehegait n. Eine neue Zeile u. s. w. — Als sie fertig waren, sing der Eine, welcher durch die Nase sprach, an, mit lauter Stimme etwas vorzulesen, wovon ich aber gar nichts weiter verstand, als unsere Name«. Er reichte uns eine Feder, und wir unterzeichneten. — Die Uhr des Herrn Bürgermeisters schlug gerade zwei, und ich hatte eben um zwei meine Näherin zu mir bestellt, um eine Aenderung an meinem Schnürleib vornehmen zu lassen. „Sind wir fertig?" fragte ich Georg, welcher zu meinem großen Erstaunen ganz bleich war. „Noch nicht, liebe Freundin,- antwortete er; „wir werden jetzt in den Heirathssaal eintreten:" — Wir kamen nun in einen großen leeren Saal mit nackten Mauern; i« -V) 93 Hintergründe stand die Büste des Kaisers; hinter einigen Fauteuils standen mehrere staubige Bänke. Ich war sehr schlecht gelaunt bei diesem Anblick; Mama und meine Tanten waren aber sehr heiter gestimmt, die Herren dagegen erschienen mir Alle sehr ernst, und ich bemerkte deutlich, wie Georg neben mir zitterte. Endlich trat der Bürgermeister mit seinem langen schwarzen Talare und der Schärpe durch eine kleine Thür ein. -- Dieser Mann machte einen ganz ansehnlichen Eindruck, und man sagt, er habe sich bereitem bedeutendes Vermögen erworben, aber ich konnte mir nicht vorstellen, daß dieser kleine Herr durch eine Handlung, die er in größter Hast vollzog, mich für ewig binden könne. Außerdem hatte dieser Bürgermeister eine fatale Aehnlichkeit mit meinem Klavierstimmer. Ich biß mir auf die Lippen, um nicht laut aufzulachen. Nachdem der Herr Bürgermeister uns gegrüßt hatte, schnob er sich aus und begann würdig die kleine Ceremonie. Er sagte in Eile mehrere Stellen des Kodex her, indem er jedesmal die Nummern der Paragraphe nannte, und ich verstand so viel, daß man mich mit Gendarmen bedrohte, wenn ich nicht den Befehlen meines Ehegatten gehorchen, wenn ich ihm nicht überall folgen würde, wohin er mich führt. Zwanzig Mal war ich auf dem Punkt, den Herrn Bürgermeister zu unterbrechen und ihm zu sagen: „Erlauben Sie, mein Herr, Ihre Worte sind keineswegs höflich, auch kann das Gesetz nicht so lauten," aber ich hielt mich zurück aus Furcht, den Magistrat zu beleidigen. Er fügte noch einige Worte über die Pflichten der Ehegatten bei, über die Unterschrift rc. „Herr Georg ***, Sie schwören, Fräulein *** zur Gattin zu nehmen?" sagte der Bürgermeister endlich, sich verneigend. Mein Mann verbeugte sich und antwortete: ..Ja."- „Fräulein Bertha * * fuhr die hohe Behörde sich gegen mich wendend, fort, „Sie schwören zum Gatten zu nehmen rc. :c." — Ich verbeugte mich und sagte: „Ja," natürlich, darum bin ich ja hicher gekommen. Das war Alles; ich war vcrheiralhet, wie es schien. Mein Vater und mein Mann > drückten sich die Hände, wie Leute, welche sich seit zwanzig Jahren nicht gesehen haben, ihre Augen waren feucht. Mir dagegen war es unmöglich, ihre Bewegung zu theilen. Am nächsten Morgen brach der große Tag an. Als ich eben erwacht war, öffnete ich die Thür, welche in den Salon führt, und sah meine Kleider auf dem Sopha ausgebreitet, der Schleier lag daneben, meine Schuhe, mein Haarputz in einer weißen Schachtel — nichts fehlte. Ich stürzte ein großes Glas Wasser hinunter. Ich war unruhig und glücklich, ich zitterte. Mir war, wie dem Soldaten, der am Morgen der Schlacht das Vorgefühl hat, dekorirt zu werden. — Ich dachte weder an meine Vergangenheit, noch an meine Zukunft; ich war ausschließlich in Anspruch genommen von -- der Idee dieser Feierlichkeit, dieses Sakramentes, des feierlichsten von allen, deS Gelöbnisses, das ich vor Gott mache» wollte, und dabei dachte ich daran, welche große Menschenmenge in die Kirche kommen würde, blos um mich zu sehen. Wir frühstückten sehr zeitig. Es schien mir, als ob die Domestiken mich mit mehr Sorgfalt bedienten und - mit größerem Respekt umgabcü; ich erinnere mich noch, daß Marie zu mir sagte: „Madame, der Friseur ist da." siKadame!? Ausgezeichnetes Mädchen! Ich habe eS - ihr nie wieder vergessen. Es war mir unmöglich zn essen. Ich hatte eine trockene Kehle und fühlte im ganzen Körper ein Zittern vor Ungeduld, wie wenn man sehr durstig ist und wartet bis der Zucker im Wasser geschmolzen ist. Ich hörte schon den Ton der Orgel, und die Trauung meiner Freundin Emma ging mir durch den Kopf. Ich kleidete mich an. ^ Als ich damit fertig war, ging ich in den Salon, um mich freier bewegen z« - können. Mein Vater und Georg standen da, schon in lebhaftem Gespräch. „Sind die Wagen schon da?" „Ja, gewiß . . ." „Und das Heiraths-Document — ich habe den Trauring. — „Oh, mein Gott, wo ist mein Beichtschein? — Ah, ich habe ihn i» z Wagen gelassen u. s. w." Wir stiegen in den Wagen; ich merkte, daß alle Welt mich anblickte, und sah um den Wagenschlaz Gruppen von Neugierigen. Was ich empfand, kann ich nicht beschreiben, es war köstlich. ^ Der Eintritt in die Kirche, wird mir unvergeßlich bleiben. Wir verweilten einen Augenblick unter dem rothen Teppich. Die große Orgel spielte einen Triumphmarsch, tausend lächelnde Gesichter sahen sich nach mir um und im Hintergründe des Schiffes standen zwei vergoldete Fautcuils, auf die wir uns vor Gott niedersetzen sollten. Meine Freunde, meine Eltern, meine Feinde und meine Bekannten, Alle grüßten uns mit freundlichem Nicken und ich sah — denn man sieht Alles in diesen feierlichen Tagen — daß man mich nicht übel fand. Angekommen an meinem Fautcuil, verbeugte ich mich und machte mein Kreuz. — Die Orgel verstummte mit ihren Triumph-Gesängen und ich hörte zur Seite meine arme Mutter Thränen vergießen. O, ich verstehe, was das Herz einer Mutter bei einer solchen Feierlichkeit empfinden muß! Die Geistlichkeit erschien in pomphaftem Aufzuge; ich blickte auf Georg, er schien verwirrt. Die Rede des Priesters war ein Meisterstück. Er sprach von unseren beiden Familien, „wo Glaube und Frömmigkeit erblich sind, wie die Ehre." Man hätte eine Fliege könne» summen hören, so horchte Alles mit Spannung auf die Stimme des Geistlichen. Einen Augenblick darauf wendete er sich gegen mich, und gab mir mit großer Zartheit zu verstehen, daß ich einen der ersten Offiziere der Armee hcirathe. — „Der Himmel," sagte er, „lächelt dem Krieger, welcher dem Dienste des Vaterlandes einen von Gott gesegneten Degen weihet, und welcher, sich in's Handgemenge stürzcud> sich die Hand auf's Herz legen und dem Feinde das Kriegsgeschrei entgcgenrufen kann: Zch glaube!" Welche Größe lag in dieser heiligen Beredsamkeit! Ein leiser Schauer durchrieselte die Versammlung. Aber das war noch nicht Alles. Der fromme Pfarrer wendete sich darauf an Georg und sagte mit einer ebenso sanften als begeisterten Stimme: „MVin Herr, Sie nehmen znr Lebensgefährtin ein junges Fräulein, fromm anfcr- zogen durch eine christliche Mutter, welche alle Tugenden des Herzens, alle Vorzüge des Geistes mit ihr getheilt hat." — Mama schluchzte. „Sie wird ihren Gatten zu lieben wissen, wie sie ihren Vater geliebt hat, diesen zärtlichen Vater, welcher von der Wiege an ihr die Gefühle des Edelsinns und der Selbstoerläugnung keimen ließ, welcher —" Papa lächelte unwillkürlich. — „Dieser Vater, besten Namen die Armen kennen, und welcher im Hause des Herrn seinen Platz auf der Bank der Auserwählten hat" — Papa ist Kirchenvorstcher — „und Sie, mein Herr, Sie werden, o ich weiß es gewiß! mit aller Reinheit, aller Aufrichtigkeit" — ich fühlte meine Augen feucht werden — „und ohne die vergänglichen Reize zu vergessen, werden Sie dem Himmel tausendmal für die viel kostbareren und dauerhafteren Eigenschaften danken, welche der Engel, den Gott Ihnen gibt, im Herzen und im Geiste birgt." Die hellen Thränen rollten mir über die Wangen; niemals hatte mir unsere heilige Religion größer, erhabener, überzeugender geschienen. Als der geistliche Herr diese letzten Worte aussprach, leuchtete ein Sonnenstrahl auf seinem ehrwürdigen Haupte: das war kein Mensch mehr, es schien mir, als wäre es Gott selbst, welcher durch seinen Mund sprach. O ihr Narren, die ihr euch von den Altären entfernt und nicht die Entzückung eines Herzens kennt, welches sich in Gott vertieft. Wir erhoben uns und standen einer vor dem andern wie das göttliche Ehepaar iu dem Gemälde Raphaels. Wir wechselten die Ringe und der geistliche Herr sprach mit gewichtiger Stimme lateinische Worte, deren Sinn ich nicht verstand, — die mich aber unendlich rührten, denn die weiße, feine, durchsichtige Hand des Prälaten schien mich zu segnen. Während dessen verbreitete das bläuliche Naüchgefäß in der Hand der Chor- Knaben einen frommen Wohlgcruch. Welch' ein Tag, großer Gott! Alles was nachher geschah, verwirrte sich in meinem Gedächtniß. Ich war geblendet, entzückt! Bald naheten sich mir eine Menge Leute, um mich zu beglückwünschen. Die Sa- 95 kristei war voll, man drängte sich um mich herum und ich antwortete auf alle Komplimente mit einem freundlichen Gruß. Ach, — ich hatte das Bewußtsein, daß sich etwas Feierliches vor Gott und Menschen vollzogen hatte, ich hatte das Bewußtsein, einen ewigen Bund geschlossen zu haben ... ich war verheirathct. Mir fiel der gestrige Akt auf dem Nathhausc ein. Ich verglich den Bürgermeister mit dem Herrn Pfarrer, die banalen Worte des ersteren mit der feurigen Beredsamkeit des verehrten Geistlichen. Welcher Unterschied. Hier der Himmel — dort die Erde, dort die platte Prosa eines Geschäftsmannes, hier die himmlische Poesie! (Der Phil Hellene Ludwig I.) Von Nom aus machte König Ludwig 1836 einen Abstecher nach Athen zu seinem Sohne Otto, dem Opfer der väterlichen Vorliebe für die Classicität. Die Akropolis besuchte er fast täglich, und selten verließ er diesen Gipfelpunkt des Hellencnthums, ohne einen Stein, als Bruchstück eines der ehemaligen Zierden derselben, mitzunehmen. — Die ganze Sammlung warf bei der Abreise der Kammerdiener weg. König Ludwig unterhielt sich in seiner Weise gern mit den deutschen Soldaten, die in Bayern für Griechenland angeworben worden waren, aber er wollte keine Klagen hören. Einem dickbäuchigen Feldwebel, der in Athen auf die Frage: „Wie es gehe?" antwortete: „Schlecht, Jhro Majestät!" sagte der König: „Fehlt halt das Münchener Bier. Mir geht es auch nicht zum besten, hab' wenig Dank vom Landtag daheim." Als etliche Soldaten über das Essen klagten, bemerkte der König und dies ist sehr charakteristisch: „Ich kann nicht begreifen, warum ihr klagt; auf meine Tafel in München kommen Oliven als Seltenheit, und hier ißt sie der gemeine Soldat!" Das „Kemptcner Tag- und Anzeigeblatt" brachte vor Kurzem folgendes originelle Inserat: „Zur Notiz! Ich Joseph Mayer, Seifenhändler anS Haldewang, stelle au die Herren Gastgeber im Bezirke Kempten das Ersuchen, mir, da ich mich vor starkem Trinken nicht zu > schützen weiß, ein volles Jahr, die Speisen ausgenommen, nicht mehr als eine Maaß, jedoch bei einer Uebernachthaltung IV- Maaß Bier zu verab eichen. Hiemit warne »ch zugleich, mir bei diesem eigenen Gebote bei Vermeidung gerichtlicher Belangung nicht üble Reden zu sagen, indem mir außer meinem starken Trinken nichts unrechtes nachgewiesen werden kann und ich übrigens den besten Leumund besitze. Nur um meine Haushaltung von diesem bösen Uebel zn befreien, habe ich mir selbst Vorstehendes zur Aufgabe gemacht, um niir Wege der Besserung zu suchen. Bemerke schließlich noch, daß ich Gegenwärtiges jederzeit ändern kann und werde es in diesem Falle durch das Tagblatt wieder veröffentlichen." (Ein Tiroler Faschingsschcrz.) Aus dem Oberland erzählt die „Volks- und Schützen-Ztg." nachstehendes Faschingsstückchen: Ein Wirth in** besitzt nicht blos einige Häuser nebst dazu gehörigen Grundstücken, oder wie man zu sagen pflegt, mehrere „Heimathe", sondern auch ein Paar staatlicher Waden, die er höher schätzt, als Haus und Hof. Geld und Gut, denkt sich vielleicht der Mann, kann jeder Narr besitzen, aber ein so prachtvolles Wirthsgcstell kau» selbst der Pfarrer von Cincinnati nicht ausweisen. Da gab es denn in dem Hause des erwähnten Wirthes schon manch' kühnes Messen der zwischen Knöchel und Knie gelegenen Gegenden, und manche Wette ging zu Gunsten des Wadenköuigs verloren. Vor Kurzem kehrte nun wieder ein wohlbestellter Mann unter jenem Wirthsschilde ein; das geistreiche Gespräch drehte sich bald uin die beiden Säulen des Herkules, und eine Wette, bei welcher der Wirth cjue Heimath aus's Spiel setzte, ward in Gegenwart zweier Zeugen eingegangen. Mit Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit wurden die in Frage stehenden Waden gemessen, das Urtheil fiel zn Ungunsten des Wirthes aus; die Heimath war verloren. Die verlorene Heimath wäre jedoch noch leicht zu verschmerzen, da der geschlagene Mann noch mehrere „Heimatheu" besitzt; aber die Person des Siegers macht das Unglück viel größer, als es erscheinen mag, denn der Ge- ^ winner der Wette ist ein — Schneider. 96 (Wer einem Andern eine Grube gräbt -c.) In einem deutschen Garnisonsstädtchen tzat sich vor einigen Tagen ein Vorfall zugetragen, welcher die Wahrheit des alten Sprüch- «ortes: „Wer Andern eine Grube trägt, fällt selbst hinein", wieder einmal und zwar in höchst ergötzlicher Weise bestätigt. Einem erst kürzlich in das betreffende Städtchen, dessen Name nichts zur Sache thut, versetzten Ossicier fiel es bei Jnspicirung des Festuugsrayons höchst mißliebig auf, daß die in demselben belegenen Rasenplätze vom Publikum zum Bleichen der Wäsche benutzt wurden. Er gab daher gemessene Ordre, daß hinfüro alle zu diesemBehufe ausgetheilten Erlaubnißscbeine zurückzuziehen seien. Nichtsdestoweniger fand der besagte Ossi- rier, als er einige Tage später mit seinen Mannschaften zum Exerciren ausrückte, den betreffenden Platz vollständig mit Wäsche aller Art bedeckt. Aufgebracht über diese der Disciplin Hohn sprechende s>>eo,e-i 1»>arontis. Gr kam und trat seinem verzweifelten Pater das Dach ein. (Kindliche Logik.) „Karlchen, weißt Du nicht, daß, wenn ein Kind immer garstige Gesichter schneidet, der liebe Gott sie ihm einmal stehen läßt." — „Nicht wahr, Tante, wie Du klein warst, ist Dir auch einmal das Gesicht stehen geblieben." Charade (?lus zwei einsilbigen Wörtern.) Wer das Erste stets zu sein, Reich das Zweite zn besitzen. Hat des Glückes sich zu sreu'n, , Kann und wird auch vielfach nützen. — Sonderbar, daß allermeist . Jener, so das Ganze heißt, Nicht entfernt das Erste ist, Noch vom Zweiten überfließt. Auflösung der Charade in Nr. 10 „Achselträgcr." Drnck, Verlag und Redaktion deS literarischen Instituts von 0». M. Hnttler. Nr. L4. 5. April 1868, Sonntllll Gedenkt man, wie viele Menschen man gesehen, gekannt, nnd gesteht sich, wie wenig wir ihnen, wie wenig sie uns gewesen, wie wird uns da zu Muthe! Wir begegnen dem Geistreichen, ohne nns mit ihm zu unterhalten, dem Gelehrten, ohne von ihm zu lernen, dem Gereisten, ohne uns zu unterrichten, dem Liebevollen, ohne ihm etwas Angenehmes zu erzeigen. Goethe. Jer Hlocken Hrauersang über dem Grabe König Ludwig k. von Bayern. Ein Trancrlicd der Glocken Mund Singt um des Mittags zwölfte Stund', Ein Trauerlicd so ernst und bang, Wie's selten durch die Lüfte klang. Im ganzen weiten Bayerland, Vom Rhein bis an den Donaustrand, Auf Bcrgeshöh'n, im Thales Grund Ertönet laut die Traucrkund. Sagt an ihr Glocken all von Erz, Was euch so rührt das kalte Herz, Daß klagend laut der eh'rne Mund Euch überquillt zur zwölften Stund'? — Seht ihr nicht, wie der Lenz erwacht. Der Winter weicht nach langer Nacht? Fühlt ihr nicht lau die Lüfte weh'n In Thales Grund, auf Berges Höh'n? >— »Des Lenzes Lüfte lind und lau, „Wohl säuseln sie durch Feld nnd Au; „Wohl zieht der Lenz von Süden her „Mit seinen Vögeln über's Meer: — „Doch Bayerns Frühling ist vorbei, „Dahin, dahin sein schönster Mai: „Dahin ist ja der Sonne Glanz, „Die ihn erweckt' im Blüthcnkranz. „Zwar weilt der Frühling ewig nicht „Bei uns mit seinem Sonnenlicht; „Doch wie er geht, so kommt er auch „Gar bald zurück nach altem Brauch: — „Dein Ludwig aber, Bayerland! „Vom Himmel dir zum Heil gesandt, — „Er war! — Er kommt nicht mehr zurück! „Nicht labt dich huldreich .mehr Sein Blick! „Doch halt! — noch lebt ja für und für „Des Baycrlandcs schönste Zier „In tausend Herzen liebentflammt, „Die, Wiltclsbach sind angestammt; „In tausend Herzen brennt die Gluth, „Aus tausenh Wunden fließt das Blnt, „Die tief und klaffend schlug der Schmerz „Um ein gebroch'ncs Vatcrherz. — „Die Sterne droben ziehen auf „Am Himmel hoch nach ihrem Lauf, „Ein Pcrlcnschmuck der dunklen Nacht „Voll Herrlichkeit, voll Wnndcrpracht. „Und wie sie droben glänzend zieh'», „Im Meeresgrund sie wicdcrglüh'n: „Ein Schimmer dort, ein Schimmer hier, „Ein zwiefach funkelnd Stcrnrevicr. 106 „Doch kommt der Morgen hell und klar „Dann schwindet fort der Sterne Schaar; „Man weiß dann nicht, wer wohl zuvor „Zu sich beschick der Brüder-Chor: „Wie droben cin's erbleicht, zur Stund' „Ein Licht erlischt im Meeresgrund: — „Zuletzt ist nirgends eine Spur „Im Meer von ihnen, im Azur. Nicht also, Ludwig, zog Dein Glanz „Vorbei am Aug' des Bayerlands. „Nein, nein! Der Sonne glich Dein Licht, „Die, fern auch, durch das Dunkel bricht: „Denn wenn sie Abends geht zur Ruh', „Und Nacht nun deckt die Erde zu, „Dann sendet Licht sie vom Azur „In Mond und Sternen auf die Flur. „Dein Sonnenglanz hat's Land erfreut, „Hat es beglückt, hat es erneut. „Gebettet still in Grabes Grund „Du ruhest nun zur letzten Stund: — „Die Werke doch, die Deine Hand „Schuf überall im Bayerland, „Die Segenspenden, die sie trug „Allübcrallhin mild und klug. „Die Augen, die getrocknet hat „Die Rechte Dein durch Schutz und That, „Die Herzen denen Deine Mild' „Gleich Balsam stillt' die Schmerzen wild: — „Das, freu Dich! sind die Sterne traut, „Die zeugen von der Sonne laut, „Die ihnen in der tiefsten Nacht „Ein leuchtend Licht hat überbracht. „Drum wie aus Tempeln nah' und fern, „Bon Dir erbaut dem höchsten Herrn, „Sich schwinget, Weihrauchwolken gleich, „Gebet empor an Liebe reich; „So auch aus tausend Herzen schlicht „Der Bitte heißes Flehen bricht, „Zum Vaterhcrzeu, Vatcrsthron, „Daß herrlich werde Dir Dein Lohn. — „Wenn Morgens auf der grünen Au „Ein Blümchen steht benetzt von Thau: „„Ein Sternlein wohl, man weiß sich Rath, „„Die Thräne hier vergossen hat". „Du Sonnenblume voller Glanz, „Du Sonne Selbst des Vaterlands! „Aus wie viel Sternen mag der Quell „Der DankeS-Thränen brechen hell, „Aus wie viel Augen licht und klar „Sich schleichen still ein Thränenpaar, — „Als schönster Schmuck, als schönste Zier „Das stille Grab benetzen Dir? „Wie zahllos sind, die Du beglückt, „Die Du beschirmt, die Du erquickt, „So mögen's auch die Thränen sein, „Die Dir befeuchten Deinen Schrein. „Kein Wunder, traun! wenn schmerzerfüllt, „Von tiefstem Leid das Herz durchwühlt, „Ein ganzes Volk umsteht das Grab, „In das Du, Ludwig! stiegst hinab: — „Ein Vaterherz in Dir ja schlug, „Voll Liebe brach's im letzten Zug; „Ein Vat eräug' so mild, so klar „Ward Dir im letzten Blicke starr. „Doch, Heil dir! treues Bayerland, „Daß dieser Fürst die Ruhe fand „In deiner Mitte, deinem Schooß': „Dem Himmel Dank für dieses Loos! „Heil Dir auch, edles Königsherz I „Kein treuer Volk mit ticf'rem Schmerz' „Könnt' Deines Grabes haben Acht, „An Deinem Sarge halten Wacht. „Vergessen Dein, das kann es nicht, „Du hcimgegang'nes Sonnenlicht! „Die Wunde brennt, der Schmerz ist wild, „Zu tief gedrückt in's Herz Dein Bild. „Wenn längst verstummt ist unser Mund, „Dein treues Volk Dein Lob macht kund: — „So lange Sterne droben zich'n, „Die Herzen Dir in Lieb' erglüh'n." —> „Du aber, edler Königsgeist, „Des Volk's, das Du geliebt zumeist, „Gedenke betend; bet' für's Land „Am Rhein- und Main- und Donaustrand»! „Bet' innig warm, in Liebe fest: „Viel Wetter dräu'n von Ost und West, „Vom rauhen Nord, vom warmen Süd „Ein Wetterleuchten flammend glüht." >» 107 Pfeffer s Leiden. Aus dem Lagebuche eines jungen Arztes. Pfeffer hatte seine Studienjahre in angestrengter Thätigkeit verlebt; er war der Atzneikunde mit vollster Liebe ergeben und so eben aus dem Staats - Examen glänzend hervorgegangen. Somit hätte er also glücklich und zufrieden sein sollen. Aber ei» junger praktischer Arzt ist eines der unglückseligsten Wesen. Warum? Die Menschen wollen nur von erprobten Aerzten geheilt oder auch nicht geheilt werden, und bedenken selten, daß zur Erprobung auch Gelegenheit gehört. Mancher junge Arzt ist am Krankenbette weit aufmerksamer, bedachter, sorgsamer, als ein alter, der hin und wieder einen schlaffen Schlendrian für Gewandtheit der Erfahrung, und ein rasches Urtheil für Scharfblick gelten läßt. Da legt sich denn oft solch' ein junger Arzt, wenn er sich an alten und neuen medizinischen Zeitschriften müde gelesen hat — wobei er ängstlich auf jedes Geräusch aufhorcht, ob nicht etwa ein Hülfesuchendcr sich an seine Thür verirrt — endlich, nach langem, vergeblichem Harren in's Fenster, und unglücklicher Weise rennt ein Arzt nach dem andern geschäftig an demselben vorbei, fährt ein Wagen nach dem andern, i» welchem ehrwürdige Gebieter über Leben und Tod gravitätisch sitzen, eilig vorüber. Der arme Mann am Fenster denkt in dem Momente nicht an die glänzenden Einkünfte seiner Collegen, nicht an ihre bedeutende Stellung, als Leibärzte vornehmer Herren und Damen — er beneidet sie eigentlich nur um den kranken Taglöhner, zu dem sie eben miß» muthig die vier Treppen hinaufklettern, und denkt: Wie freudig würde ich zehn Mal des Tages zu dem Manne hinaufspringen, wenn er mich zu seinem Arzt auser- wählt hätte! So ging es unserem Pfeffer. Seit vier Wochen war er approbirt und vereidct, vier Wochen schon prangte an seiner Hausthür das weiße Porzellan - Schild mit den großen goldenen Worten: „Doctor Pfeffer, praktischer Arzt, Operateur und Geburtshelfer," daneben der glänzend polirte Klingelzug — und noch immer hatte kein Mensch von diesen einladenden Worten Notiz genommen, noch war dieser Klingelzug von keiner ängstlichen Hand zur Nachtzeit ergriffen und hastig gezogen worden. Die zehnte Abendstunde des neunundzwanzigsten Tages seiner ärztlichen Laufbahn, bei der er leider nichts zu laufen hatte, war vorüber, verdrießlich ging Pfeffer zu Bett und versuchte einzuschlafen. Es wollte ihm bei seiner aufgeregten Stimmung schwer gelingen. Endlich versank er in einen Halbschlummer — da — war's Wahrheit oder Täuschung? — Pfeffer dachte nicht so lange nach, als es Zeit braucht, diese Worte niederzuschreiben — er hatte klingeln gehört und war mit einem Sprunge aus dem B^tt und am Fenster. Aber er sah nichts und hörte nur aus der Ferne das höhnische Gelächter einiger Buben, die sich ein Späßchen daraus gemacht hatten, an der Klingel zu ziehen. Das Fenster ward wieder zugeschlagen, wobei eine Scheibe zersprang, die Luft zog frei durch die Lücke ein. Pfeffer ging, wie ein Philosoph, mit gemessenen Schritten zu Bette und stellte Betrachtungen an über getäuschte Hoffnungen. Wieder begann Morpheus einige Mohnkörner über ihn auszustreuen da — zog eS von Neuem an der Klingel. Diesmal erhob sich der junge Doctor langsam, wie es der Würde eines Arztes geziemte. Werde ich abermals gefoppt? dachte er stirnrunzelnd. Doch er stand auf. — Da klingelte es schon wieder. — Halt! ich will mich doch wenigstens nicht auslachen lassen! — Er drängte sich an den Fensterpfciler und schaute von der Seite, ohne von unten bemerkt werden zu können, durch die zerbrochene Scheibe. Da erblickte er einen Strohhut, der sich vvm Monde romantisch beleuchtet vor der Hausthür hin und her bewegte. Nun war das Fenster auch bald geöffnet. — „Bcrchrtester Herr Doctor!" — klang eine bittende Mädchenstimme von der Straße herauf — „nch- 108 men Sie es nur nicht übel, daß ich Sie so spät incommodire!" — „Keineswegs, mein ^ Fräulein! Soll ich mitkommen? Ich bin den Augenblick bei Ihnen!"-„Ach nein, vcrehrtester Herr Doctor, ich bin ja nur das Kammermädchen von der Frau Gräfin , hier aus dem Hause; ich habe mit meinem Geliebten, dem Kammerhusaren des Grafen Olszewski eine kleine Promenade im Mondscheine gemacht, und da haben wir uns etwas verspätet. Nun bin ich so frei gewesen, bei Ihnen zu klingeln, und wollte Sie bitten, ^ es ja nicht übel zu nehmen und mir den Hausschlüssel herunterzuwerfen, und ich werde Ihnen denselben morgen in aller Frühe mit dem schönsten Danke wieder zustellen. — Aber Sie sind doch nicht böse, verchrtcstcr Herr Doctor!" Der verehrteste Herr Doctor konnte vor Aerger kein Wort antworten, holte den Hausschlüssel herbei, warf ihn zum Fenster hinunter, daß er auf den Strohhut der nachtwandelnden Kammerzofe siel, schlug das Fenster wieder klirrend zu und sprang in's Bett. Jetzt schien es mit seinem Schlaf vorbei zu sein, er warf sich hin und her, dachte an alle seine lustigen Bekannten, dachte an die längsten Krankengeschichten in den neuesten medicinischen Journalen, doch nichts wollte wirken; endlich las er sogar den „Bayerischen Staatsbürger," der inzwischen für immerdar entschlafen ist, und schließlich noch die „Schwäbische Eilpost," welche dem Staatsbürger nacheilt, doch auch dies fruchtete nichts. Nun löschte er das Licht wieder aus und legte sich rcsignircnd auf sein Kopfkissen. Da — o ihr neckischen Geister der Nacht! — klingelte es wieder, aber ganz leise, wie von einer schüchternen, furchtsamen Hand. Gibt es noch mehr in Liebe und Mondschein schwärmende Kammerzofen hier im Hause? — war sein erster Gedanke. Sein zweiter: es läge doch wohl in der Möglichkeit, daß sich endlich das Geschick und ein Kranker seiner erbarmt hätten. Bevor er Zeit gewonnen, einen dritten zu fassen, war er aus dem Bette und am Fenster. „Was wünschen Sie?" — Wohnt nicht hier ein Doctor?" — „Zu dienen!" — „Erbarmen Sie sich und kommen Sie mit mir! Meine Mutter liegt in den heftigste« » Krämpfcn!" — Mitkommen — heftigste Krämpfe — diese Worte elektrisirten unsern Doctor. — „Bald, bald!" rief er, und wäre in einer Minute angekleidet gewesen, wenn das Sprichwort: „Eile mit Weile" nicht gar zu wahr und nicht die Hastigkeit die Mutter der Verwirrung wäre. So kam es, daß er erst den einen Stiefel, dann die Weste verkehrt anzog, und außerdem noch einige Kleinigkeiten an die unrechte Stelle brachte und endlich, als er nach dem Hut griff, in der Hast einen Todtenschädcl erfaßte, der ihn im fahle« Mondlicht grinsend anstierte. Aergerlich schleuderte er das Knochenhaupt von sich und lief ohne Bedeckung davon. Die Treppe flog er hinab, schon stand er an der Hausthür, schon hatte er die Klinge ergriffen und drückte, da fiel ihm erst ein, daß die Thür verschlossen und sein Schlüssel in den Händen der in Liebe und Mondschein schwärmenden Kammerzofe sei. Jetzt war es mit seiner Geduld Matthäi am letzten! O Schicksal! O Glücksund Unglücksnacht! — rief er und er hätte heulen mögen vor Wuth. Wie Simson au dem Pfosten des Philister-Gebäudes, rüttelte er an dem Schlosse der Thür, doch das eiserne Schloß knarrte nur und rührte sich nicht. „Kommen Sie bald, Herr Doctor? Haben Sie Erbarmen, eilen Sie!" jammerte draußen eine zarte Stimme, daß dem Doctor das Herz aufging in Mitgefühl, und immer knarrte und rasselte die Thüre und wollte nicht aufgehen. Nach langen vergeblichen Versuchen sah er endlich ein, daß mau nicht mit dem Kopf durch die Thür rennen kann, und entschloß sich, — da ihm nichts Anderes übrig blieb, — das Schlafgemach des von Liebe und Mondschein träumenden Kammermädchens aufzusuchen, um seinen Hausschlüssel wieder zu fordern. Das Haus, in welchem er wohnte, hatte drei Stockwerke, die sämmtlich bewohnt waren; in jedem Stockwerke befand sich eine Reihe von Thüren, von diesen sollte er nun 109 ^ die Einzelne herausfinden, hinter welcher die verwünschte Kammerzofe schlief, die er als eine böse Fee, als die Quelle all' seines Unheils betrachtete. Er stieg die Treppe hin- , auf; ging an der Wand herum, wie betäubt vor Aerger, und sing nun an der ersten Thür, auf die er stieß, erst leise, dann immer nachdrücklicher zu pochen an. Niemand ließ sich vernehmen. Er legte sein Ohr an's Schlüsselloch, Alles war still darin. End- ^ lich legte er die Hand auf die Klinge, sie gab nach, die Thür sprang auf, er blickte in'S Zimmer, da grinste ihn vom Fußboden, vom fahlen Mondschein beleuchtet, ein Todten- köpf entgegen! Alle! --Nein, das ist zu toll! Er Hatte in der Verwirrung fünf Minuten lang an seine eigene Stubenthür gepocht! Er ließ die Thür offen und tappte weiter. Endlich gelangte er an eine Thür, durch die ein vernehmbares Husten drang. Krankhafte Zustände haben für jeden Arzt eine besondere Anziehungskraft. So klopfte denn Pfeffer leise an die Thür. Ein Mops fing an zu bellen, ein Paar auS dem Schlummer aufgeschreckter Katzen zu miauen und ein gewaltiges Husten tönte grell dazwischen. „Wer klopft?", rief eine weibliche Stimme. Der Toctor stotterte in der größten Angst und Verlegenheit: „Schläft vielleicht i« diesem Zimmer das Kammermädchen der Frau Gräfin?" Von Neuem donnerte ein gewaltiges Husten durch das Zimmer und dazwischen ertönten die Worte: „Welche Unverschämtheit! Um diese Zeit nach der Dirne zu fragen! Zch werde sogleich meinen Kutscher wecken, damit er Ihm den Weg weise." Vergebens versuchte der Doctor dieses traurige Mißverständniß aufzuklären; er konnte den reißenden Strom der gräflichen Rede nicht hemmen. Da klapperten ein Paar Pantoffeln in der Nähe, und von der oberen Trepp« herunter stieg die von Liebe und Mondschein angehauchte Kammerzofe. Sie hatte dcu Lärm gehört und geglaubt, die gnädige Frau rufe nach ihr. „Ein Dieb! ein Dieb!" schrie das Mädchen, als sie den Doctor an der Thür ihrer ^ Herrin erblickte, und wollte fliehen. Der Doctor eilte ihr nach, aber das Mädchen schrie Zeter Mordio. Da ertönte vom Hofe empor eine derbe Baßstimme: „Was geht denn dort oben vor? — was ist das für ein Spektakel?" „Johann, kommt herauf!" schrie die Gnädige aus der Stube. — „Er packt mich!" jammerte das Kammermädchen. — Der Doctor rang mit Angst und Wuth. „So hören Sie mich doch an!" rief er zähneknirschend; doch das Mädchen schrie nur und wollte nicht hören. Jetzt ertönten feste Männertritte auf der Treppe, und um nicht schließlich noch unter die Fäuste eines Kutschers zu gerathen, ließ er die Zofe los und eilte nach seinem Zimmer. Der Kutscher kam herauf. „Was ist denn hier los?" ,;Ach!" schrie das Kammermädchen, „er hat mich gepackt!" — „Er wollte ja aber zu Dir, freche Dirne!" schrie die Gnädige hinaus. „Aber wer denn?" fragte der Kutscher, „es ist ja Niemand hier." „Wie? Er ist fort? — Mein Gott, am Ende war's ein Geist!" — Ach, der Geist des selige» Tapezicrs-Gesellen, der vor Gram gestorben sein soll, weil ich ihm einen Korb gab. Ach! nun verfolgt er mich." Jetzt trat der Doctor mit Licht aus seiner Thüre. Da er wohl einsah, daß es bei der tragi-komischen Wendung der Dinge das Beste wäre, den Schein anzunehmen, als wüßte er nichts von dem Vorgänge, so stellte er sich selbst verwundert, forderte aber sogleich den Schlüssel von dem Gespenster sehenden Kammermädchen, indem er den Zufall pries, der sie ihm enlgegenführtcj da er zu einer Kranken aus dem Hause müßte. „Den Schlüssel," sagte das Mädchen, „habe ich Ihnen, Herr Doctor, mit Dank auf Ihre Thürschwelle gelegt, weit ich mir wohl dachte, daß Sie ihn in der Nacht noch brauchen könnten." Der Doctor griff nach der Schwelle, hob von da den Hausschlüssel ohne Dank auf. 110 Hiß die Zähne zusammen, warf einen seltsamen Blick auf die Zofe und — flog die Treppe hinunter. Hastig schloß und riß er die Hausthür auf; — es stand Niemand mehr da. Er blickte um sich und sah eben einen in seiner Nähe wohnenden Collegen mit einem Mädchen rasch vorübcreilen und hört dabei noch die Worte des Mädchens: „Ich habe mich da drüben an der Thüre des Doctors, der mich hartherzig warten ließ und endlich gar nicht kam, so lange aufgehalten —'was wird meine arme Mutter machen?" Sehr, sehr langsam stieg der Doctor die Treppe hinauf und Wochen vergingen, ehe er den Gruß der Zofe erwiederte, die niemals ahnte, wie schweres Leid sie ihm angethan! — Cardillae, der Goldschmied von Paris. Nach dem Französischen. Im Herbste des Jahres 1680 ereigneten sich in Paris sonderbare Thatsachen. Im Quartier de l'Arsenal, in der Gegend des Hotels St. Paul und der Nur Petit-Musc, wurden wiederholt junge Männer, Söhne reicher Bürger, ermordet aufgefunden. Die Wunden, die man an ihnen vorfand, waren immer derselben Art; eS mußte gut gezielt worden sein, denn jede war töbtlich und mit einem Dolche in der Nähe des Herzens beigebracht. Die gesummte Polizei von Paris wurde aufgeboten. Man suchte und lauerte, konnte aber nicht dem ersten Buchstaben dieses gchcimnißvollen Räthsels auf die Spur kommen. Ein bizarrer Umstand begleitete jeden dieser Morde, die in dem abgelegenen Theile von Paris stattfanden. Es hatte den Anschein, daß die Mörder nur Jene auf's Korn nahmen, welche Schmuck trugen. Und daß die Pariser zu allen Zeiten Liebhaber von Schmuckgegenständen waren, beweist Mercier in seinem „Tableau de Paris" durch folgende Anspielung: „Man hat Tabatieren für jede Jahreszeit, die für den Wintergebrauch ist schwer, die für den Sommer ist leicht. Man hat die Passion so weit getrieben, daß man die Dosen alle Tage wechselte, und daß man nach der Tabatiere den Geschmack des Mannes beurtheilte. Man brauchte, um als Mann von Geschmack und Geist zu gelten, weder eine Bibliothek, noch eine Gemälde-Sammlung zu besitzen, wenn man nur 300 Dosen und eben so viel Ringe hatte. Der Handel mit Bijouterien war ein enormer, denn es war damals Modesache, -recht viel Geschmeide einzukaufen. Bei manchen Privaten fand man ein förmliches Magazin von Juwelen, so daß man sich in ein Goldschmiedgewölbe versetzt glaubte. — Darin lag der Stolz und die Eitelkeit der Reichen. Männer von diesem Kaliber waren es nun, welche im Quartier de l'Arscnal ermordet vorgefunden wurden. Und da diese von den Mördern immer ausgeraubt wurden, so kann man wohl denken, daß es damals eine große Gefahr war, Schmuck öffentlich zur Schau zu tragen. Zu jener Zeit lebte in dem genannten Quartier ein Juwelier, Namens Cardillae, der einen weitverbreiteten Ruf besaß. Niemand wußte mit mehr Geschmack einen Diamanten, einen Smaragd, oder einen Rubin zu fasten. Rens Cardillae, der für sein Handwerk fanatisch schwärmte, war ein Mann von strenger, ernster Erscheinung. Er war breitschulterig und außerordentlich muskulös gebaut, und besaß in seinem fünfzigsten Lebensjahre noch die volle Frische der Jugend. Sein volles, rothes und gelocktes Haar, sein ausdrucksvolles, markiges Gesicht, charakterisierten den Mann vollends. Er war von seinem Metier so eingenommen, daß er zu sterben glaubte, wenn er -sich von einem Edelsteine trennen mußte. N1 Wir sagten, daß seine Schmucksachen in Paris ein großes Rennomse besaßen, und daß man ein Geschenk nur dann als vollendet und besonders wcrthvoll betrachtete, wenn rS von Cardillac gekauft war. Und sonderbarer Weise wurden bloß jene Leute von den Mördern angegriffen, welche seine Schmuckwaaren trugen. Der Polizei-Lieutenant von Paris, d'Argenson, war über diese nächtlichen Attentate außer sich. Er gab sich alle erdenkliche Mühe, um auf die Spur zu kommen, und beorderte schließlich einen der geschicktesten Agenten jener Zeit, Namen Degrais, auf die Lauer. Aber Degrais stattete einen merkwürdigen Bericht ab. — Er hatte gelauert und den Mörder in dem Augenblicke überrascht, als er über das ermordete Opfer herfiel, um ihn zu berauben. Schon glaubte der Polizist den Mörder erfaßt zu haben, aber dieser entwand sich wie ein Aal den Händen des Agenten und verschwand rasch wie ein Blitz zwischen den Mauern einer Ruine, die sich in jener öden Gegend befand. Degrais galt für den wüthigsten und listigsten Agenten, gleichwohl wagte er nicht, dem Mörder zu folgen, er meinte, der Teufel in Person habe sich zum Chef jener Brigantenbande gemacht. Und seitdem wagten selbst die Häscher nicht die Nachtrondc zu machen, bevor sie sich nicht mit Weihwasser besprengt hatten, obschon sie überdies sämmtlich geweihte Amulette trugen. Wer war aber wirklich der Urheber aller dieser Morde? — Es war, wie man nachträglich erfuhr, keine Bande — sondern eine einzige Person. ES war Rens Cardillac, der Juwelier, der seine Käufer ermordete, um zu den Juwelen wieder zu gelangen, die er ihnen früher verkauft hatte. Ich weiß nicht, wer einmal den Spruch gethan, daß Edelsteine auf gewisse Naturen einen so dämonischen Zauber ausüben, wie Faust's Schmuckkästchen auf Gretchcn. Es schien dies wenigstens bei Cardillac der Fall gewesen zu sein. Cardillac hatte in seiner Wohnung eine antike Statue des heiligen Paul. Mittelst eines eigenen Mechanismus drehte sich diese Statue von selbst und eröffnete hiedurch eine Passage in einen unterirdischen Gang, der in einem verfallenen Gemäuer endete. Hier zwischen den Ruinen wartete Cardillac auf die Opfer, die er überfiel,' ermordete und beraubte. Sobald nun die Wache in Sicht kam, die den Mörder schon erwischt zu haben glaubte, verschwand dieser im Gemäuer durch eine, geheime Oeffnung und kehrte auf diese Weise durch den unterirdischen Gang wieder in seine Wohnung zurück, ohne daß auch nur die Nachbarn eine Ahnung von der Abwesenheit Cardillac's gehabt hätten. Ob vorstehende Erzählung wahr sei, kann freilich nicht verbürgt werden, da sie in den Annalen von Paris nirgends zu lesen ist. Aber die hundert Vorstellungen im Ambigu-Theater, in welchem Lemaitre die Rolle des Mörders Cardillac's spielt, haben diesem Manne eine solche Popularität in Paris verschafft, daß es Leute gibt, die noch gegenwärtig an der Ecke der Nue dc la Cerisaie den Punkt bezeichnen zu können glauben, durch welchen der Mörder in den geheimen Schlupfwinkel entschlüpft war. (Glück im Spiele -— und Verderben im Leben.) Der Bahnwächter auf einer kleinen Eisenbahnstation im Vcnetianischen hatte das „Glück," in der ersten heurigen Ziehung der Zahlcnlotteric in Venedig einen Tcrno mit 1500 Lire (zu 40 Saldi) zu gewinnen. Freudig erhob der stets gutmüthige, in den bescheidensten Verhältnissen lebende Mann den Gewinnst, diese unverhoffte Neujahrsbeschcerung, und kehrte, nach einem Schluck guten Weines, am Abende heim. In seinem Wächtcrhause zündete er zu allererst ein tüchtiges Kaminfeuer an und breitete dann die Banknoten auf dem Tische aus, um sie nochmals zu zählen. Sein dreijähriges Söhnchen guckte ihm dabei neugierig zu. Plötzlich ertönt das Signal eines herannahenden LastenzugcS, der pflichttreue Wächter vegab 112 sich allsogleich auf seinen Posten, von dem er erst nach Vorüberfahrcn des Trains zurückkehrte. Welcher Schreck aber ergriff ihn bei dem Anblicke, der sich ihm nun bot! Sein Söhnchen stand am Kamine und unterhielt sich damit, die Banknoten in's Feuer zu werfen, so daß die Flamme hoch aufloderte. Das Kind wußte ja nicht, was eS that. Das bedachte jedoch in der ersten Zornes- und Schmerzesaufwallung der unglückliche Vater nicht — einem Rasenden gleich faßte er das schreiende Knäblein und schleuderte es mit solcher Wucht gegen den Boden, daß es sofort mit zerschmetterter Hirnschale den Geist aushauchte. Auf das Schreien und den Lärm eilte die Mutter, ihr jüngstes Kind im Arme, herein, sah die Schauderscene und sank wie leblos zur Erde nieder — hiebet entsank ihr der Säugling, fiel und verschied sofort in Folge einer heftigen Gehirn- Erschütterung. Verzweifelnd rannte der Mann in die Nacht hinaus zur nächsten Stadt und stellte sich selbst, als dreifachen Mörder, dem Gerichte, denn er hielt auch seine Gattin für todt. Ohne Zögern verfügte sich eine Commission nach dem Bahnwärterhäuschen — ihr schloß sich ein zufällig auf der Durchreise befindlicher deutscher Arzt an. Man fand das Weib des Bahnwächtcrs ohnmächtig, doch den Bemühungen des menschenfreundlichen Arztes gelang es, sie wieder in's Leben zu rufen. Ob der Aermsten damit eine Wohlthat geschehen, das weiß nur Gott — sie steht jetzt allein in der weiten Welt, ihre Kinder sind todt und ihr Mann, deren unzurechnungsfähiger Mörder, ist wahnsinnig geworden. Der Bahnwächter befindet sich nun in der Irrenanstalt, die verlassene Frau aber hat durch die humane Fürsorge des obenerwähnten Doctors wenigstens in einem benachbarten Orte zeitweilig Unterkunft und Pflege gefunden. — Der Italiener pflegt einem Feinde zu sagen: „Ich wallte, daß Du einen Ambo gewännest" — nämlich, dann würde die gesteigerte Spiclwnth Dich verleiten. Dein Geld zu verlieren — dem unglückseligen Bahnwächtcr aber hat selbst das seltene Glück eines Tcrno zum Verderben gereicht. Bleibt darum nicht immer der beste Wahlsprnch: „Bete und arbeite!?" (Der samintenc Oberpalier.) In den dreißiger Jahren herrschte in München das regste Leben in der Kunstwelt. Wohin man auch kam, überall wurde gehämmert, gepinselt, gebaut; jener Franzose hatte so Unrecht nicht mir der Aeußerung: „München habe zweierlei Einwohner, solche, die bauen, und solche, die zusehen." König Ludwig war früh und spät auf den Bauplätzen, um sich von dem Fortgange der Arbeiten zu überzeugen; er trug mit Vorliebe einen schwarzen Sammtrock. Die Maurer, deren es Tausende in der Hauptstadt gab, nannten ihn unter sich nur den „snmmtcncn Oberpalier." Die Pläne von allen Neubauten in München, auch die von Privaten, mußten ihm vorgelegt werden; mitunter corrigirtc er auch hinein, wie er denn ein Mal eine schöne Zeichnung von Gärtner, die Fatzade des Staatsbibliothek-Gebäudes, mit Bleististstrichen total ruinirtc, und dcni Architekten, als der König ihm seine Ausstellungen daran andeutete, bei dem Anblick seiner Arbeit Thränen in die Augen kamen. Der König, der keinen Widerspruch duldete und seines Obcrbanraths Aergcr gar wohl bemerkte, schnitt diesem, als er seine Motive vertreten wollte, gleich das Wore ab: „Lieber Gärtner, Sie haben den Katarrh, da ist das viele Reden beschwerlich." Was der König angab, mußte nach seinen Intentionen ausgeführt werden, selbst, als Professor Wiedemann die Neitcrstatuc, welche auf dem OdconSplatze steht, modcllirte, nahm er dessen Geduld durch Aenderungen nicht wenig in Anspruch König Ludwig war ein schlechter Reiter, daher der Volkswitz sagte: die beiden Pagen vorn am Pferde seien gemacht worden, damit der König sicher sei vor dem Fallen. Eine dankbare Schülerin schrieb in das Stammbuch ihrers Lehrers, der Schade hieß: „durch Schade'» wird man klug!" Druck, Derloa und Redaktion des literarischen Instituts von Dr. M. Huuler. Nr. 15 . 12. April 1868. Augsburgee Hoffen ist in Rücksicht der Standhaftigkeit gefährlicher, als man wohl denkt. Nicht nur nimmt sich die Hoffnung den weitesten Spielraum heraus, und will das Oceau-Beckcn der Zeit gern als Triukschale der Stunde an die Lippsn setzen; sondern auch durch ihre Süßlichkeit entkräftet sie zu scharfem Widerstände, und erschwert das entscheidende Verzicht- leisten. Wollt ihr doch Hoffnungen haben: gut, so haltet sie für frohe Träume! Jean Paul. Sanct Jarthelmä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. I. Das Kreuz am See. Ein lang gezogener kräftiger Ruf hallte durch den heißen Sommcrnachmittag, dessecr tiefblauer sonniger Himmel sich in dem dunklen See so tief und vertieft abspiegelte, als wäre es ihm selbst ein wohliges Gefühl, mit seiner Schwüle unterzutauchen in dem kühlen regungslosen Gewässer. Der See — damals noch namenlos — ist jetzt der Königssee geheißen und mit Recht, denn er ist das Kronjuwcl in dem Fclscndiademe der Alpen. Der Ruf kam in der Richtung vom Tcufelshorn her, wo jetzt durch Tannenwald und Steingctrümmer der Landthalerbach sich herunterstürzt zu der einsamen Fischunkel- Alm: die rothgraue riesige Sagcrcckerwand gegenüber gab »niederhaltend den Ruf zurück — sonst war es still und. lautlos: nur ein Seeadler, vielleicht in seinem Horst aufgestört, strich mit langsam mächtigen Flügelschlägen über die Schrofen und Berggrate hin, der Watzmannschartc zu. Der den Ruf ausgestoßen, mochte aber eine Antwort erwartet haben und wiederholte ihn deßhalb, stärker und nachyallendcr als zuvor; zugleich ward am Saume der Waldregion ein Mann sichtbar, der unter den Bäumen hervortrat, dann auf dem schmalen Rasenstreifen über der Felswand stehen blieb, und einen scharf prüfenden Blick über die Höhen hin und in die Thaltiefen hinunter streifen ließ, als gelte es, die verlorene Spur einer entflohenen Beute »nieder zu entdecken. Daß er eben vom Waidwerke kam, war an dem Wurfspieß zu erkennen, dessen eingerifsene Eisenspitze hoch über die ansehnliche Gestalt des Mannes hinausragte, nicht minder an dem starken Bogen, der gurr über den Rücken geworfen war, während voin Gürtel des grobfaltigen Lodenwammses ein hölzerner Köcher niederhing, mit einem Stück rauher Thicrhaut überspannt und mit kurzen Fcderpfeilen besteckt. Dennoch schien es wieder nicht eine Jagdbeute zu sein, wornach der Mann ausblickte, denn über die Schulter lag ihm ein noch blutender, also frisch erlegter Stein- bock, dessen mächtiges Gehörne hoch über der Ledcrkappe dcS Jägers emporsah, daß eS schier dazu zu gehören schien, als Wehr und sonderbare Zier. Unter der von einem Eisenrande eingefaßten Haube fielen lange Strahlen schlichten Haares über Nacken und 114 Schultern herab, aber gebleicht und stark von den Jahren gelichtet. Dem hicnach mutmaßlichen hohen Alter des Mannes widersprach aber wieder die rasche Behendigkeit, mit welcher er nach kurzer vergeblicher Umschau, trotz der beträchtlichen Last auf seinen Schultern den steilen Felsweg hcrniedcrsticg, der eher einem durch Bcrgwasser und Gewittergüsse eingerissencn und ausgespülten Rinnsale glich als einem wirklichen gebahnten Pfade. Mit hoch gehaltenem Nacken und straffen Kniekehlen kam er von Absatz zu Absatz herunter und schien es weder zu fühlen noch zu beachten, wenn sein Fuß auf dem lockern Gerölle ausglitt oder das scharfe Gestein die groben Schuhe schürfte, welche aus starkem Leder kunstlos geschnitten und mit groben Riemen um Sohlen, Fcrscu und Knöchel festgebunden waren. Es war nicht, als ob er von seinem Tagwerke heinikchrc, sondern als hätte er, dasselbe rüstig zu beginnen, eben den ersten Fuß über die Schwelle gesetzt. Die Schnelligkeit deS Steigens hinderte aber nicht, daß er manchmal einen Blick in die Thalenge und auf den Secspiegcl hinunter schickte, ob nicht auf demselben, da sonst alles ruhig blieb, ein Fahrzeug sichtbar werden wollte. Die Wasserfläche war weit hinaus zu übersehen, denn damals hatte noch kein Felsdamm den jetzigen Oberste von dem Hauptgcwässtr getrennt und das Auge glitt ungehindert auf der Flut dahin bis an das anmuthige grünberaste Fleckchen Ebene, welches am Fuße des Watzmann sich wie ein freundliches Eiland ausbreitet, während ihm gegenüber die Seewand sich als Bollwerk vordrängt, als wolle sie dem Ankommenden wehren, in das untere langgestreckte Seebecken zu gelangen, das dahinter in seiner ganzen.furchtbaren Herrlichkeit sich auflhut. Einigemale hielt der Waidmann in seiner Näherung an, denn ohne durch seinen Ruf veranlaßt zu sein, zog manchmal ein eigenthümliches Getöse durch die Luft, das sich bald wie das dumpfe Rollen sich reibender Massen anhörte, bald wie das tropfenartige Gericsel abbröckelnden Gesteins. Der Jäger blickte staunend über sich im Luflkrcise herum ^ dann sah er zum Boden nieder und prüfte, ob allenfalls sein Tritt das Geröll gelockert habe und in die Tiefe poltern machte. Dann richtete sich sein Auge wieder nach oben und blieb an dem gegenüberliegenden Berge hangen, dessen riesige Spitze so hoch über alle andern Zacken und Höhen'um ihn her emporragte, daß selbst das Fclscnhaupt des furchtbaren Watzmann davor wie gebeugt und niedrig erschien. Die Spitze war wunderlich gestaltet und lief zuletzt aus allerlei Zacken in ein ungeheures Horn zusammen, dessen Schneide, nach vorne übcrgebeugt, weit in die Luft hinein ragte und so, getragen von der einwärts gekrümmten, fast höhlenartigen Wand, einen grauenhaften Ueber- hang bildete. „Der Kaunstcin," sagte der Jäger vor sich hin, „hat wieder einmal seinen bösen Tag! Die Kobolde und Schwarz-Elfen mögen wieder ihr Wesen treiben!" Dabei hob rr die rechte Hand in die Höhe, daß sie geschlossen erschien und nur der Zeigefinger und der kleine Finger ausgestreckt waren. So hielt er die Hand gegen die unheimliche Bergwand hin und murmelte: „Zurück von mir ... ich weise den Zauber ab — alles Neidingswerk falle auf Euch selber zurück!" Gelassen und wie beruhigt setzte er dann seinen Weg fort. Sein Herannahen wie sein Rufen waren indessen nicht so unbeachtet geblieben, als es den Anschein hatte. In der Ebene, wo der Landthalerbach sich in den See ergießt, war das Gestade nicht felsig und fest, wie jetzt, sondern zog sich in langen Streifen von Schilf und Geröhricht bis gegen den ansteigenden Rasen und den Tanncnforst der Fischunkel hin. Das Wasser stand seicht und in sehr langsam zunehmender Tiefe über dem weichen schlammigen Grunde, aus welchem dichte Rohrstcngel mit ihren schwarzbraunen Rohrkolben sich erhoben und im Winde schaukelnd die starren Blätter an einander rauschen ließen. Dazwischen stieg die schmucke Scefeder empor und schwenkte träumerisch den grauen Bart. In dem Geröhricht lag ein großer Nachen, der in seiner roh bchaucnen Gestalt noch voll- 115 kommen erkennen ließ, daß er vor nicht langer Zeit nichts Anderes gewesen, als ein riesiger Eichbaum, dessen Stamm nur etwas zugerundet, unten abgeplattet und oben ausgehöhlt worden war, um als unscheinbares aber tüchtiges Fahrzeug zu dienen. An dem Nachen war ein junger Mann in voller Thätigkeit und bemühte sich, denselben vom Gestade, auf das er theilweise herausgezogen war, loszumachen und in's Wasser zu bringen. Er war in einfaches grob Harnes Wamms gekleidet, an dessen Gürtel ein starkes Messer steckte, dem ein GemShorn zum Griffe diente. Die Beinkleider, wie das Gewand, von Haften und Fibeln zusammen gehalten, reichten nur wenig über die Kniee herab; die Füße waren bloß aus festgebundenen Sandalen bedeckt, auf dem Scheitel saß ein breitrandiger Hut aus Wcidengeflccht, auf den kräftigen sonnenbraunen Nacken siel daraus das reiche dunkle Haar in kunstlosen Locken herab. Bogen, Köcher und Wurfspieß, welche im Kahne lagen, ließen erkennen, daß der Jüngling ebenfalls aus's Waidwerk ausgezogen war und die Aehnlichkcit der Gcsichtszüge wie der ganzen Haltung verrieth, daß er m dem alten Jäger gehörte und daß er es war, dem dessen suchender Zuruf gegolten. Trotz allen Eifers und aller Mühe, womit der Jüngling die kräftigen Arme an das Fahrzeug stemmte, wollte dasselbe nicht von der Stelle weichen: es schien wie verwachsen mit dem lehmigen Boden, und erst als er in den nahen Wald gesprungen, und dort ein dürres Tannenstämmchen abgebrochen hatte, um es als Hcbelstange unter den Nachen zu setzen, gelang eS ihm mit angestemmtem Rücken ihn in die Flut zu schieben, daß die Wellen aufschwankten und das Geröhricht rauschte. Darüber war viele Zeit verloren gegangen und ein flüchtiger Seitenblick zeigte ihm, daß es unmöglich war, noch vor der Ankunft des Alten den hohen See zu erreichen, denn das Stcinbock- Gehörne ward schon in nächster Nähe über dem letzten Felscnvorsprung des Bergpfades sichtbar. Mit einer Bewegung, in welcher die Hast des Unmuths nicht zu verkennen war, ergriff er Bogen und Köcher, die schon im Nachen gelegen, und warf sie in das Ufer- graS zurück; dann setzte er sich auf den Rand des Schiffs und zog ein aus groben Bastfüden geflochtenes Fischernetz daraus hervor, dessen hie und da losgegangene Enden er so sorgfältig zusammenknüpfte, als habe er seit geraumer Zeit nichts Anderes gethan, und sei fo vertieft darin, daß er den Alten nicht gewahr geworden, auch als derselbe schon beinahe hinter ihm gestanden. „Bist Du auf eine Taubwurzel getreten," rief ihn dieser jetzt rauhen Tones an, „oder ist meine Stimme so matt geworden, daß man sie nicht mehr vernimmt? Was lässest Du mich rufen, Markulf, und antwortest nicht?" Der Jüngling hatte sich zu ihm gewendet als sei er von seiner Ankunft überrascht, aber er kam mit der Verstellung so schlecht zu Stande, daß sie auch einem minder scharfen Blicke durchdringbar gewesen wäre, als den der alte Jäger unter den grauen Augenbraucnbnscheln hervor auf ihn richtete. Er kehrte sich ab, um auszuweichen und breitete das Netz auf dem Schiffboden zurecht. „Ich habe mancherlei Laut gehört, Vater," sagte er, „aber ich habe Deinen Ruf d'runter nicht erkannt ... es regt sich allerlei, wenn man in der Einsamkeit sitzt zwischen Berg und See und im Kaunstein hat es auch wieder gerollt und gedröhnt, als wenn im Winter das Eis und die Kälte einen Eichstamm sprengen, daß er krachend auseinander berstet!" „Was schwatzest Du mir für Mährlein vor?" rief der Alte, indem er den Steinbock von den Schultern schwang und in den Nachen warf, daß derselbe tiefer tauchend schwankte, und ringsum das Wasser emporspritzte. „Siehst Du nicht, wie hoch der Schatten schon am Watzmann hinauf kriecht? Es geht gegen Abend und Du mußtest wissen, daß ich nun bald heimkehren würde . . . Was hattest Du's dann so eilig, den Kahn in den See zu bringen und fortzurudern, eh' ich eingetroffen? Meintest wohl, ich würde zum erstenmal im Lebcu von der Jagd mit leeren Händen heimkommen oder meine Schultern seien stark genug, einen Steinbock noch über ein paar Jöcher mehr zu tragen? — Steig' iu den Nachen," fuhr er fort, als Markulf nichts cutgegncte, „und 116 rudere nach Hause. Sorge, daß das Thier noch ausgeweidet wird, und spanne das Wildfcll über die Querhölzer, es ist dicht und soll eine gute Decke abgeben, denk' ich... Zuvor aber halte im untern See an, wirf das Netz aus und siehe, daß Du eine Anzahl schöner Salmlinge sängst. Wo der Bach durch die Kesselschlucht herunter kommt, haben die größten und schönsten ihren Stand, sie geh'n dem frischen Quellwasser zu und die Leber des Stcinbocks ist ein Köder, der ihnen weidlich gefällt ..." „Wozu, Vater?" sagte Markulf. „Der Fischkasten daheim ist gefüllt auf lange Zeit — ich habe erst vor wenigen Tagen nachgesch'n ..." „Falle mir nicht in's Wort, Knabe," unterbrach ihn der Alte streng, „die Fische sind zum Gastgeschenk bestimmt für einen gar edlen und vornehmen Mann, dem ich das Beste vermeine; darum thue ohne Widerrede, was ich Dir sage — ich will den Berg- weg einschlagen, über den Watzmann hin und einem Bären nachstreben, den ich vor ein paar Tagen aufgespürt habe — „Der Weg übcr's Joch ist mühselig und weit," entgegnete der Sohn, „Du wirst müde sein, Vater. . . Das Fischen ist leichtere Arbeit, nimm Du sie Vater, und laß' den Bären mir ..." „Den Bären?" antwortete lachend der Alte. „Als ob ich nicht wüßte, um was rs Dir bei diesem Tausche zu thun wäre! Die Seefahrt ist es, die Dir nicht behagt... trotz seiner Weite und Mühseligkeit zögest Du den Landweg vor, weil er über die grüne Weide führt — dort drüben am Fuße d^s Watzmann, wo die Almend-Hütte steht und die schwarze Walchendirne als Sennin haust! Die ist es, die Dich auf den Landweg lockt, aber eben darum sollst Du nicht hin, sondern sollst daran vorüber fahren und auf meine Salmen denken!" „Es soll geschehen, wie Du es willst, Vater . . sagte der Sohn, um Vieles gefaßter. „Wär' es aber auch, wie Du sagst, ich fände kein Unrecht darin ... die Maid ist wacker und wohl berufen ..." „Aber eine Fremde." eiferte der Alte, „eine Tochter der weibischen Nomslinge, die im Lande zurückgeblieben sind und sich drüben in der Roms-Au eingenistet haben! Der alte Chricmbert ist ein freier Barschalk, der als eigener Herr auf seinem Gehöft in der Schönau haust und Niemand über sich hat als den Herzog! Ich will nichts wissen von diesem Walchenvolk! Mein Sohn soll nicht verkehren mit den balbfrcicn Leuten, die nur aus Gunst und Gnade auf ihren verliehenen Hufen sitzen ..." Ueber Markulf's Angesicht flog dunkle Nöthe, aber er war in den Kahn gestiegen und beugte sich, sie zu verbergen, auf die weidcngeflochtcncn Ringe nieder, in welche die Nudcr eingesteckt waren . . . Plötzlich aber sprang er auf, griff nach seinem Geschoß, und hatte im Augenblick den Bogen gespannt und den Pfeil aufgelegt — in geringer Entfernung war es aus dem Gcröhricht emporgerauscht, und ein Paar wilde Schwäne zogen mit wciß-schimmerndem Gefieder über den See gegen die grüne Weide hin: allein so schnell Markulf sich zum Zielen und Losschnellen der Sehne erhoben, ebenso rasch war der Alte hinzuspringend ihm in den Arm gefallen und hatte ihn znrückgcrisscn, daß der abgeschossene Pfeil in ganz anderer Richtung in die Höhe stieg und dann gerade abfallend im Wasser des Sees versank. „Hat Dich der Tollwnrm gestochen?" rief der Alte unwillig, „daß Du nach einem Schwane zielst? Weißt Du nicht, daß er ein heiliges Thier ist? Daß es die Walkhren sind und die Wind- und Wasser-Frauen, die in dieser Gestalt an den See kommen, um sich zu baden?" „Ich weiß wohl, Vater," sagte Markulf, „aber Du vergißest, daß die alten Götter nicht mehr sind. Es gibt keine Walkhren mehr Und keine Schwanen-Jungfrauen . . . der Christcnbischof draußen in der alten Nömcrstadt hat sie alle zu Teufeln gemacht und hat sie gebannt, daß sie uns nichts mehr zu Leide thun können!" „Waö kümmert mich der Bischof und sein Bann?" erwiderte Marknlf. „Er ist nicht bei mir, wenn ich einsam mich herumschlage mit dem Gcbirg und den Geistern, 117 die in seinen Schrecken Hansen! Er sollte einmal mitgehen und einen Sturm ansehen auf dem Funtensee oder ein Gewitter über dem steinernen Meer, und er sollte wohl lernen, an die Walkyren glauben!" „Aber es ist auch des Herzogs Gebot, daß wir Christen sein sollen und sollen nicht mehr an die alten Götzen glauben! Du bist ja auch getauft worden, Vater!" „So haben sie mir gesagt!" cntgegncte mit fast spöttischem Lächeln der alte Waidmann und schüttelte das graue Haar. „Ich weiß aber nicht, was das bedeuten soll und begehre nicht, es zu wissen! Der Herzog Diet hat befohlen, ich soll mich vor dem Manne im weißen Gewände beugen, und mir Wasser aus's Haupt gießen lassen . . . ich hab' es gethan, weil es Befehl des Herzogs war — aber die paar Tropfen haben, des alten Chricmbcrts starren Sinn nicht wcggewaschen oder geschmeidig gemacht! In unserer Bergwildniß fragt Niemand, was ich glaube . . . Wie es damit einmal nach. mir werden wird — das weiß und sorg' ich nicht, aber so lang ich lebe, will ich bei den alten Göttern aushalten, die bei mir ausgehalten haben, mein ganzes langes Leben durch — ich will mit ihnen heimfahren und auch zu ihnen!" Der Jüngling erwiderte nichts; er hatte den Schwänen nachgesehen, die Plötzlich von der erst genommenen Richtung abweichend, im Fluge umkehrten und nun hoch über den Köpfen der Männer wieder nach der Wand des Kaunstcins hin schwirrten. Eine Feder flatterte herab und siel wie hingcstrcut zu den Füßen des Jünglings nieder. — Dieser bückte sich, sie aufzuheben. „So will ich wenigstens ein Denkzcichcn haben," sagte er, „und mir den Flaum auf den Hut stecken ..." Ehe er sein Vorhaben auszuführen vermochte, hatte der Alte den Fuß darauf gesetzt und daS zarte Gefieder in Wasser und Schlamm untergetreten. „Du sollst nicht!" rief er entrüstet. „Lächle nicht und schüttle den Kopf nicht, — spring in den Kahn, stoße ab und danke mir lieber, daß ich Dich warne und vor der Gefahr bewahre! In dem Schwanenkleid und seinem Gefieder sitzt der Zauber . . . hat die Walkyre es abgelegt und ein Mann findet das Gewand und nimmt es zu sich, so muß sie ihm Unterthan sein und gehorchen, bis es ihr gelingt, das Schwancnhcmd wieder zu gewinnen und mit ihm zu entfliehen ... Ist aber ein Mensch thöricht oder unvorsichtig genug, auch. nur ein Fedcrchcn aus dem Gefieder am eigenen Leib zu tragen, so ist er dafür ihr verfallen auf ewig . . . Stoß' ab, sag' ich Dir und folge meinem Wort ... ich habe Dich gelehrt, wie man die Waffen braucht zu Kampf und Waidwerk: Du wirst auch da. Wohl fahren, wenn Du thust, was ich begehre und wenn Dir ein solch' gespenstig Weib in Weg kommt ... sie sind leicht zu erkennen, denn wenn sie auch Menschengestalt haben, sind sie doch gebannt, daß sie immer etwas voin Schwan an sich tragen müssen und wär' es nur ein einziges Fcderchcn . . . Kommt eine Solche Dir in den Weg, so schaue nicht nach ihr, Markulf, mein Sohn: geh' fürbaß und weise den Zauber ab, sonst bist Du verloren ..." Der Jüngling hatte schweigend mit ungläubigem Lächeln zugehört und indessen die Ruder am Kahne völlig zu recht gemacht. „Es wird mir Keine in den Weg kommen," sagte er halblaut und machte den ersten Rudcrzug. „Das walte Dein gutes Glück," rief der Alte, „Du bist ein ungläubiger Thor» der über die Gefahr lacht, weil er sie nicht kennt! Wolle' ich Dir erzählen, was ich noch in diesen Tagen geschaut, Du würdest wohl anders reden... So fahre denn zu und bringe mir ein tüchtig Netz voll Salmen heim! Und wenn Du um die Secwand herum fährst in den untern See, so sich' zu, daß Du Dich rechts haltst, nicht zu weit links, gegen die Atmend hin... es gibt Untiefen dort, an denen Du stranden könntest... Markulf hörte die letzten Worte nicht mehr: einige kräftige Züge hatten genügt, ihn aus dem Bereich der Rede des Alten zu bringen; dieser aber blieb stehen und folgte mit demÄikgen', bis der Nachen die vorspringende Secwand erreicht hatte, und um dieselbe vorbeugend verschwunden war. Glossen lnpsie- er dann das im Gürtel steckende breite 118 Beil, wie um zu erproben, daß es leicht und handlich zu haben sei, wenn eS dem erwarteten Bären belieben sollte, den Kampf in nächster Nähe aufzunehmen; dann legte er den Spieß gemächlich über die Schultern, und schritt links am Felshange des Gestades hin, auf schmalem Steinpfad, in allerlei Windungen, oft hoch über dem Wasser schwebend, gleich einem an's Gestein sich anklammernden Vogel, bald hernieder steigend bis an dessen Rand, wo derselbe thurmtief und senkrecht abstürzt in die unheimlich grün darüber wallende Flut. — (Fortsetzung folgt.) (Aus der alten Zeit.) In deutschen Blättern kursirt jetzt folgende Anekdote: Das erste Ruhekissen des verstorbenen Königs Ludwig I. war sonderbarer Natur. Der selige König wurde bekanntlich am 25. August 1766 in Straßburg im „Zweibrücker- Hos" geboren. Sein Vater war der Prinz Maximilian von Zweibrückcn, und der König Ludwig XVl. von Frankreich wollte selbst einer der Pathen des Sohnes des Prinzen Maximilians sein. Die überlebenden Zeitgenossen dieser Taufe erzählten in dieser Beziehung eine originelle Anekdote, welche Herr Piton in seinem Werke „8tra8bour§ illustre^ erwähnt. Als Prinz Maximilian einige Tage nach der Geburt seines Sohnes sein Regiment musterte, war er sehr erstaunt, die Grenadiere des Infanterie-Regiments Elsaß ohne Backen- und Schnurrbärte zu sehen, welche die Zierde ihrer Gesichter gewesen waren. Wer hatte denn, ohne Einwilligung des Prinzcn-Obcrsten, eine solche Licenz zu ertheilen gewagt? Der Prinz gericth in Aufregung wegen dieser Insubordination, als zwei Unteroffiziere des Regiments vortraten und ihrem Oberst ein kleines Kiffen überreichten, welches, anstatt mit Federn oder Roßhaaren, mit den Schnurr- und Backenbärten der Grenadiere des Corps gepolstert war. Der Prinz lachte sehr über diese Huldigung, sichtlich einzig in ihrer Art. So jasticf denn Ludwig I. in seiner Kindheit auf einem mit militärischen Schnurr- und Backenbärten gefüllten Kopfkissen. Trotzdem hat er nie eine rechte Neigung für das Militär bekommen. (Ludwig I. als Philhellene.) Von Rom aus machte König Ludwig 1836 einen Abstecher nach Athen zu feinem Sohne Otto, dem Opfer der väterlichen Vorliebe für die Classicität. Die Akropolis besuchte er fast täglich, und selten verließ er diesen Gipfelpunkt des Hellenenthums, ohne einen Stein, als Bruchstück eines der ehemaligen Zierden derselben, mitzunehmen. — Die ganze Sammlung warf bei der Abreise der Kammerdiener weg. König Ludwig unterhielt sich in seiner Weise gern mit den deutschen Soldaten, die in Bayern für Griechenland angeworben worden waren, aber er wollte keine Klagen hören. Einem dickbäuchigen Feldwebel, der in Athen auf die Frage: „Wie es gehe?" antwortete: „Schlecht, Jhro Majestät!" sagte der König: „Fehlt halt das Münchener Bier. Mir geht es auch nicht zum besten, hab' wenig Dank vom Landtag daheim." Als etliche Soldaten über das Essen klagten, bemerkte der König und dies ist sehr charakteristisch: „Ich kann nicht begreifen, warum ihr klagt; auf meine Tafel in München kommen Oliven als Seltenheit, und hier ißt sie der gemeine Soldat!" * (Wer hat den schlechtesten Hut?) Zur Eröffnungs - Feier des internationalen Casino's in Nizza hatte sich auch König Ludwig I. eingesunken. Er war bekanntlich gewohnt, frühzeitig zu Bette zu gehen, und als er sich deßhalb um zehn Uhr entfernen wollte, konnte man seinen Hut, der im Trouble des Empfanges verlegt worden war, lange nicht finden. Der König ging ungeduldig hin und her und rief: „Meinen Hut, meine» Hut!" Alles suchte bestürzt nach dem Hute des KönigS und in der komischen Verwirrung, die hiedurch entstand, erblickte König Ludwig seinen Flügcladjutan- U9 ten: „Laroche!" rief er, „Laroche, sucheu Sie doch auch meinen Hut! er ist ja leicht finden, eS ist der schlechteste, der allerschlechteste!" (Ein verkannter Dichter.) Von dem verstorbenen König Ludwig I. von Bayern wird eine noch wenig bekannte Anekdote mitgetheilt. Einige Tage, nachdem König Max II 1853 den Maximilians-Orden für Kunst und Wissenschaft gestiftet, begegnete der alte Herr dem Ministerial-Rath Daxenbergcr, der unter dem Namen Karl Fcrnau einige Poesieen veröffentlicht hatte und Privat-Secretär des Königs gewesen war. „Ah, gratulire," redet er ihn an, „gratulire! Mein Sohn hat Ihnen den neuen Orden verliehen. Aber ich habe ihn nicht bekommen, und doch sind Ihre Gedichte um kein Haar bester, als die mcinigen — lauter Bavel!" Sprach's und ließ den verdutzten Kunstordcnsritter erbarmungslos stehen. (König Ludwig I. und ein vergessener Gelehrter.) Als im Jahre 1855 Dr. Ludwig Arndts, damals Professor und Rector an der Ludwig-Maximilians-Univer- sität in München, zur Stiftungsfeier die Rcctorsrede zu halten hatte, erwähnte er unter den Berühmtheiten der Universität in einer Note auch des im 17tcn Jahrhundert lebenden großen Mathematikers und Astronomen Chr. Scheiner, der unter Anderem zuerst die Sonnenflecken beobachtet hat, und sprach seine Verwunderung aus, daß derselbe in der von König Ludwig gegründeten bayerischen Ruhmeshalle keinen Platz gefunden habe. — Der König, der solche Publikationen immer aufmerksam las, war über diese Stelle sehr erregt; es griff ihm an's Herz, einen bayerischen Gelehrten von Verdienst und Namen in der That vergessen, ja gar nicht gekannt zu haben. Schon in den nächsten Tagen ließ er den Rector Arndts zu sich rufen und fragte ihn umständlichst nach den Werken und der Bedeutung Scheiner's. Glücklicherweise fand sich auch in einem alten Schweinslcder- Bandc nach der Sitte jener Zeit das Bild des berühmten Mannes in Kupfer gestochen, und nun trug König Ludwig Sorge, das Vcrsäumniß gut zu machen. Da Professor Arndts inzwischen einer Berufung nach Wien gefolgt war, so richtete er an diesen einen Brief, der sowohl dem hohen Briefsteller als dem Empfänger gleich sehr zur Ehre gereicht. Wir können ihn im Wortlaute mittheilen: » Herr Professor Arndts, die Feder ergreife ich, Sie in Kenntniß zu setzen, daß, was Ihre hier gehaltene letzte (leider letzte) Rede, Scheiner betreffend enthält, mied bestimmte, dessen marmornes Brustbild für Bayerns Rubmcshalle anzuordnen, und daß sie bereits da aufgestellt ist. Ein empfindlicher Verlust für Münchens Hochschule bleibt es, daß Sie nicht mehr an ihr lehren. Männer von Arndts Wissen und Gesinnung, solcher bedarf es. Sie nicht mehr ein Mitglied derselben nennen zu können, bedauert sehr Jbr wohlgeneigter München, 16. Mai 1856. Ludwig. (Wie man in China Tauben vor Raubvögeln bewahrt.) In der Nähe von Pecking werden große Mengen von Tauben gehalten. Wenn diese in großen Masten sich erbeben und herumschwärmen, so erschallen verschiedenartige ganz eigenthümliche Töne; auch sieht man sonderbarer Weise dieselben von keinem Raubvogel angegriffen, obschon deren viele sie verfolgen. Um nämlich die letzteren für die Tauben unschädlich zu machen, haben die Chinesen eine eigenthümliche Vorrichtung au diesen angebracht. Es werden ihnen kleine, aus Bambusrohr oder kleinen Kürbissen construirte Pfeifchen von verschiedener Größe angehängt, welche dann in Folge des Eindringens des Windes die verschiedenen Töne verursachen und die Raubvögel verscheuchen. Diese kleinen Pfeifchen, die kaum '/< Quentchen wiegen, werden mittelst starken Fäden an den Schwanzfedern angebunden, hauptsächlich jenen Tauben, die gewöhnlich an der Spitze des Schwarmes fliegen. Die Pfeifchen sind gefirnißt, um den Einflüssen der Feuchtigkeit und Trockenheit widerstehen zu können. Außer dem Nutzen, den diese Einrichtung bringt, haben die Chinesen auch große Freude an diesen oberirdischen Concerten. 120 (Wunderbare Rettung.) Die Zeitung für Pommern läßt sich aus Colberg folgende Wunderbare Geschichte schreiben: Am letzten Dienstag Nachmittags spielten mehrere Knaben -sn der beim Mühlenthor befindlichen Brücke iu der Nähe der Mühle des Hrn. W. hieselbst. Einer derselben, der Sohn eines Predigers M. in unserer Nähe, ist so kühn, sich bei diesem Spiele auf ein hölzernes Dach zu wagen, das zum Schutze eines an der dortigen Mühle befindlichen Mühlrades von zwanzig Fuß Durchmesser angebracht worden ist, welches letztere sich iu diesem Augen blicke in voller Thätigkeit befindet. Das Dach ist alt und morsch, und als der Knabe sich gerade über dem Mühlrade befindet, bricht er durch und fällt auf das in vollem Schwünge befindliche Mühlrad, fällt aber auf eine Stelle desselben, an der zufällig mehrere Schaufeln fehlen, stürzt 20 Fuß tief in das Innere des sausenden Rades hinab und kommt gerade in dem Momente auf der anderen Seite an, in welchem dieselbe schadhafte Stelle, durch die er in das Innere des Rades gelangt ist, sich hier von neuem ihm öffnet und er mit furchtbarer Gewalt, durch die Wasserschnelle des sich bewegenden und schäumende Wogen schlagenden Rades befreit,weit fortgeschleudert wird an eine dort befindliche Mauer. Hier sind, durch das Geschrei der Umstehenden aufmerksam gemacht, Personen aus der Mühle herbeigeeilt, welche mit Stangen, die sie dem Versinkenden entgegenreichen, bemüht sind, ihn herauszuziehen. Die Kraft des Knaben ist indessen nicht mehr stark genug, die Stange zu ergreife»; er sinkt und ist nur dadurch dem Tode des Ertrinkens entgangen, daß ein Landmann sich mit Hilfe einer Leiter ins Wasser begab und so den Knaben rettete (Revanche für Pavia.) In England stellte eine Dame bei jedem neuen Dienstboten, den sie bekam, eine Probe der Ehrlichkeit an, indem sie ein Geldstück in einer Weise irgendwo hinlegte, daß es als verloren oder vergessen angesehen werden konnte. Die meisten Dienstmädchen behielten das Geldstück, dann aber machte die Dame Lärm und überlieserte sie dem Gerichte. Manche davon kam nicht mehr aus der Verbrechersphäre, in welche sie dadurch gerieth. Eines dieser Mädchen heirathcte nachher einen Erzgauner und es wurde ein Rache- plan verabredet. Als die Dame wieder ein Mädchen suchte, ward ihr ein schlaues, in die Verschwörung eingeweihtes Geschöpf zugesendet, das sie auch nahm. Dieses Mädchen ließ das hingelegte Geld liegen, aber im Besuchzimmer der Dame, wohin immer Geschäftsleute kamen, eine Fünfzigpfundnote fallen. Die Dame hob sie aus und verwendete das Geld zu ihrem Nutzen; sie glaubte, ein Geschäftsmann habe diese Note verloren. Kaum hatte sie aber dieselbe ausgegeben, ward sie« verhaftet und in Untersuchungshaft gesetzt, denn die Note war gefälscht. Die Gauner konnten aber nicht stille sein und es kam endlich heraus, wie die Sache sich zugetragen. Ein Pariser Theaterblatt erzählt von dem jüngst verstorbenen französischen Dramen- Dichter Marc-Michel nachstehende Anekdote. Im Theater des Palais-Royal wurde ein Stück dieses Autors unbarmherzig ausgepfiffen. Das Unglück wollte, daß Marc-Michel, der der Aufführung beiwohnte, gerade neben einem Menschen stand, der den Hauptscandal machte, indem er auf seinem Hausschlüssel pfiff. Um sich zu rächen, bat er den Pfeifer um diesen Hausschlüssel, indem er ihm weißmachte, er wolle darauf noch einen weit stärkeren Lärm machen. Kaum aber hatte der Verfasser des unglücklichen Stücks den Schlüssel, so drängte er sich durch die Masse und verschwand. „Der Kerl soll wenigstens die Nacht auf der Straße bleiben," rief er triumphirend aus. Frage: Weßhalb sind die Diebe klüger, als die Aerzte. Antwort: -yhzj UMzz m q Kva, ^ussiim spsi ^tuhMsm oarquosiai osi uuoai zuM Auflösung der Charade in Nr. 13 „Freigeist." Druck, Berloa und R-d°lti°n de« Ut-r-rttch-n JustilutS von vr. M. Hutller. Nr. 1«. - 19. April 1868. Arrgsburger Der Teufel kann sich auf die Schrift berufen Ein arg Gemüth, das heil'ges Zeugniß vorbringt. Ist wie ein Schalk mit Lächeln auf der Wange, Ein schöner Apfel, in dem Herzen faul. O, wie der Falschheit Außenseite glänzt! Shakespeare, Kaufmann von Venedig A. l. 3. SancL Jarthelmä. ' Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. > (Fortsetzung.) — In dem kleinen Rasen-Eiland, das, wohl allgemach aus dem herabgeschwemmten Geröll der Eisbäche entstanden, in einer Einbuchtung des Watzmanns wie eingebettet liegt, war es indessen nicht minder still; das Bild, das sich dort entrollte, war noch ruhiger und auch anmutiger, als daö am obern Ende die beiden Männer unter dem Uebcrhange des Kaunsteins geboten hatten. In sanfter Senkung stieg das reich begrünte Gelände gegen den See hinab, der mit wohlgefälligem Plätschern um den Kies des seichten Ufers zu spielen schien, in leicht vorspringendem Bogen schweifte es tief in den See hinein, daß die Fahrbahn zwischen ihm und der gerade gegenüber sich aufthürmenden Seewand nur eine unbeträchtliche Breite hatte. Es war unmöglich, daß ein Nachen hindurch oder vorüber konnte, ohne bemerkt zu werden: es bedurfte sogar nicht einmal besonders scharfer Sinne, um die Gesichtszüge der vorüber Fahrenden zu erkennen und jedes Wort zu vernehmen, das sie etwa miteinander sprachen. In dem hohen glänzenden Grase lagen und wanderten Kühe weidend hin und her, kleine nicht eben ansehnliche Thiere mit kurzem stumpfem Gehörn, aber munter und kräftig und von schöner tiefbrauner Farbe, die durch den gleichmäßigen weißen Stern am Kopf und den sich fortsetzenden Rückenstreifen noch mehr hervorgehoben wurde. Dazwischen liefen Lämmer und Schafe herum und in dem Hain von Buchen und Ulmen, der in einiger Entfernung den Weideplatz wie eine Umzäunung abgrenzte, sprangen einige Ziegen zwischen den Stämmen herum, und suchten sich Blatt und Blütendolde der Zaunrübe herabzureißen, die hie und da sich wie zierliches Gewinde und Behäng aus dem untern Buschwerk emporgearbeitet und am Gezweige festgcrankt hatte. Etwa in der Mitte des Platzes, aus einer kleinen Anhöhe, erhob sich eine hölzerne Hütte, geräumig genug, bei einbrechendem Unwetter dem Almvieh ein Obdach zu geben, aber mit einfachster Kunst aus übereinandergelegten Balken erbaut und im Giebel mit ^ solchen gedeckt. Die Ritzen und Fugen waren mit Moos und Rinde verstopft, das Dach ^ durch Steinblöckc festgehalten, welche das Gebälk in die Fugen einschweren mußten. An der vordem Seite ließ die offen stehende Thüre ein kleines abgesondertes Gemach erkennen, worin ein feuergcschwärztcs, oben abgeplattetes Felsstück die Stelle des Herdes, ein Paar Stücke eines Baumstamms jene von Tisch und Bank vertraten: in der Ecke war aus Heu und Blättern ein Lager aufgeschüttet und von einer darüber gebreiteten Wilddecke zusammen- » l 122 gehalten. Aus Lindenholz gehöhlte Schüsseln und anderes Geschirr mit Weidenruthen umflochten hing an den Wanden. Vor der Thüre seitwärts stand hoch aufgerichtet ein schlicht behauenes mächtiges Holzkrcuz, vom Wetter versilbert und von der Luft gebräunt, von der Gewalt der Stürme etwas gebeugt, als wolle es dem hinzu Tretenden sich freundlich entgegen neigen An der Giebelsäule des Hauses, unter einem kleinen Schutzdache aus Binscngeflccht hing eine Glocke der allerältcsten Gestalt, einer umgestürzten ehernen Schale ähnlich, und nur durch den daran hängenden Schwengel von einer solchen unterschieden. Die Bewohnerin des Hauses saß unfern desselben im Grase, an einer Stelle, wo sie nicht nur den ganzen Platz mit der weidenden Heerde mit Einem Blicke zu übersehen vermochte, sondern wo auch das ganze mächtige See-Becken nach beiden Richtungen hin vor ihr ausgebreitet lag. Die Sennin trug ein langes dunkles Gewand, das unter der Brust gegürtet und um den Leib noch einmal aufgeschlagen war, daß es wie ein Doppelrock aussah. Arme und Schultern waren unbedeckt; dunkle Erzhaften hielten zu beiden Seiten das Kleid befestigt, das in ihrer sitzenden Stellung die nackten Füße beinahe völlig verhüllte und kaum entdecken ließ, daß sie mit einer Art Sandalen, an denen ein kleiner pantoffelartiger Vorschuh sich befand, gegen das Ungemach der rauhen Wege geschützt waren. Ein weißes, in's Viereck gebundenes Tuch, das zu beiden Seilen breit hcrnieder- fiel, schützte den Kopf mehr gegen die stark ausfallenden Sonnenstrahlen, als es denselben verbarg: das Gesicht darunter war schmal und fein geformt, von jener tiefen Färbung, wie sie den Südländern eigen ist und von welcher der rosige Anhauch der Wangen, das frische Roth der Lippen, die dunklen Bogen der Augenbrauen und das schimmernd schwarze, in schweren Locken niedcrringelnde Haar sich desto lebhafter und belebender abhoben. Die Gestalt war edel und von anmuthiger Geschmeidigkeit wie die des Rehs im Gehölz oder der Gemse auf den Fclsklippen darüber — der Ausdruck der Züge war sanft und sinnig bescheiden, wie das Edelweiß der Berge. Die ganze Erscheinung stimmte vollkommen heimisch zu der gesummten Umgebung, und doch war etwas Ungewohntes an ihr, als wär' es eine aus einem andern Himmelsstriche eingeführte Pflanze, welche, wenn auch festgewurzelt und eingewöhnt in dem neuen Boden, doch das Gepräge ihrer Abstammung, die Erinnerung an die alte Heimat, nicht verläugnet. Das Mädchen hatte einen Flachs-Nocken an langem Stäbe neben sich in die Erde gesteckt und ließ an dem rasch sich abspinnenden Faden die Spindel munter durch die Grashalme hüpfen: dennoch schienen ihre Gedanken nicht ganz bei ihrer Beschäftigung zu sein — die Spindel bewegte sich allmählig immer langsamer, bis sie mit einem letzten Wirbel in's Gras taumelte; die Hand der Spinnerin folgte herabsinkend nach, und der Blick blieb auf der schimmernden Secfläche haften. Ein Nachen kam vom obern Theile des Sees eilfertig herangcrudert nach der Almende hin und der Seewand gegenüber. „Der wilde Markulf . . ." flüsterte das Mädchen vor sich hin, indeß ein unmuthiges Lächeln den feinen Mund umspielte. „ ... Er kommt von der Waidfahrt zurück. Ich sah ihp schon früh Morgens hineinwärts rudern — da hielt er nicht an und hatt' es so eilig, daß er keinen Ruf, wie er sonst wohl Pflegt, herüber senden konnte zum Gruß . . . Freilich, da war er nicht allein: jetzt wird er wohl nicht vorüberfahren, und wird ein Weilchen anlegen ... Ich will ihm einen Becher Milch bereit setzen," fuhr sie fort, und schien sich erheben zu wollen, hielt aber im nämlichen Augenblick stockend inne, und blickte schärfer nach Fährmann und Fahrzeug hinaus. „Er wendet den Kahn noch nicht — er will mich necken, der Wildfang, weil ich ihm zugehört, wie er jüngst . . . Dort, wo der matte Wasserstellen im See das Fclsenhorn verräth, das darunter lauert, dort muß er wenden, wenn er nicht an dem Gestein festfahren, . . . wenn er hieher lenken will ..." Sie verstummte, ihr Athem ging etwas kürzer und ein leichtes Roth glitt über 123 Nacken und Stirne — der Nachen draußen im See wendete nicht: ohne Ruf, ohne Wink ruderte der Fährmann in das untere große Seebecken hinaus. „Mag er fahren, wie er will!" rief sie und kehrte mit nicht ganz ungekünstelter Ruhe zu ihrer Arbeit zurück. „Kümmert mich's? Ich werde Keinem rufen, der nicht selber gerne als Gast einspricht — das ist nicht Brauch auf der Walchen-Almend! . . . Wird wohl Unglück auf der Jagd gehabt haben, der unwirsche Gesell und grollt im Unmuth jetzt auch mit mir und meinem Milchbecher . . . mag er! Glückliche Fahrt! Er wird warten dürfen, bis er die Thüre zur Sennhütte wieder geöffnet findet!" Beruhigter spann sie weiter, aber sie konnte es nicht über sich gewinnen, nicht manchmal flüchtig in den See hinaus zu schauen, wo der Nachen schon in verschwindender Kleinheit sich in dem eintönigen Graubraun der Felswände verlor: darüber ward sie gewahr, daß der Himmel sich mit jenem röthlichen Anhauch zu bedecken begann, welcher dem Sinken der Abendsonne vorhergeht. „Schau," sagte sie leise und erhob sich, „der Kaunstein fängt schon zu glühen an — die Dämmerung wird geschwind da sein. Das ist die Zeit, yio die frommen Schwestern drüben an der Salzburg das Zeichen geben zur Bespcr . . . hört es auch Niemand in der Wildniß, ich will auch zum Abendgebet läuten, für Alles, was da lebt in der Einsamkeit und für mich selbst — es wird nur die wirren Gedanken verjagen, die nicht aus dem Sinne wollen ..." Sie trat an die Hütte und zog die Schnur der Glocke, bald begann sie zu schwingen und ihre nicht starken, aber wohl klingenden Schläge hallten feierlich durch das wie athemloS lauschende Fclsthal. Sie war darüber nicht gewahr geworden, daß der alte Chricmbcrt aus dem Gehölz heran gekommen war und eine Weile beobachtend stehen blieb; dann beschleunigte er seinen Schritt, bis er neben ihr stand und ihr in den Arm siel, der den Glockeustrang zog. Mit einem gellenden Schlage brach das Läuten ab. „Was schaffst Du für Zauber und NeidingSwcrk, verfluchte Walchendirne!" rief er mit funkelnden Blicken, während sie, ruhig aber entschieden sich von seiner Hand losmachend, einen Schritt zurück trat und die befremdeten dunklen Augen fragend zu ihm aufschlug. „Ihr seid's, Vater Chriembert?" sagte sie. „Was habt Ihr im Sinne, daß Ihr mich so anfaßt und im Gebete stört?" „Das überlaste mir, zu fragen!" rief der Alte entgegen. „Du, sage mir, was Du im Sinne hast! Wenn Du gebetet hättest — wenn Du nicht Unrechtes gethan, warum bist Du so erschrocken und starrst mich so an mit den unheimlichen schwarzen Augen?" — „Ich bin nicht erschrocken," erwiderte sie mit lächelnder Anmuth, „aber ich bin verwundert . . . bin ich auch nur eine Walchendirne, wie Ihr gesagt — es ist nicht Sitle in der Roms-An und ich bin es nicht gewohnt, so rauh überfallen zu werden und gescholten, wie man bei uns Walchcn eine Magd nicht schilt!" „Willst Du mich noch Sitte lehren?" brauste der Alte auf. „Ich bin ein Greis geworden nach meinem Sinn und Brauch, und werde beide nimmer ändern — vollends nicht um Deinetwillen! Ich habe Dich belauscht . . . bekenne, was Du für bösen Zauber gewirkt!" „Zauber!" sagte das Mädchen kopfschüttelnd, indem es mit noch schönerem Lächeln nach dem Kreuze deutete, das sich hinter ihr erhob. „Zauberei — in der Nähe dieses Zeichens?" „Weiß ich, wo Deine Macht steckt?" rief der Jäger. „Wohl in dem Klang der wunderlichen Schale, die Du da aufgehangen hast? Was ist das Anderes, als — Alrunenkunst? ..." Das Mädchen lächelte stärker, wie Jemand, der seine Uebcrlcgcnhcit über einen Andern fühlt und doch schonend genug ist, das nicht zu zeigen. „Das ist ein römisch Kllinod," sagte sie, „das sich in unserem Haus fortgeerbt hat von Vater auf Sohn — cs ist eine Glocke und kein Zaubermittcl . . . Darum laßt die Walchendirn , Vater Chricmbert, und geht Eure Wege!" Der Alte stand unschlüssig. „Willst mich fortwcisen?" sagte er dann. „Willst mir gebieten, die Hörige einem Freien?" Ueber das Gesicht der Sennin flog eine augenblickliche Wallung des Unmuths. — „Eine Hörige?" sagte sie dann. „Ja, ich bin's — weil Eure wilden Vorfahren die Meinigcn, die in diesen Bergen seit Jahrhunderten sich angesiedelt und aus der Wildniß ein blühendes Land geschaffen hatten, überfallen, verdrängt und vernichtet haben! — Ja, ich bin eine Hörige — aber nicht die Eure! Ich bin es nicht an diesem Orte! Hier steh' ich auf der Walchen-Atmende, auf Grund und Boden derer von der Roms- Au, die mich zu ihrer Sennin bestellt haben und darum biet' ich's Euch, daß Ihr nicht den Frieden der Gemarkung stört oder ich sorge, daß Ihr der Gemeinde dafür büßt... auch für den freien Barschalken gibt es ein Gesetz!" „Verstelle Dich, wie Du willst!" entgegnctc der Alte nach kleiner Pause in etwas milderem Tone. „Ich weiß doch, was ich von Dir zu denken und zu glauben habe... aber gib meinen Sohn los: laß meinen Markulf frei und ich will nicht weiter fragen noch wissen, was Du treibst!" „Was kümmert mich Euer Sohn?" fragte das Mädchen rasch und erglühend. „Ich will nichts von ihm! Er hat beim Waidgang in der Sennhütte in der Walchcn Almende gastlich eingesprochen, wie mancher anderer Jäger und Bergfahrer . , . Ver- bietet es ihm, so es Euch gefällt, so der Sohn des freien Barschalkcn sich gebieten läßt!" „Er wird und muß!" rief zürnend der Alte. „Noch ist er nicht mündig — ist noch in meinem Haus . . . aber wohl weiß ich, daß Warnung und Gebot nicht nützt, wenn Du ihn nicht frei gibst aus der Gewalt, in die Du ihn gezogen!" Das Mädchen hatte sich wieder gefaßt. „Das thu' ich nicht und hab' ich nie gethan!" sagte sie ernst. „Markulf, Euer Sohn, dünkt mich ein wackerer Gesell, dem ich alles Gute gönne und wünsche — weiter haben wir nichts miteinander zu schaffen, unsere Wege führen nicht zusammen!" „Wer der glatten Rede trauen dürfte!" entgegnete Chricmbert, indem er sie forschend betrachtete. „Das ist es. Deines Stamme Erbtheil, womit Du zu verlocken weißt . . . wenn es Dein Ernst ist, was Du sagst, so schwör' es mir zu in meine Hand . . . Gelobe mir, daß Du ihn fürder nicht an Dich locken willst!" „Ich thue, was ich für Recht halte und hab' cs immer gethan, ..." sagte das Mädchen fest und entschieden. „Wollt' ich Euren Sohn au mich locken, cS wär' ein Unrecht, — das unterlasse ich, auch ohne Gelöbniß und Schwur!" „Du weigerst cs?" rief Chricmbert, Plötzlich wieder in ernstem Zorne aufbrausend, „weil Du Dich nicht binden, weil Du ihn nicht lassen willst! Wohlan, so gelob' ich Dir Hinwider bei Donar und seinem heiligen Hammer — ich will ihn von Dir los machen, gelte cs, was es wolle! Ich will ihn eh' todt zu meinen Füßen sehen, als lebend in Deinen Armen! . . . " „Auch Ihr mögt thun, was Euch recht bedünkt," sagte sie, „ich trotze nicht, aber ich fürchte Euch nicht ... Ich bin eine Christin . . . hier ist mein Schuh ... der Herr wird mit Placida sein ..." „Dein Schutz?" brüllte der Alte und seine Augen rollten und glühten im Abglanze jener besinnungslosen Wuth, die nach der Sage furchtbarem Bericht den Berserker fortgerissen zu grauenvoller That. „Also ist hier Dein Zauber verborgen? Das sollst Du mir nicht umsonst verrathen haben und so wahr dieß Zeichen unter meinen Händen fällt..." Er hatte das Beil vom Gürtel gerissen und drang, es hoch übcr'm Haupte schwingend, auf das Kreuz ein. Placida erwiderte nichts; sie regte sich nicht — in ihrer ganzen Höhe aufgerichtet stand sie vor dem Stamm mit befehlendem Blick und gebieterisch 125 ausgestreckter Hand. Von dem Glctschcrhorn des KaunsteinS siel rother Widerschein auf sie herüber, als wäre es ein Zauberlicht, womit eine höhere Macht sie umgab... Geblendet ließ der Alte das Beil sinken und eilte davon. (Fortsetzung folgt.) Zur Geschichte der weiblichen Haarmoden. In den frühesten Zeiten trugen die Frauen das Haar schlicht, bis der ihnen angeborene Trieb, sich zu schmücken, sie zu der Fertigkeit brachte, dasselbe auf mannichfaltige Weise zu ordnen nnd zu flechten. Lange Zeit bedeckte man den Kopf nur mit einem Schleier; die Griechinnen und Römerinnen hielten ihr Haar durch goldene und silberne Nadeln zusammen, durchflochtcn es mit goldenen Kettchen oder umwanden dasselbe mit rothen und weißen Binden. Auch puderte man den Kopf mit Goldstaub. Die rothblonden Haare der Alemannen bildeten eine so wesentliche Schönheit des weiblichen Geschlechts, daß Brünetten, welche nicht so glücklich waren, ihrem Haar durch Tinktur eine solche Farbe beizubringen, dasselbe lieber abschnitten und eine blonde Perrücke trugen. Diese Sitte war so allgemein geworden, daß die Dichter voll Begeisterung von den (oft falschen) rothen oder blonden Locken ihrer Herzensköniginnen sangen. Die römischen Schönen wechseln mit diesen erborgten Zöpfen mehrere Male des Tages; sie hatten besondere für die Morgentoilette, andere für die übrige Tageszeit und für hohe Festlichkeiten. Dieser Gebrauch erhielt sich sehr lange unangefochten, bis im Jahre 692 das Konzil in Konstantinopel alle diejenigen mit dem Kirchenbann bedrohte, welche falsche Haare tragen würden. Doch behauptete trotz alledem der falsche Haarschmuck seine Herrschaft. Petrus Lombardus nennt ihn noch im zwölften Jahrhundert eine „gräuliche Entstellung", eine „verdammcnswerthc Unverschämtheit". Alexander Alesius (ft 1215) und Bernhard de Vienne erklärten ihn für eine Todsünde, und der heilige Panlin versicherte, der Herr werde die Frauen, die dergleichen trügen, demüthigen, indem er sie zu Kahlköpfen machen werde. So vielen Anfeindungen gaben die Damen endlich Gehör und adoptirten wieder den Schleier, der bis auf die Schultern reichte und alles Haar verhüllte; Königinnen und Prinzessinnen trugen darüber ein Diadem, Wittwen dagegen eine Kopfbinde, welche die Stirn bedeckte, auch über Wangen und Gesicht herab hing und Hals und Brust verhüllte. Hierauf folgte die Mode der „Schlapphütc", die sehr breit und mit Perlen reich besetzt waren. Unter Ludwig dem Schönen (ft 1314) und seinen Nachfolgern kam bei den Damen ein Kopftuch in Flor, das die Gestalt eines enormen Zuckerhutes hatte, von dessen Kegel ein Gazeschleier niederwalltc, wobei das Haar noch immer sichtbar blieb. Jsabella von Baicrn, Gemahlin Karls VI trug Bonnets, wie die späteren zweistutzigen Hüte der Männer geformt; von den stark aufgebogenen Enden hing ebenfalls ein langer Kreppschleicr mit Franzen bis auf den Gürtel herab. Weil sie ungeachtet der kriegerischen Unfälle diesen Luxus nicht aufgab, ward sie nolvns volens eingesperrt. Diese Kopfgebäudc wurden unter Karl VIII. um einige Stockwerke niedriger, bis sie unter Ludwig dem VIII. gänzlich verschwanden, um einer einfachen „Schwanzkappc" oder Capuchon Platz zu machen. Aus einer Klcidervcrordnung zu schließen, die der Rath zu Brcslau 1453 publicirte, müssen die damals üblichen Hauben den Thürmen ähnlich gewesen sein; denn es heißt: Itvm : Die Frauen sollen ablegen die großen ungewöhnlichen Hauben, und nicht größer als eine halbe Elle lang tragen, welcherlei sie tragen wollen, und sollen keine Pcrlins (Berliner) Hauben tragen; welche dawider handelt, soll eine Mark Strafe erlegen." Unter Franz I. fingen die Damen an sich zu frisiren, und trugen einen spani- 126 schen Toque; unter Heinrich dem IV. kam der Gebrauch des Puders auf. Im Jahre 1784, als die politischen Ideen bereits zu gähren ansingen, mischten sich auch die Damen darein und trugen „Disconto-Kassen-Hüte" bis unter der Republick und dem Kaiserreich wieder die griechischen Moden vorherrschend wurden. Auch die Mode ä In Giraffe, welche hierauf eine Zeit lang die Damcnscheitcl negirte und verunstaltete, ist zu Grabe getragen worden. Möchte ihr noch so manche Ausgeburt der Jetztzeit dahin nachfolgen, und nur das wirklich Schöne Mode werden! Eine Bärengeschichte. Der „Warschauer-Zeitung" hat man über einen gezähmten Bären folgenden Bären aufgebunden: In einem Kloster Podoliens wurde ein in den dortigen Wäldern ganz jung einge- fangener Bär gehalten. Das Bich war sehr zutraulich und gelehrig, und wuchs bei der guten Klosterkost und dem faulen Leben recht hübsch kräftig heran. Die Kost sollte ihm nzm auch ferner gewährt werden, das faule Leben war aber den frommen Vätern ein-Gräuel, und man sann darauf, Petz seiner Individualität angemessen zu beschäftigen und ihm eine Rolle zuzutheilen. Die Gelehrigkeit des Bären versprach guten Erfolg. Nun war das Wafferschlcppen von dem ganz in einem entfernten Winkel befindlichen Brunnen nach der Küche und namentlich nach dem Waschhaus, welches gleichzeitig zum Brauhaus diente, die schwerste Arbeit und dem Bruder Koch und den Brüden, Brau- und Küchengehilfen ein wahrer Gräuel. Petz wurde erkoren, diesen wichtigen Posten von nun an zu versehen. Ihm wurde ein Stock mit zwei Eimern daran auf den Rücken gehängt und die nöthigen Unterweisungen ertheilt. Bald hatte er die Sache kapirt, und Petz schleppte nun regelmäßig Master vom Brunnen in ein großes Faß, bis dieses voll war. Dann legte er sich schlafen. Wurde auch die Thätigkeit des großen Waschkestcls als solcher selten genug in Anspruch genommen, so mußte er zur Bereitung des eigenen, sehr trinkbaren Gebräues, oft genug herhalten und das große Wastcrfaß nahm Petzens Dienste, die von den betreffenden Brudern in vollem Maaße anerkannt und geschätzt wurden, zur Genüge in Anspruch. Der Bär vollführte bald die ihm übertragenen Obliegenheiten mit solcher Gewissenhaftigkeit, daß jede Aufsicht unnöthig wurde. Er verdiente sich in der That sein Brod sauer genug. So ging die Sache eine ganze Zeit lang sehr schön, bis er sich in Folge besonderer Freiheiten, die sich einige seiner frommen Freunde herausnahmen, mit diesen entzweite. Eines Tages hatte er nach seiner Meinung bereits eine genügende Menge Wasser herangeschleppt. Das Faß wollte und wollte sich indeß nicht füllen. Er schleppte und schleppte, aber immer ohne Erfolg. Das Wasser im Faß wollte nicht steigen; das machte unsern Petz mißtrauisch, und als wiederholte Gänge nichts fruchteten, stellt er sich hinter der Thür auf die Lauer. Sowie Petz zur Thür hinaus ist, springen lachend einige junge Mönche aus ihren, Versteck hervor, öffnen rasch den Hahn, um das Danaidenfaß auf das alte Niveau zu bringen, und so den treuen Wasserträger um den Erfolg seiner sauren Mühe zu betrügen. Hiemit war der Bär aber keineswegs zufrieden, der, Plötzlich seine braune Schnauze zur Thür hineinsteckend, den Schabernack, den man ihm spielte, recht gut begriff. Ein wüthendes Gebrumme ausstoßcnd, schleuderte er den dicken buchenen Knüppel, der ihm als Wasserträger diente, mit furchtbarer Kraft mitten unter die fidele Schaar, die erschreckt Fersengeld gab. 127 Vor Ingrimm schrecklich brummend, verfolgte Petz seine Peiniger, die sich jedoch glücklich retteten und die Thür verrammelten; da ihm die Schuldigen entgangen waren, tobte er durch's Kloster, einen neuen Gegenstand seiner Rache suchend. In wilder Hast suchte sich Alles vor dem wüthenden Thier zu retten und verbarrikadirtc sich förmlich in den Gebäuden. ^ Man versuchte nun mit vieler Mühe und den zärtlichsten Schmeicheluamen, Petz auf friedlichere Gedanken zu bringen. Aber vergebens! Brauchte seine natürliche, lang verhaltene Wildheit einen Ausbiuch, hielt er sammt» liche Mönche für milschuldig an dem Komplott oder fürchtete er endlich eine harte Strafe? — Nichts konnte ihn besänftigen. Endlich, nachdem er lange genug herumgetobt hat, zieht er sich nach dem Zimmer» Hof zurück, klettert auf einen Haufen Holz und setzt sich dort in Vertheidigungs-Zustand. Man hütete sich indeß, ihn anzugreifen und ließ ihn ruhig in seiner Beste sitzen. Was aber alle Schmcichelnamen nicht vermochten, bewirkte der Hunger. Als der Magen gar zu arg knurrte, kroch er zu Kreuz, stieg gemüthlich herunter und ließ sich ruhig ergreifen und an die Kette legen. '(Die Erfindung der Knhp ockenimpfung.) „Ich bin geschützt vor Mcn» schenblattern", sagte eine Bäuerin (1768) zum Chirurgen Ludlow, Jenners Lehrherrn, „denn ich habe die Kuhpocken überstanden; das wissen wir Melkerinnen aus uralten Zeiten". Des Weibes Rede wurde dem Lehrlinge zur «immer schweigenden Mahnung, die Wahrheit dieser Volksbeobachtung zu ergründen und zur praktischen Anwendung zu brngen. Im Jahre 1776 beginnt er seine Untersuchungen in den Maiereicn von Gloucestcrsl-ire. Reichliche naturhistorische und vergleichend-anatomische Kenntnisse befähigten ihn zur Lösung der gestellten Aufgabe. Nach mehr denn zwanzigjähriger Forschung, nach langsam reifendem Entschlüsse -— denn noch 1789 impfte er den eigenen Sohn mit Mcnschenblattern, nach Beseitigung aller immer wieder aufsteigenden Zweifel und Bedenken schreitet er zu der segensreichen That. In seinem Geburtsorte Berkeley, einem Flecken der Grafschaft Gloucefter impfte er am ewig denkwürdigen Ick. Mai 1796 den achtjährigen James Philipps von dem Milchmädchen Sara Rilms, welche sich beim Melken einer pockenkranken Kuh an ihrer von Kornähren geritzten Hand angesteckt hatte. Glücklich war der Erfolg. Die Geschichte nennt den genannten Tag den Geburtstag der Schutzpockenimpfung. Nach zwei Monaten, den 1. Juli, wurde zur Gegenprobe des Experiments der Knabe mit ächtem Blatternstoffe geimpft, die gleiche Impfung später- wiederholt: in keinem Falle kamen die Blattern. Die günstigen Resultate dieser und der im folgenden Jahre fortgesetzten Impfungen veröffentlicht Jcnner in einer eigenen, weltberühmt gewordenen Schrift, im Jahre 1798 bringt er sie nach London. Groß ist das Aufsehen, welches sie erregt. Sein Genius spendet der Menschheit das uralte Volksmittel zur bleibenden Wohlthat für alle Zeiten. Keine Entdeckung fand jemals eine. lebendigere Theilnahme und eifrigere Nachahmung. Nach kaum einem Jahre waren über 19,000 Menschen in London vaccinirt. Unter denselben waren über 5000 an der öffentlichen Impfanstalt (.Iknnviiau 8uc>Ll>^) mit ächten Mcnschenpocken inokulier und — in der That Alle wurden für dieselben unempfänglich gefunden. Mit Blitzesschnelle wuchs das Interesse für Jenners Jmpfmcthode; daß alle Vaccinirten bei den Pockenepidemieen verschont bleiben, alle Nichtvaccinirten von den Blattern befallen werden, bestätigte die tägliche Erfahrung. Dies entsprach selbst dem schlichten Verstände des Volkes. Daher die Impfung der Kuhpockcn sich mit unglaublicher Schnelligkeit überall ausbreitete: nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Erde, wohin dieses Welttheiles Civilisation vorgedrungen war, fanden ihre großen Segnungen baldigsten Eingang. Die erste Impfung in Deutschland vollzog zu Wien am 30. April 1799 de Ferro an seinen Töchtern und 128 bald darauf dc Carro an seinen Kindern. Im Jahre 1801 war daselbst das erste Schutzpockenimpfungsinstitut gegründet. Eine gleiche Anstalt wurde am 5. Dezember 1802 in Berlin unter der Leitung des „alten" Stein eröffnet, nachdem bereits Frankreich, Italien, die Schweiz mit gutem Beispiele vorausgegangen waren. Im Jahre 1800 und 1801 war die Knhpockenimpfung in den meisten Landern Europa's bis Konstantinopel, Bagdad und nach Rußland ausgebreitet. In letzterem Lande war die Kaiserin-Mutter ihr eine besondere Gönnerin. Bald genossen auch die übrigen Wclttheite ihre Früchte: 1800 kam die Vaccination nach Nordamerika, 1802 nach Ostindien, Java, Grönland, 1806 nach Kalifornien u. s. w. Welche drei Schlachten werden als die blutigsten unter allen aus europäischem Boden vorgekommenen bezeichnet? l) Die Schlacht in den Catalannischen Feldern bei Chalons an der Marne (die Marne, ehemals Matrona genannt, ist ein rechter Nebenfluß der Seine) im heutigen Frankreich zwischen dem Hunnen- könige Attila auf der einen und den verbündeten Römern (unter Aätius), Westgothen, Franken, Alanen und Sachsen auf der andern Seite. Sie ward im Jahre 451 n. Chr. geschlagen und fiel für die Hunnen ungünstig aus. 162,000 Todte deckten nach wenig Stunden die Wahlstatt. Vom Blute soll ein kleiner Bach angeschwollen sein. 2) Die Schlacht, welche die Franken unter Karl Martell den Arabern oder Mauren unter dem lhalifischen Statthalter Abdorrahman lieferten. Es geschah dies an einem Sonnabend im Oktober des Jahres 732 zwischen den französischen Städten Poitiers und Tours. Allein von den Arabern blieben 375,000 Mann auf dem Schlachtfelde, unter denen sich der besiegte Held Abdorrahman befand. 3) Die auf dem Lechselde stattgehabte Schlacht der Deutschen unter Kaiser Otto I. mit den Ungarn. Sie wurde am 10. August 955 geschlagen. Von dem aus mehr als 100,000 Mann bestehenden ungarischen Heere sollen, nach der Versicherung des Otto von Freisingen, nur sieben Mann ohne Nasen und Ohren als Hiobsboten nach Hause gekommen sein. Auch die Deutschen erlitten fürchterliche Verluste. Das Blut rann von der Wahlstatt. (Napoleon I>k. ehemals — Pflasterer.) Unmittelbar nach der Julischlacht vou 1848 ging eio junger Mann durch die Vorstadt St. Antvine, wo di^elben Leute, ine wenige Tage vorher das Pflaster zum Barrikadenbau aufgerissen, beschäftigt waren, die Pflastersteine wieder in Ordnung zu bringen und die Straßen von Paris wieder gangbar zu machen. Kaum befand er sich in der Mitte der Leute, als eine alte Frau plötzlich ausrief: „Der junge Herr da mit den gelben Handschuhen thäte auch bester, wenn er uns helfen würde, ldas Pflaster in Ordnung zu bringen." — „Sie haben Recht, meine gute Frau," war seine Antwort, „ich bin gekommen, um die Ordnung wieder herzustellen und das Pflaster an seinen alten Platz zu setzen." Damit übergab er seinem Bedienten seinen Spazicrstock und seine Handschuhe, nahm einen Pflasterstein, fügte denselben gehörig an Ort und Stelle ein und ging hierauf, eine erstaunte Menge hinter sich zurücklassend. Dieser Pflastertreter war Louis Napoleon Bonaparte, heutzutage Kaiser der Franzosen. Charade ( Dreisilbig.) O wie so gerne unterhält, Las Erste schauend stundenlang, Sich überall die Kinderwelt. Wie wird bei Zweitem angst und bang Auch manchem, den sonst Muth beseelt. Wie fand beklagten Untergang Des schönen Viel zu einer Zeit, Da mit der größten Heftigkeit Ach über's Erste, das so fein, So zart, das Zweite brach herein. — Das Ganze? man nun Frage stellt: Ein Faktum, das uns Zeugniß gibt, Was blinder Eifer dann verübt, Weun rohe Macht sich beigesellt. Druck, V-rlao und Ardakiion deS ltt-r.irischcn Instituts von 0r, W Huuier. Nr. ir. 26. April 1865. Angsbnrger Etwas fürchten und hoffen und sorgen Muß der Mensch für den kommenden Morgen, Daß er die Schwere des Daseins ertrage Und das ermüdende Gleichmaß der Tage, Und mit erfrischendem Windeswebcn Kräuselnd bewege das stockende Leben. Schiller. SancL Jarihelmä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) II. Unter den Trümmern. Herrlich verglühte der Abend des nächsten Tages über dem weiten, flachen Grunde, der von Gebirgen umrahmt, sich zwischen Säle und Salzach, den stürmischen Berg- flüssen erstreckt. Weites grünes Weideland wechselte mit braunen Moorstrichen, in denen Bäche blitzten und breite Wassertümpel schimmerten; zwischcnhin zogen Gebüsche und Streifen dunkelgrünen Waldes — darüber im wcitgcschlungenen Kranze trugen der breite Staufen, der hohe Göhl, der wundersame Untersbcrg und der eingebrochene Watzmann die einsamen Häupter stolz empor in den bläulich rothen Abendduft. Wo die Salzach sausend zwischen zwei nahegcrücktcn Hügeln sich hindurch drängt, stieg das rechte Gestade nach kurzer Ebene bald aufwärts, den Abhang hinan, in übereinander aufsteigenden, bald schmäleren, bald breiteren Einschnitten und Abplattungen, deren Regelmäßigkeit allein schon hinreichte, ihre künstliche Entstehung zu bezeugen; es hätte hiezu der Trümmer verfallenen Maucrwcrks nicht bedurft, welche, überall zerstreut, von einem reichen bewegten Leben Künde gaben, das einst hier gehaust, aber vom Strome der Zeit hinweggcspült war, wie auf überschwemmtem Lande, aus dem Stcingcröll emporragend, hie und da nur noch ein karger Strauch oder ein verkümmernder Baum von der Pracht und dem Segen der Fluren erzählt, die einst unter dem Werke der Verwüstung gegrünt. Der Boden war überall mit üppigem Grase, mit Gestrüpp und raiskcndcm Gewächs bedeckt, das an geborstenen, halb eingesunkenen Wänden, über Säulentrümmcrn und Tropfsteinen Halt genug fand, einzuwurzeln und aufzuklimmen. Wo es der Raum gestattete, waren Tannen und Ulmen emporgewachsen, durch Stämme und Kronen beweisend, daß mehr als ein Jahrhundert vorübergegangen, ohne daß eine Menschenhand ihrem Wachsthume gewehrt und ihnen den gewählten Standort streitig gemacht hatte. Ganz oben vom Gipfel des Hügels schauten als krönender Abschluß die Reste halbverfallener viereckiger Thürme und riesenhafter Wehrmauern hernieder, als wäre es noch ihre Pflicht, den Heerwcg zu bewachen, der längs des Stromes dahinzog, eine kümmerlich erhaltene, mühevoll steinige Bahn. Am Wege stand ein einfaches ländliches Gehöft, umgeben von einem Gehege starker oben zugespitzter Pfähle, unter sich durch dichtgeschloffencs Weidengeflccht verbunden. Das Haus, nur aus einem Erdgeschoße bestehend, war schlicht aber fest aus behauenen Balken 130 gezimmert und lehnte sich etwas zurückgestellt an den aufsteigenden Hügel; seitwärts standen kleinere Gebäude, deren Eines der steinerne Unterbau so wie die daraus aufsteigende Rauchsäule als Backofen bezeichnete, während aus dem offenen Dachgiebcl eines andern Vorräthe von Futter und Getreide hcrvorsahen und in ihm Scheune und Stall erkennen ließen. Tauben saßen auf der Firstsäule, Hühner pickten und scharrten am Boden umher, seitwärts auf einem umgestürzten Architrav waren abgesägte und ausgehöhlte Baumstücke gereiht, die einfache Herberge summenden Bienenvolks, nnd gegenüber in einer durch aufgeschichtetes Brennholz gebildeten Lücke schlief auf die mächtigen Pfoten gekauert, ein gelber zottiger Wolfshund. Der Raum vor dem Wohnhausc war umgearbeitetes Land, in Felder und Beete getheilt, in denen Rüben und Kohlhäupter standen unter Salbei, Raute und anderem Gewächs, das in Haushalt und Küche Verwendung und Nutzen hat. Zwei Frauen waren eifrig beschäftigt, ein Stück des Gartens frisch umzugraben, Unkraut auszuziehen und die Pflanzen von Raupen und anderem Ungeziefer zu befreien. Die Eine war eine starke sehnige Gestalt mit grauem Haar und verblühtem Angesicht, die Andere fein und von jugendlich aumuthigen Formen: Beide hatten Arme und Schultern unbedeckt, ein grobes Linncnhemd und ein Rock von dunkler Wolle mit rothem Endbesatz bildete die ganze schlichte Kleidung der Bäuerinnen. Der alte Chriembert kam den Weg heran und blieb, als er die Frauen gewahrte, an der Umzäunung stehen. „Heda," rief er, die Arme auf die Pfähle gestützt, „laßt einen Augenblick die Schaufel rasten, Ihr Weiber, und sagt an, wo ich Eigel, den Barschalken finde, der weiland seßhaft gewesen, draußen im Chiemgau?" „Ihr seid am rechten Ort, Landsmann," sagte die Aeltcre, „hier haust der Mann, den Ihr sucht — weiland Eigcl geheißen, wie wir noch ungläubige Heiden waren — jetzt heißt er Florianus . . . Aber kommt nur herein, Mann: der Herr ist im Hause, und Du, Leutbirg, geh' und sieh' nach, ob Wolf fest an der Kette liegt, daß er den Fremden nicht zu Schanden reißt!" Ein Mann, in ein Wamms aus rauh gegerbtem Leder gekleidet, war während dieser Reden unter der Hausthüre erschienen, eine gedrungene untersetzte Gestalt mit kurzem Nacken und starkknochigen Armen, die er gähnend über dem Kopfe reckte und streckte, wie Einer, der eben aus dem Schlafe wach geworden — es war das Recht des Hausherrn, daß er ruhte, wenn Alles thätig war, und daß er außer Krieg und Jagd, oder allenfalls dem Schmicdehandwerk keine Arbeit verrichtete, oder höchstens draußen im Felde den Pflug führte und die Saat bestellte. „Hoho," rief der Mann mit kräftiger, rauh klingender Stimme, indem er sich das dichte schwarze Haar aus der Stirne strich, „das ist kein Fremder, wie mir schwant! Die Stimme habe ich schon gehört, und wenn ich nicht noch schlaftrunken bin, so ist das Chriembert von der Schönau, mein alter Zehntgenoß und Waffenbruder!" „Der ist eS, Alter," entgegnete Chriembert eintretend, „ich will Dein Gast sein auf ein paar Tage — ich hoffe, Du hast die jungen Zeiten nicht vergessen, wo wir unter Einer Decke am Wachtfeuer lagen und uns Blut-Runen" in die Arme schnitten auf ewige Freundschaft; ich komme zu dem alten Eigel, den Neuen mit dem wunderlichen Namen kenn' ich nicht!" „Tritt herein," sagte Eigel, indem er ihm einige Schritte entgegentrat, „thu' meinem Hause die Ehre an . . . beim Donner ... bei meinem Namenpatron will ich sagen, ... es ist noch kein besserer Gast über seine Schwelle gegangen! Welch' Abenteuer hat Dich zu mir verschlagen? Komm herein — Ihr Weiber aber rüstet ein tüchtig Lager und sorgt für Imbiß und Willkommentrunk ..." „Du kannst es errathen, Blutbruder," erwiderte Chriembert und trat mit Eigcl in's Haus. „Ist nicht Herzog Dict von Bajoarien, weiland unser Anführer und Fcld- hauptmann auf seiner Rückreise aus dem Lande der Walchen nach Piding gekommen?" 131 „Freilich wohl," sagte Eigel lachend, „aber nicht nach Piding — den Namen gibt es nicht mehr: seit der Herzog den frommen Bischof Chrodbert vom Rhein gerufen und ihm die alte römische Trümmerstadt geschenkt hat, damit er sie und das Land und uns Alle zu guten Christen mache, seitdem ist sie die Salzburg geheißen . . „Mag sein!" brummte Chriembcrt. „Kann mir das Alles nicht mehr merken! Da droben, auf dem Jmberg, steht noch der heilige Hain des Pid, des Kriegsgottes, zu dem wir einst gebetet haben . . . weißt Du es noch, Eigel? Ich wenigstens kann es nicht vergessen, und habe immer die alten Namen und Dinge im Kopf! D'rum will ich auch den Herzog einmal wieder sehen und ihm ein Gastgeschenk bringen . . . Sieh' her," fuhr er fort, indem er ein längliches Fäßchen vom Rücken nahm, „ein weidlich Gericht von Salmlingen aus dem Wildsee, frisch gefangen und so schön, wie selten! — Es ist ein lecker' Esten und ich weiß, daß es dem Herrn vor Zeiten besonders wohl gemundet hat! Die Fische soll er haben und Du mußt mich zu ihm führen!" „Soll geschehen," war Eigel's Antwort, „wirst Dich aber bis spät in den Abend gedulden müssen, der Herzog mit seinen Falknern ist in's Ried hinausgeritten zur Reiher- beize... Hoho," unterbrach er sich, durch niedrige Fenster hinausrufcnd, „Raynhild ... Leutbirg... hört Ihr nicht, Ihr Weiber? Nehmt das Fäßlein da — 'sind seltene Fische drinnen . . . bindet's an ein Seil und laßt es hinab in den Ziehbrunnen, daß sie frisch und munter bleiben!" Die Wohnstube des Eigelhofs bot nicht viel der Gemächlichkeit, noch der Zier. Die Wände oder das Gebälk waren thcilweise von den Jahren angedunkelt, thcilweise vom Rauch geschwärzt, dem von der Feuerstätte in der Ecke, die zugleich als Ofen und als Küche dienen mußte, nach allen Seiten hinzuziehen gestattet war. Ein langer ungeschlachter Tisch mit Querfüßcn und eine Reihe von Bänken und Stühlen von nicht minder kunstlosem Gefüge umgaben denselben - an den Wänden auf einfachen Holzgesimsen standen einige Krüge und Schüsseln, darüber war die Ausrüstung des Mannes für Jagd und Krieg, Schild und Eiscnhaube, Spieß und Schwert, Kolben und Streitaxt sammt Halsbcrge und Kettenhemde aufgehangen. In der Ecke hing ein schlichtes Kreuzbild, zum Zeichen, daß das Haus ein christliches sei und befremdlich genug waren an dem Gebälk über'm Herd allerlei Runen und Zeichen mit Kohle angeschrieben, die, wie das geschlossene Fünfeck, damit nicht wohl zusammenstimmten. Eine Thüre seitwärts führte in's Schlafgcmach, eine andere über einige Stufen hinab in ein unterirdisches kellerartigcs Gelaß, wo Rocken und Webstuhl erkennen ließen, daß es die eigentliche Werkstätte des Fleißes der weiblichen Hausgenossinncn sei. Ein etwas erhöhter, mit schwarzem Bärenfell belegter Sitz am Ende der Tafel bezeichnete den Ehrenplatz des Herrn und Hausvaters. „Nimm den Hochsitz ein," sagte Eigel zu Chricmbert, „dem Gast gebührt die Ehre!" Dieser gehorchte, der Wirth lagerte sich ihm zur Seite und bald trat die Hausfrau ein, eine blendend weiß gescheuerte Platte aus Lindenholz in den Händen, worauf eine kalte gebratene Schwcinskeule lag, zum Theile bereits in bequeme Stücke zerlegt, die gleich mit den Fingern ergriffen und genossen werden konnten. Der Wirth des Hauses nahm einen Bissen, tauchte ihn in das auf dem Tische stehende Salzfaß und reichte ihn dem Gast, indem er zugleich das breite Schnitzmesser vom Gürtel nahm und mit Gewalt in die Tischplatte stieß, zum Zeichen, daß der Gast nun im Schutze des Hauses und seines Herrn stehe. Unmittelbar hinter der Hausfrau erschien die Tochter, schnell in ein reines Helles Obergcwand gekleidet, rasch von Staub und Schweiß der Gartenarbeit gereinigt, mit lichten Armen und klarem Angesicht. Sie trug ein mächtiges Stierhorn, am Rande mit blankem Silber beschlagen, wohl erkennbar als ein Werthstück und Ehrenbesitz des Hauses, der nur bei besonderem Anlaß hervorgeholt wurde. Es war Pflicht und Auszeichnung der Frauen, zumal der Töchter, den Ehrenbecher zu kredenzen, und bei Mahl und Gelag 132 üls anmuthige Schenkinnen zu dienen: ihnen lag es ob, das Trinkhorn mit angemessenem Spruch und Reim zu begleiten. Lentbirg trat zu dem Gaste, reichte ihm das Horn mit sittig niedergeschlagenem Blick und sagte: „Die Schwalb' und em Gast bringt Glück in's Haus. „D'rum tbut Bescheid und trinket daraus!" „Trink', alter Z-Hntgenoß," rief Eigel, „und laß' es Dir munden! Das ist rother Wein vom Schloß Teriol, den ich unlängst selber mit heimgebracht von einer Saumfahrt über den Dauern — es ist ein edel Getränk. Habe auch die Rebe mitgebracht und habe sie angepflanzt zum Versuch, ob die Sonne von Salzburg kräftig genug sei, so köstlichen Most gar zu kochen!" Der Gast hatte sich erhoben; er hielt das Trinkhorn hoch empor und neigte es über, dgß einige Tropfen auf den gedielten Boden nicderträufelten. Er sprach: „Donar sei der erste Trunk gewelkt — „Auf's Glück des Hauses trink' ich Bescheid!" Dann setzte er das Horn an den Mund, leerte es reichlich in Einem kräftigen Zug zur Hälfte und gab es dem Hausherrn hinüber, der es vollends ausschlürfte, dann auf die Hand umstürzte, daß der letzte Tropfen auf dem Nagel des Daumens sitzen blieb. Rasch hatte die Tochter das Horn wieder gefüllt und es auf dem Gestell befestigt, daS, aus den Ständern und Fängen eines Adlers geformt, zu solchem Dienst auf der Tafel bereit stand. Dann zogen die Frauen sich zurück und bald wurden die Laute ihrer Thätigkeit draußen im Garten wieder hörbar, während die Männer sich in's Gespräch vertieften, der gemeinsam verlebten Jugend gedenkend, in der Erinnerung noch einmal sich erfreuend an den in Waid- und Kriegs-Werk überstandenen Führlichkeiten und Abenteuern. Sie erzählten einander, wie sie seither gelebt und gewirthschaftct; Chriembcrt rühmte das Töchterlein des Wirths und sein unmuthig Gebühren und meinte, der Eidam, der sie ihm entführe, werde nicht lange auf sich warten lassen, Eigel dagegen fragte nach des Gastes Sohn und erfuhr, wie er vom Vater zurückgelassen worden, zu Wach' und Wehr für das einsame Gehöft in der noch einsameren Schönau. Zuruf von außen unterbrach das Gespräch; die Frauen hatten inzwischen wieder fort gegraben und die Tochter kam rufend an's Fenster, sie hätten beim Graben einen seltsamen Fund gemacht, der Vater solle heraus kommen mit dem Gast, es sei noch eben hell genug, das sonderbare Gebild zu beschauen. Die Männer folgten und betrachteten verwundert das Gefundene — das Bruchstück einer erzenen Figur, dicht mit Moder und Grünspan bedeckt, Oberkörper und Kopf eines schönen Jünglings vorstellend, welch' Letztem eine hutartige Mütze bedeckte, mit einem Flügelpaar geschmückt. Während das Erzstück von Hand zu Hand wanderte, von manchem Ausruf des Staunens, mancher Frage nach dessen Bedeutung begleitet, tönte feierlich frommer Gesang durch die stärker einbrechende Dämmerung. „Was bedeutet das?" rief Chriembcrt verwundert und horchend. „Das sind die Mönche mit den Knaben," sagte Eigel, „sie haben drüben über der Salzach die Zellen, die im Felsen eingehauen und ausgehöhlt sind, bezogen und den Grundstein gelegt zu einer neuen Kirche. Da wohnen sie nun und haben ein Häuflein Knaben um sich gesammelt, die sie erziehen und unterrichten . . . Vermuthlich ist einer von den Vätern mit den Knaben lustwandeln gegangen. Sie pflegen das öfter so zu halten, und mögen sich heut verspätet haben, den ungewöhnlich schönen Abend zu genießen — ist es doch fast schon dunkel und unter den Sternen ist der Heerwagcn schon hoch herauf gerückt, schier über die Firstsäule meipcs Hauses . . ." Während der Rede waren die Knaben schon herangekommen, alle in lange dunkle, mönchartige Gewänder gehüllt, auö denen die runden vollen Kinderköpfe anmuthig heraussahen; sie schritten munter einher und wie ein Lustgesang, in den sich die Freude der 133 jungen Gemüther ergoß, tönte das feierlich getragene Kyric von ihren Lippen. Ein Mönch in schwarzer Kutte war ihnen als Führer und Begleiter zur Seite. „Was ist das?" fragte Chricmbert flüsternd. „Sie sind geschoren — sind eS hörige Knaben?" „Nicht doch," entgegnctc Eigel ebenso, „es sind die Söhne der frciesten und besten Männer darunter — es drängen sich gar Viele zu der Aufnahme: aber sie sollen einmal christliche Priester und Sendboten werden und darum tragen sie jetzt schon Haar und Gewand wie diese ..." Kopfschüttelnd hörte der Alte zu und gewahrte, wie die ganze Familie beim Herankommen des Mönches näher an die Umzäunung trat und wie der freie Mann und Barschalk, einst sein Blutbruder und Kampfgenoß Kopf und Nacken vor demselben beugte, während die Frauen kniend die gefalteten Hände in demüthiger Verehrung empor hoben. Der Mönch blieb steh'n und überblickte die Gruppe: er mochte mit Verwunderung des alten Jägers gewahr werden, der allein unachtsam und aufrecht stand. Es war ein schlanker hochgewachsener Mann, mit röthlichcm Bottbart, frisch gefärbtem Angesicht und klugen feurigen Augen. „Der Herr segne Euch," sagte er mit fremdklingender Betonung, welche wie die Farbe seines Haares an die irdische Heimat mahnte, der er entstammte, „er schütze Euch diese Nacht und gebe nicht zu, daß der Engel des Verderbens Euch schade. Amen! ... Ihr seid noch so spät fleißig gewesen," fuhr er dann in freundlich ermunterndem Tone fort, „und wie es scheint, zur guten Stunde, denn Ihr habt wohl einen seltenen Fund gemacht?" Er deutete auf die Erzfigur, welche Eigel noch in den Händen gehalten hatte und ihm nun überreichte. (Fortsetzung folgt.) Das Gloria des Teufels. -2) Nicht sehr lange vor dem Auftreten der reichen Fuggcr lebte in der kunstsinnigen Reichsstadt Augsburg ein Meistcrsänger, Namens Peter Umlauf, der neben seinem Liederschätze — eine seltene Beigabe —- auch des Geldes und Gutes im Ueberflussc besaß. Der Alte machte gar kein Hehl von seinen Reichthümern, sondern that sich vielmehr ein Ziemliches darauf zu Gute, indem er mit großer Ruhmredigkeit von seinen Kunstfahrtcn erzählte, und welche Fürsten und Machthaber alle, geistliche wie weltliche, ihn mit Kleinodien beschenkt hätten. Es fanden sich indeß welche, die bezweifelten, daß er seinen ungewöhnlichen Wohlstand allein dem Gesänge danke, zumal nicht unbekannt war, wie er auch mit den tieferen Wissenschaften sich befasse und in der Sterndeuterei, sowie im Gebrauche des Erdspiegels und der Wünschelruthe wohl erfahren sei. Mißgünstige Menschen sprachen sogar von einem Bunde mit den bösen Geistern, ein Verdacht, welcher in jenen Zeiten Manchen traf, der in die Geheimnisse der Natur besser eingeweiht war, als die unwissende Menge. So viel hatte seine Richtigkeit, daß fromme Gesinnung nicht die hervorragende Eigenschaft unseres Künstlers war. Man sah ihn äußerst selten in der Messe und mit Noth des Jahres einmal am Tische des Herrn, Wir haben diese launige Erzählung den gegenwärtig zur Subscription aufliegenden ,gesammelten Schriften" Ädalb. Müller's entnommen, um durch dieses Probestück unsere Leser zetzt schon aus diese demnächst erscheinenden Schriften aufmerksam zu machen. Die einfache und doch fesselnde Darstellung, der natürliche Humor, mit dem diese Erzählung gewürzt ist, ist sicherlich geeignet, einen günstigen Maßstab zur Beurtbeilung aller Erzählungen dieser reichhaltigen Sammlung an die Hand zu geben. Sie enthalten Sagen und Legenden aus Südveutschland, Fromme Lieder, Fliegende Blätter, Miscellen. Bestellungen sind in derM. W äsn er'sehen Buchhandlung zu Regensburg oder auch in jeder beliebigen Buchhandlung Bayerns zu bewerkstelligen. Preis 1 fl. 45 kr. Die Red. 134 «nd eben so wenig zeichnete er sich durch Freigebigkeit an die Klöster und Bruderschaften L aus, weßhalb er bei den Strenggläubigen eben nicht im besten Gerüche stand. ' Meister Peter hatte eine Tochter — das einzige Kind — welche gerade das Widerspiel des Vaters war, und wenn dieser durch Schroffheit und Hochmuth die Herzen abstieß, zog Lisbeth durch mildes und bescheidenes Wesen alle an. Zufolge ihres Liebreizes und ckugendsamen Wandels hätte sie Freier die Menge gefunden, wenn auch im ^ Hintergründe nicht die reiche Mitgäbe gestanden wäre. Der Alte aber erkannte nicht, 5 welch' kostbare Perle er an seiner Tochter besaß, sondern grollte mit dem Himmel, daß er ihm keinen Sohn beschicken, auf welchen er seine Kunst hätte vererben können; denn er war auf seinen Ruhm nicht minder stolz, als auf seinen Mammon? Als nun Lis- beth mehr und mehr heranwuchs, kam er auf den Einfall, durch sie dennoch der Stammvater eines Sängergcschlechtes zu werden, und ließ derohalben kund thun, daß er dem- - jenigen seiner Tochter Hand benebst einer Aussteuer von zwanzigtausend ungarischen Gulden gebe, so das schönste Minnelied dichte und absinge. In öffentlichem Wettkampfe -sollte der Preis nach dem Ausspruche der bestellten Kunstrichter erworben werden. — Ungerührt von den Bitten und Thränen der Tochter und den Vorstellungen seiner Freunde sandte Meister Peter das Ladschreiben im ganzen Reiche herum und fügte, um das Maß voll zu machen, mündlich den frevelhaften Schwur bei: „Er werde sein Wort halten, wenn auch der böse Feind selber unter den Bewerbern sich einsinke." Das Plakat des Augsburger Meisters zündete wie ein Blitzstrahl in der deutschen Iunggcscllenwelt, und wer nur immer „Herz und Schmerz" zusammenreimen und ein Tänzchen auf der Zither klimpern konnte, quälte sich mit dem Versuche, ein Lied auszuhecken und in Noten zu setzen. Sämmtliche Geigenmacher zwischen Rhein und Oder waren nicht im Stande, so viele Harfen, Lauten und Fideln beizuschaffen, als die Nachfrage verlangte. In der Vaterstadt Lisbeth's griff erklärlicher Maßen der poetische Schwindet am Allgemeinsten um sich und verrückte den gesetztesten Männern den Kops. Alles, was noch nicht beweibt war, summte, pfiff und trillerte den lieben langen Tag über vor sich hin, zu Hause und auf der Straße, und ganz Augsburg schien dem Ohre verwandelt in einen von tausenderlei Singvögeln bevölkerten Zauberwald. Solche Macht haben Liebe, Habsucht, Selbstdünkcl und Ehrgeiz über den Menschen. Der Preis war aber auch gar zu anlockend, und manches hungernde Dichterlein sah im Geiste bereits sein ärmliches Dachstübchen von der strahlenden Schöne der Goldbraut erhellt. § Einer nur nahm nicht Theil an dem Jubel und den Hoffnungen, welche die Aus- schreibung hervorgerufen hatte, und das war der ehrsame Geschlechter Herr Dietrich Lang enmantel. Der junge Mann hatte seit geraumer Zeit sein Auge auf Lisbeth geworfen und, von ihr gleichfalls gerne gesehen, war er eben daran, förmlich um ihre Hand anzuhalten, als ihm des Vaters wunderliche Grille einen bösen Strich durch die Rechnung machte. Den starrsinnigen Alten von seinem Vorhaben zurückbringen zu , wollen, wäre verlorene Mühe gewesen, und eben so wenig durfte sich Junker Dietrich irgend Hoffnung machen, den Preis im Wettgesange zu erringen; denn so gut er auch im Rathe das Wort und auf dem Schlachtfelde das Schwert zu führen vermochte, —> in der edlen Musika war er ein erbärmlicher Stümper und kaum vermögend, ein einfaches Trinklicdlein genießbar vorzutragen. Schon war der Vorabend des zum Wettspiele festgesetzten Tages gekommen, und noch wußte der liebessieche Junker nicht, wo aus oder an. Rathlos irrte er in den Straßen der Stadt herum und kam endlich, geleitet von seinem guten Engel, vor Sanct ' Ulrichs Münster. Er trat ein, um bei Gott Tröst zu suchen, wie ein frommer Christ ^ thun soll. Eben verklangen die letzten Glockcnschläge des Angelus im Thurme, und Dietrich fand sich zu dieser späten Stunde allein in den weiten, dunkelnden Hallen. Er fiel an den Stufen des Altares auf die Kniee und betete lange nnd inbrünstig. Als er sich wieder erhob, sah er zu seiner Verwunderung das Grabmal des heiligen Ulrich von einem blendenden Silberscheine übergössen, und ob dem Steine schwebte in wallender Lichtwolke die ehrwürdige Gestalt eines greisen Bischofs. Solch' unaussprechliche Milde- und Güte hatte Dietrich nie zuvor in einem menschlichen Antlitze geschaut, und er fühlte augenblicklich alle Furcht beschwichtiget. „Mein Sohn!" begann die Erscheinung mit sanfter und dennoch klangvoller Stimme, „wisse, nur eine dünne Erdrinde trennt die Wohnungen der Menschen von den Grüften der Hölle, und die da unten hören leise. So hat denn der Satan den vermessenen Eid jenes Rabenvaters vernommen und sich aufgemacht, um den Preis zu ringen. Aber Gott, die ewige Gerechtigkeit, duldet nicht, daß eine schuldlose Seele zu Grunde gehe." Beim Schlüsse dieser Rede erhob sich der Heilige in seiner Wolke gegen den Altar hin, öffnete das auf dem Pulle liegende Meßbuch und riß ein Blatt heraus, welches er zusammenrollte und dem Junker darreichte, mit den Worten: „Morgen erscheint unter den Wettkämpfern auch Derjenige, dessen christgläubige Herzen nur mit Grauen gedenken. Der Herr wird dir die Augen öffnen, daß du ihn trotz seiner gleißenden Vermummung erkennest. Halte dich in seiner Nähe, folge achtsam seinem Gesänge, und wenn du gewahrst, daß er zu Ende kommen will, so lege ihm behende dieses Blatt unter und sei des Erfolges gewärtig." Sprach's und verschwand. Der Junker, welchem neuer Lcbcnsmuth durch die Adern strömte- warf sich noch einmal vor dem Altare nieder und verließ sodann nach kurzem, aber heißem Dankgebete die Kirche. Zu Hause angelangt, fand er, daß die Rolle, welche ihm der Heilige gegeben, den englischen Lobgcsang enthielt, wie ihn der Priester in der Messe mit den Worten: „Oloria in sxoslsis Dno" zu intoniren pflegt. Am folgenden Tage glich die gute Stadt Augsburg einem Bienenstöcke, so wimmelte es auf den Straßen und Plätzen allüberall von Fremden. Die Meister und Pfuscher aus ganz Dculschiand halten sich cingcstclll, und noch ungleich größer war die Zahl der Neugierigen, die das Fest herbeigezogen. — Zur bestimmten Stunde ergoß sich der Schwärm in die geräumige Halle des Umlauf'schen Hauses, welche auf's zweckmäßigste zum Schauplätze hergerichtet war. Weit gegen die Mitte des Saales vorgeschoben, stand der mit schwerem Goldbrokat bchangene Singcstuhl, eine Art Katheder, welchen die vortragenden Sänger zu besteigen hatten. Diesem zur Rechten und Linken, aber tiefer im Hintcrgrnnde, erhoben sich zwei Estraden, die eine bestimmt für Meister Peter und seine Tochter, die andere für die drei Mcrker, welche das Preisgericht bildeten. — Stuhl und Estraden umgaben in weitem Halbkreise die Bänke der Prciswerber. Jeder derselben hatte eine Pergamentrolle in der Hand, auf welcher seine Composition verzeichnet war, und einen Diener hinter sich, der das Instrument seines Herrn im Arme hielt. Eine Schranke, quer durch den Saal gezogen, schloß die eigentlichen Festgästc von dem bloß zuhörenden Publikum ab. Nachdem Alles Platz genommen, überschaute Meister Peter die glänzende Versammlung mit der Miene befriedigten Stolzes, die für einige Augenblicke in den Ausdruck des Spottes überging, als er in der Reihe der Sänger auch Dietrich gewahrte. Die Neigung des Junkers zu seiner Tochter war ihm nicht unbekannt, aber eben so gut wußte er, welch' ein ungeschickter Poet jener sei. — Ganz andere Gefühle durchzuckten Lisbeths Herz, als ihr Blick diesen Mitwerber traf, und sie hielt mit Mühe die Thränen zurück, welche ihr in die vom Kummer getrübten Augen traten. Meister Peter gab jetzt das Zeichen zum Beginne. Man hatte ausgemacht, daß die Künstler nach dem Loose auftreten sollten. Der Erste, welcher den Singstuhl einnahm, ließ sich in der Weise Nosenblüth's hören; Andere folgten in der fröhlichen Lobwcise Hans Berchlcr's von Straßburg, im güld'nen Ton, in der geblümten Paradicswcisc und dergleichen. -Es waren einige gute Sänger darunter, aber begeisterten Beifall wußte keiner hcrvorzulocken. Die Merkcr horchten aufmerksam den Vortrügen und notirten sogleich auf ihren Tafeln, wenn ein Verstoß in der Form gegen die Gesetze der Tabulatur oder im Inhalte gegen die Erzählung der Bibel und der Heiligen-Geschichte vorfiel. 136 Jetzt kam die Reihe an Nummer Siebzehn, und in dem Aufgerufenen, welcher mit langen Schritten dem Singstuhlc zueilte, erkannte Junker Dietrich kraft der ihm verheißenen höheren Eingebung alsogleich seinen Mann, obfchon derselbe äußerlich durchaus nichts Auffallendes zeigte; denn der Teufel ist nicht so dumm, daß er etwa durch eine rothe Hahnenfeder und einen feuerfarbencn Mantel sich selber den Aushängeschild der Hölle ankleben sollte. Der Fremde begann seinen Vortrag mit einem Präludium auf der Laute, die er meisterhaft handhabte. Hierauf ließ er ein Lied folgen, welches die schöne Helena und die Freuden des Venusberges zum Gegenstände hatte. Schon bei den ersten Tönen seiner glockenreinen Tcnorstimme gaben sich alle Mitbewerber verloren, und gleichwohl konnten sie dem Entzücken nicht widerstehen, welches diese zauberischen Weisen in der Versammlung hervorriefen. Besonders hingerissen zeigte sich Junker Dietrich. Er hatte seinen Platz verlassen, und rückte dem Sänger mit jeder Strophe näher und näher, bis er zuletzt dicht hinter ihm stand. Es schien, als wolle er das Liederbuch, welches der Fremde vor sich auf dem Pulte liegen hatte, mit den Augen verschlingen, in solch' gespannter Aufmerksamkeit folgte er dem Gesänge Note für Note und Wort für Wort. Eben wollte jener mit einer glänzenden Schlußstrophe sein Lied beendigen, als Dietrich's flinke Hand ihm das Blatt aus dem Mcßbuchc einschob. Da hätte man sehen sollen — denn beschreiben läßt sich so etwas nicht — welche Veränderung urplötzlich mit dem Fremden vorging. Der Siegesstolz in seinen Zügen wich im Nu der Grimasse des höchsten Entsetzens; seine Gesichtsfarbe, erst die eines Mannes von blühender Gesundheit, wurde giftiges Gelb, sein einschmeichelnder Gesang das Brüllen einer wilden Bestie. Er wollte das Blatt hinwegschleudcrn und vermochte es nicht; er wollte vom Stuhle aufspringen, aber eine unsichtbare Macht hielt ihn stramm darnieder, und dieselbe Gewalt zwang ihn auch, das Gloria anzustimmen. Er that es mit einem Geheule, welches den Zuhörern die Haare zu Berge trieb und das Blut in den Adern starren machte. Keiner hatte Lust, das Ende dieser höllischen Hymne abzuwarten, und kopfüber stürzte Alles dem Ausgange zu. Durch ein ganzes Stadtviertel verfolgten die schauderhaften Laute die Flüchtlinge. Der alte Umlauf war nun innc geworden, welchen Gast er durch seinen Frevel sich in's Haus geladen. Er ging, um den Nest seiner Tage der Buße zu widmen, als Laienbruder in ein Kloster, nachdem er seine Schätze theils seiner Tochter, theils der Kirche, seine Lieder aber insgesammt dem Feuer übergeben. Von daher rührt es, daß von diesem berühmten Meister keine Zeile auf uns gekommen, was die Gelehrten heute noch beklagen. Lisbcth, als sie sich von der Krankheit erholt, welche ihr der Schrecken zugezogen hatte, reichte ihrem Retter die Hand, und das war zweifelsohne das beste Ende vom Liede. (Theurer Wein.) Der älteste Rheinwein in der „Rose" des Rathskellers zu Bremen soll aus dem Jahre 1624 stammen. Eine jüngere Sorte ist vom Jahre 1668. Dieser Rheinwein kostet, wenn nur 6 Oxhoft zu 300 Thaler Gold eingekauft wurden, mit Zins und Zinses^ins, Lekkage und Ersatz mit 10 Procent seit 192 Jahren, das Oxhoft 5752 Millionen Thaler; die Flasche 22 Millionen Thaler; ein Glas (8 auf die Flasche) 2'/-^ Millionen, und jeder Tropfen (1000 Tropfen auf ein Glas gerechnet) 2750 Thaler. Druck, Derlae und Redaktion des lilerarischen Instituts von Dr. M. Huttler. Nr. 18. 3. Mai 1868. Augsburger Sonntags-Blatt. Eine Bresche ist jeder Tag, Die viele Menschen erstürmen, Wer auch in die Lücke fallen mag, Die Todten sich niemals thürmeu. Göthe. Sanct Marthelinä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) „Siehe da — ein Ueberbleibsel aus der zerstörten Römerstadt, unter deren Trümmern wir stehen! Vermuthlich war es ein römischer Kaufmann, der sich hier Villa und Garten gegründet hatte, sich des erhandelten Reichthums zu erfreuen und die Tage seines Lebens zu vergeuden in flüchtiger Weltlust! Dieses Gebilde ist trotz der Zertrümmerung unschwer an dem geflügelten Hute zu erkennen: es ist Merkurius, welchen die Heiden in ihrer Verblendung als den Gott des Handels verehrten! ... Es ist kunstvolle Arbeit, und auch ohne dieß wohl werth, daß Ihr dem Bilde ein Plätzlein gebt in einer Ecke des Hofs ... es soll Euch ein Denkzeichen sein, eine stete Mahnung an die Vergänglichkeit! Sehet an dieß Gebilde — es ist zertrümmert, ist vergangen! Wo ist der Bildner, der eS geschaffen? Wo sind die Menschen, wo ist die ganze Welt, für die er es geschaffen? Dahin! Vergangen! Verweht wie der Wind, der über die Erde fährt und ist seine Spur nicht zu finden! Und so vergeht Alles, was irdisch ist! So werden verschwinden und vergangen sein alle Bilder und Zeichen bis auf das Eine, das allsiegende Kreuz unseres Heilands und Herrn! — Und wohl dem," fuhr er fort, das Auge fester auf Chriembert gerichtet, der noch trotziger und starrer da stand, als wolle er zeigen, daß es ihm nicht in den Sinn komme, den freien Nacken zu beugen, „wohl ihm, der sich willig unter dasselbe schmiegt und freudig, denn er wird inne werden, daß das Joch süß ist und die Bürde leicht — wer ihm aber zu widerstreben vermeint, dem wird der Herr den Sinn brechen, denn er hat die Gewalt dazu und die aus den Wolken weithin über den Erdball reichende Hand! Sprich, Jukunde, mein Sohn," redete er den ihm zunächst stehenden Knaben an, „sage, wessen Angedenken wir heute feiern im Kreise der christlichen Gemeinschaft?" „Das Andenken von Sanct Bartholomäus, dem Sendboten und Blutzeugen," erwiderte der Knabe. „Und Sanct Bartholomäus," fuhr der Mönch in steigender Betonung fort, „hatte sich auch vom Herrn abgewendet in dem Hochmuth seines Herzens! — Er war es, der im Stolze gesprochen: „Was kann wohl des Guten kommen von Nazareth?!" Aber es kam über ihn die Stunde, wo ihm die eigene innere Kraft zerbrach, wie Schilf, auf das er sich gestützt, und wo er es bekennen mußte, daß der Mensch keinen dauernden Stab und kein anderes Heil hat, als den Herrn! Und der erst getrotzt, ward der geschmeidigste Diener des Herrn und der ihn gcläugnet, bekannte ihn unter den Qualen des Todes und unter den Messern seiner Peiniger und Henker, die ihn schunden, rief er mit Frohlocken zu ihm ..." 138 Plötzlich hielt der Eifernde mitten im Fluß der Rede ein und lauschte — von der ^ Höhe des Hügels herab tönte es wie Saitenspiel, Flötenklingen und fröhlicher Gesang, befremdlich stimmend zu der feierlichen Ruhe der Nacht und den ernsten Worten des Predigers. Die Töne zogen von den Trümmern des Castells herab und schienen den schlangelnden Bergweg entlang immer näher zu kommen: ehe der Pater, dessen Blicke sich unwillig und strafend in der Richtung der Töne erhoben, die Frage ausgesprochen, trat Eigel erklärend und wie entschuldigend vor und sagte: „Das sind die longobardischcn Ede- lingc, würdiger Vater, welche Herzog Dict und seinen Söhnen das Geleit gegeben, heraus aus dem Walchenland! Sie haben ein Gelage gehalten droben in der alten Burg und mögen jetzt abziehen, weil sie wahrscheinlich von der Höhe aus den Jagdzug des heimkehrenden Herzogs gewahr geworden ..." Der Mönch erwiderte nichts; seinen Zöglingen winkend, eilte er raschen Schrittes stromaufwärts, wo starke Bäume als Pfeiler in das Bette der Salzach eingerammt waren, und ein schwankendes Balkenlager als Brücke trugen, unter welcher der Fluß, wie des Zwangs unwillig dahin schoß. Sie waren kaum im Dunkel des jenseitigen Ufers verschwunden, als der fröhliche Zug bereits von Fackeln beschienen, auf den Terassen zwischen den Trümmern und Büschen der römischen Siedelungen sichtbar wurde — laut und in ungebändigter Lebenslust: es hatte den Anschein, als wäre ein Theil der Bewohner der alten fröhlichen Römer-Colonic aus Gruft und Asche zurückgekommen, noch einmal eine bacchische Nacht zu feiern, wie sie einst so oft das nächtlich schlafende Echo der Berge geweckt. Die Gesellschaft im Vorgarten des Eigelhofs trat vom Gehege etwas zurück: die Nacht und der noch dichtere Schatten einer Lindcnkrone, die sich in der Ecke erhob und ausbreitete, ließ sie die Vorüberziehenden beobachten, ohne selbst erblickt zu werden. Dem Zuge voran schritten einige halbnackte Gesellen mit Cymbeln und Handpaukcn, die sie in ausgelassenen Sprüngen einher tanzend^ schüttelten, schwangen und schlugen; Musiker folgten, mit Kränzen von Eichenlaub im Haar, auf Flöten oder zweiteiligen Zinken blasend, oder in den Saiten weitgebauchter Lauten spielend, während eine Schaar Sänger, mit Rosen und kostbaren Blumen bekränzt, ein übermüthiges Weiulied sangen, des Inhalts, daß die alten fröhlichen Götter die Erde verlassend in den Olymp zurückgekehrt seien, und daß nur zwei derselben bei den Menschen, ihren verwaisten Lieblingen zurückgeblieben, die Herrin der Liebe und der Gott des Weins. Ein Jüngling, dem beginnenden Mannesalter nahe, eine hohe Gestalt mit schönem, von sinnigem Ernst überflogenen Angesicht schritt hinterher, im Mantel und Leibrock der Bajoaren, auf der Brust ein gesticktes Schildlein von weiß und blauen Rauten, das die fürstliche Abstammung erkennen ließ. Es war Grimwalt, Herzog Theodos ältester Sohn. Die nach ihm kommenden Jünglinge und Männer waren alle in weiße Gewänder gekleidet, weit bis über die Knie herabfallend und mit breitem Purpursaum besetzt; weite weiße Beinkleider mit bunten Streifen umwickelt, reichten bis zu den Knöcheln herab, während im Gürtel ein reich mit Steinen besetzter Dolch blitzte und ein kurzes breites Schwert an zierlichem Kettlein davon nicderhing. Es waren hohe wohlgebaute Gestalten mit kühnen Köpfen und rothwangigen Gesichtern voll lachenden Uebermuths, blauen Augen und rothen Haaren und Bärten Das Haar war ihnen am Hintcrhaupte ganz kurz geschoren, während es von Stirne und Schläfen in langen, langen Locken und Strähnen bis aus den Bart und mit diesem bis auf Brust und Lenden herabfiel — ein glänzender Reif hielt es an der Stirne zusammen, daß es nicht in wirrer Unordnung ,> durcheinander fiel. „Das sind die Fremden, die Langbärte," flüsterte Eigel seinem Gaste zu. „Der Lachende dort mit dem wie ein Stern funkelnden Stirnband ist Prinz AnSbrand, ihr künftiger König, dem Herzog Diet zu Thron und Krön verhelfen gegen seinen widerspenstigen Ohm ..., der männliche Recke hinter ihm ist Aistulf, sein Schwertträger und 139 ^ Bannerführer und der hübsche blasse Jüngling,, den er am Arme führt, ist Dietwalt, I unseres Herzogs jüngster Sohn . . ., der ist weniger besonnen und ernst, wie sein voranschreitender Bruder und es will verlauten, als sei er zu lang verweilt an dem ausgelassenen Langobarden-Hofe zu Pavia . . . Aber komm jetzt hinein in's Haus, Freund. Chriembert: es wird Zeit sein, uns auf den Weg zu machen, wenn Du Dein Gastgeschenk heut' noch übergeben willst. . ." ^ Sie gingen, die Thüre des Gehöftes schloß sich; bald darauf traten die Männer an der Rückseite wieder heraus und schritten zwischen den Trümmern einen etwas beschwerlicheren aber kürzeren Pfad an der Anhöhe dahin und der Brücke zu. Als der Zug der Langobarden an dem Gehöfte vorüber war, hielt Prinz Dietwalt seinen Gefährten, den wälschen Fürsten unmerklich am Arme zurück und flüsterte ihm ein paar Worte in's Ohr. Lachend ließ dieser seinen Arm los und schritt mit allen klebrigen voran: Niemand ward es gewahr, daß Dietwalt mit einem Begleiter allein zurück- blieb. Als Musik und Fackelschein über der Brücke verklungen und erloschen waren, trat der Prinz aus dem Weggebüsche, hinter dem er sich verborgen halte, hervor und näherte sich dem Gehege. Er glaubte allein zu sein: es hätte auch ein scharfes nacht- gewohntes Auge dazu gehört, in der Finsterniß ein paar Gestalten zu unterscheiden, welche ihn offenbar beobachteten und wie an seine Sohlen geheftet, stille standen, sobald er anhielt, und ihm folgten, wie er weiter schritt. „Geh' zur Seite," raunte der Prinz seinem Begleiter zu, „aber bleib' in der Nähe und harre meines Rufs ... als wir heut Morgen an diesem Hofe vorbeizogen, habe ich ein schönes Dirnlein gewahrt; ich will versuchen, ob ich nicht vermag, sie herauszulocken . . . ^ „Ich kenne sie," — lachte der Knecht, „es ist Leutbirg, des Barschalken Florianus Töchterlein — ein holdselig Kind, schlank und helläugig wie ein Falke!" „Und ebenso scheu!" entgegnete Dietwalt. „Ich rief und lachte ihr zu, aber sie ^ huschte in's Haus, wie ein aufgeschreckter Vogel! Das gefällt mir eben, laß sehen, ob ^ sie nicht kirre zu machen ist — es sind schon wildere gezähmt worden, sollt' ich meinen ..." Er versuchte, das Thor im Gehege zu öffnen; es wich nicht und über seinem Rütteln begann der wachende Wolfshund zu knurren. „Ihr werdet Lärmen machen," flüsterte der Knecht. „Das schadet nicht," entgegnete Dietwalt, „vielleicht meldet sie sich doch, um nach dem Störenfried zu sehen: mehr will ich für's Erste nicht erreichen . . ." Inzwischen war die Ejne der spähenden Gestalten unbemerkt völlig herangekommen: wie der Prinz wieder an das Gehege faßte, legte sich ihm eine Hand auf die Schulter. Erschrocken prallte er zurück, die Hand am Schwertknauf, zur Abwehr eines Angriffs bereit. „Was ist hier?" rief er. „Wer verlegt mir den Weg? ... Ein Weib?" fuhr er dann wieder näher tretend fort, nachdem er die vor ihm stehende Gestalt schärfer in's Auge gefaßt. „Wer seid Ihr?" „Ja — ein Weib . . . " erwiderte eine tief und voll tönende, aber vor leideu- ' schaftlicher Erregung bebende Stimme. „Kennt Prinz Dietwald dieses Weib nicht mehr? Muß es ihm seinen Namen nennen?" „Amalaswiuth ..." stammelte betroffen der Prinz; während die Gestalt den , dunklen Mantel, der sie umhüllt halte, vollends fallen ließ — über dem weißen lango- > bardischen Unterkleide ward ein eng anliegendes Gewand von dunkelrother Farbe sichtbar, am Saume und rings an Hals und Aermeln mit weißem Schwanenflaum besetzt. Rothblonde Locken ringelten um eine finster gesaltene marmorweiße Stirn, die Augen flackerten blau und unheimlich wie Irrlichter. i „Ich bin's," sagte sie bebend. „Hast Du meinen Namen doch nicht vergessen, wie 140 Deine Eide? Dachtest Du, mir heimlich zu entschlüpfen? Dachtest Du, ich würde Dich ziehen lasten? War ich Dir nicht einmal der letzten Rede mehr werth, daß Du vor mich hingetreten wärst, mir Stirn gegen Stirn zu sagen... fahr' wohl, Amalaswinth... ich bin Deiner überdrüssig." „Was suchst Du hier?" erwiderte, sich rasch ermannend, der Prinz. „Ich wollte Dir und mir den unvermeidlichen Abschied ersparen. . ." „So?" höhnte sie grimmig. „Wolltest Du das? Und warum war der Abschied unvermeidlich, Du zärtlich vorsorgendcs Gemüth? Sag' mir Deine Gründe, Mann, wenn Du nicht willst, daß ich unter die Mannen Deines Vaters trete, und ihnen die Mähre verkünde von Dictwalt, dem Bajoaren - Prinzen, der ein Verräther war und zehnfachen Meineid schwur!" „Wahnsinnige!" entgegnete Dictwalt noch kälter. „Mäßige diese Wuth! Sie ist es, die mein Herz von Dir abgewendet ... ich will nicht wie Jener in der alten Heidenfabel an einen Fels geschmiedet sein und dem nimmer satten Geier Deiner Leidenschaft stündlich die Brust zum Zerfleischen bieten! Deine fürchterliche Wildheit ..." „Fürchtest Du mich schon?" rief sie auflachend. „Zu frühe, mein feiner Prinz, zu früh' . . . erst lerne mich kennen und dann beginne, und laß' in Deinem schuldbewußten Gemüth Grauen vor mir erwachen! Wisse denn, Dictwalt, wenn Du es noch nicht gewußt, da wo die Sonne den glühenden Wein reift, sind auch die Herzen der Frauen lautere Glut ... wir können nur lieben oder hassen! Noch — noch lieb' ich Dich! Hüte Dich, daß die Liebe nicht vollends erlischt und über ihrer Asche der Haß frei und festellos auflodert ..." Der Prinz machte eine Bewegung, sich zu entfernen; sie griff nach seiner Hand und hielt ihn gefaßt. (Fortsetzung folgt.) Cine Heldin. Das vor Kurzem erschienene Tagebuch der Königin Victoria ist ohne Zweifel einer der schlagendsten Beweise, wie sehr in unserer Zeit die öffentliche Meinung in ihren gröbsten Verirrungen durch die schlichte, einfache Wahrheit auf den rechten Weg zurückgeführt werden kann. Es ist ein höchst seltsames Buch, aus welchem die Freunde und die Feinde der englischen Königin viel lernen können; — es ist mehr als ein einfaches Tagebuch einer glücklichen Gattin und glücklichen Mutter — es ist ein Stück constitutionell- parlamentarischer Geschichte der Neuzeit; man kann daraus ersehen, was eigentlich ein König von England ist . . . wahrlich kein bcneidenswerthes Loos und ein geistreicher Diplomat hat das rechte Wort für dieses merkwürdige Werk gefunden: O'est I'Iiistoliu en robs cks eliambre. (Es ist die Geschichte im Schlafrocke.) In ihrem Tagebuche schreibt Ihre Majestät am 21. October 1842: „Soeben theilt man mir die mich tief bewegende Nachricht des Todes der armen Grace Darling mit." Wer von unseren Lesern hat wohl je von dieser Grace Darling gehört, deren Tod die Königin von England so tief erschütterte? Denkt man nicht gleich an irgend eine hocharistokratische Lady, die vielleicht mit der Königin erzogen worden, oder die sie genau gekannt hat? — Nichts von dem — Grace Darling war ein armes Fischermädchen, und gewiß cine der größten Heldinnen unserer Zeit. Am 6. December 1838 sah man das Dampfboot „Forfarshire" mit verzweifelter Energie gegen die Strömung kämpfen, welche eS gegen die steilen Felsen der Farne- Jnseln zog. Es war ein Schiff von dreihundert Tonnen, welches von Hüll nach Dundee ging und dreiundsechzig Mann an Bord hatte — den Capitän und seine Frau, zwanzig Matrosen und einundvierzig Passagiere. — Im Augenblicke, wo das Schiff sich in Sicht von Flamboroug-Head befunden, hatte man ein Leck neben der Maschine entdeckt, und fast zu gleicher Zeit hatte sich der Wind nach N.-O. gedreht und heulte mit solcher Wuth, daß die Pumpen unfähig wurden, des einströmenden Wassers Herr zu werden. — Wenige Minuten später zeigt eine sich zischend erhebende Dampfsäule an, daß das Wasser in die Kessel gedrungen ist und beinahe augenblicklich nachher beginnt ein peitschender Regen mit solcher Macht das Deck zu bespülen, daß es fast unmöglich ist, sich daraus aufrecht zu erhalten. — Wenige Minuten darnach spülte eine Welle den Steuermann über Bord, das Schiff ist aller Leitung beraubt, das Unwetter nimmt von Sekunde zu Sekunde zu und gegen vier Uhr Morgens stößt es mit einem fürchterlichen Gekrach auf einen der hervorragenden Felsen der Farne-Jnseln. — Mehrere Matrosen stürzen in einen Kahn und zwei Passagiere finden den Tod in den Wellen, indem sie ihnen nachwollen; doch als wenn diese schreckliche Empörung ler Natur noch nicht genügte, um das lecke Schiff zum Untergänge zu bringen, erhebt sich plötzlich ein Windstoß, wie man einen gleichen wohl nie an der englischen Küste beobachtet, ergreift das Schiff, hebt es fußhoch aus dem Wasser und schleudert es mit solcher alles vernichtenden Kraft auf den Felsen, daß es berstet, die eine Hälfie in die Fluth zurückgcspült wird und verschwindet und die andere auf dem Felsen bleibt, den ewig hin- und herwogendcn Wellen ausgesetzt und aller Wahrscheinlichkeit nach in den nächsten Augenblicken das Loos der anderen Hälfte theilend. Eine Meile von den Felsen entfernt, auf welchem der „Forfarshire" den Untergang gefunden hat, erhebt sich der auf den Seekarten bekannte Felsen Longstone. Dieser Felsen ist für die Schiffsahrt so gefährlich, daß die Regierung einen Leuchtthurm hat errichten lassen, um die Schiffer vor diesen unheilbringenden Gründen zu warnen. Ein Mann, seine Frau und seine Tochter bewohnen diesen Leuchtthurm. Der Mann, William Darling, ist ein alter Steuermann der königl. Marine, — seine Tochter Grace ist zweiundzwanzig Zahre alt. Das Bildniß dieses Mädchens, welches in England wohlbekannt ist, stellt ein reizendes, junges Mädchen dar, groß und von graziösem Wuchs, — ein seltsam regelmäßiges Gesicht, von blonden Haaren eingerahmt und von großen, blauen, träumerischen Augen wie beleuchtet! Beim Anbruch des Tages hat William Darling die Schiffbrüchigen auf dem Felsen bemerkt, hat ihre Lage erkannt . . . und erkannt, daß sie verloren sind. Er ruft sein Weib und sein Kind: „Laßt uns beten Ihr Frauen", sagte er, „dort drüben hält unser Herr ein strenges Gericht!" — „Kann man nicht mit dem Kahne hin", ruft Grace, „und die Armen retten?" — „Das hieße Gott versuchen", erwiderte der Nater, „hier kann kein Mensch helfen, man hätte kaum zehn Ruderschläge gemacht, so wäre unser elender Kahn-Kiel nach oben — horch, welch ein Sturm — welch Wetter — es ist wie am jüngsten Gericht!" — Grace läßt das Haupt sinken, fallet die Hände und bleibt einige Augenblicke in stummes Nachdenken versunken: dann verläßt sie, ohne ein Wort gesprochen zu haben, das Zimmer. — Wenige Augenblicke später stößt die Mutter einen grellen-Schrei aus: „William, das Mädchen bindet den Kahn los . . . sie will hinüber!" — Der Vater stürzt hinunter und kommt gerade zur rechten Zeit an die kleine Bucht, als Grace vom Ufer abstoßen will. Er springt in den Kahn, er will sie an ihrem Vorhaben verhindern, doch sie beugt sich bis an sein Ohr und sagt: „Vater, ich würde keine einzige Nacht mehr schlafen können, wenn ich nicht wenigstens versucht hätte, die Unglücklichen zu retten; . . . und Du auch nicht, Vater." — „Aber es ist ja unmöglich, Mädchen!" — „Wenn Gott helfen will, ist nichts unmöglich, Vater!" Und damit hat sie sich der Stange bemächtigt, und mit einem kräftigen Stoße ist das Boot vom Ufer. Der alte Mann will noch einige Einwendungen machen; doch plötzlich gibt er auch die auf. „Wie Gott will", sagt er, „es ist ein elendes Leben in jenem Thurme,. . . und für die alte Frau muß die Regierung sorgen, wenn wir im Magen der Fische liegen!" Und mit ge- 142 übter Hand ergriff er ein Ruder, während Grace schon mit aller ihrer Kraft das ihre über das Wasser streifen läßt. Und Gott hat das Liebeswerk des armen Mädchens mit gnädigen Augen angesehen. Während die Mutter weinend auf den Knieen liegt und verzweifelt die Hände ringt, kämpfen Vater und Tochter mit den entfesselten Elementen; er starr und düster wie das Fatnm — sie mit Hellem, lichten Gottvertraucn. Und es gelingt ihnen; neun Leben sind von ihnen gerettet — der Rest von dreiundsechzig — und nach unendlichen, übermenschlichen Anstrengungen bringen sie die Geretteten, die sie fast leblos an den Zacken des Felsens angeklammert gefunden hatten, nach dem sicheren Leuchtthurm zurück. — Am nächsten Tage fing Grace an Blut zu speien. Ein einziger Bcwunderungsruf ertönte durch ganz England; der Name Grace Darling bekam eine Popularität, wie ihn wohl nie der eines unbekannten Mädchens gehabt. Man eröffnete eine Subscription, die in wenigen Tagen 750 Pfund Sterling eintrug. — Die Königin ließ sich das Fischermädchen vorstellen und versprach ihr, stets für sie zu sorgen; die Herzogin von Northumberland nahm sie mit sich nach Alnwik und entließ sie mit Geschmeiden überladen. Die Poeten feierten sie in allen Blättern und nach einigen Monaten waren zwei Romane fertig, deren Heldin sie war: Iwroine ol tlio kürns l^Ianck« und maici c>s tlik; Iulss." — Ja sogar ein Riva! Barnums bot ihr bedeutende Summen, damit sie sich auf dem Theater zeige; und einige von jenen tristen Originalen, welche auf der Jagd nach Celebrität sind und deren England so viele zählt, boten ihr mit ächt englischer Delikateste an . . . sie zu heirathen. Doch Grace Darling, von Tag zu Tag mehr leidend, zog sich, von dieser Berühmtheit mehr als unangenehm berührt, täglich mehr in sich selbst zurück, sie schlug alle An- erbietungen aus, um ihre Eltern nicht verlassen zu müssen, sie verließ fast nie mehr ihren Leuchtthurm, außer des Sonntags, um zur Kirche zu gehen . . . bald unterließ sie auch dies — und am 21 October 1842 schrieb die Königin Victoria in ihr Tagebuch: „Soeben theilt man mir die mich tief erschütternde Nachricht des Todes der armen Grace Darling mit." Sie starb an der Schwindsucht in ihrem 26. Jahre; sie ist selbst in England längst vergessen, nur in einigen Matrosenschenken an der Küste findet man noch eine schlechte Lithographie, welche das Bildniß der Retterin der Schiffbrüchigen des Forfarshire darstellt. (Anekdoten über König Ludwig 1.) In einer Serie von Artikeln der „A. Allg. Ztg.", die das Andenken des verstorbenen Königs feiern, finden sich auch folgende anekdotische Züge: „Beim Congrcßspiel zu Wien hatte Vater Max, wie es hieß, eine Million in die Schanze geschlagen; seine Minister bezogen bei 30,000 fl., ja der Minister-Präsident durch Binirung der Aemter bis zu 70,000 fl. Kürz nach seinem Regierungsantritt setzte Ludwig l das Maximum eines Miuistergehalts auf 12,000 fl. fest. Wie staunten die Höflinge, als plötzlich aller überflüssige Luxus abgeschafft, ja nicht einmal die reiche Garderobe des vorigen Herrn unter die Kammerdiener vertheilt, sondern versteigert wurde! Sie hatten unter der alten Herrschaft sich Häuser gebaut, als sie aber dem neuen Fürsten ihre Dienste antrugen, dankte dieser mit den Worten: „Anziehen kann ich mich selbst, und ausziehen will ich mich nicht lasten." Er wollte auch nicht von fremder Hand barbirt sein, sondern konnte ähnlich wie Kaiser Joseph II. sagen: „Ich barbire den König!" Dasselbe Rasirmesser hielt vierzig Jahre die Schneide. Er bedurfte keiner ausländischen Tücher, sondern alle Bedürfnisse des Hofes sollten im Jn- lande befriedigt, und die einheimische Industrie gehoben werden. Noch mehr haßte er das Fremde, wenn cS französische Firma trug. Als nämlich einige Hoflieferanten in Deputation bei der neuen Majestät ihr Gesuch um Fortdauer der bisherigen Aufträge mit Klagen über die schwere Zeit im Leichenbitterton vorbrachten, wog der König in der 143 einen Hand das goldene Siegel und Uhrgehänge des einen Bittstellers und sprach mitten- drein: „Schwer! schwer!" Dann Plötzlich den Nebenmann beim Rock fassend: »Wie viel kostet dieses Tuch?" — „Sieben Gulden," stotterte der Verlegene. — „Schön! Meines kostet fünf!" erwiderte der König und ließ sie verblüfft stehen. König Ludwig I. hatte zwar im Allgemeinen ein gutes Gedächtniß für Personen, hielt aber doch einen ein Mal gefaßten Irrthum mit Beharrlichkeit fest. So war es in München allgemein bekannt, wie er stets die beiden Naturforscher, die unter seines königlichen Vaters Regierung Brasilien bereist hatten, Spix und Martius, mit einander verwechselte, und immer Einen für den Andern anredete. Spix starb; der König begegnete Martius, und das erste Wort der Begegnung war: „Ah, Spix! wie freut es mich, daß der . . . Martius todt ist und ich Sie nun doch nicht mehr mit ihm verwechseln kann!" — Als ich, erzählt Förster weiter, in den dreißiger Jahren im neuen Königsbau im Salon der Königin mit Malereien zu Wieland's Dichtungen beschäftigt war, zugleich mit Eugen Neureuther, der den Obcron illustrirte, kam der König eines Mittags herein, die Arbeiten ;n besichtigen. Neureuther war nicht zugegen; ich mußte den Cicerone machen. Bei dem Gastmahl des Chalifcn von Bagdad fiel ihm der reich gekleidete Großvezier als besonders dick anf. „Sagen Sie Neureuther," sprach er zu mir, „der Türke ist zu dick! Ein dicker Türke schickt sich nicht für den Salon der Königin." Neureuther änderte die Gestalt und gab ihr eine feine Taille. Vergebens! Der Türke war noch immer „viel zu dick!" Neureuther schnürte ihn nun zur Unmöglichkeit zusammen — Alles umsonst, er blieb „zu dick!" So löschte ihn Neureuther ganz aus. Aber auch das half noch nichts: der Türke war und blieb zu dick für den Salon der Königin, bis ich mir erlaubte, dem gnädigsten Herrn auf s Gerüst zu helfen und ihn von den: Thatbestand letzter Hand zu überzeuge», womit er sich alsdann vollkommen befriedigt erklärte. * (Der König und die Bcrsctzcrin.) Eines Tages ging ein ältlicher .Herr über den Promcnadeplatz in München und blieb wiederholt, nachdem er eine Strecke mit hastigem Schritt zurückgelegt hatte, stehe«, um sich die Häuser anzuschauen. Eine Vcr< setzerin dachte sich, dieser Herr suche das Versatzhaus und bot ihm, indem sie nach dem Ueberziehcr griff, den er nachlässig am Arme trug, ihre Dienste an. Lächelnd überließ ihr der Herr das Kleidungsstück zur näheren Untersuchung. „Auf dö! alt Schwart'n da kriag'ns frcili weni oder gar nix'n," meinte sie schließlich und gab das Kleidungsstück mit bedauernder Miene dem Herrn zurück, der sich sichtlich erheitert mit der Bemerkung entfernte, daß er daheim schon einen besseren Ueberziehcr habe Tags darauf kam der Herr desselben Wegs mit dem besseren Rock und die Versctzerin fand denselben ohne Bedenken für würdig, in's Versatzhaus zu wandern. Bald kam sie zurück und händigte dem Herrn 10 sl. nebst dem Pfandschein ein. Er nahm de« Pfandschein, schenkte aber die zehn blanken Gulden der dienstfertigen Versctzerin und ging schnellen Schrittes davon. Die Alte wußte nicht, wie ihr geschah, und hielt das Geld bedächtig in der Hand, bis ihr einige Colleginen die Aufklärung gaben, der „noblige Herr" sei der „Kini" gewesen. — Noch bevor König Ludwig I. die Residenz erreichte, sah er unfern dem eben im Neubau begriffenen Hause des Hofconditors den Hofschneidcr, winkte ihn heftig zu sich heran und hielt ihm deu Pfandschein hin: „Seh'n Sie, seh'n Sie selbst, 10 st. habe ich auf Ihren Rock bekommen, mit 80 fl. auf Ihrer Rechnung stehend. Wollen gewiß auch ein Haus bauen, wie der Conditor da; hält aber nicht lang, kann nicht halten, wird von Zucker gebaut, von meinem Zucker." 144 (Eine singende Maus.) Von einer solchen gibt Professor K. Th. Liebe im „zoologischen Garten" Nachricht. „Ich habe jetzt", schreibt er dem Blatte, 8 Tage lang eine „singende Maus" im Käfig auf meinem Zimmer beobachtet. Es ist eine ganz gewöhnliche junge Hausmaus. Ihr Gesang hat mit der gewöhnlichen Stimme der Mäuse nichts gemein, sondern ist theils den hohen Trillern der Lerche, theils den gezogenen Flötentönen der Spros- er, theils den tiefen Trillern (Wassertriller) der Cauarienvögel zu vergleiche», zeichnet sich durch schöne Cadenzen aus und umfaßt zwei Octavcn. Derselbe entsteht einfach dadurch, daß die Luftröhre durch ein Band oder eine Membran verengt ist, Io daß das Thier beim Athmen, und zwar sowohl beim Ein- wie beim Ausathmen, pfeift. Daher fingt es um so schöner und ist der Gesang um so mannigfaltiger, je erregter das Thier ist; in der Todesangst (wenn eine Katze hinter ihm her ist) ertönt es am lautesten. Das Thier singt beim Fressen, beim Putzen rc. Wenn es ruht, hört man nur ein schnüffelndes Athmnngsgeräusch. Uebrigens glaube ich aber, nachdem ich die Maus tagelang beobachtet, daß der Gesang, namentlich die mehr zwitschernde Art des Singens, nicht rein unfreiwillig, sondern freiwillig modulirt und modificirt ist. Die Maus muß singen, aber sie kann, wenn sie sich behaglich fühlt, ihren Gesang ein wenig nach ihrem Geschmack abändern. Sobald sie stirbt, will ich mit dem Messer der Erscheinung nachgehen. Für jetzt-ist freilich die Aussicht auf ein baldiges Ende sehr schwach, denn das Thierchcn ist gesund und munter, obgleich es schon seit einem Vierteljahr in Gefangenschaft gehalten ist". (Eine gräßliche Blutrache.) Jn Dubuque am Mississippi hält sich ein junger Mann Namens Georg Porter auf, dessen Eltern, Brüder, Schwestern und Verwandte, sämmtlich in dem großen Indianer-Gemetzel vom Jahre 1861 im nördlichen Theile des Staates Minnesota ermordet wurden. Er ist also der einzige Ueberlebende, er war allein übrig geblieben, um damals diese schreckliche Nachricht zur nächsten Niederlassung zu tragen- In einer kurzen Stunde hatte er Alle verloren, welche er auf Erden liebte, und fortwährend vor Augen das Bild jenes gräßlichen Blutbades, dem er selbst nur durch ein Wunder entronnen, schwur er feierlich, sich zn rächen. Der Leser mag urtheilen, wie gut er seinen Schwur erfüllt hat, wenn wir heute melden, daß der junge Porter während sechs Jahren, ganz allein, nur unter dem Beistande seiner treuen Büchse, die Seelen von 108 Indianern in die glücklichen Jagd- gründe ihres Jenseits geschickt hat. Erträgt ein 12 Zoll langes Stück Rohr bei sich, in welches er jedesmal einen Kerb hineinschneiden wollte, wenn es ihm gelang, einen Indianer zu tödte». 108 solcher Einschnitte können nun in seinem Rohr nachgezählt werden, der letzte wurde am Weihuachtsfeste des Jahres 1866 geschnitten. Bei Nacht und bei Tag, durch Wald und Dickicht, über Gebirge und Prairien folgte er seinen Opfern; aber aus allen diesen gefährlichen Scenen ist Porter natürlich nicht unverletzt hervorgegangen, denn sein Körper ist mit 11 Streifschüssen und 33 Messerwundeu gekennzeichnet, ohne jedoch all diesen Gefahren erlegen zu sein. Wahrlich seine Eltern und Verwandten sind furchtbar gerächt! Charade (.Dreisilbig. > Den Fragewörtern angehört DaS Wörtlein stehend oben an. Schließt diesem sich das Wort noch an. Das nennt, was rettet, ziert und ehrt, Wenn droh'n Gefahren, einem Mann, Dann sch'n gebildet wir das Ganze, Ein Wort, so Name einer Pflanze, Die allenthalben wohl gedeiht, Doch stets nur würzt mit Bitterkeit. Auflösung der Charade in Nr. 16 „Bildersturm." Druck, Verlas und Redaktion des literarischen Instituts von Dr. M. Huitler. Nr. 1S 10. Mai 1868. Mrgsburger Willig trägt der Esel jede Last, Treibt ihn nur die Peitsche ohne Rast. Willig weiß von Disteln er zu leben, — Wer wird dann wohl Ananas ihm geben? Ein Nichtaufgebesserter. Sanct Jarthelinä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) „Zu wild bin ich Dir?" fuhr sie grimmig fort. „Meine Leidenschaft tadelst Du — Elender, die Leidenschaft für Dich? Was suchst Du Dich hinter Ausflüchten zu verbergen? Falscher — tückischer Deutscher, Du bist zu feig, Dein wahres Gesicht zu zeigen, Deine wahre Gesinnung vor Dir selber zu bekennen! So will ich es für Dich thun! Tadle Dich selbst und Deinen Wankelmuth! Dein flatterhaftes Herz weiß nicht, was Liebe ist — im Sinnenrausche taumelt es von einer Blume zur andern . . . nicht wegen meines Ungestüms haft Du mich verlassen, nein, wegen Deines eigenen Unbe- standes! Nur der Augenblick ist es^ der Dich fesselt — was bannte sonst Deinen Fuß in nächtlicher Weile an diese Stelle? — Aber noch bin ich bereit, Alles zu vergessen! Unter dem Vorwande einer Wallfahrt bin ich, von wenigen Dienern geleitet, den Meinen entflohen — ich bin Dir nachgereist und habe Deine Spur bis hieher verfolgt, Dir das zu sagen! Gedenke Deiner Schwüre, Dictwalt, und kehre zu mir zurück! Ich liebe Dich noch — sei wieder mein, tilge die Schmach, die Du auf mich gehäuft — ich bin von edlem Stamme, das Bündniß mit mir entehrt Dich niasi... O kehre zurück! — Laß mich wieder Dein sein, mache, daß ich Dir verzeihen, daß ich die finsteren entsetzlichen Gedanken verscheuchen kann, die meinen Sinn umfloren, wie ein furchtbar heraufsteigendes Ungewitter . . . verschmähe, verstoße dieß Herz nicht von Dir, und ich will es bändigen, minder heiß zu schlagen: ich will es zwingen, bis es die Sanftmuth einer Taube gelernt..." Ferne Männerstimmen wurden hörbar und unterbrachen sie. „Man kommt..." rief Dictwalts Diener herbeistürzend. „Wenn Ihr nicht gesehen sein wollt, mein Prinz..." „Hinweg," rief dieser und schleuderte AmalaswinthcnS Arm von sich, „wir haben nichts mehr miteinander gemein auf Erden..." „Ist das Deine Antwort?" rief sie keuchend vor Ingrimm, während Dietwalt enteilte und im Dunkel verschwand; mit unsicherer zitternder Hand lastete sie am Gürtel herum, als suche sie den dort steckenden Dolch, um mit ihm dem Entflohenen nachzustürzen — dann besann sie sich und stand einen Augenblick schweigend, hochaufgerichtet, die geballte Rechte wie zu Schwur und Drohung erhoben. „Geh' hin," murmelte sie, sich in ihr Gewand hüllend, „meine Antwort auf diese Stunde werd' ich Dir nicht schuldig bleiben!" — Ueber den Fluß her verkündigte das Blasen der Jagdhörner, daß der Bajoaren- 146 Herzog Theodo vom Waidwerk zurückgekehrt sei, und daß Mahl und Herberge für ihn gerüstet werde. Der weite viereckige Platz, einst das Forum der Römerstadt, ließ vielfach gewahren, daß ordnende Hände bereits emsig begonnen hatten, ihn von den Trümmern zu befreien und zum Mittelpunkt eines neuen Lebens und Verkehrs zu machen — dennoch aber waren überall hin noch genug Spuren der Zerstörung und jahrhundertlanger Verödung zu erblicken. Noch lagen rings die Bruchstücke eingestürzter Giebelfelder, zerbrochene Säulen, zerschlagene Capitäle umher, von Strauch und Baum überwachsen und getrennt, und manche Wand, aus dem röthlichen Gestein des nahen Untcrsbergs gefügt, war, mürbe gemacht von Zeit und Wetter, in langen Nissen geborsten und neigte sich dem baldigen Falle entgegen. Im Mittelgrunde des Platzes führten die zerbröckelnden Stufen einer breiten Marmortreppe in eine ebenfalls ruinenhafte Vorhalle hinauf, deren Säulen meist abgebrochen umher lagen, zum Theil aber noch in alter unversehrter Schönheit emporstiegen, geschützt durch das Steingebülk der Gesimse und Architraven, das sie zugleich überdachte und zusammen hielt. Aus dem Portikus führte die Hauptpforte des einstigen Temp-ls in einen großen viereckigen, noch vollkommen wohl erhaltenen Raum, der eben deßwegen, durch aufgestellte Feuerpfanncn erhellt, einen wohlthuenden und in Mitte der allgemeinen Zerstörung selbst unmuthigen Anblick gewährte. Irgend ein Zufall mochte die Decke vor dem Einstürze bewahrt haben und so hatte es nicht vieler Mühe bedurft, den Raum zu reinigen und zum Tafelsaal des Herzogs einzurichten. Die Wände, aus künstlichem grünen Stein getäfelt, waren mit breiten Säumen und Streifen von wechselnder Farbe eingefaßt: in der Mitte waren Bilder angebracht, kunstvoll aus bunten Stcinchcn zusammengesetzt, die Arbeiten des Herkules aus der altrömischcn Götterlehre darstellend: der Bilderschmuck zeigte, daß dieß einst die Cella, das innerste Heiligthum des Tempels gewesen, und daß dieser dem genannten Gölte gewidmet war. Ein halb umgestürztes Fußgcstell bezeichnete noch den Ort, wo einst dessen Bildsäule gestanden; sie selber lag unbeachtet in der Ecke, in Trümmern, zu denen sie im Sturze sich selbst zerschmettert und auch weit um sich her die zierlichen Linien und Zeichnungen des eingelegten bunten Steinbodens vernichtet hatte. Unweit davon stand jetzt eine lange Tafel gerüstet, mit manch' kostbarem und zierlichem Speise- und Trink-Geräthe bestellt, umgeben von Stühlen, Armsesseln und Sitzbänken, deren verschiedene Formen verriethen, daß das Bedürfniß des Abends sie von verschiedenen Orten zusammengeholt hatte. Der Saal war schon ansehnlich gefüllt; die Begleiter und Iagdgefährten des Herzogs, die bajuarischen Vornehmen, die Langobarden- Edelinge standen und schritten plaudernd hin und her; > ährend in der Ecke die wälschen Tonkünstler sich zurecht richteten, mit ihrer Kunst das Mahl zu würzen und den Sinn der Gäste zu erheitern. Verwundert standen die einheimischen Bläser, die sonst mit ihren Hift- und Harst-Hörnern das Vergnügen der Tafelmusik zu besorgen hatten, zur Seite, nicht ohne mißgünstige Geringschätzung die zierlichen Instrumente und deren noch zierlichere Meister betrachtend. Am Eingang, wo einige stämmige Bajoaren mit Bickel- Haube und Halsberg, Schild und Spieß, Wache hielten, standen die Jagdknechte und Falkner beisammen, diese noch mit ihren verkappten Thieren auf der Schulter, jene die Jagdbeute ordnend, die in buntem Gewirr hinter ihnen lag, bereit, sie zu zeigen und das Lob der Vögel und Hunde zu empfangen, wenn es dem einen oder andern Gaste gefiel, stehen bleibend, dies reiche Erträgniß der Jagd oder die waidgerechte Art zu rühmen, wie hier ein Reiher gerade recht am Halse gefaßt oder daß ein Füchslein mit sicherem Bolzen mitten in's Auge getroffen war. Unter ihnen standen auch einige Pfannemneistcr und Salzsicder, die, znr Begrüßung des Landesherrn und zum Empfang seiner Befehle aus den Verbergen hereingekommen waren, wo in der Ebene vor dem Staufen die reichen Salzquellen aus dem Gestein brachen und der neuen Ansiedelung den Namen gaben. 147 Herzog Theodo selbst hatte am obern Ende des Saales auf einem Ruhebette Platz genommen, Pläne und Urkunden prüfend, die neben ihm ausgebreitet lagen. Er war ein Greis mit fast ganz kahlem Haupt und vollständig zu Silber gewordenen Barte, der bis zum Gürtel weich und wellig hcrniederhiug, Wangen und Antlitz aber waren frisch und rosig, wie die eines Jünglings; Haltung, Wort und Gebcrde lebhaft und markig gleich der eines rüstigen Mannes. Er mochte wohl bedacht haben, daß das Ziel seiner irdischen Laufbahn nicht mehr allzu ferne sein konnte: darum war es seinem Gemüthe ein frommes Bedürfen gewesen, nach Rom zu pilgern und am Grabe des heiligen Sendboten Petrus seiner Andacht zu genügen. Von dieser Romfahrt war er eben zurückgekehrt und erzählte davon den vor ihm stehenden und ehrerbietig lauschenden Mönchen, deren ernste Mienen ebenso wie ihre dunklen Gewänder sich feierlich abhoben von der bunten Farbenpracht der sie umgebenden lebensvollen Fröhlichkeit. Er erzählte, wie er die alte herrliche, allgemach aus dem Verfall wieder erstehende Capitolstadt durchwandert und geschaut, wie er Bischof Grcgorius begrüßt, der auf dem päpstlichen Stuhle sitzend, Rom eine zweite Weltherrschaft vorbereitete und schuf. Dann wandte er sich wieder zu den Zeichnungen und Entwürfen zurück und sprach seine Freude aus, wie rasch die neue Stadt aus den Ruinen der römischen Juvavia sich erhebe. Er ermunterte und lobte die Mönche und beklagte, daß Chrodbert, ihr Vorsteher und Bischof eben abwesend und an den Rhein gereist sei, neue Arbeiter zu rufen zu dem schweren, aber so herrlichen Werke. „Saget ihm, würdige Väter," schloß der Herzog, „daß es mir sehr leid thut, daß ich von hinnen muß, ohne seinen Segen empfangen zu haben — mahnet ihn, meiner im Gebete zu denken, wenn mein Stündlcin geschlagen haben wird, und gebt ihm dieß Pergament, das ich ausgefertigt mit meinem herzoglichen Namen und unter Zeugschaft meiner Edelsten als Urkunde, daß ich seinem Kloster und der Kirche, die Ihr erbauen werdet zu Sankt Peters Ehren, die alte Römerstadt Juvavia als Schankung verliehen habe, sammt der Beste und zwei Meilen weit von jedem Ufer der Salzach an» bis zu der großen Hagbuche, die mittagwärts im freien Felde steht..." Dankend schieden die Mönche; am Eingänge waren laute Stimmen, wie im Streite begriffen, vernehmlich geworden. Fragend näherte sich der Herzog; da drängte der alte Cbriembcrt, ihn gewahrend, die Krieger bei Seite, die mit gekreuzten Spießen ihm den Eingang verwehren wollten, und trat freimüthig vor ihn hin. „Mit Gunst, Herr Herzog," sagte er, „ich will zu Euch — sagt es diesen ungeschlachten Wächtern, daß sie einem freien Mann den Zutritt zu seinem Herzog und Fürsten nicht wehren dürfen!" „Das sollen sie auch nicht," erwiderte gütig der Greis, „aber der freie Mann wird dem Herzog nicht grollen, wenn er, der Geschäfte entleidet und heute von der Jagd ermüdet, sich auch ein ruhig Stündlcin heischt!" „Ich komm' auch nicht zu Geschäften," sagte der Alte, „ich komme nur, Euch zu begrüßen und Euch, weil Ihr doch wieder einmal in unsern Gau gekommen, ein Gast- Geschenk zu bringen... Ich Hause und Hofe nicht weit vom Wildsee, Ihr habt die Salmlingc, die drinn' wohnen, weiland immer gern auf Eurer Tafel geseh'n und oft aus weiter Entfernung Boten darum geschickt; darum hab' ich Euch in dem Büchlein hier ein paar Richten dieser Fischlcin mitgebracht, die schönsten und frischesten, die nur zu haben waren!" „Schön, mein wackerer Barschalk," entgcgncte der Herzog lächelnd, „solches Geschenk nehm' ich gerne an — hab' ich doch über andern Dingen fast darauf vergessen, daß wir so nahe an den Fclsschlüudcn sind, in denen der Wildsee liegt und denke wohl, wie trefflich immer die feinen Fischlein gemundet. Der Koch soll sie sogleich noch znrecht machen, daß auch unsere werthen Gäste davon kosten und mir wirst Du gestatten, Alter, daß ich Dir ein Gegengeschenk mache . . . Doch, doch," fuhr er fort, als Chricmbcrt eine abweisende und gekränkte Gebcrde machte, „Du wirst! Mein Gegengeschenk besteht 148 darin, daß Du hier bleibst und als mein Gast Deine Gabe mit mir verzehrst ... Ist mir's doch ohnehin, als wär' eS heute nicht das erstemal, daß wir uns gegenüber steh'n!" „Sicher nicht!" rief Chriembert in hastiger Freude. „Denkt Herzog Diet wirklich noch daran?" „Freilich wohl — je mehr ich Dich betrachte, je bekannter ist mir das männlich trotzige Angesicht . . . Warst Du nicht dabei, als wir gegen die Avarcn ausgezogen, die in die karuntischen Berge eingedrungen? . . ." „Recht, Herzog," unterbrach ihn der Alte, „damals war es! An der Brücke war es über die Drau! Die Avarcn hatten sie abgeworfen, und hatten sich an ihre Katzen von Pferden angehängt und waren durchgeschwommen! Ich sehe sie noch vor mir die kleinen Gesellen mit den schwarzgelbcn Gesichtern und den schiefgeschlitzten Augen! Sie meinten, wir könnten ihnen nicht nach — wir aber waren nicht faul. . . wir sprangen ihnen nach in's Wasser, als wär' das Schwimmen unser Leben wie meinen Salmlingcn im Wildsee: trotz ihrer Pfeile und ihrer Kolbcnschlägc kletterten wir an dem Gestade hinauf, fielen sie an und kamen ihnen in den Rücken, und nun war's an uns! Nun drängten wir sie in den wilden Strom, daß sie übereinander fielen wie die Mücken, und wenn Einer davon gekommen ist vor dem Ersaufen, . . . beim Donar, unsere Schuld ist's nicht gewesen!" „Es war ein heißer Tag, Alter," erwiderte der Herzog und klopfte ihm lächelnd auf die Schulter, „aber wir haben Beide redlich unsere Arbeit dabei gethan — darum dürfen wir uns auch die Ruhe behagen lasten und die Kühle des Abends!" An der Thüre entstand abermals ein Aufenthalt und Gcdräng; ein Diener meldete, ein junger Bajoar sei draußen mit eilfertigem Gesuch an den Herzog, und wolle sich durchaus nicht verzögern lasten. „So wollen wir ihn denn noch hören," sagte Thcodo, „vielleicht ist sein Anliegen für ihn drängender, und kann weniger warten als unsere Schüsseln und Becher..." Der Jüngling ward herbeigeführt — es war Markulf. Dem Vater wie dem Sohne entschlüpfte ein Ausruf der Verwunderung, als sie so unerwartet sich gegenüber standen. „Das fügt sich in besonderer Weise," sagte der Herzog, der es wahrgenommen, nachdem er Alles erfahren hatte, . . . „mag denn der Sohn sein Begehren sagen, ich bin ihm schon im Voraus geneigt, um des Vaters willen!" Markulf, obwohl Anfangs betroffen, hatte sich bald wieder gefaßt. „Mag ich es doch wohl bekennen, was mich hichcr geführt" — sagte er, „es ist nichts Unrühmliches! Ich bin es müde, auf der Bärenhaut zu liegen oder hinterm Pfluge herzugehen, ich will hinaus, will auch erproben, daß ich gelernt habe, Schwert und Schild zu führen . . . und Ihr, Herr Herzog, sollt mich in Euren Bann nehmen und mich dahin schicken, wo Kampf und Fehde ist. . . " „Tollkopf!" unterbrach ihn Chriembert, besten aufwallender Zorn die Anwesenheit des Fürsten nur wenig zu mäßigen vermochte. „Wie erkühnst Du Dich, Haus und Hof, die ich Dir anvertraut, zu verlassen? Meinst Du, ich durchschaue nicht, was Dir so Plötzlich die Kriegslust einflößt und Dich auf Fahrten und Abenteuer hinaus treibt! — Thut ihm den Willen nicht, Herzog — noch ist er nicht mündig und ist in Vaters Gewalt! Weist ihn zum Vater zurück — er ist toll, um einer Dirne willen!" „Ist es das?" sagte der Herzog, und ließ den milden Blick mit thcilnehmendem Wohlgefallen auf dem hübschen Jüngling ruhen. „Warum freist Du ihm dann die Dirne nicht, Alter? Gib ihm Dein Gehöft — auch ich bin eben daran, Krone und Land unter meine drei Söhne zu theilen. . . Zur Ruh', alter Kriegsgenosse... zur Ruh', denn es will Abend werden!" „Er kann sie nicht freien," grollte Chriembert, „sie ist eine Hörige, eine Fremde aus dem Walchendorfe, drüben in der Roms-Au..." „So schlag' sie Dir aus dem Sinne, mein Sohn!" entgegnete der Herzog. „Du 149 wirst nicht freien, wie Dir nicht geziemt, wirst nicht der ärgern Hand folgen, sondern bei Deinem Vater bleiben und auf Deinem Heim..." „Er ist ein Tollkopf, sag' ich," rief Chriembert wieder, „aber ich weiß doch wohl ein Mittel, das ihn heilt! Schlag' sie Dir aus dem Sinne, Markulf. . . willst Du eine Dirne freien, die nichts von Dir wissen will?" Markulf's Augen flammten, er wollte auffahren, aber er schwieg vor dem Herzog und zerkaute sich grimmig die Unterlippe. „Die nichts von Dir wissen will!" wiederholte Chriembert. „Ich sag' es Dir noch einmal, — ich bringe Dir die LiebeSbotschaft: ich habe selbst den Werber für Dich machen wollen . . . aber sie blieb dabei, daß Du ihr nicht mehr bist, als jeder andere Waidmann oder Bergfahrer, der zu der Walchen - Atmende zu Rast und Erholung einspricht..." „Du wirst Dich fügen, mein Sohn," schloß der Herzog, indem er sich der bereits mit den Speisen besetzten Tafel zuwendete. „Lerne Geduld — auch für Dich wird einst, ... ich besorge, nur zu bald! ... die Zeit kommen, die Dich zu den Waffen ruft und Dir Gelegenheit gibt, Herz und Arm zu bewähren, wie sie Dein Vater bewährt hat an der Draubrückc ... bis dahin bleibe bei ihm und übe Sohnes-Pflicht! Du gefällst mir und so lang ich in diesen Bergen weile, sollst Du in meiner Nähe sein. Mein Sohn Diet- walt ist ein leidenschaftlicher Freund des Waidwcrks und möchte gern die Gemse jagen und den Stcinbock, hinten in den Schrofen und Schlünden des Watzmans und der Berge am Wildsee. . . Wer könnte ihm bester den rechten Stand und die Fährten zeigen und lehren? . . . Bleibe hier. Du sollst sein Führer sein!" Der Herzog setzte sich; unter den Gästen, nicht fern von ihm erhielt auch Chriembert seinen Platz. Um den Fürsten waren die älteren Männer gereiht; am Ende der Tafel hatte sich die Jugend um die fröhlichen Longobarden geschaart. Die wälschen Künstler begannen ihre heiteren Künste zu zeigen. Markulf war unbeachtet in's Freie geeilt; und an einer Säule lehnend, starrte er finster und schweigend in die finster schweigende Nacht hinaus, in seinem Herzen rang der Grimm, zum Bleiben und Ausharren gezwungen zu sein, mit dem wüthenden Schmerz, sich von der Geliebten verschmäht zu misten. Eine weiche Hand legte sich ihm sanft auf die Schulter: wie er auffahrend sich umwandte, stand die gehcimnißvolle Longobardin hinter ihm. „Was sinnst Du so und grämst Dich, junger Waidgcscll?" fragte sie, „Dir kann wohl geholfen werden . . ." Verwundert schaute er die Frauengcstalt, schwankend vernahm er ihr Wort, da siel Fackelschein , auf sie und zeigte ihm unter dem Mantel das duukclrothc Gewand, ringsum mit Schwanenflaum besetzt. „Die Walkyre!" rief er schaudernd und entfloh durch die Nacht! (Fortsetzung folgt.) Ueber die Lebensdauer verschiedener Stände. Dr. Escherich ist in seinen „hygienisch-statistischen Studien über die Lebensdauer in verschiedenen Ständen" auf Grund von 15,730 nach den Geburtsjahren registrirten, gleichzeitig lebenden öffentlichen Beamten zu nachstehenden Resultaten gelangt: 1) Greise von 80 Jahren und darüber kommen auf 1085 über 30 Jahre alte protestantische Geistliche: 2,82 Procent. Die protestantische Geistlichkeit zählt die meisten Greise unter allen Ständen, mehr als doppelt so viel, als die katholische Geistlichkeit. 2) Die F o r st b e a m t e n haben die nächstgünstige Verhältnißzahl mit 1,41 Proccnt aller ihrer Standesgenosten, welche das 80. Lebensjahr erreichen. Der regelmäßige Aufenthalt 150 in freier Luft, der Wechsel ihrer Beschäftigung, die geselligen Freuden des Forstlebens, ferner daß die verzehrenden Leidenschaften deS Ehrgeizes, der Selbstsucht, der Verweichlichung weniger veranlaßt sind, erklärt wohl dieses günstige Resultat. Z) Die Schullehrer stehen im Grade ihrer Lebenshoffnungcn den beiden vorhergegangenen Ständen am nächsten. Sie treten ein in das Greisenaltcr von 80 Jahren mit 1,13 Procent ihrer Standesgcnosscn. Bei den Vorbereitungen zum Dienst sind keine besondern Schädlichkeiten, in der Berufsbildung keine Strapazen, keine Gefahren durch Wittcrungscinflüssc, ein Wechsel und freudige Anregungen im Tagesleben, bei spärlicher Besoldung und Faniilicnsorgcn die stete Nöthigung zur Thätigkeit und eine Abhängigkeit und Disciplin, welche die egoistischen Bestrebungen des Wohllebens, des Ehrgeizes und der Habsucht nicdcrhält. 4) Die Justizbcamten erreichen nur mit 0,77 Procent das hohe Alter. Sie haben im mittleren Alter keine ungewöhnliche Sterblichkeit, aber mit dem 60. Lebensjahre vermehrt sich ungewöhnlich ihre Sterblichkeit. Ihr Stand ist ausgezeichnet durch bureaumäßigc Geschäftsübung; sie können meist eine geregelte Tagesordnung einhalten. Dieser Stand entbehrt aber mehr als alle andern der freudigen Momente in der Berufs- übung und ist mehr gedrückt, als andere Stände, durch die fortdauernde Begierde nach höherer Gunst und Stellung. Solche Gemüthsstimmungen lähmen aber bei ihrer Fortdauer Körper- und Geisteskraft. 5) Die katholischen Geistlichen haben eine alle genannten Stände überbietende Sterblichkeit im mittleren Lebensalter vom 45. bis 66. Lebensjahre. Die große Mehrzahl derselben, 95 Proccnt, sind Kuratgcistlichc, welche in der äußern Seelsorge als Pfarrer, Caplänc, Coopcratorcn meist strapaziös beschäftigt sind. 6) Die Aerzte haben die wenigste Hoffnung eines langeu Lebens und die größte Sterblichkeit in allen Altersklassen, unter allen Stünden; die extremste Sterblichkeit ist im frühesten Alter — ^ unterliegen schon vor dem 50. Lebcsjahre und vor dem 60. Lebensjahre. Dem ärztlichen Berufe müssen in seiner Allgemeinheit Gefahren angehören, welche sich bei keinem Stande in solcher Größe wiederfinden. Schon die Vorbereitungen zum Berufe sind länger dauernd, anstrengender und die Gesundheit gefährdend. Der Beruf selbst aber ist von Anfang bis zum Ende ein ruheloses Treiben, ein steter Kampf mit den organischen und socialen Feinden des Wohlseins Anderer, und mit den Gefahren für die eigene Geltung. Körper und Geist werden gleichzeitig und oft bis zur äußersten Grenze angestrengt; viele unterliegen der Ansteckung bei Krankheiten, mehrere noch den Anstrengungen und Witterungseinslüssen im Tagesbcrufe und alle werden in der Sorge niedergehalten um die Gefahren des eigenen Rufes und der ökonomischen Existenz. Es gibt keine Sinecuren, keine äußere Ehre, keine Unabhängigkeit in diesem Berufe, kein Verdienst, keine Sicherung der ökonomischen Existenz als im Gelingen der persönlichen Geltung und Vorzüge. Von 100 in diesen Stand Eingetretenen erreichen nur 26 das 50. Lebensjahr. Gegenüber diesen Erfahrungen gehört wahrlich Muth dazu, in diesen Stand einzutreten, und mehr Anerkennung sollte ihnen in dem kurzen Leben werden. Im Großen und Ganzen werden von keinem Stande größere und unbelohnte Wohlthaten und Dienste der Menschheit täglich geleistet, als von Aerzten. Sie lernen sich den Menschen und Verhältnissen am meisten accommodiren, und sind im Prinzipe und in der Praxis die humansten, erfahrensten und deßhalb nachsichtigsten Beurtheiln aller menschlichen Verhältnisse. 151 Frühling außen, Frühling innen. Viel tausendmal sei mir gegrüßt, Du jugendlicher Held! So rufst du, wenn der Lenz dich küßt, Der Liebling aller Welt! Zerstäubt ist ja das Leichentuch Des Winters, blaß und fahl, Dahin des Sterbens Pestgeruch, Nur Leben überall! Wie stärket sich das Auge jetzt Am neuen frischen Grün, Den Blümlein dann, die sich gesetzt Auf diesen Teppich hin! Aus düstrer Stube treibt's dich fort Hinaus auf Flur und Wald; Denn Lerchen, Amseln wollen dort Nicht singen unbezahlt! Wer sollte auch nicht freudenvoll Sie loben ob der Müh', Mit der sie wcih'n als Ehrenzoll Dem Schöpfer Harmonie! In ihren Sang nun stimme ein O theures Menschenherz, Erschwinge mit den Vögelein Dich munter himmelwärts! Doch ach; wie traurig fällt's mich an So plötzlich — und warum? Wiewohl jetzt alles jubeln kann. Möcht' ich fast werden stumm! Du Menschenherz, du bist's allein, Das mich zur Trauer stimmt! Bei dir will's oft nicht Frühling sein, Wic's auch für dich geziemt! Der Sünde harte Kruste deckt Dich zu, wie festes Eis, Der Reue Thräne nicht erweckt Das kleinste Tugendreis! Den heil'gen Engeln ist's verwehrt, Zu schauen rein und klar Des Herzens Büchlein unbekehrt Ist's frostig und ganz starr! Der Gnade Sonne scheint gar heiß Schon lang anf selbes hin! O laß doch schmelzen dieses Eis Und ändre deinen Sinn! Der Buße blaues- Veilchen blüh' Auf thränenfeuchtem Grund; Denn ohne Buße wirst du nie Vom Herzen aus gesund! Zu diesem Blümchen werden sich Gesellen andre bald, So daß, wenn nur die Sünde wich. Entsteht ein Blümchenwald. Dahin der Herr dann Engel schickt Hinweg von seinem Thron, Damit ein jeder Blumen pflückt Für deine Hiinmelskron! Welch' Freude für die Engel doch Ein solches Herz mag sein, Wo weggeräumt des Winters Joch Erwacht der Frühling rein! Erstanden ist der holde Mai, Er blüht auf Feld und Flur Es ist geworden alles neu Im Kreise der Natur! Doch unser Herz eS fei're mit, Es bleibe nicht zurück! Ja das, was innerlich erblüh't, Es bringt erhabner's Glück! Zum ew'gen Frühling klärt sich ja Der Seele inn'rer Glanz Und leuchtet einst, ob fern, ob nah Als goldner Himmelskranz I s. InLausanne besteht, neben der Lehranstalt für Blinde und dem Hospital für Augen» kranke, seit 1856 auch eine Druckerei von Werken für Blinde. Diese Druckerei hat im letzten Jahre ein großes Unternehmen zu Ende geführt, nämlich den Druck sämmtlicher kanonischen Schriften des alten und neuen Testamcn tes in französischer Sprache. Die Anstalt hat auch Bücher in deutscher Sprache, z. B. das Evangelium nach Johannes und das Sprachbüchlcin von TH.Schcrer in je 300 Exemplaren geliefert. Die Blinden lesen bekanntlich mit den Fingerspitzen, und damit Dieß möglich sei, müssen ihnen die Schriften erhaben und ziemlich groß vorgelegt werden. Daraus folgt, daß man das Papier nur 152 auf einer Seite bedrucken kann, und daß ein Buch für Blinde ungleich voluminöser wird als ein gewöhnliches. So Vernehmen wir aus dem kürzlich von Herrn Direktor H. Hirzel erstatteten Bericht, daß die Blindenbibcl aus 32 Bänden besteht, wovon 24 die alttesta- mentlichcn, 8 die neutestamentüchcn Schriften enthalten. Es sind im Ganzen 4595 Blätter. Eingebunden wiegt ein Exemplar 114 Pfd. hält ungefähr Kubikfuß und kostet Fr. 52. 80, bei welchem Preis überdieß nicht einmal alle Herstellungskosten strikte gerechnet sind. Im Durchschnitt wurden 264 Exemplare von jedem Buch abgezogen, im Ganzen 8441 Bünde, deren Herstellung Fr. 26,745. 70 gekostet hat; 3291 Bünde sind verkauft, 5150 noch auf Lager. Die meisten Exemplare gingen ab vom Evangelium nach Johannes und von der Apostelgeschichte, 176 und 171, die wenigsten von Obadjah und Maleachi, nämlich nur 42. Die erhaben punktirte, aber farblose Blindenschrift ist für das Auge sehr ermüdend, so daß eine Arbeitslehrerin, welche gewöhnlich die Korrektur besorgte, zwei Mai von einer gefährlichen Augenkrankheit (Jritis) heimgesucht wurde; die Blinden lesen aber mit den Fingern bald mit großer Leichtigkeit. Ein blindes Mädchen las z. B. das Evangelium nach Marcus (89 Folio- seiten) in 2 Stunden 20 Minuten, ohne irgend eine Ermüdung zu spüren, ein Knabe dasselbe gar in nur 1 Stunde 45 Minuten, war aber am Ende im Ellenbogen etwas steif geworden. Es ist auch vorgekommen, daß eine Blinde, welche zufällig wegen Frostbeulen baumwollene Handschuhe trug, trozdem ganz geläufig las. (Wie das Wetter gemacht wird.) Vor einigen Jahren gab ein Komorner Buchdrucker einen Kalender heraus, in welchem, wie dies bei Vvlkskalcndern üblich, für jeden Tag des Jahres die Witterung angegeben war. Beim 13. Februar war jedoch im Manuscript die Angabe vergessen worden, und der Setzer schickte daher den Setzer- jungen zum Herrn hinauf, der eben Tarock spielte, um ihn zu fragen, was er hinsetzen solle. Der Herr, welcher Pagat Ultimo angesagt hatte, überhört im Eifer des Spieles die Frage und stößt, da ihm der Pagat abgestochen wird, ein grimmiges „Donnerwetter!" heraus, das vom Setzerjungen als die vermeintliche Antwort in die Druckerei und vom Setzer pflichtschuldigst in den Satz befördert wird. Der Kalender erscheint mit dieser kühnen Wrtterungs - Prophezeiung und der Herausgeber wird weidlich aufgezogen. Aber siehe da, der Zufall will, daß gerade an diesem 13. Februar das seltene Phänomen eines Wintcrgcwitters sich ereignet, und seit jener Zeit schwört der Schüttler Bauer nicht höher, als auf den Komorner Kalender, von dem jedesmal die ganze Auflage vergriffen wird. Der Mensch lehrte die Zeit (durch den Glockenschlag) reden, damit sie nicht ohne Abschied entfliehe; seitdem gab jede Stunde eine Marke bei uns ab. Der Besuch ist gemacht, und wohl dem, der zu Hause war, sie mit Achtung empfing und ihre Gegenwart benutzte: sie eilen unwiederbringlich von uns und erwarten als Zeugen unserer Handlungen uns dort, wo Rechenschaft zu geben unser Aller Loos sein wird. (Wer?) In einem Provinzialblatt ward kürzlich über ein stattgehabtes Duell mit den Worten berichtet: Der eine der beiden Gegner ward tödtlich in die Brust getrostem, der andere schoß in die Luft. — Frage: Wer war sonach der Urheber der Verwundung? „So häßlich Sie sind," versicherte Jemand einer Dame, „ich gehe dennoch mit Ihnen um, als wären Sie die Schönste!" — „Und ich mit Ihnen, so dumm Sie sind, als wären Sie der Verständigste!" gab Jene zur Antwort. Druck, Brrlau und Ridalttoa des Nlirartschrn JnstilUtS von vr. M. HuiUer. Nr. SO. 17. Mai 1868. Augsburger Soniitaas-Blatt. Daß von diesem wilden Sehnen, Dieser reichen Saat von Thränen Himmelslust zu hoffen sei, Mache deine Seele frei! Göthe. Sanct Jarthelmä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) III. In der Sonne, zieh' weiter! Hier glühst 'du vergebens — Nimmer crgrünen Die Tannen, es trotzen Gwig die Gletscher: Zieh' weiter zum schönsten Winkel der Erde! Roms - Au. Mit dir zieh' ich, Wo in Blüte» reifen Goldene Nepfel Umhegt von Lorbeer Die Tiber flutet Im schönsten, liebsten Winkel der Erde! So klang es nach eintönig lang gezogener schwermüthiger Weise aus einem Hause hernieder, das an der Sonnenseite des langgestreckten Romsaucr - Thales auf sonniger Halde lag, überragt von den schlanken Stämmen und mächtigen Wipfeln einiger Kirsch- bäume. Draußen im wärmeren Flachlande war die Zeit ihrer Blüte längst vorbei, hier aber begannen die weißen Knospen eben aufzubrechen, als hätten sie verschlafen, und müßten sich wie auf einen Traum erst darauf besinnen, was ihr Brauch gewesen im heißen heimatlichen Asien. Unten am Fuße des Hügels auf dem Saumpfade, der sich daran vorüberzog, kam ein Zug von Reitern heran, deren Einer in Wehr und Waffen in beträchtlicher Entfernung voraus trabte, um zu erkunden, wohin der Weg führe und ob er wirklich für ihre Thiere gangbar und für die Herrin des Zuges rathsam sein möge. Es war Amalaswinth, die schöne Langobardin, diesmal nicht in das Gewand einer Edelfrau, sondern in die Ncisctracht gehüllt, in welcher die Kaufleute damaliger Zeit ihr fahrendes Gewerbe zu treiben pflegten. Das Kleid war wie aus Einem Stück, aus dunklem Stoff geschnitten, der die hohe Gestalt mantelhaft umhüllte; nirgends war Zier, Schmuck oder kostbar Gcrüth zu erkennen, nur vorn dunklen Hute nickten ein paar Schwungfedern, aus Schwancnflaum kunstreich gebunden. Die Maulthicre, mit mancherlei Ballen und Gepäck beladen, waren nach Art des Südens mit rothem Trottelwerk und allerlei Glöckchen behängen, die begleitenden Reiter mit ihren stattlichen Rossen sahen sich an wie ein mannhaftes und wehrbcrcites Geleite. Die Schaar zog eilfertig des Weges und doch mit einer gewissen Aufmerksamkeit, welche sich nichts entgehen ließ, was nach irgend einer Seite zu entdecken war und auf den Gedanken bringen mochte, es gelte zu suchen und jeden Augenblick bereit zu sein. 154 die gefundene Spur nicht mehr aus den Augen zu verlieren. Eben kam der voraus- trabende Reisige zurück, der Herrin zu melden, wie der Weg zwar mühselig und voll Beschwerde, aber völlig gefahrlos sei, wie er nicht vermocht habe, irgendwo die Spur „n Pfcrdehuf oder Mannesfuß zu gewahren und wie eine kleine Strecke aufwärts an der Achc, welche ihnen aus dem Hintern Thale entgcgengesaust komme, eine ansehnliche Mühle zu erblicken sei, in welcher sich wohl eine Herberge für die Herrin und Unterkunft für die Thiere hoffen lasse. Die Reiterin vernahm nur halb die Meldung des Getreuen; sie hatte die Zügel angezogen, daß ihr Saumroß ruhig stand und sie besser den Tönen lauschen konnte, welche eben jetzt noch klarer und bestimmter den Hügel herab vernehmlich wurden. Die singende Stimme war schwach und hörte sich manchmal an, wie das Zittern einer vom Lusthauch schwach berührten Saite: dann aber wuchs sie wieder und erklang voll und mächtig, wie die Stimme des Schwans, welche der Sage nach nie schöner, nie voller ertönen soll, als wenn er sie mit der letzten schwindenden Kraft des Lebens erschallen läßt. „Sonderbarer Gesang," sagte Amalaswinth, „ich verstehe die Worte nicht und doch klingen sie mir nicht unbekannt, — es ist nicht die Sprache, die wir Langobarden reden, oder jene der Bajoaren ... es ist nicht Latein und doch hat es einen Anklang von allem Diesem..." „Kennst Du die Mundart nicht?" erwiderte der Anführer des Zugs. „Ich erinnere mich wohl, sie schon vernommen zu haben — es ist ein Gemisch aus den Sprachen, die Du genannt, o Domino und dort heimisch, wo römische Abkömmlinge Hausen, welche den Gebrauch der neuen Heimat nicht gelernt und den der alten nicht vergessen haben..." „Wer mag hier wohnen?" fragte Amalaswinth. „Höre nur, Alboin, die wunderbare Weise dieses Gesangs! Lautet sie doch beinahe wie feierlicher Kirchengesang im Dome Sankt Zcno zu Verona! Ich will hier bleiben: das Haus scheint räumlich genug, um Platz für mich zu haben — sucht Euch in der Wühle die Unterkunft, von der Du sprichst, dann komm zurück, Alboin, und bleibe in meiner Nähe!" Eben war sie im Begriffe, sich von Ihrem Thiere zu schwingen, als Placida den Höhenpfad herangewandclt kam, mit hochgeschürztem Gewand, eine schwere Korblast auf dem Rücken, einen starken Baumast in der Hand, der mit blanker Eisenspitze beschlagen zur unerläßlichen Stütze diente, bei der langen mühevollen Bergwanderung, von welcher sie eben zurückzukehren schien. „Sei gegrüßt, Herrin. . . hast Du ein Verlangen, weil Du an diesem Hause anhältst?" fragte sie freundlich, indem sie sich mit dem Rücken gegen den Zaun lehnte, daß ihre Last auf denselben zu ruhen kam, und trocknete zugleich Staub und Schweiß des mühseligen Weges von der klaren Stirn und den leicht überröthcten Wangen. Das Auge der Fremden ruhte forschend, aber mit unverkennbarem Ausdruck des Wohlgefallens auf der kräftig schlanken Gestalt und der ganzen anmuthvollen Erscheinung. „Bist Du die Frau des Hauses?" sagte sie dann. „Wer ist es, der hier wohnt?" „Das Haus ist des Herzogs," erwiderte Placida, „mein Vater, Angclus geheißen, ist sein Hausmaicr und wohnet hier." „Und ist darin Herberge und Imbiß zu finden für einen Gast und für eine Nacht?" fragte Amalaswinth. „Ich bin eines fahrenden Kaufmanns Weib, der vorangezogen ist, nach Regensburg, Bernstein einzutauschen, der vom Nordmeer kommt — ich zieh' ihm nach und führe ihm kostbare Geschmeide zu, Korallen und zierliche Kcttlein, woran auch Du wohl Gefallen haben wirst, wenn ich erst den Schatz vor Dir ausgebreitet..." „Laß' das, Herrin," entgegnete Placida bescheiden. „Schmuck und Geschmeide ist nicht für mich und für dies Haus — es ist nicht mein Vaters Eigen, sondern ihm geliehen vom Herzog — wir sind hörige Leute..." „Das will so viel sagen, als Sclaven?" rief Amalaswinth mit etwas befremdetem Bück. „Dein Wort und Wesen, Mädchen, ist nicht von Sclaven-Art... von welchem 155 Geschlechte bist Du? Was für ein fremdartiger Gesang in diesem Hause? Welch' enrr Spraye ist die dieses Gesanges?" „Die unserer Vorfahren," antwortete Placida, indem sie sich aufrichtete und ihre Last wieder auf sich nahm. „Sie haben die Sprache der Römer geredet, aber iu der fremden Umgebung, unter den Fremden, mit denen sie leben mußten, haben die Geschlechter, die seitdem dahin gegangen, die Sprache vergessen — bis auf einige Worte — bis auf einige Lieder, die wir zuweilen noch singen. . . Was Du vernimmst, Herrin, ist ein solches Lied! —- Doch komm' herein, wenn es Dir gefällt, Deinen Fuß über die Schwelle des unfreien Mannes zu setzen! Aufwärts an der Ache ist ein wohnlicher Platz mit Bäumen und einer Mühle — laß Deine Leute dort Unterkunft suchen u«d komm herein..." Amalaswinth rief Albion noch einige Worte zu und folgte der Voranschrcitende« i« das Haus. Es war klein und dürftig, aber es erschien wohl erhalten und bot darum eiue» nicht unfreundlichen Anblick. Merklich abweichend von dem Gebrauch der umwohnende« freien Bajoarcn, welche ihre Gebäude innerhalb des Geheges nach Bedürfniß und Laune stellten, waren hier die verschiedenen Räume zur Wohnung und Wirthschaft aneinander gerückt, daß sie ein nach innen geöffnetes Viereck bildeten, an den Regeneinfall und das Atrium römischer Häuser erinnernd. Die Gebäude selbst waren ebenfalls zum grüßt« Theile aus Holz gezimmert, aber der rings laufende Unterbau bestand ans Feldstein« und Trümmern herabgerollter Feldstücke, durch einen harten Kalkvcrband zusammengehalten, der darauf hindeutete, daß in ihm sich ein Uebcrrest einer einst viel höher entwickelt gewesenen Kunst des Baues erhalten habe. Der Hofrauin war so gestellt, daß d« größten Theil des Tages hindurch ihn die Sonne zu bescheinen vermochte, und zu eine» angenehmen Aufenthalt gestaltete. Rings um die innern Gebäude, durch einen vorspringenden freien Fortsatz des Daches leicht gedeckt, zog sich ein breiter Gang mit festgeschla- genem Lehmboden; ein paar Stufen führten in den Mittelraum, iu dessen Morgenecke einiges Gewächs gezogen war, während die andere zur Aufstellung von allerei Geräth« schaften dienen mußte. Bei entsprechender Witterung war es möglich, sich hier d« ganzen Tag über aufzuhalten und die meisten häuslichen und wirtschaftlichen Arbeit« so zu sagen im Freien zu verrichten — wieder ein Anklang an das Leben des Südens, der die niedrigen dunklen Gemächer scheuend, so lange als möglich unter offenem Himmel weilt und wirkt. Auch hier machten die dumpfen Stuben, welche zu den Seiteu de» lichtlosen, das ganze Gebäude in zwei Hälften scheidenden Ganges sichtbar wurden, eine« keineswegs einladenden Eindruck, aber wenn man aus dem Hglbdunkel rückseits iu de offenen noch sonnenhellen Hofraum trat, ward das Auge von einem freundlichen Bild* behaglicher Ruhe überrascht und gefesselt: nirgends waren Spuren von Reichthum ödere auch nur Wohlhabenheit zu bemerken, aber überall bewährten sich Reinlichkeit und Sauber keit, ein stilles Trachten nach Ordnung, ein feiner Sinn für gefällige Form. „Tritt in den Hof," sagte Placida, „und laß Dir's gefallen, Herrin, zu warteq, bis ich meine Bürde abgelegt: ich habe Butter und Käse abgetragen von der Atmende, wo ich als Sennin wirthschafte . . . Der Vater ist nicht daheim, wie ich merke, uud wohl hinaus in den Wald, Holz zu fällen: es ist Niemand im Hause, als die alte ^ür- — die sitzt, wenn das Wetter es erlaubt, den ganzen Tag auf dem Hofgang. . .^richtet, Amalaswinth blieb auf der Schwelle stehen; gegenüber, in der nach Os-oerschaute Mittag gewendeten Seite, war grüner Eppich emporgezogen uud schlang ^ Großfürst Dach, daß es aussah, als sei eine bewegliche Wand vorgestellt, oder ein,"r grünes Tuch heruntergelassen. Dahinter wie in einer Laube saß oder kam'"- ^ss. Hoheit, thümliche Fraucngestalt, in ein graues, lang hinabwallendes Gewand gekle^"- esthnisch weißem überreichem Haar, das losgelöst und regellos über Kleid und Uhr, Boden herabhing. Das Gesicht war aschfahl und regungslos, die erlös, 156 grauer Decke überzogen, sahen starr vor sich hin in's Leere — die ganze Erscheinung in dem durch die Epheuranken gebrochenen Lichte war anzusehen wie ein lebloses Gebilde, aus grauem Sandstein gemeisselt. Neben der Alten am Boden lagen die Ueberreste eines SaitenspielS, einer römischen Lyra, aber beinahe unkenntlich durch Alter und Zerstörung: nichts war geblieben, als das aus Erz gesormte Gestell, von Steg oder Saiten war nichts mehr zu erblicken —> es war wie ein zerbrochenes Spielzeug, mit dem Kinder erst am meisten zu spielen freut, wenn es nur mehr ein Rest dessen ist, was es vorstellen soll. Für die Acchthcit seiner Abstammung bürgten die unweit davon an der Wand wie Trümmer einer Trophäe aufgehangenen Waffen, eine niedere Bickelhanbc und ein kurzes breites Schwert vom nämlichen Ursprung. Als Amalaswinth eingetreten, hatte die Greisin geschwiegen; jetzt, da Stimmen und Tritte wieder verhallt, hob sich wie horchend das regungslose Antlitz, ihre lichtloscn Augen wandten sich der Gegend zu, von wo Beide gekommen: dann tastete sie wieder neben sich, faßte die zertrümmerte Lyra und begann darauf zu spielen, als habe sie Saiten unter ihren Händen und hörte sie unter deren Berührung erklingen. Dazu sang sie einen Theil des Liedes wieder, das sie zuvor gesungen, aber so leise, als fürchte sie, darüber etwas von dem zu überhören, was sich ihr nahe, oder als wolle sie es sich selbst vorsingen, es vor dem Vergessen zu bewahren. Indessen war Placida wieder gekommen und hatte dem Gaste einen Stuhl gebracht, und vor denselben eine Decke auf den Boden gebreitet: auch hier mahnten das niedrige Gestell mit den übereinander geschwungenen Beinen, Farbe und Dauer des Gewebes a» die verschwundene Kunst und Pracht früherer Jahrhunderte. „Ruhe Dich aus, Herrin," sagte Placida dabei, „das kleine Mahl, das ich Dir bieten kann, wird bald gerüstet sein — laß Dich von der Urahne nicht irren," fuhr sie fort, da sie Amalaswinth's Blicke dahin gerichtet fand, „sie ist ruhig und thut Niemanden Leides..." „Sie scheint sehr alt zu sein," bemerkte die Langobardin, „ich entsinne mich nicht, jemals solche Gestalt gesehen zu haben . . ." „Wir kennen ihr Alter nicht," entgegnete Placida, „sie selber scheint es vergessen zu haben — mein Vater, der selbst schon hoch in Jahren, sagt, wie er noch ein Knabe gewesen und in der allerersten Zeit, an die er sich noch erinnern könne, sei sie schon ebenso alt und regungslos gewesen und sei da gesessen, wie heute, als ob die Zeit und der Tod sie vergessen hätten..." „Sie ist wie ein Steinbild," flüsterte Amalaswinth, „wie Eine der Sibyllen, von denen die Mythe kündet... fast könnte man ein Grauen empfinden bei ihrem Anblick..." „Nicht doch," entgegnete Placida lächelnd, „sie ist gut und sanft — laß Dich durch ihre Gegenwart nicht stören, Herrin — sie sieht Dich nicht, denn sie ist blind, sie wird Dein nicht gewahr, denn sie ist irren Geistes: sie merkt nicht, was um sie her geschieht und lebt nur in ihren Einbildungen oder den Erinnerungen längst vergangener Zeiten..." Ueberrascht hielt sie inne, denn mit feierlicher Würde hob sich die Greisin etwas empor und rief mit lauter voll tönender Stimme: „Meinst Du das. Du Kind der -tten Stunden? Glaubst Du, ich bedürfe der Augen, um zu sehen? Glaube lieber, mehr schaue, als Du mit Deinen jungen Augen von gestern! Ich kenne sie mit Dir gekommen ... es ist Vitcllia, die schöne Muhme aus Ostia ... ich nach un. ^ Stimme ... sie kommt endlich, uns den versprochenen Besuch abzu- "y ^Es ist lange, daß sie das versprochen: ich weiß nicht mehr wie lange — ^ von Ostia bis in die nord'schen Alpen ... Oh, so unendlich weit!" r "st ch trat näher, das Gemurmel der Alten besser zu verstehen, denn so laut. reyen vom Hcr,.^ gesprochen, sanken doch die folgenden immer mehr zum Gestufter und Blick Dein Selbstgespräch herab. ^ ^ unsäglich weit," begann die Alte wieder und nickte mit traurigem 157 Lächeln. . . „aber auch schön... oh, so unsäglich schön! Ich seh' ihn noch, den immer wolkenlosen, tief blauen Himmel — ich fühle sie, die warme weiche wonnige Lust . . . es ist hart, sich von dem Himmel zu trennen und von dieser Luft — und hier ist es so kalt, so schaurig bis in'S tiefste Herz hinein. . ." Wie um ihren verwirrten Gedanken zur Ordnung zu verhelfen, glitt sie mit der Hand über die Stirn und fuhr weiter. „Komm' immer näher, schöne Base Vitellia ... ich bin Lucia. . ., erkennst Du mich nicht wieder? Wundere Dich nicht, daß Du mich hier in der armseligen Hütte findest... das schöne fröhliche Haus in Juvavia ist verbrannt: wir haben uns hier verbergen müssen, bis er kommt, uns zu Holm..." „Wer?" fragte Amalaswinth, die, mit der Alten wieder allein gelassen, den erste» befremdlichen Eindruck rasch überwunden hatte und nichts mehr empfand, als ein fast höhnisches Bedürfniß, sich zu unterhalten. „Frage nicht," erwiderte die Greisin geheimnißvoll, „er will unvermuthet kommen und will uns überraschen — er hat es so oft gethan! Wenn er seinen Namen ausgesprochen hörte, könnte es ihn wieder verscheuchen ... er hat es nie geliebt, bei seinem Namen genannt zu sein... Aber er kommt, er hat es bei der unterirdischen Hekate geschworen! Er muß kommen, muß uns heimführen aus dem eisigen in das schöne warme Land . . . drüben, jenseits dieser schaurigen Berge... O sage, Vitellia, blaut er noch d'rübcn, der Himmel von Italien? Komm näher — noch näher," fuhr sie dann nach kleiner Pause fort, und streckte die lange magere Hand nach der Richtung, wo sie die Fremde vermuthete, „in Deiner Rede klingt etwas wieder von den verklungenen Tönen der Heimat. . . Sie glauben mir nicht, der Mann und das Mädchen, — sie sind hier im Lande des Winters geboren und groß gewachsen: sie halten mich für wahnwitzig, wenn ich vom Süden rede und von dem, was einst gewesen... O es ist so schön . . . und auch in Juvavia war es schön — wenn die Sonne darüber hing, konnte man wohl träumen, in Hespericns Gärten versetzt zu sein. . . Und am Strome, am sausenden Juvavus da stand ein schönes Haus, eines Kaufmanns Haus, der war des Handels wegen dahin gezogen und war reich geworden, und der Garten des Hauses stieß an den Strom ... da schwammen die reich beladenen Flöße und Schiffe heran bis an die Schwelle und leerten ihre Schätze an Oel und Würze und Wein . . . und Abends, wenn es ringsum stille geworden, und die Augen des Tages schliefen, da wandelte unter den Bäumen ein glücklich Paar ... Lucia des Kaufherrn Tochter und ein Jüngling, der sich aus dem Palaste gegenüber in den Garten schwang, weil er es nicht wagen durfte, offen das Haus zu betreten ... es war FlornS, des Präfcctcn Sohn ... ein junger ritterlicher Mann, edel wie Apollo und herrlich..." „Stören wir sie nicht," flüsterte Placida, welche mit dem Abendmahle, in Brod, Eiern und einem Becher Wein bestehend, herantrat, „es ist wunderbar, was sie bewegt — in solchem Zusammenhange hat sie uns nie erzählt!" (Fortsetzung folgt.) (Kvl uk8 — levl kaks.) Als der Großfürst-Thronfolger vor Kurzem nach Nizza reiste, berührte er unter Anderem ein kleines Städtchen in Esthland. Der Bürgermeister des Ortes, von der Ankunft des hohen Reisenden im Voraus unterrichtet, hatte den Eingang zum Städtchen trotz Kälte und Frost dekoriren lasten und überschaute schmunzelnd sein Werk, als die Reisenden ankamen. Ucberrascht blieb der Großfürst stehen und rief aus: „yuol luxe!^- (Welche Pracht!) Der Bürgermeister hielt diese« Ausruf für esthnisch, trat gravitätisch vor und sprach also: „Verzeihen Ew. kais. Hoheit, kel kaks!" Zum Glück befand sich im Gefolge des Prinzen ein Mann, der esthnisch verstand, und dieser konnte das unbezahlbare Wortspiel erklären, nämlich: kol — Uhr, üks — eins und kuki, — zwei. 158 Irühlingskunde ans Jeuische Wtk. Zu Speycr am rauschenden deutschen Strom Verkündet die zwölfte Stunde Der Walpurgsnacht die Glocke vorn Dom Dem trauernden deutschen Bunde. Da thun sich im Dome die Gräber auf Der deutschen Kaiser der alten; Es kommen in ihrem Ornat herauf Sich grüßend die hehren Gestalten. Sie schreiten Paar für Paar heraus Im fahlen Mondenscheine, Durch düstere Straßen zum Strand hinaus Und steigen zu Schiff am Rheine. Ein schwarzer Adler als Herold fleugt, >Das Rcichspanier weht so finster; Vor Köln ans Land ihr Zug entsteigt Und schreitet nach dem Münster. Der Adler weiter nach Aachen zieht Und pochet an Karols Grabe, Der steigt hervor mit Geisterschritt, Mit Krone und Herrscherstabe. Und wandelt nach Köllen, den Aar voran Der setzt sich aus Thurmeszinken, Der Kaiser schreitet zum Dom hinan — Da flimmert gespenstiges Blinken. Der Dom ragt hell wie in Feuerschein, Beleuchtet die Stadt und die Runde; Viel öde Burgen funkeln am Rhein In mitternächtlicher Stunde. Durchs weiland heilige röm'sche Reich In allen Marken und Gauen Unzählige Lichtlein, den Seelen gleich, Erglühen und sprühen zum Grauen. Die Kaiser sich neigen im Dome drin Dem hohen Ahnen zum Gruße, Und beten mit ihm im Chor aus den Knie'n Dem Hochaltare zu Fuße. „Herr Gott, du Schirmer vom deutschen Land, Der Völker und Herrscher lenket! Schwer schlägt das Volk deine starke Hand, Das deiner nimmer gedenket! » Zwietracht zerreißet sein Eingeweid, Seit es mit Listen und Lügen Von deiner Lehre Einigkeit, Von Vätersitte gewichen. So sende doch deinen Kämpen bald Mit deinem geweihten Schwerte, Der wieder in Glauben und Kaisergewalt Dir einigt die deutsche Erde!" Und wie sie geendigt ihr laut Gebet, Die Riescnglocke sich schwinget. Zu künden dem Reich was die Kaiser gefleht. Daß Nord und Süd es durchginget. Und Kaiser Karol der zieht fürbaß. Von allen ernstlich begrüßet. Nach Aachen und steigt ins Gruftgelaß, Das ihm sich wieder umschließet. Die Anderen wollen hinaus zum Strand Und fahren flüchtig von hinnen — Die Lichter erlöschen im deutschen Land, Es dunkeln Burgen und Zinnen. Zu Spener voni Dome die Glocke ruft DcS MaimoudS erste Stunde, Da steigen die Kaiser in ihre Gruft, Sich grüßend mit stummem Munde. — O Deutschland, heiliges römisches Reich, Dein Mai auch nahet sich wieder; Du schläfst wohl lange schon todtengleich. Doch Gott schaut auf dich hernieder! Seit Kaiserhand legte den ersten Stein Zum heiligen Dom von Köllen 2) Hat dich gestürzct in Schmach und Pein Die finstere Macht der Hollen. Drum wallfahren in der Walpurgisnacht Zum Dom die Kaiser und flehen — So hoffe den Lenz, da mit Gottes Macht Ein Netter wird erstehen! Den letzten Stein von des Kaisers Hand Dem deutschen Dome vereinigt, Dann stehst du gewaltig, o Vaterland In Glauben und Liebe geeinigt! kiuäohcki Hoeckvr. ') Diese Glocke wurde »nno 1447 aufgehängt und wiegt 22400 Pfund. -) Am 14. August 1248 wurde der Grundstein zu diesem Wunderbaue gelegt von Erzbischof Konrad von Hochsteden, Kaiser Wilhelm von Holland und dem päpstlichen Legate». Der erste Werkmeister und muthmaßliche Urheber des noch vorhandenen Plans, nach welche« immer fortgebaut wird, hieß Gerhard. 159 Kirchliche «nd Civiltrauung. Lieblich in der Bräute Locke» Spielt der jungfräuliche Kran;, Wenn die hellen Kirchenglocken Laden zu des Festes Glanz. Schiller. Der 30. Mai (1837) war zum Tag der Vermählung (des Herzogs von Orleans -mit Helene Louisc, Prinzessin von Mecklenburg-Schwerin) bestimmt, welcher Vermählung nach der Sitte des Landes zuerst die Civiltrauung in der Gallerie Heinrich II. (zu Fon- tainebleau) voran ging. Um halb neun Uhr erschien der König (Louis Philipp) mit der Prinzessin Helene am Arme, gefolgt von der ganzen Familie, so wie von ihrer zahlreichen Umgebung. Die Minister, Marschälle, Pairs und Deputirten, die Municipalität, die Generale und viele Eingeladene waren versammelt; das Brautpaar hatte seine bestimmten Zeugen, namentlich die Prinzeß den Herrn von Rantzau, Hofmarschall ihrer Frau Mutter der Erbgroßhcrzogin, Herrn von Brcsson, den französischen Gesandten in Berlin, welcher die Heirathsuntcrhandlungen gepflogen und den Herzog von Broglio, der sie auf deutschem Boden abgeholt hatte. Der Kanzler, Herzog des Caseslas, nahm während einer erwartungsvollen Stille, mit feierlichem Tone den Civilalt vor, worauf er den Herzog von Orleans fragte, ob er gesonnen sei, Helene Louise Elisabeth von Mecklenburg zur Gemahlin zu nehmen. Der Prinz wandte sich ehrerbietig zu seinem Vater und auf dessen zustimmende Bewegung erwiderte er dem Kanzler mit fester Stimme: „Ja mein Herr." Auf die ähnliche Frage an die Braut wandte auch diese sich zu ihrer Frau Mutter und sprach nach erhaltener Einwilligung von dieser ihr ;,Ja, mein Herr" mit bewegter Stimme. Hierauf wurden die Aktenstücke in gebräuchlicher Form unterschrieben und hicmit war der Civilakt der bürgerlichen Ehcverbindung geschlossen. Nicht ohne Ursache haben wir seinen ganzen Verlauf beschrieben, hier wo er auch durch eine warme Theilnahme der höchst gestellten Persönlichkeiten einen besondern Glanz erhielt, um von den Gefühlen einer Seele zu reden, welche gleichwie hinter den Coulissen ein thcilnchmcndcr Zeuge der ganzen Feierlichkeit dieses Tages war. „Ich bin nie ein Freund jener Theaterstücke gewesen, in denen ein biblicher Gegenstand, ein Heiliges auf die Bühne gebracht wird, vielleicht vor die Augen der Bewohner einer Stadt, welche durch Carncvalsbclustigungcn noch umnebelt sind. — Von den Arien solcher Theaterstücke kenne ich weder den Text noch die Melodie, mein Inneres kann deßhalb nicht in den Gesang einstimmen, so gerne nnd so leicht ich in jeder Dorfkirche in den Ton der Gesänge und lauten Gebete einstimme." Das Gefühl von der Heiligkeit, Unauflöslichkcit des rechten, Gott geweihten Ehebundes kaun in der Seele keiner anderen Braut lebendiger und mächtiger gewesen sein, als in der jungen Fürstin, welche hier auf eine Führung ihres Lebens zurückblickte, die nicht von Mcnschenmacht und -Willen sondern von Gottes Gnade und wunderbarem Rath geleitet war. Ihre Ehe war im Himmel geschlossen und daß sie dieses sei, das sollte Mund und Herz lant und öffentlich vor Gott und Menschen bezeugen. Aus der Galerie Heinrich II., darin der Civilakt der Trauung vollzogen worden, begab sich die hohe Versammlung in die große Kapelle Heinrich IV. Der Bischof von Mcaux in pricstcrlichcr Würde hielt eine sehr ergreifende Rede und verrichtete die heilige Handlung der Weihe des Ehebandes in christlichem Geiste. Die Namen des hohen Paares wurden in das Kirchenregistcr eingetragen. Etwas neues in den Gebräuchen des französischen Königshauses geschah jetzt noch. Die hohe Versammlung wurde in einen Saal geführt, der als Louis Philipps-Saal benannt war. Hier fand sich ein Altar, mit rothen Sammctdecken behängen, ein Crucifix stand zwischen vier brennenden Kerzen nnd vor ihm lag die aufgeschlagene Bibel; der Vielen 160 Hon uns thcure lutherische Pastor Cuvier stand in seinem einfarbig schwarzen Priesterrock vor dem Altar, bereit auch im Namen seiner lutherischen Kirche, den Ehebund zu weihen. Mit milder, aber fester Stimme sprachen seine ermahnenden Worte, welche als Worte von Gott voll himmlisch-tröstend er Kraft waren. Diese Kraft und der Blick auf das seltene Paar, das hier vor ihm stand und dessen innere wie äußere Führung er kannte, gab seinem Munde die Weihe zu seiner eltcnen Beredsamkeit des Herzens. Nachdem er die nämlichen Fragen wie zuvor der Kanzler an die beiden Liebenden gethan und die bejahenden Antworten vernommen hatte, legte er die Hände segnend auf ihre Häupter und beschloß die Feier mit den Worten: „Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht trennen." Hierauf folgte noch das eigenhändige Eintragen der Namen der Neuvermählten und ihrer Zeugen in das Kirchenbuch. — Als Napoleon I. im Jahre 1804 den frommen Papst Pius Vll. zu seiner Krönung nach Paris gezogen hatte, da wollte man die Feier des Festes durch eine außerordentliche Kirchenmusik erhöhen. DaS Orchester in der Kirche war mit achtzig Harfen besetzt; die Wirkung der harmonischen Laute eines solchen achtzigfachen davidischen Saitenspiclcs auf die Sinne der Zuhörer mußte, so erwartete man, eine ganz gewaltige seyn. Die Feierlichkeit begann, die achtzig Harfen tönten, mit Winken und zuflüsternden Worten drückte sich die Menge der anwesenden Gebildeten aus der großen Stadt ihr Entzücken aus. Jetzt nahte sich der Papst dem Altar. Statt der Töne der Harfenspieler hörte man die Sänger seiner Kapelle aus Rom, welche das alte Lied der Kirche 'l'u l'etrus anstimmten. Da war Las Gelispel, das Entzücken der Menge in dem Gefühle eines Staunens verstummt, das in vielen Seelen eine Erhebung der Andacht weckte. (Aus den „Erinnerungen aus dem Leben Ihrer kgl. Hoheit Helene Louise, Herzogin von Orleans :c.", von Dr- Gotthilf Heinrich von Schubert. >l>. Aufi.) Nicht überall wird die Lynchjustiz so rücksichtslos geübt, wie in Nordamerika. Die Ungarn scheinen sogar mit einigem Humor dabei zu Werke zu gehen. Äm Pcsthcr- Theatcrgebäudc ist ein Bierhaus, zur „Stadt Alt-Ofen" genannt, das eines der am stärksten besuchten Lokale dieser Art ist. Bei der Nebcrfüllung kommt es leicht vor, daß ein Gast davon schleicht, ohne zu bezahlen. Wird aber ein solcher Ausreißer erwischt, so folgt ihm die Strafe gleich auf dem Fuße. Er wird in den Keller des Hauses eingesperrt und nicht eher freigelassen, als bis er ein bis drei Wurzeln Meerrettig (nach Verhältniß der Seidel, die er unbezahlt getrunken) gerieben hat, wobei es nicht ausbleiben kaun, daß er Thränen seiner Schuld und Strafe vergießt. Charade. l Zweisilbig.) Ob Beide sind auch winzig klein, So können sie doch schädlich sein; Das Ganze ist es immerdar, Wie man am Holze nimmt gewahr Das ganz besonders, wenn es alt, Dem Ersten dient zum Aufenthalt'; Und das von diesem wird verletzt, Obwvhl's das Zweit' ihm nicht versetzt. Auflösung der Charade in Nr. 18: „Wermuth." rzDrock, »erloo »«» RevoMou b«e Ninorisch«» JoftiwIS rc» ve. M. Hoitler. Nr. SL 24. Mai 1863. Augsburgs? Die angebornen Bande knüpfe fest. Ans Vaterland, ans theure, schließ' dich au, Das halte fest mit deinem ganzen Herzen/ Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft. Schiller, Dell, II. Aufzug, Scene 1. Sanct JarLhetmä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) ' „Aber die Tage der alten Götter und ihre Herrlichkeit gingen dahin!" rief die Greisin in ergreifendem Klageton, „das Volk siel ab von ihnen und wandte sich zu dem neuen gekreuzigten Gatte — da wandten sich auch die alten Götter von ihm und das Verderben kam über das Volk, wie wenn der Sommer den Schnee schmilzt, die wüthenden Bergbäche anS den Schluchten hernieder stürzen in das dem Verderben geweihte Thal!' Wohl hatte Einer der Priester dcS neuen Heilands aus weiter Fern einen Boten und Warner gesendet, cS zogen wilde unzählbare Völker heran, die Alles vor sich niederwerfen und tödten, was lebt und was aufrecht steht — aber der Prüfest der Stadt glaubte der Warnung nicht. Er hatte die römischen Zcichcndcnter gerufen, die hatten aus dem Vogelfluge verkündet, es sei keine Gefahr zu befürchten, und sie jubelten in thörichter Sicherheit, und als die Nacht kam, lagen sie rathlos und betäubt von der Freude des Festes, das sie gefeiert. . . Aber mit der Nacht kamen die Völkerhorden herbei, zahllos wie der Sand, Plötzlich wie der Wind, schrecklich wie der Blitz . . . Ueber die unbewachten Mauern drangen sie in die Stadt, und bald rauchte und dampfte sie vom Blute der erschlagenen Bewohner, von der Glut der über ihren Todten zusammenstürzenden Häuser-. . . Niemand vermochte zu entrinnen . . . aber in des Kaufmanns Haus, wo der Garten an den Juvavus stieß, war noch eine schwache Hoffnung auf Rettung gegeben .. . Lucia und ihr Vater trugen Florus, der schwer verwundet am Hause niedergesunken, in den Nachen und unbeachtet von den plündernden Barbaren glitt das Fahrzeug bald über die sausenden Wellen dahin, in welche das Blut herabsickerte und die Funken niedersprühten... Es gelang den Flüchtigen, die Berge zu erreichen und sich in ein rauhes, darum wenig bekanntes und fast unzugängliches Thal zu verbergen. . . Nach Monaten, als die Hochflut des Völkcrsturms verronnen sein mochte, wagte der Vater sich auf Kundschaft hinaus: trostlos kam er wieder — er hatte von Juvavia nur Schutt und Trümmer gefunden: was einst in ihnen gelebt, war todt oder fortgeschleppt in die Gefangenschaft..." „Und FloruS?" fragte Amalaswinth, da die Erzählerin aufathmend innc hielt. „Florus," begann die Greisin wieder und es ward bemerklich, daß die Erregung und Anspannung, die über sie gekommen war, wieder nachzulassen und der frühern Erstarrung zn weichen begann, „Florus blieb in der Verborgenheit, bis er genesen war... Die Schranken, die ihn von Lucia getrennt, bestanden nicht mehr, sie gehörten einander an und schwuren beim Acheron, daß es ewig so sein sollte! Als es wieder einmal Früh. ling geworden, da faßte ihu das Verlangen, sich durch die Berge nnd Lande hindurch zu 162 schleichen bis nach Rom... zu sehen, ob auch die ewige Stadt vor den Barbaren gefallen und uns die Kunde zu bringen, oder wieder zu kommen um Vater und Tochter, denen er das Leben dankte, mit sich zu führen in die gemeinsame südliche Heimat..." „Und er ist nicht wieder gekommen?" rief Amalaswinth mit kaum verhehltem Spott. „Und Lucia wartet noch?" „Lucia wartet," flüsterte die Alte, und suchte wieder nach der Lyra. „Er wird kommen — er hat es geschworen. . . Ach, es ist so weit von Rom bis in die norischen Alpen. . . ach, so unsäglich weit!" Amalaswinth lachte auf. „Du glaubst nicht an Wort und Schwur, Herrin?" fragte Placida, deren Blick befremdet nnd wie erschreckt auf der kühnen Langobardin ruhte. „Ich glaube — doch nicht an Wort und Schwur eines Mannes, dem Weibe gegenüber.. . Und auch Du, Mädchen, glaube nicht: nimm als erstes Gastgeschenk den Rath von mir — Deiner Ruhe willen, Deinem Glücke zu lieb, glaube nicht! Wer eS thut, wird zur kindischen Thörin und kann mit dieser auf den Retter warten!" „Sie wartet noch," entgegnetc Placida sanft, „weil sie nicht mehr zu denken vermag: es ist ihr entschwunden, daß er längst todt sein muß, daß er wohl den Barbaren in die Hände gefallen und verunglückt ist — daß er nicht mehr kommen kann!" „Und daß er nicht kommen wollte, so lang er es noch gekonnt!" rief Amalaswinth bitter. „Sag' es nur heraus — andere Bande haben ihn dort gefesselt und festgehalten... er hat im glühenden Rom vergessen, was er im eisigen Norden geschworen?" „Ich weiß es nicht," sagte Placida, „die Urahne hat es nie gesagt... sie wird über sein Ausbleiben getrauert haben, bis die Trauer zur Schwermuth geworden und die Schwermuth zum Irrsinn . . . dennoch ist diese Hoffnung ihr einziges Glück . . „DaS nennst Du Glück, Närrin? Du bist wohl auch wie diese gesinnt, und würdest warten, wie Lucia?" „Hätte ich geschworen, ich würde halten, was ich gelobt. .. darum glaube ich auch, daß mir gehalten würde, was mir geschworen wäre. . . Glaubst Du das nicht auch, Herrin? Würdest Du nicht auch handeln, wie Lucia?" „Ich?" rief Amalaswinth mit blitzfunkelnden Augen. „Ich wäre nicht ruhig gesessen und hätte gewartet. . . und wenn ich mich als Magd verdingen müßte, und müßte als Bettlerin durch die Lande fahren, ich wäre auf und hinaus! Ich wäre seiner Spur gefolgt, und hätte nicht gerastet, bis ich ihn gefunden, ihn herausgerissen aus seinem verbrecherischen Glück, und in seiner Verzweiflung, seinem Tode vollauf meine Rache gesättigt ..." „Herrin," rief Placida erbleichend, „ich bin eine Christin... Du nicht auch?" „Zweifelst Du daran?" rief Amalaswinth entgegen. „Weil ich mich rächen will? „Wenn Rache Sünde ist — ich will sie gut machen, will bereuen . . ., ich will sogar verzeihen und für den Verlorenen beten — aber erst muß mein Haß an ihm gekühlt, erst muß das Maß der Vergeltung voll für ihn gerüttelt sein . . . Meine ganze Zukunft, mein Leben, jede Stunde in ihm soll Gott und seinem Dienste gewidmet sein z aber diesen Einen Augenblick muß er mir lasten, diese Sekunde nur muß mir gehören!" Die Greisin hatte inzwischen, ihrer nicht bewußt wie vorher, auf den eingebildeten Saiten der Lyra gespielt: sie war wieder das Kind, das sie zuvor gewesen. Jetzt erhob sie sich und schritt, an der Wand fort tastend, in eine der Kammern des Hauses. „Lucia sucht ihr Lager auf," sagte Placida, welche Amalaswinth mit steigendem Befremden betrachtet hatte, „wäre sie noch ihrer Sinne Herr, sie würde Dir für den Eifer danken, womit Du Ihres Geschickes Dich angenommen. — Es scheint, der Vater will nicht mehr «ach Hause kommen . . . erlaube, daß ich des morgigen Tags und seiner Müheu gedenkend, auch Dir die Ruhestätte anweise..." Sie geleitete die wortlos folgende Fremde in ein kleines, nicht unfreundliches Ge- 163 mach, dessen Lager mit Wilddecken und Tüchern zu angenehmer Ruhe recht wirthlich bereitet war. In einer Wandnische brannte eine kleine Lampe, aus Erz geformt, eine Schale darstellend-, um deren Fuß sich eine Schlange wand, so daß der Schweif den Handgriff bildete, während aus dem vorgestreckten Rachen die kleine Flamme spielte. Die Langobardin ließ den frommen Nachtgruß der Wirthin unerwiedert — auch deren Schritt verhallte bald in der allgemeinen Nachtstille, die groß und feierlich über den riesigen Bergen und dem winzigen Hause zu ihren Füßen sich ausbreitete. Draußen kam groß und voll der Mond durch das blaue Luftmeer geschwommen — nur hie und da von leichtem Aufrauschen der Bäume auf der einsamen Fahrt begrüßt oder angerufen von dem Schrei eines wilden Gethiers in der fernen Bergwildniß. Die Sterne waren noch nicht weit vorgerückt, als ein Mann behutsam und doch eilfertigen Schritts den mühsamen Hochpfad einher kam, welcher, meist zum Viehtrieb benützt, sich längs der Halde in nicht unbeträchtlicher Höhe dahinzog. Oberhalb des Walchenhauses angekommen, lenkte er von dem Pfade und kam vorsichtig quer durch das thauende Gras, das sich geräuschlos unter seinen Tritten beugte. Etwas gebückt schlich er dann an der Wand des Hauses hin, bis unter ein Fenster, das sich thalabwärts gegen die aneinander rückenden Berge öffnete, über deren Einschnitt der hohe Göll wie ein nordischer Eisriese in bleicher Majestät das eisgekrönte Steinhaupt emporhob. Das Fenster war noch nicht geschloffen. Placida hatte ihr Nachtgebet verrichtet, aber der Schlaf, der sie sonst immer gleich mit den letzten Worten und Gedanken desselben zu umarmen Pflegte, wollte trotz der ermüdenden Bergwanderung nicht auf sie her- niedersinken: war es die Begegnung mit der fremden so wildgemuthen Langobardin — war es die Erzählung der Urahne oder die Erinnerung dessen, was sie in den letzten Tagen selbst erlebt — die Ruhe kehrte nicht ein in dem kleinen Kämmcrchen und der Bewohnerin war nichts übrig geblieben, als an's Fenster zu treten und zu versuchen, ob ein Blick in die stille ruhige Klarheit, die draußen waltete — ein Athemzug von ihr den Frieden nicht auch zu ihr herein tragen werde. Sie lehnte an der Fensternische, von außen nicht sichtbar.wohl aber vermögend. Alles zu sehen und zu hören, was dort geschah. Sie vernahm den leisen Tritt, der schleichend näher kam. „Sollte der Vater Hoch noch heim kommen," dachte sie, gab aber den Gedanken eben so schnell auf, denn der Vater würde nicht von der Seite, nicht heimlich, sondern offen zum Eingänge kommen; sie wollte eben vortreten, wollte anrufen und fragen, als ein Seitenblick ihr die Gestalt des neben dem Fenster sich Aufrichtenden zeigte und der Ausruf „Markulf" halblaut den überraschten Lippen entschlüpfte. „Ja — ich bin es, Placida," sagte der Jüngling, indem er unter das Fenster an das Gemäuer trat, „erschrick nicht vor mir und zürne nicht, daß ich mich erdreiste. Deine Nachtruhe zu stören. . . aber ich konnte nicht anders, ich muß mit Dir reden...» „Und darum kommst Du bei Nacht?" fragte Placida scharf entgegen. „Wenn Du mit mir reden mußt, so finde bei Tag den Weg! Wa^Du mir heimlich, bei Nacht, einherschleichend wie ein Räuber, zu sagen denkst, begehr' ich nicht zu erfahren!" „Zürne nicht," flüsterte Markulf, „ich konnte nicht anders — ich vermochte nicht früher zu kommen, ich würde auch morgen bei Tage nicht kommen können — vielleicht auch den folgenden Tag noch nicht ... das hätte ich nicht zu ertragen vermocht; den» ich muß Gewißheit haben, eh' ich einen Fuß weiter setze! Ohne im Laufe anzuhalten, komm' ich von der Salzburg herüber — ich soll des Herzogs Sohn, Prinz Dietwalt, morgen auf den Kaunstein geleiten und sein Führer sein auf der Steinbock - Jagd . . . Du siehst also, ich konnte nicht bei Tage kommen und vorgestern weißt Du wohl, daß es mir unmöglich war, bei der Almende zu landen — der Vater hatt' es mir verboten.. „Was entschuldigst Du Dich?" rief Placida, sich selbst zu künstlichem Unmuth erregend: sie wußte das, denn sie fühlte nur zu wohl, welche Gewalt seine heißen drängenden Worte über sie zu üben begannen. „Hast Du Dich zu verantworten vor mir — 164 der Sohn des freien hochmüthigen Barschalken vor der hörigen Tochter des verachteten RömlingS? Hab' ich begehrt, daß Du bei mir landen sollst? Ich habe nichts mit Dir zu verkehren — darum geh' und komm am hellen Tage wieder, wo Bein Vater cS sehen kann und Deine freien Genossen, daß Du ;u der Leibeigenen kommst..." „Sei nicht so ungestüm mit mir," bat der Jüngling entgegen mit dem einschmeichelndsten Tone, den er der rauhen.Zunge abzugewinnen vermochte, „sei nicht so hart — ich scheue mich ja nicht: ich will zu Dir kommen, offen, bei scheinender Sonne und vor siebenmal sieben Zeugen. . . antworte mir nur auf meine einzige Frage!" „Es gibt keine Frage, auf die ich Dir zu antworten hätte — geh ... " „Verstelle Dich nicht, Placida — mache Herz und Zunge nicht rauher, als sie sind... Du mußt es längst wissen, daß es mich zu Dir zieht, wie den Hirsch zum Walde — daß ich Dich liebe und nicht mehr von Dir lassen kann, nicht mehr als mit dem Leben! Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht und Du wußtest es auch und schienst nicht zu grollen, wenn ich kam, an Deiner Sennhütte zu pochen ... Du schienst mir auch gewogen zu sein..." „Kann ich dafür, wenn Du solche Dinge träumst?" rief Placida erwärmend. „Wie soll ich Dir gewogen sein? Die Hausfrau für den Hof in der Schönau suchst Du nicht in dem unfreien Hause des Walchcn . . . denkst Du, die hörige Dirne soll Dir zur Kurzweil sein?" „Höre mich, Placida," unterbrach sie Markulf mit feurigem Eifer, „ich will meines Vaters Erbe nicht, wenn ich es nicht mit Dir theilen kann! Ich will den Hof in der Schönau eh' mit dem Rücken ansehen und in's Elend ziehen, eh' ich darin Hause niit einem andern Weibe! Ich will fort! Will als Kricgsmann ausziehen auf Fahrten und Abenteuer — dann, wenn ich genug der Schätze erworben, genug an Ruhm und rothem Gold — dann will ich wieder kommen, will Dich frei machen und heimführen von Deinem Vater und Deinen: Herrn als mein liebes Weib, als meine wahre freie Hausfrau!" Das Mädchen schwieg einen Augenblick; mit jedem Augenblicke wurde der Kampf der mühsam zurückgehaltenen Neigung mit dem beherrschenden Verstände heftiger, mit jedem Herzschlage begann die Herrschaft des Lctztern mehr und mehr zu schwanken — die Nachricht von seinem Vorhaben, die dringende Innigkeit seiner Worte ergriffen sie mächtig und ließen den Athem in ihrem Busen stocken. „Du schweigst? Zweifelst Du, weil Du nichts entgegnest?" begann Markulf wieder. „Sieh', ich komme so eben vom Herzog — ich war seit gestern bei ihm und habe ihn gebeten, mich als Kriegsmann in seine Gefolgschaft aufzunehmen: mein Vater, der auch dahin gekommen, hat es hintertrieben. .. Der Herzog will, daß ich bleiben soll! Aber ich bleibe dennoch nicht — ich ertrag' es nicht, hier zu leben, in Deiner Nähe und doch ohne Dich... ich gehe heimlich von dünnen, will ausführen, was ich mir gelobt und will Dich mir erobern . . . noch diese Nacht fahr' ich von hinnen: sage mir nur ein einziges Wort der Ermuthigung, Placida: sage, daß es nicht wahr ist, was mein Vater mir von TÄ berichtet hat!" „Und was hat Dein Vater berichtet?" fragte sie mit beklommenem Tone. „Daß Du mir abgeneigt bist!" erwidcric Markulf fliegenden Athems. „Daß Du keinen Theil habest an mir. . . daß ich Dir nicht mehr bin, als jeder andere Waidmann und Bergfahrer, der als Gast in Deine Hütte tritt. . . Nicht wahr, Placida, das hast Du nicht gesagt?" Placida kämpfte noch immer, noch schmerzlicher mit sich selbst: die volle Schwere des Augenblicks lastete auf ihr, sein Gewicht machte die Schale ihres ganzen Lebens zur Entscheidung sinken oder steigen. . . sie schwankte noch eines Pulses Dauer, dann hatte sie sich zusammengerafft und, sagte mit gelassenem Tone: . . . „Ich hab' es gesagt . . ." „Aber cS war nicht Dein Ernst!" rief Markulf auflodernd. „Es kann Dein Ernst nicht gewesen sein... ich kenne meines Vaters trotzig Gebühren, er wird Dich bedrängt 165 und gescholten haben: Du sprachst nur im gerechten Anmuth, ihn von Dir zu weisen! Sieh, Placida, ich weiß ja, es kann Dein Ernst nicht gewesen sein! Wohl haben wir bis zur Stunde nie von dem geredet, was uns zu einander führte — ick habe Dir niemals gesagt, wie sehr ich Dich liebe und weiß doch, es ist Dir nicht verborgen geblieben ... So weiß auch ich, obwohl Du es nie bekannt. . . mein eigenes Herz sagt mir, daß das Deine mir nicht abgeneigt ist. . . Deine freundliche Stimme, Dein holdes Auge, Dein ganzes liebevolles Wesen hat es mir verrathen ... O sage, es war nicht Dein Ernst, als Du jene bitteren Worte sprachst?" „Warum nicht?" cntgegncte das Mädchen, die aus dem Gefühl der Nothwendigkeit die Kraft zu immer kälterem Trotze gewann. „Ich wüßte nicht, Dir je dergleichen verrathen zu haben... soll ich für das einstehen, was Deine Einbildung zu sehen meint..." „Placida..." stammelte Markulf, wie außer sich. „Warum sollst Du mir mehr sein, als ein anderer Gast?" fuhr sie noch bitterer fort. „Geh' zur Freierei, wo es sich für Dich geziemt — mich laß mein Loos tragen, als hörige Magd... ich gebe Dich los! Dein Vater soll erkennen, ob ich Dich an mich gebunden mit Zauber und Neidingswerk. . . Geh' . . . was ich Deinem Vater auch gesagt... so wahr ich hier vor Dir stehe... es war mir Ernst damit!" „Mädchen. . rief Markulf im Ausbruchc des wildesten Leids, „wiederhole das Wort nicht... es macht mich unglücklich und meinen Vater mit und kann Dir selber nimmermehr Glück bringen! Stoße solch' treues Lieben nicht so feindselig von Dir! Ich will ja nicht, daß Du mir Liebe bekennen oder geloben sollst — sage mir nur, daß ich Dir nicht wie jeder Andere, daß ich Dir nicht glcichgiltig bin: das nur sage mir und ich will nicht ruhen und rasten, bis ich jedes Hinderniß besiegt, bis ich jede Kluft, die zwischen uns liegt, ausgefüllt und Dich darüber hinweg geführt habe in meiner Vorfahren Gehöft, a!s mein freies, gclicbrcS Weib ..." So dringend Wort und Ton des Jünglings waren, sie wären noch dringender geworden, Hütte er vermocht, Placida zu erblicken, welche im Dunkel der Fensternische verborgen, die letzten schwersten Zuckungen des widerstrebenden Herzens niederkämpfte. Wie gern hätte sie der schmeichelnden Lockung des Jünglings nachgegeben, der ihr so theuer war, als sie selbst nie gewußt, als sie erst jetzt im Augenblick des Verlustes erkannte ... Er bat so herzlich und was er bat, war ihr eigenes, ihr crschntestes Glück: sie durfte nur die Hand ausstrecken, so siel ihr die reife Goldfrncht beseligend entgegen — dann aber sah sie wieder den alten trotzigen Barschalken vor sich stehen, hörte sich mit Droh- wortcn und Schmähungen überhäuft und fühlte den Blick der Verachtung, den er im Uebcrmuthe auf ihr ruhen ließ ... Ihr Blut wallte auf, ihr Sinn stemmte sich dagegen! Sie sollte nicht als Lügnerin vor ihm stehen, er sollte sich vor ihr beugen müssen und die verschmähte Walchendirne achten lernen... Mühsam fand sie Athem, noch mühsamer Worte .. . „Dein Vater hat ganz recht gesagt," stieß sie heraus, „cS war mein völliger Ernst!" „Nun denn, so hast Du zu verantworten/ was geschieht," rief hinwcgstürzcnd Markulf mit dumpfem Tone und war im Nn hinter den nächsten Büschen verborgen. Er gelangte aber nicht weit: unter einem der Kirschbäumc zog seines Schmerzes Ucber- gcwicht den Erschöpften nieder in das feuchte, mit abfallenden Blüthcnblättern bestreute Gras. — (Fortsetzung folgt.) Das Schloß von Lndwigsburg. Das Schloß von Ludwigsburg gehört mit zu den größten und — wenn man einmal diesen Zopf- und Nococcostil gelten läßt — auch mit zu den schönsten, jedenfalls mit zu den großartigsten Fürstcnschlössern Deutschlands. Man ist erstaunt über diese große Ausdehnung, nicht minder über die Pracht der Ausstattung im Einzelnen, obwohl 166 »on dieser schon viel zu Grunde gegangen und zu Grunde gerichtet worden. Schön, wirklich schön nach den Regeln eines edlen Geschmackes kann man diese Schöpfung des 18. Jahrhunderts weder im Einzelnen noch im Ganzen nennen, aber Alles zusammengenommen, die Größe und Mannichfaltigkeit des Baues, der ungeheure Reichthum der Ausschmückung macht in ihrer Gesammtheit einen wahrhaft großartigen Eindruck. Obwohl heute unzählige Wandgemälde übertüncht, viele Skulpturen vernichtet und mancher bewegliche Schmuck aus dem Schlöffe entfernt worden, bedürfte es doch vieler Tage, wenn man Alles in Augenschein nehmen wollte. Die zwei Hauptgebäude, die sogenannten Oorps cko 1>o§68, sind durch 16 Nebengebäude zu einer Hauptmasse verbunden, auf diese Weise entstehen mehrere Höfe, und von diesen Höfen ist einer beinahe 600 Fuß lang und über 200 Fuß breit. Und in diesem gewaltigen Gebäude entfaltet sich ein so bunter Reichthum an Gemächern jeder Art, Sälen, Galerien, Gängen, Treppenhäusern, Kabineten, Kapellen :c., daß man nicht einen einzigen, sondern eine ganze Reihe von Palästen zu durchwandern glaubt, eine ganze Welt voll Pracht und Verschwendung. Und das Interessante an dieser Welt ist, daß sie nicht die gewöhnliche Pracht zur Schau trägt, der man immer wieder und wieder in den Königsschlöffern begegnet, und welche den Besuch derselben geradezu langweilig machen — daß sie im Gegentheil ihren eigenen Stempel und Charakter trägt, der unverwischbar scheint. Indessen gibt es auch hier Hauptstationen und einzelne Gegenstände, die sich besonders hervorheben und den Besucher vor Allem interessiren müssen. Nach langer Wanderung durch unendliche Gemächer und an unzähligen mythologischen und historischen Gesichtern vorbei traten wir in eines der reizendsten Schlafgemächer, das die Phantasie nur ersinnen kann. Die Fenster blicken hinab in das tiefe Thal, das hier der Park bildet, und hinaus gegen Marbach zu, auf den malerischesten Theil der Umgebung von Ludwigsburg. Das Schlafgemach selbst ist von unten bis oben und an der Decke mit unzähligen Spiegeln und Spiegelchen ausgelegt, zwischen welchen sich Holzschnitzereien wie Ranken hinschlingen in der malerischesten Unregelmäßigkeit. Der Herzog, wenn er hier im Bette lag, sah seine theure Persönlichkeit sowohl wie die schöne Natur, die zum Fenster hereiublickte, tausendfach vervielfältigt. Nur ein tausendfacher Narcissus seiner Person wie seiner Freuden konnte sich ein solches Schlafgemach erfinden; xs athmet nur Lust und Selbstgenngen. Und gerade dieses reizendste Gemach ist das unheimlichste des ganzen Schlosses. Hier starb Herzog Karl Alexander an einer ähnlichen Halskrankheit, wie Kaiser Paul von Rußland. Es steht in wenigen offiziellen würtcmbergischen Geschichtsbüchern, es ist aber darum nicht minder gewiß, daß die treue Landschaft ihn hat erdrosseln lassen — wenn wir nicht irren, im Jahre 1736 — aus Bcsorgniß für den evangelischen Glauben, da Herzog Karl Alexander katholisch geworden und es hieß, daß er auch sein Land der alleinseligmachenden Kirche zuführen wollte. In den alten Rechnungsbüchern der Landschaft findet sich unter den Ausgaben höchst gewissenhaft der Posten verzeichnet: an dem Henker für dem Staate treulich geleistete Dienste 50 Gulden. Wie billig! Der Henker verließ des Abends Stuttgart, und am folgenden Morgen wußte man zu Ludwigsburg, daß der Herzog plötzlich gestorben. Der Kammerdiener, der neben dem Spiegelgcmache schlafen sollte, war zufällig abwesend; eben so fehlte zufällig die Wache unten an der Treppe, die sonst jede Nacht da zu sein Pflegte. Denkt man sich eine Lampe oder das Morgenlicht in das Schlafgcmach, wird die That um so unheimlicher. Tausendfach mußte der Herzog seinen Mörder sehen, umgekehrt wie jener Vatermörder, von dem man erzählt, daß ihn die Inquisitoren von Venedig mit der Leiche seines Vaters in einen Speiscsaal eingeschlossen. Wie sehr haben sich seit Herzog Karl Alexander die Zeiten geändert! In unsern Tagen gingen zwei würtembergische Prinzen zum Katholizismus über, und es krähte kein Hahn danach, und im Landesausschuß hätte Moriz Mohl gewiß dagegen protestirt, wenn man, auch nur «m diesen Uebertritt zu verhüten, bloß 25 Gulden aus der Tasche des Volkes hätte verschwenden wollen. Einer anderen tragischen Geschichte — jedes echte Königsgeschlecht 167 muß ja mehr oder weniger ein Atridengeschlecht seyn — begegnet man in der Familien» Galerie. In diesem langen Saale rechts und links hängen die Bildnisse der würtember- gischen Regenten von Eberhard im Bart angefangen bis auf den vor 3 Jahren verstorbenen König Wilhelm und diejenigen Fürstinnen, welche dem Lande einen Thronfolger gegeben. Es rst zwar interessant, einem Herzog Ulrich, dem Mörder seines Freundes, einem Herzog Christoph, dem Befestiger der Reformation, und andern iu's Gesicht zu sehen, aber von Schönheit und auffallender Bedeutsamkeit ist weder bei den Regenten noch bei ihren Frauen die Rede. Unter den Ersteren zeichnen sich mehrere sogar durch ausgezeichnete Häßlichkeit aus. Nur am Ende der Galerie fesselt ein weibliches Porträt voll Milde und Anmuth Schritt und Blick des Besuchers — und gerade diese einzige Persönlichkeit, die hier Sympathie einflößt, hatte ein räthselhaft trauriges Schicksal. Es ist das die Mutter des verstorbenen Königs, Maria Karolina von Braunschweig, über deren Lebensende selbst ihr Sohn, der König, wie man sagt, sich niemals Gewißheit zu verschaffen vermochte. An den, brutalen und unnatürlichen Lastern hingegebener» Prinzen Friedrich, den nachmaligen ersten König von Würtcmbcrg, verheirathct, soll sie sich, wie die Sage erzählt, als ihr Gemahl noch Gouverneur von Finnland war, unter den Schutz ihrer mütterlichen Freundin, der Kaiserin von Rußland, gerettet und diese sie dem widerwärtigen Gatten mit Gewalt entzogen haben. Man erzählt ferner, daß sie sich später unter anderem Namen an einen russischen Großen verheirathct und in der Zurückgezogenhcit ein glückliches Leben geführt habe. Wieder andere behaupten, daß sie in einem russischen Kloster endete. In Würtcmbcrg selbst bringt man ihre Geschichte mit jener gcheimnißvollen in Verbindung, nach welcher der Stlaßburger Scharfrichter mit Gewalt aus seinem Hause entführt und nach mehreren Tagereisen in ein unterirdisches Gemach gebracht worden, wo man ihn zwang, einer schönen Frau den Kopf abzuschlagen. Thatsache ist, daß die schöne und liebenswürdige Prinzessin spurlos verschwand und daß ihre Geschichte, wie man versichert, trotz aller Anstrengung, sie aufzuhellen, bis auf den heutigen Tag in tiefstes Dunkel gehüllt ist. Was uns in dieser Fanülien-Galerie ferner auffiel, ist der Umstand, daß nur noch für ein einziges Porträt Raum da ist, was uns nothwendig ominös erscheinen und an den Römer in Frankfurt, wie an den Dogensaal in Venedig erinnern mußte, wo mit dem Raum für die Kaiser und für die Dogen auch die Zeit für die Dogen-und Kaiserherrlichkeit zu Ende ging. Aber auch unsere Zeit spielte noch kleine Stückchen Geschichte in Ludwigsburg ab. Im Jahre 1848 flüchtete sich auch König Wilhelm, um seiner illoyalen Residenz Stuttgart eine. Lektion zn geben in diesen „Schmollwinkel" der wüctembergischen Regenten, und hier war es in dem großen Fcstsaalc, wo er alle seinen hohen Offiziere versammelte und in einer Rede bei ihnen anfragte, was er — es war schon im Jahre 1649 — von ihrer Loyalität dem revolutionären Volk! und der Ncichsverfassung gegenüber zu erwarten hätte? Sie ant- warteten mit dem Rufe: „Es lebe der König und die Reichsverfassung!" Daralif wendete ihnen der König den Rücken und verließ den Saal. Die Folge dieser Scene war die ossicielle Anerkennung der Reichsverfassung. In diesen selben kritischen Tagen soll, wie man erzählt, König Wilhelm den Aspcrg hinauf gestiegen sein, um sich bei dem berüchtigten Journalisten Elsncr, den er gekauft hatte, Raths zu erholen. Ob ihm da, als er das steile Schwitzgäßchen hinaufstieg, nicht schlimmer zu Muthe war, als einige Wochen später den Demokraten, die er nach besiegter Revolution denselben Weg hinauf- transportircn ließ? So sind wir mit großen Sprüngen in unserer Zeit angelangt, die in Ludwigsburg, da es zu einem bloßen Wittwensitz geworden, aufhört, interessant zn sein. Mit einem gleich großen Sprunge begeben wir uns in die Anlagen rings herum, uur um überall Verfall und Ruin zu konstatiren. Der See versumpft, die Treppen verschieben sich, die Geländer sind zerbrochen, die Katarakte träufeln, die Grotte Pansi- lippo ist ein dumpfes, feuchtes Kellerloch, und iu der Emichsburg, der künstlichen Raine, wimmern die Acolsharfen — wir wisse» nicht, ob über diesen Verfall oder als Nachklänge 168 der Seufzer, die einst das Würtemberger Land, damals um die Hälfte kleiner, als jetzt, über diese ganze Schöpfung, über diese ganze Lust und Pracht seiner Herzoge ausgestoßen. Die Ausstellung des Leichentuches Christi in der Domkirchezn Turin hat schon ihrer großen Seltenheit wegen das Herbeiströmen einer nach vielen Tausenden zählenden Volksmenge zur Folge gehabt. Diese heil. Reliquie wird in einem kostbaren Schrein in der der Mctropolitankirche von St. Giovanni angebauten Kapelle des hl. Schwcißtuches aufbewahrt. Scchsundzwanzig Jahre waren verflossen, seitdem dieselbe nicht mehr aus ihrer dreifach verschlossenen Krypta hervorgeholt worden war, nämlich seit dem Jahre 1842, als Viktor Emanuel sich mit der österreichischen Erzherzogin Abelaide vermählte. Bei der am 24. v. M. geschehenen Eröffnung waren zugegen der König, daS kronprinzliche Paar, die Königin von Portugal, die Herzogin von Genua, die Herzogin von Aosta, die Prinzessin Klotildc, Prinz Amadeus, Prinz Thomas und Prinz Carignan. Das Tuch ist ein sehr langes und nicht breites Linnentuch, da die alten Juden den Leichnam nicht in dasselbe einhüllten, sondern nur darauf legten und am Kopfende überschlugen und dasselbe wieder bis zu den Füßen gehen ließen, so daß auf der Reliquie der vordere und der Hintere Theil des Leichnams abgedruckt erscheinen, welche am Scheitel in einander verlaufen. Die Eröffnung scbst geschah durch den Erzbischof von Turin, Grasen Nicardi di Nctr), unter Kontrole des Ministers dcS k. Hauses, Marchcse Gualterio, und des mit der Bewachung der Kapelle beauftragten Domherrn. Nachdem die Reliquie von dem Könige und den andern hohen Herrschaften geküßt worden war, wurde dieselbe am Hochaltar der Mctropolitankirche der Verehrung der Gläubigen ausgesetzt. In Rußland bat in letzter Zeit ein siebenfacher Mord ungeheures Aufsehen gemacht. Der Mörder der Fanutce Shemarin in Tambvm, Gymnasiast Gerski, hat nun feine That eingestanden. Nicht uninteressant auch für weitere Kreise sind die einzelnen Umstände dieses siebenfachen Mordes, welche der Verbrecher schriftlich dargelegt hat. Danach hat der Kaufmann Shemarin sieben Tage vor Verübung des Verbrechens 3000 R. empfangen und dieselben seiner Frau zur Verwahrung übergeben. Diese ließ darauf die Summe durch die Kinder überzählen und bat den im Hause anwesenden Gorski, darauf zu sehen, daß die Kinder richtig zählten. Gorski erfuhr vei dieser Gelegenheit, daß binnen Kurzem noch mehr Gelder eintreffen sollten. Seit der Zeit verfolgte er den Plan des Mordes, zu dessen Verübung er sich einen Revolver kaufte und einen Todsichläger bestellte, den er als ein zu gymnastischen Uebungen zu verwendendes Instrument darstellte. Um die Hausbewohner an plötzliche Detonationen zu gewöhnen und so bei der Verübung der That durch die ersten Schüsse nicht gleich einen uuzeitigen Lärm zu veranlassen, ;choß Gor ki im Laufe von fünf Tagen wieder-« holentlich aus dem Revolver, wozu er natürlich Zündhütchen ohne Kugeln benutzte. Die Kinder interessirten sich lebhaft für diese Belustigung, Shemarin selbst ermuthigte die Spielenden, und die Zimmer des Hauses ertönten nicht selten von diesen Schüssen. Um dieser Belustigung vollends den Anstrich eines reinen Scherzes zu geben, wählte Gorski gewöhnlich den Augenblick, wo eines der Familien-Mitglieder etwas nachdenklich war; er schlich sich dann heran und feuerte vor dem Ohre des Zerstreuten das Zündhütchen ab, was gewöhnlich -ein allgemeines Gelächter und allerlei Scherze über den Erschrockenen hervorrief. Von dieser Seite sichergestellt, erwartete Gorski den günstigen Augenblick zur Verübung der That. Am 13. März schritt GorLki während der Abwesenheit des Herrn und der Frau vorn Hause und des Stubenmädchens zum Morde. Das erste Opfer war der älteste Sohn Shemarins, dann kam die alte Mutter au die Reihe. Den Hausdiener erschoß GorSki, als er gerade mit der Köchin Thee trank. Als diese den Schuß hörte, lachte sie, da sie ihn für einen einfachen Schreckschuß hielt; es war dieß ihr letztes Lachen, denn ein folgender Schuß streckte sie todt zu Boden. Nachdem Gorski die im Hause befindlichen Personen ermordet, wollte er die nach Hause zurückkehrende Frau Shemarin gleich im ersten Zimmer erschießen, der Schuß versagte jedoch. Die unglückliche Frau, welche glaubte, daß Gorski wieder Scherz treibe, bat diesen aufzuhören, da sie diese Schüsse fürchte, aber gleich darauf sank sie von einem neuen Schusse getroffen, todt zu Boden. Dru4, verlas »nd Redaktion de< ttterarijcheu JnstirstS vsa vr. V. Huttler. Nr. ÄS. 31. Mai 1868. Suche nicht »ergebne Heilung! Unsrer Krankheit schwer Geheimniß Schwankt Zwilchen Uebereilung Und zwischen Versäumniß. Göthe. Sanci JarLhelmä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) Vom Watzmann kam eine finstere Wolkenwand herangezogen, und drängte sich vor den Mond — ein unheimliches Helldunkel flog durch die Nacht. Placida harrte einen Augenblick, bis sie Markulf's Schritte nicht mehr vernahm: unter Thränen, die sie jetzt nicht mehr zurück zu halten strebte, sank sie dann auf ihr reines Lager — sie nahm von der Wand das dort hängende kleine und unscheinbare Holzkreuz, preßte es in den gefalteten Händen fest an die schmerzlich pochende Brust, ergeben in alle Qual der Entsagung und des mit ihr verheißenen Friedens. So leise das Gespräch der Beiden geführt worden, war es doch nicht unbelauscht geblieben. Das Geflüster hatte Amalaswinthas wachendes Ohr erreicht: auch in ihrem Gemüthe ging der Sturm zu hoch, als daß die Wellen vermocht hätten, sich zum ruhenden Spiegel zu glätten — leise hatte sie das schlaflose Lager verlassen, und war aus dem leicht verschlossenen Hause getreten. Ihre Aufmerksamkeit wurde zur gespannten Neugier, als sie in dem Manne den jungen Jäger erkannte, der bestimmt war, Diet- walt's Waidführer zu sein. Mit immer zufriedenerem Lächeln hörte sie zu und flüsterte mit zustimmendem Nicken in sich hinein: „So bin ich doch nicht umsonst des Weges gefahren. . . hab' ich auch seine Spur nicht entdeckt, jetzt glaube ich zu wissen, wer mir mein Wild sicher in's Garn jagen soll!" Sie folgte Markulf zur kühlen Lagerstätte seines Gram«; er ward ihr Nahen nicht gewahr, bis sie aus dem rauschenden und nickenden Haselgestäude trat und dem überrascht empor Springenden die Hand auf die Schulter legte. Indeß ein flüchtiger Blick des Wohlgefallens die kräftige Schönheit des Jünglings überglitt, grüßte sie ihn mit denselben leise geflüsterten Worten, wie bei der ersten Begegnung des vorigen Tags. „Was sinnest Du so gramvoll, schöner Waidmann? Dir könnte wohl geholfen werden!" — „Du wieder hier?" entgegncte Markulf, sie anstarrend. „Was swillst Du von mir?" „Ich von Dir?" erwiderte Amalaswinth. „Nichts — oder doch so viel als nichts l Deinetwegen komm' ich . . . ich will Dir helfen!" „Mir vermag Niemand zu helfen!" „Doch — wer weiß es! Wenn Du wirklich Leib und Seele verschworen an das bleiche Gesicht mit dem kalten Herzen — wenn Du nicht siehst, wie nahe das Leben seine farbigsten glühendsten Blüthen vor Dir entfaltet..." „Ich bin gebannt," seufzte Markulf, „ich muß vergehm und schwiudeu ohne sie!" 170 „So gilt es, ihre Liebe zu gewinnen und ihr das eisige Herz zu schmelzen," rief Flmalaswinth, „ich vermag es und ich will es, wenn Du meinem Geheiß Dich fügen willst! Diene Du mir — dafür will ich Dir dienen ..." „Rede, was Du verlangst... Um diesen Preis bin ich zu Allem bereit. . ." Amalaswinth neigte sich zu ihm, damit auch die Aeste und Blätter um sie her die Worte nicht vernehmen sollten, die sie sprach. „Bist Du bereit?" fragte sie dann mit Nachdruck. „Ich bin es," erwiderte Markulf in fieberischer Hast . . . „und Du gelobst mir dafür..." „Die spröde Dirne soll Dein sein und in Liebe vor Deinen Füßen vergeh'» ..." „So befiehl' über mich," rief der Jüngling, „erfülle Dein Wort und der Himmel habe keine Stelle für mich, wenn ich das meine nicht halte!" „Welches Feuer!" murmelte die Langobardin halbleise mit eigenthümlichem Blick und Ton. „Und wie thöricht vergeudet! Nun denn, so habe was Du Dein Glück nennst," fuhr sie zu Markulf gewendet, fort. . . „Trage dieß Zeichen an Dir und am dritten Tage ist Deine Liebesglut gestillt..." Sie nahm eine der Schwanfedern vorn Haupt und steckte sie auf Markulf's Hut: eh' er sich besinnen konnte, war sie verschwunden. „Weh' mir — die Walkyre — ich bin in ihrer Gewalt!" rief er schaudernd und wollte, eingedenk der Worte des Vaters, die Feder vom Hute reißen — im nämlichen Augenblick sank ihm die Hand zurück. „Nein," murmelte er grimmig, „ich kehre nicht zurück... ich bin verloren, ich weiß es, aber Placida wird mein!" IV. Das Schwanenhernd. Wie eine zweite luftige Flut lag undurchdringlicher Nebel über dem Gewässer des Wildsee's, und ferne hinaus, so weit das Auge zu dringen vermochte: es war ein graues, hie und da von Silber durchblitztes Meer, in welchem hie und da die höchsten Gipfel des Gebirgs oder Stellen des Flachlandes mit schroffansteigenden Spitzen oder breit hingestreckten Ebenen inselartig schwammen: der Kaunstein allein, von welchem man das Nebclgcwoge übersah, hob sein Alles überragendes Eishorn blau schimmernd und doch goldglänzend scharf und hell in das sonnendurchlodertc Blau hinein, das wolkenlos darüber sich erhöhte und breitete. Die aber auf dem Gebirge standen, gewahrten nicht das wundersame Bild, das in Ferne und Nähe sich glänzend vor ihnen aufthat: sie waren nur mit dem Gestein und den wunderbar gestalteten Felsformen des Kaunstcins beschäftigt, der über der kleinen trümmerbedeckten Hochebene wie eine ungeheure Pyramide furchterregend emporstieg, denn die Felsen ragten und lagen übereinander bis zu einer Höhe, daß das Auge die schwindelnde Spitze kaum zu erreichen vermochte. Das ward fast nur dadurch möglich, daß die Pyramide wie ein riesiges Horn sich krümmend gegen den See zu überhing — zum Falle bereit wie sich zerbröckelndes Thurmgemäuer, dem sie auch darin glich, daß sie das Ansehen hatte, als wäre sie aus riesigen, übereinander gelegten Quadern aufgeschichtet. Jahrtausenden hatte das gewaltige Stcingcbilde trotzig widerstanden, aber es trug die Wunden und Narben des nie rastenden Kampfes überall zur Schau. Der Sonnenbrand hatte Wände und Schrofen angeglüht und gedehnt, der Frost hatte sie wieder zusammengezogen und gekeilt, bis es gelungen war, die vermürbenden Masten zu sprengen und den strömenden Ergüssen der Wolken den Weg zu bahnen, auf daß sie, die Riste auswaschcnd und allmählig zu Klüften und Schluchten erweiternd, das Werk der Zerstörung vollends zu Ende bringen sollten. Kein Pfad führte zu dem Gipfel der regellos übereinander ge- thürmten Blöcke; am Fuße des Kegels lagen deren viele wie angesammelt und aufgestaut, gleichsam ein künstliches Bollwerk, das überstiegen werden mußte, wollte man in die 171 Schlucht eines Bergquells gelangen, der gegen das Landthaler-Thal abstürzte. Wer dr hinüber kletterte, den mochte wohl wider Willen der Gedanke und mit ihm ein stille» Grausen beschleichen, daß es vielleicht nur eines einzigen SteinchenS bedürfe, welches sich lockere, — um dadurch den nächsten Felsen und ihm nach die ganze Steinmasse stürze« zu lassen, der es bis jetzt zur unscheinbaren letzten Stütze gedient. In dem Gellüfte der übereinander geschobenen Blöcke hat sich eine mächtige Höhle gebildet; eine ungeheure, vom Tage nur durch einen Spalt seltsam beleuchtete Halle, die sich ansah, als habe die Natur darauf gesonnen, sich selbst eine Art von Tempel und Heiligthum zu errichten. Nicht geordnet wie Säulen eines künstlich abgemessenen Baues, sondern wie Urbäume eines gigantischen Waldes stiegen Pfeiler in derselben empor, bald massiv wie zum Tragen bestimmt, bald schlank emporspringend, wie zu gefälliger Zier ersonnen. Die Wände waren nicht eben, nicht geglättet, doch war auch hier eine gewisse Ordnung, ein sicheres Ebenmaß zu erkennen, denn der Natur ist eS unmöglich, selbst da, wo sie in ihrer ganzen Furchtbarkeit als Zerstörerin auftritt, anders zu wirken als großartig und schön. Die Decke bestand aus zwei Blöcken, welche, gegeneinander gestemmt, sich gegenseitig in dem sonst unvermeidlichen Sturze aufhielten; davon hingen Zacken hernieder von abenteuerlichen Formen, längere mit kürzeren wechselnd, als ob auch hier eine sinnvoll ordnende Hand gewaltet und sie gefestet habe. Die Pracht der Halle ward aber vollendet durch einen großen Spalt im Gestein, der sich nach der freien in den Wildsee abstürzenden Bergwand hin wie ein Fenster oder eine Art steinernen Balkons öffnete, etwas Licht einließ und auf den obern Theil des Sees und seine Bergwände einen überraschenden Blick gestattete . . . schräg über lag der Watzmann, zu seinen Füßen, wie ein an den greisen Vater sich anschmiegendes Kind, grünte die kleine Walchen- Almend — davor in schwindelnder Abgrundstiefe schlang sich das Wasser des Wildsee's hin. Der Boden der Halle war natürlich rauh; es gab fast keine Stelle, wo der Fuß sich feststellen konnte — nur gegen das Fenster zu waren die Blöcke so günstig gelagert, daß es möglich schien, auf ihnen wie auf Ruhebänken sich niederzulassen und auf einem andern ein vom Augenblick bereitetes flüchtiges Jägermahl einzunehmen. Die den Eingang der Höhle bildende Kluft war im Verhältniß sehr niedrig und eng; sie glich mehr einem von oben durch's Gestein gehenden Riß — das Tageslicht vermochte nur seltsam gebrochen einzudringen und stoß mit dem Hellern Scheine, der durch das Fenster kam, zu einer grüngrauen zauberhaften Dämmerung zusammen, welche die Halle noch mehr als einen Hort des Wunders und des Geheimnisses erscheinen ließ. Jetzt klomm aus der Höhlcnspalte Alboin, Amalaswinthens Begleiter hervor; er reichte die Hand zurück, um der Herrin ebenfalls heraus zu helfen, aber das kühne Weib bedurfte der Stütze nicht: sie schwang sich selbst empor, unbekümmert darum, daß der innen liegende Block, der ihr zum Tritte diente, nicht festlag, sondern bedrohlich hin- und wieder schwankte. Draußen, vor dem Eingänge, auf dem etwas gesenkten Boden, hart neben dem Spalt lag ein großes Felsstück in so sturzdrohender Stellung, daß es unbegreiflich schien, warum dasselbe nicht herunter rollte: wäre es geschehen, so wäre es unmittelbar vor den Spalt zu liegen gekommen und Hütte diesen und mit ihm den Eingang zur Höhle für immer verschlossen. Der Alte schien solche Gedanken zu haben, denn er betrachtete das Felsstück mit genau prüfendem Blick und faßte besonders einen kleinen Stein in's Auge, der wie eine absichtliche Unterlage und Stütze darunter gelegt schien. „Sonderbares Geklüfte das!" rief er und schien die Sonnenstrahlen, welche ihm scharf auf den Leib sielen, mit Behagen zu empfinden. „Es geschieht wohl, daß Einem manchmal in einem bösen Traumgesicht eine rechte Wüste vorkommt, aus der man sich nicht mehr hinaus zu finden weiß . . . aber eine so furchtbare Ocdnei, wie diese, mag wohl keinem Menschen auch nur im Traum erscheinen! Und wie die Luft hier weht! Schneidig kalt, daß sie durch Gewand und Pelz dringt! In der Höhle unten war es schaurig und dumpf, hier außen ist's wohb « l 172 Hell und frisch . . . aber die Luft verräth, daß wir nur wenige Schritte von uns das Eis haben, das niemals schmilzt! Ich will dem Himmel danken, wenn ich die warme Ebene von Pavia wieder vor mir sehe ... ich habe eine ordentliche Sehnsucht, den Ticino wieder rauschen zu hören, und die Oelbäume und Pinien an seinem Ufer!" „Das sollst Du bald," erwiderte Amalaswinth, welche finster und doch in unverkennbarer Erregung sich aus's Gestein niedergelassen hatte. . . „Mir gefällt diese Wild- niß, in ihrer Einsamkeit wie in ihren Schrecken, es ist etwas darinnen, was zu meinem Gemüthe stimmt! Du aber magst nun gehen — warte meiner am bestimmten Ort. . . bin ich am Abend deS dritten Tages noch nicht eingetroffen, so kehre allein zurück nach Pavia — grüße mir den Ticino und seine Pinien..." Alboin zögerte. „Domina," sagte er dann, sie mit festem Blick betrachtend, „laß mich immerhin noch bei Dir bleiben — es ist nicht geheuer in dem Geklüfte.. . Wenn Dir ein Wolf aufstieße oder ein Bär..." „Glaubst Du, daß ich vor Bestien zittere?" erwiderte sie'geringschätzig, während ihr Auge nach der Stelle streifte, wo Bogen, Köcher und Iagdspieß unter Alprosenstauden in den langen zähen Grashalmen lagen, welche mit mattem Grün zwischen dem Gestein hervorgekeimt waren. „Geh' — ich bedarf Deiner nicht!" „Laß mich dennoch bleiben, Domina!" begann der Alte wieder. „Muthe mir nicht zu, Dich hier allein zu lasten und fern von Dir ruhig zuzuwarten, ob und wann Du wieder kommen werdest. . . Laß mich bleiben, denn — um Dir offen die Wahrheit zu sagen, wenn Du auch darauf beharren und mich von Dir weisen wolltest, ich würde Dir nicht gehorchen! Ich bin nicht umsonst Dein Schirr- und Waffenmeister ... wo Du bist, gehör' ich auch hin!" „Wie?" rief Amalaswinth flammenden Blicks. „Du verweigerst mir den Gehorsam?" „Ja, Domina," entgegncte er fest, „denn indem ich das thue, diene ich Dir bester, als wenn ich Dir gehorchen wollte! Laß mich bleiben — Du hast nicht nöthig, etwas vor dem alten Alboin zu verbergen ..." Er trat näher und sprach leiser, als wäre sogar in der Wildniß Verrath zu fürchten . . . „Ich weiß, was Dich hicher geführt, Domina..." „Unmöglich! Du hättest mein Geheimniß errathen?" „Weßhalb unmöglich? Das Auge des treuen Dieners erräth mehr, als es verräth... Zürne nicht, aber Alboin weiß, Westen Nachen allnächtlich den Ticino herabgeglitten und un Cyprestcnschatten des Gartens angelegt ... ich weiß, wer am Geländer der Terasto «uporklctterte. . . " Amalaswinth war aufgesprungen und stand drohend vor dem Alten; in der Hand über seinem Haupte funkelte ihr Dolch. „Schändlicher," rief sie zürnend, „Du hast es gewagt, mich zu belauschen?" „Nein, Domina — aber ich habe Dein Geheimniß bewahrt und bewacht, nachdem der Zufall mich zum Mitwisser gemacht . . . darum weiß ich auch, was das Ziel der Betfahrt war, hinter der Du den Deinen diese Reise verborgen: ich weiß, warum Du als das Weib eines Kaufherrn Dich vor Spähern sichern wolltest . . . und weiß, wen Du hier erwartest..." Die Longobardin ließ die Waffe sinken. „Es ist gleichviel," sagte sie dann, „magst Du es immerhin wissen, verrathen wirst Du mich nicht, dessen bin ich sicher. . . Aber geh' dcmungcachtct und hindere mich nicht!" „Und kennst Du mich so wenig, Domina," rief Alboin näher tretend, daß Du glauben kannst, ich werde Dich hindern in Deinem Werke? . . . Frage Dich selbst, ob Dn bis in Deine Kindertage zurück, Dich auf eine Zeit besinnen kannst, in welcher Alboin nicht bei Dir gewesen? Ich war Dir ergeben, seitdem Du die Augen dem Licht der Welt geöffnet hast — ich hab' es Deinem Vater, der mir einst trotz schwerer Vcrschul- , düng das Leben geschenkt, zugeschworen, ich wollte dieses Leben, das er mir geschenkt. 173 seinem Kinde weihen und ob er auch nie davon erfahren: ob Du es nie geahnt — vor mir selber habe ich meinen Schwur gehalten und werde ihn halten! Ich habe Dich auf den Armen getragen, habe mit dem Kinde gespielt, das Mädchen hab' ich gelehrt, was ich lehren konnte — die Jungfrau hab' ich beschirmt, so weit ich sie zu beschirmen vermocht! Du bist das Einzige, was ich im Leben geliebt — ich lebte nur in der Freude an Dir, in dem Wohlgefallen an Deiner immer herrlicher erblühenden Schönheit: Deine Lust war mein Glück, Dein Leid meine Verzweiflung . . . Glaube mir, Domina . . . hätt' ich ein leiblich Kind und ihm wäre geschehen wie Dir... und es wollte hier stehen wie Du... ich würde es nicht abhalten! Ich würde es begleiten, wie ich Dich begle-i tet habe, und wenn seine Hand erzittern sollte — würde ich sagen, hier ist meine Hand — sie ist stärker!" „. . . So bleibe denn," flüsterte Amalaswinth, und drückte bewegt dem Alten die Hand. „Als mein Genosse magst Du bleiben . . . mein Diener zu sein, hast Du von diesem Augenblicke an aufgehört. . . Horch! Mir ist, als hört' ich Schritte nahen . . . der Augenblick der Erfüllung rückt heran..." (Fortsetzung folgt.) Vater Hermann. Zu Laguercs in Südfrankreich befindet sich ein Karmclitcrkloster, an dessen Gründung sich für uns Deutsche ein ganz besonderes Interesse knüpft. Das Kloster daselbst ist 1856 errichtet worden, und diese Gründung wird als das Werk eines Mönchs angesehen, des Pere Augustin Marie du tres samt Sacrament in dem Sinne, daß das Interesse, welches sich an seine Person knüpfte, das Zustandekommen der bedeutenden, zum Baue erforderlichen Fonds ermöglichte, und daß namhafte Künstler, wie Horacc Vernet, der Bildhauer Bonassteu und die Orgelbauer Cavaille und Coll, aus demselben Grunde mit ihrer Hände Werk die schöne, Klosterkirche geschmückt haben. Dieser Mensch ist kein anderer, als der frühere Pianist Hermann Cohn aus Hamburg, ein geborener Israelit und Schüler Liszts, dessen Bekehrung (1847) und späterer Eintritt in den Orden der Karmeliter seiner Zeit viel Aufsehen erregte. Der Vater Hermann, wie er jetzt noch allgemein genannt wird, ist aber außerdem eine in ganz Frankreich bekannte und volksthümliche Figur geworden, seine Geschichte, sein früherer Lebenswandel, seine spätere Buße, sein glänzendes Orgelspiel, die vielen Kantaten, die er komponirt, und die Glaubeusbegeisterung, die aus allen seinen Worten und Thaten lodert, haben ihn überall eingeführt und mit einem besonders hohen Grade von Verehrung umgeben. Er ist im I. 1821 in Hamburg von reichen jüdischen Eltern geboren und entwickelte frühzeitig ein großes musikalisches Talent. Vcrmögcnsverluste veranlaßten die Mutter, mit dem Knaben zur Ausbildung seiner Anlagen nach Paris (1834) zu gehen, nachdem man ihn als Wunderkind in Deutschland öffentlich hatte auftreten lasten, wo ihm überall, und zumal am Mecklenburg-Schwerin'schen Hofe, eine besondere Aufmerksamkeit zu Theil wurde, worauf er wiederholt in seinen späteren Briefen zurückkommt. In Paris machte er Bekanntschaft mit Liszt, der ihn weiter ausbildete und dem er auf eine Zeit lang nach Genf folgte, als jener sich dorthin zur Gründung eines Conservatoriums begab. — Cohns Talent erregte überall das größte Aufsehen. Er gerieth aber bald auf lasterhafte Wege, die auch seinen Vater von ihm abwandten, wovon er selber sagt: 1'4tui8 lu prois c!ö toutss >68 inl6mp6runee8, -68 «is lu jeun 6880 . Er kam in Verbindung mit allen socialen und religiösen Neuerern, Atheisten, u. s. w., deren eifrigster Zögling er ward. Die Umwandlung ging plötzlich in ihm vor, im Jahre 1846, mitten im Strudel des ausschweifendsten Lebens, in dem er täglich verkehrte. In einer Kirche, wo er die Leitung eines Chores übernommen hatte, und später in Eins während einer Messe, war es, wie 174 er erzählt, wo die Gnade Gottes sich auf ihn herabließ, und es ihm wie Schuppen von den Augen siel. — Schon im nächsten Jahre zog er das Mönchsgewand an. Die Malvivenza. Der französischen Regierung ist es bekanntlich durch konsequente Strenge gelungen, die Pendezza in Corstka fast gänzlich auszurotten. Ein Seitenstück zu dieser korsischen Vendezza bildet die Blutrache und die mit ihr Hand in Hand gehende Malvivenza, welche unter dem zum österreichischen Kaiserstaate gehörigen dalmatischen Gebirgsvolke der Morlakkcn herrscht. Die österreichische Regierung geht gegenwärtig daran, diese barbarische Sitte, welche alle Sicherheit des Landes untergräbt und neben der heillosen schon von den Venezianern ausgeübten Forstverwüstung dieß Land, das sonst ein gesegnetes sein könten, dem Fluche der Unfruchtbarkeit und Verödung überliefert hat, energisch auszurotten. Wir finden deßhalb im Budget des österreichischen Ministeriums des Innern einen beträchtlichen Posten angesetzt für „Ausrottung der Malvivenza." Die Erhebung des von der österreichischen Regierung eigens zu diesem Zwecke nach Dalmatien gesendeten Ministerialsekretärs Or. Loren; setzen uns in den Stand, Näheres hierüber mitzutheilen. Es liegt im Charakter des morlakkischen Volkes, nur den Starken oder Verschlagenen zu ehren. Wer die meisten Gewaltthätigkeiten ungcrächt und ungestraft ausgeübt hat, steht im höchsten Ansehen. Es ist das ein Erbe aus der Türkenzeit; die rohe Thatkraft, die verrätherische List, womit ehedem der osmanische Todfeind bekriegt ward, richtete sich später gegen den Stammesgenofsen und so entstanden und entstehen eine Menge innerer Fehden, welche häufig einen tödtlichen, immer einen verderblichen Ausgang nehmen. Häufig kommt es vor, daß ein Mann ohne starke Familie oder Anhang um eines geringen Grundes willen oder ganz ohne solchen von einem Mächtigern überfallen und von Haus und Hof getrieben wird. Und in den meisten Fällen läßt sich das der Beraubte auch ohne Widerstand gefallen, denn er weiß, daß sein Leben verwirkt ist, wenn er klagt. Trotzt er der Gefahr, wendet er sich an die Gerichte, so ist er ebenso übel berathen, denn er findet keinen Zeugen. Diese alle fürchten die Rache der Mächtigen. ES kommt selbst vor, daß wenn bei cclatanten Fällen die Behörden ohne Anrufen einschreiten, der Beklagte diese um Gotteswillen bittet, alle Schritte zu seinem Rechte zu unterlassen oder erklärt, daß er mit der Besitzergreifung vollkommen einverstanden sei. Mit dieser Blutrache ist die Malvivenza innig verbunden. Es ist eine Art Stegreifthum, Vogelfreihcit, Buschkleppern. Doch gewähren diese Worte nicht den vollen Begriff. Der Rächer oder Held, der einen Gegner erschlagen, eine ganze Familie in ihrem Hause verbrannt oder dergleichen gethan, weiß zwar recht gut, daß ihm vor Gericht nichts bewiesen werden kann, allein er scheut die Untersuchungshaft. Deßhalb und um der nun drohenden Rache der Gegenpartei auszuweichen, nimmt er eines Tages die Flinte über die Schulter, Pistolen und Jatagau in den Gürtel, rafft so viel Munition und Schuhwerk zusammen als er kann, und zieht sich in die wildesten Schluchten des Gebirges zurück. Dort findet er immer zahlreiche Gesellen, mit welchen vereint er nunmehr die Umgegend brandschatzt. Allein diese Malviventi sind keine gewöhnlichen Räuber, wollen es auch nicht sein. Sie nehmen nur, was sie nothwendig brauchen, vorzugsweise Lcbensmittel, seltener Kleider, Geld nur, wenn sie Munition bedürfen und dann am liebsten von Fremden. Höflich gegen Reisende, galant gegen das schöne Geschlecht gleichen sie den britischen Highwaymen und den edeln Räubern der Romane. Dieß umgibt sie in den Augen des Volkes mit einer Glorie und verschafft ihnen stets Hilfe und Schlupfwinkel. So kommt es, daß viele junge Taugenichtse ohne alle weitere Veranlassung in die Berge ziehen und sich den Malviventen anschließen, welche eine wahre Landplage sind. Das ist die sogenannte 175 Malvivenza, eine Erscheinung, welche man im heutigen Europa kaum mehr für möglich halten sollte. (Die Gesellschaft der Verzweifelten.) In der Wochenschrift „Daheim* wird von einem Algier - Reisenden Folgendes erzählt: Als ich zum ersten Male in die Hallucinationen des Haschisch eingeweiht wurde, geschah es durch einen Europäer, welcher zu der anziehenden Klasse der Verzweifelten gehörte. Er ist seitdem an dem Mißbrauch des Kif gestorben. Dieser Verzweifelnde hatte sich ein poetisches Nest mitten in einem afrikanischen Walde gebaut, tief in einer Schlucht. Sein Schlafgemach mit den runden Fensteröffnungen, die nie geschloffen wurden, war mit Schwalbennestern angefüllt, deren Bewohner beständig aus- und Anflogen. In dieser Zelle sah er nur des Himmels Blau, das ferne Meer und.die immergrünen Eichen des Waldes, athmete nur den Dust der Blumen, die er vor seiner Hütte gepflanzt hatte, hörte nur das Summen der Insekten, den Vogelgesang und das Gcmurmel des Baches, der über die Granitfclsen zu seinen Füßen plätscherte. Des Nachts gab es andere Musik: Schakals, Panther und Löwen mischen ihr Geheul in das Rauschen des Waldes. Wenn er durch das Gebrüll unk Miauen im Schlafe gestört wurde, griff er nach seiner Büchse und verfolgte im Mondschein das wilde Gethier. Alle Haschischraucher sind Freunde der Jagd, und Wildschweine und Igel ihr bevorzugtes Wild. Als ich meinen Kifraucher in seiner Wohnung aufsuchte, begriff ich, daß ich es mit einem wahren Poeten zu thun hatte, mit einem besiegten Titanen, einem Manne, übersättigt von der Civilisation, einem Freunde des Lebens in der Wildniß. Er vertraute mir die Ursache seiner Auswanderung an. Nachdem er mir alle seine Andenken an seine Braut vor Augen gelegt hatte, ihren Kranz von Orange- Blüthen, ihren Blumenstrauß, sorgfältig in einem Cedernholzkistchen aufbewahrt, sagte er mir, daß seine junge Frau am Tage nach der Hochzeit gestorben sei. In dem Wahnsinn seiner Verzweiflung war er über's Meer gegangen und hatte sich dem Haschisch ergeben. Dank den Bczaubcrungcn der dadurch hervorgebrachten Träume sah er jedesmal seine Frau so jung, so schön wieder, wie an ihrem Hochzeitstage; ihre Stimme klang an sein Ohr mit Verheißungen des Wiedersehens in einer andern Welt. „Es ist die Stunde unserer Zusammenkunft," rief der Unglückliche, indem er seine seltsame Erzählung beendete. Ich folgte ihm nach dem maurischen Kaffeehause, er führte mich in den Saal der Raucher ein. Diese erwarteten uus auf einem Teppiche, die Pfeife am Munde. Der Clubb nannte sich die „Gesellschaft der Verzweifelten." Und wahrlich, in ihren wilden Blicken, den zerstörten, tief gegrabenen Zügen ihrer Gesichter, offenbarte sich der Entschluß systematischen Selbstmordes. Sie glichen Alle meinem Freunde, es war ein Verein von unglücklich Liebenden, Ehrgeizigen ohne Aussicht und verarmten Krösusscn. Friedrich der Große und seine Hunde. Das Verhältniß dieses Fürsten zu den Hunden ist merkwürdig und seltsam. An seinem Hofe genossen die Hunde Rechte, deren sich der höchste Beamte nicht rühmen durfte. Sie umgaben stets den König im Schloß, auf Reisen, im Krieg. Sie lagen auf kostbaren Kanapees, auf Stühlen uiit Atlas überzogen. In allen Zimmern waren lederne Bälle zum Spielen für die Hunde. Zur Bedienung hatten sie Lakaycn. Auf Reisen fuhren sie in sechsspänniger Kutsche. — Biche, die Favorithüudin des Königs, schlief jede Nacht in seinem Bette. Als der König bei einer Abreise zur Revue in Schlesien einen Hund krank zurückließ, mußte täglich eine Staffelte über sein Befinden nachgeschickt werden. Als eine Depesche den Tod meldete, mußte der Todte in einem Sarge bis zur Rückkehr im Bibliothekzimmer aufgestellt werden. Der hcimgekehrte Monarch betrachtete den Todten stundenlang, weinte bitterlich 3 Tage hindurch und ließ ihn feierlich beim Schloß begraben. Zehn Doktoren waren beschieden worden. 176 Eine komische Vergiftungsgeschichte ereignete sich dieser Tage auf der Mieden in der Paniglgasse (Wien). Eine Frau aus dem mittleren Stande wollte den Namenstag ihres Gatten in festlicher Weise begehen. Sie kaufte zu dem Zwecke unter Anderen einen schönen theuren Fisch und eiue Ente. Den Fisch briet sie heimlich und stellte ihn abseits auf's Marmorpflaster der Küche, indem sie zu den Dienstboten sagte, es wäre der Fisch durch und durch mit Arsenik vergiftet, um die Mäuse zu todten, die ihr Unwesen in der Küche treiben. Am kommende» Tage eilte sie früh Morgens fort, um Verschiedenes zu besorgen und hieß Dienstboten und Amme die Ente braten und Herrichten. Alles ging gut, so lange der Duft der gebratenen Ente nicht in die Nase stach. Da aber zupften und kosteten Dienstbote und Amme so lange, bis die Haut dahin war und mit ihr noch viel Anderes. Dies war nun arg. Der Zorn der Frau war zu befürchten und in ihrer Angst entschlossen sich Beide das Leben zu nehmen. Aber wie! — Jetzt kam ihnen ein lichter Gedanke, der Fisch! das ist die mindest blutige Art. Sie machten sich also darüber und thaten genug, ihres Lebens gewiß ledig zu werden. Dann legten sie sich in eine Ecke und erwarteten ruhig den Tod. Als die Frau nach Hause kam, war in der ganzen Wohnung eine Grabesstille. Sie wollte eben rufen, als sie in einem Winkel stöhnen und klagen hörte. „Was fehlt Euch?" rief sie den Dienstboten zu und dachte an nichts weniger als an einen Raubmord. „Wir sind vergiftet," stöhnten diese. „Wie, was?" „Wir haben die Ente halb aufgegessen und da haben wir uns aus Furcht mit dem Fisch vergiftet." Die Frau schlug die Hände über den Kopf zusammen und die Gesellschaft bekam Abends statt der beiden Braten diese Erzählung zum Besten. Ein eigenthümlicher Vorname und seine Entstehungsgeschichte. Kreuzwendedich ist nicht blos ein männlicher Vorname, namentlich der Familie v. Borne, sondern cxistirt auch als weiblicher Vorname. Es lebt heute noch eine Dame aus altadeliger Familie, die diesen Namen trägt, dessen Beilegung nachstehenden Zusammenhang hat. Die Eltern dieser Dame, denen in ihrer Ehe sieben Kinder geschenkt worden waren, hatten sie sämmtliche bald nach der Geburt verloren. Als das achte Kind, ein Mädchen, geboren wurde, so wurde diesem auf Rath einer alten Frau der Name „Kreuzwendedich" gegeben. Nicht blos diese, sondern eine nachgeborene Tochter blieben am Leben und leben heute beide noch in Brieg, und so hatte sich das Kreuz, das der Familie vom Schicksal aufgelegt worden war, gewendet und keine weiteren Opfer aus dieser Familie verlangt. (Die guten Handlungen.) Lehrer: „Seligsohn! Kannst Du mir nennen eine Reihe „guter" Handlungen — ?" — Seligsohn: „James Rothschild, Abraham Oppenheim und Comp., Carl Heine." Charade. (Zweisilbig.) Das Erste oft fast zentnerschwer Just dem, der's trägt am Herzen liegt. Das Zweite leider häufig sehr Die Menschenkinder täuscht und trügt. Das Ganze schließlich jener kriegt, Der lieh zuvor T Gulden her — Vielleicht au einen, der vergnügt Bald sprach: Nun Herz, was willst du mehr? Auflösung der Charade in Nr. 20: „Wurmstich." Druck, »erl-- »»» »,b-Itt»a litn-rtsche» Jujttwt» »«» vr. M. HuMer. Nr. 23 . 7. Juni 1868. Augsbnrger O blicke, wenn den Sinn dir will die Welt verwirren. Zum ew'geu Himmel auf, wo nie die Sterne irren. Rückert. SancL Jarlhelmä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) Das Rollen von kleinerem, durch Auftreten gelockertem Gestein vermischte sich in den Hall nahender Fußtritte; mit heiserem Gekreisch flog ein riesiger Lämmergeier auf und schwang sausend die mächtigen braungesprenkcltcn Fittige — in der Höhe hielt er sich schwebend wie zu Spähe und Abwehr, wenn durch den Kommenden seinem Horste Unbill oder Gefahr drohen sollte. Wenige Augenblicke später tauchte zwischen dem Gestein ein niederer Hut empor, mit der Schwancufeder geziert: unter dem Hute erschien Markulf's Antlitz, bleich und erregt, das Gclock wirr und fliegend von Anstrengung und Hast. Er spähte umher. „Herrin, bist Du bereit?" rief er, als er Amalaswinth gewahrt. Diese hielt beide Hände fest an die Brust gedrückt, die, gepreßt vom Augenblicke der Entscheidung, den Athem zu versagen schien. „Ich bin es..." stieß sie endlich hervor. „Doch wie — Du kommst allein?" „Nein," entgegnete Markulf, der inzwischen vollständig herauf geklettert war, „der Prinz hält weiter unten einen Augenblick Rast — ich bin voraus, als müßt' ich erst Weg und Steg erkunden..." „Und das Gefolge?" „Ist weit weg, auf ganz anderer Spur! Ich habe gesagt, ich wollte den Prinzen über die Eiskapelle hinan in die Scharte des Watzmann führen, . . . dann ließ ich sie einen andern Weg ziehen, als hätten wir sie verloren und beredete den Prinzen, mir hierher zu folgen, wo ich ihm ein seltsam Bergwunder zu zeigen vermeinte." „Gut so!" rief Amalaswinth sich erhebend, und strich das üppige gvldrothe Gelock über Stirne, Schläfen und Schultern zurück. „Führ' es hinaus, wackerer Gesell, wie Du begonnen. . . Aber was ist Dir?" fuhr sie nach kurzem Innehalten fort, während dessen sie den Jüngling genauer beobachtet und die Aufregung gewahrt hatte, in der er sich unverkennbar befand. „Du bist befangen? Du bist bleich? Thor, bist Du bang vor Erfüllung Deines Glücks?" „Nein," erwiderte Markulf, „aber ich weiß selbst nicht, wie mir zu Muthe ist. — Mir glüht es im Gebein und mein Eingeweide brennt sieberisch, als sollt' ich es nicht erleben, bis die dritte Sonne hinunter gegangen ist! Eine mir selbst unbegreifliche Angst quält mich, daß ich nicht Recht gethan, den Prinzen zu Dir zu führen! Nun, da es geschehen ist, dünkt mich Dein Begehren erst befremdlich und wunderbar . . . Sage mir, Herrin, beruhige mich . . . was soll er hier bei Dir?" „Was fragst Du, Gesell?" rief Amalaswinth auflodernd entgegen. „Vergissest Du, daß Du mir blinden Gehorsam gelobt? Nur wenn Du Deine Zusage getreulich erfüllst, vermag der Zauber zu wirken, den ich Dir verhieß!" 178 „Ich frage nicht mehr," sagte Markulf hastig, „ich baue auf Dein Wort, Herrin... aber ich weiß selbst nicht, wie es geschieht ... je näher der Augenblick heran kommt, desto dringender ruft es in mir und will mich warnen, als ob Du Arges im Sinne trügest!" „Schwachmüthiger Thor," entgegnete sie, indem sie näher zu ihm trat und sich so eng zu ihm niederbeugte, daß ihr glühender Athem ihm die Wange streifte. „Du weißt, was in Deinem eigenen Herzen vorgeht und vermagst nicht, ein anderes zu errathen? So wisse denn — was Du für jene Dirne empfindest, fühle ich für diesen Jüngling, der mich verschmäht! Ich kann nicht leben, kann nicht sterben ohne ihn: darum bin ich ihm von Pavia bis hiehcr gefolgt — darum habe ich ihn durch Dich hierher gelockt, in diese Einöde, wo nichts sich mehr eindrängen kann zwischen ihn und mich ... wo er meiner Gewalt nicht mehr widerstehen kaun: wo er mir gehören muß — mir für immer! Glaubst Du, wenn ich nicht am gleichen Siechthum krankte, ich wäre so leicht bereit gewesen, Deinen Schmerz zu heilen? . . . Geh' denn und vollende; die günstige Stunde wiukt für mich und Dich!" Ohne Erwiderung eilte Markulf hinweg und verschwand hinter dem Geklüft, aus dem er aufgetaucht war: Amalaswinth sah ihm mit siegblitzendcn Augen nach. „Verbirg Dich, mein Genosse," rief sie Alboin zu, „halte Dich bereit, zu vollbringen, was Du unausgesprochen weißt— Dein Lohn soll eines Königs würdig sein!" Sie stieg in die Höhle hinab, der Alte war kaum unter die Felsen geschlüpft, als Markulf wieder sichtbar wurde und die Hand zurückreichend, dem Prinzen auf die Höhe half, der, das Angesicht rothglühend von der Hitze und der Mühe des Stcigens, sich auf den letzten Zacken schwang. Dort stehend, lüftete er den Hut von dem wallenden lichtbrauncn Gclick und ließ den frischen Bergwind um die triefende Stirne spielen. „Thut das nicht, Herr," rief Markulf abwehrend, „drückt lieber den Hut noch tiefer in die Stirn — die Luft weht hier wie Eiseshauch, Ihr könnt den Tod davon haben! Kommt hier hinter die Felsen, sie halten den Luftzug ab — verkühlt Euch, eh' ich Euch in die versprochene Wundcrhöhle geleite, wo ich Euch ein Iägcrmahl von Genossen bereiten ließ." „Es wird mir hoch willkommen sein," sagte Dietwalt lachend, „so jung ich bin, hab' ich doch schon Manches ertragen im Waffeuspiel zn Schimpf und Ernst und im edlen Waidwerk — allein der Jägerei, wie sie in diesen Gebirgen heimisch ist, bin ich ungewohnt und muß bekennen, daß mich nach Erquickung verlangt und nach einiger Ruhe. . . Welch' ein Anblick!" fuhr er fort und schaute, sich umwendend in die ungeheure Fernsicht hinaus, die sich eben jetzt in vollster Klarheit ausbreitete: die steigende Sonne hatte die letzten Ncbelgewölke vernichtet und das riesige Gemälde, noch vom Glänze des Mittags nicht verhüllt, lag strahlend da in der hellen duftigen Morgenfrischc. — Das Auge unterschied weithin in verschwimmcnder Ferne das grünende Gelände, von dunklen Waldstreifen durchschallet, mit glänzenden Wasscrbreiten und schimmernden Strom- bändern wie mit kräftigen Lichtern besetzt. Zur Seite waren die Thore der Bcrgwelt weit aufgcthan, Fels'stieg an Fels, Berg an Berg, Eiskoloß an Eiskoloß unabsehbar empor, als wären es gewaltige Stufen, die nacheinander empor führen wollten zu einem Throne — dessen Baldachin der Himmel selber war. „Wie schaurig," rief der Prinz, „und doch wie schön! Das ist ein Anblick, mit dem man erst vertraut werden muß! Ich werde diese Berge öfter besteigen und meinen Vater bitten, daß er mir erlaubt, länger in ihnen zu weilen! . . . Was ist das?" unterbrach er sich selbst und zeigte nach rückwärts gewendet, auf einen sich breit hin ziehenden dunkelgraucn Streifen, der sich auf dem hcrübcrragcudeu Taucrn in wildem ununterscheidbarem Gewirrr dahin streckte. „Das ist das steinerne Meer," erwiderte Markulf, „eine schier unwegsame Felsen- 179 t wildniß! Vor Jahrhunderten ist dort ein Gipfel des Tunern eingestürzt, und hat die Schlucht ausgefüllt und Stunden weit Alles mit Trümmern überdeckt." »Der Name ist gut gewählt," sagte der Prinz und ließ den Blick sinnend auf der Steinwildniß ruhen. „Es sieht sich wirklich an, wie ein Meer ... wie ein im vollen Sturm und Aufruhr begriffenes Meer, das mitten in seinem Toben mit allen Wellen und Wogen erstarrte! Mir ist, als kennte ich ein solches Meer... ein in der Leidenschaft zu Stein gewordenes Herz..." Es mochte eine schmerzliche Anwandlung sein, was durch die Seele des Prinzen ging, denn ein tiefer Athemzug, der fast wie ein Seufzer klang, drängte sich aus seiner jungen Brust: wie um sich selbst von diesen Bildern und Gedanken abzubringen, blickte er unter den naheliegenden Felsen herum und rief lachend: „Doch ich gewahre noch immer den Eingang zu der verheißenen Höhle nicht uud schäme mich nicht, zu sagen, daß es mich wieder dringlich an das Mahl erinnert, das sie bringen soll ... " Markulf trat zu dem Spalt, der in das Innere des Berges führte. „Hier ist der Eingang," sagte er. „Seid Ihr aber auch völlig verkühlt, Herr — es ist dumpf und schaurig in dem Stcingewölbe..." „Wie bist Du doch so sorglich, Gesell!" sagte Dietwalt. „Bist Du mir so zugethan?" „Ja, Herr," rief Markulf mit Wärme, „ich freue mich jetzt, daß der Herzog mich zu Eurem Führer machte! Ihr seid so freundlich, so leutselig — ich möchte wohl immer in Eurem Gefolge sein!" „Dazu kann Rath werden — auch Du gefällst mir und ich will es Dir gedenken» wie sorgsam Du mich geleitet hast und wie treu!" Wie ein Dolchstoß traf das Wort in Markulfs bewegtes Gemüth: er erröthete vor sich selbst, als der Prinz ihn ob seiner Treue rühmte, da er den Arglosen doch nach gehcimnißvoller Absicht einem unbekannten Ziele cntgcgenführtc, das ihm noch nie so unheimlich erschienen war, als gerade jetzt im Augenblicke der Entscheidung. Ohne selbst recht zu wissen, was er that, war er vor den Höhlenspalt getrcren und machte eine Ge- berde, als wollte er den Prinzen von dem Eintritt zurückhalten. Dieser aber drängte ihn mit heiterem Lachen bei Seite. „Was ist Dir doch, wunderlicher Geselle?" rief er. „Gehabst Du Dich doch, als stünde mir da drinnen ein Unheil bevor und nicht ein fröhliches Jägermahl! Oder glaubst Du, ich scheue mich vor dem dunklen Eingang, der in unbekannte Räume führt? Ich weiß nicht, was scheuen und sorgen heißt, mein junger Freund... ich habe immer fröhlich genossen, was mir die Stunde bot und habe nicht gefragt, was wohl die nächste bringt! Rasch hinein — ich kenne keine Sorge!" „Die sollt Ihr auch an meiner Seite nicht befahren!" rief Markulf herzlich. — „Steigt immer hinab in die Höhle, Herr — Euer treuer Führer ist bei Euch..." Prinz Dietwalt war während der letzten Worte bereits in den Fclseneingang hinabgestiegen ; rasch folgte Markulf — wenige Augenblicke später ward hart neben der Spalte, tief an den Boden hingedrückt, das graubärtigc Antlitz des alten Langobarden sichtbar, wie der Kopf eines in sicherem Versteck auf seine Beute lauernden Raubthiers. Staunend blickte der Prinz um sich und maß mit bewundernden Blicken das ungeheure Fclsengcbäude. „Du hast nicht zu viel gesagt, Gesell," rief er, „das ist eine Halle, die eines Königs nicht unwcrth wäre! Es ist kaum glaublich, daß solch' ein Werk entstanden ohne Menschcnhilfe!" „Mein Vater sagt, die Zwerge haben es gebaut," erwiderte Markulf, „der König der Schwarz-Alfcn hatte hier sein Reich, bis ihn die Christenpriester drüben in der Salzburg fortgebannt... Im Verborgenen aber Hausen sie noch immer hier und Mancher, der durch's Gebirge geht, hört es, wie sie hier schalten und rumoren, und mit ihre« .Hämmern an's Gestein schlagen. . ." „Der Ort ist wahrlich angethan, an solch' Heidcn-Mährlein zu gemahnen!" erwiderte Dietwalt, in dem Gewölbe hin und wieder schreitend. „Wäre die Mühsal nicht zu groß, ich würde meinen Vater bereden, mit herauf zu steigen und das Wunderwerk auch zu beschauen! Es ist, als wär' es der Saal in der Burg eines riesigen Nordland» surften aus heiligen Bautasteinen gefügt . . . hier an der Säule könnte der Thron gestanden haben und dort durch die Felsenöffnung sah er wie von einem Söller hinunter in sein fabelhaftes Reich . . . Und hier," fuhr er fort, indem er an einen tischartig geformten Block trat, „hier ist uns noch etwas von seinem Königsmahle übrig geblieben!" Auf dem Steine stand ein Krug nebst Becher, daneben lag Brod und zierlich geschichtet Stücke Wildflcisch. „Oder," rief der Prinz wieder, „ist dieß vielleicht der Palast, in dem eine Wal- kyre haust? Oder eine der Nornen, die den Faden spinnen zu des Menschen Leben und Geschick?" Er hatte den Becher gefüllt und erhob ihn . . . „Diesen Willkomm- Trunk dem Gebieter des Hauses! Traun, ich möchte wohl wissen, wer mein Wirth und Gastfrcund ist. . „Ich!" antwortete es dumpf von dem Eingang der Höhle her, und eine dunkle Gestalt erschien vor demselben. „Amalaswinth..." stammelte Dietwalt erbleichend und unberührt entglitt der Becher seiner bebenden Hand. „Du hast Recht geahnt!" rief die Longobardin. „Du hast Dich bei der Walkhre zu Gaste geladen — bei der Norne, die den Faden spinnt zu des Menschen Leben und Geschick... der Deine ist abgesponnen und reißt entzwei!" „Ha, Schändliche," rief der Prinz und erglühte in Unmuth, wie er zuvor vor Ueberraschuug erblichen war, „so bin ich durch Dich in einen Hinterhalt gelockt? Und Du, Markulf, treuloser Schalk, hast mich hergeführt? Du bist im Bunde mit meiner grimmigsten Feindin?" „Feindin?" stieß Markulf hervor, der mit fliegendem Athem und brennenden Blicken, einem stoßbereitcu Geier gleich, jedes Wort. jede Bewegung belauscht hatte. „Was sagst Du, Herr? Sie, die Dich zu lieben schwur. Deine Feindin?" „Die mich geliebt und doch meine Feindin geworden! Die durch meinen Tod sich rächen will für die verschmähte Liebe!" „Lüge nicht in Deiner letzten Stunde," rief Amalaswinth feierlich — „nicht die verschmähte Liebe will ich rächen, wohl aber die verrathene! Nicht ich bin es, nicht fremde Treulosigkeit — der eigene Verrath ist's, der Dich in's Verderben stürzt!" „Wie?" unterbrach sie Markulf, aus einer Art Betäubung erwachend, „so hast Du Dein Spiel mit mir getrieben, furchtbares Weib? Hast'mich betrogen und zum Werkzeug Deines Haffes und Deiner Rache zu Deinem Mordgesellen gemacht? Fahre hin, Verrätherin, ich zerreiffc die Genossenschaft mit Dir — und ist meine Liebe der Preis, den es mich kostet, mich von Dir zu befreien — nimm das Zeichen meines Gelöbnisses, nimm Deinen Zauber zurück... ich verschmähe ihn! Gib den Weg frei, Mörderin, oder mein Dolch bricht uns die Bahn..." Mit kräftigem Griff hatte er die Schwanenfedcrn vom Hute gerissen und weggeworfen; das breite Gürtelmesser in hoch erhobener Hand stürzte er auf Amalaswinthe zu; diese aber hatte den Vorsprung benützt, sich rasch emporgeschwungen und stand bereits in der Eingangsspakte — der Block, der zum Antritt gedient, kollerte, von ihrem Fußstoß geschleudert, zur Seite... wer nachklettern wollte, mußte Zeit und Mühe aufwenden, bis es möglich war, die Oeffnung zu erreichen. . . „Glaubst Du," rief die Longobardin zurück, „für derlei wäre nicht vorgesorgt? — Versuch' es, mich zu treffen — ich lache Deiner, Du Thor! Ich hatt' es gut mit Dir im Sinn — aber wenn Du Dich von mir lossagst, so habe was Du begehrt und Heile das Geschick Deines Herrn! Du aber, meineidiger Verräther, überlege und bereue. 181 was Du mir gethan... Du hast Zeit dazu, bis Hunger und Verzweiflung Dich zwingen, Dein falsches Gehirn an diesen Felsen zu zerschmettern! Du hast, als ich im größten Schmerze zu Dir gefleht, keine Antwort für mich gehabt: ich habe Dir gelobt, daß ich Dir das vergelten will. . . Wohlan, das ist Amalaswinthcns Antwort!" Sie verschwand vom Eingänge, das nach ihr von Markulf geworfene Dolchmesser prallte am Gestein zurück — mit donnerähnlichem Gepolter wälzte eine finstere Masse sich heran — der Block vor dem Thore legte sich dicht vor dasselbe und versperrte den Weg für immer ... das Licht fand keinen Raum mehr, von dieser Seite einzudringen und das schauervolle Halbdunkcl einer Gruft legte sich wie ein Todtentuch über die lebend Begrabenen.- -Zur selben Zeit, als auf dem Gipfel des Gebirges Wuth, Schrecken und Entsetzen hausten, waltete unten im Thale, auf dem kleinen grünen Seegelände der tiefste, heimlichste Frieden: es war eine kleine schuldlose Welt, ohne Ahnung, wie nahe, wie furchtbar die Schuld bis an ihre Nmgränzung vorgedrungen. Von keinem Hauche geschwellt, spiegelgleich, lag das Wasser da und nahm freudig den Himmel in seinem Busen auf, den es eine lange Nacht entbehrt und der nun in erhabener Ruhe hernieder- schaute, während an den Bergwänden die letzten Trauerstrcifen des Nebelschleiers zcr- flatterten. Auf dem grünen Plan der Walchen-Almendc wanderte das Weidevieh gemächlich durch das Gras, oder lag wiederkäuend in behaglicher Ruhe. Von Zeit zu Zeit ward Placida an der Thüre der Sennhütte sichtbar, eine der Kühe herauszulassen, wenn sie von ihrem Milchreichthum befreit war. Das Mädchen war zur Arbeit rüstig angerichtet; das weiße, hochaufgcbundcne Gewand schürzte sich kaum bis unter's Knie und reichte an den Armen nur wenig über die Schultern herab — um Leib und Brust waren die weitern Theile des Kleides, besonders die Aermcl, übereinander gcncstelr, die freie Bewegung nicht zu stören. In gewohnter Weise ging sie der gewohnten Arbeit nach, ruhig und gleichmäßig, ohne Unruhe, ohne Hast — nur bei schärferer Beobachtung wäre nicht zu verkennen gewesen, daß die feine Blässe ihres Angesichts vielleicht noch um einen Ton tiefer verblichen war, daß die dunklen Augen nicht ganz so frei blickten, wie einst, sondern wie durch einen trüben darüber gebreiteten Flor. Manchmal auch stand sie mitten in ihrem Wege still und führte die Hand an's Herz, als töne darinnen noch ein Nachhall des Gewitters fort, das vor wenig Tagen durch dasselbe getobt und wie Hagelschlag Blüten und Blätter niedergeschlagen, und das junge Bäumchen selbst in seiner Lebenskraft getroffen, vielleicht um sich nie wieder zu erholen. Das waren aber nur Augenblicke; schnell besann sie sich wieder und richtete das schöne, noch eben thränenfeuchte Auge getrocknet und getröstet zum Himmel auf. Am Strande des See's lag noch der Kahn, in dem sie Abends zuvor wieder herein- gerudert — aus der einsamen Romsan zur noch einsamern Walchen-Almend. Es bot einen scharfen Gegensatz, als jetzt Amalaswinth denselben Bergpfad herankam, auf welchem wenige Tage vorher der alte Chriembcrt gewandelt war. An derselben Stelle, wo der Alte die verhaßte Walchendirne belauscht hatte, stand sie jetzt und blickte finsteren Auges auf das arglose Mädchen, das sie so freundlich beherbergt, in dessen Brust sie einen so tiefen geheimen Blick gethan und in dessen Geschick sie so achtlos eingegriffen mit frevelnder Hand. Das lichte Bild vor ihr warf einen düsteren Schatten in ihre Seele; es regte sich leise etwas in ihr, wie das erste fast unmerklich keimende Samenkorn einer spät, aber gewiß reifenden Neue. (Fortsetzung folgt.) 182 Die sterbende Mutter Vou Schaufert. Wenn Du am Bett der Mutter kniest, Ihr in's erlosch'ne Auge siehst, Die Hand, die einst Dich treu gewiegt, Schon kälter in der Deinen liegt; Wenn vor der blaffen Dulderin Dein Herz in Thränen schmilzt dahin, Und Dich's gemahnet wehmuthsvsll An manchen Trotz, an manchen Groll, Und leise fleh'st in bitt'rer Reu': Ach, gute Mutter, ach, verzeih', Und sie, der längst die Rede schwand, Noch spricht mit mattem Druck der Hand. Dann magst Du fühlen tiefbewegt, Daß nichts die weite Erde hegt Dem frommen Mutterherzen gleich, So voll Geduld, so gnadenreich. Ob glücklich, wenn es in Dir spricht, Dies graue Haar verklagt mich nicht. Wenn nicht der Furchen Leidenschrift Dein Herz,mit scharfer Geißel trifft. Wohl Dir, wenn in der letzten Stund Ein Lächeln um den stillen Mund Vou einem guten Herbst erzählt, Dem nicht der Liebe Frucht gefehlt. Wenn es Dir sagt: „Du guter Sohn, Ich künde Dir des Himmels Lohn, Du hast mein Alter froh gemacht. Und fröhlich sag' ich gute Nacht." Oh dreimal selig ist das Kind, Das solchen Segen sich gewinnt. Er baut auf Felsen ihm das Haus, Schmückt es zu Gottes Tempel aus. Er lacht ihn an vom Himmelsblau Und aus des Frühlings goldner Au'. Er schwebt um ihn wie Sternenblick, Scheucht jeden bösen Geist zurück; Weht seinem Schweiße Kühlung zn Und seinem Leiden Himmelsruh': Er steht im Sterben ihm zur Seit', Eiu Eugel licht im lichten Kleid. Er schließt ihm auf des Himmels Thor, Er grüßt ihn aus der Sel'gen Chor: „Geh' ein, geh' ein, du guter Sohn, Geh' ein, die Mutter wartet schon." Er hat «och nicht Truthahn zu mir gesagt Amerikcmisckeö Sprichwort. Besonders in den westlichen Staaten der Union hört der Neueinwandcrude eine Masse englischer, oder vielmehr echt amerikanischer Redensarten und Sprichwörter, die er wohl vergeblich in einem Dictionär suchen möchte, ja über die ihm viele Amerikaner selbst keine Auskunft-geben können. Am räthselhaftcsten war immer die Rede: ^Iio nover suick turkö^ lo mo!^ oder im Deutschen: „er hat zu mir nicht ein einziges Mal Truthahn gesagt," worunter sie etwa verstehen, daß Jemand ihnen irgend etwas nicht angeboten oder gegeben habe, was sie ihrer Meinung nach verdient hätten. In Arkansas jagte ich längere Zeit mit einem alten Backwoodsmann, Namens Meiers. Den fragte ich schon in den ersten Tagen, als ich mit ihm zusammenkam, nach der Bedeutung des Worts und er erzählte: Oben in Missouri jagten auch dann und wann Weiße mit den Eingebornen, und wenn diese sich auch eben nicht viel aus den Bleichgesichtern machten, duldeten sie dieselben doch zwischen sich. Durch diesen Umgang lernten die Rothhäutc aber auch ein wenig englisch, wenn sie es auch gebrochen sprachen, und konnten sich doch wenigstens einem andern Christcumenschen verständlich machen. Dort jagten auch einmal ein Weißer und ein Eingeborncr mit einander, und da die Letzter» den weißen Eindringlingen schon nichts Gutes zutrauen, und die Weißen ebenfalls von deck Indianern behaupten, daß es diebisches nichtsnutziges Gesinde! wäre. 183 so machten sie vorher einen festen Contract miteinander, daß sie, was sie hellte anf der Jagd erlegten, redlich und gleichmäßig mit einander theilen wollten. Als sie am Abend wieder zusammen kamen, hatte der Indianer einen Truthahn, der Weiße aber nur ein Rebhuhn geschossen, und wie sie ihre Beute abgeworfen und sie betrachtend daneben standen, sagte der Eingeborne endlich kopfschüttelnd: „Hm! — böse Sache — schlecht theilen — wie machen?" „„Wie machen/'" sagte der Weiße, ,,„ci, das ist verdammt einfach, mein braver Junge. Die beiden Stücke lasten sich nur auf zwei verschiedene Arten theilen, entweder bekomme ich den Truthahn und Du nimmst das Rebhuhn, oder Du nimmst das Rebhuhn und ich bekomme den Truthahn."" Der Indianer sah den Weißen erst eine Zeit lang an, und überlegte sich vorsichtig, wie Jener gesagt; der sah so ernsthaft dabei aus, daß er selber irre wurde. „Wie war das?" fragte er endlich nach langer Pause — und wollte es noch einmal hören. — „„Wie das war?"" erwiderte der weiße Jäger, die Stirne kraus ziehend, und mit ernsthaftem Gesicht, — „„nun, Du bekommst das Rebhuhn und ich den Truthahn, oder ich nehme den Truthahn und Du bekommst das Rebhuhn."" „Wehe, wehe!" rief da der Wilde schmerzlich aus, „Du hast ja nicht ein einziges Mal Truthahn zu mir gesagt." (Die Entstehung des Mutterkornes.) Ueber die Entstehung des für die Gesundheit so gefährlichen Mutterkornes sind die Ansichten noch sehr getheilt. Darum dürfte folgende Mittheilung, die mir vor einigen Tagen ein mir befreundeter Naturforscher schriftlich machte, für das laudwirthschaftliche Publikum nicht ohne Interesse sein. Derselbe sagt: „Im vorigen Sommer erzog ich mir auf künstlichem Wege sehr viel Mutterkorn. Bei meinem Sammeln kryptogamischer Gewächse war es mir auffallend, daß ich in der Nähe des parasitischen Pilzes Lluvicops purpureu, der sich am Gestein und auch an Wiesenpflanzcn bildet, immer sehr häufig an den angrenzenden Feldern so viel Mutterkorn entdeckte. Dies veranlaßte mich zu dem Versuche, die Keime dieses Pilzes in eben sich öffnende Noggenblüthcn zu bringen. Die Keimfädcn des Pilzes umspannen als ein feines weißliches Gewebe den Fruchtknoten, drangen selbst hinein und zerstörten ihn ganz oder auch nur theilwcisc. Dann begannen sich die Fäden bauchig zu erweitern und bildeten in diesem Zustande einen schmierig - schleimigen, die Spelzen oft überragenden Körper, der von unten auf zum eigentlichen Mutterkorn sich verdichtete und verhärtete. Auf diesem künstlichen Wege erzog ich im vorigen Sommer Mutterkorn vou 1 Zoll Länge und darüber. Es waren oft 5 bis 6 Körner in einer Aehre. Daraus geht nun klar hervor, daß das Mutterkorn nicht durch den Biß eines Insektes oder Wurmes, nicht durch eine besondere Säftekrankheit des Getreides sich erzeugt, sondern lediglich durch die Entwicklung jenes parasitischen Pilzes entstehe. Uebrigcns ist wohl möglich, daß Käfer und Würmer die Veranlassung zur Entstehung des Mutterkornes dadurch geben, daß sie von Blüthe zu Blüthe fliegen oder kriechen, und so die Keime des Pilzes, welche mit ihrer schmierigen Substanz an ihren Beinen haften bleiben, auf die Blüthen des Roggens übertragen." Zwei Knaben spielten miteinander und renommirten dazu. Der Eine sagte: »Mem Vater läßt eine Altane vor das Haus machen, das wird schon, das thut der Deine nicht." Der Zweite setzte sofort einen Trumpf darauf, indem er sagte: „Ja und mein Vater läßt eine Hypothek auf unser Haus machen, das wird noch viel schöner." Frage: Was für ein Baum war der höchste im Paradies? Antwort: -zvh znvh/l.kßnvu, uarguv iig asgn ,u(x 184 Die „Owl" gibt einen interessanten authentischen Bericht über die Hinrichtung eines japanesischen Officiers in Hiogo. Derselbe hatte einen französischen Soldaten, weil er sich geweigert, dem Gefolge des japanesischen Prinzen Bizen aus dem Wege zu gehen, mit seinem Säbel verwundet. Die französischen Behörden forderten Genugthuung und der Officicr wurde zum Tode verurtheilt. Die Hinrichtung fand in imposanter Weise des Abends zehn Uhr in einem zu diesem Behufe prächtig erleuchteten Göttertempel statt. Der Officier war ein Edelmann und bekleidete in der Armee des Prinzen Bizen den Rang eines Obersten. Der japanesischen Etiquette gemäß durften bei der Hinrichtung nur Officiere, die mit dem Verurtheilten in gleichem militärischen Range standen, gegenwärtig sein. Es wurden aber auch Ausländer zugelassen und zwar von jeder fremden Lcgation ein Mitglied. Der Delinquent kniete vor einem kleinen runden Tisch, auf welchem das Familienschwert lag, nieder und hielt eine lange Rede, in welcher er seine Unschuld auf das Lebhafteste betheuerte uud vorgab, nur in Gemäßheit des japanesischen Gesetzes und der Landessilten gehandelt zu haben, als er den fremden Soldaten wegen dessen ungebührlichen Benehmens gegen die Suite des Prinzen bestrafte. Hierauf wendete er sich nach allen Seiten des Tempels und begann ein inbrünstiges Gebet, während welchem die ihn umgebenden Japanesen mit ihrem Gesicht auf den Fußboden lagen. Nur die Ausländer blieben ausrecht stehen. Dann erhob sich der Verurtheilte, ^ ergriff das vor ihm liegende Schwert uud stieß es sich mit einem lebhaften Ausrufe — halb Freuden-, halb Angstruf — iu den Leib, zu gleicher Zeit seinen Hals ausstreckend, um den Tod zu beschleunigen, der auch sofort eintrat. In demselben Augenblick trennte ein hinter ihm stehender Freund, ebenfalls ein japanesischcr Oberst, mit einem Schlage das Haupt vom Rumpfe, welches zu seinen Füßen rollte. Die anwesenden Beamten legten das Haupt auf einen goldenen Teller und prä,entirten es den Ausländern zur Jnspection, gleichsam die Frage au dieselben richtend, „ob sie nunmehr zufrieden gestellt seien." (Der König der Aale.) Der Engländer John Jackson, der einige Jahre unter den Fidschi-Insulanern lebte, befand sich eine Zeit laug auf der Insel Van na Leon. Er sah sich das interessante Land nach allen Richtungen hin an, wobei er keinen Ausflug machte, ohne ein Abenteuer zu erleben. Als er einst Aal aß, fragten ihn die Insulaner, ob in England die Aale auch einen König hätten? Als Jackson dies verneinte, führte mau ibn zu einem kleinen Teich, an dessen Mer ein Tempel erbaut war. In dem Wasser sah er einen ungeheueren Aal mit großem Kopf, wohl so dick wie ein Schenkel und, den Aussagen der Eingeborenen zufolge, zwei Klafter lang. Der Aal war ein „Geist". Um zu sehen, in welcher Verehrung er der den Insulanern stehe, legte Jackson seine Flinte auf ihn an; sie aber baten ihn inständig, von jeder Beleidigung des Thieres abzustehen, und fütterten es mit gekochten Brodfrüchten. Der Aal war sehr alt und bereits verschiedene Male mit den* Kindern Gefangener gefüttert worden. Ans den Hütte«. Der Mond beleuchtet mit bleichem Licht Die rauchgeschwärzten Wände Und über das bleiche verhärmte Gesicht Hält die Mutter die mageren Hände. Und darunter dem matten Aug' entquillt Des Kummers bitt're Zäbrc, — Das Auge der Seele Spiegelbild, Entsiegelt des Jammers Schwere. Des Jammers, der in der Armuth Kleid Umfängt des Raumes Ocde, Wo des Winters düstere Schrcckcnszcit Der Freude Spuren verwehte. Das Weib, es murmelt vor sich hin In unverständlicher Weise, Doch klar wird der Worte geheimer Sinn: Es regt sich im Winkel leise. Dort schlafen die Kleinen, die Kinder der Noth — „Allvater im Himmel, wo bliebe, „Wenn Du nicht hilfst, für Morgen ihr Brot!' So b'etct und weinet die Liebe I. Arend. Dru<1, Berlaa und Redaktion des lituarischen Instituts von v,. W. Huttier. Nr. Ä4. 14. Juni 1868. Arsgsbnrger Der Großen Günstling sei nicht gern; Von Niedrigern sei nicht zu sern! Hoch steige, nicht um groß zu thun, Auf Gipfeln läßt sich schwerlich ruhn. Basedow. SancL Jarthelmä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) In wildester Erregung, beinahe fliegend im Gefühl vollständig befriedigter Rache war Amalaswinth den Kaunstein hernieder gestürmt, kaum wissend und nicht beachtend, wie der 'mühevolle und keineswegs gefahrlose Pfad über ihrer Eile sich zu kürzen und zu ebnen schien: als sie in die ebene tannengrüne Fischunkel herab gekommen und den gegenüber liegenden Bcrgpfad entlang langsamer fortschreiten konnte — als es keine Hindernisse mehr zu beseitigen, keine Schwierigkeiten zu überwinden gab, ward mit ihrem Borschreitcn auch der Lauf ihres Blutes langsamer — dem Bergwafser ähnlich, das in gähem Falle tosend und schäumend über-den Felsen stürzt, und am Fuße desselben durch die minder gesenkte Flur so gelassen und ruhig dahin rinnt, als hätte es nie an Schäumen und Tosen gedacht. Der Augenblick des Vollbringend, auf den sie so lange geharrt, bis zu dessen Eintreten alle ihre Gemüthskräfte sich in fieberischer Anspannung befunden, hatte sie überwältigt: nun war es vollbracht — was sie gewollt, lag als ein Erreichtes hinter ihr und zum Erstenmale gewahrte sie vor sich nichts mehr — nichts, als eine düstere trostlose Leere, nur von einem fernen winzigen Glutkern erhellt, der nur des Hauches harrte, zur Flamme zu werden. Der süße Trank der Rache war ausgekostet, die Betäubung, mit der er sie umfangen, war verflogen, und sie fuhr erwachend aus ihr empor mit nüchternen Augen und verstörtem Sinn. Ohne es sich selbst zu gestehen, fühlte sie eine Ahnung dieses Zustandes in ihr aufdämmern, als sie die Ruhe in Placida's Antlitz, als sie den innern Frieden gewahrte, der über ihr ganzes Gebühren ausgegossen war — die arme Dirne, die ihre Liebe, das Glück ihres Lebens in sehnsüchtigen Schmerzen dahin gegeben, sie hatte Frieden: die glänzende mächtige Herrin, die in wollüstigem Entzücken das höchste Verlangen ihrer Seele an sich gerissen — sie fühlte sich unbefriedigt, verstört und arm. „Thorheit!" murmelte sie, die rothen Locken schüttelnd, in sich hinein, „das ist nicht der armseligen Dirne Werk, nicht ihr Verdienst! Stumpf ist sie, fühllos und kalt — hätte sie sonst vermocht, ihre Liebe dahin zu geben, um einen ungerechten Wahn zu schonen! Mag der Schwache im Staube sich glücklich preisen, daß der Blitz ihn nicht erreicht — der Starke fliegt ihm trotzig in den Himmel entgegen und wär' es der Untergang!" Der frühere Triumph kehrte in Blick und Haltung zurück und mit siegesstolzem Trotze wandte sie das Auge dem Horn und dem Geschröfe des Kaunsteins zu, an dessen steilster Wand in schwindelnder Höhe das Fenster der Felsenhöhle zu erkennen war —- aus solcher Entfernung nicht anders erscheinend, als in Form eines dunklen ununter- scheidbaren Flecks. 186 „Wir zögern, Domina," sagte Alboin, der ihr eine Weile zugesehen, „und wir haben doch keine Zeit zu verlieren . . . Wenn das Gefolge des jungen Fürsten, wenn andere Leute uns begegnen, und Auskunft heischen..." „Glaubst Du, ich würde ihnen ausweichen?" fragte Amalaswinth mit ihrer alten stolzen Kälte. „Glaubst Du, ich würde die Auskunft verweigern? Ich möchte lieber hintreten vor alle Welt und offen sagen, was ich gethan! Es ist mir allzu stumm, allzu todt in diesen Felsthälern — ich möchte mit meinem Worte ihre Stimme, den Wicderhall wach rufen, damit er es von Berg zu Berg schreie und hinaus in die Lande, ich habe mein Herz gesättigt und meine Rache mit! . . . Aber noch will, noch darf ich nicht gesehen sein, damit Niemand zu frühe erfahre, was geschah . . . damit meine Nähe keinen Verdacht errege, wo es geschehen und auf die Spur führe, so lauge noch eine Rettung möglich wäre..." „So laß uns eilen, aus dem Bereiche dieser Schluchten zu kommen," begann Alboin wieder. „Wenn das Gefolge ihn am Watzmann nicht findet, wird es sicher auf allen Wegen suchen und auch hichcr kommen! Dort liegt ein Nachen — die Dirne soll uns über den See hinausführen!" Ein Blitz fuhr aus Amalaswintha's Augen. „Ja, das soll sie!" rief sie aufjubelnd. „So vollend' ich meine Rache noch an dem Elenden, der mich verrathen wollte — sie selbst, die sich für den Geliebten geopfert — sie soll Diejenige rette», die ihn ihr ganz entrissen hat! Sie mag es bewähren, ob diese Entsagung wahrhaft ist . . . ob diese Ruhe Stand hält vor dem letzten, dem gewaltigsten Schlage!" Placida war mit dem Milchgeschirr an's Gestade hinabgegangen; zum Wasser niedergebückt, gewahrte sie Amalaswinth's Herankommen nicht eher, bis selbe mit dem finster blickenden Waffenmeister hart ihr zur Seite stand. Ueberrascht — betroffen sprang sie auf und starrte die unerwartete Erscheinung mit Blicken an, als ahne sie, welch' unheimliche Gewalt ihr genaht. „Du hier, Herrin?" fragte sie halblaut. „Was führt Dich in meine Einsamkeit?" „Was sonst," erwiderte Amalaswinth mit erzwungenem Lachen, „als die Lust am Waidwerk? Das Gefallen an diesen wilden Bergen und Wassern? Ich habe mit meinem Gefährten einen Gang über die Höhen gemacht und will nun zurück. Darum richte Deinen Kahn zurccht und rudere uns hinaus über den See..." „Du hier ..." wiederholte Placida vor sich hin und vermochte den Blick noch immer nicht abzuwenden von dem Antlitz der Longobardin, das trotz künstlicher Freundlichkeit wie mit Wetterwolken bedeckt schien. „Wie Du auch hieher kommst, Herrin, und was Dich hergeführt — ich kann Dich nicht fahren, ich bin allein und muß bei meiner Heerde bleiben. Gedulde Dich bis zum Mittag, bis dahin kommt wohl der Eine oder der Andere von den Holzfällern vorn Gebirg herunter ... ich will Einem den Kahn leihen, daß er Dich hinaus führt. . ." „So lange will die Domina nicht warten," siel aufbrausend Alboin ein, „mache keine Ausflüchte, Dirne — Deinem Vieh wird in den paar Stunden kein Leid gcschch'n! Also rüste Dich oder wenn Du nicht willst, nehm' ich den Nachen und fahre selbst . . . Ich werde wohl im Stande sein, mit diesem Bergsee fertig zu werden - ich habe mehr als einmal mit dem stürmenden Meere gckämpft!" Er sprang dem Nachen zu, aber Placida war noch schneller gewesen — schon stand sie vor dem Fahrzeug, hatte ein in demselben liegendes Beil ergriffen und schwang es zu Drohung und Abwehr über dem Haupte... Laut auf lachte der Alte. „Du willst Dich gegen mich zur Vertheidigung stellen, thörichte Dirne?" rief er, „Du Zärtling, die ich zermalme mit einem Druck meiner Hand? Hinweg, oder..." Er wollte nach ihr fassen, aber im selben Nu war auch der Beilhieb niedergesaust — 191 aus das wildromantische Altmühlthal so ziemlich übersehen konnte. Um das Jahr 767 gründete er die ehemalige Bcncdictincrabtci Solnhofen, von welcher er der erste Abt war. Die umwohnenden Heiden wurden bald auf ihn aufmerksam wegen der Wunder, die er wirkte, und ließen sich von ihm taufen. Nach seinem Tode, 794 am 3. December, wurde die Stiftung beträchtlich erweitert und eine Kirche dazu gebaut, welche Bischof Altuin von Eichstärt 819 feierlich einweihte. Die ersten Schirmvögtc (Advokaten) waren die Grafen von Truhcndingen und nach deren Aussterben 1460 die Burggrafen zu Nürnberg. Um das Kloster sammelten sich immer mehr Menschen und bauten sich ihre Häuser daselbst; so entstand allmählig ein Dorf, welches nach dem Kloster Solnhofen — Solenhofcn genannt wurde, und jetzt über 600 Einwohner hat. Als der letzte Probst Wilibald Zelter im Jahre 1534 die Angsburgcr Confession annahm, wurde die Abtei alsbald säcularifirt und die Kirche für den Protestantismus eingerichtet. Der Ort gehörte schon eine Zeit lang der preußischen Krone, 1797 zu Pappenheim und 1804 kam es an Kurbahern, und ist jetzt dem Landgerichte Pappenheim zugetheilt. Der Entdecker des berühmten Schiefers soll eick Knabe sein, welcher die Gcisen des Dorfes auf den Bergen hütete, und zwar zu der Zeit, als die Dcnedictiner daselbst noch waren. Die Steine sind also bereits 400 Jahre bekannt; das Hauptaugenmerk und den jetzigen Ruf aber erhielten sie erst durch die Erfindung der Lithographie von Alois Scnnefelder in München. Sie wandern in die fernsten Länder der Erde, so, daß der Name Svln- hofen weit und breit bekannt ist und immer mehr wird. Man fertigt auS ihnen: Grabsteine, Fcnstergesimsc, Tischplatten, Ofensteine, Fußboden- und Dachplatten; letztere besonders haben einen unermeßlichen Abgang; nur die feinsten werden zur Lithographie verwendet. Der größte Bruch wurde im Jahre 1738 eröffnet, ist aber jetzt ganz ausgebeutet; dagegen ist die ganze Strecke vom Dorfe Mühlhcim bis unterhalb Eichstätt hinab, eine Länge von 7 bis 8 und einer wechselnden Breite von 1 bis 3 Stunden, mit mehr als hundert neuen, theils größeren, theils kleineren Brüchen besetzt. Die senkrecht abfallenden Schuttwälle gleichen einer großen Festung. Der große Bruch war früher Gemeinde-Eigenthum und die damals Markgräflich Ansbachische Regierung vertheilte den Platz an die 64 Gemeinde-Berechtigten bcS Dorfes so, daß jeder eine Breite von 12 Fuß erhielt, innerhalb deren er in die Tiefe und vorwärts, so weit die Formation sich erstreckte, arbeiten durfte. Eine eigene Bcrgordnnng wurde vorgeschrieben, und ein eigenes Bcrggcricht niedergesetzt. Die Hütten, welche jeder Besitzer auf seinen Antheil baute, um die gehobenen Steine zu schleifen und zu bearbeiten, geben dem Bruche ein dorfähnliches Ansehen. Die Schichten des Schiefers liegen zuerst nach der Höhe des Berges aufsteigend, dann aber vollkommen horizontal; zuletzt fallen sie aber nach der entgegengesetzten Richtung ab und lassen das Ende der Formation erkennen. Der Marmorschiefcr ist entweder blaßgelb, grau, blau oder weiß gefärbt. Er bricht von der Dicke eines Karten- blattes, bis zu der von 6 bis 8 Zollen. Täglich sind in sämmtlichen Brüchen über 3000 Menschen thätig, welche über 1500 Ccutner Steine aller Art formen. Der Absatz wird jetzt ein viel bedeutender werden, da durch die bereits begonnene Eisenbahn der Verkehr ein sicherer und wohlfeilerer wird. Etwas Merkwürdiges sind besonders noch die Versteinerungen. Nach dem Urtheile Sachverständiger sind sie von höchst eigenthümlicher Art und meist verschieden von denen der andern Gebirgsformationcn Europa's. Wenn man eine umfassendere Sammlung so vieler origineller Fossilien, wie sie z B. Herr Gcrichtsarzt Doctor Reden- bacher zu Pappenheim hat, sieht, so läßt sich auf eine höchst auffallende Jsolirtheit dieser jedenfalls zur obersten Juragruppe gehörigen Gebilde, so daß dieselben als der eigenthümliche Niederschlug eines vereinzelten großen Salzwaffcrbeckens zu betrachten sind, schließen. 192 Vor vielen Jahren muß hier die Wasserbedeckung sehr hoch und jede äußere Einwirkung ausgeschlossen gewesen sein, da der Kalk, womit die Flüssigkeit geschwängert war, nur bei vollkommener Ruhe in so reichem Maße sich niederschlagen und so regelmäßig schichten konnte. Die Thiere sanken hinab, wurden von dem schlammigen Kalke umgeben und durchdrungen, und mit ihrer der Verwesung trotzenden Hülle im Laufe von Jahrtausenden zu Stein. Man findet Insekten, Reptilien, Saurier und Schildkröten, vielerlei Arten von Fischen und Krustcnthicrcn; das Pflanzenreich liefert mehrerlei hauptsächlich dem Algacitengeschlechte ungehörige Arten. Von Säugethicren und Vögeln wird Nichts entdeckt, noch weniger Knochen von Menschen. Jedenfalls aber ist noch Manches unter den Schichten verborgen, das erst im Laufe der Zeit ausgegrabcn und bekannt wird. (Ein schuldloser Dieb.) Henry Gibbs ist angeklagt, einem Krämer in Moorgate-Street (London) eine Hose gestohlen zu haben. Der Richter findet die vorgebrachten Zeugenbcweise ungenügend und spricht den Angeschuldigten frei. Es wird ihm dies angekündigt und ihm gesagt, daß er frei fortgehen könne, er aber rührt sich nicht von der Stelle. Sein Advokat wiederholt ihm, daß er frei ist, dennoch bleibt er. Der Zuschauerraum hat sich fast geleert, aber er wartet immer noch, bis endlich der Advokat ihn ungeduldig fragt, weßhalb er denn noch zögere. — Weil ich nicht gern früher gehen will, als bis die Zeugen fort sind. — Und aus welchem Grunde? — „Ich habe die Hosen gerade an, welche ich gestohlen habe!" (In vino vsritss.) Im angetrunkenen Zustande tanzt der Franzose, der Spanier spielt Hazard, der Süddeutsche lacht, der Norddeutsche singt wehmüthige Lieder, der Engländer ißt oder schläft, der Italiener renommirt, der Russe wird zärtlich, der Amerikaner hält eine Rede und der Jrländcr fängt Prügelei an. Ein Advocat machte auf seinem Krankenbette ein Testament, und verschrieb sein ganzes Vermögen lauter Narren, „denn," sagte er, „von solchen habe ich es bekommen, und solchen will ich es auch wiedergeben!" Frage: Welcher Unterschied ist zwischen einer Kruppe'schen Gußstahlkanone und einer rothen Nase? Antwort: 'uszuiaZ moa ZvU ohM sig ^mijZ uaa imuioz zuoiwH Charade (AwcistU'ig.^ Zwei Silben sind es, die uns geben Das Wort, w nennt ein Fabrikat, Das Zwar nichts Bittres an sich hat, Doch leicht verbittert dem das Leben, Der nicht befolgt der Weisen Rath. Nur Einer Silbe sich erfreut Das zweite Wort, mit dem wir nennen Ein Möbel, das wir zchiual und breit, Und hoch und niedrig haben können. Wer sich das Erst' bestellt Im Kauf' das ganze dann erhält. Auflösung der Charade in Nr. 22: „Schuldschein." Druck, Derlaa und Redaktion des »terarischen Instituts von 0r. M. Huttler. Nr. S L. 21. Juni 1868, Arrgsburger Gleich ist Alles versöhnt; Wer redlich ficht, wird gekrönt. Göthe. Sanct Jartheünä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) (Diese Erzählung ist Eigenthum des Litcrarischen Instituts von vr. M. Huttler und der Wiederabdruck nur nach vorausgegangenen! Einvernehmen mit demselben gestattet.) V. Sanct Barthelma. Das Grauen des Todes und der Schatten des Grabes lagerten auf der einsamen Felsenhöhle des Kaunstein. Prinz Dietwalt lehnte am Gestein der Wand regungslos, als wäre er ein Theil derselben: wie ein Todter ausgestreckt, stumm und starr, lag Markulf auf den Felsen des Bodens. In der ersten Zeit, als er die Unmöglichkeit des Entrinncns erkannt, war der junge kräftige Bauer in einen Sturm von Verzweiflung und Jammer ausgebrochcn, der die volle Leidenschaftlichkeit seines Gemüthes verrieth: es war, als hatte gewaltsam aufgestautes Wildwasser endlich alle Dämme und Schleusen zerrissen und ergieße sich nun in schrankenloser Wuth, Alles vor sich niederwerfend und mit sich fortreißend. Er zerraufte sich das Haar im Grimm, daß es einem solchen Weibe mit so leicht durchschau- baren Ränken gelungen, das Geheimniß seines Lebens zu errathen und ihn mit so grober List zu ihrem Zwecke zu mißbrauchen: er rang sich die Hände wund vor Verzweiflung, wenn das Bild des Vaters vor ihm erschien, dessen graues Haar er mit Schande überhäuft, dem er einen Verbrecher und Mordgcscllcii zum Sohne gegeben... seine Augen strömten über von Thränen der Wchmuth und des bittersten Schmerzes, wenn er, dem frühen furchtbaren Tode gegenüber, des eigenen jungen Lebens, seiner freventlich dahin geworfenen Kraft gedachte — wenn die Erinnerung jener Liebe vor ihm aufstieg, die z« erringen er sich in diesen Abgrund gestürzt, und der er dennoch auch jetzt nicht zu entsagen vermochte — unberührt von allem Groll stand Placida's reine Gestalt vor ihm und das verklärende Licht der Entsagung, das sie umgab, diente nur, ihm die Finsterniß noch greller zu zeigen, die über ihm zusammengeschlagen. Die Erschöpfung, das Uebermaß des Leidens hatte ihn zuletzt gebrochen und niedergeworfen. Aus seinen verwirrten Ausrufungen, aus den schmerzlich abgerissenen Selbstanklagen erfuhr der Prinz erst den völligen Zusammenhang und Verlauf der Ereignisse: er begriff jetzt, wie es ein wohl bedachter, lang ausgcsonncncr und mit kalter Ucberlegung ausgeführter Plan war, dem er zum Qpfcr gefallen. Darum erkannte er auch mit aller Bestimmtheit, daß es einem so klug vorbereiteten Ueberfalle gegenüber nutzlos war, auf einen zur Rettung offen gebliebenen Ausweg zu hoffen: daß es männlicher und gerathener war, rasch und bald jeden Gedanken des Entrinncns von sich zu werfen. Fühlte er auch seine Adern bei dieser Gewißheit von eisigen Schauern durchrieselt und sein Herz eingeklemmt wie unter einer zermalmenden Dergeslast, war er doch gelassener und gefaßter. 1V4 als bei seinem sonstigen leicht erregbaren Wesen zu erwarten war, und während Markulf ». gleich einem Rasenden wider die Felsen stieß und gegen den, die Eingangsspalte verschließenden Block tobte, bis er in lebloser Betäubung zusammenstürzte, brach der Prinz schweigend auf ein Felsstück zusammen, die beiden Hände vor's Angesicht schlagend: nur die Tropfen, welche einzeln sich zwischen den Fingern hervorstahlen, waren die ver- räthcrischcn Zeugen der Erregung, von der bei der völligen Ruhe des Aeußern sein ^ Gemüth ergriffen war. Nach einiger Zeit der Ruhe und Sammlung erhob er sich mit entschlossener Haltung und trat zu dem Genossen. „Steh' auf, Markulf," überlaste Dich nicht der Mutlosigkeit! Noch leben wir — laß' uns Männer sein, die ihr Leben zu schätzen und zu wahren wissen! Wir wollen uns nicht selbst aufgeben, ehe nicht das Aeußcrste versucht ist!" „Es ist nichts mehr zu versuchen, Herr," erwiderte Markulf düster, kaum vermögend, sich etwas emporzurichten . . . „Wir sind lebendig begraben!" „Wenn wir mit meinem Gefolge nicht zusammentreffen," entgegnete Dietwalt, „wird man uns suchen..." „Suchen — ja, aber nicht finden!" rief Markulf jammernd. „O, daß ich Euch selbst allen Trost nehmen muß! Daß ich es nicht vermag, auch nur einen Strohhalm zu bieten, an den Eure Hoffnung sich klammern könnte! Wie sollten Eure Leute ahnen, daß wir uns hier befinden? Am Watzmann werden sie Euch suchen und wenn sie Euch dort nicht finden, uns für verunglückt halten und verloren geben... Fluch über meine Leichtgläubigkeit," fuhr er in neu ausbrcchendcm Schmerze empor, „Fluch über mich selbst und über jedes unwahre Wort, das meine Lippe sprach! Ich habe der Lüge die Hand gereicht — sie faßt mich daran und reißt mich unerbittlich mit sich in die Hölle — mich, den Treulosen, den Vcrräthcr zu gerechter Qual und Euch, meinen edlen Herrn... Euch, der mir ohne Arg' vertraut... Euch, den Schuldlosen, mit mir!" „Schuldlos?" erwiderte der Prinz leise und sah niit scheuen Blicken um sich. „Sprich das Wort nicht aus, Geselle... es taugt nicht an diesen Ort! Schweige, die Felsen könnten es hören... ich fürchte, sein Hall könnte sie aus ihrem lockeren Gefüge rütteln, daß sie übereinander stürzend uns erst wirklich in sich begraben! . . . Ich darf mich nicht schuldlos nennen — ich wage nicht, zu verdammen, was Du an mir gethan: Du warst nur das Schwert, das mich trifft, die Hand der rächenden Vergeltung ist'S, die es schwingt und lenkt! Ich habe mit Liebe und Vertrauen, mit Treuen und Glauben an die heiligsten Betheuerungen ein frevelhaftes Spiel gespielt . . . darum sind es das Vertrauen auf Dich, der Glaube an Deine Worte, die rasch gefaßte Zuneigung zu Dir, welche mich verderben und an mir zum Rächer werden! Darum komm, Genosse meiner Sühne, wie meiner Schuld und ermanne Dich! Ich ahne, wie Du, daß wir die Schwelle unseres Grabes überschritten haben — aber wenn die dunkle Pforte sich wieder für uns öffnen sollte, dann will ich dieser Höhle eingedenk sein und der Stunden, die ich in ihr vollbracht! Noch einmal, sammle Dich ... die Bosheit meiner Feindin hat uns mit Nahrungsmitteln versehen — wohlan, was sie gespendet, um tückisch unser Leiden zu verlängern, soll uns die Kraft geben, es zu enden! Du bist erschöpft, Markulf... iß und trink, damit Du wieder Stärke findest und Besonnenheit..." „Ich bedarf dessen noch nicht," rief Markulf aufspringend. . . „nehmt Wein und Brod für Euch, Herr... es ist wenig und ist lange verzehrt, eh' Jemand auf den Gc- j danken kommen wird, uns hier zu suchen!" i „Wir wollen rufen," sagte der Prinz, „durch den Felsenspalt wollen wir den ^ Suchenden, wenn sie in die Nähe kommen, zuwinken und ein Zeichen geben!" „Es ist unmöglich ... die Entfernung ist zu groß, die Höhe, in der wir uns befinden, zu riesig!" erwiderte Markulf, an die Oeffnung tretend. „Von hier dringt kein Ton zu den Lebenden hinunter oder er wird unverständlich, daß er unbeachtet bleibt unter ^ den Thierstimmen der Einöde... Kein Zeichen ist von hier aus zu sehen... es würde U 195 verschwinden, wie der Flügel eines vorbeihuschendcn Vogels... aber es sei, edler Herr! Ihr sollt mich nicht klcinmüthig finden! Ich bin es auch nicht — für mich allein bin ich wohl gefaßt, aber den Gedanken, daß es auch Euch treffen soll, vermag ich nicht zu ertragen! Ich will noch einmal versuchen, ob es nicht gelingt, irgendwo einen Ausweg zu erkunden ..., ich will mich hier über den Felsen-Erker hinausschwingcn und an der Steilwand hinunter klimmen... sie ist viel zerklüftet, daß Hand und Fuß wohl Platz findet, sich anzuhalten und aufzutreten..." Mit gewandtem Sprunge stand er bereits auf der Stcinbrüstung, den gefährlichen Weg auszuspähen, aber der Prinz hielt nnd zog ihn kräftigen Armes zurück. „Vergebens," rief er,, „es geht senkrecht hinab, wie eine Thurmwand: Du müßtest die Krallen des Thurmfalkcn haben, Dich anzuklammern... der erste Schritt stürzt Dich hinunter und zerschmettert Dich-... " „Und macht meinem Elend ein Ende!" stöhnte Markulf aus tiefster Brust: der Prinz aber legte ihm die Hand auf die Schultern und sagte leise: „... Und ließe mich allem in noch größerem Elend zurück!" „Ja, Ihr habt Recht, Herr," rief Markulf feurig. „Euch gehör' ich an — Euch allein! So ist kein anderer Gedanke mehr, als daß wir noch einmal versuchen, deu Block am Eingänge wegzubringen ... wohl hab' ich Schwert und Jagdspicß schon zerbrochen über der Arbeit: ich habe nichts als meinen Arm, aber der Stein soll hinweg oder meine Knochen sollen brechen! Stürmisch drang er wieder auf den Fclsblock ein und stemmte sich, von Dictwalt unterstützt, mit aller Gewalt gegen denselben; die Sehnen der Arme schwollen, daß sie zu reißen drohten und der Schweiß troff ihm von der Stirne — umsonst: unbeweglich lastete das Gestein, nach kurzer Anstrengung mußten sie athemlos und erschöpft innehalten, um wortlos, regungslos in die frühere stumme Trauer und Verzweiflung zurückzusinken. In der Höhle ward es noch düsterer, denn die Sonne hatte draußen die Mittagshöhe des Seethals und des Kaunstein überschritten und der Schatten breitete sich über dessen Gehänge... Stunden waren so dahin gebrochen... da fuhr Dictwalt plötzlich aus der Erstarrung auf . .. „Was ist das?" rief er mit erglühenden Wangen .. . „Horch auf, Markulf! Mir ist, als vernähm' ich in den: Gestein ein Knistern, ein leises Rollen..." Auch Markulf hätte aufgehorcht. „Es ist nichts," sagte er dann, „die Felsen des Kaunstein sind wie lebendig und geben allerlei Ton von sich... ich hab' es hundertmal gehört, wenn ich auf dem Waidgauge war. . . Es sind die Schwarzalfcn, die unsichtbar an dem Gestein hämmern ..." „Nein, nein," rief der Prinz aufspringend wieder, „das ist kein Geisterspnck! Höre nur, Gesell... das wiederhole sich! Es dauert fort... Ist es der nahende Tod, der mich mit Wahnsinn täuscht, oder sind das Schritte? ... Ewiger Gott, es ist, es ist! Es sind Stimmen — Laute aus Menschenbrust, was ich vernehme..." „Wahrlich," flüsterte Markulf, um über dem Laut der eigenen Worte nichts von dem Geräusche zu verlieren, das auch ihm nicht mehr entging, „das sind Mcuschen- stimmcn... Sind es unsere Verfolger, welche zurückkehren oder andere? ... Wer könnte sie hieher geleitet haben...?" Beide schwiegen und lauschten angehaltenen Athems... ferne, durch das Gestein gedämpft, ertönte es wie der langgezogene Ruf eines Jägcrhorns. . . Aufjubelnd riß der Prinz das Hüfthorn von der Seite und blies mit Macht hinein, daß das Gewölbe wiedcrhallend erdröhnte... Dann hielt er innc — einen Augenblick waltete drinnen wie draußen das Schweigen des Todes — dann antwortete von draußen das Jagdhorn immer lauter, immer näher und Markulf stürzte zu des Prinzen Füßen, indem er dessen beide Hände erfaßte 196 und unter wieder strömenden Thränen mit unzähligen Kassen bedeckte. „Sie sinds!" rief er außer sich. „Gott weiß allein, wie sie uns gefunden... aber eS ist Euer Gefolge, Herr, — es sind Eure Retter! Ihr seid befreit — geht denn, Herr, und kehrt zum Licht zurück, mich aber lasset hier, überlaßt mich dem Schicksal, das ich verdiene..." Der Prinz zog den Reuigen an seine Brust empor. „Erhebe — beruhige Dich," sagte er herzlich, „denke nicht mehr an das, was uns zusammengeführt: ich habe eS bereits vergessen und Niemand soll von mir Anderes erfahren, als daß es mein eigenes Verlangen gewesen, diese Höhle zu sehen, von der Du mir erzählt! Ich selbst habe Dir befohlen, mich einen anderen Weg als den auf den Watzmann zu führen: meine Schuld allein ist es, daß ich dadurch in die Fallstricke meiner Feindin gefallen... Erwidere mir nichts — ich habe Deine wahre Gesinnung erkannt und weiß nun, wenn ich einmal in meinem Leben eines treuen Mannes bedarf, wo ich ihn zu suchen habe. . . Komm, gereinigt und geläutert laß uns Beide aus unserem Grabe auferstehen..." Markulf vermochte nichts zu erwidern: das herannahende Stimmengewirr ließ ihm keine Zeit, die rechten Worte zu finden... „Hörst Du," rief der Prinz wieder, „sie sind schon am Eingänge... sie haben unsere Spur... sie arbeiten daran, den Block hinweg- zuwälzen... Er bewegt sich, er beginnt zu weichen..." Eine stumme athemlose Pause der Erwartung ... dann ein krachendes Gepalter — und ein Schrei des Entzückens begrüßte den Sonnenstrahl, der durch den Felsenspalt in die Höhle drang. In wenig Augenblicken waren die Geretteten emporgczogen und der Prinz ruhte in den Armen des greisen Herzogs, die ihn nur losließen, um sie mit denen seines Bruders und der fröhlichen Gefährten aus Pavia zu vertauschen. Markulf taumelte, von Licht und Lust wie betäubt den Versammelten entgegen: er fand keinen Laut zu Gruß oder Dank und sank zu den Füßen einer feinen Mädchengcstalt zusammen, in der seine ver- schwimmenden Augen Placida's unschuldsvolle Züge zu erkennen glaubten. Mit fliegenden Worten erzählte der Prinz was geschehen, und vernahm die wunderbare Weise, wie es geschehen, daß er so bald vermißt worden und der Weg zur Rettung so schnell gefunden war. Der Diener und Begleiter des Prinzen, der am Eigelhvfe das Gespräch mit der Longobardin vernommen, hatte darüber geschwiegen, bis er am andern Tage derselben in Verkleidung wieder begegnete. Dadurch aufmerksam gemacht, spähte er ihrem Treiben nach und gewahrte zu seiner Verwunderung, wie sie mit einem jungen Landmann sprach und flüchtige Zeichen eines Einverständnisses wechselte. Als er vollends am Morgen denselben Landmann in dem für den Prinzen erwählten Jagdführer erkannte, mochte er bei längerem Schweigen Gefahr für sich selber befürchten, und entdeckte dem Herzog, was er erkundet. Dieser beschloß alsbald, dem Prinzen nachzueilen, als wolle er selbst Theil nehmen an dem ungewohnten Waidwerk in den Bergen und sich den einsamen Wildsee wieder einmal beschauen. Auf rasch herbeigeschafften Fahrzeugen ging die Fahrt in das schweigende Gewässer hinein, der Atmende am Fuße des Watzmanns zu, denn auf diesem Berge sollte der Verabredung nach die Jagd auf Steinböcke statt haben... bis der Schwan von der Felswand herniedergcschwungen kam, in die unergründlichen Fluthcn stürzend, um daraus wieder aufzutauchen zu Warnung, Heil und Rettung, wie in den Mähren einer untergegangenen Vorwclt. „Nur durch dieß Mädchen," schloß der Herzog, „nur durch ihren Heldenmut!), der sie im Kampfe mit dem Unrecht selbst den Tod nicht scheuen und den entsetzlichen Sprung wagen hieß — nur durch sie ward es uns möglich. Dich aufzufinden, ehe Du in dem furchtbaren Gefängniß verschmachtet bist oder in der Verzweiflung Hand an Dich selber gelegt hattest. . . Wir hörten ihren Ruf hoch über uns, sahen ihre Verfolger hinter ihr und sahen, von Staunen und Entsetzen beinahe versteinert, wie sie vom Felsen sprang und in die Secfluth niederfchwebte gleich einem Geiste, von den flatternden Enden ihres Gewandes wie von weißen mächtigen Fittigen getragen . . . Wir bargen dies vom 197 Schrecken des Falls, wie vorn Ringen mit dem Waffer fast leblose Mädchen im Kahn und trieben die Kähne zu schneller Landung an der Wiesen-Almende; zu sich kommend, erzählte sie unö dort, was ihr begegnet war und lenkte unsern Weg nach dem Kaunstein, weil sie aus den Reden der Fremden entnommen, daß sie Dich dahin gelockt und einem entsetzlichen langsamen Tode bestimmt habe . . . Mein reichlichster Dank soll ihr dafür werden!" „Aber wo ist die kühne Magd?" fragte umherblickend der Prinz. „Mich drängt eS, sie zu kennen und ihr zu danken!" Alle folgten der Richtung seiner suchenden Blicke; auch Markulf, der zu sich gekommen, mit erglühenden Wangen zugehört und zu seinem Befremden nicht Placidas holdes Antlitz über sich erblickte, sondern die derben gehärteten Züge des Freibauern vom Eigelhofe. „Die Dirn' ist lange fort," sagte Eigel, „wie der Felsen geöffnet ward, ist sie ihres Weges gegangen und gewiß zu ihrer Hcerde und Sennhütte zurückgekehrt ..." „So laßt uns eilen, ihr zu folgen," riefen Dietwalt und der Herzog, „sie soll sich unserem Dank und ihrem Lohne nicht entziehen!" Schnell war der Zug gesammelt und geordnet; begrüßt vom Zuruf der getreuen Waffenleute, vom Klirren der aneinander geschlagenen Wehren schritten die Fürsten den wüsten Bergpfad hinab. Beklommenen Gemüths folgte Markulf: „Sie also war es, die mich gerettet," grollte er, „aber sie ist fort, eh' ich wußte, was sie für mich gethan — sie verwirft meinen Dank, wie sie meine Liebe verschmäht!" Der Wiederhall in der Seeschlacht wachte auf und trug den Jubelruf gebrochen und vervielfacht an den steilen Bergwänden dahin — er dröhnte auch hinüber, wo die Sagereckerwand in den See abfüllt, zu der die riesige Wcttcrtanne, unter deren dichte, wie ein Zelt den Boden streifende Zweige Alboin und Amalaswintha sich geborgen hatten. Knirschend in ohnmächtiger Wuth hatte die Longvbardin gesehen, wie ihre Feindin, die Vcrrätherin ihres Thuns, in das Schiff aufgenommen wurde. „Er triumphirt!" rief sie und streckte die beschwörenden Arme wie herausfordernd gegen Himmel. „Kannst du das sehen, du Himmel, und blauest fort und schwärzest dich nicht mit dem Gewölk deS Donners, seinen Blitz hernieder zu senden? Schaut Ihr das mit an, Ihr Berge, und schüttelt nicht die Fclsenhäupter, sie über ihn herab zu stürzen? Aber er soll nicht! Ich will hinüber! Eh' sie zu ihm gelangen, will ich den alten Weg zurück und renne ihm den Dolch in's meineidige Herz! . . ." (Fortsetzung folgt.) Haifische in der Walfischhay. Die Walvisch- oder Walfischbai liegt an der Westküste von Süd-Afrika, etwa unter 220 57 / sMichxr Breite und hat sich, wie die meisten Buchten jenes Theils von Afrika, hauptsächlich dadurch gebildet, daß die vorherrschenden Südostwinde den lockern Sand deS Binnenlands von den vorspringenden Landzungen hinweggefegt haben, bis er Parallel der Küste Untiefen und Sandbänke gebildet hat und nun Lagunen und Buchten umschließt, welche Fahrzeugen von mäßigem Umfang zu allen Jahreszeiten einen sichern Ankergrund zu bieten vermögen. Verschiedene derartige Buchten und Lagunen sind nur von Schiffern bewohnt, welche von Kaufleuten in der Kapstadt beschäftigt und durch die gelegentlich hier anlegenden Schiffe, welche den Ertrag ihrer Arbeit abholen, mit den erforderlichen Lebensbedürfnissen versehen werden. Andere solche Buchten dagegen dienen als Ausgangspunkte für Händler und Reisende, welche sich in das Innere von Südwest-Afrika wagen wollen, und die Walsischbai insbesondere ist der Hafen, von wo aus die Hauptstraße durch die Länder der Damaras und Namaquas nach der Ovambogegend und den Landstrichen am Ngami- Sre und Zambesi-Strom ausgeht. Der Hauptgegcnstand der Fischerei an der Wallfischbai sind die Steinbrassen, der Snug und Cabaljao (nicht unser Kabeljau, sondern ein sehr großer, grobfaseriger Fisch, dessen Name wahrscheinlich von dem portugiesischen Wort eubullio, Pferd, herrührt) außerdem aber auch das kapische Meerschwein (Llioouenu cupensis), die Seekuh und andere Delphinarien, welche ihre Beute bis beinahe auf den Strand hinausjagen. Die vorzugsweise Aesung dieser großen Delphine besteht aus dem Gallcon und einigen anderen kleineren Fischen, welche, wenn sie von jenen Meeressäugethieren verfolgt werden, drei bis vier Meter hoch aus dem Wasser aufspringen wie der Lachs. Es kommt daher nicht selten vor, daß bei solchen verzweifelten Sprüngen der Fisch und der Delphin mit einander auf dem Sande stranden. Die Seekuh oder der kapische Delphin bildet immer ein verlockendes Ziel für die Büchse irgend eines Jägers oder Reisenden, welcher gezwungen in der Bucht warten muß, bis man ihm seine Zugthiere von den entlegenen Weiden im Innern geholt hat. Zuweilen werden solche Delphine so nahe am Lande tödtlich getroffen, daß die nächste Woge sie vollends auf den Sand hereinträgt und halb stranden macht; gewöhnlich aber wird man ihrer nur habhaft, wenn der Schuß tödtlich war, denn so lange sie noch nach dem tiefern Wasser entkommen, ist ohne eine Harpune mit starker Leine nicht daran zu denken, daß man sie erlange. Die Gewässer der Walsischbai beherbergen verschiedene Arten von Haifischen. Der flache Sandkriccher, auch Geige oder Engelfisch genannt, Lciuatinu an^sius, ein 7—8 Fuß langer, gefräßiger und äußerst häßlicher Hai, schwimmt bis zum Wasserrande heran, huscht aber flink davon und läßt ein trübes Kielwasser hinter sich, wenn man an ihm vorüber kommt. Andere Haie, von 3 — 4 Fuß Länge, kommen so nahe heran, daß Personen, welche bis um die Kniee im Master waten, sie mit einer Harpune spießen können; ja zuweilen zeigen Haie von größeren Dimensionen ihre schausclförmigcn Schnauzen sogar zwischen dem Strande und dem unvorsichtigen, im seichten Master watenden Fischer, der nicht aufmerksam genug oder nur darauf erpicht ist, sich eine genügende Anzahl Schollen oder andere Plattfische für sein Mittagbrod zu harpuniren. Bei ruhiger See an windstillen Tagen sieht man häufig die dreieckige Rückenflosse der größeren Haifischarten über der Wasserfläche erscheinen, gefolgt von einem beinahe ähnlichen dreieckigen Theile des obern Flügels der Schwanzflosse; beide durchschneiden dann behend den ruhigen, blauen Spiegel des Meeres, während der Eigenthümer dieser Flossen unter demselben hingleitet. Die Fischer ziehen dann mit Haken und Leine aus und bald sind die Boote mit einer Anzahl Exemplare des blauen oder plattnasigen Hai, des stachclrückigen oder Alligatorhai, dcS Specrhai oder Menschenfressers, einer gemeinen Art von Hai, welcher viele Aehnlichkcit mit dem Hundc-Hai (Hczstliuin rnoluslomum) der britischen Küsten hat, und mit kleineren Arten von Haien gefüllt. Das Fleisch aller dieser Arten ist zwar eßbar, aber es ist hier nicht üblich, sie zu verspeisen, und man begnügt sich daher damit, ihnen die Lebern herauszuschneiden, welche einen vorzüglichen Thran geben, und etwa auch Stücke von dem weichen Bauch hcrrauszutrennen, deren man sich als Köder beim Fischen bedient. Eines TagcS sah ich ein Fischerboot von einem Ausflug nach der Pelikanspitze zurückkehren, plötzlich aber aus halbem Wege die Segel einziehen und die Mannschaft sich auf einen Kampf mit einem dieser Mcercsungehcucr einlassen, welches mehr als halb so lang war, wie das Boot. Einige zogen die^ Leine der Harpune ein, womit der Hai angespießt war, und das biegsame Eisen derselben schwankte und zitterte wie ein Draht. Der Hai Peitschte in seinen krampfhaften Versuchen, sich zu befreien, das Meer in kar- moisinrothcn Schaum, aber der Bootssührcr wußte ihm bei jeder Gelegenheit durch Stoß und Stich üiit seinem langen Kappmcsscr Wunden beizubringen, welche so tief waren, daß sie den Hai widcrstandSunfähig machten. Nachdem die Fischer den Hai an den Strand gezogen, ruderte das Boot noch einmal hinaus, erlegte noch einen Hai von beinahe derselben Größe und würde wahrscheinlich noch einige weiter gefangen haben. wenn sich nicht der Wind erhoben, den Meeresspiegel gekräuselt und hicdurch die Bedingungen für glückliche Verfolgung erschwert hätte. Diese beiden Haie wurden von den Fischern Knochenhai genannt, weil die Knochen noch so weich und knorpelartig sind, daß man mit einem scharfen Messer die Rückenwirbel rein durchschneiden kann; sie waren auf dem Rücken und an den Seiten dunkelgrau oder schieferfarben, am Bauche aber wie gewöhnlich weiß. Die auffallendste Eigenthümlichkeit aber, welche ich niemals zuvor an einem Hai bemerkt hatte, war, daß der Hintere Theil des Körpers sich nicht wie gewöhnlich rasch verjüngte, sondern sich mehr in die Breite ausdehnte, dagegen an Dicke verhältnißmäßig abnahm. Der Schwanz war einen vollen Fuß breit und nur vier Zoll dick, — eine ganz vortreffliche Anordnung, um dem Schwanz die größtmögliche Kraft zur Austheilung eines Schlages nach der Seite zu geben, ohne daß das Wasser demselben erheblichen Widerstand entgegensetzte. Ich habe nur beim Delphin und Meerschwein eine ähnliche Anordnung bemerkt; aber bei diesen Mecressäugcthicren sind die beiden Flügel der Schwanzflosse horizontal angebracht, der Schlag daher vertikal und die Dicke des Körpers am Schwänze weit größer als die Breite. Die Fischer zeigten mir auch eine merkwürdige Erscheinung beim Hai: wenn man ihn nämlich auf der Seite unter der Bauchflofse berührt, so wird dadurch eine krampfhafte Bewegung derselben hervorgebracht, selbst wenn das Leben in dem Hai schon so weit erloschen ist, daß keine noch so rohe Behandlung an irgend einem andern Theil des Körpers noch das geringste Lebenszeichen hervorruft. Der größte Hai, welcher damals gefangen wurde, maß zwölf Fuß und drei Zoll in der Länge, der andere blieb nur um einige Zolle hinter jenem zurück, und später ward noch ein größerer gctödtet, dessen Maßverhältnisse ich jedoch vergessen habe. Der aus den Haifischlcbern gewonnene Thran wird mit 30 Pfd. Stcrl. per Tonne bezahlt, und die Fischer erklärten, der Fang der Haie verlohne sich weit besser als die regelrechte Fischerei. Die Leber des einen Hai füllte einen großen Korb, und zwei sehr stämmige Namagnas vermochten ihn kaum fortzuschleppen. Der Magen enthielt einen Steinbrasscn von 3 — 4 Fuß Länge, der nur ein einziges Mal in der Mitte entzwei gebissen war. Die Haut desselben war schon theilwcise verdaut; aber der Fisch selbst erschien noch ganz frisch, als ich ihn a ifschnitt. Ich nahm eine Anzahl Schmarotzerthiere vom flachen Theil des Körpers nahe beim Schwänze hinweg, da, wo die eigene breite, abgeplattete Gestalt jener Kruster sie in den Stand setzte, sich fest an den Hai anzusetzen, ohne Gefahr zu laufen, wieder weggespült zu werden. Als ich im November 1864 in dem Barkschiff „Gute Hoffnung" auf der Heimfahrt begriffen war und wir in der felsichten Bucht von Angra Pequena lagen, beobachtete man in geringer Entfernung von nnS einen Hai von derselben Art. Der Maat sprang so gleich mit einigen Freiwilligen in's Boot, sie verfolgten und harpunirten den Hai, waren aber in Ermangelung von andern Waffen außer Stande, denselben umzubringen oder das gewaltig zuckende und um sich schlagende Geschöpf zu sichern, welches bei den gewaltigen, heftigen Anstrengungen, welche es machte, um sich loszureißen, sowohl die Sicherheit des Bootes als das Leben der an Bord desselben Befindlichen in hohem Grade gefährdete. Kapitän Scheel ließ sogleich das Quarterboot aussetzen und ruderte dem andern zu Hisse, und nach mehreren vergeblichen Versuchen gelang es endlich dem Oberfischcr Lodewhk Dante dem Hai eine zweite Harpune in den Unterkiefer zu schleudern, während der Maat der Crcatur gleichzeitig eine Tauschlinge um den Schwanz warf. Das Mecresungcthüm erschien, nun, an drei Stellen seines Körpers festgemacht, ganz hilflos; wir streckten es zwischen den beiden Booten aus und zogen eS im Schlepptau nach dem Schiffe hin, während es mit ohnmächtiger Wuth zu uns heraufglotzte, seine milchweißen Kinnladen aufriß und uns in denselben fünf Reihen kleiner, scharfer, sägcnartig gestellter Zähne wies. Schon beim Anblick des Hai durchrieselte es mich eiskalt, als ich ihn auf kaum anderthalb Fuß Entfernung an dem kurzen Eisen der Harpune hielt, die wir ihm in die Kinnlade geworfen 200 hatten, während die Leine der Harpune gleichzeitig als weiteres Sicherungsmittel einige Male um einen Koveinnagel 0 geschlungen war. Die Brustwehr der Fallreepstrcppc wurde auSgehobcn, ein starkes Tau als Winde- leine von der obersten Mastspitzc herunter gelassen, und ein Dutzend stämmig er Matrosen hißten ihn an Bord. Die Leber ward wie gewöhnlich herausgetrennt und zu Thran ausgcschmolzen. Man hat mich versichert, daß man schon oft 130 Gall onen Thran von einem einzigen Hai gewonnen habe. Wir kosteten das Fleisch, welches wie grobfaseriges Ochsenflcisch aussah, aber ungefähr den Geschmack von Schildkröten fleisch hatte, welches man nach Art der Wilden roh auf der Kohlcnglnth geröstet. Die än ßerste Länge des Hai betrug 18 Fuß und 1 Zoll, der größte Durchmesser 6 Fuß 4 Zoll, die Höhe des obern Flügels der Schwanzflosse 3 Fuß 7 Zoll, die Höhe des untern Flügels 2 Fuß. Weitere Beobachtungen vermochte ich kaum zu machen, weil der Maat in seinem Eifer, das Verdeck frei zu machen, den Cadavcr bald hatte über Bord werfe» lassen. Man hat übrigens noch größere Haisische gefangen; einer, welchen die Mannschaft der „St. Helena" in der Tafelbai erlegte, soll volle 27 Fuß, und ein anderer, welchen Fischer vor einigen Jahren in derselben Bucht harpunirten und am Strande zeigten, soll nahezu 30 Fuß in der Länge gehabl haben. Ich erinnere mich noch, daß eines Tages im Meerbusen von Capcntaria, an der Nordküste von Australien, während einer Nacht einer unserer stärksten Haken, den wir hatten über Bord hängen lassen in der Hoffnung, Gruudhaie zu fangen, gerade gebogen und abgebrochen worden war. An einem windstillen Tage arbeitete ich gerade an einer Zeichnung auf dem Verdeck, als ich durch ein Geschrei aufgeschreckt wurde. Die Leute sprangen in's Takclwerk hinauf und als ich der Richtung ihrer Blicke folgte, erblickte ich ein solch gewaltiges, monströses Geschöpf, daß ich es anfangs für einen echten Walfisch hielt, bis seine vertical stehende Schwanzflosse und sein allgemeines Aussehen mich überzeugten, daß es ein Hai war. Seine breite flache Nase, beinahe derjenigen einer Barbe ähnlich, mußte eine Breite von mindestens 6—7 Fuß, seine ganze Länge weit mehr als 20 Fuß betragen haben, und sein wirklicher gewaltiger Umfang erschien noch größer durch den Umstand, daß um ihn her ganze Schwärme kleinerer Haie, von acht Fuß und mehr, sowie ganze Schaarcn von Rcmoren oder Saugfischcn von mehr als drei Fuß Länge und von unzähligen Lootscnfischcn lustig hcrumtummelten. Alsbald wurden unsere größten und stärksten Haken bcködcrt und über Bord geworfen, unsere Büchsen geladen und schußfcrtig gemacht, um auf die Haie zu feuern, sobald sie angebissen haben würden; allein das riesige Mecresungcthüm schwamm gemächlich von unserm Stern hinweg und wir verloren es binnen Kurzem aus dem Gesichte. An einem kleinern Hai von etwa 10 Fuß Länge, welcher in der Walfischbai gefangen worden war, hatte ich Gelegenheit, das Maul und Gebiß genau zu untersuchen und mir namentlich die fünf Reihen dicht beisammen stehender scharfer und sägenartig angeordneter Zähne zu betrachten, die auf einer knorpeligen, beweglichen Leiste stehen, welche der Hai nach Belieben aufrichten oder umklappen kann, als ob sie in einem Charnier liefe. Diese Zahnrcihcn sind gewöhnlich umgelegt und nach rückwärts gekehrt, richten sich aber in dem Augenblicke auf, wo der Hai seine Beute ergreift. Ich habe das Spiel dieser Zahnleistcn, ihr willkürliches Auf- und Zurückklappcn ganz deutlich an jenem verendenden Hai beobachtet, welchen wir in der Bucht von Angra Pegncna gefangen hatten, wie ich oben erzählt. Es sah förmlich aus, als ob die Zahnleistcn seines Gebisses sich gleichzeitig mit seinem Athem und unter dem Druck seines Schnaubend vorwärts und zurück bewegten, während aus dem starren Fischauge ein düsterer Ingrimm glotzte. 0 Koveinnägel heißen die Zapfen, Waran das laufende Takclwerk befestigt wird. Druck, Aerlaa und Redaktion deS ttierarische« JastnulS von vr. M. Huttler. Nr. SS. 28 . Juni 1868 . » Augsburger Sonntags-BIatt. Mann mit zugeknöpften Taschen! Dir thut Niemand was zu lieb; Sanct Aarthelmä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Schluß.) Des alten Waffenmeisters kräftiger Arm hielt die Fortstürmende zurück. „Bist Du von Sinnen, Herrin," sagte er, „daß Du Dich den Feinden selbst überliefern willst? Sie werden jetzt mit den Fahrzeugen an der Ebene landen, wo die tolle Dirne gehaust; sie werden dort eine Weile bleiben müssen, bis das Gefolge des Prinzen sich gesammelt hat, bis das Mädchen im Stande sein wird, ihnen Auskunft und Anschlag zu geben, dann wird es ihr Erstes sein, daß die Einen nach der Berghöhle eilen — Andere werden hichcr kommen, unsere Spur zu verfolgen. . . Dem müssen wir vorbeugen und ausweichen, Herrin ... in ihrem Rücken wollen wir uns auf die Höhen gegenüber zurück- schleichcn — die Höhle selbst soll uns für die ersten Tage zur Zuflucht dienen, denn dort — darauf kannst Du sicher bauen! — dort suchen sie uns sicher nicht und sollten sie es thun, so ist der Zugang dahin so schmal und beschwerlich, daß es ein Leichtes ist, ihn völlig unwegsam zu machen ... es gilt nur, ein paar tüchtige Blöcke loszumachen und hinabzurollen..." „Thu, was Du willst," erwiderte Amalaswinth, bei welcher die erste heftige Aufregung bereits einer nicht minder starken Abspannung und Theilnamlosigkcit zu weichen begann, „sorge für Dich, Alboin — ich bleibe hier, ich weiche nicht! Mögen sie mich fahnden . . . was kann mich Schlimmeres treffen, als der Tod! Ich habe mein Ziel Verfehlt, meine Hoffnung verloren/. . was liegt mir noch am Leben!" „Warum verloren?" fragte hastig der Alte hinwieder. „Was einmal mißglückt ist, kann ein andermal gelingen ... ist Deine Rache Dir wirklich ein so großes und wichtiges Geschäft, so zeig' es, Herrin, und rette Dich für sie!" „Recht," rief Amalaswinth aufathmend, „Du hast das rechte Wort gesprochen — das gibt mir das Leben wieder! Voran, Alboin, ich will Dir folgen... ich will mich für meine Rache erhalten! Mag er mir diesmal entrinnen — meine Hand rastet nicht, sie faßt ihn wieder und hat sie ihn erreicht, dann soll sie ihn desto sicherer, soll ihn unentrinnbar treffen!" Hastigen Schrittes folgte sie dem Alten, der behutsam spähend und mit Vorsicht jedes Geräusch vermeidend, an den unteren Bcrghängen des Watzmann dahin einen kaum für das flüchtige Wild gangbaren Pfad suchte, dann den Eisbach überschritt und sich wieder aufwärts wandte, vom Rücken her ansteigend die Sagercckcrwand zu erreichen. Die Ermüdung, welche bei Amalaswinth nach allem Erlebten zu Tage trat, hatte sie gezwungen, unter der Tanne Halt zu machen; dort erreichte sie der Ruf der mit den Geretteten fröhlich Zurückkehrenden; von dort lauschte Amalaswinth behutsam sich vorbeugend hernieder, und sah tief unter sich den Gehaßten mit seinem Gefolge r. 202 vorüberziehen ... »Geh' hin,- murmelte sie vor sich hin, „wenn nicht diese Berge mich decken, begegnest Du mir wieder..." Indeß sie nun in weitem Bogen dem Kaunstein zuschritten, kam zu demselben Ziele von anderer Seite ein anderer Wanderer gegangen; ses war der alte Chriembcrt, der in voller Waidmannsrüstung den wohlbekannten Pfad so eilend dahin schritt, als es die Beschaffenheit desselben und das tiefe Nachsinnen gestattete, in das er versunken war. Verschiedene widerstreitende Gedanken kreuzten sich unter dem schlichten weißen Haar und der sorgengesurchten Stirne: es wollte ihm nicht klar werden, was er von Allem zu denken habe und was die in solcher Hast befohlene Zagdfahrt zu bedeuten habe. Der Herzog hatte alle seine Mannen zu dem Waidgange aufgeboten, und besten eigentlichen Zweck gegen Jedermann verborgen, dennoch konnte es nicht fehlen, daß Andeutungen zu Gedanken wurden, daß aus verlorenen Worten Vermuthungen entstanden, daß das dunkle Gerücht ging, es gelte den Prinzen zu retten, der von einer großen Gefahr bedroht sei. Wenn das Wahrheit war, welche Gefahr sollte das sein? Drohte sie Beiden, so stand auch für ihn das Werthvollste, das Leben des einzigen Sohnes auf dem Spiel, der ja als Begleiter und Führer mit ausgezogen . . . sollte sie dem Prinzen allein gelten, was war dann mit Markulf geschehen, der ihm zu Schutz und Schirm dienen sollte... wie der dunkle Wolkcnsaum eines am Horizont sich ansammelnden Gewitters stieg eine finstere unheilvolle Ahnung im Hintergründe seines offenen arglosen Gemüthes empor... Wies er auch jeden Gedanken, der eine Beschuldigung Markulf's enthalten konnte, mit ungläubiger Entrüstung schon im Entstehen zurück, weil er ja Sinn und Gemüth des Sohnes zu gut kannte, um nicht zu wissen, daß er trotz aller auflodernden Raschheit unfähig war zu jedem unedlen Thun — so kehrten ihm doch die Gedanken wie in verzaubertem Zirkel immer wieder zum gleichen Ausgangspunkte zurück, und er wußte selbst nicht, wie es geschah, daß ein unheimliches Frauenbild immer und immer wieder sich unter die ihm unklar vorschwebenden Gedanken drängte. War es die Gestalt der verhaßten Walchendirne, die das Herz des Sohnes an sich gekettet mit geheimnißvoller Macht? Oder war es eine andere unheimliche Erscheinung, ein gewaltiges reckenhaftes Frauenbild, das ihm vor wenigen Tagen auf einsamer Bergwanderung unerwartet, als wäre sie aus dem Boden gestiegen, in der Bergwildniß des Kaunstein in den Weg getreten war, und zuerst wieder die Erinnerung an das Walten und Schalten der Wal- kyren und Schwanenfrauen in ihm hervorgerufen hatte? Ging doch eine dunkle Sage, daß ein Weib den Prinzen bedrohe, ... das Weib war zwar, wie sie gekommen, verschwunden, als hätte sie sich in die Luft geschwungen, doch hatte der flüchtige Anblick genügt, ihn das Schwanengeficdcr um ihr Gewand erkennen zu lasten. . . sollte Markulf trotz seiner Warnung der Unheilvollen verfallen sein?... Also, schwankend zwischen Zweifel und Hoffnung, unstet bewegt von Beruhigung und Sorge, hatte der Alte eine Hochebene des Gotzcnbergs erreicht, welche weithin von wüstem pflanzenloscn Stcingeröll bedeckt, einem Göttcrbilde zum Standorte diente, das aus übereinander geschichteten Trümmern aufgebaut wüst und finster in die unwirthliche Oede empor ragte. Schon damals hatte das Götzenbild zu zerfallen begonnen: jetzt ist es längst bis auf die letzte Spur vernichtet und nur der Name des Bergrückens hat vielleicht eine schwache Erinnerung daran aufbewahrt. Am Kessel, wo der Bergbach sich sein Felsenbett gewählt hatte, war Chriembcrt gelandet; eine dunkle unerklärliche Ahnung trieb ihn, von dort hinan zu steigen, und so den übrigen entgegen zu kommen, welche, wie es hieß, bis zur Walchen-Almende schiffen und dann vom Watzmann an im Ring die Berge durchforschen sollten . . . dort, in jener Umgebung war ihm das Zauberweib begegnet, dort mußte sie Hausen, dort mußte es jedenfalls am Ersten gelingen, ihr nahe zu kommen und ihre Zauber zu vernichten. Wohl bekannt mit jedem Weg und Steg über den Götzen, die er so oft begangen, daß er sich's vermessen wollte, sie bei finsterer Nacht zu finden, hatte er des Pfades, den 203 er beschulten, über seinem Sinnen und Denken nicht mehr geachtet, als er Plötzlich um sich schauend zu seiner Verwunderung gewahrte, daß er dennoch vom rechten Steige abgekommen war: er stand in Mitte eines Felsenrings, der ihn nach allen Seiten umschloß und sogar den Ort nicht mehr erkennen ließ, durch welchen er in die Enge hereingekommen. „So geht es," brummte er in den Bart, „wenn man den Gedanken nicht Zügel anlegt und Zaum — sie kommen auf Abwege und führen die Füße mit! . . . Dort drüben," fuhr er fort, nachdem er zum Himmel empor geblickt und den Sonnenstand betrachtet hatte, „nach dem Morgen hin liegt der See, und hier schräg über, nach dem Untergänge zu muß der Kaunstein sein: wär' ich nicht zu nahe daran, ich müßte sein riesiges Krummhorn vor mir sehen... Ich denke, wenn ich gerade darauf los in die Felsen gehe, wird es wohl durchzukommen sein, und ich muß nicht weit vom Fuße des Hornes stehen. . ." Der Gedanke war so schnell ausgeführt, als gefaßt, aber ohne den erwarteten Erfolg, wenn es auch gelang, zwischen den Felsen, die wie ein Stein- geländer sich aufthürmten, sich hindurch zu zwängen. „Ha, die Aussicht öffnet sich schon," sagte Chriembert, durchschlüpfend — „da liegt der Eisriese schon vor mir und läßt die Zackcnkrone im Sonnenscheine funkeln! Sonderbar — diesen Weg bin ich nie gekommen, von dieser Seite habe ich den Kaunstein noch nie erblickt! Was für ein loses Geklüfte... es sieht sich an, als wär' es ein Haufen lockeren Gesteins, das man übereinander geschüttet... Beim Donner, sehe man unten, wie es mit dem alten Gesellen beschaffen ist, ein Jeder würde Dank-Runen an den Weg legen, der glücklich darunter weggekommen! . . . Aber wie komme ich von hier wieder weg und weiter?" fragte er sich selbst, indem er mit unruhigem Staunen umherblickte. „Ich will mich an diesem Zacken hinunter lassen... die Platte unten ist breit und bequem: dort, an der Schneide, bei dem Vorsprung, muß sich ein Pfad geben... Ich sehe die Spuren, daß hier Steinböcke heimsen... Hoho, wo der Langbart Platz findet, werde ich auch nicht zurück bleiben!" Rasch wurde der Stachelstock in die Tiefe auf die Felsplatte geschleudert; der Rückcnsack folgte nach— Bogen und Köcher, hoch in den Nacken geschoben, hinderten den Gewandten nicht, hinab zu klettern und von der letzten Felsritze aus in mächtigem Sprunge den Boden zu erreichen. Nasch trat er an den Abhang vor, aber so vertraut sein Auge mit dem Anblick von Schluchten und Abgründen war, trat er doch unwillkürlich wie schaudernd und schwindelnd zurück, ... wohl stieg der Kaunstein in seiner ganzen Furchtbarkeit vor ihm empor, aber zwischen demselben und seiner Platte öffnete sich ein Felsen- schlund, dessen Grund für das Auge unerreichbar war und aus dem das DonnergcbrauS eines unten herausstürmenden Wildbachs nur wie leises Rauschen herauf tönte -— die Wände desselben stürzten glatt und senkrecht ab, kein noch so gewagter Sprung trug über die entsetzliche Tiefe: nicht nach vorne, noch zur Seite gab es einen Ausweg, und die Wand, über welche er herabgeklcttcrt war, stieg nun im Rücken so unnahbar steil empor, daß es unbegreiflich war, wie ein Mensch vermocht hatte, sich daran herunter zu lasten, ohne auszugleitcn und zerschmettert zu werden. „So hast du dich auch einmal vollständig verstiegen und verirrt, alter Thor," rief Chriembert, „. . . Du bist in der Felsenwildniß eingeschlossen und abgesperrt von den Menschen und von der Welt..." Er sprach es mit einem Tone, der munter klingen sollte, und um seine bärtigen Lippen zuckte es wie ein Lächeln, aber an das starke Herz pochte doch zum erstenmal im Leben etwas, das nahe mit Besorgniß und Schrecken verwandt war. Der Eindruck steigerte sich und wuchs wie das dem Gewitter voranzichende Lüftchen, das erst zierlich mit den Wipfeln und Laubkronen spielt, schneller und schneller einher- sausend, bis es zum Sturme, zum Orkane geworden, der die Stämme bricht und die Wurzeln aus dem Grunde hebt. Zu dem noch unbestimmten Gefühl der eigenen schweren Gefahr gesellte sich die Sorge, daß einem andern, ihm theuren Leben schweres Unheil bereitet werde... die Sorge wurde zur Unruhe und die Unruhe zur Angst, welche jeden Tropfen im Blute gerinnen, jedes Haar auf dem Scheitel sich erheben macht. 204 Drüben, jenseits der Schlucht, am Fuße des Kaunsteinhornes, wurden Amalaswinth und Alboin sichtbar, und begannen sofort ihr geheimnißvolles Werk: verwundert, bebend vor Erregung sah Chriembert ihnen zu — unbekannt mit dem, was geschehen war, wie mit der bereits gelungenen Befreiung der Gesuchten, fehlte es ihm an jedem Anhalt, das sonderbare Beginnen zu erklären: doch dämmerte eine Ahnung der Wirklichkeit in ihm empor, hinreichend, ihn vom Wirbel bis zur Sohle mit Entsetzen zu fülleu... es mußte ihm scheinen, als sollte das, was bereits vereitelt war, erst in's Werk gesetzt werden. . . „Ist das nicht das fremde unheimliche Weib, von dem sie erzählen?" . . . rief er. „Es ist dieselbe, der ich in der Oedenei begegnet bin! Was schafft sie für elendes Neidings- werk mit ihrem Zaubergesellcn? . . . Dort, wo sie sich mühen, muß der Eingang in die Awergenhöhle sein... ich sehe den Wildpfad, der daneben vorbei in's Thal führt... Sie rollen Blöcke zusammen, als suchten sie den Weg zu verrammeln! . . . Oder wollen sie die Höhle schließen. Jemand gefangen zu halten für ewig? Gilt es wohl gar, einen Blutenden, einen Todten zu verbergen, daniit der Rächer seine Spur nicht finde? . .. Und ich kann nichts thun zur Rettung... auf diesen Felsen gebannt muß ich ohnmächtig sehen, was geschieht und kann eS nicht wehren! Ich fühle in der Brust den gewohnten Muth, die alte Kraft in der Faust... ich kann sie nicht gebrauchen, um zu helfen. . . hier, auf dem öden Felsen bin ich angeschmiedet, wie der Wolf an der Kette ... ich kann nur heulen, die Zähne fletschen und im Ingrimm in meine eigenen Bande beißen! . . . Aber ich will nicht!" schrie er mit einer Stimme, die oft im Gefecht den Feind schaudern gemacht. „Ich will hier nicht zu Grunde gehen, will nicht müßig zusehen, wie meinem Markulf, meinem Blut Unbill widerfährt... ich breche mir die Bahn hinab..." Sein Angesicht war tvdtenfahl geworden, aber das Blut trat ihm in die Augen und röthcte sie, seine Muskeln spannten sich an wie in willenlosem Krampf und mit der sinnlosen Wuth des Berserkers stürzte er sich auf einen der Felszacken am Rande, faßte ihn und rüttelte daran mit einer Gewalt, der er hätte weichen müssen, wäre er etwas Anderes gewesen, als festgcwachsenes Gestein. Er mußte ablassen, drückte in ohnmächtigem Grimm die Ballen der blutenden Hände an die flammenden Augen, dann drohte er mit der Faust in den Himmel empor. „Wo bist du, Donner, wenn du deinen Alten nicht hörst? Wirf deinen nutzlosen Hammer hinweg, wenn du die Macht nicht hast, ihn auf das Zaubervolk dort hinunter zu schleudern, daß er sie zerschmettert! Ich verlache dich, du ohnmächtiger Gott . . . hier bin ich und höhne dich in's Angesicht, triff mit deinem Blitze mich, wenn ich an dir frevle..." Außer sich stürmte er wieder dem Rande des Abgrundes entgegen — er sah die Beiden drüben noch immer mit dem geheimnißvollen Werke beschäftigt: er erhob sich, um aus voller Brust hinüber zu rufen, aber der Laut erstarb ihm in der Kehle — ein feines fernes Klingen wurde hörbar, feierlich und klar wie ernster in den Lüften ver- schwebcndcr Gesang ... „Die Glocke von der Walchen-Almend" — flüsterte er und horchte höher und höher auf, und die Schwingen des Abendwindes, welche das Läuten herauf trugen bis in die Wolkenheimath, fächelten ihm die glühende, von Angsttropfen überrieselte Stirne . . . Ein Empfinden überkam ihn, das er noch nie geahnt: wie mit einem Zauberschlage war Alles um ihn her verändert; er sah die Felsen nicht mehr und die Steinwusterei, in der er sich befand — das Bild des Abends umgab ihn, wo vor dem Eigelhofe an der brausenden Salzach der Christenpriester vor ihn getreten, die Macht seines Gottes preisend, der ein milder Gott sei denen, die sich ihm willig beugen, den trotzigen Sinn aber zu brechen wisse, der ihm widerstrebe ... wo er aufrecht gegenüber gestanden und den Nacken frei emporgehoben im Gefühle der eigenen Kraft, die des fremden Helfers nicht bedürfe: Es war ihm, als sähe er das ernste Antlitz des Mönches aus der zertrümmerten Römerstadt vor sich, als fühlte er den durchdringenden Blick dieser Feueraugen auf seinem Angesicht hasten, als vernehme er die feierlich mahnenden Worte von der 205 weithin über den Erdball reichenden Hand des Gewaltigen... er fühlte, die Stunde war für ihn gekommen, wo ihm die eigene innere Kraft zerbrach, wie Schilf, auf das er sich gestützt, wo er es bekennen mußte, daß er in sich kein Heil mehr habe und keinen Stab. Unwillkürlich, wie dem Drucke eines unsichtbaren Arms gehorchend, sank er langsam in die Kniee und flüsterte mit bewegter Stimme: „.:.Sie nennen Dich gewaltig und doch gnädig, Gott der Christen... fei es auch mir! Zeige auch mir Deine Gnade, wie Deine Gewalt... Sie sagen: ich gehöre schon zu den Deinen: ich will es auch, ich will mich Dir beugen... ich bin nichts mehr vor Dir, als ein zerbrochener Stab ..." Er verstummte, aber durch seine erwachende Seele wehte der Frühliugshauch des .^ersten Gebets: aus der Grabescrde der eigenen Nichtigkeit war die unvergängliche Blüthe gekeimt — er fühlte das Band um sich geschlungen, das liebend alles Endliche anknüpft an den Unendlichen, auf daß es nicht verstäube in trostloser Verlorenheit... . . . Dumpfes Getöse weckte ihn auS seiner frommen Vcrsunkenheit. „Was geht hier vor?" rief er aufspringend und starrte nach dem Kaunstein hinüber... „Die Wahnsinnigen! Sie ruhen nicht, bis sie ihr eigenes Verderben^bereitet ... sie haben den Felsenbau des Berges gelockert und seine letzte Stütze los geschlagen. . . Die Masse des Gebirgs gerüth in's Weichen . . . entsetzliches Schicksal, das Horn des Kaun- steins beginnt sich zu senken ... er stürzt ein... " Dröhnende Schläge, unter denen das Gebirge weithin erbebte, schüllcrten durch die Luft; donnerähnliches Rollen und das Prasseln zerschmetterten sGestcins folgte Schlag aus Schlag — wolkcngleich stieg aufgewühlte Erde und zerriebenes Geröll in die verfinsterte Luft: die unterste Stcinlage war zuerst gewichen — langsam, wuchtig drängten die obern nach, immer höhere, immer größere nach sich ziehend, die erst allmählig sammt Gesträuch und Wald sich fortschoben, bis die Bewegung mit der steigenden Geschwindigkeit des Falls immer schneller ward, bis der Fall zum Sturze wurde und fortgerissen, gcschleu- de t, geschnellt, Felsen, Bäume im Wirbel der Vernichtung durcheinander sausten, stürzten und nach allen Seiten hernieder donnerten. . . Selbst zu einem Steinbild erstarrt, stand der erschütterte Greis dem furchtbaren Schauspiel gegenüber: er fühlte nicht, wie die Platte unter ihm erzitterte, wie die Trümmer um ihn niederschlugen — er sah nur die beiden Menschen am Fuße des einstürzenden Berges. Der Mm,n war in's Knie gesunken und verbarg das Antlitz in den Händen: er vermochte nicht den Schrecken deS Todes in'S Angesicht zu sehen — das Weib sah er hochaufgerichtet steh'n: kühn und wie herausfordernd hielt sie die Arme den stürzenden Trümmern entgegengebreitet, bis sie von ihnen im rasenden Schwünge ereilt und hin» weggerissen war. . . Auch Chriembert kniete wieder, gesenkten Haupts: kurze Zeit nur hatte das entsetzliche Getöse des Einsturzes gewährt. . . Grab und Tod sind nicht stiller, als es dann um ihn her sich lagerte. Lange wagte er nicht mehr, den Blick zu erheben — als er eS that, entrang sich ein Frcudrnruf der geängsteten Brust. . . die Kluft vor ihm war zum Theil von dem eingestürzten Gestein ausgefüllt: ein ungeheurer Fclsblock mit einem Stück Waldes lag darinnen und die Tannen senkten ihm die riesigen Wipfel entgegen, als wollten sie sich selber zur Brücke anbieten, die ihn wieder hinüber trage in das Reich der Lebenden ... Darüber hinaus aber, nicht mehr gehemmt durch den Koloß des Kaunstcins, öffnete sich der weite Ausblick auf die gegenüberliegende Sagcreckcrwand, auf den gewaltigen Watzmann, der unerschüttcrt den Fall des Jugcndgcnossen mit angeschaut und auf den grünen Rasenfleck zu seinen Füßen ... Auf diesem aber drängte sich eine bunte Schaar durcheinander — das Falkcnaugc des Greises unterschied den Herzog und seine Söhne . . . er glaubte auch Markulf darunter zu erblicken, und als sich wieder die Glocke regte, zu Dank und Preis für den, der sie Alle gerettet hatte, vor der Bosheit der Menschen und der Gewalt der Natur ... da brach der letzte starre EiSring seiner Seele und tropfte geschmolzen in schweren Thränen von den greisen, noch nie benetzten Wimpern.- 206 — Nicht lange nachher bot die Walchen-Almende wieder ein Bild der Freude und -es Friedens, wie zuvor, wenn auch nicht so farblos und einfach, als es gewesen. — Nach den Mühen und Schrecken des Tages galt es, für den Herzog Mahl und Nachtlager zu rüsten, denn ergriffen von dm wunderbaren Ereignissen, die an ihm vorübergegangen, wollte er den Schauplatz derselben nicht so bald verlassen, und gedachte, die Heimfahrt über den See bis zum kommenden Morgen zu verschieben. Das Bedürfniß machte erfinderisch, aus Manteln und Decken wurden leichte Zelte über Spießen aufgehangen und ein einfaches Mahl, zu dem Wald und Wasser schnell Beisteuer gegeben, war der Vollendung nahe. Da trat der greise Herzog in die Mitte der Seinen und führte Placida hervor, ihr nochmals Alles zu danken, was sie gethan. Sittsam und bescheiden stand sie da und wagte nicht, die Augen aufzuschlagen: sie mochte fürchten, dem brennenden Blicke Mar- kglf's zu begegnen, der gegenüber stand, noch immer des Augenblicks harrend, der es ihm möglich machen würde, sie zu sprechen und die letzte Frage an sie zu richten. „Der Herr ist gnädig mit uns gewesen," sagte der Herzog, „er ist in seiner ganzen Furchtbarkeit an uns vorübergezogen, aber wie ein Verderben drohendes Gewitter hat er uns nur Segen zurückgelassen. . . Wir wollen deß eingedenk sein und ihm hier eine Andachtsstätte erbauen, die allen Nachkommen ein Zeuge und Zeichen unseres Dankes sei... Dich aber, wackere Jungfrau, deren reiner, hcldenmüthigcr Sinn uns nächst Gott auS dem Wirrsal geführt, in das wir gerathen waren . . . Dich will ich belohnen, daß der Edelste meines Landes sich geehrt fühlen soll, wenn Du ihm Deine Hand als Gattin reichen willst . . . Kraft meines herzoglichen Amtes nehme ich dm Makel Deiner unfreien Abstammung von Dir und mache Dich und Deine Sippe zu freien Leuten, wie die Freiestcn ini Lande ... Du sollst ein schönes Gut zur Mitgift von mir erhalten ..." „Nicht also, edler Herr," unterbrach ihn Placida mit bescheidener Festigkeit; „ich nehme die Freiheit dankend an für mich und die Mcinigeu. . . der Aussteuer und Mitgift bedarf ich nicht. Ich will eine arme Magd bleiben, die frommen Jungfrauen in der Salzburg werden auf Euer Fürwort eine solche aufnehmen, die ihnen dienen und die Glocke zur Hora läuten kann..." Bewegung entstand im Kreise der Versammlung; Markulf wollte vortreten, der Herzog erwidern; ehe sie dazu kamen, war der alte Chriembcrt, der inzwischen herbeigekommen und Alles erfahren hatte, schon neben Placida getreten und hatte ihre Hand erfaßt: „Ich habe Dir Unrecht gethan, Mädchen," sagte er, „ich habe Dich verkannt und geschmäht, weil ich glaubte, meinen Sohn vor Dir wahren zu müssen ... ich sage es Dir jetzt offen vor Allen nnd bitte Dich, daß Du mir verzeihst ... Ich habe Dich als meine Schwieger verschmäht, jetzt aber komme ich, selber um Dich zu freien, und wenn Du es in Deinem Gemüthe finden kannst, wie ich es geglaubt, so sage Ja und ich will zu Deinem Vater gehen und wie eS Brauch ist, um die Walchendirne für meinen Markuls werben..." Sie schwieg; das glühende Antlitz gesenkt. „Sie schweigt, Vater," rief Markulf, der vorgeeilt war, „sie hat keine Antwort für Dich und mich!" „Welch' eine Antwort begehrst Du noch, Du thörichter Gesell!" entgegnete der Herzog. „Traun, gälte dieß liebliche Erröthen mir, ich wüßte wohl, es zu deuten!" „Ist es wirklich, Placida? rief Markulf, und faßte ihre Hand. „Dürft' ich es glauben? So wäre doch nicht wahr gewesen, was Du meinem Vater gesagt?" Sie hob das Auge etwas empor: ihre Blicke begegneten sich. „Es war," flüsterte sie — „aber es ist nicht mehr! Ich liebe Dich, Markulf, und will die Deine sein!" „Und ich segne Euren Bund," ,rief der Herzog, „mit einer Freude und Zuversicht, wie sie mir selten zu Theil geworden! Ihr werdet einander ganz angehören, denn Ihr habt einander erworben: Ihr werdet glücklich sein, denn Ihr habt in den Stunden der 207 » Prüfung bestanden! Der Bund des freien Bajoarcn mit der Enkelin des Geschlechts, das einst in diesen Gauen geherrscht, soll Euch und dem Gau zum Segen werden — mit ihm schwinde der letzte Rest der Zwietracht, welche die Stämme getrennt: die alte Zeit des Haffes sinke hinunter, und eine neue beginne, eine Zeit der Eintracht und der gläubigen Liebe!" „Gewähret auch mir, dem alten Kriegs-Gefährten, eine Gunst," begann Chricmbert, während der Herzog die Hände des glücklichen Paares vereinigte. „Ich will meinen Hof in der Schönau meinem Markulf abtreten und seinem jungen Weibe, falls Ihr ihn für mündig wollt gelten lassen ... ich selbst will hier bleiben in den Bergen, in denen ich so Viel, so Gewaltiges erlebt: ich will bei dem frommen Vater in der Salzburg lernen, ein Christ zu werden und will der erste Siedler sein an dem Kirchlein, das Ihr hier gründen wollt! ..." Der Herzog gewährte die Bitte, er verhieß sogar, bis zur Hochzeit zu bleiben, und selbe durch seine eigene Gegenwart zu verherrlichen. Auf viele Stunden im Lande war es ein Fest, als der Freihofbauer von der Schönau sich mit dem schimmernden Gefolge von Bauern, Reisigen und Edlen aufmachte nach der einsamen Namsau, um die Walchcnbraut heimzuführen. Von ferne schon erscholl der Gesang und die Musik der longobardischen Künstler, als sie durch die Engadcin heranzogen; im Hause des Romanen saß die alte, blinde Urahnin wie sonst unter den Säulen des Jnncnhofs, und vernahm die Töne, die fern und doch wohl unterscheidbar an den Höhen widerklangen... „Und mein Gedanke „glücktet zum schönsten „Winkel der Erde..." klang es eben in die erträumten Saiten der Lyra von ihren Lippen — da drangen die weichen südlichen Weisen an ihr Ohr . . . sie horchte hoch auf, indeß das Instrument den nachlassenden Fingern entglitt und ein Lächeln des seligsten Glücks schwebte wie ein Lichtstrahl über das seit Menschenaltern verstcinte Gesicht... „Er ist es . . . er kommt! Ich habe es wohl gewußt, wenn sie zweifelten... ich habe gewußt, Florus hat uns nicht vergessen — Florus wird kommen, seine Lucia zu holen... O diese Töne... wie sie mich grüßen! Wie sie so bekannt an meine Seele dringen ... Es ist weit in die schöne südliche Heimath — ach, so unsäglich weit, aber die Liebe findet den Weg. . . Er kommt! Er führt uns Alle dahin... o mein Florus..7" Das lächelnde Angesicht neigte sich zur Brust herab, die entzückten Augen brachen — mit Thränen in den ihrigen drückte Placida, schon mit der Brautkrone geschmückt, sie der Todten zu und eilte dem schönen Leben entgegen, in Markulf's Arme, die sich ihr von der Schwelle entgegen breiteten. Das Leben der Vereinigten war ein freudiges, die Vorhcrsagung des edlen Herzogs ging reichlich an ihm in Erfüllung. Chricmbert wurde der erste Siedler an dem einsamen Bcthause, das bald statt der Sennhütte in der Walchcn-Almende sich erhob; er hatte den Namen Bartholomäus gewählt, des Heiligen, dem auch das kleine Kirchlein geweiht worden. Lange Jahre stiller Beschauung und frommer Betrachtung waren ihm noch vergönnt und die Kunde seines Lebens war unter den Menschen außerhalb der Berge schon verschollen, als vorüberziehende Jäger, durch das Verstummen der Glocke aufmerksam gemacht, den frommen Bruder Bartholomäus dahin geschieden fanden. Von dem Einstürze des Kaunstcins weiß kaum mehr die Sage zu berichten; besser vermag es der Felsendamm, der den See in zwei Theile geschieden hat und den Obersee vom Königssee trennt. Die Glocke war Jahrhunderte lang eine merkwürdige Seltenheit, ein altertümlicher Schatz der kleinen Probst«, die später an der Stelle des ersten Kirchleins entstanden s» war... seit der Umwandlung in ein Jagdschlößchen ist sie nicht mehr aufzufinden gewesen: 208 aber auch ohne ihren Ton fühlt sich Jeder, der die grüne Einsamkeit besucht hat und im Zortrudern darauf zurückblickt, von einem Hauche der Anmuth umweht und von dem Geiste des Friedens begrüßt, der nirgends so heimisch ist, als auf dem grünen Eiland von Sanct Barthclmä! (Ein gelehrter Fähnrich.) Es war bereits im Jahre 1721 an einem Sommernachmittage, da saßen zu London im Buttonschen Kaffeehause drei Gelehrte und deliberirten über den Sinn eines lateinischen Verses. Sie führten das Gespräch so, daß wohl mit Fug und Recht ein Zuhörer beichetden sich hätte einmischen können. Dieß geichah auch von Seiten eines Gardefähnrichs, eines blutjungen Menschen, der erröthend das Wort nahm. — Gentlemen, sagte er, mir scheint, daß der Sinn dieses Verses wohl deutlich sein möchte, wenn man am Schlüsse anstatt des Punctes ein Fragezeichen setzt. Es fand sich, daß der junge Mann Recht hatte. Die drei Gelehrten bissen sich auf die Lippen und schämten sich, aus so unschuldigem Munde Belehrung erhalten zu haben. Aber einer von ihnen, es war der berühmte Dichter und Uebersetzer Pope (die andern Congreve und Parnal), fand sich am empfindlichsten getroffen, denn er war trotz seiner verwachsenen Gestalt, oder vielleicht iu Folge derselben, übertrieben eitel und arrogant. Nun mein geehrter Herr, sagte er verächtlich zu dem jungen Fähnrich, wissen Sie denn überhaupt schon, was ein Fähnrich ist? Nun. ich hoffe wohl, antwortete der junge Krieger und warf einen bedeutsamen Blick auf Pope's Höcker, es ist ein kleines krummes Ding, das Fragen auswirft! (Beefsteaks aus lebenden Ochsen.) Ein Correspondent des ^„Standard" lieferte dem genannten Blatte nachstehende etwas schwer zu glaubende Geschichte: „Drei Officiere des vierten englischen Regiments sahen in Fokado (Abessinien) die Operation des Ausschneidens eines FleischstUckes aus dem Leibe eines lebendigen Ochsen. Sie trafen die Einge- bornen, als diese gerade damit beschäftigt waren. Der unglückliche Ochs ward niedergeworfen und seine vier Beine wurden zusammengebunden. Der Operateur machte hierauf einen Enschnitt in die Haut, nahe dem Rückgrat, gerade hinter dem Hüftengeleuke, blies in denselben hinein, um die Haut vom Fleische zu trennen, machte dann zwei andere Einschnitte in rechten Winkeln nach dem ersten hin und hob hierauf ein Stück Haut von vier oder fünf Geviertzoll in die Höhe Aus diesem schnitt er eincnKlumpeu Fleisch heraus, indem er mit dem Messer unter der Haut hcndurchfubr, so daß die herausgenommene Fleischmasse größer war, als der unbedeckte Theil. Dann füllte der Operateur die offene Stelle mit Kuhdüngcr, legte das Hautstück wieder darüber, bepflasterte es mit Lehm, band die Füße des armen Thieres los, welches während der Operation ein dumpfes Schmerzgefühl geäußert hatte, gab ihm einen Fußtritt, um es zum Aufstehen zu bringen — und Alles war vorbei. Noch muß ich erwähnen, daß der Operateur zwei oder drei Schnitte in der Nähe der Wunde machte, wie es scheint, als ein Zeichen, daß das Thier an diesem Theile operirt worden war. Die Officiere bemerkten, daß mehrere andere Stücke Vieh der nämlichen Hecrdc in ganz ähnlicher Weise bezeichnet waren. Sie kehrten in ungefähr einer halben Stunde zurück und sahen, daß das Thier umherging und ruhig weidete. Ich habe nicht erwähnt, daß es, als man die Operation an ihm vornahm, nur sehr wenig blutete." Charade. (DreisiMo.) I. Geheimnisse mir anvertraut Auch ohne den geringsten Laut Ich schnell an Ort und Stelle bringe. II. Das erste und noch and're Dinge, Die werth man schätzt und hoch anschlägt, In mir man ein- und nieder legt. III. Wer mich Verlorne wieder findet, Erachtet's für ein großes Glück, Wer ehrlich ist, gibt mich zurück, Weil oben Ehrlichkeit ihn bindet, — Die ach mit jedem Augenblick' Vom Erdkreis mehr und mehr verschwindet. Auflösung der Charade in Nr. 24: „Zuckcrhut." Druck, Lerlaa und Reduktion de« Merarischen Instituts von vr. M. Huitter. Nr. S7. 5. Juli 1868. -tz ^ - fZ V » Wer genug hat, ist ein armer Mann, Reich ist, wer Andern geben kann. Paul H eyse. Clementina Eine spanische Dorfgeschichte. (Nach einer Novelle des Don Antonio de Trueba.) 1 . .^ei. Vor einigen Jahren durchstreifte ich die schönen Dörfer, welche zu beiden S Thale des Jbaizäbal auftauchen, und gleichsam mit unschuldiger, ländlicher Neues Landes, der edlen, schönen und reichen Stadt Bilbllo schauen, hin zu den ewig lacheikamcn Miguel und lebensvollen Gefilden von Abando und Deusto. tcn beneideten Es sei mir vergönnt, den Ort zu verschweigen, wo der größte Theil dncr Laufbahn sich zutrug, die ich erzählen will. Der Schmerz soll uns heilig fein, ar Schuld seine Mutter ist. «cfühl glaubten Die Nacht überraschte mich, ehe ich Bilbao erreichen konnte und ich Weisheit und nöthigt, mein Unterkommen in einem Dorfe zu suchen, das ich im unbestimmlldiescs Heiliglicht des Abends auf der Hähe eines mit Kastanien und Wallnußbäumer. Hügels schimmern sah. Am einen Ende eines schattenreichen Nußbaumwäldchens erhob sich der Kll zu ihrer des Dorfes. b wirklich Die Gebetglockc läutete, als ich in das Dorf trat, seine Bewohner beobach feierliches Schweigen, die Männer hielten ihre Mützen,in den Händen, Alles betete uSie segnete sich mit dem Zeichen des Kreuzes. Es schwiegen sogar die jungen Mädchen, die mit den Wasscreimern auf dem Kops'e von den Quellen im nahen Kastanicnhain kamen. Die Gcbetglocke ist Gottes Stimme, die zu den Gläubigen und Guten spricht, und nur der Gottheit Stimme vermag ein baskisches Mädchen in einem angefangenen Liedchen zu unterbrechen. Ich stand stille, nahm meinen Hut ab und betete mit den Dorfbewohnern. Zwanzig Jahre der Trennung von dem schönen, edlen Lande, das ich als Kind verlassen, schienen in diesem Augenblick spurlos an mir vorüber gegangen . . . Dann schritt ich durch den Nußbaumhain in das Dorf, freundlich begrüßt von Allen, die mir begegneten. 210 Ich fragte nach einer Herberge, wo ich die Nacht zubringen könnte. Es war kein ^ Wirthshaus im Dorf, allein man ließ mir nicht Zeit, mich darob zu grämen, denn es war kaum ein Landmann in dem Dörfchen, der sich nicht beeilt hätte, mir mit herzlicher und achtungsvoller Freundlichkeit einen Platz an seinem Hecrd, ein Lager in seinem Haus anzubieten. Unter denen, welche mich so gastlich einluden, ragte ein schöner Jüngling hervor, ^ welchen seine Lai dslente den Majoratsherrn nannten. Er war weniger dürftig gekleidet, als die Andern, gleichwohl war seine Tracht die eigenthümliche dcS BaSkcn-Landes, nur daß er statt einer blauen, weißen oder rothen Mütze eine dunkle, und um den Hals, atü Zeichen der Trauer, ein schwarzes Florband trug. Ich habe ein Recht darauf, sagte dieser Jüngling, Sie um den Borzug für mein Haus zu bitten, denn ist auch der gute Wille meiner Landsleutc so groß wie der meine, so bin ich doch in der Lage, Ihnen größere Bequemlichkeiten anzubieten. Dieß bestätigten die Andern und traten mit ihren Einladungen zurück. Ich nahm also die Gastfreundschaft Miguels des Majoratshcrrn an. Sein Haus war in der That ohne Vergleich das größte und stattlichste des Dorfes. Es erhob sich an dem der Kirche entgegengesetzten Ende des Nußbaumwäldchcns. Auf drei Seiten stieß es an einen mit Reblauben umzäunten Garten, welchen nach allen Richtungen lange Reihen früchtebeladener Bäume durchkreuzten. Die Hauptseitc des Gebäudes war dem Walde zugekehrt, über der Eingangsthüre befand sich ein geräumiger Balcon, . beschattet von zwei mächtigen Reblauben, und über dem Balcon ein steinernes Wappen, damals mit schwarzem Flor verhüllt, zum Zeichen der Trauer der Familie. Kaum hatte ich das Haus betreten, als sämmtliche Familienmitglicdcr, gleichfalls in Trauer gekleidet, mich zu begrüßen eilten. Es waren außer Miguel, der etwa 25 Jahre ,, zählen mochte, noch ein junger Mann von 22, ein Mädchen von 18, ein Knabe von 15, und ein Töchterchen von 12 Jahren. : waren Alle Geschwister und Alle voll jugendlicher Kraft und Schönheit. Hier ^ Fußtritt,- in feiner vollen Reinheit den edlen und schönen Typus des Baskenstammcs, die s wähnen, r. den sanften und gedankenvollen Blick, die offene Stirn, die ovale Gcsichtsform es scheint, Zurücktretender unterer Hälfte, die Roscnblüthe der Wangen, den hohen stolzen Weise^bezeich'gbdrungene Kraft der Glieder. daß das Thigenthümlicher Zug der Wehmuth schien alle diese jungen Herzen zu beherrschen die Operativngling, der schon Haupt der Familie war, bis hinab zu dem zwölfjährigen Kinde. auer, welche sie Alle um ihre Mutter trugen, erklärte mir wohl theilweise Wesen; allein es war ein Etwas dabei, das meine Aufmerksamkeit in hohem ich zog, das ich aber nicht zu erklären vermochte. Es war dies ein Schmerz sch oder Ungeduld, aber tief, voll Ergebung, ruhig, aber unendlich, der sich nenen, Bewegungen und Worten des achtzehnjährigen Mädchens offenbarte, gleichsam um durch ihren Namen schon zur Sanftmuth im Leiden, zur Milde geben zu ermähnen, sich Clementina nannte. Es konnte kaum Alles, was ich sah, von dem Tode der Mutter herrühren. Es ist .-r, auch das härteste Herz weint um eine Mutter, aber wenn ihr Andenken unaus- jchlich ist, so sind doch die Thränen nicht unversiegbar, welche man um sie vergießt. Ich weiß nicht, ob ich hierin Andere nach mir beurtheilen darf. Aber ich glaube an Gott und weiß, daß meine Mutter in dem Herrn starb, daß sie nur der Natur einen Tribut entrichtete, dessen sich kein Sterblicher entschlagen kann. Darum ist zweierlei für ^ mich gewiß: daß meiner Mutter Blick noch auf mir ruht, und daß ich sie einst wiedersehen werde. Miguel und seine Geschwister lebten ohne allen Zweifel des nämlichen Glaubens.... Nein, nein, ihr Schmerz, und vor Allem jener der armen Clementina, konnte in ^ dem Verlust einer im Herrn entschlafenen Mutter nicht seine einzige Quelle haben. j 211 ii. Als ich die Gastfreundschaft der Bewohner des „großen Hauses", wie man es im Dorf nannte, annahm, gedachte ich, gleich des folgenden Tags meine Reise fortzusetzen. Allein man bat mich so dringend, einige Zeit zu bleiben, alle Bewohner des Dörfchens kamen mir mit solcher Herzlichkeit entgegen, kurz, es gefiel mir in jeder Beziehung so gut, daß ich noch am Ende einer Woche den gastlichen Ehrenplatz am Heerde des Majoratsherrn einnahm. Was mir besonders rührend auffiel, war die hingebendste Liebe, die zärtlichste Rücksichtnahme, deren Gegenstand Clementina für ihre Geschwister war. Es war für mich ein Schauspiel, das mich eben so tief bewegte, als erfreute, wenn ich diese kraftvollen jungen Männer sah, wie sie vor dem tiefen Schmerze ihrer Schwester so sanft wie Kinder wurden. Von Natur schwache und dem Schmerz nicht gewachsene Menschen sieht man der Schwäche und dem Schmerz Rücksicht tragen, ohne daran etwas Besonderes zu finden. Wenn aber ein Mann voll Körper- und Geisteskraft, rauh und unerschütterlich wie die Eichen, die das Thal umwalden, worin ich dieses schreibe, sein ganzes Wesen an die Schwachheit, an den Schmerz dahingibt, bloß um sie zu schützen, ihn zu trösten, so ist dieß ein Anblick, den wohl Niemand mit trockenen Augen zu schauen vermag. Um das Gesagte zu erläutern, will ich nur eines einzigen Vorfalles erwähnen, der sich eines Abends während meiner Anwesenheit in dem „großen Hause" zutrug. Der Tag war wunderschön gewesen. Miguel und seine Brüdcr hatten denselben in strenger ländlicher Arbeit mit ihren Knechten und einigen Taglöhnern zugebracht; ich hatte mit Büchse und Fernglas Wälder und Höhen durchstreift. Nach dem Gebetläuten fanden wir uns Alle in dem „großen Hause" zusammen. Herrschaft, Gesinde, Taglöhner und Gast genossen, wie immer, vereint ihr Abendbrod, und auch dem gewaltigen Krug voll kühlen, sprudelnden Landweins, welchen Miguel aus dem Keller heraufbefördert hatte, ward wacker zugesprochen. Nachdem wir, getreu der ehrwürdigen immer noch unerschüttcrten Sitte des Landes, Gott für die Gaben gedankt hatten, die seine Gnade uns zugewendet, so kamen Miguel und seine Brüder im Lauf des Abends auf Bücher zu sprechen. Die Guten beneideten den Beruf eines Schriftstellers, unbekannt mit den Dornen, die auf seiner Laufbahn wachsen, wenn er mit Ehre und Würde sie wandeln will. Sie verstanden nichts von Büchern, aber in ihrem edlen und zarten Gefühl glaubten sie zu ahnen, Bücher seien das Heiligthum, in welchem die Blüthe der Weisheit und sittlichen Schönheit verwahrt sei, so oft auch Unwissenheit und Leidenschaft dieses Heilig- thuyl entweihen. „Sie müssen gewiß reich an Büchern sein!" sagte Miguel zu mir. Ich erwiderte ihm, daß ich deren nicht viele besitze, weil mir die Mittel zu ihrer Anschaffung fehlen; dagegen glaube ich, daß diejenigen, welche ich besäße, auch wirklich gut seien. „Du lieber Gott! Und wie angenehme Stunden müßten Sie zubringen, indem Sie Ihre Bücher lesen!" „Gewiß," sagte ich, „vielleicht die angenehmsten meines Lebens. Aber pflegen Sie und die Ihrigen nicht zu lesen?" „So gut wie gar nicht," war die Antwort. „Denn die vier Bücher, die wir im Haus haben, wissen wir schon längst Alle auswendig." „Und was für Bücher sind dies?" „Das will ich Ihnen gern sagen: Das Leben des heiligen Ignatius von Lojola, die Abenteuer des Don Quixote, die Vorrechte des Baskenlandes und das befreite Can- tabrien; vielleicht noch zwei oder drei Lebensbeschreibungen von Heiligen. Es sind nur 212 wenige, aber mein Großvater selig Pflegte zu sagen, daß keine besseren in Spanien herausgekommen sind." Aus Achtung für des Baskenlandes Vorrechte, für Cantabriens Befreiung und für den Don Quixote suchte ich mich des Lächelns zu enthalten. „Wir Andern," fuhr Miguel lächelnd fort, „geben uns zwar überhaupt mit dem Lesen nicht ab, dagegen sperren wir Mund und Nase auf, wenn Clementina uns vorliest." Die Schwester erröthete bei diesem Lobe des Bruders. „Seit aber Ihr Großvater," bemerkte ich, „oder Ihr Urgroßvater die Bücher gekauft hat, deren Sie erwähnten, sind viele andere und darunter auch recht gute aus Licht gekommen, und ich bedaurc lebhaft, daß Sie keines derselben besitzen." „Wenn Sie uns einmal ein gutes Buch bringen wollten, so würden Sie wohl erleben, wie gut die Schwester es uns vorzulesen weiß." „Ich habe einige gute bei mir, und bitte Sie, dieselben von mir anzunehmen und an der Seite des Don Quixote aufzubewahren." „Wir nehmen Ihr Geschenk von ganzem Herzen an," rief Miguel aus, indem er mir herzlich die Hand drückte. Ich hatte in meiner Reisetasche eine vollständige Ausgabe von Fernan Caballero's Werken, welche ich dieser vortrefflichen Familie überließ, indem ich schon im Vorgefühle mich der edlen Empfindungen und des reinen Vergnügens erfreute, welche, wie überall, so auch hier, aus den Schöpfungen der großen Sittenmaler in der spanischen Nation erwachsen würden. Miguel bat voll Freude und Zärtlichkeit seine Schwester Clementina, gleich Etwas aus diesen Büchern vorzulesen. Clementina, deren Trauer selbst durch ihr Lächeln sichtbar war, lächelte freundlich und beeilte sich, ihrem Bruder gefällig zu sein, oder vielmehr uns Allen, da wir Alle unsre Bitten mit den seinigcn vereinten. In dem Buche, aus welchem Clementina las, malt Fernan Caballero mit allem Zauber ihres bewunderungswürdigen Pinsels das gute, edle, tugendhafte Weib, als Jungfrau und Mutter, als Tochter und Gattin. Je > eiter Clementina las, desto mehr füllten sich ihre Augen mit Thränen, und eine tödtliche Blässe überzog ihr trauerndes Angesicht. Ihre Bruder bemerkten es und wurden unruhig, ja Miguel machte eine Handbewegung, wie um ihr anzudeuten, sie möge das Lesen unterbrechen. Da aber Clementina gleichwohl weiter las, so näherte Miguel sich ihr, indem er abwechslungsweisc sein Auge bald auf das Gesicht des Mädchens, bald auf die nächstfolgende Seite des Buches heftete. Ich suchte mir dies Alles zu erklären und sagte bei mir: „Dieses Buch, so rein und schön in jeder Hinsicht, bewegt die arme Clementina bis zu Thränen, weil sie, ähnlich meiner geliebten Lebensgefährtin, die mich in der Heimath erwartet, wahrscheinlich eine besondere Neigung hat, in den Büchern, welche sie liest, den Ausdruck ihrer eigenen Schmerzen und Freuden zu erblicken. Ihre Brüder verstehen sie wohl, mögen sie aber nicht unterbrechen, weil sie hoffen, daß der Inhalt des Buches eine andere Wendung nehmen wird; in dieser Hoffnung sucht wohl Miguel immer die nächstfolgende Seite im Voraus zu prüfen. Das Mädchen in Caballero's Schilderung war im Begriff, Gattin zu werden, unschuldig und rein, wie sie von der Mutter Brust gekommen war, vergöttert von den Jünglingen, der Stolz und das Glück ihrer Eltern und Brüder. In diesem Augenblick entsank der armen Clementina das Buch, und sie selbst wäre ihm zum Boden nachgefolgt, Hütte nicht Miguel die von einer todtähnlichen Ohnmacht Ergriffene in seinen Armen festgehalten. Groß war die Bestürzung, welche dieser Vorfall im Hause hervorrief. Während der Arzt des Dorfes gerufen wurde, brachte Miguel in seinen kräftigen Armen die Schwester zu ihrem Lager, und er, wie alle Geschwister, widmeten ihr unter Thränen der zärtlichsten Theilnahme alle Pflege und Tröstung, die nur die liebevollste und besorgteste Mutter au ihr Kind verschwenden kann. Kaum hatte sich die Nachricht im Dorf verbreitet, Clementina sei schwer erkrankt, als die Dorfbewohner zum „großen Hause" herbeieilten, begierig, Trost oder Hilfe bringen zu können. Clementina war nach kurzer Zeit wieder zu sich gekommen, und hatte ihrem Herzen in einem Strom von Thränen Luft gemacht. Ihre Geschwister wachten die ganze Nacht an ihrem Bette. „Wenn der Schmerz, der dieses junge Mädchen ängstigt, — so mußte ich mir sagen — der Schmerz um den Verlust der Mutter ist, so hat er keinen vollen Grund, denn wer bei Allen, die ihn umgeben, Mutterliebe und Muttersorge in solchem Maße findet, sollte die Mutter kaum also vermissen können!" Am folgenden Tag befand Clementina sich besser, die Bestürzung der Geschwister und Nachbarn hatte der Beruhigung Raum gegeben. Ich aber begriff, daß in diesem Hause ein Geheimniß walte, um dessen willen die Anwesenheit eines Fremden, dem man es zu verbergen genöthigt war, nur lästig sein konnte. Ich maaste mich reisefertig und reiste auch wirklich ab, so sehr Miguel und seine Geschwister, Clementina selbst nicht ausgenommen, meinem Vorhaben entgegentraten. Miguel ließ es sich aber nicht nehmen, mir bis an den Fuß der Anhöhe, auf welcher das Dorf liegt, das Geleit zu geben Wir sprachen unterwegs von Clementina, und mehr als einmal bemerkte ich, wie Miguels Auge thränenfeucht wurde, wenn ich von der Theilnahme sprach, die ich für seine trauernde Schwester empfinde. „Ihre Schwester," sagte ich, „welche bei Allen, die sie kennen, so viel Liebe und Theilnahme erweckt, muß gewiß ein herzensgutes. . . ." „O gar so unglücklich ist sie," erwiderte mir Miguel ticfbekümmert. „Sie haben Recht," erwiderte ich, „Unglück und Seelengüte geben gleichen Anspruch auf die Liebe und Theilnahme edler Seelen." Indem Miguel diese Worte hörte, welche nur eine tiefe, auf mein ganzes Leben gegründete Ueberzeugung meiner Seele aussprachen, schien er zu verstehen, daß in meinem Herzen ähnliche Empfindungen wogten, wie in dem seinigen, wenn auch ihm nur ein unvollkommener Ausdruck der seinigen gegeben war. Von Neuem wurden seine Augen feucht, und seine Hand suchte die meinige, um sie zu drücken. „Ich kann mich nicht von Ihnen, vielleicht für immer trennen, mit dem HerzenSvor- wurf, einem Mann, der so mit mir fühlt, etwas verheimlicht zu haben. Hören Sie die Leidensgeschichte an, von der Sie in meinem Haus sicher etwas geahnt haben." „Ja Miguel," sagte ich, „ich habe wohl geahnt, daß tiefe Schmerzen bei Euch wohnen, wenn ich auch ihren Grund nicht zu ahnen vermochte. Möge aber ihre Ursache wie immer sein, ich werde sie achten und mit Euch betrauern, wohin mich auch mein Lebensweg führen mag." Und während wir durch die lachenden Thäler und Hügel hinwandclten, wo nur die unumstößlichste Erfahrung uns überzeugen kann, daß auch hier der Schmerz noch wohnt, erzählte mir Miguel die Geschichte der Seinigen. Es sei mir erlaubt, die Sprache deö ungebildeten, aber edlen Landmanns in die unsrige zu übertragen. Wollte doch Miguel nur, daß ein Mann ihn verstehe, während ich schreibe, auf daß mich nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen verstehen, ja selbst das jüngere Geschlecht. (Fortsetzung folgt.) 214 Ueber Berbrechen und deren Entdeckung. Die Leser einer Zeitung können nicht Alle ehrliche Leute sein. Die ungeheure Mehrzahl sind es gewiß, denn sonst würden wir mit einer Grobheit debutiren und wir haben nicht die Absicht, grob zu sein. Diese Zeilen sind berechnet für den voraussichtlich sehr kleinen Leserkreis dieses Blattes, welcher aus Mördern, Räubern und Dieben, oder Solchen, die es werden wollen, besteht, um ihnen mit aller Licenz, die dem Feuilleton!- ^ stcn zu Gebote steht, zu sagen, daß sie- Dummköpfe sind, und daß das schlechteste Geschäft, welches der Mensch ergreifen kann, das einer gesetzlich verbotenen Hallunkenschaft ist. Man thut unter zehn Fällen sicher einmal unseren Kriminalisten Unrecht, wenn man ihrer aparten Schlauheit Weihrauch streut. Zu einem guten Kriminalisten gehört Kenntniß der menschlichen Natur und Verständniß des menschlichen Interesses, und wenn die Herren Verbrecher eine Ahnung davon hätten, daß sie fast immer selber es sind, welche der Gerechtigkeit in's Netz laufen, die Verbrechen würden seltener werden. Der ärgste Feind eines jeden Verbrechers ist der Standpunkt, auf den er sich durch das Verbrechen selbst stellt. Er wird Mitglied einer isolirten, außergewöhnlichen Minorität in der Gesellschaft, und das Auge der Gesellschaft muß auf ihn fallen. Der alte^ Satz: Ist ein Verbrechen begangen, so frage, wer den Nutzen davon hat und du entdeckst den Thäter; dieser alte Satz ist richtig. Aber der „Nutzen" ist es eben, der nicht immer leicht zu entdecken ist. Zum Glück ist der Verbrecher mit Nothwendigkeit gezwungen, der Gerechtigkeit selbst entgegenzulaufen. Der Spitzbube braucht für das gestohlene Gut sehr häufig einen „Hehler". Das gestohlene Gut, welches dem individuellen Besitzer entschwindet, vertauscht den Winkel des Zimmers mit einer Art von Markt. Der Dieb hat einen vielköpfigen Zufallsvcrräthcr gegen sich entfesselt in dem- , selben Augenblick, als er für die gestohlene Uhr das Geld empfängt. Sein gestohlenes A Objekt ist das Werkzeug der Spekulation geworden. Er hört auf, Herr seiner eigenen That, Herr seines eigenen Geheimnisses zu sein. Seine Vorsicht, die er beim Stehlen, beim Einbrechen beobachten konnte, ist schutzlos geworden, sobald er sich von dem entwendeten Objekt trennt, und das, was man den „Zufall" nennt, der zur Entdeckung führt, ist in Wahrheit Nichts als das letzte Glied in der Kette von logischen Nothwendigkeiten. In den Zeiten des Jack Sheppard hat ein excentrischer Engländer einmal eine Belohnung von 1000 Pfd. St. ausgesetzt für Denjenigen, der ihm einen Spitzbuben nachweisen könne, welcher, ohne mit den Behörden in Conflict gekommen zu sein, die Früchte seiner Diebstähle bis an sein Ende, eventuell auch nur 10 Jahre lang genossen hätte. Es hat Niemand diese 1000 Pfund Sterling verdienen können! — Der Dieb, welcher eine Gelegenheit zum Stehlen gefunden hat, schafft selbst hundert, oft tausend Gelegenheiten gegen sich, um entdeckt zu werden, und eine hochlöbliche Polizei müßte dümmer als dumm sein, wenn sie die dicbesfcindlichen Gelegenheiten nicht fest hielte. Der Verbrecher in der Gesellschaft ist ein Ausnahmsmensch derselben, eine Existenz, welche sich selbst isolirt hat, und das Jsolirte zieht die Aufmerksamkeit in einer oder der andern Weise immer an. Doch halten wir uns bei der Kategorie der gewöhnlichen Spitzbuben nicht auf. Betrachten wir die großen Verbrechen, jene Handlungen, zu denen ein gewaltiger Effekt oder eine gewaltige Willenskraft nothwendig ist. Nach entdeckter That schüttelt die Welt so oft den Kopf und fragt erstaunt: „Wie konnte der Mensch nur so dumm handeln? Er » „mußte ja entdeckt werden!" Wir sind überhaupt immer sehr klug, wenn wir „vorn Rathhause kommen." Diese scheinbaren „Dummheiten" sind eben stets mit dem Verbrechen im Zusammenhang stehende, logische Conscquenzen desselben. !- Es ist ein Mord geschehen, gleichviel ob prämeditirt oder mit Affect. Die Spuren der That werden verwischt, oder die That wird so begangen, daß ihre Verdeckung als 215 solche nicht nöthig erachtet wird, daß man sie räthselhaft erscheinen läßt, oder die Spur von dem wirklichen Thäter abzulenken sucht. Nun wohl, und dennoch sind die Jndicien, welche auf den wirklichen Thäter zurückführen, unvermeidlich, sie sind eine nothwendige Consequenz des Verbrechens. Der Mord ist eine That, zu welcher die höchste Anspannung der menschlichen individuellen Natur des Mörders gehört. Seine Gedanken concentrircn sich auf ein Ziel, ihre höchste Kraft findet Ausdruck in einem Moment der That. Das die Gedanken zusammenhaltende Object dcS Mörders hört auf zu existircn und in die verbrecherische Gedanken- sphäre tritt eine Art von „Anarchie" ein. Er ist nach dem Verbrechen ein „anderer Mensch" geworden, als er vor demselben war, die vollkommene Selbstbewußtheit, die er der Absicht, den Mord zu begehen, verdankt, hält nur so lange vor, als ihre Ursache existirte. Mit dem Gemordeten treten andere Ursachen, andere Affccte, andere Wirkungen ein. Die überangespannte Gedankenthätigkcit vor der That verlangt nach derselben einen Moment der Ruhe, die Kraft der Gedanken und mit ihr die nothwendige Vorsicht verläßt den Mörder und er, der vielleicht mit der raffinirtestcn Schlauheit 99 Spuren vernichtet, läßt die Nächstliegende Spur bestehen, die sich so häufig gerade als die aller- handgreiflichste erweist. Denn wenn es z. B. wahr ist, daß Julie v. Ebergenyi die Thür der Gräfin Chorinsky von Außen verschlossen, den Zimmerschlüssel mit genommen und aufbewahrt hat, so wird uns jeder ehrliche Mann und jeder Verbrecher Recht geben, daß dies eine grenzenlose Stupidität war, welche schon von München aus, als man den Schlüssel vermißte, den Gedanken an Selbstmord ausschließen und die Spur auf die Ebergenyi leiten mußte. Der Mörder selbst ist zur geistig und gemüthlich völlig isolirten Existenz in der Gesellschaft geworden! die Selbstcontrole seiner Handlungen, seines Wachens und Schlafens ist ihm ein Vertheidigungsmittel; er lebt von dem Augenblick seiner That in einem permanenten geheimen Krieg gegen die Gesellschaft, er, der Einzelne, gegen Millionen! Er ist buchstäblich der Sclave jedes Zufalls geworden. Die physischen Kräfte eines Menschen halten dies nicht aus; er wird „mürbe" und bekennt vielleicht, ja sehr häufig gerade bei den Jndicien, bei denen er am wenigsten Ursache hätte, zu bekennen. Jahr und Tag hatte jener Holstciner, Timm-Thode, geleugnet, Vater, Mutter und sämmtliche Geschwister erschlagen, und den einsamen Hof in Brand gesteckt zu haben. Keine einzige Jndicie lag gegen den Mörder vor Er ging frei umher, und Diejenigen, welche es wagten, an seiner Unschuld zu zweifeln, wurden gar scheel angesehen. Und was führte zur Entdeckung? Der Mörder äußerte die ganz natürlich scheinender Absicht, den Ort, an welchen sich für ihn so herzzerreißende Erinnerungen knüpften, zu verlassen und nach Amerika auszuwandern. Dieser Moment war in der Presse den Richtern bereits seit Monden prognosticirt. Timm-Thode's Wunsch wurde mit einer plötzlichen abermaligen Verhaftung beantwortet. Der Rückschlag auf seine geistige Jdividualität war momentan so stark, daß er gestand. Der Mörder blieb bis zum Tode der Böscwicht ohne Reue, voller Frechheit, der er stets war. Was bei diesem angegebenen Fall noch räthselhaft erscheint, ist, daß der Verbrecher acht Menschen unter Umständen, die seiner That entschieden ungünstig waren, ohne Mithilfe Anderer tödtcn konnte wie er behauptet. Wir unsererseits sind noch heute überzeugt, daß irgend ein Helfershelfer dabei mitwirkte, der sich bereits nach Amerika geflüchtet haben und seinen Theil an der Beute in irgend einer Weise erhalten haben mag. Dieser Zustand einer Besinnungskraft, welche jeder Mörder nach vollbrachtem Morde nur bis zu einem gewissen, aber nicht in dem Grade besitzt, wie er Unschuldigen eigenthümlich ist, erzeugt also nothwcndigerweise Jndicien. Man darf dreist behaupten, jede verbrecherische That trägt den Keim ihrer Entdeckung in sich. Wie ein fremdes Klima auf den Organismus des Menschen wirkt, so ist das Verbrechen eine plötzliche Versetzung des Individuums in ein anderes sociales Klima; der Verbrecher muß der Natur seinen 216 Zoll entrichten, er mag wollen oder nicht. Er muß bei der That, oder vor oder nach derselben, einen Fehler begehen mit derselben Unvermeidlichkeit, wie er transportiren muß, wenn er den Wendekreis passirt, und hat das Auge des Kriminalisten eine, auch die allerunbedeutendste Spur entdeckt, so ist das solide Glied einer Kette gefunden, die man nur ohne Exaltation und gliedweise zu verfolgen braucht, um den Verbrecher zu erkennen. Die Schlauheit, das Raffinement der Verbrecher kann Andern schaden; ihnen selbst aber nützt sie nicht vor schließlicher Entdeckung. Wir müssen gestehen, wir glauben nicht recht daran, daß — plötzliche Todesfälle oder gelungene Eutweichungen über See abgerechnet — ein Mörder oder ein Dieb bis an sein Lebeusend sich unentdeckt erhalten kann. Führt ein und dasselbe Verbrechen nicht zur Entdeckung, so wird es durch ein folgendes aus Tageslicht gebracht. Äst z. B. Ebcrgcnyi schuldig und der Indicienbeweis nicht ausreichend, wird sie selbst von der Instanz entbunden, so kann das muthmaßlichc Motiv ihrer That, den Grafen Chorinsky zu besitzen, nicht befriedigt werden, ohne beiden Theilen durch das Urtheil der Welt eine Höllenexistenz zu bereiten. In einer solchen Existenz schärft sich jeder eheliche Conflict von selbst; es sind zwei Existenzen durch ein Verbrechen an einander gebunden und dieses Band macht dieZusammenexistirung unerträglich so daß ein neues Verbrechen Luft und Freiheit schaffen muß. Tritt der Fall einer solchen Verbindung nicht ein, so wäre die ganze That eine rcsultatlose und dann ist der Psychische Zustand der Thäterin oder der Thäter noch unerbittlicher der Zersetzung verfallen und das Leben, welches man alsdann führt, ist schlimmer als der Tod, und das zerstörte Ich würde dennoch sich verrathen muffen, weil es — von der Gesellschaft moralisch zurückgestoßen — sich als Feind der Gesellschaft betrachten und als solcher zu irgend einer neuen verbrecherischen That gedrängt werden müßte. Die Feindschaft intelligenter Menschen gegen die Gesellschaft ist unversöhnlich. Das Verbrechen hat ihrer Rückkehr zur Versöhnung dic Brücke abgebrochen. Die Geschichte der La Voisin wiederholt sich häufiger, als man es im Gedächtniß behält. Die Incul- paten vergessen in diesem Kamps und in dem Irrwahn, sich .mr gegen einen Kriminalisten wehren zu müssen, daß sie eine Aufgabe zu lösen haben, welche darin besteht, eine über alle Maßen glänzende Freisprechung zu erlangen. Die geistige und physische Kraft, einen solchen Kampf durchzuführen, kann nur das Selbstbewußtsein völliger Unschuld, welches die tigcnen Nerven calmirt, geben; eine Ruhe, dic im Stande ist, den irrenden Richter zu bemitleiden. Jeder Vereitlungsversuch der Entdeckung eines Verbrechens gleicht einem Kartenhaus, das ein Kranker aufbaut. Es sind nichtnormale Anstrengungen, in einem nichlnormalen Zustand begangen. Der menschliche richterliche Verstand hilft nur noch, wo ein Naturgesetz etwas Gegebenes bereits hingestellt hat. Das Gesetz der Gravitation wirkt bei der Entdeckung so gut mit, wie überall im Leben. Stehle ein Semmel, und du kannst nicht zehn Jahre der einzige Wifscr deines Diebstahls bleiben. Morde einen Menschen und bedenke, wo man Holz haut, fliegen Spähne, und Du mordest nicht mit dem Mikroskop vor den Augen! Die Mikroskopie steht aber der Untersuchung zu Gebote; Du verfällst der Mechanik und dem Organismus der Gesellschaft. Glaubst Du Dich dennoch zu retten, guter Freund, so ist das eine optische Täuschung Deinerseits! Studire den ganzen Pitaval; suche Dir aus allen Bcrbrccherkniffen und Listen die Quintessenz heraus; ein Floh, der Dich sticht im Moment deiner That, kann Dein ganzes Gebäude umstoßen, ein einziger Pulsschlag, der den hundertsten Theil einer Secunde schneller oder langsamer einsetzt, zwingt Dich, ein Indicium zu schaffen und gestehst Du nur ein, daß Du nicht in derselben Stimmung einen Mord begehst, wie Du ein Butterbrod issest, so hast Du uns auch eingestanden, daß Du selbst Dich der verdienten Strafe ausgeliefert hast, noch ehe Du hinter Schloß und Riegel sitzest. Wir haben die Ehre, uns ehrlichen Leuten und Verbrechern bestens zu empfehlen. Druil, Nerlaa und Redaktion des literarilchen Jnstnuls von l)r. M. Huttler. Nr. S8. 12. Juli 1868. Arrgsbirrger So»ntaas-BIat Nicht Alles ist an Eins gebunden, Seid nur nicht mit euch selbst im Streit! Mit Liebe endigt man, was man erfunden; Was mau gelernt, mit Sicherheit. Göth e. Clementina. III. Bor etwa zwölf Jahren war es, als einst die Todtcnglocke des Dorfes ertönte, und wie jetzt ein schwarzer Flor das Wappenschild des „großen Hauses" umhüllte. Während der größte Theil der Dorfbewohner eine Bahre begleiteten, welche sich bereits dem Fricdhof näherte, suchten die im großen Hause Zurückgebliebenen die arme Catalina zu trösten, sie, die Wittwe geworden war mit fünf Kindern, deren ältestes 13 Jahre, das jüngste ein paar Monden zählte. Heilige Mutter Gottes! rief Catalina unter Thränenströmcn aus, habe Erbarmen mit meinen armen Kindern, die auf der weiten Welt keinen Schutz mehr haben außer mir schwachem Weibe! Catalina, sagte eine der Nachbarinnen zu ihr, ängstige Dich um Gottes willen nicht so maßlos. Schutzlos und verlassen wird dein Haus nicht bleiben. Denn hast Du auch noch kleine Kinder, so wird Dein Miguel doch gar bald herangewachsen sein, und wenn er bis jetzt glcichgiltig und muthwillig war- so wird er von nun an arbeitsam und verständig sein, und Vaterstelle an seinen Geschwistern vertreten. Nein, nein, das wird er nicht, klagte Catalina, das war eben der schwerste Kummer, unter dem gestern mein armer Jgnatio seine Seele dem Herrn empfahl. Und Catalina, ihre Kinder und alle Anwesenden verdoppelten ihre Thränen und Klagen. Da erhob sich Plötzlich Miguel, der, in einem Winkel des Zimmers zusammengekauert, geweint hatte, mit der Gebcrde eines Menschen, der einen endgiltigen, festen und unumstößlichen Entschluß gefaßt hat, trocknete seine Thränen mit dem Rücken der Hand, trat vor seine Mutter und rief kraftvoll und feierlich: Mutter! meine Spiele und meine Sireiche sind zu Ende! Heute wird zum Mann, der gestern noch Knabe war. Meine Geschwister haben ihren Vater verloren, aber es ist noch ein Jemand da, so brav und arbeitsam und zärtlich, wie der Geschiedene. Jung bin ich noch, aber Gott wird mich stärken an Leib und Seele, um für Mutter und Geschwister Schutz und Trost zu sein. Mit diesen Worten trat Miguel zu dem Fenster, aus dem man nach der Anhöhe des Friedhvfs sah, über dessen Schwelle vielleicht in diesem Augenblick der Sarg seines Vaters getragen ward. Er breitete die Arme nach der Gegend des Friedhofs aus, und rief: Geliebter Vater, ruhe im Frieden im Schooßc Gottes, denn ich gelobe Dir bei dem Heile meiner Seele, daß ich Mutter und Geschwister lieben und schützen will, wie Du sie gesiedet und gcschützet hast! Catalina drückte ihren Sohn an das mütterliche Herz, und süße Thränen der Rührung mischten sich unter die herben des Schmerzes. Ich segne Dich, Herzcnssohn! rief sie aus. Möge Dir auch Gott seinen Segen 218 Heben und Dein Vater, die Beide vom Himmel Herabschauen, wie rühmlich Du Dich auf- -raffcst, um ein Hort Deiner Familie zu werden, und fleckenlos die Ehre Deines Hauses zu bewahren. Es war ein Bildniß der heiligen Jungfrau im Haus, zu dessen Schmuck Catalina bie schönsten Blumen der Flur zu verwenden Pflegte, und vor welchem beständig das reinste Wachs ihres Bienenstandes brannte. Vor diesem verehrten Bildniß warf sich jetzt Catalina auf ihre Kniee, und rief in Ler unendlichen Glaubensfülle, die sie im Herzen barg, andachtsvoll aus: Heiligste Mutter Gottes! Schenke mir noch zehn Lebensjahre, auf daß ich, ehe meine Augen sich zum letztenmal schließen, alle meine Kinder erzogen sehe. Und nach dieser Gnadenfrist, falls Du mir sie gewährst, gelobe ich mit meinen Kindern zu Deinem wundertätigen Heiligthum in Begona zu wallfahrten, und das Opfer unserer dankbaren Herzen zu Deinen Füßen zu legen. Die älteren ihrer Kinder, welche das Gelübde ihrer Mutter verstanden, knieten mit ihr vor dem heiligen Bildniß nieder, und vereinigten ihre Angelobungen mit denen Catalina's. Es war Sonntag, als Jgnatio zur Erde bestattet wurde. Kaum ließ sich des folgenden Tags das erste Läuten zur Messe hören, als sich die-Dorfbewohner bei der Kirche sammelten. Die Frauen, hier wie überall frommer als die Männer, traten, so wie sie kamen, in die Kirche, um den Rosenkranz nicht zu versäumen, der vor der Messe gebetet wurde. Die Männer dagegen standen beisammen unter den Eschen, welche den Kirchhof beschatteten, um hier auf das letzte Zeichen der Glocken zu warten. Sie schmauchten ihre Pfeifen, und besprachen die Angelegenheiten des Dorfs mit der Wichtigkeit, welche wir gleich sehen werden. „Da kommt der Herr Bürgermeister," hieß es „Es soll mich Wunder nehmen, wenn er nicht gleich eine Frcvelbuße ankündigt. Denn er kommt von den eingezäunten Landbezirken her, und dürfte gar leicht irgend einen Hag offen gefunden haben." In der That kam der Bürgermeister auf seinem Weg zur Kirche durch einen eingezäunten Bezirk von Aeckcrn und Wiesen, dessen schützender Hag nur durchkreuzt war mittelst zweier Bretter, die auf im Boden befestigten Stangen ruhten, so daß sie von innen und von außen eine Art Stiege zur Ucberschreitung des Hags bildeten. Der Bürgermeister war ein bejahrter Mann, der die ländliche Tracht und die harten schwieligen Hände mit allen Dorfbewohnern gemein hatte. Aber sein in der Regel freundlich lächelndes Gesicht sah diesmal ungemein ernst und finster aus. Schlimm genug! sagte ein gewisser Dominik. Der Bürgermeister hat alle Freundlichkeit innerhalb des Hags liegen gelassen. Guten Morgen, Herr Bürgermeister, grüßten nun alle Anwesenden, indem sie die Hand an die Mützen legten. Gott schenke Euch einen guten Morgen, erwiderte der Gegrüßte, ohne aus seiner ernsten Würde zu fallen. Dann aber wendete er sich zu Dominik, und, sagte weiter: Augenblicklich zahlst Du dem Gcrichtsdiener einen Gulden Strafe dafür, daß Du Deinen Hag im Wüstcrungsbezirk offen gelassen hast. Verzeihen Sie mir diesmal, Herr Bürgermeister! bat der niedergeschmetterte Dominik. Nicht die Rede vom Verzeihen, unterbrach der Ortsvorstehcr strenge den geängstigtcn Dominik, indem er seinen Stock gegen die Erde stieß. Nur so lernst Du auf Deinen Hag Obacht geben; und ich will nichr dulden, daß Deine Nachbarn unter Deiner Gleich- giltigkcit leid«r sollen. Wer sein Grundstück abgesondert für sich besitzt, der mag es nach Belieben offen stehen lassen, und kann es dann sich selbst zuschreiben, wenn ihm das Vieh seinen Mais abfrißt. Wer aber mit seinem Eigenthum zu einem der eingezäunten Land- Lezirke gehört, der soll nur seinen Theil am Hag fest und hübsch geschlossen halten, oder 219 Buße zahlen. So lang ich den Stab halte, habe ich noch keinen beigetrieben, aber jetzt ist mir die Geduld ausgegangen, denn ich sehe, daß cS auf andere Art mit Euch nicht besser geht. Aber Herr Bürgermeister, gerade in jenem eingezäunten Bezirk ist außer mir fast ^ Niemand bethciligt. Freilich, die zwei, sagte der Bürgermeister, indem er auf zwei Bürger Namens Cas- carabias und Aranna deutete. Glaubst Du, ihnen wird es auch recht sein, wenn ich dulde, daß Du den Haag offen lässest, und dann die Kühe und Schweine hineinkomme« und ihnen den Mais zerstampfen und auffressen? Nichts, nichts, eine» Gulden Buße, und ich will sehen, ob Du Dir die Lehre merkst. Aber, Herr Bürgermeister, wie kann ich einen Gulden zahlen, wenn ich nicht eine« Groschen baaren Geldes besitze? Du wirst schon noch einen übrigen Kessel haben, den Dir der Gerichtsdiener pfänden kann. Dominik war nahe daran, zu weinen. Kommen Sie, Herr Bürgermeister, sagte der betheiligte CaScarabiaS, schenken Sie dem armen Dominik für diesmal noch Verzeihung. Auch ich bitte darum, fügte Aranna bei. Alles, auch die Nachsicht, zu seiner Zeit; strafe ich ihn einmal, spare ich ihm hundert Bußen. Aber wir zwei sind ja die Einzigen, denen Dominiks Nachlässigkeit Schaden bringe« kann, und wenn nun wir Beide für ihn bitten. Wohlan denn, sagte der endlich Erweichte, für dieses einzige Mal sei eS vergebe«. Aber Euch, die Ihr die Honigsüßen spielt, geschieht es recht, wenn die Mucken an. Euch kommen. Der Bürgermeister wendete sich zu einer andern Gruppe, bei welcher die übrige» » Mitglieder der Gemeindebehörde sich befanden, nachdem er von Dominik und seinen zwei Fürbittern wiederholte Dankcsbezeugungen empfangen hatte. In diesem Augenblick kam Catalina mit ihrem Sohn Miguel, den Schmerz der Trauer im Antlitz wie im Anzug ausgedrückt, auf ihrem Kirchwcge vorüber. Ein paar Buben spielten um Nüsse. Miguel war immer ein so herzhafter Spieler gewesen, daß er das Spiel nicht aufgab, bis er entweder selbst alle seine Nüsse verloren, oder seinen Mitspielern alle abgewonnen hatte. Die Buben meinten wohl, Zerstreuung sei das beste Mittel gegen Betrübniß, und riefen ihrem Kameraden zu: Komm Miguel, mach' auch Eines mit! Spielet nur Ihr, die Ihr noch Knaben seid, sagte Miguel ernst, und verschwand, mit seiner Mutter in der Kirchenthüre. Wenige Augenblicke nachher ertönte das Zusammenläuten, und Alles trat in die Kirche. Das Dorf war wie ausgestorben, denn Alles war in der Kirche mit Ausnahme von höchstens einem Dutzend Frauen, die schon vor Sonnenaufgang zur Frühmesse in ein anderes nahegelegenes Dorf gegangen waren und jetzt in ihren Häusern das Essen bereiteten. Diesen Umstand wollten ein paar Kühe nicht unbenützt lassen, welche bisher aus einer nahen Anhöhe geweidet hatten. Sobald die Leute in der Kirche waren, sagten sie bei sich: „jetzt sind wir Meister", kamen gemüthlich nach der Ebene herab, schlichen durch den von Dominik offen gelassenen Hag in den eingezäunten Raum, und machten sich » hinter den Mais des Cascarabias und Aranna, so daß bald wenig mehr davon z« sehen war. Das Gebühren dieser Thiere hatte Dominik zu verantworten, denn ihm hatte sie ein wohlhabender Nachbar aus halben Gewinn in Verstellung gegeben, und sie dachten wohl, ihr jetziger Besitzer werde den Hag eigens für sie offen gelassen haben. „Fressen j, wir ihm den Mais, so kommt ihm unsere Wohlgenährtheit zu Statten, und wenn erv uns dann zum St. Michaelsmarkte nach Zolla führt, tragen wir ihm schau ein paar. Dublönchcn mehr ein." Wer nicht glaubt,- daß Dominiks Kühe also dachten, der wird mir doch auch nicht beweisen können, daß dies nicht die Logik der Thiere ist. Die Sonne sing an, hübsch warm zu machen, als auf einmal Dominiks Kühe, von Bremsen gequält, sich aufmachten und in vollem Galopp dem Dorfe zueilten, aber bei Leibe nicht durch die Oeffnung, mittelst welcher sie in die Umzäunung hinein gekommen waren, sondern sie suchten nach der entgegengesetzten Richtung am Wege abzuschneiden, und zertrampelten nun, was ihre Zähne vom Mais übrig gelassen hatten. Wer mag auch Umwege gehen, wenn ihn Bremsen stechen! Die Kühe sprangen, um aus dem eingezäunten Bezirk herauszukommen, gerade auf den der Kirche gegenüberliegenden Hag zu, und setzten, wie wenn es der Teufel so haben müßte, just in dem Augenblick lustig hinüber, als die Leute aus der Kirche kamen. Die Thiere mit gefüllten Bäuchen aus der Einzäunung hervorbrechen sehen, und an ihren sicherlich abgeweideten und zertretenen Mais denken, das war für Aranna und CaS- carabias Sache eines Augenblicks. Sich die Haare zerraufend, und Schlangen und Kröten herabfluchend, eilten sie hin, um sich von der vollkommenen Nichtigkeit ihrer Muthmaßung zu überzeugen, während der arme Dominik in einer Gemüthsverfassung zurückblieb, in welcher er alles Mögliche hätte über sich ergehen lassen, und der Herr Bürgermeister eine kleine Rede darüber hielt, wie schädlich es für Alle und Jeden sei, wenn die regierenden Personen zu mild und nachsichtig auftreten. Waren Aranna und Cascarabias schon in Verzweiflung nach ihren Grundstücken geeilt, so kamen sie in noch größerer Verzweiflung zurück, denn Dominik war mit Allem, was er hatte, nicht so viel werth, als der Mais, den feine Kühe gefressen und verdorben hatten. Nicht mit hundert Gulden, riefen sie aus, bezahlt uns Dominik den Schaden, den seine Kühe angerichtet haben. Gerechtigkeit, Herr Bürgermeister, Gerechtigkeit! Wißt Ihr, antwortete der Vorgesetzte, was ich Euch jetzt für einen Spruch geben sollte? Ich sollte sagen, wie es im Liede heißt: „Anders wolltet Jhr's nicht haben, Freut Euch Eures Willens nun." Aber das ist nur so meine Privatmeinung, dagegen die Meinung der Gerechtigkeit läuft darauf hinaus, daß Dominik schuldig ist, den von seinem Vieh angerichteten Schaden bis auf den letzten Heller zu vergüten. Aber Herr Bürgermeister, erwiderte Dominik im größten Entsetzen, ich bin ja so arm, daß ich kaum eine Bahre aufbringe, um mich todt darauf hinzustrecken. Wir werden Dir abpfändeiz, was Du hast, bis aufs Letzte. Und wenn Ihr mich, mein Weib und meine Kinder und alles, was ich im Hause habe, Pfändet, so werdet Ihr nicht die Hälfte von dem erlösen, was meine Kühe an Schaden verursacht haben sollen. Wenn Deine Nachbarn an Dir Verlust leiden, so werden sie künftig den Mund nicht austhun für Leute, die eS nicht verdienen. O ich armer Teufel! fing Dominik an zu weinen, wie wenn der Himmel über ihn einfallen wollte, wie wird es mir in diesem Unglück gehen! O daß auch Gott seinen Jgnatio zu sich nehmen mußte, der mir sonst immer in meinen Verlegenheiten geholfen hat! O, wenn nur Jgnatio noch lebte! Jgnatio lebt noch für die Armen! sagte Miguel, der vom Portal der Kirche aus mit angehört hatte, was vorging; dann trat er zu Dominik heran und sagte: Bitte den Bürgermeister, daß er Sachverständige aufstelle, um den Schaden abzuschätzen, den Deine Kühe angerichtet haben. Dann komm zu mir nach Hause und hole das Geld, das Du zahlen mußt. Kannst Du es uns dereinst heimzahlen, gut; wo nicht, so bist Du selbst am meisten zu beklagen. Trotz des feierlichen Ernstes, mit dem Miguel sprach, wußten alle Anwesenden, selbst Dominik, nicht recht, ob sie des Knaben Rede für Scherz oder Ernst nehmen sollten. Aber ihr Zweifel dauerte nicht lange, denn Catalina schloß ihren Sohn unter Thränen der Rührung und Freude in ihre Arme, indem sie ausrief: Herzenskind, so möge Dich Gottes Segen geleiten, wie Du dem Beispiel Deines Vaters folgst! Und, zu Dominik gewendet, fügte sie hinzu: Ja, Jgnatio ist nicht todt, noch lebt er in seinem Sohne. Betrachte Miguels Anerbieten als von Jgnatio ausgegangen, und zweifle nicht, daß Catalina es erfüllen wird. Thränen des Dankes und der Freude waren es, die Dominik jetzt vergoß. Cascarabias und Aranna hörten schweigend zu. Aranna, rief plötzlich Cascarabias aus, indem seine Augen feucht wurden, eia Knabe wie Miguel, soll mich wahrhaftig nicht an Edelmuth übertreffen. Ich für mein Theil mache keinen Anspruch au Dominik wegen des Schadens, den seine Kühe angerichtet haben. Zum Henker, kleiner Miguel, sagte nun seinerseits Aranna, was Edelmuth betrifft, mag ich weder hinter Dir, noch hinter irgend Einem der da lebt, zurückbleiben. Auch ich verzichte auf jeden Schadcnsanspruch. (Fortsetzung folgt.) Schiller über das Papstthum. Schiller hat sich in einem seiner Aufsätze (Universalhistorische Uebersicht der merkwürdigsten Staatsbcgebcnhciten zu den Zeiten Friedrichs I.) auf eine so denkwürdige Weise über den Geist des Papstthums und die Charakterfestigkeit der Päpste ausgesprochen, daß es von Interesse ist, diese Stelle unsern Lesern vorzuführen. Sie lautet: „Mau sah Kaiser und Könige, erleuchtete Staatsmänner und unbeugsame Krieger im Drang der Umstände Rechte aufopfern, ihren Grundsätzen untreu werden und der Nothwendigkeit weichen; so etwas begegnete selten oder nie einem Papste. Auch wenn er im Elend umherirrte, in Italien keinen Fuß breit Landes, keine ihm holde Seele besaß und von der Barmherzigkeit der Fremdlinge lebte, hielt er standhaft über den Vorrechten seines Stuhls und der Kirche. Wenn jede andere politische Gemeinheit durch die persönlichen Eigenschaften derer, welchen ihre Verwaltung übertragen ist, zu gewissen Zeiten etwas gelitten hat und leidet, so war dies kaum jemals der Fall bei der Kirche und ihrem Oberhaupt. So ungleich sich auch die Päpste in Temperament, Denkart und Fähigkeit sein mochten, so standhaft, so gleichförmig, so unveränderlich war ihre Politik. Ihre Fähigkeit, ihr Temperament, ihre Denkart schien in ihr Amt gar nicht cinzuflicßcn; ihre Persönlichkeit, möchte man sagen, verfloß in ihrer Würde und die Leidenschaft erlosch unter der dreifachen Krone. Obgleich mit jedem hinscheidenden Papste die Kette der Thronfolge abriß und mit jedem neuen Papste wieder frisch gekämpft wurde — obgleich kein Thron in der Welt so oft seinen Herrn veränderte, so stürmisch besetzt und so stürmisch verlassen wurde, so war dieses doch der einzige Thron in der christlichen Welt, der seinen Besitzer nie zn verändern schien, weil nur die Päpste starben, aber der Geist, der sie belebte, unsterblich war." In Belgien cxistirt ein Ort Namens Gheel, dessen Einwohner seit den frühesten Zeiten des Mittelaltcrs Geisteskranke in ihre Häuser aufnehmen und Pflegen. Man gewöhnte sich dort nach und nach vollkommen an dieselben; war in ungezwungener Weise gut und sanft gegen sie und öffnete ihnen den Schooß der Familie; sie speisten 222 an demselben Tische und wurden behandelt, als ob sie zum Hause gehörten. Man gebrauchte sie auch gern zu Feldarbeiten. Es setzten sich gewisse Ueberlieferungen fest, dir Gewohnheit, die Alles mildert, milderte auch und verwischte endlich ganz den Schrecken und Widerwillen, welche die Wahnsinnige» immer den Weibern und Kindern, manchmal auch den Männern einflößen. Die besten Methoden, diese Unglücklichen zu leiten, zu pflegen und zu regieren, überlieferten sich von Geschlecht zu Geschlecht und gingen so gewissermaßen in's Blut über. Man versteht es eben, sie zu leiten und zu lenken. Ein Arzt sprach sich eines Tages zu einem Manne aus der Gegend besorgt über die Folgen aus, welche die Wuthanfälle, denen die Wahnsinnigen unterworfen sind, manchmal haben könnten. „Sie wissen nicht," antwortete der Bauer, „wie es sich mit diesen armen Leuten verhält. Ich bin nicht stark, aber mit dem Wildesten werde ich leicht fertig." Wenn die Wahnsinnigen ihre Anfälle haben, überwältigt sie der Hausvater, von den Nachbarn unterstützt, mit Leichtigkeit. Es leben in der Gemeinde Gheel und in den mit ihr zusammenhängenden Weilern, an die Familien vertheilt, nahe an tausend Irrsinnige. Ein Frcnider, dem dies unbekannt wäre, könnte sich selbst lange hin und her ergehen, ohne zu merken, daß er sich in der Hauptstadt deS Wahnsinns befinde. Es geht hier scheinbar Alles so zu, wie in andern Dörfern; durchgehcnds herrscht hier die Einförmigkeit und Ruhe des Dorfes, daß ein Vorübergehender mit Grüßen und Lächeln überaus verschwenderisch wäre, daß ein'Spaziergänger in Gedanken vertieft einherwandclte rc. rc. Aber diese Menschen mit den ungewöhnlichen Manieren haben nichts in ihrer Kleidung, Mas die besondere Aufmerksamkeit auf sich zöge; sie gleichen äußerlich ganz den übrigen Bewohnern des Dorfes. So hat ein merkwürdiges Zusammentreffen von Umständen eine Colonie geschaffen, welche ohne eigentliches Bewußtsein seit undenklichen Zeiten die wahren Principien der Heilkunst für Geisteskranke anwendet. Jene Principien sind als bewußte Entdeckung noch neu und machen den Namen Pinel unsterblich, der anf den uns heute so einfach erscheinenden Gedanken kam, daß es, um kranke Phantasieen zu heilen, vielleicht nicht das beste Mittel sei, die Kranken fortwährend an ihre Krankheit zu erinnern, das Gefühl der Krankheit Tag und Nacht durch den Anblick grober Wächter, durch den Lärm der Ketten und Riegel zu verdoppeln; daß eine Behandlung, die einen gesunden und ganz vernünftigen Menschen wahnsinnig machen müßte, offenbar nicht geeignet sei, einen wirklich Wahnsinnigen zu heilen. Er befreite daher die seiner Pflege anvertrauten Geisteskranken von allen Beschränkungen und ging daran, sie von der größern Zwangsjacke von Stein, d. i. von den einschließenden Mauern zu befreien. Der Streit zwischen den Anhängern der geschlossenen Irrenhäuser und des Systems von Gheel steht gerade jetzt in voller Blüthe. (Ein origineller Schwindel.) Folgender interessanter Schwindel wurde vor einigen Tagen in Paris verübt. Bei einem Goldarbeitcr V. in Faubourg St. Germain fuhr eines Tages ein elegant gekleideter junger Mann, in elegantem Wagen und von einem Diener begleitet, vor. Er hätte, sagte er, einige Gcburtstags-Geschenke zu machen. „Bedienen Sie mich gut und gewissenhaft," bemerkte er, „denn ich werde Ihr Nachbar merden. Ich bin erst vor einigen Tagen mit meiner Familie hier angekommen; wir bleiben in Paris; ich verheirathe mich nächstens und werde also ein guter Kunde von Ihnen sein!" Der Juwelier breitete Schmuckgegenstände aller Art aus; der junge Herr prüfte sie, verhandelte den Preis und traf seine Wahl. Auf sein Verlangen wurde die Rechnung geschrieben, die sich auf 3500 Francs belicf, und die ihm mit den Sachen zugeschickt werden sollte. Darauf wollte er sich empfehlen, sich besinnend, bemerkte er jedoch: „Apropos, ich brauche auch noch eine Stutzuhr für meine Mutter!" Er wählte solche aus und sagte dann im Fortgehen: „Ich erwarte Sie in einer Stunde!" — Herr V., von einem Commis begleitet, begibt sich zur bestimmten Zeit nach der bezeichneten Wohnung; sie befindet sich iu der Bel-Etage eines vornehmen Hauses. Beide treten ein und 223 finden den jungen Herrn im Borzimmer, das er zu vermessen scheint. Er schien verlegen, daß man ihn dabei überraschte, schalt über die Nachlässigkeit der Dienerschaft und bat den Goldarbeiter, einen Augenblick zu warten, während er seine Ankunft der Mutter melden werde, der er zuerst die Uhr zeigen wolle. Er nahm letztere und trat in den Salon ein, dessen Thüre er halb offen ließ, wie auch die eines zweiten Zimmers. „Hier ist Deine Uhr, liebe Mutter, einfach, aber geschmackvoll, wie Du sie gewünscht hast!" — „Die ist noch viel zu schön," antwortete eine Frauenstimme, „hast Du nichts für Deine Schwester gekauft?" — „Ja wohl, Mutter, Du magst Dein Urtheil darüber sagen, ich werde es Dir mit der Rechnung zeigen!" — «Sehr schön, ich sehe wohl, Du Schelm, daß ich einen guten Theil derselben zahlen soll." Der junge Mann kam mit der Uhr zum Goldarbcitcr zurück, der das ganze Gespräch angehört hatte. „Meine Mutter ist sehr gut gelaunt, << sagte er, „ich wünsche nur, daß sie meine Wahl genehmigt und besonders, daß sie selber bezahlt." Es werden ihm die Schmucksachcn übergeben, und er geht zur Mutter zurück, die Thür immer halb geöffnet lassend. Die Mutter fand Alles sehr schön. „Indessen," bemerkte sie, „wollen wir doch auch den Geschmack Deiner Schwester hören; rufe sie!" — „Aber, liebe Mama, ich wollte ihr ja eine Uebcrraschung bereiten." — „Nein, nein, rufe sie nur!" verlangte die Frauenstimme. Zum zweite» Male herauskommend, sagte der junge Mann zum Goldarbcitcr: „Das ist die Laune einer alten Frau, ich muß meine Schwester rufen." Darauf ging er zum Vorzimmer hinaus. Eine halbe Stunde vergeht, er kommt nicht zurück; die beiden Goldarbeiter werden ungeduldig und machen Geräusch, um die Aufmerksamkeit der Mutter auf sich zu ziehen; Alles bleibt still. Endlich treten sie in den Salon, den sie ohne Möbel finden, sie gehen durch alle Zimmer, sehen aber keinen Menschen; und doch ist kein Ausgang vorhanden, aus dem die Mutter hätte fortgehen können. Vom Portier erfahren sie darauf, daß der junge Herr soeben fortgegangen sei, die Wohnung habe er noch nicht fest gemiethet, weil er sich erst überzeugen wollte, ob er alle seine Möbel nach Wunsch werde placiren können; darum sei er seit zwei Tagen beschäftigt, alle Räume zu vermessen. Die beiden Goldarbcitcr hatte der Portier für Tapezierer gehalten, die der junge Mann angeblich erwartete Der Geniestreich des schlauen Gauners war gelungen, der Goldarbeiter um seine Schmucksachen betrogen. Was aber war aus der Person geworden, welche die Rolle der Mutter gespielt hat? Das Räthsel ist leicht gelöst, der Gauner verstand die Bauchrcdckunst und hatte vortrefflich die Stimme der alten Dame nachgemacht, welche V. und sein Commis gehört hatten. Ueber die eigenthümliche leim- oder vielmehr hornühnliche Masse, aus welcher die eßbaren Nester der indischen S al angan-Schw albe oder Collocalia bestehen, herrschten bisher verschiedene Ansichten. Dr. Bernstein hat nun durch seine anatomischen Untersuchungen nachgewiesen, daß die Speicheldrüsen der Salanganen, besonders die Slimckulnv iuiIiIinKunloü, zur Zeit des Nestbaues eine enorme Entwickelung zeigen, und dargcthan, daß das Sccret dieser Drüsen einzig und allein den Stoff zum Nestbau liefert, wenn auch die verschiedenen Collocalia-Spccies, unter denen 0. nickitivn und sucipka^n die verbreitetstcn sind, in etwas abweichender Weise verfahren. Er sagt hierüber: „Wenn man zur Zeit des Nestbaues den Schnabel des Vogels öffnet, so erscheinen die Speicheldrüsen als zwei große, zur Seite der Zunge liegende Wülste. Sie scheiden in reichlicher Menge einen dicken, zähen Schleim ab, der sich im vorderen Theile des Mundes, in der Nähe der Ausführungs-Gänge der genannten Drüsen, unterhalb der Zunge ansammelt. Dieser Schleim, oder eigentlich Speichel, hat viele Achnlichkcit mit einer concentrirten Lösung von arabischem Gummi und ist, gleich, diesem, so zähe, daß man ihn in ziemlich langen Fäden aus dem Munde herausziehen kann. An der Luft trocknet er bald em und ist dann in nichts von jenem eigenthümlichen Neststoff verschieden. Auch unter dem Mikroskop verhält er sich wie dieser. Wenn nun die Vögel mit der Anlage ihres Nestes beginnen wollen, so fliegen sie wiederholt gegen die hierzu gewählte Stelle an und drücken hierbei mit der Spitze der Zunge ihren Speichel an das Gestein. Dies thuen sie oft 10 — 20 Mal hinter einander, ohne sich inzwischen mehr als einige Ellen zu entfernen. Mithin holen sie den Baustoff nicht jedesmal erst herbei, sondern haben ihn in größerer, sich schnell wieder sammelnder Menge bei sich. Die Anfangs dickflüssige Masse verdunstet und verhärtet bald, und bildet so eine feste Grundlage für das weiter zu bauende Nest. Oollooaliu lueipltassu bedient sich hierzu verschiedener Pflanzentheile, Grashalme, Blattstengel, Flechten (vsncm plicatn), die sie mehr oder weniger mit ihrem Speichel überzieht und verbindet; tolloeslia nickilica dagegen führt mit dem Auftragen des Speichels allein fort. Sie klammert sich dann, je mehr der Nestbau fortschreitet, an dasselbe an, und indem sie unter abwechselnden Seitwärtsbewegungen des Kopfes den Speichel auf den Rand des schon bestehenden und verhärteten Nesttheiles aufträgt, entstehen jene wellenförmigen Querstreifen, die dem Neste das Aussehen geben, als wäre es aus Algenfäden oder Tangstrcifen zusammengesetzt. (Stud entcn-Aug en.) Dr. Kohn, Augenarzt in Breslau, bekannt als Verfasser der Schrift: „Untersucyungen der Augen von 10,060 Schulkindern :c., Leipzig 1867," veröffentlicht nun eine Untersuchung der Augen von 410 Breslauer Univcrsitäts- Studenten, welche höchst werthvolle Beiträge zur statistischen Kenntniß des Gesundhcits- Zustandcs sogenannter gesunder, jugendlicher Augen enthält. — Am zahlreichsten ließen sich die katholischen Theologen, am spärlichsten die Juristen untersuchen; im Ganzen 42,ü Perccnt aller Breslauer Univcrsitäts-Studenten, deren 964 immatriculirt sind. Das Resultat der vorgenommenen Untersuchung zeigt, daß fast zwei Drittel der Untersuchten kurzsichtig und kaum ein Drittel normalsichtig waren. — Kurzsichtigkeit ist also weitaus das häufigste Angcnübcl unter den Studenten. — Eine interessante Tabelle Kohn's lehrt, „wie viele Brillen von den Studenten unrichtig gewählt werden," so daß sie durch dieselben ihren Augen geradezu schaden. Als Mittel, der enormen Verbreitung der Kurzsichtigkeit unter der studirenden Jugend Einhalt zu thun, bringt der Verfasser in Erinnerung: verständige Schulhygiene in den Volks- und Mittelschulen, dann unter den Universitäts - Einrichtungen: große Fenster zur Linken der Studirenden: bequeme und kvrpcrgcrcchte Subsellien und eine gute Gasbeleuchtung für die Abendvorlesungen (Eylin- derbrenner mit Glocken und Schirmen); endlich in jedem Semester populäre Vorlesungen Aber die Diätetik der Augen für alle Studenten. Charade. sAuS zwei einsilbigen Wörtern.) Tief unterm Ersten steht Fast überall das Zweite, Worauf bald früh bald spät, Oft reich' oft arme Lenk, Die wieder unterm Ersten steh'«, In Ruf und Arbeit sind zu seh'n, — Nah' unterm Ersten steht Das Ganze, das ich meine, Das keinen Schritt uns geht, Weil leblos gleich dem Steine; Das wie das Zweite nicht sich regt, lind ricsenstark das Erste trägt. Auflösung der Charade in Nro. 26: Brieftasche. Druck, Derlva und ReLLkticu deö litcrarischen InsiuutS von Vr. M. Hvrtler. Nr. 83 19. Juli 1868. Angsburgee on Versuchs und überlreibs einmal, Gleich ist die Welt von Dir entzückt; Das Grenzenlose beißt genial, WLr's auch nur grenzenlos verrückt. Paul Heyse. Clementi»«. IV. Die Sonne war im Begriff, hinter den das Thal beherrschenden Anhöhen nieder- jagchen. . Es war der Vorabend des St. Antons-Festes, und ein außerordentliches Leben war in dem Dorfe, welchem unaufhörlich neue Fremdlinge zuströmten. Unsere besondere Aufmerksamkeit verdient ein hübscher junger Mann, der auf einem stattlichen Rappen, die Büchse am Sattelbogen befestigt, vor des Bürgermeisters Wohnung abstieg. Die Glocken läuteten fröhlich zusammen, und nicht minder fröhlich ertönten das Tamburin auf dem Kirchplatze. Tamburin und Glocken verkündeten das Fest des folgenden Tages. Von Dilbäo und Portugaleta kamen die Landmädchcn in Menge mit Körben voller Mundvorräihe auf den Köpfen. > Die Häuser des Dorfes glänzten blankgcschcuert, und fast in einem jeden siel ein Lamm als Festopfer. Die Metzig des Ortes, in welcher sonst nur Sonntags eine Kuh geschlachtet wird, erlebte an diesem Tag den Opfertod von zwei der trefflichsten Mastochsen, die sich iu den fruchtbaren Ebenen des Durango ihrem Sterben zufütteru. Verschiedene Häuser zeigten über der Thür den frischgcpftückten Zweig vom Erdbeer- baum, um den Anstich eines frischen Fasses Landwein anzuzeigen. Eine Koppel von sechs Maulthieren war vor der Schenke des Dorfes angekommen, und hatte ein Dutzend Schläuche voll Schiller abgeladen, während sonst zu ihrer Versorgung ein Paar Schläuche vollauf genügten. Und um endlich den Ton des fröhlichen BildcS, das wir zeichnen, in Etwas hcrab- zustimmen, — auch eine Menge Blinder, Lahmer und Krüppel schleppten sich dem Dorfe zu, in der Hoffnung, deS folgenden Tags eine kleine Erndte zu halten auf Kosten der allgemeinen Mildthätigkeit. Mitten in dem Glücke und der Freude, welche die baskischcn Wallfahrts-Fcsie beleben, betrübt man sich herzlich über das Schauspiel, welches dabei die Hunderte von Bettlern darbieten. Wahrlich, ihr Geschrei bildet einen traurigen Gegensatz zu dem fröhliche» - Geläute der Glocken, den lustigen Klängen des Tamburin und den Jubelrufen der Fcstbesucher. , Und gibt es denn in diesem Land keine Möglichkeit einer Gesetzgebung, die diesem ^ traurigen Schauspiel ein Ende machen könntp? Sie sei, wie sie wolle: in den Herze» dieser edlen Bergbewohner ist die Wohlthätigkeit so tief gewurzelt, daß keine menschliche» Gesetze sie abhalten können, dem Armen, der an ihrer Thüre klopft, den Schutz ihrer ' Gastfreundschaft zu gewähren. Und wenn ihr ihnen sagt: „ihr beobachtet die Gesetze des Landes, indem ihr die Bettler zurückweiset." so antworten sie euch: „Gottes Gesetz. > erfüllen wir, indem wir sie aufnehmen." 226 Das Dorf, in welchem icy dieses schreibe, zählt dreihundert Bürger; unter den Bewohnern sind kaum zwei oder drei Personen — und diese bejahrt, ohne Familie und Verwandte, — welche von der öffentlichen Mildthätigkeit leben. Dcmungeachtct sehe ich von Tag zu Tag Bettler aus Castilien, oder aus den Gebirgen von Santandcr und Asturicn von Thüre zu Thüre gehen. Und der Bürgermeister, welcher verpflichtet ist, das Almosenbitten nur den eigentlichen Lrtsarmcn zu gestatten, ist der Erste, welcher dem fremden Bettler einen Platz an seinem Heerde, und ein Stück Brod von seinem Tische gewährt. Denn er sagt, mit einer Logik, welche ein edles Herz wenigstens nicht mit Unwillen zurückzuweisen vermag: „Wie kann ich den Stab der Gerechtigkeit aufheben gegen das Haupt des armen Greises, der vor der Thüre meines Hauses mein Erbarmen ansteht im Namen Gottes und meiner Ahnen, die vorn Himmel auf mich uiederschauen?" Endlich brach er an, der heißersehnte Festtag des heiligen Antonius, und die Freude, die Unruhe, die Bewegung; das Leben in dem sonst so ruhigen und einsamen Dorfe stiegen von Stunde zu Stunde. Schon mit Tagesanbruch erhob sich von allen Herden in lustigen Ringen der Rauch, welcher das Dörfchen und seine Gemarkung in eine geheimnißvolle kleine Wolke hüllte. Durch die benachbarten Wälder und Fluren nahcte sich noch eine große Anzahl Fremder, und das Tamburin verkündete den Sonnenaufgang vor den Häusern des Bürgermeisters, des Pfarrers und des Majoratshcrrn, während die Kirchcnglockcn fröhlich dazwischen hinein klangen. Catalina und ihre Kinder waren aufgestanden, bevor noch die Bögcl ihren Morgengesang in den Zweigen des Nußbaumwaldcs angestimmt hatten. Clementina unterstützte ihre Mutter bei den häuslichen Arbeiten, die an einem solchen Tage außergewöhnlich groß waren. Sie war jetzt eine Jungfrau von sechszchn Jahren, deren Anmuth und Schönheit die Freude der Mutter, das Eutzücken der Jünglinge im Dorfe bildete. Als es zum ersten Male zur Frühmesse läutete, welche ein Geistlicher von Vilbäo heute las, erhöhte Clementina ihre natürlichen Reize durch ihren schönsten Anzug, und begab sich dann mit der Mutter zur Kirche. Ich glaube, sie nahui die Herzen aller jungen Bursche mit, die unter der Kirchenthürc das dritte und letzte Zeichen erwarteten, um zum Gottesdienst in den Tempel zu treten. Der junge Mann, den wir Abends zuvor auf seinem Rappen und mit seiner Büchse in's Dorf reiten sahen, stand unter dem Portal. Sowie er Clementina erblickte, reichte er ihr das Weihwasser. Das Mädchen nahui die Freundlichkeit an, während die Farbe der Rose ihre braunen Wangen überzog, und ihre großen schwarzen Augen im Glanz der Freude blitzten. Einige Stunden später waren Catalina mit ihren übrigen Kindern, wie die meisten Bewohner des Dorfes, im Hauptgottcsdienst, während Clementina das Haus besorgte. Der junge Mann mit dem Rappen wandelte in der Nähe des „großen Hauses" auf und ab, bis der Zufall es fügte, daß Clementina auf dem Balcon erschien. Kaum hatte er sie erblickt, als er herbeieilte, sie zu begrüßen. Hat man Sie ganz allein zu Hause gelassen? Ja; Mutter und Geschwister sind in der Kirche. Kommen Sie heute Abend zum Tanz? Ich weiß nicht, ob es die Mutter erlauben wird. Es wird mir schmerzlich leid sein, wenn Sie nicht kommen. ' Dank für den freundlichen Wunsch. Keinen Dank, denn mein Wunsch ist so eigennützig. Wie so? Weil ich keine Freude haben werde ohne Sie. Und warum das? Ich werde nicht zum Tanze gehen, wenn Sie nicht kommen. O, wie falsch sind die Männer! Ich bin es nicht. So weit waren Clementina und der Fremde in ihrem Zwiegespräch gekommen, als die Leute anfingen, die Kirche zu verlassen. Der Fremdling beeilte sich, beizufügen: Und wenn Sie zum Tanze kommen, werde ich das Glück haben, mit Ihnen zu tanzen? Das Glück wird auf meiner Seite sein, antwortete Clementina treuherzig, und zog sich vom Balcon zurück. Viele der Fremden waren heute Gäste am Mittagstische des Majoratsherrn. Das Mahl ging zu Ende; Fröhlichkeit strahlte auf allen Gesichtern. Nur Catalina und ihre Kinder gedachten mit Wehmuth früherer Zeiten, wo der Geschiedene, der jetzt auf dem nahen, vom Speisezimmer aus zu erblickenden Friedhof in ewigem Schlummer ruhte, auf dem Platze saß, den jetzt sein Sohn Miguel einnehmen mußte. Unter den Gästen war mehr als Einer, der gesehen hatte, wie der Fremde Clemen- tina das Weihwasser bot. Sie war daher der Gegenstand mancher unschuldigen Scherze, welche sie gleichwohl nicht anhören konnte, ohne verwirrt und voll Beschämung die Augen zu Boden zu senken. Wer ist denn dieser Fremdling? fragte ein Bruder des verstorbenen Ignatio, ein Bürger von Bilbäo, der sich unter den Gästen befand. Ich weiß es nicht, erwiderte Miguel. Er ist im Haus des Bürgermeisters abgestiegen, und man nennt ihn Don Juanito. Ich frage darum, setzte der von Bilbao hinzu, weil ich mich zu erinnern glaube, daß ich ihn in unserer Stadt mehrmals mit einer Dame gesehen habe. Mit einer jungen? fragte Clementina. Jungen und hübschen, antwortete ihr Oheim; und das Gespräch wendete sich einem andern Gegenstände zu, nachdem Clementina's Frage noch einige scherzhafte, wiewohl gutmüthige und wohlwollende Bemerkungen hervorgerufen hatte. Clementina wurde immer nachdenklicher und trauriger. Der Abend kam heran; aus dem Kirchplatz ertönte bereits ohne Unterlaß das Tamburin, man tanzte, was man konnte, Leben und Eifer waren außerordentlich. Auch Clementina tanzte — mit Don Juanito, dem Fremdling. Zwischen den einzelnen Tänzen unterhielten sie sich mit einander. Wir wissen nicht, was der Fremde zu Clementina sagte; gewiß ist nur, daß sie erröthend die Augen niederschlug, in welchen gleichwohl der Strahl der Freude funkelte. Schon dämmerte es; Leben und Lust auf dem Tanzplatze erreichten ihren Gipfel. Da läutete die Glocke zum Gebet. Das Tamburin schwieg, der Tanz hielt inne; die Männer nahmen ihre Mützen ab, und sie wie die Frauen unbeweglich und schweigend, beteten ihr Ave Maria. Die Lustbarkeit des Tages war zu Ende. Die Festbesucher zerstreuten sich nach allen Richtungen, unter frohen Liedern und betäubenden Jauchzern. Die Mutter wird mich wohl schon suchen, sagte Clementina zu Juanito, im Begriff, von ihm Abschied zu nehmen. Werden Sie beständig und treu bleiben? fragte der Fremde. Sie werden es weniger sein, als ich. Ich? bis zum Tode. Ja, bis Sie mir den Rücken gewendet haben. Aus den Augen, aus dem Sinn, wie das Sprichwort sagt. Clementina, Ihr Zweifel an meinem Wort beleidigt mich. So wie mein Oheim Sie wieder mit der junger, schönen Dame siebt, sagt er mir Alles. 228 Ich habe schon gesagt, daß Ihr Ohrim fic täuscht. Wirklich? Ich schwöre es. O betrügen Sie mich nicht. Himmel und Erde mögen lügen, bevor mein Wort sich als falsch erweist. Gut denn. Kommen Sie bald wieder hicher. Wie kann ich anders, da ich meine Seele hier laste? Gehen Sie, Spötter! Clcmentina, komm, es ist Zeit, sagte in diesem Augenblicke Catalina, welche in der That ihre Tochter suchte, und ihrer gerade eben ansichtig wurde. Dou Juanito drückte Clementina's Hand zum Abschied. Sie gab ihm eine schöne Nelke, die sie zwischen den Lippen hielt, und um welche er sie schon vergeblich gebeten hatte, und eilte davon, um mit ihrer Mutter zu gehen. Don Juanito suchte den Bürgermeister auf, welcher, begleitet von den übrigen Gerichtsleuten, unter den Tamburin- Klängen eines fröhlichen Marsches den Fcstplatz verließ. V. Es war ein Jahr später. Der Tag war ungemein heiß; denn der Juni ging seinem Ende zu. Catalina und ihre Kinder gingen zu Tische in einem schönen und kühlen Speise- Zimmer, welches gegen Norden einen Balcon hatte, der von einer prachtvollen Reblanbt überdacht war. Auf dem Balcon saß Clcmentina und nähte. Nun, Tochter, sagte Catalina, laß das Nähen und komm zum Esten. Mutter, esset Ihr, ich habe keine Lust, erwiderte Clcmentina traurig, ohne ihren Platz zu verlassen. Aber willst Du denn von der Lust leben, wie ein Hamulerc? Was kann ich thun, Mutter, wenn ich keine Eßlust habe? Liebe Mutter, sagte Miguel, so sehr und oft uns auch der Arzt versichern mag, daß die Schwester nicht eigentlich krank ist, ich glaube, daß sie es ist, und daß man einen andern Arzt holen sollte, sie zu besuchen. Wir wollen sie nach Alonsotegui führen. (In diesem Orte lebt ein Arzt, Namen- Arregui, von dessen Leistungen man sich im westlichen Theile Biscaya's Wunder erzählt.) Clcmentina hörte der Mutter und dem Bruder gleichzeitig zu. Nun, Tochter, was sagst Du zu Deines Bruders Plan? Ich mag nicht nach Alonsotegui gehen, denn es würde mich nur furchtsam und traurig machen, durch jene Einöden am Ufer deS Cadagua hinzuziehen. Aber für Dich ist ja Lust und Trauer einerlei. Das St. Antons-Fest letzthin war ja äußerst fröhlich, und dennoch gab es kein Mittel, Dich zum Tanzen oder Lachen zu bringen. Clementina's Augen füllten sich mit Thränen. Sie trocknete dieselben an ihrer Näherei, indem sie sich den Anschein gab, als neige fic das Gesicht, um mit ihren schönen weißen Zähnen den Faden abzubeißen. Nun denn, Mutter, fuhr Miguel fort, wenn sie nicht nach Alonsotegui mag, fv wird es das Beste sein, sie nach Bilbäv zu führen. Clcmentina fuhr zusammen, als ihr Bruder den Namen der „unbesiegten" Basken- Stadt aussprach, und ihre Augen glänzten vor Freude. WaS sagst Du, Kind? Willst Du nach Bilbäo gehen? Ja, Mutter, denn dort werde ich, wenn ich mich auch nicht erhole, wenigstens den Oheim und die Seinigcn sehen, die mich so wohl mögen. Nun, so höre. Als Euer Vater selig starb, gelobte ich der heiligen Jungfran, mit i 229 Euch zu ihrem Altar in Begonna zu wallfahrten, wenn um ihrer Fürbitte willen, mir der Herr noch zehn Lebensjahre schenken würde, um Euch zu erziehen. Die zehn Jahre find nächstens vorüber, und ich will mein Gelübde erfüllen. In 14 Tagen wird das Fest der Mutter GotteS von Begonna sein; auf diesen Tag wollen wir alle miteinander nach BilbLo gehen. Bei der Gelegenheit wollen wir einen vorzüglichen Arzt zu Rathe ziehen, und Du kannst dann noch eine Zeit lang bei unsern Verwandten bleiben, um Dich zu zerstreuen und zu erholen. Wie gefällt Dir mein Plan? O wie sehr, liebe Mutter! erwiderte Clemcntina, die mit einem Male ihre frühere Heiterkeit wieder erlangte. Sie war in der That zu bedauern. Ihr Gesicht, sonst so rosig, freudevoll und blühend, zeigte die Spur tiefer Leiden, deren eigentlichen Grund der bescheidene Dorsarzd vergeblich zu errathen suchte. Aber um Gotteswillen, hatte Caialina oft zu ihm gesagt, können Sie mir denn gar nicht sagen, was meiner Tochter fehlt, daß sie so aus den Kleidern fällt, und immer voll der Traurigkeit des Todes ist? Der Arzt erwiderte, Clemcntina kränkle eben an einem Nervenleiden. Ach, was diese Nervenleiden so heimtückisch sind! Ja, in der That, höchst heimtückisch! Aber gibt es denn gar kein Mittel dagegen? Was kann man da sagen! Lindenblüthenthee, mäßige Bewegung und Zerstreuung, dieß ist Alles, was ich für Clemcntina empfehlen kann. Doch nein, ich irre mich; etwas Anderes wäre noch bester für sie. . . Und was? Heirathen. Ja, da kommen Sie meinem Kinde eben recht. Es ist ja säst kein junger Mann «ehr im Dorfe, den sie nicht mit einem Korbe heimgeschickt hätte. (Fortsetzung folgt.- Das Barometer als Wetterglas. Jeder, dem ein Barometer zur Beobachtung zu Gebote steht, fragt dasselbe um Rath, wenn ihm daran gelegen ist, die bevorstehende Witterung zu erfahren. Es geschieht dirs mit Recht. Denn auf das Fallen des Barouieters folgt durchschnittlich Regen, dagegen auf das Steigen desselben in der Regel schönes Wetter. So wohl dies Jedem bekannt ist, so misten doch Manche nicht., warum es so geschieht. Wir wollen suchen, die Sache zu erklären. In unserem Klima sind zwei Windrichtungen vorherrschend, die Richtung von Nordost nach Südwest und jene von Südwcst nach Nordost. Der von Nordost kommende Luststrom ist kalt, schwer und trocken, der von Südwest wehende dagegen warm, leicht und feucht. Haben wir Nordostwind, so wird darum das Barometer hoch stehen «nd der Himmel klar sein. Denn kalte Luft ist dichter und darum schwerer als warme und in trockner Luft können sich keine Regenwolken bilden. Weht dagegen der Wind aus Südwcst, so steht das Barometer tief und der Himuiel ist trüb; denn warme Luft ist minder dicht und darum leichter als kalte und in feuchter Luft kann sich Regen bilden. Die durch den ganz unregelmäßigen Wechsel dieser Winde bedingten verschiedenen Barometerstände nennt man die unregelmäßigen Schwankungen des Barometers. Bei einiger Aufmerksamkeit auf den Gang des Barometers kann man aber auch leicht r c» gelmäßige Schwankungen untcrsäeidcn und zwar sowohl tägliche als jährliche, die bedingt sind durch das periodische Steigen und Sinken der Temperatur. Da Kälte die Lust verdichtet, also schwerer macht, Wärme dagegen sie ausdehnt und darum leichter macht, so muß nicht nur im Winter daS Barometer im Allgemeinen höher stehen M 230 im Sommer, sondern in der Regel auch am Morgen höher als am Nachmittag. DaS ^ tägliche Fallen und Steigen des Barometers correspondirt genau mit dem täglichen Steigen und Fallen des Thermometers, so zwar, daß während in der Zeit vom Morgen bis zum Mittag das Thermometer wegen der allmähligen Erhöhung der Lufttemperatur steigt, daS Barometer aus demselben Grunde fällt. Während z. B. bei uns im mittleren Deutschland von früh 6 Uhr bis Nachmittags 2 Uhr das Thermometer im » Frühling um 5,940 R, steigt, fällt das Barometer im Mittel um 0,27 par. Linien. Im Sommer beträgt das Steigen des Thermometers etwas mehr und zwar im Mittel 6,130 R. Darum fällt in dieser Jahreszeit das Barometer auch etwas mehr und zwar im Mittel um 0,29 par. Linien. Im Herbste steigt das Thermometer von früh 6 Uhr bis Nachmittag 2 Uhr durchschnittlich nur um 4,6?o R. Darum sehen wir auch das Barometer in dieser Jahreszeit nur um 0,20 par. Linien fallen. Während endlich im Winter das Thermometer von früh bis Mittag nur noch um 2 ,550 R. steigt, fällt das Barometer auch nur um 0,09 par. Linien. Diese Zahlen, welche das Mittel aus zwölfjährigen sehr genauen Beobachtungen sind, zeigen, wie genau der periodische tägliche Gang des Barometers mit dem des Thermometers übereinstimmt. Dieser Zusammenhang zwischen dem täglichen Gange des Barometers und Thermometers gestattet eine sehr schöne und sichere praktische Anwendung. Denn mau kann dadurch mit großer Sicherheit die Beschaffenheit des Wetters während des Nachmittags im Voraus erkennen. Steht nemlich das Barometer Nachmittags um 2 Uhr (oder noch zuverläßiger Nachmittags um 4 Uhr) höher als Morgens um 6 Uhr (oder beziehungsweise als Morgens um 10 Uhr), so ist für den weiteren Umlauf des Nachmittags kein Regen zu befürchten, die Wolken mögen noch so regendrohend aussehen. Diese fast untrügliche Regel gründet sich daraus, daß, wofern das Barometer am Nachmittag höher steht als am Morgen, die Ursache davon nur die sein kann, daß Nordvstwind zu wehen anfängt, wodurch das gegen Mittag gewöhnlich stattfindende Sinken des Barometers in ein Steigen umgewandelt wird. Ist dagegen das Barometer bis zum Nachmittag > mehr gesunken, als obige Zahlen für die einzelnen Jahreszeiten angebeu, so ist dies ein Zeichen, daß Südwest-, also Regen-Wind weht. Doch läßt sich daraus allein noch nicht der sichere Schluß ziehen, daß der Nachmittag noch Regen bringt. Erst wenn man für den Beobachtungsort ermittelt hat, um wie viel der Barometer über jene Zahlen gesunken sein muß, wenn es regnen soll, kaun man auf Regen rechnen. — Die Gefarrgennehmurrg des hl. Vaters Pius H Zwar sind die Urtheile Gottes unergründlich und unerforschlich seine Wege, dcmun- geachtet offenbart uns der barmherzige Gott manchmal seine Gerichte so anschaulich, daß wir den Finger Gottes nothwendig erkennen müssen. Einen klaren Beweis dieser göttlichen Vorsehung finden wir in Napoleons letzten Lebensjahren und sein trauriges Schicksal schärft uns neuerdings ein:,, Berühret meine Gesalbten nicht!" — Napoleon schloß den heiligen Vater im Schloße Fontaineblau ein, um ihn zur Abtretung des Kirchenstaates zu vermögen, und seht die Hand deS Herrn: Im nämlichen Schloße mußte er selbst dem Kaiserthum entsagen: Napoleon hielt das Kirchenhaupt an zwei Orten gefangen, und auch er wurde an zwei Orten, zu Elba und Set. Helena gefangen. Kürzere Zeit hielt Napoleon den hl. Vater zuSavona länger aber in Fontainebleau gefangen. Mit welchem Maß er ausmaß, mit dem nämlichen wurde ihm vergolten, denn auch er wurde auf der Insel Elba mit kürzerer und auf Set Helena mit längerer Gefangenschaft bestraft. Sieben Jahre hatte Napoleon die Säule der Grundfeste der Wahrheit, um sie zu stürzen, der Freiheit beraubt, und auch er brachte sieben Jahre in der Gefangenschaft zu. Endlich damit die himmlische Braut Christi vor der ganzen Welt verherrlichet 231 wkrde, wurde Derjenige, welcher den Ftlsm bezwingen wollte, durch ein gerechtes Urtheil Gottes von dem Felsen Helena zu dem schrecklichen Richter-Stuhle gerufen und zwar: am L. Mai dem Namensfest des Nachfolgers Petrus. (PiuS.) Bei dem Tode Pius Vlk. Als Pius nach errung'ner Martyr-Krone, Die Irdische vertauscht mit ew'ger Ehre, Begrüßter, freudig ihn des Himmels Heere, Und führten ihn bekränzt zu Gottes - Throne. Und als er vor dem Vater stand und Sohne, Sprach Gott zu ihm: Du hast durch That und Lehre Und Dulden mir gedient; darum gewähre Ich jede Deiner Bitten Dir zum Lohne. Und vor dem Thron des Lichts sank Pius nieder, Verhüllt' sein Antlitz und erhob es wieder Und sprach: Willst Du, o Herr, das erste Bitten Des letzen Deiner Knechte jetzt erfüllen, O 10 vergieb dem Mann*) durch besten Willen Auf Erden ich so viel für Dich gelitten. *)Dieser eiserne Mann konnte selbst dem Eindrucke der im obigen Sonett so schön geschil- derten christlichen Milde und Liebe des edelsten PiuS nicht widerstehen, und nannte ihn auf St. Helena „un bon. ,I »xneitu, Ull veriisblo komme zöairz öunnzstKNU rrjirvA rag «L Drrlag und Hkdakrt-n des lit-rrartschün Iasriruts von vi-, M. Hntttre, 26 . Juli 1868 , MrgsbWrger Schuld oder Leid des Herzeus bringt plötzliches Entfärben, Ein tödtlichcs Erschrecken wie Vorgefühl zu sterben. Ein brüderlich Erbarmen muß ein solcher Mensch erwerben. Johannes Schrott. Znm allgemeinen Concil 186 S.N) Herbei ihr Völker vom Erdenrund, Herbei zum heiligen Throne; Es soll euch werden aus heiligem Mund Ein Wort vom ewigen Sohne. Und der es euch kündet, das ist ein Greis Im Hohcnpriestcr-Talarc; Sein würdige? Haupt strahlt silberweiß, Ergraut im Dienst am Altare. Um ihn sich schaaren zum heiligen Krieg Die gesalbten Hirten der Kirche Auf daß ihnen werde der Wahrheit Sieg, Und der Wolf die Herde nicht würge. Des heiligen Geistes ewiges Wort, Das ist ihr theueres Erbe, Womit sie schützen den „Felsenhort" Und das Volk, daß es nimmer vcrd.rbc. Sehet Pins dort der Kirche Haupt, Das Christus nimmer verlassen, Der verlassen nun hat, die ihn beraubt, — Die Räuber — sie müssen erblassen! Sie haben gebrochen den heiligen Eid, Als Christen und christliche Fürsten, Sie wandeln nun auf der Straße breit, — Nach der Tempel Schätze sie dürsten. Doch „gewogen, gctheilet, gezählet" sind Die Tage der Stolzen der Erde, Und wie Balthasar jenem König so blind Ein prophetisches Wort ihnen werde; Das Gold ihres Thrones ist abgenutzt, Und zerschlagen sind bald ihre Wappen; Denn „der Fürst dieser Welt," der hat sie geputzt Mit Hammer und Kelle und Lappen. Doch des Kreuzes himmlische Fürstcnzier, Sie wollen sie fürdcr nicht tragen; Sie folgen dem apokalyptischen Thier, — Sie wollen dem Glauben entsagen. Hinaus aus dem Reiche, rufen sie laut. Umringt von höllischer Bande. Hinweg mit derKirche, der himmlischen Braut! Sie rusen's im eigenen Lande. Doch die „Hirten der Völker" das sind sie nicht mehr; Es verhallet ihr königlich Rufen — Der Hirte der Völker ist C h r i st n s der Herr, Und die Er zu Hirten berufen. Und die Völker, sie hören auf'S himmlische Wort, Wie cS kündet in heiliger Weise Der Hohepriester in Vomn dort In der Brüder geweihtem Kreise. Und er spricht im hohen Gottesrath: „Herbei ihr Völker der Erde! Wir wollen sie schaffen die ewige That — Ein heiliges Volk er reich werde! Die Fürsten, sie wollen die Wahrheit nicht. Nicht schützen die göttlichen Rechte, Gewichen ist ihnen das himmlische Licht; Ihr Völker ihr seid keine Knechte! Ihr Völker, die Freiheit, die biete Ich euch Die Freiheit von Laster und Lüge; Die Freiheit der Bürger für's Himmelreich, Die das Gute führet zum Siege. So kämpfet mit mir und seid mein Volk Und Ich, Ich bin euer Hirte — Und Christus der ewige Gottessohn, Er mache uns leicht seine Bürde!" vr. Lconhard Schneider. *) Zu welchem bekanntlich diesmal die Fürsten nicht eingeladen sind- 234 Clementina,^) (Fortsetzung.) So kam denn der löte August heran. Schon vor Tagesanbruch verließen Catalina «nd ihre Kinder das Dorf, und schlugen die Richtung nach Bilbäo ein. Catalina und Clemcntina saßen in einem doppelten Rcitsefsel auf einem prächtigen starken Maulthier. Miguel und seine Brüder, munter und kräftig wie sie waren, gingen zu Fuß und lenkten das Maulthier, sowie den Esel, der die Gepäcke trug. Schon begann die Sonne ihre Strahlen über die hohen Berge herzusenden, an deren Fuß die heilige Jungfrau von Begonna über der edlen gläubigen Stadt wacht, die voll frommer Verehrung zu ihren Füßen liegt. Schon ließ sich in dem köstlichen, reich bevölkerten Thale, welches der Jbaizabcl befruchtet, ein weithin rauschendes dumpfes Getöse vernehmen, und dort bei jenem Hügel, wo jetzt ein Trümmerhaufen emporsteigt, befeuchtet von dem Blute des Helden Zumla- cärrcgui, eines der edelsten Opfer unserer traurigen Bürgerkriege, da ertönte damals fröhliches Glockengeläute, das Geläute der Glocken der heiligen Mutter Gottes von Begonna Unsere Wanderer zogen längs der Ufer des Jbaizabcl dahin, bis sie bei einer Wendung der Straße Halt machten, an einer Stelle, von welcher aus der Pilger zuerst die Stadt und das berühmte Heiligthum erblickt. Diese Stelle nennt man „Salve", weil die andächtigen Landleute, wenn sie von dort aus auf ihrem Weg zur Stadt das Heiligthum entdecken, innc halten, um die Mutter Gottes mit dem schönsten und rührendsten der christlichen Gebete zu begrüßen. Solche liebliche Morgen im Frühling und Sommer verschlafen die Bewohner von Madrid, weil sie um Mitternacht oder noch später erst zur Ruhe gehen, während die Einwohner von Bilbäo mit der Sonne oder schon früher erwachen, weil sie um 9 Uhr zu Bette gegangen sind. Daher ist es auch eine ganz gewöhnliche Sache, während der schönen Jahreszeit die vornehmsten und hervorragenden Einwohner von Bilbäo bei Sonnenaufgang oder kurz nachher auf den öffentlichen Spaziergängen anzutreffen, den würzigen Duft der Blumen und die liebliche gesunde Morgenluft genießend. Ganz besonders ist dieß der Fall in der schönen Pappelallee und in den reizenden Anlagen des Arenal. Als Catalina mit ihren Kindern in diese Anlagen kam, lustwandelten eine Menge Leute in ihrem köstlichen Schatten. Auf einmal sahen sie sich einem jungen Manne gegenüber, bei dessen Erscheinen Elementina vor Ueberraschung und Freude einen leisen Schrei nicht unterdrücken konnte; -es war Don Juan. Er näherte sich, um die ländlichen Wanderer zu begrüßen. Clementina, deren Wangen bei seinem Anblicke sich mit Karmin gefärbt hatten, senkte die Blicke schüchtern zu Boden und traute sich kaum, seinen Gruß zu erwidern. Catalina fragte ihn gleich, warum er diesmal nicht, wie im vorigen Jahr, zum Sanct Antons-Feste in's Dorf gekommen sei. Ich war während einiger Tage krank, versicherte Don Juan. Und Sie, fragte er, kommen zum Feste der heiligen Jungfrau von Begonna? Ja, mein Herr; wir kommen, ein Gelübde zu erfüllen, und wollen unsere Clemen- Ima eine Zeit lang im Hause ihres Oheims lassen, um zu sehen, ob sie sich da zerstreut und erholt. In der That, Clementina sieht nicht ganz wohl aus. Ach, Sie haben ja voriges Jahr gesehen, wie blühend sie war. Aber schon wenige ') Eigenthum des literarischen Instituts, und ist der Nachdruck ohne eingeholte Genehmigung reicht gestattet. 235 ^ Tage nachher fing sie au, traurig, traurig zu werden, und aus dieser Traurigkeit h»x- die Arme seither ihr Köpfchen nicht mehr in ine Höhe gebracht. Das bedaure ich unendlich. Catalina und ihre Tochter dankten, Letztere mit einem leisen Anflug von Ironie, den Don Juan recht wohl bemerkte. , Miguel hatte unterdessen die Thiere untergebracht und kam wieder zu den Seinige». Catalina verabschiedete sich von Don Juan. Er ging noch einige Schritte neben Clementina her und sagte leise zu ihr: Ich bin Ihnen noch den Beweis schuldig, daß ich Sie nicht vergessen habe, obgleich ich Ihre Heimath nicht wieder besuchte. Jeden Morgen um 6 Uhr höre ich die Messe auf Begonna; dort können wir uns sehen, wenn Sie mich anhören wollen, ehe Sie mich verurtheilcn. Ich werde kommen, wenn ich kann, erwiderte Clementina, und verließ Don Juan, indem sie sich den Ihrigen wieder anschloß. Zwei Stunden später lagen Catalina und ihre Kinder auf den Knieen vor dem Altare der heiligen Jungfrau von Begonna. Reiche Thränenströme benetzten Clementina's Wangen. Mein Gott, wer kann die Gedanken und Hoffnungen des armen Mädchens ermessen, das mit seinem liebeverwun- deten Herzen unter den erbarmenreichen Schutz der Mutter Gottes sich flüchtete! Nachdem sie die Messe gehört und im Gebet ihre Herzen aufgeschlossen hatten, durchwandeltc Catalina mit den Ihrigen die Fluren, welche das Heiligthum umgeben. Eine fröhliche, lärmende, glückliche Menge wogte aller Orten; aber vergeblich suchten Clementina's Augen den Gegenstand, um dessen willen sie so oft thränenheiß geworden waren. Der Abend kam, und der heilige Hügel ward nochmals besucht. Die Menschen-- menge und das allgemeine Lebe« war noch größer, aber auch jetzt war Clementina's » ängstliches Suchen vergeblich. Des folgenden Tages kehrte Catalina vor Sonnenaufgang nach ihrem Dorf zurück, und ließ ihre Tochter in Bilbäo. VI. Das Heiligthum von Begonna steht auf einem die Stadt Bilbäo beherrschenden Hügel. An dem einen Ende der Stadt beginnt bei einem freien Platz, den schöne Gebäude, namentlich das prachtvolle der höheren Lehranstalt von Biscaya zieren, ein weit hinauf sich ziehender Stasfclwcg. Derselbe endigt auf dem Gipfel des Hügels Mallona. Diesen krönt ein Friedhof, wo die Blüthe der baskischen Jugend ruht, hingcopfert in der furchtbaren Belagerung von 1836, welche Stadt und Land mit Trauer, aber auch mit Ruhm bedeckte. Oft bin ich als Kind, wenn ich mit meiner Mutter beten ging, in diesen Gottesacker gekommen, bin mit der Gleichgiltigkeit der Kindheit unter seinen Nosengebüschen umhergestreift, die ich kaum schön zu nennen wage, da sie die Opfer deS bloßen TodeS verhüllen. Mehr als zwanzig Jahre später, als ich überall die Erinnerungen meiner Kindheit aufsuchte, um mit ihnen mein Herz zu erfrischen, das weit vom heimathlichen Thale in den Qualen des Lebens zusammengeschnürt worden war, wollte ich wieder diese düstere * Stätte betreten. Mich begleitete ein Freund, der, glücklicher als ich, die Stätte seiner Geburt, das Ufer des Jbaizabcl nie verlassen hatte. Als er mich jedoch auf den Kirchhof zugehen sah, blieb er stehen, und sagte: Du suchst auf diesem Friedhof nur Erinnerungen an Deine Kindheit; Du magst 236 ihn im Namen Gottes betreten, und tröstende Empfindungen davon mitbringen. Mich aber laß aus der Ferne diese düstere Ruhestätte Derer begrüßen, die ich am Meisten auf der Welt geliebt habe. Von Ferne laß mich Denen, die hier bestattet sind, mein An. denken weihen, und meine Gebete für sie zum Himmel senden. Und mit Thränen in den Augen, mit zärtlich klopfendem Herzen sagte er mir die Namen von mehr als hundert edlen Jünglingen, welche seine Gefährten waren in den Spielen der Kindheit und in den Hoffnungen der Jugend, welche einst der Ruhm und Stolz dieser reichen edlen Stadt hätten sein sollen, und welche nun Alle in jenem blutigen, riesenhaften, aber heldenmüthigcn Bruderkrieg gefallen waren. Wenn Alles schweigt am Ufer des Jbaizabal, fügte mein Freund bei, w^m nur das Geschrei der Eule auf Mallona's Leichenhügel, und das Pfeifen des Windes in den Bäumen am Gestade die Stille der Nacht unterbricht, dann treibt mich oft eine geheim- nißvolle Gewalt hinaus an den Rand des Muffes. Dann gedenke ich Derer, die in ihrer Kindheit dort mit mir spielten, und jetzt in dieser Erde Schooß den Tag drr allgemeinen Auferstehung erwarten. Wenn ich dann das Auge nach Mallona's dunklem und einsamem Hügel wende, so scheint es mir, wie wenn weiße, geflügelte Geister sich dort wiegen, und mit gcheimnißvoller, trauernder Stimme mir zurufen: „Auch Du bist Staub, und wirst wieder zu Staube werden." Die Stimmung meines Freundes hatte sich auch mir mitgetheilt. Ich ging nicht auf den Kirchhof, sondern zum Heiligthum von Bcgonna zurück. Und warum, o Gott, ließest Du die weißen Geister, die sich über Mallona's Hügel wiegen, nicht emportauchen, um die arme Clemcntina an den Tag des Gerichts zu erinnern, damals, als das leichtgläubige Landmädchen jeden Morgen mit Sonnenaufgang bei diesem Hügel vorüberging, Begonna's kühlen Lauben zu, wo sie die Unschuld ihres Herzens lassen sollte? Ja, jeden Morgen, wenn die Sonre über die Anhöhen von Gangurca emporstrahlte, schritt das Mädchen über den Krcuzplatz und erklomm die Anhöhe des Heiligthums. In der Anlage vor der Kirche traf sie den jungen Mann, der zum ersten Mal in ihrer Seele Träume von Glück erweckt hatte, die früher niemals den Frieden ihres Herzens störten. Tag um Tag verging, und diese Zusammenkünfte dauerten fort. Das Mädchen vom Dorfe hörte Betheuerungcn der Liebe an, so süß und glühend, daß ihr schon das Opfer ihres Lebens klein erschien, um der Liebe zu genügen, welche sie eingeflößt zu haben glaubte. So war sie auch eines Morgens bei ihrem Geliebten auf Begonna's Flur. Aber Don Juan schien heute unruhig. Clcmentina fragre nach der Ursache, und er antwortete, daß er ihr heute ein wirkliches Opfer gebracht habe, indem er zu der Zusammenkunft herbeigeeilt sei. Denn um die sechste Stunde des Morgens müsse er sich in der Stadt einsenden, in einer höchst wichtigen Angelegenheit, bei welcher seine Ehre in Frage stehe. Clementina beschwor ihn, augenblicklich zurückzukehren, als Don Juan, das Auge nach dem Mallonahügel gewendet, plötzlich zusammenfuhr. Die Uhr der St. Antons - Abtei schlug eben die Stunde, und diesem Umstand schrieb Elcmcntina das Erschrecken ihres Geliebten zu.- Schon schlägt es sechs Uhr, und ich muß mich von Dir trennen, sagte Don Juan heftig. Morgen muffen wir uns sehen, aber nicht hier. Und wo denn? Auf der Höhe von Miraflorcs, um sechs. Ich werde nicht fehlen. Leb' wohl! Lebe wohl! 237 Juan drückte seiner Geliebten die Hand, und schlug den Weg nach der Stadt ein, ohne in der Eile Clementinen zu erklären, warum er für den folgenden Tag ciuen andern Ort ihrer Zusammenkunft wünsche. Clementina trat in die Kirche und hörte die Messe, während Juan auf seinem Wege einer schönen jungen Dame begegnete, welche er in dem Augenblicke, als die Uhr sechs schlug, von ferne hatte erscheinen sehen. Sie weinte, als Juan ihr begegnete. Wohin, mein Kind? — fragte er sie. Und woher kommst Du? Aus der Messe in der Begonna-Kirche. Und seit 14 Tagen gehst Du jeden Morgen mit Tagesanbruch zur Kirche? Ja. Und seit wann bist Du ein so guter Christ? Das war ich immer. O, Heuchler! Und die Unglückliche sing auf's Neue trostlos zu weinen au. — Aber, Weib, was sollen diese Thränen? Elender, Treuloser, so erfüllst Du Deine Schwüre, mich ewig, und niemals eine Andere zu lieben? Aber wer sagt Dir denn, daß ich eine Andere liebe? Genugsam sagt es mir mein Herz, Deine Gleichgiltigkeit, und das geheimnißvolle Leben, welches Du seit Wochen führest. Ich schwöre Dir, daß meine frühen Gänge kein Geheimniß bergen. Morgen muß ich, wie Du weißt, eine weite Reise unternehmen, für welche ich den Schutz der heiligen Jungfrau angerufen habe. Die Höhe von Miraflores liegt am östlichen Ende der Stadt, nahe bei dieser, an der Heerstraße nach Vitoria; auf ihr befindet sich eine schöne, mit Ruhebänken versehene Anlage. Am folgenden Morgen um sechs Uhr saß Clementina auf einer dieser Bänke. Ungeduldig schaute sie nach der Stadt hin; aber Er, den sie erwartete, kam nicht. Da nahcte sich eine Eilkutsche. Und wie erstaunte das Mädchen, als am Fenster des inneren Wagcnraums Don Juan's Kopf erschien und gleich darauf der Wagen vor der Bank hielt, auf welcher Clementina ruhte. Juan sprang eilends heraus, ergriff das Mädchen am Arm, und zog es nach dem Wagen hin, während der Kutscher rief: Vorwärts, vorwärts, die Thiere sind erhitzt, und können hier nicht länger stehen bleiben! Clementina wollte Widerstand leisten, verlangte Erklärung dieser gewaltsamen Handlungsweise; aber es gebrach ihr an Zeit wie an Kraft. Bevor der Schrecken und die Ueberraschung sie recht zum Worte kommen ließen, sah sie sich bereits im Innern des Wagens an Don Juan's Seite. In eiligster Flucht verfolgte der Wagen die Richtung nach Zareoza. Clementina und ihr Entführer waren allein. Sobald sie ihrer Sprache wieder mächtig ward, verlangte sie von ihm Rechenschaft über sein Benehmen. Das arme Landmädchen wußte wenig von dem, waS unter gebildeten Leuten gesellschaftliche Schicklichkcit heißt; gleichwohl fiel es ihr schwer auf's Herz, daß Jnan's Handlungsweise kaum die eines Ehrenmannes sein könne. Er fing damit an, zu gestehen, daß sein Verhalten leicht zu ungünstiger Auslegung Anlaß bieten könne. Er erzählte, daß er sich gezwungen gesehen habe, in aller Eile nach Begonna zu reisen, wohin ihn Geschäfte riefen, bei denen sein ganzes Vermögen auf dem Spiele sei; da habe er die Kraft nicht gefunden, sich von Ihr zu trennen, ohne deren 238 Gegenwart und Liebe die ganze Welt nur eine furchtbare Wüste für ihn sei. Kommen wir nach Begonna, schloß er, und habe ich erst meine dortigen Interessen sicher gestellt, welche in die größte Gefahr kämen, wenn meine Ankunft auch nur einen einzigen Tag weiter hinausgeschoben würde, so soll die Kirche unsere Liebe heiligen, und nach kurzer Zeit kehren wir glücklich und geehrt nach Deiner Heimath zurück, um den Segen Deiner Mutter zu erbitten. Mit solcher Kunst, mit so blendendem Schein von Aufrichtigkeit und Wahrheit machte Juan diese Erklärungen, daß das arme Mädchen, besten Herz wie alle liebenden Herzen, nach Nichts begieriger verlangte, als nach einem Vorwand, um zu glauben und zu vergeben, seinem Entführer glaubte und vergab. Clementina und Juan stiegen in einem der ersten Gasthöfe in Begonna ab. Zwei Tage nach ihrer Ankunft weinte Clementina trostlos; sie hielt sich des Segen- «nd der Verzeihung ihrer Mutter nicht mehr würdig. Nach zwei weiteren Tagen wartete sie auf Juan Stunde um Stunde, einen ganzen Dag; er kam nicht wieder. (Fortsetzung folgt.) Zur Geschichte der Rose. Welcher Epoche der Weltgeschichte der Geburtstag der Rose angehört, wer vermöchte es zu behaupten?! Schon zweitausend Jahre vor Christi Geburt existirten die berühmten Gärten von Babylon und jedenfalls duftete schon in ihnen die edelste der Blumen, der Liebling der Frauen und Dichter, das Symbol der Liebe und Schönheit; benn Persien, das Nachbarland, war schon im graucsten Alterthum durch seine Rosen bekannt. Auch in China und Cochinchina wurde die Königin der Blumen seit den ältesten Zeiten kultivirt. Confuzius selbst feierte ihre Schönheit in seinen Gedichten und in der Bibliothek des chinesischen Kaisers, welche aus etwa 18,000 Bänden und Handschriften besteht, handeln 1600 über Blumenzucht, von ihnen über 600 speciell von der Rosen- zucht. Trotzdem kennen die Bewohner des himmlischen Reiches nur zweierlei Nosenarten: die weiße und die Moosrosc; und auch diese wachsen auf kaum fußhohen Sträuchern, während die Blume nur den Umfang einer Wallnuß erreicht. Aber diese Rosen werden namentlich in den weitläufigen kaiserlichen Gärten in so ungeheurer Menge kultivirt, daß die daraus gewonnene Essenz einen jährlichen Ertrag von über 30,000 Thalern gewährt. Nur die kaiserliche Familie und die Angesehensten des Reiches dürfen sich indeß dieser Parfumerie bedienen, für jeden Andern ist ihr Gebrauch auf das Strengste untersagt. Nebenbei bilden die mit Rosenblättern gefüllten „Kräutcrsäckchen" bei den Chinesen einen Talismann gegen die bösen Geister, welche in den Häusern ihr Unwesen treiben, Krankheiten und böse Träume erzeugen. Ein ähnlicher Aberglaube herrscht bei den Siamesen, welche den guten Genius unter einem Rosenstrauche entstehen lasten, während der böse Geist unter einer Cypreste zur Welt komme. Wer neben einem von dem Confuzius geliebten Rosenstrauche eine Cypreste pflanzen wollte, würde sich nur Unglück und einen frühzeitigen Tod heraufbeschwören, während Glück und langes Leben Demjenigen zu Theil wird, der Rosen im Ueberfluß hegte. In gleich hoher Weise wurde die Rose von den übrigen Völkern des Alterthum- geehrt. „Lastet uns Kränze tragen von jungen Rosen, ehe sie verwelken," heißt eS im Buche der Weisheit. Und „Gehorchet mir, ihr heiligen Kinder, und wachset wie die Rose, am Büchlein gcpflanzet," sagt Jesus Sirach. Ferner spricht die Bibel von der Rose von Saron und von Dem, „der die Wüste blühen läßt wie eine Rose." Die sogenannte Rose von Jerichow (eine nicht zutreffende Benennung, weil diese Pflanze hauptsächlich in Arabiens Sandwüsten gedeiht) genoß eine abergläubische Verehrung. 239 Sie besitzt nämlich die Eigenschaft, wenn ihr bauchiges mit dem Pistill gekröntes Schötchen^ besten Klappen oben rundliche Ochrchen haben, sich trocken zusammengezogen, mit ihrew holzig gewordenen Zweigen ein kugelförmiges Nest zu bilden. Wirft man dasselbe in's Master, so quillt es wieder auf und dehnt sich aus, welche natürliche Erscheinung von gar Manchen der Wundcrkraft der heiligen Stätten zugeschrieben wurde, auf denen die Pflanze wächst. Die ältesten griechischen Schriftsteller lasten die Rose ursprünglich in Kleinasien, oder selbst auf der Insel Kythere, wo man die Venus besonders verehrte, und ihr die Rose vorzugsweise geweiht war, ursprünglich einheimisch gewesen sein. Erst um die Zeit des trojanischen Krieges wäre sie nach dem Peloponnes und nach Mika verpflanzt worden. Achills Schild war mit Rosen geschmückt, und Rosen waren den Wohlgerüchen beigemischt, mit denen Hektor's Leichnam von Aphrodite einbalsamirt ward. Sappho (600 v. Chr.) nannte die Rose zuerst die „Königin der Blumen." — Anakreon läßt sie mythisch entstehen, als Aphrodite dem Meere entstieg; ein Tropfen des Meeresschaumes, der an ihren Gliedern gehangen, sei zur Erde gefallen, und hier der Keim geworden zu einem Nosenstrauche. Weiß wie der Schnee, aus dem sie er- sprosten, war ihre Farbe — vom Blute der Göttin färbte sie sich roth. Als Adonis vom Zahne des Ebers seinen Tod fand, verletzte sich die Göttin, indem sie ihrem Geliebten zu Hilfe eilte, den Fuß am Dorne eines Rosenstrauches; einige Blutstropfen seien auf die Rosen gespritzt, welche sofort die Purpurfarbe angenommen hätten. Weniger poetisch ist bei den Muhamedanern die Rose aus dem Schweiße ihres Propheten entsprossen, weßhalb die Gläubigen sich auch hüten, auf ein Rosenblati zu treten. Außer der Aphrodite war die Rose in Griechenland dem Dionysos, dem Gotte der Neben und der blühenden Natur geweiht; ferner der Diana von Ephesos, in welcher man die überschwengliche Fruchtbarkeit der Erde verehrte. Hymen, der Gott der Ehe, und Komos, der Gott heiterer Geselligkeit und der Genius des Lebens, trugen Rosenkränze auf dem Haupte. Auch stellte die antike Kunst den Frieden mit einem Rosensträuße, Kornähren und Oelzwcigen dar, und gab der Höre des Frühlings eine Rose in die Hand. Sie war ferner ein Attribut der Musen und der Charitinen. Zur damaligen Zeit kannte man nur vier Hauptartcn dieser Blume, wie sie noch jetzt in Griechenland gedeihen: die Hecken- oder Hundsrose, die Hagebutte, die Pimpernell- Rose und die schöne gefüllte hundertblättrige Rose (kosn oontikolin), welche zuerst durch Alexander den Großen nach Europa eingeführt wurde. Die alten Römer schmückten die Bildsäulen ihrer Götter und berühmten Männer mit Rosenkränzen, entweder allein oder mit Veilchen und Myrthenblüthen gemischt. Die Thore, durch welche triumphirendc Feldherren einzogen, wurden mit Rosengewinden behängen und Rosensträuße warf man ihnen in den Wagen. Die römische Braut trug einen Kranz von Rosen und Myrthenzweigen unter dem Purpurschleier, und auch das Haupt der Verstorbenen wurde mit Rosen bedeckt. Demnächst vermischte man die zu Asche verbrannten Gebeine, vor ihrer Beisetzung in der Gcabesurne, mit Wein und Rosenblättern, und bestreute den Todtenhügel alljährlich mit Rosen, für deren Pflege oft bedeutende Summen testamentarisch ausgesetzt wurden. Ferner beging man den Geburtstag der Verstorbenen durch Anpflanzung dreier Rasenstücke und einer gleichen Anzahl von Myrthen. Als der Luxus und die Schwclgerei bei den Römern mehr und mehr überhand nahmen, erreichte auch der Roscnluxus seinen Höhepunkt. Der Speisesaal Nero's war wegen seiner künstlichen Bauart besonders berühmt; die Decke und ein Theil der Scitenwände drehten sich mittelst eines Maschinenwcrkes um die Tafel her und stellten abwechselnd die verschiedenen Jahreszeiten dar, wobei statt des Hagels und Regens ungeheure Rosenmasscn auf die Gäste herabfielen. Zu diesem Zwecke verwendete der Tyrann für ein einziges seiner schwelgerischen Gelage vier Millionen Sesterzen (etwa 200,000 Thaler) für Rosen! 240 Hcliogabal, der Prasser aller Prasser, dessen Sprichwort war: „Es gibt keine "delikatere Brühe, als die Seltenheit," und der demgemäß nur Pasteten von Hahncn- kämmcn, Pfauenzungcn, Nachtigallen-, Papageien- und Fasancnköpfcn auf seine Tafel kommen ließ, der den Unsinn so weit trieb, daß er für einen Phönix, von dem er gehört, daß er nur einmal in der Welt existire, viele tausend Mark Goldes bot, machte den wahnwitzig ungeheuerlichsten Gebrauch von den Rosen. Er ließ dieselben von der Saaldecke herab in solchen Unmassen niederfallen, daß viele der Schmausenden in den Blumcn- hügeln erstickten! Er badete sich nur in Rosenwein, und ließ sogar die Reservoirs der öffentlichen Schwimmbäder mit Wein füllen, der durch Rosen parfümiri war. (Forts, f.) (Eine Heldenthat der Königsberg er Feuerwehr.) Aus Königsberg vorn 8. Juli wird von der Königsberger Hartung'schcn Zeitung berichtet: Heute, etwa um IV 2 Uhr stand plötzlich das große Gebäude Tragheimcr, Kirchenstraße Nr. 1, in hellen Flammen. Gegen zwanzig Familien, welche in diesem Hause wohnten, eilten unter Jammer und Wehklagen auf die Straße, während die schnell herbeigekoimnene Feuerwehr ihre Thätigkeit zu entwickeln begann. Da erscholl der Ruf, es seien oben in der brennenden Dach-Etage noch mehrere Personen, denen die Rettung durch die brennende Treppe und fürchterlichen Rauch unmöglich gemacht werde, und in der That erblickte man einen Arm aus einem etwa neun Zoll im Durchmesser haltenden Loche in der Mauer, der nach Rettung zu winken schien. Von keiner Seite war ein Zugang möglich, hier war keine Sekunde Zeit zu verlieren; der Branddirector ergreift eine Leiter und will den Rettungsversuch selbst wagen, woran ihn indeß drei seiner hcldcnmüthigen Feuermänner verhindern, während Feuermaun Stcnzel, ohne sich zu besinnen, das kühne Werk beginnt. Mit großer Sicherheit steigt er mit einer Leiter an der Vorderfronte des vierstöckigen Hauses in die Höhe nach der Ocsfnuug zu, wo noch (immer der Menschenarm sich bewegt; er hat den obersten Stock erreicht und ist etwa nur noch eine halbe Leiterlänge von dem Unglücklichen entfernt, als er zu seinem Schrecken gewahrt, daß er die Leiter nicht nochmals anlegen könne, da an dem Dache kein Gegenstand ist. an welchem dieselbe eingehakt werden kann. Ein schnelles Verständigen mit den ihm gefolgten beiden Kameraden ließ ihn nun ein Werk ausführen, das an Kühnheit und Un- erschrockenheit alles bis jetzt Geschehene überstieg. Die Leiter wurde von den beiden Männern gehalten, während Stenzel sie besteigt, und da er immer noch etwa 4 Fuß von der beschriebenen Oeffnung entfernt war, sich auf die beiden spitzen Leiterbäume stellt und so in dieser grauscn- erregenden Stellung mit seiner Axt die Oeffnung in der Mauer zu erweitern beginnt. Doch die leckenden Flammen zischen immer näher, der Unglückliche im Innern brüllt nach Rettung, und Stenzel verdoppelt seine Kräfte. Er reicht seine Axt demselben durch das Loch und rüst ihm zu, mitzuhelfen, während er sich eine andere Axt reichen läßt und rüstig das Loch erweitert. Und alles dies auf den beiden Enden der Leiter stehend, ohne jede ander Haltung oder Stütze. Das Publicum wagt keinen Laut, es hält ein Jeder den Athem inne, während die Aufregung dicke Schweißtropfen von den Gesichtern rinnen läßt. Da erschallt erst ein leiser allgemeiner Ruf, er wird stärker, Alles drängt näher, um eine kaum geahnte Möglichkeit von dem braven Feuermanne möglich gemacht zu sehen; ein Freudenschrei und ein endloser Jubel verkündet, daß der Unglückliche aus dem erweiterten Loche mit hundertfacher Lebensgefahr herausgezogen und von seinen Rettern heruntergetragen wurde. Leider sollte es den unsäglichen Mühen der Feuerwehr nicht gelingen, die noch oben befindlichen beiden anderen Menschen aus den Flammen zu retten. Es gelang der Feuerwehr auch, das im höchsten Grade gefährliche Feuer nur auf dieses Eine brennende Gebäude zu beschränke». Charade. (Aus zwei einsilbigen Wörtern.) Das Erste köstlich ist zu trinken, Doch trinkt man's nur für theures Geld, Das Zweite wird stets untersinken, Auch wenn es in das Erste fällt. Das Ganze zu der Kranken Heil Die Apotheke bietet feil. Auflösung der Charade in Nro. 28: D a ch st u h l. Druck, Merlan und Redaktion de» literarischen Institut» von vr. M. Huttler, Nr. 31. 2. August 1868. Es gibt Menschen, denen das Geschick immer den Rosenkranz der Freude zeigt; und nähern sie sich, so drückt sie ihnen eine Dornenkrone aus das zu sehr schlagende Herz. Aber stark wird die Seele daun und muthig: und Muth ist fast so viel werth, als Glück. A. Lafontaine. Cleurentina. (Fortsetzung.) VII. Catalina war eines Abends mit ihren häuslichen Arbeiten beschäftigt, als Dominiks Frau bei ihr erschien. Guten Abend, Catalina. Gott schenke Dir ihn, Iuana. Sie sind so fleißig, wie immer. Was will man machen, meine Tochter! Mein Mann selig Pflegte zu sagen: wen» ich an der Arbeit schwitze, fehlt mir nicht des Himmels Stütze. Und wie hatte er Recht, der arme Ignatio! Sehen Sie, wie nun wir durch Fleiß und Arbeit vorwärts gekommen sind. Gelobt sei Gott! Es sind jetzt 10 Jahre her, da wußten wir kaum, wohin wir unsere Häupter legen sollten, und jetzt ernten wir für das ganze Jahr, haben ein eigenes Paar Ochsen, und Dominik geht schon damit um, sich eine kleine Heerde Schafe und eine gleiche von Ziegen anzuschaffen. Freilich, Ihnen verdanken wir Alles, denn Sie haben uns die hilfreiche Hand gereicht und . . . Still, still, Frau, und nie mehr in Deinem Leben rede mir davon. Und da ist es nun eben, wie das Sprichwort sagt: „Dem, der Dir die Hand reicht, gib dafür Dein Herz." Laß jetzt Deine Sprichwörter. Wir wollen von etwas Anderem reden. Ist Dein Mann schon zurückgekommen? Wie? — kam er heute Morgen nicht zu Ihnen, um zu fragen, ob Ihnen etwas gefällig sei? Er ist nach BilbLo gegangen. Eben darum frage ich. Er war bei mir und fragte, ob ich ihm einen Auftrag für Clementina mitzugeben hätte. Ja, er mußte eben auf irgend eine Weise einen Vorwand bekommen, um sie zu besuchen. Sie können sich nicht vorstellen, wie anhänglich er an das Mädchen ist. Aber wer im Dorfe ist es denn nicht? Sie können wahrhaftig sagen, daß Ihre Tochter nicht mit Gold kann ausgewogen werden. Mein liebes Kind! Wolle Gott, daß sie mir wieder gesund wird, um bald heim zu kommen. Denn ohne sie komme ich mir vor, wie ohne meinen Schatten, und ebenso geht es ihren Brüdern, namentlich Miguel. Ach, wenn Sie von Miguel sprechen! Es ist doch kaum zu glauben, was für ein arbeitsamer und grundbraver junger Mann er geworden ist! Wahrlich, das ist er, und man kann gar nicht genug davon sagen. Wenn sein Vater, den Gott selig habe, sein Haupt noch einmal erheben könnte, er würde gleich wieder sterben vor Freude, wenn er sehen könnte, wie alle seine Kinder seinem Namen Ehre machen und wie sie ihre Mutter beglücken durch ihre Zärtlichkeit, Tugend und Arbeitsamkeit. Gelobt seien Gott der Herr und die heiligste Jungfrau, die mir solche Gnade erwiesen haben. 242 Und Frcudenthränen füllte» Catalina's Augen. j Doch still, rief Juanna, indem sie auf ein Geräusch von Schritten horchte, welche sich auf der Stiege hören ließen; da muß ja Dominik um den Weg sein; ich kenne ihn au den Schritten, die er macht mit seinen langen Beinen, die ihm Gott gegeben hat. In der That war es Dominik, der so eben ankam. Es mußte ihm irgend etwas Uebles begegnet sein, denn sein Gesicht war verstört, was die beiden Krauen sofort bemerkten. ^ Nun, wie ist es Dir gegangen, Dominik? fragte Catalina hastig. Alles Mögliche hat es gegeben, wie in einer Apotheke, sagte Dominik mit betrübtem Lächeln. Was hat es gegeben? rief Juana ängstlich. Bist Du etwa vom Maulthier Herabgefallen? Wahrhaftig, ich wollte, so Etwas wäre mir begegnet, ehe ich nach Bilbäo kam; dann wäre ich umgekehrt, und müßte jetzt nicht als Ucberbringcr schlimmer Botschaften dastehen. Heilige Jungfrau! sagte Catalina in fürchterlicher Seelenqual. Was ist meiner Tochter zugestoßen? Geht es ihr schlimmer? Ist sie wohl gar gestorben? Gestorben ist sie nicht; aber machen Sie sich gefaßt. . . Dominik, mach' ein Ende! Du bringst mich um mit Deinen Zögerungen. Aber, liebe Frau, antwortete Dominik beinahe weinend; sehen Sie denn nicht, daß «s ist, wie wenn ich einer Mutter die Pistole auf die Brust abdrücke, wenn ich ihr so glatt heraussage... Was? Was? Daß mein Herzenskind todt ist? Sag' es nur heraus. Meine Tochter war das Glück meines Lebens, aber ich werde mich in Gottes Willen ergeben, wie es uns die Religion gebietet. Ist meine Clementina todt? Dominik machte eine größere Anstrengung, um seiner schlimmen Botschaft los zu ^ werden. Nein, sie ist nicht todt; aber wer da weiß, was im „großen Hause" die Ehre gilt, der wird mit mir sagen, es wäre bester, wenn Clementina todt wäre, als daß sie sich von einem Schurken anführen ließ. Meine Tochter verführt, der Ehre beraubt? Das kann nicht sein, das glaube ich nicht! Dominik, Du verläumdest eine Familie, auf deren Ehre niemals der leiseste Schatten siel. 4 Aber ich sage kein Wort mehr, als Ihr eigener Schwager mir mitgetheilt hat. Was hat Dir mein Schwager gesagt? Du tödtest mich noch mit Deinen halben Redensarten. Ihr Schwager, der vor Kummer krank im Bett liegt, hat mir gesagt, die Kleine sei eines Morgens zur Messe nach Begonna gegangen und den ganzen Tag nicht wieder gekommen. Er fragte hier, er fragte dort, am End' aller Ende brachte er heraus, daß man sie in der Eilkutsche nach Vitoria hatte durch Zorcoza fahren sehen. Und mit wem, glauben Sie? Mit Juanito, dem Strolchen, der voriges Jahr beim St. Iacobsfest war. O Elender! Catalina machte eine äußerste Anstrengung, um sich zu beherrschen und ihren Schmerz zu mäßigen. Es gelang ihr; aber wir können ihr darum die Siegcspalme der Heldin noch nicht reichen; denn sie glaubte in der That nicht, was Dominik erzählte. Die Ehre war in ihrem Hause eine so hohe, erhabene, hoch verehrte Gottheit, daß Cata- > lina es nicht zu fasten vermochte, daß ein Glied ihrer Familie sie sollte entweihen können. Mancher denkt vielleicht Hiebei: „Arme Mutter! arme ländliche Frau I Du wußtest nicht, wie sehr bei gewissen Wesen die Naturanlage der Erziehung überlegen ist! Im gewöhnlichen Leben Pflegt man in Tadel oder Spott zu sagen, die oder jene Person sei 243 sehr verliebter Natur. Man bedenkt dabei nicht, daß solcher Spott und Tadel eben so ungerecht sind, wie wenn man einen Blinden tadeln wollte, weil ihm Gott das Augenlicht versagt hat.* Wir aber wollen diese Auffassung nicht theilen. Catalina's Söhne waren schon seit dem frühen Morgen im Walde, ziemlich weit vom Dorf, mit Kastanicnsammeln beschäftigt. Ihre Mutter entschloß sich, in Dominik's Begleitung, ohne allen Verzug nach BilbL» aufzubrechen. Der Juana schärfte.sie ein, hinsichtlich des Unglückes, welches diese plötzliche Reise nöthig machte, das strengste Schweigen zu beobachten. Miguel und seine Geschwister sollten dahin berichtet werden, daß der Oheim, schwer erkrankt, die Mutter habe rufen lasten. In vorgerückter Abendstunde kamen Catalina und Dominik nach Bilbäo. Wer begreift nicht die grausame Todesangst, mit welcher Catalina sich dem Hause ihres Schwagers näherte, wer nicht den endlosen Schmerz, als ihr kein Zweifel mehr blieb an der Schande, an dem Untergang ihres Kindes? Schmerzgefoltert unternahm sie am folgenden Morgen in der Frühe die Heimreise. Sie befürchtete, Clemcntina's Schande möchte bekannt werden, Miguel die Schuldigen aufsuchen, und das Blut der Verführten wie des Verführers vergießen. Sie selbst wollte ihren Söhnen die verhängnißvolle Nachricht mittheilen, um Miguel's Entrüstung und Rachewuth durch den Einfluß zu bändigen, den ihre Liebe und ihr mütterliches Ansehe» stets auf den edelmüthigen Jüngling auszuüben vermochte. Eine Hoffnung hegte die tiefbctrübte Mutter immer noch; sie glaubte, der Verführer ihrer Tochter werde nicht so ruchlos sein, daß er sich weigerte, ihr die geraubte Ehre so weit möglich wieder zu geben. Aber ach! auch dieser letzte schwache Hoffnungsschimmer dauerte nur gar kurze Zeit. Catalina und Dominik kamen auf ihrem Heimweg gerade durch die Ebene von Volantei, nahe bei der „Salve," als ein junges Weib mit von Zorn und Thränen geröthetem Angcsichte ihnen begegnete. Sie überhäufte Catalina mit Beleidigungen, nachdem sie ihr mitgetheilt hatte, daß sie die Ehegattin von Clementina's Entführer sei. Nach dieser Enthüllung hörte Catalina keine beleidigenden Worte mehr, oder gab sich nicht die Mühe, solche zurückzuweisen. Was konnten die Schmähungen eines armen, in seinem Stolz, in seinem Herzen verwundeten Weibes zu ihrer Schande, zu ihrer tödt- lichen Beschimpfung noch hinzufügen! Catalina und Dominik beendigten nun ihren Heimweg; sie mit trockenen Augen, aber tödtlich verwundetem Herzen. Aber Dominik konnte die Thränen nicht bemeistern, die sich immer von Neuem in seinen Augen sammelten. Sobald Catalina ihr Haus wieder gesehen hatte, enthüllte sie ihren zwei ältesten Söhnen den Jammer, der über das Haus gekommen war. Entsetzlich waren der Schmerz und die Entrüstung der beiden jungen Männer beim Empfang dieser Kunde. Aber in feierlichem Ton sagte ihnen die Mutter: Die Rache ist nur erlaubt der Gerechtigkeit Gottes und der Obrigkeit. Vergesset Eure Schwester; wenn sie aber eines Tages verlassen, mit Thränen der Reue, Eurer Thüre oder Eurem Herzen naht, dann umhüllet sie mit dem Mantel des Vergessen» und Vergebens, denn sie wird nicht uur Eure Schwester, sie wird ein gebrochenes, iur-- glückseliges Geschöpf sein. Mutter! antwortete Miguel; wir versprechen es, weil Gott und Du es gebieten; — und er senkte sein in Thränen gebadetes Gesicht zur Erde nieder. Catalina legte sich nieder, anscheinend voll Ruhe und Ergebung. Aber Miguel, der sie genau kannte, sagte zu seinem Bruder: Geh' schnell und rufe den Arzt. 244 Mache Dir darum keine Sorge, sagte der Jüngere; sie scheint gefaßt zu sein. Geh' um Gottes Willeu; ihre Ruhe scheint mir die Ruhe der Todten. Der Arzt kam alsbald und sagte, man möge nur gleich den Priester rufen. Am folgenden Morgen läuteten im Dorf die Sterbeglocken. Niemand war da, der nicht Catalina beweinte, der nicht ihre Seele Gott im Gebet empfohlen hätte. An diesem Tage ward der schwarze Flor angelegt, den ich über dem Wappenschild des „großen Hauses" sah. (Schluß folzt.) Zur Geschichte der Rose. (Schluß.) Bei einem Gastmahle, welches Kleopatra dem Antonius zu Ehren gab, war der Fußboden der Speisezimmer eine Elle hoch mit Rosen bedeckt, über welche man, um sicher gehen zu können, Netze ausgespannt hatte. Der berüchtigte Verres bediente sich einer Sänfte bei seinen Reisen, in welcher er auf einer mit Rosen ausgestopften Matratze lag; Rosenkränze umgaben seinen Kopf und Hals, und ein mit diesen Blumen gefüllter Netzbeutel diente ihm zum fleißigen Riechen. Bei diesem ungeheuren Verbrauch wurden denn auch zahllose Rosengärten in Italien, ja förmliche Plantagen von ungemefscner Ausdehnung unterhalten. Der Rosenduft in den Straßen Roms war betäubend. Mit Bezug auf diese Ueberfülle rief Martial aus: „Sendet uns Korn, ihr Egypter, wir wollen euch Rosen dafür geben!" Eine wichtige Rolle bei den Gastmälern spielte der Rosenpudding, über besten Zubereitung Apicius, dieser Kenner der Kochkunst, Folgendes anführt: „Man nimmt gereinigte Roscnblättcr, schneidet das Weiße am unteren Ende sorgfältig ab und zerstößt dann die Blätter in einem Mörser, unter fortwährendem Zugießen einer pikanten Sauce. Dann läßt man dieselbe durch ein Sieb laufen, nimmt das Gehirn von vier Kalbs» köpfen, dem die Haut abgezogen wird, streut ein Quentchen feingestoßenen Pfeffers darauf, zerstampft dies ebenfalls in einem Mörser und gießt fortwährend von dem oben genannten Safte hinzu. Herauf schlägt man 8 Eier aus, rührt sie mit anderthalb Gläsern Wein und einem Glase Sekt, fügt auch etwas Oel hinzu. Endlich bestreicht man die Form, in welche die Mäste gethan wird, mit Oel und läßt sie backen. Der so bereitete Pudding wird dann heiß aufgetragen." Die Kreuzzüge brachten verschiedene, bis dahin in Europa noch unbekannte Rosen» arten nach Deutschland und Frankreich. So kam unter anderen die Damascencr-Rose um das Jahr 1100 nach der Provence. In des Mittelalters finsterer Zeit aber ging die Roscnkultur gleich der aller anderen Blumen zu Grunde, wenn gleich Karl der Große den Franken die Anpflanzung und Pflege der Rosen durch eine Verordnung an's Herz gelegt. Erst in der zweiten Hälfte des 16ten Jahrhunderts regte sich für die Rose ein lebhafteres Interesse, namentlich waren es die Benediktiner-Mönche, welche sich um die Verbreitung derselben verdient gemacht; wo nur ein Kloster dieses Ordens entstand, da blühte auch sehr bald ein Rosengarten. Und nun nimmt die Rose eine wichtige Stelle in der Kirche wie in der Kunst ein. Es sei hier nur an diejenigen der heiligen Elisabeth von Thüringen und an die Todesrose im Stift zu Altenbcrg erinnert. Wer könnte zählen, wie viele tausend „Rosenkränze" täglich gebetet werden zu Ehren der heiligen Jungfrau! Am Rosensonntage, in der römischen Kirche ein Name für den dritten Sonntag vor Ostern, weihte der Papst eine goldene Rose, mit welcher er eine Kirche oder ein gekröntes Haupt beschenkte; wie beispielsweise noch im Jahre 1856 die Kaiserin Eugenie bei Gelegenheit der Taufe des „Kindes von Frankreich." Bei Taufen trug man früher in diesem Lande große mit Rosenwaster gefüllte 245 Krüge zur Kirche. Bei einer solchen Gelegenheit ließ eine Amme ihren Täufling zur Erde fallen, und die Frau, welche das übliche Rosenwasser trug, goß dasselbe in ihrem Schreck über den Knaben aus. Dieser Unfall wurde als eine glückliche Vorbedeutung für des Kindes Zukunft angesehen; und wirklich wurde dasselbe unter Heinrich II. der damals angesehene Dichter Honsard (-f 1585), dessen Poesien eben deshalb in einen guten Geruch kamen, obwohl er nur ein äußerst mittelmäßiges Talent gewesen. Das Rosenfest ist eine noch jetzt in einigen Gegenden Frankreichs und Deutschlands übliche Feier, deren Ursprung bis in das sechste Jahrhundert hinaufreichen soll. Die Sage nennt den heiligen Medardus von Salency als Stifter des Festes, an welchem in jedem Jahre (8. Juni) dem tugendhaftesten Mädchen des Ortes ein Preis von 25 Livrcs nebst einer Rosenkrone zu Theil wird. Damit diese Stiftung für ewige Zeiten bestehen könne, opferte er eigens dafür zwölf Hufen Landes. Das erste Rosenmädchen soll die Schwester des Heiligen selbst gewesen sein. Ein Gemälde in der Kirche zu Salency behandelt diesen Gegenstand; doch ist es wahrscheinlicher, daß das Fest erst zur Zeit Ludwig's XIH. gestiftet, und nur deßhalb mit dem Heiligen in Verbindung gebracht worden ist, weil die Feier seines Festes in die blumenreichste Zeit des Jahres fällt. — Wenigstens rührt die silberne Schnalle, welche als Befestigung und Schmuck des Rosenkranzes dient, von diesem Könige her. Die Bedeutung der Rose in der mittelalterlichen Kunst, namentlich in der Architektur der germanischen Dome und Gerichtssäle, ist bekannt. In einigen Gegenden der Schweiz durfte der von einem Verbrechen Freigesprochene sich mit der „Unschulds-Rose" schmücken. Ebenso scheint der Gebrauch der Freimaurer, am Johannistage sich mit Rosen zu schmücken, aus den Bauhütten des Mittelalters herzurühren. Merkwürdiger Weise trugen die Bürger von Solothurn ebenfalls am Johannistage, an welchem sie sich zur Wahl ihres ersten Magistrats - Mitgliedes versammelten, einen Rosenstrauß, wovon diese Zusammenkunft den Namen „Rosengarten" erhielt. Als Sinnbild findet die Rose sich ferner in vielen alten Wappen vor; auch Martin Luther führte eine Rose im Siegel. Die blutigen Kämpfe der weißen und rothen Rose (1399 bis 1486), welchen die Häupter Hork und Lancaster um den Thron von England führten, hatten ihren Namen bekanntlich deßhalb, weil jenes eine weiße, dieses eine rothe Rose im Schilde führte. Auch auf den Beilen der Vchme befand sich das Bildniß eines Ritters mit einem Rosensträuße in der Hand, und so oft ein Mitglied dieses furchtbaren Bundes eine Rose erblickte, mußte es sie küssen. Der Ausdruck, Jemanden etwas „sub rosa^ sagen, rührt von dem Gebrauche der alten Griechen und auch unserer Vorfahren her, welche bei ihren Gastmählern, wie bei ernsten Berathungen über das Wohl der Gemeinde oder des Landes mitten über der Tafel an der Zimmerdecke einen Kranz aufhingen, in dessen Mitte eine natürliche oder künstliche Rose schwebte, die als Zeichen der Verschwiegenheit galt. Geheim sollte bleiben, was unter Freunden beim frohen Mahle gesprochen wurde. — „Sie vertrauen mir unter den Rosen der Freundschaft ein Werk ihrer Einbildungskraft und ihres Herzens an." Wieland. Von den verschiedenen Orden und Geheimbünden, die im sicbenzehnten und achtzehnten Jahrhundert entstanden, und ihren Namen, so wie ihre Symbole von der Rose hernahmen, stehen die „Rosenkreuzer" oben an. Dieser von Andrea gestiftete Orden, der sich aus der Freimaurerei entwickelte, strebte angebliche Verbesserungen in Kirche unt> Staat an; er hatte ein Andreaskreuz nebst einer von Dornen umgebenen Rose mit der Inschrift: „Lrux Oliristi oorona oiiristianorum^ zum Zeichen. Der von dem Herzoge von Chartres im Jahre 1780 gestiftete Rosen-Orden war dagegen ein Sammelpunkt aller Pariser Wüstlinge und Courtisanen, wogegen in der Pariser Gesellschaft „Rosati" Niemand Aufnahme fand, der nicht ein Gedicht zum Lobe i- 246 der Rose gemacht hatte. Erwähnung verdient noch der von einem Herrn v. Grosfinger ( im Jahre 1784 gestiftete deutsche, und der von Brasiliens erstem Kaiser Dom Pedro l., gegründete Roscn-Orden, der zu den anmuthigsten der Welt gehört. Ueberhaupt fand man, als Kolumbus Amerika entdeckte, die Rose dort stchon vor. Die Kaiser von Mexiko schmückten ihre Gärten damit, und in Peru erschienen die „Söhne der Sonne" bei gewissen öffentlichen Ceremonien mit einer Krone von Rosen. Die Peruaner nennen den Rosenstrauch den „Strauch der Sonne." Das kostbare Rosenöl, welches echt nur aus dem Morgenlande kommt, wird von den Moschusrosen gewonnen, deren Blätter man in einem Gefäße den Sonnenstrahlen aussetzt. Die öligen Theile, welche oben schwimmen, werden mit einer Baumwolle gesammelt und sogleich wieder in kleine Fläschchen ausgedrückt, die hermetisch verschlossen bleiben. Das beste Oel ist citronengelb, fast durchsichtig und von einem Gehalte, daß, wenn man eine Nadelspitze hincintaucht und ein Taschentuch damit berührt, dasselbe Monate lang den stärksten Wohlgeruch behält. Dieses Oel bildet einen der wichtigsten Handelsartikel an den Küsten Syriens, Persiens und der Berberei, wo es, dem Gewichte nach, theurer als Gold ausgewogen wird. Kaschmir liefert das köstlichste, dann kommt das persische und endlich das syrische Rosenöl. Auch die in der Bibel erwähnte Narde scheint mit diesem Oele verwandt zu sein, denn die Rose heißt auf arabisch Nard. Gegenwärtig kennt die Wissenschaft gegen 3000 Arten und Abarten von Rosen. Unter den vielen prächtigen Rosengärten in Deutschland nehmen die in Witzlcben bei Charlottenburg und das prächtige Rosarium auf der Pfaueninsel bei Potsdam (um welches sich der verstorbene Hofgärtncr Fintelmann so verdient gemacht) eine hervorragende Stelle ein. Als der älteste bekannte wird der an der östlichen Wand des Doms in Hildesheim befindliche Roscnstock bezeichnet. Sein in der Krypte unter der Chornische wurzelnder Stamm mißt beinahe einen Fuß im Durchmesser, während ein halbes Dutzend Zweige sich in einer Höhe von etwa fünfzehn Fuß an der grauen Mauer ausbreiten und Hun- ^ derte von Blumen treiben. Der Bischof Hezilo ließ diesen Strauch, besten Alter auf ein Tausend Jahre angegeben wird, mit seiner jetzigen Ueberdachung versehen. Der größte Roscnstock dagegen, den die Welt kennt, ist die weiße Banksrose im Mariengarten zu Toulon. Diese Rose, zu Ehren der l!ady Banks so genannt, weicht von den gewöhnlichen Rosen ab, denn ihre Blumen gleichen mehr denen der gefüllten Kirsche. Kaum ein halbes Jahrhundert alt, bedecken seine sechs Aeste, unter denen der stärkste 14 Zoll im Umfange mißt, eine Mauer von 75 Fuß Breite und 18 Fuß Höhe; der Stamm hat am unteren Ende 2 Fuß 8 Zoll im Umfange. Die Banksrosc blüht von Mitte April bis Mitte Mai und soll dann mit mehr als 50,000 Blumen auf einmal geschmückt sein. Zauberisch wird der Anblick geschildert, den diese herrliche Pflanze gewährt, und mit Recht gebührt ihr wohl der Preis, die „Rosenkönigin" genannt zu werden! Wenden wir uns schließlich den Dichtern der Rose zu, von Confucius und Anakreo« an, der sie iu seiner 51sten Ode gefeiert: Nebst dem kronzgeschmücktcn Lenze Sing ich dich, o holde Rose rc„ so gebührt der Preis einem deutschen Sänger, Ernst Schulze, der die „Königin der Blumen" in unerreichbarer Weise verherrlicht hat in seiner „bezaubcrten Rose." (Ein Heiliger wider Willen.) Bei den Pescherähs, den Bewohnern der Inseln an der südlichen Spitze Amerika's, herrscht die eigenthümliche Sitte, daß, sobald der Mann stirbt, die Frau ihm in's Grab folgen muß und umgekehrt. Dieses Schicksal traf im vorigen Jahre einen Spanier, der sich von einem gescheiterten Schiff auf die 247 Insel rettete. Er wurde von den Einwohnern gefangen genommen, mußte feine Kleidung mit einem Robbenfelle vertauschen, erhielt eine Keule und wurde „durch Beschluß der Nation" nolens volens als Häuptling proklamier. Als solcher mußte er eines der schönsten Mädchen als seine Frau anerkennen, welches Unglück ihm sein spanisches Blut ziemlich leicht ertragen ließ. Nachdem er sieben Jahre ganz glücklich gelebt hatte, starb seine Pescheräsc, und er mußte das gleiche Loos der Eingeborenen theilen, seine Selige in die allgemeine Begräbnißhöhle begleiten und letztere hinter sich schließen sehen. Bald war das mitgegebene Brod und Wasser verbraucht. Leichenduft verpestete die Luft, und Ratten und anderes Gethier fanden sich ein. Durch den Besuch dieser unliebenswürdigen Gäste hatte der Spanier eine Oeffnung gefunden, die er mit aller Kraft der Verzweiflung erweiterte, und durch sie in's Freie gelangte. Er eilte auf eine Anhöhe, sah ein Schiff, zündete ein Feuer von Reisig an, und wurde auch vom Schiffe aus bemerkt, welches ein Boot aussetzte. Doch auch die Pescherähs hatten das Feuer gesehen, sie eilten herbei und — sielen dem Spanier zu Füßen, der ihnen jetzt als Gottheit erschien, da noch nie ein lebendig Begrabener wieder zum Vorschein gekommen war. Frohen Muthes eilte der Gerettete ungehindert zum gelandeten Boot, während die Wilden zur Ebene zurückkehrten, um den übrigen Glaubensgenossen das „Wunder" mitzutheilen. Bahnwärterloos O Freund, werd' ja kein Wärter An einer Eisenbahn, Denn dieses Loos ist härter Als jeder and're Plan. Ein solcher steht da draußen Und wartet früh und spat Und hört er etwas sausen, So stellt er sich gerat»'. Viel bester geht's dem Schürer, Der wärmt sich doch die Hand, Am besten hat's der Führer Bei seinem hohen Stand. Nun ja, man kann's erwarten! Das Glück kommt nach und nach. Für jetzt blüht mir ein Garten, Kein Fleckchen liegt mir brach. Man kann von ihm wohl sagen Er geh' nur auf den Pfiff, Er salutirt die Wagen Und hat die Hand am Griff. Da pfleg' ich manche Stunde Zu meinem Zeitvertreib Die Blumen der Rotunde, Ich und mein junges Weib. Er muß telegraphiren Und unter Eis und Schnee Im Winter schier erfrieren Beim Schaufeln auf der Höh'. Und ich denk: Mein Wechsel zieht so viel Als einer an der Themse, Wir kommen all' an's Ziel. Da Pflanz' ich meine Rüben, Und Mancher fährt vorbei, Und denkt sich, der da drüben Versteht doch Mancherlei. He Du, bremse! Hermann Lingg. (Witzige Rache.) Von dem unlängst in Warschau verstorbenen praktischen Arzte Dr. Le» weiß man in Krakau folgende Anekdote zu erzählen: I)r. Leo, der trotz ungeheurer Praxis kein Vermögen zusammenbringen konnte, leistete gegen entsprechendes Honorar einem der reichsten Warschauer Bankiers Gesellschaft auf einer Reise in's Aus- land. In jedem Hotel schrieb der auf seinen Reichthum stolze Gcldmann in's Melde- Buch: „Der Bankier T. aus Warschau mit seinem Arzte llr. Leo." Leo merkte dies einige Male, schwieg, kam jedoch bei der nächsten Station dem Banquier zuvor, und schrieb in's Buch: „Dr. Leo aus Warschau mit seinem Bankier T." 248 (Die Strickmaschine.) Die neue Welt, welche uns bereits die Nähmaschine erfand, bereitet ein neues Geschenk für uns vor in Gestalt der Strickmaschine. Bis jetzt hat man nur solche Strickmaschinen gekannt, wclcke ein ganz gleichmäßiges, röhrenförmiges Gewebe zu liefern vermochten. Die neue amerikanische Strickmaschine von Lambs dagegen ist nicht rund, sondern langgestreckt und arbeitet auf beiden Seiten. Bei der vollen Breite enthält sie auf einer Seite 50 Nadeln; aus beiden Seiten zusammen können also durch jede Kurbelumdrehung 100 Schlingen gemacht werden. Rechnet man auf jede Kurbelumdrehung eine Secunde, so ergibtdi es für eine Minute 6000 Scklingen. Dadurch wird es begreiflich, daß man mit dieser Maschine an einem Tag 36 Paar Strümpfe anfertigen kann, während die Haudstrickerin, wenn sie noch so fleißig und noch so geübt ist, täglich nicht zwei Paare fertig bringt. Außerdem kann man je nach Bedarf fest oder locker stricken. Die Maschine nimmt wenig Raum ein und wird an den Tisch angeschraubt. Man kann mit der Maschine ab- und zunehmen, den Keil, die Ferse, das Bein, den Rand des Strumpfes machen. Ebenso lasten sich gerippte, wolkige und durchbrochene Gewebe jeder Art mit der Maschine herstellen und auf diese Weise Shawls, Decken, Besätze, Kinderkleider, Handschuhe und Anderes mit Leichtigkeit anfertigen. Während des letzten Breslauer Maschinenmarktes arbeitete die Maschine eine Menge derartiger Gegenstände zu großer Freude und Bewunderung der Damen, welche in der Regel dicht gedrängt um diese unscheinbare Maschine standen und den reichsten Beifall spendeten. Die L am b s'sche Strickmaschine kostet 160 fl. Silber, bei Baarbezahlung IILV^fl. Die hiesige Unternehmungslust wird sich gewiß die Gelegenheit nicht entgehen lasten, dem Augsburger Publikum diese interessante Maschine bald vorzuführen. (Vielfache Verwendbarkeit des Petroleums.) Das Petroleum, mit dem man Jahrhunderte lang, als es noch unter dem Namen Steinöl oder Naphta in den Haudel kam, nichts Rechtes anzufangen wußte, gewinnt immer größere Wichtigkeit, und zwar schätzt man es nicht nur als Brennmaterial, sondern auch in der übrigen Hauswirthschaft, in der Landwirthschaft und selbst in der Heilkunde spielt es seine Rolle. Den umfassendsten Gebrauch macht man jetzt von seiner eminenten Wirksamkeit gegen alles kleine Ungeziefer, das durch directe Berührung mit der Flüssigkeit immer sofort, durch die bloße Ausdünstung theilweise ebenfalls getödtet, andernfalls doch vertrieben wird. Gärtner, Thier- züchter und Thierärzte verwenden das Patrolenm schon häufig zur Vertilgung pflanzlicher und thierischer Schmarotzer; gegen das häßliche Uebel, das von einer in der menschlichen Haut nistenden Milbe herrührt, die Krätze, steht es allen anderen Mitteln voran. Hierauf fußend, hat die ärztliche Praxis jetzt auch begonnen, den Stoff gegen innere Quälgeister, Eingeweidewürmer nämlich, in Anwendung zu bringen, und zwar ebenfalls mit gutem und raschem Erfolg. Man gibt zu diesem Zweck Klystiere mit einer Evulsion von Petroleum, einen halben Eßlöffel voll, einem Eigelb und warmem Wasser; die Behandlung wird ohne Beschwerde ver- tragen. Wahrscheinlich wird nun das Mittel, um im Verdanuugskanal gründlich, z. B. auch mit dem Bandwurm aufzuräumen, bald auch innerlich gegeben werden. Pariser Aerzte haben sich der Probe unterzogen und gefunden, daß der Stoff für den Körper unschädlich und nur durch seinen Geschmack widerwärtig ist. Dem läßt sich aber abhelfen, indem mau ihu in bekannter Weise in Gelatinekapsel eingeschlossen verordnet. Charade. (Aus einem Paar zwcifilbiger Wörtern.) Ist auch das Erste streng verpönt, So wirds doch unverschämt getrieben Von Solchen, die daran gewöhnt, Gerade dieß am meisten lieben. Ist noch so weise und gerecht Das Zweite, und sohin zu schätzen, So wird es doch erbärmlich schlecht, Sobald wir's hin zum Ersten setzen. Denn seh'n wir's diesem beigesetzt, So kann es Ekel nnr erregen, Weil voll chicmit ein Mensch uns schwätzt, Der sich auf's Erste muß verlegen. Auflösung der Charade in Nro. 30: Weinstein. Druck, Derlaa und Skedaltion drS Ittnartstheu Institut« von vr. M. Huttlrr, Nr. AS. 9. August 1868. Attgsburger Sonntaffs-Blatt. Der Moralist auf seinem Stuhle Verliert beim Wildfang sein Latein! Der Leichtsinn will gezüchtigt sein; Das Unglück ist die beste Schule. Pfesfel. Auch eine Criniinal-Geschichte.^) Von Ernst Pasque. I. Ein Verbrechen. „— Er stieg aus dem Sarge. —" „Hm! das klingt schauerlich, gefährlich, Alte!" sagte Meister Andres zu seiner Hälfte, die einen anscheinend starkgebrauchtcn, zcrlesenen Band vor sich liegen hatte und mit Hülse ihrer horncrnen Eulenbrille sich anschickte, eine der darin enthaltenen Erzählungen vorzulesen. „— Er stieg aus dem Sarge. — " „Ein kurioser Anfang! Was ist denn das eigentlich für eine Geschichte?" unterbrach der Meister, den die bedeutsamen Worte denn doch ein wenig zu unbehaglich berühren mochten, zum zweiten Male seine Vorleserin. „Der Schalten, eine schöne neue Erzählung, gedruckt in diesem Jahre, und von dem Autor, dessen Sachen uns so ausnehmend gut gefallen haben." „Hm! weiß schon! Es ist derselbe, der die „ewige Lampe" gemacht hat." „Das ewige Licht, willst Du wohl sagen!" verbesserte mit sanftem Vorwurf die mehr litcrarisch gebildete Alte ihren Andres. „Licht oder Lampe, das ist ganz einerlei! — das heißt „ewige Lampe" würde noch schöner klingen, heißt doch also unser Stammwirthshaus." Letztere Worte brummte der Meister indessen leiser vor sich hin. „So laß mich doch endlich einmal anfangen. Andres. Es geht auf Neun, und unsere Lampe wird auch nicht lange mehr vorhalten, sie hat schon eine Kohle angesetzt. — Er stieg —" „Dann bekommen wir noch einen Brief oder einen Besuch." „— Er stieg aus —" „Etwas Lustigeres wäre mir just heute und vor dem Schlafengehen lieber gewesen." „So warte es doch nur ab, die Geschichte endigt vielleicht heiter." „Das wäre ein Glück!" „Du hörst doch sonst die spannenden und unheimlichen Erzählungen und Criminal- Geschichten so gerne." „Gewiß, Alte, die sind meine Passion! Aber die heutige fängt mir zu gefährlich an — sie beginnt damit, womit, die anderen aufhören, und dann — dann ist es mir heute Abend so sonderbar um's Herz, ganz so, als ob noch etwas passiren würde — als ob ich noch in die ewige Lampe müßte." „Heute ist aber nicht Dein Wirthshaustag, sondern unser Lesckränzchcn." „Na, so winde Dein Kränzchen weiter und zu Ende, Alte," rief mit frischem Muthe Andres. *) Ein Wiederabdruck kann nur mit Bewilligung des Verfassers erfolgen. ' - 250 „— Er stieg aus dem Sarge. ." „Wie ist er denn eigentlich hineingekommen? - Denn hineingekommen muß er doch sein, sonst könnte er nicht — ganz richtig! — Das möchte ich doch gerne und ;u allererst wissen; daö muß erst interessant sein!" „Hab' doch mir Geduld, Andres! Ich bin seit einer Stunde so gespannt darauf, wie Du. Wir werden's schon und noch rechtzeitig erfahren, also merk' auf." „ — Er stieg —" Doch die gute, lcscbcdürstigc Alle sollte am heutigen Abend in ihrer Lectüre nicht weiter kommen, und ihr Andres, dem die Erzählung vor dem Schlafengehen doch nicht so recht geheuer sein mochte, glücklich davon befreit werden, denn mitten im Sahe öffnete sich die Thüre, und ein Mann trat ziemlich aufgeregt in die kleine bürgerliche Stube. '„Da ist der Besuch, unsere Lampe hat richtig prophezeit!" rief Meister Andres und erhob sich, um den späten Gast zu begrüßen. Die Alte klappte mit einem merklichen Mißvergnügen das Buch zu und schickte sich ebenfalls zu einem Gruß an, als der Andere sie schon mit einer Fluth von Worten anredete. „Guten Abend, Gevatter, guten Abend! Das sind Geschichten, schlimmer, als die, welche Ihr da leset! Wer hätte das gedacht, wer geglaubt, daß unsere ruhige friedliebende Stadt so etwas erleben würde?! Es ist entsetzlich, die Haut schaudert mir immer fürchterlicher, je länger ich daran denke." „Was gibt's, Gevatter Hcubach?" rief die Alte, durch diese wirklich vielversprechenden Worte in etwas mit der unliebsamen Unterbrechung ihres Lcsekränzcheus ausgesöhnt, während Meister Andres murmelte: „Hat mir's doch geahnt, daß heute Abend noch etwas Besonderes passiren würde. Nun komme ich auch noch in die ewige Lampe." „Hört nur, Leutchen, hört! Es ist die merkwürdigste Geschichte, die sich allhier zugetragen, seit Menschcngcdenkcn — und noch dazu in meiner Straße ist sie Passirt. Und ich bin eine Hauptperson - dabei, das heißt, habe sie an den Tag gebracht —.so weit sie nämlich bis jetzt an den Tag zn bringen gewesen; hab' die Orlspolizci daraus aufmerksam gemacht, gleichsam mit der Nase darauf gestoßen. Ja, schaut mich nur groß an, so ist es! Ihr lcs't Criminal - Geschichten, und ich erlebe sie, das ist noch viel interessanter." „Was ist es denn für eine Geschichte? So erzähle doch Hcubach!" Also unter- brach Meister Andres den Redestrom des Gevatters, dabei seine Alte ein wenig zweifelnd anblickend. „Will sie Euch erzählen — so viel ich nämlich davon weiß. Das ist freilich nicht allzuviel, aber doch schon mehr als genug für einen ehrlichen Menschen. Der furchtbare Fäll ist noch in ein, wie man zu sagen pflegt, gcheimnißvolles Dunkel gehüllt, welches das Criminalgericht und gewiß schon morgen am Tage aufklären wird." „Aber so schieß' doch los!" rief Meister Andres, und nunmehr schon mit sichtlicher Ungeduld und Spannung. „Das klingt ja ganz merkwürdig interessant," konnte die Alte, deren Aeuglcin förmlich leuchteten, sich nicht enthalten zu rufen. „Aber so setzt Euch doch, Heubach, trinkt einen Schluck und erzählt!" Und Gevatter Hcubach setzte sich, trank aber keinen Schluck, weil das Bier ihm nur im WirthShause schmecke, wie er bemerkte, dafür aber erzählte er das Folgende und genau in der Manier, kurz und bündig, ohne Umschweife, wie es die nach spannenden, gcheim- nißvollcn und schauerlichen Geschichten so lüsterne Frau des ehrsamen Tischlermeisters Andres liebte. „Der Laibel ist mit seiner ganzen Familie spurlos verschwunden! —" »Ach» — was Ihr sagt?!" machten die beiden Zuhörer mit wcitgeöffneten Schund Sprachwerkzengen. „Am vergangenen Samstag hat man ihn noch und zum letzten Mal gesehen, 251 * Sonntag waren Hans, Thüre» und Fensterläden verschlossen, und heule, Mittwoch, sind sie es noch, und keine Seele ist in dein Gebäude zu spüren." „Ah! — nicht möglich?!" „Anfangs hat man in unserer stillen Straße nicht daraus geachtet, dann aber wurde die Sache mir und meinem Nachbar, dem Gerber Fritze, bedenklich. Ta hab' ich'ö denn ^ heule früh dem Polizciamt mitgetheilt und auch, was ich und der Fritze dachten und vermutheten, wie es eben unsere Bürgerpflicht war. Nach darauf erfolgten langen Debatten zwischen der Polizei und dem Ortsgcricht, an denen sich sogar der Gemcindcrath bethciligte, ist man denn §u dem sehr vernünftigen Resultat gelangt, bis morgen zu warten und dann eine Anzeige beim Criminalgericht. zu machen." „Und davon hab' ich nichts gewußt, bis jetzt nichts erfahren?" schrie Meister Andres förmlich aus. „Das kommt daher, Alter, weil Du die ewige Lampe vernachlässigst, daheim sitzest und Dir schauerliche Geschichten vorlesen läßt, während die allerschönsten und schrecklichsten vor Deiner Nase und in Wirklichkeit passiven." „Hast Recht, Hcnbach," rief wieder der Meister, indem er zugleich mit ziemlicher Energie auf den Tisch schlug. „Wer das hätte denken können!" „So haben wir auch gerufen in unserer Gasse. — ES ist etwa ein halbes Jahr- her, seit der Laibel in unsere Stadt und i» das alte Hans gezogen, das er gekauft. Mit seiner Frau und den zwei Kindern lebte er soweit still und ruhig für sich. Um Niemand kümmerte er sich; die Frau sah man selten, und die Kinder gingen nicht einmal in die Schule. Wenn er sie nicht selbst unterrichtet, so ließ er sie wild heranwachsen. Und warum auch die armen Würmchen mit Schule und Lernen plagen" — platzte der Gevatter endlich heraus — „wenn daS Ungeheuer — sie doch auS der Wett zu schaffen > gedachte!" „A — ah! —" * „Er soll die Kinder — wirklich-?" „Und seine arme Frau dazu! Ich hab's dem Manne gleich angesehen, er machte einem Jeden, der sich ihm nähern wollte, ein so finsteres Gesicht. Es mußte so kommen, es war fast vorauszusehen." „Und am vergangene» Samstag soll es geschehen sein?" fragte Andres mit eigenthümlichem Tone. ' „An jenem Tage hat man die Frau mit den zwei Kindern noch in der Gasse gesehen; sie gingen spazieren, nach der Landstraße hin, die »ach V... führt. Durch den kleinen Pfad, der hinter den Gärten herläuft, werden sie wohl, und wie schon sä oft, heimgekehrt sein. Er — der Laibel, benutzte nur den schmalen Weg, um auszugehen. Die Magd hat er am Morgen fortgejagt — sie wohnt drei Stunden von hier und ist bereits für morgen anhcr und auf das Ortsgcricht citirt worden. Eine Frau unserer Gasse, die ihr begegnet und von der Person erfahren, daß der Laibel sie Knall und Fall und ohne Ursache fortgeschickt, hat dies angezeigt. — Seit der Zeit nun sind Alle, er, die Frau und die Kinder spurlos verschwunden." „Nicht möglich! — Entsetzlich!" hauchte die Alte in kleinen Pansen, während Meister Andres in stummer, doch nicht geringer Spannung dasaß und kein Auge von dem Sprecher abwandte und ihn gleichsam aufzufordern schien, weiter zu berichten. > „Der Fritze, der am selben Abend etwas spät aus der ewigen Lampe heimkehrte und durch unsere ganze Gaffe mußte, hat nun etwas Sonderbares, Verdächtiges in dem alten Hause gesehen, und das hat uns denn — besonders mich, auf den Gedanken gebracht, darin bestärkt, daß etwas Außergewöhnliches, Schlimmes — Schreckliches in der Wohnung passirt sein müsse." „Was hat er gesehen, Heubach? Erzählt! Macht es doch nicht, wie so viele 252 unserer Schriftsteller, die einen förmlich auf die Folter spannen!" So rief die Alte, schier vor Erregung zitternd. „Hört, Kinder! Als der Fritze an Laibels Hause vorbeikam, sah er in einem Zimmer des zweiten Stockwerks Licht. WaS konnte der Mann so spät noch zu thun haben, wo jeder anständige, ordentliche Bürger schon längst zu Bette lag? So dachte Fritze, der sonst ganz und gar nicht neugierig ist, und blieb stehen. Plötzlich bewegte sich das Licht, und zu seinem gelinden Schrecken sah er, daß es aus einem Zimmer in das andere ging, rasch — immer rascher, dann verschwand, endlich wieder zum Vorschein kam, hastig, unruhig und ängstlich. Das dauerte eine ganze Weile, dann verschwand es vollends. Fritze war nicht von der Stelle zu bringen; es war ihm, als muffe er noch etwas erleben in der stillen Gaffe, in der Alles schlief, und in dem düstern Hause. Ungewöhnlich und verdächtig war auf alle Fälle, was er gesehen. Er wartete noch eine ganze Weile, bis die alte Schloßuhr Eilf schlug, dann wurde es ihm wahrhaft unheimlich zu Muthe, wie er sagte, und er eilte heim." In diesem Augenblick ertönte in der kleinen Stube ein wahrhaft furchtbarer Schrei, der dem Erzähler und der mit äußerster Spannung horchenden Alten durch Mark und Bein ging, und als sie erschrocken aufschauten, hätten sie bald ähnliche Schreie ausge- stoßen ob dem, was sie erblickten. Meister Andres hatte sich erhoben — er war es gewesen, der den lauten, so schrecklich klingenden Schrei ausgestoßen. Sein Gesicht war kreideweiß und seine Augen starrten die Beiden förmlich an. Die eine Faust hatte er aus den Tisch gestemmt, wahrscheinlich um seinem vor Aufregung zitternden Körper einen Halt zu geben. „Du hast die Wahrheit gesprochen, Hcubach!" rief er mit fester Stimme seinen mehr und mehr erschreckenden Zuhörern zn. „Der Laibel hat sie — umgebracht! — Ich hab's gesehen und — gehört!" Nach diesen allerdings merkwürdigen und inhaltreichen Worten war es vorbei mit der künstlichen Energie des ehrlichen Tischlermeisters. Er siel förmlich in seinen Stuhl zurück, während nun die beiden Andern von ihren Sitzen gleichsam emporschnellten, und zu gleicher Zeit und mit begreiflicher Aufregung auf ihn einstürmteu, ihn aufforderten, um Gottcswillen zu erzählen, was er denn von der schrecklichen Geschichte gesehen und gehört. ES dauerte eine geraume Weile, bis Meister Andres sich gefaßt und im Stande war, diesem Verlangen nachzukommen. Und was er nun erzählte, war in der That merkwürdig und mehr als genug, um die allgemeine Aufregung auf's Höchste zu steigern, die düstere Geschichte in etwas, doch in schrecklicher Weise aufzuhellen. „Ich war am vergangenen Samstag Abend auch in der ewigen Lampe, wie Du Dich erinnern wirst, Hcubach," so sagte endlich Meister Andres. ,Es war mein Tag, und da ich nur selten komme, so blieb ich dafür ein wenig länger sitzen, und das war em Glück, wie Ihr gleich sehen werdet. Ein kleines halbes Stündchen nach Fritze brach ich auf, und um schneller nach Hause zu kommen, benutzte ich den kleinen Gartenpsad, der hinter Laibels Hof und Garten hinläuft. Es war mir ein wenig unheimlich zu Muthe, und das hatte seine gerechte Ursache, wie ich jetzt genugsam weiß. Als ich an dem Hofraum des alten Hauses vorbeikam, mußte ich — es ist merkwürdig — gerade wie der Fritze Halt machen und durch die Lattenwand in den Hof und auf das düstere Gebäude schauen. Ihr wißt, daß mitten im Hofe der große Ziehbrunnen steht. Nun, bei diesem glaubte ich etwas Ungewöhnliches zu sehen. Es war eine dunkle Gestalt — ein Mann, und kein Anderer, als der Laibel. Die Arme hatte er hoch erhoben, und hielt er etwas, das ich nicht erkennen konnte, doch ganz sicher und deutlich gesehen habe. Da hörte ich plötzlich einen scharf und schrecklich klingenden Aufschrei, dann sanken die Arme herab, und die Gestalt — der Laibel — warf etwas in den Brunnen, das nicht von geringem Umfang war, denn stark plätscherte es gleich darauf unten in dem Wasser — ich hörte es nur zu gut! Das Alles war mir recht auffallend, doch dachte ich nichts« Arges. Ich sah dann noch, wie die Gestalt sich von dem Brunnen entfernte und in das Haus zurücktrat. — So ist es! — Das habe ich gesehen und gehört, und will es mit allen Eiden beschwören!" Unmöglich ist eS, den Eindruck zu beschreiben, welchen dieser Bericht auf die beiden Zuhörer machte. Auf ihre Sitze sanken sie und starrten einander eine ganze Weile sprachlos an. Endlich flüsterte Gevatter Heubach: „Nun ist kein Zweifel mehr! Er hat — sie ermordet — Alle, Frau und Kinder — dann in den Brunnen geworfen und sich schließlich selbst das Leben genommen, oder durch Flucht dem Gericht entzogen. So ist es! — Es kann nicht anders sein!" „So ist es! — Es kann nicht anders sein!" wiederholte mit tiefem Tone Meister Andres. „Entsetzlich!" hauchte die Alte, am ganzen Körper zusammenschauernd. Dann entstand abermals eine lange Pause, in der man jeden Athemzug der Drei hören konnte, die sich wiederum einander und mit wahrhaft entsetzten Mienen anschauten. Doch nun erhob sich Gevatter Heubach mit gewaltsamer Energie. „In die ewige Lampe," so rief er mit fast befehlender Stimme. „Zieh den Rock an, Andres, mir müssen hin! Ehre, dem Ehre gebührt! Du selbst sollst der Gesellschaft die merkwürdige, entsetzliche Neuigkeit mittheilen." Die Alte sagte kein Wort, als ob der Aussprnch des Gevatters unantastbar wäre. Doch hätte sie es auch gethan, so würde es nichts genutzt haben, denn Meister Andres hatte schon den Rock vom Nagel genommen. „Ich wußte es wohl, daß ich heute Abend noch in die ewige Lampe kommen würde," murmelte er, als er in die weiten Acrmel seines Habits schlüpfte, mit einem gemischten Gefühl von Grausen und Behaglichkeit über die Bedeutung, welche seine Person nunmehr in der schrecklichen, doch so interessanten Sache erlangen würde. Einige Augenblicke später befanden die beiden Männer sich auf dem Wege nach dem oftgenannten Stammwirthshausc, allwo ihr Erscheinen, ihre Berichte, wie vorauszusehen, die größte und gerechteste Aufregung hervorrufen mußten. Die Alte blieb allein in ihrer Stube. Auch sie spürte ein nicht geringes Grausen, doch war es mit einer gewissen Behaglichkeit gepaart Die Lampe brannte noch immer hell, und vor ihr lag das Buch. „Das ist die rechte Stimmung, in der man eine so schöne Geschichte lesen muß," flüsterte sie nach einer Weile mit leuchtenden Aeuglein und von Erregung geröthcten Wangen. Dann stellte sie sich das Licht zurecht, rückte den alten Lcderstuhl wieder näher zum Tische, klappte die dunkle, farblose Decke der geliebten Zeitschrift auf, und nachdem sie noch die Enlenbrille fest und an richtiger Stelle auf die Nase geklemmt, begann sie zu lesen: „— Er stieg aus dem Sarge" — Alles klebrige erstarb in einem Murmeln, dem man die innere Behaglichkeit der Leserin wohl anzuhören vermochte, und das nur hervorgerufen werden konnte durch eine solche Lectürc, bewerkstelligt in ähnlicher Stimmung. (Fortsetzung folgt.) Clementina. (Schluß.) VIII. Ein Monat war vergangen seit dem Tode der armen Catalina. In einem elenden Dachkämmerchen von Bayonne weinte und nähete ein junges, weibliches Wesen, das dem Schatten der frühern Clementina ähnlich sah. 254 Plötzlich schauderte sie zusammen, und fuhr von ihrem Platze auf. Sie hatte die Stimme ihres Bruders Miguel gehört, welcher au der Thüre des Hauses ihren Namen aussprach. Miguel trat ein. Clemeutiua, davon niedergeschmettert, senkte die Stirn zu Boden. Sie wagte nicht, ihn anzublicken; sie glaubte, daß er komme, um mit ihrem Blut den Flecken abznwaschen, der durch sie aus die reine Ehre der Familie gekommen war. Clementina! Hcrzensschwestcr! rief Miguel auS, indem er sie mit thräuennmwölkten, Augen in seine Arme zog. Bei dieser zärtlichen Stimme, in dieser liebevollen Umarmung, und als sie seine warmen Thränen auf ihrem Gesichte suhlte, wagte Clementina erst die Äugen zu ihrem Bruder aufzuschlagen; nnd nun gewahrte sie, daß er Trauer trug. Sie wollte den Bruder fragen, welches neue Unheil die Familie betroffen habe; aber er kam ihrer Frage zuvor mit den Worten: Clementina! Unser Hans hat keine Herrin mehr, die es leite nnd lenke. Komm, komm, und nimm Du den Platz ein, welchen die Mutter leer gelassen hat, als sie zum Himmel ging. Bei dieser Nachricht stürzte Clementina wie todt zu Boden. Ihr Schmerz war so grausam, tief und furchtbar, daß er gewiß genügte, ihre Schuld zu sühnen, wenn sie noch nicht gesühnt war durch Alles das, was das arme Mädchen gelitten, seit ihr Verführer sie verließ. Sie kam, Dank der liebevollen Sorge Miguels, bald wieder zu sich, und am folgenden Tag kehrten die zwei Geschwister nach dem heimathlichen Dorfe zurück. Mit welchem Schmerz, mit welcher tödtlichen Angst, mit welcher unendlichen Beschämung kehrte die beklagenswerthe Clementina zu dem Dorfe wieder, das sie verlassen hatte, geehrt wie ihre Mutter, rein wie die Blumen der heimischen Thäler! Miguel war so zartfühlend, seiner Schwester den Weg über Bilbäo zu ersparen, um ihr die Schande und den Schmerz nicht aufzubürden, welche sie auf dem Schauplatz ihrer Lerirrung Hütte empfinden müssen. Sie machten die Reise quer über die Gebirgskette, welche im Norden die „unbesiegte" Stadt beherrscht, und deren Pfade ihnen Beiden wohl bekannt waren. Der Tag war schön; Leben und Freude herrschten da unten im Thäte des Jbaizabal. Glocken tönten am Fuße des Berges, über dessen Gipfel Miguel und Clementina dahin schritten. Es waren die Glocken vom Heiligthum zu Bcgonna. Was Clementina beim Klang dieser Glocken empfand, das läßt sich vielleicht nachempfinden, aber nicht in Worten ausdrücken. Die Glocken von Begonna klangen nicht traurig für die, welche ein frohes Herz halten oder in ihrem Geläute die Mahnung an den Himmel fanden; aber für Clemcn- tina klangen sie so düster und ernst, wie Sterbeglocken. O wer einen schweren, dunklen Vorwnrf im Busen trügt, für den verwandelt sich der frohe Sanct Johannis-Morgen in den düstern Allerseelenabend Traurig verfolgten die Geschwister ihren Weg, bis sie von der Anhöhe aus, jenseits eines tiefen Thales voll Eichen und Kastanien, auf einer gegenüberliegenden Höhe zwischen üppigen Bäumen, welche dieselbe krönten, einen Kirchthurm emporsteigen sahen, an dessen Fuß einige Häuser durch die Zweige schimmerten. Das war ihr friedliches, schönes, ihr geliebtes Heimathödorf. Clemcntina's Schmerz, der bei der Abreise von Bayonne sich einigermaßen gemildert, seither aber und namentlich seit sie das Thal des Jbaizabal überblickten, sich immer mehr verschärft hatte, erreichte seinen Höhepunkt, als sie den Kirchthurm ihres Geburts- Ortes erschaute, als sie die Baumgrnppen und Hügel wiedersah, wo sie mit ruhiger Seele und freier Stirn mit den Gespielinnen ihrer Kindheit sich getummelt hatte, vor denen sie jetzt in Scham und Schande den Blick zu Boden senken mußte. Ein Strom von 255 Thränen brach aus ihren Augen, und sie mußte sich auf ihren edlen, großmüthigen Bruder stützen, um nicht erdrückt von dem Gewichte ihrer Qual, zu Boden zu stürzen. Langsam setzten sie hierauf ihre Wanderung fort, während Clementina in Thränen zerfloß, Miguel dagegen alle Schätze der Bruderliebe, die sein weiches Herz bewahrte, getreulich anwendete, um die Schwester zu trösten. Es war Sonntag. Der Pfarrer des Dorfes, welcher die Uebung hatte, seinen Beichtkindern vor dem Meßopfer eine Stelle der heiligen Schrift vorzulesen und zu erklären, hatte heute die evangelische Erzählung von der Ehebrecherin gelesen. Wer unter Euch von Sünde rein ist, der werfe den ersten Stein auf sie! hatte der Priester mit Jesu Worte» gesagt. Tausend edle Sclbstvorwürfc und großmüthige Vorsätze erwachten bei diesen Worten in den Herzen seiner Zuhörer; Vorwürfe, daß man nicht vergeben habe, Vorsätze, daß man vergeben wolle. Miguel und seine Schwester beschleunigten ihre Schritte, als sie sich dem Dorfe näherten, um dieses noch zu durchwandet», so lange es wie ausgestorben war, das heißt, bevor die Leute anS der Kirche kämen. Sie betraten den Kirchplatz; in der That war noch Alles öde und still. Aber da öffnete sich plötzlich die Kirchenthürc, und fast die gesammlc Einwohnerschaft bevölkerte den Platz. War Clemcntina's Schuld groß gewesen, so war auch die Sühne schwer, welche in diesem Augenblick über sie erging. Denn wir würden ob ihrem Scclenschmcrz erschrecken, wenn es uns vergönnt wäre, in die Tiefen ihres zerrissenen Herzens zu schauen. Ein Jubelruf und keine Schmähung empfing den gefallenen und in der Schule des Unglücks wieder aufgerichteten Engel. Nur Mitleiden und Liebe fand Clementina bei den Bewohnern ihres Dorfes. Alles dachte, daß sie sehr unglücklich, Niemand dachte, daß sie schuldig war; und auch dem Gerechtesten fiel es nicht ein, den ersten Stein auf sie zu werfen. Selig sind, die da weinen, selig, die vergeben. P e t r o l e o,n a n i e. Mit Wachslicht, Sonncnkcrzcn, Mit all' dem ist's herum, Es brennen alle Herzen Nur für's Petroleum. Das Kett des Ungeheuers Ist nichts mehr, und dahin Die Poesie des Feuers Am traulichen Kamin. Sie, die auch uns're Glieder Mit ihrer Kohle wärmt, Die Erde hat uns wieder: Für Erdöl wird geschwärmt. In jedem Magazine Sicht Alles sich nur um Nach Lampen für Camphinc Und für Petroleum. Denn aus derselben Grube, Drin sie das Gold bewahrt, Wo sonst, vom Mohn befeuchtet, Die Lampe still gebrannt. Wird jetzt die Nacht erleuchtet Von Pluto's cig'ner Hand. Schenkt sie das Licht der Stube, Wo man den Kreuzer spart. Die groß und kleinen Kinder Erfreut der neue Stern, Nur leider die Cylinder Zerbricht es gar so gern. Hermann Lingg. 256 (Man muß sich zu helfen wissen.) Nach Uebernahme des Commandos eines Infanterie-Regimentes des norddeutschen Bundeshecres durch einen Preußischen Oberst hielt derselbe eine Jnspizirung über das ihm anvertraute Regiment ab. Der Oberst hatte einen Zug als Schützen ausschwärmen lassen, und fragte nun den Führer des Zuges, einen Seconde-Lieutenant, was er wohl anfangen würde, wenn er plötzlich von feindlicher Kavallerie bedroht würde. Der Lieutenant gab die Antwort, er würde durch den Hornisten das Signal zum Carrö-Foriuircn blasen lassen. „Was würden Sie aber thun, wenn Ihnen der Hornist weggeschossen ist?" fragte der Oberst weiter. Der Offizier stutzte. Der Oberst, die Verlegenheit des Lieutenants gewahrend, nahm dem neben ihm stehenden Hornisten das Horn aus der Hand und sagte: „Dann bläst man selbst," und blies nun zur Verwunderung des ganzen Regiments mit großer Fertigkeit alle Signale vor. (Wie das Skalpiren thut). William T h o mp s o n, ein Telegraphist an der Pacific-Eisenbahnlinie, hat ein romantisches Abenteuer gehabt. Er ist von Indianern skalpirt worden und lebt noch, um es erzählen zu können. Er verlor seinen Skalp kurz vor der Wegnahme des Zuges an Plum Creek Station, die neulich gemeldet wurde, und Folgendes ist die Geschichte, die er den staunenden Bürgern von Omaha, wo ersetzt ist, erzählt: „Dienstag Abends ungefähr 9 Uhr verließ ich und fünf Andere Plum Creek Station, und fuhren wir die Strecke hinauf auf einem Handkarren, um nachzusuchen, wo der Bruch im Telegraphen sei. Als wir an der Bruchstelle ankamen, sahe» wir eine Menge Ziegel auf der Strecke aufgeschichtet, aber in demselben Moment sprangen ringsherum Indianer vom Gras auf und feuerten auf uns. Wir feuerten zur Erwiderung zwei bis drei Schüsse ab, aber da wir sahen, daß die Indianer auf uns eindrangen, liefen wir fort. Eiu Indianer auf einem Ponny suchte mich heraus und sprengte an zu mir. In einer Entfernung von 10 Fuß feuerte er auf mich, bei welcher Gelegenheit eine Kugel in meinen rechten Arm drang: da er mich noch laufen sah, drehte er sein Gewehr um und schlug mich mit dem Kolben nieder. Dann nahm er sein Messer heraus, stach mich in den Hals, wickelte das Haar um seinen Finger und begann dann mit Sägen und Hacken meinen Skalp abzuziehen. Obgleich der Schmerz grauenhaft war, und ich Schwindel und Unwohlsein fühlte, so wußte ich doch recht gut, daß ich mich ruhig verhalten mußte. Nach ungefähr einer halben Stunde that er den letzten Schnitt am linkenSchlaf, und da der Skalp noch ein wenig hing, so gab er einen Ruck. Da dachte ich, ich müßte mein Leben aushauchen. Ich kann es Ihnen nicht beschreiben. Ich fühlte gerade, als ob der ganze Kopf weg wäre. Darauf schwang sich der Indianer in den Sattel und galoppirte davon. Aber wie er wegging, ließ er meinen Skalp wenige Fuß von mir entfernt fallen, welchen ich nun glücklich erlangte und verbarg. Die Indianer waren dicht in der Nachbarschaft, sonst hätte ich meine Flucht bewerkstelligen können. Während ich so dalag, konnte ich die Indianer umherlaufen, miteinander flüstern und dann kurz darauf Hindernisse auf die Strecke legen boren. Nachdem ich so ungefähr anderthalb Stunden dagelegen hatte, hörte ich das tiefe Rumpeln des Zuges, wie er dahcrgebraust kam, und ich wäre wohl im Stande gewesen, ein Zeichen zu geben, wenn ich es gewagt hätte." Frage: Was ist ein Beamter, der auf einen Orden wartet? Antwort: -zpvauiizzZ, zuiD Charade. (Zweisilbig.) Mein Erstes birgt der grüne Wald, Wenn froh dein Horn darin erschallt, So wünsch ich dir ein gutes Zweites Doch würdest du bei Groß und Klein Wohl unbeliebt als Ganzes sein. Auflösung der Charade in Nro. 31: Bettel-Sprüche. Druck, »erlaa und Nedaltton bk» »tcrartschen Institut« von vr. M. Huttler. Nr. LL 16. August 1868. Augsburger Muß sich ein Mann in rechtem Worte zeigen Durchsichtig, klar, wie ein Krystall, So lern er auch verstehn das rechte Schweigen, Das ihn umgiebt gleich einem Wall. Johannes Schrott. Auch eine Crirnina!-Geschichte. (Fortsetzung.) II. Die Untersuchung. Die Vorgänge, welche wir im vorigen Kapitel in einer wohl etwas zu leichten Weise erzählt, waren indessen ernst genug, und wohl im Stande, die kleine Stadt L... in große, ungewöhnliche Aufregung zu versetzen. -k... war während vieler Jahrhunderte die Residenz eines Fürsten gewesen, besten Souveränität durch den Neichsdcputations-Hauptschluß vom Jahre 1803 ein Ende gefunden hatte; das war der erste harte Schlag, der T... betroffen. Einige Jahrzehnte später war denn auch noch der letzte Repräsentant der alten Herrscherfamilie gestorben und das stattliche und weitläufige Schloß und anderes Besitzthum an eine Seitenlinie gefallen. Nun verließen auch die letzten Beamten und Hofdicner die Stadt, welche dadurch ihre eigentliche Lebcnsbedingung schwinden sah. Der neue fürstliche Besitzer kümmerte sich wenig um den Ort, und so war denn T... zu einem kleinen, stillen Landstädtchen herab- gcsuuken, das nur durch seine wahrhaft schöne Lage irgend einen Pastanten zu intercssiren und auf kurze Zeit zu fesseln vermochte. Im vergangenen Sommer nun war Herr Laibel zum ersten Mal in T... gesehen worden. Er hatte sich mehrere Tage daselbst aufgehalten, denn der Ort und die Gegend schienen ihm zu gefallen. Eines der alten, großen und öden Häuser war zu verkaufen gewesen — sein letzter und einziger Besitzer und Bewohner, ein ehemaliger fürstlicher Amtmann war gestorben — und zur größten Verwunderung der Einwohner hatte Herr Laibel das Haus mit dem hübschen Garten gekauft. Während des Winters war Mancherlei in der Wohnung ausgebessert und hergestellt worden; nach und nach langten Fuhren mit Möbeln und anderem Hausrath an, und im folgenden Frühling — etwa vor einem halben Jahre — zog denn auch Herr Laibel mit seiner Familie, aus seiner Frau und zwei Kindern, einem Mädchen von etwa fünf, und einem Knaben von neun Jahren bestehend, in^sein stilles und hübsches, doch auch etwas düsteres Besitzthum ein. Der neue Einwohner von T... zeigte sich sofort als ein Sonderling. Er verkehrte fast niit keinem seiner Mitbürger, hielt sich meistens in seinem großen Hause auf, und wenn er ausging, so suchte er stille Wege, abgelegene Stellen auf, immer bemüht, den Leuten so viel als möglich auszuweichen. Seine Frau lebte fast eben so still für sich, ihr Hauswesen und ihre Kinder, und eine Magd, aus der Gegend daheim, vermittelte die Einkäufe in der Stadt und die etwaigen Geschäfte mit den Handwerksleutcn. Die Kinder sah man meistens im Hof und im Garten spielen, oder die Mutter führte sie spazieren, doch ohne Scheu vor öffentlichen Orten und den ihr etwa Begegnenden. Den Unterricht der Kinder mußte wohl der Vater besorgen — wenn sie überhaupt welchen erhielten. Die Bewohner von L... erfuhren nichts Näheres darüber, so große Mühe sie sich auch gaben, es in Erfahrung zu bringen. 258 Die Familie lebte in dieser Weise still und eingezogen, doch soll es oftmals heftige Auftritte zwischen Herrn Laibel und seiner Gattin gegeben haben, wie die Magd den Leuten, mit denen sie in Berührung kam, oft, doch ganz im Vertrauen erzählte. Wcß- chalb und worüber diese Zwistigkeiten entstanden, wußte die Dienerin nicht und überließ dadurch den Neugierigen ein weites Feld der Vermuthungen, welches denn auch von den ehrsamen Bürgern und Handwerkern in schönster Weise bebaut wurde — nur nicht zum Vortheil des Herrn Laibel. So viel hatte sich indessen im Laufe des halben Jahres über die Familie festgestellt, daß Herr Laibel ein düsterer, menschenfeindlicher und höchst jähzorniger Mann sei, der seine Frau quäle und tyrannisire, und ferner, daß über den Leuten ein Geheimniß schlucke, das nicht zu durchdringen sei und demnach etwas Unheimliches, Gefährliches bergen müsse. Am vergangenen Samstag nun hatte man die Familie zum letzten Male gesehen. Am Sonntag war das Haus verschlossen geblieben, was indessen keineswegs aufgefallen. Die Thüren und Fenster öffneten sich aber auch an den folgenden Tagen nicht, und nun begann man aufmerksam zu werden — wozu Gevatter Heubach, seines Zeichens ein Schlossermeister, nach seiner eigenen Aussage, nicht wenig beigetragen. Dann wurde leise allerlei gemunkelt und vermuthet, und bald schauten die Bewohner der Gasse mit scheuen Blicken auf das düstere Gebäude, in dem auf alle Fälle irgend etwas Ungewöhnliches passirt war, und das ganz gewiß ein Geheimniß barg. Noch blieb es beim Vermuthen, als aber am Mittwoch der Gerber Fritze seinem Freönde Heubach seine Beobachtungen mittheilte, von dem so verdächtig durch alle Räume des Hauses irrenden Lichte erzählte, so er in der Nacht von: Samstag auf den Sonntag gesehen, da endlich platzte die Bombe. Die ungeheuerlichsten Reden über das sonderbare und vollständige Verschwinden der Familie, von Heubach zuerst angestimmt, wurden Plötzlich laut und lauter, bis sie endlich ber Ortspolizei zu Ohren kamen, die denn auch pflichtschuldigst Notiz davon nehmen mußte. Und sie that dies gerne, sogar mit großem Eifer, denn die Herren der Polizei und des Gcmeinderaths waren ebenfalls Kinder der Stadt und nicht weniger neugierig, als ihre übrigen Mitbürger. Es war indessen auch ernste Pflicht der Behörden, nachzuforschen, denn der Vorfall war wirklich beunruhigend, wenn nicht verdächtig. Der Gerber Fritze wurde auf die Polizei und das Ortsgcricht befohlen, und mußte haarklein berichten, was er in jener Nacht gesehen. Seine Aussage wurde zu Protokoll genommen, und die Vorstände der Polizei und des Ortsgerichts, sowie die Väter der Stadt beschlossen endlich nach langer Debatte, am folgenden Tage ihre Anzeige beim Criminalgcricht der nahen Hauptstadt LU machen. Am Abend dieses Tages nun machte der Tischlermeister Andres die im vorigen Kapitel erzählte wahrhaft gravircnde Deposition, wodurch die Vermuthungen über irgend ein in dem alten Hause begangenes Verbrechen so zu sagen zur Gewißheit erhoben wurden. Welch' ein gewaltiges Aufsehen diese Aussage in der ewigen Lampe sowohl als in der ganzen Stadt erregte, in der sie noch am selben Abend von der hundcrtzüngigen Fania — vertreten durch die Stamm- und andere Gäste des Wirthshauses — verbreitet wurde, bedarf wohl keiner näheren Darlegung. Am folgenden Tage und schon am frühen Morgen wurde der Tischlermeister auf das Ortsgericht citirt und mußte hier, und sogar vor dem Herrn Bürgermeister und den Herren Gemeinderätheu Alles wiederholen, was er sicher schon mehr denn einmal erzählt und berichtet. Mit Ernst und Würde, der Wichtigkeit seiner Aussage vollständig bewußt, gab er das, was er gesehen, so ausführlich als möglich zu Protokoll, und nun wurden ^ die Akten, mit einem passenden Bericht versehen, auch sofort durch den Ortsgcrichtsdiencr an das Criminalamt abgesandt. 259 ^ Noch am selben Abend brachte der Bote in einem großmächtigen Schreiben die Nachricht, daß am andern Tage, am Freitag, einer der Herrn Richter nach -k .. kommen würde, um die Sache zu untersuchen und dann weiter zu thun, was Rechtens sei. Noch war von Seiten der Ortsbehörde nach der Magd Laibcls, die dieser an jenem verhängnißvollen Samstag so Plötzlich entlassen, geforscht worden, doch hatte man die Person nicht in ihrem Heimathsorte gefunden, indessen die Vorsorge getroffen, sie für den ^ nun kommenden wichtigen Tag in L... einzubringen. Somit hatte denn die Ortsbchörde Alles und so gut als nur möglich, vorbereitet, um auf eine baldige Aufklärung des rätselhaften Vorfalls hoffen zu dürfen, sowie irr erfolgreicher Weise den Alp zu bekämpfen und zu bannen, der auf der ganzen Bevölkerung von L .. . nun einmal lastete. So war denn der Freitag herangekommen. i Auf der Ortsgerichtsstube saß der Beamte, welcher vom Criminalamt gesandt worden war, die Untersuchung der eigenthümlichen Angelegenheit zu leiten, und ihm zur Seite standen die Vorstände der Polizei und des örtlichen Gerichts, sowie die Mitglieder des Gcmcindcrathcs nütsammt dem Bürgermeister, so viel ihrer der nicht allzugroße Raum nur fassen konnte. Gerber Fritze hatte seine Aussage von dem wandelnden Lichte noch einmal wiederholt, Meister Andres nochmals berichtet, wie er in der Nacht um eilf Uhr den Laibel bei dem Ziehbrunnen gesehen und wie dieser einen Gegenstand —ganz gewiß eines seiner armen Kinder, in den Brunnen geworfen, wobei zu gleicher Zeit der laute Aufschrei erklungen, den er jetzt noch zu hören vermeine, und der ihm noch immer durch Mark und Bein gehe. Der Untcrsuchungs-Nichter, ein ernster Mann gesetzten Alters, hörte die Deposition der beiden Zeugen ruhig mit an und begann dann noch allerlei Fragen zu stellen, welche indessen kein weiteres Resultat ergaben. Da meldete der Ortsgerichtsdiencr die Ankunft der Magd Laibels. Auf einen Wink des Richters wurde diese sofort vorgeführt. ' ES war eine Bauerndirne, die über die erste Jugend hinaus zu sein schien. Fest und bestimmt trat sie auf, und ihre Züge waren erregt, wie der Blick, mit dem sie die versammelten Herren der Reihe nach anschaute. Die Vorfragen ergaben, daß sie Hanne heiße, in einem Dorfe etwa vier Stunden ^ von T... daheim sei und seit etwa fünf Monaten im Dienste der Laibelfchen Familie gewesen, bis ihr Dienstherr sie am vergangenen Samstag plötzlich entlassen habe, ohne daß sie wisse, warum. Auf dem Wege hierher nach T... habe sie erfahren, was da vorgefallen sein sollte, und wolle sie reden, ohne Scheu, und könne sie auch etwas sagen, das sicher von größter Wichtigkeit sei. . Doch der Beamte, in gegründeter Vorsicht und der Gewißheit, dennoch Alles zu erfahren, was die Person wisse, oder zu wissen vermeine, forderte sie auf, zuerst über ihren früheren Dienstherrn und dessen Verhältniß zu seiner Familie zu berichten, wobei er die Magd noch mit eindringlichen Worten ermähnte, ja bei der Wahrheit zu bleiben, nv»° das zu sagen, was sie zu verantworten, nöthigenfallS mit einem Eide zu bckräsligcn im Stande sei, indem ein allzurasch gesprochenes, oder gar unwahres Wort größtes Unheil anrichten könne, sie selbst schwerster Verantwortung aussetze. Diese Worte schienen auf die Magd keinen Eindruck zu machen, und ohne daß irgend eine merkliche Veränderung in ihr vorging, erzählte sie in rascher, redseliger Weise, daß Herr Laibel ein häßlicher, finsterer und böser Mann sei, mit dem man nicht habe leben können, und es ihr immer unbegreiflich geschienen, daß seine arme Frau ^— die sonst ganz leidlich gewesen — es so lange bei ihm ausgehalten. Oftmals habe es zwischen Mann und Frau schlimme Auftritte gegeben, doch stets hinter verschlossenen Thüren. Dann sei er aufgefahren, habe sogar geschrieen, und das Wort „Geld" habe ^ sie bei solchen Anlässen mehrfach vernommen, doch wenig mehr. Aber am vergangenen 260 Samstag habe sie etwas gehört, was sie damals kaum beachtet, nunmehr aber ganz gut verstehe, und das den schlechten Menschen als — Mörder seiner eigenen Familie entlarve. Die Zeugin, welche immer eifriger gesprochen und den Augenblick kaum erwarten zu können schien, wo sie an den Hauptpunkt ihrer Aussage angelangt, wurde nun von dem Richter unterbrochen und nochmals aufgefordert, der Wichtigkeit ihrer nunmehrigen Depo- sition eingedenk zu sein und nur die Wahrheit, die volle Wahrheit zu sprechen. „Ihr könnt deßhalb ganz ruhig sein, Herr Richter," cutgegnetc die Magd. „Ich will Euch nur erzählen, was am vergangenen Samstag in dem Hause vorgefallen ist — so viel ich nämlich davon weiß — und was ich gehört und kein Wort weniger, noch mehr. Das ist Alles überflüssig, denn was ich gehört, ist genug, um den — Mörder an den Galgen zu bringen! — Herr, du mein Gott, die arme Frau! — die armen Kinder!" Lautlose Stille herrschte in dem Raume, und der Richter war nicht weniger gespannt -auf die inhaltschweren Aussagen der Magd, wie die übrigen Anwesenden. Doch am gespanntesten von Allen war wohl Meister Andres, dessen Augen förmlich funkelten und -dessen Lippen sichtbar vor Aufregung zitterten. Zum Reden aufgefordert, sprach dann Hanne. „Am Samstag in der Frühe war wieder Spektakel zwischen Mann und Frau, und es drehte sich wieder um Geld, das konnte ich in der Küche hören, und auch daß die arme Frau weinte und schluchzte. Immer wüthender wurde der schlechte Mensch, bis endlich auch die armen Kinder zu weinen anfingen. Ich spürte einen gehörigen Zorn fn mir und war schon entschlossen, den Dienst zu kündigen und heimzugehen, denn das mochte ich nicht mehr mitanhören noch ansehen. Ich rumorte in meinem Aergcr in der Küche mit Töpfen und Kasserolen, bis der Laibcl oben die Thüre aufmachte und mit wüthender Stimme mir zuschrie: ich solle mich aus der Küche und zum Teufel scheeren, worauf der Spektakel in der Stube wieder von Neuem losging. Ich that denn auch, was er mir geheißen, denn ich wollte nicht weiter horchen, ich mochte es nicht; die Händel der Beiden gingen mich nichts an, und ich hätte mich auch noch mehr geärgert, wenn ich gehört, wie der Mann das arme Weib maltraitirte. Ich ging also aus der Küche fort und in die Schlafkammcr, um diese in Ordnung zu bringen. Da hantirte ich denn eine Weile; die Betten hatte ich gemacht, gelüftet und abgestäubt, als ich plötzlich Geräusch in der Stube vernahm. Ich stand in einer Ecke und in der Nähe eines Bettes; wie ich aufschaue, sehe ich den Herrn, der mittlerweile eingetreten, wie er mit feuerrothem Gesicht, glühenden Augen in.der Stube auf- und abgeht, leise vor sich hinspricht und dabei mit den Händen in der Luft hcrumflankirt. Ich ducke mich erschrocken hinter die Bettlade und verhalte mich mäuschenstill, denn er sah gerade aus, als ob er mich hätte umbringen können, wenn ich ihm jetzt in den Weg gekommen wäre. Das dauerte eine kleine Weile, dann wurden seine Reden lauter und er sagte! — Ja, Ihr Herren, was er da gesagt, das habe ich deutlich mit diesen meinen Ohren gehört und kann eS mit hundert und tausend Eiden beschwören." Dabei blickte die Sprecherin mit triumphirender Miene den Richter an, der dem Bericht mit steigendem Interesse gefolgt und sich sagen mußte, daß er hier — abgesehen von dem Widerwillen, den die Person schon längere Zeit gegen ihren Herrn hegen mochte — nur Wahrheit höre. Er war so gespannt auf das, was nun folgen würde, daß er ganz vergaß, die Magd zum Weiterreden aufzufordern, und so fuhr denn diese nach einer kleinen Pause, welche die Erwartung der klebrigen auf's Höchste steigerte, fort: „Laut und mit seiner bösen, wüthenden Stimme — ich hab' die Worte nicht vergessen, und höre sie noch" — sagte er: — „Ich muß ein Ende machen — heute noch — sie ruiniren mich! Ich muß sie mir vom Halse schaffen, auf eine oder die andere Weise. — Der Satan mag sie holen!" — Das klang mir damals schon schrecklich, ohne daß ich wußte, was es eigentlich zu bedeuten habe — heute aber! — O du mein Gott! ich 261 möchte weinen, verzweifeln, daß ich es nicht gleich angezeigt! — Welch' ein Unglück hätte ich verhüten können! Ach, der liebe Gott wird es mir armen Person nicht zu schwer anrechnen; ich hab's ja nicht gewußt, wem es gegolten! — Die armen — armen Kinder!* Die Thränen traten ihr in die Augen und ihre Stimme drohte in einem Schluchzen zu ersticken, und manchen Anwesenden ging es ebenso. Meister Andres, Gevatter Heubach und auch der derbe Gerber Fritze zitterten vor Erregung mit der Hanne förmlich um die Wette, und die übrigen amts- und gcmeindcräthlichen Personen waren nicht bester daran. Nur der UntcrsuchungS-Richter war diesmal kalt geblieben, und mit größter Ruhe, strengem Ernste forderte er die Magd auf, ihre Zeugenaussage zu Ende zu bringen. Hanne sprach dann weiter: „Das hat er gesagt, so wahr mir Gott helfe! — Es wurde mir, wie gesagt, Angst und bange, ohne recht zu wissen, warum, und ich konnte einen leisen Schrei nicht unterdrücken. Das war mein Unglück. Den Schrei hören, sich umwenden, mich sehen und auf mich losstürzen, war Eins. Ich glaubte, nun ginge es mir an's Leben, denn ein Paar geladene Pistolen hingen über seinem Bette, hinter dem ich mich niedergeduckt. Doch er that mir nichts; nur fuhr er mich wie ein Wüthender an. Was ich da mache, was ich wolle? und so weiter. — Er ließ mich gar nicht zur Antwort kommen.* — Ich habe ihn belauschen, verrathen wollen, so schrie er, das solle mir theuer zu stehen kommen und ich mich zuni Teufel scheercn, gleich auf der Stelle. — Lieber heute wie morgen! hätte ich dem Wütherich gerne zugerufen, und noch mehr dazu, aber ich verschluckte, was ich auf dem Herzen und schon auf der Zunge hatte, und machte, daß ich aus der Kammer kam. Am Mittag zahlte mir die Frau mit rorhgewcinten Augen meinen vollen Lohn aus — ein braves Weib war sie, die arme Person, das muß man ihr lasten! Unser Herrgott habe sie selig! — Ich schnürte mein Bündel und nach dem Esten verließ ich das Unglückshans und ging heim. Ihn hab' ich nicht mehr wiedergesehen, und sie auch nicht — und die armen Kinderchen auch nicht! — O, du mein Gott, die arnien Würmchen! So früh haben sie sterben müssen und durch den eigenen Batcr! — Es ist schändlich — himmelschreiend!" — Und in ein bitteres Weinen und Schluchzen brach die arme Person aus, das einen Stein Hütte erweichen können, und in das verschiedene Anwesende mehr oder minder verschämt und ohne es zu wollen — unwiderstehlich mit einstimmen mußten. (Fortsetzung folgt.) Wie ein christlicher Held stirbt. „Die letzte Blume des blutgcdrängten Feldes Mentana ist entblättert, der letzte der schwerverwundeten Helden der päpstlichen Zuavcn hat ausgelittten, der Sergeant Leo Brake aus Laerne, in der Nähe von Gent. Er starb den schönsten, ruhigsten, heiligsten Tod, den ich je gesehen" — sagte die Oberin zum hl. Geist in Rom, die ihn gepflegt hatte. Sein Hingang ist nicht nur äußerst erbaulich, sondern auch von besonderem Interesse für Diejenigen, welche sich, wie ich, oft die Fragen vorlegten, ob nicht die Seelen, die scheinbar sanft hinüber schlummern, doch innerlich immerhin ihren harten Todeskampf durchzukämpfen haben? Nun wie es Leute gibt, die laut denken, so kann man sagen, Leo Brake ist laut gestorben, wir können also von ihm uns erbauen und belehren lasten. Wenn man den Patienten fragte: „Wie geht's Brake?" antwortete er stets: „Nicht allzu schlimm." Am Morgen seines Sterbetages erwiederte er: „Nicht sehr gut." I» der That hatten seine Kräfte plöfflich sehr abgenommen, so daß man den Hospitals - geistlichen, Hcn. Paeps, davon in Kenntniß setzte. „Nun wie gch'ts heute?" fragte dieser. „Nicht sehr gut, Herr Pastor!" „Wollt Ihr nicht die heiligen Sakramente zur Stärkung empfangen, lieber Freund?" „Gewiß, sehr gern, herzlich gern." ES war 7 Uhr Morgens. Brake empfing die Sterbesakramente mit rührender Andacht: er antwortete selbst mit großer Inbrunst auf die Sterbegebete. „Glauben Sie, daß ich heute sterben werde?" fragte er nachher. „Wahrscheinlich, mein Lieber." „Ach wie gut, ach wie gut!" Nach einer kleinen Pause hob er wieder an: „Soll ich wohl noch den ganzen Tag zu leiden haben?" Die barmherzige Schwester antwortete: „Das zählt ja statt des Fcgfeucrs." „Ja, Sie haben Recht." Darauf begann er zu schlummern; man glaubte, es sei für immer, aber er schlug wieder die Augen auf und sagte: „Der liebe Gott will mich noch nicht, meine Seele mag noch nicht fort." Wiederum siel er in sanften Schlaf; ein seliges Lächeln umspielte seine Lippen, ein Widerschein des ewigen Friedens leuchtete auf seinem Antlitz; wiederholt machte er das hl. Kreuzzeichen. „Was habt Ihr, Bracke, was macht Ihr?" fragte die Schwester. „Ach Schwester, ich meinte, ich sei im Himmel; laßt mich doch, daß ich schneller hinkomme!" Der Geistliche trat nun zu ihm hin: „Bracke, hört mich einmal an. Man sagt, die letzte Stunde sei voll des Schreckens und der Angst im Angesichte der Ewigkeit, empfindet Ihr so etwas?" „O nein, Herr Pastor, ich bin sehr ruhig, sehr glücklich, ich habe gar keine Furcht, ich verlange nach dem Tode." Nun gaben ihm die Umstehenden allerlei Auftrüge für den Himmel. „Ihr vergeht uns nicht beim lieben Gott, nicht?" „Nein, Schwester." „Ihr bittet mir eine Gnade aus bei der hl. Mutter Gottes?" „Ja, Schwester." So hatte der Eine dieses, der Andere jenes, einem Jeden antwortete er mit der größten Freundlichkeit. Gegen 11 Uhr schien der letzte Augenblick gekommen, er gab kein Lebenszeichen mehr. Der Krankenwärter Bechet legte sich über ihn und rief mehrmals: „Bracke, Leo!" Endlich schlug er die Augen auf und sagte: „Bechet, Bechet, was hast Du gethan? Ich war am Sterben, ich war auf dem Weg zum Himmel, und Du hast mich aufgehalten!" Oefters wiederholte er noch die Worte: „Ach, Herr Pastor, macht, daß ich fort komme in den Himmel, meine Seele will nicht fort; und dann wandte er sich wieder zum Krankenwärter und sagte wehmüthig: „Bechet, Bechet, Du hast mich aufgehalten." „Ihr verzeiht ihm?" fragte der Geistliche. „O ja, von ganzem Herzen." Das waren die letzten Worte. Ein Zuavenlieutenant, der am Bette stand, küßte den Sterbenden auf die Stirne; er sah ihn mit einem so leuchtenden Blick und so himmlischen Lächeln an, daß den Augen des Offiziers die Thränen entstürzten. Das waren die letzten Lebenszeichen. Um 1'/^ Uhr schlummerte er Hinübel: ohne die geringste Zuckung. Es war eine Stimme unter den Anwesenden: Bracke ist im Himmel. Die Schwestern, die Krankenwärter, die Umstehenden, Alle weinten Freudenthräncn. Jeder wünschte an seiner Stelle zu sein. So starb der christliche Streiter, der zur Anerkennung für sein echt soldatisches Wesen und zum Lohn für seine Tapferkeit erst jüngst war befördert worden, getroffen von der mörderischen Kugel eines Garibaldianers. Wenn Garibaldi ebenfalls auf dem Schlachtfelde von Mentana den Tod gefunden hätte, mit wem — ohne dem Gerichte Gottes vorgreifen zu wollen — mit wem hättest Du hinübergehen mögen, mit dem frommen Vertheidiger oder dem räuberischen Feinde des heiligen Vaters, mit dem simplen Zuavcnunteroffizier oder dem berühmten Räubcrgencral? Das nationale Frachtgut. (Eine Humoreske aus Czechien.) Pan Jiri Srp, zu deutsch Herr Georg Sichel, zählte sich mit Stolz zur Nation der Czechoslavcn. Klebte ihm auch theilweise der Schandfleck deutscher Abstammung an, denn sein Vater, Kanzleidiener des k. k. Steueramtes zu A. nannte und schrieb sich kurzwcg Sichel — so hatte doch der Sohn den Offenbarungen des czcchischen Dreigestirnes Palacky, Brauner und Rieger gelauscht, trug stolz Czamara und Ziskastock, und nannte 263 sich selbstbewußt Pan Iiri Srp. Von jeher hatte es das Schicksal auf große Männer abgesehen. Auch Pan Srp sollte die Wahrheit dieses Spruches an sich erfahren. Oder war es etwa nicht blutige Ironie des Fatums, daß er, der Vollblutczeche, seine Dienste einem deutschen Handlungshause widmen mußte? Herr Großmichel, so hieß der Chef Pan Srp's, war Besitzer einer Glashütte zu F. Daß ein Mensch, der Großmichel heißt, nur ein Deutscher sein kann , bedarf keiner Erwähnung. Die Wahrheit zu sagen, huldigte indessen Herr Großmichel in nationaler Beziehung dem vollständigsten Utraguismus, d. h. er nahm Geld ohne Unterschied von Deutschen und Czcchcn, fluchte mit seinem Personal bald „Heiligdonnerwetter", bald „/.utrsoen^" und belegte alle nationalen Bestrebungen, gleichviel von welcher Seite sie kamen, kurzweg mit dem Namen „Eseleien". Insoweit hätte Pan Srp also mit seiner Stellung zufrieden sein »können. Was ihn aber wurmte, war, daß alle Briefe des Hauses deutsch geschrieben werden mußten, so daß er, des lieben Brodes wegen, sich gezwungen sah, auch seine Hand zu diesem nationalen Frevel herzugeben. Zu den besonderen Obliegenheiten Pan Srp's gehörte es, die Waarenkisten mit den betreffenden Aufschriften zu versehen. Es gab ihm jedesmal einen Stich ins Herz, wenn er die Worte Micht stürzen", „Vorsicht" u. s. w. auf eine solche Kiste schreiben und damit fremden Nationen das demüthigende Geständniß machen mußte, das Land der heiligen Wenzelskrone befinde sich noch immer in den Händen der „deutschen Henker". * Eines Abends hatte Pan Srp im Wirthshause einen schwungvollen Artikel in seinem Lieblingsblatte, den „Narodni Listy", gelesen, worin jeder echte „viastönöo", d. h. Patriot, beim Andenken Libussa's, Przcmysl's und König Wenzels, durstigen Andenkens, beschworen ward, nur in der „alleräußersten Nothwendigkeit" deutsch zu sprechen, und gerade an diesem Tage hatte Pan Srp wieder ein Dutzend Kisten mit deutschen Aufschriften versehen müssen! Zu schmcrmüthiges Sinnen über das Geschick seines geknechteten Volkes versunken, kehrte er im Mondscheine nach Hause zurück. Im Hofe standen die zur Absenkung bereiteten Collis. Bon jeder Kiste grinste ihm das Wort „Vorsicht" entgegen. Nur die letzte und größte trug noch keine Aufschrift, wahrscheinlich, Weib die Leute sie erst nach Schluß der Komptoir-Stunden herbeigeschafft hatten, aber schon standen Farbentopf und Pinsel, zum schnöden Werke bereit, daneben. Da zuckte die Idee einer großen nationalen That durch Pan Srp's Gehirn. Er war allein; nur der Mond, der Verschwiegene, sah ihm zu. Rasch faßte er den Pinsel, schrieb mit markigen Lettern auf den Deckel der Kiste das Wort „I'oxor!" und stieg dann stolz hinauf nach seinem Schlafgcmache. Niemand hatte die kühne That gesehen und eine Entdeckung brauchte er nicht zu befürchten, denn die Kisten wurden ja früh Morgens unter seiner Aufsicht nach dem Bahnhöfe geschafft. Alles ging nach Wunsch. Pan Srp begleitete am andern Tage die Collis zur Eisenbahn und kehrte hierauf, sich vergnügt die Hände über seinen, den, „deutschen Henkern" gespielten Schabernack reibend, nach dem Komptoir zurück. Die Collis aber traten noch an demselben Abende ihre Wanderung nach Hermannstadt im fernen Siebenbürgen an. Der Zufall wollte es, daß der Bahnbcamtc zu Brüun, welcher die Anmeldung der Collis leitete, ein Gesinnungsgenosse Pan Srp's war. Da auch er sich der nationalen That freute, so ward auf seinen Befehl dem „nationalen Colli" die rücksichtsvollste Behandlung zu Theil. Aber schon in Wien änderte sich die Sache. Der Bodenmeister der Nordbahn, ein Lcrchcnfelder, besah sich eine Weile kopfschüttelnd'den Ankömmling aus Czcchicn. „Kruzitürken!" rief er endlich, „was ist denn das für eine verfluchte Aufschrift! Da kommt's her, Männer! Wißt's Ihr vielleicht, was das verfluchte Wort bedeutet?" Unter den aufgerufenen Packern, die sich gleichfalls kopfschüttelnd um das Colli versammelten, befand sich zum Glücke ein Abkömmling Libussa's. „Pozor" heißt Vorsicht, Pane Bodenmeistcr!" sagte Frantischck, wird sein Glas in Kiste." „Na," rief der. Bodenmeistcr unmuthig, „das 264 fehlt unS gerade noch, daß wir anch noch böhmisch lernen sollen, hier bei der Eisenbahn! Paßt'S auf, Leute, daß Ihr mir Nichts zerbrecht!" In Pest wiederholte sich die Szene des allgemeinen Kopfschüttelnd „^riebbgckls," fluchte der lange Gabor, der Bodciimcistcr, ein Vollblutmagyar vom reinsten Wasser. „Was ist das verfluchtes Wort, was kann der Mensch nit lesen!" Der Zufall wollte, daß auch hier ein Przemyslidc zur Hand war, welcher über die räthselhafte Inschrift Aufschluß gab. Die Entdeckung, daß das Wort böhmisch sei, war aber für den langen Gabor zu viel. Die Zornesader auf seiner Stirne schwoll, kdbnckla böhmisches Schwab!" fluckte er. „Warum schreibt nicht verfluchtes böhmisches Schwab magyarisch, wenn nicht will schreiben deutsch! Da, schwuppi." Bei dem Worte „Schwupp" gab er dem Colli einen Tritt, daß .es Unterst zu obcrst über den Perron hinabkollerte. Ein langgehaltener Klageton aus dem Innern der Kiste war die Antwort auf die schnöde Behandlung. Der lange Gabor und seine Genossen aber brachen in ein lautes Gelächter aus, in welches der entartete Bürger des czechischcn Reiches gleichfalls einstimmte. Davon, wie es dem „nationalen Colli" in Temesvar und weiter hinab bis zum Orte seiner Bestimmung, unter den Wallachen, Szlklern und Sachsen ergangen, schweigt die Geschichte, Herr Großmichel aber erhielt etwa vier Wochen nach Pan Srp'S nationaler That folgenden Bries von seinem Geschäftsfreunde aus Hcrmaunstadt: „Die uns mit Ihrem Werthen vom . . . fakturirten Colli Nr. 1 bis 11 sind uns heute bestens zugegangen. .Wir bedauern indessen, Ihnen die unangenehme Mittheilung machen zu müssen, daß Colli Nr. 12, obwohl äußerlich unbeschädigt, nur gänzlich zerbrochene Waare enthielt. Wie bei der^sonst guten Verpackung dieses Malheur sich ereignen konnte, ist uns unbegreiflich. Wahrscheinlich ist es dem Umstände bcizumcssen, daß die Kiste statt der allgemein gebräuchlichen Aufschrift „Vorsicht" das gänzlich unverständliche Wort „Pozor" zeigt. Da wir keine Schuld an dem Unglücke tragen, so versteht cS sich, daß wir die Kiste zu Ihrer Disposition stellen müssen. Wir bitten Sie also den fakturirten Betrag rc." Welches Gesicht Herr Großmichel beim Lesen dieses Schreibens machte, kann sich der freundliche Leser denken, ohne seiner Phantasie Zwang anzuthun. „Das hat kein anderer Mensch gethan, als der Srp!" schrie er wüthend von seinem Sitze aufspringend und zur Thüre seines Kabinets eilend. „Srp! Srp! Kommen Sie einmal herein!" Nichts Gutes ahnend, näherte sich der Gerufene. „Hier, lesen Sie!" rief Herr Großmichel, indem er seinem Gehilfen den verhängnisvollen Brief unter die Nase hielt. Leichcnblässe überzog Pan Srp's Gesicht. Er versuchte etwas von „nationaler Gleichberechtigung" zu stammeln. „Hören Sie, Herr, oder wenn Sie lieber wollen, Pan Srp!" sagte Herr Großmichel. „Sie wissen, daß ich mich um Euren nationalen Schwindel nicht kümmere. Meinetwegen können Sie zwei Czamaras übereinander anziehen und mit drei Ziskastöckcn herumlaufen! Wenn aber das Geschäft unter Ihren Verrücktheiten leidet, dann geht das Ding. über den Spaß! Ich könnte mich wegen des Schadens an Sie halten; da ich aber weiß, daß. Sie nichts haben, so schenke ich Ihnen den Ersatz. Sie vcrlaßen jedoch von diesem Augenblick an mein Kompioir! Ich empfehle mich Ihnen ! I'oroucimsL!" Pan Iiri Srp wankte stumm hinaus, und Groß-Czcchicn zählte einen nationalen Märtyrer mehr. Frage: Was für Ähnlichkeit hat der 30jährige Krieg mit dem von 1866 ? 'UZU»MM 08 jnv Antwort: oasguH asg 'sahvH 08 jnv suiZ aoE 'snvmh 08 jnv usöuib sqiZA Druck, Verlas »nd Redaktion des literartlcheu Instituts von vr. M. Huttler. Nr. L4 23. August 1868. Augsburger Wenn von Genuß du hörst und von Vergnügen, Wozu die Welt sich festlich putzt, Hab' Acht, die abgenützten Worte lügen Und was sie meinen, ist bejchmutzt. Johannes Schrott. Auch eine Criminal-Geschichte. (Fortsetzung.) Der Richter war, wenn auch etwas ergriffen, doch äußerlich ruhig geblieben. Was er bis jetzt gehört, ließ allerdings an ein begangenes Verbrechen glauben, doch fehlte irgend ein überzeugender Beweis. So viel aber stand fest bei ihm, daß er den Thatbestand an Ort und Stelle untersuchen wolle. Es wurde dies nach dem Gehörten, und wie die Angelegenheit bis jetzt stand, unabweisbare Pflicht. Er wollte sich just in diesem Sinne aussprechcn, als am Eingang des Zimmers ein Geräusch entstand, der Ortsgerichtsdiener die Thüre weit öffnete und einen Mann in Uniform einließ. „Noch ein Zeuge, Herr Richter!" rief er überlaut und von seinem Eifer derart hingerissen, daß er Brauch und Herkommen, die Heiligkeit des Ortes, kurz Alles vergaß. „Es ist der Herr Bahn-Jnspcctor, der hat ihn gesehen, wie er sich davongemacht!" „Ruhe!" gebot der Richter dem Allzueifrigen und wiederholte dann den Ruf noch einmal und mit strengem Tone, da zugleich ein Murmeln neuen Staunens und neuer Erregung laut und immer lauter in dem Gemache ertönte. Doch es wurde ihm nicht leicht, die Aufregung seiner Umgebung zu beschwichtigen, besonders da die meisten der Anwesenden sich als Herren des Ortes dünkten, was sie in der That auch waren. So entstand denn aus dem Murmeln bald ein recht lautes Sprechen und gegenseitiges Austauschen der Meinungen, das den neuen Ankömmling bis zum Tische des Untersuchungs- Richters, auf den er zuschritt, begleitete. Es war ein Bediensteter der bei T... vorbeilaufenden Eisenbahn, der Vorstand der dortigen Station, ein noch junger, und wie er sich auf den ersten Blick darstellte, gewandter und thatkräftiger Mann. Nachdem die Ruhe einigermaßen wieder hergestellt war und Alles abermals gespannt auf den wettern Verlauf der so interessanten und ergreifenden Untersuchung horchte, erzählte der Bahninspector, von dem Richter nach wenigen Vorfragen dazu aufgefordert, etwa Folgendes: „In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag, gegen zwei Uhr Morgens und wenige Minuten bevor der Nacht- und Courierzug bei der hiesigen Station angelangt, sei der Laibel ganz athcmlos dahergelaufen gekommen. In der Hand habe er einen anscheinend schweren Reisesack gehabt und sein Aeußeres sei in auffallender Unordnung, wie er selbst in sichtlicher großer Aufregung gewesen. Laibel habe sich dann ein Billet gelöst und kaum noch Zeit gehabt, in den mittlerweile angelangten und nur wenige Augenblicke sich aufhaltenden Zug einzusteigen, worauf er in der Richtung nach V. . . weitergefahren. Die Erscheinung, das ganze Gebühren des Mannes sei ihm allerdings sehr aufgefallen, doch habe er nichts Arges dabei gedacht, bis ihm gestern das entsetzliche Gerücht zu Ohren gekommen, das sich dahier über sein — Laibels und dessen Familie Verschwinden verbreitet. Da habe er das auffallende Wesen des Mannes sich wohl erklären können, und damit keine Zeit verloren gehe, auch schon alle die Schritte gethan. 266 die nöthig, um die Spur des Mannes, der eines so furchtbaren Verbrechens beschuldigt, zu verfolgen." Beifällig nickte der Herr Untcrsuchungs-Richter dem Herrn Jnspector zu, und die erregten Mienen der übrigen Anwesenden erhielten einen gewissen freudigen Ausdruck, denn es war bereits etwas in der Sache geschehen und durch einen der Ihrigen geschehen. „Ich erkundigte mich sogleich an der Kasse, wohin Laibel ein Billet genommen," so fuhr der Zeuge dann fort, „und da fand sich denn, daß er eines zweiter Classe bis V. . ., dem nächsten Kreuzungspunkte unserer Bahn gelöst. Wissend, daß der Herr Richter heute dahier anlangen würde, bin ich am Vormittag nach V . . . gefahren, um dort Erkundigungen über Laibel einzuziehen. Der Courierzug langte, von N . . . kommend, am vorigen Sonntag Morgen dort um drei Uhr an, um nach zehn Minuten Aufenthalt weiter zu fahren. Der von Süden kommende Zug war wie gewöhnlich eine Viertelstunde früher angekommen und fuhr um halb vier Uhr, genau nach dem Reglement, ab. Laibels Billet lautete nur bis V. . . Hier mußte er also ausgcstiegcn sein, entweder ein anderes Billet gelöst haben, oder zu Wagen oder zu Fuß weitergegangen sein. Mir hierüber Gewißheit zu verschaffen, war nun allerdings nicht leicht. Ich vertraute dem Director der Station die ganze Angelegenheit, und nüt seiner Hülfe wurde denn an der Kasse endlich, und so zu sagen unumstößlich festgestellt, daß damals eine Persönlichkeit auf die meine Beschreibung Laibels paßte, weder zu jener Stunde, noch später am Tage sich am Schalter gezeigt, um ein Billet nach einer der vier Richtungen zu kaufen. Nun wurden die übrigen Bediensteten der Station, die wenigen Fuhrleute und Kutscher ermittelt, welche um die betreffende Stunde sich in der Nähe der Bahn befunden. Das war bald gethan, denn viele Fiaker gibt es in V. . . nicht, und diese wenigen halten stets an der Station. Keiner von ihnen hatte einen Mann von dem Aussehen Laibels gefahren noch gesehen. Kein Schaffner oder Packknecht wollte etwas von ihm wissen. Trotz aller Mühe war keine Spur von dem Flüchtlinge aufzufinden, er schien förmlich in der Erde verschwunden zu sein. Zwar waren mehrere Reisende ausgcsticgen, doch waren dies meistens bekannte Personen, und der Verbleib der Uebrigen konnte sicher nachgewiesen werden. Einer der Leute meinte zwar, bemerkt zu haben, wie ein Mann, der den Zug verlassen, rasch in der Richtung nach den nahen Bergen davongeeilt und in der Dämmerung verschwunden sei. Doch paßte die Beschreibung nicht auf Laibel, und dann war der Zeuge auch zweifelhaft, ob er den Betreffenden nicht bald darauf wiedergesehen, der dann wohl mit demselben Zuge weitergefahren sein konnte. Nichts weiter war herauszubringen. Der Bahndirector aber, dem die Angelegenheit wichtig genug schien, hat sofort den Telegraph in Bewegung gesetzt und das Signalement Laibels, das ich ihni gegeben, nach allen Richtungen hingesandt. Sobald irgend eine Antwort anlangen, überhaupt sich etwas ergeben wird, das Auskunft über den Verbleib Laibels zu ertheilen vermag, will er hierher an mich, oder direct an das Ortsgcricht berichten." Also endete der Bahn-Jnspector seine Dcposition, und wenn sein Handeln auch kein günstigeres Resultat gehabt, so gab seine Mittheilung dem Verdacht doch einen weiteren Halt von nicht geringer Bedeutung. Der Untersuchungsrichter dankte dem Beamten für seine Aussage, seinen Eifer, und erklärte dann mit fester Stimme, daß Alles, was er bisher vernommen, den Verdacht eines begangenen Verbrechens wohl zu rechtfertigen vermöge, es demnach Pflicht der Behörde sei, das Haus, den Ort der That, zu untersuchen. Er fordere also den anwesenden Ortsvorstand auf, dafür zu sorgen, daß heute Nachmittag, nach Tisch, etwa um drei Uhr, ein Schlosser mit den nöthigen Werkzeugen bei dem Laibel'schen Hause zur Hand sei, um die Thüren im Namen des Gesetzes zu öffnen. Ferner lud er verschiedene der anwesenden Herren ein, solcher Untersuchung als Zeugen beizuwohnen, wie er auch sämmtliche Personen, welche bis jetzt etwas über die düstere Angelegenheit ausgesagt, aufforderte, zur angegebenen Stunde sich bei dem betreffenden Hause einzufindcn. 267 Nun hob er die Sitzung auf, um sich nach den gehabten Mühen durch ein gute? Mittagsessen an der Wirthstafel des ersten Gasthofes von X. . ., zum „grünen Baum" geheißen, zu stärken, wohin ihn ein großer Theil der Anwesenden begleitete, und allw» es am selben Mittag laut und erregt genug Erging, wozu übrigens auch hinlängliche Ursache und genügsamer Stoff vorhanden war. Daß in den übrigen Häusern der Stadt der tragische Vorfall und das, was man bis jetzt darüber in Erfahrung gebracht, in jeder möglichen Weise, mit allen nur erdenklichen Vermuthungen und Beurtheilungen nicht weniger aufgeregt besprochen und abgehandelt wurde, wird ein Jeder sich wohl zur Genüge vorstellen können. lll. Neue Aufklärungen. Der Mensch denkt und Gott lenkt! Der Herr Untersuchungs-Richter, sowie die übrigen Notabilitäten der guten Stadt T. . . saßen im grünen Baum, aßen und tranken gut und unterhielten sich noch bester, nicht anders vermeinend, als solches Vergnügen in aller Behaglichkeit bis drei Uhr, der Stunde der Eröffnung des Laibel'schen Hauses, genießen zu können. Just so, oder ähnlich stand es in den übrigen Bürgerhäusern der Stadt und auch beim Tischlermeister Andres. Doch dieses allgemeine, wenn auch ziemlich erregte Stillleben sollte eine Plötzliche, gewaltsame Unterbrechung erleiden, und zwar durch Meister Andres, der abermals eine Rolle in dem düstern Drama zu spielen berufen war. Das aber kam also. Als der ehrsame Tischlermeister daheim angelangt, von seiner in fieberhafter Aufregung sich befindenden Alten mit wahrer Sehnsucht erwartet, wollte sich der hartgeplagte und wirklich angegriffene Mann an den sauber gedeckten Tisch setzen und einen Löffel Suppe zur Stärknng seines Leibes genießen. Aber die Alte ließ besagten Löffel vorerst, nicht zu seinem,Munde kommen, denn Andres mußte erzählen, was sich auf dem OrtS- gericht begeben. Alles und haarklein. Nachdem er dieser Pflicht so vollständig und ausführlich als möglich genügt und endlich seine Mahlzeit beginnen wollte, da klopfte es ziemlich stark wider das Fenster der Stube, und als Andres erstaunt sich umwandte, erblickte er etwas, das ihm vor Ueberraschung den schon glücklich erhobenen Löffel abermals vorn Munde nahm und sogar aus der Hand gleiten ließ und ihn mit einem RuL von seinem Stuhle cmportrieb. Des Tischlers Haus lag am Ende der Stadt ! . . . und schon an der Landstraße, welche nach der Hauptstadt des Landes führte. Auf der Straße nun sah Andres eine etwas altfränkische Reisebirutsche, welche ziemlich nahe an die Fenster des Hauses hcran- gcfahren war, und in ihr einen alten Herrn mit grauem Kopf und freundlich lächelnder» Zügen, welcher von seinem Sitze aus und mit dem goldenen Knopfe seines langen spanischen Rohres zu wiederholten Malen wider die Scheiben klopfte. „Ist der Andres daheim?" rief nun der Fremde. „Herr Gott, der Baron!" schrie hierauf Meister Andres, von seinem Stuhle auffahrend und wie der Wind zur Hausthüre eilend. Draußen begrüßte der Fremde, der „Herr Baron," den Meister auf das herzlichste, desgleichen auch die Alte, welche ihrem Andres nach und zur Thüre geeilt war. Er stieg sogar aus der alten Birutsche, dem Kutscher die Weisung gebend, voraus in den „grünen Baum" zu fahren und ein Zimmer für ihn Herrichten zu lasten. Dann trat der Fremde, ein Mann von etwa sechzig Jahren, behäbiger Gestalt und mit frischen, vor Freude schier strahlenden Zügen, mit dem alten Ehepaare in die Stube. Der Herr Baron Görg von Freikamp und Meister Andres waren gute Freunde. Der Vater des Ersteren war der letzte Oberjägcrmeistcr des letzten Fürsten von T . . . 268 gewesen und Andres in seinem Hause erzogen worden. Die Freundschaft, welche den adeligen Knaben und den armen bürgerlichen Jungen verbunden, hatte sich nie verläugnet, < und durch sein ganzes Leben hindurch hatte Andres an dem Herrn Baron eine tüchtige Stütze gehabt. Deßhalb wäre er auch für den Görg durch's Feuer gelaufen. Nachdem der letzte Fürst von X. . . gestorben, hatte sich Herr von Freikamst auf eine Besitzung, etwa zehn Stunden von ! . . . gelegen, zurückgezogen und war Oekonom geworden. Selten kam er nach T. . ., geschah es aber, dann wurde zuerst beim Andres vorge- ^ sprachen. Frohe Jugend-Erinnerungen wirkten noch immer mächtig bei dem alten Herrn. „Bin lange nicht bei Dir gewesen, Andres! Komme aber heute in eigenthümlicher Angelegenheit nach X. . . und mit frohem Herzen," so sagte der Herr Baron im Eintreten, und nachdem er dem alten Paare recht herzlich die Hände gedrückt. „Der Herr Baron kommt aber auch zu guter Stunde, denn was X... heute erlebt, hat es noch nicht erlebt und wird es hoffentlich nicht mehr erleben," so sprach Andres. „Hab' auch etwas erlebt. Andres! und will sogar noch mehr erleben, und Frohes dazu, alter Junge! — Euch geht es doch gut?" „Danke! — Es ist eine schreckliche Geschichte, Herr Baron. Ein Vater hat seine Kinder —" „Wiedergefunden?" scherzte der alte Herr, der in bester Laune zu sein schien. —- „Dann ist es ihm gerade gegangen, wie es mir gehen soll. Denn siehe. Andres, ich soll heute und hier am Orte meine Kinder, mein liebes Mädel, die Dore, die ich so lange habe misten müssen, wiederfinden und an's Herz drücken dürfen." „Ach nein, so ist es nicht, Herr Baron! Der Barbar hat seine eigenen Kinder — umgebracht, und sein Weib dazu. Ich hab's gesehen und gehört!" Heraus war's endlich. „Das ist ja entsetzlich!" entgcgnete Herr von Freikamst, den Andres und die Alte ziemlich ungläubig anschauend. „Es ist leider so," rief der ehrliche Tischlermeister mit rechtem Eifer. „Die Magd hat am Morgen gehört, wie er ihnen den Tod geschworen und ich hab' am Abend ge- - sehen, wie er eines der Kinder — es kann nur ein Kind gewesen sein,, die Frau war zu schwer dazu! — hoch empor hob und in — den Ziehbrunnen warf. Auch den entsetzlichen Schrei, den das arme kleine Geschöpf dabei ausgestoßen, hab' ich gehört, und werde ich ihn zeitlebens nicht vergessen." „Das ist ja eine schreckliche Geschichte! Und gerade mir und meiner Freude muß sie in die Quere kommen! — Hat man denn den Kerl gefangen?" „Er ist durchgebrannt, doch ist man auf seiner Spur. Der Telegraph arbeitet nach allen Weltgegenden hin." „Das ist Recht! er darf seinem Richter nicht entfliehen, muß seine Strafe empfangen. Aber lassen wir das. Andres, viel Zeit bleibt mir nicht, denn ich muß in den „grünen Baum" und dann weiter. Ich will dem alten Freunde noch sagen, was mich eigentlich hergeführt, und dann sollst Du mir noch einige Fragen beantworten." „Sprecht, Herr Baron!" „Du wirst wissen, daß ich mein Mädel, die Dore, verheirathct habe. Es war eine gute Partie, der Mann war ordentlich, brav und recht gut situirt, und die beiden Leutchen hatten sich gerne, und das war die Hauptsache. Wir lebten zufrieden und glücklich zusammen, doch nach einigen Jahren überwarf ich mich mit meinem Schwiegersohn und dieser verließ mich mit seiner Frau. Von der Zeit an waren wir Feinde. Ich — ich muß es nur gestehen, war nicht ohne Schuld an dem Zerwürfniß. Als der ^ Aeltere, hätte ich auch der Vernünftigere sein und nachgeben müssen, dann wäre wohl Alles wieder auszugleichen gewesen. — Sie verließen die Gegend, und ich war allein. Nicht wußte ich, wohin sie sich gewendet. Hab' viel Kummer ausgestanden während 269 dieser Zeit, große Sehnsucht nach meiner Dore und dem Kindchen gehabt, und das dauert nun schon über sechs Jahre!" „Weiß es, Herr Baron, habt es mir das letzte Mal gesagt und geklagt, als Ihr hier wäret. Euer Herr Schwiegersohn muß ein böser, harter Mann sein." „Es scheint so. Andres, doch im Grunde ist er so schlimm nicht. Bin auch hart gewesen, und das war ein Fehler, ohne ihn wäre mir Vieles erspart geblieben." Also sprach er stiller vor sich hin, doch gleich wieder mit früherer Heiterkeit: „Aber jetzt ist's vorbei, Alles ist überstanden. Heute werde ich sie wiedersehen, mich mit dem Wallborn aussöhnen, und nie werden wir mehr voneinander gehen." „Er kommt also hiehcr, der Herr von Wallborn?" „Er ist hier, er wohnt ja in T . . ." „Nicht möglich! Ich kenne doch alle Leute, die in unserer Stadt wohnen und habe bis jetzt nichts von einem Herrn von Wallborn gehört." „Und dennoch wohnt er hier, seit etwa einem halben Jahre, mit seiner Frau und seinen beiden Kindern, denn zu dem kleinen Buben, den ich so oft auf meinen Knieen geschaukelt und der jetzt neun Jahre alt sein muß, ist noch ein Mädchen gekommen, das der Jahre fünf zählen soll. O, ich weiß Alles, wenn ich sie auch in Ewigkeit nicht gesehen habe! — Doch jetzt muß ich eine Frage an Dich richten, Andres." Dabei schaute der alte Herr auf und hielt erschrocken inne in seinem frohen Plaudern, denn vor ihm saß Meister Andres bleich wie eine Leiche und starrte ihn mit entsetztem Ausdruck seiner Angen an, und die Alte schien nicht minder erschrocken und erregt. „Was habt Ihr Beide?" konnte Herr von Freikamst sich nicht enthalten zu fragen. „Das ist ja gerade wie bei dem Laibcl," stotterte Andres endlich hervor. „Ganz recht," cntgcgnete der alte Herr unbefangen. „Unter dem Namen Laibel lebt ja mein Schwiegersohn hier in T. . ." Andres stieß einen Schrei aus, der wahrhaft schreckcrregend klang, zugleich begann er derart am ganzen Körper zu zittern, daß er nur einige unartikulirte Laute hervorbringen konnte als Antwort auf die erschrockenen, fragenden Blicke des Herrn von Freikamp. Er wollte, konnte das letzte entscheidende Wort vielleicht auch nicht aussprcchcn, hatte keine Kraft, keinen Muth dazu. Seine Alte aber, obgleich nicht minder entsetzt, mußte reden; sie konnte es nicht länger mehr zurückhalten, und mit wahrer Verzweiflung rief sie aus: „Der ist's ja, Herr Baron, der seine Frau und seine Kinder umgebracht hat!" — Die ganze Gestalt des alten Herrn zuckte zusammen, um im nächsten Augenblick in eine Regungslosigkeit zu verfallen. Auch sein Gesicht war marmorbleich geworden, und fragend starrte er die beiden ihm gegenübersitzenden alten Leute an. „Der Laibel hätte — ?" so hauchte er endlich und fast tonlos. „Ja, er hat's gethan!" sagte nun Andres, der seinerseits auch zu Wort kommen wollte. „Er hat es leider gethan; es ist nicht mehr daran zu zweifeln." Und nun erzählte er, nach und nach all' seine Geisteskräfte, seine Sprachgeläufigkeit wiederfindend, seinem Freunde, dem Herrn Baron, was sich Schreckliches begeben, und wie weit solches durch die bereits vernommenen Zeugen festgestellt worden war. Je lebhafter Meister Andres wurde, je stiller, hinfälliger wurde der alte Herr, und endlich saß er da, geknickt, ein wahres Bild des Jammers. Seine Augen waren naß, schwere Schweißtropfen perlten auf seiner hohen kahlen Stirne und rieselten endlich langsam und im Verein mit seinen Thränen über die bleichen, vor wenigen Augenblicken noch so strahlenden Züge. „Es ist nicht möglich — nicht glaublich! — Der Wallborn hätte das gethan! ? — Meine arme Dore — die armen, armen Kleinen!" so murmelte er mit zitternden Lippeir 270 leise vor sich hin. Doch endlich schien er den letzten Rest von Energie, der ihm geblieben, zusammenzuraffen, und den Kopf hebend, sprach er mit ziemlich fester Stimme: „Komm, Andres, bring mich zu dem Untersuchungs-Richter; ich muß ihn sprechen, auf der Stelle!" Einige Augenblicke später schritten die beiden Männer durch die stillen Gaffen der Stadt, dem „grünen Baum" zu, Meister Andres gewiß auf's Tiefste ergriffen, doch auch wieder in etwas gehoben durch den Gedanken an die Wichtigkeit, die seine Person in dieser traurigen, doch so merkwürdigen Angelegenheit erlangt — und jetzt erst recht erlangt, der alte Herr aber, der so froh und glücklich in T . . . eingefahren, mit schwankendem Gange, wie gebrochen an Körper und Geist. Unangerührt war die Suppe auf dem Tische stehen geblieben — wie hätte Meister Andres auch in solchem Augenblick noch an Essen und Trinken denken können?! Auch seine Alte verspürte keinen Appetit mehr. Allein blieb sie in der Stube und in erregtester Stimmung zurück. Diesmal aber griff sie nicht nach ihren Büchern. Es war nicht nothwendig, denn was sie jetzt erlebt hatte, war noch weit schrecklicher, ergreifender als Alles, was sie bisher gelesen. Stille saß die gute Alte da und weinte bittere Thränen über das traurige Schicksal des armen Kindes und der Enkel des guten Herrn von Freikamp, des alten Freundes ihres Mannes und Hauses. (Fortsetzung folgt.) Pastor Knak und Domherr Copernikus. Kürzlich war unter den Protestanten, hauptsächlich Preußens, ein großer Lärm, weil Pastor Knak einem andern Pastor, Namens Lisko, gegenüber behauptet hatte, die Erde stehe still und die Sonne bewege sich um dieselbe, also das kopcrnikanische System und zwar auf Grund der heiligen Schrift verwarf. Sofort traten Knokianer und Liskojaner auf, und als Dritter mischte sich der politische Fortschritt ein. Die Breslauer Hausblättcr schreiben über diesen Streit: Der Pastor Knak hat durch seine Behauptung der Unbeweglichkeit unserer Erde die protestantische Welt in eine Art Exaltation gesetzt. Unseren Lesern theilen wir zur Orientirung in dem Streit mit, daß im Alterthum und namentlich seit Aristoteles, dem berühmten Philosophen, die Meinung ziemlich allgemein war: die Erde befinde sich in der Mitte des Weltalls in Unbeweglichkeit. Claudius aus Ptolemais (161 n. Chr. Geb. in Alexandrien gestorben) suchte von diesem Standpunkt aus die planctarischen Bewegungen zu erklären. Diese Ansicht blieb auch in der christlichen Zeit die herrschende, zumal man für sie einen Anhalt im alten Testament zu finden glaubte. Es war der katholische Domherr in Fraucnburg (Ostpreußen, Nikolaus Copernikus, geboren in Thorn 1473, der sich früher schon in Rom als Lehrer der Mathematik hervorgethan, welcher die Bewegung der Erde um die Sonne wissenschaftlich dadurch zu erweisen suchte, daß er zeigte, wie bei dieser Annahme die früher unlösbaren Probleme sich lösen ließen. Er ließ sein dem Papst Paul IV. gewidmetes Werk zu Nürnberg 1543 drucken, starb jedoch vor Beendigung des Druckes im Mai desselben Jahres. Nach ihm steht die Sonne im Centrum des Weltalls. Um sie bewegen sich in Kreisbahnen Merkur, Erde, Venus, Mars, Jupiter, Saturn. Die Erde bewegt sieb in einem Tage um ihre Axe, in einem Jahre um die Sonne. Der Mond bewegt sich um die Erde und mit ihr um die Sonne. Mit Hilfe des Fernrohrs machte Galileo Galilei astronomische Entdeckungen, welche ihn ebenfalls zum Anhänger des kopcrnikanischcn Systems machten. Da er mit weniger Behutsamkeit als Copernikus verfuhr und mit der Schrift im Widerspruch zu lehren schien, wurde er von der Congregation des Index verurtheilt. Daß er bei dem Wider- 271 ruf nach dcr Abschwörung gesagt habe: „Und sie bewegt sich doch," nämlich die Erde, ist eine müßige Erfindung, um die Sache tendenzmäßig auszuputzen. Der erste Lutheraner, welcher entgegen dem Mclanchthon, auf dessen Autorität hin die lutherische Fakultät zu Tübingen sich ebenfalls gegen Copcrnikus und Galilei erklärte, das neue System wissenschaftlich zu begründen und festzustellen suchte, war der Magister Johann Keppler und mit Newton war dasselbe so ziemlich das herrschende. Der Knak'sche Widerspruch dagegen hat übrigens eine Agitation hervorgerufen, die denselben für ganz andere Zwecke auszubeuten sucht, als für den Schutz der gefährdeten astronomischen Wissenschaft. Man will mit Herrn Knak zugleich den kirchlichen Einfluß aus der Schule hinauswerfen. Die tendenzmäßig - absichtliche Verguickung von zwei ganz verschiedenen Dingen und das Bestreben, in dem Pastor Knak zugleich die Kirchcn- Gemeinschaft zu schlagen, verräth zu sehr den Bvcksfuß in dieser Agitation, als daß sie nicht gerade deßwegen sehr bald als Parteimanöver in Verruf kommen sollte. Es ist auch gar zu dumm die Motivirüng: „Weil dcr Pastor Knak besagte astronomische Sonderansicht hegt, so muß man die Kirche aus der Schule werfen." Die Logik ließe man sich allenfalls von einem „dummen Teufel" für „dumme Teufel" gefallen! (Eine Ente, aber nur eine kleine.) Ein in Stettin in Garnison stehender Lieutenant — so erzählt ein Provinzblatt — wollte verreisen; vorher gab er seinem Burschen, einem Polen, genaue Anweisung, wie es mit der Reinigung seiner Zimmer u. s. w. gehalten werden sollte. Besonders band er ihm aber auf die Seele, einen Kanarienvogel, der ihm sehr lieb war, regelmäßig zu füttern. Der Bursche versprach dies auch treuherzig und der Lieutenant reiste beruhigt ab. So lange das vorräthigc Vogelfutter reichte, ging die Sache auch sehr gut, der Vogel erhielt sein Fressen und befand sich behaglich. Das änderte sich aber bald, das Futter ging zu Ende und der Pole, der sich bei seinem Kommisbrod ganz wohl fühlte, glaubte, dem Vogel würde diese kräftige Kost auch ganz gut anschlagen. Es gab also von nun an statt des Vogclsamens Kommis- brod. Zuerst ließ es dcr Vogel liegen, dann trieb ihn der Hunger zum Fressen; doch bekam ihm das Genossene schlecht, er starb an einer Indigestion. Als der Pole den Vogel todt im Käsig liegen sah, schob er die Mütze schief und kratzte sich hinter den Ohren. „Was thun? spricht Zeus." Unser Mann wußte Rath: er verschaffte sich ein Güsselchen (junge Ente), denn — Vogel ist Vogel, und sperrte es in den Käfig. Nun gings zur Noth mit dem Kommisbrod. Der Lieutenant blieb aus und der Vogel wuchs, so daß er bald den ganzen Käfig füllte und d'rin saß, wie der eingewachscue Frosch im Baumstamm. Endlich kam dcr Officier, der Bursche empfing ihn, die Hand an der Hosennath. „Hast Du meinen Vogel besorgt?" — „Zu Befehl, Herr Lieutenant." Der Lieutenant trat au das Bauer. „Aber Mensch, was ist das? was ist das für ein Biest?" — „Gut gefüttert, Herr Lieutenant; gewachsen, sehr gewachsen," versicherte der Bursche. Das Ende kaun man sich denken; Bursche und Vogel wurden hinausgeworfen, letzterer aber nicht ohne Mühe, denn es mußte vorher dcr Käfig zertrümmert werden, da dcr Vogel aus dcr Thür natürlich nicht hinausging. (Die verkehrte Welt) Man schreibt aus London, 23. Juii: Gestern fand im Garten des Buckingham-Palastes, wo eigene prächtige Zelte errichtet waren, das „Frühstück" statt, zu welchem die Königin ungefähr 400 Herren und Damen eingeladen, und wozu Ihre Maj. mit ihrer Familie von Windsor hereingekommen war. Das Gabelfrühstück wurde Nachmittags halb 5 Uhr servirt, und währte bis halb 8 Uhr Abends, und so ist es kein Wunder, daß es in dcr Einladung hieß: die Herren hätten in Abend- Röcken mit Morgen-Pantalons zu erscheinen! Das freie England steht eben noch recht unter der Ruthe des Ceremouicnmcisters, und die Verwechselung dcr Tageszeiten in der Vornehmen Welt gränzt nahe an Tollheit. 272 (Kräh enr ach e.) Vor einigen Tagen, erzählt Pfarrer in L. P., fand ich bei einem Spaziergange im Walde auf einer ungefähr 2Vr Klafter hohen Föhre ein Vogelnest. Eine kindische Neugierdc, welche selbst den reiferen Mann selten verläßt, trieb mich an, nachzusehen, ob und was in diesem Volgelneste enthalten ist. Ich hing meinen neuen, um baare zwei Gulden gekauften Strohhut auf eine nahe Eichcnstaude und kletterte die Föhre hinan. Kaum war ich zur Hälfte auf dem Baum, als mit einem garstigen Gekrächze zwei Krähen angeflogen kamen und so schnell wie der Blitz um die Föhre kreisten. Die Krähen schloffen ihren Kreis immer enger, und als ich bemerkte, daß sie Miene machten, mir an den Kopf zu fliegen, brach ich einen kleinen Ast ab und setzte mich in Vertheidigungszustand. Nun stießen beide Krähen auf meinen Strohhut unten auf der Staude. Nachdem ich nun unangefochten das Vogelnest, in welchem zwei junge Krähen in „Wolle" lagen, besichtigt und meine Neugierde deßhalb gestillt hatte, stieg ich, oder sprang vielmehr mit einem Satze vom Baume herunter auf die Erde, welcher jähe Sprung die alten Krähen von meinem Hute. verscheuchte. Sie flogen hoch auf und kreisten über die Krone der Föhre wieder weiter. Jetzt besah ich meinen Hut und — o Schrecken! Im Deckel waren drei respektable Löcher eingehauen, und auf der Krämpe lag — — doch das Letztere läßt sich nicht leicht beschreiben-es lag etwas Aehn- liches auf der Hutkrämpe, wie es seinerseits dem Tobias in die Augen fiel, nur mehr mag es nach meiner Ansicht gewesen sein. Ich machte — wie soll ich mich nur geschwind ausdrücken? — ich machte ein traurig-dummes oder ein dumm-trauriges Gesicht! Zwei Gulden waren dahin! Moral: Laß' die armen Vögcl in Ruhe. (I n st i n k t oder Klugheit?) Einer meiner Freunde machte folgende Beobachtung: Die Ameisen fraßen ihm die Früchte seines Kirschbaumes weg. Um sie abzuhalten, beschmierte er den Stamm ringsum in der Breite eines Zolles mit dem Tabaksschmirgel, den er zu diesem Behufe gesammelt hatte. Die Ameisen, welche in Schaaren den Baum hinaufzogen, kehrten an dem übelriechenden, klebrigen Dinge um; die, welche von dem Baume zurückkehren wollten, wagten nicht, den Ring zu überschreiten, sondern kletterten wieder hinauf, und ließen sich von den Aesten zur Erde fallen. Der Baum war bafd von den zudringlichen Gästen befreit. Nach kurzer Zeit aber mar- schirten die Ameisen in Schaaren an dem Stamm hinauf. Jede trug in ihren Kiefern ein Stückchen Erde, und mit äußerster Vorsicht wurde ein Bällchen neben das andere auf den Tabaksschmirgel gelegt und so nach und nach eine wahrhaft gepflasterte Straße hergestellt, welche die Thierchen mit großer Emsigkeit befestigten und verbreiteten, bis ihr Durchmesser etwa einen halben Zoll betrug. Nun konnte ihre Colonne auf's Neue mit Sicherheit den Baum besteigen, der bald mit Näschern bevölkert war. Wo ist nun, gegenüber solchen Beobachtungen, die Grenze des Instinktes? Frage: Was ist das Freieste am Menschen? snv hwq Antwort: «zhzh savvH zig "fli pascissbuis hmv uvm uusai uusq "savvH Charade. (Zweisilbig ) Mein Erstes ist Täuschung, o halte es fern Vom Zweiten, das Ganze umfängt es sonst gern. Auflösung der Charade in Nr. 32: „Wildfang." Druck, lSerlau und Rrdatttou LiS literarischeu Instituts von vr. M. Huttlrr. Nr. Iä. 30. August 1868. Mrgsburger Steile Höhen besucht die ernste forschende Weisheit, Sanft gebahnteren Weg wandelt die Liebe im Thal. Göthc. Auch eine Criminal-Geschichte. «Fortsetzung.) IV. AuS dem Leben des Verbrechers. Der Herr Untersuchungs - Richter, sowie die übrigen Herren der Polizei, des Ortsgerichts und des Gemcinderaths, die ihm gefolgt, saßen an der Vobis ck'kütes des grünen BaumS, soweit vergnügt und zufrieden, und waren just bei Salat und Braten, aus ein paar Pracht - Welschen bestehend, angelangt, als plötzlich und recht geräuschvoll Meister Andres in den Saal trat und einige Worte sprach, welche eine wahre zauberhafte Wirkung hervorbrachten. „Ich habe dem Herrn Richter anzuzeigen," so sprach er in erregter Hast, „daß so eben der Herr Baron von Freikamst angekommen ist und den Herrn Richter auf der Stelle zu sprechen verlangt. Der Herr Baron kennt den — Laibel leider nur zu gut. Und der Laibel heißt gar nicht Laibel, sondern von Wallborn, und ist der Schwiegersohn des Herrn Barons!" Wie sielen die schon erhobenen Gabeln auf die Teller nieder — just wie der Löffel des Meisters Andres kurze Zeit vorher! Wie blieben die Eßwerkzcugc — bereit, um den kostbaren Welsch des grünen Baums zu genießen, vor Staunen und Schreck immerfort und weit geöffnet, denn was man da gehört, war zu überraschend, zu seltsam und entsetzlich gewesen. Herr von Freikamp war eine bekannte Persönlichkeit; knüpfte sich doch an seinen Namen die goldene Zeit von L...! Zweimal mußte daher Meister Andres seine Mittheilung wiederholen, ehe die Anwesenden sich und das Gehörte zu fassen, Mund und Augen wieder in etwas zu bewegen und zu schließen vermochten. Dem Herrn Uutersuchungs-Richtcr war die Unterbrechung von wegen des einladenden Welsches, nicht allzu angenehm gewesen, doch mußte er der Aufforderung folgen und den kostbaren Braten mitsammt dem Salat im Stiche lasten, was er denn auch nach kurzem, doch gewiß schwerem Kampfe that. Er erhob sich, und die übrigen Herren auffordernd, sich in ihrem Mittagessen nicht stören zu lassen, hoffend, bald wieder bei ihnen zu sein und den Kaffee in ihrer Gesellschaft genießen zu können, empfahl er sich und schritt hinter Andres drein, der ihn auf ein Zimmer des ersten Stockwerks führte, allwo der Wirth den alten wohlbekannten und so angegriffen ausschauenden Herrn von Freikamst einlogirt. Die Zurückgebliebenen hätten gerne Welsch und Salat, Dessert und Kaffee im Stiche gelassen, um die gewiß höchst interessanten Mittheilungen des Herrn Barons mitanzu- hören, doch mußten sie sich gedulden, und das Beste wäre gewesen, nach Wunsch des Herrn Untersuchungs-Richters der Vsbls ci'IMes des grünen Baumes die ihr gebührende Ehre anzuthun. Doch sonderbar! Der Welsch schien keine Anziehungskraft mehr für sie zu haben. Einer nach dem Andern erhob sich; irgend ein Geschäft, einen nothwendigen Gang vorschützend, verließen sie den Gasthof — natürlich nur aus Mitgefühl für die Schwiegersohn. Seine Eltern waren schon todt, und mit seiner Frau zog er anfänglich in das elterliche Haus nach F. Das that mir in der Seele weh, denn Dore — die arme Dore! — war mein herzliebes Kind, mein Alles auf dieser Erde! Ich vermißte sie sehr und schwer in meinem Hause, in meiner Nähe. Der Zufall kam mir zu Hilfe. „Mein Schwiegersohn hatte durch seinen leichtsinnigen Schwager manche Unannehmlichkeiten in F., wodurch ihm der Aufenthalt daselbst recht verbittert wurde. Er hatte ferner sein Geld in Papieren angelegt, ohne dabei an Geschäfte und Speculationen zu denken, wie solche sein seliger Vater, der Banquier, betrieben und gewagt. Er brauchte es nicht, sein Vermögen war bedeutend genug, um von den Zinsen desselben recht anständig leben zu können. Da traf ihn ein schwerer Verlust. Eine unheilvolle Handelskrisis drückte den Cours der Papiere, die er besaß, in schrcckcnerregendcr Weise, und in wenigen Stunden hatte Wallborn mehr denn sein halbes Vermögen verloren. „Das war ein harter Schlag für meinen Schwiegersohn. Von Natur aus mißtrauisch, ängstlich und zu stillem Brüten geneigt, fühlte er sich unglücklich und sah die Zukunft in schwärzesten Farben, fürchtete für sich und seine Familie, die damals nur aus seinem Weibe und einem Knaben bestand. Doch was für ihn ein Unglück war, wurde mir ein Glück. Wallborn verkaufte sein elterliches Haus, raffte alles zusammen, was er hatte, und kam zu mir. Nun lebten wir wieder froh und zufrieden beieinander; ich hatte mein liebes Kiud wieder um mich, und dazu einen prächtigen Enkel. — Oft und lange überlegten wir, wo und wie wir das baare Geld meines Schwiegersohnes anlegen sollten. In meiner Gegend fing man damals an, den Bergbau stärker zu betreiben. Ein solches Unternehmen schien gewinnbringend zu werden, und ich beredete meinen Schwiegersohn, einen großen Theil seines Vermögens dabei anzulegen. Ich dachte alsa den Wallborn und die Seinen für immer an mein Haus zu fesseln. Ich selbst bethei- ligte mich an dem Geschäft mit einer nicht unbedeutenden Summe. Doch das Unglück verfolgte uns. Das Unternehmen gerieth in's Stocken; die Actionäre wurden ängstlich, wollten keine weitern Zuschüsse mehr machen, und in kurzer Zeit war Alles verloren. „Nun ging mein Leid an. Die bittersten Vorwürfe mußte ich vsn meinem Schwiegersöhne hören und das so oft und in einer Weise, daß ich endlich auch die Geduld verlor. Mit harten Worten verlangte er Ersatz von mir für den gehabten Verlust, den ich verschuldet, wie er mir vorwarf. Ich weigerte mich; hatte ich doch noch ein Kind, meinen Sohn Karl, der noch nicht sclbstständig war, und dem ich ein hinlängliches Vermögen, um leben zu können, hinterlassen mußte. Die Stimmung meines Schwiegersohnes wurde immer gereizter, unerträglicher, und so wurde denn endlich der Bruch vollständig. Er verließ mich, finster, trotzig, ohne Abschied, ohne mir zu sagen, wohin er mit den Seinen ging, wo er sich niederlassen wollte, und ich — ich ließ ihn in meinem Unmuth ziehen. Bald darauf aber hätte ich mit Freuden all' mein Hab und Gut hingegeben, wenn ich dadurch ihn und mein Kind wieder hätte zurückrufen können. Es war aber nicht mehr möglich! Ich wußte nicht, wohin er sich gewandt, nicht, was aus ihm geworden und alle Mühe, die ich mir gab es zu erfahren, war vergebens. Sie waren «ben verschollen und blieben es auch für mich. „Ich fühlte mich tief unglücklich, und, was das Schlimmste war, mußte mir sagen, daß ich mein Unglück mit verschuldet. Da traf mich ein zweiter harter Schlag. Mein hochbegabter Sohn Karl starb fern von mir, und nun stand ich ganz allein in der Welt, gebeugt von Kummer und dem mit Macht herangenahten Alter — unglücklich, einsam und mit einer unendlichen, fast nicht mehr zu bezwingenden Sehnsucht nach meinem Kinde — meiner armen — armen Dore!" — Der alte Herr mußte abbrechen, denn seine Thränen erstickten schier seine Stimme, und auch seine Zuhörer waren tief ergriffen, besonders Meister Andres, der mit seinem Jugendfreunde gleichsam um die Wette weinte. Endlich, nachdem Herr von Freikamst sich in etwas gefaßt, fuhr er fort: 276 „So vergingen sechs lange Jahre, da erhielt ich vor ungefähr vierzehn Tagen einen Brief von meiner Schwester, die da unten auf dem Nußdorfcr Gute wohnt, nicht weit von V . . ., der mich fast überglücklich machte. Wallborn hatte den Bitten seiner Frau nachgegeben, und war wieder in meine Nähe gezogen, doch hatte er seit der Zeit, da er von mir gegangen, seinen Namen abgelegt und einen andern, bürgerlichen angenommen. Wie er nun heiße, wo er eigentlich sich aufhalte, sagte mir die Schwester nicht, wohl aber, daß ich in wenigen Tagen nicht allein Alles erfahren, sondern auch mein Kind, meine Lieben wiedersehen sollte. Das war Balsam für mein altes, krankes Herz, und neu lebte ich wieder auf, wurde wieder der frühere lebensfrohe, zufriedene Mensch. Mit Schmerzen sah ich weiteren Nachrichten entgegen, die denn auch am vergangenen Freitag, just heute vor acht Tagen, eintrafen. „Nun schrieb mir meine Schwester ausführlicher: Wallborn hatte seit Jahren den Namen Laibel angenommen und wohnte in meiner Nähe, in T. . ., und das schon seit mehreren Monaten. — Und ich hatte nichts davon gewußt, es nicht einmal geahnt! — Er lebe still für sich, und mit wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt, wodurch er sein Vermögen, das gerade noch hinreiche zu einem bescheidenen Unterhalt seiner Familie, zu vergrößern trachte. Den Bitten seiner Frau hatte er endlich, doch nach langem Widerstreben, nachgegeben und war wiederum in unser Land gezogen, doch hatte das arme Weib ihm fest geloben müssen, weder mir — dem Vater! ihren jetzigen Aufenthalt mitzutheilen, noch etwa Schritte zu thun, mich wiederzusehen, widrigenfalls er für nichts stehe. Eine solche Drohung habe er mehr denn einmal ausgestoßen, so theilte mir meine Schwester mit. Doch schrieb sie mir auch, daß sie mit Dore correspondire und diese, sowie auch Wallborn zu sehen, und in der ersten Unterredung Alles wieder in's rechte Geleise zu bringen hoffe. Das Nöthige dazu sei bereits zwischen ihr und meinem Kinde verabredet; ich solle mich nur noch kurze Zeit gedulden und in acht Tagen — also heute — nach L. . . fahren und direct zu Laibel in's Hans gehen. Ich würde sie — meine Schwester — dort finden und ganz gewiß mit offenen Armen empfangen werden. „Das schrieb mir die gute, treue Seele, und nun, da ich am bestimmten Tage komme — um mein Kind — mein einziges, armes Kind — an's Herz zu drücken — empfängt mich eine solche entsetzliche Nachricht — die ich kaum fasten — kaum glauben kann — die, wenn wahr — mich alten Mann auch tödten — unter die Erde bringen wird! —" Auf's Neue brach Herr von Freikamp in Thränen aus, und der alte treue Andres eilte auf ihn zu, ergriff seine Hände, wollte versuchen ihn zu trösten, obgleich er selbst des Trostes zu bedürfen schien und in seiner furchtbaren Aufregung kein Wörtchen hervorzubringen vermochte. Stille und in sich gekehrt, saß der Richter da. Was er vernommen, konnte nur den Verdacht, daß ein furchtbares Verbrechen begangen worden war, bestätigen. Der Mann, von Hause aus ein Hypochonder, war durch die vielen Verluste nur finsterer, menschenscheuer geworden. Die hinter seinem Rücken und gegen seinen bestimmten Willen angezettelten Intriguen zwischen seiner Frau und der Schwester des Herrn von Freikamp, um den Vater zu sehen, eine Versöhnung, die der menschenfeindliche, verbissene Mann nicht wollte, herbeizuführen, mußte er entdeckt und, so unschuldig und verzeihlich sie auch waren, als verbrecherisch betrachtet haben. Diese, wie vielleicht auch Nahrungssorgcn, die sich wohl immer stärker fühlbar machten, hatten den Mann in eine Stimmung versetzt, die den Gedanken an ein Verbrechen, um sich aus all' diesen vermeintlichen Sorgen, Lasten und Aergernissen zn befreien, wohl aufkommen lasten konnte. Die That war dann, etwa in einem Augenblicke, wo solches Denken die Aufregung bis zum Wahnsinn gesteigert oder wohl auch im Jähzorn, durch Widerspruch der Frau hervorgerufen und genährt, vollbracht worden, worauf dann die hastige Flucht erfolgt war. So weit war der Herr Untersuchungs-Richter mit seinen Gedanken gekommen, als die Schloßuhr laut und vernehmlich die dritte Stunde des Nachmittags verkündete. „Nach seinem Hause!" rief der Beamte sich erhebend. „Dort allein haben wir die Beweise dcS Verbrechens zu suchen und werden sie finden — woran ich leider nicht mehr zweifle!" Und er verließ das Zimmer. Wankenden Schrittes folgte ihm der arme Herr von Freikamp, von seinem treuen Andres mitleidig gestützt und geführt. (Fortsetzung folgt.) Lagerlied der päpstlichen Zuaven ^) Wem Christenblut durch die Adern sprüht, Von fremder Mackel rein Und wem ein Herz für PiuS glüht, Der stimme mit uns ein: Aus freier Brust mit vollem Klang, Uns gleichen Sinns gesellt. Erheb' er frommen Ehrensang Dem Fricdens-Herrn der Welt! O Gott, der Du vom Himmelsthrou Stark waltest und gerecht. Wir bitten Dich durch Deinen Sohn, Schirm' Unschuld, Treu' und Recht! Uns bangt nicht, wenn die Kngcl droht. Uns schreck: nicht blanker Stahl, Wir gehen freudig in den Tod; Für Pius gilt die Wahl! ES siege Wahrheit, Recht und Treu', Und fällt der letzte Mann; Herrscht Vater Pius wieder frei, Dieß Herz erst ruhen kann! Für ihn verließen wir dich, Strand, Entrungen Meer und Fluth, Für ihn, o süßes Hcimathland, Verspritzet unser Blut! Wir schwören Treu, auf Pctri Grab, Dem großen Pins Treu', Und Treu dem Fels, den Jesus gab Zum Grunde dem Gebäu; Um's Kreuzpanier kniet uns're Wehr, Gott schaut vom Himmel drein, Und Kraft strömt Pius' Segen hehr Den Friesenherzen ein. O Herr, Du Lenker aller Welt, Leih unö auch Deine Hand, Wenn's, guter Gott, Dir so gefällt, Für's liebe Vaterland! Den thcu'rstcn Eid uns wahre doch. Und müssen fallen wir. Laß, brich das Herz, uns rufen noch: Heil PiuS, Vater, Dir! Göthe als Föderalist. Da man sich in der letzten Zeit öfters auf Göthc's politische Meinungen berufen und dieselben besonders mit unseren gegenwärtigen Verhältnissen zusammengestellt hat, so wird es gewiß nicht ohne Interesse sein, auf eine Stelle hinzuweisen, wo man seine Ansichten über Fragen, die die Gegenwart lebhaft bewegen, im Zusammenhang ausgedrückt findet. Dieselbe steht in dem, im Jahre 1848 erschienen dritten Theil der Eckc» mann'schcn Gespräche mit Göthe, Seite 270 unter dem Datum: „Donnerstag, den 28. Oktober 1828." Eckcrmaun erzählt: Wir sprachen sodann über die Einheit Deutschlands, und in welchem Sinne sie möglich und wünschenswcrth. „Mir ist nicht bange," sagte Göthe, „daß Deutschland nicht Eins werde; unsere Chausseen und künftigen Eisenbahnen werden schon das Ihrige thun. Vor allem aber sei es Eins in Liebe unter einander! und immer sei es Eins gegen den auswärtige« *) Die Zuavenlieder sind aus dem Holländischen selbst uud nach den Nythmen der Originale übersetzt. Als Dichter derselben wird der kürzlich verstorbene Pater Koets genannt- 278 Feind. ES sei Eins, daß der deutsche Thaler und Groschen im ganzen Reiche gleichen e Werth habe; Eins, daß mein Reisekoffer durch alle sechsunddreißig Staaten ungeöffnet Jassiren könne. Es sei Eins. daß der städtische Reisepaß eines weimar'fchen Bürgers von dem Grenzbeamten eines großen Nachbarstaates nicht für unzulänglicher gehalten werde, als der Paß eines Ausländers. Es sei von Jnnland und Ausland unter deutschen Staaten überall keine Rede mehr. Deutschland sei ferner Eins in Maß und ^ Gewicht, in Handel und Wandel, und hundert ähnlichen Dingeu, die ich nicht alle nennen taun und mag. Wenn man aber denkt, die Einheit Deutschlands bestehe darin, daß das große Reich eine einzige große Residenz habe, und daß diese eine große Residenz, wie zum Wohl der Entwicklung einzelner großer Talente, so auch zum Wohl der großen Masse des Volks gereiche, so ist man im Irrthum. Man hat einen Staat wohl einem lebendigen Körper mit vielen Gliedern verglichen «nd so ließe sich wohl die Residenz eines Staates dem Herzen vergleichen, von welchem aus Leben und Wohlsein in die einzelnen nahen und fernen Glieder strömt. Sind aber die Glieder sehr ferne vom Herzen, so wird das zuströmende Leben schwach und immer schwächer empfunden werden. Ein geistreicher Franzose, ich glaube Dupin, hat eine Karte über den Culturzustand Frankreichs entworfen, und die größere oder geringere Aufklärung der verschiedenen Departements mit helleren oder dunkleren Farben zur Anschauung gebracht. Da finden sich nun, besonders im südlichen, einzelne Departements die in ganz schwarzen Farben daliegen, als Zeichen einer dort herrschenden großen Finsterniß. Würde das aber wohl sein, wenn das schöne Frankreich statt des einen großen Mittelpunktes, zehn Mittelpunkte hätte, von denen Licht und Leben ausginge? Wodurch anders ist Deutschland groß als durch eine bewundernswürdige Volks-Cultur, die alle Theile des Reiches gleichmäßig durchdrungen hat? Sind es aber nicht die einzelnen Fürstensitze, von denen sie ausgeht, und welche ihre Träger und Pfleger sind? » Gesetzt, wir hätten in Deutschland seit Jahrhunderten nur die beiden Residenzstädte Wien und Berlin, oder gar nur eine, da möchte ich doch sehen, wie es um die deutsche Gultur stünde! ja auch um einen überall verbreiteten Wohlstand, der mit der Cultur Hand in Hand geht! Deutschland hat über zwanzig im ganzen Reiche vertheilte Universitäten, und über hundert ebenso verbreitete öffentliche Bibliotheken, an Kunstsammlungen und Sammlungen von Gegenständen aller Naturreiche gleichfalls eine große Zahl; denn jeder Fürst hat dafür gesorgt, dergleichen Schönes und Gutes in seine Nähe heranzuziehen. Gymnasien und Schulen für Technik und Industrie sind im Uebcrfluß da. Ja, eS ist kaum ein deutsches Dorf, das nicht seine Schule hätte. Wie steht es aber um diesen letzten Punkt in Frankreich! Und wiederum die Menge deutscher Theater, deren Zahl über siebenzig hinausgeht und die doch als Träger und Beförderer höherer Volksbildung keineswegs zu verachten. Der Sinn für Musik und Gesang und ihre Ausübung ist in keinem Lande so verbreitet, wie in Deutschland, und das ist auch Etwas. Nun denken Sie aber an Städte wie Dresden, München, Stuttgart, Kassel, Braunschweig, Hannover und ähnliche; denken Sie an die großen LebmS-Elemcnte, die diese Städte in sich selber trugen; denken Sie an die Wirkungen, die von ihnen auf die benachbarten Provinzen ausgehen, und fragen Sie sich, ob das Alles sein würde, wenn * sie nicht seit langen Zeiten die Sitze von Fürsten gewesen? Frankfurt, Bremen, Hamburg Lübeck sind groß und glänzend, ihre Wirkungen auf den Wohlstand von Deutschland gar nicht zu berechnen. Würden sie aber wohl bleiben, rvaS sie sind, wenn sie ihre eigene Souveränetät verlieren und irgend einem großen -rutschen Reiche als Provinzialstädte einverleibt werden sollten? Ich habe Ursache, dara« zu zweifeln." Vergangen. Versunken in Erinnerung Saß ich im Buchen-Walde; Der lenzesduftig, frisch und jung. Von Liedern rings erschallte. Ich dachte meiner Jugendzeit Mit leicht erglüh'nden Wangen, Da tönt's durch all' die Herrlichkeit: Vergangen! Ein Vöglein-Paar im grünen Raum, Neckt' sich mit süßem Triebe, Und weckte mir den schönen Traum Von längst entschlaf'ner Liebe; Mit neuer Sehnsucht dacht' ich Ihr, Mit innigem Verlangen, Und welche Antwort wurde mir? „Vergangen!" Es schmiegt', der sanften Treue Bild, Sich Buch' an Buche, theilend Die Freude, die dein Lenz entquillt, So rasch vorübereilend. Und einsl'ger Freunde kleiner Kreis Nahm mir den Sinn gefangen. Da wieder tönt' die Stimme leis: Vergangen! Dem Lichte halb erschlossen nickt' Im Wind die Waldesrose, Sie träumt von künft'gcr Pracht entzückt Und neidenswerthem Loosc; Indeß die Schwestern welk, verdorrt, Am Strauche nicderhangen; Gleich mir still lauschend auf das Wort „Vergangen." So, was mein sinnend Aug' erschaut' Inmitten Lcnzesrauschen, Mußt' meine Seele an den Laut „Dahin, dahin," vertauschen. Wonach trotz feindlichem Geschick All' meine Kräfte rangen. Bis auf der Hoffnung letzten Blick — Vergangen! Da überkam mein thöricht Herz Ein tief wehmüthig Sehnen, Dann leise, leise himmelwärts Hob sich mein Blick durch Thräneu; Und schnell war Hoffnung, Trost erwacht, Die himmlisch mich umklangcn: „Geduld, bald ist der Täuschung Nacht Vergangen!" Al. Appel. oo»Der Sultan und die barmherzigen Schwestern. Die Schwestern der Caritas zu Konstantinopcl hatten in Bebeck (Konstantinopcl) den Bau eines Waisenhauses unternommen, allein längst vor der Vollendung desselben, fehlte es schon am hiezu noch nöthigen Gelde. Nach langer Dclibcration unternahmen es zwei Schwestern sich dem Sultane, als er eben zur Moschee ging, vorzustellen, und ihm eine Bittschrift zu überreichen, welche äußerst freundliche Aufnahme fand; es vergingen aber ziemlich viele Tage, ohne daß eine Antwort erfolgte. Die muthigste der Schwestern unternahm es hierauf, sich dem Sultane, als er eben auf seinem Kaik aus dem Bosporus fuhr, in einem Kaik zu nähern, und ihm eine zweite Bittschrift zu überreichen. Dieser zeigte sich verwundert und unzufrieden, indem er, wie er sagte, bereits seine Befehle in diesen Sache gegeben habe, und versprach, sich dieses zweiten Gesuches gewiß bald zu erinnern. In der That kamen auch den folgenden Tag schon den barmherzigen Schwestern 80,000 Piaster (10,000 fl.) zur Vollendung ihres Waisenhauses zugeschickt. So in der Türkei, und im fortschrittlichen Augsburg?! (Zur deutschen Aussprache.) In einem Kränzchen war von Löwen^ Tiger» rc. die Rede. — „Warum nennt man diese nur reißende Thiere?" fragte eine junge Dame. — Schnell antwortete eine andere, die sehr gelehrt sein wollte: „Ei nun^ weil sie in Menagerien ihr ganzes Leben auf Reisen zubringen." 280 (Die Sonne als Feindin.) Ein französischer Militär, der sich in einer Colonie am Senegal in Afrika befindet, schreibt von dort: In diesen heißen Ländern gibt es etwas, das man im Norden zu lieben und zu verehren gelernt hat, gegen das man hier aber bald eine unüberwindliche Abneigung fühlt, — die Sonne. Ach, ihr Dichter, die ihr in Eueren Versen allen Preis über die Sonne der Tropen ausschüttet, während ihr die heimathliche ein bleiches Gestirn nennt, wenn Euch das Schicksal doch vcrurtheilte, nur eine Mittagsstunde unter den Strahlen der Sonne des Senegal zu verbringen! Die Begeisterung würde in Strömen von Schweiß von Euch weichen; Ihr würdet einsehen, welche wahre Poesie in einem wolkengrauen Himmel und in einer Sonne liegt, in deren Strahlen Salat und Blondinen gedeihen. Am Senegal ist die Sonne der allgemeine Feind und die Aerzte erklären sie außerhalb des Gesetzes als den Ursprung und die Quelle aller Krankheiten. Sobald sie erscheint, schließt sich der Weiße in seiner dicht verschlossenen Wohnung ein, um dieselbe erst gegen Abend zu verlassen, und wenn ihn eine dringende Nothwendigkeit zwingt, auszugehen, so entzieht er seine Augen der Helle der Sonnenstrahlen durch dunkle grüne Brillengläser und seinen Rücken ihrer Glut unter dem Schatten eines großen Schirmes. Man muß den Glutofcn des Senegal aus eigener Erfahrung kennen gelernt haben, um die Bedeutung der Worte würdigen zu können, die auf den meisten Thermometern stehen: Wärme am Senegal. Wenn man durch diese „Wärme" erschöpft auf seinem Lager liegt, jeder Bewegung unfähig, selbst unfähig zu schlafen, dann erscheint Einem das ferne Vaterland wie ein glänzender Traum und man denkt an eine andere Welt, wo man Freunde hat, die so glücklich sind, Schnee- stocken vor ihren Fenstern tanzen zu sehen; wo es Leute gibt, die, um sich nicht zu erkälten, Nenn Ausgehen wattirtc Ucberröckr anziehen müssen. Ach, wie oft habe ich geseufzt, wenn ich doch nur einmal frieren könnte, ich wollte dann gern sterben. (Hartes Obst zu beliebiger Zeit reifen zu lassen.) Es gibt nicht selten kleine Handgriffe, die, obwohl anscheinend unbedeutend oder alltäglich, doch thatsächlich so nützlich und wichtig sind, daß sie eine größere, ja möglichst allgemeine Verbreitung verdienen. Zu diesen darf jedenfalls das Nachstehende gezählt werden. Zu der Monatsschrift für Pomologie theilt Jemand die zufällige Beobachtung mit, daß sehr harte Kolmarbirnen, welche für gewöhnlich „erst nach Neujahr bis Ostern genießbar sind," durch Einwickeln in Papier und Verpacken in Papierschnizel bereits nach 14 Tagen völlig ausgereift, mürbe und wohlschmeckend geworden. Er knüpft hieran den durch fernere Versuche bestätigten Hinweis, daß man durch dies Verfahren jederlei Obst in beliebiger Frist zur wohlschmeckenden Reife bringen könne. Es wurden Pfirsiche und St. Germain- Birnen, die vollkommen ausgewachsen, aber noch sehr hart waren, von je 14 zu 14 Tagen abgenommen, jede einzelne in weiches Papier gewickelt und in eine Commodc gepackt, und in der Frist von 10 —14 Tagen waren sie stets reif, weich und wohlschmeckender, als die später vom Baum genommenen. Durch dies Verfahren kann man vom Beginn der ersten Obstrcife bis zu Ostern hin stets frisches reifes Obst essen und der Vortheil ist um so größer, da das Dauerobst hier nach Belieben allmählig zum Genuß gebracht werden kann, während es sonst doch gewöhnlich im Zeitraum von kaum drei Wochen alles auf einmal reif wird und meistens sehr schnell verzehrt werden muß, vorher aber gewiß gar nicht zugänglich ist. Praktische Hausfrauen werden den Vortheil bald zu schätzen wissen. Ein Schuljunge mußte seinem Vater aus der Zeitung vorlesen. Da kam er an die Worte: Frankfurt a. M. Das letztere Anhängsel machte ihn stutzig; er wußte nicht, was das heiße. Er besann sich aber nicht lange und las: „Frankfurt aus Mitleid." Druck, verlas und Redaktion deS literarijcheu Institut- von Dr. M. Huttler. Nr. 3G 6. Septbr. 1868. Das niedrigste vom Glück zertretne Wesen Stützt sich auf Hoffnung doch, lebt nicht in Furcht. Beweinenswerther Wechsel trifft nur Bestes, Das Schlimmste kehrt zum Lachen. Shakespeare, Lear A. I. 1. König Ludwig. ke^al pruck6N2g 6 liusl Vkcker impsri. Hunts, ?ars— den Umständen Rechnung tragend — gethan. Herr von Wallborn schaute finster, fast ergrimmt darein. Doch dauerte dies glücklicher Weise nur wenige Augenblicke, dann hellten seine Züge sich wieder auf, und sogar ein Lächeln war auf seinem ausdrucksvollen Gesichte zu schauen. Er hörte gelassen die ganze Schauergeschichte mit an, dann sprach er unerwartet ruhig: „Es sind da allerdings manche Umstände zusammengetroffen, welche die Leute zu entschuldigen vermögen, ihnen auch wohl ein Recht gaben — besonders da sie mich nicht im Mindesten kannten — auf ähnliche Vermuthungen zu verfallen. Ich halte es daher für Pflicht, Ihnen die betreffenden Punkte, welche Sie als Vcrdachtsgründe betrachteten, aufzuklären." „Ich bitte darum — in Ihrem eigenen Interesse — Herr von Wallborn," sagte äußerst höflich der Herr Untersuchungs-Richter. „So zieht mich doch hinauf!" jammerte abermals der im Brunnen Gefangene. „Ich muß doch auch sehen und hören, was geschehen und wie das Alles zusammenhängt." Und sie zogen den armen, kühnen Gevatter und Schlosscrmcister Hcubach endlich herauf — und noch dazu mit seinem Funde, der in nichts Wenigerem bestand, als in dem großen Schöpfeimer des Brunnens, den er aus dem Wasser gefischt und nun neben sich auf den Rand des Brunnens stellte. „Sie kennen bereits meinen rechten Namen, wie ich höre, und so werden Sie wohl auch durch meinen Schwiegervater Näheres über meine Verhältnisse erfahren haben," sprach Herr von Wallborn ruhig. '„Ich kann mich daher kurz fassen." „Ein Verwandter von mir, ein Schwager, befand sich in mißlichen Verhältnissen, die er indessen — ich darf dies wähl sagen — selbst verschuldet. Oftmals habe ich ihm, auf Kosten meiner eigenen Existenz und durch meine gute Frau dazu angehalten, geholfen, doch immer von Neuem belästigte er mich. In vergangener Woche traf er hier in der Nähe meines Wohnorts ein, auf dem Gute der Tante meiner Frau. Ich beschloß, seinem Drängen ein für allemal ein Ende zu machen — er hätte mich und die Mcinigcn noch vollständig ruinirt. Nach Amerika wollte ich ihn schaffen. Dies mag Ihnen die von meiner mehr als plauderhaftcn Magd aufgefangenen Worte erklären. „Meine Tante wollte zu gleicher Zeit eine Versöhnung zwischen meinem Schwiegervater und mir bewerkstelligen, ein Augenblick, den ich wohl herbeigewünscht, doch aus mancherlei Ursachen nicht selbst herbeiführen konnte, noch wollte. Am vergangenen Samstag sandte sie ihr Gefährt hierher, um meine Frau und die Kinder abzuholen. Diese gingen dem Wägelchen eine Strecke entgegen. Ich hatte noch Geschäfte unk blieb daheim." „Deßhalb hat man die Frau und die Kinder zum letzten Mal auf der Landstraße gesehen!" rief der noch auf dem Brunnenrand sitzende und noch immer gleich eifrige Gevatter Heubach. „So ist es! — Als ich meine Arbeit beendet, wollte ich mit dem Nachtzuge nach V. Das Gefährt der Tante sollte mich in der Frühe an der dortigen Station abholen. Daselbst angekommen, fand ich den Wagen nicht und ging ihm entgegen. Daher meine scheinbare Flucht, mein Verschwinden." „Doch das wandelnde Licht —?" „Die herausgerissenen Comode-Schubladen — das hcrabgezcrrtc Tischtuch?" So riefen fast zu gleicher Zeit die bisherigen Zeugen. „Auch das sollen Sie erfahren, meine Herren," sagte von Wallborn lächelnd, „denn eS liegt mir daran, jeden aufgetauchten Verdacht so vollständig als möglich zu beseitigen. 29Z „Meine Frau hatte vergessen, mir meine Vatermörder herauszugeben. Ich suchte sie überall, und kurz angebunden, ging ich etwas unsanft mit dem Inhalt der Schubladen um, ließ dann Alles liegen und stehen bis zur Wiederkehr. Bei diesem Thun zerrte ich auch das Tuch vom Tische und zerbrach die Flasche." „Er suchte seine Vatermörder?! —" „Und wir hielten ihn für einen KindeSm — !! — O, wir waren doch rechte —" So sprachen Gepatter Heubach und Gerbermcistcr Fritze leise zu einander, wobei Letzterer jedoch zweimal vergaß, seine Reden zu vollenden. „Dieß zu thun, überlasse ich getrost dem Leser, es dürfte ihm nicht allzuschwer werden." „Doch die Gestalt, die ich hier am Brunnen gesehen — der Schrei — das Blut?" fuhr nun Meister Andres heraus. „Gegen cilf Uhr blickte ich durch das Fenster und sah, daß meine Frau noch Wäsche im Hofe hängen hatte. Ich eilte hinab, nahm die wenigen Stücke fort und löste die Leinen, die ich hier, vor dem Brunnen niederwarf. „Ah! — A —hü" — „Ungeschickt in solchen Dingen, ließ ich dabei den Eimer in den Brunnen fallen — an der Welle war eine der Waschleinen befestigt — und ritzte mir nicht unbedeutend die Hand. Daher der Schrei — das Blut auf dem Brunnenrande. — Das kleine Tüchclchen, welches ich in Ihren Händen sehe, wird wohl auch bei der Gelegenheit in's Wasser gefallen sein." „A —h!-A —- hü!" — „Doch die Eile, die Aufregung bei Ihrer Abfahrt?" konnte der UntersuchungS-- Richter sich nicht enthalten, noch zu fragen. „Ich schlief einige Augenblicke, und als ich erwachte, war es höchste Zeit, zur Eisenbahn zu eilen. — Sind Sie nun genugsam abgeklärt, meine Herren?" „Vollständig!" „So bitte ich — mich entfernen zu dürfen. Meine Frau und meine Kleinen, so wie mein guter Schwiegervater, den ich so lange nicht gesehen, verlangen nach mir, wie Sie sich wohl denken können. Ein andermal wird es mir sehr angenehm sein, Sie zu empfangen und Ihnen alle nur möglichen weiteren Aufschlüsse geben zu dürfen, — wenn Sie deren etwa noch verlangen sollten." Eine bezeichnende Geberde erfolgte, und sämmtliche Anwesenden verließen mit mehr oder minder verlegenen Verbeugungen den Hof und das Haus, dessen Eingangsthor Herr von Wallborn, ein Weniges fluchend, doch auch wieder unwillkührlich lächelnd, schloß. Dann eilte er in die Wohnstube, um die Versöhnung mit seinem alten Schwiegervater zu bewerkstelligen und zu feiern. Meister Andres kam in eigenthümlicher Stimmung daheim an. Es war sechs Uhr. Die Suppe stand noch immer unangerührt auf dem Tische, aber kalt war sie geworden — desto wärmer aber war seine Alte. Er erzählte, wie sich Alles so wunderbar und besonders glücklich für den guten /Herrn Baron gefügt, wie er sich umsonst geängstigt und wahrhaft froh sei, daß Alles überstanden. Die Alte war zwar recht enttäuscht, doch freute sie sich recht herzlich über das gute und glückliche Ende der sonst so überaus traurigen Geschichte. „— Solche Geschichten hab' ich gerne!" sprach sie mit einem Blick auf ihre geliebten Bücher. „Ich will sie auch lieber gedruckt lesen, als noch einmal erleben!" ergänzte Meister Andres. Dem Herrn Untersuchungs-Richter wurde auf der Station und durch den dortigen Herrn Bahuhof-Jnspector eine zweite Depesche überreicht, worinncn der Polizei-Dircctor der bewußten großen Seestadt meldete, daß das verhaftete Individuum nicht.Laibcl, 293 sondern Schrodtmann heiße, auch nicht in T..., sondern hundert Meilen davon, in Z. seßhaft gewesen, auch kein Verbrecher, sondern ein ehrsamer Bäckergeselle sei, wie solches durch die in schönster Ordnung sich befindenden Papiere und glaubwürdigste Zeugen unumstößlich festgestellt, wcßhalb besagter Schrodtmann denn auch augenblicklich auf freien Fuß gesetzt worden wäre, und besagter Laibel anderwärts zu suchen sein dürfte. Recht ärgerlich steckte der Beamte die Epistel in die Tasche zu den nunmehr un- nöthig gewordenen Protokollen und brummte im Abfahren: „Da habe ich mir einmal umsonst Mühe gegeben! Der Teufel soll die Narren von L. . . holen! — Aber es stimmte auch Alles so Prächtig zusammen, daß es eine wahre Lust gewesen wäre, weiter zu inquiriren!" Aehnlich drückten sich die Bewohner von T. . ., besonders die Gäste des Stammwirthshauses zur „ewigen Lampe" aus, und an ihrer Spitze Gevatter Heubach. „Da haben wir uns einmal umsonst aufgeregt und geängstigt!" sagten sie. Die Leser werden hoffentlich dasselbe sagen. — Weiter hatte meine Erzählung keinen Zweck, und somit — Gott befohlen allerseits! Die Wanderungen einer Raupe durch Asien und Europa. Seit Jahrtausenden der Obsorge der Frauen und Mädchen anvertraut, wandert eine zierliche Raupe, als Pionier der feinen Sitte, durch Asien und Europa über den Ocean nach Amerika. In den prunkvollen Gemächern einer chinesischen Kaiserin, 2600 Jahre vor Christi Geburt, finden wir zum erstenmale die Seidenraupe als zahmes Thier von kaiserlichen und adeligen feinen Händen gepflegt. Si-ling-ki hieß die hohe Dame, welche befahl, daß, nach ihrem Beispiele, alle Frauen in China, von ihrer Gescll- schaftsfrau bis zur letzten Magd im Reiche, die Seidenzucht treiben sollen; ihr Name wird als Schutz-Patronin jährlich am Tage des Beginnens der Seidencampagne von Millionen fleißiger Arbeiterinnen angerufen. Kaiserliche zarte Finger waren es, die 255 Jahre später aus dem goldenen Netze der zierlichen Nanpe den ersten goldene» Faden abhaspelten, kaiserliche zarte Finger waren es, die daraus den ersten goldenen Schleier webten. Von China wanderte die Raupe nach Japan uiH Kolchis, ihren Faden und ihren Schleier nachziehend, der nach andern 83 Jahren als ersehnte Beute der Expedition der Argonauten dienen sollte. Diese eroberten, der Sage nach von listiger Wciberliebc unterstützt, den Schleier, hißten ihn auch bei ihrer Rückkehr in's Vaterland auf die Spitze des MastbaumeS ihres Schiffes als erobertes Panier, aber seinen Ursprung kannten sie nicht, denn die Raupe hielt durch lange Zeit Stillstand in ihrer Wanderung, und ihre in Strähnen geflochtenen Fäden, die in Babylon mit so viel Gold, als sie schwer waren, ausgewogen wurden, hielt man für das Produkt einer rätselhaften Pflanze. Erst nachdem der Bcsieger Asiens, der große Alexander, seinem Lehrer Aristoteles zum Studium der Natur die Produkte der eroberten Länder zur Verfügung stellte, ahnte man in Europa, daß die Seide von keiner Pflanze, sondern von einem Insekt erzeugt werde. Dieses Erzeugniß wurde aber bald das Zeichen der höchsten Vervollkommnung des Luxus der Männer, die eleganteste Zierde der Frauen, und zwar so sehr, daß 16 Jahre nach Christi Geburt den Männern in Rom das Tragen seidener Kleider verboten wurde; daß Kaiser Aurelian seiner eigenen Frau ein Seidenkleid verweigerte, weil er es zu theuer zahlen sollte, und Kaiser Markus Aurellus im Jahre 160 eine eigene Commission nach China schickte, um in direkten Verkehr mit diesem Lande zum Behufe des Seidenhandels zu treten. Diese Abgesandten fanden aber, daß die chinesischen Seidenhändlcr stumm und blos durch Zeichen ihre Kontrakte schloffen, daß derjenige mit Todesstrafe bedroht war, der die Seidenraupe oder deren Eier aus dem Lande tragen würde, und daß selbst die Seide nur den nachbarfreundlicheu Völkern zu verkaufen er» laubt war. Diese strengen Gesetze verhinderten bis zmn Jahre 552 die weiteren Wanderungen der Seidenraupe. Im Jahre 533 kehrten aus einer Mission in China zwei Mönche vom Orden des heiligen Basilius nach Konstantinopel zurück, welche dem Kaiser Justinian erzählten, daß sie das scidcspinnende Insekt und die Kunst kennten, aus demselben die Seide zu gewinnen. Nach vielen Jahren erst gelang es dem Kaiser, diese Mönche zu bestimmen, abermals eine Reise nach China zu unternehmen und sowohl die Seidenraupe, als die dieselbe ernährende Pflanze nach Konstantinopcl zu übertragen. Erst im Jahre 552 wanderten sowohl die Seidenraupe als der Maulbeerbaum, in embryonaler Gestalt in den Knöpfen der Wanderstöcke der zwei Mönche eingeschlossen, aus China über Tibet, Persien und Kleinasien über den Bosporus nach Konstantinopel, wo der Saame des Baumes, der Erde anvertraut, Laub erzeugte und die Eier des Seidenspinners, durch die Wärme eines Misthaufens bebrütet, Raupen entwickelten, die nach vier Wochen zum erstenmale auf europäischem Boden zwischen den Besten der wilden Maulbeersträuche ihre goldenen Cocons einspannen. Konstantinopel war also die erste Etappe in der Wanderung unserer Raupe aus Asien nach Europa. In der Burg des byzantinischen Kaisers unter der Leitung der zwei Basiliancr-Mönche gezüchtet, gaben durch zahlreiche Jahre hindurch viele Millionen von Seidenraupen ihre seidenen Galetteu, die, in einer kaiserlichen Fabrik von aus Tyrus und Beirut besonders dazu berufenen Webern abgesponnen, in glänzende Seidenstoffe verwandelt, das Produkt einer Kunst bildeten, die auszuüben uur dem kaiserlichen Hofe erlaubt war. In Konstantinopel blieb die Seidenraupe abermals Jahrhunderte lang stationär, und nur nachdem ihr Borläufer, nämlich der Maulbeerbaum, ihr den Weg gebahnt hatte, konnte sie ihre Wanderung auf dem europäischen Continent fortsetzen. Denn obwohl im Verlaufe der sechs darauffolgenden Jahrhunderte die Scidenzucht in Griechenland derart gang und gäbe wurde, daß dieses Länd von dem Maulbeerbaum (llorus albs) den Namen Morea erhielt, so lehrt uns doch die Geschichte, daß Kaiser Karl der Große bei feierlichen Gelegenheiten höchstens eine Schärpe von Seide um die Hüften trug. In der ersten Hälfte dcS zwölften Jahrhunderts, als Ruggcro II., König von Sizilien, nach Bcsicgung Griechenlands griechische Gefangene in sein Vaterland schleppte, wanderte mit diesen die Seidenraupe nach Sizilikn, um sich daselbst einzubürgern und neue Kolonien in Kalabricn zu gründen. Im übrigen Europa vermochten selbst die großen Privilegien, die Herzog Leopold von Oesterreich im Jahre 1200 der Stadt Wien, als dem Mittelpunkte des europäischen SeidenhandelS, verlieh, die Seidcnzucht nicht zu verbreiten. Denn erst unter dem alten Dandolo (120t) wanderte die Seidenraupe aus Konstantinopel in das Vcnetianische und auf genuesischen Kriegsschiffen (1306) über das tyrrhenische Meer, um sich in Mo- dcna anzusiedeln und von da über den Apennin nach Florenz zu pilgern, wo sie in wenigen Jahren Tausenden von Arbeitern Lebensunterhalt verschaffte. Dennoch blieb die Seide in Europa noch lange eine seltene Waare. Karl VI. von Frankreich trug, um seine königliche Pracht zu entfalten, selbst im Sommer einen Schnür- leib von Seidensammt und Karl VII. bei seinem Einzug in Roucn (1449) einen mit Sammt aufgeputzten Filzhut als den kostbarsten Hut seiner königlichen Garderobe. Die Seidenraupe hielt indessen in ihren Wanderungen durch Europa zum fünften Male Stillstand, während der Scidenbaum ihr die Bahn fortcbuen sollte. Unter Karl XI. pflanzte Tronchet im Jahre 1564 die ersten Maulbeerbäume bei Nimes, und Heinrich IV. ließ durch Olivicr de Serres im Jahre 1600 die Maulbeerbäume von Fontaincblcau pflanzen und aus Italien 14,000 Maulbeerbäume und große Quantitäten von Maulbcersamen kommen, die er unter seine Unterthanen vertheilte. Nun wanderte, trotz der Opposition des allmächtigen Sully, die Seidenraupe über die Alpen nach Frankreich, und dieses 295 Frankreich, das früher um 4,000,000 Franks Seide einführte, führte in wenigen Jahre« eben so viel aus, und besaß schon im Jahre 1806 über 400,000 Maulbecrbäume. Während in Frankreich die Seidenraupe unter dem mächtigen Schutze des Regenten ihren Einzug hielt, sollte sie an der Hand einer edlen Prinzessin nach Deutschland wandern. Magdalena Elisabeth, Tochter Joachiin's II., Kurfürsten von Brandenburg, züchtete im Jahre 1595 die ersten Seidenraupen in Deutschland, und Friedrich Wilhelm I. von Preußen befahl, viele Maulbecrbäume in seinem Staate zu pflanzen; zwei Gesellschaften aber, die in Württemberg die Seidenzucht treiben wollten, gingen in kurzer Zeit zu Grunde. Gleiches Unglück verfolgte die Seidenraupe auf ihrer Wanderung nach England unter Jakob I. (1608—1610), während dagegen ihr Vorläufer, der Maulbcer- Baum, unter Peter dem Großen vom Jahre 1682— 1725 bis zum 54sten, und im Jahre 1739 bis Stockholm, d. h. bis zum 59stcn Grade nördlicher Breite vorgedrungen war, wo er in diesem Jahre der strengsten Kälte des Jahrhunderts widerstand. Jene kleinen ungünstigen Erfolge waren aber nicht im Stande, unsere Raupe auf ihrer Pilgerschaft als Vorbote der feinen Sitte aufzuhalten. Sie wanderte unter Ludwig XV. selbst nach dem Norden Frankreichs; im Jahre 1749 pflanzten zwei Italiener, Cremcri und Locatelli, die ersten Maulbcerbüume zu Prag und führten die Seidenzucht daselbst ein, wo diese über ein Jahrhundert kümmerlich ihr Dasein fristen sollte, um in unserer Zeit sich zu einem lebensfähigen Kulturzwcig in Böhmen emporzuschwingen. Der Maul- becrbaum gedieh unter Alexander I. und Paul I. an den Ufern des Terck und an den Mündungen der Wolga und des Don, und entwickelte sich zu Wäldern in Kankasien; im Jahre 1770 wanderte die Seidenraupe, in der Reisetasche Benjamin Franklin's verwahrt, über den Atlantischen Ocean nach Nordamerika. In Frankreich und Italien aber wurde die Seidenraupe der Liebling des schöneren Geschlechts, dessen zarte Hände so viele Milliarden von Seidenspinnern anferzogen, daß Frankreich im Jahre 1826 an reinem Gewinne von der Seidenzucht 23,560,000 Franks erzielte und Norditalicu im Jahre 1834 für 107,560,000 Franks Cocons erzeugte. Um das letztere Produkt zu erhalten, brauchte man 35,250,000 Kilogramme Cocons und auf jedes Kilogramm 400 Galcttcn im Durchschnitt gerechnet, 13,100,000,000 Raupen, die zum größten Theil von Frauenhäudcn gezüchtet wurden und einen Seidcnfadcn von der Länge von 6,550,000,000 geographischen Meilen herstellen. Wie aber entstand das Wunder? Einige zarte Maulbcerbüume, die kaum fedcrkicldick in der Umgebung von Mailand im Jahre 1761 mehr der Neugierde halber gepflanzt worden waren, gaben neun Jahre darauf 60 Kilogramm Laub, und nach anderen eils Jahren 525 Kilogramm per Baum. Liese Ueppigkeit der Betäubung erregte Erstaunen, die Liebe der Frauen zur netten Raupe steigerte ihre Aufopferungskraft, und die kleine Lombardei züchtete schon im Jahre 1803 Cocons für den Werth von 400,000 Franks. Graf Vinccnz Dandolo aus Varese, Statthalter des ersten Napoleon in Dalmatien, widmete, als er in Folge von politischen Umwälzungen in sein Vaterland sich zurückzog, fein thatenrciches Leben der Zucht der Seidenraupe. Von ihm stammen die ersten wissenschaftlich verfaßten statistischen Tabellen, über Auslagen und Erträgniß der Seidenzucht; er baute die erste kolossale Magnaneric, die als Modell für tausend und abermals tausend andere, welche als Monumente des Reichthums italienischer Großgrundbesitzer später entstanden, dienen sollte. Nie wirkten noch todte Ziffern so zündend auf die Gemüther, als die Zahlen-Kolonnen Dandolo's; nie war die Dankbarkeit eines Volkes so aufrichtig gcge» einen Wohlthäter als diesmal. Im Jahre 1803 erzeugten die Lombarden für vier Millionen Franks Cocons; vom Jahre 1807 bis 1810 producirte das kleine Gebiet des damaligen Königreiches Italien Galetten für den Werth von 327,631,241 Franks, und das Volk widmete dem Dandolo Tausende von Denkmälern, da es jedes zum Zwecke der Seidenzucht errichtete kolossale Gebäude Dandoliera benannte. Was konnte ferner die Wanderung unserer Raupe hindern? In den Fünfziger- L96 Jahren wanderte sie zum Zwcitcnmale über den atlantischen Ocean nach Chile und Quito, wo sie selbst ihre Natur modificiren sollte, indem ihre Eier daselbst anstatt Eines zwei Jahre zu ihrer Entwicklung brauchen. Hat nun die Seidenraupe das Ziel ihrer Wanderungen erreicht? Gott bewahre! In Steicrmark, Oesterreich, Mähren, Schlesien, in Böhmen und in der Bukowina bahnt ihr schon ihr Vorläufer, der Maulbcerbaum, den Weg, und sie wartet nur auf einen Dandolo, der sie in diese Länder einführe und sie der hohen Gunst edler Frauen daselbst anempfehle. _ Professor I)r. Molin. (Tabakspfeifen aus Eis.) Der durch seine Reisen in Asien bekannte Gelehrte Schlaginweit erzählt, daß die Karawanen-Reisenden in Turkhestan sich manchmal den eigenthümlichen Genuß verschaffen, ihren Tabak aus einer „Eispfeife" zu rauchen. Beim Uebcrschreitcn der turkestanischen Gebirge wird der Ruheplatz in der Nähe eines Gletschers gewählt; dorthin begeben sich die Muselmänner, wenn das Lager aufgeschlagen ist, und jeder bohrt sich ein Loch von der Größe eines Pfeifenkopfs in das Eis, qjwas entfernt davon ein kleineres als Mundstück, und beide werden durch einen Kanal verbunden. Jetzt ist die Pfeife fertig; der Türke stopft sie, legt sich auf den Bauch, zündet an und sangt an dem Mundstück, wobei er sich durch ein Tuch gegen unmittelbare Berührung des Eises mit den Lippen schützt. Die Hitze des brennenden Tabaks schmelzt allerdings ein wenig von dem Rande des Loches ab, aber da das Gletschereis außerordentlich hart und fest ist, geht das Schmelzen nur langsani vor sich; die wenigen Tropfen reichen gerade hin, um die dem echt türkischen Tabak nöthige Feuchtigkeit zu liefern. Das Rauchen selbst gewährt einen besondern Genuß, da der Rauch cisigkalt in den Mund gelangt, nachdem er den Kanal passirt hat. Die Asiaten lieben diese Kühlung des Rauches, wie sie dieselbe in schwächerem Maße auch durch die Narghiles (Wasserpfeifen) herstellen, und die Turkhcstanen versäumen es nie, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, eine Eispfeifc zu rauchen. Es gewährt, wie Schlagintweit versichert, einen seltsamen Anblick, ganze Reihen von schweigsamen Gläubigen auf dem Bauche liegen zu sehen, durch Decken und Pelze gegen die Kälte des Eisbodens geschützt, welchem sie mächtig qualmende Rauchwolken entziehen; besonders auf den ersten Blick staunt der europäische Reisende, der die Procedur noch nicht kennt und sich nicht entrüthseln kann, woher der Rauch kommt. _ (Fang- und Achselschnüre.) Unsere Damen lieben es, ihre Roben mit militärischen Achselschnürcn zu verzieren, wahrscheinlich ohne zu ahnen, welche eigenthümliche geschichtliche Bcwandtniß es mit denselben hat. — Der Ursprung der Achsclschnüre aber war folgender: Als im Jahre 1566 der blutdürstige Herzog Alba die Niederlande mit Feuer und Schwert verheerte, ward hierüber ein unter ihm stehendes Wallouen-Regiment so empört, daß es sammt und sonders bis auf den letzten Mann zum Feinde überging. Der Herzog erließ hierauf an den gleichfalls übergegangenen Commandeur dieses Regiments die Drohung, daß er jeden Mann, wenn er gefangen würde, aufhängen lassen werde. Der Commandeur erwiderte hierauf, daß jeder seiner Soldaten, damit das Aufhängen nicht große Umstände mache, von Stund an einen Strick und einen Nagel an der Schulter tragen werde. Die tapferen Wallonen jubelten über diese Antwort und hefteten begeistert Strick und Nagel an die Schulter. So den Henkertod vor Augen verrichteten sie Wunder der Tapferkeit, und nach Beendigung des Krieges war das' Regiment so stolz auf den Strick geworden, daß eS denselben als ehrende Auszeichnung auf der Achsel beibehielt. Frage: WaS für Ähnlichkeit hat London mit Paffa«? Antwort: -uotzss opiq rhrj oai '-nvhazgo m, uogvh Rttl«» »LH »,« Jiftitüt« »»» W. H»UUr> Nr. S8. 20. Septbr. 1868, Augsburger Wer will denn Alles gleich ergründen! Sobald der Schnee schmilzt, wird sich's finden! >ier hilft nun weiter kein Bemühn! -iuds Rosen, nun sie werden blühn. Göthe. Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie. Eine Erzählung in zwei Abtheilungen und neun Capiteln von Herübert Malten. (Wiederabdruck ist ohne Erlaubniß des Verfassers nicht gestattet.) Erste Abtheilung. I. Der Neujahrswunsch. Ob Noth, ob Kummer, ich ertrag' es gern, Leucht mir durch's Dunkel nur der Liebe treuer Stern. „Wenn Sie erlauben," sagte der Candidat Olearius höflich und zündete seinen Wachsstock an dem Flämmchen der zinnernen Oellampe an, welche mit ihrem spärlichen Lichte die Wohnstube der Victualienhändlerin Harnapp in Langensalza in Thüringen erhellte. Frau Harnapp im Lehnstuhl neben dem warmen Ofen sitzend und der Nutze pflegend, nickte bejahend mit dem Haupte und der Candidat seinen Wachsstock langsam zurückziehend, wandte sich an zwei junge Mädchen von ungefähr 19 und 14 Jahren, die beflissen waren, einen wahren Berg von Linsen, der vor ihnen auf dem Tische aufgehäuft war, rein zu lesen, mit der Frage: „Noch, immer so fleißig?" Es erfolgte jedoch keine Antwort; ja die fleißigen Leserinnen erhoben nicht einmal das Haupt von ihrer langweiligen Arbeit. Dessen ungeachtet hob Olearius wieder an: „Frau Nachbarin, Sie sollten sich solche Tauben anschaffen, wie die allbekannte Aschenbrödel zu Gehilfinnen hatte. Diese pickten in gar kurzer Zeit die schwarzen und angefressenen Linsen oder Erbsen aus einem großen Haufen heraus und ersparten so ihrer Herrin die Mühe." „Tauben?" versetzte die Alte mürrisch. „Ein Paar Gänse habe ich, die mir aber nicht die bösen, sondern die guten Erbsen und noch viele andere Dinge obendrein aufessen." Der betroffene Candidat sah, wie der schonungslose Vergleich der alten Base eine hohe Nöthe bis in den gebeugten Nacken der älteren Linsenlcscrin gleiten machte. Zugleich wischte diese mit einer Hand voll Linsen einen hellen Wassertropfen vom weiß gescheuerten Tische hinweg, welcher ihrem schönen Auge entfallen war. Olearius, dem es unendlich leid that, daß er durch seine gutgemeinten Worte die arge Kränkung verschuldet hatte, sagte begütigend: „Ei, ei, Frau Nachbarin, wie mögen Sie doch nur immer ihrem Mühmchen so großes Unrecht thun? Fleißige Bienchen sind die, die mit dem Hahnenschrei aufstehen und bis in die Nacht hinein arbeiten. Ich muß mich ordentlich schämen, wenn ich mich mit Jungfer Lischen vergleiche, und eine lernbegierigere Schülerin wie Agathe hatte ich nimmer." „Ja, ja, loben Sie nur immer das dumme Ding in's Gesicht" — eiferte die Alte — „damit sie noch eingebildeter wird, als sie schon ist. Ich wollte auch, daß„D» 298 Lieber das Zinn richtig scheuern lehrten, als Briefe schreiben und andere dergleichen Nichtsnutzige Dinge mehr. Was thun die Mädel damit? Liebesbriefe lesen und schreiben und nichts weiter. Aus diesem Grunde durfte ich bei meiner seligen Mutter blos Gedrucktes lesen lernen und das mit Recht. Wer weiß, ob die beiden Maulaffen da es so weit bringen werden mit ihren neumodischen Künsten, als wie ihre alte Base. Sie, Herr Oehlig, haben auch lauter überspannte Dinge im Kopfe — haben da ihren ehrlichen Familiennamen abgelegt und dafür einen andern angenommen, den der T — l aussprechcn mag, aber ich nicht — Ole — haar Pfui der Tausend noch einmal!" „Olearius!" verbesserte der Candidat und eine leichte Nöthe stieg in sein schmales, bleiches Antlitz. „Sehen Sie, Frau Nachbarin, in der Gelehrtensprache heißt Oehlig so viel, wie Olearius, und ganz andere Männer als ich, haben ihren Namen in's Lateinische oder Griechische übersetzt. Der Name thut oft gar viel zur Sache, und ich denke immer, daß der Magister Olearius eher zu einer Pfarre kommen soll, als der simple Gottfried Oehlig, und was der würdige Melanchton gethan hat, der ja auch eigentlich Schwarzerd hieß, darf wohl von einem niederen Theologen nachgeahmt werden." „Narren sind sie gewesen" — fiel Frau Harnapp ein — „dabei bleibe ich! Und wenn ich einen Sohn hätte, der sich seines ehrlichen Familiennamens schämte und ihn ««drechselte, er sollte nicht einen rothen Heller von der Erbschaft bekommen." Wir wissen nicht, ob der empfangene Ehrentitel oder das Wort „Erbschaft" den Candidatcn auf einen schnellen Rückzug bedacht werden ließ, aber er zündete seinen Wachsstock, den er während des Gesprächs aus Sparsamkeit verlöscht hatte, wieder an «nd entfernte sich unter dem Anwünschen einer guten Nacht, welche jedoch bloß von den beiden Linsenleserinnen dankbar zurückgegeben wurde. Olearius stieg, nachdem er die Thüre im Rücken hatte, auf einer ziemlich steilen Treppe nach seiner Wohnung hinauf, die dem dürftigen Einkommen eines Candidatcn angemessen war. Der große hohle Schlüssel öffnete, oben angekommen, ein umfangreiches deutsches Schloß und der Candidat trat in ein kleines Vorgemach, welches zugleich die Stelle der Küche vertrat. Das daran grenzende Stübchen war gerade geräumig genug, um ein Bett, ein Bücherbrett und einen Arbeitstisch in sich zu fasten. Das erstere stand unter der schrägen Wand, welche das Dach des Hauses bildete; das zweite enthielt in einer einzigen Reihe die ganze Bibliothek «nd der dritte die schriftlichen Werke des Candidatcn. Ein Stuhl mit hoher Rücklchne «nd arg verschossenem Ueberzuge, war der einzige seines Gleichen, hatte des Tags überfeinen Stand vor dem Tische, des Nachts hingegen am Bette des Junggesellen. Dieser zündete mittelst des Wachsstockes ein dünnes Talglicht auf einem Blechleuchtcr an und begann hierauf sich umzukleiden. Der wsllarme, schwarze Frack mit den langen Schößeln wanderte an den Nagel, ein anderer, minder guter herunter und auf den Leib des schmächtigen Candidatcn, welcher die Schößcl desselben als Stoff zum Ausbessern der übrigen Kleidungsstücke verwendet und ihn somit in einen Spencer umgeschastcn hatte. Temungeachtet zeigte das Hintertheil der schwarzen kurzen Beinkleider eine Scheibe von grauem Tuch, welche der Frack bisher verdeckt gehabt hatte. Nachdem Olearius noch eine blauleinene Schürze vorgebunden, begab er sich in das Zimmer zurück, wo er mit prüfendem Blicke die Häupter seiner Lieben — einige Stücke Stockholzes —- überzählte, und dann Feuer in den Ofen zu machen, Anstalt traf. Aus einem kleinen Küchenschranke nahm er ein Bündel schon bereit liegender Hvlzspänc, und in wenigen Secunden später fuhr die Ofengabel mit ihrer in Brand gesetzten Bürde in des Ofenloches schwarz gähnenden Schlund. Als das Feuer lustig prasselte, brachte die Ofengabel einen Topf mit Master in dessen Nähe und der Calfactor ward zur Köchin, welche die Abendmahlzeit bereitete. „Ein Kernmädchen, die Lieschen!" sprach der Candidat, indem er Schwarzbrod in eine Schüssel schnitt, „welch' ein Unterschied gegen die geschmückten, gepuderten und ge- Zierpuppen der höheren Stände!" Er warf Salz auf das Brod. „Wie 299 sittig, keusch und demüthig ist sie! Wie duldsam gegen die Kränkungen des böse« Weibes!" Hier wurde die Halbschied eines Drcierstückchens Butter in die Schüssel versetzt. „Der Mensch will auch einmal eine Abwechslung und der Magen eine Stärkung, haben." Unter diesen Worten langte Olcarius eine kleine Düte mit Kümmel aus der Westentasche, von welchem deutschen Gewürze er eine Prise der Suppe beifügte. „Neunmal glücklich der Mann, dem Lieschen einst als Hausfrau das Essen bereiten darf." Er rückte den Wassertopf aus dem Ofen. „Nun, wie Gott will!" Patsch! glitt der Topf von der Ofcnbrücke und vergoß seinen kochenden Inhalt, so daß das Feuer zischend verlöschte. Die Ofengabel in der Hand schaute Olcarius trübe bald in das verhängnißvolle Ofenloch, bald auf die des Aufgusses harrende Schüssel. Am meisten schmerzte ihn das böse Omen, daß gerade in dem Augenblicke, wo er in frommer Ergebung, aber mit heißer Inbrunst an Lieschens Besitz gedacht, die Flamme im Ofen gewaltsam ausgelöscht worden war. Sollte das Feuer seiner heimlichen Liebe für Lieschen nicht ebenso durch einen Wassersturz des Schicksals erstickt werden? Nach einer Minute stillen Sinnens wiederholten die Lippen des Candidatcn abermals leise: „Wie Gott will!" — Die Schüssel mit ihrem Inhalt wanderte, um am nächsten Morgen benutzt zu werden, in den Küchcnschrank zurück. Olcarius sättigte sich mit Butterbrod und verfügte sich kauend in sein Stübchcn, dessen weiß gefrorene Fensterscheiben von der Lichtstamme wie Diamanten glitzerten. Die Stellung, welche der soupirende Candidat dicht vor dem Ofen einnahm, ließ errathen, auf welche Weise dessen Beinkleider zu der oben gedachten grauen Tuchscheibe gekommen waren. Heute hatten sie von dem nur wenig erhitzten Ofenkastcn ein Versengen nicht zu fürchten. „Warum," — hob der junge Mann an— „doch nur die Erdcngüter so gar ungleich vertheilt sind? Meine arme selige Mutter mußte bitter darben, indeß ihr kinderloser Bruder zum Erösus ward. Und er half der einzigen Schwester nicht, als sie auf einem langen Krankenlager schmachtete. Ja, selbst mein Brief, der ihm der Schwester seliges Ende verkündete, hat er bis jetzt unbeantwortet gelassen. Alle Jahre einen Dukaten für den ihm übcrschickten Neujahrswunsch war das Einzige, dessen wir uns von ihm zu erfreuen hatten. Nun, Gott Lob! weder ich noch meine gute Mutter sind deßwegen hungrig zu Bette gegangen. Der Vater im Himmel oben wird auch weiter für mich sorgen. Weiß ich doch nun einen recht eifrigen Fürsprecher bei ihm: meine Mutter. Diese Worte wurden des Kauens wegen in Unterbrechungen gesprochen. Nachdem Olcarius seine Mahlzeit stehend genossen hatte, setzte er sich an den Arbeitstisch, zog den Entwurf eines Neujahrs-Gedichts und einen Bogen feines Postpapicr hervor, um jenes darauf mit zierlichen Schriftzügcn versetzen. „Bekenn' es nur offen heraus, Gottfried," sprach Olcarius, indem er den goldenen Rand des Papiers betrachtete — „daß Du ein höchst eigennütziger Kerl bist. Dieses Gold — ist es nicht der Köder, um einen Dukaten zu crangeln. Die Wurst, welche Du nach der Speckseite zu werfen gedenkst? Geht Dir's von Herzen, wenn Du einem niegesehenen und daher ungeliebten Oheim alles Gute amvünschest? Die Gottheit um Verlängerung seines theuren Lebens auf dem Papier anflehst. Und doch muß ich es thun, trug es mir doch die Mutter noch auf, als sie schon auf dem Sterbebette lag. Ihr Wille sei mir heilig." Er spitzte die Feder und schrieb — nein, er malte die Buchstaben mit fast eigensinniger Hand auf das Papier hin. Eben hatte er die Schlußzeile fertig, als ein entferntes Geräusch durch die ihn umgebende lautlose Stille daher drang und ihn plötzlich vom Stuhle aufjagte. Auf den Zehen schlich er in das Vorgemach und mit zurückgehaltenem Athem lauschte er durch das Schlüsselloch der Thüre, vor welcher sich bald ei« Lichtschimmer zeigte. Die beiden Mädchen kamen heraufgestiegen, ihre Bodenkammer und das Bett aufzusuchen. „Nicht einmal ein Schürzenband kann ich mir kaufen!" hörte der horchende Can- didat Lieschen klagen, „man muß sich ja vor den Leuten im Hause schämen." — „D» 300 sollst es haben, Engelskind!" gelobte Olearius im Stillen, „sobald der Goldfisch des Oheims eingegangen sein wird." Die Tritte der beiden Linsenlcserinnen waren schon geraume Zeit verklungen, als der Candidat zum Schreibtische zurückkehrte, um den Titel des Jahrwunsches noch zu schreiben. Auch diese Arbeit war endlich vollbracht und zufriedeuen Sinnes überlas Olearius den zierlichen Bogen mit halblauter Stimme: „Meinem theuren, heißgeliebten, hochgeehrten-" Er stockte — rieb sich die etwas schläfrigen Augen — las nochmals und erstarrte! Nicht dem theuren, heißgeliebten, hochgeehrten Oheim, sondern dem heißgeliebten Lieschen hatte er den Wunsch zum neuen Jahre gewidmet! Verloren war die verwendete Zeit und Mühe, verloren der Groschen für den theuren Bogen! Er zürnte mit sich selbst und gleichwohl hätte er sich um keinen Preis entschließen können, das verfehlte Machwerk zu vernichten oder wenigstens das Wort „Lieschen" wegzuradiren. Vielmehr hob er das Blatt in dem geheimsten Fache des Arbeitstisches auf. Dann trug er die Claviatur eines ehemaligen Claviers herbei, verpflanzte solche vor sich auf den Tisch und begann mit ziemlich frostverklommcnen Fingern eine stille Musik aufzuspielen, deren Noten er vor dem Klavier-Sierrogate gegen ein dickes lateinisches Lexikon gestützt hatte. Nach Beendigung der Sonate verfiel Olearius in ein kurzes Vorspiel, auf welches er einen Choral folgen ließ. Mit großer Andacht und einer recht reumüthigen Stimme sang er zu den klanglosen Fingergriffen: „Mit meinem Gott geh' ich zur Ruh', und thu' in Fried' meine Augen zu." — Dies war das Abendgebet des frommen Candidaten, welcher nach drei abgesungenen Versen mit dem Lichte zu dem an der Wand Hangenden Schattenriffe seiner Mutter trat, dem er einen langen Blick voll dankbarer Liebe widmete. „llsvo pia rmima!^ sprach er innig, löschte die Kerze und begab sich zur Ruhe, welche, wie bei allen Inhabern eines ruhigen Gewissens, eine sanfte war. (Fortsetzung folgt.) Die Katakomben in Paris. „Wollen Sie mit uns die Katakomben sehen? Ich habe die Eintrittskarten für morgen," so lautete die Einladung eines Freundes, die anzunehmen ich bereit war. Das große geheimnißvolle Wort „Katakomben." In Rom kostet es uns das Hinabsteigen weniger Stufen unter die Erde, und wir versetzen uns, so oft wir wollen, um bald zweitausend Jahre zurück, um immer wieder von diesem ehrwürdigen Ausgangspunkt die Elemente aller Jahrhunderte, wie sie die ewige Stadt nachbarlich birgt, auf die unbe- gränzte Einbildungskraft wirken zu lasten — wer weiß, was Paris da unten zu uns spricht? Um in Paris alle solchen Sehenswürdigkeiten zu besuchen, die zu gewissen Stunden besonders geöffnet werden, wendet man sich brieflich an die Präfectur. Man wird auf die Liste geschrieben, und bekommt per Post zu seiner Zeit die Eintrittskarten zugestellt für das bestimmte Mal. Am Eingang in die Unterwelt war ein buntes Leben. Die flachen Hüte und schwarzen Talare der Priester waren in großer Zahl am Platze. — Frauen verkauften aus großen Körben Lichter und Scbeiben, aus Pappendeckel geschnitten, um das Tröpfeln aufzufangen, und machten in aller Eile ein gutes Geschäft. Ausgerüstet schloß man sich dann der Queue an, deren Spitze sich langsam gegen die Eingangsthür hin zergliederte; denn da saß in voller Würde der kaiserliche Beamte, umgeben von Polizeimannschaft, und musterte die Karten, ganz wie die Pässe an der Gränze — unumgängliches Joch officicllcr Vormundschaft, durch das der Franzose zu allen Freuden schreiten muß. Der Deutsche und der Engländer, schlucken eine Pille des Unmuths, und das beruhigt sie zur Genüge. Der Franzose kommt nicht auf solche Gedanken; er ist 301 ja in gedrängter Gesellschaft, abenteuerlich mit Lichtern bewaffnet — das facht das Feuer seiner Unterhaltung an, und leicht sprühen die Funken umher, um schnell zu verlöschen. Es geht eine steile, hochstufige Wendeltreppe tief hinab. Der Gedanke: wenn einer einen Fehltritt thäte, seine Vorderen mit sich fortrisse, die brennenden Lichter Frauenkleidcr iu Brand steckten, erregt unwillkürlich ein Gruseln; aber das ist nach den Umständen ein wahres Glück, denn es ist die einzige Gelegenheit zu Schaucrgefühlen, die sich bietet, und die einem doch zu solcher Stunde so erwünscht sind. Sagen wir kurz dem, der es noch nicht weiß, was es für eine Bcwandtniß hat mit diesen unterirdischen Räumen. Es sind alte Steinbrüche, in dem Maß umfangreich, als sie Material für eine so große Stadt geliefert haben. Obige Steinbrüche nun waren seit langen Zeiten verlassen und überbaut. In dem Stadtviertel aber, welches sich über sie hin erstreckte, verbreitete sich mit der Zeit ein dumpfes Gefühl von drohender Gefahr des Einsturzes, das endlich gerechtfertigt wurde durch vorkommende Fälle. Gleichzeitig überfüllten sich mehrere große Kirchhöfe, die vermöge der Erweiterung der Stadt, in deren Inneres versetzt waren. Die zu Rathe gezogenen Ingenieure schlugen vor, die Gebeine dieser Kirchhöfe dort hinabzuführen, und zugleich das Ganze durch gehörige Unterbauten zu sichern. Aus der Ausführung dieses Planes sind die Pariser Katakomben hervorgegangen. Uebrigens war die lange Reihe der Besucher der Katakomben selbst das Schönste an der Sache. Man sah oft weit vor sich hin die dunkeln Silhouetten in gemessenem Schritte sich zwischen rohen Säulen längs der Schüdelwände Hinwinden, fliegende Schatten an die feuchte Decke werfend, im röthlichcn Fackelschein. Indessen die Stufen aufwärts wurden einem recht leicht, und das Tageslicht, „weil es noch glüht," war unaussprechlich willkommen. — Wo aber waren wir? Selbst die Pariser hatten keine Ahnung davon. In einer kleinen Gaste standen wir, nirgends ein Merkmal. Um 1 Uhr waren wir angetreten; es war 2>/j Uhr. Aus der Kinderstube eines Prinzen. Pädagogische Skizze. Der Prinz von Wales, der Sohn der Königin von England, war in seiner Knabcnzcit das, was wir „einen schlimmen Buben" zu nennen Pflegen. Wenn der zehnte Theil dessen, was man sich in den Jockey-Clubs Londons von dem dercinstigeu Erben der Krone Großbritanniens erzählt, wahr ist, so trifft das Sprichwort zu: „Was Essig werden soll, das wird bald sauer." Schon als „kleiner Baby" verrieth der Erstgeborene Viktoria's viel Essig. Prinz Albert, der Vater, war ein Mann von großer Intelligenz; er verband einen durchdringenden geistigen Blick mit dem Ernst eines Philosophen, und indem er die Erziehung und intellektuelle Entwicklung seines Sohnes überwachte, war er sich bewußt, daß vor dem Gelingen oder Mißlingen seines Werkes das Wohl und Wehe einer ganzen Generation abhängig sei. Auch in constitutioncll entwickelten Staaten hängt von der Person des Kroncnträgers sehr viel ab, und es ist nicht gleichbedeutend, ob auf dem Thron ein wahnwitziger Georg oder eine weltkluge Viktoria sitzt. Die schlimmen Neigungen und zeitweiligen Unarten feines Sohnes machten dem strengen Vater oftmals schwere Sorgen, und er strengte alle seine Kräfte an, um dieselben zu unterdrücken, was einem Kinde gegenüber, das Prinz von Wales in der Wiege schon heißt, allerdings eine schwere Aufgabe war. Ein Prinz von Wales ist in der Wiege schon ein gewaltiger Machthaber, die Größe seiner Zukunft tritt ihm allüberall entgegen, er ist ein Chics Lord selbst seinen Eltern gegenüber, seine Geschwister sehen in ihm nicht nur den Erstgeborenen, der mit jeder Stunde ihr Lord und Gebieter zu werden bestimmt ist, sondern sie muffen auch daran gewöhnt werden, in ihm den Bevor- 302 zugten der Gottheit zu erblicken. Einem derartig bevorzugten Kinde gegenüber ist, das wird man wohl einräumen müssen, das Erziehungswerk schwer, um so schwerer, da selbst der väterlichen Gewalt diesem gegenüber sehr enge Schranken gezogen worden sind. Viktoria und Albert liebten den Erstgeborenen abgöttisch; wie ihr beiderseitiges eheliches Leben ein reines und musterhaftes war, und kein Mißton dasselbe störte, so waren sie auch im Punkte der Erziehung ihres Kindes einig geworden. Viktoria, die königliche Mutter, so ward bestimmt, sollte den Unterricht des Knaben überwachen und sich Raths einholen bei allen Vorkommnissen bei dem Vater des Kindes, welcher als oberste inappellable Instanz entscheiden sollte. Die Lehrer des Prinzen beklagten sich darüber, daß derselbe gar keinen Sinn für Musik habe. Man versuchte es vergebens mit allen Instrumenten. „Ich bin der Prinz von Wales, und ich mag kein Musikant werden," sagte der Knabe stolz; es war vergebene Mühe. So oft er zur Musiklektion sollte, rief er ungestüm aus: „Bin ich denn ein Musikant?" Prinz Albert übernahm es, den halsstarrigen Knaben zu bekehren. In den Abendstunden, nach vollbrachtem Tagwerke, wenn die weiten, stolzen Prunksäle von Buckingham- Palace geöffnet wurden und die Elite der englischen Gesellschaft durch dieselbe sich bewegte, wenn die edelsten und stolzesten Männer und Frauen Großbritanniens ehrfurchtsvoll vor der angebeteten jugendlichen Königin dcsilirtc, und Jeder sich glücklich schätzte, dem nur ein huldvoller Wink Ihrer most ^raoious Nnjost^ zu Theil wurde, wenn dann die Kinder dieser Königin innig beglückt zu der erhabenen Mutter emporblickten, die eine Gottheit Allen schien, die aus den Wolken hernieder gestiegen, dann erhob sich Viktoria von ihrem goldenen Stuhle, geleitet von ihrem Gatten; sie setzten sich Beide an das Klavier und begannen zu spielen. Die Gäste lauschten und wußten sich das Ereigniß nicht zu erklären. Wie da gewaltig die Töne durch die Hallen brausten, die Bcethoven'chen Symphonien die Herzen durchzittertcn, wie die Königin die Tasten schlug, weich, sanft, milde, wie Mondesschein leuchtete cS nieder, während dazwischen die Donner des jüngsten Gerichtes, der heulende Sturmwind, der Angstschrei des gepeinigten Gewissens heulten, die Albert den Saiten entlockte. Man klatscht keinen Beifall der auf- und niedcrstcigendcn Sonne, nicht dem Regenbogen, der in majestätischen Farben jene Diamantdrücke über Meere wölbt. „Viktoria, mein Leben," sagte nach einer solchen Scene Prinz Albert zu seiner Gattin, während der Prinz von Wales mit seinen lang herabrollenden Kastanienlockcn und großen nußbraunen Augen, tief ergriffen von dem Zauber des Spieles, wie versteinert am Klavier stand, „Niemand klatscht uns Beifall." ävarlinß-," sagte Viktoria, „das kommt daher, weil wir, weder ich noch Sie, bezahlte Musikanten sind." Der Knabe merkte sich diese Lektion, sein Musikmeister hatte sich nicht mehr über ihn zu beklagen. Was die Königin und ihren Gemahl so herrlich kleidet, das kann einem Prinzen von Wales nicht schlecht stehen, ein Wort zur rechten Zeit hat jenen starren Sinn gebrochen. Aber Miß Jeanette, die französische Sprachmeisterin, hatte sich noch fort zu beklagen über die Ungelehrigkeit ihres Schülers. Als der Prinz eines Tages über sein zerstreutes Wesen während der Sprachstunde von der Miß einen Verweis erhielt, sagte er kurz und kategorisch: „Miß, ich bin geboren zum König von England, und ich bin gesonnen, es dereinst mit den Franzosen so zu halten wie Prinz Henry, diese sollen mit mir englisch sprechen, und wenn sie's nicht können, so sollen sie sich zum Teufel schecren. Ich aber werde Ihnen zu Liebe nicht in diesen langweiligen Nasenlauten mich üben. Verstanden?" Sagt's, und schleudert das französische Buch der Miß an den Kopf mit den Worten: „Ich bin der-Prinz von Wales!" „Ja wohl, mein Prinz," sagte gefaßt Miß Jeanette, „Sie werden eS daher nicht 303 Lbel nehmen, wenn ich Eure Hoheit zu bitten wage, mir zu gestatten, daß ich Jhr^ Majestät die Königin von diesem Vorfalle alsogleich in Kenntniß setze." „Ich werde in Gegenwart meiner Mutter die Worte wiederholen, die ich Ihnen gegenüber ausgesprochen habe, Sie können sich darauf verlassen. Aber das sage ich Ihnen ein für allemal, ich mag und werde kein Französisch lernen." „Eure Hoheit haben zu befehlen, doch hier nicht; Ihre erhabene Majestät möge darüber entscheiden." Nachdem die Königin, welche von Miß Jeanette herbcigcbeten worden war. Alles von derselben vernommen hatte, sagte sie mit Würde zu der Lehrerin: „Miß Jeanette, Sie kennen die Wünsche und Befehle Seiner Hoheit! Ich ersuche Sie demnach, sich von hier zu entfernen, und die weiteren Befehle des Prinzen von Wales abzuwarten." Die Worte wurden in einem scharfen, schneidenden Tone von der Königin vorgebracht, der kleine Prinz stand wie versteinert, er zupfte an seiner Hemdkrause, blickte verwirrt zur Erde und vergaß sich so weit, sich niederzubücken, um das Buch, das er zuvor zur Erde geschleudert hatte, aufzuheben. „Lassen Sie das, mein Sohn," sagte die Königin, „dazu sind Ihre Diener da. Sie haben Recht, mein Sohn, keinen Augenblick daran zu vergessen, daß Sie der Prinz von Wales sind, ja ich, Ihre Mutter, ich bitte Sie darum; Sie thun recht daran, auf die große Gnade Gottes stolz zu sein, der Sie auf dem Throne Großbritanniens geboren werden ließ. Also spricht die Königin von England zu Ihrem Sohne, der, so Gottes Vorsehung es zuläßt, einst König von England werden soll." „Doch nunmehr ein Wort zu Dir, mein Sohn, als Deine Mutter, als Mutter- sage ich Dir, Knabe, daß Du ein mißrathener Knabe mit bösem Herzen bist, daß Du, irregeleitet von Deinem Hochmuthe, dem Verfalle nahe bist, einem solchen Kinde gegenüber hat die Mutter keine Macht, keine Gewalt, da ist cS die Pflicht des Vaters, seinen Sohn aus den rechten Pfad zu bringen. Ich habe den Prinzen Albert, Deinen Vater, Herbeibitten lassen, da ist er schon, möge er entscheiden, ich als Mutter verhülle meine Augen und weine." „Sie haben Recht, meine theure Königin und Gemahlin," sagte Prinz Albert, nachdem er angehört hatte, was vorgefallen war, „doch in Einem thaten Sie Unrecht, Miß Jeanette, welche von meinem Sohne beleidigt worden ist, Hütte nicht entfernt werden sollen." „Höre, mein Sohn," sagte der Vater mit sanfter Stimme, welche vor Bewegung zitterte, „Du bist der Prinz von Wales, Du bist die Hoffnung und die Freude der freien Briten. Wir, Deine Eltern, sind vor Gott und der Geschichte dafür verantwortlich, daß diese Hoffnung einer großen Nation dereinst nicht bitter getäuscht werde. Gott, der Herr, hat uns da eine schwere Bürde ausgelastet. Sein Name sei immerdar gelobt. Ich, Dein Vater, theurer Sohn, will nicht, daß kommende Geschlechter unserem Andenken fluchen; meine, des Vaters Pflicht ist es, Dich auf den Pfad der Tugend und des Rechtes zu geleiten. Nehme, mein Sohn, diese Bibel, das heilige Buch zur Hand — so mein Sohn — jetzt nunmehr lese mir mit lauter Stimme in Gegenwart Deiner Mutter, Ihrer erhabenen Majestät, diese Worte Jischa's vor, des Propheten, der da spricht im Namen des Herrn." Die Königin richtete sich hoch auf, sie blickte majestätisch auf ihren Sohn herab, wie eine Königin blickt, die einen Hochverräther entlarvt hat. Der Prinz von Wales blickte scheu nieder auf das Buch, Prinz Albert veränderte seine Miene nicht. „Lese, mein Sohn, was der Prophet spricht." Der Prinz las: „Höret, Ihr Fürstensöhne, so spricht der Herr, in Euere Hand legte ich die Macht über die Völker, damit sie Euch dienen und Unterthan seien, damit sie Euch gehorchen und Euch folgen auf den Wegen, auf denen Ihr sie geleiten werdet. Wehe den Nationen, so da sich nicht beugen vor meinen Auserwählten. Doch, Ihr Söhne der Fürsten, so Ihr nicht wandeln werdet die Pfade, die ich Euch gezeigt habe. 304 so Ihr nicht frühzeitig gehorchen lernt den heiligen Geboten, so Ihr nicht Eueren stolzen Nacken beugen werdet unter meinem Gesetze, so will ich Euch verderben, Euch und Eucre Kinder und Kindeskindcr, daß Ihr sollt werden ein Jammerbild im Thale Dheschurums, es soll das Elend über Euch hereinbrechen, wie die Heuschrecken, und die Plage wie ein Windhauch —" Der Prinz war so tief erschüttert von dem Inhalt dieser Worte, daß er das Buch zur Erde fallen ließ, das in seinen Händen gezittert hatte. „Hast Du das Wort Gottes gehört und verstanden, mein Sohn?" rief tief bewegt der Vater. „Verzeihung, Verzeihung! mein Vater!" „Königin von England!" sagte stolz der Prinz-Gemahl, „geruhen Sie sich zu entfernen. Nicht Ihnen, der angebeteten Mutter dieses großen Reiches geziemt es, diesem unwürdigen Knaben in Ihrer Hoheit gegenüber zu stehen, ich habe eine schwere Pflicht zu erfüllen, meine Vaterflicht gebietet mir, diesen Unwürdigen zu züchtigen." Die Königin entfernte sich rasch mit thränenden Augen. Prinz Albert ließ eine Ruthe herbeiholen — er züchtigte seinen Sohn, doch kein Mensch war Zeuge dieser Schmach. Merkwürdig! Der Prinz von Wales spricht das Französische so schön und geläufig, daß er sogar in französischen Vaudevilles erste Liebhaberrollen mit Erfolg spielt. (Die Verschiebung von Häusern) ist kürzlich in Sän Francisco wiederum in großartigem Maßstabe geübt worden. Die rasch aufblühende Hauptstadt Californicns wird nämlich regulirt, was bei ihrer ersten willkürlichen, fast zufälligen Errichtungswciso sehr nothwendig sein mag. Zur Erweiterung einer Hauptstraße wurden Millionen aufgewendet, um eine ganze Häuserreihe wegzuschaffen, zurückzuschieben oder abzubrechen, welche dann durch sehr stattliche Gebäude ersetzt wurde. Bei einem der größten Häuser wendete man die hydraulische Kraft an, um dasselbe 30 Fuß zurückzuschieben und einige Fuß zum neuen Niveau der Straße zu heben. Bei solchen Riesenarbeiten zeigen sich die Amerikaner in ihrem Element; die Anwendung der hydraulischen Kraft bei solchen Arbeiten ist eine hiesige Erfindung, die denn auch nirgends mehr als hier (in Sän Francisco) und in Chicago ausgebeutet wird. Zwei mäßige Räder werden von vier Männern gedreht, um durch zolldickc eiserne Röhren den dünnen Wasserstrahl gegen die Straßen zu drücken, was so unscheinbar und doch mit solcher Gewalt geschieht, daß die mehrere Millionen Pfund wiegende Stcinmasse einen Fuß per Stunde fortbewegt wird, ohne daß sich die Bewohner des Hauses in ihren Beschäftigungen stören lasten, in welchem Alles an seinem Platze bleibt. (?) Charade. (Viersilbig.) Die erste Silbe nennet dir den Rand Des Baches oder Waldes, nennet dir Die Arbeit, welche die geschäftige Hand Der Frau vollbringt, zum Nutzen und zur Zier. Die andern drei verkünden höbe Lust, Die Wonne, welche jenseits füllt die Brust, Von sterblichen nur selten hier genossen. Das ganze zögert, wenn es Gutes schafft; Die Blume welkt, sie ward zu spät begossen; Der Arme siecht, dahin ist seine Kraft Die wilde Gabe ist zu spät geflossen. Auflösung der Charade in Nr. 34: „Wahnsinn." Druck, Lerl», und Ledaltto» d«s Itterarsichen Instituts »»s vr. W. Huttln. Nr. LS 27. Septbr. 1868. Wie sehr des Lebens rauher Sturmwind wüthe, Sei eichenstark ihm nicht zum Spiel. Doch weh'n die Frühlingsinste reiner Güte, Sei wie der Blume schwanker Stiel. Johannes Schrott. Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie. (Fortsetzung.) II. Der Tod kehrt ein. „Heute roth, morgen todt." Drei Monate waren seit oben geschildertem Abende verflossen, als Olcarius eines Morgens aus dem Hause des Stadlschreibcrs zu Langensalza trat, wo er so eben den beiden Söhnen desselben eine lateinische Sprachstunde ertheilt hatte. Er war fröhlich und guter Dinge, denn der Vater seiner Schüler hatte diesmal ungewöhnlich pünktlich das Honorar ihm ausgezählt. Er wickelte das Papicrchcu, welches das Geld in sich barg, von einander und, den blanken Gulden liebevoll beäugclnd, sprach er: „Eigentlich habe ich dich mit Sünden verdient, denn nicht für sechszchn Pfennige haben die Jungen in dem Monat gelernt. Ich habe es dem Vater off.u herausgesagt; wenn er nun aber darauf besteht, daß ich die Stunde» noch fortgeben soll, ist's dann meine Schuld? — Zichu Groschen für Hauszins und fünf Groschen für eine Kanne Butter, die ich der Frau. Harnapp schuldig bin, gehen ab, bleibt mir noch ein Groschen übrig. Reicht dieser zu einem Schürzcnbaude hin? Schwerlich! Nein, es ist nichts, wenn mau die Butter gleich im Ganzen anschafft. Man verthut nur mehr davon und besser ist's, blos Dreier- stückchen wieder zu holen. O Oheim! willst Du wirklich nichts von Deinem armen Neffen mehr wissen, nachdem ihm die Mutter gestorben ist? Wenigstens eine Antwort, wenn auch keinen Dukaten, hättest Du auf seinen Jahrwunsch ihm ertheilen können. Ach Gott! wie nöthig brauchte ich einen kleinen Zuschuß, denn wenn auch mein Magen gerne darben will, so sieht man doch auf den Kragen, der, wie der ganze Rock, nicht abgeschabter sein könnte. Weder Bier noch Tinte reicht mehr aus, die weißgewordeucn Nähte und Ränder zu schwärzen und schier als Erbsen sieb könnte ich den Frack gebrauchen, an welchem kein Stich mehr halten will." Unter diesem Selbstgespräch hatte der Caudibat sein Stübchcn erreicht, wo er sich anschickte, Noten für den Siadtmufikus abzuschreiben. Es war eine Partitur, die so unleserlich geschrieben war, daß wirklich eine Candidaten-Gcduld dazu gehörte, die Stimmen herauszuziehen. „Soll das lis oder cis heißen?" fragte er sich nach einer Weile rathlos. „Selbst auf dem Papier wird das Kreuz zum Elende!" Er probirte singend die Melodie. „Beides klingt schlecht!" — klagte er— „ich mag lis oder ois nehmen." „Herr Magister! Herr Magister!" rief es hier ängstlich draußen. Dieser wurde Von dem Rufe electrisirt, denn die Stimme klang wie diejenige Lieschens. „Das hat noch gefehlt!" sprach er aufspringend, indem er gewahrte, wie die ihm entfallende Schrcibfedcr einen ungeheuren Tintcnklex auf das Papier cpmacht hatte. — „Ach, Du bist's, Agathe," sagte er zu dem Mädchen, das ihm hastig entgegenstürzte „Was willst Du, Kind?" 306 „Geschwind, um Gottes willen, Herr Magister!" — keuchte Agathe — „unsere Frau Base will sterben!" „Will?" fragte Olcarius, indem er mit dem Mädchen davon sprang. „Sie bezeigte doch sonst eben keine Neigung zum Sterben, und das Wort Tod war ihr ein Gräuel." „Licscl ist zum Doktor gelaufen," fuhr Agathe fort, „und ich bin ganz allein mit der Base, die gräßliche Gesichter zieht und mit Händen und Füßen strampelt." „Nun, ich dächte, dies wäre eben nichts Neues an ihr," versetzte Olcarius. „O sehen Sie nur selbst, Herr Magister!" rief Agathe und zog den Candidaten in die Unterstube hinein. Derselbe sah und sprach: „Kreuz und Elend in dem Dachstübchen oben, und im Erdgeschosse der Tod!" „Sehen Sie doch, Herr Magister!" rief Agathe etwas erleichtert, „sie ist mit einem Male ruhig geworden." „Ja," — versetzte Olcarius, indem er seine Rechte betroffen von dem berührten Antlitz der Alten zurückzog, dessen Eiskälte ihm Alles gesagt hatte, „sie ist ruhig und stille — für immer! Mit einem Rucke hat die Parze ihr den Lebensfaden durchschnitten." „Die Parze?" fragte Agathe betroffen und erschrocken zugleich. „Welche Parze denn? Ich und Lieschen waren ganz allein bei der Frau Base, die uns wie gewöhnlich auskniff. Und da kam es ihr plötzlich." Olcarius schämte sich seiner Schülerin ein wenig. „Sollte ich Dir wirklich nichts von den Parzen erzählt haben?" fragte er kleinlaut. Lieschens rascher Eintritt verhinderte die Antwort. „Kein Doktor aufzutrcibcn?" klagte sie händeringend. „Hier könnte selbst Acsculap nicht helfen, geschweige einer seiner Schüler," versetzte Olcarius. „Die Base ist todt und wird auch todt bleiben, bis der Engel Posauncn- klänge sie einst zur Auferstehung wecken werden." „Todt?" riefen die Mädchen entsetzt. „So ganz unerwartet? Nicht möglich?" „Nasch tritt der Tod den Menschen an," antwortete Olcarius feierlich und mit hohlem Basse. „Ihrer Base Geist, Lieschen, steht in diesem Augenblicke schon vor dem Richtcrstuhle des Ewigen. Werden Sie ihr zürnen, weil sie Ihnen fast jede Lebensfreude verbitterte? oder ihr mit christlichem Sinne vergeben?" „Ach!" — weinte Lieschen in aufrichtiger Trauer — „meine liebe, herzensgute Base! Sie that mir nur nach Recht! Ich war ein faules, nichtsnutziges Ding, wie sie selbst immer sagte. O Gott, am Ende bin ich gar an ihrem schnellen Tode schuld. Ich hatte auf dem Markte eine Mandel Kuhkäsc eingekauft, welche ich nach ihrer Meinung zu theuer bezahlt hatte. Sie warf mir die Käse noch einzeln an den Kopf, und gleich darauf bekam sie die Verzückungen." „Ihre letzten Worte," schluchzte Agathe, „die sie zu mir sagte, als ich allein mit ihr war, und sie fragte, ob ich den Herrn Magister hcruntcrrufen sollte, waren: Schccr Dich zum Kukuk, Du gottloser Nickel!" „Sie blieb sich treu bis zum Tod, kann man von der Gestorbenen mit Recht sagen" — erwiderte Olcarius. „Doch Lieschen, Sie müssen einen raschen Entschluß fassen." Er überzählte flüchtig den mannigfachen Inhalt des Stübchens. „Werden Sie dir Erbschaft antreten, oder nicht?" fragte er. „Glauben Sie, daß der Werth dieser Bündel Mohnhüupter, Schwefelfadcn, Majorans und Thimians, dieser Zwiebelrcihen, all' jener Kästchen, Säckchcn, Büchsen, Töpfe mit ihren Vorrüthen die Begräbniskosten decken werden? Fast möchte ich dies bezweifeln. Oder glauben Sie, daß die Verblichene baarcs Geld hinterlassen habe?" „Und wer sollte denn die selige Base begraben lasten, wenn wir es nicht thäten?" afagte Lieschen. 307 »Die Obrigkeit," antwortete OleariuS — „welche auch die fehlenden Kosten dann zu tragen hätte."! „Da sei Gott vor!" rief Lieschen eifrig. „Dann würde die Base wie ein Hund eingescharrt — ohne Sang und Klang — in einem Kasten, blos mit gelber .Farbe angestrichen." „Und was schadet dies?" fragte OleariuS. „Nur die schändliche Habsucht derjenigen Leute, welche von den Begräbnissen ihren Gewinn ziehen, hat die Pracht der Leichenbegängnisse zu einer Sache der Pietät und zu einem Wärmegradmesser gemacht, nach welchem man die Liebe zu dem Verblichenen abwägen will." „Und sollten wir nicht einen Schwefelnden im ganzen Hause mehr behalten," ri^ Lieschen, „wir lasten die Base ehrlich begraben." „Auch trauern wir tief um sie," sprach Agathe, „in Krepp und Schneppe." OleariuS schüttelte mit dem Kopfe und ging still vor sich hinlächclnd davon, nachdem er sich erboten hatte, den Verlassenen mit Rath und That zur Hand zu sein, und diese Hilfe mit dem lebhaftesten Danke angenommen worden war Es war am Abend desselben Tages, als er von seinen Berufs - Geschäften wieder heimkehrte. Er fand die beiden Verwüsteten trostlos und in Thränen zerfließend. „Wir haben die Erbschaft angetreten," sprach Lieschen, „aber die Leichenfrau will nicht eher Hand an die selige Base legen, der Tischler keinen Sarg fertigen und der Schneider keine Traucrklcider machen, als bis wir Geld geschafft haben. Nur einige zwanzig Groschen baares Geld haben wir vorgefunden, und nichts weiter." „Das ist denn doch nicht möglich!" meinte der Candidat. „Die Base, die so geizig war, hat das Uebrige gewiß versteckt, Sie haben gewiß noch nicht recht nachgesucht!" — Er selbst begann nun alle Küsten, Säcke und Winkel zu durchstöbern, aber Alles war vergeblich, es fand sich nirgend mehr ein Pfennig vor. Schon war er mißmuthig und wollte seine nutzlosen Nachforschungen einstellen, als «r in einem Winkel einen alten großen Holzkasten erblickte, der zum Aufbewahren der Sägspähne gedient hatte. Als er auch diesen zu durchstöbern begann, konnte sich Lieschen nicht enthalten, vorwurfsvoll auszurufen: „Aber, Herr Magister! was machen Sie denn nur, Sie kehren ja alles oberste zu unterst!" „Lasten Sie mich, Lieschen!" entgegnete eifrig OleariuS, „und helfen Sie mir lieber ein wenig das Ding da aus dem Winkel zu rücken, es ist entsetzlich schwer." Plötzlich stieß er einen lauten Schrei aus, seine Hand, die in den Sägcspähnen herumgewühlt hatte einen harten Gegenstand getroffen. Mühsam zog er ihn heraus, und erstarrt blickt er, wie die nicht minder betroffenen Mädchen, mit weit aufgerissenen Augen auf eine» langen wollenen Strumpf, dessen schweres Gewicht seinen kostbaren Inhalt verrieth. „Hurrah, wir haben sie, wir haben sie!" jubelte der Candidat, in diesem Augenblick ganz vergessend, daß nur drei Schritte von ihm die Todte lag. — „Hurrah! w» Der ist, da sind auch noch Andere." Don Neuem fuhr er nun mit seinen langen Armen in dem Sägespähnkasten herum und brachte richtig nach kurzer Zeit noch fünf Strümpfe zum Vorschein, welche an Gewicht dem erst getroffenen nichts nachgaben. Agathe, deren scharfes Auge den befremdlichen Fund gemustert hatte, bekam zuerst ihre Fassung wieder. „Das ist ja mein Strumpf," — rief sie aus, indem sie einen der letzt sich präsentirenden Fündlinge emporhob — „mein Strumpf, von dem die selige Base immer behauptete, ich hätte ihn anf der Bleiche verloren. Ja, ja, er ist'S, ich kenne ihn hier an dem Zwickel. — Geld!" jauchzte sie dann, denselben emporhebend, „fünfund» stebenzig Thaler, hier stcht's mit Tinte darauf geschrieben." Nun griffen auch Lieschen und der Candidat zu, und unbeschadet der Trauer über 308 die todte Tante, tanzten sie jauchzend und frohlockend in dem Stäbchen herum, je eine» gefüllten Strumpf in den Händen tragend. „Solche Strümpfe," meinte Olcarius lachend, „vermögen einem Menschenkind schon auf die Beine zu helfen. Doch laßt uns einmal nachschauen, wie viel beträgt den» das Ganze?" Es waren in runder Summe 600 Thaler in verschiedenen Münzsorten, die sie zusammen zähllcn. Den Hanptbcslandtheil aber machten alte Sechstel. Eine Abendmahlzeit, so gut sie die Berlassenschaft der seligen Base darbieten konnte, vereinigte später daS frohe Kleeblatt und die dabei getrunkenen zwei Kannen Bier ermuthigten den sonst so zurückhaltenden Candidaten dergestalt, daß er seine heimliche Neigung zu Lieschen uuver- holen an den Tag legte, ja sogar auf die Zeit anzuspielen wagte, wo er sie vcrhoffre, als Frau Pfarrcrin begrüßen zu können. Lieschen errölhete zwar über die verfänglichen Reden, doch widersprach sie nicht. Spät am Abend erst trennten sich die Glücklichen, und Olcarius stieg übcrsclig i» sein Kämmerlcin hinauf, den Schlaf zu suchen, der ihn aber noch lange floh. (Fortsetzung folgt.) Pflanzen Ungeheuer. DaS größte Aufsehen hat in jüngster Zeit eine Wasserpflanze gemacht, die in Nord- Amerika heimisch und dort von Canada bis zu den Südslaatcii der Union, westlich aber bis zu dem Missisippi verbreitet ist. Dieser Fremdling wurde zuerst diesseits dcS Atlantischen Oceans im Jahre 1836 bei Waringlon in der englischen Grafschaft Lan- caster bei den« Auspflanzen ausländischer Wasserpflanzen bemerkt, und hat sich seitdem durch ganz England und bis zu uns verbreitet. Die Llockua cunucknnsis, so heißt die Pflanze, besitzt eine grenzenlose Zähigkeit der Lebenskraft, verbunden mit überreicher Sprosscnbildung, ihre spröden Stengel sind zerbrechlich wie Glas und besitzen die Fähigkeit, auch in ihren kleinsten Bruchstücken Wurzel zu schlagen und sich zu felbstständigen Einzelwesen zu entwickeln. So bildet sie dann wegen des unerhört schnellen Wachsthums, und da die Pflanze eine der geselligsten ist, überall, wo sie einmal Fuß gefaßt hat, in kürzester Zeit dunkelgrüne Dickichte. So ist, wie die neuesten Nachrichten aus Hamburg melden, das dortige Alstcr- Bassin dermaßen von der Elodea durchwandert, daß man dasselbe nur mit der größte» Anstrengung schiffbar erhalten kann. Ascherson erzählt in seiner „Flora", daß die Elodea auch aus einem Teiche deS Berliner botanischen Gartens an zwei Stellen verpflanzt worden, von wo aus sie sich wahrscheinlich in dieser Gegend einbürgern werde; nämlich seit 1859 in Sanssouci und seit 1860 beim alten Wafserfall. — Seine Bermuthung war leider nur zu sehr begründet. Die Havel, der schöne, sceartige Ltrom, in dessen blauem Wasser sich die märkischen Landschaftsbildcr wicdcrspiegeln, dessen oft romantische Ufer schwankende Biusen- und Rohrdickichle umkränzen, gehört jetzt der Elodea an. Ein fremdes Element ist init der abenteuerlichen Pflanze in den Strom gekommen — ein Element, das anschwoll uud sich reckte, als wolle es sich hier völlig heimisch machen. Gegenwärtig ist diese Pflanze in der Havel auf einer Strecke von mindestens 17 deutschen Meilen, vom Tegelcr-See an bis Havelberg als vollständig naiuralisirt anzusehen, und steht nunmehr im Begriff, auch in die Elbe einzutreten. Noch schwimmt sie freilich namenlos in der Havel; der Volksmund hat ihr noch keine populäre Benennung gegeben. Nur einzelne Stimmen haben den schauerlichen Vorwurf „Wasserpest" auf das früher salonfähige Gewächs geschleudert, während in England die triviale Bezeichnung „Wasserthymian" (lVitlartlizmi) für das pflanzengcographische Phänomen gebräuchlich geworden ist. 309 Auch an andern Orten Deutschlands hat man die Elodca bereits argetriffei; so bei Leipzig und in einem Teiche bei Trier; jedoch nicht in der Masteuhaftigkeit, wie in der Havel. Bon der Einführung eines gleichen Pflanzen - Ungeheuers in England gibt der Naturforscher Nr. Otto Uhle in Halle in seiner „Natur" eine treffliche Humor stische Schilderung, die aber leider nicht dazu angethan ist, die Besorgnisse vor jenem andern Pflanzen-Ungeheuer, das sich auch beim sogenannten Katzcngraben in der Spree (bei Köpcnick) angesiedelt haben soll, zu verscheuchen. Ein englischer Vikar und Botaniker, Mr. Topper zu Stickton, hatte ein besonderes Steckenpferd an Wasserpflanzen, die er in den Sümpfen, Canälen und Teichen, an denen die Umgegend seines Wohnortes reich ist, mit Behagen studiren und Pflegen konnte. Er trat mit dem ägyptischen Professor Redschid Fellah in Alcxandrien in Corrcspondenz und erhielt von dort viele Lotosnymphcn des heiligen Nilstromcs. Eines Tages — es war im Jahre 1856 — sandte ihm der Freund, mit einem Begleitschreiben, in einem kleinen, starken und luftdichten Stcingcfäß die Wurzel der damals in Europa noch gänzlich unbekannten Wasserpflanze 6rovv1'ori;vra uguuiUis. Als das versiegelte Gefäß geöffnet wurde, sprang, wie aus einem sogenannten Bexirkästchen, eine üppige Masse von pcitschenstielartigen Stengeln und Blättern heraus, nicht von einer Wurzel, sondern von Hunderten, die sich mit großer Hartnäckigkeit au den inneren Wänden des Stcinkruges festgesogen hatten. Letzterer mußte mit einer Axt zerschlagen werden, um die Pflanze herauszuziehen. Sie ward in den kleinen Fischteich neben die- Lotosnymphe gesetzt, die sich schon nach einigen Minuten fest und zärtlich von der Landsmännin umarmt fand. Nach einer halben Stunde lag sie auf der Wasserfläche —- ein zerdrückter Leichnam. Den übrigen Pflanzen aing es bald nicht bester; die tHroevlorövru nahm nach mehreren Stunden den ganzen großen Teich ein und machte Miene, den grünen Platz im Sturm zu erobern. Am andern Tage erhielt Mr. Topper ein Schreiben von dem Director der botanischen Gesellschaft in London, welcher von der Ankunft der seltsamen Pflanze erfahre» hatte. Er erklärte, daß dieselbe-der größte Fluch in dem Reich: der Vegetation sei. — Ihr fabelhaft schneller Wuchs, ihre unglaubliche Vcrinehrungskraft und ihre Lebens- zähigkeit vereinigen sich, sie überall, wo sie einmal Wurzel gefaßt, unvertilgbar zu machen. Unter - Äegypten sei von ihr auf Hunderte von englischen Meilen verwüstet worden; der Nil werde nur durch die Menge von Krokodilen schiffbar gehalten, weil sie gerade diese Pflanze leidenschaftlich gern fressen und ebenso schnell verzehren, wie sie wächst. „Bergesten Sie nicht," lautete die Warnung an Mr. Topper, vor allen Dingen die Elsenröhre, durch welche Ihr Teich mit Master versorgt wird, fest zu schließen." Doch die Warnung kam zu spät. Gleich nach Empfang der Schreckens - Nachricht meldete sich ein Schiffer, der die seltene Pflanze bereits im Eanale gefunden. Mit der Verzweiflung eines Selbstmörders eilte Mr. Topper an den Fischteich — doch ertränken hätte er sich nicht können — derselbe war von der entsetzlichen Pflanze ganz und gar angefüllt. Er arbeitete mit der Hand hinunter nach der Eisenröhre — sie war von hundert Wurzelsprosten verstopft und ausgefüllt. — „Aber sie kann doch nicht in einer Nacht bis in den Canal selbst geschaffen sein!" dachte er mit noch einiger Hoffnung,, und eilte mit einem tüchtigen Stopfer nach der entgegengesetzten Oeffnung der Röhre im Canal. Entsetzlicher Anblick! Das Ungeheuer war nicht nur durchgeschossen, sondern streckte seine Wurzelarme auch bereits nach allen Seiten aus. Tausende derselben hallen sich schon am Ufer entlang festgesogen. Er schnitt die Hauptwurzel am Eingänge der Röhre zwar ab, aber die Sprößlinge besaßen überall schon selbstständige Lebenskraft, wie sich bald zum allgemeinen Schrecken der ganzen Umgegend erwies. Mit der Zeit wurde der ganze Stickton-Canal von der furchtbaren Pflanze so durchwuchcrt, daß kein Kahn mehr fahren konnte; Wassermühlen und Schifffahrt ständen meilenweit still. 310 Nun erschienen eine Menge gerichtlicher Vorladungen auf Klagen der Mühlen- Associationen, der Canal - Compagnie rc. Mr. Trapper wurde zwar freigesprochen, weil ' für diesen bestimmten Fall kein Gesetz vorhanden war. „Aber," setzte der Richter hinzu, .„Ihr Name, Mr. Topper, wird ewig geschändet bleiben, weil sich daran ein entsetzliches Beispiel knüpft, daß alle Uebel, welche aus Unwissenheit oder Brutalität entstehen, von den Thaten und Bestrebungen eines übertriebenen Dilletantismus übertroffen werde» können. Die entsetzliche Schlange, welche bereits Hunderte von Menschen brodlos gemacht, hat sich binnen acht Wochen über 70 (englische) Meilen durch den Canal und Fluß Stickton ausgedehnt." Jetzt fährt und fließt es zwar wieder in Stickton, aber nur unter fortwährendem Kampfe mächtiger Dampfbagger-Maschinen, die beständig den Kanal und Fluß durchziehen, um mit Riesenkraft die Köpfe und Hälse des Pflauzen-Ungehcucrs abzureißen. — Die Einführung von Krokodilen schlug fehl; eine Sendung fraß sich unterwegs selbst auf, eine zweite kam während des Winters um. Mr. Topper wurde zwar, wie gesagt, freigesprochen, aber von der botanischen Gesellschaft auf ewig damit bestraft, daß sie für krcnvkoravru gyUittilis der Pflanze dc» «fstciellen Namen „Popperonis p68tii6ru^ beilegte. Einem deutschen Aestdichter. Pfui, schäme dich in deine matte Seele, Don alberner Begcist'rung aufgebläht! Du hast im Angesicht der Nationen Dein Vaterland geschmäht. Nicht eher schien es dir der Achtung würdig, Als bis ein Deutscher Bruderblut vergoß, Bis zwischen uns und dem vcrrath'nen Oesterreich Ein blut'ger Grcnzstrom floß? Was wir an Richelieu und am vierzehnten , Französischen Ludwig Haffen, Preisest du, Weil's nun der cig'ne Bruder that am Bruder? Hannover knirscht dazu. *) Emanucl Geibel hat nämlich dem König von Preußen bei seiner Anwesenkelt ln >äbeck zum Kaffee ein Gedicht überreichen lasten, in welchem sich folgende, aller historischen Wahrheit. Hohn sprechende Stelle befindet: „Im engen Bett schlich unser Leben Vereinzelt, wie der Bach im Sand: Da hast Du, was gebrach, gegeben, Der Glauben an ein Vaterland. Das schöne Recht, uns selbst zu achten. Das uns des Auslands Hohn verschlang, Hast Du im Donner Deiner Schlachten Uns hcimgckauft, — o habe Dank!" dem Schluß: „Und sci's als letzter Wunsch gesprochen, Daß noch dereinst Dein Aug' es sieht. Wie über's Reich ununterbrochen Vom Fels zum Meer Dein Adler zieht." macht der „N. k." folgende treffende Bemerkung: „Würde der zuletzt ausgesproebcne Wunsch in Erfüllung gehen, und es dann eine bayerische Labinets - Lasse nickt mehr geben, «uS der unseres Wissens Herr Geibel noch Pension bezieht, dann hat er sich jedenfalls Anspruch darauf erworben, daß sie ihm der König von Preußen zahlt." 311 Noch hadern wir so grimmig wie nur jemals; (Wann einte wohl dir Herzen List und Raub?) ' Ob einem Trugbild nur von Einheit ziehst du Die Leier durch den Staub. Du stammst von Deutschen nicht! Ein Deutscher spräche: Soll deutsche Treu nicht länger mehr bestch'n Und Ehrlichkeit, dann soll auch deutsche Einheit Zum Teufel geh n! Im September 1868 . ^nima Lavsricg. Ein Haus aus Citronenschalen. Es ist noch nicht lange her, daß man in Paris damit angefangen, die massenhaft weggeworfenen Citronenschalen zu sammeln und auf industrielle Weise zu verwerthen. Eine Frau ist es, die damit den Anfang machte und dadurch ein bedeutendes Vermögen erwarb. Ihr Gatte war Destillateur und arbeitete für Conditoren und Parfümisteu. Seine junge Gattin sah ihn oft an der Retorte, und da sie viel Intelligenz besitzt, eignete sie sich schnell manche Kunstgriffe an und lernte auch auf die praktischeste Weise die Elemente der Chemie, so daß sie zuweilen ihren Gatten am Dcstillirkolbcn ersetzen konnte. Da starb ihr Mann plötzlich und ließ die zwanzigjährige Wittwe in bedrängter Lage zurück. Indem nun die junge Frau darüber Nachdachte, auf welche Art sie ein Stück Brod redlich verdienen könnte, fiel ihr ein, daß ihr Gatte einst, als er sie an einem Sonntag in einer Restauration mit Austern regalirte und dieselben mit dem Safte der Citronen würzte, gesagt hatte: „Ein intelligenter Mensch könnte mit den Citronenschalen, die täglich aus den Mist geworfen werden, sich ein Vermögen erwerben." Ihr Entschluß war schnell gefaßt. Sie nahm einen Korb und ging nach der Nuc Montorgcnil, einer Straße, wo die meisten Austern verspeist und folglich die meisten Citronen consumirt werden. Die Kellner der Restaurationen und Kaffeehäuser, welche jeden Morgen die junge hübsche Frau im Kehricht wühlen sahen, versprachen ihr, als sie die Ursache ihrer Morgenbcsuche erfuhren, den Borralh der Schalen sorgfältig aufzubewahren. Das gleiche Versprechen gaben ihr die Theaterkehrer in Bezug auf Orangenschalen, und nach kurzer Zeit war die tägliche Ernte so reich, daß die Wittwe mehrere Sammler und Saunn- lerinncn von Citronen- und Orangenschalen in Die-'st nehmen mußte. Kurz, ehe drei Jahre vergingen, hatte sie ein großes Atelier, wo über zwanzig Mädchen mit dem Zubereiten, Trocknen, Verpacken und Versenden der Schalen beschäftigt waren, und ein Jahr später hatte sie sich in einer der belebtesten Straßen von Paris ein großes, mehr als hundert Parteien beherbergendes Zinshaus erworben, von welchem die mit den Verhältnissen der Frau bekannten Nachbarn sagten: „sie habe sich dasselbe aus Citroncn- schalen erbaut." Gegenwärtig hat sie sich von ihrem Geschäfte zurückgezogen und lebt ausschließlich nur von dem Erträgnisse ihres Hauses und ihren Renten. Außer diesem in Paris nunmehr von Hunderten von Personen ausgeübten Gewerbe gibt es aber auch noch viele andere, oft noch geringfügiger scheinende Beschäftigungen, und nichts desto weniger fristen Tausende von Familien damit ihr Leben, ja, kommen dadurch gleich der obcngcnanntcn Frau zu Reichthum und Ansehen. Da gibt es Leute, welche dafür sorgen, daß kein .-(igarrenstunipf, kein abgenagter Knochen, keine Austerschale auf die Straße geworfen werde, ohne aufgerafft und verwendet zu werden. Einige lesen die Stauiolplättchen aus dem Kehricht auf, die als Umhüllung von Lyoncr Würsten, Brctagner Kuchen und Chokoladetafeln oder als Kappen zu Chainpagncrflaschen gedient. Sobald eine beträchtliche Mäste dieser Plättchcn aufgctricben ist, wird sie an einen Fabrikanten verkauft, der sie uinschmelzcn und malzen läßt und wieder zu den eben genannten Zwecken an den Mann bringt. Der Flaschcustöpselfang bildet ebenfalls einen nicht un- 312 beträchtlichen ErwcrbSzweig. Die Flascheustöpselfänger gehen nach dem eine Stunde unterhalb der Seine gelegenen ASniercS, wo die große Kloake der Weltstadt mündet. Ein Netz vor der Mündung dieser Kloake fängt die Stöpsel auf, die 14 Sons das Hundert, oder 7 Franks das Tausend verkauft weiden. Da diese Pfropfen mehr oder minder abgenutzt sind, oder in Folge der Schwimmparlhie, die sie gemacht, just nicht durch Reinheit glänzen, werden sie wieder frisch zugestutzt und häufigen Waschungen ausgesetzt. Wie die Stöpsel, so erleben auch die Waschschmämme in Paris ihre Metamorphosen. Wer einen Gang durch Paris macht, wird in allen Stadtlhcilen junge Mädchen sehen, die unter den Hofthüren in geflochtenen Körben Schwämme feil bieten, und zwar zu >incm spotlwohlfcilcn Preise. Woher kommt es nun, daß diese jungen Krämerincn so wohlfeil die Waare verkaufen können, die sehr hübsch aussieht und so stark nach Chlor riecht, als wäre sie eben aus dein Meeresgrunde geholt worden? Es kommt ganz einfach davon her, daß diese schwämme zuweilen „schier dreißig Jahre alt sind und manchen Sturm erlebt haben," daß sie, nachdem sie ini Dienste der Reinlichkeit sich abgenutzt, zerschnitten, sorgfältig gesäubert und geputzt worden und durch einen im Kern verborgenen feinen Bindfaden wieder die Bccherform erhalte» haben. Der unerfahrene Käufer wird durch den billigen Preis angelockt; kaum aber hat er sich einige Male bedient, so reißt der Faden und der Schwamm fallt auseinander. Der letztere Fall ist zwar nicht ehrlich, und kann daher nicht zur Nachahmung empfohlen werden. Im Ganzen aber wird dadurch bewiesen, daß keine Sache so geringfügig ist, um nicht zu irgend etwas zu dienen oder aber, sich damit auf ehrliche Weise das Dasein zu fristen. (Was ein Vogelnest werth ist.) Der Thüringische Thierschutz-Verein bringt folgende Ansprache: „Lieber Landmann! dein Junge nimmt aus Langeweile ein Vogelnest, Grasmücken-, Spazen-, Nothschwauznest oder ein anderes, gleichviel, von welchem der obengeiiaunten Vögclchcn, sei es mit Eiern oder mit Zungen aus Es sollen davon 5 im Neste sei». Jedes dieser Jungen braucht täglich im Durchschnitt etwa 50 Stück Raupen und anderes Geschmeiß zur Aezung, die ihm die alten aus der Nachbarschaft zutragen Macht täglich 250 Stück. Die Aezung däuert durchschnittlich 4—5 Wochen, wir wollen sagen 30 Tage, thut für die Aezung 7500 Stück. Jedes Stück Raupe frißt täglich sein eigenes Gewicht au Blättern und Blüthen. Gesetzt, sie braucht bis sie aus- gcfrcssen hat, auch 30 Tage, und frißt täglich nur eine Blüthe, die eine Frucht abgegeben hatte, so frißt sie in 30 Tagen 30 Dbstfrüchte in der Blüthe, und die 7500 Raupen in Compagnie 225,000 Stück solcher Blüthen. Hute dein Junge das Vogelnest in Ruhe gelassen, so hättest du und deine Nachbarn um 225.000 Stück Acpsel, Birnen, Pflaumen, Kirschen u. s. w. mehr gcerntet. Wenn jedoch die Raupe, wie sie es manchmal aus Liebhaberei thut, 10, 20, 30 Blüthen des Tages frißt, oder wenn wegen des abgefressenen Laubes die Blüthen keine Nahrung mehr haben und welk abfallen, so beziffert sich dein und deiner Nachbarn Verlust noch viel höher, du kannst dann leicht berechnen, was ein Vogelnest für einen Werth hat. „Wie, Faullcnzer, du schläfst noch und die Sonne steht schon zwei Stunden lang am Himmel," rief ein Vater seinem Siebenschläfer von einem Sohne zu. „Ach," rief der erwachende Junge, indem er sich die Augen rieb, „was kann ich dafür, wenn die Sonne aufgeht, ehe es noch Tag ist!" Frage: Wer ist der beste Clavierstimmer? Antwort: ihzstjnv miivA MÜ yv.wgy ar zu« ^uorzociM Druck, Verlag und Redaktion deS literarischen JustitutS von Dr. M. HuMer. Nr. HO. 4. Octbr. 1868. Das größte will man nicht erreichen, Man beneidet nur seines Gleichen; Der schlimmste Neidhart ist in der Welt, Der Jeden für seines Gleichen hält. Göthe. Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie. m. Die verhängnißvollen Sechstel und das Testament. Wenn Unglück auch an Unglück sich will ketten, Vertrau' auf Gatt, er wird gewiß dich r.tt.n. Der Postwagen hielt am Thore zu Berlin. Die Accis - Beamten fielen über das Gepäck der Reisenden her. „Was enthält dieser Koffer?" fragte einer von ihnen barsch. „Colonialwaaren vielleicht? Kaffee, Zucker? Denn verteufelt schwer ist er zu heben." „O nichts, nichts von dem Allen, mein Herr!" versetzte sehr höflich der Besitzer dcS Koffers, der Candidat Olcarius — „es sind blos 400 Thaler in alten Sechsteln und etwas Wäsche darin." „Was? alte Sechstel!" wiederholte der Mauthbcamtc hastig. „Aufgeschlossen! — Schnell! schnell?" Olcarius gehorchte und sah mit Erstaunen, wie seine ehemaligen Grützcsäcke mit den Sechsteln herausgenommen und auf einen Hansen geworfen wurden. „Mit Verlaub, mein Herr!" sagte er betreten, „müssen denn die Sechstel versteuert werden?" „Das nicht! aber consiscirt sind sie!" „Con — fis — cirt?" „Ja! haben Sie denn nicht die Cabinets-Ordre Sr. Majestät des Königs gelesen, welche die alten Sechstel außer Cours setzt?" „Davon ist mir kein Sterbenswort bekannt," cntgcgncte der Candidat, „aber wenn die alten Sechstel in dem preußischen Land außer Cours gesetzt sind, so will ich sie wieder mit mir nach Langcnsalza nehmen, dort haben sie noch immer ihre volle Geltung." Der Accis-Beamtc lachte höhnisch. „Bekümmern sich der Herr nur nicht weiter um die Sechstel," meinte er. „Dieselben sind durch die königliche Verfügung den verbotenen Waaren gleichgestellt worden. Sie haben sie einzuschmuggeln versucht und daher werden sie mit vollem Rechte consiscirt." Olcarius ward bleich wie der Tod. „Aber mein lieber Herr —" sprach er mit zitternder Stimme — „die Sechstel sind ja nicht mein Eigenthum, sie gehören vielmehr zweien Waisen an, die außer ihrer Unschuld nichts weiter in der Welt besitzen. Ich bin der Neffe des kürzlich hier verstorbenen Gerichts - Assessors Zang und von Obrigkeit wegen aufgefordert worden,, der Publikation des Testaments beizuwohnen. Bei dieser Gelegenheit haben mich die Inhaberinnen der fraglichen Sechstel gebeten, ihnen dafür hier Kammerscheine einzukaufen. Sie sehen hieraus, daß ich demnach für das Geld verantwortlich bin und dafür zu hasten habe." »Ha, das kann der Erbe des steinreichen Gerichts-Assessors auch recht gut," lautete 314 die Antwort. «Die lumpigen paar alten Sechstel sind jedenfalls nur eine Bagatelle gegen das, was der Herr von hier mit fortnehmen wird. Gratulire recht sehr zu der Erbschaft." Der Mauthbcamte wendete dem Candidaten den Rücken zu und sing an, die Sechstel- stücke in das Wachthaus zu schaffen. Die ferneren Vorstellungen des Reisenden beantwortete er dadurch, daß er einen in der Nähe stehenden Lastträger herbeirief und demselben auftrug, das Gepäck des Candidaten in's Gasthaus zum «goldenen Schlüssel" zu bringen. „Sie werden mir," wendete er sich hierauf an Olearius — «für diese Empfehlung gewiß Dank wissen, denn der Gasthof ist gut und nicht zu theuer." Mechanisch folgte Olearius dem rüstig voranschreitenden Gepäckträger, eine stille Verzweiflung hatte sich seiner Seele bemächtigt. Wie Berlin aussah, welche Straßen und Plätze er betrat, gewahrte er nicht. Einmal nur erhob er Augen und Hände gen Himmel, laut seufzend: ,O Welt voller Ungerechtigkeit und Bosheit!" Das Kammergcricht war versammelt. Des Candidaten Papiere, Paß und Taufschein — wurden cxaminirt; er selbst und die anderen Vorgeladenen standen crwartungs- rll da. Der Verstorbene begann, wie üblich, sein Testament im Namen des dreieinigen Gottes, welchem er seinen Geist befahl, den Leib wollte er Prunklos zwar, doch anständig zur Erde bestattet wissen, was auch bereits geschehen war. Seiner alten Wäscherin, die dem alten Hagestolzen seit langen Jahren die Wäsche besorgt hatte, vermachte er 12 Thaler, welche derselben in eben so vielen monatlichen Zahlungen verabfolgt werden sollten. Ein vicljähriger vertrauter Freund bekam ein Legat von 25 Thalern und die Charits zu Berlin als Universal-Erbe die ganze übrige Vcrlassenschast, welche allein an baarcm Gelde und ausgclichcnen Capitalien über 80,000 Thaler betrug. Die beiden Erstbcdachten machten ob der geringfügigen Erbschaft ellenlange Gesichter; die Administration der CharitS hingegen pries laut des Seligen frommen Sinn, und dem Candidaten, dessen Namen noch nicht im Testamente vorgekommen war, drohte die volle Brust zu zerspringen. „Endlich" — schloß der Erblasser in «einem Testamente — „soll dem Candidaten Gottfried Olearius in Langcnsalza der, mit seiner Adresse versehene und versiegelte Papiersack eingehändigt werden!" Der fragliche Sack wanderte aus einer Hand in die andere, bis er in diejenige des Candidaten gelangte, welcher die kleine Bürde vor Zittern kaum zu halten vermochte. „Ocffncn Sie" — gebot der Vorsitzende — „damit wir, im Falle, daß der Sack Wechselkurse oder StaatSpapicre enthielte, hinsichtlich des Erbstcmpels das Nöthige besorgen können." Das Siegel knackte unter Gottfrieds bebenden Fingern. Indem er den Sack ausschüttete, gedachte er unwillkürlich an den Sägcspähnkasten der alten Base und des darin gemachten reichen Fundes. Statt dessen aber kamen jetzt zwölf goldgerändcrtc, zierlich beschriebene Jahrwünsche zum Vorschein, welche Olearius von seinem vierzehnten Jahre bis zum lctztvcrgangencn Neujahre dem reichen Oheim gewidmet und zugesandt hatte. Eilf davon hatte der Verblichene ausgelöst mit eben so vielen Dukaten, der zwölfte dagegen war unter der Jüngerzahl gleichsam der Judas Zscharioth — denn wenigstens fühlte sich der arme Olearius jetzt wie verrathen und verkauft. Die Beisitzer des GcrichtS sahen theils betroffen sich unter einander an, theils bedauerten sie den Getäuschten, von dessen Angesicht jede Spur von Farbe gewichen war, dessen Augenpaar gebrochen und rrstarrt auf seinen nur zu wohlbekannten Schriftzügen haftete. Endlich raffte Olearius all' seinen Muth zusammen. Bevor er aber die Lippen zum Sprechen öffnete, mußte er erst durch mehrmaliges Schlucken, den ganz ausgedörrten Gaumen nässen. „Der Selige" — hob er leise und mit dem Ausdruck des tiefsten SrclcuschmerzrS sn, — „war meinrr Mutter einziger Bruder — und im Leben nie habe» wir lh» mit einem Worte beleidigt." „Lebt Ihre Frau Mutter noch?" fragte der Testaments-Vollstrecker. Olcarius schüttelte das gebeugte Haupt. „Dann ist das Testament gültig und kann in keiner Weise angefochten werden" — fuhr jener fort. „Der Herr da ist 'weder ^soenckont noch Desovnckunt von dem vusunato, und darum konnte der Letztere nach freiem Belieben mit seiner Verlassenschaft gebühren. Ueberdicß hat er dieselbe einer pin oau8a zugewendet und schon aus diese» Grunde ist das Testament rechtskräftig. Wir bedauern den Herrn, können ihm aber nicht helfen." „Lurban — wenn ich's opfere" — murmelte Olcarius mit des Heilands Worte» über die Pharisäer bitter in sich hinein. Als aber die andern Anwesenden Worte auf» richtigen Bedauerns an den Acrmsten richteten, erhob dieser etwas getrösteter das Auge gen Himmel und die gefalteten Hände mit dem wcrthlosen Vermächtnisse des Oheim» gegen die volle Brust gepreßt, sprach er in sanfter Ergebung: „Herr, dein Wille geschehe, Amen!" Dann wankte die gebeugte Gestalt aus dem Zimmer. Noch hatte OlcariuS besten Schwelle nicht überschritten, als aus den Papieren des Sackes etwas herunter fiel. Ein Aufwärter hob den dahin gerollten Gegenstand auf. Es war ein holländischer Dukaten, den jener, da der in sich versunkene Candidat auf die an ihn crgangene Aufforderung ihn nicht in Empfang nahm, demselben in die Westentasche steckte. Am Nachmittag desselben Tages stand Olcarius an dem frischen Grabe deS harte» Oheims. „Da liegt er," sprach er grollend. „Bald wird ein prächtiger Leichenstcin der Nachwelt verkünden, waS Großes und Rühmliches er der leidenden Menschheit bewiesen. Aber verschwiegen bleibt, daß der gepriesene Wohlthäter seine leibliche Schwester der bittersten Armuth preisgegeben, seinen einzigen Blutsverwandten verstoßen, enterbt — ja noch mehr, auf das Entsetzlichste verhöhnt und gemißhandelt hat Und wenn er mir nur wenigstens den zweihundcrtslcn Theil seines Reichthums vermacht hätte! Dann würde die Eharitä noch immer mehr als 80,000 Thaler erhalten haben, ich aber hätte den beiden armen Waisen die geraubten 400 Thaler wieder erstatten können." Der Schmerz übermannte ihn, und die Hände zum Himmel emporhebend, rief er aus: „O Mutter! Mutter! Auf welche Weise magst Du Deinen Bruder drüben in der Ewigkeit empfangen haben?" Nach einer stummen Pause, in der er etwas ruhiger geworden war, hob er wieder an: „Da hat mir mein wackerer Wirth den Rath ertheilt, einen Advokaten anzunehmen und mein Gesuch um Wiedcrhcrauögabc der geraubten Sechstel vor den Finanzminister zu bringen. Aber welcher Advokat wird sich eines Mittellosen annehmen wollen?" Er griff in die Westentasche und zog den Dukaten hervor, welcher aus dem letzt- geschricbencn Jahrwunsche gefallen war. „Ich wollte ihn dem Oheim in's Grab stecken" — sprach er — „wenn ich aber wüßte, daß er der Dietrich würde, um mir das Herz eines Advokaten zu erschließen, so wollte ich selbst für die kleine Gabe dem Verblichene» noch großen Dank wissen." Eist nach mehreren Tagen supplicirte Olcarius, einen Rcchtsbcistand zur Seite, vor dem mächtigen Finanzminister, und zwar der Candidat aus stumme Weise durch seine Jammergestalt, der Advokat dagegen in einer wohl überdachten Rede. Letztere beantwortete das Staats-Organ ziemlich barsch: „Will der Herr etwa" — sprach er hitzig — „das erst erlassene königliche Gesetz bereits wieder durchlöchern? Der Gerechtigkeit eine Nase drehen? Nichts damit! Die Sechstel sind und bleiben consiscirt. Dies mein erster und letzter Bescheid." Nach diesen Worten wendcle der Minister sich ab und zwang so die Bittsteller zum Rückzüge. Auf demselben begriffen, sprach der Advokat zu seinem Clienten: „Das Gewissen dieses Finanzministers ist vergriffen und abgenutzt wie einer Ihrer alten Sechstel. Ein Mittel 316 nur noch steht dem Herrn Supplicanten offen: Der brüte Weg an den König! Schlägt auch dieses fehl, so weiß ich ihm leinen Rath mehr, und hat eS dann bei dem Decima sein Bewenden." (Fortsetzung folgt.) Ueber das Erdbeben auf der Westküste von Südamerika liegen jetzt eine Menge Berichte von verschiedenen Punkten vor, die leider bestätigen, daß die ersten telegraphischen Mittheilungen nicht übertrieben waren. Das Erdbeben selbst hat sich, den vorliegenden Berichten nach zu schließen, auf Ecuador uud Peru beschränkt, allein die Zerstörungen, welche das aufgetriebene Meer verursachte, reichten bis über halb Chili, so daß man die Ausdehnung der furchtbaren Naturerscheinung von Nord nach Süd auf mindestens 46 — 48 Breitegrade veranschlagen kann. Nach Berichten aus Valparaiso vom 17. August wurde der blühende Hafenort Talcahuano am 14ten von drei Erdstößen berührt; bei dem zweiten wurde die See hoch emporgehoben und über die Stadt hinwcggetriebcn. Die Einwohner hatten sich auf die benachbarten Hügel geflüchtet, sie fanden bei ihrer Rückkehr die halbe Stadt weggeschwemmt, die andere Hälfte von den Wellen unbrauchbar gemacht. Der Schaden wird auf 300,000 Dollars angeschlagen, 4 Menschen verloren das Leben. In Toms ereignete sich dasselbe; da aber dieser Ort höher liegt, so war der Schaden nicht so groß. Auch Valparaiso erfuhr eine übcrfluthcnde See, doch ohne wesentliche Zerstörung, dagegen litt der Hafen Con- stitucion sehr, alle Schiffe wurden an und auf die Küste getrieben, die Stadt selbst blieb leidlich verschont. Schreiben aus Lima vom 22. und 28. August bestätigen die Angaben der bisher mitgetheilten Berichte, vor Allem die furchtbare Mccrfluth, die auf der ganzen Westküste von Südamerika mehr Verwüstung angerichtet hat, als das Erdbeben selbst, denn alle Hafenorte in einer Küstcnausdehnung von 1200 geographischen Meilen sind mehr oder weniger zerstört oder unbrauchbar gemacht und, wie ein Briefsteller, allerdings in übermäßiger Entmuthigung, sagt, alle Kultur, die in dreihundert Jahren geschaffen, liegt für ein halbes Jahrtausend vernichtet. Das Entsetzen über diese Katastrophe wird vor neuer Anfiedlung eine Zeit lang zurückschrecken, aber der Mensch, den die Lavaströme des Vesuv und Aetna so wenig von der Fortsetzung des Anbaues abhielten, wie die Dammbrüche an den niederländischen und friesischen Küsten, wird sein Werk nicht aufgeben, und in Jahrzehnten zu ersetzen wissen, was in seinen Anfängen Jahrhunderte erforderte. — Die Flotte der Vereinigten Staaten notirt als verloren das Magazinschiff Fredonia mit 6 Kanonen; der Näderdampfer Wateree mit 14 Kanonen und die peruanische Dampf- Corvette „Amerika" wurden aus's Land geworfen; der amerikanische Kauffahrcr Rosa Rivera, das englische Schiff Chanarcillo und die französische Barke Eduards gingen im Hafen von Arica zu Grunde. Die Stadt Arequip a (40,000 Einwohner) ist nicht mehr, Arica, der bedeutsamste Hafenort von Peru, deßgleichen. Jenes, aus Granit und Lavablöcken gebaut, fiel unter den wiederholten Erdstößen, dieses wurde von den Mcerwogen hinwcggespült, die sich zu Bergeshöhe erhoben, und auf halbe Wegstunde dann über das Land der Küste hereinbrachen. Moqucgua, Jguiquc, Sama, Locumba, Nasca, Jlo, Chala, Mcxillones, Pisagua und eine Menge kleinerer Städte, zahlreiche Dörfer, Pflanzungen und Fabriken wurden in Ruinen gelegt, so daß alles, was nicht thatsächlich niedergeworfen ist, abgebrochen werden muß, um zu neuer Wohnung und neuem Betriebe zu dienen. Verschont blieben Cuzco und Puno und alle größeren Jndianerstätten. Der Verlust an Menschenleben läßt sich noch nicht genau feststellen, doch schätzt man denselben auf der ganze» Unglücksstälte über 30,000 Personen, und den Verlust und Schaden an Eigenthum auf 300 Millionen Dollars. Die eigentliche Quelle des Erdbebens ist noch nicht ermittelt, die Bewegung desselben war von Norden nach Süden. Von Jquique liegen nach der Angabe gcflüchtetcr Augenzeugen drei Viertel in Ruinen, viele Leben gingen verloren, Hunger und Durst droht die tleberlebenden aufzureiben. Der Schaden der deutschen Firma Gildemeister und Comp. allein wird auf 300,000 Dollars ange'chlagen Das Erdbeben dauerte daselbst beinahe 5 Minuten , die See drang drei Viertel englische Meilen in's Land. A rica, das 7000 Einwohner zählte, hat kein wohnbarcs Haus mehr; so furchtbar war der Drang der hereinbrechenden Mcerfluth, daß die Kanonen der Slrandbattericn weit in's Land geworfen wurden, wo sie jetzt im Sande begraben liegen. Der Dampfer Fredouia ging mit aller Mannschaft bis auf zwei unter, die Brigg Chanarcillo verlor acht, die Barke Amerika 42 Mann, während der auf den Strand geschleuderte Dampfer Watcrce nur ein Leben zu beklagen hatte. Eisenbahnschwellen und Wagen, Maschinen, Kanonen, Karren, Hausgeräth, Kindcrzeug, Kisten und Kasten, todtes Bich und verstümmelte Körper bedecken in wilder Unordnung die Straßen. In Tacna sieht es nicht besser aus. Zu dem Erdbeben gesellte sich die Fcucrsbrunst, die verzehrte, was jenes niedergeworfen. Eine wunderbare Rettung erfuhr der Dampfer Santiago von der Pacific - Dampf- schifffahrts - Gesellschaft, der sich am 13tcn in dem Hafen von Chala befand. „Wir ankerten sicher in der Bay," schreibt der Capitän, „als wir plötzlich einen Stoß fühlten, als ob wir auf einen Felsen getrieben wären. Bestürzt kamen die Passagiere zu mir, um nach der Ursache zu fragen; da spürten wir eine neue Erschütterung, die das ganze Schiff schwanken und beben machte, als wäre es aus Gummi, Alle verloren das Gleichgewicht und sielen auf das Deck. Ich wollte unserem Agenten ein Gläschen Brandy und Wasser mischen, um ihn zu stärken, da rissen unsere Ankerketten wie Zwirnfäden, das Wasser drängte seewärts und riß uns mit sich fort. Da wir noch Dampf hatten, so suchte ich denselben zu benutzen, um die hohe See zu gewinnen; aber im nächsten Augenblicke faßte uns eine unermeßliche Woge, schleuderte uns widerstandslos nach der Küste, trug uns über eine Klippe hinweg und setzte uns in den jenseitigen Kanal. Von hier aus gelang es uns, fortzukommen. Briefe aus Guayagnil vom 26. August bestätigen, daß ein Erdbeben am 16ten die Städte Jbara, Atuntaqui, Jmantad u. s. w in Trümmer legte. An der Stelle von Cotocachi ist jetzt ein See; die Bewohner dieser Stadt, sowie die von Jbara und Oto- vale sind fast ohne Ausnahme umgekommen. Quito ist ziemlich verschont, aber die benachbarten Orte Pcrncho, Puellaro und Cachiguanjo sind fast ganz vernichtet. Man schätzt die Zahl der Umgekommenen in dieser Gegend auf 20,000. Am 19len spürte man zu Quito abermals Erdstöße in Unterbrechung von einigen Stunden. Einige schrieben sie dem Vulkan Agualongo, andere dem Cayambe zu. Zu Guayaquil bemerkte mau die Erdstöße vom 13. bis 16. August. Ueber Kindergärten. * Wir haben in der Postzeitung wie wohl öfter doch bisher vergeblich die Bitte gestellt, man möchte uns von fach- und fachkundige Hand gütigst einen einläßlichen Bericht über diese moderne Einrichtung zukommen lassen; wir gestatten uns auf diesem Wege noch einmal darum zu bitten. Wir gestehen offen, daß die Hände in denen sich diese Einrichtung bisher befunden und von denen sie ausgegangen, nicht gerade Vertrauen einflößen und es liegt am Tage, daß diese Kindergärten wenigstens dazu benützt werden können, die heranwachsende Generation noch vor der Dressur in der Anociless nclio»! in dieselben Hände zu bekommen, aber ignorirt dürfen diese Einrichtungen durchaus nicht werden und etwaigen schädlichen Tendenzen, wird gewiß nur dadurch am 318 besten entgegengewirkt, daß man gewissen Kindergärten andere entgegensetzt. Wir gestatten uns daher in Nachstehendem eine fenilletonartige Schilderung, wie sie eben durch die Blätter läuft auch hiehcr zu setzen, woraus man Prinzip und Methode einigermassen ersehen kann. Es ist ein Auszug aus einem Aufsätze, den eine berühmte Kindergärtnerin in Kiel (Frau O. S — r.) veröffentlicht hat. „ — — Wir werden in unserm ganzen Benehmen gegenüber den Kindern, so schreibt dieselbe von dem Gedanken geleitet, daß nur gute Kräfte in dem Menschen niedergelegt sind, *) in deren richtigen und harmonischen Zusammenwirken seine Bestimmung ruht; daß die in die Erscheinung tretenden Fehler und Gebrechen nur die Folge einer einseitigen Entwicklung sind. So erkenne ich in der sogenannten Ungezogenheit, dem ausgetretenen Uebcrmuth, nur einen Ucberschuß Einer Kraft; schon das Wort bezeichnet es: Uebcrmuth. Die physische Kraft ist der geistigen überwachsen; man gebe ihr eine gute Richtung und Gedanken. Zugleich rufe ich gerne eine entwickelte gute Eigenschaft in dem Kinde mir zu Hülfe auf gegen seine Fehler, vorzüglich aber den eigenen Willen indem ich das Gute lebendig in ihm mache. So gelang es mir in Kurzem, einen äußerst wilden, unbändigen Knaben, dem eine ruhige Beschäftigung oder ein geordnetes Spiel eine Unmöglichkeit schien zu bändigen. Sein treues, leicht sich färbendes Gesicht verrieth mir bald ein zu weckendes Rechts- und Ehrgefühl in ihm. Ich stellte ihn an, mir zu helfen Recht und Ordnung herzustellen, indem ich ihm zeigte, wie ihre Abwesenheit das Ganze störe; ich ließ ihn die im Garten sich verfliegenden Kinder herbeiholen, oder mit Sorge tragen, daß sie an ihren Plätzen blieben, vorzüglich durch eigenes gutes Beispiel; daß die Beschäftigungsmittcl eingehalten und gut aus- und eingepackt wurden; ich ließ ihn beim Kommen uud beim Fortgehen vorausgehen, mit dem Auftrage, als Vorbild guten Betragens zu dienen, und e.r war wahrhaft wunderbar, wie Plötzlich das ganze Wesen dieses Knaben gczügclt war. Mit wahrhafter Begeisterung hielt er sich im Zaume und diese Begeisterung übertrug er zugleich auf mich; meinen Augen lauschte er wirklich ab, was ich von ihm wünschte. Ich bin öfters gefragt worden, welcher Zauber die Kinder so rasch an mich fcßle und sie zum Gehorsam zwinge, ohne daß ich sie in Furcht und Strenge hal c? Mein unerschütterlicher Glaube an das Gute in ihnen ist es! und indem ich es ihnen zum eigenen Gefühl und zur Erscheinung bringe, werden sie mir dankbar und liebreich." „Ein einziger Knabe machte mir wirklich einen Monat Sorge: er schien wirklich Freude daran zu finden, andere Kinder zu quälen; er stach und kniff sie heimlich, wenn sie ganz ruhig und unbekümmert dasaßen. Dabei war ihm wie ein böses Gewissen in'S Gesicht geschrieben und mir ging er möglichst aus dem Wege. Natürlich konnte ich solche Uebclthatcn an andern Kindern nicht ohne Vorwürfe hingehen lassen, ich wußte aber wohl, daß diese nur die andern Kinder beschützten, aber den häßlichen Trieb in ihm nicht aufhoben, nur sein verstecktes Wesen noch begünstigten. Ich suchte mir baldigst über die Ursache seines Wesens klar zu werden. Ich bemerkte, daß er für sein Alter sehr unentwickelt, geistig ganz zurückgeblieben war; die Körperkraft hatte sich auch einseitig entwickelt und wirkte nun ohne Gemüth und ohne Verstand; die Strafen aber, die sein Wesen ihm zuzogen, hatten ihn nur Hinterlist gelehrt. Meine Aufgabe war nun, sein Gemüth zu erwärmen und Verstand in ihm zu erwecken; ich zog ihn in meine Nähe, ich heftete,mein Auge auf ihn, wenn ich etwas erklärte, wenn ich Bilder hcrumzeigte, wies ich sie ihm zuerst, ich fragte ihn zuerst bei den Bewegungsspielen, ob er mit unter den Darstellenden sein wolle; das gab ihm, der wahrscheinlich schon lange an Strafen und Zurücksetzungen gewöhnt war, den Eindruck einer Bevorzugung von meiner Seite und frischte zugleich immer seine Aufmerksamkeit an. Es währte nicht lange, daß er mich nicht mehr mied, sondern mich innigst liebte uud, indem sein Gemüth warm wurde und zugleich Interesse in ihm rege. hörten von selbst jene kleine Bosheiten auf. Sein Gesicht klärte sich förmlich auf." *) Schon mit diesem Principe werden wir uns Iisiuement nicht verständigen können. D. R. 31S »Ich hatte noch ein kleines Mädchen mit einem häßlichen Ausdruck im Gcsichtchcn; eS war der einer entschieden rohen Sinnlichkeit; dabei war sie heftig, leidenschaftlich in allen Aeußerungen und zeigte für jeden Gegenstand entweder eine ungcbändigte Neigung oder Abneigung. Auf das Essen hatte sie eine wahrhaft wilde Gier; wenn ihr das Frühstück einfiel und es wurde ihr verweigert, wollte sie sich oder ein anderes Kind beißen. Ihr Wesen war durch eine sehr lebendige und ungezügelte Phantasie veranlaßt, und es galt, diese in eine angemessene Bahn zu lenken, indem künstlerische Elemente in ihr geweckt wurden; ich fand und regte besonders Lust und Talent zum Bauen in ihr an, wie zu ähnlichen kleinen Beschäftigungen; sie wird später mit Geschick zeichnen. Vorzüglich suchte ich sie zu eigenen Erfindungen aufzumuntern, indem ich zugleich den Schönheitssinn in ihr erregte. So wurde ihre Phantasie gebildet und gefesselt, indem sie doch zugleich den Raum gewann, sich frisch auszuleben. Die Entwicklung der geordneten Produktionskraft und des ästhetischen Gefühls ist der Weg zum moralischen Menschen. Das kleine Mädchen wurde gesitteter in ihrem ganzen Wesen und auch ihre Züge gewannen einen edleren Ausdruck. Auch bei einem Knaben habe ich Rohhcit, wenn auch in anderer Form, durch künstlerische Einwirkung bezwungen. Er fand nur Vergnügen im Schreien und Toben; ich bemühte mich, auch in ihm das ästhetische Gefühl zu wecken durch Gesang, durch Bauen, symetrische Figuren u. s. w., indem ich ihn überall auf das Schöne aufmcrtsam machte, und so währte es nicht lange, daß ihm das Schreien und alles rohe Durcheinander zuwider wurde. Und zur Anregung der einen Kinder dienen die Darstellungen der andern: das von einem Kinde geleistete wirkt am lebendigsten wieder auf ein Kind. So gelingt es mir.immer mehr, bei einem sehr gedankenlosen Knaben, indem ich bei allen Beschäftigungen seine Aufmersamkcit auf die phantasiereichsten Kinder lenke, Phantasie in ihm selbst zu wecken. Zugleich litt er an Vertrauen zu sich selbst; aber das Beispiel au andern Kindern, daß sie etwas leisten können, gibt ihm mehr Muth und Willenskraft," „Es haben nur ein paar Falle stattgefunden, wo ich mit wirklicher Strenge verfahren bin. Ein noch ziemlich kleiner Knabe, energisch in seinen Formen wie in allen Bcwcg- ungcn, ging immerfort seinen eigenen Weg im Kindergarten, keine unserer Beschäftigungen rührte ihn; ich richtete aber auch keine unmittelbare Aufforderung an ihn, bis er Zeit gehabt halte sich zu gewöhnen und sein Widerstand Eigensinn wurde. Da hielt ich ihn einmal bei einer besonderen Widersetzlichkeit so lange in einer Ecke gefangen, bis er sich bereit erklärte, zu thuu was ich von ihm verlangte, was erst nach unzähligen abschlägigen Antworten geschah. Von diesem Augenblicke an hat dieser Knabe nie wieder eine Spur von Ungehorsam gezeigt; er ist der eifrigste von allen und noch dazu liebt er mich unbeschreiblich seit jener Scene. Solche Charakter gewinnt man nur, indem man sich stärker, zeigt, als sie selbst sind; aber man hüte sich, zu früh, wenn ihr Widerstand noch in ihrer ursprünglichen Natur begründet ist, mit Strenge einzuschreiten; dann wird man nie einen wohlthätigen Einfluß auf sie üben, denn sie haben den Eindruck einer Ungerechtigkeit empfangen. Ein anderer Fall, wo ich Strenge anwenden mußte, war bei einem Knaben ganz entgegengesetzter Art; es war eine entschiedene Künstlernatur, der es so schwer wird, mit ihrer reichen Phantasie sich an Gesetz und Ordnung zu knüpfen. Ich überließ ihn erst einige Zeit seinen eigenen Ideen, und cS war wirklich reizend, ihn in seiner ganzen Unmittclbarkcir anzuschauen: er nimmt gerne an Spielen Theil, die irgend eine künstlerische Form haben, aber unwillkührlich trifft er überall Abänderungen, es ist ihm gar nicht möglich, sich ganz in fremden Gedanken zu bewegen, er muß überall eigene hinzufügen, die fremden dienen ihm nur zur Unterhaltung, nur zur Anregung eigener. Hier laste ich ihn stets gewähren: doch seine Freiheit muß genau ihre Grenzen haben, da nämlich, wo den Gehorsam nicht Gedanken ersetzen, sondern Laune und Eigenwille eintritt. Äch wartete aber wohl ab, bis ich der Liebe dieses Kindes ganz sicher war, ehe ich mit Strenge gegen seine Launen einschritt: indem er mich aber liebte, war er auch von meiner Liebe noch durch die Strenge überzeugt, und so fühlte er dabei keine rauhe Hand." 320 „Ich führe die Kinder auch selbst, so weit ihre Einsicht reicht, mit ein in das Verständniß eines für das andere, ich zeige ihnen die Schwäche des einen und laste sie in ihrem Gefühle Milde mit mir üben und zeige ihnen die Kräfte anderer, und laste sie meine Ansprüche mit erkennen. Auch wehre ich ihnen nicht, wie es in Schulen gewöhnlich der Fall ist, daß eins das andere unterstütze, sondern fordere sie dazu auf; die ganze Welt besteht ja aus den Unterstützungen, die Einer dem Andern leistet; sie fordern sich aber selbst auf, auf eigenen Füßen zu stehen, und nehmen gegenseitig Antheil an ihren Leistungen. So regen sie sich zur Thätigkeit an. Indem fast alles gemeinschaftliche Angelegenheit wird, verbreitet sich über den Kindergarten immer mehr Gemüthlichkeit und sie ist größtentheils mit der Zauber, den er über die Kinder übt. Es ist wunderbar zu schauen, welche Veränderung in das freie Spiel der Kinder tritt. Im Anfang, in ihrer freien Zeit toben sie nur wüst und vereinzelt umher, jedes eigener Laune folgend; bald aber kommen Gedanken in ihre Spiele und sie vereinigen sich, sie geben den Egoismus auf, um zu einem Ganzen zu gelangen. Wie der Egoismus den Kindern überhaupt bei dieser Gemeinsamkeit verschwindet, davon habe ich schöne Beispiele erlebt, wie denn von von Tag zu Tag mehr sittliches Streben in ihnen rege wird. So gibt es auch keine Verheimlichung eines Vergehens bei uns, indem keine Furcht die Kleinen mir fern hält; sie kommen und klagen mir es gleichsam, wenn sie etwas begangen, damit ihnen das Herz wieder leicht werde, indem ich es ihnen verzeihe und ihnen Muth zu sich selbst zurückgebe, indem ich für die Zukunft an ihren guten Willen appellire. Es ist wirklich rührend, wie schon nach wenigen Tagen die Kinder mir am Morgen mit der freudigen Versicherung entgegenkommen: sie wollen gut sein. Alle Talente, alle Bildung gelten mir nirgends als Zweck, sondern als Mittel zur Sittlichkeit. Dieses Gefühl athmet auch in meinen Kindern." An Cmanuel Geibel Als Frauendicbter unbezwungen Hast du manch' schönes Li d vollbracht, Dock was zu Lübeck du Ä sungen, Das hast du nimmer ernst bedacht. Und jetzt? — dem da so hochentzückt Dein Geist ein Morgenlied ersann, Dem du die Krone aufgedrückt. Ich frage, kanntest du den Mann? Du konntest Männer einst verführen Mit dichterischem Sehnsuchtslaut lach einem Helden, heimzuführen Germania, die hohe Braut. Hast jenen Märztag du vergessen, Und Badens Boden blut'groth, Den Hohn, zu dem man sich vermesse«, , Ob eines Volkes Zorn und Noth? Und unter einem Eichenbaum, Da schlumm're leise sie und leiser Und träume einen Morgentraum, Von ihrem Heiland, Herrn und Kaiser. Was er der Freiheit zugefügt. Er, deines Reiches Auferbaucr, O sieb, wie sie geschlagen liegt Wehklagend in der tiefsten Trauer. Ha, welch' ein Traumbild! Auserwählt, Weil er als Bester sich erwiesen, Umdrängt äst' Volk ibn ungezählt Um seinen Retter zu begrüßen. Nickt weiter mehr! Es ist bewahrt, Und unvcrgcßbar ist's geblieben! Doch dir, du Dichter neuer Art Sei noch ein Dcnkspruch aufgeschrieben: Und daß die Freiheit dann errungen, Daß Haß und Knechtschaft dann entweiche, So hast prophetisch du gesungen Manch hohes Lied vom deutschen Reiche. Schon mancher Schwächling, schlecht und recht, Hat sich zum Sklaven dienst vermiet hct, Doch jener ist der schlimmste Knecht, Der seine Ketten selber schmiedet. V-r. Drus, Derlaa und Redattto» de- literarischen Jnstitnts von Dr. M. Huttler. Nr. 41 . 11. Octbr. 1868, Augsburger Die Eitclkecit ist fehlcrbaft, Sobald du niä't aus ihr Durch wahre Bildung ziehst die bcssre Eigenschaft: Unmuthiger Ordnung schöne Zier. Johannes Schrott. Leberrsschicksale eines Candidaten der Theologie. IV. Beim alten Fritz. Da steh' ich jetzt mit Beben Ein armer Candidat, Und such' bei meinem König Trost, Hülfe, Recht und Gnad'. Niedergeschlagen schritt auf tiefsandigem Pfade durch schweigsames Kiefern-Dickicht Herr Gottfried Olcarius, seinen Paß, seine Testimonia, sein Magister-Diplom und eine Bittschrift an des Königs Majestät in der weiten Rocktasche. Sein Gemüthszustand harmonirte vollkommen mit der Außenwelt um ihn her, beide freuden- und hoffnungslos. Zuweilen überholte ihn eine Hofkutsche und hüllte den einsamen Wanderer in eine erstickende Staubwolke ein, welche die schwarze Kleidung allmählig in diejenige eines Müllers umwandelte. Staub und nichts als Staub trank der trockene Mund hinein und fast noch bei lebendigem Leibe hätte Olearius zu Staub werden können, was doch sonst den Menschenkindern erst nach ihrem Ableben zu widerfahren Pflegt. Vier Meilen weit reichte die unermeßliche Streusandbüchse, welche zwischen Berlin und Potzdam liegt und immer gebeugter ward die Haltung des Candidaten, bis mit dem Ende des Waldes auch, die Landschaft urplötzlich eine andere heitere Gestalt annahm. Olearius erhob das auf die Brust gesenkte Haupt und sah das Ziel seiner Reise — Potsdam — im Thale vor sich liegen. Aber er freute sich dessen nicht; vielmehr entglitt seiner bangen Brust ein schwerer Seufzer. Dann suchte er sich unter den letzten Bäumen des Waldes einen heraus, der in mäßiger Höhe einen kurzen Abstumpf besaß. An Letzterem hing er seinen Frack auf, band das weiße Halstuch ab und — „Was will der Herr da machen?" rief plötzlich eine rauhe Männerstimme und ein Jägersmann, die Büchse über die Schulter gehangen, trat aus dem nahen Dickicht hervor. „Ist der Herr etwa gesonnen, sich aufzuhängen, so wisse man, daß hier königlicher Forst und der Selbstmord bei langwieriger Zuchthausstrafe verboten ist." „Darf ich in diesem Anputze mich wohl vor des Königs Majestät zeigen?" versetzte Olearius trübe, indem er auf den reichlichen Staub in des Halstuches Falten und auf dem Rocke deutete. „Ah so, das ist etwas Anderes," erwiderte der Jäger beschämt, seinen ungerechten Verdacht wieder gut zu machen, begann er mit seinein hölzernen Ladestock dicnslbcflisscn den aufgehängten Frack auszuklopfen. Doch verließ er den Candidaten nicht eher, als bis derselbe den Forst eine ziemliche Strecke im Rücken gelassen hatte. „Aufhängen! Selbstmord!" murmelte Olcarius dumpf vor sich hin, als er wieder allein war, und tiefes Entsetzen durchbcbte seinen Körper. „Dieser vermeinte Jägersmann — war er vielleicht ein verkleideter Teufel, der mit den zwei Worten das bereit stehende Pulverfaß in Brand zu setzen gedenkt, im Falle, daß selbst bei dem Könige mir keine Gerechtigkeit zu Theil werden sollte? Aufhängen! Selbstmord! hat je der Gedanke daran nur im Entferntesten in meiner Seele gelegen? Und nun erfüllt er dieselbe plötzlich ganz gegen meinen Willen. O, mein Herr und Gott!" er blieb stehen und faltete seine Hände; „laß mich nicht über mein Vermögen versucht werden, sondern laß die Versuchung so ein Ende gewinnen, daß ich sie ertragen kann." Gefaßter wandelte er in Potsdam ein. Die reizenden Aussichten von der Havel- brücke aus waren für ihn nicht da; sein Blick haftete lediglich auf des nahen Schlaffes Zinnen, in welchem der Mann wohnte, von welchem er die Entscheidung über sein Schicksal erwartete. Vor Friedrich den Zweiten sollte er hintreten — vor den Helden, den König, den Sieger in drei blutigen Kriegen und über halb Europa, vor ihn, den großen Geist, welchem gegenüber ganz andere Männer, als er, gezittert hatten! Aber das Glück schien den Candidaten begünstigen zu wollen. Vor dem Schlosse angelangt, sah er den Monarchen sofort, welcher seine Soldaten exercieren ließ. Es war um die Mittagsstunde. Der König wurde von einem Schwärme hoher Offiziere umringt, in deren Kreis der Candidat um keinen Preis sich gewagt hätte. Aber doch sah er auf's Neue die Wahrheit bestätigt, daß die Furcht vor einem Dinge oft das Schlimmste sei. Denn der gcfürchtete, große König sah aus, wie jeder andere Mensch, ja er ging sogar einfacher gekleidet und weniger besternt als seine Generale neben ihm. Seine Stimme hallte nicht wie Posaunenton, und nicht erzitterte die Erde unter seinen Tritten. Aber, aber die Macht, die in der kleinen Hand dieses einzelnen Menschen lag! Dieser Gedanke war es, welcher den Supplicantcn abhielt, sich dem Monarchen selbst dann zu nähern, nachdem dieser seine Soldaten entlasten und sich in den angrenzenden Lustgarten begeben hatte. Olearius, in größter Unentschloffenheit, warf seine Papiere aus einer Hand in die andere. Dies und die Leidensgcstalt des Aermsten gewahrten bald vier Offiziere, welche noch auf dem Schloßplätze zurückgeblieben waren. Bekannt ist's, daß in den damaligen Zeiten der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, der Soldatcnstand gar zu gern auf Unkosten des Priestcrstandes sich lustig machte, welcher dafür nicht ermangelte, die Spötter gehörig abzukanzeln. Wohl mochte es nicht die Nächstenliebe sein, welche die Offiziere nach des Candidaten Anliegen forschen ließ, als sie aber den Thatbestand erfahren hatten, gedachten sie mit einem Schlage zwei Fliegen zugleich zu treffen; sich einen köstlichen Spaß, dem Supplicantcn dagegen sein Recht zu verschaffen. Unter dem Vorgeben, daß der große König heute absonderlich bei gnädiger Laune sei, ermunterten die Offiziere den Candidaten, in den Garten zu treten und daselbst den König aufzusuchen. Und als Olearius zauderte, diesem Vorschlage Folge zu leisten, ergriffen zwei Herren ihn bei den Armen und führten ihn fast gewaltsam in den Garten hinein. Sie fanden den König über der Betrachtung einer Pflanze, und von einigen Gärtnern umgeben. Die Offiziere geboten Olearius, im Garten stehen zu bleiben, und daselbst den König zu erwarten, welcher ihnen den Rücken zukehrte. Hierauf kommandirten sie mit halblauter Summe den bangenden Supplicantcn: „Den Hut herunter, unter den linken Arm! Den rechten Fuß vor! Den Kopf in die Höhe! Die Briefe aus der Tasche «nd mit der rechten Hand hochgehalten! So steht!" Der arme Candidat gehorchte willenlos, obgleich er dunkel begriff, daß man seinen Spott mit ihm treibe. Aber die Furcht vor den mit Orden und Sternen besäeteu Offizieren ließ keinen Versuch der Widersetzlichkeit emporkeimen. Nachdem Olearius also, einer Vogelscheuche gleich, seine Stellung genommen, entfernten sich die Herren unter mühsam verbissenem Lachen, sich öfters umsehend, ob ihr «euer Rekrute seinen Platz auch standhaft behauptet, dieser aber sah nichts, d enn er hielt Las Auge starr in die Wolken gerichtet. 323 Mit klopfendem Herzen mochte Olcarius einige Sekunden in dieser himmelstürmende« Situation verharrt haben, als er plötzlich Tritte knistern hörte und ein Gärtner auf ihn zutrat, der vom Könige — der die lebendige Bildsäule lächelnd erblickt hatte — abgesandt worden war, um die Papiere, die der Candidat so herausfordernd nach oben hielt, i« Empfang zu nehmen. Mit denselben begab sich der Monarch in einen andern Gang des Gartens, indem der Magister festgebannt stehen blieb. Nach einer Weile kehrte der König zurück und winkte den Bittsteller zu sich heran. Als schreite er über Eier hinweg, näherte sich Olearius dem Monarchen, vor dem er in demüthigster Stellung mit angsterfüllter Seele stehen blieb. „Mein lieber Magister," sprach der König huldvoll, „man hat ihm Unrecht gethan, wie ich aus seiner Supplik ersehe. Man hätte die Säcke mit den alten Sechsteln blos versiegeln und ihm bedeuten sollen, dieselben wieder mit heim zu nehmen. Sei er aber ruhig, er soll seine Sechstel mit Interessen wieder bekommen. Was wird er denn in Berlin anfangen? Um eine Prcdigcrstclle sich bewerben oder sich mit Jnformire« beschäftigen?" Diese Worte, die wie Sphärengcsang in den Ohren des Candidateu klangen, verwirrten denselben so, daß er vor freudiger Bestürzung kaum die Fragen beantworten uud seinen tiefgefühltesten untcrthänigsten Dank stammeln konnte. Der König unterhielt sich nun noch eine Zeit lang mit ihm, fragte, wo und was er studirt habe und schloß dann mit den Worten: „Doch nun muß ich fort, denn sie warten mit dem Essen —" und ging in's Schloß hinein. Ganz überwältigt von dem Eindruck, den die Leutseligkeit und Huld des großen Monarchen auf ihn gemacht, verharrte Olcarius, nachdem der König schon längst verschwunden war, noch immer auf derselben Stelle, mit sich selbst nicht im Klaren, ob das Alles, was er so eben vernommen, Traum oder Wirklichkeit sei. Nach und nach aber kehrte sein klares Bewußtsein wieder und nun fielen ihm auch des KönigS Abschiedsworte wieder ein: sie warten mit dem Essen. Essen! Dieser Gedanke erinnerte den armen Supplicanten daran, daß er ja auch einen Magen besitze und nun schon seit 24 Stunden so gut wie nichts zu sich ge» nommen habe. Keinen Dreier mehr in der Tasche und einen Weg von vier Meilen vor sich, bis die Möglichkeit vorhanden war, wieder zu einem Imbiß zu gelangen, das war eine sehr niederschlagende Aussicht. Verlangend sah er sich nach dem Naben um, welcher ihm, wie vor Zeiten dem Propheten Elias, Brod zutragen sollte, aber es wollte keiner kommen. Ergeben in sei« Geschick zog er seinen Leibriemen ein paar Zoll enger zu und war eben im Begriff, seine müde Körpermaschine in Bewegung zu setzen, als plötzlich ganz in seiner Nähe eine Stimme laut fragte: „Wo ist der Mann, welcher mit dem Könige gesprochen?" „Hier!" meldete sich Olearius und folgte dem Kammerdiener in's Schloß nach, w» für ihn in einem Prächtigen Zimmer ein Tisch gedeckt und mit delikatesten Speisen, dcrc« Mehrzahl er nicht einmal mit Namen hätte nennen können, besetzt war. Daß er de« köstlichen Gerichten alle Ehre anthat, braucht wohl nicht erwähnt zu werden, und auch den Wein verschmähte er nicht, den ihm der Kammerdiener fleißig einschenkte, und noch fleißiger nöthigte, Bescheid zu thun. „Ach, wenn Lieschen und Agathe jetzt bei mir wären," — dachte er im Stillen — „genug hätten wir alle Drei, und sie hätten dann doch auch einmal bei einem Könige gespeist." Nachdem er sich gesättigt hatte, brachte der Kammerdiener noch einen Tellev mit Gebackenem, mit Aepfcln und Birnen. Olcarius packte die ganze Geschichte in ei« Papier und schob es in eine seiner ungeheuern Rocktaschen. Kanin war er hiemit z« Ende, so trat avch schon ein Sekretär deS Königs zu ihm, welcher ihm sein Diplom, 324 sein Sittcnzeugniß, den Paß, ein Billet an die Beamten der Mauth in Berlin und 5 Friedrichsd'or einhändigte. Dann führte er den Beschenkten vor das Schloß, wo ei» sechsspänniger Proviantwagcn hielt, und gebot dessen Führer, den Candidaten nach Berlin zu bringen, aber ja kein Trinkgeld von ihm anzunehmen. In der Hauptstadt angelangt, begab sich Olcarius sofort auf die Mauth, wo das königliche Handbillet sehr lange Gesichter hervorbrachte und die Veranlassung wurde, daß der Candidat für die confiscirten Sechstel 400 Thaler in guten vollgültigen Münzsorten ausbezahlt erhielt, für welche er sich sofort Kammerscheine erkaufte und dann am nächste» Morgen, von heißer Sehnsucht nach der Geliebten gequält, mit der Post abzureisen beschloß. Als der Magister am folgenden Tage nach seiner Rechnung im Hotel frug, erhielt er den Bescheid, es wäre schon Alles berichtigt. Wohl ahnend, wer auch da seine offene Hand im Spiele gehabt, dankte unser Candidat im Stillen Gott und dem Könige für ihre Güte und Gnade, und verließ dann eine Stadt, wo ihn im Anfang das Unglück zu vernichten gedroht, und wo nun zum Schlüsse sich doch noch Alles zu seinem Besten gelenkt hatte. (Fortsetzung folgt.) Die Spektralanalyse und ihre Anwendung auf das Sonnenlicht. Zu den kürzlich mitgetheilten Nachrichten über die Schicksale der deutschen Expedition zur Beobachtung der Sonnenfinstcrniß am 18. August fügen wir als Ergänzung hinzu, waS ein Artikel der Elberf. Ztg. über den wissenschaftlichen Zweck und das muthmaßliche Ergebniß jener Beobachtung beibringt. Der Artikel beginnt mit einer Belehrung über die sogenannte Spektralanalyse. Jedermann weiß, daß, wenn man farbloses Lichte z. B. das Tageslicht, durch ein Glasstück gehen läßt, welches gegen einander geneigt, Flächen hat, Farben sichtbar werden, und zwar die sogenannten Negenbogenfarbcn. Vermittelst eines optischen Apparats, den man Spektroskop nennt, ist es möglich, einen einfachen farblosen Lichtstrahl in eine Skala der sämmtlichen Regenbogenfarben zu zerlegen. Man gewahrt alsdann in dem Apparat einen farbigen Streif, der in derselben Reihenfolge wie der Regenbogen die Farben Roth, Orangegelb, Grün, Hellblau, Dunkelblau, Violett zeigt, und den man Spektrum nennt. Außer den Farben sehen wir aber in dem Spektroskop noch eine andere Erscheinung. Wir bemerken nämlich, daß das Spektrum von schwarzen senkrechten Linien durchbrochen ist Schon Wollaston hatte im Jahre 1802 zwei der stärksten dieser Linien beoachtet. Später zeigte Fraunhofer, daß 600 vorhanden seien; nach ihm nennt man die Linien noch jetzt die Fraunhofer'schen L inien. Mit unsern jetzigen Mitteln hat man deren bereits 3000 gezählt. Die Frauenhofcr'schen Linien gehören znr Natur des Sonnenlichtes, während sie in dem Spektrum einer andern weißen Lichtquelle nicht zu finden sind. Jeder irdische, weißglühende, feste oder flüssige Körper gibt ein Licht, welches, in einem Spektroskop zerlegt, ein sogenanntes kontinuirlicheS Spektrum zeigt, das alle Farben von Roth bis Violett ohne die geringste Unterbrechung oder Qucrlinie enthält. Anders verhalten sich dagegen die leuchtenden gasförmigen Körper, d. h. die Flammen. Läßt man z. B. in einer Alkoholflammc etwas Kochsalz verbrennen und betrachtet dann das Spektrum dieser Kochsalzflamme durch ein Spektroskop, so bemerkt man keine kontinuirliche Reihenfolge von Farben, sondern nur zwei senkrechte, dicht bei einanderliegende gelbe Linien (durch ein schwächeres Spektroskop nur eine Linie). Nimmt man statt des Kochsalzes ein anderes Salz, z. B. ein Strontiansalz, so sieht man mehrere Linien, und zwar hauptsächlich rothe und noch einige schwächere in anderen Farben. Enthält die^Strontianflamme auch noch Kochsalz, so bemerkt man außer den Linien des StrontianS auch noch an ihrer ganz bestimmten Stelle die beiden Linien des Kochsalzes. Ebenso hat jedes andere Salz, in einer Flamme verbrannt, sein bestimmtes, auS Farbenlinicn bestehendes Spektrum; so geben z. B. Kalkverbindungen verschiedene orangefarbene, grüne 325 und rothe Linien, Kupfer eine große Menge Heller Linien in allen Farben über das ganze Spektrum vertheilt. Alle diese Linien treten immer an ganz bestimmten Stellen und i« denselben Distanzen von einander auf. Sind verschiedene Salze in der Flamme, so sind auch ihre verschiedenen Spektren gleichzeitig sichtbar, und zwar jedes vollständig in seinen bestimmten, ihm ungehörigen Linien. Man sieht also leicht ein, daß man auf diese Erscheinungen ein Verfahren gründen kann, um sofort die Bestandtheile einer Verbindung angeben zu können, die fähig sind, ein solches Linienspektrum zu liefern. Dieses Verfahren, von Bunsen und Kirchhofs erfunden und von ihnen Spektral-Analyse genannt, besitzt eine außerordentliche Empfindlichkeit. Man kann dadurch noch Quantitäten eines Stoffes nachweisen, die so gering sind, daß keine chemische Analyse sie je gefunden haben würde. So läßt sich z. B. noch der fünfzchnmillionste Theil eines Lothes Kochsalz nachweisen. Wenn man etwas Kochsalz in einem Zimmer verpufft, so zeigt jede Flamme in dem Zimmer in ihrem Spektrum die charakteristischen gelben Linien. Man fand auch durch die Spektral-Analyse, daß Lithium, ein Alkali'Metall, welches man für äußerst selten hielt, fast allgemein auf der Erde verbreitet ist, wenn es auch in so kleinen Quantitäten vorkommt, daß es bisher der chemischen Untersuchung entging, z. B. in der Cigarrenasche. Ja, Bunsen entdeckte durch dieses Verfahren zwei neue Elemente, Cäsum und Rubidium, deren Dasein man vorher wegen ihres äußerst geringen Vorkommens nicht ahnte. Die Flamme gab von ihrem Dasein Kenntniß, und es gelang dann auch, sie aus Mineralwasser, und zwar aus einer sehr großen Menge desselben, in geringer Quantität darzustellen. Ebenso bat man das Thallium auf diese Weise entdeckt. Wie hängen nun diese Entdeckungen mit den Frauenhofcr'schen Linien im Sonnenspektrum zusammen? Betrachten wir das Spektrum eines mit Flammen brennenden Körpers, z. B. von Kochsalz für sich, ohne Hinzulaffung eines andern Lichts in dem Spektralapparat, so sehen wir, wie bemerkt, zwei dicke gelbe Linien. Lassen wir nun Sonnenlicht hinzutreten, so verschwinden die gelben Linien, aber genau an ihrer Stelle treten in dem gelben Theil des Sonncnspcktrums zwei Frauenhofer'sche Linien dunkler als sonst hervor. Bei den Spektren vieler anderen Salze sehen wir dieselbe Erscheinung; ihren sämmtlichen farbigen Linien entsprechen im Sonnenspektrum genau an denselben Stellen Frauenhofer'sche Linien, die, wenn beide Spektra, das der Sonne und das des betreffenden Salzes, zusammen betrachtet werden, schärfer hervortreten. Machen wir ferner folgenden Versuch: wir bringen einen irdischen festen Körper, z. B. ein Stück Kreide, in einem sogenannten Knallgasgebläse in heftiges Glühen, so erhalten wir eines der stärksten künstlich darstellbaren Lichter. Dieses Licht, durch das Prisma zerlegt, zeigt uns ein Farbenspektrum ohne Linien. Setzen wir aber diesem Lichte ehe es ins Prisma fällt, eine Flamme, in welcher Kochsalz enthalten ist, in den Weg, so können wir, genau an derselben Stelle, wo im Sonnenspektrum sich zwei dunkle Linien befinden würden, dieselben dunklen Linien an diesem vorher linienloscn Spektrum bemerken. Dasselbe geschieht, wenn wir irgend ein anderes Salz in einer Flamme dem Lichte deS Knallgasgcbläses in den Weg setzen. Wir sehen dann immer auf dem vorher linienloscn Farbenspektrum, genau an den Stellen, wo daS Spektrum der betreffenden Flamme farbige Linien zeigen würde, jetzt dunkle Linien. Und so müssen denn auch Frauenhofer'sche Linien in dem Sonnenspektrum entstanden sein. Wir stellen uns demnach die Sonne als einen weißglühenden, festen oder flüssigen Körper vor, umgeben von einer Atmosphäre, die bei der überaus hohen Temperatur der Sonne Stoffe in Gasform enthält, welche auf unserer Erde in gewöhnlichem Zustande nur fest oder flüssig vorkommen. Diese gasförmigen Körper sind glühend, also flanuncnförmig, würden also für sich auS farbigen Linien bestehende Spektra erzeugen. Hinter diesen linienartigen Spektren befindet sich aber das kontinuirliche Sonnenspektrum, und deshalb erscheinen uns die Linien nicht mehr farbig, sondern dunkel, als Frauenhofer'sche Linien. Die Stoffe also, deren Flammen uns Spektra in farbigen Linien zeigen, denen im Sonnenspektrum Frauenhofer'sche Linien ganz genau entsprechen, müssen in der Sonncn-Atmosphäre enthalte« 326 sein. Man könnte glauben, eS sei bei Vergleichung der farbigen Linien der Flammenspektra mit den Fraunhofer'schen Linien des Sonnenspektrums, bei deren großer Anzahl, manche Täuschung möglich; aber die Fraunhofer'schen Linien haben so charakteristische Stellungen zu einander, deren Distanz genau gemessen werden kann, und unterscheiden sich selbst von einander so sehr durch ihre Dicke, daß bei jener Vergleichung eine Täuschung nicht wohl möglich ist. Die große Anzahl der Linien erklärt sich daraus, daß manche Spektra aus sehr vielen Linien, z. B. das des Eisens aus 60 , zusammengesetzt sind, die mit 60 Frauen- hofer'schen Linien vollkommen korrcspondiren. Aber auch viele unbekannte Stoffe müsse» in der Sonne enthalten sein, deren Spektra wir nicht kennen. Es steht fest, daß Eisen, Zink, Kupfer, Barium, Natrium, Magnesium, Calcium und mehrere andere in der Sonne enthalten sind. Andere Körper, wie Silicium, Lithium, Arsen, Strontium, Antimon, Blei, Zinn, Gold, Silber, sind nicht darin enthalten. So wahrscheinlich nun aber auch diese ganze von Kirchhofs aufgestellte Theorie war, so blieb sie dennoch bisher nur Hypothese. Denn zur Feststellung naturwissenschaftlicher Wahrheiten gehört der direkte Beweis durch das Experiment. Ein solcher konnte nur dann geliefert werden, wenn eS mögljch wurde, das Licht der Sonncn-Almosphäre ohne Hinzutritt des Lichtes des festen Sonnenkörpers zu beobachten, und deshalb wartete man mit Sehnsucht auf die totale Sonncnsinsterniß vom 18 . August d. I. Bei einer totalen Verfinsterung der Sonne ist die Sonnenscheibe ganz bedeckt und nur die nächste Umgebung derselben dem Auge sichtbar. Liefert diese oder auch nur ein Theil derselben ein aus hellen Linien bestehendes Spektrum, so hörte die Anschauung von Kirchhofs auf, bloße Hypothese zu fein. Hr. Herschel hat nun telc- graphirt daß er wirklich helle Linien in dem Spektrum einer Protuberanz (einer glühenden Hervorragung) beobachtet und somit den direkten Beweis erhalten hat, daß wenigstens die Protubcranzen gasförmig und in ihren Bestandtheilen bestimmbare Körper sind. Bestätigt sich Dieß, so ist damit einer der größten Fortschritte auf dem Gebiete der Naturwisscn- schaft gemacht worden. Die öffentliche Meinung. Ich bin der mächtigste Regent Auf weitem Erdenrunde. Denn Alles ist mir Unterthan Und hängt an meinem Munde. Ich bin auch Papst, unfehlbar ist, WaS ich der Welt verkünde. An mir zu Intel», mich zu schmäh'n Gilt für die größte Sünde; Mein Urtheil gilt als Richterspruch Dem Thoren wie dem Weisen; Auf mich beruft sich Jeder, der Zu schwach ist zum Beweisen. Ich bin Gott selbst, um meine Gunst Sich Könige bemühen, Anbetend liegt die ganze Welt Stets vor mir auf den Knieen. Doch merk'S, ich bin auch ein Tyrann, Und knechte streng die Geister, Ich dulde keinen Widerspruch, Auch nicht vom größten Meister. Und Millionen Häupter sich Vor mir respektvoll senken. Die willig meine Sklaven sind. Nicht fähig, selbst zu denken. Valentin Niedel. (Die Trappisten als Opernsänger.) Der „Salut Public" von Lyo» berichtet einen unmuthigen Zug klösterlichen Stilllebens. Unter einer größeren Reise- Gesellschaft, welche eines Tages die Gastfreundschaft der Grande-Chartreuse in den weiten Räumen deS Kloster - Refectoriums in Anspruch nahm, befand sich auch der Baritonist Meric von der großen Oper. Leider regnete es in Strömen, und man braucht, wie Manche es erfahren haben, noch kein Feinschmecker zu sein, um den Küchenzettel von La Trapp etwas mager zu finden. Um die solchen Umständen angemessene Stimmung in etwas zu heben, machte man dem Gesangskünstler den Vorschlag, etwas zum Besten z« 327 geben. Derselbe war wohl damit einverstanden, doch forderte eS der Anstand, die Zu» stimmung der Gastfreunde zu erhalten. Hr. Meric wandte sich an den Pater Speise- meister, der die Verantwortung ablehnte. Man appellirte an den Pater Provincial mit gleichem Erfolg. Vom Pater Provincial abgewiesen, ließ sich Hr. Meric zum Pater Coadjutvr führen, doch auch da fanden seine Bitten taube Ohren. Es blieb nur noch die höchste Instanz, der Pater General übrig. Nun wohlan, sagte Meric, so führe man mich zum Pater General. Dieser vernahm das sonderbare Begehren mit lächelnder Miene. „Sie sind also Opernsänger," erwiederte er ihm. „Ja, Ew. Hochwürden." „Auch wir sind hier Opernsänger. Opera heißt die Werke. Alle Nächte von 12 bis 3 Uhr versammeln wir uns im Chor, um die Opera Gottes zu singen, d. h. die Werke seiner Größe und seiner Barmherzigkeit. Wir haben auch unser Orchester: der Wind, der im Walde stürmt, das Brausen des Stromes, den Donner der Lawinen. Auch an Zuhörern fehlt es nicht, es sind die Engel, die unser Gebet zum Throne Gottes empor- tragen. Gehen Sie, mein Sohn, singen Sie nur zu, ich gestatte es Ihnen, ich kenne keinen Punkt unserer Regel, der es verböte." (Das niesende Standbild.) Von dem kürzlich in einem Irrenhause verstorbenen Schauspieler Dotter, der sowohl in Wiener und Berliner Thcatcrkreisen, als auch in Stuttgart sehr bekannt war und Reminiszenzen aus seinem Leben meisterhaft zu erzählen wußte, erzählt man sich einen ergötzlichen Schabernack, den er einem Collegen spielte, in nachfolgender Weise: Er war mit einem gegenwärtig in Magdeburg als Weinhändler lebenden ehemaligen Bassisten engagirt, und eines Abends spielte dieser den Komthur im „Don Juan." Nun ist aber der genannte Bassist ein leidenschaftlicher Schimpfer, und aus diese Leidenschaft hatte Dotter einen schwarzen Plan gebaut In der Kirchhofsscene, wo der Komthur, hoch zu Roß, den Marschallsslab in der Hand als „steinernes Gebilde" erscheint, kam der Plan zur Ausführung. Dotter, eine Dose mit Nieswurz in der Hand, stellte sich da auf, wo sein Kunstcollege vorüber mußte, um sein steinernes Roß zu besteigen; als Letzterer nun den mit größtem Behagen eine Prise zur Nase führenden Dotter erblickte, griff er ebenfalls in dessen Dose, versorgte seine Nase reichlich und nahm dann seinen Platz ein. Jetzt erscheint Lcporello, wendet sich mit seiner Einladung an das Steinbild, stutzt aber nicht wenig, als er im krampfhaft verzerrten Gesichte dessen Kampf mit den Wirkungen der Nieswurz wahrnimmt. Der Reiz wird immer größer, die Anstrengungen, einen Ausbruch zurückzuhalten, immer verzweifelter, endlich aber ist die Wirkung des Reizmittels so überwältigend, daß das Steinbild zum anfänglichen Erstaunen, späteren hohen Gaudium des Publikums in ein ununterbrochenes „Hatschis! Hatschi!" ausbricht. Der Vorhang muß unter unauslöschlichem Gelächter der Zuschauer fallen. Der Director versucht umsonst den wüthenden Komthur wegen des Vorfalles zur Rede zu stellen; einzelne Flüche, von fortwährenden „Hatschis" unterbrochen, sind die ganze Antwort, die er erhält. Inzwischen hat Dotter den Inhalt seiner Dose fortgcfchüttet und mit unschuldigem Tabak vertauscht, der denn auch, auf die Anklage des wüthenden Bassisten von der Direction und Sachverständigen untersucht, als unfähig, ein solches Niesen zu erzeugen, befunden wird. Erst lange Zeit später hat Dotter diesen von ihm gern erzählten Streich seinem Collcgcn offenbart und dessen Verzeihung erhalten. Dieser gerieth aber noch nach Jahren in Wuth, wenn ihm ein College „Helf Gott!" zurief. (Heidelberg. — Geld herbei!) Ein unglücklicher Vater, welcher seinem in Heidelberg studierenden Sohne nie genug Geld schicken konnte, fand es schließlich begreiflich, daß Heidelberg ein theures Pflaster sei, da, die Buchstaben versetzt, Heidelberg nicht» Anderes heißt, als: „Geld herbei!' 328 (Wetterpropheten.) Billiger, wie alle künstlichen Wetteranzeigcr, gibt der Blutegel einen trefflichen Barometer ab, wie dies Jedermann prüfen kann. Man wirst einen oder mehrere dieser Thiere in eine gläserne mit Wasser gefüllte Flasche und wird finden, daß der Egel bei Veränderung der Atmossphärc seine Lage verändert. Bei heilerem, schönen Wetter bleibt er auf dem Boden der Flasche ohne Bewegung und in einer Schncckenlinic gekrümmt liegen. Wenn es regnen will, steigt er einige Stunden vorher bis zur Oberfläche des Wassers in die Höhe und bleibt daselbst so lange liegen, bis sich das Wetter anläßt, wieder schön zu werden. Wenn es windig werden will, durchläuft er das Gefäß mit großer Geschwindigkeit und hört nicht eher auf, bis der Wind zu wehen angefangen hat. — Wenn ein Donnerwetter einfallen will, so befindet sich der Blutegel mehrere Tage hindurch beständig außer dem Wasser, ist unruhig, und erleidet heftige Convulsionen und Zuckungen. Den Winter hindurch bleibt er beständig auf dem Grunde der Flasche in einer Schneckcnlinie gekrümmt. Bei Regen und Schnee nimmt er seinen Sitz an der Mündung der Flasche. — Diesen nur der Wettcranzcige wegen eingesperrten Egeln darf man im Sommer wöchentlich nur einmal frisches Wasser geben. Im Winter bedürfen sie alle 14 Tage einer Veränderung des Wassers. (Zur Geschichte der Wurst.) Schon bei den alten Griechen nnd Römern ist die Wurst eine beliebte Speise gewesen. Aus der griechischen Benennung der Wurst, welches Wort an nllium, Knoblauch, erinnert, scheint hervorzugehen, daß die Alten Knoblauchwürste fabricirt haben. Auch bei den Römern erzählt Martial und Seneca vom I><>l»Iiii'iii8 oder Wursthändlcr. Die Blutwurst scheint zuerst zur Zeit des morgen- ländischen Kaisers Leo IV. (886 — 911) das Licht der Welt erblickt zu haben. Genannter Kaiser eriuß nämlich gegen dieses harmlose Fabrikat folgenden, wahrhaft blutmürstigen Erlaß: „Wir haben in Erfahrung gebracht, daß die Menschen geradezu so toll geworden sind, theils des Gewinnes, theils der Leckerei wegen, Blut in eßbare Speisen zu verwandeln! Es ist uns zu Ohren gekommen, daß man Blut in Eingeweide, wie in Säcke, einpackt, und so als ein gewöhnliches Gericht dem Magen zuschickt. Wir können nicht länger ausstehen und zugeben, daß die Ehre unseres Staates durch eine so frevelhafte Erfindung blos aus Schlemmerei sreßlnstigcr Menschen geschändet werde. Wer Blut zur Speise umschafft, er mag nun dergleichen kaufen oder verkaufen, der werde hart gegeißelt und zum Zeichen der Ehrlosigkeit bis auf die Haut geschoren. Auch die Obrigkeit der Städte sind wir nicht gesonnen, frei ausgehen zu lassen; denn hätten sie ihr Amt mit mehr Wachsamkeit geführt, so wäre eine solche Unthat nie begangen worden. Sie sollen (jetzt kommt die Moral) ihre Nachlässigkeit mit 10 Pfund Goldes büßen." — Da noch heute die Blutwurst nicht ausgcstorben ist, scheint doch dieses furchtbare Edikt den allcrunterthänigsten Unterthanen sehr — „Wurscht" gewesen zu sein! Charade. (Dreisilbig.) Durchsichtig sind die Ersten, wie das Zweite, Und dennoch von einander so verschieden; Die beiden Ersten biet' ich dir im Zweiten, Als Labsal sind sie uns von Gott bcschiedcn. Doch wenn das Zweite leichten Schaden nahm. Das dir wohl gar von lieben Händen kam, So magst du ohne Zaudern und Verweilen, Ihn mit dem Ganzen wieder sorglich heilen. Auflösung der Charade in Nr. 38: „Saumseligkeit." Druck, »«lau »üb Rebalttoa be« Itterarischeu Institut« von vr. M. Huttl». Nr. 4S 18. Octbr. 1868, Augsbrrrger Mnn schilt dich rechts, man schilt dich links — So bleibe in der Mitten. Der bat nicht recht geschafft, gekämpst. Der nicht auch was gelitten. Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie. v. Ein Schmerz für's ganze Leben. Weh! weh! daß ich es sehen muß Du blickst so scheu! Verlegen machet dich mein Gruß, Du brächest die Treu? — Wer den Zustand eines Liebenden kennt, wird begreifen, mit welcher Sehnsucht und Ungeduld Olearius das Ziel seiner Reise, Langensalza, herbeiwünschte, auch dieser Wunsch erfüllte sich endlich und Olearius eilte mit schnellen Füßen dem Hause zu, wo sein theuerstes Erdengut weilte. Wie freudig gedachte er Lieschen zu überraschen! Wie freudig von ihr empfangen zu werden! Was hatte er für Sie und Agathen erduldet, gelitten, gewagt! Mußte sein Lohn nicht desto süßer werden? Die Linke in der Rocktasche, bei den Kammerscheinen und seinem eigenen kleinen Schatze, sowie zwei Paar goldenen Ohrringen, die er für die Mädchen in Berlin gekauft hatte, klinkte er die Stubenthüre des Parterres leise auf. Ha! da saß Lieschen am gewohnten Platze und liebreizender als je. Mit etwas größerem Feuer, als es einem ehrsamen Theologen eigentlich geziemte, stürzte Olearius auf die Jungfrau zu, umfing das höcklich betroffene Kind und wollte einen Kuß auf den rosigen Mund drücken. Allein Lieschen wendete rasch das Köpfchen bei Seite, streckte wie abwehrend die Hände aus und sprach erröthcnd und verlegen zugleich: „Ach, Herr Magister, wie haben Sie mich erschreckt!" Ueber diesen mehr als kühlen Empfang bestürzt, starrte Olearius seine Braut sprachlos an und gewahrte jetzt, wie zwei große goldene Ohrreifen mit köstlichen Perlen in deren Ohren funkelten, wie die Trauerkleider bald einer anlockenden, Putzreichen Kleidung Platz gemacht hatten. Eben öffnete er den Mund, nach der Ursache dieser unverhofften Verwandlung zu fragen, als die Thüre hastig aufgerissen wurde und durch dieselbe ein bildschöner Mann mit klirrenden Sporen hcrcineiltc, und ohne den Candidaten im Mindesten zu beachten, Lieschen umarmte Diese zwar wiederholte die vorige Pantomime des Sträubens, erröthete noch höher als vorhin, und begleitete ihre Abwehr mit den Worten: „Pfui doch, Herr Lieutenant!" Ein Menschenkenner jedoch würde den wahren Sinn dieser Rede, laut ihrer keineswegs unwilligen Betonung, also übersetzt haben: „Aber, liebster Lieutenant, nimm dich doch ein Bischen in Acht, siehst du denn nicht, daß noch ein unberufener Dritter uns beobachtet?" Wirklich verstand auch der Lieutenant den Wink sofort. Einen grimmigen Blick auf den versteinert dastehenden Störenfried werfend, hob er spöttisch zu Lieschen an: „Sage mir doch, mein süßes Lieb, was Du mit diesem Menschen hier anfangen willst?" Und abermals zwang Lieschen ihre Stirn in finstere Falten, und wiederholte: 330 „Pfui doch, gnädiger Herr! Es ist ja unser Hausgenosse, Herr Magister Olearius, der meiner Schwester Agathe in der Woche einigemal Unterricht ertheilt." „O er soll heute, morgen, die ganze Woche Ferien haben!" — lachte der Lieutenant — «gewiß wird er mir Dank dafür wissen." Diese Worte waren begleitet von einer Bewegung mit der Hand, welche den Can- didaten gehen hieß. Dieser aber schien plötzlich in eine Bildsäule verwandelt worden zu sein. Unbeweglich, mit dem Ausdrucke des tiefsten Entsetzens, starrte sein Auge auf Lieschen hin, welche, unfähig den Blick zu ertragen, sich auf ihre Arbeit niederbückte. „Hat der Herr mich verstanden?" fragte der Lieutenant ernst und trat auf die schwarze Bildsäule zu — „oder soll ich noch deutlicher reden?" Er zeigte auf die Thüre. Und vernichtet schlich Olearius durch dieselbe davon. Wohl war es ein gewaltiger Schreck gewesen, als die Mauthbeamtcn die Sechstel- säcke in Beschlag genommen hatten. Wohl hatte ein tiefes Weh des Magisters Brust durchschnitten, als er vom Oheim sich enterbt und verhöhnt gesehen. Wohl hatte sein Herz in tausend Aengsten gepocht, als er in Potsdam die Bittschrift emporgehalten. Was war aber dies Alles gegen den namenlos unsäglichen Schmerz, der jetzt in seinem Innern wüthete, als er sich von der Heißgeliebten, für welche er freudig sein Leben hingegeben hätte, verleugnet sah? Das Herz drohte ihm unter den gewaltsamen Schlägen zu zerspringen. Vernichtet, fast von Sinnen, wankte er hinauf in sein stilles Kämmerlein. Zerschmettert sank er in seinen alten Lehnstuhl, sein Haupt, sein armes müdes Haupt barg er in die Hände, und nur der eine Gedanke stieg wie ein flehender Seufzer zum Himmel empor: „O Mutter, Mutter, nimm dein armes Kind zu dir!" Plötzlich fiel ein heißer Tropfen in seinen Nacken. Mechanisch wendete sich sein Antlitz um und Agathe, seine Schülerin, barg weinend das Ihrige an dem Seinen. Und sie weinte immer lauter und schmerzlicher ob der Schwester, der Verblendeten. Und ihre Thränen wirkten wie milder Thau auf die gebrochene Seele des Candidatcn, und die heißen Tropfen schmolzen die starre Rinde, die sein Herz umfangen gehalten. Unaufhaltsam brachen Ströme aus seinen brennenden Augen, erst bitter und schmerzlich, nach und nach aber lindernd und beruhigend. «Hier, Agathe," sprach Olearius, nachdem er sich wieder etwas gefaßt hatte, seine Taschen leerend — „hier hast Du, was ich Euch Beiden zugedacht. Diese verfaulten Kirschen — diese teigig gewordenen Birnen von der königlichen Tafel — wollten sie mir nicht voraus deuten, daß all' meine freudigen Hoffnungen gleich wie sie verderben würden? Da, nimm diese Kammerscheine! Die Häifte gehört Dir — hebe sie sorgfältig auf — Du wirst ihrer einst gar sehr bedürfen, wenn Deine Schwester aus ihrem Rosen- traume schrecklich erwacht sein wird. Aber sage mir, wer ist die buntschillernde Schlange, die sich zwischen mir und Lieschen eingcschlichen hat?" „Er ist ein preußischer Werbe-Offizier" — berichtete Agathe — „heißt Herr von Rosenthal und kam bald nach Ihrer Abreise hier an, wo er sich sofort an meine leichtgläubige Schwester andrängte, und ihr nun alle möglichen Luftschlösser vormacht, die eines Tages gewiß in ein elendes Nichts zerfließen werden. Ach, wie sehr habe ich sie schon gebeten, von dem schlechten Menschen abzulassen, der ein Spieler von Profession ist und schon viele Mädchen unglücklich gemacht haben soll. Aber tauben Ohren nur habe ich immer gepredigt. Lieschen ist verblendet und taumelt mit offenen Augen freudig in ihr Verderben." „Ja, ja," sagte Olearius gedankenvoll, „sie gleicht der Mücke, die Tausende ihrer Schwestern von den verzehrenden Flammen des Lichtes verbrannt und in Todeszuckungen liegen sieht, und sich nichts desto weniger in das verderbende Element hineinstürzt. Flehen wir zu Gott, daß er seine Engel sende, sie zu behüten, sonst ist sie rettungslos verloren." Nachdem Agathe ihren Lehrer wieder verlassen hatte, und der Abend mit seinem traurigen Dunkel hereingebrochen war, begann der Kampf von Neuem. Olearius ranz mit sich selbst, unterlag, weinte, betete, rang abermals, um immer wieder zu unterliegen. Lieschen wollte sich nicht aus seinem Herzen reißen lasten, obgleich sie dasselbe gebrochen hatte. Erst nachdem er in einem langen Briefe an Lieschen sein Herz ausgeschüttet, wurde er etwas ruhiger. Mit sanften, eindringlichen Worten hatte er sie auf all' die Gefahren aufmerksam gemacht, denen sie durch die vertraute Bekanntschaft entgegen gehe. Von seiner Neigung und seinen Hoffnungen schweigend, hatte er blos ihr Wohl in's Auge gefaßt und in diesem Sinne als bloßer Freund ermähnt und gewarnt. Dieses Schreiben ließ er am andern Morgen Lieschen durch ihre Schwester zukommen, mußte aber mit tiefem Schmerze erfahren, wie auch dieser wohlgemeinte Schritt keine Wirkung auf die Bethörte hervorbrachte, welche geflissentlich jedem Zusammentreffen mit ihrem vorigen Bräutigam auswich. Von nun an ward diesem das Haus, in welchem der Lieutenant mehr als in dem seinigen war, zur Hölle, welche er daher am frühen Morgen floh und die er erst am Spätabends wieder betrat. Agathe litt doppelt; sie trauerte über die Verblendung ihrer Schwester, wie über das Dahinsiechen ihres thenren Lehrers, der sich aufzureiben drohte. (Fortsetzung folgt.) Ueber die Zucht des japauesischen Seidenspinners (Domdvx-Xams-ms^u.) (Bamberg.) Wie allgemein bekannt, ist der Maulbeerspinner (komb^x mari) seit mehreren Jahren von einer Seuche heimgesucht, die abwechslungsweise mehr oder minder verheerend auftritt und das Ergebniß der Seidenzucht in neuerer Zeit sehr bedeutend beeinträchtigt. Die eigentliche Ursache dieser Krankheit konnte ungeachtet aller Bemühungen bis jetzt nicht ermittelt werden. Sie wurde theils in der Beschaffenheit des FuttcrS, theils in der Behandlung der Raupen, dann in dem ungeeigneten Zustande der Lokalitäten gesucht, welche zur Raupenzucht benutzt worden sind. Allein vielfache Erfahrungen haben gelehrt, daß keine der angeführten Ursachen der ausschließliche Grund der Raupcnseuche sein kann, weil bei anscheinend ganz gleichen Verhältnissen an einem Orte die Seuche geherrscht hat, während ein anderer Ort davon verschont geblieben ist. Der äußerst betrübende Einfluß, welchen diese Krankheit auf den Seidenbau ausübte, hat nun die Veranlassung gegeben, daß seit einigen Jahren auch mit anderen Seidenspinnern Zuchtversuche angestellt wurden. Unter diesen befand sich namentlich auch der Uomd^x-Vamu-mayu oder Vama-mni, welcher auf Eichen lebt und in Japan bereits seit längerer Zeit zur Seidengewinnung kultivirt wird. Von diesem Seidenspinner gelangten im Jahr 1861 nach Frankreich, im I. 1863 nach Holland und im I. 1864 nach Preußen und Oesterreich Eier aus Japan, mit denen an mehreren Orten Zuchtversuche mit theilweise glänzendem Erfolge angestellt wurden. Im I. 1865 gelang es dem Pros. Dr. Hoffmann (einem geb. Bayern) in Leyden, eine ansehnliche Quantität frischer Eier des Xama-ma^u direkt aus Japan zu erhalten, welche an verschiedene Interessenten in den Niederlanden und in Deutschland vertheilt wurden, und von denen durch Vermittlung des Naturalienkabinet-Jnspektors und Lyceal-Profestors I)r. Haupt in Bamberg auch eine Partie hieher kam. Auf Veranlassung eines von demselben im Gartenbau-Verein Bamberg gehaltenen Vortrages wurden noch im nämlichen Jahre Zuchtversuche angestellt, und ein Züchter hatte das Glück, seine Be- rnühungen von so günstigem Erfolge begleitet zu sehen, daß der im I. 1865 empfangene japanesische Same sich bereits in der vierten Generation fortpflanzte und die schönsten und kräftigsten Exemplare an Raupen und Cocons lieferte. Auf diese glücklichen Zuchtversuche in Bamberg ist bereits im Kreisamtsblatt für Obcrfrankcn Nr. 55 vom 27. Juni 1868 durch das landwirthschaftliche Kreiskomits, sowie in mehreren naturwissenschaftlichen Zeitschriften (u. a. im „Zoologischen Garten", Frankfurt Jahrg. 1867, Heft 12, S. 481; in der „HstlsoIirM voor LntomoioAie v. I. IX. 1866; im „Lotos", Prag 1367, 332 S. 179; in der „Gaea", Köln und Leipzig LL68, 4. Heft; im „Jahresberichte des Mannheimer Vereins für Naturkunde" 1868; in den Mittheilungen der Bernischen natur- forschcndcn Gesellschaft 1868; in den „Verhandlungen der k. k. zoologischen Gesellschaft zu Wien" 1867; in den „Mittheilungen der k. k. Mährisch-Schlesischen Gesellschaft zur Beförderung des Ackerbaues, der Natur- und Länderkunde in Brunn" 1867, S. 368 u. s. w.) hingewiesen worden. Nach diesem Erfolge kann es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß sich der japanesische Eichenspinner Hmu-mazm auch in Europa und namentlich in Deutschland vollkommen akklimatisiren und mit dem günstigsten Resultate züchten lasse- Wenn nun erwogen wird, welche große Summe Geldes für Seide aus dem ZollvcreinS- gcbiete in's Ausland geht, und wenn man in Betracht zieht, in welcher Kraft und Fülle das Futter bei uns vorhanden ist, welches dem 1'umu-mazm zur Nahrung dient, so liegt hierin gewiß die dringendste Aufforderung, der Zucht dieses Seidenspinners allen möglichen Vorschub zu leisten und dessen Verbreitung mit allen Mitteln um so mehr anzustreben, als dieselbe von einem unberechenbaren volkswirthschaftlichcn Nutzen sein würde; denn durch das Urtheil von compctentcn Sachverständigen ist bereits erwiesen, daß die iu Bamberg gezogenen Cocons des luma-mazm sehr seidenreich sind und eine Seide*) enthalten, welche dem Gespinnste des Ikomllvx mori an Glanz, Weichheit, Elasticität und Festigkeit durchaus nicht nachsteht und dasselbe in der Stärke sogar übertrifft, indem zum Abhaspeln der Seide des Uma-ma^u 2 Cocons genügen, während bei dem Maulbecrspinner drei Cocons genommen werden müssen. Behufs allmählicher Ausbreitung der Zucht des Eichenspinncrs wäre vor allem nöthig, auf Erzeugung einer möglichst großen Anzahl von Eiern Bedacht zu nehmen. Zu diesem Zwecke sollten namentlich von Seite der Seidenbau-, landwirthschaftlichen und industriellen Vereine Eier in größeren Quantitäten acquirirt und je nach dem Umfange der Räumlichkeiten, welche zu den Zuchtversuchen benützt werden könnten, in größeren oder kleineren Partien an die Mitglieder, welche zu den Zuchtversuchen sich bereit erklären oder an sonstige Zuchtlicbhaber vertheilt werden. Sodann müßten solche Zuchtlicbhaber, welchen bereits günstige Erfolge zur Seite stehen und von denen daher eine gründliche Beobachtung und sichere Behandlung mit Grund erwartet werden kann, veranlaßt und in den Stand gesetzt werden, mehrfache Zuchtversuche in größerem Maßstabe zu unternehmen, um nicht bloß das Einfachste und zuverlässigste Verfahren für die Binnenzucht zu ermitteln und zu erproben, sondern auch die Bedingungen festzustellen unter welchen die Freizucht sicher durchzuführen ist. Wir möchten hiermit nicht blos die gedachten Vereine und sonstige Interessenten, sondern auch die Regierungen auf einen Gegenstand aufmerksam gemacht haben, welcher in unserer au Noth nicht minder als an Luxus reichen Zeit besonders bcachtenswerth scheint, und verweisen deshalb Alle, welche sich über die Natur und Behandlung des Eichenspinncrs näher unterrichten wollen, auf die jüngst erschienene Schrift des oben erwähnten erprobten Züchters. Inhalts derselben können Eier bester Qualität von akklimatistrtcn Raupen im Preise von 4 Gulden zu 100 Stück durch den Gartenbauverein in Bamberg bezogen werden. Das Südamerikanische Erdbeben l Neuerer Bericht aus New-Dork.) Das schreckliche Erdbeben in Süd-Amerika scheint sich von Fort Conception an der südlichen Küste von Chili bis nach Quito, der Hauptstadt Ecuadors, welche direkt unter dem Acquator liegt, erstreckt zu haben. Man schätzt die Länge der Küste, welche von dem Erdbeben heimgesucht worden war, auf ungefähr 2000 Meilen. Es ist noch nicht bekannt, wie weit sich die Erderschüttcrungen in's Innere des Landes erstrecken, man nimmt aber an, daß dieselben bis an den Fuß der Cordilleren reichten. Peru, Ecuador *) Der Bamberger Gartenbauverein hatte bei der Weltausstellung zu Paris Proben hievou ausgestellt, welche die vollste Anerkennung von Sachverständigen fanden. 333 und Chili scheinen, so weit man erfahren hat, am meisten durch die Katastrophe gelitten zu haben. Von Bolivia und der Argentinischen Republik sind noch keine Nachrichten eingelaufen und Seeleute, welche in Peruvianischen Häfen eingelaufen sind, berichten von ungeheuren unterseeischen Wallungen, von welchen ihre Schiffe auf hoher See umhergc- schleudert wurden. In der Nacht vom 12. August hörten die Bewohner von Talcahuano ein unheimliches Acchzen, vom Süden herkommend. Die Erde zitterte ein wenig, aber bald war Alles wieder ruhig. Der nächste Tag verging, ohne daß ein weiteres Zittern verspürt oder Acchzen vernommen wurde. Früh am Abend des 14ten wiederholten sich die Erscheinungen vom vorherigen Tag und hörten wieder auf wie vorher. Endlich um neun Uhr Abends erhob sich das Getöse von Neuem und nahm aber jetzt einen viel strengeren Charakter an. Das Acchzen vom vorhergehenden Tag war nun zu einem donnerähnlichen Rollen angewachsen, welches im Innern der Erde sich von Süden nach Norden hin zu ziehen schien. In diesem Augenblick erschütterte ein Erdstoß die Gebäude, daß Holz- und Mauer- werk herabstürzten und die Bewohner schreiend und klagend auf die Straßen liefen. Während sich die ganze Einwohnerschaft in die Vorstädte flüchtete, und den Bergen zulief, trat die See durch das sich hebende Land getrieben zurück, und stand für einen Augenblick wie eine Waflermauer in die Höhe, um in der nächsten Sekunde zurückzukehren und das Land mit seinen Fluthen zu überschwemmen. Die halbe Stadt wurde hinweggerisscn und die andere Hälfte fast unbewohnbar gemacht. Vier Menschenleben waren dabei zu beklagen, und für 300,000 fl. Werth-Eigenthum wurde zerstört. Tome, eine andere Stadt, wurde auf ähnliche Weise heimgesucht, aber wahrscheinlich ihrer höheren Lage wegen nicht so stark beschädigt, wie Talcahuano. Der Ha^n von Constitutiou erlitt nur wenig Schaden. Es wurden einige Schiffe an das Ufer geschleudert, die jedoch kein erhebliches Unheil an Häusern anrichteten. Eine hohe See tobte gegen Valpareiso, aber ohne Schaden zu thun. Die unterirdischen Erschütterungen, welche am 12ten Chili erschreckten, aber dieses Land am folgenden Tage verschont hatten, erhoben sich am Nachmittag des Dreizehnten und erschütterten die Grundfesten von Peru. Um fünf Uhr Nachmittags wurde dasselbe ahnungsvolle Tosen, welches die Ohren der Einwohner von Talcahuano betäubt hatte, von den Bewohnern Jqnigucs, einer Stadt am südlichen Seeufer von Peru, vernommen; von da eilte es nördlich und brachte in einigen Minuten die ganze Bevölkerung des westlichen Peru auf die Beine. Die Bürger, welche einsahen, was zu erwarten stand, verließen ihre Häuser unmittelbar bevor der Boden unter ihnen zu wanken anfing. Dann als der Stoß an Heftigkeit zunahm, erhoben sich herzzerreißende Schreie und Hülferufe. Die Wände von Gebäuden krachten schwer, das Pflaster borst auf den Straßen und die Steine flogen hoch in die Lüfte. Kamine stürzten ein und Thürme fielen zusammen; niedrige Gebäude, welche nicht fest genug waren, den Stößen zu widerstehen, kamen krachend auf die Erde. Das Getöse der fallende» Steine und das Gejammer der Menschen übertönte selbst das Rollen des unterirdischen Donners. „Kinder jammern, .Mütter irren, Thiere wimmern unter Trümmern Alles rennet, rettet, flüchtet rc. ec/ Staubwolken erblindeten und erstickten die verwirrte Beenge, welche vergebens nach einem Ausweg suchte. Das zeitweilige Acchzen derer, die unter den Trümmern eingestürzter Häuser lagen, gab kund, daß nicht Alle gerettet worden waren, sondern daß der Tod in allen Ecken auf seine Opfer lauere. Das Unglück brach gerade um die Stunde herein, wo die meisten Leute von ihrer Arbeit heimgekehrt waren. Sobald die Anzeichen eines Erdbebens verspürt wurden, entstand ein allgemeiner Andrang, in's Freie zu gelangen, was Einige auch unversehrt 334 erreichten,' aber Manche auch nicht. Die Straßen boten ein schreckliches Schauspiel dar. Alle Gebäude der Stadt zitterten wie vom Fiebcrschütteln Befallene. Dann hoben und senkten sie sich und einige brachen mit lautem Getöse zusammen. Die Erde öffnete sich stellenweise in langen, fast gleichen Streifen; mit Oeffnungen von drei bis vier Zoll Breite. Das Gefühl war gerade wie von einem unter der Erde hinrollenden Gegenstände. Aus den Oeffnungen drang trockener Staub, gefolgt von erstickendem Gase. Bald bedeckte eine dicke Staubwolke die Stadt, das Tageslicht ausschließend, zwischen der Staubwolke und der Erde war nur das erstickende Gas, welches Alle erstickt haben würde, wenn es länger angedauert hätte. Die Erschütterungen waren drei an der Zahl, wovon eine immer stärker war als die vorhergehende. Sobald als die Erschütterungen aufhörten, verzog sich der Staub und das Gas, und es wurde wieder helle. Darauf folgten kurz aufeinander Stöße, welche von unterirdischen Explosionen herzurühren schienen. Aus allen Theilen der Stadt flüchteten sich die Bewohner nach den Bergen; hinweg von der gefahrdrohenden Nähe der Häuser, welche jeden Augenblick zusammenfallen konnten. Die Menschen taumelten wie Betrunkene von einer Seite auf die andere, während einige von den fallenden Trümmern erschlagen oder verletzt wurden. Biete hatten Kinder auf den Armen. Andere schleppten Wertsachen mit, und Viele, die sie umgebenden Schrecken vergessend, benutzten die Confusion, sich durch Wegtragen von Kostbarkeiten rc. zu bereichern. Draußen auf der See thürmten sich die Wasser zu einem Anlauf, der vollständige Zerstörung der Stadt herbeiführen sollte. Aufgehoben durch die fürchterlichen Convulsionen, zeigten sich dieselben als eine ungeheure Welle von 40 bis 50 Fuß Höhe und stürmten gegen die Bucht. Der Anblick war zugleich grauenhaft und erhaben. Als sie gegen das Ufer donnerte, riß sie Schiffe aus ihren Ankergründen, indem sie dieselben abriß, als wären eS Papicrschnüre. Mit zwanzig bis dreißig Kriegs- und Kaufsartheischiffen auf ihrem Gipfel stürzte sich diese mächtige Woge auf das Festland. Halb Arica nebst Vorstädten wurde darunter begraben. Was noch gestanden hatte, wurde von diesem Element verschlungen; so daß auch nicht die Spur eines Hauses als ein Erinnerungszeichen zurückblieb. Fünfhundert Menschen fanden den Tod in den Trümmern der eingestürzten Gebäude und den Fluthen der erregten See. Unter den öffentlichen Gebäuden war das Zollhaus mit einem Waaren-Vorrath im Werthe von 4,000,000 Dollars. Das Vorrathsschiff der Vereinigten Staaten („Fre- donia") ging mit 1,800,000 st. Werth-Waaren unter und verlor seine ganze Mannschaft von 30 Personen. Der BundcSdampfcr „Wateree" wurde, ohne große Beschädigungen zu erleiden, eine halbe Meile weit aus's Land geschleudert; und ist nicht mehr flott zu machen. Andere Schiffe aller Nationen sind auf ähnliche und andere Art zerstört worden. Das Steigen des See zu Jquique kostete 600 Menschen das Leben und zerstörte die Stadt. Eine deutsche Firma verlor 400,000 fl. Fünfzehn bis zwanzig Städte und Ortschaften wurden mehr oder weniger verheert. Die Bürger von Jquique haben kein Trinkwasser, da sie auf den Gebrauch von destillir- tem Master beschränkt waren und ihre Destillationswerke nun zerstört sind. In Chala wurde der meiste Schaden durch das Master angerichtet. Viele Gebäude waren beschädigt aber keines eingefallen. Die Woge riß beim Zurücktreten das Zollhaus und viele andere Gebäude mit sich und ließ ihre Spur auf einer Strecke von über 1000 Fuß hinter der Linie des gewöhnlichen Wasterstandes zurück. Arequipa, eine Stadt von 119,000 Einwohner, ist gänzlich zerstört. Die Stadt ist schon 300 Jahre alt, und war eine der schönsten Peru's. Es wird behauptet, daß 500 Jahre die Stadt nicht wieder so herstellen könnten, wie sie vor der Katastrophe war. 335 In Lima war der Schaden vergleichsweise gering und kamen die Einwohner meistens mit dem Schrecken davon. Der ganze Verlust an Menschenleben durch diese Erdbeben vom 13ten bis zum 17ten wurde auf 30 — 60 Tausend geschätzt. Der ganze Verlust an Eigenthum war auf 300,000,000 fl. veranschlagt. Ueber 400,000 Menschen sind obdachlos. Fünfzig große Städte und über 200 Dörfer und kleinere Ortschaften sind irr Schutt verwandelt. Die ausgedehnten Mineral-Regionen von Huancavelica, Peru, sind gänzlich verheert; und der Ackerbau zerstört. Fabrik- und andere Produktions-Geschäfte haben einen noch nie dagewesenen Stoß erlitten. Tausende von Tausenden Werth an Waaren sind fortgeschwemmt und sonst zerstört und die meisten Kaufleute sind bankerott. Miseelleri. Ein Haydn'sches Quartett hat viel Ähnlichkeit mit einem Gespräch von vier Personen, erzählte kürzlich ein alter Junggeselle und leidenschaftlicher Verehrer des großen Meisters. Die erste Violine klingt wie die Worte eines beredten geistreichen Mannes in seinen besten Jahren, der ein Thema aus's Tapet gebracht hat und sich darüber gründlich ausspricht. Die zweite Violine ist ein Freund des ersteren, und gibt sich die größte Mühe, durch Zustimmen die Worte des Freundes zu unterstützen, denkt niemals an seine eigene Meinung aus Selbstaufopferung, und fördert ebenso wenig eine Idee zu Tage. Der Alto ist ein würdiger, gebildeter, alter Herr. Er macht die Rede der ersten Violine durch lrcffende lakonische Bemerkungen pikant, ohne je die Harmonie zu stören. Der Baß aber ist eine ehrbare alte Dame, die viel Neigung zum Schnattern verräth, niemals etwas von Wichtigkeit sagt, aber jeden Moment benutzt, ein Wort mitzureden; nichts desto weniger erhöht sie den Reiz der Unterhaltung, denn während sie ihrer Zunge freien Lauf läßt, haben die Anderen Zeit, Athem für künftige Bemerkungen zu schöpfen. (Griseldis.) Dieses Halm'sche Drama wurde an einem Stadttheatcr zum ersten Male gegeben. Ein etwas zerstreuter Schauspieler hatte dem nahenden Timarchen ent- gegenzurufen: „Hier naht der Timarch mit den Tectosagen!" — Bei der Aufführung verließ den Unglücklichen in der Mitte dieses kurzen Satzes das Gedächtniß. Den Todesschweiß auf der Stirne, nahte er rückwärts dem Souffleurkasten, nachdem er die ersten paar Worte: „Hier naht der Timarch" — mit großem Pathos herausgestoßen hatte. Der Souffleur schrie fast, um das Ohr des Schauspielers zu erreichen, wiederholt: „mit den Tectosagen! mit den Tectosagen!" — so faßt sich denn der Schauspieler, setzt noch- mal zum ganzen Satze an und brüllt unerschrocken in das Publikum hinunter: „Hier naht der Timarch mit Respekt zu sagen!" (Scheibenschießen.) Ein Hauptmann, welcher seine Compagnie nach der Scheibe schießen ließ und — in Feindes Lande — zu diesem Zwecke die Scheibe an ein altes Scheunthor hatte befestigen lasten, wurde über einen seiner Leute sehr entrüstet, weil er stets nicht nur die Scheibe, sondern sogar das Scheunthor fehlte. Nachdem alle Anweisungen und Mühen verschwendet waren, und der Rekrut immer wieder das Scheunthor fehlte, bedrohte ihn der Capitain mit harter Strafe. Der Rekrut, ein Wende, darüber sehr betreten, sagte darauf: „Sei nur nich' böse, mei Herr Hauptmann, komm' sich doch Feinde nich' alle zu Scheunthor 'raus, komm sich o welche hintenrum, die trefft ich!" « 336 (Für Volksredner.) Ein kleiner Knirps stand unlängst in Prag auf einem Faste und redete gewaltig zum Volke; seine Zunge war ein Schwert. Das Volk hing an seinem Munde; da trennten ein Paar kräftige Ellbogen die Menge, man sah eine Frau aus dem Volke auftauchen, einen Augenblick später einen Arm und dann fielen die Worte: „Willst Du, daß man Dich einsperrt? — Gleich gehst Du mit nach Haus!" und eine gewaltige Ohrfeige fiel zugleich wie Blitz und Donner auf den Redner nieder. Im Triumph führte die wackere Frau ihren Mann davon. (Ein wirksames Aufgebot.) „Juten Dach, Herr Pastor," sagte kürzlich in Berlin ein bei dem protestantischen Prediger T. daselbst eintretender Maurer. „Juten Tach, ick wollte mir fern trauen lasten mit die hier." Bei diesen Worten zeigte er auf seine kirschrothwangige Begleiterin. Der Prediger fragte: „Wo sind Sie denn aufgeboten?" — „Ufjebotcn? Jar nich, ich nich!" — „Dann kann ich Sie auch noch nicht trauen; zuerst muß Ihre Absicht, getraut zu werden, öfsxitlich bekannt gemacht sein," gab ihm der Prediger zur Antwort. „Ja, det is och jeschehen, Herr Pastor," sagte nun lachenden Mundes der Maurer. „Vorjestcrn hab ik es meiner ölten Tante unterm Siegel der jrößten Verschwiejenheit jesagt, na und nun werden Se wohl jloben, daß es allerweile in ganz Berlin bekannt is!" Der Kaiser Nikolaus von Rußland wünschte für seine Gallerte die Einnahme von Warschau von dem berühmten Horace Vernet malen zu lasten. Letzterer von ihm befragt, ob es ihm, als Franzose, nicht unangenehm sei, seinen Pinsel einer Darstellung zu leihen, die an Polens Niederlage erinnere, antwortete: „Nein, Sire; ich habe ja auch schon Christus am Kreuze gemalt." Im siebenjährigen Kriege ließ Friedrich der Zweite Achtgroschenstücke von sehr geringem Gehalt schlagen. Zu dieser Finanzoperation bediente er sich des jüdischen Banquiers Ephraim in Berlin. Einen witzigen Kopf veranlaßte Dies zu folgendem Epigramm: „Von außen schön, von innen schlimm, Von außen Friedrich, von innen Ephraim." (Das Früh aüfsteh en.) Der Unterschied zwischen dem Aufstehen um 6 und' um 8 Uhr früh beträgt in 40 Jahren 29,200 Stunden oder 3 Jähre, 129 Tage und 16 Stunden, oder 8 Stunden des Tags 10 Jahre lang, so daß das Aufstehen um 6 Uhr in Hinsicht der Geschäfte eben so gut ist, als lebte man 10 Jahre länger. (Ein kleiner, aber merkwürdiger Zufall.) In den Worten „Uvvolution krun^aise^ bilden 15 Buchstaben in anderer Ordnung die Worte: „11n eor86 I» Lniru!^ (Ein Korse (Napoleons wird sie enden) und übrig bleibt das königliche vvto. Ein Bauer fuhr in die Stadt und sah über einer Apotheke einen gemalten Elephanten und darunter mit goldenen Buchstaben die Worte: Elephanten - Apotheke. — „Nu, das ist zu arg," murmelte er vor sich hin, „wir in unserem Dorfe haben gar keine Apotheke und da in der Stadt haben sie gar eine für Elephanten. Ein Dummkopf wollte einen Mann von Geist wegen der Größe seiner Ohren chikaniren. „Ich bekenne," antwortete dieser, „daß meine Ohren für einen Mann freilich zu groß sind, aber ihr werdet doch wohl zugeben, daß die Eurigen für einen Esel zu Lein gerathen sind." (Im Krankenzimmer.) Doktor: Wie geht's? Patient: Ach, mich sticht's überall, außen und innen, als ob ich ein umgekehrtes Stachelschwein wäre und nebenbei einen Igel verschluckt hätte. Druck, Verlas und Redaktion des literarischeu Instituts von Dr. M. Huttler. Nr. 43 25. Octvr. 1868. An rechte Stimmen und an rechte Worte Gewöhne sich dein lauschend Ohr, Bewache des Gclwrcs Doppclpforte, Da du nicht schließen kannst das Thor. Johannes Schrott. Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie. VI. Eine neue Prüfung. Der Herr prüft die Seinen Und sieht, ob sie stark sind. In dieser unheilvollen Zeit war es, wo Olearius einen Brief folgenden Inhalts erhielt: „Mein lieber Magister! Sein lobenswcrthcs, gottergebenes Benehmen bei Eröffnung des Testaments Seines Oheims hat Ihm die Herzen aller damals Anwesenden gewonnen und ist Ursache geworden, daß ich Ihn bei der Gräfin Koblenz in Tiefgau empfohlen habe, welche für ihren eilfjährigen Enkel einen Hofmeister sucht. Hochdicselbc ist zwar als ein Teufel verschrieen; allein ist Jemand geeignet, es mit ihr aufzunehmen, so ist Er's oder Keiner! Die Gräfin zahlt jährlich 50 Thaler Gehalt, gibt Ihm freie Wohnung, Wäsche und den Kammerdiener-Tisch, will auch, falls Er einschlüge, zum Neujahr sich nicht lumpen lasten. Ist Ihm dieser Auftrag genehm, so hat Er nichts weiter zu thun, als baldigst nach Tiefgau abzureisen, wo sich das Weitere schon finden wird. Sein wohl asfcctionirter H. von Dcubert, königl. preußischer Gerichts-Präsident." „In Gottes Namen!" sprach nach dem Lesen dieses Schreibens Olearius. — „Bester dort im Fegefeuer, als hier in der Hölle!" Er packte ein. Was er an Geld von Lieschen zur Reise nach Berlin erhalten, berichtigte er von dem Ucberreste seines kleinen Schatzes und händigte es Agathen ein, welche untröstlich war und das Geld durchaus nicht annehmen wollte. Noch ermähnte er das Kind, treu der Tugend und in den Versuchungen standhaft zu bleiben, dann ging er. Unten im Hause blieb er vor Lieschens Thüre eine Minute lang unentschlossen stehen, dann klopfte er an, das letzte Lebewohl ihr zu sagen. Es war von innen zugeriegelt, und keine Antwort ertönte, als er die Riegel bewegte. Er fuhr sich über die Augen, sein Herz klopfte fast hörbar und ein Gefühl, als sei er mit einem zweischneidigen Schwerte durchstochen, zog durch seine Seele, bald aber faßte er sich wieder und die Linke krampfhaft auf die Brust pressend, gleichsam als wollte er das laute Pochen da drinnen ersticken, ging er mit festem Schritte davon. Ein halbes Jahr war seit jenem schmerzensreichen Abschiedstage verflossen. Olearius war Informator des jungen Grafen geworden, und obgleich er mit ruhiger Würde und bewunderungswürdiger Geduld alle Launen seines verzogenen Schülers und dessen hoch- geborener Großmutter über sich ergehen ließ, war es ihm doch oftmals, als sei es unmöglich, diese mit jedem Tage sich erneuernden Qualen länger zu ertragen, und nur 338 li die Frage: „Wenn Du Deine jetzige Stellung aufgibst, was dann?" bewog ihn immer ^ und immer wieder, mit himmlischer Geduld und Sanftmuth auf seinem Posten zu verharren. Eines Abends, im Februar 1767, stieg er aus der Bedientenstube, wo er sein Abendbrod eingenommen hatte, hinauf nach seinem Zimmer, welches an dasjenige der alten Gräfin stieß und auch dem jungen Grafen zum gewöhnlichen Aufenthaltsorte diente. , Die Hand auf den Drücker des Schlosses legend, fuhr er plötzlich mit einem lauten i Schmerzensrufe zurück und durch das Schlüsselloch drang das schadenfrohe Lachen seines ? boshaften Zöglings, welcher die Abwesenheit des Hofmeisters dazu benutzt hatte, um mit ! beharrlicher Dauer die Flamme einer Kerze unter die Thürklinge zu halten, und solche ! auf diese Weife bis zum Glühen zu erhitzen. Selbst eine himmlische Geduld findet zu- , weilen ein plötzliches Ende. Dies war bei dem geplagten Magister der Fall, welcher, , als er seine Haut an der glühenden Klinge kleben sah, in gerechtem Zorne in das ' Zimmer drang und dem lachenden, jugendlichen Satan mit der verbrannten Hand ein ^ Paar tüchtige Maulschellen applicirte. Ueber diese unerhörte Frechheit des bürgerlichen Magisters und Dieners, stand der > junge Graf einige Secunden wie versteinert, sodann sprang er unter einem Zetergeschrei zur Großmutter in's Zimmer, hochdcrselben sein Leid zu klagen und den Thäter zur gebührenden Strafe zu ziehen. Olearius, von dem Auftritte betäubt, vernahm wie im - Traume, daß die alte Gräfin den Stuhl hastig zurückschob, und unter abgebrochenen Ausrufungen, wie: „Nicht möglich? — Ha, der Unverschämte! Hör' ich recht?" — mit ihrem Enkel herein zu Olearius rauschte. Den nahenden Sturm zu beschwören, hob Olearius an: „Hören Sie mich erst an, gnädige Frau —" Er konnte nicht weiter fortfahren, denn die dürre, knöcherne Hand der alten Dame schloß ihm den sprechenden Mund, dessen Zähne unter dem empfangenen Schlage zu bluten anfingen. Zu gleicher Zeit aber stach ihm der racheschnaubcndc Junker mit einer Haarnadel, welche der Gräfin entfallen war, in die Wade. Es kann nur als ein Akt der Nothwehr angesehen werden, wenn Olearius seine Hand auch und zwar erst in das ' Antlitz der Angreifenden, und dann in das diamantenbesctzte Ha^band derselben auS- ? streckte, welches letztere er so fest anzog, daß seine braunroth werdende Besitzerin dadurch > zum Widerstände unfähig gemacht und gezwungen wurde, dem voranschreitendcn Magister willig nachzufolgen, welcher die Gräfin in ihr Zimmer zurückversetzte und darauf die Thüre verriegelte. Den Wadenbohrer faßte er bei seinem Zopfe, legte ihn über einen Stuhl und maß ihm dann die Länge eines Lineals nach allen Dimensionen, an einem ^ dazu wie geschaffenen Körpertheile ab. „Bube!" sprach er dabei, keuchend vor Aufregung und Anstrengung, „wirst Du mir folgen? Sonst schlage ich Dich, so lange ich nur I den Arm rühren kann." i Das half. Der Graf wurde mäuschenstill und kauerte sich, vor Angst und Schmerz ^ bebend, in eine Ecke. Desto lauter aber wurde es nun vor der verriegelten Thüre, gegen ! welche die, von der Gräfin zu Hilfe gerufene Dienstmannschaft Sturm zu laufen begann. So leicht aber wollte Olearius, den die verbrannte Hand, die blutenden Zähne und die » zerstochene Wade immer heftiger zu schmerzen begannen, das Feld nicht räumen. ' „So wie es irgend Jemand wagt, in mein Zimmer zu dringen" — schrie er mit ^ entschlossener Stimme den draußen Tobenden zu — „so ersteche ich erst den jungen Herrn und dann mich selbst." Diese entschiedene Erklärung hatte ein schnelles Einstellen jeglicher weiteren Feind- I seligkeiten zur Folge. Als der junge Graf in seinem Bette lag und schlief, da setzte sich - Olearius auf den Rand des Scinigen, stützte den Kopf in die hohle Hand und sagte gedankenvoll: s „Was wird nun werden? Gottfried! Gottfried! Du hast dich heute vom Zorne hinreißen lassen und weißt doch, daß der Zorn eine Ausgeburt der Hölle ist. Wenig- , stens in's Zuchthaus oder auf die Festung kommst du zur Strafe, daß du deine Hand ^ 339 gegen eine so hohe Person erhoben, — ja, sie sogar körperlich angegriffen hast. Nun^ wie Gott will" — sprach er gefaßt, indem er sich entkleidete — „in seiner Hand steht mein Geschick, er wird es lenken in seiner Weisheit, wie es mir zum Besten frommt. Auf ihn will ich bauen und nicht verzagen." Am andern Morgen begann die Capitulation zwischen dem Hofmeister und dessen Belagerungs-Corps. Olearius, um nur einigermaßen leidlich aus dem bösen Handel zu kommen, blieb seiner Rolle treu und schüchterte die ihn Blockirenden durch Drohungen dermaßen ein, daß man ihm endlich freien Abzug versprach. Als der Candidat jedoch, dem gegebenen Ehrenworte trauend, die Thüre öffnete, den Gefangenen auslieferte und sich anschickte, den Platz zu räumen, sah er sich Plötzlich von drei Husaren umringt, welche mit gespanntem Hahnen auf der Pistole ihn nöthigten, sich in eine bcreitgehaltene Kutsche zu setzen, in welcher sie ihn nach der nächsten Garnisonsstadt brachten. Hier wurde er vor den Obristen des Regiments, einem nahen Anverwandten der Gräfin geführt, welcher ihm die Alternative stellte; entweder als Rekrut in sein Regiment einzutreten, oder dem Peinlichen Gerichtsverfahren übergeben, um dann wahrscheinlich zu langwieriger Gefängnißstrafe verurtheilt zu werden. Der arme Candidat wußte nicht, welches von diesen beiden Uebeln das schlimmere sei. Der Obrist aber ließ ihm nicht lange Zeit, sich zu besinnen, sondern verlangte kurzen und bündigen Entscheid. ,Jn Gottes Namen denn" — seufzte Olearius, — „wenn es denn sein muß, so werde aus einem Streiter Gottes ein königlicher Kriegsknecht." Mit Thränen in den Augen zog er seinen alten, ihm so lieb gewordenen Frack aus, und bekam dafür einen Dollmann. Hierauf mußte er zur Fahne schwören, und nun war er königlich preußischer Soldat geworden und wurde als solcher in die Liste cinregistrirt. (Fortsetzung folgt.) Die Taufhandlung in der russisch-griechischen Kirche. Eine griechisch-russische Taufe ist eine viel umständlichere und eindrucksvollere Feierlichkeit, als der sakramentale Ritus, durch welchen Kinder, Mitglieder z. B. der anglikanischen Kirche werden. Obwohl sie in einem einzigen Akt vorgenommen wird, besteht sie doch aus vier abgesonderten Ceremonien: „1. der Absagung und dem Glaubensbekenntniß; 2. dem wirklichen Sakrament der Taufe; 3. der Salbung, und 4. der Waschung, mit dem Abschneiden des Haares." Das Absagungsverfahren ist sehr eigenthümlich, und für Beobachter, welche keine innere Theilnahme für die hl. Handlung empfinden, sondern sie blos als eine äußerliche Ceremonie betrachten, dürsten einige Bestandtheile derselben etwas sehr läppisches haben. Die Taufhandlung wird von dem Priester eröffnet, wenn er noch nicht in seinem vollen Ornat ist, und bloß seinen Chorrock an hat; er nähert sich dem Kindlein (welches, man vergesse das nicht, vollkommen nackt ist, obgleich eingewickelt in seine verschiedenen Tücher und seine Seidendecke), bläst ihm in's Gesicht, und bekreuzigt es dreimal über Augenbraunen, Lippen und Brust. (Die Geistlichkeit macht das Zeichen des Kreuzes dadurch, daß sie die Spitze des Daumens mit denen des Ring- und Mittelfingers vereinigt, die Laien dadurch, daß sie den Daumen mit dem Mittel- und Zeigefinger in Verbindung bringen, und die Hand so bewegen, daß sie ein Kreuz in der Luft bildet, nicht aber so, als ob eine Linie gezogen wäre; die Bewegung gleicht mehr einem sanften Schlag.) Dann legt er seine Hand auf den Kopf des Kindes, und liest über demselben ein Gebet, welchem die Beschwörung oder die Tcufelaustreibung folgt, worin dem Bösen mit allen seinen Engeln und Legionen befohlen wird, von dem Kindlein zu weichen' Ein zweites Gebet ist an Gott den Allmächtigen, den Herrn der Heerschaaren, gerichtet, auf das er das Kind vor allem geistigen und leiblichen Schaden bewahre, und ihm den * Sieg gewähre über alle bösen Geister. Dann haucht er auf die Augenbraunen, die Lippen und Brust des Täuflings, und spricht dreimal: „Möge jeder böse und unreine Geist der sich in Deinem Herzen verborgen, und Wohnung darin genommen hat, von Dir weichen." Die weitere Taufhandlung hat Ähnlichkeit mit der in der englischen Kirche üblichen. » Die nämlichen Fragen, oder vielmehr Fragen zu demselben Zweck, werden an die Pathen gestellt, aber dreimal wiederholt. Wenn der Priester fragt: „Entsagst du rc.," so wenden sowohl er als die Pathen, die Amme und das Kindlein dcm Taufstein den Rücken, d. h. sie richten ! ihre Blicke gegen Westen, wo die Sonne untergeht, und von wannen kein Licht kommt, sondern ! im Gegentheil Dunkelheit und Schatten, die Sinnbilder des Fürsten der Finsterniß, und ist die letzte Antwort erfolgt: „Ich habe ihm entsagt," so spricht der Priester: „dann schlag' und spei nach ihm," und geht selbst mit dem Beispiel voran, indem er einen leichten Schlag führt und die Gcbcrdc des Anspeiens eines ungesehenen Feindes macht, ! als ein Zeichen des Abscheues und des Hasses gegen ihn. Dann drehen sie sich wieder gegen das Bild des Gekreuzigten (oder nach Osten, wenn die Taufe in der Kirche vor- ^ genommen wird), worauf die Fragen in Betreff des Glaubens der Pathen gestellt werden, ^ und der Vorleser dreimal für sie das Nicäische Glaubensbekenntniß wiederholt. Vor jeder Wiederholung werden wiederum Fragen an die Pathen gestellt. Priester: „Hast Du Christus bekannt?" Pathe: „Ich habe ihn bekannt." Priester: „Und glaubst Du an ihn?" Pathe: Ich glaube an ihn als König und Gott." Am Ende der letzten Wiederholung des Glaubensbekenntnißcs wird die Ermahnung beigefügt: „Fallet nieder und betet ihn an", worauf die Pathen antworten: „Ich bete an den Vater, den Sohn und den heiligen Geist, die im Wesen einige und nntheilbare Dreifaltigkeit," und gleichzeitig niederfallen. „Gelobt sei Gott," ruft der Priester aus, „der da wünscht die Errettung , aller Menschen, und daß sie alle kommen mögen zur Erkenntniß seiner Wahrheit. Jetzt und fürdcrhin und immerdar. Amen." f Nach einem kurzen Gebet verlassen die Eltern das Zimmer, und ziehen sich gemeiniglich ! in's Schlafgcmach zurück, um Gottes Segen zu erflehen für das Kindlcin; sie dürfen bei der eigentlichen Taufhandlung nicht anwesend sein, da man annimmt, daß sie ihr Kind gänzlich den Pathen übergeben haben. Diese Sitte wird streng beobachtet; selbst in dem Hofzcrcmoniell, das in Betreff der im Kaiserhause vorkommenden Taufen in den Zeitungen veröffentlicht wird, findet sich stets die Klausel: „Anmerkung. Se. kais. Maj. (oder Se. k. Hoheit) werden dann die Kapelle verlassen und sich in ein inneres Gemach zurückziehen." Die wirkliche Taufe besteht aus drei vollständigen Untertauchungen des Kindleins, - dessen physische Kraft angedeutet wird durch die Art und Weise, in welcher es eine ! Behandlung auszuhalten vermag, die unstreitig der körperlichen Gesundheit zarter Säuglinge schädlich ist. Nachdem der Priester zuerst seine weiten Aermel aufgerollt, und dann dem ' Vorleser empfohlen hat, sie außerhalb des Wassers zu erhalten, ergreift er das Kind und taucht es drei Mal nacheinander in das reinigende Element. Während dieser Theil der s Taufhandlung verrichtet wird, spricht der Geistliche: „Der Diener Gottes (Alexis) ist getauft im Namen des Vaters, Amen. Und des Sohnes , Amen. Und des heiligen ^ Geistes, Amen," indem jeder dieser einzelnen Namen gleichzeitig ausgesprochen wird mit einer der drei Untertauchungen, die mit solcher Raschheit ausgeführt werden, daß, selbst wenn dem Täufling der volle Gebrauch seiner Lungen gestattet wäre, er zwischen der ^ ersten und der dritten Tauchung keine Zeit zum Athmen oder Schreien finden könnte. I So lange er in den Händen des Priesters ist, wird jede Vorsichtsmaßregel zur Sicherung des Stillschweigens ergriffen. „Er verstopft (sagt Frau Romanoff in ihren Llcvtolws ok tlle Uitös nnci Lustoms o5 tlls Oreco-Uussian Lllurell) die Ohren des Täuflings mit seinem Daumen und seinem kleinen Finger; hält dessen Äugen zu mit dem Ring- und Zeigefinger der rechten Hand, und bedeckt mit der flachen Hand dessen Mund und Nase; mit der linken hält er den Leib desselben, und taucht ihn mit abwärts gewendetem Gesicht unter. Nicht scder Priester hat die Fertigkeit, diese schwierige Aufgabe gut auszuführen. Man erzählt mir (was jedoch selten vorkommt), daß einige gerade in dem Augenblick ertrunken seien, in welchem man sie zu Christen gemacht hatte. Wahrscheinlich aber sind diese Kinder sehr schwach, vielleicht sogar dem Tode schon nahe gewesen, da ein Priester kaum der Aufgabe sich unterziehen würde, wenn er sich "derselben nicht gewachsen fühlte. Nach ausführlicher Schilderung der vier verschiedenen Ceremonien bemerkt Frau Nomanoff etwas spöttisch: „Solcher Art ist die Taufhandlung der griechisch-russischen Kirche, werde sie nun im Hause oder in der Kirche vorgenommen: im letzteren Fall bietet sie gemeiniglich ein ebenso sonderbares als unterhaltendes Schauspiel, trotz der Feierlichkeit der Sache selbst, besonders wenn die Pfarrei eine große ist. Beinahe überall in großen Landstädten findet nämlich der Markt am Sonnabend statt, meist aber dauert er bis Sonntag Mittag, und den größten Zusammenlauf von Bauern kann man früh Morgen am Sabbath sehen. Die Gelegenheit zwei Bögel mit einem Stein zu tödtcn, d. h. ein Knäblein taufen zu lassen und zu Markt zu gehen, um entweder zu kaufen oder zu verkaufen, macht, daß die Taufpathen fast ansschließlich am Sonntag in die Stadt kommen, und daß nach der Messe vierzig bis fünfzig Kinder von ihren Babuschkas herbeigebracht werden. Diese setzen sich dann an der westlichen Thür auf eine Bank in der Kirche, oder, wenn es an Raum fehlt, auf den Boden, während die Messe vor sich geht. Das Geschrei der Kinder und die Trostesworte, mit welchen die Babuschkas sie zu beschwichtigen suchen, üben nicht den geringsten Einfluß auf den Verlauf der Messe und das Abhalten der Predigt. Am Schlüsse der Feierlichkeit, nachdem Alles abgemacht ist, eine Reihe von Arbeiter- und Baucrnfrauen ihren Kirchgang gehalten haben, und während vielleicht das Begräbniß irgend eines armen Dorfbewohners noch nicht ganz zu Ende gekommen, wird der Taufstein aus seinem Winkel hervorgeholt, und in die Mitte der Kirche vor die Hauptthore gestellt. Die Borlescr beschäftigten sich sodann damit, die Pathen in einem Drcivicrtelkreis um den Taufstein zu ordnen, indem zwischen diesem und den Hauptthoren ein offener Platz gelassen wird, so daß Niemand denselben den Rücken 'zukehrt. Sie stehen paarweise, jedes Paar mit seinem besondern Täufling und dessen Babuschka. Ein Name für alle Knaben, welche sich auf der einen, und für alle Mädchen, die sich auf der andern Seite befinden, wird je nach dem Datum des Sonntags aus dem Kalender ausgewählt, ohne vorgängige Berathung mit den Pathen, ob der Knabe einen Bruder oder eine Schwester gleichen Namens habe, und daher ereignet es sich häufig, daß in einerund derselben Familie mehrere Johannes, Peter und Prascowas sind. Ein besonders eifriger Pathe oder Babuschka erkundigt sich indeß sorgfältig, welcher Name beigelegt werden solle, und bittet, wenn bereits eines der Familienglieder ihn führt, um einen andern. Man kann beim Anhauchen unmöglich ein Lächeln unterdrücken, wenn man sieht, wie der Priester mit gespitzten Lippen jedem Kind ins Gesicht bläst, und dies hundertundzwanzig Mal thun muß (zu geschweigen von Wasser und Teufel), wenn 40 Kinder vorhanden sind. Die Raschheit und Geschicklichkeit, womit die Untertauchungen vorgenommen werden, die genaue Ähnlichkeit des Ausdrucks in jedem der kleinen Gesichter und die Stellung der Arme beim Hervortauchen aus dem Wasser, wo der Täufling einen Augenblick lang gegen Osten gehalten wird, ist ebenfalls sehr auffallend. Ein gesundes Kind wirft stets seinen Kopf, zurück, nach Luft schnappend; seine Augen und sein Mund sind offen, seine Arme unbewußt nach Osten ausgestreckt, und es schreit sofort laut, sobald es ein wenig Athem schöpfen kann. Ein schwächliches Kind hängt schweigend Kopf und Glieder, und es fehlt ihm der fast intelligente Kampf, welcher das kräftige Kind kennzeichnet. 342 Zur Geschichte der Eisenbahnen « Die großen Erfindungen, die der Menschheit zur Wohlthat gereichen, haben sich stets ihren Weg durch die abschreckendsten Hindernisse und die gröbsten Vorurtheile hindurch zu erkämpfen gehabt. In einem vor ein paar Jahren erschienenen Schriftchen: „Der Elektrische Telegraph als deutsche Erfindung/ in welchem Dr. W. Sömmering dieselbe für seinen Vater, Samuel Thomas v. Sömmering, in Anspruch nimmt und nachweist, wird erzählt, wie der „große" Napoleon, als ihm die Sache vorgelegt und praktisch auseinandergesetzt wurde, wegwerfend geäußert habe: „6'öst uns ickss ^ermanique!" (Das ist so eine deutsche Träumerei!). Die Legung und Sicherung des Verbindungsseiles schien dem Soldatenkaiser zu schwierig — und darum wies er die ganze gewaltige Erfindung dumm-hochmüthig von der Hand. Wie derselbe große Napoleon über die Dampfkraft absprach, ist bekannt. Er war in solchen Dingen so klein , wie die kleinsten Geister. Heute, wo Telegraph und Dampfkraft den Weltverkehr vermitteln, werden manche mit fast ungläubigem Erstaunen auf die Schilderung der Hindernisse zurückblicken, die man ihrer Anwendung zuerst in den Weg gelegt hat. Eine jetzt veröffentlichte Schrift, welche das Leben von zwei der größten Ingenieure Englands *) schildert, gibt darüber mancherlei traurig-komische Aufschlüsse. Die heftigste Opposition gegen die Einführung von Eisenbahnen erfolgte anfänglich im englischen Parlament — unter den versammelten Vertretern der sog. „Erbweisheit" und des „Gesammt- ! Verstandes." Dreimal verwarf das Parlament den Antrag auf Legung der Stockton- ! und Darlington- Linie, die eine der ersten in England war, ehe sich dasselbe zur ! Billigung dieses als „toll und unpraktisch" bezeichneten Projektes endlich herbeiließ. Es j handelte sich damals vorerst nur um Benutzung der Bahn für Kohlen- und Waarenfracht. l Groß war die Aufregung in Darlington, als die Dampfmaschine „Nr. l", die ohne einen ! Zug fuhr, in einem angestellten Wettrennen mit der alten Postkutsche diese letztere um ^ 100 Ellen schlug! Der „Personcnzug" war von den ersten Erfindern überhaupt kaum j in Aussicht genommen worden. Noch im Jahre 1811, als man die Liverpool- und i Manchestcrlinie projektirte, hielt man die Beibringung von Passagieren nur für ein ganz ! untergeordnetes Item in der Spekulation. Im Jahre 1825 glaubte noch Sir John ^ Harrow rathen zu können, man solle den Passagierverkehr möglichst im Hintergrund halten, um nicht die Feindseligkeit der Kutscher, Wirthe u. s. w. aufzuregen und dadurch das Unternehmen von vornherein zu ruiniren; „denn," sagte er, „wozu all diesen Haß aufstören, um vielleicht im Jahr ein paar hundert Passagiere zu haben?" Fast bis zu Thätlichkeiten verstieg sich die Opposition u. a. auf Lord Derby's Gütern, dessen Feldhüter, dem ächten Tory-Jnstinkt folgend, gegen dir Landvermcsser gewaltsam einzuschreiten drohten. Wenig hätte gefehlt, so hätte man die Eisenbahn dort, in der einen Hand die Schaufel, in der anderen die Waffe, bauen müssen. , Die beleidigendste Behandlung mußte Stephenson erdulden, als er vor dem Parla- ments-Ausschuß befragt wurde. „Sie werden,,, sagte Hr. W. Brougham zu ihm, „durch Ihre Idee, eine Maschine zwanzig englische Meilen in der Stunde fahren zu lassen, die Sache der Verdammung weihen und sich selbst als einen für's Narrenhaus reifen Menschen hinstellen!" Sir Astley Cooper erklärte sich gegen die ganze Idee, Eisenbahnen zu errichten, als eine „abenteuerliche" und „absurde." „Ei, meine Herren," rief er aus, „wenn solche Dinge geschehen sollen, so werden Sie in einigen Jahren auch den Adel zerstört haben!" Dies schien ihm nämlich das größte Unglück, das passiren könne. Ein andermal nahm ein Dutzend Advokaten den Ingenieur vor dem Parlaments-Ausschuß in's Verhör. Einer derselben fragte: „Herr, sind Sie irrsinnig?" Ein anderer: „Sind Sie vielleicht ein Ausländer?" („Foreigner" war damals noch ein bösartiges Schimpfwort.) Lord Derby selbst (zu jener Zeit „Mr. Stanley") forderte die UnterhauSmitglieder auf. *) Leben von Georg und Robert Stephenson. Bon Samuel Smiles. 343 „diese närrische und extravagante Spekulation nicht zu dulden." Was der edle Lord wohl heute zu seiner damaligen Eselei denken mag? In Liverpool setzte ein anderer Wohlwciser — der später zum Rcgierungs-Jnspektor der Post-Dampfschiffe ernannt wurde! — sein Wort dafür ein, daß, wenn je eine Lokomotive mehr als 10 (engl.) Meilen in der Stunde fahren sollte, er sich. anheischig mache, „ein geschmortes Maschinenrad zum Frühstück essen zu wollen." „Ungeheurer Witz! bei'm Jupiter!" wird wohl mancher englische Garde-Lieutenant ausgerufen haben. Nur ein Enthusiast oder ein Fanatiker, meinte die konservative „Quarterly Review", könne den absurden Gedanken hegen, daß eine Lokomotive zweimal so schnell als eine Kutsche fahren würde. „Wir könnten" hieß es in dem Aussatz, „eben so wohl erwarten, daß sich die Leute auf einer Congreve'schen Rakete in die Luft feuern ließen, als daß sie sich der Gnade einer solchen Maschine anveriraueu würden " Heute reisen die Leute auf dieser Congreve'schen Rakete einigermaßen häufig. Im Jahre 1866 fuhren auf den englischen Eisenbahnen 313,699,268, sage dreihundert und dreizehn Millionen, scchsmalhundert neunundneunzig Tausend, zweihundertachtundscchzig Personen. Die „Rakete" Platzt freilich manchmal — in neuester Zeit etwas gar zu häufig; gleichwohl sind die Unfälle, im Durchschnitte genommen, verhältnißmäßig gering. Ein Witzbold, in welchem offenbar die irische Ader stark schlägt, hat berechnet, daß die Aussicht, gehängt zu werden (von der doch Jedermann glaubt, daß sie ihn gar nicht betreffe) dreißigmal so groß sei, wie die, auf der Eisenbahn getödtet zu werden. Dieselbe Autorität hat mit noch treffenderer irischer Logik berechnet, daß, wenn ein Mann ewig leben könnte, und er täglich eine Eisenbahnfahrt zu machen hätte, der Ausnahmsfall, bei dieser Gelegenheit getödtet zu werden, ihn möglicherweise einmal in je 50,000 Jahren treffen könnte. Diese drolligen Berechnungen mögen immerhin zu einer gewissen Beruhigung dienen. Wie lebendig es z. B. in London mit den Eisenbahnen zugeht, kann man auch folgenden Ziffern entnehmen. An der Cannon-Strcet-Station gehen lägtich 527 Züge aus und ein. An der Claphamer Zweigbahn etwa 700; an den verschiedenen anderen Stationen der Haupstadt täglich 4000. Mit der Eisenbahn kamen im verflossenen Jahre 6,000,000 Gallonen Milch — oder was als Milch ausgegeben wird, hier an; ferner sechs Zhntcl der in London verzehrten Quantität Fische; 5000 Tonnen Welschhühner; 172,000 Stück Hornvieh und 1,147,000 Stück Schafe. Wäre es nach den Tories vom Derby-Schlage und ihrem Anhang gegangen, so wären diese Vierfüßler gewiß nicht gereist. Wohl hätten sich aber die Menschen selbst, gegenüber einer großen Erfindung, als das erwiesen, was man gewöhnlich einen „Schafskopf" nennt. Der edle Krieger. HWahre Begebenheit aus dem Jahre 1866.) Der 27. Juni des Jahres 1866 entstieg den fernen Bergen, fröhliche Klänge begrüßten ihn und wehten die Fahnen durch die Morgenluft. Das Regiment Gorizutti marschirte gegen Neustadt an der Meltau, um dem bei Nachod anrückenden Feinde zu begegnen und mit ihm den Waffentanz zu tanzen. Vor dem Kloster der Barmherzigen zu Neustadt wurde kurze Rast gemacht. In bunten Gruppen lagerten die Krieger und trieben ihre Scherze, als ging's zum Hochzeitstanzc. Auch drinnen im Kloster herrschte reges Leben. Die Brüder machten Lagerstätten zurccht für Verwundete, die der heiße Kampf ihnen senden werde. „Wo ist der Herr P Prior?" scholl mitten durch die Geschäftigkeit die Stimme eines bärtigen Kriegers. — „Was ist Ihr Begehr?" fragte der nächststehcnde Bruder. — „Hier eine Karte vom Herrn Regiments - Kaplan." — Der Frater nahm sie ihm aus der Hand und verschwand. Nach wenigen Minuten standen barmherzige Brüder an der Pforte und reichten den daselbst lagernden Offizieren Wein und Brod. — „Ah, das stärkt, das erquickt!" rief Hauptmann A. P—ka, indem 344 rr sich den Schnurbart strich. „Schönen Dank dem Herrn Prior; sagen Sie ihm, Bruder, es kann vielleicht das letzte Frühstück sein, das wir noch genießen; denn bald werdet Ihr und.wir die Kugeln pfeifen hören. Macht Euch gefaßt, Bruder, auf ungebetene Geiste." — „O, Herr Hauptmann, tapfere Krieger sind bei uns stets willkommene Gäste. Wir wünschen Ihnen Sieg und gesunde Glieder, sollte es aber anders ausfallen, so werden wir Sie mit offenen Armen empfangen. Gott schütze Sie, meine Herren." — So der Bruder und verschwand. Das Signalhorn rief zum Aufbruch. Fort ging es gegen Nachod, wo der Feind in großen Schaaren anrückte. Bald hörte man das Knattern der Büchsen, bald den Donner der Kanonen. In Kurzem wälzte sich die Schlacht über die Gefilde bei Nachod und Neustadt. Alle Herzen pochten. Alles wartete auf die Nachricht: Die Preußen sind geschlagen. Aber leider, gar bald kam der hinkende Bote mit der Kunde: Die Oestcrreicher sind geschlagen, und schon — es war nach wenigen Stunden seit dem Frühstücke beim Kloster — bewegten sich lange Züge mit Verwundeten gegen Neustadt zum Kloster der Barmherzigen hin. — „Da, Bruder, seht, da bin ich wieder," rief eine Stimme von der Tragbahre her, „habe mein Frühstück schon bekommen." Es war die Stimme des Hauptmauncs A. P—ka, der mit zerschossenem Unterschenkel auf der Tragbahre lag. „Nun, Bruder, ein gutes Lager für mich und zwar auf längere Zeit. Ihr habt mir heute Früh so guten Wein eingeschenkt, nun will ich lauge Zeit Euer Gast bleiben." — „Willkommen, Herr Hauptmann, Sie sollen sich über unsere Gastfreundschaft zu beklagen nicht Ursache haben," antwortete ihm der Bruder und wies die Soldaten au, wohin sie den Haüptmann tragen sollten. Sogleich eilten Aerzte, Barmherzige mit ihren Krankenwärtern wie Bienen unter den Blcs- sirten herum, nur jedem ein möglichst gutes Lager zu bereiten und jedem die nöthige Hilfe zu leisten. Auch am Bette des Hauptmanus P—ka standen die Aerzte und untersuchten seine Wunden. „Nun, wie finden Sie mich, Herr Doctor?" fragte rasch der Hauplmauu. — „Herr Haüptmann, Sie sind Kriegsmann, und da Sie vor Kurzem bereit waren, Ihr Leben für das Vaterland zu opfern, so werden Sie auch meine Aeußerung mit dem ruhigen Muthe eines Mannes hinnehmen." — „Nur heraus mit der Farbe, Doctor, wie stcht's?" — „Es stehen Ihnen.zwei, Wege offen, entweder Ihr Bein zu behalten, einem raschen oder schmerzlich langsamen Tode entgegenzusehen, oder das Bein zu opfern, um Ihr Leben zu erhalten!" — „Bein weg, Leben erhalten? — Weg damit! Ich habe nicht für mich allein zu sorgen, , ich habe noch einen alten Vater, der von einer geringen Pension als Lieutenant kaum leben kaun, mit ihm will ich meine Beine und meine Pension theilen. „Eines ihm, eines mir." Doch schicken Sie mir erst den Pater, damit ich nicht, wenn es unglücklich ausfiele, mit dem Beine die Seele verliere." — Der edle Mann empfing zur Erbauung Aller die heiligen Sakramente. — Eben schlug es Mitternacht, als die Aerzte an ihr Werk gingen, es in Kurzem vollendeten und dem alten Vater den braven Sohn retteten. Welch' eine Scene, als nach wenigen Tagen der alte Vater, der seinen Sohn, den Zeitungsberichten zufolge, unter den Gefallenen gelesen, bereits zu den Todten gezählt hatte, von den barmherzigen Brüdern benachrichtigt, im Kloster angekommen, ihn unter den Lebenden und auf dem Wege glücklicher Genesung fand. Die Beschreibung dieses Wiedersehens erlasse mir der Leser. Aber ergriffen von so edler Gesinnung rufe ich: „Ehre dem edlen Krieger, Ehre dem guten Sohne, Ehre dem Major ucl Iionoi'68 A. P—ka." . Frage: Wer ist das gescheiteste Frauenzimmer? 'Mgaom lpnaaeq om hioq ost q.riai unnoh jcsoU m; ;oia Antwort: os lpou asq uuec» ^ushpunW u; ojoiamzijoaeh^ asq jnv vnvavK Druck, Verlas und Redaktion des literarischen Instituts von vr. M. Huttler. Nr. 44 . 1. Novbr. 1868. Augsburger Da kein Mensck weiß, was er verlässt, was kommt darauf an, frühzeitig zu verlassen ? In Bereitschaft sein ist Alles. Shakespeare, Hamlet A. V. 2. Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie. Zweite Abtheilung. VII. Noch einmal der alte Fritz. Und jedes Heer, mit Sing und Sang, Mit Paukenschlag und Kling und Klang, Geschmückt mit grünen Reisern, Zog heim zu seinen Häusern. Zwei Jahre sind seitdem verstrichen. Aus dem hagern, schüchternen Candidaten war mit der Zeit ein stattlicher Kriegsmann geworden, und wenn Olearius sich auch von all' den Rohheiten fern hielt, die nun einmal nicht ganz von dem Soldatenstande zu trennen sind, und wenn er auch eine größere Ehre darein setzte, seine Zeit,.die nicht vom Dienste in Anspruch genommen war, zur Erholung und Veredlung seiner Seele anzuwenden, statt wie die meisten seiner Kameraden im Wirthshause die Paar Groschen zu verjubeln, so ließ er sich nichts desto weniger nie das Geringste zn schulden kommen, was ihn hätte straffällig machen können, und war deßhalb auch bei all' seinen Vorgesetzten als ein braver, ordentlicher Soldat beliebt und geachtet. Um diese Zeit war es, daß dah Ncgimcnt, bei welchem er diente, seinen Standort wechselte und nach Berlin versetzt wurde, wenige Tage später war große Parade vor dem Könige. Olearius, welcher Dank seiner guten Conservirung und Körpcrlünge zum Flügelmanne avaneirt war, hatte sich so herausgeputzt und saß so stramm und fest in seinem Sattel, daß selbst der Obrist, als er bei der Inspektion an ihm vorbeiritt, beifällig mit dem Kopfe nickte und halblaut zu seinem Adjutanten sagte: „Kapitaler Kerl das, sitzt wie angegossen, hätte nie geglaubt, daß aus einem Pastor so ein Muster von einem Soldaten sich hcrausschnitzen ließ." Olearius, welcher diese Worte gehört hatte, dachte innerlich: „O, wenn du wüßtest, welche Freude mir dieser Stand macht und du sehen könntest, wie sehr mir das Herz blutet, denkt es der Vergangenheit, du wärest vielleicht ^weniger freigebig mit deinem Lob." Keine Miene aber verrieth, was in der Seele des armen Candidaten vorging, denn unverändert blieb seine Haltung, und als eine heiße Thräne auS seinen Augen sich stehlen wollte, zerdrückte er sie gewaltsam mit den Wimpern. Plötzlich schmetterten die Trompeten. Der König, begleitet von einer glänzenden mit Orden nnd Sternen bedeckten Suite hoher Offiziere, kam herangesprengt. Nachdem er langsam an der Fronte heruntcrgcritteu war, hielt er sein Pferd an und befahl den Vorbeimarsch des Regiments. Alsbald ertönten die Commandorufe. Die Züge schwenkten ab und unter den rauschenden Klängen eines kriegerischen Marsches dcfilirte das Regiment in geschlossener prachtvoller Haltung an seinem Monarchen vorbei. Jeder Zug, wenn er an dem Könige vorübcrkam, ließ ein lautschallendes, begeistertes „Hurrah" 346 ertönen, welchen Gruß der König mit einem gnädigen Winken seiner Hand erwiederte. Schon war das militärische Schauspiel beinahe beendet. Der letzte Zug, bei welchem Olearius sich befand, ritt eben an dem Monarchen vorüber und ließ sein vorschriftsmäßiges „Hurrah" ertönen, da scheuchte Plötzlich das Pferd des Candidatcn vor einem weißen Steine, der im Wege lag, und den die in demselben Augenblicke zwischen den Wolken durchbrechenden Sonnenstrahlen mit glänzendem Lichte erhellte, zurück, bäumte sich hoch auf, und ehe es Olearius gelingen konnte, mit fester Hand die Zügel zu ergreifen, stürzte das Roß hintenüber und begrub, mit seiner ganzen Wucht auf den unglücklichen Reiter fallend, denselben tief im Sande. Sogleich commandirte der König selbst „Halt!" und befahl einigen Husaren abzusteigen und ihren armen Kameraden von der Last des Pferdes zu befreien. Mit vieler Mühe gelang dies endlich, denn der Gaul hatte einen Fuß gebrochen und konnte nicht zum Stehen gebracht werden. Ein anwesender Chirurg untersuchte sodann den bewußtlos daliegenden Candidatcn und constatirte, daß zwar kein Glied gebrochen sei, daß man aber nicht wissen könne, ob nicht eine innerliche Verletzung stattgefunden habe. Mittlerweile hatte der König den Obristen zu sich herangewinkt: „Wie heißt der Mann?" fragte er. „Gottfried Oehlig, genannt Olearius, Majestät." „Olearius?" fragte der Monarch erstaunt. „War der Husar früher nicht Candidat der Theologie?" „Zu Befehl, Majestät!" „Und wie kommt der in den Soldatenrock, ist er freiwillig eingetreten?" „Halten zu Gnaden, Majestät" — erwiderte der Obrist, der Candidat Olearius hatte sich thätlich an seiner Brodherrschaft, der Gräfin von Koblenz und deren Enkel vergriffen, es blieb ihm nur die Wahl zwischen Festung oder Soldat, und so wählte er denn Letzteres." „So! Hm! Schon gut!" machte der Monarch, indem sich seine Stirne in leichte Falten zusammenzog, — „sorg Er mir dafür, daß der Mann in gute Pflege genommen wird, und laß Er mir zeitweise sein Befinden rapportircn. Mit seinem Ncgimcnte bin ich zufrieden, sag' Er das seinen Soldaten, Adieu!" Während der König mit seinem Gefolge davonritt und das Regiment in die Kaserne zurückkehrte, wurde Olearius auf eine Tragbahre gelegt, nach dem Krankenhaus gebracht und dort alle möglichen Wiederbelcbungs-Vcrsuche mit ihm vorgenommen. Endlich, nach ungefähr einer halben Stunde, schlug er die Augen wieder auf und schaute mit unstätcn Blicken um sich. Der Oberarzt trat nun zu ihm heran, und indem er seinen Puls faßte, fragte er freundlich: „Wie befindet Er sich?" Einige Sekunden lang starrte Olearius den Doktor lautlos an. Dann aber schien sein Bewußtsein nach und nach wiederzukehren, und mit der freien Hand langsam nach seinem Kopse und über die Stirne fahrend, stieß er einen tiefen, schmerzlichen Seufzer aus. „Thut Ihm der Kopf weh?" fragte der Oberarzt. Olearius nickte und schloß dann wieder die Augen, regungslos daliegend wie vorher. „Er hat eine Gehirnerschütterung davon getragen" — sagte der Oberarzt zu seinen Collegcn — „wir dürfen ihn diesem apathischen Zustande nicht überlasten, sonst ist er verloren. Sie Alle, meine Herren, misten, daß Se. Majestät sich persönlich um den Mann interessirt, also hoffe ich, daß Jeder an diesem Krankenlager seine Pflicht erfüllen wird." Nach diesen Worten ordnete er das Nöthige an und verließ sodann den Saal„ um dem Obristen über den Thatbestand Bericht zu erstatten. Wochen und Monate vergingen, Olearius schwankte immer zwischen Leben und, Sterben. In seiner Fieberhitze phantasirtc er stets nur von Lieschen und ein Physiologe 347 konnte hier wohl den wunden Fleck seiner Seele erkennen. Endlich aber trug seine kräftige Natur doch den Sieg davon, sein Kopf wurde wieder klar, seine Gedanken ordneten sich mehr und mehr und mit schnellen Schritten eilte er seiner vollständigen Genesung entgegen. Mit der Besserung seines körperlichen Zustandes stellte sich jetzt aber ein tiefer Seelenschmerz ein, wenn er bedachte, wie er aus dieser ihm so liebgewordencn Nutze nun bald herausgerissen und in das lärmende, seinem ganzen Wesen so sehr widerstreitende Soldatenlcbeu wieder zurückkehren müsse. Doch Woche auf Woche verging. Niemand schien sich um den nun gänzlich hergestellten Candidatcn mehr zu kümmern. Freundlich, wie von allem Anfange an, war das Benehmen der Angestellten und Doctoren des Krankenhauses, und jeder seiner leisesten Wünsche wurde mit zuvorkommender Aufmerksamkeit vollzogen. War es ein Wunder, daß Olearius nach und nach fast vergaß, daß er Soldat sei und sich ganz den so lange schmerzlich entbehrten Wissenschaften hingab! Da, eines Morgens, trat eine Ordonnanz in's Zimmer, fragte nach dem Husaren Oehlig, und als man denselben rief, wurde ihm erklärt, daß er sogleich seine Uniform anzuziehen und zu folgen hätte. Wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel traf diese Nachricht den armen Candida- tcn, alle seine Traumbilder, die er sich in letzterer Zeit mehr und mehr zur Wirklichkeit neugeformt hatte, zerstoben in Nichts vor der fürchterlichen Wirklichkeit und zernichtet wankte er nach seinem Platze. „Ade, du süße Stätte der Ruhe und des Friedens" — seufzte er, — „Ade, du Traum einer schöneren Zukunft, ich bin verdammt, den Kelch des Leidens bis zur Hefe zu leeren, für mich blüht auf dieser Welt kein Glück mehr." Er strich die Thräne, die unwillkürlich in sein Auge getreten war, verstohlen hinweg, und seinen Dollmann anziehend, und sich so gut wie möglich herausputzend, sprach er gefaßt: „Wie Gott will!" und folgte gelüsten der rüstig voranschreitenden Ordonnanz. Doch, wie erstaunte Olearius, als sein Begleiter nicht nach der Kaserne seine Schritte lenkte, sondern geraden Weges auf das königliche Schloß zusteuerte. Eine dunkle Ahnung wollte in dem Candidatcn aufsteigen, daß das Geschick seines Lebens eine andere Wendung nehmen könnte, doch hatte er nicht den Muth, den ihn führenden, grimmig dareiuschaucnden Kricgsmann anzusprechen, und so betrat er denn zwischen Angst und Hoffnung schwebend, den königlichen Palast, woselbst die Ordonnanz ihn einem Kammerdiener übergab, der ihn in ein prächtiges Vorzimmer geleitete, und ihn daselbst einige Augenblicke warten hieß. Wenige Minuten später erschien derselbe wieder, öffnete eine Thüre und sagte zu dem regungslos auf demselben Flecke noch weilenden Candidatcn: „Se. Majestät befiehlt Ihm, einzutreten;" schob den mehr schwankenden als gehenden Magister in das Zimmer und schloß dann hinter ihm die Thüre. Olearius befand sich in dem Arbeitszimmer des Monarchen, und vor ihm stand der große König, auf seinen Krückstock gestützt, und betrachtete lächelnd den in höchster Verwirrung hart an der Thüre sich bückenden, und unartikulirtc Töne ausstoßeuden Candidatcn, dessen kriegerisches Kleid gar nicht zu seinem Benehmen paßte und der so ganz aus seiner Rolle gefallen war. „Na, na, laß' Ec's nur gut sein," hob nach einer kleinen Pause der König freundlich an, „steh' Er gerade, wie sich's für einen Soldaten paßt, und geb' Er mir kurz und bündig Antwort auf das, was ich Ihn fragen werde. Sag' Er mir, steckt Er gern in diesem Rock?" — Olearius wußte nicht, was er auf diese Frage antworten sollte; lügen wollte er nicht, und die Wahrheit zu sagen, fürchtete er sich, denn er wußte wohl, daß Friedrich der Große den Soldatenstand höher als Alles Andere hielt. Er suchic deßhalb vergeblich nach Worten und seine Angst und Verwirrung wurde immer größer. 348 Der König, der wohl merkte, wo ihn der Schuh drückte, fing an laut zu lachen, und indem er sich in einen Lchnstuhl niederließ, sagte er launig und wohlwollend: „Na, komm Er ein paar Schritte nähcr, und erzähl' Er mir, was Ihn bewogen hat, die Theologie an den Nagel zn hängen, und dafür das Schwert zu ergreifen. Er braucht sich vor mir nicht zu geniren, wir kennen uns ja nicht erst seit heute, und Er weiß wohl, daß ich immer sein wohlaffcctionirter König war. Darum heraus mit der Sprache und frisch von der Leber weg." Durch diese huldvolle Ansprache crmuthigt, wagte es Olearius, seinen Thürposten aufzugeben und etwas weiter in das Zimmer zu treten. Aber noch immer wollte ihm nicht die rechte Courage kommen und noch viel weniger gelang es ihm, in zusammenhängender Rede sein trauriges Schicksal dem König vor Augen zu führen. Als der Monarch sah, wie der arme Candidat vergeblich nach Athem haschte und wie ihm jedes Wort in der Kehle stecken zu bleiben drohte, klopfte er Plötzlich mit seinem Krückstöcke auf die Erde und sagte dann mit gutmüthigem Spotte: „Höre Er, mir will es scheinen, daß es Ihm unmöglich ist, vor lauter Zittern und Zagen etwas ordentliches herauszubringen. Er quatscht da ein Zeug zusammen, woraus der Teufel klug werden mag. Fang' Er die Sache einmal anders an. Nehme Er von mir gar keine Notiz, sondern stell' Er sich vor. Er wäre in seiner Kammer und klage dem lieben Herrgott sein Leid, vor dem wird Er sich hoffentlich doch nicht geniren, pro- bire Er es einmal, vielleicht gcht's dann besser." Und es ging bester. Olearius nahm seine ganze Kraft zusammen, und wenn auch im Anfange hie und da noch stockend, kam seine Rede doch bald in Fluß, und er berichtete mit einfachen, klaren Worten alles, waö ihm seit der ersten Audienz, die er bei dem Könige gehabt, widerfahren. Er erzählte, wie er mit froher Seele nach Langcnsalza zurückgekehrt, wo er Liebe und Glück zu finden gehofft, und so furchtbar getäuscht sich gesehen; wie er dann die Stelle als Informator bei der Gräfin Koblenz angenommen, und wie er durch die barbarische, schmähliche Behandlung daselbst auf's Acußerste. getrieben, und sich so weit vergessen, Hand an seine Herrschaft zn legen. Er machte auch kein Hehl daraus, daß nux die Furcht vor entehrender Strafe ihn vermocht habe, Soldat zu werden, und daß er die Stunde für die glücklichste seines Lebens halten würde, in welcher es ihm vergönnt sei, die strahlende Uniform aus und seinen abgetragenen, ihm aber über Alles in der Welt theueren Frack wieder anziehen zu dürfen. Ruhig und mit großer Aufmerksamkeit hatte der König ihn ^angehört. Als Olearius geendet, trat der Monarch auf ihn zu und indem er ihn sachte irnf die Schulter klopfte, sagte er freundlich: „Er ist ein braver Kerl. Er hat alle Schicksale, die Gott über Ihn verhängt, ruhig und in Demuth getragen, das gefällt mir. Ich habe mich nach Ihm erkundigt und nur Gutes von Ihm gehört, seine Lcidensschule soll ein Ende haben. Hier" — bei diesen Worten nahm der König ein zusammengefaltetes Papier von seinem Schreibtische — „hier ist sein Dccret als zweiter Hofpredigcr. Bleibe Er in Demuth und Einfalt vor seinem Herrgott wie bisher, und es wird -Ihm gut gehen. Und dann noch eins: Schaff' Er sich bald eine brave Frau in's Haus, damit Er das leichtsinnige Weibsbild, die Lisbeth, vergißt, und wenn Er Kinder kriegt, so denkt Er an mich, bei seinem ersten Buben will ich Pathe stehen. Und nun Gott befohlen, Herr Hofpredigcr; doch halt, da hat Er auch noch Etwas zu seiner Einrichtung," -— dabei drückte er dem lautlos und versteinert dastehenden Candidatcn eine Rolle in die Hand, zog dann die Glocke und befahl dem eintretenden Kammcrherrn, dem neuen Hofpredigcr seine Wohnung anweisen zu lassen. Wie Olearius auS des KönigS Gemach, durch die Vorsäle, die Treppen hinunter und nach seiner neuen Wohnung, die sich im linken Schloßflügel befand, kam, wußte er 349 uicht. Ihm war's, als wäre Alles nur ein Traum, und als müßte er jeden Augenblick! zu einer furchtbaren Wirklichkeit wieder erwachen. Aber diesmal war es doch kein Traum gewesen, Olearius war und blieb Hofprcdigcr des Königs, und erhielt noch am nämlichen Tage seine Entlassung aus dem Negimcnte. O wie jauchzte jetzt sein Herz hoch auf. Aller Schmerz, alle Leiden waren vergessen. Kaum sah er sich allein, so sank er auf die Kniee und ein heißes, inniges Dankgcbet stieg aus seinen Herzen zu dem Allmächtigen empor, der so große Gnade ihm erwiesen. Acht Tage darauf trat er sein neues Amt an, und der König mit dem gesammten Hofstaate hörte die Predigt mit an, die der neue Pastor, erfüllt von der Weihe des Augenblicks und voll der Erinnerung an die Vergangenheit, mit einem solchen Feuer, mit solch' innigster Ueberzeugung sprach, daß viele Herzen erschüttert und manches Auge naß wurde. Zu Mittag wurde er dann zur Tafel in's Schloß geladen, wo sein einfaches, bescheidenes Wesen ihm bald aller Herzen gewann. Als die Tafel aufgehoben wurde, und der König die Gesellschaft verabschiedete, wandte er sich plötzlich auch zu OleariuS, und sagte, scherzend mit dem Finger drohend: „Herr Hofprediger, vergeh' Er nicht, ich möchte bald Pathe stch'n" — und verschwand dann, den von allen Seiten von lachenden Gesichtern umringten Prediger, dem die helle Muth in's Antlitz stieg, in größter Verlegenheit stehen lastend. (Fortsetzung folgt.) Werder und Werndl. Bei der jetzigen Bcwaffnungöfrage in Bayern erhielten sich von verschiedenen Konkurrenten nur zwei: Werder und Werndl; andere Modelle, wie Peabody und Norris, waren lange Rivalen, mußten aber — das erstere, weil es bei gleicher Einfachheit und Dauer in Schnelligkeit nicht konkurrircn konnte, das letztere, weil bei den Versuchen das einzige vorhandene Gewehr zersprang, den erstgenannten nachstehen. ES möchte wohl keinem Zweifel unterliegen, daß wir einem Abschlüsse der seit 20 Jahren dauernden Waffcn-Revolution nahestehen; denn es ist fast undenkbar, daß die Technik noch wesentlich vollkommenere Kriegswaffcn zu Tage fördere, es wird wohl kein gänzlicher Stillstand eintreten, allein die Hauptfrage dürfte gelöst sein, indem Muster von Einladern vorliegen, die allen Anforderungen an eine militärische Waffe genügen. Trcfffühigkeit, rasante Flugbahn, Handlichkeit und Dauer anlangend, verdienen wohl unter allen jetzt bekannten Systemen die von Werder und Werndl den Vorrang, und dieselben wurden auch auf das Eingehendste von den maßgebenden Kommissionen in Bayern geprüft. Diese beiden Waffen in Vergleich gezogen, scheint es unzweifelhaft, daß die Erfindung unseres bayerischen Landmanncs Werder die des Ocstcrrcichers Werndl überflügelt. An Solidität, Trcfffähigkcit und Handlichkeit sind wohl beide Waffen gleich; allein in der Schnelligkeit des Ladens und Feuerns wird das Werdcr'schc Gewehr seinem Rivalen in der Minute um 1 bis 2 Schuß zuvorkommen Sehr geübte Schützen machten mit ersterem beim Laden aus der Patrontasche in der Minute 18 Schuß mit 18 Treffern auf 200 Schritte Entfernung in eine 9' hohe und 4/ breite, also 36 Q' große Scheibe, während beim Wcrndl-Gc- wchr 16 Schuß das Maximum waren; außerdem hat das Werder-Gewehr den Vortheil einer leichteren Fabrikation und eines sehr einfachen, bewnndcrnswerthen Mechanismus, indem das ganze Schloß in wenigen Sekunden, ohne ein Werkzeug nöthig zu haben, Zerlegt werden kann. Die Theile haben so wenig Friktion und sind so solid, daß von einem baldigen Zerstören keine Rede sein kann. Unter allen Systemen hat dieses den besten Auswerfen (eine Vorrichtung, welche die aus Kupfer oder Messing gefertigte Patronenhülse beim Ocffncn des Verschlusses von selbst und ohne Zeitverlust aus dem L entfernt), da er doppelarmig ist und viel sicherer fungirt, als der einarmige von W^ü^"e 350 Das Werder'sche Gewehr wird sich im Gebrauche gewiß weniger abnützen, als das von Werndl, obwohl auch dieses nur als eine sehr gute Kriegswaffe bezeichnet werden kann. Beide Systeme sind Stiftgewchre, und die Zündmasse liegt in der Patrone (Einheitspatrone). Die Schnelligkeit des Werder'schen Gewehres im Feuern ist so groß, daß eS in einem Zeitraume von 90 Sekunden so viele Schüsse abzugeben erlaubt, wie ein Rcpe- tirgewehr; nach 120 Sekunden — also 2 Minuten — ist es dem letzteren schon voraus. Nur in den ersten 40 Sekunden hat ein Repetirgewehr vermöge seines Magazins ein schnelleres Feuer, nämlich 14 Schuß; dann aber muß das Magazin wieder gefüllt werden, was Zeit raubt, oder als Einlader dienen, wobei die Manipulation langsamer ist als bei anderen Einladern. Die Komplizirtheit und schwierige Behandlung machen es überhaupt nicht rathsam, Repctirgcwehre bei Armeen einzuführen. Der Erfinder des Werder- Gewehres wußte in eben so sinnreicher als einfacher Weise die Bewegung des HahneS mit zur Bewegung des Vcrschlußstückes zu benützcn; auch steht der Auswerfcr in seiner Funktion mit dem Vcrschlußstücke in Verbindung. In dem Augenblicke, in dem das Vcrschlußstück sich öffnet, fällt es auf den Auswerfcr, der dann die Patronenhülse herausschleudert. Will man das Gewehr in der Ruhrast geladen behalten, so ist eine Entzündung unmöglich, indem durch eine sinnreiche Vorrichtung das Verschlußstück mit dem Zündstift so weit gesenkt werden kann, daß der letztere nicht auf den explosibeln Theil der Patrone zu wirken im Stande ist; will man das Gewehr wieder schußfcrtig machen, genügt ein Druck auf den Hahn. DaS Werder-Gewehr kann mit vier Griffen geladen und abgefeuert werden; die Handgriffe sind: 1) Einführen der Patrone, 2) Spannen des Hahnes, 3) Losschießen und' 4) Oeffncn des Verschlusses, was im Herunternehmen aus dem Anschlage ohne Zeitverlust geschehen kann; Hiebei wird nach vorwärts die entladene Patroninbülse ausgeworfen. Das Werndlgewehr besitzt ein Rückschluß mit einem gewöhnlichen Hahn, der, anstatt am forderen Ende ansgefraiSt, mit einem Schnabel versehen ist, der auf den Zündstift paßt. Die Handgriffe hiebci sind: 1) Spannen des Hahnes, 2) Ocffnen des um eine Achse sich drehenden, sehr soliden und massiven Vcrschlußstückes, 3) Einführen der Patrone, 4) Schließen des Verschlusses und 5) Losschießen. Mit dem Ocffnen des Verschlusses wird die Patronenhülse hcrausgeschncllt. Diese Manipulationen beweisen, daß das Wcrndlgcrwchr eine Bewegung mehr hat, abgesehen davon, daß bei sämmtlichen Bewegungen die Hand einen weiteren Weg machen muß, als beim Werdergewehr, folglich auch bei ersterem müder wird. Als Patrone wird in Bayern eine modifizirte Boxerpatrone mit Kupferhülse und Mittclzündung gewählt. (Einer Mittheilung des Würzb. Abdbl. zufolge käme eine solche Patrone auf 2Vg kr. zu stehen.) Gräfin Derwentwater. Die Englische Korrespondenz brachte im Laufe dieses Monats mehrere, eine Gräfin Derwentwater betreffende Mittheilungen, die wir in Folgendem je unter dem Datum, unter welchem sie gebracht wurden, zusammenstellen: „London, 1. Okt. Eine ältliche, offenbar etwas exzentrische Dame, in eine österreichische Militäruniform gekleidet und mit einem Schwerte umgürtet, die Gräfin Amelia von Derwentwater, ist mit einer zahlreichen Dienerschaft auf dem zerfallenen Schlöffe ihrer Vorfahren in der Nähe von Dilston eingetroffen, hat von demselben Besitz ergriffen, in den zerfallenen Gemächern die Familicn- porträts aufgehangen und auf der Zinne die Familienflagge aufgesteckt. Dadurch gerieth sie mit den Behörden des Grcenwichcr Hospitals in Konflikt, welches einen Theil seiner Einkünfte aus den Liegenschaften des wegen Hochvcrraths enthaupteten Grafen von Derwentwater bezicht, undder Rcntmeister des Hospitals stattete ihr einen Besuch ab, um ihr mitzutheilen, daß das Schloß Eigenthum des Hospitals sei. Die Gräfin, welche den Besucher höflich empsiing, erklärte, und na 351 sie handle auf Rath ihres Rechts-Beistandes und wolle einer gerichtlichen Entscheidung entgegensehen. Sollte übrigens die Angelegenheit wirklich vor die Gerichte kommen, so kann es doch nur Eine Entscheidunggeben, denn die Peerage der Nadcliffe's ist nicht ausgestorben, sondern aufgehoben. Der unglückliche James Radcliffe, Carl of Derwentwater, wurde nach der Rebellion von 1615 des Verraths angeklagt, seines Adcltitels verlustig erklärt und auf Towcr Hill enthauptet. Sein Bruder und einziger Erbe starb einige 30 Jahre später unter der Hand des Henkers, aber nicht als Carl of Derwentwater. sondern als Charles Radcliffe Esqu. Die ungeheuren Bcsitzthümer der Familie wurden von der Krone dem Greenwicher Hospital zugesprochen, und die excentrische „Gräfin" hat nicht mehr Aussichten, als mancher andere Abcnteuerer, der sich für den Besitzer dieses oder jenes adeligen Gutes hält, obwohl das ErbschaftSgericht ihm jedes Anrecht auf dasselbe abgesprochen hat. — 6. Okt. Die „Gräfin Derwentwater" hat sich des Schlosses ihrer Ahnen bei Dilston nicht lange erfreuen können. Auf Befehl der Admiralität, mit welcher ihre Besitzergreifung sie in Konflikt gebracht hatte, wurde sie, trotz ihrer Protestationcn, von einigen kräftigen Männern aus dem Schlöffe auf einem Stuhle hinausgetragen und nebst ihren Habsclig- keiten auf dem Wicsenplatz vor demselben ausgesetzt. Doch hat der Muth die alte Dame noch nicht verlassen. Sie blieb „Herr der Situation", indem sie auf dem Wicsenplatze ein aus Kisten, Regenschirmen und Tischen fabrizirtes Lager bezog. — 8. Okt. Die alte Dame, welche sich Gräfin von Derwentwater nennt, steht von der Belagerung von Dilston Castlc nicht ab. Trotz der kalten Herbstnächte kampirt sie noch immer Angesichts der Ruine zu Seiten der Heerstraße, während die Wächter des Gesetzes ihr gegenüber lagern, um eine neue Ueberrumpelung zu verhindern. Die ganze Geschichte wäre gründlich komisch, wenn die arme Frau durch ihr Kampircn auf freiem Felde nicht in ihrer Gesundheit ernstlich bedroht wäre. Freundliche Nachbarn vcrproviantiren sie zwar mit Thee, Zucker, Fleisch, Brod und sonstigen Lebensbedürfnissen, sogar ein Kamin wurde in ihr nothdürftig verwahrtes Zelt geschafft, damit sie sich wärmen könne. Trotzdem wird ihre Lage mit der Zeit bedenklich, und bisher war alles freundliche Zureden nicht im Stande, sie zum Aufgeben ihres tollen Beginnens zu bewegen. — 20. Okt. Die wiederholt genannte „Gräfin von Derwentwater" wäre vielleicht bei dem Frostwctter, das sich plötzlich eingestellt hat, elendiglich zu Grunde gegangen, hätten nicht wohlwollende Familien aus der Nachbarschaft sich zusammengcthan und ihr ein niedliches, aus Brettern gefügtes Haus anfertigen und auf dem Punkte aufstellen lasten, von dem aus sie die Beste beobachtet. Die arme Dame nahm das Geschenk freundlich an und hat sich in dem Häuschen seitdem nach Umständen wohnlich eingerichtet. Aber auch die Gegenpartei ist nicht faul und zimmert sich ebenfalls jetzt ein Haus, dem der Gräfin gegenüber. So werden wohl die Beiden vermuthlich bis zum Frühjahrcaushalten. Aufsuchen von Wasserquellen Der „Landwirth" bringt folgende interessante Mittheilung: Vor einigen Jahren sollte hier auf dem Vorwerke Canthcn wegen Wassermangel ein dritter Brunnen gegraben werden, und wurde wegen Mangel an Vertrauen zu einem bereits versuchten „Recept zur Auffindung von Wasser", um nicht möglicher Weise erfolglos 50 Fuß tief zu graben, der Abbö Richard hieher berufen. Dieser gab mehrere Punkte an, wo Wasser in genügender Menge vorhanden sein solle, von denen der dem Gehöft am nächsten gelegene gewählt und gebohrt wurde. Die Angabe des Abbe) bestätigte sich als vollkommen richtig, es fand sich in der Tiefe von 54 Fuß reichliches gutes Wasser; aber das Recept hatte dasselbe ebenso auch genau angegeben. Ich fühle mich deßhalb verpflichtet, um Vielen, welche an Wassermangel leiden, vergebliche Versuche oder die kostbaren Ausgaben, den Herrn Abbe kommen, zu lasten. zu ersparen, jenes auf ganz bestimmten Gesetzen beruhende Recept zu veröffentlichen: „Man gräbt bei trockenem Wetter und trockenem Boden ein Loch von 1 Fuß Tiefe. Zu dies setzt man einen neuen irdenen Topf, in welchem man zuvor 5 Loth ungelöschten Kalk, 5 Loth Grünspan, 5 Loth weißen Weirauch gethan. Alles fein pulverifirt und mit 1 Loth Schafwolle (kurze Wolle von den Hoden) zugedeckt und das Ganze gewogen hat. Dann schulte man die Erde darüber hin. Hat der Topf 24 Stunden in der Erde gestanden (ohne Regen), so hebe man ihn heraus, schütte den Boden schnell von der Wolle und wiege den Topf, sobald er gereinigt ist. Hat nun das Gewicht abgenommen, so ist kein Wasser an dieser Stelle, hat eS aber zugenommen 2 Loth, so liegt das Wasser 75 Fuß tief, 4 „ ditto 50 „ , 6 . ditto 37>/r - . . 8 „ ditto 25 „ - „ 10 , ditto 12'/2 - ° Herbftstimmung. «') Fühlst du den Wurm nicht an dem Apfel nagen. Der dir als Herz am Baum des Lebens hängt? Ein Klopfen, meinst du, seis, was in dir drängt. Indeß ein Bohren nur dies sachte Schlagen. Wie anders war eS in den Frühlingstagen, Wo weder reif die Frucht war, noch versengt; Pocht' auch die Brust von manchem Drang beengt, Es war nicht Schmerz, es war nur süßes Zagen. Des Frühlings Triebe sind schon längst entschwunden, Der Herbstwurm ist im Herzen eingekehrt, Und nagt mit kleinem Munde große Wunden. Er treibt sein Werk im Stillen ungewchrt Und ruht nicht, bis er Sättigung gesunden Und dich zu Staub und Moder hat verzehrt. (Eine Schauspieler-Rechnung.) Zur Zeit des Burlesken - Unfuges auf dem Wiener Burgtheatcr, gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, waren Prügel nud Fußtritte gesuchte Artikel, denn der Empfänger wurde dafür besonders belohnt, ein Beweis also, daß Beides auf die Gefühlsnerven einen wirklichen Eindruck ausübte. Nachstehende noch erhaltene Rechnung aus jener Zeit dient zum Beweis: „Diese Woche sechs Arien gesungen 6 fl. 7 kr. Einmal in die Luft geflogen 1 st. Einmal in's Wasser gesprungen 1 fl. Einmal begossen worden 34 kr. Zwei Ohrfeigen bekommen Ist. 8 kr. Einen Fußtritt bekommen 34 kr., worüber dankbarlichst quittirt N. N." ") Aus: „Bienen" Lyrisches, Didaktisches »nd Epigrammatisches von Johannes Schrott. Augsburg, Verlag des littcr. Jnstit. und der K.anzfcldcr'schcn Buchhandlung. Druck, Verlag und Redaktion des lilerarischen JnsUtutÜ vsn Vr. M. Huttler. Nr. 4». 8. Novbr. 1868 Ls hört die Wahrheit Jeder, Geboren unter jedem Himmel, dem Des Lebens Quelle durch den Busen rein lind ungehindert fließt. G öth c. Die Gestorbenen. So lang uns nahe sind geliebte Wesen, Mit uns durch Blick und Mund und Herz verbunden. Wie fließen sanft und unvermerkt die Stunden! So bleib' es, glauben wir, wie es gewesen. Doch, was ist so geliebt und auserlesen. Das nicht zuletzt uns wie ein Traum entschwunden? Dann thun sich auf im Herzen solche Wunden, Von denen wir nie glauben zu genesen. Indeß ist uns doch ein Gewinn geblieben: Des Schmerzes bittre Wurzel hat im Sande Des Grabschutts einer Blume Glanz getrieben. Und was uns dämmernd lag am fernsten Rande, Wird durch die uns vorangcgang'nen Lieben Zum lichten stillvertrauten Vaterlandc. Johannes Schrott. Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie. vm. Gesühnte Schuld. Die Zeit heilt alle Wunden, Die Zeit heilt jeden Schmerz. Es war ein halbes Jahr später, da fuhr eines Tages eine Post-Chaise durch die Straßen Langensalza's und hielt vor dem Gasthause zur goldenen Krone. Dienstfertig .eilte der Wirth herbei, öffnete den Wagenschlag und führte den einzigen Insassen der Kutsche unter vielen Bücklingen in das Gastzimmer. Hier entledigte sich der Reisende seiner Ueberkleider und des um den Hals geschlungenen Tuches, und als er dann das nun freie Gesicht dem Wirthe zukehrte, schlug dieser vor Erstaunen die Hände zusammen und sagte voll Verwunderung: „Ja, ist es denn möglich? Sind Sie's denn wirklich? Herr Candidat Olearius?" „Ja, ja, ich bin's schon, mein lieber Herr Keiner, bin's leibhaftig. Aber jetzt nicht mehr der arme, hungernde Candidat, sondern der Hofprediger Sr. Majestät des Königs von Preußen." „Hof — Prediger?" Das Wort blieb dem Herrn Wirth fast im Hals stecken und fast wagte er es nicht, die ihm freundlichst dargereichte Hand zu fassen, so perplex hatte die Ueberraschung und der Respekt ihn gemacht. Dann aber eilte er hinaus und 354 befahl, daß man das beste Zimmer für den Herrn Hofprediger Herrichten solle und stieg, trotz seiner Korpulenz, in eigener Person in den Keller hinab, um zu Ehren seines Gastes eine Flasche seines besten Weines aus seinem Mutterfäßchcn zu zapfen. Als sie dann beisammen im Hintcrstübchcn saßen, und Olearius dem gespannt zuhörenden Gasthaltcr seine Schicksale erzählt, und dieser ein über das andere Mal vor Verwunderung und Erstaunen die Hände übcr'm Kopf zusammengeschlagen hatte, da sagte er darauf: „Und nun, Herr Kerner, nun berichtet auch Ihr mir, wie es inzwischen hier gegangen, und wie es den beiden Waisen geht, die ich vor nun beinahe vier Jahren verlassen und von deren Existenz ich seit jener Zeit nichts mehr vernommen habe." „Ach, mein lieber Herr Oberhofredigcr —" „Hof-, nicht Obcrhofprediger," fiel ihm Olearius bescheiden in's Wort. „Na, na, was nicht ist, kann ja noch werden," — meinte der Wirth schmunzelnd, indem er sein Glas hob und anstieß — „also mein lieber Herr Hofprcdigcr, sehen Sie, das ist eine traurige Geschichte, und der Lisbcth hat's alle Welt prophezeit, wie es kommen würde, und auch gekommen ist. Aber sie war verblendet und wollte ihr Unglück nicht erkennen, bis sie darin war und sich an der Sache nichts mehr ändern ließ Als Sie fort von hier waren, da machte sie gar kein Geheimniß mehr aus ihrem Verhältniß zu dem Herrn Lieutenant, und wenn Unsereins den Kopf schüttelte und sie warnte und bat, vorsichtig zu sein, da bekam er höchstens die kurze, schnippige Antwort: sie sei des Herrn Lieutenant Braut und er werde sie ehelichen, und im Ucbrigcn hätte Jeder vor seiner eigenen Thüre zu kehren genug, und brauche seine Nase nicht in anderer Leute Angelegenheiten zu stecken. So kam es denn, daß man sie nach und nach gewähren ließ, obgleich alle rechtschaffenen Leute sich von ihr zurückzogen und sogar ihre Schwester Agathe das Haus verließ und zu meiner Base, der alten Silbermcicrn, zog, die wie Sie wissen, den kleinen Kramladen auf dem Markte hat, und die das brave, gute Kind mit offenen - Ärmcn aufnahm. Die Lisbcth aber trieb ihr Wesen mit dem Werbe-Offizier fort, und nach ein paar Monaten munkelten die Leute schon, es wäre bei ihr nicht mehr Alles richtig. Da eines Morgens erhielt der Herr Lieutenant Plötzlich Ordre, zu seinem Negimente einzurücken, und nun hätten Sie den Scandal sehen sollen. Auf dem Marktplätze sammelten sich die Soldaten und Rekruten, und der Herr Lieutenant sprengte gerade auf seinem Schimmel daher, und befahl den Abmarsch, da stürzte die Lisbcth plötzlich mit fliegenden Haaren und offenen Gewändern auf ihn zu, griff seinem Pferde in die Zügel und rief mit herzzerreißender Stimme: „Arthur, Arthur, Du darfst nicht allein fort, Du mußt mich mitnehmen, denk' an die Schwüre, die Du mir geleistet, denk' an das Kind, das ich unter dem Herzen trage." Der Herr Lieutenant versuchte zwar, sie zu beruhigen, aber sie hörte auf Nichts, sondern schrie in Einem fort: „Du mußt mich mitnehmen, ich lasse Dich nicht, ich bin Dein Weib vor Gott, wie Du tausendmal es mir gelobt." Da sie wie wahnsinnig sich geberdete, sich an ihn hing, und ihn vom Pferde herabzureißen drohte, so befahl der Offizier endlich einigen seiner Leute, die Unglückliche von ihm loszumachen, und verließ dann, verfolgt von den Verwünschungen der Umstehenden und dem Jammergeschrei der in convulsivischcn Zuckungen auf der Erde sich krümmenden Lisbcth, im Galopp die Stadt. Die unglückliche Person wurde darauf von ein paar Frauen nach ihrer Wohnung gebracht, und hier stellten sich bald unzweideutige Anzeigen einer baldigen Niederkunft ein. Agathe, das treue Herz, wich nicht von der Schwester Seite, die im fürchterlichsten Fiebcrwahnsinnc sich und ihren Verführer verfluchte. Nach einigen Tagen genaß Lisbcth eines Knäblcins, aber Mutter und Kind überlebten die Geburt nur einige Stunden. Draußen auf dem Gottesacker hat man sie zusammen in ein Grab gelegt und Agathe hat ein einfaches Kreuzlcin darauf setzen lassen und Pflegt mit liebender Hand die Blumen, die sie gepflanzt und die dio stille Stätte zieren, welche ein gebrochenes, armes Menschenherz birgt. Das, Herr Hos- 355 Prediger," — so schloß der Wirth — „ist die kurze, aber traurige Geschichte, die sich seit Ihrer Abwesenheit hier zugetragen." Stumm saß Olcarius da. Ein brennender, namenloser Schmerz erfüllte fein Inneres, und heiße, schwere Tropfen perlten auf seinen Wangen. Obgleich darauf vorbereitet, zu hören, daß Lischen gefallen und unglücklich durch diese unselige Liebe geworden sei, ein solch' trauriges Ende hatte er doch nicht erwartet. Plötzlich stand er auf, ergriff Hut und Stock, und dem ihn verwundert anstarrenden Wirthe die Hand drückend, verließ er mit schnellen Schritten das Haus. Unbekümmert um die ihn von allen Seiten begaffenden Kleinstädter, schritt er geraden Weges nach dem Friedhofe. Bald hatte er das Grab mit dem schmucklosen Kreuze gefunden, und überwältigt von seinem Gefühle, sank er auf die Kniee und barg weinend sein Haupt in die duftenden Blumen. Lebendig stieg die Vergangenheit wieder vor seiner Seele auf. Er gedachte sich wieder zurück, in sein ärmliches Stäbchen, bei der Wittwe Harnapp, und wie selig er damals in seiner stillen, heiligen Liebe zu Lischen gewesen. „O mein Gott!" — seufzte er, — „mußte es denn so kommen? Und doch ist es bester so," — sprach er dann gefaßter, „besser für sie und mich, daß es so gekommen. Ihr Herz war gebrochen, ihr Dasein vergiftet, und wie eine welke, geknickte Blume hätte sie ihr freudenloses Leben dahin schleppen mästen. Ja, ja, es ist besser so, denn nun hat sie Frieden und ich kann ohne Groll das heilige Andenken meiner ersten Liebe in meinem Herzen bewahren." Noch einen schmerzlichen Blick warf er auf das Grab, dann erhob er sich, um die Stätte des ewigen Friedens zu verlassen. Da, in demselben Momente, als er sich zum Gehen umwandte, prallte er plötzlich entsetzt zurück. Vor ihm, kaum drei Schritte entfernt, stand eine hohe, schöne Mädchengestalt und streckte ihm, Thränen in den treuen Augen, voll inniger Liebe die Hand entgegen. Olcarius aber, vor Schrecken fast gelähmt, hielt die eine Hand vor die Augen, wehrte mit der andern die auf ihn zuschreitende Gestalt ab und rief mit bebender Stimme: „Zurück, zurück, Phantom! Geist meines Lieschens, habe Erbarmen mit dem Frieden meiner Seele! — Im Namen der dreieinigen Gottheit beschwöre ich Dich, verschwinde!" Aber die Gestalt verschwand nicht, sondern eine weiche, warme Hand legte sich auf des zitternden Hofpredigers Arm, und eine süße, klagende Stimme fragte: „O kennen Sie mich denn nicht mehr, Herr Olcarius? Ich bin's ja — Agathe, Ihre frühere Schülerin." Der Klang dieser Stimme brachte den Prediger wieder zu sich selbst. Er ließ die Hand sinken und blickte mit Erstaunen und Bewunderung auf das Mädchen nieder, das ihn, sich zutraulich an ihn anschmiegend, mit glänzenden Augen betrachtete. „Agathe und nicht Elisabeth?" sprach nach einigen Sekunden Olcarius, halb wie von einem Traum befangen, „Leben, warmes, fröhliches Leben, kein Phantom! O wie schön und groß Du geworden bist" — sagte er dann, seine Rechte leicht auf ihr gold- lockiges Haupt legend, — „und so ähnlich ihr, der Unglücklichen, die dort in der kühlen Erde ruht. Der Himmel segne Dich, mein treues Kind, für das, was Du an den Verführten, Verblendeten gethan." „Ach, Herr Olcarius," — schluchzte Agathe, indem sie weinend ihr Köpfchen an seine Brust barg, — „sie war und blieb ja doch immer meine Schwester und ich meine immer, ich selbst trüge große Schuld, daß es so gekommen ist, ich hätte sie nicht verlassen, hätte nicht aus dem Hause gehen sollen. O meine arme, arme Lisbeth!" „Beruhige Dich, mein Kind," — sagte sanft Olcarius, — es mußte so kommen, wie es gekommen ist, denn also stand es verzeichnet im Buche der Geschicke. Der Herr wird Gnade haben mit einer armen Seele, die nicht aus Lust zum Bösen, sondern aus Unkenntniß desselben, vom Pfade der Tugend abirrte." 356 Inzwischen war die Dämmerung hereingebrochen, und da es schon im Spätherbstc war, so wurde es nach dem Schwinden der Sonne empfindlich kühl. Olearins fühlte, wie das Mädchen in seinem Arme vor Frost zitterte und besorgt ermähnte er sie, die Todcsstätte zu verlassen und heimzukehren. Willig gehorchte Agathe, und beide verließen in Gedanken versunken den Kirchhof, und Ichritten nach der Stadt. Mittlerweile hatte sich in dieser schon das Gerücht verbreitet, der Candidat Olearins sei zurückgekehrt und zwar als Hofprcdigcr des Königs von Preußen. Von allen Seiten drängten sich daher, sobald er die Stadt wieder betreten hatte, frühere Bekannte und Freunde herzu, um ihn zu bewillkommen. Mit Mühe gelang es ihm endlich, sich auf dem Marktplatze von der ihn umringenden Menge loszumachen und mit Agathe in das Haus der Pflegemutter derselben, der Frau Silbermaier, einzutreten. Die alte Frau empfing ihn mit herzlicher, ungeschminkter Freude, und rief ein über das andere Mal, indem sie die Hände zusammenschlug: „Na, was Sie groß und schön geworden sind, ist das ein Staat! Und Hofprediger sind Sie auch geworden? O du meine Güte! Und gar bei dem großen Friedrich! Ach, das Glück, das Glück!" Geschäftig eilte sie dann in die Küche, um ein gutes Adendessen bereit zu machen, und wie sehr sich auch Olearius dagegen sträubte, er mußte Theil daran nehmen, wollte er die gute Alte nicht tief betrüben und beleidigen. Spät in der Nacht erst machte er sich auf den Heimweg und mancherlei Gedanken durchkreuzten seinen Kopf, als er durch die stillen Straßen seinem Gasthofe zuschritt. Vor seinen Augen schwebte ein süßes Bild. Doch nicht der bleiche Schatten der Todten war es, der seine Phantasie beschäftigte, sondern die holde Gestalt Agathens, die wie ein lichter Stern das Dunkel seiner Seele durchstrahlte. „Sollte sie mich lieben?" — sprach er leise für sich hin. — „Oder ist es nur Mitleid mit dem geprüften früheren Lehrer, das sie bewegt, so freundlich, so liebevoll mir entgegen zu kommen? — Er rief sich jedes Wort, das sie gesprochen, in's Gedächtniß zurück. Er erinnerte sich daran, wie ihr, als er seine Lcidcnsschicksale erzählt hatte, die hellen Thränen in den Augen gestanden, und wie herzlich und innig sie ihm gute Nacht gewünscht. Schneller pochte sein Herz, und als er, in seiner Wohnung angekommen, sich zur Ruhe begeb n hatte, da umfingen ihn goldene Träume einer glücklichen, Wonnereichen Zukunft, an der Seite eines geliebten Weibes, und leise entschwebten die Gedanken seiner Seele, im Schlafe seinem Munde: „Agathe, süßes, theures Mädchen!" (Fortsetzung folgt.) Am Tage Aller-Seelen in der Kapuzinergruft in Wien, Es ist ein frommer und heiliger Brauch, daß am Tage Aller-Seelen den Erinnerungen an die Hingeschiedenen eine Wehmuthsthräne nachgeweint wird. Mit Blumen und Kränzen werden die Grabeshügel der theueren Hingeschiedenen geschmückt, und die Ruhestätte der Todten gleicht dann einem Blumengarten, welche die Pietät mit ihren schönsten Gaben geziert hat. An diesem heiligen Tage strömt die Bevölkerung Wiens au die stille Gruft der Kapuziner. Dort am Sarge des unvergeßlichen Kaisers Joseph,werden der Erinnerung die wehmuthsvollstcn Monumente von Alt und Jung, von Groß und Klein geweiht. Sei es uns heute gestattet, das düstere, schmcrzenreiche Bild seiner Sterbestunde zu malen; wir glauben dadurch eine Pflicht der Pietät und der Gerechtigkeit zu erfüllen. Der Kampf mit dem Leben war ausgekämpft, alle Schmerzen waren überwunden. Mit heiter strahlendem Angesicht lag Joseph auf seinem Lager; kein Wort des Unmuthes oder der Klage kam über seine Lippen. Er tröstete die Weinenden und hatte für jeden ein Wort der Beruhigung und der Liebe. Er schrieb noch in den letzten Tagen mit eigener zitternder Hand Abschicdsbricfe an seine Schwester, au den Fürsten Kaunitz und 357 an einige Damen seines näheren Umgangs, Briefe voll rührender Innigkeit und Zartheit, und unterzeichnete noch am 17. Februar achtzig Mal seinen Namen. - Aber jetzt fühlte er, daß seine Kräfte zu Ende waren, und als am Abend dieses Tages seine Freunde Lasch und Roscnbcrg zu ihm kamen, um die Nacht bei ihm zu wachen, winkte er sie mit der Hand dicht zu sich heran an sein Lager. Es geht zu Ende, meine Freunde," sagte er leise. „Die Lampe hat kein Oel mehr sie wird bald erlöschen. Still! Weinet nicht! Sagt mir heiter das letzte Lebewohl!" „Heiter?" fragte Lasch traurig, „heiter, wenn wir Sie niemals wieder sehen sollen?" Der Kaiser blickte sinnend zur Decke empor, „Wir werden uns wiedersehen," sagte er nach einer langen Pause. „Nicht hier auf Erden, aber im Jenseits. O, ich glaube an ein Jenseits, ich hoffe auf ein Jenseits! Muß es denn nicht ein Dasein geben, wo ich einigen Ersatz finde für Alles, was ich hier auf Erden gelitten?" „Und eine Strafe für Diejenigen, welche Ew. Majestät Leiden gemacht?" sagte Rosenberg düster. „Ich habe Allen verziehen," sagte der Kaiser lächelnd. „Kein Groll und kein Wermuth ist mehr in meinem Herzen; ich bin ganz resignirt! Ich hatte die gute Absicht und den redlichen Willen, mein Volk glücklich zu machen, ich zürne ihm nicht, daß es nicht annehmen wollte, was ich ihm geboten habe. Ich wünschte, man schrieb auf mein Grab: „Hier ruht ein Fürst, dessen Absichten rein waren, der aber das Unglück hatte, alle seine Entwürfe scheitern zu sehen." — Ach, meine Freunde, der Dichter hatte nicht Recht, wenn er sagt: du trdno uu osrvueil Is PU88NA6 68t terriblb" Ich vermisse den Thron nicht, und fühle mich ganz ruhig, nur ein wenig gekränkt durch so viel Lebensplage, so wenig Glückliche und so viel Undankbare gemacht zu haben. Allein das ist das gewöhnliche Schicksal der Männer auf dem Throne!" „Das Schicksal der großen Männer, die ihrer Zeit vorangehen," sagte Lascy , „das Schicksal Aller, die Großes wollen. Großes erstreben und den Völkern neue Ideen des Glücks, der Aufklärung und der Gcistesfreiheit bringen. Sie muffen Alle sterben als Märtyrer der Dummheit, des Uebclwollens und der Kleinlichkeit." „Ja, ein Märtyrer bin ich," sagte Joseph mit einem sanften Lächeln, „aber sie werden aus meinen Gebeinen keine Reliquien machen." „Aber die Liebe zu Eurer Majestät werden wir als heilige Reliquie in unserem Herzen tragen!" rief Graf Rosenberg weinend. „Sie sollen nicht weinen," sagte Joseph. Haben wir nicht schöne Tage der Treue und Freundschaft mit einander durchlebt? Wollen sie mir nicht auch jetzt noch Ihre Freundschaft beweisen, indem Sie mir ein heiteres Angesicht zeigen? Sie vor allen Dingen, Rosenberg, Sie, welche mir heute die letzte Freudenbotschaft gebracht, das letzte Freudeulächeln auf meinem Antlitz gesehen haben, als Sie mir meldeten, daß meine geliebte Nichte Elisabeth meinem Franz eine Tochter geschenkt hat. O, es ist schön, eine Freude mit in sein Grab zu nehmen und sterbend eine neue Hoffnung aufblühen zu sehen! Elisabeth wird dereinst Eure Kaiserin sein, liebt sie; Ihr, meine alten Getreuen, liebt sie um meinetwillen, denn ich habe sie geliebt wie mein eigenes Kind! Man hat mir seit einigen Stunden schon keine Nachricht von ihr gebracht. Es geht ihr gut, nicht wahr?" Die beiden Freunde antworteten nicht und senkten die Augen nieder. „Lascy!" rief der Kaiser, und jetzt fuhr wieder ein Ausdruck menschlichen Leidens durch die vorher so verklärten Züge. „Lasch, warum weinen Sie? Sie schweigen? Mein Gott, Sie schweigen ? Rosenberg, ich beschwöre Sie, sagen Sie mir die Wahrheit, wie steht es mit der Erzherzogin Elisabeth, mit meiner Tochter?" Er richtete sich halb empor und schaute in athcmloser Angst auf den Grafen hin. Dieser wagte es nicht, den Blicken des Kaisers zu begegnen. 358 „Die Erzherzogin Elisabeth ist sehr krank," sagte er leise. „Die Entbindung hat sie sehr angegriffen." „Ach, sie ist todt! rief der Kaiser, „nicht wahr, sie ist todt?" Niemand antwortete, nur die Thränen, welche in Lascy's und Nosenberg's Augen standen, gaben die Antwort. Josef stieß einen lauten Schmerzcnsschrei aus, und seine Arme zum Himmel streckend, rief er: „O Gott, Dein Wille geschehe! Aber was ich leide, ist unbeschreiblich! Ich meinte, ich wäre bereit, alle Todespein zu ertragen, die es Gott gefallen möchte, mir zu senden: aber dieses fürchterliche Unglück übersteigt Alles, was ich jemals gelitten hatte. Er sank zurück auf sein Lager und lag still und starr da eine lange, lange Zeit. Dann auf einmal richtete er sich wieder empor und seine Stimme war wieder kräftig und voll, und sein Auge hatte wieder Feuer und Glanz, und sein Ganzes zeigte wieder den Kaiser und den Herrscher, der vor allen Dingen sich selbst beherrscht. „Man soll die Erzherzogin mit allen Ehren, wie sie diese edle und erhabene Fürstin verdient, bestatten," sagte er. „Ihnen übertrage ich die Sorge, Rosen- berg, daß das Lcichenbcgängniß mit allem Pomp geschehe. Morgen soll die Leiche in der Hofkapelle ausgestellt werden, aber dann soll man sich beeilen, sie zur ewigen Ruhe in die Kaisergruft hinabzusenken, damit in der Hofkapclle Platz werde für meine eigene Leiche!" DaS war der letzte Befehl, den der Kaiser ertheilte, von nun an war er nur noch ein armer, sterbender Mensch, und nur Gott und seinem Volke galten seine letzten Gedanken. Er ließ seinen Beichtvater an sein Lager rufen und bat, ihm etwas aus dem Gesangbuche vorzulesen, ein Sterbegcbet. Mit gefalteten Händen hörte er zu, die großen Augen gen Himmel gewandt, aber plötzlich schien es, als wenn eine freudige Begeisterung über ihn komme und er begann laut die Worte des Gebetes mitzusprechen. „So bleiben nun Glaube, Hoffnung und Liebe!" betete der Geistliche. Der Kaiser wiederholte die drei letzten Worte. Er sprach das Wort Glaube mit tiefer Zuversicht, das Wort Hoffnung leise und schüchtern, das Wort Liebe aber rief er mit einer wahren freudigen Inbrunst. (Ramshorn, S. 449.) Dann wieder ward er ganz still. Die Gebete verstummten. Der Kaiser lag mit gefalteten Händen bleich und unbeweglich da. Einmal hörte man ihn leise sagen: „Herr, der Du mein Herz kennst, Dich rufe ich zum Zeugen an, daß ich Alles, was ich unternahm und befahl, aus keinen anderen Absichten, als zum Wohl und zum Besten meiner Unterthanen meinte. Dein Wille geschehe!" — (Hübncr.H. S. 502.) Dann wieder ward er still, ganz still. — Weinend, mit gefalteten Händen stand der Erzherzog Franz, Lasch und Rosenbcrg an seinem Lager. Der Kaiser sah sie mit seinen großen gebrochenen Augen an, aber er kannte sie nicht mehr. Alsdann wieder blitzte der Geist mit einem letzten Scheidegruß in seinen Augen auf und mit fester Stimme sagte er: „Ich glaube, meine Pflicht als Mensch und Regent erfüllt zu haben!" Dann wandte er sein Antlitz zur Seite. Wieder herrschte eine tiefe Stille. Auf einmal ward diese Stille unterbrochen von einem langen, schweren Seufzer. Es war der Todesscufzcr Josef des Zweiten. Ei« Lokomotivführer. Wenn Jemand einen beschwerlichen und furchtbar verantwortlichen Dienst hat, so ist es ein Lokomotivführer. Das geflügelte Wort, das unter ihnen umläuft: „Wir stehen mit dem einen Fuße im Zuchthaus, mit dem andern im Grabe," hat eine gewisse Wahrheit. Den gerechten Anforderungen, welche deutsche Lokomotivführer in einer kürzlich gehaltenen General-Versammlung erhoben haben, wird das Publikum zur Seite stehen. — In dieser Versammlung erzählte ein Mitglied folgendes Erlebniß: „Es war im Mai des Jahres 1856, als ich einen Schnellzug von X. nach Z. zu fahren hatte. Als ich in die Nähe der Zucker-Fabrik Y. kam, überzeugte ich mich von der richtigen Stellung der hier befindlichen Weiche; da aber die beiden Wcichensignal- Tafeln dicht hinter einander in ganz gleicher Höhe standen, so konnte ich nur die erstere sehen, da die zweite, von der ersten verdeckt, meinem Gesichtskreise vollständig entzogen war. Es beunruhigte mich dieser Zustand auch nicht; denn da die zweite Weiche in einen todten Strang führte, so sollte dieselbe nach der mir bekannten Instruktion für den Weichensteller stets verschlossen sein und nur behufs Einsetzens und Herausziehend von Wagen geöffnet werden. Wie groß aber war mein Schreck, als ich, näher gekommen, bemerkte, daß die linke Weichcnzunge (denn nur hierin konnte ich die Stellung dieser Weiche beurtheilen) nicht anliege und die Weiche daher geöffnet sei. Bei der großen Schnelligkeit des Zuges und der geringen Entfernung der Maschine bis zur Weiche war an ein Halten des Zuges nicht mehr zu denken und es mußte derselbe den 20 bis ZO Fuß hohen Damm hinabstürzen, wenn es mir nicht gelang, den Wärter auf die unrichtige Stellung der Weiche und der damit verbundenen Gefahr aufmerksam zu machen. So schnell als möglich nahm ich den Steuerungshcbel bei geöffnetem Regulator nach rückwärts, griff zur Dampfpfeife, um eincstheils den Wcichwärter, anderntheils das Zugpersonal durch schnell aufeinander folgende Töne auf die ungeheuere Gefahr aufmerksam zu machen. Der Wärter, welcher das Pfeifen hörte, meinte, es sei dem Zuge etwas passirt, und wendete, ohne die unrichtige Stellung seiner Weiche zu bemerken, demselben seine ganze Aufmerksamkeit zu. Immer näher kam der Zug, und nur einen Moment, und Alles, was sich im Zuge befand, war rettungslos verloren. Da, in der größten Verzweiflung, sprang ich auf den auf dem Führerstande befindlichen Radkasten, riß meine Mütze vorn Kopfe, winkte mit derselben dem Wärter zu und rief in der Verzweiflung, so laut es meine Stimme erlaubte: „Weiche herum, Weiche herum!" Alles vergebens, der Wärter wachte zwar eine Bewegung, wurde aber, da ich auf der rechten Seite der Maschine, der Wärter hingegen znr linken Seite deS Geleises stand, durch die Maschine selbst meinem Sehkreise entzogen, und als die Puffcrbohlc auch die Enden der Wcichcn- zungcn verdeckte, und diese noch immer offen stand, faßte ich den Entschluß, sobald die vordere Maschincnachse die Schienen verlassen würde, mein Leben durch einen Sprung nach dem Hauptgelcise hin zu retten. Wie groß aber war meine Ucbcrraschung, als ich den Moment gekommen wähnte und nun wahrnahm, daß der Zug nicht in das erwähnte Ncbengelcise gegangen, sondern auf dem Hauptgelcise geblieben war! Eö war dem Weichenwärter gelungen, die Weiche noch umzustellen, ehe die Vorderachse der Maschine in dieselbe hineingelaufen war, und so das Hinabstürzen des Zuges zu verhindern. — Alles hier Beschriebene war das Werk einiger Sekunden und Niemand wird im Stande sein, sich einen Begriff von dieser Situation zu machen. Der Schreck, die Angst, welche sich ini vorliegenden Falle bis zur höchsten Verzweiflung steigerte, dann wieder die plötzliche Freude (wenn diese Bezeichnung eine richtige ist) über die glückliche Rettung des Zuges und so vieler Menschenleben brachten in mir einen unbeschreiblichen Gcmüths- zustand hervor. Nur so viel sei gesagt: ich brach zusammen, gab dem noch immer nach rückwärts liegenden Steuerungshcbel einen Stoß, daß derselbe nach vorn flog, setzte mich auf den Radkasten und ein Strom von Thränen entquoll meinen Augen. Das Bewußtsein, viele Menschenleben gerettet zu haben, war meine Belohnung; von der Bahnverwaltung erhielt ich nicht die geringste Anerkennung. Trotz meiner recht kräftigen Körpcrconstitution konnte ich den ganzen Tag hindurch einer gewissen Aufregung nicht Herr werden. Selbst als ich mich in mein Bett gelegt Hatte, vor welchem ein kleines Tischchen mit Lampe stand, und mich mit Lesen beschäftigte, sah ich im Geiste die schrecklichsten Bilder an mir vorüberziehen; ich sah die vorn Damme hinuntergestürzte Lokomotive und die über dieselbe hinwcggeschleudertcn und zertrümmerten Personenwagen, ich sah Todte und Verwundete in großer Anzahl umherliegen, ich hörte das Wehklagen der letztem, kurz, ich konnte trotz aller Bemühungen nicht zur Ruhe gelangen. Nachdem ich die Lampe ausgelöscht und noch eine geraume Zeit wach im Bette 360 gelegen hatte, überwältigte mich die Müdigkeit und ich schlief ein. Plötzlich aber erwachte ich wieder, hörte um mich herum einen Höllenlärm, und als ich vollständig zur Besinnung gekommen war, sah ich, daß ich mich nicht mehr in meinem Bette befand, sondern mitten im Zimmer lag und ringsum die Trümmer des zerbroäienen NachttischchcnS und der Lampe. Ich hatte geträumt, ich befände mich auf der Maschine, der Zug gehe den Damm hinunter, und meinem Vorsätze getreu, hatte ich mein Leben durch einen Sprung nach dem Hauptgeleise zu retten versucht ..." Dein Wenn du noch eine Mutter hast. So danke Gott und sei zufrieden; Nicht allen auf dem Erdenrund Äst dieses hohe Glück beschicken. Wenn du noch eine Mutter hast. So sollst du sie mit Liebe Pflegen, Daß sie dereinst ihr müdes Haupt Äm Frieden kann zur Ruhe legen. Mutter. Sie lehrte dir den frommen Spruch Sie lehrte dir zuerst das Reden; Sie faltete die Hände dein Und lehrte dich zum Vater beten. Sie lenkte deinen Kindessinn, Sie wachte über deine Äugend; Der Mutter danke es allein. Wenn du noch gehst den Weg der Tugend. Denn was du bist, bist du durch sie Sie ist dein Sein, sie ist dein Werden; Sie ist dein allergrößtes Gut, Und ist dein größter Schatz auf Erden Des Vaters Wort ist ernst und streng, Die gute Mutter wilden's wieder; Des Vaters Segen baut das Haus, Der Fluch der Mutter reißt es nieder. Sie hat vorn ersten Tage an Für dich gelebt mit bangen Sorgen; Sie brachte Abends dich zur Ruh Und weckte küssend dich am Morgen. Und warst du krank, sie pflegte dein. Den sie mit tiefem Schmerz geboren; Und gaben Alle Dich schon auf — Die Mutter gab dich nicht verloren. Wie oft hat nicht die zarte Hand Auf deinem lockigen Haupt gelegen; Wie oft hat nicht ihr frommes Herz Gesicht für dich uni Gottes Segen! Und hattest du die Lieb' verkannt. Belohnt mit Undank ihre Treue: Die Mutter hat dir stets verzieh'«, Mit Liebe dich umfaßt aus'S Neue. Und hätte selbst das Muttcrhcrz Für dich gesorget noch so wenig; Das Wen'gc selbst vergiltst du nie. Und wärest du der reichste König! Die größten Opfer sind gering Für das, was sie für dich gegeben; Und hätte sie vergessen dich, So schenkte sie dir doch das Leben. Und hast du keine Mutter nichr, Und kannst du sie nicht mehr beglücken, So kannst du doch ihr frühes Grab Mit frischen Blumenkränzen schmücken. Ein Muttergrab ein heilig' Grab! Für dich die ewige heil'ge Stelle. O wende dich an diesen Ort, Wenn dich umtobt des Lebens Welle! Frage: Welcher Rath thut Einem oft die besten Dienste? Antwort: „-h,vaaoF" ao(§ Druck, Verlas ünd Redaktion des iiterarilchen Instituts vvu Lr. M. Huttier. Nr. 46 . 15. Novbr. 1868 ta „Warum zauderst du so mit deinen Schritten?" Nur ungern mag ich ruhn, Will ich aber was Gutes thun, Muß ich erst um Erlaubniß bitten. Nöthe. Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie. ix. Schluß. .... und willst Du die Meine werden, So will ich Dich tragen mit starkem Arm, Auf des Lebens dornigten Pfaden. Der nächste Tag verging in Abstattung und Empfangnahme von Besuchen. Olcarius wurde dabei von Personen heimgesucht, die er sonst kaum dem Namen nach gekannt, und die es früher oftmals kaum der Mühe werth gehalten, den höflichen Gruß des armen Candidaten zu erwiedern. Jetzt freilich war das anders, denn jetzt hatte man ja nicht mehr den, in abgeschabtem Fracke für einige Groschen Stunden gebenden, unbedeutenden Magister, sondern den Hofprcdiger des Königs von Preußen, und wie man sich zuraunte, den erklärten Liebling desselben vor sich, und da war es natürlich eine Ehre, sich der früheren herzlichen Freundschaft erinnern und versichern zu können: man habe es ja immer gesagt und prophezeit, der Herr Olcarius würde es noch einmal zu etwas Großem bringen. Herzlich Gott dankend, als es dunkel geworden und der lästige Schwärm der aufdringlichen Bekannten und Unbekannten sich verlaufen, verließ der Hofprcdiger aus Furcht, noch einmal aufgehalten zu werden, fast wie ein Dieb so heimlich, seine Wohnung, um sich zu Agathen zu begeben, und in süßem Geplauder mit ihr den Abend zu verbringen. Als er das trauliche Hinterstübchen betrat, wo Agathe gerade im Begriffe war, ein Kapitel aus der Bibel zu beenden, das sie jeden Abend der alten Frau vorzulesen Pflegte, erinnerte diese sich plötzlich, daß sie noch einen wichtigen Gang zu machen habe, und ehe die darüber bestürzten jungen Leute Einwand erheben konnten, hatte sie schon ihre altcr- thümlich hohe Haube aufgesetzt und verließ, „gute Unterhaltung" wünschend, mit gutmüthigem schlauen Lächeln die Stube. Verlegen saßen sich die beiden Zurückgebliebenen ein paar Minuten gegenüber. — Vergeblich suchte Olcarius nach Worten, eine Unterhaltung einzuleiten, aber so oft er auch den Mund öffnete, es wurde kein Laut hörbar, und fast schien es, als blieben ihm alle Töi e in der Kehle stecken. Agathe ihrerseits strich sich schon zum hundertsten Male die frisch gebügelte Schürze znrccht, und ein über das andere Mal flog ein glühendes Roth über ihre rosigen Wangen. Endlich ermannte sich der Hofprediger, und indem er auf eine feine Stickerei, die auf dem Arbcitstischchcn Agathcns lag, deutete, fragte er mit halblauter, merklich bewegter Stimme: „Das haben wohl Sie gemacht, Fräulein Agathe? Ach, es ist so wunderhübsch!" Betroffen blickte das Mädchen auf. ES war das erste Mal, daß Olcarius „Sie" zu ihr gesagt hatte. Bläffe und Nöthe wechselte in ihrem Gesichte, ihre Brust hob sich krampfhaft und wie gebannt und geistesabwesend starrten ihre Augen den auf's heftigste erschrockenen jungen Mann an. Dann aber Plötzlich schien ihr das Bewußtsein wieder 362 zurückzukehren, ein krampfhaftes, schmerzliches Schluchzen entrang sich ihrer Brust, und das schöne Haupt in die zarten Händchen bergend, brach sie in bitterliches Weinen aus. ' Unfähig, sich länger zu halten, sprang Olearius auf, umfaßte die Liebliche, und die nicht Widerstrebende an sich ziehend, und die kostbaren Perlen aus den blauen Augen küssend, rief er, nicht länger im Stande, sein Gefühl zu verbergen: „Agathe, ja, ja, Du liebst mich! O, sag' an, theures Mädchen, willst Du mein Weib werden? Willst Du vertrauungsvoll Dein ferneres Geschick in meine Hände i legen? Ich will Dich wahren und schützen vor aller Unbill des Lebens und Dich lieben Iren und innig bis zum letzten Athemzuge." Agathe jedoch erwiederte nichts, sondern barg ihr Köpfchen an seine Brust. Als er aber leise ihr Haupt emporhob, um die Antwort in den schönen Augen zu lesen, da traf nhn aus denselben ein solcher Strahl reinster, überglücklichster Liebe, daß er voll seligen Entzückens das theure Mädchen in seine Arme schloß, Und einen glühenden Kuß auf die ; rosigen Lippen drückend, den Bund zweier reinen Herzen besiegelte. ^ In demselben Augenblicke öffnete sich leise die Stubenthüre, und Frau Silbermaier . auf die Schwelle tretend, klatschte freudig in die Hände und rief: j „Bravo! — bravo Kinderchen, — das habt ihr gut gemacht, gratulire, gratulire ! von Herzen." r Erschrocken fuhren die Beiden auseinander und Agathe wollte hochcrröthcnd entfliehen. i Olearius aber ergriff ihre Hand, und die leise sich Sträubende mit sanfter Gewalt > zurückhaltend, neigte er leicht das Haupt und sagte: „Segnen Sie uns, ehrwürdige Frau, denn wir haben uns so eben vor dem Herrn verlobt und den Schwur der ewigen Treue abgelegt." ^ Mit Thränen in den Augen hob die alte Frau die Hände, und sie auf die Häupter - der beiden Liebenden legend, sprach sie mit sanfter, gerührter Stimme: „Gott segne Euch, Ihr guten, edlen Menschen. Möget Ihr so glücklich werden, ! als Ihr es verdient." ! Ein fröhliches Mahl vereinte auch heute die Glücklichen, und als die Frau Silber- inaier um Mitternacht endlich an's Schlafengehen mahnte, da wußten sie nicht, wo die ' Zeit hingekommen sei, denn ihnen waren die Stunden gleich Minuten verflogen. Noch einen herzlichen Kuß drückte Olearius auf die schwellenden Lippen seines seligen Bräut- chcns, dann schob ihn die gutmüthig scheltende Alte zur Thür hinaus und überließ es ihm, seine glühende Stirne von der frischen Nachtluft abkühlen zu lassen. Am Sonntage darauf wurden der Hofprediger Gottfried OlcariuS und Agathe Wcintraut zum ersten Male von der Kanzel herab als Verlobte verkündigt, und vier Wochen später fand die Trauung in der alten Stadtkirche statt. Ganz Langcnsalza nahm Theil an Agathens Wonne, und wenn auch vielfach beneidet, gönnte mau ihr doch von Herzen ihr Glück, und von allen Seiten regnete eö Glückwünsche und Geschenke auf sie nieder. Nach Beendigung der kirchlichen Feier vereinigte der Hochzcitsschmaus sämmtliche Honoratioren der Stadt in der Krone. Als aber nach Tische die Pfropfen knallten und -er Wein die Zungen anfing zu beleben, führte Olearius sein kleines Weibchen heimlich aus dem Saale, hieß sie ihr bräutlich Gewand mit einem einfachen Kleidchen vertauschen, und hob dann die glücklich Lächelnde in die schon im Hofe harrende Postkutsche. Mit einem herzlichen Händedruck schieden sie von dem Wirthe und der guten Frau Silber- maicr, der die hellen Thränen über die vollen Backen rannen, dann stieß der Schwager jn's Horn, und dahin rollte das junge Ehepaar seiner neuen Heimath, Berlin zu. * Unsere Erzählung ist hiermit zu Ende. Doch wollen wir der wißbegierigen schöne» Leserin noch verrathen, daß der große König nach Verlauf eines Jahres, bei einer gewissen Feierlichkeit, in der Schloß-Kapelle zugegen war und dem Vater des neuen Weltbürgers als Pathengcschenk ein Dekret überreichte, welches ihn an Stelle des pensionirten 363 Collegcn zum Oberhofprediger ernannte. Auch erfuhr Olearius später, daß den gewissenlosen Verführer Lieschens schon hier auf Erden seine wohlverdiente Strafe ereilt habe, indem er, da es sich herausgestellt hatte, daß er schon Jahre lang Defrandation an den ihm anvertrauten Casscn verübt, infam cassirt, und nach Erstehung einer mehrjährigen Festungsstrafe aus dem Heerverband ausgestoßen und ihm die preußischen Lande verboten wurden. Er verschwand spurlos und niemals wieder hat man von ihm etwas gehört. Auf Lieschens Grab aber ließ der Oberhofprediger einen schönen Stein setzen und dem Andenken an die arme, so früh Verblichene, errichteten die beiden Glücklichen «ine« heiligen Altar in der Tiefe ihrer Seelen. Ein Herbst-Abend. Nebelschleier umhüllt Erde dein Angesicht, Kalt wie Schweiß auf der Stirn eines Verscheidenden Träufts vom Himmel, vom Dache, Träufts von Baum und von Felsenwand. Uhu hör' ich nur schrei'n, Naben und Elsterbrut, Trüb' wie Todcsgestöhn seufzet und ächzt der Wald. Mußt du sterben Natur, die Reich uns Blüthen und Frucht gebar? Plötzlich, eh' noch des Tag's Leuchte geschieden ganz. Dringt, obsiegend, das Licht nieder in's dunkle Thal: Glutroth brennt das Gewölk', zu Tausendmalen vom Licht getheilt. Ha! welch' Wunder geschah während der trüben Zeit, Wo nur Raben gehaust, Nebel die Welt umhüllt? Goldgelb glänzt das Gebüsch nun. Purpurn pranget der Buchenwald! Neues Leben entquoll doch nicht dem Erdenschooß, Daß schon Frühling uns nah', eh' noch der Winter floh; Doch dies Farbengcmisch mahnt Freundlich uns an den fernen Lenz. So wohl blickt noch im Tod auf mit entzücktem Aug', Wem aufleuchtet ein Strahl aus dem verheißnen Land. Friedvoll hebt er die Brust ihm, Nochmal färbt er die Wang' ihm roth! — A. Rirdl. 364 Ei« Brief Maria Theresia s aus dem Jahre 1778. „Jedermann in Europa weiß, welche Rechnung «an auf den König von Preußen und seine Worte machen kann. Frankreich hat es bei vielen Gelegenheiten erfahren, und überhaupt ist kein Fürst in Europa seinen Perfidien entgangen. Und ein solcher König will sich zum Dictator nnd Protector von Deutschland auswerfen! Indessen noch merkwürdiger ist, daß nicht alle Mächte zusammenhalten, um ein solches Unheil abzuwehren, das früher oder später auf alle zurückfallen muß! Seit 37 Jahren ist dieser Mann durch seine despotische Militär-Monarchie, durch seine Gewaltthätigkeiten das Unglück Europa's. Er hat sich losgesagt von allen anerkannten Principien des Rechtes nnd der Wahrheit; er spottet jeglichen Vertrages und jeglicher Allianz. Wir sind die nächst ihm Blosgcstellten, und mau verläßt uns! Wir werden uns vielleicht noch dieses Mal herausziehen, sei es wohl oder übel." „Aber ich rede nicht für Oesterreich. Was ich sage, betrifft alle Mächte Europa's. Die Zukunft liegt nicht lachend vor mir. Ich werde es ja nicht mehr erleben; aber meine Kinder und Enkel und meine guten Völker werden es nur zu sehr erfahren. Wir fühlen ja doch jetzt schon den grundsatzlosen, aber kraftvollen Despotismus dieser Militär-Monarchie, die keine andere Richtschnur ihres Handels kennt, als ihren Vortheil. Wenn man dieses preußische Princip noch immer mehr Boden gewinnen läßt, welche Aussicht bietet sich da für diejenigen, die einst nach uns kommen werden? Denn dieses System ist — darüber darf man sich nicht täuschen — in stetem Wachsthum." „Man wolle sich doch durch die Schmeicheleien der Preußischen Politik nicht irre führen lassen. Der König macht sie, um seinen Zweck zu erreichen, aber nach Erreichung desselben thut er immer gerade das Gegentheil und hält nie sein Wort. So handelt er gegen alle, nur nicht gegen die eine Macht, die er fürchtet. Es ist Rußland." Der Brief schließt mit folgenden prophetischen Worten: „Es handelt sich um alle heiligen Güter, um unsere eigenen Interessen. Wir werden überrannt und zu Boden gestoßen werden der eine nach dem anderen, wenn wir nicht im festen Bunde entgegentreten." Also Maria Theresia vor neunzig Jahren! Der «eue Wein. „Die Erde gibt den Saft, Die Lüfte geben Kraft, Die Sonne gibt den Geist; Gar schön der Wein beweist, Was er empfing für Leben. Weil er's kann wiedergeben " (M-ses). (Vorn Rhein, Ende Oktobers.) In unsern Weinbauenden Rhein- und Moselgegenden versteht man bekanntlich unter „Herbst" nicht allein die Jahreszeit dieses Namens, sondern spezieller gerade die Weinlese, und unter „Herbsten" demgemäß das Lesen undNach- hauseschaffen der Trauben. In diesem Sinne spricht der Winzer von einem guten oder schlechten rc. Herbst, und wenn wir in gleicher Anschauung heute sagen, daß der Herbst beinahe überall beendet sei, so kann Dieses keinem Mißverständnisse unterliegen. Ja unsere rebenumfponnenen Berge waren in den letzten Wochen sehr belebt, und unsere Winzer machten äußerst vergnügte Gesichter. Vor etwa zwei Monaten waren die Hoffnungen auf die Quantität sehr gering, denn auf das dürre Erdreich schaute mit ewig heiterer Miene der „unbewölkte Zeus", und aller Herzen Sehnsucht ging dahin, daß nun Jupiter Pluvius einmal das Szepter ergreifen möchte, um den vertrockneten Fluren sowohl, als auch den gar unscheinbar gebliebenen Beeren des Wcinstocks eine gründliche Erquickung 365 zu gewähren. Wohl uns! die Wünsche sind erhört worden. Spät kam er — doch er kam, nämlich der Regen, und seine segnende Kraft hat er auf wunderbare Weise bewährt. Die wohlgekochten, aber schlecht entwickelten Beeren sind durch den Regen aufgequollen, die harten und dicken Häute sind weich und dünn geworden, so daß die gewonnene Quantität fast durchschnittlich um die Hälfte die früheren Erwartungen übertrifft. An der untern Mosel, wo wir mehrmals in der Lese waren, hörten wir von vielen Seiten, daß Winzer, welche 2-4—6 rc. Fuder erwartet hatten, thachtsälich 3—6—9 rc. Fuder herbsteten. Der dadurch hervorgerufene Fäffermangel machte sich empfindlich bcmerklich, und während der Lese sahen wir die Winzer noch nach Fässern umherlaufen, die sie nunmehr mit 13—15 Thlr. per Stück bezahlen mußten, während sie früher zu 8—9 Thlr. per Stück zu kaufen waren. Einen wcitern Uebelstand hat diese unerwartete Fülle an vielen Orten für die kleinern Winzer, welche gewohnt sind, ihren Herbst gleich ungekeltert an größere Winzer und Produzenten zu verkaufen, hervorgerufen. Da diese letztem ihre Fässer meist von eigenem Gewächs voll erhalten, neue Fässer aber sehr theuer und fast nicht zu haben sind, so ist die Kauflust gering, und der kleine Mann muß seine ganze Ernte nicht selten für einen Spottpreis losschlagen, wsil ihm dieselbe sonst gänzlich zu verderben droht. An der untern Mosel wurde die Ohm im Faß meist zu 20 Thlrn. verkauft. Alles schaart sich um den jungen Helden, wie die Frauen Gevatterincn und Nachbarinen um die Wiege eines jungen Kindes, seine geistigen Anlagen zu erforschen und prophetisch seine Zukunft zu deuten. Da wird mit sachverständiger Kennermiene probirt, geschlürft, hin und her erwogen und Urtheil gesprochen. Auch die Mvstwaagc, welche den Zuckergehalt nach seinem spezifischen Gewichte angeben soll, wird erwartungsvoll in Anwendung gebracht. Diese Waage ist aber insofern ein unzuverlässiger Maßstab, als der Most neben dem Zuckerstoff bekanntlich noch Weinstein und sonstige gallertartige Substanzen enthält, welche in gleicher Weise wie der Zucker auf die Mostwage einwirken. Es kommt nicht selten vor, daß die Mostwaage bei dem Produkt aus geringeren Thallagen ein günstigeres Resultat zeigt, als bei demjenigen aus besseren Berglagen, ohne daß die Meine Dem entsprechend sich entwickelten. Das Warum ist leicht erklärlich, die Traube im Thalboden nähert sich vielmehr und eher dem Zustande der Fäulniß als die Bergtraube und enthält eine größere Menge jener schleimartigen Stoffe aufgelöst, welche beim Keltern sich mit auspressen und sogleich dem Zuckergehalt bei Anwendung der Mostwaage sich geltend machen. Für den rechten Winzer und Weiukcnner bleibt indessen die Zunge das beste Maß, die Güte des Weines zu schätzen und auch schon prophetisch gleichsam vorherzusagcn, sobald der Most in das fedcrweise Stadium gekommen ist. Noch anschaulicher beweist die Kraft des jungen Helden die oft überraschende Wirkung, welche er auf Körper und Geist des Menschen ausübt, der sich aus besonderer Zuneigung mit ihm in intimere Verbindung gesetzt hat. Bereits hört man schon interessante Fakta über solche Wirkungen erzählen die den in früheren Jahren nach guten Weinernten vorgekommenen sich würdig anreihen. Schon Horaz sagt, daß der Wein den Armen Hörner mache, daß sie sich vor nichts fürchteten; wir aber möchten fast, in Anbetracht der mancherlei Stöße, annehmen, daß der junge Wein selbst mit Hörnern auf die Welt komme. Gehen wir in diesen Tagen durch einen Weinort, so umweht uns überall ein eigenthümlicher lieblicher Weingeruch von der aus den Fässern und Kellern entweichenden Kohlensäure; und in den Kellern selbst hören wir es brodeln und gähren, daß es eine Lust, aber nicht selten auch gefährlich ist, sich in den unterirdischen Gewölben dem jungen Helden zu nähern. Darum warnt der Dichter: .Es nahe keiner seiner Kammer, Wenn er sich ungeduldig drängt Und jedes Band und jede Klammer Mit jugendlichen Kräften sprengt. Denn unsichtbare Wächter stellen, So lang er träumt, sich um ihn her, 306 Wir wissen indessen: Und wer betritt die heil'gen Schwellen, Den trifft ihr luftumwund'ner Speer." (Novalis.) „Wenn sich der Most auch ganz absurd gebärdet, Es gibt zuletzt doch noch'u Wein." Und dieses Mal dürfen wir mit Gewißheit auf einen recht guten rechnen. Doch lasse« wir ihn sich entwickeln in der engen Wiege im unterirdischen Geschosse, wo er, nach des Dichters Worten, von Festen und Siegen träumt und sich manches luftige Schloß baut, bis er seine Schwingen entfaltet, im Krystallgewande erscheint und iu ungezählten Strahle» sein inneres Leben in die Welt sprüht. Duell - Geschichten. „Die Romantik des Ducllircns" heißt ein vor Kurzem erschienenes zweibändiges Werk von Andrew Steinmetz. Gegen den Titel müssen wir uns erklären, denn von Romantik ist beim Duell, davon abgesehen, daß beide Theile ihr Leben auf's Spiel setzen, nichts zu spüren. Der Zweikampf hat seine sehr bestimmten und sehr prosaischen Gesetze, die leider nicht vom natürlichen Rcchtsgefühl eingegeben sind. Duellanten sprechen immer von Ehre, und doch kommen unter zehn Duellen neun vor, bei denen zwischen den Kämpfcnden die größte Ungleichheit besteht. Selbst der nicht übergewissenhafte Alexander Dumas, der sich mit Gaillardet wegen der Urheberschaft des schändlichen Drama's: „Der Thurm von Nesles" schlug, die Jeder für sich in Anspruch nahm, konnte das Duell,in dieser Beziehung nicht vertheidigen. Er wurde als Zeuge in einem Zweikampf vernommen, bei dem Bcauvallon, einer der besten Pistolenschützen, den Journalisten Dnjarier erschossen hatte. Der Richter fragte ihn, ob er es für ehrlich halte, daß Jemand, der auf dreißig Schritte ein Ei treffe, sich mit einem Andern schlage, der kaum wisse, wie man ein Pistol abdrücke; er antwortete: „Ja. Wenn man sich auf die Mensur stellt, so verschwinden alle Fragen des Edelmuths und des Zartgefühls, die an und für sich sehr schöne Dinge sind, vor der Frage der Existenz, die wir auf's Spiel setzen und die um loi! im Handumdrehen verloren gehen kann." Die Untersuchung ergab übrigens, daß das Duell nicht blos ein ungleiches, sondern ein unehrliches, ein Mord gewesen sei. Man sollte Pistolen gebrauchen, welche keiner der beiden Theile kannte, und Dujarier kannte die Waffen wirklich nicht. Um so genauer kannte sie Bcauvallon, denn sie gehörten seinem Schwager Gravier de Cassagnac, der sie ihm zu diesem Duell lieh, und noch am Morgen des Zwcikampfes hatte sich Bcauvallon mit diesen Pistolen eine Stunde lang eingeschossen. Das Gericht verurtheilte ihn zu acht Jahren Gefängniß. Die Blüthezeit des Duells war das vorige Jahrhundert. — Unser englischer Historiograph bemerkt, daß man sich damals so oft geschossen habe, wie man jetzt Cricket spiele. Staatsmänner und Parlaments-Redner stellten sich gelegentlich auf die Mensur. Fox schlug sich mit Adam, doch schoß er nicht, weil er, wie er ausdrücklich betheuerte, mit seinem Gegner gar keinen Streit habe. Als er an die Reihe kam, zur Scheibe zu dienen, rief ihm sein Sekundant Fitzgcrald zu: „Fox, Sie müssen eine Seitenstellung annehmen," — „Wozu?" fragte der tapfere Redner. „Ich bin von der Seite eben so dick wie von vorn." Die Folge war, daß er getroffen wurde. Pitt wurde wegen beleidigender Ausdrücke, die im Parlament gefallen waren, von Tierney gefordert und schlug sich auf der Putney-Haide. Sir Francis Burdett und Paul trafen sich bei Wimbledon und stellten ihre verwundete Ehre her, indem sie sich gegenseitig in's Bein schössen. — Zwei Jahre später verschaffte sich Cauning von Lord Castlereagh auf ähnliche Weise Genugthuung. Nicht so ungefährlich wie diese Conflikte wurde ein Streit zwischen O'Connell und D'Estcrrc zum Austrag gebracht. Der große Agitator hatte eine gewisse öffentliche Körperschaft mit gewohnter Derbheit als die „bettclhafte Corporation von Dublin" bezeichnet. D'Estcrrc war ein Mitglied derselben und forderte die übliche Genugthuung. Sie trafen sich in Bishop's Court, einer Besitzung des Lords Ponsonby. Se. Herrlichkeit hatte den Duellanten seinen Park zur Verfügung gestellt, wie man es heute bei einem Feste zu einem wohlthätigen Zwecke thut. D'Esterre feuerte zuerst und fehlte. O'Connell durchschoß seinem Gegner beide Schenkel. Längs der ganzen Straße herrschte ein allgemeiner Jubel, als man den Agitator unverletzt zurückkehren sah. D'Estcrrc starb am Abend des dritten Tages. Dieser Ausgang war seiner Partei unbegreiflich, denn er war ein sicherer Schütze und konnte seinen stämmigen Gegner eigentlich gar nicht fehlen. O'Connell wurde von dem Schicksal seines Feindes tief gerührt. Er ging mit seinem Sekundanten in die Kirche und leistete einen feierlichen Schwur, niemals wieder eine Herausforderung annehmen zu wollen. Der Wittwe des unglücklichen D'Esterre bot er eine Pension, welche so viel betrug, als ihr Mann verdient hatte, aber die Körperschaft, zu welcher der Verstorbene gehört hatte, setzte der Dame dieselbe Summe jährlich aus und O'Conncll's Anerbieten wurde zurückgewiesen. Später übernahm Morgan O'Connell die Zweikämpfe, welche die zügellose Zunge seines Vaters hervorrief, und bekam sehr viel zu thun. Unter Anderem schlug er sich mit Lord Alvanley und wurde am Tage darauf von dem jetzigen Premier-Minister Disracli gefordert. Der Herzog von Wellington hatte hinsichtlich des Duells ganz und gar die hergebrachten Ansichten seines Standes und Berufes. Als das zehnte Regiment in Dublin so unbeliebt geworden war, daß seine Versetzung beantragt wurde, entschied der Herzog, daß es bleiben solle. „Ich halte es nicht für unmöglich," schrieb er, „daß es zu einigen Duellen kommt, aber das ist ja ohne alle Bedeutung." Nach diesen Ansichten selbst zu handeln, war er jederzeit bereit. 1829 forderte er Graf Winchelsea auf, „ihm für sein Benehmen die Genugthuung zu geben, die ein Gentleman zu verlangen das Recht habe und die ein Gentleman niemals verweigere." Der Grund des Zwistes war ein politischer und stand mit der Emanzipation der Katholiken in Verbindung. . Die Gegner trafen sich auf den Feldern von Battersea, wurden aber durch gewöhnliche Leute sehr belästigt. — Wohl zwanzig Gärtner und Tagelöhner hatten sich versammelt, welche die Gesetze des vornehmen Duells nicht kannten, und die Duellanten wiederholt beschworen, die Sache mit den Fäusten auszumachen. Unseren Zeiten näher treffen wir Sir Robert Perl, der Dr. Lusington und Joseph Hume fordert, weiter Roebuck mit dem Beinamen „der Zerreißcr," den er sich selbst beigelegt hat und den er zu verdienen suchte, als er Herrn Black und Lord Powerscourt aus ein Gericht Kugeln einlud. Noch 1840 erschoß Lord Cardigan den Rittmeister Tuckett auf dem Anger von Wimbledon. Als Peer wurde der edle Lord vor das Oberhaus gestellt und bei der Umfrage antwortete ein Lord nach dem andern: „Auf meine Ehre, nicht schuldig." Blos der Herzog von Cleveland machte einen Zusatz und sagte: „Nicht schuldig vor dem Gesetz." Lord Cardigan gab dann noch einen Beweis im Großen, wie er fremdes und eigenes Leben verachte. Bei der Belagerung von Scbastopol sollte er eine russische Batterie nehmen. Er erstürmte sie, um sofort mit seinen sechshundert leichten Reitern sich auf eine feindliche Uhlancmnasse zu werfen, die von Artillerie unterstützt wurde. Dieser unsinnige Angriff kostete mehr als dreihundert Reitern das Leben. (Schluß folgt). 368 Am Grabe eines Mädchens. Im LcbenSmorgen sterbe noch als Knabe, Wen lieb die Götter haben, spricht der Weise; So ist wohl die geliebt im Engelkrcisc, Die, Jungfrau noch,- verschlungen wird vom Grabe. Es schickt der Himmel manche schöne Gabe, Die dieser Erde wär' zu Trost und Preise, Und nimmt sie wieder ungeahntcrwcisc. Damit wir nichts, er aber Alles habe. Der Himmel nimmt, doch kaun er nicht berauben. Er wollte nur mit weiser Huld vermehren An lichte Engelwesen unsern Glauben. Die Reine, die nichts durfte hier verfehlen. Mahnt nun, uns von der Erde zu entstauben, Und inniger das Ewige zu begehren. Johannes Schrott. Shakespeare spielte einst den König in einem seiner Stücke und stand nahe an der Loge der Königin. Er hatte seinen Dienern so eben Befehle gegeben, als Elisabeth, «m zu sehen, ob er aus seiner Rolle fallen werde, ihr Taschentuch auf die Bühne fallen ließ. Shakespeare ließ sich dadurch nicht irre machen, sondern sagte augenblicklich: „Ehe dieß geschieht, hebt erst das Taschentuch Unserer Schwester auf." Die Königin belachte und beklatschte den glücklichen Einfall und die Geistesgegenwart Shakespeares. (Prüfet Alles und das Beste behaltet) Ein hanakischcr Bauer fing einen gewaltigen Hecht, der in seiner Todesangst am Sandufcr ungcmcin herumschlug, und den solid möblirten Rachen bald öffnete, bald schloß. Der Jäger der Domäne kam dazu, begleitet von seinem Vorstehhunde. „Ah," rief er, „was habt Ihr da für einen Prächtigen Fisch gefangen. Beißt er?" „Versuchen Sie es und stecken Sie ihm den Finger in's Maul," grinste der frotzelnde Bauer. „Bin nicht so dumm. Ich will es mit der Ruthe meines Nero versuchen. — Nero herein!" Der Jäger that wirklich, wie er es vvrhergcsagt. Der Hecht schließt den Nachen, der Hund beginnt zu heulen und läuft, vom Schmerz geängstigt, eine Strecke herum und dann gerade zum Jägerhaus hin.- „Rufen Sie doch Ihren Hund zurück," schrie der verblüffte Hanake. „An Euch ist es, den Hecht zurückzurufen." Weder Hund noch Hecht kamen aber mehr zurück. Frage: Welcher Hof ist der größte nach der Zahl seiner mit Kreuzen Dekorirten? An welchem Hof ist der Aermste hoffähig? An welchem Hof halten sich keine Fürsten auf? Und welcher Hof hat oft nicht einmal eine Wache, obwohl dies nothwendiger wäre, als bei so manchem andern Hof? Antwort: »'sohqsmH" Drsck, Derlaa nnd Redalltvi, dt« lilrr-rilche» JvfttlM« »o» Dr. M. Huttler. Nr. 4?. ZZ, Novbr. 1868 Augsburger Richt ein Tyrann, ein christlicher Monarch Sind wir und unsre Leidenschaft der Gnade So unterworfen, wie in unsern Kerkern Verbrecher, angefeffclt. , Shakespeare, Heinrich V. A. I. Z. Maximilian s Ende. Queretaro. Blätter aus meinem Tagebuch in Mexiko. Von Felix, Prinzen zu Salm-Salm. " Nebst einem Auszug aus dem Tagebuchs der Prinzessin Agnes zu Salm-Saim. Zwei Bände. (Stuttgart, A. jdröncr.) Mit mehreren Porträts, Planen" u. s. w. Prinz Felix Salm-Salm scheint etwas von der Natur eines mittelalterlichen Lanz- kiechts in sich zu haben. „Ich war mit Leib und Seele Soldat", sagt er. De» amerikanischen Bürgerkrieg hatte er als Oberst, dann als Brigadegencral der Republik mitgemacht; allein dort im Heer zu bleiben entsprach nicht seinen Wünschen, obschon es ihm an „Anerkennung seiner im Feld geleisteten Dienste" nicht fehlte. Er nennt ganz unbefangen als seinen hauptsächlichen Grund: das Leben dort zu Lande habe ihm nicht besonders zugesagt, weil man sich von „Jugendcindrücken und, wenn man will, von Vorurthcilcn" nicht freimachen könne. Zum angenehmen Daseyn in Friedcnszeiten Mochte er also eines Hofes und adeliger Genossen bedürfen. Er ging mit guten Empfehlungen nach Mexiko; doch der österreichische Gesandte Graf'Thun verhinderte nach Kräften die gewünschte Anstellung im Heere Maximilian's. „Ihm und seinem Verwandten^ dem General Thun, welcher das österreichische Korps befehligte, ist es zuzuschreiben, daß nicht ein einziger Preuße in dasselbe ausgenommen wurde." Der Preußische Gesandte Baron Magnus setzte es endlich durch, daß der Prinz (1. Juli 1866) zum Obersten im Generalstab ernannt ward. Von allen unbefangenen Beurtheilen! ist das Unternehmen dcS Erzherzogs Maximilian im Voraus als hoffnungslos bezeichnet worden. Um eine Herrschaft über Mexiko zu begründen, Hütte der Erzherzog einen Märaktcr von.Stahl, eine tiefe Mknschcnkcnntpiß, die rascheste Entschlossenheit im Handchi und die kälteste Rücksichtslosigkeit besitzen müssen. Das waren aber gerade die Eigenschaften, die ihm fehlten, und für welche seine Persönliche, Tapferkeit einen sehr geringen; seine Milde und Liebenswürdigkeit, sein redlicher Wille gar keinen Ersatz bieten/ konnten. Dazu war er ein Fremder, was ein romanisches Volk um so weniger verzeiht, je niedriger es aus der Stufe geistiger Entwickelung steht. Der „Fremdling" war den Gegnern ein Ziel unzerstörbaren Hasses und den eigenen Anhängern nur ein' Werkzeug ihres Interesses und Ehrgeizes ; und früher oder später das Verderben unvermeidlich über den Kaiser zu bringen, dazu genügte schon der einx Umstand, daß das Kaiserthum die Schöpfung eines Bonaparte war. Wenn es auch in Mexiko an ehrlichen Männern nicht fehlte, die dem Kaiserthum deßhalb beitratxn, weil sie die endliche Herstellung geordneter Zustünde von ihm hofften, so hätte doch der Erzherzog, wenn er jenen klaren Blick besaß, ohne den die Durchführung einer so schweren Aufgabe überhaupt unmöglich war, sich darüber nicht täuschen dürfen, daß sein Recht wie seine Macht nur , auf den französischen Bajonnettcn beruhte, und daß diese nicht um Mexiko's noch um seinetwillen, sondern allein um napoleonischer Zwecke willen verwendet wurden. Aber er täuschte sich und täuschte sich gern: Er begab sich in eine Stellung, deren Klippen und Abgründe er nicht ermessen hatte, zu Land und Leuten, die er nicht kannte, auf Männer vertrauend, die ihm keine Bürgschaft zu gewähre». 370 i« Stande warm, auf eine Partei sich stützend, deren Wesen und Ziele ihm im tiefsten Herzen widerstrebten. Prinz Salm gibt uns flüchtige, leider zu flüchtige Zeichnungen von den Männern, die seine Helfer und Vertheidiger sein sollten. „General Don Leonard» Marqucz ist ein kleiner, sehr lebhafter Mann, mit schwarzem Haar und schwarze», .sehr stechenden Augen. "Er trägt einen vollen, schwarzen Bart, um eine entstellende Schußwunde in der Wange zu verbergen. Er hat sich durch seine schändliche Grausamkeit, den Namen dcS Alba von Mexiko erworben. Zu früheren Zeiten schon das Haupt der alten Kirchenpartei, war er auf sehr vertrautem Fuße mit allen Geistlichen und Klosterbrudern. Obwohl sehr tapfer, war er doch als General von geringer Bedeutung, da er von strategischen Bewegungen gar keinen Begriff hatte. Sein Haupttalent bestand im , Orgaisisiren." seinen Charakter malt auch noch folgender Vorgang bei Gelegenheit eines ^ von den Kaiserlichen gewonnenen Treffens: „General Marquez wollte die Gefangene» ^ erschießen lassen; allein der Kaiser widersetzte sich diesem Befehl auf das Entschiedenste. Trotzdem, sagt das Gericht, ließ der blutdürstige General sie in der folgenden Nacht heimlich erschioßen." Marquez verübte zuletzt, als es mit dem Kaiscrthum bergab ging, an Maximilian einen noch unwürdigeren Verrath als Lopez, „der Judas bon Queretaro". „Pater Fischer ist ein großer, stattlicher Mann von großem Verstand und eben so großem Ehrgeiz Er ging in bürgerlicher Tracht und war erst ganz kürzlich zum KabiuetSsckretär des Kaisers ernannt worden. Ueber sein Moral zirkulirten nicht eben sehr erbauliche Gerüchte, und es war bekannt, daß er an verschiedenen Orten Kinder besaß. Sein Einfluß auf den Kaiser war bedeutend. Ihm war cS hauptsächlich, nächst Marqucz und Miramon, zuzuschreiben, daß der Kaiser sich, zur großen Bestürzung des Marschalls Bazaine und deS von Napoleon abgesandten Grafen Castelnau, entschloß, nicht abzudanken, sonder» in Mexiko zu bleiben. Marquez und Miramon versprachen dem Kaiser freilich hoch und theuer, daß ihn die Kirchenpartei mit Geld und Soldaten hinreichend unterstützen würde, und waren mit ihrem Ehrenwort sehr verschwenderisch; allein da der Kaiser den Werth dieser Versprechungen keineswegs überschätzte, so wußte Pater Fischer, der seinen großherzigen Charakter besser kannte, ihn dadurch festzuhalten, daß er ihm das traurige LooS seiner Anhänger nach seiner Abreise ausmalte. Pater Fischer meinte es gut mit dem Kaiser; allein bei ihm war das Interesse desselben dem der Kirche bei Weitem untergeordnet." „Don Miguel Miramon war einer der vorzüglichsten Generals,der Kirchen- parter^ind sogar schon in seinem 25. Jahre Präsident der Republik gewesen. Er war nun ein schöner Mann von einigen 30 Jahren, von mittlerer Größe, schöner Figur, eleganten Manieren, dunklem Haar. Er hatte viel Verstand, war außerordentlich ehr- ^ geizig und dabei tapfer und unternehmend, allein kein wissenschaftlich gebildeter Soldat »nd kein besonderer Strategiker " „Don TomäS Mejia war ein kleiner, gelber, merkwürdig häßlicher Indianer von etwa 45 Jahren, mit einem ungeheuer großen Mund und einem Paar struppigen schwarzen Haaren darüber. Er war ein durchaus ehrenwerther, zuverlässiger Mann, der dem Kaiser treu ergeben und ein tüchtiger Kavalcriegencral, der wegen seiner persönlichen Tollkühnheit berühmt war. Sobald es zum Angriff ging, nahm er stets einem seiner Leute eine Lanze ab und stürzte damit voran in den Feind. In früheren Jahren hatte er einmal den Liberalen Queretaro abgenommen. Als er in die Stadt eindrang, flüchteten die letzten Feinde in den ersten Stock des Rathhauscs. Mejla erschien an der Spitze einer Reiterabtheilung vor demselben, sprengte, die Lanze iu der Hand, die Treppe hinaus, ritt in den großen-RathhauSsaal und zwang die hieher gc- flüchtcten Feinde, sich zu ergeben. Dann ritt er an den Balkon heran und brachte seinen siegreichen Truppen ein Hurrah." „Don Ramon Mcndcz war ein kleiner, fetter Indianer mit hübschem Gesicht und schwarzbraunem Haar und Bart, der in seiner rothen mexikanischen Husarenjacke mit Generalsabzcichen sehr gut aussah. Er trug einen Sombrero (breitrandigen Hut) wie der Kaiser. Mendcz war ein außerordentlich guter Parteigänger, sehr tapfer »ud von seinen Soldaten vergöttert, allein leider zur Grausamkeit geneigt Er war dein 1 k i i. 371 Kaiser durchaus ergeben, aber ein entschiedener Feind von Miramon, dem er mißtraut^ und von dem er behauptete, daß er sich wenig um Kaiser und Kaiserreich kümmere, sondern nur ehrgeizige persönliche Zwecke verfolge; eine Ansicht, die ziemlich allgemein war, die aber bei Mendez vielleicht noch durch Eifersucht verstärkt werden mochte." Miramon und Meji'a wurden später mit Maximilian zusammen erschossen; Mendez hatte dasselbe Geschick schon einige Tage vorher getroffen. Zur Zeit als Prinz Salm in kaiserliche Dienste trat, war der Rückzug der Fianzosen nahe bevorstehend. Der Prinz erzählt uns ihren AuSmarsch aus der Stadt Mexiko recht anschaulich. „So kam der 6. Februar 1867 heran, der Tag, an welchem die Franzosen für immer Mexiko verlosten sollten. Es war einer jener klaren wunderschönen mexikanischen Morgen. Die ganze Bevölkerung der Hauptstadt war auf der Straße und in freudiger Aufregung: der Abzug der Fran- zo en war für alle ein freudiges Ercigniß, denn sie hatten sich bei allen Parteien verhaßt gemacht. Das Benehmen des Marschalls Bazaine brauche ich nicht zu charakterisiern; eS ist in vielen Schriften gewürdigt worden. Er mochte nach seinen Instruktionen gehandelt haben; allein er that es nicht nur in einer ihm eigenthümlichen brutalen Weise, sondern überschritt dieselben wahrscheinlich in manchen Punkten, je nachdem es seinem grenzenlosen Ehrgeiz und seiner Geldgier*) paßte. Die französischen Offiziere ahmten dem Marschall nach, und ihre Anmaßlichkeit und Habgier überschritt alle Begriffe. Was kümmerte sie Maximilian, oder die vorgeschützten zivilisatorischen Absichten ihres Kaisers! Sie verachteten die Mexikaner mit französischer Anmaßung, raubten so viel sie immer konnten, und beleidigten gröblich die Bewohner von Mexiko bei jeder Gelegenheit. Herrr» auf dem Trottoir, die ihnen nicht schnell genug aus dem Wege gingen, stießen sie auf das Pflaster hinunter, und Damen, die sich auf die Straße wagten, waren vor ihrer gemeinen Zudringlichkeit nicht sicher. Die mexikanischen Offiziere zogen es vor, meist in Zivil zu gehen, da sie ihre Uniformen nicht der Beschimpfung aussetzen wollten, daß ihre Begrüßung von den Franzosen nicht erwidert wurde. — Die mexikanischen schwarzäugigen Damen, den Rebozo (Schlciermchitille) leicht und kokett über Kopf und linke Schulter geworfen, füllten schon frühzeitig die zahlreichen Balköne. Der Ausmarsch began« um » Uhr. Kein freundlicher Zuruf, kein Äbschiedözeichen grüßte die verhaßten Bedrücker, und die Damen sahen unbeweglich und mit verächtlichem Lächeln auf die rechts und links umher kokettirenden Offiziere hinab. Das Volk herhielt sich durchaus still. Der Kaiser trat nicht aus Fenster: doch konnte er sich nicht v^agen, hinter der Gardine hervor, de» letzten Blick auf die Truppen seines treulosen Verbündeten zu werfen. Die Citadelle wurde erst am ander« Tage geräumt, damit die Besatzrtng Zeit hatte, vierzig dort stehende Kanonen unbrauchbar zu machen, und die Munition in's Master zu werfen. Sechs gezogene Geschütze und viertausend Granaten wurden sorgfältig begraben, damit die Liberale» sie sinken sollten; allein es wurde »errathen, und sie kamen in unsere Hände. Daß Marschall Bazaine dem General Porsiirio Dia; anbot, ihm die Stadt Mexiko zu überliefern kann ich in so weit bestätigen, als es mir von dem General selbst im November 1867 mitgetheilt wurde. Porfirio Diaz hatte das ehrlose Unternehmen abgelehnt, iude« er sagte, er hoffe die Stadt wohl selbst nehmen zu tönnen." (Fortsetzung folgt.) Die Erdbeben in Süd-Amerika. Die Bewohner der Westküste von Südamerika haben endlich die Beruhigung, glauben zu dürfen, daß die Erschütterungszeit nach mehr als andcrthalbnionatlichcr Das« *) Er uud der französische Geschäftsträger Dano benützten die gute Gelegenheit, um sehr reiche Mexikanerinnen zu heirathen. Um sich die Mitgift für alle Fälle gehörig zu sicher», trugen sie Sorge, ihre Gattiuen aus liberalen Familien zu wählen. vorüber ist, und daß sie, früheren Beobachtungen vertrauend, nun einer längeren Reihe von Zähren entgegensehen können, in welchen der Boden fester stehen wird unter ihren Füßen, und, was wichtiger ist, unter ihren Häusern. Der dreizehnte August brachte allerdings den ersten heftigen Stoß ; doch war die Erde schon im Anfange jenes Monats in bemerkbarer Erregung; die letzten Schwankungen verspürte man am 21. September, feit welchem Tage Ruhe eingetreten ist. Wenigstens in Petu; von Chili gilt auch die obige Bemerkung, daß das Vertrauen zurückgekehrt sei, nicht ganz, indem man in diesem Staate, welcher im August fast ganz verschont blieb, nach den letzten Berichten die Vorzeichen eines Erdbebens wahrzunehmen glaubte. Hoffentlich täuscht man sich. Von den August-Ereignissen erzählt ein Brief des Herrn Vicrau aus Lima, den Professor Dove der Ocffentlichkeit übergeben hat. Die große Mehrzahl der in demselben berichteten Thatsachen sind unseren Lesern längst bekannte Dinge. Als neu heben wir hervor, daß, während die gewaltigste Erschütterung in Peru am 13ten, in Ecuador aui löten und 16ten stattfand, das westliche Bolivien am 19. August, einem Tage, der in Peru ziemlich ruhig vorüberging, einen heftigen Stoß erlitt. Die Stadt Cosavilla ward gänzlich zerstört, eben so das Städtchen Curaguara de Carangas, südlich vom Titicaca-See. — Auch wird von Bergstürzen erzählt. Erwühnenswcrth ist eine Beobachtung an den Küsten Pcru's: „Dös nordamerikanische Kriegs - Dampfschiff „Powhatan" brachte am 27. August die NaMlcht, daß die Tiefe des Meeresgrundes in Folge des Erdbebens Vom 13ren an sämmtlichen jetzt gemessenen Stellen ganz bedeutend abgenommen habe; auf der Höhe von Sama fand mau durchschnittlich nur 6 — 7 Faden, wo stets 30 bis 40 Faden Tiefe gewesen waren. Weitere Messungen und deren Resultate an anderen Orten dieser Küste des Stillen Oceans sind noch abzuwarten, es sollen mit Nächstem von der Regierung von Peru zwei Commissionen entsandt werden, die eine zur Untersuchung der durch die Erdbeben vom 13. August bis 4. September hervorgebrachten Umgestaltungen auf dem Lande und besonders im Innern von Peru und Bolivia, und die andere zur Bestimmung etwa weiterer Veränderungen des Mecrgrundes längs der ecuadorischen, peruanischen und chilenischen Küsten." Nach amtlichen Berichten, welche am 26. August aus verschiedenen Theilen der ecuadorischen Provinz Jmbaburu nach Quito gesandt worden sind, waren die Cantonc Otavalo, Cotacachi und Zbarra wie von der Oberfläche verschwunden; vom Canton Zbarra existirt nur noch ein Kirchdorf, Pimam- piro, in der östlichen Cordillcre. Die Verwüstungen reichen bis an die Grenze von Neugranada, westlich vom Berge Cotacachi bis zu dem Orte Sau Lorenzo de Palacara, östlich bis Sau Pablo, welche in Ruinen liegt. Man glaubt, mit Sicherheit annehmen zu können, daß diese große Katastrophe von einem der niedrigsten Seitenkrater des großen Catacachi (auch Muyusurco genannt) ausgegangen sei; dieser Schlund ist in der Hacicnda von Ocampo gelegen. Der ganze Rest der Bewohner von Zbarra, die sich haben retten können, liegt in Caranqui in jämmerlichem Zustande, obschon Zbarra nicht so viel gelitten hat, als die Cantone von Otavalo und Cotacachi. Viele große patiicische Familien sind gänzlich ausgestorben, wir haben keinen Begriff, wie hoch sich die Anzahl der Todten versteigt. Der ganze Weg zwischen Otavalo und Zbarra ist mit Ruinen und Leichen besäet, außerordentlich viele Nisse des Erdreichs und große Strecken des Landes sind tief eingesunken, aber weit mehr noch, als hier, ist dies der Fall längs des westlichen Gebirgs- zuges von Majanda bis Sän Lorenzo; unterhalb der Abhänge des Cuicocha, außer ungeheuren Massen des herabgestürzten Geröllcs, befinden sich neue große Niste und Spalten, auch die alten haben sich erweitert. Die Wege sind völlig ungangbar Schreckliche Lawinen von Felsen und Geröllen sind von der Höhe des Cotacachi herabgckommen. Aus dem Berge Jmbaburu brach eine Art Strom hervor, aus lauter Schlamm bestehend, welcher sämmtliche Felder mit Morast überschwemmt hat, fast alles Vieh ist dort umgekommen; später folgte noch eine Ucberschwemmung Seitens des Flusses, welche bis heute fortschreitet. Zu Ocampo ergoß sich eine Masse bituminösen Schlammes. AuS den 373 Ortschaften Cotacachi (am Flusse des gleichnamigen Berges), Nrcuque, Tumbabiro, Sa- linas (wo die Salzwcrkc zu Grunde gegangen sind) u. s. w. haben sich nur wenige Personen retten können, man schätzt die Zahl der Todten hier auf 5000; die voy so .vielen Leichen ausgehauchten MiaSmen verpesten die Luft weithin, und befürchtet man in Folge besten gefährliche Krankheiten. Äm Mittelpunkte der Stadt Otavalo (wo bei dem Erdbeben gerade Messe war) sind etwa 7000 Leichen aüsgcgraben worden. Der Cotacachi oder Muyusurco hat einen kleinen Ausbruch gehabt, und zwar aus einem der unteren Scitenkratcr an seinem Fuße bei Otavalo, auch ist er oben an der N.-W.-Scite aufgcborsten und entsendete eine enorme Masse von Erde, Schlamm, Erdpech nach der Seite von Pinna zu. An seinem Ostabhange sind ungeheure Spalten und Gerölle. — In Nachrichten von-Neugranada und Panama findet sich von Erdbeben keine Spur. — Der englische Geschäftsträger in Lima berichtet über die vom Erdbeben betroffenen Orte Peru's: „An Lebensrnitteln ist in Arcguipa, Jslay, Arica und anderen Orten nunmehr . Ueberfluß, und Hanplbedürsniß ist jetzt Segeltuch zu Zelten und Holz zum Baue solider Wohnstätten vor Einbruch der Regenzeit. In Arcguipa kehren die Einwohner allmälig aus ihren Zelten zur Stadt zurück und gedenken dieselbe wieder aufzubauen. Doch dieses Unternehmen wird Angesichts der elenden Lage, in welcher die Familien sich jetzt sämmtlich befinden, für den Augenblick sehr schwierig, wenn nicht ganz unmöglich sein. Ucbcrdieß dürfte der Wiederaufbau Arequipa's ein ganzes Jckhrhnndcrt in Anspruch nehmen und einige vierzig Millionen Dollars kosten. Die Stöße hatten daselbst noch nicht gänzlich aufgehört; noch am Listen wurden deren drei, und zwar sehr heftige, verspürt. Daher sind auch Viele gesonnen, nicht nach der Stadt zurückzukehren, und haben sich bereits 7 bis 8000 Leute an die Küste oder in's Innere des Landes begeben — Ayacucho wurde gleichfalls von einem Erdbeben heimgesucht, doch ist der daselbst angerichtete Schaden im Vergleiche nur unbedeutend. In Arica war man mit Wegräumen der Trümmerhaufen in den am besten erhaltenen Straßen beschäftigt, und ein Theil der Bemannung der dort vor Anker liegenden drei Kriegsschiffe (ein englisches, ein amerikanisches und ein peruanisches) ging den Bewohnern bei dieser Arbeit zur Hand. Den Beobachtungen des Capitäns eines chilenischen Kriegsschiffe- zufolge war bei der Insel Juan Fernandcz (300 Meilen westlich von Valparaiso) um dieselbe Zeit die See ungewöhnlich bewegt, und wurde ein starkes unterseeisches Getöse gehört. Zm Ganzen genommen sind Handel und Industrie durch diese Unglücksfälle stark geschädigt worden, und es wird eine geraume Zeit verstreichen, ehe Südperu sich von diesem Schlage, der Eliigebornc und Fremde so hart getroffen, erholt haben wird.* Duell - Geschichten. Die einzige etwas stichhaltige Entschuldigung des Duells ist die, daß sie eine Schranke gegen die Rohheit sei. Wir selbst müssen dem Freiherr» von Bibra Recht geben, wenn er in einem seiner Romane sagt, daß die Lage eines gebildeten Mannes, der sich gemeinen und händelsüchtigen Menschen, die doch keine Genugthuung gäben, gegenüber befinde, eine schauderhafte sei; man sei in solchen Fällen vollkommen schutzlos. Doch ist die Schranke des Duells keine ausreichende. Man wird durch sie nicht gegen diejenige Rohheit geschützt, welche Genugthuung gibt und sogar auf Duelle ausgeht. Die Raufbolde vom Handwerk sind immer rohe Menschen und werden durch die Feigheit, die in allen steckt, besonders gefährlich. Sie suchen sich stets die schwächsten Gegner aus, um ohne alle Gefahr für sie selbst in den Ruf der Tapferkeit zu kommen. Sie sind ihres Ziel- auf dreißig Schritte sicher und schießen mit tödtlichem Erfolge zuerst, so daß sie nicht einmal zufällig getroffen werden können. In den Tagen Peter's des Großen kam das Duell in Rußland stark aus der Mode, weil jener Monarch eine Verordnung erließ, welche Leben mit dem Galgcu be- 374 drohte, der einen Anderen herausfordere, gleichviel ob da» Zusammentreffen stattfinde oder ' Nicht. General Saß und Fürst Dolgorucki fanden nichts desto weniger ein Mittel, ihre verwundete Ehre herzustellen. „Wir dürfen uns nicht schlagen, Fürst," sagte der General, „aber wir wollen uns auf jene Brüstung stellen, gegen die der Feind sein Feuer richtet, «nd dort so lange stehen bleiben, bis einer von uns getroffen wird." Diese scharfsinnige Auskunft wurde angenommen, und Beide begaben sich an die bezeichnete Stelle. Im -i Angesicht ihrer und der schwedischen Armee standen sie aufrecht da, mit einer Hand auf ! der Hüfte, und blickten sich wüthend an, bis der Fürst von einer Kanonenkugel in zwei j Stücke zerrissen wurde. Dieses Verfahren war wenigstens ehrlich, und ehrlich war auch der Apotheker, welcher seinem Gegner vorschlug, sich auf Pillen zu duelliren; einer mußte sterben, denn die eine Pille war vergiftet. Unehrlich war der Barbier, der sich mit einem Krämer auf Rasirmesser schlug und natürlich siegte. Er war ebenso im Vortheil, wi» der geübte Schütze über den Neuling. Es läßt sich nicht leugnen, daß Duelle zuweilen, wenn auch unabsichtlich, wohlthätige Folgen haben. In einem Duell bei Paris zwischen zwei unerfahrenen Personen wurde nach den beiden gleichzeitigen Schüssen ein lauter Schrei gehört. Die Duellanten waren unverletzt, aber einer hatte einen Wucherer erschossen, der auf der Straße vorüberging. In dem berühmten Duell zwischen Picrrot und Ärlequin feuerten Beide zugleich . und Jeder tödtcte den Sekundanten seines Gegners. Die Idee war vortrefflich, denn in > neun Fällen unter zehn sind cS die Sekundanten, welche die Duelle verursachen oder sie wenigstens nicht nachdrücklich zu verhindern suchen. Ein Herr, der mehr als einmal einer > Pistolcnmündung auf zwanzig Schritte gegenüber gestanden hatte, sagte: „Wenn die Sekundanten nur halb so dagegen wären, daß ihre Freunde auf einander schießen, als diese Freunde selbst sind, so hätten wir nicht viele Duelle, und wenn sie nur halb so dagegen wären, ihre Freunde fechten zu sehen, als selbst zu fechten, — dann hätten wir noch j weniger Duelle. ! In alten Zeiten würde dieseb Spott ein unverdienter gewesen sein, denn damals war es ganz gewöhnlich, daß auch die Sekundanten sich schlugen, so daß jedes Duell > ein Kampf zu Vieren war. Dadurch erklärt sich die folgende Anekdote. Ein Edelmann, j der eine Herausforderung erhalten hatte, bat einen Freund, sein Sekundant zu sein. — „Mein Theuerster," antwortete der Letztere, „ich habe in voriger Nacht fünfzehnhundert Guincen gewonnen und würd« heute Morgen beim Kampfe eine traurige Figur spielen. Wenn Sie aber zu dem Herrn gehen wollen, dem ich sie abgenommen habe und der nicht einen Pfennig mehr besitzt, so zweifle ich nicht, daß er sich wie eine wilde Katze schlagen wird." Zuweilen waren die Bedingungen so, daß Sekundanten unmöglich wurden. So wurden einmal zwei französische Edelleute in eine Miethskutsche gesetzt und ihre linken Hände zusammengebunden. Jeder hatte in der rechten Hand einen Dolch, und konnte beliebigen Gebrauch davon machen, während der Wagen zweimal um den Platz fuhr. Auch in dem Falle, wo zwei Engländer in ein Oxhoft krochen und sich mit Messern bearbeiteten, würden sich wohl keine Sekundanten gefunden haben, welche mit von der Gesellschaft gewesen wären. Im Allgemeinen war es aber höchst gefährlich, ohne Sekundanten zu kämpfen, weil den Ueberlebcndcn der Verdacht traf, schlechtes Spiel gespielt zu haben. Major Campbell wurde gehängt, weil er den Hauptmann Boyd von demselben Regiment in einem Zimmer neben dem Eßsaal erschossen hatte. Beide Pistolen waren abgefeuert worden, aber man hatte Boyd vor seinem Tode sagen hören: „Campbell, Sie überstürzten die Sache. Sie wissen, daß ich warten und Freunde zuziehen wollte." Diese Worte waren Campbell's Todesurthcil. In Frankreich und Nordamerika sind Duelle noch am häufigsten. Die französischen Journalisten werden wegen ihrer Aeußerungen häufig zur Rechenschaft gezogen, und Namentlich in der letzten Zeit sind eine Menge Duelle daraus hervorgegangen. I» Amerika haben die Duelle fast immer einen schlimmen AuSgang. Mag nun das Duel- liren für aristokratisch oder republikanisch gelten, genug, rS steht in großer Gunst. Vergebens haben einige Staaten, um der Unsitte ein Ende zu machen, festgestellt, daß der Neberlcbcnde in allen Fällen die Schulden seines Opfers bezahlen muß. Die Duellanten gehen über die Grenze und schlagen sich in einem andern Staate. Eines der wildeste» Duelle kam vor etwa dreißig Jahren in der Nähe von Philadelphia zwischen Dr. Smith und vr. JeffrieS vor. Die Entfernung betrug blo» acht Schritt, aber die ersten Schaffe sielen, ohne daß eine Verwundung vorkam. Die Sekundanten bemühten sich nun um eine Versöhnung, allein ohne Erfolg, da JeffrieS erklärte, daß nur einer von thue» lebend die Stelle verlassen dürfe. Man übergab ihnen die Pistolen zum zweiten Male, «nd als jetzt gefeuert wurde, zerschmetterte eine Kugel Smith's rechten Arm. Es entstand dadurch kein langer Aufenthalt, denn kaum war der Verwundete aus seiner Ohnmacht erwacht, so erklärte er, da er den Arm verlieren müsse, so wolle er lieber sterben. — Die Pistolen wurden zum dritten Mal geladen, und Smith nahm seine Waffe in die linke Hand. Bei diesem Kugclwcchsel wurde JeffrieS durch den Schenkel geschaffen und verlvr so viel Blut, daß er in Ohnmacht siel. Man mußte eine Pause von mehrere» Minuten machen, bi« er wieder zu sich kam, und nun verlangten Beide, daß die Entfernung verkürzt werde. Zum vierten Male stellten sie sich mit Blut bedeckt, in einer Entfernung von sechs Fuß auf. Sie schössen gleichzeitig u»d stürzten Beide zu Bodcu. Smith war auf der Stelle todt, denn die Kugel war ihm durch'- Herz gegangen. — JeffrieS war durch die Brust geschaffen und lebte noch vier Stunden. Noch vor hundert Jahren schützte nicht einmal da» geistliche Kleid. Bäte, Herausgeber der Morning-Post, machte seinem Titel eine- Mitglieds der streitenden Kirche Ehre, denn er schlug sich zwei Mal auf Degen und Pistole». Der Feldprcdigcr Hill wurde von einem Obersten erschaffen. In jener Zeit erschienen Handbücher für Duellanten, welche guten Rath gaben. „Die beste Zeit," sagt eines derselben, .ist die Morgenstunde und zwar im Sommer die sechste, im Herbst und Frühling die siebente, im Winter die achte. Ein vcrhcirathcter Mann wird eine späte Stunde wählen muffen, um seiner Fra» »nd seinen Kindern keine Unruhe zu machen. Wenn Jemand raucht, so soll er die Cigarre nicht ausgehen lasten Wird er verwundet, so muß er ruhig bleiben, und stirbt er, so soll er mit so viel Anstand als möglich Abschied nehmen." Diese Regeln beobachtete ein berühmter Duellant, al» er tödtlich verwundet wurde und beim Niederstürze» blas sagte: „Ich kann nicht begreifen, daß ich ihn nicht getroffen habe." Zum Schluß unserer Geschichten noch eine Anekdote. Ein berühmter Mathematiker- iu Cambridge hörte, daß einer seiner Schüler sich schießen walle, und ließ den junge» Mann kommen. .Wcßhalb wollen Sie sich schlagen?" fragte der Mathematiker. „Weit rr gesagt hat, daß ich gelogen habe," antwortete der Student. .Sehr schön, dann lassen Sie ihn i< beweisen. Beweist er e», dann haben Sie gelogen, beweist er e» nicht, dann lügt er. Wcßhalb wollen Sie einander todtschicßen? Laste» Sie ihn e< beweise». — tzuuä «rat lj«.-n>o„ztr>in Luft geflogen und in's Wasser zurückgefallen sei; wie ihm eine stürzende Schiffsplanke ! das Bein zerschmetterte, er aber trotzdem noch sechs Stunden umherschwamm, bis er von s einem französischen Schiff aufgenommen und dort amputirt worden sei. Solcher Erleb- > nisse wußte er viele zu berichten; auch bei dem Kampfe und der Vernichtung des französischen Kriegsschiffes „Vengeur" war er dabei. Trotz seiner hundert Jahre war der Alte noch sehr rüstig; er würde ohne Brille gelesen haben, wenn er überhaupt des Lesens ! kuudig gewesen wäre, er hatte alle seine Zähne noch und trotz seiner ruhmvollen Wun- ^ den marschirte er ohne Stock seine zwei Stunden täglich zu Fuß mit dem Stelzbein und > trank seine sechs Putten Ale und einen halben Liter Gin. Nun ist kürzlich der alte s Thomas Culliforth gestorben. Als man seine Papiere untersuchte, um vielleicht Material für die englische Geschichte zu entdecken, ergab sich etwas ganz Seltsames. Thomas i Culliforth war erst 67 Jahre alt gewesen; er ließ sich feiern und pflegen, aß Backwerk, ' trank 'Ale und rauchte unrer dem Namen seines Großvaters, dessen hiuterlaffeue Papiere ! er sich angeeignet hatte. O ihr guten Engländer! ! , _^ ' ) Das deutsche Element ist in verschiedenen Staaten der „Nordamerikanischen ! Union" in beträchtlichem Fortschreiten begriffen. So wird uns aus West-Wisconsin i geschrieben, dort finde eine solche Verdrängung der englischen Bevölkerung durch die ! deutsche statt, daß in amerikanischen Zeitungen verlangt werde, man solle deutsche Geist- ! liche dahin schicken, um die Kirchen zu benutzen, die von den aussterbcndcn englischen i Gemeinden gebaut wurden. Bei dem überhand nehmenden Wegziehen der englischen Bewohner würden diese Kirchen voraussichtlich nicht mehr anders benutzt werden können, als zu deutschem Gottesdienst. Ebenso bcachtcnswerth ist auch das Uebergcwccht, welches die römisch-katholische Kirche allmählig in den Vereinigten Staaten gewinnt., Sie bildet dort bereits die bei Weitem zahlreichste unter den Kirchen. In New-Nopk ^ Zg katho- > lische Kirchen, in St. Louis 30; in Cincinnati gab es vor 30 Jahren eine katholische ! Kirche, jetzt zählt man deren 21, für deren Aufbau 3 Millionen Dollars verwendet wurden, für die dazu gehörigen Klöster, Gchulen und Hospitäler l'/^ Million, Golum- ! bus, die Hauptstadt von Ohio, hatte vor 20 Jahren nur eine katholische Kirche, die sehr ^ arm war. Jetzt sind drei Pfarrkirchen da, eine prachtvolle Kathedrale wird erbaut, zwei s Klöster und ein großartiges Hospital, drei Schulen mit über 900 Schülern sind errichtet. ! Es gibt überhaupt in der Union keine einigermaßen bedeutende.Stadt mehr, in welcher ! nicht einige katholische Kirchen oder Kapellen sich befinden. ^ Frage: Warum hat der Perlachthürmer grüne Vorhänge vor den Fenstern? Antwort: 'invhffuirmh bunuhogx zuuj m guvmsizg mhi zimvE Dr»«, «erla» »»» «idoltt»» de« Mer-rüche» Jnsttt»!« »»» vr. M. Huttier. Nr. 48 . 29. Novbr. 1868 Augsbur^er Wenn gleich ein loses Maul mit Lästern auf dich tobet, So frage nichts darnach, dir wirst dadurch geziert; Man schätzt die Schmach nach dem, von dem sie hergerührt; Lobt mich ein guter Mann, so bin ich wohl gelobet. Maximilian's Ende. (Fortsetzung.) Es ist unbestreitbar, daß die Franzosen die Absicht hatten, dem Kaiser das Verbleiben in Mexiko möglichst zu verleiden und für den Fall, daß er dennoch beharrte, dafür zu sorgen, daß er sich nicht lange halten könne. Der napoleonische Plan eines mexikanischen Kaiserthums war von Haus aus auf die Voraussetzung gebaut, daH die amerikanische Rebellion siegreich sein werde. Prinz Salm geht ohne Zweifel zu weit, wenn er sagt, Napoleon habe eS mit der Gründung dieses Reiches gar nicht ernst gemeint, und als Beweis dafür den Umstand anführt, daß andernfalls der französische Herrscher die Conföderation der rebellischen Südstaaten kräftigst unterstützt haben würde. Napoleon that Dieß einfach deßhalb nicht, weil er das Wagniß zu kühn fand. Aber Recht hat der Prinz darin, daß die Unternehmung der Franzosen mehr eine Finanz- Operation als eine politische That sein sollte. Napoleon wollte die mexikanische Provinz Sonora gewinnen, und die Männer in seiner Umgebung, Morny und seine Genossen, wollten ungeheure Summen in die Tasche stecken. Es war den Meisten, "vielleicht mit Ausnahme Napoleon's und Maximilian's bekannt, daß die Spekulation auf die Millionen der Iccker'schen Forderung der eigentliche Ausgangspunkt des mexikanischen Abenteuers war. Wie der Beginn unwürdig, so der Fortgang schmachvoll. Maximilian mußte sich von seinen französischen Helfern die ärgsten Demüthigungen gefallen lassen; Marschall Bazaiue schrieb ihm unverschämte Briefe; die Franzosen mißhandelten auf's Aergste die Mexikaner der Kaiscrpartci und übten gegen die Republikaner die empörendste Grausamkeit. „Sie stahlen Alles, was sie nur konnten, und von den Anleihen flössen nur ncun- zehn Millionen in den Staatsschatz." Wohin die übrigen Millionen kamen, darüber hätten Morny, Rouher und andere Große des Bonapartismus wahrscheinlich gute Auskunft geben können. Jede Rücksicht schwand aber bis auf's Letzte, sobald der Sieg der Vereinigten Staaten über die Rebellion den Franzosen eine ungesäumte Heimkehr auferlegt hatte. Maximilian's Krone sollte das Gepäck auf ihrem Rückzug bilden. Es sollte ihm. klar gemacht werden, daß er ohne sie nichts sei. So weit ihre Wirksamkeit reichte, schnitten sie ihm nicht nur die Hilfsmittel ab, sondern bereiteten auch Alles zu seinem Verderben. Marschall Bazaine setzte jeder Organisation eines mexikanischen Heeres die erdenklichsten Schwierigkeiten entgegen; die Franzosen, die in demselben Dienst genommen hatten, bemühte er sich, zur Rückkehr in die Heimath zu verleiten, und wahrscheinlich von ihm angetrieben, thaten die Vertreter Oesterreichs und Belgiens ähnliche Schritte bei ihren Landsleuten. Die belgische Legion, bereits im Januar aufgelöst, hatte damals eine gezogene Batterie und ihre ausgezeichnet guten Gewehre dem französischen General Douai überliefern müssen, und Prinz Salm fand später diese Waffen in den Händen der feindlichen Truppen unter Porfirio Diaz wieder! Uebrigcns war es schon vor dem Erscheinen dieses Buches bekannte Sache, daß die Franzosen vor ihrem Abzug mit den Feinden Maximilian's unter Einer Decke spielten; sobald sie nicht mehr bleiben 378 konnten, erachtete Napoleon es für sein Interesse, der ganzen Kaiserposse ein Ende zu machen, damit sie ihm weiter leine Verlegenheiten schaffen könne. Als Maximilian von seinen Beschützern befreit war, faßte er den Plan, mit dem größeren Theil seiner Truppen nach den nördlichen Provinzen zu ziehen, um die feindlichen Abtheilungen einzeln zu vernichten. Der Plan war gut, allein er hätte mit entschlossenster Raschheit und Thatkraft ausgeführt werden müssen. Statt Dessen zeigte sich unentschiedenes Schwanken und Haltlosigkeit. Man wählte zum Mittelpunkt der Operationen die höchst ungünstig gelegene Stadt Queretaro, ließ sich dort mehr und mehr vom Feind einschließen und aushungern, und benutzte keine der günstigen Gelegenheiten, sich entweder nach Mexiko zurück oder an die Meeresküste durchzuschlagen; ja man versäumte sogar die Besetzung der Höhen umher, die die Stadt beherrschten. Ein europäisches Heer hätte Queretaro in drei Tagen genommen; die Mexikaner unter General Escobedo brauchten dazu drei Monate und die Beihilfe des Vcrraths. Maximilian war seit dem Tage, da er aus der Hauptstadt gezogen, von Denen, die er zurückgelassen, bereits gänzlich aufgegeben. Seine hingesendeten Befehle wurden nicht mehr beachtet; er verlangte, die in Mexiko zurückgebliebenen Truppen sollten ihm nachfolgen, seine Minister untersagten es. Er halte Marquez als seinen Stellvertreter hingesendet, und auch dieser, trotz seinem feierlich gegebenen Ehrenworte, schickte weder Truppen noch Geld; ja er verschmähte es sogar, dem Kaiser auch nur die geringste Mittheilung zukommen zu lasten, und benahm sich überhaupt so, als sei er von nun an allein der Beherrscher von Mexiko. Maximilian hatte am 13. Februar 1867 den Marsch nach Queretaro angetreten. Am Morgen des 5. Mai spielte der Verrath des Obersten Lopez die Stadt dem feindlichen General Escobedo in die Hände, und der Kaiser ward gesungen. In dieser langen Zeit von 12 Wochen war Fehler auf Fehler gehäuft worden. Mehr als ein siegreiches Gefecht mit den Truppen Escobedo's bot die beste Gelegenheit, sich durchzuschlagen; aber sie ward nicht bcnützl, trotz dem dringenden Mathe des Prinzen Salm. Und als Maximilian sich endlich zu dem unvermeidlich gewordenen Rückzug entschloß, verschob er ihn nicht nur von einem Tag zuni andern, sondern beging noch dazu den unverzeihlichen Fehler, seine Absicht nicht in das nothwendige Geheimniß zu hüllen. So gab er selbst durch unzeitige Mittheilung des Vorhabens dem Vcrräther Lopez die Möglichkeit, ihn den Feinden zu verkaufen. Gegen die Zusage einer bedeutenden Summe führte dieser persönlich am frühen Morgen die Feinde in den ihm anvertrauten Posten, das auf einem Hügel gelegene Kloster de la Santa Cruz. Der Entgelt, der einem solchen Dienst gebührte, ward ihm vollständig von den Mexikanern; sie haben ihm von dem vcsprochencn Vcrrätherlohn nicht einen Pfennig gezahlt. Uebrigcns weist Prinz Salm überzeugend nach, daß Lopez die Absicht hatte, wohl die Stadt, aber nicht den Kaiser dem Feinde zu überliefern; im Gegentheil wollte er ihm Zeit zur Flucht verschaffen. Gleich nach dem Eindringen der Republikaner schickte er seinen Mitschuldigen Oberstlieutenant Zablonski zum Kaiser, um ihn von dem Erfolg der Feinde zu benachrichtigen; hierauf eilte er selbst zum Prinzen Salm und forderte ihn auf, den Kaiser zu retten. Als sodann Maximilian mit dem Prinzen und drei andern Begleitern sein Quartier verließ, traf er sofort auf Lopez und den feindlichen Obersten Don Josö Rincon Gallardo; dieser erkannte den Kaiser; allein er wandte sich an seine Soldaten und sagte Lus pssmn sen paisanos. (Können passiren, sind Bürger.) „Die Soldaten traten zur Seite, und wir gingen an ihnen vorbei, — der Kaiser, Castillo, Pradillo und ich in voller Uniform und Sekretär Blasio! Der ganze Vorgang war so überraschend und auffallend, daß ich dem Kaiser erstaunt und fragend ins Gesicht sah. Er verstand meinen Blick und sagte: „Sehen Sie, es schadet niemals, wenn man Gutes thut. Die Mutter des feindlichen Offiziers, der uns passiren ließ, war sehr häufig bei der Kaiserin, die ihr viele Wohlthaten erwiesen hat. Thun Sie Gutes, Salm, wann immer Sie können. . . Gleich darauf kam Lopez zu Pferde und bewaffnet. Er drang in den Kaiser, sich in das Haus des Bankiers Rubio zu begeben, dort werde er sicher sein; 379 allein der Kaiser sagte: „Ich verstecke mich nicht", — und Lopez ritt wieder zurück. Plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, stand der Schecke des Kaisers an der Hand» seines mexikanischen Reitknechts vor uns, wie ich vermuthe, von Lopez selbst mitgebracht, der augenscheinlich nicht die Freiheit und das Leben des Kaisers in sein Verbrechen deS Verraths mit einschließen wollte. Während der Kaiser auf das Festungswerk Oorro cks tu Osmpana (Glockcnhügel!) flüchtete, traf Lopez noch einmal mit einem feindlichen Bataillon auf ihn; allein als die Offiziere desselben den Kaiser sahen, verkürzten sie ihren Schritt. So gelangte Maximilian unbehelligt auf den Hügel: allein da seine meisten Truppen zum Feinde übergingen, und es ganz unmöglich war, mit dem schwachen Neste durch Escobedo's Heer zu brechen, so blieb ihm nichts übrig, als sich zu ergeben. Der letzte Akt des Trauerspiels ist noch frisch in Aller Gedächtniß. Lopez hat am 31. Juli 1867 in Mexiko eine Flugschrift drucken lasten, um sich von dem Vorwarf des Verraths zu reinigen. Es ist ihm Das aber sehr übel bekommen. Wenige Tage nach dem Erscheinen der Flugschrift veröffentlichten 41 Stabsoffiziere deS kaiserlichen Heeres aus ihren: Gefängniß in Morclia eine Entgegnung, die die vollständigen Beweise für den geübten Verrath brachte. Auch Prinz Salm, obschon im Gefängniß zu Qucretaro und noch in Todesgefahr schwebend, unterließ nicht in einem Briefe vonr 4. Oktober 1867 dem schmählichen Menschen die Thatsachen vorzurücken, die Jeden von seiner Schuld überzeugen mußten. Aus diesem Brief erfahren wir unter Anderem, daß. Lopez das Eindringen der Republikaner dazu benutzte, vor Allem das Archiv des Kaisers und dessen silberne Waschtoilctte zu stehlen. Maximilian's Charakter tritt in dem Buche des Prinzen Salm auf das Günstigste hervor. Er war in der That eine wohlwollende, menschenfreundliche Natur, und hoch erhebt ihn die Ruhe, Milde, freundliche Gelassenheit, mit der er bis zum letzten Augenblick die Härte seines Geschickes trug. Er hatte sich in der kurzen Zeit seiner Herrschaft viele Liebe gewonnen, und selbst bei seinen Feinden erwarb er ungetrübte Hochachtung, die sich öfters bis zur Anhänglichkeit steigerte. Am Morgen seiner Hinrichtung sagte ein mcxicanischer Oberst zum Prinzen Salm: „Ich wollte, ich hätte Maximilian nie kennen gelernt! Ich war sein erbitterter Feind; aber durch seine heitere, erhabene Ruhe im Unglück und durch seine Liebenswürdigkeit gewann er mich ganz. Als ich ihn so eben sah, brach mir das Herz, und ich schäme mich nicht, zu gestehen, daß ich in ein Nebenzimmer ging und weinte." Es waren eigentlich nur der Präsident Juarez und General Escobedo, die auf der Hinrichtung Maximilians bestanden; ersterer aus Gründen der Politik, der Letztere, weil Zwecke persönlichen Ehrgeizes ihn antrieben. Erst vor wenigen Monaten, als Miramon die Stadt Sän LuiS de Polosi, wo Juarez damals verweilte, überfiel und einnahm^ hatte Maximilian seinem General befohlen, wenn er Juarez gefangen nehme, ihn mit aller möglichen Milde zn. behandeln. Mit Maximilian ließ der General Escobedo, wie bekannt, auch Miramon und Mejia zur Gesellschaft erschießen. Der Letztere hatte einmal in früheren Zeiten Escobedo gefangen genommen, aber, als diesen das Kriegsgericht zum Tod vcrurthcilte, ihm die Mittel zur Flucht verschafft und Reisegeld gegeben. Escobedo lohnte ihm jetzt nach seiner Art. Die Freunde Maximilian's und deren waren nicht wenige, selbst im Lager der Republikaner, hatten die Zeit zwischen seiner Gefangennahme und Hinrichtung, zu benutzen gesucht, um ihm zum Entkommen zu verhelfen. Aber die wohlangelegten Plane mißlangen, und zwar durch die Schuld der diplomatischen Vertreter von Belgien und Oesterreich. Maximilian hatte, als er vor,s Kriegsgericht gestellt ward, von Mexico zwei Rechtsbeistände begehrt und auch die Gesandten und Geschäftsträger ersuchen lassen, sich in Querctaro eiiizufindcn. Die Anwälte kamen; von den diplomatischen Vertretern stellten sich die der beiden verwandten Höfe ein, also der belgische und der österreichische, Baron Lago, der preußische und italienische. Der französische Gesandte Dano blieb selbstverständlich aus. Baron Lago zeigte in seiner ganzen Wirksamkeit nichts, als eine grenzenlose Furcht vor dem Galgen. Der Prinz Salm und seine Gemahlin hatten die 380 mexikanischen Obersten Villanuova und PalacioS — Letzterer führte den Befehl im Gefängniß — gegen das Versprechen großer Geldsummen gewonnen. Der Kaiser stellte Wechsel aus; allein PalacioS wollte wenigstens fünftausend Dollars baare Anzahlung haben. Das Geld war nicht aufzutrcibcn; die Gesandten konnten oder wollten nichts geben. Nun sollten die Wechsel wenigstens von den Vertretern Oesterreichs und Belgiens mitunterzeichnet werden. Aber Herr v. Lago, der vorher es für unmöglich erklärt hatte, daß man den Kaiser erschieße, bekam jetzt Angst, dieses Schicksal möchte gar noch seine geheiligte diplomatische Persönlichkeit treffen, und verweigerte die Unterzeichnung. Noch in derselben Nacht verrieth PalacioS dem General Escobedo den Plan, und Alles war vorüber. Der Prinz Salm erscheint in diesen Aufzeichnungen als eine tapfere, treue Soldatcnnatur. Als eine wahre Heldengestalt tritt seine Gattin hervor, eine Amerikanerin aus der großen Republik. Man muß in dem Buche ihres Gemahls und in ihrem eigenen Aufzeichnungen lesen, welche Wagnisse sie unternahm, welche Gefahren sie kaltblütig bestand, um den Kaiser und ihren Gatten zu retten. Bald reiste sie nach Mexico zu Marquez, bald nach Sän Luis zu Juarez, bald zu den republikanischen Generalen, mitten durch die Feinde, meist allein und ohne anderen Schutz, als den ihres eigenen Muthes. So eilte sie hin und her, versuchte Unterhandlungen anzuknüpfen, drängte die feindlichen Häuptlinge mit fast unwiderstehlichen Bitten, mühte sich, unter den Feinden Werkzeuge für die Befreiung des Kaisers zu gewinnen. Hätte Maximilian ein halb Dutzend Männer gehabt, wie die Prinzessin Salm, er hätte gewiß ein besseres und schöneres Ende gefunden. (Fortsetzung folgt.) Mongkut, Köuig von Siam. Der Telegraph hat uns das Hinscheiden des ersten Königs von Siam gemeldet, und mit ihm ist jedenfalls der geistig am höchsten stehende, für abendländisches Wesen am meisten empfängliche Herrscher Asiens dahingegangen. War Mongkut auch der unbe- schränkte Gebieter, der über Leben und Tod seiner Siamcscn zu befehlen hatte, wie andere asiatische Despoten ebenfalls, blieben auch seinem Volke die Segnungen unserer Civilisation fern, so herrschte doch an dem üppigen Hofe zu Bangkok neben orientalischer Pracht ein reger Geist für die Wissenschaften, die in dem verstorbenen Fürsten einen eifrigen Förderer und Verehrer fanden. Kann man auch nicht behaupten, daß dem in einem budhistischcn Kloster aufgewachsenen Fürsten unsere Cultur ganz und gar zugängig geworden sei, blieb er, vermöge seiner asiatischen Abkunft und Umgebung, immer in einer gewissen Halbheit stecken, so hat er es doch an redlichem Willen, an eisernem Fleiß nicht fehlen lassen. Wo wäre der europäische Fürst, der so viele Sprachen redete, wie der jetzt verstorbene erste König von Siam sprach? Die Zeit, als er Mönch war, hat er vortrefflich benutzt. Er studirte nicht nur das Pali und die hl. Schriften, sondern lernte auch von französischen Missionären Lateinisch. Seitdem liebte er es sich Uox Liainoii- sium zu unterzeichnen. Später gaben ihm amerikanische Glaubensboten Unterricht im Englischen. Alle Sprachen Hintcrindicns, Cvchinchinesisch, Birmanisch, Peguanisch, Malayisch und auch Hindostanisch, waren ihm geläufig. Mongkut war am 18. Oct. 1804 geboren. Er war der Thronerbe als sein Vater i. I. 1825 starb, allein durch eine Weiberintrigue gelangte nicht er, sondern sein von einer Nebenfrau stammender Halbbruder Kromkluat auf den Thron, der nun in echt orientalischer Ueppigkeit ein Viertcijahrhundcrt über Siam herrschte. Diese Zeit benutzte Mongkut um in der Zurückgczogcnheit eines Klosters sich ganz den Wissenschaften hinzugeben; er wurde buddhistischer Mönch, drang tief in die Lehren seiner Religion ein, und versuchte gegen Mißbräuche derselben informatorisch aufzutreten. Ganz verschieden von dem Fanatismus der sonst uns wohl iiu Orient entgegentritt, zeichnete ihn in religiösen » 381 Dingen eine milde Duldsamkeit aus, die er sich bis an das Ende seiner Tage bewahrte. Er liebte es mit christlichen Geistlichen zu verkehren, und mit ihnen über die Grundsätze unserer Religion zu Philosophiren. Als ihn unser Landsmann, der Bremer Adolf Bastian, i. I. 1862 besuchte, begann er mit diesem sogleich ein Gespräch über die verschiedenen Formen, welche der Buddhismus angenommen habe, dabei bemerkend, daß der nepalesische Glaube an Adi-Buddha der christlichen Anschauung am nächsten komme. Neben theologischen Studien, die durch eine große Bibliothek unterstützt wurden, pflegte er sich mit Musik zu beschäftigen; er spielte Klavier, und besaß ein Laboratorium mit Physikalischen und chemischen Instrumenten. Auch verstand er vortrefflich zu photographircn. Aus dieser beschaulichen Zurückgezogenheit riß ihn das Jahr 1851. Er hatte es zu den höchsten geistlichen Würden gebracht und dachte nicht mehr daran, nochmals sich mit weltlichen Dingen befassen zu müssen. Da starb Kromkluat, der den Thron usurpirt hatte und Mongkut wurde sein Nachfolger. Am 18. März 1851 nahm er die Titel eines Königs von Siam an, die hochtönender und zahlreicher sind als selbst diejenigen des Kaisers von Oesterreich. Als die gewöhnlichsten darunter erwähnen wir Phra Maha Krasat (der erhabene Herr und Kaiser); Maha Chakrophatiraxa (der mächtige Kaiser des drehenden RadeS); Chao-Pendin (der Herr des Erdkreises); Phra-Chom-Klao-Ju-Hua (der heilige Scheitel, welcher gebietet); Chao xivit (der Herr des Lebens). Als Träger der Krone übte er nun unbegränzte Vollgemalt aus, er wurde göttlich verehrt, und seine Umgebung rutschte nur auf den Knieen zu ihm hin. Was ihn umgab war heilig, so gut wie die Nase Sr. Majestät, die in der Paliform Phra-Nasa heißt. Alle von ihm gebrauchten Gegenstände und die Möbel des Palastes empfingen vornehme Titel, selbst ein wesentliches Toilettenstück des'Schlafgemachs Mo-Long-Phra-Bangkhom in ur>um imßsi» ciominu8 lrullöus!). In der Vielweiberei machte König Mongkut keine Ausnahme von andern orientalischen Herrschern; außer zwei ihm rechtmäßig angetrauten Gattinnen (Akamahesi) besaß er noch 600 Concubinen. Anfangs noch der siamesischen Kleidung zugethan, liebte er es später sich in einer Art von gemischter Tracht zu zeigen. Ex trug eine schottische Mütze, Strümpfe und Pantoffeln, dazu einen Säbel und Stock mit golbcnem Knopf. Während seine Gemahlinnen Roben aus Paris bezogen, exercirlen seine Truppen nach europäischer Weise, trugen die Garde-Amazonen — eine alte siamesische Einrichtung —- vollständige schottische Hochlandstracht mit Kilt, Purse und Bonnct. Neben solchen Acußerlichkeiten, wohin wir auch die Porträte europäischer Potentaten, die den Palast des Königs zieren, rechnen müssen, suchte aber Mongkut das abenländische Wesen in der That zu erfassen, und daß es hierbei sich nicht um bloße Spielerei handelte, geht schon daraus hervor, daß er bis an das Ende seiner Tage den gelehrten Neigungen treu blieb. Die englischen Zeitungen las er regelmäßig, und seine Bibliothek, der ein besonderer Archivdirektor (Phra Alak) vorstand, wurde wirklich benutzt. Bastian sah in derselben Abzüge englisch abgefaßter Aktenstücke, die der König aus seiner Privatdruckcrei zur Cocrectur dahin geschickt hatte. Jährlich wurde im Palast ein Staatskalcnder verfaßt, der ganz Siam mit den wichtigsten Ereignissen bekannt machte, und der Redakteur dieses „Almanaque de Bangkok" war niemand geringeres als Se. Majestät König Monkut. Er baute auch Canäle, Festungen, besaß europäische Schiffe und verkehrte gern im philosophischen Gespräch mit dem Vorstand der katholischen Mission, Bischof Paillcgoix. Als dieser ausgezeichnete Mann, dem wir ein vortrefflliches Werk über Siam verdanken, und der auch die Correspondenz zwischen Mongkut und Pius IX. vermittelte, im Jahr 1862 zu Bangkok starb, schrieb der König sofort einen Condolenzbricf an die Missionäre, in welchem er bat zur Erhöhung der Leichenfeicrlichkeit seines verstorbenen Freundes beitragen zu dürfen „soviel die Bräuche der christlichen Religion dergleichen statthaft erscheinen lassen." Dankbar nahm man dieses Anerbieten an. Da der Begräbnißzng auf dem Menamstrome, der Hauptverkehrsstraße Bangkoks, sich bewegen mußte, so sandte Mongkut sein Palast- Dschunke zur Aufnahme der Leiche, ließ die königliche Flagge zum Trauerzeichen auf hal- 382 den Mast hissen, und begab sich selbst in einem Dampfer auf den Strom, um dem Freunde die letzte Ehre zu erweisen. Zum Andenken an diesen übersandten die Missionäre dem König einen Ring, welchen der Verstorbene getragen. Charakteristisch für ihn ist das Schreiben mit welchem er für diese Gabe dankte. Es ist datirt vom 9. Juli 1862, und lautet: „Der hochwürdige Bischof von Mallos ist 28 Jahre lang mein guter, inniger und aufrichtiger Freund gewesen. Der Inhalt Ihres Schreibens und das Geschenk haben mir große Freude bereitet. Diesen geweihten Ring — ich habe ihn gleich wieder erkannt — trug der Selige als er mich zum erstenmal besuchte. Er trug ihn am Finger, wenn er den Segen sprach über das christliche Volk. Mit Vergnügen vernehme ich den Wunsch, welchen sie mir ausdrücken: daß dieses Erinnerungszeichen an meinen seligen Freund auch für mich eine Quelle des Segens sein möge." Mongkut gab hiemit einen Beweis der höchsten Duldsamkeit gegenüber dem Bischof einer andern Kirche, wie er in ähnlicher Weise von den Beherrschern des Abendlandes uns nicht bekannt geworden ist. Auch die europäischen Kaufleute die sich in Bangkok niedergelassen haben, fanden in ihm einen eifrigen Beschützer. Zweimal schickte er Gesandtschaften nach Europa, so 1857 nach London, 1861 nach Paris und Rom. Während in Japan, China und andern Ländern Ostasiens die Europäer oft auf feindselige Gesinnungen stießen, ist ihnen in Siam niemals etwas in den Weg gelegt worden. Sie konnten unter Mongkuts Regierung Proselyten machen und Geld erwerben; auch hielt er redlich die abgeschlossenen Verträge und gicng solche willig ein mit jeder europäischen Macht die bei ihm anklopfte. So 1860 mit dem Zollverein. Bei alledem ist König Mongkut doch Siamese geblieben. Er wußte es selbst recht gut, und hatte es auch zu wiedcrholtenmalen ausgesprochen, daß er in der Halbheit stecke. Die Zustände in Siam waren verwildert und ließen sich Kicht ohne weiters reformircu. Sein Bock konnte er nicht ändern, und die hergebrachte Ordnung durste nicht angetastet werden. Die Sklaverei uud andere mißbräuchliche Einrichtungen blieben unter ihm nach wie vor. Aber Milde und Gerechtigkeit ließ er walten, soweit es der nothwendige Despotismus ihm gestattete. Ohne die Verehrung deS weißen Elephanten, die für einen so gebildeten Mann allerdings sonderbar erscheint, ohne 600 Kebsweiber, ohne Pracht und Luxus würde er kein König von Siam gewesen sein. Er trennte daher den Gelehrte» von diesem und war ganz Europäer wenn er sich in sein im floren inischcn Styl erbautes Sanssouci zurückzog, über welchem die Worte stehen: ko^al pleasure. König Mongkut wird immer als eine hervorragende Erscheinung unter den Monarchen des Orients gelten müssen, und wir bedauern nur, daß sein Wirken nicht auch auf das Volk von Einfluß werden konnte. (A. Z.) Rothschild. Rothschild heißen und sterben, ist das nicht ein Jammer? fragt der Chronikschreiber des „Gaulois." Rothschild! Klingt Euch der Name nicht in's Ohr, wie das Rollen der Goldstücke auf dem Zahlbrctt? War es wohl der Mühe werth, mit Hilfe von Millionen einen Thron zu errichten, dessen Fuß an die höchsten Kronen reichte, die größten Könige zu Höflingen zu machen, der reichste Finanzmaun der Welt zu sein, um schließlich wie ein Bettler an Gicht und Gelbsucht zu sterben? Wozu also die Millionen? Hätte Herr v. Rothschild noch das Vergnügen, mich zu hören — kein Zweifel, mit dem deutschen Accent, der seine Worte so sehr charaktcrisirte (mit uns f»i8 — hören Sie einmal! begann er fast regelmäßig) würde er mich unterbrechen: „Wozu die Millionen? Nun, um neue daraus zu gewinnen." Zeichnen wir einen Tag aus dem Leben des scchsundsicbenzigjährigcn Mannes: Um sieben Uhr Morgens, im Sommer wie im Winter, kam der Vorleser an sein Bett mit den Journalen. Die Kammcrberichtc im Mvnitcur wurden bis auf das letzte Wort 383 gelesen, daneben aber auch die Anekdoten und Lückenbüßer der kleinen Blätter, und wenn der Baron bei guter Laune war, so amüfirte er sich auch an den Scandalgeschichten vor und hinter den Coulissen. Alles das, während Felix, sein Kammerdiener, ihn ankleidete. Felix ist der Kammerdiener pur exaallenee, der gute Diener von ehemals, treu wie ein Pudel, ein echtes Freundesherz, dabei ein wenig tyrannisch, da man's ihm nicht übel nimmt. Was ist das für ein Ucberrock, Felix? „Der, welchen der Herr Baron heute anziehen werden." Aber der, den ich gestern trug, gefällt mir besser. „Mag sein, aber der Herr Baron wissen nicht, daß sich das Wetter geändert hat." Thut nichts, ich will lieber den anderen. „Der Herr Baron werden aber diesen anziehen." Und lachend zog Herr v. Rothschild den ihm von Felix gereichten Ucberrock an. Um 8 Uhr frühstückte der Baron. Alsdann empfing er seine Sekretäre, 7 bis 8 an der Zahl, und erst nachdem die ganze Geschäfts - Corrcspondenz, die sie ihm brachten, erledigt war, ging er an seine Privat-Corrcspondenz. Gegen 9'/^ Uhr empfing er gewöhnlich einige Antiquare und Kunsthändler. Er war ein großer Liebhaber von Raritäten und Kunstgegcnständen und soll u. A. eine ausgezeichnete Dosen-Sammlung hinterlassen haben. Gegen 11 Uhr begab er sich in die Bureaux, um dort die Wechsel- Agenten zu empfangen. Bisweilen besuchte er darauf eines der zahlreichen Comits's, zu denen er gehörte, stets fand er sich aber um 1 Uhr in dem an sein Bureau stoßenden Kabinet wieder ein, um dort mit seinen drei Söhnen zu frühstücken. Während des Essens beschäftigte er sich mit den häuslichen Angelegenheiten und empfing er auch Geschäftsbesuche; gegen drei Uhr machte er, gewöhnlich zu Wagen, eine Promenade, von der er nach einer Stunde zurückkehrte, um seine Privat-Corrcspondenz zu beenden, und die Geschäftsbriefe zu unterzeichnen, deren Inhalt er am Morgen angegeben hatte. Um fünf Uhr begann er im Jockey-Club seine unumgängliche Partie Whist, kehrte gegen sieben Uhr zum Diner zurück und beschloß den Abend in einem Theater. Regelmäßig legte er sich zwischen 11 und 12 Uhr schlafen. So war sein Leben geregelt, wie sein Hauptbuch; nur seine Thätigkeit kannte kein Maß, sei es in großen Dingen, sei es in Kleinigkeiten. Noch vor Kurzem konstatirte er in seinen Bureaux das übermäßig lange Ausbleiben seiner Beamten mit dem malerischen und zugleich melancholischen Ausruf: „Auf Ehrenwort, ich bin gar kein Bureau mehr, ich bin eine Wüste." Gegen seine Beamten war er grob und spröde, vertrug keine Einwendung und schrie, wenn man nur Miene machte, sich ihm zu widersetzen: Den Teufel auch! Hier bin ich Herr! War der Einwand richtig, so fügte er sich, aber erst später, ohne Schwierigkeit. Zu seinen Kraftausdrückcn gehörte auch der folgende: „Herr, fangen Sie noch ein halb Dutzend halbmal wieder an, so werfe ich Sie hinaus!" Das mag ein bischen zu stark sein, aber es zeichnet den Mann. Konnte man ihm aber auch mit Recht vorwerfen, gegen die Kleinen allzu grob zu sein, so muß man ihm doch die Ehre lassen, daß er sich auch bei den Großen darauf verstand. Man erinnere sich nur an die Erzählung von jener vornehmen Persönlichkeit, die in das Cabinet Rothschilds eindrang, während er noch beschäftigt war. Nehmen Sie einen Stuhl, sagte der Baron, ohne aufzusehen. Verzeihung, cntgcgnete der Besucher ein wenig verletzt, Sie haben wohl meinen Namen nicht gehört, ich bin der Baron von . . . Schon gut, erwiederte Rothschild, ohne die Augen von seinen Papieren abzuwenden, so nehmen Sie zwei Stühle. In diesen Worten spiegelt sich der ganze Mann. Vielleicht entsprang diese kurz angebundene Form aus einem bittern Widerwillen; man sagt, er habe eine recht gründliche Verachtung gegen das ganze Menschengeschlecht gehabt. Wie hätte es denn auch 384 anders sein sollen, gegenüber all' den Kriechereien, all' der Gemeinheit, zu deren ent« setztem Zuschauer ihn schon frühzeitig das Schicksal verdammt hatte! Ucberlaufen von niedrigen Speichelleckern, von zudringlichen Bettlern, bestürmt mit Anerbictungen von Weibern ohne Scham, von Börsenjobbern ohne Gewissen, mußte er da nicht herzlos wer- den und in allgemeiner Verachtung seiner ganzen Umgebung seinem Abscheu in wirklicher oder erheuchelter Grobheit Ausdruck geben? Man kann sich keine Idee von der Zahl der Briefe machen, welche mit Bitten um Hilfe jeder Art täglich bei ihm ankamen. Da schrieb zum Beispiel Jemand ganz einfach: „Die Natur hat Sie mit allen ihren Gaben begünstigt. Warum wollten Sie nun wich nicht in den Stand setzen, gemächlich zu leben, mich, der ich nichts habe? 60 000 Franks würden mir genügen. Wollen Sie mir nur die Rente von denselben zukommen lassen, so würden wir uns darüber wohl verständigen können u. s. w." Oder ein Erfinder schrieb: „Herr Baron! Auf der Spur einer epochemachenden Erfindung „wctterverkündender Pantoffeln (oder Regenschirm - Pfropfen- ziehcr, oder des unversenkbarcn Omnibus)" fehlt mir nur die Kleinigkeit von 25,000 Franks und ich rechne darauf u. s. w." Der Briefsteller schrieb auch wohl gar: „Wenn Sie morgen, Mittwoch um 5 Uhr Abends, nicht 100,000 Franks unter dem «nd dem Stein niedergelegt haben, so ... " Dergleichen Briefe erhielt der Baron 150 oder 200 jeden Morgen, und darin alle Ausgeburten der Narrheit, des Elends und der Verworfenheit. Der Eine kam mit Bitten, der Andere mit Drohungen; Dem sollte er die Ehre retten, Jenem sein verlorenes Vermögen wiedergeben; der Eine verlangte Mittel, um Paris zu verlassen, der Andere, um dahin zurückzukehren. Und nicht ein Brief kam abhanden; es war gar nicht zu fürchten, daß die Post je einen verlieren könnte, und die mit den unsinnigsten Adressen kamen erst recht an. Mehrmals liefen Briefe ein mit der Adresse: „Herrn Baron von Roi-de-Chine," und sie gingen nach der Nne Lafittc, denn Herr Vandal hatte begriffen. Und — kaum sollte man eS glauben — auf alle diese Briefe erfolgte Antwort. Ein besonderes Bureau, das Bureau für Arme, hatte diese gewaltige Corrcspondcnz zu besorgen und die Vertheilung der Almosen damit zu verbinden. Was diese betrifft, so war der Baron — das muß man sagen — sehr freigebig, und doch bin ich sicher, daß das erste Wort Derer, die sie — wie hoch auch der Betrag und wie gering ihr Anrecht -— empfingen, also lautete: „Wie? das ist Alles? Das war auch der Mühe werth! — Das Geld in Scheffeln messen können, und so knauserig gegen die Armuth! O, pfui, welch' Elend. Das ist Alles?" (Wortspiel.) Ein gewisser Lang in Breslau hatte ein sehr langes Verhältniß mit Fräulein Kurz daselbst. Ein anderer Jüngling, der Fräulein Kurz schon lang für sich selbst wünschte, flüsterte boshaft dem Vormund des Mädchens in's Ohr: seine Bekanntschaft mit Herrn Lang sei zwar noch sehr kurz, aber er sei schon lang der Meinung gewesen, daß Lang Fräulein Kurz noch lang hinziehen werde. Der Vormund nannte Beide im Zorne lang und kurz, wenn sie nicht über Lang und Kurz endlich die Sache kurz abmachten und Lang Kurz heirathete. Herr Lang meinte, er würde Kurz schon lang gcheirathct haben, wenn sein Vater ihn nicht zu kurz hielte. Der Vormund bewilligte Lang noch kurze Zeit, dann war Hochzeit und Kurz wurde Lang. Nachher aber beklagte sich Lang, er sei zu kurz gekommen, indem er Kurz genommen, denn der Vormund hatte das Vermögen seines Mündels schon lang verkürzt, so daß das Wenige, welches der Kurz blieb, kaum zur noth- dürftigsten Einrichtung der Wirthschaft Längs langte. Und so ist man denn jetzt neugierig, wie lang die Kurz mit Lang noch gut Hausen werde. Druck, Lerlaa und Redaktion des literartschen Instituts Son vr. M. Huttle^k Nr. 4S. 6. Decbr. 1868. Laß dich nur für kurze Zeit Zum Widerspruch verleiten. Weise fallen in Unwissenheit, Wann sie mit Unwissenden streiten. Maximilian's Ende. (Fortsetzung.) (Fragmente aus dem Tagebuche der Prinzessin Agnes zu Salm-Salm.) (Wir möchten das kürzlich im Buchhandel erschienene zweibändige Werk: „Querctaro" des Prinzen Salm warm cmplehlen und die Aufmerksamkeit der Leser besonders auf die „Tagbuchblätter" der Prin z e s s i n Salm lenken. Indem wir nun das Interessanteste aus diesen „Tagbuchblättern" hier mittheilen, glauben wir sowohl dem Buche als auch unserem geehrten Leserkreise gleichzeitig einen Dienst zu erweisen.) Der Kaiser war von den Liberalen in Queretaro belagert und mein Mann war bei ihm. Wir hatten seit langer Zeit nichts von ihnen gehört und die widersprechendsten Gerüchte cirkulirtcn in Mexiko. Ich wohnte damals nicht in dieser Sladt selbst, sondern im Hause des frühern mexikanischen Generalkonsuls in Hamburg, Herrn Friedrich Hübe, in Tacubaya, ein freundlicher Ort, einige Meilen von der Hauptstadt, in welchem viele reiche Mexikaner Landhäuser besitzen. Im März 18v7 hörten wir, daß General Marqucz mit 3000 Mann von Querctaro angekommen sei und ganz Mexiko war in der höchsten Aufregung. Da ich sehr begierig war, Nachrichten von meinem Manne zu erhalten, so bat ich Herrn Hübe, mich zu General Marqucz zu begleiten. Der General empfing mich sehr gnädig. Er war nun ein großer Mann und gefiel sich außerordentlich in dieser Rolle. Der Kaiser hatte ihn zu seinem Lugarteniente ernannt und er benahm sich und sprach von dem Kaiser, als sei dieser gewissermaßen sein Zögling und er selbst die Hauptperson in ganz Mexiko Mir gegenüber war er indessen sehr herablassend, und sein böses, braunes Gesicht legte sich in die freundlichsten Falten. Er hatte seinen Bart abgeschnitten, der sonst eine tiefe von einer Schußwunde herrührende Narbe in seiner Wange verdeckte, die ihn keineswegs verschönerte. Von meinem Mann sprach der General übrigens in sehr anerkennender Weise. Er nannte ihn einen der bravsten Offiziere in Querctaro und erzählte mir, daß er sich erst kürzlich dadurch ausgezeichnet, daß er mit einer Hand voll Leute sechs Geschütze genommen habe. Für dieses tapfere Benehmen habe er ihu dekorirt, und habe er ihn noch den Tag vor seinem Abmarsch zum General ernannt. Wir machten auch General Wdaurri einen Besuch, der mit Marqucz gekommen war und welcher es bestätigte, daß Alles in Querctaro trefflich stände und der ebenfalls von meinem Manne in den anerkennendsten wärmsten Ausdrücken sprach und sagte, daß er ihn wie seinen Sohn liebe. Die guten Nachrichten von der Armee des Kaisers verursachten großen Jubel in Mexiko, und Feste, Bälle und Feuerwerke jagten einander während der folgenden zehn Tage, in denen sich Marqucz, wie er sagte, den Instruktionen des Kaisers gemäß vor- 386 bereitete, Porfcrio Diaz entgegen zu ziehen, der mit einer liberalen Armee gegen Pueblv « marschirte. Die Vorbereitungen waren endlich vollendet und die kaiserlichen Truppen marschirteu von Mexiko ab; es blieben zur Bewachung der Stadt nur einige mexikanische Truppen zurück, deren Anzahl so ungenügend war, daß sie den Feind nicht abhalten konnten, bis Aber die Garitas hinaus sich der Stadt zu nähern. Kleine Scharmützel fanden täglich ^ in und um Tacubaya statt. Drei Tage nach dem Abmarsch der Armee verbreitete sich in Mexiko das Gerücht, daß Marqucz einen großen Sieg erfochten, Porfcrio Diaz vollständig geschlagen und dessen Armee zersprengt habe. Dies Gerücht hatte jedoch nicht lange Bestand, denn schon am nächsten Tage kam der kaiserliche Feldherr, nur von einem Dutzend Reiter begleitet, als Flüchtling in die Stadt, seiner geschlagenen Armee um zwölf Stunden vorauseilend. Er hatte am 8. April bei Sau Lorenzo eine schmähliche Niederlage erlitten und seine ganze Artillerie verloren. Wäre Porfcrio Diaz im Stande gewesen, einigermaßen gleichen Schritt mit seinen vor ihm fliehenden Feinden zu halten, so würde er, ohne Widerstand zu finden, in Mexiko haben einrücken können. Er erschien jedoch erst drei Tage später in der Nähe der Stadt, als sich unsere demoralisirte Armee wieder einigermaßen von ihrem Schrecken erholt hatte. Die Avantgarde der Liberalen zog bei unserm Hanse in Tacubaya vorüber und ich bewunderte ihre schönen Pferde und Uniformen, die sie meistens von unseren Truppen erbeutet hatten. Tacubaya und Chapultcpec wurden von den Liberalen ohne Widerstand besetzt und die Vorbereitungen zur Belagerung von Mexiko begonnen. In der folgenden Nacht träumte niir, daß ich meinen Mann dem Tode nahe sah. Der Kaiser beugte sich über ihn, hielt seine Hand und sagte traurig: „O, mein theurer Freund, Sie dürfen mich nicht allein lassen." Mein Mann rief laut meinen Namen; ^ rings um ihn wurde gefochten und überall sah ich Blut und alle Schrecken einer Schlacht. ^ Derselbe Traum wiederholte sich in der nächsten Nacht. Ich sah meinen Mann mit dem Tode ringen und hörte ihn meinen Namen rufen. Die Schlacht raste ringS um, Alles war in Finsterniß gehüllt und Blitze leuchteten dazwischen. Derselbe Traum wiederholte sich auch in der dritten Nacht und mein Mann rief lauter nach mir als früher. Tiefe dreimal wiederholten Träume machten mich um so unruhiger, als ich an Träume glaube, und ich kam zu dem Entschluß, nach Mexiko zu gehen, um dort mit dem preußischen Gesandten, Baron von Magnus, und den Befehlshabern der fremden s Truppen zu berathen, ob nichts geschehen könne, den Kaiser und meinen Mann zu retten, die mir in der größten Gefahr zu sein schienen. Als ich Herrn Hübe mittheilte, daß ich nach Mexiko gehen wolle, war er durchaus ! dagegen und ereiferte sich sehr. Er sagte, daß er Alles, was in seiner Macht stehe, ^ thun wolle, um mich von einer solchen Thorheit zurückzuhalten. Er sei für meine ^ Sicherheit verantwortlich; mein Mann habe mich ihm anvertraut und er werde nicht k leiden, daß ich eine solche offenbare Unbesonnenheit begehe. ^ Herr und Frau Hübe hatten mich in ihrem gastfreien Hause mit der größten ^ Freundlichkeit empfangen und mich mit einer Liebe und Theilnahme behandelt, als sei s ich ihre eigene Tochter; es that mir daher außerordentlich leid, irgend etwas zu thun, was ihnen so sehr mißfiel; allein es gibt Impulse, denen man eben nicht widerstehen ! kann, und gegen welche alle Vernunftgründe ohnmächtig sind. Es war mir, als ob ^ mich eine unwiderstehliche Gemalt antriebe, jder Stimme meines Herzens zu folgen, und ich kam zu dem unwiderruflichen Entschluß, meinen Vorsatz unter allen Umständen auszuführen, wenn ich auch für gut hielt, mir den Anschein zu geben, als ob Herrn Hube's Vorstellungen auf mich Eindruck gemacht hätten. Sowohl er als Frau Hübe trauten dem Frieden aber keineswegs und da sie befürchteten, daß ich mich während der Nacht davon machen möchte, so wurde das äußere Thor nicht allein wie gewöhnlich verschlossen, sondern Herr Hübe zog auch den Schlüssel ab und nahm ihn mit in sein Schlafzimmer. Das war allerdings ein Strich durch meine Rechnung; allein ich wußte, daß daS Haus Morgens sechs Uhr geöffnet wurde, um die auswärts schlafenden Stalllcute einzulassen und als dies wie gewöhnlich geschah, schlich ich mit meinem Kammermädchen Margarethe und meinem treuen vierfüßigcn Begleiter Jimmy zum Thore hinaus. Herr Hübe war jedoch auf der Lauer, trat Plötzlich hinter einer Ecke hervor und sagte in großer Erregung: „Nun, Prinzessin?" — „Guten Morgen, Herr Hübe", antwortete ich ganz kühl und ging den Weg nach dem Bahnhof. Herr Hübe schlug jedoch eine nähere Staße ein und als ich auf dem Bahnhof ankam, fand ich ihn bereits dort. „Wohin wollen Sie?,, fragte er. „Nach Mexiko, natürlich, wie ich Ihnen gesagt habe,,, antwortete ich, ohne jedoch etwas von meinen Träumen und Absich cn zu erwähnen, über welche er nur gelacht haben würde. Er stürmte nun aufs Neue mit Gründen und Vorstellungen gegen mich ein. Er sagte, daß ich getödtct werden könne, oder mich anderen Gefahren unter den rohen Soldaten aussetze und erschöpfte zwei Stunden lang Alles, was ihm sein gesunder Menschenverstand eingab, mich von meinem Vorhaben abzubringen; allein es versteht sich von selbst, daß er nicht den geringsten Eindruck auf mich machte, da ich einmal fest entschlossen war, meinen Willen zu haben. Ich dankte ihm herzlich für alle Freundlichkeit, die er mir erwiesen hatte und für die Mühe, die er sich meinetwegen gab, erklärte ihm aber mit aller Bestimmtheit, daß ich gehen wolle und muffe. Der gute alte Herr wurde ganz blaß und sagte weiter kein Wort, mich zurückzuhalten. Ich hatte nun mit Margarethe und Jimmy eine Legua nach Chapnltepec zu gehe». Die ganze Straße war mit feindlichen Offizieren und Soldaten bedeckt; allein sie hatten mich bei Herrn Hübe gesehen, der zur liberalen Pattei gehörte, und alle grüßten mich achtungsvoll und ließen mich ungehindert Passieren. Als ich in Chapnltepec ankam, fragte ich nach dem kommandirendcn Offizier, einem Obersten Leon, welcher zwei Jahre in Nordamerika gewesen war und ziemlich gut englisch redete. Er wurde aus einer Restauration geholt, wo er eben frühstückte, und empfing mich ganz außerordentlich höflich und liebenswürdig. Ich sagte ihm, daß ich wegen der Lage des Kaisers und meines Mannes in großer Sorge sei und daß ich nach Mexiko gehen wolle, um zu versuchen, ob die fremden Obersten vielleicht geneigt wären, sich Porferio Diaz zu ergeben, wenn derselbe sich verpflichtete, daß das Leben des Kaisers und der fremden Offiziere geschont werden sollte, wenn dieselben gefangen würden. Der Oberst sagte mir, daß Queretaro sich nicht viel länger würde halten können. Die Stadt sei auf das engste eingeschlossen und die Garnison dem Hungertode nahe. Er gab mir gern die erbetene Erlaubniß gegen das Versprechen, augenblicklich zurückzukehren, wenn ich die Meinung der fremden Befehlshaber gehört haben würde. Er gab mir seinen Arm und ging mit mir drei Viertel Leguas bis zu seinen äußersten Vorposten. Hier verließ er mich, und ich schritt, gefolgt von Margaretha und Jimmy, über das freie Feld auf die Garita zu, welche durch eine Batterie vertheidigt wurde. Der kaiserliche Offizier, der dort befehligte, kannte mich und ich hatte keine Schwierigkeiten. Die Soldaten legten Bretter über den Graben der Schanze und halfen uns über die Brustwehr. Ich ging sogleich zu Baron von MagnuS, den ich zu Hanse traf, der mich aber etwas kühl und steif empfing. Er hatte es nämlich übel genommen, daß ich gegen seine Ansicht in dem Hause des Herrn Hübe meinen Aufenthalt nahm, gegen den er, ich weiß nicht aus welchem Grunde, ziemlich eingenommen war. Ich that jedoch, als bemerke ich seine diplomatische Förmlichkeit «iht, und sagte 3L8 ihm, in welcher Absicht ich nach Mexiko gekommen sei, und daß ich die Obersten von Kodolitsch und Graf Khevenhüller zu sehen wünsche. Oberst Leon hatte von diesen beiden Herren mit großer Achtung gesprochen, da sie sich in der letzten Schlacht so brav benommen hatten, und sem Ehrenwort darauf gegeben, daß er dieselben frei nach Mexiko zurückkehren lasten werde, wenn sie zu einer Besprechung mit ihm nach Chapultepcc kommen würden. Die Manier des Baron von Magnus änderte sich augenblicklich, als er meinen Plan und die Schritte hörte, die ich bereits zu dessen Ausführung gethan hatte; er versprach sich viel davon, wenn ich mich dabei durch seine Rathschläge leiten lasten wollte, womit ich einverstanden war. Der Gesandte befahl seinen Wagen und ich fuhr zu Oberst von Kodolitsch, den ich nicht zu Hause, aber bei Graf Khevenhüller fand. Oberst von Kodolitsch war sogleich bereit, zu Oberst Leon hinauszugehen, doch nur unter der einzigen Bedingung, daß Baron Magnus mit der ganzen Unterhandlung nichts zu thun habe, da derselbe sehr geneigt sei, nur seinem eigenen Kopfe zu folgen. Ich sagte ihm indessen, daß ich bereits ein Abkommen mit dem Gesandten getroffen habe und nicht davon zurücktreten könne. Die Obersten versprachen mir hierauf, sobald als möglich mit ihren Offizieren und Soldaten zu reden und mich das Resultat wissen zu lassen. Baron Magnus brachte mich dann zu Frau von Machalowitsch, einer Mexikanerin, die einen österreichischen Offizier geheiratet hatte, bei der ich die Nacht blieb. II. Am nächsten Morgen sah ich die beiden Obersten. Graf Khevenhüller war für augenblickliche Ucbcrgabe. Er sagte, es sei klar, daß Margucz den Kaiser verrathe, und wenn er auch bereit sei, für diesen sein Leben hundert Mal einzusetzen, so sei er doch keineswegs Willens, sich und seine Soldaten für Herrn Marquez zu opfern. Kodolitsch war jedoch der Ansicht, daß man wegen einer Ucbcrgabe nicht unterhandeln dürfe, ehe man nicht zuverlässige Nachrichten von Queretaro habe und den bestimmten Willen des Kaisers kenne. Obwohl er bereit sei, die Bedingungen des Feindes anzuhören, — so könne er doch nicht mit Oberst Leon zusammen kommen, da General Marquez so eben einen Befehl erlassen habe, nach welchem jeder Offizier oder Soldat, der irgend wie mit dem Feind verhandle, augenblicklich erschossen werden solle. Ich ersuchte sie nun, mir eine schriftliche Vollmacht zu geben, — durch welche ich ermächtigt wurde, im Namen der frcniden Obersten und Truppen zu unterhandeln; sie hielten das aber gleichfalls für zu gefährlich und wollten, daß ich auf meine eigene Hand zu Porferio Diaz gehen und ihm folgende zwei Vorschläge machen sollte: der erste war, daß er mir oder einer andern Person erlaube, nach Queretaro zu reisen, um den Kaiser von dem Stand der Dinge in Mexiko zu unterrichten und seinen Willen einzuholen, zu welchem Zwecke ein Waffenstillstand für sieben Tage geschloffen werden solle. Sollte der feindliche General diesen Vorschlag nicht annehmen, so erböten sich die fremden Truppen, sich ihm unter der Bedingung zu ergeben, daß er schriftlich und mit seinem Ehrenwort das Leben des Kaisers und der fremden Truppen garantire, wenn diese mit Queretaro in die Hände der Liberalen fallen sollten. Da es mir thöricht schien, ohne irgend welche schriftliche Autorisation zu Porferio Diaz zu gehen, so ersuchte ich Baron Magnus, mir einige Zeilen zu geben, in welche» bestätigt würde, daß ich in der That von den fremden Obersten abgesandt sei; er lehnte das jedoch ab, sagte mir aber, daß er einen andern Weg wisse, welcher dem Zweck eben so gut entspreche, ohne Jemand in Gefahr zu bringen. Es Hütte sich, theilte er mir mit, — in Mexiko eine Frau Baz auf, deren Mann General im Stäbe von Porferio Diaz und welcher dazu bestimmt sei, Gouverneur vo» 389 Mexiko zu werden, wenn die Stadt genommen werden sollte. Diese Dame sei in beständiger Verbindung mit dem Feinde, und in der That dessen Spion in Mexiko. — Wenn man sich in dieser Angelegenheit an sie wende, so würde es ihr ein Leichtes sein, ihrem Manne mitzutheilen, daß ich ein Abgesandter des Ministers und der fremden Obersten sei. Der Baron und ich fuhren zu Frau Baz und nahmen den Kanzler des Gesandten, Herrn Schalter, mit, der vortrefflich spanisch spricht und als Dolmetscher dienen sollte, um der Dame Alles klar und deutlich auseinander zu setzen, so daß Versehen und Mißverständnisse möglichst vermieden wurden. Diese Frau Baz war eine berühmte Persönlichkeit, die in der liberalen Partei in großer Achtung stand, da sie derselben sehr wesentliche Dienste geleistet hatte. Schon zur Zeit, als die Franzosen noch im Lande waren, war sie unter den mannigfachsten Verkleidungen häufig im Lager des Feindes gewesen, und ihre Nachrichten und Warnungen waren immer so richtig und rechtzeitig gewesen, daß man sie bei den Liberalen nur den Schutzengel nannte. , Sie war eine Frau von etwas über dreißig Jahren, schlankem, nicht großem Wuchs, schmalem, länglichen Gesicht, schönen Zähnen, hoher, breiter Stirn und außerordentlich lebhaften, ausdrucksvollen Augen. Sie war sehr ruhig und anspruchslos in ihrem Wesen, allein aus ihrer ganzen Erscheinung leuchtete Energie und das Bewußtsein derselben. Baron Magnus erklärte ihr den Gegenstand unseres Besuchs und theilte ihr ebenfalls die Vorschläge mit, welche ich zu machen hatte; — auch erklärte er sich bereit, alle etwa entstehenden Kosten, für Reisen, Eskorten oder andere Zwecke, zu irgend welchem beliebigen Betrage übernehmen zu wollen. Frau Baz ging sofort auf meinen Plan ein und erbot sich, mich selbst zu Porfcrio Diaz zu begleiten und den Versuch machen zu wollen, ihn zur Annahme der vorgeschlagenen Bedingungen zu bewegen, doch könne sie erst am nächstem Tage gehen, da sie Nachrichten von ihrem Manne abwarten müsse. Da ich Oberst Leon versprochen hatte, in das feindliche Lager zurückzukehren, sobald ich die Ansicht der Obersten gehört haben würde, und befürchtete, daß mein langes Ausbleiben ihm Verdacht gegen mich einflößen möchte, so verließ ich einstweilen die Stadt und ging nach der Casa Sän Iago Collorado, wo ich den Obersten fand. Er sagte mir, daß er Porferio Diaz gesprochen, diesem meinen Plan mitgetheilt und daß dieser die Angelegenheit in die Hände des Obersten .... gelegt habe, dem ich die Bedingungen der fremden Obersten mittheilen sollte. Ich sagte zwar Oberst Leon, daß Frau Baz am nächsten Tage mit mir zu Porferio Diaz selbst gehen werde; allein trotzdem drang er darauf, daß ich den erwähnten Obersten sehe, und wir fuhren nach besten Hauptquartier in Tacubaya. Der Oberst erwartete mich; als ich ihm jedoch sagte, daß ich am nächsten Tage mi Frau Baz zurückkehren würde, gestattete er mir, wieder nach Mexiko zu gehen, wo ich vor Nacht einzutreffen versprochen hatte. * Es war Unterdessen dunkel geworden, und als ich, Margaretha und Jimmy an die Garita kamen und die Schildwache mir unerwartet ein „Wer da!" entgegen donnerte, machte ich in meiner Ueberraschung ein arges Versehen und rief mit Entschlossenheit „enemi^o!" (Feind) anstatt „ami^o!" (Freund). Die Schildwache antwortete ebenso entschlossen mit einem Schuß, dessen Kugel jedoch harmlos vorüberpfiff. Da ich eine wirksamere Wiederholung der Dosis fürchtete, so flüchtete ich mich hinter einen Bogen, der nahe dabei liegenden Wasserleitung, und Margaretha, die ebensowenig wie Jimmy ein Freund von Schießpulvcr war, kniete nieder und rief in ihrer Angst sämmtliche Heilige des Kalenders um Hilfe an. Um den Soldaten am Thor begreiflich zu machen, daß ich keineswegs ein enemiKO sei, rief ich mit lauter Stimme zu: ,.viva Maximilians!^ Zu meinem guten Glück befehligte ein Bekannter von mir am Thor, der alte Oberst Campos, der nun meine 390 Stimme erkannte, herauskam und ganz außer sich darüber war, daß einer seiner Soldaten aas mich gefeuert hatte. Als ich am nächsten Morgen zu Frau Baz kam, sagte sie mir, daß sie erst um zwei Ubr Nachricht von ihrem Manne haben könne und darauf warten müsse. Ich ging also zur festgesetzten Zeit abermals hin und erfuhr nun zu meinem Bedauern, daß General Baz am Abend vorher Befehl erhalten hatte, zu General Escobcdo zu reisen, und daß sie mich daher nicht begleiten könne. Sie versprach indessen, einen Boten an Porferio Diaz mit einem Briefe zu senden, in welchem sie bestätigte, daß ich in der That von dem preußischen Gesandten und den fremden Obersten abgesandt sei. Ich gab mir alle Mühe, sie zuni Mitgehen zu bewegen, allein sie wollte nicht. Ich hatte also allein zu gehen. Oberst Leon und der andere Oberst warteten mit einer Eskorte auf Frau Baz und mich, um uns nach dem Hauptquartier von Porferio Diaz zu bringen. Da ich aber seit drei Tagen meine Kleidung nicht gewechselt hatte, und nach dem Hauptquartier reiten mußte, welches mehrere Meilen von Tacubaya entfernt war, so ging ich zuerst nach dem Hause der Frau Hübe. Da ich ihr nicht sagte, was ich vorhabe, so war sie sehr böse auf mich, denn man hatte ihr die närrischsten Berichte über mein Thun und Treiben gemacht. So leid mir das Mißfallen der guten alten Dame auch that, so hielt ich es doch für bester, sie einstweilen glauben zu lasten, was ihr gefiel und ihr nur zu sagen, daß ich nach dem Hauptquartier gehe, worauf sie mir mittheilte, daß ich ihren Mann dort finden würde. Oberst Leon war so freundlich, mir seinen schönen mexikanischen Rappen zu leihen und ich kam bald nach Guadalupe, dem Dorfe, in welchem sich das Hauptquartier befand. Bei demselben warteten gewiß fünfzig Personen, die den liberalen General zu sehen wünschten und unter ihnen Herr Hübe, der mich mit einem sehr ernsthaften Gesichte empfing. Als ich ihm jedoch sagte, daß ich als Abgesandte der fremden Offiziere komme, um mit Porferio Diaz wegen der Uebergabe zu unierhandetn und ihn ersuchte, mein Dolmetscher zu sein, veränderte sich plötzlich sein ganzes Wesen und er pries mich weit über Verdienst. Ich sandte dem General meine Karte nnd wurde sogleich vorgelassen. Der General ist ein Mann von mittlerer Größe mit einem hübschen Gesicht und glänzend schwarzen, sehr intelligenten Augen. Er trug einen blauen Uniformrock mit gelben Metallknöpfen, blaue Beinkleider nnd hohe Stiefel. Er empfing mich sehr artig, gab mir die Hand und sagte, ihm sei van seinen Offizieren mitgetheilt worden, daß ich wegen der Uebergabe von Mexiko Bedingungen von den fremden Truppen zu überbringen habe, und daß er bereit sei, dieselben anzuhören. Ich fragte ihn, ob er nicht einen Brief von Frau Baz erhalten habe, was er bejahte; allein er wünschte mehr detaillirte Vorschläge zu hören. Herr Hübe sprach nun zu ihm mit großer Beredtsamkeit und viel Gefühl. Er beschwor den General, die vorgeschlagenen Bedingungen anzunehmen, was sogleich das Blutvergießen enden würde. Er wies auf alle Folgen und Vortheile hin, welche ein solches Verfahren mit sich bringen würde und der alte Herr war von dem, was er sagte, selbst so überzeugt und ergriffen, daß er Thränen in den Augen hatte. Dem General wollte der vorgeschlagene siebentägige Waffenstillstand gar nicht gefallen und — er traute mir nicht, wie ich später erfuhr. Er glaubte, ich wollte nur um jeden Preis nach Qucrctaro, um dem Kaiser Nachrichten von Mexiko zu bringen, welche einen Angriff gegen die Liberalen zur Folge haben möchten. Auch hatte er die vollständige Ueberzeugung, daß Marquez die gewonnene Frist zur Befestigung der Stadt anwenden würde. Der General antwortete daher, daß cS über die Grenzen seiner Macht hinaus läge, i» Bezug auf den Kaiser und die Truppen in Qucrctaro irgend welche Versprechungen zu machen. Er befehligte nur die Hälfte der Armee und könne nur allein in Bezug auf 391 Mexiko unterhandeln. Die Uebergabe der Stadt wolle er unter keinen Bedingungen an» nehmen; er sei sicher dieselbe zu bekommen und wolle nicht Marquez und andere Mexikaner entwischen lassen, die gehängt zu werden verdientem Wenn aber die fremden Truppen herauskommen und sich ergeben wollten, so wolle er ihnen Leben Freiheit und Alles bewilligen, was sie mit sich nehmen könnten, mit Ausnahme der Waffen. Er wollte sie auf Kosten der Regierung nach irgend einem ihnen beliebigen Hafen bringen lasten, von dem sie nach Europa zurückkehren sollten. Wenn ich indessen nach Queretaro gehen wolle, so wolle er mir einen Paß und einen Brief an Escobedo geben, dem er es überlasten müsse, ob er mir den Eintritt in diese Stadt gestatten wolle. Es war gegen vier Uhr Nachmittags und nachdem ich mit dem General eine Taste Kaffee getrunken hatte, stieg ich zu Pferde, um nach Mexiko zurückzukehren und zu hören, was die fremden Offiziere auf die Vorschlage von Diaz zu sagen hatten. Da die Garita, durch welche ich Mexiko verkästen hatte, mehrere Leguas von Gua» dalupe entfernt war, so beschloß ich, in die nächst gelegene einzureitcn, da es überdies Heller Tag und kein Mißverstandniß zu befürchten war. Eine Eskorte brachte mich bis an die äußersten Vorposten, und nachdem ich mein Taschentuch als Parlamentärflagge an meine Reitpeitsche befestigt hatte, ritt ich im Galopp nach der Garita zu. Als ich auf eine kleine Brücke in Front der Thorbattcrie und derselben so nahe kam, daß ich die Gesichter unserer Soldaten sehen konnte, feuerte der Postcu auf mich, was ich für einen Wink nahm zu halten. Ich hielt also in der Erwartung, daß man einen Korporal und einige Mann herauSschicken werde, um mich zu examiniren. Ich sah auch die Soldaten auf die Brustwehr kommen, und ehe ich noch darüber nachdenken konnte, was sie wohl beabsichtigten, erhielt ich eine volle Lage. Die Kugeln pfiffen mir um den Kopf und eine streifte mein Haar; andere schlugen in der Nähe meines Pferdes in die Erde. Ich war mehr ärgerlich als erschrocken, denn es war wirklich zu einfältig, auf eine einzelne Frau zu schließen, als ob ich im Stande gewesen wäre, die Batterie zu nehmen k Mein erster Gedanke war, auf die dummen Kerle loSzurciten und ihnen meine Reitpeitsche nm die Ohren zu schlagen; allein ich hörte hinter mir daS Klappern der Hufe der liberalen Eskorte, die auf die Schüsse mir zu Hilfe eilen wollte; sah die Soldaten in der Schanze in aller Eile laden, und wollte Niemand meinetwegen einer Gefahr aussetzen. Ich machte daher Kehrt; mein kleiner mexikanischer Rappe schoß dahin wie ein Pfeil und ich legte meinen Kopf auf seinen Hals. Die Elenden sandten mir in der That noch eine Salve nach, aber glücklicherweise wurden weder ich noch mein Pferd getroffen. Später hörte ich, daß die Schanze am Thore mit ganz rohen indianischen Rekruten besetzt gewesen war, welche wahrscheinlich keine Ahnung von der Bedeutung meines weißen Schnupftuches hatten, und daß ihr Offizier im Augenblick meiner Ankunft sich in einem naheliegenden Wirthshaus gütlich that. Es kam Marquez zu Ohren, daß man auf einen Parlamentär gefeuert habe, ohne daß er jedoch wußte, wer derselbe gewesen sei, und der nachlässige Offizier wurde in Arrest geschickt. Fünf oder sechs liberale Offiziere kamen mit 25 Mann mir entgegen; alle zeigten sich sehr besorgt und wollten kaum glauben, daß ich nicht verwundet sei. Da ich mich nicht nochmals einem Pelotonfeucr aussetzen wollte, so beschloß ich, in das Thor zu reiten, an welchem Oberst Campos befehligte, und General Porferio Diaz war so freundlich, mir eine Eskorte von zehn Mann mitzugeben. Ehe wir jedoch die mehrere Leguas entfernte Garita erreichten, übe, siel uns ein Gewitterregen, der mich bis auf die Haut durchnäßte, so daß ich es vorzog, nach Tacubaya zu gehen, wo ich von Frau Hübe nun mit offenen Armen empfangen wurde, da ihr Mann ihr erzählt hatte, auf welche Art von Abenteuer ich ausgegangen war. (Fortsetzung folgt.) 392 Der Wald. Die meteorologische Katastrophe, die einen Theil der Schweiz so schwer heimgesucht, hat veranlaßt, nach den Ursachen zu forschen, durch die jene Katastrophe herbeigeführt worden, und die Mittel aufzusuchen, durch die künftigen ähnlichen Verheerungen vorgebeugt werden kann. Ganz abzuwenden werden die Wasscrfluthen niemals sein. „Wenn man beobachtet" (schreibt Ingenieur Salis aus Chnr dem „Bund"), „wie die Wolken Tage, oft Wochen lang stetsfort in der Richtung von Südwcst hoch über die Spitzen der Alpen herflicgen, wie sie sich immer dichter und dichter drängen, bis sie wie ein schwebendes Meer erscheinen, zu dem der erfahrene Beobachter mit Sorge ausblickt, da darunter fast gleich endlos das Eis der Gletscher liegt, an dem das Dunstmeer sich jeden Augenblick zu einer Wasscrfluth kondensircn kann," so sind das Erscheinungen, gegen welche schützende Kunstbauten nicht aufgeführt werden können, und man begreift, wie frohbcwegt der Bewohner des Gebirges ist, wenn er durch einen Riß des Wolkenvorhangcs bemerkt, daß es „angeschneit," daß das Dunstmcer in Schnee sich verwandelt, von dem eine Ueberfluthung nicht zu befürchten ist. Nach solchen Katastrophen erkennt man recht den Nutzen der Wälder und es ist nur eine Seite dieses Nutzens, wenn Schiller dem Sohne Teils die Frage: „Vater, ist's wahr, daß auf dem Berge dorb Die Bäume bluten, wenn man einen Streich D'rauf führet mit der Axt? Die Bäume seien Gebannt, sagt man, und wer sie schädiget, Dem wachse seine Hand heraus zum Grabe", «nd dem Vater die Antwort in den Mund legt: „Die Bäume sind gebannt, das ist die Wahrheit. Die Schlaglawinen hätten längst Den Flecken Altdorf unter ihrer Last Verschüttet, wenn der Wald dort oben nicht Als eine Landwehr sich dagegen stellte." Im Walde erzeugt sich eine Moosdecke, die in Verbindung mit der Erdkruste die Wirkung eines Schwammcs hat; der hemmt den Stoß des stürzenden Wassers, saugt es auf, und gibt es nur langsam wieder ab. In den Gebirgen ist der Wald aber auch Schutz gegen die Wuth der Stürme. Auf dem entwaldeten Gebirge mangelt es der Luft an der erforderlichen Feuchtigkeit dergestalt, daß auf der bayerischen Hochebene, wo vor 8 —10 Jahrhunderten noch Getreidebau in einem ganz flachgründigen kiesigen Boden möglich war, jetzt kein Halm mehr gedeihen kann. Auf dem Westerwald war der Bau landwirthschaftlicher Gewächse ganz unsicher geworden; seit nun zur Schutzwehr Waldstreifen angelegt sind, hat sich dies wesentlich gebessert. Katastrophen, wie wir sie in der Schweiz kennen gelernt, sind im Orient, sind in Griechenland, Spanien, seit den letzten Jahrzehnten auch im südlichen Frankreich, in Italien keine Seltenheit. Daß die schonungslose Entwaldung der Höhen der Grund davon sei, darüber herrscht unter Fachleuten nur eine Stimme. Der Bürgermeister eines Ortes erließ folgende Bekanntmachung: Es ist z» den diesseitigen Ohren gekommen, daß das Vieh in den Ställen mit brennende» Cigarren und Pfeifen gefüttert wird, was künftighin mit 30 kr. bestraft werden soll. Druck, Dtrlaz und R«:aet!,n d«S iiterarischen Instituts von vr. M. Huttler. Nr. 40 13. Decbr. 1868. Augsburger Soilnta Sckwelgen ist der sicherste Herold des Glücks. Derjenige fühlt sich nicht vollkommen glücklich, der sagen kann, wie sehr er es sei. Maximilian s Ende. (Fragmente aus dem Tagebnche der Prinzessin AgueS ,u Salm-Salm.) (Fortsetzung.) m. Am nächsten Tage war Charfreitag, 19. April, und kein Wagen, kein Pferd oder Maulthier durfte auf der Straße von Mexiko erscheinen. Da es jedoch dringend nöthig war, die Meinung von Baron Magnus und den Obersten einzuholen, so machte ich mich zu Fuß auf den Weg, was in der großen Sonnenhitze eine höchst anstrengende Tour war. Ich ging zuerst zu Baron Magnus und dann zu den Obersten, die mir sagte», daß sie sich auf die Anerbietungen des feindlichen Generals nicht einlassen könnten, ehe sie nicht den Willen des Kaisers vernommen hätten. Ich schlug dann vor, daß ich auf meine eigene Verantwortlichkeit nach Qncretaro gehen wolle; aber dem widersetzte sich Baron Magnus, der überhaupt nicht wollte, daß ich Mexiko nochmals verließ, und mich zu bewegen suchte, wenigstens einige Tage zu bleiben, während welcher vielleicht sichere Nachrichten von Qncretaro kommen würden. Da ich Porferio Diaz versprochen hatte, baldigst zurückzukehren, so fügte ich mich nur ungern der Ansicht des Barons. Derselbe schien zu besorgen, daß General Mcirquez von meinen Schritten Nachricht erhalten habe und mich auf dem Rückwege arrctiren tasten möchte. Als ich im Lager der Liberalen war, hatte mir Oberst Leon gesagt, daß er eine Anzahl fremder, kaiserlicher Gefangener unter seiner Obhut habe, welche bei San Lorenzo gefangen waren, und denen es an Allem fehlte und die sich in der traurigsten Lage befänden. Er sagte, wenn ich für diese Gefangenen in Mexiko etwas thun könne, so wollte er gerne gestatten, daß ich ihnen Kleidungsstücke und Geld überliefere. Ich sprach daher darüber mit Baron Magnus und den Obersten und wir sammelten unter uns hundert Dollars, die mir eingehändigt wurden. Es litt mich nicht länger in Mexiko und am 24. ging ich wieder zu Baron MagnuS und sagte ihm, daß ich nach Tacubaya gehen und Vorbereitungen zu meiner Reise nach Querctaro machen wolle, für welche ich mir seine Instruktionen erbat. Am Morgen des 25. sandte mir der Gesandte seine Equipage und ich fuhr nach der Garita Von hier ging ich nach der Casa Colorado, wo ich Oberst Leon sah, dem ich sagte, daß ich einiges Geld für die Gefangenen mitgebracht habe. Er brachte mich selbst nach dem Schloß von Chapultepec und ließ die Gefangenen rufen. Sie waren, ein Hauptmann, Rudolf Spornbcrger, und einige Korpora e und Gemeine, zusammen fünfzehn Mann. Sie hatten in der That nur nothdürftige Lumpen auf dem Körper und befanden sich in der allertraurigsten Lage. Ich gab dem Hauptmann fünfundzwanzig Dollars und jedem der übrigen Gefangenen fünf, über welche sie Jeder einzeln auf meiner Liste quittirten, die noch in meinem Besitze ist, zum Beweis, daß ich meinen Auftrag nicht vergessen habe. Von dort ging ich nach Tacubaya. Gleich bei meiner Ankunft bemerkte ich an der Art der liberalen Offiziere gegen mich, daß irgend Etwas nicht war, wie es sein sollte und als ich zu Hube's kam, fand ich sie alle in Thränen und in großer Angst. Ich weiß nicht genau, was während meiner Abwesenheit vorgefallen war; allein am 24. April erließ Porferio Diaz eine Ordre, in welcher gesagt wurde, daß alle Personen, die unter dem Vorwande von Unterhandlungen von Mexiko kommen würden, erschossen werden sollten, und da ich in dieser Lage war, so sahen mich Hube's bereits in meinem Sarge. Ich wollte augenblicklich zum General gehen, um meine lange Abwesenheit zu entschuldigen; allein Frau Hübe wollte mich nicht gehen lasten und hielt mich mehrere Stunden zurück. Es hielt darauf vor der Thüre ein vierspänniger Wagen und es erschien ein Offizier, der mir ankündigte, daß er den Befehl habe, mich augenblicklich in das Hauptquartier zu bringen. Der Jammer bei Hube's war groß; allein ich hatte Folge zu leisten und nachdem ich einige nothdürftige Kleidungsstücke zusammengepackt hatte, stieg ich mit Margaretha und Jmmy in den Wagen. Als ich beim Hauptquartier angekommen war, theilte mir ein Adjutant des Generals mit, daß ich augenblicklich Mexiko verlassen müsse. Er gab mir einen Paß und ersuchte mich, einen Hafen zu nennen, von welchem ich absegeln wolle und wohin ich durch eine Eskorte gebracht werden sollte Dieses ganze Arrangement paßte mir durchaus nicht und ich beschloß, daß nichts daraus werden sollte. Ich verlangte daher, den General Porferio Diaz zu sehen, da irgend ein Mißverständniß obwalten müsse, welches ich aufklären wolle. Der General wollte mich jctoch uicht sehen, und der Adjutant bestand darauf, daß ich abreisen solle. Ich erklärte ihm jedoch auf das Bestimmteste, daß ich freiwillig nicht gehen würde. Sie möchten mich in Fesseln legen oder erschießen, aber sie sollten mich nicht dazu bringen, das Land zu verlassen. Meine Entschlossenheit setzte sie in große Verlegenheit und sie wußten nicht, was sie machen sollten, denn ich blieb von 6 Uhr Nachmittags bis 12 Uhr Nachts im Hauptquartier und ging nicht von der Stelle. Endlich ließ ich es mir gefallen, daß man mich in einem Privathause bei einer mexikanischen Familie unterbrachte, die mich sehr freundlich behandelte; allein man stellte mir eine Wache vor die Thüre. Am 26. April Morgens kam wieder meine vierspännige Equipage vorgefahren und der Offizier, der mich cskortiren sollte, bestand auf meiner Abreise. Ich bewegte mich indessen nicht von der Stelle, und sandte General Porferio Diaz meine Empfehlung mit der Bitte, mich nach Querctaro gehen zu lassen; ich erhielt indessen eine abschlägige Antwort und blieb entschlossen wo ich war. Am Nachmittag kam Frau Hübe, brachte mir einige Kleider, und mit ihr kam General Baz, welcher von Querctaro zurückkehrte und der ein großer Freund der Hubc'schen Familie war. General Baz war ein ziemlich wohlbeleibter Herr mit einem angenehmen, wohlgenährten Gesicht, hellen, braunen Augen, schwarzem, lockigem Haar und hellerem Schnurr- bart und Kinnbart. Er war in seinen Manieren sehr elegant und gewandt und machte mir mehr den Eindruck eines Franzosen als Mexikaners. Er war viel in Europa gereist und außerordentlich liebenswürdig und angenehm, mit einer gewissen Würde in seinem Wesen. Trotzdem, daß er durch und durch Liberaler war, genoß er doch die Achtung und Liebe beider Parteien. Der General war sogleich bereit, zu Porferio Diaz zu gehen und sich zu erkundigen, was eigentlich der Grund seiner großen Strenge gegen mich sei. Wir erfuhren denn auch bald den Zusammenhang. Porferio sagte, ich hätte mein Wort gebrochen und versucht, seine Offiziere durch Geld und schöne Worte zu bestechen, welches ein großes Verbrechen sei. Ich sei eine zu gefährliche Person, als daß mau mich in Mexiko lassen könne. General Baz brachte indessen die Angelegenheit in Ordnung und rang Porferio Diaz die Erlaubniß für mich ab, nach Qucretaro gehen zu dürfen, doch wollte er mir keine Eskorte geben. Escobedo möge thun, was ihm gefiele, er möge mir erlauben, nach Quere- taro hineinzugehen, oder mich weiter senden. General Baz, der wirklich außerordentlich gütig war, that Alles, was nur immer möglich war, mir den Weg nach Qucretaro zu ebnen. Er gab mir nicht weniger als sieben und dreißig Empfehlungsbriefe an Hacienda-Befitzer, Postmeister, Gastwirthc und Offiziere. Herr Smith, ein Kaufmann und Direktor oder Obcraufseher der Eisenbahn, gab mir vier sehr gute Maulthiere und seinen Kutscher und dazu bekam ich noch eine sehr auffallend hellgelbe Kutsche, die wahrscheinlich schon seit der Eroberung als Fiacer in Tacubaya gedient hatte. Die Straße zwischen Mexiko und Qucretaro ist durch Räuber sehr unsicher gemacht und die vier Tage dauernde Reise eine ziemlich gefährliche. Mein gutes Glück ließ mich indessen nicht im Stich. Es war da ein Herr von der liberalen Partei, Herr Parra, der drei Tage gereist war, um Porferio zu sprechen, ohne daß er seine Absicht erreiche» konnte, und der nach Hause zurückkehren wollte. Er erbot sich, mich zu eskortiren, was ich um so lieber annahm, als er einen bewaffneten Diener zu Pferde bei sich hatte und auch einen Kutscher. Porferio hatte nichts dagcgegen einzuwenden, daß mich der Herr begleitete. Unter vielen Thränen nahm ich von Hubes Abschied und trat am 27. April meine Reise an. Margaretha und Jmmy begleiteten mich natürlich und auch mein kleiner, sieben- schüssiger Revolver, den ich stets bei mir trug. Die Empfehlungsbriefe, welche mir General Baz so freundlich gegeben hatte, waren von dem allerhöchsten Werth. Ich wurde überall mit der größten Freundlichkeit und Gastfreiheit empfangen und mit einer "tchiung und Aufmerksamkeit behandelt, als sei ich eine Königin. Für mich, meine Begleiter, Diener und Maulthiere wurde überall auf das Sorgfältigste gesorgt und Bezahlung wollte man nirgends annehmen, was unter den obwaltenden Umständen gar nicht unangenehm war, da ich nur drei Unzen in der Tasche hatte. Eines Morgens auf dieser Reise verließen wir Sän Francisco vor Sonnenaufgang. Nachdem wir eine kleine Strecke gefahren waren und die Sonne eben aufging, sah ich rechts am Wege einen Gegenstand an einem Baum, den die Strahlen der Sonne voll beleuchteten. Ich steckte den Kopf aus dem Wagen, um zu sehen, was eS sei und erkannte zu meinem Entsetzen einen liberalen Offizier in Uniform, mit Reitstiefeln an den Füßen und einer schwarzen Kappe über Kopf und Gesicht. Das Blut lief von dem Körper an die Erde hinunter, was bewies, daß er seinen Tod nicht allein durch Hängen gefunden hatte. Als ich mit Abscheu und Entsetzen meinen Kopf zurückzog und schnell zu der andern Seite des Wagens hinaussah, erblickte ich dort ebenfalls einen Baum, an dem ein anderer liberaler Offizier hing, dessen Anblick noch abschreckender war. Wie ich erfuhr, waren diese ein Oberstlieutenant und ein Major, welche ein Verbrechen gegen ein junges Mädchen begangen hatten, und die den außer sich gerathenden Vater, als er sein Kind zu rächen versuchte, niederwarfen, ihm die Zunge ausschnitten und endlich ermordeten. Nach mexikanischer Sitte waren sie auf der Stelle erschossen worden, wo sie das Verbrechen begangen hatten und zum warnenden Beispiel hier für einige Zeit an Bäume gehängt worden. Es dauerte lange, ehe ich den Eindruck los werden konnte, den diese scheußliche Szene auf mich machte, und ich schaudre noch jetzt, wenn ich daran denke. Wir langten endlich in Queretaro an. Von der Höhe der Cncsta China konnte man die ganze Stadt übersehen; aber man wurde ebenfalls von dort gesehen und meine glänzend gelbe Equipage mit vier Maulthiereu und Eskorte entging den Kaiserlichen nicht. bie mich, wir mir später der Kaiser sagte, für Juarez gehalten hatten. Als ich den Hügel , hinunter nach der Hacienda de Hercules fuhr, die Herrn Rubio gehörte, an den ich einen Empfehlungsbrief hatte, erwartete ich stets eine Kugel aus den Batterien der Stadt zu erhalten, denn wir waren überall in Schußweite. Das Hauptquartier des Generals Escobedo war auf der anderen, der Nordseite des Rio blanco, am Abhänge des Hügels La Cantera. Da ich Briefe an ihn abzugeben hatte und auch wissen wollte, woran ich war, so kleidete ich mich sogleich um und ritt f hinüber. Ein Pferd war leicht zu haben- allein ein Damensattel war nirgends aufzu» treiben, und so hatte ich als solchen einen gewöhnlichen, hölzernen mexikanischen Sattel zu reiten, was keineswegs angenehm war und auch feine Schwierigkeiten hatte. Der Herr, der mich von Mexiko begleitet hatte, war mir schon vorausgeeilt und meine Ankunft angemeldet. Als ich bei demselben ankam und General Escobedo meine Karte hineinschickte, trat aus einer Gruppe von dort versammelten Offizieren ein blonder Kapitän hervor, der mich als alte Bekannte aus den Vereinigten Staaten begrüßte, dessen ich mich aber nicht erinnerte. Es war ein Hauptmann Enkling, welcher Artillerie-Lieutenant in General Blcnker's Division gewesen war, und der einst, als ich dessen Lager besuchte, als Eskorte gedient haben wollte. Dieser junge Mensch hatte sich, wie ich später hörte, gerühmt, daß er mich sehr genau kenne, während ich mich nicht einmal seines Gesichtes erinnern konnte. Er benahm sich auch später in der verächtlichsten Weise und schien sowohl bei seinen Kameraden als bei seinem General in sehr geringer Achtung zu stehen, denn als er sich erbot, demselben als Dolmetsch zu dienen, lehnte es derselbe ziemlich kühl ab, und ließ zu diesem Ende einen Mexikaner rufen, der englisch verstand. Herr Enking stand bei der amerikanischen I,6§ion ok konor, und als Queretaro genommen wurde, brach er mit seinen Leuten in Privatwohnungen und vergriff sich an dem Privateigenthum von Offizieren, weßhalb er von General Escobedo mehrere Tage in Arrest geschickt wurde. Bei einer späteren Gelegenheit, als ich den General ersuchte, mir einen Offizier als Begleiter mitzugeben, ließ er diesen Hauptmann Enking holen, dessen Bemerkungen in Bezug auf mich mir mitgetheilt waren. Ich wies diese Begleitung mit Entrüstung zurück und drückte mein Erstaunen aus, daß der General mir die Gesellschaft eines solchen Menschen, den er als einen Schurken kenne, zumuthe. Hauptmann Enking zog sich sehr verwirrt zurück, und Escobedo entschuldigte sich. Er schien eine besondere Absicht gehabt zu haben, diesen Herrn mir gegenüberzustellen und zu erwarten, daß ich ihn refüsiren würde. General Escobedo empfing mich in einem sehr kleinen, ganz außerordintlich elenden Zelt, welches überall mit Stöcken gestützt und aus Brettern und Leinwand in sehr dürftiger Weise zusammengeflickt war. Es stand darin ein von rohen Bretter» zusammengeschlagener Tisch, und eine hölzerne Kiste diente als Sitz. Der General trug eine Uniform, ähnlich der von Porfcrio Diaz, nur daß etwas mehr Treffen und Knöpfe daran waren. Escobedo empfing mich sehr freundlich. Ich sagte ihm, ich hätte gehört, daß mein Mann verwundet sei, und bat ihn um Erlaubniß, in die Stadt zu gehen und ihn zu pflegen. Der General erwiderte, daß er nichts von einer Verwundung meines Mannes wisse und mir die gewünschte Erlaubniß nicht geben könne. Alles was er thun könne sei, mir einen Brief an Präsident Juarez nach^an Louis Potosi zu geben, der vielleicht meinen Wunsch erfüllen werde. Er äußerte, daß er meinen Mann sehr wohl kenne, machte mir viele Komplimente m Bezug auf ihn und sagte, derselbe sei ein außerordentlich tapferer und kühner Offizier, wie er zu seinem Schaden erfahre» habe. Er versprach, ihn freundlich zu behandeln. 397 wenn er in seine.Händc fallen sollte, und mir zu gestatten, ihn im Fall einer Verwundung zu Pflegen. Der General überließ es mir, ob ich mit der am andern Morgen nach Sän LuiS Potost abgehenden Diligence reisen, oder bis zum Abgang der nächsten bei Herrn Rubio bleiben wolle. Ich entschied mich für das erstere, da mein Bleiben vor Queretaro gar keinen Zweck hatte. Herr Parra, der mich von Mexiko begleitete, bot sich an, mich auch bis Sän Luis zu eskortiren; allein ich lehnte sein Anerbieten dankbar ab und ersuchte General Escobedo, nur einen seiner Offiziere mitzugeben, worin er freundlich willigte. Bis hieher sind wir der Prinzessin Schritt für Schritt gefolgt, und wir hoffen, dadurch die Geduld der geehrten Leser nicht ermüdet zu haben. Da wir aber unmöglich das ganze interessante Buch abdrucken können, so wollen wir jetzt von den „Fragmenten" Abschied nehmen und daraus nur noch kurz erwähnen, daß die Prinzessin, welche thatsächlich rastlos bemüht war, den unglücklichen Kaiser zu retten, sich äußerst wegwerfend über die Gesandten ausspricht. So schreibt sie wörtlich: „Die österreichische und belgische Regierung müssen am besten wissen, ob ihre Gesandten nach ihren Jnstruktioucn handelten, aber uns und selbst den Mexikanern erschien, deren Benehmen wunderbar, aber keineswegs bewunderungswürdig." Für das Folgende müssen wir aber der Prinzessin die volle Verantwortung überlassen. Sie erzählt nämlich, daß General Escobedo, welcher bekanntlich in Queretaro nach der Einnahme das Kommando führte, die Gesandten „Feiglinge" nannte, welche machen sollen, daß sie fortkommen. Darauf bemerkte die Prinzessin, daß dann der Kaiser vollkommen verlassen sei. „Was können solche alte Weiber einem Manne nützen" — brach Escobedo los — «schönes Bock, diese Gesandte! Zwei von ihnen sind schon davon gelaufen und haben ihre Bagage im Stich gelassen." Diese zwei furchtsamen Repräsentanten waren natürlich, wie uns die Prinzessin versichert, der österreichische und der belgische. Alle Offiziere Escobcdo's machten sich über sie lustig, und der General selbst sagte mir später in Mexiko, „daß, wenn einer von diesen. Feiglingen ihn ersucht hätt, den Kaiser sehen und von ihm Abschied nehmen zu dürfen, er es nicht verweigert haben würde." Aber die Herren machten nicht einmal den Versuch, und Baron Lago hatte so gänzlich den Kopf verloren, daß er das Codicill zum Testament des Kaisers ununterschriebcn mitnahm! — Ich habe natürlich — fährt die Prinzessin Salm fort — nicht das allergeringste Bedenken, zu sagen, daß ich das Benehmen dieses Herrn so erbärmlich als möglich fand; sollten Sie aber, oder sonst Jemand, daran zweifeln, daß General Escobedo sich so undiplomatisch über diese Diplomaten ausdrückte, dann berufe ich mich auf den General selbst, der nicht der Mann ist, zu verleugnen, was er sagte, und auf seinen ganzen Stab, der zugegen war, namentlich auf Oberst Darin. Zum Schlüsse sei noch einer Aeußerung Erwähnung gethan, die ein grelles Streiflicht auf die mexikanischen Zustände wirft. Die Prinzessin versuchte es, um den Kaiser zu retten, auch mit der Bestechung. Leider gebot man aber über keine Baarsummcn und die Wechsel schienen den Herren Mexikanern ein unsicheres Geschäft. Als nun die Prinzessin wieder mit dem Justizministcr der Liberalen, mit Herrn Jglesia, sprach, bemerkte dieser, er wisse sehr wohl, daß sie in Queretaro manche Schufte hätten, die zu bestechen wären, und er meinte auch, daß der Fluchtplan gelungen sein würde, wenn die Prinzessin baares Geld statt Papier gehabt Hütte. Uebrigens gestand auch Herr Jglesia, daß er im Innersten seines Herzens froh gewesen wäre, wenn Kaiser Maximilian glücklich entflohen wäre, und selbst der Präsident Juarez gab nicht undeutlich zu verstehen, daß ihm die Flucht des Kaisers nicht eben sehr unangenehm gewesen wäre. — (Ueber diesen Punkt werden wir uoch Einiges nachtragen. Die Red.) (Fortsetzung folgt.) Naturgeschichte der Thräne«. Im „Ausland" finden wir folgenden interessanten Artikel, „Chambers Journal" entnommen: Das Hauptelement, der vornehmste Bestandtheil, so zu sagen, eine Thräne ist Wasser; dieses Wasser enthält bei Auflösung einige Hundertstel einer Substanz, die man Hinaus nennt und einen kleinen Theil Salz, Natron, Phosphorsauren Kalk und phosphorsaures Natron. Das Salz und das Natron sind eS, welche den Thränen jenen eigenthümlichen Geschmack geben, der ihnen bei den griechischen Dichtern das Epitheton „Salz", bei den unsrigcn das Beiwort „bitter" verschafft hat; „Salz" ist indeß der richtigere Ausdruck der beiden Bezeichnungen. Wenn eine Thräne trocknet, verdunstet das Wasser und hinterläßt eine Ablagerung salziger Bestandtheile; diese amalgamircn sich, und werden, wenn man sie durch das Mikroskop betrachtet, zu langen, gekreuzten Linien, welche wie ganz kleine Fischgräten aussehen. Die Thränen werden von einer Drüse ausgeschieden, die man die „Thränendrüse" nennt, welche über dem Augapfel und unterhalb des oberen Augenlides an der der Schläfe nächsten Seite liegt. Sechs oder sieben ungemein feine Kanäle ziehen sich von derselben entlang und unter der Oberfläche des Augenlides hin und entladen ihren Inhalt ein wenig oberhalb des zarten Knorpels, welcher das Augenlid stützt. Diese Kanäle sind es, welche die Thränen in das Auge führen. Allein Thränen fließen nicht nur in gewissen Umständen, wie man vermuthen könnte — sie fließen unaufhörlich; den ganzes Tag und die ganze Nacht (obgleich weniger reichlich während des Schlafs) rinnen sie sanft aus ihren dünnen Schleusen, und verbreiten sich glänzend über die Oberfläche der Pupille und des Augapfels, nnd geben ihnen jenes leuchtende, schmelzartige und klare Aussehen, das eines des charakteristischen Zeichen der Gesundheit ist. Die unaufhörliche Bewegung und Zusammcnzichung der Augenlider bewirken die regelmäßige Verbreitung der Thränen, und das Fließen dieser Thränen muß auf die so eben erwähnte Weise beständig erneuert werden, weil Thränen nicht nur nach wenigen Sekunden verdunsten, sondern auch durch zwei kleine Abzugsröhren, „Thränenpunkte" genannt, die in dem Winkel des Auges nahe an der Nase liegen, hinweggcführt werden. Auf diese Art fließen alle Thränen, nachdem sie die Augenlider verlassen, in die Nüstern, und wenn sich der geneigte Leser hiervon überzeugen will, so braucht er, so unpoctisch es auch seyn mag, nur auf einen Menschen zu achten, der stark weint, und er wird bemerken, daß dieser stets genöthigt ist, einen zwicfältigen Gebrauch von seinem Taschentuche zu machen. Der Nutzen der Thränen für Thiere im allgemeinen, und insbesondere für diejenigen, welche vielem Staub ausgesetzt sind, wie z. B. Vögcl, die inmitten der Winde leben, ist leicht zu verstehen; denn das Auge würde bald voller Schmutz und trüb seyn, wie eine ungereinigte Fensterscheibe, hätte nicht die Natur für diesen freundlichen imincrsiießenden Strom gesorgt, um es zu waschen und zu erfrischen. Nur ganz wenig Flüssigkeit ist nothwendig, um das Auge stets klar und rein zu erhalten; allein hier müssen wir wiederum den wundervollen Mechanismus anstaunen, welcher in dem menschlichen Körper arbeitet, denn man kann beobachten, daß, wenn in Folge irgend eines Zufalls oder einer Verletzung der Augapfel mehr Wasser braucht, um sich zu reinigen, die Natur sich sogleich zu einem reichlichem Thränenfluß wendet. So z. B. füllen sich, wenn ein Staubkörnchen oder ein Insekt in daS Auge geräth, die Augenlider sogleich mit Thränen und fließen über, und diese Thränen mildern nicht nur den Schmerz sondern führen auch deu Gegenstand, wofern er klein genug ist, die beiden bereits erwähnten kleinen Leitungen hinab und hinweg. Das nemliche geschieht, wenn entweder Rauch, oder zu lebhaftes Licht, oder zu starke Kälte nachteilig auf das Gesicht einwirken — sogleich kommen Thränen uns zu Hülfe, nnd schützen das Auge vor Schaden. WaS nun die andern Thränen betrifft — ich meine diejenigen, welche ihren Grund in moralischen, nicht in physischen Ursachen haben — so ist die über dieselben zu gebende Erläuterung eine sehr prosaische und materielle. Thränen werden veranlaßt, entweder durch das plötzliche und rasche Fließen des Blutes nach dem Kopfe oder durch Ncrvcn- Errcgung. Sie sind sehr häufig bei Frauen und Kindern, deren Nerven-Organisation weniger stark ist als die der Männer. Unter Männern weinen diejenigen von sanguinischem und nervösem Temperament am meisten. Lymphatische Naturen hingegen und Leute von biliösem oder galligem Temperament weinen überhaupt selten: die erstcrn, weil sie gemeiniglich nur wenig Empfindlichkeit haben, und die letzteren, weil sie gewöhnlich eine feste Kontrolc über ihre Gefühle besitzen. Wenn man daher einen Mann von lym- phathischbiliöscm Temperament aus Gemüthsbewegung Thränen vergießen sieht, so kann man überzeugt sein, daß die innersten Nerven seines Herzens ergriffen sind, und man muß alle Achtung haben vor einem Mann, dessen Schmerz ein so heftiger ist. Hingegen ist es gut, wenn man seine Kaltblütigkeit bewahrt vor stark erregbaren und sehr phantastischen Leuten, welche weinen; ihre Thränui sind oft echt, in der Regel aber kosten sie ihnen nur wenig Anstrengung, und bei neun Fällen unter zehn sind sie vergessen, sobald sie vergasten sind. Sehr talentvolle Schauspieler können Thränen nach Belieben dadurch hervorrufen, daß sie sich in einen gewaltigen Erregunszustand hineinarbeiten. Frl. Rachcl z. B-, die kälteste und liebloseste Dame, die je die Bühne betreten, pflegte, wenn sie all' ihre Kräfte aufbot, so leidenschaftlich zu weinen, daß sie fünfzehnhundert Zuschauer ebenfalls zum Weinen bringen konnte (Das Goldfischchen, Goldkärpfchen, oiprinus »urutus I,.) stammt aus China. Das Fischchm stirbt leicht, wenn die Behandlung nicht die richtige ist. Liebhabern dieses schönen Thicrchens dürfte es willkommen und von Jnterest: sein, die darauf bezüglichen Regeln kennen zu lernen. — Master darf nicht zu wenig sein, für ein Stück enspricht das Quantum von ein Maß Wasser, und so nach Verhältniß mehr, je nach der Zahl der Fischchen. — Das Wasser, welches filtrirt wird, (durch reinen Sand und Kohlcnstückchen) muß immer dasselbe sein, entweder Bach - oder Fluß-, oder Brunnen- Wasser. — Im Sommer wird dasselbe alle Tage gewechselt, im Winter alle zwei Tage, was nicht zu übersehen ist. — Das Glasgefäß von angemessener Größe sei tief, der Boden mit glatten Kieselsteinchen bedeckt, an welche sich die Excrcmeute setzen, und wodurch das Wasser rein erhalten wird. — Beim Wechseln des Wassers darf man die Fischchen nicht in die bloße Hand nehmen, sondern muß sie mit einem kleinen Netz herausfangcn. — Das Gefäß darf man nicht in die Sonne, sondern muß es in den Schatten stellen, da die Thierchcn Schatten lieben; auch vermeide man starke Zimmcrwärme. — Mit Brodgerbe, gcrbcstoffhaltiger Nahrung darf man sie nicht füttern, sondern mit Oblaten, kleinen Amciseneiern, kleinen Fliegen, klein gehackten Eidottcrstückchen, kleinen Stückchen von Salatblättcrn, welch' letztere ihre Licblingsspeise sind. — Aber nur alle 3 — 4 Tage reiche man Nahrung, und immer nur sehr wenig, da die Fischchen sonst an Verstopfung und Brand zu Grunde gehen. In den Monaten November, Dezember, Januar und Februar dürfen sie gar nicht gefüttert werden, was hochwichtig ist und in der Kischnatur liegt. Von Monat März an beginnt die Fütterung und dauert bis zum November, (also acht Monate), die nur eine sehr mäßige sein darf, besonders im Anfange, weil der Magen sich nur nach und nach an das Futter gewöhnt. — Wer diese Regeln befolgt, erhält das Fischchen frisch und gesund, 10—12 Jahre, so alt wird es. (Theilung der Arbeit.) Ein Dank« fiel, als von der immensen Höhe einzelner Thürme gesprochen wurde, mit der Versicherung ein: „Das ist noch gar Nichts. Bei uns zu Hause steht ein Thurm, an dessen ganzer Höhe ein einzelner Mann unmöglich hinaussehen kann. Um die Spitze zu erschauen, thun sich immer zwei zusammen, und der Zweite säugt da an, wo dem Ersten das Gesicht ausgeht." Aus England. Britische Blätter berichten vom Cop Trevose (Cornwallis) folgende- Drama: Dort erhebt sich ein halbmondförmiger, auf seinem Gipfel ganz kahler Fels, dessen Wurzel nur zur Ebbezeit zugänglich ist, ihm gegenüber eine alte Ritterburg, gen. das rothe Schloß, bewohnt von einem sehr vermögenden Alten, dessen beiden ältesten Söhne wegen ihrer Verwegenheit und Wildheit gefürchtet waren. Schon seit Langem hegte die Zollbehörde Verdacht, daß hier großartig geschmuggelt werde, allein sie konnte nicht auf die Spur kommen. Ein Zollbeamter theilte diesen Verdacht einem im Schloß auf Besuch anwesenden Ingenieur mit, und diese beiden Männer besuchten nun den Halbmondfels, wobei der Jngenier mit seinem Spazierstock an die Steine klopfte, und mehrere Stellen hohlklingend fand. Abends im Schloß erzählte er ohne Arg den Vorfall, wobei der Schloßherr in großen Zorn gerieth, und unter anderm ausrief, es sei schändlich, die braven Schiffer der Umgegend verdächtigen zn Wollen, dieselben seien immer ehrliche Leute gewesen u- s. w. Der von da an nicht mehr gern gesehene Ingenieur reiste des andern Abends ab zum nächsten Bahnhof der ^Londoner Route und zwar zu Fuß und über die Felsenhöhe- Von dort sah er plötzlich ein grelles Licht uns dem Innern des Felsens strahlen. In demselben Augenblick stand aber auch Einer der vbenbezeichneten Söhne des Rothschlofses bewaffnet vor ihm, und hieß unter Todesdrohungcn ihn schwören, Niemanden etwas von diesem Vorfall zn sagen, und überhaupt diese Gegend für immer zu meiden. Der Ingenieur schwur und ging weiter. Bald darauf begegnete er dem jüngsten Sohne des Schloßherrn, dem Gegentheil seiner Brüder, einem sanften liebenswürdigen Menschen, der, unbekannt mit den Vorgängen im Schloß und auf dem Felsen, sich zum Begleiter bis an die Station anbot. Der Jngenier trug einen Paletot von ausfallend hellgelber Farbe und da der leichtgekleidete junge Mann fror, und noch einen ziemlichen Weg mach Hause hatte, hing er dieses Kleidungsstück demselben um, mit dem Auftrag, es des andern Tags nach London zu schicken. Dem Jüngling kam der unglückliche Gedanke, über den Felsen heimzukehren; kaum dort angelangt, fiel er mit zerschmettertem Schädel zu Bodcrl Sein älterer Bruder, im Wahn, den neugierigen und eidbrüchigen Ingenieur vor sich zu sehen, hatte den tödtlichen Schuß abgefeuert. Verzweiflungsvoll lief der Brudermörder uach erkanntem Irrthum zum Richter und bekannte Alles, darunter den vieljährigeu und äußerst einträglichen Schmuggelhaudel seiner Familie. Amerika. Die „Pacifischc Eisenbahn" geht mit raschenSchritten ihrer Vollendung entgegen. Das Riesenunternehmen, ein Schienengeleisc von 3060 englischen Meilen zulegen und eine Strecke fahrbar zu machen, die nicht viel geringer ist, als die Entfernung zwischen dem europäischen und dem amerikanischen Coutinent, ist mit dein Schluffe des Bürgerkriegs aus den Uranfängen heraus so weit gefördert worden, daß vor Schluß des kommenden Jahres von der einen Meeresküste bis zur andern der Verkehr vermittelt werden kann. Von den weiten Länderstreckev, die der Schienenstrang durchschneidet, ist fast die Hälfte unangebautes Wüste- Land. Omaha City, eine neue Stadt, ist der Gränzpuukt der westlichen Civilisation, und die Hauptschwicrigkeiten des Unternehmens liegen auf der Strecke von 1781 Meilen, die Ohmaha City mit Sacramento verbindet. Ohne Bewohner sind die Landstriche rechts und links von dieser Linie allerdings nicht, aber die Bevölkerung besteht aus wilden Jndianerhorden, die das Vordringen des Dampfes in ihre Jagdgründe mit Wehr und Waffen zu hindern suchen, und General Sherman, der mit Unionstruppen eine Art Bahnpolizei in der Wildniß übt, viel zu schaffen machen. Trotz ihres Widerstandes indessen ist von Omaha aus eine Strecke von 1000 Meilen fast bis an das Mormonenland fahrbar; von Sacramento aus sind weitere 400 Meilen fertig geworden, uud es wird nicht lange mehr dauern, bis die Arbeiter von hüben und drüben zusammentreffe. Druck, Verlag und Redaction dcS Litcrarischen Instituts von l)r. M. Huttlcr. Nr. L L. 20. Decbr. 1868. Beacsitct wird das Lcben mrhr zuletzt; Der Sonne Scheiden und Musik am Schluß Bleibt, wie der letzte Schmach von Süßiakcitcn, Mehr im Gedächtniß, alS die frühern Zeiten. Shakespeare. Richard II. A. II. 2. Weihnachtslied. Es schweiget die Erde In Dunkel gehüllt, Es glänzen an: Himmel Die Sternlein so mild! Es wiegt sich in Schlummer Die nächtliche Flur, In goldenen Träumen Das All der Natur! Nur in Bethlehem wacht noch Das glückliche Paar, Auf dem Felde der Hirten Andächtige Schaar. Das Kiudlein schläft An Marias Brust Und es jauchzen die Himmel In Wonne und Lust; Und die Engelcin treten Am Himmel hervor Und singen im nächtlichen Himmlischen Chor; Und künden das Kindlein Den Hirten im Feld, Und Freude und Friede Der ganzen Welt. O du Freude, du Wonne Du selige Nacht, Die den Menschen Erlösung Und Friede gebracht! H. v. Ow. 402 Maximilian s Ende. » Gragmkute auS dem Togebuche der Prinzessin Agnes zu Salm-Salm.) III. (Schluß.) Ueber den Fluchtversuch des Kaisers Maximilian, welchen wir am Schlüsse des Vorigen Aufsatzes kurz berührt haben, tragen wir, da wenige Details davon in die Öffentlichkeit gedrungen sind, aus dem Tagebuch der Prinzessin Salm-Salm, noch die fol- gesdcn Enthüllungen nach: Schon lange hatte ich ihn (den Kaiser) von der Nothwendigkeit zu überzeugen gesucht, daß er wegen einer Flucht nicht mit untergeordneten Offizieren, sondern mit den Befehlshabern unterhandeln müsse. Einen derselben hatte ich bereits vollständig gewonnen, nämlich Oberst Billanucva, welcher den Oberbefehl über alle Wachen in der Siadt hatte. Vellanucva nahm den lebhaftesten Antheil an dem Schicksal des Kaisers uud betrachtete eS als ein Unglück für sein Vaterland, wenn dessen Regierung ihn erschießen lassen sollte. Aus diesem Grunde war er bereit, zur Flucht die Hand zu bieten. Er für seine Person lehnte Geld ab, obwohl er arm war und für seine Schwestern zu sorgen hatte, und vcr- liß sich auf den Kaiser, der ihn mit »ach Europa nehmen und für sein: Zukunft sorgen sollte. Oberst Villanucva sagte mir jedoch, daß er allein die Flucht nicht bewerkstelligen könne und daß Oberst PalaeioS gewonnen werden müsse, welcher den Oberbefehl im Gefängnisse selbst führte. Zu diesem Ende verlangte ich, daß der Kaiser 100,000 Dollars in der Bank des Herrn Rubio placiren solle, auf den man nach Ersordcrniß ziehen könne, Heun baar Geld, sagte ich dem Kaiser aus alter Erfahrung, sei durchaus nothwendig, wenn man mit Amerikanern unterhandeln wolle. Der Kaiser erwiderte, daß Geld die geringste Sorge sei, da sowohl Baron Magnus als die anderen Gesandten ihn versichert hatten, daß Summen zu jedem Betrage ganz zu seiner Verfügung stünden. Ich theilte uun dem Kaiser mit, daß ich Alles mit Villanucva abgemacht hätte, der ihn aus dem Gefängniß führen solle, wo eine Escorte von hundert Mann bereit sein werde, ihn nach der Sicrra Gorda und von dort nach der Küste zu bringen. Der Kaiser war mit dem Plane einverstanden, doch bestand er darauf, daß ich ihm zu Pferde mit klr. Bosch dicht auf dem Fuße folgen solle. Er befürchtete nämlich, daß man ihn verrathen und ermorden mochte, und glaubte, daß die Gegenwart einer Dame die Reiter von dem Begehen «incr solchen gräßlichen Handlung abhalten werde. Zch sagte uun dem Kaiser, daß ich es übernommen hätte, Oberst PatacioS zu gewinnen, welcher die Wachen im Kloster hatte und die ganze Nacht hindurch selbst vor dem Zunmcr des Kaisers auf- uud abspazierte, daß ich aber zu diesem Zwecke Geld haben müsse. Mit Entsetzen sah der Kaiser nun endlich seine Position im wahren Lichte und bedauerte lebhaft, daß er so viel Zeit vergeudet und nicht früher für Geld gesorgt hätte. Er hatte gar nichts und doch sagte er mir, er wolle sein A cußerstcs versuchen, die nöthigen Mittel anzuschassen. Als ich wieder zu ihm kam, fand ich ihn Verzweiflung, Er konnte das Geld zur Bestechung des Obersten nicht anschaffen; allein er bot mir zwei Wechsel, jeden zu hunderttausend Dollars, auf das kaiserliche Haus und die kaiserliche Familie in Wien an. Fünftausend DollarS w lle er mir jedoch bis spätestens neun Uhr Abends senden, da ich dieselben nothwendig haben mußte, um sie entweder Palacios für die Soldaten einzuhändigen, oder selbst au dieselben zu vertheilen. Ich hatte bis dahin Oberst Palacios noch keine Eröffnungen gemacht und es war zwischen mir und Villanucva das Uebercinkommen getroffen, daß ich das Gefängniß um acht Uhr verlassen, Palacios mich begleiten und ich denselben bis zehn Uhr festhalten sollte. Ich wohnte zu jener Zeit nicht in einem Hotel, sondern in einem Privathause, das der Frau Pepita Vinceutis, der Wittwe eines Herrn von unserer Partei, gehörte, der während der Belagerung gestorben war. General Echegarry wohnte in demselben Hause. Diese alte Dame war außerordentlich s « , 403 gütig gegen unsere Gefangenen und hatte die ganze Zeit hindurch für fünzchn derselben gesorgt. Ich hatte bis um acht Uhr bei dem Kaiser zu bleiben und mit ihm eine sehr lange und interessante Unterredung gehabt. Er eröffnete mir seine geheimen Sorgen und Bekümmernisse, weihte mich in die in seiner Familie obwaltenden Verhältnisse ein und offenbarte mir seine Pläne für die Zukunft, wenn er nach Europa kommen würde. Am Innigsten sprach er von seiner Mutter,, an welche er mir Grüße und andere Dinge auftrug für den Fall, daß ich allein nach Wien kommen sollte. Diese Unterhaltung machte mich sehr traurig und es erfüllte mich die bange Ahnung, daß ich den Kaiser jetzt zum lctzteumale sehe. Als es beinahe acht Uhr war, gab mir der Kaiser seinen Siegelring. Hatten meine Bemühungen mit Palacios Erfolg, dann sollte ihm der Oberst denselben noch am Abend zurückbringen. Ich verließ den Kaiser mit schwerem Herzen und wenig Hoffnung, denn vor mir lag eine sehr schwierige Aufgabe, welche ich mit sehr unzulänglichen Mitteln erfüllen sollte — mit zwei Blättchcn Papier, deren Bedeutung die Person, mit der ich zu thun halte, kaum verstand. Oberst Palacios war ein Indianer, der kaum lesen und schreiben konnte. Er war ein tapferer Soldat, hatte sich häufig ausgezeichnet und daS besondere Vertrauen seiner Vorgesetzten erworben, die ihn als eine Art von Provost Marschall gebrauchten, dem alle Hinrichtungen anvertraut wurden. Er halte eine junge Frau, die ihm erst kürzlich daS erste Kind geschenkt hatte, welches der Augapfel des Vaters war. Da er gar kein Vermögen besaß, so hoffte ich, daß der Gedanke, diesem Kinde jedenfalls eine sorgenfreie Zukunft zu sichern, ihn geneigt machen würde, meine Vorschläge anzunehmen. Der Oberst begleitete mich nach Hause und ich lud ihn in mein Parlor. Ich sing sogleich an, vorn Kaiser zu sprechen, um zu crfahrccn, wie er gegen ihn gesinnt sei und ob ich irgend eine Hoffnung auf Erfolg haben könne. Er sagte mir, er sei ein großer Feind dcS Kaisers gewesen, doch seil er so lange um ihn und Zeuge davon sei, wie gut und edel er sich in seinem Unglück benommen und seit er in seine treuen blauen Augen gesehen habe, fühle er für ihn die größte Theilnahme, wenn nicht Liebe und Bewunderung. Nach dieser einleitenden Uuterhaltnng, die etwa zwanzig Minuten währte, kam ich mit zitterndem Herzen zur Sache. Es war in der That ein Augenblick von der höchsten Spannung und Bedeutung, an welchem das Leben oder der Tod eines edlen und guten Mannes hing, der mich mit seiner Freundschaft beehrte und mein Kaiser war. Ich sagte, daß ich ihm eine Mittheilung zu machen habe, die sowohl für ihn als für mich von der allergrößten Wichtigkeit sei; doch ehe ich es thue, muffe er mir nicht nur sein Ehrenwort als Offizier und Gentleman geben, sondern bei dem Leben seines Weibes und seines Kindes schwören, daß er, was ich ihm sage, Niemand verrathen wolle, selbst wenn er auf meine Vorschläge nicht eingehe. Er gab mir das verlangte Ehrenwort und leistete in feierlicher Weise den Eid bei dem Leben seiner Frau und seines Kindes, die er Beide mehr liebte, als alles auf der Welt. Ich sagte ihm nun, ich wisse mit aller Bestimmtheit, daß der Kaiser zum Tode ver- urtheilt und sicher erschaffen würde, wenn er nicht entfliehe, was er als vollkommen richtig einräumte. Dann theilte ich ihm mit, daß ich durch andere Personen Alles zur Flucht vorbereitet habe, die in dieser Nacht stattfinden solle, wenn er darein willige, nur für zehn Minuten den Rücken zu wenden und seine Augen zu schließen. Ohne ihn könne nichts geschahen; wir seien gänzlich in seiner Hand und das Leben des Kaisers hänge ganz in seinem Willen. Das Dringende der Lage setze mich in die Nothwendigkeit, mit ihm ganz offen zu reden. Ich wisse, daß er arm sei. Er habe eine Frau und ein Kind, deren Zukunft in diesen Zeiten sehr unsicher sei. Nun biete sich ihm eine Gelegenheit, denselben ein gutes, lebenslängliches Auskommen zu sichern. Ich biete ihm hier einen W.chscl von 100,000 Dollars an, welche die kaiserliche Familie von Oesterreich in Wien bezahlen werde und 5000 Dollars in baarem Gelde werde ich sogleich für seine Soldaten erhalten und ihm übergeben. Was ich ihm vorschlage, sei nichts gegen seine Ehre, denn indem 404 er es annehme, diene er seinem Vatcrlande am Besten. Der Tod des Kaisers würde die ganze Welt gegen Mexiko bewaffnen, entfliehe aber der Kaiser, so würde er das Land verlassen und keine europäische Macht würde sich ferner in die Arrangirung seiner innern Angelegenheiten mischen. Ich redete vielmehr und er hörte mit Aufmerksamkeit zu. An der wechselnden Farbe in seinem Gesichte sah ich, daß er in sich einem harten Kampf kämpfte. Ich schwieg und er nahm das Wort. Er legte die Hand auf sein Herz und versicherte, daß er wirklich die größte Theilnahme für Maximilian fühle und daß er in der That glaube, es sei das Beste für Mexiko, ihn entfliehen zu lassen. Er könne jedoch über eine so wichtige Sache nicht in fünf Minuten entscheiden, allein wenn er darauf eingehe, wolle er doch den Wechsel nicht annehmen. Er nahm denselben jedoch in die Hand und betrachtete ihn mit Neugicrde. Der Indianer konnte wahrscheinlich nicht den Gedanken bemeistcrn, daß in solch kleinen! Stückchen Papier, worauf etwas gekritzelt war, ein sorgenfreies Leben für ein Weib und ein Kind enthalten sein sollte; ein Beutel mit Gold würde weit überzeugender geredet haben. Er reichte nur den Wechsel zurück und sagte — nein, er könne ihn nicht annehmen. Er wolle in der Nacht darüber nachdenken und mir morgen das Resultat sagen. Ich zeigte ihin den Siegelring des Kaisers, sagt« ihm, was derselbe meine und bat ihn, denselben dem Kaiser noch heute Abend zuzustellen. Er nahm den Ring und steckte ihn an seinen Finger. Nach einer Weile zog er ihn wieder ab und sagte, daß er ihn nicht annehmen könne. Er müsse Alles überlegen. Er verwirrte sich und sprach von seiner Ehre, von seiner Frau und seinem Kinde. „Nun, Oberst," sagte ich, „ich sehe, Sie haben sich noch nicht entschlossen. Denken sie darüber nach und erinnern Sie sich Ihres Ehrenwortes und Ihres SchwnrS. Sie wissen, cS kaun nichts ohne Sie geschehen und cS würde ganz zwecklos sein, mich zu verrathen." Oberst Villanueva, der natürlich sehr begierig war, das Resultat meiner Unterredung gleich zu kennen, erschien nach neun Uhr und etwas später kam Dr. Basch, jedoch ohne 5000 Dollars, um sich zu erkundigen, wie die Unterredung ausgefallen sei. Als Pa- lacioS gegangen war, sagte ich dem Doktor, daß die Flucht heute Nacht nicht stattfinden könne, ich morgen aber Bestimmtheit haben werde, und nicht ohne Hofsnug sei. Zugleich händigte ich dem Doctor den Siegelring des Kaisers ein. Palacios scheint über meine Vorschläge bis Mitternacht nachgedacht zu haben. Dann hatte er seinen Entschluß gefaßt; er ging zu Escobedo und verrieth ihm Alles. Ehe ich am Morgen aufgestanden war, wurde mein Haus bereits bewacht. Es wurde einem Jeden gestattet hineinzugehen; allein ein Jeder, der es verließ, wurde verhaftet. Dieses Schicksal hatte der nichts Böses ahnende Dr. Basch, der vom Kaiser abgeschickt war, welcher sürchtcte, daß mau mir meine zwei Wechsel abschwindeln möchte, um sie zu Präsentiren, wenn er erschossen wäre. Um einen solchen Betrug unwirksam zu machen, sendete er mir solgendes, von seiner eigenen Hand geschriebene Papier, welches ich aks Autograph im Original am Schluß beigcbc. „Querc- taro 13. Jan. 1867. Die beiden Wechsel von cinhundcrttausend Pcsos, die ich heute ausgestellt habe für die Obersten Palacios und Villanueva, und die von dem Hanse und der kaiserlichen Familie von Oesterreich in Wien bezahlt werden sollen, sind nur giltig, an dem Tage, an welchem ich durch die oben erwähnten Obersten vollständig gerettet fein werde. Maximilian," Zwei Diener des Kaisers kamen mit der Botschaft, daß der Kaiser mich sogleich zu sprechen wünsche. Ich wußte bereits, daß Palacios sein Ehrenwort und Schwur gebrochen hatte, und daß Dr. Basch arrctirt war, denn ein Offizier von Escobedo's Stab theilte es mir in einer Note mit, die ich sogleich vernichtete." Die Prinzessin wurde wegen ihrer Mitwirkung an diesem Fluchtplan als Gefangene nach Sän LuiS Potosi gebracht. Dort machte sie noch die letzten Anstrengungen, die Begnadigung der bereits Berurtheiltcn von Juarcz zu erwirken. Sie erzählt: Der letzte Tag vor der Hinrichtung kam; am nächsten Morgen sollte der Kaiser erschossen werden. Obwohl ich wenig Hoffnung hatte, so wollte ich doch noch einen Per- 405 such machen, das Herz dcS Mannes zum Mitleid zu rühren, von dem das Leben der Kaisers abhiug, und dessen bleiches Gesicht, dessen melancholische, blaue Augen, die selbst auf einen Palacios Eindruck machten, mich fortwährend anblickten. Es war acht Uhr Abends, als ich zu Herrn Juarcz ging, der mich sogleich empfing. Er sah selbst blaß und leidend aus. Mit zitternden Lippen sprach ich für das Leben des Kaisers oder wenigstens für einen Aufschub. Der Präsident sagte, er könne keinen Aufschub bewilligen, um nicht die Agonie des Kaisers zu verlängern, der morgen früh sterben müsse. Als ich diese schrecklichen Worte hörte, wurde ich rasend vor Schmerz. An allen Gliedern zitternd und schluchzend siel ich auf die Kniee und bat mit Worten, die warm von meinem Herzen kamen, deren ich mich aber nicht mehr erinnern kann. Der Präsident versuchte es, mich aufzuheben, allein ich umklammerte seine Kniee und wollte nicht ausstehen, ehe er mir das Leben des Kaisers bewilligt hätte; ich dachte, ich müsse es ihm abringen! Ich sah, daß der Präsident bewegt war, sowohl er als Jglcsia hatten Thränen in den Angeir. Er sagte mit leiser Stimme: „Es schmerzt mich, Madame, Sie so auf Ihren Knieen liegen zu sehen; allein wenn alle Könige und Königinnen Europa's an Ihrer Stelle wären, so könnte ich sein Leben nicht schonen. Ich nehme es nicht; es ist das Volk und das Gesetz, welche seinen Tod verlangten. Thäte ich nicht den Willen des Volkes, so würde dasselbe sein und auch mein Leben nehmen." „Oh," rief ich in meiner Verzweiflung, „muß denn Blut fließen, so nehmen Sie mein Leben, das eines nutzlosen Weibes, und schonen Sie das meines Mannes, der noch so viel Gutes in einem anderen Lande thun könnte." Alles war vergebens. Der Präsident erhob mich und wiederholte nochmals, daß das Leben meines Mannes geschont werden solle. Derselbe sei in der That sehr compromittirt und würde sicher zum Tode vcrurthcilt werden; allein, da er meine Handlungsweise und meine Aufopferung in der Sache des Kaisers und meines Gatten achte und bewundere und cS ihn schmerze, mir nicht Alles bewilligen zu können, um waS ich bitte, so wolle er doch thun, waS er könne, Das Leben meines Mannes solle nicht angetastet werden. Ich dankte ihm dafür und ging. Im Vorzimmer fand ich mehr als zweihundert Damen aus Sau Luis, die ebenfalls kamen, um für das Leben der drei Vcrurthcilten zu bitten. Sie wurden vorgelassen, allein ihre Bitte hatte nicht mehr Erfolg als die mcinigc. Später kam Frau Miramon, die ihre beiden kleinen Kinder an der Hand führte. Der Präsident konnte es ihr nicht abschlage», sie zu empfangen. Herr Jglcsia sagte mir, daß es eine herzzerreißende Scene gewesen sei, als die arme Frau und ihre unschuldigen Kleinen stammelnd um das Leben des Gatten und Vaters gebeten hätten. Der Präsident, sagte er, litt in jenem Augenblick unaussprechlich darüber, daß er sich in die grausame Nothwendigkeit versetzt sah, das Leben eines edlen Mannes wie Maximilian und das zweier „Brüdcr" zu nehmen, — allein er könne nicht anders. Fran Miramon fiel in Ohnmacht und mußte aus dem Zimmer getragen werden. Die ergreifenden Scenen, die der Präsident an diesem Tage erlebt halte, waren mehr, als er ertragen konnte. Er zog sich in sein Zimmer zurück und wollte drei Tage Niemand sehen. In jener Nacht konnte ich kein Auge schließen und war mit vielen Damen unserer Partei, in der Kirche im Gebet vereinigt. Im Laufe des Vormittags brachte der Telegraph die traurige Nachricht, daß die Exekution vollzogen worden sei, und Alles war vorüber .... 406 Der Weihnachtsabend Schon schied der letzte Sonnenstrahl Dom schneebedeckten Hügel, Schon senken sich über Berg und Thal Der Nacht schwarzdüstre Flügel. Sie nahet, sie nahet die heilige Nacht, Bald wird die Stunde erscheinen; Was hat euch das Christkindchcn mitgebracht? Ihr Kinder, ihr lieben, ihr Kleinen! In der heimlichen Stube, vom Christbaum erhellt. Sich schaarct der Kinder Gewimmel; Doch draußen ists still in der weiten Welt, Es glänzen die Sterne am Himmel. Wer weilt in stiller Abcndruh Auf freiem Feld noch so späte? ES eilt dem friedlichen Dorfe zu Die kleine Margarethe. Sie friert so sehr, kalt pfeifet der Wind, Kein Ofen winket der Armen. O eile zum Dorf arm Waisenkind, Vielleicht hat dort einer Erbarmen. Ins piUe Dörfchen tritt sie ein Und schwankt zur nächsten Schwelle; Die Fenster, sie geben so glänzenden Schein: Warum ist es heute so helle? Zum niedern Fenster tritt sie hin Und luegt*-) neugierig eine, Da sieht sie des Christbaums dunkles Grün In der Lichter hellflackcrndcm Scheine. Sie schauet der Eltern fröhlich Gesicht An der Kinder Freude sich labend; „Ich arme Waise ich wußte eS nicht, Heul ist ja der heilige Abend!" *) schaut. „O heut vorm Jahr, da wars nicht kalt Am liebenden Mutterherzen, Ein Bäumchcn brachte der Vater vom Wall» Und zündete an viele Kerzen. Ach Gott! ja Gott jetzt sind sie todt Die Eltern lieb und bieder! Ich bettle um ein Stückchen Brod Und singe keine Lieder." Jetzt pocht sie an der Thüre sacht Ein Almosen dort zu erbitten, Jetzt hat sie schüchtern aufgemacht. Ist leise hineingcschritten. Da lachen vom strahlenden Baume herab Viel Acpfcl mit rosigen Wangen, Hei, Nuß und Lebkuchen, wie viel es da gab k Wie schwer ist die Tanne behängen! Und sehnsüchtig blicket das Waisenkind Nach dem strahlenden herrlichen Baume; Von ihrem Aug' eine Thräne rinnt Und sie schaut es nur wie im Traume Arm Waisenkind, so mußt du dort In dunklem Winkel stehen; Die Kinder tummeln fröhlich fort Und du bleibst ungesehen! Und wieder schleicht sie zur Thüre geschwind „Ich Arme, hier darf ich nicht weilen! Ich bin ein verkästen Waisenkind, Darf der Fröhlichen Freude nicht theilen! Und sie eilet hinaus in die finstere Nacht Wo die Sterne dem Acrmstcn auch scheinen. Wo der Mond allein mit den Sternen noch wacht. Einsam zu den Sternen zu weinen. H. v. Ow. Der eigentliche Verräther Andreas Hofer's. Bekanntlich behauptete Freiherr v. Hormaier in seiner Geschichte des JahreS 1809, daß der edle Hofer von dem Pfarrer Donai in Schlanders verrathen wurde, — ohne übrigens hicfür irgend einen Beweis beigebracht zu haben. — Obwohl nun Donai dieser Beschuldigung mittelst einer Erklärung des französischen Generals Huard und einer energischen Vertheidigungsschrift entgegentrat, so gelang eS ihm nicht, — sich von dem rege gemachten Verdachte gänzlich zu reinigen, und mißmuthig verließ er Tyrol, kränkelte und fand, wie man sagt, aus Kränkung einen frühzeitigen Tod. Erst in l»r. Napp's Geschichte des JahreS 1809 wurde der Verrath Hofer's auf Grund der Aussagen der Gemeinde- 407 Mitbürger deS SandwirtheS in Passeicr — «nd namentlich der Kordonisten Peter Jlmer und Alois Non in St. Martin wahrheitsgetreu berichtigt und als Vcrräther Franz Nasfl unter nachfolgender Darstellung des Sachverhalts namhaft gemacht. Wie bekannt, suchte Hafer einen bergenden Versteck in der Alpenhüttc des Pfandler, Bauern am Brantacher Berg, — wo er durch Vertraute mit allem Möglichen versehen wurde. Bereits am 5. Jänner 1810 kam Franz Rasfl, ein übel beleumdeter, in seiner Wirthschaft verkommener Bauer und Nachbar des SandwirtheS, zu den vorgenannten beiden Kordonisten, und lud sie ein, gemeinschaftlich den auf Hofcr's Kopf gesetzten Preis von 1500 fl. mit ihm zu verdienen, da er besten Versteck wisse, und denselben bei dem General Huard anzeigen wolle. Jlmer widerrieth es ihm und wies ihn an den Landrichter Andreas Auer in St. Leonhard. Letzterer schenkte jedoch der Angabe Nasfl's keinen Glauben, zumal durch Hofcr's Freunbc Briefe des Sandwirthes in Umlauf gesetzt worden waren, wornach derselbe glücklich in Wien eingetroffen und geborgen wäre. Ungefähr vierzehn Tage darauf ging Nasfl mit einem Schlitten, angeblich um von seinem Alpcngadcn Heu zu holen, zur Pfandler Alpenhüttc und traf mit Hofer, welcher über diesen Besuch äußerst betroffen war. zusammen. — Hofer bot dem Vcrräther einen bedeutenden Geldbetrag, um sein Stillschweigen zu erkaufen, den übrigens Nasfl zurückgewiesen haben soll. Nach einigen Tagen verfügte sich Naffl neuerdings zum obgcnanntcn Landrichter — welcher ihn nun mit einem amtlichen Schreiben an den General Huard in Meran sendete. Vor seinem Aufbruchc dahin rühmte sich Naffl gegen Jlmer, daß er nun die 1500 Gulden so gut wie im Sacke habe. — Unverzüglich wurde Hofer gewarnt und zur schleunigsten Flucht ermähnt, allein er wollte an einen so niedrigen Verrath nicht glauben, und ließ sich erst nach längerem Widerstreben herbei, am folgenden Tage sein Versteck zu verlassen. Das war am 27. Jänner und leider schon zu spät. — Denn an diesem Tage war bereits eine starke französische Colonue von Nasfl geführt, aufgebrochen, und umzingelte am 28. Jänner um 4 Uhr Morgens die Sennhütte, überraschte Hofer im tiefen Schlafe und schleppte ihn unter empörenden Mißhandlungen nach Besten, und von dort weiter nach Mantua, wo der edle Volksheld bekanntlich am 20. Februar erschossen wurde. — Für die volle Wahrheit dieser Angaben ist erst in neuester Zeit ein neuer Zeuge ausgetreten, indem ein Pasteirer einem Scelsorgspricstcr weinend entdeckte, daß er an dem Verrathe des Sandwirthes unbcdachtsamer Weise Mitursache gewesen sei, denn er habe '— damals noch Gaisbube — dem Naffl den Versteck auf besten listige Fragen verrathen, und bald darauf sei der Sandwirth gefangen genommen worden. Es geht daraus mit ziemlicher Gewißheit hervor, daß Naffl den Gang zur Pfandler Alpenhüttc nur in der Absicht unternahm, — sich die volle Gewißheit über den durch die Mittheilung deS GaiSbuben ihm bekannt gewordenen Versteck Hofcrs zu verschaffen, und daß der Vcrräther durch längere Zeit mit allem Vorbedacht — sein schmachvolles Vorhaben betrieb. Die Pasteirer waren übrigens von der Schuld Naffl's schon vom Anbeginn derart überzeugt, daß derselbe bei der allgemeinen Verachtung, der zu Folge er sich nirgends mehr sehen lasten durste, es gerathen fand, nach Bayern auszuwandern, wo er nach einigen Jahren, allgemein mißachtet, in den kümmerlichsten Verhältnissen gestorben sein soll. (Gcm.-Ztg.) Miseelle«. (Anekdote anS dem Leben Königs Ludwig l. von Bayern.) König Ludwig schätzte sehr die dramatische Kunst, und sowohl die Künstler als die Künstlerinnen. Als die berühmte Schauspielerin Cramer fünfzig Jahre bei der Bühne war, bewilligte ihr der König ein Benefiz, wozu sie in dem Stücke „Die Jäger" von Jfsland, — eine ihrer besten Nolleu, — die Obersörstcrin, gab. Nach der Vorstellung, die übcrzahlrcich besucht war, gaben ihr ihre Collcgen ein kleines Fest in dem damals von Künstlern so 408 besuchten Gasthaus „zum grünen Baum" "an der Isar in München. König Ludwig erfuhr dieses und überraschte die Gesellschaft noch um 11 Uhr Nachts. Frau Cramer saß mit dem Nucken gegen die Thüre und konnte den eintretenden König nicht sehen; schnell ging er auf sie zu und hielt ihr mit beiden Handen die Augen zu und sprach mit seiner bekannten etwas stotternden Stimme: „Wer ist das?" — „Ach, das sind Sie wieder, L . . .," sprach unter Lachen Frau Cramer, „Sie kopiren den König Ludwig prächtig! ' — „So," rief erstaunt der König, — „Er kopirt mich, daS möcht' ich auch einmal hören; vorwärts L . kopiren Sie mich." — „Majestät, ich bitte es mir zu erlassen," erwiederte der erschrockene Komiker, doch der König ließ nicht ab, und nach langem Weigern endlich sprach er: „Ich wünsche es, und Ihr König befiehlt es." Der Schauspieler verbeugte sich, setzte sich au ein Sciicntischchen und rief — unter der angenommenen Manier König Ludwigs: „Kabinetsrath Niedl soll heraufkommen!" „Bravo!" — rief der König, „Er kopirl mich vortrefflich!" — „Majestät, wünschen?" fuhr der Künstler mit näselnder St mme fort. „Ah, bravo: Ausgezeichnet!" — rief wieder der König, „Er kopirt meinen Niedl eben so gut, ist ein vorzüglicher Menschen- darstellcr, wie Zffland sagt." — „Niedl," fuhr der Komiker in der Rolle fort, „Niedl, schicken Sie morgen aus meiner CabinctSkasse 200 Gulden dem Komiker L. . ., weil er so gut kopirt." — „Spitzbube!" rief der König lachend, „hören Sie auf, brachen mich nicht mehr zu kopiren, — doch dieses Mal sollen Sie für Ihre Gastrolle D „grünen Baum" daS Honorar ehalten, — von Ihrem wohlgeneigten König." Die gebräuchlichsten Redensarten der Völker sind oft ein Spiegelbild ihres Charakters. Der Russe sagt „Nilschewo", thut nichts! Der Türke „jok, jvk", ist mir glcichgiltig! Beide sind faul und trüge. Der Spanier sagt nins vr mono«, mehr oder weniger! Er ist zu schlaff zum Denken. Der Italiener meint: Ilii !o sn! Wer weiß! Wissen ist nicht meine Sache, er darf nur glauben. Der Grieche spricht: Es wird wohl noch gehen! und tröstet sich damit, wenn er still steht. Aber der Amerikaner sagt: Oo nlimrck! Vorwärts! — spricht fast niemals: ich glaube oder meine, sondern anlculat«;, ich rechne! Und dürfte diese Dreistigkeit wohl nur durch den Mangel an Dynastien zu entschuldigen sein, wodurch ihm daS Gefühl der Ehrfurcht vor anderen Menschen gänzlich abgeht, -ll! ringt! — sagt der zähe Engländer, es ist Alles in Ordnung, ich werde schon durchkommen! O'ast In müiiin cliORt;! — das ist dasselbe, meint der Franzose, — Tugend und Laster, v'ust In mama clinso! Wissen und nicht wissen desgleichen, ein Weib ist wie das andere. Alles o'nst In müm« cliosn! — Wir sind doch ^rniuln »ntio»! Am besten charaktcrisirt sich der Deutsche, der „seine liebe Noth hat," in der gangbarsten Kinder-Redensart: „Ich spiele nicht mehr mit!" Der Erwachsene machl's ebenso; — wenn ihm persönlich etwas nicht mehr paßt, läßt er das Ganze aus dem Auge. „Ich spiele nicht mehr mit," denkt er, und singt zur eigenen Beruhigung: „Was ist des Deutschen Vaterland?" Ein Advokat, der, wie man allgemein wußte, ein Feind der Geistlichen war, wollte in einer Gesellschaft einem Pfarrer Eins versetzen, indem er zu ihm sagte: „Sie, geistlicher Herr, sagen Sie uns gefälligst, wenn der Teufet und ein Geistlicher einen Prozeß miteinander hakten, wer würde wohl denselben gewinnen?" — „Ohne Zweifel der Teufel," sagte der Pfarrer, „denn der hat alle Advokaten auf seiner Seite. Frage: Welchen Thaler bringt man in kein Portemonnaie? Antwort: 'aszvhsurtjH UZE Druck, Verlag und Sted.ickien d,s Rterarijckcn Instituts von l)r. M. Huttlcr. Nr. SS. 27. Decbr. 1868. Augsbrrrger Wehe Dem, der zu sterben gebt Und Keinem Liebe ges i-enkt bat Dem Decker, der zu Scherben geht Und keinen Durst'gen getränkr bat. Friedrich Rückert. Weihnachtsbilder. 1. Des Festes Ursprung. Wir befinden uns soeben mitten in der schönsten, wonnereichsten Festzeit des Jahres, in der lieben, frohen Weihnachtszeit. WeihnachtS-Gedanken erfülle» jetzt die großen und die kleinen Herzen, Weihnachtsbilder treten Einem jetzt allenthalben entgegen; möge man eS darum nicht verwunderlich finden, auch hier welchen zu begegnen. Sie sind v»n verschiedensten Orten geholt, von je nach Land und Sitte anders gestalteten Nahmen eingefaßt, aber Alle bestrahlt von dem hohen Glanz des Festes, dessen Gewalt sich überall geltend macht, wo Christen Den bekennen, dessen Ankunft in der Welt jenes feiert. Seit wann aber kennt die Christenheit solche Feier? Wir dürfen eS wohl als allgemein bekannt voraussetzen, daß das Weihnachtsfest nicht zu den ersten und ältesten der christlichen Feste gehört. Wie es aber gekommen, daß ein solches Hauptfest, das uns so natürlich und unentbehrlich geworden ist, dem wir so gern ei» leitendes Ansehen zugestehen, den ersten Jahrhunderten christlicher Zeitrechnung entbehrlich scheinen konnte, DaS dürfen wir wohl als eine passende Einleitung unseren Weihnächtsbildern voranstellen. — Die älteste Urkunde, welche deS WcihnachtsfesteS am 25. Dezember ermähnt, ist ein wichtiges, chronographisches Sammelwerk aus Rom vorn Jahr 354, -— das diesen Tag zweimal, als geschichtliche Epoche wie als Festtag, anmerkt. Diese Sammlung enthält nämlich unter Anderem ein Verzeichnis der römischen Consuln vom Jahr 245 der Stadt bis 354 n. Chr., in welches zugleich einige wenige geschichtliche Angaben aufgenommen sind, namentlich folgende zu den Jahren: 1 v. Chr.: „Unter diesem Consulat (des Cäsar und Paulus) ist der Herr Christus geboren am 25. De,cmber, einem Freitag, dem 15. des Mondes." 2S. n. Chr.: „Unter diesen Consuln (den beiden Geminis) hat der Herr Jesus Christus gelitten, an einem Freitag, den 14. des Mondes." Ferner kommt dort ein Verzeichniß der in der römischen Kirche gefeierten Feste vor, und dieses fängt an: „25. Dezember; Christus geboren in Bethlehem in Judäa." Vom Abendland ging dann das Fest erst nach dem Orient über, der bis dahin die Geburt Christi gleichzeitig mit dem Fest seiner Taufe am 6. Januar gefeiert hatte; —- aus einer im Jahre 386 zu Antiochia gehaltenen Predigt des hl. Chrysostomus ersieht man, daß das Weihnachtsfest damals noch keine zehn Jahre dort bestand, aber schon mit allgemeinster Theilnahme, wenn auch nicht »hne Einwendung, gefeiert wurde. Es fehlt uns hier der Raum, zu diesen frühesten Zeugnissen von der Weihnachtsfeier noch solche Aeußerungen aus früherer Zeit, welche dieselbe geradezu verwerfen, hinzuzufügen, sondern wir gehe» gleich zu der schon oben angedeuteten Frage über, wie die Kirche des WcihnachtsfesteS so lange entbehren mochte. DaS erklärt sich aus der ccntralen Bedeutung ihrer anderen hohen Feste, Paschah und Pfingsten, — in denen sich ihr damals im Wesentlichen alle 410 Gaben dcs VatcrS, Sohncs und Geistes zusammenfaßten. Und was insbesondere den ^ Erlöser anging, so setzte man in der Auffassung seiner Person und seines Wortes die Erlösung vorzugsweise in seinen Tod — und feierte in den Festen nur die Vollendung seines Werkes durch Tod und Auferstehung Dazu kam, daß in den ersten Jahrhunderten der christlichen Acra unter dem Drucke der blutigen Verfolgungen, da das Trachten der Christen mehr „ein Suchen der zukünftigen Stadt" und ein Warten auf die Zukunft > des Herrn war, das irdische Leben überhaupt geringer gewürdigt und nicht sowohl der Eintritt in dasselbe als der selige Ausgang — gilt ja doch der Todestag der Märtyrer als deren eigentlicher Geburtstag — gefeiert wurde. Wenn aber die Gläubigen es bei > sich und in Anschlag ihrer eigenen Geburt so hielten, so mochten sie auch weniger veranlaßt sein, den Eintritt des Erlösers in das arme Leben, seine Geburt in Niedrigkeit zum Gegenstände der Feier zu machen. Das Aufhören der Verfolgungen aber, — der Sieg der Kirche im vierten Jahrhundert mußte hier nothwendig eine Aenderung mit sich bringen. Man gewöhnte sich, das irdische Leben, — das nun auch andere Aufgaben für das Gottesreich, als Uebung im Leiden — stellte, in selbstständigerem Werth und die Geburt in dasselbe nicht mehr so geringschätzig anzusehen, und die Gläubigen mußten selbstverständlich dann von der höheren Bedeutung des menschlichen Lebens überhaupt auf die höhere Würdigung der Geburt Christi geleitet werden. Dem zur Seite ging nun auch eine Fortentwicklung oder Erweiterung des dogmatischen Gedankens. Man würdigte die Geburt des Erlösers mehr aus seiner Person und seinem Werke selbst. Schon angesehene Kirchenlehrer des zweiten Jahrhunderts hatten, einer einseitigen Schätzung seines Todes zuvorkommend, in tieferer Erfassung des Werkes der Erlösung dieselbe in das gotlmenschliche, durch Tod und Auferstehung gekrönte Leben des Herrn gesetzt. Sobald sich diese Gedanken mehr Bahn brachen, — mußte auch die Feier der Geburt Christi bei weiterer Entwicklung der nun schon systcmatisirtcn Fcstorduung als nothwendiges und ^ zwar zeitlich erstes Glied sich dieser einfügen. Steht nun seit dem vierten Jahrhundert i die Feier dcs Wcihnachtsfestes am 25. Dezember fest, so mag außer den entwickelten ^ christlichen Motiven bei den Römern die heidnische Feier des 25. Dezembers, als Geburts- , tag der unbesiegten Sonne, „äiss nnlulis invioti", nicht ohne Einfluß auf die chrono- ! logische Bestimmung des Tages gewesen sein; ihre selbstständige Wurzel hatte aber auch diese in der Anknüpfung an „den Tag der Menschwerdung oder Verkündigung Mariä," den 25. März. Der 25. März aber ist nach dem Kalender des Julius Cäsar der Tag ^ der Frühlingsnachtgleichc. Auf diese hat man die Menschwerdung Christi gelegt, aber nicht sowohl wegen dieses Jabrpunktes, sondern um der Weltschöpfung willen, die an dem Tage ihren Anfang genommen haben sollte. Ebenso galt derselbe 25. März als der Todestog deS Herrn. Und so wurde der 2i. Dezember aus dem 25. März abgeleitet, d. h. der Anfang des Lebens Jesu sowohl rückwärts mit der Schöpfung der Welt, als i vorwärts mit dem Ausgang seines Lebens, — mit Tod und Auferstehung, chronologisch > zusammengeschaut. — (Der Einbürgerung des Weihnachtsfestes bei den neubekehrten § Germane» und Kelten mag endlich besonders der Umstand förderlich gewesen sein, daß > sich — gleichwie bei den Römern — auch hier ein heidnisches Naturfest, die Julfeier, ! vorfand, das fröhliche Bcgängniß der Wintersonnenwende, der wicdererwachendcn Natur > — ein Fest, dessen Symbolik auf die christliche leicht umzudeuten war. So baute sich ! denn auf den verwitternden Trümmern dcs Sonncnkultus, den die Bekehrung schwerlich ^ so vollständig auszurotten vermocht hätte, allmählich und ganz unmerklich die christliche > Weihnachtsfeier auf, und ehe das Volk es nur gewahr wurde, war dem ursprünglichen ! heidnischen Festgcdankcn ein anderer Begriff substituirt, vor dessen milder Lieblichkeit die s bachantische Feier dcs Julfcste» mehr und mehr verblaßte. (Ein letzter Abglanz der Freude über die „Wiederkehr dcs Lichtes" ist uns im Kerzenschimmer des WeihnachtsBaumes erhalten geblieb«.) 2. Der Christbaum. Wir Deutschen können uns keine Weihnachten denken, ohne den Christbaum, ohne den echt deutschen, lichterhellen, auf seiner Spitze mit dem goldenen Engel gekrönten Taunenbaum. Nichts Anderes kann ihn ersetzen, und darum leuchtet er auch, ist er nur irgendwie aufzutreibcn, wo Deutsche oder deutsche Art Weihnacht feiern, im Süden wie im Norden, am Hof der englischen Königin wie in der deutschen Kolonie von St. Petersburg; selbst unter dem Kriegstumult in der fernen Krim hat er vor Jahren sein friedlich Licht verbreitet. Die biblische, — christliche Deutung des Christbaums ist leicht. Lichter anzuzünden, war von jeher bei religiösen Freudenfeicrn gebräuchlich, — so beim jüdischen Feste der Tempclweihe und dem christlichen Osterfeste; besonders nahe lag es aber zur Weihnachtszeit, wo die Sonne nur spärlich den Tag erhellt. Aber vor allen sollen die Lichter, — welche da am grünen Baum in den dunkelsten Tagen des Mittewinters aufstrahlen, an jenes helle Licht erinnern, das die Hirten auf Bethlehem'- Gefilden umleuch- tctc, und die Freude darüber versinnbildlichen, daß Christus ist das Licht, welches in die Welt kommend, alle Menschen erleuchtet — und „einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben hat," — wie schon im alten Bunde geweissagt war: „Die Völker, im Finstern sitzend, sollten ein großes Licht sehen." An manchen Orten zündet man den Christbaum erst am Morgen des ersten Festtages an; auch Das hat seine Beziehung: Christus wird ja in der Schrift der „Aufgang aus der Höhe" genannt — und sein Evangelium „der Morgenstern, der in unsern Herzen aufgehen soll." Ein immergrünes Gewand trägt der Taunenbaum: „unverwelklich soll das Erbe der Frommen sein, unvergänglich der Kranz des christlichen Kämpfers," bleibend die Gnadengabe christlichen Glaubens, Liebens und Hoffens. Die Fülle von süßen, bunten, glänzenden Gaben am Weihnachtsbaume könnte eine Nachahmung sein jener Geschenke, welche die Magier aus dem Morgenland dem Jesuskinde brachten, allein richtiger deutet man sie auf den „mancherlei geistigen Segen," den Gott m seinem Sohn geschenkt. Zu Füßen des Baumes werden manchmal allerlei Thiere gestellt, zur Erinnerung an die Zierden der bcthlchcmischen Hirten oder auch an das Paradies, wie denn der Christbaum auch als Symbol des Lebensbaums im Paradies erscheint, der, durch die Sünde verloren (auch die Schlange sieht man manchmal um den Stamm sich ringeln), durch Christus wieder gewonnen werden soll. — Warum am Fest der Geburt des Christkindes der gabenreiche Christbaum der Mittelpunkt gerade der Kinderfreude ist, — braucht den auf Weihnachten sich rüstenden Elternherzen nicht gedeutet zu werden. Aber gerade mit dieser Kindcrbeschecrung werden wir aus der Frage nach Entstehung des Christbaums schon über den Kreis christlicher Sitte hinausgeführt. Schon die Römer beschenkten an den mit den um unsere Christzeit gefeierten Saturnalien verbundenen Sigillarien ihre Kinder mit Bildern und Töpfergeschirr, und wie sie am 25. Dezember den Geburtstag der unbesiegten Sonne feierten, so begingen die heidnischen Völker des nördlichen Europa um dieselbe Zeit die Winter-Sonnenwende durch den lichterreichen Tannenbaum. Diesen also, — unsern heidnischen Vorfahren und ihrem Juelfest verdanken wir unsern Christbaum, — und wieder finden wir hier jene schonende Hand, mit der die Bckchrer Deutschlands den neuen Glauben dem alten ver« knüpften, die sinnige Verbindung, in die sie das Naturjahr und seine religiöse Feier mit dem Kirchenjahr zu setzen wußten. Papst Gregor der Kroße hatte ausdrücklich zu solchem Verfahren aufgefordert. Sollte da- vom heidnischen Winterfest gefeierte Herannahen des Frühlings und der durch Christi Ankunft auf Erden angebrochene Weltfrühling so weit auseinander liegen? Noch führt im skandinavischen Norden das Wcihnachtsfcst den alten Namen, des Juelfcstes, und was mit der Beachtung der „heiligen zwölf Nächte," mit der Wanderung der drei Könige, mit dem Knecht Rupprecht zusammenhängt, es greift das Alles in vaterländische Urzeit zurück. Ja, noch weiter, nrch über die Grenzen germanischen Heidenthums hinaus könnten wir die Spuren unseres WcihnachtsbaumeS oder wenigstens seines Zusammenhangs mit andern gleichartigen Mysterien verfolgen. Wenu 412 auf einem iw ägyptischen Museum m Berlin befindlichen Gemälde der Sonnengott dem Könige Sesustasar an einem grünen Zweige das gehenkelte Kreuz reicht, das Sinnbild des höheren, deS ewigen Lebens; — wenn auf dem heiligen Baum des alten Indien wunderbare Vögel sitzen, Honig von ihm traust, wie von der Wcltesche deS Nordens, wir Zuckerwerk und Honigkuchen von unserem Weihnachtsbaum, können wir hier einem gcheimnißvollen Anklang des Eine» Gedankens aus dem Wege gehen? Am alterlosen Strom ragt jener indische Baum in die sonnigen Lüfte „seiu Anblick schon macht jung,- singen die heiligen Lieder von ihm. Und thut der Weihnachtsbaum Dies nicht auch? — Werden wir Alten nicht wieder jung in seinem Anschauen, nicht Kinder wieder, schon wenn wir ihn schmücken und dann, wenn der Jubel unserer Kleinen uns umrauscht. — Halten wir also den Baum fest, der aus so uralten Wurzeln — möchten wir sagen, in unser Volksleben hineingewachsen ist, — und möge uns allen sein lieblich Licht noch recht oft leuchten! Die sieben neuen Weltwunder Londons. Die Hauptstadt Englands ist als Mittelpunkt der Erdhalbkugel, welche das meiste feste Land enthält, auch zugleich der HauptschwingungSknoten des Weltverkehrs auf dem Master, und schon deßhalb mit mehr Einwohnern, als sämmtliche von Preußen anncktirte Länder enthalten, weder eine Hauptstadt, noch überhaupt eine Stadt. London! Aber was soll es denn sonst sein? Das ist schwer zu beantworten. Als Bauwerk genommen ist dieses London bis jetzt die beste Verwirklichung des Ideales einer Weltstadt, welche zugleich auch die von ihr verschlungenen Hunderte von ehemaligen Dörfern verschönert und gereinigt wiedergeboren hat, und deßhalb eine höhere Einheit der Gegensätze von Stadt und Land. Dagegen muß man Berlin eine Stadt in einseitigster, unangenehmster Bedeutung nennen. Sie verschlingt die Dörfer mit ihren Gärten und Feldern umher und zugleich auch alle gesunden Plätze mit Lust und Licht, Rasen, Bäumen und Blumen innerhalb und gibt ihnen alle Unannehmlichkeiten des Stadtlcbcns, ohne einen ein» zigen Ersatz für die verzehrte Ländlichkeit und Gesundheit zu bieten. Innerhalb der hundert englischen Quadratmeilen, welche London bedeckt, finden wir nicht nur unzählige Tausende von Billas, Häusern und Häuschen für je eine Familie mit Vor- und Hintcr- gärtchen, welche nur durch niedrige Wände oder lebendige Hecken getrennt, nicht selten mastenweise zusammenhängen und so für alle Bewohner ringsum den Gesundheits- und Schönheitswerth großer Gärten und Parks haben, sondern auch außerdem zusammenhängende ausgedehnte Parks innerhalb der Stadt, auf denen allein das ganze Berlin Platz haben würde. Diese Parks enthalten alle Wonnen und Schönheiten ländlicher, lachender Gesundheit mit Ausschluß alles Bäuerischen und sonstiger Unannehmlichkeiten des Dorf- lcbcnS. So kann man in London auch mit geringen Mitteln schöner wie auf dem Lande wohnen und doch zugleich auch alle Borzüge des kultivirtcstcn, weltstädtischen Lebens reicher und bequemer genießen, als irgendwo. Von jeder Gegend und Entfernung der Stadt sind fast immerwährend nach jedem anderen Theile zu Master und zu Lande, unter und über der Erde unzählige Tausende von wirklichen Dampfpfcrdckräften in regelmäßiger lebhafter Bewegung, wie das Blut in den Adern eines gesunden, tüchtigen Menschen, und erhalten durch alle Theile dieses Riescnkörpcrs hindurch einen so raschen und leichten Umlauf, daß jedes Blutkügelchen, jeder einzelne Mensch jederzeit Gelegenheit hat, dahin zu eilen, wo er sich am nützlichsten und angenehmsten machen und den meisten Vortheil davon beziehen kaun. Unter allen Weltwundern der alten und neuen Zeit bilden die Vcrkehrseinrichtungen Londons gewiß das größte. Die Tausende von Droschken und Omnibus verstehen sich von selbst; aber wie sie fahren und stiegen, besonders die zwci- rädcrigen Sichcrheitsdroschken, sich durcheinander hindurchwinden, ohne sich in vier-, fünf-, sechsreihigcm Gedränge gegenseitig zu zermalmen, und diese unzähligen Arten von genial, je für ihre Zwecke gebauten Wagen — dies Alles zusammen bildet ein alltägliches Wunder, über welches unsere deutschen Kutscher am meisten erstaunen würden. Auch die auf der Themse wie Schwalben umherfliegenden Dampf-OmnibuS setzen uns, wenn auch zum hundertsten Male gesehen, in Erstaunen. Doch sind sie ebenfalls etwas Altes und selbst mit den über der Stadt uud den Straßen immerwährend hin und her donnernden Eisenbahnzügen und ihren mehr als hundert Stationen in der Stadt ist der Welt weit uud breit längst bekannt. Sogar die große unterirdische Eisenbahn ist durch Beschreibungen und Abbildungen aus dem Bereiche interessanter Neuigkeiten verdrängt worden. Wer aber lange nicht in London gewesen und keine neuesten Schilderungen darüber gelesen, wird gewiß gestehen, daß das jetzt sich bildende und zum Theil schon vollendete unterirdische Gewinde von festgemauerten Dampfvcrkchrsstraßen unter den hundert Gcviertmcilen der Stadt zu den neuen Weltwundern erster Klaffe gerechnet werden muß. Wir wollen aber diese noch nicht vollendete Unterwelt nicht weiter schildern, sondern uns begnügen, eine Herzkammer derselben, eines der neuesten von Stein und Eisen gedichteten Ricsenmärchcns im Mittelpunkt der Stadt, etwas näher zu betrachten. Es ist her neue Schmithfild- Flcischmarkt, genau auf der Stelle des alten, unter welchem unterirdische Eisenbahnen von den verschiedensten Bahnhöfen her sich in riesigen Gewölben treffen und kreuzen und durch allcrqand hydraulische Hcbelmaschincn mit dieser neuen Welt in unmittelbarer Verbindung stehen. Dieser neue Smithfieldmarkt wird wahrscheinlich bereits feierlich eröffnet sein, ehe d cse Zeilen gedruckt sind. Er bildet ein großes, längliches Viereck von derselben Ausdehnung, wie der unterirdische Centralbahnhof gerade darunter und bedeckt beinahe drei Morgen in seinem würdigen römisch-dorischen Baustile, seinen Haupt- und Nebenstraßen, seinen Läden und zweistöckigen Gebäuden. In den Ecken des Platzes erheben sich fünfundzwanzig Fuß im Geviert hohe Glockenthürme mit kupfergedccktcn spitzigen hohen Domen. Die Hauptstraße, von siebenundfünfzig Fuß Breite, läuft, von sechs 18 Fuß breiten Qucrwegcn durchschnitten, in der Mitte dahin. Die dadurch gebildeten rechtwinkeligen Plätze sind mit 162 offenen Verkaufsstellen vou je 35 Fuß Länge nnd 15 Fuß Breite ausgefüllt und wie die Straßen dazwischen, durch luftigen, lichten Ueber- bau gegen Wind und Wetter geschützt; aber von allen Seiten ist der Lust der srciestc Zutritt und Abgang offen gelassen. Die Verkaufsstellen haben blos feste Hinterwände, da die beiden Seiten aus luftigen, durchbrochenen Eiscngittern bestehen und die vor der Front nur durch riesige Keulen und ganze Hammel an den Seiten und von oben herab sehr zweckmäßig und einladend in ihrer sonstige» Offenheit etwas beschränkt werden. Ueber jeder dieser Musterbuden befinden sich noch von mehr als tausend zierlichen Eiscnsäuleu getragene Räumlichkeiten für Privatzwccke, Buchführung, zur Noth auch Wohnung der Fleischhündlcr. Ueberall sieht man blanke Hähne, die, geöffnet, frisches Wasser sprudeln oder schmutziges ableiten. Innerhalb der vier Thürme kann man das beste Fleisch in allerhand appetitlicher Zurichtung genießen und hinterher trinken, lesen und rauchen. Der ganze ungeheure Marktplatz ist von der Mitte her aus einer Höhe von 54 Fuß durch ein von luftigen, leichten eisernen Bogen getragenes Dach geschützt; aber das Licht dringt von allen Seiten durch 92 7 Fuß hohe und breite zierliche eiserne Arabcs- kenvergitlcruiigcn im lustigen Wettspiele mit der Luft aus und ein. So hat der Engländer mit seinem praktischen Sinn der besten Fleischvertilger aller Nationen, für seine tägliche Hauptnahrung einen wahrhaften Niesentempcl geschaffen, den wir anständigerweise durchaus nicht mehr Markt nennen dürfen. Den soliden lebendigen Unterboden, aus welchem die Flcischmaffen gewissermaßen wie durch Zauberei hervorquellen, besuchen wir wohl ein andermal. Jetzt bewundern wir nur noch die solide Holzpflasterung unter unseren Füßen, den sehr praktischen Parquctboden, auf welchem die Füße viel elastischer treten und die hindurchsahrenden Wagen leichter und geräuschloser paffircn, als auf dem besten Steinpflaster. Das Knattern und Donnern draußen mildert sich hier z« einem molligen Gcmurmel ab und wird auch durch eiserne Thore abgehalten. Diese Thore sind zum Theil auch hübsche eiserne Gitterwerkc und sehen von Weitem fein wie Brabanter Spitzen aus. Dabei wiegt das eine doch dreihundert Centncr und kann nur durch Dampfkraft geöffnet und geschloffen werden. Und diese ganze großartige Wundcrwelt auf einer so wunderbaren Unterwelt ist doch nur ein Fleischmarkt, freilich die Hauptnahrungsquelle für drei Millionen der größten Carnivorcn unter den Menschen! Daß sich die ehemaligen engen und krummen Straßen, die hier aus- und einmünden, ebenfalls verschönert und erweitert haben, versteht sich von selbst. Eine derselben führt in das benachbarte andere neueste Wunderwerk des Verkehrs, an dessen Vollendung bis zu Weihnachten täglich, und sehr oft auch nächtlich, Tausende von Menschen- und Dampfpferdekräften arbeiten. Es ist der Holborn-Viadukt, der aus einer Tiefe von 30 Fuß unter der Oberfläche bis zu einer größeren Höhe über derselben, 1400 Fuß lang und über 80 Fuß breit, ausgemauert ward, um die beiden Hügel in der Hauptverkehrsstraße zwischen dem Nordwesten Londons und der City, Oxfordstrcet auf die massiveste Weise zu überbrücken, dir Straße auf die so gewonnene Ebene zu verlegen und daneben und darunter alte, krumme, enge Gaffen niederzureißen und als neue, weite, heitere Verbindungsmittel zwischen dem Süden und Norden wieder emporzuzaubern. Wie weit und tief das Zcrstörungswerk ging um auf einer neuen massiven Grundlage diese neue Welt aufzubauen, das geht für uns iu's Fabelhafte, wenn auch die Berliner meinen, sie hätten in ihren neuen, durchbrochenen Straßen Wunder gesehen und sogar gethan. In der norddeutschen Welthauptstadt gehören vielmehr der Durchb.uch in die neue Wilhelmstraße, die Düfte des Zwirn-, grünen und Kupfergrabens und besonders das Aroma der Panke während des vorigen Juli, vielleicht auch das seit acht Jahren leere Schillergitter, zu den Wundern des Unternehmungsgeistes. Die Londoner Bau- und Verkehrs-Titancn schonten selbst die Todten der Unterwelt' nicht, um Grund und Raum für dieses Riesenwerk des Hotdorn-VmSukcs zu gewinnen, und gruben namentlich einen seit Jahrhunderten fleißig bestellten Gottesacker aus, um unzählige Fuder von Gebeinen und ganze Armeen von zum Theil noch wohlcrhaltcnen Leichen außerhalb des immerwährend donnernden Verkehrs aufs Neue zu besserer Ruhe zu bestatten. Dabei machten die Liebhaber des Schauerlichen gar merkwürdige Studien und Erfahrungen. Viele Leichname kamen erwiesen nach zwei-, dreihundertjähriger Ruhe noch ganz wohlerhalten und nur lederartig getrocknet wieder auf die Oberwelt. Doch fand man auch vollständig gebleichte Skelette mit verrosteten Ketten an Händen und Füßen, also Gebeine, über die man gewiß, ohne Gefahr, Heiliges zu verletzen, sprechen und schreiben kann. Doch lassen wir die Todten ruhen. Auf ihrem neuen Kirchhofe, weit draußen unter nickenden Gräsern und Blumen, ruhen sie jedenfalls viel schöner, als in London, wo man übrigens die Entdeckung machte, daß sie den ganzen Erdboden rings umher mit Verwcsungsgasen vergiftet hatten, eine neue, ernste Mahnung, namentlich für unsere rasch anwachsenden Großstädte, die Kirchhöfe nach dem Muster Londons weit hinaus zu verlegen und die Todten per Eisenbahn etwa jeden Morgen in ihre, für sie ausschließlich bestimmte, schöne, ruhige Stadt unter Bäumen, Blumen und Vogelfang zu begraben. Es ist schwer, von der Großartigkeit dieses Brückenbaues in London eine Vorstellung zu geben; man mache sich deßhalb wenigstens ein allgemeines Bild davon, und denke sich diese Brücke aus ihren tiefsten Fundamenten beinahe hundert Fuß hoch aufsteigend, 1400 Fuß lang und 80 Fuß breit durch die volkreichste Straße hingemauert, über das Thal hinweg, dessen Abhänge auf je fünfzehn Fuß einen Fuß Gefälle haben. Um oben eine vollkommene Ebene zu erreichen, mußten an den tiefsten Stellen drei gewaltige Etagen über einander gemauert und gewölbt werden, und zwar mit Grundmauern, die acht Mauersteine dick sind. Innerhalb derselben zieht sich ein reiches Leben von Kellern, Gas-, Wasser-, Kloaken- und Telegraphenröhren in 11'/r 'Fuß hohen und 7 Fuß breiten sogenannten Unterwegen, durch welche diese Röhren laufen, und die dazu dienen, alle dieF 415 Verkehrsadern beaufsichtigen und repariren zu können, ohne daß das obere Maucrwcrk aufgerissen zu werden braucht. Oben über den Wölbungen mit gigantischen Logen, deren Konstruktion gerade von Architekten als wirkliches Wunder gewürdigt wird, zieht sich die ganze ebene, fünfzig Fuß breite Fahrstraßx mit fünfzehn Fuß breiten Fußwegen auf jeder Seite, welche durch zierliches Eiscngitterwcrk gegen die Gefahren der Fuhrwerke geschützt sind, und durch prachtvolle Gaskroncnlcuchter auch bei Nacht und Nebel mit besserem Tageslicht versehen werden, als es in London oft der Mittag zu liefern vermag. Beide Seiten dieser Brückcnstraße werden mit Bauwerken versehen, die wegen ihrer Schönheit und stattlichen Pracht mit Preisen gekrönt wurden. Ein solcher Bau gehört ohne Weiteres zu den sieben neuen Wunderwerken Londons, vielleicht auch der Verkehr darauf» der natürlich bedeutend steigen wird. Und doch fuhren auf dem alten Wege den Hügel auf und ab schon vor zwei Jahren, berechnet nach genauen Zahlungen an bestimmten Tagen, 300,000 Micthskutschen, 700,000 Lastwagen, 170,000 Equipagen, 280,000 Omnibus, 900,000 Chaisen und 700,000 Droschken, und 2,000,000 Menschen ritten zwischen 40,000,000 Fußgängern. Auf dem neuen Wege können sie sich getrost verdoppeln und finden bald über, bald unter demselben fast immerwährend Gelegenheit, mit Dampf nach allen Richtungen der Stadt und des Landes dahinzufliegen. Nur ein paar hundert Schritte südlich von diesem Wunderwerke streckt sich der massive Steg gegen die immerwährend hochfluthcndc und niedercbbende Themse in Form des 7000 Fuß langen, 40 Fuß hohen und über 100 Fuß breiten Bollwerks vom neuen Parlamentsgebäude an bis nach der City herunter am nördlichen Ufer der Themse entlang. Der Kampf, womit man der Themse diese 37 Morgen festen Landes im kostbarsten Theile der Stadt abtrotzte, war ein gewaltiger und fabelhaft kostspieliger; aber man siegte mit 70,000 Kubikfuß Granit, 30,000,000 Mauersteinen, 300,000 Scheffeln Cement und einer halben Million Kubikfuß anderweitigen massiven Massen. Ein Theil ist bereits eröffnet, so daß man sich schon eine Vorstellung machen kann, wie prachtvoll das ganze Werk aussehen wird. Die äußere granitne Mauer steigt acht Fuß dick aus einer Tiefe von sechSzehn Fuß unter dem Flußbette bis vierzig Fuß empor, so daß man-von oben die durch riesige Entwässcrungskanälc gereinigte Themse zwischen Bäumen und Ruheplätzen hervor weit unten mit den wie Schwalben umherschießcnden Dampfschiffen spielen sieht. Die obere Flüche ist nirgends geringer als hundert Fuß breit, wobei zwanzig Fuß auf jeder Seite für die Fußgänger, Parkanlagen, Ruheplätze und sonstige Schönheiten abgegrenzt sind. Auf dem glatten 60 Fuß breiten Fahrwege rollen Wagen und Equipagen aller Art leicht und lustig dahin, und Reiter beiderlei Geschlechts kokettircn auf ihren glänzenden Rossen zum oder vom täglichen Reit-Corso im Hydeparke. Man bewundert die Pyramidenungehcner Egyptens und die sieben Wunder der Welt; doch stecken in diesem Thcmscbollwcrk, dem Holborn-Viadukt, den unterirdischen Eisenbahnen, dem neuen Fleischmarktbrcnnpunkte und den zwölf Meilen langen neuen Auffangkloaken an beiden Ufern der Themse hinunter mehr und vernünftiger angelegte Kapitalien und Arbeitskräfte, als in sämmtlichen sieben Weltwundern. Diese Kloaken an und unter der Themse und unter ganzen Städten, so breit ausgehöhlt und gemauert, daß Wagen und Pferde darin fahren können, nehmen alle unreinen Flüssigkeiten aller Häuser auf den hundert Gcvicrtmcilen Londons auf, und führen sie mehrmals gleichsam treppauf, treppab weit hinunter aus dem Bereiche der Londoner Nasen und der Themse. Am Ende werden diese, für Felder und Fluren kostbaren Flüssigkeiten von einer neuesten Spekulation in Empfang genommen, erst unschädlich und dann um mehrere tausend Pcrzent werthvoller gemacht. Diese Erfindung mit Kalk und Alaun und noch drei anderen, bis jetzt geheim gehaltenen, aber ebenfalls billigen Stoffen, den reinen Dungwerth aus den Kloakenflüfsig- keitcn herauszufischen, hat wohl noch eine große Zukunft, wenn nicht inzwischen eine bessere und billigere Weise gefunden wird, diese für das Leben schädlichen, aber für Felder und Fluren fruchtbringenden Auswurfstoffe der Civilisation ohne den Umweg durch KlosetS und 416 Glossen auf eine anständige Art dahin zu bringen, wo sie hingehören. Bis jetzt tragen sie auch in sogenannten entwässerten Städten allgemein viel zur Vergiftung der Luft und noch «ehr des Wassers bei. Dieses Wasser in großen Städten ist nun erwiesen die Haupt- quelle aller möglichen Krankheiten, namentlich pestartiger Epidemien. Das Wasser der rnglichen Kompagnien ist, auch filtrirt, beinahe so schlecht wie das Berliner. Deßhalb hat man sich auch in London allen Ernstes bereits vorgenommen, sich das gesundeste und reinste Gebirgswasser, über 35 geographische Meilen weit her, aus den Urnen der Ber» gesnymphen von Wales als hinreichend für alle drei Millionen Menschen durch eine, sich allmälig herabsenkende Riesenröhrc herunter zu leiten. Die ganze Strecke bis London ist eine wellenförmig sich senkende Ebene, so daß das Wasser, seinem natürlichen Drucke folgend, ohne künstliche Dampfkraft in alle Höhen des hügeligen Londons gehoben werden kann. Endlich wird auch die Eisenbahn unter dem Meere zwischen Frankreich und England hin und dann vielleicht sogar der unterseeische Dampfschienenweg nach Amerika in Angriff genommen werden. Vorläufig aber haben wir an diesen wirklichen Wundern genug. Miseellen. (Ein interessanter Beitrag zur Statistik.) Einen solchen Beitrag hat «u Schneidermeister in Eutin geliefert. Er schreibt nämlich: Ich begann im Jahre 1857 die Stiche zu zählen, welche ich zur Anfertigung eines vollständigen Rockes für einen Mann machen mußte; die Zahl derselben stieg auf 40,000, und als Arbeitslohn erhielt ich 8 Mark, also für 5000 Stiche 1 Mark oder für 313 Stiche 1 Schilling. 1868 zählte ich wieder die Stiche an der Arbeit eines MannsrockeS und erhielt die Zahl 21,000. Jetzt erhalte ich für einen Rock 7 Mark Arbeitslohn, also muß ich 3000 Stiche für 1 Mark und l88 Stiche für 1 Sch. thun. Es wird jetzt also für 3000 Stiche bezahlt, was früher für 5000 bezahlt wurde; vaS gibt eine Steigerung von 66'1'z Proeeut. (Ein musikalisches Messer.) Im Louvrc zu Paris wird gegenwärtig ein Messer gezeigt, dessen Klinge von Stahl ist und woraus in lateinischer Sprache die Worte stehen: „Was wir speisen werden, möge der Dreicinige segnen. Amen." — Dabei befindet sich eine musikalische Compositio», aber nur der Baß, woraus ersichtlich, daß noch einige Messer mit den anderen Stimmen dazu gehörten, die aber nicht niehr vorhanden sind. Dem Charakter des Schlüssels und den quadratischen Noten, sowie dem Aussehen der Verzierungen nach, stammt es aus dem sechzehnten Jahrhundert. Die Die Arabesken sind in dem erhöhten Theile der Arbeit mit Gold eingelegt, vön größter Schönheit; — der Griff ist von Elfenbein. Es geht daraus hervor, daß man so bei Tafeln ein Lied von diesen Messern herabgcsungen hat, indem jeder Gast statt Noten auf Papier diese Messer vorgelegt erhielt. Die Gedanken und Gefühle, die in uns wohnen, sind die großen Ausglcicher aller menschlichen Dinge. Der Reiche gewöhnt sich an den Reichthum, so wie der Arme an die Armuth; die Häßlichkeit verschwindet, wenn man sie oft betrachtet, und der Dumme fühlt seine Gcistcsarmuth nicht. Frage: Welches Land ist bei großer Kälte am übelsten daran? Antwort: Ivh mo Üazg §, z;,cu "urvlnisz Druck, Lrrlog und Rednetion des 1'iterarischen Instituts von Itr. M. Huttler. Mgsbnrgcr Neunundzwanzigster Jahrgang. Augsburg. Druck und Verlag des Litcrarischcn Instituts von Dr. M. Huttlcr. K'. - M 'K' srMWr.-L 3. Iannar 1869. Ni-o. 1. Göthe. Treibst du doch bald dieß, bald das! Ist es ernstlich, ist es Spaß? »Daß ich redlich mich beflissen, Was auch werde, Gott mags wissen. Göthe. AM Zrm JUit süßem Heil soll sich das Jahr verbinden Und dich in allem was es bringt beglücken. Die Monde sollen wechselnd dich entzücken. Und ohne Freude soll kein Tag verschwinden! Des Frühlings erstes Veilchen sollst du finden, Die erste volle Rose soll dich schmücken. In goldner Saat sollst du Cyanen pflücken Und noch im Herbste sollst du Kränze winden! Der Sturm soll kosend dir vorübergleiten. Kein Strahl der Sonne möge dich versengen. Vierfacher Lenz sei'n dir die Jahreszeiten! Zu schöner Eintracht sollen sich vermengen Die Elemente und sich nicht bestreiten. Und milde sein zu deinem Wohl die strengen! Johannes Schrott. 2 Gerächt und gerichtet. Eine Dorf- lind Kriminal-Geschickte von Ludwig Habicht. (Mit Lerwahrung gegen Nachdruck) Jetzt, am Hochzeitstage, suchte Marianne in jenem Büchelchcn Trost, das ihr von «llcn Schriften Georgs am meisten zugesagt. Es war eine »Anthologie aus den Werken des Wandsbecker Boten, und sie las: „Er sitzt dort hock in stiller Einsamkeit, lind sinnt auf unser Wohl. Den grosien Sckoos von Wohlthat weit und breit lind beide Hände voll.' „O Gott, sinnst Du auch auf mein Wohl?" sprach sie leise vor sich hin und laS in Thränen weiter: „Und sieht herab auf Sterne, Land und Meer, Mit unverwandtem Blick! Siebt seine Kinder alle rund umher, Ihr Elend und ihr Glück." „Ihr Elend nnd ihr Glück!" wiederholte sie langsam, und ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust, — baun starrte sie lange vor sich hin und versank in dumpfes Hinbrüten. Die alte Wanduhr schlug eben neun, nnd der Alte trat in die Stube. Er sah noch finsterer wie gewöhnlich aus und auf die Uhr zeigend, rief er grollend: „Hm! unS «arten lassen! Was denkt sich der Bursche!" „Die Uhr drüben geht immer zu spät," beschwichtigte die Näthcrin. „Er wird schon noch kommen," setzte die Freundin außerdem hinzu. Der Bauer runzelte zornig die Stirn; „das weiß ich selbst," entgcgnctc er sicher nnd selbstbewußt, „er hat sich rechtschaffene Mühe gegeben um die Marianne, und nun warten lasse»! Sind wir seine Narren?" brummte er leiser vor sich hin. Um seinem Unmuth besser Luft machen zu können, ging er hinaus, vielleicht auch, um die Ursache eines wirren Geräusches zu erfahren, das von draußen hcrcindrang. Auch die Mädchen eilten zur Schwelle, aber au der Thür begegnete ihnen schon die kräftige Gestalt des Bauers, der Plötzlich alle seine Langsamkeit und Bedächtigkeit abgestreift zu haben schien, auf seine Tochter zueilte, ihren gesenkten Kopf in die Höhe richtete und hastig hervorstieß: „Er kann nicht dafür, daß er nicht kommt, die Müllerin hatt's nur eher sagen lassen sollen, — er kann nicht kommen! — Du brauchst nicht so hämisch zu lachen," wandte er sich an Mariannens Freundin, „da gibt's keinen Spaß — er ist todt — sie haben ihn erschlagen, draußen auf der Elsewicse." Marianne fuhr erschrocken auf. Sie blickte ihrem Vater forschend in das Gesicht, als wolle sie prüfen, ob er die Wahrheit sage. Doch diese. harten Lippen hatten sich noch nie zu einem Scherz hergegeben, sie las auf seinem Gesicht die vollste Bestätigung dieser grauenhaften »Nachricht. „Todt!" wiederholte sie langsam. Es war ein Schreckliches, Unbegreifliches, das finster, unheilbringend in ihren Hochzeitmorgen und vielleicht in ihr ganzes Leben hineinstarrte. Sie hatte ihn nie geliebt, ihren aufgedrungenen Bräutigam, aber in diesen: Augenblicke vergaß sie Alles, sie hörte nur, daß er erschlagen, und Mitleid erfüllte ihr Herz. Thränen rollten aus ihren Augen. „Armer Mann!" klagte sie, „das hast Du nicht verdient, o, das ist schändlich, fürchterlich, ihn zu ermorden und heut!" Die andern beiden Mädchen begannen zu jammern und zu fragen, wie das möglich, ,das kann ja nicht sein, er war ja gestern noch frisch und gesund," rief die Freundin. Der Bauer verzog das Gesicht zu einem fast spöttischen Lächeln, dann sagte er barsch: „Dumme Gänse, hört Ihr nicht? todt geschlagen ist er worden, und in kleine Stücke haben sie ihn zerhackt, so liegt er dort, sagt der Schulze." 3 Die beiden Frauenzimmer schlugen die Hände über dem Kopfe zusammen vor Ent7 setzen. „Am Hochzeitsmorgen, das ist fürchterlich!» rief die Freundin. „Und ich hab die Marianne so schön geputzt," setzte die Nütherin hinzu, „das ist nun Alles umsonst." „Und Alles cingcschlachtct und gebacken worden," siel die Freundin wieder ein, „und nun schlagen sie den Bräutigam todt, das ist seit Mcnschengedenkcn nicht vorgekommen." — „Das ist ja eine wahre Sünde und Schande, wenn Einem der Bräutigam erschlagen wird," jammerte die Nätherin weiter. „Heult nicht, Ihr Gänse!" rief der Bauer befehlend, „den Kuchen werden wir schon los und den Braten, und die Marianne kriegt noch zehnmal einen Mann; aber von Schande seid mir still, sonst!" — er hob drohend die Faust, und die kleine Mtheria bückte sich, als müsse sie dem Schlage schon ausweichen. „Marianne, sei ruhig!" wandte sich der Bauer zu seiner Tochter, obwohl diese schweigend auf ihren Stuhl zurückgesunken, und er damit nur das Hämmern seines eigenen Herzens beschwichtigen wollte, „es gibt heut' freilich keine Hochzeit, ich werde zum Pfarrer gehen und es ihm anzeige»; aber laß den Kopf nicht hängen, eine reiche BauerStochter bleibt noch lange nicht sitzen." „Wer mag ihn nur lodtgeschlagcn haben?" fragte wieder die Freundin bekümmert. „Weiß ich's?" entgcgncte der Bauer ruhig, „das ist Gcrichtssache und geht unS nichts an," mit diesen Worten schritt er langsam hinaus. Die Braut nahm jetzt ihren Kranz aus den Haaren und legte ihn vor sich hin. Sie athmete nicht höher auf, daß sie von dem verhaßten Bräutigam befreit, vielmehr schienen sie düstere Ahnungen zu beschlcichen, als muffe nun erst das Schlimmste, Fürchterlichste über sie hereinbrechen. „Ich bin ja seine Braut," sagte sie, sich aufraffend, „ich muß zu seiner Mutter, ihr mein Beileid zu sagen." Der vorgefallene Mord hatte ein ungeheures Aufsehen erregt. Alles strömte zum Nachbardorfe hin, um den Erschlagenen zu sehen, der bereits in die Mühle geschafft worden, während das Gericht schon herbeigeeilt, nm den Thatbestand aufzunehmen. Der Müller war auf einer kaum einige Tausend Schritt von der Mühle entfernten Wiese gefunden worden. Die Mörder waren mit dem Leichnam gräßlich verfahren und hatten ihn, vielleicht nm ihn unkenntlich zu machen, in Stücke zerhackt. — Nach Angabe des Gerichtsarztcs mußte der Mord noch vor Mitternacht geschehen sein, dies zeigte der ausgeblutete Körper deutlich. Der Mord war um so räthsclhafter, als der Erschlagene ein ricsenstarkcr Mensch, der erst kürz vorher seiner Militärpflicht bei der Garde - Artillerie genügt und wegen seiner Körperkraft allgemein bekannt und gefürchtet war. Eine ganze Bande mußte ihn überfallen und erschlagen haben, denn mit Zweien oder Dreien wäre der herkulische Mann schon fertig geworden. Was den Mord noch sonderbarer oder unheimlicher machte, war der Umstand, daß der Erschlagene ohne alle Bekleidung, im bloßen Hemde auf der Wiese gefunden worden, während seine Kleider noch vor seinem Bette gelegen, in dem er bereits geschlafen haben mußte, wie dies das eingedrückte Bett erwiesen. Und doch waren im Zimmer nicht die geringsten Blutspuren zu bemerken, er mußte im Freien erschlagen worden sein. Was aber sollte ihn bewogen haben, im bloßen Hemde auf der Wiese herumzulaufen? Das waren Fragen, die jetzt die vor der Mühle zahlreich versammelte Menge beschäftigten. Man stritt heftig hin und wieder, und Alle erschöpften sich in den wunderlichsten Vermuthungen. „Ja, das wird wohl ein Räthsel bleiben," bemerkte jetzt ein langer, hagerer Weber, dessen sonstige Lustigkeit und schnelle Zunge die schreckliche That so gedämpft, daß er sich bisher schweigend verhalten und oft wie in tiefen Gedanken schwer Athem geholt und, auch jetzt, kaum daß er dies Wort gesagt, in sein altes Hinbrütcn versank. „Dummes Zeug!" entgegnete ein kleiner, untersetzter Mann, dessen ^ " 4 und finsteres Aussehen zu seinem lachenden Munde und überlustigcn Wesen seltsam kon- trastirte, „die Sonne wird es schon an den Tag bringen!" Der Weber und alle Umstehenden blickten unwillkührlich zum Himmel und sonderbar — durch das dunkle Wolkennctz brach in diesem Augenblicke die Sonne mit wunderbarem Glänze, daß sie Aller Augen blendete und es wie heilige Schauer über manche- Herz rieselte. Dieser so einfache und natürliche Vorgang sprach zu allen Versammelten wie eine Stimme Gottes, und machte einen erschütternden Eindruck. Alle schwiegen. Einzelne alte Leute falteten die Hände und beteten ein Vater unser; aber in Jedem lebte jetzt die Ueberzeugung, daß der Himmel die Mörder an das Licht ziehen, daß eS die Sonne an den Tag bringen würde. Der Weber schien von Allen am ergriffensten. Er, der sonst stets einen heitern Scherz auf den Lippen hatte, stammelte ebenfalls ein Gebet, und seine Augen weilten noch lange auf der Stelle, wo die Sonne hindurchgekrochen, nachdem sie sich schon wieder in Wolken gehüllt. Ein neben ihm stehender junger Bursche weckte ihn endlich auS seinen Träumen, er stieß ihn unsanft an und sagte lachend: „Und wenn Du Dich blind siehest, dort steht's doch nicht. — Ha, ha, Leute! Da gibt's nicht viel Kopfzerbrechens, der Georg wird sich freuen, daß sein Todfeind fort — 's ist ein Mordskerl!" „Vcrmoster Witz!" rief hierauf der Maurer lachend. „Junge!" fuhr er fort, „Du hast in Deiner kleinen Zehe mehr Verstand, als Mancher in seinem dicken Schädel. Der Georg ist ein Mordskerl!" „Der Georg?" o, da geht mir ein Licht auf!" begann ein Bauer, und alle Umstehenden stimmten dem Ausrufe bei. „In der Nacht vor der Hochzeit," begann von Neuem der junge Bursche. „Daist ein prächtiger Zufall." „Zufall!" entgegnetc der Maurer, „bist doch noch dumm. Junge, 's ist sonnenklar, der Georg weiß von der Geschichte mehr, wie wir Alle." „Ja, ja, so ist'S!" ließen sich Viele vernehmen. „Das ist nicht wahr!" rief der Weber heftig. „Der Georg ist unschuldig, es ist niederträchtig —" er stockte plötzlich, denn ein böser, stechender Blick des Maurers traf plötzlich sein Auge. „Was ist niederträchtig? Daß ich die Wahrheit sage?" entgegnetc der Maurer. „Webr, Du bist heut' noch nüchtern, laß uns einen trinken," und er zog den Zögernden raesch aus der Menge und mit sich fort. Der junge Bursche folgte. Die Aeußerungen des Webers waren wenig beachtet worden, desto mehr die seiner Freunde, und es dauerte nicht 10 Minuten, da hatte sich die Volksstimme gebildet, die Volksstimme, die ja stets den Nagel auf den Kopf trifft — der Georg ist der Mörder wer Anders sollte den Müller erschlagen haben? Gestohlen war ja nichts worden, obwohl der junge Müller viele Hundert Thaler Geld in seinem Kasten hatte, das er erst vor einigen Tagen von einem reichen Bäcker ausgezahlt erhalten. Waren dies nicht Beweise genug von der Schuld Georgs? Die Mutter des Ers-Hlagenen war am vergangenen Tage mit ihrem jüngeren Sohne in die Stadt gefahren, um Einkäufe zu besorgen. Der glückliche Bräutigam hatte ihr das Geleit bis zu dem Dorfe seiner Braut gegeben. Bei ihr war er noch die letzten Stunden seines Lebens geblieben, um »ach 10 Uhr hoffnungsfreudig heimzukehren und in wenig Stunden darauf ein zcrstücktcr, elender Leichnam zu sein. Ein Knecht hatte das Haus hüten sollen, war aber, in Erwartung, daß sein Meister nicht vor Mitternacht heimkehren würde, in die Schenke gegangen und mit einigen Kumpanen erst in frühester Morgenstunde heimgekehrt; sie hatten auch zuerst den Leichnam aufgefunden und Lärm gemacht. Der herbeigeeilt« Kriminalrichter war bereits eifrig mit der Vernehmung der nächsten Angehörigen des Müllers beschäftigt, und der kleine alte Mann that dies in seiner ge- ttcrndcn und zufahrenden Weise. Er war Gerichts-Rath beim Land- und 5 Stadtgericht des nächsten Städtchens und zu gleicher Zeit Patrimonialrichter von Wolfsdorf. In letzterer Eigenschaft hatte er sich allgemein wegen seiner Härte und Brutalität verhaßt gemacht. Er stand in dem Rufe eines bestechlichen, heimtückischen Beamten, der Recht und Gesetze nach seiner Laune mit Füßen trat und bei den Prozessen der Bauern mit der Gutehrrrschast die Letztere auf eine unverantwortliche Weise begünstige. Das klarste Recht wurde unter seinen Händen zum Unrecht und deßhalb war der Mann eben so gehaßt, wie gefürchtet. Man wich auch heut dem verbissenen, boshaften Alten scheu und schüchtern aus, der, von einem Gastmahl plötzlich abgerufen, in der erbittertsten Laune war und fürchterlich über das Mord- und Raubgesindel raisonnirte, vor dem er nicht mehr einen Augenblick Ruhe habe. Als der Kriminalrichtcr hörte, daß die Braut des Ermordeten anwesend, wurde auch sie vernommen. So grob und schonungslos der alte verrufene Mann sonst auch war, gegen junge hübsche Mädchen benahm er sich mit einer widerlichen Freundlichkeit. Auch die weinende, schüchterne Marianne wurde größerer Rücksicht gewürdigt, er kniff in die Wange und sagte schmunzelnd: „Trösten Sie sich, mein Kind! Es ist freilich schlimm, wenn einem der Bräutigam am Hochzcitsmorgcn todt geschlagen wird; aber es gibt noch viele junge Bursche auf der Welt. Er war also gestern bei Ihnen? He, mein Kind, er war bei Ihnen?" setzte er mit lüsterner Miene hinzu: „wie lange blieb er denn im Kümmerchcn?" Marianne erröihete, nicht aus Scham, sondern aus Unwillen, ihre Thränen versiegten und sie enigegnete fest, beinahe stolz: „Er kam gegen Abend zu meinem Vater und blieb in unserer großen Stube bis um halb 10 Uhr, das wissen unsere Mägde." „Und Sie gaben ihm das Geleit?" „Bis au's Hofthor, wie es der Vater wollte!" „Ja, ja!" bemerkte die Müllcrmitkwe, die Mutter des Ermordeten, die in der Stube gelassen worden, „sie war ihm nicht gut, sie hat sich den Georg Körner eingebildet, und die Leute reden schöne Geschichten. Mein armer Sohn! O ich unglückliche Mutter!" „Was reden die Leute?" fragte der Kriminalrichter heftig. „Daß der Georg meinen Sohn auS Eifersucht erschlagen," entgegnete die Müllers» Wittwe. „Das ist nicht wahr!" fiel Marianne augenblicklich mit Entschiedenheit ein, „das ist eine schändliche Lüge!" „Still! Kein Weiber-Gcwäsch!" polterte der Alte, „was ist das für ein Mensch, der Georg Körner?" „Der ist gut und rechtschaffen, der thut Niemand,etwas zu leid!" „Ein heimtückischer Kerl ist's, — dcr's schon lange meinem Sohne zugeschworen," riefen die Frauen fast zu gleicher Zeit. „Still! das ist ja zum Taubwerden," gebot wieder der Rath. „Herr Gcrichtsralh, ich bitte, lassen Sie mich sprechen," bemerkte die Müllers- Wittwc, und der sonst so losplatzende Alte bewilligte doch die Bitte und wandte sich augenblicklich zu Marianne: „Liebes Kind, ich kann Sie jetzt nicht mehr brauchen, gehen Sie ruhig nach Hause." Marianne zögerte; aber der alle Rath entfaltete jetzt den keinen Widerstand duldenden Beamten. Marianne mußte sich, obwohl schwere» Herzens, entfernen. Ihr folgte ein böser, triumphircnder Blick der Wittwe. Die Müllerwitlwe war eine große, starke Frau, und trotz ihrer 50 Jahre von blühender Gesichtsfarbe und voller kräftiger Gestalt. Sie haßte Marianne und hatte diese Verbindung auf alle erdenkliche Weise zu hintertreiben gesucht, weil sie fürchtete, mit dem Einzüge der neuen Wirthin ihre Herrschaft und damit die Gelegenheit zu verlieren, für ihren eigenen Sohn noch etwas bei Seite zu legen. Ihr Stiessohn hatte aber alle Warnungen in den Wind geschlagen, weil er Marianne wahrhaft geliebt. 6 Kein Wunder, daß die alte Frau dem jungen Mädchen nicht vergessen konnte, ihren Slicfsohn so arg bezaubcrt zu haben. Jetzt konnte sie, wenn sie die Sache aufdeckte und den Mörder nannte, Mariannen den gehabten Aergcr heimzahlen, und sie that es ohne Rückhalt, denn sie schien überzeugt, daß Georg ihren Slicfsohn ermordet und Marianne wohl gar darum wisse. „Nun, Frau Meisterin, erzählen Sie," wandte sich der alte Kriminalrichter unge- niein freundlich an die Müllcrwittwe. „Es ist der Georg Körner, Herr Gcrichtsrath," begann die Alte. „Niemand anders; die Kleider von meinem armen Wilhelm liegen noch alle auf dem Stuhle, wie Sie es gesehen haben, aber jetzt war ich noch einmal oben und nun ist mir Alles klar." „Was ist Ihnen klar?" fragte der Gerichtsrath. „Daß der Georg der Mörder," cntgcgnete die Frau, „ich habe auf dem Tische ein rothes Halstuch gefunden, das gehört nicht meinem Sohne, sondern dem Georg, wie die Leute sagen." „Wer sagt es? Wo ist das Tuch? Ich muß selbst sehen, wo es liegt," sagte der Gcrichtsrath. „Meyer, warten Sie einen Augenblick," wandte er sich an seinen kleinen buckeligen Protokollführer, der ihm mit einem sonderbaren Lächeln nachsah und sich dann wieder eifrig über seine Akten bückte. Wenige Minuten später kehrte der Gcrichtsrath allein zurück; er hatte das Tuch in der Hand. Die beiden Knechte wurden jetzt vernommen, angepoltert, eingeschüchtert und erst nach langem, heftigen Schimpfen des Gcrichtsraths wurde so viel aus ihnen hcraus- gepreßt, daß sie das Tuch noch vor acht Tagen bei ihrem Kameraden Georg gesehen und es genau wieder erkannten, ja sie wußten zuletzt einen für den armen Georg noch gra- vircndern Umstand zu bekunden. Beide bezeugten und beschworen, daß Georg sich noch in der zehnten Stunde der vergangenen Nacht aus dem Stalle, wo sie zusammen schliefen, heimlich und geräuschlos entfernt, und erst nach Mitternacht zurückgekommen. Genug Jndicicn, um die Schuld Georgs außer Zweifel zu setzen. Noch an demselben Tage wurde Georg Körner verhaftet und in die Stadt gebracht. Am folgenden Morgen schritt der Gcrichtsrath zu seinem Verhör. Der junge Bursche sah blaß und' niedergeschlagen aus, seine dunklen Augen lagen tief in ihren Höhlen und waren ohne allen Glanz, vielleicht waren es nur die Folgen der schlaflos zugebrachten Nacht. Der ganzen Erscheinung fehlte nur das Robuste eines Knechtes, er war schlank und schmächtig, und nur von mittlerer Größe. Man hätte ihn für einen schwächlichen, zaghaften Menschen halten können, aber in dem Ausdrucke seines Gesichtes lag Festigkeit und Trotz. Die dunklen Augen mit den starken Brauen und dem etwas vorstehenden Kinn deuteten auf einen unbeugsamen Charakter. Der Gerichtsrath war, als Georg zum Verhör gebracht wurde, in seiner übelsten Laune; denn jeden Morgen stieg er wie ein drohendes Gewitter in die Aktcnstube hinab, um sich unter Blitz und Donner am Tage über zu entladen und dann nur Abends beim Whist unter alten Freunden einen Streifen heitern Himmels zu zeigen. (Fortsetzung folgt.) Von der Lebensversicherung. Wie's in der Natur überall seinen geregelten Gang geht und wie bei aller Vielfältigkeit der Erscheinungen dem menschlichen Auge und Geiste immer neue, weise Gesetze bemcrklich werden, die die Alles durchwaltendc Gottcskraft gegeben hat, damit die herrliche Schöpfung, Erde, trotz ihrer vielfachen Wandlungen dennoch unwandelbar ihrer Bahn getreu dahinrollc und alljährlich von Neuem wachse, grüne und blühe: So hat der auf? 7 wirksame Beobachter denn auch gefunden, daß der Tod gleichfalls einem solchen unwandelbaren Gesetze gehorcht. Wohl greift derselbe oft mit scheinbar blindem Griffe in's bunte Leben hinein und bettet bald den blühenden Jüngling oder die holdlächelnde Jungfrau, bald den lebenskräftigen Mann, bald den vielversprechenden Knaben neben dem altersschwachen Greis in die Gruft, aber demungcach et beugt er sich dem ihm vorgeschriebenen Gesetze der Sterblichkeit und nimmt, im Großen und Ganzen betrachtet, von keiner einzelnen Klaffe der Menschheit mehr, als jenes Gesetz ihm erlaubt. Gleichwie auch im Sommer sich wohl dann und wann kühle oder gar kalte Tage einstellen, und im Winter oft sonnige warme Witterung der Jahreszeit zu spotten scheint, während im allgemeinen doch dem Winter die kurzen kalten, dem Sommer die langen, warmen und sonnigen Tage eigen sind, so nimmt auch der Tod hin und wieder einzelne Menschen in den Jahren der Kraft und sprudelnden Gesundheit hinweg, aber er vermag die Grenze nicht zu überschreiten, die ihm Derjenige gezogen, der die Ordnung im Weltgetricbe aufrecht erhält, der auf deu Frühling deu Sommer, auf den Herbst den Winter folgen läßt, und der auch die Arbeit des Schnitters Tod nach seinen ewigen Gesetzen geregelt hat. Sorgfältige Beobachtungen der Sterblichkeit haben zur Kenntniß dieser Slerblichkcilsgesetze geführt und auf ihnen fußt das Institut der Lebensversicherung. Lebensversicherung! Niemand kann sein Leben gegen den Tod versichern, denn Sterben, Abscheiden von der Erde mit ihren Freuden, und hinaustreten aus dem Kreise der Lieben in ein Jenseits, wo wir später ein Wiedersehen in geläuterter Gestalt erwarten, Sterben ist das Loos jeden Erdcnbcwohners. Wohl aber kann daS Leben des Einzelnen niit einer Summe Geldes versichert werden, die bei seinem Tod fällig wird und so die Seinen schützt, daß sie, die ihm Liebgcwordencn, nicht darben müssen, daß sich dem Kummer um den Dahingeschiedenen nicht noch die Sorge um das tägliche Brod, um die Ausbildung der unerzogenen Kinder beigeselle und das schwcrgcbengte Haupt der trauernden Wittwe noch schwerer bedrücke, als es bereits durch den Tod des geliebten Mannes belastet ist. Dergleichen Sorgen fern zu halten, die Wohlfahrt der Familie dauernd zu begründen und die Gefahren, die der plötzliche Tod des bisherigen Ernährers mit sich bringen müßte, möglichst zu beseitigen, also deu Schlag plötzlichen Hiuscheidens des Familicnoberhaupts, den Niemand abzuwenden vermag, wenigstens so zu mildern, daß er für die Hinterblei- bcnden nicht ein völlig vernichtender werde: — Das ist der schöne Zweck der Lcbens- Vcrsichcrung. Bis vor -10 Jahren kannte man eine solche Institution in Deutschland nicht. Erst im Jahre 1827 wurde von Gotha aus darauf aufmerlsam gemacht und zur Gründung einer Lcbeusversichcruugsbank für Deutschland angeregt. Die Sache fand großen Anklang, das Unternehmen kam zu Stande und wu hS von Jahr zu Jahr in der erfreulichsten Weise. Aus dem neuesten Gcdenkblatt ersehen wir, daß die Gothacr Bank bis jetzt schon mehr als 20 Millionen an die Erben gestorbener Versicherten ausgezahlt und über 8 Millionen Dividende an Lebende vertheilt hat. Jare Mitgliederzahl beträgt dermalen über 80,000 Personen, deren Angehörige von ihr dereinst mehr als 55 Millionen Thaler zu gcwarten haben. Für ihre Sicherheit bürgt neben der Gesammtheit der Banktheilnehmcr ein vorhandenes Kapitalvermögen von 15 Millionen Thaler. — Nach ihr sind noch eine ganze Ncihe einheimischer LcbcnSvcrsichcrungsanstalteu entstanden, so daß deren in Deutschland gegenwärtig 85 vorhanden sind, bei denen zusammen etwa 350,000 Personen ihr Leben mit mehr als 300 Millionen Thaler versichert haben. Wie oft gibt es Gelegenheit, in Verhältnisse einzudocken, für welche der Abschluß einer Lebensversicherung dringend anzurathcu wäre! Wie viele Familien kennen wir, deren Angehörige ein so recht trauliches Leben miteinander führen, wenngleich sie mit Glücksgütern nur spärlich bedacht sind. Der Vater ist ein rüstiger Arbeiter, er besitzt eine fleißige Hand und munteren Sinn, und die Seinen brauchen nicht zu darben; er nährt sie redlich und ehrlich. Wie aber, wenn sich nun jählings seine zwei Augen zum ewigen Schlafe schließen? Was beginnt dann die Mutter mit dem Häuflein unerzogener Kinder? Würde ihr nicht schon eine Versicherungssumme von nur wenigen Hund rl Thalern ein rechter Behelf sein ? Ge>iß, und dem arbeitgcübten Vater wäre auch die Aufbringung der geringen Versicherungsbeiträge nicht unmöglich gewesen, denn sie betragen ja für das rüstige Manncsalter kaum 3 Procent. Allein er hat es unt rlafsen, eine Lebensversicherung vorzukehren, und die Seinen verfallen ins Elend, wenn er frühzeitig stirbt. Das Absparen der Versicherungskosten fällt bei Weitem nicht so schwer, als es Manchem scheint; es wird leichter, sobald nur erst der Anfang damit gemacht ist. Wer da meint, er fei zu arm, um sein Leben zu versichern, mag nur bedenken, wie seinen Lieben diese Armuth noch weit drückender werden muß, sobald ihn der Tod an deren Unterstützung hindert. Mit wöchentlicher Ersparniß von 5 Ngr. kann er seinen Kindern schon einige Hunderte sichern. Er sollte nicht säumen, sich durch seine Versicherung das freudige Bewußtsein getroffener Fürsorge zu erkaufen! — Der Beamte wird wohl thun, sein Leben zu versichern. Er kann mit dem Versicherungsschein Caulion machen und daneben seinen Angehörigen noch ein Kapital erwerben, das nach seinem Ableben der Ausbildung der Kinder und die Gründung eines neuen Erwerbszweiges ermöglicht. — Der Landwirth braucht, wenn er sein Leben versichert, seine Güter nicht zu zersplittern. Er kann sie dem einen oder einigen seiner Kinder überweisen, die andern aber mit der Versicherungssumme für ihren Erbthcil abfinden. — (Schluß folgt). Miseellen. In einem Eisenbahnwagen, in welchem sich sechs bis sieben Herren gesetzt hatten, begannen diese gleich nach der Abfahrt ihre Cigarren hervorzuziehen und nach Zündhölzchen zu suchen. Eben wollte einer der Herrn sich durch Reiben Feuer anzünden, als ei» älterer Herr ihn beim Arme nahm. „Sachte, sachte." rief er, „nehmen Sie sich i» Acht!" — „In Acht nehmen, weßhalb? — „Sehen Sie denn nicht hier meinen Sack? Er ist voller Schießpulvcr! Wenn er Feuer faßte, wären wir alle verloren!" — Die jungen Herren erbleichten und warfen ihre Streichhölzchen zum Fenster hinaus. Keiner redete ein Wort. Auf der ersten Hallstelle riefen sie nach dem Schaffner. — „Was steht zu Diensten?" — „Hier dieser Herr führt einen Sack voll Schießpulver mit sich!" —- „Schießpulvcr?. Das ist gegen die Ordnung! Her mit dem Sack!" — „Geben Sie sich keine Mühe, mein Herr, iu meinem Sacke finden Sie nur einige Wäsche. Diese Herren wollten iu diesem Coups rauchen; da mir das nun zuwider ist, wollte ich, daß sie ihrer selbst willen auf das betäubende Vergnügen verzichteten, und es ist mir gelungen." Hiermit empfahl sich der Herr, der an seinem Wohnorie angekommen war. „Da hab ich schon wieder einen Zahn verloren!" sagte eine Frau zu ihrer ritterlichen Ehehälfte. „Der wird sich freuen, raß er mit deiner Zunge nicht mehr in einem Logis zu wohnen braucht," murmelte der nngalante Gemahl. Druck, Ne'rlaa und Redaktion des literarischen Instituts von Vr. M. Huri!«*; Nro. 2. 10. Januar 1869. Wie Krystall und Eis, so qlciche» sich Wahrheit und Lüge. Beide können strahlen; nur bleibt jenes, und dieses vergeht. Gerächt «nd gerichtet. (Forschung.) Der alte Kriminalrichter saß, wie immer, hinter seiner Barriere und nahm beim Eintritt des Jnkulpaten eine Prise, um den letzteren mit geschärften Augen anblicken zu können. „Er ist also der nichtSwürdige Mordkcrl, der den Müller todt geschlagen?" — donnerte er Georg an. „Das bin ich nicht!" cntgegncte dieser ruhig. „Schweig Er und antwort' Er nur, wenn Er gefragt wird. Er hat mit Konrad's Marianne eine Liebschaft gehabt?" fragte der Alte weiter. „Nein, das habe ich nicht," war die gelassene Antwort. „Was? Er längnet, was dorfbekannt?" rief der Gerichtsrath entrüstet, „so fang' Er mir nicht an, sonst wird's nicht gut!" setzte er drohend hinzu und fuchtelte dabei mit einem Aktenstück in der Luft. „Ich bin der Marie gut gewesen und sie mir, aber eine Liebschaft haben wir nicht gehabt!" cntgegncte Gcv'-g Körner. „Wie? Er untersteht sich, solche Wortklaubereien vorzubringen? Das ist ganz gleich; Er hat eine Liebschaft mit ihr gehabt, versteht Er mich? Und Er ist wüthend darüber gewesen, daß sie einen Anderen hat hcirathen wollen." „Weil ihr Vater sie gezwungen," entgegnete der junge Bursche rasch, und in den matten Augen blitzte es seltsam auf. „Und Er hat deßhalb seinen Nebenbuhler aus dem Wege geschafft? Läugnc Er nicht länger! Wir haben die klarsten Beweise. Ist das nicht Sein Tuch?" — und damit brachte er das corpu8 ckalieli hervor. „Ja wohl!" entgegnete der Bursche unbefangen; „ich hab's vor einigen Tagen r Sei Marianne vergessen." „Ha, ha! da ist Er ja schon gefangen! Das Tuch lag in der Kammer des Ermordeten, und Er hat cS dort in der Eile liegen lassen." Das bleiche Gesicht GevrgS wurde noch bleicher, ein kalter Schauer lief durch seinen Körper, denn er fühlte, daß sich über seinem Kopfe ein dunkles Netz zusammenzog, dem er schwerlich entrinnen würde./ „Nun? Will Er Alles gestehen? Er kommt doch nicht los!" „Ich weiß nicht, wie das Tuch dorthin gekommen," brachie Georg mühsam hervor, „aber ich bin bei Gott unschuldig!" „Dummes Zeug! Gesteh' er lieber die ganze Geschichte! Wie hat Er's angefangen, in die Mühle zu kommen? Er muß den Müller im Schlafe überfallen und dann fortgeschafft haben?" Mit diesen Fragen überschüttete ihn der Kriminalrichlcr und seine grauen Augen ruhten stechend auf ihm. „Ich bin vorgestern mit keinem Tritte aus unserem Dorfe herausgekommen, das kann ich mit den heiligsten Eiden beschwören." 10 „Ach was, beschwören! Weiß Er noch nicht, daß Er in Untersuchung und zu keinem Eide kommt? Wo will Er denn gewesen sein? He? Kann Er Zeugen bringen, daß Er am Mord-Abende ganz wo anders war?" Die Brust des armen Burschen hob sich, ein Freudcnstrahl blitzte aus seinen Augen und er cntgeguetc rasch: „Ja, das kann ich." Plötzlich schien er sich zu besinnen, er flüsterte ein Wort leise vor sich hin und dann setzte er laut und heftig hinzu: „Nein, nein, das kann ich nicht sagen, und wenn Sie mich zehnmal zum Mörder machen." „Was? Er gestehe augenblicklich, wo Er gewesen." „Nein!" „Ich werde Dich dazu zwingen, Bursche!" cntgegncte der Rath und sein Gesicht bedeckte sich mit Zorncsröthc. „Sie können mich in Stücke reißen, und ich schweige doch! erwiederte Georg mit äußerster Entschlossenheit. „O ho, mein Bursche, Du bist noch zu zwingen!" rief der Gcrichtsrath wüthend und schellte heftig an einer Klingel. Ein Exekutor trat herein. Es war noch in jenen zum Glück entschwundenen Tagen, in denen Stockschläge zu den Ueberredungsmittcln gehörten. „Ruft mir den Stockmeister!" befahl der Gcrichtsrath, „und schnallt den Kerl dort auf die Bank, ich werde kurzen Prozeß mit ihm machen." Die Augen Georgs begannen zu funkeln, eine Flammenröthc schlug in sein blasses Gesicht, als jetzt noch ein großer starker Mann eintrat, dessen in der Hand gehaltene Peitsche den modernen Folterknecht bekundete. „Hartmanu, zählt dem Kerl fünfzehn auf," wandte sich der Rath an den zuletzt Eingetretenen. „Zu Befehl!" murmelte dieser mit einem heimtückischen Lächeln. „Rührt mich nicht an," rief Georg verzweifelt, „oder es wird nicht gut!" Seine Fäuste ballten sich und seine Lippen bebten in krampfhafter Aufregung. „Halt still, mein Junge!" cntgegncte der Riese und näherte sich dem zum äußersten Widerstände bereiten armen Burschen; aber noch ehe der Letztere einen verzweifelten Versuch der Abwehr wagen konnte, hatte ihn schon der Exekutor von hinten gefaßt und zur Erde geworfen. In wenigen Sekunden war er ein willenloses Schlachtopfcr seiner Peiniger. Eine solche Züchtigung ist stets schmachvoll und empörend; aber auf einen noch nicht völlig ^abgestumpften Menschen wirkt sie vollends vernichtend. Obwohl man auf dem Lande mit Schlägen und Stößen nicht kargt, war doch Georg durch sein dienstwilliges Wesen jeder, auch der kleinsten Züchtigung entgangen; um so tiefer mußte ihn jetzt ein Akt brutaler Gewalt berühren, den er nicht mehr zu überleben getraute. Er war einer Ohnmacht nahe und wäre vielleicht zusammengebrochen, aber das höhnende Lachen des Gcrichtsraths und sein schonungsloser Spott weckten ihn aus der Betäubung, und anstatt schwach und elend zusammenzubrechen, kochte Haß und Wuth in seiner Brust. Kaum, daß seine Peiniger ihn losgelassen und glaubten, daß er vor Schmerz sich nicht erheben würde, da sprang er wie ein Tiger auf; mit einem Satze war er über der Barriere und in der Nähe des Gcrichtsraths, und mit wahnsinniger Wuth umkrallten seine Finger den Hals des grausamen Alten. Die beiden Gerichtsdicncr hatten Anfangs unthätig dem wilden Angriff des jungen Menschen zugesehen, vielleicht aus Uebcrraschung über den unerwarteten Vorgang, vielleicht auch aus geheimer Schadenfreude, dem tyrannischen Vorgesetzten diese arge Demüthigung gönnend. Aber lange durften sie nicht zaudern, wollten sie sich nicht zu Mitschuldigen machen, und mit derben Fäusten rissen sie jetzt den wüthenden jungen Menschen hinweg. „Ah, der Mörder!" keuchte der Gerichtsrath mühsam hervor und noch braunroth im Gesicht. „Bindet, knebelt ihn! Sich an seinem Richter zu vergreifen, das ist noch schlimmer als Mord! Werft ihn in's Paradies! — so nannte der Gcrichtsrath ironisch das feuchteste und elendeste Loch des Gefängnisses, und man gehorchte seinem Befehl. Auf Niemand im Dorfe schienen diese finsteren Ereignisse einen sonderbaren Eindruck hervorgebracht zu haben, als auf das Hirtenmädchen, die Rose. Sie sprang oft wie toll in der Stube herum und rief jubilirend: „Ich weiß was, ich weiß was!" Aber wen» ihr Mitgesinde sie fragte, dann kicherte sie vor sich hin und verzog ihr Gesicht zu einem hämischen Grinsen. Nose war ein kleines, frühreifes Geschöpf, das mit aller Beweglichkeit auch die Bosheit eines Affen verband. Sie hatte, da ihre Eltern früh gestorben, sich fortwährend unter fremden Leuten herumtreiben müssen; sie war geschlagen und gestoßen worden, aber Niemand hatte an sie ein freundliches Wort verschwendet, und dieses Aufwachsen im vollen Schatten der Lieblosigkeit mußte ihr ganzes Wesen verkrüppeln und Gift und Galle in ihr Herz träufeln. Von der Natur mit ungewöhnlichem Verstände begabt, richtete sich all' ihr Denken daranf, die Mißhandlungen ihrer Umgebung durch boshafte Streiche zurückzuzahlen. Sie erkannte rasch die Schwächen und Fehler des neuen Mitgesindes und äffte sie zur großen Belustigung der Uebrigcn augenblicklich nach; rächte sich der Ankömmling durch ein paar derbe Schläge, dann war der Spaß um so größer, und Niemand erhob die Hand zu Nose's Schutze. Aber sie war auch unermüdlich im Ausspüren der Geheimnisse Anderer, keine noch so verborgene Liebschaft, kein noch so heimlicher Unterschlcif blieb von ihr unentdeckt, und schadenfroh wurde das Geheimniß preisgegeben. Sie hetzte Alles gegeneinander und ihr kobo dartigcs Treiben machte es, daß man sie nirgends lange duldete und von Dienst zu Dienst trieb Nur bei ihrem letzten Dienstherrn, dem Bauer Konrad, hatte sie schon ein Jahr ausgehalten, denn dieser hielt mit eiserner Strenge auf Ordnung, Alle gehorchten ihm auf's Wort; auch Rose halte eine große Furcht vor dem ruhigen, ernsten Manne, und hütete sich wenigstens, daß ihre boshaften Eulcnspicgelstrciche nicht zu seinen Ohren kamen. Selbst ihre dämonische Natur schien sich in letzter Zeit etwas verloren zu haben, und dies war ihrem früheren Dienstgcnosscn Georg zuzuschreiben. Er war der Einzige, der sie nicht verspottete, ja mit ihr freundlich sprach und sie gegen die Unbilden der Anderen in Schutz nahm. Das arme, überall getretene und geschlagene Mädchen vergalt ihm seine Freundschaft durch die größte Anhänglichkeit; sie war unermüdlich, ihm kleine Dienste zu leisten und lauschte ihm seine Wünsche an den Augen ab. Leider sollte ihr Glück nicht lange dauern; bald hatte sie mit ihrem unheimlichen Spürsinn das so verborgen gehaltene Liebes - Verhältniß Georgs und Mariannens entdeckt, und jetzt war es mit ihrer Ruhe dahin. In dem durch harte Arbeiten zwar körperlich zurückgebliebenen, durch ihre eigenthümlichen Schicksale aber weit über ihr sechzehnjähriges Alter geistig entwickelten Mädchen begannen sich alle Qualen der Eifersucht und mit ihnen ein böser Dämon zu regen. Ihrem boshaften Geplaudcr verdankte Georg seine Entlassung und damit glaubte sie Alles gethan zu haben, den jungen Burschen wieder für sich zu gewinnen; vollends überglücklich war sie, als Mariannens Verlobung zu Stande kam. Als Rose von der Verhaftung Georgs hörte, war sie Anfangs niedergeschlagen, bald aber gewann ihre koboldartigc Natur den Sieg und sie zeigte sich lustiger und übermüthiger, als je. Unter allerhand Grimassen ließ sie oft verstehen, daß sie jetzt dem Bauer seine Ohrfeige heimzahlen könne. „Du Nickel," meinte dann die Großmagd einmal erbittert, „ich werde es dem Bauer sagen, damit er Dich zum Hofe hinausprügelt." — „O, ich kann alles^ gehen," entgegnete Nose und schnitt ein Gesicht, und ehe noch die Großmagd zu einem strafenden Streiche ausholen konnte, war der Kobold in den Alkoven deS Bauers verschwunden. „Was der Bauer für Augen machen wird," bemerkte die zweite Magd. „Gebt Acht! sie wird wie ein Reisigbündel herausfliegen!" ri;f die noch vor Aerger kirschrothe Großmagd. Der Bauer saß am Fenster und rasirte sich zum morgigen Sonntage. Er sah in seinem kleinen Spiegel das Eintreten des Mädchens, wendete sich deßhalb beim Geräusch 12 der geöffneten Thür nicht erst um, sondern erwartete ruhig die Anrede des wunderliche» Gastes. Rose hatte, so lange sie dem Bauer diente, noch nie dies Zimmerchcn betreten, noch nie den Bauer aus freien Stücken angeredet, dennoch trat sie keck näher heran und begann: „Herr Konrad, ich hab' Ihnen was zu sagen." Der Bauer wendete sich auch jetzt noch nicht um, er behielt ruhig das Rasirmcsser in der Hand und schabte die eine Seite seines Bartes herunter, dann erst drehte er sich halb um und fragte: „Nun?" — Rose hatte kaum das zur Hälfte noch mit Schaum bedeckte, zur Hälfte glatt rasirte Gesicht erblickt, als sie in ein lautes Gelächter ausbrach und wie immer ihre tollen, lustigen Sprünge machte. Dies brachte den Bauer doch aus seiner gewohnten Ruhe, er stand «uf und streckte den nervigen Arm aus, um das freche Geschöpf zu ergreifen und zu züchtigen, aber Rose entschlüpfte ihm wie ein Aal aus den Händen, und die vergeblichen Anstrengungen des Bauers, sie zu fangen, steigerten nur ihre milde Lustigkeit, und unter lautem Gelächter rief sie immer: „Warten Sie nur, ich hab' Ihnen etwas zu sagen." Der Bauer, immer wüthender gemacht, ergriff den kleinen Spiegel und schleuderte ihn nach dem Kopfe des Mädchens, daß er in Stücke zersprang. Die Kleine, obwohl wenig verletzt, sing augenblicklich jämmerlich zu weinen au und schluchzte wie ein geschlagenes Kind hervor: „Nun sag' ich's allen Leuten!" „Was willst Du sagen?" rief der Bauer entrüstet. „Hinaus mit Dir!" „O, Ihr sollt mich schon bitten, hier zu bleiben," entgcgncte Rose, „wenn ich sage, was ich weiß, dann reißt Ihr Euch die andere Hälfte Eures Bartes aus;" und sie verfiel wieder in ihr wildes, koboldartigcs Lachen. „Ich jage Dich noch heut aus meinem Dienst!" rief der Bauer von Neuem und suchte wiederholt des Mädchens habhaft zu werden. Rose schlüpfte wieder unter seinen Händen hinweg, und von der steigenden Aufregung des Bauers zu immer größerer Lustigkeit aufgestachelt, wiederholte sie in kindischer Weise fortwährend: „Ich weiß was, Georg ist unschuldig, Georg ist ganz unschuldig!" „Was geht mich der Lumpcnkcrl an," brummte der Bauer. „Ja, Georg ist unschuldig," rief noch einmal Rose, „er kann nicht den Müller erschlagen haben, denn er steckte ganz wo anders." „Marschir hinaus, wenn Du weiter nichts weißt!" entgcgncte der Bauer heftig. Nose's ohnehin unregelmäßigen Züge verzogen sich zum häßlichsten Grinsen, sie zog sich vorsichtig nach der Thür zurück und, schon die Klinke in der Hand, rief sie: „Er steckte bei Mariannen, ha, ha, einen Abend vor der Hochzeit," und mit diesen Worlen wollte sie entschlüpfen; aber ihres Herrn eiserne Faust hatte sie schon erfaßt, mit einem Ruck war sie wieder mitten im Zimmer, und er rief: „Was sagst Du, Canaille?" — Rose schien sich an dem Zorn ihres Brodherrn zu weiden, und ohne Furcht cntgcgnete sie: „Es ist doch wahr, ich hab' sie belauscht, und er blieb bis nach Mitternacht!" Kaum waren diese Worte heraus, da schwebte sie auch schon, von den nervigen Armen des Bauers gehoben, hoch in der Luft. Seine Wuth schien der gewohnten, eisigen Ruhe gewichen zu sein, nur seine grauen, kalten Augen ruhten durchbohrend auf dem Mädchen, und er wiederholte leise: „Was sagst Du?" -kose hatte bei der größten Wuth des Bauers gelacht, jetzt bei seiner Ruhe verlor He die Fassung, ihre Augen irrten scheu und schüchtern umher, vielleicht ahnte sie, daß ihr Kopf in der nächsten Minute an der Wand zerschmettert werden könnte, und in hündischer Unterwürfigkeit stöhnte sie hervor: „Nein, nein, es ist nicht wahr, ich wollt' Euch nur ärgern, weil Ihr mir am Hochzeitsmorgcn eine Ohrfeige gegeben." „Das war Dein Glück," murmelte der Bauer, „und Du wirst still sein und kein Wort mehr davon schwatzen?" und seine harte Hand schnürte dem armen Mädchen fast dir Brust zu. ^ „Ich will still sein, wie das Grab," röchelte Rose. ^„Das ist gut," bemerkte der Bauer, und damit ließ er das Mädchen los, das 13 wie ein dem Bauer entrissener Vogel zur Thür hinausstatterte. — Die Großmagd halte Recht gehabt. Der alte Mann setzte sich jetzt wieder hin, sein unterbrochenes Rasirgeschäft zu Ende zu bringen; wohl zeigte sein Gesicht wieder die gewohnte Ruhe, aber stürmische, herz- quälende Gedanken wogten doch in seiner Brust auf und ab. War das Alles Lüge, was dieser Kobold geschwatzt, oder doch ein Funken Wahrheit darin? Nun, wenn auch nur ein Funken, so war es dennoch genug, um sein Haus zu beschimpfen und die Ehre seiner einzigen Tochter für immer in Frage zu stellen. Der Bauer hatte erfahren, datz Georg sich hartnäckig geweigert, sein Verbleiben in jener Nacht anzugeben — sollte Marianne dennoch? — ein tiefer Schnitt in seine Wange weckte ihn aus seine» Gedanken, er mußte daS Messer wegwerfen, nach Schwamm suchen, das Blut zu stillen, dann stützte er den Kopf in seine harten Hände, und versank von Neuem in tiefes Stillschweigen. (Fortsetzung folgt.) Von der Lebensversicherung. (Schluß.) Der Geschäftsmann glaubt vielleicht, er brauche sein Geld im Geschäft und erhalte Von demselben bessere Zinsen, als er bei der Lebensversicherung erziele. Hat er aber die Gewißheit, daß er alt werden wird? Kann er verbürgen, daß er so lange lebt, um eine so hohe Summe aufzusparen, als sie die Versicherungsanstalt gegen seine geringen Beiträge gewähren muß, selbst wenn sein Ableben schon nach der ersten Einzahlung eines Jahresbeitrages erfolgt? Und wenn nun gar zwei Kaufleute gemeinsam ein Geschäft betreiben, das ruinirt sein würde, falls der Ei c unverhofft bald mit Tode abginge und seine Erben das eingelegte Kapital zurückforderten, ist ihnen da nicht auzurathcn, daß sie beide gegenseitig die zusammengeschossenen Gelder versichern, damit beim Ableben des Einen die von ihm eingezahlte Summe dem Ge chäftc in dem Versichcrungskapitalc wieder zufließt und seine Erben aus diese Weise voll abgefunden werden können, ohne daß das Geschäft darunter zu leiden hat? Würde überhaupt Derjenige, welcher ein fremdes Kapital in seinem Geschäfte arbeite» läßt und dasselbe mit 4'P rozent verzinsen muß, sich nicht gern damit einverstanden erklären, dasselbe mit jährlich 6 oder 7 Prozent zu verzinsen, wenn ihm von seinem Gläubiger dagegen die feste Zusichcrung gegeben würde, die Schuld sollte mit seinem, des Geschäftsherrn, Tode qnittirt sein, und das Geschäft schuldenfrei an seine Kinder kommen? Nun, ' diesen Vortheil kann sich Jedermann verschaffen, wenn er die 2 oder Z Prozent, zu deren Mchrzahlnng an seinen Gläubiger er solchenfalls bereit sein würde, einer'Lebenvcrsiche^ rungsanstalt cntrichtrt, denn diese übernimmt dafür bei seinem Tode die Verpflichtung, das Kapital an seine Erben auszuzahlen, so daß sie die Schuld decken können. Doch nicht allein für den Todesfall schafft die Lebensversicherung Nutzen. Der Versicherte kann sich durch eine entsprechende jährliche Mehrzahlung das Ver- sichcrungskapital auch noch bei Lebzeiten erwerben und so den Segen seiner Sparsamkeit noch mit eigenen Augen ansehen. Man nennt solche Versicherungen abgekürzte Versicherungen. Sie dienen als Altersversorgung, zur Beschaffung eines Kapitals für die Kinder, wenn diese sclbbstständ g werden, zur Tilgung von Schulden, die erst nach Jahren abgetragen werden müssen, u. s. w. und h den das Gute, daß das Kapital, wenn der Versich rte vor der bestimmten Zeit stirbt, auch schon mit seinem Tode fällig wird. Es ließen sich der Fälle noch viele aufzählen, in denen die Lebensversicherung zum wahren Segenbringer wird. 14 Nur ein Beispiel will ich aus meiner Erfahrung erzählen, das eine mir befreundete Familie betrifft. Es waren junge Leute und sie führten ein herziges Liebeleben miteinander, wcßhalb ich stets bei ihnen einsprach, so oft mich auf meinen Reisen der Weg durch ihren Wohnort führte. Man sah's ihnen an den Auge , au, wie gern sie sich hatten und wie sehr es in ihren Wünschen lag, einander zu Gefallen zu leben. Ein munterer, bansbäckiger Knabe, der eben zu sprechen begann, als ich das vorletzte Mal bei ihnen weilte, war ihre größte Freude und ihr höchstes Gut. Das Geschäft ging gut, wenn auch keine großen Kapitalien darin steckten, denn der Mann war fleißig und verstand seine Sache. Sa lebten sie recht glücklich und zufrieden. Als ich das letzte Mal dort vorbeikam, ging die junge Frau in Trauer. Zhr Gesicht sah bleich aus und als sie mich erblickte, traten Thränen in die hübschen, jetzt so schwcrmüthig blinkenden Augen. Schweigend winkte sie mir, einzutreten. Ich folgte. Sie führte mich hin zu dem mir wohlbekannten Bilde, das die kleine drei zählende Familie in glücklichem Beisammensein darstellte, und gestand mir schluchzend, daß sie vor wenigen Wochen ihren Gatten ins kalte Grab habe betten müssen. Eine Erkältung, die der rüstige Mann anfangs wenig achtete, hatte ihn aufs Krankenlager geworfen und kaum nach einem Monate war rr dem hitzigen Ncrvensiebcr erlegen, aller aufopfernden Pflege der treuen Gattin ungeachtet. „Und als ich nun da" — fuhr sie sanft weinend fort — „bei dem immer bösartigem Auftreten der Krankbcit meinen Kummer nicht mehr zu bergen vermochte, da faßte mein seliger Arthur wenige Tage vor seinem Ende in fieberfreier Stunde meine Hand und sagte so innig weich, wie er ja sein konnte und wie er in ernsten Augenblicken stets zu, sprechen pflegte: „Liebc Anna, weine nicht. Wohl wird das Scheiden mir schwer von Dir und unserm lieben Kleinen, aber ein Gedanke mildert den bittern Trcnnungs- schmerz, der Gedanke, nach besten jkrüften für Euch gesorgl zu haben. Ihr werdet nicht Mangel leiden, und ich segne die Stunde, in welcher ich vor Jahresfrist zu dem Entschlüsse kam, mein Leben mit einigen tausend Thalern zu versichern. Ihr seid nun doch für das geringe, sehr geringe Prämienopfer vor Armuth und Sorge gesichert." Wenige Tage darauf war er eine Leiche! Mir aber ward das versicherte Kapital ausgezahlt. Kanu damit auch der uns betroffene unaussprechliche Verlust nicht ersetzt werden, so bin ich dadurch doch der bittersten Noth überhoben und weiß, daß unser liebes Kind, welches außerdem mit mir im Elend hätte verkommen müssen, zu einem achtbaren Bürger erzogen werden kann. Der Geist seines Vaters umwallet uns und seine liebende Fürsorge für uns erstreckt sich noch über das Grab hinaus!" Ihr Gatte hatte ihr durch seine treue Vorsorge den besten Trost zurückgelassen. Don meiner herzlichen Theilnahme an ihrem bittern Geschick war sie überzeugt, was bedurfte es da noch der Worte Gepräng: ich nahm mit stummem Händcdruck von der trauernden Wittwe Abschied. Möchte dieses Geschichtlein, dergleichen die Vcrsicherungsmänner wohl noch manches zu erzählen wissen werden, dazu beitragen, den Leser zur Lebensversicherung anzuregen, mit der er den Seinigcn so viel Leid und Sorge ersparen kann. Wie mancher durchblättert bei der einem nahen Familienfeste die Zeitungen, nicht schlüssig der Waht des Geschenks, womit er die Gattin zu erfreuen gedenkt. Bald fesselt hier, bald dort eine Verkaufsanzeige von Festgaben seinen Btick, ohne daß er sich zu cnt scheiden vermag. Nun, lieber Freund, wie wär's, wenn Du Deiner Frau eine Lebens Versicherungspolice zum Angebinde brächtest? Mischt sich dadurch auch der Gedanke a* den Tod in die Festfreude, dieselbe wird nur um so geläuterter werden und der Dan^ 15 Deiner Gattin um so inniger sein, wenn ihr die Mahnung ans Herz dringt, daß auch ein Tag kommen kann, wo sie das Familienfest ohne den Vater ihrer Kinder feiern muß. Ihr wiegt der Versicherungsschein doppelt schwer, denn wie er ihr einesteils die über das Grab hinausrcichende Liebe des Gatten verbrieft, so beurkundet er ja auch andererseits, daß sie Aussicht hat, der Mann ihrer Wahl werde noch lange treuhelfend i» rüstiger Gesundheit ihr zur Seite stehen, denn besäße er diese nicht, so wäre seine Aufnahme in den Versicherungsvcrcin nicht möglich gewesen. Haucht der Gedanke an die spatere Trcnnungsstunde auch einen schwermüthigen Zug über ihr Antlitz — ihr inniger Liebesblick wird für Deine Fürsorge desto herzlicher zu Dir sprechen, beredter als alle Dankcsmorte. Und wenn Du nun, scherzend halb und halb im Ernst, ihr vorhältst, was sie mit dem Vcrsichernngskapital dereinst zu beginnen vermag, wie sie damit Dein Geschäft fortführen, oder einen neuen ErwcrbSzweig begründen kann, um die Zukunft der Familie zu sichern und die Ausbildung der Kinder zu vollenden, — dann wird sich zu der Erinnerung an die eigene Jugend, die den Frcudenspendcrn am Weihnachtsabende zn kommen pflegt, ein trostgemnther Blick in die verschleierte Zukunft gesellen, der die Wege z i ergründen sucht, a f denen das Wohl der jetzt im Lichterglanz Euch fröhlich umjauchzendcu Kleinen sicher zu erreichen ist. (Der H""kee - Doodie.) Nur Wenigen unserer Leser wird der Titel diese- amerikanischen Nationalliedes noch unbekannt sein; eine Mittheilung des Textes in einer Ucbcrsctzung von E. A. Zündt dürfte der Diese amerikanische Marseillaise lautet: Yankee Zum Spott dereinst wohl durftet ihr Uns Nankce-Schlingel nennen; Heut' aber zieh'n zum Siege wir, Ihr sollt das Liebchen kennen! Nankee-Schlingel! Ha, ha, ha! Hankec Doodlc-Dandy l Wie der Rolhrock Reißaus nahm Vor'm Vaukce-Doodle-Dandy! Mehrzahl daher nicht unwillkommen sei». — D o o d l e. Der Länderdicb komm' über's Meer! Wir wollen's bald ihm zeigen! Frisch, Yankee-Buben, ^imt nur her, Woll'n ihn nach Hause geigen! Nankee-Schlingel! Ha, ha, ha! Aankee-Doodle-Dandy! Die Yankee-Büchse singt den Baß Zum Aankee-Doodle-Dandy. Wer ficht, der spielt nicht Federball; Doch soll, was muß, geschehen! Fest wird bei Nankee-Doodle's Schall Der Haukee-Bursche Haukee-Schlingcl! Ha, ha, ha! d)a»kee-Doodle-Dandy! Vorwärts! ruft der Capitäu Beim Vankee-Doodle-Dandy. Was, gleich dem Aankec-Doodle, Die Vorzeit uns verjüngen! Znm Lied," das Einer erst begann, Millionen Chorus singen. Aankee-Schlingel! Ha, ha, ha! Nankce-Doodle-Dandy! Rollen wird um'S Erdenrund Der „Aankec-Doodlc-Dandy." Dich, Yankee-Doodle, nicht allein Amerika soll wittern! Sollst überall willkommen sei« Und jeder Fürst soll zittern! Nankcc-Schlingel! Ha, ha, ha! Yankee-Doodlc-Dandy I Freiheit ist der Quell vom Lied DeS Hankee-Doodle-Dandy! 16 Miseellen. Zur Charakteristik der Spinnen. Vor dem Fenster meines Zimmers hatte im vorigen Herbste eine Spinne ihr Netz ausgebreitet. Eines Morgens bemerkte ich, daß sie nicht, wie gewöhnlich, in ihrem Verstecke, sondern am untern Ende des Netzes auf Beule lauerte. Ich fing eine Fliege und brachte sie so nahe an's Netz, daß sie sich mit ihren Flügeln in demselben verfing. Sofort stürzte sich die Spinne am untern Ende des Netzes auf die Beute. Fast in demselben Augenblicke aber schoß auch die wahre Eigenthümerin des Netzes aus ihrem Verstecke hervor, und es entspann sich jetzt ein Kampf zwischen Beiden um den Besitz der Beute. Die Eigenthümerin des Netzes konnte aber dem Eindringling nichts anhaben und mußte sich zurückziehen. In einiger Entfernung jedoch hielt sie inne, drehte sich herum, blickte nochcinmal auf die freche Eigenthnmsver- letzcrin zurück und eilte dann nicht in ihr Versteck, sondern nach der Außenseite des Netzes, wo die Radien desselben an der Mauer befestigt waren. Ich wußte im Anfang nicht, wie ich mir daS Benehmen der Spinne deuten sollte. Bald aber wurde mir die Sache klar, denn schon im nächsten Augenblicke bemerkte ich, daß die Fäden an der Stelle, wo sich die Spinne befand, losgetrennt waren. Hierauf hielt sie einen förmlichen Rundlauf um das Netz und trennte Faden um Faden von seinem Anhaltspunkte, während sie sich von Zeit zu Zeit nach der Eigenthumsverletzerin umsah. Das kunstreiche Gewebe war unterdessen in ein formloses Gespinnst zusammengefallen und hing zuletzt nur noch an einem Faden, der vom Verstecke der Eigenthümerin des Netzes auslicf. An diesem kletterte sie jetzt hinauf. Die erste Spinne hatte in der Zwischenzeit ihre Beute gelobtet und kunstgerecht mit ihrem Gespinnste umwunden. Ihre Lage wurde immer kritischer: niit einem Fuße hielt sie ihren Raub fest, mit dem andern klammerte sie. sich an die Trümmer des Netzes und erwartete so die Dinge, die da kommen sollten. Das Ende dieses Kampfes zwischen Frechheit, gepaart mit Stärke auf der einen Seite, und Schwäche, gepaart mit List auf der anderen blieb denn auch nicht aus. Der letzte Faden wurde losgetrennt und Gespinnst, Spinne und Beute fielen auf den Fensterstein. Jetzt blieb der fremden Spinne nichts Anderes übrig, als sich unter großer Mühe und Anstrengung einen anderen Ort aufzusuchen, wo sie ihren Raub verzehren konnte. (Dolch und Scheide.) Der Schauspieler Suett, welcher gern trank und selbst auf der Bühne Gebrauch von gebrannten Wassern machte, schlüpfte eines Abends, als er eben in „JulmS Cäsar" beschäftigt war, in einem freien Momente hinter ein Borsatzstück, zog eine Flasche unter der Toga hervor und that einen derben Zug. Flugs verbarg er die Flasche wieder, aber ein College, der auch kein Kostverächter war, hatte es bemerkt, trat zu ihm und raunte ihm zu: „Ah, Suett, was haben Sie da?" — „Nur meinen Dolch!" erwiderte dieser. — Der lüsterne College ließ sich dadurch nicht abhalten, ihm unter die Toga zu greifen, die Flasche hervorzuziehen und — auszuleeren. „Da haben Sie die Scheide!" sagte er, die leere Flasche zurückgebend. Sieht der Fran;ose ein hübsches Mädchen, dann ruft er: „Oiabl«;!" der Deutsche: „Göttlich". Ist das Mädchen aber häßlich, so sagt der Franzose: „küon Ilivu!" und der Deutsche: „Pfui Teufel!^ Ein Mann, welcher nichts weniger als verschwiegen war, vertraute Jedermann ein Geheimniß an mit der inständigen Bitte, es Keinem wieder zusagen. „Seien Sie darüber ruhig," versetzte ihm Jener, „ich werde ebenso verschwiegen sein wie Sie." Druck, Verleg und Redaction des Literarischcn Justituts von llr. M. Hutilcr. Nro. 3. 17. Januar 1869, Im Auslegen seid frisch und munter Legt ihrs nicht aus, so legt was unter. GSthe. Gerächt und gerichtet. (Fortsetzung.) Obwohl Nose dem Bauer Stillschweigen gelobt, war sie doch nicht WillcnS, es zu halten. Zwar freute sie sich, daß Georg durch die Liebe zu Mariannen in ein solches Unglück gestürzt worden, aber sie gönnte der Letzteren auch nicht ihren guten Ruf; die Heuchlerin, die ihr so schlau den Geliebten entrissen, sollte nicht ihre Schande verheiln- lichcn dürfen, dafür mußte sie sorgen. Sie wollte die Sache geschickt unter die Leute bringen, und machte deßhalb am andern Tage, da es Sonntag war, bei ihrem einzigen Verwandte», den sie im Dorfe hatte, einen Besuch. Es war der arme Leinweber, der am Morgen jenes schrecklichen Tages noch nüchtern gewesen, wie sein Freund gesagt. Der Leinweber war nicht allein, seine beiden Freunde waren bei ihm und alle Drei spielten Karten. Nose wurde mit jener völligen Nichtbeachtung empfangen, wie sie es schon gewohnt war. Niemand dankte auf ihr „guten Tag," es wurde ruhig weiter gespielt und die Kleine hockte still auf die Ofenbank und betrachtete mit Aufmerksamkeit das Spiel. Schade, sie hatte gehofft, die Frau des Leinewebers zu treffen, die, eine Hebamme, am geeignetsten schien, ihren Bericht unter die Leute zu bringen, und sie wartete mit Ungeduld auf deren Kommen, dabei horchte sie ausmcrlsam auf das abgerissene Gespräch der Spieler. „Ich frage," rief der Weber, — „ich paffe," der junge Mensch. — „Ja, ich paß auch, daß sie mit dem Kerl ein Ende machen," bemerkte der Maurer. „Oh, das kann nicht mehr lange dauern," cntgcgncte der junge Mensch, „spiel Tu auS, Weber, es war doch ein Glück." „Er kann doch noch loskommen," — meinte der Weber, — „und es wäre auch schrecklich —" „Alter Narr," rief der Maurer, „kannst Du das Winseln nicht lassen, der Georg muß daran glauben und darf nicht loskommen — spiel nur aus!" „Aber er ist doch unschuldig," ließ sich Rose von der Ofenbank aus vernehmen. Alle Drei blickten halb verwundert, halb entrüstet auf den KobKd, der sich in ihr Gespräch zu nnschcn wagte. „Was weißt Du, Haidclcrchc!" rief der Maurer und lachte gezwungen. «» „Doch, ich weiß es," cntgcgncte das Mädchen keck, „er ist gewiß nicht der Mörder, denn er ist bis die Nacht um 1 Uhr bei seiner Geliebten gewesen." Rose hatte ein neugieriges Weitcrforschcn nach Namen, und wie sie zu dieser Wissenschaft gekommen, erwartet, und schlenkerte sorglos ihre Füße hin und her; statt besten fühlte sie sich Plötzlich von zwei derben Fäusten am Halse gefaßt, und ei» Paar wuthfunkclndc Augen ruhten durchbohrend auf ihr. Es war der Maurer, der ihr mit bebenden Lippen ein „schweig" zudonnerte, und sie vielleicht mit seinen nervigen Fäusten 18 rrwürgt und ihr die Kehle für immer zugeschnürt haben würde, wenn nicht der Weber dazwischen gesprungen wäre. „Bist Du verrücke, was kann das Kind dafür?" rief der Weber. „Laß sie los, sie erstickt ja!" Der Maurer schien sich zu besinnen und gab die Kehle des überraschten Mädchens frei. Jede Andere würde von diesem Plötzlichen wilden Anfall außer Fassung «nd ohnmächtig zusammengebrochen sein; Rose aber sah sich kaum aus den Händen ihres wilden Gegners erlöst, als sie, wie sie es gewöhnt, die Flucht ergreifen wollte. Der Maurer war jedoch schneller als sie, er stürzte rasch auf sie zu und hielt sie fest. — „Hier bleiben, Kobold!" herrschte er ihr zu, „Du wirst kein Wort sagen von dem, was Du weißt — oder!" er machte eine drohende Bewegung. „Laß sie doch, das schadet ja nichts, und der arme Kerl käme wenigstens kos," bemerkte der Weber. Der Maurer warf ihm nur einen halb verächtlichen, halb drohenden Blick zu, und wandte sich wieder an sein armes Opfer. — „Nose, wirst Du .schweigen?" „Ich will es," stotterte das Mädchen. „Nun, es wird auch Dein Glück sein; kommt etwas heraus, so drehe ich Dir den Hals herum!" „Ich werde gewiß nichts sagen," betheuerte das Mädchen eingeschüchtert, und kroch furchtsam hinter die Hölle, während die Freunde sich wieder an den Spieltisch setzten. Nose hatte ein eigenes Unglück mit ihren Mittheilungen, es war fast rüthselhaft und sie grübelte lange darüber nach, beschloß aber, nun doch zu schweigen. Von dem Verlaufe der Untersuchung drangen nur wenige, und noch dazu höchst verworrene Nachrichten in's Dorf. Bald hieß es, Georg habe Alles gestanden, bald, er müsse freigesprochen werden, denn man bekomme aus ihm nichts heraus, und endlich verlor sich daS Interesse an der ganzen dunkeln Geschichte. Nur Marianne horchte mit fieberhafter Spannung auf jedes Wort, das über das Schicksal des Angeklagten verlautete. Sie war seit jenem fürchterlichen Morgen nicht mehr zur Ruhe gekommen, ihre Seele schien sich in den peinlichsten Kämpfen abzuquälen. Sie hatte ja Niemand, dem sie sich vertrauen, den sie um Rath fragen durfte, selbst ihren Vater nicht, und doch lastete es so schwer und vcrhängnißvoll auf ihrer Brust und drängte zu einer Entscheidung. Wie oft halte sie mit einem Bekenntniß aus den Lippen vor ihrem Vater gestanden, aber seine strengen, finsteren Züge bannten jedes Wort. Marianne war eine schwankende, schüchterne Natur, die sich unter den rauhen Händen ihres Vaters wie ein schwaches Rohr beugte. Uud jetzt sollte sie es wagen, eine Mittheilung zu machen, die ihren Vater in die höchste Wuth versetzen mußte? Eigentlich war sie kein echtes Baucrmädchcn, nicht derb und frisch, nicht voll Gesundheit und Leben strotzend, sie war das echte Kind ihrer Mutter, einer zarten, hübschen Städterin, die ihr Vater, vielleicht vvm Gegensatze angezogen, aus Liebe gchcirathet — seinen Eltern zum Trotz. Aber die Ehe war keine glückliche gewesen, und die junge Frau nach wenig Jahren gestorben. Da hatte denn der Bauer Konrad die Erfahrung gemacht, „baß es mit der Liebe nicht weit her, daß das Alles dummes Zeug" und es besonders nicht gut thue — gegen den Willen der Eltern zu heirathen, darum hatte er auch so entschieden bei der Wahl seiner Tochter seinen Willen durchgesetzt, den freilich der Tod, oder vielmehr ein fürchterliches Verbrechen, durchkreuzt. War Georg wirklich der Mörder? Hatte er sich von Haß und Eifersucht so weit hinreißen lassen, seinen Nebenbuhler einen Tag vor der Höchst aus dem Wege zu räumen? Der alte Bauer glaubte es und es brannte tief in seine Seele—die Schmach, baß um seiner Tochter willen ein Mord geschehen; aber kein Laut kam über seine harten, jetzt mehr als je geschlossenen Lippen. Wohl war Marianne inzwischen auch vernommen worden, sie hatte Georgs Unschuld darlegen, so Manches zu seiner Vertheidigung anführen wollen, aber der eigensinnige und gegen Georg auf's Höchste erbitterte Jupizrath hatte sie stets zur Ruhe gewiesen und ihr aus's Strengste befohlen, nur seine kurzen Fragen ohne alle Umschweife zu beantworten. Trost- und rathlos saß sie seitdem daheim, vergeblich sich zu dem Entschlüsse aufraffend, ihrem Vater die Vorgänge jener Nacht zu bekennen, und damit Georgs Unschuld zu beweisen. So waren einige für Marianne quäl- und Pcinvolle Wochen vergangen; da kam eines Tages die Schneiderin Bertha Perry — die Anfertigerin des nutzlosen Hochzeitskleides — aus der Stadt znm Besuch. Sie war, wie immer, recht bescheiden und zu» thunlich, wie es alle Dorf-Schneiderinnen — sie arbeitete meist auf dem Lande — sein müssen, und nachdem sie von allem Möglichen geplaudert, begann sie endlich: „Weißt Du, wie es dem armen Georg geht?" „Nein," entgegnete Marianne hastig, und ihr Auge glühte in Erwartung froherer Nachrichten. „Kommt er los?" „Warte nur, ich muß Dir Alles erzählen," entgegnete die Schneiderin, „aber Du mußt zu Niemand davon sprechen, das ist noch ein Geheimniß." „O, ich wzll gewiß schweigen," bemerkte Marianne eifrig, „ich versprech' Dir's heilig." Die Schneiderin rückte mit ihrem Stuhle ganz dicht an Marianne und begann geheimnißvoll zu flüstern: „Du kennst doch den Herrn Protokollführer, der immer mit dem Gerichtsralh herauskommt?" „Den kleinen Bucklige»? freilich kenne ich ihn!" „Nun, bucklig ist er wohl gerade nicht," entgegnete Bertha Perry empfindlich, „er hat nur vom vielen Sitzen eine hohe Schulter bekommen; das schadet nichts, er ist ein grundgcschcidtcr Mensch — und —" „Aber Du wolltest mir ja von Georg erzählen?" unterbrach sie Marianne unwillig. „Warte nnr, das kommt Alles," fuhr die Nätherin mit Wichtigkeit fort. „Vergangene Woche hatte ich Arbeit in der Stadt — denke Dir — bei einem Land- und Stadt-Gerichts-Canzlci - Assistenten, dorthin kam der Herr Protokollführer — denn das sind gute Freunde — " „Weißt Du wirklich etwas von Georg," unterbrach sie Marianne von Neuem, „so sag' mir'S, aber marl're mich nicht länger; — wüßtest Du, wie mir die Ungeduld am Herzen zehrt." „Ach, Du läßt Dir nichts ordentlich erzählen," entgegnete die Nätherin gekränkt, „ich muß es Dir doch sagen, wie Alles gekommen, wie glücklich ich bin, der Herr —" „Nein, nein! nur von Georg! was geht mich der bucklige Schreiber an." „Doch, Marianne, doch! Denn ohne den Herrn Protokollführer Meyer — meinen Bräutigam — erfährst Du nichts," — dabei blickte die Nätherin triumphirend auf Marianncn's Gesicht, um sich an ihrer grenzenlosen Ucberraschung und Verwunderung über eine solche Nachricht zu weiden. Marianncn's Antlitz aber blieb nach wie vor nur ängstlich gespannt auf die erwarteten Berichte, und deshalb entgegnete sie nur kurz: „So, das ist ja recht hübsch, ich gratukirc — also von dem hast Du's erfahren, wie'S dem Georg geht?" „Ja wohl, er sagt mir Alles," entgegnete die Schneiderin, und sie freute sich jetzt, dem reichen, stolzen Baucrnmädchen, das sich über ihr Glück nicht einmal verwunderte, dafür auch eine recht trübe Nachricht bringen zu können. „O, dem Georg geht's schlecht, er sitzt jetzt im finstersten Loch und ist schon gepeitscht worden." . ' Das junge Mädchen sprang wie von einer Natter gestochen auk und rang die Hände: „Gepeitscht! o, er ist unschuldig, sie müssen ihn loslassen," jarsi','„erte sie. „Ja, das hilft ihm nichts," entgegnete die Nähtcrin, „der Henx Protokollführer, mein Bräutigam, hat mir's gesagt, so lange er nicht gesteht, wo er Abend gewesen', so lange kommt er nicht loS, es sind zu viele „Windezichen" — sie meinte Jndicicn_ wie mein — " 20 „Und er hat eS nicht gesagt," unterbrach sie Marianne, „der Unselige!" „Eher will er sich die Zunge auSreißcn lasten, hat er entgegnct." „Dann muß ich es thun!" — rief Marianne und ihr Auge glühte, es schien ei» anderer Geist über das schwache, haltlose Mädchen zu kommen. „Gehst Du wieder in die Stadt?" fragte sie die Nahteriu hastig. „Warum?" fragte diese. „Ich muß hin, der Georg ist unschuldig, und, o Gott, sie haben ihn gepeitscht!" „Du willst doch nicht jetzt gleich fort?" warf die Nähtcrin ein, „Nachmittag ist der Justizralh nicht zu sprechen, das hat mir mein Bräutigam gesagt." „Ich muß ihn sprechen; Georg darf keine Stunde lang mehr im Gefängniß sitzen und sich peitschen lasten!" „Wende Dich nur zuerst an meinen Bräutigam," begann die Nähterin wieder, „er wohnt" — aber Marianne hörte sie nicht, sie war schon im Anziehen ihres Sonntagsstaates begriffen und suchte hastig in ihren Kästen und Schränken. „Adjes," sagte die Schneiderin gekränkt, „gute Verrichtung," und kopfschüttelnd ging sie von bannen. Marianne war in wenig Minuten fertig angekleidet, denn nur ein Gedanke füllte ihr ganzes Herz: fort in die Stadt, den Geliebten zu retten. Schon hatte sie den Fuß auf der Thürschwcllc, da trat ihr Vater herein. „Wo willst Du hin?" fragte er in seinem gewohnten, ernsten und barschen Tone. Marianne crschrack; sie fühlte Plötzlich wieder die feindliche Macht, die sich ihrem Bekenntniß drohend gegenübergestellt und es ihr unmöglich gemacht, ein einzig Wort zur Rettung ihres Geliebten zu sagen. Aber nur einen Augenblick überwältigte sie die alte Schwäche, nur einen Augenblick stockte ihr das Wort auf der Lippe, im nächsten schon erwachte von Neuem der Gedanke an Gcorg's Rettung, da galk's nicht länger, zu zagen und zu schwanken, die Liebe war größer als die Furcht und sie entgegnete, wenn auch leise, doch fest und ruhig: „Vater, ich darf nicht länger schweigen, sie peitschen Georg und er ist unschuldig, ich allein weiß es, er kann den Müller nicht erschlagen haben, denn er war in jener Nacht bei mir in meiner Kammer!" Der sonst so ruhige, eicheufcste Bauer, der selbst die Nachricht von dem Morde seines Schwiegersohnes ruhig hingenommen, Prallte bei den Worten seiner Tochter eine» Schritt zurück, seine finstern, buschigen Augenbrauen zogen sich noch drohender zusammen, er ballte die Fäuste und wollte einen Fluch ausftoßcn, Plötzlich schien er sich zu besinnen, ein heiseres Lachen drang aus der wie zugeschnürten Kehle, und er stieß hastig hervor: „Marianne, Du lügst. Du willst ihn nur frei machen," und doch schwirrten ihm schon die verworrenen Reden „der kleinen Rose" durch den Kopf. „Nein, ich lüge nicht, es ist die Wahrheit, laß mich nun gehen und Alles sagen," und sie wollte an ihrem Vater vorbei und zur Thür hinaus. „Du bleibst!" herrschte ihr der Bauer zu, „Du willst Deine Schande in die Stadt und aus's Gericht tragen, das soll nicht geschehen." „Ich muß es," sagte die Tochter mit jener Entschlossenheit, die sich gerade schwächlicher Charaktere, wenn sie einmal aufgestachelt werden, am meisten bemächtigt. — Der Bauer blickte verwundert auf fein Kind, das zum ersten Male seinen eigenen Willen zeigte; aber er war nicht der Mann, der sich über diese Regung von Selbstständigkeit gefreut, er hielt es für Trotz, den er zu beugen habe und entgegnete, immer zorniger werdend: „Ku bleibst zu Hause, oder —" „Ich ka»n''.nicht, Vater! Der Georg mag es nicht bekennen, wo er gewesen, und sie peitschen ihn." ^ „Mögen sie On lieber Peitschen, den Naseweis, als Deine Schande erfahren, ich hab' überall auf Zurrst und Ordnung gesehen, ich hab' mich Deiner Bravheit gerühmt, und nun willst Du 4mch Zum Gespött des Dorfes machen, Marianne!" fuhr der Bauer weicher werdend, fe^rt — er hatte seit langer Zeit nicht so viel gesprochen — „ich will 21 Dir den Fehl verzeihen, denn Du bist mein einzig Kind, aber Dn mußt darüber schweigen, Du darfst nicht diese Schande über meine grauen Haare bringen." „Es ist keine Schande, er kam in allen Ehren zu mir und Batcr, denk', der Georg hat geschwiegen unter den größten Qualen, und ich sollte schlechter sein wie er, nicht sprechen, selbst wenn es mir eben so viel Schmerzen kostet, als sein Schweigen." „Pah, wenn er es auch gesagt, wer hätt' es ihm geglaubt und was könnl's ihm auch nutzen, er kommt doch nicht los; Marianne, sei vernünftig und bring' mich nicht zum Acnßcrstcn." Die ohnehin harten Züge des Bauers nahmen den alten, finstern Ausdruck an, „Nein, ich kann nicht schweigen, sei barmherzig und laß mich fort," und Marianne wollte bittend seine Knie umfassen. „Fort!" wiederholte höhnisch der Bauer und stieß sie zurück. „Gut, aber komm' nie wieder; wenn Du das bekennst, darfst Du nicht mehr über meine Schwelle; nun geh', wenn Du noch Lust hast." Marianne wollte sprechen. „Kein Wort!" rief der Alte nnt zitternder Stimme und entfernte sich mit einer drohenden Gebcrde, die an dem Ernst seiner Worte keinen Zweifel zu lassen schien. Marianne streckte flehend die Hände gegen ihren sich entfernenden Vater aus und sank dann wie gebrochen zusammen. So lag sie eine Weile in tiefster Verzweiflung am Boden, die heißesten Kämpfe zwischen Kindespflicht und Liebe in ihrer Seele durchmachend. Plötzlich raffte sie sich wieder auf, ihr Auge erhielt einen höheren Glanz, das Opfer war gebracht, es gab ja keine Wahl, und festen FußcS schritt sie hinaus. IN. Der Justizrath schlürfte eben seinen Nachmittagskaffee, als Marianne noch in fieberhafter Aufregung und auf die abweisende Bedienung nicht achtend, zu ihm hereingestürzt kam. Der Justizrath, von dieser Keckheit überrascht, blickte verwundert aus das junge Mädchen, dann wollte er auffahren und poltern, aber von seiner alten Schwäche gegen das weibliche Geschlecht übermannt, fragte er beinahe heiter: „Mädchen, was willst Du? Hast Du's gar so eilig?" „Ja, Herr GcrichtSrath, lasten Sie ihn frei, er ist unschuldig!" „Wer ist unschuldig?" fragte der Alte ziemlich gelassen und nahm behaglich einen Zug aus seiner Tasse. „Der Georg — Der Bcrmste!" „Was? dieser Hallunke unschuldig?" fuhr plötzlich der Justizrath auf, und setzte die Tasse so heftig hin, daß sie in Scherben zerbrach; „dieser Räuber und Mörder," fuhr er, erbittert über den Verlust der Taste fort, „der den Tod zehnmal verdient; — Mädchen, was schwatzt Du da!" „O, Herr Justizrath, das ist Alles nicht wahr, Georg ist unschuldig." „Er soll aus's Rad, der Schurke, er hat mich —" der Justizrath hielt augenblicklich innc, um nicht die Schande zu bekennen, daß er von einem Verbrecher so gröblich insultirt worden und spielte verlegen mit den Trümmern seiner Taste. „Er ist dennoch unschuldig; ich allein weiß davon" Sie stockte, eine Flammcn- röthe schlug in ihr Antlitz, jetzt erst fühlte sie, wie tief ihr weibliches Gefühl durch ein öffentliches Bekenntniß verletzt werden sollte, das einen falschen Schein auf sie werfen mußte. „Nun, was weißt Du denn?" fragte der Justizrath scharf, „nichts weißt Du, geh' nur, Kind, Du kannst »och nicht ordentlich lügen." „Ich lüge nicht, ich will die Wahrheit sagen, mag sie noch so viel Schimpf und Schande auf mich bringen, der Georg kann den Mord nicht begangen haben, denn —" diese letzten Worte stieß sie hastig heraus, „er war in jener Nacht bei mir." „So?! und das fällt Dir jetzt erst ein, liebes Kind," entgcgnete der Justizrath ironisch, „davon hast Du bei Deinem ersten Verhör nichts gewußt; — ei, seht einmal die Unschuld." 22 »Ich durfte ja nichts sagen, ich mußte nur auf die Fragen antworten und —* »Du schämtest Dich," umcrbrach sie der Gcrichtsrath, „ja, ja, eine Nacht vor der Hochzeit, das wäre! — aber das traut Dir Niemand zu, das ist nicht wahr." »Ich bin nicht schlecht, wenn's auch so scheint," cntgcgncte Marianne; „ich mußte den Georg noch einmal sprechen, weil er immer so heftige Reden geführt und so verzweifelt gewesen, und ich hab' ihn so lange gebeten, bis er sich drein gefunden und ruhig fortgegangen; um 1 Uhr war er noch bei mir, wie sollt' er da den Müller ermordet haben?" „Siehst Du, Mädchen, Dein eigenes Zeugniß spricht gegen den Kerl, Du hast auch gefürchtet, daß er Deinen Bräutigam hat ermorden wollen!" und die grauen Augen des Justizraths ruhten stechend auf Mariannen. „Ja — nein," cntgegnete Marianne unsicher, „die Leute haben freilich seine Worte so gewendet und gedreht, er hat gewiß nicht gedacht, die Hand an meinen Bräutigam zu legen, aber an sich selbst; ich wollt' nicht, daß er um meinetwillen in den Tod ging und deßhalb hab' ich in jener Nacht mit ihm gesprochen." „Deßhalb? So, so!" erwiderte der Justizrath. „Kind, man merkt die Absicht und wird — doch das verstehst Du nicht Selbst das Alles für wahr genommen," fuhr er fort, „sag' mir, wie kam das Halstuch des Georg in die Kammer des Erschlagenen? Ei, siehst Du, Du bist gefangen." Marianne sann einen Augenblick nach, dann leuchteten ihre Augen freudig auf. — »Jetzt fällt es mir ein; nicht wahr, es ist ein roth-seidenes?" „Ja wohl!" „Der Georg hatte es vergessen, als er das letztemal uns besucht, mein Bräutigam fand es, er kannte das Tuch, und weil er sah, daß es mir so lieb war, nahm er's mir weg, das waren zwei Tage vor der Hochzeit." „Dummes Zeug!" lachte der Justizrath, „mein liebes Kind^ ich sehe. Du hast den besten Willen, aber den Georg lügst Du nicht mehr vom Galgen los." „Es ist die Wahrheit, ich will darauf den heiligsten Eid leisten," — cntgcgncte Marianne erregt. „Still, still! Du meinst es gut mit den, schlechten Kerl, Du schlägst sogar Deinen guten Ruf in Scherben" — er sah auf das Tablett, die zerbrochene Taste brachte ihm dies Bild — „aber Du bist doch nicht glaubwürdig." „O, Sie mästen mir glauben, Georg ist unschuldig, so wahr —" »Versündige Dich nicht," unterbrach sie der Justizrath. „Doch, nun lassen wir die Allotria, komm' morgen in das Audienz-Zimmer, da werde ich Dich amtlich vernehmen, doch nur pro inlormationo," und mit einer herrischen Handbcwcgung befahl er Mariannen, sich zurückzuziehen. Da stand sie nun draußen auf der Schwelle, rath- und hilflos, wie eine Träumende, sie hatte geglaubt mit diesem einzigen Worte, das ihr ja Viel, so unendlich Viel gekostet, die Fesseln Georg's augenblicklich sprengen zu können, und jetzt glaubte man ihr nicht einmal, jetzt verwies man sie auf morgen. Zurück in das Dorf zu ihrem Vater konnte sie nicht, wenigstens heut' nicht, und nach langem, rathlosen Hin- und Herschwanken suchte sie endlich Bertha Perry, die Nähtcrin, auf, die sie mit eitler Selbstgefälligkeit bereitwilligst in ihr kleines Stäbchen aufnahm. Am andern Tage wurde Marianne vernommen; aber die ganze Aussage wußte der Justizrath so zu fasten, daß sie für Georg völlig einflußlos blieb, um so mehr, als der Erstere von ihrer eidlichen Vernehmung Abstand nahm. Der Justizrath mußte aus Mariannens ganzem Wesen und Benehmen die Ueberzeugung schöpfen, daß sie Georg um jeden Preis retten und seine Unschuld mit Hingabe der ihren erkaufen wolle. Bor Gericht hatte Mariannens Aussage keinen Glauben gefunden, dafür in ihrem 23 Heimathdorfe um so mehr; ihr Ruf war für immer befleckt, und geschäftige Zungen gern bereit, ihn noch tiefer in den Koth zu treten. Mariannens Vater war außer sich; er hatte noch immer gehofft, seine Tochter würde nicht einen solchen Wahnsinn begehen, und jetzt hatte sie es doch gethan, und den größten Schimpf über sich und ihn gebracht. Er fühlte sich davon tief niedergedrückt, aber noch mehr davon, daß Marianne nicht mehr zu ihm zurückkehrte. Mit seiner Drohung war es ihm doch nicht Ernst gewesen, er halte damit nur einen letzten Trumpf ausspielen wollen, um Mariannens Vorhaben unmöglich zu machen. Jetzt hatte Marianne, getäuscht von der sonstigen Entschiedenheit und Festigkeit des Vaters, diese immerhin nur leere Drohung für volle Wahrheit genommen und damit dem Allen eine tiefe Wunde geschlagen. (Fortsetzung folgt.) M i s e e l l e n. * Charles Dickens Wochen - Magazin „^11 t I> e V e a r k o u n ck^ enthält interessante Angaben über „hohe Preise," die in alten Zeiten für Bücher und Musikalien gezahlt wurden. Ein Exemplar des Romans „lm liose" von Guillaum de Morris, das der Herzog von Hereford (später Heinrich lV.) seiner Gemahlin Mary Bohun schenkte, kostete 400 goldene Kronen, nach heutigem Gelde etwa 700 L. - Sterl. Das Gebetbuch, welches Karl VI. von Frankreich der Herzogin von Burgund im Zahr 14 t2 verehrte, kostete 600 goldene Kronen, und die e Summe mußte aus Befehl des Königs die Vice - Grasschaft Bayeux ausbringen. Zn 1430 bei der Krönung Hei rieh VI. von England als König von Frankreich in der Notre-Dame-Kirche zu Paris, überreichte eine Deputation Pariser Bürger dem Regenten Bedford drei Werke über Nilterwesen, und dem jungen Monarchen fünf. Der Werth dieser 8 Bände zusammen genommen wurde auf 2400 Kronen geschätzt, und es heißt, daß der Herzog von Bedford, einst in Geld- Verlegenheit gerathen, dieselben für etwa ein Drittel obiger Summe verkauft hat. Eine Musikalien-Rolle, welche 1441 für die St. Stcphans-Kirche zu Caen angekauft wurde. Verursachte eine Ausgabe von 22 Sols (Silberpcnce) — „der Werth von 10 Scheffeln Weizen." Als im Jahre 1426 der Bischof von Poiticrs, Simon de Gramand, dein -Jakobiner-Kloster zu Poiticrs ein zweibändiges lateinisch-französisches Wörterbuch verehrte, wurde im OrdcnSrathe feierlich beschlossen, „als Zeichen der Dankbarkeit für ein so prächtiges Geschenk täglich „nck-porpnluilutnm" Gebete für den Bischof zu recitircn und nach seinem Tode am ersten Sonntag eines jeden Monats in der Kloster-Kirche Messen für die Seelenruhe des Verstorbenen zu lesen." (Wer hat Nager Williams verspeist?) Stcelc erzählt in seinen „14 Wochen in der Chemie" folgenden haarsträubenden Prozeß aus der organischen Chemie, der uns so recht an die Vergänglichkeit alles Irdischen erinnert und von dein ewigen Kreislauf des Stoffes eine schmackhafte Probe gibt: Um dem Gründer des Staates Nhode-Island, Rogcr Williams, ein Paffendes Monument zu errichten, wurde die Familiengruft nach seiner und seiner Gattin Reiche, resp Skelett durchsucht; doch war absolut Nichts zu finden, als die verrosteten Nägcl und Sargbcschlüge in dem einen, und ein Stück Haarflechte im andern Grabe. Die Außcnlinien der Sarge konnte man an einem stark kohlenstoffhaltigen Niederschlage erkennen. — In der Nähe der Gräber aber stand ein Apselbaum, dessen beide Hauptwurzcln mitten in die Ruhe der Todten hinabgestiegen waren. Die größere derselben hatte sich genau an dem Platze durchgearbeitet, wo Rogcr Williams Schädel einst lag, und zeigte eine Krümmung, als ob sie sich erst um denselben hcrumgcschlängclt hätte und dann der Wirbelsäule gefolgt märe bis an die Hüflknochcn. — Beim Ansätze des Kreuzbeins theilte sich die Wurzel, und beide 24 Enden liefen an den Beinknochen bis an die Ferse fort, von wo sie sich aufwärts wandten mit der Lage der Fuße; eine dieser Wurzeln bildete da, wo das Knie hätte sein sollen, eine leichte Krümmung, so daß die Form eine tauschende Aehnlichkeit mit einem menschlichen Gerippe annahm. — Da waren die Gräber; aber die Bewohner derselben waren verschwunden bis auf den kleinsten Knochen; da stand auch der Leichenräuber, der schuldige Apfclbaum, auf frischer That ertappt. Die Beweise waren unumstößlich; die organischen Substanzen, Fleisch und Bein von Roger Williams und Gattin waren in den Apfclbaum übergegangen. Die Elemente waren durch die Wurzel aufgesogen, in Holzfasern verwandelt und zur lachenden Frucht umgcschaffcn worden. Nager Williams kann als duftende Blüthe die Vorübergehenden entzücken, als saftiger Apfel den Gaumen erfreuen, als geschnitzter Pagode auf dem Kaminsims stehen oder als Prasselnder Holzklotz angenehme Wärme verbreiten. — Daher die nicht unberechtigte Frage: Wer hat Noger Williams verspeist? (Aus der „Amerikanischen Post" von Degen in New - Merk.) (8tro prst 8lcr8 !crk.) Die Czcchcn Pflegen gewöhnlich um die Schwierigkeit ihrer Sprache und die Gelenkigkeit ihrer Zunge zu veranschaulichen, den vorstehenden Satz zu citircn und alle Nichtczcchcn herauszufordern, denselben richtig ausznsprcchcn, wenn sie es vermögen. Eine gleiche Schwierigkeit halte der StaatSanwalt und Vertheidiger in einer Gerichts-Verhandlung in Wien, wo ein gewisser Herr Prccirmrz sich als Beschädigter im Gcrichtssaalc befand, dessen schwieriger Name von den Mitgliedern des Richter-Eollcgiums trotz aller Mühe nicht richtig ausgesprochen werden konnte. Natürlich gab's im Publikum jedesmal Gelächter, so oft dieser Name Prccirmrz und stets wieder unrichtig genannt wurde. Dies war besonders bei der VcrthcidigungSrcde der Fall. — Einigcmale wiederholte sich dies, da faßte endlich der gcängsligte Redner seinen Entschluß. „Herr Präsident," rief er in tragi-komischem Tone, „seit vier Stunden wende ich alle meine Kraft daran, den Namen dieses Zeugen auszusprcchcn; ich habe mich nun überzeugt, cS ist unmöglich, und bitte den Gerichtshof, wenn ich von „diesem Zeugen" spreche, darunter — diesen Zeugen zu verstehen." Nochmals brach ein Lachsturm im Publikum aus, aber es war zum Letztenmale, das Mittel hatte Erfolg, — der Redner konnte nunmehr seine Rede ungestört beenden. (Das Sprichwort: „Er ist auf den Hund gekommen.") Der im 30jährigen Kriege so berühmte Graf von Wallenstcin soll zur Entstehung dieser sprichwörtlichen Redensart die Veranlassung gegeben haben. Er studirtc auf dkr ehemaligen Universität Altdorf (bei Erlangen), und nahm an den lustigen Streichen der Studenten thätigen Antheil. Gerade um diese Zeit wurde ein anderes Gefängniß (Carcer) erbaut. Der damalige Rcctor der Universität wünschte, daß es lange unbesetzt bleiben möchte — und machte daher bekannt, daß das Gefängniß nach Demjenigen benannt werden sollte, welcher zuerst als Gefangener dahin kommen würde. Das Gefühl der Schande sollte also von solcher Strafwürdigkcit abhalten. Aber der Erste, dem endlich doch nach längerer Zeit die Carcerstrafc zuerkannt wurde, war Wallenstein. Dieser wußte indessen Rath, seinen Namen nicht zu brandmarken. Er nahm nämlich, als er eingesperrt werden sollte, einen Hund mit sich — und schob diesen vor sich zur Thüre hinein. Man lachte über diesen Einfall- und der Carcer hieß von nun an „der Hund." — „Auf den Hund kommen" — hieß ursprünglich so viel, als „in den Carcer kommen." In der Folge brauchte man die Redensart in einer ausgedehnten Bedeutung, und bezeichnete damit so viel, als „in schlechte Umstände gerathen." Bei den Studenten ist dieses eine gewöhnliche Redensart, wenn sie sich in Geldverlegenheit befinden. Dr»«, Brrls» »»d Sitdalti»» Ix« U1ch,n InMlot« «ou v>. W. Huttt» Nnk,. 4. 24. Januar 1869. Greis' niemals in ein Wespennest, Doch wenn du greifst, so greife fest. Gerächt und gerichtet. (Fortsetzung.) Der schlcsische Bauer ist nicht eine solch' harte, unbeugsame Eichcnnatur, er gibt sich gern das Ansehen einer gewissen Gesctzhcit und Würde, er wird sich selbst gegen Eltern und Geschwister keine Aeußerung der Zärtlichkeit zu Schulden kommen lasten; aber unter dieser rauhen Hülle verbirgt sich ein weicher, oft nur zu biegsamer Charakter, wie er allen Schlcsicrn eigen ist; auch der alte Konrad war lange nicht der harte, unbeugsame Mann, als es den Anschein hatte. So lange Niemand wagte, sich ihm entgegenzustellen, konnte er wohl als cichenfestcr Charakter gelten, den. Jeder aus dem Wege zu gehen habe; wer ihm entschieden Trotz geboten, dem hätte seine nur äußerliche Härte nicht Stand gehalten. So war es ein Unglück, daß gerade die scheue und schüchterne Bertha Perry sich als Vermittlerin aufgeworfen und hinausgegangen war, den Vater ruhiger zu stimmen und eine Versöhnung anzubahnen. Hätte ihn Jemand mit Vorwürfen überhäuft, ihm kräftig zu Gemüthe geführt, wie schlecht und unrecht er an seiner Tochter handle, er würde eingestanden haben, daß es nicht so böse gemeint gewesen; das furchtsame, ängstliche Benehmen der Nähterin dagegen forderte seinen alten Trotz heraus, und je mehr diese bat und vorstellte, je unerbittlicher wurde der Alte, je weniger wollte er noch von seiner Tochter wissen. „Fort mit Euch Allen!" rief er hastig, sich selbst in immer größere Erbitterung hineinredend, und erst, als die Nähterin fort, da brach der ganze Vaterschmrrz über ihn herein, da war er der alte schwache Mann, der unter thränenden Augen die Hände nach seiner einzigen Tochter ausstreckte. Es war zu spät; er wußte es selbst nicht, wie es gekommen, daß er statt dem einzigen, freudigen: „Freilich soll sie wiederkehren," nur heftige Worte auf den Lippen gehabt und dieser wie von selbst entstehende Widerspruch seines weichen Herzens mit seinem äußern harten Benehmen quälte und beunruhigte ihn immer mehr. Jeden Markttag fuhr er jetzt in die Stadt, ganz gegen seine Gewohnheit; es gab immer etwas zu erkaufen, und doch trieb ihn, obwohl er sich's selbst nicht eingestand, nur die Hoffnung, seiner Tochter einmal zu begegnen, vielleicht fuhr sie dann mit ihm zurück, und Alles war wieder gut. Er traf sie nie, denn die Aermste war unermüdlich thätig, ihren Unterhalt zu verdienen. Einmal sogar stieg er schon die erste Treppe zu ihrer'Wohnung hinauf; aber auf dem Flur machte er Halt, und nach echter Bauernart begann er jetzt erst zu überlegen, sollte er als Vorwand Obst zum Kauf anbieten, oder Kartoffeln- Er trottete noch nachdenklich auf dem Hausflur hin und her, da öffnete sich schon eine Thür, eine alte Frau kam heraus und schlug Lärm: „Was will Er hier? wohl gar stehlen — ach, was kaufen! Mach' Er nur, daß Er hinuntcrkommt," und der Bauer war wieder auf der Straße, er wußte nicht wie. Seitdem gab er es auf, seine Tochter zu suchen; er vergrübclte sich nur immer mehr in düstere Schweigsamkeit. 26 Georg schmachtete inzwischen noch immer in härtester Gefangenschaft. Der Justiz. Rath führte die Untersuchung gegen ihn mit solcher Gehässigkeit, daß an feine Freisprechung nicht zu denken war. Zwar blieb das Finden der Leiche auf offenem Felde immer räthsclhaft, ja es war fast unmöglich, daß ein Einziger den starken Müller sollte überfallen und ermordet haben. Und wie wenig sprach eigentlich für die Annahme, daß Georg der Mörder sei. Die Aussagen seiner Freunde, die seinen Worten einen andern Sinn untergelegt, seine Abwesenheit, das Finden des Tuches! — Aber hatte das nicht Marianne aufgeklärt? Und war nicht selbst diese Angabe in Betreff des Tuches so einfach und natürlich? Konnte das junge Mädchen augenblicklich eine solche geschickte Lüge ersinnen? Nach dem Allen fragte der erbitterte Justizrath nicht; Georg war in seinen Augen ein wilder, leidenschaftlicher Bursche, der, von Eifersucht getrieben, des größten Verbrechens fähig. Vielleicht hatte der Mörder seine Complicen; es mußte sogar angenommen werden, und diese aus dem Jnkulpaten herauszuinquiriren, darin bestand jetzt die Kunst des alten Kriminal-Richters, darauf hin ließ er dem armen Menschen die härteste, qualvollste Behandlung angedcihcn, selbst auf die Gefahr hin, den UntersuchungsZwang auf die schnödeste Weise zu mißbrauchen. Georg mußte Tage lang im Finstern sitzen, hungern und dursten, dann, so abgemattet, wurde er in das Gerichtszimmer geschleppt, mit Verhören gequält, bis er in ohnmächtiger Wuth zusammenbrach. Eine solch' harte Zeit mußte verheerend auf den armen Georg einwirken; der einst so heitere, lebenslustige Bursche war der Verzweiflung nahe, und starrte jetzt den ganzen Tag finster und brütend zu Boden. Er konnte sich nicht glücklich fühlen in dem Bewußtsein seiner Unschuld, nur Haß und Rache kochten und schäumten in seiner Brust. Alle finstern Anklagen gegen sein hartes Geschick, all' sein Rechten und Hadern mit der Gottheit, die ihn verlosten zu haben schien, ballten sich in dem einen Gedanken,, des Hasses gegen seinen Richter, zusammen. Ihm hatte er Alles zu verdanken, ihm seine Qualen, seine Martern, und darum lechzte er nur nach Freiheit, darum bat er Gott auf den Knieen, seine Unschuld an den Tag treten zu lasten, um seinen Peinigern heimzuzahlen, und sein halb crstorbencs Herz jauchzte bei diesem Gedanken wild und freudig auf. Marianne hatte ihm durch Vermittelung des Bräutigams ihrer Freundin jenes kleine Büchclchcn zugespielt, aus dem sie noch am Hochzeitsmorgen Trost geschöpft, die Schriften des Wandsbeckcr Bote»; sie hoffte, daß auch ihr Geliebter darin Frieden und Ruhe finden würde; aber wie sehr hatte sie sich getäuscht! Aus demselben Boden zieht die eine Pflanze heilende Säfte, die andere tödiendes Gift — Georg las nicht, wenn ihm sein Fenster geöffnet wurde, jene Lieder voll Frieden und Gottvcrtraucn, er fand andere Stellen darin, die mit dem finstern Gedanken seiner Brust wunderbar harmonirten. Dort in dem Briefe an Andreas stand es klar und deutlich: „Das Herz hat auch seine Rechte und läßt nicht mit sich spielen, wie mit einem Vogel. Ueberhaupt ist es nicht Unrecht Auge um Auge, Zahn um Zahn." Hundertmal ruhten seine Augen auf dieser Stelle, sie schlug er immer von Neuem wieder auf, sie allein grub sich mit glühenden Lettern in seine Brust. Und dann: „Schilt mir den Mann nicht, der für Recht und Billigkeit stehen bleibt und die Hand an's Schwert legt. Etwas von dem Drei-Männer-Trotz, der sich auf nichts in der Welt, als auf sich selbst und seine gute Sache stützt, und doch vor der Gewalt und Menge sich nicht beugen will, ist nicht so übel." Wenn er dies las, dann fühlte er wieder neue Kräfte über sich kommen; auch er wollte der Gewalt nicht weichen, und sollte er darüber zu Grunde gehen. Dann glühte sein Auge, dann wogte seine Brust; aber bald mahnte ihn sein entkräfteter Körper, daß selbst diese Aufwallung der Seele zu viel, und er sank nach solchen Aufregungen um so erschöpfter auf sein Lager. Wochen, Monate vergingen über dieser Untersuchung, beinah' war ein Jahr herangerückt, und diese lange qualvolle Haft hatte nicht allein Georgs Körper untergraben, sondern auch seine Seele entkräftet und zerdrückt. Er hoffte nicht länger auf Befreiung, 27 er betete nicht mehr zu Gott und glaubte sich von ihm verlassen, und damit war seine letzte Widerstandskraft dahin; im bittern Gefühl seines unabwendbaren düstern Schicksals bekannte er sich im nächsten Verhör für schuldig. Der alte Justizrath sprang freudig in die Höhe und rief mit unheimlich funkelnde« Augen: „Hab' ich Dich mürbe gekriegt. Du Wetterkcrl! Ja, daS hat Arbeit gemacht! Du bekennst Dich also zum Mörder des Müllers?"' „Ja, ich bin mürbe geworden," entgegnete Georg mit mattem Lächeln, „ich sehne mich danach, den Kopf auf den Block zu legen, damit ich doch weiß, daß ein Teufel die Welt regiert, der sich an unseren Qualen ergötzt." „Schwatze nicht solche Blasphemien," bemerkte der Justizrath freundlich, der die gute Stimmung seines Jnkulpaten nicht vorübergehen lassen wollte. „Weißt Du auch, was Du sagst? Daß hier kein Widerruf mehr gilt? Du bekennst Dich schuldig?" „Ich bekenne mich schuldig," war die tonlose Antwort. „Du erklärst zu Protokoll, daß Du der Mörder des Müllers?" „Nein, das bin ich nicht," entgegnete Georg mit wieder erhobener Stimme. „Mensch, Du bleibst der abgefeimteste Schurke, der je vor Gericht erschienen! Haft Du dies nicht erst bekannt?" brauste der Justizrath auf. „Ich bekenne mich schuldig, weil ich —" „Willst Du mich verrückt machen?" unterbrach ihn der Justizrath. „Du hast Dich zum Morde bekannt und mußt noch gestehen, wie Du ihn vollführt!" „Muß ich das auch noch?" fragte Georg bitter. „Sei vernünftig," redete der Justizrath zu, „mache ein offenes Geständniß; eS ist ja doch nun Alles vorbei." „Ja wohl, es ist Alles vorbei; aber was soll ich denn bekennen?" „Wie Du das Ganze eingefädelt. Du hast ihn gerufen, ihn herausgelockt — aber wie? Nur heraus mit der Sprache! Nicht wahr? Du riefst: Diebe! Mörder!" „Ich rief so." „Und als der Müller erschrocken hinausstürzte, stelltest Du Dich hinter die Thür, «in einziger Schlag mit dem Beile, der nichtswürdige Nebenbuhler war todt. — Ist'« nicht so?" „Es ist so." „Und wo ließest Du das Beil? — Daß man Dir auch Alles abfragen muß? — Warfst Du es in's Wasser?" „Ja wohl." Der Justizrath rieb sich vergnügt die Hände; die ihm schon längst lästige Untersuchung war nun doch glücklich beendigt; er diktirte seinem Schreiber, dem Herrn Meyer, das Protokoll, in dem er so klar und ausführlich das Bekenntniß und den Thatbestand auseinanderlegte, daß Niemandem ein Zweifel an der Schuld Georg's bleiben konnte. Es erfolgte seine Verurtheilung zum Tode, und da er auf Einlegung eines Rechtsmittels verzichtete, auch die Bestätigung des Urtheils durch den Landesfürsten. „Siehst Du, armer Bursche, was schlugst Du Dich mit zarten Empfindungen herum! Was sagtest Du nicht bald die Wahrheit? Was ist denn an dem Rufe einer Bauerndirne viel gelegen? Bauern dürfen nicht Bücher lesen und ein solch' Gefühlsleben haben; Dir geschieht schon recht. Du bist gerichtet!" IV. In dem Heimathdorfe Georg's jubelte Alles über das endliche Geständniß des Verbrechers, das ja zu dem Schauspiel einer öffentlichen Hinrichtung die Aussicht böt. Nur ein Mann schien von dieser Nachricht tief erschüttert, es war der lustige Weber, der au jenem Morgen vor der Mühle so still gewesci's und seit jener Zeit wie umge- -wandelt schien. Er lachte und scherzte nicht mHr, ein ewiger Trübsinn ruhte über seiner 28 Seele und spann um ihn sein dunkles Wolkennctz. Zuweilen besuchten ihn seine alten Freunde, der Maurer und dessen junger Better; aber ihre Bemühungen, den Weber auf. zuhcitern, schlugen gewöhnlich in das Gegentheil um; ja, so oft sie ihm auch als letztes Trostwort die volle Flasche hinhielten, er wies sie stets mit Abscheu zurück und des Maurers ewiger Refrain war dann: „Du bist ein Waschlappen, ein altes Weib, nun, hätte ich das gewußt!" — Mit der Zeit wurden die Zusammenkünfte dieser Drei immer stürmischer, es kam zum heftigsten Streit, und oft verließen die beiden Freunde unter heftigen Drohungen das Haus des Webers. Die Frau des Letzteren blickte ängstlich auf dieses Treiben, ihr ahnte nichts Gutes, aber sie wagte kein Wort davon zu sprechen, denn selbst die leiseste Berührung der Sache wies ihr Mann mit Heftigkeit zurück. Es war ein trauriges Leben in die Hütte dieser armen Leute eingezogen. Früher hatte der Weber das „Schifflein" mit lustigem Gesang hin- und hcrgeworfcn, jetzt kam kein Ton mehr über seine Lippen, der Arm schien gelähmt und oft nach einigem Hin- und Herziehen ließ er die Hände feiern, stützte den Kopf in seine Rechte und versank in trübes Hinbrütcn, aus dem ihn erst der Ruf seiner Frau wecken mußte. Das arme besorgte Weib hatte wenigstens gehofft, der Zustand ihres Mannes würde sich mit der Zeit ändern und sein angebornes heiteres Temperament die Schwermuth überwinden, statt dessen wurde er mit jedem Tage schwcrmüthigcr und trauriger, und sonderbar, wenn wieder eine Nachricht durch das Dorf lief, daß die Schuld Georg's nun völlig festgestellt, verschlimmerte sich sein Zustand, dann warf er die Arbeit bei Seite, verschloß sich in seine Kammer und weinte wie ein Kind. Er, der früher nichts vom Kirchengehen gehalten, versäumte jetzt keinen Sonntag den Gottesdienst und saß dort in trübsinniger Zerknirschung, ohne aufzublicken. Man wunderte sich im Dorfe allgemein über die seltsame Veränderung des Webers und stellte allerlei Vermuthungen auf, aber sein Freund, der Maurer, erfand darüber die lustigsten Schwanke, um die Gedanken von etwaiger richtiger Fährte abzulenken. Bald sagte er: „Ein Glas Schnaps ist ihm in die unrechte Kehle gekommen," bald: „Er simulirt, wie er das große Loos gewinnen kann," dann wieder: „Er thut so fromm, damit sein Weib auf die alten Tage, wie Sarah, noch einen Jungen kriegt," ein unmäßiges Gelächter folgte stets auf diese Erklärungen, und damit war man für lange Zeit beruhigt. Je einsilbiger und melancholischer der Weber wurde, je öfter erhielt er von dem Maurer und dessen Vetter Besuch. „Aus alter-Freundschaft," meinte der Maurer; wer jedoch die Drei hätte zusammensitzcn sehen, würde schwerlich auf ein freundschaftliches Verhältniß derselben haben schließen können. Der Weber blickte meist schwcrmüthig vor sich hin und blieb allen Ermahnungen seiner Freunde unzugänglich. „Du bist ein Narr," wiederholte gewöhnlich der Maurer, „anstatt Gott zu danken, daß es sich so hübsch getroffen, lamentirst und winselst Du wie ein altes Weib!" „Wie kannst Du von Gott danken reden, das ist Frevel — o, wenn ich an den dort oben denke, der mit uns einst schrecklich in's Gericht gehen wird, dann schaudert mir." Bist Du auch noch so dumm? Wenn die uns hier unten nur nicht kriegen, nimm Dich in Acht, daß Du uns nicht noch Angelegenheiten verursachst." Der Weber suchte dann solchen Drohungen gegenüber sich zusammenzuraffen und seinen Gemüthszustand zu verbergen, er folgte sogar der Aufforderung seiner Freunde und ging mit in's Wirthshaus, lachte und lärmte beim ersten Glase überlustig, als wolle er Alles vergessen, und doch blickte gerade durch diese Lustigkeit die bitterste Verzweiflung hindurch. Als aber vollends die Nachricht von Georg's Geständniß und seiner demnächstigen Derurthcilung in's Dorf drang, stieg der Trübsinn des äöebcrs auf den höchsten Grad. Die Stimme des Gewissens schien dennoch nicht laut genug, alle anderen Bedenken zu übertönen. Da, einige Tage nach der Verurteilung Georg's, kam Rose zu dem Weber gelaufen und traf ihn allein. DA Seelenkämpfe des Letzteren waren ihr nicht entgangen 29 und, verbunden mit den Drohungen des Maurers, hatte das kluge Mädchen die Ueber« zeugung gewonnen, daß der Mörder des Müllers ganz wo anders zu suchen sei, dennoch hatte sie die Furcht vor dem Maurer schweigen lassen, aber sie suchte auf anderem Wege für „an den Taglcgung" von Georg's Unschuld zu wirken. Nose war in neuester Zeit oft zu dem Weber gekommen und hatte ihm in's Gewisien zu reden gesucht, nicht gerade direkt, aber der Weber hatte sich förmlich erleichtert gefühlt. Jemand zu haben, der von einer unbekannten Schuld, die ihn drückte, zu wissen schien. Heute jedoch, wo es die Entscheidung galt, ging Nose in ihrer eigenthümlichen Weise auf ihr Ziel los. Die Liebe für den ihr noch immer theuren Georg verscheuchte die geringe Furcht, die sie noch vor ihrem Vetter hatte. „Ihr müßt ihn retten!" rief sie gleich bei ihrem Eintritt in wilder Aufregung. „Was willst Du? Ich?" fragte der Weber bestürzt, und augenblicklich wissend, was sie wollte. „Ja, Ihr müßt es, denn er ist unschuldig, das wißt Ihr am besten, ja, ja, Ihr müßt ihn frei machen," wiederholte Nose und sprang in gewohnter Weise wie ein Kobold vor ihm herum. „Ich weiß nicht, Rose," eutgegnete der Weber stockend. „O, thut es, macht Euch selbst frei" — sie hielt mit Tanzen innc, sprang auf einen Stuhl und, ihn mit ihren unruhig funkelnden Augen tief und lange ansehend, als könne sie in seinem Herzen lesen, fügte sie, den Arm nach dem Fenster ausstreckend, hinzu: „Die Sonne bringt es an den Tag!" (Fortsetzung folgt.) Die Vögelcin au die Menschen. Der Schnee liegt tief — kein Futter mehr! Nun kommen wir zu Euch — Wir sind an Trost und Hoffnung leer, An Liedern sind wir reich! Wir armen, armen Vögelein, Wir bitten Euch um Brod, Und sollt' eS nur ein Krümchen sein — Wie groß wird's in der Noth! Wir armen, armen Vögelcin, Wir waren reich vordem — Ach, wenn nach Lenzessonnenschcin Doch nicht der Winter käm'! Euch Menschen geht's wohl ebenso! O daß in Winterszeit Nicht Eure Jugend lieb und froh Dereinst wird zugeschneit! Ihr Kindlcin, spart den Bissen Brod, Spart ihn für uns und Euch, Er thut so wohl uns in der Noth, Er macht den Armen reich. Streut uns vor Euer Fcnsterlcin, Was Euch in Fülle blüht — Bald wird es wieder Frühling sein. Dann dankt Euch unser Lied! 30 Bon den Mormonen. * Da diese sonderbaren Heiligen der jüngsten Tage und ihre Vielweiberei unausgesetzt «in Gegenstand der Neugierde und die Zielscheibe des Witzes in den Journalen sind, so ist es nicht ohne Interesse, in dieser Beziehung das Urtheil einer Frau zu hören, welche längere Zeit unter den Mormonen zugebracht hat. Es ist dies Madame d'Audonard, welche gegenwärtig in New-N°rk Vortrüge hält und in einem derselbe» dieses Thema wählte. Ein Theil desselben ist in Folgendem enthalten. Frau Audonard kam nach Utah mit der Vorstellung, daß die Mormonen allzusammen roh und unwissend, — die Salzseestadt ein elendes, kleines Dorf, die Mormonen-Frauen arme Mädchen ohne Erziehung, mit List oder Gewalt in den Banden des Mormonismus festgehalten und sehr unglücklich über ihr Loos wären. Statt dessen fand sie eine Stadt von 40,000 Einwohnern, wundervoll gelegen, — gegen Norden geschützt durch eine prachtvolle Kette der Felsengebirge, mit dem Spring-See zu ihren Füßen und der Aussicht auf den großen Salz - See in einer Entfernung von zwanzig Meilen. Die Straßen dieser Stadt sind breit, von schönen Bäumen beschattet, und klares, durchsichtiges Wasser fließt in kleinen Bächen durch dieselben. Sie fand dort ein prächtiges, viertausend Personen fassendes Theater, mit einer vortrefflichen Gesellschaft von Schauspielern, sämmtlich Mormonen. — Sie bewunderte die kolossalen Dimensionen eines Tempels, in welchem zwölftausend Personen leicht Platz finden konnten. Sie fand große Läden mit allen Erzeugnissen Europas. Kurz, wo sie Barbarei erwartet hatte, fand sie einen hohen Grad von Civilisation. Brigham T°ung hatte sie sich entweder als eine Art begeisterten Wahnsinnigen unter dem Einfluß religiöser Halucinationcn oder als einen ehrgeizigen geistlichen Despoten vorgestellt. Sie fand statt dessen einen Weltmann, einfach, natürlich und freundlich, Per ihr völlig ehrlich sin seinem Glauben erschien. Sie hatte daö Glück, eine Schweizerin, die französisch sprach, und eine andere Dame von französischer Abkunft zu finden. In ihrer Gesellschaft besuchte sie eine große Anzahl Mormonen-Familien, darunter auch die des Präsidenten Uoung. Diese Familie ist ziemlich zahlreich. Der Präsident stellte ihr sechsunddreißig seiner Töchter, alle groß, kräftig und schön, und siebzehn Söhne vor — Söhne, wie Töchter alle verheirathct. Die Zahl seiner Enkelkinder ist so groß, daß weder Brigham Voimg noch einer seiner Söhne genau zu sagen wußte, wie viel ihrer wären. Wie umfangreich die Familie ist, kann man aus der Thatsache abnehmen, daß auf einem von Brigham Aoung gegebenen großen Balle fünfhundert Verwandte von ihm, einschließlich seiner Kinder und Enkelkinder, Schwestern, Nichten und Neffen, zugegen waren. — Mit einigen der Mormonenfrancn brachte Frau Audonard ganze Tage zu. Sie fand sie wohl erzogen, viele von ihnen verstanden Musik, alle hatten Bücher - Sammlungen. Sie lesen sehr viel und sind über die Zeitereignisse in Europa wohl unterrichtet. Diese Frauen scheinen alle sehr glücklich zu sein, und in ihrer Religion noch inbrünstiger als die Männer. Mehr als eine stellte Bekchrnngs-Versuche mit der Reisenden an. Die Vielweiberei der Mormonen ist das gerade Gegentheil von der der Türken und auf das entgegengesetzte Gefühl gegründet. Der Türke liebt eigentlich nur ein Weib, da er aber nicht beständig ist — und in dieser Beziehung unterscheidet er sich nicht von vielen Europäern — so liebt er, nachdem er ein Weib ein Jahr oder zehn Jahre lang geliebt hat, ein anderes. Dann vernachlässigt er den Gegenstand der ersten Liebe und heerathet den neuen; und wenn dieser seine Neigung nicht zu fesseln im Stande ist, s» nimmt er einen dritten. Der Türke betet die Schönheit an und versteht unter dem Weibe nur ein junges und reizendes, wenn er aber mehrere Frauen hat, so liebt er doch jederzeit nicht mehr als eine. — Der Mormone dagegen, wenn er drei Frauen hat, hegt dasselbe Gefühl für sie alle. Er steht es als eine religiöse Pflicht an, der einen so ergeben zu sein wie der andern. Eines Tages sagte der Prophet Joseph Smith zu seinen Jüngern: ,Jch habe eine Offenbarung erhalten. Gott befiehlt uns, in unserem Herzen alle irdische 31 Liebe auszulöschen, mehrere Frauen zu nehmen und für sie nur die Gefühle der Freundlichkeit zu hegen. Da er wünscht, daß die Zahl der Mormonen sich mehre, so befiehlt uns Gott, viele Kinder zu haben." Dies Gebot wird so gut befolgt, daß die kleinste Zahl von Kindern in ihren Familien zwölf und die größte vierzig ist, alle stark und kräftig. Den Frauen predigen sie Verzichtleistung auf die Freuden dieser Welt. Alle Liebe ihrer Herzen soll auf Gott gerichtet sein. Gegen ihre Männer sollen sie ein ruhiges freundschaftliches Gefühl hegen, und sie als ihre Gefährten betrachten, mit deren.Hülfe sie den Himmel gewinnen sollen, den Himmel der Mormonen, — den herrlichsten voir allen. — Die Mormonen - Frau soll keine Eifersucht gegen die anderen Frauen ihres Gatten empfinden. Auch sie sind Gefährtinnen, die ihr helfen, den Himmel zu erreichen, und Diejenigen, welche sich am vollkommensten der Polygamie unterwerfen, werden dort die besten Plätze erhalten. Und diese Frauen unterwerfen sich ihr mit wunderbarer Seelenruhe. Nicht ein Schatten von Eifersucht ist unter ihnen zu finden. Sie scheinen nicht einmal zu wissen, was Eifersucht ist. Die meisten von ihnen, — besonders die Reichen, wohnen in besonderen Häusern. Aber die Frauen desselben Mannes besuchen sich gegenseitig und scheinen einander sehr gern zu haben. Auch nicht der Argwohn eines unfreundlichen oder feindseligen Gefühls war unter ihnen zu entdecken. — Einer der Söhne Brigham Voung's halte zwei junge und hübsche Frauen, und eine dritte, die alt und häßlich ist. Eines Tages sagte Madame Olympc Audonard im Scherz zu den beiden jüngeren: „Ihr Gatte muß seine ältere Frau Ihretwegen ein wenig vernachlässigen." — „Warum?" war die mit der Miene der Uebcrraschnng gegebene Antwort r „ist sie nicht seine Frau so gut wie wir?" — In der That, der Mormone macht keinen Unterschied zwischen seinen jungen und hübschen Frauen und den alten und unschönen, er ist gleich liebenswürdig gegen sie- alle. — Die Mormonen haben eine Vorliebe für die Zahl drei. Mit Ausnahme des Präsidenten, der 17 Frauen besitzt, haben alle je drei, oder beabsichtigen so viel zu nehmen. Aber um eine zweite Frau zu heirathcn, müssen sie die Einwilligung der ersten, und um eine dritte zu heirathcn, die der beiden ersten haben. Wenn diese verweigert wird, so kann die Heirath nicht geschloffen werden, denn die zweite muß von der ersten zugeführt und dargeboten werden. Dies System dreier Haushalte und diese große Kindcrzahl macht aber den Mormonen das Leben nicht leicht. Sie sind genöthigt zu arbeiten — und mit welchem Fleiße — um so viele Personen zu erhalten. Aber sie thun das getreulich und lassen weder ihre Frau, noch ihre Kinder im Stich. Ein verlassenes Weib oder ein von seinem Vater nicht anerkanntes und vernachlässigtes Kind ist unbekannt unter ihnen. — Die Mormonen versuchen neuerdings ciu sonderbares Experiment, um die Gemeinde der Heiligen von der Berührung mit der übrigen profanen Welt abzuschließen. Sie haben eine neue Sprache, ein neues Alphabet exclusiv für den Gebrauch der Gläubigen erfunden. In Salt-Lake- City sind bereits Auflagen von 10,000 Stück mehrerer Schulbücher in der neuen Sprache gedruckt worden. (Ein verborgener Schatz.) Die „Essener Zeitung" erzählt aus Essen: Ein hiesiger Brauerei-Besitzer entschloß sich noch im Spätherbst-, seinen Lagerkcller zu erweitern und wurde, damit die Arbeit noch vor Eintritt des Frostwctters beendet sei, eine große Anzahl von Taglöhnern -zum Ausschachten des Baugrundes angenommen. Zum Aerger des Bauherrn wie des Unternehmers wollte jedoch diese vorbereitende Arbeit garnicht vorwärts schreiten, einmal wegen des regnerischen Wetters, sodann aber wegen der angeboren-mütterlichen Schneckenboldcnhaftigkeit der ehrsamen Ritter von Hacke und Schippe. Auf einmal zeigte sich an der Baustelle ein ungcmein reges Leben; noch vor Tagesgrauen waren sämmtliche Arbeiter auf dem Platze und schafften den ganzen Tag über mit einer Hast und Emsigkeit, die nie ihres Gleichen sah. Die beliebte Frühstücks- 32 stunde wurde freiwillig aus dem Leben gestrichen, zum Anzünden des „Stummels" war keine Zeit; nicht Sturm noch Regen wurden beachtet, und wenn einmal der Bauherr- oder ein Anderer einen der Arbeiter ansprach, so erhielt er die verweisende Antwort: „Herr, man mot NümmcS bi dc Arbeit störe!" Als in unglaublich kurzer Zeit der Grund bis zu einer Tiefe von 30 Fuß ausgeworfen, mußten die Fleißigen fast mit Gewalt von einem Eindringen in größere Tiefen abgehalten, zum Einstellen der Arbeit gezwungen werden und mit einem letzten wehmüthigen Blicke schieden sie von der Stelle. Der Brauer aber rieb sich schmunzelnd die Hände und wechselte mit seinem Nachbar, der die Baustelle stündlich besucht und die Arbeit mit Interesse beobachtet hatte, ein Lächeln des vergnügtesten Einverständnisses. Was hatte die Arbeiter zu dem ungeheuren Fleiße angetrieben? Weßwcgcn lachten die Nachbarn so geheimnißvoll? Der Brauerei-Besitzer hatte in einem alten irdenen, von Salz zerfressenen Topf einen Pergamentstreifcn gelegt, auf dem in alterhümlicher Schrift die Worte standen: „Hierunder ligk vill Geld be- grawe, Und wer et fint, der soll ct hawe. Gedenke der Armen!" — hatte den Topf mit einem verwitterten Schieferstein zugedeckt und ihn drei Fuß tief in den auszuschachtenden Baugrund vergraben. Zur Frage über Ahnungen und Doppelgänger bringt ein medizinisches Fachblatt „The Lanzct" aus London folgende Erzählung. In voriger Woche gab Herr Samuel W., einer der ersten Beamten der englischen Bank, Gesellschaft, mußte dieselbe aber wegen eines Fieberanfallcs schon frühzeitig auseinander gehen lasten. Er schickte zu seinem Arzte, den man nicht zu Hause traf. Frau W. setzte sich an das Bett ihres Mannes, um den Arzt zu erwarten; doch als sie bemerkte, daß ihr Mann ruhig schlief, kämpfte sie auch nicht länger gegen die Müdigkeit an und nickte ein. Gegen drei Uhr hörte sie die Klingel ziehe», sprang aus dein Sessel auf, nahm ein Licht und ging in den Salon. Dort hoffte sie den Arzt eintreten zu sehen. Die Thüre öffnete sich, aber an Stelle des Arztes sah sie ihren zwölfjährigen Sohn Eduard eintreten, der sich im College bei Windsvr befindet. Er war leichenblaß und trug eine breite Binde um den Kopf. „Du erwartest den Doktor für Papa?" fragte er, die Mutter umarmend, „aber ihm ist wohl, ich dagegen bedarf eines Arztes, laß ihn schleunigst holen; denn der unselige im College versteht nichts." Die erschreckte Frau W. hatte noch die Kraft, zu klingeln; ihr Stubenmädchen eilte herbei und fand die Herrin mitten im Salon unbeweglich stehen, den Leuchter in der Hand. Die Stimme der Magd weckte Frau W. auf, welche sich an Alles deutlich erinnerte, und ausrief: „Meinem Sohne muß ein Unglück Passirt sein!" Der lange erwartete Arzt kam und beruhigte die Dame über den ungefährlichen Zustand ihres Mannes. Als sie ihm dann ihre Bision erzählte, suchte er die Angst wohl zu beschwichtigen, aber mußte den Bitten der Mutter doch nachgeben, sie nach Windsor zu begleiten. Mit Tagesanbruch kamen sie beim College an, und auf die Frage nach dem Sohne antwortete man der Mutter, daß er in's Krankenhaus gebracht fei. Er hatte beim Spiel im Garten eine bedeutende Verletzung an der Stirne davongetragen. Man hatte ihn verbunden, aber mit wenig Geschick, indeß war die Wunde nicht lebensgefährlich. (Die rechte AdresscI „Erlauben mir, mich vorzustellen, ich bin Agent der Vichversichcrungs-Anstalt, und wollte —" Dame (ihn unterbrechend): „Da bitte ich, sich zu meinem Mann zu bemühen." -Frage: Wer ist Bräutigam und Braut zugleich? Antwort: 'zehzvauh ao umaz "aonvag.rziK wD Druck, Verlag und Redaction des tNtcrarischcn Instituts von Dr. M. Hnulcr. jVro. 5. 31. Januar 1869. Augsbueger Eine schöne Menschenseele finden Ist Gewinn; ein schönerer Gewinn. Sie erhalten, und der schönste und schwerste, Sie, die schon verloren war, zn retten. Herder. Gerächt und gerichtet. (Fortsetzung.) Der Weber fuhr erschrocken auf, die Sonne schien wirklich klar und hell durch das Fenster und streifte blendend Beider Augen; er machte sich sanft von der Kleinen los, die bittend seinen Hals umschlungen, setzte sich auf einen Stuhl und versank in sein altes Brüten. Die Kleine schlich, ganz gegen ihre Art, geräuschlos hinaus. So saß er lange und gewahrte nicht, wie die Sonne im Untergehen war und ihre letzten Strahlen das ganze Zimmer wunderbar vergoldeten. Sein Entschluß war endlich gefaßt: „Es muß ein Ende gemacht werden;" er stand auf und ging mit hastigen Schritten in der Stube auf und ab, schon wollte er sich entfernen, da traten seine Freunde herein; sie gewahrten auf den ersten Blick seine Stimmung, noch einmal kam es zum heftigsten Streit, aber gerade dadurch fühlte sich der Weber in seiner Absicht bestärkt und gab sie nicht undeutlich zu verstehen. Der Maurer und sein Vetter waren außer sich vor Wuth, sie ballten die Fäuste und drangen drohend auf den Weber ein, der davon eingeschüchtert schien, endlich zu schweigen versprach. Sie schieden in der Dämmerung, „versöhnt und in alter Freundschaft;" aber um die Lippen des Maurers spielte ein dämonisches Lächeln, und er murmelte beim Hinausgehen vor sich hin: „Du wirst schon schweigen lernen." Die Frau des Webers gewahrte wenig von diesen stürmischen Zusammenkünften, sie war, wie erwähnt, Hebamme und deßhalb oft außer dem Hause. Auch heute kam sie erst, nachdem die Freunde schon fort, zurück, und fand ihren Mann niedergeschlagener, als je. Er rang die Hände und heiße Thränen rollten über die gebräunte Wange; aber die freundlichsten Bitten seiner Frau vermochten kein aufklärend Wort von ihm zu erpressen; nur von Zeit zu Zeit murmelte er: „Nein, ich muß doch ein Ende machen! O, diese schlaflosen Nächte! Wie will ich glücklich sein, wenn ich eine einzige Nacht werde ruhig schlafen können." „Du bist krank," bemerkte dann seine Frau, „Dich friert, ich werde Dir eine Tasse Fliederthee kochen, das wird Dir gut thun." „Nein, Marie-Liese, den Thee, der mir gut thut, muß ich mir selbst kochen," ent- gegnete der Weber und versank wieder in sein dumpfes Hinbrüten. Die Frau warf sich müde und erschöpft auf ihr Lager, sie konnte dcmnngeachtet nicht schlafen und versank nur in eine Art Halbschlummer. Schreckliche, unheimliche Bilder gaukelten vor ihrer Seele, bald sah sie ihren Mann im Gefängniß mit schweren Ketten belastet, dann auf dem Schaffst, bald von finsteren Menschen umgeben, die ihm mit der blanken Axt drohten, endlich war sie fest eingeschlafen. Da klopfte es an dem Fensterladen, sie sprang erschrocken auf und rief um Hilfe: „Rettet ihn, sie wollen ihn todtschlagen!" wiederholte sie im Taumel des Schlafes. Ihr Mann saß noch ruhig auf der Bank am Tische und fragte: „Was hast Du denn? es klopft, man will Dich holen." 34 Die Frau kam bei der Stimme ihres Mannes zur Besinnung; aber noch immer scheu und furchtsam, öffnete sie nur das Fenster und fragte hinaus: „Was gibt es denn so * spät noch?" „Einen Gruß von der Scholzin in Neudorf, und Ihr möchtet kommen," ließ sich draußen eine tiefe Männerstimme Vernehmen; „sputet Euch, es hat Eile." „So zeitig?" fragte die Weberin zurück, die jetzt ganz wieder in ihrem Berufe war, „das ist ja nicht möglich!" „Doch, 's ist eine Frühgeburt, na, mährt nur nicht lange und kommt!" „Gleich," sagte sie und schloß das Fenster. „Christian, denke Dir, die Scholzin!" wandte sich die Frau an den Weber, „sie ist sonst immer glücklich gewesen, solch' hübsche, gesunde Kinder, und jetzt — eine Frühgeburt!" „Lieber zu früh auf die Welt kommen, als gar nicht," cntgegnete dieser mit einem Anflug alten Humors, da ihm die ganze Nachtscene komisch vorgekommen und ihn etwas zerstreut und erheitert. „Beides schlimm," bemerkte die Hebamme, „die arme Frau," und sie kleidete sich rasch und völlig an und packte ihre Sachen zusammen. „Lege Dich schlafen, Christian," sagte sie zu ihrem Manne beim Abschiede und wollte sich, wie immer, mit einem kurze» „leb' gesund" entfernen. Plötzlich überwältigte sie eine andere Stimmung, sie kehrte an der Thür noch einmal um, und siel ihrem Manne unter perlenden Thränen um den Hals. Es war ihr seltsam und räthselhaft, denn anf dem Lande gelten solche Licbcs- bezeigungen für lächerlich; aber sie konnte doch nicht anders. Auch ihr Mann, statt davon unangenehm berührt zu sein, schloß sie fest in seine Arme und lehnte auf einen Augenblick seinen heißen Kopf an ihre Brust. „Leb' wohl, Christian, Gott schütze Dich!" und schweren Herzens schritt sie über die Schwelle. Sie eilte, ohne sich weiter über ihre wunderbaren Gefühle Gedanken zu machen, ihrem Ziele zu, und hatte bei ihrem raschen Gange die Schölzcrei erreicht. Sie klopfte an der Pforte und die Erste, die ihr in dem Hause entgegentrat, war die Scholzenfrau selbst. Die Weberin vermochte vor Schreck und Bestürzung kein Wort hervorzubringen, nur die Scholzenfrau rief sogleich verwundert: „Ei der Tausend, wo kommen Sie denn her?" „Ich bin zu Ihnen bestellt worden, Frau Scholzin," cntgegnete die Andere. „Zu mir? Gott bewahre! Sie wissen ja, damit hat's noch Zeit." „Der Bote sagte, es wäre eine Frühgeburt." „O, die schlechten Menschen!" rief die Frau ärgerlich, — „solch' einen dummen Spaß! Aber kommen Sie nur herein, ich will Ihnen gleich einen Kaffee kochen lasten; es ist nur gut, daß wir vor einer Stunde noch Besuch bekommen haben, sonst wären wir Alle schon zu Bett — nun, kommen Sie nur herein." „Nein, Frau Scholzin, ich will rasch wieder nach Hause," eutgcgnete die Letztere ängstlich, „das ist mehr wie ein dummer Spaß, o Gott, meine Ahnung! meine Träume!" Und ohne auf die Einladung der Scholzenfrau weiter zu hören, stürzte sie fort. „Die schlechten Menschen! Das will ich meinem Manne sagen," murmelte die Scholzenfrau und schloß wieder die Pforte. Die Weberin eilte, so rasch sie ihre Füße tragen konnten, nach Hause. Die Ahnung, daß hinter dieser falschen Bestellung ein Schurkenstreich lauere, daß ihrem Mann eine schreckliche Gefahr drohe, jagte sie wie auf Sturmesflügeln fort. Endlich, nach einer qualvollen Viertelstunde, die ihr eine Ewigkeit gedünkt, war sie athcmlos an ihrem Hause angekommen: sie wollte die Stubenthür öffnen, diese war von innen verschlossen. Eine entsetzliche Angst überkam die arme Frau, sie rüttelte wie eine Verzweifelte an der Thür, die endlich ihrer verdoppelten Kraftanstrengung nachgab und aufsprang. Sie stürzte in das Zimmer, „Christan, Christan!" rief sie mit angsterfüllter Stimme. Ein mattes, dumpfes Röcheln war die einzige Antwyxt.Mit zitternden Händen machte sie Licht — welch' ein Anblick bot sich ihr dar! Ihr Mann lag, in seinem Blute schwimmend, am Boden, und schien dem Verscheiden nahe. DoS Fenster und der Laden waren zertrümmert, ein Paar dunkle Gestalten flohen über das vorn Monde weit erhellte Feld. Die Weberin stieß einen furchtbaren Angstschrei aus und warf sich laut jammernd über den Körper des Erschlagenen. Bald füllle sich die Stube mit Menschen aus der Nachbarschaft, die von dem wilden Geschrei der armen Frau herbeigezogen worden. Ein Gerichtsmann war zufällig unter ihnen und ordnete unterdcß das Holen des Arztes und des Justizrathes au. Der Weber war schwerlich zu retten, er blutete aus mehreren Stirnwunden, die ihm wahrscheinlich mit einer stumpfen Axt beigebracht sein mußten, auch sein übriger Körper war schrecklich verstümmelt. Den rechten Arm hatten ihm die Mörder völlig zerschmettert, und an der Schulter klaffte eine Wunde. Es war ein schrecklicher Anblick und stimmte selbst die rohesten Herzen zum Mitleid. Der Weber mußte mit den Mördern einen harten Kampf bestanden haben, dafür zeugten seine Wunden, und die Unordnung in der Stube, alles Hausgeräth war verrückt, bunt herumgeworfen und zertrümmert. Wer konnten die Mörder sein? Und zu welchem Zweck war die gräßliche That geschehen? Diese Fragen beschäftigten alle Gemüther. Der Weber war, wie allgemein bekannt, arm und im Grunde ein friedfertiger Mann, der im ganzen Dorfe keinen Feind hatte. Zu welchem Zwecke sollte man ihn erschlagen haben? Uud dies Geheimniß vermehrte noch das Grauen und Entsetzen über die blutige That. Die Frau des Webers raffte sich zuerst auf, sie bat sich die Hilfe einiger Umstehenden aus und ließ den blutenden Körper auf ihr Bett tragen, dann verband sie ihn, so gut wie ihre zitternden Hände es vermochten, und legte ihm kühlende Umschläge um die Stirn. Ein mattcS Augenausschlagen ihres Mannes lohnte ihre Mühe. Schon nach einer halben Stunde kam der Arzt; seinen Bemühungen gelang es, den armen Mann noch einmal zum Bewußtsein zu bringen. Etwas später langte auch ein GerichtSbcamtcr an; nicht der alte, polternde Justizrath, sondern ein junger Assessor, ei» Hilfsarbeiter des Rathes, den er zur Ermittelung des Thatbestandes abgeschickt hatte. Trotz der Schwäche des Webers ließ es sich der Assessor nicht verdrießen, zu seiner Vernehmung zu schreiten, da ihm der Arzt bekannt gemacht, daß die Augenblicke des Verwundeten gezählt. Nur nach längeren, oft Viertelstunden dauernden Pausen, vermochte der Weber seine Aussage hervorzulispeln. Sein Bekenntniß war zu Aller Uebcrraschung Folgendes: „Der Maurer und sein Vetter sind meine Mörder, sie haben meine Frau sort- gelockt und wollten mich erschlagen, damit ich still sei. ... Ich kann's nicht länger — Georg ist unschuldig — er hat den Müller nicht ermordet, wir Drei waren es. Der Maurer hatte mir so lange zugeredet, do.t einzubrechen —- ich wußte nicht, daß sie Aexte mitnahmen — bei Gott, Herr Assessor, ich wußte es nicht. — Der Maurer hatte erfahren, daß der Müller viel Geld zu Hause habe und mit der Mutter fortgcrcist sei, und wir sollten die Gelegenheit benutzen. . . . Als der Maurer zuerst in die Kammer stieg, sah er das Gesicht des Müllers. Er wollte, erschrocken, sich eben so leise zurückziehen, wie er gekommen; aber er zerstieß eine Scheibe und der Müller erwachte. Kaum daß der Maurer wieder auf dem Boden, öffnete sich schon die Thür der Mühle und der Müller stürzte im Hemd heraus, unS zu verfolgen ... der Acrmste verließ sich auf seine Riesenkräfte ... er war dem Maurer am nächsten auf der Ferse, und nur noch wenige Schritte von ihm entfernt — da drehte sich der Maurer Plötzlich um und schwang seine Axt — noch stand der Müller aufrecht. . . aber schon eilte der Vetter des Maurers herbei und führte den zweiten Schlag . . . wir wurden aus Dieben Mörder! Gott, ich hab' es schwer gebüßt! Und Georg sollte noch der Verbrecher bleiben — der Maurer hatte recht, was er damals frevelnd gesagt: „die Sonne bringt es an den Tag," nun sterb' ich gern — nun wird mir wieder leicht,, e. . " Der Weber mußte seine Aussage eidlich bcth'cücrn, und trotzdem ihm der Assessor '36 Schonung empfahl, raffte er alle Kräfte zusammen, und sprach mit gehobener Stimme die Eidesformel nach, und wirklich schien es damit wie Bcrgeslast von seiner Seele gewälzt; er lächelte selbst unter den heftigsten körperlichen Schmerzen und sank dann erschöpft in eine Art Schlummer. Der junge Assessor war auch vor dem Bekenntniß des Webers nicht unthätig gewesen, und auf die Andeutung der Frau des Letzteren war der Maurer und sein Vetter augenblicklich festgenommen worden. Sie hatten Beide noch im Bett gelegen, zwar schon mit rein gewaschenen Händen, aber doch mit Blutspuren an ihren Kleidern, auch ihre Mord-Aexte wurden gefunden. Die Elenden waren erst lange nach Mitternacht zurückgekehrt, das bekundeten ihre Stubennachbarn; sie leugneten trotz alledem hartnäckig jede Betheiligung am Morde, Beide behaupteten mit frecher Stirn, warum sollten wir den Weber losgeschlagen haben? Wir sind seine besten Freunde; Beide, trotz ihrer abgesonderten Vernehmung, gaben an, daß sie gestern Abend ein Kaninchen geschlachtet, gar nicht im Dorfe, sondern in der Stadt gewesen und ihnen der arme Weber recht leid thue. Als der Assessor dem Maurer und seinem jungen Freunde gesagt hatte, daß der Weber noch lebe, verloren Beide die Fassung; um sie noch tiefer zu erschüttern, las er ihnen des Webers Aussage vor. Sie vermochten Beide kein Wort der Entgegnung hervorzubringen; aber sie verharrten doch in einem finstern Schweigen und brachten kein Wort des Geständnisses über ihre Lippen. Dieses herauszupressen, blieb die Aufgabe des Assessors, da es nach jener alten Gerichtspflcge nothwendig war. Er ließ beide Verbrecher an das Bett des Webers führen. Noch schlief derselbe, aber von der Nähe seiner Mörder schien er zu erwachen, er schlug matt die Augen auf und sein erster Blick traf seine mit Stricken gefesselten Freunde. „Verzeiht mir, wie ich Euch verzeihe!" lispelte er und wollte ihnen die Hand entgegenstrecken, die Hand, die von seinen Freunden so schrecklich verstümmelt worden — er brachte nur einen Stumpf hervor. Bei diesem Anblick war es mit der so lange behaupteten Fassung des Maurers vorbei, er zuckte konvulsivisch zusammen, vermochte sich nicht mehr aufrecht zu erhalten, unter überströmenden Thränen brach er an dem Bette des Freundes zusammen und rief jammernd: „Ja, ich habe Dich erschlagen, und ich meinte es doch so gut zu Dir, wir waren alte Freunde, haben zusammengehalten wie Brüder, aber Du wolltest nicht schweigen, und da war's vorbei mit uns. Daß wir die Mörder des Müllers, sollte nicht an's Licht kommen, da es so lange verborgen geblieben, jetzt haben wir auch Dich erschlagen und nun ist Alles doch heraus." „Gott sei gedankt," lispelte der Weber, immer schwächer werdend, „Ihr habt mich frei gemacht, ach, wie leicht ist mir jetzt, so leicht, ich kann nun ruhig schlafen — schlafen! —" und seine Augen schlössen sich, wie Frieden glitt es über sein Gesicht, er versank in einen Schlaf, aus dem er nie wieder erwachen sollte. „Er ist todt!" jammerte der Maurer, und in dem finstern Gesicht prägte sich ein leidenschaftlicher, tiefer Schmerz aus. Alle Umstehenden waren von dem ganzen Auftritt tief ergriffen, nur der junge Vetter des Maurer hatte sich völlig kalt und gleichgiltig gezeigt. Er war einer von jenen Menschen, denen schon die früheste Jugend den Stempel der Hcrzensrohhcit aufgedrückt, und die bei der Unreife ihrer Erscheinung und ihres Wesens durch eine um so größere Frechheit und Rücksichtslosigkeit sich hervorzuthun und eine gewisse Geltung zu verschaffen suchen. Der Maurer bestätigte die Aussage des Webers völlig; um von dem Müller nicht als Dieb ergriffen zu werden, hatte man ihn erschlagen; um das Verbrechen in ewige Nacht zu hüllen, war der zweite Mord begangen worden, und gerade hier erreichte sie das Vcrhängniß. Die Umstehenden waren überrascht und bestürzt; das waren Enthüllungen einer Kette von Verbrechen, wie die stillen Dorfbewohner sie sich nicht träumen ließen. Nur Rose, die sich ebenfalls herbeigcdrängt, sprang wie ein Irrlicht hin und her und rief triumphirend: „Hab' ich nicht gleich gesagt, Georg ist unschuldig?" Alle wollten jetzt dasselbe gesagt oder wenigstens gedacht haben. Der Assessor, vom Dränge des Augenblicks, vielleicht auch vom Ehrgeiz getrieben, ließ, anstatt das Protokoll dem Iustizrath vorzulegen, augenblicklich einen Courier an den LandeSfürsten abgehen, indem er die seltsame Enthüllung des wahren Thatbestandes unter Beilegung der betreffenden Papiere klar und schlagend auseinander setzte. Die Entscheidung traf schon am andern Tage ein: Georg solle bis auf Weiteres augenblicklich auf freien Fuß gesetzt werden. (Fortsetzung folgt.) Hoffnung. Und dräut der Winter noch so sehr Mit trotzigen Geberden, Und streut er Eis und Schnee umher: Es muß doch Frühling werden! Und drängen die Nebel noch so dicht Sich vor den Blick der Sonne, Sie wecket doch mit ihrem Licht Einmal die Welt zur Wonne. Blast nur ihr Stürme, blast mit Macht, Mir soll darob nicht bangen. Auf leisen Sohlen über Nacht Kommt doch der Lenz gegangen! Da wacht die Erde grünend auf, Weiß nicht, wie ihr geschehen, Und lacht in den sonnigen Himmel hinauf Und möchte vor Lust vergehen. Sie flicht sich blühende Kränze in's Haar, Und schmückt sich mit Rosen und Aehren, Und läßt die Brünnlein rieseln klar. Als wären es Freudenzährcn. Drum still! Und wie es frieren mag, O Herz, gib dich zufrieden; Es ist ein großer Maientag Der ganzen Welt beschicken. Und wenn dir oft auch bangt und graut, Als sei die Hüll' auf Erden, Nur unverzagt auf Gott vertraut: Es muß doch Frühling werden! Das Jahr 186S als Säeularjahr. Vielleicht kein einziges Jahr ist so reich gewesen an bedeutenden Männern, welche in ihm das Licht der Welt erblickten, als 1769, und so haben wir denn 1869 als Säcular-Gebnrtstagsjahr einer Menge von Personen, die theils als Helden, Regenten oder Staatsmänner, theils auf den Gebieten der Wissenschaft und der Dichtkunst sich auszeichneten, zu feiern. Wir nennen von ihnen zuerst Napoleon Bonaparte, welcher am 15. August 1769 zu Ajaccio auf der Insel Corsica als der zweite Sohn des Advokaten Carlos Bonaparte und der Signora Lätitia Ramolini das Licht der Welt erblickte. — Gleich dem Sieger von Lvdi und Arcole, von Austerlitz, Jena und Wagram waren auch mehrere seiner namhaftesten Generale im Jahre 1769 geboren. So namentlich die Marschälle Ney und Soult. Dieser ward am 29. März 1769 zu Samt Armand bei Toulouse, jener am 10. Januar desselben Jahres zu Saarlouis geboren. Auch Napoleons und jener beiden Marschälle siegreicher Gegner Wellington wurde — eine eigenthümliche Ironie des Zufalls! im Jahre 1769, uud zwar am 1. Mai geboren. Aber nicht dieser allein, sondern auch noch zwei andere namhafte Gegner des corsischen Kriegsfürsten, erblickten im gleichen Jahre mit ihm das Licht der Welt. Der Eine von Beiden ist der Graf (später Fürst) Ludwig Adolph Peter von Sayn-Wittgcnstein-Berleburg, geboren am 6. Januar 1769, welcher in russischen Diensten mit Tapferkeit und Umsicht 38 gegen Napoleon l. stritt; der Andere ein einfacher, aber namhafter Gelehrter: der Professor Ernst Moritz Arndt, geboren auS bäuerlichem Stande am zweiten WeihnachtsFeiertage zu Schoritz auf Rügen und gestorben am 29. Januar 1860. So bedeutend auch der Ruf aller vorher angeführten Männer ist, so steht er doch — mit einziger Ausnahme des Fleisch und Blut gewordenen Mars Napoleon — erheblich zurück gegen denjenigen des am 14. September 1769 zu Berlin geborenen Freiherr» Alexander von Humboldt, des größten Naturforschers der neueren und eines der größten Gelehrten aller Zeiten. Der Wirth zum goldenen Lümmle. In der schwäbischen Stadt mit dem kurzen Namen und dem langen Münsterthurm war ein gar munterer Wirth zum „goldenen Lümmle." Da hat vor einigen Jahren der Alterthumsforscher-Verein eine Zusammenkunft gehabt, und da haben sich von allen Weltgegendcn so viele Leute zusammengefunden, daß Mangel an Quartier war. Nun kam auH der heitere Herzog M vom benachbarten Lande an und der Herr fand in den ersten Gasthöfcn eben auch kein Quartier. Es wurde ihm sodann das „Lämmle" empfohlen, wo er zwar ein bescheidenes, aber reinliches Zimmer mit schöner Aussicht auf die Donau und eine treffliche Aussicht auf Küche und Keller habe. Der hohe Herr machte sich auf den Weg und trotz, daß es spät Abends war, entschloß er sich doch, das „Lämmle" aufzusuchen. Beim Eintritt wurde er von dem in Hemdärmeln anwesenden Wirth auf's freundlichste mit den Worten begrüßt: „Sie hent heut wahrschcinli wo anders koi Quartier kriegt, sonst kämet Se nit zu mir." — „So ist es," erwiederte heiter gestimmt der Herzog. „Ich habe befohlen, meine Koffer hieher zu bringen, im Falle ich bleiben kann." — „Ja wohl," sagte der Wirth, „Sie g'fallet mir, und obwohl i's Quartier heut' scho hätt' zehnmal vergebe könne, so hab' i mir denkt, es kommt doch no was Besscrs." — Der Herzog meinte: „Das Sprichwort sagt aber, es kommt nichts Besseres nach." — „Auf d' Sprüch' geh' i' nit," erwiederte der Wirth, „ich seh' den Mann an." „Was wünschen Sie zu trinken, Herr?" -— „Eine Flasche Champagner!" — „Blitz, Sie müßet heut scho guete G'schäft g'macht habe, wenn Sie Nachts zehn Uhr no Champaningcr saufet." Der Herzog lachte herzlich auf die Derbheit, staunte aber, als der Wirth den Champagner mit zwei Gläsern servirte. „Zu was zwei Gläser?" frug der Herzog. — „I sauf' au mit," erwiederte der Wirth, „denn i hab' heut au guete » G'schäft g'macht, no pasch' mcr den Plunder raus." — „Wohlan," meinte der Herzog, „bin einverstanden." Die Flasche wurde entkorkt, und immer heiterer wurde die Unterhaltung, welche durch Niemanden gestört wurde, weil Wirth und Gast die alleinigen Zecher in der Stube waren. Es war einige Minuten nach eilf, als die Thür aufging und ein Neger einen schweren Koffer hereintrug. Der Wirth erschrack entsetzlich, doch wurde er ruhiger, als der Sohn Afrika's auf den Herzog zutrat und frug: „Hoheit, wo hab' ich den Koffer hinzuthun?" — „Dies wird der Wirth bestimmen," war die Antwort. — „Was, Hoheit?" rief der noch immer frappirte Wirth. „Nun ja, beruhigen Sie sich, ich bin der Herzog M. in B. Dies soll aber unsere Unterhaltung nicht stören. Weisen Sie gefälligst den Diener mit dem Gepäck in mein Zimmer und geben Sie ihm ein Nachtmahl." —- „Blitz Fix Donnerwetter, Hemdärmel und Sie a Hoheit, Weib komm rci, i kann die Schand' alloi net trage, hilf mir." — „Du hast mi zum Trinka au net g'rufe, trag' nur die Schand' alloi." — „No, so bring' dem Mohra was! Entschuldigen, Hoheit, was frißt denn der Kerl?" — Der Gast lachte und erwiederte: „Geben Sie ihm Braten und Salat und etwas Wein, er wird nichts übrig lasten. Doch kommen Sie, wir wollen noch beisammen bleiben." 39 Die Glocke des alten Münsters verkündete die neue Stnnde, zwölf Uhr; und wieder geht die Thüre des Gastzimmers auf, und herein tritt mit schwerem Schritt kein schwarz Geborener, aber ein Weißer der hohen schwäbischen Polizei. Selbst der Diener am hintersten Tisch erschrack über die Erscheinung in Amtsmiene, welche direkt auf den Gastwirth und seinen Gast zuschritt mit den Worteü: „Heret Sie, Ihr Herre, es isch zwölf Uhr und die Polizeischtund vorüber." Der Gastwirth darüber entsetzt, weil sein so sehr verehrter Gast gestört wird, erwiedert in ruhigem, aber ernsthaftem Tone: „Heret jetzt, Sie, der Herr, der bei mir sitzt, ischt a königliche Hoheit, — und i bin der Wirth, mi kennet Sie, und daß der Bedeute dau hinta koi Ulmer ischt, des wcrct Sie eam wohl anseha." Und die Polizei ging beruhigt von bannen. (Fl. Bl.) Miseellen. (Englische Sonderbarkeiten.) Zwei junge Engländer aus den höheren Kreisen der Gesellschaft brachten einige Tage zunr Besuch bei Lord Panmure auf Schloß Brcchin zu. Um seinen Gästen eine Zerstreuung zu verschaffen, lud Lord Panmure einen Gutsnachbar, Mr. Panlathie, zum Diner, mit dem besonderen Zusätze, sich wohl mit Geld zu versehen. Dieser, der die Laune des Lords kannte und selbst ein Freund exzentrischer Streiche war, begriff sofort, daß es sich um ein Abenteuer besonderer Art handle, und erschien zur bestimmten Stunde wohlgcrüstct und entschlossen, jedem Streiche mit kaltem Blute zu begegnen. Das Diner begann. Nach dem ersten Toaste nahm Lord Panmure das Wort und rief: Alle Hüte in's Feuer oder 200 Franks Reugeld. Die vier Hüte flogen in den Kamin. Nach der zweiten Gesundheit erhob sich einer der Gäste: Alle Röcke in die Flammen oder 1000 Franks Strafe! und die Oberröcke der vier Zecher wanderten denselben Weg. Die Stiefel in den Kamin! rief der Nächste, oder 5000 Franks gezahlt! Auch die'Stiefel wurden geopfert. Jetzt war die Reihe an Panlathie. Ohne sich zu besinnen, erhebt er sich, sieht seine Kumpane der Reihe nach an und ruft: Die Zähne in den Kamin oder 10,000 Franks auf den Tisch! Dabei nimmt er sein falsches Gebiß und wirft es in die Flammen. Die Anderen waren einigermaßen erstaunt, einmal darüber, daß Herr Panlathie, der sie eben noch so graziös angelächelt, falsche Zähne hatte, und dann, daß sie ihm das Künstlcrstück nicht nachmachen konnten. Mr. Panlathie aber strich ruhig die 30,000 Franks ei», bedankte sich bei Lord Panmure für das vortreffliche Diner und bestellte sich am nächsten Tage ein neues Gebiß. (Recht liebenswürdig.) Auf der Capitänsbrncke eines Dampfers, der von Calais nach Dover fuhr,, stand ein Engländer und rauchte phlegmatisch seine Cigarre. Da trat ein liebenswürdiger Franzose, den er öfters in Trouville gesehen und nnt dem er einige Worte gewechselt hatte, an den Engländer heran und nach einem „Freut mich, Sie zu sehen," entspann sich unter Beiden folgendes Gespräch: „Ich will nach Brighton." — „Und ich nach London." — „Denken Sie dort die Saison zu verleben?" — „Das kommt auf die Umstände an. Sie wissen, das Geschäft-" „Ach, Sie reisen nicht zum Vergnügen?" — „Nein, ich bringe einen jungen Engländer zu seiner Familie zurück." — „Sind Sie vielleicht sein Lehrer?" — „Nein." — „Ich sehe doch Ihren jungen Freund nicht." — „Er ist unten." — „So bitten Sie ihn, daß er mit uns dinirc." — „Das ist nicht möglich; er ist todt." — „Todt?" — „Er liegt in einem Bleisarge. Mein Geschäft ist nämlich, die Leichen nobler Personen, die in Frankreich sterben, zu transportiren und ihren Familien zurückzubringen. DicS Geschäft geht prächtig, und wenn Sie einmal meiner Dienste bedürfen sollten, mein Herr, so-." Der Engländer hustete, dankte seinem höflichen Reisegefährten und begab sich, indem er Seekrankheit vorschützte, eiligst in seine Cajüte, aus welcher er nicht eher wieder hervorkam, bis der Dampfer in Dover landete. * (Die schönen Haare der englischen Frauen.) Der Fremde, der ZUM ersten Male nach England kommt, ist zuweilen entzückt von dem Prächtigen blonden Haar der englischen Frauen und Mädchen, das in allen Nuancen vom zartesten Flachsgelb bis zur schimmernden Goldfarbe zu finden ist. Wenn auch die Töchter Albion's sich rühmen können, das schönste Haar zu besitzen, so ist doch nicht alles Gold was glänzt. Das prachtvolle „goldene Haar" der Ladies und Mistes ist in den meisten Fällen eine Erfindung der Mode, wie etwa das Chignon oder eine neue Hutfacon. Das das Männerauge so oft in Entzücken versetzende goldene blonde Haar kann durch zwei verschiedene chemische Prozesse erzeugt werden. Als die Manie für „goldene Locken" aufkam, begnügte man sich damit, die natürliche Haarfarbe durch beständige Waschungen mit einer alkalinischen Auflösung, wie z. B. salpctersaures Kali zu entfernen; das Haar wurde dann geölt und durch fortgesetztes Bürsten in einen hellen und glänzenden Zustand versetzt. Diese einfache und unschädliche Methode erzielte aber nicht immer das gewünschte Resultat, und man nahm seine Zuflucht zu metallischen Präparaten. Salpctersaures Blei mit einer Beize von chromsaurcm Kali; Eisen mit einer Beize von salpetersaurem Natron oder Kalk; Arsenik, Salmiak und andere ähnliche Substanzen wurden mit größerem oder geringerem Erfolge angewendet. Als bestes Mittel, das vielbewunderte goldgelbe Haar zu erzeugen, empfahl sich schließlich Arsenik mit einer Salmiakbeize. Außer allem Zweifel steht es, daß die Anwendung dieser giftigen chemischen Präparate von äußerst nachthei- ligen Folgen für das Haar begleitet ist, denn die ätzenden Säuren hemmen das Wachsthum des Haares, oder mit anderen Worten, sie tödten es. Goldbraunes Haar wird durch Anwendung von Kupfervitriol mit ferrv-kyanischer Pottasche hergestellt. (Standhaftigkeit der Ameise.) Der berühmte Eroberer Timur, der Tartar, war einmal gezwungen, in der Ruine eines Hauses Schutz vor seinen Feinden zu suchen. Er saß dort mehrere Stunden ganz allein. Nach einiger Zeit wünschte er seinen Geist von seiner hoffnungslosen Lage abzuziehen, und deßhalb richtete er seine Aufmerksamkeit auf eine Ameise, welche versuchte, ein Fruchtkorn, das größer war als sie selbst, an einer Mauer hinaufzutragen; ihre Anstrengungen schienen jedoch erfolglos. — Sie machte aber immer wieder einen neuen Versuch und so oft derselbe auch mißglückte, so verlor sie den Muth doch nicht, sondern sie kehrte immer wieder an ihr Geschäft zurück. Timur sah das Korn 69 Mal herabfallen, aber beim 70stcn Mal erreichte diese mit ihrem Korn den Gipfel der Mauer und dieser Anblick, sagt der Eroberer, der eben noch voller Verzweiflung gewesen war, „gab mir in diesem Augenblick Muth und ich habe die Lektion, die ich daraus zog, nie vergessen." — Anwendung: Auch wir sollten sie nicht vergessen. Zuerst müssen wir eine Sache genau betrachten, ob sie werth ist, daß wir darnach streben, und wenn das der Fall ist und der Versuch, sie zu erlangen, gelingt uns nicht, so müssen wir ihn immer von Neuem wiederholen und beharren, bis er nns gelungen ist. Wenn eine Ameise sich durch 69 mißlungene Versuche nicht entmuthigen ließ, weßhalb sollte dann ein Mensch nicht eben so beharrlich sein? W i ii t c r t r a n i». Des Schnees weißes Bahrtuch decket Frisch keimt die Saat, bis Gottes Odem Die keusche Mutter Erde zu, Wird leis' des Schnees Decke schmelzen, Indeß von jungen muntern Saaten Wie einst ein Gottessturm gewaltig Sie träumt in stiller Grabesruh'. Die Steine wird von Gräbern wälzen. (Was ist ein Schauspielers) Antwort: Ein Mensch, der bloß lebt, um zu gefallen, und gefallen muß, um zu leben. Druck, Vcrlog und Redaction des Litcrarischcn Instituts von Dr. M. Huttler. Rro. 6. 7. Februar 1869. »P! Fliehe dcu verdächtigen Umgang von zweierlei Menschen: Der Freunde deiner Feinde, Der Feinde deiner Freunde! Gerächt und gerichtet. (Fortsetzung.) Der Justizrath, der am Tage vorher wegen Unwohlsein das Bett gehütet hatte, und deßhalb von den Ereignissen nicht das Mindeste erfahren, wollte nicht seinen alten Augen trauen, als ihm der Assessor mit triumphircndem Lächeln die Cabincts - Ordre überreichte. „Dummes Zeug! Spiegelfechterei!'' polterte der Alte los. „Mäßigen Sie sich, Herr Rath, die Unterschrift des Landcsfürstcn ist niemals dummes Zeug." „Aber frei lassen? Ohne allen Grund, lieber Assessor, das ist ja unerhört; der Mordkerl muß auf's Schaffst." „Er ist unschuldig, Herr Rath! Meine gestern abgehaltene Untersuchung hat zugleich die rechten Mörder des Müllers an'S Licht gebracht. — Leider ist cö diesmal Ihrem Scharfsinn nicht gelungen, den rechten Schuldigen herauszufinden." „Hm! so, so! nnd Sie haben mir von dem Ausfall der gestrigen Untersuchung nicht einmal berichtet, das ist ein Disziplinar-Vergehcn " „Die höchste Eile war nothwendig," entgegncte der Assessor und setzte, ruhig lächelnd, hinzu: „und dann wollte ich Sie überraschen, Herr Rath." Der junge Beamte fühlte ein eigenes Behagen, an dem alten, höchst unangenehmen Vorgesetzten sein Müthchen kühlen zu können. „Das ist stark!" rief der Alte nnd nahm, um sich zu beruhigen, eine Prise; „ich werde Ihre Versetzung beantragen." „Bemühen Sie sich nicht, es ist von mir bereits geschehen," entgegncte der Assessor glcichmüthig. „Nehmen Sie sich in Acht, guter Freund, Sie haben mich noch nicht bei Seit' geschoben; ich habe einflußreiche Freunde, Sie sollen mir das Spiel bezahlen; das hat noch Keiner gewagt, sie fürchten mich Alle." „Ich nicht — ich bin Staatsbeamter wie Sie und handle überall nach Pflicht und Gewissen." Der Alte wollte auffahren, doch der junge Mann fiel ihm in'S Wort: „Lassen wir den persönlichen Streit, Sie haben jetzt Besseres zu thun. Befolgen Sie augenblicklich die Cabincts - Ordre und machen Sie Ihr schweres Unrecht in etwas wieder gut." „Ich selbst soll den Befehl zu seiner Freilassung geben? — Mich so blos stellen? Nimmermehr! Sie, „junger Lcsstng," Verehrer der Humanität, werfen Sie den Kerl hinaus!" rief der Juslizrath, wieder in seinen alten laxen Ton verfallend. „Das werde ich nicht, Sie allein sind dazu berechtigt und verpflichtet," entgcgnetc der Assessor ganz entschieden. „Teufel!" murmelte der Justizrath und versuchte mit den Zähnen zu knirschen. 42 »der seine mürben Zahnreste schmerzten ihn, er verzog das Gesicht zu einem häßliche« , Grinsen. „Augenblicklich, steht in der Ordre," begann der junge Mann wieder seine Quälereien; „ich mache Sie dafür verantwortlich." Der Justizrath Preßte einen unverständlichen Fluch heraus und zog die Klingel. — Der große starke Exekutor erschien. „Werft den Kerl hinaus!" polterte der Alte. Der Exekutor blickte verlegen auf den Assessor, dann auf den Justizrath und wollte seinen Ohren nicht trauen — er sah s blos Einen im Zimmer, an dem er einen solchen Auftrag vollziehen konnte und — X>e> Assessor hinauszuwerfen — — zu einer solchen Handlung mußte er schon einen noch maligen Befehl erwarten. „Werft den Hund hinaus, sag' ich," wiederholte der Alte, und ging nach seiner Gewohnheit heftig gcstikulirend auf und ab, sich wenig darum bekümmernd, daß der arme Mann nicht sofort errathen konnte, wen er eigentlich hinauszuwerfen habe und in eine arge Verlegenheit kommen mußte. Der starke, ernste Exekutor machte bei dieser zweiten energischen Aufforderung einen Schritt vor gegen den Assessor, der aber, das Mißverständnis sofort bemerkend, dem rathloscn Manne auf die Schulter klopfte und lachend sagte: „Nicht mich, mein Guter, den Georg sollt Ihr loslassen." „Nun, was steht Er denn noch? Ist Er taub?" brach jetzt der Justizrath los, der stets gewohnt war, all' seinen Groll an seinen Untergebenen auszuwittern. „Herr Rath," drängte sich der Assessor dazwischen, „Sie haben dem Manne nicht gesagt, wen er hinauswerfen soll, er hätte Sie bald mißverstanden." Der Justizrath verzog, trotz seiner Wuth, das Gesicht zu einem Lächeln, denn bei all' seiner Verbissenheit, war er doch nicht ohne Humor. „Er Klotz! kann Er sich das k nicht denken? Den Georg mein' ich, werft ihn augenblicklich hinaus!" „Nicht hinauswerfen, sondern freilassen, ganz anständig und in Ehren!" „Gewiß, gewiß!" entgcgnetc der Justizrath höhnisch, „Schmidt versteht mich schon." § Der aber schien ihn nicht zu verstehen, sondern blickte wie versteinert auf seine beiden Vorgesetzten. „Den Georg! — der morgen hingerichtet werden soll?" rief er endlich verwundert, i „Den laßt Ihr augenblicklich frei, nach der eben bei mir Angetroffenen Cabincts- Ordre," entgegnete der junge Mann in befehlendem Tone. Der Exekutor blickte seinen alten Herrn an, um von dem schließlich einen Wider- ' spruch zu hören, es war ja doch zu unerhört und noch nie vorgekommen — einen Mörder ' freilassen — einen Tag vor der Hinrichtung! Der Justizrath aber gab keine Antwort, heftete nur die Augen auf den Boden und nahm eine Prise. Schmidt kannte seinen Herrn; er verließ, obwohl noch kopfschüttelnd, ' das Zimmer und vollzog den Befehl. V. Die arme Marianne saß bleich und abgehärmt bei ihrer Näharbeit. Sie lebte noch immer in völliger Abgeschlossenheit von der Welt bei ihrer Freundin; so war ihr denn bis jetzt das Schuldbekenntniß Georgs und seine spätere Verurtheilung völlig unbekannt geblieben. Die Nähterin hatte furchtsam die Mittheilung dieser vernichtenden Nach- > richt von Tag zu Tag verschoben, heut' endlich mußte sie sich ein Herz fasten, denn . morgen schon sollte der Tag der Hinrichtung sein und dann war Mariannen nichts mehr : zu verheimlichen. Sie blickte mitleidig auf das arme Mädchen, das sie einst um ihr > Glück beneidet hatte. s Welch' qualvolle, elende Tage hatte Marianne erlebt; sie war hinausgestoßen aus dem elterlichen Hause und Georg schmachtete noch immer, trotz ihres Opfers, im Gefängnisse. Wie war das Alles möglich gewesen! Sie konnte es oft nicht fasten, stützte den heißen Kopf in die magere Hand und versank in dumpfes Hinbrnten. Plötzlich er« ^ 43 «achte sie wieder, sie besann sich, daß sie arbeiten, nähen müsse, um ihr kümmerliche» Brod zu erwerben, und die Nadel fuhr mechanisch durch die Leinwand. „Du nähst ja ohne Faden," bemerkte Bertha, die ihr gegenüber saß und oft mitleidig ihre Blicke nach der Unglücklichen hinübersandtc. Marianne schrack auf, sie gewahrte jetzt erst ihre Zerstreuung; „wirklich," sagte sie, „Du hast recht," und sie suchte in das Lachen der Freundin einzustimmen, aber eS gelang ihr nicht, der Versuch schlug in sein Gegentheil um und bald stürzten helle Thränen aus ihren Augen. „Du grämst Dich zu sehr, das taugt nichts," tröstete die Nähtcrin, „so gern ich Dich hier hab'. Du solltest wieder hinaus auf's Land, das Nähen bekommt Dir nicht, wie siehst Du schmalbäckig aus." „Das ist's eben, dort bei der harten Arbeit vergehen Einem die Gedanken, ich möcht' hinaus, aber jetzt — Du weißt, wie es bei uns auf dem Lande ist, sie habe« keine Barmherzigkeit mit dem Unglück, ich müßt vergehen vor Schimpf und Spott." „Dann solltest Du wenigstens hier mehr unter Leute kommen, das würde Dich zerstreuen; das ewige Stubensitzcn taugt nichts." „Laß mich nur, ich mag Niemand mehr sehen und sprechen. Könnt' ich mit meinem ganzen Jammer in die Erde versinken, wär's nur keine Sünde." „Marianne! Sünde ist's gewiß, denk' nicht so schlecht," eiferte die Nähterin, — „glaub' mir, Georg hat's nicht verdient, daß Du ihm zu Liebe so viel gethan." „So viel gethan? Hab' ich ihn retten können? O, die Nichtswürdigen, die mir nicht geglaubt und die ihn unschuldig martern und quälen, bis er sterben wird." „Er ist nicht unschuldig, Marianne, mein Bräutigam hat mir's hoch und theuer versichert, Du solltest nur lesen — die Akten —" „O, in die schwarzen Papiere schreiben sie nichts als Lügen." „Bitte, Marianne, das ist mir nicht lieb, mein Bräutigam führt die Protokolle nnd der —" „Soll ich Dir sagen, wer den Mord begangen: die Müllerwittwe, sie gönnte nicht dem Sriefsohn die Mühle, sie hat den Verdacht zuerst auf den armen Georg gebracht, sie ist es selbst." „Ich bitte Dich, solchen Verdacht, sage das Niemand, das ist ja ganz verrückt." „Ich will es aller Welt sagen, wenn man mich zur Verzweiflung treibt, daß sie an dem Morde schuldig; der Gedanke ist mir zuerst in's Herz geschossen, ich kann ih« nicht mehr los werden." „Du mußt, Marianne; denn es ist doch wahr, Niemand anders ist der Mörder, als Georg." Marianne schwieg. Wer tief und fest von der Wahrheit seiner Sache überzeugt, der vermag nicht fremden Irrthum zu bekämpfen. „Gewiß ist es wahr!" wiederholte die Nähtcrin lebhaft, die durch das zuversichtliche Schweigen Mariannens zu rascherer Mittheilung fortgerissen wurde, „er hat jetzt selbst den Mord bekannt." „Das ist nicht möglich!" rief Marianne und sprang so heftig auf, daß ihre Näharbeit zur Erde siel, „das ist eine Lüge." „Marianne, mein Bräutigam ist vereideter Protokollführer, er wird nicht lügen; doch frag' die ganze Stadt, er hat endlich gestanden und — " sie hielt erschrocken inne, als sie sah, welche Wirkung ihre Worte auf das arme Mädchen hervorbrachten. — Marianne versuchte zu sprechen, ihr Athem stockte, das ohnehin bleiche Antlitz bedeckte eine Todtcnblässe und mit einem wilden Schmcrzschrci sank sie zu Boden. Ihre Freundin war sogleich liebevoll um sie beschäftigt, sie strich ihr die Schläfe mit Wasser, holte ihr theures Lau ckg LoIoßNö herbei, das alte, echte, wie ihr Bräutigam versichert, und sucktc damit Marianne zur Besinnung zu bringen. Als die Letztere wieder die Augen aufschlug, begann sie dieselbe zu trösten: „Beruhige Dich nur, er 44 war Deiner nicht werth, der schlechte Mensch; sie haben Alle Mitleid mit Dir, daß er Dich so hintergangcn, Du bist ja unschuldig, Du konntest es nicht wissen." „Nicht wissen? Nein, nein, es ist doch nicht möglich!" Marianne strich mit der Hand über die Stirn, als müsse sie alle unheimlichen Gedanken verscheuchen. „Nein, in jener Nacht hat er keinen Mord begangen, wohl kam er mit finstern, schwarzen Gedanken, ich mußte lange mit seiner Verzweiflung kämpfen, aber als er fortging, hatte er doch Frieden, er ist unschuldig." Sie sank auf ihre Knie und rief in tiefster Inbrunst: „O Gott, sende Du einen Netter in unserer höchsten Noth." Bertha blickte verwundert auf ihre cxaltirte Freundin und wollte eben mit einem nüchternen Trosteswort dazwischen fahren, da polterte Jemand die Treppe herauf, die Thür wurde heftig aufgerissen und der kleine Protokollführer stürzte herein. Er zog hastig die von der Stubcnwärme angelaufene Brille von der Nase und gewahrte nun erst seine Braut und ihre Freundin. „Was ist Dir?" — fragte die Nähterin erschrocken und umarmte den Geliebte« zärtlich. „Nichts, ich muß nur Athem holen, die zwei Treppen — wir wohnen einmal Parterre — eigentlich hab' ich der Marianne etwas zu sagen," setzte er flüsternd hinzu, „Soll er schon heut?"- fragte diese leise zurück. „Gott bewahre! Denke Dir — er ist unschuldig!" „Nicht möglich!" „Gewiß, nur vorsichtig!" Marianne war bei dem Kommen des Protokollführers aufgestanden und hatte sich erschöpft in eine Ecke des alten gebrechlichen Sophas geworfen. Der Protokollführer ging jetzt freundlich auf sie zu und sagte: „Marianne, seien Sie nicht mehr traurig, der Himmel kann noch Alles zum Besten lenken." Sie schüttelte den Kopf: „Ich sehe keine Hilfe." „Und Ihr Licblingsspruch" — er kannte ihn durch die öfteren Besuche bei seiner Braut und sprach ihn jetzt mit tiefem Gefühl: „Er sijzt dort hoch in stiller Einsamkeit, Und sinnt aus unser Wohl, Den großen Schooß von Wohlthat weit und breit Und beide Hände voll." (Fortsetzung folgt.) Jesuiten und Luther. (Gegen zwei Zeitungslügen.) Die „N. Fr. Presse" hat in der Nummer vom 13. Novemb. v. I. folgende Behauptungen aufgestellt, welche seitdem von allen fortschrittlichen Blättern colportirt werden.- 1) Der Jesuit Mariana habe mit Bewilligung seiner Obern den Königsmord vertheidiget; 2) Die Reformatoren des 16. Jahrhnndertes hätten dagegen Gehorsam gegen die von Gott gesetzte Obrigkeit gcprediget. Das erste ist eine Lüge. Zum Beweise dessen citiren wir aus einem kürzlich erschienenen Buche*) folgende Stelle: „Die Lehre vom Tyranenmord gesteht der Bevölkerung, in gewissen Fällen das Recht zu, sich aus dem Joche eines Regenten, der seine Macht mißbraucht, durch Gewalt zu befreien, ja auch ihn zu tödten. Diese Lehre existirte lange, bevor es Jesuiten gab, und fand an den meisten Universitäten ihre Vertreter. Zu ihren Anhängern gehörten *- Die Jesuiten. Frei nach dem Französischen des I. D'Arsac. Wien bei Sartorie, 1LS7 ' S. 39 und 40. . manche berühmte Name». Die Gesellschaft Jesu hatte von ihrer Gründung, in der ersten Hälfte des XVI. Jahrhunderts, bis auf unsere Zeit mehr als vierzigtausend Mitglieder. Aus dieser Zahl stimmten der erwähnten Lehre nur einige wenige, und auch diese nur insofern bei, daß sie die Behauptungen früherer, berühmter Lehrer einfach anführten. Ein Einziger ging weiter als die Uebrigen. Es war dies der spanische Jesuit Mariana, ein Mann von großer Gelehrsamkeit und feurigem Temperament. Er wurde berufen, die Erziehung des Jufanten von Spanien, Philipps ll. Sohn zu leiten, verstand sich aber nicht auf die Kunst, den Großen zu schmeicheln, sondern erzog den Prinzen in aller Strenge. Für diesen verfaßte er am Hofe des absolutesten Monarchen von Europa sein berühmtes Buch 1)6 K6A6 6t litZpsis in8titut!on6. Dieses Buch, das mit Erlaubniß des Königs, der die Widmung desselben annahm, und mit Genehmigung der Inquisition im Jahre 1599 zu Toledo erschien, enthält eine Hinweisung auf das angebliche Recht des Volkes. Darum wurde es gleich nach seinem Erscheinen durch die Jesuiten selbst ihrem General, Pater Claudius Aquaviva angezeigt und von ihm in den schärfsten Ausdrücken mißbilligt. Am 6. Juli 1610 erließ Aquaviva ein Dekret, in welchem er unter der kündenden Kraft des heiligen Gehorsams und bei den schärfsten Strafen verbot, daß irgend ein Mitglied der Gesellschaft es sich beikommen lasse, zu behaupten, sei es öffentlich oder im Geheimen, sei es als Rathschlag, sei es als Lehre, und noch viel weniger durch Herausgabe irgend eines Buches, daß es wann immer gestattet sei, unter irgend welchem Vorwaudc der Tyrannei, Könige oder Fürsten zu tödten,oder an ihre Person Hand anzulegen. Im Jahre 1614 verbot derselbe OrdeuSgcneral den Ordens - Provinziellen, den Druck irgend eines Buches zu gestatten, in welchem vorn Tyrannenmord oder von der päpstlichen Macht über die weltlichen Angelegenheiten der Monarchen die Rede sei." Wir fügen diesem Citate nichts weiter bei. ES zeigt wie es hier steht, um die obige Lüge zu constatircn. Die zweite obenstehendc Behauptung ist nicht absolut und durchgängig wahr. Statt vieler Beweise genügt es, auf Luthers Behauptung zu verweisen, daß die Fürsten Räuber seien, und je größer der Fürst, desto größer sei der Räuber, (lchii.M ml !>pal. vom 15. August 1521. — kriiioipvm 6886, 6l no» uüquu piirt6 iatiouom 6886, uut non, rillt vix P 088 ll)il 6 68t, 6vqu6 mujoreiu, c;uu Iilgjur I'i'ill66p8 liioriG, ist sein Ausdruck.) Wer übrigens über dieses Thema, in welchem die Bauernkriege eine große Rolle spielten, mehr noch lesen will, dem empfehlen wir das kleine Büchlein „Astrologie und Reformation" von Dr. Johann Friedrich. München, Rieger'sche Buchhandlung 1864, woselbst die oben citirte Stelle S. 130 zu finden ist. Wir sehen demnach hier, wie von Jesuitenfresscrn die Lüge als Mittel zum Zwecke gebraucht wird, und das sind dieselben Leute, welche sagen, Grundsatz des Ordens der Gesellschaft Jesu sei: „Der Zweck heiligt die Mittel." (Aus der Wiener K. Z. Nr. 47 v. I.) Eierhan d el England bezicht aus Frankreich, minder aus Belgien und Holland, kolossale Massen von frischen Hühnereiern. Es gibt in Frankreich Exportgeschäfte, welche Tag für Tag Hunderte von Menschen nur mit Prüfung und Verpackung der Eier beschäftigen. In den ersten fünf Monaten vorigen Jahres sind in England 196 Millionen Stück Eier eingeführt worden, davon im Monat Mai allein 56 Millionen Stück. Seit 1861 nimmt die Eiercinfuhr immer größere Dimensionen an. Da der Eicrexport äußerst lukrativ ist, trotz den enormen Verlusten durch Ausfall der schlechten, bebrüictcn Eier, die kein gewissenhafter Händler verwendet, so har man auch schon rvr Jahren in Deutschland wiederholte Versuche gemacht, einen Theil davon in die Hand zu bekommen; dieselben 46 scheiterten jedoch an der damaligen Unmöglichkeit, größere Massen davon rasch und ohne zu große Erschütterung zusammen zu bekommen. So hat z. B. der Erfinder des bekannten Branntweinbrennerei-Dampfapparats, Schwarz, vor etlichen dreißig Jahren schon einmal mehrere Schiffsladungen voll Eier aus Mitteldeutschland nach England abgehen lassen; allein dieselben waren verdorben, wurden nicht angenommen, kamen zurück und konnten nur zur Düngung der Felder verwendet werden, welche freilich eine so kostspielige Zufuhr noch niemals erhalten hatten. — Inzwischen ist durch mehrfache Versuche bewiesen, daß nicht allein ganz Deutschland, sondern sogar Ungarn, die Donaufürstcnthümcr, ja, das gesammte Europa, so weit Eisenbahnen und Dampfschiffe reichen, sich recht gut an dem Eierhandel nach England bethciligcn kann. Es ist jetzt erwiesen, daß frische Eier bei guter Verpackung und Behandlung aus den entlegensten Gegenden vollkommen gut und schmackhaft nach England gelangen. Ein intelligenter Unternehmer in Leipzig hat dies durch beharrlich erworbene Erfahrung vollkommen festgestellt. Derselbe fing den Eicrhandcl aus der Mitte Deutschlands nach Großbritannien versuchsweise an; er entsprach so gut, daß der Mann sich nach erweiterten Licfcrungs - Bezirken umsehen mußte; im Herbst vergangenen Jahres bereiste er zu diesem Endzweck Bayern, Böhmen, ganz Oesterreich, Ungarn bis in's Banat und Slavonien; überall instruirtc er sich über den Stand der Hühnerzucht, schloß Lieferungs-Verträge ab, und ist gegenwärtig in der Lage über Millionen von Eiern zu disponiren. Versuchsweise wurden zunächst 600 Kisten Eier aus Ungarn bezogen; dieselben waren in drei Tagen in Leipzig, binnen sieben Tagen auf dem Londoner Markt; sie erwiesen sich so trefflich, ohne Ausnahme, daß dem Unternehmer aus London, Birmingham, Manchester Liefcrungs-Anträge zugingen und er recht gut eine Million Eier wöchentlich placiren könnte, wenn seine Verhältnisse dies erlaubten. — Unter den zahlreichen Stoffen und Methoden, -welche schon zur längeren Aufbewahrung der Eier vorgeschlagen worden sind, ist dem gedachten Unternehmer am vortheilhaftcsten und Praktischsten erschienen die Anwendung von Ocl und zwar von gutem, reinem Baumöl. (Andere Oele, wie z. B. Mohnöl, Rüböl aus geschältem Samen u. s. w. dürften sich gleichfalls eignen, doch ist zu warnen vor den mit Schwefelsäure gereinigten Oelcu). Damit werden die Eier eingenebelt, so daß die Poren ihrer Schale sich mit Oel schließen und der Luft den Zutritt in das Innere des Eies ziemlich lange Zeit wehren. Das Einrciben muß sorgfältig und behutsam geschehen: die Person, welche es vornimmt, hat einen weichen Filz vor sich liegen, der nicht allein jeden abfallenden Tropfen aufnimmt, sondern auch ein der Hand entschlüpftes Ei vor dem Zerbrechen bewahrt. (Sobald es aber einen Sprung bekommen hat, ist es untauglich für die Versendung.) Durch ein ganz einfaches Verfahren wird das verschüttete Oel aus der Filz- Vorlage mittelst Schwefelkohlenstoff wieder gewönne« und kann dann von Neuem benutzt werden. Es geht auf diese Art so wenig verloren, und die Arbeit so rasch von statten, daß der Kostenbetrag für 280 Stück Eier (nach längerer Erfahrung) sich auf nicht mehr als 6 Pfennige belauft. Eine fleißige Arbeiterin kann ün Tage ungefähr 3000 Stück Eier sorgfältig ölen. (Am schnellsten und sichersten geht das Einölen der Eier, wenn die Arbeiterinnen, denen das Geschäft besser zukommt, als Männern, sich der ledernen Glacehandschuhe nüt abgeschnittenen Fingerspitzen bedienen, deren Handfläche mit einem Stücke weichen Flanell benäht sind; dies wird mäßig mit Oel getränkt und das Ei zwischen den Händeu ein paar Mal rasch umgericben. Es erlangt sich bald eine große Fertigkeit bei diesem Geschäft.) Man könnte auch die Eier mit Speck einrciben, wie von vielen Hausfrauen bekanntlich geschieht; allein solche sind in England unverkäuflich, da sie einen Geruch annehmen, was beim Baumöl nicht der Fall ist. Die Verpackung der Eier geschieht auf keine Weise billiger und vortheilhafter, — als in Kisten mit Spreu. Am geeignetsten ist dazu die Spreu des Spelz, der in Süddeutschland und den Donauländern im Großen angebaut wird. Die Kisten müssen hinreichend stark sein, damit ihre Wände einem Druck nicht nachgeben, wie die Zuckcrkisten, Citroncnkistcn u. s. w. Die früher oft gehegte Befürchtung, daß durch das Rütteln auf den Eisenbahnen die Eier in ihrer Theilung in Eiweiß und Dotter gestört oder in der Haltbarkeit beeinträchtigt werden könnten, hat sich nicht bestätigt. Bei Eiern, welche zum Ausbrüten bestimmt sind, scheint dagegen allerdings ein schädlicher Einfluß des Transports Platz greifen zu können, jedoch keineswegs immer, da Fälle bekannt sind, in welchen Bruteier ohne weitere Vorsichts- Maßregeln auf größere Entfernungen hin verfahren, sich doch noch vollkommen entwicklungsfähig gezeigt haben. Angebrütete Eier eignen sich nicht zum Versandt, — denn sie sind durchaus nicht haltbar; daher müssen sämmtliche Eier vor der Verpackung genau besichtigt werden. Man kann dies thun gegen die Sonne, z. B. im verdunkelten Gemach, dessen Fensterladen einen eierförmigcn Ausschnitt enthält, mit der Hand vor einem Licht u. s. w,, am sichersten aber geschieht diese Arbeit vor einer Gas-Stichflamme mit dem Eiergucker oder Ooskop. Derselbe ist ein Kasten nach Art der Stereoskopenbehälter, der eine 'kleine dunkle Kammer bildet, in die das Ei so gefügt wird, daß gegen die Stichflamme gehalten, darin der kleine dunkle Kern, welcher die begonnene Entwicklung der Embryo anzeigt, ganz deutlich erscheint. Eier, welche ihn sehen lasten, werden bei Seite geworfen. Sie lassen sich noch zur Gewinnung von Albumin, auch von Eieröl verwenden; wo schon die Entwicklung weiter vorgeschritten ist, bleibt nur noch die Benu- zung mit Kalk zu Dünger nach dem Mostclmann'schcn Verfahren übrig. Das bedrängte Reh. Es schweigt der Bach, von Frost zu Eis erstarrt. Die Ficht' im Wald, von Reif beladen, knarrt. Ein trüber Himmel senkt sich auf die Flur, Sie zeigt im Schnee der Wölfe leichte Spur. Da springt ein Rchlein aus dem Wald heraus, Stutzt bangen Blick's und flieht zum Jägerhaus: Der Wölfe Hnngerheulen traf sein Ohr. „O Jäger, laß' in Ruh dein Feuerrohr! Unedel, gäbst du jetzt dem stech den Tod, Wo es vertrauend zu dir flieht in Noth. Schließ' auf die Thür und laß' es zu dir ein, O woll' ihm Schützer und Erhalter sein! — Und wenn auf dich, was Gott verhüten mag. Sich drohend niedersinkt ein schwerer Tag, Wenn dir des Lebens Bach in Gram erstarrt, Wenn gierig dein des Unglücks Währwolf harrt, Wenn dir schon nah' sein Wuthgchenl ertönt, Wenn du ein Flüchtling, der in Drangsal stöhnt. Und keines Freundes Hilfe dir erscheint: Dann biete mitleidsvoll dein cig'ncr Feind, So wie du jetzt dem armen Reh gethan. Dir seines Hauses Schutz und Labung an!" M i s c e l l e ii. (Ein höflicher Richter.) Ein Richter im Westen Amerikas, der seiner Höflichkeit wegen berühmt und populär ist und sich auf jede Weise bemüht, diese Popularität sich zu erhalten, hatte kürzlich einem Vcrurthciitcn sein Todesurtheil zu verkündigen und entledigte sich seiner Pflicht in folgender Weise: „Gefangener, Herr D., darf ich Sie bitten, sich zu erheben? (Es ist eine Formalität, welche das Gesetz vorschreibt; sonst 48 würde ich Sie nicht bemühen.) Sie sind eines Verbrechens angeklagt, welches, glaube ich, ohne jedoch irgend welche persönliche Meinung dabei geltend machen zu wollen, auf Mord lautete, und von einer Jury Ihrer LandSleute zu meinem großen Bedauern schuldig befunden worden. Ich habe Ihnen deßhalb leider, indem ich nochmals meine persönlichen Gefühle rescrvire, anzukündigen, daß Sie am Halse aufgehängt werden sollen, bis Sie todt — todt -— todt sind. — Bitte, setzen Sie sich und erlauben Sie mir nur noch die Frage, — um welche Zeit es Ihnen am besten passen würde, — sich hängen zu lassen?" (Vorrath des Elfenbeins.) Wenn, wie man behauptet, die Elephanten wegen der unaufhörlichen Verfolgungen, denen sie ausgesetzt find, bald von der Erde verschwinden müssen, so wird es doch deshalb an Elfenbein nicht fehlen. Die Entdeckungen englischer und russischer Seefahrer in den Polarregionen haben es außer Zweifel gesetzt, daß fast unerschöpfliche Lager von Mammuth - Zähnen dort im Schooße der Erde liegen, deren Ursprung sich nur dadurch erklären läßt, daß die an sich in Hcerdcn zusammenlebenden Thiere durch die drohenden Anzeichen einer Erdrcvolution zu größeren Massen zusammengetrieben und dann von der Katastrophe begraben worden. Ncu-Sibiricn allein liefert jährlich gegen 40,000 Pfund von diesem fossilen Elfenbein in den Handel, während die Eingeborenen selbst zur Anfertigung von Uteusilien, Waffen, Jagdgeräthschastcn rc. große Quantitäten davon verwenden. 2 In einer Privatsammlung zu Donauwörth befindet sich eine Denkmünze mit dem Brustbild des Königs Friedrich von Preußen kriävrions >wi'U88orum rex, »ud der Jahreszahl 1759 auf der Vorderseite — und nachfolgender Inschrift auf der Rückseite: nllrnboi-A unck krunlikuit rvill iai>8 ckunkan lla^reutl: unck rm8biiok rvill icl>8 8olionIeen ligmbni-A unck rvürxdm-A rvill ia!>8 rvoi8nn ckn8 ieli bin ckar kneniA in prou88cn. (Alles im Verhältniß.) Ein Soldat wurde bei einem Bauer einquartiert. Um sich gehörigen Respekt zu verschaffen, zog er beim Essen seinen Säbel und legte ihn quer über den Tisch. Der Bauer, ohne das geringste Erstaunen an den Tag zu legen, stand auf, ging in die Scheune, holte die Heugabel und legte sie zum Säbel. Verwundert fragte der Soldat, was das zu bedeuten habe? „Zu einen: großen Messer gehört eine große Gabel," sagte der Bauer ganz trocken. (Was kann man durch Dummheit werden.) Ein Herr, der den Bedienten in seinem Armsessel schlafend fand, weckte ihn mit den Worten: „He, er bildet sich Wohl gar ein, er sei hier der Herr! Dumm genug ist er wahrlich dazu!" Druck, Verlag und Redaction des Literarischcn Instituts von llr. M. Hntllcr. N,-o. 7. 14. Februar 1869. Augsburgee 4 - Nasse Augen sind allmächtig über stummen Lippen. Diekgütige Natur nimmt der gelähmten Zunge des Bedrängten die Krankengeschichte seines gepeinigten Herzens ab, und erzählt sie uns mit einer einzigen Thräne. I. P. Fr. Richter. Gerächt und gerichtet. (Fortsetzung.) Ihr Auge suchte den Himmel, der über den Dächern in reiner Bläue lag Die Sonne glänzte so rein und golden, ein Vogel stieß im Vorübcrfliegen einige Jubeltöne aus, aber ihr starrer Blick konnte heut' nicht mehr ein Vater-Auge finden, das liebend über seiner Welt ruht, sie seufzte tief — und ein Thräncnstrom machte ihrem gepreßten Herzen Luft. „Verzweifeln Sie nicht, wo die Noth am größten, ist die Hilfe am nächsten; das bleibt doch ein altes gutes Wort." „Ich darf nicht mehr hoffen," cutgcgncte Marianne. „Und wenn Sie es dennoch dürften?" Diese mit Betonung gesprochenen Worte machten Marianne aufmerksam, ein Strahl von Freude glitt über ihr Gesicht, um eben so schnell zu verschwinden; es war ja unmöglich, wo sollte jetzt noch Rettung herkommen! „Sie dürfen hoffen," wiederholte der Protokollführer, „es sind Sachen an das Licht getreten, die für Georg sehr günstig, vielleicht sogar — " „Sagen Sie das nicht," unterbrach ihn Marianne, „ich lasse mich nicht täuschen, Ihre Gerichte sind schrecklich, — wen sie einmal erfaßt, den machen sie schuldig, der ist verloren." „Hm, mein alter Iustizrath ist boshaft und eigensinnig, so sind sie nicht Alle, es gibt noch viel rechtschaffene Juristen, die die Unschuld au das Licht ziehen." „Was hilft das dem Georg? Man glaubt mir picht, daß er kein Mörder." „Ich glaub' es, noch mehr, ich weiß es, — Georg ist wirklich unschuldig!" — Marianne lachte wild auf, sie nahm es für Spott, er, der ihr stets airtz den Akten Georgs Schuld überzeugend nachgewiesen, sprach jetzt von seiner Unschuld. „Das hab' ich nicht verdient, Herr Meyer," sagte sie vorwurfsvoll, „ich will lieber ertragen, daß Sie mir alle Protokolle mittheilen, als diesen Scherz." „So höre doch!" mischte sich die Nähterin in's Gespräch und warf sich mit weinenden Augen an die Brust der Freundin. „Georg ist wirklich unschuldig, er wird frei." „Frei!" jauchzte Marianne und die Bauerndirne, die so lange in engen Banden eingeschnürt worden, machte sich Luft. In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür -— „Georg!" — „Marianne!" — und zwei glückliche Sterbliche hielten sich jubelnd umschlungen. Der Protokollführer zog seine Geliebte zu sich hin, welche einen Strom von Freu- denthränen vergoß und sagte ermahnend: „Warum weinst Du denn? das ist ja ein unendliches Glück!" aber in demselben Augenblick mußte er auch schon das Taschentuch hervorziehen und sich die Augen trocknen. „Dummes Zeug! zu weinen!" fuhr der gute Mensch fort und konnte sich der Thränen nicht enthalten. Während die beiden Zuschauer 50 vor freudiger Rührung in Thränen zerstoßen, kam in die Augen der beiden Glücklichen, die ein so tief erschütternd Wiedersehen feierten, kein feuchter Tropfen. Mariannens Wangen waren mit Purpur übergössen, alles Leid, alle blasse Sorge schien mit einem einzigen Hauch hinweggcweht, ihre Brust war stark genug, den hohm Wellenschlag des Glückes zu ertragen. Wie viel hatten sich die Beiden zu erzählen; welche Veränderungen in ihren Schicksalen waren geschehen. Georg fragte erstaunt, „was Marianne hier treibe, und wie sie in die Stadt gekommen?" Sie crröthetc und wollte mit der Sprache nicht heraus. „Mein Vater ist so launenhaft, ich konnte es nicht mehr bei ihm aushalten," — stotterte sie hervor. „Nein, glauben Sie das nicht," eiferte sogleich die zukünftige Frau Protokollführerin, „die arme Marianne wollte —" „O, schweige doch still," bat Marianne. „Ich muß es ihm sagen, wie lieb Du ihn gehabt, — damit er's einsieht und nicht vergißt." „Was ist denn geschehen?" fragte Georg. „Marianne wollte Sie retten," erklärte der Protokollführer. „Ihr Alibi nachweisen und hat das bekannt, was Sie verschwiegen, darüber zürnt noch ihr Vater." „Marianne!" rief der fange Mann mit tiefster Bewegung und drückte das treue Mädchen in überquellender Empfindung noch einmal an seine Brust. „Das hast Du für mich gethan? Du treues, liebes Herz!" „Und hast Du nicht mehr gelitten, um meinetwillen," cntgcgnete jetzt Marianne unter Thränen lächelnd, „hättest Du nicht geschwiegen, hättest Du bald gesagt, daß —" „Und Dir diese Schande gemacht? Was sollten die Leute von Dir denken, daß gerade an diesem Abend! —" „Und Du selbst, Georg; aber meine Angst um Dich war so groß und ich wußte, daß Du mich nicht für schlecht halten würdest — hätt' ich wissen können, welch' Unglück ich damit herbeigeführt, und ich wollte . lies nur zum Guten lenken und zum Glück." „Ja, ja, wir dürfen eben nicht lenken, da geschieht am meisten etwas Schlimmes," bemerkte der Protokollführer. Nachdem die Freude des ersten Wiedersehens verrauscht, gewahrten Beide erst, welche Veränderungen mit ihnen vorgegangen. Marianne war weißer, blasser geworden, Gram und Sorge halten jetzt ihre Furchen in das einst so blühende Gesicht gezogen und damit den Zauber der Jugend abgestreift. Sie erschien um zehn Jahre gealtert. Bei Georg hatten jene schweren Tage noch tiefere Verheerungen hervorgebracht; er sah aus, wie ein aus dem Grabe Erstandener, und wohl war es ein Grab, aus dem man ihn hervorgerufen. Wo war die jugendliche Erscheinung hin, die voll Leben und Gesundheit gestrotzt! Marianne schloß eine welke, zusammengebrochene Greiscngestalt in ihre Arme, und doch — wie ruhten ihre Blicke mit unendlicher Liebe auf dem armen Dulder, dessen eingefallene Wangen und weiß gewordenen Haare von einer Ewigkeit voll Qual und Schmerz erzählten. Sie gingen Beide mit verschlungenen Armen in dem kleinen Stübchxn auf und ab, während das Brautpaar sich leise entfernte, um ihnen einen ungestörten Augenblick zu gönneu. Beim Zurückwandern warf Georg einen Blick in den Fenster- spiegel und blieb plötzlich stehen, er hatte das Gesicht eines Fremden zu sehen gemeint, so völlig unbekannt war ihm das Antlitz, das ihm dort entgegentrat. Marianne wollte ihn vom Spiegel wegziehen, er lachte bitter; „ich muß doch sehen, wer der Mann ist, der Dich am Arme führt." Und nun trat er dicht vor den Spiegel, und seine Augen gruben sich tief in das erschreckende Abbild, das ihm das rücksichtslose Glas cntgegen- warf. Er schauderte vor sich selbst zurück, als er in diese hohlen, halb erstorbenen Augen blickte, auf dies entstellte Antlitz, das ihm wie ein Todtcnschädel entgcgengrinste. Wie mit einem Schlage stiegen die alten Wuth- und Haßgedanken gegen seinen Peiniger 51 herauf, sein Gesicht verzerrte sich in wildem Grimm, er ballte die Fäuste und rief drohend: „Warte, Elender, ich bin jetzt frei!" Marianne suchte ihn zu trösten, zu beruhigen. „Du wirst wieder gesund und frisch aussehen," sagte sie schmeichelnd, „guck', ich bin auch recht alt und häßlich geworden, wir haben uns nichts vorzuwerfen." „O, es ist nicht darum; aber wenn ich dort in den Spiegel sehe, dann lcs' ich erst, was in meinem Gesicht geschrieben, was noch deutlicher hier steht," er zeigte auf seine Brust. — „Du mußt nicht mehr daran denken," meinte Marianne. „Nicht daran denken?" fragte Georg bitter zurück. „Er hat mich zertreten wie einen Wurm, ich habe nichts gekonnt, als mich ohnmächtig krümmen und ich hab' nur nach Freiheit gelechzt, um —" er hielt erschrocken innc: Marianne blickte ihn forschend an, er scklug seine rachefunkelnden Augen zu Boden und starrte vor sich hin. „Sei auf Niemand böse, Georg!" beschwichtigte Marianne, „auf Niemand — liebet Eure Feinde, steht in der Schrift und wenn er uns durch seine Härte wehe gethan, so —" „Soll er es büßen," unterbrach sie Georg und stieß ein wildes Lachen aus. „Ich erkenne Dich nickt wieder," begann Marianne von Neuem. „Hab' ich mich denn selbst wieder erkannt?" fragte Georg, „ist denn die Fratze, die ich gesehen, mein Gesicht? — Ist nicht aller Frieden, alle Ruhe aus meiner Brust heraus?" Er ging hastig allein in der Stube auf und ab. „Hat Dich mein Buch nicht getröstet, das ich Dir geschickt?" fragte Marianne, ihn auf andere Gedanken zu bringen. „Ja, das Buch, Du hast recht —- Aug' um Auge, Zahn um Zahn," murmelte er vor sich hin und ohne sich von Mariannens Liebkosungen aufhalten zu lassen, stürmte er hinaus. Marianne sah ihm lange nach, ihr war Alles wie ein Traum. . . . Vl. Die Freisprechung Gcorg's konnte Niemand unangenehmer berühren, als den Justiz- Rath. Er hatte so lauge, so scharfsinnig rücksichtslos inguirirt und sich nun dennoch vergriffen. Das war ein Stachel, der sich tief verwundend in seine ehrgeizige Juristcn- scelc drückte. Und wenn man seine Härte, ja seine elende Grausamkeit an das Licht zog, wenn man höheren Ortes die Untersuchungsaktcn einforderte und daraus seine Voreingenommenheit, sein blindes Zutappcn ersah, konnte das nicht böse Folgen für ihn haben? Doch der Justizrath war kein Mann, der sich von solchen Dingen einschüchtern ließ, er hatte sich schon durch manche Diszipliuar - Untersuchung glücklich hindurchgcwunden und dieser Fall war dagegen unbedeutend. Pah, ein Baucrnjunge, ob dessen dickes Fell mehr oder weniger durchgegerbt worden, was verschlug das? Aber die ganze Stadt war von Unmuth erfüllt über das bekannt gewordene Verfahren des Justizraths; man begann, sich für den unschuldig Angeklagten zu intercssircu, Sammlungen wurden veranstaltet, um den Unglücklichen für seine schwere Leidenszcit in Etwas zu entschädigen, ja der Assessor erbot sich, ein Bittgesuch an den Landcshcrrn zu fertigen, damit dem Armen irgend eine öffentliche Ehrenrettung würde. Georg schlug Alles aus und entzog sich den eben so herzlichen, wie theiluchmendcn Beweisen des Mitgefühls völlig. Er blieb in aller Stille bei dem gutmüthigen Protokollführer, der ihm sein kleines Stübchcn als Asyl angeboten. Man erfuhr jetzt erst die schonungslose Behandlung des Angeklagten, wie er nur aus Verzweiflung ein Schuld-Bekenntniß abgelegt, und man vcrurthciltc dafür den Justizrath um so härter. Jeder wußte von ihm einen schlechten Zug anzuführen, Alle waren darin einig, daß der Mann durch diese Brutalität von seinem Posten kommen müsse und seine besten Freunde, mit denen er manche Flasche ausgestochcn, manchen „Robbcr" gemacht, brachen über ihn, wie das ja immer geschieht, am schonungslosesten den Stab. 52 Dieses Brausen des allgemeinen Unwillens gewahrte der Justizrath bald, und es mußte wenigstens in seinen Hauptströmungen besänftigt werden. Der alte praktische Jurist verzog sein dürres, ausgelebtes Gesicht in höhnische Falten, ging mit hastigen Schritten im Zimmer auf und ab, rieb sich dann, als ob ihm ein Einfall gekommen, vergnügt die Hände, und murmelte vor sich hin: „Es wird freilich etwas kosten, es muß diesmal etwas Ausgesuchtes sein, Trüffeln — Gänsclcber — Tokayer — aber dann bin ich ^ wieder das alte Justizräthchen, kein Menschenfresser, kein Kannibale mehr — wie mich schon die Dienstmädchen am Röhrtrogc heißen — sie schütteln mir wieder die Hände, die > alten Freunde, und wenn erst der Champagner anrückt, dann sagt doch Jeder, daß ich ein guter Kerl und noch viel zu human und christlich gehandelt. — Meine armen Trüffeln, meine Weine!" jammerte er und nahm mit bedenklicher Miene eine Prise; verd— Geschichte das, aber es muß sein!" (Schluß folgt.) Allerlei Lichter. Das ärmste alte Mütterchen, welches am Christabend tiefer als sonst in die Tasche gegriffen, um ein Paar Wachskcrzchcn für den Wcihnachtsbaum ihres armen verwaisten Enkels und um einige Kreuzer Petroleum für ihre Lampe zu kaufen, sie ahnt es wohl nicht, wenn sie mit dem glücklichen Kinde einen Häring mit Kartoffeln verspeist, um am Weihnachtsabend auch Fisch gegessen zu haben, daß sie der antike Schlemmer Lucullus, wenn er zufällig in ihre Kammer getreten, sehr beneidet haben würde, nicht um den halben Häring, wohl aber um die glänzende Beleuchtung ihrer Abendtafcl. — Im klassischen Alterthum bewegte sich der Fortschritt auf der kurzen Bahn von der Kicnfackcl bis zur Oellampe, welche von Pcriklcs bis Ludwig .XV., wo die Reflektorlampen eingeführt worden, im Wesentlichen unverändert blieb. Das französische Königthum lag bereits in den letzten Zügen', als Ärgand 1798, angeregt durch die hellen Flammen eines brennenden Bauernhofes, zur Construktion seiner neuen Lampe veranlaßt wurde. Lange V wollte das Experiment nicht glücken, bis ihn endlich ein Zufall den richtigen Weg finden ließ. — „Mein Bruder," erzählte der jüngere Bruder Argand's, „hatte lange Zeit Versuche angestellt, um seine Lampe zu Stande zu bringen. Nun lag am Weihnachtsabend auf dem Kamintisch ein abgebrochener Hals einer Weinflasche. Nachdem ich zufällig Hinübergriff und ihn über die kreisförmige Flamme der Lampe stellte, erhob sich augenblicklich die Flamme mit Glanz. Mein Bruder sprang voll Entzücken von seinem Sitze auf, stürzte freudig auf mich zu und umarmte mich feurig." Seit Argand drängen sich die Erfindungen in der Construktion von Oellampen, um schließlich, nachdem Carcel den glücklichen Gedanken hatte, das Oel-Reservoir in den Lampenfuß zu verlegen, in unserer heutigen Moderateur-Lampe zu gipfeln. Weit später, als die Lampen, sind die Kerzen aufgetaucht. Unschlittkerzen mit Baumwolldocht kommen erst im 15tcn Jahrhundert vor. Gegossene Kerzen kennt man erst seit Anfang unseres Jahrhunderts, Stearinkerzen erst seit kaum 40 Jahren. Chevrcuil lehrt im Jahre 1823 den schmierigen Talg in feste und flüssige Fettsäuren zu zerlegen, und die festen Fettsäuren nach Verscifung der flüssigen auszuscheiden. 1825 wurde von Cambacüres der geflochtene Baumwolldocht, welcher das Putzen der Flamme überflüssig machte, erfunden, und also war die Grundlage zur heutigen Stearinkerzen - Fabrikation gewonnen. — Aber es dauerte noch bis nach der Juli- Revolution, bevor dieser neue Industrie-Zweig Wurzel fassen konnte. Erst ein Kammer- herr Carls X., de Millh, ein Mann von den vielseitigsten Kenntnissen, der durch den Sturz dieses Bourbonen-Königs sich aller Subsistcnzmittel beraubt sah, — versuchte die fabrikmäßige Erzeugung der Stearinkerzen, und erst diesem genialen Manne gelang es, die Stearinkerzen zum Range eines Handelsartikels zu erheben. Sechs Jahre später, im Jahre 1837, gründete dann sein Bruder die erste Stearinkerzen - Fabrik in Wien, nach » - . 53 welchem wir heute noch diese Kerzen Millykcrzcn nennen. Aber mit der Vervollkommnung der Lampe und der Kerze schließt die Geschichte der Beleuchtung nicht ab, sondern nun erst drängen sich die Entdeckungen von neuen Belcnchtungsstosscn und neuen Methoden, sie zu verbrennen, von der Gasbeleuchtung bis zur Phöbnslampe. Als neue Bclcuch- tungsstofsc treten auf das Rüböl, dann die ganze Reihe der Leuchtstoffe, welche durch Rektifikation der Thceröle gewonnen werden, und je nach ihrer Beschaffenheit unter dem Namen Photogen, Mineralöl, Hydrocarbur, Schicfcröl, Solaröl u. s. w. in den Handel kommen, ferner daS diesen Oelcn verwandte Petroleum oder Erdöl, dann zur Kerzen- Erzeugung Palmöl, Wallrath, ein eigenthümlicher Fettstoff, der auS dem Potlfisch und anderen Fischen des südlichen Weltmeeres gewonnen wird, das Paraffin, welches Neichcn- bach im Jahre 1830 zu Blansko in Mähren bei einer Theer-Destillation entdeckte u. s. w. Aber alle Fortschritte in der Beleuchtung überragt an Großartigkeit und Bedeutung die Erfindung der Gasbeleuchtung. Jahrtausende war sie dem Menschen nahe gelegt, und doch sind es kaum 70 Jahre, seit er sie entdeckte. Bei jeder Beleuchtung findet zuerst eine Erzeugung von Gas aus dem Belcuchtungs-Materielle, Oel, Wachs rc. und dann eine Lichtcntwicklung durch Verbrennung der Gase statt. Auch bei der Oel- und Kerzen- Beleuchtung findet derselbe Vorgang statt. —- Die Flamme, welche das Licht entwickelt, ist zugleich das Feuer, welches den Brennstoff, sei cS nun Oel, Talg, Paraffin rc. in Gas verwandelt; der charakteristische Unterschied zwischen der Oellampcn-, Kerzen- und Gasbeleuchtung ist, daß in der Kerze und Lampe Gaserzeugung und Gasverbrennung in demselben Raume gleichzeitig vor sich gehen, während bei der Gasbeleuchtung die Erzeugung und die Verbrennung des Leuchtgafes zeitlich und räumlich getrennt vor sich gehen kann. — In dieser zeitlichen und räumlichen Trennung liegt das Charakteristische der Gasbeleuchtung, während sie sonst mit jeder anderen BclcuchtungS - Methode ganz identisch ist. — Treffend schildert Knapp diesen Vorgang mit den Worten: „Die Flamme der Lampen und Kerzen ist ein wahrer Mikrokosmus einer Gasbelcuchtungs - Anstalt, deren Rctortenhaus in dem engen Raume eines Dochtcndcs so sicher und geräuschlos arbeitet, daß man ihr Dasein viele Jahrhunderte lang nicht gewahr wurde," und noch anschaulicher drückt der Chemiker Dumas denselben Gedanken aus, indem er sagt: „Hätte man von Anfang au das Gas gehabt, so würde der, welcher die Kerze gemacht, als der geniale Kopf gefeiert worden sein, dem es gelungen ist, den Mechanismus der Gasanstalten in den Raum eines Fingcrhutcs zu conzentrircn." Die Gase der Steinkohle waren wohl lange schon studirt, aber erst gegen Ende des vorigen Jahrhunderts dachte der französische Ingenieur Philipp Lc Ronn in Paris und der englische Ingenieur Murdoch in London an die praktische Verwerthung dieser Studien. — Wilhelm Murdoch war Ingenieur der Minen von Cornwall, wohnte aber in Ncd- ruth. — Er versuchte das Clayton'sche Experiment, Stcinkohlcngas in Schwcinsblascn zu sammeln, und aus daran befestigten Röhren brennen zu lassen. Des Nachts beim Heimreiten bediente er sich dieser Blasen auf dem Pferde statt einer Laterne, und kam so bei dem Landvolk in den Geruch eines Magiers. Im Jahre 1792 gelang es Murdoch endlich, sein eigenes Wohnhaus, und 1803 sogar ein großes Fabrik-Etablissement in Soho mit Gas zu beleuchten. Von diesem Jahre ist die Einführung der Gasbeleuchtung in's praktische Leben zu datircn. Jetzt war aber noch der große Schritt zu thun, die Gasbeleuchtung vom einzelnen Hause auf ganze Städte auszudehnen, und diese Aufgabe löste aber weder Murdoch noch Le Ronn — sondern ein Deutscher (Ocstcrrcicher), NamcnS Winzlcr, der im Jahre 1803 in London unter dem Namen „Winsors" auftauchte, und später sowohl in London wie in Paris die Gasbeleuchtung im Großen zuerst durchführte. — Winzler war nichts weniger als ein Mann der Wissenschaft, aber voll Kenntniß der Welt, einer der genialsten Schwindler seiner Zeit, der in seinem Programme, eine Aktiengesellschaft zur Bildung der ersten GaScompagnie in London, seinen Aktionären auf die Kapitalseinlage von 5 Pfund Sterling eine Dividende von 570 Pfund Sterling, 54 . also ein Erträgniß von nicht weniger als 11,400 Procent zusagte. Im Jahre 1605 hatte Winzler seine erste GaScompagnie auf Aktien gegründet. Anstatt Dividenden zu zahlen, verpuffte Winzler das Akticn-Capital bis auf den letzten Schilling. Nichts desto weniger vermochte Winzler die Aktionäre zu einer bedeutenden Nachzahlung zu bewegen, indem er sie glauben machte, es sei ihm gelungen, das Gas wohlriechend zu machen, und noch mehr derlei. Aber auch die Nachzahlung war bald verschwunden. Und immer und immer wieder gelang es ihm, eine neue Compagnie zu bilden, bis er endlich am 1. Apri 1814 sein Ziel, das heißt nicht das Auszahlen hoher Dividenden, sondern die Einführung der Straßenbeleuchtung in London mit Gas glücklich erreicht hatte. Aber Winzler begnügte sich mit diesem Erfolge nicht, sondern ging schon im Jahre 1815 nach Paris, um auch dort die Straßenbeleuchtung mit GaS einzuführen. — Auch in Paris machte die erste Gascompagnie, — die er mit einem Kapital von 1,200,000 st. gründete, nach kurzer Zeit Bankerott, und erst während der Restauration gelang eö der Gasbeleuchtung, unter Ludwig XVlll. sich zu befestigen. — England hat später für Winzler glänzende Revanche genommen, indem es die Jinpcrial-Continental-Gas-Affociation gründete, durch welche das Gas in den größeren deutschen Städten, wie z. B. 1825 in Berlin, 1845 in Wien eingeführt worden ist. Seither hat man gelernt, Gas auch auS anderen Materialien, wie Steinkohlen, als Holz, Torf rc. zu erzeugen, und das Gas auch zu anderen als Belcuchtungs-Zwccken, wie z. B. zum Heizen, als bewegende Kraft für Motoren u s. w., zu verwenden. Von den zahlreichen anderen Erfindungen auf dem Gebiete der künstlichen Beleuchtung scheinen bis heute nur noch das elektrische und Magnesium - Licht von Bedeutung. Das elektrische Licht als BelcnchtungSmittcl für die praktischen Bedürfnisse des gewöhnlichen Lebens zu benützen, ist bis heute zwar noch nicht gelungen, wohl aber hat man andere Anwendungen davon bereits gemacht, wie ;. B. zur Beleuchtung der Leuchtthürme, des Meeresgrundes bei Tauchcrarbeiten rc. Auch das Magnesium-Licht wird heute noch immer nur für einige besondere Zwecke, namentlich für Zwecke der Photographie verwendet, doch ist cS nicht sehr unwahrscheinlich, daß das Magnesium-Licht noch einstens als der gefährlichste Conkurrcnt des Gaslichtes auftreten wird. Zwar sind die Meinungen über die Zukunft des Magncsium-LichteS heute noch sehr getheilt, aber das war seiner Zeit auch beim Gaslicht der Fall. Einer der ersten Gclehr» ten seiner Zeit, Davy, hielt die Idee, London mit Gas zu beleuchten, für so absurd, daß er fragte, ob man denn die Paulskirche als Gasometer zu verwenden beabsichtige, worauf ihm dann der berühmte Ingenieur Clcgg antwortete: Er hoffe noch den Tag zu erleben, wo die Gasometer in der That nicht viel kleiner sein werden, und ein geachteter Chemiker, Sir Webster, erklärt in seinem Lehrbuche der Chemie noch im Jahre 1811 die Gasbeleuchtung für eine leere Spielerei. Die Sache kam aber doch anders, als sich diese sehr gelehrten Herren dachten, und es kann das leicht auch mit dem Magnesium - Licht der Fall sein, und zwar um so leichter, als die Magnesium-Erze mit zu den am häufigsten vorkommenden Mineralien, welche die feste Rinde unseres Erdballs bilden gehören, wie z. B. im Dolomit 16 Proccnt dieses Metalls enthalten sind. Also an billigem Rohcrze wäre kein Mangel, aber die Ausscheidung dieser Erze, welche heute noch mittels des kostspieligen Natron geschieht, verthcucrt das Metall. Würde man es aber dahin bringen, sagt Dr. Frankland, eine der größten Autoritäten in dieser Frage, das Magnesiumlicht wie Zink, mit dem es so viele analoge Eigenschaften gemein hat, mittelst Holzkohle auszuscheiden, so würde das Magncsiumlicht nicht mehr den vierten Theil des Gaslichtes in London kosten. Diese Entdeckung würde eine Revolution in der Beleuchtung hervorrufen, vielleicht bedeutender noch wie die Gasbeleuchtung. 55 Momento mori! Von Johann Weg mit Lustgesang und Reigen! Bei der Andacht ernstem Schweigen Warnen Todtcnkrünzc hier, Sagt ein Kreuz von Asche dir: Was geboren ist auf Erden, Muß zu Erd' und Asche werden! Vom Altar in die Paläste Dräng' es stch zum Jubelfeste! Mitten unter'm Frcudcnmahl Ruf' es in den Königssaal: WaS den Zepter führt auf Erden Muß zu Erd' und Asche werden! Wo Trophäen sich erheben, Sieger jauchzen, Völker beben. Tön' es aus der Ferne dumpf In den schallenden Triumph: Was den Lorbeer trägt auf Erden Muß zu Erd' und Asche werden! Wie sie ringen, sorgen, suchen, DaS Gefund'ne dann verfluchen; Der umhcrgctricb'ne Geist Felsen thürmt und niederreißt: Was so rastlos strebt auf Erden, Muß zu Erd' und Asche werden! Siehe durch des Tempels Hallen Mann und Greis und Jüngling wallen, Und die Mutter, die entzückt Ihren Säugling an sich drückt; Was da blüht und reift auf Erden, Muß zu Erd' und Asche werden! Wie sie kommen, ach! so kamen Viele Tausend; ihre Namen Sind erloschen, ihr Gebein Decket ein zermalmter Stein: Was geboren ist auf Erden, Muß zu Erd' und Asche werden! Geory Jakob i. Aber von der Welt geschieden, Ohne Freud' und ohne Frieden, Blickt die Treue starr hinab In ein modcrvollcs Grab: WaS so mächtig liebt auf Erden, Soll es Erd' und Asche werden? In den schönsten Roscntagen Füllt die Lüfte banges Klagen, Jammert die verwais'te Braut Einem Schatten angetraut: Liebe kann nicht untergehen; Was vcrwcs't, muß auferstehen! Und das brüderliche Sehnen, Abzuwischen alle Thränen; Was die Hand der Armuth füllt, Haß mit Wohlthun gern vergilt: Ewig kann's nicht untergehen; WaS vcrwcs't, muß auferstehen! Jene, die gen Himmel schauen, Ihrer Hähern Ahnung trauen. Diesem Schattenland entflieh'», Bor dem Unsichtbaren knien: O, die werden auferstehen, Glaube kann nicht untergehen! Die dem Vater aller Seelen Kindlich ihren Geist befehlen, Und vom Erdcnstaubc rein, Der Vollendung schon sich freu'n: Sollten sie, wie Staub, verwehen? Hoffnung muß dem Grab entgehen! Sieh' an schweigenden Altären Todtcnkrünzc sich verklären! Menschenhohcit, Erdcnreiz, Zeichnet dieses Aschenkreuz: Aber Erde wird zur Erde, Daß der Geist verherrlicht werd«! » ! i ! 56 M i s e e l l e n. (Anekdoten vorn König Ludwig I von Bayern.) Noch unter Max Joseph waren zwei Naturforscher auf königliche Kosten nach Brasilien geschickt worden, sollen aber mit reicherer Ausbeute für sich selbst als für den Staat heimgekehrt sein, und zählten also zu den Parasiten des früheren Hofes. Wir wollen sie „Kranz" und „Stunz" nennen. Als König Ludwig den Thron bestiegen, konnte er die Frage freilich nicht niehr gerichtlich untersuchen lasten, da kein Gesetz eine rückwirkende Kraft hat; aber er bereitete sich eine Privatrache vor, die er Jahre lang mit eben so viel Witz als Behagen durchführte. So oft er nämlich „Kranz" begegnete, streckte er ihm beide Hände entgegen und begrüßte ihn: „Lieber Stunz, wie geht'S?" Wenn der verwechselte Angeredete dann sagte: „Eure Majestät, ich bin „Kranz," so erwiederte der König, seine Taubheit vorschützend: „Ja wohl, ich weiß, Sie sind Stunz, Sie sind ein Ehrenmann, lieber Profestor; aber der verfluchte Kranz, der hat den Staat bestohlen, schade, daß ich ihn nicht mehr fasten kann! Adieu, lieber braver Stunz!" Und genau dieselbe Scene der Verwechslung spielte er mit „Stunz," wenn er diesem begegnete, nannte ihn seinen guten ehrlichen Kranz, schimpfte aber um so heilloser über Stunz, dem er eben das Alles — mit der Miene höchster Naivetät — direkt in'S Gesicht sagte. — Einige Tage, nachdem Schelling am 20. August 1854 in der Schweiz verstorben war und das Gerücht hierüber sich in München verbreitete, welcher Hochschule der Philosoph auch noch nach Uebersiedlung nach Berlin angehört hatte, begegnete ein allerdings nicht sehr berühmter Profestor der Malerschule dem damals schon längst pensionirtcn König und sprach ihn mit den Worten an: „Welch' ein Verlust für Münchens Gelehrtenruhm! Wissen Eure Majestät schon von Schelling's Tod?" — „Weiß, lieber A.",— erwiederte der König, „ja, ja, alle bedeutenden Leute sterben mir weg, und nur die Dummköpfe bleiben noch in München! Adieu, lieber A." — Beim Prinzen Adalbert spielten die Hofdamen öfter Privattheater, der Prinz zog aber manchmal auch eine Hosschauspiclerin in'S Spiel, um der Darstellung mehr Sicherheit zu verleihen. So war auch einmal eine der bestberufenen Künstlerinnen zu solcher Aushilfe gebeten morden, und hatte freundlichst zugesagt. Als sie jedoch im Damen-Cercle erschien, legte eine der Damen sofort ihre Rolle nieder, denn sie spiele mit keinem „Theatervolk!" Alles war empört, doch ließ sich nicht sofort gut Etwas erwiedern. Aber der Prinz Adalbert erzählte diesen Affront seinem Vater. Einige Tage darnach sah dieser jene Gräfin auf der Straße gehen. Er lief ihr nach, sie laut beim Namen rufend, und holte sie auch richtig ein, indem er sie laut und lachend ansprach, während alle Fußgänger stehen blieben und zuhörten. „Habe gehört, liebe Gräfin! — Sehr recht gethan! Nicht mit Hofschauspielcrinuen agiren wollen! Man muß auf seine Geburt halten! Ihr Großvater selig war Kutscher bei Napoleon, Sie sind aber Gräfin! Das ja nie vergessen! Kutschcrs-Enkelin darf sich nicht encanaillircn mit Hofschauspielcrin! Adieu, liebe Gräfin!" Als ein Menagerie-Besitzer bei der Fütterung in den Käfig der Hyäne ging, und ihre Zahmheit produzirte, sagte ein Schusterjunge: „Das ist nichts! Aber wenn meine Meisterin in dem Käfig wäre, so würde er sich wohl hüten, hinein zu gehen." „Was haben wir denn heute für einen Tag?" fragte ein armer Sünder den Henker, der ihm eben am Galgen den Strick um den Hals zog. „Montag," sagte der Scharfrichter. „Flickermcnt," meinte der arme Schlucker, „diese Woche fängt aber schlecht an." Ein Schuft ist um so schuftiger Je tugendphraseuduftigcr. Druck, Verlag und Redaction des Lckerarische» Instituts von l>r. M. Huttler. ssro. 8 21. Februar 1869 Atlgsbnrger Glücklich ist der, dessen äußere Lage mit seinem Temperament harmonirt, aber ein ganzer Mann, der selbst sein Temperament nach seiner Lage zu regeln versteht. Gerächt und gerichtet. (Schluß) Wirklich gab wenige Tage darauf der Justizrath ein glänzendes Souper, die Honoratioren der Stadt waren geladen und selbst Diejenigen, die sich noch so entrüstet über den Justizrath ausgelassen, die von Untersuchung und Cassation gesprochen und nie wieder mit dem herzlosen Manne Gemeinschaft haben wollten, sie kamen doch, die edlen Seelen, und Alle hatten dafür ihre Gründe. Die Einen wollten nicht augenblicklich brechen, die Anderen doch sehen, wie sich der alte Fuchs benehmen würde, die Dritten, um ihm das Gift des Mitleids in das Herz zu träufeln; aber wohl Alle gelockt von der angekündigten Güte und Trefflichkeit des Soupers, und wirklich ließ es, wie das ganze Arrangement, nichts zu wünschen übrig, und um seinen Gästen etwas Besonderes zu bieten, hatte es der Justizrath in seinen großen Garten verlegt, der jetzt von vielen Lampen und Lichtern erhellt, einen ungcmein belebten und reizenden Anblick bot. Ein Souper im Freien, in einer solch' weichen warmen Sommernacht, das war etwas Neues in der kleinen Stadt und stimmte bald zu Lust und Scherzen. Es wurde fleißig gespeist und gebechert und Mancher, der doch beim Eintritt eine gewisse Kühle und Entfremdung halte vorwalten lassen, wurde wieder gefügiger und hißte die alte Freundschaftsflagge auf. Der Justizrath merkte die von seinen Weinen erzeugte glückliche Stimmung, und brachte selbst mit einem kühnen Anlauf das Gespräch auf das bisher sorgfältig vermiedene Ercigniß des Tages. „Ja, Freunde! stoßt an auf mein Wohl," sagte er spottend, „ich muß mir schon meine Augen in Wein baden, denn diese uichtswürdige Untersuchung bat sie mir doch etwas getrübt," und er rieb sich mit dem rothseidencn Taschentuch über das erhitzte Satyrgcsicht. „Wir haben Sie sehr bedauert," begann der stets wie ein Gummiball beweglich hin- und herhüpfcnde einzige Apotheker der guten Stadt. „Was hat man für Allarm geschlagen, als wären Sie ein wahrer Vampyr, Sie sind doch unser alter, witziger Rath." „Dessen Weine stets vortrefflich, wenn er nur einmal die hintersten Reihen lichtet — die alten Garden!" bemerkte ein schon grau gewordener Doktor, der trotz seiner Jahre noch etwas Burschikoses zur Schau trug. „Ja, der Kerl hat mich was geärgert; ich armer, alter Mann hätte des Todes sein können, er mußte gehängt werden, schon weil er auf mich einen Mordaufall begangen." Ein eigenthümliches Geräusch, wie das Zerbrechen eines Astes, folgte dieser übermüthigen Rede und weckte die Aufmerksamkeit der lustigen Gesellschaft. „Was war das?" rief der Apotheker, und sprang erschrocken von seinem Stuhle. „Bleiben Sie ruhig sitzen, alter Freund, der Wind hat einen Ast heruntergeschüttelt," bemerkte der Justizrath. „Gott bewahre, es regt sich ja kein Lüftchen," warfen Mehrere ein. „Alte Aestc, die endlich brechen," beruhigte der Justizrath, „'s wird uns auch einmal so gehen," setzte er mit einem Auslug weinseligcr Melancholie hinzu. 58 „Nein, »ein, das ist etwas Anderes, sehen wir nach!" rief auch der Doktor und wollte fort. „Ach, vom süßen Weine fortlaufen, Doklor! Dieses Kriminal-Verbrechens hätte ich Sie nicht fähig gehalten," und damit hielt ihn der Justizrath zurück. „Aber, Justizrath, mir ahnt nichts Gutes," bemerkte der Apotheker, „wenn nur dieser nichtswürdigc Kerl, der Georg heißt er nicht so?" „Pah, den hab' ich mürbe gemacht, den Hund, der wagt nicht mehr zu beißen; nein, nein, beruhigt Euch, Freunde, es sind nur alte Aeste, die brechen." Da plötzlich knallte ein Schuß durch die Stille des Gartens, und hallte an den Mauern gespenstisch wieder. Alles sprang entsetzt von den Stühlen und umringte den Justizrath, der mit dem Ausruf: „Mein Gott!" zusammengebrochen und aus dessen Brust ein Blutstrom hervorquoll. Hier in der Stille des Gartens, beim vollen Becher und unter grünen Bäumen hatte die ganze Scene etwas Schauerliches. „Ein Streifschuß," bemerkte der Doktor in seiner gewohnten Ruhe; der lebhafte Apotheker aber rief sogleich: „Er ist todt, das ist der Georg, der ihn erschossen." „Ja, ich, ich habe ihn gctödtct!" rief jetzt Plötzlich eine Stimme, und in wilder Aufregung, die Büchse noch krampfhaft in der Hand haltend, stürzte Georg herbei, daß die Umstehenden von seiner wilden Erscheinung erschreckt, ihm scheu und bestürzt Platz machten. Der wie von Furien gepeitschte Mensch beugte sich zum Justizrath hinab und rief ihm in schneidendem Tone zu: „Erkennst Du mich ? Du hast mich gehetzt und getrieben wie ein wildes Thier, bis ich keinen anderen Gedanken hatte, als mich zu rächen — nun bin ich frei-—nun geh' ich mit Freuden in den Tod!" Der Justizrath öffnete die Augen und blickte in das wutverzerrte Antlitz Georg'S und mit diesem Anblick schien der alte Haß in ihm aufzuflamnicn und ihn von Neuem zu beleben. — „Mörder, auf's Rad mit Dir!" — keuchte er hervor, er wollte sich erheben, aber im nächsten Augenblick sank er zurück, noch einmal leise vor sich hinmnrmelnd: „Dürre Aeste." „Dürre Aeste," lachte Georg ihm dämonisch nach und brach ebenfalls zusammen. Er hatte ja die heiße Fiebergluth der Rache, die ihn rastlos gespornt und gestachelt, in dem Blute seines grausamen Henkers gekühlt und damit war auch seine Kraft erschöpft, er ließ sich willenlos von den erst jetzt sich aus ihrer Bestürzung aufraffenden Gästen festnehmen und verhaften. Als Georg in Fesseln wieder in das Gefängniß abgeführt wurde, das er erst vor einigen Tagen verlassen, stürzten Thränen aus seinen Augen. Bei seinem ersten Eingänge war er doch noch unschuldig, und wie man ihn gemartert und gequält, er hatte das Bewußtsein seiner Schuldlofigkeit und heut' — da klebte wirklich Blut an seinen Händen, da war er in der That ein Mörder und ein düsteres Verhängniß hatte ihn zu dem gemacht, weßhalb er zuerst nur fälschlich angeklagt worden. Und jetzt, da er dem wilden Racheschrei seines gequälten Herzens Luft gemacht, kam auch die Reue über seine fürchterliche That. Wie eine finstere Gewitterwolke hatte der Gedanke der Rache über seiner Stirn geruht, sie mußte sich erst entladen, eh' er den Himmel wieder sehen konnte, nun war der dunkle Schleier zerrissen; wie aus der Tiefe seiner Brust erwachte die Stimme der Religion: Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen. — „Barmherziger Gott und ich habe meinen Feind erschlagen!" Mit diesen Worten sank er fast ohnmächtig auf den Boden, daß seine Ketten aneinander klirrten und ihm in's Fleisch schnitten, aber er achtete dessen nicht; dieser körperliche Schmerz war nichts gegen den geistigen, der ihn verzehrte. Der Doktor hatte Recht gehabt, es war nur ein Streifschuß gewesen und ein eigenthümlicher Umstand hatte Georgs blutige That zum Theil vereitelt. Eben als er rache- jubelnd den Finger an den Drücker des Gewehres legte, war plötzlich eine Gestalt an der Mauer vor ihm aufgetaucht, die ihm erschrocken in die Arme fallen wollte. Es war Rose, die seit einigen Monaten in der Stadt in Diensten, Georg nachgeschlichen und leider zu spät kam, ihn völlig von einem Verbrechen abzuhalten. Den Justizrath hatte es aber wenigstens vom Tode, Georg von einer Blutschuld gerettet. Der Justizrath wurde, da die Kugel keine edlen Theile verletzt, rascher hergestellt, als man es erwartet, und genas bis auf einige Athmungs-Beschwerden völlig. Georg's Sc.le wurde dadurch von namenloser Qual erlöst, er wollte nun ruhig sein Urtheil über sich ergehen lassen, hatte er doch keinen Mord auf dem Gewissen. Marianne aber, die durch die entsetzliche That Georg'ö in die tiefste Verzweiflung gestürzt worden, wagte Alles, ihren Geliebten noch einmal aus der Haft zu erlösen; sie ging auf den Rath des Protokollführers zu dem jungen Assessor, der ihr bereitwilligst ein Gnadengesuch an den Landcsfürsten anfertigte und klar und geschickt darin hervorhob, wie der arme gequälte Mensch durch das schonungslose Untersuchungs-Verfahren dahin gebracht worden, das zu werden, wozu man ihn mit aller Gewalt hatte machen wollen, und wie der persönliche Haß des Kriminal-Richters den unglücklichen Ausgang der Untersuchung verschuldet. - Marianne, das sonst so schüchterne blöde Landkind, drang damit selbst zum Landesfürsten, der ihr Gnadengesuch huldreichst aufnahm und ihren Anfangs leise gestammelten Worten freundlich zuhörte. Bald wurde sie von dem Inhalt ihrer Worte selbst hingerissen und mit ganzer Wärme erzählte sie von Georg's Qualen, wie er ja nicht anders gekonnt, als sich Luft zu machen nach einem solch' empörenden Druck, wie er düster und schwermüthig gewesen und dem Elenden diese entsetzlichen Qualen habe heimzahlen müssen und es ohnehin so schrecklich sei, unschuldig angeklagt zu werden, geschweige denn unschuldig vor einem solchen Richter zu stehen. Der Landesfürst war erschüttert, „welch'eine Tragödie!" rief er bewegt, „der Mensch ist unschuldig auch an dem zweiten Morde; laßt ihn frei, er ist begnadigt!" Marianne sank sprachlos zur Erde, sie wollte die Knie des milden Fürsten umfassen, er war schon in der nächsten Thür verschwunden. Laut schluchzend vor Freude und Rührung eilte sie davon. Noch ehe Marianne in die Heimath zurückgekehrt, war die Begnadigung Georgs angelangt. Zum zweiten Male frei! — Und jetzt ohne eine Last, ohne finstere schwarze Gedanken. Frei und weit hob sich seine Brust und wie ein Neugeborner blickte er jetzt in das Leben. Seine Wange färbte sich wieder roth, seine Augen begannen von Neuem zu leuchten, die gebeugte Gestalt richtete sich wieder auf, nur das weiße Haar blieb ihm als Erinnerung an jene Tage. Die Liebenden hatten sich wieder und noch eine große Freude sollte ihnen kommen, als wollte das Geschick nun alle geschlagenen Wunden heilen. Mariannens Vater war von diesen Ereignissen doch zu tief erschüttert, um nicht noch lebhafter als damals den Drang zu fühlen, sich wieder mit seiner Tochter auszusöhnen. — Daß sie selbst beim Landesfürsten gewesen, ihn gesprochen, daß Marianne so viel „Courage" gehabt, schwellte doch mit Stolz sein väterliches Herz; man sprach wieder gut von ihr im Dorfe, Alle staunten über ihre That, bedauerten den armen Georg, der so unschuldig gelitten und unschuldig gewesen, wie sie sich's wohl gedacht, wenn auch nicht gesagt hatten. Wie hätte sich der Alte versagen können, eine solche Tochter im Hause zu haben und einen solchen Schwiegersohn! Er kam selbst, Marianne heimzuholen, und hielt nicht wie damals auf dem ersten Flur an, sondern stieg festen Schrittes hinauf, und als sie gesagt: „Ich komme nicht ohne Georg," dahatte er ruhig geantwortet, als verstehe sich das von selbst: „Georg soll übernehmen, ich werde doch alt und mürbe." Das gab eine Freude und nach langen, langen Wintertageu zog Heller Sonnenschein in ihre Herzen, die geprüft genug, um nicht auch im Glücke, was doch immer das Schwerste, völlig glücklich sein zu können. Der gutmüthige Protokollführer feierte die Hochzeit mit seinen Freunden zu gleicher Zeit und er wurde wenige Monate darauf in einer andern Stadt als „Kreis-GcrichtS- Salarien-Kassen-Csntroleur" angestellt. Welch' ein Triumph für seine Frau, der dieser Titel außerordentlich gefiel und von ihrer Freundin Marianne nicht oft genug Briefe 60 erhalten konnte, um sich an der »Aufschrift dieses außerordentlichen Titels zu erfreuen. — Rose war in ihre Dienste getreten und, wie die Frau „Kontroleur" schrieb, jetzt folgsam und bescheiden. Der Maurer und sein Vetter büßten ihren Doppelmord mit dem Tode. — Der Erstere bestieg reumüthig und zerknirscht das Schaffst, der Letztere verlor in diesem Augenblick die so lange keck behauptete Fassung und gewährte in seiner feigen Todesfurcht ein klägliches Schauspiel. Er, der jeden geistlichen Zuspruch abgewiesen, rief jetzt verzweifelt: „Wartet, ich will noch ein „Vater unser" beten," aber seine zitternden Hände vermochten sich nicht zum Gebet zu schließen, die bleichen Lippen wiederholten gedankenlos „Vater unser", mehr vermochte er in der Todesangst nicht hervorzustammcln, da riß dem Nachrichter die Geduld — ein Blitz — ein Aufschrei — und Alles war vorüber. Der Justizrath war außer sich über die Begnadigung Georg's. —- „Man kann also alte verdiente Justizräthe gemüthlich todtschießen, das schadet nichts." — Aber noch mehr war er entrüstet, als bald darauf seine Versetzung in den Ruhestand und die Ernennung des Assessors in sein Amt erfolgte. Das war die Nemesis, die sich an seine Fersen geheftet, sich auch an ihm gerächt und ihn gerichtet. Die Martyrstätten der beiden Apostel Petrus und Paulus. N o m. Nach der römischen Tradition sind die beiden Apostel nicht an den Stellen gemartert worden, wo sich schon im zweiten christlichen Jahrhundert nach dein Zeugniß deS römischen Priesters Gajus (bei Kerbel». Ilist. ooo!. Ist 25.) ihre Gräber befanden, und wo dann nachmals über denselben die herrlichen Basiliken errichtet wurden, die über dem Grabe des hl. Petrus von Constantin d. G., die über dem Grabe St. Pauli aber zwei Menscheualter später von ThcodosiuS d. Gr.*) Von diesen Bcgräbnißstälten liegen die .Martyrstätten (nach römischer Tradition) je eine viertel bis halbe Stunde (oder darüber) ab, und zwar soll Petrus V, Stunde südlich vom Vatikan, auf dem Janiculus, da wo jetzt 8. lliotro in Nontorio^) steht, gekreuzigt worden sein. Die Kirche selbst, angeblich schon von Constantin d. Gr. errichtet, aber wie sie jetzt ist, ein Werk der Renaissance, von König Ferdinand dem Katholischen von Spanien (Ende des 15. Jahrh.) erbaut, hat nichts besonders bcachtcnswerthcS. Ich sage hat, denn ehemals befand sich hier über dem Choraltar die berühmte Transsiguration von Raphael, sein letztes und wie manche meinen sein schönstes Werk. Das Bild wurde jedoch von Napoleon nach Paris gebracht, und als es nach seinem Sturz i. I. 1815 nach Rom zurückkehrte, auf Befehl Pii VII. in der Gallerie des Vatikans aufgestellt, wofür der Kirche S. Pctri in montorio eine jährliche Rente zuerkannt wurde. Die Kirche ist jetzt im Besitz der Franziskaner. Neben dieser Kirche nun, in dem nördlich an sie anstoßenden Hofe l,sie liegt wie St. Peter mit dem Chor gegen Westen statt gegen Osten), soll Petrus gekreuzigt worden sein und der Platz ist jetzt gekennzeichnet durch einen kleinen sehr schönen Rundtempel (Kuppelbau) von Bramante im edelsten Renaissancestil i. I. 1502 erbaut (auch auf Kosten Ferdinands des Kath. von Spanien.) Im Souterrain dieses Tempels zeigt man noch die Vertiefung, in welcher das Kreuz Pctri gesteckt haben solle. — Seit Sixtus V. ist die Kirche 8. kiotro in montorio ein Kardinalstitel. Auf dem freien Platz vor ihr hat man einen herrlichen Ucbcrblick über die Stadt Rom und die ganze Bergkette vom Sorakte bis nach Albano. Namentlich treten Tivoli, Palcstrina, Colonna, Nach der römischen Tradition liegt übrigens nicht der ganze Leichnam Petri in St. Peter und nicht der ganze Leib Pauli in St. Paul, sondern die Gebeine beider sind da und dort verbunden (quomoilo in viu, llilexvrunl. s«, >la et in inorii! no» sn»t sepur.Ui.) Ueberdies sind die Häupter beider im Cibvrium der Laterankirche. **) Abgekürzt aus monis ä'oeo — der goldene Berg, so genannt von dem goldgelben Sande, der wenigstens die obern Schichten des Berges bildet. 61 FraScati (mit den Ruinen von Tusculum), Grotta Fcrrata, Rocca di Papa, Monte Cavi, Marina und Castcll Gandolfo sehr deutlich hervor. Auch 8t. ?r>o!c> kuori lo muru sieht man hier, fast ebenso gut wie St. Peter, also die Gräber beider Apostel. Wie bekannt, liegt die Kirche St. Paul ungefähr Stund vor der korts 8. I'uolo südlich von Rom, an der Straße nach Ostia; noch eine starke halbe Stunde weiter aber sehen wir drei Kirchen, gemeinhin lru kontuno (die drei Brunnen) genannt. Dieser Name gebührt aber eigentlich nur einer dieser drei Kirchen und zwar derjenigen, die den Platz umschließt, auf welchem der hl. Paulus enthauptet worden sei. Nach der römischen Tradition soll sein abgeschlagenes Haupt noch drei Sprünge gemacht haben und an jeder der drei Stellen, wo cS auffiel, soll wunderbarer Weise eine Wasscrquelle sich geöffnet haben, daher der Name trö kvntuno. Diese drei Brunnen sind noch vorhanden und man trinkt auS jedem derselben. Zu derselben Kirche steht auch die Säule, auf welcher Paulus enthauptet worden sei. Sie ist etwa 4 Schuh hoch, aber oben abgerundet, darum für Exekutionen nicht wohl geeignet. Die Kirche ist i. I. 1590 auf Kosten de- KardinalS Pictro Aldobrandini ganz moderuisirt worden (wcrthlos) und wird gegenwärtig wiederum renovirt. Als wirklich herrlichen Schmuck hat sie bereits eine große antike Mosaik, die vier Jahreszeiten darstellend, als Fußboden erhalten (jüngst aufgegraben in Ostia). — Die zweite Kirche in tro koutuno ist eine Rotunde, 8. Mriu soalu oosli genannt, weil hier der hl. Bernhard, als er' hier wohnte und für die Verstorbenen Messe las, in einer Vision sah, wie die Engel auf einer Leiter (ücgla) vorn Himmel Herabstiegen, um die durch die Fürbitte Mariü auS dem Fegseuer Erlösten zur ewigen Seligkeit zu führen. Das Altarblatt stellt diese Vision Bernhards dar. Neben dem Altar führen Treppen in einen untern Raum hinab, in welchem Paulus vor seiner Hinrichtung gesessen haben soll. Die Rundkirche ist von Kardinal Farnesc gegen Ende des 16. Jahrh, erbaut und weder schön noch groß. Dagegen ist architektonisch genommen die dritte Kirche sehr interessant, 88. Vinouinio oll -VnaNimi». eine Basilika von HonoriuS l. im Anfang des 7. Jahrh, errichtet, im Anfang des 13. Jahrh, renovirt. Glücklicher Weise wurde sie in der Rcnaifsancczeit nicht verschönert. Sie ist sehr lang, mit sehr hohem Mittelschiff und zwei sehr niedern Seitenschiffen. Letztere sind gewölbt und auch das Mittelschiff war ursprünglich auf Wölbung angelegt (man sieht jetzt noch, die A nfä nge der Wölbung), dann aber — warum ist unbekannt, begnügte man sich mit Sparrenwerk. Das Mittelschiff wird von dicken Pfeilern getragen, und alles ist weiß getüncht ohne allen Schmuck mit der einzigen Ausnahme, daß sich an den Pfeilern die lebensgroßen Bilder der Apostel ul kiosoo befinden, angeblich nach Zeichnungen von Naphacl gefertigt und schon öfters übermalt. Vor kurzem soll man nur mehr sehr wenig davon gesehen haben; jetzt aber werden sie wieder neu übermalt. Das allcrinte- ressantestc an dieser Kirche waren mir aber die Fenster des Mittelschiffs. Sie sind noch total die alten, ungcmcin schmal und mit durchlöcherten Marmorplattcn gedeckt. In den runden Löchern der Marmorplatten ist dann Glas eingesetzt. So gestaltete man die Kirchenfenster, als das Glas noch so theuer war, und so waren namentlich ehemals auch die großen Fenster von 8. I'uoio kuori lo muru. Als Hauptreliquicn besitzt diese Kirche das Haupt des hl. Anastasins und mehrere Gebeine des hl. Vincentius. Letzterer, aus Osca in Spanien gebürtig, Priester zu Saragossa, wurde unter Diocletian (Anfang des 4. Jahrh.) gemartert, Anastasius aber, ein persischer Mönch, im 7. Jahrhundert auf Befehl des persischen Königs ChoSrocs mit 70 andern Christen enthauptet. Da ich gerade am 22. Januar, am Gedächtnißtage der beiden hl. Vincentius und AnastastuS diese Kirche besuchte, fand ich diese Reliquien auf dem Hauptaltar ausgestellt und traf dabei viele Andächtige, darunter die beiden Erzbischöfe Manning und Merode. DaS daran stoßende Kloster, von Anfang den Cistercicnsern gehörig, ist jetzt von Trappisteu bewohnt. Der Aufenthalt hier ist sehr ungesund, und es fragt sich sehr, ob diese Mönche nicht ebenso rasch wegsterben, wie ihre Vorgänger auS dem Orden dcS hl. Bernhard. 62 Adelige Genrebildchen. Unter der Überschrift „Illustrationen" schreibt die „Breslauer Morgen-Zeitung": Schlesien hat mehrere interessante Beispiele geliefert, welche die Absurdität der noch gil- tigcn Vorschriften über das Ehehinderniß wegen Ungleichheit des Standes recht grell hervorheben. Vor ungefähr 35 Jahren trieb in einem Gcbirgskrcise ein Herr v. D. das Geschäft eines Hausirers, machte auf seinen Gängen durch die Dörfer die Bekanntschaft einer begüterten Bauerntochtcr, verlobte sich mit Bewilligung ihres Vormundes mit derselben, bestellte das Aufgebot und bereitete sich zur Hochzeit vor, als er von dem betreffenden Geistlichen die Mittheilung erhielt, die Trauung könne nicht eher vollzogen werden, als bis er entweder die Verzichtleistung auf den ihm anhaftenden Adel oder die königliche Erlaubniß zur Schließung einer Mißheirat beigebracht habe. Da der adelige Bräutigam möglicherweise noch einmal irgend einen Verwandten beerben oder einen anderen Vortheil aus seinem „von" ziehen konnte, entschloß er sich zur Eiureichung des verlangten Gesuches, und erhielt nach Verlauf von etwa sechs Monaten den kurzen Bescheid, dasselbe sei nicht bewilligt worden. Sei es, daß der Name — allerdings ein sehr alter und volltönender — des Bräutigams vor der Befleckung durch die Berührung mit einem bäuerlichen bewahrt werden sollte, oder daß sich die Verwandten des Bräutigams, welche sich sonst niemals um ihn kümmerten und ihn als muuvais 8ujvt behandelten, in's Mittel legten, kurz, aus der Heirat wurde nichts. Der verunglückte Bräutigam legte sich auf's Trinken und starb ohne Einspruch seiner Verwandten im Armcnhausc; die Bauerntochter heiratete einen angesehenen Techniker, wurde Wittwe, schloß darauf, zu den Honoratioren der Kreisstadt gehörend, zum zweiten Male ein Ehebündniß mit einem pensionirtcn Major v. * * und hat als Frau v. * * die Freude, die Mutter zweier Offiziere zu sein. — Einem Schuhmacher v. R. erging es ungefähr um dieselbe Zeit nicht besser, obgleich er geltend machte, daß seine Braut, eine verwittwete Fleischermeisterin, ihm im Range jedenfalls gleichstehe und zur Erweiterung seines Geschäfts ein sehr hübsches Vermögen zuzubringen verspreche. Es wurde ihm erwidert, es handle sich um die Gleichheit nicht des durch eigene, sondern ohne eigene Thätigkeit erworbenen Ranges, d. h. um die Ebenbürtigkeit, und das Gesuch um Dispcnsation sei um so mißfälliger aufgenommen worden, als sich in demselben eine Verlängnung jeder noblen Gesinnung kund gebe. Unähnlich dem adeligen Hausircr, welcher sich todt trank, entschloß sich der adelige Schuster nach dem abschlägigen Bescheide kurz und gut zum Verzicht auf seinen Adel, heiratete als Bürgerlicher die Fleischerswittwc und erwarb sich 1849 — 1851 als Rathsherr und Wahlmann so hervorragende Verdienste um das Manlluffel'sche Regiment, daß er mit der Rückgewährung des von ihm aufgehobenen „von" belohnt wurde. — Erst im vorigen Jahre kam in unserer eigenen Druckerei der Fall vor, daß ein adeliger Setzer mit seiner bürgerlichen Braut erst nach Einholung der königlichen Genehmigung getraut wurde, während ein zum niederen Bürger-stande gehörender Vater einer Tochter, welche einen Edelmann von untadelhaftestem Gcblüte und Enkel zahlreicher Ahnen zu ehelichen wünschte, die Weitläufigkeiten durch den Eintritt oder Einkauf in eine exclusive Kaufmanns- Corporation vermied. Dadurch war er wie im Handumdrehen in den höheren Bürgerstand avancirt, die Hochzeit fand statt, der Vater starb, das Ehepaar verthat das langsam durch Handwerksarbcit verdiente Geld in schnellster Zeit, und der Herr Gemahl füllt augenblicklich die Stelle eines Privatschreibers aus. Ob die Frau Gemahlin Wäsche oder Treppen wäscht, ist ungewiß; aber adelig sind Beide geblieben. 63 Pflanzenwandermrgen Es ist eine anerkannte, von Botanikern oft hervorgehobene Thatsache, daß sich bestimmte Pflanzen an bestimmte Menschcnstämme und Nationalitäten anschließen, sich da, wo Leztcrc weilen, in vorzüglichem Grade mehren, ja sogar den Ziehenden und Wandernden von selber sympathetisch nachfolgen, indem sie sich an den von der Heimath entfernten Orten ihres Aufenthaltes freiwillig einstellen. Die großen Völkerzüge, die sich im Mittelalter von Asien aus dem mittleren Europa zuwendeten, werden uns noch jetzt durch das Vordringen asiatischer Steppcnpflanzcn bezeichnet, so der Kochia nach Böhmen und Kram, des tatarischen Meerkohls durch Ungarn und Mahren hin. Den Zigeuner- zügen aus Asien her folgte der sich auf diese Weise über ganz Europa verbreitende Stechapfel, welcher von diesem Volke häufig ausgesäet und angewendet wurde, aber auch ungefördert neben den Wohnungen wuchs. Nach den Befreiungskriegen kam an vielen Stellen, wo sich Kosaken gelagert hatten, eine Gänscfußpflanze vor, welche sonst nur am Dniepr heimisch ist; die Zackenschote verbreitete sich mit den russischen Heereszügcn 1814 durch Deutschland bis Paris. Eine Wickcnart zeigt noch jetzt die ehemalige Wohn- stätte norwegischer Kolonisten in Grönland an, und der Indianer in Nordamerika Pflegt unseren Wegbreit die „Fußspur des Weißen" zu nennen. St. Hilaire äußert sich über dieses wundersame Thema in folgender Weise. In Brasilien wie in Europa scheinen gewisse Pflanzern dem Menschen auf dem Fuße zu folgen und bilden die Spuren seiner ehemaligen Gegenwart. Oft habe ich mit ihrer Hilfe mitten in den Wüsten die Stelle einer zerstörten Hütte aufgefunden. Europäische Pflanzen haben sich in Brasilien überall angesiedelt, wo Kolonisten seßhaft gewesen sind oder nur ihr Lager aufgeschlagen haben. Uebcrall trifft man das Veilchen, den Borrctsch, den Fenchel, mehrere Storchschnabel, unsere Malven und Kamillen, und unsere Gänsedistel, besonders aber unsere in die Ebene des Rio de la Plata und Uruguay eingeführten Artischocken bedecken jetzt unermeßliche Landstriche. In Europa, vorzugsweise Deutschland, sind auffallende Beispiele der Pflanzen-Einwanderung: das Lii^vron cunnckonso aus Kanada, die Cholcradistel aus den Kirgisenstcppen, die Wasserpest aus Amerika und das sibirische Kreuzkraut, welches neuerdings eine Landplage des nordöstlichen Deutschlands geworden ist M i s c e l l e ii. (Eine Bettlerin als Mutter einer Königin.) Während der Unruhen unter der Regierung Karls I. von England begab sich die Tochter eines Bauers, der in jenen Wirren Gut und Leben verloren, als Bettlerin nach London, um dort als Magd sich zu verdingen. Sie war 16 Jahre alt, aber bei aller Schönheit, die selbst von den Lumpen ihrer Kleidung nicht verhüllt werden konnte, unwissend und unerfahren in jeder weiblichen Fertigkeit, nur grobe Feldarbeit hatte sie bei den Eltern verrichtet. Eine gleichfalls arme, aber mildherzige Wittwe, hatte der Waisen ein Obdach gewährt, in dessen Nähe ein Brauer wohnte, der sich zuweilen dieses arbeitsamen Mädchens bei der Zusendung von Porterbier an seine Kunden bediente. Ihre uncrniüdete Pünktlichkeit veranlaßte ihn, sie als Stubenmädchen in seine Dienste zu nehmen, wodurch es ihr möglich wurde, mehr an sich und ihre Kleider zu wenden, so daß bald die Blicke der Männer von dieser liebreizenden Erscheinung angezogen wurden. Auch ihr Brodherr, zwar schon ein bejahrter Wittwer, doch noch rüstig und lcbcnsmunter, machte die Bemerkung, daß Jenny ein sehr liebenswürdiges Mädchen sei. Da er kinderlos war, also ganz unabhängig handeln konnte, erwählte er sie zu seiner Gattin. Er hatte den Schritt nicht zu bereuen; seine junge Frau that Alles, um ihm das Leben angenehm zu machen. Drei Jahre darauf starb der Brauer und hinterließ sein ungeheures Vermögen der kinderlosen Gattin. — Diese war nun im Stande, das Geschäft des Verstorbenen fortzusetzen, bei dem sich viele 64 Schwierigkeiten wegen der Antretung der Erbschaft in den Weg stellten, so daß sie des Beistandes eines Ncchtsgelchrten bedurfte. Sie erwählte den berühmten Sachwalter Hyde, welcher auch das Testament aufgesetzt hatte, durch welches sie in eine ganz unabhängige Lage versetzt worden war. Hyde fand theils die Tugenden und Reize des jungen schönen WeibcS, theils auch das enorme Vermögen so sehr nach seinen Wünschen, daß er bald mit einem Heirathsantrage hervortrat. Sie willigte ein; Hyde stieg von Stufe zu Stufe, und beschloß seine Laufbahn als Graf Clarendon. Aus Beider Ehe war eine Tochter entsprossen, welche die Gemahlin König Jakob l. von England, und als solche die Mutter zweier Königinnen — Maria und Anna — wurde. Alte deutsche Sprüchwörter. Wohlleben und Ucbcrfluß geht Vieles ab, dem Geiz Alles. Er zöge einem Dieb vom Galgen die Hosen aus. Lamm, Lamm! ist des Wolfs Vesperglock. Der Wolf schnappt nach dem Lamm, auch wenn ihm die Seel' ausgeht. Je mehr der Geizige hat, desto mehr fehlt ihm. Der gewinnt mit Geben, der Würdigen gibt. Wer gibt, der lebt. Das Ausgeben des Gottseligen ist eine Einnahme, — das Einnehmen des Gottlosen eine Ausgabe. Das Gemüth macht arm oder reich, nicht die Kiste. Gott schafft den Seinen über Nacht Rath. Es kann kein Narr reich sein. Es gibt viele reiche Bettler auf Erden. Aus gebratenen Eiern kommen weder Küchlein noch Hühner. Selbst ist ein gut' Kraut, es wächst aber nicht in allen Gärten. Christen und Könige sollen wissen, was sie glauben. Wenn der Pfennig läutet, so geh'n alle Thüren auf. Am Handel kennt man den Wandel. (Die höchste Höflichkeit.) Ein Hofbcamtcr in einer deutschen Residenz schrieb einmal Folgendes: Höchst der Prinz geruhten bei dieser Fußpartie, den allerhöchsten und hohen Herrschaften voran, den höchsten Berg dieser höchst reizvollen Gegend zu besteigen, und würden Höchste auch wahrscheinlich die höchste Spitze desselben in höchstens drei Stunden erreicht haben, hätte es zu Höchstihrcm höchsten Bedauern dem Höchsten im Himmel nicht beliebt, einen höchst störenden Regen auf die allerhöchsten und höchsten ^ Herrschaften und deren hohe Umgebung herabfallen zu lassen. ; F r ü h l i n g s a h n c ». Verschneit lag rings die ganze Welt, .Jetzt saust er wieder durch die Nacht Es gab' nichts, was uns freute, Und rüttelt an dem Baume, Verlassen stand der Baum im Feld, Der rühret seinen Wipfel sacht Der Wind sein Laub verstreute. Und redet wie im Traume. Er träumt von naher Frühlingszeit, Von Grün und Quellenrauschcn, Wo er im neuen Blüthenklcid Zu Gottes Lob wird rauschen. Druck, Verlag und Redaction des Literarischxn Instituts von t)r. M. Huttler. NrSl 9. 28. Februar 1869. Laß auf dich etwas rechten Eindruck machen, So wirst du schnell den rechten Ausdruck finden; Und kannst du nur den rechten Ausdruck finden, So wirst du schnell den rechten Eindruck machen. Die Entsagenden. Original-Novelle von Hermann Hirschsrld. (Wiederabdruck ist ohne Erlaubniß dcS Verfassers nicht gestattet.) Die Gäste des Baron von Duroy zerstreuten sich, eines der glänzenden Feste, in deren Erfindung der alte Herr Meister war, hatte sein Ende erreicht. Die Eguipagcn der Geladenen rollten die sanfte Anhöhe hernieder, auf der sich das Herrenhaus des Gutes befand, das zum Sommer-Aufenthalt des gastfreien Mannes — der seit einigen Jahren Wittwer war — diente; während er im Winter das Familieuhaus in der nahe gelegenen Residenz bewohnte. Allgemein hielt man den Baron, der aus einer französischen emigrirten Familie stammte, für sehr reich, denn man hatte ihn niemals anders, als wie einen Edelmann leben sehen. Seine Diners und Feste galten als Muster des guten Geschmackes, und seine Börse war für Jeden geöffnet. Unter diesen Umstünden war es kein Wunder, wenn Duroy, der obwohl den Sechzigern nahe, sich die volle Elasticität des Körpers und Geistes bewahrt hatte, sowohl in der Stadt als auch in der Umgegend seines Gutes höchst beliebt erschien, und manche Pläne wurden am häuslichen Heerde der Geld- und Geburts-Aristokratie geschmiedet, als der Zeitpunkt herangerückt war, wo Nudolph, der einzige Sohn und Erbe des Hauses, das Alter erreicht hatte, wo man in höheren Kreisen an eine standesgemäße Verlobung denkt. Bereits begannen sich heimliche Reibereien unter verschiedenen Familien zu entspinnen, hervorgerufen durch die mehr oder weniger bemerkbaren Gunstbezcugungcn, die Baron Nudolph ihren Töchtern erwiesen hatte, als mit dem Tode der Mutter desselben die Sache eine andere Wendung nahm. Die Kunde des plötzlich erfolgten Hinscheidend der Baronin hatte Nudolph aus dem Strudel eines viel besuchten Badeortes gerissen. — Mit Windeseile flog er dem väterlichen Gute zu, aber zu spät — er fand die geliebte' Mutter bereits der Erde entrückt und den Vater in Verzweiflung neben ihrer Bahre. — Und seltsam, von dieser Stunde an war mit Vater und Sohn eine Veränderung vorgegangen. Nicht, daß nach Ablauf des Trauerjahres die Gastlichkeit des Duroy'schen Hauses abgenommen hätte, im Gegentheil bot der alte Herr Alles, was in seinen Kräften stand, auf, den Namen desselben aufrecht zu-erhalten, aber man bemerkte oftmals an Vater und Sohn eine gewisse Zerstreutheit und selbst eine unwillkürliche Traurigkeit, die sie umsonst zu verbergen strebten. Die ritterliche Galanterie, die Nudolph früher zum Liebling aller Mädchen erhoben hatte, war einem ernsten Wesen gewichen, und fast schien es, als ob er sich eine Verachtung des schönen Geschlechts zum Grundsatz gemacht habe. Natürlich, daß Stadt und Land es nicht an Glossen über diese Seltsamkeit fehlen ließen; nur in einem Hause der Residenz, in dem des Gerichts-Dircktors Fleischer, schien 66 man von den Duroy'S absichtlich oder unabsichtlich wenig sprechen zu wollen, unl wagte zufällig Einer oder der Andere den Namen des Barons anzudeuten, so verschloß ihn ein finsterer Blick des Hausherrn oder seiner Nichte gar bald den Mund. Was der Grund dieser seltsamen Abneigung gegen einen Mann war, den die ganze Stadt wohl wollte, konnte Keiner ergründen, denn Fleischer war erst seit wenigen Jahren aus einer entfernten Hauptstadt zu diesem ehrenvollen Posten berufen, und seit dieser Zeit hatte er sich stets von Duroy entfernt gehalten, und dieser hakte — ganz seiner Gewohnheit zuwider, eher seine Nähe vermieden, als eine Annäherung versucht. Auch der Direktor ga't für einen reichen Mann, ganz besonders aber gab ihm die Lcrwaltung des fast eine Million betragenden Vermögens seiner Nichte Angelika Fleischer ein Ansehen, die unvermählt seit langen Jahren elternlos in seinem Hause lebte und die Stelle der Hausfrau vertrat, denn ihr Oheim war nie verheirathct gewesen. Angelika zählte volle sieben und dreißig Jahre, da unsere Erzählung beginnt. — Trotz ihres Vermögens war die Zahl der Bewerber um ihre Hand immer weniger geworden, denn das Gerücht hatte sich verbreitet, daß Angelika eine Männer - Feindin und jeder Gedanke an eine Ehe ihr verhaßt sei. Allein dieß war nicht der Fall. Angelika Fleischer hatte ein zartbesaitetes Herz — „nd das Ideal eines Mannes, wie sie ihn sich als Lebensgefährten darstellte, schwebte seit ihrer Jugendzeit vor ihren Augen. Allein in ihren phantastischen Träumereien, früh sich selber und ihrem angeborenen Hange des in sich Vcrsnnkenseins überlassen, hatte sie über ihren Idealen die Wirklichkeit vergessen. So war sie älter geworden, und wenn auch ihre äußere Erscheinung die Zahl ihrer Jahre Lügen strafte, wenn auch der Blick des blauen sentimentalen Auges, der liebliche Zug des zart geformten Mundes noch immer anziehend genug erschien, so war sie selber doch keineswegs mit ihrem Alter zurückhaltend, und nannte sich selber oftmals eine „alte Jungfer/' Jndcffcn seit einiger Zeit schien ein anderer Geist über sie gekommen zu sein. Im letzten Winter halte man sie öfters im Theater und auf größeren Festen gesehen, die sie sonst gemieden, was ihrem Oheim stets ein Murren entlockte, da er gezwungen war, sie zu begleiten, und gewöhnlich an diesem Orte mit den Duroy'S zusammentraf, natürlich ohne daß die alten Herren nur ein Wort der Höflichkeit mit einander wechselten. Dagegen konnte es nicht vermieden werden, daß der junge Baron Nudolph mit Angelika in nähere Berührung kam, und nach solchen Ereignissen war er Tage lang finsterer und verschlossener, als es jemals der Fall war. Die letzten Wagen des Festes rollten eben das Ende der Chaussee daher, wo etwas von der Landstraße entfernt, sich das einstöckige Haus des Gerichts - Direktors hart an den Stadtthoren befand. Es war sünf Uhr Morgens, die Sonne hatte ihr glänzendes Strahlcnkleid angelegt, und ergoß Licht und Wärme von ihrem hohen Throne. Die Blumen, durch den Morgcnthan erquickt und erfrischt, sogen mit Ungestüm die warmen verzehrenden Strahlen in ihre Kelche, und tausend Blüthen und Knospen brachen auf und dankten mit berauschendem Dufte der Frcudenspendcrin, die sie in das Dasein gerufen hatte. Wald und Feld grünte und strahlte in bunten Farben und die Chöre befiederter Sänger stimmten schmetternd ihren erhabenen Hymnus an, den beginnenden Tag zu begrüßen. Auf dem schmalen Balkon des Fleischcr'schen Hauses erschien jetzt eine weibliche Gestalt in ein schlichtes, weißes Morgeugewand gekleidet, die dunkelbraunen Haare glatt zu beiden Seiten des Gesichtes gekämmt und hinten in einen einfachen Knoten vereinigt. Es war Angelika. Ein Ausdruck sanfter Traurigkeit lag in dem Antlitz deö Mädchens, man sah ihr an, daß sie sich trotz ihres Reichthums nicht glücklich fühlte. Zerstreut und mechanisch begoß sie die auf dem Balkon stehenden Pflanzen, aber ihr Blick schweifte in die Ferne, schweifte bis zu dem Punkte, wo man die Spitzen deS 67 Duroy'schen Schlosses, auf deren höchsten die Fahne des Hauses flatterte, zwischen grünen Bäumen hervorschimmern sah — ein tiefcS Seufzen entrang sich ihrer Brust. Es ist vorbei, flüsterte sie vor sich hin, jetzt werden sie drüben zur Ruhe gehen — auch er, ermüdet von Genüssen, wird sich auf sein Lager werfen', und ein bunter Traum ihm vorgaukeln von rauschenden Gewändern und bnntcn Blumen, von harmonischer Musik und pochenden Herzen, und das Traumbild die Wirklichkeit des verflossenen Tages weiter spinnen. Er wird träumen von zärtlichen Worten, von verstohlenen Blicken — o siele nur einmal eine einzige Thräne, wie ich sie zu Tausenden vergossen, in den Becher seiner Phantasien, zeigte ein gütiger Traum ihm ein Bild, ernst und bleich, mit zerrütteten Hoffnungen, mit gebrochenem Herzen, aber nein, nein — fphr sie fast leidenschaftlich fort, fern sei von ihm jedes Bild, das seinen Sinn zu trüben vermöchte; wie, soll mich mein Leid zur Egoistin machen? Still, mein Hcrzlein, und brich — aber ohne Klagen. Sie hielt in ihrem Selbstgespräch inne, denn die Schritte eines Nahenden wurden im Balkon-Zimmer laut, und in wenig Augenblicken erschien der Direktor Fleischer zwischen den Vorhängen der Glasthür, die in's Freie führte. Robert Fleischer (den ihm angebotenen Adel hatte er wiederholt abgelehnt) war von hoher, schmaler Gestalt, mit ernsten, ticfgefurchten Zügen, und stark in's Graue spielenden Haaren. Man hatte diesen Mann noch niemals lächeln sehen, und wie ein Zug des Schmerzes und der Entsagung hatte es sich um Mund und Nase gelegt. Er schien völlig in seinem Berufe aufgegangen, und nur noch Sinn für die Arbeit zu haben. — Aber zuweilen konnte das gewöhnlich starr auf einen Punkt gerichtete Auge einen fast jugendlichen Glanz annehmen und brennend und glühend auf einem ruhen, daß es bis in die Tiefen des Herzens ging, und dieses Funkeln und Blitzen wiederholte sich jedesmal, wenn der Name Duroy sein Ohr streifte. Fast erschrocken blickte Angelika, die den scharfen Blick ihres Oheims auf sich gerichtet fühlte, zu Boden. ES war ihr, als ob er ihre Gedanken aus dem Innersten gelesen habe. „Schon so früh auf?" nahm Fleischer das Wort, „oder läßt auch Dich der verdammte Wagenlärm nicht schlafen? Da fahren sie hin," fuhr er fort, mit der Hand auf die Equipage deutend, die eben im Stadtthor verschwand, „mit zerknitterten Kleidern und welken abgespannten Gesichtern, und glauben das höchste Gluck genossen zu haben. Schämen sollten sie sich, in diesem Aufzuge vor Gottes Morgcnsonne zu erscheinen, und ihr Lager müde und matt in dem Augenblick zu suchen, wo die Natur gestärkt und gekräftigt aufersteht." „Sie urtheilen hart, lieber Oheim," erwiederte Angelika, „für gewisse Personen mag cS nicht ohne Reiz sein, die Nacht zum Tage, und den Tag zur Nacht zu machen. Zudem sind es ja meistens junge Leute, die — wie man mir berichtete — gestern auf Las Schloß geladen waren, die jungen Mädchen hatten viel von den großartigen Anstalten zu erzählen, die der alte Baron zu diesem Feste getroffen hatte." „Ja, der alte Köder lockt noch immer," unterbrach sie der Oheim grollend. „Noch putzen die Mütter lieb' Töchtcrlein, wie eine Wachspuppe, und fähren es auf Brautschau nach Schloß Duroy, aber sähen sie die Pulvcrtoune, die unter Schloß Duroy liegt und nur des Zündens harrt, um das ganze Puppenspicl in die Luft zu blasen, sie würden entsetzt zurückweichen, wie der treulose Sturmvogel vor dem strandenden Schiffe." Angelika erfaßte sanft die Hand des alten Herrn. „Oheim," redete sie sanft, — „kann selbst dieser schöne GottcSmorgen in Ihnen nicht die Gefühle des Grolles ersticken, den Sie gegen den Baron Duroy tief und zäh im Innern tragen? Es muß eine schwere That sein, die der alte Baron an Ihnen begangen hat, eine That, die ich, die ihn stets heiter und liebreich gesehen, kaum zu fassen vermag. Mit dem Groll, lieber Oheim, geht es oft wie mit einer Wuchcrpflanzc. Hat man den ersten Keim einer Ab- 68 Neigung in sein Herz gesenkt, sa schlägt er Wurzel, und vertilgt man ihn nicht, — so wächst er fort, und jedes Gefühl des Herzens überwuchernd, wird er zum Giftbaum des Hasses, der jede tiefere Regung vernichtet. Vielleicht ist dies auch bei Ihnen der Fall, lieber Oheim." Der Direktor schüttelte das Haupt. „Du irrst," sagte er, „mein Haß gegen Duroy ist keine Wucherpflanze, es ist eine Eiche, die ein erfahrener Gärtner setzte und die sich mehr und mehr ausdehnt in Kraft und Stärke, eine Pflanze kannst Du ausreißen, einer Eiche Wunden vernarben wieder, wie tief sie auch seien, — vernarben, wie mein Herz vernarbte — denn sieh, Angelika, ich hatte einst ein Herz, ehe die Akten seine Stelle annahmen." Das Mädchen verstummte eine Weile. „Ich ehre Ihren Schmerz, Oheim, aber vergessen Sie nicht, daß Sie ein Mensch sind, und in dem Kreise Ihrer Mitgcschöpfe berufen, um Recht zu sprechen nach Ges tz und Gewissen. Sie sind Richter, — Oheim, treten Sie selber hin vor die Schranken Ihres Innern und fragen Sie sich im Strahle der jungen Gottessonue: Ist Ihr Haß gegen Duroy gerecht?" „Er ist gerecht bei dem ewigen Lichte!" — rief Fleischer glühend. „Einst kann ich Dir erzählen, welchen Schatz mir dieser Mann raubte, wie elend, wie bübisch ich um seinetwillen betrogen ward. Aber nicht für mich allein, habe ich Rechnung von ihm zu fordern; im Namen der Menschheit trete ich vor ihn und frage: Was hast Du mit dem Dasein gethan, das der Wille Gottes in Deine Hand legte? Zu welchem nützlichen Staatsbürger, zu welchem Mitglied der Gesellschaft erzogst Du Deinen Sohn — Deinen Rudolph?" „Rudolph!" — rief Angelika erglühend, „was haben Sie an dem jungen Mann zu tadeln, Oheim? Ist er nicht gut, liebenswürdig wie Einer? Ist nicht sein Herz gebildet wie sein Geist?" „Nennst Du eine oberflächliche Aneignung der gesellschaftlichen Formen Bildung „? fragte Fleischer heftig. „Meinst Du, es sei genug, wenn ein Mann eine leichte Con- vcrsation zu führen und leichte Lieder mit Geschmack vorzutragen weiß? Laß doch heute den Juuker verarmen, laß ihn genöthigt sein, sich sein Brod, seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen, und dann frage den ärmsten Bauernknccht, der sich seinen Tag mit Dreschen und Düngen verdient, ob er geneigt ist, mit dem hochgeborenen Herrn von Duroy zu tauschen?" „Nie wird hoffentlich dieser Tag erscheinen," rief Angelika fast wider Willen heftig und leidenschaftlich. Der Alte fixirte sie scharf, sein Antlitz nahm eine gelbliche Farbe an. „Was treibt Dich denn," fragte er gedehnt, „Dich plötzlich zum Anwalt der Duroy's auszuwerfen? Fürwahr, man sollte glauben, Du seiest in die Zierpuppe von Rudolph verliebt, trotz Deiner siebenunddreißig Jahre — wohlgezählt —" fügte er leise hinzu. Eine edle Nöthe des Unwillens malte sich auf den feinen Zügen Angelika'S. — „Würde ich mit einem Manne über Gefühle des Herzens reden, der selber herzlos ist, wie Sie mir so eben gestanden, Oheim?" fragte sie. „Herz!" grollte Fleischer, „das Herz ist eine Phantasie des überreizten Blutes, für Euch Frauenzimmer mag dies Ding cxistiren, mich verschone mit seinem Namen. Kommt doch nun bald Deine Cousine und Pathe hierher, mit der magst Du dann genug von dergleichen Dingen reden; aber hüte Dich, ihr den Kopf zu verdrehen, denn ein armes Mädchen wie sie, hat keine Zeit, phantastischen Grillen nachzuhängen." „Sie ist nicht arm," unterbrach Angelika den Oheim. „Hätte sie mir früher ihre Lage nach dem Tode ihrer Eltern entdeckt, ich hätte ihr nicht gestattet, eine untergeordnete Stellung bei fremden Leuten anzunehmen." Das Gespräch der Verwandten war durch das Heranrollcn eines' Wagens unter- brachen, der von der Stadt her sich dem Hause näherte. 69 Ein kleiner alter Mann in einem einfachen grauen Neiseanzuge saß auf dem Rücksitz deS offenen Fuhrwerkes. Wie ein Strahl der Freude überzog es das Antlitz des DircktorS beim Anblick deS Mannes, während Angelika das Antlitz mit sichtbarer Verachtung von ihm wandte, als der Betreffende den Wagen verließ und hinaufgrüßte. „Dir gefällt Lindenau nicht, wie es scheint?" wandte sich Fleischer an seine Nichte, „freilich ist er ein notorischer Wucherer, der hundert Familien in's Unglück stürzt, ohne daß ihm eine Ader schlägt, oder man ihm von Seiten des Gerichtes etwas anhabe« kann, aber mir ist er werth, wie mein Leben." (Fortsetzung folgt.) König Ludwig und Kaulbach. AuS dem Leben des vor einem Jahre verblichenen großen Kunstmäccns Ludwig l. von Bayern bringt der „Salon" — „vertrauliche Mittheilungen" — wie es scheint, auS der Feder des Grafen Pocci. Sehr glaublich — wenn man die Eigenart dieses merkwürdigen Fürsten kannte — ist folgende Episode, welche sich ereignet haben soll, als Kaulbach seine Entwürfe zu dem großen Reformationsbilde im Trcppenhause des Berliner Museums machte. Während Kaulbach vor diesem ersten Entwürfe, auf dem kaum erst die Architektur des Schauplatzes und einige Hauptgruppen leichthin skizzirt waren, saß und kreidete, wischte, schabte und fleißig fortrauchte, kam der greise König bei einem Nundgang, stets Zickzack, hastig und wie unsicher auf den Beinen schreitend, zu Kaulbach's Staffelci, setzte sein Binokle auf und sah dem Meister, der sich durchaus nicht rührte, über die Schultern, höchst aufmerksam, die in ihrem Sujet noch schwer erkennbare Zeichnung betrachtend. Plötzlich, als blitzte ihm ein Gedanke durch den Kopf, rief der König in erstauntem Tone: „WaS machen Sie denn da, lieber Kaulbach?" — „Den Entwurf zum Neformationsbilde, Euer Majestät! Als sechstes Wandgemälde nach Berlin bestimmt," erwiderte der Künstler sehr laut, um gehört zu werden, drehte sich aber auch jetzt nicht um, sondern rauchte und kreidete weiter Als hätte den alten Herrn ein kalter Wasserstrahl unversehens getroffen, so fuhr der König bei diesen Worten empor und schrie mit vibrirender Stimme: „Was? Die Reformation? Und nun also doch? Wer hat denn das entschieden?" — „Befehl aus Berlin," lautete die Antwort des ruhig forttreibenden Künstlers. — „Die Reformation?" schrie der alte Herr noch lauter. „Und für Berlin? Und ein so großer Meister wie Kaulbach gibt sich dazu her? Das ist das Aergste, was ich erlebe!" Rasch drehte sich der große Künstler um, erhob sich in ganzer Figur vom Schemel, auf den. er saß, schob die Brille in die Höhe und die Samnietmütze nach rechts und sagte laut und mit ruhiger Bestimmtheit: „Majestät vergessen, daß ich selbst Protestant bin." König Ludwig, in höchster Aufregung, die rechten Worte zu finden, um sich begreiflich zu machen, fiel dem Künstler in die Rede: „Nein, Sie mißverstehen mich, Kaulbach! Ich will nicht auf die konfessionelle Seile der Frage anspielen; in meinem Lande waren die Protestanten stets frei, und ich habe doch auch Luther in die Walhalla gestellt! Nein, meine Entrüstung gilt der künstlerischen Aufgabe. Wie wollen Sie denn einen Gedanken malen, eine geistige Meinung Plastisch darstellen? Es ist unwürdig eines so großen Künstlers, sich zu solch' einer artistischen Vcrirrung herzugeben." Und der König redete sich so in Eifer, daß er im Atelier hinab- und hinauslief, mehrmals ärgerlich aufstampfte und allerlei unverständliche Ausrufe that, während Kaulbach längst schon wieder ruhig weiter kreidete. Endlich ergriff der alte Herr einen alterthnmlichcn Stuhl, der in der Nähe der Staffelci stand, und eiferte laut fort, wie im Selbstgespräch: „Die Reformation malen! Und gar noch für Berlin! Wissen Sie, und damit Sie sehen, wie unparteiisch und objektiv ich bin: ich 70 habe dem Großherzog von Weimar gerathen, die Reformation und ihre Zeit auf der Wartburg zu verherrlichen; dorthin gehört ihre Glorifikation, dort hat sie doch wenigstens historischen Boden; von dort ist sie ausgegangen. Aber was will man mit der Reformation in Berlin? Wie kommen diese historischen ParvenuS zur Reformation? Wie unterstehen sie sich, deren geistige Bedeutung sich anzueignen, um ihrem Militärstaat auch diesen Nimbus zu verleihen? Und dazu gibt sich ein Kaulbach her! Auf die Wartburg gehört die Reformation, auf die Wartburg, oder auch nach Wittenberg meinetwegen. . . aber nach Berlin! ..." Und der greise König war in so unglaubliche Erregung gekommen, daß er den Stuhl mit beiden Händen an der Lehne faßte und ihn so heftig zu Boden stieß, daß er krachte und fast in Trümmer ging. Dann machte er Plötzlich halb rechts, zog sich den Hut in'S Gesicht und ging, ohne weiter zu grüßen, mit hastigen Schritten davon. Man sah ihn hinter den Bildern verschwinden und hörte noch, wie er die Flügelthür heftig hinter sich zuwarf. Sonntag in den Tuilerien. Einem jüngst vom Groß-Kammerherrn erlassenen Befehle zufolge dürfen am Sonntag keine Micthskutschcn in den Tuilerienhof einfahren. Personen, welche zu den musikalischen Messen, die jeden Sonntag in der kaiserlichen Kapelle nach dem Ceremonie!! zur Zeit Ludwig des XIV. celebrirt werden, Einladungen empfangen, müssen entweder zu Fuß oder in Privat-Equipagen kommen. Die Celcbration dieser Messen geschieht durch den Bischof von Arras, Monsignor Timarchc, obwohl dieselbe eigentlich dem Erzbischof von Paris, als Groß-Almosenier des kaiserlichen Hofstaates zusteht. Abbö Cattoli, Generalvicar der Diverse von Paris, fungirt als kirchlicher Cercmonienmeistcr, wobei ihm 5 Sub-Almo- fernere assistircn. Den Dienst bei der Messe versehen kleine Knaben, welche den ältesten Familien des Landes, die Anhänger des Kaiserreichs geworden sind, angehören. Im „Court Guide" figuiren sie als Marquis, Grafen und Bicomtcs. Da der Kaiser auch an Sonntagen mit Staatsangelegenheiten sich beschäftigt und mit den Ministern confcrirt, so finden in der kaiserlichen Kapelle, außer während der Fastenzeit, keine Predigten statt, und der Gottesdienst dauert mithin nur etwa 25 Minuten. Um 1 Uhr kündigt ein Thürhüter an: „Ihre Kaiserlichen Majestäten, und Se. Kaiserliche Hoheit, der Prinz, ihr Sohn" und unter dem Vortritt der Herzoge von Cambaccrcs und Bassano, und dem Corps der Kammerherrcn, erscheint die kaiserliche Familie im Hauptgange der Kapelle, und begiebt sich, nach jeder Seite hin sich verbeugend, nack> ihren Plätzen vor dem Altar. Ihr folgen die Generäle Flcury, Ncy (Prinz von der Moskwa), M. Le Prote, der Ober-Jägermeister, die 16 dienstthuenden Adjutanten, und der Präfckt des Palastes' Die Damen vom Hofe, einschließlich die Oberhofmcistcrin, die Gouvcrncß des Kindes von Frankreich, die Palast- und Ehrcn-Damen, und die Vorleserinnen der Kaiserin, nehmen ihren Platz im Hintergründe der Kapelle ein. Die Anwesenheit der Königin von Spanien, welche in der Regel in Begleitung der ihr in's Exil gefalzten Granden erscheint, trägt dazu bei, den Reiz der Kapelle, welche, durchweg mit Sammt und Seide ausgepolstert, einem Juvelenkästchcn gleicht, wesentlich zu erhöhen. Die Musik ist exquisite. Ander führt den Täktstoff, und die Vocalparthicn sind den Damen Nilsson, Sas, B och, Mauduit und den Herren Faurc und Stellar anvertraut. Nahe am Hochaltar stehen Drio-iliou Stühle, auf welchen der Kaiser, die Kaiserin und der kaiserliche Prinz knien. Währenddem Ihre Majestäten ihre Andacht verrichten, müssen die Kammcrhcrrcr stehen. Alle andern sitzen oder knien. MdSll. Nilsson singt gewöhnlich das Domino sslvum, welches als ein Solo arrangirt worden ist. Ihre klare, hohe Sopranslimme übt auf Kirchenmusik angewendet einen erhebenden und bewundernswürdigen Eindruck auf den Zuhörer. Nach Beendigung des Gottesdienstes hält der Kaiser im Vestibül der Kapelle eine Art Lcvöc, zu dem aber gewöhnlich nur Franzosen Zutritt haben. 71 Die siamesischen Zwillinge. Die englischen Blätter bringen spaltcnlange Berichte über das siamesische ZwillingS- Paar. Wir entnehmen denselben nachstehende Einzelheiten von allgemeinem Interesse: Das Ligament, welches die Zwillinge verbindet, entspringt aus der unteren Spitze des Brustbeins, und war früher so kurz, daß sie einander nur die Vorderseite ihrer Leiber zukehren konnten. In Folge anhaltender Zerrung während ihrer Kinderjahre wurden jedoch die unteren Theile des Brustknochcns Beider etwas nach Außen gebogen, und das Ligament selber so stark verlängert (auf etwa 4 Zoll bei einem Umfange von 5 Zoll an seiner stärksten Stelle in der Mitte,) daß sie beinahe Schulter an Schulter neben einander stehen können, wenn sie ihre Nachbararme.auf dem Rücken verschlingen. Die innere Struktur des Verbindungsbandcs entzog sich bisher leider jeder wissenschaftlichen Untersuchung, und eine Transparenz desselben ist auch durch Anwendung von starkem Magnesiumlicht nicht zu erzielen. An seinem oberen Rande fühlt es sich härter an — wahrscheinlich Fortsetzungen des Brustbcinknorpels und der knorplichen Ausläufer der sechsten und siebenten Nippen — während die untere Hälfte mit der Unterlcibshöhle in Verbindung zu stehen scheint. Die Nerven eines Jeden der Beiden streifen bis über die Mitte des Bandes, woselbst ein angebrachter Druck Beiden zugleich fühlbar ist; drückt man jedoch weiter reckts oder links, dann fühlt es nur der zunächst Berührte. Aehnlich scheint es sich mit den Blutgefäßen zu verhalten, doch ist das Eine festgestellt, daß sie nicht mit einander kvmmuniziren. Der Hcrzschlag Beider ist getrennt, und dieser sowohl wie der Pnlsschlag bei Beiden nicht ganz übereinstimmend. Ebenso isolirt ist ihre Athem- Bewegung. Anatomisch betrachtet, geben sie uns somit (abgesehen von dem fatalen Ligament) das Bild zweier isolirter Individuen. Getrennt ist auch das Denkvermögen Beider, wie sie denn gegen einander eine Partie Schach spielen können oder sich mit einander berathen, wenn sie gemeinschaftlich gegen einen Dritten spielen. Aber dabei hat sich doch bei ihnen durch das ewige Zusammenleben eine gewisse psychische und physische Identität herausgebildet, die neben jener Gctrenntheit zu den interessantesten Erscheinungen für Psychologen und Physiologen gehört. Wie sehr spricht es z. B. für ihre Getrennt- hcit, daß sie den Gedanken fassen können, durch einen chirurgischen Eingriff geschieden zu werden! Wie sehr anderseits für ihr Zusammengehören, daß sie früher nie selber diesen Wunsch gehegt haben, sondern erst spät durch ihre Familien-Angehörigcn auf ihn geleitet worden sein sollen! Die Operation wird wahrscheinlich auch ferner unterbleiben, da fast alle zu Rathe gezogenen Aerzte schwere Bedenken dagegen äußern. Vorzunehmen wäre sie auf alle Fälle dann, wenn einer der Beiden sterben sollte, doch ist es das Wahrscheinlichste, daß eine Krankheit, die den Einen hinraffte, auch dem Anderen gleichzeitig den Tod bringen würde. Naturzwang und vieljährige Gewohnheit haben eS dahin gebracht, daß alle Bewegungen und Verrichtungen Beider in strenger Harmonie stehen. — Sie bewegen sich wie durch einen einzigen Impuls, ohne frühere Verabredung, und sollen sich nur selten mit einander in ein Gespräch einlassen. Doch fühlt Jeder von ihnen den Impuls, der vom Ändern ausgeht, viel rascher, als ein Dritter ihn gewahr wird. — Rudern, Jagen, Fischen und andere Vergnügungen, die ihnen ihre Gebundenheit gestattet, üben sie mit Vorliebe, finden aber keine Freude an solchen, wo sie einander als Gegner entgegentreten müßten, z. V. Schach- oder Kartenspielen. Haushalten mit dem Pflug und mit dem Schwert. Unter diesem Titel schreibt der bekannte Menschenfreund Elihu Burrit in seinem neuesten „Oelblatt für das Volk" u. A.: Wenn ich reise, denke ich daran und versuche, mich mit der Lage der arbeitenden Elaste bekannt zu machen, zu erfahren, wie hoch sich der Wochcnlohn belauft, wie der Arbeiter davon seine Familie zu ernähren, bekleiden, unter Dach und Fach zu bringen, 72 »nd seine Kinder zu erziehen vermag. Ich versuche dann die Steuerlasten abzuwägen, die der Krieg und alle Berthcidigungs-Vorkehrungen während bewaffneten Friedens auf die Schultern der arbeitenden Classe legen. Ich habe mich daran gewöhnt, die Kosten jener Rüstungen gegenüber Arbeitslöhnen abzuschätzen, und thue dieß in der folgenden Weise: Wenn uns gesagt wird, daß über drei Millionen junge, starke Männer in den Armeen Europa's für den Krieg herangebildet werden, denke ich bei mir selbst, neunzehn von je zwanzig solcher jungen Leute sind Arbeiter-Söhne. Nun erinnere man sich nur all' der schweren Arbeit auf dem Felde und in der Werkstätte, im Schacht und auf den Bergen — all' der elterlichen Thränen, harten Schicksale und Sorge», die es gekostet hat, diese drei Millionen junger Leute bis zum achtzehnten oder zwanzigsten Lebensjahre aufzubringen! Dann betrachte, ich diese jungen Männer beim Excrciren, und finde, daß sie Alle auserlesen vollkommen gesund, stark und wohlgeformt sind. Der Armec-Chirur- gus hat jeden Einzelnen examinirt und für den Krieg für tüchtig erklärt. Wir haben keine Chirurgen, deren Amt eS ist, Candidaten oder Rekruten für den Pflug, die Axt, den Hammer oder die Weberbank zu cxaminircn. Krummbeinige, Brustlcidende, Einäugige, von Rheumatismus Geplagte werden gut genug dafür gehalten, die großen Industrie- Armeen der Welt zu recruliren, gerade als ob der Krieg die Blumeulese und der Friede das Unkraut des Menschengeschlechts haben müßte'. Ich habe ganz England zu Fuß bereist, von Lands und bis zu John o Groats, in den Frühlings- und Sommermonaten. Es ist ein wunderschönes Land. Fast die ganze Insel ist wie ein Garten. Die zu ihrer Bebauung nöthige Arbeit erscheint ganz wunderbar, besonders einem Amerikaner, wie ich bin, und während meines Staunens denke ich an dies und an das, und bringe es in Vergleich. Es heißt: es erfordert siebenhundcrttauscnd Feldarbeiter, diese Insel in solch' einen großen, wunderschönen und wunderbar fruchtbaren Garten Hinzuschaffen. Die wöchentlichen Arbeitslöhne belaufen sich im Durchschnitt auf etwa 10 englische Schillinge. Demgemäß die gcsammte Arbeit dieser siebenhundcrttauscnd Männer und Frauen kommt jährlich auf Pfd. Stcrl. 18,000,000 (216 Millionen Gulden!) zu stehen; aber was für eine glorreiche Schau grün und goldener Erntefclder durch die ganze Insel bringen sie nicht auch dafür hervor! Ich kann mich beim Sehen der Bewunderung nicht erwehren. Doch zur selben Zeit kann ich mich anderer Gedanken nicht enthalten. Ich betrachte das englische Kriegsbudget für 1866, ein Jahr bewaffneten Friedens, und finde Pfd. St. 26,000,000 (312 Mill. Gulden!) als die Auslagenkosten lediglich für Kriegsrüstungcn, noch obencin in einem Friedens- Iahre, verzeichnet! Das macht Pfd. St. 2 (24 fl.) für den Pflug, gegenüber den Pfd. St. 3 (36 fl.) die das Schwert in Friedcnszeit kostet! Solch ein Vergleich erweckt traurige Gedanken an Ernährer und Verzehren. Ich erinnere mich, gehört zu haben, wie einmal im brittischen Parlament erwähnt wurde, daß eine gewisse neu erfundene Bombe für den Gebrauch fertig Pfd. St. 11 (132 fl.) kostete. In d§m Fall würde es die harte Arbeit eines guten Pflügcrs, Mähers oder anderen Fcldarbcitcrs sechs lange Monate hindurch erfordern, nur für eins dieser Tod verbreitenden Geschosse zu bezahlen! Wie viel ehrliche, rechtschaffene, geduldige Arbeit wird nicht von dem Wolfsrachen des Krieges verschlungen! „Was haben Sie heute mit meinem Sohne gelehrt?" frug ein Börsianer den Erzieher seines einzigen Sohnes, einen hoffnungsvollen Jungen, der sein Sparbllchsengeld dem Vater zur besseren Verwerthung übergibt. „Ich erklärte ihm die Sonnenbahn," erwiedert der Lehrer. „Erklären Sie ihm die Nordbahn, das ist mir lieber," — ruft der Alte. Druck, Verlag und Redaction deS Literarischen Instituts von Dr. M. Huttler. llro. 10. 7. März 1869. Augsbur^er Man kann eS nickt genug sagen: Mensch, existire für deine Zeit an deinem Orte; sei, was du sollst! Dann verdienst du die Bewunderung und Liebe aller Zeiten- I- v. Müller. Die Entsagenden. (Fortsetzung.) Der Wucherer trat ein und auf den Wink ihres OheimS entfernte sich Angelika. „Ihr kommt zu früher Stunde," redete der Direktor den Fremden an, „gewiß habt Ihr eine Sache von Wichtigkeit?" „Allerdings," erwiederte der Wucherer, „und da ich gerade eine kleine Reise beabsichtige, — so wollte ich diesen Weg nicht aufschieben. Ich habe einen Schatz für Sie, Herr Direktor; o, einen wahren, unbezahlbaren Schatz," fügte er grinsend hinzu. „Einen neuen Wechsel," den der tolle Verschwender Duroy ausstellte und den Ihr mir anzubieten kommt, nicht wahr?" fragte Fleischer. „Wohl — aber nicht einen Wechsel, wie der Herr Direktor ihn in verschiedenen Exemplaren besitzt, die ich nach Ihrem Wunsch stets auf das Verlangen des Barons zu prolongiren bereit bin, sondern einen Wechsel ganz eigener Art, der — wenn mich nicht Alles täuscht. Jemanden gewiß in's Zuchthaus bringen wird." Der Direktor horchte auf. „Erzählt," sagte er kurz, „was habt Ihr mir anzubieten?" „Es können reichlich acht Tage sein," - begann Lindenau, „als sich in später Abendstunde der Baron von Duroy bei mir einfand; es war Verfallzeit eines von ihm ausgestellten Wechsels, aber statt ihn einzulösen, bat er mich um Prolongation und zugleich um neuen Vorsckuß. Ich bewilligte die erste, das zweite Verlangen wies ich von der Hand, da ich Ihre Meinung darüber noch nicht eingeholt hatte. Der Baron schien in großer Verlegenheit zu sein, er theilte mir mit, daß er dieser Summe dringend bedürfe, und entfernte sich in höchster Bestürzung. Am anderen Morgen stellte er sich wieder ein. Sein Gesicht war verstört und bleich. Ich bedarf fünftausend Thaler, Lindemann, sagte er hastig, ich biete Ihnen die höchsten Zinsen und dieses Papier als Deckung, daS ich binnen einem halben Jahre aus Ihren Händen einlösen werde. Ich warf einen Blick auf den Inhalt des Dokumentes", fuhr Lindenau fort, „es war ein Wechsel.von einem bedeutenden nordischen Hause ausgestellt und lautete auf zehntausend Thaler. Der Fall erschien mir sonderbar, und ich konnte mich eines forschenden Blickes nicht erwehren, als ich daS Papier dem Baron zurückgab, der es mit zitternden Händen empfing." „Trauen Sie mir nicht?" fragte er, den Blick zu Boden senkend. „Und in der That traute ich ihm nicht, ich begab mich in ein Nebenzimmer, um den Wechsel zu prüfen, die Signatur dcS Hauses war ächt, aber nicht die Summe. — Die Hand eines Schülers im Fälschen hatte die Zahl „Tausend", worauf der Wechsel lautete, in „Zehntausend* verwandelt." „Und Sie nahmen den Wechsel nicht an sich?" unterbrach ihn Fleischer mit dem Ausdruck der gierigsten Spannung. „Sie zahlten nicht den dafür geforderten Preis?" „Allerdings that ich dies," erwiederte Lindenau, „denn ich hoffte, Sie würden mich in jedem Fall schadlos halten, und mir ferner ein gütiger Gönner bleiben." 74 „Haben Sie sich über mich zu beklagen?" fragte Fleischer. „Handle ich nicht gegen Pflicht und Gewisien, indem ich mich blind für Ihre Wuchereien stelle? Aber dafür verlange ich vollständige Verschwiegenheit von Ihnen. — Sie wissen, ich besitze die Macht, Sie in's Unglück zu stürzen, — und bin nicht der Mann, der sich mit leeren Drohungen begnügt." Der Wucherer neigte stumm das Haupt. Dann zog er ein Papier aus seinem Portefeuille und überreichte eS dem alten Herrn. Mit gierigen Händen empfing es Fleischer und warf einen prüfenden Blick auf das Dokument. Wie ein Triumph der Freude leuchtete es aus seinen Augen. „Wahr, wahr," murmelte er vor sich hin. „Die Zahl ist gefälscht, ein Schulknabe würde sich dieses groben Betruges schämen, so mangelhaft hat er die Hand nachgeahmt. Ja, daran erkenne ich den Elenden, dessen Leichtsinn mir das Herz Leonorens entriß. — Was verlangen Sie für dieses Papier?" fragte er, das Papier zusammenfaltend und es zu sich steckend, als fürchte er, daß ihm Jemand dasselbe entreißen könnte. „Bestimmen Sie selbst den Preis, Herr Direktor. Mit Ihnen mache ich keine Geschäfte." Der Direktor erhob sich und trat in das Balkonzimmer. Nach wenigen Augenblicken erschien er wieder, in jeder Hand eine Goldrolle, die er dem Wucherer einhändigte. „Hier ist Ihre Auslage und fünfhundert Thaler darüber," sagte er kurz. „Sie haben mir durch Ankauf dieses Papieres einen größeren Dienst erwiesen, als Sie wohl selber meinen." „So hassen Sie den Baron sehr?" fragte der Wucherer neugierig, — „daß Sie begierig jeden Beweis seiner Schuld sammeln." „Ein Kaufmann verräth nicht, welche Geschäfte er mit erworbenen Waaren macht," entgegnete Fleischer trocken. „Entweder Haffe ich Duroy bis zur Vernichtung, oder meine Neigung zu ihm geht so weit, ihm eines Tages als unbekannter Freund sämmtliche Schuldscheine versiegelt durch die Post einzusenden. Wer kann es wissen? Aber jetzt ersuche ich Sie, mich allein zu lassen, ich habe zu arbeiten!" fügte er gebieterisch hinzu. Gehorsam verneigte sich der Goldmann, und entfernte sich; gedankenvoll blickte ihm der Direktor nach. „Elende Creaturen," murmelte er vor sich hin, „und Euch nennt man das Ebenbild Gottes! Verrath, Falschheit und Egoismus sind die Hebel, die den Organismus des Weltalls bewegen. Eure Schlechtigkeit hat mein Leben zerstört, kann die erhabene Gerechtigkeit mich verdammen, wenn ich zürnend »vor Euch trete und fordere von Euch mein verlorenes Glück; und da ihr's mir zu gewähren nicht vermögct, mir selbst ein Glück suche, indem ich meinen Haß gegen die Welt, den ich Jahre lang tief verhüllt im Busen trage, über Einen ergieße, der mir bitter wehe gethan. Wahre Dich, Leopold von Duroy, die Vergeltung, die ich Dir schwur, da ich Leonore in Deinen Armen traf, sie ist herangenaht; daß Dein Vermögen durch Deine Verschwendung nach und nach in meine Hände kam, das genügte mir nicht, denn kein verarmter Edelmann konnte noch das Mitleid erregen, ich brauchte mehr, bis die Stunde schlagen durfte, Dich zu verderben. Und sie ist da, denn ich besitze Deine Ehre, Leopold von Duroy." Ein unterdrückter Aufschrei unterbrach ihn und ließ ihn sich umschauen. In der Balkonthür stand Angelika todtenbleich, es war ersichtlich, daß sie die Worte des Oheims vernommen hatte. Der Alte wandte sich mit dem Ausdruck des Zornes nm. „Du hast gelauscht!" rief er heftig. „Seit wann ist es Sitte, ungerufen Dich in meine geheimsten Gedanken zu drängen?" „Zürnen Sie mir," rief Angelika, „wenn ich die Einflüsterungen eines finsteren Dämons zu verscheuchen versuche? O mein Oheim," fuhr sie flehend fort, „dieser Lin- denau, der mir in tiefster Seele verhaßt ist, muß Ihnen schreckliche Kunde gebracht haben. Reden Sie, Oheim, auf meinen Knieen beschwöre ich Sie, was haben Sie vor, gegen die unglücklicklichen Duroy's?" Der Alte erwiederte nichts. Sein Auge flammte und stumm erhob er sich, indem er Angelika einen Wink gab, ihm zu folgen. Das Mädchen gehorchte Sie rückte einen Sessel neben den Divan ihres Oheims, worauf dieser Platz genommen hatte, und erwartete ruhig die Anrede desselben. Diese ließ nicht lange auf sich warten. „Angelika," begann er, „ein furchtbarer Schwur binet mich an dieq Fersen dieses Durvy, den ich einst liebte mit unwandelbarer Freundschaft. Wir studirten zusammen, wir theilten Leid und Freude, da raubte er mir hinterlistig ein Mädchen, daS ich zu meiner Gattin erwählt hatte, seine Verführungskünste überwogen meine Geradheit, ich ward verschmäht, und er triumphirte über die Schwachheit einer Jungfrau, triumphirte leichtsinnig über die Niederlage seines besten Freundes. Und dennoch hätte ich ihm verziehen, hätte er edel gegen das unglückliche Geschöpf gehandelt. Aber er verstieß sie, nachdem er ihrer müde war, und ließ sie darben, und sie sank tief und tiefer bis ich bei Antritt meines Amtes am Siechenbettc des Zuchthauses dieser Stadt an ihrem Lager stand und fühlte, daß ich sie noch immer liebte, die lang Vermißte, die neu Gefundene. Und als ich ihre eisigen Hände an meine Brust preßte, als ihr letztes Röcheln der Anklage gegen jenen Elenden verstummt war, da ergoß ich, was mir noch von Herz, Gefühl und Menschenwürde zurückgeblieben war, in einem einzigen Schwur, den Niemand hörte als Gott, und den Keiner richten wird, als er. Ich schwor, den Elenden zu vernichten bis in das dritte Glied, wie er zwei Menschendasein zerrüttet und vernichtet hat." „Und" - fragte Angelika bebend — „und Sie haben die Mittel, Ihren Schwur zu erfüllen." „Ich habe sie!" — entgcgnetc der Direktor, dessen Augen funkelten, „bei Gott, ich habe sie!" ' „Und Sie werden sie nicht verwenden," rief Angelika feurig. „Ein Richter soll der Vollstrecker des Willen Gottes sein und die Gesetze des Ewigen sind mild. Oheim" — fuhr sie flehend fort — „Durvy ist ein Genie. Vielleicht erwartet ihn am Strahlenthrone deS Höchsten der Engel mit der ewigen Waage, haben Sie ein Recht, in seinen Willen zu greifen?" „Ich habe," versetzte der Alte finster, „Apge um Auge, Zahn um Zahn, so will's das Gesetz hier" — und er hielt den Wechsel Lindenau's hoch empor, — „dies Papier enthält meine Rache; dies Papier bringt den edlen Freiherrn auf meinen Wink an den Ort, wo Lconorc durch seine Schuld endete — bringt ihn in's Zuchthaus!" Angelika stieß einen Schrei aus. „Enthält dieß Papier eine Schuld, die der unglückliche Mann nicht zu decken vermag?" — rief sie leidenschaftlich, „o so bestreitcn Sie dieselbe aus meinem Vermögen, ich bin ja reich, wie die Leute sagen, — laßt mich dieses Papier einlösen und sollte ich es mit Gold aufwiegen müssen!" „Und bötest Du alle Schütze Preis" — rief der Direktor — „Du könntest dieses Papier nicht vernichten! Thörichtes Mädchen, wohl kannst Du Schulden, kannst Du aber auch eine Fälschung tilgen?" DaS Mädchen verstummte. Diese Kunde schien ihre Kräfte zu lähmen. „Gnade!" flüsterte sie, „Gnade!" „Hatte jener Mann Gnade für die Unglückliche, die er einer Laune willen opferte, hatte er Mitleid mit mir, seinem Freunde, der ihm vertraute? Nein, nein," rief er wild, „keine Schwäche, keine Schonung für ihn, er hat sein Schicksal verdient." „So schont seinen Sohn," rief Angelika, „schont Nudolph! mein Oheim, wollten Sie der Rache eines Greises halber, das ganze Dasein eines Jünglings vernichten?" „Ich kann nicht anders," murmelte der Alte. „Gott hörte meinen Schwur." Da erhob sich Angelika, eine hohe Würde hatte sich ih"-r bemächtigt, ihr Auge drückte Entschlossenheit aus, obgleich ihre Wange todtenblcich erschien und ihre Stimme bebte. 76 „So vernehmen Sie denn auch von mir ein Geständniß, mein Oheim; indem Sie den Namen Duroy schänden, brechen Sie daS Herz Ihrer Nichte; denn ich bin sieben- unddrcißig Jahre wohlgezählt — wie Sie eben bemerkten — und liebe Rndolph v. Duroy !" „Angelika!" schrie der Alte auf, „Du, meine Nichte, liebst den Sohn deS Mannes, den ich hasse und verwünsche? — Wehe Dir." Und mit beiden Händen bedeckte er sein Antlitz. Eine tiefe Stille entstand im Gemach; draußen auf dem Geländer deS Balkons hatte sich ein bunter Vogel niedergelassen und sang sein schmetterndes Morgenlied. Was kümmerten ihn die Menschen da drinnen mit ihren Leidenschaften und Enttäuschungen? Angelika war es zuerst, die das Schweigen brach. „Nun, Oheim," begann sie, „wiegt mein Leid nicht das Ihre auf? O, wer hat die Nächte gezählt, die ich nach einem Begegnen mit ihm schlaflos und weinend auf meinem Lager verbrachte? Wer zählt die Thränen, die die Erinnerung an Rndolph meinen Augen gekostet? Ich sah ihn umschwärmt von lichten jugendlichen Gestalten, deren Abgott er war, sah die feurigen Mädchenblicke, die um einen Wink seines Auges, um ein Lächeln seines Mundes buhlten, und dann mich, die verblühte Jungfrau, mit meinen enttäuschten Hoffnungen, mit meinen zertrümmerten Idealen und mit meinem Herzen voll unendlicher Liebe. Denn ach, die so lang unterdrückte Natur rächt sich mit doppelter Heftigkeit. Ich suchte den gefährlichen Zauber zu bannen, von dem ich mich umstrickt sah, die crzürnre Vernunft hielt in einem ehernen Spiegel dem bethörten Herzen Alles vor, was die strenge Nichterin vorzuhalten vermag; vergebens, weil ich wider die Natur in eitlem Hochmuth einst jeden Mann verschmähte, liebe ich jetzt in meinem Alter wider die Natur einen Jüngling, glühend, unaussprechlich. Jetzt wissen Sie Alles, mein Oheim," endete sie, indem sich die lang zurückgepreßtcn Thränen gewaltsam Bahn brachen. Der Greis blieb stumm; in den alten gefurchten Zügen arbeitete es gewaltig; ein mächtiger Entschluß schien in seinem Herzen Wurzel zu schlagen. „Es ist gut, Angelika," sagte er endlich mit gepreßter Stimme. „Armes Mädchen, Dein Unglück ist zu groß, als daß ich Dir zürnen könnte! Liebte ich nicht noch Leo« uoren auf dem Sterbebette mit heißer, leidenschaftlicher Glut — was sollte ich eS Dir verargen, wenn Dein Herz sich zu weicheren Gefühlen hinreißen läßt? Aber, Angelika, ist auch der Mann Deines Herzens werth? Welche Talente geben ihn in Deinen Augen den Vorzug? Welche Thaten sind es, welcher Ruhm, der Dich an ihn fesselt? Angelika, ich hätte Dich für weiser gehalten, als daß Du einer Larve der Jugend und Anmuth den Vorzug über Talent und ManncSwürde einräumen könntest. Aber gleichviel, das Unheil ist da," unterbrach er sich, „glaubst Du, daß Rndolph um Deine Neigung weiß?" Das Mädchen schüttelte traurig das Haupt. „Nimmer soll er dieses Geheimniß erfahren," erwiederte sie, „tief verschlossen will ich'S im Busen tragen, bis sich das Grab wölbt über mich und meinen Gram. Ach, ich bin ja schon zufrieden, wenn ich ein freundliches Wort, ein mildes Lächeln von ihm erhäsche. Was kann eine alte Jungfer mehr begehren? Ja, und wenn sie es wüßten, dies unselige Geheimniß, alle die Frauen und Mädchen in der Stadt, die mir Freundschaft heucheln, wie sie spötteln würden über mich, und mein Herz und meine Ehre mit tausend Dolchstichen durchbohren? Mein Oheim, lassen Sie mich schweigen! Aber mein Unglück stehe um Gnade für den Schuldlosen; der wahrhaft Leidende hat Thränen, keinen Haß. „Thränen dem Frauenzimmer, Haß und Rache dem Mann!" unterbrach sie der Direktor. „Oder meinst Du, ich werde dieser Liebe halber den heiligsten der Schwüre brechen, den ich je gethan? Aber vielleicht ist auch für Dich noch Hülfe, ohne daß ich' mein Gclöbniß breche?" „Hülfe!" wiederholte Angelika schmerzlich lächelnd. „Niemals, Oheim. Versucht auch nicht mein Leid zu mindern. Einer Hoffnungslosen Trost zusprechen wollen, heißt Feuer in eine Wunde gießen. Für mich gibt es keine Hülfe, als den Tod!" (Forts, f.) 77 Die W i n t e r d e ck r. Laß' dir's nicht gcdeihn zu Leide, Wenn mit Schnee als ihrem Kleide Gott die Erde hüllet ein, Weil es jetzt soll Winter sein! Flur im eisigen Gewände, Eingeengt in starre Bande, Bist zum Denkmal mir gesetzt, Wie es wird mit mir zuletzt! Ruhe hat der Herr und Frieden Ihr zu dieser Zeit beschicken, Legt auf sie ein weißes Tuch, Zhr zum Schmucke, nicht zum Fluch. So werd' ich begraben liegen, In ein enges Bett mich schmiegen, Wann der Tod den Kuß gereicht, Und mein Antlitz ist erbleicht. Herr, wie du auf weiter Strecke Gibst der Flur jetzt Schnee zur Decke: Laß' auch so für mein Gebein Gnade einst die Decke sein! Neubildung des Gehirns. Herr v. Parville erwähnt in der wissenschaftlichen Uebersicht des offiziellen Journals den merkwürdigen Fall von Amputation und Wiedererzeugung der Gehirn-Hemisphären, die namentlich das Resultat der jüngsten Forschungen des Herrn Voit von der Münchener Akademie sind. Seit 1822 zeigte FlourenS bis zur äußersten Evidenz, daß es bei verschiedenen Thieren möglich sei, einen ganzen Gehirnlappcn hinwegzunchmen, — ohne dadurch ihren Tod herbeizuführen. Er ging noch weiter. Er nahm Katzen, Kaninchen, öffnete deren Schädel mit Vorsicht und nahm daS Gehirn heraus. Katzen und Kaninchen lebten noch ein Jahr nach dieser Operation. Leben ist also auch ohne Gehirn möglich. Nur verlieren die auf diese Weise verstümmelten Thiere alle Sinne und ihre Vernunft, und sind auf den Zustand einfacher Automaten reduzirt. Dasselbe Experiment kann auch mit dem kleinen Gehirn gemacht werden. Da dieses jedoch daS die Bewegungen regn« lirende Organ ist, so bewegt sich das betreffende Thier nur nach dem Zufalle fort; eS gleicht einem Betrunkenen und ist wirklich ein Kopf ohne Hirn! Herr Voit von München hat ein noch sonderbareres Resultat erlangt. Er hat mehreren Tauben daS Gehirn weg» genommen, und nach einigen Monaten konslatirte er zu seinem Erstaunen, daß sich dasselbe erneuert hatte. Das Gehirn war wieder gewachsen. Nach der Wegnahme des Gehirns, sagt der gelehrte Physiolog-, stecken die Tauben ihren Kopf unter einen Flügel und bleiben unbeweglich. Die Augen sind geschloffen und sie scheinen zu schlafen. Dieser Zustand dauert einige Wochen. Dann erwachen sie endlich auS ihrem scheinbaren Schlafe, öffnen ihre Augen und beginnen zu stiegen; sie vermeiden dabei alle Hindernisse und entwischen denen, welche sie greifen wollen. So ist eS sehr klar, daß sie wieder sehr gut sehen und hören. Einige dieser Thiere wurden fünf Monate nach der Operation getödtet, und man fand in der Hirnschale eine weiße Masse vor, die gänzlich von der Consistenz und dem Aussehen der weißen Gchirnmassc, und auch zudem in zwei Gehirnlappcn /a Zoll groß, Chang einen Zoll kleiner. Sie stützen sich mehr auf den nach auswärts gerichteten Beinen, die in Folge dessen mehr ausgebildet als die inneren sind. Die Herzen und andere Organe derselben befinden sich in derselben Position wie bei anderen Menschen; der Athmungs-Prozcß und die Circulation des Blutes ist bei den Zwillingen nicht gleich. Als sie bei ihrer Anwesenheit in Edinburg an „Influenza" litten, fand Dr. Aitken, daß bei dem Einen der Puls 24 Schläge in der Minute schneller, als der des Andern war. Zwei andere Londoner Aerzte fanden eine Verschiedenheit von 4 Schlägen in der Minute. Sir James Simpson hat bewiesen, daß sie hinsichtlich physischer Verrichtungen zwei völlig getrennte und verschiedenartige Individuen sind. Sie können gehen, laufen und schwimmen, sind leidenschaftliche Jäger und gute Schützen, intelligent, belesen und tüchtige Geschäftsleute. Ihr Zustand macht es natürlich, daß sie in einem und demselben Gespräche verflochten sind, aber Jeder von ihnen kann auch ohne Schwierigkeit eine Conversation mit zwei verschiedenen Individuen führen. Oft liest ein Jeder für sich; öfter jedoch liest Einer dem Andern laut vor. In der That ist ihr Gemüth viel dualistischer, als ihr Körper; letztere sind vereint, erstere nicht Das sie vereinigende, theilweise durch Verlängerung deS Knorpels des Brustknochcns gebildete Band ist 4'/^ Zoll lang und hat Zoll Umfang. Von Krankheiten, die dem Blutsystem angehören, wie Pocken, Masern, Fieber und dergleichen wurden die Bruder gleichzeitig ergriffen. Trotzdem schließt Sir James Simpson aus Experimenten, die derselbe mit Arzneien an ihnen vorgenommen, daß die Verbindung ihrer Gefäße verhältnißmäßig sehr gering ist. Ueber die Frage der Möglichkeit einer Operation, behufs der Separation der Brüdcr von einander, sagt der Professor: Chang und Eng selbst wünschen gar keine chirurgische Theilung, aber einige ihrer Anverwandten wünschen dieselbe sehr, wenn eine Möglichkeit des Gelingens vorhanden ist! Diese Operation ist nicht allein möglich, sondern würde auch mit gar keinen, oder nur sehr geringen Schwierigkeiten verbunden sein; aber dieselbe würde so gefährlich sein, daß die Zwillinge, der Meinung des Professors zufolge, sich derselben nicht unter- werfen sollten, und daß kein Chirurg gerechtfertigt wäre, dieselbe zu vollziehen. Chang und Eng sind an zwes Schwestern verheirathet, Töchter eines amerikanischen Geistlichen. Jeder Bruder hat 9 Kinder: Eng 6 Söhne und 3 Töchter, Chang 3 Söhne und 6 Töchter. Ihre ersten Kinder wurden je 3 — 4 Tage von einander geboren, die anderen in unregelmäßigen Zeiträumen. Chang's neuntes Kind wurde vor drei Monaten geboren. — Der berühmte Arzt, Sir James Fcrgufson, hat ebenfalls die Zwillinge genau untersucht, und seine Meinung ist auch, daß eine chirurgische Theilung der Brüdcr tödtlich sein würde, nicht so sehr wegen der Struktur des sie verbindenden Bandes, als wegen deS moralischen Effektes, welchen dieselbe auf die Zwillinge ausüben würde. Der grösste Feind des Waldes ist der unverständige habgierige Mensch. Nicht der Blitz, der die Eiche zersplittert; nicht der Sturm und der Schneedruck, der die stolzesten Stämme wie Rohr knickt; nicht Myriaden von Insekten; nicht der Frost, der ganze Culturen tödtet; nicht die Axt; nicht der erste Paragraph des communistischen Revolutionsgesetzes: „Laß mir das Meine und gib mir das Deine!" können dem Walde die Unheil zufügen, welches der Mensch mit 79 dem Streurechen in der Hand anrichtet. Die feindlichen Gewalten der Naturkräfte, die Invasion der Würmer zerstören die Bäume; aber der Mensch, der dem Walde die Boden- decke nimmt, zerstört die Grundlage; die Existenz des Waldes. Die Bodendecke ist der Dünger, er gibt dem Baume die Aschenbestandthcile; die Bodcndecke gibt die Feuchtigkeit, die manchmal die Hälfte der Bestandtheile eines Baumes ausmacht; die Bodcndecke gibt dem Walde die Kohlensäure, die er durch seine Lungen, die Blätter, einsangt. Siebenfach ist der Wassergehalt, den die Blätter am Boden festhalten können, und Moos ist bisweilen nur ein mit Wasser angefüllter Schwamm. Da wo dem Walde seine natürliche Nahrung zukommt, da stehen kraft- und saftstrotzcnde Bäume, da ist das dunkelste Grün, der tiefste Schatten, die balsamischste Luft; da öffnet sich die Brust des Menschen, da trinkt er, dem Sänge der befiederten Sänger lauschend, mit gierigen Zügen die würzigen Düfte; da gibt der Wald das grüßende Lied mit freudigem Echo wieder. Da wo der Boden entblößt ist, da stehen kahle Stämme und niedrige Sträucher; öde Flächen biete« keinen Schatten, der Wald gibt nicht einmal mehr Holz, er stirbt an Abzehrung. Aber er nimmt eine fürchterliche Rache am frevelnden Geschlechte, mit dem hinsiechenden Walde vertrocknet die Luft, die Quellen versiegen und je trockener die Bäche sind, mit um so größerem Bangen sieht der schuldbewußte Mensch dem herannahenden Gewitter, dem Schncegang, entgegen. Die fallenden Regengüsse schießen, durch keine Bodendecke aufgehalten, vom kahlen Waldabhang herab; die vertrockneten Bäche werden zu reißenden Strömen; sie versanden fruchtbares Land und schwemmen tragbaren Boden fort; die Wogen brechen die Dämme und dringen in die Wohnungen der Menschen. Und jetzt, am Grabe seiner Habe, erinnert sich der Mensch der Frevel, die er am Walde begangen. (Ebene, wohlangcbautc Landstrccken, welche keinen Wald in der Nähe haben, in dem sich Füchse und Raubvögcl aufhalten können, leiden in regenarmcn Sommern nicht blos an größerer Trockenheit, sondern auch der Mäuscfraß ist viel verheerender, da die Mäuse allein Herr sind und vom Raubwild nicht wcggcfangen werden.) Jetzt müssen Millionen auf Millionen aufgewendet werden, um die Sünden gut zu machen, die ein habgieriges Geschlecht, um weniger Groschen willen, begangen. Gar manchmal ist der Nachtheil ein bleibender und die Landwirthschaft sinkt von Generation zu Generation. In Griechenland, in Unteritalicn und Sicilien, in Spanien und Portugal sind nur noch 9 Procent Waldungen zu finden; manche wichtige Stelle kann auch mir dem größten Aufwande nicht mehr bestockt werden, und mit dem Walde stirbt immer mehr die Tragkraft des Bodens. Bayern gehört noch zu den bestbcwaldeten Ländern Europas; allein viele seiner Waldungen leiden unter Streu- und -Weide-Scrvitutcn und in den Privat-Waldungen sieht es zum Theil traurig und untröstlich aus. Es ist hohe Zeit, daß das Gesetz seine schützende Hand über den Wald ausstrecke. Dichtung und Tonkunst, Malerei und Baukunst in den gothischen Domen haben das Lob des Waldes gesungen, seit eS denkende und fühlende Menschen gibt; die Pulse des frohen Menschen schlagen nie höher als Im Wald, Im frischen, grünen Wald, Im Wald, wo 's Echo schallt. * * * Schließlich wiederholen wir eine Notiz, welche wir unlängst aus Aegyptcn gebracht haben. Als Mchemed Ali das Nildelta mit 20 Millionen Bäumen zu bepflanzen be fahl, da zählte man dort im Jahre durchschnittlich 5—6 Regentage; seit jene Bäume zu ' Wäldern geworden sind, hat sich die Zahl der Regentage auf 40 vermehrt. 80 M i s e e l l e n. (Hausmittel gegen Husten.) Bei allen Dingen muß man stets auf die Grundursache zurückgehen, um das richtige Mittel zur Abhilfe zu finden. Nun entsteht Husten in der Regel nach crfolgtcr Erkältung, d. h. wenn die durch die äußeren Hauttheile stattfindende Ausdünstung gestört wurde, und daher die Theile, welche dort auS- trcten, auf der inneren Hauptfläche, auf Luftröhre und Lunge, einen Ausweg suchen, und hier eine Entzündung, niit oder ohne Schleimabsonderung, (feuchter, trockener Husten) hervorrufen. Husten und Schleimabsonderung ist aber hiervon nicht die nothwendige Folge. Im Gegentheil ist hiczu noch etwas Anderes nöthig, nämlich die Einwirkung irgend eines Reizes (einer Schädlichkeit) auf die entzündeten Theile. Einen solchen macht die Luft, besonders die kalte, und vornehmlich während des Schlafes. Athmet man daher nur milde, warme Luft, so ist der Husten rasch beseitigt, und die Entzündung legt sich in Kurzem auch, wenn man die Ausdünstung durch warme Kleidung, Reiben der Haut, Hollundcrthce u. a. bekannte Mittel wieder herstellt. In ersterer Hinsicht ist das einfachste Mittel, Mund und Nase, namentlich während der Nacht, mit Flanell (gleichsam einem Maulkorb von demselben) zu umbinden. Indem die ausgeathmete Luft durch denselben gehen muß, wird er erwärmt und sammelt sich innerhalb eine warme Luftschicht. Die eingcathmcte aber wird beim Durchgang durch denselben ebenfalls erwärmt, und noch mehr, indem sie sich mit der dort befindlichen warmen Luft vermischt. Der hustcnerregcnde Reiz ist daher beseitigt, da die cingeathmetc Luft wärmer ist und ärmer an Sauerstoff, also milder. In zwei Fällen hat dies Mittel dem Einsender dieses überraschend schnell, d. h. schon in einer Nacht geholfen. In einem ging der Husten von der Lunge aus, mit SchlcimauSwurf, im andern in Folge eines prickelnden Reizes an der Luftröhre, der nur durch schwaches Hüsteln für ein Paar Minuten gehoben wurde, aber immer durch das Einathmen wieder entstand, — und die ganze Nacht nicht schlafen ließ. _ (Lcbensregel eines Seilers an seinen Sohn.) „Merke auf, mein Sohn, auf die Lehren, die ich dir auf die Wanderschaft geben will, und beherzige sie! Weiche nie ab vom Pfade der Tugend, denn nichts ist so fein gesponnen, cS kommt an's Licht der Sonne, und ein Galgenstrick nimmt selten ein gutes Ende. Wenn dich das Schicksal auch manchmal durchhechelt, so verliere nie den Faden deiner Geduld, s-lbst wenn alle Stricke reißen sollten; aber auch im Glücke sei nicht übermüthig, und Hause niemals über die Schnur! Laß dich nie am Narrenseile herumführen und sei stets kurz angebunden! Halte dich fern von allen politischen Wirren, daß du nicht in arge Vcr- Wicklungen geräthst, denn sei eingedenk, daß du als Seiler stets rückwärts gehen mußt. Wenn dich böse Buben umgarnen wollen, so folge ihnen nicht, sondern halte sie dir mit einem derben Tauende vom Leibe. Sei auch stets auf Ordnung bedacht, daß Alles — was du thust, am Schnürchen geht. — Und so leb' wohl, mein lieber Sohn, und nimm meinen Segen mit und den väterlichen Wunsch, daß dein Lebensfaden sich abspinnen möge ohne Knoten!" (Ein abscheulicher Druckfehler.) Einen sehr fatalen Druckfehler enthält ein Leipziger Anzcigeblatt vom 12. Januar, indem da ein Wirth „Sauren Kinderbratcn mit Klößen" empfiehlt. (O dergleichen kommt mitunter auch bei uns vor. Anmerkung des Seper-Lehrlings.) Ein Freund nur bei Tisch will nur deinen Fisch, Ein Freund bei der Flasche leert auch deine Tasche. Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von Dr. M. Huttler. Nro. 11. 14. März 1869. Augsbnrgee Die Heimatb ist süß: wo man geboren ist. dünkt einem Luft und Wasser gut: wo sie »eine Sprache verstehen, ist mein Herz. Tieck. Die Entsagende«. (Fortsetzung.) Der Direktor erhob sich, mit starken Schritten durchmaß er das Zimmer, halblaute Worte vor sich hiumurmelnd. „Ja," sagte er, „so soll es sein. Sein Leben sei fortan eine Kette der Qual. — In den Leiden seines Sohnes sehe er die Strafe seiner Schändlichkeit. Und Nudolph willigt ein, deß bin ich gewiß, denn er ist stolz auf seinen Namen und liebt seinen Vater. Angelika," fuhr er laut zu seiner Nichte gewendet fort, „richte Dich auf, Thränen und Seufzer schicken sich schlecht für eine glückliche Braut, denn ehe acht Tage verstreichen, bist Du verlobt." „Sie sind grausam, Oheim," flüsterte Angelika, „habe ich solchen Scherz verdient?* „Bist Du verlobt jmit Nudolph von Duroy," — fuhr der Greis mit herbem Tone fort. Angelika erbleichte. „Und sprächen Sie Wahrheit," rief sie, „hätten Sie die Macht, den Zauber über Vater und Sohn — niemals würde ich mich Rudolph's Braut nennen, denn haben Sie auch die Macht, meine Jugend, meine Schönheit zurückzurufen?" „Wie?" fragte Fleischer erstaunt. „Und käme Nudolph freiwillig, ungezwungen, «nd böte Dir seine Hand, Du würdest sie zurückweisen? Und dennoch, sagst Du, liebst Du ihn?" „Eben weil ich ihn liebe, würde ich ihn zurückweisen," erwiederte Angelika fest. — „Soll ich sein ganzes Lcbensglück vernichten? Was soll der lebenöfrische Jüngling an der Seite einer alternden Frau? Was mit einer Greisin, wenn sich seine kräftigsten Manncsjahrr entwickeln? Und sänke er jetzt zu meinen Füßen und flehte um meine Hand, ich würde ihn zurückstoßen und starben." „Ich dächte, über die Jahre der Schwärmerei seiest Du hinaus," spöttele der Direktor. „Und gedenkst Du nicht des Neides der ganzen Stadt, wenn er, den zu besitzen die ersten Familien alle Mittel entfalten, zu Deinen Füßen liegt? Schwillt Dein Herz nicht bei dem Gedanken, die Macht zu besitzen, dem geliebten Jüngling ein. Leben ohne Sorge von Liebe gekrönt zu verschaffen? Beseligt Dich nicht das Gefühl, daß er Alles, Alles durch Dich erlangt, und wird nicht jeder Tag, — jede Stunde Eurer Ehe Zeuge Deiner freigebigen Liebe gegen ihn sein?" „Weh Ihnen, Oheim," flüsterte Angelika kaum hörbar, das Antlitz verhüllend. — „Sie versuchen mich!" „Und" — fuhr der Direktor, dessen Augen funkelten — fort, „und wer sagt Dir, daß Du nicht mehr im Stande bist, Gefühle der Liebe in Männerherzen zu erwecken! Haben die Jahre Dir das Geringste von Deiner körperlichen und geistigen Anmuth geraubt? Tritt hin vor den Spiegel und frage Dich selber: ob Du es nicht mit allen coquctten Zierpuppen der Residenz aufzunehmen vermagst? Und wer sagt Dir, ob Dein Nudolph nicht die vergängliche Schönheit der Jugend die der dauernden des Herzens .nachzustellen vermag." 82 Ein Zug unaussprechlichen Glückes belebte für einen Moment das feine Antlitz Angelika'«, aber sogleich kam sie zu sich. „Oheim," sagte sie sehr ernst, „was sollen Eure Worte? Entweder treiben Sie einen grausamen Scherz mit mir, indem Sie mir Unerreichbares malten, oder Sie haben eine tiefere Absicht, die ich nicht zu ergründen vermag. Oheim," fuhr sie fort, „vergaßen Sie, indem Sie diese Worte sprachen, daß Sie Rudolphs Vater tödtlichen Haß geschworen?" „Nie dachte ich mehr daran, als in jenen Augenblicken," erwiederte der Direktor. „Aber noch ist der Augenblick nicht gekommen, meine Absichten, meine Pläne Dir vor die Seele zu legen. Noch strömt und wogt es in mir w« ein brandendes Meer. — Geh' Angelika," fuhr er milder fort, „laß mich allein und gib Befehl, daß man anspanne." „Und wohin wollen Sie in so früher Morgenstunde?" „Wohin ich will? Zu Duroys und die Herren aus dem Bette holen!" rief der Direktor. Angelika wollte antworten, aber ein befehlender Wink ihres Oheims schloß ihr den Mund. Sie verließ das Zimmer; während der Direktor heftig erregt auf- und niederschreit. „Leonore," murmelte er, „ich halte mein Wort, um den Schwur zu erfüllen, den ich einst Dir geweiht, bereite ich auch das Unglück eines Mädchens, das ich liebe wie mein eigen Kind. Aber die Rache ist furchtbar, wie die sein sollte, die ich an deinem erkalteten Leichnam gelobte. Wie ein nagender Gewissensbiß stehe es täglich vor deinen Augen, daß durch deine Schuld dein Sohn entweder ein Bettler, der Sohn eines Fälschers oder ein Gegenstand des Spottes sein wird; denn Angelika'S bin ich sicher, Weib bleibt Weib, und jede wahre Liebe ist egoistisch." Festen Schrittes begab er sich nach seinem Zimmer und kleidete sich, denn eines Dieners bedurfte er nicht, in einen einfachen weiten Ueberzicher. Dann trat er an den Schreibtisch und einer Schieblade mehrere Papiere entnehmend, die er nebst dem Wechsel Lindcnau's in sein Portefeuille legte, stieg er langsam die Treppe herab, wo am Eingänge des Hauses der prunklosc Wagen seiner harrte. „Nach Schloß Duroy!" befahl er kurz, sich in die Ecke des Wagens werfend und nicht der erstaunten Miene des Kutschers achtend, womit dieser seiner Weisung nachkam. Aber er achtete auch nicht darauf, daß das bleiche Antlitz seiner Nichte vom Balkon verborgen seiner Abfahrt zusah. Ihr Antlitz war von Thränen überfluthet, rmd doch leuchtete eine selige Hoffnung aus ihren Mienen. So stand sie da, lange unbeweglich, bis der Wagen des Direktors ihren Blicken entschwunden war. Noch immer sang der Vogel sein lustiges Lied, aber ihr war zu Muthe, als sollte sie sterben, als drohe das Herz, seine Baude zu sprengen. Ihre Lippen murmelten ihr selbst unbewußt de> Namen desjenigen, dessen Bild ihre ganze Seele erfüllte. Rudolph hieß ihr Sein, Nudolph das Gebet, das sie brünstig zum klaren Morgcnhimmel emporsteigen ließ, voll von unendlichem Jubel, voll unendlichen Schmerzes. Während Direktor Fleischer seinen Weg dem Duroy'schen Schlöffe zu nahm, befand sich Vater und Sohn im Cabinettc des Ersteren, in tiefer, ernster Unterhaltung. Dem alteu Baron sah man auf den ersten Blick den Lebemann an. Trotz seines weißen Haares war sein Antlitz frisch und blühend, und seine Figur, die sich zur Corpulenz neigte, ungebeugt. Seine hellen blauen Augen blickten vertrauend und wohlwollend in die Welt, als seien dieselben ein Buch, woraus sich nur Angenehmes und Heiteres lesen lasse. Nicht so Rudolph. Von hoher Gestalt trug sein bleiches Antlitz, das dunkelbraunes seidenes weiches Haar umlockte, und dessen Farbe zart, wie das eines Mädchens erschien. 83 den Ausdruck eines geheimen Grames. Das dunkle Auge, das lange Wimpern beschatteten, blickte milde und seelenvoll, und die erhabene Stirn trug den Stempel höherer Begabung. Vater und Sohn schienen noch nicht zur Ruhe gegangen, denn Beide befanden sich noch in ihren festlichen Kleidern. Der Alte trug einen blauen Frack,, den goldene Knöpfe zierten; Rudolf ein einfaches schwarzes Habit über seine weiße Seidcnweste. Die Unterhaltung mußte von Wichtigkeit sein, denn das Auge Nudolphs war fest auf seinen Vater geheftet und mit der größten Spannung schien er seinen Worten zu lauschen. „Es ist, wie ich Dir sage, Rudolph," fuhr der Alte fort, „ich halte es für die höchste Zeit, daß Du an eine Heirath denkst. Dir steht die Wahl unter den ersten Erbinnen des Landes frei, Reichthum winkt Dir, verbunden mit Adel und Schönheit, also was zauderst Du? So viele der Mädchen habe ich Deinetwillen in den verflossenen Stunden in diesem Salon vereint, war denn Keine darunter, die Dein Herz zu fesseln vermochte." „Keine, mein Vater," erwiederte der junge Mann, „was sollen mir diese Puppen, deren Seele in ihren Roben, und deren Geist in ihren Coiffurcn steckt? Unter alleu Mädchen der Residenz gibt es nur eines, das dauernd mein Herz fesseln könnte, wenn sie nicht beinahe dem Alter nach meine Mutter sein könnte — Angelika Fleischer." Der Baron fuhr zusammen. „Wie kommst Du auf diesen Namen? Weißt Du nicht, daß der Direktor und ich gespannt sind, obschon ich nicht weiß, was ihn für Beweggründe treiben?" „Es war nur eine Bemerkung, mein Vater," erwiderte Rudolph. „Angelika allein gleicht jenem Mädchen, das mein Herz entflammte — und deren Erinnerung ewig ei» Traumbild für mich bleiben wird, unerreichbar und vergangen." Der alte Herr crschrack sichtbar. „Du liebst?" fragte er; „Dein Herz ist nicht frei und erst heute erfahre ich, Dein Vater, der kein Geheimniß für Dich hat, dessen einziges Glück Du bist, dies Geheimniß?" „Was sollt' ich eine Wunde vergrößern, die ich nicht zu heilen vermag," versetzte Rudolph. „Ja, magst Du es denn wissen, mein Vater, ich liebe, liebe einen Engel." „Und ihr Name, ihr Stand?" drängte der Alte. „Ihren Namen kenne ich nicht, ihr Stand war Gouvernante," erwiederte er leise. „Unglücklicher!" rief der Baron, „wir sind verloren, wenn diese Liebe mehr als eine bloße Phantasie sein sollte, denn ich kenne Deinen Starrsinn. Aber erzähle, erzähle," fuhr er fort. „Laß mich Alles wissen, zu Deinem, zu meinem Heil." „Es können zwei Jahre verstrichen sein," begann Rudolph, „als ich mich in Wiesbaden befand. Durch Ihre Güte, mein Vater, war ich in den Stand gesetzt, die geringste meiner Launen befriedigt zu sehen, und doch gab es Momente, wo ich dieser Eristenz müde ward, so glanzvoll sie auch dem Auge des Oberflächlichen scheinen mochte. Ich hatte Alles, was das menschliche Dasein zu schmücken vermag, und eben das Uebermaß machte mich unglücklich. Ich achtete keinen Fraucnwcrth, denn von allen Seiten kam man mir huldigend entgegen; für mich gab es keine Blume mehr, die ich pflücken mochte. So in trüben Gedanken versunken, wandelte ich eines Nachmittags durch ein dichtes Gehölz, meinen Unmuth, meine Hypochondrie dein Auge froher Genossen entziehend. — Alles war tief stille. Die Sonne sandte ihre letzten Strahlen durch das Grün, das sich zu beiden Seiten des Pfades, wie eine verschwiegene Laube über den Wanderer schloß. Die Vögel, ermattet von der Hitze deS Tages, waren verstummt, nur hin und wieder drang leise ein süßer Ton durch die Einsamkeit. Da vernahm mein Ohr plötzlich den Ton einer wundcrlicblichcn Stimme, wie ich sie noch nie gehört hatte. Es war keine Kunst, die aus jenen Lauten sprach, aber ein tiefes Gefühl wehte aus jedem Hauche, das mächtig zum Herzen drang. Neugierig folgte ich dem verführerischen Klänge, bis ich endlich an einen freien Platz des WaldcS gelangend, die geheimnißvollc Sängerin erblickte. Am Rande einer sprudelnden Quelle, das sein Plätschern harmonisch mit ihrem Gesangs^ 84 »erwischte, saß ein junges Mädchen von unendlich zarter Gestalt, in ein hochreichendes schlichtes weißes Gewand gehüllt. Bor ihr stand ein Knabe von vier bis fünf Jahren, eifrig beschäftigt, ihr Waldblumen zuzureichen, — die sie kunstvoll zu einem Kranze zusammen wand. „Die Scene, die sich meinem Auge darbot, war so lieblich, daß ich ungesehen von der Fremden, wie gefesselt stehen blieb. Nie hatte ich geliebt, das fühlte ich in diesem Augenblick, denn zum ersten Male klopfte mein Herz, als ob neue Lebenskraft in ihm erwacht — klopften hörbar meine Pulse. „So schön war mir noch nie ein Weib erschienen; — ein unbewußter Zauber der Jungfräulichkeit, fern von aller Coqucttcrie, lag über ihr ganzes Wesen verbreitet, und frei und unbefangen blickte ihr Helles blaues Auge aus dem zarten Antlitz, das von dicken, hellblonden Flechten umrahmt war. Ein Ausruf des Kleinen, der meine Anwesenheit bemerkt hatte, veranlaßte mich, näher zu treten. Erschrocken über die Gegenwart eines Fremden, erhob sich die schöne Sängerin, deren Wange ein hohes Noth überflog. „Verzeihen Sie meine Zudringlichkeit, mein Fräulein," begann ich schüchtern, „ich vergaß der Gegenwart und träumte von vergangenen Zeiten, wo noch die Waldfee den Jägersmann mit holder Stimme lockte in ihr ewig grünes Reich, und selbst jetzt, da ich Ihnen gegenüber stehe, ist dieser Zauber nicht entschwunden." „Er wird sogleich schwinden," versetzte das junge Mädchen schelmisch, „wenn Sie geneigt wären, einen Blick auf ihre Toilette zu werfen; ich zweifle, ob der Jäger der Sage sich jemals in Frack und Lacksticfcl zu den Füßen der Waldnymphe begeben hat." Der unbefangene Scherz gab auch mir meine Fassung tvicder. Ich näherte mich ihr, und ein Gespräch entspann sich zwischen uns. Die Minuten verflossen uns wie ein Traum, ich sah das Auge des Mädchens mit dem Ausdruck der Theilnahme auf mich gerichtet. Und ich ward wärmer und wärmer, ich schilderte ihr meine Vereinsamkeit, die Leere, die sich meines ganzen Daseins bemächtigt hatte. „Sie nennen sich unglücklich," fragte sie ernst. „Sie haben wahrscheinlich im Besitz der Erdengütcr Ihre Kräfte im Genusse erschöpft, haben Sie aber auch kein Gefühl, keine Kraft mehr für die Zahllosen, die der Hülfe bedürfen? Die Kreise, in denen Sie sich sonst wohl fühlten, widern Sie an, sind Sie aber auch schon hinabgestiegen in die Kreise der leidenden Menschheit? Gehen Sie hin, mein Herr, und wenn Sie die erste Thräne des Unglücks getrocknet haben, dann will ich Sie wieder fragen, ob das Leben noch ohne Reiz sür Sie ist. Ihr Dasein langweilt Sie, weil Sie es nicht zu verwenden wissen. Widmen Sie der Menschheit die geistigen Fähigkeiten, die Sie bis jetzt in nutzlosen Schnörkclcien vergeudet, und Sie werden das Dasein segnen, statt es wie eine Bürde zu betrachten." Noch nie hatte das Wort eines Mädchens einen solchen Eindruck auf mich hervorgebracht. Mein Herz erlag dem Zauber, ich sank zu den Füßen der Fremden. „Ja," rief ich, „wohl fühlt meine Seele, wie recht Du hast, ja, die Ahnung eines neuen Lebens dämmert vor meiner Seele auf. Aber nur an Deiner Hand will ich die ver- hängnißvolle Schwelle überschreiten; Du sollst die Führerin sein, die mich leitet. Mein sei, himmlisches Mädchen, und wärest Du arm und niedrig, — Dein Herz adelt Deine Geburt. Ich bin der Baron Rudolph —" „Nicht weiter!" unterbrach mich das Mädchen. „Ich will keinen Namen wissen. Wie, Herr Baron, in unbegränztcm Leichtsinn wollen Sie die Minute einer romantischen Stimmung über Ihr ganzes LebcnSglück entscheiden lassen? Nimmer darf ich Sie hören, nichts soll mich bestimmen, meinen einfachen Namen, meine Armuth an ein edles hoch- geborenes Dasein zu knüpfen. Denn ich bin arm, bin Gouvernante dieses Kindes." Betäubt schwieg ich einen Moment. Das Bild meiner Eltern trat vor mein« Sinne. Ich kannte den Werth, den Sie, Vater, und vorzüglich die verstorbene Mutter 85 auf den Adel legten und stumm und rathlvs stand ich da. Die kindliche Pflicht kämpfte mit der Leidenschaft des Moments. Das Mädchen näherte sich mir, den Knaben an der Hand, — wie zum Fortgang gerüstet. „Warum beschwören Sie den Zauber des Waldes?" sagte sie sanft, indem eine glänzende Thräne in ihrem Auge zitterte, „die meisten Mährchcn enden traurig. Der Traum ist vorbei, —- und die kalte Wirklichkeit tritt in ihre Rechte. Lasten Sie uns scheiden, und wenn der Strudel des Badclebens uns zusammenführt, so wollen wir nicht dieser Augenblicke gedenken, denn sie waren heilig, eine profane Erinnerung würde sie entweihen." „Kann die Erinnerung an Dich jemals aus meiner Seele schwinden?" — rief ich glühend. „O sage mir Deinen Namen, daß ich ihn tief im Herzen tragen kann, wie einen süßen Talismann, wenn nur —" „Ich heiße Angelika!" — flüsterte das Mädchen kaum hörbar. „Leben Sie wohl, Herr Baron." „Angelika!" wiederholte ich glühend, „ja ein Engel warst Du für mich, mein guter Engel sollst Du ferner sein." Da klangen Tritte durch den Wald, ein Geräusch von Stimmen ward laut, das jnnge Mädchen verschwand mit dem Knaben und ich blieb allein eine Beute der wechsel- vollsten Empfindungen. Aber nur zu bald ward ich zu neuer Thatkraft empor gerüttelt. Mir galten die Stimmen, man suchte mich an allen Enden, und hier endlich an der Stätte, wo ich das wahrste, reinste Glück des Lebens genossen hatte, traf mich Ihre Botschaft, die mich an das Sterbelager der Mutter rief." „Und sahst Du sie niemals wieder?" fragte der Baron, der mit sichtbarem Interesse der Erzählung seines Sohnes zuhörte. „Niemals!" erwiederte der junge Mann. „Der Verlust meiner geliebten Mutter beugte mich so schwer darnieder, daß ich keinen anderen Gefühlen, als denen der Trauer in meinem Herzen Raum zu geben vermochte. Und als endlich die Erinnerung an Angelika, die nie ganz verschwunden war, aufs Neue in mir erwachte, war jede Spur des Mädchens verschollen, man kannte nicht einmal ihren Namen, denn die russische Familie, in deren Begleitung sie Wiesbaden besuchte, hatte noch am selben Tage meiner Abreise, durch ein Familien-Ereigniß gezwungen, das Bad verlassen. Aber seit jener Stunde, wo ich zum ersten Mal wahrhaft lieben gelernt hatte, wuchs mein Vorurtheil gegen jene Frauen, die durch Manirirtheit und Coguctterie um die Gunst der Männer buhlen. Einer nur gehört mein Herz, wenn ihr auch niemals meine Hand gehören darf." (Fortsetzung folgt.) Verzeihe! Der Tod stürmt oft in's Haus hinein. Klopft nicht an's Thor erst sacht: Wer Abends noch des Lebens froh, Kann sterben über Nacht. Und hat Dich einer schwer betrübt, Sollst Du ihm doch verzeih'n. Es breche über Deinem Zorn Der Abend nicht herein! Gar Manchem ward das Sterben schwer. Der nicht mehr konnt' verzeih'n: Den Groll in Deinem Herzen nimm Nicht mit in's Grab hinein! 86 F. M.-L. Härtung. ^ Wien, Anfangs März. Zu den populären Persönlichkeiten Wiens gehört auch der so eben pensionirte F.-M.-L. Härtung. Ganz besonders ist er bei den stets vppositionssüchtigen „deutschen Parisern" in der Hauptstadt gestiegen, seitdem er seine Demission genommen. Warum es so ist, das würde mir wohl kaum Jemand hier erklären können; genug, es ist so und man beginnt bereits die Epochen des tapferen Kriegers zu singen: So wird der folgende, in der That ehrenhafte Charaktcrzug desselben hervorgehoben: Als Oberst hatte Härtung einen Lieutenant beim Exercieren etwas barsch zurechtgewiesen. Den Offizier kränkte die vor dem ganzen Regimcnte erlittene Beschämung. — Nach dem Einrücken warf er sich in die Gallauniform, eilte zu seinem Obersten und bot ihm einen Ausgleich der Affaire durch ein Säbel-Duell an. Härtung betrachtete den ^ jungen Offizier mit einem durchdringenden Blick und sagte nichts, als: „Erscheinen Sie nächsten Sonntag beim Negimcntsrapport!" Der Offizier salutirtc und ging; er dachte nicht anders, als man werde ihm Arrest diktiren, weil er mit kühner Hintansetzung aller Reglemcnts-Vorschriftcn und Traditionen gewagt hatte, den höchsten Vorgesetzten im Regiment, der früher in Oesterreich das xouvoir eines Halb - Souveräns, z. B. das jus Alnckü besaß, wegen einer Aeußerung im Dienst zum Zweikampf zu fordern. Am Tage des Regiments - Rapport erschien Oberst Härtung, geschmückt mit den Ehrenzeichen, welche er durch persönliche Tapferkeit erworben hatte. Der Lieutenant trat vor seinen Oberst, salutirte und machte sich darauf gefaßt, sein Vergehen in scharfen Worten rügen und eine Strafe dictircn zu hören. In der That blickte der Oberst grimmig genug dem Subalternen in die Augen, dieser hielt den Blick ruhig aus. Dann nahm Härtung eine freundliche Miene an und sprach: „Meine Herren, ich habe in der Hitze den Herrn Oberlieutcnant beleidigt; ich bitte den Herrn Oberlieutcnant um Verzeihung" — und dabei reichte er dem freudig erstaunten Offizier die Hand. General Kleiumichel. I Vor Kurzem lief dnrch die Zeitung die einfache Notiz: General Kleinmichel ist in Petersburg gestorben. Ich habe nirgends einen ausführlicheren Nekrolog dieses Mannes gelesen und dennoch gehört er zu den bekanntesten Persönlichkeiten vom Hofe des Czaren Nikolaus. Kleinmichel war ein Liebling des Kaisers, und wußte sich namentlich durch seinen stummen und unbeschränkten Gehorsam diese Gunst zu erhalten. Als der russische Ministerrath den Bau der Bahn von St. Petersburg nach Moskau beschlossen hatte, legte man dem Czaren den Plan der Ingenieure vor, und bat ihn, die Oerter zu bezeichnen, durch welche er dieselbe geführt haben wünsche. Nikolaus nahm, ohne ein Wort zu verlieren, die Karte in die Hand, tauchte einen Finger in ein Tintenfaß, Zog sodann eine gerade Linie von Petersburg nach Moskau, und sprach zu den erstaunten Ingenieuren: „So wird die Bahn ausgeführt." „Aber," — riefen diese, „dieß ist unmöglich! Ew. Majestät werden Niemanden finden, der sich einer solchen Arbeit unterziehen möchte: das hieße einen Schatz in eine Wüste legen!" „Niemand sollte sich dessen unterziehen, wenn ich es befehle!" — rief Nikolaus. „Wir-werden gleich sehen." Und als er Kleinmichel m einer Ecke entdeckte, sprach er: „Kleinmichel, Du siehst diese Linie?" „Ja, Sire!" „Es ist dies die Linie einer nmen Eisenbahn, — welche ich in meinem Reiche anlegen will." „Sire, sie ist großartig!" „Du findest? Du übernimmst also die Ausführung meiner Befehle?" „Mit Entzücken, Sire, wenn es Ew. Majestät befiehlt. Aber die Mittel — dtt Mittel! ..." „O, keine Sorge darum. Fordere so viel Geld, als Du brauchen wirst." Und indem er sich an die Ingenieure wendete: „Nun wohl, Ihr sehet, daß ich Eurer nicht bedarf. Ich werde meine Eisenbahn selbst bauen!" Die Ausführung dieses Baues dauerte zehn Jahre. Man wich keinen Zoll von der Linie, welche die Hand des Czaren gezogen hatte; man ließ Nowgorod, Twer und eine Menge anderer wichtiger und reicher Städte in der Entfernung von mehreren Meilen bei Seite und führte die Bahn mitten durch Sümpfe, durch Wälder und unermeßliche Steppen; 700 Kilometer kosteten Rußland 400,000,000 Franks, — etwas mehr als eine halbe Million für den Kilometer, — von welcher Summe der gehorsame Kleinmichel natürlicher Weise seinen gnten Theil nahm. Nikolaus aber behielt das Recht, zu sagen, „daß ihm Nichts unmöglich sei." Einige Wochen nach der Einweihung dieser Bahn kam ein türkischer Botschafter in Petersburg an. Man zeigte ihm alle Sehenswürdigkeiten. Der Türke vcrläugnetc seine orientalische Würde durch kein Zeichen der Bewunderung oder des Erstaunens. Da fragte der Czar den Fürsten Menzikow: „Was könnte man ihm denn zeigen, um ihn in Erstaunen zu versetzen?" „Die Rechnungen des Generals Kleinmichel für die Nikolaus-Bahn," antwortete der Fürst lachend. Einige Tage später entspann sich ein Streit zwischen Menzikow und Kleinmichel. Der General schlug eine Wette vor. „Mit Vergnügen," antwortete Menzikow, „und zwar niag der Einsatz folgender fein, wenn es Ew. Excellenz beliebt: Wer die Wette verliert, soll auf Kosten des Gegners nach Moskau reisen, und zwar auf der Bahn, deren Lau Ew. Excellenz so eben vollendet haben." „Was soll dieser Scherz bedeuten?" frug der Kaiser. „Das ist sehr einfach, Sire. Die Bahn ist in der Weise angelegt, daß man fast sicher ist, daselbst das Genick zu brechen; wir setzen also bei dieser Wette unser Leben aus's Spiel." Der Czar lachte sehr, — und Kleinmichel aber schlug die Wette aus. Nun ist er freilich auf einem anderen Wege in's Jenseits hinübergefahren ot reczuiesoat in pacot Das englische Oberhaus. Wie cS im Beginn einer Session Regel ist, hat auch diesmal das Oberhaus die amtliche Liste (roll) seiner Mitglieder veröffentlicht. Dieser zufolge beherbergt es gegenwärtig 470 Peers, darunter die englischen Bischöfe (mit Ausnahme des neu erwählte» für Lincoln), die vier Repräsentativ - Prälaten Irlands, 28 irische und 15 schottische Peers. An der Spitze der Liste steht der Prinz von Wales, der in seiner Eigenschaft als Herzog v. Cornwall einen Sitz im Oberhaus hat; ihm zunächst sein Bruder, der Herzog v. Edinburgh, dann der Herzoz v. Cumberland (in einer Parenthese als „König von Hannover" aufgeführt) und der Herzog v. Cambridge, Oberbefehlshaber der Armee. Auf diese folgen gemäß ihrem Rangvortritt der Erzbischof von CantcrburY, der Lord- 88 Canzler, die Erzbischöfe von Dork und Dublin, der Conseils - Präsident Graf de Grey, und der Geheimsiegelbewahrcr Graf v. Kimberlcy. Erst nach diesen werden die Herzoge aufgezählt. Es sind ihrer 20 an der Zahl, darunter der älteste im Rang der Herzog v. Norfolk, und der jüngste der Herzog v. Clcveland. Die Zahl der Marquis beträgt gleichfalls 20, die der Grafen (Karls) 127; unter letzteren ist der erste dem Altersrange seines Adels nach der Graf v. Shrewsbury, der zweite der Graf v. Derby, die zusammen mit dem Herzog v. Norfolk das einzige Trio direkter männlicher Abstammung in den höchsten Graden der Pairie aus der Zeit vor Heinrich VIII, bilden. Nach den Grafen kommen die Discounts, nach diesen die Bischöfe, undz schließlich die Barone. Letztere (234) bilden die Hälfte des Oberhauses, während die geistlichen Peers (29) den fünfzehnten Theil desselben ausmachen. Den ältesten Baronenstammbaum besitzt der Lord de Ros, besten Pairie — allerdings in der weiblichen Linie — von der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts datirt. Neun von den Baronen sind Katholiken. Miseellen. Das Gehirn des Menschen. (Nach den Studien von L. B. Davie, Fredmann und Morton.) Das Gewicht der Gchirnmaste der Europäer wechselt zwischen 1,425 und 1,245 Grammen, und ergibt ein Mittelgewicht von 1,328 Grammen. — Deutsche Gehirne wiegen 1,425, englische 1,389, französische 1,353, romanische 1,303, das der Zigeuner 1,245. — Bei dem größten Theile der asiatischen Racen ergibt sich eine bedeutende Minderheit des Gewichtes. Das Mittel dort betrügt 1,253 Gramme. Stämme, die das.Hymalaya-Gebirge bewohnen, erreichen das Mittel von 1,304 Gr. Chinesische Gehirne wiegen 1,357 Gramme, also etwas mehr als die französiscche Das der Neger hat im Allgemeinen zwischen 1,313 —1,249 Gramme. Einige Gegenden Südäfrika's bieten merkwürdige Contraste dar. Koffern haben 1,365 Gramm., währcud die Buschmänner nicht das mittlere Gewicht der anderen Neger überschreiten. In Amerika vom Norden angefangen, hatte das Gehirn der Eskimo 1,213 Gramme. Barbarische Stämme haben nur 1,214 Gramme. Bei den Caraiben, den ersten Bewohnern der Antillen, steigt es noch tiefer herab bis auf 1,199 Grammen. Ein amüsantes Experiment aus dem Gebiete der Physik empfiehlt der Pariser „Kosmos." Man deckt nämlich eine ziemlich große Glasglocke voll atmosphärischer Luft auf Wüster und führt langsam einen Strom von mit Wasserstoffgas geschwängerter Luft durchs Wasser in den hohlen Raum. Das Resultat ist nicht eine plötzliche Explosion, sondern eine Reihe leichter Entladungen, welche innerhalb des Glockenraumes Curven beschreiben. Der Effekt ist aber besonders brillant im Dunkeln, weil die aufsteigenden und sich entladenden Gasblascn wie Blitze leuchten-und es aussieht, als habe man eine Glasglocke voll lebendiger Fcucrfliegen. (Farbcnwcchsel der Blumen.) Zu den interessantesten chemischen Veränderungen der Pflanze gehört ohne Zweifel die künstliche Veränderung der Farben der Blumen durch Zuführung gewisser Stoffe in die Wurzeln derselben. Vermengt man mit der Erde, in der sie sitzen, mitHolzkohlen-Pulvcr, so werden die Blumen der Georginen, Rosen, Nelken :c. viel dunkler und gefüllter. — Kohlensaures Natron färbt die Kelche der Hyacinthen roth, Eiscnstaub färbt sie blau und violett; phosphorsaures Natron verändert die Blumcupracht anderer Gartenpflanzen auf die verschiedenste Weise, je nachdem ihre frühere Farbe gewesen. Druck, V-rtag und Redaction dcS Liierarischen Instituts t>on I)r. M. Huttlcr. 21. März 1869 Nro. 12. § Die Staude bringt dem Menschen seine Tbat; Den nächsten Schritt allein thu immer richtig! Die nächste That allein thu immer gut! Das Gute nur zu thun gedenke immer, So meidest du auf bestem Weg das Böse. D. Scheser. Die Entsagenden. (Fortsetzung.) Eine lange Pause entstand; das Antlitz des alten Herrn verfinsterte sich zusehends, und ein tiefer Seufzer entwand sich seiner Brust, als Rudolph geendet hatte. „Höre mich an, mein Sohn," begann er endlich, „nicht länger will ich die Stunde verschieben, um Dir offen zu ,enthüllen, was seit lange mein Herz bedrückt. Rudolph, wenn ich Alles aufbiete, den Glanz unseres Hauses aufrecht zu erhalten, um Dich mit einer reichen Erbin zu vermählen, so treibt mich dazu die Liebe zu Dir, die Sorge um Deine Zukunft." „Meine Zukunft?" — wiederholte der junge Mann erstaunt. „Bin ich nicht reich genug, mein Nater, um, wenn Ihr einst (was Gott noch lange verhüten möge) Euer Auge geschloffen, eine Bkitgift entbehren zu können?" „Nein!" versetzte der Baron herbe. „Bermagst Du nicht mit den Millionen einer Gattin den Schein zu wahren, so bist Du ein Bettler, sobald dies Auge bricht." Rudolph fuhr empor, sein Antlitz war leichenblaß. „Großer Gott," stammelte er, „was soll das heißen?" „Zürne mir nicht, Rudolph," flehte der Baron, „jetzt, da endlich das Wort ausgesprochen, das Jahre lang wie ein drückender Alp auf meiner Seele gelegen, jetzt sollst Du Alles erfahren." „Arm," — murmelte Rudolph, das Haupt in die Hände verbergend, „entsetzlicher Gedanke!" „Schon bei dem Tode meines Vaters," begann der Baron, „waren die Finanzca unseres Hauses zerrüttet. Dennoch aber hoffte ich, den Glanz, den unsere Familie seit Jahren behauptet hatte, aufrecht erhalten zu können; denn Deine Mutter war die einzige Erbin eines alten Oheims, der unv'crmahlt und Millionen reich war; da wollte ei« böser Dämon, daß dieser Greis sich in seine Haushälterin, eine schlaue raffinirte Person — verliebt, und ihr seine Hand reicht nebst seinen Millionen. Wir waren betrogen. Der Gram über dieses Unglück brach Deiner Mutter das Herz. Um Dich wie ein Edelmann zu erziehen, hatte sie ihre Brillanten, ihr ganzes kleines Vermögen geopfert, und wir legten uns ungesehen von der Welt manche kleine Entbehrungen auf, um es Dir an nichts mangeln zu lasten." „Und nennen Sie das Liebe, Vater?' rief Rudolph. „Warum ließet Ihr mich blind dahintaumcln, warum leitetet Ihr mich nicht an, mir die Fähigkeit zu erwerben, selbstständig dazustehen und Euch eine Stütze zu sein?" „Weil Du ein Edelmann bist, mein Sohn," erwiederte Dnroy stolz und das Wort „verdienen" keinen Sinn für uns hat. Und es wird uns auch ferner Nichts ermangeln, wenn Du meinem Rathe folgst. Vergiß Deine phantastischen Träumereien mrd 90 Übe der Wirklichkeit. Was nützt in der jetzigen Zeit des Materialismus die Romantik? Das Gold ist die Losung von Hoch und Gering, darum greif zu, Nudolph, so lang es noch Zeit ist, greife zu, ehe das mühsam gestützte Haus über unseren Häuptern zusammenbricht, und uns unter seinen Trümmern begräbt. Der junge Mann dachte lange sinnend nach. „Und wenn Du mit dem Verkaufe unseres Hauses, unseres Gutes Deine Rückstände decktest, mein Vater," fragte er, „glaubst Du, daß sich so viel erübrigen ließe, Dich wenigstens für die erste Zeit vor dem Mangel zu schützen?" „Welche Gedanken, Nudolph?" rief der Alte erstaunt. „Wie, ich soll mich von meinem Gute trennen, mein Staub soll auf fremden Boden ruhen? Nimmermehr! — Und gesetzt, ich wäre schwach genug, Deinen überspannten Anschauungen Gehör zu geben, was wolltest Du in diesem Falle beginnen?" „Arbeiten!" antwortete Rudolph mit festem Tone. „Nicht umsonst eignete ich mir manches Wissen an, ich halte es weniger für eine Schande, wenn ein Baron Duroy im Bureau eines Advokaten oder im Comptoir eines Kaufmannes seinen Lebensunterhalt' erwirbt, als wenn er sich in den Händen eines notorischen Wucherers weiß." Der Baron erbleichte. „Du wirst nicht zu Lindenau gehen," unterbrach er Ihn heftig. „Ich werde die Wechsel selbst einlösen, sobald es Zeit ist. Nun noch eines — mein Sohn — versprich mir, mir nicht zu zürnen. Was ich that, glaubte ich zu Deinem Besten zu thun, — für Dein Wohl würde ich selbst vor keinem Verbrechen zurückbebcn." Der junge Mann warf sich in die Arme seines Vaters, und die Thränen beider Männer vermischten sich mit einander, einer das Unglück des andern beweinend. Da klopfte es leise an die Thür des Cabinettcs, der Kammerdiener des alten Herru erschien auf der Schwelle. „Der Herr Gerichts-Dircktor Fleischer wünscht den Herrn Baron Leopold von Duroy zu sprechen," meldete er. Der alte Baron ward blaß wie der Tod. „Fleischer?" — stammelte er, „großer Gott, zu dieser Stunde? Hast Du auch recht gehört, Joseph! — Fleischer, Gerichts- Dircktor Fleischer!" „Gcrichts-Direktor Fleischer," bestätigte der Diener, wie es schien, über diesen unerwarteten Besuch erstaunt. Der Alte gab ein Zeichen, den Gemeldeten hereinzuführen, keines Wortes mächtig, sank er in einen Sessel nieder. „Vater," flüsterte Nudolph, nicht minder bleich als er, „was bedeutet Dein Erschrecken? Uebt der Name oder das Amt des Mannes diese furchtbare Wirkung auf Dich aus?" Aber noch ehe der alte Herr erwiedern konnte, öffnete der Kammerdiener ehrerbietig die Flügelthür und Fleischer erschien am Eingänge des Gemaches. Auf seinen Sohn gestützt, schritt Duroy ihm entgegen, ein stummer Wink seiner Hand lud ihn zum Nähertreten ein. Mit scharfem Auge musterte der Direktor die Züge des Greises, dann flog sein Blick zu Rudolph, der ihn bescheiden, aber fest erwiderte. „Sie erwarteten mich nicht zu solch' früher Stunde, Herr Baron," begann Fleischer endlich, „allein die Wichtigkeit der Unterredung, um die ich Sie zu ersuchen komme, — entschuldigt meine Unhöflichkeit. Doch ich sehe, daß ich die Stunde nicht paffend wählte," fuhr er bitter fort, „Sie scheinen nicht ganz disponirt zu sein, vielleicht noch etwas angegriffen von der gestrigen Fastnacht, Herr Baron von Duroy!" „Sie irren, Herr Gerichts-Dircktor, ich befinde mich so wohl, wie sich ein Mann in meinen Jahren nur befinden kaun," erwiderte Duroy. „Wir sind Beide keine Kinder mehr, auch Sie haben gealtert seit —" 91 „Vergangene Zeiten zurückzurufen, ist manchmal schädlich, Herr Baron, zumal wen» sich an diese Zeiten unangenehme Erinnerungen knüpfen. Reden wir von der Gegenwart," — unterbrach ihn der Direktor scharf. „Doch möchte ich Sie bitten, mir einige Augenblicke Gehör ohne Zeugen zu gewähren." Rudolph verließ schweigend das Zimmer, nachdem er einen Blick des Bedauerns auf seinen Vater geworfen hatte. Die beiden Herren saßen stumm in ihren Sesseln einander gegenüber, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. „Robert," flüsterte der Baron endlich, die Arme ausbreitend, — „kommst Du al- Freund oder als Feind?" „Mein Name ist Gerichts - Direktor Fleischer, Herr Baron von Duroy," erwiderte Robert eisig kalt, „Geschäfts- oder Gerichts-Angelegenheiten haben weder mit Freundschaft oder Feindseligkeit das Geringste zu schaffen." „Immer noch der Alte," klagte Duroy, „kannst Du denn nie, niemals vergessen?" „Haben Sie schon einen Mann gekannt, Herr Baron," fragte Fleischer, „der vergessen kann, daß einst ein Elender ihn um das ganze Glück seines Daseins betrog. —> Aber gleichviel, ich bemerke, daß meine Anwesenheit in uns Beiden peinliche Gefühle erregen muß — und will mich daher kurz fassen, um derselben so bald als möglich ei« Ende zu machen." „So gehen wir denn zum Geschäftlichen über," seufzte Baron Leopold, nicht ohne den Ausdruck innerer Angst, „welcher Angelegenheit habe ich Ihre Gegenwart in meinem Hause zu danken?" Der Direktor zog sein Portefeuille aus der Tasche und zog die Wechsel bis auf de» letzten gefälschten hervor. „Sie haben sich in wiederholten Geldverlegenheiten an Lindena« gewandt," sagte er langsam, „und nicht im Stande, Ihre Wechsel zur Verfallzeit einzulösen, suchten Sie um Prolongation derselben nach, die der Wucherer, der einem Baron Duroy nichts abzuschlagen vermochte, auch bereitwillig gewährte. Indessen braucht der Mann selbst sein Geld nothwendig, und da er einerseits von Ihrer Seite nicht auf Bezahlung rechnen durfte, anderseits sich aber auch scheute, gewaltsame Mittel gegen eine« Edelmann zu gebrauchen, so wandte er sich an mich und die fraglichen Wechsel sind jetzt mein Eigenthum." Leopold seufzte tief auf, die düstersten Bilder zogen au seiner Seele vorüber. „Ich benachrichtige Sie, Herr Baron von Duroy," fuhr Fleischer fort, „daß ich stets baares Geld Papieren und Versprechungen vorziehe, und hoffe binnen acht Tagen die Wechsel eingelöst zu sehen, widrigenfalls ich Ihr Haus und Schloß gerichtlich verkaufen lasse." Duroy schien ihn nicht z« hören, sein Auge heftete sich starr und gedankenlos auf den Redenden und seine Arme hingen schlaff zu beiden Seiten der Sessellehne hernieder. „Habe Gnade, Robert," flüsterte der Baron, „ich kann nicht zahlen, mein Gut ist mit Hypotheken belastet, mein Haus verpfändet!" „Eben weil mir dies bekannt ist, — dringe ich auf mein Geld," — erwiderte Fleischer ruhig. „Und wo soll ich enden," — rief Leopold verzweifelt, „wenn Ihr mir die letzte Stätte nehmet?" „Im Zuchthause!" antwortete der Direktor eisig kalt. „Im Zuchthause als Fälscher." Dieser Schlag war zu viel für den Greis, wie eine Maschine glitt er von seinem Sessel herab zu den Füßen seines ehemaligen Freundes. „Robert!" flüsterte er, „tödtc mich, aber entehre mich nicht!" Vielleicht zum ersten Mal seit Jahren bewegte ein Lächeln die ehernen Züge des Direktors. Mit dem Ausdruck des bittersten Hasses blickte er auf den vor ihm Anicendeu nieder. 92 .Schmettert Sie das Wort .Zuchthaus" nieder, Herr Baron?" fragte er, .und doch waren Sie schuld, daß in seinen Räumen ein Wesen endete, das einst gut war wie eine Heilige, und erst sank, als Ihr Treubruch sie in Noth und Verzweiflung stürzte." .Wer? — großer Gott, sprechen Sie von Leonore!" stammelte Duroy vernichtet. .Ja, von Leonore!" donnerte Fleischer, „die Du bübisch um ihre Liebe betrogst, wie Du mich um meine Freundschaft hintergingst. Mitleid, Erbarmen forderst Du? — Gehe hin, zu Menschen, deren Herz weich ist, — unsere Rechnung ist abgeschlossen." „Leonore im Elend," — wiederholte Duroy, „o laß mich sühnen, was ich an ihr begangen!" „Zu spät, sie hat geendet!" entgcgnetc der Direktor, „keine Sühne für Dich mehr, «ls jenseits des Grabes!" Der Baron bedeckte mit beiden Händen sein Antlitz, ein ersticktes Schluchzen entwand sich seiner Brust. Fleischer trat näher, ein Anklang unbewußter Rührung durchzitterte seine Stimme. „Weine!" seufzte er ernst, „wohl, daß Du noch Thränen zu vergießen hast, mein Auge ist trocken und leer, wie der Brunnen, über den der Samum fuhr. Und doch, wie oft habe ich den Tag beweint, wo ich fest an Ihre Freundschaft, an Ihre Treue glaubte. Ich war damals ein armer Student der Rechte. Sie betrachteten die Universität als das Spielzeug eines Edelmannes. Ein Zufall ließ mich Ihnen während des Badens das Leben retten. Sie schwuren mir ewige Dankbarkeit, ich aber ewige Freundschaft — und mein Herz, das darnach dürstete, sich einem anderen Herzen anzuschließen, schaukelte sich auf Ihren Versprechungen, wie der sorglose Nachen auf den Wellen des treulosen Oceans. Wir hatten bald kein Geheimniß vor einander und eines Tages entdeckte ich Ihnen freudetrunken, daß ich liebe und Gegenliebe hoffen dürfe. Das Mädchen meiner Wahl, sie war ein Engel, Herr Baron, aber arm — Beide jung, sahen wir die Zukunft in den heitersten Farben vor unseren Blicken. Da rief mich die Aussicht auf eine Anstellung nach der Hauptstadt. Die Sache verzögerte, Wochen verstrichen, bis ich heimkehrte, glühend mich an die Brust des Freundes, in die Arme der Geliebten zu werfen. Da fand ich Sie an LeonorenS Seite; Sie, Herr Baron, und höhnend zischelte mir das Gerücht entgegen: „Du bist verrathen!" „Wuth und Gram zehrten an meinem Leibe; eine tödtliche Krankheit warf mich Monden lang auf das Schmerzenslager. Ich erstand vom Tode, Dank meiner Jugend- kraft, ein Jüngling an Jahren, ein Greis an Erfahrung und Lebensüberdruß. Ich forschte nach Ihnen, nach Leonoren. Beide waren fort, kein Mensch wußte, wohin Sie sich gewendet. Ich vergrub mich in meine Studien, die Ideale, die einst Freundschaft und Liebe in meinem Herzen eingenommen hatten, füllte jetzt die Arbeit aus. Mein Ruf nahm zu, aber meine Berühmtheit machte mir keine Freude; mein Vermögen vergrößerte sich, aber für wen sollte ich es verwalten? Mein Haar war grau geworden vor der Zeit, und mein Herz alt vor dem Alter. Und doch war die Erinnerung an sie — die ich einst so wahr und innig geliebt, nie aus meiner Seele geschwunden, wie ein Heilig- thum verehrte ich das Andenken Lconorens. Ich lebte allein und zurückgezogen; jeder Genuß des Lebens war mir fremd, bis meine Nichte Angelika nach dem Tode meiner Schwester, die einen reichen Kaufmann geheirathct hatte, in mein Haus zog, und mir gesellschaftliche Pflichten auferlegte. Zu gleicher Zeit berief mich das Vertrauen des Herzogs auf diesen wichtigen Posten, den abzulehnen mir die Ehre verbot. Ich kam hier an, ich hoffte Leonore an Ihrer Seite als Ihre Gattin zu senden; — ich fand sie im Lazareth des Zuchthauses, das ich bei meinem Amtsantritt noch am selben Tage meiner Ankunft iuspicirte. „Ja, Herr Baron von Duroy, im Lazareth des Zuchthauses fand ich das Mädchen, während Sie sich auf seidenen Kiffen wälzten und in toller Verschwendung Ihr Vermögen in prunkenden Festen verpraßten." 93 „Konnte ich das Entsetzliche ahnen?' rief der Baron, „ich hatte ja seit Jahre« keine Kunde von der Unglücklichen." „Freilich," erwiderte Fleischer, „sollte sie demüthig ein Almosen von dem Manne erbetteln, der sie schändlich verrieth? O hätten Sie, wie ich, aus ihrem Munde die Geschichte ihres Jammers vernommen, Sie rauften sich die letzten Haare aus dem Haupte «nd fluchten Ihrem geschändeten Dasein! „Schon nach wenigen Monden, während denen Sie sich mit dem Mädchen in einem Winkel der Schweiz begraben hatten, verließen Sie die Unglückliche unter dem Vorwande, die nöthigen Papiere zur Ehe zu besorgen. Sie wartete lange, Woche auf Woche, — Monat um Monat verstrich. Sie kamen nicht. Da raffte sie sich auf. Zu Fuß durchzog sie die Straßen, bettelnd fristete sie ihr Leben, aber ein starker heiliger Wille trieb sie vorwärts. Endlich laugte sie hier an. Sie klopfte schüchtern an Ihre Wohnung. Sie forschte zitternd nach Ihnen, aber Sie waren fort. Die Diener sprachen von einer großen Reise und wiesen hohnlachend die vermeintliche Bettlerin von der Schwelle. Des Tod im Herzen kehrte sie in ihre Herberge zurück. Todcsgcdanken erfüllten ihre Seele. Aber nein, sie durfte nicht sterben, durfte nicht mit frevelnder Hand ein zweites Leben vernichten, das sie unter dem Herzen regen fühlte. „Aber auch zu ihrer Mutter konnte sie nicht kehren. Der Gram um die Schande Leonorens hatte das Dasein der bejahrten Wittwe rasch geendet und Fluch und Höh» hätte die Tochter in der Heimat erwartet. Da beschloß sie zu arbeiten, — und in ein grobes Gewand gehüllt — mit verändertem Namen — diente sie als Magd bei reichen Bauern der Umgegend. „So verstrichen Jahre. Das Kind, — dem sie nach langen Schmerzen das Leben gegeben hatte, war langsam dahingesiecht. Elend und Noth hatten sein Dasein geendet.- Die Mutter aber ward schwächer und schwächer. Der Mangel zerrüttete ihre geistigen Fähigkeiten, verderblicher Umgang vollendete ihren Fall. So traf ich sie sterbend, im tiefsten Elend, und als ihr brechendes Auge auf mich zum ersten Mal nach Jahren mit aller Liebe, mit dem Ausdruck der tiefsten Neue ruhte, da war's mir, als sei Alles ein Traum gewesen, und für einen flüchtigen Moment zog Jugend und Hoffnung in mein Herz ein. Aber nur einen Moment; dann war es wieder still und leer, die Unglückliche hatte geendet; ein reiches, — blüthenvolles Leben lag geknickt und zerbrochen zu meinen Füßen. Geknickt und zerbrochen durch dich Mann," fuhr er mit steigendem Zorne fort, „wie Du mein Dasein vergiftet hast, und deßhalb trete ich jetzt hin vor Dir als unerbittlicher Richter und donnere Dir in's Ohr: Rache für mich, Rache für Lcouore!" (Fortsetzung folg:.) Bor der rechte« Schmiede. (ÄuL „Alte und Acuc Lsclt.") Folgende Thatsache, welche mir von dem bethciligten Bauern und Wirth Zapp von Movrlautern bei Kaiserslautern wahrheitsgetreu vor Jahren erzählt worden ist, verdient bekannt zu werden. Zapp erzählte sie mir in seiner biederen Westlicher Art wie folgt: Als nach dem „Durcheinander" vom Jahr 1849 die vielen Bayern in Läutern lagen, da kamen eines Sonntags von der Stadt aus eine Masse Soldaten. Viele hatten ihre „Bekanntschaften" bei sich, Einer auch eine Esther, ein Anderer eine „Vigelin." — Sie kehrten in meiner Wirthschaft ei», gingen in meinen Tauzsaal und machten sich mit ihren Mädelcheu mit Gesang und Tanz eine ganz anständige Sonntags-Plaistr. Gegen Abend bekamen's Einige in den Kopf und wollten Streit anfangen. Sie wurden aber bei Zeiten von den anderen entfernt. Nun liefen diese aus Neid und Zorn nach der 94 Stadt und zeigten dem Commandanten dort an, eS wär' Schlägerei bei mir unter de» Soldaten. Der schickte nun gleich eine starke „Patroille" und ließ die lustigen Gäste aufheben. Das wär' nun, wenn's auch auf falschen Bericht hin geschehen, für die Leute doch zu verschmerzen gewesen, denn sie hatten ihr Vergnügen gehabt und wären so wie so heimgegangen. Einige Tage darauf aber wurde mir vom Land-Commissär in Lauter» zugeschickt, daß ich wegen „unerlaubter militärischer Tanz-Unterhaltung, verbunden mit Cither, Vigelin und Rauferei" auf drei Jahre lang keinen „Spielzettel" mehr bekäme, und so wurde es auch gehalten. Das war für mich sehr hart, denn erst kurz vorher hatte ich mir einen kleinen kostspieligen Tanzsaal bauen lasten, den ich nun gar nicht benutzen durste. Ich ließ mir wohl für gutes Geld verschiedene Bittschriften an's Amt und an die Regierung machen, aber immer wurde mir der „Spielzettel" rundweg abgeschlagen. Da gab mir ein guter Freund, der Deputirte Hack aus Läutern, den Rath: Zapp, sagt' er, der König Ludwig ist jetzt wieder in der Pfalz, zu dem ging' ich an deiner Stell! Du erzählst ihm die ganze Sach', wie sie sich zugetragen hat, und wirst sehen, du kommst zu deinem Recht. — Das Ding ging mir ein paar Tag' im Kopf herum, endlich hab' ich mich entschlossen, — und machte mich auf den Weg nach dem Schloß Ludwigshöhe. Meinen Leut' aber verbot ich's, zu sagen, wo ich hin wär': Wenn's nichts nützt, dacht ich, soll dich doch auch Keiner auslachen. Mit der Eisenbahn geht's rasch vom Fleck und so war ich schon bei Zeit Morgens in Edenkoben. Ich kehrte im „Schaf" ein und erkundigte mich bei der „Wirths-Mamscll," die allein im Zimmer war, ob ich zum „König Ludwig Majestät" auf seinem Schloß droben kommen könnt', ich hätt' eine Bittschrift für ihn u. s. w. Wie ich nun so im Gespräch mit der Mamsell war, da kamen drei vornehme Herren in das Zimmer; ich hielt sie für geistliche Herren. — Dem Einen „pisperte" die Mamsell etwas, was ich nicht verstehen konnte, aber sie guckte mich dabei so „schattig" an, daß ich's merken konnte, sie spräche von mir. Da kam der Herr zu mir und redete mich gar freundlich an, woher ich käme und was ich hier z« schaffen hält'. Einmal angefangen, mußte ich ihm die ganze Sach' erzählen. Der Herr und seine „Kameraden" lachten an einem Stück, sie machten miv aber Muth und sagten, ich solle dem „.König Ludwig Majestät" nur Alles ungcnirt grad' so erzählen, wie ihnen, dann ging's gewiß gut. — Die Herren aßen dann noch ein wenig und gingen dann wieder fort, und ich machte mich bald nachher auch auf den Weg nach dem Schloß. — Als ich droben ankam und klingelte, da machte man mir das Thor so weit auf, daß man mit einem Hcuwagen hineingekonnt hätt', und führte mich in ein großes, schönes Zimmer zu einem „militärischen Herrn". Ich hätt' geschworen, es wär' der nämliche Herr, der mir d'runten so freundlich zugesprochen, aber in den militärischen Kleidern war er doch wieder anders. Ich machte ihm mein „Kümblement" und fragte ihn, wie ich ihn dann eigentlich „titteliren" sollt', General oder Adjutant? (So was hatt' mir das Mädel d'runten beim Fortgehen gesagt.) Sagen Sie nur Adjutant, sagt' er. Ich sag' ihm: Herr Adjutant! Sind Sie so gut und rufen mir den „König Ludwig Majestät" eiu Bischen heraus. Ich komme weit her und hab' „schlimme Affaire," und wollt' ihm nun die ganze Sach' erzählen, und ihn um ein gut Wort bitten beim alten Ludwig; da sagte er: Ihre Sach' ist mir nicht unbekannt; warten Sie hier, bis ich Sie rufe, und ließ mich allein. Bald hör' ich in der „Nebenstub" ein „Lachen und Kichern" von Manns- und Wcibsstimmen durcheinander. Die habcn's gewiß mit dir, dacht' ich, und wissen nicht, wie dir's ist. Ueber einmal ward's ruhig. Der Herr Adjutant kam heraus und winkte mir, und als ich zu ihm kam, drückte er mich grad' zur Thür hinein in die andere Stube. Ich stand vor'm König Ludwig Majestät! Vor 30 Jahren hatt' ich ihn gesehen, wie er mit seiner Frau im Rheinkreis auf'm „Einsiedet" zwischen Läutern und Landstuhl war. Ich hätt' ihn aber nimmer gekannt, er ist seitdem sehr alt geworden, aber doch noch „gerascht." Ich wölk' ihm 95 nun meine Bittschrift hinreichen, aber er führte mich auf ein „Kanncbctt" (Sopha), setzte sich neben mich und sagte: Erzählen, lieber Freund, erzählen! Ich sagte: Lieber König Ludwig Majestät! Ich hab' schlimme Affaire! Wegen einem Bischen militärischer Tanz- Unterhaltung mit einer unschuldigen Cither bekomme ich seit Jahren keinen Spielzcttel mehr — und nun erzählte ich ihm aus „freiem Herzen" Alles, wie's gegangen ist. — Der gute liebe alte Herr lachte manchmal laut auf, dann sagte er, wie ich fertig war: Da hättet Ihr Euch sollen eine Schrift machen lasten an die Regierung! Ich sagte: Lieber König Ludwig Majestät, das hab' ich Alles gethan; aber da verklagt man den Teufel bei seiner Großmutter. Auf dieses Wort hin hat der König den Bauch gehalten und gelacht, und ich mußte es ihm noch einmal sagen. Nach einem Weilchen sagte er: Ja, guter Freund, ich kann da nichts machen; ich bin ja nicht mehr König. Ihr habt mich ja nicht mehr gewollt. — Glauben Sie das bei Leibe nicht, König Ludwig Majestät, sagt' ich: Wenn Sie mich gefragt hätten, hätten Sie das „Regent" nicht niedergelegt. Glaub's Euch, glaub's Euch; sagte der König, und ich fuhr fort: Misten Sie, König Ludwig Majestät, wenn Sie auch im „Vorbehalt" sitzen, es hat doch noch Kraft, was Sie sagen. Er lachte herzlich und sagte: Nun, Freund, — wir wollcn's dann 'mal probiren. Jetzt gehen Sie zu Ihrem Land - Commiffär nach Kaiserslautern zurück und sagen ihm einen schönen Gruß von mir, und er möge Ihnen einen „Spielzcttel" ausfertigen lasten. Herr von Predl kennt mich und wird mir wohl den Gefallen thun. — Das wär' so weit recht, König Ludwig Majestät, sagt' ich, aber mit dem hab' ich schon so viel „Zorcs" gehabt, der glaubt mir's am End' nicht — wenn Sie so gütig wären, und gäbcten mir's ein Bischen schriftlich. Der gute alte Herr lachte herzlich und sagte: Braucht's nicht, wird auch so gehen. Wenn nicht, so kommt Ihr wieder oder laßt mir durch Eueren Schullehrcr schreiben, so wollen wir sehen, wie wir's dann anpacken. Nun gab mir der „gute alte Ludwig" noch 's Geleit bis au die Hausthür, und sagte mir so herzlich Adieu, wie mir's mein Lcbtag Keiner meines Gleichen gethan hat. — Jetzt hast du einen Hinterhalt, dacht' ich, ging in's „Schaf" herunter, bezahlte meine Zeche und schnurstracks nach Lauteru zum Land-Commistär. Es war an einem Dienstag und gerade Frachtmarkt. Ich klopf' an. Herein! — Was hat denn der Zapp schon wieder? Hab's Euch doch schon so oft gesagt, mit dem Mustkhalten in Moorlautern geht's nicht! — Ich sagte: Doch! Herr Land-Commistär. Einen schönen Gruß vom König Ludwig Majestät, und Sie mögten so gut sein, und mir einen Spickzettel schreiben. Der König sagt, er kenne Sie ganz gut und Sie dürften ihm schon auch mal einen Gefallen thun. Wenn Sie aber nicht wollten, — so soll ich ihm ein Paar Zeilen schreiben, dann würde Er's anders anpacken. — Zapp, seid Ihr närrisch geworden, sagte der Land-Commistär, und es kam mir vor, als wollt' er es nicht recht glauben, daß ich beim „alten Ludwig" gewesen. Ich mußte ihm Alles haarklein erzählen. Darauf sagt' er: Zapp, Ihr habt Eure Sach' gar nicht schlecht gemacht. Sagt Euerm Bürgermeister Klein, er solle Euch den Spielzettcl ohne Weiteres ausstellen. Wenn der's aber nicht thut? frag' ich. — Dann kommt Ihr zu mir, sagt' er; er wird's aber schon thun! Adieu, Herr Land-Commistär, sagt' ich und ging herunter nach der Fruchthallc. Dort begegnete mir der Bürgermeister. Nun? frug er, wie ist dir's gegangen beim König? Deine Herrschaft hat ein End', sagt ich; du hast mich lang genug gedrückt. Jetzt schreibst du mir — der Commistär hat's befohlen, „auf der Stell" einen Spiel- Zettel! Er muß schon „Wind" von der Sach' gehabt haben, denn er nahm — „aus freien Stucken" — ein Blättchen Papier aus seiner Brieftasche und schrieb in der Halle auf einem Fruchtsack die Worte darauf: „Zapp kann den nächsten Sonntag Kirchweih- Musik halten." Nun erst war ich meiner Sach' ganz sicher und traf alle Anstalt«« zu unserer Kirchweih, die die schönste in meinem ganzen Leben geworden ist. D'rum sag' ich immer, wcuu Einer ciue gerechte Sach' hat, dann nur gleich „vor die rechte Schmied'." 96 Don den Bewohner« des Meeres. * Unter dem Titel: Seltsame Strandungen, schreibt man nnS aus London: Während der letzten Stürme sind eine große Menge „Portugiesischer Kriegsschiffe* an der Küste von Lancashire „gestrandet," in den meisten Fällen, ohne sich viel Schaden zu thun. Es sind dies die von den Seeleuten unter jenem Spitznamen gemeinten Physaliä, eine Moluskenart aus der Familie Hydropea. Sie besteht aus einem Windbalg, von welchem zahlreiche Zöpfe, gleichsam als Ballast, herabhängen; jeder dieser Zöpfe mit einem versteckten Stachel versehen, der im Zorn vorgeschnellt werden kann, und — während kleinere Geschöpfe dadurch sofort getödtet werden — auch dem Menschen höchst schmerzhafte Verletzungen beibringt. Dieses kleine Ungcthüm bewegt sich in stillem Wasser nur in der Weise fort, daß es fortwährend kopfüber schießt, wenn überhaupt bei demselben von einem Kopfe die Nede sein kann. Die Physaliä sind sonst der Laune des Windes und des Wellenschlages hüls- und stcuerlos preisgegeben, sollen aber einen starken Gcsellig- keits-Jnstinkt besitzen, in Folge dessen sie im stillen Ocean und in den wärmeren Breiten- Graden des atlantischen Oceans in zahlreichen Gruppen angetroffen werden. Sie sind so leicht und zart, daß der letzte Sturm im irischen Kanal sie wie große Flocken an's Ufer wehte — als äußerst seltene Gäste an britischem Gestade. Ihre Farbe ist sehr schön. Der Windsack, dessen atmosphärischen Inhalt das Thier weder vermehren noch vermindern kann, blaß-grün mit indigoblauem Schimmer an der Oberfläche, über welche, einem erhabenen Rückgrat gleich, ein gezackter Kamm läuft, dessen Spitzen tief carmoisin gefärbt sind. Die Zöpfe oder Füße hängen vom unteren Körperthcil herab und sind theilweise dunkelblau vermischt mit blaugrün oder auch von glänzendem Gelb an den Enden. Der „Stachel" ist in spiralförmiger Zelle cingehülset, ungefähr nach der Manier des — Zündnadcl-Gewehrs, wie ein englisches Blatt das Ding beschreibt. Herr Moore, der Custos des freien öffentlichen Museums in Liverpool, — macht auf diesen Besuch besonders aufmerksam, um daraus Ausschlüsse über manche Geheimnisse in der Richtung der Meeresströmungen zu schöpfen. M i s c c l l e n. (Frauenlist.) Auf der Burg Hohcnschwangau befindet sich unter Anderen ei« Gemälde, welches den Herzog Ludwig, Sohn des Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach — darstellt, wie er zu Füßen der schönen Böhmin Ludmilla um Liebe fleht. Dies Bild stützt sich auf eine merkwürdige historische Thatsache aus dem Jahre 1203. Die kluge Frau (sie war die Wittwe Adalberts von Bogen) ließ nämlich drei Ritter auf eine spanische Wand malen, und als nun eines Tages der Herzog wieder zu ihren Füßen kniete und um Erhörung flehte, sagte sie: er solle ihr vor den drei Rittern die Ehe versprechen. Ludwig glaubte sich vor drei gemalten Männern keine besondere Verpflichtung aufzuerlegen und leistete das Versprechen. Da plötzlich traten drei lebendige Ritter hinter der spanischen Wand hervor, welche als Zeugen seines Ehcvcrsprechens galten. Wüthend entfernte sich der Herzog, nach einem Jahre aber kam er doch und löste sein Versprechen ein. (Das erste Fiasko.) Das Dresdener Journal erzählt als Entstchungsnrsache des Wortes „Fiasco" folgenden Vorfall: „Ein Deutscher sah einst einem italienische« Glasbläser zu und meinte, was sich so leicht ansähe, müsse Jeder, also auch er, können. Er sing denn auch an zu blasen, aber das Erste, was er herausbrachte, war eine birnförmige Hohlform, ein Fläschchen (liäsco), der zweite Versuch ergab wieder ein solches Fläschchcn, und so machte er mit steigendem Verdruß noch manches „Fiasco", und in dieser Art soll, wie mau meint, die noch heute gebräuchliche Redensart ihren Ursprung genommen haben. Druck, Verlag und Redaction des itNcrarischcn Justin,» von Ur. M. Hultlcr. Nro. 13 28. März 1869. Augsburgs? Ein wahrhaft gottesfücchtiges Gemüth sieht überall Gottes Finger Aufmerksamkeit auf seine Winke und Fügungen. und ist in steter Novalis. Die Entsagenden. (Fortsetzung.) Der Baron warf einen wilden Blick um sich, seine Hände bohrten sich krampfhaft in die Seite feines Herzens. „Und gibt es kein Mittel, — der Schande zu entgehen; kein Mittel, die Zukunft meines Rudolph vor Schmach zu bewahren?" „So lieben Sie Ähren Sohn wirklich?" fragte der Direktor, sich sichtbar an der Angst seines ehemaligen Freundes weidend. „Mehr als mein Leben!" — rief der Baron feurig. Das Auge Fleischers blitzte höher auf. „Hören Sie mich an," sagte er nach einer Pause. „Es gibt einen Ausweg für Sie, der Schande zu entgehen, aber dieser Ausweg wird zugleich für Sie ein nagender Stachel des VorwurfS Ihrer Schuld sein, wenn Sie, — was ich glaube, wirklich Ihren Sohn lieben. Meine dächte Angelika liebt Rudolph; — binnen zwei Monaten muß sie vermählt sein, oder der Wechsel wandert in daS Criminalgericht." „Rudolph Ähre Nichte heirathcn?" — rief der Baron entsetzt. „Ein Jüngling ein Mädchen, daS sich den Vierzigern nähert? Niemals wird er sich dazu verstehen!" „Auch nicht um seines Vaters Schande zu decken?" fragte der Direktor ruhig. — „Und einem Vater nmthcn Sie ein solches Ansinnen zu?" rief Leopold glühend. „Entehren Sie mich, bringen Sie mich in's Zuchthaus, aber verlangen Sie nichts Unmögliches von einem Vater." „Ich will jetzt keine Antwort," bemerkte Fleischer. „Ich gestehe, daß diese Sache Uebcrlcgung erfordert. Halten Sie Rath mit Ihren eigenen Gedanken, erforschen Sie die Meinung Ihres Sohnes. Ich stelle Ihnen frei, ihm Ihre Schande zu entdecken! Morgen Vormittag erwarte ich Sie bei mir. Bis dahin auf Wiedersehen, Herr Baron von Duroy!" „Und gibt es keinen anderen Ausweg?" — fragte Leopold, sich wie im Fieber in seinem Sessel windend, ohne die Kraft zu finden, sich zu erheben, „keine andere Rettung, als dieses furchtbare Mittel?" „Sie beleidigen mich," — entgegncte Fleischer, „indem Sie diese Verbindung zu knüpfen als eine furchtbare Aufgabe für Sie betrachten. Freilich hat Angelika kein Geschlechts - Register auszuweisen, keinen Stammbaum, der wie vielleicht der Ähre, sich in jenen Carl des Großen verliert, aber die Äctztwelt gibt für einen Thaler baar den Stand von zwölf Vergangenheiten hin, und Angelika besitzt eine Million, freilich auch sieben und dreißig Jahre," fügte er ironisch hinzu. Die Seele des alten Herrn schien ein plötzlicher Entschluß zu durchblitzen. Die Blässe seiner Wangen machte einer hohen Nöthe Platz. Mit Festigkeit erhob er sich. — „Es sei," nahm er das Wort. „Der Kampf mit Ihnen ist zu ungleich, ich nehme die von Ihnen gestellten Bedingungen an. Morgen Vormittag erwarten Sie mich, — ich bringe Ihnen Entscheidung!" 98 Der Direktor faßte ihn scharf in'S Auge. „Sie werden Ihr Wort halten, deß bin ich gewiß," sagte er langsam, — „denn von einem Gedanken der Flucht kann nicht die Ncde sein, wenn Sie sich nicht bis zum Aeußersten compromittiren wollen. Von dem Augenblick an, wo ich Ihr Schloß verlasse, ist jeder Ihrer Schritte bewacht. Also auf Wiedersehen morgen Vormittag!" Und ohne den Gegengruß des Barons abzuwarten, der auch wohl schwerlich erfolgt wäre, verließ,der Direktor festen Schrittes Zimmer und Wohnung seines Feindes. Die kurze Unterredung der beiden ehemaligen freunde hatte bewirkt, was nun bald siebzig langen Jahren nicht gelungen war — Baron Leopold war in diesen Augenblicken wirklich zum Greise geworden Seine Hände zitterten und die Augen lagen tief eingefallen in ihren Höhlen. So zerstört ein rauher Nord in einer einzigen Nacht die letzte Rose des Sommers, die der Gärtner mühsam vor jedem Einfluß zu schützen versucht hat. „Leonore!" murmelte er vor sich hin, „vergib mir, was ich an Dir gethan, — flehe am Throne deS ewigen Richters, daß er von mir nehme die entsetzliche Schuld meines Lebens." Nach diesem kurzen Gebet suchte er seine Kräfte zu sammeln, um Rudolph auf die Kunde vorzubereiten, die der Direktor ihm aufgetragen hatte — vergebens —> die Erinnerung an seine Schuld lähmte die Kräfte seines Geistes — wohin er blickte, sah er sich bedroht, entehrt in der Gewalt eines unerbittlichen Feindes. In diesem Zustand halber Betäubung traf ihn Rudolph, der leise das Cabinet seines Vaters wieder betrat. Er crschrack über die furchtbare Veränderung, die die wenigen Minuten des Alleinseins mit dem fremden Manne im Antlitz des BaronS hervorgebracht hallen. Der Alte schien ihn nicht zu bemerken. Seine zusammengepreßten Lippen murmelten unartikulirte Laute vor sich hin. Erst die Anrede Rudolphs schreckte ihn empor. „Um Gottes willen, was ist geschehen?" fragte der junge Mann angstvoll, „antworte, mein Vater, welche entsetzliche Kunde brachte Dir jener Mann, dessen Auge kalt und forschend auf mich ruhte, als wolle er die geheimsten Winkel meiner Seele erspähen. Fürchte nicht, mir Alles zu enthüllen und sollte es mein eigenes Dasein betreffen, ich bin auf Alles gefaßt." „Wohl denn. ES betrifft Dein Dasein, Rudolph!" - brachte der Alte mühsam hervor. „Dein Schicksal ward in diesem Augenblick abgewogen und ich muß hilflos und verzweifelnd am Ufer stehen, ohne Dir Rettung bringen zu können, während Dich die Wellen des empörten Oceans begraben." „Ich errathe, was Sie mir zu sagen haben, mein Vater, und Sie sehen, daß ich vollkommen ruhig bin. Der Gerichts - Direktor glaubte es Ihrer Stellung schuldig zu sein, Sie benachrichtigen zu müssen, daß Ihre Gläubiger Zahlung verlangen und unser Gut versteigert wird?" „Schlimmer als das!" seufzte der Vater, „der Direktor Fleischer ist im Besitze der Wechsel und mein ganzes Vermögen; ein CrösuS selbst könnte mit seinem Gelde seinen Ansprüchen nicht genügen!" „Was verlangt er?" rief Rudolph, „welche Forderung stellte er an Dich? — Welchen Preis bestimmt er für die Rettung Deiner Ehre?" „Welchen Preis?" — wiederholte der alte Baron tonlos. „Dich selber!" Rudolph wich erstaunt zurück. „Mich. Vater?" fragte er, „reden Sie im Fieber? WaS habe ich mit dem GerichtS-Dircktor Fleischer zu schaffen?" „Rudolph, ein Mittel gibt es, Deinen Vater vor mehr als Armuth, Deinen Vater vor der Schande zu retten. Frage nichts, forsche nichts, Robert — Fleischer hat dieselbe Macht über mich wie der Dämon über die Seele, die sich ihm verkaufte. Und diese- Mittel —" Er stockte in seiner Rede, die Worte fehlten ihm, den Inhalt der Nachricht seinem Sohne mitzutheilen. „Dieses Mittel?" — drängte Rudolph. „Deine Hcirath mit Angelika, seiner Nichte!" flüsterte Duroy kaum vernehmbar. DaS Blut stieg dem jungen Manne in die Wangen. „Träume ich," — rief er, „oder ist es die Wirklichkeit, daß Sie, mein Vater, dem ich so eben die heiligsten Gefühle meines Herzens geoffenbart, mir zumuthen können, einer Frau meine Hand zu reichen, die beinahe meine Mutter sein könnte? Nimmermehr!" „Ich wußte wohl, daß es so kommen würde," — seufzte Baron Leopold mit dem Ausdruck der Verzweiflung. „Und wenn ich wirklich Thor genug wäre," — fuhr Nudolph fort, „auf dieses Ansinnen einzugehen, glauben Sie, daß Angelika jemals in diese Verbindung, die sie wie mich selber zur Zielscheibe des Hohnes von Stadt und Land macht, willigen würde?" „Sie wird es," unterbrach ihn sein Vater, „denn sie liebt Dich." Rudolph bedeckte sein Antlitz — wie ein Chaos von Gedanken stürmte cS auf ihn ein und drohte seine Brust zu sprengen. Aber bald faßte er sich — er fuhr sich wiederholt über die Stirn und athmete tief auf, als wolle er den Alp abwälzen, der sich zentnerschwer auf seine Brust gelagert hatte. Dann zog er einen Sessel neben dem seines Vaters, und sagte in herzlichem Tone: „Laßt uns vernünftig reden, mein Vater, wie eS Männern zukommt, die sich nicht von Einflüssen des Augenblicks darniederbcugen lasten. Ihr Verhältniß zu Fleischer ist mir nicht klar. Hat jener Mann die Macht, Ihnen das Vermögen zu rauben, dessen Erhaltung die höchste Sorge Ihres Lebens war?" Der Alte nickte stumm. „So sorget nichts," fuhr Rudolph fort. „Auch ohne mich schimpflichen Bedingungen Preis zu geben, werde ich im schlimmsten Falle Ihre letzten Tage vor jedem Mangel zu schützen misten. Ich bin jung und rüstig, und —" „Umsonst, umsonst!" --- unterbrach ihn der Vater, „das Verlangen jenes Mannes ist unwiderruflich." Rudolph erglühte. „Wie, mein Vater," — rief er, „und um Ihr Vermögen zu retten, willigen Sie in das Ansinnen eines Mannes, der einen Gatten für seine verwelkte Nichte erlangen will? Um Ihren Egoismus zu befriedigen, verkaufen Sie das LebenS- glück Ihres Sohnes?" Noch hatte der junge Mann diese Worte nicht beendet, als der Baron sich erhob und sich zu den Füßen seines Sohnes warf. „Rudolph," flüsterte er, „so wie ich jetzt zu Deinen Füßen, so lag ich auf meine» Knien vor jenem entsetzlichen Manne und flehte um Gnade für Dich. Umsonst, es hilft kein Weigern, Du mußt mich retten, denn vernimm das entsetzliche Geheimniß, — jener Mann har nicht allein die Macht, um mein Vermögen zu rauben, er ist auch im Besitz meiner Ehre." „Großer Gott," — schrie der Jüngling entsetzt auf, „ist es Wahrheit, mein Vater ein Verbrecher?" „Gnade, Rudolph!" flehte Duroy noch immer auf seinen Knien, „ich bin schuldloser, als Du denkst, aber er ist unerbittlich, entweder Du vermählst Dich mit Angelika, oder Dein Vater wandert in's Zuchthaus!" Eine Todtcnblässe hatte sich auf Nudolph'S Zügen gelagert. Seine Lippen bebte» wie im Fieber und seine Stimme klang rauh und heiser. „Stehen Sie auf, mein Herr," — sagte er endlich mit gebrochener Stimme, den Alten erhebend und zu seinem Sessel führend. „Der Sohn verlangt ein offenes Bekenntniß von seinem Vater." Aber der Alte vermochte nichts zu erwidern, die furchtbaren Auftritte hatten seine Kräfte erschöpft. Eine tiefe Ohnmacht bemächtigte sich der Sinne des Greises und leblos trugen ihn die Diener auf sein Lager, während Rudolph starr und unbeweglich an seiner 100 Seite saß, das Auge auf ihn geheftet und auf den Athem lauschend, der schwach und kaum vernehmbar sich seiner Brust entwand. Wer weiß, ob er nicht in diesem Augenblick den Todesengel willkommen geheißen hätte — der sanft und ruhig ein Dasein geendet haben würde, ehe die Schande es zu bedecken Zeit gehabt. Der Tag war verstrichen, auf's Neue hatte sich die Sonne erhoben über die Menschen mit ihren Wünschen und Träumen, mit ihrem Hangen und Bangen. Wie viel der Freude, wie viel des Schmerzes haben diese wenigen Stunden nicht aus dem Rad des Schicksals auf die Erdenbcwohner herniedergescnkt, wie viel entstand nicht nnd verging zwischen gestern und heute — aber unbewegt und ehern wie das Schicksal selber, ziehn Tag und Jahr und Decennicn an uns vorbei — wir Menschen aber, dem Wechsel unterworfen, bezeichnen Unglücks- und Freudentage, das Fatum, das seit Jahren über unsere Häupter schwebte, wenigen Stunden zuschreibend. Es war gegen Abend, die Fenster des einfach ausgestalteten Balkonzimmers im Hause des Direktors waren weit geöffnet, um die milde, erquickende Abendluft ungehindert in's Zimmer dringen zu lasten. Die Bäume schimmerten röthlich, von der ganzen Strahlcnkraft der scheidenden Sonnenkugel bestrahlt, wie die Braut, die in banger Sehn- ucht den Geliebten erwartet, und die Vögel in den Zweigen sangen melodisch ihr Nachtlied. Ab und zu hallte ein Glockenton vom Thurm der Stadt durch die Stille, fast wie ein heiliges Gefühl überkam es einem und unwillkürlich faltete man die Hände, als wolle man mitbetcn den Abenddank der einschlummernden Natur. Auf dem Divan, in tiefem Gespräch begriffen, finden wir den Direktor und Angelika. Das Antlitz des stillen Mädchens war bleich und trug die Spuren zahlreich vergossener Thränen. „Du sollst Deinen Willen haben," fuhr Fleischer fort, „Deine Cousine möge denn kommen, obgleich dies jetzt eigentlich meinen Wünschen zuwider, — jedoch nicht eher bis Deine Verlobung mit Rudolph proklamirt ist. Du magst sie dann später sogar ganz zu Dir nehmen, wenn Deine Eifersucht sich nicht bei einer so gefährlichen Concurrcnz in's Spiel mischt." „Sie bestehen also noch immer auf dieser Verbindung, Oheim, die meine Qual sein wird, haben kein Mitleid mit dem Herzen der Tochter Ihrer Schwester." „Es steht Dir ja frei, „Nein" zu sagen," erwiderte der Direktor kalt. „Einen ungeliebten Gemahl Dir aufzudringen, sei ferne von mir. Aber — wenn Du Rudolph von Duroy nicht liebst, so kann Dir ja auch gleich sein, wenn sein Name mit Schmach bedeckt in nächster Session vor den Schranken der Assiscn ertönt." „Bald wird der Augenblick da sein," fuhr er fort, nach seiner Uhr sehend — „wo Vater und Sohn sich einstellen werden; — wie mir Duroy schreibt, der sich für diesen Morgen mit einem Unwohlsein, das nicht singirt ist, wie ich aus sicherer Quelle weiß, entschuldigt. Ich werde Dich mit Rudolph allein lassen, nach den Andeutungen seines Vaters ist ihm das Verbrechen desselben nicht bekannt. Um so mehr Ehre für Dich, wenn Du ihn zu gewinnen weißt. Willigt er ein, so erhält er, sobald Eure Trauung beendet, jenen verhängnißvollen Wechsel seines VaterS aus Deiner Hand — ist Eure Unterredung ohne entscheidendes Resultat, so kennst Du meinen Entschluß. Jetzt geh' und kleide Dich an, den Besuch zu empfangen — ich bedarf einige Augenblicke der Sammlung." Angelika entfernte sich, sie wußte, daß es umsonst war, zu diesem steinernen Herzen zu reden. Mit großen Schritten ging Fleischer auf und nieder. „Und ist dieses wirklich eine so furchtbare Rache," sprach er halblaut vor sich hin, „die ich an diesem Manne begehe? Sollte dieser Rudolph wirklich im Stande sein können, sich an eine ältere Frau zu gewöhnen und vielleicht gar meine Rache dem Alten zum Segen gereichen! Und wenn es wäre," fuhr er fort, „hat Leopold nicht Minuten 101 der Todesangst erduldet, wand er sich nicht von Neue gefoltert zu meinen Füßen? Und gab es nicht einen Moment, wo mich fast die Rührung beschlichen hätte, da ich auf ihn blickte und mich des Freundes der Jugend erinnerte. Wie ein verklungcnes Mährchcn aus fernen Zeiten taucht es vor meiner Seele auf, und ein milder Engel schien hernieder zu steigen und flüsterte mir in's Ohr: Vergib, so wird dir vergeben!" Er blieb in der Mitte des Gemaches stehen, die Hände auf die Brust gepreßt. — Seine ehernen Züge hatten einen weicheren Ausdruck angenommen und in Gedanken versunken, horchte er der fernen Abendglocke, die in leisen Schwingungen verhallte. Da erhob es sich Plötzlich wie ein verdunkelnder Schatten vor dem geöffneten Fenster. Ein bleiches Frauenantlitz, abgezehrt von Noth und Elend, auf dem die Hand des Todes mit entstellendem Griffel geschrieben, blickte wie ein mahnendes Gespenst in das Zimmer. Nur einen Augenblick währte die Erscheinung des Phantoms, aber dieser Moment war hinreichend, die alle Gcistcsstärke anf's Neue in ihm zu stählen. „Mahne mich nicht, Geist der Geliebten!" flüsterte er, „du sollst zufrieden sein." In diesem Augenblick rollte ein Wagen in mäßigem Galopp daher; vor dem Hause des Direktors hielt er an, und auf den Arm seines Sohnes gestützt, entstieg Baron Leopold dem Innern desselben, Vater und Sohn völlig in Schwarz, ohne jeden äußeren Schmuck gekleidet. Der beauftragte Diener des Gerichts - Direktors führte die Gäste desselben in das Balkon-Zimmer, wo Fleischer die Herren empfing. Mit cercmonieller Artigkeit wies er ihnen Sessel an; dann zog er die Glocke und befahl, seine Nichte von der Ankunft der Fremden zu benachrichtigen. Das Benehmen Rudolphs, in dessen Antlitz die Eindrücke der verflossenen Stunden sichtbare Spuren zurückgelassen hatten, war im höchsten Grade zurückhaltend, und eine sichtliche Furcht malte sich in seinen Zügen, wenn er genöthigt war, das Wort an seinen Vater zu wenden, der schwach und erschöpft in seinem Sessel lag. Jetzt öffnete sich die Thür und Angelika erschien im Zimmer. Ein hohes, weitreichendes Kleid von schwarzer Seide, das von keinem farbigen Bande geziert war, umschloß ihre feine Gestalt, und ihr ganzer Schmuck bestand in einem Kreuz weißer Perlen von seltener Größe, das an ihrer Brust befestigt war. Ihre Augen leicht geröthet von vergossenen Thränen, hatten sich schüchtern zu Boden gesenkt und vermieden, den Blicken Rudolphs zu begegnen. Der Direktor erhob sich. „Ich ersuche Sie, — mir in mein Cabinet folgen zu wollen, Herr Baron," sagte er. „Meine Nichte Angelika wird den jungen Herrn bis zu unserer Rückkehr zu unterhalten suchen. Mich drängt es, Ihnen sämmtliche Papiere unserer Angelegenheit vorzulegen und sie von Ihnen als richtig anerkennen zu lasten." Der alte Herr folgte der Aufforderung. Er folgte dem Direktor, nachdem er einen flehenden Blick auf seinen Sohn geworfen hatte. Eine Pause drückendster Verlegenheit entstand im Balkon-Zimmer nach dem Fortgang der beiden alten Herren. Keines der Zurückbleibenden hatte den Muth, den Bann zu brechen, der wie ein Alp auf ihrer Brust lag. (Fortsetzung folgt.) Ein chinesisches Sprichwort sagt: Vier Dinge verlangen wir von den Frauen: es throne die Tugend in ihrem Herzen, Bescheidenheit spiegele sich in ihrem Auge, — Süßigkeit fließe von ihren Lippen und Geschäftigkeit bewege ihre Hände. Einem jungen arroganten Mann, der sich in Gesellschaft rühmte, daß sein Vater, Onkel und Bruder Recensenten gewesen, wurde von einem der Anwesenden erwiedert: Deßwegen sind Sie auch wahrscheinlich so unter der Kritik erzogen. 102 Die Inauguration des Präsidenten Grant. * Washington, 4. März. Gestern fand hier die Inauguration des neuen Präsidenten, Generals Graut, unter den herkömmlichen Feierlichkeiten statt. Der Tag brach trübe herein, und schon in frühester Morgenstunde siel der Regen in Strömen nieder. Der Senat war bis 5 Uhr Morgens versammelt geblieben, und hatte sich dann bis 10 Uhr vertagt. Zu dieser Stunde wurden die Thüren geöffnet, und die 1200 Personen, welche so glücklich gewesen, Einlaß-Karten zu erlangen, füllten rasch die Gallerten. Im Saale waren Sitze reservirt für das diplomatische Corps, für distinguirte Offiziere der Armee und Flotte, unter denen General Sherman und Admiral Farragut die Hervorragendste» waren, und für einige bemcrkcnswerthe Civilisten, darunter die Herren John L. Motley und A. T. Stewart, die Bischöfe Ames und Simpson, und General Grant'S Vater, Herr Jesse Grant, ein ehrwürdiger Greis mit langem, bis auf die Brust reichenden Silbcrbart. Das diplomatische Corps, in seinen goldgestickten Gala-Uniformen, erregte viel Sensation, hauptsächlich unter den starren Republikanern aus dem Westen, die nie zuvor einem solchen Schauspiel beigewohnt hatten. Die Gesandten der fremden Mächte waren alle mit ihren Attache's und Secretären erschienen. In der Diplomaten- Gallcrie saßen in reichster Toilette Mrs. Grant mit ihren Kindern; Mrs. Colfax, die Gemahlin des Vice-Präsidentcn; Mrs. Thornton, die Gemahlin des britischen Gesandten, MrS. Ward, und ein anmuthigcr Damenflor. Wenige Minuten vor 12 Uhr betraten die Richter des Obcr-Bundes-Gerichts, Ober-Richter Chase an der Spitze, die legislative Kammer und nahmen die für sie bestimmten Sitze mit vieler Förmlichkeit ein. Immer lauter wurde das summende Geräusch der von außen nahenden Prozession, in welcher der neue Präsident nach dem Capital zog. Sie war über eine englische Meile lang und von brillantem militärischen und Civil-Pomp begleitet. Die Musik von unzähligen Banden und die Chöre aus 10,000 Kehlen fanden noch ihr Echo in dem Saale, als eine Seitenthür sich öffnete, und General Grant mit Herrn Calfax Schuyler, begleitet von zwei Senatoren, eintraten. Der Präsident, welcher einen schwarzen Anzug trug, und dessen kleine, zierlich geformten Hände mit hellgelben Handschuhen bekleidet waren, wurde zu einem Stuhle geleitet, auf welchem er eine Zeit laug bewegungslos, ernst und tief versunken saß. Herr Colfax trat vor den Tisch des Senats-Präsidenten und leistete den Eid als Vice - Präsident der Vereinigten Staaten und Präsident des Senats. Herr Wade erklärte hierauf den vierzigsten Congreß für erloschen; der neue Vice - Präsident übernahm den Vorsitz, vereidigte die ncugewühlten Senatoren und erklärte die Sitzungen des einund vierzigsten Congresses für eröffnet. Und nun entwickelte sich das große Ereigniß des Tages. „Der Senat wird sich nach dem Haupt-Portal des Capitol's begeben, um der Inauguration des Präsidenten der Vereinigten Staaten beizuwohnen," — verkündete der Vice - Präsident Colfax. Eine Scene wilder Unordnung und Confusion folgte diesen Worten. Alles drängte, um einen guten Platz im Haupt-Portal zu erobern. Dort stand — der Regen hatte aufgehört und die Märzsonnc schaute freundlich darein — der neue Präsident vor dem Ober-Richter Chase und schwor mit erhobener Hand, das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten getreu zu verwalten, und nach besten Kräften die Constitution des Landes zu bewahren, beschirmen und zu vertheidigen. Als die letzten Worte des Eides gesprochen waren, erscholl eine Artilleric-Salve, und die unübersehbare Volksmenge mischte ihren donnernden Applaus darein. Dann trat Präsident Grant vor und verlas mit weithin schallender Stimme seine Antritts - Rede, die bald darauf der Telegraph mit Windeseile nach allen Welt-Zonen trug. Herr Johnson, der Ex-Präsident, weigerte sich bis zum letzten Augenblicke an den Jnaugurations-Feicrlichkeiten Theil zu nehmen. Als die Equipage am Weißen Hause hielt, um ihn nach dem Capital zu bringen, schützte er Unpäßlichkeit vor, und begab sich hierauf mit seiner Familie in die Wohnung eines Freundes, wo er bis zu seiner Abreise nach Tenessce zu verweilen gedenkt. 103 Eine Postschein - Geschichte. „So!" sagte der Postdiener, indem er in den Laden deS Colonialwaarcn-HändlerS N. in Cbg. trat, und zwei Postpakete auf den Tisch legte, „die machen zusammen 39 kr., und dann bekomme ich noch 2 kr. für das Paket, das Sie gestern wieder holen ließen." „Wieder holen ließen?" erwiederte fragend Herr R. „Ich verstehe nicht, was Sie sagen wollen." „Nun, Sie haben ja," erwiederte in aller Gcmülhsruhc der Postdiencr, „das Geld« Paket, das Sie gestern zur Post gaben, wieder zurückholen lasten, und da kostet es eben, weil es schon eingeschrieben war, 2 kr. Gebühr." Herr R. hatte am Abend zuvor durch einen seiner beiden Lehrlinge ein Geldpaket zur Post geben lasten und einen Postschein dasür genommen. Von einem Zurückholen des Pakets wußte er keine Silbe. Er rief seinen Lehrling Franz herbei. „Franz!" sagte er, „Sie haben gestern das Geldpaket zur Post getragen; nahmen Sie einen Schein dafür?" — „Ja!" — „Wo ist er?" — „Im Fache." — „Bitte, bringen Sie ihn." Franz lief eiligst an's Brieffach, sucht den betreffenden Postschein und — findet ihn nicht. Der Principal stutzte. — „Hm," ich weiß doch, daß ich ihn hierher gelegt habe, oben d'rauf, auf die andern, das kann ich beschwören," sagte Franz in einiger Aufre« gung. — Seinem Principal kam die Sache doch etwas bedenklich vor; er suchte selbst nach dem Schein, und da er ihn ebenfalls nicht fand, bedeutete er dem Lehrling kurz, ihm auf die Post zu folgen. Sie gingen. Beide mochten sich auf dem Wege dahin mit gar sonderbaren Gedanken tragen; das sah man ihren ernsten Mienen wohl an. Herr R. erfuhr nun von dem Postbeamten, daß gestern Abend, bald nachdem das Paket aufgegeben gewesen war, ein junger Mensch erschienen sei, der den Postschein vorgelegt und erklärt habe, er müsse das Paket wieder zurückholen, da so eben ein Brief von Seite des Adressaten eingelaufen sei, demzufolge dem Paket noch etwas beigeschlossen werden müsse. Darauf habe er, der Postbeamte, das Paket gegen Rückgabe des ScheinS wieder ausgefolgt. „Hier ist der Schein," fügte der Postbeamte hinzu. Herr N. hörte mit wachsendem Erstaunen diese Erklärung an und fragte dann, ob der mitgebrachte Lehrling Franz derjenige sei, der das Paket wieder geholt habe. „Nein," erwiederte der Beamte: „dieser hat es zwar gebracht, aber geholt hat es ein Anderer." Franz athmete hoch auf. Herr R. ging nun nach Hause und nahm jetzt seinen zweiten Lehrling, Karl, in'S Verhör, der heute außergewöhnlich spät aufgestanden war und etwas verlebt aussah. — Karl stellte sich sehr verwundert und sehr beleidigt ob der Fragen, die sein Principal an ihn richtete, und erklärte auf das Bestimmteste, ganz und gar nichts von der Angelegen» heit zu wissen. Also blieb nichts anderes übrig, als auch ihn auf die Post zu bringen, wohin er nur mit Widerstreben folgte. Hier wurde er von dem Postbeamten sofort als Derjenige erkannt, der das Paket unter dem oben angeführten Vorwande wieder abgeholt hatte. Nun war die Geschichte klar. Karl hatte den Postschcin entwendet, um des Geld« Paketes habhaft werden zu können. Dasselbe enthielt 340 fl. in baar. Der Dieb war nun erwischt, das Geld aber noch nicht, denn er läugnete Alles. Eine Durchsuchung seiner Taschen und Effekten führte nicht zu dem gchofften Ergebniß; er mußte somit den Raub irgendwo versteckt haben. Vorläufig erhielt er nun Zimmerarrest, da Herr R. die Sache nicht vor Gericht bringen, sondern mit Karl's Eltern auf dem Verglcichswcge abmachen wollte. Die inzwischen angestellten Erkundigungen lauteten dahin, daß Karl sofort nach der That (eS war Sonntags) mit seinem Freunde, einem Barbier-Gehilfen, in ein außerhalb der Stadt gelegenes Wirthshaus ging und daselbst bis Nachts 2 Uhr die Welt in Champagner hoch leben ließ. Der Wirth — jedenfalls ein Ehrenmann — half mit 104 seiner ganzen Familie strebsamst mit, und das schäumende Getränk floß buchstäblich in Strömen. Ein Theil des Geldes war also bereits verpraßt. Inzwischen war Karls Vater angekommen, um die Sache zu ordnen. Man ging auf des jungen Mannes Zimmer, aber siehe da — der Vogel war ansgeflogen. Er hatte sich über das Dach des Hinterhauses in ein benachbartes Haus geflüchtet, und eilte von da, wie man später erfuhr, auf den Bahnhof. Die Geschichte ließ sich nun nicht mehr geheim halten; die Polizei nahm die Sache in die Hand — und ein Paar Tage darauf erwischte sie das lockere Bürschlein in Straßburg. Von dem Gelde fanden sich aber nur noch circa 200 fl. bei ihm vor. — Es folgte nun die gerichtliche Untersuchung und der jugendliche Verbrecher wurde zu sechs Monaten Arbeitshaus verurtheilt. Moral: „Postscheine sind Werthpapiere, man halte sie unter Verschluß." Miseellen. (Der Dienstbotenmarkt in Bnchsweilcr.) Wer kennt nicht die beliebte Flotow'sche Oper „Martha" und die darin vorkommende Scene des eigenthümlichen Dienstbotenmarktes zu Richmond unter freiem Himmel? Unter Denjenigen jedoch, welche mit Wohlgefallen dem schäckernd herausfordernden Gesang jenes schnellzüngigen Mädchen- Chors folgen, finden sich vielleicht Manche, welche kaum vermuthen, daß jener seltsame Gebrauch, ein altes Ueberkommniß des Mittclaltcrs, noch in etlichen anderen Gegenden Europas bis zur Stunde besteht. So soll derselbe noch in Lausanne, in einzelnen Städtchen des Bcrner-Cantons, und hier und da in Schweden vorkommen. In der Bretagne, im Departement IIIs ä<; Vilaiiw, findet ein ähnlicher Markt am St. Pcterstage statt. — Auch im Elsaß hat sich diese Sitte noch in einer einzelnen Ortschaft erhalten, und zwar in Bnchsweilcr, einem Städtchen unweit Zabern, am Fuße des WaSgan'S. — Am 27. Dezember, dem Tage St. Johannis des Evangelisten, kommen alle Knechte und Mägde aus der ganzen Umgegend, die sich wieder verdingen wollen, in dem Städtchen zusammen, stellen sich an beiden Seiten des Büchleins auf, die Knechte an der einen, die Mägde an der anderen Seite, und lassen sich öffentlich von ihren Herrschaften dingen. Sowohl Diejenigen, welche in einem anderen Hause Dienst nehmen, als Diejenigen, welche bei ihrer alten Herrschaft bleiben wollen, begeben sich dahin. Nachdem man über die Bedingungen des Dienstes und des Lohnes einig geworden, erhalten sie, nebst dem Gottespfcnnig (Handgeld), Wein und Braten und die Erlaubniß, jetzt gleich am Viehmarkte — so nennen sie ihn selbst — und am Maimarkte, in Bnchsweilcr tanzen zu dürfen. Diese Sitte, welche aus den Zeiten der hananischen Regierung stammt, ist so tief eingewurzelt, daß kein Dienstbote aus den umliegenden Banerndörfcrn seine Stelle antritt, es sei denn, daß er zuvor auf dem Viehmarkte angeworben worden. * Bei Hurst und Blau kett in London ist ein Buch erschienen, betitelt: „Lucrezia Borgia" —^„Ducheß of Ferrara", eine Biographie, erläutert mit seltenen und noch unverösfentlichcn Documenten, von William Gilbert. Von Documenten, meist Briefschaften, haben dem Verfasser 339 Exemplare vorgelegen, welche sich in den Händen verschiedener Privatpersonen und in Bibliotheken Italiens vorfinden. Gilbert schreibt wie Lessing hier eine mit Documenten belegte „Rettung", und citirt Zeugnisse dafür, daß die in der Geschichte Gebrandmarkte eine gottesfürchtige Wohlthäterin der Armen und das Musterbild von Gerechtigkeit in ihrem Staate gewesen sei. Man habe sie unschuldiger Weise die Sünden der übrigen verworfenen Mitglieder der Familie Borgia entgelten lassen. Die berüchtigte Orgie vor ihrer Vermählung mit Alphonso d'Este sei ein Phantasiebild, nichts mehr. Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von vr. M. Huttler. Izrn. 14. 4. April 1869. Bleib' auf dem Weg, den du dir vorgenommen, Kebr' nie zurück zur Unbeständigkeit! So wirst du sicher immer weiter kommen, Zuletzt zum Ziele der Glückseligkeit. Max Stägmeyr. Die Entsagenden. (Fortsetzung) Aber mit dem Ausdruck tiefsten Schmerzes blickte Angelika verstohlen auf die verstörten Zuge des jungen Mannes, dessen Lebensglück durch sie vernichtet werden sollte, und dennoch fühlte sie im Innern, daß sie den Jüngling niemals mehr geliebt hatte — als eben jetzt. Wie mit magnetischer Kraft zog es sie zu ihm, und indem sie aufrichtig genug gegen sich selber war, das Loos seiner Zukunft zu beklagen, jubelte es doch in ihr wie mit tausend Frcudenstimmen: „Er ist Dein!" Aber ein Anfang mußte gemache werden, die Zeit verstrich — und mit Schrecken erinnerte sie sich der Drohung ihres Oheims, im Fall die Unterredung ohne das ge- , wünschte Resultat bleiben würde. Sie näherte sich leise dem Sessel Nudolphs und mit sanfter, melodisch tönender Stimme fragte sie: „Sie sind so bleich, Herr Baron, so angegriffen. Befehlen Sie nicht eine Kleinigkeit zur Stärkung?" Der junge Mann dankte durch eine Handbcwegung, sein Mund, blieb stumm. „Herr Baron!" fuhr Angelika mit zunehmender Angst fort, „zürnen Sie meinem Oheim nicht, er ist hart — aber gerecht. O, glauben Sie mir, ich bedauere Sie vom Grunde meines Herzens." Ein Lächeln des Zweifels überflog für einen Moment das Antlitz Nudolphs, aber er blieb schweigsam wiel vorhin. Das Mädchen zitterte, ihre mühsam erkünstelte Fassung drohte zu schwinden. „Herr Baron," sprach sie, „ich muß Ihnen lächerlich, — egoistisch, fast wahnwitzig erscheinen, aber bei dem ewigen Gott, der in das Mcnschenhcrz blickt, Ihre Verachtung verdiene ich nicht!" Der Ton, mit dem Angelika diese Worte sprach, war so eindringend, ihre Stimme so melodisch, daß Nudolph zum ersten Mal das Auge zu ihr erhob. Die Aufregung der verflossenen Stunden hatten dem Mädchen geschadet, denn in einem gewissen Alter wirken — namentlich bei dem weiblichen Geschlecht — starke Ncrvcneindrücke schädlich auf das Acußcre ein. So auch bei Angelika. Ihre Wangen waren eingefallen und bleich, ihr Auge von Thränen geröthet und die Spur einer Falte schlängclte sich vcrräthcrisch «m den Winkel des Mir. >-es. „Ich verachte Sie n.ast, mein Fräulein," erwiderte der junge Baron in bitterem Tone, „im Gegentheil, ich bewundere Sie und erstaune über die Energie, mit der Sie geheime Pläne und Absichten mit dem Mantel der Justiz und der Nothwendigkeit zu verbergen wissen." „Sie thuen mir wehe, Herr Baron," erwiderte Angelika sanft und würdig, „ich gebe Ihnen mein Wort, daß nie der entwürdigende Gedanke einer Intrigue mein Herz 106 --schlich. Was geschah, was kommen wird, ist das Werk meines Oheims und seinem Willen muß ich mich beugen." „Also Ihr Oheim wünscht, daß ich Ihnen meine Hand reiche?" fragte Rudolph ironisch. „Sie selber sind dieser unpassenden Verbindung natürlich abgeneigt; ich bin Ihnen gleich — Sie behandeln mich als Kind — o, ich sehe, wir werden uns herrlich verständigen!" „Rudolph!" flüsterte ängstlich das Mädchen, „Sie todten mich durch Ihre Ironie — Rudolph, noch nie hat eine Lüge meine Seele befleckt. Haffen Sie mich — so muß ich Ihnen denn gestehen, daß ich Sie liebe, glühend liebe, mit erster, nie geweckter Leiden- schüft, und daß Sie mein Alles sind auf Erden, in Ihnen meine Seligkeit ruht im Jenseits. Aber," fuhr sie fort, „diese Liebe sollte geheim bleiben, ich wollte sie mit mir iu's stille Grab nehmen. Das Schicksal zwang mich, meinem Oheim die Gefühle meines Herzens zu entdecken, und —" „Und diese Gelegenheit war günstig, die späte Leidenschaft seiner Nichte zu befriedigen — wer weiß, ob sich die Gelegenheit jemals wieder so gut geboten hätte, denn ein Gemahl für gewisse Alter, zumal wenn er Jugend und Titel besitzen soll, findet sich nicht immer am Markte." Das war zu Viel für das Herz Angclika's. Mit einem Schmcrzenslaut sank sie auf ihre Knie. „Vater im Himmel!" rief sie mit leidenschaftlicher Stimme, „sei Du Richter zwischen mir und diesem Manne. Künde du, daß um seinetwillen ich Hohn und Verachtung auf mich lade, und daß ich zu sterben bereit bin, — könnte ich durch meinen Tod seine Zukunft wandeln!" „Angelika!" rief Rudolph auf das Tiefste von dem Ausdruck der Wahrheit, der in den Worten des Mädchens lag, ergriffen, „ich war ein Elender, ein Fieberwahn umstrickte mich, daß ich wagen konnte, mich gegen Sie zu vergessen." Angelika erhob sich, Rudolph ergriff ihre Hand und führte sie zu dem Divan, er selbst nahm auf einen daneben stehenden Sessel Platz. „Lasten Sie mich offen zu Ihnen reden, wie ein Freund, wie ein Bruder," begann er. „Ich will nicht von dem Eindruck sprechen, den unsere Verbindung weit über die Mauern unserer Stadt hinaus hervorrufen würde, will die Deutungen verschweigen, die man dieser Verbindung, sowohl mich als Sie betreffend, unterlegen könnte — ich will von uns selber reden, die Hauptpersonen dieses Drama's. ^Die kindliche Pflicht heißt mich Ihnen meine Hand zu reichen, hinge der Ruin meines Vaters von meiner Weigerung ab, ich hätte sie längst ausgesprochen, da aber seine Schande "davon abhängt, da wage ich nicht selber zu entscheiden und stelle Sie auf als Richter!» zwischen meiner Pflicht und meinem Herzen. Mein Vater verschwieg mir jenes unselige Geheimniß, durch welche Macht Ihr Oheim sich zum Herrn unserer Ehre aufgeworfen? Den ohnedies gebrochenen Greis nicht zu erschüttern, drang ich nicht härter in ihn. Aber hier an dieser Stelle erkläre ich feierlich, niemals mich dem Willen Anderer zu fügen, niemals meine Freiheit zu verkaufen, ehe mir klar geworden, um welchen Preis dies geschieht." „Sie betrachten unsere Verbindung als ein Opfer — o Sie haben Recht," unterbrach ihn Angelika schmerzlich. „Aber fügen Sie sich dem ehernen Gebot des Schicksals. Rudolph! reißen Sie nicht mit frevelnder Hand den Schleier herab, der das Geheimniß verbirgt, o glauben Sie mir, besser ist es, blind wandeln unter den Fügungen des Zufalls, als ohnmächtig sich aufbäumen gegen den Willen des Verhängnisses." „So möge kommen, was da wolle," rief der Baron aufstehend. „Wir sehen u«S niemals wieder." „Bleiben Sie," flehte Angelika, „o wüßten sie, welche Qualen der Hölle mir diese Stunde gebracht. Erfahren Sie denn das unselige Geheimniß. Ein Wechsel, den Ihr 107 Datei einem Wucherer als Pfand auf ein Darlehen einhändigte, — befindet sich in d« Händen meines Oheims und dieser Wechsel —" Sie konnte nicht weiter reden, ihre Stimme stockte und ihre Zunge versagte den Dienst. „Dieser Wechsel" — wiederholte Rudolph kaum vernehmbar. „Dieser Wechsel ist gefälscht!" Ein einziger Schrei entwand sich der Brust des jungen Mannes, um ihn lag die ganze Größe seines Unglücks. Er taumelte wie vom Schwindel befallen zurück, und vernichtet sank er auf seinen Sessel nieder. Angelika beugte sich über ihn und über die kalte Stirn des jungen Mannes, die kalter Schweiß bedeckte, floß eine heiße Thräne. „Nudolph," flüsterte sie, „und wärest Du arm wie ein Bettler, wärest Du selber entehrt und geschändet, ich würde Alles — Alles vergessen, denn ich liebe Dich." „Mich lieben?" rief Nudolph wild und seine Augen brannten wie im Feuer — „o Angelika, bemitleiden Sie mich, denn ich bin elender, wenn ich mich meiner Härte von vorhin gegen Sie erinnere, als jetzt in meinem tiefsten Elend!" „Angelika!" fuhr er fort, die Hand des Mädchens erfassend, „ist eS wahrhaft Ihr Wille, mir — dem Sohne eines Verbrechers — Ihre Hand zu reichen?" „So wahr Gott in mein Herz blickt und die Gefühle kennt, die ich für Sie hege!* erwiderte das Mädchen feierlich. „Und können Sie mir schwören, daß die Schande meines Vaters unentdeckt bleib« wird, wenn ich mich seinem Willen füge?" „Ich schwöre es Ihnen. Am Tage unserer Trauung überliefere ich Ihnen nach den Worten meines Oheims, jenes verhängnißvolle Papier," antwortete Angelika. „O hätte ich die Macht, Ihren Namen zu retten, ohne Sie zu jenem Opfer zu zwingen!* - „Angelika," unterbrach sie Nudolph, „ich bin es jetzt nicht mehr, der ein Opfer zu bringen hat, auf meinen Knieen flehe ich Sie an, mich nicht zurückzuweisen. Denn Angelika, ich bin Ihnen Offenheit schuldig und das Schlimmste möge über mich hereinbrechen, eher sterben, — als Sie mit Täuschungen hintergehen. „Darf ich offen z« Ihnen reden?" „Reden Sie!" hauchte Angelika. „Haben Sie bedacht, welche Zukunft Ihnen an meiner Seite bevorsteht, wenn e» sich doch von selbst versteht, daß Sie nie über meine Vernachlässigung zu klagen hab« werden. Haben Sie den Unterschied der Jahre bedacht?" „Alles," unterbrach ihn Angelika — „Alles habe ich bedacht. Wir haben genug der Thränen für die Gegenwart, warum schon die Zukunft beweinen?" „Und nun lasten Sie mich Ihnen das letzte gestehen," fuhr Rudolph bebend fork^ „frei und offen wie es dem Manne ziemt. Angelika, ich würde verzweifeln müssen, wenn Sie jetzt meine Hand zurückstoßen würden; aber mit dieser Hand, die ich Ihnen weihe, die ich Ihnen anbiete als ein Pfand treuer unverbrüchlicher Freundschaft, weihe ich Ihnen nicht mehr mein Herz — denn ich liebe, Angelika, und diese Liebe wird nie in meinem Busen erlöschen, da sie hoffnungslos ist. Jetzt wissen Sie Alles." Eine tiefe Stille entstand im Gemach »ach dem Gcständniß des jungen Mannes. Man sah deutlich das heftige Wogen des Busens Angclika'S, hörte den schweren Athem» der sich der Brust Rudolph's entwand. Dieser nahm jetzt auf'S Neue das Wort. „Nicht wahr, Angelika," flüsterte er, „Sie weigern sich, meine Gattin zu heiß«? O Sie haben Recht, denn Ihre Seele, so edel sie sei, ist eine Frauensccle und ander» handeln, hieße sich über Ihr Geschlecht erheben wollen." „Sie irren, Nudolph," erwiderte Angelika, „Sie haben gehandelt wie ein Man» »on Ehre und ich danke Ihnen aus dem tiefsten Grunde meines Herzens. Lassen Sir 108 mich immerhin Sie lieben, mein Freund; schmückt nicht der Hindu seinen Gott mit de« köstlichsten seiner Habe, und dieser Gott weiß nichts von ihm; zürnt die Sonne dem Sterblichen, der sie segnet? Und doch spendet sie über Tugend und Laster ihre Strahlen! Betrachten Sie mich als Ihre Freundin, Nudolph, als Ihre Schwester, aber Ihr eigene» Wohl erheischt, daß ich dem Willen meines Oheims folge. Unsere Verlobung verwerfen, hieße das Schicksal Ihres Vaters — Ihr eigenes Schicksal besiegeln." „So sei es denn!" — murmelte der junge Mann. „So halte ich, Baron Nudolph von Duroy, hiermit feierlichst um Zhrc Hand an," sagte er halblaut, als erschrecke er vor dem Klang seiner eigenen Worte, „und verspreche Ihnen ein treuer Gatte zu sein, bei dem Andenken des Heiligsten, das in meinem Herzen thront." „Ich nehme Ihren Schwur an, Herr Baron," entgcgnete Angelika unter Thränen. „Möge der allwaltende Gott uns Beiden gnädig sein!" Da tönten Stimmen auf der Flur, die Thür des Gemaches ward aufgerissen, und die alten Herren traten ein. Baron Leopold blickte mit dem Ausdruck unverkennbarer Angst auf Nudolph, während das Auge des Direktors seine Nichte suchte, deren geröthete Wangen, deren unter Thränen strahlendes Auge ihm den Ausgang der Unterredung verkündete. „Ich sehe, Sie sind einig," wandte er sich an die Verlobten, „ich bewundere Sie, Herr Baron Nudolph! Indessen sind noch einige Bedingungen, denen Sie sich zu unterwerfen haben, an diese Verbindung geknüpft." „Sie finden mich zu Allem bereit," erwiderte der Baron ruhig — „selbst das Unwürdigste zu ertragen, dünkt mir jetzt leicht, — da ich die Schande unseres Namens vernommen." „Nudolph!" rief sein Vater mit erstickter Stimme, „großer Gott, Du weißt Alles!" Der junge Mann entgegncte: „O Vater, — hättest Du mich umkommen lasten in Noth und Elend, ehe ich diese Kunde vernehmen mußte. Sprechen Sie," wandte er sich an Fleischer, „was verlangen Sie noch von mir?" Der Direktor wies auf seine Nichte. „Du hast ohne Zweifel nach der Wirthschaft zu sehen, Angelika," sagte er, „ich hörte das Zimmer-Mädchen nach Dir fragen." Schweigend entfernte sich Angelika, der Direktor wartete, bis ihre Schritte verhallt waren. Dann setzte er ein Schreibzeug auf den Tisch und — ein weißes Blatt Papier niederlegend, sprach er zu Nudolph in fast befehlendem Tone: „Schreiben Sie, ich werde diktirenl" Der junge Mann fuhr empor, aber ein Blick auf die gebrochene Gestalt seine» Vaters ließ ihn verstummen. Mit einem tiefen Seufzer ließ er sich auf den Sessel niedersinken und ergriff die Feder: „Hiermit," begann der Direktor zu diktiren, „erkläre ich Endes-Untcrschriebencr, auf meine Ehre, daß mich allein die reinsten Beweggründe leiten, da ich um die Hand meiner nun geliebten Braut Angelika Fleischer anhalte und meine Wahl frei von jedem Zwang oder Egoismus ist. Um Letzteres zu beweisen, um öffentlich dem Ausdruck der Verehrung und innigen Liebe, die ich für Fräulein Angelika seit langer Zeit empfunden, und der sie nur nach langem Weigern, gerührt durch meine Verzweiflung, nachgab — erkläre ich ferner: Daß ich jedem Anspruch auf die Verwaltung des Vermögens meiner zukünftigen Gattin — Angelika Fleischer — entsage und sie im Vollbesitze desselben laste. Sollte sie, was Gott verhüte» möge, mir durch den Tod entrissen werden und keine Kinder vorhanden sein, s« fällt das Capital an die Cousine meiner Gattin, Angelika Fleischer, im anderen Falle bleibt es volles Eigenthum der Letzteren. Nudolph von Duroy." Mit zitternder Hand war Nudolph den Worten des Direktors gefolgt; mehrere Male hatte es in ihm gezuckt, die Feder niederzulegen, aber sogleich war er in seiner 109 Beschäftigung fortgefahren, denn er fühlte instinktmäßig die flehenden Blicke seines Vater- auf sich ruhen. Fleischer nahm die Schrift auf, und nachdem er sie sorgsam durchleseu hatte, steckte er sie zu sich. „Angelika wird von dieser Schrift, die ich bei dem Gerichte dcponiren werde, Nichtwissen," sagte Fleischer. „Ihrer Meinung nach behält sie das Recht der Verfügung über ihr Kapital und wird es ohne Zweifel Ihnen zuwenden. Indessen trösten Sie sich, Herr Baron," fuhr er fort, „Sie misten, welches Brautgeschenk Ihnen Angelika überreicht, sobald die Trauung vollendet; ich hoffe, die Rettung der Ehre Ihres Vaters wird Ihnen die Million Ihrer Gattin reichlich ersetzen." (Fortsetzung folgt.) Was lange wäbrt, wird endlich qut; D'rum sei beherzt und faste Muth! Es kann schon noch was Rechtes werden, D'rum verzweifle nicht auf Erden- M. Stägmayr. § Zur Erinnerung an Ludwig van Beethoven. Am 26. März war der 42ste Todestag des Tondichters Ludwig van Beethoven. DaS städtische Orchester in Augsburg feierte (am 27. März) diesen Tag in würdigster Weise durch ein Concert, bei welchem unter Leitung des Herrn Kapellmeisters Schlctterer nur Becthoven'schc Compositionen aufgeführt wurden. Bei dieser Gelegenheit wurde unS von befreundeter Hand ein Exemplar der Einladungs-Kartcn zum Leichcn-Begäugniß des verewigten Heroen der Tonkunst (er starb bekanntlich in Wien) mitgetheilt, deren Copie wir nachstehend wiedergeben: Einladung i» Leiehen -Begängnis?, welches am 29. Mär; »in 3 Uhr Nrchmittae« Statt finde» wird. Man versammelt sich in der Wohnung des Verstorbenen, im Schwarz» spanierhause Nro. 200, am Glacis vor dem Schotten-Thore. Der Zug begibt sich von da nach der Drcifaltigkcits. Kirche bei den k. ?. Minoritcn in der Alscrgaste. Die musikalische Welt erlitt den unersetzlichen Verlust des berühmten Tondichters am 26. März 1827, Abends gegen 6 lthr. Beethoven starb an den Folgen der Wassersucht, im 56, Jahre seines Alters, nach empfangenen heil. Sakramenten. Der Tag der lrxequien wird nachträglich bekannt gemacht von L. »an Brrthovcn's Verehrern und Freunden. (Diese Karte wird in Tob. Haslingers Mustkhandlong vertheilt.) Bedruckt bet Anten Ctraus. 110 Chinesische Begräbnisse in Californien. * Ein chinesisches Begräbniß in Sän Francisco ist ein seltsames Schauspiel. Ein besonderer Begräbniß-Platz, der Uerba-Buena-Kirchhof genannt, ist ben Angehörigen dc» himmlischen Reichs angewiesen.. Wenn die Leiche nach dem Grabe getragen wird, streut ein feierlich blickendes Individuum kleine Papierstrcifen, die auf beiden Seiten mit weisen Sprüchen des Confucius beschrieben sind, umher, und an der Thürschwelle des Hauses, wo der Verstorbene gewohnt hat, werden rothe Papierschnitzcl mit ähnlichen Inschriften geschüttet. Auf das Grab wird ein gebratenes Huhn, eine Quantität Reis und eine Flasche chinesischen Weines gelegt, — und nach beendeter Ceremonie entfernen sich die Trauernden, ohne einen Blick rückwärts zu werfen. Diesen Begräbnissen Pflegt aber außer den Chinesen eine Classe von Leuten beizuwohnen, die ein bischen aufgeklärter denken, als jene. Eine Anzahl amerikanischer Rowdie's, die sich in der Nähe des Grabes verborgen hielten, stürzt sich, sobald die Leidtragenden den Kirchhof verlassen haben, — auf die zurückgelassenen Eßbarkeiten und Getränke, und vertilgt dieselben an Ort und Stelle in größter Gemüthsruhe. Hat die Leiche mehrere Monate im Grabe gelegen, so werden die Knochen derselben ausgegrabcn, gewaschen und sorgfältig mit einer Bürste gereinigt, in kleine Bündel zusammengebunden, zierlich mit Etiqueltcs versehen, dann in einen zinnernen Sarg gelegt und einem chinesischen Handlungshause, das dafür verantwortlich gemacht wird, zur Aufbewahrung übergeben. Wenn eine genügende Anzahl der interessanten Mcmentos angesammelt ist, wird «in Schiff gemiethet und die Särge mit ihrem Inhalt nach Shanghai, Canton oder Hongkong expedirt. Jüngst verließ ein solches Schiff mit 400 todten Chinesen befrachtet, den Hafen von Sän Francisco. Der Suez-Canal. * Obwohl es für einen Euphemismus gelten muß, schon jetzt von einer erfolgten «Eröffnung des Sucz-Canals" reden zu wollen, so hat doch die neuliche Oeffnung de» Dammes, welcher die den Arbeiten nachrückenden Gewässer des Mittclmeeres von den sogenannten „bitteren Seen" oder Lagunen trennte und durchstochen wurde, ihre höchste Bedeutung. Wie die „Times" mittheilt, sei eine Distanz von 59englische Meilen beendet, und es verbleiben nur noch 14'/, englische Meilen, welche die Wasser vom rothen Meere trennen, und auch auf dieser Strecke sei die Ausgrabung des Canals der Beendigung nahe. Die „Times" ist der Ansicht, daß die nur langsam vor sich gehende Fällung der „bitteren Lagunen," bis deren Wasserspiegel demjenigen des Mittelmeere» gleich sein würde, noch Monate in Anspruch nehmen werde, aber daß man den ursprünglich für die Beendigung festgesetzten Termin, die zweite Hälfte dieses Jahres, wohl werde innehalten können. Der Canal hat eine volle Breite von 100 Meters vom Mittelmeere bis zu jenen unweit des rothen Meeres gelegenen Binnen - Gewässern. Die Geschichte erwähnt, daß schon der erste Napoleon als General Bonaparte bei seinem Fcldzuge in Egypten die Idee der Stechung des Suez-Canals mit sich herumgetragen und sogar schon eine geometrische Aufnahme des Territoriums anordnete. Das Resultat war, daß die Ingenieure berichteten, das Niveau des rothen McercS sei um 30 Fuß höher, als da» mittelländische, eine Angabe, die 70 Jahre lang unangefochten geblieben, bis 1840 eine neue Untersuchung Zweifel an der Richtigkeit jenes Gutachtens begründete, und 1847 stellten englische und französische Ingenieure eine neue Untersuchung an, die Linant Bey einige Jahre später vervollständigen ließ. Man gewöhnte sich daran, die Sache für ausführbar zu halten, und zur Zeit des KrimmkriegeS, als Frankreichs Einfluß im Orient am größcstcn, wurde der Vicckönig Said Pascha bewogen, Ferdinand de Leffep« 111 die Concession zur Anlage des Canals zu verleihen. Dessen Name werde für alle Zeiten unter die größten Pioniere praktischer Wissenschaft gezählt werden und der Suez- Canal werde unter die Weltwunder zählen. So weit reicht der Panegyrikus der „Times." Sie erinnert jedoch daran, daß zur Zeit, als man den „Canal" entwarf, solche große Schiffe, wie man sie jetzt expedire, (von 4 — 5000 Tonnen Gehalt) nicht in Anschlag genommen wurden, mithin also noch bedeutendere Verbesserungen mit der Tiefe des Canals vorgenommen werden müßten, ehe der Weg um das Cap für solche Fahrzeuge erspart werde. Segelschiffe würden denselben kaum benutzen, da sie der Remorqucurs bedürften, aber eine Construktion solcher Schiffe, die Segelkraft mit Dampf unterstützen könnten, würde den Succeß des Unternehmens feststellen; Port Said, das jetzt nur ein Weiler von Holzhüttcn, würde Alexandria den Rang streitig machen und alle Bedeutung einer der rührigsten Weltstädte entwickeln. Der „Morning Star" bedauert, daß der P r i n z v on W a l c s dem feierlichen Moment, wo sich die Wasser dcS Mittelmeeres in den Caual ergossen, nicht beigewohnt habe. Derselbe habe sich auf einem Ausfluge in die Wüste verspätet gehabt. Der „Star" erinnert übrigens daran, daß schon in grauen Zeiten eine Verbindung zwischen den beiden Meeren stattgefunden, die schon Hcrodot gekannt habe, von Ptolomäern und Römern wieder hergestellt, aber dann gänzlich in Verfall gerathen sei, aber immerhin dazu gedient habe, Lcffeps zu seinem kühnen Plane zu ermuthigen. Miseellen. (Etwas aus dem täglichen Leben der Hausthiere.) Rechts vom Ocd- bach, im März. Nero, der streitbare getigerte Pfarrhund von O. und eine Roth in Grau gesprenkelte Hofhcnne sind seit einiger Zeit zu einander in eine interessante Geschäfts - Freundschaft getreten. Nero ist sonst ungemein eifersüchtig auf seinen eisernen Hafen, besonders wenn noch ein Fraß darinnen ist. Naht sich aber die bezeichnete Henne mit matronenhafter Bedächtigkeit, so verhält sich Nero ruhig und läßt die Henne so viel Suppe Herauspicken, als ihr beliebt. Nero sitzt unterdessen gravitätsch auf der Bank daneben. Hat sich die Henne gesättigt, so steigt sie in Ncro's Hütte, macht sich ein Nest zurccht und legt dem vierbeinigen Hausherrn ein stattliches Ei hinein. Von da an, wo die Henne die Schwelle seiner Hütte überschreitet, verwendet Nero kein Auge mehr, wedelt mit dem Schweif vor Ungeduld, spitzt die Ohren; und sowie die Henne „gackert," springt Nero von der Bank, läßt die Henne neben sich heraus, er selbst aber ist mit einem kräftigen Schub in der Hütte und — trinkt das frisch gelegte Ei aus. Es ist das augenscheinlich ein Gegenscitigkeits-Vertrag, aber ein ehrlicher, nobler: „Gehst du bei mir in die Kost, geh' ich bei dir in die Kost!" Niemand weiß, an welchem Tag Nero und Hinkel diesen Vertrag geschloffen haben, der von ihrem beiderseitigen Standpunkt unanfechtbar ist, aber leider Dritte beeinträchtigt. Der Umtausch von Suppe gegen Ei geschah herkömmlich Mittags. Einmal wurde nun die Henne in der Art vertragSbrüchig, daß sie die gemessene Stunde nicht einhielt und erst gegen drei Uhr in die Hütte stieg, und Nero brannte längst vor Ungeduld nach seinem Leckerbissen! Er schob sie halb in die Hütte, schlug mit dem Schwänze den Takt, und bellte und schnappte unaufhörlich nach der Henne, was offenbar den Zweck hatte, bei ihr das Legen des Eies zu beschleunigen. Doch das war Nero's Unglück. Das räthselhafte Thun und Treiben des Hundes machte die luchsäugige Küchenmagd aufmerksam; sie zog den feingesponnenen Gcheimvertrag an's Tageslicht und annullirte ihn sogleich ohne Advokaten und Richter in höchst eigener Machtvollkommenheit. Wohl sitzt Nero nach wie vor auf seiner Bank, allein die Grau- Gesprengclte in der Hütte gackert nicht mehr; eS war ein schöner Traum, — der Eier- schmauS ist aus! — 112 (Eine wohlfeile Dachrinne.) Bekanntlich wurden Vatermörder und Damen- Unterröcke aus Papier fabrizirt; überraschen aber wird es gewiß, wenn man vernimmt, daß selbst „Dachrinnen aus Pappendeckel" gemacht werden. Ein Hausbesitzer in einem unweit von Cilli befindlichen Marktflecken beschloß, als er an einem regnerischen Tage ganz durchnäßt noch die Dachtraufe seines Hauses passiren mußte: das alte Sprichwort: „Aus dem Regen kommt man in die Traufe," zu Schanden zu machen. Er begab sich deßhalb zu einem in Cilli wohnhaften Spengler, dem er für eine Dachrinne kaum den halben Schätzwcrth versprach. Doch stellte sich der Spengler auch mit diesem Preise zufrieden, und versprach, die bewußte Dachrinne in Bälde zu liefern. Ganz erfreut rieb sich der Hausbesitzer die Hände, als er einmal, aus dem Gasthause heimkehrend, — sein Dach mit einer „hochrothcn Dachrinne" geziert sah, zahlte er dem harrenden Spengler allsoglcich den bedungenen Preis aus und bedachte ihn noch obendrauf mit einer Jause, die sich Letzterer wohl schmecken ließ. Nun fehlte dem Hausbesitzer nur noch ein Regen, um sich an dem Geplätschcr deS von der Dachtraufe rieselnden Rcgenwassers ergötzen zu können. Zufällig wurde dieser Wunsch auch schon in derselben Nacht befriedigt. Etwas unangenehm muß es ihn berührt haben, als er am nächsten Morgen am Dache die Rinne vermißte, dafür aber den Boden mit röthlichcn Fetzen bedeckt sah, und sich bei näherer Untersuchung überzeugte, daß die wohlfeile Dachrinne nicht aus Blech, sondern aus „Pappendeckel" fabrizirt worden war. (Bayerischer Grundsatz.) In einem deutschen Bierhause Bostons behauptete kürzlich ein Bayer, zum Entsetzen der amerikanischen Zuhörer: „Zu viel Schnaps ist zu viel Schnaps, aber zu viel Bier — ist gerade genug!" „Da hab' ich schon wieder einen Zahn verloren!" sagte eine Frau zu ihrer ritterlichen Ehehälfte. „Der wird sich freuen, daß er mit deiner Zunge nicht mehr in einem Logis zu wohnen braucht," murmelre der ungalante Gemahl. Der reichste Preisend mit viel schönen Reden Ihrer Künste Werth und Zahl, Saßen viel moderne Grafen Einst in einem WirthshauS-Saal. Grafen Topo, Gco, KoSmo Rühmten viel die Wissenschaft; Wie man Sonne, Mond und Sterne Und der Erde Grenzen schafft. Nicht auf schwarzbepnnktcn Karten Liefern wir der Erde Bild, Sprachen Lylo, Photo, Litho — Die Natur ist unser Schild. Gras. Grafen Autho, Steno, Typo Priesen ihrer Arbeit Ziel — Wie sie Schrift und Wort verbreiten. Und verbesserten den Styl. Grafen Zinko und Galvano, Kolli- und der Ortho-Graf Rühmten wie die andern Grafen Ihre hohen Künste brav. Endlich aber kam Graf Tele, Sprach: „Ich schlag' Euch Alle todr; Ich allein mit Blitzesschnelle, Ich verdiene mir mein Brod!" Und es sprachen Ortho-, Kalli-, Typo-, Topo-, Steno-Graf, Und die andern Grafen alle: „Vivat hoch der Telegraph!" Druck, Lerlxg und Reoaclion deS Literarisckrn Iustituts von ttr. M. Huttlcr. Nro. 15. 11. April 1869. Attgsburger Die Welt wird Prosa mehr und mehr, Der Glaube selbst ist ohue Wehr! Was bat das Ewige verschuldet, Daß man's nur nebenher noch duldet? August Graf vou Platen. Pi«s m Der heilige Vater ist am 13. Mai 1792 geboren und wird also in einem Monate sein sieben und sicbenzigsteS Lebensjahr erreichen. Im Jahre 1810 kam er nach Nom zur Vollendung seiner Studien. Schon damals zeigte sich seine große Liebe zu der Jugend und zu den Armen, so daß es ihm eine Freude war, in dem Waiscn- hause Data - Giovanni zu weilen, — und dort unter den Waisenkindern die Zeit seiner Erholung zuzubringen. Um sich über seine Standcswahl zu entscheiden, machte er eine Wallfahrt nach Loreito, dem größten Wallfahrts-Orte der lieben Mutter Gottes in der ganzen Kirche. So trat er denn unter dem Schutze der allerscligsten Jungfrau in den Priestcrstand; und wir können uns deßhalb um so weniger wundern, daß die kindlichste Verehrung der lieben Mutter Gottes ein hervorragender Zug seines Lebens geblieben ist. Am Ü. Januar 1817 empfing er die niederen Weihen, am 20. Dezember 1818 das Subdiakonat, am 6. März 1819 daS Diakonat und am lO. April 1819 die Priesterweihe. Der 10. April dieses Jahres ist also der 50ste Jahrestag seiner Priesterweihe. Seine erste heilige Messe las er in der Hospital-Kirche desselben Waisenhauses, wo er so gerne unter den armen Waisen als Student geweilt hatte; und seine Liebe zu diesen Kindern war so groß, daß er die Stelle eines Vorstehers in diesem Hause übernahm, «nd dieselbe die fünf ersten Jahre seines priestcrlichcn Lebens als Vater armer Waisen- Kindcr verwaltete. Wer cS weiß, welche Bedeutung für daS ganze spätere Leben die ersten glückseligen Jahre des PriesterthumS für einen jungen Priester haben, der kann ermessen, welche Eindrücke er damals für sein ganzes Leben in seinem jungen priestcrlichcn Herzen unter den armen Waisenkindern aufgenommen hat; und er wird sich nicht wundern, daß die göttliche Vorsehung diese Schule erwählt hat, um in derselben einen so liebevollen Vater für die ganze Christenheit heranzubilden. Ein Spital mit armen Waisen sollte die Vorschule für die Ausbildung seines großen päpstlichen Herzens werden. Dann schickte ihn Papst Leo XII. als Begleiter des päpstlichen Nuntius zur Besorgung einer wichtigen Kirchcu-Ängclegenhcit auf zwei Jahre nach Chili in Süd-Amerika. Nach seiner Rückkehr nach Rom wurde er Kanonikus an einer römischen Kirche und erhielt bald darauf den Vorsitz in jener Commission, welche die größte Wohlthätigkeits-Anstalt der Welt, das Hospital St. Michaels, daselbst vermaltet. Diese Zeit seines Lebens brachte er ganz mit scclsorglichcn Arbeiten zu und mit der väterlichsten Fürsorge für das große Spital, worin er etwas wieder fand von seiner Lieblings-Beschäftigung .in den ersten Jahren seines PriesterthumS unter den armen Waisenkindern. Im Jahre 1827 ward er dann Erzbischof von Spoleto, 1832 Bischof von Jmola, 1840 Kardinal, und nach dem Tode des großen Papstes Gregor XVI., am 1. Juni 1846, wurde er schon wenige Tage später, am 16. desselben Monats, zum Papst gewählt. Mit unaussprechlichem Jubel wurde er aufgenommen; und gleich die erste Zeit seiner päpstlichen Verwaltung bekunden: PiuS IX. überall seine überaus große Liebe zum Volke. Er sollte aber bald erfahren, daß mau nicht die Stelle Jesu auf Erden vertreten kann, ohne bald auch an seinem 1l4 Kreuze den bittersten Antheil zu erhalten. Im Jahre 1848, als überall die Revolution ausbrach, mußte auch Pius !X. aus Nom entfliehen und konnte erst zwei Jahre später wieder zurückkehren. Schon über zwei und zwanzig Jahre verwaltet nunmehr der heilige Vater in einem der schwierigsten und wichtigsten Zeitabschnitte der Weltgeschichte das heilige Obcrhirtenamt der Kirche. Es ist der zweihundert sechsundfünfzigste Nachfolger des heiligen Petrus. In dieser langen Reihe sind nur ganz wenige Papste, die so lange wie er das heilige und schwere Amt bekleidet haben. Wir können nicht sagen, daß die Zeit, in welche sein Hirtenamt gefallen ist, die schwerste Zeit der Kirche war; denn welche Kämpfe hat schon die Kirche Gottes seit den ersten dreihundert Jahren blutiger Verfolgung bis heute durchgemacht! Gewiß gehört aber dieser Zeitabschnitt zu den ernstesten und wichtigsten, zu jenen, in welchen eine neue Weltpcrivde beginnt. Der heilige Vater hat in dieser langen, schweren Zeit der Kämpfe auf der einen Seite alle Bitterkeiten und allen Haß der Welt getragen. Alle Leiden der Kirche hat er in seinem väterlichen Herzen mitempfunden. Namentlich sind die Zustände, die ihn rundum in Italien seit vielen Jahren umgeben, für ihn ein Meer des Leidens geworden. Auf der anderen Seite aber hat auch der heilige Vater ein großes Maß der innigsten Liebe und Theilnahme der ganzen katholischen Welt empfangen. Wir können es schwer beurtheilen, glauben aber kaum, daß es viele Päpste gegeben, die inniger und allgemeiner geliebt waren, wie er. Es liegt auch schon in den jetzigen Weltverhältnissen, daß alle Katholiken in allen Theilen der Welt viel genauer bekannt sind mit dem ganzen Leben und Wirken des heiligen Vaters, wie das früher möglich war. So haben wir Alle sein ganzes apostolisches Wirken, seine übergroße väterliche Liebe und Güte, seine immer gleiche Sanftmuth, seine wunderbare Standhaftigkeit, seinen weltübcrwindendcn Glauben seit langer Zeit gewissermaßen täglich vor Augen gehabt. Zugleich konnten wir auch, so zu sagen, die Hand Gottes sehen, die ihn mitten unter all' diesen Anfeindungen schützte bis auf den heutigen Tag. Das mußte die Liebe und Ehrfurcht zu ihm in der katholischen Welt wunderbar vermehren. Wie das Haupt des Moses, da er vom Berge Sinai, wo Gott sich ihm offenbart hatte, Herabstieg, von wunderbarem Lichtglanze umgeben war, so umgibt Pius IX., sichtbar für Alle, die es sehen wollen, Gottes schützende Hand, die Erfüllung der Verheißung: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen " (Matth. 16, 48.) Auch das Kennzeichen, das so recht zum Wesen des Christenthums gehört, das Kennzeichen des Segens im Kreuz und durch das Kreuz haftet wie eine himmlische Krone an seinem Haupte. Welche Leiden und welchen Trost vereinigt sein Oberhirtenamt! Mitten unter allen Stürmen desselben konnte er weit mehr als hundert neue Bisthümer errichten und zugleich sieht er in einigen Ländern eine Rückkehr zur katholischen Kirche, wie sie alle Erwartung übertrifft. Während die blinde Welt meinte, daß die Freiheit und die Entziehung dcS staatlichen Schutzes zum Untergang der Kirche führen werde, sieht der heilige Vater am Ende seines Lebens gerade in den Ländern die Kirche sich mit einer unerhörten Kraft erheben, wo sie wahrhaft frei und ohne Schutz ist. Endlich aber hat Gott, wie wir hoffen können, den heiligen Vater auch noch auserwählt, ein allgemeines Concil abzuhalten, welches vielleicht die ersten Grundlagen zu einer neuen Zeit für die Kirche und für viele Jahrhunderte legen soll. (Aus dem Mainzer Fastenbrief.) Bei dieser Gelegenheit machen wir aufmerksam auf „Das Büchlein vom Papste Pius >X. Zur Belehrung für Jung und Alt. dem Volke dargebracht beim SOjähngen Priester-Jubiläum von Wilhelm herchendach. Düsseldorf, Verlag von Ed. Repmaun." — Dieses Büchlein ist durch -ede Buchhandlung zu beziehen; es schildert in 27 Absätzen die wichtigsteu Vorkommnisse aus dem Leben des deiligell Vaters, sowie einzelne Charakrerzüge, in durchaus populärer Sprache und ist wohl geeignet, die innige Liebe, mit welcher alle Schichten der menschlichen Gesellschaft dem heiligen Vater Pius >X. zugethan sind, noch mehr zu erhöhen. Besonders Lehrer und Schulvorsteher machen wir aufmerksam, daß dieses Büchlein nur kr. kostet. 115 Die Entsagenden. (Fortsetzung.) „Und nun zu uns, Herr Baron," fuhr er — zu Leopold gewandt — fort. „Die Nachsicht, die ich gegen Sie übe, indem ich Ihr Verbrechen ungeahndet lasse, enthebt Sie nicht Ihren anderen Verpflichtungen gegen mich. Sie sind mir bedeutende Summen schuldig, deren Bezahlung ich ohne Aufschub von Ihnen verlangen könnte. Indessen, um den Schein zu wahren, mögen Sie bis zur Vermählung Ihres Sohnes nomineller Besitzer Ihres Gutes bleiben. Am andern Tage indessen betrachte ich Ihre Besitzung als mein Eigenthum, wenn die in meinen Händen befindlichen Wechsel bis dahin ohne Zahlung geblieben." „Entsetzlicher Mann!" rief Nudolph glühend, „haben Sie uns der Kränkung noch nicht genug bereitet? O, gedulden Sie sich zwei Jahre, ein einziges nur — und ich werde durch unablässige Anstrengung im Stande sein, die Schuld meines Vaters zu tilgen!" „Der Gatte einer Millionärin und arbeiten um Geld," bemerkte Fleischer achscl- zuckend. „Wollen Sie Ihren Namen noch mehr compromittiren?" „Aber was thaten wir Ihnen, daß uns so schwer Ihre Rache trifft?" fragte der junge Mann. „Was hat mein Vater an Ihnen begangen?" „Fragen Sie ihn selber, welch' tiefes Leid er über mich gebracht und jedes Unheil, das ihn trifft, betrachte er als Sühne seiner untilgbaren Schuld," erwiderte der Direktor. „Ich begehre Ihr Bcsitzthum, denn seit Lange bewegt mich der Gedanke dort ein Grabmal zu bauen, das die Ueberreste einer schändlich Geopferten enthalten soll, an die ich im Tode das Wort eines Elenden einlösen will, der ihr im Leben einst Glanz und Reichthum versprach. An ihrer Seite soll dann auch meine Asche dereinst ruhen. Und jetzt," fuhr er fort, „bleibt uns nichts mehr, als den Tag der Vermählung zu bestimmen." „Ich bitte Sie noch um eine Gunst, Herr Direktor," entgegncte Nudolph. „Mein Herz ist voll bis zum Ueberströmen. Gestatten Sie mir einige Augenblicke des Alleinseins mit meinem Vater!" „Betrachten Sie sich als Herrn dieses Zimmers," erwiderte der Direktor verbindlich. „Keiner wird Sie zu stören wagen und mich selbst ruft die Pflicht in das Bureau." Mit diesen Worten entfernte er sich, grüßend durch die Hauptthür des Zimmers. Vater und Sohn blieben allein. Das Antlitz des jungen Mannes nahm einen ernsten, fast feierlichen Ausdruck an, der den Baron Leopold, der vor ihm dasaß, wie der Schuldbewußte vor dem Richter, erbeben ließ. „Mach' es milde mit mir, mein Sohn," flüsterte er, „bedenke, meine Tage sind gezählt." „Kein Vorwurf, mein Vater, soll Sie treffen," — erwiderte Nudolph mit sanftem Tone. „Nicht um Ihnen zu fluchen, um Ihnen zu vergeben, drängte es mich, unsere Unterredung zu beschleunigen." „Nicht diese Güte, mein Sohn!" flehte Baron Leopold, „o wie viel schwerer träfe sie mich, als wenn Dein Zorn, Dein gerechter Haß sich über mich ergossen hätte, denn meine Schuld stürzt Dich in's Unglück —" „Verschweige mir nichts," fuhr er fort, „denn tief, tief im Herzen fühle ich, wie bcklagcnSwerth Dn bist! Dein Leben an der Seite eines ungeliebten Weibes dahin zu bringen, während Dein Herz ein anderes Bild erfüllt. Geknechtet vom Druck eines unerbittlichen Feindes, der meine Fehler an meinem Kinde straft, und ich — machtlos und elend — ich selber zerschmettert unter der Wucht der Schande." „Ja, das ist es, Vater," rief der junge Baron, „das ist es, was wie ein nagender Wurm an meinem Leben zehrt. Alles hätte ich ertragen können, — dieser eine Gedanke bringt mich zum Wahnsinn. O Vater, Vater, warum thatest Du mir diese Schmach?" 116 „Büße ich nicht schwer genug?" fragte der Alte tonlos. „Wohl büßest Du, aber. Du selber sagst es, Deme Tage sind gezählt. Auf mich «brr wird Deine Schande lasten ewig und ewig. Der Name, den ich trage, gellt wie ein Spottruf in meine Ohren, und wenn mit den ersten Lauten einst mein Kind nach seinem Namen forscht, muß ich errathen — denn ich muß ihm sagen: Du bist einDuroy!" „Deine Schande," fuhr er wärmer werdend fort, „macht mich zum Lügner, zum Heuchler. Mußte nicht meine Hand Worte schreiben, — von denen mein Mund nichts wußte?" „Halt ein!" rief der Baron, wie von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, „auf mich allein falle Alles. Erfaßt mich ein Wahnsinn, daß ich Dein Opfer gestatte? — Laß mich fort, den Direktor zurückrufen, ihn Dein gegebenes Wort vor die Füße schleudern, mag er mich dem Zuchthause als Fälscher übergeben, Du bist frei und auch in anderer Hemisphäre wohnt das Glück für Dich, wo Keiner Deinen Namen kennt, Keiner Dich verachtet um Deines Vaters willen." Und mit fast jugendlicher Kraft erhob sich der alte Mann, um fortzueilen. Aber Rudolph hielt ihn zurück, und mit beiden Armen den Greis umschlingend, rief er: „Nicht so, mein Vater, geböte mir nicht die Kindespflicht zu handeln, wie ich that, so hätte es die Ehre erfordert. Nur versprechen Sie mir eines — dann bin ich ruhig. Wenn jener Tag erscheinen sollte, wo das Geschick Sie zwingt, Ihr Gut zu verlassen, nehmen Sie nicht das Geringste an, sei es als Darlehen oder Geschenk, was Ihnen nicht aus meiner Hand zukommt. Ich werde Sie vor dem Mangel zu schützen wissen." „Ich gehorche Deinem Willen," cntgcgnete der Alte, „denn ich weiß, es fällt Div nicht schwer, mich zu unterstützen. Angelika liebt Dich — und von den Zinsen einer Million, die zweifelsohne durch Deine Hände gehen werden, läßt sich Manches erübrigen, was als Nothpfcnnig für die Tage der Zukunft dienen kann." „Wehe Ihnen, mein Vater," rief der junge Mann glühend, „daß ein solcher Gedankt auch nur für einen Augenblick in Ihrer Seele laut werden kann. O hätten Sie nie, niemals ähnliche in Ihnen erwachen lasten — so brauchte ich nicht das Glück meines Lebens zu opfern, um die Schuld eines Edelmanns zu sühnen, der vor einem groben Verbrechen nicht zurückbebt. Gott ist mein Zeuge," fuhr er feierlich fort, „daß ich eher darben möchte, ehe ich mehr von Angelika's Großmuth annehmen würde, als was die äußerste Nothwendigkeit erheischt. Und wenn Sie vor mir diese Welt verlassen müßten, so würde ich der Erste sein, der die mir unbekannte Cousine von ihrer Erbschaft benachrichtigt. Sie aber, mein Vater, Sie sollen nicht unter Ihrem SchicksalSwcchsel leiden. Ick werde für Sie, fern von der Stadt, ein Häuschen suchen, wo Sie still und einsam von jeder Sorge entlastet, Ihre letzten Lebensjahre zubringen können, dorthin ziehen Sie sich zurück." Der Alte seufzte tief auf. „Du willst mich auf das Land senden?" — fragte er gedehnt. Glaubst Du nicht, daß ich dort umkommen müßte vor Langeweile?" „Vater!" rief Rudolph, „wollen Sie in-der Residenz bleiben, so schwöre ich Ihnen, daß Ach noch in diesem Augenblick die Stadt verlassen werde. Soll ich vor Ihrem Anblick crrölhen? Soll mich Ihre Gegenwart jeden Augenblick an Ihre Schuld, an mein grenzenloses Opfer mahnen? O gehen Sie, mein Vater, — folgen Sie mcinem- Rathe — Sie haben viel gut zu machen vor dem Throne des ewigen Richters, und in der Einsamkeit, fern von dem Weltgetricbc, bereut es sich am Leichtesten. Ach, dürfte ich diese Einsamkeit mit Ihnen theilen, Vater," fuhr er fort, „dürfte ich nur den Gedanken leben, die mit namenloser Sehnsucht mein Herz erfüllen; — wie glücklich würde ich sein!" Thränen des Schmerzes, so lange zurnckgepreßt, erstickten seine Stimme. Das so lange verhaltene Weh seines Herzens brach sich gewaltsam Lahn. Tief ergriffen schloß, ihn der Alte in seine Arme. „Weiche nicht zurück, mein Sohn," sprach er, „ich bin gereinigt von jeder Schuld, den» solche Augenblicke der Qual söhnt sie auf Erden wie im Himmel." Schweigend verließen sie das Zimmer. Kaum hatte sich hinter ihnen der Eingang geschloffen, als sich die Thür des Nebenzimmers öffnete, und der Direktor aus dem Gemach trat. — Er hatte verborgen das ganze Gespräch zwischen Vater und Sohn belauscht. „Lconore," murmelte er vor sich hin, „Du kannst ruhig schlafen. Die Augenblicke der Qual, die ich D incm Verführer bereite, sollen sich dehnen zu Jahren, sollen währen bis über das Grab hinaus! Fort mit Dir, Elender, in die Einsamkeit und Stille! — Statt Gebet und Reue, wie Dein Sohn meint, wird Weltlust und Verzweiflung Dein Herz beschleichcn; der Neid, die Sehnsucht werden Dein Leben zur Hölle machen, und über Alles schwebe, wie die Erinnyc, das bleiche Bild Leonorens, der Geopferten, und höhnend töne es in Dein Ohr aus ihrem Munde: Du verlorst Alles, nichts blieb Dir,, als die furchtbare Erinnerung." „Und jetzt," fuhr er fort, „auf das Gericht, jetzt in die Wirthshäuser der Stadt- Ehe es Abend wird, muß die Stadt im Besitz der Kunde dieser abenteuerlichen Verbindung sein." _ Angelika Fleischer an ihre Cousine Lr. D...! Tage, Wochen verstrichen, theuerste Angelika, die meine Sehnsucht nach Dir zu eben so vielen Ewigkeiten ausdehnt, und noch immer kommst Du nicht; Dich an mein überwallendes Herz zu werfen, in Deinem verschwiegenen Busen mein grenzenloses Leid zu bewahren. Denn ich leide, Angelika, und inmitten des Glanzes, der mich umgibt, inmitten der Heiterkeit, die ich heucheln muß, möchte ich vergehen vor Weh und Thränen. Seit dem Tage, wo ich Dir mein Herz ergoß, bin ich öffentlich mit Nudolph von Duroy verlobt, ungeachtet meines Flehens gefüllt sich mein Oheim, diese Verbindung auszuposaunen. Ich empfange Glückwünsche von nah und fern, mir ganz unbekannte Personen drängen sich in unser Haus, mich mit Artigkeiten zu überschütten, und doch dringt jedes Wort, das meiner Verlobung gilt, wie ein Dolchstich in mein Herz. Aus jeder Silbe glaube ich den Ausdruck des Hohnes zn vernehmen, bei jedem Complimente blicke ich angstvoll auf Nudolph, der kalt wie Eis die Glückwünsche empfängt, und sich nicht einmal die Mühe gibt, seine Gefühle der Gleichgültigkeit zu verbergen. Ja, ich bin ihm gleich, hat er es mir doch selber gestanden, nicht Liebe flöße ich ihm ein, höchstens Achtung, und Achtung zollt man auch der Matrone. A chtung trennt von der Freundschaft nur einen Schritt, aber eine unübersehbare Kluft von der Liebe. Und laß mich erröthen, Angelika, indem ich eS niederschreibe, und doch sehne ich mich nach Liebe, wie die dürstende Flur »ach dem erguickcnden Regen. So lange stand ich einsam da, kein Herz bot sich mir dar, an das ich das meine vcrtrauungSvoll lehnen dürfte. Nun kommt er, der Einzige, dessen Bild lange, lange meine Seele erfüllte, und den ich liebe mit unendlicher Glut, er, der mein eigen werden soll, vereint mit ihm durch geheiligte Bande, und doch mit dem Bewußtsein, all' die Glut, die mein armes Herz verzehrt, hinein drängen zu müssen in der Brust tief innersten Raum. —- Und dabei Neid, Haß und Spott der Welt, denn Keiner gönnt mir mein vermeintliches Glück, das ich selber beweine. Obgleich wir seil unserer Verlobung höchst zurückgezogen leben, konnte Nudolph trotz seiner Abneigung nicht umhin, einem kleinen Cirkel mit mir beizuwohnen, der sich im Hause einer seiner Freunde versammelt hatte. Mein Bräutigam holte mich ab, er war heiterer gestimmt, als sonst, und ich zum ersten Mal glücklich, ihn an meiner Seite zu wissen. Wir traten in den Saal, ein Geflüster lief durch die Reihen der Versammlung, ich fühlte alle Blicke auf mich ruhen Eine. plötzliche Stille entstand rings umher, da tönte vernehmbar die Stimme einer 118 fremden Dame, die mit den Augen uns bezeichnend, zu ihrer Nachbarin bemerkte: „Sehen Sie doch, wie herrlich sich die Mutter dieses jungen Mannes conservirt hat." Meine Sinne drohten zu schwinden, ich fühlte den Arm Rudolphs in dem meinen zittern; wie tief, wie unabsehbar tief war mein Stolz gekränkt. Dieses eine Wort hatte meine Hoffnungen geknickt, wie der Hcrbstwind die letzte Knospe. Mein Auge siel auf den uns gegenüberliegenden Spiegel, er zeigte mir das Bild meines Verlobten, strahlend im Glanz der Jugend, der Schönheit, ein blühender Antinous, und daneben mich, mich, — o laß mich schweigen, Angelika, das Weh meines Daseins soll mich nicht zu einem Vorwurf verleiten gegen den Willen des Uncrforschlichen. Wie gern hätte ich hinein geschrieen in die Reihen der Frauen und Mädchen, deren Blicke mit dem Ausdruck des Bedauerns auf meinem Bräutigam ruhten. „Nehmt ihn hin, er ist frei," — hielt mich nicht eine furchtbare Pflicht, wie der Dämon seines Lebens, an seine Fersen gekettet. Ich will sie denn tragen die Last, ohne Murren, bis sie dem ermatteten Körper zu schwer, über ihn zusammen bricht. Ich wünsche mir den Tod, Angelika, aber nicht eher, als bis ich Rudolph's Weib geworden bin. O glaube nicht, daß es Egoismus sei, der aus diesem Wunsche spricht, es gibt keine größere Entsagung, als er enthält. Und dennoch gab es Stunden, ach — und noch jetzt sind sie nicht selten, wo schwarze finstere Gedanken mein Herz beschleichen. Hch bin ein Weib, Angelika, und wenig der Heldinnen zählt unser Geschlecht. Dann kommt es über mich wie mit geheimer Freude, daß ich trotz meiner Jahre triumphirt habe über alle Wünsche, und er, der Viclbegehrte, mein eigen ist. Eine Frau ist nie unglücklicher, als wenn sie eine andere beneidet, nie glücklicher, da sie sicher ist, den Neid anderer erregt zu haben. Und hat der Egoismus seine düstere Fittiche über mich ausgebreitet, da tritt wie ein hülfreicher Gefährte die Eifersucht hinzu. Ich möchte mit ihm fliehen in ferne Wüsten und Welten, wo Keine, Keine ihn mir streitig machen kann, wo ich dem sich nach Mittheilung sehnenden Herzen Alles — Alles sein müßte. Angelika, o wüßtest Du, welche Qualen dann mein Herz erschüttern, wie jeder Blick, der aus dem Auge Fremder auf Rudolph fällt, eine neue Wunde in meine Brust reißt, — wie ich ihn an mich ziehen möchte und ihm zurufen: „Nur für mich sollst Du Augen haben, nur für mich Dein Dasein weihen " — Aber diese Kämpfe dauern nicht lange, gereinigt und erhoben gehe ich aus ihnen hervor. Ich habe die wahre Bestimmung des Weibes aus ihnen kennen gelernt, sie heißt: „die Entsagung;" ich entsage, so seltsam es Dir — der Uneingeweihten — klingen mag, ich entsage, da ich Rudolphs Gattin werde! Und eben, weil ich entsage, — wiederhole ich meine Bitte, in die Arme Deiner Freundin zu eilen, die Dich willkommen heißen wird von ganzem Herzen. Höfe Deine Verbindung mit Deiner jetzigen Herrschaft unverweilt, eine ehrenvollere Stellung wartet meiner Cousine und Pathin, die den gleichen Namen mit mir trägt, in meinem Hause. Wohl weiß ich, daß mein Entschluß, Dir mein Hans zu öffnen. Dir, -— dem jugendlich-blühenden Mädchen — eine FrcundcSstelle neben einer verblühten, alternden Frau anzuweisen, deren Gemahl, wie jene Dame behauptete, fast ihren Sohn vorstellen könnte, in den Augen meiner Bekannten mich auf die höchste Stufe der Lächerlichkeit erheben wird; und dennoch ersehne ich ungestüm den Tag Deiner Ankunft, denn sie soll allen Jenen beweisen, wie fest ich auf Deine Freundschaft — und auf Nudolph'S Treue baue, wie entfernt meine Seele von jeder Regung der Eifersucht ist. „Also komm, meine Angelika! Ich verspreche Dir alle Freuden, alle Genüsse, die Deiner Jugend ziemen, Du sollst nicht büßen, weil ich leide, und eö gewährt mir eine Art Stolz, mich allein unglücklich im Kreise Fröhlicher zu wissen. Zaudere nicht — ich bedarf Deiner, o erscheine, ehe der gute Genius sein Antlitz von mir wendet, und finstere Dämonen tückisch, ihre Schwingen über meine Seele breiten! Erscheine, — ehe die Liebe Gesiegt wird von der verzehrenden Leidenschaft. Angelika. (Fortsetzung solgt.) 119 Russischer Kannibalismus gegen katholische Nonnen. Makrina Mieszyslawska war, wie bekannt, Acbtisfin des Klosters der Basiliauerinnen in Minsk, als Czar Nikolaus die gewaltsame Bekehrung der Nonnen zum Schisma anbefahl. Es widerstrebt der Feder, alle die gräulichen Mißhandlungen zu beschreiben, denen sie und ihre treuen Töchter, 37 an der Zahl, ausgesetzt waren, um sie zum Abfall von ihrem Glauben zu nöthigen. Es geschah das in den Jahren 1838 — 40. Die frommen Nonnen wurden nach Witebeck geschleppt, d. h. nach russischer Weise mußten sie mit Ketten beladen, dorthin zu Fuße gehen, und dort in ein Kloster ihres Ordens, das nur von russischen Soldaten - Wittwen und Weibern der ordinärsten Art bewohnt ward, untergebracht. Sieben Jahre lang schmachteten sie dort, ohne daß ihnen die Fesseln, mit denen sie belastet waren, auch nur auf eine kurze Zeit wären abgenommen worden, in einem dumpfen Raume, in dem sich noch dreizehn Schwestern befanden, die aus der Zahl der früheren Bewohnerinnen des Klosters übrig und zu den üiedrigsten Diensten für die erwähnten Weiber verurtheilt waren. Die neuen Ankömmlinge mußten nun diese ihre Arbeiten mit ihnen theilen, fortwährend in Fesseln und unter den härtesten Schlägen, der elendesten Nahrung, im Winter — in Rußland — ohne Heizung. Zweimal wöchentlich wurden sie außerdem auf Befehl des apostasirtcn Bischofs Siemaszko, des Henkers von Hunderten armer Nonnen und Mönche, auf das entsetzlichste gegeißelt. Eine von den Schwestern, Colomba Gorska, die gleich den übrigen unmittelbar nach einer solchen Geißelung an den Karren geschleppt ward, an welchem angekettet sie Bausteine fahren mußte, fiel todt nieder, eine andere, Baptista Downar, wurde in einem großen Ofen lebendig verbrannt, eine dritte, Nepomuccna Grvtkowska, starb in Folge eines Schlages, den ihr die Vorsteherin deS Hauses mit einem Holzscheit auf den Kopf versetzt hatte; zwei andere Schwestern, Suzanna Rypinska und Coleta Siclawa, starben unter den Geißelungen. Ende 1840 wurden die noch übrigen Nonnen zwei und zwei zusammen- gcfcssclt, nach Plock geschleppt und ebenfalls in ein Kloster ihres Ordens gebracht, wo von den fünfundzwanzig Schwestern bereits fünfzehn in Folge der Mißhandlungen umgekommen waren, von den übrigen zehn waren zwei aus derselben Ursache geisteskrank geworden. Trotzdem wurden sie wie die andern an den Karren gefesselt. Äuch diese starben unter den Händen ihrer Peiniger. Im Jahre 1841 kamen fünf der Schwestern in einer Lehmgrube um, sie wurden unter den einstürzenden Erdmassen begraben, und bald darauf stürzten neun andere Schwestern von einem Maucrgerüste herab, auf dem sie Handlanger-Dienste verrichten mußten, und blieben auf der Stelle todt. Unter diesen letzten neun Schwestern befand sich eine geborene Fürstin Mednnicka. Nur kurze Zeit später wurden zwei Schwestern zu Tod gegeißelt, und diese Scenen wiederholten sich in den Jahren 1841 — 42; eine alte Nonne von 73 Jahren, Scraphina Sczcrbinska, die auf Befehl Siemaszkos fünfzig Geißelschläge erhalten sollte, starb bei dem dreißigsten, die Leiche empfing die übrigen zwanzig; zwei andere, Stanislawa Dawgial und Nathalia Narbut starben einige Stunden nach der Geißelung, während Justina Tur und Liberta Kormin buchstäblich unter den Fußtritten ihrer Henker ihren Geist aufgaben. DaS Alles geschah nicht ohne Wissen deS Kaisers, an den die unglücklichen Nonnen geschrieben hatten. Aber seinen Zweck, die Apostasie der schwachen und doch heldenmüthigcn Frauen erreichte er nicht. Von den 245 Nonnen, die den Gcsammtstand der Brasilianerinnen bildeten, und die sämmtlich auf gleiche Weise behandelt wurden, ist auch nicht eine ihrem Gölte untreu geworden. Der größere Theil erlag den Mißhandlungen, glorreiche Mar- tyrinnen, die übrigen wurden, die General-Oberin, Fürstin Euphrosine Gcdamin an der Spitze, zu zwei und zwei aneinander gefesselt, zu Fuß nach Sibirien geschleppt. Die Historische Reminiscenz — nach dem Schlcs. Kbl. an die Jahre t838 bis 42 — aus Anlaß des unlängst gemeldeten, in Rom erfolgten Ablebens der 86jährigen Brasilianer-Nonne Makrina Mieszyslawska. 120 genannte General-Oberin, 45 Jahre alt, die ihre großen Reichthümer dem Orden übergeben und sich durch ihre große Liebe zu den Armen ausgezeichnet hatte, starb unterwegs. 1845 endlich gelang es der Äbtissin Makrina, die neben den eigenen schrecklichen Leiden auch die ihrer Mitschwestern, denen sie eine liebende Mutter war, mitgefühlt hatte, mit drei andern Schwestern, die allein noch die erforderliche Kraft besaßen, (acht andern waren in Plock bei Gelegenheit einer schrecklichen Mißhandlung die Augen ausgeschlagcn worden, so daß sie gänzlich erblindet waren) ihrem Gefängniß zu entfliehen, und nach Rom zu gelangen, wo sie dem heiligen Vater einen treuen Bericht über die traurigen Vorgänge in Rußland abstattete. Wie dergleichen Scenen unter Nikolaus Nachfolger, dem als liberal ausgerufenen Kaiser Alexander 11^ sich in fast unaufhörlicher Reihenfolge wiederholt haben, ist bekannt. Und das Alles geschah und geschieht im neunzehnten Jahrhundert, dem Jahrhundert der Aufklärung und des Lichtes. Glaubt man nicht in die Zeit eines Caligula, eines Maximin und anderer Tyrannen der Kaiscrzeit versetzt zu sein? Wir können nicht glauben, daß die Saat, die die heldcnmüthigcn Märtyrer und Märtyrerinnen des Glauben« gesäct, nicht endlich Früchte tragen sollte. Miseelleri. (Das Omen Maria Theresias.) In der Kaisergruft der Kapuziner-Kirche zu Wien ruhen bekanntlich seit deren Stifter, Kaiser Mathias, alle deutschen Kaiser bis auf den letzten, für welchen im Kaisersaal des Frankfurter Römers Raum war. Hierher begab sich nach dem Tode Franz l. jede Woche dreimal seine Gemahlin, die Kaiserin Maria Theresia, um stiller Andacht nachzuhängen. Nicht allein am Tage, sondern auch Nachts stieg sie in die kalte Gruft hinab. Allein! Um Niemand zur Beihilfe nöthig zn haben, ließ sie ein Stcigwerk anbringen, mit welchem sie mit eigenen Händen sich hinunterließ und wieder emporwand. Als dieß auch am 2. November 1780 geschah, stockte die Maschinerie dreimal, und Maria Theresia flüsterte ahnungsvoll: „Die Gruft will mich nicht wieder herauslassen!" Einen Monak später wurde sie todt in ihrem Sarge in diese Gruft hinabgelassen. Ein witziger Dichter Frankreichs, Saint-Foix (gest. 1776), war einem Juden 1000 LivreS schuldig, die er nicht bezahlen konnlc. Sein Gläubiger traf ihn einst zufällig bei einem Barbier, — der ihm so eben den Bart eingeseift hatte. Der Hebräer mahnte ihn auf der Stelle. S. aber fragte ihn, ob er nicht wenigstens so lange warten wolle, bis der Herr da ihm den Bart abgenommen. „O ja!" antwortete der Jude, „recht gerne!" — „Nun, Sie sind Zeuge," sprach der Dichter zu dem Barbier, stand «uf, wusch sich die Seife ab und ging mit ungeschorenem Barte davon. (Die Ja- und Nein-Maschine) Für gewisse Volksvertretungen, welchen die weise Fürsorge Derer, die sie berufen, alle Mühe, sogar das Ja- oder Nein-Sagen ersparen möchte, eignet sich vortrefflich eine zunächst in Albany (Staat New-Dork) eingeführte Maschinerie, bei welcher die Reprcscntantcn weder aufzustehen, noch aufgerufen zu werden brauchen. Es sind in der Nähe des Schriftführer-Tisches zwei Tafeln vorhanden, auf denen sämmtliche Plätze mit laufenden Nummern bezeichnet stehen und zwar doppelt, einmal für Ja, einmal für Nein. Von diesen Tafeln gehen elektrische Drähte nach den Sitzen, an deren jedem sich zwei Drücker für Ja und Nein befinden. Sobald es sich um ciuc Abstimmung handelt, haben die Vertreter nur nöthig, auf den Ja- oder Nein- Griff zu drücken, und binnen fünf bi« zehn Minuten ist Abstimmung und Zühtung der Stimmen fertig. Diese Maschine ist auch besonders kostbar für tumultuarifche Sitzungen, wo oft die Äbstimmnngs-Resultatc trotz mehrfacher Controle unsicher sind. Druck, Bering und Redaction der Litcrarisrden Instituts den t»r. M. Hnrrlcr. ' Uro. 18. 18. April 1869. Was vermag die Sonne der Kunst über die kalten Menschen von Ton und vou Welt? — Dasselbe, was die andere Sonne au den Eisbergen ausrichtet: sie kaun sie versilbern und vergolden, aber nicht zerschmelzen. sseau Paul. Die Entsagenden. (Fortsetzung.) Acht Tage waren verstrichen. Zm Garten, der sich hinter dem Hause des Direktors ausbreitete, hatten sich auf Einladung des letzteren mehrere Bekannte versammelt, in deren Mitte das Brautpaar still und einsilbig dasaß. Sowohl Angelika als Rudolph war es unangenehm, sich in Gegenwart Fremder zu befinden, und vergebens erschöpfte« sich die Freunde des Hauses; die niederdrückende Stimmung, die sich der Gesellschaft bemächtigt hatte, wollte trotz aller Anstrengung nicht weichen. Ueber das schöne, jugendfrische Antlitz Rndolphs begann noch fast unmerkbar sich die feine Falte zu legen, die ein inneres Weh darin zeichnet. Die scharfen Augen der Damen, denen kein Zug in einem Antlitz, das sie studiren wollen, entgeht, hatten gar bald diese Entdeckung gemacht, und bestrebten sich, Stadt und Land dieselbe zu offenbaren. Schon hatten geschäftige Zuträgerinnen Angelika auf die Veränderung aufmerksam gemacht, die das Antlitz ihres Verlobten betroffen hatte, und forschten unter dem gleisnerischen Deckmantel der Freundschaft nach dem Grunde derselben. Die Unterhaltung der Gesellschaft war in's Stocken gerathen, als die Aufmerksamkeit durch das Geräusch eines Wagens rege gemacht ward, der vor dem Hause anhielt. Durch die geöffneten Thüren, die vom Garten auf die geräumige Flur des Hauses führten, hörte man Stimmen laut werden, Tritte erschallten, als ob man Koffer und Kisten in das Haus trage, und im nächsten Augenblick erschien ein junges Mädchen in einem leichten grauen Reiseanzug gekleidet, am Eingänge des Gartens, und warf sich in die Arme der ihr entgegeneilenden Angelika. „Endlich," rief sie, „gestattet mir meine Pflicht, Dich wieder zu sehen, um Dich nimmer wieder zu verlassen. O wüßtest Du, wie ich mich sehnte, nach Deinem lieben Antlitz, das ich so lang vermissen mußte." „Sei mir tausend Mal willkommen, mein theures Kind," — erwiderte Angelika. „Aber erlaube mir, zuerst Dich der Gesellschaft und vornehmlich meinem Bräutigam — Rudolph von Duroy — als meine Cousine und meine Pathin — Angelika Fleischer — vorzustellen." Sie trat bei diesen Worten von dem sich verbeugenden, erröthcnden jungen Mädchen zurück, dessen Anblick jetzt Rudolph, der mit sichtbarer Aufregung dem Klang ihrer Stimme gelauscht hatte, frei war. Die Blicke beider jungen Leute begegneten sich. — Rudolph, der die Gefahr des Augenblickes erkannte, und sich von Angelika und der ganzen Gesellschaft beobachtet wußte, ward todtenbleich, denn er erkannte jenes Mädchen, dessen Bild sich mit unauslöschlichen Zügen in sein Herz gegraben hatte, seit jenem Tage, wo sie ihn aus seiner Apathie riß, — und ihm die wahre Bestimmung des Mensche» kennen lehrte. Nicht so Angelika. Ein jäher Schwindel befiel sie bei dem Anblick des Mannes, der die erste reinste Liebe in ihrem Herzen erweckt hatte, — und den sie als Braviigam ihrer Cousine wieder fand. Wie ein Blitzstrahl befiel sie der Gedanke, daß sie ihr Lebe» § - K 122 fortan im Hause jenes Mannes verbringen solle, und alle Qnaleu des Tantalus fühlte sie in diesem Augenblick erwachen. Unfähig, ein Wort hervorzubringen, stand sie da, das Auge starr auf Rudolph gerichtet; ein Peinliches Stillschweigen entstand in der Gesellschaft, — desto mehr hatten Augen und Achseln der anwesenden Gäste einander zu erzählen. „Kennen Sie den Herrn Baron, mein Fräulein?" fragte der Direktor scharf, um dieser Scene ein Ende zu machen. Flüchtig stammelte die Gefragte: „Ein Zufall brachte uns in Wiesbaden zusammen, indessen — unser Zusammensein währte kaum einige Minuten; nicht wahr, Herr Baron?" wandte sie sich an Nudolph, nicht weniger zitternd als der junge Mann selber „In der That," erwiderte dieser, „nur wenige Minuten, die mir aber unvergeßlich bleiben werden." Ein banger Blick begleitete diese Worte, er enthielt den Abschiedsgruß einer verwelkten Hoffnung, einer begrabenen Liebe. Angelika verstand ihn, und mit Aufbietung aller ihrer Kräfte versuchte sie die Gefühle zu bemcistcrn, welche-das unvermuthete Wiedersehen in ihrem Herzen erregt hatte. Es ward spät, und die Gesellschaft trennte sich. Auch Rudolph nahm seinen Hut, »m zu gehen. Er trat zu der Neuangekommenen, er versuchte, den Ton der Glcichgiltigkeit gegen sie anzuschlagen, aber das Wort stockte ihm im Munde, denn er fühlte die Blicke des Direktors, wie die seiner Braut forschend auf sich ruhen. Und aus diesem Grunde bewirkte er mit übermenschlicher Kraft, daß keine seiner Muskeln seines Antlitzes zuckte, als er die leise geflüsterten Worte der Geliebten an sein Ohr tönen hörte: „Ich must Sie sprechen, erwarten Sie mich um Mitternacht an dieser Stelle." Und Stunde um Stunde verstrich. Die Natur legte ihr Nachtgewand an und über die tiefblaue Himmelsfläche zog Stern um Stern als treuer Erdenwächtcr auf. Still ward es und stiller ringsum, kein Ton des Lärmcns schallte aus der nahen Stadt mehr herüber, denn Alles schlief, um sich zu neuem Tagewerk zu rüsten, und auch im Hause des Direktors hatte sich ein tiefer Frieden gelagert. Da tönte es Mitternacht durch die Einsamkeit, langsam verhallten die dröhnenden Schläge der Thurmuhr der Residenz, und ein leises Rauschen strich über den Garten, wo wenige Stunden vorher zwei Liebende sich aus's Neue gefunden. Die Blätter und Blüthen waren erwacht, denn die Stunde war gekommen, wo eS ihnen vergönnt ist, ungesehen und ungchört von den neugierigen Menschenkindern mit einander zu reden; jedes in seiner Sprache. Auch hatten sie gar viel zu plaudern von Lieb und Treue, und die ehrwürdigen Bäume, die eine schattige Allee mitten durch den Garten bildeten, hörten lächelnd zu, was die junge Welt zu ihren Füßen träumte und sann, sie kannten wohl des Winters Dräuen, wenn der Lenz geschwunden war, und leise mahnend schüttelten sie ihre Kronen, daß die welken Blätter ihre Aeste sich lösten, und wie eine Warnung niederschwcbten auf die Häupter der sorglosen, hoffenden Jugend. — Aber neckisch wehte ein leichter Nachtwind sie hinweg und in den Schooß der murmelnden Fontaine, — die ihren Wasserstrahl wie einen Silberfaden zum gestirnten Himmel «mporsandte. Da plötzlich drang es wie der leise, flötende Ton eines Vogels durch den Garten, kS war eine Nachtigall, die halb träumend einen Warnungsruf ausgestoßcn haben mußte, denn im nächsten Augenblick war Alles still rings umher, nur ein stärkerer Blumenduft, «ls sonst dm traulichen Ort erfüllte, durchzog die sanft bewegte Luft. Horch, am Ende des Gartens erschallten leise Schritte, die Gestalt eines Mannes iu einen leichten Mantel gehüllt, tauchte beleuchtet vom hellen Sonnenschein auf, und näherte sich vorsichtig. Es war Nudolph. „Welchen Schritt will ich wagen," — flüsterte der junge Mann vor sich hin, am Rande der Fontaine stehen bleibend, — „im Hause der ungeliebten Braut will ich sie wiedersehen, zu still nächtlicher Stunde, jenes Mädchen, das mein zu nennen ich mein ganzes Dasein dahin geben würde. Wie müßte ich beschämt zu Boden blicken, wen» jetzt Angelika, meine Verlobte, erschiene und inne würde, daß der Mann, dem sie ihr ganzes Vertrauen geweiht, sie schändlich betrügt! Aber — betrüge ich sie denn?" — unterbrach er sich, „habe ich die Absicht, die Treue zu brechen, die ich ihr gelobt? Nein, bei Gott, das will ich nie, und diese Stunde möge es beweisen." Er hielt inne, denn er erblickte die Gartenthür des Hauses sich öffnen und Angelika die Jüngere, langsam den Weg nach der Fontaine einschlagen. In wenigen Minuten hatte sie den Ort erreicht. Das junge Mädchen sah wunderbar schön aus, das Licht des Mondes gab ihre« Zügen fast eine Marmorblässe, und wie eine überirdische Erscheinung dünkte sie de« Auge Rudolphs, als sie ihm gegenüberstand. Alles vergaß er in diesem Augenblick, da» einzige Gefühl des Wiedersehens der so lang Ersehnten verschlang alle Vorsätze, —- alle Gründe der berechnenden Vernunft. Er breitete die Arme aus, als wolle er die Heißgeliebte umfangen, und mit bebendem Tone flüsterte seine Lippe den Namen: „Meine Angelika!" Das junge Mädchen zitterte. Sie stützte sich auf den Rand der Fontaine, u« ihre Gefühle zu bemeistern — dann erwiderte sie: „Nicht also, Herr Baron von Duroy, nicht dieser Ton darf es sein, der meine« Namen nennt. Ihre Angelika ist meine Cousine, Ihre Braut — ich bin nichts weiter, als ein armes, schwaches Mädchen, das, um in Ihrer Mannesstärke Kraft und Trost zu suchen, sich in Ihren Augen compromittirt." „Nehmen Sie meinen Dank," fuhr sie fort, „daß Sie meinem Wunsche nachkamen. Ich mußte Sie sprechen, ehe die Morgensonne den neuen Tag verkündet, um zu erfahren, ob meines Bleibens in diesem Haufe sein darf, ohne die beste der Frauen schändlich z« verrathen?" „Angelika!" unterbrach Nudolph sie mit schmerzlichem Tone, „ich bin nicht mehr der Jüngling, der einst mit glühender Leidenschaft um Ihre Liebe sichte. Die Nothwendigkeit hat sich mit eisernen Klammern um mein Herz gelegt, und jede Wallung erstickt. Dennoch aber, Angelika — dennoch vermag sie nicht das theure Bild mit ihre« undurchdringlichen Wolken zu umschleiern, das als Ideal in meinem Herzen thront und dies Bild ist das Ihre. Ihrer Cousine reiche ich meine Hand, aber Ihnen bleibt mei« Herz, Ihnen bleiben alle meine Gedanken." „Wehe Ihnen, Herr Baron, daß noch immer dieser unselige Wahn Sie bethört," erwiderte Angelika. O lernen Sie meine Cousine näher kennen, glauben Sie mir, der Zwang der Verhältnisse macht sie nicht minder unglücklich, als Sie selber und vielleicht auch mich, denn sie liebt Sie, Herr Baron, mit der vollsten Glut eines nie entweihte« Herzens. Aber wie edel diese Liebe, wie cntsagungsreich sie ist, das möge Ihnen das Geständniß enthüllen, daß sie mich aus untergeordneter Stellung befreit und hierher gerufen hat, um für immer ihr Haus zu theilen." Nudolph fuhr auf. „Wie?" rief er. „Sie bleiben in meiner Nähe! Ich ssL Sie täglich, stündlich vor diesen Augen sehen, soll Ihre Stimme an mein Ohr, in mei« Herz dringen hören, o dies wäre das Glück des Paradieses, wenn es nicht für mich die Qualen des Tantalus bedeutete." Angelika legte sanft die Hand auf seine Schulter. „Richten Sie sich auf, mein Freund," sagte sie sanft. „Was nützt es, der Gefahr feige zu entweichen, die uns doch früher oder später trifft? Nudolph, wenu es wahr ist, wenn in Ihren Worten kein Falsch, daß ich noch nicht a«s Ihrem Herzen verdrängt, so hören Sie, was ich in dieser Stunde zu Ihnen rede." „O, ich will hören, als ob ein Engel mir das Heiligste der Evangelien verkündete.* 124 „Nudolph!" begann sie feierlich, „möge denn in dieser heilige» Nacht, «o Niemand »uS ficht. Niemand uns richtet, als der Ewige allein, dessen Sterne seinem Strahlcnauge gleich auf uns hcrniedcrschauen, jede Maske der Verstellung von uns fallen. Hätte ich gewußt, daß Sie der Mann sind, dem Angelika ihre Hand reichen soll, nie — niemals halte mein Fuß dieses Haus betreten. Denn, lassen Sie mich es aussprechen, und ich darf es ahne Errathen, ich liebe Sie, Rudolph, mit wahrer, inniger Liebe." „Du liebst mich!" wiederholte Rudolph mit seligem Ausdruck, o, noch einmal — ein einziges Mal wiederhole das Wort, das mich entschädigt für alle Leiden, die ich bis dahin erduldete." Er näherte sich mit ausgebreiteten Armen dem jungen Mädchen, aber ein fast befehlender Wink Angelika's hielt ihn zurück. „Lassen Sie mich ausreden," sagte sie ernst. „Ja, ich liebe Sie, vielleicht mit dem gleichen Gefühl, wie Sie meinem Bilde in Ihrem Herzen weihen. Was soll aus uns werden? — Zu welchem Verbrechen könnte uns die nie berechnende Leidenschaft treiben, wenn wir nicht der Stimme der Ehre, der Stimme der Pflicht Gehör geben wollen? Lasten Sie uns einen Bund schließen, der uns stärket vor jeder Versuchung; lasten Sie uns in diesem Augenblicke, wo wir einander gestehen, wie lieb wir einander sind, auch diese Liebe begraben. Denn wenn die Glut des Herzens die Bande zu sprengen drohte, dann müßte ich fort auf's Neue von dieser gastlichen Stätte, das kein Verrath beflecken soll, fort in die weite, große Welt, wo keine Frcundesbrust meiner harrt, mußte auf's Neue unter kalte, hartherzige Leute." (Fortsetzung folgt.) Ein Bischofs Jubiläum in Amerika. St. Franzis bei Milwaukee, 21. März 1869. Am 19. März, als am Feste des heiligen Joseph, war Milwaukee Zeuge einer Festlichkeit, die nicht bloß durch ihre Seltenheit, sondern auch durch die Pracht und Großartigkeit, mit der sie begangen wurde, noch lange in frischem Andenken verbleiben wird. Unser Hochwürdigster Bischof, Johann Martin Henni, der erste Oberhirte unserer Diözese, feierte nämlich au diesem Tage sein 25jühriges Bischofs-Jubiläum. Schon seit ein Paar Monaten zeigte sich in der Bischofsstab! ein reger Eifer, unter Katholiken sowohl als Protestanten, um dem allseitig beliebten greisen Obcrhirtcn eine würdige Fcst- Keier zu bereiten. Am Morgen des 1S. März vernahm man schon zu früher Stunde das festliche Geläute der Glocken von den Thürmen der sieben Pfarrkirchen der Stadt, und Kanonen- Donner trug die frohe Kunde in die umliegende Landschaft. Vom Dache des städtischen Gerichtshauses flatterte lustig das Sternenbanner, zum Beweise, daß auch die nicht katholischen Behörden von Milwaukee die Bedeutung des schönen Festes zu würdigen verstanden. Unterdessen hatten sich in der bischöflichen Wohnung die Priester von allen Seiten eingefunden, ungefähr 90 an der Zahl, von denen manche einen Weg von über 100 Meilen gemacht hatten, um der Feierlichkeit beizuwohnen. Ungefähr um 10 Uhr rückten die verschiedenen katholischen Vereine der Sradt mit flatternden Bannern, und unter den rauschenden Klängen der Musik vor die Kathedrale, wo sich bereits eine fast unübersehbare Volksmenge eingefunden hatte. Um 10 Uhr begann die feierliche Prozession der Priester und Seminaristen durch die Kathedrale zur bischöflichen Wohnung, wo der Jubelgreis in Empfang genommen und unter den festlichen Klängen der Musik zur Kirche geleitet wurde. Beim Einzüge der Prozession in dieselbe sang ein Chor von Seminaristen das Ucnt! suoerckos magnus, das auf die ohnehin von Festfreude erfüllten Gemüther einen um so größer» Eindruck hervorbrachte. Beim nun folgenden Pontifical - Amte bemerkte man auch im Prcsbytcrium den neuen Bischof von La Crofse, der gekommen war> 125 um seinem erlauchten Consecrator seine Glückwünsche darzubringen. Allgemein bedauert mau, daß der Hochwürdigste Erzbischof von Cincinati, der unsern Bischof vor 25 Jahren consecrirte, nicht erschienen war, obwohl er seine Ankunft bereits zugesagt hatte. Die Festpredigt hielt k. Gareschö auS der Gesellschaft Jesu, dessen glänzendes Rednerlalent auch bei dieser Gelegenheit allgemeinen Beifall erhielt. Ich kann nicht umhin, ein Urtheil anzuführen, das der sonst den Katholiken nicht günstig gestimmte „Evening Wisconsin" über diese Predigt brachte. „Wenn dies," schreibt daS Protestantische Blatt, „die so berühmten Jesuiten-Prcdigten sind, nnd wenn durch solche Predigten die Herzen gewonnen, und die Leute zum Katholicismus bewogen werden, wer sollte sich darüber wundern? Wenn durch diese Predigten dem Christenthum ein größerer Erfolg gesichert wird, als durch unsere Tractate und Bibel-Uebersetzungen, — was können wir dagegen sagen?" Nach vollendetem Pontifical-Amte versammelten sich die Priester und andere geladene Gäste im geräumigen Saale des nahen Waisenhauses, wo durch den opferwilligen Sinu der Kathedral-Gcmeinde ein großartiges Diner bereitet war. Am Ende desselben gab der hochwürdige General-Vikar Kundig, ein Landsmanu des Hochwürdigstcn Bischofs saus Graubünden in der Schweiz), eine kurze Skizze der Geschichte unserer Diözese, und sprach von den wunderbaren Segnungen des Himmels, während dieser 25 Jahre. Arm und unbekannt war dieser Oberhirle vor 25 Jahren in das unansehnliche Dorf Milwaukee eingezogen, und fand dort nichts als eine armselige Bretterkirche, dazu noch 400 Dollars Schulden, nnd in der ganzen Diöcese fünf Priester. Und jetzt haben wir eine blühende Diözese mit 150 Priestern, einer herrlichen Kathedrale, einem Seminar mit 200 Candidaten des Priesterthnms, und einer ansehnlichen Zahl von Ordenshäuscrn, wohlthätigen Anstalten und Schulen. Zum Schlüsse überreichte der Redner dem Hochwürdigstcn Bischof eine Börse mit 2000 Dollars, eine freiwillige Spende der Priester zur Bestreitung seiner diesjährigen Romreije. Darauf sprach Dr. Johuson, ein Mitglied der Kathedral-Gemeinde, die Gefühle der Liebe und Ergebenheit der Gemeinde und der ganzen Diözese in treffenden Worten aus. Nachdem noch der Maire der Stadt den verehrten Jubilar der Liebe und Zuneigung der ganzen Stadt versichert, und im Namen der Bürger Milwaukees seinen Glückwunsch dargebracht hatte, erhob sich Hochdcrsclbe mit Thränen der Rührung in den Augen, und dankte in ergreifenden Worten für diese so rührende Theilnahme. Er sprach auch von der liebevollen Zuneigung, die ihm von den Andersgläubigen immer zu Theil geworden, und zeigte der Versammlung ein wunderschönes Kreuz von lebenden Blumen, das ihm eine protestantische Dame zum Jubelfeste gespendet hatte. Die Feier schloß mit einem Concerte, das von den Zöglingen dcö Schulschwestern-Hauscs veranstaltet wurde. Im Laufe des Nachmittags wurde dem Gefeierten von den ältesten Einwohnern Milwaukees, ohne Unterschied der Confession, eine Adresse überreicht, welche folgende bemcrkcnöwerthe Stellen enthält: „Heule au Ihrem Ehrentage erinnern wir uns lebhaft des Empsanges, der Ihnen vor 25 Jahren zu Theil wurde. Wir freuten uns, daß ein Deutscher zu einer so hohen Würde in Ihrer Kirche erhoben worden war, und seinen Bischofssitz in Milwaukee nahm. Aber wir bewillkommlen auch in Ihnen „den Träger der Civilisation" nach dem Nordwcsten, den Verehrer von Kunst und Wissenschaft, den Literaten, der auf dem religiösem Gebiete, sowie auch außerhalb sich ausgezeichnet hatte, und von den» wir viel erwarteten für die Ausbreitung der deutschen Sprache, Kunst und Wissenschaft, sowie seine Mitwirkung zur materiellen Entwicklung von Wiskonsin. Unsere kühnsten Erwartungen sind weit übertroffen worden. Unsere Stadt, welche damals bloß 4000 Einwohner zahlte, enthält jetzt nahe an 100,000, — und Wiskonsin ist jetzt ein ' blühender Staat von einer Million Einwohner. Uebcrall sieht man die Spureu und Resultate Ihres Wirkens . . . Nehmen Sie daher heute auch unsere herzlichen Wünsche für Ihr ferneres, segensreiches Wirken, sowie zu dem Genuß der Ehren und Würden, 126 mit welchen Ihre Kirche Sie in Anerkennung Ihrer außerordentlichen Verdienste bekleidet." So war dieses Fest ein Freudenfest, nicht bloß für die Katholiken, sondern für die ^ gesammte Bürgerschaft von Milwaukee. Auch die nicht katholischen Zeitungen der Stadt ! brachten umständliche Berichte über die Festfeier, — und wetteiferten in Ausdrücken der Anerkennung und Bewunderung für den edlen Charakter und das unermüdliche Wirken ! unseres Oberhirten. Möge Ihn Gott noch lange Jahre seiner treu ergebenen Diözese erhalten! Joseph Rainer. ^ Die Kindersterblichkeit in Bayern. Der Vertrag des Stiftsprobst Dr. v. D ö l l i n g e r in der Reichsraths-Kammer am 20. v. M. hat in der Aufführung der statistischen Thatsachen über die große Kindersterblichkeit in Bayern für Viele Ueberraschung und Beunruhigung gebracht, und diese exemplln Thatsachen scheinen vorwurfsvoll für die Staatsregierung und für die Bevölkerung. Daß in Bayern große Kinderstcrblichkeit herrscht, ist richtig, diese Thatsache steht aber nicht allein und unaufgeklärt da, sondern sie hat ihre ebenso statistisch nachweisbare wie physiologisch begründete Erklärung. Die Aufklärung wird gegeben in den excinpten topographischen Verhältnissen Bayerns in Folge seiner Höhelage gegenüber den verglichenen anderen Ländern und Staaten. Die bayerische Hochebene südlich der Donau ist nach der kastilischen Hochebene Spaniens die höchst gelegene und ausgedehnteste Europa's, und Mittelfrankcn bildet die höchstgelegene Terasse Deutschlands nördlich der Donau, und die Wasserscheide zwischen Rhein und Donau. Im ärztlichen Jntclligenzblatte, Jahrgang 1860, S. 729, welches im Besitze jedes Bezirksarztes ist, ist eine Zusammenstellung von der Sterblichkeit der Kinder im ersten Lebensjahre in Bayern während der 22 Jahre von 1835/36 bis mit 1856 57 nach einzelnen Jahrgängen und Kreisen, über 3,310,278 lebend geborener Kinder, gegeben. Die Zahl der Todtgeborcnen wechselt nach den Con- fessionen der Bevölkerung vom Einfachen bis zum Dreifachen. Bei katholischer Bevölkerung ist die Nothtaufe nach der Beendigung der Geburt zulässig und geschieht deßhalb meist bei schwierigen Geburten, wenn nach der Meinung der Hebamme das Kind lebt. Wird das Kind todtgeborcn, so wird es, weil getauft, als lebendig geboren registrirt. In Mittelfranken mit einer katholischen Bevölkerung von nur 21 Procent kommen nach 25jährigem Durchschnitte auf je 10,000 Geburten 430 Todtgcburten, in Niedcrbaycrn mit 99 Procent katholischer Bevölkerung nur je 166 Todtgeburten. Nach der im ärztlichen Jntelligenzblatte mitgetheilten Zusammenstellung sind von den in den 22 Jahren 1835/57 in Bayern lebend geborenen 3,310,278 Kindern im ersten Lebensjahr 996,005 oder 30 Procent gestorben. Nach einzelnen Regierungs-Bezirken hat sich übereinstimmend für jedes einzelne Jahr und für jedes der vier Quinquennien die durchschnittliche Sterblichkeit berechnet in der Reihenfolge der Häufigkeit in Schwaben 40,2 Procent von hundert Lebendgeborenen, in Oberbayern 39,5 Proc., Niedcrbaycrn 34,0 Proc., Oberpfalz 31,6 Proc., Mittelfranken 30,1 Proc., Unterfranken 23,5 Proc., Obcrfranken 21,0 Proc, Pfalz 18,4 Proc. Diese Reihenfolge wurde in keinem der 22 Jahre gestört oder gewechselt, und Dieses zeigt auf eine territorial zwingende Ursache. Eine Parallele findet sich nur für diese Unterschiede in den Elevations-Verhältnissen der einzelnen Regierungs- Bezirke je n»ch der Erhebung des Bodens über der Meeresoberfläche. Die einzelnen Regierungs-Bezirke bilden für diese summarische Betrachtung ganz allgemeine Unterschiede, verschieden hohe Terafsen, angezeigt durch den Lauf der Flüsse. Vom Regierungs- Bezirke Schwaben fließen, als von der höchsten Terasse, alle Wasser ab und bespülen hierauf die Regierungs-Bezirke Obcrbayern und Niedcrbaycrn; von der Oberpfalz fließen alle Flüsse ab nach Niedcrbaycrn, von Mittelfrankcn fallen die Wasser ab nach der Donau oder dem Rhein, es ist höher gelegen als die Kreise Ober- und Unterfranken, und diese wieder höher als die Pfalz, wohin die Flüsse Frankens abfließen. Diese Parallele ent« 127 spricht nicht bloß der Reihe, sondern auch der Intensität nach der Kindersterblichkeit im ersten Lebensjahre, mit der einzigen Ausnahme von Ober- und Unterfranken, indem im höher gelegenen Oberfranken die Kmdersterblichkeit 21 Proc., in Untcrfrankcn 23 Procent ist. Eine veranlaßte gleichmäßige Erhebung der Lcbendgeborencn und der im ersten Lebensjahre Gestorbenen in den zehn Jahren 1846/56 von Regierungs-Rath Dr. Sick hat ergeben, daß dort bei Ausscheidung der einzelnen Oberämter (also kleineren Bezirken) die Unterschiede noch größer sind. Ju den höchstgelegencn Oberämtcrn der rauhen Alpe sind von 100 Lebendgeborenen durchschnittlich im ersten Lebensjahre 51 gestorben und im tiefstgelegcnen Oberamt Mergentheim in allmähligcr territorialer Abstufung nach der Höhe nur 23 Procent. Es erscheint nun nicht mehr auffallend, daß in den Tief- und Flachländern Preußens, Belgiens und Hollands und selbst Frankreichs eine geringere Sterblichkeit ist, wie in der bayerischen Nhcinpfalz, weil dort wie hier die Elevation über die Mceresfläche eine geringe, somit das Klima den neugeborenen Kindern günstig ist. Es bedarf nur einer eingehenden Betrachtung dieser Verhältnisse, um dieselben bei Anwendung großer Zahlen auch immer bestätigt zu finden. — Und wäre es nicht die Statistik, so wäre es ferner die Physiologie, welche diese Thesis der größeren Kmdersterblichkeit in Hochländern aufstellen würde. Das zarte Leben der Neugeborenen ist gegen Wittcrungs - Einflüsse am Empfindlichsten, und keine Kunst und keine Gunst der Kultur, der Wohnung, der Pflege kann die dünnere Luft, den raschen Temperaturwechsel, die stärkere Verdunstung, die intensivere Inhalation, die häufigen Winde, die stärkeren Barometer- und Thermometer- Schwankungen in Hochländern beseitigen. Es war und wird deßhalb immer so bleiben. Die Früjahrsfröstc, welche so viele Blüthen und Hoffnungen in der Pflanzenwelt zerstören, sind permanent für die ersten Blüthen des Menschengeschlechtes durch die Eigenthümlichkeit des Klima's auf Hochebenen. Dagegen für die späteren Jahre ist dieses Klima der Entwicklung günstiger, und die besten Soldaten, die hohen Lebensalter und die größte Fruchtbarkeit der Ehen finden sich auf diesen Territorien, was in dem oben erwähnten ärztlichen Jntelligenzblatt nachgewiesen ist. Neben dieser Allgemeinheit der physikalischen Agentien als dem mächtigsten Regulator der Sterblichkeit im ersten Lebensjahre bleibt aber noch die Macht der Kultur und Gesittung, welche durch diese Thesis nicht abgeschwächt werden soll. Nur versuche man nicht, mit kleinen Zahlen und Beispielen diese allgemeine Erfahrung und physiologische Thesis zu widerlegen. Die Statistik hat nur Werth und Geltung in großen Zahlen, niemals bei kleinen, und hier kann nur die Regel gefunden werden, wenn mit wenigstens 100,000 Lebcndgcboreneu gerechnet wird, die auch in kleinen Gemeinden gefunden werden können, wenn das Material für eine lange Reihe von Jahren zurück vorhanden ist. Die Regel und das Gesetz der Mehr- geburt von Kuabcu, daß auf je 100 Mädchen 105 bis 107 Knaben geboren werden, findet sich nie bei kleinen Zahlen und in einzelnen Gemeinden, immer aber, wenn wenigstens 100,000 Geburten registrirt werden. Diese kleine Schwankung von 105 bis 107 muß den Irrungen bei der Registrirung offen gelassen werden, weil die unreif und todt Geborenen nicht regelmäßig constatirt werden, und diese das Gesetz mit constituircn. — Die Thatsache der stets zunehmenden Kindersterblichkeit in Bayern seit 1835 beweist, daß außer territorialen Einflüssen, welche alle Jahrzehnte gleichbleibend zu erachten sind, noch andere Factoren für diese Steigerung wirksam werden. Nach einer Zusammenstellung von Dr. Mayer, Mitarbeiter im statistischen Bureau in München, waren von je tausend Leichen solche im Alter von 0 bis 1 Jahr im Durchschnitt der 25 Jahre 1835 60: 390, im Jahre 1863/64: 424 und im Jahre 1864,65: 414, also eine Differenz von 14 Proccnt zwischen dem Durchschnitt der ersten 25 Jahre nnd dem letzten Jahre. — Dasselbe Verhältniß der Steigerung zwischen 10 und 16 Proccnt berechnet sich bei jedem einzelnen Kreise in denselben Zcitperiodcn. Diese regelmäßige Steigerung in allen Kreisen imponirt, und hier ist die Ursache in ethnographischen socialen Zuständen zu suchen. — Die allgemeine» hygienischen Verhältnisse, Wohnung, Nahrung, Kleidung, haben sich in diesen Zeitpcrioden überall gebessert, und die Sonne der Cultur und Civilisation verbreitet ihr Licht und Wärme auf Arme und Reiche, auf Stadt und Land, hier sind die Ursachen nicht zu suchen. Wenn nicht eine Minderung der Qualität der Eltern und Ehen angenommen werden will, was in dieser Allgemeinheit nicht denkbar ist, wäre eine andere Parallele zu suchen, welche solche Wirkung erklären kann. Es ist Dieses eingehender Betrachtung werth zuerst vom statistischen Bureau zur Feststellung der Thatsache, dann von den Aerzten und Bcrwaltungs - Beamten zur Aufklärung der Ursache. Ein Weg zur Verfolgung wurde schon in der Neichsraths-Kammcr angedeutet, der Unterricht, die Qualität und Wirksamkeit der Hebammen. Daneben ist die Abnahme erfahrener ärztlicher Hilfe auf dem Lande in Betracht zu ziehen, wo die Aerzte und Wundärzte immer seltener werden, und die Kindcr-Praxis kaum geübt und gepflegt wird. (Südd. T.) Zwei Beispiele von Nächstenliebe. Das „Hildeshcimcr Sonntagsblatt" schreibt: „In der ersten französischen Revolution verfolgten zwei republikanische Dragoner Aurain, den Pfarrer von Figrai. Dieser erreichte auf der Flucht das Feld und durchschwamm einen kleinen Fluß. Ein Dragoner stürzt ihm nach, sinkt unter und schreit um Hilfe. Der Priester einer Religion, welche Feindcsliebe lehrt, kann nicht taub bleiben gegen die Stimme eines um Hilfe rufenden ! Feindes. Rasch wendet er sich um, wirft sich neuerdings in die Fluthcn und bringt den halbtodten Soldaten an'S User. Als dieser wieder zu sich gekommen war, erkennt er den Pfarrer von Figrai. „Wie!" ruft er aus, „Sie sind es, der mich gerettet hat? Sie, den ich verfolgte, dein ich den Tod geschworen hatte? Man hat uns also hintergangcn, da man uns immer iu die Ohren schrie, die Priester dürsteten nur nach Rache!" Ja wohl hat man euch hintcrgangen, ihr Leute! j Wir fügen ein Beispiel bei, das wir anderwärts einmal gelesen haben. ^ In Paris kam ein Mann zum Sterben, und er konnte nicht sterben. Sein Anblick ^ war grauenerregend, denn schrecklich gcbcrdelc er sich, schrie, heulte, zuckte zusammen, — ? warf sich ächzend auf seinem Lager hin und her. Seine Frau konnte nicht länger Zeuge dieser Verzweiflung sein. Sie ging, um einen Priester zu suchen; aber die Priester ' waren gemordet und verjagt, und die nicht gemordet und verjagt waren, die hielten sich !! verborgen. Aber durch gute Leute erfragte die gcängstigtc Frau doch einen, und dieser !j ging mit ihr in das Haus des Schreckens. Als er vor dem Kranken stand, kam dieser zu sich. Er konnte seinen Augen nicht trauen, er rieb sie, er stützte die Hände auf das !, Bett und raffte sich mit verzweifelter Kraft auf, und schaute dem Priester in's lächelnde § Angesicht. Ja, es war ein Priester, er konnte sich nicht täuschen, der Engel der Verzweiflung malte ihm kein Schattenbild vor. Kraftlos sank er in die Kiffen zurück und s stöhnte: „Wie, Sie, ein Priester bei mir? Sie wissen nicht, daß ich einer von den z September-Mördern bin? Ich habe, o wie viele Priester erschlagen, ich habe ihr Blnt ^ getrunken..." — „Seien Sie froh," sagte der Priester, „daß Sie noch einen übrig gelassen haben, der jetzt da ist, um Sie mu Gott zu versöhnen." ^ In Wien gab'S eine großartige Beleuchtung, als Kaiser Franz nach Beendigung ! deS französischen Krieges wieder einzog. Da fand sich an einem geringen Hause ei» s Transparent, auf welchem ein Franziskaner abgebildet war, über seinem Haupte das ! Wörtkcin: „liebern." Jedermann, auch die kaiserlichen Herrschaften, zerbrach sich den Kopf wegen des Sinnes. Da rief ein Schuster-Junge aus der Menge: „Schauen'-! Doas sagt ja ganz deutli: Ueber'n Franz is' Kaner." Drnck, Aerlag und Redaction des »lterarischen Justitnt« »on Dr. M. Huttler. ) Nro. 17. 25. April 18'i9. Ä l'i E? lT- ^ Unter dem Mutterherzeu keimt des Kindes Leben, am rm Muttterherzen und aus ihm heraus soll es erblühen. Mutterherzen eulwickclr es sich. Julie Burow. Die Entsagenden. (Fortsetzung.) Der Ton, in dem Angelika diese Worte sprach, rührte den jungen Mann fast bis zu Thränen. „Sei es denn," erwiderte er, „ich will den Kampf aufnehmen mit Leidenschaft und Pflicht. Wie schwer er mir wird, davon ist diese Stunde Zeuge. Mit festen Vorsätzen, mit wohlklingenden Phrasen betrat ich diesen Ort, ich dünkte mich ein Titan an Tugend und Entsagungskraft; ach, und jetzt, da ich Dich wieder gesehen, Angelika, da sank ich zum Pygmäen herab, dessen Willenskraft dahin schwankt, wie das herrenlose Boot auf den Wogen des Oceans. Aber wenn jene Stunde kommt, wo der Mensch, der Sterbliche mit seinen Fehlern und Schwächen in mir erwacht, wo mein Geist — ermattet in seinem ungleichen Kampfe, da versprich nur, daß Du dann mich hören willst, ehe es zu spät ist; daß Du auch dann mein Führer bleiben und entscheiden willst, was ich rhun, was ich lassen soll!" „O möge dieser Tag, ewig, — ewig fern bleiben!" rief Angelika; „aber sei rS darum," fuhr sie fort, „wer sagt mir, ob nicht auch für mich früher oder später, ob nicht auch mein Herz erliegt in diesem unseligen Zwiespalt? Vertrauen und Entsagung heiße fortan unsere Devise; und so lasten Sie uns scheiden." „Vertrauen und Entsagung!" — wiederholte Rndolph, die dargebotene Rechte deS Mädchens erfassend, und sie heftig in der seinen Pressend. Aber mit rascher Bewegung zog sie Angelika zurück und wies auf das Haus, das der helle Strahl des Mondes beleuchtete. „Sehen Sie dort!" flüsterte sie, „Angclüa, wacht, großer Gott, wenn sie uns entdeckte!" Der Baron blickte in der bezeichneten Richtung hin. Ein matter Lichtschein drauq aus tiiem der Fenster, das bis jetzt völlig dunkel gewesen war, er wußte, daß dieses Zimmer seiner Braut gehörte. „Fliehen Sie von diesem Orte," fuhr Angelika fort, „ehe es zu spät, möge Gott mir beistehcn, unbemerkt meine Kammer zu erreichen." Ein flüchtiger Druck der Hand und die Beiden trennten sich. Angelika sah dem jungen Manne nach, bis seine Gestalt im Schatten der Bäume verschwand, — und der letzte Tritt verhallt war. Dann aber löste sich die Miene der Zurückhaltung, die sie bisher künstlich zur Schau getragen hatte, und ein Strom heißer Thränen raun wie ein erquickender Born über ihre Wangen. Ein einziger Blick zum Stcrnenhimmel kündete den Schmerz, den diese Stunde über sie gebracht hatte. Langsam, mit unhvrbarcn Schritten, schlich sie in's Haus zurück. Alles war tief stille und säst glaubte sie, daß ihre Cousine erwacht sei, sich getäuscht zu haben, als sie Angelika's Zimmerthür sich öffnen und dieselbe — eine Kerze in der Hand — auf dem Corridor erscheinen sah. Ihr Herz klopfte fast hörbar unter dem ernsten, fast vorwurfsvollen Blicke des Mädchens, ihr war eS, als ob sie eine Sünde begangen habe, und stumm, keines Wortes Mächtig, stand sie da. * - K 130 „Du warst im Garten," —> begann endlich die ältere Angelika, „kannst Du nicht Ruhe finden?" „Es war ein schwüler Tag," stammelte die Angeredete, „und mein Blut so erhitzt von der Reise, daß ich ein wenig Kühlung in der srischen Nachtluft suchte." Der Blick ihrer Cousine ward durchdringender. „Seltsam," sagte sie, „war mir doch, als hörte ich flüsternde Stimmen von meinem Fenster aus im Garten; ja, als sähe ich zwei Gestalten am Rande der Fontaine, von denen nur Eine in das Haus zurückkehrte. Es wird auch wohl nur eine Phantasmagorie der erregten Sinne gewesen sein." Das junge Mädchen erröthcte. „Was willst Du damit sagen," fragte sie zitternd, „mit wem soll ich in stiller Nacht im Garten Deines Hauses geredet haben?" Angelika schwieg. Nach einer Pause ergriff sie beide Hände ihrer Cousine und rief im herzlichen Tone: „O zürne mir nicht, mein Kind, sich', der finstere Dämon, von dem ich Dir erzählt, kam über mich diese Nacht. Mir war's, als tönte mahnend in mein Ohr der Ruf: Du bist verrathen, und auf trieb es mich von, Lager. Mit Fieberhitze durchglühte es mich, und ich trat an'S Fenster, um im Anblick der friedlichen schlüinmerndeu Natur meine Aufregung zu bemeistcrn. Da war mir'S, pls sähe ich Dich im weißen Gewände, und zu Deinen Füßen, den Arm um Dich geschlungen, lag Rudolph, — Du erwidertest seinen Kuß und spottetest meiner, der Verrathenen, die doch selbst ein Opfer der Verhältnisse ward. Aber jetzt, da ich Dich vor mir sehe, da ich in Dein liebes, treues Auge schaue, da weichen die finsteren Mächte von mir, und ich bin wieder die Alte, glaubend und vertrauend. Und nicht wahr, Angelika, Du wirst, Du kannst mich nicht verrathen!" „Nie, niemals!" — rief Angelika glühend, die Arme um ihre Cousine schlingend, „eher sterben!" „So laß uns die lang vermißte Ruhe aus's Neue suchen und hoffentlich mit besserem Erfolge," sagte diese, einen Kuß auf die Stirne des jungen Mädchens drückend. „Gute Nacht, mein Kind." Die Verwandten trennten sich, und bald herrschte aus's Neue ein tiefes, aber dicseSmal ununterbrochenes Schweigen im Hause des Direktors. Wochen verstrichen; der Zeitpunkt, wo die Trauung dcS vielbesprochenen Paares- stattfinden sollte, rückte immer näher heran, — und mit jedem Tage ging stärker ein Geflüster durch die Stadt und die umliegenden Güter. Wetten wurden gemacht, ob- die Ceremonie mit Gepränge oder ganz im Stillen begangen werde, ja Emige wollten sogar behaupten, daß man sie noch am letzten Tage, als nicht stattfindend verkündige.. Nur die Hauptpersonen der über sie ergehenden Vermuthungen schienen mehr oder minder die Unbethciligsten bei der ganzen Sache zu sein. Sowohl Angelika, als auch Baron Rudolph trugen vor den Augen der neugierigen Menge ein immer gleiches, undurchdringliches Antlitz zur Schau. Allein Gcsichtsmienen gleichen den Pulverminen, sie bergen Aufregung unter sanfter, ruhiger Oberfläche, und nur der Eingeweihte vermag sie zu enträthscln. Dagegen sprach man von einer bedenklichen Abnahme der Geisteskräfte des altem Baron Duroy, der seit einiger Zeit wie ein Einsiedler auf seinem Schlöffe lebte, und- mancher Scharfblickende glaubte bemerkt zu haben, daß diese Jsoliruug von dem Tage an geschehen sei, wo sich öffentlich die Verlobung seines Sohnes mit der Nichte des Direktors ausgesprochen hatte. Ein peinlicher Zustand herrschte sowohl auf dem Schlöffe, wo sich seit einiger Zcib die Familien, die bald ein engeres Band vereinen sollte, zusammenfanden, als auch im Hause des Direktors. Rudolph, der von Tag zu Tag bleicher ward, bot seine ganze- Kraft auf, um seine Braut über die Wahrheit seines inneren Leidens zu täuschen, das- er ciuer momentanen Unpäßlichkeit zuschrieb. Und in der That schien ein Fieber über ihn gekommen zu sein, eine nie an ihm gekannte Leidenschaft trat in Rede und That hervor, seine Blicke schweiften unstät und irrend, und hefteten sich mit glühendem Ausdruck auf die jüngere Angelika. Welche Qualen seine Braut bei diesem Zustande ihres Verlobten litt, können wir nicht beschreiben. Sie sah die wachsende Leidenschaft des jungen Mannes zu ihrer Cousine, aber sie schwieg, und nur Nachts, wenn sie allein war, schüttete sie in brünstigen, thräncnreichen Gebeten ihr ganzes Herzeleid in den Schooß des Ewigen. Dagegen schien das junge Mädchen nichts von dem seltsamen Betragen Rudolph'S gegen sie zu gewahren, ja, geschah es, daß ihre Augen sich einmal begegneten, so geschah dies von ihrer Seite mit einem strengen, abweisenden Ausdruck, — der den Baron erröthen ließ. Das junge Mädchen schien die Einzige zu sein, die Heiterkeit und Licht in ein Haus brachte, über dessen Bewohner die Traurigkeit einen Schleier geworfen hatte. Selbst der finstere Direktor ward heiterer gestimmt, wenn er ihre frische, wohlklingende Stimme vernahm. Wenn sie das Clavicr öffnete und muntere Weisen sang, erschien sie so fröhlich und sorglos, als sei nie ein Gedanke des Leidens in ihr Herz gezogen. Keiner, außer Angelika, die oft in nächtlicher Weile still den Töne» mit bitteren Thränen lauschte, ahnte, daß dieselbe Stimme, wenn Alles zur Nuhc gegangen war, gar traurig durch die Nachtluft drang, und Lieder sang, voller SchnsuchtSschmerz und Herzensweh. Aber eine geheime Furcht hielt die Braut ab, den Schleier von diesen Entdeckungen zu ziehen. Sie war blind 'mit sehenden Augen, und wie das Qpfer, das keinen Ausweg sucht, dem sich vor ihm austhürmcndcn Schaffst zu entrinnen, schritt sie bleich und gefaßt ihrem Veihüngniß entgegen. Noch einmal hatte sie ihren Onkel beschworen, das Band, das sein Wille aneinander kettete, noch im letzten Augenblick zu lösen, aber der Direktor, der nur in diesem Verlangen eine Schonung der Duroy sah, hatte sie entschieden zurückgewiesen, und einen Tag bestimmt, an dem die Trauung stattfinden sollte. „Der Alte muß den Kelch leeren bis auf die letzte Hefe," sagte er bitter. „Seine Strafe wird erst von dem Tage an beginnen, da er gezwungen sein wird, Duroy zu verlassen und von der Gnade meiner Nichte zu existiern, oder fern von der Welt seine letzten Tage öde und einsam zu verbringen." „Und glauben Sie, daß sich Baron Leopold nicht an diese Einsamkeit gewöhnen könne?" fragte Angelika; „ja, daß nicht dort einst Zufriedenheit in sein durch Neue und Buße geläutertes Herz einkehre?" „Lehre mich nicht Leopold kennen," — rief der Direktor. „Eher würde er sich im Zuchthaus«: zufrieden geben, denn dort findet er Gesellschaft und braucht sich nicht zu verstellen. Und dennoch Hütte ich mich nicht gescheut, den stolzen Edelmann vor die Schranken des Criminalgcrichts zu ziehen, wäre nicht im tiefsten Winkel des Herzens die Erinnerung an eine frühere glückliche Zeit aufgetaucht, und hätte leise um Erbarmen für den Schuldigen gefleht." Aber kaum unterbrach er sich, — „ich höre Deinen Nudolph unten, Du magst ihm selbst den Tag Eurer Vermählung verkündigen, oder soll ich Deiner Cousine den Lusirag geben, wenn sich Dein Zartgefühl dagegen sträubt?" „Ja, Angelika möge ihm Ihren Willen offenbaren," erwiderte seine Nichte, „ich habe nicht die itraft, einem Schuldlosen sein Todcsurtheil darzureichen." „Du setzest Dich selbst herab, indem Du ihm eine so starke Abneigung gegen die Verbindung mit Dir zuschreibst. Ich gebe Dir mein Wort, daß der Geist, die Güte und die Anmuth deines Herzens ihn an Dich fesseln, — und wenn je eine Liebe in seinem Herzen wohnte, diese ausgelöscht ist, seitdem er sich Deinen Verlobien nennt." „Sie täuschen mich nicht. O, ich kenne das Antlitz Nudolph's besser. Er leidet unsäglich, — da sein edler Sinn ihn verhindert, mir jemals die geschworene Treue zu brechen, und mich lieben — wird er niemals können, denn mein Anblick wird ihn zu jeder Zeit an das Opfer erinnern, das er, seinem Vater brachte." 132 „Wenn Du dies fürchtest/' unterbrach sie der Direktor, „warum nahmst Du denn Deine Cousine bei Dir auf? Fürchtest Du nicht, Dich von ihr verdunkelt zu sehen? Ist Dein Verfahren, ein junges blühendes Mädchen täglich vor die Augen eines leidenschaftlichen Gatten zu bringen, — nicht eine mehr oder weniger direkte Mahnung zur Untreue?" „Möge Golt die Zukunft leiten," antwortete das junge Mädchen, „mir war's, aks ob eine innere Stimme mir befahl, Angclika's Ankunft zu beschleunigen. Sie erschien nur als der gute Genius der Trostlosen, durch sie glaubte ich, müsse Alles, Alles gut werden. Sie liebt mich, Oheim, und diese Liebe, vereint mit Nudolph'ö Edelmuth, bürgen mir für die Zukunft. Und nun noch eines, mein Oheim! Gestatten Sie mir, von meinem Vermögen Ihre Forderungen an den alten Baron zu decken; lassen Sie jenes Kästchen, das den Preis des OpfcrS seines Sohnes enthält, neben dem verhängniß- vollen Wechsel auch die andern Papiere umschließen, nehmen Sie ihm nicht die Stätte, an der sein Herz hängt." „Sein Gut muß mein werden," erwiderte der Direktor. „Schon sind die bezüglichen Dokumente in meinen Händen. Eure Trauung wird in der dortigen Kapelle vollzogen, und sobald die Ceremonie beendet, verläßt Baron Leopold die Gegend auf Nimmer» Wiedersehen, vor den Augen der Menschen zwar vor Schande gerettet, aber entehrt vor seinem eigenen Gewissen und entfernt von seinem Sohne, den er liebt. So rächt sich der Fluch einer schändlich Geopferten." Ein Klopfen an der Thür unterbrach ihn. Auf sein „Herein" erschien Angelika auf der Schwelle. Sie war sehr bleich und eine unterdrückte Aufregung lag in ihren Zügen. — „Baron Nudolph ist so eben angelangt," redete sie zu dem Direktor gewandt, „er fragt nach seiner Braut." „Gut, daß Du kommst," unterbrach sie der alte Herr. „Du magst ihm anzeigen, daß am nächsten Mittwoch seine Trauung mit Deiner Cousine stattfindet. Aus Deinem Munde wird ihm diese Kunde sicherlich wie eine Engelsboischaft tönen." „Wer — ich?" — rief Angelika zitternd, sich fast vergessend, „ich sollte — — o niemals!" Der Direktor blickte sie erstaunt an. „Was könnte dieser Auftrag für Dich Unangenehmes enthalten? — Sollte man fast meinen, die Eifersucht spräche aus Deinem Weigern!" Mit fast übermenschlicher Anstrengung bezwäng das junge Mädchen ihre Gefühle. „Angelika braucht Nichts zu besorgen," erwiderte sie, „denn der Baron ist für mich ein zu rrnuriger Liebhaber. Aber wenn mich Ihr Auftrag erschreckte, so geschah es, weil sich mir die Betrach ung aufdrängte, wie verhängnißvoll meine Botschaft sei." „So laß uns hinuntergehen," sagte der Direktor sich erhebend, „der Bräutigam harrt gewiß schon mit Ungeduld." Nudolph saß am geöffneten Flügel, als die Mädchen vom Direktor gefolgt, den Salon betraten, seine Finger flogen stürmisch über die Tasten, als wollten sie die Wogen schildern, die durch seine Seele fluthctcn. leise trat die jüngere Angelika hinter ihn. „Herr Baron von Duroy," flüsterte sie, „ich bringe Ihnen eine Botschaft, die Sie erfreuen wird." Nudolph wandle sich um, sein Antlitz war von Thränen überflnthct. „Großer Gott> Sie haben geweint, Nudolph!" — rief sie mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes. Der Ton, mit dem ihre Cousine diese Worte sprach, ließen Angelika herbei eilen. „Thränen, mein Freund," flüsterte sie, die Hand des Barons ergreifend, ,o wen beweinen Sie in dieser Stunde von uns Dreien?" „Still!" flüsterte das junge Mädchen, auf den Direktor deutend, der eben näher 133 trat. „Ich soll Ihnen eine freudige Kunde bringen, beauftragt mich der Oheim. Am nächsten Mittwoch findet Ihre Trauung statt." Sie hatte diese Worie mühsam zu Ende gebracht, aber jetzt, noch ehe Nudolph — der wie ein Trunkener schwankte — eine Silbe erwidern konnte, fuhr sie mit lauter Stimme fort: „Und jetzt ein fröhliches Licdchen nach dieser traurigen Kunde. Hören Sie doch, Herr Baron, was ich diesen Morgen von der Handlung gesandt erhalten habe. Es ist vom Licblings-Componistcn der ganzen Residenz." (Fortsetzung folgt.) Humanität Pius des Neunten Im vergangenen Jahre durchwanderte Papst Pius der Neunte einmal ganz allein die Zimmer und Säle des VaticanS, um sich, nach dem Gebote seines Arztes, etwas Bewegung zu machen, was er, ungünstigen Wetters halber, im Freien nicht ausführen konnte. In einem der Säle bemerkte er einen sehr jungen Mann, der in stummer Betrachtung, oder vielmehr Verzückung, vor einem bewunderungswürdigen Fresko-Gemälde des „göttlichen Raphael," wie ihn seine Landslcute nennen, dastand. Stillschweigend wollte der Papst vorüberschreiten, um den Kunst-Enthusiasten nicht zu stören; aber dieser hörte dennoch leichtes Geräusch und wandte das Haupt, worauf er sich tief verbeugte, als er den Greis in seinem weißen Gewände vor sich stehen sah, der ihn mit freundlichem und klugem Lächeln betrachtete. Pins hatte eine Künstlcrseele in dem jungen Menschen errathen, und fragte denselben wohlwollend: „Sind Sie ein Maler, mein Sohn?" „Ja, heiliger Vater, ich möchte wenigstens einer werden." „Wahrscheinlich sind Sie Ihrer Studien halber nach Rom gekommen?" „So ist es, heiliger Vater." „Ohne Zweifel sind Sie ein Schüler der hiesigen Maler-Akademie?" „Ach nein, leider nicht." „So haben Sie irgend einen besondern Lehrer?" „Nein, auch das nicht, ich bin zu arm dazu. Ich muß meine Studien ganz allein machen und habe mir Raphael zum Lehrer und Meister auserkoren." „Nun, mein Sohn, es wäre doch vielleicht bester für Sie, wenn Sie in die Akademie einträten. Thun Sie es so bald als möglich; wenn es Ihnen recht ist, werde ich die Kosten übernehmen." „O, heiliger Vater, wie kann ich — " „Still, danken Sie mir nicht." „Aber Eure Heiligkeit misten nicht, daß ich —" „Sprechen Sie, mein Sohn, was haben Sie auf dem Herzen?" sagte PiuS gütig. „Ich bin Protestant." „Oh," erwiederte lachend der Papst, „was geht das die Akademie an?" Seit dieser Zeit studirt Georg Johnston auf Kosten des Papstes auf der römischen Maler-Akademie, und gedenkt seinem Gönner alle Ehre zu machen. (Warum hat PinS IX. seine Primiz in einem Waiscnhause- gefeiert?) Ein junger Geistlicher, erzählt Abbs Dumax in dem interessanten Büchlein: „Charakteristische Züge aus dem Leben Pius IX." (Mainz bei Kirchhcim, dritte Auflage), hatte die Ehre, einige Tage nach seiner Ordination zum Priester vom heiligen Vater in besonderer Audienz empfangen zu werden. „Mein theuerer Sohn," 134 sagte liebevoll Pius IX., nachdem er ihm seinen Segen gegeben, „Sie find jetzt Priester «nd haben bereits mehrfach das Gluck gehabt, das heilige Meßopfer darzubringen." — ' „Ja, heiliger Vater." — „Und «o, mein Sohn, haben Sie Ihre erste Messe gelesen?" „Zu Sanct Pclcr in den Grotten des Vaticans." — „Sehr wohl ... : Es muß Ihnen dies zu hoher Freude gereichen, ich wünsche Ihnen Glück. Was mich ! anbelangt, ich las meine erste Messe im Tata Giovanni, mitten unter den armen Waisen." Bei diesen Worten sammelte sich der heilige Vater einige ? Augenblicke, wie um in freundliche Erinnerungen sich zu Verliesen. Dann das Gespräch wieder aufnehmend, fragte er: „Und wo, mein Sohn, haben Sie Ihre zweite Messe gelesen?" — „Heiliger Vater, zu Santa Maria Maggiore." — „O, ein herrlicher und frommer Gedanke! Santa Maria Maggiore, ein köstliches Hciligthum. Ich beglückwünsche Sie nochmals, mein Sohn. WaS mich anbelangt, so las ich meine zweite heilige Messe im Tata Giovanni! . . . Arme Kinder!" Der heilige Vater beugte bei den > letzten Worten das Haupt und schwieg länger als vorher. Hierauf zum dritten Male > an den jungen Priester sich wendend, fragte er ihn wieder: „Und wo haben Sie Ihre I dritte Messe gelesen?" — „Zu Sanct Johannes vom Lateran." — „Sehr gut, sehr s gut, mein Sohn; ich bewundere die Frömmigkeit und die glückliche Wahl, die Ihr Herz i getroffen. Sanct Johannes vom Lateran ist mit Sanct Peter und Santa Maggiore ! eines der erhabensten Gotteshäuser der katholischen Welt. Was mich anbelangt, so habe i ich meine dritte Messe immer noch im Tata Giovanni gelesen, und dort," fügte der hei- i lige Vater mit weicher Stimme hinzu, „dort war es, wo ich meine vierte, meine fünfte und alle folgenden las. Mein Herz hatte wohl nach dem Glücke verlangt, das Sie gekostet, aber konnte ich mich von meinen armen Kindern entfernen? War ich nicht ihr Vater! Welche Freude gewährte es ihnen, mich am Altar in ihrer Mitte zu sehen! — Welche Genugthuung war dies nicht für mich!" ^ Das Gift-Thal auf der Insel Java. So unentbehrlich die Kohlensäure für das Pslanzenlcbcn ist, so ist sie doch ein Gift für die Thiere, und eben deßhalb darf die Lust nur eine geringe Menge davon enthalten. Wäre ihr Gehalt bedeutend größer, als er ist, so könnte die Lust von den Thieren nicht ohne Schaden für ihre Gesundheit eingeathmet werden. Andererseits aber würden die Pflanzen aus der Luftmischnng nicht die hinreichende Menge von Kohlensaure aufsaugen können, wenn nicht die Millionen Blatter, welche ein einziger Baum nach allen Richtungen in die Luft hinausstrcckt, sie in den Stand setzen würden, ihrem Bedürfnisse zu genügen, ohne den Thieren schädlich zu werden. So enthält ein einziges Blatt unseres Kliedcrstrauchs gegen 400,000 Poren, welche zur Tageszeit fortwährend Kohlensäure »insaugcn, und an einer einzigen Eiche hat man schon Millionen Blätter gezählt! Daö merkwürdigste Beispiel einer mit Kohlensäure überladenen Luft bietet das berüchtigte Gift-Thal auf der Insel Java. Ein Reisender schildert dasselbe folgendermaßen: „Wir nahmen zwei Hunde und einiges Geflügel mit, um in dem giftigen Thal Versuche damit anzustellen. Am Fuße des Berges stiegen wir ab und klommen etwa fünfhundert Schritte weit hinan, indem wir uns am Gestrüpp festhielten. Wenige Schritte von dem Thal entfernt empfanden wir einen starken, widrigen und erstickenden Geruch, der aber, als wir bis zum Rande vorgedrungen, verschwand. Das Thal enthält ungefähr lausend Schritt im Umfang, es ist länglich, und dreißig bis vierzig Fuß tief. Der Boden ist ganz flach, besteht aus einem harten Sande, ohne Pflanzenwuchs, und ist mit einzelnen großen Flußkieseln bedeckt. „Uebcrall sah man Gerippe von Tigern, wilden Schweinen, Hirschen, Pfauen und Vögeln aller Art. Es wurde nun berathschlagt, ob mir in das Thal hinabsteigen; aber ,n der Stelle, wo wir uns befanden, war dies schwierig, da ein einziger falscher Schritt uns in die Ewigkeit befördert hätte und offenbar kein Beistand möglich war. Wir zündeten unsere Cigarren an, und drangen mit Hülse eines Bambus' bis auf achtzehn Fuß ^ von der Sohle der Vertiefung vor. Ein äußerst widriger Geruch drang uns entgegen, s ohne indeß das Athmen zu erschweren. Nun befestigten wir einen der Hunde am Ende eines achtzehn Fuß langen Bambus und schoben ihn hinab. In etwa vierzehn Sekunden , fiel er auf den Rücken, ohne ein Glied zu rühren oder sich umzusehen, doch fuhr er noch ^ eine Viertelstunde fort zu athmen. Hierauf schickten mir den zweiten Hund hinein, der s freiwillig bis zu der Stelle ging, wo sein Leidensgefährte lag. Hier stand er ganz still, siel dann nach zehn Minuten vorn über und athmete ebenfalls noch sieben Minuten. ! Ein Vogel, den wir nahmen, starb in anderthalb Minuten; ein anderer, den wir hinein ! warfen, war todt, bevor er noch den Boden berührte. s „Während dieser Versuche wurden wir von einem starken Regenschauer überrascht. Aber das schreckliche Schauspiel vor unseren Augen hielt uns in solcher Spannung, daß ! wir wenig darauf achteten, durchnäßt zu werden. Auf der entgegengesetzten Seite lag, ! nahe an einem großen Stein, das Gerippe eines Menschen, welcher, auf dem Rücken ' liegend, und die rechte Hand unter dem Kopf, hier umgekommen sein mußte. Seine i Gebeine waren von dem Wetter gebleicht und weiß wie Elfenbein. Gern hätte ich das ! Skelett gehabt; aber jeder Versuch, es zu erreichen, wäre Wahnsinn gewesen." ! - § Miscellen. (Heilung des grauen Staares ohne Operation.) Die Art der Blindheit, welche gleichsam wie ein Schleier das Auge besängt und gewöhnlich als grauer § Staar bezeichnet wird, besteht bekanntlich in der Undurchsichligkcit der Krhstall-Linse oder / ihrer Membrane, wodurch das Eindringen der Lichtstrahlen und somit das Sehen gehindert wird. Ursache dieser Veränderung der Krystall-Linse, in Folge deren sie ihre: d ursprüngliche Durchsichtigkeit verliert, ist in der Regel, wie man weiß, vorgerücktes s Lebensalter, doch kann auch durch äußere Einwirkung auf das Auge, durch heftige plötz« ^ liche Lichteindrückc, durch Sloß, Fall u. s. w. in früheren Lcbensperiodcn eine Verdunklung l der Krystall-Linse eintreten. Die Heilung des,grauen Staares wnrde bisher ausschließlich auf dem Wege einer chirurgischen Operation versucht und bewerkstelligt. Diese besteht darin, daß man das Hinderniß entfernt, welches sich dem Durchgänge dcS Lichtes durch die Pupille entgegensetzt. Dieses Hinderniß ist aber hier die getrübte Krystall-Linse, welche daher nach verschiedenen operativen Methoden entweder aus dem Auge entfernt, oder in den unteren Theil des Auges aus dem Bereiche der Pupille zurückgedrängt wird. Gewiß ist schon oft daran gedacht worden, die trübgewordcne Linse mit Umgehung des immerhin unter Umständen nicht gefahrlosen operativen Eingriffs durch örtliche Behandlung wieder durchsichtig zu machen. Dieser nahe liegende Gedanke hat neuester Zeit Verwirklichung gesunden — wir wollen es wenigstens hoffen — durch eine Reihe gelungener Versuche, welche Dr. Tavignot in Paris ausgeführt hat. Derselbe hat im Phosphor ein Mittel gesunden, die Trübung der Linse zu beseitigen. Nach dem vorliegenden Berichte (Uevuö cko lltoiupeulissuu inockivo-diirurßic-Uv, nl-vsniliro 6t ck6L6inl>r6 1868) wird eine verdünnte Lösung von Phosphor in Mandelöl täglich vier bis fünf Mal in das erblindete Auge gestrichen und hicdurch nach und nach die Undurchsichtigkcit der Linse gehoben Es sind bis jetzt sechs Fülle, nach der ncuentdcckten Methode behandelt, mit günstigem Erfolge, wie es scheint, beobachtet worden. Merkwürdig ist es, ! daß die Wirkung des Phosphors auf die trübgewordcne Linse nicht als eine chemische auftritt; direkte Versuche haben gezeigt, daß man z. B. geronnene Eiwcißstllcke in phos- Phorhaltigcm Oelc mehrere Monate lang liege» läßt, — diese dadurch keineswegs ihre ^ ursprüngliche Durchsichtigkeit wieder annehmen. Die Heilung besteht vielmehr in der Neubildung eines Krystall-Körpers, welcher die trübgewordcne Linse ersetzt. Wenn sich 136 dies wirklich so verhält, so würde für den nach dieser Methode Geheilten sich noch der t große Vortheil ergeben, daß das Tragen von Staarbrillen überflüssig erscheinen dürfte. Es wäre im Interesse der leidenden Menschheit sehr zu wünschen, daß die interessante Entdeckung des französischen Arztes durch deutsche Forschung bald vollkommene Bcstätignng finde. B. L. * (Reinigung der Luft betreffend.) Bekanntlich hat die Vegetation großen Einfluß auf das Klima. Die Blätter der Pflanzen und Bäume saugen Stickstoff > ein und geben Sauerstoff von sich, weßhalb man mit Recht die Wälder als die „Lungen des Landes" bezeichnet. Nun gibt es aber einzelne Pflanzen, die auf die Lufrreinigung eine» besonders günstigen Einfluß üben. So empfiehlt sich die Anpflanzung der Sonnenblume vorzugsweise für feuchte Gegenden, in welchen bekanntlich die meisten Krankheiten herrschen, besonders die verschiedenen Arten von Fieber. In Berücksichtigung, daß daö Klima eines Landes durch fleißigen Anbau wesentlich verändert wird, hatte der Vorstand des amerikanischen astronomischen Observatoriums, welches in einer sumpfigen, siebcrrcichen Gegend liegt, dasselbe mit — Sonnenblumen umpflanzen lassen, welche in ^ merkwürdiger Weise die schädlichen, in der Atmosphäre schwebenden Stoffe aufsaugen. — i Seitdem soll dort kein einziger Ficberanfall sich gezeigt haben. Sollte diese Mittheilung nicht in Bezug auf diejenigen unserer Gewässer, welche schädliche Dünste in die Luft senden, einiger Beachtung werth sein? Sollten nicht auch unsere strebsamen Gartenbau- Vereine-darauf bedacht sein, die Anpflanzung der Sonnenblume, welche bekanntlich eine einträgliche Oelpflanze ist, für Gärten und um Häuser herum zu empfehlen, welche aus feuchtem, sumpfigen Boden oder in der Nähe stehender Gewässer liegen? ! (Ein kluger Weife.) Der feine Streich der Karthager, welche sich bekanntlich ! so viel Land schenken ließen, als sie mit einer Kuhhaut umspannen konnten, dann diese ? Kuhhaut in dünne Riemen schnitten, und sich dadurch ihr weites Stadtgebiet erschlichen, hat in der deutschen Geschichte ein hübsches Seitenstück. Heinrich Wels, der Sohn des , alten Elhiko, Herzogs Wels, ließ sich von Kaiser Arnulph so viel Land um seine Stammburg Hohenschwangau zu Lehen versprechen, als er von Morgen bis Mittag mit dem Pfluge umziehen könne. Als der Kaiser zusagte, setzte er sich mit einem kleinen Pfluge in der Hand zu Pferde und jagte davon, vorn Lech an den Plansec, an den Eibsce, um den Ammcrgau und Scharnitzer Wald gegen die Isar. Au verschiedenen Stellen hatte er frische Pferde aufstellen lassen, die er bestieg, so daß er binnen wenigen Stunden ein ungeheures Gebiet erlangte, und der Kaiser ließ es ihm. Frühling in Europa. Nun fühlt das Herz die Liebe Des Allgcist's wieder weh'n! Nun bleiben alle Staaten Än Kriegsbereitschaft steh'n! Nun ist es grüner Friede! Nun blüht es ringsumher! And allen GotteSsegcu Verschlingt das Militär. Druck, »erlag und Redaction deö Litcrarischen Instituts von l)r. M. Huttlcr. >- ksro. 18. Augsbueger L. Mai 1869. .Mit Engel» im Gefecht Besteht kein Mensch: Der Himmel schützt das Recht. Shakspeare, Richard ll. A. Uk. i. Das Jubelfest des heilige« Bakers in Skom und i» der deutsche» National-Kirche «1 Kulm». l>r. ck. ^V. Rom, 11. April. Der gestrige Tag führte fortwährend Gäste herüber; viele von ihnen hatten nach den Ostertagen sich von hier nach Neapel begeben, und kehrten zur Feier des Festes nun zurück; viele aber, besonders vom deutschen Adel, kamen erst gestern mit ihren Familien aus der Heimath an. Neben den uns überall begegnenden Italienern, zumal auch aus den früheren Provinzen des päpstlichen Staates, sind eS besonders Deutsche, — deren Sprache wir allenthalben in den Kirchen, auf den Straßen, in den Wirthshäusern hören. Selbst die amerikanischen Stammes - Genossen haben in besonderer Weise dem heiligen Vater ihre Liebe ausdrücken wollen; gestern lief nämlich aus Baltimore folgendes Telegramm ein: kupus kio IX. komnm. §snotis8imo kio, cke tzuin^ugAknsrio saeonlotii zubilsntis gralulsnlur, suiutom incolllmitgteincsue »reogntos, lili! nationi« leutonioao per pro- vinoikls ^merieao l/nitnlis liispersi. UeberauS lebhaft ist der Verkehr in dem deutschen National - Hospiz äelk snims, wo die Gäste angewiesen sind, ihre Billere für die Audienz in Empfang zu nehmen, und wo auch die Adresse der Gesellcn-Bereine zur Ansicht aufliegt. Gestern Abends um 7 Uhr begann die Beleuchtung der Pcters-Kuppcl. Als wir uns über die Engelsbrücke dem gewaltigen Baue näherten, standen dort Wagen an Wagen; um den Strom der Zuschauer nämlich nicht zu hemmen und in dem Gedränge Unglücke zu verhüten, hatte man verboten, daß jene die Brücke passierten. — Nun liegt die Peters-Kirche vor uns, von tausend und aber tausend Lampen bis oben zum Kreuze hin beleuchtet. Die Linien und Umrisse des gewaltigen Gebäudes sind gleichsam durch Kränze von lauter Edelsteinen scharf und deutlich dargestellt; das Ganze liegt in einer imposanten, tief ergreifenden Ruhe und Majestät da, während unten die winzigen Menschenkinder hin- und Herwogen, und sich an dem schönen Bilde nicht satt sehen können. Um 8 Uhr, mit dem ersten Schlage der Glocke, fand die berühmte Verwandlung statt. Die Kuppel und die tiefern Theile sind nämlich, außer mit jenen Lampen auch noch mit unzähligen Pechfackeln besetzt; mehrere hundert Menschen, auf das ganze Gebäude vertheilt, die man aber unten nicht sieht, haben je zwei Pcchfackeln anzuzünden. Sobald nun der erste Schlag der Glocke ertönt, wird zunächst oben hoch das Kreuz mit dieser zweiten, weit strahlenden Beleuchtung illuminirt, und zugleich zündet jeder der Arbeiter seine beiden Pechfackeln mit der rechten und der linken Hand an, so daß in Einem Augenblicke das Feuer, wie niederströmend, von der Höhe des Kreuzes sich über alle Theile ergießt, und während die kleineren Lampen fortbrenncn, das Ganze gleichsam mit einem Regen von funkelnden Rubinen überschüttet. Die Schönheit, Pracht und Herrlichkeit dieses einzig dastehenden Schauspiels ist unbeschreiblich. Sonntag. Heute Morgen um 8 Uhr begann der heilige Vater seine stille Jubel- Messe. Von den unermeßlichen Schaaren, die dem Vatikan zuströmten, und hin- und hcrwvgend, sich nach der eonlessio, dem Grabe der Apostel und dem dortigen Altare § , I- 138 fortwälzten, wollen wir weiter keiner Schilderung unterwerfen; eS genüge, zu sagen, daß das Bild, welches wir dem Leser am Osterfeste vorführten, heute noch weit übertroffen wurde. Unser Weg zur Peters-Kirche führt uns jenseits der Engelsbrücke durch einen mächtigen Doppel-Triumphbogen, unter welchen hin die zwei Straßen nach der Basilika des Apostelfürstcn führen. Auf der, beiden Bogen gemeinschaftlichen Mittelsäule, von etwa 40 Fuß Breite, — stand in großen Lettern eine Inschrift in italienischer Sprache, welche also lautete: „Ihr Völker, die ihr dem Herrn dienet, tretet ein durch die Straße „des Triumphes in den vatikanischen Tempel; Papst Pius IX. bringt auf dem Altare „das ewige Opfer dar im fünfzigsten Jahre seines PriesterthnmS. Bald auch werdet „Ihr wiederkehren zu größerer Herrlichkeit, wenn der Oelbaum und die Palme ihre „Früchte reifen, dann, wenn Ihr zur allgemeinen Kirchen-Versammlung erscheint, um „den Triumph der Wahrheit und Gerechtigkeit zu begrüßen, wo das ganze Weltall zu „einem einzigen Glückwunsch geeinigt ist." Stellen wir uns in St. Peter vor der Lonkessio auf, so daß wir den Altar und den an demselben cclebrirenden Papst vor uns haben Wo dann die Bogen beginnen, welche den Unterbau der Kuppel tragen, erblicken wir in Mosaik die gewaltigen Figuren der vier Evangelisten, die uns das Leiden, wie den Triumph des Gottmenschcn überlieferten. Schauen wir nun empor zur Kuppel, — dem Sinnbilde des himmlischen Jerusalems, so thronen dort um den verherrlichten Erlöser seine Apostel, Engelgestaltcn schweben darüber, während aus der höchsten Höhe, niederschauend auf den immerwährende» Altar des neuen Bundes über dem Grabe des Apostelfürsten, das Antlitz des ewigen Vaters erscheint. — Und nun siehe Pius die Stufen des Altares emporsteigen, lieber Leser, und während Du sein freundliches Auge, seine ehrwürdigen Züge, seine ganze gewinnende Erscheinung betrachtest, wie er in so wunderbar ergreifender Weise die heilige Handlung fortführt, laste Lein Auge wiederum sich richten auf Veronika und Helena, und hinauf zu den Evangelisten und zn den Triumphen deS Erlösers, bis hoch empor in die höchste Kuppel zum Throne deS Vaters, — fühlst Du die schöne Beziehung, welche zwischen diesem Bilde und PiuS besteht, zwischen diesem Bilde der zur Glorie verklärten Leiden des Meisters, und PiuS, der nach fünfzigjährigem Dienste des Altars, und nach einem Pontifikate voll Kreuz und Dornen, voll Schmach und Verfolgung heute seinen Triumph feiert. Die Consekration und die Communion, wie sie der heilige Vater vornimmt, werden Allen unvergeßlich bleiben, die je das Glück hatten, unseren Papst am Altare zu sehen. Man fühlt, daß er als der Hohepriester der Welt und als der Stellvertreter Christi am tiefsten von dem Geiste des ersten und höchsten Priesters unserer heiligen Religion durchdrungen ist/ noch dieser Tage sagte uns ein hochstehender deutscher Herr: „Pius celebrirt wie kein Anderer; er ist am Altare ein schon halb zur Verklärung eingegangener Heiliger." — Nach seiner Communion spendete der heilige Vater dieselbe an 450 Personen, welchen durch besondere Empfehlung dieses Glück zu Theil wurde. Die Kammerherrcn des Vatikan hatten aus Fürsorge für den Papst die Zahl beschränkt. Der heilige Vater aber setzte sie auf diese 150 fest. Nachdem das Opfer beendigt war, intonirte er dann mit lauter und klarer Stimme das Tedeum, welches nun abwechselnd vom mehrstimmigen Chöre und von den Tausenden, welche die Peterskirche füllten, weiter gesungen wurde; zum Schlüsse endlich spendete der heilige Vater den apostolischen Segen. Um 11 Uhr fand in der Kirche lloll' unimu der Festgottesdicnst der Deutschen statt. Von dem Gedanken ausgehend, wie das letzte Wort des Herrn auf Erden: „Sieh, ich bin bei euch alle Tage bis an's Ende der Welt," — in der Geschichte seine Erfüllung finde, und besonders in. schweren und tiefbewegten Zeiten sich bestätige in der Auswahl der Männer, denen Gott die Leitung der Kirche anvertraue — Silvester, Leo der Große, Gregor der Große, Gregor XII., Pius VII., Pius IX. — stellte die Fest- Predigt, die Regens Moufang hielt, in begeisterter und ^ergreifender Sprache die Eigen- 139 schaften, die Leiden, die Siege unseres heiligen Vaters den Zuhörern vor Augen. Das erste wurde ausgeführt, anschließend an das Wort Panli: „Es ist erschienen die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes unseres Heilandes," und schließend mit der Darlegung des großen Segens, den Pins durch diese Eigenschaften uns, der Kirche und der Welt gebracht habe; man liebte zunächst Pins, dann in Pius den Papst, im Papste die Religion, in der Religion Gott wieder. Diese gewaltige Macht der Milde, die der Papst ausübe, sei von den Anwesenden durch eigene Erfahrung erkannt; wie die Jünger von Emaus, so fühle es Jeder: „Entbrannt ist unser Herz, als er mit uns sprach!" — Aber nicht bloß durch seine Milde, sondern auch durch seine Leiden sei Pius daS Abbild seines Meisters geworden. Auch er habe am Beginne seines Pontifikats seinen Palm- Sonntag gehabt, wo alle Welt ihm Hosanna zujauchzte, aber dem Palm-Sonntage sei bald ein Gründonnerstag gefolgt, wo er sein Abendmahl in St. Peter feierte, an welchem mehr als ein Judas aus seinen Händen die heilige Communion empfing. Und dann sei der Charfreitag gekommen, wo man den Papst verhöhnt, durch ungerechte Anklage vrrlüumdet, ihn seiner Kleider, seines Besitzes beraubt und auf seinen Tod gesonnen habe. — Das Alles aber habe Gott zugelassen, damit der verfolgte Pius der Gegenstand der allgemeinsten Liebe werde, der verlassen, die Herzen um so fester mit sich verbinde, der gehaßte, die Blüthe der christlichen Jugend zum heiligen Opfer um sich versammelt sehe. Wie auf den Winter der Frühling folge, so sei die Regierung des glorreichen Pius die Zeit, in welcher in der ganzen christlichen Welt ein neues Glaubcnsleben erwacht, die schönsten Blüthen der Liebe hervorgesproßt seien, und auf dem dürren Boden der Gleichgültigkeit und des Jndifferentismns, des Irrglaubens und des Unglaubens Begeisterung für die Religion, Erkennung der Wahrheit Wurzel geschlagen und sich entwickelt habe. An Allem dem aber habe der Papst einen großen Antheil durch die innigere Anleitung der Bischöfe und der Völker an ihren Mittelpunkt, durch Gründung von mehr als hundert neuen Bisthümcru, durch die reiche Äusspendung der kirchlichen Gnadenschützc in den Jubiläen rc. Der Redner schloß mit einem schwungvollen Glückwünsche und Gebete für den heiligen Vater. — Auf die Predigt folgte das heilige Opfer, bei welchem die Prcismesse von Witt zur Aufführung kam; daran fügte sich ein feierliches Tedeum als Schluß. Am Nachmittage um vier Uhr versammelten sich die Deputationen der katholischen Welt in dem großen Saale hinter der Loggia über der Vorhalle der Peterskirche, um dem heiligen Vater die Gaben und Glückwünsche, aller seiner Kinder darzubringen. — Die Zahl der zu dieser Audienz um den Thron deS Papstes dort aufgestellten Abgeordneten mochten gegen zweitausend sein. Der heilige Vater wurde bei seinem Erscheinen mit einem nicht enden wollenden levivn und Hochrufen begrüßt; dann traten die Deputationen vor ihn hin und überreichten ihm knieend die Adressen. Während der heilige Vater dieselben in Empfang nahm und in seiner gewinnenden Weise mit den einzelnen redete, drangen unten vom Petcrsplatze her die Klänge von sieben zusammenwirkenden Musik-Chören zu uns herauf. Dann erhob sich der Papst und richtete an die Versammelten mit kräftiger Stimme, welche von einer ebenso lebhaften, als gefälligen Gestikulation begleitet war, in italienischer Sprache ungefähr folgende Worte, in welchen er, seiner eigenen Person und deS hohen Festes vergessend, das er heute feierte, sein Auge einzig auf die großen Interessen der Kirche richtete. „Obgleich immer verfolgt, hat die Kirche des Herrn doch immer noch triumphirt, und so wird sie nicht minder in unseren Tagen triumphircn, wenn auch die Weise, wie sie den Sieg erringt, eine andere ist, als in früheren Tagen, indem jetzt die Art des Angriffs eine andere ist. Früher nämlich waren es hauptsächlich einzelne, durch hohe Heiligkeit und die Gabe der Wunder hervorleuchtende Persönlichkeiten, in denen sich die innere Lebenskraft der Kirche und ihre göttliche Macht der Welt manifestirte. In unserer Zeit ist das nicht der Fall, nicht als wenn es keine Heiligen mehr gäbe, denn die Kirche ist immerdar die Mutter der Heilig- 140 Kit, sondern weil die gegenwärtigen Verhältnisse der menschlichen Gesellschaft eine andere Wirksamkeit zu erheischen scheinen. Jetzt ist es die gewaltige Bewegung der Völker, das lebendige Glauben und Lieben der Nationen, geschaart um den heiligen Stuhl, was der Kirche unserer Tage den Sieg erkämpft. Denn wie Rom im Alterthum die Beherrscherin der Welt war, wie sie in der mittleren Zeit als die Fürstin dasteht, auf die der Erdkreis schaute, so sehe ich auch jetzt dieses Rom aufgebaut in den Herzen, sein Bild eingezrabeu in der Brust aller Derer, welche sich als Kinder der katholischen Kirche bekennen, als Fürstin in geistiger Herrschaft, glorreicher als je in unsern Tagen. Und was ist unser Antheil in diesem Kampfe der Kirche? Das feste Beharren bei dem, was Ihr bisher hoch gehalten, die Treue gegen die Kirche und diesen apostolischen Stuhl, die Vertheidigung der Prinzipien, die ich in der letzten Zeit verkündigt habe. Dann das Gebet, Gebet für die offenen Feinde der Religion, Gebet für ihre geheimen Gegner, Gebet für die Lauen und Schwachen, und die, welche in ihrem Wandel Gesetze mit einander verbinden und in Einklang bringen wollen, dir ewig unvereinbar bleiben werden." Als danu nach diesen Worten der heilige Vater den Segen gespendet hatte, brach der Zubel, der ihn bei seinem Erscheinen begrüßt hatte, von Neuem und noch stärker hervor, und in diese Huldigung der Abgeordneten aller seiner Kinder, stimmten unten vom Pctersplatze die sieben Musik-Chöre und ein Gesang-Chor von ungefähr tausend Soldaten, sowie das Jauchzen der zahlreichen Menschenmafse, die rings umher stand, in gewaltigster und ergreifendster Weise ein. Das Gefolge des heiligen Vaters wandte sich dem Eingänge zu, aber um dem Volke unten seinen Dank zu bezeugen, ließ der Papst die hohe Fenstcrthüre öffnen, und trat auf die Loggia hinaus, wo nun in erneuter Be- gcisterung der allgemeinste Jubel ihm entgegenschallte. Am Abende fand das große Feuerwerk auf ?ietro in montor'io statt, die sogenannte „Girandola." Wer jemals die Pracht und Mannigfaltigkeit dieser Darstellung gesehen, diese Zaubergärten mit ihren Springbrunnen und Wasserfällen, diese Fcuerräder in ihrem steten Wechsel von Gestalt und' Farbe, diese Krater, aus denen zahllose Raketen hervorstiegen, welche sich in den prachtvollsten Sternen und Schlangen, oder als goldener Fcuerregcn auflösen, dieser schimmernde Palast aus lauter Edelsteinen aufcrbaut, — der wird uns zugestehen, daß eS unmöglich ist, dem Leser in einer Schilderung ein auch nur in etwas der Wirklichkeit ähnliches Bild zu entwerfen. Was in dieser Sache anderwärts geleistet wird, kann sich mit diesem römischen Feuerwerke kaum vergleichen lassen. Die Entsageude». (Fortsetzung.) Sie eilte an daS Clavier und begann, wiewohl mit zitternder Stimme, der fie umsonst Festigkeit zu geben versuchte, folgende Strophen: Ein Mädel liebt den Jüngling still Wohl seit der Kindheit Tagen, Sie wahrt ihr Herze lang und will Es Keinem, Keinem sagen. So oft er immer kommt und geht, Und um ein Wort der Liebe steht Sie will es nimmer wagen. Da eilet er in fernes Land, Sieht and're Mädchen blühen, Und fühlt sein Herz so leicht entbrannt Wohl für die Schönste glühen. Fahr wohl, fahr wohl, dn spröde Math. Was hörtest nicht zu rechter Zeit, Jetzt — 141 Mit einem schrillen Accord brach der Gesang des jungen Mädchens ab. Ihr Haupt neigte sich auf die Brust hernieder, und ihre Finger glitten von den Tasten. „Ich kann nicht mehr," — flüsterte sie, „zu viel der Qual für eine schwache Mädchenbrust!" „Warum fährst Du nicht fort?" fragte der Direktor, „das Lied gefällt mir. Nicht wahr, die Erfindung der Composition ist gefällig?" wandte er sich an Rudolph, der wie träumend in einer Ecke des Salons dasaß. Der junge Mann fuhr empor. Augenscheinlich hatte er nichts von dem ganzen Gesänge vernommen. „In der That," stammelte er, obgleich doch etwas trivial. „So gib dem Baron doch jenes Lied zum Besten, das ich so oft in stiller Nacht, wenn mich die Arbeit an meinen Schreibtisch fesselte, oder der Schlaf mein Lager flieht, aus Deinem Zimmer ertönen höre! Mich verlangt darnach, es einmal in der Nähe zu vernehmen." Angelika zitterte, ihr Geheimniß verrathen zu sehen, denn der Blick, den Rudolph auf sie warf, zeigte ihr, daß er klar in ihrem Herzen las. Eine geheime Ahnung sagte ihm, daß jenes Lied mit ihm im Zusammenhang stehe, und deßhalb vereinte er seine Bitte mit der des DirekiorS. „Unmöglich!" stammelte die Sängerin, „bemerkten Sie nicht, wie meine Stimme heiser ertönte, wie jene Anstrengung meine Kräfte erschöpft." Aber der Direktor gab nicht nach. Jener schien eine geheime Freude darin zu finden, das junge Mädchen zum Singen des Liedes zu bewegen. „Sei cS denn," flüsterte sie endlich vor sich hin. „Die Saat ist reif, in Deine Hände, Gott, lege ich die Entscheidung." Diescsmal zitterte sie nicht, als sie auf'S Neue begann; ihre Stimme, obgleich glockenrein, klang fest, ja fast herbe, und dennoch durchdrängen die ersten Töne die Seele Nudolphs mit namenlosem Entzücken, denn er erkannte dasselbe Lied, das ihn einst an Angelika'S Seite gelockt hatte. O still, du Herz. so schmerzensreich, O künd' ihm nie dein tiefes Sehne» O färb' dich Wange, hohl und bleich Verstopfe Aug' den Quell der Thränen. O lächle Mund in leichtem Scherz, ' . Und bricht dir auch vor Weh das Herz — Entsage still, entsage gern Was ewig dir so fern, so fern. Steigt nicht die Sonn' vom Himmelszelt, Weicht nicht der bunte Lenz von binnen Wie willst denn du, was dir gefällt Um jeden Preis für dich gewinnen? Der Himmel trau'rt, wenn fern das Licht, Die Knospe welkt, doch klagt sie nicht Entsag' auch du, entsage gern, Was ewig dir so fern, so fern. Und weilt' er auch in deiner Näh' 'Dem deines Busens Wogen schwelle», O lasse nie des Herzens Weh, Bor fremden Augen überquellen Das Schicksal will's, o füge dich — Sein Wort ist unabänderlich. Entsage still, entsage gern, Und ob er nah' — dir sei er fern. Noch war die letzte Strophe nicht verhallt, als Rudolph sich von seinem Sitze erhob und stürmisch das Zimmer verließ, auch die Sängerin schien von ihrem eigenen Vertrag aus das Tiefste erschüttert, denn sprachlos, keines Wortes mächtig, lehnte sie in ihrem Sessel, und große Thränen rannen langsam die Wange herab. 142 Der Gerichts - Direktor merkte nichts von diesem Vorfall, er hatte ein eben vom Buchhändler gesandtes juristisches Werk eindeckt und sich eifrig in das Studium desselben vertieft. Jetzt, da das Lied geendet, blickte er auf. „Wirklich, sehr entsprechend," bemerkte er, „und meisterhaft vorgetragen. Aber," fuhr er fort, sich umsehend, „wo ist denn der Baron hingekommen?" „Rudolph ward die Hitze zu drückend," erwiderte rasch die ältere Angelika; „auch Sie, lieber Oheim, sollten lieber in's Freie." „Ich will in mein Arbeitszimmer," — unterbrach sie der alte Herr, „dieß Werk interessirt mich ungcmein und hier würde es mir an der nöthigen Sammlung fehlen." Mit diesen Worten erhob er sich, und verließ das Zimmer. Die jüngere Angelika saß da, wie eine Angeklagte vor ihrem Richter, sie wagte nicht das Auge zu ihrer Cousine zu erheben, denn eine innere Stimme sagte ihr, daß das Geheimniß ihres Herzens derselben gegenüber kein Geheimniß war. Und dem war so. Schon feit Beginn des ersten Liedes hatte die Braut jede Bewegung Rudolphs und Angclika'S beobachtet, der Keim des Argwohns, der nie erstickt, in ihrer Seele geschlummert hatte, wuchs plötzlich riesengroß empor, und sie fragte sich selber, wie es möglich gewesen sei, daß sie nicht bemerkt hatte, wie sehr das junge Mädchen die Leidenschaft ihres Verlobten theilte. Eine peinliche Stille entstand im Salon. Beide fühlten, daß ein inhaltschwerer Augenblick heran nahe, und Beide suchten sich zu demselben zu stärken und zu sammeln. Die ältere Angelika war es, die endlich zuerst das Wort ergriff. Sie näherte sich ihrer Cousine, und die Hand auf den Scheitel des jungen Mädchens legend, sagte sie mit leisem Tone: „Angelika, verhülle mir Nichts, Du liebst Rudolph, meinen Bräutigam?" Das junge Mädchen antwortete nicht, nur das Wogen ihrer Brust verrieth die Erschütterung, die in ihr vorging. „Antworte mir," fuhr Angelika fort, „ich will keine weitläufige Erklärung. Daß Rudolph Dich liebt, das war mir seit dem ersten Tage, da er Dich sah, kein Geheimniß mehr, aber ich will wissen, ob Du diese Neigung theilst? Ein „Ja" oder „Nein" ist mir genügend." Da sank das junge Mädchen zu den Füßen ihrer Cousine nieder. „O, ich bin grenzenlos elend," flüsterte sie, „stoße mich von Dir, Angelika, die Vcrrätherin; denn, ja, ja — ich liebe Deinen Bräutigam, liebe ihn glühend, unsagbar." Ein unwillkürliches Zittern ließ die Gestalt Angclika's erbeben. Aber sogleich faßte sie sich wieder. „Armes Kind," — flüsterte sie, „welche Qual muß Dir jede Stunde in seiner Nähe bereiten?" „O laß mich fliehen von hier," rief do.Z junge Mädchen leidenschaftlich. „Du bist gut, wie eine Heilige, Dich zu verrathen, wäre Sünde." „Höre mich denn an, wie es kam, daß ich Deinen Rudolph kennen lernte, welche seltsame Fügung des Schicksals uns zusammenführte, um uns auf ewig zu trennen." „Erzähle," erwiderte die Cousine milde; „laß mich Alles, Alles wissen, vielleicht ist noch ein Weg der Rettung offen." Und Angelika begann. Sie schilderte, wie von dem ersten Zusammentreffen der Beiden die Liebe in ihrem Herzen erwacht sei, wie sie gekämpft habe, dieselbe zu unterdrücken, bis sie ihn auf's Neue in diesem Hause als Verlobten ihrer Verwandten angetroffen; aber sie verschwieg auch ihrer Cousine die nächtliche Unterredung im Garten nicht. Und je länger sie redete, je mehr sie ihre eigenen Worte, ihre Stärke der Entsagung verkündete, desto fester ward ihre Stimme. Ein heiliges Feuer leuchtete aus ihren Augen, und die ältere Angelika war eS jetzt, die durch die einfache, schmucklose Erzählung der Thatsachen fast bis zu Thränen gerührt erschien. „Ich habe Dir nichts zu vergeben," sagte sie, als das junge Mädchen geendet hatte, „o wie gerne würde ich Dich am Altar an Rudolph'S Seite wissen, aber das unselige Verhängniß zwingt mich, und das Herz des Oheims ist härter, als Fels und Stein Aber ich muß wissen, ehe jener Tag herannaht, wo des Priesters Wort zwei Unglückliche auf ewig aneinander kettet, ob auch bei ihm die Zeit, die er selber zur Prüfung seiner eigenen Leidenschaft zu Dir bestimmte, seine Gefühle gestillt oder noch mehr entflammt hat, und Du, Angelika, sollst es sein, die mir die Botschaft, bringt!" „Ich!" rief das junge Mädchen erschreckt, „Gott, was verlangst Du?" „Setz Dich und schreibe!" fuhr, Angelika fast befehlend fort, auf den Schreibtisch deutend. „An wen soll ich die Zeilen richten?" „An Rudolph, meinen Brämigam," erwiderte Angelika. „Niemals!" rief das junge Mädchen glühend, „kein Zug meiner Hand dringe je wieder zu seinem Auge; kein Wort meines Mundes zu seinem Ohre. O laß mich nicht länger der Dämon des Unheils sein, der zwischen Euch steht. Fort will ich, daß mein Dasein nicht das Uebel vergrößere, statt es zu heilen." „Und glaubst Du, Dein Bild würde nicht ewig mit aller Glut in Rudolphs Herzen fortleben?" fragte Angelika. „Und selbst, wenn er Dich vergessen könnte, würdest Du einst diese Liebe zu den todten Erinnerungen Deiner Seele werfen?" „Biellsicht!" — flüsterte die Gefragte, das Antlitz mit dem feinen Spitzcntuche bedeckend. „Sag' lieber niemals," suhl Angelika fort, „denn ich kenne das Mcnschcnherz. — Darum, wenn Du mich liebst, so schreib, was ich Dir diktirc." „Sei es denn," versetzte das junge Mädchen, sich an den Schreibtisch setzend und die Feder ergreifend, „Du siehst mich bereit." „Ich muß Sie sprechen, Rudolph!" — diktirte Angelika, „die Last, die mein Herz bedrückt, würde ich zu ertragen vermögen, bis es bricht, aber jede Ihrer Thränen, die ich heimlich fließen sehe, Ihr geheimer Kummer — vermehrt sei» Gewicht. Ich muß Sie sprechen, — muß Sie fragen, ehe es zu spät, ob Ihre Kräfte der fürchterlichen Aufgabe gewachsen sind, die Sie sich selber auf meine Bitte stellten, oder ob ich auf ewig Sie meiden und meine arme Cousine des letzten Herzens, das es treu mit ihr meint, berauben soll. Erwarten Sie mich morgen Nachmittag auf Ihrem Gute" „Großer Gott, nimmermehr!" rief das junge Mädchen, die Feder niederlegend, „willst Du Dciu eigenes Urtheil Dir dictirci'!" „Mein Urtheil!" wiederholte Angelika dumpf, „darum fahre fort." „Angelika, meine Cousine, ist vorn Hause abwesend, und kehrt vor Abend nicht heim. Am Ende Ihres Parkes steht ein kleiner Pavillon, zu dem man durch eine Scitcnpforte gelangt. Dort werden Sie mich finden, sorgen Sie, daß uns Keiner überrascht und die ernste Stunde zu stören kommt. Um fünf Uhr werden Sie mich an dieser Stätte finden. Angelika." Das junge Mädchen hatte geendet; sie reichte den Bries ihrer Cousine. „Hier sind die Zeilen," sagte sie, „aber nimmer werde ich Ihnen Folge leisten. Rudolph ist zu edel, als daß ich zum Werkzeug dienen möchte, verborgenen Lauschern zu gefallen; seine tief innersten Gefühle an'S Licht zu ziehen." „Du glaubst auch, ich werde mich in dem Pavillon einfindcn?" fragte Angelika, „ich würde, wenn er in glühenden Worten Dir seine Liebe schildert, und die Fessel verflucht, die ihn an mich ketten, zwischen Euch treten, wie ein unerbittlicher Dämon, ihn durch meinen Anblick zur Beschämung, vielleicht zur Neue zu zwingen? Du irrst, mein Kind! Ich verlasse morgen Mittag mit dem Oheim die Stadt, um eine Bekannte von ihm, die ein Gut in der Nähe Rudolph'S bewohnt, und die Alter und Krankheit an ihr 144 Lager fesselt, zu besuchen. Du wirst allein mit Rudolph sein. Kein Mißtrauen, keine Furcht bedrücke Deine Seele." „Und trägst Du die Folgen dieses entsetzlichen Spieles?" — fragte da- jüngere Mädchen. „Glaubst Du mein Her; gewappnet gegen die Gefahren dieser Stunde?" „Ich glaube an Dich, wie an Rudolph, selbst in der höchsten Leidenschaft wird er nie seine Manncsehre vergessen, nie was er, waS Ihr Beide schuldig seid!" „Und waS ist Deine Absicht?" fragte das junge Mädchen. „Sagtest Du nicht selber, der Wille Deines Oheims sei unwiderruflich? Wozu Dein armes Herz noch mehr erschüttern, wenn Du vernimmst —" „Was geschehen soll, das weiß ich nicht!" — unterbrach sie Angelika, „der Ewige möge mich erleuchten und mir den Weg weisen, der aus diesem Labyrinthe führt; still, Rudolph naht, spiele die Zeilen in seine Hand." Fortsetzung folgt.) M i s e e l l e ». * (Siamesische Zwilling«-Mädchen.) Die „Pall-Mall-Gazette" erwähnt m Bezug auf die „siamesischen Zwillinge" einer Tradition, der zu Folge vor bereits 700 Jahren ein Paar „siamesische Zwillinge" in Biddenden, einem Dörfchen in Kent, nicht weit von Staplehurst und Tenterdrn, am Leben waren. Durch die Freundlichkeit eines Bewohners von Biddenden wurde der Redaction genannter Zeitung ein ziemlich roh »uSgeführtcS Portrait der „Mädchen von Biddenden," wie dieselben dort heute noch von den Landleuten genannt werden, und ein Verzeichniß aller sich auf dieselben beziehenden Facta zugesandt. Nach der Lokal-Tradition hießen die beiden Mädchen Elisa und Maria Chulk- hurst, waren im Jahr 1100 geboren, und sowohl an den Schultern wie an den Hüften mit einander verbunden. Obgleich jede zwei Füße halte, waren sie doch nur mit je einem Arm versehen, indem der rechte Arm der Einen mit dem linken der Anderen in eine» kurzen Stumpf zusammengewachsen war. Man sagt, daß sie so vereint 34 Jahre gelebt haben. Als Eine der Zwillinge starb, riech man der Ueberlebendeu, sich von dem Körper ihrer Schwester trennen zu lassen, was sie entschieden verweigerte, indem sie sagte: „So wie wir in die Welt eintraten, wollen wir wieder hinausgehen." Sechs Stunden nach dem Tode ihrer Schwester wurde sie auch krank und starb nach wenigen Stunden. Zum Andenken an diese Zwillinge werden jetzt noch jedes Jahr am Ostermontag in der Kirche zu Biddenden kleine, mit dem Bilde der Mädchen versehene Kuchen ausgetheilt, während Brod und Käse unter alle armen Einwohner des Kirchspiels verschenkt wird. * (Ein Hunde-Asyl.) Ein seltsamer. Bericht wurde jüngst in London veröffentlicht, der des „Temporären Asyls für herrenlose und uothleidende Hunde" für das Jahr 1868. Dieses für die Londoner Hunde höchst wichtige Institut wurde im Jahr 1860 von einer Anzahl durch ihre philantropischen Bestrebungen allgemein betaun-? ten Herren und Damen gegründet, und hat seit seinem achtjährigen Bestehen schon manches Gute gestiftet. Im Auftrage des Hundc-Hospital - Comitv's fängt die Polizei allnächtlich in den Stunden zwischen 1 und 3 Uhr alle herumstreichenden oder an den Hausthüren schlafenden vierfüßigcn heimathlosen Wanderer, und bringt sie nach dem „Home." — Während der letzten füns Monate des verwichenen Jahres fanden nicht weniger als 12,465 Hunde Aufnahme, von denen viele n erthvolle Thiere ihren früheren Herren wieder zugestellt wurden. Die kranken und werthlosen Hunde, die nach einer gewissen Zeit von ihren Besitzern nicht reklamirt worden sind, werden durch Strychnin aus der Wett geschafft. Druck, Ln'lag nur Redaction b.s Literarijchc« Ju,'r:r«i>.- von Dr. M. Huttler. 4 . Fr. Rückert. Sohn, fürchte Gott, damit dein Jnn'res furchtlos sei, Denn Gottesfurcht nur macht vor Menschenfurcht dich frei. Die Geschenke zur Sckundiz-Feicr des heiligen Vaters. vr. X. ci. >V. Rom, 2. Mai. Während der dem Feste folgenden beiden Wochen waren die vorzüglicheren Geschenke, die dem heiligen Vater aus allen Ländern dargebracht waren, in einer der Hallen oder Loggien des Vatikan zur Ansicht ausgestellt. Der Andrang der Neugierigen war ein ungeheurer, und da jedesmal nur eine geringe Zahl eingelassen wurde, um das Gedränge nicht zu stark werden zu lassen, so mußten Hunderte auf den Treppen in langem, ermüdendem Harren stehen, bis endlich die Reihe auch an sie kam, und die Schweizerwache sie einließ. Durch die Vermittlung eines guten Freundes gelang es uns, einen permosso zu erwirken, wornach wir allein in der Frühe eines Morgens den Zutritt erhielten, und so Alles nach Wunsch in Augenschein nehmen konnten, wie es in den beiden aneinander stoßenden Hallen aufgestellt war. Da erblickte das Auge zunächst einen kostbaren Teppich, der von einigen Damen in Köln gestickt war, und an einem Wasscrqucll zwei Hirsche auf blumigem Anger zeigte, ein schönes Sinnbild der Gnaden, die von ihm, dem Felscnmanne, dem Stellvertreter Christi, Allen zu Theil werden, welche darnach dürsten. Dann folgte in prachtvollem Nahmen das Kölner Dombild, daneben ein Gemälde, welches die Schlacht bei Mentana darstellte, und welches die römischen Damen dem heiligen Vater verehrt hatten. Weiterhin stand auf einem hohen Postamente das Marmorbild der unbefleckt empfangenen Gottesmutter, der hohen Patronin Pins IX., ein Kunstwerk voll Adel und Anmuth. Meister Steinte von Frankfurt hatte ein in Aquarell ausgeführtes Bild geschenkt, welches oben die heilige Dreifaltigkeit, in der Mitte die Geburt Christi, unten den Papst am Altare darstellte, das Ganze umgeben von den bildlichen Darstellungen der sieben Schöpfungstage. Dreifaltigkeit, Menschwerdung und Eucharistie in der vom Nachfolger Pctri geleiteten Kirche, diese drei Grundwahrheiten und Hauptgehcimnifse unseres Glaubens sind es, durch welche die Welt von ihrer Erschaffung an erhalten, regiert, geheiligt wird, —- das ist, wie es scheint, die tiefe Idee, welche der fromme Künstler in seiner Darstellung uns vor Augen führt. Indem wir eine Menge von Gegenständen von geringerer Bedeutung und weniger künstlerischem Werthe übergehen, treten wir in die zweite Halle, zu welcher jene, bisher beschriebenen Gaben nur gewissermaßen die Einleitung bildeten. In der Mitte der Halle hat man eine hohe Wand errichtet, vor welcher sich terrassenförmig abgestuft ein langer und tiefer Tisch hinzieht. Was wir da zunächst erblicken, sind zwei Meßgewänder, das eine weiß, das andere roth. Letzteres, mit künstlerischer Stickerei, ist von den Nonnen vom „Armen Kinde Jesu" zu Aachen geschenkt. Wir hielten das erstere für das Geschenk des Kaisers von Frankreich, von dem man unö erzählt hatte; um uns zu vergewissern, fragten wir den uns begleitenden päpstlichen Kammcrhcrru, der uns aber erklärte, — Napoleon habe kein Geschenk gesandt, — jene Kascl sei vielmehr die Gabe der Stadt Bologna. Auch die Mittheilung ist unrichtig, als habe die französische Kaiserin eine Million Franks geschickt; überhaupt haben die Zeitungen sehr viel Unwahres berichtet; wie denn auch die Erzählung von dem Geschenke Viktor Emanuels falsch ist; er allein von allen Fürsten hat nicht grqtulirt. Nun, die Italiener haben es für ihren Ehrcu- König reichlich gut gemacht; sie ringen mit Deutschland um den Preis in der Huldigung 146 -es heiligen Vaters. — Zwischen jenen beiden Meßgewändern erhob sich dann die »om König von Preußen geschenkte kostbare Vase aus der königlichen Porzellanfabrik zu Berlin; zu beiden Seiten standen rechts das goldene Neliquiarium, das Prag gesandt hat, links ein hohes silbernes, besten Stil italienischen Ursprung verräth. Doch konnte ich nicht erfahren, von wo es gekommen. Weiterhin lagen oder standen in reichster Mannigfaltigkeit Bischofs-Kreuze, mit kostbaren Diamanten und Edelsteinen besetzt, Kelche, Ciborien und Reliquiarien in gothischem und in modernem Stile, ein Kisten von rothem Sammt mit überaus geschmackvoller Stickerei in Gold und Silber (den päpstlichen Farben), endlich die schönsten Adressen, unter ihnen die der deutschen Bisthümer, welche Steinte gemalt hat, und deren prächtiges Titelblatt aufgeschlagen da lag; ferner die der Gesellenvereine, ein dicker Band, wie ein großes Meßbuch, und die der deutschen Studentenschaft, welche auf weißem Grunde den Namen Piuö IX. zeigt, umgeben von einem Lorbcerkranze in getriebener Arbeit. Die meisten Gegenstände werden in der päpstlichen Schatzkammer aufbewahrt werden. Einzelnes schenkte der heilige Vater an arme Kirchen. So hat er dem Waisenhausc von Tata Giovanni einen Kelch verehrt, der ihm zu seinem Feste dargebracht war, sowie eine weiße Kasel mit reicher Goldstickerei, ein Alba mit goldenem Cingulum, ein Meßbuch und ein Paar Meßkännchen aus hellgrünem Krystall, deren Handfaß aus äußerst zierlichen, silbernen Blumengewinden gebildet ist. Einer der Priester des Waisenhauses hatte die Güte, mir diese Geschenke zu zeigen, wie er mir auch einen kleinen, alten Mann vorstellte, — der schon im Hause gewesen war, — als Pius noch als junger Priester dasselbe leitete. Die Entsagenden. (Forisetzung.) In der That erschien der Baron am Eingänge des Salons. Der Ausdruck einer tiefen Entschlossenheit lagerte auf seinen Zügen, als er auf seine Braut zuschritt und ihre Hand an seine Lippen führte. „Ei, ei, Herr Baron," — sagte Angelika scherzhaft, „ist das ritterlich, mitten im Vortrag einer schönen Sängerin aus dem Zimmer zu eilen und uns allein zu lassen. Soll Ähre Handlungsweise ein Complimcnt für meine Cousine enthalten, deren Stimme Sie mit solcher Macht ergriff, daß es Ihnen unmöglich war, Ihr Gefühl zu bewältigen, oder eine Illustration zu dem Gedanken: Ihre Stimme, mein Fräulein, ist zum Davonlaufen?" Aber das Antlitz ihres Verlobten blieb ernst. „Angelika," sagte er, „gewähren Sie mir die Gunst einer Unterredung, je früher, desto besser für uns Beide. Ich habe Ihnen Wichtiges mitzutheilen." Beide Mädchen sahen sich gegenseitig an; sie ahnten den Inhalt dieser Unterredung, den die Blicke, die Rudolph auf die jüngere Angelika warf, noch deutlicher bekundeten. „Ist denn diese Unterredung so wichtig?" fragte endlich die Braut. „Und doch thut es mir leid, sie Ihnen nicht vor übermorgen bewilligen zu können, Rudolph!" „Uebermorgcn?" — wiederholte der Baron erschreckt. „Warum so spät? Jeden Augenblick, den ich Ihnen gegenüber früher mein Herz ausschütten darf, erleichtert um eine Zentnerlast meine Brust." „Ist es Ihnen lieb, wenn man Sie aus einem schönen Traume weckt, Rudolph?" fragte Angelika sanft. „Vielleicht träume ich eben von Glück und rosiger Zukunft, lassen wir diese Unterredung bis übermorgen." Der Baron bezwäng sich. „Sei es denn, bis übermorgen!" — sagte er. „So werden Sie mich bis zu diesem Tage entschuldigen." Er stockte in seiner Rede, denn «r fühlte, wie die jüngere Angelika ein zusammen gesalteneS Papier in seine Hand drückte. Seine Braut schien nichts zu bemerken. „Ich halte jeden Grund für genügend," unterbrach ihn Angelika, „denn Sie würden mich doch nicht morgen hier antreffen, und ich gönne Ihrem Vater, sich einmal ungestört der Gegenwart seines Sohnes zu erfreuen, denn ohne Zweifel werden Sie ihm morgen Gesellschaft leisten." Rudolph fuhr zusammen. „Mein Vater," — murmelte er, „und ich konnte ihn vergessen! Gott, der Pflichten, die auf mich ruhen, sind so viele, daß die Wahl, welche von ihnen mir die heiligste, mich zu Boden drückt." „Sie haben Recht," fuhr er laut fort, „mein Vater bedarf meiner ganzen Aufmerksamkeit. Gerade sein gänzliches Zurückziehen von aller Welt, sein Stunden langes, stummes vor sich Hinbrüten beunruhigen mich. O glauben Sie mir, es gibt Momente, wo ich mich frage, warum es Gottes Wille, daß er in seinen letzten Jahren noch diese Tage des Jammers erleben muß, warum nicht ein sanfter Engel —" „Rudolph," unterbrach ihn Angelika schmerzlich, „wozu verleitet Sie Ihr Unmuth? Fassen Sie Muth. Der Himmel verwirft die Wünsche, die blinde Leidenschaft und bitterer Groll in uns hervorruft, aber er hört die stumme Bitte des Elends,- und seiner Fügung wollen auch wir uns unterwerfen. Vielleicht erleuchtet er mich, vielleicht — aber wozu, thörichte Hoffnungen nähren, des Schicksals Schluß ist unwiderruflich, übermorgen erwarte ich Sie, Baron Rudolph. Jetzt lassen Sie uns einen Gang zur Stadt machen. Angelika wird uns begleiten." s Ein anderer Tag war erschienen. Eine drückende Hitze hatte sich schon seit dem Morgen über die Erde gelagert und flüchtig jagten sich die Wolken am Himmel. Eine liefe Ruhe der Erschöpfung herrschte rings umher, und wie in den sonst so belebten Straßen der Stadt sich Jeder in den kühlsten Raum des Hauses flüchtete, so war auch auf dem Gute der Duroy's keine menschliche Seele sichtbar. Blumen und Bäume beugten die Häupter in Erwartung des nahen Gewitters, und die Vögcl wiegten sich halb träumend auf den Zweigen, sie wußten ja, daß Keiner kommen würde, sie zu stören. Horch, da knirschte es am Ende des Parkes, als wenn ein leichter Tritt den feinen Sand berühre. Das Geräusch eines Schlüssels ward hörbar, und durch eine kleine, unscheinbare Pforte trat eine weibliche Gestalt, sich vorsichtig nach allen Seiten umsehend, in den Park. Ein dunkler Schleier verhüllte ihr Antlitz, und ein Kleid von schwarzem Flor umschloß enge ihre Gestalt. „Er ist noch nicht hier," flüsterte die Unbekannte, „ich komme noch zu rechter Zeit, sonst hätte er die Pforte geöffnet; aber rasch in den Pavillon, ehe es zu spät ist." Mit hastigen Schritten eilte sie an den kleinen hölzernen Pavillon, der sich auf einigen Stufen vor ihr erhob. Sie zog einen kleinen Schlüssel aus der Tasche ihres Gewandes, und öffnete mit seiner Hülfe die Thür desselben. „Keiner wird ahnen, daß ich hier anwesend bin," flüsterte sie vor sich hin, „verzeih auch du mir, Gott, wenn ich eine Sünde begehe, allein ich kann nicht anders — den« nicht Egoismus, nicht Neid und niederes Verlangen führt mich an diese Stätte." Mit diesen Worten verschloß sie von innen den Eingang wieder und blickte in dem kleinen Rauni umher. Derselbe war einfach decorirt, und die ganze Einrichtung bestand aus einer Causcuse und wenigen Sesseln, nebst einem kleinen Schreibtisch, der Causeuse gegenüber, dessen Hinterwand ein Spiegel bildete. Das Frauenzimmer schlug den Schleier zurück, es war Angelika, die Braut Nu- dolph's, die sich an dem Ort der Zusammenkunft ihrer Cousine und ihres Verlobten befand. „Wo mich verbergen?" flüsterte sie, „ohne daß man die Horcherin entdeckt? Und doch ist es unerläßlich, daß ich dieser Unterredung beiwohne, denn ihre Entscheidung soll auch für mich entscheidend sein." 148 Da fiel ihr Blick auf eine Portiere von schwerem dunklen Stoffe, die hinter der Causense von der Decke hernieder hing und fast die ganze Breite des Pavillons einnahm, dieselbe hatte früher dazu gedient, eine kleine Bibliothek zu verbergen, aber jetzt war der Raum leer und unbenutzt. Ein Strahl der Freude blitzte in Angelika's Augen, aber zu gleicher Zeit horchte sie auf, die Tritte eines sich dem Pavillon Nahenden schallten durch den Sand des Parkes. „Er ist es," flüsterte sie, „jetzt — Gott gib mir Fassung, laß mich Alles erfahren." Rasch trat sie hinter den Vorhang, und schon im nächsten Augenblick ward leise die Thür des kleinen Gebäudes geöffnet, allein statt des erwarteten Nudolph's war es sein Vater, der alte Baron Duroy, der ein kleines Kästchen in der Hand, im Innern desselben erschien. Leopold von Duroy war in dieser kurzen Zeit fast bis zur Unkenntlichkeit gealtert. Aber heute schien ihn eine krampfhafte Energie zu beleben, denn sein Schritt war fest und sein Antlitz ungewöhnlich gcröthet. Nachdem er sorgfältig wieder zugeschlossen hatte, setzte er den Kasten nieder und trat an das Fenster. „Es muß sein," sprach er halblaut vor sich hin, „selbst die Natur ist wider mich, kein freundlicher Sonnenstrahl leuchtet mir auf meinem letzten Pfad, aber freilich dem Verbrecher ziemt Finsterniß und Trauer. Mir bleibt nichts übrig, als der Tod," fuhr er in seinem Selbstgespräch fort. „Was soll mir ein Dasein, — das mir selber und Anderen zur Last? Dann wird die Rache Robcrt's gestillt und über meine Leiche wird ein neues Glück meinem Sohne erblühen. Und besser Tod für mich, als das Loos, das meiner harrt. Dem Leichnam wird jener unerbittliche Mann wohl die Stätte gönnen, die er dem Lebenden verweigert." Er setzte sich an den Schreibtisch und ergriff die Feder. Aber sogleich warf er sie wieder nieder. „Ich vermag nicht zu schreiben, mein Kopf brennt wie im Feuer, und mein Blut siedet. Komm denn her, du einzige Rettung vor Schmach und Schande, — der Druck deines Hahnes, der meinem Leben ein Ende macht, — rettet meinen Rudolph vor dem Unglück. Und du, Gott, der du tief in mein Herz siehst, das die Reue foltert, laß meine Schuld mit diesem Opfer gesühnt sein, es ist das Höchste, das ich zu bringen vermag." Mit diesen Worten öffnete er den Kasten, und der Lauf einer Pistole glänzte in seiner Hand. Aber schon im nächsten Augenblick prallte er zurück; die Waffe entfiel seiner Hand, denn in dem Spiegel des Schreibtisches erblickte er das todtcnbleiche Antlitz Angelika's, die zwischen den Falten der Portiere erschien. „Sie hier," stammelte er, „was bedeutet Ihr Erscheinen an diesem Orte, mein Fräulein, was soll dies Verbergen?" „Eine Fügung Gottes!" — unterbrach ihn Angelika feierlich. „Er will, daß Sie leben, denn wenn ein Opfer nöthig ist, so will ich es sein." „Sie sehen den letzten Ausweg meiner Verzweiflung;" — rief der Greis, „Ihnen brauche ich nichts mehr zu verhehlen, gibt es noch einen anderen?" Das Mädchen erwiderte nichts; sie schien auf ein fernes Geräusch zu achten. — „Um Gotteswillcn still," flüsterte sie; „verbergen Sie sich mit mir hinter jene Portiere. Er kommt." „Wer?" fragte der Baron erstaunt, „weßhalb diese seltsame Zumuthung?" „Ihres Sohnes, Ihres Nudvlph's willen!" erwiderte Angelika hastig. „Alles — Alles soll Ihnen klar werden; aber folgen Sie mir, ehe Alles zu spät ist." Sie zog den widerstandslosen Mann mit sich fort, und kaum hatten sich die Falten der Portivrc über Beide geschloffen, als Rudolph im Eingänge des Gemaches erschien; aber der Baron war nicht allein. An seiner Hand führte er die jüngere Angelika, deren 149 Gestalt ein schlichtes, hochreichendes weißes Gewand umhüllte. DaS junge Mädchen schien ein geheimes Mißtrauen zu empfinden. Sie blickte forschend ringsum. „Wir sind allein," sagte Rudolph, der diesen Argwohn bemerkte, „Sie sehen, ich selber war es, der die Thür verschloß, — zu der Keiner den Schlüssel besitzt, als mein Vater, und Baron Leopold weilt auf seinem Zimmer." Mit diesen Worten geleitete er das junge Mädchen zur Causcuse, er selbst nahm ihm gegenüber in einem Sessel Platz. Es war unterdessen dunkler geworden; — der Horizont hatte sich vollständig mit schwarzem Gewölk überzogen, und ein dumpfes Grollen verkündete das nahende Ungcwitter. „Herr Baron," begann Angelika mit zitternder Stimme, „Sie werden eS sonderbar finden, daß ich, das junge Mädchen, es abermals bin, die Sie zu einer verborgenen Zusammenkunft nöthigt. Allein Ihr Edelmuth ist mir Bürge, daß ich mich niemals vor dem Auge GotteS, -— noch dem der Menschen — dieser Stunde zu schämen nöthig haben werde." „Angelika!" rief Rudolph, „Du bist mir theurer, wie ein Engel des Lichtes, eher würde ich sterben, ehe ein Wort blinder Leidenschaft Dein Ohr erreichen dürfte. Alles, Alles, was ich Dir sagen will in dieser Stunde — was sich herausdrangt allen starren Formen, allem Menschcnwillen zum Trotz, das laß mich pressen in ein einzig Wort — Angelika, ich liebe Dich — möge der Himmel stürzen über mich, nimmer — nimmer kann ich von Dir lassen." Das junge Mädchen stieß einen Schrei aus. „Großer Gott, und Ihre Braut — meine Cousine?" stammelte sie. „Ich darf ihr Leben nicht v rgiften," rief der junge Mann glühend. „Sie hat mir eine Unterredung bewilligt, in ihr will ich Verzicht leisten auf ihre Hand." „Unglücklicher, und Ihr Vater?" — rief Angelika, bleich vor innerer Erregung. „Gott ist mein Zeuge — ich that, was eine Mcnschcnkraft ertragen kaun; Ueber- menschliches zu ertragen, vermag ich nicht. Schon wollte ich sterben, um diesen Qualen zu entrinnen, aber der Gedanke an Dich, Mädchen, fesselte mich an das Leben, wie den Märtyrer der Gedanke an die Seligkeit, die seiner harrt. Tage, Nächte lang rang ich in wechselnden Entschlüssen, und keiner blieb mir, als der, Dich zu besitzen — und sei es um jeden Preis!" „Wie Rudolph, Sie opfern Ihren Vater auf, um eine Leidenschaft zu befriedigen?" fragte Angelika vorwurfsvoll, „was soll aus dem unglücklichen Greise werden, wenn Sie die Verbindung mit meiner Cousine noch im letzten Augenblicke brechen. Der Direktor würde diese furchtbare Schmach doppelt rächen!" „Frage nichts, wenn Du mich nicht zum Wahnsinn bringen willst!" — rief der Baron glühend, „heiß mich hingehen und jenen Mann tödtcn, in dessen Händen das Geschick meines Vaters ruht, heiß mich selber fälschen und betrügen — Alles, Alles, nur Dir zu entsagen, vermag ich nicht!" Er war bei diesen Worten zu Angelika'S Füßen niedergesunken, und drückte das glühende Antlitz in den Saum ihres Kleides. DaS junge Mädchen erhob sich. „Rudolph!" — fragte sie mit sanflem Tone, die zarte Hand auf das Haupt des Kuicenden legend, „wie soll all' dies Leid enden?" „Laß uns fliehen!" — rief der junge Mann stürmisch; „weit, weit von hier, wo Niemand uns kennt; dort laß uns das Vergangene vergessen und nur der Gegenwart leben. Dort, wenn die Wellen des Oceans zwischen uns, will ich selig schauen in Dein blaueS Auge und Vergessenheit trinken von Deinen Lippen; dort" „Sie lästern, Rudolph!" unterbrach ihn Angelika. „Wie soll unsere Liebe, die rein und heilig vor dem Auge Gottes dasteht, den Anschein einer abscheulichen Intrigue erhalten? Niemals würde ich in diesen Schritt willigen!" Der junge Mann erhob sich. „So weiß ich, was mir übrig bleibt," — sagte er finster, „ehe der verhängnißvollc Brauttag..." 150 Und stürmisch erhob er sich von seinen Knien. „Ich weiß eS wohl. Du hast mich nie geliebt, ein bloßer Hauch des Windes waren Deine Worte, denen ich so elend war zu vertrauen. Ja, wenn Du die Glut wirklich theiltest, wenn auch in Deinen Adern es stürmt und gährt in unendlicher Leidenschaft, Du würdest nicht so kalt dastehen, während mich die Glut verzehrt und mit starren Vernunftgründen mein überwallendes Gefühl zum Schweigen bringen." Der Ausdruck einer tiefen Kränkung färbte das bleiche Antlitz des jungen Mädchens für einen Moment. „Habe ich diesen Vorwurf verdient, Rudolph?" rief sie. „Soll ich es Ihnen denn wiederholen, daß auch ich Sie liebe; schrankenlos, ohne Gränzen! O hüten Sie sich auch, den letzten Damm in dieser Brust zu sprengen, und die verheerenden Wogen mächtig hereinbrechen zu lasten; Hinausrufen möcht' ich's über Stadt und Land — ertönen lasten das heilige Evangelium. Rudolph, ich liebe Dich!" Der Baron stieß einen Ruf des Entzückens aus, — aber von ihm zurücktretend, fuhr Angelika fort: „Möge denn auch die letzte Schranke zwischen uns fallen. Vernehmen Sie das Gcständniß, ihre Braut weiß um meine Liebe; — ich habe kein Geheimniß mehr für Angelika!" „Und was erwiderte Angelika,' meine Braut?" flüsterte Rudolph tonlos. »Daß sie im Innersten diese Verbindung beklage, aber der Wille ihres OheimS unwiderruflich sei," entgegnete das junge Mädchen. „Unwiderruflich!" wiederholte Rudolph bitter; „hat dieser Mann auch die Macht, ein verzweifelndes Dasein vor den Pforten der Ewigkeit an den Traualtar zurück zu zwingen?" _ (Forts, f.) Aus dem heiligen Lande Bon Zeit zu Zeit werden Aufforderungen zur europäischen Besiedelung des gelobten Landes erlassen, die in der Regel aus religiösen Motiven hervorgehen. Die ersten Ansiedler kamen aus Nord-Amerika und wählten für ihren Versuch Artas bei Bethlehem, wo es viel Wasser gibt. Sie geriethen jedoch in große Noth, die natürlich zu Zwistig- keiten und weiterhin zur Auflösung der Gesellschaft führten. Dann kamen Deutsche, auch sie mußten aber ihre bei Jaffa gegründete Kolonie binnen Kurzem wieder aufgeben. Ebenfalls die Umgegend von Jaffa sah eine Niederlassung „Adams City" verunglücken, die schon nach einem Jahre (1867) einging. Noch besteht die Niederlassung der Tempel- freunde in Galilüa, aber nicht in der glücklichen Lage, die zuweilen in Zeitungsnachrichten figurirt hat, sondern halb erdrückt von Noth und Elend. Es ist gewiß, daß es reiche, für den Weizenbau äußerst ergiebige Ebenen und Gebirgsgegenden gibt, wo die Oelbaum- uud Weinstockzucht mit dem lohnendsten Erfolge betrieben werden kann. Der schwarze Boden des ZordanthaleS gestattet den Anbau von Baumwolle und Zuckerrohr und jenseits des Flusses befinden sich ausgedehnte Gebiete, die von jeher wegen ihrer Fruchtbarkeit berühmt gewesen sind (Micha 7, 14). Dagegen sind alle anderen als die Bodenverhältnisse ungünstig. In den Ebenen und ganz besonders im Jordanthal ist das Klima höchst ungesund. Auf dcu Bergen können Europäer ohne Nachtheil leben, wenn sie sich zur Sommerszeit der Sonne uicht aussetzen. Daraus folgt, daß die Einwanderer genöthigt sind, sich der Hilfe und der Dienste der Eingeborenen zu bedienen, daß sie die schwierige arabische Sprache erlernen, sich in die Sitten und Anschauungen der Leute fügen und mit den Behörden auf gutem Fuß stehen müssen. Die letztere Bedingung eines guten Fortkommens ist die unerläßlichste und zugleich die schwierigste. Die türkische Regierung muß sich von den Großmächten immerfort belehren und tadeln lassen. Sie kann dieses Hofmeistern der Diplomaten nicht abweisen, rächt sich aber dafür an den Fremden, die in ihr Land kommen. 151 Das «Dach der Welt." Rußland hat bekanntlich in neuerer Zeit seine Besitzungen in Asien beträchtlich er» wcitert. Im vergangenen Jahre bekriegte eS das industriereiche Land Bokhara oder Buchara, nahm Samarkand, die einstige Residenz Timurs, ein und herrscht gegenwärtig nicht nur über den ganzen nördlichen Theil Turans (Turkistan) niit dem Aral-See, sondern übt auch die Oberherrschaft über die meisten Staaten des andern Theils dieses Landes aus. Völlig unabhängig ist nur noch das Khanat Kunduz, ein an Lapis Lazuli, Rubinen und Blei reiches Land, das aber zu den unbekanntesten Stellen der Erde gerechnet werden muß. Südlich von den neuen Erwerbungen Rußlands und nördlich von dem britischen Machtbereich liegt es — vielleicht über kurz oder lang ein EriS-Apfel für beide Mächte — fast in Mitte Asiens und erhebt sich in dem von Nord nach Süd streichenden Bolor-Tagh oder Nebel-Gebirge (dem Jmaus der Alten) bis zu einer angeblichen Höhe von 15,000 Fuß. Der Rücken dieses Gebirges soll 20 Meilen breit sein; er heißt das Plateau von Pamir oder das «Dach der Welt". Es erscheint als Bindeglied zwischen dem Thian-Schan (Himmelsgebirge) einerseits und dem Küenlücn andererseits. Letzteren überstieg der bayerische Gelehrte und Reisende Hermann v. Schlagintweit-Sakünlünski und entdeckte dort nordwärts der rcchtswinkelichcn Biegung des Indus den zweithöchsten Berg der Erde, den über 26,500 Fuß messenden Dapsang. Um die Hochebene von Pamir selbst gruppiern sich turkistanische Landschaften, die, dem Europäer verschlossen, „dunkle Partien in der Geographie bilden". Man bezeichnet zwar jene Gegend als ein von Handelsstraßen durchzogenes Gebiet, als den Weg, auf welchem von Indien die buddhistischen Missionäre nach China eindrangen, als den Sammelplatz, nach welchem römische Kaufleute auf der „Seidenstraßc" kamen, um die damals so kostbare Seide nach dem Westen zu führen, woran noch die Reste eines großen Karawanserais, des „steinernen Thurmes", erinnern, bei welchem der Waarenaustausch stattfand; im Bereiche der wissenschaftlichen Forschungen erscheinen aber jene Gebiete noch immer als eine terru inevAMta. Nun soll es auch dort Licht werden und zwar mit Hilfe indischer Feldmesser. Der hochverdiente Chef der indischen Landvermessnng, Coloncl Walker, benachrichtigte Dr. Petermann, er habe cingeborne indische Geodäten ausgesandt, nm die ganze so wenig bekannte Region zwischen 36 und 40" nördl. Br., 68 und 740 östl. L. von Greenwich aufzunehmen und hoffe in 1 bis 2 Jahren die Materialien zu einer korrekten Karte derselben beisammen zu haben. Inzwischen erhielt die Geographische Gesellschaft in London eine Karte der das Pamir-Plateau umgebenden Landschaften, welche Mr. Hayward nach den Reisen und Tagebüchern eines Jarkandcr Kaufmanns entworfen hat und woraus unter Andern zu ersehen ist, daß ein bequemer, nicht sehr hoher Paß über das Bolor- Gcbirge führt. Hayward beabsichtigt auch selbst an der Erforschung jener Gegenden theilzunchmcn und will, als Eingeborner verkleidet, über Kaschmir nach Jarkand und Kaschgar gehen und auf dem Rückweg die Pamir-Steppe überschreiten, um nach Jellala- bad und Pcschawur zu gelangen. (B. L.) Eine protestantische Stimme über Pins IX. Die in Paris erscheinende Protest. Zeitschrift Temps enthält eine Correspondcnz aus Rom, der wir folgende Beurtheilung unseres glorreich regierenden Papstes entlehnen: „Seit einiger Zeit hat man in Rom eine gewisse Hoffnung auf den guten Willen der hohen Pforte. Pius IX'., der mit erstaunlichem Eifer um die Ausbreitung der Kirche, die Errichtung neuer Bisthümer, die Bekehrung der Engländer, die Rückkehr der Griechen und andere weithinaussehende Probleme beschäftigt ist, hat eine Wiederaufnahme des Strcbens Eugens IV. im Concile von Florenz vorbereitet. Dieser eminente Papst, einer der größten, den es vom kirchlichen Standpunkte je gegeben hat, geht jeden Morgen in seinen regelmäßigen Audienzen mit Priestern und Prälaten, die Special-Studien obliegen, auf das allergenaueste in 153 «kle diese Fragen ein. Er zeitigt die Angaben; er versteht alle Triebfedern in Bewegung zu setzen; er läßt Amerika, England, den Orient an Ort und Stelle studircn und bulgarische Geistliche kommen, obscure Männer, die jedoch Mächte sind. Der Mann der Politik für die zeitige Macht, und der Mann mit dem heitern, ja witzigen Tempe« rament läßt bei Pius IX. nur allzusehr den Papst vergessen, der zugleich der eifrigste Propagandist und der größte Wiedcrherstellcr kirchlicher Schäden ist, den cS seit langer Zeit gegeben. Man beachtet nicht genug, daß er alle diese umfassenden Werke unternimmt, nicht etwa durch Zufall, nicht weil sie an sich reif wären, sondern weil er ein sehr überlegter Papst ist; persönlich von sehr hervorstechendem Charakter. Er ist in Wahrheit der Mann mit dem ungeheuren, in einem Zimmer des Vaticans aufgestellten ErdglobuS, wie er mit rothen Strichen die gegenwärtigen Grenzen seiner Herrschaft bezeichnet, wobei er zu einem kleinen Priester von nichtssagender Miene, indem er mit dem Finger auf eine noch nicht unterworfene Gegend zeigt, sich äußert: „Das muß man in Besitz nehmen." Miseellen. Californien. (Ein Götzentempel.) Die Chinesen in Sän Francisco haben nach der „Amerikanischen Post" jetzt ihren eigenen Buddha-Tempel errichtet, der fast dieselbe Größe und Ausdehnung hat, wie der zu Peking oder Schanghai. Jeder Chinese, der Reiche wie der Arme, selbst der sonst so verachtete Kuli, hat Zutritt. Das Innere des massiv aufgeführten Hauptgebäudes ist von den Nebengebäuden durch eine lange, in eine Halle endende Gallerie getrennt. Auf jeder Seite der Halle befinden sich Sitze von Ebenholz, bedeckt mit blauem, reich gesticktem Stoff. Von der Halle führen Stufen in das (nach ihrem Glauben) Allcrheiligste. Auf einem großen Tisch dicht vor dem Altar stehen brennende Kerzen und drei Melallvasen, deren Deckel Drachen darstellen, aus deren Nachen der immer brennende Weihrauch ausströmt. Nicht weit davon steht ein anderer Tisch, auf welchen Schüsseln gesetzt sind mit gebratenem Schweinefleisch, einem Zicgcnbock, gekochtem Huhn und einer Menge Confect, Gebäck und brennenden Räucherkerzen. Der Altar selbst ist auf das Prächligste geschnitzt, reich vergoldet und mit den lebhaftesten Farben lasirt. Mitten darauf steht das Bild Ehing Tal'S, eines berühmten Heros aus der chinesischen Mythologie. Die sitzende Figur ist in Lebensgröße dargestellt, und das knallroth gemalte Gesicht contrastirt eigenthümlich mit dem blendendweißen Email der Augen und der Rabenschwarze des Bartes. >Sein Gewand ist mit Edelsteinen wie besäet. Die Kuppel der Kapelle ist dicht mit einzelnen Holzlaseln behängt, auf die weise Lcbcnsregeln geschrieben sind. Tausende von bunten Laternen verbreiten ihr mildes Licht, das sich an den geschmackvoll drapirten Vorhängen bricht. Der ganze innere Schmuck des Tempels wurde in China verfertigt und nach Sän Francisco tranSportirt. Im Danziger Werder war bei einem Mcnnoniten, der seiner Kaltblütigkeit Wegen bekannt ist, ein Dieb eingebrochen, und mit einem Dolche bewaffnet an das Bett des Besitzers, der allein schlief, getreten. Unter der Drohung, ihn zu ermorden, wollte er wissen, wo jener sein Geld liegen habe. Der Mennonit bemerkte ihm hierauf — er würde es allein doch nicht finden, er wolle es ihm aber zeigen, wenn ihm kein Leid angethan würde. Darauf kleidet er sich ruhig an, — geht mit dem Diebe durch mehrere Zimmer, öffnet dann einen Schrank, nimmt schnell auS demselben zwei Pistolen, und hält sie dem Diebe mit den Worten auf die Brust: „Ut welkem Büdcl beleewt cm?" (AuS welchem Beutel beliebt ihm?) Druck, Verlag und Redaction des Literarischcn Instituts von I)r. M. Huttlcr. Nro. 20. 16. Mai 1869. Augsburger Sonntags-Blatt. Ein Herz voll Liebe kaun Alles verzeihen, sogar Härte gegen sich, aber nicht Härte gegen Andere, denn jene zu verzeihen, ist Verdienst, diese Mitschuld. Jean Paul. Die Entsagenden. (Fortsetzung) „Rudolph!" unterbrach ihn Angelika, „entweihen Sie nicht diesen heiligen Moment, wo ich komme, Ihnen mein ganzes Herz zu erschließen. Daß ich Sie an diesen Ort berief, geschah auf Veranlassung meiner Cousine. Angelika wünscht, daß ich ihr den Inhalt unserer Unterredung mittheile; so groß auch ihre Liebe zu Ihnen ist, so sinnt sie doch auf die Möglichkeit, Ihnen zu entsagen.' „Welches Schicksal riß diese edle Seele mit in den Kreis dieser Verirrungen?" — rief der Baron schmerzlich; „o glauben Sie mir, so leidenschaftlich ich Sie liebe, so sehr verehre ich Ihre Cousine, wie eine Heilige — aber selbst eine Heilige vermag nichts gegen den starren Willen eines Mannes, wie dieser Direktor, und nimmermehr würde ich zugeben, daß Angelika durch uns zu einem Opfer veranlaßt wird, denn ich kenne dies edle Herz, das selbst des Größten fähig." „Nein, mein Freund, lassen Sie uns die Opfer sein dieses Verhängnisses, und indem wir fremde Schuld sühnen, uns ewig gehören ohne Trennung, ohne Furcht vor Schande und Menschenelend." „Angelika," flüsterte der Baron, „ich zittere, — Dich zu verstehen, und doch wallt mein Herz in unaussprechlichem Jubel." „Würde ich fliehen," fuhr das junge Mädchen fort, „ich würde keinen Tag, keine Nacht der Ruhe finden; denn meine Sehnsucht nach Dir würde mein Leben elend machen, wie der Gedanke, daß Du diese Sehnsucht theilen würdest, und vielleicht bald durch einen Druck Deiner Waffe einem unerträglichen Dasein ein Ende machen würdest. Nur allein mit Dir vereint, vermag mein armes Herz noch Ruhe zu finden, wir wollen fliehen, Rudolph, aber nicht wo Mcnschenaugcn und Menschenlippen uns an eine schmachvolle Vergangenheit mahnen, sondern dorthin, wo die allewige Liebe wohut und der unversiegbare Born der Gnade aus dem Schooße des mildesten der Richter quillt; wir wollen fliehen zu Gott, mein Rudolph, in den Tod." Ein dumpfes Rollen des Donners begleitete die letzten Worte des jungen Mädchens, und zu gleicher Zeit erleuchtete ein greller Blitzstrahl den kleinen Raum. „Ja, sterben!" rief der junge Mann leidenschaftlich, „vereint mit Dir wallen durch die Thore der Seligkeit. O käme jetzt ein Blitzstrahl des Himmels auf uns hernieder, und riefe uns vereint zu höheren Gefilden; — o, jetzt sterben in diesem Augenblick der höchsten Seligkeit! Angelika, Angelika! wer sendet uns den milden, gütigen Engel, der in diesen Stunden uns von einem Dasein des Wehs befreit?" Da siel sein Blick, der durch den dunkel gewordenen kleinen Raum schweift, auf den Tisch, ein neuer Blitzstrahl verbreitete eben eine blendende Helle. „All' ihr guten Mächte," rief Rudolph, „ihr selber seid es, die ihr unserem Plan euren Beifall leiht — ihr selber zeigt uns den Pfad der Rettung aus diesem Labyrinthe. Blick her, Geliebte," fuhr er fort, „die Rettungsstunde schlägt, wir werden nicht lebend mehr diesen Pavillon verlassen!" 154 Angelika wandte sich um, aber ein lauter Ruf, der ihren Lippen entfuhr, ließ auch Rudolph sich umwenden. Am Tische stand die Braut des Barons, den Schleier vom bleichen Gesicht zurückgeschlagen, und neben ihr Baron Leopold, dessen Hand krampfhaft die Pistole umklammert hielt. Eine lange peinliche Stille entstand im Pavillon; Keiner wagte zuerst die Stimme zu erheben. Die Nöthe der Entrüstung stieg in das Antlitz des jungen Mannes. „Fürwahr," sagte er, „nun kann der Vorhang fallen, das Trauerspiel ist zur Comödie geworden, und es fehlt nichts weiter, als ein dankbares Publikum, das uns beklatscht. Doch das Publikum ist ja vorhanden," fuhr er fort, auf seinen Vater und seine Verlobte deutend, „und die Herrschaften scheinen zeitig genug ihre Plätze eingenommen zu haben, um nichts von deni Schauspiel zu verlieren." „Halten Sie ein, Rudolph," fiel die ältere Angelika ihm in die Rede, „entweihen Sie nicht diese ernste, inhaltsschwere Stunde. Ja, ich läugne es nicht, ich war es, die Angelika veranlaßte, Ihnen ein Rendezvous an diesem Orte zu geben, aber ich verschwieg ihr, daß auch ich mich hier einsinken werde, und daß ich diesen Entschluß faßte, geschah, weil ich Sie retten, vielleicht Sie Beide glücklich machen will." „Rudolph," fuhr sie fort, „danken Sie der gütigen Vorsehung, die oft, was uns die schwerste Prüfung scheint, zu unserem Heil dienen läßt; danken Sie ihr, die mich an diese Stätte führte, denn ohne meine Gegenwart wäre Ihr Fuß beim Betreten dieses Pavillons über einen blutigen Leichnam gestrauchelt, über den Leichnam Ihres Vaters!" „Großer Gott!" rief Rudolph, auf Baron Leopold zueilend, „mein Vater!" „Ihr Vater," wiederholte Angelika. „Dieselbe Waffe, die Ihr Leben, das Leben Ihrer Geliebten zu enden bestimmt war, sollte auch zu seiner Todeswaffc dienen. Indem er sich opferte, gedachte er, Sie zu retten!" Tief ergriffen breitete der alte Baron seine Arme aus. „Rudolph," stammelte er, „Gott ist meiiz Zeuge, um Dich wollt' ich in den Tod gehen, kannst Du mir jetzt vergeben, was ich an Dir that?" Rudolph warf sich in die Arme des Alten. „Gott!" rief er, „warum mußtest Du erst so viel Schuld begehen lassen, daß so viel Buße nöthig ist, sie zu sühnen." „Hört mich an," begann die ältere Angelika jetzt auf's Neue — „Nächte der Herzensqual von keinem Schlummer gelindert, — brachte ich ine Gebete zu dem allgütigen Lenker des Schicksals, um einen Ausweg aus diesem Labyrinthe anflehend. Und ich fand ihn — fand das einzige Mittel, den Willen meines Oheims Euch zum Heil zu lenken. Aber dieses Mittel ist eine neue Schuld, ein neuer Betrug, und ehe ich zu diesem Aeußerstcn schritt, mußte eine Katastrophe, wie die heutige, mein Gewissen beruhigen. — Was willst Du thun?" fragte Angelika zwischen Furcht und Hoffnung schwankend, — „können, dürfen wir von Dir Rettung empfangen? Denn meine Ahnung sagt mir, daß der Anfang unseres Glückes zugleich das Ende des Deinen sein wird!" „War ich jemals glücklich?" unterbrach ihre Cousine sie trübe; „ich habe gesucht und nicht gefunden, ich hoffte und ward getäuscht, und Täuschung ist der Faden, der sich um mein Dasein schlingt, und um jede Freude, jede Hoffnung seine Knoten knüpft. Ich schaffte tnir Ideale, die nie cxistircn, lebe in einer Welt, die mir fremd erscheint — wie sollte ich mich darin glücklich fühlen?" „Versteht mich recht," fuhr sie fort, da sie die ängstlich fragenden Blicke auf sich gerichtet sah, „ich denke nicht, Eurem Beispiel zu folgen und frevelnd Hand an mein Dasein zu legen, das ich von Gott empfing. Aber ich bereite mir ein Glück, indem ich von Erinnerungen zehren werde, und der Gedanke wird mich beseligen, daß ich es bin, die Sie, Rudolph, vor dem Ihrer harrenden Schicksal bewahrt hat." „Angelika!" rief der junge Baron, „o wüßten Sie —" „Still!" — unterbrach ihn seine Braut. „Lasten Sie mich Ihnen jetzt sagen, wie Sie sich zu verhalten haben. Ich habe bereits meinen Oheim ersucht, die Trauung ohne Zeugen in der Kapelle dieses Gutes stattfinden zu lassen; mein würdiger Freund, 155 der Pfarrer Hasbcrg, der mir oft mit seinem Rathe beigestanden, wird dieselbe vollziehen und aus seiner Hand wird die Braut, sobald die Ceremonie vollendet, das ihm von meinem Oheim eingehändigte Kästchen empfangen, das jenen verhüngnißvollen Wechsel enthält, um dessen willen Sie, Rudolph, bereit waren, Ihr Lebensglück dahin zu geben. Verhalten Sie sich vollkommen ruhig, und wenn auch die Stimme Ihrer Verlobten während jener Ceremonie beben mag, sprechen Sie fest und vernehmlich das unauflösliche „Ja." — Du, Angelika," redete sie gegen ihre Cousine gewendet, weiter, „wirst meinem Oheim mittheilen, daß Tu Dich gezwungen siehst, am Tage vor meiner Hochzeit unser Haus zu verlassen, und Dich zu einer entfernteren Verwandten zu begeben, — er muß glauben, daß Deine Eifersucht Dir nicht gestattet, Zeugin unserer Verbindung zu sein. Du wirst Dich zu einer alten, verschwiegenen Frau begeben, die ich kenne und der ich vertrauen darf; dort wirst Du das Weitere erfahren." „Und nun," endete sie, „laßt uns Abschied nehmen bis auf ein fröhlicheres Wieder- sehen. Kein Laut, keine Andeutung verrathe jemals, was in dieser Stunde vorgefallen. Aber beten wollen wir zu dem Lenker der Geschicke, der durch die Wolken des Gewitters, die lichte, segenspendende Sonne strahlen ließ, und Wärme und Freude ergoß über alle Creaturen, daß er auch uns führen möge zum Licht durch die Finsterniß, und verzeihe die krummen Wege, l ie wir wandeln, um ein reines Glück zu gründen, das der unbeugsame Wille eines Menschen zu zerstören droht." „Angelika!" rief Rudolph, von seinen Gefühlen überwältigt, „o hätte ich Dich stets gekannt, Du Heilige, ich wäre eher gestorben, als daß ich Dir entsagt hätte!" „Jugend und Schönheit behalten stets ihr Recht," — erwiederte das Mädchen. „Vereint sich mit diesen Vorzügen die Anmuth, die Liebenswürdigkeit meiner Cousine, wie könnte ich Ihnen zürnen!" Das junge Mädchen warf sich in die Arme der Redendem „Möge Gott Dir lohnen," rief sie mit thrünencrstickter Stimme^ „wir vermögen es nimmermehr." „Ich trage in mir meinen Lohn," erwiederte Angelika, „wenn mein Plan gelingt, bin ich glücklich, da Ihr es seid." „Und bist Du Deiner Sache sicher?" — fragte Angelika, „willst Du mir nicht mittheilen — " „Nicht eher, bis es nöthig ist," unterbrach ihre Cousine sie. „Ich habe mit Gott allein diese Angelegenheit berathen, er wird sie zum Heile führen. Und wenn sie mißglücken, wenn ein Zufall mich betrügen sollte, so trösten Sie sich, Rudolph, dann — ja dann müssen Sie mein Gatte werden! Aber trösten Sie sich, selbst in diesem Falle werden Sie bald wieder frei sein." Ein langer Blick gen' Himmel gerichtet, vollendete ihre Rede. (Schluß folgt.) WaS ist es denn mit den Klöstern? (Beantwortet von — Viktor Hugo.) Es ist sicher interessant, eben jetzt die Stimme eines solchen Mannes über dieses Thema zu vernehmen. Viktor Hugo sagt: Menschen vereinigen sich und wohnen gemeinsam; auf welches Recht hin? Auf Grund des freien Vcreinigungs-Rechtes. Sie schließen sich ab; auf welches Recht hin? Auf Grund des Rechtes, welches jeder Mensch hat, seine Thüre zu öffnen oder zu schließen. Sie gehen nicht aus; auf welches Recht hin? Auf Grund des Rechtes, zu gehen und zu kommen, das auch das Recht einschließt, daheim zu bleiben. Dort, zu Haus, was thun sie dort? Sie sprechen leise; sie schlagen die Augen nieder; sie arbeiten. Sie entsagen der Welt, den Städten, den sinnlichen Genüssen, den Vergnügungen, den Eitelkeiten, dem Ehrgeiz, dem Eigennutz. Sie kleiden sich in 156 grobe Leinwand oder grobes Tuch. Keiner von ihnen nennt auch nicht das Geringste sein eigen. Mit dem Eintritt macht sich der, der reich war, arm. Was er hat, gibt er für Alle hin. Der, den man einst vornehm, einen Edelmann oder Herrn nannte, steht dem gleich, der ein Bauer war. Die Zelle ist für Alle dieselbe. Alle opfern ihr Haupthaar, Alle tragen dasselbe Gewand, essen dasselbe Schwarzbrod, schlafen auf demselben Stroh, — sterben den gleichen Tod. Sie haben denselben Sack auf dem Rücken, denselben Strick um die Lenden. Wenn es ihre Regel verlangt, mit bloßen Füßen zu gehen, gehen Alle bloß; dort kann man Prinzen sehe», diese Prinzen sind ebenso Schatten, wie die Anderen. Kein Titel mehr, selbst die Familiennamen sind verschwunden. Sie führen nur Vornamen. Alle beugen sich vor der Gleichheit der Taufnamen. Sie haben die fleischliche Familie verlassen und gehören in ihrer Gemeinschaft der geistigen Familie an. Sie haben keine andern Eltern, als alle Menschen. Sie eilen den Armen zu Hilfe, pflegen die -tranken. Sie wählen die, denen sie gehorchen, und sagen zu einander: „Mein Bruder." Sie beten. Zu wem? — Zu Gott. Die unbedachten, flüchtigen Menschen sagen: Zu was diese unbeweglichen Gestalten zur Seite des Heiligthums? Was nützen sie? Was thun sie? Es gibt wohl kein erhabeneres Werk, als das, was diese Seelen vollbringen. Es gibt wohl keine nützlichere Arbeit, als die, welche diese Seelen verrichten. Sie beten immer für die die niemals beten. Nachgrabungen in Jerusalem. *Die Nachgrabungen, welche der englische Lieutenant Warren unter den Auspicien des Palästina- Erforschung^ Fonds anstellt, fangen an, ungewöhnlich interessante Resultate zu Tage zu fördern. Die Arbeiten sind gegenwärtig fast nur auf die Stadt Jerusalem beschränkt, und der Boden der heiligen Stadt erweist sich als eine Quelle bcmerkenswerther Antiquitäten. Das Jerusalem von heute steht auf den Ruinen des Jerusalems der Vorzeit. Reisende die nach Jerusalem kommen, begnügen sich nicht länger mit einem flüchtigen Blick auf die Stadt wie sie ist, sondern indem sie in Lieutenant Warrens Schachte hinabsteigen uud durch Bögen, Gallerten, verschüttete Hallen, Reservoirs und Wasserleitungen wandern, erhalten sie auch einen Einblick in die Stadt wie sie einst war. Mehr als 50 solcher Schachte -sind gegraben worden, uud in einem derselben hat man 90 Fuß unter der jetzigen Oberfläche den Grundstein der alten Mauern des Tempels entdeckt, welche mit seltsamen bis jetzt noch nicht Entzifferten Inschriften bedeckt sind. Bei der Ausgrabung des Wirket Israel oder Sumpfes svon Bethesda stieß man auf ein fast 100 Fuß tiefes gewölbtes Reservoir, dessen Ausdehnung noch nicht gänzlich erforscht ist. In einem Theile der Haram Area gelangte man in die Oeffuung eines Beckens, das zu einem großen, 63 Fuß langen und 57 Fuß breiten, wie eine Kirche gewölbten Gebäude führte, welches Lieutenant Warren unwillkührlich an die Kathedrale von Cor- dova erinnerte. In vielen dieser unterirdischen Plätze, die gewöhlich mit großen Schuttmaffen angefüllt sind, fand man seltsame irdene Geräthschaften, die gegenwärtig in den Büreaus des Palästina - Erforschungs - Fonds zu London zur Ansicht ausgestellt sind. Das sind nur einzelne Beispiele der Entdeckungen, welche die ersten Anstrengungen der Forscher belohnt habe». Der ganze Boden Jerusalems scheint die Grabstätte des vergangenen zu sein, und fortgesetzte Forschungen dürften nach und die Topographie der heilioen Stadt in der Zeit ihrer frühesten Geschichte, vervollständigen. 157 Schützet die Singvögel. Im Jahre 1766, als die Franzosen ins Land gefallen waren, und ganz Deutschland von Wasfenlärm wiederhallte, war der bergische Landstrich zwischen Sieg und Wupper neutrales Gebiet, wie das im Jahre vorher nordwärts der Wupper gewesen. Davon wußten uns die alten Leute zu erzählen, wie im neutralen Gebiete die aus den Kampfgegenden verscheuchten Singvögel zusamengedrängt waren, so daß in jeder Gartenhecke Dutzende von Nachtigallenne- stern, und alle Obst- und Waldäume voller Vogelnester, und sogar die Dachrinnen der Häuser von den friedenerfrenten Sängern zum Msten gewählt wurden. Da wurde im Feld und in den Gärten das Ungeziefer so rein vertilgt und die Obsthöfe so gründlich gesäubert, daß man keinen Uugezieferschadeu wahrnahm und kein wurmstichiger Apfel zu finden war, wogegen man außerhalb der Friedenslinie, wo die ackerbaufrenndlichen Vögel, nicht aber das feindliche Ungeziefer durch das immerwährende Schießen vertrieben waren, Felder, Gärten und Baumhöfe von Raupen und anderm verderblichen Geschmeiß verdorben sah. So fördert der Krieg das Ungeziefer nicht bloß unter den Menschen. Der um die Landwirihschast und den Obstban verdienstvolle Rath Deycks zu Opladen hat diese Beobachtung in seinem Tagebuche aufgezeichnet und pflegt als Beleg zur Nothwendigkeit des Singvogelschutzes den Schulknaben zu erzählen. Zwei Dutzend Jahre darauf, als man im Siegkreise die Spatzen nach ortspolizeilicher Vorschrift beinahe vertilgt hatte, fand man, durch Ranpenschaden belehrt, nichts Besseres zu thnn, als diese Thiere wieder anzuschaffen, deren Nützlichkeit den Schaden vielfach überwiegt. Siehe, lieber Landmann: das Vögelein braucht dich nicht um Gnade und Barmherzigkeit anzuflehen, daß du ihm ein friedsames Nistplätzchen gönnest. Wenn Rechtsgefühl in dir lebt, so wird das dir sagen, daß es um dich verdient hat, daß du es in Schutz nehmest und treu- behütest wie deinen Augapfel; auch daß du deine Kinder, die vorwizigen, muthwilligen Knaben und jeden fremden Vogelsteller abhaltest, ein Nest anzurühren oder Netze und Schlingen zu spannen auf deinem Eigen, in deinem Walde oder anderswo, Das zutrauliche Vögelein hat das Vertrauen zu dir gehabt, daß du es schützest, sonst würde es sein Nest fernhin gebaut und dich geflohen haben. Dies Vertrauen schon verpflichtet dich. Es geht ein altes Wort durch's deutsche Land von deutscher Treue. Erzeige diese Treue auch dem geringen Geschöpfe, das sein Liebstes auf der Welt, seine Brüt, deinem Schutze und deinem Wohlwollen, das es redlich verdiente, anvertraut hat. Nirgendwo wird die Ausübung der Treue und schuldigen Dankbarkeit so handgreiflich gelohnt werden, als durch deu Vogelschutz. Praktische Verwendung eines Duells. Zwei junge Leute in Paris, Ernst G. und Julius C., die in einem und demselben Geschäft angestellt waren, verliebten sich gleichzeitig in die Tochter ihres Prinzipals und ihre Eifersucht gegen einander führte bald, obgleich sie von Kind auf Freunde gewesen waren, zu einem unauslöschlichen Haß. Einst gab der eine dem andern in einem Cafö aus geringfügiger Ursache einen Schlag ins Gesicht und die Folge davon war eine Forderung in aller Form. Man einigte sich auf Pistolen und das Duell sollte im Boulogner Gehölz stattfinden. Zwei Wagen standen bereit und alle Vorsichtsmaßregeln waren getroffen, um für den Fall eines unglücklichen Ausganges dem Ueber- gebenden rasche Flucht möglich zu machen. Ernst G. batte den ersten Schuß, und kaum hatte der Rauch seiner Pistole sich verzogen, so sah er seinen Gegner in den Armen der Sekundanten liegen, der entsetzt ausrief: Retten Sie mich! Er ist todt! Ohne aufzusehen, sprang der unglückliche Schütze in den Wagen und entkam ungehindert nach dem Bahnhöfe, und von dort nach Belgien, wo er in Brüssel seinen Auferthalt nahm Nach einem Monate fiel ihm ein Pariser Blatt in die Hände, und er wollte seinen Augen nicht trauen, als er darin die Vermählungs-Anzeige seines todt geglaubten Freundes mit der Tochter seines Prinzipals laS. Ohne Zögern eilte er nach Paris zurück und hier erfuhr er endlich die Lösung des allerdings nicht feinen Scherzes. Jnlius C.,der feines Gegners Ungeübtheit in der Führung der Waffen wohl kannte, hatte sich mit seinen Zeugen dahin verständigt, daß er sich nach dem ersten 158 Schusse todtstellen werde. In Wahrheit war er nicht einmal verwundet. Als er seinen Nebenbuhlerin Brüffel wußte, trat er mit den Bewerbungen um das Herz der Schönen offen hervor und führte sie auch bald als Frau heim. Ob sich der Dupirte mit dem k->N accampl, zufrieden gegeben hat, oder ob er eine neue Revanche suchen will, wird nicht gesagt. Die Verzweiflung des Unglaubens klingt aus einem Nachrufe heraus, welchen Alexander Dumas dem verstorbenen Dichter Lamartine widmet. Während Lamartine, wie sich die christliche Sprache so schön ausdrückt, im Kusse des Herrn starb und nach Ablegnug einer Generalbeichte und Empfang der bl. Sterbcsacramente mit dem Crucifix in der Hand zur ewigen Ruhe einging,ruft Dumas in seinem Nachruf aus: „O Dichter, der du in deinem Leben so oft nach den Geheimnissen des Todes geforscht, könntest du nicht vom Jenseits Kunde über das große Geheimniß der Ewigkeit geben? Wenn zwei Menschen, wie Shakespeare und du, den Tod befragten und er nicht antwortete, so ist es, weil er stumm ist. Aber du zweifeltest nichc wie Hamlet und starbst von süßen Hoffnungen erfüllt. Du hast die Augen als Christ geschlossen. Du selbst sagtest: „Ich habe zum Danke die Leiden, welchemir die Menschen hienieden bereiteten. . . . Aber in deinen Schovß eingegangen, o Gott! vergesse ich das Alles oder vielmehr ich hoffe dafür belohnt zu werden. „Oloi-ia 1» exeslsis Doo!" Wenn du dich aber getäuscht hast, Hochstrebeuder! wenn unsere Seele vergänglich ist wie der Leib, wenn der Tod die Vernichtung ist? wenn in Erfüllung des Wortes Christi: „Staub warst du," (das gui pro ij»o, welches Dumas sich hier zu Schulden kommen läßt, indem er eine Stelle aus dem alten Testament Christus in den Mund legt, muß man Dumas zu Gute halten) dein Herz mit seinem letzten Schlage dabin ist: Wo ist dein Lohn, Poet? welches dein Dank, Apostel? was deine Entschädigung, Märtyrer? . . . Glücklich Jene, welche in den seligen Zeiten lebten, da man noch glaubte! Glücklich Jene, welche, wenn sich ein Leichnam in die Gruft senkt, Gedanken des Wiedersehens hegen können. Aber beklagengswürdig sind Jene, welche den entrissenen Freunden ein Lebewohl für ewig nachrufen müssen. Ich gehöre zu diesen Verzweifelten, welche ein solches Lebewohl nachrufen. Lebewohl, Lamartine, für ewig Adieu!" So schreibt Dumas. Ja wohl, beklagenswert!) sind Jene, welche mit dem Glauben an die Unsterblichkeit der Seele auch die Lösung des Räthsels ihres Daseins verloren haben und am Ende ihres Lebens sich fragen müssen: Wofür habe ich gelebt und gestrebt? Beklageuswerth sind sie, wenn sie, aus dem Taumel des Materialismus erwachend, bei dem Hinscheiden einer großen, einer ihrem Herzen theuren Seele ihr verzweifelnd nachrufen: Wo bist Du hingegangen? Du bist für mich verloren auf ewig! Miscellen. * (Ein biblischer Platz.) Auf einem Meeting der „königlichen Gesellschaft für Erdkunde" (Uo^ul Oso^rapliiaal 8oei6t^) verlas der Referent, F. W. Holland, eine interessante Abhandlung „über die kürzlich auf der Halbinsel von Sinai vorgenommenen Forschungen." Die Forschungs - Expedition, zu deren Mitgliedern der Verfasser gehörte, verließ Mitte November v. I. Suez, passirtc die Wüste und kam in Jabal Mousha an, in dessen Nähe sich die Ebene befindet, welche, wie vermuthet wird, der Lagerplatz der Jsraeliten gewesen ist. Man bemerkte daselbst viele Zeichen früherer Cultur, sowie in allen Theilen des Distrikts zahlreiche Einsicdlerhütten und Steingürtel, in Form den der Druiden ähnlich, mit semitischen und griechischen Inschriften versehen, von denen Photographien und Zeichnungen genommen wurden. In Jabal NakouS sah man den berühmten Glockenberg, — welcher an der Seescite gelegen und aus einer 400 Fuß hohen und steilen Sandbank besieht, — dessen Klang, ähnlich dem matten Ton einer aeolischen Harfe, durch den fallenden Sand verursacht, und um so lauter wird, — wenn derselbe trocken und heiß ist. Wenig oder gar nichts wurde entdeckt, was auf die Route der Jsraeliten irgend welches Licht werfen dürfte, aber in vielen Dingen glich das Land auffallend der in der heiligen Schrift enthaltenen Beschreibung. 159 * Wie riesenhaft der Wasserdruck ist, gegen den das atlantische Kabel zu kämpfen hat, zeigt eine Thatsache, die noch nicht viel bekannt sein dürfte. Wenn ein Schiff auf der Fahrt nach Amerika die großen Tiefen erreicht hat, wird dem Reisenden jetzt gewöhnlich folgender interessante Versuch gezeigt: Eine Flasche Champagner, die vollkommen unberührt und verschlossen ist, wird mit dem Senkblei so tief wie möglich hinabgelassen, und nach einigen — vielleicht zehn Minuten — wieder heraufgezogen. — Statt des Champagners findet man jetzt beim Auflösen des Drahtes und Oeffncn deS Korkes eitel Meerwafser, trotzdem der Flaschcnverschluß vollkommen unversehrt war. Der starke Druck der über der Flasche lastenden Wassersäule hat nämlich das schwerere Meer- wasser durch die Poren des Korkes und des Glases hineingepreßt, während der leichtere, moussirende Wein herausgedrückt wurde. * (Das Cochenille-Insekt.) Das bedeutendste Produkt der kanarischen Inseln ist gegenwärtig Cochenille, deren Umsatz in den letzten Jahren beträchtliche Dimensionen angenommen hat. Die Mutter oder die wackres der Insekten setzt man auf die Cactuspflanze, die überall auf den Inseln wächst, und bald ist das stachelige Gewächs über und über mit jungen Insekten bedeckt. Nach einiger Zeit sammelt man die wackres in Beuteln wieder ein, — und läßt die junge Nachkommenschaft zur Reife gelangen. Während man einen kleinen Theil zur Bevölkerung anderer Pflanzen zurück- behält, wird der größere Theil von Frauen in männlicher Tracht und mit Handschuhen bekleidet, um die Hände gegen die Stacheln des Cactus zu schützen, aufgelesen und in Säcken nach England und Marseilles versandt, wo das Pfund 3 Schillinge und darüber realisiert. Obwohl ziemlich südlich gelegen, — sind die kanarischen Inseln wegen ihres köstlichen Klima's und aus dem Umstände, daß heftiger Regen, der die Insekten von den Pflanzen wegspülen würde, — sehr selten vorkommt, — vorzüglich für die Cultur der Cochenille geeignet. Beruhigung. Klage nicht den Weltlauf an! Wer dich führt, weiß mehr, als du; Alles kömmt, das Wo und Wann Anders, als der Mensch ersann, Höh're Weisheit mißt ihm's zu. So, in deiner frommen Brust Wahre dir zufried'nen Sinn, Und du trabst durch's Leben hin Wie das Füll'n der Eselin, Dem sein Mühlsack eine Lust. Kämpft die Jugend oft mit Noth: So geprüft, erstarkt der Mann Und der Greis kömmt doch zu Brod Leider freilich meist erst dann, Wenn er's nicht mehr beißen kann. Deinem Streben, echt und rein, Naht dann auch der Kranz fürwahr, Wenn nicht schon auf braunem Haar, Wenn nicht auf den Scheitel baar, Sicher auf dem Leichenstein! So dir Gott ein Auge nahm, Sprich: es könnten Beide sein! Und erlischt des andern Schein Sprich' nur zu, es bleibt nicht aus — Das Verdienst kömmt stets zu Ehr'. Lebt der Edle dann nicht mehr. Nun, mit Gott, ergib dich d'rein, Freu' dich, daß du nicht auch lahm. Schickt den Säckel man umher, Schmückt des Dulders letztes Haus. Sei dein Spruch: wie'S Gott gefällt! Weltschmerzklagen sind wir satt! Alles, Freund, ist wohlbestellt, Dies ist doch die beste Welt Weil man keine schlecht'» hat. 160 Neue Sprachlehre. Ein hessischer Bauer, der das Wort annectiren oft hörte und sich doch gcnirte zu fragen, was das Wort bedeute, kam nach längerem Nachdenken auf die richtige Fährte. Er leitete es von „abackern" (von des Nächsten Acker) und „anackern" (an den eigenen Acker) ab, und fand, daß diese Bedeutung stets paßte, wo das Wort annectiren gebraucht wurde. Ueber die Zündstreichhölzchcn machtO. Ulein der von ihm und K. Müller redigirte» „Natur", 1869, Nr. 3, folgende Mittheilung: Man berechnet, daß in Frankreich 6, in England 8, in Belgien 9 Streichzüudhölzchen pro Kopf und Tag verbraucht, und in dem rauchenden Deutschland dürfte die Zahl leicht noch größer sein. Nehmen wir indeß nur die kleinste Zahl als Durchschnitt an, so erhalten wir doch für ganz Europa einen täglichen Verbrauch von 2 Millarden, und diese repräscntircn mindestens 400,000 Pfd. Holz. Der jährliche Verbrauch würde also etwa 145 Millionen Pfd. Holz betragen. Von den leichten Holzarten (Espe und Pappel), die gewöhnlich dazu verwendet werden, wiegt der Cubikfnß nicht mehr als etwa 15 Pfd. Demnach würden in Europa allein jährlich gegen >0 Millionen Cubikfnß oder 90,000 Klafter Holz in den so wenig geachteten Zündhölzern vernichtet werden. Rechnen wir dazu den Verbrauch an Phosphor, der ungefähr 420,000 Pfd. jährlich beträgt, und den Lohn der Arbei ter, deren Zahl man auf 30,000 schätzt, so ergibt sich ein Gesammtwerth der jährlichen Zündholzfabrikation in Europa von mindestens 65 Millionen Thalern." (Wie deutsche Frauen sein sollen.) I'aier ^di-adm» L-mota Olar» sagte einst: „Ein gutes Eheweib sollte sein wie drei Dinge und auch wiederum nicht wie drei Dinge. Sie sollte sein wie eine Schnecke, die immer in ihrem Hause ist; und auch nicht wie eine Schnecke, die ihr ganzes Hab und Gut auf dem Leibe trägt. Sie sollte sein wie das Echo, das nur spricht, wenn von ihm gesprochen wird, und auch nicht wie das Echo, das immer das letzte Wort haben muß. Sie sollte sein wie eine Stadtuhr, immer die rechte Zeit haltend, und auch nicht wie eine Stadtuhr, die immer im ganzen Orte gehört wird." Dem alten Dichter Grillparzer in Wien versicherten Schmeichler: „Sie müssen auch Ihr Standbild bekommen!" Lachend antwortete er: „Darm setzt mich nur auf ein Pferd; denn auf die Unsterblichkeit würde ich so lange warten müssen, daß ich's'auf meinen Füßen nicht würde aushalten können!,, Ein mehrfach bestrafter Dieb fand eine Brieftasche mit Geld und behielt sie, weswegen er in Anklagezustand versetzt wurde. Auf die Frage des Richters, ob er die Aufforderungen zur Ablieferung in den Zeitungen nicht geleseu hätte, antwortete er: „O ja, aber ich habe sie nicht beachtet, weil sie alle an den ehrlichen Finder erlassen waren." Charade. Auf des Berges Gipfel hebt sich Moosbewachsen und verfallen Die Ruine. Hörner schallen Mir im Geist,' das Bild belebt sich. Meine Ersten, hoch zu Roß, Seh' ich aus dem Burgthor rücken, Wie die Zweite tief sie drücken In die Weichen! Doch der Troß, Meiner Phantasie Gebilde, Ist mit einemmal entschwunden, Und ich hab' in dem Gefilde Nur mein Ganzes noch gesunden. Druck, Berlag und Redaction des Literarischen Instituts uon Or. M. Huttlcr. IVro. 21. 23. Mai 1869. Augsburaer Augsburaer Wirf, du Erdensobn, deinen Anker nickt in die Tiefe des Erdenschlammes, sondern in die Höhe des Himmelsblaues vnd dein Schiffiein wird fest ankern im Sturm. Jean Paul. Die Entsagenden. (Schluß) Der vcrhängnißvolle Tag war erschienen; zur großen Enttäuschung der aristokratischen Kreise der Residenz und der umwohnenden Gutsnachbarn hatte keine Einladung zur Trauungs-Feicr stattgefunden, die — wie man wußte — in der Kapelle des Schlosses Duroy vor sich gehen sollte. Nie war indessen die Chaussee, die vom Hause des Direktors nach dem Gute führte, von Equipagen und Spaziergängern so belebt gewesen, als es heute der Fall war, und mit fast zudringlicher Neugier umdrängte man die fest verschlossene Kutsche, die vor dem Hause der Braut hielt. Jetzt öffnete sich die Thür und geführt von ihrem Oheim erschien Angelika in einem einfachen Brautkleidc von weißer Seide; aber das Antlitz mit einem fast undurchdringlichen Schleier bedeckt, so daß es unmöglich war, auch nur den kleinsten Zug desselben zu erspähen. Hastig stieg sie in den Wagen, ohne einen Blick auf die Menge zu werfen, die das Auge des Direktors mit dem Ausdruck des Zornes streifte. Ueberhaupt erschien der alte Herr bleich und aufgeregt, wie Einer, der mit sich selbst nicht zufrieden ist. Der Wagen flog davon. Beide, Oheim und Nichte, wechselten kein Wort zusammen. Angelika schlug den Schleier zurück, ihr Antlitz war bleich, aber vollkommen ruhig. „Sie scheinen nicht wohl, lieber Oheim," begann sie nach einer Weile, „ich finde Sie diesen Morgen angegriffen." „Du hast Recht," erwiederte der Direktor. „Ich habe die ganze Nacht schlaflos zugebracht; erst gegen Morgen schlummerte ich ein und hatte einen Traum, o >— einen Traum! Sprechen wir nicht mehr davon," brach er kurz ab, sich in die Kiffen des Wagens zurücklehnend. Aber gleich darauf war er es selbst, der wieder das Wort nahm. „Hast Du Nachrichten von Deiner Cousine?" — fragte er, „muß der Teufel der Eifersucht Dich Plagen und das Mädchen entfernen, ich hätte Dich für vernünftiger gehalten." Der Anfing eines Lächelns überflog die feinen Züge der Braut. „Waren Sie es nicht selbst, lieber Oheim," fragte sie, „der mich warnte, ein junges schönes Mädchen täglich unter die Augen eines jugendlichen feurigen Gatten zu bringen." „Wohl, aber dennoch vermisse ich sie schwer. Es ist das erste Mal, seit ich Leonore verloren, daß ein Mädchen mein ganzes Herz für sich gewann. Wahrlich, zählte ich dreißig Jahre weniger — " „So würden Sie meiner Cousine Ihre Hand angeboten haben," setzte Angelika die Rede fort. „Aber auch jetzt Hütte es ein Mittel gegeben, des Umgangs des jungen Mädchens, das Ihnen so sehr gefällt, nicht zu entbehren." Der Direktor horchte auf. Sein Antlitz nahm den Ausdruck der Spannung an. „Und dieses Mittel?" fragte er. „Angelika liebt meinen Rudolph, und diese Neigung ist nicht ohne Erwiederung 162 von seiner Seite, wenn mich nicht Alles täuscht;" erwiederte Angelika. „Warum brachten Sie nicht Ihren Groll gegen den Varon Leopold — Ihrer Zuneigung zu meiner Cousine zum Opfer und bewirkten die Verbindung Rudolph'S mit Angelika, die nicht wider die Natur, wie die meine." Der Gerichts - Direktor fuhr empor. „Mädchen," rief er, „wer gab Dir diesen Gedanken ein? Aber nein, nein!" — uullrbrach er sich, „ich muß vollenden, was ich begann und überdicß wirkte ich ja auch für Dein Glück, denn Du liebst ja Nndolph." Angelika schwieg; sie faltete wie betend die Hände, und ihr Auge blickte sinnend zum blauen Himmel empor. Auch der Direktor saß stumm in die Ecke des Wagens zurückgelehnt, düstere Gedanken beschatteten seine Stirn, und unbemerkt entfuhren seinen Lippen einzelne abgerissene Sylben. Endlich war das Gut erreicht. Am Eingänge desselben empfing Nndolph seine Braut, die den Schleier auf's Neue über ihr Antlitz gedeckt hatte, und vom Direktor gefolgt, die Freitreppe herauf in den Empfangssaal schritt, wo der Varon Leopold die Gäste erwartete. Die beiden alten Herren wechselten kein Wort zusammen; ein Jeder vermied den Blicken des Andern zu begegnen, und sichtlich erfreut athmeten Beide auf, als die Glocke des kleinen Thurmes der Kapelle mit feierlichem Schall verkündete, daß Alles zur Ceremonie der Trauung bereit sei. Der Direktor erhob sich. „Baron Leopold von Duroy," sagte er mit einer Stimme, der er sich bemühte, Härte zu geben. „Sie kennen die Bedingungen unseres Vertrages, sobald die Trauung meiner Nichte mit Ihrem Sohne beendet, und jenes verhängnißvollc Dokument aus meinem Besitze verschwunden, bin ich Herr auf diesem Gute, kraft der Schuldfordcruiig, die ich rechtlich zu beanspruchen habe. Ich habe bereits Befehl gegeben, den Plan zu einem prächtigen Mausoleum zu entwerfen, dort soll der Leichnam einer Unglücklichen ruhen, als Sühnopfer, — was ein Elender an ihr verbrach. Haben Sie bereits ein anderes Asyl gewählt, Herr Baron?" „Der Herr Baron wird im Hause seiner Schwiegertochter zu jeder Zeit ein willkommener Gast sein," erwiederte Angelika, statt des Gefragten. „Das heißt, der Herr Baron wird das Gnadenbrod einer Fremden essen," siel der Direktor ein; „der Herr Baron —" „Halten Sie ein, mein Herr," rief Nndolph, „fügen Sie Ihrer That nicht noch bitteren Hohn hinzu. Die Zukunft meines Vaters überlassen Sie meiner Fürsorge " Baron Leopold trat dicht an seinen ehemaligen Jugendfreund heran. „Herr Direktor/' — sagte er halblaut, „Sie greifen in das Amt des höchsten Richters. Wahr ist's, ich habe schwer gefehlt gegen Leonorcn, ich habe Ihr eigenes Leben trübe und freudenleer gestaltet, aber glauben Sie mir, Ihre Rache würde gestillt sein, wüßten Sie, was ich seit diesen Wochen gelitten habe, wie nichts mir willkommener sein würde, als der Tod. Sie treten vor mich hin, als Vertreter der irdischen Justiz, um Ihren Privatgroll zu befriedigen; man verdammt einen Fälscher zum Zuchthause, aber nicht zu einer ewigen Folterqual des Herzens und Gewissens, der selbst ein Titan unterliegen würde. Dennoch beuge ich mich vor Ihrer Macht, um des Namens willen, den unbefleckt von Schuld vor den Augen der Menschen meinem Sohne zu überlasscu mir über Alles geht. Sie treten vor mich hin als Ihr eigener Richter; sei es, — Sie finden mich zu den schwersten Opfern bereit, meine Heimat in meinen letzten Tagen zu verlassen. Aber der Rächer Leonorens, das sind Sie nicht, Herr Direktor! Was meine Neue, meine Buße bis jetzt nicht sühnte, das vergibt mir ihre Liebe — denn Leonorens Herz konnte nicht fluchen, es konnte nicht hassen, nur vergeben. Hüten Sie sich, daß nicht einst am Throne Gottes Leonore als zürnender Engel vor Sie Hintritt, der unbefugt eine Rache übernahm, die sie verabscheut; denn der Tod versöhnt und vergibt — Haß und Fluch kennt nur das Leben!" Der Baron schwieg, seine Stimme war allmählig fest und erhebend geworden, und leuchtenden AugcS blickte er auf den Direktor, der stumm und in sich versunken dasaß. „Sie machen mir Vorwürfe, weil ich gütig aus Schwäche gegen Sie war," — erwiderte er endlich leise. „Wohl noch ist jener Weg in meinem Besitz, der Ihnen die Pforten des Zuchthauses öffnet, noch kann ich Ihren Namen brandmarken mit dem Stempel des Verbrechens. Daß ich es nicht that, geschah aus Rücksicht für die Verbindung, die einst zwischen Uns gewaltet, aus Rücksicht für Angelika, die mich beschwor, milde gegen Sie zu verfahren." „Glauben Sie nicht," — fuhr er fort, „daß meine Strenge gegen Sie aus selbstsüchtigen Motiven entspringt, vielleicht nehme ich nicht die Stellung ein, die ich heute bekleide, wäre mein Leben um so viele Erfahrungen ärmer geblieben, aber zu Leonorens Rächer berief mich die Stimme der Gerechtigkeit, die Stimme der Natur, und indem ich mich der Verlassenen ihrem Verführer gegenüber annahm, glaubte ich ein heiliges Vermächtniß zu erfüllen." „Und doch täuschten Sie sich," rief der Baron glühend. „Leonore vergab mir, und aus ihrem eigenen Munde verkündete mir ihr Geist, der mir im Traume diese Nacht erschien, daß meine Schuld gegen sie ein Ende nahm an den Pforten der Ewigkeit." „Leonore erschien Ihnen?" — rief der Direktor aufgeregt. „Ich will es Ihnen glauben, aber dennoch kann, — dennoch will ich nicht mehr zurück; auf mich allein ruht die Verantwortung hier und jenseits! Wissen Sie denn, auch zu mir trat ihr Bild in dieser Nacht, schön und rührend wie immer, aber das Auge mit finsterem Ausdruck auf mich geheftet. Ich fühlte mein Blut erstarren vor diesem geisterhaften Blick, dennoch sank ich zu ihren Füßen; ich fühlte mich wieder jung und leidenschaftlich wie einst. — Leonore, rief ich, bist du mit mir zufrieden? Aber sie stieß mich zurück und wies hinter sich mit der Miene des Zornes. Da sah ich meine Nichte an der Hand Nudolphs, und hinter ihnen den Priester, der über sie den Segen sprach. Wehe, flüsterte der Geist, da du die Rache einer Todten übernahmst, handeltest du wider die Natur, wider die Natur- ist das Bündniß, das du knüpftest, darum bist du gerichtet wider die Natur — lebend sollst du mir folgen in's kühle Grab, und dein mich nennen tief unten, wo Keiner uns stört. Und sie trat auf mich zu, der ich zitierte, und ihr Antlitz ward zur Tvdtenlarve, ihre eisigen Finger drückten die meinen; laut schrie ich auf, ich wollte zum Altar eilen, dich hinwcgrcißen, Angelika, von den Stufen des AltarS; zu spät — der Segen des Priesters hatte euch unauflöslich verbunden; da flehte ich um Gnade, denn immer enger wurden die Umarmungen des Geistes. Gnade! schallte es in mein Ohr; nur wenn der Himmel Wunder thut, bist du begnadigt. Ich warf mich nieder an den Stufen des Altares. Das Brautpaar schritt herab, aber sieh, die Todeskälte verschwand, die mich beängstigt hatte. Der Druck des Geistes ward milder; ein Lächeln des Himmels wandelte die Tödtenmaske Leonorens in ein Engelsantlitz um, denn die Braut an der Seite Nudolphs war,nicht meine Nichte mehr, es war — aber Possen," unterbrach er sich — „ein Traum ist eine Blase, die die erhitzte Phantasie im Blute aufwirbelt. Ich will vollenden, was ich begann. Der Pfarrer besitzt das Kästchen bereits, sobald die Trauung vorüber, magst du es deinem Gatten übergeben " Bei diesen Worten schritt er der Gesellschaft voran. Angelika ließ ihren Schleier fallen, und folgte festen Schrittes am Arm Nudolphs und des Baron Leopold. Bald war das Gotteshaus erreicht; eine trauliche Dämmerung herrschte in dem kleinen Raum. Die Strahlen der Sonne brachen sich mit magischem Lichte durch die dunkelrothcn Scheiben der hohen Bogenfenster des Altares, au dMtzjhcr alte Pfarrer im Ornat stand, des Brautpaares harrend. Auf dem Altartischch^n v^-ind sich ein kleines Kästchen, — auf das die Blicke des Baron Leopold mit dem AuSNrnck des Verlangens ruhten, denn er wußte, welchen für ihn unschätzbaren Inhalt dasselbe enthielt. > Die Fassung des Brautpaares schien allmählig zu schwinden. Wie der Schritt 164 Angelika's allmählig unsicherer und langsam ward, so überfiel auch Rudolph ein unwjll- kührliches Zittern, als er jetzt am Altar den nächsten Augenblick über seine ganze Zukunft ? entscheiden lassen sollte. > „Wollen Sie nicht den Schleier entfernen?" fragte der Geistliche die Braut. „Nicht verhüllten Antlitzes sollte man an den Tisch des Herrn treten." ! „Das Auge des Ewigen liest nicht in den Mienen, sondern in den Herzen der l Menschen," erwiederte Angelika, „lassen Sie mir den Schleier, — ich fühle mich so der ' Außenwelt mehr entrückt, zu den Betrachtungen vorbereitet, die diese ernste Stunde in mir erweckt." „Und noch Eines," fuhr sie fort, „gönnen Sie mir noch einige Augenblicke Frist, ehe die Ceremonie beginnt; es drängt mich, allein und in der Stille mein ganzes Herz in einem brünstigen Gebete zu entlasten; in wenig Augenblicken bin ich wieder an dieser Stätte." Mit diesen Worten erhob sie sich und trat in die dicht am Altar gelegene Sakristei, deren Thür sie hinter sich verschloß. Eine Stille entstand unter den Zurückbleibenden; Baron Rudolph fühlte sein Herz j fast hörbar pochen, während der Direktor unruhig im Hintergründe der Kapelle auf- und ^ niederschritt. Endlich öffnete sich die Thür der Sakristei und die Braut erschien auf der Schwelle. Noch immer verhüllte der undurchdringliche Schleier ihr Antlitz. Ein Zittern befiel sie, als Rudolph ihr seine Hand reichte, und mit fast tonloser Stimme hauchte sie ihr „Ja" — als der Priester die Frage an sie richtete: Ob sie, Angelika Fleischer, den Baron Rudolph von Durvy als Gemahl anerkenne? Bis dahin hatte der Blick des Bräutigams mit dem Ausdruck der Furcht die dichten Falten des Schleiers zu durchbohren gesucht; jetzt aber zuckte er zusammen, eine unaussprechliche Freude malte sich in seinen Blicken und mit fester Stimme sprach auch er das bindende „Ja." Die Trauung war vollendet, der Priester nahm das Kästchen vom Altartisch und überreichte es der Braut. „Nach dem Willen des anwesenden Herrn Gerichts-Direktors," sprach er, „übergebe ich Ihnen dieses Kästchen, um eine vor Gott gehörte heilige Verpflichtung einzulösen — möchte in seinem Inhalt der Segen des Ewigen ruhen!" Mit bebender Hand empfing die junge Gattin das Kästchen, mit bebender Hand reichte sie es Rudolph, der es nicht minder aufgeregt empfing. Hastig erbrach er es — und entnahm ihm ein Papier, das er seinem Vater wies. „Erkennen Sie dieses Papier als das rechte?" fragte er Baron Leopold. Der alte Herr nickte stumm; die tiefe Bewegung beraubte ihn der Sprache, er nahm das Papier und riß es in unzählige Stücke, als wolle er jede Spur seines Daseins vernichten. Dann breitete er seine Arme gegen das Ehepaar aus. „O, meine Kinder!" rief er, „wie soll ich Euch danken, was Ihr an mir gethan!" Aber ein Ausruf des Staunens entfuhr ihm — ein Ausruf des Glückes seinem Sohne, der Schleier war vom Antlitz der Neuvermählten entglitten, und dieses Antlitz ' war jung und blühend, wenn auch bie Bedeutung des Augenblicks es bleich gefärbt hatte — dies Antlitz gehörte der jüngeren Angelika — der einzigen Liebe Rudolphs. Der Direktor hatte sich hinzugedrängt, er glaubte seinen Augen nicht zu trauen. „Leonore!" rief er, „Du hast gerichtet, ein Wunder ist geschehen." Aber sogleich ermannte er sich. „Es gibt kein Wunder — betrogen bin ich, schändlich betrogen, diese Ehe ist ungültig, denn sie ist ein Gaukelspiel vor dem Auge Gottes!" ' „Ein GaukelsviZM wiederholte der Geistliche erstaunt — „großer Gott, ist diese Frau nicht AngetL^LMscher?" „Wohl ist sieMHKlika Fleischer," rief der Direktor, „der Name stimmt, aber nicht die Person. Ab?r, H Gott! — man soll mich nicht ungestraft verrathen haben — die Verbindung mit meiner Nichte muß stattfinden, und sollte ich die äußerste Gewalt —" Das Oeffnen der Sakristei - Thür unterbrach seine Worte und die ältere Angelika, noch im.kränklichen Gewände, erschien auf's Neue in der Kapelle. „Diese Verbindung ist unmöglich, Oheim," redete sie, „die Welt hat keinen Theil mehr an mir — denn in drei Tagen trete ich in das Frauenstift, — das sich an der Grenze unseres Landes befindet, hier ist die Akte meiner Aufnahme." Bei diesen Worten zog sie ein Pergament hervor und überreichte es dem Direktor, der es zu Boden fallen ließ, ohne es gelesen zu haben. „Oheim!" — fuhr sie fort, „nicht als Verrath legt aus, wozu Pflicht und Gefühl mich trieb. Wohl hatte Leonore Recht, als sie im Traum warnend vor Sie trat —> eine doppelte Blutschuld hätte Ihr Gewissen besteckt, wenn nicht ein gütiger Zufall mich gesandt hätte, sie zu verhindern. Verzweiflung gab dem Baron Leopold — hoffnungslose Leidenschaft Nudolph und Angelika die Todcswaffe in die Hand." „Großer Gott, Du redest Entsetzliches!" — rief der Direktor todtcnbleich. „Und so wahr der Ewige Uns hört — die Wahrheit! Betrachten Sie, was in dieser Stunde geschehen, als jenes Wunder — das Ihre Leonore Ihnen verheißen! — O seien Sie gewiß, der nagende Selbstvorwurf, — der sich in der Todtenlarve Ihres Traumes verkörperte, wird sich in die Ruhe, in die Heiterkeit Ihres Gewissens verwandeln, als deren Bild die sanften Züge der Verlorenen als Ihr guter Genius auf Ihrem Lebenswege leuchten werden. O glauben Sie mir, seinen Haß zu befriedigen, mag wohlthuend sein, aber schöner ist, ihn zu vergessen in dem Anblick der Glücklichen, die unsere Güte geschaffen. Wir Alle haben entsagt, Oheim! Jeder seinen Hoffnungen, — Jeder seinen Träumen; jetzt tragen auch Sie Ihr Theil hinzu, gewiß — es ist nicht das Kleinste — entsagen Sie Ihrer Rache!" Der Direktor schwankte, sein Auge blickte unverwandt auf die jüngere Angelika, die sich an die Brust Rudolphs lehnte. „Ja," — murmelte er vor sich hin, „so sah ich es im Traume. Leonore, Dein Wille geschehe!" „Sei es denn," — sagte er, „auch ich will entsagen; mag die Welt ihre Glossen machen, wir bedürfen ihrer nicht — ich will nicht ein Band trennen, das höhere Mächte gewoben. Baron Leopold," fuhr er fort, „von heute an sei jeder Groll vergessen. — Versöhnend schwebe der Geist Lconorens zwischen uns. Freilich, — die früheren Tage kehren nie zurück, ein Leben voller Bitterkeit liegt zwischen uns — aber, was wir Beide fehlten, versöhne das Andenken Levnorens." „Dank, tausend Dank, mein theuerster Oheim," rief Angelika, während der Baron Leopold weinend die Hand seines Jugendfreundes ergriff, „o ich wußte, dieser Schritt, der äußerste, den ich that, nach Thränen und Gebet — er durste nicht umsonst sein — denn Gott selber wies ihn mir!" Nudolph eilte zu ihr. „Angelika," sagte er tief bewegt, „ich vermag Ihnen nicht zu danken, Ihnen — unserem heiligen, unserem guten Engel. Nur noch eine Bitte habe ich an Sie, verlassen Sie uns nicht, bleiben Sie bei uns, — den Samen des Glückes aufgehen zu sehen, den Ihre Hand gestreut." Angelika lächelte schmerzlich. „Niemals," erwiederte sie, „nichts ist schmerzlicher, als der Gedanke an ein verlorenes Glück." „Ihr Vorwurf schneidet tief in meine Seele," erwiederte Nudolph, — „wir Alle entsagten und wurden glücklich, und Sie —" „Auch ich bin es, da ich Euch zufrieden weiß," unterbrach ihn Angelika. „Ich bedarf nichts mehr auf dieser Welt. Euer sei, was ich besitze, ich gebe es Euch — mit meinem besten Segen. Und wenn Ihr so recht von Herzen glücklich seid, und die überwallende Brust sich nach Mittheilung sehnt, o dann denket daran, daß draußen in der stillen Einsamkeit ein Herz für Euch betet, ein Herz bereit ist, Theil an Eurer Freude zu nehmen. O glaubet mir, der Stachel des Augenblicks wird aus meiner Seele 166 schwinden, klar und reinen Herzens werde ich einst auf die Vergangenheit zurückschallen,, und vielleicht freudiger, als Ihr — denn Ihr entsagtet und seid glücklich; ich entsagte,' und habe Glückliche gemacht. Dies Bewußtsein folgt mir und wird mir vorangehen bis an die Pforte der Ewigkeit, wo wir uns Alle — Alle wiedersehen und ein Band uns verbindet im Schooße der Seligkeit." „Amen!" tönte feierlich die Stimme des Priesters am Altare, und wie zum Segen hob er die Hände über die Entsagende empor, die Rudolph und Angelika in ihre Arme schloß. Der internationale Eongreß für Pflege der im Felde verwundeten nnd erkrankten Krieger hat vom 22. bis 27. April in Berlin getagt. Der diesmalige Congreß bestand aus 64 Vertretern von Regierungen und Vereinen. Von Regierungen waren amtlich vertreten: England, Rußland, Oesterreich, Italien, Belgien, Niederlande, die Pforte, Schweden, die Schweiz, Preußen, Sachsen, Bayern, Württemberg, Baden, Hessen, Mecklenburg, Oldenburg, Hamburg, Bremen und Lübeck. Die Aufgaben und Berathungen des gegenwärtigen Congresscs bezogen sich vornehmlich auf drei Hauptpunkte: 1) die Formen der Vereinsthätigkeit im Landkriege; 2) die freiwillige Hilfe im Seekriege; 3) die Friedensthätigkeit der Hilfsvcreine. Außerdem wurde vom Congrefse ein Antrag folgenden wichtigen Inhalts angenommen: „Die internationale Confcrenz beschließt, die der Genfer Convention beigetretenen Regierungen zu ersuchen, nachstehende Vereinbarung zu treffen: Im Falle eines Krieges stellen die am Kriege nicht betheiligten Mächte diejenigen Militärärzte ihrer Armee, welche ohne Benachteiligung ihres Friedeusdienstes entbehrt werden können, zur Verfügung der kriegführenden Parteien, um dieselben zu dem Dienste der Verwundeten in den Kriegslazarethen zu verwenden. Die Entsendung der für diesen Zweck kommandirten Aerzte erfolgt unmittelbar nach erfolgtcr Kriegserklärung. Die für diesen Zweck kommandirten Militärärzte treten unter den Befehl des Armeearztes derjenigen kriegführenden Macht, welcher sie zugetheilt sind."—Angesichts der Erfindungen, welche zur Zerstörung von Menschenleben in großartigstem Style gemacht worden sind, sind die Bestrebungen, von dem Zerstörten noch zu retten, was zu retten ist, gewiß sehr lobenswerth. Allein beim Blick auf die Schlachtfelder, denen die Thätigkeit des Con- grcsses gewidmet ist, geht selbst dem bekannten Berliner Witzblatt der Humor aus. Mit einem Ernste, der der Sache vollkommen angemessen ist, ermähnt es: Nicht, wie man Wunden heile, Ist die große Zukunftsfrage, Sondern wie es anzufangen, Daß man keine Wunden schlage. Nicht, wie man die wunden Krieger Und wie man die Todten bette, Sondern wie man tilg' auf ewig Wilder Schlachten Schädelstätte. Nicht, wie brüderlich im Grabe Freund und Feind vereinigt werden, Sondern wie man alle Völker Schon verbrüdere hier auf Erden. Wollten Solches doch beherzigen Auch die Mächtigen unserer Tage: „Sorgt nicht, wie man Wunden heile, Sorgt nur, daß man keine schlage!" 167 Die Pacific-Bah» oder * Das „Sän Francisko Bulletin" Fahrpreise auf der „Pacific - Eisenbahn" Gold, wie folgt: eine Reise um die halbe Welt. berechnet nach den jetzt geltenden Tarifsätzen die und zwar für ein Durchbillet erster Classe in Von New-Aork nach Chicago . Von Chicago nach Omaha Von Omaha nach Salt Lake . Von Salt Lake nach Sän Francisko Meilen. Fahrpreis. 960 18 Doll. 75 c. 496 17 „ 53 „ 1070 40 „ 13 775 77 „ 50 3299 153 „ 91 Summa Hieraus ist ersichtlich, daß auf der „Central-Pacific-Bahn" für kaum den vierten Theil der Gesammt-Entfernung mehr als die Hälfte des Gesammt - Fahrpreises zu entrichten, und zwar nach dem Tarifsatz von 10 c. Gold gegen 5 c. Papier auf der Union- Pacific-Eisenbahn, sobald jedoch der Durchverkehr hergestellt sein wird, dürfte es erstere Compagnie in ihrem Interesse finden, die Rate auf mindestens 5 c. Gold per Meile herabzusetzen, so daß sich der Fahrpreis auf der Central-Pacific-Eiscubahn auf 38 Doll. 75 c., und der Preis eines Durch-Billets erster Classe auf 115 Doll. 26 c. reducircn würde. Bei einer Fahrt von 6 bis 8 Tagen und Vcrpflegungskostcn von circa 3 Dollar Gold per Tag würden sich die Kosten einer ununterbrochenen Reise von New-Hark nach Sän Francisco auf circa 150 Dollar Gold stellen; es ist sehr wahrscheinlich, daß den Durchzögen Restaurations-Waggons beigefügt werden, so daß die Tour mit vcrhältniß- mäßigcm Comfort bei Tage und bei Nacht (sclbverständlich in „Pulmann's Silvcr Palace" Schlaf-Waggons) gemacht werden kann. Wenn auch nicht in „zweimal zwölf Stunden," wie der kluge Schäfer des Abtes von St. Gallen dem Kaiser zur Antwort gab, so gehört nach Beendigung der Pacific-Bahn und des Sucz-Canals eine Reise um die Welt in „zweimal zwölf Wochen" nicht mehr in'S Reich der Unmöglichkeit. (Die Atlantic-Pacificbahn-Verbindung.) Es ist wohl nicht ganz verfrüht zu nennen, wenn das „Toledo Blade" den künftigen California-Reisenden bereits eine Zeit- und Mcilcntafel ausgearbeitet hat, in welcher mit Abzug der Zeit, die für unvermeidliche „Accidents", Lawincnvcrschüttungen und Ausgrabungen hinzukommen mag, die Dauer der Fahrt in den nachfolgenden Abtheilungen, sowie die Meilen - Distanzen der wichtigsten Stationen angegeben sind. New-Nork nach Chicago, Jll. .... 911 Meilen 36>/2 Stunden. Chicago nach Omaha, Nebraska 491 l, 24-/2 Omaha nach Bryan. 858 k, 43 ,/ Bryan nach Ogden, Utah. 233 l, 10'/-2 l, Ogden nach Elko, Ncvada, via Central-Pacific-Nailroad 278 „ 12-/2 Elko nach Sacramento, Cal., via ditto 465 31 Sacramento nach Sau Franzisko, via Western ditto 117 3'/2 „ Total 3353 f, 161-/2 „ Danach ist die Gesammt-Entfernung der beiden Metropolen 3353 Meilen in sechs Tagen 171/2 Stunden scheinbarer, oder nach Abzug von 31/2 Stunden, welche durch die Bewegung von Osten nach Westen verloren gehen, in 6 Tagen 14 Stunden geographischer Zeit zurückzulegen. In Sän Francisco schließen die verschiedenen Postdampfcr-Linicn des Pacific-Occans direct an und treffen in Honolulu nach 9 Tagen von Sän Francisco ein, so daß man 151/2 Tage von New-Uork aus braucht; nach Japan 19 Tage von Sän Francisco oder 251/2 Tage von New-Nork aus, von Großbritannien aus 33 bis 34 Tage, d. h. 3 bis 4 Wochen weniger als mit der britischen Post durch den Suez-Canal. Die australische ^ 168 Post wird später, wie man glaubt, auch über Sau Francisco gehen, wodurch eine regelmäßige monatliche Postverbindung mit Australien mit 34 bis 35 Tagen Befördcrungs- Zeit ermöglicht wird. ES ist bestimmt im hohen Rath, Daß man von Allem, was man hat, Gibt Steuern. Du zahlst von jedem Gegenstand Ein Pflichtteil deinem Vaterland, Dem theuern. Ermunterung. Thcilnehmend Prüft er den Besitz, Ob Schulden dich und Deficits Belasten — Darum verschweig' ihm keine Last, Und sag' ihm deutlich, was Du hast Im Kasten. Du ißt und trinkst ein Gläschen Wein, Du rauchst in Deinem Kämmerlein, So einsam. Es steht der Staat an Deiner Thür Und ißt und trinkt und raucht mit Dir Gemeinsam. Vom Geld und Gold, von Schaf und Schwein, Von Spiritus, von Bier und Wein, Vom Brode, Von Seid' und Zwirn, von Knopf und Band Gib dem geliebten Vaterland 'ne Quote. Er kommt gefälligst in Dein Haus, Zählt freundlich die Familie aus Nach Köpfen, Um zu dem Heil für Secl' und Leib Kind, Kutscher, Köchin, Mann und Weib Zu schröpfen. Der Staat, er braucht es nicht zum Staat, Wenn er den Steucrapparat Läßt rollen! Drum sollst Du, wenn er, was ihm taugt, Mit Gier in alle Poren saugt, Nicht grollen. Drum klage nicht und zage nicht. Und drückt der Steuern Vollgewicht Auch bleiern, Als Deutscher denke früh und spat, Daß wir auf einen großen Staat Los — steuern! Berlin. (Aus Glasbrenners Montztg.) Miseellen. * Vor dem Liverpooler Polizeigericht stand kürzlich ein Individuum, des Selbstmord-Versuchs angeklagt. Ein Policemann hatte ihn in dem Augenblick attrapirt, als er sich aufknüpfen wollte. Er wurde in Folge seiner Erklärung, daß er naß geworden sei, und „sich zum Trocknen habe aufhängen wollen," frei gesprochen. * (War das Schnupfen Sitte, ehe Schnupftabak existirte?) Das „Athenäum" glaubt diese Frage bejahen zu können, da Cotgrave in seinem Cvnversations- Lexikon bemerkt, daß „Nicßpulver" aus Nießwurz fabrizirt, schon in 1611 ein bekannter Artikel war. Weder die erste noch die zweite Auflage des genannten Lexikons erwähnt des französischen Wortes tobue oder tabue. Auflösung der Charade in Nr. 20: „Rittersporn." Druck, Verlag und Redaction des Literarischcn Instituts von 11r. M. Huttler. Nno. 22. 30. Mai 1869. Augsburger Wie oft macht nicht der Anblick von den Mitteln Zu bösen Thaten — böse Thaten thun. Shakespeare, König Johann IV. Sd. 2. Aus der Jagd. Erzählung von Hub! ch t. Erstes Kapitel. Der einzige Sohn. Es war still, ganz still in der Hütte, wie draußen in der freien, schönen Gottes» natur, die ordentlich nach dem vorangegangenen heftigen Gewitter recht tief und friedlich Athem holte. Der Mond stand am Himmel und warf sein flüssiges Silber über den nahen Wald, daß eS wie ein blitzendes Perlenmecr durch die dunklen Zweige sickerte, und der krystall- klare Himmel schmiegte sich anmuthig an die von Thauwolken umsäumte Erde. Licht und Friede lag da draußen, Himmelslächcln in jedem Athemzug und das Herz, das in dieses wunderbare Gottesschweigen hinausgetreten, wäre friedensstill geworden, wie ein schluchzendes Kind, das die Mutter an ihren Busen nimmt. Drinnen in der Hütte war es auch still, aber eine Stille, wie sie einem fürchterlichen Unwetter drohend vorangeht, denn dort rang ein junges blühendes Leben mit dem Tode, und das schwache, kaum noch flackernde. Lebens-Lämpchen drohte jeden Augenblick zu verlöschen. Es war ein langer, blasser Mensch, der dort mit dem Tode kämpfte, und ein Bild des Jammers und tiefsten Elends lag er auf sciuem Lager von Stroh, während neben ihm eine herkulische Greisen-Gestalt kniete und schweigend Verbünde, bald am Kopfe, — bald an den Füßen auflegte, und sich nichts in dem Zimmer rührte, als der Pcndelschlag der alten Schwarzwälder - Uhr, die dem dort liegenden Kranken die letzten Stunde« zuzuzählen schien. „Ach, wie das hämmert und bohrt!" jammerte der Kranke; „ich halt'S nicht mehr aus; schaff' mir die Uhr aus der Stube, die bringt mich sonst um." Der alte Mann stieg auf einen Stuhl und brachte mit einem einzigen Griff das Räderwerk zum Stehen. Es war nun ganz still in der Stube, — nur im Kopfe des Unglücklichen hämmerte es noch immer fort, und nach einer Weile klagte er wieder: „Ich glaubt', es wär' die Uhr, aber es hört nicht auf. Vater! es klopft gewiß Jemand an den Laden und läßt mich nicht schlafen." Der Alte blickte mitleidig auf den Leidenden und öffnete, um ihm zu willfahren, den Laden. Das Mondlicht floß in vollen, breiten Strömen herein und gerade auf das Gesicht des Kranken, das davon noch bleicher und todtenblasser wurde, und kaum noch iu den weißen, kalten Zügen Leben verrieth. Der arme Mensch wendete die Augen nach dem plötzlich hincindringendcn Licht; er wollte den Kopf etwas erheben, um die ganze volle Scheibe des Mondes zu erblicken, sank aber bei der leisesten Bewegung wimmernd wieder auf sein Lager zurück. Der Alte legte jetzt einen neuen Verband um den Kopf des Kranken, der dabei vor Schmerz laut aufschrie und dann leise fortwimmcrle, und doch verrichtete der alte Mann 170 "scm trauriges Gcschäfl mit einer Sorgfalt und Schonung, als ob seine groben, derbe» Hände stets nur auf den Tod Liegende gehegt und gepflegt hätten. Ein Paar starke Schrotkörner mußten von hinten in den Kopf des jungen Menschen eingedrungen sein, denn hinter dem Ohre tröpfelte aus einigen Wunden noch immer Blut, so oft sie auch der alte Mann mit kaltem Wasser ausgewaschen hatte. Es waren Wunden, die den Tod brachten, und schon umflorte sich das Auge des Leidenden, und der Tod wob seine finsteren Netze um dies arme, wunde Haupt. . . . Aber nicht nur der Kopf, auch die Füße des Unglücklichen waren jämmerlich zerschossen und dort schien eine volle Ladung sich tückisch eingewühlt und sie völlig zerschmettert zu haben, so daß sie ihn für immer zum Krüppel gemacht, wenn ihm nicht die Wunden am Kopfe bald, gar bald Erlösung versprochen hätten. Es waren keine Füße mehr, nur zerfetztes, verstümmeltes Menschengebein, dessen Anblick das Blut im Herzen mußte stocken machen. Abex die Hand des Alten zitterte nicht, wenn er einen neuen Verband anlegte, und die zerschossenen Füße betrachtete, in die schon der kalte Brand getreten war; nicht einmal sein Auge zuckte, als ob es in seinem Herzen dumpf und öde wäre, — und doch war rs sein Sohn, sein einziger, geliebter Sohn, der dort mit dem Tode rang und der unter so fürchterlichen Schmerzen sein armes Leben enden sollte! Und noch gestern, da war Alles anders, da hatte er noch einen Sohn und war mit ihm hinausgegangen in den Wald, freilich nur heimlich-verstohlen, die Büchse im Arm, ein Wild zu erjagen, wenig ahnend, daß er seinen eigenen, tödtlich verwundeten Sohn auf seinem Rücken in die Hütte tragen würde. Jetzt schloß der Sohn auf einen Augenblick die Augen und schien zu entschlummern. Der Alte setzte sich erschöpft auf den am Lager stehenden Stuhl und ließ die düsteren Bilder der vergangenen Nacht an seinem Auge vorübergehen. Oft fuhr der alte Mann mit der Hand über die Augen, — als könne er damit das Vergangene in Etwas wegwischen, dann blickte er wieder auf das Jammerbild seines Sohnes und in seinem harten, wettcrgcbräunten Gesicht malte sich ein wilder, verzweifelter Schmerz. Er drückte seine derben Fäuste in die brennenden, trockenen Augen, und sah sich wieder im Walde, mit dem Ausweiden eines Rehes beschäftigt. Es ist ein fürchterliches Wetter, der Sturm rüttelt an den hohen alten Bäumen, daß sie wie leichte Gerten sich hin und her bewegen - einzelne schwere Regentropfen beginnen bereits zu fallen, und ein starkes Gewitter rollt mit seinem Donner in gewaltigen, fürchterlichen Schlägen über die Wipfel der Bäume, und nur von Zeit zu Zeit reißt ein Blitzstrahl in die düstere Nacht eine Lücke und erleuchtet auf Momente das düstere Waldcsschwcigeu. Ein solcher Blitzstrahl zeigt dem alten Wilddieb dunkle, näher rückende Gestalten, er flüstert seinem Sohne zu: „Wir müssen fort!* — Zu spät! Derselbe Blitz hat auch schon die Gruppe mit dem Reh beleuchtet; es füllt ein Schuß und der Sohn bricht in die Knie; noch ein tückischer Blitz zuckte hernieder, um den Männern dahinten den Kopf deS Sohnes zu zeigen, und mit dem Rollen des Donners vermischt sich noch einmal der Knall einer Büchse und der Sohn bricht jammernd vollends zusammen. In wilder, besinnungsloser Wuth ergreift der alte Wilddieb das Gewehr und feuert in die Nacht hinaus, dann steht er düster, hochaufgerichtct, dort auf seine eigene Doppelflinte gestützt, um sich und den Leichnam seines Sohnes zu vertheidigen, den er für todt hält. „O, wären sie nur gekommen!" murmelt der alte Wilddieb, und ballt die Fäuste. Sein Gesicht verzerrt sich von wilder Wuth; die Vorgänge der letzten Nacht stehen so lebhaft vor seiner Seele, daß ihm das Herz still zu stehen droht. — Aber die Jäger glaubten genug gethan zu haben, und der Alte sieht bei einem Aufleuchten des Blitzes ihre rückgängige Bewegung, hörte noch ein heiseres, höhnisches Lachen und dann sind sie verschwunden. O, der finstere Wildschütz kennt dieses Lachen und wie Wetterleuchten fliegt es jetzt bei dessen Erinnerung über sein Gesicht; er mußte aufstehen, denn seine Brust droht zu zerspringen, er hört wieder das heisere Lachen, seine Faust ballt sich, die bleicher gewordenen Lippen murmeln eine 171 finstere Verwünschung, in seinem Herzen loht die Brandfackel der Rache und der finstere Gedanke auf, mit Blut zurückzuzahlen — dies heimtückische, heisere Lachen. — Aber der Verwundete jammerte und stöhnte wieder, und dieß reißt den Alten aus seinen finstere» Gedanken auf einen Moment heraus. Das Schmerzgestöhn des Unglücklichen ging schon in Phantasien über, die vielleicht das Mondlicht beförderte, das auf dem bleichen Gesicht auf und nieder zitterte, und gewissermaßen mit Behagen über diese mit dem Tode ringenden Züge glitt. „Mein Kopf, mein Kopf! Ach, Herr Doktor, hier!" phantasirtc der Sterbende- „mein Vater wollt's nicht, aber es that ja zu weh!" — Und wieder wimmerte der Arme vor sich hin, daß sich der alte Mann ängstlich über ihn hinweg bog und dann ihn wie ein Kind in seine starken Arme nahm, als ob er ihn dadurch beschwichtigen und ruhiger machen könne. Wohl hatte der Sohn den Doktor haben wollen, von Anfang an, aber der alte Wildschütz hatte verneinend das Haupt geschüttelt; — um keinen Preis, so lieb er seinen Sohn hatte, so gern er sein Herzblut für ihn gegeben, hätte er den Doktor in's Haus nehmen mögen. Alles wäre ja dann ruchbar geworden, und sie hätten den armen Jungen, statt in die Hütte, noch in's Gefängniß schleppen können. Nein, nimmermehr! Er hatte den Jammernden aufgeladen auf seine breiten Schultern und heimgetragen in die Hütte. Es war ein schwerer, saurer Gang gewesen, und so vorsichtig der Alte auch zu Werke ging, der Sohn hatte doch bei jedem Schritte gejammert und gestöhnt, daß es dem Vater das Herz zerschnitt und sich seine Gedanken zusammenballten wie Gewitterwolken, und er sich schwur, Vergeltung zu üben an denen, die ihm den Sohn erschossen — erst in die Beine und dann in den Kopf — und dann noch das heisere, tückische Lachen! ... O, der Wald hatte kein Ende nehmen wollen; und wenn nicht die Muskeln des Alten von Stahl und sein Herz fest und unbeugsam wie ein Eichstamm gewesen, er wäre zusammengebrochen, nicht von der Last seines Sohnes, wohl aber voll dem Schmerz und der dumpfen Wuth, die jeden anderen Gedanken, als den der Rache, in ihm zu Asche brannte. Der Pulsschlag des Verwundeten ging immer leiser, kaum hörbar, und das Ohr deS Vaters horchte ängstlich auf dicS geräuschlose Klopfen des Herzens. Der Schmerz hatte wie ein wilder Bergsee ausgelös t und warf nur noch einzelne leichte Wellen murmelnd an das dunkle Ufer, und dann zuckte es in dem Kranken wieder auf, und ein leiser Seufzer entwand sich seiner Brust. „Komm, komm, hilf mir!" flüsterte er wieder, „sie wollen schießen, ich kann nicht fort, o Barmherzigkeit, ich bin ja noch so jung!" Und dann tasteten seine Hände an der Decke herum, als suchten sie sich bittend in einander zu schlingen, und doch waren sie zu schwach. Der Alte bemerkte es und faltete die Hände zusammen, während der Sohn in seinen Todes-Phantasicn fortfuhr: „Schnell, schnell! dort, dort! sie schießen doch, Jesus, Maria!" hauchten seine bleichen Lippen, und der Mond und der alte düstre Mann blickten Beide auf das Antlitz eines Todten. - Der Mond warf nur noch einen freundlichen Strahl auf das bleiche, kalte Haupt und dann wandte er sein mildes. Her- monien suchendes Auge von dieser finsteren, trüben Scene; aber die Augen des allen Mannes ruhten noch lange auf dem Antlitz seines todten Sohnes, und ein Paar Thränen preßten sich gewaltsam aus seinem harten, sonst so trockenen Auge. Er umhüllte die verstümmelten Füße deS Todten noch einmal mit einem Tuche, als wolle er auch den Todten vor jeder rauhen Berührung schützen und dann schritt er hinaus, seine Doppel- Flinte zu suchen, die er diesmal im Walde hatte zurücklassen müssen. Er mußte sie finden, sie war ja an dem alten, heimlichen Ort versteckt, nnd er mußte bei dem Gedanken an seine Flinte hell auflachen, und sah sich dann erschrocken um; war es doch fast dasselbe Lachen, das dort in jener fürchterlichen Nacht aus das Erschießen seines unglücklichen Sohnes gefolgt war. 172 Zweites Kapitel. Die einzige Tochter. Während dort in der Hütte ein armes Menschenleben verzückte, war unweit davon, in dem Hause des 'Oberförsters, eitel Licht und Sonnenschein. Morgen gab es ja eine Hochzeit, und eine recht glückliche, denn cS war gar ein schmuckes Paar, daS morgen an den Altar treten sollte: die Tochter des Oberförsters, ein wunderschönes, frisches Kind, und der junge Hugo Fischer, der Prächtigste Förster weit und breit. Heut war Poltcr-Abend und eine Menge Iugcndgcspiclen umringten, unter allerhand Verkleidungen, das glückliche Paar. Der Freund hes Bräutigams, der blutjunge Förster Kuntz, kam, in Anspielung auf den Namen des Bräutigams, als Fischer mit cineui Netz von Perlen, und, beneidete in einem scherzhaften Gedicht seinen Kameraden, der ihm die schönste Perle weggefischt habe, und deßhalb bringe er ihm in Anmuth nun auch seinen Fang. Und man bewunderte den kecken Burschen, der jetzt mit seinem Schmerze spielen konnte; denn Alle wußten, daß Kuntz um die Oberförsters-Tochter ebenfalls gar heiß geworben, jedoch sie nicht erhalten habe, weil er erstens noch,sehr jung, und durchaus nicht so schön und schlank wie der jetzige Bräutigam wär, zweitens aber mit seinem zu freien, geraden Wesen nie der Günstling des Oberförsters hatte werden können, der von seinen Leuten einen unbedingten, fast an Unterwürfigkeit grenzenden Gehorsam forderte. Das hätte Fischer weit bester verstanden, sich mit aalglatter Gewandtheit in die Gunst des Vaters einzuschlcichen und eben so.,rasch das Herz der Tochter zu erobern. Es wär ein Aufjubeln in der ganzen Gesellschaft, eine Lust und Fröhlichkeit, wie sie an einem Polterabend, und noch dazu in einem lustigen. Försterhause, ganz in der Ordnung ist; denn es gab keinen lustigern Patron in der Runde, als den alten Oberförster,. wenn er bei guter Laune war, und wer schon sein Helles, lustiges Lachen ,hörte, der mußte unwillkührlich mit einstimmen. Sein Lachen war seine Sprache, damit machte er Alles ab; seine Umgebung verstand ihn gar wohl: sie kannte sein zufriedenes Helles Lachen — und dann war Alles glücklich, — sein kurzes, höhnisch-zorniges Lachen — und. dann ging ihm Jeder schnell aus dem Wege. Gewiß, es lag eine ganze Sprache in seinem Lachen, ja wer sie nur verstand! — Manchen mochte es irre führen -nid sicher machen, wenn er statt eines gesürchtetcn Donnerwetters ein kurzes, hastiges Lachen vernahm, er wollte wohl am Ende schon zum Mitlachen die Muskeln verziehen, und lachte dann Loch nicht, wenn er sich den Mann noch einmal betrachtete, und lachte wohl nie mehr, wenn der Oberförster dann, wie ein finsterer, unerbittlicher Gott, seine schwere Strafe verhängte. Heut wollte das glückliche Lachen des Oberförsters kein Ende nehmen, gird djx ganzc^ Gesellschaft wurde von der unverwüstlichen Heiterkeit, — vielleicht auch von dem reichlich genossenen Rheinwein, roscnroth ««geglüht. Nur die Braut, das frische, rosige Waldkind, neigte etwas das Köpfchen und fühlte sich, ganz gegen ihre Art, fremd in dem lustigen Element der allgemeinen "Freude. Der Bräutigam blickte ihr besorgt in das schöne, getrübte Auge und fragte leise, was sie heut so traurig stimmen könne? Anna erröthete und zögerte mit einer Antwort. Man begann sie zu necken, daß sie wohl der Verlust der goldenen Freiheit schwcrmüthig mache, — und so mußte sie schon mit der Spräche heraus. „Mir kommt die heute früh erzählte Geschichte nicht aus dem Kopfe, — der arme Mensch!" seufzte sie mit schwerem Herzen. „Es ging nicht anders, Anna! Wir mußten ein Exempel statuiren l" entgcgnete achselzückend ihr Bräutigam. „DummeS Zeug!" sagte der alte Oberförster, der die Aeußerung seiner Tochter im Vorbeigehen gehört hatte, „das Gesudel hat unS schon schrecklichen Schaden gemacht und nächstens ueh'm ich den Alten aus's Koru." „O, dcr arme Mann ist gestraft genug," entgegnete das junge Mädchen, und fragte dann besorgt: „Sein Sohn ist doch nicht todt?" „Kümmert mich nicht! Das Gethicr hat zähcS Leben!" bemerkte trocken ihr Vater. „Ich kann mir nicht helfen," begann Anna von Neuem, „aber es thut mir recht weh! Der Alte wird außer sich sein vor Schmerz und Wuth." „Ich hab' ihn ja geschont, Du weißt warum!" versetzte dcr Oberförster. „Warum?" fragte man gespannt. „Ach, laßt's Euch von Anna erzählen!" — entgegnete der Oberförster verdrießlich; „ich hab's ihm immer gesagt, aber der verwünschte Kerl konnte das Wilddieben nicht lasten. " — Anna berichtete auf das Drängen dcr Freundinnen, daß dcr alte Wildschütz, auf besten Sohn vergangene Nacht geschossen worden, ihr einst das Leben gerettet, als sie sihp als Kind im Walde herumgetrieben habe und von einem Hirsch beinahe aufgespießt worden sei. „Seitdem," fuhr sie erzählend fort, „sind wir gute Freunde geworden, und so finster und unheimlich der Mann auch aussieht, gegen mich ist er freundlich und gut; wenn er mich trifft und ich ihm die Hand schüttle, dann lächelt er stets. Er hat mir, wie gesagt, das Leben gerettet; doch wenn uns Jemand so zusammen sieht, dcr müßte denken, daß es umgekehrt dcr Fall sei, so lieb und freundlich ist dcr Alte. Nun thut es mir doch recht weh, daß ihm sein Sohn so jämmerlich zerschossen worden!" — Zu dem schönen Auge glänzte eine Thräne. Der Bräutigam küßte sie ihr hinweg und flüsterte: „Du edles, warmes Herz; aber sei nur ruhig, vielleicht ist der Bursche noch zu retten." „Nein!" entgegnete das Mädchen bestimmt; „mir ahnt nichts Gutes. Versprich mir, Hugo, und auch der Vater muß es mir versprechen, — jetzt nicht das Revier zu betreten." „Sorge nicht, Änlichen!" — lächelte der Förster, „Du bist ja ein Jägerkind, wie kannst Du Furcht haben?" Anna mußte sich beruhigen und wurde in die allgemeine Lust mit hineingezogen, daß sie darüber den drohenden Alten vergaß und endlich ganz ihrer heitern, von dem Vater geerbten Natur den Zügel schießen ließ. (Fortsetzung folgt.) Ueber die Eröffnung der Pacific-Eisenbah» wird aus Sän Francisco vom 8. Mai geschrieben: — Die Feierlichkeit wegen dcr Vollendung der Pacific-Eisenbahn war derart, daß man sich ihrer für alle Zeiten in Sau Francisco erinnern wird. Bei Tagesanbruch verkündeten 100 Kanonenschüsse daS Fest. Alle för- deralcn ForlS im Hafen feuerten ihre Kanoncusalvcn, die Glocken in dcr Stadt wurden geläutet, die Pfeifen aller Dampfer ließen ihr schrilles Geschrei ertönen. Bei Anbrnch dcr Nacht wurde die ganze Stadt illuminirt. Die Proccssion war die größte, die man jemals in Sän FraciSco sah. Die Bevölkerung war massenhaft auf den Straßen erschienen und legte ihren Eifer an den Tag, ein für die Pacificstaaten so wichtiges Ercigniß gehörig zu cclcbrircn. Die Geschäfte waren allgemein suspcndirt. Die militärische Parade und die Civilprozcssion waren großartig. Nicht nur die StaatSmilizcn, sondern auch alle disponiblen, regulären Truppen in den verschiedenen Forts rückten aus. Stadt und Hafen boten einen überaus prächtigen Anblick dar. Während deö Tages waren die Hauptgebäude mit den Fahnen fast aller Nationen geschmückt und auf den Straßen drängte sich eine auf- und abwägende Menschenmenge. Um 1 Uhr Nachmittags verkündigte eine Depesche, die vom BcrcinigungSpunkle der Bahn kam, daß dcr letzte Spikcr der Eentral- Pacific-Eisciibahn soeben eingehämmert werde. Diese Kunde rann wie ein Lauffeuer durch 174 die ganze Stadt, beglückwünschende Botschaften wurdm an die Directoren der Central» « Pacific und der Union-Pacific-Bahnen Seitens der kalifornischen Pioniere abgesendet. Auch in Sacramcnto wurde das Ereigniß großartig und mit Enthusiasmus gefeiert. Die Stadt war mit einer ungeheuren Volksmenge vollgcdrängt, die aus allen Theilen des Staats, sowie von Nevadc herbeigekommen war. Die in hiesiger Stadt in Sitzung befindliche Grandloge der Odd-Fellows hat eine Einladung acceptirt, an der Demon- > stration in Sacramcnto Theil zu nehmen, und es waren auch Bogen von Nevada, Graß Valley, Vallejo, Sän Francisco, Placcrvillc, Sän Jose, Marysville, Virginia City und Gold Hill in Nevade erschienen. Die Transpvrtlinien wurden dem Reiseverkehr des Publikums freigegeben und die Bevölkerung benütztc die gebotene Gelegenheit und strömte schaarcnweise nach Sacramcnto. Die Central-Pacisic Compagnie hatte 30 Prächtig decorirte Locomotircn vor der Stadt aufgestellt, und als die Nachricht kam, daß der letzte Epiker in die Bahn getrieben werde, singen die 30 Dampfpfcifen der Locomotivcn an Lärm zu machen. Alle Glocken der Stadt stimmten in den Chorus ein. Die Kunde von der Vollendung der Bahn rief großen Enthusiasmus in allen Städten Californiens hervor. Am 10. wurde die erste von Japan nach St. Louis bestimmte Thcesendung vermittelst der Pacific-Eiscnbahn transportirt. Der Ucberlandvcrkehr mit China und Japan hat somit begonnen. Die Bahn von Omaha bis Sacramcnto gehört zwei Compagnien, die sich wahrscheinlich bald in eine verschmelzen werden; der Union-Pacific- Railroad-Compagnie, welche von Osten zu bauen anfing, und der Central - Pacisic- Railroad-Compagnie, welche ihr von Californien aus entgegenkam. Beide Corpora- tionen cxistirtcn schon 1862, doch der eigentliche Bau begann erst, nachdem 1864 der Congreß die ursprünglichen Landschenkungen verdoppelt und für die sonstigen Regicrungs-Zuschüsse statt mit einer ersten mit einer zweiten Hypothek sich begnügt hatte. Unter diesen Verhätnissen war es freilich eine Lust zu bauen, und das Werk schritt unglaublich rasch vorwärts, da für jede fertige oder angeblich fertige Strecke, auS der Bundescasse die betreffenden Millionen in zinsentragendcn Papieren flößen. ^ Die Entstehung der brennbaren flüssigen Erdprodukte. Die Herkunft der brennbaren flüchtigen und flüssigen Erdproduktc, die als Gase, Oele in Thecrform dem Boden entquellen oder früher entquollen, und zu Asphalt verhärtet sind, ist lange eine offene Frage gewesen. Es lag zwar der Gedanke nahe, und Manches schien für ihn zu sprechen, daß die Wurzel solcher Erscheinungen in Steinkohlen- Lagern zu suchen sein möchte. Die schlagenden Wetter in Kohlcnwerken zeigen, daß auch schon auf kaltem Wege sich brennbare Gase aus Kohle entwickeln können; je nachschc- diese freien Austritt an die Oberfläche fänden, oder sich durch den Druck unterirddcmn Wasser erst thcilweise verdichteten, könnten Gas - oder Oelqucllen entstehen. Der Stenii kohlentheer unserer Gaswerke liefert überdies Destillate, die mit den natürlichen Erdörle Naptha, Petroleum, im Wesen völlig übereinstimmen. Freilich aber mußte dagegen die Erfahrung sprechen, daß jene Erdproduktc in der Regel in Gegenden auftreten, die entschieden nicht steinkohlensühreiid sind; sie müßten daher erst ungeheure unterirdische Reisen gemacht haben. Erdöle finden sich vorzugsweise in klüftigem Muschelkalk und Sandstein- schichten, überhaupt aber in solchem Terrain, das als Nicderschlag alter Meere betrachtet werden muß. Hiervon ausgehend und durch anderweitige Beobachtungen geleitet, ist man ^ gegenwärtig zu einer anderen Anschauung der Dinge gelangt, dahin nämlich, daß der pflanzliche Ursprung, der bei Stein- und Braunkohlen zweifellos ist, den Erdölen und Asphalten nicht zugeschrieben werden könne, diese vielmehr aus der Zersetzung thierischer Materien hcrstammcn. Belege für diese Theorie haben sich auch gefunden. So ist > namentlich Acgypten im Besitze natürlicher, noch im vollen Betriebe steheniscr Steinöl- oder Petroleum - Fabriken. Die Mittelmeerküste dieses Landes besteht großcntheilS aus Korallenbänkcn, die auf der Wafserseite leben und weiter wachsen, —- landeinwärts aber absterben und austrocknen, so daß ein löcheriger Kalkfels übrig bleibt. In diesen Löchern sammelt sich als Produkt der Zersetzung der eingeschlossenen Polypen beständig Petroleum, das von den Anwohnern ausgeschöpft und nützlich verwendet wird. Sonach müßte jede absterbende Bank von Korallen, Muscheln, Krebstieren das Material zu öligen Produkten in sich enthalten, und ihre Bildung würde nur davon abhängen, daß die Umstände dafür günstig sind, und namentlich höhere Wärme mitwirkt, wie man sie in den Urmeeren vorauszusetzen Ursache hat. Stand also, so denkt man sich jetzt die Sache, eine Weich» thierbank unter sehr hohem Wasserdrücke, so mußten die entstehenden Oele sogleich in die Kaltschalen der Thiere eingepreßt werden, und es entstand Asphaltkalk; in seichteren Wassern konnte das Oel frei werden und sich an die Oberfläche des Masters erheben. Diese Schichten konnten sich also erschöpfen und bilden jetzt die zahlreichen Fälle von Muschelkalkfelscn, in denen keine Spur von Kohlenwasserstoffen mehr anzutreffen ist. — Bei den großartigen Uebcrstürzungen, die früher auf der Erde stattgefunden haben, konnten aber auch weite Strecken lebender Weichthierbänkc von den Fluthen gleich unter festem Material begraben werden. Die aus ihnen entwickelten Gase und Ocie würden dann die eingekellerten Borrüthe bilden, welche die natürlichen Quellen solcher Produkte speisen oder durch die Hand des Menschen aus langer Haft befreit werden. Daß aber Erdöle durch bloße Verdunstung zu Asphalt werden können, davon liegen die Beweise an manchen Stellen, so namentlich auf der Insel Trinidad, handgreiflich vor; es finden sich dort alle Zwischenstufen mit einander vor, von der Naphtha, als dem reinsten Steinöl, bis zum festen Asphalt. Miseelle«. Rozsa Sandor, der einstige Schrecken dcS Alföld, der zu lebenslänglichem Kerker verurtheilt, von Sr. Majestät aber begnadigt wurde, hatte sich nach seiner Frci- werdung in Szcgedin niedergelassen. Jedermann glaubte damals, daß die ausgestandene lange Strafe ihn für die Zukunft gebessert haben werde. Doch man täuschte sich, wie aus einem Berichte eines Pester Blattes genugsam hervorgeht. Denn kaum war Rozsa Sandor in seine Heimath zurückgekehrt, als auch schon ein Postraub auf den andern folgte, und die öffentliche Sicherheit so gefährdet wurde, daß die Regierung sich genöthigt sah, in der Person des Grafen Gedeon Raday einen k. Commistär zu entsenden, dem es denn auch gelang, den Räubereien ein Ende zu machen und binnen zwei Monaten die Einziehung von 60 Individuen zu bewirken, welche der Theilnahme am Szcgedincr Postraube bccinzichtigt sind. Als Haupt und Leiter dieser Bande hat die Untersuchung keinen Geringeren als Rozsa Sandor herausgestellt. Die Entdeckung geschah auf folgende Weise: Es war dem Wachtposten bei der Theißbrücke aufgefallen, daß Rozsa Sandor jeden Abend mit zwei feurigen Rosten in's Banat hinüberfuhr und zwischen 5 und 6 Uhr Morgens am andern Tage wieder zurückkehrte; außerdem hatten die Commistäre bei einem verdächtigen Individuum einen Revolver gefunden, den der Betreffende von Rozsa Sandor erhalten zu haben aussagte. Graf Raday ließ nun Rozsa Sandor zu sich rufen, um seinen Rath einzuholen, wie man die Hauptrüdelsführer in die Hand bekonunen könne; die Regierung werde seine Mühe reichlich belohnen. Rozsa Sandor entschuldigte sich jedoch damit, er sei schon zu alt und gebrechlich, um einer solchen Mission sich unterziehen zu können. Da nun mittlerweile auch ein Arzt die Anzeige machte, daß Rozsa Sandor an einem Fuße eine, wahrscheinlich von einem Schusse herrührende Wunde habe, wurde Letzterer am Tage darauf verhaftet. Seitdem sitzt er im Gefängniß, spricht sehr wenig, raucht nicht, weist oft das Essen zurück und scheint geistesvcrwirrt. Dieser Tage tröstete ihn der Hajduk, er möge nicht so traurig sein, — er werde ja bald wieder frei 176 werden, da die Untersuchung seine Unschuld herausstellen werde. Auf das brach Rozsa Sandor in Thränen aus und antwortete: „Ich wünsche mir gar nicht frei zu werden, ich verdiene nicht, daß mich die Sonne bescheint, . . . mögen sie lieber mich au den Galgen hängen." (Wenn Einer eine Reise thut.) Englische Blätter erzählen nachstehende lustige Geschichte: Vor einem der Londoner Polizcigerichte stand vor einigen Tagen ein junger Franzose, Louis Felix Hardy, — welcher zum ersten Male der Hauptstadt des Brittenreiches einen Besuch abstattete, nachdem er wahrscheinlich viel über die dortige öffentliche Unsicherheit gehört und gelesen hatte. Als er in seinem Hotel zu Bette gegangen war, sann er, ohne einschlafen zu können, über seine seltsame Lage nach — ganz allein ini fremden Lande, in einem fremden Hotel, das wo möglich an allen Ecken und Enden Fallthüren und Verstecke für kaltblütige Raubmörder biete. Nichtig, sein Argwohn war nicht unbegründet; gut, daß er nicht eingeschlafen war, denn an der Thür machte sich ein sonderbares Geräusch bcmcrklich, gerade — als wollte Jemand in sein Zimmer einbrechen. Aus dem Bette springen, einen Tisch vor die Thüre schieben, sich ankleiden, an der Dachrinne mit äußerster Verzweiflung 15 Fuß hinunterzuklcttern, war das Werk eines Augenblickes. Hier fand sich Monsieur auf dem Nebcndachc eines anderen Hauses, auf welches ein erleuchtetes Fenster hinausging. Er klopfte an, da aber die Insassen, zwei gleich furchtsame Dienstmächen, ihn für einen Dieb halten und laut aufschrieen, setzte er seine gefährliche Reise fort, bis er auf ebener Erde ankam und sich in einer Kehricht-Grube verkroch. Hier fand ihn am nächsten Morgen ein Polizist, wie er bleich und vor Kälte und Furcht zitternd dasaß, und nahm ihn — da er ihn für einen Dieb hielt — in Gewahrsam. Dies war die erste Nacht des Franzosen in London, halb in unsicherer Angst auf weichem Bett, und halb in sicherem Gewahrsam auf harter Pritsche; die zweite Nacht verlief schon angenehmer, da der Irrthum sich vor dem Richter bald aufklärte. Das sonderbare Geräusch, welches den jungen Mann zur Verzweiflung getrieben, wurde veranlaßt durch die Dicnstmagd dcS Hotels, welche von seiner Ankunft nichts wußte, und vor dem Schlafengehen sehen wollte, ob die Fenster auch alle gut verschlossen seien. AuS neuen statistischen Tabellen geht hervor, daß die eingeborene Bevölkerung der am dichtesten bewohnten Theile der Vereinigten Staaten rasch in der Abnahme begriffen ist. Die Geburtsrate ist geringer, wie selbst in Frankreich. Auf 50 Köpfe kommt eine Geburt; in Oesterreich und Preußen schon auf 26 Köpfe. Die Deutschen jedoch in den Vereinigten Staaten haben eine Geburt auf 20 Köpfe, und habe« also hiedurch, wie durch die mächtige deutsche Auswanderung nach Amerika Aussicht, einst das überwiegende Element der Bevölkerung zu bilden. M l) t? r <; d e. Ein Kleidungsstück aus alter Zeit, Unförmlich hock, unförmlich breit, Das um den Hals einst Sitte war, htennt dir mein erstes Siibenpaar. Mein zweites Paar ist von Metall, Und im Verkehre überall. Vor Fälschung hüte dich! Das Ganze Dient zur Arznei und wächst als Pflanze. Druck, Verlag und Redaction des viterarisLen Instituts t>on Dr. M. Huttler. Nk-O. 23 6. Juni 1869. MIM Den«, so spricht der Herr der Welten, Mein ist die Rache und ich will vergelten. Z. Werner. Auf der Jagd. Zweites Kapitel. (Fortsetzung.) Am anderen Tage war Hochzeit und ein festlicher Zug begab sich in die kleine Dorfkirche, die kaum das feiernde, schauende Publikum fassen konnte. Aber es war auch ein herrliches Paar, das dort voranschritt, in jugendlicher Anmuth strahlend. Wie stand dem Bräutigam die knappe Jägertracht so hübsch, wie leuchteten seine Augen! Wie stolz und glücklich schritt er an der Seite seiner schönen, wundcrlieblichen Braut! Man sah eS ihr an, daß der Wald sie groß gezogen, daß gar ein frisches, wonniges Leben in ihr pulsierte, und daß jeder Hcrzschlag, voll und kräftig, das ganze große, unaussprechliche Glück zu verkünden strebte. Da war nichts angeblaßt und angekränkelt von Stadtluft und Bücherweisheit, nur ein frohes, heiteres Kind des Waldes, schritt sie leuchtenden Auges und mit gcrötheter Wange einher und in ihrem weißen Kleide, — der grünen Schärpe und mit dem Myrthenkranz im Haar, glich sie einer rosig angeglühten Apfel- blüthe, die, leicht unter Blättcrgrün versteckt, lächelnd glücklich in die wunderbare Frühlingswelt hinausschaut. Es war ein schönes Paar, und eine glückliche Zukunft lachte ihnen voll entgegen, und die blühendsten Hoffnungsträume legten sich schmeichelnd um ihre Brust. . . . Und so schritt es durch die Reihen neugierig gaffender Bauern dem Kirchlein zu, gefolgt von dem Brautzuge, unter dem der alte Oberförster mit seiner kräftigen, straffen Gestalt hervorragte, der heute ein fröhliches, herzliches Auflachen kaum unterdrücken konnte. Der Zug war endlich in der Kirche angelangt, das Brautpaar trat an den Altar und den Priester hielt seine einsegnende, zum Herzen gehende Rede. Das Sonnenlicht spann durch die hellen Kirchenfenster seine goldenen Fäden um den Altar, und — was noch lieblicher war, gerade um den Kopf der jungen Braut, daß sie es wie ein freundlich-milder Heiligenschein umgab, und Jeder fast in Ehrfurcht auf die Knieende blickte. Der das Kirchlein umgebende Kirchhof war wie rein gefegt. Alles hatte sich in die Kirche gedrängt. Die Worte des Priesters, die Glück und Erdenleid erwähnten, das die jungen Leute gemeinsam tragen sollten, schallten über die grünen Hügel, unter denen so Viele schlummerten, die einst dieselben Worte gehört und auch heißklopfendcn Herzens in das Leben und die dunkle Zukunft geschaut hatten. Es ist ein eigenes Ding um eine Dorfkirche, die so wunderbar magische Kreise nur sich zieht, daß all' die Dörfler, wenn sie Pflug und Spaten für immer aus der zittern- cdn Hand gelegt, ihr Haupt dort zum ewigen Schlummer hinlegen, wo sie schon immer die stille, Herz und Gemüth erquickende Sonntagsruhe feierten, und weil Kanzel und Altar da drinnen für die noch Athmenden, so suchen sie stille, schattige Plätze an ihrer Mauer, und eine alte Linde oder ein Ahorn hält seine leise, monotone Predigt, gerade wie es der Herr Pfarrer an heißen, müden Nachmittagen auch gemacht, — und streuet dann welke Blätter, wie zum Segen, auf die schweigend horchenden Hügel. 178 Heule aber waren es gewählte, schöne Worte, die aus dem Munde des Priester- l kamen und von mancher rauhen, braunen Wange perlte eine Thräne, die man rasch zu zerdrücken in dem Gedrängt keine Zeit und Gelegenheit fand. Der Priester war mit seiner Rede zu Ende und fragte jetzt das Brautpaar um ^ sein „Ja." Der Bräutigam sagte das seine mit freudig erregtem Herzen, Anna bewegte 1 die zitternden Lippen, ihr „Ja" zu lispeln, da fuhr es wie ein Blitz durch's Fenster, ein lauter Donner rollte über den stillen Kirchhof und Anna sank, zum Tode getroffen, am Altar zusammen. Eine Kugel hatte ihr das Herz durchbohrt Alles gcrieth in die höchste Bestürzung und Verwirrung. Der alte Oberförster warf sich verzweifelnd über den Leichnam seines Kindes und wollte mit seinen Hände« den Blutstrom aufhalten, der unaufhaltsam aus dein Herzen über das weiße Atlasklcid floß. — Die Apfelbtüthe hatte ein tückischer Sturmwind erfaßt und auf den buntgeflcckten Rasenteppich des Todes hingeworfen^ Der Priester, der Bräutigam und die Zeugen standen in stummem Entsetze« da und hörten, ohne an etwas Anderes zu denken, nur auf die Klagen des greisen, verzweifelnden Mannes, der sein Kind mit tausend Schmeicheltönen unb süßen Worten zum Leben bringe» wollte und dann, als kein Ton mehr über die bleichen Lippen zitterte, , als er fühlte, daß sein Kind todt sei — todt, sein einzig thenres Kind, da drückte er seine Hände in die Augen und ein Thran cnstroill preßte sich hindurch Und rollte »«auf- ! hallsam über die gebräunte Wange. — Einige Zuschauer waren hinausgestürzt, bett ! siechen Mörder zu entdecken; sie hatten nicht läiige zu suchen gehabt; denn auf cittüickl entstand ein dumpfes Gemurmel und man sah dett alten Wildschütz, den finstern Georg, über die Schwelle der Kirchthür schreiten, und sich hastig durch tue Menge drängen. Alle wichen entsetzt zur Seite und machten ihm Raum, — denn seine Augen rollten wie ein Paar feurige Kugeln in seinem Kopfe, und er trug sein Doppelrvhr in der Hand, das noch warm war von dem Frevelschussc. .ES war kein Zweifel: der wilde, steche Wildschütz hatte Anna erschaffen, und doch wagte in der ersten Bestürzung Niemand, den Verbrecher festzunehmen; nur ein Paar Jägerburschcn drängten sich zur Thür, um ihm wenigstens den Äusgang zu versperren. Und so schritt der alte Wildschütz, die Büchse ! in der Hand, fest und sicher zum Altar und zu der traurigen, herzergreifenden Gruppe. Eine wilde, satanische Freude blitzte in seinem Auge, als er den Oberförster stümM sind verzweifelnd an der Leiche seines Kindes knieen sah, und diejenigen, die ihn jetzt übwehten wollten, mit gewaltiger Faust zurückschlcudcrnd, trat er dicht an den unglücklichen Vater heran, legte die Hand aüf seine Schulter und fragte ihn in bitter-schneidendem Hohn: „Du lachst nicht? Und Du hast doch gelacht, als Du meinen Sohn erschossen, und da trug ich Dir das Wild davon; hellte aber hat Dir's der Wildschütz gelassen; so lache doch! so lache doch!" — Und der Wildschütz selbst brach in ein wildes, entsetzliches Gelächter aus. Der Oberförsted sah erschrocken auf die wilde, finstere Gestalt; Alles wurde l ihm klar und ein Wuthgeheul wollte über seine Lippen beben, er wollte sich rachcdürstcnd ! auf den Mörder stürzen, aber das wilde Lachen machte alle seine Nerven erzittern und ! zog förmlich magische Kreise um sein ganzes Empfinden, daß er unwillkürlich mit hinein- ' gerissen wurde in diesen Lüstern Strudel des Lachens, der immer tosender und gewaltiger aus dem Munde dcS Wildschützen hervorzuquellen schien. Und wie sich auch der Oberförster zwang, wie er auch das in ihm herausquellende gräßliche Lachen unterdrücke« wollte, es drängte sich doch hervor, und konvulsivisch stimmte er schließlich in das Lachen des Mörders ein. Alle Umstehenden standen stumm, erstarrt vor Entsetzen über eine solche Scene da^ und noch immer tönte das wilde, entsetzliche Lachen des Mörders und dcS unglücklichen Vaters durch die stillen Räume der Kirche, während zu ihren Füßen ein warmes, schönes Leben sich verblutete. Der Bräutigam hatte, betäubt und entsetzt, am Altar gekauert und von der ganzen 179 Scene nichts vernommen. Er dachte nichts, er fühlte nichts, er sah nur seine geliebte, theure Anna todt hingestreckt am Altar, und die hastig rollenden Pugen suchten vergeblich einen NettuugSpunkt in dem Schiffbruch seines Lebcnsglückes, das er so mühsam aufgebaut hatte. Da hörte er das Lachen des Oberförsters und dies riß ihn Plötzlich aus seiner Lethargie empor, er faßte den Oberförster bei der Schulter, blickte ihm bitter und vorwurfsvoll in's Auge und sagte dann, ebenso unbesonnen als rücksichtslos: „Und Sie lachen auch an der Leiche Ihres Kindes?!" Der alte, unglückliche Mann schien bei diesen strafenden Worten zu erwachen, er schüttelte sich, als müsse er sich besinnen, und eine fürchterliche Last von den Schultern werfen; seine Lippen schloßen sich krampfhaft. Plötzlich schoß ihm der Gedanke in all' seiner Fürchtcrlichkeit durch das Hirn, an der Leiche seines Kindes gelacht zu haben, wider Willen gelacht zu haben, durch dämonische Gewalt mit fortgerissen, — und er griff mit den Händen in die Luft, als wolle er die finstern Geister verscheuchen, die seine Stirn umschwirrten. — Da sank er, mit einem Male, wie vom Schlage getroffen, zusammen, und sein Kopf schlug an die Altarstufe, daß das Blut hervorquoll. „Auch der ist todt!" murmelte die Menge; er war es freilich nicht, aber als man ihn aufhob und in seine Wohnung trug, und er dort wieder die Augen aufschlug, da glotzte die Nacht des Wahnsinns daraus hervor und er spielte mit Allem, was man ihm in die Hände gab; die Erinnerung der letzten Stunden war wie ausgekehrt aus seinem armen erschütterten Gehirn. Der Bräutigam stürzte sich jetzt erst mit ein Paar Jügerburschen auf den Wildschützen, der bei dem Fall des Oberförsters die letzten Töne seines höhnischen, entsetzlichen Lachens ausstieß und es ruhig geschehen ließ, daß man ihm die Flinte entriß und ihn zu fesseln suchte. Mit dem Fall des Oberförsters schien auch er zur Besinnung gekommen zu sein; er blickte entsetzt auf die Leiche — sein Werk — und die schönen, gebrochenen Augen Anna s schienen ihn anzuklagen: „Du hast mich gctödtct, und ich habe Dir im Lebe» nichts gethan, ich war stets lieb und freundlich gegen Dich." Der Wildschütz verstand ihre Klage und keuchte wild und hastig hervor: „Du hast mir nichts gethan — aber mein Sohn, mein Sohn! den hat man mir erschossen und dazu gelacht, sie müssen wissen, wie das thut. Ja, ja, Du büßtest's unschuldig. Ich hätt' mein Herzblut d'rum gegeben, wenn ich Dich hatte schonen tonnen! Noch einmal sich mit herkulischer Kraft von seinen Angreifern losreißend, kniete er an der Leiche nieder und weinte und weinte, als müsse er sich die Augen aus dem Kopfe weinen nnd durch all' das Schluchzen hörte mau nur die Worte: „Mein Sohn, mein Sohn!. O, Du süßes, freundliches Kind, Dich, Dich mußt' ich erschießen!" Man führte ihn hinweg in das Gefängniß; er weinte noch und ließ sich führen wie ein Kind. (Fortsetzung tolgr.- Die Vollendung der Eisenbahn nach dem stillen Meere. * Die Feier der Eröffnung der Paeisicbahn enthält noch einige drastische Momente, welche der Leser gern dauernd seinem Gedächtniß einprägen wird. Schon Wochen vorher las man in den Zeitungen: Die letzte „Bahnschmclle der Central-Pacific-Eisenbahn" ist aus kalifornischem Lorbeerholz gefertigt, fein polirt und auf beide» Enden mit solidem Silber nusgclegt. Die letzten Spikcr sind von massivem Gold und wiegen mehr als 20 Unzen un Werthe von 200 Dollars. — Kalifornien hat silberne und goldene Gerüthschastcn dazu gesendet. Wenn die rollendem Schläge des Sitbcrhammers ferne in der westlichen Wildniß erklingen, wird der Telegraph die freudige Botschaft allen großen Städten der Union zutragen. Die „Affociirte Presse" enthielt folgendes Telegramm: „Promontory Summit, Utah, 10. Mai. Die letzte Schiene ist gelegt, der letzte Bolzen eingAicbcn. Die V 180 Pacisische Eisenbahn ist vollendet. Der Punkt der Vereinigung liegt 1086 Meilen westlich von Missouri, 690 Meilen östlich von der Stadt Sacramento." Es war mit der Ceremonie eine Telegraphen - Feier verbunden, welche etwas in hohem Grade Anregendes hatte. Die Arrangements waren so getroffen, daß jede Bewegung auf jenem obscurcn Punkt des Erdkreises sofort über das ganze Land telcgraphirt wurde, so daß das ganze Volk Zeuge dessen sein konnte, was dort im engsten Kreise stattfand. Die Einrichtung war, daß der Telegraphen-Draht an den letzten Bolzen befestigt wurde, und daß dir Hammerschläge auf diesen, in jeder Tclcgraphenstation gefühlt, der Welt das Geschehene im gleichen Moment verkündeten. Omaha war der Centralpunkt dieses großartigen Arrangements; von dort wurden rings in der Runde die Befehle ausgetheilt. Der Vorsteher des Telegraphen - Departements in Washington setzte den Draht mit einer Glocke in Verbindung. Jene Glocke mußte von den Hammerschlägen auf dem 2400 Meilen entfernten Promontory Summit getroffen und in Bewegung gesetzt werden. Das Signal wurde gegeben: „Macht Euch bereit!" Washington, New-Orleans, Chicago, Boston rc. antworteten: „Wir sind fertig!" Es war nach 2 Uhr. Auf den Telegraphen-Bureaux herrschte dieselbe Spannung, welche man unmittelbar vor dem Eintreffen einer Sonnen- finsterniß empfindet. Einige wurden ungeduldig und richteten Fragen au Omaha. Von dort erfolgte die Antwort: „Seid ruhig. Stört den magnetischen Kreis nicht, sondern wartet den Hammcrschlag ab." Um 2 Uhr 2? Minuten, nach der Washingtoner Zeit, sagte Promvntorh Summit: „Beinahe fertig. Die Hüte ab! Es wird gebetet!" — Unwillkürlich gehorcht ein Jeder, dem das Signal kund wird. Tiefes, — feierliches Schweigen. Um 3 Uhr 40 Minuten lautet das Wort: „Das Gebet ist zu Ende, der Bolzen soll eben überreicht werden!" Chicago erwiedert: „Der Osten ist bereit!" — Promontory Summit spricht: „Fertig! Gleich kommt's! Dreimal wird gezuckt vor den Hammerschlägen!" Das Signal verfolgt. Eins, Zwei, Drei! Eine Pause von einigen Minuten. Und dann fühlt man die Hammerschlägc iin Osten, im Westen, im Norden und im Süden, die Glocke in Washington klingt, einmal, zweimal, dreimal! Die Fahnen stiegen, die Kanonen donnern, und hier läutet das Glockenspiel des Trinity-Thurmes: „Nun danket Alle Gott!" Der Moment wird allen Denen unvergeßlich sein, welche an der Feier betheiligt waren. So bildet die Völkerfamilie einen harmonischen Körper, dessen Nervensystem die Fäden des elcctro-magnetischen Telegraphen repräsentiren, und was im entlegenste» Wintclchcn geschieht — das beseelte Ganze kann es spüren und empfinden. Auf der hiesigen Börse versammelte sich die Handels-Kammer, um das Schwester- Institut in Sän Francisco telegraphisch zu beglückwünschen. Der Schluß der Depesche lautete: „Die neue dem Menschen geöffnete Heerstraße wird nicht nur die Ressourcen unserer Republik entwickeln, ihren Handel ausdehnen, ihre Macht vergrößern, ihre Würde erhöhen und ihre Einheit verewigen, sondern in ihrer weiteren Bedeutung, als der Segment des weltumspannenden Kreises, welcher direkt die Nationen Europa's mit denen Asiens verbindet, das Fortschreiten der Civilisation unseres Zeitalters wesentlich befördern." In der Trinity-Kirche versammelte sich eine dicht gedrängte Menge, um in einem feierlichen Gottesdienste der Vermühlungs-Feier zweier Weltmeere beizuwohnen. Der Mayor von New-Mrk erhielt von Promontory Point ein Telegramm über das Geschehene. — Sofort wurde im Stadthaus-Park ein Salut von 100 Kanonenschüssen abgefeuert und dem Mayor von Sän Francisco ein Telegramm gesandt, welches hier wörtlich wiedergegeben sein möge. Es lautet: „New-^ork frohlockte, als vor fast einem halben Jahrhundert die Vollendung des Erie-Canals die Silberkette der westlichen Inland-Seen mit dem Atlantischen Ocean verbunden wurde. Heute jubelt die Metropole Amerika'S, weil durch die Vollendung der Pacific - Eisenbahn die extremsten Punkte und Küsten eines ungeheuren Continents commercicll zusammengefügt sind. Abgesehen von den Beziehungen dieses großen Ereignisses zum Christenthum, zu der politischen Ockouomic, zur Civili- 181 sation und zum Patriotismus, wird die Metropole gerechtfertigt dastehen, wenn sie in verzeihlichem Selbstgefühl sich schon als die Handelsbörse der Welt erblickt. Ihre Zeitungen, welche so viel zum Resultat dieses Tages beigetragen haben, — werden unsere Bürger bald an Ausdrücke gewöhnen muffen, wie: „Der asiatische Frachtzug ist rechtzeitig eingetroffen." So flattern denn unsere Fahnen, so donnern unsere Kanonen, und vom alten Trinity»Dome sendet das „Tedcum" einen harmonischen Weiheklang in das geschäftige Summen, welches die Mauern umwogt. Was unsern Glückwunsch an Euch betrifft, so würden Worte nicht genügen, um die volle Bedeutung der Eisenbahn-Verbindung mit Eurer goldenthorigen, unternehmenden Stadt zu würdigen. Deßhalb möge der 10. Mai auf die Dauer als ein Feiertag in die Annalen Sän Francisco's, New- Nork's, jedes Weilers und Dorfes, jedes Fleckens und jeder Stadt längs dieser neuen Völkcrstraße übergehen." — Wohl ist dem amerikanischen Charakter die Neigung zu einer gewissen Ueberschwänglichkeit eigen; aber es läßt sich nicht behaupten, daß der Mayor bei dieser Gelegenheit zu weit geht, und ist der Verkehr regulär organistrt, so werden wir wohl noch eine große, allgemeine Jubelfeier zu gewärtigen haben, an welcher man sich füglich bis zu einem gewissen Grade auch in den großen Handelsplätzen Europa's betheiligen könnte. vceue Flugmaschinen. Wir fliegen noch immer nicht — wir Menschen nämlich. Wer daran die Schuld trägt, wollen wir nicht untersuchen, jedenfalls trifft die Engländer der geringste Tadel, denn bei ihnen ist die Darstellung von Vorrichtungen zum Fliegen zu einer sogenannten brennenden Frage oder Alltagssorge geworden. Diese Bemühungen haben übrigens in neuester Zeit einen echt wissenschaftlichen Werth erhalten, seitdem man die Aufgabe begonnen hat, mathematisch zu untersuchen. Selbst wenn man das Ziel nicht erreichen sollte, konnte Saul unterwegs statt der Eselinnen eine Krone finden; und warum sollte es überhaupt nicht erreicht werden? Das gegenwärtige Geschlecht, welches es dahin gebracht hat, mit Fußtritten Hemden zu nähen, braucht am Wenigsten zu verzagen. Obendrein ist uns neuerdings ein Schimmer aufgegangen, daß das Ding nicht so schwierig sei, als es den Anschein hat. Ein Franzose, Herr dc Lucy, — fand das merkwürdige Gesetz, daß bei den flug- begabten Thieren die Fläche der Flügel mit dem Körpergewicht abnimmt, wenigstens gelangte er zu dieser Ansicht durch folgende Vergleiche. Die Mücke (Lulvx), die 460mal leichter ist, als der Hirschkäfer, besitzt verhältnißmäßig vierzchnmal größere Widcrstands- flächen zum Flügelschlage. Das Marienkäferchen, von denen 160 auf einen Hirschkäfer gehen, bedient sich vergleichsweise einer fünfmal größeren Flügelfläche als dieser. Zehn Spatzen sind so schwer, als eine Taube, und doch sind die Flügelflächen des Spatzen relativ doppelt so groß, als die der Taube. Der schwerste Vogel, den dc Luch bei seinen Untersuchungen wog, ist der australische Kranich. Kein anderer Segler der Lüfte erhebt sich höher, mit einziger Ausnahme des Adlers (und dcS Condors, möchten wir hinzusetzen). An Ausdauer scheint jedoch der Australier t'aeilo prinnsps zu sein, denn kein Vogel unternimmt so weite Wanderungen. Er wiegt 20 Pfund 15 Unzen, uvilp., und auf jedes Pfund besitzt er nur 139 Quadrat- Zoll (incliss) Widerstandsfläche, 140mal weniger vergleichsweise als die Mücke, — die 3,000,OOOmal leichter ist. Uebcrhaupt vergleichen sich die Bögel günstig mit den Znsecten, denn die Taube, 97,OOOmal schwerer als die Mücke, bietet der Luft eine 40mal kleinere Oberfläche für das Pfund des Körpergewichts. Um einen naheliegenden Einwand sogleich zu unterdrücken, wollen wir rasch hinzufügen, daß bei den Vögeln nicht etwa durch Muökclstärke, also durch Auswand mechanischer Kraft, ersetzt wird, was an Widcrstandsfläche den Flügeln mangelt, denn an Muskel- 182 stärke stehen die Insekten obenan, viel höher jedenfalls als die Vogel. Niemand wird überhaupt etwas einwenden gegen die Stärke der Inscctcn. Der Löwe ist ein Schwächling im Vergleich zum Floh. Der größte Gewinn aus jenen Messungen bleibt jedoch immer, daß durch eine günstige anatomische Vorrichtung, wie bei dem australischen Kranich, die WiderstandSstäche auf 139 Quadratzoll, also noch nicht einmal auf einen Quadratschuh des kleinen englischen Maßes für das Pfund des Körpergewichts beschränkt werden kann. Der australische Kranich ist also vorläufig das Muster. Würden wir die Schwalbe uns erwählt haben, die einen Quadratmeter Widerstands- stäche für jedes Kilogramm zur Verfügung hat, dann brauchten wir für einen Menschen, der sammt Flugapparat 165 Pfund wöge, eine Fläche von 116,250 Quadrat-Zoll, also etwa 807 Quadrat-Schuh. Nehmen wir uns die Taube als Exempel, dann würde sich die Widerstandsslüche schon auf 31,000 Quadrat-Zoll (215 Quadrat-Schuh) vermindern, während nach dem Muster des australischen Kranichs nur 10,850 Quadrat-Zoll oder 75 bis 76 Quadrat-Schuh oder etwa 8^ Schuh in's Geviert nöthig wären. Schon im Jahre 1842 verbreitete ein Herr Hcnson die Kunde, daß er eine Flugmaschine von 6000 Quadrat-Schuh Fläche erfunden habe. Gebaut wurde sie nie, — sondern nur entworfen, allein seit 1844 vereinigte sich Hcnson mit einem Herrn Slring- sellow und im nächsten Jahre vollendeten sie gemeinsam daS Modell zu einer fliegenden Dampfmaschine, die 25 bis 28 Pfund wog, mit Flügeln, die SO Schuh von Spitze zu Spitze maßen. Da die Versuche mißlangen, gab Hcnson seine Pläne auf, Striugfellow setzte dagegen seine Arbeiten fort und brachte endlich eine kleine Dampf-Flugmaschine zu Stande, die mit Wasser und Brennstoff nur 6'/>, Pfund wog. Es wurden mit ihr nur in geschlossenen Räumen Versuche angestellt. Sie lief zuerst auf Eiscndrähten statt der Schienen, um Bewegungskraft zu erzielen. Hatte sie ein Drittel des Weges zurückgelegt, so erhob sie sich vow Draht — und wurde am Ende des Zimmers von einem Tuch aufgefangen. Es war etwas gewonnen, wenn auch nicht mehr als eine Spielerei. Striugfellow hatte sein Spielzeug vergessen, als sich in England die Lnftschifsfahrts-Gcsellschast bildete, und Preise für Fortschritte in den Flugmaschinen aussetzte. Da erwachte die alte Ersindungslust von Neuem in Striugfellow. Gleichzeitig hatte ein Herr Wcnham einen nicht unglücklichen Gedanken ausgesprochen, den man die Pelikanische Lösung der Aufgabe nennen könnte! Weuham sah nämlich am Nil Pelikane senkrecht dicht über einander mit sehr kurzen Flügclschlägcn ziehen. Er sagte sich also, daß die Flügelbewegung des einen Vogels in senkrechter Richtung keine Störung auf die Flngbewegnng des anderen Vogels ausübe, folglich könne man durch senkrechte etagcnförmige Anordnung der WidcrstandSflächen die mechanische Aufgabe erleichtern. Nach diesem Gedanken baute Slringfcllow eine Maschine mit drei Flügelflächen über einander. Flügel und Maschine mit Brennstoff und Master wogen weniger als 12 Pfund, also nicht mehr wie eine Gans; die erzielte WidcistandSslüche betrug 28 Quadrat-Schuh oder 2^/^ Quadrat-Schuh für das Pfund, die Bewegung aber hatte den Werth von einer Driitelspscrdekraft. Herr Striugfellow gewann den wohlverdienten Preis von 100 Lstr für „die leichteste Dampfmaschine im Verhältniß zu ihrem Gewicht." Der Cylinder von zwei Zoll Durchmesser bestand aus dünnem Messingblech, der Kolbenhub betrug drei Zoll, die Umdrehungen iu der Minute 300. Drei Minuten nach Entzündung des Brennstoffs betrug der Druck 30 Pfund, in fünf Minuten 50 Pfund, und in sieben Minuten 100 Pfund auf den Quadrat-Zoll, letzteres die höchste anwendbare Kraft-Entfaltung. Die Maschine flog im Juni 1868 im Krystallpalast, an einem Drahte schwebend. Sie wurde auch im Freien geprüft, allein unter sehr ungünstigen Verhältnissen, dennoch senkte sie sich sehr langsam in geneigter Ebene. Jetzt baut Springfcllow eine große Maschine, die einen Mann tragen soll. — Diese Ausgabe ist viel leichter, als bei einem zarten und kleinen Modell, zumal mensch- 183 sicher Verstand den Mechanismus unterstützen kann. Auch ist 3'/r Quadrat-Schuh Widerstandsfläche für das Pfund lange noch nicht das, was unser australischer Kranich leistet. Doch mit Dampfflügcln ist uns nicht gedient, wir selbst wollen fliegen. So dachte auch Herr Spencer, der beste Lehrer in der Gymnastik, den England auszuweisen hat — ein großer Virtuos auf dem Trapez, und verwandelte sich in einen Cherub mit Flügeln und Schweif, zu denen er theils Regenschirm-Drähte, theils Korbgcflcchtc wählte, und Beides mit einem luftdichten Stoffe überzog. Er selbst mit der Vorrichtung wog 158 Pfd., die Widerstandsfläche betrug 110 Quadrat-Schuh, also I V? Pfund auf den Quadrat- Schuh, was noch über den australischen Kranich geht. Mit seinen Flügeln lief er einen sanften Abhang hinab, um eine horizontale Bewegung zu gewinnen, und zuletzt erhob er sich, und blieb auf einer Strecke von 120 Fuß über dem Boden. Er sinnt fetzt auf Verbesserungen und wird nächstens wieder fliegen. Eine ganz einfache Vorrichtung wurde erfunden von einem Arbeiter, W. Gibson. Der Erfinder selbst wog KU/-r Stein (147 Pfund), die Flügel je 10 Pfund, daS Gerüst 21 Pfund, zusammen 188 Pfund. Da er nur zwei windmühlenartige Flügel anwendete von 12 Fuß Länge, 1>/2 Fuß am breitesten, 1 Fuß am schmalstcn Theile, — Beide zusammen von 37 Quadrat-Schuh Widerstand, also je 5 Pfund Gewicht auf einen Quadrat-Schuh, so inuthetc er sich die fünffache Leistung des australischen Kranichs zu. Bewegt wurden die Flügel nach dem Style eines Spinnrades, nur daß beide Füße abwechselnd je einen von zwei Bügeln niederdrücken sollten. Es gelang dem Manne, sich 12 bis 18 Zoll vom Boden zu erheben, allein die Flügel waren so schwer, daß er die Tritte nicht oft wiederholen, also sich nicht lange in der Höhe erhalten konnte. Aber auch er verspricht sich zu bessern. Werden wir also bald etwas besitzen — wie der Zanbcrmantel, nach welchem der Gocthe'schc Faust sich sehnte? Alles, was sich sagen läßt, besteht darin, daß einige dankenSwerthe Fortschritte erzielt worden sind. M ideellen. (Ein Zaubcrtränklcin.) Die neueste Zeit hat auch den Pflaummüllcr bei Eschlkam und den Schmied von Schwarzenberg zu den Vütern versammelt. Mittheilens- werlh aus ihren an Licht wie Schatten reichen Nekrologen scheint mir folgendes noch schwerlich übcrtrofsenc wäldlcrische Originalstück. — Beide Männer waren sonst nicht „uneben;" namentlich der Schmied hatte in Tüchtigkeit und Allseitigkcit des Handwerks nicht Seinesgleichen. Doch, »om Feuer und Mehlstaub (glaube ich) hatten sie immerfort trockene Kehlen. Das war es, warum sie zu ihren Weibern nicht heimgingen. Die soliden Hälften beschworen tausend und tausendmal ihre Männer, bald mit zärtlicher, — bald mit wetternder Zunge. Schmied und Müller wurden dann weich wie Wachs; — wenn nur Hopfen und Malz und „Eschlkam" nicht gewesen wären! — In ihrer Bedrängniß schritten die Weiber zum Aeußcrsten, nämlich zur sogenannten „Soldaten- Kathl," die im Ruf einer Zauberin stand. Unter bedrängten Ehefrauen ging noch als Geheimniß: sie könne es den Männern anthun, daß sie zu ihren Weibern „heimgehen müssen!" Gegen Mehl- und Eicrreichnissc garantirte nun die „Soldaten - Kathl" der Schmiedin und Müllerin; natürlich wurde das Alles unter dem Mantel unverbrüchlicher Verschwiegenheit abgemacht. Ader, wie cS geht, die Männer bekamen doch Wind, so nämlich, daß ihnen sollte ein „Zwangkräutlcin" in die Suppe gekocht werden, welches sie, wenn einmal geheimnißvoll wirtcnd, wie eine unsichtbare unwiderstehliche Macht mitten vom Zechen weg heim nöthigen würde. Der seltsame Wcibcrkrieg reizte die beiden Männer; um das famose „Zwangkräutlcin" zu erproben, schritten sie extra selbander 184 Nach Eschlkam, diesmal nicht ohne eine gewisse feierliche Stimmung. Es fiel die erste Nacht über die tapferen Zecher herein. Der Müller stieß den Schmied und blinzelte: „Kommt's dir schon?" — „Mir nicht!" versetzte der Schmied achselzuckcnd. „Mir auch nicht!" bestätigte der Müller. Die zweite Nacht stieß der Schmied den Müller, und so wechselweise. Immer dieselbe Frage, immer die nämliche Antwort. Und so saßen sie in den Wirthshäusern zu Eschlkam und tranken fort, bis es dem Einen oder dem Andern käme! Es brach die achte Nacht herein. Da griff der Müller seine Hosensäcke durch, sie waren erschöpft vom letzten Gröschlein. „Schmied," sprach er, „jetzt kommt's mir, daß ich zu meiner Alten heimgehen muß!" Der Schmied untersuchte desgleichen seine Hosentaschen und that denselben salomonischen Ausspruch. Nun schritten Beide zu ihren Weibern heim, die während der 8 Tage nicht wenig betroffen und erbost waren über die langsame Wirksamkeit des Zaubcrmittcls. Dicßmal ließen sich aber die Männer durchaus nicht kapiteln; hatten sie auch zu Eschlkam hübsch was vertrunken und zu Hause hübsch was versäumt, so hatten sie doch den Hokuspokus der „Soldaten - Kathl" gründlich aufgestochen. Die Weiber wurden in Folge dessen weit in der Runde homerisch verlacht. Das Schönste wäre nun freilich gewesen, wenn fortan Müller und Schmied christlich heimgegangen wären, was ich aber leider nicht weiß. St. T. (Wir bekommen einen neuen Mond.) Ein Herr Simon Backhaus macht in einer so eben erschienenen Broschüre der Erde die vorläufige Anzeige, daß sie einen zweiten Mond bekommen werde, der ihr näher liegt, als der erste. Die Geschichte wäre einfach so: Das seit etwa 200 Jahren in den Aequator - Gegenden nach Sonnenuntergang sichtbare sogenannte Zodiakal- oder Thierkreislicht, nach der Meinung älterer Astronomen eine den Polarlichtern analoge Erscheinung oder ein Ausfluß der Sonnen- Atmosphäre, nach Humboldt aber ein unserem Planeten - System angchöriger besonderer, rotirendcr Gasring, ist nach des Herrn Backhaus neuester Behauptung nichts Anderes, als ein um die Erde gehender, und von derselben nur wenige tausend Meilen entfernter Gasring, dessen Dichtigkeit schon jetzt an verschiedenen Stellen eine sehr verschiedene sei, und deßhalb an der dünnsten Stelle bald platzen werde, worauf beide Arme mit ungeheuerster Schnelligkeit auseinander fliegen, eine Kugel entstehen und ein neuer Mond für die Erde sich Präscntiren werde, — um in Compagnie mit dem alten das Geschäft der Sonnenfinsternisse, Ebbe und Fluth und des Wettcrmachcns fortzusetzen. Nichts kann einfacher sein. Wann aber wird das geschehen? Genau hat es Herr Backhaus allerdings noch nicht ausgerechnet; er weiß nicht, ob vielleicht schon morgen oder erst später, aber so viel kann er uns, wie der astronomische Schuster im „Lumpaci-Vagabundus," auf dem letzten Blatt schon verrathen: „Lang dauert's auf keinen Fall mehr." s Als ein Prediger vor Kurzem bei einer Trauung in Delaware Jeden, der Einwendungen zu machen habe, aufforderte, sich zu melden, rief eine unterdrückte Stimme: »Ich!" — Aller Augen richteten sich dort hin, von wo der Schall kam, und erblickten ein Individuum, das ein Taschentuch vor die Augen hielt und schluchzte. — „Welche Einwendungen haben Sie zu machen, mein Freund?" fragte der Geistliche. — „Ich selbst möchte sie hcirathen," stieß der unglückliche Liebende hervor, „aber sie will mich nicht." Auflösung der Charade in Nr. 22: „Krauscmiinzc." Druck, Lertaz und Redaction des Litcrarischen Instituts von l)r. M. Huttlcr. Nro. 24. 13. Juni 1869. Die Bösen soll mau nimmer schelten, Sie werden zur Seite der Guten gelten: Die Guten aber werden wissen. Vor wem sie sich sorglich hüten müssen. E ö t h e. Arrf der Jagd. (Schluß) Drittes Kapitel. Der einzige Freund. In dem Garten des Irrenhauses zu P. spielten zwei Irre harmlos mit einander, und schienen recht gute Freunde zu sein. Es waren schon alte Männer; der Eine groß und stark, ein wahrer Riese; der Andere kürzer und untersetzter. Beide mußten aber in früheren Zeiten dem edlen Waidmannswerk obgelegen haben; denn ihre gemeinsamen Spiele richteten sich nur hierauf. Sie hatten für ihre Spielständen einen Raum im Garten abgesteckt erhalten, den sie nun wild und chaotisch mit Sträuchern bepflanzten, und dort standen sie oft Stunden lang auf dem Anstand, — mit einem Stecken in der Hand, und jede Katze, jeder Vogel, alles lebende Gethier, das sich irgend in ihrer Nähe blicken ließ, wurde unerbittlich todtgcschossen; dann zeigten sie sich ihre vermeintliche Beute, lächelten sich zu und gingen, seelenvergnügt über die glückliche Jagd, in ihre Zellen. So hatten es die beiden Irrsinnigen schon lange Zeit getrieben, ohne miteinander zu sprechen; aber sie lächelten stets, wenn sie sich sahen, als ob sie sich schon lange gekannt hätten, und so mochte es wohl auch sein; — es lag jedoch eine lange, lange Zeit dazwischen, und das Gedenken daran war von der Seelentafel ihrer Erinnerungen völlig weggewischt. Der Oberförster hatte längst schon hier ein Asyl gefunden. Er hatte keine Verwandten, keine Freunde; Niemand mochte den alten verrückten Mann bei sich aufnehmen, der eigentlich keinem Menschen etwas zu Leide that, denn er beschränkte sein Jagdrevier auf die Stube; aber er war doch in einer Hinsicht gefährlich: er konnte Niemand mehr lachen hören — und wenn es doch geschah, dann gericth er in die höchste Wuth, ergriff das Erste, Beste, was ihm in die Hände siel, stürzte auf den Lachenden zu und wenn dieser nicht entfloh, oder ihm nicht eiligst Hülfe kam, war er gewiß seines Lebens nicht sicher. So hatte man es schnell bewirkt, den Oberförster für verrückt zu erklären, und in's Irrenhaus zu bringen; und der junge Bräutigam, der trotz seiner damaligen Verzweiflung Anna rasch vergessen hatte, und durch die Hcirath mit der Tochter eines reichen Beamten und durch den Einfluß des Schwiegervaters zu einer guten Stelle gekommen war, that nicht das Mindeste für den armen Irrsinnigen, obwohl er durch sein unbesonnenes Auftreten so viel verschuldet; — nur der junge Förster Kuntz, .der am Polter- Abend die Perlen gebracht und dessen Herz vor überquellender Lustigkeit damals fast gebrochen, behielt ein wärmeres Interesse für den alten Oberförster und zahlte, als er in eine bessere Stellung gekommen war, — beträchtliche Summe zur besseren Pflege des Unglücklichen. Der Wildschütz war Anfangs in das Iuquisitoriat abgeführt worden. Es war nn 186 Drcl aus dem zusammengebrochenen Manne herauszufrageu, der ewig über seinen erschossenen Sohn und über das Lachen im Walde klagte, und sich immer tiefer in seine düstern Träumereien verlor, die endlich, nach Bescheinigung der Aerzte, in stillen Wahnsinn übergingen, der bereits, nach ihrer Versicherung, bei Ausübung seiner That vorgewaltet haben muffe, so daß er jedenfalls nicht kriminalisch bestraft werden könne. So wanderte der Wildschütz, statt auf das Schaffst, wie man erwartet hatte, in das einzige Irrenhaus der Provinz. Besonders konnte sich das HeimathS-Dorf über diese schreckliche >' Humanität nicht zufrieden geben, weil ihni damit ein ohnehin so seltenes Schauspiel wie das einer Hinrichtung, auf das man sich nicht wenig gefreut hatte. Plötzlich entzogen worden war. Anfangs hatte man gefürchtet, die beiden Irrsinnigen, die eine sonderbare Verflechtung des Geschickes hier wieder zusammengeführt, mit einander in Berührung zu bringen; im Laufe der Zeit aber war weniger darauf geachtet worden, und als sich die Beiden zum ersten Mal von Ferne sahen, betrachten sie sich ruhig; man fand eine weitere Annäherung nicht gefährlich und der stille, melancholische Wildschütz war bald der einzige Spielgefährte, der dem Oberförster zugetheilt werden konnte, während ihn mit anderen Irrsinnigen in Berührung zu bringen, höchst gefährlich blieb; denn sobald einer derselben lachte, und diese Unglücklichen lachen so gern, gcricth er in höchste Wuth und mußte dann auf viele Tage eingesperrt werden. Dagegen paßten die Beiden vortrefflich zu einander. Der Wildschütz lachte nie, er sah stets düster und traurig aus und wischte nur von Zeit zu Zeit über die gerunzelte Stirn, als könne er damit etwas verscheuchen, — was tief da drinnen in seinem armen Kopfe düstere, unheimliche Fäden spann, — und das Netz des Wahnsinns immer dichter webte. Sie gingen mit einander fleißig auf die Jagd in ihrem kleinen, abgegrenzten Revier, und zuletzt wurde der große, starke Wildschütz, nach einem schweigenden Uebcreinkommcn, der Hund des Oberförsters, und kauerte sich still auf den Boden, und blickte aufmerksam auf den zielenden Oberförster, der Stunden lang im Anschlage lag, und wenn er dann endlich abgeschossen, mit einem schnalzenden und knallenden Paff der Zunge, dann sprang der Wildschütz eiligst ein Stück fort, apportirte das erste beste Stück Holz, brachte es dem Oberförster, der es abnahm, und dann beifällig sagte: ..eouclia!" und der getreue Hund kauerte sich wieder ruhig an seine Seite. So trieben die Armen ihr harmlos kindisches Spiel, das doch Jeden, in die Geschichte ihrer Vergangenheit Eingeweihten, das Her; zerschnitt, weil die Nacht des Irrsinns um zwei Herzen hier eine Art srcundschaftlichen Bandes geschlungen, die sich in ihrem früheren Leben so tiefe, unheilbare Wunden geschlagen, und wie zwei wilde Thiere zähnefletschend und grinsend sich gegenseitig ihre junge Brüt zerrissen hatten. Es war ein herzerschütternder Anblick, diese beiden Männer, die sich Brust au Brust in den Abgrund des Wahnsinns gewälzt, jetzt mitten in diesem Abgrund so kindisch-harmlos mit einander spielen zu sehen. So saßen sie an einem heißen Julitage wieder beisammen und hielten große Jagd. Der Oberförster war in vollem Eifer und stand fortwährend gespannten Hahnes auf der Lauer ; aber auch sein Hund war heute lebendiger als sonst, er kauerte nicht am Boden, sondern lief unruhig hin und her. Es war viele Tage schlechtes Wetter gewesen, und mau hatte sie deßhalb eingesperrt gehalten; heute aber war es so schön, die Sonne schien so freundlich hernieder, und ihr Blick erregte auch wärmeres Leben in den Adern der beiden Irrsinnigen. Das „Paff" des Oberförsters ertönte heute kräftiger als je, und der Stock schlug ordentlich wie ein tüchtiger Gewehrkolben an seine Wange. Der Hund sprang augenblicklich darnach und brachte freundlich grinsend ein ganzes Reisigbündel; aber statt wie sonst, es dem Oberförster zu Füßen zu legen, sprang er heute lustig damit herum und jedes Mal, wenn Jener darnach langte, entwischte er ihm mit der Beute. So trieben es die beiden Irrsinnigen eine ganze Weile, zur großen Belustigung des Hundes, der immer hastiger und rascher hernmsprang, während der Oberförster immer ungeduldiger nach seiner Beute griff; wie er aber wieder hastig nach dem Bündel langte, und sich vorn über bog, verlor er plötzlich das Gleichgewicht und stürzte zur Erde. Das kam dem andern Irrsinnigen doch zu komisch vor, wie sich der dicke Oberförster auf dem Boden wälzte, und der sonst so schwermüthig und schweigend vor sich Hinstierende brach Plötzlich in ein Helles, übermüthiges Lachen aus, das zuletzt in jene entsetzlichen Töne überging, — wie sie dem Oberförster damals an der Leiche seines Kindes in's Ohr geklungen. Dieser stimmte heute aber nicht mit ein; er hatte kaum das Lachen gehört, als er sich wüthend aufraffte und dem noch immer Hcllauflachcnden einen fürchterlichen Schlag, mit seinem Stock versetzte, daß dieser zur Erde taumelte und aus einer großen Wunde an der Stirn blutete Der Stock entfiel dem Oberförster aus der Hand, und als er das Blut aus dem Munde des Getroffenen langsam hervorquellen sah, da schien ihm eine ganze Vergangenheit herauf zu tauchen; es wurde Plötzlich licht in seinem armen, gequälten Kopfe, und Alles, Alles stand nun wieder' in voller Frische vor seinem Auge, Die hervorquellenden Blutstropfen erzählten von seiner Tochter, von ihrem Mörder und, o Gott! es begann in ihm zu tagen: heute krümmte sich der Mörder zu seinen Füßen, erschlagen von seiner Hand, als habe das Schicksal Vergeltung üben wollen.... Wo war er? — War das Alles ein wüster, wilder Traum? — „Mein Kind, mein Kind!" jammerte der Unglückliche; „Mord, Mord!" und er stürzte aus dem Garten auf das Haus zu, aus dem ihm bereits die von dem Geräusch herbeigeführten Wärter entgegentraten. Man schleppte den Verwundeten in seine Zelle, er war zum Tode getroffen und hatte nur noch wenige Stunden zu leben. Der Oberförster erzählte klar und ruhig das Vorgefallene; man staunte über die plötzliche Veränderung desselben, die fast nichts mehr von Wahnsinn durchblicken ließ — und führte ihn auf sein inständiges Bitten zu dem Verwundeten, der bei dem Komme« des Oberförsters die Augen aufschlug und mühsam hervorleuchte: „Das war gut, eS spinnt nicht mehr hier oben... der Holzwurm, der sich dort eingenistet hatte, pickt und knarrt nicht mehr . . . das war ein Meisterschuß! Ja, ja, — wir waren Beide gute Schützen: in den Kopf oder in's Herz! Ach, mein Sohn! Barmherziger Gott!" —- Und die schuldbeladene Seele hatte ihren letzten Seufzer ausgehaucht. Der Oberförster war in der That genesen, und konnte aus der Anstalt entlasten ^ werden. Von einer gerichtlichen Verfolgung seines im Irrsinn begangenen Todtschlages wurde unter den obwaltenden Umständen abgestanden. Der alte, gebrochene Wann fand eine Zufluchtsstätte bei dem Förster Kuntz, der jetzt nicht mehr so blutjung, sondern ein Mann geworden war, aber nicht gehcirathet hatte, "weil er das Bild Anna's nicht aus dem Herzen verwischen konnte. Und jetzt saßen die Beiden, nach vollbrachtem Werk, ofr in die Dämmerung hinein, sprachen von Anna, dem lieblich holden Kinde, zauberten mit allen Licbesfarben das Bild des theuren Mädchens herauf, bis dem alten Manne die heißen Thränen über die gerunzelte Wange hinabliefen, Kuntz schweigend aufstand, und im grünen Wald seiner wehmüthigen Stimmung und seiner Thränen Herr zu werden suchte. Und Derjenige, der einst die Gunst des Oberförsters sich nicht zu erringen vermochte, war jetzt sein treucstcr, sein einziger Freund. Sonntags ftirnmnug. O, wie klinget östlich, westlich Durch die Thäler, überall So besänftigend und festlich Heiliger Kircheuglockenschall! Eine große Feierstunde Geht im weiten Landkreis um: Heilung jeder Erdenwunde Kündige an das Christenthum! Und wie staunend manch Jahrhundert, Sich um lein Panier gesellt, So erariffen und verwundert Folgt mein Herz ihm durch die Welt! 7arl Mager. 188 Die ägyptische Wüste Auf einer eben beendeten Reise durch Aegypten hat Herr Omen sehr viele Punkte der Wüste zum Zwecke geologischer Studien besucht, und hatte den Vortheil, die Durchschnitte der Erdschichten prüfen zu können, welche gegenwärtig durch die Arbeiten am Suez-Kanal zwischen Ismailia und Suez freiliegen. Einen kurzen Abriß der Hiebei erlangten Resultate legte er der Pariser Akademie vor. Fossile organische Ueberreste hat Herr Owen an folgenden Punkten gesammelt: in der Umgebung von Kairo, in Mem- phis, in den Ebenen von Kalaiat Baiun, welche zur Lybischen Wüste gehören, die sich - durch den Reichthum an versteinerten Stämmen von Palmen und anderen Bäumen auszeichnet, in den Kalkfelsen von Beni-Hassan, in der Schlucht des Babel Molook, die zu den königlichen Gräbern in Theben führt, und endlich am Salzwasserkanal zwischen Port- Seid und Suez und an den sich daranschließenden Erdarbeiten. Die Zusammenstellung der Zeugnisse, welche durch die so gesammelten Reste geliefert werden, bestätiget die Aufnahme, daß die Wüste das trocken gewordene Bett eines alten Meeres ist. Die an verschiedenen Orten gemachten Beobachtungen beweisen ferner die Länge der geologischen Epoche, während welcher die mineralogischen Elemente des Kieses, des Kalkes, des Marmors, Alabasters, des nummulitischen Kalkes, des gypsartigen Thones, der Muschelbänke, der losen Kalkthonschichtcn, des Sandes und Wüstenstaubes sich über den Boden des alten Meeres verbreitet haben, das endlich durch die Erhebung der Landenge verdrängt wurde. Die organischen Reste, welche hier gesammelt werden, deuten ein Zeitepoche an, welche sich vom oberen Oolith und den Kreideschichteu bis zu der tertiären Epoche des alten Eozen und jcucs mittleren Miozen erstreckt. Die Uebereinstimung, welche in Bezug auf die organischen Ueberreste zwischen den jüngsten und am Weitesten verbreiteten Ablagerungen der ägyptischen Wüste und den miozenen Schichten in Malta herrscht, ist einer von den Beweisen für die große Ausdehnung des Bettes jenes tertiären Meeres. An den gegenwärtig in schnellem Fortschritte begriffenen Durchstichen zwischen Ismailia und Suez sind die Schichten größtentheils horizontal; hie und da zeigt jedoch ein leicht-schiefe Neigung, daß an dieser Stelle die Hebung stärker gewesen. In Serapeum, in der Nähe des großen Beckens der Bittersten, bestehen die Schichten vorzugsweise aus feinem, zuweilen leicht zusammengebackenem Stande, der viel Kiesel enthält, dem manchmal zahlreiche Knoten verhärteten Thones beigemischt sind. Sechs, acht oder zehn Fuß unter diesen Ablagerungen sieht man dünne Schichten von brüchiger Kalksubstanz und von mehr oder weniger festen Gypsablagerungen mit ihnen abwechseln, die darauf hinweisen, daß der Zustand der Quellen, aus denen die in dem alten Meeresbettc sich ablagernden Substanzen stammten, sich mit der Zeit verändert hat. Erst nachdem die Bildung des gegenwärtigen Kontinentes von Afrika weit genug vorgeschritten war, um die Regen- und geschmolzenen Schneemasscn der hohen Bergketten aufzunehmen und um den Wasscrströmcn die erforderliche Richtung zu geben, konnten die jährlichen Ablagerungen des Nils beginnen, welche auf dem alten, nach und nach sich erhebenden Grunde des Meeres ruhen und, wie bereits Herodot wußte, kulturfähigcn Boden Aeghptens bilden. Die Bohrarbeiten, welche Leonard Hörner begonnen und unter Leitung des Ingenieurs Hekekyan-Bcy fortgesetzt wurden, haben eine Grundlage geliefert, um einen Theil der Zeit-Epoche abzuschätzen, während welcher diese merkwürdige und fast einzige Landbildung sich entwickelt hat. Was vor allem Aegypten charakterisirt, ist, daß es den Beweis liefert, wie noch jetzt sich in jedem Jahre neues festes Land bildet. Und, merkwürdig genug, dieser jüngste und zuletzt gebildete Theil der bewohnbaren Erdoberfläche war der Aufenthalt der ältesten zivilistrten Völkervereinigungen. Die von Mariette-Bey zu Sagarrah und zu Memphis gemachten Entdeckungen scheinen bewiesen zu haben, daß die Epoche des Gründers der zweiten Pyramide in das dritte Reich der vierten Manelho-Dynastie gehört, welche nicht weniger als 6000 Jahre vor der gegenwärtigen'Zeit zurückweicht. Bei dieser Gelegenheit bemerkt Omen, daß die Physiognomien der Statuen und sehr gut skulptirten PorträtS von Individuen, nclche zwischen der IV. und VlII. Dynastie des alten ägyptischen Reiches gelebt haben, darauf hinweisen, daß sie ihren Ursprung von einem östlichen oder nörd- chen und nicht von einem äthiopischen Stamme nehmen. Man kann ferner aus dem vollständigen Mangel von Figuren der Einhufer, jPferd, Esel, in den zahlreichen und sorgfältigen Abbildungen des Alltagslebens den Schluß ziehen, daß die Einwanderung der Gründer der ägyptischen Zivilisation, wenn sie aus einem Lande gekommen sind, wo Einhufer existirten, zu einer Zeit stattgefunden, wo die Zähmung dieser Vierfüßer noch nicht ausgeführt war. Die Einwanderung der arabischen Hirten gegen die Mitte der Periode des „Mittleren Reiches" von Marictle-Bey hat erst das Pferd und den Esel nach Aegypten cirgeführt, die sich in diesem fruchtbaren Lande schnell verbreitet haben. Das Pferd und der Wagen fehlen nach dieser Epoche niemals in den hieroglyphischen Fresken der Gräber und der Tempel. („Naturforscher.") « ——— - Zur Verbesserung der Bienenweide. Seit Jahren wird unendlich viel zur Hebung der Landwirthschaft gethan, insbcsan- dere durch Einführung neuer Pflanzen, und zwar mit dem größten Nutzen sowohl für den Einzelnen, wie für ganze Völker und Länder. Ebenso könnte auch sehr viel zur Hebung eines der edelsten Zweige der Landwirthschaft, der Bienenzucht, geschehen, besonders in sogenannten Honigarmen Gegenden, durch Verbesserung der Bienenweide. Ist es nicht betrübend, wenn man »st von Bienenzucht treibenden Landwirlhen hört: „Unsere Gegend eignet sich nicht für Bienenzucht! Sie ist zu Honigarm! — Es wird zu wenig Raps, weißer Klee rc. gebaut; Heidekraut haben wir auch nicht in der Nähe; eben so wenig Linden, Akazien, Weiden und andere honigspcndende Pflanzen; wo sollen also da unsere Bienen den Honig hernehmen." Sie bedenken aber nicht, daß sie Bedeutendes zur Verbesserung der Bienenweide beitragen könnten, wenn sie nur bedenken, wollten: 1) daß es eine Menge leerer Berge, Abhänge, Grabcnränder, Grenzen, Gartcnzäunc gibt, ohne die vielen leeren Stückchen Landes, wo so mancher Baum, Strauch, manche Pflanze und Blume wachsen und gedeihen könnte, die ihre Honigqucllcn zur Blülhezcit unseren lieben Immen recht gern erschließen würde, wenn man sie nur anpflanzen wollte; 2< daß die Biene die kleinste Blume sinket und daraus Honig saugt, die wir oft gar nicht beachten; 3) daß die Biene größere Strecken, oft eine Viertels-Meile weit und noch weiter fliegt, um zu den Honigquellen zu gelangen. Wie bequem könnten wir es unsern Lieblingen in dieser Beziehung machen! ^ In Oesterreich, wo zur Verbesserung der Bienenweide sehr mA lohenswcrthcs geleistet wird, sowohl von Bienenzüchter-Vereinen, als von Einzelnen, werden folgende Pflanzen, als Samen und Setzlinge, an VercinS - Mitglieder theils ^rutis vertheilt, theils gegen Einzahlung versendet: 1) der schwedische Bastardklee, Vrilolium ll>,I>i'iti8siina; 4) die Seradella, Ornitllopus «alivus; 5) die Phacelie, I'lluosliu lunnsstilolia; H) der Boretsch, korriAO oi'lieinulis; 7) die Garten-Reseda, lissscku ockoiala; 8) die Sandluzerne, üleciien^o msciig; 9) die Goldruthe, 8olickr>^o vir^nursn; 10) die syrische Scidenpflanze, ^slepius s^rinsa; 11)Z,der Jungfcrnwcin, Vilis guingus- t'olium; 12) der moldauische Drachenkopf, vrasoosplinlum nwlcisvicnim; 13) das griechische Heu, IriAonsIIu tosnum xrsscum; 14) der Senf, Linnpi« n>p;ru st ulkn. Diese 14 Sorten sind fortwährend zu haben in Prag, Samen- und Pflanzenhandlung von Ernst Bahlsen, große Karlsgasse Nro. Da ich nun in einer sogenannten Honigarmen Gegend wohne — und auch zur Verbesserung der Bienenweide etwas thun wollte, so ließ ich mir mehrere obcngenannre Sämereien aus einer renommirtcn Samen- Handlung schicken und baute dieselben an. Der schwedische Bastardklce, Iriloliun» 190 iixbriflum, sowie die Sandluzerne, >IecIi 6 SA 0 moclig, im vorigen Jahre gesäet, vertrockneten bei der großen Hitze sehr bald als junge Pfläuzchcn. Die Scradella, Oniitllopus sstivus, unter Roggen gesät, ging recht wohl auf, das Meiste vertrocknete aber; nach Aberntung des Roggens und nach bald darauf folgendem Regen wuchs sie wieder etwas, blühte in feinen weißlichrothen Blüthchen, wurde aber sehr wenig von den Bienen beflogen. — Der Senf, K'mapis niFru ot sllm, schwarzer und weißer, so auch die Reseda, Uasocka ockor-ltg, ist von mir schon seit Jahren angebaut worden; ersterer des Samens, letzterer der wohlriechenden Blüthen wegen. Beide wurden zur Zeit der Blüthe eifrig von Bienen beflogen, besonders die Reseda, welche vorn frühesten Sommer bis in den spätesten Herbst blüht. Der moldauische Drachenkopf, Dinoooopliglum molflaviaum, ähnlich der allbekannten tauben Nessel, sowie der allgemeinen Melisse, blüht mit kleinen weißen, auch blauen Blüthen, geformt wie ein Drachenköpfchen, von Ende Mai bis es gefriert. Das griechische Heu, TiißoneUs koanuiri Arnoeum, wächst Anfangs wie der Lack und die Levkoje, später spitzen sich die Blätter, werden lang und schmal, und legen sich die Stengel um. Es blüht mit kleinen weißen Blüthen; der Same setzt sich in Schoten mit starken Spitzen von 2 bis 3 Zoll Länge an, oft 6 bis 8 starke gelbe Körner in einer Schote. Das Kraut, sowie Blüthe und Same, haben einen starken gcwürzhaften Geruch und bittern Geschmack. — Der Drachenkopf wurde weit mehr, als das griechische Heu, von den Bienen beflogen, was ich aber rOhr der großen Nähe des Bienenstandes zuschreibe. Der Niesenklcc, i1olilotu8 sitzn nllissung, auch iiinxima, Bockhara-Riesenhonig-, sowie Melilotcn-Klee genannt, hat mir am besten von allen Bicncnpstanzen gefallen. Schon vor Jahren las ich Verschiedenes darüber als Futter-, Gespinnst- und Honigpflanzc, — wodurch ich veranlaßt wurde, auch damit einen Versuch zu machen. Ich säte den Samen auf ein Stück reinen fliegenden Sand, einige Hundert Schritt vom Hanse, wo sonst nichts recht gerathen wollte; doch geschah die Saat zu spät, den 15. Mai; die Pflanzen wurden trotz großer Dürre bis 2^ hoch, blieben aber dünn- stickig und blühten wenig. Im Spätherbst abgemüht, zu Heu gemacht, wurde dasselbe, mit anderem Heu gemischt, von Kühen und Schafen gerne gefressen. Im vorigen Jahre wollte ich dies Stück Land, da es mir nicht genügende Resultate geliefert hatte, und ich auch wegen des Nicsenklees, der so klein geblieben war, öfter verspottet wurde, umpflügen lasten. Es begann aber ein zeitiges Frühjahr, und ehe das Umpflügen geschehen konnte, hatten die vorjährigen Wurzclknoteu 6 bis 8 Stiele >/./ hoch kräftig cmporgctrieben mit schönen dunkelgrünen, fettig sich anfühlenden, rundlichen Blättern, welche von den Gänsen und Schafen sehr gerne gefressen wurden. Nun ließ ich ihn stehen, um zu sehen, was daraus werden würde. Er wuchs in vielen Zweigen und Acsten ausgebreitet (manchmal zählte ich an einer Staude 10 Aeste), vom warmen Wetter begünstigt, schnell zu großen Sträuchen heran. — Die Hauptblüthe begann Mitte Juni und dauerie ununterbrochen bis Ende Oktober, wo es fror. Die Blüthenrispcn sind sehr klein, die Blüthen weiß; es sammelten die Bienen darauf hellgelbe Höschen. Nach der Blüthe setzt sich gleich der zahlreiche Same, jedes Korn in einer kleinen Kapsel, an. Unaufhörlich, vom frühesten Morgen bis in den spätesten Abend, wurden diese Blüthen von den Bienen, besonders auch von den Italienern, besucht. — Es ist für einen Imker ein wonniges Gefühl, wenn er av irrem schönen Tage, bei einem blühenden Napsfelde stehend, seine Lieblinge eifrig für sich sammeln sieht. Ebenso wurde mein Kleefeld emsig von den Bienen beflogen; es schwirrte und summte darinnen, daß es eine Lust war. Alles an diesem Klee, die Blätter, Blüthen, Stengel und Samen, besitzt einen angenehmen chokolade- artigen Geruch. Schon in größerer Entfernung, besonders zur Blüthezeit, nimmt mau denselben wahr; die Lust ist ordentlich parsümirt davon. Trotzdem mein kleines Kleefeld, ^ etwa Vk Morgen groß, fortwährend in der Sonne lag, und trotz der großen Hitze und Dürre vorigen Sommers, erreichten die Stengel die Höhe von 5 bis 10 Fuß. Wie 191 müßte erst bei öfterem Rege» und auf nassem lehmigen Boden sich die Vegetation desselben entwickeln? Zur Aussaat gebraucht man pro Morgen ein Pfund, wenn man ihn der Bienen und des Samens wegen baut. — Durch die Verbreitung dieser Pflanze könnte man in Zukunft eine bedeutende Bienenweidc gewinnen, und dürfte dann die Klage: „Hier ist eine Honigarme Gegend!" bald weniger gehört werden. — Den Bienenzüchter-Vereinen möchte ich den Anbau und die Verthcilung von obcngenannten 14 Bienenpflanzen, sowie auch das Anpflanzen von Linden, Akazien und Weiden besonders empfehlen. (Nach der Eichstädter Biencn-Zeitung.) Ei» Lebeusrettungs - Apparat. * Die Themse bei Cremornc Gardens war kürzlich Abends die Scene eines höchst interessanten Schauspiels. Mehrere tausend Personen hatten sich eingesunken, um den Experimenten beizuwohnen, die mit einem von dem amerikanischen Capitain I. B. Stonor erfundenen „Lebeusrettungs-Apparats" von zwei Amerikanern, einem Herrn und einer Dame, vorgenommen wurden. Nachdem die Beiden zuerst Korkjackcn angelegt, hüllten sie sich in weite Gummi-Röcke, die den ganzen Körper bedeckten und nur Hände und Gesicht frei ließen; alsdann wurden Gummi-Gewichte an ihren Füßen befestigt, um den Trägern eine aufrechte Stellung und vollständiges Gleichgewicht zu ermöglichen, und in diesem Zustande, nachdem noch ein Zinnkasten, in Form einer Bahr an ihrem Leib befestigt worden, sprangen sie in's Master. Dieser Kasten enthält in seinem obern Theile Lebensrnittel für acht Tage, einen Revolver, bengalische Flammen, Lichte und sogar, falls ein Schiffbrüchiger darnach Verlangen tragen sollte, — Cigarren und Zeitungen. Der untere Theil birgt einen ansehnlichen Vorrath au Trinkwasser, das vermittelst einer Gummiröhre, die mit einer Metallschraube verschlossen ist, dem Munde zugeführt werden kann. Die Erfindung ist in Amerika patentirt, und eine — mit einem Capital von 300,000 Dollars gebildete amerikanische Aktien-Gesellschaft verkauft die Apparate zu 7 Pfund Sterling das Stück. Die preußische Regierung soll dem Vernehmen nach entschlossen sein, die Erfindung zu adoptircn und gegenwärtig werden in Amerika, Frankreich und andern Ländern an 50,000 solcher Apparate angefertigt. Die beiden Amerikaner, welche das Experiment ausführten, blieben wohl eine halbe Stunde im Wasser, ohne daß sie andere Mittel zu ihrer Fortbewegung benutzt hätten, als kleine Gummi- Ruder, die einen Theil des Apparats bilden. Beide zeigten den Gebrauch desselben, öffneten den erwähnten Zinnkasten, aßen und tranken, feuerten einen Revolver ab, ließen bengalische Flammen in die Höhe steigen, und steckten schließlich eine rothe Flagge mit der Inschrift „Eureka" auf. Die Anlegung des Costüms erforderte keinen längeren Zeitraum als 31/2 Minute. Capitain Stonor, der Erfinder des Rettungs-Apparates, hofft mit der Zeit alle Passagierschiffe damit zu versehen, und beabsichtigt solche zu dem mäßigen Preise von 1 Lstrl. für jede Reise auszulcihen, außerdem jedem Schiffe einen Sachkundigen bcizugcben, der den Passagieren die Nützlichkeit des Apparats theoretisch und praktisch vor Augen führt. M i s e e l l e u. * In Harford, Maryland, wurde kürzlich eine junge Dame, Miß Martha Eairnes, welche ihren Geliebten wegen eines angeblich nicht erfüllten EhcversprcchcW kalten Blutes in ihrem Zimmer niedergeschossen hatte, nach einer mehrtägigen Assiscn« Verhandlung von den Geschworenen des Mordes für nicht schuldig erkannt — und freigesprochen. Während des ganzen Prozesses befand sich die schöne Verbrechen» nicht hinter Schloß und Riegel, da sie ihr Ehrenwort gegeben hatte, sich nicht aus der Stadt zu entfernen, und weil man das gewöhnliche Gefangenhaus der Stadt als keinen anständige» 192 Aufenthalt für sie erachtete. Die Galanterie des Gerichtshofes ging so weit, die Angeklagte von einem elegant gekleideten Sheriff aus dem Hotel, wo sie wohnte, abholen und zurückführen zu lassen. Im Gerichtssaale erschien sie gewöhnlich in reicher Toilette am Arme des galanten Beamten, der sie mit dem verbindlichsten Lächeln zur Anklagebank geleitete und stets mit einer Verbeugung von ihr Abschied nahm. Auf der Promenade, im Hotel, und überall wo sie sich blicken ließ, bildete die junge Dame den Gegenstand der größten Aufmerksamkeit und Sympathie. Nach ihrer Freisprechung hielt sie in ihrem Hotel ein wahres Lever ab. Die Honoratioren der Stadt kamen, sie zu beglückwünschen, und am Abend wurde sowohl ihr, als der Jury, welche das freisprechende Verdikt abgegeben, eine Serenade gebracht. Ein französischer Poet, der in Deutschland sich aufhielt, um die Sprache und Literatur kennen zu lernen, wurde von einem vornehmen Herrn zu einem Diner eingeladen. Die Reichhaltigkeit der aufgetragenen Speisen, sowie die vorzügliche Zubereitung derselben begeisterten den Dichter so sehr, daß er die Erinnerung an die gehabten Genüsse in seinem Notizbuch zu Papier brachte und zwar folgendermaßen: O schöner Tag, als auf dem Tisch Die Lachsforelle lastete. Und später dann gewürzig frisch Die Günseleber-Pastete. Ein saft'ger Kalbskopf senkte still Die zartgebräuntcn Wimpern, Für den, der etwas Süßes will, Gab's Reisauflauf mit Himbeer'n. Ein italienisches Salät- chen angemacht mir Häring — Auch dieses hab' ich nicht verschmäht. Denn mir ist nichts zu gering. Ich aß von Allem dem genug, And mehr — das hieße freveln; Doch war ich froh, als man mich frug: „Thun Sie jetzt nichts mehr befehl'n?" „„O bitte, sprach ich, thun Sie bloß Den Hecht mir dort, den glänzenden, Gefälligst mit der gelben Sauce Ein wenig hieher entsenden!"" Und bei dem Kaffee that ich dann Noch zwei Havanna rauchen; Der Wirth ist gar ein feiner Mann, Und lieb ist auch sein Frauchen. Ich Glücklichster -der Sterblichen, Wenn so viel Tage wären! Nun ist die Freude verblichen. Wann wird sie wieder kehren? * (Eine seltene Uhr.) Wenn dem guten König Alfred, dem die Erfindung zugeschrieben wird, nach brennenden Lichtern von verschiedener Länge die Zeit zu niesten, gestattet wäre, die Wunder der modernen Civilisation anzuschauen, so zweifeln wir, ob irgend etwas den geistvollen Monarchen mehr interessiren würde, als eine für die Cathe- drale zu Beauvais unlängst vollendete Uhr, welche alle bisherigen Leistungen der Uhrmachcrkunst weit übertrifft. Die Uhr enthält nicht weniger als 90,000 Rüder, und zeigt neben vielen andern Dingen — die Tage der Woche, den Monat, das Jahr, die Himmclszcichen, die Gleichung der Zeit, den Lauf der Planeten, die Phasen des Mondes, die Zeit in allen Hauptstädten der Welt, die veränderlichen Feste für 100 Jahre, die Heiligen-Tage rc. — Vielleicht der merkwürdigste Theil des Mechanismus besteht darin, daß vermittelst einer nur alle drei Jahre einmal in Wirkung tretenden Kraft auch der eine Tag des Schaltjahres angegeben wird. Die Uhr wird alle acht Tage aufgezogen, hat ein Zifferblatt von 12 Fuß Durchmesser und kostet 8000 Lstrl. (circa 96,000 sl.) Charade. (Zweisilbig.) Drohet dem Ersten Gefahr, so versammelt sich schnelle das Ganze, Ist es einig und stark, dient es dem Ersten zum Zweiten. Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von llr. M. Huttler. Aro. 25. 20. Juni 1869. Von Gold das Herz, Der Sinn von Erz, In Freud und Schmerz, Stets himmelwärts! Kaiser Max von Mexiko. Der Habrch rmd der HätLich als Geschäftsfreunde*) Erstes Kapitel. Dcr Haus Dsmps von Rippach und seine Rachliommeiischast, Der Hans Dampf von Rippach. Von dem weiß im deutschen Land jeder Schul- knabe zu erzählen, daß er einmal ein berühmter Narr gewesen. In die Welt hat er sich schlecht gepaßt, wenigstens unter vernünftigen Leuten war für ihn kein Platz. Er war eigentlich zu nicht viel zu brauchen als zur Plage für andere Menschenkinder. Nie hat er ein wahres gescheites Wort gesagt, großen und kleinen Kindern unzählige Lügen aufgebunden, und wenn jemand eine verständige artige Rede gethan, so ist er mit einem dummen Spaß hinterdrein gekommen. Geschämt hat er sich in feinem ganzen Leben nur einmal als kleiner Knabe, und das sogleich vierzehn Tage hintereinander und nachher nicht wieder. Dabei hat er zu aller Zeit und in allen Stücken verkehrte Welt gespielt. Von dem was andere Leute thaten, that er immer das Gegentheil. Standen sie auf, so legte er sich ins Bett. Gingen sie in Hemdärmeln, so legte er den Mantel um und zog die Pelzmütze über die Ohren. Lachten sie, so weinte er sich die Augen roth. War er gesund, so brauchte er den Doktor und ließ sich Arznei verschreiben; war er aber krank, so aß er Pasteten und trank starken Wein dazu. Ein vernünftiger Mensch hat über ihn nicht lachen, ein Narr sich über ihn nicht ärgern können. Er hat cS aber mit seiner Hausdampserci nicht weit gebracht und in seinem ganzen Leben hat er eigentlich nur eine einzige Geschciligkcit begangen. Denn ehe er nach seinem letzten schlechten Witz die Augen schloß um nicht wieder aufzuwachen, hat er noch das Bekenntniß abgelegt, es gäbe in der Welt doch keine brodlosere Kunst als die Narrhcit. Daö meldet die Geschichte vom Hans Dampf. Auch weiß jedermann: in Nippach ist er geboren, da hat er gelebt und da ist er auch gestorben. Aber weiter hat est die geschichtliche Forschung nicht gebracht. Kommst du nämlich nach Nippach selbst, begegnest einem vor seiner Hausthür, fassest ihn beim Rockknopf und sprichst etwa zu ihm: „he guter Freund, könnt' ihr mir nicht sagen in welchem Haus da herum seiner Zeit weiland Herr Hans Dampf gewohnt hat und wo auf dem Gottesacker sein Lcichcnstein steht? in der ganzen Welt müßt ihr Nippachcr das doch am besten wissen und in Büchern hab' ich darüber nichts finden könne»," — so wird dich dcr vielleicht mit giftigen Augen ansehen, und wenn du gut Glück hast, so hängt er dir auch ein paar uiigcbackenc Maulschellen an, denn es ist nicht zu spaßen mit den Nippachern. Ist es doch auch nicht erlaubt daß man um eines längst vermoderten Hasenfußes willen ihren guten Namen so Als Probe statt einer Empfehlung, aus: Stadt- und Dorfgeschichten, für's Volk erzählt von Josias Nordheim, Hamburg. Agentur des rauhen Hauses. 194 > in der Welt herumträgt! Sie sagen, das wäre etwas von dem Unkraut das der Teufel unter den Walzen gesäet hätte, Rippach sei ein guter Ort und hätte mit dem Hans Dampf nichts zu schaffen, vielleicht wär's eine Verwechselung, den Rippach und Dippach liegen bekanntlich nur einen guten Büchsenschuß auseinander oder zwei. Wahr ist: es muß schon lange her sein daß der Hans Dampf gelebt und geblüht hat, denn in ganz Rippach und Dippach kann sich weder jemand seiner Person erinnern, noch ist sein Name in den Kirchenbüchern geschrieben. Ein gutmüthiger Alter daselbst hat aber einmal zu mir gesagt, die Rippacher dürften die Eyre wenigstens nicht allein für sich haben. Der Hans Dampf hätte in der Welt eine wcitausgcbreitetc unzählbare Vcttcrnschaft, und wenn einmal einer aus dieser Freundschaft seinen Narrcnzopf dem vermachte, der desselben am würdigsten wäre, so gäbe das einen selten Prozeß wie die Advokaten noch keinen unter'n Händen gehabt. So ein Zweiglein vom Hans Dampf von Rippach muß vor Alters auch nach Dürrcnsee hinuntergekommcn sein und dort Nachkommenschaft hinterlassen haben. Da haben noch vor zwanzig Jahren ihrer zwei gelebt, die haben vom Blut des Hans Dampf ohne Zweifel etwas in sich gehabt, wenn gleich in verschiedenem Maß und wenn sie auch in so enger Freundschaft zu einander gestanden sind wie Hund und Katze. Ob sie noch am Leben sind, darüber kann ich keine Auskunft geben, da ich seitdem nicht wieder'in jene Gegend gekommen bin. Auch kann ich ihren früheren Lebenslaus nicht erzählen, denn ich bin gerade zu der Zeit aus der Gegend hinwcggezogcn da sie sich durch die nachfolgende Geschichte berühmt gemacht haben Diese Geschichte selbst aber will ich erzählen, und nichts verschweigen, sie ist des Gedächtnisses werth für gegenwärtige und zukünftige Zeiten. Die beiden Leute sind der Habich und der Hättich, ich kann nichts dazu daß sie so geheißen haben und nicht anders. * § t Zweites Kapitel. Enthüll die Personalbeschreibung der Helden dieser Geschichte. Und zwar zunächst die des Habich. Von dem ist auch mehr zu sagen als von dem Hättich. Mit dem ordinären Maß gemessen, ist allerdings auch seine Abstammung von dem Hans Dampf von Rippach bei weitem sicherer als die des Hättich. Die Leute in einem Ort über die nicht viel gesprochen wird, sind in der Regel nicht die schlechtesten, und der Hättich war von den stillen einer, nur daß es eben heißt: stille Wasser sind tief. Dom Habich dagegen gab es in Dürrcnsee immer etwas anderes zu erzählen'und nie etwas gescheites. Der ganz Habich sah vom Kopf bis zu den Füßen merkwürdig närrisch aus, so baß man Mühe hatte in seiner Nahe ernsthaft zu bleiben, man wußte eigentlich nicht warum. War's weil Kopf, Hände und Füße zu groß an ihm waren gegen das übrige Gestell? war's weil er zweierlei Augen hatte die noch dazn schief standen, ein graues und ein grünes? Er legte es übrigens darauf an lächerlich zu erscheinen und hatte sich z. B. ein Brillengestell von Horn machen lassen: auf der rechten Seite war's weiß und auf der linken schwarz, es war eine Kunst ernsthaft zu bleiben, wenn er das Möbel aus der Nase trug. Sein Kopf ist wie gesagt zu groß gewesen. Ein besonderer Ucberfluß von Gc- scheitigkeit aber war nicht schuld daran. Er hatte in der Schule etwas gelernt, aber nicht viel. Nur im Rechnen war er so übel nicht gewesen, und wer weiß wie weit er über die vier Spezies hinausgekommen wäre, wenn nicht sein Schulmeister selbst in diesen Regionen unrettbar in die Brüche gekommen wäre. Der alte Dürrenseer Schulmeister 0 I 195 ^ hatte ohne seinen „Pcschek" (der Mann hat zur Zeit ein berühmtes Rechenbuch geschrieben) ' keine Ncchenstunde halten können, wenn man ihm gleich das Reich Arabien versprochen hätte. Zu so einem Kapitalnarren wie sein berühmter Urururgroßvater der Hans Dampf hat es der Habich wohl nicht gebracht. Aber ein O>iginal zu deutsch ein Ausbund von Narrheit ist er doch gewesen. In einer und derselbe» Person steckte in ihm ein Grobian «st erster Größe und ein, Kriecher zweiter Größe. Stolz und Niedertracht, Dummheit und t Verschmitztheit, ja sogar Emsigkeit und Lässigkeit vertrugen sich bei ihm mit einander in einer und derselben Haut. Was nämlich das letztere anlangt, so war keiner hurtiger » als er beim Essen und keiner ging später an seine Arbeit und hatte sie doch eher wieder 1 s°tt. Er hat seine Sache so toll und närrisch angefangen wie sonst einer in der Welt. Er wollte gern im Trockenen sitzen, und ließ doch Regen Schnee und Wind zu den Löchern auf dem Dach herein, denn er war zu bequem statt einer zerbrochenen Ziegel eine neue einzuziehen. Er wollte gern gute Frucht auf seinen Feldern bauen, und doch machte er große Augen, wenn von dem Aesterich den er ausgestreut, nicht so schöner s reicher Same auf seinen Aeckern stand wie auf denen seiner Nachbarn. Seine Kühe sollten berühmte Milchkühe werden, und doch excrzirte er sie Winter und Sommer auf die Enthaltsamkeit. Seine Nachbarn sollten gute Freundschaft mit ihm halten, und doch schimpfte er auf ihre Kinder und warf mit Steinen nach ihren Hühnern und jungen Gänsen. Er wollte gern gute Pflege haben, und nahm doch keine Frau weil ihm jemand gesagt hatte: wer eine Frau nimmt, hat nnr halb Brod zu essen. Ging er über Feld, ! so war ihm Angst, die Spitzbuben möchten seine Groschen mit sich gehen heißen, und r doch ließ er dem Geld keine Ruhe in seiner eigenen Tasche. Denn es war von seinen » schwachen Seiten der allerschwächsten eine, daß er wohl gern Geld einnahm, es aber noch b lieber ausgab und am allerliebsten für Nichtsnutzigkeiten. L Warum er Hab ich geheißen hat, das weiß ich eigentlich nicht zu sagen. Die s Dürrensecr sagten, man sollt' ihn lieber den Wüßtrch heißen. Denn das war sein j Hehler: er wußte nicht wie viel er hatte. Er hatte von seinem Vater freilich nur ein ' klein Gütlein überkommen und brav Schulden auch dazu. Auf ein Paar Kühe hatte er >' zu bauen, mehr nicht, und unter den einund wanzig Grundstücken bei denen im Flurbuch ! sein Name stand, waren nicht wenige Krautgürten und Wiesenstückchcn von so geringem ! Umfang, daß sie einer bei Nacht mit etlichen Paar Pferden hätte über alle Berge fahren i können. Aber es war dabei auch größeres Feld: das größte nannte er scherzweise „das l Rittergut" und in ganz Dürrcnsce hieß es darum nicht anders; darauf hätte er sein - Brod gebaut und eine Frau und Kinder davon auch ernähren können, wenn er nur nicht zu faul und zu liederlich gewesen wäre. Es ist eben ein alter Schaden daß so manch Bäucrlcin nicht glauben will was für Reichthümer in seinem Boden stecken, wenn er sie nnr heben möchte; wenn jeder Habich in der Welt auch ein Wüßlich wäre, so sollten bald ein Paartausend Armen- und Narrenhäuser entbehrlich werden. Der Habich in Dürrcnsce hätte eigentlich einen guten Lehrmeister abgegeben, für die Kunst nämlich wie man kein Geld übrig hat und doch immer welches zum Fenster hinauswirft. Hatte er einmal Geld gelöst, so juckte cS ihn dermaßen in der Tasche daß es noch ein Wunder war wenn er einen rothen Heller davon brachte. Und er hatte s ein seltsames Scheine sein Geld zu einfältigen Streichen zu verwenden über die man x lachen mußte, weiter nichts. Einmal hat er auf dem Wciscnstadtcr Jahrmarkt ein Dutzend E Rostbratwürste gelaust, eine davon gegessen und die andern unter die Gassenbpbcn auS- ! geworfen, es war ihm ein Hauptspaß, wie sich die darum so lange rissen und prügelte«, i bis endlich die Hundcpolizei das meiste confiSzirt hatte. Ein andermal hatte der Wirth > in Dürrcnsce geschlachtet, da wettete er, er wolle in fünf Minuten mit sechs Bratwürsten ' und drei Semmeln fertig sein, und der Herbsladtcr Schulz der ihm das nicht glaube» 196 wollte, mußte ihm dann ein ganzes Dutzend bezahlen, denn wirklich gewann er die Wette. Dergleichen Geschichten erzählte man sich von ihm die Menge. Leider waren die Dürren- sce'r an seinen Dummheiten zum großen Theil selbst schuld, wie sich denn manche Gemeinde ihre Narren zu ziehen pflegt. Sie meinten, es müßte einmal Leute geben mit denen man so einen Spaß haben könnte, sonderlich im Wirthshaus. So versprachen sie ihm also ein Trinkgeld, wenn er dumme Schnacken vor ihnen trieb, und statt ihm dafür zu zeigen, wozu der Zimmcrmann in der Thür ein Loch gekästen, hielten sie sich die Bäuche vor lachen. Einmal da er großen Durst hatte und die.Wirthin nicht borgen wollte, versprach ihm einer, er sollte sich auf seine Kosten satt trinken, er müßte aber zu jedem Glas Bier ein ander Gesicht schneiden. Und als denn der Unflath alle möglichen Fratzen geschnitten und seinen Durst so ziemlich gelöscht hatte, über der Arbeit aber endlich unter den Tisch gefallen war, meinten sie, solch ein Pläsir hätten sie lange nicht gehabt, — schade daß keiner unter ihnen gewesen ist, der ihnen das Evangelium vom Mühlstein Matthäi am achtzehnten verdeutscht hat. In den meisten Fällen hatte er die Zeche für seine Narrhciten freilich selbst zu bezahlen, und da er's denn einmal recht toll trieb und überhaupt von seiner Liederlichkeit nicht besonders fett ward, so wäre ihm um ein Haar etwas höchst verdrießliches Passirt Der Gemeindevorstand hatte große Lust ihm einen Vormund setzen zu lassen, was in guter alter Zeit auch keine Weitläufigkeiten verursacht hätte, denn für einen Bruder Liederlich'gehört sich nichts anderes als ein zweibeiniger Hemmschuh. Der neumodische Assessor beim Landgericht aber der die Sache unter die Hände bekam — der Herr Landrichter waren just auf sechs Wochen iu's Bad gereist — war der Meinung, die Persönliche Freiheit müsse auch einem Lumpen garantirt werden, und schrieb in s Dekret: es sei ein juristischer Unterschied ob jemand Verstand hätte und ihn auch nicht brauchte, oder ob er keinen hätte und ihn dennoch brauchte; da aber anzunehmen sei daß bei dem Hättich weder der erste noch der dritte sondern der zweite'Fall vorliege, so sei auch kein Rechtsgrund vorhanden ihm einen Vormund zu setzen, und wenn er einmal seine Güter durchgcbracht hätte, so würde das Landgericht auf geschehene Anrufung zu bestimmen unvergessen sein, ob er aus seinen eigenen Mitteln oder auf Gemcindeunkostcn unterhalten werden solle. Ueber diese landgerichtlichc Weisheit lärmte nun aber niemand in Dürrcnsee mehr als der Hättich. Denn der war's gerade gewesen der auf die Bestellung eines Vormunds über den Habich am meisten gedrungen hatte. Der Habich aber hat sich nun nicht bloß auf die hohe obrigkeitliche Protektion etwas besonderes zugut gethan, sondern er wäre für den zugedachten Freundschaftsdienst auch gern erkenntlich gewesen. Am allerliebsten hätte er eben dem Hättich einen Beweis seiner uuvcrlöschlichen Dankbarkeit gegeben. Der Hättich ist seinerseits auch einer Personalbeschreibung werth. Ich muß nur vorausbemcrken wie ungern ich daran gehe. Er war sonst ein ordentlicher Mann, ein sorgfältiger sparsamer Hausvater, thätig und arbeitsam, dazu mäßig ruhig und ehrbar. Nur hatte er als Erbe von seinem Vorführer, dem Haus Dampf von Rippach auch so seine Schwachheiten und Eigenheiten. Einmal nämlich stand eS grundschlecht mit seinen Rechenkünsten und es war ihm darin der Habich weit überlegen. Noch heute ist es ein Räthsel der Weltgeschichte, warum die Dürrcnsec'r damals gerade ihn zum Gemeindestfleger, zum Kassirer gemacht halten. Vielleicht, rechneten sie auf seine Zähigkeit im Ausgeben. Denn bekanntlich ist es der oberste Grundsatz der Gemeindeverwaltungen im Landgericht Wciscnstadt und Wurzenbach, auS Gcmeindemitteln nichts auszugeben bevor ein landgcrichtliches Donnerwetter losbricht; s« wird z. B in den Gemeindehäusern, ob auch drei vier Familien in einer Stube bei einander wohnen, kein neuer Ofen gesetzt, bevor der alte — er mag so schlecht und 197 unbrauchbar scin als er will — von einem Erdbeben zusammenfallt Ein Lied welche» leider in vielen Dörfern zu singen ist, es geht aber nach einer kläglichen Melodie. Im Rechnen also war der Hältich kein Hexenmeister, die undankbare Welt hat ihn weder zum Präsidenten einer Ncchnungskammer noch zum Finanzministcr gemacht. Wenn er rechnen wollte, so ging's nicht ohne Ziffern, und mit den gewöhnlichen wusste er nichts auzu- fangen, er mußte römische dazu nehmen, kein Mensch hat herausgcbrachi warum es ihm da leichter von der Hand ging. Wollte er Geld zählen, so brauchte er seine Frau dazu. Ueber nichts konnte er sich mehr ärgern als daß es preußische Thaler gibt. Denn er konnte es nicht merken, ob vier Thaler sieben Gulden oder sieben Gulden vier Thaler oder gar vier Gulden sieben Thaler ausmachen. Daß man auf vier Kronthalcr zwölf Kreuzer zählen muß wenn ein Karolin daraus werden soll, und nicht vier Kreuzer auf zwölf Kronthalcr, das hatte er bei langer Uebung endlich begriffen. Seine Frau aber war in allen Angelegenheiten, zu welchen Kopf, Papier Tinte und Feder gehören seine rechte Hand, daher es ihm nie geheuer Aar wenn er ohne sie im Haus sein mußte. Aber wer kann die Tiefen der menschlichen Natur ermessen. Auch, im Hüttich waren Widersprüche die nur mühselig zusammenzureimen sind. So ein schlechter Rechenmeister er gewesen, so viel Freude hatte er am Rechnen. Besonders solche Exempel waren seine Liebhaberei, bei denen viel herauskam. Eigentlich war der ganze Mensch ein lebendiges Rechcnexcmpcl; er mochte gehen und stehen wo er wollte, da ging der Gedanke mit ihm wie er doch am schnellsten zunehmen und der reichste Mann in Dürrensec werden möchte. In dem Stück paßte er denn auch herrlich zu seiner Frau, denn in ganz Dürrensce konnte kein Mensch sagen, ob er das Scharren und sie das Geizen besser verstünde, oder sie besser das Scharren und er das Geizen Davon wußten z. B. ihre Hauslcutc zu erzählen die von ihren zwei Häusern das untere als Mierhtsleutc bewohnten. DaS Haus bedurfte der Reparatur innen und außen, unten und oben, vorn und hinten und es war eigentlich schon eine Kunst über die zerfallene Treppe ohne Beinbruch bis zur Hausthür zu gelangen, eine »och größere Kunst freilich, ohne HimmelScinstur; inwendig einen Tag auszukommen. Gleichwohl wurden die Reparaturen von einem Jahr zum andern aufgeschoben. Wollte der Hüttich einen neuen Schlot bauen lassen, so meinte die Hättichin sie wollten lieber über's Jahr den Fußboden neu dielen lassen; und wollte der Schreiner diese Arbeit bald anfangen, so hatte sich auf einmal ein Liebhaber zu den Brettern gefunden, so daß wohl noch heute Alles beim Alken geblieben sein wird. Bei dieser Einrichtung kamen die beiden Leute nun mit ihrem Vermögen freilich vorwärts. Es war nur schade daß es nicht lieber per Dampf ging. Der Hättich hatte darüber so seine Gedanken. Z. B. meinte er, wenn er einen steinreichen Vetter in Ostindien oder Amerika hätte, und mit dem reichen Vetter käm's nun zum Sterben, da würde der Hättich in Dürrensec freilich auf einmal besser vom Fleck kommen als er's mit aller Arbeit Entbehrung und Vorsicht in fünfzig Jahren zwingen könnte. Diese schwache Seite des Hättich nun seines Freundes und besonderen Gönners, kannte der Habich und von dieser Seite aus gedachte er ihm längst bciznkommcn, er wußte nur nicht wie, und die Gelegenheit wollte sich nicht finden. Endlich aber ist'« gewesen wie wenn ein Spinnlcin im Fenstereck auf kleine -^liegen lauert und aus einmal eine große Mücke in ihrem Netz hängen bleibt. Der tölpische Gast ist mit Fäden umsponnen ehe er nur weiß wie er daran ist, und das Spinnlcin denkt: dn bist mir just recht zum Abcndbrod. (Fortsetzung folgt.) 198 Apostel Miericke. Ueber eine heitere Versammlung, die dieser Tage in Berlin stattgefunden, berichtet ein dortiges Blatt sehr drastisch: „Der Schneider Miericke, der Verkünden einer neuen, allerdings etwas unklaren Glaubenslehre veranstaltet jetzt und zwar wie wir erfahren, an jedem Montag regelmäßige Versammlungen im „Kaiscrgarten" hiersclbst, in welchem er die Gläubigen um sich schaarl, die Ungläubigen zu bekehren sucht. Wir haben unseren Lesern schon früher einmal Mittheilung gemacht über die Vortragsweise dieses neu aufgetauchten Apostels; das aber, was wir durch persönliche Wahrnehmung beim Besuch der letzten dieser Versammlungen gesehen und gehört haben, übertrifft doch noch Alles, was Zeitungsberichte bisher in die Öffentlichkeit gebracht, und wir können nicht umhin, eine ausführliche Schilderung des Schneiders Miericke und der von ihm berufenen Versammlungen folgen zu lasten. Schon zu früher Stunde war der Saal des „Kaisergartcns" mit Gästen überfüllt. Eine Temperatur von mindestens 20 Grad Rcaumur, undurchdringlicher Tabaksgallm und Weißbicrdunst machten den Aufenthalt in dem Saale fast unerträglich, und unsere Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Endlich, gegen 9 Uhr, nachdem die Erwartung der Gaste bis anss Höchste gestiegen war, wurde der Ruf laut: „Bruder Miericke kommt!" Und siehe da! die Thüren des Saales öffneten sich und, getragen von zwei Männern, erschien der Prophet, hinter ihm die Schaar seiner Gläubigen. Hurrah! und abermaliges Hurrah! empfing den sehnsüchtig Erwarteten, der, nachdem er bis in den Vordergrund des Saales geschleppt war, die Sitzung also eröffnete: „Jeliebte Brü- der!" (Allgemeines Bravo- und Dacapo-Nufen.) Der Apostel folgte dieser ehrenvollen Aufforderung und begann noch einmal: „Jeliebte Brüdcr! ich habe euch zuerst zu vermelden, daß Bruder Lehmann heute nicht jekommen ist. Schad't ooch nischt, wir werden ohne ihm ooch fertig. (Bravo!) Jeliebte Brüdcr! ich komme immer wieder auf meine Lehre zurück, das heißt, ich sage Euch, uns fehlt die Einigkeit. (Unterbrechung und stürmisches Bravo.) Jeliebte Brüder! ich sage Euch auch, wir wollen keine Kirchen mehr bauen denn warum? wir haben Häuser genug leer stehen, und wir selbst, jeliebte Brüdcr, untereinander sind uns Kirche genug." (Bravo! Sehr gut!) — Der Redner, von kleiner Statur, ist von dem im Hintergrund des Locals sich Befindenden nicht zu sehen; es macht deshalb einer der Zuhörer den Vorschlag, Bruder Miericke solle auf «inen Tisch gehoben werden, damit auch die „Ungläubigen", welche sich in jenem Winkel zusammengerottet hätten, zur neuen Lehre herangezogen würden und Alles, was Bruder Miericke spräche, besser in sich aufnehmen könnten. Der Prophet weigert sich zuerst, muß man aber den Brüten und dem Drängen seiner Schüler nachgeben; man setzt einen Stuhl auf einen Tisch und Bruder Miericke nimmt auf diesem erhöhtem Sitz Platz. Jetzt erst sehen wir den Propheten in seiner ganzen Glorie und bemerken, daß sein Co- stüm etwas sehr nachlässig, wenn nicht geradezu unanständig ist. Das ganze Auditorium bricht in ein schallendes Gelächter aus. Miericke, nachdem sich der Sturm etwas gelegt hat, beginnt abermals: „Jeliebte Brüdcr! Lacht man immerzu, ich nehme den Spott auf mir, ich muß ihm hinnehmen. Schon Viele haben mir verspottet, die sich jetzt zu meiner Lehre bekennen und meine jeliebten Brüder sind." (Bon einem der ersten Tische ertönt der Ruf: „Bruder Miericke, neben mir sitzen aber ein paar böse Brüdcr.,,) Auch die habe ich lieb," antwortete der Apostel, „denn sie werden später erkennen, was ich will. Und nun, jeliebte Brüder, schlage ich vor, daß wir einen Ehoral singen." (Bravo!) Einer von der Versammlung schlügt als abzusingenden Ehoral das Lied von „Röschens Piepmatz" vor; sogleich fällt der Chorus ein und singt: Röschen hatte einen Piematz u. s w. Nach der ersten Strophe jedoch verstummt der Gesang und man verlangt nach etwas Anbei in. Ein Herr kletterte auf den Tisch, stellte sich neben den Propheten intonirte das Lied: „Saßen einst zwei Turteltauben, siehste wohl! u. s. w.", in 199 welches die ganze Versammlung einstimmte. Nach Beendigung dieses LiedeS schlug Einern vor, den Dirigenten des soeben beendigten Gesanges zum „Bruder Küster" an der neu zu begründenden Kirche zu ernennen. Bruder Miericke ertheilte seine Genehmigung zu dieser Amtsverleihnng, worauf dieselbe unter lebhafter Acclamation der Versammlung stattfand. Inzwischen hat sich das kleine Local so sehr überfüllt, daß es dem Propheten, trotz seiner mäßigen Bekleidung zu heiß wurde, und er seine „jeliebten Brüdcr" aufforderte, ihm in den Garten zu folgen. Hier wurde der Ulk weiter getrieben. Bruder Miericke wurde verschiedentlich intcrpellirt, unter Anderm, wie er über die Erschaffung der Welt dächte. Auch diverse Anträge wurden gestellt, z. B. der Antrag, auch Schwestern aufzunehmen, damit die neue Gemeinde auch Bestand habe u. s. w. Schließlich aber wurde die Haltung der Versammlung eine ruhigere, und wir verließen diesen Tempel des höheren Blödsinns, können aber Jedem, der sich ein Stündchen der Langeweile vertreiben will, den Besuch einer solchen von Bruder Miericke präsidirten Versammlung, bestens anempfehlen. (Zukunft.) Neueste Gaunerei. Folgende Geschichte wird in „Berliner Blattern" erzählt: Der Banquier Mende in Leipzig erhielt von dem Handlnngshause „Hachette und Massen" in Paris, dessen Geldangelegenheiten Mende schon seit einer Reihe von Jahren in Deutschland besorgte, folgenden rccommandirten und durch einen Erpressen überbrachten Brief: „In größter Eile theilen wir Ihnen mit, daß unser Cassirer sich heimlich davon gemacht und uns 200,000 Francs in Wechsel entwendet hat. Die Geständnisse seiner Frau, der wir für ihre Offenheit unsere Theilnahme zugesagt, lauten dahin, daß Gramer, so heißt der Cassirer, nach Deutschland geflohen ist und am 16. ds. Mts. (Mai) in Leipzig, im Hotel dc Prusse, wohin seine Frau, wenn nöthig, telcgraphiren soll, logircu wird. Wir bitten Sie, ihm, doch vorläufig ohne Polizei und ohne Aufsehen, die Wechsel abzunehmen und uns alsbald zurückzusenden. Gibt er sie Ihnen nicht gutwillig, so nehmen Sie sofort die Hülse der Polizei in Anspruch. Seine Frau und drei Kinder, die er hinterlassen, dauern uns. Wir haben versprochen, mild zu verfahren. Wenn er Ihnen die Wechsel gutwillig zurückgibt, so zahlen Sie ihm für unsere Rechnung zwanzig tausend Francs, damit er nach Amerika entkommt und unser Haus nicht compromittirt. Gramer ist elegant gekleidet und groß, hat volles, schwarzes Haar, einnehmende Gesichtsformcn, und auf der rechten Backe eine schon von Weitem ausfallende Narbe. Bitten um baldige Nachricht und grüßen: Hachette und M asson." Der Banquier Mende wußte seinem Plan, den er als kluger Mann in der Sache sich vorzuzeichncn halte, schon gerecht zu werden. Am 16. Mai, Mittags 1 Uhr, ließ er seinen Wagen vorfahren, und begab sich in s Hotel de Prusse, um dort zu speisen. Als er in den Spciscsaal trat, fand er die ansehnliche und gewählte Gesellschaft eben im Begriff, sich zur tadle ei'luöte zu setzen. Unser Banquier musterte die Versammlung, und nahm dann Platz an der Seite eines großen, elegant gekleideten Mannes mit schwarzen Haaren — und einer Narbe auf der rechten Backe. Die Nachbaren unterhielten sich bei Tische ganz vortrefflich. Beim Dessert wandte sich der Fremde an seinen Nachbar, — welcher während der Tafel sehr zuvorkommend gegen ihn gewesen war, - mit der Frage: „Würden Sie mir wohl einen Banquier nachweisen, bei dem ich Wechsel discontircn kann?" — „Ich selbst bin Banquier und würde Ihre Wechsel, wenn sie von guten Firmen sind, recht gern annehmen." — „Ei, das ist ja herrlich!" — „Wenn es Ihnen beliebt, so können wir gleich von hier aus nach meinem Comptoir fahren und die Sache in wenigen Minuten ordnen." — „Sehr gütig!" — Sie tranken dei?Rest des Champagners," setzten sich in einen Wagen und fuhren zum Mende'schen Geschäfts-Lokal. Als Beide im Comptoir des Banquiers angekommen waren, zeigte der Fremde seine Wechsel vor. Der Banquier musterte die L, S00 Papiere anscheinend sehr aufmerksam, riegelte die Thür zu und steckte die Wechsel in die Tasche. „Herr," begann er nun, „Sie sind ein Schurke! Noch ehe Sie hier eintrafen, war ich von Ihrer Ankunft unterrichtet! Sie sind Cassircr des Hauses „Hachelte und Masson" in Paris, deren Vertreter ich in Deutschland bin. Sie haben dem genannten Hause 200,000 Francs in Wechseln gestohlen! Sie werden es ganz in der Ordnung finden, wenn ich dieselben behalte und dem Hause wieder zustelle!" — Der Fremde blieb ruhig und stumm. Der Banguicr fuhr fort: „Danken Sie es der Großmuth Ihrer ehemaligen Chefs, wenn ich Sie nicht sofort in's Gefängniß abführen lasse." — „Ich unglücklicher, leichtsinniger Mensch! WaS habe ich gethan!" schluchzte der Fremde. — „Und doch geht die Girre Ihrer Chefs so weit," fuhr der Banquier fort, „daß sie Ihre Schande nicht nur verschweigen, sondern auch aus Rücksicht für Ihre Frau und Kinder Ihnen sogar die Mittel gewähren wollen, nach Amerika zu flüchten — und dort mit Ihrer Familie ein neues, ein ehrenhaftes Leben zu führen. Sie haben drei Kinder." — „Fünf," murmelte der Fremde, der — völlig zerknirscht — Alles zugab. —- „Jch- bin beauftragt, Ihnen 20,000 FrancS auszuzahlen, hier sind sie. Und nun machen Sie, daß Sie fortkommen." Der Fremde, der vor lauter Scham und Rührung kaum sprechen konnte, steckte die Bankbillets zu sich und verließ thränenden Blickes und reuigen Herzens das Comptoir. Der Banquier, der sich auf das Gelingen seines Planes etwas zu Gute that, schrieb noch au demselben Tage nach Paris, legte die Wechsel bei, — erstattete ausführlichen Bericht, und bat nebenbei um gefällige Erstattung der 20,000 Frcs. Drei Tage später erhielt der Banquier die ersehnte Antwort auf seinen Brief. Hachette und Masson machten ihm darin Mittheilung, daß sie gar nicht bestohleu seien, daß ihr Cassircr sich noch auf seinem Posten befinde, und daß sowohl die Wechsel als der Brief gefälscht wären. Sie fügten zugleich ihr lebhaftes Bedauern bei, daß Herr Meude jene 20,000 Francs auf sein eigenes Vcrlustconto zu schreiben habe. M i s e e l l e n. Der nach dem Süden gcreiste amerikanische Schauspieler A. H. Davenport wurde vor Kurzem in New-?)ork todt gesagt, und daher folgende Depesche an die Direc- tion der Akadcmy os Music in Ncw-Örlcans abgeschickt: „Wollen Sie A. H. Davcn- port's Körper Per Dampser an seine Mutter (folgt deren New-^orker Adresse) schicken,* worauf Herr Davenport erwiederte: „Ich will's versuchen und meinen Körper selbst bringen — war nie in meinem Leben besser dazu im Stande." Die Treue ist des Weibes schönster Schmuck, das Unterpfand ihres Glückes, dir Krone ihrer Liebe, der Adel ihrer Weiblichkeit. In der Treue vorzüglich erscheint die Würde des Weibes, darum sie auch an ihm so hoch geehrt wird. Fr. Ehrenberg. * Ein dem Andenken einer verstorbenen Gattin errichteter Grabstein in Maine, Vereinigten Staaten, trügt folgende Inschrift: „Thränen könne» dich nicht mehr zum Leben zurückrufen, darum weine ich." Auflösung der Charade in Nr. 2t: „Landwehr." Druck, Verlag und Redaction des Literaris en Instituts von l)r. M. Huttler, Nro. 26. 27. Zum 1869 Augsburger Es gleichen Pflichten blumigen Gewinden. Die ähnlich man muß an den Stab Der aufrechtstehenden Gewohnheit binden, Sonst fallen lästig sie herab. Johannes Schrott. Der Habich ««d der Hättich als Geschäftsfreunde. Drittes Kapitel. Ein hitziger Handel, zu dem endlich der Postillon die Begleitung bläst. Einmal nämlich hat der Habich in Wcisenftadt zu thun, ich weiß nicht was. Im halben Mond daselbst kehrt er ein, findet aber niemand in der Wirthsstube. Weil er aber doch gern Kameradschaft haben möchte, so steht er hinaus in's Kabinett (Kafcnett sagen die Dürrcnsec'r, und die Wcisenstadter meist auch). Siehe da sitzt leibhaftig, aber ganz still sein guter Freund der Hättich, schmaust ein Wiener Würstchen von dem seine Frau nichts misten soll, und trinkt ein GiaS Bier dazu. Hab' ich dich. Freund Spatz, denkt er und setzt sich zu ihm. Der Hättich kann nichts dawider thun, denn im Wirthshaus muß man zum Nachbar nehmen wen man findet. Ich weiß übrigens nicht waS die beiden im Anfang mit einander verhandelt haben, der Habich hat wohl dafür gesorgt, daß die Weisheit davon nicht in Strömen auf die Gaste gelaufen ist. Allmälig aber wird der Habich ernsthafter, macht endlich ein feierlich Gesicht und fragt den Hättich: Vetter, weißt denn schon, daß ich meine „Sachen" verkaufen will? Du Narr, antwortet der Hättich, du und deine Sachen verkaufen! Wovon willste denn nachher leben, wenn du deine Sachen nicht mehr hast? Brauchst dir aber nicht viel Müh' zu geben, vielleicht thut dir 'sLandgcricht bald den Gefallen und sorgt für den Verkauf und fragt dich nicht einmal ob du's zufrieden bist! DaS war ein Hieb, über dem könnte der Habich das Gesicht verziehen. Aber er läßt sich's nicht anmerken und fragt wieder: Nu, was geht's dich an, wenn der Habich verhungern will? Er will aber nicht verhungern sondern 'nübcr nach Amerika, da ist so einer wie der Habich bester angesehen als in dem Dürrensee, dem Nattcnnest. Jetzt meint nun der Hättich, der Einfall wär' gut, in Amerika könnte der Habich noch sein Glück machen: da liefen gewiß gleich alle Leute an's Meer und sagte, so'« Hauptnarr wär' doch noch nicht gesehen worden so lange das ganze Amerika stünde. — Das war wieder ein Stich und grob dazu. Aber der Habich verschluckt auch das. Der Hättich dagegen will nun auch einen Spaß machen, also fragt er den Habich und gähnt dazu, was er denn für sein ganzes Gelumpe haben wollt', das Rittergut aber müßt' auch dabei sein. Sein Haus that' er verkaufen, antwortet der Habich, damit wollt' er vor seiner Reise übcr'S Meer 'nc Stiftung machen. Aber seine Güter wären ihm feil und er thäte sie wohlfeil geben. Für s kleinste wollt er ganz wenig nehmen, nur 'neu Kreuzer, füc's nächste zwei Kreuzer, denn das wär' schon ein Eckchen größer, für'S- Er kann nicht gleich weiter reden, denn der Hättich bricht in ein lauteS Lachen au» und sagt: Narr du! und thut dazu einen Schluck aus seinem BicrglaS. 202 Drr Habich aber läßt sich nicht irre machen und fährt fort: für'S dritte Grundstück wieder noch einmal so viel, nämlich vier Kreuzer. — Jetzt weiß der Hättich nicht, soll er lachen, soll er sich erzürnen, denn der Spaß klingt ihm gar zu dumm. Wie aber der Habich fortfährt, für'S vierte Grundstück acht, für's fünfte sechzehn Kreuzer, für'S sechste zweiunddrcißig und so fort, immer für'S nächste Grundstück das doppelte vom Preis des vorhergehenden zu fordern bis zum zwanzigsten, das „Rittergut" aber sollte das einund zwanzigste sein und das sollte der Käufer noch dreinbe- kommcn,-da ist der Hättich nach und nach ruhig und immer ruhiger und ernsthafter geworden. In ihm arbeitet's als wär' er ein lebendiger Berg Vesuvius, in dem es wallt und kocht und braust bis oben Feuer, Steine, Asche und Rauch hinausschlagcn. Ein Weile sitzt er da und schaut den Habich mit großen Augen an. Darnach wechseln in...seinem Gesicht Schatten und Licht. Endlich bricht's los, er heißt den Habich einen Lumpen und Esel uni den andern, will ihn zur Thür hinaus werfen, sich von solch einem Nichtstanger nicht für Narren halten lasten. Und doch muß er im nächsten Augenblick wieder lachen daß ihm die Ribben krachen, den wo ist ihm je solch eine ausgesuchte Dummheit vorgekommen! Wieder ihm nächsten Augenblick fährt's ihm gleichwohl durch den Kopf was doch aus dem Habich seinen Gütern zu machen wäre, und was er für 'neu Mann machen wollt', wenn er das „Rittergut" drein bekäme. Der Hättich würde bald gauz ernst geworden sein! Aber nein, meint er wieder, das ganze ist von dem Habich doch bloß eine Dummheit. Und weil der gar so ein einfältig Gesicht dazu macht.,, so fängt's in ihm noch einmal inwendig zu kochen an daß das Töpfchcn überlauft.. Er. begehrt auf, schlägt mit der Faust auf den Tisch und sagt endlich — ich weiß , nicht-, was, grob genug wird'» herausgekommen sein; denn war der Hättich gleich Gcuieindcpflcger, so-folgt daraus nicht, daß er im Schimpfen einem seiner Mitnachbarn etwas hinausgegehcn. hätte. Ueber dem Lärm kommen mehr Leute in den halben Mo»d und lasten sich. im Kabinett nieder. Unter ihnen ist der eine ein gewesener Landgcrichtsschreibcr, der andere ein Fremder der mit der Eisenbahngescllschaft einen LiefcrungSkontrakt abgeschlossen hat, der dritte ein Jude aus der Hofheimer Gegend, der Mondwirlh aber steht auch bei der Gesellschaft und läßt die Gäste durch seinen Buben mit Bier versorgen. In einem Gasthof kommen wohl allerlei Dinge vor, aber so was hat er doch noch nicht erlebt und es geht ihm ein Licht darüber auf, daß das mit der neuen Eisenbahn und dem gesteigerten Weltverkehr zusammenhängen muß. Bald haben sich drei Parteien gebildet. Als Vertreter der einen Partei spricht der Schreiber: der Verkäufer ist ein Narr; wär' das Gütchen auch noch so klein, HauS, Hof und Garten ist allein mehr werth als das dumme Exempel ausmacht. Der .Fremde im Name» der zweiten Partei spricht , mit Würde: meine Herrn, das Ding:.macht , hundert Gulden und vielleicht viel mehr, es fragt sich nur vor welchem Umfang und. wclckzer Ertragsfähigkeit die Felder sind.. Der Jude aber, der eine Partei für sich. bildet, sitzt eine gute Weile ganz vertieft da, .auf einmal springt er auf den Hättich zu, klopft ihm von hinten aus die Schulter und spricht:. ;nci, Bruder, laß dir rathe, laß dir rathe, ein arger Handel, eiu böser Handel, ei» schwerer Handel! (Fortsetzung folgt.) „Sie sind 30 Jahre alt?" — fragte eiu Aktuar eine Dame, die er zu Protokoll vernahm. — „Nein, zwanzig," antwortete diese. — „Aber ich bin doch mit Ihnen m einem Jahre geboren!" — „Ei uun," sagte die Schöne schnippisch, „Sie werden wohl. rascher gelebt haben." Kalme Schwelte, Lotteriesetzer. Von N. Denneberg. Es ist ein kalter Wintcrtag, der Schnee bedeckt wie ein Leichentuch Wald und Flur, das Eis bildet Blumen auf den Fenstern, — und doch geht es lustig zu in der Schule von Iffcrl Melaincd. Was sage ich Schule, ich verbessere mich und sage im Cheder. Der Familienname meines ersten Meisters und Lehrers ist mir entfallen, mein Gedächtniß hat nur den Vornamen und Charakter aufbewahrt. Zur Zeit als diese Erzählung sich abspielt, gab es in Nikolsburg noch keine öffentliche hebräische Schule; das Hebräische ward in einem Zimmer gelehrt. Die Lehrer an diesen Schulen brauchten keine Studien gemacht zu haben, hatten nicht nöthig, sich einer Prüfung zu unterziehen, der Lehrer machte sich selbst zum Lehrer, er nahm sich selbst vorn Tisch deS Herrn das Diplom der Befähigung. Mein Lehrer, Iffcrl Melamed, war ein braver Mann. Bis zu seinem vierzigsten Jahre ein ehrlicher Geschäftsmann, — er nährte sich und seine Familie im Schweiße feines Angesichts, und es ging ihm ziemlich gut. Aber Iffcrl wirthschaftete ab und ward Lehrer. Er lehrte die Anfangsgründe und das Beten. Der Cursus an dieser Hochschule dauerte ein Jahr, und die entlassene» Schüler wanderten dann in ein anderes Cheder, — um die begonnenen Studien unter Leitung anderer mehr erfahrener Lehrer auf breiterer Basis fortzusetzen. Es herrschte freudiges Leben in der Schule Jsserl's, und alles sanfte Zureden half nichts. Wir kleinen Schüler ließen unseren Zungen freien Lauf, wir lachten, scherzte» und jubelten. Ruhe herrschte niemals bei Iffcrl, aber heute ging cö gar zu toll her. Wir hatten auch alle Ursache, uns zu freuen. Abends war der erste Channka (Weihnachts)- Abend; da wird das erste Lichtlein angezündet, wobei man recht schön singt, wenn wa» eS eben kann; da wird gesprungen, gehüpft, getanzt, gespielt und die Kinder werde» beschenkt. Ein köstlicher Abend -— voller Wonne und Seligkeit. Der Lärm bei Iffcrl war zu groß. „Wendet Belfcr, wo bist Du?" rief Iffcrl aus. „Bist Du ein Belfer!" Er, der gute Iffcrl, vergaß, daß Wendel selbst erst den Kinderschuhen entwachsen, selbst erst vierzehn Jahre zählte, bei den Kinderspielen selbst erst mit zum Kinde wurde, und seine Würde als Belfcr (oder Behelfcr, Untcrlehrcr) vergaß. Wendel, das Kind armer Eltern, kernte nothdürftig lesen und schreiben, und ward Plötzlich zur Dignität eines Behclsers erhoben, einer Stellung, zu der seine kühnsten Träume ihn nicht für befähigt erachtet hätten. Sein Gehalt, von Iffcrl redlich ausgezahlt, war sehr unbedeutend, dafür hatte er aber freie Kosttage bei den Eltern seiner Zöglinge und am Roschhachoidisch (am ersten Tage -— des jüdischen Monates), je nach Vermögen oder Herzensgüte der Mniter einige Kreuzer Nekrcations-Geld, auch dann und wann einen Apfel oder anderes Obst zur Jause. Den Appell seines DircktorS überhörte Mcndel, oder wollte ihn überhören, um die heute Abends zu hoffenden Sportcln nicht in Frage zu stellen. Seine Aufgabe ging dahin, die Sympathie seiner jungen Freunde heute besonders zu Pflegen, denn die gute Fürsprache der Kleinen hatte ihm oft schon manches Gute gebracht. Mcndel war ein schlauer Politiker, und kannte den Weg zum Herzen der gefühlvollen Mütter. „Kinder," sagte der gutwillige Iffcrl, welcher sich nun ganz verlassen sah, „wenn Ihr nicht ruhig seid, schick ich Euch nach Hause!" „Guter, goldener Nabbe (Lehrer," schrien Alle gleichsam aus Einer Kehle, „schicke« Sie uns nach Hause, aber gleich." Da trat Kalme Schmecke ein; sein Gesicht strahlte von himmlischer Freude. Wer ist Kalme Schmecke und was war geschehen? Wer vor vierzig Jahren in Nikolsburg gelebt, wird sich einer langen, hagere» Gestalt erinnern, die Stunden lang Straße auf und ab ging, mit sich selbst redete, Worte schnell vor sich hin murmelte, selbstgefällig lächelte, stets grübelte und scheu Jedem auswich, wenn eS anging, doch Jedem Rede stand, der ihn aufhielt, und in seinem 204 tiefe» Jdecngange störte. Diese Gestalt war Kalme Schwelle. Aus seiner Jugend weiß ich nichts zu erzählen; als ich ihn kennen lernte, war er ein Mann in den Bierzigen. Er war fromm, betete und fastete. Unter den Ersten im Tempel eintretend, war er unter den Letzten, die ihn verließen. Mehr Arbeiter des Gedankens, war er kein Freund der Arbeit, wie wir sie in der Prosa dcö Lebens austasten, und arbeitete nur dann, wenn die äußerste Nothwendigkeit ihn dazu zwang; dann aber arbeitete er unverdrossen, trug Holz, spaltete es, ging um wenige Kreuzer als Bote nach benachbarten Dörfern u. s. w. Er wußte wenig, beinahe nichts, aber er war ein großer Rechner — wirklich ein großer Meister im Rechnen, was noch mehr zu verwundern, da er nicht «inmal die Ziffern kannte. Rechnen war die Leidenschaft seines Lebens, war sein Leben selbst. In jungen Jahren träumte ihm, — er werde eine Quinttcrne machen und ein reicher Mann werden. Dieser Traum war sein Unglück. Von da an arbeitete Kalme Schinelke nicht mehr. Wozu auch? Er wird eine Quintterne machen und reich werden. Fünf Nummern setzte er bei jeder Ziehung. Viele Jahre flössen dahin, sie wurden nicht gezogen. Während dieser Zeit that er nichts als rechnen. So und so viel Gulden werde ich gewinnen, so und so viele Kreuzer und Pfennige werde ich, muß ich haben, Las war seine vollste, kräftigste Ueberzeugung, die durch keinen Zwischcnfall erschüttert werden konnte. Jedes Kind kannte bereits den Jdeengang Kalme Schmelke's, und er wurde deßhalb von Jedermann interpellirt, wann endlich seine Quintterne gezogen, und wie viel Gulden, Kreuzer und Pfennige er haben werde. Tausend und tausend Mal gefragt, gab er tausend und tausend Mal geduldig Antwort. Und was wirst Du mit so vielem Gelde machen? — war gewöhnlich die andere Frage. Und abermals antwortete Kalme Schwelle mit gläubiger Ueberzeugung: „Ich werde viel, viel Geld haben, und mir einen Pelz und Paraplui kaufen." Während dieses Dialoges hatten sich mehrere Buben gesammelt, die neckten nun den guten, braven Menschen, der ein Kinderfreund war, und alle Neckereien gutmüthig einsteckte. Die bösen Buben zupften ihn, liefen davon, kamen wieder, zupften ihn wieder, »nd liefen wieder davon. Einige warfen sogar kleine Stcinchcn nach dem guten Manne, der sie alle liebte Endlich verlor die gute Seele Kalme Schwelle doch die Geduld, er lief den Jungen nach, erreichte sie, packte den erst Besten, hob die Hand auf, und ließ sie sinken. Er halte nicht den Muth, nicht daS Herz zu schlagen. Seine großen blauen Augen füllten sich mit Thränen, und weinend und schluchzend sagte er den Kindern: »Ihr martert mich und ich habe Euch Alle so lieb! Dich und Dich," und nannte er Alle bei ihren Namen. „Ich werde eine Quintterne machen, viel Geld gewinnen und Euch Alle reichlich beschenken. Aber gebt mir Ruhe, ich liebe Euch ja unsäglich." Dieser Mensch wohnte bei Jsterl Mclamed. Er halte kein Bett, er schlief auf dem Backofen. Seine Habscligkeiten trug er gewöhnlich bei sich, und Wäsche und Kleidung war in einem kleinen Sackluche in irgend einem Winkel der unansehnlichen Behausung ausbewahrt. „Kalme Schmelkc, was wird aus Dir werden," sagte ihm oft Jsterl Mclamed, der ihm befreundet und verwandt war; „was wird das Ende sein?" „Laß mich in Ruhe, mein guter Jsterl, Du wirst sehen, ich gewinne in der Lotterie, dann bin ich reich — und Dein Schade wird cS auch nicht sein," antwortete stets der Interpelliere. Nun mischte sich Elkelc, die treue Gattin Jstcrl's, in's Gespräch. Elkele unterstützte ihren Mann durch ihren Fleiß, sie war Scholethsctzcrin (Lieblingsspcisc am SamStag), »nd gewann durch ihre Emsigkeit an einem Tage mehr, als Jsterl in der ganzen Woche durch sein pädagogisches Wirken. „Jsterl," sagte die wackere Frau, „laß Kalme Schmclke in Ruhe. Ja, ja, er wird gewinnen." Auch Breindl, die einzige Tochter Jstcrl's, zollte dem sanften Kalme Schwelle Beifall und Jsterl mußte nachgeben. 205 „Breindl," rief nun Kalme Schwelle begeistert aus, „ich danke Dir aus vollem Herzen für den guten Glauben. Gott soll und wird mir helfen, und dann sollst Du GotteS Wunder sehen. Laß mich nur reich werden. Du liebes, gutes Mädchen, dann werde ich zuerst an Dich denken; Du bist stattlich herangewachsen. Du bist züchtig, aber bald —" Kalme Schwelle hielt inne. Breindl crröthete. Sie schien die nicht beendete Rede ganz gut verstanden und gewürdigt zu haben, denn sie warf dankvolle Blicke auf den Mann, der arm »nd verlassen in der Welt dastand, und Brosamen gold'ner Träume dem gläubigen und hoffenden Mädchen spendete. „Wenn ich gewonnen," sagte Kalme Schmelke noch, „dann habe ich mein Ziel erreicht. Ich habe dann nicht umsonst Jahr aus Jahr ein gebetet, gefastet, Hunger und Durst, Kälte und Hitze, Spott, Hohn, Hintansetzung ertragen, dann" — seine Stimme ward feierlich, seine Augen schienen aus ihren Höhlen zu treten, dann schrie er laut auf, daß die friedliche Familie erschrocken zusammenfuhr — „dann schwöre ich beim allmächtigen Gott, beim Gott unserer Vätcr, setze ich nicht mehr in die Lotterie!" „Amen," — sagte Jsscrl, „und jetzt wünsche ich zu Deinem Heile, daß Du bald gewinnst." „Amen," betete Kalme Schmelke nach, versenkte sich in seine alten, ihm lieb gewordenen Träume, hörte und sah nicht mehr, was um ihn her vorging, — und schien ganz dem Kreise entrückt zu sein, in welchem er sich befand. Seit dieser Unterhaltung waren mehrere Jahre dahingerauscht; die Nummern, die Kalme Schmelke golden träumte, wurden nicht gezogen. Wer den Schaden hat, — hat auch den Spott. Kalme Schmelke war die wohlfeile Zielscheibe des gemeinen Witzes. Seine Augen wurden matt — sie hatten ja viel in einsamen Nächten geweint, seine Haare bleichten, und Breindl sing an, wenn auch nicht alt zu werden, doch das Alter zu fürchten, in welchem arme, wenn auch tugendhafte Mädchen sich vergebens nach einem Freier umsehen. Da kam der Tag der Erlösung. Was der Wahnsinn ersonnen, wurde durch göttliche Fügung zur Wahrheit — zur vollen, glänzenden Wahrheit. Kalme Schmelke gewann, seine fünf Nummern wurden gezogen. Wer beschreibt den Jubel! Lange stand er da, wie eine Bildsäule, als ob der Schlag ihn getroffen, konnte er kein Glied bewegen — dann schloß er die Augen, öffnete sie, traute sich selbst, seinen Sinnen nicht. Nach und nach gewann er die Fassung, und ein Strom von Thränen der Freude ergoß sich aus seinen Augen. Auch seine Sprache fand er wieder. Er faltete die Hände und betete still vor sich hin. WaS er gebetet, ich weiß es nicht, aber ich kann es ahnen. Nochmals schaute er die fünf goldenen Nummern an, dann hüpfte er auf und hinein in's Amt, laut aufschreiend: „Wer hat Recht!" „Jetzt will ich mein Geld haben." Der Beamte erwiederte, daß er sich noch einige Tage gedulden müsse. „Geben Sie mir tausend Gulden indeß für Breindl — das gute, süße Kind, das mich niemals gemartert, mich stets getröstet, wenn alle Welt mich gehöhnt und verspottet hat. Da haben Sie den Zettel, ich versetze ihn, ich vertraue ihn Ihnen an, Sie sind ein braver Mann, aber die tausend Gulden für Breindl muß ich gleich haben — auch einige Gulden für einen Pelz und ein Paraplui — und einige Gulden für Geschenke meiner Freunde. Ich will den Kleinen zeigen, daß ich Ihnen keinen Groll nachtrage, daß ich sie Alle unaussprechlich liebe." Der Beamte willfahrte, und nun eilt Kalme Schmelke in sein Quartier — in Jsscrl's Wohnung. „Jsscrl, Elkcle, Breindl," schrie er auf, „ich bin der glücklichste Mensch auf Gottes Erdboden, ich bin nicht verrückt, ich habe gcwouueu; viel, viel, da hast Du, Breindl." 206 > 4 l kr übergab ihr die erwähnten tausend Gulden. „Jetzt kannst Dn hcirathen! Armes Mädchen, Du wartest schon lange darauf! Und auch für Dich, Jsserl, habe ich waö eingekauft, und für Dich, klkele, treue Freundin, und für Euch Alle, — Ihr tteinen Spitzbuben, die Ihr mich gehöhnt." Und er beschenkte uns Alle. Drei Tage wäre» verflossen, da hüllte sich Kalme Schmclke in seinen neuen Wolfspelz und ging, das heiß ersehnte Paraplui unter dem Arme, nach dem Lotto-Amte, um sein vieles Geld zu holen. Doch. welche Enttäuschung harrte dort seiner. Der Beamte erklärte ihm rundweg, daß das Gericht auf die gewonnene Summe Beschlag gelegt und er unter Kuratel gesetzt sei. „Warum das?" fragte Kalme Schmclke wie vom Blitz getroffen. Der Beamte zögerte mit der Antwort. „Weil ich ein Narr bin?" — fuhr Kalme Schmclke fort. Der Beamte nickte bejahend. Jetzt wurde Kalme Schmclke rasend, er rief auS: „Ich ein Narr? Durch mein Gewinnen habe ich aller Welt bewiesen, daß ich nicht verrückt bin. Warum bin ich ein Narr? Ich habe bewiesen, daß meine Träume in Erfüllung gingen. Wen habe ich jemals beleidigt? Wen habe ich gekränkt? Wem bin ich zur Last gefallen? Meine Schwester ist reich, habe ich sie angebettelt? Bin ich ihr nicht jedes Mal aus dem Wege gegangen, wenn ich ihr begegnete, weil ich fürchtete, daß sie sich meiner schäme? Thut daS ein Narr? Das hast Du mir gethan, Schwester Röcheln, Dein Mann, der Nosch- hakol (Bürgermeister) ist groß und mächtig in der Gemeinde, der Obcramtmann, der Justitiär und der Amtsschreiber sind Purim (Fasching) bei ihm geladen. Dein Mann kann Alles, waS er will. Ich muß schweigen, darf mich nicht auflehnen, sonst sperrt man mich ein." All' sein Toben half nichts, Kälme Schmclke wurde unter Sequestration gestellt. Er blieb als Pensionär bei Jsserl, — erhielt einen neuen Nock, eine Sammtmütze und wöchentlich einige Kreuzer für Schnupftabak und andere kleine Bedürfnisse. Die Schenkung au Breindl wurde nicht angefochten. Der Frohsinn war für immer von ihm gewichen, er rechnete nicht mehr, scherzte »icht »lehr mit den Kindern, spazierte nicht mehr in den Straßen umher, saß Stunden lang vor sich im Zimmer, ohne ein Wort zu sprechen, selbst sein Liebling Breindl konnte den Geist der Schwcrmulh nicht von ihm bannen. »Laß mich gehen," sagte er öfters dem um ihn bekümmerten Mädchen. „Mir ist nicht zu helfen, Deinen Hochzeitstag will ich noch erleben, dann gehe ich gerne zu den Bätern ein. Weine nicht, süßeS Kind, wir müssen Alle dorthin!" Und so war eS in der That. Das Mark seines Lebens war verdorrt, er welkte hin wie der Baum, dem man jedes Naß entzogen. Breindl's Hochzeit wurde gefeiert. Das alte Ehepaar Jsserl Mclamcd und Elkele, Scholethsetzcrin, tanzten. In einem Winkel saß der arme Kalme Schmclke. Freude röthete seine sonst fahlen Wangen, und Wirte des Segens entströmten seinen matten Lippen. Die eben getraute Frau Breindl naht sich ihm, drückt die kalte Hand des bewährten Freundes und versuchte ihn durch Worte des Trostes zu erheitern. „Mir ist ja heute, jetzt sehr wohl, Du bist unter die Haube gekommen, wirst ein braves, treues Weib werden, was will ich niehr? Gelobt und gepriesen sei Jehova! Jetzt aber geh' und laß mich allein." Die Hochzeitsgäste hatten sich entfernn, und noch saß an der nämlichen Stelle Kalme Schmclke; man mahnte ihn, seine Lagerstätte aufzusuchen und sich zur Ruhe zu begeben. Man weckte ihn vergebens. Unter den Hochzcitsklängcn hatte die gute Seele ausgehaucht. Diese Hochzeit wollte er erleben, er erlebte sie und starb unbeachtet und nur beweint v»u der treuen Familie Jsserl Mclamcd s. Miseellen. Man schrieb der „N. Fr. Pr." aus Trieft, 30. Mai: Die in unserem Hafew ankernde Nacht „Mäkrusfa"deS Vizckönigö von Aegyptcn bietet, wie kaum ein anderes Objekt, auf einem vcrhältnißmüßig kleinen Raume eine wirklich schenswcrthe Vereinigung orientalischer Pracht und abendländischer Industrie. In England um den Preis von 400,000 Pfd. St. gebaut, soll diese Jacht unter allen ähnlichen Fahrzeugen an Pracht nur der andern Jacht nachstehen, welche der Vicekönig dem Sultan zum Geschenk gemacht hat. Die „Makrussa" ist ein Raddampfer von etwa 400 Fuß Länge mit einer Maschine von 800 Pferdckraft und 8 Armstrong-Kanonen; sie hat den Weg von Venedig nach Trieft in 3>/i Stunden zurückgelegt, so daß auf die Stunde die außerordentliche Geschwindigkeit von über 16 Seemeilen kommt. Aus dem Hinterdeck befindet sich der sehr geräumige Speiscsaal, in Weiß und Gold gehalien. Ringsherum läuft ein breites Ruhebett, das, gleich den um den großen in der Mitte aufgestellten Mahagonitisch befindlichen Lehn- stählen, mit kostbarem, farbenprächtigem Tapetenstoffe überzogen ist. Fünf in der Län- genaxe deS Schiffes angebrachte Säulen von silberähnlichem Metalle stützen den Plafond und tragen je einen Kranz von Leuchtern mit tulpeuförmigeu Gläsern. Gleiche Leuchter sind an den Scitenwändcu in zahlreichen Gruppen abwechselnd zwischen den Fensterlucken i> und den auf Schildkrot - und Perlmuttcrgrund eingelegten Obststücken angebracht. Vor i diesem Speiscsaal befindet sich ein grüumigeS StiegcnhauS, in welchem eine Doppcltreppe unter Deck führt. Die einzelnen Stufen dieser, einen wahrhaft überraschenden Anblick gewährenden Treppe sind von starkem Milchkrhstalle mit hellblauer Zeichnung, verbunden j mit weißem, silberglänzendem Metalle, welches auch in schönen Arabesken das Geländer >. bildet. Die Treppe mündet in einen reich dckorirten Raum, vor welchem Achter der > EmpfangSsalon, gegen die Maschine zu die Schlafgcmächcr des VizckönigS liegen. In letztere, welche für Fremde nicht zugänglich sind (es soll dieses Verbal auf unangenehmen z Erfahrungen beruhen), gelaugt man durch Thüren aus Spiegelglas und Ebenholz. Den d beiden Sliegcnabsätzcn gegenüber befinden sich die mit kostbaren Vorhängen versehenen ! Eingänge zum EmpfangSsalon. Hier wiederholt sich im erhöhtem Grade die Pracht des- SpeisesaalS; kunst- und wcrthvolle kreisrunde Mosaiktische wechseln mit prächtigen Otto- manen ab; die Wände sind ebenfalls mit Mosaikstückcn herrlicher Arbeit eingelegt. Den überigcn Theil deS Schiffes bis zur Maschine und den Radkasten nehmen die Cabiucn j für das Gefolge und die Schiffsoffiziere ein; die vorderen Räume sind für die Mannschaft (dermalen 387 Mann). Unter den gehißten Schiffsbootcn sticht insbesondere der fast blutrothe Gig deS VizckönigS, aus Mahagoniholz heraus. ^ Als Napoleon I. aus Elba entwichen war, verzeichnete der „Monsieur," damals von Lonis XVIII. rcdigirt, das Vorrücke» deS Kaisers wie folgt: Der „Menschenfresser" ist entwischt, — der „corsischc Währwolf" ist in Frankreich gelandet, — der „Tiger" kommt, — das „Ungeheuer" hat in Grenoble übernachtet, — der „Tyranu" ist in Lyon eingetroffen, — der „Usurpator" zeigt sich in der Umgebung von PariS, — „Bvuaparte" rückt vor, wird aber nie in Paris einziehen, — „Napoleon" wird morgen unter unsern Brustwehren stehen, — der „Kaiser" ist in Foutaineblcau eingetroffen, — und zuletzt „Se. Kaiserliche Majestät" zog am 21. März „in der Mitte seiner getreuen Unterthanen" in den Tuilerien ein. ' -- .. Beim Eintragen der Namen in die jüngst ausgelegten Listen zur Einkommensteuer zeichnete eine Briefträgerfrau in Berlin, deren Mann hoffnungslos erkrankt in der Charits, siegt: Baldige Briefträger-Wittwe. 208 * In Regentstrcet, London, ist gegenwärtig eine höchst kuriose Ausstellung z« sehe». In einem geschmackvoll dccorirten Zimmer zeigt ein junger Engländer einen Marstall darstellender Flöhe, oder wie er sich in seinen Annoncen ausdrückt „abgerichteter ApterouS Insekten." Viele Mühe, Zeit und Ausdauer muß eS dem Aussteller gekostet haben, die Darstellungen dieser Thierchen zu der Vollkommenheit zu bringen, die sie gegenwärtig an den Tag legen. Die Insekten ziehen Wagen, — nehmen Schiffe in'S Schlepptau, feuern eine Kanone ab, produciren sich auf dem Seil, springen, tanzen und führen auf einem weißen glatten Tische verschiedene andere Evolutionen aus. Das Wunder der Ausstellung liegt aber weniger in dem Genie der Flöhe, als in der b«- wundernswerthen Construction und Nettigkeit der ganzen Maschinerie. Nach Jahre langer, mühevoller Arbeit hat der Besitzer der Floh-Menagerie nach eigenen Ideen und mit eigener Hand eine Anzahl von Liliput-Artikeln zu seinen Darstellungen fabricirt, die jedem Zuschauer ei» »»geheucheltes Erstaunen abnöthigen. Während der Productione» seiner Jnsektchen gibt der Aussteller seinen Besuchern höchst belehrende Auskunft über diesen speciellen Zweig der Naturgeschichte. Die „englischen Flöhe" bezeichnet er als die gelehrigste» Schüler, obwohl die russischen, belgischen und deutschen ihnen an Talent und Gelehrigkeit nicht viel nachstehen sollen. Einige der „liliputanischcn Darsteller" wurden als „sehr alte Herren" bezeichnet, sie zählten der Monate nenn, und waren nun, den Naturgesetzen zufolge, dem Ende ihrer Tage nahe. Drei oder vier Monate gilt bei den Flöhen als ein sehr schönes Alter. Mit rührender Zuneigung und als Äcquivalent dafür, daß die Productionen der Flöhe seine» Lebensunterhalt ausmachen, gestattet der „Manager" seinen Acteurs von seinem eigenen Blute zu leben. Nach beendeter Darstellung versammelt sich die kleine Hecrde auf der Rückseite seiner Hand zum Diner — und dann wird die ganze Schaar, nachdem zuvor jeder Floh vorsichtig zwischen zwei Miniaturdecken gelegt worden, in eine Schachtel placirt, wo sie nach gethaner Arbeit sicher schlummert und keinen Schaden anrichtet. Der ungezähmte Vorrath au Flöhen — 2 bis 300 — wird in einer mit Wolle angefüllten, wohl verstopften Flasche aufbewahrt. Aus Anlaß der Erwähnung einer seltenen Uhr in Nro. 24 des „SonntagSbl.", die in Frankreich gefertigt worden, und alle seitherigen Leistungen der „Uhrmacherkunst" übertreffen soll, wird zur Ehre der deutschen Uhrmacherkunst darauf aufmerksam gemacht, daß sich i» Kloster Ebrach ein deutsches Kunstwerk befindet, welches jenem französischen würdig zur Seite gestellt werden dürfte. Es ist dies eine von Johann Christian Schuster gefertigte astronomische Uhr, welche eine Erd- und eine Himmelskugel in Bewegung setzt. Dieselbe zeigt außer dem Gewöhnlichen — die Wochentage, Monate, den Datum, den Mondwechsel, Sonne- und Mondslauf in ihrem gehörigen Auf- und Untergang, desgleichen das Eintreten der Zeichen des Thicrkreiscs, und dadurch die Jahreszeiten und alle vier Jahre den Schalttag, den Stand der Sonne, Mond und Gestirne zur Erde in jeder Stunde des Tages und der Nacht, desgleichen die Stunde, welche jedes Land der Erde hat, wann in jedem die Sonne auf- und untergeht u. s. w. Dabei ist das ganze Uhrwerk auffallend einfach, und leistet Alles mit erstaunlich „wenig Räderwerk." Die Uhr wird alle acht Tage aufgezogen. Was die Größe betrifft, so nimmt sie den Raum auf einem Pfeilertische oder einer Commode in Anspruch. Wer sich für dieses Kunstwerk intcrcssirt, dem wird solches zu jeder Zeit Herr Daniel Barcnöfeld in Kloster Ebrach mit Vergnügen vorzeigen. (Der schöne Titel.) Du, Frau,, jetzt han i au an Titel, den i scho lang g'möcht hält'. Der Herr Landrichter h«t g'sagt, i wär' an Damnifikat. Wie moinst, daß sich'- «nsnimmt, wenn i mi jetzt nnterschreib: Hesekicl Schäufcrle, Damnifikat?! Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von l)r. M. Huttler. Nro. 27. 4. Juli 1869. Gleichwie der flammende Tag unsern Blicken die unzähligen Himmelslichtcr raubt, so werden durch das heitere Glück unzählige Gedanken von hohem Werth uad von göttlichem Lichte für den Menschen ausgelöscht. Aoung. Ein verfehltes Leben. Erzählung von Ludwig Habicht. (Nachdruck rttLoten.) Wenn wir ein altes runzelvolles Gesicht sehen, dann denken wir unwillkürlich, wa6 muß das Alles erlebt und erfahren haben, ehe das Schicksal alle diese vielen Linien auf die Stirn und das Antlitz zog, sie vertiefte und verdickte und zu einem völligen Sorgenspiegel verkörperte? Was für Sorge, Noth und Kummer muß einen stillen Einzug in das klopfende Herz halten, ehe es auf dem so blühenden, frischen Antlitz alle die Eindrücke sympathetisch wiedergibt, die sich dort festgraben und dort ihre stumme und doch beredte Geschichte schreiben? Wir können auf manchem sorgcndurchfurchten Antlitz zurücklesen — die ganze Vergangenheit, das ganze schicksalsschwere Dasein, das nichts als eine Kette von Täuschungen, bitteren Erfahrungen und dunklen Schmerzen war, — oft aber genügt auch schon ein einziger fürchterlicher Schlag des Schicksals, um diese düstere Chiffreschrift hervorzurufen. Und auf all' diesen Gesichtern ruhte einst der Glanz der Jugend, vielleicht der Schönheit, und jetzt liegt das Alles vor uns so tief verschleiert, daß kaum unser schärfster Blick noch eine Spur davon entdeckt. Ich kannte ein solches altes, runzelbedecktes Gesicht, — das einer alten Jungfer. Sie lebte in tiefster Zurückgezogenheit von der Welt fast dürftig, obwohl sie ein bedeutendes^ Vermögen besitzen sollte. Aber man suchte sie auch nicht auf, man scheute vor dem alten Frauenzimmer zurück, — die immer in schwarzen Kleidern über die Straße schritt und so finster aussah, als trage sie eine rechte altjüngferliche „Verdrossen- und Vergessenheit" mit sich herum. Ihre Mäßigkeit legte man bald als Geiz, ihren häufigen Kirchenbesuch als Frömmelei aus; man hatte sie nirgends gern. Niemand sprach ein freundlich entschuldigendes Wort von ihr, die so hartherzig sei, daß sie jeden Bettler von der Thür weise, sich von ihrer alten Dienstmagd von jedem Unglück gewissenhaft berichten lasse, um sich darüber freuen zu können. So sagten wenigstens die Leute. Sie hatte nicht, wie andere alte Jungfern, eine Katze, einen Huvd — oder einen Kanarienvogel zu ihrem Umgänge, ihrer Unterhaltung, sondern etwas weit Absonderlicheres, das sie vollends in Verruf bringen mußte, — eine Eule, für die sie die zärtlichste Sorge trug, die sie selbst fütterte und mit der sie sich oft, wie mit einem Menschen, unterhalten sollte. Daß dieser sonderbare Geschmack sie in den Augen der Menschen noch verhaßter machte, verstand sich in der kleinen, klatschsüchtigen Stadt von selbst; — man nannte sie nach ihrer Gesellschafterin „die Eule," und erschöpfte sich in Gehässigkeit gegen die Aermste, suchte sie absichtlich zu beleidigen und zu kränken, und je ruhiger sie die Pöbclhaftigkeit hinnahm, desto mehr häuften sich dieselben. Ich hatte die alte Frau schon mehrfach gesehen, von ihren Wunderlichkeiten genug gehört, als daß ich nicht ein Interesse für sie hätte fassen sollen, und besonders war mir das Halten einer Eule doch etwas gar Ungewöhnliches, das gewiß mit dem Schicksal dieser alten Frau in Beziehung stand; und das Glück, oder vielmehr das Unglück war mir günstig, hierüber Ausschluß zu erhalten. ^ 210 Es war an einem Wintcrtage, als ich durch die Straßen schritt, und durch einen Zusammenlauf von Menschen aufgehalten, näher trat, um zu sehen, was es gäbe. Die unglückliche alte Frau lag an der Erde, man umstand sie lachend und spottend, ohne daß ihr Jemand hülfrcich die Hand gereicht hätte. Ich stieß einige rohe Gaffer bei Seite, Näherte mich der Gefallenen, und sie vermochte wenigstens mit meiner Hülfe aufzustehen, und auf meinen Arm gestützt, langsam fortzuhinken. Ein Paar Gassenjungen hatten die arme Frau mit ihrem Schlitten rücksichtslos umgefahren, — und anstatt die Buben zu züchtigen, freute man sich des gelungenen Witzes, — der alten Eule einen Schabernack gespielt zu haben. Ich begleitete sie an ihre Wohnung, wollte ihr einen Arzt besorgen, sie lehnte es aber ab und bat mich nur, sie recht bald zu besuchen, um mir danken zu können. Alle ihre einfachen, kurzen Aeußerungen verriethen eine Bildung, wie ich sie unter dieser schrullenhaften Hülle nicht erwartet hatte; und ich ging schon am andern Tage hin, mich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Man hatte mir die wunderlichsten Geschichten von ihrer Wohnung erzählt! Es sollte ein finsterer Malepertus sein, schmutzig und ärmlich, und ich fand das freundlichste, behaglichste Stübchen. Zwar waren die Meubles alle einfach, nirgends ein Prunk, eine Zier, wie sie Frauen lieben; aber dennoch konnten diese ärmlich-einfachen Räume an- muthen, weil Alles sauber und geschickt geordnet an seinem Platze stand, und die Sonne durch helle Scheiben ihre wärmsten Strahlen in das Zimmer schickte. Die arme Frau hatte geglaubt, daß ihr Unfall weiter keine nachtheiligen Folgen haben würde, sie lag aber doch bei meinem Besuche zu Bett; und wie sie dort mit dem abgemagerten, blassen Gesicht in dem blüthcnweißen Kiffen ruhetc, kam sie mir durchaus nicht eulenhaft vor, und ich begriff nicht, wie sich anf dies wahrhaft schöne Matronen. Antlitz ein solcher Haß werfen konnte. Freilich war sie heute von der großen, schwarzen Haube befreit, die sie so schrecklich alt machte; sie trug ein sauberes Nachthäubchen, das eine hohe, wenn auch tief durchfurchte Stirn sehen ließ. Diese dunklen, jetzt so matten Augen, mußten einst geglänzt und um diese fein geschnittenen Lippen die Grazien gespielt haben. Die Nase war noch jetzt untadelhaft, nur um den eingefallenen Mund lag ein Zug, mehr des Grames als des Schmerzes. Das jetzt etwas zu sehr vorstehende Kinn mußte dem Gesichte einst in seinen Blüthcntagen einen entschiedenen, vielleicht mit Welt und Leben spielenden Ausdruck gegeben haben. Nach Allem also war sie gewiß einst eine Schönheit gewesen, und heute — ein verachtetes, und von allem Volk gering geschätztes Weib. Sie klagte über nichts, nur über eine allgemeine Schwäche, die sie am Ausstehen hinderte, und war nur darüber unglücklich, morgen noch nicht das Zimmer verlassen zu können, da sie einige nothwendige Einkäufe zu machen habe, aber sich allzn schwach fühle, um dies wagen zu können. Meine vorgefaßte gute Meinung über die Alte schwand bei ihren peinlichen Klagen, daß sie an das Zimmer gefesselt sei, da diese Sorge jedenfalls mir aus ihrem Geize entsprang; ich sagte daher auch etwas trocken, „daß es nichts helfe, und sie sich schon eine Frau dafür würde miethen müssen," weil ich gehört hatte, daß sie aus Geiz noch ihr Dienstmädchen entlassen habe, und sich nur von einer Frau die Aufwartung machen ließ. Sie schien meinen Vorwurf zu fühlen; ihr Auge umflorte sich für einen Augenblick, dennoch blieb sie mir jede Antwort schuldig, was mich noch mehr gegen ihr kleinlich geiziges Wesen aufbrachte. Plötzlich begann sie: „Ach, mein Herr, ich habe zu Ihnen ein eigenes Vertrauen gefaßt, und wage deßhalb eine große Bitte. Gewiß sollte ich der Alten ihre Einkäufe besorgen, da kostete es nichts; nein — ich danke, Madlene! Und wirklich neugierig wartete ich auf den Inhalt der Bitte meiner Kranken, die mir schon merklich eulenhafter vorkam. „Wollten.Sie vielleicht den Schrank dort am Fenster aufmachen?" >— begann sie wieder mit schwacher, zitternder Stimme; „man muß rechts herumdrehen, — es ist ein 211 eigenthümliches Schloß, dort im untersten Schabe — aber ich bemühe sie gewiß zu sehr?" Ich wollte doch sehen, wie weit ihre Unverschämtheit gehen würde, und schickte mich an, ihrer Weisung zu folgen. „Es sind gerade 12 Thaler, die darin liegen." Nichtig, —> meine liebenswürdige Eule, wo ist der Korb, dachte ich ingrimmig, damit ich dir die Rüben und den Salat nach Hause schleppe, oder — wahrscheinlich nur Kartoffeln. Und diese Frau war einmal schön gewesen, und nur der brennende Geiz hatte Alles bis auf die Knochen aufgezehrt! Welche Metamorphosen! — Der Pflanzenkeim wird Knospe, Blüthe und endlich Frucht, und immer neue — wunderbare Schönheit entfaltet sich in diesen leisen, harmonischen Uebergängen; nur das Mcnschenherz kann ohne Spur seiner früheren Schönheit, seiner Gedankenfülle in den Staub zerfallen. Armes altes Weib! „Nein, ich wage es doch nicht," begann jetzt wieder die Eule, „ich werde übermorgen schon wieder ausgehen können, — und auf einen Tag kommt es am Ende nicht an, obwohl —" „O, ich bin jetzt einmal im Zuge," — entgegnete ich mit Ironie, „ich hab' ei« Talent zum Einkaufen — und werde Ihnen schon Ihre Viktualien zur Zufriedenheit bringen." Die bisher so ernste Frau brach unwillkührlich in ein heiteres Lachen aus, das sie aber plötzlich abbrach; und mir die Hand reichend, sagte sie: „Verzeihen Sie mir, — Sie hatten Recht, ich bin ja die alte, geizige Eule; aber eS war doch etwas Anderes, mit dem ich Sie belästigen wollte." „Ich habe dort in der Vorstadt an mehrere Leute etwas zu zahlen, und möchte gern, daß dies heute geschehe; es ist eine Grille von mir, aber es würde mir peinlich fein, wenn ich es unterlassen müßte." Ich erbot mich wiederholt — und jetzt freundlicher dazu, und sie nannte mir die Namen der Empfänger, die ich mir aufschrieb. Dem Schuhmacher Lindner 5 Thaler, dem Böttcher Weinhold, dem Schneider Borisch, dem Schlaffer Wunderlich jedem zwei Thaler, dem Tischler Blühm einen Thaler, so, — das waren die zwölf Thaler. — Vielleicht hatte die Alte dort Bestellungen gemacht, und ich versprach, die Auszahlung auf das Getrculichste zu besorgen und ihr die Quittungen beizubringen. „Das ist nicht nöthig," entgegnete sie eifrig. „Aber wie können Sie denn wissen, daß ich das Geld abgeliefert?" Sie blickte mich vorwurfsvoll an, und sagte ganz einfach: „Nicht wahr, Sie erfüllen mir die Bitte?" Und so fühlte ich wohl, daß, obgleich diese Person schrecklich geizig sein muffe, sie doch nicht mißtrauisch war, wie man sie verschrieen hatte, und wenigstens in dem letzten Punkte hatte auch ich ihr Unrecht gethan, aber selbst in dem ersteren sollte ich empfindlich beschämt werden. Welch' überraschende Aufschlüsse wurden mir zu Theil! Auf meiner Wanderung fand ich zuerst den Schuhmacher Lindner. Er lag krank zu Bett, und als ich ihm seine fünf Thaler aufzählte und ihm sagte, daß die alte Dame krank sei, da rang er jammernd die Hände und klagte: „O Gott, laß sie nicht sterben, was sollen wir Aermstcn anfangen!" — Er hatte bisher jeden Freitag nur zwei Thaler erhalten, seit jenem Erkranken aber fünf Thaler, und bei all' den'Uebrigen, an die ich Zahlung zu leisten hatte, hörte ich dasselbe. Man verehrte die Frau wie eine Heilige, — und doch durften diese Armen nicht» davon verlauten lassen, sie hatte es streng verboten und bei dem leisesten Wort mit ihrem Wegbleiben gedroht; aber was mich noch mehr in Erstaunen setzte, war, daß es wirklich Arme waren, die sich die Alte ausgesucht hatte, Arme, die trotz ihres Fleißes unter einem Joche schmachteten, das ohne der Hülfe dieser Edclmüthigcn sie erdrückt haben würde. Ich war von dem Erfahrenen ganz aufgeregt, und konnte den andern Tag nicht erwarten, an dem ich die alte Frau wieder besuchen woll». Welch' räthsclhaftc, sonderbare Erscheinung, in unsern Tagen, wo man ohne Geräusch nicht wohlzuthun vermag k 212 Warum ertrug diese Frau geduldig den Haß und die Verachtung ihrer Nachbarn, ließ sich ruhig als geizig und boshaft auSschclten? Warum führte sie ein so karges Leben, während sie so reiche und regelmäßige Spenden austheilte? Das waren Fragen, die mich bis zur Stunde meines Besuches auf das Lebhafteste beschäftigten. Ich fand die alte Dame heute schon in ihrem Lehnstuhl sitzend, obwohl sie noch immer über große Schwäche klagte. Mit welch' andern Augen betrachtete ich sie heute; «icht mehr mit denen des physiognomischen Forschers, sondern mit denen der Verehrung. Die letzten, finstern, menschenscheuen Züge schienen sich vor mir aufzuhellen, und noch eine andere Schönheit, als die gestern beobachtete, glänzte mir aus dem alten runzlichen Gesicht entgegen, eine Schönheit, die eben nicht im Antlitz, sondern in der Seele liegt. Ja, sie war schön, eine ächte Matrone, jetzt gewahrte ich es erst, in ihrem Auge ruhte Licht und Frieden, über ihrem ganzen Wesen lag ein Hauch tiefen Seclenschmerzcs ausgebreitet, der verschönt und durchgeistigt. Wie hatte ich dies edle Gesicht nicht schon längst schön finden und in das allgemeine Urtheil einstimmen können: „Die häßliche alte Eule!" (Fortsetzung folgt.) Der Habich «nd der Hättich als Geschäftsfreunde Drittes Kapitel. (Schluß) Nun muß sich merkwürdiger Weise treffen daß der Jude sogleich darauf abgerufeu wird, denn auf dem Markt ist zwischen dem Sternwirth und dem Weisenheimer Wasser- hannes ein Handel um ein paar dreijährige Stiere losgegangen, und wo in aller Welt kann denn so ein Handel ohne Juden fertig werden. So liegen also die zwei anderen Parteien noch eine Weile im Streit, es dauert aber nicht lang, so ist im Kabinett Niemand sitzen geblieben als der Verkäufer und sein Währmann. Dem letzteren nämlich ist der Handel in den Kopf gestiegen, er bringt ihn nimmer heraus. Der Habich, denkt er, ist zwar ein Narr gewesen sein Lebtag und die Leute sagen: einem Narren und einem Betrunkenen weicht ein Fuder Heu aus. Aber auf seinen Vortheil hat er sich nie verstanden, er hätte sonst anders hausgehalten, so wird eben auch dieser Verkauf ein Stück Narrheit sein; am Ende ist's auch das beste wenn er seine Güter losschlägt, unter seinen Händen können sie ja doch nicht bleiben; unser einem aber, der sich's Tag für Tag blutsauer werden läßt, ist'S zu gönnen wenn er einmal einen guten Fischzug thut. — So ein Hättich der nimmer genug kriegen kann, weiß eben auch auf's Gewissen ein Pflaster und das neunte Gebot aus dem Katechismus zu streichen: du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Freilich der Jude hat gewarnt, und ein Jude kann rechnen! Aber, wer weiß, worauf der Jude hinauswill, ob er den Hansel nicht anderswo zu seinem Vortheil von neuem losgchen lassen will? Wenn der Kaufpreis auch auf fünfhundert Gulden hinanliefe — aber es ist ja keine Nede von fünfhundert! - so viel sind die kleineren Wiesen mit den Krautbcetcn werth, und nun noch das Rittergut als Dreingabe, soll da der Hättich nicht zugreifen? Schwenselens, denkt er also Summa Snmmarum und es lacht ihm das Herz im Leib dabei, wenn die Sach' nur schon im Reinen wär', denn so 'ne Gelegenheit kommt nicht wieder in hundert Jahren! Freilich noch einmal kommt er in Nöthen. Der Habich nämlich greift auf einmal nach seinem Stecken, hat noch viel Geschäfte bis auf den Abend und will weiter. Wie nun der Hättich denkt: „Entweder oder, jetzt oder nie!" Und fragt den Habich, ob's ihm denn wirklich ein Ernst mit dem Verkauf und den Verkaufs-Bcdingnissen ist, und der Habich antwortet: Ja freilich wär's ihm ernst und die Bekanntmachung würde bald im „Weisenstadter Anzeiger" stehen; — da muß doch der Hättich noch fragen, wie's denn 213 mit den Hypothekenschulden sollte gehalten werden, die auf dem Grundbesitz hafteten. Und da sagt denn der Habich, die Schulden that' er vom Kaufgeld bezahlen, und die Notariats - Gebühren auch, nur sechs Batzen Trinkgeld wollt' er sich ausmachen. Das aber kann der Hättich wieder nicht begreifen. Es ruhten doch mehr als 1500 fl. Schuld auf dem Habich scheu Grundbesitz, da mußten ja die Gläubiger zu kurz kommen; — oder — der Habich trieb eben doch in der ganzen Sache seinen Spott mit ihm. Jetzt fällt ihm aber wieder ein, was der Schreiber gesagt hat, und der Fremde hat ja auch gemeint, die Sache wär' an sich so übel nicht. Also, noch ist Poleu nicht verloren, auf die sechs Batzen Trinkgeld sollt's ihm auch nicht ankommen, wer nichts wagt, — gewinnt nichts. So erklärt denn der Hättich dem Habich, er wäre ein Liebhaber zu seinen Gütern auf die gestellten Verkaufsbedingungen, und wenn's ihm just gelegen wär', — so könnte die Sache ja sogleich richtig gemacht werden beim Herrn Notar. Der Herr Notar aber wohnte dazumal dem halben Mond in Weisenstadt schräg gegenüber (jetzt hat er sich ein eigenes Haus gebaut vor'm Herb- stadter Thor), rauchte so eben aus seinem braunen Meerschaumkopf zum Fenster hinaus und hatte sonach Zeit, — einem Täublein für schweres Geld auf Verlangen die Federn rupfen zu helfen. Es dauert nunmehr nicht lange, so haben die zwei ihre Zeche bezahlt beim Mondwirth, oder vielmehr der Hättich hat bezahlt für sich und den Habich — denn in so einem Fall muß doch auch ein Hättich sich als Mann von Geld ausweisen, — die sechs Batzen Trinkgeld sind auch berichtigt, und wieder ein Paar Minuten später stehen sie schon in des Notars Geschäftszimmer. Was beliebt? — — Die Antwort wollte eigentlich der Hättich geben, er brachte die Sache aber nicht recht zusammen, und der Habich mußte ihm den Vortrag abnehmen. Da wußte jetzt der Hättich eigentlich wieder nicht, wie er daran war, war er verrathen oder verkauft? Was kommt denn dem Notar in den Kopf, daß er sich, wie der Habich — eben erst ein wenig in den Zug kommt, herumdreht, durch'S Fenster in den Garten hinunter sieht, nachher sich sein Schnupftuch vor den Mund hält und wie versessen darauf herumbcißt? Was hat das zu bedeuten? Warum lach: der Mann so grausam? Findet er den Handel so spaßig und denkt: einer von euch Beiden ist ein Esel, ich sag's aber nicht welcher? Und der Habich hat doch seine schwarz-weiße Brille nicht aufgesetzt! Es ist aber nicht lange Zeit, sich darüber zu besinnen. Denn der Herr Notar hat sich allmählig doch beruhigt, seinen Schnauzbart g.'strichen und thut bereits allerlei Fragen an den Verkäufer wie an den Käufer, um den geschäftlichen Abschluß der Sache vorzubereiten. Und wie das fertig ist, streicht er seinen Schnauzbart wieder, kritzelt dann erst eine Weile auf einem Papicrfetzen herum, sieht bald den Habich, bald den Hättich an mit einem Gesicht, wie der Hättich noch keines gesehen hat, und darauf wird denn das Protokoll ausgesetzt, der Herr Notar diktirt es bloß, der Schreiber muß es auf einen großen Papierbogen schreiben. Jetzt wird die Niederschrift vorgelesen, von beiden Seiten unterzeichnet, endlich auch noch das große NotariatSsiegel aufgedrückt, als Zeichen, daß der Handel rcchtsgiltig vollzogen ist, der Staat selbst im Namen des Rechts „Ja" dazu gesagt hat. Auf besonderes Ansuchen des Käufers wird auch sogleich eine Abschrift zu seinem Gebrauch angefertigt, er setzt sich während dessen auf einem Siuhl nieder, will doch sein Glück schwarz auf weiß am Abend nach Dürrensee hinaustragen. Die Kosten- Bercchuung soll später nachfolgen; denn der Verkäufer hat — wie bemerkt, neben den Schulden, auch die gerichtlichen Kosten aus sich genommen. Nun, im Protokoll hat's doch gestanden, wie hoch sich die Kaufsumme belaufen hat? — Nein, und das war eben das Merkwürdigste an der ganzen Geschichte. Denn der Habich wußte, wie er daran war, für ihn brauchte der mündlich abgeschlossene Handel nur einer vorsichtigen schriftlichen Abfassung. Der Hättich aber schwieg, — weil er die 214 Sache durch die Berechnung rückgängig zu machen fürchtete. Der Notar endlich sah auS dem seltsamen Handel einen lustigen Prozeß erwachsen und schwieg gleichfalls. Und jetzt macht denn der Hättich schnell seine übrigen Besorgungen ab, nimmt seiner Frau ein Paar Wiener Würstchen mit vom halben Mond, daß sie sich, nachdem der Mann so gute Geschäfte gemacht, auch einmal etwas zu gut thun kaun, und schnellen Schritts gcht's nach Dürrensce zu. Es ist ein heißer Abend, — aber was fragt so ein tapferer „Käufer" nach Hitze oder Kälte. Er kommt sich ja doch vor, wie der Hase im Kohlgarten. Was für einen frohen Abend wird's bei seiner Heimkunft geben, — seine Frau wird aus lauter Freude Pfannkuchen backen, wer wollte nicht so seltenen Glückes froh werden! Schon ist der Hättich droben auf der Höhe, — wo der Wegweiser nach Bcrnheim, Ober- und Untcrauernheim steht, da raffelt etwas hinter ihm her. Es muß eine Extra- Post sein, denn der Postillon vorndraus bläst das Lied: Mein Schatz, was fehlet dir, Daß du nicht gehst mit mir? Wie aber das Geschirr näher kommt und der Hättich voll Ehrfurcht bei Seite tritt und so eben seinen Hut vor dem vornehmen Herrn in der Extrapost abnehmen will, — o Wunder, da glotzt der Habich heraus, und macht dem Hättich eine lange Nase, hqt auch seine zwiefarbige Brille aufgesetzt. Was da der Hättich für Augen gemacht, un!^ wie er den Habich im Herzen verachtet hat! Erst Hab' und Gut verschleudert, nachher noch mit Extrapost von Wcisenstadt nach Dürrensce gefahren, und Gesichter dazu geschnitten! — Die Dürrensecr aber fahren mit den Köpfen zu Fenstern und Thüren heraus und wissen nicht, was der Habich' mit der Extrapost zu bedeuten haben soll. — Er fährt übrigens durch's Dorf ganz langsam, so daß der Hättich hinterher gehen muß. Denn so muß es Einem gehen, der durchaus auf der Extrapost in den Reichthum hinein- kutschiren will: die Extrapost fährt vor ihm her und er ist am Ende noch froh, wenn er nicht auf der Straße liegen bleibt. Hättich, wie wird dieser Tag endigen! (Fortsetzung folgt.) Der Svessartwald. Jeden Freund des Waldes muß es mit Freuden erfüllen, wenn er hört, daß bei der leider immer mehr um sich greifenden Zerstörung der Wälder, es im deutschen Vaterland noch Forste gibt, die mustergiltig sind. Ein solcher ist der „Speffart," von dem in einem Bericht über den Aschaffenburgcr Forstvereinstag folgendes zu lesen ist: „Der Speffart oder Speßhardt, im Nibelungenliede Spechteshardt, Spcchtswald (silvn picsria) genannt, voreinst zum Saume des hercynischen Waldes gehörig, und nach der Geographie des Mittelalters bis an den Steiger- und Thüringerwald, ja, bis zu den böhmischen Wäldern sich erstreckend, füllt in seiner heutigen Ausdehnung nur den südlich gewandten Bogen des MainS, von Gemeinden über Millenberg nach Aschaffenburg und Hanau. — Seine nördlichen Ausläufer werden von der Einzig, die nordöstlichen von der Sinn begrenzt. Der Speffart im engeren Begriff, dessen Höhe in der Hauptwafferscheide ungefähr 1500 Fuß über der Nordsee beträgt, in einzelnen Gipfeln aber 1800 bis 1900 Fuß erreicht, ist von ununterbrochenen Forsten bedeckt, die ein Areal von etwa 165,000 bahr. Tagwerk oder 218,000 Preußischen Morgen (über 20 Quadratmcilcn) einnehmen. Es ist begreiflich, daß, wo an hoch und günstig gelegenen Stellen, die Gelegenheit zu einer Fernsicht nach allen Züchtungen weit hinaus über die Rücken und Kuppen des Berg- landes und in seine tief eingefchnitteuen Thäler geboten ist, das Auge überall buchstäblich nichts wie Himmel und Wald erblickt. Aber weit mehr noch wie diese enorme Ausdehnung ist die Beschaffenheit des WaldcS einzig in ihrer Art, und diese Beschaffenheit ist es, welche, sowohl nach dem Urtheile der Fachmänner wie der Laien, den „Speffart" 215 zur Krone aller deutschen Waldungen macht. Wenn auch in Bezug auf räumliche Ausdehnung die Buchcnbestände im Spefsart weitaus vorherrschen, so bleibt es doch die Eiche, die ihm den höchsten Ruhm erwirbt. Nirgendwo sieht man diese Königin der Wälder in solcher Pracht, wie hier; -— kerzengerade Stämme, deren Schaft in der Höhe von 80 bis 100 Fuß, im beschlagenen Zustande noch einen Durchmesser von 1>/i Fuß ergibt, ragen nicht etwa hier und da, sondern wie ein dichter Wald von Säulen auf. Man wird nicht müde, sie zu bewundern. Noch vor fünfzig Jahren gab es nicht wenig Stellen im Spefsart, welche den Charakter dcS Urwaldes trugen. Große Massen von Eichenholz verfaulten unbenützt. Selbst heute noch fällt manche Eiche dem Verfaulen anheim, obwohl im Ausbaue von Abfuhrwegen in den letzten Jahrzehnten überaus viel geschehen ist, um die Nutzbarmachung alles Holzes zu ermöglichen. Die in der Zeit von 1850 bis 1861 in den Staatswaldungen des Spefsart ausgeführten Wcgebauten erstrecken sich bis aus nahezu 40,000 Ruthen, also auf 20 Meilen. Von dem gesammten Wald-Areal des Spefsart gehören dem Staate 106,443 Tagwerk, den Gemeinden, Stiftungen und sonstigen Corporativnen 10,515, den Standes - und Gutsherren und anderen Privaten 47,629 Tagwerk. Was die Bestände anbelangt, so gibt es gemischte Eichen- und Buchen- Bestände, reine Eichenbeständc, reine Buchenbestände und Nadelholzbestände. Im Innern des WaldeS sind es zumal die Laubholzbeständc, welche in Erstaunen setzen, ganze Abtheilungen von 120- bis 140jährigen Buchen, untermischt mit 300- bis 400jährigen Eichen, letztere mit einer Schafthöhe von 80 bis 100 Fuß. Derartige Bestände enthalten pro Tagwerk einen Holzvorrath von mehr als 120 Klaftern. Der Eindruck, welchen man beim Durchstreifen des Spefsart empfängt, ist um so mächtiger, als man halbe Tage wandern kann, ohne eine Ortschaft oder auch nur ein einziges Haus zu erblicken. Nur in den Thälern finden sich spärliche Ansiedlungen. , Die Bevölkerung lebt nur vom Walde — vom Holzfällen, Holzzurichten, Holztransport, Kohlenbrennen und Taglöhnerarbeiten bei Forstculturcn und Wcgebantcn. Daß die Forstwirthe auf ihrer Tour oft genug in Bewunderung ausbrachen, bedarf keiner Erwähnung. Neben dem großen, — herrlichen Walde erregte auch der königliche Wildpark viel Interesse; er umfaßte eine Fläche von etwa 22,000 preußischen Morgen, und enthält Nothwild und Sauen. Außerhalb des Parkes ist der Wildstand, wozu auch der Auerhahn gehört, nicht von großer Bedeutung." Miseellen. (Ein heiteres Testament.) Die Kunstgeschichte kennt einen Katzen-Nafael, als Gegenstück dazu hat die Weltgeschichte jetzt einen Katzen-Peabody auszuweisen. In Colum- bus (Ohio) ist ein vermögender Mann gestorben, welcher seine nächsten Verwandten dadurch an der Nase herumführte, daß er sie sämmtlich enterbte, und seine Hinterlassenschaft in aller Form Rechtens zur Errichtung eines Asyls für siranke und altersschwache Katzen bestimmte. Das Columbus-Journal liefert eine genaue Beschreibung des Planes, wie er im Testamente ausgcführlich vorgesehen ist. Dieselbe läßt die aufrichtige Freundschaft des Erblassers für das Katzengeschlecht und das tiefe Eindringen in dessen Natur nur ahnen, nicht begreifen. So umfaßt der Plan, welcher, von kunstgeübter Hand gezeichnet, dem Testamente beiliegt, geräumige Höfe für den süßen Verkehr, der dem liebesbedürftigcn Katzenherzcn unentbehrlich ist, sowie auch künstliche Rattenlöcher, welche beständig mit Rattenkönigen uud Unterthanen zu bevölkern sind. Damit aber das biedere Katzcnvölkchen das Waidwerk nicht bald satt bekommt, sind den Ratten durch die geistreichsten Vorkehrungen zahlreiche Gelegenheiten zum Entschlüpfen geboten, so daß das Vergnügen des Pürschganges nicht gestört wird. Hohe Mauern mit sanft absteigenden Dächern sollen gebaut werden für die Mondschein-Promenaden und die anderen nächtlichen Lustbarkeiten, wie Concerte, Liebes-Abenteur u. dgl. Daß das Katzen-Elysium in 216 großartigem Style erbaut und mitten in dem bevölkertsten Theile irgend einer amerikanischen Stadt (würde dem Congreß in Washington eine solche Nachbarschaft nicht vielleicht willkommen sein?) hincingcsetzt werden soll, daß ferner unverhcirathete Frauenzimmer von nicht unter 30 Jahren den Tempel nebst seinen Schätzen als eine Art moderner Vestalinncn beschützen sollen. Alles das sei nur nebenbei bemerkt, denn die letzte Bestimmung ist die, welche die erhabenste Idee des Ganzen verwirklicht, und deßhalb dem prosaischen Alltagsverstande des Europäers als die verrückteste von allen erscheinen mag. Es heißt darin: „Sintemalen ich mein ganzes Leben hindurch gelehrt worden bin, zu glauben, daß Alles an und um den Menschen nutzbringend sein solle, sintemalen ferner u. s. w. . . . bestimme nnd verfüge ich hiemit, daß die Eingeweide meines Körpers zu Darmsaiten gemacht und verkauft und daß mit dem Erlös ein Accordion gekauft werden soll, welches in dem Auditorium des Katzenhospitals Tag und Nacht von einer der Wärterinnen gespielt werden soll, damit die Katzen das Privilegium haben, sich stets an demjenigen! Instrumente die Ohren erlaben zu können, welches ihren natürlichen Stimmen am nächsten kommt." Den Namen dieses Katzen-Peabody gibt das amerikanische Blatt nicht; er scheint demnach der Elaste der „ungenannten" Wohlthäter anzugehören. * In den Steinbrüchen von Leicestershire ist gegenwärtig eine Drahtbahn ^Wire Tramway) in Gebrauch, auf welcher ansehnliche Lasten mit beträchtlicher Geschwindigkeit befördert werden. Diese „Eisenbahn ohne Durchsuchungen, Erhöhungen, Tunnels, Viadukte oder Brücken," wie „Herapaths Journal" die erwähnte neue Erfindung bezeichnet, besteht aus einem endlosen Drahtseil, das auf einer Reihe von massiven Pfosten, die in Zwischenräumen von 150 Fuß aufgepflanzt sind, gespannt ist. Eins der Enden dieses Seils ist um eine Art Trommel gewunden, die von einer tragbaren Dampfmaschine in Bewegung gesetzt, das Seil mit einer Schnelligkeit von 6 englischen Meilen in der Stunde forttreibt. An dem Seile werden am LadungSpunkte, in der Nähe der Steinbrüche, vermittelst eines sinnreich construirtcn Gehänges eine beliebige Anzahl Kasten befestigt, von denen jeder einen Centner Steine trägt, die nach der drei Meilen davon gelegenen Eisenbahnstation mit überraschender Leichtigkeit befördert werden.- Aehnliche Drahtbahnen, wie die in Leicestershire, werden gegenwärtig in Frankreich, Italien und Spanien construirt. Anerkannte Ingenieure haben es sogar für möglich erklärt, — eine solche Drahtbahn von stärkster Bauart zwischen Dover und Calais anzulegen, auf welcher, wenn durch eine Linie von starken, in der Meercsmitte zu versenkenden Pfeilern unterstützt, Passagiere ohne Schwierigkeit oder Gefahr über den „Canal" befördert werden können. Die Kosten einer solchen Unternehmung würden sich verhältnißmäßig sehr billig stellen, etwa 1800 bis 1500 Lsterl. pro Meile, bei einer Tragkraft von 1000 Tonnen per Tag. — Der Erfinder dieses „Draht-Tramway's" ist ein Engländer Namens Hodgson. „Sag' Mama, warum hat denn mein Brüderchen sterben müssen?" — „Sich! er war ein so braves, gutes Kind, da hat der liebe Gott ihn zu sich genommen; die bösen Kinder dagegen läßt er hier, die kann er nicht brauchen." — „Aber, Mama, bist Du denn ein „böses" Kind gewesen, weil Dich der liebe Gott nicht geholt hat?" Post-Expeditor: „Das Paquet macht neun Kreuzer, mit Schein zwölf Kreuzer in Summa." — Bauernweib: „Was kost's nachher im Winta?" (Winter.) Druck, Verlag und Redaction des Literarischcn Instituts von 1)r. M. Huttlcr. Nro. 28. 11. Juli 1869. Der Mensch ist nie so schön, als wenn er Verzeihung erbittet oder selbst verzeiht. Jean Paul. Der Habich und der Hätlich als Geschäftsfreunde. Viertes Kapitel. Gan) Dürrensce rechnet, über die Sumine aber muß einer aus dem Heuboden übernachten. Die Sonne ist eben untergegangen, als die Beiden in Dürrensce anlangen, einer zu Fuß, — der andere mit Extrapost. Bald geht's wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund: der Habich hat seine Feldgüter an den Hättich verkauft, auf die und die Art, der Hättich aber weiß es noch nicht einmal, wie viel die Kaufsunime beträgt! — Trompeten, Pauken und Schubladen, was macht das nun für Aufsehen im ganzen Ort! —> Ganz Dürrensce wird rebellisch, kein Mann kann zu Haus bleiben. Alles läuft in's Wirthshaus, die Weiber machen sich eine Ursach, um mit der Nachbarin anzubinden, die Mägde bleiben dicßmal noch länger als gewöhnlich am Brunnen, selbst die Kühe im Stall stecken die Köpfe zusammen, und die Katzen vergessen die Mäuscjagd. Im Wirthshaus aber bilden sich nun auch sogleich verschiedene Parteien. Die einen zanken über den Habich: solch' einen dummen Streich hätte die „unnütze Gräte" doch noch nicht gemacht, jetzt könnt' es ein Blinder sehen, daß der ohne Vormund in der Welt nicht gut thäte; um ein Paar lumpige Gulden, — denn mehr könnte doch nicht herauskommen, seine sämmtlichen Besitzungen an den hungrigen Hättich zu verkaufen — und das Rittergut noch drcinzugeben! Es wäre keine Gerechtigkeit im Land, wenn der Habich nicht fünfundzwanzig baar aufgezählt bekäme und am besten wär' er auf Lebenszeit im Korrektionshaus aufgehoben! — Andere sagten: Hört, ihr Nachbarn, das Ding hat euch einen Haken, der Habich versteht sich aus's Rechnen bester, als wir Alle, und seit ein Paar Wochen schon hat er ein Gesicht gemacht, wie der Fuchs, wenn der Jäger 's Fangeisen am Bein hat! Der Hätlich hat sich gewiß auf eine Art anführen lassen, dem Habich ist Alles zuzutrauen. Und auf seine eigenen Kosten hat er sich mit Extra- Post gewiß nicht nach Haus fahren lasten. Die Meisten freilich wußten nicht, was sie sagen sollten, sie saßen da wie Leute, die eine Suppe auScsten sollen, und haben doch keinen Löffel dazu. Etliche aber forderten vom Wirth Kreide, das Ding müßte sich ja doch ausrechnen lassen! Während sie nun da auf der langen Wirthstafel rechnen und rechnen, sind noch lange nicht beim zwanzigsten Grundstück angelangt, und haben doch schon mehr als tausend Gulden, und es geht ihnen ein Licht auf, wo es mit der Summe noch hinaus will, der Wirth aber ist gescheiter, als die Rechner, und schreit unter sie hinein, sie verstünden das Rechnen nicht, solche Summe könnt' unmöglich zutreffen! — Während besten hat der Hättich nun seiner Frau Eröffnungen über seine heutigen Unternehmungen und Erfolge gemacht. Und zwar mit nicht geringen Hoffnungen und Erwartungen. Er hat nicht gezweifelt, seine Frau Eheliebste wird ihm mit Thränen der Rührung um den Hals fallen und wird zu den Kindern sagen: Da — Kinder, da seht eucrn Vater und Wohlthäter vor euch, dem küßt die Hand, dem habt ihr's zu danken, daß einmal Jedes 218 rinter euch eine reichliche Versorgung haben wird. Die Frau aber hat zu den Kindern . gar nichts gesagt, und die Kinder haben ganz dumm da gestanden, — als wollten sie sagen: ein Linsengericht jetzt wär' uns lieber, als alle zukünftigen Weltvcrbesserungen. — Dagegen sind der Frau über dem Handel mit dem Habich alle Haare zu Berg gestanden, sie ist bald roth geworden, wie ein gesottener Krebs, bald wieder blaß, wie eine s getünchte Wand, und ein Gesicht hat sie gemacht, als ob sie am liebste» den Habich ! beim Kragen nehmen und den Hättich mit dem Habich durchprügeln möchte. Endlich hat ^ sie dann auch Worte der Anerkennung gefunden. Ob er denn sein Bischen Verstand i nicht einmal von Dürrensee bis Weisenstadt tragen könnte, und warum er sich nicht erst j cuu Thor einen Vormund ausgebcten hätte, eine Weiseustadter Katz' wär' gescheidtcr, als er, »nd doch wollte er der gescheiteste Mann in der Gegend sein. Es wär' ihr aber j nicht zu viel, sie nähm' die Ofengabel oder 'n Dreschflegel, und arbeitet ihm auf dem ! Fell herum, bis er noch einmal hineinliefe und brächte es ihr schriftlich, daß der Habich ! seine Güter behielte und das Rittergut auch. Das war die kurze Summe ihrer Erör- ! terungen, obwohl sie eigentlich noch gar nicht wußte, was bei dem Exempel herauskam, «S ging ihr nur so etwas davon als Ahnung vor. ? Natürlich steht ihr Hättich in seiner Unschuld da, der geduldige Ehekrüppel, wie i einer der gerade den Verdienst-Ordeu bekommen soll, und dafür zum Zeitvertreib von der »»dankbaren Welt mit Erdklößen beworfen wird. Aber er bleibt gelassen und hat ordentlich Mitleiden mit seiner Frau: sie vcrstcht's halt nicht bester, und wenn sie ihr Glück erst einmal in Zahlen ausdrücken kann, so wird das Wetter bei ihr desto freundlicher und beständiger werden, das versteht sich. (Fortsetzung folgt.) Ein verfehltes Leben. (Schluh) Die alte Frau gewahrte mein ehrfurchtsvolles Benehmen, und statt, — davon > geschmeichelt, nun nach ihren Aufträgen zu fragen, für die sie meine Bewunderung einernten mußte, wich sie diesem Gespräche sichtlich aus, und lenkte meine Aufmerksamkeit ^ ouf andere Sachen. Plötzlich stieß die in ihrem Käsig hausende Eule ihr abscheuliches ^ Geschrei aus. Die Kranke rief ihr begütigend freundlich zu und ich frug offen, „warum sie gerade ein so häßliches Thier sich zu ihrer Unterhaltung ausgesucht habe, — ein so lichtscheues?" Sie zuckte zusammen, ihre Augen schienen sich zu umflorcn. „Warum? ..." preßte sie langsam hervor, dann folgte ein tiefer Seufzer, und sie senkte den Kopf wie erschöpft auf die Brust und versank in Schweigen. „Mein Gott!" — rief ich erschrocken, „ich habe wohl damit irgend eine Saite i Ihres Herzens unangenehm berührt?" « „Nein, nein," — entgegnetc sie, „ich habe zu Ihnen ein eigenes Vertrauen gefaßt, ! vielleicht ist's gut, daß ich endlich Jemand meine Vergangenheit erzähle und Wunden ' berühre, die trotz der Länge der Zeit nicht heilen wollten ..." Ich blickte erwartungsvoll in ihr sehr bleiches Gesicht und sie begann: - „Wie Sie mich so sehen, alt, krank und häßlich, muß es Ihnen freilich sonderbar ! vorkommen, wenn ich Ihnen von Tagen erzähle, wo ich jung war und wo die schönsten Männer mir huldigten und mir ihr Herz zu Füßen legten." ! Ich wollte ihr entgegnen: „Auch jetzt noch, durch den dichten Schleier des Alters ^ gewahrt man, daß Sie einstmals schön gewesen sind." s Sie mochte aber meine Gedanken errathen haben, und fuhr rasch fort: „Man ! feierte meine Schönheit, und jetzt, da ich eine Ruine geworden, kann ich wohl ohne Eitelkeit davon erzählen; aber ich war jung und reich, zu früh in die große Welt getreten, s «nd die zahlreiche Bewunderung der Männerwelt verrückte mir das kleine, damals leere ^ ! 219 sind eitle Köpfchen. Ich schaukelte mich auf den gefährlichen Wellen der Gefallsucht mil einem Uebcrmuth, der seiner Strafe nicht entgehen konnte, und sie traf mich hart und fürchterlich." Die alte Frau schwieg und starrte lange vor sich hin. Endlich erhob sie den thränenfeuchten Blick. „Wie es mich angrinst, das häßliche alte Thier," begann sie wieder, beinahe furchtsam auf die Eule zeigend, die wieder ruhig mit geschlossenen Augen in ihrem Winkel brütete. „Ist es doch, als kenne sie meine ganze Schuld, meine Eitelkeit, mein ganzes vergangenes Leben, und doch ist es längst nicht mehr dasselbe Thier, das damals wie ein düsterer Nachtvogel in mein lichtes Sonnenlcben flatterte . . . Aber zum ewigen Mahnruf, der jede Eitelkeit in mir erstickt, der mich zum Besseren anspornt, halte ich mir dieses Thier und mit seinem Gekrächz dringt es schneidender in mein Herz, als die Stimme des härtesten Bußprcdigers. Doch, ich will Ihnen ja von meiner Zagend erzählen," fuhr sie mit bitterem Lächeln fort: „Lange hatte ich, nach ächter Kokcltenart, mein Herz vor jeder ersten Neigung zu bewahren gewußt, ich wollte froh und glücklich dahin flattern durch das Leben, wollte die junge Männerwelt um einen Blick meiner Augen, um das kleinste Zeichen meiner Gunst wetteifern sehen, und dazu brauchte ich vor Allem ein freies ungebundenes Herz. „Unter der Menge meiner Anbeter — nicht wahr? wie lächerlich klingt dies Wort in dem Munde einer alten Jungfrau," unterbrach sie sich selbst, „und doch ist's wahrlich nicht Eitelkeit, die mich von meinen Anbetern sprechen läßt, sondern ich muß es, — unter ihnen befanden sich zwei Brüder, die ganz besonders sich mir zu nähern — und meine Liebe zu erringen suchten. Der ältere, Arthur, war ein blühender, junger Man», voll Geist und Leben. Wie blitzten seine Augen, wie lächelte sein Mund! Ich sah ihn und zum ersten Male fühlte ich jene elektrische Strömung durch mein Herz zittern, die uns sagt: Ihm nur allein gehörst du zu eigen. Ich liebte ihn — und doch wollte es mein eitles, thörichtes Herz nicht gestehen, und auch mit ihm sein Spiel treiben. Der jüngere Bruder, Wolfgang, war ganz das Gegentheil von Arthur; blond, weich uud- Iräumerisch, wagte er kaum, sich mir zu nähern, und mich auch nur von fern anzubeten. „Ich fühlte nichts Mahlverwandtes zwischen mir und Wolfgang, mein Herz hatte längst für den Bruder entschieden, und doch trieb es mich dämonisch, gerade ihn, — den stillen, träumerischen Menschen aufzumuntern; ich wollte nur, — wie ich mir selbst schmeichelnd vorredete, — ihn aus seinen Träumereien und Idealen herausreißen und aus den Bodcu der Wirklichkeit versetzen, und ich Elende ..." Die Erzählerin hielt, überwältigt von der Macht der Erinnerungen, erschöpft innc, und fuhr erst nach langer, schmerzlicher Pause fort: „Doch ich greife der Zeit vor, und ermüde Sie recht mit den Schilderungen meines Treibens, das bei Koketten immer ein und dasselbe bleibt! Ich hatte mich verrechne!, ich kannte nicht das stolze Herz Arthurs, des älteren Bruders, der, anstatt von meiner Koketterie erwärmt zu werden, sich sichtlich von mir entfernte; und doch liebte er mich mL der ganzen Gluth seines jungen, feurigen Herzens, — das hatte ich wohl erkannt und herausgefühlt, denn das Auge der Liebe sieht scharf, es sieht mit dem Herzen! Anstatt dadurch gewarnt zu werden, wollte ich die Saiten noch höher spannen; mein Gott! — ich trieb mit dem armen Wolfgang ein schändliches, frevles Spiel. Er glaubte sich vo» mir geliebt, schien nur von einem Lächeln meines Mundes zu leben, — und jetzt wagtr ich schon nicht mehr, ihn aus seinen süßen Träumen gewaltsam aufzurütteln; ich wollte der Zeit überlassen, das Band zwischen uns allmählig zu lösen und aufzuheben." „Ich hatte von meinem Vater, der schon als Kind allen meinen Launen den Zügel schießen ließ, reiten gelernt, und mein größtes Vergnügen blieb es, mit einer glänzende« Cavalcade zu Pferde in der Umgegend umher zu schwärmen. „Eine Frau zu Pferde fühlt am besten, welchen Zauber sie auszuüben vermag! — Macht es den Mann stolz und kühn, dahin zu fliegen auf einem guten Noß, so wir!» das Weib vollends übermüthig und tausend tolle Gedanken schießen ihm durch den Kops. 220 Ich fand an meinen mich verehrenden Gefährten stets willige Vollstrecker meiner wildesten Launen und übermüthigsten Wünsche. Kein Baum war ihnen zu hoch, wenn cS galt, mir einen Vogel zu erhäschen, kein Fels unersteigbar, mir eine Blume zu verehren. „Wir waren eines Tages weiter als gewöhnlich in die Hügelreiche Landschaft hinausgejagt, und streckten uns dann ermüdet in das weiche Moos unter hohen Eichen, durch die das Sonnenlicht in tausend goldenen Punkten hindurchzitterte. Es war ein herrlicher Tag, — ein wunderbares Blau ruhte glockenhell über der Erdet O, ich fühle noch den ganzen Zauber dieser weichen, elastischen Luft, die sich schmeichelnd um meine Stirn legte, den Zauber dieses lauschigen Plätzchens, dieser Waldeinsamkeit, der ein reiches Entzücken in unsere Seele goß! . . . Am Waldessäume zog sich eine Hügelkette hin, die sich uns gegenüber zu einem höhern Felsen gipfelte, bis zu besten Fuße die Eichen ihren dunklen Schatten warfen. Unsere Pferde grasten in hübschen Gruppen, wir dünkten uns aus der Welt entflohene Ritter, die wunderliche Abenteuer zu bestehen hätten. Aber die stille, große Natur konnte nicht lange zu unsern, — das Geräusch des Stadtlcbens gewohnten Herzen sprechen. Wir vertrieben uns die Zeit mit Scherzen, und schwärmten von den bunten, phantastischen Tagen des Minnedicnstcs; bestand doch auch meine Umgebung anfahrenden Rittern, die sich dem Dienste einer Dame geweiht hatten. Da gewahrte ich plötzlich in einer Fclsenspaltc ein abscheulich häßliches Thier; ich zeigte hin, — und man rief von allen Seiten: Eine Eule, eine junge Eule! Ach, die möcht' ich haben, das wäre ja ganz etwas Besonderes, und mich im Kreise umsehend, frug ich lachend, fortgetrieben von dem eben gepflogenen Gespräch: Wer wagt es, NittcrSmann oder Knapp? Was wäre unser Lohn? entgcgnete man scherzend. „Den Lohn bestimme ich später, er soll ein königlicher sein! Ein Paar meiner Begleiter sprangen sogleich auf, und suchten auf einem Umwege die Höhe des Felsens zu erreichen, aber Wolfgang hatte mein letztes Wort kaum gehört, als er sich auch schon in gewohnter Schwärmerei zur direkten Erklimmung des steilen Felsens anschickte, um den Andern zuvorzukommen. Sein Bruder warf sich ihm abwehrend entgegen: Um Goltes- willen, laß die Tollheit! Dach Wolfgang stieß ihn unsanft zurück und rief erregt: Ah, du willst nur mein süßes Glück nicht gönnen! „Verletzt davon zog sich Arthur zurück und warf sich verstimmt und grollend abseits von uns unter einen Baum, während Wolfgang, allen klebrigen vorancilend, mit Geschick und Eifer den Felsen erklomm, das junge Thier, trotz seines Widerstandes, aus seiner Spalte zog, und es in sein Taschentuch hüllend, sich nun anschickte, mit ihm langsam herabzuklcttern. „Ich jubelte schon in meiner übermüthigen Laune dem glücklichen Fange entgegen, da hörte ... ich einen wilden Schmerzcnsschrei und, o Entsetzen, erblickte Wolfgang blutend am Boden. Er war durch das Halten des Thieres behindert, ausgegütten und zum Unglück auf einen scharfen Stein gefallen. Er war todt! ..." Die Hände der Erzählerin zitterten, ihre Lippen bebten, — eine Thräne nach der andern rollte über ihre welke Wange, und sie versank in ein tiefes Hinbrüten. Ich blickte erschüttert auf die alte Frau, der die finsterste Stunde ihres Lebens wieder so deutlich entsetzlich an der Seele vorüberzog, daß eS ihr daS ganze Herz zerschnitt. Ich bat sie tief bewegt, ihre Erzählung abzubrechen; sie aber achtete nicht auf mich, — und wiederholte mit lautloser, zitternder Stimme: „Er war todt." Dann fuhr sie leise fort, daß ich meinen Stuhl dem ihren näher rücken mußte, um sie zu hören: „Sein Bruder hatte ihn wanken sehen, von ihm kam der wilde Schmerzcnsschrei; er war auf Wolfgang zugestürzt und kniete bereits, als wir vor Entsetzen hineilten, an seiner Leiche. Es wagte Niemand ein Wort zu sprechen, und wir umstanden blaß und zum Tode erschrocken die Gruppe. „Aber es war ein fürchterlicher Anblick! Arthur hatte sich über die Leiche seine» Bruders gebeugt, und wischte ihm noch immer das Blnt von der Stirn, das dunkel 221 aus seiner tiefen Wunde strömte. Er schien uns nicht zu beachten im wilden Schmerz, um seinen Bruder ausgelöst, — den ich in den Tod geschickt und dem zu nahen ich nicht einmal wagte. „Der Todte hielt das Tuch noch fest in seiner linken Hand. Plötzlich begann das Thier darin sich zu bewegen und zu flattern. Arthur erwachte davon aus seinen Träumen, seinem Hinbrüten, sah mich. die Urheberin dieses Unglücks, händeringend stehen, — und es zuckte wild und dämonisch in ihm auf. Er zog das Thier aus dem Tuche, — schleuderte es mir zu Füßen und rief mit wuthersticktcr Stimme: „Elende, hier hast du deinen Lohn! Mag dich dies Thier gemahnen, ewig, unauslöschlich an deine Schuld, da du zwei Herzen gemordet. Ich fluche dir und deinem schnöden Treiben; ich hasse dich eben so tief, als ich dich einst geliebt; hinweg von dieser Leiche meines Bruders,— die du entweihest, fort, Mörderin!" — Betäubt, keines Wortes mächtig, schritt ich hinweg. Das Thier flatterte flügclgcbrochen zu meinen Füßen, ich hob es mechanisch auf. Auch in mir war etwas, ja Alles gebrochen; ich wagte nicht einmal mein Pferd zu besteigen, und ging allein zu Fuß zurück. Umstrahlt von Glück, vom Sonnengold der Freude, auf hohem Roß mit flatterndem Schleier, bewundert und gefeiert von Geführten war ich hinausgcschweist und — allein, arm und elend kehrte ich heim; — ein einziger Frosthauch hatte die Blüthcnwelt meines Lebens abgestreift, und daS so frische, rothe Blut wagte kaum noch trüb und kalt durch das Herz zu schleichen. Noch immer blauete derselbe lichtglänzcnde Himmel über mir, aber mein erstorbencs Auge fand ihn nicht mehr. Dieser einzige Gang halte mich zur Matrone gemacht, hatte ich doch mit einem Schlage Alles verloren. O mein Gott, mein Gott, und jetzt, da er mir geflucht, mich mit Abscheu von sich gestoßen, fühlte ich erst, wie heiß und unergründlich ich ihn geliebt. — Ich zog auS der großen Stadt hinweg und hierher ..." „Um hier ihre Schuld dadurch abzubüßen, daß sie geflissentlich den Haß und die Bosheit der Menschen auf sich herabziehen; das nenne ich ein Märtyrerthum!" — bemerkte ich. „Nein, nein," — cntgcgnetc sie, „eS ist ein Fluch; es fliehet, es haßt mich Alles, was mit mir in Berührung kommt, nur das Thier dort liebt mich, und doch ist es eine Geißel, die mich ewig peitscht. Und gestern war Freitag, Wolfgangß Todestag, darum bat ich Sie um diese Liebespflicht, weil ich selbst mein Gelöbniß nicht erfüllen konnte." Ich wollte die arme Frau trösten, sie beruhigen, ihr sagen, daß eine solche thatkräftige Reue, ein so stilles, schönes Wohlthun schon längst die Schuld gesühnt habe; sie lächelte bitter und reichte mir schweigend, wie zum Abschiede, die Hand, und ich entfernte mich tiefbewegt. DaS witde, häßliche Geschrei folgte mir nach. Acht Tage darauf trug man die arme Frau hinaus zu ihrer letzten Ruhestatt. — Sie halte ihr ganzes Vermögen einem Hospital vermacht. „Die Eule ist endlich todt," sagten lachend die Leute. Nur Arme folgten ihrem Sarge und weinten ihrer heimlichen Wohlthäterin einige Thränen nach. Sie hat jetzt Frieden — die arme Eule, und ihren „thörichten Jugendstreich" durch ein „verfehltes Leben" endlich gebüßt. Sei ihr die Erde leicht! Zur Geschichte der Steuern. Schon 1702 begegnen wir in Preußen der Kopfsteuer. Kein Stand war davon ausgeschlossen; selbst der Hof zahlte, wie auch heutzutage in England noch geschieht: der König jährlich 4000 Thlr., die Königen 2000, der Kronprinz 1000, die königliche« Brüdcr, je nach dem Grade, wie sie dem Throne am nächsten standen, 600 Thlr., LOS Thlr., 300 Thlr. Der gcsammte Militärstaud vom General-Fcldmarschall bis zum Stabs - Offizier mußte — wie grell im Gegensatze zu unsern heutigen Verhältnissen l «inen ganzen Monatssold entrichten. Bei weitem ant meisten kam aber dennoch, wie da- 222 gewöhnlich bei allen Auflagen der Fall ist, von den untern Volksklassen ein; jeder Hand- werksgesell mußte 12 Groschen, jeder Bauer 8—12 Groschen, ja sogar die Tagelohn verrichtenden Weiber vier Groschen an Kopfsteuer entrichten. Jede Jungfrau, die das wichtige Jahr zwanzig erreicht hatte, mußte, bis es ihr gelungen war, unter die Haube zu kommen, oder bis sie das vierzigste Lebensjahr erreicht hatte, 1 Thlr. an den Staats - Fiscus erlegen; das sollte zugleich zum Hcirathen ermuntern. Praktischer wäre es gewiß gewesen, den auch in unsern Tagen wieder aus's Tapet gebrachten Gedanken einer Hagestolzen - und Herbst - Gesellen - Steuer zu verwirklichen. Hand in Hand mit diesen Auflagen gingen verschiedene Luxus-Steuern. So eine „Carrofscn-Steuer", indeß blos für die Hauptstadt. Für Damen war eine „Fontangensteucr" erfunden, welche die. so einen Kopfputz trugen, mit 1 Thlr. jährlich entrichten mußten; ferner bestand eine Strumpf-, Schuh-, Stiefel-, Pantoffel- und Hutsteuer, für jedes Stück dieser Gegenstände mit einem Groschen jährlich zu entrichten. Unter die einträglichsten Steuern aber zählt die Perrücken-Stcucr. Sämmtliche Pcrrücken mußten mit spanischem Lack mar- kirt d. h. gestempelt werden. Das hatte gleichwohl nicht den erwarteten Erfolg, obschon man aus öffentlicher Straße nach Erlaubnißscheincn fragte und Personen, welche diese nicht vorzeigen konnten, die Perücke vom Kopfe riß. Deßhalb wurde verordnet: Hof- und S.aatödiencr bis zum General-Major hinab sollten von ihren Pcrrücken jährlich 2^ Thlr., die andern Beamten und Offiziere bis zum Major hinab 2 Thlr., alle bis zum Se rctär hinab 1 Thlr., alle übrigen Subaltern-Beamten, Kammerdiener, Kaufleute, Krämer und Bürger 16 Groschen, dann Handwerksgesellen, Lakaien und andere geringe Leute endlich V 2 Thlr. bezahlen. Außer den genannten Luxussteucrn begegnen wir noch manchen, mit denen man vorgeblich den Luxus besteuern wollte, aber in Wirklichkeit reelle Bedürfnisse traf. Dahin gehörten die auf den Genuß von Kaffee, Thee oder Chocolade gelegten, alljährlich mit zwei Thaler für jedes dieser Getränke abzuführenden Steuern. Friederich „der Große" ging bezüglich des Kaffee's noch weiter. Er theilte die Ansicht, daß der Kaffee schwäche und zum Soldatenstande untauglich mache; deßhalb monopolisirte er den Verkauf des Kaffee's, und nur die privilcgirten Stände, die adeligen Offiziere, Mitglieder der Landes - Collegien und Geistlichen durften selbst Kaffee brennen lassen. Eine fernere in Preußen lange Zeit übliche Auflage war die Prinzes- sinenstcuer, vom gcsammtcn Lande zu entrichten bei jeder Vcrhcirathung einer königlichen Prinzessin. Sie bcirug damals 20,000 Thlr. In Bayern besteuerte man, ganz im Gegensatze von König Fricderich I. von Preußen, unter Maximilian Joseph IN. (1745 — 1777) das Heirathen; „die Heirathslicenzen", wie sie genannt wurden, brachten jährlich 150,000 fl. ein. Vchse erzählt von einem Rcichsgrafcn, der ein Mal ein Bein gebrochen und zur Bestreitung der Kurkosten von seinen Unterthanen eine besondere „B einbruchs-Steuer" erhob, die auch nach völliger Wiederherstellung noch lange Jahre in Gebrauch geblieben. In einem andern deutschen Lande schrieb der Fürst eine allgemeine „Laxirsteuer" aus, die sogar vierteljährlich erhoben wurde. Jeder Bauer mußte vier Mal im Jahre zwei Loth Sclitzcr-Salz nehmen und sich mit seinem Scheine deßhalb bei seinem Schulzen legitimiern. (65. Vchse, Geschichte der deutschen Höfe, Band 48, pa^. 292). Noch toller trieb es Landgraf Friederich II. von Hcffcn- Kassel, der große Seelenverkäufer. Er erhob von seinen Unterthanen eine besondere Steuer für seine Maitressen u. Bastartc, einen eigens für diese bestimmten „Salz hell er". Der Einzige, der den Uebergrissm steuerte, war Kaiser Joseph U Er legte mehreren Fürsten das Handwerk gründlich, so z. B dem Fürsten Fricderich Karl von Ncuwied, dem er gebot, sich der willkürlichen Erhebung von Geldauflagcu, die dieser Duodez-Fürst unter dem naiven Titel „Allgemeine Landesnothdurft" sich zufließen ließ, zu enthalten und das zu viel Erhobene seinen klagenden Unterthanen zu erstatten. Ein der Nachahmung eben so würdiges als bedürftiges Beispiel. (Köln. Vztg.) 223 Eine katholische Schulseene rührendster und ergreifendster Art erzählt das Straubingcr Tagblatt aus Agums in Tyrol. Der Schullehrer in jenem tyrolischen Pfarrorte, Paul Nogglen, eben so tüchtig wie eifrig und von allen Schulkindern mit unbegränzter Anhänglichkeit geliebt, sank in eine gefährliche Lungenentzündung. Nun begannen die guten Kinder um die Genesung ihres unersetzbaren Lehres förmlich gegen den lieben Herrgott Sturm zu laufen. Schon am ersten Tag, an welchem sie Vakanz hatten, versammelten sie sich aus freiem Antriebe im Schulziminer und beteten für ihren kranken Lehrer. Nicht genug, sie zogen die ganze Pfarrgemeinde in ihr kindliches Anliegen hinein, indem sie für ihren heißgeliebten Lehrer das „allgemeine Gcbel" unter zwei sonntägigen Gottesdiensten abhalten ließen. Mit erfinderischer Liebe ordneten sie die Messe .,pro inkirmis" (für die Kranken) an, um dem gütigen Gott, den Herrn des Lebens, die Genesung ihres Lehrers abzuringen. Eigene Almosen legten sie aus ihren Sparbüchsen in die Opfcrstöcke der Pfarrei, und zuletzt drangen die liebenden himmclstttrmenden Schulkinder sogar in den Kooperator, mit ihnen den cinstündigen Krcuzgang zur MuttcrgvtteS von Tschenggls zu machen, bei welcher sie sich gemeinsam den gntcn Lehrer ausbatcn. Das tyrolische Pfarrvolk beobachtete mit Rührung und Freude die Schulkinder; „diese Gebete so vieler unschuldigen Kinder muß ja Gott doch erhören!" hieß es allgemein. Und wirklich: Pauj Nogglcr, der brave Lehrer, ist gerettet. Aber keine Feder beschreibt die innige Freude der Schulkinder und des Lehrers bei der ersten Zusammenkunft in der Schule, die vor ein paar Monaten erfolgt ist. Das Alles thaten die tyrolischen Schulkinder ganz aus eigenem Antriebe. Nun müßte einer schon sehr frostig geworden sein, wenn ihn solche Züge aus katholischen Volksschulen nicht innerlich rührten und befriedigten. Aber — vermöchte ein Mann aus der Münzstätte der „bayerischen Lehrerzeitung", in welchem die religiöse Wärme erloschen ist, eine so ächte, tiefe, cngelgleiche Schulkindcrliebc zu entflammen? Diese schöne Blume sproßt nur aus christlichem Boden. Ueber die Namie-Pflanze. * Ueber die Namie-Pflanze wird aus New-Iork Folgendes geschrieben: „Diese Pflanze wurde zuerst im Jahre 1844 von der Insel Java, ihrer Hcimath, nach Europa gebracht, erhielt den botanischen Namen „kloelimviiu t6nuei88ima" und erregte in Fabrikkreisen durch die Schönheit und große Festigkeit der Faser bedeutende Aufmerksammkeit. Man crmuthigte zur Ramie-Cultur in Ostmdien, und Quantitäten von dieser Pflanzenfaser treffen bereits jährlich in Europa ein, wo sie zu den feinsten Stoffen verarbeitet werden, die Leinen in jeder Beziehung übertreffen und au Glanz sich sogar mit Seidenstoffen messen können. Seitdem die Ramie im März 1867 nach den Ver: Staaten introducirt wurde, wandten Europäische Fabrikanten derselben erhöhte Aufmerksammkeit zu und dürfte die Ramie-Cultur namentlich für die Südstaaten von großem Vortheil sein, jedenfalls aber günstigere und sichere Resultate ergeben als die Cultur der Baumwolle, da sie den Witterungsciuflüsscn nicht wie jene ausgesczt, leichter und billiger anzubauen, und endlich eine perenuircnde Pflanze ist, die mindestens dreimal im Jahre geredtet i68p: geschnitten werden kann. Das Rohprodukt gilt jetzt oireu 10 Cents, die zubereitete Faser, welche durch die Zubereitung ungefähr die Hälfte an Gewicht verliert, oa 65 Cents Gold pur Pfund. Sandiger Boden ist am geeignetsten für die Cultur, und sollte derselbe zu einer gleichmäßigen Tiefe von 10 Zoll durch Pflügen wohl gelockert werden; die Wurzeln sind in einer Entfernung von je 6 Fuß zu pflanzen, die Ausläufer, wenn sie eine Länge von 3 bis 4 Fuß erreicht, ohne sie von der Stammwürze! gänzlich zu trennen, mit Erde zu bedecken, bis dieselben ebenfalls Wurzel geschlagen haben; erst dann sind dieselben herauszunehmen und von neuem zu stecken. Mit Ausnahme des Jätens vou Unkraut 224 erfordert die Cultur durchaus keim Arbeit. Ramie und China Gras werden, obwohl von zwei verschiedenen Pflanzen stammend (der Ramie von Looliineria tonsoissim» und China-Gras von der Uoeiimeriu neviu) in kaufmänischer Sprache gemeinschaftlich mit China-Gras bezeichnet. Die Versendung sollte sich zunächst auf das Rohprodukt beschränken, da für die Reinigung ein kostspieliger chemischer Proceß nothwendig, für den es bis jetzt an passenden Fabriken fehlt, doch wird binnen Kurzem mit dem Bau eines solchen, speciell für diesen Zweck einzurichtenden größeren Fabrik-Gebäudes in Ncw- Orleans begonnen werden." Miscellen. (Eine Schwalbengeschichte.) Man schreibt aus Genf: Vor einigen Tagen hatten wir hier ein für Zoologen höchst interessantes Schauspiel, welches wieder einen Beitrag zu der Rechtfertigung der Ansicht liefert, daß es den Thieren auch an Eombinationsgeist nicht fehlt. Unter dem Dache des Mctropolitanhotcls nisten einige Schwalben. Das Weibchen eines solchen Schwalben-Paarcs halte sich mit den Füßen in «inen Zwirnfadcn verwickelt, der, zwischen einem Fenster eingeklemmt — ini Winde hin- «nd herspielte, und sich dem Thiere wie eine Schlange um das Bein gelegt halte. Als das Schwalbenwcibchen nun durch Zappeln sich vergebens aus seinen Banden zu befreien suchte, kam das Männchen herbei, und Beide versuchten, aber umsonst, den Faden mit den Schnäbeln zu zerbeißen. Jetzt flog das Männchen fort, kehrte aber bald in Begleitung eines anderen Schwalben-Paares zurück. Die Thiere umkreisten die Gefangene zu verschiedenen Malen, setzten sich auf die Fensterbank und zwitscherten, als ob sie Kriegsrath hielten. Plötzlich packten alle drei den Faden mit den Krallen, und die Flügel ausstreckend, versuchten sie durch das Gewicht ihrer hängenden Körper das Band zu zerreißen. Dies Alles geschah im Angesichts einer großen Anzahl Neugieriger, welche vom .Jardin Lnglais" aus dem Schauspiel zusah. Endlich eilte ein Kellner des genannten Hotels in das obere Stockwerk, und als dieser den Faden mit einer Schcere zerschnitten hatte, flogen die Schwalben noch mehrere Male vor chem Kopf des Befreiers hin und her. Vielleicht um sich bei ihm zu bedanken, vielleicht glaubten die Thiere auch in ihm den Fallensteller zu sehen und sagten ihm Grobheiten. „Undank ist der Welt s'ohn." Der Kellner behauptet wenigstens, eine der Schwalben habe ihm zornig in's Gesicht fliegen wollen. Eine nobel gekleidete Dame begegnete auf der Straße einem Schusterjungen, der da schluchzte, daß ihn der Bock stieß. Von Mitleid bewegt, fragte sie den Knaben, was ihm denn geschehen sei, daß er so gar sehr weine? Der Schusterjunge: Ja schn's — der Meister hat mich mit seinem Schnupf- lüchel über's G'sicht g'haut. Die Dame: Sollte denn das Dir gar so wehe gethan haben? Schusterjunge: O mein Gnä-Frau, wenn mein Meister so a fein's Tüchel hütt', wie Sie, so hätt's nix g'macht. Aber der schneuzt sich in die Hand. Frage: Wer hat den tiefsten Keller? Antwort: -asmanhZ LZ(§ Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von Dr. M. Huttlcr. tti-o. 29 18. Juli 1869. Angsbnrger Sonnta Wo Du den Weg nicht weißt, folg' einem sichrer Du; Doch, ob der Führer auch den Weg weiß, siehe zu! Der Habich und der Hättich als Geschäftsfreunde Viertes Kapitel. (Schluß) Weil er nun sein Glück doch auch selber gern mit Zahlen hätte ausdrücken mögen, so geht er also noch an demselben Abend in's Schulhaus, und bittet den Herrn Schulmeister um die Bemühung, ihm die Summe so ein wenig auszurechnen. Und daß eS keinen Irrthum geben kann, legt er ihm auch das Protokoll vor, das aus Respekt vor seiner Frau sammt den Wiener Würstchen noch in der Scitentasche stecken geblieben ist. Der Schulmeister muß anfänglich lachen: das wäre allerdings ein gespaßiger Handel, und gescheiter wär's wohl gewesen, Verkäufer und Käufer wären über eine bestimmte Summe miteinander eins geworden, vom Herrn Notar wär's unbegreiflich, daß er zum Abschluß solchen Geschäfts die Hand geboten hätte, — indeß der Nachtheil würde doch schwerlich auf des Hättich'S Seite sein. — Wie er aber ein Weilchen gerechnet hat, hält er auf einmal innc und spricht: Freund Hättich, um ein Paar hundert Gulden habt Ihr wahrscheinlich zu theuer gekauft, und ich fürchte, um ein Paar tausend; ich hätte selbst nicht gedacht, daß aus den Kreuzern durch die Verdoppelung solche Zahlen herauskommen sollten! — Und je länger er rechnet, desto nachdenklicher schüttelt er mit dem Kopf, so daß dem Hättich das Hcrzwasser zusammenlaufen und die Unkraft zugehen will. Er muß sich von der Frau Schulmeistern: einen Stuhl auskitten, und sitzt nun da — nicht anders als ein Delinquent, der sich das Todcsurtheil vorlesen lassen soll. Der Schulmeister schüttelt wieder mit dem Kopf — herüber und hinüber. Freund, spricht er endlich, und es wird ihm selbst beinahe flau dabei, entweder — ich habe mich verrechnet, oder ihr seid ein geschlagener Mann; laßt mich noch einmal von vorn an rechnen, ich will doch sicher gehen! — Er rechnet und rechnet, und schüttelt wieder; — eine lange Viertelstunde vergeht. Endlich steht er mit seinem Papier vom Tisch auf, — nimmt den Hättich bei der Hand und spricht: Freund Hättich, ihr dauert mich — und helf' euch Gott, daß euch der Schlag nicht rührt! Das Rittergut kommt euch theuer zu stehen, wißt ihr, wie theuer ihr das zwanzigste Grundstück bezahlen müßt? Um — um — — — 8738 st. 8 kr., und das ganze Gütchen kostet euch demnach die Kleinigkeit von — 17,476 st. 5 kr., mit Worten — sieb zehntausend vierhundert sechsundsicbzig Gulden fünf Kreuzer, — keinen Pfennig mehr und keinen weniger. Wenn der Habich auf dem Handel besteht, und das Landgericht schafft euch keine Hülfe, so sitzt ihr in einer Patsche, aus der man euch mit allem Dürrenseer Vorspann nicht herausziehen kann. — Was seid ihr aber auch so unbedacht gewesen, und habt euch den Betrag nicht vorher ausrechnen lasten: „Vorgethan und nachbedacht, hat Manchen in groß Leid gebracht." Im Anfang hat dem Hättich immer noch ein Hoffnungslicht geschienen, ein schwaches wenigstens. Der Schulmeister hat sich eben doch verrechnet: es sind nicht sicbenzehn- tausend Gulden, sondern siebentausend — oder nein, nicht siebentausend, sondern ebensoviel hundert, — wie sollen auch aus den erbärmlichen Kreuzern so viel tausend Gulden werden können! So thut ihm denn. der Schulmeister den Gefallen, nimmt die ganze 226 Rechnung von Anfang an noch einmal durch, und läßt den Hättich nachrechnen, wozu der freilich „römische Zahlen" braucht. Und richtig, der Schulmeister kommt an einen Fehler. Nur bleiben zum Unglück die 17,476 Gulden wie eine Mauer stehen, und — statt fünf Kreuzer wcrden's fünfzehn, so daß der Hättich einen Zorn auf die Kreuzer bekommt und sagt, nun wollt' er erst, daß es sechzehn wären, und seinetwegen könnten alle Kreuzer die Fettsucht oder die Schwindsucht kriegen. Nun komme ich mit meiner Erzählung freilich in Verlegenheit. Ich soll beschreiben, wie's dem Hättich zu Muth gewesen, und ich kann's doch nicht. Sein Entsetzen soll ich malen, und es fehlen mir doch die Farben dazu. Also muß ich mit einem Vergleich Rath schaffen. Mancher Patient denkt, und mancher Doctor leider auch: „viel hilft viel." Wenn also Einer, auf weise Anordnung seines Doctors, um Magen und Eingeweide auözukuriren, — den Absud von zehn Loth Senncsblättern tränke, vermischt mit einem halben Schoppen Rhabarbara-Tinktur, damit das aber desto gründlicher wirkt, noch die Auflösung von einem Viertelpfund Glaubersalz nachgösse; und wenn nun dieses Tränklein unter den Wcstcnknöpfcn zu rumoren anfinge, so daß Lunge und Leber, — Herz und Magen in Aufruhr kommen, alle Lebensgeister matt werden, der Patient nicht weiß, ob er sich oder den Doktor segnen soll, — — so ungefähr, freilich eben nur „ungefähr," so ist's über dem-heillosen Rechen-Exempel dem Hättich zu Muth geworden. Die Medicin hat in ihm grausam zu wirken angefangen, Seele und Geist, Sinn und Verstand wollen ihm aus dem Leim gehen, es nebelt ihm vor den Augen. Einer, der solch' eine Pferdskur angetreten, nimmt nun wohl etwas Stärkendes: er greift an ein Ricchfläschchen, oder sucht mit schwarzem Kaffee nachzuhelfen. So nimmt der Hättich seine Zuflucht zuerst auch noch zu einem letzten Trost. Der Schulmeister „muß" sich eben doch in den „Gulden verrechnet" haben, oder — er treibt seinen Spaß mit ihm, weil er weiß, daß er schwach im Rechnen ist. Wie er das aber dem Schulmeister eben sagen will — denn das Unglück reitet schnell — da klopft Jemand draußen an's Fenster, und der Wirthssohn fragt, ob der Herr Schulmeister den Handel zwischen dem Habich und Hättich erfahren hätte, im Wirthshaus wäre fast das ganze Dorf beisammen, sie hätten nachgerechnet und eine grausanie Summe herausgebracht, d'rum wär' er hergelaufen, um zu fragen, ob sie richtig gerechnet hätten, da auf dem Käsepapier hätt es Einer aufgeschrieben. Nun kommt es also noch darauf an, ob die beiderseitigen .Rechnungen zusammenstimmen. Und wieder steckt irgendwo ein RechnungSfchlcr, denn die im Wirthshaus haben wirklich statt fünfzehn „sechzehn Kreuzer" herausgebracht. — Leider stehen auch auf dem Käscpapicr geschrieben an Gulden 17,476. Nun wird's wohl vorbei sein, oder die ganze Welt ist gegen den Hättich in einer Verschwörung begriffen. Gut, daß der Mensch mehr Unglück als Glück ertragen kann. Der Hättich steht also auf, reicht dem Schulmeister die Hand, will ihm Dank sagen und heimgehen. Aber darüber fällt ihm doch das Herz vor die Füße, — und wie ihn der Schullehrcr so erbärmlich ansieht, so kommt ihn das Weinen an, er kann lange nicht aufhören, — so daß auch die Schulmeistcrin und ihre Magd mitweinen müssen. Da ist schwer trösten. Der Habich, meint der Schulmeister, wäre wohl nicht der Beste, schon manchen bösen Streich hätte er ausgeführt, und das Schlimmste wäre, daß der Handel schriftlich abgemacht wäre im Notariat. Aber mit allem Zorn und Acrger, mit Galle und Thränen wäre nichts gebessert. Er gäbe den Rath, einmal den nächsten Morgen abzuwarten, und dann es mit dem Habich in Güte zu versuchen; Jedermann in Dürrensee würde dabei auf seiner Seite stehen; der Habich bestände doch vielleicht nicht auf dem Handel, und wollte er sich nicht einreden lassen, so sei der Herr Landrichter auch noch da, zu solch' ungerechter Sache könne doch die hohe Obrigkeit nicht mithelfen. Das Alles leuchtet dem Hättich ein. Aber er ist gleichwohl schwer zu beruhigen. Die Zahl 17,476 klingt zu gräulich, für den Hättich wenigstens, der's doch mitsammt seiner langjährigen zweispännigcn Geizerei nicht Tausendweise wegzuschenken hat. Ein 227 Trost wäre ihm noch übrig geblieben, der einzige nachhaltige. Es hätte ihm Jemand sagen müssen: Siehst du, Freund, das hat so kommen müssen, damit du von deinem Gcldhunger kurirt wirst, die Arznei ist zwar stark und bitter, aber sie ist gut und sie kann dir heilsam werden. Indeß, einmal war jetzt Niemand da, ihm eine solche Buß- Predigt zu thun — der Schulmeister hatte wohl so was im Sinn, aber er meinte, es sei noch zu früh damit, ihm den Standpunkt klar zu machen, — dann zweitens, hätte diese Predigt jetzt wirklich schwerlich verfangen. Denn noch viel banger als über der bösen Zahl ward dem armen Käufer vor seiner — Frau. Wär' er nur erst einmal über die hinüber gewesen! Dann hätt' er im Nothfall wirklich sein bischen Hab' und Gut verkauft um den Habich zu bezahlen, hätte Stroh und Disteln gegessen, und'Wasser dazu getrunken. Aber die Frau, die Frau! Sie hatte ihn sogleich nach seiner Heimkunft so grimmig angeleuchtet, und da hatte sie doch vom Betrag der Kaufsumme selbst noch nichts gemußt. Er sah es kommen, — was für Ehrenbogen sie ihm mit Besen, Ofengabcln und andern nützlichen Gewächsen bauen, wie er vor ihr stehen würde, stumm, gegen ihre wohlverdienten Scheltworts Was ist also zu thun? Der gute Schulmeister kann's doch nicht auf sein Gewissen nehmen, daß der arme Gemeindepfleger von seiner Lebensgefährtin zu Pulver oder Brei zusammengestoßen wird. So erklärt er sich denn bereit, — an seiner Stelle das erste Gewitter zu bestehen, den Blitzableiter vorzustellen. — Kommst leider schon zu spät, du mitleidige Schulmcisterseele! Ein Paar naseweise Nachbarsöhne haben der Hättichin das Exempel und die Summe schon vorgelegt. Sie fährt in ihrer Stube bereits herum wie ein wahnsinniger Kehrbesen, wehe dem, der jetzt in ihre Mache kommt! Der Schulmeister ist kaum zu ihr hineingetreten, und hat etwas vom Zweck seines späten Zuspruchs laut werden lassen, so ist er auch schon mit einer Sturmfluth von Verwünschungen übergössen. Es wär' vor'm ganzen Landgericht Weisenstadt und Wurzenbach nicht zu verantworten, Frau und Kinder an so 'neu Lumpen wie der Habich zu verhandeln, sie hätt' es „ihrem" schon hundert Mal vorgezeigt, er wär' der größte Oelgötz' von der Welt, — aber geglaubt hätt' er's nicht, bis er's nun mit Händen greifen müsse. Der Schulmeister könnt' auch was Besseres thun, als über solch' einen liederlichen Hausvater noch die Hände halten, er solle lieber seine ungezogenen Schulbuben ausprügcln, damit wär' doch was genützt in der Welt; sie aber wollte mit „ihrem" schon allein fertig werden, da ließe sie sich von Niemand drein reden, und wenn der Pfarrer selbst käme! Sie hat noch lange fortgezankt — und es hat dabei einen Hagel von bitterbösen Redensarten abgesetzt. Wer will auch den Faden abschneiden, den eine böse Frau im Zorn zu spinnen angefangen. Der Schulmeister versucht bald von der einen, bald von der andern Seite etwas zu ihrer Beruhigung zu sagen. Wie er aber sieht, daß er damit nur Oel in's Feuer gießt, so greift er endlich nach der Thür und gibt „gute Nacht." Dem Hättich braucht er nicht lange Bericht abzustatten, denn der hat Alles — Wort für Wort — mit angehört, er weiß, wie viel die Uhr geschlagen hat. Wo warst du denn während des Unwetters, armer Gemeindepflcger? Ach, du hast ganz demüthig draußen gestanden der Hausthür gegenüber, am Scheunenthor, und deine Kniee und Waden haben geschlottert. Es ist dabei stockfinster geworden und am Himmel wettcrleuchtct's So thut denn der Schulmeister noch einmal Barmherzigkeit an der leidenden Menschheit: erbietet dem Hättich für diese Nacht ein Bett an in seiner obern Stube. Der Hättich trägt jedoch Bedenken, die Gefälligkeit anzunehmen, das hätte ein neues Ungewitter bei sciner Frau geben können. So dankt er noch einmal für alle geleistete Gefälligkeit, geht ganz sachte auf den Heuboden, und tröstet sich, da er nicht schlafen kann, einstweilen mit den Mäusen da oben, die vor der Katze mcht sicher sind. Das Heu ist weich, aber Schlaf will nicht in seine Augen kommen. Denn bald muß er zürnen über den Habich, bald ärgert er sich über sich selbst, bald sorgt er sich wegen der Zukunft ab, bald bangt ihm vor den bösen Dürrenseer Zungen, und wie er des Handels wegen von aller Welt L>polt 228 zu leiden haben wird. Wenn aber ja ein Schlummer auf ihn niedersinken will, — so träumt ihm entweder von feiner Frau und ihren langen Fingernageln, oder vorn Habich, der ihm aus der Extrapost heraus einen Zettel entgegenhält und eine himmellange Zahl darauf, so daß er zusammenfährt und wieder wach wird. Endlich früh nach dem ersten Hahnenruf ist er dennoch ein wenig eingeschlafen. — Der Frau aber ist es um ihre Hälfte doch leid geworden, hatte er sich in der Angst etwa gar ein Leid angethan, oder wollte er sich eines anthun? So steht sie denn auf, zündet die große Stall-Laterne an, durchsucht das ganze Haus, — ruft überall leise: „Hättich, Hättich!" — sucht im Stall und in der Scheune, und wie sie endlich des Schläfers auf seinem Heulager ansichtig wird, eS ist darüber schon ein wenig hell geworden, und sie sieht, wie er so blaß daliegt, und vor Herzensangst sind ihm die Backen eingefallen und die Augen weit in ihre Höhlen zurückgetreten, so geht in ihrer Witterung doch auch etwas vor: der Ingrimm weicht, das Mitleid will Herr werden, die Sorge um die böse Zahl tritt in den Hintergrund zurück, die schweren Wolken ihres Gemüths entladen sich in einer Thränenfluth. Sie fängt so jämmerlich zu weinen an, daß ihr Hättich davon erwacht. Ahn rühren die Thränen seiner Frau nun auch wieder, und es haben dann die Beiden mit einander geweint, wie ein Paar Kinder, die nichts zu essen haben, erst auf dem Heuboden, daß die Nachbarn davon aufgewacht sind, dann in der Stube. Schließlich hat die Frau an ihren sorgenvollen Mann einen „schwarzen Kaffee" gewendet und selber mitgetrunken; von den Wiener Würstchen hat sie eins gegessen und er auch eins. Bei ihm hätte sie den Luxus freilich sparen können, denn ihm war's jetzt wie Einem, dem nach scharfem Winterwcttcr die Februar-Sonne warm auf den Rücken scheint. Ueber'm Trinken aber ist ihm ein vergessener Bibelspruch eingefallen: „Der Geiz ist eine Wurzel alles Uebels, welches hat Etliche gelüstet — und sind vom Glauben irre gegangen, und machen ihnen selbst viele Schmerzen." (Forts, f.) Eine Schlau genscene. Aus dem Tagebuche eines Soldaten, der in dem letzten amerikanischen Kriege dem General Sherman auf seinem langen, mühevollen Marsche von den Ufern des Mississippi bis Savannah am atlantischen Ocean folgte, bringt der New-Aork Tadlet eine schaudererregende Erzählung: „Wir hatten," so schreibt der Soldat, „den ganzen Tag in einer brennenden Sonnenhitze marschirt. Dichte Staubwolken verdunkelten die Atmosphäre und erstickten uns fast. Doch beseelt durch den Muth unseres tapferen Generals, dessen Geist einem jeden seiner Soldaten eingehaucht schien, — strengten wir alle Kräfte an, um die Tausende sich uns entgegenstellenden Schwierigkeiten zu überwinden. Man mag sich aus der Beschreibung meiner Person ein Bild meiner Kameraden machen. Mein Käppi war beschmutzt und zerrissen; mein Bart in Unordnung, so wie mein Haupthaar, das seit einer Woche nicht mehr gekämmt worden, voll Staub und Ungeziefer. Meine Augen waren durch die Sonnenstrahlen entzündet und meine Schläfe pochten wie im Fieber. — Der Tornister, auf dem die Büchse lag, drückte meine Schultern. Das Blut durchströmte wie Feuer meine Adern, und meine Füße waren von so vielen Meilen Marsch zerrissen. — Meine braven Kameraden waren in nicht besseren! Zustande. Manche waren auf dem langen Marsche in Folge eines Sonnenstiches oder übermenschlicher Anstrengung todt hingefallen. Oft durchschritten wir ein Gehölz, und wie freuten wir unS, in seinen Schatten ausruhen zu können, — oder wenigstens erfrischt zu werden. Eben ! hatten wir ein solches wieder verlassen, als wir in eine weite Ebene traten, welche in einiger Entfernung an einen Sumpf stieß, in dem sich zahlreiche Reptilien badeten und ihren häßlichen Kopf aus dem Wasser reckten, um die sie umgebenden Miasmen einzu- athmen. Von Zeit zu Zeit bemerkten wir eine große schwarze Schlange, eine Otter oder eine Viper durch das Gestrüppe kriechen. Als wir uns einem fast ausgetrockneten Moraste näherten, erhob sich eine ungeheure Schlange in demselben, die ihre Kiefer aufriß und zuklappte, und ein unheimliches Gezische ausstieß, als habe sie jene fremden Gestalten, welche ihre Einsamkeit störten, erschrecken wollen. Doch immer vorwärts ging es mit uns. Shermanu setzte seinen siegreichen Marsch bis zum Meere unaufhaltsam fort, und weder Wald noch Sumpf, noch Fluß noch Ebene oder Berge vermochten ihn zu hemmen. Gegen die Neige jenes Tages, von dem ich vorhin redete, blieben mehrere unseres Corps zurück. Auch ich gehörte zu denselben. Ich war nicht im Stande, mich weiter fortzuschleppen, und als die Nacht hereingebrochen, war unser Gros uns schon eine bis zwei Meilen voraus. Da ich den Ueberfall irgend eines wilden Thieres fürchtete, wenn ich auf der Erde einschlafen sollte, suchte ich ein ziemlich nahe gelegenes Gehölz zu erreichen, nahm einen Schluck Brandy aus meiner Feldflasche und erkletterte einen ziemlich hohen Baum, der am Wege stand, nicht weit von einem Sumpfe entfernt, in dem eine Menge Schilfbüschel und Köcher staguircnden Wassers sich abwechselten. Ich machte mir Aeste und Zweige zurecht, und nachdem ich die nöthigen Vorsichtsmaßregeln getroffen, einen Fall zu verhindern, bereitete ich mich zum Schlafe. Doch ich vermochte Anfangs nicht einzuschlafen. Aümählig beruhigten sich meine Nerven, meine Augenlider senkten sich und unbewußt hielt mich bald ein erquickender Schlummer umfangen. — Ich mochte einige Stunden geschlafen haben, —- als ein bitteres Jammergeschrei vom Fuße meines Baumes mich aufschreckte. Ich sah hinab und war Zeuge einer furchtbaren Scene, die ich in meinem Leben nie vergessen werde, und deren Erinnerung mich noch zittern macht. Einer meiner Kameraden wurde bei lebendigem Leibe von den Schlangen verzehrt. — Er mußte auch den Versuch gemacht haben, auf den Baum zu steigen, aber erschöpft zurückgefallen sein. Welch' ein Schauspiel! Der Mond schien in voller Klarheit und beleuchtete den Sumpf, der von Uugethümen zu wimmeln schien. In dichter Reihe von allen Farben kamen sie heran und näherten sich ihrer Beute, und ihre Schwänze schlugen auf und nieder — und glänzten schwarz, grün, gefleckt und kupferfarben. Mein armer Kamerad, der so vielen Kämpfen Trotz geboten und so manche Meile durchschritten hatte, wurde nun das Opfer dieser Bestien. Ein halbes Dutzend kleinerer, lang und rund wie ein Arm, mit breiten Kiefern, verzehrten seinen Kopf, Augen und Ohren waren schon verschwunden, und er wand sich unter seinem letzten Lebenshauchc. Eine größere dunkle, von der Länge eines Mannes, hatte sich durch die Kleider in den Unterkörper eingebohrt, und ungefähr ein Dutzend anderer derselben Art begannen ihr scheußliches Mahl an Füßen, Beinen und wo immer sie ankommen konnten. Man glaubte eine Schaar kriechender Geier zu sehen, die den Körper des Unglücklichen bedeckten, — sich drehten und wandten und zischten. Ein abscheulicher Anblick, der bei Weitem größeres Entsetzen einflößte, wie ein gewöhnlich in Verwesung begriffener Leichnam mit seinen Myriaden von Würmern. Ich versuchte mich zu rühren und einen Schrei auszustoßen; aber der Schrecken hatte mich fast gelähmt. Krampfhaft griff ich nach meiner Büchse und feuerte in die Masse hinein. Eine gewaltige Schlange wand sich tödtlich getroffen hin und her. Im Nu stürzte eine Menge anderer über dieselbe, ohne Zweifel angelockt durch den Geruch des Fleisches, womit sie sich gemästet hatte, und begann hier eine neue Mahlzeit. Es kam mir vor, als habe die Menge der aus dem Sumpfe und dem Gehölze herbeieilenden Schlangen kein Ende. Von allen Seiten vernahm ich Gezisch, Geräusch und Geklapper. Ich lud wieder und feuerte zum zweiten Male, um wenigstens meinen Kameraden zu rächen, so viel es in meiner Macht stand. Wieder wurde ein Ungeheuer gctödtet und das furchtbare Bankett fand neue Nahrung und wurde fortgesetzt. Selbst die Blutlachen meines Kameraden wurden aufgesogen, um den letzten Tropfen Blut kämpften die Bestien, so lange auch noch ein Fetzen Fleisch zu verzehren war, bissen sie sich nach allen Seiten, bis zuletzt die im Kampfe Erlegencn der Gegenstand ihrer Gier wurden. Ich konnte meine Augen von dieser Scene nicht abwenden und wollte den Ausgang sehen. Ihr Gezische, ihre raschen Bewegungen, die wogenden Linien, welche ihre glatten und ge- schmeidigen Körper in dieser unentwirrbaren Masse bildeten, sind weder zu beschreiben, noch mit dem Pinsel wieder zu geben. Ueber eine Stunde sah ich diesem Schlangenkampfe zu, als mir der Gedanke aufstieg, daß dieselben mich auch entdecken könnten, und was mir dann bevorstehen würde. Mehr als ein stechendes Auge hatte sich schon nach dem Baume gewandt, als ich Feuer gab. Und wirklich, ein Angriff auf mich sollte nahe genug heranrücken. Eine mächtige Schlange hatte einen kleinen Nest meines Kameraden erhäscht, als die anderen ihr denselben streitig machen wollten. Um ihnen zu entgehen, wirft sie sich auf den Baum zu, schwingt sich um dessen Stamm, und beginnt in raschen Windungen hinauf zu klettern, gefolgt von einer Menge anderer. Sie kam mir näher, bog aber ihren Kopf gegen ihre Feinde zurück; die Windungen ihres glatten Körpers glichen einer Metallkette, welche die Knoten des Stammes umschlang. Ein Theil ihrer Beute entfiel ihr, so rasch waren ihre Drehungen und Bewegungen. Ich glaubte mich verloren. Meinen Säbel riß ich aus meiner Scheide. Der Ast, der meine Hauptstütze bildete, war bereits von ihr erreicht; ein Schlag, und ihr Kopf war von ihrem Rumpfe getrennt. Schwer siel ihre Masse zur Erde und riß die andere», die ihr gefolgt, mit hinab. Ich sah ihren häßlichen Kopf noch über die Erde rollen, und Blut und Geifer aus ihrem Maule fließen. Doch, nun war ich gerettet, denn die Aufmerksamkeit der übrigen Ungeheuer war von mir abgelenkt. Sie begannen bald, sich nach dem Sumpfe und dem Gehölze zurückzuziehen. Ich hörte mit freudigem Zittern das sich entfernende Geraschel im Laube, und das Geplatsche des Wassers der Pfützen des Sumpfes, in welches sie sich hineinstürzten. Alles wurde still; aber hinabzusteigen, ehe es Tag war, wagte ich nicht. Kaum sandte die Sonne ihre ersten Strahlen, da machte ich mich, die Büchse zum Schusse geladen, und den bloßen Säbel zwischen meinen Zähnen, hinab zu den Gebeinen meines unglücklichen Kameraden. Ich floh, denn ich konnte diesen Anblick nicht länger ertragen. Bei jedem Schritte, den ich machte, glaubte ich eine Legion jener Ungeheuer auf meiner Verfolgung. Ich begegnete jedoch bald einer Rciterabthcilung, welche die Nachzügler zusammen suchen sollte, und diese brachte mich in einem furchtbaren Zustande körperlicher und geistiger Erschöpfung in's Lager. Oft habe ich diese furchtbare Episode unseres Marsches meinen Kameraden erzählt, aber ich glaube, die Hölle mit all' ihren Schrecken könnte nicht einen schrecklicheren, tieferen Eindruck auf mich machen, als diese „Vernichtung" meines Kameraden an einem Sumpfe in Süd-Carolina." Der Moorrauch. Ostsriesland, im Juui. Am 5 Mai d. I. hatten wir hier den ersten der Tage, die weder dem Aesthetiker nachdem Asthmatiker gefallen; den ersten der Tage, der den blauen Himmel mit einem schmutzig gelben Nebel bedeckt und die Luft bald derartig damit anfüllt, daß man nur einigermaßen entfernte Gegenstände kaum zu unterscheiden vermag, der die Sonne erst citroncngclb, dann orange und endlich bluthroth erscheinen läßt. Nase und Augen verspüren einen brandigen, scharfen Geruch. — Das ist die Erscheinung, die den Naturforschern so lange Zeit eine Nase gedreht hat, daß sie sich in den albernsten Hypothesen ergingen. Daß man . das Kind des eigenen Landes in Amerika suchen zu müssen glaubte, war bei dem Streben, Alles „weit her" zu holen, noch einigermaßen zu ent chuldigen. Aber auf der Versammlung der Naturforscher zu Wien im Jahre 1856 sprachen sich noch verschiedene Gelehrte dahin aus, daß dieses Phänomen bislang unerklärlich sei, ja, im Jahre 1858 stellte Alex. Müller in der Akademie der Wissenschaften zu Stockholm die Behauptung auf, der Moorrauch (Höherauch, Heerauch rc.) entstehe daraus, daß die Luft durch „Lufttröpfchen", das sind veränderte Theilchen der atmosphärischen Lust, trübe geworden; diese Tröpfchen brächen das Licht anders, als 231 die umgebende Luft, wobei er sich auf die scheinbar zitternden Bewegungen beruft, die man wahrnimmt, wenn erwärmte Luft sich bei ihrer Aufsteigung mit kälterer vermischt. Andere fanden die Erscheinung in einem zersetzten Gewitter begründet und noch Andere sahen nur abgefallene Komcteuschwänze darin, und ein Bremer hat einmal gesagt, die Moorbrenner seien keine Menschen, sondern Ungeheuer und er sähe keine Nothwendigkeit ein, daß sie existiren müßten. Letztere Frage ist besonders im vorigen Jahre mehrfach erörtert, ohne daß eine Lösung herbeigeführt wäre Diese wird auch so bald noch nicht kommen, denn die Versuche, die das Moorbrennen ersetzen wollen, liegen theils noch in den Windeln, theils sind sie noch nicht geboren. Sehen wir uns die Sache etwas genauer an. Eine größere Moorfläche bietet nicht viel Einladendes, vielmehr ist ihr Anblick traurig und öde. Man sieht und hört hier nicht das freudige Schassen und Treiben arbeitsamer Menschen, hört nicht das Wiehern der Pferde, das Brüllen des Rindviehes, den Gesang munterer Vögel, das Jauchzen und Lärmen einer frohen Kinderschaar, nur das Rauschen gelbgrüncr Binsen und leichcn- blasser Riedgräser, so wie das Klagen eines vereinzelten Moorhnhncs unterbricht die trostlose Ocde. In stundenweiter Umgebung findet man weder Baum noch Strauch, noch weniger eine menschliche Gestalt, nur dürres Haidckraut und graues MooS starrt den einsamen Wanderer an, der diesen trüglichcn Boden betritt. Dergleichen kleinere und größere Bodcnflächcu haben wir im Nordwcsten Deutschlands, sowie in Holland, nicht geringe. Wir unterscheiden die Moore in Hoch- und Leedmoore, letzere sind bereits abgegraben und werden vorzugsweise durch Brennen kul- tivirt, erstere befinden sich noch im jungfräulichen Zustande. Man säet auf die abgegrabenen Moore in den ersten Jahren nur Buchweizen, mißräth eine solche Ernte, so sind Bewohner unk Anwohner des Moores Verhältnissen ausgesetzt, wie denen, die das Mißrathcn der Kartoffel in Irland und im Erzgebirge hervorruft. Soll ein bis dahin noch wüstes Moor zum Buchweizenbau eingerichtet werden, so ist vor allen Dingen auf gute Abwässcrung Bedacht zu nehmen. Man zieht in gewissen Entfernungen Grüben und bringt die gewonnene Erde in Haufen, durch die der Wind spielen kann. Dies geschieht im Herbst. Im Monate Mai, wenn die größten Feinde des weiblichen Buchweizen, die Nachtfröste, nicht mehr zu befürchten sind, wird Feuer in jene Haufen gebracht und die brennenden Theile werden nun gegen den Wind über den ganzen Acker geworfen, wodurch auch alle am Boden liegenden Klöße entzündet werden. Denn darauf eben beruht das Gelingen der Arbeit. Die Erhitzung des Bodens ist der eigentlich befruchtende Faktor, durch das Brennen muß dem Boden die die Vegetation hindernde Säure entzogen werden. Die Asche allein würde wenig nützen. Mitten in diesem Feuer, in diesem höllischen Rauche, steht nun der Moorbaucr in starken Stiefcl-Holzschuhen und wirft mittelst einer langgestielten, alten, durchlöcherten Pfännkuchcnpfanne die brennenden Stücke dahin, wo es Noth thut, lockert das Ganze von Zeit zu Zeit wieder auf und wirft die glimmenden Stücke stets gegen den Wind. Zugleich hat er darauf zu achten, daß der Boden nirgends in Flammen geräth, sondern nur gelinde brennt und schmaucht. Selten ist das Moor so trocken, daß solches ohne menschliche Hilfe weiter brennt, und deßhalb verläßt auch der Moorbrenncr gegen Abend schweißtriefend seine saure Arbeit, solche am nächsten Morgen wieder fortzusetzen. In einzelnen Fällen kommt ihm aber doch das Feuer aus der Gewalt, und wenn alsdann ein starker Wind das Feuer vor sich Peitscht, dann entstehen zuweilen Brände, die mit Hilfe einer ordentlichen Dosis Phantasie an die Prairiebrände Amerika's erinnern. Noch vor wenigen Jahren wurde auf diese Weise auf dem großen Fchn eine bedeutende Strecke verwüstet, und sogar sieben Wohnungen wurden eine Beute des Feuers. Daß auf diese Weise in Ostfricslaud und Umgebung eine ansehnliche Masse Rauch erzeugt wird, bedarf keines Beweises. Es werden etwa 50,000 Morgen Moor gebrannt und die Asche bedeckt durchschnittlich in einer Höhe von 1^/^ Centimeter den Boden. Über dem 25 232 Ouadratmeilcn großen bourtangcr Moore betrug wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge während des Brennens die Höhe der Rauchinasse 9 -10,000 Fuß; diese ganze Luftschicht war alles mit dichtem Rauche angefüllt, und Dr. Fink hat berechnet, daß an 25 Moor- Rauchtagen 73 Millionen Pfund Rauch produzirt werden. Es hängt eben vom Winde ab, — wer nach uns mit diesem Rauche gesegnet werden soll. Im Jahre 1857 begann man bei einem ziemlich starken nordöstlichen Winde hier am 6. Bkai mit dem Brennen. Schon am folgenden Tage zeigte sich der Moorrauch in Utrecht, etwas später, als der Wind mehr östlicher geworden war, schweifte derselbe über Lccuwardcn nach dem Heller und besuchte bis zum 15tcn das Meer. Nun wurde der Wind nordwestlich, der Moorrauch kam vom Meere zurück und erreichte am 16ten wieder Utrecht und etwas später auch Nymwcgen. Am 16ten und an den folgenden Tagen sah man ihn auch in Hannover, Münster, Köln, Bonn, Frankfurt; am 17ten war er schon nach Wien vorgedrungen, erreichte am 18ten Dresden, und am 19ten Krakau. Nicht selten führt der Wind den Moorrauch über See nach England, seltener gewahrt man ihn in der Schweiz, wo er aber doch mehrfach zu Schaffhausen, Zürich, Basel und Genf wahrgenommen wurde. Wahrscheinlich ist dies seine äußerste südliche Grenze, da ihm wohl die Alpen ein „bis hiehcr und nicht weiter" zurufen. Daß der Moorrauch unangenehm und lästig ist, das unterschreiben wir Ostfriesen aus vollster Seele. Je nach der Windrichtung haben wir außer unserem eigenen, bald den holländischen, bald den oldenburgischen, bald den westphälischcn Moorrauch, — aber trotzdem fällt es hier keinem Menschen ein, das Verbot des Moorbrcnncns zu befürworten, weil wir Alle wissen, daß ein solches Verbot Tausende von fleißigen Arbeitern an den „Bettelstab" oder „über's Meer" jagen würde. Wir hoffen allerdings, daß es Gegnern des Moorbrennens dann gelingen werde, ein darauf bezügliches Verbot zu erwirken, wenn es der Theorie und Praxis gelungen ist, ein hinreichendes Acquivalent in Anwendung zu bringen. Ob das jetzt in Arembcrg - Meppcn und sonst verwandte Kali sich bewähren wird, ist zur Zeit noch durchaus unentschieden. Außer dem Besprochenen hat man gegen den Moorrauch ein ganzes Heer Anklagen erhoben, die, wenn sie nur halb wahr wären, ein „Verbot" dringend erheischen würden. Er soll der Gesundheit nachteilig sein, Regen und Gewitter zurückhalten, Wind erzeugen, Nachtfröste befördern, die Haarmücke mit sich führen, nachteilig auf die Weinernte wirken u. s. w. Aber alle diese Anklagen sind nicht zu beweisen. Wir hoffen, daß das Moorbrenncn ein baldiges Ende haben möge, wünschen aber, daß vorher unseren Moorbaucrn Mittel und Wege gezeigt werden, auf andere Weise sich ihren Acker dienstbar zu machen. Versteht die Wissenschaft das, so werden mir Ostfricsen ihr auch nach dieser Seite hin zu bedeutendem Danke verpflichtet sein. *) Der Herr Verfasser sucht alle diese Klagen über den Hecrrauch zu widerlegen. Er bemerkt z. V. über die angebliche Schädlichkeit für den Weinbau: „Berichtet doch ini Jahre 1826 die Regierung zu Trier an den König, daß der Moorrauch auf den Weinbau einen ganz entschieden nachteiligen Einfluß ausübe, ärger als jede andere Wittcrungs Erscheinung. Die Erfahrung hat diese Belchuloigung in ihr Nichts aufgelöst; denn in keinem Jahre wurde das Rheinthal stärker vom Movrranche heimgesucht, als 1858, und in diesem Jahre fiel die Weinlese >o günstig aus, daß alle Hoffnungen überstiegen wurden." (Im Verhöre.) „Angeklagter, Ihr seid schon sieben Mal verurthcilt worden. Gebt Ihr das zu?" — „Ja wohl, Herr Präsident, allein ich lege kein großes Gewicht darauf!" Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von Dr. M. Huttlcr. ^ro. 30. Augsburger 25. Juli 186g onntags-BIatt. Eine liebevolle Aufmerksamkeit auf das, was der Mensch besitzt, macht ihn reich, indem er sich einen Schatz der Erinnerung au gleichgültigen Dingen dadurch anhäuft. Göthe. Der Habich und der Hättich als Geschäftsfreunde Fünftes Kapitel. Eine theure Zeche und was für Verdienste dabei der berühmte Nechtsgelchrtc Wachsnastus gehabt. In allen Häusern von Dürrcnsee war an jenem Morgen böses Wetter, nur beim Habich nicht. So in's Große hatte der seine einfältigen Streiche doch noch nicht getrieben. Der Hättich war freilich ein Geizkragen, das konnte ihm in ganz Dürrensee und Umgegend Jedermann bezeugen, obwohl die guten Dürrensee'r darin meist im gleichen Spital mit ihm lagen. Aber sonst war er doch eine ehrliche Haut, Niemand hatte ihm etwas Böses nachzusagen. War's nicht schändlich von dem Nichtsnutz, dem Habich, — ihn mit dem einfältigen Rechen-Exempel so hinter's Licht zu führen? Ueber dem Handel konnte der Hättich ja um sein Vermögen kommen, und was sollte daraus werden, wenn der Habich einmal so viel Glück mit seiner Büberei machte, so viel Geld in die Hände bekam? Also berief der Schultheiß, es war ein tapferer, wackerer Dorfsmonarch, den ganzen Gemeinderath. Bald war ein Beschluß gefaßt; die Männer wollten den Habich vorsortiern, ihm seine Schlechtigkeit mit einem guten Scheuerlappen einreiben, ihm erklären: „Euern dummen Handel leiden wir von Gemeinde wegen nicht! " Aber man muß den Spatz nicht eher würgen, als bis man ihn beim Schwanz erwischt hat. Der Gemeinde-Diener war sogleich ausgesandt worden, den Delinquenten beizuschaffen, aber siehe da, das Nest war leer. Sonst hielt es der Habich mit einem gründlichen Morgenschlaf, dicßmal hatte er Lunten gerochen, die Nachbarn hatten ihn in aller Frühe vom Haus gehen sehen; Niemand wußte, wohin er gerathen war. Erst am späten Abend war es thunlich, ihm in des Schulzen Haus einen Zwangspaß auszustellen. Gefangen war der Vogel darum noch nicht; Schultheiß und Beisitzer im Dorfs- Gericht hatten einen schweren Stand mit dem Habich. Anfänglich versucht er die Männer durch allerlei Grimassen und andere Albernheiten in's Lachen zu bringen. Wie sie aber keinen Spaß verstehen wollten, im Gegentheil, ihn um die Wette abkanzelten, und für seine Schlechtigkeit salbten, wie er's verdiente: er hätte sein Lebtag nichts getaugt und es wär' ein Unglück für ihn gewesen, daß er nicht vom ersten Tag seiner Mündigkeit an einen Vormund gehabt hätte, — da stellt sich der Bursch auf die Hinterfüße, macht Männchen und thut der Gemeinde-Obrigkeit eine Predigt, die ihre Zuhörerschaft wenig befriedigt haben muß, denn der Schultheiß drohte ihm nicht bloß mit einer Geldstrafe, sondern auch mit dem Loch im Landgericht, dessen Fenster hinten auf den Hof hinausgeht. Komparent blieb indeß dabei, es träfe in der Sache ihn kein Vorwarf, sie sollten lieber den Hättich in's Gebet nehmen: der wäre doch Manns genug, um einen Kauf abzuschließen; sollte aber der Handel, der doch vor'm Notariat abgeschlossen wäre, dem hohen Rath zu Ehren wieder rückwärts gehen, so brauchte der Hättich einen Vormund und nicht der Habich, er wollte auch im Landgericht darauf antragen, und es wär' eine schöne Wirthschaft in Dürrensee, daß sie einen zum Pfleger setzten, der erst bei seiner 234 Frau das Einmaleins borgen müßte. Was das aber für eine Wirthschaft im Land geben sollte, wenn Einer mit Vortheil sein Eigenthum veräußern könnte, und jeder Narr dürfte sagen: „da will ich auch erst gefragt sein!" Wenn einmal der Schultheiß seine großen Besitzungen verkaufen wollte, seinetwegen für sieben Batzen und acht lose Heller, so thät' er auch Protestiren und er wollte einmal sehen, ob das nicht Geltung hätte! — Kurz, es war dem Habich schwer beizukommen; auch damit war nichts ausgerichtet, daß ihn Einer fragte, wie er denn solch' eine Uebervorthcilung vor seinem christlichen Gewissen verantworten wollte? Denn erstlich meinte der Habich, wie alle von seiner Sorte, mit dem Gewisien wär' heut zu Tage nichts mehr anzufangen, man müsse sich durch die Welt durchhelfen, wohl oder übel. Und zweitens brauchte er nach seiner Meinung keine Gewissens-Bedenkcn: der Hättich hätte ja auch keine gehabt, mit dem müßt' er auf alle Fälle brüderlich theilen Es ist eben in der Welt noch kein Bär gewesen, der im Alter tanzen gelernt hätte, und der Mohr ist nicht gut weiß zu waschen. So ward die Sitzung geschlossen, ohne daß man an das gewünschte Ziel gekommen wäre. Der Habich aber riegelte sich dann wieder in sein Haus ein, grüßte nicht und dankte nicht, der Hättich und seine Frau konnten nicht vor ihn und noch weniger an ihn kommen. Nach drei Tagen endlich gelang es doch. Nur war nichts mit ihm anzufangen, ob auch einmal die Hättichin statt ihres Mannes kam, alle ihre Kinder mitbrachte und fast einen Fußfall gethan hätte. Wenn ein Handel rückgängig werden sollte, dabei blieb er, so müßten beide Theile einverstanden sein, er aber (der Habich) wäre einverstanden, daß der Hättich ihm in der bedungenen Zeit die 17,476 fl. 15 kr. schaffte; er könnte seine zwei und dreißig Brodfrcsser nicht los werden, und brauchte für die alle Tage Geld genug; wenn er aber einmal alt wäre, — und könnte nicht mehr für sich sorgen, so würd' ihn der Hättich sammt seiner Frau auch nicht als Kostgänger begehren. Aber er ginge jetzt bald nach Amerika, — und was er zur Reise nicht brauchte, davon wollte er in Dürrensee ein Narrcnhaus bauen, der Hättich könnte Inspektor d'rin werden. Für der Hättichin ihre Kinder hätte er ja vorgesorgt: das Rittergut gäbe Brod und Kuchen für ein halbes Dutzend Kinder, ein junger Has, ein junges Gras, das Hunger- leiden lernten sie bei Zeiten von ihren Alten, — und was weiß ich, wie viel sein loses Maul sonst noch Geifer ausgcschäumt hat. Wie nun der Hättich und seine Frau nichts ausrichten, — so mischen sich jetzt die Nachbarn in den Handel, nur ein Paar Hetzer (an denen nirgends in der Welt Mangel ist, und nicht einmal in Dürrensee), nehmen die Partie des Verkäufers. Geholfen hat's natürlich eben so viel, als wenn Einer zu einem hungrigen Hund spricht: du, sei doch so gefällig, und laß den Knochen da fahren, ich will noch eine Suppe davon kochen, nachher sollst du ihn wieder kriegen! Da ist denz Schultheißen die Sache endlich doch über den Spaß hinübcrgcgaugen, Zeit war nicht mehr zu versäumen, in der ganzen Wicsenstadter Gegend war von nichts die Rede, als vom Habich und vom Hättich, und ihrem merkwürdigen Güterhandcl, und wenn ihrer Zehn ihren Spott am Hättich hatten, so war bei Zwanzigcn der Unwille über den Habich desto größer. Also der Schultheiß macht sich einen Gang nach Wcisen- stadt, den Hättich nimmt er sogleich mit. Sie gehen erst zum Herrn Notar, der konnte ja das Beste thun. Aber bei dem war auch nichts auszurichten. Es warf ihm nämlich sein Notariats-Geschäft alljährlich so wenig über dreitausend Gulden ab, — daß er die Advokatur nebenbei fortb'etrieb. Sogleich im Anfang hatte er gemerkt: der Handel kann der Vater eines lustigen Prozesses werden. Was konnte er auch dazu, daß die Menschheit so wenig Verstand hat, besonders die Dürrcnsee'r Menschheit; (Gottlob, daß nicht alle Herren Juristen solche Philosophen sind). Sein Bescheid lautete so: die Sache ginge das Notariat nichts mehr an, ein Notar wäre nicht dazu da, das Publikum bei Handels- Geschäften zu berathen, und noch weniger große Kinder an der Hand zu führen, sondern die „Privatgeschäfte" zu erleichtern und deren „rechtskräftigen Abschluß" in die Hand zu 235 nehmen. Ihm wär's ganz gleichgültig, wie Ihrer Zwei mit einander fertig würden, der Handel könnte nur dann wieder rückwärts gehen, wenn beide Theile den betreffenden Antrag stellten. Ein Anderes wär's, wenn Käufer sich entschließen wollte, gegen den Berkäufer zu prozcssiren. Nur müßte er für den Fall dazu rathen, einen geschickten und zuverlässigen Anmalt zu nehmen, denn es gäbe da einen bösen Rechtsstreit. Die Sache ließe sich schon durchbringcn, ihm wäre in seiner Praxis ein ähnlicher Prozeß schon einmal vorgekommen, ohne ihn wäre er freilich verloren gewesen. — Weiland Herr Doctor Eisenbart hatte es ja auch im Brauch, zu den Schwindsüchtigen zu sagen: ich will euch schon durchbringcn, alle andern Doctores verstehen sich auf diese böse Krankheit nicht! So treten denn die Beiden wieder ab und lassen sich jetzt beim Herrn Landrichter anmelden. Der aber sagte so, — ich kann nichts dazu, daß er sich ein wenig vornehm ausgedrückt hat, bei den Juristen niuß man schon zufrieden sein, wenn sie nur nicht statt deutsch in lateinischen und andern heidnischen Brocken reden. Die Sache, sagte er, hat zwei ganz verschiedene Seiten, eine sittliche und eine rechtliche Seite. Von der sittlichen aus betrachtet ist sie ganz einfach: Jedermann muß zugestehen, der Handel ist von Seiten des Verkäufers in schlechter, boshafter und betrügerischer Absicht angesponnen, — vom Käufer dagegen unbedachtsam, nämlich ohne Berücksichtigung des Belangs der Kaufbedingungen eingegangen worden. Nachdem also der Käufer hierüber klar geworden, so wäre es Pflicht des Verkäufers, und wenigstens edel von ihm gehandelt, — vom Vollzug des Kaufvertrags abzustehen. Das ist die sittliche Seite der Sache. Aber, fuhr er fort, ganz anders stellt sie sich von der rechtlichen Seite. Von dieser nimmt sich das Einfachste oft ganz seltsam aus. Das Recht hat eine wächserne Nase und es gibt Fälle, wo auch die gerechteste Sache vor den Gerichten nicht auszufcchtcn ist. Ein Prozeß könnte günstig, aber auch ebenso ungünstig für den Käufer ausfallen, ein gewissenhafter Advokat wird Bedenken tragen, ihn anzunehmen. Denn es handelt sich um den Nachweis der böslichcn Absicht des Verkäufers einerseits, — und der augenblicklichen Unzurechnungsfähigkeit des Käufers andererseits, beide Beweise aber sind mißlich. Ein magerer Vergleich ist besser, als ein fetter Prozeß. Das Landgericht aber wird sein Möglichstes thun, dem Käufer zu einem billigen und erträglichen Abkommen zu verhelfen. So sagte der Landrichter. Und da griff denn der Hättich mit beiden Händen zu. Ein Termin ward anberaumt. Der Landrichter gab sich alle erdenkliche Mühe, den Habich zur Vernunft zu bringen. Freilich, auch er hatte ein hartes Stück Arbeit dem Bruder Nichtsnutz gegenüber, — ein halber Advokat war an dem verdorben. Er wollte sich nicht geben, das Notariats-Protokoll hatte er ja in der Tasche. Einmal berief er sich auf Recht und Gerechtigkeit: wenn ein Handel, in aller Form Rechtens abgeschlossen, nichts gelten sollte, so brauchte man ja auch keinen Notar anzustellen. Ein andermal wieder berief er sich auf den Willen des Käufers, der ja kein Kind, sondern ein angesehener Mann in seiner Gemeinde wäre: er hätte selbigcsmal ja keine Ruhe vor ihm gehabt; es sei ihm nicht eingefallen, ihm seine Güter aufzudringen, aber der sei ganz erpicht darauf gewesen, wie eine Gans, die Einer zum Garten hinten hinausjagt, und die vorn wieder hereinkommt; auf den Betrieb des Hättich hätte er dazumal sogleich mit in's Notariat gehen müssen. Nunmehr wollte er seine Besitzungen dem Käufer auch abtreten, dem Herrn Notar sei die Sache ja auch nicht bedenklich gewesen, und der sei doch gerade so gut studirt, wie die Herren vom Landgericht. Uebrigens reue es ihn jetzt, daß er so großmüthig gewesen, das Rittergut noch wegzuschenken, das sei eine cdelmüthige Handlung gewesen, für die er eine. öffentliche Auszeichnung verdiene, und künftig wolle er nicht wieder so gutmüthig sein. — Bekanntlich ist noch kein Spitzbube im Zuchthaus gesessen, der nicht gesagt hätte, er sei der tugendhafteste Mensch auf Gottes Erdboden. Der Landrichter drang endlich mit Zweierlei durch. Das eine war auch ein Rechen- Exempel, schlug also in's Handwerk des Verkäufers. Allerdings für 17,476 fl. 15 kr. habe er dem Hättich seine Besitzungen verkauft, nun sollte er nur nachrechnen, wie viel 236 er von dieser Summe wirklich erhalten würde. Könne der Hättich die erkauften Güter i nicht behaupten und das Geld nicht schaffen, — so müsse sich Verkäufer an diesen selbst schadlos halten, das übrige Vermögen des Käufers sei da nicht in Anspruch zu nehmen; es sei aber vorauszusehen, daß der Käufer für das geringe Gütchen nicht viel sein würden, das „Rittergut" habe Verkäufer verschenkt — und könne Käufer dieses auf eigene Rechnung verkaufen, dann seien noch die Consensschulden abzuwälzen, am Ende werde Verkäufer nicht einmal Geld übrig behalten, nach Amerika zu gehen. — Das war das Eine, und der Habich hatte gegen diese Rechnung nicht Viel zu sagen. Das Andere aber juckte, kitzelte und biß noch besser. Der Landrichter hatte sich alte Akten vorlegen > lasten, und eröffnete daraus dem Hans Habich von Dürrensee die angenehme Aussicht, ! schließlich doch noch unter Vormundschaft zu kommen. Mit dem Schultheißen verständigte er sich für diesen Fall sogleich dahin, daß sich als Vormund für den Habich der Hättich am besten gualificiren werde. Diese beiden Dinge aber, das Rechen-Exempel und der Hättich als Vormund, das war für den Habich doch auf einmal des Guten zu Viel. Der Habich wird also weich, der Hättich ist es schon lange gewesen, und das Ende vom Lied ist, daß der Hättich sich zu Protokoll erklärt, — dem Habich als Reukauf den Betrag von 150 Gulden zu entrichten; derselbe sollte binnen vierzehn Tagen vor m Landgericht abgewählt werden, die Gerichtskosten hatte der Käufer desgleichen auf seine Rechnung übernommen. Dem Hättich ist's nun freilich sauer angekommen, als er blanke 150 Gulden für nichts und wider nichts in's Landgericht tragen mußte, und seiner Frau noch sauerer. Denn das war's so ziemlich, was sie das Jahr zuvor erarbeitet, zum Theil durch Kargen und Geizen zusammengeschunden hatten. Der Hättich war gleichwohl froh, als er um ! 150 Gulden das Rittergut wieder los geworden war, die waren doch eher aufzubringen als 17,476 fl. 15 kr. Uebrigens ist es ihm ergangen, wie dem Pudel, der zu heulen anfängt, wenn er an die Stelle kommt, wo er einmal Prügel bekommen. Nur hat wohl Niemand in der ganzen Pudelschaft an seine Prügel so oft denken müssen, — wie der Hättich an seinen Handel mit dem Habich und das nachfolgende Rechen-Exempel. Der Weg auf seine Aecker führt ihn fast täglich am Rittergut vorbei, und wer kann dafür, daß man im Dürrensee'r Flur fast überall Weisenstadt liegen sieht. Beim Gedächtniß an die schlaflose Nacht auf dem Heuboden hat er sich hoffentlich auf Christi Wort besser verstehen gelernt: Niemand lebet davon, daß er viele Güter hat. Ist doch Niemand : in der Welt ein ärmerer Teufel, als wer sich vom Geizteufel reiten läßt, von solchem I Ritt haben noch Jedem endlich die Rippen im Leib weh gethan. Wer's aber sonst nicht j glaubt, kann's nachlesen Matth. l6, 26 und 1. Tim. 6, 9, daß dabei noch ganz was Anderes auf dem Spiel steht, als mottenfressige Güter, — weil beim lieben Gott kein „Reukauf" gilt. Nun komme ich aber noch einmal an den Habich. Der ist wohl mit seinen 150 Gulden seelenvergnügt nach Haus gegangen? Das konnte nicht fehlen, wenn's nicht so wäre in der Welt, daß wer andern eine Grube gräbt, endlich doch selbst hineinfällt. Und ganz Dürrensee war der Meinung, er könnte von seinem Geld nicht viel davon- bringen, gewiß gehe es nach dem Wort: wie gewonnen, so zerronnen. Wie viel er von dem Sündengeld in seine Hände bekommen, mag der Leser selbst urtheilen, wenn ich im Vertrauen bemerke, was er auf dem Heimweg gegen einen Dürrensee'r Knecht geäußert hat. Es wär' doch schändlich, sagt' er, daß er nicht einmal die Kosten für die Extrapost herausgeschlagen hätte! Wie? hat er denn nicht 150 Gulden ausgezahlt bekommen? — Ja freilich hat sie der Hättich für ihn im Landgericht auf den Tisch gezählt und der Habich hat quittiren wüsten. Aber auf demselben Tische liegt auch eine Rechnung des Notariats, — und der Habich hat Zweierlei außer Acht gelassen: einmal hat er seit der Extrapostfahrt vergessen, daß im Protokoll steht: „sämmtliche Kosten trägt Hans Habich als Verkäufer." Und zweitens hat er in seiner Gefcheitigkeit übersehen, daß der Notar ! 237 seine Kosten nicht nach dem wirklichen Werth des Verkaufs-Objekts berechnet, sondern nach dem Betrag des Kaufschillings. Also die 17,476 sl. 15 kr., — dem Hättich thuen sie nicht mehr weh, aber dem Habich geht darüber sein ganzes bischen Profit verloren, er kann nichts dagegen thun, — denn der Landrichter versichert, der Notar habe „ganz richtig gerechnet." Da hat denn der Hättich jenen Tag wohl ein langes Gesicht gemacht, — aber der Habich noch ein längeres. Die Leute in Dürrensee haben darüber eine große Freude gehabt, und war die Freude nicht recht und nicht christlich, so war sie doch zu entschuldigen. Denn ein Geizhals und ein Betrüger sind wohl Beides keine Leute nach dem Herzen Gottes, aber es muß doch so sein: „Wer Wind säet, wird Sturm ärnten." Der Habich soll nachmals noch mehr als einen schlechten und dummen Streich gemacht haben, denn was schlecht ist, ist allewege auch dumm, und was dumm ist, ist schlecht. Nach Amerika ist er nicht ausgewandert, und ein Narrenhaus hat er auch nicht gebaut. Wenn er aber einmal sterben wird, so wird er wohl mit dem Bekenntniß des Hans Dampf aus der Welt gehen: „Es gibt keine brodlosere Kunst, als die Narrheit; und wer das bei Zeiten bedenkt, wird wohl fahren." Bismarck und Lassalle. Ueber die Persönlichen Begegnungen dieser in der zeitgenössischen Geschichte jedenfalls merkwürdigsten Männer erzählt der Wiener-Wanderer nachstehende Einzclnheiten, welche auch für jetzt noch Interesse haben und auf manche Erscheinungen der Gegenwart, z. B. auf das Verhältniß der Arbeiterpartei zur (preußisch-gesinnten) Fortschrittspartei erklärende Schlaglichter werfen. Das Blatt beginnt mit der bekannten Solinger Versammlung, wegen deren Auflösung Lassalle ein über den „fortschrittlichen Bürgermeister" klagendes Telegramm an Hrn. v. Bismarck schickte. Die Erzählung fährt dann fort: Die Antwort des Herrn v. Bismarck, die im Sinne Lassalle's war, traf zu spät ein, die Versammlung konnte nicht fortgesetzt werden, der schlimme Bürgermeister hatte zuvor seinen Zweck ereicht, aber auch gleichzeitig eine ministerielle Rüge davon getragen. Als im Herbste Lassalle von seiner Reise, dir er nach der Schweiz ausgedehnt hatte, zurückkam, war es selbstverständlich, daß er dem Minister, an den er damals ohne ihn persönlich zu kennen, sich telegraphisch gewendet, seinen Besuch machte. Er traf den Minister ein wenig überrascht über seinen plötzlichen Besuch in seinem Arbeitskabinet. In seiner cheva- leresken, ungenirten Weise bot Bismarck seinem Gaste Stuhl und Cigarre, Lassalle so jeder Formalität enthebend. Die Solinger Angelegenheit war mit wenigen Worten erledigt. „Unsere Polizei ist sehr eiferig, mir könnte es selbst ergehen, daß irgend ein Bürgermeister mich arrctiren läßt," scherzte Bismarck. „Sie haben es aber auch ein Bischen stark getrieben," fuhr er fort,, „unsere Fortschrittspartei liebt es nicht, wenn man ihr den Spiegel so nahe vors Gesicht hält." Und wie absichtslos zog er dabei aus einem Stoß Papiere Lassalles Solinger Rede, die inzwischen im Druck erschienen war und die jedenfalls das stärkste ist, was jemals gegen die preußische Fortschrittspartei gesagt wurde, hervor. Damit war die Unterhaltung auf das politische Gebiet gebracht, und Lassalle war überrascht, wie genau Bismarck alle seine Schriften und Fugblätter gelesen, selbst das neueste, ein kleines Flugblatt,an die Berliner Arbeiter, welches bereits polizeilich konfiszirt war, befand sich in Bismarcks Besitz. „Aber sagen Sie dem Herrn Untersuchungsrichter nichts davon, sonst läßt er mir es wegnehmen," äußerte Bismarck launig. — „Wird die Arbeiterpartei bei den nächsten Wahlen mit der Fortschrittspartei stimmen?" frug im Laufe des Gespräches Bismarck. — „An allen den Orten, wo sie nicht selbstständig auftreten kann aus numerischer Schwäche gewiß, es sei denn da, wo Kandidaten auftreten, die persönlich im Kampfe gegen uns zu feindselig vorgegangen, wie z. B. Schulze-Delitzsch, Reichenheim, 238 Löwe-Calbe und andere," erwiderte Lassalle. — „Warum stimmen Sie nicht überhaupt mit der konservativen Partei, da, woSie keine Aussicht haben, Ihre Kandidaten durchzusetzen? Unsere Interessen sind ja gemeinschaftliche, Sie kämpfen von Ihrem wie von unserem Standpunkte gegen das Bestreben der Bourgeoisie, die Herrschaft an sich zu reißen." Bismarck sprach diese Phrase mit der ungenirten Offen- heit, die ihn vor allen seinen Kollegen auszeichnet. Lassalle lächelte. „Augenblicklich, Excellenz," replizirte er, „mag es so scheinen, als sei eine Allianz zwischen der Arbeiterpartei und der konservativen Partei möglich, aber wir würden nur eine kurze Strecke Weges miteinander gehen, um dann um so erbitterter uns zu bekämpfen." — „Ah!" lachte Herr v. Bismarck, „Sie meinen, es kommt dabei nur darauf an, wer von uns der Mann ist, der mit dem Teufel Kirschen essen kann!" — Damit verließ die Unterhaltung das politische Gebiet. Ein zweiter Besuch Lassalles bei Bismarck fand im Sommer 1864 statt Lassalle hatte mehrere Beschwerden gegen untere Behörden, die hie uud da den allgemeinen Arbeiterverein maßregelten, anzubringen und liebte cS, derlei Dinge kurz und persönlich abzumachen. Der schleswig-holsteinische Krieg war soeben siegreich beendet und selbstverständlich wendete sich das Gespräch bald dieser brennenden Frage zu. Lassalle befürwortcte die Annexion Schleswig- Holsteins. Bismarck meinte: nur auf dem Wege der Bundesreform ließe die schleswig-holsteinische Frage sich lösen. Hierauf entwikclte er ausführlich einen Bundesreformplan, wonach er das allgemeine direkte Wahlrecht Proklamircn und alle Deutschen, ohne Unterschied der Geburt, für wählbar in den Preußischen Landtag erklären wollte. Aehn- lich wie Cavour es seiner Zeit mit dem piemontesischen Parlament gemacht. Lassalle fand dieses Projekt halb und unausführbar, und der Gedanke beschäftigte ihn lebhaft, denn als er einige Monate später in Genf eintraf, wo er seinen Tod finden sollte, erzählte er seinen Freunden jene Unterredung und Bismarcks Plan. Als Lassalle sich bei Herrn v. Bismarck verabschiedete, sagte er ihm: Ich werde die Annexion Schleswig- Holsteins in mein Programm aufnehmen. Herr v. Bismarck lächelte: Vielleicht, daß dieser Punkt Ihres Programmes inErfüllung geht, wenn auch jetzt nicht, doch später. Das war der letzte Besuch Lassalle's bei Herrn von Bismarck, der in Folge dessen sich oft mit größter Anerkennung über Lassalle aussprach. Ein französischer Edelmann 4- Vor einigen Tagen starb die Zierde des kath. Adels Frankreichs, Baron Croye in seinem 83 Lebensjahr. Schon unter dem ersten Kaiserreiche betrat er die öffentliche Laufbahn, auf der er sich schnell zu den höchsten Ehrcnstcllen erschwang. Im Jahre 1830 trat er aus politischen Motiven von dieser ab, pnd legte seine Würde als Präfekt von Digne nieder, weil er aus Achtung und Pietät gegen die vertriebenen Bourbonische Königsfamilie von Orleans nicht dienen wollte. Von diesem Augenblick an widmete er sich ganz dem Dienste Gottes und der hilfsbedürftigen Menschheit. Stunden lang lag er in Betrachtung und Gebet vor den Altären auf seinen Knien, seine Pfarrkirche hatte keinen fleißigern Besucher, sein Seelsorger kein treueres Pfarrkind, den Hausarmcn und Waisen wo er ein besorgter Vater, verlassene Kranke verpflegte er mit Vorliebe. Pius IX verehrte er mit großer Bewunderung, ihm brachte er seine Ersparungcn, welche er in seinem Schlosse seit der italienischen Annexion eingeführt hotte, zum Opfer; ja als die Trauerkunde von dem unglücklichen Gefecht von Castelfidardo zu ihm gedrungen, rief er laut: „Wäre ich doch erst 30 Jahre alt, ich würde die Scharte auswetzen helfen!" In seinem 80 Lebensjahre eilte er noch nach Nom, um die Verwundeten in den Militärspitälcrn zu Pflegen und dem Papste doch einigermaßen dienstbar zu sein. „Auch das schlechte Schild kann einen Streich abhalten "lau- 239 tete seine Antwort, als ihn seine Freunde auf seine Unfähigkeit, Dienste leisten zu können, aufmerksam machten und ihn bestürmten, den Abend seines Lebens in süßer Ruhe in seinem Schlosse zuzubringen. Doch er ließ sich nicht abhalten, unternahm eine beschwerliche Reise und wurde Krankenwärter in Rom. A^s die Ruhe und Ordnung wieder hergestellt war und sich die Lazarcthc allmählich lichteten, begab er sich wieder in die Heimath, wo er sich in der Ausübung guter Werke zu seinem Ende vorbereitete. Er starb in den Armen seines geistlichen Freundes nnter dem Gebete: "In In Domino spornvi ei neu conlnn- ckor in neternnrn!" Ehre solchem Adel. Ein Sklavenmarkt in Niederbayern. (Auch ein Beitrag zur socialen Frage.) Eine ganz eigenthümliche Erscheinung des Landlebens ist der sogenannte Dienstboten- Markt, auch Sklavenmarkt genannt, welcher jährlich Mitte Juli im Städtchen Osterhasen stattfindet. Da werden keine Kaufmanns-Waaren feilgeboten, da ist kein Dultstand aufgeschlagen, — sondern Menschen bieten hier sich selber feil. Und das ist ein solches gegenseitiges Hinauf- und Heruntcrbictcn, daß zwischen diesem Dienstbotcn-Markt und einem amerikanischen Sklavcnmarkt nur der einzige Unterschied ist, daß in Amerika Händler ihre Menschcnhaare zu Markte bringen, während hier der Mensch sich selber verhandelt. Der bedeutendste Tag für diesen Handel ist der zweite Sonntag im Juli, also gerade die Zeit vor der Ernte. So eben ist die Frühmesse zu Ende. Da stehen die Burschen, die Mägde in Reihen, in Gruppen, im bunten Durcheinander und lassen die Bauern und Bäuerinnen, die oft aus weiter Ferne herkommen, und nach allen Seiten suchend und musternd cinherschreiten, durchpassiren. Man sieht es den Bauern und Bäuerinnen an, daß sie mißmuthig sind, denn gar Manchen sind ihre Dienstboten noch vor der Ernte davon gelaufen; sie schauen argwöhnisch um sich, denn nur zu oft hat sich das Sprüchwort bewährt: „Es kommt nichts Besseres nach!" Lange wird so hin und her spekulirt, bis auf einmal der Ruf: „Bauer, magst mich?" diesen zum Stehen bringt. Jetzt geht der Handel los und eine jede Partei entfaltet all' ihren Scharfsinn, allen Witz, die eine um den Lohn hinaufzuschrauben, die andere, ihn hcrabzudrückcn. Beobachten wir ein wenig die Mcnschenarten, welche sich hier feilbieten. Die erste ist die der sogenannten „Bauernschinder." Diese Menschen bringen ihren Lohn fast regelmäßig alle Sonntage ein, wenn sie nicht gar schon „im Voraus" sind. Rückt die Erntezeit nahe, so drangsalircn sie ihre Dienstherrschaft auf alle mögliche Weise. Sagt der Bauer nur ein Wort, so entgegnen sie ihm: „Bauer, weißt du was, ich gehe, mich hält nichts auf!" — oder sie gehen fort, ohne ein Wort zu sagen. — Erträgt der Bauer mit Resignation eine Zeit lang ihr Schimpfen über das Essen, ihr nächtliches Ausbleiben, ihr Ruiniren der Werkzeuge u. s. w., dann machen diese Menschen es so arg, daß der Bauer sie selber ausschafft, nur um Ruhe im Hause zu haben. Das ist also die Race der Bauernschinder. Ihren Lohn haben sie bereits eingebracht, der Bauer läßt sie durch das Gericht nicht Anschaffen, wenn sie entlaufen, das wissen sie, weil dann die letzten Dinge ärger würden, als die ersten. Heute nun stehen sie da und sind zu haben, nicht um jeden Preis, sondern nur um guten, denn wenn sie wieder einstehen, erhalten sie fast den nämlichen Lohn, als wenn sie zu Lichtmeß begonnen hätten. Gewöhnlich aber verdingen sie sich als „Erntcknechte" nur für einige Wochen um 20, 25—30 fl.!! und gute Kost! Die zweite ist die der „Wanderer," welche nie länger als ein Jahr in einem Platze bleiben. Diese sprechen schon lange vom Dienstboten-Markt in Osterhasen, gleichsam als drohten sie beständig dem Hausvater: „Willst du, daß ich bei dir bleiben soll, so mußt du mir mehr Lohn geben." Da aber der Lohn gewöhnlich ohnehin schon über alles 240 Maß und Ziel hinaus ist, so ist der Bauer in diesem Punkte taub, geht auf den Dienstboten-Markt und handelt sich einen andern Knecht ein, aber auch der Knecht geht und verschachert sich einem andern Herrn, um es im nächsten Jahre wieder so zu machen. Die dritte Art, die aber nur in wenigen Exemplaren vertreten ist, — ist die der „Ordentlichen," welche durch irgend ein Verhältniß, sei es, daß irgend Einer erst vom Militär zurückkam, oder daß seine frühere Dienstherrschaft vom Hofe kam, — oder sonst einen Weg des Fleisches ging, noch zur Verfügung stehen. Diese brauchen indeß selten den Dienstboten-Markt zu betreten. Wenn sie wirklich zu den „Ordentlichen" gehören, werden sie selbst aufgesucht und gedungen. Unter der ersten Art, — den sogenannten Bauernschindern, gibt es aber noch eine „eigene Nation," welche sich zu gleicher Zeit an mehrere Bauern verdingen, von einem Jeden das „Drangeld" nehmen, aber zugleich einen Jeden anführen. Da dieses Drän- Geld unter einem Gulden nicht leicht betrügt, so machen diese „Schwindler" ein artiges Geschäft und für den Sonntag Nachmittag ist reichlich gesorgt. Denn das ist gleichsam Gesetz: das Drangeld muß an diesem Tage d'ran, es wird „verjuxt." Das ist der „Sklavenmarkt" in Osterhasen, vielleicht der einzige in ganz Bayern. Ursache dieser Erscheinung ist cinestheils der Laudmann selbst. Denn würden die häuslichen Verhältnisse noch jenen einfachen patriarchalischen Charakter haben, gemäß welchem die Dienstboten noch ats Glieder der Familie betrachtet und auch behandelt wurden, dann würde auch ein innigeres Zusammenhalten zwischen Hausherren und Dienstboten stattfinden. Der Bauer hätte dann nicht mehr nothwendig, seine Dienstboten auf dem Markte zu suchen, diese würden vielmehr ihn aufsuchen. Andcrnthcils haben aber die Dienstboten ihre Forderungen und Ansprüche so gesteigert, daß denselben fast nicht mehr genug geleistet werden kann. Dadurch entsteht gegenseitige Unzufriedenheit und wo diese eingekehrt ist, da ist es aus mit dem Frieden und der Liebe, da gibt es täglich Reibereien, Aufhetzungen, Zank und Streit und der Schluß ist: der Dienstbote geht und bietet sich auf dem Markte feil; ein Bauer kommt und dingt ihn, — da die Zeit drängt und die Ernte vor der Thüre ist. (Landsh. Ztg.) In der vorigen Nummer des Sonntagsblattes brachten wir nach der „Kölner Ztg.", welche ihrerseits das New-Yorker „Tadlet" als Quelle angibt, die durch alle Blätter laufende Schauergeschichte „Eine Schlangensccne." Der berühmte Naturforscher und Direktor des Berliner Aquariums, Dr. A. Brehm, schreibt über dieselbe unter Anderem Folgendes: „Es gibt keine Schlange auf der ganzen Erde, auch keine der Wissenschaft „bisher bekannte, welche ihre Beute vor dem Verschlingen zerstückelt, — keine, welche in „der von dem Mührchen - Erzähler geschilderten Weise sich beträgt." In einem „Münchener Blatte" stand vor Kurzem folgende Anzeige: „Den resp. Hundebesttzern zeige ich hiermit an, daß ich dieselben schcere, wasche und ihnen auch die Ohren stutze." Charade (Zweisilbig.) Als noch die erste sich mühte Vollkommen die Zweite zu schaffen, Als gute Sitte noch blühte, Und wir nicht gleich den Affen Nur strebten nach fremden Moden, Bei Tiinken, Spielen und Tanzen, Da hieß es noch vom Ganzen: Es hat einen goldenen Boden/ Druck, Verlag und Redaction des litterarischen Instituts von Dr. M. Huttlcr. Alro. 31. 1. August 1869. 4 - Wenn ich Haffe, so nehme ich mir etwas; wenn ich liebe, so werde ich um das reicher, was ich liebe. Fr. v- Schiller. Der Wunder-Doctor. Line österreichische Dorfgeschichte von H. Malten. (Nachdruck verboten.) Erstes Kapitel. Der geheimnißvolle Fremde. Zu Zcll, im Zillcrthal, war großes Scheiben- und Preisschießcn. Lustig ging's dort immer her, und darum hatten sich auch diesmal eine große Zahl der besten Schützen aus der Umgegend da zusammen gefunden. Schon am Tage vor St. Clothildis, wo das Schießen losgehcn sollte, waren die meisten Bauernhäuser mit Fremden gefüllt, vorzüglich aber die Dorfschenke, über deren Eingangsthüre man die Nenne las: „Frisch und fröhlich -u seiner Zeit, Fromm und treu in Ewig eit." Hier wimmelte es von rüstigen Preisbewerbern und schießlustigen Tirolern. Der Schenk- Wirth und seine zwei flinken Töchter konnten kaum die Gäste befriedigen. Bereits mochte es acht Uhr vorüber sein. Die Lust und Gesprächigkeit der Versammelten hatte ihren höchsten Glanzpunkt erreicht, da trat ein junger Schütze, die Armbrust über der Achsel und den Kopf mit einem weißen Tuche, an welchem einige Blut- stecken sichtbar waren, verbunden, in die Stube. „Sieh' da, der Franzl Pfeiffer aus Kleinboden," rief der alte Silbermüller, der mit seiner Tochter Lcni an einem Tische unter den fröhlichen Schützen saß. „Was zum Gukuk haben sie denn Dir gethan?" — fuhr er fort, „daß Du den Schädel eingewickelt hast, wie eine Spittlcrin von Innsbruck." „Pah," rief Franzl, welcher Alle freundlich gegrüßt hatte, indem er seine Armbrust von der Schulter nahm, „eine Kleinigkeit! Der Abend hat mich auf dem Hainzberg überrascht, da wollte ich einen näheren Weg einschlagen nach Zcll, und kam auf eine Sandlehne, die sich unter mir ablöste. Schon glaubte ich, es sei rein aus mit mir, — als ich zum Glück noch in dem vorragenden Ginster auf einem Flesblocke hängen blieb. Zu meiner nicht geringen Verwunderung aber fand ich dort einen Kameraden, der denselben Weg über die Gcröllwand dahin gemacht hatte." „Der Kukuk!" rief der Silbcrmüllcr, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug, indeß Leni, im Schreck über die Gefahr, ihre Hände gefaltet hatte. — „Und wer war der Waghals?" „Ja, weiß ich's?" antwortete Franzl. „Aber es war sein Glück, daß ich dahin kam, und mein Glück, daß ich ihn fand, denn ohne dem wäre es wohl Jedem schwer geworden, allein und mit ganzen Gliedern, in das Thal zu kommen. „Als wir unten waren, bedankte er sich bei mir und ich bedankte mich bei ihm. Wir drückten einander die Hände, und er sagte mir, daß er ein Jäger aus Innsbruck sei. Mit dem gingen wir auseinander." „Nun," sprach Kaspar Brodmeier, ein Bauer auS Nothholz, „diesmal bist Du 242 «och mit heiler Haut davon gekommen, ein andermal laß' das Wegabkürzen bleiben in der Nacht, junger Gesell, wenn Du nicht Deine Knochen zu Markte tragen willst." „Ach jal" — sagte jetzt auch Leni, „geh' doch nicht wieder bei der Nacht über die flüstern Berge, die Sandlehnen lösen sich so leicht ab von den Felsen, vorzüglich wenn eS geregnet hat." „Da wäre Dir wohl leid um mich, wenn mir was passirte?" fragte Franzl, indem er Leni treuherzig in die blauen, treuen Augen blickte, — die sie in kindlicher Unschuld schnell zu Boden senkte. „Ei freilich," — antwortete sie dann schüchtern, „Du bist ja auch ein recht guter Mensch!" „Woher weißt Du denn das?" „Vom alten Gemmi, dem Du das Gras vom Berge holtest, —> als er krank darnieder lag," antwortete Leni. „Ja, der Gemmi ist eine ehrliche, alte Haut, warum sollte man ihm nicht einen Gefallen thun? Aber Blitz," fuhr Franzl fort, „die Numplerci hat mich hungrig und durstig gemacht. Heda, Wirthshaus! Eine Schüssel Türkcnmus oder ein Paar ordentliche Knödel, vor Allem aber einen Krug Wein, vom besten!" „So recht!" rief der Silbermüllcr; „die Hand her, Franzl, Du bist ein wackerer Bub I Die Leut, die frisch bei der Arbeit und beim Essen sind, die mag ich gut leiden." „Da habt's in beiden Stücken Euren Mann gefunden," lachte Franzl. Auf diese und ähnliche Weise wurde die Unterhaltung fortgesetzt. Ueberall herrschte Fröhlichkeit. Besonders angenehm aber unterhielt sich Franzl mit seiner Nachbarin, der rosenwangigen Leni, die er schon früher gerne gesehen hatte, und der zn lieb er öfters auf die Kirchwcih nach Sterzingen hinüber gekommen war. Auch schien es, daß Leni dem jungen Schützen nicht gerade abgeneigt sei. Der Silbermüllcr sprach unterdessen dem Wcinkruge tapfer zu und war, wie man zu sagen Pflegt, in seiner rosigsten Laune. „Hör', Alter," nahm jetzt der Peter Lutzbichl, dessen Nachbar, ein Vogclhändler aus Endach, das Wort: „Du bist ein wohlhabender Mann und hast Dein Schäflein im Trockenen, — jetzt solltest Du Dich doch einmal um 'n Mann für Deine Lenerl umschauen." „Hm, sie soll sich selbst umschauen," antwortete der Silbermüllcr, „aber ich glaub' halt immer, daS Mädel mag Keinen." „Ist das wahr?" fragte Franzl seine Nachbarin. „Ach, der Vater macht immer so Späß," sagte Leni mit pnrpurrothcn Wangen. „Na, der Franzl da," fuhr der frühere Nedner schmunzelnd fort, „der wär' so grad' ein gemachter Bub' für sie." „Ich?" sagte Franzl, dem jetzt plötzlich alles Blut zn Kopf stieg. „Nun ja!" rief helllachend der Händler, „steh' nur nit so verlegen da, als wüßt's keine Drei zn zählen." „Ich bin durchaus nit verlegen," nahm Franzl das Wort, „wenn ich dem Silber- müller und seiner Tochter zuständig bin, so soll er an mir einen Schwicger bekommen, an dem kein Mann in ganz Tirol ungestraft etwas aussetzen soll." „Potz Blitz! — das geht ja gar auf eine Hochzeit loS!" — rief der der Leni gegenübersitzende Schneidermeister Bocksbart!, und stieß dabei sein volles Weinkrügcl um, daß das edle Getränk über den Tisch in reichlichen Strömen auf Leni's Schürze und die Beinkleider der Nebensitzenden hinunterfloß. „Na, und die Kindstanf' ist auch nit mehr fern," brummte Lutzbichl, seine Leder- hose von dem unerwarteten Bade reinigend. „Hör' Franzl," nahm nach einer Pause der Silbermüller das Wort, „hast Du im Gruft ein Aug' auf mein Mädel?" 243 „Ich kann's «it läugnen," — sprach Franzl. „Deine Leni ist eine wackere, brave Dir», und hat auch einen Batzen, und ich mein', wir schickten u»S wohl zusammen, — wenn-" „Na, wenn?" fragte der Silbermüller. „Du und Deine Alte einwilliget. Mein Vater hat schon öfters gesagt: Franzh, die Silbermüllcrs Leni wär' ein Weib für Dich, häuslich und fromm und —" „Hat er das?" — erwiederte der Silbermüllcr. „Na, schaust Franzl, Dein Alter ist ein wackerer Mann, der seine Sach' immer ordentlich beisammen g'haltcn hat, und ich glaub', sein Bub' wird auch nit aus der Art schlagen. Nun, was meine Eiwilligung anbelangt, die hast Du; jetzt schau halt, wie Du mit den Weibern zurecht kommst." „Vater Silbermüllcr!" rief Franzl, „Ihr habt einen Menschen glücklich gemacht.* „WaS? Bist Du bei den Wcibsleuten Deiner Sache schon so gewiß?" rief der , Müller in komischer Verwunderung. „Nun, Sonntag über acht Tage sprich in Ster» ; zingen bei mir auf eine Schüssel Knödel ein, da wollen wir weiter von der Sache ^ sprechen." I „Eine Hochzeit! Eine Hochzeit!" riefen die Schützen, „da muß Einer ein Paar Schoppen zum Besten geben." „Meinetwegen zehn," rief Franzl, indem er in die Hände klatschte und eine« helle» Juchzer ausstieß. Da ging abermals die Thüre auf — und in die Stube trat ein kleiner Man« i» einem braunen Rocke, schwarzen Unterkleidern und Strümpfen von derselben Farbe. — Sein Haupt war fast durchgehend kahl, mit Ausnahme des stark bewachsenen Hinter- theils und eines schwarzen Haarbüschels auf der Mitte des Scheitels, welches auf der Stirne in einen Spitz zusammenlief. Sein Antlitz war bleich, verkümmert — und voll l tiefer Furchen, sein dunkles Auge war voll Feuer und sein Blick durchdringend. „Ist noch Platz für einen Fremden bei Euch?" fragte das Münnlein den Wirth, ; der ihm eben entgegen trat. , „Für keine Maus," antwortete dieser. „Nun, so geh' ich wieder," sprach der Kleine glcichmüthig. „Vorerst aber möchf ich noch ein Krüglein Wein." „Dös kannst schon haben," antwortete der Wirth und holte das Verlangte. „Hm," — brummte der Kleine, indem er mehrere Male nachdenklich den Kopf schüttelte und den Finger auf die spitze Nase legte, „es ist doch sonderbar! — Hm —* „Was hast denn, Alter?" rief da einer der Bauern, die sich auf der Ofenbank bei Bier und Schnaps wohlgeschchcn ließen. „Ei, nichts," versetzte glcichgiltig der Kleine. „Da draußen auf dem Wege hierher, gerade dem Kirchensteige gegenüber, fand ich jetzt schon drei Silberbatzen auf der Straße t liegen, je einer zehn Schritte von dem andern. Ich wette, wenn man mit einem Lichte t genauer nachsehen würde, so müßte man noch mehrere finden. Da seht nur," mit diese» Worten zeigte er den Bauern einige Silbcrstücke. „He, das ist kurios!" meinten diese; „wer muß nur die hier verloren haben?" ' Nicht lange aber, so erhob sich Einer nach dem Andern, und verließ die Stube, ' so daß der Kleine gar bald einen bequemen Platz auf der Ofenbank gefunden hatte. — ^ Während sich nun das Münnlein auf seinem Platze breit machte, und ein Krüglein j Wei» nach dem andern von dem Schenkwirthe begehrte, steckten die Andern ihre Köpfe zusammen — und wechselten mit leiser Stimme ihre Meinungen über den sonderbaren Fremden in dem braunen Rocke, der ihre einfältigen Landsleute so in den April geschickt. „Ich habe den Maikäfer schon einmal gesehen," sprach der Silbermüller, „es war zu Schwatz, wo er in der Schenke mitten unter Bergknappen saß und ganz erstaunlich ' über den Bergbau sprach, daß alle Knappen darüber Mäuler und Ohren aufsperrten." 244 „So ist er wohl ein Bergmann, der auf Entdeckungen ausgeht?" — erwiederte der Schenkwirth. „Ah na," fiel diesem der Lutzbichl in die Rede, „ein Bergmann ist der nit, er ist ein Doktor. Ich hab' ihn selbst zu Innsbruck beim Sensenschmied getroffen." „Was falll's Euch ein," sprach gehcimnißvoll der Schneidermeister Bocksbart!. „Ich weiß am besten, wer er ist. Ein Zauberer ist er, ein Hexenmeister. Es sind noch nit vierzehn Tage, als ich ihn mitten unter einem Trupp Zigeuner im Walde fand, mit denen er ganz friedlich am Feuer saß und sich mit ihnen unterhielt, — wie einer vo« Ihresgleichen." „Wenn er das ist," erwiederte Franzl, „so werden wir's wohl erfahren." Mit diesen Worten stand er auf und näherte sich mit seinem Trinkkruge dem Kleinen. „Nichts für ungut, alter Herr," redete er diesen an. „Ich bring' Dir'S!" „Lrutias!^ — erwiederte dieser — und nippte etwas Weniges an dem Kruge. „Zum Vergelt hier v»n dem Meinen!" — fuhr er sodann fort, indem er Franzl den seinen darreichte. Dieser that einen Zug daraus, gab den Krug sodann dem Kleinen zurück, — »nd setzte das Gespräch folgendermaßen fort: „Wie mir dort ein Kamerad gesagt hat, — so steigst Du lustig auf unsere» Bergen herum." „Ja," erwiederte der Kleine, „Eure Berge sind schön, habe keine schöneren in der Schweiz und in Italien gesehen." „Nicht wahr," sagte Franzl, „und sie enthalten auch wohl viel edle Metalle?" „Je nun, man findet wohl Goldadern, auch Goldglätt, und goldig KicSerz, sonst Kupfer, Blei und Quecksilber." „So bist Du wohl ein Bergmann? — mit Verlaub zu fragen." „Zuweilen." „Und gehst jetzt auf Entdeckungen aus?" „Wie mau's nimmt," antwortete der Kleine. „Ich sehe mich wohl zuweilen nach den Hirschschwämmen um, und beobachte die Bäume, wo sie zwiselig sind, — auch die Quellen, ob sich kein kicsartigcr Staub auf ihnen absetzt und wie derlei Observationcs mehr in den Bergbüchern «ngegebcn, aber — Alles nur aus Unterhaltung." „Hm, — jetzt weißt Du's," brummte der Silbermüller lachend in den Bart. (Fortsetzung folgt.) Schlangen-Rache. Ein Engländer, Namens Barclay, hatte sich mit Spekulationen an Gold- und Silberminen ein ansehnliches Vermögen erworben, und beschloß nach einem längeren Aufenthalte in Brasilien sich dort im vorigen Jahre gänzlich anzusiedeln. Er kaufte im nordwestlichen Theile des Landes eine beträchtliche Bodenflächc, die er niit unermüdlichem Fleiße aus einer Wilduiß in eine wohnliche Gegend zu verwandeln bemüht war, und welche bald seine Anstrengungen reichlich zu belohnen versprach. Nach einiger Zeit reiste er zum Vergnügen in seine Heimath, — heirathete dort eine hübsche, junge Dame und führte sie hinüber in sein neues, — freilich nur hölzernes Haus, das er mit allen nur erdenklichen Komforts ausgeschmückt und eingerichtet hatte; eine luftige Veranda führte um das Erdgeschoß und hielt die Zimmer kühl und die Fenster waren bis zum Erdboden geführt, um sie wie Thüren öffnen zu können. Trotz aller Komforts und trotz der Natur- Schönheiten fühlte sich dir junge Frau nicht glücklich; fortwährend war sie in Aufregung und Furcht vor den großen Insekten, vor den eklen Reptilien, die in Brasilien in so furchtbarer Menge von der üppigen Natur erzeugt werden. 245 Wenn sie den Kasten einer Commode öffnete, kroch ein Tausendfuß, der mehrere Zoll lang war, heraus, und iu den Schränke» waren Spinnen von der Größe einer Wallnuß nichts Ungewöhnliches. Große Eidechse» mit den prächtigsten Farben mußte« des Abends aus dem Schlafzimmer verjagt werden; waren sie auch ungefährlich, — s» schreckten sie doch stets die junge Frau, die selbst des Nachts durch das Eindringen der Mo-kitos keine Nuhe fand. Das Schrecklichste aber war für sie die Menge der Schlangen; sie hatte eine Furcht davor, die sich trotz des so häufigen Anblickes nie abschwächen wollte. Eines TageS wurde eine giftige Tubola auf dem Flure des Hauses losgeschlagen, bald darauf eine Klapperschlange auf dem Grasplätze vor der Veranda, und denselben Tag eine 11 Fuß lange, junge Anaconda-Schlange; daß die Erzählungen und grauenhafte» Geschichten der Dienerschaft über bestandene Abenteuer nicht zur Beruhigung der arme» Frau dienten, ist selbstverständlich. Sie faßte schließlich den Vorsatz, ihr Haus mit keinem Schritte zu verlassen, und führte ihn, zum Verdruß ihres wilden, furchtlosen Manne« auch wirklich aus. An einem schönen Sommermorgcn machte sich Letzterer früh auf, um auf eine« entfernten Theil seiner Besitzung die Arbeiter beim Urbarmachen deS Landes zu coutro- lircn. Natürlich that er dicS zu Pferde und führte selbstverständlich sein gutes Doppelgewehr mit sich, ohne das kein Pflanzer dortiger Gegend sich auch nur hundert Schritte v»n seinem Hause entfernt. Beide Läufe waren mit Posten geladen, die selbst bei der Begegnung eines Jaguars vollkommen genügen konnten. Die Koutrole hielt Herr» Barclay ziemlich lange auf, und es war hohe Mittagszeit, als er durch den schmale» Wald hcimritt, — der zwischen seinem Hause uud dem Felde lag. Um diese Tageszeit herrscht in den tropischen Waldungen eine Todlcnstille, die das Zirpen der Grille, da« Summen deS glänzenden Käfers, der von Blume zu Blume fliegt und weithin gehört wird, nur noch fühlbarer macht. Die großen riesigen Bäume, die üppige Vegetation zu ihren Füßen, Alles scheint zu schlafen und träumend Siesta zu halten. Nichts aber zeigt die Todcsruhc mehr, als die von den hohen Zweigen herabhängenden Liancngewinde, die «lS Guirlanden mit den schönsten Blüthen von einem Baume zum andern sich ziehen, und zu allen andern Tageszeiten v»m leisesten Winde sich hin- und herschankelu und balsamischen Duft aushauchen. Jetzt — zur Mittagszeit, hängen sie todt und steif, al« wärcn sie von Draht gemacht. Durch diese Scenerie ritt der Pflanzer, versunken im Beschauen der üppigen Natur, als er Plötzlich aus seinen Träumen geweckt wurde, denn dicht vor ihm bewegte sich, mitten in der Nuhe, ein herabhängendes Liancngewinde Er wartete einige Augenblicke, bis die Bewegung aufhörte, und da sein Pferd durchaus keine Furcht verrieth, was es in der Nahe eines Puma oder Jaguar bestimmt gethan hätte, ritt er vorsichtig näher. Lange spähte er vergeben«. Endlich sah er zu seinem Entsetzen auf einem hohen, dicken Aste eine schwarze Anakonda-Schlange, die den Schwanz um den Ast gewickelt, den Körper zusammengerollt, den Kopf wohl zwei Fuß erhoben hielt, also bereit war, auf das nahende Opfer herabzuschießen. Der Pflanzer stieg behutsam vom Pferde, fand bald eine Stelle, von wo aus sich der Kopf des Ungethüms klar gegen den blauen Himmel abzeichnete und schoß. Er hatte gut gezielt, denn nur einmal zischte die Schlange noch auf, dann erhob sie sich und siel mit mächtiger Wucht, unter dem Prasseln der Zweige zur Erde. Der Vorsicht halber schoß er noch einmal, trennte dann mit seinem Jagdmesser den zerschossenen Kopf vom Rumpf, und kam auf den unglückseligen Gedanken, die Beute mit nach Hause zu nehmen. Durch einen Lcderriemen befestigte er sie an den Sattel, und schleifte das über 28 Fuß messende Thier langsam nach. Vor der Veranda angekommen, machte er Halt, legte den todten Körper zusammengeringelt hin und begab sich zur Siesta, da er wußte, daß die glühende Hitze des Tages auch seine Frau zur Nahe getrieben. AtS es kühler geworden, weckte er sie, erzählte ihr sein Abenteuer, suchte ihr die Furcht vor Schlange» 246 «uSzureden und überredete sie endlich, mit ihm in den Garten zu gehen und seine Trophäe zu bewundern. Zögernd that sie es, er führte sie so nahe heran, daß sie keine fünf Schritte von dem Rumpfe entfernt war, da — Entsetzen! schießt ein schwarzes Ungeheuer «uf die Frau loS, beißt sie in die Wange und verschwindet pfeilschnell in hohem Grase! Das Ganze war das Werk eines Augenblicks, die Frau schrie furchtbar auf, fiel ihrem Gatten ohnmächtig in die Arme, der noch immer zu träumen wähnte, denn der Körper der gctödtctcn Schlange lag unbeweglich vor ihm. Leider war es aber schreckliche Wahrheit. Das Weibchen des gctödtcten Thieres war der Blutspur gefolgt, hatte sich unter den Körper dcS todten Männchens zusammengeringelt, war wüthend bei der Annäherung des Paares hervorgeschofsen und nach dem Bisse wieder entflohen. Die Frau Llicb lange in ihrer Betäubung befangen, endlich erwachte sie unter den heftigsten Krämpfen und hauchte folgenden Tages, trotz aller Gegenbemühungen, ihr Leben aus. Die Bettler von Paris. ^ Viele seltsame Geschichten werden von den von blinden Bettlern angesammelten Reichthümern erzählt, und Paris scheint ihr Paradies zu sein. Zwei nette Geschichten courstrcn gegenwärtig über das gute und gedeihliche Geschäft dieser Blindheit. Die erste betrifft einen vermeintlich blinden Mann, der eine neue Methode des Taschendiebstahls erfunden. Er durchwandert die Straßen mit dem traurigen, nach aufwärts gerichteten Antlitz eines Blinden, bis er zu einer lebhaften Passage kommt, wo er alle Zeichen der Furcht, die Straße zu kreuzen, merken läßt. Er fleht das Mitleid der Vorübergehenden an, ihm aus seiner Verlegenheit zu helfen. Irgend ein mitleidiger Herr erfaßt seinen Arm und führt ihn über die Straße. Der arme blinde Mann spricht ihm seinen Dank aus, und er geht mit dem Bewußtsein, ein gutes Werk gethan zu haben, seines Weges; wenn er aber kürz darauf nach seiner Nhr greift, findet er, daß er schmählich bestohlcn worden ist. — Der Held in der zweiten Geschichte ist ein wirklich blinder Bettler, den man stets in einem Thorweg am Boulevard Sebastopol, fast vis-ä-vis dem I'Iaoo ckos ^rls-ol-Illoliers sitzen sehen kann. Ein Herr passirte oft diesen Weg, und Pflegte dem Blinden stets ein Zwei-Sousftück zu schenken, aber eines Tages wirft er aus Versehen einen Doppel-LouiSd'or in den Hut des Bettlers. Bald nachher entdeckt er sein Versehen und eilt nach dem Boulevard Sebastopol zurück, um sich das Geld wieder geben zu lassen. Aber statt des blinden Bettlers findet er einen Krüppel. — „Wo ist der Blinde?" fragte er; „Sie meinen wohl Monsieur Benjamin?" erwidert der Krüppel. „So eben ist er nach Hause zum Frühstück gegangen." — „Ist es weit?" — „Nur ein Paar Schritte in der liuo ein l'olit Lurrvuu.^ Dort angekommen, fragt der Herr den Concierge: „Wohnt Monsieur Benjamin hier?" — „Ganz recht, zweiten Stock, Thüre rechter Hand," — lautet die prompte Antwort. Er steigt die Treppe hinauf und zieht die Klingel. Ein nett gekleidetes Dienstmädchen öffnet. Er wird auf Befragen, ob er Monsieur Benjamin sprechen könne, in ein elegantes Vorzimmer geführt, welches die Einsicht in ein Speisezimmer gestattet, wo eine Tafel mit feinem, weißen Gedecke, Krystall und Silber, bewundernswürdig arrangirt ist. Ehe er noch daran denken kann, ob hier nicht ein Irrthum seinerseits obwaltet, wird er in ein in türkischem Geschmack ausgestattetes Gemach geführt, wo der Blinde mit lächelnder Miene auf einem Divan sitzt. „Sie wünschen mich zu sprechen," beginnt er das Gespräch. „Ja, mein Herr!" erwidert unser Freund, fast verwirrt. — „Es thut mir sehr leid, Sie zu stören, aber ich glaube, — oder vielmehr vermuthe, — daß, als ich heute Morgen den Boulevard Sebastopol passirte, ich Ihnen durch Versehen anstatt zwei Sous, zwei Louis gab." — Mit größter Kaltblütigkeit sagte der Blinde: „Sehr leicht möglich — ich habe meine Kassa noch nicht nachgezählt; waltet ein Irrthum ob, nichts leichter, als ihn zu rectifi- ciren." Er zieht die Glocke und beauftragt das eintretende Mädchen, Monsieur Ernst 247 zu fragen, ob er unter der heutigen Einnahme ein 40 Frankenstück gefunden habe. Dar „Goldstück" findet sich vor und wird seinem Eigenthümer auf einem chinesischen Tablett vornehm überreicht. Ehe dieser aber sich damit entfernt, sagte der Blinde: „Pardo«, Monsieur, Sie vergessen etwas — Sie haben mir zwei Sous zurückzuerstatten.' Miseellen. (Folgen eines Bienenstiches.) Die Ehefrau des Försters K., eine jugendlich aussehende, etwas fein gebaute, lebensfrohe Frau, die trotz einer starken Familie sich so wohl conservirt hatte, daß sie mehrfach von Fremden nicht für die Frau, sondern für die älteste Tochter im Hause angesehen wurde, — zeigte sich jeder Zeit sehr empfindlich gegen den Bienenstich. Es wurden bei ihr durch einen einzigen Stich stets die bedenklichsten Affektioncn hervorgerufen. Namentlich war sie vor sechs Jahren in Folge eine» Stichs mitten auf den Kopf dem Ersticknngstode nahe, indem ihr ganzer Körper vom Kopf bis zur Zehe verschwelt, und wahrscheinlich auch die Luftwege sich verengt hatten. Asthmatische Erscheinungen der beängstigendsten Art hielten mehrere Stunden an. Später löste sich die Krankheit in einen, den ganzen Körper bedeckenden Ncsselausschlsg auf. — Da dieser Krankheit--Anfall ganz evident nur durch den Bienenstich hervorgerufen war, wollte der Förster, ein passionirter Züchter, (mein erster Lehrmeister) die Bienen ganz abschaffen, ließ sich aber durch die Frau selbst daran hindern. Am 28. Mai l. Js. früh Morgens hatte K., der noch immer einen Stand von 25 Völkern hält, an einige» Stöcken opcrirt, wobei der eine etwas in Aufregung gerathen war. Er mahnte deßhalb seine Familienglieder zur Vorsicht. Dessen ungeachtet erhielt die Frau, jetzt 44 Jahre alt, bis dahin völlig wohl und heiter, beim Betreten des Hofs einen Stich hinter das linke Ohr. Sofort taumelte sie, halb ohnmächtig, von der Stelle, erreichte mit Mühe das Schlafzimmer, wo eine Tochter die Biene abnahm und den Stachel entfernte, wurde demnächst von den Herzucilcnden völlig bewußtlos auf's Bett niedergelegt, und war nach einer Viertelstunde -— eine Leiche. Nach der Aussage des Arztes soll ein Gehirnschlag den Tsd herbeigeführt haben. Diese Darstellung ist völlig wahrheitsgetreu. — Hoffentlich wird sie keinem Leser der Dienen-Zeitung ein Schreckmittel sein, ihn der Bienenzucht zu entfremden. Wir Bienenzüchter sind ja glücklicher Weise nicht so reizbare Naturen, sondern zumeist aus derberem Materialc gebaut. Bcachtenswerth aber dürfte der Fall sein, um zu constatircn, wie stark unter Umständen der Stich der Biene wirken kann. — Zugleich möge er den Bienenzüchtern als Mahnung dienen, mit ihren Lieblingen nicht allzu sorglos zu sein, sondern ihre Stände möglichst zu verwahren und reizbaren Personen, namentlich kleineren Kindern, den Zutritt zu verwehren. — NüderSdorf, den 10. Juni 1869. Becker, Oberförster. (Aus der Eichstüdtcr-Biencnztg.) (Eine Predigt, die mit einem Fluch anfängt.) Der D'octor C . . ., einer der bekanntesten Prediger New-^orks, besteigt eines Sonntag Morgens, als die Hitze eine wahrhaft tropische war, die Kanzel — und ruft der andächtig versammelten Gemeinde statt aller Anrede die Worte zu: „Gott verdamm' mich, wir haben heut eine verfluchte Hitze!" — Durch die bestürzten Mienen und die Aufregung seiner Zuhörer, die ihren Ohren nicht trauten, — aufmerksam gemacht, wischt er sich den Schmeiß von der Stirn und wiederholte dennoch, jedes einzelne Wort deutlich betonend, die oben erwähnte Phrase. — Darauf heftet er einen ruhigen, frommen Blick auf die nun erst recht empörte Gemeinde, und fuhr fort: „Diese Worte, meine theuren Brüder, entfuhren dem profanen Munde eines jungen Mannes, als ich gerade über die Schwelle dieses Gotteshauses ging." Und nun weiter predigend, nahm er das zweite Gebot: Du sollst nicht fluchen! zum Vorwande seiner Predigt, während er wohl vorher über einen anderen Text zu predigen gesonnen gewesen sein mochte. Sein Vortrug war übrigens so erbaulich. 248 daß alle Anwcscndeu in tiefster Rührung und mit Seelenfrieden im Herzen die Kirche »erließen! * (Ander und Rossini.) In dem jüngst erschienenen Buche ^Rils ok Rossini" wird erzählt, wie Ander zum ersten Male mit Rossini bei einem Diner zusammentraf, das Carafa seinem berühmten Landsmannc zu Ehren gegeben hatte. Nach aufgehobener Tafel setzte sich der „Maestro" auf Ersuchen des Gastgebers an das Piano, und sang Figaro's Cavatine „D-»-AO nl lnototum äolln cito." „Ich werde — erzählt Auber — nie die Wirkung vergessen, welche sein gediegener Gesang auf mich ausübte. Rossini harte eine wunderschöne Baritonstimme — und er sang mit einer Begeisterung und einer Kraft, welcher in derselben Parthic weder Pcllcgrini noch Galli oder Lablache sich genähert haben. Seine Kunst zu accompagnircn war gleich wundervoll, nicht auf Tasten, sondern auf einem Orchester schienen die geläufigen Hände deS gewandten Pianisten zu gallopiren. Als er geendigt, sah ich mechanisch auf die Elfcnbcintasten; es schien mir, als sähe ich sie rauchen. Bei meiner Nachhausckunft bezeugte ich große Lust, alle meine Partituren in's Feuer zu werfen. „Vielleicht erwärme ich sie dadurch," sagte ich zu mir selbst, — „überhaupt, was nützt das Schassen von Musik, wenn mau nicht componiren kann — »ie Rossini!" * (Warum nimmt man beim Grüßen den Hut ab?) In einer Abhandlung über dieses Thema in Dickcn's Wochenschrift tlio Voar Rönne!" wird hervargchoben, daß die alten Brittanier und Gallier ihr Haar ungestört wachsen ließen, so daß es öfter die Hüfte erreichte. Den Römern, welche später die Länder der beiden Bölkerstämmc eroberten, war dieser lange Haarwuchs ein Gräuel, und sie unterzogen die Gallier und Britten einer schimpflichen Schur. Zum Beginne des fünften Jahrhunderts gründete Pharamond sein Königreich in der Provinz, welche seither den Namen Frankreich trägt Die Gallier wurden bis zur Knechtschaft herabgewürdigt und die Eroberer legten unbarmherzig die Schecrc an die Häuptern ihrer Opfer. Seitdem wurde es in ganz Europa zur Regel, daß langes Haar die ausschließliche Apanage der Großen und Edlen des Landes sei. Nicht nur Leibeigenen und Vasallen, sondern freien Bürgern und Bauern wurde nicht gestattet, ihr Haar lang zu tragen. Den Leibeigenen eines adeligen Gutsbesitzers schecrte man sogar während des fünften, sechsten und siebenten Jahrhunderts gänzlich den Kopf kahl, und von dieser Zeit datirt sich die Sitte des Hutabnehmens beim Grüßen. DaS Entblößen des Hauptes hieß so viel als: „Sehen Sie, mein Herr, ich bin ihr Diener, ich habe kein Haar." * Im Themse-Polizei-Gcricht wurden drei Matrosen wegen Einschmuggelnd von acht Pfund Tabak zu der üblichen Geldbuße, dem dreifachen Werthe und Zolle des consiScirten Gutes vcrurtheilt. Sie zahlten die Strafe und baten um Rückgabe deS Tabaks. Auf die Erwiderung des Richters, daß die Confiscation des Tabaks einen Theil der Strafe bilde, und derselbe Ihrer Majestät der Königin verfallen sei, — sagte einer der Matrosen: „Raucht denn die Königin? — Wenn, so möge ihr der Tabak wohl bekommen." (Aller guten Dinge sind drei.) Gast: „Ei, Herr Wirth, Sie bringen ja meinem Freunde drei Schnäpse auf einmal?" — Wirth: „Ja, der Herr Verwalter trinkt im«» b»r dem Schnaps einen Schnaps, und nach dem Schnaps wieder einen Schnaps!" Auflösung der Charade in Nr. 30: _ „Handwerk." Druck, Verlag und Redaction des Litcrarischen Instituts von vr. M. Huttlcr. Ni-o. 32. 8. August 1869. Wer früh umberspäht mit gesunden Sinnen, Auf Gott vertraut und die gelenke Kraft, Der ringt sich leicht aus jeder Fahr und Noth Den schreckt der Berg nicht, wer darauf geboren. S chiller. Der Wunder-Doctor. Erlies Kapitel. (Fortsetzung.) Franzl aber, den die Antwort nicht sehr befriedigte, dachte nun mit einem Male den Kleinen zum Bekenntniß zu bringen, und sprach: „Da Du so ein gelehrter Man» bist, Alter, so wirst Du mir wohl auch sagen können, »b es denn wahr ist, daß es Menschen gibt, die aus den Händen Anderer, deren Schicksal und was ibncu zuständig ist, entnehmen können?" „Warum sollte man das nicht?" — antwortete der Kleine. „Die Welt ist voller Wunder, es fehlt nur oft an dem Oculo, sie zu sehen." „So könntest Du vielleicht wohl gar selbst —" „Ich habe mich mit der Cabala und Chiromantik lange Zeit abgegeben, — aus Unterhaltung, versteht sich, und habe manche Complexion aus den Lineamenten errathen." „Ei, so setz' Dich doch an unsern Tisch," rief jetzt der Silbermüller; „Du scheinst mir ein geselliger Kumpan, und solche Lcut' mag ich gut leiden." „Ja, setz' Dich zu uns, alter Herr," riefen Lutzbichl und BockSbartl, während der Wirth aufstand und ihm Platz machte. „Nun, meinetwegen," sprach der Kleine, „ich liebe ebenfalls lustige Kumpanei; — aber seht, da kommen noch welche," — fuhr er lächelnd fort, als er die Bauern, die er hinausgefoppt, mit mürrischen Mienen wieder in die Stube treten sah. „Na, habt Ihr keinen Batzen mehr gefunden?" „Du bist ein loser Vogel, der uns bloß um den Platz geprellt hat," — antwortete Einer von ihnen. „Es geschah uns aber ganz recht," — sagte der Zweite, „warum waren wir so vernagelt und haben es nicht gleich gemerkt." „Alter Herr," sprach der Silbermüller, „wie Du vorhin sagtest, so kannst Du aus den Händen lesen. Da wir so lustig bei einander sitzen, so könntest Du uns wohl ein kleines Kuuststückchen zum Besten geben. Dafür will ich Dir meine Lagerstclle im Hinter- stübcheu abtreten, und heute Nacht hier in der Gcmeindcstube auf dem Stroh vorlicb nehmen." — „Topp! — Es gilt!" — rief der Kleine. „Noch einen Krug Wein," rief er dem Wirthe zu, „und nun reich Deine Pfote her." „Da ist sie," sagte der Silbermüller, und reichte ihm die nervige Rechte. Der Kleine betrachtete sie lauge Zeit mit einem ernsthaften Gesichte, fuhr mit dem Zeigefinger einige Male über die Linien der Hand hin und wieder, und sprach sodann, indem er die Stirne in gelehrte Falten zog: „Du hast nach den Andeutungen, die ich aus Deiner Hand entnehme, eine lange Lebenslüste, jedoch zeigt mir auch diese Mcnsalis, welche hier den Qnadrangnlus berührt, daß Jemand in kurzer Zeit ein Ungemach über Dich bringen wird." 250 „Dem Schurken soll ja gleich das Donnerwetter auf den Kopf!" — fuhr der Silbermüller auf. „Und kann man den schlechten Kerl nicht erkennen?" fragte er weiter. „Wenn mich diese Linie, welche in Form einer Angel durch die Nestrictam geht, nicht betrügt," erwiederte gelassen der Kleine, „so bist Du es selbst, der sich jenes Ungemach bereiten wird." „So ist's recht!" brummte Silbcrmüller in den Bart, während die ganze Gesellschaft in ein unmäßiges Gelächter auSbrach. „Nun weiter, weiter! Jetzt ist die Reihe an der Leui." Der Kleine erfaßte Leins Hand, betrachtete sie aufmerksam und prophezeite ihr daraus viel Schönes für die Zukunft, — behauptete aber ebenfalls, daß sich in ihren Lincamenten ein zu erwartendes Ungemach ankündige, — welche Prognosis er auch bei Franzl, als er dessen Hand betrachtete, zu finden vorgab, wodurch die Fröhlichkeit der Gesellschaft beinahe in Etwas gestört wurde. „Na, wißt Ihr was," sagte plötzlich der Kleine, „lasten wir die vis latalis der Zukunft sich selbst enträthseln, und unterhalten wir uns auf eine angenehmere Weise." Hierauf begann ' er mit gar seltsamer Behendigkeit mehrere wunderbare Gaukler- Künste zn machen, worüber die guten Tirolerschützen beinahe außer sich gericthcu. „Jetzt gebt Acht, jetzt kommt das Hauptstück!" rief er diesen zu. „Du hübsche Dirne, gib mir den Blumenstrauß, den Du in Deinem Busenlatz stecken hast," sprach er zur Lcni, welche ihm sogleich das Verlangte darreichte. „Seht, hier ist ein Strauß," suhr er fort, indem er denselben den Zuschauern zeigte, „es ist ein ganz gewöhnlicher Strauß von Alpenrosen, Spik und Balsaminen. Nun gebt Acht." — Hierauf brachte er eine kleine Glasviole aus der Tasche hervor, steckte den Blumenstrauß in dieselbe und verdeckte ihn mit einem Hute, den er ohne alle Umstände seinem Nachbar, dem Bocks- bartl, vom Kopfe zog. Als dieses Alles geschehen war, nahn: der Kleine eine sehr ernsthafte Miene an, räuspcrre sich, verdrehte gewaltig die Augen, neigte sich dann dreimal über den alten Filzdeckel und sprach mit hohlem Baste: „?ul/.i, putxi! lölpolitos, ckie ilir soick es! i^uno niiciuick sollguonckum ost, c>uvck omnia lrülinrius ^o/.oiAutu üdor- IrellsliU, ossloiui» ot spocluculum misorabilium, ckumeriuni oolisii!" Auf diese räthselhaften Worte nahm er den Hut von dem Blumensträuße, und wer schildert das Erstaunen der Versammlung — der ganze Strauß, mit Blume, Blatt und Stengel, hatte eine lichtgelbe Farbe. Nach einigen geheimnißvollen Manipulationen mit der Violc bedeckte er die Blumen abermals, und nachdem er eine ähnliche Zauberformel darüber gesprochen, — nahm er wieder den Hut weg, und siehe da, dieses Mal waren sie roth, wie auS dem brennendsten Scharlach gemacht, und als er dieses Experiment das dritte Mal wiederholte, hatten sie die schönste himmelblaue Farbe. Das vierte Mal jedoch war der Strauß wieder wie früher und keine Spur von feinen früheren Verwandlungen an ihm zu bemerken. „Das ist ein Teufelskerl!" brummte der Silbcrmüller. „Wenn's nur nicht am Ende der Gottseibeiuns selbst ist," — raunte ihm der vor Angst zitternde Lutzbichl in das Ohr. „Die Gesellschaft kommt mir nicht ganz geheuer vor," — miaute Bocksbart!, „ich dächte, wir suchten ihrer los zu werden/' In der That verlor sich bald ein Gast nach dem andern, und suchte seine Lagerstätte, bis endlich nur noch der Silbermüller, seine Tochter und Franzl allein bei dem Kleinen am Tische saßen. , „Sei noch einmal schön bedankt," — sprach der Silbermüller. „Obgleich Deine Geschichten da etwas nach Hexerei riechen, — so glaube ich doch, daß Alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Aber es ist spät geworden, ich dächte, wir suchten jetzt ebenfalls »nser Lager." 251 „Du hast recht, alte Brummkehle, est tompus llormioncü! Zch bin auch schon laß und ganz trümlich." Nach diesen Worten stand der Kleine auf und reichte dem Silbermüller die Hand. »Na, schlaf' in Frieden, und der liebe Herrgott und seine Heiligen behüt' Euch Alle zusammen!" Hierauf erfaßte er den Wirth und sprach: „Du, führe mich jetzt in das Rattenloch, das Ihr Schlafkammer nennt, und bringe mir sodann noch einen „Schnapps" zum Schlaftrunk hinüber." Mit diesen Worten zog er ihn mit sich zur Thüre hinaus. »Hm! Der Teufel ist er wohl nicht," sprach nach einigen Minuten der Silbermüller, welcher ihm, wie seine Tochter und der junge Schütze verwundert nachgesehen hatte, »aber wer er ist, das mag der Teufel errathen!" (Fortsetzung folgt.) Gesundheitspflege in Schulen. Von allen Gebäuden, in denen sich größere Menschenmengen regelmäßig versammeln, sind die Schulen unter dem Gesichtspunkt der Gesundheitspflege die wichtigsten und zugleich die am meisten vernachlässigten. Von den Lehrern abgesehen, haben ihre Besucher weder die Fähigkeit noch die Mittel, sich selbst zu helfen. Die verhültnißmäßig hohe durchschnittliche Bildung der Lehrer aber hat von praktischer Hygiene noch nichts in sich aufgenommen. So kommt es. daß, wenn die Wissenschaft einmal die Luft, oder das Licht, oder die Tische und Bänke einer Schule ihrer Prüfung unterwirft, die nachthei- ligen Einflüsse in stärkerer Thätigkeit begriffen vorgefunden werden, als in Krankenhäusern, Gefängnissen, Kasernen u. s. f., die meistens alle schon sowohl beim Bau wie während ihrer Benutzung einer gewissen eindringenden hygienischen Kontrole unterworfen werden. Die Verderbtheit der atmosphärischen Luft für menschliche Athmungszwecke mißt sich bekanntlich an ihrem Kohlensauregehalt. Kohlensäure ist das Exkrement des Athmungs- prozesses, wie Sauerstoff sein Unterhalter. Man nimmt an, daß die Beimengung der Kohlensäure, wenn die Luft eines Raumes athembar-gesund bleiben soll, das Verhältniß von Eins auf Tausend nicht übersteigen dürfe. Nun fand aber der englische Arzt Ros- und die Nebenschachte von über einer englischen Meile, wozu man sich die entsprechende Länge der Treibriemen denken mag. Einer dieser Treibriemen, z. B. der von Kautschuck, mißt 120 Fuß, und treibt eine in der benachbarten Nassaustreet im fünften Stockwerke eines Hauses stehende Maschinen- Prcsse; und ein anderer, aus Leder und 140 Fuß lang, setzt wieder in einer anderen Straße die in einem und demselben Gebäude, sowohl tief unten im Keller, als auch im obersten, dem Dachstockwerke befindlichen Druckmaschinen in Bewegung. Es ist aber erstaunlich, was diese Dampfmaschine, natürlich mit Hilfe der Presse, arbeitet. Sie druckt die zahlreichen Kindcrschriften einer hierin großen Firma, dient dann einem zweiten bedeutenden Verlags-Etablissemcnt, sowie einer Anzahl von Accidenz-Buchdruckercien, — druckt eine Masse von Magazinen und Büchern, versieht eine Steifrockfabrik und verschiedene große Buchbindereien mit der nöthigen Dampfkraft, und producirt endlich die manchmal sehr großen Auflagen von 50 — sage fünfzig —- verschiedenen Tag- nnd Wochcn- Blättcrn New - Tjorks (darunter z. B. die Auflage eines der gelesensten amerikanischen literarischcn Journale von 300,000 Exemplaren). Sachverständige mögen hieraus ermessen, wie viel Personen, Räumlichkeiten, Zeit und Feuerungs-Material durch diese gemeinschaftliche Theilnahme an einer Dampfmaschine erspart wird, — und dürfte dieses Beispiel, wo dieses System in so großartigem Maßstabe zur Anwendung gebracht ist, um so eher zur Nachahmung im Kleinen anregen. E r O schöne Erntezeit! Wie wogen all' die Ächren Gleich sanft bewegten Meeren, Auf Feldern weit und breit. Die Schnitter ziehen aus; Die blanken Sicheln schallen. Die gold'nen Aehrcn fallen, Und Garben werden draus. n t e l i c d. Die Garben führt man heim. Was Edles sproßt auf Erden Muß Brod des Lebens werden, Und neuer Segenskeim. Ruh', Erde, preisbedeckt! Für Wunden gibst du Garben Und hegest, die da starben, Bis Gottes Ruf sie «eckt. Die Frau ist das Herz der Welt, und dieses Herz ist dazu berufen, sich gegen alles Ungerechte und Gemeine aufzulehnen. 256 Die schwarze Johannisbeere. Dieser Beerenstrauch wird in Deutschland bei weitem nicht so häufig kultivirt, als er es verdient. In vielen Gegenden ist er gar nicht bekannt, oder ganz aus den Gärten Verschwunden, und es dürfte deßhalb nicht überflüssig sein, die Aufmerksamkeit wieder auf denselben hinzulenken. Vor Allem muß erwähnt werden, daß er eine äußerst genügsame Pflanze ist, die mit jedem Boden und mit jeder Lage vorlieb nimmt, wenig oder gar keiner Cultur bedarf, und doch alle Jahre reichlichen Ertrag liefert. Die reisen Früchte werden von vielen Personen sehr gerne roh genossen, — während sie von andern ihres eigenthümlichen, fast wanzenartigen Geruchs willen gemieden werden. Sie besitzen nicht unbedeutende mcdicinischc Kräfte, und sind deßhalb von Jenen, — die sie näher kennen, allgemein hoch geschätzt. Sie gelten für magenstärkend, sollen die Verdauung fördern und wirken, selbst in kleinen Portionen genommen, wohlthätig auf die Urin- und Stuhl- Entleerung ein. Wegen ihrer Harn- und schweißtreibenden Kräfte werden sie auch als Mittel gegen die Wassersucht empfohlen, wobei indeß hauptsächlich das Kraut als Thee angewendet wird. Als Volksmittel gegen die Gicht genießen sie eine gewisse Berühmtheit. Zu diesem Behufe werden die jungen Knospen oder Blätter grün oder getrocknet zu Thee benutzt, den man Morgens im Bette trinkt und darauf den Schweiß abwartet. Läßt man 8 Theile Honig mit 5 Maßthcilc Wasser bis auf '/< einkochen, thut alsdann 3 Theile zerdrückte Beeren hinzu und läßt beides gährcn, so hat mau einen angenehmen Gichtbccrmcth, wovon Morgens und Abends eine Tasse voll oft schon eine hartnäckige Gicht vertrieben. Die Blätter können zum Gelbfärbcn der Liqneurc, die Knospen und Beeren dazu benutzt werden, um dem Wein einen MuScateller-Gcschmack zu ertheilen. In Frankreich wird dieser Strauch in der ausgedehntesten Weise cultivirt, indem aus den Beeren ein sehr beliebter Ligucur bereitet wird, der einen ausgedehnten Handels-Gegenstand bildet. Der Hauptsitz dieser Cultur ist die Gegend von Dijon. Dieser Ligucur unter dem Namen lliciuviir ck« (.'asills bekannt, hat einen sehr angenehmen Geschmack, und gilt für sehr gesund. Mischt man unter den Saft der rothen Johannisbeere '/,» der schwarzen, und bereitet daraus in der gewöhnlichen Weise (unter Zusatz von Zucker und Wasser) durch Gährung einen Wein, so kann man denselben, — wenn er älter wird, nicht von ächtem Portwein unterscheiden. — Die jungen Blätter werden frisch zum Ansetzen des Maiweins mit andern Pflanzen, als Waldmeister, Melisse, Gundelrebe und Erdbecr- blüthe gebraucht, doch dürfen sie nur in ganz kleinen Quantitäten genommen werden, damit ihr Geruch nicht vorschmeckt. Frankfurter Schotelicdchen. (Aus der New-Dorker Zeitung.) Jetzt unsere Modcpöpperchcr Mit Zwickelcher und Häckelcher, Und ausgeschnittene Jäckelcher, Was trage doch für Nöckercher Was windisch wie die Fähnercher! Was ausgestopfte Becncrchcr! Was himmelhohe Nesterchcr! Was Schmink und Schönheitspflästcrcher. Und hinne hängt e Kisselche Das wackelt stets e Bisselchc Und rund herum Volantcrcher, Das macht's noch viel pikanterchcr, Was trage sie für Stieselcher, So eng, 's wird einem übelcher, Mit Wade wie Slreichhölzercher, So geh'n sie wie aus Stelzercher. Voll Gittcrchcr nnd Flittercher Mit ausgeschnitt'ne Miederchcr, Sie trage falsche Zöppercher Und Straßen-Kchruugs-Schleppercher. Wie trage Mvdepöpperchcr Jetzt gar so hoch die Köppcrcher, Verkrüppelt ihre Leibercher Und das nennt man jetzt Weibercher. Druck, Verlag und Redaction des Literarijckcn Jnst'luts von I)r. M. Huttlcr, N,-o. 33. 15. August 1869. Ach, der Menge gefällt, was auf den Marktplatz taugt, Und es ehret der Knecht nur den Gewalisamen; An das Göttliche glauben Die allein, die es selber sind. Hölderlin. Der Wuuder-Doctor. Zweites Kapitel. Das Com plott. St. ClothildiStag, welcher auf diesen lustigen Abend folgte, und an welchem das Bcflschießen abgehalten werden sollte, fiel an einem Sonntage. Aus allen benachbarten Dörfern hatten sich die Bewohner zu dieser beliebten Volksbelustigung eingesunken. — Die Straßen von Hell waren mit Menschen von jedem Alter angefüllt. Weiber und Kinder, Greise und Buben drängten sich in der bunten Nationaltracht der Tiroler durcheinander. Ringsum erblickte man Männer mit grünen Hosenträgern, schwarzen Beinkleidern und breiten, spitz zulaufenden Hüten von weißer oder schwarzer Farbe, — und Weiber mit hübschen Miedern, schwarzen, grün- oder roth - verbrämten Röcken, — und langen Zöpfen mit bunten Bändern durchflochtcn. Franzl, Silbcrmüllcr und Lcni wanderten, nachdem sie andächtig die „Frühmesse" gehört'hatten, durch die Gruppen der verschiedenen Landleutc; welche sich in vorzüglicher Menge um die alterthümliche Kirche und auf dem Fricdhofe versammelt hatten, und sprachen bald mit diesen, bald mit jenen Bekannten. Leni hatte ihren Sonntagsstaat, den sie eigens zu diesem Feste mitgenommen hatte, angezogen, und sah in den schwarzen, pauschcnden Tuchröcken, mit dem kleinen Fürtuch, den rothen, straff anliegenden Strümpfen und den Leder-schuhen mit bunten Bandschleisen gar stattlich aus. Die Bursche schauten auch gar viel nach dem schönen Mädchen hin, jedoch Lcni merkte wenig darauf, und unterhielt sich gar köstlich mit ihrem Franzl. So verging in ungetrübter Heiterkeit die Hälfte des Tages. Der kleine Fremde aber war nirgends zu sehen, er hatte sich nach der Aussage des Wirthes schon mit dem ersten Morgenschimmer davon gemacht. Nach dem Nachmittags-Gottesdienste verfügten sich sämmtliche Schützen zu dem Richter des Ortes, welcher der Vorstand der Gilde war, und von dessen Wohnung aus der Aufzug nach der Schießstättc gehen sollte. Während sich die rüstigen Prcisbcwcrber, worunter sich auch Silbermüller und Franzl befanden, noch an einem „Krüglein Wein" »letzten, stahlen sich zwei Schützen von der Gesellschaft fon, nachdem sie sich gegenseitig Winke gegeben hatten, sich zu entfernen. Es waren zwei entfernte Anverwandte Silbcrmüllers, der Eine Namens Wildhaucr,t der Andere Namens Dreißler. Als sie sich weit genug von dem Hause entfernt glaubten, — um nicht beobachte, werden zu können, begann Wildhaucr also zu Dreißler zu sprechen: „Ich winkte Dir mir zu folgen, und ich glaube, Du ahnst es bereits, was die Ursache sein mag, warum ich es that." / 258 „Ich zweifle nicht," — sprach dieser, „daß es dieselbe ist, welche auch mich bewog. Dich schon heute Morgens aufzusuchen." Wildhauer drückte Drcißlcr die Hand. „Wir verstehen unS. Wir waren bis jetzt Nebenbuhler — und werden es bleiben, bis das Schicksal entschieden, welcher von uns Beiden die schmucke Lcni deS alten Silbcrinüllers sammt der hübschen Aussteuer erhalten wird. Jetzt aber, da dieser Gelbschnabel aus Kleinbodcn, der gleichsam wie ein aus dem Himmel Herabgefallener Bräutigam erscheint, uns einen Strich durch unsere Rechnung zn machen droht, müssen wir unsere vereinten Kräfte aufbieten, seine Absichten zu nichte zu machen." „Wie aber wollen wir dieses anfangen?" versetzte der Andere. „Der Alte und die Dirne scheinen dem Buben gewogen und —" „Wenn auch — Du kennst den alten Silbermüllcr und seine Heftigkeit. Wenn es »«r dem Buben gelingt, besser zu schießen als der Alte, so haben wir gewonnen Spiel." „Der Alte ist ein guter Scheibenschütze —" „Er war es einst, willst Du sagen, aber seine Sehkraft hat abgenommen und seine Hand beginnt zu zittern. Auf jeden Fall müssen wir sie gegen einander hetzen. Du weißt, wenn ein Schütze einmal in's Schießen kommt, — so vergißt er Alles um sich herum, und denkt nur an das Ziel. Jetzt komm', wir wollen zur Gesellschaft zurück, und den Beiden so viel als möglich zutrinken, um sie zu unsern Absichten zu stimmen." Nach diesem kurzen, aber honetten Zwiegespräche, begaben sich die beiden Ehrenmänner wieder in das Haus des Richters, und mischten sich unter die übrigen Gäste. Lustig krcis'te indessen hier der Weinkrug von einer Hand zur andern, und Silbermüller und Frauzl hatten schon in bester Freundschaft einige Male mit einander angeklungen, und auch das Zubringen der klebrigen erwiedert, als Wildhaucr und Drcißlcr ihnen aus's Neue ihre Krüge zum Anstoßen darboten, welches sie auch, nach Schützen- weise, nicht ausschlagcu durften und mochten, und das diese in erheuchelter Freundlichkeit einige Male wiederholten. Endlich wurde das Zeichen zum Aufbruche geg-ben. Ein Schütze mit einer hohen Fahne, von welcher weiße und grüne Bänder heruntcrflattcrtcn, an denen sich die Preise, «us Gold- und Silbcistückcn bestehend, befanden, machte den Anfang des ZugeS. Diesem folgten zwei kleine, hanswurstartig gekleidete Jungen, welche bei dem Schießen die Zieler- dicnstc versahen, — von denen jeder ein Fähnlein mit einem kurzen Stiele trug, von welchen das eine von weiß und grüner, das andere von rother Farbe war. Ihnen folgten mehrere Spielleute, dann der Richter von Zcll, als Schützcnmcifler »nd Preisrichter mit den Aeltcsteu des Ortes, und nach diesen sämmtliche Schützen, — jeder den Hut mit Huifedcrn und Gemsbart geschmückt, — und die Armbrust über der Achsel. Den Schützen schlössen sich sämmtliche Weiber, Mädchen und Kinder des Dorfes und der Umgegend an, unter welchen sich auch Leni mit einer Freundin, die sie zufällig i» Zcll getroffen hatte, befand. Der Zug ging unter lautem Gejauchzt, Gelärm und Musik auf mehreren Umwegen durch das Dorf, an der Kirche vorüber, und sodann zu der Schießstültc. Diese war eine schöne, große Waldwiesc, ungefähr eine Viertelstunde außer Zell, rings von grünen, waldbcwachsencn Bergen umschlossen, hinter welchen die mit ewigem „ Schnee und Eis bedeckten Höhen der hohen Mauxr und deS Löffels hervorblickten. An dem obern Raine der Wiese war ein Zelt von rother und weißer Leinwand aufgeschlagen, welchem gegenüber an dem entgegengesetzten Ende die Scheibe aufgepflanzt war. Neben dem Zelte flatterte eine hohe Fahne von grün und weißer Farbe lustig in der Luft. Der Richter und die Aeltcsteu nahmen in dem Zelte Platz, von welchem sie den ganzen Schicßplan übersehen konnten. Neben diesen platzirtcn sich die Spicllcutc, an welche sich die Zusehcr in buntem Gemenge reihten. Als die Versammlung etwas ruhiger geworden, erhob sich der Richter, nahm seinen 259 Hut von dem Kopfe, und sprach: „Ihr werthen Schützen, Bürger und Landleute! — Ihr seid allhier abermals versammelt, um einer Volksbelustigung, die seit langer Zeit i« unseren Bergen heimisch und beliebt, wie in keiner andern Gegend ist, bei uwohnen, bei welcher Jedweder seine Fertigkeit und Geschick im Schießen nach der Scheibe darthun wird. „Demjenigen, welchem von Euch der beste Schuß gelingt, wird der Preis zu Theil, bestehend in zwei Gold- und vier großen Silbcrmünzen, und einem Waidfähnlcin »o« weiß und grüner Farbe, zur Erinnerung an den heutigen Tag. „Ich, als Aeltester von Zell und Vorstand der hiesigen Schützenlade, ermähne Euch daher, daß Ihr Euch ruhig und bcschcidcntlich verhalten wollet, damit dieses Alles, s» wie es sich geziemt, in Frieden und guter Eintracht vor sich gehe, und somit laßt unS denn in St. Hubcrtns und des Himmels Namen das Schießen beginnen." Hierauf ließ sich der Richter wieder auf seinen Stuhl nieder, und die „Schützen* mußten die Loose, welche den Rang bestimmten, nach dem auf Jeden der Schuß kam, aus einem Korbe lesen. Gespannte Aufmerksamkeit herrschte unter den Zuschcrn wie unter den Preiswerbern. Da trat der Lutzbichl, dm das Loos zum ersten Schuß bestimmte, aus den Reihen. Er nahm seine Armbrust, legte an, maß eine geraume Weile die Entfernung und drückte ab. Der Bolzen schlug in den dritten Kreis. Ein allgemeiner Jubel erfolgte. Lutzbichl trat zurück und überließ seine Stelle dem Kohlhammcr aus Zirl, dieser einem Schützen aus Schwatz und so fort. Silbcrmüllcr und Franzl hatten beinahe die letzten Nummern getroffen. Keiner ihrer Vorgänger aber vermochte inner den zweiten Kreis zu treffen, — ja ' Manche trafen sogar in den ersten, und auch außerhalb desselben, welchem immer ei» schallendes Gelächter folgte. Jetzt kam die Reihe an Franzl. Mit raschen Schritten trat er aus den Reihe» der Schützen, faßte, nachdem er seinen Anstand genommen, die Armbrust — und drückte nach kurzem Bemessen ab. Ein allgemeiner Jubel folgte dem Schliffe. Franzl hatte den vierten Kreis getroffen. Bescheiden, aber mit glühenden Wangen trat er zurück, mit flüchtigem Blick Lenr »nter den Zuschauern suchend. Noch einige Schützen, worunter auch Wildhauer und Dreißlcr, folgten ihm, aber abermals fehlte Jeder von ihnen. Endlich kam der Schaß auf Silbcrmüller. „Du wirst doch dem naseweisen Buben nicht den Preis lassen!" — raunte ihm Wildhaucr zu. „Sieh' nur, wie er lächelt," flüsterte Dreißlcr, „er glaubt schon, des Sieges ganz sicher zu sein." SilbcrmüllerS Stirne zog sich in finstere Falten, doch faßte er sich schnelle, trat vor und legte an. Man sah, daß eS seine alte Schützenehre galt. Jetzt drückte er ab. Jubel über Jubel — er hatte ebenfalls den vierten Kreis getroffen. Mit beinahe stolzer Miene trat er wieder unter die Schützen-Versammlung, und blickte lächelnd auf Lern hinüber, die ihm freudig mit dem Tuche zuwinkte. Die Nachfolgenden trafen nur mehr den zweiten und dritten Kreis. Als sämmtliche Schützen geschaffen hatten, erhob sich der Richter wieder und sprach: „Wie Ihr gesehen habet, Ihr wackeren Schützen, so sind dieses Mal die Beste» unter Euch: Franzl Pfeiffer anS Kleinboden und der Hans Silbermüllcr aus Sterzingeu. Beiden gebühret für heute die Ehre nnd der Preis als Schützenkönig. Da diese Würde aber nach altem Herkommen nur Einer dieser beiden Schützen bekleiden, und die mit dieser Würde verbundenen Preise in Empfang nehmen kann und darf, so mache ich den Ausspruch: Franzl Pfeiffer hat mit dem HanS Silbermüller „noch Einmal" um den Preis zu schießen." 260 Alles fand diesen AuSspruch gerecht und billig, — und Franz! und Silbermüller traten vor. Franz! spannte besonnen die Armbrust und legte an. — Aller Augen waren auf das Ziel gerichtet. Jetzt drückte er ab — sein Bolzen hatte mitten in das Schwarze getroffen.. Die Berge widerhallten von dem Jubelgeschrci der Menge, — Mützen und Hüte flogen in die Lust, die Musik machte einen fürchterlichen Tusch, während die Zieler Bockssprünge machten, wie toll um die Scheibe tanzten, und ein rothes Fähnlein auf dieselbe pflanzten. Nur Lein, welche ihren Vater und seinen Ehrgeiz, der beste Schütze zu sein, kannte, zitterte in banger Erwartung. „Jetzt, Silbermüller, nimm Dich zusammen,- flüsterte Wildhaucr. Mittlerweile war eine neue Scheibe neben der alten aufgerichtet und Silbermüllcr trat auf seinen Stand. Silbermüllcr, merklich aufgeregt, legte an, maß bedächtiger als das erste Mal und drückte ab. Aber unter dem Abdrücken zitterte seine Hand, der Bolzen flog weit über die Scheibe hinaus. Während diesem hatte sich Drcißler hinter Franzl geschlichen, und schlug in diesem Augenblicke eine schallende Lache auf, welcher eine zahlreiche Begleitung folgte. Silbermüllcr wendete sich, fast erstarrt vor Schreck, Wuth und Scham über sein Mißgeschick, noch mehr aber über diesen Hohn, — nach der Gegend, von welcher jenes Gelächter kam, und erblickte Franzl, der ganz unbefangen auf seine Armbrust gelehnt dastand. „Der war's!" flüsterte Wildhauer. Dem Alten schwindelte, so, daß ihn Wildhaucr am Arme fassen mußte, wollte er ihn nicht umsinken lassen. Indessen halten die Schützen Franzl umringt und brachten ihm ihre Glückwünsche. Auch der Richter sammt seiner Umgebung erhob sich und trat zu Franzl, ihm den Preis, welchen schöngeschmückte Mädchen auf Polstern trugen, einzuhändigen. Ebenso kamen die Jungen in den Narrenklcidcrn herbei, und überreichten ihm das Waidfähnlein und das Centrum, aus einem Nagel bestehend, den sie auf einem Teller trugen. Jubelnd und lärmend umdrängten die Zuschauer die Gesellschaft. Nur Lcni, welche die Bewegung ihres Vaters gesehen hatte, — war verwirrt und schluchzend zu diesem getreten, und faßte ihn besorgt am Arme. Als Franzl den Preis erhalten hatte, trat auch Silbermüllcr, den seine Tochter vergebens zu bewegen gesucht hatte, den Schauplatz seines Unheils zu verlassen, zu Franzl. Er war merklich blaß geworden und seine Augen funkelten. „Franzl," sprach er mit einer »or Grimm zitternden Stimme, ,.ich wünsche Dir Glück zu Deinem Preise, Du bist ein guter Schütze. Aber —" flüsterte er ihm mit gedämpfter Stimme in das Ohr, indem er ihn einige Schritte seitwärts zog, „die Lein bekommst Du nicht — merk' cS Dir wohl; eS müßte denn," setzte er mit hämischem Lächeln hinzu, „der Erzherzog Maximilian selbst für Dich um ihre Hand bei mir werben." Mit diesen Warten drehte er ihm den Rücken zu — und entfernte sich mit seiner Tochter, welche noch einen wehmüthig klagenden Blick auf den betroffenen Schützenkönig zurückwarf. Franzl stand wie aus den Wolken gefallen, und wußte nicht, ob er träume oder wache, so unerwartet traf ihn dieser Schlag. Wildhauer aber drängte sich durch's Gewühl zu Drcißler hin, drückte diesem die Hand und flüsterte: „Bravo! das haben wir gut gemacht. Der Alte ist glücklich in die Falle gegangen." (Fortsetzung folgt.) 261 Pa er Hyacinthe. Ueber den ?. Hyacinthe finden wir in den „Hist.-Pol. Bl." folgende Notizen: „Bor ungefähr 25 Jahren trat ein achtzehnjähriger Jüngling in'S Seminar und kurz darauf in den Orden der unbcschuhtcn Carmeliten. Hier lebte er eine lange Zeit, von der Außenwelt unbeachtet und ungekannt, die Pflichten des OrdenSlcbcnS erfüllend. Von dieser Außenwelt selbst empfing er nichts als einige Bücher und spendete ihr dafür die bescheidenen Erstlingsarbciten seines Seelsorgcr-AmteS bis eines TageS — lange Jahre nachher — das Publicum von Paris, streng und gefährlich wie kein anderes, wenn cS gilt einen Ruf zu begründen, aus der Kirche trat und sagte: „Lacordaire hat einen Nachfolger gefunden." Zum zweitenmale Male war in Pater Hyacinthe ein OrdcnSmann aufgetreten, der schon mit dem Mönchsgewande, daS ertrug, in den entschiedensten Gegensatz mit allen Tendenzen seiner Zeit tretend, sein Talent fern von ihr in der Einsamkeit ausgebildet hatte und nun plötzlich, aber auf die Dauer, sich durch sein merkwürdiges Verständniß derselben, durch seine außerordentliche Beredsamkeit und die Gewalt seines Geistes das Recht erwarb, seinen LandSlcuten und Mitbürgern die Wahrheit zu sagen — und von ihnen gehört zu werden. Der Vergleich mit dem großen Dominicaner konnte verderblich für ihn werden; allein ?. Hyacinthe bestand die Probe und mit den Jahren wuchs sein Ruf . . . Gerade deshalb, weil unter seiner Kutte ein Herz schlägt, daS für keine der gerechtfertigten Anforderungen seiner Zeit gefühllos bleibt, hat er wie kein Anderer das Recht, ihr die bittere Wahrheit zu sagen. Die Freiheit, die Civilisation, die Philanthropie sind ihm nicht leere Worte oder feindselige Begriffe, sondern heiliger Ernst. . . . Die schöne Definition, die Lacordaire vom Priester gab, indem er von ihm sagte: kort eomms lo ciinmnnt, vt tanllro comine unv mörv (stark wie der Diamant und zärtlich wie eine Mutter), suchte ?. Hyacinthe zur Wahrheit werden zu lasten. Nachsichtig gegen den Irrthum und mild gegen die Schwachheit, überwältigt ihn der Anmuth nur dann, wenn er dem Unrecht begegnet, das im Namen der Wahrheit begangen wird, weil er die Drachensaat wohl kennt, die auS diesem traurigen Samen ersteht, und weiß, daß oft Blut und Thränen nicht hinreichen, um die Spur zu vertilgen, die sie zurückläßt." — In demselben Artikel heißt es von Montalembert: „Der junge Pmr, der damals kaum 21 Jahre alt vor der französischen Pairskammer mit seiner jungen Beredlsamkeit den Boden erkämpfte, auf welchem die Untcrrichtsfreiheit sich entfalten sollte, und der seit dieser Zeit immer in den ersten Reihen stand, wo cS gilt, Ehre, Freiheit, Recht und Gewissen zu vertheidigen, hat zu früh den Kampfplatz verlassen müssen. Wenn auch seine alten Genossen und jungen Verehrer die Hoffnung für ihn noch nicht aufgegeben haben, so überwiegt doch die Furcht, er möge von dem schweren Leiden nicht mehr vollkommen genesen, das ihn noch in den besten Jahren befallen hat. Wenn seine Freunde vom SchmerzenSlagcr wiederkehren, das ihn gefesselt hält, so erzählen sie bewundernd, wie der Schmerz nichts über ihn vermöge. Er vergißt sich selbst und alles, was ihn Persönlich berührt, um die Kraft, die er dem Leiden abringt, den großen Fragen zuzuwenden, denen er sein Leben und alle Vorzüge seiner reichbegabtcn Natur mit einer Hingebung geweiht hat, von deren Aufrichtigkeit und Treue die Geduld dcS Christen ein letztes Zeugniß gibt." Etwas über Menschenfresser. Nur in wenig Ländern noch herrscht der schauerliche Gebrauch, daß ein Mensch den andcni aufzehrt, sei es, wenn er ihn als Feind besiegt und getödtct, sei eS, daß er einfach ein menschliches Wesen handwerksmäßig abschlachtet, um sich von dem Fleisch des Getödtctcn zu nähren. Mau hatte geglaubt, daß diese gräuliche Entartung dcS Mensche», seit der Ansiedelung der Holländer in Südafrika, dort ganz verschwunden sei; ein englischer Reisender, Namens Bswkcr, aber bestätigt in seinem Reisebericht, daß im 262 Basutoland in Südostafrika noch immer Menschenfresser Hausen. Bowker kam von einige« Eingcbvrnen begleitet — im Dezember 1868 in's innere Gcbirg, an den verlassene» MissionSpostcn Cana. Die Wanderer befanden sich in einer sehr wilden Landschaft plötzlich vor einer ungeheuren Höhle. Sie traten hinein und fanden auf dem Boden ganze Haufen von Menschenknochen und Gebeinen aufeinander geschichtet. Bowker erzählt: „Man kann sich denken, unter welcher Aufregung ich diese düstere Höhle untersuchte. — Der Führer geleitete mich an eine Stelle, wo einige rauhe, unregelmäßige Stufen in eine dunkle Gallerte führten; dort wurden die Schlachtopfcr aufbewahrt, bis au sie die Reihe kam. An ein Entrinnen von dort war nicht zn denken. Bei Wilden, welche etwa durch HungcrSnoth zum Aeußcrsten getrieben werden, um ihr nacktes Leben zu fristen, findet der Eannibalismus eine Erklärung. Mit dem Volke hier verhält sich aber die Sache ganz anders: Diese Menschen bewohnten ein fruchtbares Land, in welchem auch Wild in Menge vorhanden war. Aber trotzdem machten sie nicht bloß Jagd auf ihre Feinde, um dieselben aufzufressen, sondern sie verzehrten sich unter einander, sie machten Gefangene von ihrem eigenen Stamme, und wenn eben keine andere Schlachtopfcr vorhanden waren, dann kamen ihre eigenen Weiber und Kinder an die Reihe! Eine träge oder zanksüchtige Frau wurde ohne Weiteres abgethan, und gab ein leckeres Mahl; ein Kind, das zu viel schrie, wurde ohne Weiteres, still gemacht und gekocht; Kranke und Schwache ließ man nicht des natürlichen Todes sterben, sie hätten ja dann nicht den Magen Anderer füllen können. So war cS mit diesem Volk beschaffen. Man sagt zwar, daß sie den Eannibalismus schon seit vielen Jahren aufgegeben hätten, ich fand aber in der Höhle ganz untrügliche Beweise dafür, daß die Praxis noch nicht verloren gegangen ist, denn einige Knochen waren sehr frisch; sie hatten augenscheinlich einem starkknochigen Manne angehört, dessen Schädel hart wie Erz war; an den Gelenken befand sich noch Mark und eine fettige Substanz. Er konnte erst vor einigen Monaten geschlachtet worden sein. „Diese Höhle gehört zn den größten in der ganzen Gegend und diente, nach den von mir eingezogenen Erkundigungen, den Cannibalen als eine Art von Hauptquartier. Bor dreißig Jahren war übrigens das gesaimnte Land vom Molutaflusse bis zum Calc- don, dann auch ein Theil der Region an, Putesanaflusse von Menschenfressern bewohnt, welche Schrecken unter den umwohnenden Stämmen verbreiteten. Sie schickten Jagd- partien aus, welche sich in der Nähe betretener Pfade oder Gärten, Triften oder Tränkeplätze» in Hinterhalt legten und cS vorzugsweise auf den Fang von Frauen und Kindern abgesehen hatten. „Noch heute leben viele alte Eannibalen, und an demselben Tage, an welchem ich jene Höhle besuchte, machte ich mit einem derselben Bekanntschaft. Er ist nun etwa scchszig Jahre alt. Als er noch in der Höhle hauLte, sing er einst drei junge Weiber; davon nahm er eins zu seiner Gefährtin, die beiden anderen wurden gekocht. Jene Ehe ist dann eine recht glückliche gewesen, und die Frau Gemahlin hat sich bald au die neue Lebensweise gewöhnt; man zeigte mir den Winkel, welcher dieser glücklichen Familie zum Aufenthalte gedient. Ein Sprößlmg derselben, ein hübscher, strammer Junge, brachte mir Milch. Der Mann heißt Nantlutscnt, die Frau Matcgycni. Als ich die Höhle verließ, fand ich einen zerbrochenen Kinderschadcl, welcher gleichsam als Blumentopf für eine Knollcnpflanze, eine Asphodelacec, diente. „Ich habe mit einigen Freunden auch mehrere Cannibalcnhöhlcn an den Quellen deS Caledon besucht. Masche derselben sind geräumig, aber keine ist so groß, wie die eben beschriebene in der Nähe von Thaba Bosin. Jene Caledon-Höhlen werden noch jetzt bewohnt, aber nicht mehr von Cannibalen. Dort erzählte mir ei» alter Wilder, daß er in der guten, alten Zeit etwa dreißig Menschen gekocht habe; er hielt cS für sehr ungerecht und abgeschmackt, daß daS Mensebenkvchrn in Abgang gekommen sei. Es schein!, als ob für manche Leute ein großer Reiz im Eannibalismus liege Einst wurde ein 263 hübsches, junges Mädchen geraubt, aber nicht verzehrt, «eil einer der Wilden eS zn« Weibe nahm. Nach Verlauf einiger Zeit kam der Vater in Begleitung eines Missionär- in die Höhle und löste sein Kind auS; der Preis betrug ein halbes Dutzend Ochse». Ein Paar Wochen blieb die Cannibal-Gattin bei ihren Eltern, aber eines schönen TageS entlief sie wieder und blieb dann bei ihren Freunden in der Höhle. „In früherer Zeit waren in dieser ganzen Gegend Löwen in großer Menge vorhanden. Manche derselben zogen das Fleisch des Menschen allem Anderen vor - - und wurden namentlich auch den Höhlen-Cannibalen lästig und gefährlich. Diese verfertigten uun, um die thierischen Camubalen zu fangen, steinerne Fallgruben; als Köder warfen sie Kinder hinein, welche durch ihr Schreie» und Wimmern die wilden Thiere herbeilockten! Bei Thaba Bosiu lebt noch jetzt eine alte Frau, die mir selber erzählte, daß sie als Köder in cine-Löwenfallc geworfen worden sei; die Bestien waren jedoch nicht erschienen, und so hatte man sie nach Verlauf einiger Zeit wieder herausgenommen. „Alle diese Höhlenbewohner sind Unterthanen Moschesch's, die aus den Ucbcrrestcn verschiedener Stämme bestehen. Der alte Häuptling gab sich die größte Mühe, den CannibaliSmus unter seinem Volke auszurotten, und am Ende setzte er die Sache durch; fast Alle haben den barbarischen Brauch aufgegeben; sie sind Viehzüchter, Vichdicbe und treiben auch etwas Ackerbau." Miscelleu. Ein merkwürdiges Schauspiel auf dem Gebiete der Ex- und EndoS-Mose gab der berühmte englische Münzmcistcr, Mr. Graham, unlängst den Besuchern seines Laboratoriums. Mctalldrähte wurden lebendig, streckten und dehnten, krümmten und wandten sich wie Schlangen. Die Drähte, bandartig durch s Wasser gezogen, bestanden aus dem Metalle Palladium und standen mit den Polen einer elektrischen Batterie in Verbindung. So wie der Strom auf sie wirkte, wickelten sie sich schnell aus, dehnten sich auS und streckten sich wie lebendig. Jetzt wurde der elektrische Strom umgekehrt und die langgestreckten Schlangen krochen wieder zusammen, — bis sie die ursprüngliche Gestalt und Größe wieder erreicht halten. Dabei zeigte er durch geniale Apparate, daß diese Ausdehnung durch Vcrschluigung verhältnißmüßig ungeheurer Massen von WassersiosfgaS oder Hydrogcn entstanden war, und durch llmkchrung des elektrischen Stromes das verschlungene Hydrogcn wieder frei ward. Dieß ist zugleich der natur- wisscnschastlich-unumstößliche Beweis, daß diese leichteste aller Lnftarten ein Metall ist, wie eS denn auch unter dem Namen Hhdrogcnium unter diese Gattung von elementaren Körpern bereits vffieicll angenommen worden ist. Mau kann nun auch schon ohne Leichtsinn behaupten, daß alle anderen Arten unserer atmosphärischen Luft metallischen Charakters sind, und unter Umständen noch als solche gefesselt und dargestellt werden können. Die alten Alchemisten versuchten auS unedlen Metallen Gold zu machen; wer weiß, was künftige naturwissenschaftliche Zauberer noch aus der Luft schassen und schöpfen werden! Mit etwas Phantasie kann man sich vorstellen, daß mau Wafserstoffgas in Form von Viergroschcn-Stückchcn in luftdichten Taschen bei sich trage, diese nach Bedürfniß entfessele, so die Taschen in einen Luftballon verwandele, und durch die Lüste fliege, was wenigstens eine bessere Neuerung sein würde, als die jetzt zur Manie werdenden ftrampelbcinigen Fahrfoltcrn oder Vctocipedcs. Und besteht nicht unsere Nahrung wesentlich aus Luflartcn? Diese müssen erst mühsam durch Pflanzen und Thiere in verdauliche Nahrung umgewandelt und verdichtet werden. Warum sollte es einem künftigen Genie von Chemiker nicht gelingen, eine Art von Zauber-Kochapparat zu erfinden, welcher auf der einen Seite die atmosphärische Luft mit den reichen Bestandtheilen von Stickstoff, d. h. wesentlich fleischlichem Nahrungsstvff, einzieht, um sie auf der anderen Seile als Beefsteaks oder gebratenes Geflügel mit Sauce von sich zu geben ulid uns durch eine anderweitige mechanische Vorrichtung appetitlich aufzutischen? 264 Wachte Wie frisch erquickt, wie frisch erquickt Der munt'rc Wachtelschlag, Wenn's »uS dem Kornfeld bickberwickl Am heißen Sommcrtag! Das klingt aus »oller Brust so hell Wie sprudelnd »uS dem Fels ein Quell. „Sei wihlgemuth! Sei wihlgemuth!" Das ist der Wachtel Nath. Brennt noch so heiß der Sinne Gluth Nur fröhlich bei der That! Ein fröhlich Singen spät uud früh Versüßt des TagcS Last und Müh'! „Vertrau' dem Herrn! — Vertrau' dem Herrn!" DaS ist der Wachtel Ruf. Der Herr behütet jährlich gern Die Saaten, die er schuf; And ab eS donnert, blitzt und kracht, Gctrrst, der Herr im Himmel «acht! l s ch l a g. „Gott Lob und Preis! — Gott Lob «nd Preis!" Das ist der Wachtel Lehr'! Die Felder sind zur Ernte weiß, Gebt unserm Gott die Ehr'! Für jede Garbe: „Gott sei Dank!" Die unter eurer Sichel sank! „Vergeht nicht mein! Vergeht nicht mein!" Das ist der Wachtel Bitt'. Und räumt mir auch ein Ncstchcu eiu Von eurem Aehrenschnitt; Vergesset nicht deS Armen heut, Wenn euch der gute Tag erfreut! „Behüt' euch Gott! Behüt' euch Gott!" DaS ist der Wachtel Gruß. E< naht die biit're WiuterSnoth, Darum ich scheiden muß; Der Herr bewahr' euch Alle fromm. Bis über'S Jahr ich wieder komm'! Der Gebrauch der Gabeln wurde lange Zeit bei Tafel als überflüssig betrachtet, so groß auch in anderer Beziehung der gastronomische Luxus früherer Zeiten war. Uebcrhaupt herrschten im Mittclaltcr eigenthümliche Tafelgebräuche. So hatte beispielsweise bei der Krönung der Königin Anna Bolena eine Dame den beneidens- werlheu Platz zu den Füßen der Königin unter dem Tische, und dabei das Amt, der Letzteren ein Tuch vorzuhalten, wenn sie ausspeie, oder, wie es wörtlich heißt, „anderweit ihre B.qucmlichkeit haben wollte." Die stolze, „jungfräuliche Königin" Elisabeth aß mit den Fingern, obwohl damals schon Gabeln bekannt waren; denn das Vorurtheil gegen dies Instrument war damals unter den höheren Classen so groß, — wie es in unserem Jahrhundert unter deu niedern gegen das Maschinenwesen war. Ein Geistlicher predigte im Jahre 1612 gegen den Gebrauch der Gabeln, — als einer „Schmähung gegen die Vorsehung, seine Nahrung mit den Fingern anzugreifen." Noch vierzig Jahre später ersehen wir aus einer Schrift, die 1652 herauskam: „Der Gebrauch silberner Gabeln ist in der jüngsten Zeit von einigen Stutzern aufgebracht worden; er verpflanzte sich von Holland nach Italien, und von dort nach England." Noch lauge Zeit nach ihrer Einführung wurden sie als ein Zeichen der höchste» Stutzcrhasligkeit angesehen. (DaS reicht nicht.) Ein Pariser, der dir wenig löbliche Angewohnheit hatte, sich regelmäßig drei Mal die Woche zu betrinkcn, seine lichten Augenblicke aber dazu benutzte, seine Frau zu Prügeln, faßte den Entschluß, sich seiner werthen Ehehälfte ganz zu entziehen. Er verschwand von Paris und schrieb seiner Gattin von Havrc aus, daß er sich auf einem Schisse von 500 Tonnen nach Amerika einschiffe. „Fünfhundert Tonnen," sprach «achsinnend seine Gattin, „wenn die Uebcrfahrt lange dauert, wird das Quantum kaum reichen." Ein ziemlich ruinirter Börsenspekulant legte sich auf die Schriftstcllcrei. Jemand sagte von ihm: „Erst hat das Papier ihn ruinirt, jetzt ruinirt er das Papier." Druck, Lerlog und Redaction des Literarnchen Instituts von llr. M. Huttler. Aro. 34. 22. August 1869 „Es gibt keine Klöster, die nicht menschlichen Natur Ehre machen." bewunderungswürdige Seelen in sich bergen, die der Voltaire. Lssai ,ur le inoours c. 139. Der Wunder-Doetor. Drittes Kapitel. Die Begegnung im Walde. Als die Schützen wieder unter fröhlicher Musik und in derselben Ordnung, in der sie ausgezogen, !» dem Hause des Richters angekommen waren, fanden sie daselbst eine reich besetzte Abend-Tafel. Die Spielleute hatten ihre Plätze in der Stube eingenommen und musicirten frisch darauf los, während die Schützen den aufgetragenen Speisen und dem Weine tapfer zusprachen. Nach dem Mahle begannen die jüngern Schützen einen Tanz mit den Dirnen, bei welchem Franzl als Schützenkönig den Vortänzer machen mußte. Von den Andern dazu aufgefordert, näherte er sich daher der Tochter Silbermüllcrs, und bat sie, den ersten Walzer mit ihm zu tanzen. Lcni, welche an den Mienen ihres Vaters wohl abnehmen konnte, daß er es lieber sähe, wenn sie Franzl eine abschlägige Antwort geben würde, getraute sich doch nicht, dieses zu thun, da sie wußte, daß kein Mädchen dem „Schützenkönig" den ersten Tanz verweigern dürfe. Sie reichte daher, obwohl etwas zögernd, dem Bittenden ihre Hand, und Beide begannen, unter dem Beifallsklatschen der Menge und dem fürchterlichsten Wüthen der Spiellcutc, den Walzer. Bald aber drehte sich Alles in lustigen Wirbeln, nur die Aeltcren waren bei ihren Krügen sitzen geblieben, und sahen, mit Ausnahme Silbermüllers, mit Wohlgefallen der Lustbarkeit des fröhlichen jungen Volkes zu. „Um's Himmelswillen," flüsterte Leni, als sie sich unbemerkt sah, zu Franzl, „suche den Vater wieder zu besänftigen, — er ist schrecklich „aufgebracht" gegen Dich. Der Wildhaucr — " Da kamen sie wieder in das Gewirre und Lcni mußte abbrechen. Stach Beendigung des Tanzes führte Franzl seine Tänzerin wieder zu ihrem Vater zurück, aber Dreißlcr und Wildhaucr hatten daselbst die noch unbesetzten Stühle bereits eingenommen, so daß Franzl gezwungen war, — sich Platz an einem anderen Tische zu suchen. Vergebens versuchte er mehrere Male sich dem Silbcrmüller oder seiner Tochter zu nähern, immer wußten Wildhaucr und Dreißler ihn daran zu verhindern, und so geschah es, daß die Stunde zum allgemeinen Aufbruche gekommen war, ohne daß die Feindseligkeit zwischen ihm und Silbermüller beigelegt worden wäre. Franzl hoffte am nächsten Morgen Gelegenheit zu finden, mit ihm auf dem Wege nach seiner Heimath zusammen zu kommen. Flüchtig nahm er daher mit Anbruch des Tages von dem Schützcnmeistcr und den andern Bekannten Abschied, als er hörte, daß sich der Silbcrmüller mit seiner Tochter bereits entfernt habe, und verfolgte die Straße nach dem Unterinnthale, welche sie ebenfalls eingeschlagen haben mußten. Er war noch 266 keine halbe Stunde rüstig fortgeschritten auf der an den nackten, — himmelanstrebenden Felsen sich fortschlängelnden Bergstraße, als er schon dpn alten Silbermüller mit seiner Tochter im Geleite jener beiden Tiroler in der Ferne ansichtig wurde, und daher seine Schritte verdoppelte. Bald hatte er die Wanderer eingeholt, und trat mit seiner gewöhnlichen Freimüthigkeit zu dem Alten, welcher ihn kaum anblickte. „Silbermüller," redete er diesen an, „Du hast einen Groll auf mich, dessen Grund Du mir erst entdecken mußt, da ich mich nicht erinnern kann. Dich auch nur mit einem Blicke beleidiget zu haben." „Hast, scheint's, gar ein kurz Gedächtniß," erwiderte rauh der Alte. „Aber wozu noch Erklärungen? Du weißt, was Du zu erwarten hast — d'Lenerl bekommst nit." „ES müßt' denn sein," lachte Dreißlcr, „der Erzherzog von Oesterreich wirbt selbst um sie für Dich beim Silbcrmüllcr." „Silbermüller," sprach Franzl, durch den Spott auf's Acußcrstc gebracht, — und vertrat dem Alten den Weg, „schaust, ich laß Dich nit von der Stell', bis Du mir nit die Ursach' Deiner plötzlichen Feindschaft sagst." „Bube!" — brauste dieser auf, „willst Du mich noch einmal höhnen, wie Du es schon gethan hast, als mir der zweite Schuß mißlang?!" „Ich Euch gehöhnt?" fragte Franzl voll Erstaunen. „Schaut's, jetzt spielt er noch gar den Unschuldigen," bemerkte Dreißlcr halblaut, sich zu Silbermüller wendend. „Stand ich doch selbst neben Dir, als Du ein schallendes Gelächter aussticßest, — wie der-Silbermüller fehlte," — sprach jetzt Wildhauer, mit frecher Stirne vor Franzl hintretcnd. „Elender Vcrläumder!" schrie dieser außer sich und schlug den Wildhauer so gewaltig in's Gesicht, daß er zu Boden stürzte. „Was? Du willst Dich an uns vergreifen?" rief Dreißlcr, indem er mit erhobenem Alpeustocke auf Franzl zusprang. „Vater! um's Himmelswillen," schrie Leni in heftigster Angst. „Keinen Schritt vorwärts. Du elender Mensch," donnerte Franzl, indem er seine Armbrust auf Dreißlcr anlegte, vor welcher dieser voll Schrecken einige Schritte zurückprallte. „Ich weiß nun, was die Ursache ist," fuhr Franzl hierauf fort, „und werde mit Euch Beiden noch darüber rechten. Du aber, Silbcrmüllcr, sei nit zu voreilig. — Wir werden uns wiedersehen, wenn Du ruhiger geworden bist." Mit diesen Worten war er in dem nahen Fichtcnwalde verschwunden. Schimpfend hatte sich indeß Wildhauer, der durch den Schlag zwei Zähne eingebüßt hatte, von der Erde aufgerafft und schwur, sich blutig für diese Beleidigung an Franzl zu rächen. Auch Dreißlcr stimmte in dieses Lied ein, und spie alle seine Galle auf den jungen Schützen aus. Nur Silbermüller, welcher mit seiner Tochter ganz verwundert der unerwarteten Begebenheit zugesehen halte, war nachdenkender geworden, und ging schweigend an Leni's Seite die Bergstraße hinan, welche sich um das kahle Fels- gebirg nach dem Dörfchen Straß himvand. Franzl aber war, fast außer sich vor Wuth und Verzweiflung, durch das Dickicht des Waldes fortgerannt, — ohne selbst zu wissen, wohin er eigentlich wollte. Immer wüster und fürchterlicher wurde die Wildniß um ihn her. Ungeheure Kalkfclscn, die von oben bis unten zum Theil geborsten, zum Theile in Steinströme zerbröckelt waren, — ragten an beiden Seiten zwischen wild verworrenem Gestrüppe und verkrüppelten Nothtannen empor. Viele dieser Bäume lagen zerschmettert, astlss und dürre durcheinander hingestreckt, als das Denkmal einer Lawine, welche einst diesen Strich verwüstete. Es war eine Gegend, über welche die Natur alle ihre Schrecken verbreitet zu haben schien. Tiefe, melancholische Stille herrschte rings umher, — nnr zuweilen schlug das dumpfe 267 Gemurmel der Ziller an sein Ohr, welche tief in den Schluchten unter beständigem Falle fortströmt und sich einen Ausweg nach dem Jnn durch diese Felsenlabyrinthe bricht. Um so mehr mußte es ihn in Verwunderung setzen, als er in dieser schauervollen Wildniß Plötzlich eine kreischende männliche Stimme vernahm. Rascher vorwärts schreitend aber stellte sich ihm gleich darauf eine Scene dar, welche er am allerwenigsten an diesem Orte zu sehen erwartet hatte. Er war nämlich kaum einige Schritte durch das Dickicht vorgedrungen, — als sich dieses endigte und er vor sich einen öden Felsenkcfsel erblickte, aus welchem die Töne gekommen waren. Der Inhaber dieser Stimme aber war Niemand Anderer, als jenes kleine, braune Männchen, dessen Bekanntschaft er schon in der Schenke zu Zell gemacht hatte, und das mitten im Thäte, in der Rechten eine Rolle Papier haltend, mit welcher es, wie ein Geisterbeschwörcr, die Lüfte durchfocht, gar heftig hcrumsprang und für Franz! ganz unverständliches Zeug vor sich hin schrie. Franzl konnte sich nicht anders denken, als daß der Alte verrückt geworden sei, als ihn dieser mit Einemmale erblickte, sogleich seine seltsame Lustbarkeit einstellte, und einen Folianten und mehrere Schriften, die zerstreut im Moose umherlagen, auflas. „Was treibst Du hier für tolles Zeug, Alter?" fragte Franzl mit unmuthigem Gesichte. „Tolles Zeug?" antwortete der Kleine. „I nu, wie man's nimmt. Was der Eine für klug hält, kommt dem Andern wie toll vor. Ich freue mich eben über meine gelungene Entdeckung, von der Du freilich nichts verstehst — und wenn ich mich recht freuen will, so geh' ich in den dicken Wald, da freuen sich die Vöglein auch und die Quellen, und das Laub am Baum, da singt und murmelt und säuselt Alles mit. Die Menschen können das viel weniger, das macht, weil ihnen die alte Schlange „Inviäia^ im Herzen sitzt, die immer hervorguckt, so oft ein Anderer glücklicher geworden ist, als sie." „Du hast nicht ganz Unrecht, Alter," erwiderte Franzl nachdenkend, „und darum möchte ich Dich um Rath befragen," setzte er nach einer kleinen Pause hinzu; „Du bist , zwar ein sonderbarer Kauz, wie mir noch kein Zweiter je vorgekommen, aber Du scheinst mir trotz Deiner Narrheit doch vernünftiger, als die Anderen alle. Schaust, — d'rum möcht' ich Dich fragen, was ich in meiner schlimmen Lage, die Deiner Voraussagung > nach jetzt wirklich eingetroffen ist, unternehmen soll." „Hm, Du machst gar sonderbare Complimente," erwiderte der Kleine, „aber rücke heraus, doch schnell, ich muß heute noch vor Mittag in Straß sein." „Auch mein Weg führt dahin," sagte Franzl. „Nun, so laß uns aufbrechen," erwiderte Jener, indem er seine Taschen mit den Büchern und Schriften vollstopfte, den Folianten unter den Arm nahm, und mit einem schwarzen abgenützten Sammtbarctt das kahle Haupt bedeckte. „So, jetzt osserire mir , Deine Fatalitäten, wir wollen sehen, wie ihnen abzuhelfen." Hierauf machten sich Beide auf den Weg, und Franzl erzählte dem Kleinen ohne Umschweife das Vorgefallene. Der Kleine schüttelte Anfangs den Kopf, wurde aber immer heiterer, so daß er am Ende der Erzählung in ein lautes, schallendes Gelächter ausbrach, worüber Franzl fast zornig wurde. „Er verweigert Dir also hartnäckig die Dirn?" fragte hierauf der Kleine. „Er will nichts mehr von mir wissen," cntgegnetc Franzl. „Uono, Iiena," rief Jener, „und der Maximilianus" — hier brach er wieder in ein unmäßiges Lachen aus — „soll für Dich werben?" s ,,Ja," sagte Franzl, „mit diesen Worten hat er mich gehöhnt.* 1 „Lnno, optime," rief der Kleine abermals. ! »Hcrr," donnerte der junge Schütze, „jetzt hab' ich's aber g'rad genug —" „Irumrns, Bürschchcn, taoeas!" sprach hierauf der Kleine, indem er die buschigen ' Augenbrauen zusammenzog, so daß sie einen Triangel bildeten, „nur mir gefolgt. — 268 Nicht so hitzig, der Hohn soll Ernst werden. Ich stelle Dir den Brautwerber. Noch eins, wo ist dermalen der Alte mit seiner Tochter?" „Sie müssen heute gegen Mittag das Dörfchen Straß erreichen," antwortete Franzl. „Gut," — kicherte der Kleine wieder, »heute noch soll der Maximilianus für Dich werben. Mein Wart darauf." „Wie?" — fragte Franzl erstarrt, „der Erzherzog?" „Nun ja, der Erzherzog von Oesterreich soll für Dich werben. Jetzt folge mir nur, und kümmere Dich um nichts weiter. Dachte ich's doch gleich, daß eS solch' eine Kleinigkeit sei. Wenn aber Euch Menschenkindern das Geringste über die Quere-- Sieh' da," rief er Plötzlich, indem er vor einer Alpenschnecwurz am Wege stehen blieb, »eine wunderschöne pinc;uioulu ulpinu, ein prachtvolles Exemplar, das kann ich hier «icht stehen lasten." »Aber Herr," fragte jetzt Franzl, „wie willst Du es anfangen?" „Abschneiden," antwortete der Kleine. „Ach, ich rede nicht von der Pflanze hier, sondern von dem Erzherzog —" versetzte Franzl ärgerlich. „Ja so," — fuhr der Kleine fort, während er mittelst eines Messers die Pflanze von dem Stengel trennte, und sie in seinen Folianten legte. „Nichts leichter, als das. Der Erzherzog ist eben auf der „Gemsjagd" in dieser Gegend, und bleibt heute über Mittag in Straß. Horch, hörst Du die Jagdhörner?" In der That vernahm Franzl die Klänge von fernen Hörnern, lustig durch da» Gewälde schallen. „Aber — sag' mir nur, Alter, Du bist doch nicht ein Herr aus des Erzherzog'» Gefolge?" fragte Franzl. „Stellenweise zur Unterhaltung, ja, — doch laß uns jetzt lieber die Füße als die Zunge in Bewegung setzen," ermähnte der Kleine, „damit wir noch zu rechter Zeit unser Ziel erreichen." „Nun, in des Himmels Namen," rief Franzl, indem er die Armbrust wieder über die Schulter warf, und seinem spindeldürren Gelcitsmanne folgte, der mit einer wunderbaren, seinem Alter kaum zuzumessenden spinncnartigen Behendigkeit den Pfad, welcher sich Hinwand, vorauseilte. Während dieses in dem öden Felsenthale vorgefallen, hatte der alte Silbermüller mit seiner Tochter bereits die Herberge in Straß erreicht, wo derselbe aber viele Waid- mannsleute und Ncitcrbuben mit ihren Rossen angetroffen. Er zog gar höflich den Hut vor ihnen und befragte sie, was sie hier vorhätten? „Wir erwarten den Erzherzog von einer Gemsenjagd," sprachen Einige. „Den Erzherzog?" fragte Silbermüller. „Ja," antwortete der Befragte, „er wird hier seinen Mittags-Jmbiß nehmen." „Da kömmt er schon! Da kömmt er schon!" riefen die Anderen, während laute» Hörnergetön vernehmbar wurde und auf der Bergstraße Staubwolken aufwirbelten. Freudig überrascht, den geliebten Landesherr», den er vor vier Jahren das erste Mal bei einem Rennen zu Innsbruck gesehen hatte, jetzt wieder zu erblicken, drängte sich Silbermüller, den Hut unter'm Arm, — mit seiner'Tochter an das Thor der Herberge welches Jener passiren mußte. Die Jagdhörner waren indeß immer näher gekommen, deutlich erschallten die munteren Weisen. Jetzt kam der herzogliche Jäger hcrangebraust, neben ihm Graf Falkcnstcin, Freiherr Hendl von Goldrain und noch gar viele andere vornehme Ritter und Herren, Alle in grünen Jagdwämscrn mit wehenden Federbüschen auf den Hüten. Mit freudigem Jubel umdrängte das Landvolk seinen geliebten Landesfürsten, der eS mit freundlicher Herablassung begrüßte. 269 Vor der Herberge angelangt, sprang Max mit der Leichtigkeit eines gewandten Reiters von dem schäumenden Rosse, und wandte sich zu dem Grafen Falkenstein und dem Freiherr» Heindl von Goldrain, welche ebenfalls abgesessen waren, und sich ihm mit entblößtem Haupte näherten. Nachdem er einige Worte mit ihnen gewechselt, grüßte er noch einmal Alle freundlich, mit seinem Adlerblicke die Anwesenden überfliegend, und trat in die Herberge, aus welcher ihm der Eigenthümer derselben unter fortwährenden Bücklingen entgegen kam. Die beiden erwähnten Herren und noch vier andere, welche sich in dem Gefolge befanden, folgten dem Erzherzoge. Silbcrmüller hatte kein Auge von Max verwendet, und stand noch immer, wie Leni, in freudiger Aufregung an der alten Stelle, als sich ihm Dreißler näherte und hämisch lachend zuflüsterte: „Na, — wenn das der Franz! wüßte, so könnte er gleich den herzoglichen Herrn um seine Fürsprache bei Euch bitten." „Keinen Scherz mit der Person unseres Max!" cntgegnete der Silbermüllcr entrüstet, faßte sodann die Hand seiner Tochter und folgte der Menge, welche sich in die allgemeine Schenkstubc drängte. „Hm!" brummte Dreißler, dem Alten einen bösen Blick nachwerfend, „das Eisen ist noch nicht heiß genug geschmiedet, aber Geduld, — an den Schmied-Gesellen soll es nicht fehlen!" (Forts, f.) (Eine äsopische Fabel.) Es kamen einmal der Thiere mancherlei in einem großen Walde zusammen, ohne sich aufzufressen, obschon sie sonst.Todfeinde waren. Da waren zu sehen der Fuchs und der Schakal, der Affe, das Kamcel und der Wolf — sondcrhcitlich aber viele Esel. — Und es redete der Fuchs und sprach: Meine Herren! Sehr würdige Gcsinnungs - Genossen und Freunde! Wir Alle huldigen der zeitgemäßen Bildung, wir Alle wandeln im Lichte der höchsten Aufklärung, und unsere erste Aufgabe ist und bleibt, die ultramontancn Geistcssinstcrnisse, so aus vergangenen Zeiten noch in unser Jahrhundert hereinragen, mit allen Mitteln zu verscheuchen, und den Tag herbeizuführen, an dem die Sonne vollgcrcifter Intelligenz die Ricscngräber überwundenen Aberglaubens triumphirend beleuchtet! — (Die ganze Versammlung fühlt sich gehoben; zwei alte Esel umarmen sich.) — Sie haben gehört, meine Herren, von der Krakauer Geschichte! Gelegener, ich versichere, konnte nichts in diesen Tagen uns kommen, — in diesen Tagen, wo bereits durch verunglückte Arbeiten Vieler das große Werk Gefahr zu laufen im Begriffe war. Aus dieser Klostcraffaire muß darum möglichst Kapital geschlagen werden. — Das Kamecl: Ja, ja, da muß Etwas geschehen um jeden Preis! Ich weiß zwar nicht, was — aber Etwas muß geschehen, so viel sage ich! — Der Affe: Das macht man einfach so, man muß diesen Fall sofort nach unserer Art pikant zurichten, das Fenster der bewußten Zelle gänzlich „vermauern", eine Masse Todten- schädel, Gerippe, Folterwerkzeuge ringsum anhäufen, die Grüuelthatcu der letzten sechs Jahrhunderte sammt allen mitternächtlichen Leihbibliothek-, Schand- und Schauer- Geschichten nach Spieß, Krämer und Dellarosa dem Ultramontanismus beherzt in die Schuhe schieben; mit einem Worte: das Ganze zu einem derartigen Bissen präpariren, daß für zeitgemäße Kost auf wenigstens zwei Monate gesorgt ist. — Der Schakal: Der Affe hat Recht, so muß die Sache angefaßt werden. Was mich betrifft, so werde ich als Corrcspondcnt der „verwunschenen Stalllatcrne" das Erreichbare leisten. — Ein Esel: Aber, wenn wir zu Viel sagen, kommen unliebe Berichtigungen. — Der Schakal zum Wolf in's Ohr: Diese Esel wissen noch nicht, daß wir Berichtigungen uns grundsätzlich verschließen. — Der Wolf: Zählen Sie, meine Herren, auf meine volle Mitwirkung. Als Redakteur der „Schaftrünke" werde ich nichts versäumen. — Der Fuchs: Meine Herren, ich danke Ihnen im Voraus für die rege Theilnahme, die Sie der angeregten Arbeit zu widmen gedenken. Auf diese Weise können wir noch Viel wirken für unsern Zweck. Ich halte die Sitzung für geschlossen! — (Nachdem sie noch 270 ihr BundeSlied geheult, verloren sich die Thiere, jedes in sein Gebüsch.) Diese Fabel aber zeigt, wie man „öffentliche Meinung" macht! -r. Merkwürdiges Zahlen-Verhältniß. * London, den 10. August. Zwischen der Geburt Ludwig's des Heiligen von Frankreich und jener Ludwig's XVI. verflossen bekanntlich 539 Jahre, denn Ludwig der Heilige wurde geboren.1215 fügt man die Distanz von so hat man das Geburtsjahr Ludwig XVI. Geburt der Prinzessin Jsabella, der heiligen Schwester des heil. Ludwig fügt man die Distanz hinzu so hat man das Geburtsjahr der gottseligen Prinzessin und Martyrin Elisabeth, Schwester Ludwig's XVI Tod Ludwig's VIII., Vater des heil. Ludwig . dazu die bekannte Distanz .... Tod des Dauphin Ludwig, Vater Ludwig's XVI. Vermählung Ludwig's des Heiligen dazu die Distanz. Vermählung Ludwig's XVI. Thronbesteigung Ludwig's des Heiligen dazu die Distanz ...... Thronbesteigung Ludwig's XVI. Ludwig der Heilige schließt siegreich Frieden mit Heinrich II! hiczu die bekannte Distanz .... Ludwig XVI. schließt siegreich Frieden mit Georg III. Ludwig der Heilige wird gefangen . hiezu die Distanz. Ludwig XVI. wird am 6. Oktober 1789 gefangen Ludwig der Heilige ist in der Gefangenschaft von den Seinen verlassen. hiczu die Distanz . . ... Ludwig XVI. Familie flüchtet sich in's Ausland Stiftung der Pastoral-Innung, deren Vorsteher Jako später apostasirte . hiezu die Distanz Anfang der Jakobiner durch einen Priester-Apostaten . 539 Jahren hinzu. 1754 1223 539 1764 1226 539 1765 1226 539 '1770 1235 539 1774 1243 539 71782 1250 539 -1789 1250 539 1789 1250 539 1789 Ludwig der Heilige will die Welt verlassen, um sich zu den Jakobiten in die Einsamkeit zurückzuziehen . . 1254 hiezu die Distanz.539 Ludwig XVI. ist den Jakobinern preisgegeben . . . 1793 Ludwig der Heilige besucht in Folge eines Gelübdes auf seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft die Kirche der heiligen Magdalcna in der Provence . . . 1254 hiezu die Distanz . ..539 Ludwig XVI. stirbt auf dem Schaffst; sein Leichnam wird auf dem Kirchhof St Magdatena beerdigt, und von den Bewohnern der Provence dahin begleitet . . 1793 27 l ^ (Eine Rechnung über Menschenfleisch.) Ein Correspondent des „Boston Travellcr" schreibt von Port Hudson, Louisiana, unter Anderem: „Man sagt uns, daß alle alten Pflanzer von Louisiana eine genaue Rechnung über alle frei gewordenen Sklaven aufgemacht haben, damit sie solche sofort überreichen können, wenn die Regierung kommt, die Sklaven zu bezahlen, was, wie sie glauben, eines schönen Tages geschehen wird. Wir haben eine solche Rechnung in richtiger Form, d. h. nach des Pflanzers Idee, aufgemacht — gesehen, nnd da wahrscheinlich wenige unserer Leser ein solches Documcnt vor sich gehabt haben, so geben wir es hier in treuer Uebersetzung: Die federalen Autoritäten schulden an Nathan Foeling: Für die nachbenannten Sklaven, welche dem Unterzeichneten ungesetzlicher Weise genommen nnd in Freiheit gesetzt sind, gegen das Recht ihres Eigenthümers und entgegen dem bestehenden Urtheil aller christlichen Männer und Frauen: Joseph, 55 Jahre alt, einäugig und ein wenig lahm; 1860 wurden 500 Dollar für ihn geboten, berechne den Behörden jedoch nur . 230 Doll. Caleb, ungefähr 32 Jahre alt, etwas schwindsüchtig, aber nicht bedeutend 600 „ Sam, ein Junge von 23 Jahren, sehr lebhaft, wurde von einem Pferde in den Rücken gestoßen, was ihn aber zur Feldarbeit nicht unfähig macht. 900 „ Sarah, Dienerin im Hause, nett und aufgeweckt .... 500 „ Jmi, ein großer Junge, Gewicht 190 Pfund, 29 Jahre alt, arbeitet ohne Aufseher .. 2200 „ Dinah, ein lOjährigcs Mädchen, sehr aufgeweckt und zutraulich . 400 „ Old Salomon, 74 Jahre alt, gut zum Kornausziehen und zum Baumwolle-Aushülsen zu gebrauchen. 300 „ Betsey, Frau Caleb's, 30 Jahre alt, hat gesunde Zähne und flinke Hände, ist gesund. 800 „ Betsey und John, ihre Kinder, 3 und 5 Jahre alt,'alle fett und rund (100 Doll. pr. Stück). 200 „ Verna, ein kräftiges Hausmädchen, sehr niedlich und bescheiden, fast weiß, von guter Gemüthsart, eine lirst-olass-Hand als Haus- Mädchen in eines Gentlemans - Familie. 1800 „ Obiges ist eine richtige Rechnung, die Preise niedriger als der wirkliche Werth meiner Sklaven, die mir von den federalen Behörden genommen sind, und für welche ich Zahlung verlange. Nathan Foeling." Miseellen. Unter der Ueberschrift: „Alljährlich sich wiederholende Aussprüchc eines Altenburger Bauers, auch anderswo zu hören," bringt die Oder-Zeitung Folgendes: „Die Witterig itz und is se gor nicht gut — gor nischt nütze, 'S regnet zur unrechten Zeit, 's is 'ne truckne Nässe und och so sehre dörre; 's werd e traurig Johr; 's wächst so viel Hunger- Kraut. — 's Korn wächst zu sehre uf cmol, un was übertrieben is, togt nicht; 's lernt nicht schütten; schiene stieht's, das is wohr, aber 's gibt nischt, mit en Worte. Qäcken sin och sehre viel drinne. — Un de Kärschen, die sin alle derfroren, un was do hie un da noch druf hängt, das Gutt derbarm, das frästen dc Sperlige un de Stobre. Wcnn's nicht regnt, wer'n se wohl süße, aber kleene bleib'» se, un 's fällt och so viel ab; der Boom hat kenne Nahrung. Wcnn's regnt, wer'n se wühl grüß, aber nich süße, se krieg'n kenn Geschmock. — De Sperlige un de Stohre sitzen den ganzen Tog d'ruf — schießen dorf mer nich d'ruf, un 's Geklapper wer'n die Luder gewohnt. — Klee gut steht er, wie c Wold, grüß un o viel, olles, olles — ober füttern thut er nich; 's Vieh werd krank darnach, un 'S gibt keene Milch; se fräffen sich den Wannst vull, aber weiter is nicht. — Kartoffel, da schießt ju olles in's Kraut — 's wird wenig oder gor nischt wer'n mit de Kartoffeln dos Äohr. — Gorken, für die is de Witterig gut, de Gorken verlangen Feichtigkeit un Wärme — aber 's Ungeziefer un de Schnäcken un do is och so c schwarzer Käfer un de Wärme — nee, mit de Gorken is olle Jahre waS! Kurz, is c traurig's Johr, hinten und vurne!" (Eine Nase als Erbin.) Ein reicher Particulier hat jüngst in London das Zeitliche gesegnet und sein großes, mehrere Millionen betragendes Vermögen, der Miß B. . . vermacht. Die Gcrichtspersonen stellten sich der Dame vor, um die Empfangs- - Bescheinigung des Legats zu erwirken; doch zu ihrem großen Erstaunen erklärte sie, den Erblasser nicht zu kennen. Doch, fügt sie nach einiger Ueberlcgung hinzu, führen Sie mich zu ihm hin. Bei der Leiche angekommen, wird deren Antlitz aufgedeckt und Miß B... stößt einen Schrei der höchsten Ueberraschung aus. Ich kenne ihn, sagt sie, das ist der Herr, der mich drei Jahre hindurch mit seinen Gunstbezeigungen verfolgt und selbst Verse auf meine Nase gemacht hat. Im Hyde-Park und Covcnt-Garden war er immer vor mir in Betrachtungen versunken. Bei der Eröffnung der Papiere des Verstorbenen fand man wirklich mehrere Episteln zu Ehren der hübschen Nase, und mehr als fünfzig Entwürfe derselben als Profil oder sn laos. Das Testament übrigens schloß mit folgenden Worten: „Ich bitte Miß B . . ., die Uebermachnng meine« ganzen Vermögens anzunehmen, zu gering noch gegen die unaussprechlichen Gefühle, die mir während dreier Jahre die Betrachtung ihrer Person, namentlich ihrer wundervollen Nase »erschafft hat!" Miß B. . . hat angenommen. Ein Opfer der Wissenschaft. (Französische Gcrichtsscene.) Der Präsident: Was ist Ihre Beschäftigung? — Der Angeklagte (nach einem Schluchzen): Opfer der Wissenschaft! — Was? — Opfer der Wissenschaft, ich wiederhole das; seit mehreren Jahren war ich hinterher, die relative Stärke der verschiedenen Alkohol-Flüssigkeiten cnd- giltig festzustellen. Die Entdeckung ist mir schließlich gelungen: der stärkste ist der Absynth. Ich habe vyn zwei bis zwölf Litres Wein getrunken, keine Wirkung; dann habe ich es mit einem Schoppen Branntwein versucht, wieder keine Wirkung; später griff ich zu acht Kannen Bier, abermals wirkungslos; endlich setzte ich noch ein kleines Glas Absynth auf, — und jetzt hatte ich den Finger auf dem rechten Loche: Das Problem war gelöst! W Warum ist wohl die Lerche so froh Und tirilirt und jubelt so? Warum? Sie saugt des Himmels Acthcr ein Und trinkt den funkelnden Sonnenwein, D'rum kann, d'rum kann ihr Herz auch fröhlich sein. a r u m? Die Blume, warum mit lachendem Duft Wiegt sie ihr Köpfchen in der Luft? Warum? Ihr Kelch wird ja von Thau nie leer, Ihr Köpfchen ist »on Wein so schwer, D'rum wiegt sie's, wiegt sie's lachend hin und her. Und ich mit trauerndem Gemüth Warum sing' ich solch' frohlockend Lied? Warum? Mir gaben's Lerchen und Blumen ein, . Daß man des Harmes kann beim Wein Vergessen und jubelnd singen und fröhlich sein. Druck, Verlag und Redaction des Literarifchcn Instituts von llr. M. Huttter. Nro. 35 29. August 1869. Das Mutterherz ist der schönste und unverlierbarste Platz des Sohnes, selbst wenn er schon graue Haare trägt — und Jeder hat im Weltall nur ein einziges Herz. A. Stifter. Der Wunder-Doetor. (Schluß) Viertes Kapitel. Der kaiserliche Brautwerber. „Bleib' nur hier stehen," — sprach der Kleine zu Franz!, als sie die Herberge zu Straß erreicht hatten und durch den offenen Thorweg, welcher in der Umzäunung angebracht war, in den Hausflur traten. „Der Erzherzog ist schon hier angelangt, — nur muß ich erst sehen, ob er auch geneigt ist, Dich zu sprechen." Mit diesen Worten trat er zu einer Thüre, vor welcher zwei Waidgescllen standen welche ehrfurchtsvoll ihre Hüte vor dem Kleinen abzogen und ihm die Thür öffneten. Franzl konnte nicht begreifen, wer nur der räthselhafte Alte sein könne. In der Schenke zu Zcll hatten ihn Einige als Bergknappen, Andere als Zigeuner, wieder Andere als Marktschreier erkannt; er selbst hatte ihn so kurioses Zeug schwätzen hören, daß er mehrmals versucht gewesen war, zu glauben, bei dem Kleinen müsse es im Oberstübchen nicht ganz richtig sein. — Er konnte seine Nengicrde nicht länger zügeln und mußte ihr Befriedigung verschaffen. Er trat zu einem der Jäger, indem er den Hut rückte, und sprach: „Guter Freund, kannst Du mir nicht sagen, wer der Mann im braunen Rocke ist, der eben hier hineinging?" „Wie?" fragte der Waidmann, „Du kennst ihn nicht?" „I nu," antwortete Franzl, „ich kenne ihn wohl, aber nicht so genau, daß ich wissen könnte —" „Wessen Standes er ist, darüber kann ich Dir schon Auskunft geben. Er ist —" „Reinhold! Siegfried!" recf in diesem Augenblicke ein Ritter, aus dem Gemache des Erzherzogs tretend. „Sogleich!" entgegncten die beiden Jäger und folgten Jenem in das Gemach, die Thüre hinter sich schließend. Nun wußte Franzl wieder eben so viel, als er zuvor gewußt hatte. — »Nu, sei er wer er sei," — brummte er endlich vor sich hin, „wenn er mir nur meine Lenerl verschafft." Sticht lange, so öffnete einer der Jäger abermals die Thüre — und winkte Franzl hinein zu treten. Franzl folgte ungesäumt dieser Einladung, — obgleich ihm das Blut zum Herzen drang, da er, der noch nie mit einer höheren Person, als dem Pfarrhcrrn seines Ortes oder einem Vogte aus der Nachbarschaft, gesprochen hatte, jetzt vor den Landesherr», den gewaltigen Max, treten sollte. Doch faßte er sich bestmöglichst, riß den Hut vom Kopfe, und trat, den Daumen der linken Hand nach Landessitte in den Hosenträger gehäkelt, in die Stube. Diese war ein ziemlich geräumiges Viereck, ganz nach Art jener Landleute eingerichtet, und hatte zwei Fenster und einen Bettwinkel oder Alkoven, — welcher mittelst eines Vorhanges bedeckt war. In der Mitte der Stube war ein Tisch gedeckt, an welchem Erzherzog Max mit dem Grafen Falkenstein, Künigl von der Wart, dem Freihcrrn Handl und noch einigen Herren von seiner Begleitung saß. Hinter dem Erzherzog standen mehrere Knappen und Jägersleute, die ihn bedienten. Der Kleine war so eben von seinem Stuhle, der sich zunächst an jenem des Erzherzogs befand, aufgestanden, als Franz! eintrat. „Lccs suZitarium!^ sprach zu Max gewendet der Kleine. Aller Augen wandten sich nach Franzl, der einige linkische Verbeugungen machte, und dann, verlegen den Hut in den Händen drehend, stehen blieb. „Ei sieh'!" — rief Maximilian, als er ihn eine Weile angesehen hatte, „das ist ja, so ich nicht irre, — eine alte Bekanntschaft. Hast Du nicht vor zwei Tagen einem Gemsenjäger vom Gehänge am Hainzberge herabgeholfen?" „Wohl hab' ich das —" stotterte Franzl. „Nun, dieser Gemsenjäger war ich und bin Dir noch dafür zum Danke verpflichtet,, denn ohne Deine Beihilfe wäre es mir etwas sauer geworden, von dem Exile herabzu- kommen. Freilich war's nur ein Kinderspiel gegen die Martinswand bei Innsbruck, — aber einige Quetschungen hätte es dennoch abgegeben. „Wie mir dieser kleine Herr hier sagte, hat Dir Dein künftiger Schwiegervater die Hand seiner Tochter verweigert," — fuhr er nach einer Pause fort, „weil Du bei ihm verleumdet worden, und hat geschworen, — sie Dir nur dann zu geben, wenn der Erzherzog von Oesterreich um sie für Dich wirbt." „So ist's, gnädigster Herr," antwortete Franzl. „Nun, ich will meinen Dank für Deinen Waidmannsdienst dadurch abtragen, daß ich Dir die Dirne verschaffe. Wo hält sich jetzt der Alte auf?" „Er muß schon in Straß angelangt sein, oder ehestens hier anlangen." „Wie nennt er sich?" „Hans Silbermüller ist sein Geschlecht, aus —" Auf dieses flüsterte Max dem Grafen Künigl von der Wart, — welcher ihm zur Rechten saß, Einiges in das Ohr, worauf sich dieser sogleich entfernte. „Du bist aus Kleinboden," fuhr hierauf Max zu Franzl gewendet fort. „Aus Kleinboden im Unter-Jnnthal," antwortete dieser. „Kennst Du die Dirne schon lange?" „Ach ja," erwiderte Franzl. „Es mögen schon drei Jahre sein, daß ich der Silbermüller Leni zu Gefallen auf die Kirmeß nach Stcrzingcn kam, und seit dieser Zeit keine Kirmeß vorüber gehen lassen konnte, ohne hinüber zu kommen, um sie zu sehen." „Sie ist ein gar wackeres Geschöpf," fuhr Franzl fort, „und treuherzig und ehrlich. Doch wagte ich es niemals, um sie anzuhalten, obgleich Vater und Mutter mir schon lange anliegen, zu heirathcn; denn ich glaubte immer, sie sei viel zu hübsch für mich einfachen Buben, obgleich wir sonst gar gut zusammen paßten. „Bor einigen Tagen erst führte mich der Zufall zu Zell mit ihrem Vater zusammen, und das Gespräch lenkte sich eben auf's Heirathen und ich ersah, daß der Alte nit abgeneigt sei, mir seine Tochter zum Weibe zu geben. Da hielt ich um sie an und Silber- müller willigte ein — aber das verdammte Scheibenschießen, welches hierauf folgte, — machte Alles wieder zu Wasser." In diesem Augenblicke trat Graf Künigl von der Wart wieder in die Stube und sprach zu dem Erzherzoge: „Er ist bereits in Straß und befindet sich gegenwärtig sammt seiner Tochter in dem Gemeinde-Zimmer unserer Herberge." „Da hat der Zufall wieder einmal einen glücklichen Einfall gehabt, sie hieher zu führen," sprach Max. „Man rufe den Alten zu mir sammt seiner Tochter!" befahl er sodann, und zwei Jäger eilten zur Thüre hinaus, während er sein Gespräch mit dem 279 leider aber konnte man ihn eben doch nicht abweisen. Der Grund, warum? klärte sich alsbald auf, wie er in den Speisesaal eintrat — die Tafel bestand nämlich größtentheils aus oommis vo7NAeur8, — die sich sogleich über ihn hermachten, mit dem Tagesthema, der Krakauer Klostcrgcschichte, beginnend. Der Pfarrer, die Absicht derselben merkend, daß man ihn nur harranguircn und in Harnisch bringen wolle, nahm sich jetzt extra vor, nichts zu erwidern und ruhig dabei zu bleiben. Als alle möglichen Versuche der Handelsbeflissenen, seine Ruhe und seinen Appetit zu stören, nichts halfen, kannte ihr Aerger keine Grenzen und man reichte ihm nicht einmal mehr die Platten. Endlich sagte ein Anwesender: „Hören Sie, geistlicher Herr, Ihren Gleichmuth muß ich doch bewundern." „Ja, wissen Sie, sagte der Pfarrer, ich habe eben tagtäglich solche Gesellschaft um mich, wie diese da und da ist Gleichmuth sehr nöthig." „Ja, wer sind Sie den, mit Verlaub? welche Stellung bekleiden Sie?" „Nun, das kann ich Ihnen jetzt doch nicht gerade sagen", erwiderte der Pfarrer. Während dieses Gespräches hatte die ganze zahlreiche Tischgesellschaft nach und nach zugehorcht und immer mehr wurde in ihn gedrungen, sich zu erkennen zu geben. Endlich auf langes Zureden that er es: Ich bin, sagte er, der kath. Hausgeistliche der Irrenanstalt N. und nannte dabei den Namen einer weithin bekannten Heilanstalt für Geisteskranke. Ein schallendes Gelächter war natürlich die Antwort der übrigen Gäste und der Eindruck auf die zudringlichen Commis war ein solcher, wie wenn man einen Stein in einen Teich voll Quack oder Frösche wirft. (Bad. Beob.) Würde der Arbeit. Es ist ein großes, erhabenes Wort, die Arbeit. Die Arbeit, und sei sie die Physische oder die des Geistes, umfaßt das Streben nach Erfolgen, und in dem Moment, wo man zu streben anfängt, beginnt man erst ein Mensch, ein Mitglied der Gesellschaft zu werden. Erst beim Streben entwickeln sich die verschiedenen Fähigkeiten und Eigenschaften des Menschen. » * Und der Pjensch ist auch zur Arbeit erkoren. Arbeit ist sein Beruf, Thätigkeit seine Bestimmung. Nur durch die Arbeit sein Glück zu begründen, durch ununterbrochene Thätigkeit ein schönes, glückliches Loos zu erreichen, das ist der Zweck des menschlichen Daseins. Wer sich vor der Arbeit fürchtet, in Unthätigkeit seine Tage zubringt, schließt sich selbst aus der Gesellschaft aus; denn in den Kreis derselben gehört nur Jener, der seine Aufgabe als Mensch treu und redlich erfüllt. Die Arbeit ist also der Beruf des Menschen; sie ist aber auch eine Nothwendigkeit zu seiner Existenz. Wenn man nicht arbeitet, seine natürlichen Kräfte und Anlagen nicht gebraucht, — müssen diese erschlaffen und endlich den Dienst, zu dem sie ursprünglich bestimmt waren, gänzlich versagen. Ein solcher Mensch ist stumpf gegen jede bessere Regung, nur mit stupidem Blick kann er seine Umgebung betrachten; das Leben muß ihm verdrießlich vorkommen, in seinem Wesen bleibt immer eine große Leere, die nur zu oft zu seiner Pein wird, und wird er plötzlich der Mittel, sein Leben zu erhalten, beraubt, ist er das unglücklichste Wesen auf der Erde! Den« nichts ist furchtbarer für einen Menschen, der nie die Arbeit gekannt, als plötzlich zu dieser seine Zuflucht nehmen zu wüsten! Und wie beim Einzelnen, so auch bei. ganzen Staaten zeigen sich die furchtbarsten Folgen des Müssiggangs. Staaten, in denen die Arbeit nicht gepflegt und unterstützt wird, sind nur Schattcnstaaten, ihr Untergang ist eine Nothwendigkeit. Blicken wir nur die Türkei an, die von Natur zum Paradies bestimmt ist, was ist sie heute? Ein Laud, das der leiseste Hauch der Zeit in Tausende von Splittern zerschmettern wird! 280 Ohne Arbeit ist das Dasein kein Leben, es ist nur ein bloßes Bcgetircn. Die Arbeit entwürdigt den Menschen nicht, die Arbeit adelt ihn. Der Adel der Geburt ist ein nichtsbedeutendes Diplom, das man mit auf die Welt bringt, ohne im Geringsten dabei ein Verdienst zu haben. Nur die Arbeit und die Intelligenz — und ist diese nicht eine Folge der Arbeit? — sind die wahren, die einzigen Adels-Diplome, die die ganze weite Welt als gültige Dokumente anerkennt! Im Nord und Süd, in Ost und West, soweit die Spuren des menschlichen Seins reichen, kennt man die Arbeit, und wo man arbeitet, lernt man auch die Arbeit würdigen. Die Arbeit ist für den Menschen keine Erniedrigung, sie ist seine Würbe; — nur> durch die Arbeit wurde Großes bewirkt; die Arbeit ist der allmächtige, alle Welten bewegende Odem der Menschheit. In England und Amerika, den Ländern der rastlosen Thätigkeit, ist nur die Arbeit der allgemeine Maßstab des menschlichen Werthes. Die Arbeit, jede Arbeit, und sei sie die Arbeit des letzten Holzkncchtes oder des ersten Maschinenarbciters ist an sich gleich, daher keine unehrenhafte. Vor der Natur sind alle Menschen gleich, Allen wurden Kräfte verliehen; gebraucht diese ein Jeder in der rechten, angemessenen Weise, dann wäre es des Menschen unwürdig, deßhalb Einen vorziehen und den Andern zurücksetzen zu wollen, weil seine Arbeit nicht so kunstvoll ist, als die des Ersten. Die Arbeit im Vereine mit der Intelligenz ist der mächtigste Hebel zur Hebung der staatlichen Bedeutung und des nationalen Wohlstandes. Lernt daher die Arbeit achten, und die Männer, durch die sie bewirkt wird, ehren! Sowie die Arbeit des Menschen Beruf und seine Würde ist, so ist sie auch sein Glück; das Gefühl, zum allgemeinen Nutzen thätig gewesen zu sein, beglückt den Menschen. Wäre das Bewußtsein, nützlich zu arbeiten, nicht ein süßer Lohn für die Mühen und Drangsale, mit denen die Arbeit verbunden ist, wie hätten Männer wie Gutenberg, Seunefcldcr, Watt, Jaquard und viele Andere ihre großen Aufgaben erfüllt, die Tausende von Hindernissen, mit denen ihr Weg versperrt war, überwunden?! Ohne dieses beruhigende und belohnende Gefühl mären sie es,zu erreichen nie im Stande gewesen. Gewiß, das Loos der Arbeiter ^st schwer, schwer durch.die Unnatur der Verhältnisse gemacht: aber desto größer ihr Lohn, wenn sie treu und redlich ihre Aufgabe erfüllen. Ihr Männer der Arbeit, ihr Frauen und Mädchen der anstrengenden Thqjigleit, die ihr mit Noth, mit Entbehrungen kämpfen müßt, die ihr vielleicht auf die Schätze des Reichen, des durch Zufall Reichen, mit Neid blickt; die ihr kummervoll durch Arbeit euer Leben erhaltet, Tage und Nächte darauf verwendet: die Hand auf's Herz! Wart ihr dabei nie glücklich? Sagt euch nie eine geheime Stimme den Lohn für all' die Leiden und Drangsale? Und wart ihr es nicht, dann — beherzt das, daß ihr an der hohen Aufgabe der Menschheit thätig seid, und das beglückende Gefühl wird nicht ausbleiben. Ehret die Arbeit, achtet euch in ihr! Auch bei uns wird die Stunde schlagen, wo man den Menschen nicht mehr darnach beurtheilen wird, was er jährlich zu verzehren Hat, oder wie viel Pferde er sich hält, nicht seinen Werth darnach messen wird' was er nicht thut, sondern darnach, was er gethan! 2 (Concerte für Pferde.) Englische LordS zeigen gewöhnlich viel Neignng zu excentrischen Einfällen, aber die übcl^pakknicsten Ideen besaß unzweifelhaft Lord Holland, ein Zeitgenosse William des Dritten. Eine seiner Licblings-Gewohnheitcn war es, seinen Marstall von Rennpferden einmal.in der Woche mit einem Concert zu regaliren. Zu diesem Behufe ließ er eigens eine Gallcerie erbauen, und er behauptete, daß die Musik das Gemüth der Thiere erheitere unrd deren Temperament veredle. Druck, Verlag und Redaction des Litcrarischen Instituts von itr. M. .yuttlcr. Uro. 36. 5. Sept. 1869. Augsburger onntags-Blatt. Von deinen Kindern lernst du mehr, als sie von dir. Sie lernen eine Welt von dir, die nicht mehr ist; Du lernst von ihnen eine, die nun wird und gilt. Friedrich Rückert Die Hand. Historische Novelle von Ludwig Habicht. (Liedcr«ivru schlössen vor dem unsern ruht. Vielleicht mochte die Fricdcnsstille der Natur heute nicht ihren ganzen Zauber auf die Gedankenvolle ausüben, weil ihr Blick verlangend in die Ferne schweifte und ihre Brust von Zeit zu Zeit einen Seufzer auSstieß, und doch lag in diesem blauen Auge ein tiefer Glanz, eine erquickende Wärme, wie Beides in solch' Poetischer Frische nur aus einer die Schönheiten der Natur erfassenden Seele kommt. . Die ganze Erscheinung der am Fenster Sitzenden hatte etwas zartes, ätherisches, es I lag schon jener ernste Hauch darüber gebreitet, der zumeist aus dem reichen Born der ^ Schmerzen quillt, und das Leben nicht nach Stunden und Tagen, sondern nach den - Pulsschlägen des Herzens zu zählen lehrt. ! Die mehr als dürftige, rohe Umgebung contrastirte eigen mit der feinen, lieblichen ! Gestalt. ! Diese zierlichen, weißen Hände hatten dort an dem schmutzigen Heerde mit seinem l einzigen rußbeladcnen Kessel nichts zu schaffen gehabt, diese feinen, schlanken Schultern nicht da« Joch schwerer Körperarbeit getragen, — das lehrte der erste Blick, nur die 282 Kleidung war schlicht und einfach, und würde fast die eines ehrsamen Bürger-TöchterleinS nicht erreicht haben. Sie konnte kaum 15 Jahre zählen, und man würde sie noch für ein Mädchen gehalten haben, wenn nicht der oft vom Fenster hinweggleitcnde — und auf ein neben ihr schlummerndes Kind zärtlich ruhende Blick bekundet, daß sie bereits die Pflichten einer Mutter zu erfüllen habe. Und sie mußte dieser schönen Aufgabe mit schwärmerischer Begeisterung nachkommen, denn das sonst umwölkte Auge blickte so sorgend, liebend, so mutterglücklich auf den neben ihr in einem. Korbe Schlummernden. Plötzlich hörte sie den Hufschlag von Pferden, und sie wollte freudig erregt hinaus und den Kommenden entgegen eilen, besann sich aber auf ihr Kind, das nach ihrem besorgten Mutterhcrzen während ihrer Entfernung Gefahr laufen konnte und blieb, um die Kommenden au der Thüre zu empfangen. Der erste der Reiter, den das junge Weib zärtlich in die Arme schloß, war eine hochaufgeschossene, jugendlich trotzige Gestalt, voll Kraft und Feuer. Er konnte höchstens 20 Jahre alt sein, aber in seinem Auge lag schon der Blick des gereiften Weltmannes, um seine Lippen spielte jenes ruhige Lächeln, —- an dem der Wille Anderer rücksichtslos zerschellt, wenn er dem eigenen durchkreuzend zu nahen wagt. Das krause, schwarze Haar, die niedrige, aber gedrungene Stirn, das lebhaft blitzende Auge — Alles verrieth den Feuergeist, der in seiner Seele brodelt. Seine Bewegungen waren leicht und elastisch, mit welcher Gewandtheit schwang er sich nicht aus dem Sattel — seine ganze Erscheinung voll Anmuth und Adel — so angenehm und gefällig konnte damals nur ein galanter Königshof erziehen. Sein Begleiter, der „Georg" genannt wurde, — ein blutjunges Bürschlcin mit einem schon recht verschlagen hofmännischen Gesicht, war augenscheinlich der Diener des Ersteren; denn er hielt sich in ehrerbietiger Entfernung — und blieb draußen mit den Pferden beschäftigt, während Jener mit seinem jungen Weibe in die Stube trat. „Du kommst erst heut'! Wie hab' ich dich erwartet und ersehnt, du wolltest ja schon gestern eintreffen! Und welche Nachricht bringst du?" — frug sie ängstlich besorgt und ihr Auge ruhte forschend auf den Lippen des Geliebten. „Wir müssen fort, eiligst fort," entgcgnete dieser hastig, „dein Batcr hat an die Tante in Sagan geschrieben, daß die Zeit des Bcsuchcns längst verstrichen, und er — des Wartens müde, uns selbst holen lasten würde." „O Gott! — mir ahnte nichts Gutes," — seufzte das junge Weib, „wir sind zu unglücklich." „Ich bin nur froh," cntgegnete der junge Mann, „daß der schlaue Georg den für die Tante bestimmten Brief aufgefangen hat, und daß ich überhaupt auf den glücklichen Einfall gekommen bin, ihn krank werden und dort zu lasten." „Aber, — werden wir fort können, Boleslaus?" — und sie zeigte besorgt auf den Kleinen. Eine Unmuthswolkc überzog seine Stirn, und er sagte zögernd: „Ich habe den ganzen Weg über ein Auskunftsmittcl nachgedacht, und es gibt nur eines." „Und welches?" frugen die Augen der noch Unglücklicheres Fürchtenden, während die Lippen geschlossen blieben. Er blickte sie scharf und forschend an, als wolle er prüfen, ob sie schon jetzt dem heftigen Schlage gewachsen sei, oder ob er damit noch zurückhalten müsse, aber die Zeit drängte und er liebte es nicht, dies Zögern, dies Zurückschcucn vor einem kecken Wort, und sagte darum fest und ruhig: „Wir müssen den kleinen Ludwig zurücklassen." „Mein Kind!" rief die junge Mutter aus, und stürzte auf den Korb des Kleine» zu, als wolle sie ihn vor jedem Angriff schützen. „Boleslaus, das kaun dein Ernst nicht sein!" 283 „Mein voller Ernst, bei Gott! Ich kenne keinen andern Ausweg, — als gerade den," — war die Antwort. „Nein, nein, — von meinem Kinde laß' ich mich nicht trennen, — das darf mir Niemand rauben!" rief das junge Weib in einer Aufregung, die von der, trotz ihrer Jugend, in ihr wogenden Mutterliebe ein glänzendes Zeugniß gab. „Sei vernünftig! glaubst du denn nicht, daß ich unser Kind eben so innig liebe? Aber die Nothwendigkeit gebietet, uns auf kurze Zeit von ihm zu trennen — wir müssen," — gegcnrcdete Boleslaus. „Wir müßen?" — frug Margarethe befremdet und mit ganz eigener Betonung; „nein, Boleslaus, wir müssen nicht! Wer zwingt uns denn dazu, unsere Lage länger geheim zu halten?" „Die Ehre!" erwiderte dieser fest und entschlossen. „Und wenn wir uns dem Vater entdeckten? Er ist wohl streng und finster, aber Schlimmeres kann uns nicht begegnen, als hier uns droht!" „Nein, nimmermehr!" war die Antwort; „ich will nicht zum Hohn und Spott des ganzen Landes werden, will nicht, daß jede Dirne dich mit hochmüthig überlegenem Auge ansehen soll, während du sie einst Alle überstrahlen wirst." „Ach, was härm' ich mich um die ganze Welt, wenn ich dich und mein Kind nur hab'!" — war ihre liebevolle, schwärmerische Antwort. „Der Schimpf verzehrt auch das größte Glück," erwiderte Boleslaus, „nein, — Margarcth, all' diese Sorgen und Mühen, diese fortwährenden Anstrengungen hätten wir nur gemacht, um nah' am Ziel, durch unsere Thorheit Alles zu verderben? — Noch ist nichts entdeckt," fuhr er lebhaft fort, „dein Vater denkt uns in Sagan, und Dank der alten Tante blöden Augen, daß du so lange bei ihr bleiben konntest. Auf Georg kann ich mich verlassen, er ist rein wie Gold, und dies alte dumme Weib, bei der wir uns eingemiethet, sieht nur auf unsere böhmischen Dukaten, und schecrt sich sonst um nichts; doch ist sie gut und ehrlich, und du traust ihr ja selbst. Alles geht gut, sogar bester als ich zu hoffen gewagt, und ich sollte jetzt vor den Vater treten und demüthig sagen: Als du uns Beide gen BreSlau zur Erlernung der deutschen Sprache in's Kloster schicktest, da haben wir noch andere Studia getrieben, soll mich züchtigen lasten wie einen Buben, nein, das thue ich nicht, eher reiß' ich mir die Zunge aus dem Munde!" -— In seinem Auge blitzte ein stolzes Fener, seine Brust hob sich, und er schüttelte unmuthig, entschlossen das Haupt, als müsse er jedem feigen Gedanken hartnäckig die Stirn bieten. „Und du willst mich von unserem Kinde trennen? Boleslaus, sei nicht so grausam gegen mich, — thu' es um unserer Liebe willen nicht!" Und sie rang flehend zu ihm die Hände. Er faßte sie in die seinen, und sah, von dem Schmerz des jungen Weibes bewegt, ihr liebevoll in das Auge. „Gretchcn, gerade um unserer Liebe willen muß es sein, schilt mich nicht hart, dw Zukunft wird dich milder urtheilen lehren. Sieh, die Trennung ist ja nur auf kurze Zeit; sobald wir vermählt, ziehen wir nach Schlesien und dann ist der kleine Ludwig wieder unser." Das gcängstigte Weib neigte das Haupt. Sie hatte den beredten Worten Boleslaus nichts mehr entgegen zu stellen, sie fühlte nur ein schneidend-unaussprechlich Weh in ihrer Brust, — und daß ein ganzer Himmel schmerzlich erschütternd in ihr zusammen brechen wolle. Sie nahm ihr Kind aus dem Korbe, das sogleich die Augen aufschlug, und die schon wohlgckanntc Mutter anlächelte. In diesen lieben treuen Augen halte sie sich so glücklich gesonnt, sie waren die lichten, freundlichen Sterne gewesen, die allein noch in ihr düsteres, glanzloses Leben gefunkelt, jetzt sollte es völlig Nacht werden, und mit diesem Vernichtenden Gedanken erwachte die Mutterliebe von Neuem in voller Innigkeit und Stärk«. (Fortsetzung folgt.) 284 Nach der Schlacht von Königgratz. Ein in Leipzig erscheinendes belletristisches Blakt hat am Gedenktage der Schlacht von Königgrätz eine Reihe von ergreifenden Schilderungen dieses traurigen Tages veröffentlicht, aus welchen wir einige im Nachstehenden mittheilen. Der Verfasser schreibt: Auf dem Probluser Kirchhof war man am Begraben. Man hatte meist nicht weit zu tragen, denn am dichtesten lagen die Gefallenen auf dem Kirchhof selbst. Der Kirchhof ist in allen modernen Schlachten Lieblings-Kampfcsstätte; die Todten fallen zu den Todten. In den Kirchthurm hatte eine Granate ein großes Loch geschlagen, das Pfarrhaus war durchlöchert, — in dem Zimmer des Pfarrers steckten I I Kugeln. Vor dem großen Dorfbrunnen stand ein Posten, um die letzten Wasserreste für die Verwundeten zu sichern. An dem Dorfsaume, nach dem Westen zu, hinter einem Hcckcnzaun, lagen sächsische Jäger in langer Reihe und weiter nach dem Westen hin, von wo unser Angriff kam, unsere Sechsundfünfziger (d. h. die vom Regiment Nro. 56). Eben schritt ein Traucrzug auf den Kirchhof zu. Es waren Füsiliere von der Sten Compagnie, die ihren Hauptmann von Monbart zu Grabe trugen. Sie hatten für ihn in Eile einen schlichten Sarg gezimmert, und sein letztes Haus mit Blumen geschmückt. Als sie ihn in sein Grab gesenkt, dicht an der Kirche, kratzten sie seinen Namen an die Wand des Gotteshauses ein; eh' die Sonne unter war, stand noch manch' anderer Name darunter. Von Problus bis Mokrowous ist eine halbe Stunde. Hier war der Wiesengrund wie gepflügt. In der Meierei lagen Vierundfünszigcr. Aus ihr heraus trugen sie eine Bahre, auf der zwei Todte lagen, ein galizischer Katholik, ein pommerscher Protestant. Der Ortspfarrer folgte in reichem Ornate, neben ihm ein evangelischer Geistlicher im Feldrock mit Binde und Päffchen. Der Eine betete sein cks proluiniis und kater noster, der Andere schloß mit dem Vater unser. Der katholische Geistliche nahm die Schaufel, und warf Erde in die Gruft; dann reichte er sie dem protestantischen Geistlichen; der nun ein Gleiches that. Ein Augenzeuge schreibt: „Ich hatte doch in etwas den Eindruck von dem: ich glaube an eine heilige, allgemeine christliche Kirche." Neben Mokrowus liegt Dohalitzka Mitten im Dorf, auf einem freien Platz, stand ein Cruzifix, umgeben von fünf stattlichen Linden. In die eine war eine Granate eingeschlagen und hatte einen mannsstarken Ast wie ein Reis zersplittert; die Splitter lagen umher, das Staket war zertrümmert, aber der Gekreuzigte war unversehrt. Muß doch vor ihm alle Gewalt sich beugen! In der schönen, weithin sichtbaren Kirche befanden sich über 100 Verwundete. Einzelne hockten in den Gängen der hochgewölbtcn Kirche, die Mehrzahl lag um den Altar herum, und blickte hinauf zu dem Bilde des Gekreuzigten. Orgel und Kanzel waren hinausgetragen, die Fenster zerschossen, und doch war das ganze Gotteshaus mit seinen Bewohnern eine gewaltige Predigt von dem „Kommet her zu mir Alle, die ihr mühselig nnd beladen seid, ich will euch erquicken." lind sie waren mühselig und beladen. Einer lag da mit gespaltenem Schädel, so daß man auf das Hirn sehen konnte; einem Anderen war die Schulter weggerissen, er starb; auf einem groben, leinenen Tuch (er war nicht anders tranSportirbar) ließen sie ihn in die Gruft hinab; da lag er in seiner Blöße und seine gebrochenen Augen, die Niemand ihm zugedrückt, schauten aus der Grabestiefe zum Himmel auf. Mangel an Allem, kein Stroh, kein Wasser. Einem österreichischen Rittmeister reichte ein Feldgeistlicher ein Bröckchen Schiffszwicback und einen Tropfen Wein; dem Wicderauslebcnden stürzten die Dankes- Thränen aus den Augen, — und er segnete die Hand, die ihm mit so Wenigem so Viel gethan. Von Dohalitzka führt ein hübscher Weg etwas bergab nach Sadowa. Es sind nur 20 Minuten. Hier in Sadowa lagen die Schwervcrwundcten in der Zuckerfabrik zwischen den Kesseln und hydraulischen Pressen deS Siedehauses. In-dem Wirthshause, wohin man die verwundeten Offiziere geschafft hatte, war es schon wieder leer geworden. — Hier hatten Oberst-Lieutenant v. Pannewitz vom Regiment Elisabeth und Freiherr 285 v. Putlitz vom 49sten ausgehaucht; schon hatten sie dem Ncpomukbildc gegenüber, das neben dem Wirtbshause steht, hart an der Straße „unter den Apfelbäumcn von Sadowa" ihr Grab gefunden. Treue Hände richteten eben die schlichten Kreuze aus. Der katholische Todtengräbcr kniete, während die letzten Worte gesprochen wurden, am Grabe und betete mit. Im Wirthshause mußten auch sterbende Oesterreichcr gelegen haben. Eine Soldaten- Gruppc, Pommern vom Kolbcrger Regimen:, fanden eben ein kleines Amulct zwischen den Ritzen der Dielen und mühten sich, die Inschrift zu entziffern. Es glückte erst, als ein Offizier herantrat. Die Inschrift war in französischer Sprache: „O Maria, ohn' Sünd' empfangen, bitt' für uns." Es mochte von: ungarischen Oberst Scrinny (?), Commandeur des Regiments Württemberg, hier verloren sein, der die Nachtstunden, ehe man ihn nach Horsitz schaffte, in diesen Räumen zugebracht hatte. Oberst Scrinny, als der Iohannitcrrittcr v. Werder ihm ein Stück Kommißbrod und ein Rcsichcn Madeira gab, hatte es mit den Danlcsworten hingenommen: „Und ich, ich darf nicht einmal wünschen, Ihnen einen gleichen Liebesdienst leisten zu können." In Ober-Dohalitz, das nur aus zehn bis zwölf Häuscr-Etablissemcnts besteht, sah es grausig aus. Aus diesen Häusern, als sie in Brand gerathen waren, hatten sich alle Verwundeten, die sich noch bewegen konnten, meist Oesterreichcr, in die Höfe und Gärten geschleppt; die anderen waren verbrannt. Jene halten seit 2-t Stunden kein anderes Labsal gehabt, als den Nachtthau. Als endlich Hilfe kam, hörte man nichts als den Ruf vocia, vorig, und wenn ihnen Wasser aus einen: nahe gelegenen Teich gereicht wurde, klang es Urüelli, Döioki von ihren zitternden Lippen. Aehnlich wie im Holawalde, an dessen Südspitze Ober-Dohalitz liegt, sah es im Swicpwaldc aus, und in den Dörfern, die ihn umgeben, in Cistowcs, in Benatek, in Maslowed und weiter zurück in Ccrekwitz. In Cistowcs lagen viele Sicbenundzwanziger und Garde-Füsiliere. Dazu welche Bilder auf der Dorfgafsc! Ein Jäger, an die Wand gelehnt, aus sein Gewehr gestützt, war stehend gestorben. In einem Brunnen mit zertrümmerter Einfassung lag ein todter Uhlane, mit dem Pferde hineingestürzt. Eine der Scheunen war mit österreichischen Verwundeten überfüllt. Einer, ein Banatcr voni Ncgimcnie Eoronini, war durch die Brust geschaffen. Unter jammervollem Keuchen bemühte er sich krampfhaft, den Mantel von der blutbedeckten bloßen Brust wegzuziehen; es wollte nicht glücken; Keiner verstand ihn; endlich bemerkte man, daß noch 30 Patronen in der Tasche seines Mantels steckten, deren Gewicht ihm fast den Athem geraubt harte. . . . Im Schlöffe von Horenowcs war ein Lazarcth. Hier lag Oberst v. Zychlinski, für den sein Musterbursche einen mächtigen Topf Rahm in einem Versteck entdeckt hatte. — Als der Rahm den Obersten erquickt hatte, rrat Pastor Besser aus Waldenburg den Rahmtopf wie eine Erbschaft an. Freund und Feind wurden mit diesem Leckerbissen gespeist, und ein österreichischer Hauptmann vom Regiment Mecklenburg, — der beim „preußischen Erbsenwerfen," wie er sich ausdrückte, zwei Kugeln in den Arm erhalten hatte, erklärte ein Mal über das andere, daß ihm in der „ganzen verflixten Campagne" nichts so geschmeckt habe, wie dieser Topf Nahm. — Aber solcher heiteren Bilder waren nicht viele. Ein Offizier schreibt: „Wir kamen in ein Gehölz, das zwischen den drei Dörfern Cistowcs, Benatek und MaSlowed liegt (der Swicpwald). Hier hatte der Kampf am Meisten'gewüthet; eine Menge todter Oesterreichcr lagen unter und über einander, etwas entfernter sahen wir Gcsindet, das beschäftigt schien, die Leichen zu Plündern. Um sie wie Raubvögel zu verscheuchen, schoflen wir unsere Revolver ab. Und wirklich, sie verschwanden oder schienen zu verschwinden. In demselben Augenblick, wer beschreibt unser Erstaunen! erhoben sich wohl zwanzig von den Todtgcglaubtcn, streckten uns flehend ihre Arme entgegen und baten mit schwacher Stimme um Wasser. Das wenige, waS wir 886 bei uns hatten, war bald verbraucht. Ich versprach einem österreichischen Oberst, der vor« am Gehölz lag, so bald als möglich mit Wasser und einem Arzt wieder zu kommen, und ritt nach dem nächsten Dorf. Aber wo hier Hilfe hernehmen! Endlich glückte es, aber Wohl zwei Stunden mochten vergangen sein. Als wir in den Wald zurückkamen, erkannten wir den Platz kaum wieder. Die Oesterreicher alle geplündert, — ohne die Uniformen lagen sie da, keiner regte sich mehr. Ich trat heran und rief: „Hier ist Wasser, Master!" Alles vergeblich, still blieben sie. Den österreichischen Obersten konnte ich unter den Todten nicht mehr herausfinden. Entsetzt verließen wir den Wald." Auch Thaten christlicher Liebe kamen vor; leider nur sehr vereinzelt. Wir geben ein solches Beispiel. Zwischen Ober-Dohalitz und Dohalitzka lag ein Neunundvierziger, vergessen, unter unsäglichen Schmerzen, — kein lebendes Wesen in der Nähe. „Schon glaubte ich mich dem Tode nahe (so erzählt er selbst), als ein junges Mädchen erschien, einen großen Weinkrug in der Hand, und mir zu trinken gab; dann holte sie Master und wusch und verband meine Wunden. Wie hab' ich's da empfunden: „Und Gott sandte seine Engel!" — Der Name dieses heldenmüthigcn Mädchens, die noch viele Andere in gleicher Weise erquickte, war Josepha Kalina, eine Czechin. Uebrigens sei gleich bei dieser Gelegenheit ausgesprochen, daß es sehr fraglich ist, ob die Schlachtfeld- Geier blos böhmisches Gesinde! waren. Viele Gerüchte sprechen von „Marodeurs," und mannigfache Anzeichen liegen vor, daß unserer eigenen (der preußischen) Armee seltsame Gestalten folgten. Man hat diesem Punkt ernste Aufmerksamkeit gewidmet. Vom Swiepwalde aus wandten wir uns nach Chlnm, um hier unsere Wanderung zu schließen Welch' ein Anblick wartete unser hier! Gleich am Ausgange des Dorfes, in einem Hohlwege, begegneten wir den Hufspuren des „rothen Pferdes," von dem die Apokalypse spricht. Schritt vor Schritt wuchsen die Würgezeichen. Unsere Ponies scheuten — ein todtes Pferd lag am Wege, dort wieder eins, daneben noch die Leiche eines Reiters, eines österreichischen Uhlanen, der seinen Säbel in erstarrter Faust hielt. Auf beiden Seiten des Weges, dessen lehmiger Boden reichlich roth gefärbt war, zwischen zertrümmerten Wagen und Kanonen, lagen Haufen von Todten. ... In der Chlumer Kirche, deren Thurm und Dach von mehrer.n Granaten getroffen war, lagen die Verwundeten in so dichten Schichten, daß man mit äußerster Behutsamkeit zwischcnhin gehen mußte, um Keinen zu verletzen. . . . Am 5. Juli brach die Armee auf, um südwärts zu marschiren. Die Arbeit war gethan; die Verwundeten hatten ihr Lager, die Todten ihr Grab. Freilich nicht Alle; es waren ihrer zu Viele; noch am achten war das Feld nicht völlig klar. Ein Offizier vom vierten Corps, der am genannten Tage von Ncdelist aus, wo er ein Commando hatte, einen Ritt über das Schlachtfeld machte, hat uns folgende Schilderung gegeben: „Verflossenen Sonntag ließ ich mein Pferd satteln, um einmal ganz allein das Schauerliche des Schlachtfeldes zu sehen. Das war jedenfalls für mich an diesem Tage das Beste; ich hatte nichts um mich her, als meinen Burschen und einen großen, schwarzen Jagdhund, das Geschenk eines sterbenden österreichischen Offiziers. Die untergehende Sonne warf bereits ihre letzten Strahlen auf das Feld, als ich aus Ncdelist heraustritt und der kühle Abcndwind trieb mir den Leichen- und Blutgeruch entgegen. Einen nicht an diesen Geruch Gewöhnten würde eine Ohnmacht angekommen sein; ich kannte ihn schon und ritt weiter, um nach Ehlum und Sadowa zu gelangen, wo die Hauptschlacht geschlagen worden war. Todtenstille herrschte ringsum, welche nur manchmal durch die Unruhe meines Pferdes und Hundes unterbrochen wurde. Beide vertrugen den scharfen Blutgcruch nicht; sobald wir an eine Stelle kamen, wo ein Verwundeter gelegen hatte, schnaufte das Pferd mit weit geöffneten Nüstern und stampfte mit den Hufen auf den Boden, der Hund ging in großen Kreisen um die bezeichnete Stelle herum und heulte fürchterlich. Erst nach einer Aufmunterung mit den Sporen ging das Pferd ruhig über Alles hinweg — und jagte x 287 endlich eine Lerche auf, die zwar singend in die Höhe stieg, aber einen Gesang anstimmte, wie ich ihn sonst bei Lerchen nie gehört habe. Es klagte mehr, als es schmetterte. — Dieser Vogel war seit mehreren Tagen der erste, der mir zu Gesichte kam, denn während des Schlachtenlärms hatten sich die freundlichen Sänger entfernt. Ohne ein gewisses Ziel zu verfolgen, ritt ich weiter und gelangte zu einer Muttergottcsstatne. Ach, welch' ein trauriges Schauspiel bot sich hier dar! Um sie herum lagen zwanzig Todte, einige mit halbgeöffneten gebrochenen Augen, die nach dem MuttergotteSbilde hingerichtet waren. Andere hielten Rosenkränze und Kruzifixe in den Händen; sie hatten wahrscheinlich bis zu ihrem Ableben gebetet; nur Einer hatte ein Spiel Karten vor sich liegen; von denen er eine krampfhaft in der erstarrten Hand hielt. An den Leichen zeigten sich die verschiedenartigsten Wunden. Einem Jäger hatte die Kugel den ganzen Hintcrkopf weggerissen. Jedenfalls sind an dieser Statue Mehrere gefallen, und andere Verunglückte find zu ihnen gekrochen, um daselbst ihr Leben zu beschließen. Ich sprang vorn Pferde und kniete nieder, um für die Todten zu beten. M i s e e l l e r». * Ueber eine Eisenbahnschlacht in Amerika erzählt die „Engl. Corresp." : „Ein Kampf absonderlicher Art, von dessen Gleichen der Schlachtenbesinger Homer sich nichts hätte träumen lassen, hat am Uten dieß im Staate New-Uork an der Albany- Susquchanna-Bahn gewüthet. Die Eric-Gesellschaft und die Albany-Gescllschaft liegen in Fehde um eine Schiencnstrecke zwischen Tunnel-Station und Hapcrsviüe, und dieser Streit ist mit Truppenmassen ausgefochten worden, wie viele deutsche Kleinstaaten sie nicht in's Feld zu schicken vermöchten: 1200 bis 1400 Mann standen mit Pistolen, Keulen und andern Waffen einander gegenüber. Gegen 4 Uhr Nachmittags besetzten 7 bis 800 Bahnarbciter und Beamte der Eric-Gesellschaft die Tunnel-Station, während die Albany-Gesellschaft mit 350 bis 400 Mann das andere Ende des'Tunnels besetzt hielt. Die Eric eröffnete den, Kampf, — um das streitige Gebiet zu erobern. Zwei Wagen wurden mit etwa 250 Leuten gefüllt, eine Lokomotive vorgespannt und mit Hurrah ging es durch den Tunnel. In ihm trafen sie auf keinen Widerstand, auf der andern Seite aber fanden sie eine Schiene anSgehobcn. Schnell wurde sie erneuert und die Fahrt fortgesetzt, als ihnen an einer Biegung ein Zug mit Albany - Leuten entgegenkam. Mit einem gewaltigen Krach platzten die Maschinen auf einander, indessen die Kämpfer absprangen und das Handgemenge begannen. Die Eric-Leute zogen jedoch den Kürzern, und flohen durch und über den Tunnel hin; ihre Locomotive trat gleichfalls arg beschädigt den Rückweg an. Die Albany-Leute setzten in aller Eile ihre nicht minder stark mitgenommene und zum Theile vom Geleise gedrängte Maschine in Stand und auf die Schienen, um den Sieg durch die Verfolgung zu krönen. Sie fanden jedoch die Gegner gesammelt und verstärk! am andern Ende des Tunnels, wo nun der Kampf von Neuem mit großer Wuth auLbrach. Der Angriff war eine ganz imposante Affaire. Pistolen wurden abgefeuert, Steine geschleudert, Keulen geschwungen, und in das Getümmel hinein schollen Drohungen und wilde Flüche. Um 8 Uhr machte die einbrechende Dunkelheit und noch wirksamer die Ankunft des 44sten Regiments oer Schlacht ein Ende. Das Verzeichnis; der Verwundeten ist von ziemlicher Länge; die Erie-Leute waren am schlimmsten weggekommen, doch konnten sie sich dafür eines Gefangenen rühmen. Sie hätten ihn niedergeschlagen, wäre nicht ein Bekannter aus den Reihen der Feinde für ihn eingetreten, der den Vorschlag machte, ihn als Gefangenen zu behandeln, so daß also die Formen des regelrechten Krieges unter civilisirten Völkern beobachtet wurden. Am folgenden Tage bezogen die beiden „Eisenbahn-Heere" wieder ihre Positionen, — doch war das 44ste Regiment glücklicher Weise am Orte geblieben, und verhinderte eine neue Auflage des Kampfes. Der Gouverneur des Staates nahm die Bahn vorläufig in Besitz, und 288 ieauftragtc einen höhern Polizei-Beamten mit der Oberleitung des Verkehrs, bis der Streit vor den Gerichtshöfen zum Austcage gebracht sein wird." * (Englische Sitten.) Ein eigenthümliches Volksfest, das noch aus dem Mittelotter stammt, wurde den 16. Anglist nach einem Zwiichenraum von zwölf Jahren zum ersten Male wieder in Dunmay, einem Flecken in »er Grafschaft Ess-x, unter zahlreicher Betheiligung von Nah' und Fern abgelwtten. Den Hanpipunkt des Festes bildet nämlich die Ueberreichung geräucherter Su-m stiren l silttl;«'!» oh ttuaoii) an solche Ehepaare, die beschwören können, daß sie, „seir Jahr und Tag" vcrbeira'hct, während ihrer Ehe nicht ein einziges Mal mit einander geschmollt oocr ein böies Wsll gewechselt haben Der Hergang des idyllischen Festes ist lmz folgender: Anf einem großen Rasen- platze ist eine Bühne errichtet, deren Vorhang nach Äbsnielung einer Ouvcüure in die Höhe geht und emen ergötzlichen Anblick stycn läßt Ein Richter Eoll"ginm in scharlach- rothen mit Hermelin besetzten Staatsrooen nno mit g-wall gen Allongen-Perüuen angethan, sowie eine aus zwölf Personen best'hende Jn>y n-hmen mir oravi!ä,ischer Gebcrde ihre Sitze ein und bctto darauf erscheinen die vc,schie)cnen Ehepaare, wllchr sich um den Preis des Tages bewerben. Der präsidirende Nickiier uiuctwirfr o.e letzlcrn einem längeren spaßyaslen Vc,hör und die Jury erkennt ihnen den P-e-s zn. In großer Prozession mit allem Mummenschanz des Mitielollcrs ausgestattet, werden hierauf die preisgekrönten Ehepaare durch das Städtchen geführt, ihnen dann die gerämyerien Speckseiten feierlich überreicht und das altmodische Fest schließe mit allerlei modernen BolkSspielen. (Eine Frauenpredigt.) Eine alte Jungfer, Susanns B. Anthony, hielt im Frauen-Emancipatious-Club in New-Orleans folgenden Vortrag: „Die Männer sind Diebe. Woher haben sie das Geld? Gestohlen haben sie's den armen Arbeitern, die sie für sich. schwitzen lassen. Wir sollten uns nicht genireu und ihnen alles, was nur bekommen können, nehmen. Will eine Frau des Abends den Club besuchen, so brummt oet Mann, spricht wohl gar, es schicke sich nicht, Abends noch auszugehen. Wenn er aber mit seinen Cumpanen trinkt, schlechte Witze reiht und wer weiß noch was treibt, soll die Frau ruhig sein und den Mund nicht ansthnn. Dieses Gebot wird nun allerdings nicht befolg!; es wäre auch Miami, wenn es befolgt würde, denn dann wären wir ja weiter nichts als türkische Sklavinnen. „Dein Platz ist bei den Kindern", das sind gewöhnlich die Worte, mit denen ein Mann einer Frau klar machen will, daß sie verpflichtet ist, daS Hans zu hüten. Schon, aber wenn der Platz der Frau bei den Kindern ist, so ist es doch der des Mannes auch. Gehören die Kinder dem Vater nicht so gut wie der Mutter? Hat die Mutter mit den Kindern nicht genug Plage, loll sie die Sklavin ihrer Kinder sein? Kaun der Mann nitt eben so gut einmal zn Haufe sitzen, das „Baby" wiegen und sür dessen Bcönrinisse sorgen, wie tue Mutter, die es mit Schmerzen geboren hat, und die manchmal in einer Woche mehr Qual auszustehen hat, als der Mann zeitlebens? Diese Zustande müssen amhör'u, und die Bildung der Distrikts-Vereine ist der erste Schriit dazu. Hier mögen sich all' o-e Weiber, die mühselig und beladen sind, einsenden und darüber berathen, wie die Männer zu lu kriegen sind. Doch zunächst müssen nur Geld haben. Geld ist zu allen Dingen nothwendig, ab^r am alleruuenkbehrlichsten ist es, wenn man einen Krieg sühren will. Wer müssen es bekommen, aus die e ne oder die andere Weise. Mit dem bloßen Taschenvisitiren ist es nicht gethan, das wirst zu wenig ab- List und Schmeichelei sind die Waffen, die der Frau von der Natur verliehen sind, und deren muß sie sich auch bedienen. Der Mann ist ein der Schmeichelei ungemein zugängliches Thier; schmeichelt ihm, verwirrt ihn, bestecht ihn durch Eure Liebkosungen, thut ihm Alles zn Gefallen, braucht alle Kniffe, die Euch Eure Schlauheit und Euer Witz eingeben, und verschafflEuch Geld, GeldI" Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von ttr. M. Huttler. Aro. 37. 12. Sept. 1869. Augsburger Sonntags-Blatt. Rabe ist Glück, wenn sie ein Ausruhen ist, wenn wir sie gefunden, nachdem wir sie gesucht; aber Ruhe ist kein Glück, wenu sie unsere einzige Beschäftigung ist. Börne. Die Hand. Historische Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Boleslaus fühlte, daß eS jetzt die Entscheidung gelte, daß er mit seinem eigenen Kinde um die Liebe Margarethens kämpfen müsse. Er legte liebevoll den Arm um ihren blendend weißen Nacken und flüsterte ihr, in schmeichelnd zärtlichen Worten, — mit dem Feuereifer der Liebe seine Pläne und Hoffnungen zu, wie er an diesem Entschlüsse die Stärke ihrer Liebe proben und nie, nie dieses so große Opfer vergessen würde. Wohl führten dies unschuldige Schweigen des Kindes, diese blauen, freundlichen Augen noch eine beredtere Sprache, aber dennoch vermochte das junge Weib dem Zauber, den Boles- lans gewandtes, herzgewinnendes Wesen auszuüben vermochte, auf die Länge nicht zu widerstehen, und sie lispelte ihm endlich wehmüthig zu: „Du hast mich überwunden, ach, wüßtest du, was meinem Herzen dieses Opfer kostet! Aber trennen wir uns nicht hier — nehmen wir den Kleinen bis zur Grenze mit, lassen wir ihn nicht hier zurück, ! denn das alte Weib hat längst verlernt, Kinder zu hegen und zu pflegen." Sie wollte aus dem Schiffbruch ihres Glückes wenigstens ein Paar Trümmer, einige Stunden mehr des Zusammenseins mit ihrem Kinde, retten. Aber Boleslaus entschlossene Seele mußte auch diesen letzten Widerstand hinwegräumen. „Nein, Geliebte, das wäre thöricht. Sieh', in dieser tiefen Waldeseinsamkeit, da ist unser Geheimniß vor aller Nachstellung, allem tückischen Zufall sicher; weißt du, ob sich auf der Reise wieder eine so passende Gelegenheit darbietet, das Kind unterzubringen? Danken wir vielmehr dem Schicksal, das uns diese stille, so ganz für unser Vorhaben geeignete Hütte finden ließ. Glaube mir, — die Alten sind gerade die besten Kinderwärterinnen, und dann soll Georg zu deiner Beruhigung hier bleiben. Du weißt, er ist - ein anstelliger Junge, — und wird den Kleinen nicht aus den Augen lassen. — Sei ohne Sorge!" Wie konnte ihr weiches, nur dem Gefühle folgendes Herz, diesem weitausschenden Verstände gegenüber, weiteren Widerstand leisten! Auch die Aussicht auf diesen letzten, wenn auch schon halb getrübten Wunsch, ließ sie sich aus den Händen winden, und sie lispelte kraft- und tonlos, wie ein aus den Grundfesten herausgebrochenes Menschenherz, daS sich dann ruhig dem Drängen äußerer Mächte überläßt: „Nun, wie du willst!" Er schritt, glücklich am Ziele zu sein — hastig hinaus, um sofort das Nöthige zur Reise anzuordnen und mit der, — nahe ihrer Hütte Kräuter suchenden Alten das Weitere zu verabreden. Margareth erhob sich, wollte ihm folgen — ihn zurückrufen, aber schon war er in der Thür verschwunden. Sie wankte zurück auf ihren Stuhl, preßte mit Inbrunst ihr geliebtes Kind an das Herz, als wollte sie sich fest an dasselbe anklammern, legte eS dann in sein Körbchen und versank in ein tiefes, schmerzlich bewegtes Hinbrüten. 890 Draußen war von dem umsichtigen Boleslaus bald Alles zur Reise geordnet. Er hatte den schweren Kampf, vor dem er sich selbst gefürchtet, glücklich bestanden, obwohl ihm nicht verborgen blieb, welch' tiefe Wunde er seiner Margarcth geschlagen. Aber solch' heftige, starrsinnige Charaktere stürmen rücksichtslos auf einen vor ihnen liegenden Punkt, unbekümmert, ob unter ihren Füßen liebende Herzen verbluten und für immer zu Grunde gehen. Sein Stolz, seine Ehre wären durch eine Entdeckung zu tief verletzt worden, und so mußte er Alles daran setzen, die Sache so lange in Nacht zu hüllen, bis es, nicht einem tückischen Zufall, sondern ihm selbst gefiel, den Schleier zu lüften. Er suchte dann die Alte, die Eigcnthümerin der Hütte auf. Es war durchaus keine Vertrauen erweckende Persönlichkeit. Ein ewig halb freundlich, — halb tückisches Grinsen spielte um ihren zahnlosen Mund, und die geröthctcn Augen zuckten fast immer unruhig hin und her. Ihr Gesicht verrieth jene schmutzige Selbstsucht, die für jeden, auch den geringsten Dienst, das zahlende Silber in die Hand gedrückt sehen will, jede Falte dieses verschrumpftcn Antlitzes schien nach Gelde zu geizen. Sie sammelte Kräuter, wahrsagte — und stand im Gerüche des Mchrkönnens als Brodesien," ihre Hauptbcdürfnisie aber verschaffte sie sich durch Halten einer Ziege. Bei dem jungen Manne hatte sie eine ergiebige Geldquelle entdeckt, und da sie hiernach ihre Freundlichkeit bemaß und ihr sogar eine tiefe Mcnschcnkenntniß nicht abzusprechen war, so hatte sie bei Margarcth ein recht Vertrauen gewinnendes Benehmen entwickelt und den ersten, üblen Eindruck ihrer Erscheinung durch den Hinweis auf ihr ehrfurchtfordcrndcs Alter zu verwischen gewußt. BoleslauS rückte mit seinem Vorschlage wegen Zurücklassen des Kindes auf kurze Zeit, vielleicht auf Monate heraus. Das Gesicht der Alten verklärte sich auf einen Augenblick wunderbar, „welch' neuer Dukatenregen!" mochte ihr Herz jubeln, wenn sie ein derartiges Mysterium zwischen der fünften und siebenten Rippe noch besaß, und dies nicht längst zum Pctrefact geworden, aber sie besann sich, und das Anfangs schmunzelnde Gesicht hing wieder verdrossen wie ein Waschlappen in taufend Falten herunter. Sie entgcgncte zögernd: „Junger Herr, ich bin alt und schwach, für meine Jahre wäre dies eine zu große Aufgabe." „Sperr dich nicht erst, Alte! Ich weiß, du hast dich in meine böhmischen Ducaten Vernarrt, — und willst nur durch dein Weigern ein Dutzend mehr in deine knöchernen Finger," erwiderte hochmüthig der junge Mann. Die Alte grinste freundlich, sich errathen zu sehen, denn solche Leute wissen doch fremden Scharfsinn zu schätzen, und bald war sie zur Erhaltung des Kindes über eine, beide Theile befriedigende Summe übereingekommen, die für das erste Jahr ausreiche» und dann erneuert werden sollte. Auch diese Sache war glücklich beigelegt. Dem Pagen wurde jetzt die Anweisung gegeben, bis auf weiteren Befehl zur Oberaufsicht des Kindes hier zu bleiben, und mit gewohnter Ergebenheit versprach er, dieser Pflicht treulich nachzukommen. Inzwischen sollte er die Pferde in Bereitschaft halten und die wenigen Nciscsachcn eiligst einpacken. Boleslaus kehrte in die Stube zurück, nicht frei von Furcht, daß die unendliche Liebe zu ihrem Kinde, Margaret!) von Neuem zum Hierbleiben gestimmt haben könnte. Er fand sie noch in der hinbrütenden Stimmung, in die sie nach seinem Weggänge verfallen, und stellte sich dicht vor die liebliche, jetzt in Schmerz und Qual zusammen- gekauerte Erscheinung. Selbst sein starres, hochfahrendes Herz konnte sich der Rührung nicht erwehren, — fast dünkte es ihn selbst zu hart, und mildere, weichere Gefühle zitterten durch seine Seele. „Wie glücklich, wie unendlich glücklich würde sie sein, wenn ich ihr diesen Schmerz ersparte!" sagte er leise vor sich hin, da erwachte das junge Weib aus ihrem Hinbrüten und fragte: „Kommst du schon wieder?" Er dachte der Anstrengung, — die er schon 291 gemacht, des Schmerzes, den er ihr bereits verursacht, alle Triebfeder«, die ihn zu diese« Schritt bewogen, spielten von Neuem und mahnten ihn au sein Ziel. — Die gute Stimmung war verloren. „Ja, Margareth, es ist Zeit!" Die Alte und Georg wurden gerufen, und mit der letzten Anstrengung ihrer Kraft empfahl die junge Mutter ihnen die Sorge für ihr Kind, und ließ sich von Beiden zuschnüren, heilig darüber zu wachen. Alles war jetzt zur Abreise bereit. Sie kniete noch einmal vor dem schlummernden Kleinen, ein inbrünstig Gebet für sein Wohl stieg aus dem Innersten ihrer Brust, und ihn — dem Schutze des Höchste» empfehlend, schwankte sie am Arme des Geliebten hinaus, einen letzten Blick auf die alte, räucherige Hütte werfend, in der sie so glücklich wonneselige Stunden verlebt, und die jetzt ihr Ein und Alles umschließen sollte. Er hob, die wie eine geknickte Blume Zitternde, in den Sattel — und wollte die Pferde in Trab setzen, da rief die Unglückliche hastig: „Bringt mir noch einmal meinen armen Ludwig!" „Aber, du holst dir ja nur neue Schmerzen," entgegnete Boleslaus — „willst d» denn ewig Abschied nehmen?" „O, nur noch ein einzig Mal — nur einen Augenblick will ich ihn sehen, nein, bei deiner Liebe, schlepp mich nicht eher hinweg, bis du mir die Bitte erfüllt." So unmuthig Boleslaus über diese neue Zögerung war, die ihm wieder gefährlich schien, so sah er doch ein, daß er ihrem Wunsche willfahren müsse, um nicht Alles z» verderben, und er befahl deßhalb der Alten, das Kind zu bringen. Um Margareth aber zur Sicherheit wenigstens im Sattel zu behalten, stieg er selbst vom Pferde und reichte den Kleinen hinauf, der, erwacht, die Händchen nach der Mutter ausstreckte. Noch einmal preßte sie ihren einzigen theuren Schatz an die von tausendfachem Weh zcrquälte Brust; heiße, bittere Thränen perlten aus den dunklen, schönen Augen, und rollten auf das Gesicht des Kleinen. „Ach, mein Kind — mein Kind," klagte sie mit herzzerschneidender, weicher Stimme, „diese Thränen sind die einzige Mitgäbe deiner Mutter, verzcih's ihr Gott!" Der Kleine wurde zurückgetragen; Boleslaus schwang sich wieder in den Sattel — gab seinem Pferde die Sporen, und so lange und sehnsüchtig auch das junge Weib zurückblickte, bald war die Hütte ihrem Auge gänzlich entschwunden und sie — getrennt —- vereinsamt — verlassen! Boleslaus fühlte wohl Mitleid für ihre Qual, aber die Freude über das erreichte Ziel kämpfte in ihm alle VorwurfS-Gedanken nieder. Das Kind ist ja nicht verloren, beschwichtigte er sich selbst, die Alte wird es, schon um ihres eigenen Vortheils willen, sorgfältig halten, selbst wenn Georg nicht immer dort bleiben könnte. Arme Margareth! Die Alte und der Page sahen den Fortreitenden lange nach. „Ein hübsches Pärchen," meinte die Erstere, „und gewiß ganz was apartes." „Hm! durchaus nicht," entgegnete Georg trocken, „sehne mich nach anderem Dienst, möcht' einmal bei einem Grafen sein!" Die Alte kicherte und sagte vor sich hin: „Der kleine Gelbschnabel will mir Sand in die Augen streuen, aber das ist ja Kies aus dem Bober," — und sie schien ihn vorläufig nicht zu beachten. Das junge Blut langweilte sich zum Sterben in dieser öden, traurigen Einsamkeit. Zwar hatte er Anfangs in übersprudelndem Muthwillen allerhand Allotria getrieben, — aber mit bleiernen Flügeln zog Tag an Tag langsam vorüber. Das war kaum zum Aushalten, — und um seinem Groll in etwas Luft zu machen, warf er eines Tages, 292 ' nachdem er seiner Hausgenossin in der Hütte das Oberste zu Unterst gekehrt, ihre sorgfältig aufgespeicherte Kräutersammlung der genäschigen Ziege vor, die sie mit gesundem Appetit verspeiste, oder doch unter die Füße-Krat. Die Alte war außer sich, als sie den Frevel entdeckte — ihr kostbarster Schatz auf so schnöde Weise vernichtet, — das forderte auf der Stelle Vergeltung. Sie versuchte in höchster Wuth, dem tollen Burschen ein Stück Holz an den Kopf zu werfen, doch — dieser fand noch schnell genug die Thür, und das schlichte Wurfgeschoß begrüßte nur sehr unfreundlich die alte Ziege, die so eben den Kopf neugierig zur Thür hereinsteckend, ihre gewöhnliche Morgenvisite machen wollte, und ganz verwundert über solch' ungewohnten Empfang ein kläglich-vorwurfsvolles Meckern hören ließ. Das hieß den Zorn der Alten auf die höchste Spitze treiben. Um ihn verkühlen zu lassen, suchte Georg für heute das Weite und wanderte gemüthlich, unterweges noch sich seines gelungenen Streiches freuend, dem nächstgelegenen Städtchen Sprottau zu. Er mußte sich ja für die verlebten Waldgefängnißtage schadlos halten, und machte sich dort in munterer Gesellschaft nicht wenig lustig. Er hatte nebenbei nach seiner schnurrigen Wirthin, die ihm vollends mit ihrem verdrossenen, häßlichen Gesicht das Leben dort in der Hütte unerträglich machte, gefragt — und erfahren, daß sie sich der Kunst des „Wahrsagens" befleißige, und sich darin eines nicht geringen Rufes erfreue. DaS schien dem jungen Burschen Spaß zu machen, und heimgekehrt, — sagte er in lustiger Weinlaune zur Alten: „Ich muß dich mal mit anderen Augen ansehen, seitdem ich weiß, daß in dir alten Schachtel eine Prophetin steckt." Die Alte murmelte etwas von „dummer Schlingel," --- „alberner Junge" in den Bart, und das ist durchaus nicht figürlich zu nehmen, denn ein ziemlich deutlicher, schon über die Periode des PflaumenS hinweggeschossener Bart — überschattete wirklich ihre mageren, zusammengekniffenen Lippen. „He, Alte, was grunzt du denn? Sag' mir lieber die Zukunft her, könntest den Bettel umsonst thun, in Anbetracht unseres so friedlichen Zusammenlebens, aber ich will mit deiner Vorliebe für das Glänzende Mitleid haben, hier ist Geld — nun prophezeihe!" herrschte er ihr übermüthig zu. Sie sträubte sich Anfangs dagegen, plötzlich schien sie sich eines Bessern zu besinnen. Sie hatte längst bemerkt, wie ungern Georg zurückblieb, welche Sehnsucht nach dem lustigen Leben in Prag ihn verzehrte, seine baldige Entfernung paßte in ihre Pläne — und dazu konnte sie jetzt durch ein aufmunterndes Wort beitragen. Das Kinderwarten und pflegen war ihr bald beschwerlich geworden — es kostete ja so viel Milch, „wer kann wissen, ob der Fremde je wieder etwas von sich hören läßt, und mehr Geld schickt, denn solche Herren haben wunderliche Launen," — calkulirte die Alte, lieber den Jungen bei der ersten besten Gelegenheit irgend Jemand in die Hände schmuggeln, war doch dann die Summe für das erste Jahr reiner Verdienst. Aber zu diesem Zwecke mußte Georg vorher die Hütte räumen, und so trat sie jetzt schmunzelnd auf ihn zu, blickte mit den stechenden rothen Augen lange in die seinen, jugendlich funkelnden Augen, dann in die Hand, und sagte mit ruhiger, fast tonloser Stimme: „Du bist ein keckes, zuversichtlich Blut, hast gar viel lose Streiche gemacht —" „Alte! mein Sündenregister habe ich nicht gewollt," sagte er lachend, „prophezeihe! denkst wohl an den kleinen Spaß von heut' morgen?" Die Alte schien den Vorgang vergessen zu haben, denn sie fuhr ruhig fort: „Dein Geschick ist — nicht immer Kindsmagd zu spielen, du wirst bald die lästigen Fesseln abschütteln — die Liebe einer Fürstin gewinnen und sie doch verschmähen, aber reich und angesehen wirst du werden — schwinge die Flügel!" Sie sagte die letzten Worte mit klangvoller, ungewöhnlicher Stimme, daß sie einm tiefen Eindruck auf den Knaben ausüben mußten. Er stemmte die Arme auf den Tisch 293 uud starrte lange vor sich hin, plötzlich rief er aus: „Du hast Recht, Alte, ich muß fort, mag daraus werden, was da will. Der Junge wird auch ohne mich leben, und ich kann doch nicht seinetwegen hier in diesem verlorenen Winkel zu Grunde gehen." Die Alte bestärkte ihn nach Kräften in seinem Entschluß, — und schon am andern Morgen sagte er schnell entschlossen seinem düstern, und doch so grünen Waldgefängniß „Ade", um mit jubelnd befreitem Herzen in die Welt hinauszuwandern. Die Alte bat ihn beim Abschied noch einmal, doch den Namen des jungen GasteS zu sagen. Er bog sich in übermüthiger Laune vsm Pferd, und flüsterte ihr geheimniß» voll einige Worte in's Ohr. Sie verzog ihr Gesicht zu einem ungläubigen Grinsen, daß Georg davon belustigt, laut auflachend entgcgncte: „Glaub's nur, alte Hexe!" — und davon sprengte. „Schad't nichts, und wenn's auch wahr sein sollt', fort muß der Bankert doch! — Das wär' eine schöne Quälerei auf die alten Tage, dann will ich nur d'rauf sehen, daß ich ihn gut unterbring' und nicht aus den Augen verlier'. Es wird zwar Niemand nach ihm fragen, aber wenn's ja geschieht, — dann müssen sie sich doch wieder an mich wenden, und ich verdien' erst recht mein schönes Geld." Mit diesen vor sich hingemur- melten Worten kroch sie zur Hütte zurück. Ihr heimtückischer, nichtswürdiger Entschluß den Kleinen auszusetzen, stand fest und sie suchte nach irgend Etwas, das sie dem Kleine, zur Wiedererkennung mitgeben könne. Darüber sinnend, schritt sie an den Korb des kleinen Ludwig, der trotz dem Mangel mütterlicher Pflege ziemlich wohl aussah, und rief freudig aus: „WaS such' ich lange, trägt doch der Junge das beste Erkennungszeichen an seinem Leibe. Dies große Mal auf seiner Brust, das wie eine Hand aussieht, und jeden Finger deutlich zeigt, ist so selten und sonderbar, daß man ihn unter Tausenden wieder erkennen muß." „Und nun will ich für dich sorgen, mein Söhnchen," — fügte sie lachend hinzu, „meine niedere Hütte verträgt nicht solch' hohen Gast." (Fortsetzung folgt.) Ueber die Größe europäischer Kirchen. Seit einiger Zeit scheint es, daß die Größe der Kirchen besonders in Deutschland die Aufmerksamkeit der Gebildeten auf sich gezogen hat. Wir entnehmen dah-i aus dem siebenten Bande des Wicbeking'schen Werkes (urolntcoturc civil« theoreliguc ct pra- tikzuc nveo un stlus r. John Murray, mitzutheilen. Dieser Bericht, welcher in den medizinischen Zeitschriften einläßlich besprochen werden wird, ist wesentlich auf die Beantwortungen der von der indischen Regierung an sämmtliche Aerzte Indiens gerichteten Fragen gegründet. Eine dieser Fragen (I 8) betrifft den Einfluß der Bäume auf die Einschränkung der Cholera und beweist, daß man auch in Indien auf einen gewissen Einfluß von Baumpflanzungen aufmerksam geworden ist. Unter den auf diese Frage eingelaufenen Antworten sind einige sehr schlagend. So werden von Beatson (1- k. Otkioisting vsput^ Inspuotor Kvnoral, Lsn- §sl I.) folgende Thatsachen angeführt: In der sehr weit verbreiteten Cholera-Epidemie von Allahabad im Jahre 1859, sind unbezweifelt jene Truppenabthcilungen, deren Wohnungen den Vortheil nahestehender Bäume hatten, verschont geblieben, und zwar genau im Verhältniß der Dichtigkeit und Nähe dieses Schutzes. Die europäische Kavallerie in den Wellington Barracks, die zwischen vier Reihen stattlicher Mango-Bäume, obschon immer noch etwas offen liegen, litt viel weniger als das vierte europäische Regiment, dessen Quartiere auf einem der ganzen Kraft der Winde ausgesetzten Hügel lagen; während in der bengalischen reitenden Artillerie, die ihren Wohnsitz in einem Mangowäldchen hatte, nicht ein einziger Krankheitsfall vorkam. Und diese Ausnahme kann nicht als zufällig betrachtet werden, da im folgenden Jahre das Verhältniß sich genau ebenso wiederholte. Griffith (U. ^ssistunt Lur^son, ülackras I) äußert sich in folgender Weise: Die Gegenwart von Bäumen wirkt wohlthätig, und ich glaube, daß einige Baumarten vorthcilhafter wirken als andere. Von einem Dorfe Namens Bhudrogaum in diesem Distrikte wird behauptet, daß es noch niemals von der Cholera heimgesucht worden sei. Es ist von Nccmbäumen umgeben. Vor einigen Monaten bat ich den Kapitän Dovcton, welcher Forstmeister ist, um Auskunft über diesen Ort. In 1865, so sagte er, wo die Cholera im Hoshuugabad-Distrikte wüthete, besuchte ich Bhudrogaum, wo ich zu meinem Erstaunen erfuhr, daß daselbst nicht ein einziger Cholerafall vorgekommen war, während in den umliegenden Dörfern die Menschen in großer Zahl starben. Dieses Dorf, welches nach allen Angaben niemals von der Cholera besucht worden ist, liegt auf einer hohen Uferstelle des Sungul-Flusses und ist im Osten und Westen von nordwärts und südwärts laufenden Waldstrichen eingeschlossen. Diese Junglcstrecken liegen aber tiefer als das Dorf, und in dieser Beziehung sind alle benachbarten Dörfer ebenso günstig gelegen. Aber einen bcmerkenswerthen Umstand hat der Ort für sich: er ist von einer außerordentlichen Zahl von Neembäumen umgeben; und auf diesen Umstand wurde meine Aufmerksamkeit gleich bei meiner Ankunft gelenkt. Nach den Beobachtungen, die ich in den vergangenen neun Jahren zu machen Gelegenheit gehabt, bin ich zu dem Schluß gekommen, daß ein von Wald umgebenes Dorf (a jun^lo villn^e) der Gefahr der Cholera weniger ausgesetzt ist, als ein Dorf ohne Bäume in seiner Umgebung, daß aber, wenn in einem Walddorfe einmal die Krankheit ausbricht, die Wirkungen viel schlimmer sind, indem eine größere Verhältnißzahl der Bevölkerung von derselben befallen wird. Ein anderer Beobachter, Guisc, 0- /O Usput^ lnspr. 6enl, LönZal I.) erklärt sich wie folgt: Dieses Jahr wurde wieder eine Abtheilung des 77. Regiments in ein Lager geschickt, weil sich am 17. September einige Fälle von Cholera gezeigt hatten. Die Regen hatten aufgehört. Lagergrund mit einem guten Wasserabfluß wurde in einem ausgedehnten Bestand von Mangobäumen gefunden. Die Leute waren den ganzen Tag in der freien Luft unter dem Schutze der Bäume und die Wirkung sowohl in der Beseitigung aller Cholerasymptome, wie überhaupt in dem Gesundheitszustände und der Gemüthsstimmung der Mannschaft war höchst befriedigend. Williams l>>V. b-ui-Ason iUnjor illuckru8 I.) sagt: Ich kann aus eigener Erfahrung kein Beispiel anführen, daß Bäume der Verbreitung der Cholera Schranken gesetzt, Beispiele aber sind bekannt, daß nach dem Abschlagen von Bäumen die Cholera an Orten erschienen ist, die vorher davon frei gewesen waren. So sehr ich an die Richtigkeit der angeführten Thatsachen glaube, so wenig kann ich die manchmal gegebenen Erklärungen annehmen. Die einen meinen, das Wirksame sei der Schalten, den die Bäume den Menschen gegen die Sonnenhitze gewähren; andere meinen, es liege in der luftrcinigendeu Kraft der vegetirenden Blätter, und wieder andere sind der Ansicht, daß die Bäume durch Abhaltung gewisser Luftströmungen wirken. Daß das alles nicht das Wesentliche sein kann, geht aus den Beobachtungen von Grif- fith und Dovelon hervor, wonach Jungle-Orte zwar häufiger verschont bleiben als andere, aber viel schwerer leiden, wenn in ihnen die Krankheit doch einmal ausbricht. Interessant ist für mich, was Mac Leod (Sur^eon Major, klackras I.) sagt: Da Fieber-Malaria fähig ist, vom Winde weiter getragen zu werden, so ist es ganz begreiflich, daß dieselbe von Bäumen aufgehalten werden kann, und es gibt Thatsachen, welche stark dafür sprechen. Von der Cholera aber glaube ich, daß sie tellurischer Entstehung ist, und daß die Erde selbst ein Hauptmedium für die Fortpflanzung dieser Krankheit bildet. Was immer aber diese Hypothese sein mag, — eins ist sicher, nämlich, daß das Choteragift sich gegen den Wind verbreitet, dem schärfsten Paffatwindc entgegen, und eine solche Fähigkeit scheint mir unvereinbar mit der Annahme, daß dieses Gift in seiner Fortbewegung von Bäumen aufgehalten werden könne. Daß jedoch Bäume wohlthätig wirken, indem sie die Luft reinigen, bin ich überzeugt, und deshalb glaube ich in der That, daß ihre Anpflanzung und Erhaltung anzurathcn ist. Auch in Europa haben schon einige darauf aufmerksam gemacht, daß in einer sonst gleich beschaffenen Gegend hier und da große Wälder der Ausbreitung der Cholera Schranken setzten. Wilkens führte jüngst einige Beispiele aus Schlesien, aus der Umgegend von Breslau an, und erklärt den Einfluß der Wälder, übereinstimmend mit mir, unter Beziehung auf das Grnndwasser. Dieser Einfluß großer Baumpflanzungcn und Wälder erinnert mich lebhaft an das Verhalten der Moore in Bayern während der Cholera-Epidemie des Jahres 1854, wo z. B. die zahlreichen und bevölkerten Ortschaften im Donaumoos, zwischen Pöttmes, Schrobcnhausen, Jngolstadt und Neuburg, von einem Gürtel von Ortscpidcmicn umgeben waren, ohne daß sich die Krankheit epidemisch ins Donaumoos hinein fortsetzte, trotz der individuell doch gewiß sehr disponirten armen Bevölkerung derselben. Der Boden des Donaumooscs scheint damals noch zu feucht gewesen zu sein, als die Epidemie in der Nähe war und ihr Keim eingeschleppt werden konnte. Wenn die Mango- und Ncem- Wälder in Indien unter gewissen Umständen eine Immunität gegen Cholera verleihen, so hat das unzweifelhaft keinen andern Grund, als die Immunität der niederen Stadttheile von Lyon, welche durch den Einfluß der Rhone auf die örtlichen Grundwasserverhältnisse bedingt ist. An einem Orte könnte daher das Niederschlagen eines Waldes dieselben Folgen und aus den nämlichen Ursachen haben, wie anderswo das zeitweise Austrocknen eines Moores oder die zeitweise Ableitung eines Flusses. 310 Schlagende Wetter. Ein Augenzeuge der Gruben - Explosion im Plauen'schen Grunde bei DreSde«, gibt im Chemnitzer Tageblatt folgende Erläuterungen zu der Explosion: „Die Entstehung und Verbreitung von „schlagenden Wettern" ist ihrer Natur nach, so viel man sich auch nach dieser Richtung hin bemüht hat, noch so wenig erkannt, die zu ihrer Wahrnehmung und gegen ihre Entzündung anzuwendenden Mittel sind im Ganzen noch so unzuverlässig, daß bei der größten Vorsicht der Gruben-Verwaltung doch leicht einmal alle Maßregeln noch ungenügend sein können, oder daß nur ein Einziger von den in der Grube Anwesenden ein wenig unvorsichtig zu sein braucht um diese alle der Verbrennung oder dem augenblicklichen Tode auszusetzen. „Das Kohlenwasserstoffgas bildet im Gemenge mit atmosphärischer Luft die schlagenden Wetter. Es entwickelt sich in vielen Steinkohlengruben aus den Steinkohlen. Da es leichter ist, als die atmosphärische Luft, so steigt es bei ungestörter Ausströmung aus dem Kohlcnflötze in die höher gelegenen Theile der Grubenbaue, ohne sich mit dieser zu vermischen, und in diesem Falle brennt es bei der Entzündung mit blauer Flamme ohne Detonation ruhig weg. Vermischt sich aber das Kohlcnwasscrstoffgas mit der Luft, entweder durch die Bewegung der Arbeiter, oder durch die in den Gruben stattfindende Ventilation, so cxplodirt das Gemenge bei der Berührung mit einer Flamme. Bei dieser Explosion entsteht ein außerordentlich starker Luftstoß und eine für den Augenblick sehr hohe Hitze. Die weiteren Folgen der Explosion bestehen darin, daß an Stelle der vorherigen schlagenden Wetter der sogenannte „Nachschwaden" tritt, d. i. ein Gemenge von Kohlensäure und Stickstoff, in dem einen oder anderen Falle noch mit etwas Kohlenwasserstoff oder etwas Sauerstoff. Dieser Nachschwaden macht das Athmen der Menschen unmöglich, führt sie daher oft noch zur schnellen Erstickung, wenn sie nicht vorher schon verbrannt oder zerschmettert wurden, und zwar verbreitet sich der Nachschwaden in den Gruben bedeutend weiter, als vorher die Explosion, so daß oft noch Leute dieser nachträglichen Erstickung unterliegen, welche weit von dem Herde der eigentlichen Explosion entfernt liegen. „Die gewöhnliche Art der KohlenwasserstoffgaS-Entwickelung in den Kohlengruben findet auS den eben in der Kohlengewinnung st-hendcn Flötztheilen, also an den Arbeits- punkten statt. In dieser Art liegt die geringere Gefahr, denn m allen Grubenbauen, wo sich Spuren solcher Entwicklung zeigen, läßt man ununterbrochen arbeiten, damit das ausströmende Kohlcnwafferstoffgas durch die Grubenlampen fortlaufend zur ruhigen Verbrennung gelange und überhaupt sicy nicht in größerer Menge unbeobachtet ansammle. Bleibt dennoch einer oder der andere solcher bcdcnkcncrregendeil Punkte Feiertags ohne Arbeiter, so läßt man zur allmählichen Vcrbrcnuung des Kohlenwasserstoffgases in dem höchsten Punkte eine ewige Lampe brennen und läßt jedenfalls den Bau von einem zuverlässigen Manne zuerst untersuchen, ob auch keine Gefahr vorhanden sei. Es geschieht dieß mittels der sogenannten Sicherhcitslampe, d. h. einer besonders construirten Grubenlampe, welche bei richtigem Gebrauche die Anwesenheit von Kohlenstosfwasscrgas durch Vergrößerung und blaue Färbung der Flamme verräth, bevor dieses GaS zur Entzündung gelangen kann. Die Voruntersuchung aller einigermaßen bcdenkencrrcgcnden Baue nach einem Arbcits- stillstande hat auch bei dem freiherrlich v. Burgk'schcn Werke stets gewissenhaft stattgefunden und so auch ohne allen Zweifel am Unglücksmorgcn nach dem vorhergegangenen Feiertage. Zeugcnbcrichte darüber gibt es natürlich in diesem Falle nicht. Bei vorliegendem Ereignisse mag dagegen die andere, seltenere, aber ungleich gefährlichere Art von Verbreitung schlagender Wetter stattgefunden haben. Nämlich in den alten unzugänglichen, weil zusammengebrochenen Kohlenabbauen sammelt sich ebenfalls Kohlcnwaffcrstoffgas an, welches, wenn es hier und da einmal durch eine der zahlreichen offenen Verbindungen in die gangbaren Grubenbaue in geringer Menge übertritt, bei 4 einer guten Ventilation mit weggeführt wird, ohne schädlich zu werden. Geschieht cS aber in großer Menge und geschieht eS bei etwas gehemmter Ventilation, so kommt es vor, daß sich unter jedenfalls gleichzeitigen noch andern nicht erforschten Einflüssen die gangbaren Grubenbaue von den verbrochenen aus innerhalb kurzer Zeit in ausgedehntem Maße mit schlagenden Wettern füllen, ohne daß man eine Ahnung davon hat. So scheint es auch hier der Fall gewesen zu sein. Am 1. August trat nach lange anhaltender Hitze ein Gewitter ein, welches, wie es gewöhnlich geschieht, so wahrscheinlich auch hier die Ventilation mehr oder weniger hemmte. Gleichzeitig wurde am 2. August früh ein besonderes niedriger Barometerstand beobachtet, welcher, wie man andern Orts mehrfach bemerkt hat, den Austritt von schlagenden Wettern aus den alten Bauen zu befördern scheint. Dazu mögen noch andere Umstände hierbei mitgewirkt haben; kurz, als die 327 Mann ziemlich vor ihren Arbcitspunktcn angelangt waren, trat die Explosion der unver- muthcten Anhäufung von schlagenden Wettern ein. Die Heftigkeit des Schlages war derartig, daß die Meisten durch das Hinanwerfen an die Wände, die Decke und den Fußboden zerschmettert, ja, buchstäblich zerfetzt wurden. Man fand sie häufig ohne Kopf, ohne Arm oder Beine, welche Theile weit fortgeschleudert waren; dabei wurden die Kleider sämmtlich vom Leibe gerissen und überzog sich dieser durch die hohe Hitze mit einer schwarzen Kohlenkruste. Nur die weitest Entfernten erlagen der Erstickung durch den Nachschwa- den; die große Mehrzahl aber ward gänzlich verstümmelt und deßhalb völlig unkenntlich angetroffen, weil sie von der Explosion unmittelbar betroffen wurden. Diese war so heftig, daß ein 300 Schritt langes, etwa 4 Schritt weites Tunnclgewölbe zum Theil auseinandergcpreßt und die Zimmerung in den Strecken größtenteils zerstört wurde. In Folge dessen sind diese Strecken vieler Orts derartig zusammengebrochen, daß jetzt 130 Mann mit ihrer Wiederausräumung beschäftigt sind und man gewiß noch verschiedene Wochen dabei zubringen muß. Unter den hereingebrochenen Stein« und Holzmassen lagen nun die Leichen verstreut umher. Der Hopfen-Markt in Nürnberg. . * * Das eben erschienene Septcmberheft der Zeitschrift des landwirtschaftlichen Vereins enthält folgende Schilderung über den Hopfenmarkt zu Nürnberg: Wenn in den letzen zehn Jahren die Bicrsabrilation einen enormen Aufschwung erfuhr, so war es besonders der Hopfenbau, der seine große Verbreitung dieser Industrie zu verdanken hatte. Unter allen Hopfen produeirenden Ländern des ganzen Continents hat sich nun seit der Cultur des Hopfens kein Land in ähnlicher Weise verdient gemacht, als Bayern, und in diesem Lande selbst keine andere Provinz, welche auf dieses Verdienst einen gleichen , Anspruch machen könnte, als Mittelfranken. Spalt, Altdorf, Hersbruck und Lauf sind wohl in der That die Stammorte, wo Hopfen zuerst gepflanzt und die Cultur dieses Produktes in einer Weise gepflegt wurde, die es nach und nach. Dank seiner vortheil- § haften geeigneten Bodenbeschaffcnhcit, auf die Ausbildung und Vollkommenhcitsstufc brachte, i welche dasselbe nun einnimmt. Aber auch manche andere Länder, besonders Böhmen, ! Baden, Württemberg, Polen rc. haben den Hopfen seit zehn Jahren mit großem Eifer s kultivirt, so daß um den Verschleiß desselben Besorgnisse rege wurden. Ohne Absatz konnte diese umfassende Cultur, welche von der Verwerthung und dem Verschleiß abhängig war, nicht betrieben werden, und es war hauptsächlich die alte Handelsstadt Nürnberg, welche in dieser Beziehung der Pcoduction in vortrefflicher Weise entgegenkam. Schon > vor 50 Jahren war Nürnberg für das Ausland der Weltmarkt und die Bezugsquelle ^ des Hopfens; seine Handelsfirmen machten schon zu Anfang dieses Jahrhunderts größere l Hopfensendnngcn nach überseeischen Plätzen. Seitdem jedoch Eisenbahnen, Dampfschiffe und Verkehrswege bestehen, konnte sich der Hopfenhandel freier entfalten. Viele und bedeutende Handelsfirmen kamen nach Nürnberg, und der Verkehr ist einer der großartigsten 312 in der großen Handelswelt, Nürnberg der größte Hopfenhandels-Platz geworden Von Jahr zu Jahr steigt die Zahl der Handelsfirmen daselbst, und erweitern die bestehenden Handlungshäuser ihre Geschäfte so, daß der Nürnberger Exporthandel von allen, selbst von den entferntesten ProductionS-Ländern, Hopfen bezieht, und hiegcgcn denselben in alle Welttheilc wieder verschleißt. Der Hopfenmarkt Nürnberg's ist daher auch zum Welt- Markte geworden, und was den eigentlichen Markt betrifft, so besteht derselbe ohne alle amtliche Controle und Aufsicht; er wird hauptsächlich in der Karolinenstraße und Brunn- Gasse, in der Nähe der Lorcnzkirche, frcqucnlirt, weil dort viele Commissions-Geschäfte etablirt, zum Lagern des Hopfens eingerichtet und die meisten Hopfen-Handlungen im Lorenzcr-Viertel zu finden sind. Die Preise des Nürnberger Hopfenmarktcs gelten für alle Hopfcnländer als Regulator; an allen Handelsplätzen und überall, wo Spcculation für Hopfenbau und Hopfenhandel erwacht ist, — werden die Course und Berichte des Hopfenmarktes mit Spannung erwartet, so daß in Zeiten des bewegteren Geschäftes, in der Saison, — der Telegraph Tag und Nacht beschäftigt und kaum im Stande ist, die zahllosen Depeschen über das Markt-Ergebniß und die Operationen des Handels in alle Himmelsgegenden zu verkünden. Die Hauptmarkttagc sind: Dienstag, Donnerstag und Samstag; am Schluß des Marktes wird die „Allgemeine Hopfen-Zeitung" ausgegeben, welche außer den Resultaten des Marktes, Nachrichten aus allen Hopfcnbau treibenden Ländern, sowie von allen anderen bedeutenden Märkten bringt. Der jährliche Umsatz des Marktes beträgt nach zehnjährigem Durchschnitte 200,000 Ballen; einen ähnlichen Betrag erhalten die Hopfen-Handlungen direkt aus den Productions-Bezirken. Am Nürnberger Markte betheiligcn sich hauptsächlich die Händler von Fürth und Bambcrg, aber auch die ausländischen von Frankfurt, Mainz, Mannheim, Böhmen und Belgien sind zahlreich vertreten, welche großcnthcils in den Gasthöfcn zum „Strauß," zur „goldenen Eiche" und zur „Himmelsleiter" in der Karolinenstraße Wohnung nehmen. Während der Hauptsaison kam es schon oft vor, daß an Einem Tage 2 — 3000 Ballen zu Markte gebracht wurden, und da der Handel sich auf den Straßen bewegt, so wird bei lebhaftem Geschäfts-Verkehre nicht selten die Passage gehemmt, und in den am Markte gelegenen Wein-, und Bicrwirlhschaften des :c. Dörner, Jung Weihmann und Adelmann — das Geschäft zuweilen mit Hilfe eines frischen Glases abgeschlossen. Bei guter Stimmung und Bedarf ist selbst die größte Zufuhr bis Mittags 12 Uhr umgesetzt und etwa eine Stunde später sind fremde und einheimische Käufer und Verkäufer im „Cafe Lotter," wie in einer Hopfen-Börse, zum Cafe versammelt, die Conjuncturen und Situation des Geschäftes zu berathen, überhaupt der Spcculation Rechnung zu tragen. Die Gcschäfrs- Jahre 1867 und 1868 waren für Händler wie für Produzenten keine rentable. Die Uebcrprvduktion verursachte sehr niedrige Preise, denn der Hopfcnbau hat mit der Bier- Fabrikatiou nicht gleichen Schritt gehalten, und dieselbe weit überholt. Die Preise des Nürnberger Hopfenmarktes gestalteten ^ich seit August 1866 wie folgt: 1866. August 64—78 sl., September 85 — 93 fl., Oktober 90—104 fl., November 100—110 fl., Dezember 115 —123 fl. 1867. Januar 119 —131 fl., Februar 111 —120 fl., März 111-120 fl., April 112—110 fl., Mai 110—116 fl., August 110—121 fl., September 64—71 fl., Oktober 47— 59 fl., November 41—51 fl., Dezember 35—45 fl. 1868. Januar 29—47 fl., Februar 28 — 42 fl., März 27-35 fl, April 27—35 fl., Mai 28 — 35 fl., Juni 30 — 40 fl., Juli 50 fl., August 60 — 70 fl., September 30—48 fl., Oktober 2l—35 fl., November 14—24 fl., Dezember 17—26 fl. (Grabschrift.) Auf dem Grabsteine eines amerikanischen Advokaten ist folgende Inschrift zu lesen: „Der Tod folgte nicht dem Beispiele des Advokaten; er machte kurzen Prozeß mit ihm." Druck, Verlag und Redaction des litterarischen Instituts von Dr. M. Huttler. ^1-0. 40. 3. Octbr. 1869. Was wir gebrauchen, baden, macht uns reich — Wir haben das nicht, was w'r nicht gebrauchen. So wären denn die meisten Menschen reich, Wenn sie nicht wünschten, was sie nicht gebrauchen, lind was der nicht besitzet, der es hat. L Scheser- Die Hand. Historische Novelle von Ludwig Habicht. IN. Sie haben mich geleitet, als ich mich fortgemacht, Sie haben krank zum Sterben mich wieder heimgebracht. Ch amis so. Fünfzehn Jahre waren seit den im ersten Kapitel geschilderten Ereignisse» verstrichen. Wir finden den damals noch jungen Mann der Hütte, merklich gealtert, in dem weilen Saale eines Schlosses wieder, in finstern Gedanken auf- und niedergehend. Eine wilde, — geräuschvolle Vergangenheit mußte an seine hcißklopfendc Schläfe gepocht, finstere Leidenschaften verheerend in seiner Brust gehämmert haben, denn das damals so frische, jugendliche Gesicht trug den Stempel frühen Alters. Sein früher kohlschwarzes Haar halte schon einige Silbcrstreifen, die in solchen Jahren nicht auf ein „ausgelebt," sondern „ausgebrannt" sein schließen ließen. Nur seine Gestalt war stärker, kräftiger geworden, die früher etwas zu schmalen Schultern schienen jetzt besser jedem Unglück trotzen zu können, denn sie hatten sich zu voller Maunesweite ausgedehnt. § Und nach all' diesen Veränderungen würde man schwerlich in dem jetzigen Herzog l Boleslaus von Brieg jenen Eindringling der Waldhülte wieder erkannt haben. Nur das j früher schon dunkel aufflammende Auge hatte jetzt etwas noch düsteres, unheilvcrkünden- ! deres, und der entschlossene Zug seines Gesichtes war bis zum Starrsinn verhärtet. Die junge, unglückliche Mutter, die damals sich schmerzlich von ihrem Kinde trennen mußte, war die Tochter des Königs Wenzel von Böhmen, jetzt Boleölaus Weib. Da > sein Vater früh verstorben, war er vom Böhmenkönig an den Hof genommen und dort erzogen worden, denn die Väter hatten schon ihre Kinder in der Wiege mit einander verlobt. Aus dem Brcslaucr Kloster hatte sie die Furcht vor Entdeckung bald hinweg, und zu einer in Sagan rcsidirendcn Tante getrieben, die alt und halb blind, den Zustand > ihres Gastes nicht gewahrte. Ihr Kammermädchen wurde bestochen, die klebrigen bekamen ! das junge Weib nicht zu Gesicht. Endlich aber fühlten sich die Flüchtigen auch dort nicht mehr sicher, und Boleslaus halte die Hütte im Walde aufgesucht, seinen Pagen > aber, wie wir wissen, noch in Sagan zurückgelassen, um etwaige Briefe von seinem Schwiegervater in Empfang zu nehmen, und so gelang cS, sich vor Entdeckung zu schützen ! und ohne den geringsten Argwohn nach Prag zurück zu kommen. Eine Königstochter, eine künftige Herzogin — durfte nicht der Schande allgemeiner Verachtung anheimfallen, dies war Boleslaus treibender Gedanke, und daher seine an Grausamkeit grenzende Härte. 314 Der Page Georg war nach kurzem Herumstreifen in der Welt ganz ruhig wieder zu BolcSlauS gekommen, mit dem Bericht: »der kleine Ludwig sei bald nach ihrer Abreise gestorben." Boleslaus sah ihn streng und durchbohrend an: „Der Knabe ist nicht todt, das lügst du — und wenn cr's wäre, dann trägst du selbst die Schuld und sollst es büßen!" Er streckte die Hand aus, ihn zu züchtigen, da mußte ein anderer Gedanke ihm durch die Stirn fahren, denn er sagte jetzt ruhig: „Georg, das war sehr leichtsinnig; doch, ich will dir verzeihen, unter dem Beding, auch Margareth zu berichten, daß der kleine Ludwig todt, sag' ihr, daß er still und freundlich verschieden." Georg stutzte; in diesem Augenblicke erst fühlte er einen Vorwurf über den Leichtsinn, nnt dem er die arme Margareth so tief und schneidend verwunden wolle, aber es war nicht viel Zeit zu besinnen, hier drohte eine strenge Strafe, dort galt es, nur die Lüge zu wiederholen, und er willigte ein, um freventlich in die Brust der Mutter einen Giftpfeil des Schmerzes zu schießen, tiefer und tödtlicher, als es Beide geahnt. Und was bewog Bolcslans zu diesem Schritt? Er wollte noch ferner für den Kleinen sorgen, aber dem unaufhaltsam fortnagcnden Schmerz der Mutter ein Ende machen — wenn er todt, dann mußte sie über seinen Verlust zur Ruhe kommen, es war ja ein natürliches Unglück, dem sich durch nichts entgegentreten ließ, und dann wollte er dem Drängen seiner künftigen Frau, das er bestimmt erwarten konnte, ihr den Jungen gleich nach der Hochzeit zurückzugeben, vorbeugen. — Jahre mußten erst vorüberrauschen, ehe er diesen Schritt wagen durfte, dieß war sein fester Entschluß und lieber wollte er sie jetzt täuschen, als täglich, stündlich dieß Andrängen um ihr Kind ertragen, dem er doch einschicken nicht stattgeben wollte. Er log sich selbst vor, um so beglückender würde dann für sie die Nachricht sein, daß es noch lebe. — Georg, nicht er, war ja in dem Falle nur der Betrüger. König Wenzel hatte ihre Verbindung erst auf das kommende Jahr festgesetzt — welch' lange Zeit, während Margareth, deren ganze Liebe zu ihrem Kinde von Neuem erwachte, fortwährend ihren Verlobten bat, doch jetzt Alles zu bekennen und Ludwig heimzuholen. Dem mußte, wiewohl auf grausame Weise, ein Ende gemacht werden. Der Schmerz des jungen Weibes war ein herzzcrschncidender, und BolcSlauS bereute bald seine rasche That, ohne aber in sich die Kraft zu finden, seine Schuld und die Wahrheit zu bekennen. Oft fehlt selbst kräftigen Charactcren jener Muth, selbst dann die Wahrheit zu sagen, wenn sie uns die von Andern erworbene Zuneigung und Achtung kostet, und man schleppt lieber die Kette des eigenen verdammenden Bewußtseins mit sich herum, erträgt, wenn auch im Innersten gedemüthigt, unverdiente Wcrthschätzung, als durch ein offenes Bekenntniß allen Schein und Schimmer über den Haufen zu werfen, und mit Entschlossenheit von Neuem die verlorene Achtung wieder zu gewinnen. Der junge Bolcslans hatte ein Jahr nach seiner Flucht den Besitz seines verwaisten Herzogthums angetreten, und seine erste That war, wie wir gelegentlich erfuhren, die Bestrafung der Glogaucr Herzöge — und Wicdererobcrung eines großen Theils der früheren Äesitzthümer. Jetzt wollte er dem Münsterbergcr Herzoge auf den Leib rücken, der auch noch ein früher geraubtes Stück Land im Besitz hatte. Die Pläne waren alle geschmiedet, ihm fehlte nur noch Eines — Geld dazu, denn er hatte das Sparen und Haushalten nie geliebt, und bei Gelagen und Bautet wurden die Einkünfte des, — die Nachwchen dcS Tartarcncinsalles noch spürenden Landes leichtsinnig verschleudert. Gab es gerade keine Fehde, dann begann daheim ein tolles Leben; die Seele des Herzogs mußte sich fortwährend in den Strudel wilder Lust stürzen, um — wie er vermeinte, sich recht „herzoglich" auszutoben. Zwar gab es noch Stunden, in denen in ihm der bessere Mensch zurückkehrte, in denen er sich sogar des tollen Treibens schämte; aber Margareih's tief verletztes Gemüth vermochte dann nicht sogleich den Reuigen 315 freundlich aufzunehmen, und sich zu jener Entschlossenheit aufzuraffen, die zur glückliche» Stunde das Verlorne Herz wieder erobert. Sie weinte in solchen Momenten still vor sich hin, und fühlte in diesem flüchtigen „zu ihr Zurückkehren" erst recht das Herbe ihres Verlustes. Ein erfreutes, glückliches Gefühl würde ihn gefesselt, die halb erstorbenen Gefühle der Zuneigung von Neuem belebt haben, diese weichlichen Thränen, dieser verschlossen stumme Schmerz scheuchten ihn aber schnell zurück und jagten ihn zu neuen, noch wilderen Zerstreuungen. Er konnte nicht ahnen, welch' wunderbare Veränderung sein liebend Wiederkommen in ihr hervorbrachte. Der Sonne warmer Strahl durchzittcrt den dichten Nebelschleier, und drückt die düsteren Wolken nieder — einzelne Tropfen suchen den Weg zur Erde, man zürnt ihnen nicht — nur der heftige, aufbrausende Charakter des Herzogs wollte sogleich eine wolkenfreie Stirn, ein klares Auge, auf daß ihn nichts empfindlich an sein schweres Unrecht gcmahue. In diesen Thränen lag kein Vorwarf, es waren nur die Vorboten eines hellen Tages. Margarcth hatte ihrem Gatten noch einen Sohn geboren, der zu Ehren des Großvaters auf den Namen Wenzel getauft, ganz nach dem Vater geartet, ein kecker, derber Zunge geworden, und mit seinen wilden Streichen die besorgte Mutter gar oft ängstigte. Die Phantasie führte ihr darum das Bild des verlorenen Ludwig nur um so sanfter und freundlicher vor die Seele, in ihm würde sie gewiß verwandtere Saiten gefunden haben, doch er war todt und ihr anschlußbedürftiges Gemüth cvnccntrirte jetzt die ganze Liebe auf den noch Lebenden der, obwohl wild und aufbrausend, sich dennoch zärtlich an seine Mutter anschmiegte, und wenn er sie weinen sah, tröstend zu ihr mit kindlicher Zuversicht sagte: „Weine nur nicht, lieb' Mutter, wenn ich werde groß sein, dann treib' ich Alle fort, die dich geärgert haben!" Und diese Thränen waren immer reichlicher und heftiger geflossen, als eine Fremde sich als Gast und dann als Geliebte in das Herz von Boleslaus Hingeschlichen und ihn völlig zu beherrschen gelernt. Es war eine Herzogin aus Croaticn, die ihr unruhiger, rastloser Geist aus ihrem Vatcrlande getrieben, und die in BreSlau bei ihrer Durchreise mit Boleslaus zusammengetroffen war. Die königliche Figur, das brennende, dunkle Auge, der Stolz und die Hoheit in ihrem ganzen Wesen imponirten ihm: daö war eine Erscheinung — willenSkrästig, stark und entschieden, die jedem Sturm zu trotzen wagte, und so liebte es Boleslaus. Wo ihm eine entschiedene Persönlichkeit durch schroffes, rücksichtsloses Auftreten Achtung abzwang, da gab er im Behagen über solch' keckes Wesen mehr nach, als es sonst seiner trotzigen Natur gemäß, während er gegen Diejenigen, die weich und hilflos sich fortwährend unter seinen Willen beugten, immer tyrannischer und härter wurde. Gegen eine so glänzend üppige Erscheinung mußte in Boleslau's Augen die blaffe, aus weicheren Stoffen geschaffene Margarcth bald in den tiefsten Schatten treten, und was zuerst Wohlgefallen an dieser kräftigen Frauengcstalt, das loderte bald in heftiger Leidenschaft auf, die von dem verschlagenen, hcrrschsüchtigen Frauenzimmer durch Zurückhaltung noch gesteigert wurde. Je offener und stärker sich BoleSlauS Liebe zeigte, — je größer mußte die Kluft zwischen ihm und Margarcth werden, die den Verlust des noch immer geliebten Mannes nicht verschmerzen konnte, und einsam weinend aus ihrem Zimmer saß, während er im großen Saale mit der Croalin bankcttirtc, und der lustige Gesang, die Lcbehoch's für den schönen Gast bis zu ihr hinüberschaütcn. Die Croatin übte eine unumschränkte Gewalt auf den Herzog aus. Er, der mit eiserner Despotie jeden fremden Willen eingeschüchtert und überall den Tyrannen gespielt, war ihr gegenüber ein willenloses Geschöpf, das, um einen einzigen, freundlichen Blick aus ihren feurigen Augen Alles hinzugeben im Stande war. 316 Seine Frau wurde ihm immer gleichgültiger, — je tiefer er sich in die Netze dr» schlauen Weibes verstrickt, bis er zuletzt mit dem Gedanken vertraut wurde, sich Marga- rcths völlig zu entledigen. Die Croatin war reich, sehr reich, ein gewichtiger Grund mehr, sie und ihr Vermögen zu erobern, aber, um zu diesem Ziele zu gelangen, mußte eine Trennung von Margareth stattfinden, dies hatte ihm der unheimliche Gast längst zu verstehen gegeben; doch, so oft und vielfach er mit diesem Gedanken sich herumgeschleppt, einer gewissen Scheu konnte er sich nicht erwehren, Margareth — diesem unglücklichen Geschöpf, einen solch' tödtlichcn Dolchstoß zu versetzen. Jetzt beschäftigte ihn der Plan eines Feldzuges gegen den Münsterbcrger, und mit dem dringenden Bedürfniß nach Geld tauchte auch dieser oft zurückgedrängte Gedanke von Neuem auf — und stärker denn je. „Es muß sein," sagte er sich, — und damit waren die Würfel gefallen. Er begriff eigentlich diese Margareth nicht, die so ruhig-schweigend seinem verbrecherischen Treiben zusehen konnte. Wie gern Hütte er gesehen, wenn sie ihm selbst den Handschuh hingeworfen und „Valet" gesagt. Um sie aufzustacheln und zu einem Bruche zu bewegen, hatte er sein Wesen mit der Croatin desto offener und freier getrieben, und sogar zugelassen, daß die Letztere im frechen Ucbermuth, selbst au Margareth — ihre Despvtenlaune ausgeübt, und da er die Triebfeder nicht finden konnte, die ihr ruhig fließend Blut in Wallung zu bringen vermöchte, so verachtete er sie wegen einer Schwäche, die Alles duldete und Alles litt. Vielleicht würde sie seine Liebe wieder gewonnen haben, wenn sie den Kampf mit dem schönen Gaste aufgenommen und diesen mit Entschlossenheit auS dem Felde geschlagen hätte. Wir sagen: „vielleicht?" Bolcslaus sollte bald erfahren, daß sie dennoch so schwach und elend nicht war, als er geglaubt, und daß mehr verletzter Stolz als Schwäche sie abgehalten, mit der Croatin in die Schranken zu treten. Denn oft ist es die Niedrigkeit und Erbärmlichkeit des Feindes, die uns hindert, einen frechen Angriff abzuwehren, und wir schweigen lieber, als uns im Kampfe mit Gcsindel zu beschmutzen. Während oben BoleslauS noch brütend und gedankenvoll in seinem Zimmer auf- und abging, spielte der kleine Wenzel unten auf dem Schloßplatz Ball. Die Croatin ruhte nachlässig im Neitanzuge in der Nähe des Knaben auf einer Bank, und erwartete den Herzog, um mit ihm auf die Jagd zu reiten. Ein grünes Sammtkleid umschloß ihre hohe Gestalt, schwarze Locken umwallten das scharfe, ausdrucksvolle Gesicht, in den Augen blitzte es oft nach Falkenart unheimlich — bcutelüstern auf, um dann wieder eine gedankenlose Leere, ein gelangweiltes Nichts zu zeigen. Sie spielte ungeduldig mit der Reitpeitsche, während ihr Hut mit den wogenden Federn am Boden lag und ihr kleines Füßchen ihn bald vor-, bald rückwärts schob. Die Ungeduld steigerte sich, denn wirklich war BolcSlaus so sehr in seinem Hin- brütcn gefangen, daß er zum ersten Mal die Croatin warten ließ. Der Knabe schien sich wenig um die Croatin zu kümmern, und blickte nur lächelnd zu seiner Mutter hinauf, die von einer Fensternische des Schlosses ihm zusah, und wenn er den Ball recht weit geworfen, Beifall zunickte. Da auf einmal nahm der eine Wurf des Jungen eine unglückliche Richtung, der Ball flog gerade der dort ruhenden Croatin in's Auge. Sie sprang wie eine verwundete Tigerin wüthend auf, und rief den Jungen zu sich heran, der ohne Zögern entschlossen auf sie zuging. „Warte, Bestie, ich will dich werfen lehren;" rief sie aus, und schwang über ihm drohend die Peitsche. „Schlage mich nicht, ich hab'S nicht gern gethan," vertheidigte sich der Junge. 317 „Ich habe wohl gesehen, wie oft du hierher warfst, mich zu treffen, du nichtsnutzige Range/' und sie schwang von Neuem die Peitsche. „Du darfst mich nicht schlagen, du böses, gemeines Weib, du bist schuld, daß die Mutter alle Tage weint, denn du bist schlecht und willst sie nur in's Grab ärgern," — erwiderte trotzig der Junge. Die Augen der Croatin funkelten vor Wuth, — denn obwohl nur ein Knabe ihr gegenüberstand, fühlte sie sich doch von den so treffenden Worten auf's Tiesste verletzt, und im höchsten Zorn siel die Peitsche auf Wcnzet'S Rücken. 'Sie hob zu einem zweiten Schlag die Penschc, — da stand ihr schon Margareth gegenüber, und griff ihr mit einer heftigen Gebcrde in den Arm. Das war nicht mehr die sanfte, Alles über sich ergehen lassende Frau, das war eine ganz andere, höhere, wüthigere, das war eine ihr Kind vertheidigende Mutter, die ihr gegenüber stand. „Wie kannst du, freche Dirne, es wagen, mein Kind zu züchtigen!" donnerte sie der Croatin zu, die — von der ungewöhnlichen Erscheinung verblüfft, vergeblich all' ihre Keckheit aufraffen wollte, und wie ein Schulkind sich entschuldigend bemerkte: „Er hat mich mit dem Ball geworfen!" „Und das gibt dir ein Recht, ihn zu schlagen? Hinaus mit dir. Elende, die du den Frieden meines Hauses vergiftet und nur tausendfache Qualen über mich gebracht!" Die schwache Frau schien die große Fremde weit zu überragen, und in dem vollen, siegenden Bewußtsein ihres guten Rechts in den Staub zu drücken. So groß ist die Macht des Geistes, die in wichtigen Augenblicken selbst über die größte, zügelloseste Masse, wie über den einzelnen, noch so Ungeberdigcn herrscht, wenn sie im Feuereifer all' ihre Kräfte auf einen Punkt concentrirt. Ihr Auge ruhte mir so stolzer Verachtung auf ihrer Gegnerin, ihre Hand wies sie so zwingend und drohend hinweg, daß sie dem geistigen Uebcrgcwicht Margareths gewichen wäre, wenn nicht ein Blick auf die in der Nähe herumstehenden, dem Schauspiel beifällig zusehenden Hoflcute ihren zu Boden gedrückten Stolz und damit die alte Entschlossenheit geweckt hätte. Jetzt mußte sich entscheiden, wer Sieger blieb, das fühle sie, und mit den hastig hcrvorgcstürzten Worten: „Du triumphirst zu früh," stürmte sie in's Schloß. Aber auch Margareth ahnte, daß die Entscheidungsstunde geschlagen, daß ein Fort- leiden und Fortdnldcn nicht mehr am Platze, daß eine von ihnen das Feld räumen müsse, und sie wollte wenigstens in dieser gewichtigen Stunde der Croatin keinen höhern Einfluß auf ihren Mann gönnen, und eilte ihr nach. Die Croatin hatte BoleslauS in der Rüstkammer zu finden gehofft, so daß Margareth, die genau wußte, wo er sich befand, sogar der Croatin zuvor kommen konnte. BoleslauS blickte erstaunt auf — sein Weib hier — und in diesem aufgeregten Zustande zu sehen. Sie eilte liebevoll, wenn auch hastig, auf ihn zu und sagte: „BoleslauS, schütze mich vor diesem Weibe, die sich erfrecht, unser Kind zu schlagen! Jage sie hinweg oder ich — dein Weib, muß fort." Noch konnte sich der Angeredete in das fremde Benehmen Margarcth'S nicht finden, da trat schon die Croatin herein. Hier fühlte sie wieder festen Boden unter den Füßen, und stolz und hochfahrend, wie sie damit bei BoleslauS Alles erzielt, schritt sie auf ihn zu: „Ich komme, dir Lebewohl zu sagen, BolcSkaus!" begann sie mit halb wehmüthig einschmeichelnder, halb zürnender Stimme. Ich war in deinem Hause ein Gast und dein Weib hat sich erkühnt, mich zu beschimpfen und wie eine elende Dirne zu behandeln. — Ich muß Augenblicks von hier hinweg, aber ich werde seiner Zeit Rechenschaft fordern für diese Schmach." „Ich weiß ja gar nicht, was eS gibt," entgcgncte BoleslauS verlegen, der jetzt das 318 Gewitter heraufziehen sah, und doch vor dessen Entscheidung bangte. „Erklärt mir doch dies unglückselige Ereign iß." „Es gibt nichts zu erklären, Boleslaus!" entgegnete Margareth, „nur z« wählen. Wir Beide dürfen nicht mehr unter einem Dache wohnen. Willst du die Buhlerin behalten, dann muß ich gehen!" „Weib! mäßige dich," entgegnete Boleslaus heftig, „ehrst du das Gastrccht so wenig, dann steht es schlimm mit uns!" „Ja, wohl steht es schlimm mit unS," bemerkte Margareth mit einem so klagend schmerzlichen Tone, daß er hätte tief in sein Herz dringen müssen, wenn dies nicht bereits allzusehr verblendet und befangen gewesen wäre. „Ich fühle, daß du das Gastrccht nur zu hoch ehrst, wär' Alles, wie es sein sollte, dann stände ich jetzt nicht hier, dann hätte die Elende nie gewagt, mein Kind zu schlagen, dann würdest du ihr nicht ein freundlich Ohr leihen und dein Weib so tief verletzen!" „Du hörst sie von Neuem lästern," — bemerkte die Croatin, „und so hat sie eS unten vor den Leuten gethan; das ist ein zu schmählicher Schimpf, — den ertrage ich nimmer: Ich will gehen, daß du Frieden erhältst mit deinem kleinen, hübschen Weibchen, die dich so artig unter dem Pantoffel hält. Leb' wohl, Boleslaus — sei herzlich für alles Gute bedankt!" Und ihm wie zum Abschied die Hand reichend, ging sie zur Thür. Das schlaue Weib kannte ihre Macht, daß sie es nun bis zum Aeußersten treiben müsse, um das Feld zu behaupten. Sie zeigte eine Entschlossenheit in ihrem Wesen, die Boleslaus keinen Augenblick zweifeln ließ, daß es ihr mit der Abreise Ernst sei. Und das konnte, — das durfte er nicht zulassen. Er hatte, abgesehen von seiner Leidenschaft für die Croatin, jetzt eben bis zur Ueberzeugung gefunden, daß er ganz nothwendig Geld brauche, und ihm hätte es Vermcssenhcit gedünkt, sich jetzt die Croatin entgehen zu lassen, die zur einzigen, ergiebigen Quelle für ihn werden konnte. — Ob früh, ob spät, der Bruch mußte geschehen! — und nach kurzem Zögern, als sie an der Thür zum letzten Mal zurückblickte, stürzte er auf sie zu — und hielt sie eifrig und freundlich zurück. (Fortsetzung folgt.) In der Industrie-Ausstellung. Welch zaubervoller Anblick, Welch feenhafte Pracht! Jst's Wahrheit, oder Märchen Aus „tausend eine Nacht?" So fragt' ich, als die Schwelle Des Tempels ich betrat, Und sah in tausend Formen Des Geistes stolze That. Wie die geschäfl'ge Biene Von Blum' zu Blume stiegt, Und süßen Honig naschend. Auf gold'nem Kelch sich wiegt; So flog ich in den Hallen Des Nicscndoms umher; Und als ich sollte scheiden, Wie fiel mir das so schwer! Doch sieh mit einem Male War alle Lust dahin; Was war's doch, was so plötzlich Verändert meinen Sinn? Es waren — Särge, mitten Im Tempel ausgestellt. Auf daß sie mächtig rufen: „O eitle Pracht der Welt!" Wie eine Todtenstätte Hat mich der Ort gcdäucht; Ich wollte nichts mehr sehen, Das Scheiden war so leicht! Vsl. llieckkl. 319 Religion «n- Poesie. In unsern Tagen findet — ein Gedicht freilich nur schwer Freunde und Hörer; Geld und Politik absorbircn fast alle freien und unfreien Stunden der Meisten. Weil indeßcn doch auch noch Freunde der Dichtkunst gefunden werden, so mag eS gegönnt fein, denselben zu konstatiren, daß sie in k. Gall Morels „Gedichten* (Einficdcln, bei Bcnziger, 2. Bdchcn.) mehr als Gewöhnliches, nämlich erhabene und erhebende Gedanken in korrekter, edler Form und Haltung finden werden. Viele dieser Gedichte behandeln religiöse Begebenheiten und Lehren, andere sind Naturbetrachtungen, oder Sinngedichte: auch Grabschriftcn u. a. gewiß lescnswcrthe Grabes-Poesien auf theuere und werthe Personen sind hier enthalten. * (Eine Audienz beim Papst.) Der katholische Bischofvon Bombay, Meu- rin, hatte jüngst die Ehre, außer vom König mtd der Königen von Preußen, auch vom Papst empfangen zu werden, welch' letztere Audienz er in folgender interessanten Weise beschreibt: „Am 28. Juni ll'/r Uhr Morgens empfing mich der heilige Vater im Vatikan. Ich kann die Gefühle nicht schildern, welche ich in seiner ehrwürdigen Gegenwart empfand. Da er vor seinem Schreibpulte saß, wurde ich daran verhindert, den Pantoffel zu küssen, aber er reichte mir seine Hand, die ich — ich konnte mir nicht helfen —> so herzlich drückte und küßte, daß er es noch lange nachher gefühlt haben muß. Ich nahm auf sein Geheiß ihm gegenüber Platz und unterhielt mich mit ihm wohl über 20 Minuten. Dann überreichte ich ihm den Peterspfcnnig (2,400 Rupien) in Gold, welchen er auf den Tisch legte. Ehe ich mich verabschiedete, zog ich ein schönes polychromisches Bildniß der heiligen Jungfrau hervor, und überreichte es dem Papst mit den Worten, daß meine Gemeinde zu Bombay seinen Segen sich schriftlich erbäte. Hierauf ergriff er seine Feder und schrieb unter das Bildniß: vous deneckieat populum Lonckm^onsem, et lidoret eum üb omni malo, ot ckvckuout 6uin in somilss zusliti-ie, ckliritutis olikkiientjgo eijslam 8. 86m junii 1869. ?iu5 ?. ?. IX. — Das Gemäl- wird eingerahmt und in der Kathedrale in perpelinim roi mnmnriain aufgehangen tv erden. Nachdem ich Sr. Heiligkeit in den herzlichsten Worten meinen Dank ausgesprochen, entfernte ich mich.* * (Dominospieler unterm Wasser.) Eine der interessantesten Abtheilungen der letzten Pariser Welt-Ausstellung war die sogenannte Burg, welche, zwischen der Jena-Brücke und der Brücke deS Jnvalidcn-Hotels am Ufer der Seine gelegen, alle auf den Sccdienst und die Flußschifffahrt bezüglichen Gegenstände umfaßte. Da die Taucher namentlich die Aufgabe haben Werthgcgcnstände, die auf gestrandeten Schiffen sich befanden, aus der Tiefe des Wassers hervorzuholen, so wurden auch die zur Ausstellung gebrachten Taucher-Apparate jener Abtheilung zugewiesen. Ein Vergleich derselben mit den einstigen Taucherglocken weist darauf hin, daß die Technik auch auf diesem Gebiete einen gewaltigen Schritt nach vorwärts machte, obwohl das Princip, dem unter dem Wasserspiegel beschäftigten Arbeiter die zur Erhaltung seines Lebens nöthige Lust zuzuführen, dasselbe geblieben ist. Die schwerfällige Taucherglocke siel aber weg und während die minder empfindlichen Theile des Tauchers durch einen Kautschuk-Anzug lediglich gegen den Andrang des Wassers geschützt sind, ist der Kopf des Taucbcrs von einem Apparate umschlossen, bei dessen Herstellung der. Maschinenschlosser, der Metalldreher, der Glaser, der Riemer, der Handschuhmacher und Seiler in gleicher Weise mitwirken. Derselbe bildet eine Maske, welche an ihrem oberen Theile am Kopfe des Tauchers festsitzt und demselben erlaubt, mittelst der an dem Helme angebrachten Fenster nach allen Richtungen umherzuspühcn. Gegen den Mund zu erweitern sich dieselben derart, daß der Taucher die in der Maske vorhandene unverdorbene Luft aufathmen kann, während er die von 320 der Lunge ausgcstoßenc Luft durch ein Ventil in das Wasser hinausbläst. Selbstver- stündlich wird die gute Luft fortwährend erneuert, da eine auf dem Schiffe befindliche Luftpumpe, welche mit dem Taucher durch einen wasserdichten Schlauch in Verbindung steht, dem Apparate fortwährend frische Luft zuführt. Die mit solchen Apparaten versehenen Taucher der Pariser Ausstellung hielten sich stundenlang unter dem Wasserspiegel auf, und das Publikum konnte mittelst eines bis auf den Grund der Seine hinabrcichen- den wasserdichten Baues bis zu ihnen hinabsteigen, alle ihre Bewegungen beobachten und zu seinem Erstauen bemerken, wie diese modernen Flnßgölter, in der Tiefe dcS Wassers in bequemen Lchnstühlcn sitzend, auf einem kleinen Tischchen ihre Partie Domino spielten. ^ (Jeder sein eigener Leuchter.) Ivctot, von Böranger im „König von ?)vetot" besungen, wird bald auf eine reellere Weise als durch die Dichtung unsterblich gemacht werden. Ein dortiger Hutmachar hat nämlich unser an Erfindungen so reiches Jahrhundert um eine neue bereichert. Er hat einen Leuchthut erfunden, mit welchem er in getreuer Nachahmung des Berangcr'schen Königs, der blos mit einer baumwollenen Nachtmütze gekrönt ist, seinen Kunden das Haupt bedecken wird. Dieser Leuchthut ist zur Aufnahme einer Laterne eingerichtet und macht es einem Jeden möglich, selbst in dunkelster Mitternacht sein eigener und fremder Leute freundlicher Leitstern zu sein. Natürlich findet die Erfindung sofort universelle Anerkennung, Jedermann wird Latcrncnträgcr und — man bedenke nur, welche Summen Geldes jährlich allein Herr Hausmann in Paris an Straßen-Beleuchtung ersparen und dem General Leboeuf zur Fabrikation neuer ChassePotS zur Verfügung stellen kann! Ohne Frage, der Hutmacher von Hmtot ^ Wohlthäter der Menschheit und man würde ihm sofort ein Denkmal errichten, wenn auch nur, um ihn schon bei Lebzeiten in Stein gehauen zu sehen, wenn nicht jede Nacht sein lebensvolles Denkmal wäre. Unsere Straßen und Plätze werden bei Nacht wie frisches Gehölz in Sommernächten aussehen, in welchem sich eine Masse Johanniskäfer und Irrlichter Rendezvous geben, und diese fortdauernde Illumination wird so allgemein werden, daß in künftigen Zeiten, wenn zu Ehren eines hohen Gastes illuminirt werden soll, man tiefe Dunkelheit vorschreiben wird, auf daß Jedermann sein eigenes Licht sein müsse. — Unbestreitbar gehen wir erleuchteten Zeiten entgegen. Auf einer alten Tafel im Dom zu Lübek steht geschrieben: Ihr nennet mich Meister — und fraget mich nicht, Ihr nennet mich Licht — und sehet mich nicht, Ihr nennet mich Weg — und gehet mich nicht, Ihr nennet mich Leben — und begehret mich nicht, Ihr heißet mich weise — und folget mir nicht, Ihr heißet mich schön -- und liebet mich nicht, Ihr heißet mich reich — und bittet mich nicht, Ihr heißet mich ewig — und suchet mich nicht, Ihr heißet mich barmherzig — und trauet mir nicht, Ihr heißet mich edel — und dienet mir nicht, Ihr nennet mich allmächtig — und ehret mich nicht, Ihr nennet mich gerecht — und fürchtet mich nicht. Werd' ich Euch verdammen — verdenkt mir's nicht. Vater: Karl, warum hast du nicht geweint, wie man deine Großmutter begrabe» hat? — Sohn: Guck, Vater, ich habe allewcil druckt, aber — ich kann nicht greinen, außer ich krieg' Prügel. Druck. Vorlag und Redaction des Literarischcn Instituts von Dr. M. Huttler. Nro. 41. 10. Octbr. 1869. Angsbnrgev Den lohnt des Himmels Friede, der sein Schwert Nur in gerechtem, frommen Kriege zieht. Shakespeare, König Johann, Akt 1., Scene 1. Die Hand Historisckc Novelle von Ludwig Habiekt. (Fortsetzung.) , „Du darfst nicht so von uns scheiden," sagte er zärtlich, „ich will nicht, daß du mein Haus als unwirthbar anklagst, bleibe hier und Alles wird sich wieder aussöhnen!" „Nichts wird sich aussöhnen!" entgegnen die einmal aus ihrer Lethargie aufgerüttelte Margarcth, „wir sind am Ende! Du hast gewählt, nun denn, so muß ich gehen, und nach solcher Erfahrung gehe ich gern." Und ehe noch Bolcstaus Zeit zu einer Antwort finden konnte, war sie verschwunden. Die beiden Zurückgebliebenen sahen sich einander erstaunt an. Bolcslaus war bestürzt und erschüttert. Diese Entschlossenheit hätte ihm in früherer Zeit imponirt, heute aber war es bereits zu spät. Der Croatin höhnisches Gelächter, ihre Liebkosungen erstickten bald die sich regenden Gewissensbisse und Neuegedanken. Solche Naturen, ivie die Margareth's, lassen bis zu einem gewissen Punkt Alles über sich ergehe», wenn aber ihre Widerstandskraft aufgestachelt wird, führen sie ohne Schwanken, ohne das mindeste Zögern, mit einer Strenge und Entschlossenheit, die einmal erfaßten Gedanken aus, die uns bei den sonst so schüchternen, rücksichtsvollen Charakteren in Erstaunen setzt. Noch ehe Bvleslaus an die Tiefe des Bruches geglaubt, hatte Margarcth schon ihre Befehle zur Abreise gegeben und in wenigen Stunden war Alles gepackt. Was hatte sie denn viel mitzunehmen? An Sachen und Kostbarkeiten wenig — nur ihren großen, fürchterlich nagenden Schmerz trug sie mit hinweg, der schwer wog und schwerer drückte, als Alles Ucbrige. Boleslaus saß noch, das Jüngsterlebte sowie die vorgenommene Jagd vergessend, an der Seite der Croatin, da ritt schon Margarcth, von ihrem Sohne und einem kleinen Gefolge begleitet, zum Thore hinaus. Er blickte erschrocken ausi den kleinen Zug, das kam ihm doch zu plötzlich, überraschend, und sich den Liebkosungen der Croatin entwindend, die ihn vergeblich zurückzuhalten suchte, stürzte er hinunter und auf die Abreisenden zu, die noch am Thore durch den kleinen Wenzel aufgehalten worden waren, der durchaus sein Pscrdchen allein führen gewollt, und jeden Beistand hartnäckig zurückgewiesen. „Du gehst, Margarcth?" rief BoleslauS weich und mitd, und das ganze Unrecht seines Thuns schien er in diesen halb vorwurfsvollen, halb herzlichen Worten bekennen zu wollen. Sie sah ihn ruhig und gelassen an, als habe sie ihn nie gekannt, gab ihm keine Antwort und rief dann ihrem Gefolge zu: „Nur fort!" „So gehe!" — rief Boleslaus, von dieser kalten Ruhe erbittert, — „aber der Wenzel bleibt hier! " Bei diesen Worten wandte sie ihr Pferd um, richtete sich hoch auf, ein Flammen- 322 blick zuckte aus ihren Augen, sie war wieder ganz die Löwin, die ihr Junges schützt, und mit schneidender Stimme schlenderte sie ihm die Worte zu: „Wage nicht, mir mein zweites Kind von der Brust zu reißen." Es lag so viel Bitteres, — so viel drohend Jmponircndcs in ihren Worten, daß Boleslaus im Bewußtsein seiner Schuld niedergeschmettert schwieg, und ehe er ganz wieder „er selbst" wurde, war Margareth mit ihrem Gefolge schon seinen Augen entschwunden. Betäubt und niedergedrückt ging er zurück, verschloß sich für heute, — finster und menschenfeindlich, in seinem Zimmer, und ließ selbst die dringend klopfende „Croatin" nicht herein. Eine Falle der Croatin fürchtend, wich Margareth bald von dem gewöhnlichen Wege nach Böhmen ab und suchte durch Niederschlcsicn nach Prag zu kommen. Da, so nahe dem Schauplätze früherer, tiefer Schmerzen, stieg die Erinnerung an ihr geliebtes Kind lebendig in ihrer Seele auf. Sie wollte die alte Hütte wiedersehen, noch einmal etwas vor? ihrem Ludwig hören, und wie der kleine Engel von dieser Welt geschieden. Sie schlug dorthin den Weg ein; der Platz war nach einigem Forschen gefunden, und um ungestört zu sein, betrat sie, ihren Sohn der Obhut eines alten, treuen Dieners überlassend, allein die Hütte, die noch heute so morsch und zerfallen wie damals, gerade in ihrer Gebrechlichkeit dem Sturm der Zeit getrotzt zu haben schien. Auch drinnen in der Wohnung hatte sich nichts verändert. Vielleicht stand das ärmliche Hausgcräth nur bunter übereinander, als ob die Hütte schon seit Wochen nicht mehr bewohnt gewesen wäre. Ein schwaches Stöhnen aus der an die Stube anstoßenden Kammer lenkte ihre Aufmerksamkeit dorthin und sie trat ein. Da lag die Alte, bleich und elend auf ihrem Strohlager, halb besinnungslos nnd schon mit dem Tode kämpfcnd. Sie trat dicht an das Bett der Alten, beugte sich über sie hinweg und frug sie mit zitternder Stimme: „Kennst du mich noch?" Die Alte richtete das ausgebrannte trockene Auge auf Margareth, schrack zusammen und erst nach einer langen Weile, wie sich besinnend, erwiderte sie: „Ah, die Königstochter!" „Woher weißt du das? frug diese erstaunt. „O Kleine, so heimlich du auch thatest, mir entging es nicht. Kommst du nach deinem Kinde?" frug sie dann lauernd, „hi, hi, das würde Geld kosten." „Ich weiß ja, daß es todt," erwiderte Margareth mit tonloser, von der Erinnerung des Schmerzes überwältigtet- Stimme, „aber erzähle nur, wie der kleine Ludwig gestorben, doch rasch, rasch, ehe du mit ihm sein Schicksal theilst." „Ja so, ganz recht, er ist gestorben," sagte die Alte, als müsse sie an dem hingeworfenen Faden erst selbst die vergessene Vergangenheit aufsuchen, plötzlich durchkreuzte ein neuer Gedanke ihr dumpfes Hirn. Sie konnte ja für die Nachricht, daß der Kleine noch lebt, von der zärtlichen Mutter Geld erpressen. In ihren Augen funkelte es noch einmal unheimlich auf und sie keuchzte heraus: „Wenn nun das Kind noch lebte?" Ein Schauder überrieselte Margareth. Wir können ohnehin nicht an den Tod dessen glauben, den wir nicht sterben gesehen, und darum brauste es wunderbar beglückend durch ihre Brust, sie mußte diesen Worten glauben und doch, dieser Trug von Boleslaus, das wäre zu grausam, zu fürchterlich gewesen — sie frug, um sich zu vergewissern: „Lügst du nicht? O, spotte nicht meinem Schmerz, — zeige mir nicht trügerisch einen Himmel, um ihn sogleich zu vernichten. Wage es nicht, du solltest schrecklich büßen, mit mir dein Spiel getrieben zu haben," fügte sie drohend hinzu. 323 „Nein, ich schwöre dir, Ludwig lebt!" „Weib! bist du toll? sag' mir, wo du ihn hast, ich will ihn suchen, und müßte ich die ganze Welt durchwandern." „Aber ich bin arm, du läßt mich hier verschmachten, während ich dich glücklich gemacht," seufzte die Alte kläglich. „Du sollst Alles haben, reich werden, wie du dir's nie hast träumen lassen, überrede — rede! wo ist mein Kind?" rief ängstlich und hastig die Mutter. „Reich werden," krächzte die Alte langsam nach, sie wollte weiter sprechen, aber ein Krampfanfall erstickte ihre Stimme und regungslos lag sie eine Weile dort, mit dem Tode ringend. „Sage wo? — wo ist mein Ludwig?" rief die Unglückliche in Verzweiflung und suchte die sterbende Alte zur Besinnung aufzurütteln, die wirklich noch einmal die grauen > Augen aufschlug und kaum verständlich keuchte. „Also hundert Dukaten erhalt' ich, ist's nicht so? Nein — zweihundert Dukaten, welch' schöne Summe." „Aber sprich nur, sprich, du sollst ja Alles erhalten!" drängte Margaret!), die schon die vernichtende Sense des finstern Todes über der Alten schwingen sah. Sie wollte sich aufraffen, doch vergebens; immer unsicherer, schlaffer wurden die Bewegungen der Sterbenden, ihre Zunge schien gelähmt, die Finger tasteten au der zerrissenen Decke herum, die Augen begannen sich zu verschleiern — es mußte schnell Nacht werden, und mir auf den schrillen Angsiruf Margarethe: „Du sollst - du darfst nicht sterben!" schien daS Lcbenslämpchcu noch einmal aufflackern zu wollen, aber bereits war ihr Denken zerrissen, unzusammenhängend, und vorn Arm des Todes umschnürt, murmelte sie in kurzen Absätzen: „Ja warte — es war Freitags — Donnerstag — nein, richtig — eines Freitags, da nahm ich den Jungen — er schlief so gut, was die für Augen gemacht haben — hi, hi" — „Aber wohin? — unseliges Weib, wohin schlepptest du meinen armen Ludwig, ich lasse dich nicht sterben, — wo ist mein Sohn?" Zu spät. Die Alte keuchte verworren hervor: „Gute Leute das -- im Wagen;" ihre Rede wurde völlig unverständig, ein heiseres, „hi — hi" — blieb noch halb auf den Lippen und die Alte — war todt. „Todt — todt! mit meinem Sohne todt!" rief Margareth so schneidend klagend, daß es unheimlich durch daö Zimmer zitterte, „o, das ist mehr wie teuflisch, aber es taucht mir ein Lichtschimmer auf, ich soll meinen Sohn wiederfinden, wenn auch dieses tückische Weib mit dem Geheimniß auf den Lippen stirbt!" Der Schlag war zu hart für ihre ohnehin von den mannigfachen Qualen zermarterte Brust. Ein Blitzstrahl schien vernichtend auf sie niedcrzuzucken, und sie sank an dem Todteubettc der Alten bewußtlos zusammen. Als der kleine Wenzel, durch ihr langes Ausbleiben unruhig gemacht, — mit den Dienstleutcn hcreintrat, erwachte sie endlich aus ihrer Ohnmacht, richtete sich halb in die Höhe, und schlug ein Helles, erschütterndes Lachen auf: „Du lügst, Alte! sagtest du nicht, du wärest — ha, ha — ich glaube Niemand mehr, Boleslaus ließ auch meinen Ludwig sterben und er lebt! Alles — Alles — ist eine Lüge! Wie sie so stumm da liegt," — fuhr sie zum starren Schrecken der Umstehenden fort: „Lache nicht so tückisch — horst du das Gold, wie es klingt? — mein Sohn — mein Sohn — ich komme, ich rette dich. Ha, du willst ihn auf den Wagen legen; nein, nein, ich lasse dich nicht — ich vernichte dich — denn ich bin eine Mutter!" und sie stürzte auf die Leiche zu. Ihre Begleitung hielt sie mit Gewalt zurück, — man versuchte sie aus's Pferd zu 324 bringen, sie seufzte nur schwer auf. Ihr WuthauSbruch hatte sich gelegt, aber die Nacht des Wahnsinns breitete sich doch düster schaltend um ihre Stirn. Der kleine Wenzel stand jetzt plötzlich rath- und hilflos allein. lV. Daran ist schuld dein süßer Kuß, Der schnelle, zündende Funken, Daran ist schuld dein süßer Kuß, Den ich hinabgetrunken. M o s e u. Es war ein lustiges Treiben vor dem Schlöffe des Briegcr Herzogs. Knappen putzten die Waffen, Reisige zogen heran mit bunten Fähnlein, und die guten Bürger selbst Probten auf einem nahen Schießstande ihre Armbrust. Allem Anschein nach sollte ein neuer Strcifzug dcS kampflustigen BoleslauS beginnen, der jetzt bald hier, bald dorthin eilte, um zu ordnen, zu schlichten und Alle» in das gehörige Geleis zu bringen. Drei Jahre waren vergangen, seitdem Bolcslaus von der Erkrankung Margareth's berichtet worden, und er hätte sogleich seine Ehe durch den Bischof trennen lassen, um bald nachher zu einer Verheirathung mit der Croatin zu schreiten. später noch kam ihm das Gerücht, Margareth sei todt, daS im ganzen Lande verbreitet, vielleicht von dem Glogauer geflissentlich ausgestreut worden war, um die Unglückliche jedem verfolgenden Blick desto sicherer zu entziehen. Jetzt erst, nachdem BoleslauS die Croatin besaß, fühlte er die scharfen Dornen jener Rose, nach der er so verlangend die Hand ausgestreckt. Sie hatte sich schnell die Herrschaft über das ganze Hcrzogthum angemaßt, und schaltete mit einer Rücksichtslosigkeit und Willkür, die selbst dem an Quälereien und Druck aller Art gewohnten Volke auf die Länge zu hart und unerträglich wurde. Die Steuern und Zölle mußten erhöht werden, nur um die hohen Summen für die wilden Festlichkeiten, die sich förmlich zu jagen schienen, aufzubringen. In nie gesättigter, bacchantischer Lust stürzte sie den Herzog aus einem Vergnügen in das andere, so daß ihn selbst ein unbehagliches Gefühl heimsuchte, von einem Weibe in diesem tollen Treiben übertreffen zu werden. Ost hatte er Stunden, in denen er sich nach seiner sanften Margareth zurücksehnte. Sie war so ganz anders, stets lieb und freundlich gewesen, an ihrem stillen und ruhigen Wesen hatte sich die heiße Brandung seiner Leidenschaft am ehesten abgekühlt, und selbst über den wildesten Mann hat ja ein echtes Fraucngemüth einen gewissen besänftigenden Zauber, der gewöhnlich erst dann gewürdigt und geschätzt wird, wenn der gute Engel von der Seite gewichen, In solchen Stunden sann er oft gedankenvoll vor sich hin; die Bilder der Vergangenheit siegen in seiner unruhigen Seele auf, — er gedachte mit bitterer Reue seines ersten Weiches, die er so tief und mannigfach gequält, wie er sie von ihrem ersten geliebten Kinde hinweggerissen, und dann noch mit der Nachricht seines Todes getäuscht. — Sie war dabin gegangen, die arme, zu milde, weiche Frau, aber ihr Sohn konnte noch leben, und jftußte jetzt ein kräftiger Junge sein. Der Kleine war schon damals ganz das Ebenbild seiner Mutter, vielleicht würde ihm die Nähe dieses Knaben wohlthun, — wenn er so weiter nach der Mutter geartet. Wenigstens hätte er dann ein einzig anschmiegend Herz, das seiner bedurfte, und nach einem solchen sehnt sich ein kräftig fester Charakter stets, so viel er auch, in Stunden des Unmuths, die zärtlichen Arme dcS schwachen Epheu mit wildem Sinne von sich stößt. Die Croatin war ihm ähnlich, ja im Hang nach Tollheiten überlegen, und seinen Wenzel hatte der Glogauer nicht zurückgegeben, der mit Freuden die Gelegenheit ergriffen, 325 > 7 ^ einen Schatz des früheren Feindes in Händen und damit die Handhabe zu besitzen, seiner Zeit die Feindseligkeit zu erneuern. Bolcslaus hatte vor ihm auf der Hut zu sein, und wollte doch dem Münstcrbcrger auf den Leib rücken, welch' so lange vorher entworfenes Unternehmen von der Croatin aber bis jetzt hinausgeschoben worden, die lieber den Herzog auf dem Schlosse zechend, als auf dem Felde kümpfend sah. Vielleicht konnte sie die Vergnügungen nicht entbehren, vielleicht wollte sie noch ihre volle Kasse schonen, genug, sie hatte bisher verstanden, den Streifzug aufzuhalten. Endlich war cS ihm nun gelungen, die Croatin für seine Pläne zugänglicher zu stimmen, und alle Vorbereitungen zum li-a>npse wurden getroffen — aber jetzt, da ihn die Croatin noch mit keinem Kinde beschenkt, erwachte auch die Sehnsucht nach dem Erstgebornen um so stärker, und er beschloß, Schritte für dessen Aufsuchung zu thun. Es galt ja eine schwere Schuld abzubüßen, die er an Margareth, wie an seinem eigenen Sohne begangen, und der verklärte Geist Margareth'S niußte freundlich auf ihn niederlächeln, wenn sie ihren Sohn wieder bei ihm aufgenommen sah. Indessen war er gegen den herrschsüchtigen Charakter seiner jetzigen Frau mißtrauisch geworden, die gewiß den jungen Eindringling mit scheelen Augen ansehen würde; er wollte die Sache überhaupt geheim halten, und den jungen Ludwig an den Hof ziehen, — ohne daS wahre Sach- »erhültniß aufzudecken. Wer war zu dieser geheimen Sendung geschickter, als sein früherer Page Georg — der in die ganze Angelegenheit eingeweiht, jetzt aber Edler von Strahlen, noch immer sein Vertrauter geblieben. Er zog ihn eines TageS heimlich in sein Gemach und machte ihn mit dem Plane, seinen Ludwig aufsuchen zu wollen, vertraut. „Ich habe eine unendliche Sehnsucht nach dem Jungen," fügte BoleSlauS hinzu, „und wenn du mir ihn glücklich bringst, dann will ich dich zum Grafen ernennen. Ich weiß, daß dich schon lange darnach gelüstet." Georg nahm den Auftrag freudig an und entgcgncte: „Ich fürchte nur, daß der Kleine wirklich todt ist, oder daß sich die Alte ihn vom Halse geschafft." „Nein, das glaub' ich nicht," — entgcgncte BoleSlauS, „ich habe eine recht starke Hoffnung, ihn wieder zu sehen; ich. verlasse mich auf deine Verschlagenheit, setze Alles daran, mir den Jungen zu schaffen, und du bist — Graf." „Ich werde Alles aufbieten, ihn zu finden," erwiderte Georg, „und sollt' ich ganz Schlesien nach allen Himmelsgegenden durchstreifen müssen, wenn er noch lebt, dann bring' ich ihn zurück, denn an dem sonderbaren Maal ist er zu erkennen." „Wohl! — aber nur dann, wenn du Jedem den Rock von der Brust reißt," — versetzte Boleslaus lachend, „doch noch einmal, tiefes Schweigen über das Ganze, und reise sofort ab!" Georg, von der winkenden Grafenkrone angelockt, versprach Alles und ging. Noch ehe Georg sich zur Abreise vorbereitet hatte, wurde er Plötzlich zur Croatin gerufen. Sie hatte ihn zum Herzog eintreten sehen, und da sie jeden Schritt desselben bewachte, so mußte sie wissen, was dieses Hcimlichthun bedeuten solle. Sie empfing ihn, auf weichen Polstern ruhend, nur nachlässig angekleidet. Ihre volle üppige Gestalt trat durch die leichte Kleidung nur noch mehr hervor: welch' volle, blühende Arme, — welch' schwellende. Brust, welch' sinnlicher Zauber in ihrer ganzen Erscheinung! Die Korallenlippen schienen nur zum Kusse einzuladen, und in den dunklen, tiefliegenden Klugen brodelte ein verzehrend Feuer, das beutelüstern jeden Augenblick hervorzubrechen drohte. Zu diesem glühenden, leidenschaftlichen Wesen harmonirte vollkommen das dunkle, rothseidene Kleid, das leicht ihre noch immer imponirende Gestalt umschloß. 7 ^' c I .'I I 326 Sie richtete jetzt ihre durchdringenden Augen auf den Eintretenden und frug bestimmt und forschend: „Was solltest du bei dem Herzog?" „Rathpflcgen über den neuen FeldzugSplau," cntgegnete Georg mit ziemlicher Sicherheit und doch nicht fest genug, um das schlaue Weib zu täuschen. „Und das hieltet ihr so geheim?" frug sie weiter inguirircud. „Wir wollen den Münstcrberger überraschen und damit in die Enge treiben!" „So?! >— und wenn ich jetzt dich selbst in die Enge triebe?" frug die Croatin scharf, und ihr Auge ruhte durchbohrend auf Georg. „Glaubst du mich zu täusche»? Ihr führt etwas ganz Anderes im Schilde!" „Und wenn es wäre?" — entgegnete Georg, der jetzt seinen kecken Trotz wiedergefunden hatte, nicht ohne Absicht. „Dann würdest du mir vertrauen, Georg!" entgegnete die Vorsichtige schmeichelnd, die zu fühlen begann, daß sie ihm auf andere Weise beikommen müsse. „Und wenn ich es nicht dürfte, Herzogin? Wenn Boleslaus mir strenge Verschwiegenheit anbefohlen?" „Ich bin sein Weib, die früh oder spät jedes Geheimniß von ihm doch erführt, also vertraue mir, ich will nur deine Ergebenheit gegen mich erproben." „Wie kannst du daran zweifeln? Fordere von mir, was du willst und ich werde es thun, aber mein Wort gegen BoleSlans darf ich nicht brechen!" cntgegnete Georg, der damit nur seine Forderung höher schrauben wollte. Das schlaue Weib schien ihn durchschaut zu haben und entgegnete freundlich: „Du willst dir deine Worte gut bezahlen lassen, nun wohl! . 50 Dukaten — machen die dich sprechend?" Er schüttelte bedenklich das Haupt. „Sei kein Thor," drängte die Croatin, „ich weiß, du brauchst fortwährend Geld, verschmähe nicht diese hübsche Quelle! Oder willst du mehr? Hundert Dukaten?" Georg fühlte, daß er dennoch der Croatin nicht entgehen könne, ja sich dieselbe nicht zum Feinde machen dürfte, — 100 Dukaten waren doch eine schöne Summe, und was lag denn an der ganzen Geschichte? Nichts! — Er hatte schon Viel in seinem Leben geschwatzt, aber so gut waren ihm die Worte noch nicht bezahlt worden. Er willigte ein und trat geheimnißvoll zu ihr heran, um die früheren Begebnisse und seinen jetzigen Auftrag mitzutheilen. Inmitten des Erzählens war er der Herzogin immer nähe? gerückt, kauerte zuletzt zu ihren Füßen, während die Herzogin sich begierig lauschend über ihn bückte, und ihr warmer Athem seine Stirne berÜHÄe. Zhr Auge funkelte bei der Berichterstattung unheimlich, — diesen Knaben Margarethe durfte sie nimmermehr in Boleslaus Hände lassen, dies mußte eine Theilung seiner Liebe herbeiführen, und sie war viel zu herrschsüchtig, um nur eine Faser seines Herzens irgend einem anderen Wesen zu überlassen. Der Sprößling der verhaßten Margaret!) sollte einst den Besitz des Hcrzogthums antreten, während sie selbst nicht alle Hoffnung aufgegeben, Boleslaus einen Erben zu schenken? Alles das genügte zu dem raschen Entschlüsse, durchkreuzend in die Pläne Boleslaus einzugreifen. Georg war mit seiner Erzählung zu Ende — und blickte jetzt auf in das über ihn ruhende, dunkle Auge der Herzogin. Er erschrack fast selbst über die Vertraulichkeit, zu der ihn sein flüsterndes Erzählen veranlaßt, und doch lag in der Erscheinung der vor ihm Sitzenden ein Zauber, dem er sich nicht zu entwindeu vermochte. „Und du gehst jetzt, den Auftrag auszuführen? Wirst du den Knaben finden?" frug die Croatin. »Ich muß!" — entgegnete dieser — „Boleslaus will es." 327 „Was kümmert dich Bolcslaus," entgegnete die Croatin warn: und beugte sich noch tiefer über Georg — „wenn ich dich nun bäte, auf jeden Fall — allein zu kommen?" Ihr Auge ruhte mit einem eigenthümlichen Glänze auf dem schon halb Gefangenen. „Ich kaun es nicht!" erwiderte sich halb aufraffend Georg. „Du kannst es ohne Mühe!" — und der volle weiße Arm legte sich um seinen Nacken, „fordere, was du willst von mir, ich will dich reich — königlich belohnen^— aber tritt mir den Wurm in den Staub, - wenn . er noch lebt — nur bring' ihn nicht hierher!" „Fordere Alles," das Wort zuckte dämonisch durch seine Brust, seine Augen blitzten in leidenschaftlichem Verlangen, die Brust hob sich und er erwiderte sich selbst vergessend: „Hab' ich dich verstanden? — nein, du hältst nicht Wort!" „Zweifelst du?" — sagte die Croatin feurig, und drückte ihn mit leidenschaftlicher Gluth an ihr Herz, und einen Kuß auf seine Lippen pressend, flüsterte sie: „Dies ist mein Herzogswort, das ich nicht breche." Wie berauscht und entzückt, versprach er mehr, als die Herzogin selbst gefordert, und schwur, den Knaben aus dem Wege zu räumen, wo er ihn finde. „Nun, so gehe!" sagte die Herzogin mit vielsagendem Lächeln, und entwand sich seiner Umarmung, geh' und hole dir den Preis -— 1000 Dukaten — nicht?" „Tausend Dukaten!" entgegnete Georg lachend, und entfernte sich, noch völlig in seine wilden, leidenschaftlichen Träume verloren, um seine Reise augenblicklich anzutreten. Die Erzählung hatte alte Erinnerungen aufgefrischt, er besann sich der Hüttcn- bewohneriu und jubelte: „Alte Hexe, so hast du doch nicht geschwindelt, und dein Prophctcnwort wird dennoch wahr! Es ist doch wunderlich, daß ein solch' altes Dings mehr weiß, als ich mir je habe träumen lassen. — Gelingt mir nur der Streich, werde ich ihr Günstling, dann bin ich mehr als Graf. Bolcslaus! — dann bin ich Herzog!" (Fortsetzung folgt.) Ein Verbreche«, das sich selbst rächt. Folgende ächt russische Geschichte hat sich unter der Regierung des Czar Nikolaus zugetragen. Ein großer Herr, mit einer wichtigen Mission nach einer der Städte des russischen Reiches entsendet, hatte dortselbst in einem der ersten Hotels Wohnung genommen. — Man weiß, wie die Gemächer der Hotels beschaffen sind. Eines sieht dem andern gleich. Eine dünne Wand trennt sie von einander, aber das hindert nicht, daß man Alles hören kann, was im Ncbcugemache vor sich geht. Der obbcsagte große Herr bewohnte eines dieser Gemächer. Er hatte eine gehcimnißvolle Nachbarschaft. Der Nachbar kam und ging Tag für Tag zur gleichen Stunde, mit der Pünktlichkeit eines Chronometers. — Das machte den großen Herrn neugierig. Er hatte bald heraus, daß der Nachbar ein Jude war. Zwischen der Neugierde und dem Spioniren lag nur — das Schlüsselloch. Unser großer Herr legte also sein Auge an das Schlüsselloch der Thüre, welche die beiden Zimmer mit einander verband. Er sah, wie der Nachbar Jude, nachdem er vorher sorgfältig untersucht hatte, ob er allein sei, in den Alkoven trat, wo das Bett stand und von dort ein Kästchen holte, welches, nach der Anstrengung zu schließen, die das Tragen desselben dem Juden verursachte, ziemlich schwer sein mußte. Der Jude stellte das Kästchen auf den Tisch. Er blickte noch einmal furchtsam und mißtrauisch nach allen Seiten um sich Dann öffnete er das Kästchen und nahm ein — zweites Kästchen aus demselben. Aus dem zweiten kam ein drittes Kästchen zum Vorschein. Dieses letztere öffnete der Jude unter denselben Vorsichtsmaßregeln wie die vorhergehenden. Die Blicke des Juden versenkten sich in das dritte Kästchen und betrachteten mit gierigem Ausdruck den Inhalt desselben. Den Blicken folgten die Hände und durchwühlten das Kästchen mit fieberhaft zitternder Hast. Endlich kamen sie wieder aus dem Kästchen hervor und 328 brachten ein ansehnliches Päckchen von Banknoten zum Vorschein. Der Inhalt des Kästchens mußte Millionen von Rubeln werth sein!! Der große Herr stand wie geblendet. Dieselbe Scene wiederholte sich Abend für Abend. Der sinneberückende Anblick solchen Reichthums ließ einen teuflischen Gedanken in dem Hirn des Spähers vor der Thür aufblitzen. Er wollte sich die dreifache Kassette des Juden, oder wenigstens deren Inhalt aneignen „Ein Jude!" — sagte er zu sich selbst — „was hat das auf sich? Wenn er es wagen sollte, zu widerstehen, so werde ich ihn wohl zum Schweigen bringen!" Der große Herr begab sich zum ersten Polizeibcamtcn der Stadt, — der natürlich sowohl ihn selbst als auch seine hohe Mission kannte, und ihn daher mit sklavischer Unterwürfigkeit empfing. „Mein Herr" — sagte der große Hcrr zum Polizeibeamten, „ich bin das Opfer eines Dicbstahls geworden, eines schweren Diebstahls." — „Sie, mein Herr?" — „Ich selbst!" — „Und wer hätte es gewagt..." — „Ein Jude! Mein Zimmer im Hotel T. . . befindet sich neben dem Scinigen. Meine Werthpapiere waren unter dreifachem Verschlüsse in einem dreifachen Kästchen verschlossen. Mein Nachbar hat durch die unsere Zimmer verbindende Thüre in mein Gemach einzudringen gewußt, und mich meines Geldes beraubt." — „Oh, oh! Dicbstahl mit Einbruch! Darauf steht lebenslängliche Deportation nach Sibirien. Wir wollen sogleich die Verhaftung des Elenden vornehmen lasten." Und der Polizei-Chef begab sich in Begleitung des angeblich Bcstohlenen und mehrerer Agenten nach dem Hotel. Der Jude war so eben in seine Wohnung zurückgekehrt. „Im Namen deS CzarS, öffnet;" schrie der Polizeibcamte, indem er an die Thüre pochte. — Der Jude öffnete sogleich. Sobald er aber den Chef der Polizei und seine Begleiter erblickte, verzerrte sich sein Antlitz, und ein schmerzliches Lächeln trat auf seine erbleichenden Lippen. „Ich weiß, was Sie wollen, mein Herr!" sagte er — „und ich werde in einem Augenblicke zu Ihren Diensten stehen. Er trat in den Alkoven. Eine Sekunde später krachte ein Schuß. Man stürzt in den Alkoven. Der Jude hatte sich eine Kugel durch den Kopf gejagt. „Der Elende!" rief der Polizei-Chef aus. „Er hat sich selbst gerichtet!" Der große Herr, an welchen diese Worte gerichtet waren, — stand sprachlos einer solchen Entwicklung gegenüber. Der Polizei-Chef fuhr fort: „Nehmen Sie, mein Herr, hier ist Ihre dreifache Kassette, und hier die Schlüssel; untersuchen wir vorerst noch den Inhalt, um zu sehen, ob er vollständig ist." Man öffnete das Kästchen und Prüfte die Banknoten. Während dieß geschah, runzelte sich die Stirne deS Polizei-Chefs, und sein Gesicht nahm einen finstern Ausdruck an. „Sind Sie sicher, mein Herr, daß diese Banknoten Ihnen gehören?" fragte er. — »Ohne Zweifel." — „Sie beschwören es?" — «Ich beschwöre es!" — „Wohlan, mein Hcrr, dann verhafte ich Sie im Namen des Czars. Diese Banknoten sind falsch." Der große Hcrr war vernichtet. Aber was wollte er antworten? Er wurde verhaftet, vor Gericht gestellt und zu lebenslänglicher Bergwcrksarbeit in Sibirien verurtheilr. Die Erklärung dieses Drama's ist einfach; der-Jude war ein Fälscher. Als er die Polizei in sein Zimmer dringen sah, glaubte er sich entdeckt, und gab sich den Tod. Ein Gerichts-Beamter vernahm eine alte Frau, welche Zeuge von einem thätlichen Angriffe gewesen war, über die Identität des Beklagten „War es ein langer Mann?" >— „Nicht sehr lang, ungefähr von Ihrer Größe." — »Sah er gut aus?" — „Nicht besonders, ohngcfähr wie Sie." — „Schielte er?" — „Ein wenig, doch nicht so sehr wie Sie!" Dem Könige Jakob I. von England setzte sich eine Fliege auf die Nase. „Ich habe drei Königreiche," rief er, „kannst Du darin keinen anderen Platz finden?" Druck, Verlag und Redaction des Literarischcn Instituts von Dr. M. Huttler. « Nno. 42. 17. Octbr. 1869. O Gvtt der Schlachten! stähle meine Krieger, Erfüll sie nicht mit Furcht, nimm ihnen nun Den Sinn des Rechnens, wenn der Gegner Zahl Sie um ihr Herz bringt. ^ Shakespeare, Hernrrch 4. Mt, 1. Scene. Die Hand Historische Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) V. Ha . hämmere, Meister, ruhig fort, Dein Feuer blinke licht und loh! Wohl dir, o Freund, ein einfach Streben, Genügt dir durch dies Menschenleben. K. Mayer. Georg wandte seine Schritte natürlich zur Alten, bei der ihm allein über den Sohn Margarelh's Aufschluß werden konnte. Er crschrack — die Hütte war zerfallen und zerstört, keine Spur eines menschlichen Wesens war darin. Die Alte mußte todt sein, denn sonst würde sie sich schwerlich von ihrem L-cblingssitz getrennt haben. Wie schade, — die Alte in ihrem zähen, verknöcherten Wesen hatte ein langes, gar nicht zu Ende bringendes Leben versprochen, und ihm mit ihrem unverantwortlich schnellen Sterben einen schlechten Streich gespielt, — denn damit war ihm jede Spur des WeiterforschcnS abgeschnitten. Unmuthig ritt er hinweg, um wenigstens noch in der Gegend hcrumzuschweifen und den Schein zu retten. , Kurz vor Sprottau verlor zu seinem neuen Acrgcr sein Pferd ein Eisen, und er war froh, gleich am Thore eine Schmiede-Werkstatt zu erblicken. Ein junges Mädchen stand an der Thür des stattlichen Hauses; die liebliche Erscheinung übte auf das für solche Eindrücke ganz besonders empfängliche Herz Georg's sogleich ihren Zauber aus und er frug höflich: „Mein Kind, kannst du mir nicht einen Arzt verschaffen für mein Pferd?" „Nein, Herr! —- wir find nur ehrliche Schmiedclcutc!" „Eben recht," cntgcgnete Georg, „mein Pferd hat ein Hufeisen verloren," und erschwang sich herunter, band das Pferd an einen der am Schmicdcsländcr hängenden Ringe und trat mit dem Mädchen, das ihn freundlich au zwei am Feuer stehende Gestalten wies, in die Werkstatt. Der Eine, in dem wir Meister Baltzcr wieder erkennen, war noch derselbe geblieben, kaum merklich gealtert, obwohl er jetzt beinahe ein tiefer Scchszigcr sein mochte, nur hatte er jetzt eine stolzere, selbstbewußtere Haltung, seitdem ihn die chrcnwcrthc Bürgerschaft seines männlichen, thatkräftigen Wesens und seiner tüchtigen Erfahrung wegen zum Rathsherrn ernannt. In dem ihm zur Seite stehenden Gehülfen erkennen wir Ludwig, der hochaufge- schössen, ein kräftiger, hell um sich schauender Bursche geworden. In seiner ganzen Erscheinung lag etwas EdlcS, etwas über seine niedrige Stellung Hinausragendes, das selbst durch die unscheinbare Schmicdejacke hindurchschimmerte. 330 War schon Georg dieser etwas Apartes an sich habende Schmicdcmeister aufgefallen, , so sprang ihm der neben dem Meister stehende Ludwig noch lebhafter in's Auge. Dieses feine, geistreiche Gesicht mußte er unbedingt schon gesehen, in diese blauen, schönen, — fast schwärmerischen Augen geblickt haben. Er ging die ganze Reihe seiner bunten Erinnerungen durch, konnte aber zu keinem Resultat kommen, da hörte er den Schmied sagen: „Nun, Ludwig, dann frisch an's Werk." ^ „Ludwig!" — Der Name wurde zum Ariadnefaden, der ihn in dem verworrenen Labyrinth seines Gedächtnisses znrechtführte, und plötzlich schoß ihm der Gedanke auf: „Ich hab's! Diese Ähnlichkeit ist untrüglich, das ist Margareth's Sohn! Ich Thor, wie konnte ich nur einen einzigen Augenblick im Finstern tappen? Doch, ich muß der Sache auf den Grund kommen!" Nachdem das Geschäft des Beschlagens zu Ende war, suchte er mit dem Schmied ein Gespräch anzuknüpfen, der davon geschmeichelt, gern darauf einging, und den vornehmen Kunden in seine Stube nöthige. Er war so offen, so ehrlich gegen den Schmied, und sagte: daß er ein Edler von Strahlen im Dienst des Bricger Herzogs und sogar dessen Liebling sei; erzählte von seinen Abenteuern, den Schicksalen seines Herzogs, und hatte sich bald mit ihm in recht unterhaltende Dinge hineiugeplaudcrt, und dadurch des Schmiedes Zuneigung gewonnen. i Das Töchterlein hörte dem feinen Herrn andächtig zu, während die Hausfrau, auf einen Wink des Schmieds, sich in der Küche zu schaffen machte, um dem Fremden einen s Imbiß zu bereiten. ! Georg frug dann, wie von ungefähr, nach dem Gehülfen des Schmieds und meinte: h „Ein frischer, gesunder Bursche, der einmal ein tüchtiger Kriegsmann werden wird!" § „Jä, das glaub' ich auch," entgegnete der Schmied, „eö zieht ihn schon recht hinaus, e aber er ist noch zu jung und mag warten." „Hm, was kann er hier verlieren, er muß sich draußen herumtummeln, das macht j erst einen festen Kerl!" H „Wir wollen sehen," entgegnete Baltzer. „Ach Gott," sagte die eben mit den Speisen hcrcintrctcndc Hausfrau. „Sprich i nur nicht wieder vorn Kriege, Hermann, du hast damit den apmcn Ludwig ohnehin von l Kindheit an den Kopf verdreht." „Aber Ludwig will Ritter werden, und das ist prächtig!" — bemerkte das junge > Mädchen. „Von Kindheit auf, Meister? Ist er Euer Sohn?" frug Georg, — „ich hielt ihn für Euren Gesellen." „Nein, Herr, wir fanden ihn als kleines Kind in unserer Haidc, und ich nahm ihn zu mir und hab' ihn groß gezogen." Nachdem nun einmal Ludwig's Geburts-Verhältnisse zur Sprache gekommen,, hatte er kein Geheimniß mehr daraus zu machen. „Und nie etwas über ihn gehört?" frug Georg. ^ „Nie," — war die Antwort. Die Frau setzte redseliger hinzu: „Es ist uns nie gelungen, die Sache aufzuklären, so viel Mühe wir uns gegeben, und wenn ihm nicht einmal sein sonderbares Mal die Mutter zuführt, dann wird er sich wohl mit uns armen Leuten begnügen müssen." , , „Ein. Mal?" — frug von Neuem Georg, der jetzt nicht mehr den mindesten Zweifel haben konnte, daß er hier am Ziel sei. - „Ja, eine förmliche Hand auf seiner Brust, daß man jeden Finger sehen kann." » Ludwig trat jetzt eben herein und das Gespräch wurde unterbrochen. S Man setzte sich zu Tische. Georg stimmte sein hochfahrendes Benehmen sehr herab, 'k um sich bei dem Schmied recht einzubürgern. Unter anderen Verhältnissen würde er die ! gut und ehrlich gemeinte Einladung des Schmieds höhnisch ausgeschlagen haben, hier I 331 willigte er gerne ein und that dem Essen tüchtig Bescheid, daß er sich damit selbst die Zufriedenheit der Hausfrau erwarb, denn bekanntlich wollen diese guten Seelen, daß man zu ihren freundlich bereiteten Speisen stets einen guten, für ihre preiswürdige Thätigkeit empfänglichen Magen mitbringt. Das junge Mädchen saß Georg gegenüber und konnte nicht genug den feinen Hofmann bewundern, der ja ganz dem Phantasiegebilde entsprach, das sie sich von einem solchen entworfen. Die feine Haltung, — das interessante, kecke Gesicht mit dem zierenden Bart, das einschmeichelnde, freundliche Benehmen, übten auf das junge, — unbefangene Herz einen eigenen Zauber aus. Auch Georg fühlte sich unwillkürlich in dieser so fremden, neuen Welt recht heimisch, denn selbst für sein im Hofleben vergiftetes Gemüth mußte dieses ruhige und harmlose Familienleben etwas Wohlthuendes, und das junge Mädchen, diese Unschuld und Natur, etwas ungemein Fesselndes haben. Er sagte, daß ihn wichtige Geschäfte in Sprottau zurückhalten würden, und bat sich die Erlaubniß aus, wiederkommen zu dürfen, weil er hier im Orte völlig fremd und nur bei solch' wackeren, biederen Leuten sich heimisch fühlen könne. Der Schmied hatte gleiches Interesse an Georg gefunden und schlug herzlich in die ihm von diesem dargebotene Hand, mit der Bitte, so oft wieder zu kommen, als es die Geschäfte immer erlaubten. Wie würden die guten Sprottaucr auf ihn sehen, daß der Vertraute eines Herzogs mit ihm verkehre — ihn besuche, das kitzelte doch seinen Rathsherrnstolz! Das junge Mädchen nickte ihm so freundlich zu, als er vom Wiederkommen sprach, daß er fühlen mußte, er wäre dem guten Kinde wirklich angenehm. Nur Ludwig schien von dem Fremden nicht erbaut, — er konnte sich das augenblicklich entstandene Gefühl der entschiedensten Abneigung nicht erklären, aber ihn durchzuckte eine Ahnung, als müsse von diesem so freundlichen Menschen ihm recht Schmerzliches begegnen. Diese glatten, einschmeichelnden Manieren behagten seinem offenen, geraden Wesen auf keinen Fall, und diese unruhigen Augen, die so beobachtend auch auf ihm geruht, hatten etwas Tückisches, hinter denen nichts Gutes lauern konnte. Aber bei dem allgemeinen Lobe des Fremden mußte er mit seinem nüchternen Urtheil zurückhalten, um nicht die Uebrigen zu verletzen, denn er fühlte wohl, daß nichts unangenehmer berührt, als auf Enthusiasmus und Voreingenommenheit solche kalte, die gute Meinung zerschneidende Ansicht. Wir lassen uns nicht gern unsere Götzenbilder in den Staub werfen und zerschlagen, selbst von unseren besten Freunden nicht. Der Fremde kam wieder und immer wieder, und wurde zuletzt der tägliche Gast des Hauses, zur nicht geringen Qual des armen Ludwig, — der zugleich die wachsende Neigung Ulrikcn's zu dem Fremden sah und dennoch nicht wagen durfte, dagegen warnend aufzutreten. Was hatte er für einen Grund? Nur sein eigenes, unbehagliches Gefühl; konnte das der Thatsache gegenüber Stand halten, daß Georg eine angenehme, freundliche Erscheinung war, die Vertrauen zu erwecken verstand? Und Ludwig liebte — mit der ersten Wärme aufkeimender jugendlich schwärmerischer Leidenschaft — Ulriken; erst seitdem der Fremde störend zwischen sie getreten, war ihm die ganze Gluth und Fülle seiner Gefühle so recht klar und bewußt geworden. Sie war ja von Kindheit auf in seine Seele gewachsen, der freundliche Genius, der sein sonst dunkeles Leben erleuchtet, und wie oft auch kühne Traumbilder ihn weit hinausgeführt in die bunte, phantastische Welt, ihm Bilder voll Ruhm und Glück vorgegaukelt, glücklicher und ruhiger fühlte er sich jedoch, wenn er sich an der Seite Ulrikcns dachte, und in stiller, harmloser Beschränktheit in den lieben, alten Räumen ein freundliches Stillleben träumte. Ihrer Liebe glaubte er früher gewiß zu sein. Sie hing mit voller Innigkeit an ) - Ä» 332 ihm, er mußte ihr überall rathen und helfen, er war der Gegenstand ihrer kleinen Neckereien und Späße; so recht lieb und traut schloß sie sich an den Jüngling, — dem diese Unbefangenheit hätte lehren sollen, daß gerade dieses Zeichen auf ein mehr der Freundschaft, als der Liebe verwandtes Gefühl schließen lasse. Wohl war der Pflegevater etwas stolz, aber doch, Ludwig galt für seinen Liebling, und gegen ihn war der herrische Mann stets lieb und freundlich gewesen. Und die Mutter? An ihr hatte er längst bemerkt, daß ein Zusammcnthun der beiden Kinder sogar ein Lieblingsgedanke von ihr sein müsse, denn in manchem Wort und Blick ließ sie etwas davon hindurchschimmern. Sie war zu verständig, um nicht eine solche Verbindung recht passend zu finden, und dann einen kleinen Nebenzweck würde man in den Falten ihres Herzens doch aufgespürt haben. Sonderbar von der sonst ruhigen und verständigen Frau! Den Gedanken, daß Ludwig möglicher Weise dennoch ein wilder Sprößling ihres Mannes sei, konnte sie, obwohl sie ihn hartnäckig und klug verschwieg, nicht los werden; so begünstigte sie das Verhältniß der jungen Leute, das die Sache am ehesten zum AuStrag bringen müsse. — War ihr Mann schuldig, dann konnte er in die Verbindung nicht willigen, dann mußte er bekennen. Welches Hinderniß zu seinem Glücke stand Ludwig noch entgegen? Keines, wenn Georg nicht gekommen. Ulrike wurde immer mehr von dem glänzenden Auftreten des Gastes geblendet, und wenn sie auch Stunden hatte, in denen eine wärmere Neigung für Ludwig sich geltend machte, so waren diese zu kurz, um dem Einflüsse Georg's die Waage zu halten. Es waren gewöhnlich diejenigen Stunden dem Jugendfreund günstiger, in denen sie mit ihm in der Laube des kleinen Gartens saß, und Ludwig mit seiner klangvollen, melodischen Stimme jene Lieder sang, die er von einem wandernden Sänger in Musestunden gelernt. Ulrike horchte dann aufmerksam zu und schien sich in diese Melodien tief hincinzu- senken. Die frische, blühende Gestalt, das schwärmerisch zum Himmel schauende Auge Ludwig's hatten einen wunderbaren Zauber, es lag so viel Poesie darin, es war das Ringen eines edleren Geistes aus niederdrückenden, unpassenden Verhältnissen, und das wirft stets einen eigenthümlichen Glanz über solche Charaktere und weckt unser Interesse. Er wußte vielleicht selbst nicht, was in ihm lebte und wogte, aber oft wurde ihm die dunkle Schmicdewerkstatt zu enge und dann sehnte er sich hinaus, einem Phantom nachjagen zu können, das in unsicheren Umrissen vor seiner Seele stand! Waren es die wiederkehrenden Kindcrträunie, war eS ein echter, unverfälschter Quell seines Herzens, der sich unwiderstehlich Bahn brechen mußte — er wußte es nicht! Wohl hatte Ludwig eine Hand auf seiner Brust, — aber sie zeigte ihn auf seinem dunklen Lebenswege nicht zurccht, und bald behielt die glänzende Erscheinung des GastcS bei Ulrike völlig die Oberhand. Georg war ja noch immer eine stattliche Figur und jetzt in der ganzen Fülle seiner Manncskraft, und gerade diese üben auf junge Mädchen einen besonderen Zauber aus, weil sie dort die kräftigste Stütze zu finden meinen. Georg hatte an dem lustigen Hofe Bolcslaus die Welt und Menschen genugsam kennen gelernt, aber die Kunst, Weiberhcrzcn zu gewinnen, — war ganz besonders das weite Feld seiner früheren Thätigkeit gewesen. Jedoch der Abstand zwischen all' den lustigen, übermüthigen Weibern bei Hofe und dieser reinen, unverfälschten Natur konnte selbst einem Hofmanuc, wie Georg, nicht verborgen bleiben, und wo er überall nur gescherzt und getändelt, leichtsinnig von Blume zu Blume geflattert, so fühlte er jetzt zum ersten. Mal alles Ernstes sein Herz gefesselt. Ihr heiteres, glückliches Wesen hatte etwas unendlich Wohlthuendes, er fühlte sich in ihre Nähe gebannt, fühlte sich als besseren Menschen, und suchte mit zartem Taktgefühl all' das frivole Geplauder zu vermeiden, das ihm fast zur zweiten Natur geworden war. Er scherzte und lachte mit ihr, fand sich mit seiner Gewandtheit in ihr lustiges, tändelndes Wesen, daß sie sich fortwährend mit ihm angeregt und belustigt fühlte, — während das mehr brütende, ernste, fast melancholische Wesen Ludwig's in ihr eine Art Unbehagen hervorrief, weil der in ihr sprudelnde, pnrpnrrothe Lebenssaft jeden dunklen Tropfen von sich wies. Ludwig's Charakter drückte sie, weil sie sich nach ihm stimmen mußte, während der Georg's sie weich und dehnbar wie die Luft umgab, daß sie ihn niemals störend fühlte, und so konnte rasch in den beiden sich nähernden Herzen die Flamme ausbrechcn, wozu noch kam, daß der Evenstochter an der Seite dieses vornehmen Mannes ein anderes, glänzenderes Loos winkte, als es in ihre Kinderträume phantastisch verlockend hineingeragt. Schien es doch, als ob das Glück durch Zuführen dieses Mannes ihr den blühendsten Kranz zu Füßen legen wollte. Dem stolzen Schmied war das immer mehr hervortretende Werben des hohen Freiers um sein Töchtcrchcn gar nicht unlieb. Er hatte keine Scheu vor einer solch' gewagten Verbindung, der Gedanke hieran schwellte vielmehr die Segel seiner Eitelkeit, daß sich das ganze Kühnlein darunter bog und alle Mitbürger zu überflügeln drohte. Er hatte sich, seines Dünkens, einem solchen Eidam gegenüber nicht zu schämen. Ein wohlchrsamcr Rathshcrr der alten betriebsamen Stadt Sprottau, dessen Küche und Keller reichlich gefüllt, der draußen vor dem Thore die fruchtbarsten Aecker, die fettesten Wiesen sein eigen nannte, hatte nicht nöthig, vor einem Edelmann die Flagge zu streichen, und zu alle dem ein ehrsam, wohlanständig Handwerk, — dessen sich schon viele Herren vom Adel nicht geschämt, und das zu dem fleißig und ehrlich Erworbenen noch mehr hinzu- schaffte: war dies nicht genug, die wohlan sehnlichsten Freier für sein einzig Töchterlein herbeizulocken? Und dieser Georg war ganz ein Mann nach seinem Geschmack. In der That, der verschlagene Hofmann hatte gewußt, des Schmiedes schwache Seiten zu benutzen, ihm viel erzählt von bunten, gefährlichen Abenteuern aller Art und von den hohen Ehren, in denen er bei dem Herzog stände, ihm sein wackeres Handwerk gerühmt, das zu ergreifen er nicht wenig Lust habe, wenn er daS Schwert zu führen müde werden sollte. Er meinte oft schmeichelnd: „Hinter dem Ritter, der das Schwert führt, kommt der tüchtige Mann, der es gemacht, die Beiden müssen Hand in Hand gehen und gar viele Fürsten haben sich schon des Schmiedens beflissen." Solche Reden thaten dem Schmiede unendlich wohl, weil cr's so selten in seiner Stadt gehört, und Alle dort in seinem Schmiedehandwerk nichts Besonderes finden konnten, und doch war der gute Mann so stolz darauf und ganz glücklich, Jemand zu finden, der seinen höheren Standpunkt zu würdigen wußte. Oft saß er dann im vertraulichen Gespräch mit seinem treuen, lieben Eheweib, und sie plauderten von dem Glück ihres Kindes. Der Schmied meinte: „'s wäre nun doch Zeit, für Ulriken's Ausstattung zu sorgen, denn man wisse nicht, wie sich's schicken könne." Seine Frau bemerkte: „Aber sie ist ja noch zu jung und unerfahren." „Hm, bald fünfzehn," — erwiderte der Schmied, „und geht Alles nach meinem Wunsch, dann bleibt sie hübsch in unserm Haus und kann noch viel von dir, der guten Wirthin, lernen." , Nach dieser Aeußerung konnte seine Frau nur auf Ludwig schließen, denn bis zu dem Ritter von Strchlen verstieg sich nicht ihr schlichter Sinn, und sie cntgcgncle: „Das ist doch schön, daß wir immer einen Gedanken haben. Ich wüßte auch nicht, wer besser für sie paßte. Sie sind für einander bestimmt, das kannst du glauben, und daß sie sich lieben, hab' ich ihnen längst angemerkt." 334 „Oh! das will ich meinen," bemerkte heiter der Schmied, „euch Weibern kann so etwas nicht entgehen." „Aber der arme Junge muß einen Kummer haben, — er sieht so blaß und abgehärmt aus." „Dächte nicht — hat's auch gar nicht nöthig," entgegnete der Schmied. „Ich glaubte, du wärest zu stolz, ihm Ulriken zu geben!" „Zu stolz?" — fragte dieser befremdet, „das wär' doch etwas stark — im Gegentheil — " „Ja, ich hab' immer gefürchtet, du würdest dich daran stoßen, daß er nur ein — Findelkind." „Ein Findelkind? Potz Betten, meinst du den Ludwig?" fuhr der Schmied heftig auf und sein gerathetes Gesicht verrieth, — wie plötzlich und unangenehm er aus den Wolken gefallen. „Zum Teufel mit dem Jungen, dem's nicht im Traume einfallen soll, an die Ricke zu denken." Die arme Frau sah ganz bestürzt und unglücklich darein. Sie konnte dieses Aufbrausen nicht begreifen und der Schmied, dessen Zornesausbrüche, weil so heftig, nie von langer Dauer wa,ren, setzte begütigend hinzu: „Nein, Alte, wie kannst du nur so albern fein, ich meine den edlen Herrn von Strehlcn, der die Ricke heimführen wird!" Da die sanftesten Einreden hiergegen gleich ihres Mannes Zorn von Neuem erregten, fühlte die Frau wohl, daß des armen Ludwig's Liebe, zu ihrem großen Schmerz, eine hvffnungs- und zukuuftslose sei; doch wollen ja eben edle Fraueuherzen den zarten, duftigen Lebenstraum zu einem glücklich versöhnenden Ende führen. Zugleich erwachte von Neuem in ihr der beunruhigende Gedanke an ihres Mannes begangene Untreue, weil er gleich so heftig den Vorschlag einer Heirath zwischen Ludwig und Ulriken von der Hand gewiesen. „Sie sind doch Geschwcster," dachte sie jetzt von Neuem, „nur deßhalb dürfen sie sich nicht heirathen. O diese Männer!" und sie spann sich ganz still und geschäftig in ein recht quälend Netz von Gedanken und Vermuthungen hinein, — während es nur des Schmieds Eitelkeit war, die ihn so handeln ließ. Georg behandelte Ludwig mit ausgesuchter Höflichkeit; es schien, als werbe er stets um seine Gunst, während dieser sich nur uni so entschiedener zurückzog — und ihm mit schlecht verhehlter Abneigung begegnete. Auf die zuvorkommendsten Fragen erhielt er von Ludwig ein mühsam hervorgcprcßtes „Ja" oder „Nein" zur Antwort, und die sonst so offene, freundliche Natur hatte gerade gegen diesen von den klebrigen so geschätzten Mann eine Kälte und Verschlossenheit, die Allen im Hause auffiel. Der Schmied schalt auf dieß ungebührliche Betragen gegen feinen Gast, selbst die gutmüthige Hausmutter machte Ludwig sanfte Vorstellungen — vergebens — er blieb in seiner schroffen, abwehrenden Haltung. Wenn er hätte Gründe, überzeugende Thatsachen zur Rechtfertigung seines Benehmens angeben sollen, es würde ihm schwer gefallen sein. Er folgte nur der Stimme seines Herzens und hatte vom ersten Augenblick des Zusammentreffens mit Georg an geahnt, daß zwischen ihnen nie Harmonie walten, kein einziger Ton zusammenklingen könne. Und er konnte nicht anders, er mußte ihn hassen, obgleich keine einwirkende Ursache vorhergegangen; in seinem Herzen war dies Gefühl unwillkürlich aufgeschossen, — wie es mit der eisten Liebe geschehen soll. Dieser Haß ist der dauernde, uuvcrlöschbare, weil er auf keiner wiederfahrenen Kränkung, keiner bitteren Erfahrung beruht, sondern ganz aus ^ich selbst hcrvorgewachsen, so recht ohne Anfang, ohne Ende ist. Vom Feinde erlittenes Unrecht, so tief es uns Anfangs schmerzt, bietet auch zugleich die Handhabe zur Versöhnung, wir haben etwas Positives, das ein glücklicher Zufall hinwegräumen und das frühere Verhältniß herstellen kann, während es dort nichts auszulöschen gibt, wo sich die Hände begegnen konnten. Georg fühlte sich davon, daß in dem Hause des Schmiedes eine einzige Person ihm mit offener Verachtung begegnen durfte, tief verletzt. Der in den Tiefen des Mcnschen- herzcns bewanderte Hofmann wußte recht gut, daß die von Einigen auf uns übertragene Liebe immer mehr Herzen heranzieht, aber auch ebenso der auf uns gerichtete Haß uns Andere entfremdet, weil eine scharf ausgesprochene Meinung sich stets Geltung zu verschaffen weiß, und diesen ungünstigen Einfluß befürchtete er besonders bei Ulriken, von der er wußle, daß sie auf Ludwigs Meinung etwas gab, weil sie von Kindheit auf gewöhnt gewesen, in ihm ihren natürlichen Berather und Schützer zu suchen. Obwohl er diesen schädlichen Einfluß schon zu fühlen vermeinte, denn Ulrike war in ihrem Schwanken uud Wählen abwechselnd bald wärmer, bald kälter, so hätte er doch ohne Sorge sein können, — wo einmal die Liebe mit flammender Leidenschaft eingezogen, da findet die Stimme der Vernunft, rathender Freundschaft kein Gehör, und Ludwig war auch zu stolz, ein Wort der Warnung zu sagen, weil er fürchten mußte, dies doch' nur als Folge von Eifersucht betrachtet zu sehen. (Fortsetzung folgt.) Der Blick in das Grab. So wie langwierig und unheilbare Kranke, wenn das Ende ihrer Leiden naht, bei der besten Zuversicht ihrer Genesung doch gewöhnlich von einer Unruhe, einer Sehnsucht nach Aenderung ihres Aufenthaltsortes lebhaft ergriffen werden, die sie ein anderes Klima, eine andere Wohnung, wenigstens eine andere Stube oder doch immer wieder eine andere Stelle für ihr Bett dringend begehren machen — das Weh des Zugvogels im Käsige, wenn seine Zeit herankommt — so sehen wir anderseits, daß gegen den Schluß der rasch verlaufenden Krankheiten die Leidenden sich schon in der Fremd?, von Unbekannten umgeben, gequält, zurückgehalten wähnen und heftig und angstvoll heim verlangen. Der talentvolle Chemiker L *** lag im Entzündungssiebcr. Das Uebel hatte die Hirnhäute ergriffen, er rang zwischen Leben und Tod. Seine schwcrbckümmcrte Gattin klagte dem Arzte, wie er — auch sogar in dem qualvollen Zustande der Kranken, wo in das wache Bewußtsein und Erkennen sich die Ficbcrbildcr mit unabweisbarer Frechheit eindrängen — forwährcnd nicht zu Hause zu sein behaupte wie ihn Dieß sehr beängstigte und er durch alles Zureden kaum für Augenblicke zu überzeugen sei, daß er nicht eine Stube in der Wohnung einer Frau Hill habe beziehen müssen, welche einen sehr widrigen Eindruck auf ihn gemacht habe. Er nannte diese Frau oft, sah sie leibhaftig, und war viel beschäftigt, sich aus ihrer Behausung loszumachen. Der Arzt fragte, ob der Kranke eine Frau dieses Namens kenne oder vielleicht in der letzten Zeit irgend eine englische Novelle gelesen habe? Aber der tüchtige. Praktische Mann hatte so viel in seinem Fache zu lesen, daß er an Uuterhaltnngslektürc nie denken mochte, auch gab es keine Frau dieses Namens unter allen, die er kannte, und sie erschien ihm selbst als eine Fremde. Nicht Nückerinnerung also, sondern reine Fiebcrphantasic. Er unterlag der Krankheit, und die trostlose Wittwe sah den Vater ihrer drei unmündigen Kinder zum Fricdhofe hinaustragen. Es war ihr Bedürfniß, einen Theil des geringen Nachlasses zu einem Gedächtnißstein für den theuern Todten aufzuwenden. Als er fertig war und aufgerichtet werden sollte, betrat sie selbst zum ersten Male den Gottesacker; sie ließ sich den Grabhügel zeigen, der ihr Glück einschloß, und las dicht neben ihm auf einem Kreuze die Inschrift: „Hier ruhet in Gott die Wohledle Frau Anna Hill." 336 Glaubens-Enrhsit. Ich kenn vier Brüdcr, die wohnen zusammen, Beschenkt von der Mutter mit gleicher Montur: Am Haupte den Helm und das Schwert an der Seite, Den Mantel, gehalten von goldener Schnur. Den Ersten beschwerte der Helm auf dem Kopfe, Er warf ihn von dannen. Der Zweite darauf Warf weiter den Mantel. „Der ist mir zu eng". So sprach er, „und hemmt mich im eilenden Lauf." Dem Dritten gefiel nicht daS Schwert an der Seite: „Ich liebe den Frieden! ich hasse den Krieg!" Die völlige Rüstung behielt nur der Vierte, Wollt' ehren die Mutter und wahren den Sieg. Doch als sie nun sah'n sich so ungleich gerüstet. Entspann sich ein Streit, wie zur Einheit zurück Sie möchten gelangen; das meinten sie würde Bestärken den Frieden, begründen das Glück! Der Erste begann: „ich entfern auch den Mantel! Leg' ab du den Helm! du verzicht auf dein Schwert!" „Ich wcrf auch das Hemd weg, cntgcgnct der Dritte, Sobald es im Fortschritt und Laufe mich hemmt!" Der Vierte nur klagte: „so kann ich nicht einen Mit euch mich: ich wahr', was die Mutter mir gab'; Ich brauchs zur Bedeckung zur Wehr und zur Wärme, Ihr liefert durch Nacktheit euch selber ins Grab!" Zu zerren beginnen mit Wuth sie am Letzten: „Durch Nacktheit zur Einheit" ist ihre Devis'. — Bald kommt wohl der Frost und die Ruhr und der Russe, Und zeigt, daß ein Traum nur ihr Ncu-Paradics! O Hollen sie lieber den Helm (Z und den Mantel (?) Das Schwert ('') und das Hemd (->) und die ganze Montur So würden sie einig und könnten sich retten. So blühte das Volk aus Gcrmanias Flur! —- Hdart Uivstel. Papst. (-) Kirche. Gotteswort. I) Gottesglaube. (')^Katholicitäl. Vor dem Schwurgerichte eines preußischen Provinzial-Städtchens stand kürzlich ein schwerer Verbrecher, dem als besondere Vorsichtsmaßregel ein Soldat mit geladenem Zündnadel-Gewclir an die Seite gestellt wurde. Plötzlich beginnt einer der Geschworenen sich unruhig auf seinem Platze hin und her zu bewegen, und überhaupt mimische Zeichen einer lebhaften Bcsorgniß von sich zu geben. Erstaunt fragt ihn der Präsident des Gerichtshofes um die Ursache seines Benehmens. „Ja, sehen der Herr Präsident denn nicht," erwiderte der Geschworene, „daß der Soldat da immerwährend mit seinem Gewehre spielt? Wie leicht könnte es losgchen und Einen von uns treffen." — „Beruhigen Sie sich," meinte der Präsident, „es sind zwei Ersatz-Geschworne da!" Druch Verlag und Redaction des Bterarischcn Instituts von Dr. M. Huttlcr. Ni-O. 43. 24. Octbr. 1869. Gibt nicht der Hagedorn einen süßern Schatten Dem Schäfer, der die fromme Heerd erblickt, Als wie ein reich gestickter Baldachin Dem König, der Verrath der Bürger fürchtet. Shakespeare, Heinrich VI., Z Theil Akt 2. Scene 5. D i e H a n d. Historische Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Georg wurde durch das schroffe Auftreten Ludwig's seine eigentliche Mission in's Gedächtniß gerufen, — die er über einer so heftig aufgeloderten Leidenschaft beinahe vergessen hatte. Jetzt, da ihm Ludwig feindlich in den Weg trat, mahnte es ihn doppelt, daß es seine Aufgabe fei, sich des Burschen zu entledigen. Es war nicht seine Art, Auftrüge gewissenhaft zu erfüllen, er behandelte gern Alles so obenhin, und nur so lange ein beobachtend Auge auf ihm ruhte, rüstete er mit unermüdlichem Eifer und großer Umsicht, aber wenn er auf dem Sattel saß und dem Späher- blicke entschwunden, überließ er sich völlig seiner leichtsinnigen Natur, die ihn in gedanken-z loser Laune, ganz wo anders, nur nicht au das ihm gestellte Ziel hintricb. Zurückgekehrt, wußte er dann mit beredter Zunge die fabelhaftesten Berichte abzustatten, und diese so früh geübten Pagenstreichc waren ihm endlich zur zweiten Natur geworden. Diesmal hatten ihn die Flammenaugcn der Croatin auf längere Zeit an seinen Auftrag gefesselt, aber als er in die blauen, freundlichen Augen Ulrikens geblickt, war ihm Alles rasch in Vergessenheit gerathen. Für ihn gab es keine Vergangenheit, keine Zukunft, nur die Gegenwart war sein, und er besaß jene liebenswürdige Sehnsucht, die so eifrig für das eigene Wohl zu sorgen weiß, daß kein fremdes, wenn auch nur Augenblicke lang, sich Geltung zu verschaffen vermag. Ihm fehlte eine Cardinaltugend, die vor leichtsinnigem Versinken in das Schlechte schützt — Gewissenhaftigkeit. Aber jetzt, der Gedanke an die unliebsame Erscheinung Ludwig's, die entfernt werden mußte, brachte ihn auf die Herzogin, deren Wunsch es ja eigentlich auch war, wie ihm einfiel — und welcher heiße Wunsch! — er sah wieder die dunkeln Augen, hörte die brennenden Lippen flüstern „Alles" und wie Feuer stürmte es durch sein Blut. „Ah, ich Thor," rief er lebhaft aus, „wie konnte ich vergessen, was mir winkt! — Du stolze Herzogin, wüßtest du, wie sich jetzt unsere Wünsche vereinigen, du würdest weniger freigebig gewesen sein. Ich kühle mir mein Müthchcn au dein hartnäckigen Burschen und dann wird es mir noch zum Schlüssel für ein anderes köstliches Glück, — es gilt rasch handeln, ehe der gute Gedanke verdampft!" Es war im Walde wieder Holz einzukaufen und da sich der Schmied nicht ganz wohl fühlte, so beeraute er Ludwig mit dem Geschäft. „Du kannst dann die Stelle wieder aufsuchen, wo wir dich im Frühstückskorbe fanden!" sagte er scherzend zu Ludwig, denn er hatte sie ihm schon früher gezeigt. Ludwig mochte mehr Spott als Scherz darin finden und schwieg. 338 Georg war bei dem Abgänge des Letzteren zugegen und wünschte ihm auch eine glückliche Reise, ohne kaum ein Nicken des Kopfes als Antwort zu erhalten. Der Schmied wollte sich gegen Georg darüber entschuldigen, doch dieser cntgegncte so laut, daß es Ludwig noch hören mußte: „Lasset immer den armen Jungen, er scheint mir meinen höheren Stand zu beneiden! Ich verarg's ihm nicht, das Schicksal hat ihm doch zu schlecht mitgespielt, ihn als Findelkind in die Welt zu schicken." Ludwig warf ihm einen Blick voll kalter Verachtung zu und eilte hinweg. Ihn seine Geburt so recht fühlen zu lasten, darauf hatte Georg bei Allen hinzuwirken gesucht, und stets die Betonung darauf gelegt, daß mit einem Findclkinde doch nicht so viel Aufhebens zu machen sei. Ulrike crröihcte, sie fühlte heute wieder recht klar den Unterschied zwischen Beiden, und daß ihr Pflegcbruder doch nur ein armer Findling war. Georg machte nach Tisch noch einen kurzen Besuch bei dem kranken Meister, der davon recht erfreut war. Erst mit der nahenden Abendstunde empfahl er sich. Ludwigs Geschäfte hatten ihn wirklich auf jene Stelle geführt, auf der er als Kind gefunden sein sollte. Ein wehmüthig schmerzliches Gefühl überschlich seine Brust. Die alten Eichen rauschten über seinem Haupte, sie mußten Denjenigen gesehen haben, der über seine Geburt Auskunft zu geben vermochte. Er kniete und küßte den Boden. „Vielleicht," dachte er, „ist hier die Thräne gefallen, die um mich geweint, als man mich hüls- und namenlos in die Welt hinauszuschleudern gewußt." Er hätte die Bäume fragen mögen, aber sie rauschten gedankenvoll weiter und schienen ihm zuzuflüstern: „Wir Wissens nicht, du bist nur ein Findling." „Die Schritte dessen, der mich diesem Schicksal überliefert, sind längst verhallt," — klagte er weiter, „keine Spur läßt sich finden — keine. Da singen die Leute: die dunkelsten Geheimniste werden licht — es wird überall Tag, nur auf mir ruht eine ewige Nacht! Ich fühle mich so fremd dort bei den Leuten, die mich aufgenommen, — daran trägt dieser tückische Mensch die Schuld, er verstand es erst, mich „Findelkind" zu nennen, und seitdem sie mich dort Alle zu dem gestempelt, ist's so leer, so kalt in meiner Brust — ich sehne mich nach einem Multerherzen, an dem ich liebend ruhen, nach einem Vater, .dessen Stolz ich werden könnte." Er streckte die Arme verlangend aus, — seine Brust wogte, seine Schläfen pochten, — aber still und schweigend blieb's im Walde und der Abendwind wehte nur kühlend um seine Stirn. „Die Hand auf meiner Brust ist so deutlich, so scharf, aber meine fernen, unbekannten Eckern kann sie mir nicht zeigen, führt sie mir nicht zu, und doch war dies so lange meine einzige Hoffnung." Die untergehende Sonne glitzerte durch die Bäume und zog ihre lichten Fäden, zauberisch durch das Waldesgrün, als er sich sinnend ^und träumend auf den Weg machte. Der letzte freundliche Strahl der Sonne zerdrückte die Thräne in seinem Auge, er beflügelte die Schritte, um sie auf einer kleinen Anhöhe noch einmal zu erreichen, aber er kam zu spät — sie war untergegangen, „und so meine Hoffnung, mein ganzes LebenSglück," feufzte es in seinem Herzen nach. Es dunkelte schon, als Ludwig den Waldessaum erreichte; Plötzlich stürzte ein Mann mit hochaufgeschwungencm Schwert auf ihn zu und kaum, daß Ludwig den Kopf erschrocken zurückbeugen konnte, saß die Waffe auf seiner Schulter. Das noch zu wenig lichte Gehölz mochte den Angreifer am kräftigen Ausholen gehindert haben, denn der Schlag, der auf den Kopf gerichtet, war nicht einmal tief in's Fletsch gedrungen. Ludwig sprang jetzt zurück und ehe noch sein Feind das Schwert von Neuem erheben konnte, sauste sein -eiserner Stock, bester treffend, als derbe Antwort auf des Angreifers Haupt, daß dieser davon wie eine im Kern getroffene Eiche zusammenbrach. Er beugte sich jetzt über den Gefallenen, der betäubt kein Glied zu rühren vermochte. und wer schildert sein Erstaunen, als er in das düstere, verzerrte Antlitz Georgs blickte! Das war also der Edle, der im Schmiedhause so hoch geehrt wurde — und an dessen Schicksal Ulrike so gern und gläubig das eigene knüpfen wollte, — ein feiger Mörder, der unter der Maske der Freundlichkeit seine teuflischen Gedanken ausbrütete. „Nein, nimmermehr, das darf nicht geschehen. Elender!" donnerte er ihm zu; „du bist entlarvt und jetzt in meiner Hand, ich werde deine Pläne durchkreuzen." Georg öffnete bei diesen Worten die Augen, ein düsterer Blick des Haffes blitzte daraus hervor und dann schloß er sie wieder wie bewußtlos, während um seine Lippen ein Zug ohnmächtig bitterer Wuth spielte. Ludwig eilte in das Dorf, um Georg auf einen Wagen laden und ihn heimführen zu können. Es gelang ihm auch, schleunigst ein Fuhrwerk zu beschaffen, und trotz seines Abscheues gegen den Schurken fühlte er Besorgnisse, — daß sein Beistand zu spät kommen möchte. Und in der That, er kam zu spät — Georg war trotz des eifrigsten SnchcnS nicht mehr zu finden, und sich selbst biltere Borwürfe machend, seinen Feind so ohne Beistand gelassen zu haben, trat er den Heimweg an. Er mußte wahrscheinlich im Dunkeln den Ort verfehlt, oder Georg sich tiefer in's Gebüsch geschleppt haben, und wollte bei Tagesanbruch sein Suchen fortsetzen, da die Bauern sich geweigert hatten, wegen eines Mörders die ganze Nacht zu suchen. Jetzt erst begann Ludwig's Wunde zu schmerzen; dies brachte ihm den heimtückischen Angriff und den Gedanken in Erinnerung, seinen Pflegevater zu warnen und dem frechen Burschen das Handwerk zu legen. Ludwig wußte wohl, daß Ulrike den Edlen von Strchlen heiß und glühend liebe, sein schmerzdurchwühltcs Herz halte ihm dies nur zu oft gesagt, aber solchen Thatsachen gegenüber konnte sie sich nimmermehr verschließen; sie mußte das Bild des Elenden auS ihrem Herzen reißen. „Und werde ich darum glücklicher?" seufzte er tief, „für mich ist sie doch verloren, ja sie wird mir nicht einmal verzeihen, daß ich es war, der ihr das Bild des Geliebten zertrümmert, und doch muß ich's thun, um ihrer selbst willen; sie darf nicht das Weib eines Mörders werden." Der Schmied war allein in seiner Stube, als Ludwig eintrat, und rief sogleich seine Frau aus dem Garten, um für den Angekommenen ein kleines Abcndbrod zu bereiten. Sie kam und ihr besorgter Blick siel sogleich aus den Blutflecken und das verstörte, blaffe Gesicht Ludwigs. Sie fragte ängstlich besorgt, was ihm zugestoßen, und dieser erzählte nach einigem Drängen das unerfreuliche Ercigniß und warnte mit beredten, warmen Worten vor dem heuchlerischen Schurken. Der Schmied hatte ihm schweigend bis zu Ende zugehört, plötzlich donnerte er ihm zu: „Du lügst, frecher Junge!" „Ich! lügen?' brauste Ludwig auf, der seine Ehre bei diesen Worten so tief verletzt fühlte, um seine Ruhe und die nöthige Achtung vor seinem Pflegevater zu bewahren: „weil du verblendet genug, meinen Worten nicht zu glauben, strafst du mich Lügen?" „Du lügst, sag' ich dir noch einmal, der Herr von Strchlen war es nicht, das ist nicht möglich." „Weil er ein Edler?" fragte Ludwig bitter. „O nein, ich habe den theuren, verehrten Mann nur zu gut erkannt; aber du glaubst nicht an solche Schändlichkeit, weil er dich blind gemacht durch seine Schmeichelrcden." „Du wagst auch mich zu besudeln, Knabe, wie du den guten Mann schon lange angefeindet, ich kenne schon die Quelle deines Denkens. Doch dein erbärmlich Treiben soll zu Schande werden. Ulrike und theurer Herr," — rief er in den Garten hinaus, „kommt auf einen Augenblick herein." 340 Ludwig wollte kaum seinen Augen trauen, den noch vor Kurzem für todt am Boden liegenden Georg an der Seite Ulrikens Hereintreten zu sehen, und er stand, wie in die Erde gedonnert, als ihm der Schmied wüthend zurief: „Nun, Verleumder! wiederhole noch einmal deine frechen Lügen!" Sich dieses Räthsel augenblicklich zu erklären, vermochte Ludwig nicht; es mußte entweder die Erscheinung im Walde oder die jetzige ein Trugbild der Hölle sein, und in dumpfem Hinbrütcn hierüber ließ er gleichgültig Alles über sich ergehen, ohne nur ein Wort der Abwehr, der Entschuldigung zu sagen. Der Schmied erzählte entrüstet das so eben von Ludwig Berichtete, — und Georg sagte höhnisch lachend: „Du siehst, was in dem Jungen steckt, der zu den frechsten Verleumdungen fähig, um sich hier einzunisten und mich zu verdrängen. ' Wer weiß, in welcher Schenke er sich herumgetrieben und Prügel bekommen, und jetzt will der Bube das klüglich benützcn und mich aus dem Sattel heben. Weit gefehlt, mein Söhnchen, der Meister ist zu erfahren, dir solch' albern Zeug zu glauben." Alle waren plötzlich von den tückischen Lügen Ludwigs überzeugt, und trotzdem, daß Jahre des innigen, trauten Zusammenlebens, in denen sie ihn als eine ehrliche, offene Natur kennen und schätzen gelernt, für ihn sprachen, so lag doch Vieles vor, das seiner Aussage jeden Halt und Glauben rauben mußte. Georg war ein so feiner, edler Mensch, pah! einen Mord ihm anzudichten, war schon ein Verbrechen, — und dann, wie konnte ein Mensch, der für todt auf die Erde gestreckt worden, gesund und munter fast zu derselben Zeit beim Schmied einsprechen und harmlos mit Ulriken in der Laube plaudern? Und doch kannten sie sämmtlich nicht die wunderbare gewaltige Macht des menschlichen Willens, die, wenn sie durch irgend eine Feder auf's Höchste gespannt wird, das Unmöglichste möglich macht. Georg hatte Anfangs nur Ludwig aus dem Hause zu verdrängen gesucht, weil er geglaubt, es genüge, den Jungen in die Welt hinauszujagen, und da ihm dies nicht gelungen und auch nicht sicher genug schien, so mußte blutiger durchgcgriffcn werden. Pah — ein Mord — was wollte der in jenen Tagen sagen, und dann blieb er ja für immer in Nacht gehüllt! Die heutige Gelegenheit war eine besonders günstige, er kannte den Platz, wo Ludwig gefunden worden, da er mit dem Schmied einmal dort gewesen — und wußte, welchen Weg Ludwig bei der Rückkehr einschlagen mußte. Er warf sich daher rasch auf's Pferd, um Ludwig aufzulauern, und noch so früh zurückzukommen, daß nicht ein Funke Verdacht auf ihn fallen konnte. Sein Mordanfall scheiterte, wie wir gesehen, an des Angegriffenen Entschlossenheit. Ludwig hatte sich kaum entfernt, als Georg von Neuem die Augen aufschlug, und zum völligen Bewußtsein kam. Er knirschte vor Wuth mit den Zähnen, nicht nur seine Pläne waren vernichtet, sondern er selbst in die Hände seines Feindes gegeben. Der Gedanke konnte ihn rasend machen. „Ich Thor, warum vergaß ich meinen Dolch, der hätte bester gesessen!" murmelte er vor sich hin; plötzlich schoß im ein anderer, neu belebender Gedanke durch den wirren Kopf. Er versuchte aufzustehen, taumelte zwar Anfangs wie betrunken noch einmal zurück, dann gelang es ihm endlich, sich auf den Beinen zu halten. Ein teuflisches Lächeln spielte um seine Lippen und er keuchte hervor: „Ich muß eher dort sein, als der alberne Junge, und sollte ich dann zusammenbrechen. Nur in dem liegt meine Rettung vor Schimpf und Schmach." Er schleppte sich mühsam nach seinem in der Nähe stehenden Pferde, und der ihn fast vernichtenden Qualen nicht achtend, jagte er Sprottau zu, um den summenden, geschwollenen Schädel, der einen ganzen Bienenstock zu beherbergen schien, in kaltes Master zu stecken, sich umzukleiden und zur Schmiede zu eilen. 341 Die ihm drohende Schmach keck und kühn abzuwenden, hatte er Alles daran gesetzt, und es war ihm gelungen, weil es in seiner Natur lag, sich zur äußersten Kraftanstren- gung aufzustacheln, wenn diese keine langdauernde zu werden versprach. Je schwächer und elender Georg sich gefühlt, je toller war er zugeritten, weil dies das beste Mittel war, seine Leiden abzukürzen. Ludwig hatte so genau auf die Zeit nicht geachtet und nur von Sonnenuntergang gesprochen, und eine Stunde darauf saß der Erschlagene bereits in der Schmiede und lächelte zu den Scherzen des jungen Mädchens, wie heftig und quälend es auch durch seinen Kopf zuckte. Er war dann mit Ulriken und der gutmüthigen Hausfrau in die Laube gegangen, hatte dort innerlich frohlockend dem Streite zugehört, und Iriumphirend den Lohn für feine übermenschliche Aufregung eingeerntet. Mit kurzen Worten stellte G.corg das Unsinnige und Abgeschmackte der Anschuldigungen des Findlings in das rechte Licht, doch dessen bedurfte es kaum, der Schmied, außer sich gebracht über das ihm so schurkisch erscheinende Benehmen Ludwigs, wandte sich zu Letzterem mit schneidender Kälte: „Du Findling, den wir hier mitleidsvoll aufgenommen, lohnst uns mit solchem Undank und häufst im frechen Uebermuth, vielleicht aus Neid und Eifersucht, die schändlichste Verleumdung über einen Mann. vor dem du dich im Staube winden solltest; weißt du, daß er ein Edler und du nur eine gemeine Brüt — hinaus mit dir, einen solchen Lügcngeist duld' ich nicht in meinem Hause!" Ludwig, obwohl ihm gerade die kecke. Alles so scharf beleuchtende Vcrthcidigungs- Rcde Aufschluß über den möglichen Sachverhalt gegeben, schwieg noch immer, nicht mehr aus Bestürzung, sondern aus Stolz, aus jenem Stolz, der im Bewußtsein seines Rechtes sich nicht vertheidigt, und eher Alles über sich ergehen läßt, als ein Wort der Aufklärung zu verlieren. Und solche Charaktere ertragen mit geschlossener, kaum zuckender Lippe die plumpsten Angriffe, weil in ihnen ein reinerer, edlerer Fond ruht, der es sie unter ihrer Würde halten läßt, sich zu rechtfertigen und zu vertheidigen. Er sah eine mitleidige Thräne über den so unerquicklichen Vorfall in dem Auge der gutmüthigen Hausfrau, auch Ulrike schien bestürzt, und doch wagten Beide nicht, gegen den aufbrausenden Schmied ein Wort der Vermittlung fallen zu lassen. Sie hielten das Benehmen Ludwigs für einen Ausfluß unglücklicher Eifersucht. Am andern Morgen schon wanderte Ludwig mit vergiftetem, zermartertem Herzen in die Welt hinaus. Nur seiner wohlmeinenden Pflegemutter hatte er Lebewohl gesagt mit der Bitte, seiner nicht völlig zu vergessen, verharrte aber auch gegen sie in hartnäckigem Schweigen, und so schied er wehmüthig und ernst von den geliebten Jugendplätzcn, wo er so unschuldig glücklich gewesen — in dem Rufe eines frechen Lügners und Verleumders. Auch Georg nahm nach einigen Tagen mit dem feierlichen Versprechen baldiger Rückkehr, Abschied. Er mußte endlich von seiner Sendung Bericht erstatten. Es wurde jetzt im Schmiedehause recht still und leer, und damit kamen auch, wenigstens bei den Frauen, trübe Gedanken über den Verlust des so ehrlichen, treuen Ludwig. Besonders die Schmiedefrau war untröstlich, sie glaubte, daß ihr Mann aus Verschlossenheit und Stolz, statt seine Schuld zu bereuen, lieber den eigenen Sohn in die Welt hinausgeschlcudcrt. Vielleicht würde der leichtsinnige Georg nicht wiedergekommen sein, wenn seine Aufnahme am Hofe Bolcslaus eine freundlichere gewesen wäre. Silber Boleslaus, ohne lange zu grübeln und an der Wahrheit dieser Bericht- Erstattung zu zweifeln, grollte seinen Acrger über das vergebliche Suchen an dem Boten aus und befahl ihm, sofort das Herzogthum zu verlassen. Das war ein harter Schlag, der Georg aus all' seinen Himmeln riß! — Noch 342 war nicht jede Hoffnung verloren — die Croatin, die Alles vermögende, mußte den Befehl des Herzogs rückgängig machen. Die Croatin schien große Eile zu haben, sie wollte morgen mit Bolcslaus in's Feld rücken, dennoch hörte sie auf Augenblicke dem Berichte Gcorg's aufmerksam zu und ihr Auge ruhte so forschend und durchdringend auf dem Berichterstatter, daß der sonst so lügengcwandte Georg kaum'seine Sicherheit behielt. „Also er schweigt für immer?" — fragte sie zu Ende seiner Erzählung langsam und lauernd. „Sei ohne Sorge! Es ist gethan!" „Nun denn," entgegnete die Herzogin mit einer stolzen Handbewegung und dem süßesten Lächeln, „in einigen Tagen erhältst du die 1000 Dukaten, heute habe ich sie nicht." Georg war verlegen, bestürzt, und stotterte endlich sein bei dem Herzog gehabtes Unglück hervor. Die Croatin zuckte die Achseln und entgegnete ruhig: „Vor der Hand vermag ich nichts zu thun, laß nur seinen Aerger verdampfen und dann komm wieder!" Er wollte mehr sagen, sie drehte ihm aber den Rücken und er war entlasten. Knirschend vor Wuth und Groll, reiste er noch selbigen Tages ab und nach Sprottau zurück. Es war entschieden, er wurde des Schmiedes Eidam. Ein hübsches Mädchen und Geld und Gut die Hülle und Fülle, das half über jedes ängstliche Anstandnehmen hinweg. Ulrike wurde in wenigen Wochen die glückliche Frau des Edlen von Strehlcn. (Fortsetzung folgt.) Unter Todten. Der Fremde, der den Hort der Hansa, die alte freie Stadt Bremen, besucht, versäumt gewiß nicht, in den durch Hauff berühmt gewordenen Bremer Rathskcller zu gehen. — Der Leser gestatte uns, ihn heute gleichfalls in einen „Keller" zu Bremen zu führen; aber nicht an eine Stätte der Lust und des frohen Scherzes, sondern in einen stillen, friedlichen Raum: unter Todte, in den „Bremer Bleikeller". Der Bleikcller zu Bremen ist eine Merkwürdigkeit, wohl einzig in ihrer Art. Lieben dem östlichen Chöre der uralten Domkirche befindet sich eine Krypta, unter dem Namen Bleikeller bekannt, weil dort das Blei vom Dache des Doms aufbewahrt, oder, wie andere Angaben besagen, geschmolzen wurde. Der Fußboden dieser Krypta liegt nur wenig tiefer, als die Erdoberfläche; die Luft in ihm ist aber so trocken, daß dort aufbewahrte Leichen nicht verwesen, sondern in einen mumicnartigcn Zustand ausdörren. Wann diese Eigenschaft des Bleikcllers entdeckt wurde, ist unbekannt, wie denn specielle Nachrichten über ihn fehlen. Die älteste, dort befindliche Leiche ist diejenige eines vom Thurme gestürzten Dachdeckers, welcher bei dem Fall sich das Genick gebrochen hat; sie ruht, laut Angabe der Beschließerin des Domes, welche die Fremden führt, über 400 Jahre. DicS dürfte zutreffend sein, denn 1446 wurde unter dem Erzbischof Gerhard III. das oberste Geschoß des nördlichen Domthurms vollendet. Dabei mag jener Unglücksfall vorgekommen sein. Die Gesichtszüge dieser, wie aller übrigen Leichen, sind noch deutlich zu erkennen; man sieht ein von Ensctzen verzerrtes Anlitz, der Mund weit offen, wie nach Hilfe schreiend. Außer dieser ruhen noch sieben Leichen im Bremer Bleikeller: ein schwedischer General mit seinem Adjutanten, beide Opfer des dreißigjährigen Krieges, in welchem 1614 bekanntlich die Schweden das Herzoglhum Bremen eroberten. Der General siel, wie man noch genau sieht, durch einen Stich in den Hals, während den Adjutanten ein Schuß in die rechte Seite hinraffte. Als durch den wcstphüiischen Frieden das Erzstift Bremen der Krone Schweden als 343 Schadloshaltung für die gehabten Kriegskosten mit überlassen war, siedelten sich viele Schweden in Bremen an. So u. a. eine schwedische Gräfin, welche, da sie kinderlos und ohne Verwandte zu hinterlassen, starb, im Bleikellcr beigesetzt wurde; die ehrwürdigen Züge der Matrone sind von mildem Frieden übergössen. — Außerdem erhebt sich inmitten der Krypta ein verschlossener Steinsarkophag, der die Gebeine des 1730 entschlafenen schwedischen Kanzlers Georg Bernhard von Engelbrcchten birgt. Eine sünste Leiche, welche fast 200 Jahre im offenen Sarge im Bleikellcr schlummert, ist die eines im Duell erstochenen Studenten. Ein Stoß in den Hals machte dem jugend- frohcn, übermüthigen Leben ein jähes Ende. Da später die Herzogthümer Bremen und Verdcn durch Kauf an Churhannover übergingen (1715), dessen Herrscher zugleich Könige von England waren, nahm manche britische Familie ihren Aufenthalt in der reichen und schönen Stadt Bremen. So kamen dorthin, um nicmchr zu scheiden, eine englische Gräfin und ein englischer Major, jene ruht 130, dieser 110 Jahre lang in der merkwürdigen Todtengruft. — Vor 99 Jahren endlich setzte man darin noch die Leiche eines alten Ärbcitsmanncs bei, um zu ermitteln, ob der Keller seine seltsame Eigenschaft so viel Jahrhunderten zum Trotz bewahrt habe. Der Todte trocknete ein, ohne zu verwesen. — Zu diesem Experiment mußte man die Leiche eines solchen nehmen, der vereinsamt gestorben war; es hat sich bisher noch keine Familie bereit finden lassen, die leblose Hülle eines ihr Angehörigen der Gruft anzuvertrauen. Nur mit den Körpern todter Hunde, Vögcl und anderer Thiere hat man jüngst Versuche angestellt, welche dargethan haben, daß der Keller seine ausdörrende Kraft noch nicht verloren hat. Sechs Wochen — und ein solches Thier scheint wie aus Pergament gemacht, ohne daß man indeß die Eingeweide herausgenommen oder sonst eine künstliche Manipulation angewendet hätte. Auch schrumpft die Leiche nicht etwa auffallend ein. Bei den Jahrhunderte lang in ihren Särgen Ruhenden ist fast noch die ganze Fülle des Fleisches vorhanden, nur gebräunt und ganz hart. Das sie einhüllende Linnen ist indeß durch die Macht der Zeit in Staub zerfallen und muß bisweilen erneuert werden. Die Luft in dem Keller ist nicht im Geringsten modrig oder verdorben. — Der Temperatur- grad bleibt sich Winter und Sommer ziemlich gleich; etwa I- 12" I(. Alle diese Seltsamkeiten erscheinen noch auffallender, wenn man erfährt, daß derjenige Raum, welcher gegenwärtig „Bleikellcr" heißt, die Leichen erst seit einigen Decennien birgt, während der eigentliche Bleikeller — eine absonderliche Verwerthung der Krypta einer im gottesdienstlichen Gebrauche befindlichen Kirche! — seit eben so langer Zeit als Weinlager vermuthet ist. Neben den beschriebenen Leichen sind noch Ueberrcste uralter Särge aufgestellt, welche man bei dem Bau der neuen Börse zu Bremen tief unter der Erde gefunden hat. Archäologischen Forschungen zufolge stammen sie aus der Zeit Willehads , des ersten, von Carl dem Großen 788 eingesetzten Bischofs von Bremen. Es gewahrt einen unvergeßlichen Anblick, bei dem in der Krypta herrschenden Dämmerlicht jene acht stummen Zeugen vergangener Jahrhunderte so vcrhältnißmüßig lebensvoll vor uns zu sehen. Werden wir schon in jedem Todtcngewölbc ernst gestimmt, erinnern schon die verschlossenen Särge an die Vergänglichkeit alles Irdischen —> so ist hier, wo durch die erloschenen Augen, die welken Lippen gleichsam der Tod selbst zu unö spricht, der Eindruck überwältigend. *L. Eine Grabschrift in dem alten Gottesacker in der Westen zu Eich statt lautet wörtlich also: „Am 22sten Januar 1802 starb allhicr im 82sten Jahr ihres Allekw Jungfrau Maria Sophia Köttnerin von Titting im Eichstättischen, diente zur Zeit der verewigten Kaiserin Maria Theresia beim K. K. Infanterie-Regiment von Hagcnbach beinahe 6 Jahr als Gemeiner und Korporal, und bezog deßhalb von daher eine monatliche Pension von 8 fl. 20 kr." 344 Der kühne Schiffer Siehst du das Schifflcin tanzen Im klaren Wellcnspiel, Hinaus mit vollem Segel Zum fernen, stolzen Ziel. Der Wind huscht um die Nahen Und lustig geht die Fahrt, Der Schiffer sieht die Hoffnung Mit schönstem Glück gepaart. Da horch ein fernes Tosen, Die Windsbraut naht heran, Die Wogen hemmen drohend Des kühnen Schiffers Bahn. Er späht durch graue Regen Umsonst nach sichrer Bucht, Die Stürme heulen höhnend Aus wilder Wogenschlucht. Der Mastbaum ist zersplittert, Kein Retter nah und fern; — Kein Kompaß schien ihm nöthig Im vollen Glückesstern. Wie würde der ihm zeigen Den nahen Meeresstrand; — So findet sich kein Ausweg Zur Rettung an das Land. Die Welle peitscht den Nachen Und schwärzer gähnt der Schlund, Ein Hülfruf, dann ein Stöhnen — Es war die letzte Stund! — So geht es oft dem Menschen Im weiten Weltgewühl; Kaum kommt er aus der Schule, So steckt er hoch sein Ziel. Verwegen stürzt er weiter, Das Glück bläht ihn noch auf. Er hascht nach Gold und Krone, Nach Ehren rennt sein Lauf. Er opfert seine Kräfte Und wühlt im Erdenstaub; Stets kühner macht er Plane, Der guten Warnung taub. Doch plötzlich bleicht das Sternlein, Das Unglück naht heran, Und Dornen wirft es grausam Auf seine stolze Bahn. Er zagt, er schaut verzweifelnd Um Hülfe in die Welt; Er sieht im weiten Meere Das prächl'gc Schiff zerschellt. Wohl gab ihm einst die Mutter Den rechten Kompaß mit. Nach ihm sich stets zu richten Bei jedem Lebensschritt. Der Kompaß wies zum Himmel, Er selbst war das Gebet, Für den der beste Führer, Der durch das Leben geht. Er zeigt uns einen Hafen In wildem Sturmgebraus Und selbst in öder Wüste Ein liebes Vaterhaus. Der Mutter brach das Auge, Der Jüngling eilte fort, Und frevelnd warf der Kecke Den Kompaß über Bord. So ist er nun verlassen Hat nirgends eine Asyl; Die stolzen Plane finden Im Untergang ihr Ziel. (Makaroni.) Die Philologen haben heraus gebracht, daß diese Speise bis in die Zeilen der alten Griechen zurück reicht. Sie nannten dieselbe umlmrios (glücklich), und ihr Vaterland: nmoarvn nosoi (glückliche Inseln). Fürst Pücklcr-Muskau bringt eine andere Lesart. Ein Cardinal liebte einen guten Tisch und hatte einen erfinderischen Koch. Als einst die neue Speise mit dem besten Parmesankäse vorgesetzt wurde in guter Sauye, rief der Cardinal: Luri! (Liebe Speise!) Später, als sie immer besser mundete: um cmi-i! (Aber was für eine liebe Speise!) Zuletzt im ganzen Enthusiasmus: um «mroni! (Aber was für eine außerordentlich liebe Speise!) Von nun an blieb dieser Name. Druck, Vertag und Redaction des litterarischen Instituts von vr. M. Huttlcr. N,-». 44. 31. Octbr. 1869. Meinst dn, daß Pflicht zu reden scheut, weil Macht Zum Schmeicheln sinkt? —Die Ebre fordert Bravheit. Weuu Könige thöricht werden. Shakespeare, Lear, Akt l. Scene 1. Die Hand VI. Ihr müßt' euch fleißen, Im Fall ihr wollt heißen Ein edles Blut, Von Schwert und Eisen Im Felve zu weisen Den kühnen Muth. Aßmann v. Abschatz. Boleslaus hatte drei Jahre mit wechselndem Glück gegen den Müusterberger ge« kämpst, ohne ihn völlig besiegen zu können, ihn aber doch endlich so in die Enge getrieben, daß der in seinen Geldmitteln erschöpfte Feind keinen Ausweg sah, als den Herzog Heinrich von Glogau um Hilfe anzuflehen, von dem er zu allererst Beistand erwarten konnte, da er voran setzte, daß Heinrich die seinem Vater entrissenen Lande noch nicht verschmerzt haben würde. Um seine Bitte recht dringend zu machen, schickte der Müusterberger diesmal, da er selbst an sein bedrängtes Heer gefesselt — den eigenen Sohn an den Glvgauer Herzog. Er hatte schon früher sich an den Herzog Heinrich um Hilfe gewandt, die ihm zwar zugesagt, aber von einer Zeit. zur andern hinausgeschoben worden, jetzt galt kein Säumen, dringender als je erschien die Gefahr. Der Sohn des Müusterberger war zu jung für eine solche Sendung, er sollte auch nur die Wichtigkeit derselben andeuten, als wirklichen Abgesandten hatte er ihm seinen Liebling, einen jungen Feldhauptmann, mitgegeben, auf den er sein vollstes Vertrauen setzte und von dessen angenehmer Persönlichkeit und einnehmendem, herzgewinnendem Wesen er das Gelingen seiner Botschaft mit Sicherheit voraussetzte. Er war erst nach Ausbruch des Krieges zu dem Müusterberger Herzog und noch dazu als gemeiner Landsknecht gekommen, hatte aber in dem hartnäckigen Kampfe dem Herzoge treu und aufopfernd beigestanden und sich durch Muth, Ausdauer und Umsicht rasch bis zu seinem jetzigen Grade aufgeschwungen. Er war in seinem jugendlichen Feuer, seinem Scharfblick, seinen, trotz der niederen Geburt allgemein anerkannten ritterlichen Tugenden, eine Zierde des Heeres geworden. Ohne den Ucbermuth deS Emporkömmlings, besaß er doch jenen höher blickenden Stolz, der auf erworbenen Lorbeeren nicht auszuruhen vermag, sondern rastlos und entschlossen weiter streben muß. Wir finden in ihm den so schimpflich aus dem Schmicdchausc gejagten Ludwig wieder. Die angethane Schmach halte tief und lange an seiner Seele gezehrt; er war versucht gewesen, in dem ersten Anfall der heftigsten Erbitterung diesen elenden Burschen,, dem der Teufel selbst bei jenem Vorfall bcigcstanden haben mußte, zu vernichten und auch den Uebrigcn den Schimpf zurückzuzahlen. Aber bald siegte seine edlere Natur und er sagte tröstend zu sich selber: „Die 346 Zeit wird aufkläre», wer der Bessere war, denn sie reißt ja jedem Betrüger die Larve ab, aber räche» will ich mich doch an ihnen, wenn auch auf andere Ärr, sie sollen sehen, daß ich kein Verleumder war, und daß meine Seele stark genug ist, das zu erringen, was Jenem schon das Glück in die Wiege legte." Und doch, gerade diese Herde Erfahrung hatte ihn wunderbar verwandelt — den langsamen, schleichenden Tropfen aus seinem Blut hinausgeworfen und die Fesseln gelöst, die träumerisch seine Seele umsponnen. Der sonst etwas verschleierte Blick war frei und hell geworden, nnd richtete sich fest und unverwandt auf das hohe Ziel. Die Havd, — die ohne dies kränkende Ercigniß noch lauge spielend gewartet, bis irgend ein reiches, volles Glück an sie herangeschwomnicn, theilte jetzt unermüdlich die Wogen und strebte an's andere Ufer. Er mußte sein Leben tausendfach einsitzen, mutzte endlich ein Edler werden, wie Jener, um an der Stelle, wo man ihn so tief beschimpft, sagen zu können: „Bekennt, daß Ihr Euch getäuscht, daß in mir etwas Besseres lebt, als Ihr je geahnt." Lächeln wir nicht über diesen Gedanken! Der heitzcstc Sporn unseres Ringens und Strcbens ist so oft, ja fast immer, die winkende Theilnahme und Bewunderung unserer Freunde. Sagen zu können: „Seht! das wurden wir, das erreichten wir, trotz eures bedächtigen Kopfschüttelns," dünkt uns ein Glück, um dessen Erreichung wir alle Kräfte einsetzen msissen, und sind wir endlich am Ziel, dann hat uns wohl die Zeit gerade diesen Genuß entrückt, und die Freunde, um deren Beifall wir rangen und strebten, sind uns verloren und entfremdet, und das erziehende Schicksal hat unö längst durch eine tiefere Lebensanschauung über die Genüsse hinausgehoben, daß wir sie zu unserem Glücke nicht mehr bedürfen. Der Herzog Heinrich hatte die Gesandtschaft freundlich ausgenommen, und dieöma! allen Ernstes den schnellsten und thatkräftigsten Beistand zugesagt. Er halte nur auf diesen Augenblick gewartet, Boleslaus sollte sich entkräftigt, au Lein Münstcrbcrger die Zähne ausgelassen haben, dann würde ihm der volle, eingetheilte Ruhm des Sieges, und --- was noch mehr galt — die ungcthcilte Beute. Der halb vernichtete Münsterberger hatte beim künstigen Frieden auf eine Entschädigung keine Ansprüche zu machen, er mußte noch froh sein, daß ihm Schutz nnd Beistand geworden. And dann — sein Licblingswunsch war es ja stets, Boleslaus zu verjagen und dessen Sohn Wenzel zum Fürsten einzusetzen, unter dem Borgeben persönlicher Freundschaft für die Vertriebenen, wahrend ihn doch ein ganz anderer Beweggrund leitete. Ihm galt es nur, die an Boleslaus verlorenen Länder wieder zu gewinnen, nnd, wie er hoffte, diesmal für immer. In diese Pläne paßte die so augenscheinlich hervortretende Liebe Wenzels zu seiner Tochter Hedwig. Er hatte mit Freuden die früh aufkeimende Neigung desselben zu Hedwig bemerkt, eine Neigung, die sich mit den kommenden Jünglingsjahrcn zur heißesten, glühendsten Liebe gestaltete, und weit entfernt, diese aufsprossende Liebe zu dämpfen, ruhte sein Auge mit sichtlichem Wohlgefallen darauf. Er nannte sie oft scherzend das junge Brautpaar, und ließ Wenzel nicht im Mindesten fühlen, daß er eigentlich nur ein armer, vertriebener Fürstcnsohn; stand es doch Ä seiner Macht, ihm sein Herzogthum zu erobern, das sonst vielleicht für immer verloren Hing, wenn der Herzog eher als die Croatin starb, die dann gewiß die Herrschaft an jich gerissen haben würde. Glückte Alles, dann sollte der in feinem Ehrgeiz befriedigte, und ihm zu ewigem Danke verpflichtete Wenzel die geliebte Hedwig heimführen, und selbst wenn nicht Dankbarkeit, so mußte diese Heirath ein freundschaftliches Band zwischen den beides Fürstenhäusern herstellen und Wenzel übersehen lassen, daß Heinrich durchaus nicht so uncigen- nützig gewesen, indem er sich mit sicherer Gewandtheit den Löwenanteil, die irnher besessenen Ländcreicn angeeignet. Damit war dem ewigen Hin- und Herzerren, diesem fortwährend au? den Händen« reißen klüglich ein Ende gemacht. Heinrich blieb dann, durch die Freundschaft Wenzels geschützt, im ruhigen Besitz der wiedcrerworbcnen Lande, während, wenn er auf andere Weise zu deren Besitz gelaugt, die Fehde nimmer ein Ende gefunden hätti. Das war Alles in dem scharfsinnigen, gewiegten Kopfe des Herzogs reiflich überlegt worden, und nach diesem streng vorgezcichncten Plane mußte gehandelt werden. Stimmten nun diese Pläne und Berechnungen mit den Wünschen und Gedanke» der Betheiligten wirklich übcrcin? Der trotzige, wilde Jüngling Wenzel war noch derselbe, der er als Knabe gewesen. Reiten, Fechten, und alle die ritterlichen Uebungen sagten seinem unruhigen Geiste am meisten zu, nur tag in seinem ganzen Treiben etwas Exzentrisches, eine Hast und Unruhe, die stets mit Leidenschaft etwas schnell ergriff, um es eben so schnell wieder fahren zu lasten. Hcdwig war ein Paar Jahre jünger als Wenzel, aber schon eine völlig entwickelte, hochaufgeschossene Jungfrau, und wer die Beiden zusammen gehen sah, der mußte unwillkürlich ausrufen: „Ein schönes Paar." Welcher Stolz und Adel lag auf diesem schönen, fein geschnittenen Antlitz, welch' jugendlich begeistertes Feuer blitzte aus ihren Augen'. Auf ihrer Stirn thronte ein reiches, wunderbar entwickeltes Denken, und eine königliche Hoheit, die unwillkürlich Achtung abzwang, lag in ihrer ganzen Haltung, nur gemildert durch jene ächt weibliche Grazie, die allzustrenge Formen stets zart und duftig verschleiert. Es war ein mit Wenzel verwandter Fenrrgeiü. Dieselbe Thatenlust, — dasselbe Streben nach Außerordentlichem, Ungewöhnlichem, derselbe unbeugsame Trotz in dem Festhalten des einmal Erfaßten, das Alles waren Tugenden, würdig eines männliche» Geistes, und wenn der Herzog die Beiden auSreitcn sah und Hedwig iin kecken llebermuth mit Bolcslaus um die Wette dahin sprengte, murmelte er wohl auch selbstgefällig vor sich hin: „Ein schönes Paar, wie für einander geschaffen." Und doch, eben ihre so bewundernswürdige Achulichkeit in ihren Neigungen und ihrem Charakter bildeten eine Kluft, die sie über Kurz oder Lang für immer trennen mußte. Wenzel fühlte dies nicht. Sein jugendlich erregtes Auge sah nur in ihr das Weib, wie es eines Ritters würdig, die einstige Genossin seiner Thaten; mit abgöttischer Verehrung hing er an der Frühgeliebtcn und sein heißester Wunsch war es, sie sein nennen zu können, sobald es der Vater oder das Schicksal irgend zuließ. Hedwigs klarer, gedankenvoller Geist blickte tiefer. Sie ahnte bereits, daß Wenwl ihr niemals etwas Anderes werden könne, als ein theurer Bruder, weil sie in ihm nicht jene Saite fand, die trotz ihres etwas überkräftigcn.Gebahrciis dennoch tief und zart in ihr nachklang, die — des Gemüths. Sie harte in frühester Jugend von einem Sänger ein Gedicht gehört, in dem eine Königstochter einen armen Knappen mit ihrer Liebe beglückt und zu sich hinaufzieht. Das hatte wunderbar in ihr nachgeklungen und beschäftigte noch heute ihre Phantasie. In ihrem stolzen, hochwogenden Herzen lag dieselbe Sehnsucht, sich einst tief hinab- zubcugcn und den Niedersten durch ihre Hand zur Höhe zu ziehen. — Dieser künftige Glückliche sollte ihr Alles danken, in ihr ein gütiges Schicksal verehren, von dem er Licht und Wärme erhielt. Hedwig hatte bisher Niemand gefunden, der diesem Traumbild geglichen, denn vor Allem forderte sie von ihrem künftigen Geliebten jene Beweglichkeit des Geistes, die zum Besteigen eines Herzogsthroncs befähigte. Da hätte es ja etwas dem Vater und aller Welt abzutrotzen gegeben, uud das liebte ihre, mit jugendlicher Begeisterung alle Fessel» abstreifende Seele 348 Sie war lange, da ihre Mutter früh verstorben, die einzige verzogene Tochter des Herzogs geblieben, und so hatte sie sich früh daran gewöhnt, überall als Herrscherin aufzutreten. Später freilich war sie vielleicht zurückgesetzt und kühler behandelt worden, — als Herzog Heinrich noch einmal heirathetc, aber auch diese zweite Frau starb schnell hinweg, nachdem sie ihm zwei Knaben hinterlassen, — und so wandte sich die Liebe des Herzogs bald von Neuem seinem früheren Liebling zu und hielt sich leider nicht in jenen Schranken, die zu einer vernünftigen Erziehung erforderlich. Hätte der Herzog ahnen können, welch' phantastisch Gedankenspicl sich hinter dieser hohen Stirne regte, er würde aus seinen süßesten Träumen aufgeschreckt worden sein und hätte Vorkehrungen zu ihrer Abwehr getroffen. Das waren die Personen, mit denen Ludwig zu verkehren hatte. Der Herzog behandelte die Abgesandten, besonders den jungen Feldhauptmann, mit großer Aufmerksamkeit. Letzterer hatte ein angeborenes feines Taktgefühl, das ihn im Umgänge stets das Rechte treffen ließ, und dies erwarb ihm rasch des Herzogs ganze Hinneigung, die zuletzt eine solche Wärme annahm, daß ihn der Herzog nur ungern von der Seite ließ. Hcdwig schien Anfangs ihre übermüthige Laune auch an dem neuen Gaste ausüben zu wollen, begegnete aber einem so feinen, undurchdringlichen Widerstände, daß ihr Blick zum ersten Male mit einer gewissen achtungsvollen Scheu auf einem Manne ruhte. Die Rüstungen des Herzogs wurden mit großem Eifer betrieben, überall Schaaren geworben und ganz Glogau zu einem einzigen Waffenplatzc verwandelt, denn nur bis au die Zähne gewappnet von einem tüchtigen Heere gefolgt, wollte der Herzog dem Bricgcr den Fehdehandschuh hinwerfen, — und eine solch' ungewöhnliche Rüstung erforderte viel Zeit und Geld. Ludwig hatte dabei vollauf zu thun und da seine Gegenwart hier nöthiger war, als beim Münstcrberger, so blieb er auf die Einladung des Herzogs so lange dort, bis sich das Heer selbst in Bewegung setzen und zu den Verbündeten stoßen konnte. Nur die Abendstunden waren noch sein, in denen er im Park herumschweifte, oder sich ermüdet auf eine Bank des Schloßgartens warf. Dort fand er eines Abends eine Laute. Welch' schmerzliche Erinnerungen weckte nicht in ihm das Instrument! Er gedachte der Zeit, wo er Ulriken vollen Herzens seine schönsten Lieder vorgespielt und doch nicht ihr eitles Herz bewegt. Unwillkürlich langte er nach dem Instrument und griff einige Akkorde, die sich bald zu einem jener Lieder aus früherer Schmcrzcnszeit gestalteten. Ganz in seine Träume verloren, gewahrte der Spielende nicht, daß er einen aufmerksamen Zuhörer erhalten. Hedwig, die in weichen Stunden gern auf diesem Instrument spielte, hatte es dort am Nachmittage liegen lassen und kam jetzt, die Laute wieder zu holen. Sie war überrascht, — den Gast ihres Vaters, den sie nur für einen tüchtigen, anspruchslosen Kriegsmann gehalten, diese schöne Kunst ausüben zu sehen — und blieb schweigend in der Nähe stehen, um mit ganzer Seele diese Töne cinzusaugen. Endlich sah Ludwig auf und bemerkte die lauschende Hcdwig. Bestürzt wollte er sich entfernen, aber diese vertrat ihm den Weg und sagte: „O nein, so entgeht man mir nicht! Das Lied hat mich Alles gelehrt, — ich kenne jetzt unseres Gasteö Kummer." Er mußte lächeln, obgleich es ihm unangenehm war, sich vor diesem brauscköpsigen Mädchen in einer solch' weichen Stimmung gezeigt zn haben. Doch diese beseitigte seine Verlegenheit, indem sie von ihrer Vorliebe für Musik sprach, und bald hatten sich die Beiden in eine trauliche, gemüthanregcnde Unterhaltung hineingeplandert. 349 Ludwig bemerkte mit Vergnügen, daß in diesem anscheinend so übcrkräftigen, mann» lichcn Frauencharaktcr dennoch alle zarten Saiten eines ächten Weibes schlummerten, die ächt und melodisch wiedcrklangen, wenn sie eine geschickte Hand berührte. Alle Abend brachten von nun an die Beiden mit Spiel und Unterhaltung zu, was dem scharfblickenden Wendel Anfangs lächerlich und albern, später aber verdächtig erschien und seine Eifersucht erregte. Der fremde Hauptmann hatte dem jungen Wenzel wegen seines ritterlichen, besonnenen Benehmens in der ersten Zeit Achtung abgezwungcu, aber von seinem Lautcnspicl hörend, meinte er verächtlich: „Der Teufel hole alle Musik, die nicht zum Schwertertänze führt, wer die Laute schlägt, muß Unterröcke tragen." Eines Tages ritt der Herzog mit seiner Tochter, Ludwig und dem jungen Müuster- bergcr spazieren. Wenzel hatte sich unmuthig von der Partie ausgeschlossen. Man kam in den entlegenen Theil des Parkes. In der Ferne schimmerte ein Jagdhaus mit einem kleinen Thurm. Sie kamen näher und sahen, wie Plötzlich auf der Plattform desselben eine weiße Frauengcstalt erschien. „Mein Gott!" — rief ängstlich Hcdwig, „das ist Margareth, die ihrer Wärterin entsprungen sein muß." Und der Herzog fügte erläuternd hinzu: „Das ist Bolcslaus unglückliches Weib, die nicht eher Ruhe hatte, bis ich ihr dies Haus eingeräumt; hier scheint sie noch am ehesten Frieden zu finden, die Waldesstille thut ihr wohl " „Ich hörte, sie wäre längst todt," bemerkte Ludwig. „Ja, für die Welt," war die Antwort, „und ist sie nicht wirklich todt? Ihr Geist ist ja unheilbar verwirrt." Man sprengte auf das Gebäude zu, um ein Unglück zu verhüten. Aller Blicke wandten sich ängstlich auf die dort oben wie ein Irrlicht herumgaukclude Erscheinung. Aber kaum war man dicht herangekommen, da — vielleicht aufgeschreckt durch das Geräusch der Kommenden — streckte sie ihre Arme aus und schwang sich über das schwache Geländer in die beträchtliche Tiefe. Hedwig rief jammernd aus: „Sie ist verloren!" Und das gleiche Wehe durchzuckte die Anwesenden, deren Augen sich unwillkürlich auf den Boden richteten, wo die Aermstc, blutig, verletzt und verstümmelt, wenn nicht entseelt, liegen mußte. Doch nein — noch war sie nicht verloren, wenn auch bereits der Abgrund des sichern Todes vor ihrem Auge gähnte. Ihr Kleid war an einem äußeren Haken des Geländers hängen geblieben, und so schwebte sie über dem Abgrund, jeden Augenblick in Gefahr, daß der dünne Stoff völlig reißen und sie rettungslos in die Tiefe schicken konnte. „O Gott, noch ist es nicht zn spät," rief Hedwig aus, „um des Himmels willen rettet mir die Unglückliche!" Und sie eilte in beflügelter Hast, von ihrem Vater und dem Münsterbergcr HcrzogSsohne gefolgt, in das Gebäude, während Ludwig schnell entschlossen mit Gewandtheit an den vorspringenden Ecken dcd Thurmes hinaufkletterte, und zu derselben Zeit auf dem höchsten Absatz desselben festen Fuß fand, — als die Unglückliche herabzustürzen drohte. Er nahm sie in seine Arme, sie schien davon zusammen zu zucken und zur Besinnung zu kommen; das sonst so verstörte, verglaste Ange ruhte mit einem eigenen, wiedergekehrten Lichtschimmer auf Ludwig, der sie mit Hilfe der jetzt oben auf der Plattform Angekommenen über das Geländer hob und sich dann ebenfalls darüber schwang. Der Herzog dankte dem Netter in freundlichen Worten für seinen rasch gewagten Beistand, aber mehr wie dieses lohnte ihm ein einziger Blick aus Hedwigs dunklem Auge für feine kühne That. Sie hatte an der unglücklichen Margareth das lebhafteste Interesse genommen uiid 350 hing an ihr mit der Liebe eines Kindes, nnd diese hinwiederum klammerte sich in ihren lichten Augenblicken mit Innigkeit an das junge Mädchen an. Margareth zitterte jetzt am ganzen Körper und ihre Augen ruhten, wie das Geschehene selbst nicht begreifend, auf den Anwesenden, Der Herzog wollte Margarcth's Arm ergreifen, um sie in Sicherheit zu bringen; sie wehrte ihn aber heftig ab, und indem sie sich an Ludwig anklammerte, rief sie wild verworren aus: „Mein Sohn! Ja, ich habe dich! Ich höre das Klopfen deines Herzens, — so warm — so innig — ha, wie die Alte winkt — dort — dort ist er — auf dem weiten — weiten dunklen See, wie ich die Wogen zertheile — so nah, so nah, o unend. liches Glück, ich erreiche dich und die tausend Thränen, die langen finstern Nächte sind keln zu hoher Preis — ich habe dich gefunden und lasse dich nimmer los.* Sie hatte während des Sprechens Ludwig losgelassen, — und erst bei den letzten Worten eilte sie von Neuem auf ihn zu und drückte ihn mit fieberhafter Unruhe an die Brust. (Fortsetzung folgt.) Die Liebe am Grabe Am schwarzen GrabeSrande In dunklem Trauerkleid Steht tief in Schmerz versunken Und weinend eine Maid. Ihr Haupt umhüllt der Schleier, Ihr Auge deckt die Nacht: Wer ist dies Bild des Schmerzcus In dieser düstern Tracht? Es ist das Bild der Liebe, Die heiß am Grabe weint. Bis daß ein holder Knabe Am Trauerort erscheint. Das ist des Christen Glaube: Die Fackel in der Hand Weist er der Maid die Wege Ins bcss're Vaterland. Nun wird ihr Herz erweitert, Ihr Auge strahlt im Licht; Doch weint sie fort; — es trocknet DaS Licht die Thränen nicht. Da eilet eine Freundin Mitleidig noch herzu, Sie stillt den Schmerz der Liebe, Gebeut den Thränen Ruh. DaS ist die süße Hoffnung, Die tröstend sprint zu ihr: „Die Trennung ist nicht ewig, „Wohlan! so folge mir! „Ich führ' dich sicher über, „Wo dein Geliebter weilt, „Dort ist die Nacht zu Ende, „Dort ist der Schmerz geheilt!" Nun seh' die Lieb' ich wallen, Vom Glaubcnslicht erhellt. Begleitet von der Hoffnung Nach jener bessern Welt! - A. Nicdcl. „Der Schlaf ist, wie der Tod, ein großer Gleichmache!," — sagte Herr W. . . gähnend, und klappte ein dickes Buch zu, da er sich niederlegen wollte. „Goethe war, wenn er schlief, nicht größer, als irgend ein anderer Sterblicher, also bin ich, wenn ich schlafe, eben so groß, wie Goethe." — „War Goethe Ihnen, Ihrer Meinung nach — wenn er schlief, iu jeder Beziehung gleich?" fragte sein Freund. — „Ganz gewiß," erwiderte Herr W^. . . — „Dann muß Goethe ein schrecklicher Schnarcher gewesen sciu." Eine Klosterhetze und das Hausrecht in England. Vor 16 Jahren machten sich zu St. Benno, bei Asaph in der Grafschaft L: Es die l' Jesuiten ansäßig. Sie bauten auf einem reizenden, das ganze Thal beherrschenden Hüget ein großartiges Convcnt; weithin blickt es, einem Ritterschlosse ähnlich, überrag: von einer herrlichen gothischen Kirche; in ihm weilen mehr als 60 Konvcntualcn in ihrem OrdcnSltcidc. Einer hochkirchlichcn Lady in der Thalticfe war das Entstehen dieses Con- vcntes ein Dorn im Äuge; Tag und Nacht ließ es ihr keine Ruhe; denn schon strömten die Hochkirchlcr haufenweise hinauf zu den Predigten der Schwarzröckc. Mit geistigen Waffen wollte die Lady diese Feinde bekämpfen. Sie baut in der Thattiefe auf ihre Kosten eine großartige Kirche und stellt einen als Redner berühmten Pastor dazu an; dieses Alles sollte die Thalbewohncr vom Hinaufsteigen nach St. Benno abbringen. Doch was geschieht: ein Professor von Oxford wurde Convcrtit und trat in das Jcsuiten-Cvllegium zu St. Bcuno. Da der Pastor im Thale und der Convcrtit zu Oxford Freunde gewesen waren, so machte der Convcrtit seinem Freunde öfter einen Besuch; sie unterrcdeten sich gerade über Rcligionsgegcnständc. Die Tochter des Pastors, eine schöne 19 jährige Blondine war oft bei diesen llntcrrcdungcn, und wanderte in Folge dessen bald hinauf zu den Predigten in Si. Bcnno. Eines Tages nun erklärte die Tochter ihrem Vater allen Ernstes, daß sie katholisch weiden wollee. Der Pastor stutzte anfangs, erklärte jedoch als freisinniger Engländer, daß er diesem ihren Vorhaben kein Hinderniß in den Weg legen wolle, daß sie das freie Bestimmungsrecht, den eigenen Verstand habe. Und wirklich legte die Pastorstochtcr in St. Benno das katholische Glaubensbekenntnis; ab. Darüber gcricth nun die fromme Hochkirchncr-Lady und die ganze hochgläubigc Umgebung in Wuth; die Lady fanaiisirte das Volk und selbst den Bürgermeister derart, daß ein Haufen von mehr als 2000 Menschen mit Brechstangen, Schaufeln, Pickeln, Waffen und Knitteln nach dem Hügel aufbrach, um St. Benno der Erde gleich z'u machen. Unter Jauchzen und Brüllen ging es mit dem Bürgermeister an der Spitze dem Convcnte zu Der Pater Rektor, ein Engländer, sah die furchtbare Rotte herannahen. Ruhig ging er dem Haufen bis an's geöffnete Thor entgegen. WaS wollen Sie hier? fragte er den Bürgermeister? Das Nest ausbrennen, zerstören, antwortete der Bürgermeister. Gut, erwiderte der Rektor, Sie können es thun. Sie k.nncn aber auch die Strenge der englischen Gesetze über das Hansrccht. Die Gemeinde wird, wenn Sie unser Convcnt zerstören, es auf ihre Kosten wieder ausbauen und uns schadlos halten müssen. Heilig ist das Eigenthum, heilig das Hansrccht! Nun thun Sie, was ihnen beliebt. Der Bürgermeister gebot dem Haufen Ruhe und erklärte ihm die Worte des Rektors. Der Mann hat Reche, sprach er. Und ruhig, und ohne einen Stein zu verletzen, zog die Menge wie durch ein Sturzbad abgekühlt von danncn. Solche Macht übt das einzige Wörtchen: „Eigenthum, Hansrccht" in dem hochkirchlichen England aus. Ich habe dieses aus des R.Uors eigenem Munde. Noch steht St. Benuo unverletzt und die Patres wandern im schwarzen Habit ruhig im Convcnte umher. Was sagen denn unsere freisinnigen Kloster- stürmer zu Krakau, Prag, Berlin, Graz u s. f. dazu? (N. T. St.) (Eiserne Stuben- und Schul-Ocfen.) Da in Deutschland sowohl wie in Frankreich von vielen Seiten behauptet worden war, daß die Heizung eiserner Zimmeröfen durch ausstrahlende Entwicklung von Kohlenoxydgas die Stubcnluft verpeste und so vielfach Veranlassung zu tiefgreifenden schleichende» Gesundheitsstörungen biete, so ernannte die Akademie der Wissenschaften zu Paris jüngst eine wissenschaftliche Kommission zur technischen und experimentalen Untersuchung dieser für die öffentliche Gesundheitspflege ss wichtigen Kohlcnoxydfrage. Diese Kommission veröffentlicht die Ergebnisse ihrer Untersuchungen, die sich in folgenden Sätzen kurz zusammenfassen: 1) Im Allgemeinen leiten alle metallenen Heizapparate und gußeisernen Oefen und Ofenröhren ohne Ausnahme beim 352 Gebrauch bedeutende Mengen Kohlenoxyd auö dem Feuer in die Zimmerluft über. 2) Dieses Ncbcrleiten des giftigen Gases ist durchschnittlich weniger energisch bei Oefcn von Eisenblech und nicht zu dünnem Kcfselblech. Die Kommission hat ferner als neue Wahrnehmung nachgewiesen: 3> daß die normal in der Lust enthaltene Kohlensauere (4 — 6 Zehntausend-Velumcnthcilc), besonders aber die von unsern Lungen auögcathmetc und von der Haut verdunstende Kohlensäure (in Schulzimmern und Hörsälen bei 1ü" D manchmal sieben pro Mille der AthmungSluft betragend) bei Berührung mit rothglühenden eisernen Oefenivändcn ununterbrochen in Kohlenoxyd umgewandelt werde und das so entstehende geruchlose Kohlcnoxydgift sich der Athmungsluft beimenge. Auf Grund dieser Beobachtungen empfiehlt die Kommission der Akademie der Wissenschaften: man solle gußeiserne Oefen im Innern mit feuerfesten Ziegeln ausfüttern und sie außen mit einem Mantel von Eisenblech umgeben, der eine freie Cirkulation von Lust gestatte, die mit einem gut ziehenden Kamine in Verbindung stehe. * (Ein Gott zu Vclociped!) Die Hindu's in der Umgebung von Bombay erwarten große Ereignisse. Ihr Gott Wischn», der nach alten Traditionen den Gläubigen auf feurigem Wagen erscheint, hat sich unserer gottlosen Zeit erbarmt und ist, wahrscheinlich um seine Verehrer vor der Pest der Civilisation zu behüten, wieder auf die Erde zurückgekehrt. Mehrere bei der Stadt Bombay wohnende Jndicr sahen nämlich bei verschiedenen Gelegenheiten eine Gestalt auf feurigen Rädern in dunkler Nacht um- herfahren und hatten natürlich nichts Eiligeres zu thun, als in den Staub zu fallen und zu warten, bis das höchste Wesen des Hindu dem irdischen Auge entrückt sei. Es unterliegt natürlich keinem Zweifel, daß der Mann auf deni feurigen Nade Wischn» in Person gewesen sei, obgleich das ungläubige Christenvolk von Bombay eine ganz andere, aber vom höheren Standpunkte der Wischn»-Theologie gar nicht beachtcnswerthe Theorie, aufgestellt hat. In Bombay behauptet man nämlich, die neue Jncarnation des Wischnu sei Niemand anders, als ein gewisser Herr Kamp, welcher das erste Velocipcd in Indien eingeführt hat, und — da ihm die Sonne dort zu heiß ist, — seine Strampelbcim Uebungen bei finsterer Nacht anstellt. I» der Kunstausstellung. Schlaft ruhig fort, ihr alten Meister, Um's edle Haupt den Lorbecrkranz, Von all' den Jüngern, die hier prunken, Verdunkelt Keiner euren Glanz. Gar viele schlichen unberufen Sich ein in disscs Heiligthum; D'rum nichtig, wie der Eintagsfliege Vergänglich' Dasein, ist ihr Ruhm. Viel Flachheit un' Viel Haschen nach ' Viel Cult der na Die Signatur dei Ob auch an technischer Vollendung Manch' Werk von euch den neuern weicht. An genialer Kraft und Tiefe Bleibt ihr doch ewig unerreicht. Ein Dutzend flücht'ger Pinselstriche Von eurer kräfl'gen Meisterhand Beschäftigt mehr den Geist, als hundert Moderne Bilder an der Wand. Jdcenarmuth, Effekt und Gunst, tcu Sinnlichkeit ist neuen Kunst. lsttl- liiedtl. Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von 0r. M Huttler. Aro. 45. 7. Novbr. 1869. Augsburgev > Der Größe Mißbrauch ist, wenn von der Macht Sie das Gewissen trennt. Shakespeare, Julius Cäsar, Akt 2. Scene 1. Die Hand. (Fortsetzung.) .Sie glaubt, ihren Sohn wieder gefunden zu haben," sagte mitleidig der Herzog, .armes Weib!" ,Ja, armes Weib, mit ihrem liebreichen, gebrochenen Mutterherzen!" seufzte Hedwig. Ludwig erschien dies Alles fremd und räthselhaft, — bis ihm der Herzog durch Erzählung all' jener düstern Ereignisse, so weit sie ihm selbst bekannt, den lösenden Schlüssel dazu gegeben. Margareth war ruhiger geworden, als man heruntergestiegen. Sie wurde auf ein Bett gelegt, wo sie bald in einen wohlthuenden Schlaf fiel. Als man anderen TageS sie besuchte, schien sie den ganzen Vorfall vergessen zu haben, und starrte gedankenlos auf die Kommenden. Wie nahe schlugen sich die beiden Herzen! Hätte der freundliche Zauber bis heute bei Margareth angehalten, dann würde dieser so sonderbare Umstand Aufsehen gemacht und zu der glücklichen Entdeckung geführt haben, daß die arme Margareth in ihrem düstern Traumleben dennoch so licht und scharf gesehen, um das Herz ihres Sohnes in einem wunderbaren, durch ihre Krankheit geschärften Instinkt herauszufinden. Ludwig hatte sich zwar in den letzten drei Jahren bedeutend verändert, die weichen, träumerischen Züge waren fest und dem Schicksale trotzend geworden. Ein voller Gart umrahmte sein Gesicht — und doch war immer noch Ähnlichkeit genug mit Margareth vorhanden, die den durch das Benehmen derselben aufmerksam Gewordenen nicht entgehen konnte. Man würde dann nach Ludwig's früheren Schicksalen gefragt haben und das entdeckte Mal hätte Margareth die beseligende Ueberzeugung bringen müssen, daß ihre Sehnsucht gestillt und sie ihren Sohn wieder gefunden habe. Ihr heutiges Zurücksinken in die alte Nacht sollte die beiden sich so liebend suchenden Herzen noch lange trennen, — denn ihr gestriges Benehmen konnte man nur für eine krankhafte Erregtheit halten, die, ohne tiefere Bedeutung, eben so rasch verschwunden, — wie sie entstanden. „Ihre Nacht wird sich wohl nie aufhellen," bemerkte Hedwig nicht ohne Schmerz, .und doch — gestern schien es wie ein erlösender Lichtstrahl durch ihre Seele zu zucken, «nd daß dieser Lichtfunkc wieder spurlos vorübergegangen, scheint mir ein schlimmes Zeichen." Aber, wenn auch dies so spurlos an Margareth vorübergegangen, — in Hcdwig's Herzen hatte es sich um so tiefer eingelebt. Diese rasche — entschlossene That im drängenden Augenblick hatte ihr wieder ganz andere Seiten in dem Charakter Ludwig's enthüllt. Er schien sonst gar so besonnen, so zögernd, und doch, wie anders — wie rasch «nd kühn hatte er hier gehandelt, und wo wir mit unseren Vorurtheilen aus dem Felde geschlagen werden, da ist die nachhcrige Verehrung um so größer, denn wir haben ja, wenn auch nur heimlich, gethanes Unrecht gut zu machen. 354 Auch Ludwig wurde von der Kundgebung ihres warmen, theilnehmenden, offene» Herzens überrascht und fühlte sich mehr als je zu einer Erscheinung hingezogen, die bei oll' ihrem brausend-männlichen Geiste und aufschäumenden Wesen immer noch ein Frauen- 'hrrz bewahrt, und so warm und liebevoll für eine Unglückliche zu sorgen verstand. Dieses gegenseitige Sichbesserfinden mußte auch die Herzen näher zu einander führen, nur fand unter dem Geräusch der Kampfvorbereitungen der neckische Gott nicht Zeit, die Fackel völlig anzuzünden, denn bald darauf zog der Herzog Heinrich zum blutigen Strauß aus den Mauern Glogaus, um unerwartet in die Lande Boleslaus einzubrechen «nd seine strdnge Forderung: ehrenvoller Friede mit dem Münsterberger, Abtretung des HcrzogthumS an Wenzel, Vertreibung der Croatin und Ausnahme Margarethe — an Boleslaus zu stellen. Hedwig begleitete ihren Vater, wie dies Alle ganz natürlich fanden. Auch Ludwig war in des Herzogs Gefolge, da er auf Bitten desselben völlig in seine Dienste getreten war, gewiß nur, um in der Nähe Hcdwigs bleiben zu können, während er sich selbst überredete, daß es nur des größeren Wirkungskreises wegen, der sich ihm hier darbiete, geschehe. Wenzel machte sich kein Gewisien, gegen den eigenen Vater in'S Feld zu rücken. — „Er hat's an mir verschuldet — aber nein, es gilt nicht ihm, nur der Croatin," tröstete « sich selbst; „nnd nur die arme Mutter will ich räche». — Wahrt EuchI" VII. Nichts ist süßers, als zwei Treue, Wenn sie eines worden sein. Dieß ist's, daß ich mich erfreue Und sie gibt ihr „Ja" auch d'reiu. Mir ist wohl bei höchstem Schmerze, Denn ich weiß ein treues Herze. Paul Flemmiug. BoleSlauS war von diesem gewaltigen Flankenangriff überrascht worden, und in mehreren Feldschlachten geschlagen, mußte er sich mit den Trümmern seines Heeres auf Brieg zurückziehen, — das jetzt Heinrich in Gemeinschaft mit dem Münsterberger zu belagern begann. Obgleich die Stadt von der Willkühr des Herzogs oft heimgesucht war, leistete sie ihm doch den größten und aufopferndsten Beistand, und nur ihrer wackeren Haltung, ihrem Heldenmuthe hatte er die so lange und kräftige Abwehr des Feindes zu danken. Durch häufige kühne Ausfälle vereitelten die Belagerten oft in wenigen Stunden Wochen lange Bemühungen der Belagerer. Einer dieser Ausfälle hätte beinahe unglücklich für die Belagerer enden können. Drei tollkühne Bursche, von einem Ueberläufer geführt, — den die Croatin durch schweres Geld gewonnen, hatten sich bis zum Zelt des Herzogs geschlichen, in dem dieser allein mit seiner Tochter schlief. Die Wache wurde geräuschlos überwältigt und die Mörder schlichen in das Zelt, wo sogleich zwei an das Lager stürzten; dieser aber, durch das Geräusch geweckt, hatte schnell nach seinem Schwerte gegriffen, — und ehe jene zum Schlage ausholen konnten, stand der Herzog schon kampfbereit ihnen gegenüber und die Klingen durchkreuzten sich. Unterdeß war der dritte Mörder an Hedwig's Lager geschlichen, welche fest und glücklich schlief; ein süßer Traum schien ihre Lippen zu küssen, denn sie lächelte mild und freundlich, wie man's im Leben selten an ihr gewohnt. Ungerührt von dem entzückenden Bilde friedlicher Ruhe, welches sich den mordgierigen Blicken des Gesellen darbot, erhob dieser den bewaffneten Arm, das Schwert zuckte über dem schönen Opfer, — da durchschnitt in demselben Moment eine scharfe Klinge den gehobenen Arm, daß das Schwert klirrend zu Boden fiel. 355 Hedwig erwachte, übersah die Scene und blickte mit seelenvollem Dankgefühl i» die Angen Ludwig's. Denn er war cS, — der noch im rechten Augenblick als rettender Engel erschienen. Ihn hatte der Schlaf geflohen, und von einer unerklärlichen Unruhe getrieben, war er beim herzoglichen Zelte auf- und abgewandert, um in der Nähe Hedwig's weilen und au sie denken zu können. So hatte er die verdächtigen Gestalten heranschleichen gesehen, und stand nun mit Blitzesschnelle im rechten Augenblicke an dem Orte der Gefahr. Noch war indeß zum Austausch von Worten zwischen den Liebenden keine Zeit. Erst eilte Ludwig dem Herzog zu Hilfe, der sich bis dahin wacker gegen seine Angreifer vertheidigt hatte. Mit Ludwig's Erscheinen sank den Angreifern der Muth, sie wollten sich ergebe», aber schon drangen die von dem Waffcnlärm herbeigezogenen Leute des Herzogs in das Zelt und hieben in Erbitterung die Mörder erbarmungslos nieder. Der Herzog gab Ludwig die Versicherung, ihm diesen Liebesdienst in dankbarer Erinnerung zu bewahren und jede Bitte zu erfüllen, die er in Zukunft an ihn stellen würde. In die Herzen der beiden Anderen schlug dieß Ereigniß wie ein zündender Blitz und die Flammengluth der Liebe lohte in voller Leidenschaft in ihnen auf. In den seligen Stunden, die sie von nun an verlebten, preßte Hedwig den Geliebten oft stürmisch an die Brust, als wollte sie ihn wahren und schützen vor aller Sorge, aller Noth und muthig durch alle Hindernisse zum schönen, großen Ziele tragen. Der sonst so besonnene Ludwig wurde mit in diesen Gcfühlswirbel hineingcrissen. Sein so lange verschlossen und ruhig gehaltenes Herz war plötzlich aufgebrochen und die darin heimlich schlummernde phantastische Gluth verdunkelte sein sonst so klares Denken. Er halte ihr offen und ehrlich mitgetheilt, daß auf ihm «der Fluch einer dunkel» Geburt laste, und daß er nur ein Findling und nie wagen dürfte, nach ihr die Hani» auszustrecken. Statt ihn nach diesem Bekenntniß zu fliehen, schloß sie ihn um so inniger an die Brust. Das Ideal ihrer Träume war ja gefunden; so arm, so verachtet und doch so edel, hocherhabcn sollte Derjenige sein, dem sie ihre Liebe schenkte, und sie fühlte die Kraft, um seinetwillen einer ganzen Welt zu trotzen — und zu zeigen, daß ihre Liebe stärker als der Tod. Sie hatte Muth genug, dem Sturme zu trotzen und schaute sorglos in den blauenden Himmel, obwohl sich daran schon ein leichtes Wölkchen zeigte, eines von denen, die so unscheinbar und luftig, die finstersten Wetter in ihrem Schooße tragen. Der Herzog bemerkte längere Zeit nichts von dem so innigen und unauflösliche» Anschluß der beiden Herzen und hielt den wackern Hauptmann von Hedwig durch den Gedanken, daß sie eines Herzogs Tochter, — entfernt genug, als daß nicht gerade der Umgang mit diesem der unschädlichste und einflußloseste von Allen. Als Wenzel, der mit grollend unmuthiger Laune die Liebenden längst durchschaut, im eifersüchtigen Miß- muth gegen den Herzog Worte von einem Liebesvcrhältniß fallen gelassen, hatte er zwar befremdet aufgeblickt, dann aber gleich geantwortet:' „Pah — sie ist meine Tochter und stolz wie eine Königin!" Auf Wenzel machte das Gewahrwerden dieser heimlichen Liebe einen vernichtenden Eindruck. Er liebte Hedwig, und jetzt, da sie sich von ihm gewandt, mit um so heftigerer, an Wahnsinn grenzender Gluth. Jede kleine Gunstbezeugung, die früher ihm zu Theil geworden, und jetzt au Ludwig verschwendet wurde, schnitt ihm wie ein Dolchstich in's Herz. Er hätte laut aufschreien und seinen glücklichen Nebenbuhler ermorden mögen. — Dann wieder tröstete er sich, daß es nur ein flüchtiges Spiel sei, welches Hedwig mit 356 dem verlaufenen Burschen treibe, und sie würde gewiß wieder zu ihm zurückkehren, der ihr ebenbürtig und seit der Kindheit Tagen ihr als Mann bestimmt. Hcdwig bemerkte jetzt zuweilen einen spähenden Blick ihres Vaters, der ihr stolzes, offenes Herz wie ein Messer durchzuckte und sie zu dem Entschlüsse drängte, lieber sogleich Alles auf einen Wurf zu setzen, als sich überwacht und beobachtet zu sehen. Eines Abends, als sie mit ihrem Vater allein in seinem Zelte saß. eröffnete sie ih» ihr Herz und bekannte ihm ihre tiefe, unauslöschliche Liebe. Sie hatte Aufbrausen, den heftigsten Widerstand erwartet und war erstaunt, ihre» Vater bei dieser Eröffnung so ruhig, ja fast gütig zu finden. Sie schob es auf seine Dankbarkeit gegen Ludwig und auf das Versprechen, ihm eine Bitte, selbst die kühnste, zu erfüllen. Aber der schlaue, gewandte Herzog dachte nicht daran, er kannte nur den Charakter seines Kindes viel zu gut, um nicht zu wissen, daß ein schroffes Ankämpfen gegen ihren Willen gerade ihren entschlossensten Trotz hervorrufen würde, und er liebte allzusehr sei» Kind, um einen solch' hartnäckigen, vernichtenden Kampf heraufzubeschwören. Den Unwillen über diese tiefe Verirruug verbergend, und als ob es nur die Ehre Hedwigs erheische, erwiderte er freundlich: „Nein, H^wig, noch verdient er nicht eiucr Herzogs - Tochter Hand, er mag durch irgend eine kühne That beweisen, daß er deiner würdig ist." Eine solche Idee mußte in Hedwig's romantischem Kopfe sogleich lebhaften Anklang finden, und sie erwiderte begeistert: „Ja, das wird Ludwig, er ist eine edle Natur, die muthig nach der höchsten Palme ringt. Schon längst ist er dieses entschcidungslose« Kampfes müde, und wen» er diese That vollbringt, Vater — dann?" „Dann ist er deiner würdig!" „Dank, herzinnigen Dank, — mein Vater, doch halt — bestimme, welche That du meinst!" Der Herzog schwieg einen Augenblick und starrte sinnend vor sich hin. Endlich sagte er gedehnt und mit Betonung: „Nun denn, er mag mir BolcSlauS todt oder gefangen bringen." „Das ist abenteuerlich, das kann er nicht; was dir mit deinem ganzen Heer nicht gelungen, soll der Einzelne ausführen?" „Sticht?! — dann ist er ein gewöhnlicher Mensch, der deiner nicht werth!" „Aber das Unmögliche vermag er nicht zu leisten!" „Das Höchste muß vollbringen, wer nach dem Höchsten trachtet!" Hcdwig blickte einen Augenblick fest auf ihren Vater, als wolle sie seine innersten Gedanken erforschen, — und als sie seine unerschütterliche Ruhe bemerkte, entgcgnete sie stolz: „Ich kenne ihn, er wird es wagen! Doch, wie viel Leute stellst du ihm zur Verfügung?" „So viel er braucht! Doch, je weniger Mannschaft, desto größer ist sein Ruhm!" war die gelassene, berechnende Antwort. Hcdwig entfernte sich, den Ausgang ihrer Unterredung Ludwig mitzutheilen. Es hatte des Herzogs ganzer Gewandtheit bedurft, dem durchdringenden Blick seiner Tochter mit geschlossenem Visir zu begegnen, denn hinter dieser unbeweglichen eiserne« Maske von Nutze und Gleichgültigkeit bargen sich die feindlich dunkelsten Gedanken. Die Dienste Ludwigs und die Nettung vom Tode waren vergessen, — er sah nur noch in ihm den gemeinen, niedrigen Eindringling, der es wagen wollte, sich in ein altes, hohes Fürstenhaus auf jämmerliche Weise einzustehlen und seine süßesten, Jahre laug gehegten Pläne zu durchkreuzen. Darum diese Bedingung, die ihn unfehlbar dem Untergänge weihen mußte. Wie konnte Ludwig mit einer Handvoll Leute eine That vollbringen, die ihm mit einem ganzen Heere nicht gelungen?' So rechnete er und sah daher ruhig den Vorbereitungen deS kecken Abenteurers zu." Ludwig fühlte, als er von Hedwig die Bedingung des Herzogs hörte, daß mau ihn in den Tod schicken wolle, und doch war's ihm ein eigenes Wohlbehagen. Das Leben ohne Hedwig hatte für ihn ohnehin keinen Werth; warum es nicht wegwerfen, wenn er in diesem Augenblick zugleich nach dem Höchsten streben konnte? Mit voller jugendlicher Begeisterung versprach er Hedwig, sein Wort zu lösen. Er bat sich nur fünfzig Mann Begleitung aus, das Wagniß zu bestehen, doch unter dem Beding, daß der Herzog am Tage vorher einen allgemeinen Sturm versuche» und so die Belagerten ermüden solle, damit ein nächtlicher Ueberfall mit so wenig Leuten nicht gerade aller Aussicht und jedes Erfolges baar sei. Der Herzog mußte nach einigem Zögern darein willigen und gewahrte wohl, daß sei» im eigenen Lager aufgetauchter Feind mit der größten Umsicht zu Werke gehe. Der Angriff des Herzogs war gemacht und wie immer zurückgeschlagen worden. Ludwig rüstete sich jetzt zu seinem kühnen Handstreich. Er wollte von Hedwig Abschied nehmen, da trat sie ihm in voller Rüstung entgegen. „Wo willst du hin?" fragte Ludwig erstaunt. „Zu dir, Ludwig, um an deiner Seite zu kämpfen!" „Nein, Hedwig, das darfst du nicht, um unserer Liebe willen, das darfst du nicht; wenn ich fallen soll, dann laß es mich in dem beglückenden Gefühle, — allein unterzugehen." „Und was wäre mir das Leben ohne dich? Ich muß dich begleiten, dich schützen, wir licgt's so kalt, so ahnungsschwer auf dem Herzen!" „Und willst du deinen Vater rasend machen?" entgegnete Ludwig; „glaubst dn, wenn ich an's Ziel gelange, er würde mir es je verzeihen, — dich schonungslos dieser Todesgefahr ausgesetzt zu haben?" „O, laß sie hasten und verfolgen, wenn wir uns nur recht innig lieben, dann ist Alles gut!" — entgeguete Hedwig warm und begeistert. „Aber meine eigene Ehre, Hedwig! fordert, daß ich allein den Strauß auskämpfe," bemerkte Ludwig entschieden. „Willst du mich zum Spott des ganzen Heeres machest? Bleibe hier, Geliebte, wenn ich glücklich wiederkehre, dann bin ich deiner ganz würdig." Sie kämfte lange mit sich selbst, — aber die Liebe brach zum ersten Male ihren eisernen Willen. Ihn noch einmal stürmisch an die Brust drückend, rief sie innig aus: „Geleite dich Gott!" und schritt dann fest und entschlossen ihrem Zelte zu. Eine sternenlose, trübe Nacht begünstigte das Wagniß, und an einer von dem Feinde für unzugänglich gehaltenen und darum am wenigsten bewachten Stelle erklomm die kecke Schaar, Ludwig an der Spitze, die Mauer. Lautlos sank der dort halb im Schlafe stehende Wachtposten, von dem Schwerte deS Führers durchbohrt, zusammen. Vorsichtig schlich man nun hinunter in die Stadt. Nichts regte sich in den öden, finstern Straßen. Ein von Ludwig mitgenommener Ueberläufer zeigte den Weg zum Schlosse. Plötzlich hörten sie an dem oberen Ende der Straße Geräusch; ein Zug mit Fackeln kam von dort herab. „Zurück in die Seitengasse!" befahl Ludwig leise; aber ehe noch dieses Manöver völlig ausgeführt werden konnte, drang der ankommende Trupp auf sie ein. Es war die Croatin, die mit noch größerer Umsicht als der Herzog die Belagerung leitete, und rastlos überall erschien und sich zeigte, um anzuspornen und die gesunkenen Kräfte zu beleben. Nicht allein, daß ihr feuriges Blut sie zu uncrmüdetcr Thätigkeit antrieb, mochte auch die Furcht vor dem Schicksal, das ihrer wartete, wenn die Stadt in des Feindes 358 Hände fiel, fie zu verdoppelten Anstrengungen drängen. War doch der junge Löwe im Lager, der das Unglück seiner Mutter zu rächen hatte! Die Croatin hatte auch heute wieder, von ihrer gewöhnlichen Unruhe getrieben, mit einem kleinen Gefolge die Stadt durchstrichen und langte jetzt zu Ludwig's Verderben au. Dieser stürmte sogleich, da ein Ausweichen nicht möglich war, auf die Kommenden ein, um sie zu überraschen, und da sie in der Minderzahl, rasch unschädlich zu machen. Die Croatin hatte kaum diese Ueberlcgenheit der Angreifer bemerkt, als sie vermittelst einer Signalpfeife ein schrilles Allarmzeichen ertönen ließ, worauf sich die Straße Augenblicks zu beleben begann. AuS allen Thüren stürzten Bewaffnete, — so daß sich die kleine Schaar bald vollständig umringt und verloren sah. Ludwig selbst kämpfte in den vordersten Reihen, er suchte, keinen Ausweg der Rettung sehend, den Tod und blutete schon aus mehreren Wunden, da stürzte, von dem so hartnäckigen Widerstände desselben gereizt, die Croatin mit geschwungener Waffe auf ihn ein und rief: „Glb dich gefangen, Ihr seid doch Alle verloren!" „Einem Weibe nicht!" cntgegncte Ludwig, und statt fernerer Antwort sauste sein Schwert hernieder. Doch die Croatin war dem Streiche ausgewichcn, setzte dem von seinem Blutverluste erschöpften Ludwig hart zu und rief lachend: „Gerade dich, Trotzkopf, will ich lebendig haben; herbei, fangt ihn!" Auf diesen Ruf stürzten schon einige Feinde von hinten auf ihn zu, wanden dem halb Ohnmächtigen das Schwert aus den Händen und rissen ihn nieder. Die Croatin nahm einem Bürger die Fackel aus den Händen und leuchtete damit in's Gesicht ihres so entschlossenen Feindes. „Ah, ein hübscher Bursche, gewiß der Anführer der tollen Schaar, tragt mir ihn aufs Schloß!" herrschte sie den Umstehenden zu, und ihr Blick ruhte wohlgefällig auf der kräftigen, schönen Jünglingsgestalt. In Ludwig's Brust wogte ein einziger, dumpfer Schmerzensschrei: „gefangen!" — In den Tod zu gehen, das hatte er gewollt, das war schon und muthig, aber jetzt in den Händen eines elenden Weibes! In seinem Herzen brannte eine Fackel der Verzweiflung, düsterer, verheerender, als seine Träger in den Händen hielten. Er schloß endlich die Augen und eine tiefe Ohnmacht legte sich bleischwer auf seine zerquälte Brust. (Fortsetzung folgt.) Der Arme. Der Arme hüte ja sich, wie ein Kranker, Nichts über sein Vermögen erst zu wollen! Denn dann empfindet er erst seine Schwäche, Die Kraft genug ihm war, so lang er ruhte Auf seinem Krankenbett: das Nächste sich Herbeizulangcn; dann empfindet er Erst recht, was Alles ihm gebricht, nnd trüb Und schwer versinkt er in sein tiefes Leid. Darum, geduldig iu dem Kreis verharren, Den uns ein Gott gezogen, gibt uns Stärke Des Stärksten, Freude selbst des Freudigsten. Leop. Schcfer. 359 Protestantische Touristen bei Pins LL- *) (Ein Vorfall jüngster Zeit.) Eine Anzahl Preußischer Touristen, bestehend aus Predigern mit ihren Frauen, sowie aus Professoren und Künstlern, machte jüngst eine Reise in Italien, indem sie von dem ermäßigten Eiscnbahntarif Gebrauch machte, welcher den Preis einer sog. „Rundreise" um 45 pCt. vermindert und einem Billet 40 Tage Giltigkeit verschafft. Diese Herren baten bei ihrem Aufenthalt in Rom um eine Audienz beim heil. Vater und es ward dieselbe ohne Anstand gewährt. Die Frage stellt sich ihnen nun hier, zu wissen, bis wie weit ihre persönliche Würde und Stellung es ihnen erlaubte, dem Ceremonie! zu gehorchen, welches vorschreibt, daß man vor seiner Heiligkeit niederknien und seinen Fuß küsse. Der heil. Vater aber, von diesem Bedenken unterrichtet, sagte: „Mögen sie thun, was ihnen ihr Herz eingeben wird!" Die Audienz fand statt. Die Reisenden traten ein und augenblicklich — die einfache und doch so majestätische Haltung des Papstes, sein so reiner milder Blick, der so sympathetische Klang seiner Stimme — Alles das ergreift sie so lebhaft, daß sie unwillkürlich im hergebrachten Ceremonie! darinnen sind, ohne es zu wollen. Die größten Zndifferentisten, ja selbst die Feinde des Papstes gestehen: eine geheime Kraft geht- von diesem Manne aus, etwas wie Kraft des Statthalters Christi. Mit Salbung sprach der hl. Vater zu den Versammelten von den Hoffnungen der Kirche und drückte seine Freude darüber aus, Christen um sich zu sehen, welche trotz ihrer Uneinigkeit „unter sich und mit ihm" dennoch seine Kinder seien. Darauf sagte er mit bewegter Stimme folgende Worte: „Ich will Euch den Segen des Statthalters Christi geben. Wenn ihr auch an den Stellvertreter Christi noch nicht glaubet, so werdet Ihr wenigstens den Segen eines Vaters empfangen." Das ist dieselbe hohe Gesinnung, welche den Papst zu den Vertretern deS Gesellen- vercins sagen ließ: „Ich segne die Katholiken, daß sie im Glauben gestärkt werden! ich segne die Protestanten, daß sie zu uns kommen!" *) Aus den „Rhein. Volksblätteru." (Indische Zeitungen.) In einer Rede, welche Garcin de Tofsi an der Schule für lebende orientalische Sprachen zu Paris hielt, schilderte dieser Gelehrte, der so viel zur Kenntniß der Fortschritte des Indischen Kultur- und Literaturlcbcns beigetragen hat, wie das Hindostani anfängt, als Sprache der Gebildeten jenes Landes seine Herrschaft immer mehr auszudehnen. Jenen Mittheilungen zufolge dürfte unzweifelhaft das' Hindostani binnen wenig Jahren eine der wichtigsten Sprachen des Ostens sein, mittelst der sich Millionen von Asiaten verständigen. Ein Beweis sür das kräftige Wiederaufblühen der indischen Literatur liegt in dem überraschenden Stande des heutigen Zeitungswesens, von welchem wir eine Skizze folgen lasten wollen. Es erscheinen daselbst folgende Blätter: „Das für Alle Nützliche." — „Was den Geist erweitert." (In Agra), — „DaS frische Blumengewinde." (In Caronpur). — „Die besten Neuigkeiten." Eine Wochenschrift. — „Der Spiegel Indiens." — „Tageblatt für die Kenntniß des Wichtigsten." — „Beruhigung des Volkes" (erscheint halbmonatlich in Schahjchanpur) — „Das Licht der Augen." Eine Wochenschrift (in Bulandschar). — „Bekanntmachung ungewöhnlicher Dinge." Eine Wochenschrift. — „Lawrence Gazette." Eine Wochenschrift. — „Zeitung von Mirat." Eine Wochenschrift, welche Kritiken neuerer Hindostani-Werke enthält. — „Gesetzblatt von Agra" (Englisch). — „Panjabe" (in Lahoya). Eine von Studenten der Medizin herausgegebene wissenschaftliche Zeitschrift. — „Zeitung von Oude" (in Lachuau), ein Blatt, welches vorwiegend nützliche Künste zu verbreiten sucht, aber auch Dichtungen «. s. w. veröffentlicht. — „Garten der Neuigkeiten." Eine Wochenschrift. (Ju Bombay). — „Der Kühler der Herzen." (In Shikarpur). — „Aufgang der Sonne." (Ja 360 Karatschi), erscheint zugleich Indisch und Persisch. — „Die Neuigkeiten der wahren Mor- genröthe." (In Madras). Eine freisinnige Wochenschrift. — Schließlich: „Das Panjabi- Magazin für Erziehung." (In Lahore). Eine englische Monatsschrift. Wer diese beträchtliche Anzahl von Blättern überblickt, muß zugestehen, daß ein Land, welches eine derartige Tagespreise ausweisen kann, noch der größten Zukunft entgegengeht, und daß die „Wiege der Menschheit" mit ihrer uralten Literatur noch heute unter den Stätten der Bildung einen hohen Rang einnimmt. * Die Cultur der Ramie-Pflanze erregt in den Bereinigten Staa- ten beträchtliche Aufmerksamkeit. In New-Aork hat sich unter dem Namen „l'Iio kumiö LrocluoinA und 8uppl^ Oompan^" eine Gesellschaft gebildet, welche beabsichtigt, in der Nähe von New-Orlcans 2000 Morgen des besten, für Ramie-Cultur vorzüglich geeigneten Alluvialbodens anzukaufen, so daß schon nächstes Frühjahr der Ertrag von 4—500 Morgen an den Markt gebracht werden wird. Englische Fabrikanten haben, indem sie Ramie zur „Kette" benutzten, aus dieser Pflanzenfaser und Wolle neue und geschmackvolle Webstoffe hergestellt; Proben davon wurden nach 8on kraneisco gesandt und daselbst für den Verkauf dieser Stoffe eine Agentur etablirt. Die Ramie-Pflanze verspricht binnen kurzer Zeit ein gesuchter Stapelartikel zu werden. * Die Seidenfabrikation in den Ver. Staaten. — Nähseide wird in den Der: Staaten an sehr vielen Orten fabricirt und das italienische und französische Fabrikat ist fast gänzlich aus dem Markte verdrängt. Die Fabrikation der Bänder, Borten und Besätze hat in den letzten zehn Jahren bedeutend zugenommen, so daß der europäische Fabrikant gegen eine große Concurrcnz zu kämpfen hat. Die von den zahlreichen amerikanischen Fabriken verwendete rohe Seide wird zollfrei von China und Japan importirt, geht jedoch zuerst über England, welches die zu zahlenden Preise feststellt, — welchem Verfahren wahrscheinlich durch die Pacisicbahn ein Ende gemacht werden wird, und ebenso darf man auch hoffen, daß die Seidenraupen - Cultur an der Küste des Stillen MeercS Amerika der Nothwendigkeit überheben wird, die Seide vom Orient zu importiern. (Der richtige Gebrauch des Dampfkoch topfs.) Der Dampftopf ist in unseren Küchen eingeführt, aber noch nicht sein richtiger Gebrauch. Möchte es der folgenden neuen und einfachen Flcischzubereitungsmcthodc gelingen, sich Bahn zu brechen. Man legt die frischen und die schon einmal abgekochten Knochen ziemlich stark zerhackt auf den Boden des nicht zu großen Dampftopfcs und auf dieselben das frische ungesalzene Stück Rindfleisch, gießt jedoch uur so viel Wasser mit dem üblichen Wurzclwerk und Gewürz dazu, daß der Boden des Topfes davon bedeckt ist (auf 5 Pfund Fleisch ist Schoppen Master nicht zu wenig, doch richtet sich das Quantum stets nach der Menge der Knochen und dem Raum des Topfes). Hauptsache ist, daß das Wasser gar nicht in Berührung mit dem Fleisch kommt, sondern dieses im eigenen Safte durch den Dampf gar wird. Die zweite Bedingung ist sehr langsames Kochen, oder vielmehr Dämpfen, damit der Flcischsaft sich nicht verringere; bei richtiger Hitze muß sich derselbe noch um vermehrt haben und einen Extrakt liefern, welcher Suppe und Gemüse kräftig macht. Auch im Sommer hält sich dieser vermöge seiner Fettschichte lange Zeit gut, und es ist anzurathen, immer den erkalteten Extrakt zu der frischen Suppe zu verwenden, damit sie nicht im Wasser erst allein gekocht werden muß. Der Dampf, welcher das Fleisch binnen einer Stunde gar macht, vermag auch die Kraftbestandtheile der Knochen so zu lösen, daß neben dem Vortheil des Wohlgeschmacks, welcher dem Fleisch erhalten bleibt, auch die Sparsamkeit bei dieser Bereitungsart ihre Rechnung finden kann. Gelingen muß die Sachs, wenn man sich des starken Feuerns und des überflüssigen Oeffncns des Topfes zu enthalten weiß und in der Quantität des Masters die gegebenen Vorschriften genau cinhält. _ Druck, L-rlag und Redaction des Lllerarisch » Instituts von Ur. M. Huttler. s§ro« 46. Augsburger 14. Novbr. 1869. > Nicht alle fsluth im wüsten Meere kann Den Balsam vom gesalbten König waschen; Der Odem ird'jcher Männer kann des Herrn Geweihten Stellvertreter nicht entsetzen. Shakespeare, König Richard II. Akt III. 3 Scene. Die Hand VIII. Lieb ist, der nichts gleich zu schätzen; Wenn man alles Gold der Welt Gleich wellt' auf die Waage setzen, Lied ist, die den Ausschlog bäll. Lieb ist trotz der Silberbaufen Nur durch Liebe zu erkaufen. G r y p h i u s. Hedwig hatte in äußerster Spannung die Nacht verlebt, ihr Auge war starr und unbeweglich auf einen Punkt des Zeltes gerichtet, während die schrecklichsten, blutigsten Bilder an ihr vorübcrschwebten. Als am Morgen das dunkle Gerücht durch's Lager lief, daß die kleine Schaar vollständig aufgerieben worden, — bemächtigte sich Verzweiflung ihrer Seele, aber kein Klagelaut drang über ihre bleichen Lippen. Der Herzog fühlte zwar einige Gcwisiensskrupel, Ludwig in den Tod geschickt zu haben, aber der Gedanke: „es mußte sein," beruhigte ihn bald und er war zuletzt froh, daß die Sache einen solchen Ausgang genommen. Gegen Hedwig wagte er nicht eine einzige tröstende Aeußerung, er kannte ihr stolzes Herz, das jeden Zuspruch auf das Entschiedenste zurückgewiesen haben würde. Auch Wenzel war von dieser Nachricht freudig berührt, mit dem Untergänge seines Nebenbuhlers tauchten alle seine Hoffnungsträume in blühender Schönheit wieder auf. Er wußte, wie nahe er Hedwig's Herzen stand; hatten sie doch ihre Jugend miteinander verspielt und verträumt und nur das Dazwischentreten Ludwig s sie entfremdet. Jedoch hielt er sich für heute, nur eine freundlich-herzliche Theilnahme zeigend, — in gemessener Entfernung, weil er Scharfsinn genug besaß, ihrem verwundeten Herzen nicht mit solchen Hoffnungsträumcn zu nahen. Doch schon am andern Morgen brachten Spione die Nachricht, Ludwig sei nicht todt, sondern nur gefangen. „Gesängen!" mit diesen Worten zuckten wunderbare Gedanken durch Hedwig's Brust. Jetzt war ja nicht Alles verloren, eine kühne That,- und er konnte, er mußte gerettet werden! — Mit glühender Begeisterung spann sie diese Idee weiter aus, die so ganz ihrem thatenlustigcn Herzen entsprach. Sie entwarf fortwährend Pläne, sah aber wohl ein, daß es durchaus unmöglich wäre, dieß kühne Vorhaben allein auszuführen! Sie sann darüber nach, wem sie sich anvertrauen könne und dachte an Wenzel; er war der Einzige, durch den das Wagniß gelingen konnte, da er ja von seiner Jugend her die Stadt und das Schloß kennen mußte, und ihm noch sein alter Diener zur Derfügnng stand. 362 Aber würde er, der leidenschaftliche, heißblütige Mensch zur Befreiung seines Nebenbuhlers beitragen? Das war kaum zu hoffen! Dennoch galt es einen Versuch. Sie suchte Wenzel auf und theilte ihm frei und unumwunden ihr Vorhaben mit. Wenzel schaute düster und unheimlich darein, er hatte ganz andere, für ihn erfreulichere Eröffnungen erwartet und entgegnete deßhalb auf die Mittheilung Hedwigs, Ludwig retten zu wollen, rasch und entschlossen: „Hedwig, das kann dein Ernst nicht sein, solch' eine Tollheit wirst du dieses Menschen wegen nicht begehen?" „Wie kannst du zweifeln, wenn du die Macht der Liebe kennst?" „Ob ich sie kenne? — Ich würde den tausendfachen Tod suchen, wenn du es erfordertest. O Hedwig, überlaß den armen, niedrig geborenen Ludwig seinem Geschick; fordere von mir das Größte, Unmöglichste, und ich will es thun!" „Das fordere ich eben von dir, rette Ludwig und ich will dich verehren und heilig halten, wie nie einen Menschen zuvor." „Nein, Hedwig! das geht über meine Kräfte," entgegnete Wenzel abwehrend, „ich bin nur ein Mensch, und für Jenen das Leben einzusetzen, der mir das Schönste und Köstlichste, deine Liebe, geraubt, das vermag ich nicht." „Er ist in Gefahr, Wenzel, der Pfeil des Todes zuckt über seiner Brust, hast du denn kein Erbarmen mit meinem Schmerz?" klagte Hedwig mit zum Herzen dringender Stimme. Er schüttelte düster das Haupt und entgegnete: „Ich weiß, daß ich ihn am ehesten retten könnte, aber nein — ich kann es nicht. Ha, ich wäre ein Thor, ihn zu retten; mag er untergehen, dann wird Alles wieder gut!" „Nichts wird wieder gut, Wenzel!" — erwiderte Hedwig fest und ruhig. „Niemand soll von seinem Tode Vortheil ziehen, das schwöre ich dir, meine Liebe folgt ihm in das Grab!" Und begeistert fügte sie hinzu: „Willst du ihn nicht retten, so wage ich allein den Versuch, ich muß Ludwig befreien, oder mit ihm sterben!" Also auch der Tod des Verhaßten sollte ihm Hedwig nicht wieder näher bringen? Dies brach die starre Säule seines Widerstandes. Er fühlte, daß Hedwig ihm für immer verloren, so daß seine Weigerung die Kluft zwischen ihm und ihr zu einer unausfüll- baren machen mußte, er sah ihren festen, unabänderlichen Entschluß, der vor keinem Hinderniß zurückscheute; wie hätte es seine glühende Liebe vermocht, sie hilf- und rathlos einer Gefahr zu überlassen, die ohne ihn zum sichern Verderben führen mußte! Er dachte nicht mehr an den Zweck ihres Unternehmens, fühlte vielmehr nur, daß jetzt seine Hand sie schützen müsse, und sagte deßhalb: „Wann willst du aufbrechen?" „Um Mitternacht!" „Ich werde dich am Ende des Gehölzes mit meinem Diener erwarten," — entgegnete Wenzel. Ein Freudenstrahl blitzte in den Augen der Ueberraschtcn, sie preßte überglücklich seine Hände in die ihrigen und sagte warm und innig: „Vergib, daß ich dich verkannt, du bist eine große, opfermüthige Seele! „Laß das," — sagte ihr Jugendfreund wieder kalt und unzugänglich, und schritt düster hinweg. » Als Ludwig am Morgen nach seiner Gefangennehmung erwachte und sein Blick über die kahlen Wände seines Gefängnisses streifte, da sah er Plötzlich das Gesicht eines Mannes vor sich, den er hier am wenigsten erwartet hatte — das seines frühern Todfeindes, des Ritters Georg. Gerade diesem Menschen, dem er das Zertrümmern so vieler Hoffnungen zu verdanken, als. Gefangener in die Hände zu fallen, war ein tückischer Schicksalsstreich. Er hätte sich Georg in Sprottau und im glücklichen Besitz Ulriken's gedacht; mit 363 feinem Hierverweilen war'S ihm klar, daß der Elende an den armen Schmiedeleuten treulos gehandelt, wie er'S vorausgesehen. Und in der That, wie hätte Georg's unruhiger, verworrener Kopf in der stillen Schmiede ausharren können? Nachdem er ein gut Stück Geld des Schwiegervaters todt geschlagen, war er lustig von danncn und zu seinem alten Herrn gezogen, wo er diesmal freundlicher empfangen wurde, denn in dieser bedrängten Zeit war jede helfende Hand zu schätzen und darum wurde das Vergangene gern vergessen. Er war jetzt Hausverwalter des Herzogs — und hatte nebenbei die Kerker zu beaufsichtigen. So sollte der Zufall die beiden Gegner auf eine sonderbare Art zusammenführen, und noch mehr zum unbeschreiblichen Schreck des Gefangenaufsehers, als des Gefangenen selbst, denn nach dem Zittern Georg's wäre man zweifelhaft geworden, welcher von Beiden das Schicksal des Andern in Händen hatte. Wie nahe lag für den Ersteren die Gefahr — der kleinste Zufall konnte eine Entdeckung herbeiführen, Ludwig in die Hände der Croatin oder des Herzogs liefern, und dann war er unrettbar verloren! Er kannte die Croatin! Ludwig mußte so rasch wie möglich bei Seite geschafft werden — ein Mord?! — er schauderte davor zurück, — „ich tauge dazu nichts," sagte er sich selbst, „und dann, Ludwig mißtraut mir, — er wird gegen einen zweiten Angriff auf seiner Hut sein und ihn mit Anstrengung aller Kräfte abwehren." „Pah, was quäle ich mich — ich flüchte mit ihm, dann sind wir Beide gesichert, dieß ewige Eingeschlossensein in den engen Mauern — das Hungern und Darben habe ich ohnehin herzlich satt, und bring' ich den kecken Burschen mit, dann empfängt mau mich draußen mit offenen Armen." Er war mit sich im Reinen, und Ludwig mit heuchlerisch-freundlicher Miene die Hand reichend, sagte er: „Verzeih' mir Alles, was ich dir angethan, ich habe es nur zu bitter bereut und das Gewissen hat mir nirgends Ruhe gelassen." Ludwig war erstaunt, den früher so kecken, trotzigen Burschen mild und versöhnlich zu finden, er konnte an die Aufrichtigkeit einer solchen Gesinnung noch nicht glauben, und fragte daher ausweichend nach den Schmicdeleutcn. Der schlaue Patron gewahrte das Mißtrauen seines Gefangenen — und gab zur Antwort, daß er von seinem Herzog zurückgerufen worden und nie mehr etwas über die Leute erfahren habe. „Ich habe die Früchte meines Treibens nicht genossen," fügte er ernst und reuevoll hinzu; „eine schwere Krankheit warf mich aus's Krankenlager und die langen, einsam qualvollen Nächte brachten mich zur Erkenntniß meiner That. — Kannst du mir nicht verzeihen? " Die Worte wurden so warm und herzlich gesprochen, daß Ludwig, in dessen Seele kein Arg, an der Wahrheit derselben nicht mehr zu zweifeln vermochte. Er entgegnete daher: „Mich frcut's, wenn du mir Gerechtigkeit widerfahren läßt. Ich hätte nimmer gedacht, daß unser Wiedersehen ein so friedliches werden könnte." „Ich fühle nur zu schmerzlich die große Schuld gegen dich, aber vielleicht vermag ich sie jetzt abzutragen, indem ich dir die Freiheit zu verschaffen suche." „Die Freiheit?" fragte der Gefangene vor Freude aufjauchzend; „das wolltest du? Mein früherer Todfeind! Nein, nein, es ist nicht möglich!" „Und doch ist es wahr, ich schwöre dir, deine Rettung ist mir heiliger Ernst! — Gedulde dich noch wenige Tage, vielleicht Stunden, dann ist Alles zur Flucht vorbereitet und du bist frei! Doch für jetzt leb' wohl!" Er drückte dem Gefangenen freundlich die Hand, die dieser herzlich schüttelte. Hätte Ludwig in das Herz des Fortgebenden sehen können, er würde um ein groß 364 Theil Glauben an die Menschheit ärmer geworden sein. Dem elenden Georg kam nicht einmal der Gedanke in den Sinn, den Knoten mit einem kühnen Schlage zu durchhauen. Hätte er sich entschlossen, Bolcslaus mitzutheilen, daß ganz in der Nähe, in seinem eigenen Schlosse, sein so sehnsüchtig herbeigewünschter Sohn sich befinde, so hätte er erst in Wahrheit seine Schuld gebüßt und er konnte dann getrost abwarten, ob ihn BoleslauS gegen die Croatin schützen würde. Diese hatte beim Anblick des Gefangenen ein besonderes Interesse für ihn gefaßt und fragte, als sie noch an dem nämlichen Tage mit Georg zusammenkam: „Was macht dein Gefangener?" „Schlecht, sehr schlecht," war die Antwort, „der arme Teufel wird uns sicher zum ersten und letzten Male überfallen haben." „So? — Kein Besserwcrden?" „Keines," cntgcgnete Georg lebhaft, „die Wunden sind zu tief." „Nun — dann glückliche Reise, dem tollen Wicht!" Und sie ging zurück in ihr Zimmer. Aber, so gleichgültig ihre Fragen, — sie hatte den Gefangenen einmal in's Auge gefaßt und mußte ihn wiedersehen. Am andern Tage wurde Georg für den Vormittag unter irgend einem Vorwande vom Schlosse entfernt, und sie eilte sogleich zu dem Schließer, sich Ludwlg's Gefängniß öffnen zu lassen. Gespannt und forschend trat sie ein. Zu ihrem großen Erstaunen fand sie statt deS zum Tode kranken, einen wieder recht rüstig aussehenden, kaum seine Wunden fühlenden Menschen. Die Aussicht auf Freiheit hatte wunderbar belebend auf den Gefangenen gc« wirkt. Dahinter mußte ein Geheimniß stecken, das zu ergründen war; sie näherte sich mit ihrem freundlichsten Lächeln dem Gefangenen und sagte: „Ich komme, die Wunden zu heilen, die ich dir geschlagen." „Wunden von Weibern gehen niemals tief," cntgcgnete ruhig der Gefangene. „Ich würde dein Herz schon gefunden haben, wenn ich dich nicht schonen gewollt; du solltest mir dankbar sein," bemerkte die Croatin freundlich, die gerade von der Schroffheit des Gefangenen angezogen wurde. „Wofür? — Für eine schmachvolle Gefangenschaft, die verfluche ich tausendfach — lieber den Tod!" „Junger Freund, das Leben ist schön, man wirft es nicht so leicht weg, wen» ma« den Becher noch nicht ausgekostet!" * „Für mich sind nur noch Hefen darin!" „Sollte dir ein liebend Frauenherz uicht eine andere Meinung bringen?" —> fragte die Croatin zutraulich. „Reiß mir uicht eine Wunde auf, die mich am Tiefsten schmerzt," — cntgcgnete Ludwig düster. „Das will ich in Wahrheit," entgegnete lachend die Croatin, „ich will sehen, ob dein Verband kunstgerecht angelegt, denn ich verstehe mich darauf." Er wollte sie finster abwehren, aber warum schnöde eine freundliche Gesinnung von sich stoßen? Er ließ es zögernd zu. Sie streifte den alten Verband von der Achselwunde ab, um einen neuen aufzulegen. Kaum aber hatte sie das Hemd etwas zurückgeschoben, als sie wie von einer Schlange gestochen zurückfuhr. Ihre Hand zitterte, ihre Lippen wurden bleich — und sie gericth in die heftigste Bestürzung. Dennoch, ehe Ludwig ihre Aufregung gewahren konnte, hatte sie sich mit stählernem Willen bcmeistert und errang ihre gewöhnliche Ruhe, so daß sie freundlich dem Gefangenen den Verband anlegen konnte, während ihr Inneres von tausend wilden, — düsteren Gedanken durchzuckt wurde. 365 Das war kein Zweifel, sie hatte den Sohn von BoleslauS vor sich, hatte sie doch dieselbe deutliche Hand auf der Brust des Fremden bemerkt, die ihr der lügnerische Georg als das Erkennungszeichen beschrieben! Sie brachte damit das sonderbare Benehmen Georg'S, sein Heimlichthun mit dem Kranken, sein ängstlich Hüten in Einklang, — und hierzu kam das zutreffende Alter, die Augen Margareth's — Teufel! ihr Sohn war in BoleSlaus Nähe und der geringste Zufall konnte eine Entdeckung herbeiführen und ihre Plane vernichten! Sie hatte Alles daran gesetzt, nach BoleSlaus Tode im Besitz des Hcrzogthums bleiben zu können. Wenzel war durch seinen Aufenthalt beim Feinde dem Barer für immer entfremdet und aus seinem Erbe verdrängt, — und nun sollte ihr dieser in die Hände gefallene Bursche gefährlich werden? Sie hatte ihm in einem Anfalle guter Laune das Leben geschenkt, jetzt, wo er ihr feindlich in den Weg trat, glaubte sie das Recht zu haben, ihn hinwegräumen zu dürfen. Ihr erster Gedanke war, Rache zu nehmen an dem lügnerischen Georg, aber er war für den Augenblick nicht da und hier war ein Feind aufgetaucht, der vernichtet werden mußte, noch ehe er, wie eine Blindschleiche, warm geworden, und stechen konnte. Nimmermehr durfte eine Entdeckung erfolgen. Ihr Auge funkelte unheimlich, die Hand griff unwillkürlich nach dem Dolch, und sie würde ihn auf der Stelle ermordet haben, wenn nicht der abwägende Verstand ihr klüglich zugeflüstert: „Wie, wenn du ihn nicht in's Herz triffst, und der Verwundete noch im Todcszucken dich mit seinem starken Arm erdrückt, und dann — am Tage, wo sein Tod Aussehen erregen und vielleicht den Herzog herbeiführen kann? Nein, nein, nichts Uebcrciltes, lieber warten bis zu gelegener Stunde, bis zu schweigender Nacht!" Mit gewinnendem Lächeln beugte sie sich von Neuem über den Kranken, zu sehen, ob der Verband genügend, und sagte dann mit herzlicher Theilnahme Lebewohl, während in ihrem Innern nur der heißeste Wunsch brannte, ihn zu vernichten. (Fortsetzung folgt.) Die Aeolsharfe. Dieses romantische Instrument, dessen harmlose Naturmclodien und bald frohe, bald sehnsüchtige Hauchaccorde, in tiefer Nachtstille zwischen dem melancholischen Säuseln dcS Laubes von eigenthümlichster Wirkung sind ist bei uns lange' nicht genügend bekannt. Dem spät noch unter den Sternen Wandelnden bereiten diese Töne manches Vergnügen, und der eigentliche Musiker wird nicht umhin können, die ewige Gesetze der Harmonie in ihnen zu bewundern. Es dürfte den Leser daher intcreffiren, etwas Näheres über die Natur und Verwendung dieses Instrumentes zu erfahren. Dieses Saiteninstrument verlangt von seinem Besitzer keinerlei Kunstfertigkeit noch Vorübung, denn es klingt ganz von selbst. Die merkwürdige Eigenschaft, im Lustzuge saufte Harmonien, wie Musik aus weiter Ferne, hervorzubringen, macht es für Gärten und ruhig liegende Zimmer höchst angenehm. Die Aufstellung ist leicht erlernt. Man öffne nämlich ein Fenster, auf das eben ein frischer Wind trifft, drei Zoll weit, beseitige eS mittelst eines BandcS, und stelle nun die Harfe mit ihrem trichterförmigen Lnflfange dicht anschließend an diese Feusterspalte, so daß der eindringende Wind durch den Sciten- chor ziehen muß. Anfangs hauchen die Töne tief und im erwachende Dreiklange. Kaum übersetzt der Wind lebendiger ein, so steigen die sanften, feierlichen Accorde höher und höher und eS entwickelt sich eine reizende Mannigfaltigkeit von hellen Flöten- und Clarinelttöncn. Verhauchen sie wieder, so hallt die Melodie noch in den Baßsaiten fort, wie ersterbende Klänge von fernen, gedämpften Waldhörnern. Alle übrigen Fenster und Thüren nach außen müssen geschloffen sein: wohl aber muß man die Stubenthür oder besser noch die eines Kamins öffnen, um so den nöthigen Gegcnzug zu bewirken. Wer 366 diesen Wink beachtet, wird die Aeolsharfe, mit Recht launenhaft genannt, fast jederzeit zum Spielen bringen. Die Septimenaccordc und vor Allem das Crescendo in schwellenden und wieder sinkenden Musikstrophcn sind unnachahmlich schön und dürften selbst dem geübtesten Geigenspieler ein kleines Studium werden. — Im Garten wählt man einen Ort wo' ganz freie Luftströmung herrscht. Hier kann man in eine Nische eine Art Lust» fang anbringen und würde die Harfe darin zugleich vor Regen geschützt sein. Fast alle künstlichen Decorationsstücke eines Parkes, als: Säulen, Ruinen, Grotten, Denkmäler, Statuen, Fontaineu, vor Allem aber Grotten, die starken Zug haben, lassen sich zur Anbringung einer Aeolsharfe benutzen. Die gewöhnliche Sorte, für fast jedes Stubenfenster passend, hat eine Höhe von lU /2 Fuß, ihre Breite ist 8 Zoll und die Weite des Luftfauges 4 Zoll. Das Gewicht einer solchen Harfe ist 6^/^, niit der Kiste 14 Pfund. Sie sind verfertigt von ausgewähltem Holze der Lerchentannc, welches durch langes Trocknen einen klingenden Ton angenommen und mahagoniähnlich polirt ist. Der Preis nebst Stimmschlüsscl und Verpackung ist ungefähr 4—5 Thlr.; von massiven Mahagoni mit hübscher Auslegearbcit natürlich etwas theurer. Die großen Harfen für Parks sind 5Vr Fuß hoch, mit Violoncelli-Saiten bezogen, ihr Tonumfang ist 7 Octaven, und ihre Baßtöne sind so ausgezeichnet schön, daß sie an das Herübcrhallen einer Kirchenorgel erinnern. Die Negerfrage in Amerika, gelöst durch einen katholischen Orden. Es kommt da eine kurze und schlichte Nachricht aus der „neuen Welt," daß in New-dork Ncgcrschwcstcrn sich niedergelassen haben. Diese Nachricht ist aber von außerordentlicher Wichtigkeit. Sie zeigt, daß die katholische Kirche auch an die Ncgerfrage gedacht und auch für sie die geeigneten Heilmittel gefunden hat. Der ganze 5 jährige furchtbare Bürgerkrieg in den Vereinigten Staaten wurde wegen der Negerfrage geführt. Der Norden hat gesiegt, die Neger wurden frei und sclbststän- dig; aber da fing ihr Elend und die allgemeine Rathlosigkeit erst an. Wohl wurden den Negern die gleichen staatsbürgerlichen Rechte mit den Weißen zuerkannt, aber die Achtung läßt sich durch Gesetze nicht erzwingen. Giftmischer, Räuber und Mörder werden in Europa nicht so verachtet und gemieden, wie die Neger in Amerika. Vor dem Kriege hatten sie als Leibeigene wenigstens Brod bei ihren Herren; hernach aber hatten sie keine Achtung und kein Brod. Diese Verachtung ging so weit, daß selbst in den Kirchen, in welchen sich doch Alle als Kinder desselben Gottes fühlen sollen, die Neger von ihren eigenen Glaubensgenossen gar nicht zugelassen wurden, oder eigene streng abgeschlossene Stellen einnehmen mußten. Da kommt die Nachricht: Negcrschwestern beschäftigen sich mit der Erziehung von Ncgermädchcn. Was besagt diese Nachricht? Sehr viel: Die katholische Kirche nimmt auch Schwarze als Ordensschwestern an, stattet sie aus mit Achtung und Würde. Und was ist damit gewonnen? Unendlich viel. Die schwarzen Ordensschwestern werden sich durch ihr frommes aufopferndes Leben und Wirken Achtung erzwingen. Diese Achtung wird auch auf die Zöglinge der Negerschwestcrn sich erstrecken und so in immer wettern Kreisen Platz greifen. Die Ächtung von der einen Seite wird Zutrauen, Selbst- und Ehrgefühl auf der andern Seite erzeugen, und so ist die Ncgerfrage, die, sozial so wichtig, unlösbar schien, auf dem Wege gelöst zu werden. Diese Lösung haben nicht die Staatsgcsctze angebahnt, nicht Mcnschenwitz und Philosophie, die so etwas nie und nimmer zu Stande bringen kann, weil sie nicht genügende Motive für Selbstaufopferung und Selbstentäußerung bietet —, noch viel weniger die Freiinaucr-Loge, sondern die katholische Kirche durch ihre Orden. Wann wird doch die Welt einsehen, daß die katholische Kirche — und nur sie allein — das Heil enthält für alle sozialen Uebel, weil sie die wahre Gottcsanstalt auf Erden ist, und wann wird die Welt ferner einsehen, daß die Orden nicht zum Faulenzen, zum bequemen Leben und Sündigen sich konstituiren, sondern zur Selbstaufopferung, zum Heile des Nächsten. Kommt Noth, Typhus, Krankheit, Krieg, da sind die Ordensleute gar liebe Leute, kaum ist die Noth geschwunden, so wirft man Steine auf die Wohlthäter der Menschheit. * (An Bord eines Leuchtschiffes.) Dickcn's Wochenschrift „,VII iliv Vonr Ikonncll'' enthält folgenden Bericht über das Leben an Bord eines Leuchtschiffes r Das Geschäft der Bemannung eines Leuchtschiffes besteht darin, gute Leuchtfeuer zu unterhalten, das Ankcrkabel, so oft als erforderlich, vermittelst eines Krahnes ein- und auszn- winden; wenn ein Schiff in Gefahr ist, Warnsignale abzubrennen, und Unglückssignale, wenn Hülse von der Küste aus nöthig wird, mit einem Worte, den vorbeifahrenden Schiffen sich so dienstbar wie möglich zu machen. Die gesammte Bemannung besteht aus eilf Personen: einem Capitain, einem Steuermann, drei Lampenanzündern und sechs Matrosen; von letzteren sind aber immer vier Mann abwechselnd an der Küste, so daß nur sieben permanent an Bord des Schiffes bleiben; der Capitain und der Steuermann sind altcrnirend einen Monat auf dem Wasser und einen an der Küste; der Nest der Bemannung bleibt abwechselnd zwei Monate zur See und einen Monat am Lande. — Anfangs jeden Monats fahren die Dampfer des Trinity - Amtes mit recht verdrießlich aussehenden Mannschaften aus, die ihren zweimonatlichen Sccdicnst antreten, und kehren mit einer lustigen Schaar von Leuten zurück, welche ihren Küstenmonat hat. Letztere kommen öfters mit Spielsachcn, Schuhwerk u. s. w. beladen zurück, welche Artikel sie während ihrer müßigen Zeit an Bord des Leuchtschiffs angefertigt und nun an der Küste absetzen. — Es ist kein Spaß, sich an Bord eines Leuchtschiffs während stürmischen Wetters zu befinden. Hier sei ein trauriger Vorfall wieder erzählt, — der vor einigen Jahren sich ereignete. Zwei Matrosen des Leuchtschiffes in der Morecambebucht hatten einst in einer fürchterlichen Nacht die Wache; Einer war auf einen Augenblick nach der Cajütc hinuntergegangen, als er plötzlich den Stoß einer furchtbaren Mcercswoge gegen das Schiff verspürte. Er eilte auf das Deck zurück, fand aber seinen Kameraden nicht vor; zweifelsohne hatte ihn die wüthende See gepackt und über Bord geschleudert. — Eine neue mächtige Woge ergoß sich jetzt über das Schiff und dieses Mal führte sie auch den zweiten Matrosen hinweg in die schäumende Brandung. Der wachthabende Offizier, welcher während eines Sturmes häufig auf das Deck gehen muß, um nach dem Rechten zu sehen, vermißte auf seiner Roudc die beiden wachthabenden Leute. Ein Blick auf das tobende Wetter sagte ihm Alles, ruhig übernahm er selbst die Wache, nachdem er vorher die Vorsicht gebraucht, sich fest an den Mastbaum zu binden. Zahllose große Wogen überschütteten das Deck, aber er harrte standhaft auf seinem nassen Posten aus. Inzwischen brannte das Feuer hell und klar, und trotz der Wuth des Sturmes flackerte es über die empörten Gewässer, somit seinen wohlthätigen Zweck erfüllend. (Die sogenannten wilden Iren.) Ein Berichterstatter des „Echo" schildert die Zustände im Westen Irlands bei den sogenannten „wilden Iren" folgendermaßen: „Ich werde nie die erste Hütte vergessen, in die ich eintrat. Zch hatte beabsichtigt, einige Wochen ausschließlich unter den irischen Armen zu verbringen, indem ich zu Fuß wandern und auf dem Wege über Nacht in solchen Kotten einkehren wollte. — Sobald ich meinen Kopf in eine derselben streckte, ließ ich diesen Gedanken fahren. Äch bin nicht zimpferlich in den kleinen Dingen des täglichen Lebens, aber ich möchte doch nicht meine Feieuage in einer solchen Wohnung und mit der dort üblichen Nahrung zubringen. Hören Sw nur! Auf der rechten Seite in der Hütte war ein Haufen Torf aufgeschichtet, auf der linken ein Misthaufen. Tiefe Drecklachen bildeten den größeren Theil des Bodens; da und dort war ein großer Stein gelegt, — damit man darüber hinwegschreitcn könne. Eine niedrige Thür vollendete den schönen Anblick. Eine dünne 368 blaue Wolke von Tonkunst suchte aus diesem schmutzigen Gefängnisse so schnell als möglich zu entkommen. Keine Fenster! Alles ist daher anfänglich dem Auge dunkel. Die Finsterniß löst sich bei näherer Besichtigung in Koth, Dung, ein Schwein, eine Henne mit einer Brüt von Küchlein, ein molkenbcrcitendes weibliches Wesen, ein anderes, das langen Wegs unter einem Hausen Kartoffel liegt und aus denselben die größeren für das Mittagsmahl aussucht; drei kleine Kinder, von denen jedes nur einen Unterrock anhat und im Koth und Mist sitzt, und ein Paar Stühle und eine Truhe auf. Noch muß ein unbeschreiblicher großer Bündel erwähnt werden, der in einer Ecke liegt und an dem sich das Schwein reibt — das ist das Familicnbett! Hier im Dreck und Mist, unter dem niedrigen, schwarz-geräucherten Dache, in dieser gräulichen Höhle sind in der Dunkelheit Vater, Mutter, sechs Söhne und Töchter, von denen drei selbst Eltern sein könnten, zusammengedrängt, schlafen Alle bei einander und bewahren ihre Seele!" — Und doch geben diese Bei icht - Erstatter den Iren das Zeugniß, daß sie bei aller Verwahrlosung und Qucrköpsigkeit an Sittlichkeit im Allgemeinen höher stehen, —- als das englische Volk und die übrigen Völker Europa's überhaupt, daß gemeine Verbrechen höchst selten sind und der einzige dunkle Punkt in dieser Beziehung die agrarische Mordthat ist, an welcher freilich fast die gesammte irische Nation sich in größerem oder geringerem Maße moralisch mitbetheiligt. Die Sittlichkeit der Frauen und Mädchen namentlich heben die Berichte einstimmig hervor. Bei den oben geschilderten häuslichen Zuständen erregt diese Reinheit des Lebens immer wieder und wieder die Verwunderung der Reisenden und der den Verhältnissen des Landes nachforschenden Correspondenten. (Eine Fabel ) Bor Zeiten gab es auch bei uns im Vayerulande Wölfe. In solcher Schreckenszeit hielt der fromme Schäfer Albert mit seinem Sohne German auf dem Felde, das jetzt noch das Feld zum guten Hirten sich nennt, die Nachtwache bei einem Theile seiner Heerde. Es war schon den ganzen, späten Herbsttag über nicht warm gewesen; doch die Nachtluft umwehte von Stunde zu Stunde kälter die mit Baumrinden nur dürftig bedeckte und beschirmte Feldhütte, darin Vater und Sohn schweigend saßen. Der kleine German, den es sowohl zu schläfern als auch zu frieren anfing, unterbrach die nächtliche Stille, indem er anhub, also zu reden: „Mein Vater! Wie. wenn jetzt auf einmal mehrere Wölfe herbeikämen- sich Schafe zu holen, wäre es dann nicht wohl gethan, ihnen gutwillig alle Schafe da zu überlassen, in Erwartung, daß sie, weil vollkommen gesättigct durch Schafskeisch und Blut, dann auch wie unsere übrigen Lämmer und Schafe alle saust und friedlich werden, und auch ihre Jungen dazu kommen, künftig ihrem Beispiele zu folgen." Vater Albert schüttelte den souuenbrauuen Kopf und sagte mit ruhigem Ernste zum kleinen German: „O hüte Sohn dich zu vergessen: Der Appetit kommt mit dem Essen. — Erwarte nie vom Uebermaß, Daß Isegrim ^um Schafe werde; Was Wolf bleibt Wolf auch nach dem Fraß Der allergrößten Wollenheeroe." So blieb' auch Preußen doch noch Preußen, Wenn nach Bavarien's Verspeisen , Germanien es ließ' sich heißen. (Urtheil einer Frau über die Frauen.) Als Lady Montague gefragt wurde, ob sie es vorziehen würde, ein Mann zu sein, antwortete sie: »Nein, ich bin sehr zufrieden, iaß ich eine Frau bin, wenn ich bedenke, daß ich der Gefahr nicht ausgesetzt bin, eine zu nehmen." Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von l)r. M. Huttler. Arv. 47. 21. Novbr. 1869. Man muß das Volk nicht vom Gesetz losreißen, Und an die Willkür kellen Shakespeare, Heinrich VIll. Akt 1 Scene 2. Die H a u d. (Fortsetzung.) Noch an demselben Tage kehrte Georg auf s Schloß zurück — und versprach dem Gefangenen noch für heute Nacht sichere Befreiung. Dieser war von dem Gedanken völlig berauscht — und vergaß darüber schnell den Besuch der Herzogin. Mit Umsicht und Geschick traf Georg alle Anstalten zur „Flucht." Kurz nach Mitternacht hörte der Gefangene auch wirklich den Schlüssel drehen und sein Befreier forderte ihn auf, ihm leise und vorsichtig zu folgen. Sie kamen glücklich, ohne störenden Aufenthalt, durch mehrere finstere Gänge aus dcni Schlöffe iu's Freie. Georg selbst athmete hoch auf, denn jetzt war nur noch der Park zu durchwandern, dann noch die Mauer zu übersteigen und sie waren Beide gerettet und in Sicherheit. Kaum waren aber die Flüchtlinge im Park angelangt, als sie einen kleinen Trupp Leute auf sich eindringen sahen. Sie wollten ausweichen, es war zu spät; ehe sie sich in Vcrtheidigungs-Zustand setzen konnten, waren sie umzingelt. „Schweigt, oder ihr seid des Todes!" herrschte sie eine dumpfe Stimme an. Aber das Auge der Liebe dringt durch die dickste Nacht. Hedwig — denn sie war B — von Wenzel und zwei Dienern gefolgt, sank mit einem Schrei freudiger Ueber- raschung dem Geliebten in die Arme. Die kühnen Abenteurer hatten sich glücklich bis hierher durchgeschlagen und wollten nun eben sich zu dem schwierigsten Theil ihres Unternehmens, der Befreiung Ludwig's aus dem Kerker, rüsten, als sie plötzlich das Glück aller weitcrn Sorge überhob und ihnen den Gefangenen selbst so überraschend wunderbar zuführte. „Du hier?" — rief der Letztere erstaunt, und eine wunderbare Seligkeit durchwagte seine Brnst. ^ „Ich komme, dich zu retten, Ludwig! Doch nicht allein. Hier ist der edle Wenzel, der mir treulich bcigestandcn." „Das vergesse ich dir nie!" — erwiderte Ludwig mit weicher, aus dem Herzen kommender Stimme. „Eilen wir, den glücklichen Zufall zu benutzen und aus der Stadt zu kommen," entgegnetc ablenkend Wenzel, — und diese Mahnung war keine ungegründete, denn im nächsten Augenblick hörten sie ein wildes Geräusch vom Schlöffe. Eine Menge Fackeln tauchten in der Ferne auf. Dem feigen Georg entfiel der Muth, seine Kniee schlotterten, die Croatin stand finster drohend vor seiner aufgeregten Phantasie. Da zuckte ihm ein anderer Gedanke durch das Hirn — er brauchte ja nicht heute zu flüchten, in dieser so gefährlichen Stunde, — konnte vielmehr seine Flucht auf eine günstigere Zeit verschieben. Niemand hatte seine Flucht bemerkt, auf ihn siel der wenigste Verdacht. Umkehr 370 war sonach das Klügste, und indem er noch ängstlich ausrief: „Ihr seid verloren, wenn ihr nicht eiligst die Mauer sucht!" eilte er hinweg, sich in's Schloß zu schleichen uvd ss sich in Sicherheit zu bringen. Aber gerade am Ende des Parkes kam er der wüthenden Croatin in den Wurf. Sie war so eben mit entblößtem Dolch zu dem Gefängnisse Ludwig's geschlichen, wer aber malt ihr Erstaunen, als sie das Gemach leer und den Gefangenen verschwunden fand. „Ah, dieser Teufel von Georg ist mir zuvorgekommen," schäumte sie in höchster Erbitterung; „ich zermalme ihn, wenn er in meine Hände füllt, er hat ihm zur Flucht verhelfen, weil er Unrath gewittert, wehe ihm!" Einen Augenblick blieb sie starr und stumm, ihre Lippen zuckten krampfhaft, dann warf sie sich auf ein Pferd, ließ so viel Leute aufsitzen, als nur in der Eile aufzutreiben, und jagte mit ihnen in den Park. Dort traf sie zu ihrem unaussprechlichen Jubel auf Georg, der sich in Sicherheit zu bringen trachtete. Sie wollte vom Pferde steigen und ihm den Dolch in's Herz stoßen, besann sich aber plötzlich und befahl Einigen ihrer Begleitung, den Schurken zu knebeln. Dann setzte sie hinter den übrigen Flüchtlingen her, auf deren Spur sie bald gekommen. Diese hatten bereits das Ende des Parks erreicht, — nur noch wenige Schritte bis zur Mauer, und sie waren dem Bereiche jeder Verfolgung entrückt und in Sicherheit. — Jetzt hörten sie die Verfolger immer näher hinter sich, — und Wenzel so wie Hedwig drangen ängstlich auf die größte Eile. „Wenn wir nur die Mauer erreichen, dann sind wir gerettet," — sagte Wenzel drängend und schritt in ungeduldiger Hast voran, während Ludwig durch seine schmerzenden Wunden gehindert, nicht so rasch zu folgen vermochte, und mehr von Hedwig und ihrem Diener getragen wurde, als sich selbst fortbewegte. „Mein Gott, Ludwig, nur nicht untergehen, so nahe dem Ziele. Raffe deine letzten Kräfte zusammen und wir sind gerettet!" ruf Hedwig in voller Seelenangst aus. „Ich kann nicht weiter!" flüsterte Ludwig halb besinnungslos. „Hedwig! ich ziehe dich und euch Alle nur mit in den Abgrund. Laßt mich hier. Allein könnt Ihr noch die Mauer erreichen." „Nein, nimmermehr, nicht ohne dich, das hab' ich mir geschworen!" — entgegncte Hedwig bestimmt. Ludwig versuchte noch einmal sich aufzuraffen, brach aber sogleich wieder zusammen. Nur wenige Augenblicke Verzug und sie waren unrettbar verloren. Wenzel setzte schon den Fuß auf die Mauer, sie zu erklimmen, und beschwor Hedwig, ihm zu folgen, sich nicht unnütz zu opfern, vergebens! Sie schüttelte schweigend das Haupt und beugte sich mitleidig nur noch tiefer über den Zusammengesunkenen. „Nun denn, so muß ich dich deinem Geschicke überlasten, es mit dir theilen, darf ich nicht. Dieser Croatin will ich nicht um alle Schätze der Welt in die Hände fallen." Mit diesen Worten erklomm Wenzel in demselben Augenblicke, als die Verfolger bei den Zurückgebliebenen angekommen, mit Leichtigkeit die Mauer, rief dann noch cr- muthigend zurück: „Ich rette dich!" — und erreichte glücklich die andere Seite, um sich auf das zurückgelassene Pferd zu schwingen und davon zu jagen. Die Croatin rief jubelnd aus: „Das ist prächtig, wir fangen ja mehr ein, als «nS entflohen." Sie hatte Hedwig sogleich erkannt, waren sie doch Beide in gewisser Hinsicht Riva- linnen, die sich schon im Kampfe gesehen. Denn Hedwig wurde im feindlichen Lager «beuso als Heldin gefeiert, wie dies in der Stadt mit der Croatin der Fall war. - Sie mußte dem jugendfrischen Mädchen ihre Schönheit neiden und freute sich, sie i» ihrer Gewalt zu haben. Daß nur eine glühende Liebe Hedwig zu einem solchen rücksichtslosen Streiche verleitet haben konnte, durchschaute die Croatin augenblicklich, und so stand es bei ihr fest, Ludwig mußte als Flüchtling gerichtet werden, das war das einfachste, sicherste Mittel, ihn für immer aus dem Wege zu schaffen, und auch Hedwig, die schöne Feindin, wurde damit in's Herz getroffen. Für Georg hatte sie etwas ganz Besonderes ausgesonnen; der Blutscheue sollte seinem Schicksale nicht entgehen und er selbst an Ludwig die Hand anlegen — sein Henker werden. Hatte er sich zu diesem schmachvollen Werke brauchen lasten, dann wurde auch er bei der ersten passenden Gelegenheit beseitigt und Alles war für immer in Nacht gehüllt. Zunächst galt es, von Boleslaus das „Todcsurtheil" seines so lange ersehnte» Sohnes zu fordern. Sie eilte, ganz mit der Ausführung ihres Planes beschäftigt, zu ihm und erzählte ihm den Vorfall. Dieser hörte kaum darauf, erst als sie von der Gefangennehmung Hedwig's sprach, wurde er aufmerksam und jubelte: „Hedwig gefangen, ist es wahr?" Als die Croatin es noch einmal bejahte, athmete er hoch auf, als sei ihm eiuc recht schwere Last vorn Herzen genommen und sagte: „Nun ist Alles gut." Er knüpfte daran die Hoffnung nahen Friedens, denn mit diesem Pfand in Händen mußte der Glogauer seine Forderung bedeutend hcrabstimmcn. Die Croatin wollte die gute Laune des Herzogs schnell benutzen, ihn zur Bewilligung ihres Urtheils zu bewegen und sagte: „Aber — der flüchtig gewordene Gefangene muß gerichtet werden und der Schurke Georg soll das Henkeramt übernehmen." „Warum das?" fragte der Herzog erstaunt. „Du fragst? — Zu ihrer strengen, gerechten Strafe!" „Weil der Arme die Flügel geregt, als sich ihm der Käfig geöffnet? Katharina, das wäre hart und grausam!" ° Jetzt in seiner glücklichen Stimmung fühlte der Herzog so ganz den Werth der Freiheit, — war's ihm doch in der belagerten Stadt zu eng geworden — und er sollte es Jemand verargen, der die Kette seines Gefängnisses glücklich abgestreift und fliehe« gewollt? Er wußte einen solch' kühnen Streich zu schätzen und fügte deßhalb hinzu: „Das ist ja ein kecker, tüchtiger Bursche und für's Richtbeil zu gut, wir könne« ihn selbst noch brauchen." Die Croatin crschrack, eine solche Wendung durfte die Sache auf keinen Fall nehmen und sie entgegnete deßhalb fest und entschieden: „Boleslaus, sollen wir die Verräther nutzlos füttern, während unsere Bürger leiden?" „Ach, zwei Magen mehr oder weniger, was thut das?" „Wohl thut es viel, es weckt Entrüstung über solch' thörichte Schwäche." „Sie müssen unsern Leuten zur Genugthuung fallen," fuhr sie scharf und schneidend fort, „ließ doch der Glogauer jüngst die armen Bursche auch hängen, die ich ihm zugeschickt. Wir wollen nur Vergeltung üben!" „Laß das! — stacheln wir den Feind nicht mehr auf, als nöthig ist," — war die beschwichtigende Antwort des Herzogs. „Nein, — wir müssen zeigen, daß wir ihn nicht fürchten, und ihn durch den Tod eines seiner geschicktesten Feldhauptleute entmuthigen." Boleslaus war schon halb besiegt. Die Croatin fügte schmeichelnd hinzu: „Sieh, du weißt, daß ich immer das Rechte treffe. Du bist oft zu gut, das taugt nicht; habe« sich nicht meine Anordnungen stets bewährt? Laß mir nur freie Hand; ich bringe dir jetzt diese Freudcnpost, und du trittst mir so schroff dort entgegen, wo es sich um bei» eigenes Wohl handelt?" 372 Dem konnte der Herzog nicht länger widerstehen, und er gab rasch und flüchtig — wie um sich Ruhe zu verschaffen, seine Einwilligung. Die Croatin triumphirte — jetzt war sie am Ziel und ihre Opfer für immer vernichtet. Sie ließ mit dem Grauen des Morgens alle Anstalten treffen und verkündete den Gefangenen ihr Urtheil. In Ludwig's Augen leuchtete es wunderbar auf, als lösten sich mit diesem Worte die Ketten und er würde dennoch frei. Sterben war ja sein heißester, sehnlichster Wunsch, er begrüßte den Tod mit Freuden. Die Croatin bemerkte dies, und um ihm wenigstens die letzten Augenblicke zu vergällen, wendete sie sich an die schweigend dastehende Hcdwig und sagte: „Du magst Zuschauerin des Schauspiels sein und ihm das Haupt zurecht legen, daß es der Henker sicher trifft." Der Pfeil prallte ab. Hedwig's Lippen verzogen sich nur zu einem verächtliche» Lächeln, stolz und kalt ruhte ihr Auge auf der Croatin und schien zu sagen: „Was du mir zur Straf' ^usgesonnen, ist mir eine Wohlthat, ich bin stark genug, — ihn sterbe» zu sehen." Nur Georg war von dem Urthcilsspruch wie niedergedonnert. Er wollte um Gnade flehen, aber er sah dies steinerne, felsenharte Gesicht, — die rachefunkelnden Augen und fühlte, daß jede Bitte an einem solchen Stahlpanzcr abprallen mußte; dann dachte er ihrer Forderung zu trotzen und lieber den Tod zu suchen, als diese Schmach auf sich zu laden. Aber sterben! — vielleicht unter den gräßlichsten Martern sterben, wie's ihm da eiskalt über den Rücken lief; er war nicht der Mann dazu, um seiner Ehre willen den Märtyrer zu spielen! Daß die Croatin ihn dessen ungeachtet zum Tode bestimmt hatte, daran dachte er nicht. Bleich und zitternd, halb mechanisch, befolgte der Eingeschüchterte die Befehle der Croatin. So viel der Schloßhof Leute fasten konnte, so viel standen neugierig umher, um auf das ungewohnte Schauspiel zu sehen. Alles war jetzt vorbereitet zur schmachvolle« That; die Herzogin gab ein Zeichen^— von zwei Henkersknechten begleitet, schwankte Georg auf den Richtplatz, und wenn man nicht in seiner Hand das blanke, funkelnde Schwert gewahrt, man würde versucht gewesen sein, ihn für das Opfer und den so ruhig dastehenden Ludwig für den Vollstrecker des Urtheils zu halten. Ein lautloses, tiefes Schweigen trat ein; aller Augen ruhten erwartungsvoll auf die in der Mitte Stehenden. Hcdwig trat noch einmal an den Geliebten heran und sah ihm fest und ruhig in's Auge. Kein Zucken ihres Mundes verrieth den wilden Schmcrzens - Aufschrei ihres Herzens, und sie sagte mit weicher, klangvoller Stimme, die nicht das mindeste Zittern verrieth: „Leb' wohl, Ludwig! Verzeih', daß ich dich nicht retten, nicht glücklich mache» konnte, trotz meiner heißen, unendlichen Liebe!" „Leb' wohl, Hcdwig! Wie ist der Tod so süß, wo's keine, keine Hoffnung gab!" erwiderte Ludwig. Mit eisigem Lächeln blickte die Croatin auf die Scene, während von manch' gebräunter Wange eine Thräne der Rührung hcrniederfloß; denn gerade solch' festes, ruhiges Ausharren im Unglück, das packt und erschüttert die starren Herzen. „Jetzt an dein Werk, Herr Ritter!" herrschte die Unbeugsame Georg zu, der i» Verzweiflungs-Qual vergeblich nach Haltung und Fassung zu ringen versuchte. Ludwig kniete auf den Holzblock nieder, den Todcsstreich zu empfangen, nachdem er seinem Henker vorher die Hand geschüttelt und lächelnd gesagt: „So thust du mir doch noch einen Freundschaftsdienst, redlicher, lange verkannter Mann, nun säume nicht!" Die Croatin lächelte über den Irrthum des Verurtheilteu dämonisch, und hätte ihm 373 so gern auch diesen süßen Wahn benommen, wen» sie gedurft, doch die Zeit drängte — ^ und sie herrschte jetzt dem Ritter zu: „Nasch, rasch, wir haben nicht Lust zu warten!" Georg hob gedankenlos das Schwert, blickte noch einmal auf, wie ein Ertrinkender, ! der nach einem Strohhalm ausspäht, und ließ den Arm wieder sinken. „Bist du toll?" wüthete die Herzogin, „soll ich dich mit Ruthen peitschen lasten?" I Es mußte geschehen — er faßte entschlossener, kräftiger das Schwert — da plötzlich < erblickte er Boleslaus aus dem Thore des Schlosses tretend, — und sogleich schoß ih« blitzschnell ein Gedanke, der sie Alle retten mußte, durch den Kopf. Der Herzog hatte von einem Fenster seines Schlosses aus dem Schauspiel zugesehen, und kam jetzt in der Absicht, dem auf's Höchste getriebenen Spiel ein Ende zu machen. > Für einen Fluchtversuch war der Tod doch allzu grausam — und schon diese ernste Drohung Strafe genug. Dem Willen seiner Frau war Genüge gethan, und er wollte > jetzt dem Gefangenen unter dem Beding, — in seine Dienste zu treten, — Leben und k Freiheit schenken. (Fortsetzung folgt.) Beispiele hohen Lebensalters in Großbritannien. Busfon und Haller haben behauptet, das theoretische Lebensalter der Menschen sei 90 bis 100 Jahre. Ein Hund nämlich erreiche in 2 Jahren die Altersreife und lebe dann 5- bis 6mal so lang als seine Entwickelung dauerte. Das Pferd sei mit 4 Jahren ausgewachsen und genieße eine Lebensdauer von 25 bis 26 Jahren. Folglich, meint Busfon, wenn dem Menschen kein Unfall sein Dasein verkürze, so mäste er 6 bis 7mal so lange leben, als seine Entwickelung dauere, nämlich 90 bis 100 Jahre. Den Untersuchungen über hohes Lebensalter haben die Engländer großen Geschmack abgewonnen, und das Beste, was ihre ältere wie neuere Literatur enthält, ist jetzt von einem Essayisten des Quarterly Review zusammengestellt worden. ^ Gewiß ist eins: wer hundert Jahre alt werden will, darf eine Krone nicht trage» und nicht Prinz von Geblüt sein, denn seit Christi Geburt kennt die Geschichte nicht eine» beglaubigten Fall, daß irgend ein Glied irgend eine Dynastie das Alter van l 00 Jahre» erreicht hätte. Die drei ältesten Leute der englischen Geschichte sind die Gräfin von DeSmond, der „alte Parr" und Henry Jenkins. Der Mädchenname der genannten Dame war Katharina Fitzgcrald. Sie soll im Jahre 1465 geboren worden sein und zählte 124 Jahre, als Sir Walter Naleigh 1589 ihre Bekanntschaft machte. Daß sie von 1599 bis 1608 in Irland lebte, steht fest, und daß sie 140 Jahre alt wurde, darf noch mit Beruhigung angenommen werden, ebenso daß ihr im hohen Alter frische Zähne nachwuchsen. Unbeglaubigt dagegen ist, daß sie in einem Alter von 150 Jahren nach London reiste und ebenfalls nur eine ausgeschmückte Ueberlieferung scheint es zu sein, daß sie schließlich ihr Ende durch einen unglücklichen Fall von einem Nußbaume fand. — Ueber Henry Jenkins Alter herrschen leider Zweifel. Er war ein Zeitgenosse von Thomas Parr, welcher letztere, geboren 1483, neun Jahre zählte, als Amerika entdeckt wurde und bis in die Mitte des 30jährigen Krieges lebte. Er hcirathete erst in dem reifen Alter von 80 Jahren und überlebte seine Frau nach 32jähriger Ehe. Nach achtjährigem Wittwerstand schritt er, 120 Jahre alt, zur zweiten Ehe mit einer Dame, für die er schon zu Lebzeiten seiner ersten Frau geschwärmt hatte. Nach dieser zweiten Hochzeit lebte er 32 Jahre, im Ganzen 152 Jahre, und vielleicht hätte er es noch weiter gebracht, wenn ihn nicht Carl von Arundcl als eine Art ^ Curiosität nach London geschleppt und wie ein Menageriestück am Hofe Carls I. gezeigt t hätte. Er wurde dort gefüttert mit dem Besten was zu haben war, und dadurch zog ^ er sich ein „verfrühtes" Ende zu, denn der berühmte Physiolog l>r. Harvcy (der Entdecker ' des Prinzips der Blutcirculationj der seine Leiche öffnete, versicherte, daß, wenn der Man» * i» seiner ländlichen Lebensweise nicht unterbrochen, sei» tägliches Brod nach wie vor mit 374 Zwiebeln und Käse gewürzt, nur Milch oder gelegentlich ein Glas Ale oder Aepfelwei« getrunken hätte, er noch recht lange sein Leben gefristet haben würde. Unter anderen absonderlichen Fällen, die aber als gut verbürgt betrachtet werden dürfen, wird angeführt, daß eine Dame Südcarolinas in ihrem 99. Jahre noch von den Masern befallen wurde, und daß ein Herr John Wceks, der 114 Jahre alt wurde, neun Frauen überlebte, die zehnte aber ein 16jährigcs Mädchen, noch im Alter von 106 Jahren ehelichte. Schon Hufeland wußte, daß Frauen durchschnittlich länger leben als Männer, und verheiratete Frauen länger als ledige. Trotzdem sind die Fälle von außerordentlicher Lebensdauer bei Männern wieder häufiger als bei Frauen, wenn sie auch bei letzteren nicht völlig fehlen. Die Wittwe des bekannten Schauspielers Garrick, eine Wienerin und ursprünglich Ballettänzerin einer Londoner Bühne überlebte ihren Mann 43 Jahre und starb 1822 im Alter von 99 Jahren. Eine wahre zweibeinige Fofsilie war aber die Frau oder im Volksmnnd eine „Lady" Lcwson, die, jung verheirathet, schon mit 26 Jahren eine reiche Wittwe war. Geboren im Jahre 1700 alterte sie mit ihrem — dem achtzehnten Jahrhunderte —- und überlebte es noch bis 1806. Sie war voller Exccn- Iricitäten, zu denen auch gehörte, daß sie die Modctrachten ihrer Jugendzeit im Style König Georgs I. nie ablegte, wahrscheinlich zum Ergötzen des Straßenpublikums. Auch sie bekam im Alter von 87 Jahren neue Zähne, nämlich 2 Stück. Sie beschloß den Rest ihrer Tage in Gesellschaft eines männlichen Bedienten, zweier Hnndc und einer Katze. Zu ihren Seltsamkeiten gehörte die Wasserscheu, d. h. nicht sowohl Hydrophobie, als vielmehr Scheu vor dem Waschwafser. Leute, die sich waschen, behauptete sie, seien beständig Erkältungen unterworfen. Sie Pflegte sich statt dessen mit Schweinsfctt zu salben. Gelehrte Berufsartcn, meint der Essayst, seien einer langen Lebensdauer nicht förderlich. Doch muß er sogleich die Juristen ausnchmen, denn Lord Manssicld wurde 89, Lord Kaimes 86, Lord Monboddo 90, Lord Stowcll 91, Lord Eldon 87 Jahre alt. Von Aerzten läßt sich derartiges nicht berichten, denn daß Galen 140, Hippokratcs 104 Jahre gelebt haben sollen, wird in unserer skeptischen Zeit wenig Gläubige finden; von neueren Aerzten wird uns Ör. Heberdcn angeführt, der über 90 Jahre alt wurde, und der Schwede Jcrnitz, der 104 Jahre bei seinem Tode zählte. Von großen Schriftstellern weiß er nur Samuel Nagers anzuführen, der 1855 93 Jahre alt wa^, dann Hohle, den Verfasser eines Wistbuchcs mit 98 Jahren und Fontenellc der 100 Jahre alt wurde. Goethe, Alex. v. Humboldt, Hammer-Purgstall u. a. gehören noch nicht in den Rang der höchsten Lebensalter. Erfinder scheinen auch nicht große Aussicht zu haben, die Welt durch ihre Lebenszähigkeit in Erstaunen zu setzen, immerhin erreichte James Watt, der Erfinder der neuen Dampfmaschine, ein Alter von 83, der ältere Brunel, Erbauer des Themsetunnels, 81 Jahre. Der Baumeister Sir Christopher Wrcn starb 91jährig, Michael Angela Buonarotti wurde 90 Jahre alt, Titian starb an der Pest im 99. Jahre und Conrad Nocpcl aus dem Haag, brachte es noch ein Jahr weiter. Von Scehelden wird der „blinde alte Dandolo" erwähnt, der 1204 als 90jährigcr Greis noch das Markusbanncr auf die eroberten Wälle Consiantinopels pflanzte. Ein gleiches hohes Alter erreichte der Marschall Nadetzky, während Wellington 82jährig starb. Lord Lansdown und Palmcrston sind Beispiele dessen, was Staatsmänner selbst als Achtziger noch zu leisten vermögen. Man bildet sich in der Regel ein, daß die Bauern ein gesünderes Leben führen, als die Stadtbewohner, doch zeigt die englische Statistik, daß die rein bäuerlichen Gebiete nur je einen Todesfall von 200 weniger als die Großstädte, und je einen weniger unter 500 als die Kleinstädte zählen. Der Unterschied gehört demnach zu den verschwindenden Größen. Strenge des Klimas trägt auch nicht nothwendig zur Verkürzung des Lebens bei, denn Norwegen ist berühmt durch seine große Anzahl sehr alter Leute. Auch das ist ein Irrthum, das sitzende Lebensweise der Lebensvcrlängcrung schädlich sei, indem einige Fälle schon vorhanden gewesen sind, daß Männer über 100 Jahre alt -wurden, die täglich nur ein paar hundert Schritt vom Hause nach ihrem Bureau und zurückgingen. Zu dem schwindelhasten Aberglauben früherer Zeit gehört auch das, was ein deutscher Arzt Cohauscu in seinem Hormippus rvclivivus oder „des Weisen Triumph über hohes Alter und Grab" behauptet hat. Elodius Hermippus soll nämlich 115 Jahre geworden sein, und dieses Kunststück ausgeführt haben zufolge einer dem Aeskulap geweihten Tafel „puellnrum iinlwlilu", oder wie andere lesen ,.puvioruu> Iislitu", was so ziemlich auf dasselbe hinauskommt. Von einem reichen Banguier in Deutschland wußte die ganze Stadt, in der er lebte, daß er, „um sich jung zu erhalten," immer junge frische Mädchen—lionni «oit qui mal v peusu — neben sich schlafen ließ, folglich hielt er sich an die Lesart puollrirum nnlx'lllu. Der gute Mann hätte aber jedenfalls bester gethan, ganz allein in einem hohen Zimmer zu schlafen, denn jede ausgcathmctc Lust, auch die Luft junger und frischer Mädchen ist Gift im Vergleich zu reiner Luft. Der Minorit Roger Baco und sein Namensnachfolgcr Lord Baron glaubten beide an die Möglichkeil von Lebcnselixiren. Paracelsus (1493 im Conton Schwyz geboren) soll auch einen solchen Trunk besessen haben, und würde, wenn er in seinem Gebrauch nicht gestört worden wäre, wahrscheinlich noch jetzt leben, so aber ist er erst 48 Jahre alt am Fieber gestorben. Thomas Baughan, geboren 1612, verordnete eine Kost von Hühnchen, die mit Vipern gemästet, dann gegeißelt, geköpft und gelinde in einem Topf mit Rosmarin und Fenchel gekocht werden sollen. Fragen wir nun die Physiologie, was den eigentlich das Altern sei, so sagt die einfach und bündig: Ausartung der Zcllcubildung. Würde heute ein Elixir gegen diese Ausartung gefunden werden, sicherlich möchte der Zlauuf zu dem Wunderdoktcr sehr groß sein. Nun gehe man aber herum und frage der Reihe nach, wer wohl sein Leben noch einmal vom Anfang bis Ende durchzuleben wünsche. Junge Leute freilich wohl viele, ältere viel weniger, sehr alte vielleicht gar nicht. (Nach d. Ausland.) Sonntags O heiß ersehnter Sonntags-Morgen! Wie eine Mutter sanft umfängt Den Sohn, der fern, gehetzt von Sorgen, Zur Heimath seinen Schritt gelenkt: So breitest du mit mlldem Lächeln Den Arm um mich zur süßen Ruh', Und deine thau'gcn Lippen fächeln Der heißen Stirne Kühlung zu. Der ird'schcn Sorgen Furien jagen Den Sohn der Arbeit fort und fort. Und das Gemüth, gehetzt, zerschlagen. Ersehnt umsonst den Fricdensport — Da hauchst du, gold'ncr Sonntags-Morgen, Dein „Friede mit Euch!" in die Welt, Und das Gemüth fühlt sich geborgen; Die es umschloß, die Kette fällt. - Morgen. O welches Glück, sich selbst gehören. Wenn wir entronnen rauhem Zwang, In das Gemüth tief einzukehren, Zu lauschen seiner Glocke Klang. Da sprießt die Quelle hoher Freuden, Die nie versiegt in Lebens Gluth, Sprießt Balsam auch für herbe Leiden, Zu neuen Kämpfen frischer Muth. Sei, SonntagS-Morgen, mir gcgrüßet. Du Bote Gottes, licht und hehr. Der mich mit weichem Arm umschließet. Wenn mir das Haupt von Sorgen schwer, Der von dem ew'gen Sonntags-Morgen Dem Herzen sel'ge Kunde thut. Da es, vor jedem Sturm geborgen, In Gottes Vaterschooße ruht. (Eine gesegnete Familie.) „Billets für fünfzehn Personen und neunund- drcißig Billets für Kinder unter sieben Jahren," sagte neulich ein Reisender, der vom Salzsee kam (dem Lande der Mormonen), zu dem Billeteur einer Eisenbahn-Station in Massashusets.— „Wenn es für eine Pension oder sonst eine Anstalt gehört, so darf ich Ihnen einen Rabatt am Preise der Billets bewilligen!" sagte der Beamte zuvorkommend. — »Ach, was Pension, was Anstalt! Ich habe die Billets für mich, meine Frauen und meine Kinder verlangt!" — rief der entrüstete Jünger Brigham Poungs 376 Den mannigfachen Bestrebungen unserer Zeit gegenüber, welche auf eine Eman» zipationder Frauen — (und zwar selten in der edlen Richtung, welche die eben erwähnten amerikanischen Lehranstalten zum großen Theil hicbei verfolgen) hinzielen, ist eS vielleicht nicht uninteressant, auch einmal die Stimme einer Frau zu hören, die sich im entgegengesetzten Sinne ausspricht. Eine amerikanische Dame, Miß Emma Webb, hielt kürzlich in Brooklyu einen Vortrag über „das wahre Rittcrthum des Weibes." — Dieß Ritterthum ist nach ihrer unmaßgeblichen Meinung in der Liebe, im Zander der ächten, edlen Weiblichkeit enthalten, — und sie sagt unter Anderem: „Ich kenne keinen widerlicheren, keinen abstoßenderen Anblick als den eines Mannes, der sich zum Weibe zu machen sucht — wenn es nicht etwa der eines WeibeS ist, — das sich zum Manne zu machen bestrebt. Solche geistige, sittliche und berufliche Verirrungen sind stets wider die Natur, und wo sie nicht der Thorheit entspringen, da müssen sie ihren Grund in der Verdcrbniß haben. Die zarte, sanfte, überzeugende Gewalt der Anmuth macht das Weib tausendmal mehr fähig, — den starren Sinn des Mannes zu beugen, als die klobigen Argumente der starkgeistigcn oder vielmehr starkzringigcn Weiber, welche sich jetzt in der Welt breit machen. Die Zunge eines zornigen Weibes ist in der Gesellschaft dem Manne gegenüber so machtlos, wie das Lächeln der Liebe, und Bescheidenheit allmächtig ist. Das Weib übt mindestens eben so viel Despotismus über dtn Mann aus, wie der Mann über das Weib. ES gibt auf der Welt keinen solchen Gewalthaber, wie die Frau es sein kann, wenn sie will. Aber ihre Herrschaft muß sie mit Sanftmuth und Liebenswürdigkeit ausüben. Gelüstet es den Frauen nach einer noch weiteren Ausdehnung ihrer fast schon unumschränkten Gemalt? Durch Theilnahme an öffentlichen Bersammlungen können sie nicht dazu kommen, sondern nur die Macht verlieren, welche sie jetzt besitzen. Durch den Stimmzettel wird das Weib nie eine solche Macht über den Mann ausüben können, wie sie es jetzt durch den Zauber der Weiblichkeit thut. Ein einziges gebildetes, bescheidenes, hingebendes Weib wird im häuslichen Kreise, wenn sich ihr die Gelegenheit dazu bietet, mehr auf die Gesetzgebung des Landes influiren können, als zehntausend Blaustrümpfe, welche ihrem Herzen auf Konventionen Luft machen." Störe nicht Siehst du den Schlaf auf einem Angenlidc, O, stör' ihn nicht, wenn deinen Feind er auch Umweht mit seinem sanften Balsamhauch, In des Vcrgefsen's Wunderqucll ihn badet! O, stör' ihn nicht, und hemme deine Schritte! Verscheuch' ihn nicht! mit dieser frommen Bitte Spricht jeder Athemzug des Schlaf's dich an. Leis', auf den Zehen schleich an ihm vorüber. Und wünsch' ihm, daß kein Traum, kein banger, trüber, Eich neidisch möge feinem Frieden nah'n. im Schlaf. Bei jedem Schlafe hält ein Engel Wacht, Der legt die Finger auf die Lippen sacht Und winket schweigend dir: Sei stille! zu. Auch selbst bei dem entschlaf'ncn Missethäter Wacht er, ein ernst versöhnungsvoller Beter Um Fricdcn für die Seele ohne Ruh. Ja, heilig ist der Schlaf, wie die Natur, Wie das geheime Wachsthum auf der Flur, Das leise webt im Blatt und in der Blüthe; So ist auch er ein still geheimes Weben, Und keine Waff' ist ihm zum Schutz gegeben. Hast du vor ihm nicht Ehrfurcht im Gemüthe. Wenn Geliert bei irgend Jemand zur Tafel geladen war, so erschien er immer mit unter den ersten Gästen. — „Ich thue dies aus Politik," — sagte er, „denn die Viertelstunde, die Jemand in Gesellschaft auf sich warten läßt, — wird leicht zur Aufsuchung oder Andichtung von Fehlern angewandt!" Druck, Vorlag und Redaction des litterarischen Instituts von t)r. M. ^»ttlec. «»vSÄ- SS?-' I^ro. 48. Augsburger 28. Novbr. 1869. latt. Wer klügelnd abwägt und dem Ziel entsagt, Weil er vor dem, was nie geschehn, verzagt, Erreicht das Grüßte nie. Shakespeare, Ende gut, Alles gut. Akt 1, Scene I. Die Hand (Fortsetzung.) Noch ehe die Croatin den Herzog gewahrt, rief Georg, dem der drängende Augenblick ungewöhnlichen Muth verlieh, mit lautschallcndcr Stimme: „Boleölaus, — rette deinen Sohn! Der Vcrurthcilte ist Ludwig, den du so „lange gesucht." Die letzten Worte schon erstarken auf seinen Lippen, denn der Dolch der wüthend auf ihn zugesprungenen Croatin saß ihm tief in den Rippen: „Hier deinen Lohn, du elender Wurm!" schäumte sie ihrer Sinne kaum mächtig. Das war so blitzschnell, so unerklärlich an den Zuschauern vorüber gegangen, daß diese kaum den Vorgang wahrgenommen. Der Herzog trat jetzt auf die Scene; zum ersten Mal überkam ihn ein tiefer Abscheu vor dieser blutgierigen Megäre. „Was ist hier vorgefallen?" fragte er finster und streng. Der auf den Boden gesunkene Georg versuchte zu sprechen und stammelte: „Nette deinen Sohn!" Die Croatin versuchte vergeblich ihn zu überschreien. Der Herzog, aufmerksam geworden, gebot ihr rasch und entschlossen Schweigen und beugte sich über den Sterbenden, um sein Geflüster zu verstehen. Dieser zeigte auf den befremdet darein schauenden Ludwig und wiederholte: „Es ist dein Sohn, dein verlorener Ludwig — ich sollte ihn todten, die Croatin wollt's, o hätte ich sie nie gesehen!" — Dann drückte er kramphaft die Hand auf die Brust, wie um den hervorquellenden Blutstrom zu stillen. „Georg, fasele nicht solch' dummes Zeug — rede vernünftig — das wäre mein Sohn?" cntgegnete der Herzog halb zweifelnd, halb hoffend. „Ruf' ihn nur her und ziehe sein Hemd von der Brust," keuchte Georg mühsam hervor; „das Mal!" „Haj wär' es möglich? Das Mal!" Mit diesem Ausruf stürzte Bolcslaus aus Ludwig zu und jubelte gleich darauf, als er das Mal erblickte, mit tief auS dem Herzen kommender Stimme: „Gefunden! mein Sohn, mein Sohn!" Er umarmte ihn unter Thränen freudiger Rührung, kniete dann nochmals vor Georg nieder und fragte wiederholt: „Ist er auch wirklich mein Sohn?" „Zweifelst du noch? Ich hab's genau erforscht — uud schwöre dir bei Allem, was heilig." „Ja, es ist wahr, mit einer Lüge auf den Lippen geht man nicht aus der Welt!" erwiderte BoleslauS, und fügte, zu Ludwig gewendet, hinzu: „Dank es dem armen Burschen, daß ich dich gefunden, du längst verlorener, theurer Sohn! i" „Nein, mir nicht — jetzt büße ich meine Schuld, größer, als du geahnt." o verzeihe, Ludwig, sie war 378 Nach diesen Worten sank Georg zurück, ein Blutstrom quoll aus seinem Munde, ei» heftiges Aufzucken und er hatte die schuldbeladene Seele ausgehaucht. Plötzlich hörte man heftiges Sturmläuten; der bestürzt dastehenden Croatin war es Musik — das mußte den Herzog aufrütteln, zu anderen Gedanken bringen und das Geschehene vergessen machen. Sie trat auf ihn zu und sagte hastig: „Der Feind dringt in die Stadt, laß hier die Thorheit, handle, kämpfe! —- jeder Augenblick bringt dir Verderben." Er hörte sie nicht, der alte, — seit Langem von weicheren, zarteren Empfindungen bewegte Mann hielt den Sohn innig umschlungen und vergaß darüber die Welt. „Nun, so will ich wenigstens mich nicht wehrlos niederhauen lasten, feiger Tropf! Mir nach!" rief die Croatin und stürmte dann mit ihren Leuten fort, sich Vergessenheit im Kampfgewühl zu holen. Der Herzog blieb mit Ludwig und Hcdwig fast allein zurück. „O, wenn Margareth noch lebte, welche Seligkeit wäre das für sie!" — seufzte Boleslaus. „Sie lebt!" mit diesen Worten trat jetzt Hedwig, die bisher schweigend den seltsamen Auftritten zugesehen, auf den Herzog zu, der, sich selbst und Alles vergessend, nur auf die Erzählung seines Sohnes hörte, um jedes Wort zu merken, das ihm sein Glück, den Sohn vor sich zu haben, vergewissern mußte. „Sie lebt?" rief Boleslaus glücklich überrascht aus, „mein Gott, ein solches Glück wird ja ihr schwaches Herz nicht fasten, und ist sie wieder gesund?" Hcdwig schüttelte traurig das Haupt. Aber Boleslaus entgcgncte mit Zuversicht: „Dann wird sie es werden, ich hoffe es!" Und du hast meinen Sohn retten wollen?" — wandte er sich wieder an Hcdwig. „O, das ist groß, das ist schön! Ludwig, das darfst du ihr nie vergessen, und nun ist Alles gut, wir sind im Hafen!" Ludwig machte ihn jetzt darauf aufmerksam, daß vielleicht der Feind wieder stürmen und es Zeit zum Kämpfen sei. „Wozu, Ludwig?" entgcgncte der Herzog, „schade um jeden Tropfen unnütz vergossenen Blutes. Ihr Beiden sichert mir den Frieden. — Ich will hinaus und dem Kampfe ein Ende machen." Er wollte fort, aber schon stürzte die Croatin, bleich und blutend auf ihn zu und rief: „Wir sind verloren!" um dann erschöpft zusammen zu sinken. Ihr folgte auf dem Fuße eine Schaar Gewappneter, Herzog Heinrich und Wenzel an der Spitze. Der Letztere hatte nach seiner Flucht sogleich dem Herzog Heinrich von dem Unglücke berichtet, der — Anfangs darüber erbittert, Wenzel der Ermordung seines Kindes anklagte, dann aber wohl einsah, daß er nicht anders gekonnt und nur ritterlich gehandelt. Schnell entschlossen, gab er sogleich Befehl zum Angriff, und als dazu Alles vorbereitet war, ritt er an seinen Leuten vorüber und rief ihnen zu: „Es gilt meine Hedwig; haltet Euch wacker!" Thränen rannen ihm dabei an den Wangen herunter. Hei, das war ein Ringen — so toll, so verzweifelnd hatten die Briegcr den Feind uie anstürmen sehen. Eine Todcsbcgeisterung hatte sie erfaßt und die Mauern wurden trotz der wüthigsten Gegenwehr genommen. Und nun hinunter in die Stadt — der alte Herzog mit Wenzel und eine Schaar Auserlesener, Getreuer immer voran — da kam die Croatin angebraust. Gift und Galle im Herzen, in toller Verzweiflung Tod oder Freiheit suchend. „Ha!" rief ihr Wenzel entgegen, „treffen wir uns hier? Mutter, jetzt gilt es, deine Rechnung zahlen," und rasch und muthig drang er auf die Croatin ein, die noch wüthend von dem Iüngsterlebten hier zum Unglück wieder auf ihren gefährlichsten Gegner stieß und sich daher verzweifelt zur Wehr setzte. Wenzel schien Anfangs mit seiner Gegnerin spielen zu wollen, und als er ihr «ine ticfklaffendc Wunde in die Achsel beigebracht, sagte er lachend: »Nicht wahr, ich zahle in blanker Münze für den Peitschenhieb?" Die Croatin, durch den Spott aufgestachelt, drang toll und unbesonnen auf ihn ein und rannte sich fast selbst, so viel sie auch Wenzel schonen gewollt, das Schwert in die Seite. Die Wunde war keine tödtliche und mit Anstrengung aller Kräfte ergriff sie die Flucht, mit ihr der Rest ihrer Leute, während die Angreifer hinter ihnen herstürmten. Heinrich erblickte sogleich seine Tochter und rief jubelnd: „Du lebst! — o Gott, so komme ich nicht zu spät — mein böses, engelgutcs Kind!" — und er schloß sie in Uebcrscligkcit in seine Arme. „Und du, mein hartnäckiger Feind, bist endlich doch jetzt besiegt!" wandte er sich an Boleslaus. „Wohl, du hast mich überwunden," entgegncte dieser, „ich bin dein Gefangener, aber eben nur ein unerwartetes großes Glück war mein Verderben! Ich habe meinen Sohn wiedergefunden und deine Tochter war's, die ihn hat retten wollen!" „Dein Sohn? — Meine Tochter?" rief Heinrich. „Da seht sie Beide!" und Boleslaus fügte lebhaft hinzu: „Wenn die Kinder für einander in den Tod gehen, dann dürfen sich die Alten nicht die Hälse brechen. Ich reiche dir die Hand zur Versöhnung und zum Frieden!" „Pah! Du hast nur einen Sohn, und der ist hier," entgcgnete Heinrich, indem er auf Wenzel zeigte. „Wenzel! auch dich erhalt' ich wieder? DaS ist zu Viel des Glücks!" — rief freudig Boleslaus und umarmte seinen Sohn herzlich. „Aber du glaubst mir nicht? Heinrich," wandte er sich wieder an diesen, „nun, bei Allem, was mir heilig, schwöre ich vor dir und vor allem Volk, daß dies mein erstgeborener Sohn. Wie alles daö gekommen, laßt's euch von Margareth erzählen. —- Doch genug, Ludwig ist mein Sohn — und in wenig Tagen mit Wenzel Herzog von Brieg, — denn ich bin des Negierens müde — und werbe jetzt für ihn um die Hand deiner Tochter." Herzog Heinrich besaun sich einen Augenblick, ihm war es ja nicht um die Person, nur um den Erben des Herzogthums zu thun, und wenn Ludwig ein Herzogssohn, dann söhnte sich ja Alles freundlicher aus, als er je zu träumen gewagt — dann konnte er dieser Verbindung nicht entgegentreten, die ihm dieselben Früchte bringen mußte. Das waren Gründe genug, Wenzel aufzugeben und den früher verschmähten Eidam freundlich anzunehmen und er sagte daher, wie recht freudig überrascht: „Ludwig, ein Herzogssohn?! Daß edleres Blut in deinen Adern rollte, hab' ich wohl geahnt. Ihr seid doch nicht zu trennen, habt schon die Hände ineinander geschlagen und predigt damit Frieden, und deßhalb heiße ich dich als Eidam freudig willkommen!" Hcdwig mußte sich erst daran gewöhnen, einen Hcrzogssohn an der Seite zu haben, damit war ja ihr Jugcndtraum zertrümmert, aber doch nur ein Traum, in Wirklichkeit, daß Ludwig ihr ebenbürtig geworden, hatte doch einen ganz anderen Zauber. „Und wir sind Brüdcr, Wenzel!" Mit diesen Worten trat der überglückliche Ludwig auf diesen zu; „wir werden treue, Herzliebe Bruder sein und wollen fortan redlich zu einander halten." IX. Wer mit seinem Lebensschiffleiu Nie gescheitert — nie gestrandet. Hat auch in den sichern Hafen, Ueberglücklich — nie gelandet! An einem Frühlingstag« des darauf folgenden Jahres sprengte ein prächtiger Reiter- zug durch das südliche Thor Eprottau's — und hielt vor dem uns schon bekannte» Schmiedchause. Es war ein sonnenheller Tag, die Erde schien im ersten Entzücken der »atzend« Frühlingsboten wunderbar aufzuathmen, und mid jugendlicher Begeisterung an der Brust 380 der ihr wieder freundlich zugewendeten Sonne zu ruhen. Aber in dem Herzen der dort Kommenden war es noch hellerer, wärmerer Sonnenschein, — denn in ihnen wogte der Zauberstrahl des Glückes auf und nieder. Voran ritt ein stattliches, jugendliches Paar. Eine im Glanz der Jugend und des Glückes strahlende junge Frau, die auf dem weißen Zelter im schwarzen Neitkleid eine sehr anmuthige Erscheinung abgab. Ihr Begleiter trug ein reich mit Gold verbrämtes Wams, — das seine schlanke, blühende Gestalt in ein noch vortheilhaftcrcs Licht hob. Auf seinem, mit wcrthvollen Steinen geschmückten Barett schwankte eine stolze Feder und bekundete den Edelmann. Man sah der ganzen Erscheinung des Reiters an, daß sie von Glück und Liebe gehoben und begeistert war. Welch' seliges Lächeln spielte nicht um seine Lippen, wie leuchteten nicht die Augen, als suchten sie überall ein thcilnchmcnd Herz für die Fülle seines Glücks Ihnen folgten ältere Personen. Eine bleiche — halb zusammengebrochene Frauen- Gestalt, die leicht und ätherisch nur noch mit wenigen Fäden an diese Erde gefesselt schien. ES war Margarcth — an ihrer einen Seite ritt Herzog Heinrich, — an der anderen Bolcslaus, und sein sorgend-freundlicher Blick verrieth, daß sich die Herzen ausgesöhnt haben mußten und die Sonne der alten Liebe noch am Abend durch die dunklen Wolken gedrungen und mit ihrem Strahlenlicht die entfremdeten, erstarrten Herzen erwärmt und durchleuchtet. Man sah der armen Frau noch immer an, daß der tiefste Scclenschmcrz sie heimgesucht haben mußte, denn nur dieser unterwühlt so tief und unaufhaltsam die innersten Wurzeln des Lebens, um doch zugleich den ganzen Menschen wunderbar zu durchgcistigen und für eine höhere Welt geschickt zu machen. Nur in ihrem Auge lag eine wunderbare Seligkeit, als habe eine gütig-freundliche Macht mild-vcrsöhnend die Hand aus ihr gequältes Her; gelegt. Und so war cS auch. Nachdem sich durch die jüngsten Erlebnisse Alles so wunderbar ausgeglichen, war man versöhnt und glücklich nach Glogau abgereist, nm die arme Margarcth abzuholen und dort die Hochzeit glänzend und prächtig zu feiern. Dem verarmten Wenzel war es unmöglich gewesen, sie zu begleiten und er hatte seinen Vater gebeten, ihm während seiner Abwesenheit die Verwaltung des HcrzogthumS allein zu übertragen, bis dieser nach der Rückkehr auch Ludwig mit in die Herrschaft eingesetzt. Nicht einmal Lebewohl zu sagen, hatte er vermocht, denn der jetzt sichere Verlust Hcdwig's war doch ein zu harter, — grausamer Schlag für seine leidenschaftlich bewegte Brust, und als die Karavane heiter und glücklich über die Schloßbrückc zog, da sah er ihr von seinem Fenster düster nach und seufzte bitter: „Sie sind Alle frei und glücklich, nur ich — ich schleppe die Ketten und darf nicht einmal Diejenigen Haffen, die sie mir angelegt; ich kann, ich darf es nicht! Es ist ja mein Bruder, der mir den theuersten Schatz entwendet, es ist die heiß und einzig Geliebte, die mir so tiefe Wunden schlägt." Er versank in düsteres Hinbrüten. „Wie leicht und glänzend hat nicht mein Leben begonnen? Die Sonne schien'warm und hell — Alles bog sich zu mir hernieder, mich weich und glücklich zu betten. Diese'Hedwig? — welch' ein herrliches Wesen! Sie schien für mich geschaffen. Wie tanzte das stolze Lebcnsschifflein so keck und frei hinaus auf die See und jetzt — wie dürftig und zertrümmert kehrt es nicht zurück! — Ich bin arm geworden — wie anders mein Bruder — er ist der Glückliche, ich möchte ihn nicht nur um dies Weib, auch um seine Vergangenheit beneiden. DaS Geschick trug ihn aus dem Staube hinaus zum höchsten Glück, er hat im Fluge erreicht, was seine kühnste Phantasie sich nur träumen konnte. Hch fühle eS jetzt, nur wer vorwärts kommt, ist reich und glücklich, wer stehen bleibt —schon Bettler. Ich will nach Ruhm uud Ehre geizen, in mir kocht des Vaters dunkleres Blut!" 381 Dieser Gedanke fuhr ihm jetzt durch den Kopf und sänftigte seinen Schmerz, der nur von dem ewigen darüber Brüten ein unheilbarer wird, dort aber stets an Macht verliert, wo neue, kräftigere Wellen ihm ein sicheres Grab betten. Aber wie kam die still und fast gedankenlos in ihrer Jagdhütte öde, freudenlose Tage hindämmernde Margarcth zu diesem Sonnentag? Die Verzweiflung über den gewissen Verlust ihres Sohnes hatte sie in die Nacht des Wahnsinns gestürzt, sein Wiederfinden sollte der leuchtende, freundliche Genius werden, der sie wieder hinauf znm Sonnenlicht deS gesunden Seins und Denkens trug. Die Worte: „Hier ist dein Sohn, dein Jahre lang verloren r Sohn," wirkten Anfangs auf sie vernichtend. Sie zitterte am ganzen Körper, stieß einen Schrei auS und tastete in der Luft. Als Ludwig näher trat und sie in die Arme schloß, da schob sie in ficberischer Hast das Wams zurück, erblickte das ErkcnnungS-Zcichcn — und mit dem Ausruf: „Mein Sohn, mein Sohn!" sank sie ohnmächtig zusammen. Die Welle des Glücks war zu hoch, zu gewaltig, und Alle zitterten für ihr Leben, und doch — nur eine solch' mächtige Woge sollte glättend, sänftigend ihrer Seele den Frieden zurückbringen und die verstörte, verrückte Geisteskraft in ihre ruhige Bahn lenken. Als sie wieder erwachte, war ihr erster, ängstlich suchender Blick nach Ludwig. Sie sah ihn am Bette sitzen, strich mit der weißen, durchsichtigen Hand über die umwölkte Stirn und flüsterte dann: „So ist es doch kein Traum, du bist hier — und gehst mir nicht mehr verloren?" „Nein, geliebte Mutter, ich bleibe bei dir," cntgegnetc warm und innia Ludwig, „ich will dich lieben, hegen und Pflegen, wie du cS bedarfst. Wie bin ich glücklich, an einer liebenden Mutterbrusl auszuruhen, nach der ich mich so heiß und innig gesehnt." (Schluß folgt.) Das Leben a«f dem Grunde des atlantischen Oceans. Ueber „das Leben auf dem Grunde des atlantischen OccanS" theilt Herr Oskar- Schmidt nach den neuesten Tiefensondirungen in der „N. Fr. Pr." Folgendes mit: Schon vor mehr als drei Jahrzehnten machte Ehrcnberg die Entdeckung, daß die europäischen Kreidefelsen zum größten Theile aus den Schalen und Schalcntrümmern mikroskopischer Thierchen niedrigen Ranges gebildet seien, und bald darauf konnie er eine Abhandlung veröffentlichen über noch jetzt im Wasser und Schlamm der Nordsee „lebende Krcidcthicrchen." Man erwog damals und bis in die neuere Zeit die Bedeutung eines solchen Ausspruches nicht genügend; ein verwandtes Interesse knüpfte sich aber an jene ersten Entdeckungen mit dem Beginne der Tiefensondirungen, welche am Großartigsten behufs der Lcgung des „transatlantischen Kabels" ausgeführt wurden. Auch die schon vorher begonnene, sorgsame Untersuchung der Meeresströmungen und überhaupt der ganzen physikalischen Beschaffenheit des Meeres zum Zwecke der Erleichterung und Sicherung der Schifffahrt, worin der berühmte Nautiker Maury seinen Namen begründete, lenkte die Augen auf die bisher nur angeregten Poblcme. Es wau dabei von äußerster rechnischer Wichtigkeit, die wahre Beschaffenheit und Zusammensetzung des Meeresbodens zu wissen, auf und in welchen das Kabel gebettet werden sollte. Es genügten die Proben nicht, welche an dem alten, — mit Talg cingericbenen Lothe hafteten, und es wurden mehrere sinnreiche Apparate erfunden, um ausreichende Grundprobcn herauszubekommen. Die mit den anderen Hilfsmitteln ausgeführten Sondirnngcn erstreckten sich auf etwa 2000 Faden oder 12,000 Fuß, und es fand sich, daß die größte Strecke des Bodens des mtantischen Oceans aus feinem Schlamm besteht, von welchem theils Trümmer, theils ganze Schalen und Gehäuse mikroskopischer Wesen die Hauptmaste bilden. Ehreuberg behauptete wiederum, aus dem Befunde dieser Gruudproben schließen zu .382 müssen, daß jene Thierchen auf dem Grunde wirklich lebten, — trotz des ungeheure» Wasserdruckes. Allein man warf ein, gestützt auf die Beobachtung ganz ähnlicher Wesen, welche sich in geringer Tiefe oder an der Oberfläche schwimmend aufhalten, daß die An- Häufungen auf dem Meeresboden durch das Sinken der Schalen abgestorbener Thierchen geschehen. Auch Sccsterne wurden nicht selten bei den Lothungcn an'S Tageslicht gebracht, allein es blieb immer ungewiß, in welcher Tiefe und unter welchen Verhältnissen überhaupt sie sich an die Taue und Leinen angeklammert hätten. So galten bis vor Kurzem die Aufstellungen, welche der frühvcrstorbene englische Zoolog Forbes nach seinen Untersuchungen in griechischen Meerestiefen angestellt hatte: daß von der Strandzonc an sich die Thiere und Pflanzen nach verschiedenen Schichten rangirten, daß aber im Allgemeinen über 100 Faden in die Tiefe das normale Leben sich nicht erstrecke. Da machte vor zwei Jahren der jüngere SarS, der tüchtige Sohn des berühmten Zoologen in Christiania, einen sehr merkwürdigen Fund. Zur Untersuchung der Dorf-Fischereigründe an die Küsten und Umgebungen der Loffoden gesendet, wendete er das Schleppnetz in größeren Tiefen an, als man bisher damit gearbeitet, — bis 300 Faden. Er fing unter Anderem eine Anzahl kleinerer Haarsterne, eine neue Gattung aus einer Familie, welche man längst und zwar seit der Kreidezeit ausgestorben wähnte. Eine nähere Beschreibung würde hier nicht am Platze sein, wir begnügen uns mit dem Namen UIii 20 oririu 8 lolluckensis. Als nun die Professoren Wyville Thomson in Belfast und Carventcr in London an der Küste von Nordbritannicn in ähnlichen Tiefen dasselbe Krcidethier fanden, unternahmen sie im vorigen Jahre eine großartige Schleppnetz- Excurston, wozu ihnen die Admiralität einen eigenen Dampfer zur Verfügung stellte. — Ueber die Resultate derselben hat Professor Thomson in einer öffentlichen Vorlesung in Dublin Rechenschaft gegeben. Man untersuchte die Strecke zwischen Schctland und den Färbern, sowohl den Bezirk des Goldstromes, als die kältere Mcereszone zu den Seiten desselben, und das Schleppnetz wurde im Golfstrombezirke auf eine Tiefe von 3180 Fuß versenkt, bei welcher das sich selbst registrirende Thermometer über 6'' N. Wärme angab. Es wurde von ihnen erstens nochmals constatirt, daß der feine Kalkschlamm des BodenS in der Hauptsache aus den kleinen Schalthierchcn besteht und fortwährend gebildet wird, die namentlich zur Gattung 6Ioki^nrinu gehören. Und wenn Ehrenbcrg einst sagte, daß noch jetzt Thierchen aus der Kreideperiode lebten, so geht Thomson weiter: der heutige Boden des atlantischen Ozeans, — soweit er auS jenem Kalischlamm bestehe, sei geradezu der Boden des Kreidemecrcs. „Es gibt eine Ticfcnzone im atlantischen Ozean," sagt der englische Forscher, — „worin der Himalaya Platz hätte, ohne daß die darüber rollenden Wogen sich an ihm brächen, und es scheint nicht, daß seit der Ablagerung der älteren Tertiärschichten jenseits der Tiefe von 1500 Fuß auf der Strecke zwischen Nord- Europa und Nordamerika Bodcnhebungcn und Senkungen stattgefunden haben. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Hauptzüge der Contouren der Erdrinde seit dem Anfange der mesozoischen Periode nur geringe Veränderungen erlitten haben, und daß die große Tiefe des atlantischen, pazifischen und antarktischen Ozeans ihre Bildung solchen Ursachen verdanken, welche schon vor jener so sehr entlegenen Zeitpcriode wirkten." ES soll dabei, meint Professor Thomson, nicht in Abrede gestellt werden, daß im Laufe der Jahrmillionen kleinere Erhebungen und Veränderungen stattgefunden haben; da und dort sind die Temperaturen in Folge der durch lokale Hebungen abgeleiteten Meeresströmungen andere geworden, und die nach und nach sich vollziehenden, unwesentlichen und leichteren Veränderungen und Umgestaltungen haben auch eine allmälige, aber nicht durchgreifende Umwandlung der Thicrwclt der Tiefe» nach sich gezogen. Zu Dem, was im Vorausgehenden über das Vorkommen deS merkwürdige» RhizoorinuS gesagt ist, ist noch hinzuzufügen, daß da- Thier auch auf dem Golfstromboden zwischen Florida und Kuba gefunden worden ist. In diesen Gegenden läßt die Regierung der Vereinigten Staaten seit mehreren Jahre» Küsten^Sermeffungen und Tiefe»- 383 Sonderungcn vornehmen. Die Expedition ist von dem Zoologen Grafen Pourtales begleitet, und die wissenschaftliche Bearbeitung des mit größter Sorgfalt gesammelte» Materials ist theils von Pourtales selbst und den Professoren Agasiz, Vater und Sohn, in Cambridge in Massachusetts übernommen, theils dem Verfasser Dieses übertragen. Bon Pourtales wurden interessante Schwämme gefunden, und Thomson förderte aus den Tiefen zwischen Shelland und den Faröern auch eine Anzahl sehr zierlicher, in ihrem mikroskopischen Detail bewunderungswürdiger Spongicn oder Schwämme herauf, und hat in dem erwähnten, in Dublin gehaltenen Vortrage es wahrscheinlich zu machen gesuckt, daß gewisse Versteinerungen der Kreide, die Ventrikulitcn, mit diesen heutigen Schwämmen in direktem Zusammenhange stehen. Er kommt dabei zurück auf die schon oft ausgesprochene Vermuthung, daß die Kieselknollcn und Feuersteine der Kreide dadurch entstanden seien, daß die Kieselsubstanz der Krcidcschwämme aufgelöst und dann wieder zu Feuerstein konzentrirt worden sei. Die Frage über die Beziehungen der lebenden zu den fossilen Spongicn hat in neuerer Zeit einige Aufhellung gefunden. Zuerst handelt es sich um den Zusammenhang der lebenden Schwämme. Wenn Zoologen heute vom Zusammenhang der Organismen sprechen, so meinen sie darunter den der Abstammung und Blutsverwandtschaft. Zu den Spongicn, welche einer rationellen Systematik Trotz zu bieten schienen, gehört ein wundersames Produkt der japanestschcn Gewässer, welches als ächter Japanese mit einem Zopf von über fußlangen gedrehten Kieselfäden versehen ist (ll^ulonoma), — und ein zweites, röhrenförmiges Gebilde von der Küste der Insel Kuba, dessen Kicsclnetz mit der feinsten Stickerei und Filigranarbeit wetteifert. Das ist die berühmte Euplektella, welche noch vor wenigen Jahren mit zwanzig Pfund bezahlt wurde, seitdem aber in ziemlich vielen Exemplaren in unsere Museen gekommen ist. Zu diesen vereinzelten, durch ihre Kicselkörperchen auf einander hinweisenden Arten wurden nun sowohl an der portugiesischen Küste als auf dem Golsstromboden nördlich von Shctland Pendants gefunden. Und die ergänzenden systematischen Glieder liegen mir von Kuba und Florida und von den Kapverdischen Inseln vor. Noch mehr. Manche Eigenthümlichkeiten der sogenannten GlaSspongien mit zusammenhängendem Kieselgerüst wiesen auf die enge Verwandtschaft mit der Euplektella und Hyalonema. Eine neue Gattung von Florida zeigt nun zu der vollsten Evidenz an einem und demselben Exemplare den Uebcrgang der isolirten Nadeln in das kontinuirliche Geflechte, und wenn auch noch manche erläuternde Beobachtungen und Funde fehlen, so ist über die Zusammengehörigkeit aller dieser Organismen entschieden. Bevor dieser Zusammenhang nachgewiesen, ließ sich schwer über die eigentliche Natur und die natürliche systematische Stellung der fossilen Schwämme urtheilen. Man war noch vor Kurzem geneigt, sie als eine ganz besondere, mit den jetzt lebenden Schwämmen kaum verwandte Gruppe niederster Organismen zu halten, bis Professor Thomson wieder die Behauptung aufstellte, daß die heutigen „GlaSspongien," das sind die Schwämme mit zusammenhängendem Kiesclgcflechte, ganz nahe Verwandte jener das Jura- und Kreidemeer bevölkernden Gebilde seien. Dieß kann nun, auf Grund sehr spezieller mikroskopischer Verglcichungcn, mit völliger Gewißheit ausgesprochen werden. Die beiden Hauptgruppcn der fossilen Schwämme, die mit dem sogenannten wurmförmigen und die mit dem gittcrförmigcn Gewebe, existircn uoch heute. Die geographische Verbreitung dieser lebenden Fossile ist, wie aus den obigen Mittheilungen hervorging, eine sehr merkwürdige; sie scheinen nicht bloß im nördlichen atlantischen Ozean, sondern auch in den tropischen Meeren die größeren Tiefen zu lieben, und haben diese Wahl des Standortes aller Wahrscheinlichkeit nach von ihren Urvorfahren ererbt. Ihre Genossen in jenen Tiefen-Plateau's sind und waren fast ausschließlich Wesen, gleich ihnen zweifelhafter, unentschiedener Natur, — sogenannte Protoplasma- Organismen, und zwar in so ungeheurer Fülle, daß der ganze Meeresboden nicht als ri» todter, sondern als ein zusammenhängendes Lebendiges erscheint. Protoplasma ist 384 «mf Protoplasma gehäuft, jede mikroskopische Probe, von Thomson's und Carpcnter'S Kreuzfahrt heimgebracht, enthüllte dasselbe. Angesichts dieser uncrmcßbar großen Lebens- menge ist der Fund von 10- bis 20,000 Fuß tiefen Schichten der Laurcnzihchcn Formation in Kanada, — bestehend aus den Schalen - Anhäufungen des ältesten bekannten Protoplasma-Thieres, des ko/.oon c-Lnullenne, nichts Außerordentliches. Muster - und MilitärstaatlichcS in Norddeutschlaud. Die Iugendlehrer würde man Gern reichlicher belohnen; Allein, allein man braucht zu viel Des Geldes — für Kanonen. Die Lehrer-Wittwen würde man Vor Hunger gern bewahren; Allein, allein man braucht zu viel Des Geldes für — Husaren. Man würde auch Asyle bau'n, Als Obdach für die Armen; Allein, allein man braucht zu viel DeS Geldes für — Gensdarmen. Man baute gern der Intelligenz, Dem Fortschritt neue Bahnen; Allein, allein man braucht zu viel Des Geldes für — Uhlancn. Man ließe gern von Steuern frei Die ärmeren Bewohner; Allein, allein man braucht zu viel DeS Geldes für — Dragoner. Den Rcichstags-Gliedern gönnte mau Bon Herzen gern Diäten; Allein, allein man braucht zu viel Des Geldes für — Musketen. Man baute gern ein Waisenhaus Hinauf bis zu den Sternen; Allein, allein man braucht zu viel Des Geldes für — Kasernen. Wcnn'S nur noch kurz so weiter geht In jenem Musterstaate, Dann gibt'S dort bald nichts weiter mehr, Als — und Soldaten. (Er ist ein Pariser.) Irgend ein Kauz hat, um die schlechte Meinung, welche der Pariser vom Auslande hat, darzuthun, eine kleine Blumenlcsc der für gewisse sociale Untugenden dem Bewohner der Weltstadt geläufigen Metaphern zusammengestellt. In der Pariser Umgangssprache heißt der Uebcrvorlhcitcr im Geschäfte Jude, der Wucherer Araber,, der in gewissen Specialitäten exzellircnde Dieb Amerikaner, der ungeschliffene Grobian Savoyard, der Tölpel Wälscher, der Trunkenbold Pole, der Landstreicher Böhme (oder Zigcuüer), der Thürstehcr Schweizer, der bezahlte Klalschcr Römer und der falsche Spieler Grieche. Auch der Chinese hat in der „Pariser Sprache" einen sehr niederen Cours. Wenn aber in dem übrigen Frankreich von einem Tagdicb die Rede ist, — so heißt cS: „Er ist ein Pariser!" ^Mittel gegen Ungezogenheit.) Der Besucher einer Bibliothek in Paris glaubte zu bemerken, daß jedesmal, wenn er in den Lese-Salon trat, zwei der Beamten, welche bei der Büchcrverthcilung beschäftigt sind, von einer plötzlichen Heiterkeit ergriffen wurden, deren Objekt augenscheinlich er selbst war. Um dieser muntern Laune ein für alle Mal ein Ziel zu setzen, schrieb er eines Tages auf den Zettel, auf welchem mau den Titel des gewünschten Buches vermerkt: „Geschichte eines kleinen Bücherwurmes, welchem eine unzeitige Lachlust sechs Zoll Eisen in den Leib einbrachte. Paris, 1869." Seit dieser Zeit thront auf dem Antlitze der beiden Beamten der unerschütterlichste Ernst. Druck, Vertag ane Redaction d«S Literarische« Instituts dv» 0r. M. Huitler. Nr-v. 49. ü. Decbr. 1869 ArrasLnrraer Arrasbrrraer Gefühl, an Inhalt reicher als an Worten, Ist stolz auf seinen Werth, »nd nicht anf seinen Schmuck! Nur Bettler wissen ihres Guts Betraq. Shakespeare, Romeo und Julie. Akt N. Scene S. Die Hand. (Schluß.) „Ach, Ludwig, wie hab' ich dich gerufen, wie hab' ich geseufzt und geklagt und die Arme ausgestreckt — aber du warst immer so weit — du kamst nie bis zu mir, nur einmal, da hatte ich dich — da schloß ich dich an meine Brust, aber nur einen Augenblick, ich hörte die Alte lachen und du warst verschwunden." „Das war kein Traum, Mutter, ich war es selbst, den du in die Arme schlössest, »nd Sohn nanntest, — hätt' ich es damals ahnen können!?" „Nun, Gott sei gelobt, ich habe dich jetzt und halte dich fest!" Die Nähe ihres Sohnes that Wunder. Der Geist der armen Frau wurde immer lichter und freier — und am Hochzeitstage deS jungen Paares schlich schon das erste, so innige Lächeln über dies bleiche Antlitz und verkündete völlige Genesung. Ludwig hatte nach der Hochzeit darauf gedrungen, die Heimreise nach Brieg über Eprottau anzutreten, um die Spielplätze seiner Kindheit aufzusuchen — und den alten Schmicdclcuten sein ungewöhnliches Glück zu verkünden. Waren sie auch in einer befangenen Stunde rauh und unfreundlich gegen ihn gewesen, er hatte ihnen ja doch so unendlich Vieles zu verdanken, und auch Margarcth's weichem Herzen that es wohl, die guten Menschen kennen zu lernen, die ihren Sohn aufgenommen und liebevoll gepflegt, um vielleicht in Etwas ihre große Schuld, die nur ein liebend Mutterhcrz würdigen konnte, abzutragen. Die Gesellschaft langte in der glücklichsten Stimmung vor dem Schmicdehausc an, in dessen Thür schon der von dem Geräusch herbeigelockte Schmied stand, und vor dem hohen, seltenen Besuch ehrerbietig das Käppchcn zog, um seine Befehle zu erwarten. — Gewiß gab'S eine kleine Arbeit. Der kleine Zug hielt und Ludwig rief lachend aus: „Kennst du mich nicht, so müssen die wenigen Jahre Euren Ludwig sehr verändert haben." Der Schmied blickte jetzt schärfer hin, — aber er wollte kaum seinen alten Augen trauen, das waren wohl die Züge Ludwig's, jedoch das kostbare Kleid, — die Ritter im Gefolge — daraus sollte ein Anderer klug werden und er lies, ohne ein Wort zu antworten, völlig außer Fassung gebracht, in die Wohnstube, um seiner Frau und Tochter die Ankunft solch' wunderlicher Gäste mitzutheilen. Diese stürzten mit weiblicher Neugicrde heraus und blieben in eben dem maß- und sprachlosen Erstaunen als der Schmied. „Nun, Leute, seid Ihr toll?" — jubelte der Reiter, vom Pferde springend und sie Alle umarmend. „Kennt Ihr den Ludwig nicht, der Herzog geworden ist, nicht nur Graf?" „Herzog?" riefen die Drei wie aus einem Munde, „das ist nicht möglich." „Und hier bringe ich meine junge Frau, — die Tochter des Herzogs Heinrich von Glogan," fuhr der Glückliche erläuternd fort. 386 Die verwunderten Blicke wendeten sich jetzt auf die Bezeichnete, von deren Schönheit das ganze Land erzählt, und die Wahrheit der Wundermähr begann in den vor Erstaunen starren Herzen Eingang zu finden. Bolcslaus mit Margareth und dem Herzog Heinrich waren jetzt angekommen und stiegen ebenfalls vom Pferde, und damit begannen die Schmiedclcutc die frenide ungewöhnliche Scene ganz zu fasten. Es war kein Trug — volle, blühend üppige Wirklichkeit, — wie sie das des Ausführlichsten aus dem Munde des überglücklichen Ludwig erfahren sollten. Das war ein Leben, eine volle, herzerquickende Seligkeit, was mau da Alles zu sagen, zu erzählen und mitzutheilen hatte. Das Vergangene war vergessen und als der Schmied daran erinnerte und gestand, wie sehr er es bereut, seinem armen Ludwig wehe gethan zu haben, wie er dann später die Schlechtigkeit Georgs eingesehen und daran auch geahnt, daß nur dieser der Vertäuender und Betrüger, cntgegnete Ludwig freundlich: „Laß das, wäre denn Alles so gekommen, wenn nicht Georg mich aus Eurem stillen Hause getrieben? Ich schulde ibm sonach mein Glück, wie wenig redlich er's auch gemeint, und dann, der arme Mensch hat es büßen wüsten, wir sind versöhnt!" Die Schmiedeleute fragten erstaunt nach den ferneren Schicksalen Georgs, und als sie von dessen Tode hörten, schien ihnen eine rechte Last vom Herzen gefallen zu sein. Jetzt erst sah Ludwig sich seine alten Freunde näher an. Welche Veränderungen hatte das Auftreten dieses einzigen Menschen hervorgebracht! Ulrike war nicht mehr das spielende Kind, ein strenger, herber Zug spielte jetzt um die früher nur lächelnden Lippen. Es mußten harte Kämpfe gewesen fein, sie mußte viel gelitten und geduldet haben, ehe sich solch' ein tiefer, unfreundlicher Ausdruck in ihr Gesicht eingeprägt. Und war das Wiedersehen Ludwig's nicht auch ein bitterer Tropfen mehr in ihr vergälltes, vergiftetes Leben? Sie sah ihn, den sie zu schlecht befunden und zurückgesetzt, hoch über sie Hinwegragen, sich im vollsten, reichsten Strahl des Glückes sonnen, während über ihr Leben nur eine ewige Nacht ausgebreitet schien, die schlimmer, dichter und dichter sich zusammenzog. Wenn sie ihm damals ihre Hand gereicht, dann wär' sie jetzt eines Herzogs Weib; so rhöricht, possenhaft der Gedanke, so quälend war er doch, denn er kam ja aus einem eitlen Weiberherzen. Auch der Schmied hatte in den „drei Kummerjahren" mehr gealtert, als in zehn glücklichen vorher. Des Bürgers glänzendes Ziel und Streben ist die Erreichung eines gewissen Wohlstandes. Darnach wird gerungen, geschafft und unermüdlich gespart und gedarbt. Geht diese Aussicht durch einen tückischen Schlag des Schicksals verloren, dann sinkt der früher so Streb- und Arbeitsame muthlos zusammen — und überläßt sich dem Treiben seines dunkeln Geschicks. So war es dem Schmied ergangen. Georg hatte sich des Ackerbaues befleißen wollen, und zu diesem Zweck vom Schwiegervater die sämmtlichen Ackerstücke geschenkt erhalten. Das war freilich sehr übereilt — denn kaum war der Erstere im Besitz derselben, als er eines nach dem andern zu verkaufen begann. Anfangs hatte er bei den Ermahnungen des Schmiedes noch Vorwände; da wollte er bester gelegene Ländercien erwerben, aber als der Schmied sah, daß die schönen Ackerstücke seine nie rastende Gurgel verschlang, da gab es heiße Kämpfe. — Georg lenkte dann gewöhnlich ein, versprach Besserung, bis er mit dem Kaufschilling des letzten Ackerstückcs selbst verschwand. Dem Schmied wurde mit seinem Wohlstand auch Frieden, Gesundheit und gute Laune untergraben, sein Stolz und mit ihm seine Lebensfreude war gebrochen, er hatte der Rathshcrrnstelle entsagt, weil ihm der seines Düukcns nach nöthige Reichthum fehlte, 387 und still und in sich gekehrt mied er seine Mitbürger, um nicht, was ihn am Tiefste« verwundete, beklagt zu werden. Die Lust zum Arbeiten, — mit ihr der Verdienst, — fiel weg, und er war der Verarmung nahe. Nur die gute Schmiedefrau hielt in Noth und Unglück aus. Sie war nicht nur dieselbe geblieben, sondern noch emsiger, — geschäftiger geworden, und mit ihrem liebe- sorgendeu Herzen suchte sie ihre Umgebung aufzuheitern und glücklich zu stimmen, so viel sie es vermochte. Sie murrte nicht, wenn manch' altmütterlicher, werthvoller Hausrath hinauswandern und geringerem Platz machen mußte. In neuester Zeit war es durch den Beistand eines wackeren Gehülfen, der ganz in der Stille um die verlassene Ulrike warb, wieder etwas bester gegangen, das hatte diese eingesehen und deßhalb den Gedanken einer Verbindung mit ihm nur ungern vo« der Hand gewiesen. Die Nachricht von dem Tode ihres Mannes konnte daher keine Wunde schlagen, mußte ihr vielmehr neue Lebenshoffnung geben, denn damit war jedes Hemmniß beseitigt und sie konnte dem treuen Gesellen Herz und Hand bieten. Boleslaus bot nun dem Schmied ein ansehnliches Geschenk, das dieser, — obwohl zögernd, annahm. Margareth, die besonders von der Frau des Schmiedes sich angezogen fühlte, und in warmen, herzlichen Worten ihre Dankbarbeil ausdrückte, ließ sich's nicht nehmen, für die Aussteuer Ulrikens sorgen zu wollen. Das junge Ehepaar bat, daß diese nunmehr sich zu ihrer baldigen Verbindung entschließen möge, um ebenfalls werkthätig eingreifen zu können. Auch der Herzog, von Glogau wollte nicht zurückstehen und bewilligte dem Schmied für sich und seine Nachkommen freies Holz im Sprottauer Walde, so viel seine Schmiede bedürfe. Das war ein Jubel ohne Ende! Dem alten Schmied liefen die hellen Thränen an den Wangen hinunter, zu viel des Glückes kam über seine hoffnungs-crstorbcne Brust und er rief jubelnd zu seiner Frau: „Siehst du, das war doch der reichste Fund, den ich dir in's Haus gebracht." Die Gäste wollten nur wenige Stunden bleiben, aber der Schmied mußte doch wenigstens mit seinem hohen Besuche Aufsehen machen und bat so lange, bis die Gäste eine Mahlzeit bei ihm einzunehmen versprachen. Er hatte in seinem Eifer wenig auf die abwehrenden Worte seiner Frau geachtet, die ihn endlich bei Seite zog — und ihm vorwurfsvoll zuflüsterte: „Was hast du nur gemacht, wir haben ja nichts im Hause, das ganze Silbergeschirr ist fort — und solche Gäste — ich weiß nicht, was ich anfangen soll." Margareth aber, welche die Verlegenheit der guten Leute bemerkte, ließ schnell de« mitgebrachten Mundvorrath und das Silbergeschirr auspacken, und so war bald Alles z« einem frugalen Imbiß geordnet. Nachdem das Mahl beendet, bat Ludwig, in den Garten hinauszuwandern. Herr Gott, wie war der zusammengeschrumpft; die Stadtmauer stieß ja schon a» die nächsten Bäume an, und wie war er früher so groß gewesen, so groß-und weit, daß ihn kaum die Kinderphantasie erschöpfen und ergründen konnte! Nur der alte Baum hing noch immer die wieder grünen Aeste über die Mauer, dorthin zeigend, sagte Ludwig bewegt zu Ulrike: „Siehst du die Zimmer unseres Schlöffe-, wie weit, wie weit ragten die nicht über die Erde hinaus! Nicht wahr, Ulrike, hier sind wir glücklich gewesen, das war einmal ein Traum — und daS Schicksal hatte gar fleißig daran zu spinnen, um all' Das so reich und freundlich wahr zu machen." Er trat jetzt allein dicht heran und blickte iu das frische, warme Grün, er lauschte 388 auf das Rausche» der Blätter, aber sie sprachen nicht mehr, eS war Alles stumm nud schweigend. Eine Thräne stahl sich ihm in's Auge und er seufzte: „Vielleicht war ich damal- glücklicher als heute, wo alle Hoffnung in dem einen Wunsch erstirbt: Möge mein Glück von Bestand sein! Gottes Hand hat wunderbar über mir gewaltet, ich will nicht nach verlorenen Träumen haschen, sondern mich des Sonnenlichtes freuen, das hell und glänzend um meine Seele spielt I" Ulrike bemerkte jetzt: „Sieh, die Hand auf der Brust war doch eine recht freundliche, denn ohne sie wärest du nie zu deinen Eltern gekommen." „So hat mich in Wahrheit eine Hand geführt," erwiderte Ludwig, „eine wundersame Gotteshand, und ich will mein Geschick segnen. Aber welcher Ursache danke ich ihr Entstehen?" wandte er sich fragend an Margareth, „das möchte ich doch gerne wissen." „Es war noch im Kloster zu BreSlau," erzählte diese, „als ich, in düstere Gedanken versunken, in meiner Zelle saß, denn ich trug dich bereits unterm Herzen. Bei meinem Fenster stand ein Lindenbaum, der meinen verweinten Augen so wohl gethan. Da zog eines Tages ein fürchterliches Gewitter herauf, die Blitze zuckten nicht mehr, nur ein einziger gerader Strahl schien aus den Wolken zu dringen. Schon schien sich das Gewitter vergrollt zu haben, die Schläge folgten langsamer auf die niederrauschcndcn Fcuergarben und ich athmete hoch auf. Plötzlich fuhr ein noch heftigerer, gewaltigerer Blitz als die früheren hernieder, ei» fürchterlicher Donnerschlag folgte, ich hörte es prasseln und krachen, als ob das ganze Kloster in seinen Grundfesten erschüttert worden, und schlug erschrocken mit der stachen Hand an meine Brust. Das Gewitter war, wie dieß in schwülen Tagen oft der Fall, mit verdoppelter Gewalt zurückgekehrt. Ich sah hinaus und erblickte den schönen, prächtigen Baum, der so kühn und gewaltig sein Haupt in die Höhe gestreckt, zersplittert und völlig zermalmt am Boden. Ich hatte den Vorfall über manch' anderen Sorgen und Schmerzen vergessen, erst als du das Licht der Welt erblicktest und ich das sonderbare Mal, die Hand auf deiner Brust, gewahrte, kam mir das sonderbare Ereigniß wieder in Erinnerung." Ludwig erwiderte hierauf warm und bewegt: „Nun, ich will dieser Hand auf meiner Brust vertrauen und der leitenden dort oben über den Wolken." Man reiste endlich unter herzlichem Lebewohl ab. Wenige Wochen später gab eS in der Schmiede Hochzeit — und zum Erstaune» Sprottau's waren die herrlichsten Hochzcitsgeschenkc aus weiter Ferne angelangt. Jetzt erst wurde den Schmiedclcuten geglaubt, daß Herzöge bei ihnen eingekehrt waren. — Ludwig und Wenzel traten wirklich in friedlicher Gemeinschaft den Besitz der Herzogthümcr an, residirten aber — Brieg, den Sitz so vieler düsterer Erinnerungen weidend, in dem rasch ausblühenden Liegnitz Nur einmal wäre es fast zu Zerwürfnissen gekommen, als der Glogaucr sich jetzt die abgerissenen Lande zurückerbat. Wenzel und BoleslauS schienen nicht abgeneigt, dem Wunsche Hcinrich's zu willfahren, aber das junge Ehepaar wies das Begehren mit Bestimmtheit von der Hand. Der kluge Schwiegervater hätte nimmer geglaubt, daß gerade an dem Widerstände seiner Kinder die liebsten Pläne scheitern sollten. > Dem armen „Münstcrberger" war dagegen ohne Verzug sein Ländchcu zurückgegeben worden. Nur das Glück Margareth's sollte, wie sie wohl geahnt, nicht von Bestand sein. BoleslauS, der jetzt durch einen frommen Wandel das Vergangene gut machen wollte, hatte im allzustrcngen Eifer in der Charwoche zu viel gefastet, und holte sich au der erste» kräftigen Mahlzeit den Tod. Er wurde §uf seinen Wunsch im Kloster LeubuS bestattet und hatte im frommen. 389 büßenden Eifer verordnet, daß für immer eine brennende Kerze an seinem Grabmal gehalten werden sollte. Ein Jahr darauf folgte ihm die arme Margareth nach, um an seiner Seite von dem wilden Geräusch des Lebens auszuruhen, das ihre zarte Seele so tief verletzt. Das waren die Wermuthstropfen, die nun einmal selbst in dem golden, hcllschäu- mendsten Becher nicht fehlen dürfen. Viele Jahre verlebten die klebrigen in Frieden und Glück. Die weiteren Schicksale der beiden Herzöge erzählt die schlesischc Geschichte. Ein Schreckensbild aus Litthauen. Jenseits des am Vorwerk Beresina vorbeifließcnden FlüßchenS liegen einige Dörfer und der herrschaftliche Wald Soli. Auf den zwischen dem letzteren und dem Dorfe Pocie liegenden Bauernfcldern arbeiteten kürzlich gegen Abend vereinzelt einige Fraueu, als sich plötzlich aus dem Walde ein ungewöhnlich großer Wolf stürzte und ciue derselben in wenigen Minuten zerriß. Die übrigen Frauen, dies von Weitem sehend, eilten nach dem Dorfe, allein bevor die Männer herbeikamen, war der Wolf verschwunden. Die Leiche zeigte einen entsetzlichen Anblick. Gesicht und Schädel waren bis auf den Halsknoche« zerbissen; Brust und Bauch aufgerissen, die Eingeweide zerstreut. Der Aeltcste der Bauerschaft gab von dem Vorfall sofort der Polizei Nachricht und stellte bis zum Herbeikommen derselben sechs Wärter in der Nähe der Leiche auf. Einige Stunden später, als dieselben am Feuer lagen, erschien der Wolf aufs Neue. Nur mit der verzweifeltsten Gegenwehr gelang es den Männern, bis zu der am Waldrande liegenden Wohnung des herrschaftlichen Buschwächtcrs Jalewski zu retirircn, wo sie Thür und Fenster verrammelten. Einer von ihnen, ein starker Bauer, war auf der Flucht etwas zurückgeblieben. Der Unglückliche wurde von der Bestie gepackt und zerrissen. Gleich darauf kehrte der Busch- wächter aus dem Walde zurück. Auch ihn faßte der Wolf am Halse und riß Fleisch vom Kinnbacken ab. Mit großer Mühe und halb todt gelang es ihm, nach seiner Wohnung zu kommen. Der Wolf begab sich von dort nach den Dörfern Pocie und Ptoranie, überfiel förmlich einige Bauernhöfe, drang in die Stuben ein, welche, so lange im Ofen gefeuert wird, wegen des Rauches in der Regel offen gehalten werden, und verwundete Menschen und Vieh. Dann sprang er auf die Dorfweidc, beschädigte drei Knechte und viele Pferde und lief auf die Wiese, dicht an dem Vorwerke Beresina, wo die herrschaftlichen Pferde weideten. Hur verwundete er zehn Stück derselben, und als die Hirten zu Hilfe eilten, warf er sich auf diese, zerfleischte dem einen den Kopf, dem andern die Hand, deßglcichen der Magd des Buschwächters Mankiewicz, welche das Pferd des letzteren weidete. Hals und Oberschenkel. Dann lief der Wolf nach den Dörfern Chonytony und Makanynienta, tödtetc dort noch eine Frau, verwundete Hunde, Menschen und Vieh und verschwand im benachbarten Walde. — Im Verlaufe weniger Stunden hatte die Bestie drei Menschen getödtet, ciuunddreißig Personen (aber durchweg Erwachsene) und vierundsünfzig Stück Vieh mehr oder weniger stark verwundet. — Es ist dies eine grausige Erscheinung und noch mehr, wenn man bedenkt, wie alle Anzeichen dafür sprechen, daß der Wolf toll gewesen sei. Der Hcrzschlag will Einem stocken, stellt man sich die weiteren Folgen dieses Unglückes vor. — Die Aussagen der Verwundeten stimmen darin überein, daß der Wolf Schaum vor dem Maule hatte und den Schwanz hängen ließ. Nur beim Angriffe richtete er den letzteren auf and sprang auf die Hinterbeine — immer gleich nach dem Kopfe beißend. Wie stark dabei der Anprall war, beweist z. B. der eine Fall, wo er mit dem Gebiß einem jungen Bauer fünf Zähne einschlug. Sehr verdächtig ist der Umstand, daß der Wolf die Leichen nicht fraß, also nur aus reiner Wuth anfiel und mordete. Da es Nacht war und die Menschen ganz unverhofft überfallen wurden, so konnten sie auch nur wenig zu ihrer Vertheidigung thun. Ein Bauer schoß dem Wolfe eine Kugel durch den Hinterleib; ein anderer trieb ihm während des Herumbalgens das Vordertheil einer Schuhahle, die er zufällig in der Tasche hatte, in den Bauch. Wenn diese Verwundungen auch nicht sofort tödtlich waren, trugen sie doch dazu bei, die Bestie zu schwächen, welche am andern Tage auf merkwürdige Weise erlegt wurde. Man veranstaltete eine große Treibjagd. Die Bauern strömten von allen Seiten nach dem Versammlungsplatz in der Nähe des Waldes Sofki. Nicht weit von demselben, inmitten der Bauernfelder, befindet sich ein kleines Dickicht, Dombrawa genannt. Um näher zu gehen, nahm eine Abtheilung Bauern, sich bückend unter den Kiefern hinkriechend, ihren Weg durch dasselbe. Plötzlich fühlte sich der eine Bauer, zufällig ein sehr großer, starker Mann, von hinten am Pelze gepackt. Ohne eine Ahnung zu haben, daß es der Wolf ist, greift er mechanisch mit der Hand nach hinten und faßt die Bestie gerade im Genick. Zu gleicher Zeit sieht er die eine Vordertatze derselben an seiner Seite, faßt schnell auch diese, und nun überzeugt, es mit dem Wolfe zu thun zu haben, hält er denselben — sich mit dem Rücken an eine dicht danebenstchende Kiefer prcsiend — so lange, bis die im ersten Schrecken davon gelaufenen Bauern herbeispringen und ihn mit Beilen todtschlagcn. Der erlegte Wolf war von ganz besonderer Größe und hellfarbig. Die in seinem Leibe steckende Schuhahle bewies, daß er derjenige war, welcher am Abend vorher so entsetzlich gewüthet hatte. — Der Bauer, welcher den Wolf hielt, ist nur leicht am Rücken verwundet. Kinder wurden nicht gebissen, da diese zur Zeit, als der Wolf in die Häuser eindrang, bereits auf ihren gewöhnlichen Plätzen — auf den großen Backöfen — schliefen! Da man zu gleicher Zeit in der Nähe der oben erwähnten Dörfer noch mehrere Wölfe gesehen, so wurden bereits einige Jagden auf dieselben veranstaltet, allein bis jetzt ohne Erfolg. Nachdem man die Behörden von dem Ereigniß in Kenntniß gesetzt, trafen sofort der oberste Polizeibeamte, so wie verschiedene Doctoren des Kreises hier ein. Sämmtliche Verwundete wurden in dem Bauernschulgebäude, oben neben der Kirche untergebracht. Dort werden ihre Wunden von den Aerzten behandelt. Gegen die Tollkrankhcit nehmen sie die Mittel eines Wunderdoctors ein, der seither diese furchtbare Krankheit stets mit Erfolg curirt haben soll. Die in den Dörfern gebissenen Hunde und Schweine sind todtgeschofsen worden. Rindvieh und Pferde befinden sich in ärztlicher Behandlung. Von unseren verwundeten Vorwerkspferden mußte eins, als unheilbar und schrecklich verstümmelt, gleich am anderen Tage getödtet werden. Zwei andere, die am Kopfe gebissen waren, crepirtcn gestern, ohne daß sich vorher entschiedene Zeichen der Wuthkrankheit wahrnehmen ließen. — Die Bauern mußten bereits drei ihrer verwundeten Pferde tödten, bei welchen alle Anzeichen der Tollheit hervortraten. — Unter der ganzen Bevölkerung der Besitzung herrscht eine ungeheure Aufregung. Niemand will in jener Gegend, wo das Unglück geschah, auf das Feld oder in den Wald gehen, Niemand das Vieh weiden u. s. w. — Gebe Gott, daß es mit dem bereits vorhandenen Unglück sein Bewenden hat und die armen verwundeten Menschen wieder gesund werden!" „Helf Gott" und „wohl bekomm's!" Wer hätte in seinem Leben noch nicht niesen müssen? Ganz unerwartet überfällt es einen oft. Und dann ist alles Stemmen und Sträuben dagegen vergebens. War man vielleicht gerade in einem Gespräch mit Jemandem oegriffcn, wurde etwas Wichtiges erzählt, ein Urtheil gefällt, ein Beschluß gefaßt oder eine Klage geäußert, und es sängt einer aus der Gesellschaft zu niesen an, dann sagt der Aberglaube: „Er hat es beniest," und meint damit, daß das dabei ausgesprochene Wort eine ganz besondere gute oder schlechte Bedeutung haben müsse. So geht es mit Allem, was zufällig, plötzlich und unerwartet eintritt in diesem Leben, es trägt etwas Geheimnißvollcs, Orakelhaftes an sich. Was das Piesen aber eigentlich ist, und worin es seinen Grund hat, — dürste 391 Manchem noch unbekannt sein. Niest Jemand, so erfolgt erst ein tiefcS Einathmen, eS durchbebt alle Muskeln eine gewaltsame, nicht zu verhindernde Erschütterung, die Lunge zieht sich Plötzlich zusammen und alle in derselben befindliche Luft wird durch die Nase, und theilwcise auch durch den Mund — mittelst einer plötzlichen Zusammenziehung der Athmungs - Muskeln von Bauch und Brust mit einem eigenthümlichen Geräusche ausgepreßt. Ursache ist stets ein sonderbares Kitzeln in der Nase, oder auch bisweilen in der Herzgrube, erzeugt durch eine Reizung der Nasenschleimhaut und ihrer Nerven mit fremden in die Nase eingeführten Körpern, oder beim Katarrh mit Schleim und Thränen, mittelbar auch durch Sehen in die Sonne oder Reizung der Unterleibs - Nerven. Alsdann stehen gleichsam alle körperlichen Funktionen still, und der Mensch erscheint eigentlich in der Situation, als warte er der Dinge, die da kommen sollen, bis endlich mit einem Male die so eben geschilderte Erscheinung erfolgt. Während dieses Vorganges wird der Durchgang des Blutes durch die Lunge und der Rücktritt desselben aus dem Kopfe, obwohl letzterer durch die Schlagadern ungehindert gefüllt und ausgedehnt wird, gehemmt. Aus diesem Grunde entstehen durch allzuhcftiges und anhaltendes Niesen verschiedene unangenehme und geradezu schädliche Folgen. — Alle Sinne, sammt der Bewegung der Musleln, beginnen ihre Dienste zu versagen, das Gesicht schwillt auf, die Augen thränen und die Nase fängt an zu tropfen, ja endlich werden alle Funktionen des Gehirns in Unordnung gebracht. Im Winter und im Frühjahr oder Herbst sind solche Erscheinungen an der Tagesordnung Trotzdem hat das Niesen auch seinen wohlthätigen Einfluß auf die Constitution des Körpers, und wird deßhalb oft künstlich zu Wege gebracht. Dies geschieht namentlich bei Kopfschmerz, Funktionsträgheit des Gehirns rc. Denn durch das Niesen wird hauptsächlich der Nasenschleim gesetzt und abgeführt. Dies sind Thatsachen, die Jedermann schon an sich selbst beobachtet haben wird. Interessant sind einige Notizen aus der Geschichte, welche auf das Niesen Bezug haben und hier eine Stelle finden mögen. Was zunächst die Entstehung der Sitte betrifft, ein „Wohl bekomm's!" — oder dergleichen dem Niesenden zu wünschen, so ist Folgendes nicht ohne Wichtigkeit: Polydorus Virgilius aus Urbino, ein gelehrter englischer Theologe des sechzehnten Jahrhunderts, — versichert, cS habe zur Zeit des Papstes Grcgor'S des Großen im Jahre 591 eine heftige epidemische Krankheit geherrscht und die davon befallenen Personen hätten durchgehend so heftig und andauernd niesen muffen, daß sie davon gestorben wären. Um nun die Fortschritte der Krankheit zu hemmen, habe der Papst Gebete und Gelübde angeordnet, und daraus sei die Sitte entstanden, wenn Jemand niese: „Helf' Gott!" („Gesundheit!" — „Dein Wohlsein!" — „Wohl bekomm's!" u. s. w.) zu wünschen. Dieser Gebrauch findet sich jedoch im Alterthume und zwar in allen Welttheilcn, ja die Entdecker Amerika's fanden die Sitte sogar dort bei den Ureinwohnern. Von den Kaffern erzählen Reisende, daß dieselben niemals niesen. Es ist dies kaum glaublich und aus der physischen Beschaffenheit des indogermanischen Menschenschlages nicht zu erklären. Sonderbar ist die Sage, welche die hebräischen Schrift- und Gcsctzkundigcn vom Niesen erzählen. Als Vater Adam, so berichten die Rabbinen, durch den Ungehorsam gegen Gott seine Unsterblichkeit verscherzt hatte, beschloß Gott: Jeder Mensch solle einmal in seinem Leben niesen, und zwar kurz vor seinem Tode. Nur der Erzvater Jakob habe es durch einen unsträflichen Lebenswandel so weit gebracht, niesen zu dürfen, ohne zu sterben, und seitdem er beim Niesen am Leben geblieben, haben Alle „Prosit" gerufen. Und dieses „Prosit" fand Erhörung. Er lebte noch viele Jahre bei guter Gesundheit. Die griechischen Mythologcn erzählen: Als Prometheus in einer verschlossenen 392 Phiole das Feuer vom Himmel holte und seiner aus Thon geformten Mcnschenfigur den, Aethcr vor die Nase hielt, habe das menschliche Individuum, dem der geistige Aether in's Gehirn gestiegen, geniest, und Prometheus, darob entzückt, ihm ein „Wohl bekomm's!" zugerufen. Auch schon als Anzeichen „bevorstehenden Glückes" finden wir das Niesen in den Schriften der Alten verzeichnet. So z. B. in folgender Episode: Als Penelope, die schöne und tugendhafte Gemahlin des Odysscus, während dessen langer Abwesenheit standhaft und listig der sie umdrängenden Freier sich erwehrte, und zu den Göttern um Rückkehr des Gatten betete, nieste ihr Sohn Telemach so stark, daß das Dach des Palastes erbebte, — woraus die Mutter schloß, daß ihr Gebet erfüllt werden würde. Der als Feldherr wie als Gcschichtsschreiber gleichberühmte Grieche Lenophon, einer der treucsten Schüler des Sokratcs, hielt eine Rede an die zehntausend Mann, die er bekanntlich zum allgemeinen Erstaunen aus der unglaublichen Schlacht bei Kunaxa nach Griechenland zurückbrachte. In dieser Ansprache schilderte er die große Schwierigkeit des Rückzuges, wies aber gleichzeitig nach, daß es keinen anderen Weg der Rettung gebe. Da huben Mehrere an, ihre Bedenken laut werden zu lassen, aber — da nieste ein Soldat — und dieser geringfügige Zufall ward vom gesammten Heere als Wink der Götter aufgefaßt, und ohne Widerspruch folgten die Zehntausend dem Einen zum Rückzug in's Vaterland. Heut zu Tage Pflegt bloß Einer dem Andern beim Niesen „Wohl bekomm's!" zu wünschen. Bei den Alten scheint es Personen gegeben zu haben, die sich diese Höflichkeit selbst erwiesen. Marcus Aemilius Martialis, — ein römischer Epigrammen-Dichter — (s- 100 n. Chr.) erzählt von einem gewissen Proklus, daß von seiner Nase nach den Ohren eine so große Entfernung gewesen sei, daß sich der Arme nicht hätte niesen hören und somit den üblichen Wunsch, sich selbst zu ehren, nicht hätte äußern können. Von den Peruanern berichtet man, daß, wenn ihr Häuptling nieste, alle Indianer durch laute Signale von dem glücklichen Ereigniß in Kenntniß gesetzt wurden, damit sie ein „Wohl bekomm's ihm!" beten konnten. Der französische Schriftsteller Claude Adricn Helvctius (ft 1771) erzählt: Wenn der König von Monomotopa (ein Gebirgßland im südlichen Ostafrika) niest, so sind alle Hofleute Auslands wegen genöthigt, ebenfalls zu niesen, und indem so das Genicse sich vom Hof auf die Stadt, und von der Stadt in die Umgegend weiter Pflanzt, so scheint es, als habe das ganze Reich den Schnupfen. Die bekannte, namentlich in England verbreitete Rcligionssektc der Quäcker, ebenso wie die Wiedertäufer (Anabaptisten) haben den nach dem Niesen üblichen frommen Wunsch unter sich abgeschafft. Eine Zigeunerin gab ihrem Kinde eine Schale und hefahl ihm, Essig zu holen. Bevor aber das Kind fortging, wurde es von der Mutter geprügelt. Ein Fremder, der vorüber ging, fragte, warum die Kleine geschlagen werde? „Damit sie die Schale nicht zerbricht," war die Antwort. — „Ich meine," versetzte der Fremde, „dazu hätte cS noch Zeit, wenn sie die Schale zerbrochen hat." — „O nein," erwiderte die Mutter, „dann wär' es schon zu spät." (Zur Geschichte der Druckfehler.) Ein junger Mann suchte seine Geliebte in einem veröffentlichten Gedichte zu verherrlichen; dasselbe begann: „Du meines Lebens Treucrkor'ne!" Aber wie bitter mochte die Braut überrascht sein, als sie las: _ ^ „Du meines Lebens Trauerkrone!" Druck, Verlag und Redaction des Litcrarischcn Instituts von Dr. M. Huttlcr. Aro. 50. 12. Decbr. 1869. Den hemm' ich, den ich lieb'; eS wird sein Lohn, Verspätet, süßer mir. Trau't meiner Macht; Mein Arm hebt auf den tiesgefallnen Sobn, Sein Glück erblüht, die Prüfung ist vollbracht. Shakespaere, Cymbeline Mt V. Scene 4. Der Suez-Kanal. Nach einem Expose der Compagnie bearbeitet. In diesen Tagen vollzog sich an der Grcnzscheidc zwischen Asien und Afrika ein Ereigniß, das namentlich für den Welthandel, nicht viel minder aber auch in politischer Hinsicht, gewaltige Folgen nach sich ziehen wird. So weit hinauf wir den Verlauf der Geschichte zu verfolgen vermögen, hingen die genannten Erdtheile durch das schmale Band der Landenge von Suez zusammen, welches somit das Mittelmeer von den Gewässern des indischen Oceans schied. Von jeher ist es eine Licblingsidee der Fürsten und Völker gewesen, durch Kanalisirung des Isthmus das terrestrische Band zu lösen, und das fehlende interoccanischc Mittelglied herzustellen. — Was in Jahrtausenden vergeblich erstrebt worden, das blieb unserem rastlos voran- schreitenden Jahrhundert zu erfüllen vorbehalten. In demselben Jahre, wo die neue Welt eine nicht weniger großartige Schöpfung in der pacisischen Eisenbahn zur Vollendung gebracht hat, hat die alte Welt die Bereinigung der Gewässer des Mittel- und rothen Meeres durch einen feierlichen Akt sich besiegeln sehen, an welchem Theil zu nehmen alle gebildeten Nationen ihre Delcgirten sandten und Repräsentanten vieler Herrscher- Familien eine weite beschwerliche Reise nicht gescheut haben. Nach manchen schweren Kämpfen mit der Natur sowohl, als mit politischer Intrigue, nach Aufwendung kolossaler Summen und der großartigsten technischen Hilfsmittel ist die große That vollbracht, — Afrika ist zur Insel geworden. Wenn auch der Kanal noch nicht durchweg die festgesetzte Tiefe erreicht hat und vielleicht noch einige Jahre Arbeit dazu gehört, um ihn den größeren Luftschiffen passirbar zu machen, so steht doch die Anlage auf einem Standpunkt, daß das Fehlende im Vergleich zu den überwundenen Schwierigkeiten als untergeordnet erachtet werden kann, und dem Termin zur feierlichen Eröffnung seine volle Berechtigung zuerkannt werden muß. Treten wir zunächst den geographischen Verhältnissen der Landenge etwas näher, um daraus die Größe der gestellten Aufgabe ermessen zu können. Das rothe Meer, welches sich als schmaler, langgezogener Wasscrstrcifcn zwischen die arabische Halbinsel und das nordöstliche Afrika drängt, endet an seiner Nordwcstspitze (etwa untern dem 30. Grade nördlicher Breite) mit einer Bai, welche von der an derselben liegenden alten Handelsstadt Suez den Namen führt. Der Isthmus von Suez bildet an seine? schmalsten Stelle — zwischen jener Bai und dem Golf von Pclusium — einen ca. 16 geographische Meilen breiten, zuni größten Theil den Charakter der Wüste tragenden Landstrich. Westlich der kürzesten Verbindungslinie beider Meere zweigt sich von Suez eine deutliche markirte Bodensenkung ab, welche durch trocken liegende Secbccken führt und nur an zwei Stellen von geringen Erhebungen unterbrochen wird. Dieselbe mündet an ihrem nördlichen Ende in den durch eine schmale Sanddüne vom Mittclmeer getrennten sumpfigen Menzaleh- See, der mit seiner südlichen Fortsetzung, den Ballah-Seen, fast die Hälfte der ganzen Strecke einnimmt. Von den trockenen Seebcckcu sind die südlichen — die Bittersten — 394 ) durch eine ca. 25 Kilometer breite Sandbarre von theilweise felsigem Charakter von der Bai von Suez getrennt, während nördlich davon das Serapeum eine der genannten Erhebungen bildet. Im Norden dieser liegt der fast immer trockene Timsah-See; hiervon, zweigt sich westlich eine zweite Bodensenkung ab, welche für das Zustandekommen des Kanals nicht ohne Bedeutung war. Von den Ballah-Seen ist der Timsah-See durch die zweite bedeutendere Erhebung El - Guisr getrennt. Man nimmt an, daß in vorhistorischer Zeit die Gewässer des rothen Meeres bis in das Becken dcr Biterscen hineingereicht haben, während diejenigen des Mittclmeeres an der Erhebung El Guisr ihre Grenze gefunden. Durch die Linie Suez, Timsah-, Ballah-Seen war somit die Richtung des Kanals gegeben und galt es nun, durch den Menzaleh-See auf kürzestem Wege das Mittelmcer zu erreichen, wozu ein Punkt jener Sanddüne, auf welchem jetzt das rasch emporgcblühte Port-Sald liegt, als der passendste sich darbot. Ein Niveau-Unterschied zwischen dem Mittel- und rothen Meere ist an sich nicht vorhanden und enstcht nur durch die diesem eigene Ebbe und Fluth. Die geuanntc Bodensenkung hat eine Höhe von 2 bis 3 Meter über dem Niveau der See, welche am Serapeum auf 8, bei El Guisr auf 20 Meter steigt. Schon im 19. Jahrhundert vor Christi Geburt hatte man es unternommen, das rothe Meer durch einen Kanal mit dem Nil in Verbindung zu setzen, welcher erst unter den Ptolemäern, 260 vor Christi, vollendet wurde und sich durch die vorgenannte westliche Bodensenkung zum Timsa-See, von hier nach der Bai von Suez erstreckte. Bis in's 8. Jahrhundert nach Christi scheint derselbe benutzt worden sein; von da ab ist er allmälig versandet und verfallen. Nachdem erst der Seeweg nach Ostindien entdeckt war, verlor die Verbindungslinie überhaupt an ihrer ursprünglichen Bedeutung. Der erste, welcher die Idee mit Lebhaftigkeit wieder aufgefaßt, war Napoleon l. Bei seiner Anwesenheit in Aegypten gab er Auftrag, die Landenge zu nivclliren, wobei sich irrtümlicher Weise für das rothe Meer eine Höhendifferenz von -s- 30 Pariser Fuß ergab. Erst in den 40 er und 50 er Jahren gelang es, durch neue Vermessungen des Irrthums inne zu werden. Darauf hin fand sich der für die Sache lebhaft interessirende Vizekönig von Aegypten, Muhammed Said Pascha, Vorgänger von Ismail Pascha, veranlaßt, dem Franzosen F. de Lefseps die Konzession zur Erbauung des Kanals und zur Bildung einer Akticn- Gesellschaft zu ertheilen. Ungeachtet mancher Widerstünde, so z. B. seitens der Türkei, welche die Bestätigung zunächst zurückhielt, und Englands, welches dem Unternehmen am meisten entgegen war, kam. Dank namentlich dem Einflüsse Frankreichs und Oesterreichs, das Aktienkapital von vorerst 200 Millionen Francs dennoch zusammen. Die Gesellschaft erhielt ihr Privilegium auf 99 Jahre, nach welcher Zeit Aegypten Eigenthümer des Kanals wird. Der Ertrag soll bis dahin zwischen beiden getheilt werden. Aegypten trat dafür Grund und Boden unentgeltlich ab, stellte die Steinbrüche des Landes zur Disposition und machte sich verbindlich, eine bedeutende Zahl eingeboruer Leibeigenen — Fcllahs — der Kompagnie als Arbeiter gegen mäßigen Lohn zu stellen. Die Leitung der Gesellschaft, welche sich ^ompgAniö universelle clu cunul maritime (io Luvn" nennt, übernahm F. de Lcsseps selbst. Man projektirte nachstehendes Profil des Kanals: Tiefe unter dem Wasserniveau 8 Meter, Breite in letzterem 100 Meter, untere Breite 22 Meter; bei El-Guisr und Serapeum auf einer Gesammtlänge von 33 Kilometer wurde die obere Breite in Anbetracht der Terrainverhältnisse auf 58 Meter reduzirt. Der Kanal soll für Schiffe bis 2000 Tonnen Gehalt pasirbar sein; seine ganze Lüngenentwicklung beträgt 160 Kilometer. Die Summe der Ausschachtung wurde zu 60—70 Millionen Kubikmeter Erde berechnet. Die wasserlosen Seebeckcn sollten durch Hinleitung des Meerwassers zu inneren Häfen umgestaltet undf die Niveau-Unterschiede in Folge der Fluth, resp. der vielfach herrschenden Nordwcstwinde dadurch ausgeglichen, somit die Anlage von Schleußen entbehrlich gemacht werden. Die Zeitdauer der Arbeiten war auf 6 Jahre festgestellt, welche indeß bedeutend überschritten worden ist. Der Beginn derselben fällt in das Jahr 1858. Wesentlich 395 förderlich für das Zustandekommen des See-KanalS war die Anlage des Süßwaffer-Kanaks, gewissermaßen eine Erneuerung des Ptolemäischen, welcher von dem Moses-Kanal bei Zagazig ausgehend, nach dem Timsah-See und nach Suez führt. Unter Mehemet-Ali schon war die alte Leitung bis in das sogenannte Wady hergestellt worden; von hier aus unternahm die Gesellschaft 1861 die Fortsetzung, — durch das gesegnete Land Gasen, jetzt eine Sandwüste — welche 1852 bis zum Timsah-See, 1864 bis Suez vollendet wurde, und auf der letzten Strecke zwei Schleußen zählt. Nicht bloß, daß dieser Kanal das gänzlich fehlende Trinkwasser liefert und die Kultivirung des umliegenden Geländes begünstigt, hat er auch solche Dimensionen, — 15 Meter obere Breite, 2 Meter Tiefe — um als Wasserstraße, selbst für größere Flußschiffe, benutzt zu werden. Nicht bloß Lebensrnittel und Baumaterial wurden damit transportirt, sondern er diente auch bis zur Vollendung des See-KanalS zum Wassertransit. Vom Timsah-See bis Suez wird' zu diesen Transporten das System der Tonage benutzt. Der ganzen Länge des Kanals nach ist nämlich eine Kette gespannt, in deren Glieder die Remorqueure mittelst Zähnrädcr eingreifen und sich so an ersterer hinziehen. Die Remorqueure haben Maschinen von 18 Pferde- kraft, und schleppen mehrere Lastschiffe hinter sich. Acgypten hat dem Süßwasser-Kanal durch eine neue Leitung — Oanal ä'^Iimentation — einen vermehrten Wasserzufluß gesichert. Eine doppelte Nöhrenleitung führt das Trinkwasser von JSmailia nach Port Said, wozu am ersteren Orte starke Dampfmaschinen aufgestellt sind. — Von nicht geringer Wichtigkeit war auch die Anlage eine Eisenbahn, welche Jsmailia mit dem Nil- thal verbindet und 1867 vollendet wurde, ähnlich wie Suez mit Cairo und jetzt auch mit Jsmailia in Verbindung steht. Die Hauptarbeiten bei der Anlage des See-Kanals bestanden in Herstellung eines sicheren Zugangs und Hafens am Mittelmecr, der Anlage einer durch Erddämme gesicherten, hinreichend tiefen Fahrwassers durch den Menzaleh- und die Balla-Seen, die Ausschachtung der Erde in nöthiger Breite und Tiefe auf den Landstrecken und Sicherung gegen Versandung, wo sich namentlich bei El-Guisr, am Serapeum und bei Chalouf Schwierigkeiten boten, Ausbaggerung des Timsah-SeeS und Füllung desselben, sowie der Bitter-See« mit Mccrwasser, Herstellung von Hafenanlagcn und Stapelplätzen auf der Kanalstrecke, sowie einer gesicherten Einmündung in das rothe Meer. Die Erdarbeiten gingen unter den Händen der FellahS nur langsam voran; entstehende Differenzen hatten die Zurückziehung derselben zur Folge, wofür die ägyptische Regierung eine bedeutende Entschädigung zahlte. Man gab dieselben dem Hause IlorsI 6t 1>av6l- in Entreprise, welches sich verpflichtete, sie mittelst Maschinen herzustellen. Da wo durch die Arbeiten der FellahS bereits eine Wasserrinne gewonnen war, konnte mau Baggermaschinen in Thätigkeit setzen. Oft erlaubte die Fülle des ausgegrabencn Sandes nicht, sich der Schiffe zum Fortschaffen desselben zu bedienen; man schuf einen Ausweg, indem man mittelst langer Röhren, in welchen ein Wasserstrom thätig war, den Grund in beträchtlicher Entfernung von der Maschine auszuschütten vermochte. Man hatte Ausschüttröhren bis zu 70 Meter Länge; überhaupt wurden dieselben in sehr großer Anzahl angewandt. Um den Sand in die Höhe zu schaffen, bediente man sich eines Dampfhebeapparats (sbrateur). Für die höchsten Stellen, wie bei El-Guisr, wo man ganz im Trockenen arbeiten mußte, konstruirte man Dampf-Erdräumer (exoavgteur L Leo) und schaffte den Grund in Waggons fort. Am Serapeum und auf der südlichsten Strecke konnte man das Wasser des Siißwasserkanals benutzen, um durch Zuleitung Bassins zum Aufstellen der Bagger zu bilden. An kolossalen Dimensionen und sinnreicher Ausführung überboten die angewandten Maschinen alles bisher Dagewesene. Besondere Schwierigkeiten boten die Anlagen bei Port-Said. Auf der schnuAe« Sanddüne, welche noch vor wenigen Jahren die Gewässer des Mittelmeeres und des Sees sich streitig machten/ wo kein menschliches Wesen Hausen konnte, nicht einmal ein Baum oder Strauch wuchs, steht jetzt ein stattlicher Hafenplatz von 10,000 Einwohnern Ein doppelter Damm, der westliche 3000 Meter der östliche 1800 Meter lang; am Lande. 396 1400, an den Spitzen 400 Meter von einander entfernt, erstreckt sich nach Norden zu convergirend in das Meer, und gewährt so für Hunderte von Schiffen eine sichere Unterkunft. Die Wassertiefe beträgt 10 Meter, das ganze Areal umfaßt 51 Hektaren; davon nehmen 4 gesonderte Bassins 15 Hektaren ein. Acht große Dampfbagger, von welchen jeder 1200 Kubikmeter täglich förderte, waren bei der Ausschachtung thätig. Die Hafen, dämme sind mittelst künstlicher Steinböcke aus Sand und hydraulischem Kalk hergestellt, von welcher Jeder 25,000 Kilogramm wiegt. ES waren 250,000 Kubikmeter solcher Böcke zu legen. Im April 1867 war die Hälfte der Arbeit fertig. Der Schifffahrtsverkehr belief sich damals schon anf 880 Fahrzeug pro Jahr. Unter den Ansiedlungen auf der Kanalstrecke nimmt Jsmailia, welches ähnlich wie Port-Said nach Said Pascha, so nach Ismail benannt wurde den ersten Rang ein, eS ist der Sitz der Vcrwaltungsbranchen der Kompagnie und ihrer Bureaux, des General- directorS, der Unternehmer, sowie eines viceköniglichen Bevollmächtigten. Von Port-Said bis zu dieser Stadt wurde der Kanal, wenn er auch noch nicht die gehörige Tiefe hatte schon 1667 befahren. Das erste Fahrzeug, welches nach JSmailia gelangte, war ein österreichisches Schiff, zufällig des Namens „krimo". Man richtete einen regelmäßigen Dienst zwischen Said und Suez ein, von Jsmailia bis zu letzterem Orte vorläufig auf dem Süßwasserkanal. Zum Schleppen der Lastkähne waren auf der Strecke des Seekanals 6 Remorqueurc L 100 Pferdekraft thätig. Es konnten 1000 Tonnen täglich transportirt werden. Zwischen den Bittersten und Suez bot die felsige Beschaffenheit dcS Bodens bei Chalouf erhebliche Schwierigkeiten dar. Zum Glück besteht die Bodenart überall sonst auS Sand und Thon; dort mußte man aber bedeutende Sprengungen vornehmen. Von Suez auS arbeiteten die Dampfbagger nach Norden zu den übrigen Unternehmen entgegen Letztgenannte Stadt ist seit Entstehung des Kanals von 3000 auf 15,000 Einwohner gestiegen. Die Füllung der Bittersten mit dem Wasser deS Mittelmeeres sollte nach Berechnung 10 Monate dauern, diejenige deS Timsah-SeeS hat deren 3 in Anspruch genommen. Die gesammte zu den Arbeiten zu Gebote stehende Dampfkraft betrug im Jahre 1867 17,768 Pferdekraft bei einem monatlichen Kohlenverbrauch von 11,219 Tonnen. Hiervon fallen auf LorsI ot Imvellezs 13 061 Pferdekraft und 9890 Tonnen. Die Zahl der Arbeiter auf der ganzen Strecke belief sich auf 13,000, bei einer Bevölkerung von im Vanzcn 25,000 Menschen. An Maschinen zählte man zu jener Zeit u. A. 78 meist große Dampfbagger von in Summe 2370 Pferdekraft 67 Gabaren (Dampfschiffe zum Wegschaffen des Schuttes), 36 Seedampfschiffe zu gleichem Zweck, 18 Elevatcurs, SO Schalken mit Schuttkastcn, 20 Dampfkrahnen, 19 Excavateurs und 18 Locomotiven. Im Ganzen werden die Kasten zu 385 Millionen Francs veranschlagt, so daß außer dem Anlage-Kapital b»n 200 Millionen und den nahezu 100 Millianen betragenden Kompensationen der ägyptischen Regierung noch eine weitere Anleihe nöthig ist. Dagegen werden der Gesellschaft durch Verkauf des Grundeigenthums längs des Kanals noch große Revenuen erwachsen. Das Wady allein hat sie ini Jahre 1866 für 10 Millionen Francs veräußert. Bedeutende Kosten wird sich die Unterhaltung des Kanals noch bedingen, doch haben sich die gefürchteten Sandwehen bei dem Süßwasserkanal als nicht gefährlich gezeigt. Für die Rentabilität des Unternehmens wird es wichtig sein, daß kein zu hoher Durchgangszoll erhoben wird; nach dem Vertrage sollte derselben 10 Frcs. Per Tonne nicht übersteigen. Abgesehen »on der Kultivirung der umliegenden Landstriche, welche im Gefolge deS BaueS bereit» begonnen ist, wird der Kanal sicher zur Hebung von Aegypteu viel beitragen. Seine allgemeine Bedeutung liegt aber darin, daß für alle Handelsartikel der Seeweg nach Ost-Indien, dem östlichen Asien überhaupt und nach Australien um mehr als die Hälfte abgekürzt ist. Für lediglich den Personen- und Postverkehr hätte die Eisenbahn »on Alexandria nach Suez trotz ihrer Mangel auch künftighin ausgereicht; ein um js größerer Dortheil wird es aber für Waaren sein, daß sie ohne Umladung und ohne Landtransport die kürzere Route benützen können. Wenn schon die Schwierigkeiten der Schifffahrt im rothen Meere nicht gering anzuschlagen sind, namentlich für Segelschiffe, welche sich mit dem halbjährlich wechselnden Monsun: zu kämpfen haben, so wird doch für den Handel mit den Küstenländern deS indischen Oceans und Ostasien ein großer Aufschwung nicht ausbleiben, welcher sich namentlich für die Mittelmeerstaatcn fühlbar machen muß. Im Gefolge davon wird sich der politische Einfluß Europas in jenen Ländern noch bedeutend heben und es werden sich vielleicht ganz neue Constellationcn ergeben. Wenn der Kanal auch uur kleinere Kriegsschiffe, etwa im Range der Corvetten, faßt und namentlich für die Mehrzahl der Panzerfahrzeuge ungeeignet ist, so bildet er bei den Kriegen europäischer Mächte in Ostasien doch eine für den Transport von Truppen und Material brauchbare Militärstraße, so daß ihm selbst eine gewisse militärische Bedeutung innewohnt. Das Land, welches schon im Alterthum durch seine großartigen Bauwerke berühmt gewesen ist, zählt nunmehr, Dank den Bestrebungen unserer Zeit, ein neues Monument, das aber bei seiner praktischen Nützlichkeit hoch über jene zu stellen ist. Die Name» derjenigen, durch deren Energie das Unternehmen begründet und entgegen allen Zweifeln und Hindernissen vollführt worden ist, — und unter diesen nehmen die beiden Bizckönige eine bedeutende Stelle ein; als eigentlichen Träger der Idee und Hauptmotor ihrer Ausführung, mit einem Worte als Seele deS Ganzen aber dürfte Herr Ferdinand von LessepS zu bezeichnen sein — werden der Nachwelt nicht verloren gehen. Vielleicht ist die Vollendung deS Kanals für die neue Welt ein Sporn, um einer noch ungelösten Aufgabe ähnlichen Charakters, der Durchstechung der Landenge von Panama, mit vergrößertem Eifer sich zu unterziehen. Allerseelen. Ich war im vorigen Jahre Ende October nach Regcnsburg gegangen, um Behufs Vollendung einer beschreibenden Arbeit mir die Sehenswürdigkeiten der alten Donaustadt wieder aufzufrischen. Mit unendlicher Sorgfalt war. ich den Merkwürdigkeiten Punkt für Punkt nachgegangen. Ich hatte die stolze Brücke gesehen, welche altdeutsche Baukunst schon 1135 über den wilden Strom geworfen, ich war in den leeren Fürstenzimmern im Rathaus gewesen und dachte im Rcichssaal an das einstige heilige römische Reich- dessen Geschick hier so ernsthaft berathen wurde. Das DollingerhauS mit seinen Erinnerungen an die wundersame Märe von: heidnischen Riesen Krako und dem frommen Dol« linger, der historische Haidplatz mit seinen blutigen Erinnerungen, das goldene Kreuz mit seiner Geschichte von: verliebten Kaiser Karl V. und der schönen Wirthin Barbara Blom, berg, welcher reizenden Historie der tapfere Sceheld Don Juan d'Austria bekanntlich sein Leben verdankt — das alles und noch vieles Andere mehr war an meinen staunenden Blicken vorübergezogen und mein Respekt vor der alten, winkeligen und nicht gerade besonders reinlichen Bischofsstadt wuchs immer mehr und mehr und damals hatte ich doch nur den Dom von außen gesehen und St. Emmeran noch gar nicht. Ich kam aber nach St. Emmeran. Schon wie ich über den Platz schritt und die romanische Pfeilerbasilika mit dem stattlichen freistehenden Campanile von fern sah, ging mir die Bedeutung der Kirche auf. Die seltsame Vorhalle, mit ihren uralten steinernen Sesseln und dem Grab deS alten AventinuS bereitete würdig auf das Mausoleum drinnen, so reich an historischen Denkmälern wie kein anderes mehr in Deutschland vor. Die ursprünglichen schönen Verhältnisse der Kirche sind, wie leider so oft, vollständig verzopft, aber das, Auge schweift nur flüchtig über den Rococomust und sucht lieber die alten Inschriften auf den Grabsteinen zu enträthsrln. Da schlafen Viele den letzten Schlaf, deren Namen auS fernen, fernen Jahrhunderten schier märchenhaft an das Ohr klingt. Die Grabsteine, auf deue» 398 »ir stehen, decken die Gruft, in der Kaiser Arnulf und sein Sohn Ludwig liegen, dort die Statue soll das Bild der Kaiserin Uta sein, hier ruht der stolze Graf Babo von Abensberg, von dem noch heute viele Sagen im VolkeSmund leben, nntcr den Steinen drüben schlafen die Herzoge Arnold, Arnulf und Heinrich, diese Hochgräber sind den Heiligen: Emmeran und Wolfgang errichtet, jene Tumba der heiligen Aurelia! Ueberall historischer uralter Staub und Moder! Wie oft schon hatte ich den berühmten Kreuzgang von St. Emmeran als ein wahrhaftes Wunderwerk der Frühgothik loben und Preisen hören! Dieser Krcuzgang also und die fürstl. Tayis'sche Gruft blieben mir zu sehen noch übrig. Man konnte jedoch von der Kirche aus nicht hinkommen, sondern mußte vom ehemaligen Klostcrgebäude, dem jetzigen Taxis'schen Palais, aus eintreten. Am Thor empfing mich ein alter Portier und sagte mir, daß ich jetzt nicht in die Kapelle könne, da die Frau Erbprinzestin gerade am Sarge ihres verewigten Gemahls bete. Es war ja Allerseelen heute! „Das ist ganz gleich, ob Allerseelen oder nicht", bemerkte der alte ergraute Diener des fürstl. Hauses. „Die Frau Erbprinzestin ist jeden Tag einige Stunden in der Gruft, oft auch mehrmals täglich." Der Mann mochte jedoch bemerken, daß mir viel daran lag, den Krcuzgang und die Gruft zu sehen, und fragte deßhalb freundlich, ob ich nicht so lange bei ihm eintreten wolle. Gerne nahm ich das gutgemeinte Anerbieten an und ließ mich in dem warmen Stübchen, das mit allerlei Bilderwcrk und Schnörkelkram gar nett verziert war, für einige Zeit nieder. Ein Sakristan kam und brachte einen prachtvoll gearbeiteten Chorrock. „Ist die Messe schon zu Ende?" fragte der Portier. „Die Messe ist aus", antwortete der eilige Kirchendiener, „aber die Frau Erbprinzestin betet noch am Sarge!" „Da haben Sie noch eiue gute halbe Stunde Zeit", wandte sich der Alte zu mir. „Heute zu Allerseelen ist die Messe unten in der Gruft selbst gelesen worden." „Sehen Sie", fuhr der alte Mann fort, „Das hat die hohe Frau Alles selbst gestickt, betrachten Sie nur die prächtige Arbeit, diese Goldstickerei!" In der That war der Chorrock ein Meisterwerk fleißiger und kunstreicher Finger. „So arbeiten Prinzessinnen?" fragte ich zweifelnd. „Das hat sie Alles selbst gemacht", antwortete er entschieden, „Alles, was unten in der Gruft an Stickereien und weiblichen Handarbeiten ist, das Bahrtuch, die Altardccke und noch vieles Andere hat die Frau Erbprinzestin selbst gestickt. Seitdem der durchlauchtigste Erbprinz gestorben, thut sie nichts anderes, als für seine Gruft sticken und an seinem Sarge beten und weinen, immerfort weinen", dabei schüttelte der Alte wehmüthig sein graues Haupt. Ich sah aber die hohe Frau vor mir, die ich als Herzogin Helene in Bayern wie oft in München gesehen hatte. Wie war Alles damals so glücklich über diese Heirath, die eine reine Herzensverbindung war und bei der die Staatsraison nichts zu thun hatte. Da hing das Portrait des Erbprinzen, nur eine schlechte Lithographie, aber die Ähnlichkeit doch nicht zu verkennen. Was war das für ein schöner, stattlicher, lebensfroher Herr gewesen! Der Stolz seines alternden Vaters, der Abgott seiner Frau, der Gegenstand der Verehrung und Liebe für alle Die, die das Glück hatten, ihm näher zu stehen. Und das Alles moderte da unten im Sarge. Ein Wagen fuhr donnernd vor, und im Gang draußen wurde eS lebhaft. Der Alte und der Portier stürzten hinaus und ließen die Thür offen. Es schien, als ob die Andacht beendigt sei. Zuerst kamen einige Herren, dann zwei reizende Kinder in tiefes düsteres Schi rz gekleidet, sie kamen vom Grabe des Vaters. Dann folgte eine Dame ebenso in tiei e Trauer gekleidet. Kaum hätte ich die Herzogin Helena in den abgehärmten, bleichen, di :chschmerzten Gesichtszügen der Erbprinzessin wieder erkannt. Der Portier, kam zurück nit einem großen Schlüsselbund. „Jetzt wenn's gefällig wäre!" Ich folgte dem alten Herrn, zwei mächtige Flügelthüren öffneten sich und wir traten in den berühmten Kreuzgang St. Emmeram ein; der Alte ging glcichgiltig an dem oft Gesehenen vorüber, ich folgte staunend ob der Pracht der Steingebilde, die mir hier in wahrhaft überwältigender Weise entgegentrat. Alle die gewaltigen Zauber der Gothik schienen mir in diesen einen Kreuzgang gebannt zn sein, und stummbewundernd schritt ich von Fenster zu Fenster. Wir kamen zu einem stilgerechten doppelten Gitterthor. „Wollen Sie hinaus 399 in die Kapelle oder hinunter in die Gruft?" Zuerst in die Kapelle, wenn ich bitte» darf! Wir waren vollständig allein in diesen der frommen Erinnerung gewidmete» Räumen, die Bewunderung des schönheitsdurstigen Auges, das sich an den wundervollen Linien dcS eben so edlen als einfachen Bauwerkes erfreuen wollte, wurde zurückgedrängt durch die weihevolle ernste Stimmung, die sich hier auch solchen Regungen gegenüber verknöchcrtsten Menschen aufdrängen mußte. Ein Blick auf den Dannccker'schen Christus, und das Herz zitterte nach in den Gefühlen, die einst dieses unerreichte Bildwerk schufen Der Alte klapperte mit den Schlüsseln, vielleicht mochte er ungeduldig geworden fein. Wir stiegen hinunter in die Gruft. Ziemlich hoch und schön gewölbt, wie sie war, fiel durch ein in die obere Kirche gehendes Oberlicht eine matte unbestimmte Helle in diese Wohnnng der Todten. Im Hintergründe ein einfacher Altar, an beide Seiten auf hohen Bahren Särge, in den die in den letzten Jahrzehnten gestorbenen Glieder der fürstlichen Familie ruhen. Noch schwebteu die Wcihrauchwolken der jüngst gelesene Messe unter den Gewölben, ihr scharfer Duft mischet sich mit dem herrlichen Geruch frischer Blumen, von Moder und und Verwesung keine Spur! Mit entblößtem Haupt traten wir zu dem Sarge, in welchem der edle Erbprinz ruht. Wie oft hatte ich ihn gesehen, wenn er in der Fülle seiner Kraft mit Vieren vom Bock fuhr, eine schöne prächtige Männergestalt mit kräftiger sicherer Hand das feurige Viergespann zügelnd. Und nun lag von all der Jugend, von all der Kraft und Schönheit nur die entseelte Hülle in dem-Sarge, dessen reiche Verzierungen kaum zu sehen waren vor der üppigen Blumensülle, welche die Liebe hier niedergelegt hatte. Zu Füßen des Sarkophagen lag ein Teppich, auf ihm hatten wohl noch kurz vorher die Gattin, die Kinder gekniet. Es wahr als wollte die unsägliche Traurigkeit des Ortes mich überwältigen, mich, der ich doch hieher gekommen war als ein kalter gleichgiltiger Fremder, der gothische Fenster sehen wollte und nichts weiter. Ich nahm mir eine Blume aus der überreichen Fülle und schied von diesem Orte des Friedens. (N. K.) * Ueber die Einwanderung in die Bereinigten Staaten hielt Herr Friedrich Kapp vor Kurzem in der Sitzung der „American Social Science-Association" einen höchst interessanten Vortrag, dem wir Nachstehendes im Auszug entnehmen: Die Gründe der Auswanderung von Europa sind Verfolgungen Seitens der Regierungen und üble sociale Verhältnisse; diese Gründe einerseits, und die mehr oder minder hervortretenden Chancen für Fortkommen und Erwerb in den Vereinigten Staaten andererseits bedingen die Fluctuationen, welche wir im Laufe der Jahre in der Einwanderung wahrnehmen. In den Jahren, welche sich durch große Unglücks- fällc, Revolutionen oder nationale Zerrüttungen im alten Vaterlande kennzeichneten, hat die Einwanderung stärkere Dimensionen angenommen, während sie umgekehrt abnahm, wenn in Amerika schlechte Zeiten herrschten. So z. B. veranlaßte die Hungersnoth der Jahre 1816 und 1817 eine großartige deutsche Einwanderung, ebenso das Mißlingen der Revolution von 1848 — 51; in dem, mit dem Jahre 1845 beginnenden Jahrzehmt kamen 1,226,332 Deutsche hierher; während desselben Zeitraumes sandte Irland 1,512,100 Immigranten, seitdem jedoch ist die Einwanderung von dort auf die Hälfte des Durchschnitts der letzten 10 Jahre gesunken; von 1775 bis 1815 war die Einwanderung in Folge der amerikanischen Revolution sehr schwach und beschränkte sich auf 3 bis 4000 Personen jährlich. — Der durch die Einwanderung repräsentirte, direkt und indirekt den Vereinigten Staaten erwachsende Gewinn ist ein ungeheurer. Man schätzt die Gelder, die jährlich von deutschen Auswanderern in dieses Land gebracht werden, auf 11 Millionen Dollars. Jeder bringt außerdem Kleider, Werkzeuge und auch Werthsachen mit, deren Werth sich mit den Baarvermögen auf 150 Dollars pro Person (eine niedrige Schätzung) belaufen mag; die 250,000 Immigranten, die im Jahre 1859 in Netn-Mr! ankamen, vermehrten den National-Wohlstand also um 37>/a Millionen Dollars. Ferner aber ist der Immigrant für das Land gerade so viel werth, wie es kostet, einen einge- 400 hörnen Arbeiter zu derselben Durchschnittsfähigkeit heranzubilden; das Netto - Produkt seiner Arbeit, durch das sein Adoptiv-Vaterland wächst und gedeiht, variirt nach seinen intellektuellen Fähigkeiten, den ererbten Gewohnheiten und nationalen Eigenthümlichkeiten. Man hat berechnet, daß ein amerikanischer Farmer oder qualisicirter Arbeiter für die ersten 15 Jahre seines Lebens, oder bis er sich selbst ernähren kann, 1500 Dollar kostet, ein Frauenzimmer 750 Dollar. Ein Fünftel der Immigranten ist unter 15 Jahren; aber dafür wandern auch mehr Männer als Frauen ein, und sehr Viele von ihnen sind höher gebildete Arbeiter, deren Ausbildung hier fünfmal 1500 Dollar kosten würde. — Nimmt man jedoch an, daß ebenso viele Männer wie Frauen ankommen, so ist jede einwandernde Person diesem Lande 1125 Doll. werth, frei von Ausgaben. Die Anzahl der vom 5. Mai 1847 bis zum 1. Januar 1859 im Hafen von New-York angelangten Immigranten beträgt 4,038,991. Diese Zahl repräsentier einen Capitalwerth von 1125 Doll. und einen Baarwerth von 150 Doll., zusammen also 1275 Doll. pr. Kopf, somit ein Gesammt-Wachsthum des National-Reichthums um 5,149,713,525 Doll. — Nimmt man die Gesammt-Einwanderung in die Union jährlich mit 300,000 Seelen an, so gewinnt das Land jährlich 862^ Millionen Dollars oder mehr als 1 Million Doll. pro Tag. Ohne die Einwanderung beträgt die Zunahme der Bevölkerung circa 1,38 Procent per Jahr; mit derselben betrug sie in den Jahren 1840 — 50 35,87 Procent, und von 1850—60 35,59 Procent jährlich, mithin hat die Immigration dieses Land in seinem nationalen Fortschritte um 40 Jahre vorwärts gebracht, und dabei hat die innere Entwickelung mit der Zunahme der Bevölkerung stets gleichen Schritt gehalten. — Die Einwanderung ist lediglich Sache der einzelnen Staaten; die Idee, daß der Congreß die Sorge für die Immigranten nach ihrer Ankunft in die Hand nehmen, die Commutations- Gclder von 2 Doll. 50 C. per Kopf einziehen und pro rnlu unter die einzelnen Staaten vertheilen solle, ist unausführbar; es würde politischen Chicanen aller Art dadurch unabsehbaren Vorschub geleistet werden. Gegen 50 Procent aller Einwanderer, und gerade die gesundesten Elemente, gehen in's Land, und von diesen wieder drei Viertel nach den westlichen Staaten. Die Gründe, weßhalb sie den Vereinigten Staaten vor andern, gleich fruchtbaren und schönen und gleich leicht zu erreichenden Ländern den Vorzug geben, sind: Billigkeit deS Grundbesitzes, höherer Werth der Arbeit und sociale Freiheit. Der Colonist muß sein eigener Herr sein, um seine physischen nnd geistigen Hülfsquellen vollständig ausbeuten und ein freies Gemeinwesen aufbauen helfen zu können. Die teutonischen Ratzen repräsentiern das erfolgreiche Princip der Selbstregicrung, — und die lateinischen Ratzen das Erfolglose der Abhängigkeit und des Schutzes durch den Staat. Deßhalb vermied auch bis jetzt die Einwanderung den Süden, weil dort die bürgerliche Freiheit fehlte; jetzt allerdings wird sich aus allbekannten Gründen ein großer Theil derselben dorthin wenden. —- Die Geschichte der Immigranten zeigt große und erfreuliche Fortschritte; in früheren Jahren wurde der Einwanderer hier im Lande nicht bester als Vieh behandelt; er mußte die hochgestellte Ucberfahrt nebst einem enormen Zuschlage von oft 100 Procent für das Nisico durch Jahre lange Arbeit abverdienen, und konnte während dieser Zeit wie ein Sklave verkauft werden, ohne die geringste Chance für sclbstständigen Erwerb zu haben. Jetzt aber, seit 1847, sorgt die Emigrations-Commission in jeder Hinsicht für den Ankommenden, er wird im Falle unverschuldeter Noth unterstützt und verpflegt, er hat 5 Jahre lang Anspruch auf Zulassung zu dem Hospitale auf Ward's Island, er findet in Castle Garden einen freien Markt für seine Arbeitskraft, sein Gepäck wird kostenfrei gelandet — und ihm die Weiterfahrt so billig und mühelos wie nur möglich gemacht. Das Einzige, was dem Congreß noch obliegt, ist, den Einwanderer auf hoher See zu schützen, und auch dazu sind neuerdings lobenswcrthe Schritte gethan, wie unter Anderem in dem Anerbieten der Norddeutschen Bundes-Rcgierung; so dürfen wir hoffen, bald auch in dieser Beziebung kinsichtlich der Immigranten völlig ohne Sorge zu sein. Druck, Aenag und rkrvucitcm vcs mrcrurgchcn Hnfnluts von 1>r. M. Hutiler. Ai-O. 51. 19. Decbr 1869. Denn solche Göttlich! it schirmt iincn König: Veriab. dcr nur erblickt, was er gewollt, Steh! ab von seinem Wellen. Shakespeare, Hamlet, Akt IV. Scene 2. Ei« Weihnachts-Abend in Frankfurt. Die Schneeflocken tanzten um die Straßenlaternen und umhüllten die Lichter wie mit einem weißen, durchsichtigen Schleier. Es war ein unfreundlicher, kalter Abend Der alte ehrwürdige Dom schaute auf die Häuser von Frankfurt nieder, seine Thurmspitze aber verlor sich im dicht fallenden Schnee. Die Karaffen fuhren mit laut tönendem Schellcngeklingcl über das weiche Pflaster und hielten Kalo vor diesem, bald vor jenem Kaufladen. Bejahrte Frauen saßen hinter den mit weißem Linnen umspannten Tuchen und froren bis in's Mark neben ihren Wmdlichtcrn. Manche prächtig gekleidete Dame rauschte an den ärmlichen Buden vorüber und würdigte sie keines Buckes, und manches Augenglas richtete sich auf die großen, glänzenden Scheiben, hmlcr denen viel schimmernde Herrlichkeit ausgebreitet lag, und wußte das arme Mütterchen nicht zu finden das bei ihren weißen Schäfchen und ihrem winzigen Christbäumchen sitzt, und den lullenden Blick an die Vorübergehenden richtet. Und auch aus den Kiemen achtet Keiner, dcr dort in dem Hänferwiukel unter dcr Laterne steht und die halb erfrorenen Hände in die dünne,> Äerniel hinauszieht Der Schnee hat fein letztes Weihnachtsbaumchen wie mit weißen Blüthen überschüttet und nun steht er seit Sonnenuntergang im schneidenden Wurde und kalten Schnee, „nd Niemand fragt ihn und Keiner erlöst den armen zitternden Knaben. Und Viertelstunde um Viertelstunde verrinnt, die Straßen werden leerer, — aber in den hohen Häusern mit den großen, glitzernden Fenstern wird es immer Heller. Und zuweilen schweben reich gekleidete Damen drinnen an den Fenstern vorüber - und dcr arme Kleine meint zu vernehmen wie eine frohe Kinderschaar jubelnd in die Hände klatscht. Uns wie er so hinüdci schaut nach dem Lichtglanze, dcr ihm aus dem Himmel herüberzulcuchten scheint, da flimmert cS vor seine» Augen, wie von tausend Flänimchen und er meint sich niedersetzen rn müssen im Anblick all' dieser Herrlichkeit, denn seine Augenlider sind schwer geworden und der Arme fühlt seine Glieder nicht mehr, sie sind halb erstarrt. ' Da ließ er sich sachte an der Mauer auf die Erde nieder, und es war ihm so süß und wohl, — er stand in einem großen glänzenden Saale, in dessen Mute ein hoher Weihnachtsbaum mit hundert Lichtern strahlte, und hinler dem Baume her erklang eine sanfte Musik und liebliche Stimmen sangen: „Ehre sei Gott in der Höbe!" Und dann bedeckte ein ganzer Berg von Schnee all' die Pracht und hoch auf demselben stand die Großmutter um einem Weihnachlöbäumchcn in der Hand, sie war aus dem Wege nach dem Himmel zum Christkindlciu. Und der Kleine sah. wie sich die Thee des Himmels austheilen, so daß mau tief hineinsehen konnte. Große Porzcllaiiöfen halb so hoch, wie dcr Thurm des granlfurtcr Domes, standen einer hliitcr dem andern und die Engel schwebten darüber und jeder hatte sein Wcihnachlsbäumcheii ii, der Hand! Nun wird Alles sonnenhell und die giößic Stille hcnschr im ganzen Himmel — Das „Christ!,ndlciu," weiß wie Schnee und strahlend wie Gold, hall seine» feierlichen 40 ^ Umzug — und die Sonne geht vor ihm her, und der Mond folgt ihm mit lächelndem Antlitz. Der Knabe steht an der großen Pforte in einen Winkel gedrückt und Niemand sieht ihn. Aber mit einem Male fällt ein Strahl auf ihn, und er steht da vor dem hellen Auge in seinem ärmlichen Röckchcn und in seinen zerrissenen Schuhen. Er meinte in den Boden sinken zu muffen vor Schani, — aber das Christkindlein winkte ihm mit freundlichem Lächeln. — Dann kam eine düstere Wolke hernieder und Alles war dunkel und still. Und still war's auch auf den Straßen geworden, nur ein Mann stand noch vor dem großen Goldladen neben dem Dome und schaute träumend in die dichter, die darinnen brannten. Der dreitkämpige graue Hut, der ihm tief in'S Gesicht hineinreichte, — der braune, nachlässig umgeworfene Mantel, das schalkhafte Lächeln, daS zuweilen um seinen Mund spielte und dann wieder die düstere Wolke des Unmulhes, die über seine Stirne zog, das Alles machte den Mann zu emer räihselhasteu Erscheinung. Jetzt eilte er schnellen Schrittes von dannen in der Richtung auf den Dom zu. — „Ich had's gefunden,- — murmelte er vor sich hin. Dann summt er nach einer alten Melodie das Lied: „Was ist das doch ein holdes Kind, Das man hier in der Krippe find't." Plötzlich bleibt er stehen bei der Laterne, die immer trüber brennt, dann tritt er dicht unter sie hin und beugt sich zu dem dunkeln Gegenstände nieder, den der Schnee bereits wie mit einem weiße» Tuche bedeckt hat. Er hebt den armen, bewußtlosen Knaben in die Höhe, derselbe gibt kein Lebenszeichen mehr von sich, — seine Wangen sind weiß, wie das WeihnachtSbäumchen neben ihm. Der Mann nimmt den Mantel von seiner Schulter, und schlägt ihn um das Kind, er hält es fest in seinen Armen und trägt es durch den kalten Abend und erwärmt eS an seiner Brust. Mus Straßen durcheilte er, und dann machte er vor einem großen, hellcrleuchictc» Hause Halt. Mit der Rechten ergreift er den Schellenzug, daß es durch's ganze Hans tönt. „Wer ist da?" fragte eine zarte Frauenstimme von innen. „Clemens," schallt es zurück. „Oefsne schnell." Der Wanderer tritt mit seiner Last ein und schüttelt den Schnee von den Füßen. „Hab' ich's nicht gesagt, Ludovika, daß ich noch etwas finden würde, woran Ihr Alle nicht gedacht?" Die Dame schlug den Mantel zurück und sah in das bleiche Gesicht des erstarrten Kleinen. Er schlug die Augen auf — und wo war er? Hohe Fenster mit prächtigen Vorhängen waren an dem Gemach, in dem ei» weißer Ofen eine wohlthuende Warme verbreitete. Er lag in dem schneeweißen Beuchen, vor dem ein Man» mit einem großen Filzhnie stand. Der Kleine hatte ihn nie gesehen, aber der Fremde lächelte so sreundlich, daß der Knabe die Hand ausstreckte und seine rauhe Wange streichelte. Da trat eine Dame in's Z»»mcr und licbkvsete den vom Starrschliimmcr erweckten Knaben. Sie legte ihm schöne Kleider an, wie sie die Kinder der Reichen tragen und dann labte sie ihn mit einem süße» Tränke. Der Man» mit dem großen Hute war hinausgegangen, die Thüre stand angelehnt und bald schallte ganz von ferne Lrcdcrklang. herüber und der sanfte Ton einer Geige. „Willst Du bei uns bleiben, lieber Kleiner?" fragte die Dame. Da kamen Thränen in die Augen des Kindes und es stammelte: „Ach, es ist hier so schön, wie im Himmel, aber meine Mutter wartet auf mich — und hat noch nichts gigrffn heule Abend." „Wer ist denn Deine Mutter?" „O, sie i r schon lange krank und hat viele Schmerzen, und wir leiden so großen H>ug r. O, laßt mich, ich muß zu ihr, sie ist gewiß in tausend Aeugsten um mrch. 403 Wir kommt rs denn, daß ich nicht bei ihr bin — und was find LaS für schöne, groß« Zimmer und wer hat mich hierhin g,bracht?" „Der Mann, der eben an Deinem Bcttchen saß, hat Dich vor einer Stunde hierhi» getragen. Du warst auf der Straße eingeschlafen bei Deinem Wcihnachtsbäumchen." „Ich will es holen," rief der Kleine lebhaft, „und dann zu meiner Mutter heim.* „Warte nur noch eine kleine Zeit, und ich will Dir etwas Schönes zeigen." ^ ,O, es ist gewiß nicht so lieb und schön, wie das Gesicht meiner Mutter, wenn sie mich anlächelt und von den lieben Engeln' erzählt, die mich gern hätten, wenn ich g «t bin." . Die Dame nahm den Kleinen an ihre Hand und durchschritt drei Zimmer mit ihm. DaS eine war noch schöner als das andere, aber gegen das dritte waren sie alle nichts. Eii. großer runder Tisch stand in der Mitte, von dem ein Lichtmeer ausstrahlte, so hell wie die Sonne. Um den Weihnachtsbaum saßen frohe Kinder und sangen dem Kindlein zu Ehren, das heul sie so glücklich gemacht. Und beiseits saß der Mann mit dem großen Hure und spielte die Geige und sang mit klarer, voller Stimme, daß die Kiemen oft schwiegen und still dasaßen und andächtig lauschten. Als die Dame mit dem armen Knaben in den Saal trat, verstummte das Lied, der freudige Mann legte die Geige bei Seite und die Kinder umdrängten den Ankömmling. Sie standen um ihn im Kreise, jedes hatte irgend Etwas von seinen Gaben in der Hand und bot eS dem Knaben zum Geschenke an, — sie dachten an den schneidenden Wmd, der an den Fenstern rüttelte und an den kalten Schnee, aus dem der gute Onkel den Armen hervorgezogen. Alnr sie machten betrübte Gesichter, als der Kleine nichts annehmen wollte, und nur nach semer kranken Malier verlangte. Sie fragten ihn, ob er nicht bald wieder komme» werde, und erst als die Dame es ihnen versprochen, daß er noch oft kommen sollte, ließe» sie es ruhig geschahen, daß der Mann, der eben die Geige gespielt, ihn bei der Hand «ahm und mit sich hinausführte. Als sie aus der Straße waren, ward der Knabe gesprächig, und erzählte dem wohlwollenden Manne seine ganze Leide, sg schichte, wie sie seinen Batcr vor einem Jahre zum Kirchhofe getragen hätten und wie sie nun so große Noth litten. Die Häuser wurden immer kleiner und ärmlicher, je weiter sie gingen. Hier und da brannte noch ein lrüb.ö Oelflämmchcn hinter den Fenstern, sonst war nichts zu sehen. Zn der Sackgasse, in die sie nun yineinschrillen, war Alles still, man konnte keine Hand vor den Augen sehen. - Mit sicherem Schritt ging der Kleine vorwärts. Er stieg dan« zwei Treppen hinan und öffnete eine niedere Thür. Er stand still und horchte, nichts regte sich, eine furchtbare Angst überkam das Kind. Wenn die Mutter gestorben wäre, während er in dem großen glänzenden Hause war? Schnell stieß er eine zweite Thür auf, die in ein kleines, dunkles Gemach führte. Aus der Ecke drang der Laut schwerer Athemzüge hervor. Der Kleine zündete Licht an und trat mit bebenden Knieen au das Bett seiner kranken Mutter. Er rief sie laut bei Namen, aber keine Antwort erfolgte; da stieg seine Angst aufS Höchste, — er wandte sich mit einem flehenden Blicke zu dem Fremden hin, der unter der Thür stehen geblieben war. Der Mann halte die stumme Bitte des Kleinen verstanden, er trat näher, und sah das Elend in seiner wahrsten Gestalt. Da lag die Arme mit bleichem Antlitze, -Hunger und Noth und Schmerz stand in ihren Zügen geschrieben. Wie ein Engel waltete der Wohlthäter an dem Krankenlager der armen Wutwe, — er zog ein Fläschlein hervor und benetzte ihre Lippen mit einem stärkenden Trunk, er drückte dein Knaben ein Geldstück in die Hand und hieß ihn Speise kaufen, während er selbst an dem Bette blieb und auf jeden Athemzug der Kranken lauschte. Nach einer halben Stunde schlug sie die Augen auf und wußte nicht, — wie ihr geschehen war. Da erzählte ihr der Fiemde Alles und als er geendet, küßte sie seiA Hände, und als der Kleine in seinen prächtigen Kleidern zur Thüre hereintrat, da schloß sie ihn in ihre schwachen, vor Freude zitternden Arme, und dankte unter Thränen dem Kindlein, das ihr so viele Gnaden erwiesen in der heiligen Weihnacht. Noch eine Weile blieb der Fremde in der Kammer der armen, — kranken Wittwe, und tröstete sie und rief mit seinen sanften Worten alle Frcudcngcfühle in dem armen, granigcdrückten Herzen wach. Und als er Hinausschritt und durch die dunkeln öden Straßen ging, da war wohl Keiner glücklicher in dczn großen Frankfurt, als der unscheinbare Mann mit dem grauen Hut und braunen Mantel. Es war still geworden im Slübchen der armen Wittwe. Der Knabe schlief sank und ruhig, — die Mutter war eingeschlummert mit einem Gebete für ihren Wohlthö ^r auf den kippen. Die Sonne ging auf und fand zum ersten Male seit einem Jahre in dem kalten Gemach zwei lächelnde Gesichter. Doch die Freude wurde zum Jubel, als der Kleine die Thür aufmachte. Da stand in der schmalen Flur ein Tisch, mit Geschenken reichlich bedeckt, die Morgcnstrahlen vergoldeten das Weihnachtsbüumchen des armen Knaben, das nun mit Lichtern geziert, wie ein lachender Frühling zur kalten, öden Kammer hereinschaute. Und es war mehr Freude an dem Weihnachismorgen in der Kammer der armen Wittwe, — als in ganz Frankfurt in allen Häusern zusammen. Und wollt ihr misten, wie es hernach gegangen? Die Wittwe ist bald gesund und der Knabe ein kräftiger Jüngling und ein Mann geworden. Der Unbekannte hat ihn nie verlassen. Und wollt ihr besten Namen misten, so schlaget die Geschichte Deutschlands auf, denn man nennt dort auch seinen Namen. Es ist derselbe, der immer bereit war, zu helfen, der als Dichter mächtig in die Saiten schlug, um die harten Herzen zur Mildthätigkeit zu bewegen, es ist derselbe, der am Lcidcnobctle der seligen Katharina von Emmerich die wahre Nächstenliebe gelernt, Clemens Brentano. Die Eröffnung des Suez-Eauals. Jsmailia, 18. November. Die Hälfte des Beweises für die Schiffbarkeit dcS Kanals ist geführt. Im Hafen von Jsmailia liegt eine ansehnliche Flotte von etwa 28 großen Schiffen, und noch ftt Raum genug für eine dreifache Anzahl. Gestern früh um 8', 2 Uhr setzte sich das Geschwader von Port Said in Bewegung, voran der „Aigle" mit der Kaiserin der Franzosen, ihm nach der „Greif" mit dem Kaiser von Oesterreich und die „Grille" mit dem Kronprinzen von Preußen, den der General-Consul des norddeutschen Bundes begleitete, während das übrige Eonsular-Personal auf dem „Dclfin" folgte. „Walk" mit dem Prinzen Heinrich, „Phönix" mit dem englischen, „Wladimir" mit dem russischen Botschafter, der „Peluse," Dampfer der Mestagerie Jmpcriale, mit den Beamten der Compagnie „Suez," ein englisches Kanonenboot, der Loyd-Dampfer „Bulcan" schloffen sich an. Da man vorsichtshalber mit der Distanze von 500 Nieter fuhr, und um diesen Zwischenraum einzuhalten, häufig stoppen mußte, so dauerte die Passage zicmM lange. Unter den Schiffen soll das größte einen Tiefgang von 5'. 2 Meter gehabt haben. Jedes hatte einen Lootsen an Bord; auf dem Schisse der Kaiserin sun- girtc Lcstcps, auf jenem des Kaisers Voisin-Bcy als solcher. Der Durchzug bis JSinailia erfolgte anstandslos durch die 75 Kilometer lange Strecke; um ^, ^5 Uhr langte der „Aigle" daselbst an. Bon den folgenden hatte nur der Mestagcric-Dampfer das Malheur, hart am Eingänge des Hafens durch ungeschicktes Lavirxp aufzufahren — und so den Durchgang zu verstopfen. Die größeren der nachfolgenden Schiffe gericthcn so iu die mißliche Situation, die Nacht über im Kanal, dem schönen Ziele so nahe, liegen bleiben ru muffen. Eine ganze Reihe von Kanonenbooten englischer und französischer Flagge Hi trotzdem die Pastage und kam an all' den, den Weg sperrenden Schiffen glücklich Deutsche Christbaume im Ausland. Der vielgereiste Fr. Verstärker bespricht diesen für deutsche Leser so anziehenden Gegenstand in einem deutschen Blatte. Bon seinen Mittheilungen hierüber ist das Folgende ein Auszug. Ich habe Weihnachten, beginnt er, in den verschiedensten Landern der Erde zugebracht, und ordentlich rührend war es — zu sehen, wie hartnäckig die Deutschen aller Orten an der lieben alten Sitte festhielten, und diese, während ihre Erinnerungen wie in einer Art von Heimweh an dem alten Vaterlande hafteten, gleichsam über die Erde säeten. In England hat der „Christbaum" schon durch die halbdeulsche Königin Bicloria feste Wurzeln geschlagen. Langsam aber sicher streut er von London aus seinen Samen durch das ganze brittische Reich, und die Zeit wird kommen, wo ein englisches Kind so wenig, wie ein deul>ches, sich ein WcihnachtSfest ohne Baum denken kann. Und Amerika? wohin ich nur hörte, wurde dort, wenn von Weihnachten die Rede war, von einem Baum gesprochen, und in Venezuela sagte mir ein ächter Acmkee, als die Rede auf Weihnachten in den Vereinigten Staaten kam, und ich ihn fragte, ob er auch den Christbaum kenne: „Nun, wir werden doch das Christfest nicht ohne Tanne verbringen sollen?" Größere Hindernisse haben südlichere Völker zu bewältigen, da unsere Nadelholzbäume unter den Tropen nicht so recht gedeihen; wo sie jedoch durch die Nähe hoher Gebirge begünstigt sind. Pflanzt mau jetzt auch die Christbäume an. Als ich vor mehr als 20 Jahren in Louisiana war, hatten wir große Noth um einen Christbaum, da Fichten und Tannen fehlten; nur einzelne Kiefern standen dort in dem niedrigen Lande. Deßhalb mußte ein Kieferwipfel zu einem Christbaume ausgeschnitten werden. — Drei Christtage hinter einander lag ich in den wilden Wäldern von Missouri und Arkansas einsam bei meinem Lagerfeuer, aber stets suchte ich mir dann einen Nadelholzbaum, unter dem ich mein Feuer anzündete, und war im Geiste bei meinen Lieben in der deutschen Heimath. Ein Weihnachten verbrachte ich in Batavia. Auch dort wissen sich die Deutschen, und mit ihnen schon manche holländische Familie zu helfen, und aus Taxus oder einem andern ähnlichen Stamme wird ein Weihnachtsbaum hergestellt. In Lima verbrachte ich eine andere Weihnacht. Dort, wo kein Ziegen fällt, kein Baum gedeiht, gab es keine Christbäume, auch fast keine deutschen Familien, und die einzige Erinnerung war Sonne- bcrger und Nürnberger Spielzeug, auf dem Marktplatze feilgeboten, während ringsumher angezündete Lichter den Baum ersetzen mußten. Ein Weihnachten verbrachte ich in der Südsee auf einem Wallfischfänger — trauriger heiliger Abend! Da gab es keinen Baum und keine Lichter. Nur eine trübe Oellampe brannte in der Kajüte, und die einzigen Bäume, welche wir dort hatten, waren die Mastbäume. — Besser war es in Mexiko, in öcfsen Hauptstadt ich das letzte Weihnachten verlebte. Der dortige Christmarkt versetzt unS im Nu in die Heimath. Ein Wald von Fichtcnbäumen ragt hier überall empor, und in den zahlreichen Buden werden Zuckerbackwerk und tausend verschiedene kleine, oft sehr originelle Spielsachen feilgeboten. Die Hochebenen von Mexiko sind unseren Nadelhölzern besonders günstig. Ich habe wirklich in meinem Leben keine schöneren Fichten gesehen, und wie prachtvoll werden sie dort von den „Deutschen" aufgeputzt! Statt vergoldete Acpfel hängen vergoldete Bananen und Granatäpfel daran; die Kinder jauchzen ihnen in gleicher Lust entgegen und in den Eltern lebt die eigene Jugend wieder auf. Da sich viele Deutsche mit mexikanischen Familien verheirathet haben, so rückt unser alter lieber Christbaum mit fliegenden Fahnen in dem den Fremden sonst eben nicht freundlichen Lande immer weiter vor. Nur in dem durch die Natur eben so begünstigten Venezuela fehlt es noch an Fichten und Tannen, obgleich seine 5 — 7000 Fuß hohen Gebirge die beste Gelegenheit bieten, solche anzupflanzen. Dürftige Kiefern keimen da wohl, aber noch haben es die Deutschen dort zu keinem wirklichen Christbaum gebracht, was aber hoffentlich nicht mehr lange dauern soll. Aus dem allen Thüringer-Walde habe ich mir nämlich guten Samen zu Fichten und Tannen verschrieben, und wenn man diese Zeilen in Deutschland liest^ 408 schwimmt er schon seinem Ziele, dem fernen Süden, entgegen. Dort werden ihn dann sorgende deutsche Hände pflegen, und in wenig n Jahren sollen die deutschen Kii der in Denczuela eben so freudig den liebe» Christbaum umtanzcn, wie daheim bei uns im allen Valerlande. (Der Mann im Monde.) Wcßhalb stellen die Rüpel im „SommernachtsTraum" bei ihrem Bühnenspicl vor dem Herzog den Mondschein als einen Mann mit einer Laterne, einem Hund und einem Dornbusch dar? Auch wird manchem Leser a»S Shakespearc's „Sturm" die Rede des Caliban an Steffano erinnerlich sein: „Ich habe dich im Monde gesehen, — meine Gebieterin zeigte dich mir, deinen Hund und deinen Busch " — Eine Abhandlung von Oskar Peschel in der „Angsburger Ättgem Zeitung," die sich über den Mann im Monde," das heißt über die Deutungen verbreitet, welche die verschiedenen Völker den Figuren im Mondbilde geben, ertheilt den folgenden Auf- .s schluß: Shakespeare spielt damit auf eine Sage an, die seine Zeitgenossen von ihren Ammen einsogen, deren aber schon Alexander Neckam (geb 1>5k), der Milchbruder Richard Löwcnhcrz, gedenkt. „Kennst du nicht," sagt er, „die Geschichte von dem Bauern im Monde, der den Dornbusch trägt und auf den sich der Vers bezieht: liuk-trcur; ni ^, 1 »'«» s ? n.n llvsri'niltr u„r« KIunZi^rit pen 8piii»e> r.uili pirxli'rr.*»" rnj»i». Dieser Bauer ist nämlich ein Holzdieb, der zur Strafe für sein Vergehen in den Mond verbannt ward, uud er rührt, stark umgewandelt, aus einer uralten nordischen Sage her, welche Baring Gould in seinen „Mythen des Mittclaltcrs" erläutert hat: „Mani, der Mond, stahl zwei Kinder von ihren Eltern und trug sie uui sich in den Himmel. Ihre Nanien waren Hinki und Bil. Sie hatten Wasser 'geschöpft von der Quelle Byrgir, im Schlauche Socgr, der an der Stange Simul hing, die sie auf ihren Schultern trugen. Noch heutigen Tags sollen die schwedischen Baiicrn ihren Kindern die Mondflcckcn erklären, als wäre ein Knabe und ein Mädchen sichtbar, die einen Eimer Wasser zwischen sich tragen." — In dieser germanischen Sage, die auch noch in Schweden ihre lebendigen Spuren hat, liegt der Kern zum dcuische» Mann im Blonde und zu dem englische» Märchen mit dem Hund, der Laterne und mit dem Dornbusch, welch' Letzterer das gestohlene Holz bedeuten soll. * Die Anzeichen, daß der amerikanische Continent früher, vor Jahr-I^ lausenden, durch Menschen bewohnt wurde, die eine hohe Eu ltnr stufe, einnahmen, mehren sich von Tag zu Tag. So erhielt erst neulich wieder das General- Landamt in Washington die Vcrmcssungs-Berichte von fünf Städte-Bezirken am Gila- Flussc im südlichen Arizona—im Ganzen 105,152 Acker Ägricullnr- und Weideland — das offenbar Jahrhunderte lang in hoher Cultur gestanden haben muß und eine große Anzahl Ruinen von ausgezeichneter und in manchen Fällen prachtvoller Arbeit ausweist, nebst Gerathen, HandweikSzeugen u. s. w. einer aiisgeslordenen, aber jedensaUs aus einer vorangeschrittenen Cultur stehenden, Kunst und Gewerbe treibende» Rare. Unter den größten sind die sogenannten Casa-Grande-Ruincn, ungefähr zwei Meilen südwestlich von den Ost- und Süd-Kanälen des Gila-Flusfes. Friedrich der Große dekorirte einst einen Offizier. „Ew Majestät," sagte dieser, „nur auf dem Schlachtfelds kann ich einen Orden annehmen." — „Ah bah," entgcgncte der König, „sei er kein Narr und hänge er sich das Ding an; ich kann um Seinetwillen doch keinen Krieg anfangen!" Druck, Verlag und Redaction des Litcrarlsckcn Instituts uen t-r. lil>. Hiitls. I Nro. 52. 26. Decbr. 1869. Augsburger Welch ein Gewühl auf Markt »vd Gassen Vöm Thurme schallt das Festgeläut', Kaum kann der Raum die Meuge sassen, Es ist ja heil'ge Christnacht heut. Iah. Nep. Vogl. Am Weihnachts-Abend. Skizze von Ludwig Habicht. (Nachdruck verboten.) Cstristmas," ruft in Dickens ^6Iiri5lmn8 Csrol" ein Neffe seinem Onkel Seronge zu, und wem in aller Welt gleitet wohl nicht unwillkürlich an diesem Abend das Wort über die Lippe: „Glückliche Weihnacht." O schöne, glanzvolle Zeit, die von dem bedrängten, gequälten Herzen den düstern Schleier hinweghebt, Alles rosig und golden färbt und wär' cS auch nur für einen einzigen, glücklich durchträumten Abend! ... In dieser seligen Stunde fühlen wir nicht mehr den Druck des Schicksals, — die Schwere unseres Kummers; wir tauchen mit hinab in die helle, silberglänzende Fluth der schönen, rosigen Stunden, und lassen uns so recht warm und innig umspielen von den Schaumpcrlen einer schönen, längst vcrklungcnen Zeit. Wir sind glücklich, für eine Stunde glücklich, denn es ist Weihnachten und der grüne Christbaum mit seinen leuchtenden Flammen erzählt uns von einer schönen, heitern Vergangenheit, von Jugcndtraum und Kindcrlust, von allem Theuersten der Erde! . . . Es. liegt eine Poesie, ein Zauber in diesem Abend, der seine verklärenden, leuchtenden Strahlen bis in die fernsten Zeiten wirft, und das Herz immer wieder jung zu machen weiß, weil immer neue, glücklich bewegte Menschen den brennenden Baum umringen und damit die vcrklungene Zaubcrwclt vor's Auge rücken. Und wer kein Herz mehr für diese sonnigen Stunden hat, — wem es erstarrt und erfroren im Gewühl des Lebens, wer dürr und nüchtern mit verdrossenem Auge auf diesen Jubel, diese Seligkeit, dieses „Glücklichmachen und Glücklichscin" blickt, wem Geld und Geschäft — Alles und Weihnacht - Poesie und Sonnenschein nur unnützer Trödel scheint, der fasse einmal den Muth, die oben bezeichnete Wcihnachts-Geschichrc des berühmten englischen Humoristen zu lesen, und wie ein Frühlingsschaucr wird's über seine Seele wehen und die harten, — rauhcu bedanken werden aufthauen und sich warm und liebend um die Menschheit schlingen. An diesem Abend, an dem jedes Auge nach einem Funken Freude, jedes Herz nach einem Tropfen „Glück" schmachtet, wird er sich auch mit reichen, vollen Händen beigetragen sehnen: Glückliche zu machen und Sonnenschein zu bringen, auch in die umnachtctsic Urnst. Möchte an diesem heiligen Abend der Weihnachtsengel überall den verhärteten und versteinerte», im „Geld- und Marklwcsen" verrosteten Herzen die „sanfte Leuchte" der vorhalten, daß es ihnen plötzlich tage und sie einsehen lernen: — Geld — Reichthum — Ehre ist kein Glück — und nur die dankbare Thräne, die uns aus dem Astge vom Untergänge Geretteter cntgcgenzittert — der warme Händedruck eines Freundes — in Liebe und Treue verbundene Herzen — das ist Alles — das ist der Reichthum einer Welt! Wenn keines, dann ist Boz Dickens „Olirislinns. Csrol" das Werk eines Dichters »o» Gottes Gnaden; denn es liegt eine Poesie, eine GcmüthStiefe und Gcinüthswärme -arm, die zu jedem Herzen dringen und überall ein lebendiges Echo finden muß. Der Dichter läßt darin den „Weihnachtsengel" einen alten, verhungerten Geizhals besuchen, der nichts kennt, als sein Geld und sein Geschäft und ein elendes, jämmerliches Dasein, mit ewig geschlossener Hand und steinernem Herzen hindüstert und den jetzt der Weihnachtsengcl zurückführt in die Tage der Kindheit, in das Land der Jugendträume, wo das Herz jung war — und eine glückliche, helle Weihnacht noch den Weg zu seiner Brust fand, wo auch er so glücklich war und Alles ihm entgegen jubelte: ,,.llori^ Vkiriulmas." O goldene, schöne Zeit! .... Und jetzt an diesem letzten Wcihnachts- Abend, da hatte auf des heitern Neffen Glückwunsch sein vertrocknetes, kaltes Herz her- vorgekrächzt: „Osll tll>r>8ti»»8 — llumdu^ Der Engel führt ihn zurück in Scenen seiner Jugendzeit, wo der arme Lehrling so glücklich ist, weil es wieder Weihnachten geworden und Alles in dem großen, reichen Hause seines Herrn sich versammelt, um den Abend zu feiern, und — wo ein einziger gütiger Blick aus den Augen seines Prinzipals ihn so glücklich, — so unendlich glücklich gemacht. Dann kommen trübere Weihnachten; sein weiches, liebendes Weib sitzt weinenden Auges dort und klagt: „Ich lebe nicht mehr in Deinem Herzen, Du hast nur noch rinen Gedanken, den Gedanken: reich zu werden. Du hast kein Herz, — kein Gemüth mehr für das Leben, und wenn ich fern von Dir lebe, dann wirst Du hoch aufathmen und jubelnd rechnen, wie viel Du dabei gewonnen." Sie trennte sich von dem harten, versteinerten Manne und sie hatten sich doch einst so innig geliebt — damals, als Beide noch arm waren und das Leben sonnenbestrahlt vor ihnen lag. . . . Wie arm, wie bettelarm macht doch — nur Geld!-Der Engel mit den Weihnachts - Geschenken führt Scrooge dann durch die bunte, lachende Welt von Heute, zeigt ihm überall heitere, glückliche Gesichter, die, von dem Strahl dieses schönen, glücklichen Abends angeglüht, selig lächelnd in die Zukunft blicken. „Es war nichts Freundliches in der Witterung oder in der Stadt, und doch war eine Luft von Heiterkeit ausgebreitet, daß die klarste Sommcrluft und die glänzendste Frühlingssonne vergebens mit ihr zu wetteifern versucht haben würde," — sagt Dickens begeistert, und wer hat nicht den warmen Athem dieser Luft an seiner Wange gefühlt, trotzdem der kälteste Wind da draußen wehte und der Schnee vielleicht Fuß hoch auf Weg und Stegen lag. Ein einziger volltönender Augenblick des Glücks ist dieser Abend; — der Lärm auf den Straßen verstummt, sogar die großen Städte scheinen ruhiger und langsamer zu athmen, selbst die wenigere Armseligen, die au keinem häuslichen Herde ein Plätzchen gefunden, gleiten geräuschloser als gewöhnlich durch die Straßen. ... Ah, es ist doch ein Abend, der still und traut, wie kein anderer des Jahres, und von einem göttlichen Frieden, der sich schmeichelnd selbst um die vcrhärtetste Brust legt. Der freundliche Führer zeigt Scrooge den Weihnachtsabend seines Schreibers, der mit seiner Familie so kümmerlich und dürftig lebt, und doch heute so glücklich ist, weil es Weihnachten ist und ein Stück Himmel auch in das verlassenste Herz herniederlacht. Die Kinder stürzen jubelnd in die Stube, sie haben schon, mit feinem Spürsinn, beim Bäcker ihre Gans herausgerochen, die dort gebraten wird, und heute als Juwel ihrer lange herbeigeschmachteten Mahlzeit glänzen soll. Dann kommt der Vater herein, der seinen jüngsten Sohn, den kranken, verkrüppelten Tiny Tim, auf dem Rücken hat, mit dem er in der Kirche gewesen, und der dort kindlich-fromm zu ihm gesagt hat: „Er hoffe, daß sich die Leute bei seinem Anblick an Christus erinnern würden, der Lahme gehend und der Blinde sehend gemacht," und der jetzt von den nur für die köstliche, seltene Mahlzeit schwärmenden Brudern in die Küche getragen wird, um dort den Pudding in der Pfanne „singen zu hören." Sie feiern eine Weihnacht, recht einfach und ärmlich, diese armen Leute, aber daT Herz weiß nur von Glück und Freude, und athmet die warme Strömung der ewige» Gottesliebe. Der arme Tiny Tim sitzt dicht bei seinem besorgten Vater, der liebevoll die Hand seines Kindes erfaßt, als fürchte er, es könne ihm entrissen werden. Auch der stcinharte Scrooge wird davon gerührt und frägt den führenden Engel mit warmem Interesse: „Sage mir, wird Tiny Tim leben?" Der Geist erwidert ihm: „Ich sehe einen leeren Stuhl in dem Winkel des Kamink und Krücken sorgfältig aufgehoben ohne ihren Besitzer." „O sage, bleibt er verschont?" ruft Scrooge lebhaft aus; doch sein Führer mähst ihn an sein eigenes Wort, „daß ja solch' ein Tod nicht viel bedeuten wolle, und damit nur ein überflüssiger Mensch weniger würde." Aber dieser Krüppel ist seines Vaters geliebtestcs Kind, — und dann hat er seine« Platz, dann erwärmt und erleuchtet er das Herz desselben, er ist kein unnützer Krüppel mehr, er ist sogar die Stütze des armen Mannes, die ihm das Leben leichter und angenehmer macht. Selbst das Unscheinbarste, Unbedeutendste wird lieb und theuer, wenn eS ein Strahl unserer Liebe vergoldet und dadurch für immer an unser Herz fesselt! Der arme Schreiber trinkt die Gesundheit seines filzigen Herrn, so wenig sich dessen Geiz um ihn verdient gemacht, und entgegnet auf den Einspruch seiner Frau: „Meine Theuere — — heiliger Abend!" Ja, ein heiliger Odem weht dann läuternd, versöhnend durch die Herzen, und licht und freundlich wird es darin, jede Flamme des Hasses, die so heiß in unserer Brust gelodert, ist zu Asche gebrannt und nichts übrig geblieben, als eine freundliche Wärme gegen das Leben und gegen die Welt. Sein Führer zeigt Scrooge überall lachend-verklärte Gesichter, im dunklen Schacht, wie auf wogender See: allüberall der eine helle, freundliche Klang. —, als habe eine mächtige, wunderbare Glocke ihre Zaubcrtöne zu Aller Herzen geschickt und sie zu stiller Feier, zum Eingang in das Tiefinnerste der eigenen Brust gestimmt. O, das ist herrlich, daß es noch Stunden gibt, die läuternd-belcbcnd eine denkend-glaubcnde Welt durchzucken und gleiche Gefühlsseligkeit, lichte, — liebe „Kinderträume" allüberall hervorrufe« und wecken! Der Engel führt den von mannigfachen Empfindungen bestürmten Scrooge in das Haus seines Neffen. Auch dort ist Weihnacht, heitere glückliche Weihnacht, — und sein junger Neffe lacht trotz seiner Armuth so fröhlich, so recht aus beglückter, offener Brust, daß es überall ein Echo findet und unwillkürlich zum Mitlachen zwingt. Sie plaudern von dem Onkel, lachen gutmüthig über den Geizhals, der über seinem „Scharren nnd Kratzen" die lachende, blühende Welt vergißt und mühsam dumpf dahinkcucht, das Leben aus hohlen, verhungerten Augen betrachtend. Der Geizhals muß gewahr werden, daß „er" keine Schätze besitzt, sondern nur die Schätze „ihn" und noch dazu mit jeder Faser seines Herzens, daß er nicht mehr freudig aufathmcn, nicht mehr ruhigen Auges in die Sonne blicken kann, denn ewig klirrt die Kette seines Reichthums hinter ihm und schmiedet ihn an die Galeere eines elenden, — jämmerlichen, von jeder Freude, allem Lebensgenuß entblößten Daseins. Um ihn vollends zu bekehren und umzuwandeln, zeigt ihm der Weihnachtsengel der Zukunft seinen Tod — kalt — einsam-gräßlich. Keine Thräne fließt auf sein Grab — Niemaud auf der Welt, der ihn betrauert, --- und als er, bewegten Herzens, seinen Führer nach einem Menschen fragt, den sein Tod vielleicht beglückt, da zeigt ihm dieser einen seiner Schuldner, — der hoch aufathmet,. daß der ihm verfolgende erbarmungslose Gläubiger nun todt ist und er nun hoffen kann, die Erben milder und nachsichtiger' zu finden. Ob Traum, ob Geisterspuck das Alles? Scrooge weiß eS nicht — er fragt auch nicht darnach — genug, die wechselnden Bilder des Wcihnachtsengcls haben seine starre Seele erschüttert und das von Geiz und Habsucht gefrorene Blut seines Herzens beginnt zu rollen, Jkiristmas, glückliche Weihnacht!" ruft er jubelnd aus, und Alles erhält in seinem Auge eine lebhaftere, schönere Gestalt. Der Nebel ist gefallen, —> daS Herz kann fühlen für fremdes Leid, kann klopfen für fremdes Glück, und jubelnd man» dert er hinaus in die klingende, lachende Welt, um Glückliche zu machen und fremde» Leid zu lindern, daß es hell zusammenklinge, der Friede da außen mit dem Frieden der eigenen Brust. Er sucht seinen Neffen auf und feiert eine glückliche, frohe Weihnacht, aber noch eine glücklichere, als er am andern Morgen dem armen, schon ängstlich für sein Zuspät- kommen besorgten Schreiber seinen Gehalt erhöht, und dann für den kranken Tiny Tim mit väterlicher Liebe sorgt. Wie kalt ist die Welt ohne Liebe, wie öde das Leben ohne Freund! Wir dürfen nur die Hand ausstrecken und Alles sinkt uns zur Brust: Liebe, Freude und Glück. — Ein Weihnachtsabend ist es ja eben, der die Herzen aufthaueu soll, daß sie liebevollen Sinnes für das Glück ihrer Umgebung sorgen und ein Lächeln auf die Lippen führen, die vorerst Schmerz und Verzweiflung zusammengezogen. Halten wir Weihnacht in unserer Brust, daß darin der grüne Baum wahrer reiner Menschenliebe brenne, und dann wird uns auch das Verständniß aufgehen zu dem ewig schönen, kindlich-reinen Fest der Weihnachten, daß wir, geweiht und gehoben, dem neu beginnenden Leben entgegentreten. Es lächelt nichts so himmlisch in unser Auge, als eine getrocknete Thräne, und da» unerbittliche, eiserne Schicksal sorgt dafür, daß dieser Quell nie versiegt. Wo wir trösten, helfen uiid lieben, da zieht in unsere Seele stillgeräuschlos der Weihnachtsabend ein, dem jedes Herz entgcgenharrt. Und so rufen auch wir mit Boz Dickens auS: Oliristinus, — glückliche Weihnacht!" Möge der Weihnachtscngel Glück und Freude zu jedem Herzen tragen — und die dunkelste Nacht erleuchten, möge überall Glück und Freude walten, der Weihnachtsbau« hell und freundlich brennen und um ihn glückliche, lachende Gesichter gaukeln! Glückliche Weihnacht für die ganze Welt, und wo irgend eine schwer beladene, keuchende Brust, da laßt uns helfen — die Hand darauf — und, wie Tiny Tim sagt: „Gott segne uns Alle!" Titian's Tod. Selten wohl führte ein Künstler ein glänzenderes Leben, als Titian. Ruhm, Ehre, Reichthum alles war sein. Der Himmel hatte im sein Talent und seine Kraft, so frisch erhallen, daß sein letztes Gemälde, welches er ihm Alter von 99 Jahren malte in nichts seinem ersten nachstand, durch das er seinen Ruhm begründete, ja sogar in den Auge» vieler noch übertraf. Ungetrübt floß sein Leben dahin in dem stolzen Venedig, unter allen Genüssen der Ueppigkeit und des Reichthums z zur Muse hatte er eine Bachantin und seine Poesie ergoß er in das Haar seiner Geliebten, das wie ein Goldregen auf dem Schnee ihrer Schultern niederfiel. Nie hatte Titian mit den Versuchungen des bösen Engels zu kämpfen, nie wurde seine Liebe betrogen, nie durfte er mit dem Elende ringen, nie nahte ein großer Schmerz seinem Herzen. Er lebte 99 volle Jahre, bewundert von Allen, selbst von den Königen, selbst von den Kaisern. Franz I., hob seinen Pinsel auf und Karl V. verlieh ihm einen seltenen Adelsbricf. Dieser lautete: „Nachdem wir den Rath unserer vielgeliebten Fürsten, Grafen, Barone und andere 413 r 413 Würdenträger des heiligen Reichs gehört, ernennen wir Dich in der vollen Macht unserer kaiserlichen Gewalt zum Grafen des heiligen Palastes Lateran, unseres Hofes, unsere- Consistoriums, und geben Dir durch diesen Brief den Titel, erheben Dich zu dieser Würde und schreiben Dich ein unter die Zahl der andern Pfalzgrafen. Dich und Deine Kinder und ihre Erben und Nachkommen in aller Zeit erklären wir auch für' s» adelig, als man es nur in den höchsten menschlichen Stellung sein kaun, gleich als ob sie aus dem edelsten Stamm geboren wären und vier väterliche und mütterliche Ahnen hätten. Wir verleihen Dir Schwert und Sporn und Adelsgewand und goldenen Gürtel." Aber wie verschieden von diesem langen, glänzenden, sturmloscn Leben sollten die letzte finstere Stunden dieses Mannes sein! Titian hatte zwei Söhne und eine Tochter: PomponiuS, Horaz und Lavinia. Die Pest suchte Venedig heim, und Horaz war der Ersten einer der von ihr ergriffen wurde. Titian wollte seinen Sohn pflegen, seinen geliebten Horaz, den er dazu bestimmt glaubte, der Erbe seines Ruhmes zu sein; er sank von der gleichen Krankheit ergriffen auf dasselbige Lager nieder. Hier hatte er den Schmerz seinen Horaz sterben zu sehen. Er selbst war dem Tode nahe, als PomponiuS mit Postpferden von Mailand herbeieilte und sich in den Palast Barbarigo stürzte, den sein Vater seit langer Zeit bewohnte. Er kam nicht um seinem Vater die Augen zuzudrücken, aber er raffte die werthvollen Möbel und die kostbaren Gemälde zusammen, um sie unter öffentlichem Aufgebot zu verkaufen. Titian, der glorreiche Künstler, starb allein, ohne einen Diener, der ihm ein letztes Lebewohl sagte. PomponiuS war noch schlechter als der schlechteste Diener. Er entfloh > in aller Hast aus Venedig und ließ seinen Vater unbeerdigt zurück. Der, welchen Franz I. uns Karl V. als ihres Gleichen betrachtet hatten, fand nach seinem Tode nicht einmal ei» Grab. C h r i st n a ch t. Heil'ge Nacht, auf Engelschwiugen Nahst du leise dich der Welt, Und die Glocken hör' ich klingen. Und die Fenster sind erhellt. Selbst die Hütte trieft von Segen Und der Kindlein froher Dank Jauchzt dem Himmelskind entgegen, Und ihr Stammeln wird Gesang. Mit der Fülle süßer Lieder, Mit dem Glanz um Thal und Höh'n, Heil'ge Nacht, so kehrst du wieder, Wie die Welt dich einst geseh'n; Da die Palmen lauter rauschten Und, versenkt in Dämmerung, Erd' und Himmel Worte tauschten, Worte der Verkündigung. Da mit Purpur übergössen, Aufgcthan von Gottes Hand, Alle Himmel sich erschlossen. Glänzend über Meer und Land; Da, den Frieden zu verkünden, Sich der Engel niederschwanz. Auf den Höhen, in den Gründen Die Verheißung widerklang. Da der Jungfrau Sohn zu dienen, Fürsten aus dem Morgenland In der Hirten Kreis erschienen, Gold und Myrrhen in der Hand; Da mit seligem Entzücken Sich die Mutter niederbog, Sinnend aus des Kinde- Blicke» Niegefühltc Freude sog. Heil'ge Nacht, mit tausend Kerzen Steigst du feierlich herauf; O so geh' in unsern Herzen, Stern des Lebens, geh' uns auf! Schau', im Himmel und auf Erde» Glänzt der Liebe Nosenschein: Friede soll's noch einmal werde» Und die Liebe König sein! s? -s s (Zwei Sonntage in der Woche.) In der neuesten Nummer der Zeitschrift; „Die Natur" veröffentlicht Dr. Ule folgende interessante Notiz: Bekanntlich verliert man auf keiner Reise um die Erde, wenn man dem Laufe der Sonne folgt, einen ganzen Tag. Dasselbe geschieht natürlich auch, wenn Völker wandern und wenn sie dann, nach entgegengesetzten Richtungen ausgezogen, inmitten ihrer Wanderung etwa an den Ufern eines Meeres zusammentreffen und jedes seine gewohnte Zeitrechnung mit sich bringt und beibehält, so geschieht es, daß das eine seinen Sonntag feiert, wenn das andere noch seinen Sonnabend hat. Ein solches Zusammentreffen vokl Völkern von verschiedenen Richtungen her hat besonders an den Küsten des nördlichen Stillen Ozeans stattgefunden wo die Russen nach Osten, die Amerikaner nach Westen hin die Küsten erreicht haben und wo es sich nun um so auffallender geltend macht, seit das frühere russische Amerika in den Besitz der Vereinigten Staaten Nordamerikas übergegangen ist, ohne daß man die alte russische Zeitrechnung aufgegeben hat. Ein gut gesinnter Bürger Amerikas hat es daher in seiner Macht, sich zwei Sonntage in jeder Woche zu machen, neben dem allgemein gefeierten russischen auch noch den amerikanischen am Montag zu feiern. Freilich kann das auch für die Geschäfte recht störend werden. Kommt er nämlich von Sau Francisko, wie eine kalifornische Zeitung sagt, in Sitka der Hauptstadt von Alaska, dem ehemaligen russischen Amerika, nach seiner Berechnung am Freitag Abend an, so findet er am nächsten Morgen die Läden geschlossen und alle Geschäfte unterbrochen. Er verliert dann nicht bloß diesen Tag, sondern auch den nächsten dazu, wenn er aus Gewohnheit oder aus Ueberzeugung seinen Sonntag feiern will. Auf der anderen Seite wird der fromme Kaufmann aus Alaska ihm heutigen Sitka mit wahrem Abscheu sehen, daß der gottlose Amerikaner am Sonntag Kattun mißt oder Messer schleift, am Montag Morgen aber Plötzlich ein reines Hemd anzieht, einen schwarzen Frack anlegt, durch die Nase spricht und jene feierliche und selbstzufriedene Miene annimmt, die der nationale Ausdruck für religiöse Stimmung in Amerika ist. L ii r 1 e r i r > l 1 1 « Weihnachts-Abend. ES schlingen sich die alten Kreise wieder, Die alte Freude klopft an uns'rc Brust, Und an des Baumes Zweigen auf und nieder Sucht unser Blick der Kindheit süße Lust. Ersehnte Stunden, hoffnungsreiches Dunkeln, Wo jeder Lichtstrahl nächstes Glück uns malt. Wo nun der hundert Lichter buntes Funkeln Mit eins dem überraschten Auge strahlt. Seht ihr die Engel nicht vorübersliegcn? Sie zündeten ja selbst die Lichter an, Und wie sie froh verbreitet vor euch liegen, Die Gaben alle rief ihr Wink heran. Wohl fliegen Engel auch durchs spät're Leben Und zünden Frcudenlichter um uns an,. Zhr Gruß heißt Liebe, ihr Vorübcrschweben Es kündet sich in frohen Herzen an. Beglückt, wer ihren leisen Gruß vernommen, Ihm wird die heil'ge Flamme nie verglühn. Der Kindheit Lust ihm ewig wieder kommen Und aus dem Wintergrün ein Frühling blüh'«. (Ein Witz von Abraham a Santa Clara.) Vor hundert Jahren trugen »Üe Damen des Wiener Hofes so tief ausgeschnittene Kleider, daß Abraham a Santa Clara dagegen von der Kanzel herab eiferte und mit den Worten schloß: „Weiber, die sich so sehr entblößen, sind nicht werth, daß man ihnen in's Gesicht spukt." Die Kaiserin, darüber ergrimmt, ließ ihm sagen, daß er sein Amt verlieren würde, wenn er dieß nicht widerrufe. Am nächsten Sonntag that er es folgendermaßen: „Ich sagte neulich: Weiber, die sich so entblößt tragen, seien nicht werth, daß man ihnen in's Gesicht spukt p dies widerrufe ich hiemit feierlich und erkläre: sie sind eS werth!" Clara Ziegler. 2 Sonntag den 19. Dezember gastirte die k. Hofschauspielerin Fräulein Clara Ziegler von München am Stadlthcater in Augsburg als „Medea" in dem gleichnamigen vieraktigeu Trauerspiele von Grillparzer. Diese Grillparzer'sche Medea hat vor jener des Enripides voraus, daß sie unserem Mitgefühle näher steht, weil sie nicht allein als leideuschastliches dämonisches Weib, nicht allein als schuldbeladene Verbrechers» und racheschnaubende Furie erscheint, wndern auch. und sogar vorwiegend, als in ihren heiligsten Gefühlen gekränkte Liebende, als Dulderin, welche durch das auf sie hereinbrechende Elend zum Schrecklichsten getrieben wird. Wir schaudern, wenn ihre mühsam zurückgedrängte wilde Natur in Folge der Kränkungen immer wieder aus's Neue hervorbricht, wir können sie aber nicht absolut verurtheilen. Gr,llparzer hat dem barbarischen Zauberweid mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen, als die griechischen Dichter, welche die Fremde wohl aus nationalen Gründen als das verabscheunngswurdigste Ungeheuer zeichnen mußten. Unser Dichter motivirt alle Verbrechen Medcas durch ihre Liebe zu Jasou. Diese Liebe treibt sie, den Vater zu verrathen, den Tod des Bruders zu dulden und selbst der Tod des Oheims ihres Gemahls ist, wenn er ihr überhaupt zur Last fällt, nur JasouS wegen von ihr bereitet. Grillparzcrs Medea ist nicht die wilde Colcherni, die e Medea suhlt vielmehr wie eine Europäerin unserer Zeit, wie ein seines Werthes bewußtes gewaltiges Weib. das der Liebe ihres Mannes Alles dahin gegeben hat und jetzt einsieht, daß sie einem Unwürdigen ihr Vaterland, ihre Blutsverwandten, sich selbst geopsert hat. Furcht und Mitleid mit ihr ergreift uns, und schon ehe das Schrecklichste geschieht, faßt uns die Ahnung des furchtbaren Ausgangs, ein Beweis, daß unser Rechtsgefühl ihr Concessionen macht Bevor mir zur Darstellung übergehen, müßen wir uns einige Worte über die Technik unserer Künstlerin erlauben. Shakespeares Fundamentalsatz für die Kritik der Vortragsweise lautet bekanntlich: „Ich bitte Euch, haltet die Rede leicht von der Zunge weg, denn wenn Ihr den Mund so voll nehmt, wie Viele unserer Schauspieler, möchte ich meine Verse eben sv gern von dem Ausrufer hören." Die Art und Weiss, wie Frl. Ziegler den G-ist dieser Worte erfüllte, verdiene allein schon Bewunderung. Sie besitzt die Kunst, in den bedeutendsten, erhabensten Momenten die Sprache leicht, ohne irgend sichtbare physische Anstrengung von den Lippen fließen zu lassen und das ist das größte^Geheimniß der Redekunst. Ihr zweites Geheimniß ist nicht etwa der höchste Wohllaut ihrer «spräche, — der natürliche Klang ihres Organs allein, sondern die Gewandtheit, mit der sie die seltene Kraft und Biegsamkeit dieses Organs verwerthet. Die Künstlerin vermag in den schwierigsten, ihren glänzendsten, Momenten die Stimme, trotz ihres Umfangs, mitten im hastigsten Sturm der dahiu- brauienden Leidenschalt in wenigen Tönen zusammen zu halten, sie bringt die Betonung allein durch die Abwechslung von Forte und Piano hervor; sie erhält die tonlosen Silben fast ganz auf derselben Tonhöhe, und gewährt auch, wenn sie meuru vooa spricht, dem unverdorbenen Ohr eine Musik der Sprache, die unmittelbar aus der Seele qmllt und deren tief- innerstes Walten offenbart. Im höchsten Pathos dagegen verst ht sie den vollausklingendeu Ton nicht nur musterhast zu halten, sondern auch unnachahmlich schön zu tragen und den dritten Hebel zu einer keiner Steigerung versagenden Beredsamkeit, eine unvergleichlich- Athemsühruug zu kaum geahnten Wirkungen zu verwerihcn. Tcnhalten, Tontragen Athmung holte» wir aber für die bedeutendsten Faktoren der Redekunst. So gewaltig-r- schüttelnd und markdurchdringend in den wilden Ausbrüchen der Leidenschaft, so bezaubrno milde ist ihre Rede, wenn sie gewinnen, wevu sie rühren Will. In Leu süßen Worten, nnt denen sich Medea im dritten Akte noch einmal den Gatten zurückzuschnnicheln versucht,. ,chreu sie nicht nur der ganzen lauschenden Menge, sondern sogar dem Darsteller des Jajox selbst das Herz aus der Brust zu schmeicheln. Wem ging eS nicht tief in die Seele, als sie rm zweiten Akt mit wachsender Erfersucht die Aufmerksamkeit Jasous von Kreusa hinweg auf sich 416 s z« lenken suchte, indem sie wiederholt sagte: „Jasou, ich weiß ein Lied." Diese wenige» « Worte vermag ihr kein Mensch mit gleicher Betonung und annäherndem Effekt nachzusprechen, s Nebenbei dürfen wir nicht unerwähnt lassen, daß Frl Ziegler, die geborue Müuch« ^ «eriu, ein besseres, reineres Deutsch spricht, als alle ihre Rivalinen, bei welchen entweder der o slavische, ungarische, norddeutsche oder sonst ein Acceut sich mehr oder weniger bemerklech macht. Wem hörte mau je die deutsche Sprache wohl so schön und zugleich so absichtslos von den Lippen fließen? Diese Sprachschöuheit ist ganz unvergleichlich. Frl. Ziegler ist vom technischen Gesichtspunkte auS entschieden die größte Sprechküusilerin, die exiftirt. Nimmt mau s hiezy ibrc imposante Erscheinung, ihr großes feuriges Auge, ihr normal schönes Antlitz, die vollendete Plastik ibrer Attitüden, deren jede ein Modell sür>inso Bildhauer sein könnte, die , Corrcctheit der Auffassung bei der noch frischen Gluth der Genialität, noch nicht verkühlt ^ durch objectiven Verstand uud blasirte Virtuvsenroutine, so ist es kein Wunder, daß ihre Dar- i stellsug einen überwältigenden Eindruck bewirken muß. Und was wir nicht hoch genug au- j schlagen können, Frl. Ziegler scheint uns berufen, die Kluft zwischen dem augenblicklich herr- z sehenden Realismas und dem süßlichen inhaltslosen Idealismus einer vorausgegangen Periode auszufüllen und iu einem versöhnenden Gleichgewicht beider den höchsten Ausdruck der Kunst ' zu verkörpern. s Was sagen wir von dem Eindrucke, den Frl. Ziegler als Medea erzielte? Mit dem « festen boshaften Vorsätze, alles nur einigermaßen Tadelnswerthe aufzuspüren, waren wir zur i Vorstellung gegangen; dabxn wrr doch seinerzeit Dawiscu, H-ndrichS und ankeren Virtuosen s selbst enthusiastiicheu Anbetern gegenüber rücksichtslos Charlatanerie und Coulrsseureißerei nach- > gewiesen. Nach dem ersten Akte der Medea glaubten wir die Deklamation einzelner Verse als zu gedehnt, das Hinabsteigen in die wunderbar klangvolle Tiefe als zu schnell und häufig rügen zu dürscu, jedoch die edle Vollendung der Technik hiebei schlug uns ins G wissen. Im zweiten Akt dagegen ergriff uns die Gewalt der Darstellung so mächtig, daß wir Leu Kritikus s und uns selbst ganz vergaßen. Höher und höher stiegen die Wellen der Leiden chaft und unserer j Bewunderung. Wie mit tausend feurigen Zungen leckten Eifersucht und Haß an der gigantischen Gestalt dieser Medea empor, vrkauäholich, Alles vor sich nieder chmetterud. brach ihr > Grimm los, iu Allem von dem Momente an, wo zum erstenmal ihre ungezügelte Seele in den l Strahlen der griechischen Souue austtzaut und doch die wilde Natur nicht verläugnen kaun, bis zu dem furchtbaren Wulhausbruche am Schlüsse war diese Medea ein unvergleichlich ge- , waltiges, entsetzliches Weib — als vb Jedem der Tod von ihrer Hand drobte, wagte mau , kaum zu athmen uud erst mit dem Fallen des Vorhauges entlud sich die fieberhafte Spannung der Zuhörer in eine söimlicheBeifallsraserei, wie wir eine ähnliche noch selten in einem Theater erlebt baden und wir — rasten unwillkürlich mit. < Bei alledem beruht der Erfolg dieses Altes mehr aus der äußerlichen Größe der Aktion. Deu tiefsten Eindruck, der uns diesmal und überhaupt bis jetzt von der Buhne gewviden, ' empfingen wir im dritten und vierten Akt. Mau könn Gcwaliigeres gesehen haben, doch nie ! so schauerlich Schönes und Harmonisches. Die zu mäuvlich ertönende Stimme der Rachel, die zu absichtsvoll dervortrelerden Stellungen der Ristori erregten uns trotz aller Bewunderung immer ein lerieS Mißbehagen. Bei Clara Ziegler dagegen folgt man mit einer gewissen dä- , monischen Billigung der Seele Medeas in den tiefsten Abgrund des Elends, der Verzweiflung, der.verbrecherischen Rache. Mehr als einmal stockte urs der Aibem, das Auge verbot deu l Wimpern zu zucken, als sie sich mit unerbittlicher Consegnenz zum Mord der Kreusa und der eigenen Kinder entschloß, da der verschmähten Mutterliebe einer Medea eben nichts übrig bleibt, als die Vernichtung dieser Kinder, die mit den zärtlichsten Schmeich leien nicht mehr von der Seite der Nebenbuhlerin zu locken waren. Und die Schlußscene! Medea war keine gebrochene Sünderin, sondern eine durch ein surchtbares, selbstverschuldetes Unglück niedergebeugte Heldin, die sich der ganzen Schwere ihrer Verbrechen bewußt ist. Die Einfachheit und majcstäti.che Ruhe, mit der sie die versöhnenden Verse zu Jason sprach, war ergreifend und doch aufrichtend; wir fühlten noch einmal die gaoze Gewalt des furchtbaren Schicksals, aber trotzdem athmeten wir erleichtert auf. Ein Gefühl überkam uns, wie nach ein-m Gewitter, das ringsum Verderben ausgesandt, aber dennoch die Lust von der drückenden Schwüle befreit hat. Der Zorn der Götter kann die große Colcherin strafen mit schwerer Buße, aber sie zu vernichten wäre ungerecht. Wir glaubten es Medea, daß sie Versöhnung zu finden hofft am Llta zu Delphi. „Warum lieben denn alte Jungfern die Katzen so sehr?" fragte ein junger Witz- üsl. eine ältliche Dame. — „Weil sie sich in Ermangelung von Ehemännern an das "ächt? falsche und selbstsüchtige Geschöpf hängen," war die Antwort. Druck, Verlag und Redaktion des Lttrrurische»'Jristiturr von vr. M. Huttler. v Unterkaktungsökatt zur „Ailgsünrger Postzeitmig." Nr. 1. Donnerstag, 1. Juli 1880. Gott weiß dein Leid und heimlich Grämen, Auch weiß er Zeit, dir's zu benehmen. Gieb dich zufrieden! Paul Gerhardt. Der Derr Daran. Novelle von Ludwig Habicht. Verfasser der Romane: „Auf der Grenze," „Der rechte Erbe" «. (Nachdruck verboten.) Erster Theil. I. Auf der Straße zwischen Castellamare und Sorrent, die das Entzücken jedes Reisenden ist, der einmal das Glück hatte, hier umherzuschweifen, schlenderten langsam im eifrigen Gespräch zwei Wanderer dahin. Ihre Kleidung schon verrieth, daß sie Künstler waren. Der Mond stand bereits am Himmel und goß sein Zauberlicht über die Landschaft, um alles in noch wunderbarere Farben zu kleiden. Bon Zeit zu 'Zeit blieben die Maler stehen, ganz im Schauen versunken, und dann sprachen Beide kein Wort. Der Größere von ihnen brach jetzt wieder zuerst das Schweigen und in deutscher Sprache, die durch ihre Lispellaute den Dänen bekundete, sagte er leise und tief ergriffen: Ach,-wer das auf die Leinwand bringen könnte! Sehen Sie, He dort das Meer wieder vor uns aufblitzt. Ist eck Silber? ist es Gold? Es sind eben märchenhafte Farben, die kein Pinsel wiederzugeben vermag. Und dieser Frieden ringsum! bemerkte der Andere, der in seiner Aussprache den Süddeutschen nicht verleugnen konnte: Hier ist ein Stück von dem verlorenen Paradies. Die große Dogge des Dünen war vorausgesprungen, jetzt vor einem dicht an der Straße liegenden C^pressengcbüsch stehen geblieben und stieß ein klägliches Geheul aus. Was hat die Bestie? rief der Deutsche verdrießlich. Wie gern ich auch sonst Ihren Cagliosiro habe, aber an diesem wundervollen Abende könnte er uns wirklich mit seinem Lärm verschonen. Cagliostro »ruß irgend etwas ausgespürt haben, entgegnete der Däne. Ach wirklich, dort liegt ein Mensch, und er zeigte aus das Gebüsch. Die scharfen Maleraugen des Anderen wandten sich der bezeichneten Stelle zu. Es scheinen zwei zu sein, sagte der Deutsche, und nun eilten Beide mit raschen Schritten vorwärts, um den Platz zu erreichen, von dem Cagliostro noch nicht gewichen war, sondern sein klägliches Geheul verdoppelte, als wolle er Hilfe herbeirufen. Ein entsetzlicher Anblick bot sich den erschreckten Künstlern dar. Am Fuße einer Ceder lag ein Mann in seinem Blute, mit zerschlagenem Schädel; er mußte todt sein, denn er gab kein Lebenszeichen von sich, obwohl die Dogge ihm jetzt das Blut von der Stirn leckte. Nur wenige Schritte davon, der Landstraße näher, lag noch ein Mensch am Boden, vielleicht ebenfalls ermordet, denn er regte sich ebensowenig, als die beiden Maler jetzt näher traten. Eine Verwundung ließ sich freu.ch ^ nicht sogleich an ihm bemerken, aber er war an den Händen gefesselt und hatte einen Strick um den Hals, der ihm die Kehle so zugeschnürt, daß auch ihn vielleicht der Tod schon erreicht hatte. Hoffentlich ist wenigstens dieser arme Bursche noch zu retten, meinte der Deutsche, und versuchte den Strick zu losen, der aber so fest den Haks des Unglücklichen umschloß, daß es ihm nicht gelang; erst als der Däne ein Messer hervorholte, glückte eS nicht ohne Mühe — denn die größte Vorsicht war nothwendig — den Strick zu durchschneiden. Ein leises Athemholen, ein schwaches Zurücktreten des Blutes aus dem damit überfüllten Gehirn, bewies den Künstlern, daß hier wenigstens noch Leben vorhanden sei. Bleiben Sie hier und halten Sie bei den Unglücklichen mit Ihrem Cagliostro Wacht, während ich nach Sorrent eilen und Hilfe Herbeibringen will. Wir sind zum Glück nur noch wenige Minuten davon entfernt, meinte der Deutsche. Der Däne war damit einverstanden und der süddeutsche Maler stürmte mit einer Hast hinweg, die sonst bei dem ein wenig phlegmatischen Künstler völlig unbekannt war. Langsam und schwer schlug der von seinen Fesseln Befreite die Augen auf und lispelte kaum verständlich in deutscher Sprache: Wo ist mein Bruder? Ist er todt? und er suchte den Kopf zu erheben und nach der Stelle zu blicken, wo der Ermordete lag. Ihr Bruder scheint leider todt zu sein, antwortete der Däne theilnahmvoll. Wenigstens gibt er kein Lebenszeichen mehr von sich, aber vielleicht dürfen wir noch hoffen, wenn auch — Nein, nein, er ist todt! O, meine Ahnung! Der Unglückliche ließ den Kopf zurücksinken und schloß die Augen. Der Gedanke an den Verlust seines Bruders mußte ihn zu gewaltig erschüttert haben, denn die Sinne drohten ihm wieder zu vergehen. Sie sind ein Deutscher? fragte der Däne. Ein schwaches Kopfschütteln war die Antwort. Wir sind Russen — und als der dänische Maler ein etwas verwundertes Gesicht machte, setzte der Fremde hinzu: Wir sind aus den Ostseeprovinzen gebürtig, Aber ich will meinen Bruder sehen, meinen armen Boguslav! — und mit Anstrengung all' seiner Kraft suchte er sich emporzuraffen, um sein Vorhaben auszuführen. Theilnahmsvoll unterstützte ihn der Däne. Obwohl es nur wenige Schritte waren, hatte der Fremde Mühe sich fortzuschleppen und ohne die kräftigen Schultern des Malers würde er nicht sein Ziel erreicht haben. Als er jetzt seines Bruders ansichtig wurde, betrachtete er ihn mit starren, glanzlosen Augen eine lange Zeit ganz aufmerksam, dann brach er plötzlich mit einem lauten, verzweifelten Schrei zusammen und verlor von Neuem völlig die Besinnung. Zum Glück traf bald darauf der Süddeutsche mit Leuten aus dem nächsten Gasthofe ein und half seinem dänischen Berufsgenossen aus seiner peinlichen Lage, der nicht mehr wußte, was er mit dem Unglücklichen beginnen sollte. Ein französischer Arzt hatte sich zufällig als Fremder in dem Gasthofe befunden und mit dem humanen Eifer, der seinem Stande größtentheils nachgerühmt werden kann, hatte sich der Doktor sogleich zur Begleitung angeboten, und nachdem er einen raschen Blick ükur die beiden am Boden liegenden Menschen geworfen, wandte er all' seine Aufmerksamkeit allein dem Verwundeten zu: Der Andere ist nur ohnmächtig. Bitte, reiben Sie ihm die Schläfe mit Eau de Cologne ein, das wird genügen. Hier aber ist ein schwieriger Fall, und er schickte sich an, die Wunde des Unglücklichen näher zu untersuchen. Nicht wahr, der Aermste ist todt? fragten die Künstler. Der Mensch ist entsetzlich zugerichtet. Es wäre ein Wunder, wenn er davon käme. So leise auch der Franzose gesprochen, der Andere mußte dennoch die Worte gehört haben, denn er schlug matt die Augen auf und jammerte: 0 mon Dien! Beruhigen Sie sich, mein Herr, sagte der Arzt: Noch ist nicht alle Hoffnung verloren. Dennoch blieb dieser Zuspruch ohne Wirkung, denn der Russe stieß in ziemlich gutem Französisch die verzweifeltsten Klagen aus und wollte sich von Neuem erheben, um nach seinem Bruder zu sehen. , Regen Sie sich nicht unnütz auf, mein Herr, ermähnte der Franzose. Ich werde mein Möglichstes thun. Freilich ist der Schädel Ihres armen Bruders arg zerschmettert und — Er muß sterben, nicht wahr? unterbrach ihn der Nüsse und seine Augen ruhten mit dem Ausdruck der furchtbarsten Unruhe auf dem Arzt, der die Achseln zuckte und der Frage auszuweichen suchte, indem er sich wieder eifrig mit dem Verwundeten beschäftigte. Nein, sagen Sie mir alles, ich muß es wissen; drängte der Andere und erhob sich plötzlich, um noch einmal mit ängstlichen Blicken den Zustand des Bruders zu beobachten. Nicht wahr, diese schreckliche Wunde ist nicht mehr zu heilen? Er stirbt? wandte er sich dann zu dem Franzosen und seine Angen ruhten dann voll schmerzlicher Erwartung auf den Lippen des Arztes. Ich weiß es nicht. Ihr Bruder scheint mir von kräftiger Konstitution zu sein und vielleicht gelingt es mir, ihn zu retten. Langsam strich der Russe mit der Hand über sein Antlitz, plötzlich ergriff er den Arm des Doktors, der eben wieder um den Schwerverwundeten bemüht war. Täuschen Sie mich nicht länger, daß Sie sich den Anschein geben, als könnten Sie die fürchterliche Wunde meines Bruders noch zusammenflicken. Ich weiß es, er ist todt, ich hab' ihn verloren. Die elenden Räuber haben ihm zu arg mitgespielt und ihm den Schädel ganz zerschmettert. Kommen Sie, ich kann den Anblick nicht länger ertragen, gönnen Sie ihn: die ewige Ruhe — und in leidenschaftlicher Erregung wollte der Russe den Arzt mit Hinwegziehen. Nein, ich darf Ihren Bruder noch nHt völlig aufgeben, wehrte ihn der Franzose ab, in dem der Arzt allein lebendig war. Gerade dieser schwierige Fall stachelte ihn auf, all' seine Kunst zu zeigen. Ich bin nicht ohne Hoffnung, ihn am Leben zu erhalten, sein Geist wird freilich für immer umflort bleiben. Ohne ein Wort zu entgegnen senkte der Russe den Kopf; er stieß nur einen Seufzer aus und schweigend mit aufmerksamen Augen beobachtete er die ferneren Bemühungen des Arztes. Bald hatte derselbe vorläufig sein Werk gethan, der Verwundete wurde sorgsam auf die mitgebrachte Bahre gelegt und nun trat man langsam den Rückweg zu dem Gasthofe an. Welch' eine traurige Wanderung inmitten dieser herrlichen Natur. Leuchtkäfer schwirrten wie goldene Funken in der Luft, die von dem Duft der blühenden Mprthc erfüllt, sich weich und schmeichelnd um die Sinne legte. Die Natur schien hier das jauchzendste Lied von Lust und Leben anzustimmen, aber Alle, die an dem traurigen Gange betheiligt waren, konnten sich nicht dem Zauber überlassen, den dieser Abend sonst auf sie ausgeübt hätte. Selbst die aus dein Gasthofe mitgebrachte und zum Schwatzen stets aufgelegte Dienerschaft verhielt sich merkwürdig still. Der Verwundete gab während des ganzen Weges kein Lebenszeichen von sich; er wurde mit großer Vorsicht in ein zu ebener Erde belegcnes Zimmer des Gasthofes gebracht und erst jetzt, als der Arzt nun in größerer Ruhe seine Bemühungen verdoppeln konnte, zeigte ein schwaches Athcmholcn, daß noch Leben in ihm sei. Die Künstler hatten sich entfernt, da der Raum, in den der Verwundete gebrachr wurde, ohnehin sehr beschränkt war. Der Doktor hatte sich eine junge Magd herbeigerufen, deren Anstelligkcit ihm bekannt war, die ihm die nöthigen Handreichungen zu machen hatte und sich auch dieser schwierigen Aufgabe mit ebenso viel Geschick wie wüthiger Entschlossenheit unterzog. Doktor Bcrnard, der trotz seiner vierzig Jahre den galanten Franzosen nicht verleugnen konnte, flüsterte mehr wie einmal: Brav Marietta! und die dunklen Augen der Dirne funkelten dann über das gespendete Lob, sie hielt dann' um so herzhafter an der Seite des Arztes aus, obwohl jedes andere junge Mädchen, mit etwas schwächeren Nerven, vor all' dem Entsetzlichen völlig zusammengebrochen wäre. Während dieser ganzen Zeit war der Bruder des Schwerverwundetcn nicht von 4 der Stelle gewichen, trotz seiner sichtbaren Erschöpfung verfolgte er mit größter Aufmerksamkeit die Anstrengungen des französischen Arztes und als dieser sich jetzt jubelnd mit den Worten an ihn wandte: Triumph! ich habe dem Tode noch einmal Ihren Bruder streitig gemacht! sagte der Russe mit schmerzlichem Lächeln: Aber zu welchem Leben?! Oder wird es Ihrer wunderbaren Kunst auch gelingen, den Geist meines armen, einzigen Boguslav zu retten? Nein, das ist mir leider unmöglich, antwortete der Arzt achselzuckend. Ach, dann wäre es vielleicht besser gewesen, diese Schurken hätten ihn getödtetl entgegnete der Bruder. Mein armer Boguslav! und in seinen Augen schimmerte ein feuchter Glanz. Was kaun ihm ein Dasein nutzen, wenn ihm jede Besinnung fehlt? Sie haben wohl Recht, mein Herr, erwiderte der Franzose. Dennoch bleibt es unsere Pflicht, das Leben des Unglücklichen zu erhalten. Und Sie hoffen wirklich nicht, daß mein armer Bruder das klare Bewußtsein wieder erhalt? fragte der Russe von Neuem mit großer Lebhaftigkeit und seine Blicke ruhten wieder erwartungsvoll auf dem Franzosen. Selbst eine noch größere Kunst als die meine würde an dieser Aufgabe scheitern, war die lebhafte Antwort: Sehen Sie nur, wie dieser Schädel bearbeitet worden. Die Hirnschale ist ja ganz zerschmettert und was das Schlimmste, die Verletzung geht bis zur weichen Hirnhaut. Es grenzt überhaupt an das Wunderbare, daß der Tod nicht sogleich erfolgt ist. (Fortsetzung folgt.) Eine lustige Gerichtsverhandlung. Der Oederbauer von Niederstcrzling war bei seinen Ortsnachbarn nicht sehr beliebt. Er war noch ziemlich gut bei Jahren, hatte einen schönen Hof von seinen Eltern geerbt und viel Geld im Kasten, aber er war ein Hagestolz geblieben, hauste für sich und lebte sehr sparsam. Man sagte, er habe nur aus Sparsamkeit es verschmäht, sich eine Hausfrau zu suchen und jetzt möge ihn keine mehr. Der Oederbauer pflegte auch nur selten sich im Wirthshaus sehen zu lassen, und kam er alle heilige Zeit einmal in der Dämmerstunde dahin, dann trank er nicht viel und redete noch weniger, schlich sich vielmehr bald wieder heim, wie er gekommen war, ohne freundliches Wort und ohne Gruß und Handschlag. War er selbst den älteren Bauern, die ihn von Jugend auf kannten, ein unheimlicher Kerl, so galt er bei den jungen Burschen des Ortes als Ausbund des Geizes und der Habsucht, dem man, wo man nur konnte, anthat, was ihn ärgern oder verletzen mochte. Eines schönen Abends, es war Kirchweih in Niedersterzling, da ging's im untern Wirthshaus hoch her! Die Burschen sangen zur Zither und einige Musikanten spielten im Tanzsaal auf. Jung und alt war guter Dinge, und Tanz und Gesang wechselten ab, den Niedersterzlingern die Zeit zu vertreiben. Die Klänge der Tanzmusik drangen auch zum Oederbauern hinüber in seine einsame Stube, und weckten in ihm den letzten Rest menschlicher Regungen, so daß es ihn nicht länger in seinem stillen Hause litt, sondern unter die lustigen Menschen in's Wirthshaus trieb. — Spät war's schon, als der Oederbauer in die große Zechstube trat und am Ofensitz Platz nahm. Allgemeines Staunen verursachte diese seltene Erscheinung. — Man traute seinen Augen kauni — der Oederbauer hatte bei seinem Eintreten sogar die Nächststehenden gegrüßt und sich jetzt schon das zweite Glas einschenken lassen! Als aber vollends der Oederbauer seinen grünen Zugbeutel aufthat und den Musikanten einen blanken Gulden auf den Tisch hinwarf, da verwandelte sich das Staunen in allgemeien Heiterkeit. Der Zitherspieler, ein frischer, schneidiger Stegreifdichter, war gleich bei der Hand und smrg ein S chnada hüpfl auf den Oeder bauern, das sofort zündend einschlug, so daß es die andern jungen Burschen gleich im Chöre wiederholten. Es war ziemlich harmlos, wenn auch nicht frei von Satyrs, aber der Oederbauer lachte mit, als die Anwesenden alle durch ein frohes Gelächter ihren Beifall kund gaben. Solcher Beifall reizte aber den jungen Improvisator und nach wenigen Augenblicken hatte er schon ein zweites und ein drittes G'sangl auf den seltenen Gast losgelassen. Bald war der Oederbauer von den jungen Burschen umringt, und was nun dem Einen nicht einfiel, das kam einem Andern in den Sinn und Schnadahüpfl folgte auf Schnadahüpfl — jede Strophe im Chöre unter lautem Gelächter aller Anwesenden wiederholt. Die Anspielungen wurden dabei immer derber und zuletzt hagelte ein wahrer Schauer von beleidigenden Ausdrücken auf den Geizhals und Sonderling hernieder. Der Oederbauer hatte schon beim zweiten G'sangl zu lachen aufgehört und immer düsterer wurde seine Stirne, bis er in voller Wuth aufsprang und die lustigen Spötter wegstoßend aus der Zechstube verschwand. Er hörte noch das schallende Lachen aus dem Wirthshause, als er wieder an seinem einsamen Hofe die Hausthüre aufmachte, die er heftig hinter sich zuschlug. Am andern Tage war er in der Stadt beim Advokaten. Er nannte demselben die acht Burschen, die sich am meisten hervorgethan, an der Spitze den Feldnertoni, der mit den Spottliedcrn den Anfang. gemacht hatte. Den Inhalt der einzelnen Spottverse wußte er dem Doktor nicht anzugeben, aber einzelne Scheltworts hatte er sich gemerkt. Wenige Tage später lief bei dem betreffenden Bezirksgericht eine Klage des Oeder- bauern gegen Feldnertoni und Genossen wegen verläumderischer Beleidigung ein. Da es nun zur öffentlichen Verhandlung kam, waren der Oederbauer und die acht Beklagten erschienen. Die Zeugen, auf die sich der Oederbauer berufen hatte, wußten wenig Auskunft zu geben. Der Eine hörte nicht recht gut, der Andere war gerade nicht in der Zechstube anwesend, der Dritte wollte gerade geschlafen haben und die klebrigen konnten sich der einzelnen beleidigenden Ausdrücke nicht mehr erinnern; die Angeschuldigten aber stellten jede Beleidigung in Abrede. „Nun, daß Ihr Schnadahüpfeln auf den Oederbauern gesungen habt, könnt Ihr doch nicht leugnen," sagte der ungeduldig gewordene Senatsvorstand zum Feldnertoni. „Wenn Ihr bestreitet, daß diese Gesangeln die in der Klage behaupteten beleidigenden Ausdrücke enthielten, so sagt mir, wie sie gelautet haben?" „Ja, Gnaden Herr Präsident," ließ sich jetzt der Feldnertoni vernehmen, „i müßt schon noch, wie s' g'laut hab'n, aber a Schnadahüpfl kann man blos singa — nit sag'n!" „Nun, so singt's, wenn Jhr's nicht hersagen könnt," entgegnete der Richter ärgerlich und siehe da, unser Feldnertoni begann mit frischer Stimme: Was nützt dir a Chais'n Wenns d' nit damit fahrst, — klnd was thust mit dein Geld, Narr, Wenns d' allewei sparst. Mit schallendem Jubel fiel der Chor der Mitangeschuldigten ein und kaum, daß er fertig war, sang der Zweite: Bal' d' gar a so geizi « Willst Alles derspar'n, Waarst g'scheiter a ledern« Geldbeutel wor'n. Wieder siel der Chor ein und der Feldnertoni fuhr mit noch lauterer Stimme fort: A ledern« Geldberttel Geht dv' nv' aus — Aus dir bringt der Teufel koan Heller nit 'raus. ttJa," rief jetzt der Oederbauer triumphirend dazwischen, „so haben s' g'sungen. V- wgr' s Herr Präs ident! Aber das war nur der Anfang." Der Präsident wollte Einhalt thun, aber ehe er das Wort aussprach, hatte ein Dritter der Beklagten sich erhoben und schrie mit johlender Stimmer Und wenns d' ihm nil z'schmutzi ivaarst Und waars d' ihm nil z'fad, Hätt' scho' lang dir der Teufel 's- Cravatte! umdraaht. Der Chor wollte eben wieder einfallen, daß die Fenster zitterten, als der Präsident sich erhob und mit der Glocke heftig läutend Ruhe gebot. „Genug! genug — die Sache ist genügend aufgeklärt!" sprach der ernste -Richter, obwohl er kaum das Lachen zu unterdrücken vermochte, „der Anwalt des,Klägers hat das Wort!" Der Advokat des Oederbauern räusperte sich heftig, aber er konnte kaum sprechen, ohne in Helles Gelächter auszuplatzen, und erst nach wiederholtem Räuspern gelang es ihn,, sich soweit zu fassen, Imr auf Grund des Geständnisses der Beklagten deren Ver- urthcilung zu einer Geldstrafe zu beantragen. Diese erfolgte auch, aber froher und heiterer war noch keine Sitzung in den heiligen Hallen der Themis verlaufen, als diese, denn die Beklagten hatten ja nochmal ihren Jux gehabt und der Kläger war nicht minder vergnügt, denn er hatte ja gewonnen. „Nicht wahr, Herr Doktor," sagte er zu seinem Anwalt, als sie den Gerichtssaal verließen — „ich hatte doch Recht! Jetzt haben Sie's selbst gehört!" Die Richter lachten noch manchen Tag beim Frühschoppen über diese lustige Verhandlung ; der Oederbauer aber wird von nun an wohl öfter sich beim unteren Wirthe sehen lassen, denn nichts erfüllt mit gerechterem Stolze, als. ein gewonnener Jnjurienproceh Eine „eroberte" preußische Fahne. Die „Agence Havas" beschäftigte sich jüngst mit der für den 14. Juli vorgesehenen feierlichen Decorirnng der Fahne des französischen 57. Linien-Regiments (die französischen Regimenter führen jedes nur eine Fahne) und stellte die Behauptung auf, der Unterlieuienant Chabal von diesem Regiment habe in der Schlacht von Mars-la-Tour eine preußische Fahne erobert. Hieran knüpft die „Köln. Ztg." die Bemerkung, daß diese „Heldenthat" wohl nur eine „angebliche" sein könne, da die deutsche Armee während des Feldzuges 1870/71 nur eine einzige Fahne — die des 2. Bataillons des 61. Infanterie-Regiments — verloren habe, welche aber nicht von einem französischen Truppentheil, sondern von einer Freischaaren-Abthcilung unter Mcnviti Garibaldi unter einem Leichenhaufen gesunden wurde. Diese Bemerkung ist auch in so fern richtig, als die Eroberung einer Fahne wahrend der Schlacht von Mars-la-Tour in dem sonst gebräuchlichen Sinne dieses Wortes nicht stattgefunden hat, andererseits dürste aber auch bei dem wirklichen Sachvcrhalt den Franzosen nicht das Recht abzusprechen sein, die Behauptung aufzustellen, daß am 16. August 1870 ein Stück einer deutschen Fahne auf dem Schlachtfclde in ihren Besitz gerathen sei. Es kann mit dieser Fahne nur diejenige des 2. Bataillons des 3. Westfälischen Infanterie-Regiments Nr. 16 gemeint sein. Um aber ein richtiges Bild zu gewinnen, unter welchen nähern Umständen dieser Verlust vor sich gegangen ist, erscheint es nöthig, an der Hand des Generalstabswerks dem Gesechtsmomcnt näherzutreten, der jenen Verlust in sich schließt, zumal er ein blutiges, aber gleichzeitig eines der ehrenvollsten Blätter deS ganzen Krieges füllt. In der fünften Nachmittagsstunde des 16. August war auf dem linken Flügel der deutschen Schlachtordnung eine schwere Krisis eingetreten, in so fern die zusammengeschossenen Bataillone der 6. Division und der zur Unterstützung herbeigeeilt«:» 20. Division in die Defensive zurückgeworfen und ernstlich bedroht waren, von den frisch in die Schlachtlinie rückenden französischen Divisionen Grcnier und Cissey umfaßt zu werden. Dieser Gefahr sollte die 38. Infanterie-Brigade (Regimenter 16 und 37), welche nach äußerst beschwerlichem zwölsstündigen Marsche kurz nach 5 Uhr aus Mars-la-Tour debsuchirte, begegnen. Die beiden Regimenter, in sich zu zwei Treffen entwickelt, das 16. auf dem linken, das 57. — nur 2 Bataillone stark — aus dem rechten Flügel, treten den befohlenen Vormarsch an und ersteigen unter heftigem Granat-, bezw. Shrapnelseuer den nächsten Höhenkamm. Waren bis dahin die Verluste nicht erheblich gewesen, so steigerten sich dieselben empfindlich, als die Bataillone beim Betreten des gänzlich unbedeckten jenseitigen Berghangcs von heftigem Gewehr- und Mitrailleusen- feuer empfangen wurden. Mit rücksichtsloser Energie gingen die westphälischen Regimenter unaufhaltsam vorwärts. Das zweite Treffen schob sich in die gelichteten Schützenlinien ein, nur schwache Abtheilungen blieben geschlossen hinter der Front. Abwechselnd 10V—150 Schritt vorlaufend, dann sich niederwerfend, eilten die Compagnien den Bergabhang hinab. Da zeigte sich unerwartet vor ihnen eine steile und stellenweise wohl an 50 Fuß tiefe Schlucht, gleichsam wie der Graben vor einer stark besetzten Schanze. Aber auch dieses Hinderniß hemmte das Vordringen nicht. Den jenseitigen Hang erklimmend, tauchten bald alle süns Bataillone 150, 100, ja, nur 30 Schritt vor den französischen Linien auf. Von beiden Seiten überschüttete man sich mit einem verheerenden Schnellfeuer. Der Unterschied zwischen Zündnadel und Chassepot verschwand bei dieser Nähe und wohl jede Kugel traf. Aber die Uebermacht der Franzosen war zu groß, denn auf dem rechten Flügel der Division Grenier war die Division Cissey im Laufschritt herbeigeeilt und warf sich auf die decimirten preußischen Bataillone. Nur wenige Minuten dauerte der ungleiche Kampf auf der Höhe, dann gab der Oberst v. Archen seinem Regiment — dem 16. — den Beseht zum Rückzug. Unmittelbar darauf sank er tödtlich getroffen vorn Pferde. Die Trümmer der tapfern Bataillone glitten in die Schlucht hinab und das Feuer des bis an den Rand herantretenden Gegners steigerte die Verluste fast bis zur Vernichtung. Die meisten Officiere waren todt oder verwundet. Von allen berittenen Ofsicieren war allein noch Oberst v. Cranach (Regiment 57) zu Pferde; er führte, die Fahne seines 1. Bataillons in der Hand haltend, die Reste der Brigade zurück. In diesem Augenblick wurde auch die Fahne des 2. Bataillons Regiments Nr. 16 zerstückelt durch ein feindliches Geschoß. Sie war bereits in die vierte Hand übergegangen, da drei ihrer Träger nacheinander zu Tode getroffen waren. Es fanden sich wohl keine Hände mehr, das abgeschossene Stück Fahne aufzulesen, denn das Regiment war nahezu vernichtet! Die fünf Bataillone, welche den Angriff ausgeführt, sind mit 95 Osfieieren, 4546 Mann in das Gefecht gerückt, sie verloren innerhalb ^ Stunden 72 Officiere, 2542 Mann! Das 16. Infanterie- Regiment verlor von 60 Osfieieren 49, von etwa 2800 Mann 1736. Es hat hiermit von sämmtlichen Regimentern der deutschen Armee während des Krieges 1870/71 die größten Verluste auszuweisen; selbst das Regiment, welches ihm in der Verlustziffer am nächsten kommt, das 52. Infanterie-Regiment, verlor am Tage von Mars-la-Tour gegen 400 Mann weniger, als in derselben Schlacht das 16. Regiment. Das sind die nähern Umstünde, unter welchen ein Stück der Fahne des 2. Bataillons dieses braven Regiments — das später bei Beaune-la-Rolande für Mars-la-Tour glänzende Revanche nahm — den Franzosen in die Hände fiel. Auf allerhöchsten Befehl (Armee-Verordnungsblatt S. 5 von 1873) wurde dem Schafte der Fahne die fehlende Spitze zugefügt und mit einem silbernen Ringe umschlossen, der die Inschrift führt: „Am 16. August 1870 starben den Heldentod mit dieser Fahne in der Hand: Hauptmaun v. Schölten, Lieutenant Heidsieck, Unterofficier Fröhlig." Sonach ist heute noch mindestens ein Theil der betreffenden Fahne im Besitz des Regiments, und nur die abgeschossene Spitze kau» sich in den Händen der Franzosen befinden. Allem Anschein nach ist dieser Fahneutheil von den nachdrängenden Franzosen auf dem Schlachiselde gefunden worden. D1 n »rr o Durch die Felder mußt Du schweifen, Die im Sonnenstrahle prangen, Durch die grünen Wälder streifen, In der Lüfte Wellen tauche -p'ciue Bruu, tue lummerfchwüle, In des Himmels reinem Hauche Deine heiße Stirne kühle; Schau, allüberall liegt offen, Wie gedieg'nes Gold, das Hoffenl -Lein Herz von Gram vesangei Laß von Quellen, laß von Bächen Ueber Dich den Segen sprechen! Nicht in Deiner dumpfen Klause Sitze mit des Schmerzes Geistern, Herren werden sie im Hause, Draußen wirst Du sie bemeistern; Draußen vor dem freien Glücke Flieh'n sie scheu und klein zurücke! rauhen wirst Du sie bemeistern; Wieder lernst Du frohe Lieder, Lernest Du die Liebe wieder, Und mit menschlich schönem Triebe Ach, die längst vergess'ne Liebe; Quellen, Bäume, Blumenkerzen Reden Dir von Menschenherzenl Julius Lämmer. M i s e - l l - n. („Limpson >8 oominZ".) Aus Portland, Oregon, wird folgende ergötzliche Geschichte gemeldet: Spitz, ein Reisender für ein Kleidergeschäft, wurde in Wall« mit A. D. Simpson, Reisenden für ein Putzwaaren-Geschäft bekannt und beschlossen Beide, dieselbe Tour zu machen. Am Tage der Reise nach Waitsburg wurde Simpson jedoch durch Umstünde verhindert, mitzureisen, gab aber Herrn Spitz den Auftrag, den Leuten daselbst anzuzeigen, daß er kommen würde. Herr Spitz versprach, diesem Auftrag nachzukommen und reiste ab. In Waitsburg angekommen, ließ derselbe sogleich große Anschlagzettel mit den Worten „Limpson is eominK" drucken und sowohl an allen Ecken und Zäunen der Stadt als auch in den Indianer-Dörfern der Umgegend ankleben. Alle, welche diese Zettel lasen, wünschten zu erfahren, wer dieser Simpson sei, ob ein Circus- Direktor, ein Menagerie-Besitzer oder ein Seiltänzer. Die Indianer suchten sofort Arbeit, einen halben Dollar zu verdienen, um „Simpson" sehen zu können und die Stadtjungen sammelten alles alte Eisen, Blechbüchsen und Lumpen, um sich Geld für denselben Zweck zu verschaffen. Endlich kam der Tag, an dem „Simpson" ankommen sollte, die ganze Stadt war in Aufregung, die Indianer kamen in großer Zahl, und an allen Ecken hatten sich Gruppen gebildet, die auf „Simpson" warteten. Da sah man die Postkutsche von weitem, aber zugleich erschienen auch ein halbes Dutzend Jungen mit Handglocken, und läutete!» an allen Ecken, indem sie ausriefen „Liw.xson is evming!^ un-d zwei Neger, ebenfalls mit Handglockcn, eilten der Kutsche entgegen und läuteten, bis dieselbe vor dem Hotel hielt. Das Gedränge vor demselben war groß, die ganze Bevölkerung war dort und jeder wollte „Simpson" sehen. Simpson hatte die Anschlagzettel gesehen und wußte gar nicht, was er davon denken sollte, mit großer Mühe arbeitete er sich durch das Gedränge, um das Hotel zu erreichen, da wurde er Spitz gewahr und es ging ihm nun ein „Licht" auf. Der Herausgeber der „Times" war anwesend mit einer Rechnung von Doll. 25 für Anschlagzettel u. s. w„ welche Simpson sogleich bezahlte, und als es bekannt wurde, daß Simpson kein Seiltänzer, sondern bloß ein Handlungsreisender sei, war das Bedauern und die Enttäuschung allgemein. Landrichter: Kaum zum eilften Male wegen Diebstahl aus dem Gefängniß entlassen, ist er jetzt schon wieder hier! Kann er denn das Stehlen gar nicht lassen, KriSphulcr? — Gefangener: Nee! — Landrichter: Zum Henker! es ist ihm doch nicht angeboren! — Leider Gottes doch, Herr Landrichter, ich hab ein Paar Nabeneltern gehabt. (Bureaukratische Höflichkeit.) (Gegenüber der Excellenz, welche zu husten geruht, unter tiefster Verbeugung.) „Euer Excellenz erlauben, gnädigst zu bemerken, daß Hochdicselben Dero unschätzbare Gesundheit im Feuereifer für daS Wohl des Staates zu wenig schonen. Allerunmaßgeblichst gesagt, wäre nicht alljährlich für Euer Excellenz eine sechsmonatliche Badekur in Karlsbad oder Pyrmont angezeigt?" Ein Bauer, der sich auf der Gallerie des ungarischen NationalversammlungsSaales befand, soll, da die Adreß-Berathungen gar kein Ende nahmen, gesagt haben: „Na, wenn die Herren schon mit der Adresse nicht fertig werden können, wie viel Zeit wird dann der Brief erst wegnehmen?" Ein bekannter Wucherer wollte mit einen: Wiener Fiaker fahren. — „I kann nit Ew. Gnaden fahren," antwortete der Fiaker, „denn schau'n Ew. Gnaden, wenn i mit Ihnen fahr', so sag'n die Leut': da fahrt der Spitzbub', der Hallunke! und i weiß dann niemals, geht's mi an, oder Ew. Gnaden." „Ja," sagte ein Offizier, „wenn ich so unglücklich wäre, einen dummen Sohn zu haben, nichts Anderes als ein Geistlicher sollte er werden." — Ein Prediger, der in der Gesellschaft zugegen war, antwortete gelassen: „Sie denken da anders, mein Herr, als Ihr Herr Vater dachte." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literariicbc'.i Institus von Or. M. Hnülcr. 4 zur Nr. 2. ---N- Mittwoch, 7. Juli 1880. Allzeit fröhlich ist gefährlich, Allzeit traurig ist deichmerlich, Allzeit glücklich ist betrüglick, Eins unis Andere ist vergnüglich. Markgraf Karl von Bürgn». Der Herr D rr r o ir. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung) Mit großer Aufmerksamkeit war der Russe den Auseinandersetzungen des Arztes gefolgt; er nickte zustimmend mit dem Kopfe: Ja, die Banditen haben meinem armen VoguZlav arg mitgespielt. Wie ist denn eigentlich der Uebcrsall geschehen? fragte der Franzose. Hier in dieser belebten Gegend sind solche Verbrechen noch gar nicht vorgekommen; ich habe wenigstens immer geglaubt, daß man vor räuberischen Uebcrsällcn hier völlig sicher sein könne. Das haben wir auch gedacht, mein Bruder und ich, erwiderte der Nüsse; aber wie Sie sehen, müssen mir unsere Vertrauensseligkeit sehr theuer bezahlen. Dieses schöne Land wird nun einmal an alleir Ecken und Enden von Räubern heimgesucht. Erzählen Sie mir, wie das AÜeS gekommen? sagte der Arzt und wandte dabei wieder all' seine Aufmerksamkeit dem Verwandten zu. Der Russe kam diesen: Wunsche augenblicklich nach; er nahm auf dem nächsten Stuhle Platz, strich noch einmal mit der Hand über die Stirn, dann begann er nicht ohne Selbstbewußtsein, aber mit leiser Stimme, aus der noch immer seine tiefinnere Erregung hindurch klang. Ich bin der Baron Gregor von Bloomhaus. Unsere Familie stammt eigentlich aus Holland, ist jedoch in den deutschen Dstseeprovinzen Rußlands seit beinahe einem Jahrhundert ansässig, aber das einst sehr ausgebreitete Geschlecht ist bis aus meinen Bruder und mich zusammengeschrumpft. Als Erstgeborener bin ich Besitzer einer Menge'Güter in meiner Heimalh. Und einer Menge Sklaven, unterbrach ihn der Franzose lebhaft. Ach, das ist interessant. Die Leibeigenschaft ist abgeschafft, mein Herr, entgegnete der Russe ruhig. Wie schade! rief der Doktor. Ich habe mir immer da^ Leben eines russi'chen Bojaren so reizend gedacht. So viel schöne Leibeigene zu haben, das waren ja Schätze, uni die ein Kaiser sie beneiden konnte." Sie sind uns zu Wasser gemacht worden, bemerkte Bloomhaus mit einem gewissen Sarkasinus. Und seitdem hat das Leben des russischen Edelmannes viel von seinen Reizen verloren. Ich sehnte mich ebenfalls fort. BoguSlav zeigte noch dazu die Keime eines Brustleidens, die Aerzte riethen ihm dringend, ein milderes Klima aufzusuchen 10 und da ich meinen Bruder unaussprechlich liebe, beschloß ich sogleich, ihn zu begleiten. Armer Boguslav! Wären wir ruhig daheim geblieben, dann Hütte ich nicht jetzt diesen schweren, unersetzlichen Verlust zu beklagen. Baron Bloomhaus griff nach seinem Taschentuch und gab sich den Anschein, als wolle er sich nur die Stirn abwischen, während er heimlich ein paar feuchte Tropfen entfernte, die ihm in's Auge getreten waren. Sagen Sie das nicht, entgegnete der Franzose. Ich glaube fest an eine Bestimmung unseres Schicksals. Wären Sie wirklich nicht gereist, dann hätte Ihren Bruder daheim irgend ein Unglück getroffen. Vielleicht wäre er auf der Jagd von einem Bären zerrissen worden, oder auf einer Fahrt über das Schwarze Meer hätte ihn die See verschlungen. — M. Bernaxd that sich nicht wenig auf seine Kenntnisse russischer Verhältnisse zu gute. Baron Bloomhaus hörte diesen Auseinandersetzungen aufmerksam zu. Sie mögen wohl Recht haben. Ich denke auch, daß man seinem Schicksal nicht entgehen kann. Gewiß nicht, das ist meine volle Ueberzeugung. Wer einmal gewaltsam seinen Kopf verlieren soll, der stirbt selbst an der gefährlichsten Krankheit nich^. Der Russe zuckte betroffen zusammen, ein leiser, heimlicher Schauer schien über seinen Körper zu rieseln. Ja, es ist alles Vorherbestimmung, murmelte er leise und starrte düster vor sich hin. Lassen Sie sich von diesen Vorstellungen nicht anfechten, ermähnte der Franzose und mit der seinen Landsleuten eigenthümlichen Liebenswürdigkeit suchte er den niedergeschlagenen Russen wieder aufzurichten. Wir Beide sind dazu nicht bestimmt, unsere Köpfe zu verlieren, fuhr der Arzt lebhaft fort. Sie sind noch jung, sind reich und unabhängig, haben also eine ganze Welt vor sich und Sie werden auch diese furchtbaren Eindrücke bald und glücklich überwinden. Nie, sagte Baron Bloomhaus und sein hübsches, regelmäßiges Gesicht nahm. einen sehr festen unerschütterlichen Ausdruck an. Der Franzose lächelte. Glauben Sie meiner zehn Jahre älteren Erfahrung. Unser Herz ist ein ganz wunderliches Ding; es mag noch so oft und noch so schrecklich zerschmettert sein, es rafft sich immer wieder auf und zeigt sich plötzlich wieder heil und gesund. Heut' ist unser Herz gebrochen, todeSwund und morgen jubelt es von Neuem aus. Sie werden das alles auch noch an sich erlebsn.. Ein schwermüthiges Kopsschütteln des Russen war die einzige Antwort. Ah lassen wir also diese philosophischen Auseinandersetzungen, fuhr der französische Arzt mit überlegenem Lächeln fort. Erzählen Sie weiter, wie Sie eigentlich in die Hände der Räuber gekommen sind., Boguslav konnte es gar nicht erwarten, bis wir in Italien waren, begann der Baron von Neuem; endlich hatten wir das gelobte Land erreicht, aber auch in Florenz und Rom duldete es meinen armen Bruder nicht lange; er wollte weiter nach dem Süden, — nach dem sonnigen Neapel. Ich fügte mich gern seinen Wünschen, da ich sah, wie glücklich er sich hier fühlte. Heute hatten wir einen Ausflug nach Capri gemacht und wir wollten nun in Sorrent übernachten. Unterwegs stolperte nun das Riuulthier, auf dem mein Bruder ritt und brach ein Bein; ich wollte aus der Stelle umkehren und ein anderes Thier miethen, aber Boguslav mochte davon nichts wissen. Wir können ganz gut den^Weg zu Fuß zurücklegen und die Maulthiertreiber zurückschicken, es ist ein so wunderbarer Abend und ich bin so froh und glücklich, wie ein Kind einmal allein herumzuschwärmen, war seine Meinung. Ich war der Aeltere und hätte sollen vernünftiger sein? Aber was wollen Sie? — Mein Bruder hatte das Talent, mich zu Allem zu bewegen, und wenn er die thörichsten Wünsche vorbrachte, ich habe niemals die Kraft gehabt, ihm zu widerstehen. - Unsere Lieblinge besitzen die Kunst, uns zu tyrannisiren, und machen auch stets davon den unumschränktesten Gebrauch, schaltete der Franzose ein und Baron Boomhaus 11 stimmte ihm durch ein Neigen des Kopfes zu, dann fuhr er in seiner Erzählung fort: Ich sah auch wirklich keine Gefahr, es war am hellen Mittag und die Straße sehr belebt. Boguslav war ganz entzückt über diese Fußwanderung und meinte, daß er jetzt erst die Schönheit der Natur genießen könne. Ich habe ihn so heiter und sorglos noch nie gesehen. Ach, es sollten seine letzten glücklichen Augenblicke sein! .... und ein tiefer Seufzer preßte die Brust des jungen Mannes. Das ist tragisch! rief der Doktor lebhaft aus, der mit immer größerer Aufmerksamkeit zuhörte, obwohl er dabei sich noch immer mit dem Verwundeten beschäftigte. Sie haben Recht, stimmte ihm Baron Bloomhaus zu. Das Schicksal schmetterte meinen armen Bruder gerade in dem Augenblicke heimtückisch zu Boden, als er in vollster Lebenslust am lautesten aufjubelte. Wie ein Kind sprang mein Bruder immer wieder vom Wege ab, um, irgend eine Frucht zu pflücken, die ihn gerade anlockte. Jetzt, vor einem kleinen Cypressengebüsch erblickte er die prächtige Goldblüthe einer Genista. Die will ich für die nächste Prozession sammeln sagte Boguslav lachend und eilte hinunter. Doktor Bernard blickte den Baron verwundert an und dieser setzte erläuternd hinzu: die goldschimmernden Genistablüthen werden gesammelt und von Balkönen und Fenstern streut man sie auf die vorüberziehende Prozession. Ah, ich bin erstaunt, daß Sie mit diesen Gebräuchen so bekannt sind! rief der Franzose. Ich war schon einmal in frühester Jugend mit meinen Eltern in Italien, war die ruhige Antwort. Diese unschuldige Blüthe sollte meinen armen Bruder in den Tod locken, setzte Bloomhaus nach kurzer Pause hinzu. Ich hatte gar kein Arg und ließ ihn zu dem Gebüsch hinübereilen, war es doch kaum hundert Schritte vom Wege entfernt. Sorglos wollte ich seine Rückkehr abwarten und ließ meine Blicke bewundernd über das Meer Hinwegschweifen, das die untergehende Sonne in Farben kleidete, die förmlich die Augen berauschen. Man merkt doch Ihre deutsche Abstammung, Herr Baron, sagte der Franzose lächelnd, denn diese Deutschen sind Alle geborene Naturschwärmer. Ohne auf diesen Einwurf zu achten, fuhr der Andere in größerer Erregung fort: ^Plötzlich wurde ich aus, meiner Träumerei durch einen furchtbaren Schrei geweckt. Ich .blickte auf die andere Seite des Weges während die beiden BH»oiten, die ihn überfallen hatten, sich schon anschickten, ihn zu berauben. Obwohl ohne Waffen, eilte ich .sogleich Boguslav zu Hilfe. In meiner Hast stolperte ich über ein Felsstück und fiel zu Boden. Ich wollte mich wieder aufraffen, aber da hatte mich schon einer der Banditen erreicht; er warf mir eine Schlinge um den Hals und noch eh' ich Widerstand leisten ckonnte, war ich gefesselt. Das war alles das Werk eines Allgenblicks. Der andere 'Räuber knin jetzt auch herbei; er wollte mir mit seinem furchtbaren Knüttel, an dem ^noch das Blut meines armen Bruders klebte, ebenfalls den Schädel zertrümmern und «rhob schoil seine Waffe, aber der Andere fiel ihm in den Arm. Es entstand zwischen sden beiden Räubern ein Streit. Ich schloß die Augen, denn ich hatte mich bereits in mein Schicksal ergeben, als ich sie wieder aufschlug, waren die beiden Schurken plötzlich wie vom Erdboden verschwunden. Wahrscheinlich haben sich Leute auf der nahen Landstraße gezeigt und die Räuber sind dadurch vertrieben worden. Das vermuthe ich auch, entgegnete Baron Bloomhaus. Der Bandit hatte mir mit seinem Strick den Hals so fest zugeschnürt, daß ich bald die Besinnung verlor. Ach und zu welchem Leben sollte ich erwachen, um ewig den Verlust meines theuren Bruders bejammern zu müssen! Er ist Ihnen wenigstens nicht völlig verloren, suchte der Arzt zu trösten. Um ein Schicksol zu haben, das zehnmal elender als der Tod. ' Er wird sich seines unglücklichen Zustandes niemals bewußt werden und das muß Sie über das fernere Schicksal Ihres Bruders ein wenig beruhigen. 12 Dur Nüsse schüttelte düster den Kopf. Ich hab' auf der TZelt Niemand gehabt alZ meinen Bruder. Es ist für mich ein unersetzlicher Verlust und seiner Bewegung nicht länger Herr, brach er in krampfhaftes Schluchzen aus. Sie bedürfen der Ruhe, Herr Baron, ermähnte der Arzt. Ich bitte Sie dringend, sich znnickzuziehen und mir die weitere Sorge um Ihren Bruder zu überlassen. Nein, das kann ich nicht, erklärte Baron Bloomhaus mit großer Festigkeit. Ich werde nicht von seiner Seite weichen und sollte ich ebenfalls zu Grunde gehen. Sie nützen dein Verwundeten nichts und schaden sich nur und als Arzt muß ich ganz bestimmt darauf dringen, daß Sie meinen Anordnungen folgen, denn Sie sind nun einmal mein Patient, den mir ein wunderliches Schicksal zugeführt hat. Ich werde nicht einen Augenblick Ruhe haben, wenn Sie mich von meinem Bruder trennen, sagte der Baron, und seine Augen wanderten dabei voll Besorgniß zu dem Schmerzenslager des Verwundeten. Seien Sie um das Schicksal Ihres Bruders ganz unbekümmert, cntgegnete der Arzt. Er ist in meinen Händen gut aufgehoben; ich werde alles anordnen, daß er die sorgfältigste Pflege erhält, und ich kann mich besonders auf Marietta verlassen. Aber Sie müssen sich nothwendig zur Ruhe begeben oder ich stehe für nichts. Sie sind weit angegriffener, als Sie eS selber glauben — und halb mit Gewalt drängte der lebhafte Franzose den Baron zur Thür hinaus. Doktor Bernard fühlte, daß er seine Pflicht völlig gethan habe und ein wenig der Erholung bedürfe. Die furchtbare Verletzung des jungen Russen war von ihm mit der größten Sorgfalt behandelt worden und eine Gefahr über das Leben des Aermsten nicht mehr vorhanden. Doktor Bernard mußte sich selber sagen, daß in minder geschickten Händen der Unglückliche völlig verloren gewesen wäre. Mochte man auch sein künftiges Dasein nur noch ein Vcgetiren nennen — der ihn so zärtlich liebende Bruder hatte wenigstens den freilich -vielleicht sehr kümmerlichen Trost, ihn noch unter den Lebenden zu wissen. Der Arzt empfahl dem Mädchen die weitere Obsorge für den Verwundeten, die bereitwilligst versprach, über den Kranken ängstlich weiter zu wachen und Doktor Bernard ging jetzt erleichterten Herzens, mit ,der-Befriedigung, seine Pflicht in ausreichender LPeife^ gethan en baden, jy den Salon zurück. Er wurde von den dort anwesenden Fremden und besonders von den beiden Künstlern mit Ungeduld erwartet. Man wollte nun alles Nähere über den schrecklichen Fall erfahren. (Fortsetzung folgt.) Hochschlotz Pähl. Von I. Wimmer. Für die Bodengestaltung oer Gegend zwischen dem Wärm- und Alomiersee läßt sich kaum eme treffendere Bezeichnung erfinden, als diejenige, welche F. Walther in seiner Geographie von Bayern (S. 110) gebraucht: „Unausgeführte Studien der Natur." Davon habe ich mich jüngst wieder auf einer dreistündigen, jenes Gebiet quer durchschneidenden Wanderung von Tutzing über Kerschlach nach Pähl überzeugt. Man bekommt in der That den Eindruck, als hätte der .Künstler, welcher hier die Erdrinde nwdcllirte — nämlich das Wasser — gleichsam unvollendete Skizzen hinterlassen, und als wäre er gleichsam von seiner halbfertigen Arbeit abgerufen worden. Während nämlich das niederbayerische Hügelland mit den fast parallelen Reihen seiner langgestreckten Nordostlinien einen sozusagen einheitlichen Styl ausweist, vermißt man hier bei der oberbayerischen Hügelzone jeden architektonischen Grundplan; es ist ein regelloses Gewirrs plastischer Formen: bald wellenförmige Wölbungen, bald breit hingelagcrte Kappen; hier allerlei Vertiefungen und Gesenke, dort sonderbar gebogene Faltungen und Thaleinschnitte. Nicht minder manchsaltig, ja, voll der grellsten Kontraste erscheint auch das vegetative Gewand dieser Erdstelle. Wir kommen oft durch öde Sumpfgründe, über haideartige Stellen und sogar an Torflagern vorüber, wo die Stichfläche fettigschwarz erglänzt, die ausgegrabenen Stücke in kleinen Rechtecken aufgeschichtet liegen und klare kaffeebraune Wasseradern dahcrricscln. An anderen Punkten aber hat die Natur eine Fülle von Gewächsen angebracht, den überraschendsten Reich- 13 thum eurer wilden Flora, deren Bestände nur äußerst selten von den Halmen eines Geireideackers oder von einer anderweitigen Kulturpflanzung unterbrochen werden. Der hellgrüne Sammt des Wiesengrundes. dient gleichsam zur Uutcrmälung des Bildes; auf ihm erheben sich in den verschiedensten Gruppiruugcn laubige Gebüsche, lichre Buchen- und Birkenhaine und endlich der schwarze Tanmm- forst, a»S dein uns auch einmal ein kleiner See anblickt wie das plötzlich aufgeschlagene dunkle Auge der Landschaft. So erreicht man nach einer einsamen Wanderung den südwestlichen Rand dieses Hügellandes; auf einer ins breite Amperthal vorgeschobenen Kuppe steht das Hochschlost Pähl. Diese Lage bedingt eine herrliche Nundsicht. Im Süden zieht die Alpenwand; au der Rieseusäule der Zugspitze bricht sich,das Wellengewimmcl der Algauerberge. Die vorgelagerten Alpenketten bis zu der isolinen brcitgezogenen Drciecklinic des PeißenbcrgeS präsentiern sich deutlich wie auf einer Reliefkarte. Dann kommt die von schwachen Hügelrändern gesäumte Ampcrebeuc, eine saftgrüne Tafel, von Feuchtigkeit durchtränkt. Mitten darin liegen die Häujermassen und der dicke Kuppelthnrm von Wcilheim, ckm grauen Mittagsdnst schattenhaft sich abzeichnend; allenthalben stehen Bäume zerstreut in schwarzen Klumpen; eine vielgcwundene Bogenlinie von Buschwerk, den Laus des Flusses bezeichnend, zieht zum Ammersee, dieser bleigrauen Wasserfläche, die im Süden zu stuf Buchten ausgezackt und von melancholischen Wäldern umrahmt ist. ... An den Hinblick über das Land schließt sich der Rückblick in seine Vergangenheit. Es wäre ein Wunder, wenn die Römer, nachdem sie von dem Gebiete südlich der Donau Besitz genommen, mit ihrem militärischen Scharfblicke die Hochwarte von Pähl, eine natürliche Festung und ein natürliches Observatorium zugleich, übersehen und nicht als einen Zeitpunkt ihres Fortisikatiousststemes benutzt hätten.. Die Vermuthung der gelehrten Forscher, daß hier das römische (lasten Ilrnsa zu suchen sei, hat deßhalb die grüßte Wahrscheinlichkeit für sich. Von dem hohen Mauerwalle aus konnte der Lieutenant (lncnm tonons) der römischen Wache die vier Straßenliuien überblicken, die in Pähl wie in dem Knoten eines Netzes zusammenliefen; die eine nach Nordost mitten durch das Hügelland über Machtelfing gegen Starnberg; die zweite nach Nordivest -über FifckM an den Ammcrfce; eine dritte südwärts gegen Weicherm; die vierte gerade nach Westen über das sumpfige Ammerthal nach Raisting und Wcssobrunn zu.. So bekehrt uns die „Bavaria" (I. 642 f.) Aber von nicht geringer Verwunderung wird der landeskundige Leser ergriffen, wenn er in diesem Werke die weitere Notiz findet: Mach der Ortsgeschichte von Raisting soll oberhalb der südlichen Seile des Ammersees, die Ortschaften Raisting wie Pähl umfassend, in der Vorzeit eine große Stadt gestanden haben" — und wenn daran die Behauptung geknüpft wird, daß „diese Gegend in früherer Zeit weit trockener gelegen war." Auch die Römerstraße, wird weiter gefolgert, hätte kaum da hinüberführen können, wenn die Thalebene ein Moos gcivesen wäre wie heutzutage. Dieser sonderbaren historischen Kombination, bei welcher mit unsicheren Traditionen gerechnet wird, stellen wir die auf Beachtung des Thatbestandes gegründete Behauptung des Geographen gegenüber, dcrzufolge „der alte Ammersee sich südlich in dem weiten Thale von Wcilheim mächtig ausdehnte aufwärts über Posting bis an die Mösec an der Ach, in der Ebene von Hausen (südöstlich vom Peißenberg). lind dazu mag er eine Breite von 2 ','2 Stunden besessen haben in seiner größten Ausdehnung vom Bergrücken von Wcssobrunn über Monetshausen, ja vielleicht bis an den Würmsee bei Tutzing." (Wälther S. 105.) Einzelne Splitter dieses ehemaligen größten Ausdehnung vom Bergrücken von Wcssobrunn über Monetshausen, ja vielleicht bis an den Würmsee bei Tutzing." (Walther S. 105). Einzelne Splitter dieses ehemaligen großen Wasserspiegels liegen noch rings um den heutigen Ammcrfee verstreut, so hier im Süden der Wessobrunner- und der Tölbernsee bei Wcilheim. Es ist also der Ammersee, ebenso wie der Wärm- oder Köchclsce, feit vorhistorischer Zeit bedeutend eingeschrumpft, und er befindet sich in einem langsamen Abzehrungs Prozesse. Der Prozeß ist aber nothwcndigerweise ein kontinuirlicher und kann nicht durch wechselnde Stadien einer schwächeren oder stärkeren Versumpfung des ehemaligen Seegrundes unterbrochen werden, wie der Topograph der Bavaria annimmt. Und wenn er sich zur weiteren Begründung, feiner Ansicht auf einen „Spadrich" genannten Eichenwald beruft, der ehemals bei Raisting gestauden- und bei dessen Abholzung (1803—1810) man eine Masse von antiken eisernen Kriegsgeräthen gesunden, so erwidern wir darauf, daß jene Waldstelle ganz wohl eine Wölbung im einstigen Seegrunde gewesen sein kann, daß sie dann als Insel aus den mehr und mehr versickernden Flnthen hervortrat, einen Anfing von Eichen erhielt und durch die verschlungenen Wurzeln derselben zu festerer Kvitsisteuz gelangte, als der übrige Sumpfboden. Was aber die Waffenfunde betrifft, so braucht man aus den selben nicht auf eine Nömerstadt zu schließen. Die Nähe römischer Kastelle und Straßen reicht zu ihrer Erklärung vollkommen hin. Wahrscheinlich ist auch die Entstehung der erwähnten Volkssage anf derartige Ausgrabungen zurückzuführen. Die versunkene Stadt im Weilheimer Sumpf muß demnach als ein reines Phantasicstück bezeichnet werden, und über den damals ebenso oder noch mehr wie heute versumpften Ammergrund lief von Pähl aus gewiß nur die oben erwähnte Nömerstraße, die wegen des nassen Bodens oft gerade so schwer zu passiren sein mochte, wie noch gegenwärtig die weiter nordwärts von Pühl nach Messen führende Straße. Das Kastell Usura und die römische Ansiedlung, die sich wahrscheinlich gleich dem heutigen Dorfe Pähl am Fuße des Berges gebildet hatte, verschwanden, als im 5. Jahrhundert die aus dem Innern Asiens hccvorgcbrochcne Flnth der Völkerwanderung verheerend über Süddeutschland hinbrauste. Die Geschichte der ältesten bayerischen Orte weist von dieser Zeit an durchweg große Lücken auf, zum Beweise, wie vernichtend jene Katastrophe gewirkt haben nmß. So ist es auch in der Chronik von Pähl der Fall, welche der Pfarrer I. Brenner im „Oberbayerischen Archiv" (lX, 219 bis 253) mit großem Fleiße zusammengestellt hat. Erst vom 8. Jahrhunderte an finden wir Schloß und Torf wieder erwähnt. Das erstere wechselte dann vielfach seine Herren, bis es bei der im Jahre 1240 vorgenommenen Eintheilung Bayerns in Landgerichte, unter denen auch Pähl sich befand, zum Wohnsitze des fürstlichen Pflegers auserschen wurde, welchem Zwecke es bis in's 17. Jahrhundert gedient hat. Aus dem römischen Lagerorte, auf dem wohl ein freundlicher Wiedersehen! antiker Kultur liegen mochte, war eine finstere Zwingburg der grausamen mittelalterlichen Strasrechtspflege geworden. Neben dem Hochschloße stand ein viereckiger Thurm, worin adelige Verbrecher rasch und heimlich hingerichtet wurden. Am 28. März 1603 z. B. ward ein Stallmeister von München Namens Astor hier enthauptet; zehn Jahre später gar eine vornehme Dame: .,^nr>o 1613 menoe Leptambrio in arco ouperiori capito privat» est uobilis Domina, Disenraiebar cujus eaäavsr in coeinatorio nostro sopultus (!) äst" sagt ein altes Sterbe- register der Pfarrei Pähl. Das heutige Schloß steht übrigens nicht mehr auf dieser von blutigen Schemen umkreisten Stätte. Nachdem nämlich das Pfleggerichlsgcbäude mit den dazu gehörigen Grundstücken gegen Ende des 17. Jahrhunderts an das Kloster Andcchs gekommen war, ließen die Mönche das alte Schloß verfallen und führten nebenan ein neues Gebäude zu ökonomischen Zwecken auf. Dieses fiel bei der Säkularisation an den Staat und wurde endlich vor etiva 40 Jahren van dem bekannten Münchener Hosrath Hansstängl erworben, der es in dem gothffchen Stil restauriren ließ, wie es hente dasteht. Seit dieser Zeit hatte sich in dem trefflichen Gasthause unten im Dorfe eine Kolonie von Münchener Malern angesiedelt, und auch der seinsinnige Naturforscher G. H. von Schubert pflegte Jahrzehnte lang seine Svmmerserien hier zuzubringen — geiviß ein Beweis, das; Pühl reich sein muß an landschaftlichen Reizen. Sie liegen hauptsächlich in dem oben geschilderten, sormenreichen Panorama des Ainpergebietcs mit seinen interessanten, vielfach wechselnden Beleuchtungen. Und wenn wir zum Schlüsse noch den Wassersall erwähnen, der in einer Schlucht des Schloßhügels über die 80' hohe Nagelfluhwand herabstürzt, so geschieht es, um auch dem Geschmacke derjenigen Naturfreunde Rechnung zu tragen, welche für solche lärmende Effeklstückchen der Natur eine ganz besondere, mir indeß nicht recht verständliche Vorliebe hegen. (Korr. v. u. s. D.) Vision. Von I. Mayer hofer. — Vorgetragen auf dem Festcommers der kath. Studentenvercine in München. Weit — weit dehnt sich der Raum. — Von der Donau bis zu der Alpen Saum Erblickest du duftiges Neubruchland Mit Senn' und Waid' und Gehöftestand Und wogende Saat mit goldene«! Halm, Frohblöckend Rind auf der Vorlands-Alm, Und über dem Allen frisch und rein Der Glast voni milden Frühlingsschein. Und drüber kam's mit Gewitternacht In derselben blutigen Ungarnschlacht 15 Von anno neunhundert und sieben — Wo das ganze bayerische Heer geblieben — Der Markgraf, der Bischof, der Ritter und Knecht, Dem Tode geweiht ein Heldengeschlecht. Der Degen troff, und es schien kein Stern — Aus Westen nur in weiter Fern Loht himmelhoch der Dörferbrand Und markt der Ungarn Zug durch's Land, Denn nimmer wehrt die Faust der Braven, Die auf blut'gem Grund der Urständ entgegen schlafen. Doch Einer noch regt sich, er athmet und sieh': Er hebt sich, und schwankt und sinkt aus's Kniet „Mein Gott! — Dein ist die Macht! „Ob rings Zerstörung und Tod und Nacht — „In furchtbaren Schmerzen, „Den Tod im Herzen — „Sei Dir mein Preis gebracht! „Ich diene Dir und eS dient Dir mein Haus, „Bis der Letzte des Stammes tritt zur Schwelle des Lebens hinaus. „Ich schau — wie ein Seher aus alttestamentlichcn Tagen „Die Zukunft — und im Munde verstummt mir das Klagen. „Ein Markgraf füllt — und ich sehe den Sohn, „Wie er trägt auf dem Haupte die Herzogskron'! — „ES dunkelt die Luft — es kommen die nordischen Kaiser! „Still mein Staunn! Steck' unverdrossen die Reiser — „Verzweige, verwurzle dich fest und fester mit deinem Volke, „Und die Sonne durchbricht die verfinsternde Wolke. „Huoh! schon seh' mein Geschlecht ich wieder zu Throne steigen! „'s ist Otto, mein Enkel, der eröffnet den Neigen. — „Wirr Wasfcngctös' und Jammern und Wimmern, „Und über Maximilians Haupt seh' ich den Knrhnt schimmern! „Was schau' ichs Es walzen die Donau heraus sich furchtbare Schaaren: „So kommen sie wieder, die Ungarn und die Avaren? „So recht mein Enkel! Du schmetterst sie nieder wie Blitz so schnell! „Gott mit dir, mein Max Emanuel! „Und noch kein Ende für mein Entzücken! „Ich sehe Max, meinen Enkel, den Stuhl an die Tafel der Könige rücken! „„Es setzt sich Ludwig daran, und eS klingt ein Singen und Sagen, „Paläste und Münster und Klöster ragen — „Die Nationen kommen und bestaunen verwundert „Das neuerblühte Medizeer-Jahrhundcrt. — „Ein Königswort steht in goldene Lettern gegraben: „Ich will Frieden mit meinem Volke haben. — «Fest-Jubel erschallt, millionenhaft, „Das Volk in der alten Liebe Kraft „Schaart eng sich um des Thrones Stufen: „Heil Ludwig dem Zweiten! hör' ich sie rufen. „Die alte Lieb' und die alte Treu — „Jahrhunderte alt und Jahrhunderte neu — „So blüht sie nirgend wie beim Volke der Bayern „Und seinem Fürstengesch lochte von Scheyernü 16 „Mein Gott! Dein ist die Macht! „Sb rings Zerstörung, Tod und Nacht, „In furchtbaren Schmerzen — „Den Tod im Herzen — „Sei dir mein Preis gebracht. „Ich diene dir, es dient dir mein Haus, „Bis der Letzte des Stammes geht zur Schwelle des Lebens hinaus! „Ich schau' — wie ein Seher aus alttestamenttichen Tagen „Die Zukunft — und im Munde verstummt mir das Klagen." So sprach Luitpold der Markgraf und Ahn Mit seinen Lippen, den zitternd bleichen —- Und sank, ein Todter, zu den andern Heldenleichen. K 3 ucl 63 mu 3 igiiui- quanism Lavan.*) (LIeloclia notissima.) K»n<1eamu8 jKttur, sifaouiom Uavari — Nogau voee ccmeiiumms, Oiein euim celebramus, Uastuui, ubsgus pori! Ubi aoganm ceruitur Lpeeimon mirorum: UeZnut in Uavario, Leptem nune por saecula, Oia,a etiepo Leliz'rorum! Vita Uavarorum est ! Lei!)'!is implioatu, Uiineipam eiomouti cura, kaznilikpio Kilo z>ara, Viuela guao sacrata! ! Vivab Uuckovieus rex, ^ j Uveuz llulco tbroni, i Vivaut ecaisanguiuoi, Uilias et ülü, > Lelsi, gratn, boui! ' Vivat ao Ilavaria, i 'lerra praoclicata, ! tguot -miocaitiwio ckoua, i llpt naturae praobeus bona, i Lopiose data! Vivnt eructita meng ! Itegnm Itavarorurn, 'loaijilum gaaa seientiis, ! ^.rtibus vt lidsrie ! Louclldit lleeorum! ! (Allbekannte Melodie.) Stimmr das Lied der Weihe an Rings im Land der Bayern, ' Laßt die Stimmen laut erschallen, Dieses Fest, ein Fest vor allen, Würdevoll zu feiern! Sagt. wo strahlte solch ein Glanz Jemals noch um Throne: Siebenhundert Jahre zieren Träger aus dem Hans der rchyren BayernS Herrscherkrone! Bon dem LooZ der Schyrcn ist Bayerns Loos untrennbar, Lanagewohnte Fnrstengüte — Tremrprobtes Volksgemüthe Fesseln sich unnennbar! Hoch für Ludwigs Majestät! Hoch jür^nll die Glieder Seines Stamms, der weitverzweiget In die fernsten Lande reichet, AllwnrtS hehr und bieder! Hoch das liebe Vayerland, Das gebenedeite! Seil en «chooß, den gabenrcichen, Schmücken Reize sonder Gleichen: Perlen ihm im Kleide! Hoch dem vieler tauchten Sinn', Der den Thron mmvobcn Und mit edler Schöpferkraft Tempel rings der Wissenschaft Und der Kunst erhoben! Fort, die Bayerns Glück und Ruhm Zu verkleinern suchen, Fort, wem immer fiel' es ein, Unserm König feind zu sein — Ihnen laßt uns fluchen! A. Pernwerth von Bärnstein. ») Aus den am 26. v. Wts. zu Würzbncg und am 21. v. Bits. dahier zu Ehren des Wiktels- bacher Jubiläums abgehaltenen, beiderseits außerordentlich stark besuchten 8. O.-Eommersen wurde dieser sL -xw Veranlassung von dem k. Bahninjpektoc Pernwerth von Bärnstem m lateinischer und deutscher Sprache verfaßte Feskgaudeamus und zwar jeweils in der latcinsichen Fassung abgesungen. I'ereont Lavarlao Uoxaa Studiosi, Ueronnt, gui Uvcloviei Uorsiton 8>nt inimici — Uotns ockloLÜ Für die^htedaktio» vcranuvortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Lilerarischcn Jnstilns von Dr. M. Huliler. zur „Äugslmrgcr post;c>ti Nr. 3. Samstag, 10. Juli 1880. steige dich zu jeder Frist Starker als dein Herzensjauimer! Sei nicht Amdos deinem Leid, Nein, sei deines Leides Hammer! Rnckert. Der' Nerv Davon. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Doktor Veruard war ein ganz Anderer am Krankenbett als im Salon. Dort zeigte er nichts als den hingebenden Eiser des'Arztes, der von der Wichtigkeit und Bedeutung seines Berufes vollkommen überzeugt ist. Hier kam der angenehme Gesellschafter, der liebenswürdige Plauderer ganz allein zur Geltung. In dem Munde des lebhaften, sogar geistreichen Franzosen gewann jetzt Alles einen anderen Anstrich. Die ruhigen Mittheilungen des jungen Nüssen erhielten eine romantische Färbung und Doktor Bernard wüßte besonders die schwärmerische Liebs des Baron Bloomhaus für seinen Bruder so rührend zu schildern, daß mehrere der im Salon anwesenden Daunen Thränen vergossen. Der junge Nüsse war plötzlich in dem Gasihofe zu Sorrent der Held des Tages, ohne daß er davon eine Ahnung hatte. Man fand sein Auftreten bewundernswürdig und die Damen bestürmten den Doktor mit einer Menge Fragen nach der Persönlichkeit des Barons. Ob er blond oder brünett, klein oder groß, hübsch oder häßlich sei? und der sonst so sprachgewandte Franzose hatte Mühe diesen Sturm von Fragen zu bestehen. Er gab mit liebenswürdiger Geduld über alles Auskunft und als dies dennoch nicht genügte, sagte er lächelnd: Wenn morgen ein junger hochgewachsener Mann von etwa sechsundzwanzig Jahren, mit einem vornehm bloßen, nur ein wenig in's bronzefarbens schillernden Gesicht in den Salon tritt, so ist es mein Patient. Um das Signalement zu vervollständigen, setze ich noch hinzu, daß der Baron blond ist, wunderbar blaue schwärmerische Augen und einen kleinen allerliebsten Schnurrbart hat, in den allein sich nicht zu verlieben, für manche Dame ihre Schwierigkeit haben wird. Man mußte unwillkürlich lächeln, und wie dies in einem Salon, in einer von den verschiedensten Leuten belebten Gesellschaft immer geschieht, selbst dieser tragische Fall wurde allmälig leichter genommen und verlor seine düster unheimliche Färbung. Ueber den Fragen nach der Persönlichkeit des jungen Barons wurde vergessen, nach den Einzelheiten des räuberischen Ucberfalls weiter zu forschen. Anfangs freilich hatte das Verbrechen die Gemüther der Fremden furchtbar erregt und in Schrecken gesetzt; aber als Doktor Bernard versicherte, nach seiner Ueberzeugung sei die Schandthat nicht von eigentlichen Räubern, sondern von Gelegenheilsdieben ausgeführt, begann die Gesellschaft sich zu beruhigen. Es kann darüber kein Zweifel herrschen, fuhr der französische Arzt mit gewohnter 18 Lebhaftigkeit fort. Echte italienische Banditen hätten sich nicht damit begnügt, den jungen Russen zu binden, sie würden ihn einfach durch einen Dolchstich für immer beseitigt haben, denn diese im Handwerk ergrauten Leute haben die Ansicht, daß die Todten nichts mehr ausschwatzen und nicht mehr als Zeugen gegen sie auftreten. Auch den Bruder des BaronS haben diese Menschen nicht todten wollen, der Schlag mit dem Knüttel ist nur gleich zu heftig ausgefallen und aus allem dem entnehme ich, daß wir es hier mit Dilettanten im Nüuberfache zu thun haben, die nach ihrem ersten unglücklichen Auftreten ihre freie Kunst wieder aufgeben werden, weil sie selber fühlen, daß ihnen das rechte Talent dazu fehlt. Es ist also für unsere Gegend keine Gefahr vorhanden. Die besänftigenden Worte des Doktor Bernard verfehlten, besonders auf die Damen, nicht ihre beruhigende Wirkung. Es wurde dazu einstimmig beschlossen, fortan nur in größerer Gesellschaft seine Ausflüge zu machen und das Gespräch erhielt endlich wieder eine freiere und harmlosere Richtung, wenn es auch noch zuweilen auf den interessanten Russen zurücklenkte. Die Erwartung der weiblichen Gäste im Hotel zu Sorrent sollte aber nicht erfüllt werden. Weder am nächsten noch am folgenden Tage fand sich Baron Bloomhaus ini Salon ein. Er widmete all' seine Zeit und Aufmerksamkeit seinen: unglücklichen Bruder und verkehrte mit Niemandem weiter als mit Doktor Bernard. Man fand diese brüderliche Aufopferung bewunderungswürdig, trotzdem würden es die Damen ihm nicht verargt haben, wenn er nicht völlig in der Sorge für den Verwundeten aufgegangen wäre. Da sich der russische Baron nur allein der 'Pflege seines Brudes widmete und sich von der übrigen Gesellschaft ängstlich fern hielt, so erlosch allmälig das Interesse für den jungen Mann. In einem Hotel, in dem die Gäste beständig wechseln, erregt selbst das erschütterndste Ereigniß keine dauernde Theilnahme und dein Wirth lag ohnehin daran, die schlimme Geschichte so rasch wie möglich der Vergessenheit zu übergeben. Die Dienerschaft erhielt den strengsten Befehl, über den Naubanfall gegen die Ankömmlinge kein Wort zu verlieren, und da Baron Bloomhaus nicht einmal daran gedacht hatte, das Verbrechen bei der Behörde zur Anzeige zu bringen, so trat die ganze Angelegenheit schon nach wenigen Tagen in den Hintergrund. Der Kunst des Doktors Bernard gelang es wirklich, das Leben des jungen Russen zu retten, ja seine Genesung machte in kurzer Zeit außerordentliche Fortschritte. Dagegen bestätigte sich auch zum großen Schmerz des BaronS seine erste Aussage völlig, der Geist des armen Boguslav blieb umhüllt, das klare Bewußtsein des Unglücklichen kehrte nicht mehr zurück. Der Aermste konnte mit Mühe einige unzusammenhängend«: Worte lallen und aus seinem ganzen Wesen und Benehmen ging deutlich sein völliger Blödsinn hervor. Selbst für Doktor Bernard, der als Arzt an furchtbare Scenen gewöhnt war, hatte es etwas Ergreifendes, wenn der Baron sich dicht vor seinen Bruder hinstellte, ihm zärtlich ins Auge blickte und dann mit weicher, lhränenerstickter Stimme fragte: Boguslav, erkennst Du mich wirklich nicht? Erkennst Du Deinen lieben Gregor nicht mehr? und dieser nur ihn gleichgiltig anstarrte und mit stumpfem Lächeln seinen Blick erwiderte. Eines Tages hatte der Baron, wie so oft, wieder diese zärtliche Frage gestellt und dabei die Hand des Bruders ergriffen. Dieser schien heute lange nachzusinnen, plötzlich mußte irgend eine dunkle Vorstellung sein armes Hirn erschrecken, denn sein Gesicht verzerrte sich; er lallte ein Wort, das Doktor Bernard nicht verstand, stieß dann heftig die Hand seines Bruders zurück und suchte mit allen Zeichen des Entsetzens aus der Nähe seines Bruders zu kommen. Sie sehen, lieber Baron, daß all' Ihre zärtlichen Bemühungen vergeblich sind, ja ich fürchte, Sie regen den Aermsten nur unnütz auf, bemerkte der Arzt. Ihr Unglück^ licher Bruder ist aus seinem geistigen Schlaf durch nichts mehr zu retten. — 19 Das fürchte ich auch, sagte der Baron, der bei der plötzlich hervorbrechenden Wuth seines Bruders erschrocken einen Schritt zurückgetreten war, aber jetzt seine Fassung schon wiedergewonnen hatte. Ihr Bruder ist körperlich so weit hergestellt und meine Kunst ist damit zu Ende, fuhr Doktor Bcrnard fort. Das Beste wäre, ihn so bald wie möglich in eine Irren- Anstalt zu schaffen. Wird sein Geist wirklich nie wieder erwachen ? Wird sein Bewußtsein nie so weit hergestellt werden, das; er mich erkennt und sich auf die Vergangenheit besinnen kann? fragte Baron Bloomhaus tief ergriffen. Nie, entgegnete der Arzt mit großer Sicherheit. Warum sollte ich Sie täuschen und Ihnen Hoffnungen vorspiegeln, die nie in Erfüllung gehen. Der Geist des Aermsteu bleibt für immer umflort. — Hier ist alle Kunst vergebens. Der Unglückliche wird auf keinen Fall aus seinem dumpfen Zustande je wieder erwachen. Der Baron stieß einen schmerzlichen Seufzer aus und starrte düster vor sich hin, Armer Boguslav! murmelte er leise und suchte eine Thräne zu verbergen, die ihm unwillkürlich ins Auge getreten war. Ich kann Ihnen meine Bewunderung nicht vorenthalten, sagte Doktor Vernarb. Sie haben für Ihren Bruder eine Hingabe und Zärtlichkeit an den Tag gelegt, die mir bei Geschwistern selten vorgekommen ist; aber Sie müssen sich endlich zu trösten suchen. Sie sind ja noch jung und das Leben fordert seine Rechte. Das beste bleibt, wenn Sie so rasch wie möglich Ihren Bruder in einer Irrenanstalt unterbringen; so lange Sie ihn täglich vor Augen haben, kommen sie nicht zur Ruhe. Ich muß sonst fürchten, daß Ihr Gemüth unter diesem entsetzlichen Druck leidet. Wie leicht artet eine solch beständige Trauer in Schwermuth und zuletzt in Tiefsinn aus. Die Ermahnungen des Arztes schienen auf den Baroff nicht ganz ohne Eindruck zu bleiben. Sie meinen also wirklich, daß ich mich von meinem Bruder trennen soll? O Sie glauben nicht, lieber Doktor, wie schon dieser Gedanke mein. Innerstes packt und mir Entsetzen einflößt. Dennoch muß es sein, entgegnete Doktor Bernard sehr eifrig. Sie können Ihrem Bruder nichts mehr nützen; ihn täglich zu sehen und um sich zu haben, ist für Sie eine Qual ohne Ende. Seien Sie überzeugt, der Aermstc ist in einer Irrenanstalt am besten aufgehoben. Mir ist der Leiter einer solchen Heilstätte in Neapel bekannt. Ich will den Kranken dahin abliefern und er wird dort die nöthige Pflege und Ruhe haben. Ueberlassen Sie mir die Regelung der ganzen Angelegenheit. Nein, nein, ich werde Boguslav dorthin begleiten. Sie sollten sich diese letzte schmerzliche Aufregung ersparen. Unmöglich! Ich muß wenigstens wissen, in welche Hände er kommt, erklärte der Baron mit solcher Festigtet, daß Doktor Bernard keinen weiteren Widerspruch wagte. Schon am anderen Tage wurde die traurige Fahrt angetreten. Der Kranke verhielt sich wie immer still nnd völlig gleichgiltig gegen alle äußeren Vorgänge. — Mußte ihm doch das Essen halb gewaltsam beigebracht werden, denn er wußte nicht mehr, wann fein Magen neuer Nahrung bedurfte und würde gewiß verhungert sein. Die Irrenanstalt war bald erreicht; der Baron mußte sich überzeugen, daß sie für italienische Zustände leidlich eingerichtet war, er zahlte im Voraus auf ein Jahr die Pension und erhielt auf seine Bitte die Versicherung, daß seinem Bruder die sorgfältigste Pflege nicht fehlen werde. Es war noch ein ergreifender, unendlich schmerzlicher Augenblick, als Baron BloomhauS von feinem Bruder Abschied nahm. Er wollte den Unglücklichen zum letzten Mal umarmen; aber der Geistesschwache drückte sich scheu in eine Ecke und stieß ein so klägliches furchtbares Winseln aus, daß der Baron seine Absicht aufgeben mußte. Er warf nur noch einen unendlich liebevollen Blick auf den Bruder, dann eilte er hastig aus dem Zimmer, als fürchte er sonst von seinen schmerzlichen Empfindungen völlig überwältigt zu werden. Auch Doktor Bernard nahm jetzt Abschied, denn er ging wieder nach Sorrent zurück, während Bloomhaus sogleich und auf direktestem Wege in sein Vaterland zurückkehren wollte. Vergeblich hatte der Baron dem Arzt eine ansehnliche Summe als Entschädigung für seine großen Bemühungen angeboten, der Franzose wies sie mit Entschiedenheit zurück. Ich bin nach Italien nicht als Arzt gekommen, cntgegnete Doktor Vernarb mit feinem Lächeln. Lassen Sie mir das angenehme Bewußtsein, Ihnen einen kleinen Dienst erwiesen zu haben. Ich habe Sie sehr hoch schätzen gelernt, Herr Baron, und Ihre aufopfernde Bruderliebe werde ich bewundernd im Gedächtniß erhalten. Die beiden Männer schüttelten sich die Hände und nun setzte Jeder seinen Weg in entgegengesetzter Richtung fort. (Fortsetzung folgt.) Die Stätte, wo das Pontificat Petri seinen Ursprung nahm. Reminiscenzen und Reflexionen aus dem Orient von Carl Schnabl. Es war im Monate Juni vor zwei Jahren, als ich auf einer ausgedehnten syrisch- palästinischen Rundreise von den eisgckrönten Höhen und wettergesurchten Felsen des großen Hcrmons Herabstieg, um zu den Jordansquellen, welche dein hohen Hermon ihr Dasein verdanken, zu gelangen. Der Hermon, ein 7 bis 8 Stunden langer, mächtiger in nordöstlicher Richtung Palästinas gelegener Gebirksstock, bildete die Grenzmarke für die Heimath Israels. Die Naturerhabenheit und Schönheit dieses Bergriesen, der mit seinen höchsten Gipfeln (gegen zehntausend Fuß) in die Region des ewigen Schnee's reicht, drückt der Psalmist am schönsten und besten durch die Worte aus: „Tabor und Hermon jauchzen in Deinem Namen." Naiurhistorisch, sowohl in geologischer Beziehung als durch seine Flora und Fauna, ist er sehr merkwürdig. Der von einem reichen Sagenkreis umwobcne Berg ist aber auch historisch von hoher Bedeutung. Er gilt geradezu als palästinischcr Blocksberg, a^s dem die Heroen furchtbare Eide schworen; anderseits aber spielt er in der Götterlehre eine große Rolle als unnahbarer, heiliger Berg, die durch die Tempelüberreste für die Nachwelt eine archäologische Gestalt gewinnt. Drei Hochquellen des Jordans sind zu unterscheiden: die nördliche bei Hasbaya, der Hasbany genannt, die kleinste; die mittlere bei Banias und die südliche, die stärkste ist die Danquelle. Der Hasbany, der seinen Ursprung bei dem Städtchen Hasbany hat, kommt aus vulkanischem Gestein hervor und läuft durch das Teimthal, als Centralsitz des Drusenvolkes merkwürdig, um sich mit seinen Seitenquellen nach mehreren Stunden zu vereinen. Die südlichste ist die größte und stärkste bei Tell el Kadi, das ist Dan. Mit mächtigein Schwall entströmt sie hier der Westseite des Danhügels. Das Wasser nimmt seinen Ursprung im Krater eines erloschenen VulcanS, dessen Ränder sich noch erheben und es tritt mitten unter porösem Basalt aus mehreren Quellen hervor, nährt eine Menge Schildkröten und zwischen Lava und niederen Basaltbergen, zerrissenen Felsen und zerwühlten Thälern rauscht es dem Hulesee, dem ersten Becken, das der Jordan bildet, zu. Den Danhügel bedecken prächtige, immer grüne Eichen; die Jordansqnelle aber umschatten dichte Oleandergebüsche, welche eben in schönster Blüthe waren. Hier in unmittelbarer Nähe stand die alte Stadt Dan, die Nordgrcnze des israelitischen Reiches; daher der so oft vorkommende Ausdruck von Dan bis Bcerseba, um die nordsüdliche Längeausdehnung des gelobten Landes auszudrücken. Tell el Kadi, wie heute im Arabischen dieser Hügel heißt, ist identisch mit dem hebräischen Worte Dan; beides ist zu übersetzen mit „Richter". Bevor die Stadt von dep Daniten erobert wurde, hieß sie Lais und gehörte zu dem Gebiete von Sidon. Als sich später die nördlichen Stämme von Juda trennten und als Reich Israel dem theokratischen Staate Juda gegenüber- 21 standen, ward unter König Jeroboam ein goldenes Kalb zur Anbetung aufgerichtet. Des sterbenden Patriarchen Jacob's Prophezeiung sollte auch durch den Kälberdienst Dan's in Erfüllung gehen. Während wir noch einen Tag vorher auf den Bergeshöhcn milde und kühle Alpenluft athmeten, hatten wir jetzt auf dem Ritte von Dan bis Vanias subtropisches Klima zu ertragen. Der heutige Name Vanias entspricht dem antiken griechischen Paneas. Dort war ein dem Gotte Pan geweihtes Heiligthum in einer Höhle, daraus die zweitgrößte, aber die schönste und interessanteste Jordansquelle hervorströmt. Als Kaiser Augustus den König Herodes 734 ab urbu avml. in Syrien besuchte, lies; Herodes einen Prachttcmpel von hellweißem Gesteine daneben errichten und sein Sohn, der Tetrach Philippus von Trachonitis, baute Paneas an der Quelle des Jordans auf und legte ihm den Namen Cäsarea bei, das in der Folge zum Unterschiede von Cäsarea Stratonis oder Palästina am Meere, Cesarea Philippi genannt wurde. König Agrippa, der Jüngere, der vom Kaiser Claudius das Erbe seiner Familie und später auch die Tetrarchie des Philippus erhielt, vergrößerte die Stadt und hieß sie aus Schmeichelei zum Ueberflusse noch Neronias. Hier empfing Agrippa den Vespasian und bewirthete ihn mit seinem ganzen Heere. Der siegestrunkene Titus zwang nach der Einnahme Jerusalems eine Anzahl gefangener Juden im Amphitheater zu Paneas, sich in den Schauspielen unter einander oder im Kampfe mit wilden Thieren aufzureiben. Die Ueberreste der griechisch-römischen Stadt sind sehr ausgedehnt, aber mit wenig deutlich erkennbaren Gebäuden; es ist ein wirres Durcheinander am Nordende einer dreieckigen Terrasse, in einem Winkel des HermongebirgeS. Aeußcrst massive Werkstücke, steinerne Brücken, Säulenschäfte und feingearbcitete Capitale, drei Thürme mit fugengeränderten Quadern, den Kennzeichen hohen Alterthums, ragen noch empor als Zeichen ehemaliger Stärke. Das heutige Dorf Vanias besteht aus wenigen Häusern, (bewohnt von Muselmännern und einigen Christen) die meist innerhalb der ehemaligen Burgmauern stehen. Unter dem Schloßberge einer steilen Kalksteinfelswand mit Basaltgängen bricht aus der Panshöhle mit Ungestüm und Wucht die Jordansquclle hervor. Ueberall strömt köstliches Wasser in Hülle und Fülle und ruft eine außerordentlich üppige Vegetation hervor. Die Euphratspappel und babylonische Waide nebst zarten Tamarisken bilden die Hauptrepräsentanten der Pflanzenwelt, welche treu dem Jordan bleiben, von seiner Wiege bis zu seinem Grab im todten Meer. In der glatten Felswand zeigen sich noch mchrere muschelartig verzierte Votiv-Nischen; hier wurden Wcihegeschenke für den Gott Pan aufgehangen, und seine Statuen aufgestellt, wie auch in einer großen Nische das Standbild Augustus von seinem königlichen Diener Herodes gewidmet wurde. Die ziemlich verwitterten Steininschristen besagen, daß der Priester des Pan die Weihetaseln im Heiligthum seines Gottes und der Nymphen und zugleich zum Heile des Cäsars gesetzt habe. Oberhalb der Felsenwand ist ein liebes, stilles Plätzchen, da steht ein altes Gebäude und heißt Bar Dschiries-Moschee; es war in der christlichen Periode eine Georgskapelle. Der heilige Gcorgsritter erlegte den Drachen, Pan genannt, unten in der tosenden Höhle. Im vierten Jahrhundert war Danias schon ein Visthum unter dein Patriarchate von Antiochien. Im Zeitalter der Kreuzzüge wurde das Visthum vom Erzbisthume TyruS aus wieder restaurirt. Bald aber von Nur-ed-Din, dem Beherrscher Damasens, erobert, kam es nun niemehr in den Besitz der Christon. Der Gedanke^ und die Idee, hier eine katholische Missionsstation wieder zu eröffnen, stieß wohl auf manche Schwierigkeiten. Der Plan ist vom Patriarchate Jerusalems in neuester Zert wieder aufgenommen worden, doch müßte er von dem apostolischen Delegaten Syriens, unter dessen unmittelbarer Jurisdiction dieser Ort steht, realisirt werden. Das ganze alte Stadtgebiet wird von einer Akropolis beherrscht. In imposanter Höhe auf einem Vorberge des Härmons erheben sich weitläufige Festungsbauten, vielleicht die besterhaltencn in Syrien, Kalaa es Subeibe genannt, die besonders dadurch hoher archäologisches Interesse hervorrufen, weil daran die Baustyle der verschiedensten Jahs- 22 Hunderte zu verfolgen sind. Von den fugengeränderten phönizisch-hebräischen Grundlagen heben sich griechisch-römische Werkstücke ab, worauf aber genau die relativ modernen Bauschichtcn der Saracenen und Kreuzfahrer zu erkennen sind. Eine unvergleichliche Aussicht genießt man von diesen Burgruinen aus, sei es nun nach dem Jordanslauf zu oder zu den steilen Höhen des Härmons hinaus. Nicht mit Unrecht kann man diesen Theil des Landes Canaau die pnlüstinische Schweiz nennen. — Doch übernatürlicher Nimbus glänzt über diesen schönen Erdtheil. Schon die ältesten christlichen Berichte' erzählen, daß jene kranke Fran, welche durch bloße Berührung des Gewandes Christi geheilt wurde, aus Eäsarea Philippi war und zum Andenken dem Erlöser ein Standbild in ihrer Stadt fetzen ließ. Euscbius, der Vater der Kirchen- geschichte, sah noch auf einer Marmorsäule vor ihrem Hause die Erzfigur eines Mannes, der seine Hände einer Frau zuwendete, die mit vorgestreckten Armen vor ihm in die Kniee sank. Kaiser Julian der Apostat ließ die Statue entfernen und durch seine eigene ersetzen, welche jedoch der Blitz zertrümmerte. So weit berichtet der Kirchenhistoriker Sozomenus. Eäsarea Philippi war aber auch der nördlichste Punkt Canaans, den der göttliche Heiland betrat. Und hier an den Jordanquellen (Matthäus 16 und Marcus 13) fand statt jenes ewig denkwürdige Ercigniß, das wohl selber zur Quelle eines welthistorischen Stromes ward, da der Wclterlöser den Simon, Jonas Sohn, auf dessen Bekenntniß der Gottheit Jesu zum Felsen erhob, auf welchem er seine Kirche erbauen wollte. „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche erbauen und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen." Mit der Schlüsselgewalt wird ihm an dieser Stelle die oberste Jurisdiction auf Erden übertragen. Sollte nicht eine providcnticlle Bedeutung darin liegen, daß gerade an jenem Orte, wo der Heidencult des goldenen Kalbes aufgerichtet wurde und der vergötterte Eäsarismus blühte, die höchste Autorität unter der Sonne durch den Felsen Petri eingesetzt wurde?! Wenn auch Heidentempel, Götzenbilder und Cäsarstatuen längst in Staub und Schutt zerfallen sind und eine düstere Erinnerung zurückrufen, so sprudelt doch noch und ohne Aufhören die klare und frische JordanSquellc und bringt eine herrliche Pflanzenwelt hervor. Lamartine, der Mann der Februar-Nevolution, schrieb während seiner orientalischen Reise eine große Wahrheit in sein Tagebuch, vielleicht ohne es recht zu wollen: „Hierin Eäsarea Philippi war es, wo Christus mit drei Worten, ,,Vu es Petrus" (Du bist Petrus) den ewigen Stuhl seiner Kirche gegründet, dem die Aufklärung aller Jahrhunderte mit Millionen Worten nichts hinzu und nichts hinweg gethan hat." (V. Vaterl.l Der Glaube der Fremidfchaft. Wenn eines Menschen Seele Dn aewonncn, Und in sein Herz hast tief hineingeschaut, Und ihn befunden einen klaren Bronnen, In dessen reiner Fluth der Himmel blaut, — Laß Deine Zuversicht dann nichts Dir rauben, Und trage lieber der Enttäuschung Schmerz, Als daß Du grundlos ihm entziehst den Glauben, Kein größer Glück, als ein vertrauend Herz! Laß adlermulhig Deine Liebe schweifen, Bis dicht an die Unmöglichkeit hinan: Kannst Du des Freundes Thun nicht mehr begreifen, So fängt der Freundschaft frommer Glaube an. Felix Dahn- 23 Reinigung des Trinkwaffcrs. DaS Wasser, mit dem manche Städte und Plätze versehen sind, wird in warmem Wetter unrein und zum Trinken untauglich, wenn es nicht durch irgend ein künstliches Verfahren gereinigt wird. Wir wollen hier zu diesem Behufe einige Methoden angeben, die sich vorkommenden Falles als nützlich und zweckmäßig erweisen werden. In Indien trinken die Eingeborenen niemals Quellwasser, wenn sie Flußwasser haben können, welches aber stets mehr oder weniger unrein ist und deshalb auf eine eigenthümliche Weise von ihnen behandelt wird. Sie reiben nämlich die inneren Wände des irdenen unglasirten Gesäßes, worin sich unreines Wasser befindet, eine oder zwei Minuten lang mit den Samenkerncn der Str^otznos potatorum, welche zu der Pflanzenfamilie gehört, aus der das tödtliche Gift Strychnin bereitet wird, ein und lassen darin das Wasser setzen. In kurzer Zeit fallen alle Unreinlichkeiten zu Boden, das Wasser wird hell und ist allen Erfahrungen zufolge auch vollkommen gesund. In KriegSzeiten und auf Märschen führen die indischen Soldaten diese Samenkörner stets bei sich, um ihr Wasser damit reinigen zu können. Ein anderes Verfahren, dessen man sich in Indien bedient, um hartes Wasser weich und trinkbar zu machen, ist das Kochen desselben. Aus einem Berichte, welchen die Chemiker Graham, Miller und Hofmann über ihre Versuche mit dem Londoner Trink- wasser an die englische Regierung abgestattet, geht hervor, daß hartes Wasser, welches 13>/-, Gran kohlensauren Kalk in der Gallone (4 Liter) enthielt, durch Erhitzen bis zum Siedepunkt über 2 Proc. von seiner Härte verlor. Bei einem viertelstündigen Kochen verminderte sich dieselbe bis auf 2>/., Proc. Vor mehreren Jahren nahm Professor Clark zu Aberdcen in Schottland ein Patent zum Reinigen von hartem Wasser durch Zusatz von ein wenig frisch gebranntem Kalk. Dieses Verfahren ist besonders anwendbar, wo man das Wasser zu technischen Zwecken gebrauchen will. Wenn man Wasser durch aufeinanderfolgende Lagen von grobem Sand, Kies und Holzkohlen futriren läßt, so wird es rein und gesund. Das Material muß aber öfters erneuert werden, weil sich viele Unreinlichkeiten darin ansetzen. Der Alaun besitzt die wundervolle Eigenschaft, in sehr kurzer Zeit alle Unreinlichkeiten im Wasser niederzuschlagen. Darret fand, daß 7'/^ Gran gepulverter Alaun hinreichten, ein Quart 'des schmutzigsten Nilwassers in einer Stunde vollkommen hell und klar zu machen. Die Thätigkeit des Alauns ist hier eine rein chemische. Das Salz wird zersetzt, die Alaunerde niedergeschlagen und mit ihr eine unlösliche Verbindung von schwefelsaurem Kalk. Das letzte Verfahren zur Reinigung des Wassers besteht darin, daß man es durch Lagen von Sand, Kies und Eisenmagnet, stein, in kleine Stücke geschlagen, filtrirt. Dieser Eisenmagnet besitzt ganz ungewöhnliche Kräfte zum Reinigen des Wassers. (Fundgr.) M i s c e l l e n. Die ungeheure Zunahme und Verbreitung der „Nervosität" veranlaßte einen hervorragenden Arzt in New-Pork, Dr. G. M. Beard, zu einer sorgfältigen Beobachtung jener krankhaften Erscheinungen, die man unter dem Namen der „Nervosität" zusammenfaßt, und die Resultate, zu denen er gelangte, sind so merkwürdig, daß sie allseitige Beachtung verdiene». Als ein Hauptsymptom der Nervosität führt Dr. Beard die gesteigerte Empfindlichkeit der gegenwärtigen Generation gegen Kälte und Hitze an, besonders bei den geistig arbeitenden Klassen der Gesellschaft. Die gegenwärtige Generation ist um 10 Grad empfindlicher gegen Kälte geworden, als es ihre Vüter waren. Dazu kommt die gesteigerte Empfänglichkeit für aufregende und betäubende Mittel, wie Alkohol, Tabak und selbst Kaffee und Thee. Unsere Väter — bemerkt Dr. Beard — und auch unsere Mütter konnten starke Liqueure trinken und selbst stark Tabak rauchen, so viel sie wollten, ohne etwas von der Nervosität unserer Zeit merken zu lassen. Jetzt ist über ein sehr beträchtlicher Theil der Bevölkerung gar nicht im Stande, Tabak zu rauchen oder zu kauen. oder auch nur milde Weine, ferner Thee und Kaffee zu trusten. otzne die üblen 24 Folgen dessen zu spüren. Eines der auffallendsten Symptome unserer Civilisation findet Dr. Beard in dem frühzeitigen Verfall der Zähne. Dies rühre nicht blos von deni Genuß von allzuviel Süßigkeiten oder Säuren her, von Vernachlässigung des Reinigens oder von dem Gebrauch von Speisen, die nur wenig Kau-Arbeit erfordern. Die Ursachen des Verfalles der Zähne seien bei Weitem mehr subjektiv als objektiv und in der ganzen Konslituuon der „modernen civilisirteu" Menschen gelegen. Empfindlichkeit der Verdauung ist eine der bekanntesten und auffälligsten Wirkungen der Civilisation auf das Nervensystem. Auch die Augen bezeichnet Dr. Bcard als gute Barometer unserer nervösen Civilisation; die Zunahme von Augenschwäche, Kurzsichtigkeit und überhaupt von Störungen in den Funktionen der Augen sind hiefür sehr bezeichnende Thatsachen. Auch die offenbare Steigerung der Frauenkrankheiten schreibt er einer Hauptsache zu, neben der alle anderen untergeordnet sind — der Civilisation. In merkwürdigem Gegensatz zu allen diesen krankhaften Erscheinungen der Zeit steht aber die statistisch nachgewiesene Thatsache, daß fast in gleichem Schritt mit der Nervosität auch die Lebensdauer zugenommen hat. Ja, Dr. Beard behauptet sogar, Nervosität vertrage sich nicht blos mit einer langen Lebensdauer, sondern befördere dieselbe thatsächlich durch Bewahrung des Organismus vor dem Angriff akuter Fieberkrankhciten. Den Grund, warum die Nordamerikaner nervöser seien als andere Völker, findet Dr. Beard in der Trockenheit der Atmosphäre und in den starken Extremen von Hitze und Kälte auf dem nordamerikanischen Kontinent. (Ein fataler Irrthum.) Einst gab die Lucca in ihrem Hause in der Viktoriastraße in Berlin eine Soiroe. Da fragte einer der Gäste, eine hochgestellte Persönlichkeit' die liebenswürdige Wirthin: „Sagen Sie 'mal, gnädige Frau, wer ist denn der impertinent-blonde Mensch dort mit der polizeiwidrigen Visage, der so thut, als ob er hierzu Hause wäre?" — „Der impertinent-blonde Mensch mit der polizeiwidrigen Visage," erwiderte die Künstlerin mit maliliösem Lächeln, „ist auch hier zu Haus; denn wann's nix dagegen haben, Herr Graf, dann ist's halt mein Vater!" — Langes Gesicht! (Wahlrede.) „I moan holt mir zahlen jetzt viel weniger Steuer!" (Allgemeiner Beifall.) „I moan holt, mir.zohl'n gar ka Steuer mehr!" (Wüthender Beifall.) „I mor holt, mir haben lang gnua Steuer zohlt, jetzt soll d'Negierung a poar Jahr uns Steuer zohl'n!" (Nicht enden wollender Zuruf: „Bravo! Vivat! Der vcrsteht's.") „N. N. hat nun wieder ein vollständig sortirtes Lager von feinen Handschuhen, für Herren das Paar 1 fl., für Damen ohne Finger 48 kr. und für Damen mit Fingern 56 kr." Ankündigung eines Klempners. „Hier sind Maulkörbe zu haben für wüthende- Hundebcsitzer." — Ganz in der Ordnung. GoldLörner. Vor Jedem steht ein Bild, da?, was er werden soll; Sä lang' er das nicht ist, ist nicht sein Frieden voll. Die Häuslichkeit der Frau, besonders die Besorgung des Täglichen, muh dem verdeckten Triebwerk der Uhr gleichen, die Ordnung muh sich als anwesend in stiller Gleichheit zu erkennen geben' wie der Weiser schweigend die'Stunden und Minuten zeigt. Wenn du mit deinen Gefälligkeiten wartest, bis dich ein Freund anspricht, so erniedrigst du die Gefälligkeit zu einem Almosen und deinen Freund zum Bettler. Deutsche Lprüchwörtcr. Auf den Boden sehen, wie die Hexe vor dein Kirchenthor. Hast du den Brei dir selbst geblasen, bring den Napf keinem Vielfraß unter die Nasen. Sein tägliches Brod ist aus mim Backöse». O was würden wir sur Geist und Herz gewinnen, wenn wir, abstreifend den oberflächlichen, gleichgültigen Sinn, der uns in Allem nur Gleichgültiges und Alltägliches zeigt, durchdrungen und forschen würden, _vom Acnßcrn zum Jngcrn von der Gabe zum Geber. Für die Redaktion oerantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Lilerarijchcn Jiislitns von Dr. M. Hutthu-- zur „Äugslmrger postsiiümg." Nr. 4 Mittwoch, 14. Juli 1880 . Da es der Charakter unserer Landsleute ist, das Gute ohne viel Prunk zu thun und zu leisten, so denken sie selten daran, das; es auch eine Art gebe, das Rechte mit Zierlichkeit und Anmuth zu thun und verfallen vielmehr, von einem Geist des Widerspruchs aelrielien, leicht in den Fehler, durch ein mürrisches Wesen ihre liebste Tugend im Cvnlraste darzustellen. Goethe. Hetzen bis in öen Hoö! Zur hohen Mittelsbuchrr Jubrlüums-Destseler in drei Bildern aus alten Zeiten der Jugend neu nacherzählt von Jgn. Schuster, Pfarrer und Distrikts-Schulinspektor in Loppenhausen. (Z,IM Lorlmgc sür mihrrrr Schüler.) II. l. Schon in der grauen Vorzeit Tagen blühte In Bayern ein Geschlecht, der Tilgend Preis. Mit Hohem Heldenmuth, mit Herzensgute War es im Land das schönste Edelreis. Und als durch Pfalzgraf Otto's Nuhmespfade Des Himmels Thau darauf gefallen war In Kaiser Barbarossas Lieb' und Gnade, Da wuchs das edle Reis gar wunderbar. Da ward es bald zu dem gewalt'gen Baume, Der hoch nun ragt im reichen Blätterkranz, Der seine Wipfel wiegt im weiten Raume, Umstrahlt vom hellen, hehren Sonnenglanz. » In seinem Schatten wohnt in stillem Frieden Ein gutes Volk, das fröhlich und beglückt. In jeder Lage, die es trifft hiniedeir Vertrauensvoll zu seinem Fürsten blickt. Fest steht der Baum — und möcht' es noch so stürmen Mit Wetters Ungestüm und wilder Wuth, Gefahren dräuend sich entgegenthürmen: Der Baum blieb fest mit ungebroch'nem Muth. Denn seine Wurzeln senkt er stets auf's Neue Tief in den Boden unzerreißbar ein. Und diese Wurzeln sind des „Volkes Treue", Liefest steht, wenn auch flieht des Truges Schein. Zu diesem Baume laßt uns heute schauen Mit seinem Stamm und seinem, Blätterdach Mit seinen Wurzeln in den heim'schen Gauen Zum hocherhabenen „Haus Wittelsbach!" Llrko. So ist'S! Die auch die Zeitenstürme brausten . Auf Land und Fürsten, mächtig ungezählt; Wie immer auch die Donner niedersausten: „Di eWu rz el h a t d ein B num e n i e gefehl t!" Wie war es damals, als ein schwer'Verhängnis Uns einst in die Tyrolerberge rief? Groß war gar bald die Noth und die Bedrängnis;, Manch' Bayer bald den ew'gen Schlummer schlief. Jedweder Berg mit seinen jähen Gründen Er ward zur starken Beste allsersch'n. Von wo der Tod mit tausend Feuerschlünden Sein sich'res Opfer konnte schnell erspäh'n. Auch Dir hätt' damals wohl von Deinen Tagen Den letzten bald des Schicksals Lauf gebracht. Hätt' nicht ein treues Herz sür Dich geschlagen. Für Dich, o Max Emanuel, gewacht! Denn als sie ritten, wo des Junes Fluthen rauschen. Die Martinswand aufraget hoch und hehr, Sprach Arko: „Laßt uns. Fürst, ,die Pferde tauschen! Von trüber Ahnung ist mein Herz heut schwer." „Gewährt es mir bei diesem Unglücksritte — O laßt nicht angehört mich heute fleh'n!" Den Churfürst wundert erst die heiße Bitte, Doch endlich läßt er diesen Tausch gescheht». Kaum ritten sie — die Bahn war wenig offen — Da juckt vom Berg ein Blitz — ein Schuß verhallt — Graf Arko sinkt, vom Todesblei getroffen, Von jener Kugel, die dem Fürsten galt. 26 Ein einfach Denkmal zeigt in weiter Ferne, Wo er sein Leben einst dem Fürsten bot: Doch unauslöschlich strahlt gleich einem Sterne Die That, die mahnt: „Getreu bis in den Tod!" 111 . Sendling. Fürwahr ein hehres Bild! Es wird stets dauern. So lange Bayerns Name wird genannt. Doch sag', was thaten anders jene Bauern, Die bluteten für Fürst und Vaterland? Es waren schlimme Zeiten angebrochen — Der Feind stand im besiegten, armen Land Mit übermüth'gem Hohn und stolzem Pochen — Sein Churfürst war geächtet und verbannt. Sogar die Kinder wollte man noch holen — Das war dem treuen Volk zu viel. Da loderte wie Brand aus glüh'nden Kohlen, Sein Heller Zorn und trieb zum Kampfgewühl. Die Mannen steigen von den Bergen nieder, Von Tölz, von Kochel, von der Jächenau. Das Land, die Hauptstadt zu besreien wieder, So geht's gen München in die Jsarau. lind dort, wo Hügelreihen Sendling kränzen, Dort kämpfen sie mit Grimm und Löwenmut!) — Wo bald auf's Neu des Bildes Farben glänzen, Da fließt der treuen Alpensöhne Blut. Doch war den Tapfern auch kein Sieg beschieden, Den Rittern ohne Furcht im Loden schlicht, Erkämpften sie auch nicht dein Land den Frieden: Vergebens war ihr Todesopfer nicht! Denn als ein hohes Lied der Volkestreue Fürs Vaterland und seinen Fürstenhort; AIS Ruhmesthat der höchsten Todesweihe: So lebt's unsterblich . durch die Zeiten fort! IV. Der Obelisk. Laßt noch ein Bild mich reihen — würd' ich schweigen So würde traun für das, was ewig lebt. Der Obelisk in München redend zeugen, Der hoch die schlanke Säule aufwärts hebt. Viel Bayern zogen einst in langen Zügen G'en Ziußland auf des Königes Geheiß. Wo blieben sie? Ach, längst die Meisten liegen Im Todesschlaf erstarrt in Schnee und Eis. Das vielgestalt'ge Elend, das sie litten, Entbehrung tausendfach und Noth und Pein, Und wie sie vor dem Feinde tapfer stritten. All' dies grub längst ichon Klios Griffel ein. Doch ob sie auch am fremden Sisgeswagen Zu zieh'n von dem Geschicke eingespannt, Verurtheilt fremde Schlachten nur zu schlagen: So starben doch auch sie sür's Vaterland. Sie hielten muthig aus auf blutgetränktem Plane, In blut'gen Schlachten, aller Noth. Getreu dem Könige, getreu der Fahne, Getreu im Leben, treu bis in den Tod! V. Was ihr von fester Treue früherer Zeiten Erzähltet, präget tief den Herzen ein. Was auch der Zukunft Loose uns bereiten, Sie soll uns stets ei» leuchtend Vorbild sein! Als Pfalzgraf Otto jene Klause stürmte. Des Hauses Wittelsbach erlauchter Ahn, Und inederwarf, was sich entgsgenthürmts Des großen Barbarossa Ruhmesbahn: Belohnte er mit Bayerns Herzogthume Haus Wittelsbach, des Ruhm schon längst erklang. Seitdem herrscht es zu Bayerns Heil und Ruhme Schon mehr als siebenhundert Jahre lang. So war es Treue, die nach Gottes Walten Ihm Bayern brachte, Treue goldesgleich. Dieselbe Treue wird es ihm erhalten Die Treue gegen Kaiser und das Reich. Das walte Gott! Du aber gib den Segen: Bon welchem jede gute Gabe kommt. Gib unserm Fürstenhaus auf allen Wegen Was immer seinem Heil am besten frommt. Erhalts zwischen Fürst und Volk hinieden Der Eintracht und der Liebe schönes Band. Schenk Wohlfahrt und den ungetrübten Frieden Dem heißgeliebten, theuren Vaterland. Auf daß wie jetzt von treuen Lnndessöbnen Stach hundert Jahren wieder taufendsach Die Festssjubelrufe laut ertönen: „Mit Bayern hoch für immer Wittels-- bach!" Der Aerr Baron. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) II. In den höheren Gesellschaftskreisen von Florenz machte die rasche Heirath der Fürstin Gravelli mit dem Baron Bloomhaus nicht geringes Aufsehen. Obwohl die Fürstin nicht mehr jung war, galt sie noch immer für eine schöne Frau. Ihre volle, üppige Gestalt hätte das Entzücken jedes niederländischen Malers abgegeben, wenn auch ihr Antlitz bereits verrieth, daß sie die für eine Frau und besonders für eine Italienerin gefährliche Mittagslinie der Dreißig überschritten. . Die Fürstin war über Mittelgröße, ihre volle Formen ragten schon ein wenig über 27 das schöne Maß hinaus; aber sie wußte sich stets so geschickt zu kleiden, daß dieser Überschuß, mit dem sie die Natur versehen, nicht geradezu störend hervortrat. Auf Geist konnte die Fürstim nicht großen Anspruch machen; sie war sogar ein wenig beschränkt, aber dafür besaß sie eine große Gutmüthigkeit und ihr liebenswürdiges Benehmen machte überall den besten Eindruck. Obgleich sie zur Wohlbeleibtheit neigte, war sie in all' ihren Bewegungen rasch und lebhaft, ein leidenschaftlicher Zug ging sogar durch ihr ganzes Wesen; sie konnte leicht aufflammen, war jedoch ebenso schnell wieder besänftigt. Wohl war die schöne reiche Wittwe von zahlreichen Bewerbern umschwärmt worden, aber seit dem Tode ihres ersten Gatten waren schon acht Jahre verstrichen und noch immer hatte die Fürstin gezögert, sich ein neues Eheglück zu gründen. Da war plötzlich Baron Bloomhaus in Florenz aufgetaucht und der schöne, stattliche Mann hatte im Sturm das Herz der Fürstin erobert. Der Baron ragte über Mittelgröße hinaus, war stark und kräftig gebaut und auf den breiten Schultern saß ein etwas blasses, regelmäßiges Gesicht. Die blauen Augen konnten so wunderbar träumerisch blicken, dabei besaß der Baron so einschmeichelnde feine Manieren, daß er sich alle Herzen, besonders die der Damen, rasch gewann. Dazu kam seine tiefe Schmermuth, die- ihn noch interessanter machte. Niemand wußte, warum er gar so düster aussah, man hörte nur davon, daß er den Verlust eines ihm sehr theuren Menschen tief betrauere und daß er sich vergeblich zu zerstreuen suche. In einer großen Gesellschaft hatte Baron Bloomhaus die Fürstin Gravelli kennen gelernt und acht Tage spater wurde die vornehme Welt von Florenz schon durch die Nachricht von der Verlobung der Beiden überrascht. Man hatte kaum erwartet, daß die Fürstin noch einmal so leidenschaftlich erglühen würde; sie war von der Persönlichkeit des Barons ganz bezaubert, der es aber auch verstand, das Herz der schönen Frau in Flammen zu setzen. Trotzdem Baron Bloomhaus mehrere Jahre jünger war, legte er für die Fürstin eine wahrhaft glühende Schwärmerei an den Tag und so erwachte auch in ihrer Brust ein beinah verzehrendes Feuer. Sie war stolz und glücklich über ihre Eroberung und allen Abmahnungen ihrer Freunde zum Trotz, reichte sie nach wenig Wochen dem Baron Bloomhaus ihre Hand am Altar. War sie es doch allein gewesen, die den schönen jungen Mann von seiner Schwcrmuth zu heilen vermocht hatte. Eigenthümlich genug, hatte Baron Bloomhaus seit seinem Eintreffen in Florenz den Russen völlig abgestreift und sich als Deutscher ausgegeben. Es war nach dem französischen Kriege, die Italiener waren noch voll Begeisterung für die deutschen Heldenthaten und vielleicht suchte der Baron deshalb seine deutsche Abstammung in den Vordergrund zu stellen, um sich interessanter zu machen, ja er legte sogar eine entschiedene Abneigung gegen seine russischen Landsleute an den Tag und vermied sorgfältig jede nähere Berührung mit ihnen. Die Fürstin hatte früher mit einer vornehmen russischen Familie, die seit Jahren in Florenz lebte, im Verkehr gestanden, sie mußte jetzt denselben, auf den lebhaften Wunsch ihres Gatten abbrechen. Aber bist Du nicht selbst ein Russe? fragte sie verwundert. Graf Pawlow hat mir doch gesagt, daß die deutschen Ostsecprovinzen zu Rußland gehören? Das feine, blasse Antlitz des Barons färbte sich ein wenig dunkler und er cnt- gegnete mit einer gewissen Reizbarkeit: Leider hat der Mann Recht. Aber der deutsche Adel in den Ostsceprovinzcn ist im Grunde seines Herzens deutsch geblieben und wie wir von den Moskowitern am gründlichsten gehaßt werden, so suchen wir diesen Haß redlich zu erwidern. Zwischen dem alten, deutschen Adel, dem ich anzugehören die Ehre habe, und den Russen liegen Abgründe, die nie ausgefüllt werden und ich besonders habe eine entschiedene Abneigung gegen alles Russische und deshalb mag ich Deinen russischen Hrafen^nicht mehr sehen. Die Fürstin war viel zu glücklich im Besitze ihres jungen Gatten, um nicht bereitwilligst seinen leisesten Wunsch zu erfüllen, und den Verkehr mit ihren alten russischen Freunden aufzugeben» Er hätte noch ganz andere Opfer von ihr fordern können und sie würde sie mit der grenzenlosen Hingebung eines liebenden Weibes gebracht haben. Bald nach seiner Verheirathung erfaßte den Baron eine unwiderstehliche Wanderlust, es litt ihn nicht länger in Florenz, er mußte fort, und wie schwer es auch der Fürstin fiel, sich von ihrer schönen Vaterstadt zu trennen, sie gab doch willig ihre Heimath auf und folgte ihm in die Fremde. Die Reise ging zuerst in das südliche Frankreich, dann wurde in den Pyrenäen- Ländern Halt gemacht; aber auch dort litt es den Baron nicht lange und schon einige Wochen später befand sich das junge Ehepaar in Madrid. Wohl war dieses unruhige Neiseleben nicht nach dem Geschmacke der Fürstin, aber aus Liebe zu ihrem Gatten ertrug sie es, ohne das leiseste Murren. Sie hatte Florenz bis auf kleine Ausflüge nach Rom und Venedig vorher nie verlassen, und empfand eine wahrhaft krankhafte Sehnsucht nach ihrer Heimath, und doch verbarg sie dieselbe sorgfältig vor ihrem Manne. Wurde doch die Leidenschaft für ihn mit der Zeit nicht schwächer, sondern stärker. Ihre Freunde hatten zwar behauptet, daß die so rasch entstandene Flamme in ihren Herzen ebenso rasch erlöschen würde, aber das Gegentheil war der Fall. Sie empfand für ihn eine Gluth, die all' ihre Empfindungen, ihr ganzes Dasein beherrschte. Es war ihre Welt und sie brauchte nichts weiter als seinen Besitz. Ueberall, wohin das schöne Paar kam, erregte es Aufsehen. Man gewahrte wohl, das; die Fürstin nur Augen für ihren Gatten hatte und mit wahrer Schwärmerei an ihm hing; aber sie war ja noch immer eine schöne Frau und dort im Süden finden große Leidenschaften weit leichter ein Verständniß. Niemand lächelte über die jetzige Frau Baronin, die trotz ihrer dreiunddreißig Jahre kein Hehl daraus machte, daß sie noch das feurigste Herz im Busen trug. Jedes Wort, jeder Blick, ihr ganzes Benehmen verräth, wie glühend sie ihren Gatten liebte. Mit der ganzen Zwanglosigkeit der Südländerin zeigte sie immer und überall, daß sie nur in seiner Nähe glücklich war und jeder Athemzug ihm gehörte. Ob der Baron noch ihre Empfindungen theilte? — Er war äußerlich die Aufmerksamkeit selbst gegen seine Gattin und behandelte sie mit der größten Zartheit; aber wenn sie sich all zu stürmisch an seine Brust warf und immer wieder von ihm das Bekenntniß forderte, ob er sie ebenfalls so heiß und glühend liebe, wie sie ihn, — dann zeigte sich schon zuweilen eine leise Unmuthswolke auf seiner sonst so glatten Stirn und er hatte Mühe, mit der frühern Wärme zu betheuern, daß seine schwärmerische Liebe für seine Carlotta niemals ersterben werde. Wenn auch für die Fürstin dies beständige Neiseleben etwas sehr Unbequemes hatte, so war sie doch glücklich, daß sich ihr Mann gegen alle Welt kühl und sorgfältig abschloß, um ihr allein zu gehören. Auch in Madrid hielt es der Baron nicht lange aus; eine unerklärliche Unruhe schien ihn von Ort zu Ort zu treiben. Im Fluge wurde Andalusien durchschweift und plötzlich bekam er den Einfall, nach Paris zu gehen. Die Fürstin wäre am liebsten wieder in ihr theures, unvergeßliches Florenz zurückgekehrt, aber sie wagte nicht zu widersprechen, obwohl sie kaum eine Empfindung des Widerwillens gerade gegen dieses Reiseziel unterdrücken konnte. Die böse Ahnung beschlich ihr Herz, daß sie im Strudel der Weltstadt vielleicht doch nicht so ausschließlich für einander zu leben vermochten, wie dies bisher der Fall gewesen war. Auf seinen bisherigen Reisen hatte Baron Bloomhaus eine große Einfachheit an den Tag gelegt. Er trat zwar überall seinem Stande gemäß auf, aber er zeigte nicht die mindesten verschwenderischen Neigungen und die Fürstin war auch über diese Eigenschaft ihres Mannes entzückt. Sie hatte bereits eine Anwandlung von Geiz und die Sehnsucht, ihr ziemlich bedeutendes Vermögen noch ins unermeßliche zu vermehren. Hur schmerzlichen Enttäuschung seiner Gattin wurde der Baron rasch ein Anderer. Anfangs hatte er in der französischen Hauptstadt ebenfalls nur wenige Wochen bleiben wollen, er änderte jedoch bald seinen Sinn, miethete eine eigene Wohnung und richtete sie so glänzend ein, daß nicht zu zweifeln war, Bloomhaus werde hier endkch länger Die Fürstin war anfangs über seinen Entschluß erfreut, wenigstens wurde sie dadurch des ihr lästigen Wanderlebens überhoben, — doch schon nach kurzer Zeit zeigten sich die ersten Wolken an ihrem bisher so ungetrübten sonnigen Ehehimmel. Sie glaubte zu bemerken, daß ihr Gatte schon weniger zärtlich zu ihr war. Früher waren sie ganz unzertrennlich gewesen, sie hatte ihn überall hin begleiten müssen, jetzt suchte er schon allerlei Vorwände, um von seiner Gattin wenigstens auf einige Stunden loszukommen und wenn sie sich darüber beklagte, und in seinem Benehmen einen Mangel an Liebe sah, entgegnete er ruhig: Diese geistreichen Franzosen spotten schon über uns; sie nennen uns die Turteltauben und wir dürfen doch nicht zum Gelächter der ohnehin so kritischen Pariser werden! und ihre schwärmerische Antwort: Was haben wir nach der Welt zu fragen, wenn wir uns alles sind! suchte er mit einer leeren Redensart abzufertigen. Leider hatten die zärtlichen Bemühungen der Fürstin, ihren Mann wieder an sich zu fesseln, den entgegengesetzten Erfolg. Immer mehr entfernte sich der Baron von seiner Frau, immer toller stürzte er sich in den Strudel rauschender Vergnügungen, die in nur zu reicher Fülle die französische Hauptstadt bietet. Es kam zwischen den beiden Eheleuten zu sehr lebhaften Auftritten; bald überschüttete die leidenschaftliche Frau ihren Mann mit den heftigsten Vorwürfen, bald brach sie in einen Strom von Thränen aus und bat ihn auf ihren Knieen, zu ihr zurückzukehren, sie wieder so glühend und innig zu lieben, wie früher, wenn sie nicht wahnsinnig werden solle. Der Baron zeigte bei solchen Gelegenheiten eine so vornehme Kälte, die jede Andere, nur nicht diese heißblütige Frau, überzeugt hätte, daß in dem Herzen dieses Mannes schon der Rauch verflogen, daß sie ihm bereits gleichgiltig geworden sei. l Die Fürstin dagegen war zu stolz und zu verblendet, um an die Möglichkeit nur im Traum zu denken. Sie sah in dem Benehmen ihres Mannes nichts weiter als eine stürmische, zu weit getriebene Lebenslust und das Verlangen, der Welt zu beweisen, daß er eigentlich nicht unter dein Pantoffel stehe. Sie machte deshalb von Neuem Anläufe, ihren Gatten wieder an sich zu fesseln, aber alle ihre Bemühungen hatten keinen Erfolg. Er ging immer rücksichtsloser seines Weges und sie bekam ihn oft tagelang nicht zu sehen. Unter dem Vorivande, daß er nicht zur Zielscheibe des Spottes der Pariser werden wolle, hatte der Baron seine häuslichen Einrichtungen ganz nach modernem französischem Muster getroffen. Seine Zimmer waren völlig von denen seiner Gemahlin getrennt und so konnte er sich ganz zwanglos benehmen, wie es ihm nur beliebte. Wenn seine Gattin sich darüber beklagte, entgegnete er stets mit vornehmen Lächeln: daß er ihr ja dieselben Freiheiten gestatte, denn es gezieme sich nicht für Leute seines Standes ein spießbürgerliches Eheleben zu führen. Vergeblich waren die Bitten, die Beschwörungen, die bitteren Vorwürfe der Fürstin. Sie erinnerte ihn nur zu oft in ihrer leidenschaftlichen Weise, wie sie ihm Alles geopfert und nun auch fordern könne, von ihm ebenso glühend wieder geliebt zu werden, "wie sie ihn liebe; er hatte dafür nur ein vornehmes, überlegenes Lächeln. Bald war die Fürstin der Verzweiflung nahe, ihre heißen Gefüh'le wurden durch sein jetziges frostiges Benehmen nicht abgekühlt, im Gegentheil erwachte stürmischer als je in ihr das Verlangen, die Liede ihres Gatten wieder zu gewinnen und jene Tage zurückrufen, in denen sie in seinen: Besitz so unendlich glücklich gewesen war. Noch hatte sie keinen Argwohn einer etwaigen Untreue. Sie glaubte nur, daß in ihrem Manne plötzlich eine wilde Lebenslust erwacht sei, daß er sich einer Menge nobler Passionen hingäbe und schon zu ihr zurückkehren werde, wenn er sich ein wenig ausgetobt habe. Um ihrerseits den Rath ihres Gatten zu befolgen und sich in dem lustigen Paris auf eigne Hand zu vergnügen, dazu war die Fürstin zu bequem. Schon in Florenz hatte sie sich etwas zur Trägheit geneigt; das unruhige Wanderleben hatte vollends ihre Kräfte rasch erschöpft; sie brauchte die Erholung, wie sie sich selber sagte und sie konnte tagelang auf ihren: Ruhebette liegen, müßig zur Decke starren, oder aus Langeweile in einem leichten französischen Roman blättern und wenn sie des Lesens müde war — dann pflegte sie die schöne Vergangenheit zurückzurufen und von der Zukunft zu träumen, in der Gregor wieder schwärmerisch zu ihren Füßen ruhen würde. Aus Bequemlichkeit hatte die Fürstin in Paris keine Bekanntschaften angeknüpft und auch ihr Gatte brachte niemals Gäste ins Haus, er schien es vorzuziehen, seine Unterhaltung wo anders zu suchen, als in seinem eigenen Salon. Wie sehr sich auch die unglückliche Frau zu langweilen begann, sie fand nicht die Kraft, sich emporzureißen, um in der Gesellschaft diejenige Stellung einzunehmen, die ihr gebührte. Sie zog es vor, zu Hause das einsamste und traurigste Leben zu führen. (Fortsetzung folgt.) Hofnarren. Zur Zeit unserer Vorväter, ehe noch Erziehung und Gesittung hinreichende Fortschritte gemacht hatten, herrschte vorzüglich unter den vornehmen und gebildeten Classen die Sucht nach allerlei närrischen Possen und Zeitvertreiben, worüber mau sich indessen nicht so verwundern darf, da es ihnen oft an Quellen besserer und vernünftigerer Unterhaltung gebrach. So war es damals Sitte, Zwerge und Niesen, Narren und Possenreißer rc. zu halten. An den Höfen und in den Palästen der Großen durfte es an dergleichen armseligen Wichten nicht fehlen; ihre Aufgabe war, die hohen Herrschaften, in deren Diensten sie standen, durch allerlei lächerliche Streiche, witzige Einfälle, alberne Geberden und Bewegungen, ausfallende Kleidung rc. zu belustigen. Bisweilen hatten die Lustigmacher oder Hofnarren wirkliche Bestallung und bekleideten Hof- und Mililär- posten. In Frankreich führten sie auch den Titel Hofpocten, Tischrüthe, kurzweilige Räthe u. s. w-, und es lag ihnen die Pflicht ob, wenn es das Hofnmt erforderte, das Ceremonie! des Hofes zu reguliren. Addison und Home suchen den Ursprung derselben in dem Stolze, Shaftsbury in dem Despotismus der Großen, indeß erscheint die oben angegebene Ursache dafür weit natürlicher. Eine alte Flugschrift, betitelt: ,,FVitn LliLario", von: Jahre 1599, giebt uns einen Begriff von den Anforderungen, die man an einen solchen Possenmeister machte. „Der leibhaftige Scherz muß in dem Spaßmacher verkörpert sein; wo möglich sei er von stattlichem Wuchs, guten: Ansehen und prunkvoll gekleidet, in: Benehmen ein wahrer Affe, nur ja kein Mensch. Sein ganzes Streben sei auf beißende Scherze gerichtet, dabei befleißige er sich altmodigcr Geberden und singe lustige Lieder und Balladen. Steigt ihn: der Wein zu Kopfe, so verziehe er das Maul, lache unmäßig bei der geringsten Veranlassung, tanze im Hause umher, setze über Tische und Stühle, nehme die Leute beim Kopfe, stürze sie über den Haufen und verübe allerlei dumme und alberne Streiche. Sitzt er bei Tische, so schneide er Gesichter und necke seine Nachbarn; man nehme sich ja in Acht vor ihm, denn seine Gesellschaft bringt Kleider, Beutel und Credit in Gefahr." Uebrigens genossen die Witzmacher der Großen eine ziemliche Freiheit in ihren Späßen, wurden diese jedoch zu plump, so waren Peitschenhiebe ihr Lohn; in: Allgemeinen aber wurden sie trotz ihrer Keckheit mit großer Schonung behandelt. „Einige", sagt Flügel, „waren von grober Art, welche alles herausredeten, was ihnen einfiel, keinen Unterschied unter den Personen und Zeitei: machten, sich der gröbsten Possen, Unfläthereien und Zoten bedienten, und wenn auch manchmal ein witziger Einfall mit herauskam, so wurde er doch von hundert einfältigen und dummen verdrängt; Andere im Gegentheil waren witzige, sinnreiche Kopse, wie Bousquet und Angela in Frankreich, schlaue Hofleute von der feinsten Art. Sie näherten sich ,in ihren Reden und Handlungen niemals der Grobheit, sie befleißigten sich der Höflichkeit und des Wohlstandes in allen Sachen, waren roll lustiger Reden, artiger Erzählungen, kurzweiliger Gespräche, lächerlicher Sprichwörter, und ihr Umgang war so angenehm, daß man sie lieb haben mußte. Andere waren blos Tellerlecker, Schmarotzer und Schmeichler, die sich verspotten ließen, blos um ihren hungrigen Bauch zu füllen. Manche Fürsten haben auch einfältige Blödsinnige, melancholische Leute und Andere als Hofnarren gebraucht. Ja, die häßlichsten Zwerge rhachitische Ungeheuer, krumm und schief gewachsene Menschen sind als Hofnarren gebraucht worden." Tracht und Abzeichen der Hofnarren waren sehr abenteuerlich. Der Kopf war bescheren und mit einer Narrenkappe, Gugel, Kugel, Kogel oder Koggel benannt, und bisweilen einem Turbane ähnlich, geziert, welche später mit drei Eselsohren und dann und wann mit einem Hahnenkamm bereichert wurde. Den Hals umgab ein großer ausgezackter Kragen, die übrige Kleidung bestand in einer mit großen Knöpfen-versehenen bunten Jacke und engen Beinkleidern. Die Schuhe hatten lange Spitzen. Unter den Jnsignien, welche ein Narr führte, spielte der Narrenkolben (Marotte) eine Hauptrolle, und war ursprünglich wohl nichts anders, als der Blüthenstengel des Rohrkolbens (IFim), eines in Sümpfen sehr gemeinen Schilfgewächses. Er führte auch den Namen Narren-Scepter, wurde in der Folge von Leder gemacht und erhielt nach und nach die Form einer Herkules-Keule, oder eines Komus-Stabes mit einem Riemen, so daß ihn der Possenreißer an der Hand oder am Arm hängen lassen konnte. Dies war die Waffe, womit er andere neckte und sich vertheidigte. Schellen wurden vorzüglich in der letzten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts ein Abzeichen des Narrenstaates. Die Spitzen der Eselsohren an der Kappe, der Gürtel, die Schuh-Spitzen mußten Schellenträger abgeben, und, um das Geklingel zu vermehren, verdrängten sie sogar die Knöpfe und sigurirten außerdem an den Schienbeinen, Ellenbogen, am Gürtel u. s. w. Erasmus von Rotterdam meint, man habe den Narren deswegen eine so seltsame Tracht gegeben, damit sie von Niemand beleidigt würden, wenn sie etwas Närrisches sagten oder thäten, was einem unzurechnungsfähigen Menschen nicht ungestraft hingehen möchte; die Schellen wären mithin gleichsam eine Warnungsglocke. Die Sitte, Hofnarren zu halten,' war so allgemein, daß selbst ausgezeichnete, hochgelehrte Männer sich damit versahen. So findet man auf einem alten Kupferstiche, den berühmten Thomas Moore und seine Familie darstellend, auch einen Hofnarren abgebildet, gleichsam als unentbehrliches Familienglied. Dr. Lamprechter, Rath bei Carl V., pflegte zu sagen: „Ein jeder Fürst muß zween Narren haben, einen, den er vexirt, den andern, der ihn vexirt. Peter der Große unterhielt sehr viele Hofnarren, die in verschiedene Classen oder Rangabtheilungen geschieden waren, die eine Classe enthielt blödsinnige alberne Menschen, die aus Mitleid gefüttert wurden; eitzer zweiten waren Bediente einverleibt, die sich in der Verwaltung ihres Postens wirkliche Narrheiten haben zu Schulden kommen lassen; eine dritte begriff solche Subjekte, die sich, um einer verdienten Bestrafung zu entgehen, närrisch gestellt; eine vierte endlich bestand aus Menschen, die auf Reisen geschickt worden, aber als Ignoranten zurückgekehrt waren. Die Geschichte der Narren würde hinreichenden Stoff zu einem interessanten Werke darbieten. H, M. M i s e - l l e n. . (Gutes Recept für Bierbrauer.) Der Geschichtschreiber Buchanan stand m dem Rufe, ein Hexenmeister zu sein. Maggy, eine Ale-Brauerin (Ale ssprich ehlP d. ,. Bier aus Weizenmalz mit wenig Hopfenextract) in Schottland, bat ihn um Rath, wie sie es anfangen müsse, um ihre verlorenen Kunden wieder an sich zu ziehen — „So oft ihr brauet," sagte Buchanan, „so gehet dreimal um den Kessel herum, und bei jedem Gang schöpft einen Krug Wasser aus dem Kessel in des Teufels Namen; dann geht wieder dreimal um den Kessel, und bei jedem Gange werft eine Schaufel voll Malz hinein in Gottes Namen. Ferner habt ihr da ein Ämulet, das traget, so lange Ihr lebet, öffnet es aber nie." — Die abergläubische Frau befolgte diesen Rath, und die Kunden vermehrten sich auffallend. — Nach ihren: Tode öffneten die Erben das Amulet, es fand sich aber nichts darin, als folgende Zeilen: Will Maggy gutes Ale brau'n, Wird sie auch viele Kunden schau'n." (Böhmisch-deutsch.) Die Frau eines Präger Holzhändlers, der in Geschäften schon längere Zeit verreist war, erhielt Besuch von ihrer Nachbarin. „Wie befind' me sich? Wos machen Frau Gevatterrn so immer ganz allanig?" erkundigte sich diese bei der Ersteren. — „O, ganz nixnutzig bin i, seit mein Mann ist verreisen; olleweil denk ich noch, wos werden's mochen moriitsokileu (Männlein) meiniges liebes? Wann ich Rock seiniges, wos hängen thut af Rechen großes hinter Ofen, alle Tog' schau' on, sollt mir ein, dost wünschen möcht' ich mit Freud', worin hänget lieber Mariner! meiniges statt Rock seiniges duet." Bekanntmachung des Fürsten von Neuß-Schleiz-Greiz-Lobenstein-Ebcrsdorf. Ich befehle hiermit Folgendes ins Ordrcbuch und in die Special-Ordrcbüchcr zu bringen: „Seit 20 Jahren reite ich auf einem Princip herum, d. h. ich verlange, daß ein Jeglicher bei seinem Titel genannt wird. Das geschieht stets nicht. Ich will also hiermit ausnahmsweise eine Geldstrafe von 1 Thaler — — für Jeden festsetzen, der in meinem Dienste ist und einen andern, der in meinem Dienste ist, nicht bei seinem Titel oder Charge nennt. Heinrich 72. Schloß Ebersdorf, den 12. Oktober 1844. — In einem Steckbrief heißt es: „Der eine lcgitimirte sich durch einen englischen Paß, während der andere nur einen schwarzen Schnurrbart trug." — Der Chemnitzer Magistrat machte in einem Publikandum darauf aufmerksam, daß „Gänse ohne Herren auf dem Stadtanger spazieren gingen." — In einem Dörfchen ward ein Dieb ergriffen, der mit einem Lcinwandkittel bekleidet war. Der Dorfschulze sandte ihn durch Transport mittelst Bericht an das nächste Jnquisitoriat und adressirte den Brief: „An ein Königl. Jnguisitoriat. Beifolgend: ein Bösewicht in grauer Leinwand." In einer Zeitung wurde bekannt gemacht, daß eine Anzahl von Wachen in einigen Straßen aufgestellt werden sollte, um die im vergangenen Winter verübten Räubereien zu verhindern. — Fremdenbuch auf dem Brocken: „Ich reise nach dem Brocken Die Sonne zu erblocke», Doch das war eitel Fabel, Man sah nur graue Nabel." Ein Anderer setzte darunter: „Lern Du erst Deine Fiebel, Bis dahin halt den Schniebel. Spaß-Rebus. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarifchen Jnstitns von vr. M. Hnttter. nter^liktung8 zur „Angslmrger Postzeitmig." Nr. 5. Samstag, 17. Juli 1880. Der Mann, der dir nur dient um Geld, Und nur gehorcht zum Schein, Packt ein, sobald ein Regen fällt, Lässt dich im Sturm allein. Shakspeare. König Lear. II. Act. 4 Sc. Der Derr Daro„. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Eines Tages, als sie wieder mißmuthig und in schmerzlicher, düsterer Stimmung auf ihrem Ruhebette lag, wurde ein Fremder gemeldet, — Doktor Bernard. Sie hatte seit Wochen keinen Gast in ihrem Hause gesehen und ein Arzt kam ihr wie gerufen. Sie fühlte sich nicht nnr seelisch, auch körperlich krank und gerade durch das Erscheinen dieses Mannes kam es ihr zum Bewußtsein, wie furchtbar ihr Herz schon gelitten hatte und wie sehr sie bereits angegriffen war. Ein Arzt ivar ihr höchst willkommen und vielleicht hatte ihr Mann bemerkt, daß sie leidend sei und ihr deshalb den Doktor geschickt. Hatte der Fremde nicht hinzugesetzt, daß er ein Freund ihres Gatten sei? Nach kurzem Schwanken entschloß sich deshalb die Fürstin den Gast zu empfangen. Doktor Bernard erschien und entfaltete die ganze Gewandtheit und Liebenswürdigkeit eines echten Franzosen. Er bedauerte sehr, seinen verehrten Freund nicht daheim zu treffen, denn er habe erst gestern durch einen glücklichen Zufall erfahren, daß der Herr Baron jetzt in Paris sei und sich beeilt, ihn sogleich aufzusuchen, um die angenehme Bekanntschaft zu erneuern, die sie damals in Sorrent gemacht hätten. Mein Gatte wird es ebenfalls sehr beklagen, sagte die Fürstin verbindlich; eine dringende Angelegenheit hat ihn vor einer Viertelstunde weggerufen, aber ich hoffe, daß er bald zurückkehren wird und wenn Sie sich so lange mit meiner Gesellschaft begnügen wollen — sie machte dabei eine einladende Handbewegung nach dem nächsten Stuhl hin. Ich bin nicht stark genug, einer solch liebenswürdigen Einladung zu widerstehen und mit jener Zwanglosigkeit, die er sich als Arzt und Franzose angeeignet hatte, nahin Doktor Bernard Platz. Uebrigens freue ich mich, daß mein lieber Baron sich von dem furchtbaren Schlage endlich erholt und für seinen schmerzlichen Verlust einen so herrlichen, alles überbietenden Ersatz gefunden hat. Seine klugen Augen reihten dabei nicht ohne Bewunderung auf der üppigen Gestalt der Fürstin. Sie verstand ihn nicht und so zeigte sie nur jenes gesellschaftliche Lächeln, daß sich nach allen Seiten hin deuten läßt. Ja, Frau Baronin, ich habe ihren Herrn Gemahl in jenen schweren Stunden aufrichtig bewundert, fuhr der redselige Franzose fort. Diese hingebende Aufopferung, die er mir damals für seinen armen Bruder gezeigt, hat mir für immer sein Herz erobert 34 und ich sage Ihnen aufrichtig, Sie können glücklich sein das warme Herz eines selchen Mannes für sich gewonnen zu haben. Ich liebe auch meinen Gatten leidenschaftlich, entgegnete die Fürstin, in der die heißblütige Italienerin erwachte, der eS unmöglich war, mit ihren Gefühlen zurückzu- - halten. Sie empfand es ja schon als ein Glück, daß sie Jemandem sagen konnte, wie stürmisch ihr Mann von ihr geliebt werde. Ah, Frau Baronin, Sie glauben schwerlich, wie sehr mich ihr offenes Bekenntniß erfreut, erwiderte Doktor Bernard, Ihr Gatte verdient auch eine solche Liebe. Er ist einer der hochherzigsten, 'edelsten Naturen, die mir in meinem Leben vorgekommen sind, das hat er an seinem armen Bruder reichlich erwiesen. Trotz ihrer Weltgewandtheit konnte die Fürstin doch ihre Verlegenheit nicht ganz verbergen, sie machte ein etwas verwundertes Gesicht, das dem Franzosen nicht entging. Ihr Herr Gemahl hat Ihnen gewiß nicht erzählt, wie sehr er sich für seinen Bruder aufgeopfert hat, das sieht seinem großen edlen Herzen ganz ähnlich. In der That, mein Gatte hat davon geschwiegen. Sollen Sie von mir erfahren, wie sehr wir alle Ursache haben, ihn zu bewundern, sagte Doktor Bernard. Sein furchtbares Abenteuer in Sorrent wird er Ihnen natürlich mitgetheilt haben. Die Fürstin nickte zustimmend mit dem Kopfe. Sie mochte nicht verrathen daß ihr all' diese Dinge völlig unbekannt seien und während sie vor Ungeduld brannte, jene Vorgänge genau zu erfahren, suchte sie ihre innere Gemüthsbewegung nach Möglichkeit zu beherrschen. Warum hatte ihr Gatte niemals von jenem furchtbaren Abenteuer gesprochen, nie erwähnt, daß er einen Bruder habe? — Das war doch höchst seltsam und in der argwöhnischen Seele der Italienerin tauchten allerlei Vorstellungen auf, die sie im tiefsten Innern beunruhigten. Jeder Andere würde sich weit leichter in sein Schicksal gefunden haben, fuhr Doktor Bernard fort. Der arme Bruder hatte nun einmal durch den schändlichen Mordanfall den Verstand verloren und die meisten Menschen, besonders wir Modernen, fassen dann solche Dinge sehr kühl und vernünftig aus. Die Sache ist einmal geschehen, läßt sich durch all' unsere Verzweiflung nicht ungeschehen machen und man ist heut zu Tage Philosoph genug, sich ins Unvermeidliche zu finden. Wie anders Ihr Hm Gemahl! Eine solch' ehrliche Verzweiflung, eine solch' hingebende, alles vergessende Sorge für den unglücklichen Bruder, ist mir in der Welt noch nicht vorgekommen! Das ist eine. Barmherzigkeit, vor der ich den Hut abziehe, — und der lebhafte Franzose schwenkte ehrfurchtsvoll seinen eleganten Cylinder. Von dieser Bewunderung ihres Mannes wurde die Fürstin mit fortgerissen. Ja, der Mann hatte Recht. Ihr Gatte war ein außerordentlicher Mensch und deshalb allein liebte sie ihn so leidenschaftlich. Wie danke ich Ihnen, daß sie von meinem Gemahl mit solcher Bewunderung sprechen. Es war seine tiefe Schwermuth, die mich anzog und die mich zu dem Entschluß brachte ihm meine Hand zu reichen. Meine Freunde konnten es freilich nicht für möglich halten, daß die Fürstin Gravelli die Gattin eines einfachen deutschen Barons wurde — Sie mußte doch wenigstens dein Franzosen sagen, welches Opfer sie gebracht und welch' hohe Stellung sie in der Welt eingenommen habe, und nach diesem Bekenntniß richtete sie ihre ohnehin impomrende Gestalt noch stolzer in die Höhe» Doktor Bernard war höflich genug, über diese Enthüllung die größere Ueberraschung zu zeigen und indem er sich artig verbeugte, sagte er mit feinem Lächeln: eine schöne Frau steigt niemals herab, sie weiß immer ihren Gatten zu sich zu erheben. Die Fürstin nickte ihm mit zerstreuter Miene zu; sie schien doch von dieser Antwort nicht ganz befriedigt und hatte dies der Arzt bemerkt, oder wollte er seinen ersten Besuch nicht ungebührlich ausdehnen? Er stand jetzt auf, um sich zu empfehlen. Darf 35 ich bitten, dem Herrn Baron zu sagen, daß ich mir schon in den nächsten Tagen die Ehre geben werde, meinen heutigen Besuch zu erneuern, und ich hoffe dann glücklicher zu sein, sagte Doktor Bernard, sich verabschiedend, und sie entgegnetc sehr verbindlich, daß ihr Gatte sich über dies Wiedersehen sehr freuen, daß aber auch der Freund, ihres Mannes ihr selbst stets willkommen sein werde. Als sich der Doktor entfernt hatte beschäftigte sich die Zurückgebliebene noch lange mit dem eben Gehörten. Warum hatte ihr Gemahl niemals von seinem Bruder gesprochen? das war räthselhaft und doch, ihre grenzenlose Liebe wußte auch jetzt wieder über dies eigenthümliche Schweigen einen verschönenden Schleier zu werfen. Gewiß mochte seine weiche Seele an jene düstern Vorgänge nicht gern erinnert werden. Trat doch durch die Erzählung des Doktors sein edler großer Charakter in das glänzendste Licht. Ja, sie besaß einen herrlichen Mann. — Ach, und nur der eine Gedanke zerriß ihr das Herz, daß seine Liebe nicht .mehr dieselbe war, daß er sich immer mehr von ihr entfernen wollte. Warum suchte er andere Vergnügungen, anstatt, wie in der ersten seligen Zeit ihrer Ehe, an ihrer Seite zu bleiben? War sie nicht noch immer schön und hatte sie nicht all' die Gaben, einen Mann zu fesseln? — Sie sah in den großen Pfeilerspiegel und dort strahlte ihr das Bild einer Frau entgegen, die nach ihrem Be- dünken in dem Besitz all' der Mittel war um auch die höchsten Ansprüche eines Mannes an Frauenschönheit zu befriedigen. Zum Glück brauchte sie auf ihren Gatten nicht eifersüchtig zu sein. Durch die ihr sehr ergebene Kammcrjungfer, die mit großer Schlauheit die Diener des Barons auszuforschen verstand, wußte sie mit Sicherheit, Haß ihr Gatte nur dem Spiel, allerhand Passionen ergeben war, sonst allen gefährlichen Frauenumgang mied und so fühlte sich die Fürstin beruhigt und hoffte noch immer, daß der theure Mann, nachdem er dieses Treibens müde geworden, bald zu ihr zurückkehren würde. Stürmischer als je durchwagte die heftige Leidenschaft für den geliebten Gatten ihre Brust. Wo war er jetzt ?! Ach warum konnte sie ihm nicht auf der Stelle sagen, was sie in diesem Augenblick fühlte, daß sie noch immer für ihn schwärmte, ja seit dem so eben Gehörten, ihn und sein großes edles Herz bewundere. Sie konnte heute die Rückkehr ihres theuren Gregor nicht erwarten und ungeduldig schellte sie nach ihrem Kammermädchen, das auf der Stelle erschien. Enrichctta's ganze Persönlichkeit stand im schärfsten Gegensatz zu ihrer Herrin. Sie war klein und zierlich gebaut, beinahe mager und in der Nähe der stattlichen übervollen Fürstin sah ihr Kammermädchen wie eine niedliche Nippesfigur aus. Das Gesicht Enrichetta's war nicht hübsch, ihre Züge hatten einen zu scharfen Ausdruck, aber sie besaß dafür ein Paar prächtige, rabenschwarze Augen, deren wunderbares Funkeln sie geschickt hinter langen dunkeln Wimpern zu verbergen wußte, sobald sie es für nothwendig fand und ihrer Herrin gegenüber waren ihre Blicke stets still und ruhig und ohne Alles Feuer. Sie legte für die Fürstin eine außerordentliche Ergebenheit an den Tag, und diese war mit ihr sehr zufrieden und schenkte ihr das vollste Vertrauen, denn sie war noch dazu die Einzige, die in ihren Diensten geblieben und sie auf all' ihren Reisen begleitet hatte. Ist Mein Mann schon zurückgekehrt? fragte die Fürstin weit ungeduldiger als gewöhnlich. ^ Nein, Excellenz»! antwortete das Zimmermädchen verwundert über die große Hast ihrer Herrin. Sie hätte doch endlich wissen können, daß der Herr nie vor Mitternacht, meistens erst in den frühen Morgenstunden nach Hause kam. Ich muß ihn sprechen, sobald er zurückkehrt. Sage das einmal seinem Kammerdiener. Es wäre eine sehr dringende Angelegenheit. Das schlaue Kammerkätzchen hatte Mühe ein Lächeln zu unterdrücken. Als ob der Baron sich davon noch einmal von der liebeglühenden Frau einsangen ließ!? — Sie hatte ihn wohl früher damit auf einen Augenblick in ihre Zimmer gelockt, aber jetzt wußte er ihr geschickt auszuweichen, und wenn die feurige Italienerin versuchte, in die Gemächer ihres Mannes zu dringen, so verstand der gut abgerichtete Kammerdiener sie durch irgend einen Vorwand fern zu halten. Besonders in den letzten Tagen hatten sich die beiden Ehegatten kaum flüchtig gesehen. Der Baron ging zu einer Zeit zu Bett, wo sich seine Gemahlin schon erhob, und in den Abendstunden war er schon wieder aus dem Palais verschwunden, doch eh' es ihr gelang, seiner einmal habhaft zu werden. Wie ich von Jean gehört, ist der Herr Baron erst vor zwei Stunden ausgefahren und — Gleichviel, ich muß ihn sprechen, und sollte ich bis zum Morgen auf ihn warten, unterbrach sie die Fürstin. Das wirst Du auch müßen, stand auf dem klugen Gesicht Enrichettas, aber sie schwieg, und ihre Herrin war viel zu erregt, um ihr Kammermädchen zu beachten. Ja, Enrichetta, ich muß ihm sagen, daß ich ihn seit heute mehr denn je bewundere und daß ich ihn liebe, so heiß und glühend, wie es der edle, hochherzige Mensch verdient. Hinter den langen dunklen Wimpern des Kammermädchens schoß ein Blitz hervor, der die Fürstin beleidigen gemußt, wenn sie ihn bemerkt hätte, so viel Hohn und Geringschätzung lag darin, aber ihre Herrin war viel zu sehr mit sich beschäftigt und Enri- chetta's Augen nahmen schon wieder den gewohnten Ausdruck treuer Unterwürfigkeit an; nur ein verstohlenes Lächeln um die dünnen Lippen schien zu sagen; Das hast Du ihm ja schon zum Ueberdruß vorgeschwatzt und es hat Dir nichts genutzt. Das Verhältniß zwischen Herrin, und Dienerin war stets ein sehr gutes gewesen und hatte in der letzten Zeit einen völlig vertraulichen Charakter angenommen. In die treue Brust Enrichetta's legte die leidenschaftliche Frau all' ihren Liellesgram nieder. Gegen diese allein klagte sie sich aus, besprach ihre Hoffnungen, ihre Pläne, wie sie die Liebe ihres Gatten zurückerobern wolle und Enrichetta hörte ihr stets sehr aufmerksam zu und' wagte auch zuweilen, mit irgend einem klugen Rathschlag hervorzutreten. Die Fürstin war viel zu sehr mit sich und ihrer Herzensangelegenheit beschäftigt, um die heimliche Schadenfreude zu bemerken, die zuweilen deutlich, wenn auch ganz verstohlen aus dem Antlitz der verschlagenen Dirne hervorleuchtete. Erst heut' wieder hab' ich erfahren, welch' großes, warmes Herz mein theurer Gregor besitzt, fuhr die Fürstin mit allen Zeichen der Erregung fort. Und wenn ich ihn noch nie geliebt hätte, dann müßte ich es jetzt, denn er verdient die aufrichtigste Bewunderung von Allen. Mußt Du das nicht ebenfalls sagen. Enrichetta zuckte mit den Achseln. Ich darf mir kein Urtheil über den Herrn Baron erlauben, sagte sie ausweichend. Ah, gegen mich kannst Du Dich völlig aussprechen, erwiderte die Fürstin. Und bekenne selbst, überragt er nicht alle Männer an Geist und Schönheit? Hab' ich nicht Recht daran gethan, daß ich ihn vor Tausenden auszeichnete und ihm meine Hand gab? Er ist ein geborner Fürst! .Das Kammermädchen war an solch' stürmische Ausbrüche der Bewunderung schon gewöhnt und hatte Mühe, die Zeichen der Langeweile zu unterdrücken, sia'cntgcgnetr daher nur: Excellenz« haben Recht. Der Herr Baron verdient ein Fürst zu sein. Du sagst es auch! rief ihre Herrin lebhaft und ihre Augen erhielten einen noch höheren Glanz. Ja, das ist die Wahrheit, aber wenn Du erst. erfährst, wie edel und großherzig er sich gegen seinen armen Bruder benommen hat, dann wirst Du ihn noch mehr bewundern, und ohne Weiteres erzählt sie nun ihrem Kammermädchen, was sie von Doktor Bernard gehört hatte. > Enrichetta machte ein sehr verwundertes Gesicht und blickte zuweilen nachdenklich vor sich hin. Die Geschichte' klang sehr seltsam und dennoch mußte sie wahr sein^ obwohl der Herr Baron nicht einmal zu ihr etwas davon gesprochen hatte und er zeigte sich ja sonst gegen sie noch weit offenherziger, als selbst seine Gattin, die freilich nicht 37 die geringste Ahnung von den vertraulichen Beziehungen hatte, die zwischen den Beiden bestanden. ^ ^ Mußt Du nicht auch sagend schloß die Fürstin ihre Mittheilungen, daß mein Gemahl die Liebe verdient, die ich für ihn in meinem Herzen hege, und sie legte die Hand auf ihren heftig wogenden Busen, denn die ohnehin leidenschaftliche Italienerin war durch ihre Erzählung in die stärkste Erregung gekommen. Wer sollte aber auch Excellenz« nicht lieben? entgegnete das schlaue Kammerkätzchen. Ich kenne mehr als einen hohen Herrn, in Florenz, der ganz verzweifelt war, als ihm plötzlich alle Hoffnungen auf die Hand von Excellenz« verloren gingen. Ueber das Antlitz ihrer Herrin flog ein befriedigtes, stolzes Lächeln: Ja, ich hab' sie Alle durch meine Wahl überrascht und doch bereue ich sie nicht, sagte sie noch lebhafter, als gewöhnlich und ihre Augen glänzten: Aber ich muß heute meinen Gemahl erwarten, wir dürfen uns nicht eher zu Ruhe legen, als bis er kommt. Das Kammermädchen hatte Mühe, seinen Verdruß zu verbergen; Excellenza, das dürfte sehr spät werden, wagte sie einzuwerfen. Thut nichts! Wir müssen ihn erwarten. Verständige Dich mit Jean und gieb mir augenblicklich Nachricht, wenn mein Gemahl gekommen ist. Und wollen Excellenza so lange im Salon bleiben? Gewiß. Sorge dafür, daß der Kamin noch einmal geheizt wird und bringe mir in wenigen Stunden noch eine Tasse Thee, das wird mich schon munter erhalten. Cnrichctta verbeugte sich nur zum Zeichen des Gehorsams und ging dann schweigend hinaus, während die Fürstin noch lange in größter Aufregung den Salon durchwanderte. Durch das Gespräch mit ihrer Dienerin waren ihre Gefühle noch mehr in Flammen gesetzt worden. Wenn Gregorio sah, wie tief und glühend sie ihn noch immer liebte, wie jetzt ihr Empfinden für ihn durch die Mittheilungen Doktor Vernard's noch stärker geworden, dann konnte er ja nicht länger in seiner kühlen Zurückhaltung beharren; dann mußte auch er wieder mit der alten Schwärmerei sie an sein Hcrz schließen. Ach, wie glücklich würde sie dann sein. In diese Träumereien verloren, wurde ihr die Zeit des Wartens weniger lang. Sie war gewöhnt, sich früh zur Ruhe zu begeben, heut überkam sie keine Müdigkeit, der spät genossene Thee und die innere Erregung erhielten sie wach, aber Mitternacht war längst vorüber und noch immer meldete ihr Enrichetta nicht die Ankunft ihres Gatten an. Endlich warf sie sich ermüdet in einen Lehnsessel und sie war eben eingeschlummert, da schlüpfte das Kammermädchen herein und berichtete mit seiner gewissen Hast: Der Herr Baron sind eben gekommen. Ah, ich danke Dir, Enrichetta, Du bist eine treue Seele, sagte die Fürstin, dann erhob sie sich eilig, strich mit der Hand über die Stirn, als könne sie damit die letzte Spur von Schläfrigkeit verscheuchen und verließ rasch den Salon. Enrichetta sah ihr mit einem boshaften Lächeln nach; Du wirst mit Deiner Be- - gcisterung übel ankommen, — stand auf ihrem scharfen, verschmitzten Gesicht. (Fortsetzung folgt.) Die Wüste Ittda. Bon Johann v. Asboth. Wie das moabiter Gebirge ostwärts, so erhebt sich aus dem todten Meere westwärts, kühn und steil die Wüste Juda, kaum an einigen Stellen schmale, flache Streifen zwischen sich und dem Ufer lassend. An den Wänden dieser zerrissenen Felsenwüste, kletterten mir in der heißen Mittagssonne aufwärts, tiefen Klüften entlang, zwischen denen manchmal nur ein schmaler Grat zum Wege diente, so daß wir uns ganz der Gnade der Pferdefüße überlassen fühlten. Wie sich unser Weg erhob, entfaltete sich immer weiter und breitsr v'ör unseren Augen das Jordanthal mit seinen grünen Inseln 38 im Sandmeere, den Salz- und Gyps-Feldern, dem glänzenden Spiegel des riesigen Sees, und rückwärts der Rahmen des ganzen Bildes: Die moabitische Kette. Nach viertelstündigem Klettern gelangten wir zu einem breiten Felsen-Bassin voll brackigen Wassers, das einzige süße Wasser vom Jordan, bis zu dem in der Mitte der Wüste stehenden Kloster, und auch dieses kaum trinkbar; nur der Beduine findet mit Lebensgefahr außerdem Wasser in der Tiefe der Klüfte. Unser Weg ist ein fortwährendes Klettern. Auf absolutem Steinboden, steilen Berghängen entlang, zuweilen auf natürlichen Felsenstufen, müssen wir uns mühsam emporkämpfen, und auf solchen Stufen löst sich manchmal das Gestein unter dem Fuße der Pferde, und rollt in die gähnende Tiefe hinab. Ein wahrhaftiges Wunder erscheint es mir, als auf solcher Stelle mein Pferd, den Boden unter seinen Füßen verlierend, ausglitt und zusammenstürzte, und nicht nur ich mich auf die Bergseite werfend, sondern auch das Pferd sich an Ort und Stelle zu halten vermochte. Von da an folgte auch ich häufiger dem Beispiel des uns vorangehenden Beduinen und führte das ohnehin schwer vorwärtskommende Thier am Zügel. Die Stellen, an denen wir Stunden hindurch mühsam cmporkletterten, präsentirten sich nach einiger Zeit als tief unter uns liegende, wild zerrissene, breite Terrassen, und dies wiederholte sich immer und immer wieder, bis wir gleichsam ein Stockwerk nach dem andern erstiegen. Nur der Spiegel des todten Meeres, der auf einzelnen Punkten immer und immer wieder aufblitzte, schien dem Auge immer in derselben Nähe zu bleiben; denn die zurückgelassenen Felsmassen tief unter uns schrumpften zusammen, verflochten sich, der in der Sonne glänzende weite Wasserspiegel aber blieb immer derselbe. Eine passende Staffage waren in dieser unbeschreiblichen Wildniß, die schwarzen Beduinen-Lager, denen wir hier häufiger begegneten und die bald am Bergabhange, bald tief unten in den Abgründen aufgeschlagen waren. Diesen konnten wir trauen, denn es waren Freunde, die beständig diese Gegenden bewohnen, wie sie denn auch unseren Beduinen Ali als Freund und Bruder empfingen. Wir ritten zu einem dieser Lager, um dasselbe näher zu betrachten. Der bärtige hohe Scheich kam uns unter dem Gebelle der Hunde entgegen, uns in sein Lager einzuführen. In weitem Kreise standen dicht neben einander die einzelnen Zelte. Nur zwischen zweien derselben bildete ein Zwischenraum den Eingang ins Lager. Das rechts vom Eingänge liegende ist das Zelt des Häuptlings, der uns zum Eintreten einladet. Diese Zelten bestehen aus einfachen Pflöcken, niit einem starken wasserdichten Zeuge überdeckt, welches aus schwarzen Ziegenhaaren die Beduinenweiber selbst verfertigen. Es sind das dieselben Zelte, deren die Schrift erwähnt, als sie von den schwarzen Kedareneren spricht. Aus Höflichkeit und Neugierde besiegte ich die Furcht vor dem Ungeziefer, von dem diese Lager wimmeln, und trat in das Zelt. Es bestand aus zwei Theilen, die mit demselben schwarzen Ziegenhaarzeuge von einander getrennt waren; der eine für die Männer, der andere für die Weiber. Im letzteren flüsterten einige zusammengekauerte Gestalten, in ersterem brannte auf niederem Herd getrockneter Mist, der uns alsbald hinausräucherte. Die übrigen Bewohner des Lagers vor und in ihren Zelten, zwischen ihren schwarzen Ziegen ruhend, schienen sich wenig um uns zu kümmern, nur einige halbnackte Kinder starrten uns an. Aber auch diesen siel es nicht ein, zu betteln. Selbst den Tabak, mit dem ich den Scheich beschenkte, nahm er mit einer gewissen ernsten Dignität entgegen. Neben manchem dieser Lager sah ich überrascht, daß ihre Bewohner selbst auf diesem verzweifelt unfruchtbaren Boden, wo sie nur einzelne Flecken finden, die wie Erde aussehen, sich mit der Kultur derselben befassen. Allerdings gleichen die mit dem einfachen Pfluge » gezogenen Furchen eher Schotter- als Erdfurchen. Aber diese Leute, die jeden Luxus verachten, begnügen sich damit, was ihnen die Natur dort gewährt, wo sie eben ihre Zelte aufschlagen. Nach und nach, wie wir uns immer höher erhoben und auch der Tag voran- ge;chritten war, fühlten wir immer mehr, daß wir uns nicht mehr in der tropischen 39 Gegend des Ghor befinden. Die Temperatur begann bedeutend zu sinken, und zuweilen zog ein kalter Strichregen über uns hinweg. Der Tag neigte sich zum Abend, als wir von einem kleinen Hochplateau abwärts reitend, uns zum Vadien-Nad, dem Thale des Kidron, hinabließen, der hier seinen Weg zum todten Meer zwischen engen Felsschluchten bricht. Aber nicht nur der Kidron erinnert uns daran, daß wir uns wieder der Zivilisation nähern, sondern noch mehr und unmittelbarer .die in den Stein gehauenen und theilweise ausgemauerten Stufen, die entlang der Kluft des Baches emporführen, indem sie fortwährende Einblicke in die finstere schwarze Wildniß der ungeheuren, manchmal sich amphitheatralisch ausweitenden Felsenschlucht gewährt. Endlich erblicken wir bei einer Wendung einen mächtigen viereckigen Thurm und bald darauf das burgartig in die Felsenwüste gebaute Kloster Mar-Saba, das Kloster des heiligen Sabbas, wieder ein Stück lebendigen Mittelalters. So mochten zur Raub- Nitter-Zeit die mächtigen Klöster ausgesehen haben; vertheidigungstüchtige, starke Besten in ihren-, Aeußern. Zwei gestufte Wege führen hinab zu zwei besonderen Pforten, die obere für die Thiere, die untere für die Gäste. Bei der untern pochten wir, bei der obern unser Beduine und unser Diener fest eine Viertelstunde lang, die stumme Ruhe der Wüste unterbrechend. Ober den beiden Pforten erhebt sich auf den mächtigen Bastionen ein hoher, fester Thurm. Auf diesem steht Tag und Nacht der Thurmwart, ausblickend, was sich dem Kloster nähert. Jetzt vielleicht, weil es schon dämmerte und er Niemand mehr erwartet, schien er sich eine kleine Ruhe gegönnt zu haben, denn erst nach geraumer Zeit hören wir seinen langen Ruf von der Höhe. Man hat uns also gehört-. Warten wir in Geduld. Das Bild, das sich uns bietet, mag uns unterdessen beschäftigen. Hinter uns eine hoch sich erhebende Felsenwand, auf dieser der Weg, den wir gekommen und der sich weiterhin gegen Bethlehem und Jerusalem wendet; von diesem herab zu den Kloster- Basteien die beiden Stufengünge; jenseits des Burgklosters die tiefe Felsschlucht des Kidron, in welcher das Wasser rauscht; rechts, einige hundert Schritte abseits der Beste, ganz für sich allein stehend, ein zweiter viereckiger Thurm. Was ist sein Zweck? Wozu dient er? Nachdem die strengen Regeln der Mönche nicht gestatten, daß Frauen in das Kloster treten, werden weibliche Reisende über Nacht in diesem einsamen Thurme untergebracht, eingesperrt und abgesperrt von der männlichen Begleitung. Das Kloster ist so stark gebaut, ist durch seine Mauern und die Felsklnft so unnahbar, daß es nur mit schwerem Geschütze zu forciren wäre, und so ist es bei der großen Vorsicht, mit der die Pforten geöffnet werden, gegen jeden kühnen Handstreich unternehmender Beduinen gesichert, Voin Beginn des Christenthums wohnten in den Höhlen dieser Felswüste zu allen Zeiten fromme Anachoreten und aus diesen bildete sich schon im vierten Jahrhundert unter der Führung des heiligen Euthym eine größere Bruverschaft. Ein Schüler desselben, der heilige Sabbas, stiftete aus dieser sein Kloster und erhob es zugleich zum geistigen Mittelpunkte und zur festen Bnrg der griechischen Orthodoxie. Gegenüber den Lehren der Monophysiten, den heutigen Kirchen-Kopten Egyptens, die so tief in die Verhältnisse des byzantinischen Reiches eingriffen, war der heilige Sabbas der Vorkämpfer, das Haupt des Dogmas von der doppelten Natur Christi. Diesem Umstände verdankte sein Kloster die reichliche Unterstützung des Kaisers Justinian, und diesem verdankt er noch heute sein großes Ansehen und seinen heiligen Ruf in "der griechischen örthodoxen Kirche. Als 614 die Perser unter Kosroes diese Gegenden verwüstend überzogen und insbesondere gegen die christliche Bevölkerung wütheten, zerstörten sie auch das Kloster und machten seine Bewohner nieder. Im 8. und 9. Jahrhundert wiederholten sich diese Metzeleien unter den Arabern, besonders den Söhnen Harun-al-Raschid's. Seither wurde das Kloster festungSartig neu erbaut, seine Schütze verursachten aber immer wieder neue Naubzüge der Araber bis in unsere Zeit hinein, selbst noch 1832 und 1834. In seiner gegenwärtigen festen Gestalt ließ es 1840 der Czar restauriren, und seitdem bewohnen es die Mönche, wenn auch nicht in Frieden, so doch in Sicherheit. 40 Unsere Geduld verlierend, pochen wir auf's Neue ausdauernd an den Pforten und endlich hören wir Rufe, nicht mehr von oben, sondern von unten. Nach einiger Zeit beginnt bei verschlossenen Pforten das Parlamentiren, welches in arabischer Sprache zwischen einem der griechischen Mönche und meinem Dragoman geführt wird: wer und wieviele wir sind, von wo wir kommen, was unser Ziel und Zweck, ob wir ein Empfehlungsschreiben des griechischen Patriarchen von Jerusalem haben, denn ohne einem solchen wird Niemand eingelassen. Nachdem alle Fragen befriedigend beantwortet sind, wendet sich endlich der schwere Verschluß und knarrt die mächtige Thür und wir werden eingelassen. Wir gelangen in einen engen Gang, in welchem ungefähr ein halbhundert Stufen zu einer Thür abwärts führen, die der vorsichtige Pförtner ebenfalls abgeschlossen hatte. Von dieser führen wieder Stufen in einen gepflasterten Hof, in dessen Mitte eine bekuppeltc Kapelle steht, und von diesem Hof noch eine Treppe hinab zum Divan, dem einem Refektorium ähnlichen Gastzimmer. Unsere Pferde und ihre Begleiter sehen wir nicht mehr, denn diese wurden bei der oberen Pforte eingelassen, die auf einer höhern Terrasse zu den Ställen führt, Während der Bruder Pförtner in der angrenzenden Küche Feuer macht, um mit Hilfe Sidi's aus dem von Naphael mitgebrachten Material unser Abendmahl zu bereiten, besichtigen wir unter der Führung eines andern Mönchs noch bei Lampenlicht das Kloster, denn morgen wollen wir gleich mit Tagesanbruch unsern Weg fortsetzen. Die kuppel- überdeckte Kapelle ist wie alle griechischen Heiligthümer und die christlichen Kirchen im Orient überhaupt, mehr reich als geschmackvoll ausgestattet. Ihr Stolz, welcher sie zu einem der Hauptheiligthümer der griechischen Kirche macht, ist das Grab des heiligen Sabbas; dieses Grab ist aber leer, denn der Heilige wurde noch zur Zeit der Kreuzzüge nach Venedig überführt. Der heilige Sabbas, nach dem sich der alte griechische .Mönchs- Orden der Sabaiten benannte, war nicht nur wegen seines heiligen Lebenswandels, sondern insbesondere auch wegen seiner theologischen Kämpfe gegen die Monophysiten, eine der Hauptgestalten der griechischen Kirche. (Schluß folgt.) M i s c - l l - 11. (Einst und jetzt.) Stadtbeleuchtung ist überflüssig. In lk., einer kleinen Stadt, wurde beim Magistrate die Frage der Stadtbeleuchtung verhandelt. Unter Anderen erhob sich auch ein Senator mit folgendem Argument: „Wozu Beleuchtung! Wenn es dunkel wird, gehen ehrliche und ordentliche Bürger nach Hause, und für die Lumpen und Spitzbuben werden wir doch keine Lampen anzünden!" Eine Dame kam zum Fürsten und redete ihn folgendermaßen an: Dame: „Euer Durchlaucht, mein Mann mißhandelt mich." — Fürst: „Das geht mich nichts an." — Dame: „Er schimpft auch über Sie." — Fürst: „Das geht Sie nichts an." (Unmöglich.) Gast: Das ist doch eine lüderliche Wirthschaft! in dem Kaffee schwimmen noch die halben Bühnen herum." — Wirth: „Sehr merkwürdig! das kann eigentlich nicht vorkommen, weil wir zu unserem Kaffee keine Bohnen nehmen." Zu Zürich kündigte der Buchhändler Heidegger „Arndt's wahres Christenthum" also an: „Da bei dem Buchhändler Bttrkli das wahre Christenthum nicht mehr zu finden ist, so wird man es bei mir finden." - „Nicht wahr, Johann, ich werbe schon recht alt?" fragte ein Herr seinen Diener als er ihn eben frisirte, worauf dieser antwortete: „Es geht halt schon nicht anders; ich bin ein noch älterer Esel, als Ew. Gnaden." Ein Bauer, der zum ersten Male in einer Oper war, sagte: „Ne, .was das für !uns lächerlich. Sollen morgen die spottlustigen Pariser erzählen, daß Sie wie eine glüchende Julia mitten in der Nacht zu mir geschlichen sind, um ein zärtliches Stelldichein zu suchen? Er stieß dabei ein kurzes höhnisches Lachen aus. Und hätte ich nicht ein Recht dazu? Bin ich nicht Deine Gattin? Kann ich es länger dulden, daß Du Dich plötzlich kühl und gleichgiltig von mir abwenden willst, während ich mich in h"'üer Liebe für Dich verzehre? — Warum wollen wir nicht jene seligen Tage zurückrus m denen wir uns Alles waren und nach der übrigen Welt nicht fragten?! Ohne auf seine abwehrende Bewegung zu achten, schlang sie die Arme um seinen Hals und bedeckte seinen Mund mit feurigen Küssen. Er vermochte im ersten Augenblick der leidenschaftlich erregten Frau keinen Widerstand zu leisten und mußte es dulden, daß sie ihn mit ihrer Zärtlichkeit beinahe erstickte, aber einen günstigen Moment wußte er geschickt zu benutzen und mit allen Zeichen schlecht verhehlten Widerwillens entwand er sich ihren Armen und sprang rasch »om Lehnsessel empor. Ah, Madame wir leben ja nicht mehr in den Flittcrwochen, sagte er leise und höhnisch. In unsern Kreisen sind solch' schwärmerische Scenen, wie Sie dieselben heut auszuführen belieben, nicht Sitte. Gregor! Ich habe Dich aus Liebe geheirathet! rief die Fürstin mit dem Ausdruck vollster Empfindung. Und verdiene ich solche Zurücksetzung? Bin ich nicht noch schön und würde jeder Andere glücklich im Besitze Mies solchen Weibes sein? Mit dem Geschick einer Italienerin nahm sie eine Stellung an, die ihre volle, üppige Gestalt in die beste Beleuchtung rückte. Ein stolzes, selbstbewußtes Lächeln thronte dabei auf ihrem Antlitz. Der Baron würdigte sie keines Blickes. Gewiß würden Sie noch Eindruck machen, sagte er mit vornehmer Gleichgiltigkeit und ich begreife deshalb nicht, warum Sie sich vor aller Welt zurückziehen. Wenn Sie nach irgend einem feurigen Herzen Verlangen tragen, habe ich durchaus nichts dagegen. Sie dürfen überzeugt sein, daß ich nicht den Othello spielen werde. Gregorio! Dich will ich haben! Deine Liebe gehört mir und Du darfst Dich nicht wieder thörichten Vergnügungen hingeben. An meiner Brust wirst Du wieder ein weit größeres Glück finden, als Dir all' diese Zerstreuungen von Paris zu bieten vermögen; und sie wollte auf ihn zueilen und ihn vom Neuem stürmisch und voll leidenschaftlicher Gluth in ihre Arme schließen. Der Baron wich erschrocken einige Schritte zurück und sagte jetzt kalt und schneidend: Nein, es ist Zeit, daß wir der Komödie ein Ende machen. Ich will nicht zum Gespött meiner Leute und von ganz Paris werden und muß Sie bitten, wenn Sie 41 wieder einmal einen Anfall von Schwärmerei bekommen, dann wenigstens meine nächtliche Ruhe nicht zu stören. Es wird sich doch in dem großen Paris Jemand finden lassen, dem Sie Ihre Gefühle anvertrauen können, nur mich verschonen Sie damit. Die Fürstin glaubte nicht recht gehört zu haben, aber noch mehr als seine Worte sagten ihr die Art und Weise, wie er sie sprach, seine ganze Haltung, das; sie sich nicht länger über die Gefühle ihres Mannes täuschen könne, daß er sie nicht mehr liebe, ja vielleicht nie geliebt habe, und all' sei. früheres Benehmen nur Lug und Heuchelei gewesen sei. Nun erwachte in ihr schlich die stolze vornehme Italienerin, die jetzt eben so glühend zu hasten vermochte, wie sie heiß und leidenschaftlich geliebt hatte . . . Ein Zittern ging durch ihren ganzen Körper, sie vermochte nicht augenblicklich zu antworten, aber ihr heftig wogender Busen verrieth, daß ein gewaltiger Sturm im Anzüge sei. Aus ihren dunklen Augen schössen Blitze und endlich öffnete sie die wuthzitternden Lippen, um mit bebender Stimme hervorzustoßen: Elender! Das wagst Du mir zu bieten? Und ich, die Fürstin Gravelli, die Dich aus dem Staube gezogen — Madame, Sie vergessen, daß Sie mit Baron Bloomhaus sprechen, unterbrach sie Dhr Gatte, sich in die Brust werfend. Die Worte seiner Gattin schienen ihn doch schwer gekränkt und aus seiner Ruhe aufgescheucht zu haben. Meine gesellschaftliche Stellung sowohl wie mein Vermögen sicherten mich davor, erst von Ihnen aus dem Staube gezogen zu werden. Ah, prahle immer mit Deiner Baronschast! rief die Fürstin heftig. Ich fürchte, Du bist nichts als ein Abenteurer! Sie glaubte ein leises Zusammenzucken ihres Mannes zu bemerken, und sie fuhr triumphirend fort: Ja, ich irre mich nicht, Du hast Dich bei mir stets als ein Deut,Her ausgegeben und Doktor Bernard s-- >, daß Du aus Rußland seiest. Dann ist es mir freilich klar, warum Du alle Rs 'tnd so ängstlich gemieden hast, Du mußtest beständig in der Furcht schweben, einem L,t> ^mann zu begegnen, der Dich entlarvte. — Sie wußte selbst nicht, wie ihr solche Vorstellungen gekommen waren, aber Haß und Wuth schienen sie plötzlich hellsehend gemacht zu haben und blitzartig wirbelten alle diese Gedanken durch ihr Hirn. Der Baron hatt seine vornehme kühle Ruhe wieder gewonnen, die er überall gern zur Schau stellte. Du bist sehr liebenswürdig, sagte er mit leisem Spott. Ich darf von einer italienischen Fürstin freilich keine geographischen Kenntnisse verlangen, aber es kann Dir gar nichts schaden, wenn Du endlich erfährst, daß Rußland dort oben im Norden, an der Ostsee ein Stück deutsches Land besitzt und gerade der Adel dort an deutscher Sprache und deutschen Gewohnheiten festhält und daß ich mich deßhalb mit vollem Rechte als deutscher Baron fühlen und so nennen kann. Aber warum hast Du nie ein Wort vM Deinem Bruder erwähnt!? rief die Fürstin aus, deren einmal gefaßter Verdacht durch i-Lse ruhige Erklärung nicht beseitigt worden. Warum weichst Du allen Russen aus? Du hast irgend ein entsetzliches Geheimniß zu verbergen, vielleicht ist Dein armer Bruder nicht von fremder Hand, wohl aber — Jetzt verlor der Baron doch seine ruhige Besinnung. Das ohnehin bleiche Gesicht wurde kreideweiß, die blauen, sonst gern etwas schläfrig dreinblickenden Augen begannen zu sprühen und er stieß mit großer Heftigkeit heraus: Schweig! oder — er ballte die Faust und trat zähneknirschend, in blinder, ja grenzenloser Wuth seiner Gattin drohend gegenüber. Sie wich nicht einen Schritt zurück und schien entschlossen, selbst einem persönlichen Angriff zu trotzen. Beide waren von gleicher Größe, nur sah die schlanke elastische Gestalt des Barons dürftig aus, im Gegensatz zu den vollen, überschwellenden Formen der Fürstin. Auch in ihr war das heiße Blut der Italienerin bis zum Wahnsinn erhitzt und so übersprang sie die letzten Schranken. Wage es, Elender! mich zu berühren, bebte es von ihren wuthzitternden Lippen — und mit unterschlagenen Armen stand sie hochaufgerichtet da, zur energischen Abwehr bereit. Die Augen des Mannes funkelten unheimlich, plötzlich mochte ein Rest von ruhiger Ueberlegung in ihm zurückkehren, denn er ließ die schon zum Schlage erhobene Hand fallen und einen Schritt zurücktretend stieß er ein höhnisches Gelächter aus. Mein Kammerdiener wird sich gewundert haben, daß unsere zärtliche Unterhaltung so lange währt, und um uns nicht in den Augen der Dienerschaft völlig lächerlich zu machen, halte ich es doch für gerathen, wenn wir dieselbe abbrechen, Madame! — Er verbeugte sich mit einem nicht mißzuverstehenden Blicke nach der Thür. Durch diesen Spott erwachte auch die Fürsten aus ihrer an Raserei grenzenden Wuth und sie bemühte sich in einem ähnlichen Tone zu antworten, obwohl es ihr nicht völlig gelang. Sie haben Recht. Aber seien Sie überzeugt, daß ich diese Unterhaltung zu ge legener Zeit wieder anknüpfen werde, denn ich fürchte, daß mein Herr Gemahl nichts weiter ist als ein gefährlicher Abenteurer, wenn nicht noch mehr. Um die Lippen des Barons glitt ein halb mitleidiges, halb geringschätziges Lächeln. Also gute Nacht, Carlotta, sagte er, die schwere Portiere zurückschlagend und ihr die Thür öffnend. Ich danke Ihnen, daß Sie so gütig waren, mir noch so spät diese interessanten Nachrichten mitzutheilen, und er verbeugte sich artig vor ferner Gattin, die stolz erhobenen Hauptes, ohne ein Wort zu entgegnen, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen, das Zimmer verließ und Mit raschen, festen Schritten ihre Gemächer aufsuchte. (Forijctz.i'-,g folgt.) D!« Wüst« Zuda. Von Johann v. Asboth. (Schluß.) Auf der Wedelte des Hofes steht eine andere Kirche, die des heiligen Nikolaus, eigentlich eine Felsenhöhle, in deren Tiefe eine kleinere, gitterbedeckte Höhlung voll mit grinsenden Todtenkopien, — wie der Mönch erklärt, 40,000 Stück lauter Blutzeugen, die durch die Heiden des Kosroes in den Hohlen dieser Gegenden umgebracht wurden. An der gegenüberliegenden Seite liegt die basilika-ariige eigentliche Klosterkirche: düster erleuchtet, vollbehangen mit alten byzantinischen Bildern, von welchen aber die werthvollsten von den Russen weggeführt wurden. Hier treffen wir in den die Wand umgebenden Armstühlen, in ihren schwarzen Talaren, den hohen, flachen schwarzen Mützen, die bärtigen Mönche, ungefähr ihrer 50, versunken in tiefe Kontemplationen, die aber überaus an jene orientalische Ruhe erinnern, in welcher der Geist sich noch mehr der absoluten Ruhe erfreut als der Körper, der wenigstens in seinen Organen fungirt. Uns schenkt Keiner von ihnen irgend eine Beachtung. Das Hauptheiligthnm dieser Kirche ist das Grab, des heiligen Johannes von Damaskus, des letzten großen Kirchenvaters der griechischen Kirche. Unter dein Name» Almansor nahn» dieser Heilige im Dienste der Khalifen eine hohe Stellung ein, trat aber 730 in das Kloster des heiligen Sabbas und hier verfaßte er seine berühmte, in der griechischen Kirche seither maßgebende Schrift „vom wahren Glauben", die einerseits das Kloster selbst mit neuem Glänze umgab, andererseits der Abschluß der theologischen Entwicklung der griechische!: Kirche war. In einer Nebenräumlichkeit sahen wir Teller mit Holzlöffeln und mit offenbaren Spuren, daß die frommen Brüder soeben ihr aus trockenen Bohnen bestehendes Mahl genossen haben. Die Bewohner des Klosters leben sehr einfach und streng und nähren sich blos aus Vegetabilien. Aber im Orient gibt man überhaupt weniger auf Genuß und Luxus, als auf Rast und Ruhe. Das ist der Hauptunterschied zwischen orientalischer und westlicher Lebensweise. Wir unsererseits stehen so ziemlich in der Mitte zwischen der im Genusse, im Luxus und in der Arbeit gleich fieberischen westlichen Zivilisation und jener einfachen, anspruchslosen orientalischen Indolenz, die es der Vorsehung überläßt, die Geschäfte der Vorsehung zu besorgen. Jetzt sind wir aber stark in den Fortschritt hinein- gerathen; in ganzen großen Schichten und vielleicht im Staatswesen beginnen wir, die hohen Ansprüche des Westens mit der alten guten Indolenz zu vereinen, denn rascher kann man sich die ersteren an-, als die letztere abgewöhnen. Und hierin besteht der kritische Moment für alle orientalischen Raccn bei deren Kontakte mit der westlichen Zivilisation. Solchen Krisen sind nun diese Mönche allerdings nicht ausgesetzt, denn ihre Ansprüche sind die menschlich möglichst geringsten. Ihre physische und geistige Anstrengung besteht kaum aus etwas Anderem, als daß sie auf den zahlreichen Terrassen des Klosters künstlich angelegte Gemüsegärten pflegen und ihre langen Gebete verrichten. Sie besitzen eine uralte Bibliothek, aber in diese gewähren sie nicht nur den Fremden, sondern wahrscheinlich auch sich selbst keinen Einblick. Ihre Bedürfnisse werden durch milde Spenden gedeckt, die aus den griechischen Provinzen und aus Rußland kommen. - Von diesen Kirchen begeben wir uns auf schmalen Treppen von Hof zu Hof, von Terrasse zu Terrasse. Wo sich nur irgend ein Raum bietet, finden wir jene künstlich angelegten Gärten, in einem derselben eine schon lange nicht erblickte Palme; angeblich pflanzte sie der heilige Sabbas mit eigener Hand und ihre Datteln sollen wunderbarerweise keine Kerne haben. Sicherlich ist die verwaiste Palme die einzige in der ganzen Provinz an sich schon Wunders genug. Aber hier in dem von dem Winde geschützten und von der Sonne durchglühten Felsen ist die Temperatur eine bedeutend höhere als in Jerusalem. Von den Terrassen gewinnen wir zuweilen einen Blick in die grausig wilde Schlucht des Kidron, deren Wände fast senkrecht, vielleicht 100 Klafter tief abfallen, so daß das Kloster durch mächtige Strebepfeiler geschützt, gleich einem Adlerneste über ihr schwebt. Auf der gegenüberliegenden Wand der Schlucht ist das Gebirge voll jener Höhen, die einst durch Annchoreten, heute nur noch von den Schakalen bewohnt werden. Einzelne der Mönche befolgen, indem sie im Kloster wohnen, gleichzeitig das fromme Leben der einstigen Anachoreten in feiner ganzen Strenge und wählen sich als ständigen Aufenthaltsort eine der Höhlen der in das Kloster hineinreichenden Felsen. Was nun das Wohnen betrifft, wird es hier kaum schlechter sein, als in irgend einer der Mönchszellen. Die Höhlungen und unterirdischen Räumlichkeiten haben überall beständig die mittlere Temperatur der betreffenden Gegend und so sind sie hier Sommer und Winter gemäßigt warm und trocken; die Luft in diesen offenen Höhlen ist sicherlich eine bessere als in den abgeschlossenen und kaum sehr gewissenhaft gereinigten Zellen. Die strenge Lebensweise dieser modernen Anachoreten wird aber dadurch erhöht, daß sie nur von ungekochten Vegetabilien leben und mit ihren Genossen nur ausnahmsweise verkehren. Eine dieser Höhlen, welche jetzt niemals bewohnt wird, zeigt man mit besonderer Pietät. Durch einen schmalen, langen Felsgang gelangt man in den ziemlich weiten Raum, aus welchem ein Loch im Felsen in eine zweite kleinere Höhlung führt. Hier wohnte einst der heilige Sabbas. „Als er einmal in seine Höhle trat, fand er einen Löwen in derselben, aber ohne Furcht verrichtete er seine Gebete und schlief ein. Zweimal zerrte ihn der Löwe aus der Höhle hinaus; endlich wurde die Sache dem Heiligen zu viel, er befahl dem Löwen, sich in die zweite kleinere Höhlung zurückzuziehen und seitdem lebten sie friedlich beisammen bis an das Ende ihrer Tage." Nach unserer Wanderung gingen wir wieder jene zahlreichen Höfe und Terrassen herab, die sich naturgemäß bildeten, indem das Kloster an den Rand der gähnenden Felsschlucht ausgebaut wurde. Im Divan erwartete uns bereits das Abendessen. In diesem geräumigen und reinlichen Saale ziehen sich an den beiden Längsseiten und der einen Breitseite mit orientalischen Teppichen und Pölstern belegte Sitze entlang; in der Mitte ein großer Tisch, über welchem eine Lampe hängt; rings um denselben Stühle. Hier nahm ich mein Äbendbrod, und dann legte ich mich in das einzige Bett, welches dgs Kloster zur Verfügung hat. In der vierten Wand nämlich, befindet sich eine Nische, 47 durch einen Vorhang abgeschlossen; in dieser auf Holzblöcken Bretter und darüber eins Des Morgens standen wir noch bei Mondschein auf, um bei dieser Beleuchtung - vom Wachthurme noch einen Abschiedsblick auf die schauerliche Einöde zu werfen. Gigan- tischeGestalten der kahlen Felswildniß, so weit nur das Auge reicht; h,e und da em schwarzes Beduinenlager; unter uns die Schlucht des Kidron mit ihren 2—300 Meter senkrecht abfallenden Wänden, deren weit ausgebuchtete Krümmungen, mit dem braunen» grauen geschichteten Gestein, mit den riesigen Dimensionen an manchen Stellen das römische Kolosseum in Erinnerung rufen. All das im zitternden, schwachen Lichte und in dem tiefen Schatten des Halbmondes. Mit denselben Schwierigkeiten und Verzögerungen gelangten wir aus dem Kloster heraus, wie wir gestern hineingekommen waren. Nach mühsamem Felsenritte gelangten wir nach Bethlehem und von da nach einem starken Gallopp nach Jerusalem. ^ (Pester Lloyd.) Sympathetische Tinten. Darunter versteht man gewisse Flüssigkeiten, wovon, wenn man sich derselben zum Schreiben bedient, die Schriftlichen auf dem Papier unsichtbar sind, aber durch Anwendung von Wärme oder gewissen chemischen Stoffen in verschiedenen Farben deutlich und leserlich hervortreten. Schon die alten Nömer bedienten sich einer Art sympathetischer Schrift, indem sie einfach mit frischer Milch schrieben und die Schrift, wenn sie leserlich werden sollte, mit Kohlenstaub bestreuten, der sich an die fettigen Theile der Milch anhing. Diese Methode ist also eine rein mechanische. In neuerer Zeit kennt man indeß eine Menge anderer Mittel, welche den beabsichtigten Zweck in besserer Weise erfüllen. Die einfachsten sind jedenfalls diejenigen, wo die unsichtbaren Schriftzüge durch Anwendung von Wärme hervorgerufen werden. Schreibt man z. B. mittelst eines Gänsekiels mit Zwiebel-, Citronen- oder Aepfelsaft, so ist die Schrift, wenn trocken, vollkommen unsichtbar, tritt aber in brauner Farbe hervor, sobald das Papier stark erwärmt wird. Wenn mit einer verdünnten Auflösung von salzsaurem Kupfer geschrieben wird, so ist die Schrift unsichtbar, sobald aber das Papier erwärmt wird, treten die Buchstaben in schöner gelber Farbe hervor und verschwinden wieder, wenn das Papier erkaltet ist. Alle Salze von Cobalt besitzen dieselbe Eigenschaft. Löst man essig-, salz-, schwefel- oder salpetersauren Cobalt in Wasser auf, so ist die damit hergestellte Schrift unsichtbar, erscheint aber sofort blau, wenn das Papier erwärmt wird. — Ein anderes Verfahren wandte man während des indischen Kriegs in England an, indem man wichtige Staatsdepeschen mit Neiswasser schrieb. Wurde dann eine solche Schrift mit Jod überpinselt, so trat sie in blauer Farbe hervor. Schreibt man mit einer Auflösung von Eisenvitriol und überfährt die unsichtbare Schrift später mit einer Tanninauflösung, so erscheint sie schwarz. Und so gibt es noch zahlreiche chemische Mittel, die ähnliche Resultate liefern. _ (Fundgr.) M i s c e l l - ,r. Ein Handwerksbursche reiste mit, einem Juden in eine nahe Provinzialstadt, und hatte nebst einem Bündel einen schweren Mantel zu tragen. Als sie in das erste Wirthshaus kamen und der Handwerksbursche die Zeche bezahlen sollte, sagte er zu dem Juden: „ach du lieber Himmel, ich habe kein Geld bei mir. Leihen Sie mir doch einen Gulden." Der mißtrauische Jude ließ sich herbei, ihm einen Gulden zu geben, aber nur in dem Falle, daß er ihm ein Pfand dafür einsetze; der Handwerksbursche gab ihm seinen Mantel. Vom Schweiße triefend, schleppte sich der Jude in der Hitze mit dem Mantel bis zum Städtchen; dort angelangt, zog der Handwerksbursch einen Gulden aus der Tasche, gab ihm denselben und bedankte sich schönstens, daß er ihm seinen Mantel so weit getragen habe. (Der gewonnene Barbier-Kundech Zu einem Bankier in Berlin kam kürzlich ein ihm fremder Barbier. „Was wollen Sie hier?" wurde er barsch angeredet.—> „Ihnen barbieren!" — „Ich brauche Sie nicht, ich habe schon einen Barbier." — „Nee!" antwortete der Bartkünstler, „ick bin jetzt Ihr Barbier; Sie müssen sich jetzt von mir barbieren lassen, denn ick und Ihr eigentlicher Barbier, wir spielten jestern Schaafskopp und er verlor all sein Jeld an mir, und wie er keen Jeld mehr hatte, da spielten wir um unsere Kunden Schaafskopp und da hab' ick Ihnen jewonnen." Ein Zuckerbäcker nahe an einem Universitätsgebäude war ein außerordentlich freundlicher und gefälliger Mann. Ein Student hatte einmal eine Tasse Kaffee bei ihm getrunken und sagte, als er dieselbe bezahlen wollte: „Können Sie mir wohl auf einen Louisd'or herausgeben?" — „O ja, o ja," sagte der Conditor, und zählte 5 Thaler und 15 gute Groschen hin. Der Musensohn strich das Geld ein mit den Worten: „Den Louisd'or will ich Ihnen morgen mitbringen." — „Schön, schön," sagte der freundliche Kaffetier. Ein Vauerknabe war bei seinem Pathen zur Kirmis gewesen. Bei seiner Heimkehr entspann sich folgendes Gespräch zwischen Vater und Sohn: „Nun, Fritze, da bist Du ja! wie ivar'sch?" — „Nu, scheene." — „Was hobst Ihr denn gegessen ?" — „Schweinebraten." — „Nu, das war ja was für Dich, da hast Du gewiß recht zugelangt?" — „Ne!" — „Warum denn nicht? 's ist ja sonst Dein Leibessen!" — „Er war su fett! Mer kunt'n gar nicht essen." — „Nu, was habt ihr'n da gemacht?" — „Mer aß'n doch." Ein feindlicher Soldat, einquartiert in das Haus eines reichen Bauern, legte seinen Degen auf den Tisch mit den dominirenden Worten: „Jetzt gelt' ich hier!" — Der Bauer entfernte sich stillschweigend und kam bald mit der Mistgabel zurück, welche er neben den Degen legte. „Nun" fuhr ihn verblüfft der Soldat an, „was soll das bedeuten?" — „Ich meine," sagte der Bauer, „zum großen Messer gehört auch eine große Gabel." (Subject ives Verfahren.) In Mandalay, der Hauptstadt des Königreiches Birma, erscheint eine lithographische Zeitung, welche dreimal wöchentlich zur Ausgabe gelangt. Jüngst brachte dieses Blatt eine Haftnotiz, welche die Ausweisung des Prinzen Pyogamoy durch den König Thibo behandelte. Der König, über die Indiskretion des Blattes ergrimmt, ließ die beiden Redacteure des Blattes vor sich bescheiden und verur- theilte sie kurzerhand zu je 90 Hieben mit dem Bambusrohr. Dem Mauschel will der Bärenwirth an Schimmel anhängen, der a wenig blind ist. Der Mauschel will aber den Gaul erst sehen. — „Geh' nur hinter in Stall, da steht er." — Der Stall ist finster, da sieht ers nicht, wie blind er ist, denkt der Bürcn- wirth. „Nu, Mauschel, hast de Schimmel g'sehen?" — „Jo, ich hob'n g'sehen, aber er hat mich nit g'seh'n." In der Neumannsgasse in Berlin wurden in einem kleinen Hause „feine Fleischwaaren" von den „Geschwistern Leopold" verkauft. Dieselben hielten jedoch, wenn kein Käufer da war, ihr Häuschen geschlossen. Auf dem Klingel-Schilde las man: „Wer Wurst, Pöckelfleisch und Rinderzunge u. s. w. haben will, beliebe von Morgens 8 bis Abends 9 Uhr zu klingeln. Geschwister Leopold." Einem Candidaten der Nechtskunde gab einst ein Gerichtsrath die Acten einer sehr schwierigen Prozeßsache, mit der Aufforderung, seine Ansicht darüber abzugeben. Der Candidat durchlas die Verhandlungen und übergab sie dem Gerichtsrath mit folgender darunter verzeichneten Ansicht: „Es soll mich wundern, was aus dieser Sache werden wird!" Auflösung des Spaßrebus: „Nichte." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Berlag des Literarischen Jnstitus von vr. M. Huttler. zur „Ängsbirrgtr Postjeitmig " Nr. 7. Samstag, 24. Juli 1680. Am schönsten ist die Rose, wenn ihre Knospe bricht, So tagt aus Furcht empor der Hoffnung schönstes Licht; Am süßesten glüht Rose vom Morgenthau gefeuchtet, Am lieblichsten blickt Liebe, wenn sie durch Thränen leuchtet. Scott. Der Aerr Daran. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) III. Seit jener Stunde war das Herz der Fürstin wie verwandelt; so leidenschaftlich sie ihren Gemahl geliebt hatte, so tief und glühend haßte sie ihn jetzt. Die Binde, die so lange ihre Augen umfangen, war plötzlich fort und nun sah sie ihren Gatten in seiner wahren Gestalt. Sie wurde die Vorstellung nicht mehr los, daß sie es nicht mit einem Edelmann, sondern mit einem bloßen Abenteurer zu thun habe. Sein Benehmen war zu wenig edelmännisch gewesen, als ob er diese Manieren nur nachahme, als ob ihm eine aristokratische Haltung nicht anerzogen und angeboren sei. Sie begriff sich selbst nicht, warum ihr dies Alles nicht schon früher an ihrem Manne aufgefallen sei, warum sie einen Menschen so sehr bewundert, der kein Herz, keine wahrhaft edle Gesinnung besaß? — Er halte sonst nimmermehr gegen sie in solcher Weise auftreten können! — Nun erfolgte der Rückschlag und so groß und so bedeutend er ihr früher vorgekommen war, so armselig erschien ihr jetzt sein ganzer Charakter. Und sie hatte Niemand, gegen den sie sich aussprcchen, dem sie klagen konnte, wie bitter und grenzenlos die Täuschung war, der sie sich so lange hingegeben . . . Sich ihrer Dienerin völlig anvertrauen, dazu war die Fürstin doch zu stolz. Wohl hatte sie mit Enrichetta gern über Alles geplaudert, denn sie zeigte sich treu und aufopfernd, aber die schmerzliche Entdeckung, die sie gestern gemacht, mußte sie trotzdem sorgfältig in ihrer Brust verschließen. Enrichetta durste nicht ahnen, wie tief die Niederlage gewesen, die sie sich in jener verhängnißvollen Nacht geholt hatte. Und dennoch wollte sie Gewißheit haben, ob ihre schreckliche Vermuthung eine Wahrheit sei oder ob sie sich nur Hirngcspinnsten hingebe. Zuweilen wünschte sie das Letztere, — aber es war doch Alles vorbei, — zwischen ihr und diesem Manne kam es zu keiner Versöhnung mehr sind dann erwachte auch in ihrem grollenden Herzen die Sehnsucht, ihn für seine Unverschämtheit und Nichtswürdigkeit so hart zu züchtigen, als er es verdiente. Einige Tage später fand sich Doktor Bernard wieder ein; er traf auch heut seinen verehrten Freund nicht daheim; aber dies Mißgeschick schien ihm nicht ganz unangenehm zu sein , denn die Fürstin war gegen ihn so liebenswürdig, daß der treffliche und ein wenig eitle Mann von der stattlichen, noch immer schönen Frau ganz bezaubert wurde» Sie wußte geschickt das Gespräch wieder auf die damaligen Vorgänge in Sorrent zu bringen, ließ sich diesmal die kleinsten Einzelheiten erzählen und auch das Irrenhaus bezeichnen, in das der Bruder des Barons gebracht worden und der Doktor gab bereitwillig Auskunft. Sah er doch aus ihrem lebhaften Interesse, wie sehr die Fürstin für ihren Mann eingenommen war. Ah, der Besitz einer solchen Frau war wirklich ein großes Glück! — nun begriff er erst, warum sich der Baron so rasch in die Fürstin verliebte und sie geheirathet hatte. War sie auch über die erste Jugendblüthe hinaus, so besaß sie doch eben so viel geistige wie körperliche Vorzüge. Mit jener liebenswürdigen Zwanglosigkeit, die Doktor Bernard eigenthümlich war, sprach er auch ohne Weiteres diese Gedanken aus und die Fürstin belohnte ihn dafür durch ein freundliches Lächeln. Als er sich endlich empfahl, bat sie ihren Gast in so gewinnender Weise, ihr bald wieder seinen Besuch zu schenken, daß der lebhafte Franzose trotz seines vorgerückten Alters, die schöne Frau in einer Bewegung verließ, die er lange nicht gekannt hatte. Die dunklen Augen der Fürstin funkelten beinah unheimlich, als der Doktor gegangen war. Durch ihr Hirn wirbelten die seltsamsten Vorstellungen und Gedanken. Heute hatten sie die ausführlichen Erzählungen des Arztes noch mehr in ihrer finsteren Vermuthung bestärkt, daß jenen dunklen Vorgängen zu Sorrert irgend ein entsetzliches Geheimniß zu Grunde liege. Warum hatte Gregorio nicht die Polizei angerufen, um den schändlichen Mörder zu entdecken? — Wenn er seinen Bruder wirklich so leidenschaftlich liebte, wie er geheuchelt, dann mußte ihm alles daran liegen, daß den Verbrecher die rächende Nemesis erreichte. Ihre hastige Frage hatte Doktor Bernard freilich ebenfalls zum Vortheil des Barons beantwortet: Mein hochverehrter Freund war von dem furchtbaren Ereigniß zu tief ergriffen und erschüttert, er wollte nicht immer wieder don Neuem daran erinnert werden und wußte schon im Voraus, daß all' dies Forschen vergeblich sein würde, denn die italienische Polizei — ist den Räuberbanden gegenüber Machtlos. Räuberbanden in Sorrent — grübelte die Fürstin. — So viel hatte sie von ihren Freunden gehört, daß in dieser vielbesuchten Gegend völlige Sicherheit herrschte; aber der Arzt hatte auch diesen Einwurs zu entkräften gesucht. Es war uns Allen freilich sehr merkwürdig und es läßt sich freilich nur annehmen, daß hier ein Gelegenheitsraub vorgelegen, daß ein paar Bewohner der Umgegend, nach Beute lüstern dies schändliche Verbrechen begangen und wir Alls in Sorrent waren dieser Ansicht, hatte Doktor Bernard geantwortet. Ah, jetzt wußte sie wenigstens, wo sich der Bruder des Barons befand, vielleicht war er doch aus seiner Geistesnacht noch zu wecken und konnte über jenen Mordanfall und über den wahren Charakter seines Bruders Auskunft geben. — Noch voll von den auf sie einstürmenden Gedanken, setzte sie sich auf der Stelle hin und schrieb an ihren alten russischen Freund in Florenz, den Grafen Powlow. Sie bat um Entschuldigung, wegen ihrer damaligen unverzeihlichen Unart, aber sie habe nur dem Drängen ihres Gatten nachgegeben, der einen ganz unerklärlichen Haß gegen alle Russen an den Tag gelegt. Es war ihr ein Bedürfniß, ihr übervolles Herz gegen den Grafen auszuschütten, der sich immer als wahrer und aufrichtiger Freund erwiesen, und nachdem sie ihm offen ben größten Irrthum ihres Lebens bekannt, den sie so bitter und furchtbar zu bereuen Ihabe, bat sie ihn, sich, wenn irgend möglich, nach den näheren Verhältnissen ihres Mannes und seines Bruders zu erkundigen, denn sie wollte endlich Gewißheit haben, ob sie es Mit einem Abenteurer oder mit einem wirklichen Edelmanns zu thun habe. — »Sagen Sie mir Alles, was Sie erfahren, ohne jeden Rückhalt, lieber Graf, schloß sie ihren langen, ausführlichen Brief; ich werde es ertragen, ja glücklich sein, denn es befreit Mich vielleicht von Fesseln, die mich jetzt schon beinah erdrücken." Die Fürstin wagte nicht, diesen wichtigen Brief einer Dienerin anzuvertrauen,' Uttd gab ihn selber auf die Post, und nun wartete sie voll Ungeduld auf die Antwort. Sie blieb ungewöhnlich lange aus. Erst nach mehreren Monaten traf ein Brief vom 51 Grafen ein, in fieberhafter Hast erbrach sie ihn und ihre Augen irrten hastig über das Papier hinweg, als wolle sie im Fluge von dem Inhalt des Schreibens Kenntniß nehmen. Bald begann sie langsamer zu lesen und nachdem sie damit zu Ende war, faltete sie den Brief wieder zusammen. Ihre Wangen glühten und ihr Busen arbeitete heftig, und als sie sich jetzt ein wenig zurücklehnte und in Gedanken verloren vor sich hinstarret, spielte ein seltsames bitteres Lächeln um ihre Lippen. Dann sprang sie plötzlich auf, ihre dunklen Augen funkelten und den Brief wie triumphirend in die Höhe haltend, wanderte sie mit hastigen Schritten lange im Zimmer auf und ab, leise undeutliche Worte vor sich hinmürmelnd. Was er für ein Gesicht machen wird, wenn ich ihm Das sage? begann sie endlich ganz laut. Ach, ich vergaß, der saubere Patron kommt ja erst beim Morgengrauen nach Hause und ich will nicht wieder die Thorheit begehen und so lange auf ihn warten. Ich werde ihm das alles schreiben, — und von diesem Entschlüsse getrieben, setzte sie sich auf der Stelle an den Schreibtisch und ihre Feder flog über das Papier. Bald hatte sie den Brief beendigt, sie nahm sich nicht Zeit, ihn noch einmal zu lesen, verschloß ihn nur sorgfältig und nachdem sie ihn mit der Adresse ihres Mannes versehen, klingelte sitz ihr Kammermädchen herbei. Enrichetta erschien mit der gewohnten Pünktlichkeit. Hier ist ein Brief für meinen Mann. Sorge dafür, daß er in seine eigenen Hände kommt, sagte die Fürstin und reichte ihr das Schreiben, das die Dienerin zwar schweigend, aber doch mit einigen Zeichen der Verwunderung hinnahm. Sie blieb noch einen Augenblick stehen, denn sie hatte gehofft, daß die Fürstin, wie sonst, sich über die Absichten, die sie damit verband, offenherzig aussprechen würde, aber als ihre Herrin kein Wort weiter hinzusetzte, verließ sie so leise und schweigsam, wie sie gekommen war, das Zimmer. In der Brust der Fürstin wogten seit dem Eintreffen des Briefes die seltsamsten Empfindungen auf und nieder. Zuweilen war es ihr, als muffe sie laut und verzweifelt aufschreien und dann hätte sie wieder jubeln mögen. Jetzt konnte sie den einst so heißgeliebten' und jetzt so tief verhaßten Menschen in's Herz treffen. — Was er wohl antworten, welches Lügengewebe ler wohl erfinden würde, um das alles von sich abzuwehren?! Darüber sann die Fürstin beständig nach. Vergebens suchte die schlaue Enrichetta sie heut auszuforschen, als sie wieder eins Dienstleistung in der Nähe ihrer Herrin rief. Die sonst so mittheilsame Frau, die ihr all' ihr zärtliches Empfinden anvertraut, blieb merkwürdig zurückhaltend und selbst die vorsichtigsten Versuche des durchtriebenen Geschöpfes, ihrer Herrin das Geheimniß des Briefes zu entlocken, blieben ohne Erfolg. Nun gut, schweig immer dachte endlich verdrießlich die neugierige Kammerkatze; von Deinem Manne werde ich es dann schon erfahren — und ein triumphirendeS Lächeln huschte heimlich über ihr Gesicht. Die Fürstin erwartete in fieberhafter Ungeduld die Antwort ihres Mannes: aber der Morgen kam und noch hatte er nicht geschrieben. Vielleicht erschien er selbst, weil er eine mündliche Unterredung vorzog und vielleicht dann eher hoffen durfte, sie zu überreden, und mit rafsinirtem Geschick alles zu seinem Besten zu drehen und zu wenden. Sie wollte schon feststehen und all' seiner Künsten zu widerstehen. Der Tag verging und weder ein Brief ihres Mannes kam, noch fand er sich selbst bei ihr ein. Nun tonnte die Fürstin nicht länger an sich halten. Als Enrichetta ihr am Abend den Thee brachte, wandte sie sich mit der hastigen Frage an dieselbe: Ist der Brief auch wirklich in die Hände meines Mannes gekommen? Ja, Excellenza, ich habe ihn selbst dem Baron gegeben, weil ich dachte — Ganz gut und wann? unterbrach sie ihre Herrin lebhaft. , Heute Mittag, der Herr Baran wollten eben wieder ausführen, wie mir Jean sagte. Und hat er den Brief sogleich gelesen? Was sagte er dazu ? Enrichetta zögerte mit der Antwort. 62 Sprich ganz ruhig, drängte ihre Herrin. Bon diesem Menschen kann mich nichts mehr beleidigen. In ihrer Aufregung lies! sie sich zu einer Aeußerung hinreißen, die sie im nächsten Augenblick doch schon bereute. Ah, von meiner liebenswürdigen Gattin, sagte der Baron lächelnd und steckte den Brief ruhig in die Tasche. Jetzt verlor die Fürstin den letzten Nest ruhiger Besinnung. Der Elende! rief sie Mit wuthzitternden Lippen. Nun gut, dann soll er etwas Anderes zu lesen bekommen! fuhr sie zorugluhend fort und ihre Augen funkelten. Ich werde mit Gewalt die schmählichen Baude zerreißen, die mich an diesen sauberen Herrn Baron fesseln! — Sie sprang auf ruck- stürzte in höchster Aufregung durch das Zimmer. Alles klare Denken war aus ihrem Gehirn entwichen durch ihre Brust lobten nur die Dämonen des Hasses und der Rache. Daß er einen Brief von ihr nicht einmal des Lesens würdigte, empörte ihren Stolz auf das Höchste und brachte in ihr all' den Groll zum Ueberschäumen, den sie gegen ihren Mann jetzt empfand. Wollen Excellenza nicht den Thee trinken, eh' er kalt wird? fragte Enrichetta in ihrer freundlichen, unterwürfigen Weise, die mit großer.Aufmerksamkeit den Wuthausbruch beobachtet hatte. , ^ Nein, bringe mir eine Flasche Selterwasser, befahl die Fürstin, die wohl selber das Bedürfniß fühlen mochte, ihr kochendes, überhitztes Blut ein wenig abzukühlen. Möchten Excellenza denn nicht einen Tropfen Wein dazu mischen? Ich fürchte das Wasser allein könnte Excellenza schaden, sagte Enrichetta und blickte voll Besorgniß auf ihre Herrin, die zustimmend nur mit dem Kopfe nickte. Das Kammermädchen blieb ungewöhnlich lange aus und die Fürstin hatte ihren ertheilten Befehl beinahe vergessen, als es endlich mit dem silbernen Theebrett zurückkam, auf welchem sich ein halb volles großes Weinglas und eine Flasche Selters befand. Enrichetta entschuldigte ihr langes Ausbleiben damit, daß ihr der Diener nicht sogleich den rechten Wein gebracht, Execllenza brauchen heut etwas Stärkendes und so lirß ich mir von dem besten Wein geben, den wir nur im Keller haben. Ich hoffe ^ wird Excellenza gute Dienste thun; und sie blickte dabei voll zärtlicher Theilnahme auf ihre Herrin. Die Fürstin war heute nicht in der Stimmung, sich wie sonst für solch' treue Ergebenheit erkenntlich zu zeigen. Ocffne rasch! sagte sie mit rauher Stimme, denn mir ist's als müßte ich verbrennen. Das Kammermädchen folgte dem Geheiß und ließ einen Theil des Selterwasser in das Weinglas brausen. Die Fürstin griff sogleich nach dem Glase und trank seinen Inhalt in einem Zuge aus. Der Wein hat einen schlechten Geschmack, sagte sie sich schüttelnd. Es ist unser echler Imoriruas Eluisti, der Diener hat es ausdrücklich versichert, entgegnete Enrichetta. lömei'inms Ebi'ioti . . . wiederholte die Fürstin nachdenklich, plötzlich griff sie erschrocken an ihre Brust, stieß einen leisen Schrei aus und mit dem Ausruf: Ich sterbe! sank sie zu Boden. Aufmerksam betrachtete Enrichetta die letzten Zuckungen der bereits mit dem Tode ringenden Frau. In ihrem scharfen, klugen Gesicht zeigte sich auch nicht das leiseste Zeichen von Aufregung über das plötzliche schreckliche Ereignis;, im Gegentheil, schien sie es erwartet zu haben. Ohne sich zu besinnen, machte sie sich mit dem Glase zu schaffen, reinigte es mit einer Serviette sorgsam und goß dann ein paar Tropfen Wasser nach. Sie that das alles so ruhig und mechanisch als ob dies zu ihren täglichen Verrichtungen gehöre. Jetzt streckte sich der mächtige, volle Körper der Fürstin noch einmal aus — ein leises Röcheln und sie hatte aufgehört zu athmen. 53 Das Kammermädchen beugte sich über sie hinweg und warf einen prüfenden Blick vuf die bleichen Züge der Fürstin. Excellenz«, was ist Ihnen? schrie sie in das Ohr ihrer Herrin und als sie keine Antwort erhielt, richtete sie sich in die Hohe und murmelte leise: Sie ist todt. Jetzt schien doch etwas wie ein Schauder über ihren Körper zu rieseln, aber sie wußte sich rasch zu beherrschen und wollte schon aus dem Zimmer eilen, da kehrte sie auf der Schwelle noch einmal um. Da hätte ich bald etwas vergessen, sprach sie vor sich hin und klopfte sich vor die Stirn. Sie hielt den Brief so ängstlich vor mir verborgen, dahinter steckt ein Geheimniß, das muß ich wissen, vielleicht ist es mir von größtem Nutzen und rasch entschlossen trat sie an die Leiche heran, bückte sich über sie hinweg und griff in den Busen ihrer todten Herrin. Wie kalt, murmelte sie, ein wenig zusammenzuckend, dann hatte sie schon den Brief entdeckt und zog ihn triumphirend hervor. Ihre dunklen Augen irrten über das Papier hinweg, um seinen Inhalt zu entziffern. Es war ein sehr langer Brief und die erste Seite erweckte ihr wenig Interesse. Der Vriefschreiber beklagte das Schicksal der armen Fürstin, er habe freilich vorausgesehen, daß sie ihren übereilten Schritt bald bedauern würde. Enrichctta stieß ein höhnisches Lachen aus, sie wollte schon gelangweilt den Brief wieder der Fürstin in den Busen stecken, aber sie las noch einige Zellen weiter und nun wurde sie doch aufmerksamer. Ihre Augen begannen zu sunkeln, die kleinen weißen Zähne kamen zum Vorschein, und sie sah jetzt ein wie zum Katzengeschlecht gehöriges Naubthier aus, das eine Beute in Sicherheit bringt. Nun hab' ich ihn in Händen, nun ist er ganz mein! . . . preßte sie jubelnd hervor und hielt mit dem Ausdruck des größten Triumphes den Brief in die Höhe. Jetzt muß er mich zur Baronin machen, wie er mir versprochen hat, oder — sie sprach den Gedanken nicht weiter aus, verbarg rasch den Brief an derselben Stelle, an der er noch kurz vorher bei der unglücklichen Frau geruht und eilte aus dem Zimmer, schon auf der Schwelle ein lautes Jammergeschrei ausstoßend: Zur Hilfe! O dieses Unglück! die Fürstin! — und sie wies mit allen Zeichen des Entsetzens nach den Gemächern ihrer Herrin, als die übrige Dienerschaft auf ihren Hilfeschrei herbeieilte. Rufen Sie den Herrn Baron, wandte sie sich an einen Bedienten, Excellenz« hat der Schlag gerührt, und dann folgte sie schon wieder den Anderen, um zu ihrer Herrin zurückzukehren, obwohl sie wie gebrochen hin und her schwankte. Fortsetzung folgt.) Im Etsch.Winkel. Von Ernst Reiter. Im leichten, offenen Gefährte, das uns vom Obstmarkt der alten anheimelnden Blumenstadt am Eisack, dem germanischen Florenz, hinwegführte, ging es im wunder- lieblichen Frühmorgen nun hinaus auf die breite Landstraße, dem kleinen, außerhalb Bozen am Fuße hoher Bergwelt gelegenen Dorfe Gries zu, das seines vorzüglichen, vor jedem rauheren Lüftchen behüteten Klimas wegen von Brustleidenden aller Zonen, denen das kostspielige Meran versagt bleibt, hochgeschätzt und erfolgreich besticht wird. In üppiger Thalsohle zieht sich jetzt unser Weg dahin. Im Sonnengold des südlichen Frühlings glitzert hier eine Welt von Thaukrystallen und bietet dem trunkenen Auge märchenhafte zaubervolle Pracht. Es ist, als ob ein mächtiger Geist sein „Werde!" ausgerufen hätte über die Thäler, Hügel und Berge, Wälder und Fluren. Alles lebt und webt und athmet erfrischt, wie nach schwerem Traum neuerwachend. Helles, erfrischendes Grün sproßt da in ungezügeltem Emporwuchern allerwärts hervor zu beiden Seiten der Straße und drüben ragen hoch in den klarblauen reinen Aether des köstlichen Tages die imposant aufstrebenden Dolomiten des weithin die Gegend beherr- schenken Mendelgebirges. Unten im Thale, von reichlichem Busch- unk Baumwerk umrahmt, kaun: oder nur selten dem Auge des Wanderers sichtbar, fließen sanft die Wasser der Etsch dahin und ihr gleichmäßiges Rauschen tönt oft herüber in das lärmende Summen und in die eigenartige Poesie des alten Landstraßenlebens. Zur Rechten streben, den ganzen Fahrweg bis hinein in den Etschwinkel entlang ziehend, die gewaltigen Höhen der Porphyrketten, von dunkelgrünen und tiefschwarzen Tannenwäldern besäumt, empor, nicht selten steil und schroff aufragend in die Lüfte, gekrönt mit sagenhaften Burgen und ruinenhaften Besten. Ueber dem Felsenriß hoch oben kreist ein Geier und schlägt mit mächtigen Schwingen die Luft; der einförmige, wie melancholische Ruf eines Kukuks dringt da in matteren Tönen herab aus dem Walde; die jauchzende, glück- frohe Stimme eines Burschen oder der helle freudige Gegenruf einer Maid klingt wie ein heiteres, eigenartiges Morgengebet aus der freien Menschenbrust. Alles Ungemach von winterlicher Noth und winterlicher Pein ist vergessen; durch die in vollen Zügen wieder athmende Seele zieht ein leises Klingen, ein begeistertes Streben, ein erhebendes, wie berauschendes Fühlen und Empfinden, ein so unbeschreib- bares, beseligendes Gefühl, das so recht im innigen Einklang mit der paradiesischen Natur um uns steht. Dort hoch oben in leuchtender Bläue, malerisch schön, weit auslugend in's wundervolle Land, steht Burg Maultasch, um dessen Wiedergewinn Herzog Stefan, der Bayer, zu kriegerischem Spiel auszog und Oesterreich mit seinen kernigen Mannen überfluthete. Margaretha, des Herzogs Heinrich von Kärnthen, Grafen von Tirol, Tochter, nach diesem Schlosse Maultasch zubenannt, dachte das herrliche Land nach ihres zweiten Gemahls Tode an Bayern, dem sie verwandt, zu übergeben; aber Herzog Stefan hatte es verabsäumt, Heses Vorhaben seiner Schwägerin sich rechtzeitig und rechtsgiltig zu sichern; Margaretha, auch nur ein Weib mit Weibersinn, mit allen Schwächen und Leidenschaften des andern Geschlechts, ließ sich aber von Rudolf, Herzog von Oesterreich, eines weisen Vaters weisen Sohn, die Gunst abschmeicheln und gab schließlich diesam dort oben in der Burg ihrer Ahnen „für sich und sein Haus Erbrecht und Erbrecht-Einsetzung über alle Burgen und Berge, Städte, Schlößer und Dörfer" des wunderbar schönen Landes. Kaiser Karl begünstigte diesen Coup und die aufgestellten Schiedsrichter sprachen im Jahre 1369 den alleinigen Besitz Tirols dem Hause Habsburg zu. Dort oben in jener Burg Maultasch war es auch, wo Margaretha, die keineswegs sonderlich mit den Vorzügen edler Weiblichkeit, auch nicht mit Schönheit und Anmuth vom Geschicke bedacht war, und die durch viele resolute Züge in ihrem Kriegs- und Fehdenleben mehr an das Wilde und Mannhafte eines Söldners jener Tage erinnern mag, anno 1331 mit dem böhmischen Prinzen Johann, einem Bruder des nachmaligen Kaisers IV., vermählt wurde. Wie rauschend und prunkvoll aber auch die Festlichkeiten auf Schloß Maultasch gewesen, welche der fürstlichen Hochzeit zu Ehren stattfanden, die Ehe selbst war keine glückliche und wurde auch schon ein Dezenium später, 1341, durch Ludwig den Bayer getrennt. Heute nistet in dem verfallenen, verwitterten Gemäuer, das aber immer durch die reichen historischen Erinnerungen, die sich an die vormals so stolze Burg knüpfen, dem Reisenden von Interesse sein wird, wildes lichtscheues Gevögel aller Art, nunmehr die Herren des ruhmreichen Gebietes der 1379 zu Wien in stiller Zurückgezogenheit verblichenen einst so streitlustigen und unternehmenden Gräfin von Tirol, über deren Leben wohl eine Fülle sagenhafter Detailgeschichten und Anekdoten zirkulirt. Lustig rollt unsere Kutsche nun wieder dahin. Die farbenprächtigsten Bilder fliehen rechts und links an uns vorüber. Alle süßen Zauber des Frühlings nehmen uns gefangen; wohlige Luft und berauschende Düfte umhauchen uns; wie in ein Eden, in ein hesperisches Land erscheint uns die Fahrt gen Meran, die Fahrt nach dem Nizza und Madeira Tirols. Jetzt taucht ein freundlicher Flecken mit schmucken, hellen Häusern, gefüllten Krippen und wiehernden Rossen davor, .mit ruhenden Fuhrknechten im blauen 65 — kurzen Staubkittel an der Seite des hochbepackten Frachtwagens, mit singenden Wanderburschen mit leichtem Ränzel und leichter Tasche und frischen lachenden Drrnen vor unserem Auge auf. Und der liebe Herrgott in all' seiner unbegrenzten Güte reicht ber jedem Hause mildreich seine Rechte dem Dürstenden freundlich entgegen; er ladet ihn zu einem frischen Trunk Terlaner Weines. Wir sind nämlich in Terlan, dem alt- Lerühmten Terlan, das durch seinen „schiefen" Thurm und seinen weltbekannten tiefschwarzen feurigen Rebensaft, der fast zu neuem Leben erwecken soll, und dem «Fremden, dem Ausländer auch wirklich nur zu glühend durch die Adern kreist, längst genugsam genannt ist. Obgleich böse Zungen behaupten wollen, daß man Terlaner Wein überall auf Gottes schöner Erde trinken darf und soll, nur — in Terlan nicht, so konnten wir doch den Wunsch, das dunkle Traubenblut des niedlichen Oertchens in seiner Heimath selbst zu schlürfen, nicht unrealisirt lassen. Ach, der Wein! Konnten wir denn auch Besseres thun, als dem großen Briten und Menschenkenner, dem Dichter und Philosophen vom Strande Avons Folge geben, der vor drei Jahrhunderten schon den ewig weisen Spruch allen Zeiten kundgethan hatte: „Guter Wein ist ein gutes geselliges Ding und jeder Mensch kann sich wohl einmal davon begeistern lassen." Und die Sonne schien so goldig herein in den gefüllten Glaspokal und wohl auch in unser Herz und Gemüth, daß wir begeistert den Frühling leben ließen, den italischen Frühling, der sich mit solch' wonnigem Wehen über die Lande der Etfch,. den Etfch- Loden und den Etschwinkel gebreitet hatte. Bald auch war nach der Theorie des kreisenden Stoffwechsels in uns ein Theil der stammenden Sonnengluthen des Südens eingezogen; der dunkle Terlaner Wein funkelte aus unseren Augen und Blicken hervor und wir sahen nun die Welt ringsum in weit anderem Kleide: voll Herzensglück und seliger Empfindung, rosig und blühend. Und die schelmische Sage vom „schiefen" Kirchthurm in Terlan ward wieder laut und wir ergötzten uns wohl, im Angesichts dös funkelnden Weines, manche Minute att ihrer ätzenden Schärfe. Einst, vor langer grauer Zeit, sei einmal eine Jungfrau, eine echte rechte, an ihm vorbeigezogen, da habe er sich ehrfurchtsvoll vor ihr gebeugt und geschworen, erst wieder in seine frühere ausrechte Lage, in seine vertikale Richtung zurückzutreten, wenn wieder eines Tages eine Jungfrau, eine echte rechte, zu seinen Füßen vorüberzöge. Seitdem aber sind hundert und hundert Jahre vorübergerauscht; viele hundert und hundert schmucke, blühende Tirolerdirnen haben ihn seitdem gegrüßt; aber noch heute ähnelt der altersgraue hohe Kirchthurm dem oft genannten zu Pisa und droht seiner geneigten Stellung wegen jeden Augenblick in sich zusammen- und über die Landstraße zu stürzen ... ^ Es liegt wohl viel vernichtender Humor in dieser alten Tradition, aber auch manch' ein Körnchen Wahrheit; die Sitten der Aelplerinen, der freien Kinder freier BergeS- höhen, sind und bleiben doch immer wieder ein wenig leichterer, entfesselterer Natur. Und in lustigem Trabe geht es nun wieder vorwärts. Vilpian liegt jetzt da zur Rechten mit seinen reichen Maulbeerpflanzungen, seiner wahrhaft südlichen Ueppigkeit und der echt wälschen Bauart seiner Häuser. Auch hier gab es, just an einem Sonntag war's, in den Wirthsstuben und außen vielbewegtes Leben und frohes, tolles Treiben. Drüben schießen Tiroler Schützen aus der Umgebung nach der Scheibe, und in stolzen Treffern und im kernhasten, weithinhallenden Jodlern thut es ihnen sicherlich Keiner gleich oder zuvor. Auf grüner Fläche lagern im flammenden Sonnenglanze Bursche und Männer in ihrer kleidsamen Tracht, in den grünen Strümpfen, kurzen Knieehosen, !n schneeigen Hemdärmeln oder im dunkeln Spenser, den spitzen, reichbebänderten Filzhut auf dem Haupte. Im Freien, über dein lodernden Flammenherde, brodelt es im Kessel, und der Becher mit feurigem Tiroler wandert umher im fröhlichen Kreise. Einfach ist das Mahl und bescheiden zwar, aber kräftig und markig, gerade wie es Wald- duft und Waldluft rings um sie ist. — 86 — Gargazon, Burg stall und außerdem ab und zu ein kleiner Flecken oder Weiler folgen nun, von denen uns biedere Bursche mit Heller, frischer Stimme herüber- grüßten. Und hoch oben auf felsigen Höhen im Waldesdunkel thronen, bald frei und frank, bald wieder umschattet von dichter, reicher Baumwelt, nur hervorlugend aus tiefstiller Einsamkeit und Abgeschiedenheit, Burgen und Schlösser. Welch unnennbare Zauber wehen da herab aus lichtumflossenem Baumreviere, welch beglückende Poesie aus längst entschwundenen Kindheitstagen; welch reine Herzensseligkeit schimmert da nicht herein in die frühling ersehnende Brust und glänzt und flammt in den unvergeßlichen Farbentönen der Jugendfrische? Jean Paul'sche Tinten ziehen da vor unserem geistigen Blicke her und wie ein goldig Mührlein aus verblühten sonnigen Stunden dämmert es erinnerungsfreudig, wonneberauschend auf vor dem sensitiven Wanderer. In den Wipfeln und Kronen der alten Buchen und Eschen jubilirt es gar lustig von jenen kleinen gefiederten Sängern, denen Frühling und Sommer und die goldigen Tage des Herbstes zu eigen gehören. Auf jedem Blatt, auf jedem wirr hervorragenden Zweiglein scheint das Ehrwürdige von Jahrhunderten zu ruhen. Epheuumrankt streben da und dort die einzelnen Steinwände der verfallenden Burgen in das reine Blau des Himmels, während unserem Geiste wohl eine weitentrückte fremde bunte Welt, den Tagen des minniglichen Nitterthums entspringend, ersteht. (Schluß folgt.) M i s e e l l e,t. (Wie man einen Trunkenbold curirt.) Der k. mexikanische Cavallerie- Officier Theodor Wachlig erzählt in seinen „Wanderungen in Mexiko" folgende Episode: „Eine eigenthümliche Strafart sah ich einst bei einer indianischen Freiwilligenschaar. An einem Indianer, der sich dem unverbesserlichen Trunke ergeben, sollte ein Exempel statuirt werden. Zu diesem Behufe formirte die Truppe ein Carrs, in dessen Mitte der Delinquent unter einem heillosen Lärm von Trommeln und Trompeten geführt wurde. Drei Cabos (Korporale) stellten sich ihm zur Seite, der eine hielt einen großen Krug Seifen- wasser in der Hand, die beiden anderen waren mit elastischen Stöcken bewaffnet. Der Commandant hielt eine kurze, kernige Ansprache an die Truppe und verurtheilte schließlich den Trunkenbold zu dem Kruge Seifenwassers, den er bis zur Neige zu leeren hatte. Der Delinquent, dem noch ganz katzenjämmerlich zu Muthe war, that angesichts der drohend emporgehobenen Stöcke einen herzhaften Schluck aus dem verhängnißvollen Kruge, dann wurde abwechselnd getrunken, geblasen, getrommelt, gebrochen und geprügelt und die jedesmaligen empfindlichen Prügel halfen dem Verurtheilten über den furchtbaren Eckel hinweg, den in ihm der ungewohnte Trank erregen mußte. Man sagt mir, der Indianer wäre seit jener Zeit in Folge der originellen Kur der nüchternste Mensch geworden." (Nach dem Examen.) A.: „Also sie haben Dich wieder durchplumpfen lassen?" — B.: „Na, das war auch kein Kunststück! Geben die mir dieselben Fragen, die ich voriges Mal schon nicht wußte!" (Selbstschätzung.) Ein Liebhaber schickte seiner Geliebten sein Porträt milder Post. Da er nun fürchtete, daß das Porto sonst zu hoch kommen würde, schrieb er auf die Adresse: „Muster ohne Werth." Ein geistreicher Mann wurde wegen einer sehr schönen Frau gefragt, wie sie ihn anspräche. „Sie hat mich sehr angesprochen, als sie mich noch nicht angesprochen. Seit sie mich angesprochen, spricht sie mich gar nicht mehr an," war die ruhige Antwort. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Jnstitus von Dr. M. Huttlcr. zur Ängsbilrger Poshcitmlg." Nr. 8. Mittwoch, 28 . Julk 1880. Gmiestc, wo? du hast, als cb du heute Heck stcrbcn selltest! aber spar' es auch, LU l,k du ewig lcblcst. Ter allein ist weise, Ter lnüi? cinacderk, im Lparcn zu Etniistiu, im Ermaß zu spa:rn weist. Wielaud. Dev Aerr Baron. Novelle von Ludw i g H abich t. Als die Diener die Fürstm am Boden ausgestreckt fanden und ihr Aussehen deutlich verrieth, daß sie bereits eins Leiche sei, blieben die Meisten scheu an der Thür stehen, nur Enrichetta eilte wieder aus die Todte zu, kniete vor ihr nieder und bedeckte ihre weiße, kalte Hand mit Küssen, während sie dabei beständig das große, furchtbare Unglück bejammerte, so plötzlich ihre theure Exccllrnza verloren zu haben. Wenige Minuten später erschien der Baron. Er hatte heut, seltsam genug, noch nicht seinen gewohnten Ausflug unternommen. Kaum war er der Leiche seiner Gemahlin ansichtig geworden, da stürzte er mit ausgebreiteten Armen auf sie zu: O, meine Car- lottn l Du darfst nicht todt sein l Es ist ja nicht möglich! Meine Liebe wird Dich zu neuem Leben erwecken! und in wilder Verzweiflung warf er sich über die Tode hinweg und bedeckte ihren bleichen Mund mit seinen Küssen. Enrichetta hatte sich bei der Ankunft des Barons erhoben und war scheu zur Seite getreten, als wolle sie vor dem größeren Schmerz des Gatten zurückweichen. Die hier versammelten Leute wußten wohl, daß ihr Herr mit seiner Gemahlin nicht auf dem zärtlichsten Fuße gelebt; aber die Dienerschaft in einem großen Pariser Hause ist an solche vornehme Ehen gewöhnt und der Tod hat dann doch eine versöhnende Kraft, trotzdem hätte man nicht erwartet, daß der gnädige Herr die Sache gar so tragisch nehmen würde und die leicht erregbaren Franzosen, aus denen die übrige Dienerschaft bestand, bewunderten aufrichtig den tiefen, grenzenlosen Schmerz des Barons und wurden von diesem leidenschaftlichen Erguß mit fortgerissen. Die weibliche Hälfte begann heftig zu weinen, während die Männer sich mit kurzen, schmerzlichen Ausrufen begnügten, daß die herrliche schöne Frau vom Tode so plötzlich hinwcggerafft worden. Ach, sie erwacht nicht mehr! Sie ist von mir geschieden, ohne mir Lebewohl gesagt zu haben, rief der Baron klagend aus, und indem er liebkosend über das Haar der Verblichenen strich, griff er nach seinem Taschentuch, um die reichlich hervorstürzenden Thränen zu verbergen. Carlotta, o meine einzige Carlotta, Du nimmst auch von mir das Leben hinweg! . . . und er beugte sich vom Neuem über die Todte und starrte mit allen Zeichen der Verzweiflung in ihr bleiches Antlitz. Die Dienerschaft wagte ihren Herrn in dem Ausbruch seines Schmerzes nicht zu stören, der sich jetzt erhob und mächtig mit der Frage auf Enrichetta zutrat: Wie ist 58 das so plötzlich gekommen? Die Fürstin erfreute sich ja stets einer blühenden Gesundheit und ich hatte gehofft, das herrliche Weib noch lange zu besitzen. Jetzt erst, nachdem ich sie verloren, weis; ich ihren Werth völlig zu schätzen, und er warf einen schmerzlichklagenden Blick auf den stattlichen Körper, der noch jetzt im Tode und in dieser Stellung seine vollen üppigen Formen ganz besonders zeigte. Excellenz« war über eine Kleinigkeit in große Aufregung gerathen, berichtete En- richctta mit großer Zungenlüufigkcit und einem so treuherzigen Gesicht, daß an der Wahrheit ihrer Worte Niemand zweifeln konnte. Sie forderte einen Tropfen Wein und eine Flasche Selters, um ihr Blut ein wenig zu kühlen. Ich wagte Excellenz« davon ab- zurathen, da in ihrer Verfassung ein kalter Trunk sehr leicht gefährlich werden könne, aber sie wollte davon nichts wissen und wurde ungeduldig. Ich mußte ihr das Geforderte bringen, obwohl ich gleich in Sorge war. Sie trank das Glas in einem Zuge. Ach, wie das wohl thut, sagte sie und sie setzte lächelnd hinzu, da siehst Du Närrin, daß es keine Gefahr damit hat. Wie könnte denn ein Glas Wasser schädlich sein? Ich durste nicht widersprechen. Excellenz» ging mehrmals im Zimmer auf und ab, plötzlich blieb sie stehen, klammerte sich mit der Linken an den Tisch während sie die Rechte auf ihre Brust drückte und sie rief klagend aus: Wie wird mir? Mein Herz droht mir zu zerspringen. Am Ende hast Du doch Recht gehabt! O Du treue Seele, warum habe ich nicht auf Dich gehört! Mein Gott — es wird Nacht! und mit einem lauten Schrei, ehe ich noch hinzuspringen konnte, sank sie zur Erde. Ich stürzte sogleich hinweg, um Hilfe herbeizuholen. -— O meine Excellenz«! So rasch mußte sie ihren Tod finden! und Enrichetta bedeckte das thränenüberströmte Antlitz mit ihrer Schürze. Bei der Erzählung des Kammermädchens zuckte ein tiefer Schmerz über das Antlitz des Barons. Mit thräncnerstickter Stimme brachte er jetzt mühsam hervor: Ich danke Dir, Enrichetta, Du hast meiner theuren Gemahlin den letzten Liebesdienst erwiesen, ich werde desselben dankbar eingedenk bleiben. Enrichetta nahm rasch die Schürze vom Gesicht, ihre dunklen Augen blitzten eine Sekunde freudig auf, ein eigenthümliches Lächeln huschte um ihre Lippen, das rasch wieder verschwand und sie entgegiiete leise und demüthig: Sie sind sehr gütig, gnädiger Herr Baron. Ich weiß, wie treu Du Deiner Herrin ergeben warst, fuhr der Baron mit großer Wärme fort: und für solche Treue hab' ich ein gutes Gedächtniß., Er kehrte sich nach diesen Worten um und als er jetzt wieder der Leiche seiner Gattin ansichtig wurde, überwältigte ihn die Verzweiflung von Neuem so furchtbar, daß er laut jammernd zusammenbrach und sein Gesicht in den Kleidern der Verstorbenen barg. Dann winkte er mit der Hand, zum Zeichen, daß er mit seiner todten Gemahlin allein sein wollte. Die anwesende Dienerschaft verstand ihn und entfernte sich leise, Enrichetta war die Letzte, die hinausging, ein triumphircndes Lächeln spielte um ihren Mund, Suche immer, Du wirst den Brief nicht mehr finden, dachte sie und durch ihr Gehirn zuckten lausend unruhige Gedanken. Kaum hatten die Leute das Zimmer verlassen, als der Baron sich erhob, sorgfältig die Thür verschloß und dann an den Schreibtisch der Fürstin eilte, um jedes Fach hastig zu durchwühlen. Wohl fielen ihm eine Menge Briefe in die Hände, aber er legte einen nach dem anderen enttäuscht bei Seite. Nirgends konnte er entdecken, was er suchte. Auch das geheime Fach, das er rasch gefunden, enthielt nichts als einige kostbare Schmucksachen, die er sofort in seine Tasche gleiten ließ. Ungeduldig und enttäuscht warf er sich in den Lehnsessel, der vor dem Schreibtisch stand, stützte den Kopf in die Rechte und sann einige Augenblicke nach. Seine Blicke irrten gleichgiltig über den prächtigen Marmor hinweg, der sich ihm zeigte und spähten nur gierig nach dem vcrhängnißvollen Briefe, der noch immer seinem eifrigen Forschen entging. Als auch hier seine Hoffnung zu Schanden wurde, stieß er leise eine Verwünschung aus und sein Gesicht verfinsterte sich. Sie muß den Brief des trafen sorgfältig aufbewahrt haben, aber wo? murmelte er vor sich hin und blickte sich dann überall im Gemach um. Vielleicht hat sie ihn im Schlafzimmer irgendwo versteckt, grübelte er weiter und ohne Besinnen eilte er dahin, um auch diesen Raum sorgfältig zu durchspähen. Je mehr sich der gesuchte Gegenstand seinem Forschen entzog, je mehr erhielten seine Augen, sein ganzes Wesen etwas Naubthierartiges. Eine fieberhafte Hast bemächtigte sich seiner, er durchwühlte das Bett seiner Gemahlin, jeden Schrank, in allen Winkeln spähten seine unr rkHig funkelnden Augen umher, aber ohne Erfolg. Völlig erschöpft ließ sich der Baron auf die kostbare Lagerstätte der Fürstin niedersinken und den Kopf vornübergebeugt, verharrte er einige Sekunden in völliger Abspannung. Plötzlich blitzte ihm ein Gedanke durch das Hirn — Sollte Enrichetta? — er vollendete nicht und sprang wieder auf. Nein, nein, sie hat davon keine Ahnung, denn ich hab' sie zu sorgfältig ausgeforscht, — aber sie ist kühn und verschlagen, sollte sie doch? — Pah, keine Furcht! ermähnte er sich selber und warf den gesenkten Kopf wieder rasch entschlossen in den Nacken. Ich werde schlimmstenfalls auch mit dieser Dirne fertig werden, und sein Gesicht wieder in schwermüthige Falten legend, ging er in seine eigenen Gemächer zurück. Doktor Bernard hatte noch einmal Gelegenheit, das weiche, warme Herz des Barons zu bewundern. Er war von dem verehrten Freunde sofort in den Palais dcr Fürstin gerufen worden, um die Todesart dcr unglücklichen Frau festzustellen und augenblicklich erschienen. Der Baron stand an der Leiche seiner Gemahlin, bleich und regungslos, ein Bild des tiefsten, grenzenlosesten Schmerzes, als der Arzt eintrat. Erst auf die Anrede des Doktors kam etwas Leben in die düster, schwermüthigen Züge. Vloomhaus warf sich sogleich an die Brust des Franzosen und rief mit weicher, klagender Stimme aus: Ah, wie danke ich Ihnen, theurer Freund, daß Sie gekommen, ich bcdadf des Trostes, denn ich habe keine Thränen mehr.' Mein armer, verehrter Freund wie beklag ich Sie, Sie haben in der That einen entsetzlichen Verlust erlitten, aber wie ist das so rasch .und urplötzlich gekommen? setzte Bernard hinzu. Die Fürstin war ja voll Leben und ^Gesundheit, der ich prophezeit hätte, daß sie es auf achzig Jahre bringen müsse und der Doktor richtete sogleich seine Blicke auf die Leiche, die inzwischen auf einem Ruhebett Platz gefunden hatte. Sie haben die Verewigte gekannt und Sie allein können meinen Schmerz ermessen, begann der Baron von Neuem und stieß einen tiefen Seufzer aus. Sie haben Recht, begann der Franzose sogleich mit großer Lebhaftigkeit und wandte sein Gesicht wieder dem Baron zu. Die Fürstin war ein herrliches Weib, die ich aufrichtig bewunderte und wie wurden Sie von ihr geliebt? Was sag' ich, geliebt? Angebetet, vergöttert. So hat noch nie ein Mann das Herz einer Frau zu bewegen gewußt, wie Sie und doch, es ist so natürlich. Ein volles hingebendes Herz kann in einer verwandten Brust ein solches Echo wecken. Wie danke ich Ihnen für das glänzende Lob, das Sie meiner Gattin ertheilen; aber kommen Sie hierher, ich will Ihnen alles erzählen, wie das Unglück so plötzlich und gewaltig über mich hereingebrochen — und er zog den Doktor in einen anderen Winkel des Zimmers, nöthigte ihn Platz zu nehmen und ließ sich dann auch, wie völlig gebrochen, in den nächsten Lehnsessel nieder. Nun erzählte er dein aufmerksam zuhörenden Arzte mit großer Ausführlichkeit, auf welche Weise seine verehrte Gemahlin sich ihr rasches, plötzliches Ende zugezogen habe. Das ist freilich eine bedauerliche Unvorsichtigkeit, die schon Manchem das Leben gekostet hat, bemerkte Doktor Bernard und wollte sich wieder der Leiche der Fürstin nähern, aber der Baron wußte ihn zurückzuhalten und sprach mit seinem verehrten Freunde so zutraulich, daß dieser dadurch völlig gefesselt und von dem eigentlichen Gegenstände seines Besuches abgezogen wurde. Mit großer Wärme und Dankbarkeit erinnerte sich 60 der Varon an ihr erstes Zusammentreffen in Sorrent, an die wichtigen Dienste, die ihm der theure Doktor damals geleistet und er sprach die Hoffnung aus, den lieben Freund nun öfter bei sich zu sehen, um mit ihm über die Verewigte plaudern zu können. Doktor Bernard wurde von Neuem von der Liebenswürdigkeit des Barons völlig Lezaubert. Als er endlich sich an seine Pflicht erinnerte und noch einmal zu der Leiche trat, war die Dämmerung schon hereingebrochen. Der Baron wich auch jetzt nicht von seiner Seite und sich vertraulich auf seine Schulter lehnend und den Arm nach der Fürstin ausstreckend, sagte er mit tiefbewegter Stimme: Ist es nicht grausam theurer Freund, ein solch' herrliches Weib zu verlieren? Die Blicke des Arztes ruhten bewundernd auf der vollen üppigen Gestalt, deren schwellende Formen deutlicher als je hervortraten. Ein Meisterwerk der Schöpfung ging hier zu Grunde. Kommen Sie, lieber Doktor, ich kann ihren Anblick kaum ertragen, es bricht mir das Herz und doch zieht es mich immer wieder zu der theuren Verblichenen hin — und der Varon ergriff mit diesen Worten den Arm des Arztes und führte ihn ohne Weiteres hinweg. Auf den Wunsch des Barons stellte Doktor Bernard nunmehr den Todtenschsin aus, einen Herzschlag bestätigend und dann schieden die beiden Freunde in der herzlichsten Weise von einander. Das Begräbniß der unglücklichen Frau fand mit großer Feierlichkeit statt. Der Baron ließ es an keinem Glanz fehlen und spielte die Rolle des tiefgebeugten Leidtragenden mit solcher Wahrheit, daß Niemand daran zweifeln konnte, er betrauere den Verlust seiner Gattin tief und aufrichtig. Man war voll Bewunderung für den zärtlichen Gatten und Doktor Bernard besonders verkündete überall die Herzensgröße seines verehrten Freundes. Auf dem Kirchhofe Du Montparnasse hatte die Fürstin ihre letzte Ruhestätte gefunden und was Niemand für möglich gehalten hätte, der Baron fuhr täglich auf den Kirchhof und verweilte dort längere Zeit. Er war überhaupt seit dem Tode seiner Gattin völlig verändert, mied plötzlich alle Gesellschaften, jeden Verkehr mit seinen früheren Freunden und schien sich für immer in die Einsamkeit xergraben zu wollen. (Jortsttzung salzt.) Im Etsch.Wt«r-r. Bon Ernst Reiter. (Schluß.) Welch ein überwältigender Anblick wird jetzt unseren Augen! Das Malerische Becken von Meran, der echte „Etsch-Winkel", dehnt sich da vor unseren Blicken aus! Im weiten leuchtenden Umkreise nichts als höher und höher strebende Bergzüge, Wälder und Burgen- und dort, ein breites Silberband, die Etsch, tausend Hütten und Höfe, verstreut und verbunden, vereinzelnt und vereint, winzige Menschen, Gcthier und Gefährt, Sonnen- gold und Frühlingswehen darüber, die blaue Kuppel des Himmels, millionenfaches Glitzern und Leuchten, Funkeln und Blühen und Keimen und überreiches Sprossen! Die Lahn- bcrger-, die Drcn-Spitz, der hohe Muth, die Röthel-Spitz, das Spitzhorn, die Gurgler-, ferner ini Hintergründe die Algunder Höhen, die Vintschganer Berge; — nichts als Berge und hohe Burgen ringsum! Wie ein Perlenregen liegen da mehr als zwanzig Besten v.nd Schloßruinen rings verstreut stn blauen Duft der Weiten. Und die Luft in diesen Stunden dxs jungen Lenzes, in diesem Blüthenrausch des Königs Frühling, sie ist wie ein zarter, verschwimmender, durchsichtig-feiner, würziger Hauch halkponischer Tage! Und in scharfen reinen Lienien zeichnen sich am dunkleren Plan der Waldpartien ab; Schloß Tirol, das dem Lande den Namen gab und der früheste Sitz der Fürsten war, Dürnitein, Lebenberg, die reizende Brunnenburg, Schönna, des einstigen deutschen „Reichs- 61 Verwesers", Erzherzog Johann's-Burg, die Plata-Vurg, Zeno- und Frags-Burg und manche andere wohl, deren letzte Ueberreste uns Sagen und inhaltreiche Märchen erzählen könnten. . Zum alten Thorthurm ziehen wir ein. Die reißende Paffer rauscht unten, zwischen ihren hohen Steinwänden, weißschäumend auf und spritzt den schneeigen Gischt empor, um in glanzvollem Schimmer leuchtender Sonnengluthen in hundert und hundert kleinen Regenbogen zu brilliren. Auf altklassischem Boden stehen wir nun wieder; denn im achten Säkulum nachchristlicher Zeit stand ja, wie bekannt, die römische Mansio Maja an der Stelle des heutigen Meran. Em Bergsturz soll die bedeutende Latinerstadt verschüttet, vernichtet haben. Heute ist es ein gar kostspieliges Pflaster, auf dem man an der Passer wandelt, und die Trauben hier hängen nicht nur im Herbste ziemlich hoch — die Trauben, welche Brustkranke aus dem Norden heilen sollen — sondern auch im Frühjahre, in den schönen Tagen der Molkenkur. Die Trauben hoch und die Säckel tief: denn in Meran lebt sich's nur, wie allerdings anderwärts auch, mit vollen Taschen leicht und lustig, doch auch wieder nicht für jene Bedauerns- oder Beneidenswerthen, denen der unerbittlich; Ausspruch des Arztes ein „Unheilbar", freilich wohl nur unausgesprochen, zum Willkomm entgegenbringt. . . . Wie oft greift Einem da doch der Anblick einer solch sylphidenhaften, wahrhaft ätherisch zarten Frauen- oder Mädchengestalt so recht tief ins Herz, der Anblick einer jener traumhaften mondscheinartigen Figuren, die z. B. Paul Heyse, der poetische Verherrliche! des „ Burggrasenböden" in seiner Tagebuchblätter-Novelle „Unheilbar", in so ergreifender plastisch lebendiger Weise zu zeichnen verstanden hat. . . . Dort auf der „Wassermauer", dem breiten starken Damme, welcher den Meraner Kurgästen als Promenade dient, sieht man wohl täglich, wenn die wohligen Sonnenstrahlen Herablächeln auf den vielbesuchten Plan, eine junge Britin, welche in ihrem stillen Wesen der echteste Ausdruck, der wahre Typus jener Leidenden ist, denen selbst die milden, heilkräftigen Lüfte des Etschwinkels nimmer die Genesung zu bringen vermögen. Wie tansparent fast erscheint da im goldigen Tagesschimmer der alabastergleiche Teint des madonnenhaften Mädchens mit den hellen, wunderbar schönen, in den feingezeichneten Nacken-fallenden Flechten. Welche Hoffnungen und Erwartungen führten sie und die Ihren aus der nebelumschleierten Insel nicht herüber nach dem Festlands, in das vielgerühmte Thal? Verräterisch aber schleicht sich ein heimtückisches Rosenpaar auf die bleichen Wangen der Miß, als wolle es die hoffnungsfreudigen Worte desselben zerstören für immer. Und doch, wie erfrischt und beglückt doch das Auge und das Herz, den Sinn und das kranke Gemüth die Fülle entzückender Bilder, die herrliche Welt um Meran! Und unter den „Jauben", den Bogengängen der alten, schmalen, giebeligen Häuser der einstigen stolzen Hauptstadt Tirols drängt sich alles geschäftliche Leben zusammen. Da erstehen uns dann nicht selten die prächtigsten, kernhaftesten Gedanken, Bursche wie Mädchen, Männer wie Frauen, die oft geradezu ein Schimmer von klassischer Schönheit umfließt. Südliches Feuer entströmt den tiefschwarzen großen Augen der Weiber, das den Gluthen einer Römerin entlehnt zu sein scheint, während dunkle, glattgescheitelte Flechten das in braunen Tönen verfärbte scharfgezeichnete Antlitz umwallen, über welches sich zuweilen ein geist- bewegtes Lächeln bewegt. Ein unbewußter, aber verführerischer Reiz ruht über den mehr schlanken edlen Figuren, und mag auch Kleidung und Gewandung noch so einfach und schlicht sich weisen, immer tritt uns aus dem Wesen, wie es sich in seiner Gesammtheit gibt, ein herrlicher Menschenschlag entgegen, aus dem sich wohl schon unsere ersten Künstler nicht die geringsten ihrer Genresiguren geholt haben mögen. Kaum werden sich uns aber wohl freundlichere Bilder bieten, als die es sind, welche die dem reinsten italienischen Typus zuneigenden Frauengestalten zur Zeit der Traubenreife in den üppigen Wcinlauben schaffend, vor unsere Blicke zaubern, wenn dann in späteren Tagen durch das saftgrüne dichte Laub des Geländes, über die dunkelblaue Traube hin, der Gold- strahl der scheidenden Abendsonne schimmert und die schönen Züge der Meranerin erleuchtet unv verklärt. . . . Alle seligen Erinnerungen an die Tage eines süßen Dahin- träumens in den Sabinerbcrgcn, in Albano oder dem Künstlerheim Olevano erwachen vielleicht da wieder und stimmen die Seele heiter. Auf den Höhen des wein- und rebcnrcichen Küchclberges oben, über den uns ein breiter sommerüber gar schattiger Weg nach Schloß Tirol führt, regt sich auch bereits freudigstes Leben. In dichten Schwärmen sitzt da auf Baum und Strauch und den arkadenhaften Pflanzungen ein Hee^ von jubi- lircndcm Gevögel, das den neucrwachten Frühling, sein Lied verkündend, hinausschmettert in die lauen, würzigen Lüfte. Still liegt's drüben in Schonna, um die im gothischen Styl erbaute Gruftkapelle des Herzogs Johann von Oesterreich, den sie darein zu ewigem Schlummer gebettet haben. Frei schaut der prächtige, edle Bau hinab ins sonnengoldne Thal, weithin m die Ferne, den ganzen Etschwinkel überfliegend. Wie oft stand der menschenfreundliche Fürst nicht hier oben in seiner Burg, außen auf der Altane des Waffensaales, die einen so unbcschrcibbar schönen Ausblick über das ihm so theure Meran gewährt, seiner biederen Tiroler freudig gedenkend, die er mit seinen Steierern ja so ganz in fein Herz eingeschlossen hatte. Die Kapelle, ein Meisterwerk der neueren Architektonik, aus massivem, glatt polirtem Jsfingcrstcin erbaut, erscheint mit ihren zahlreichen schlanken, durchbrochenen Thürmchen und Spitzen wie ein hingehauchter Gedanke, der der Verwirklichung und Ausführung noch harrt, so voll Duft und poetischem Zauber strebt das kleine Gotteshaus in den Aether empor. Und dort in einem blüthenprangenden Garten, der ein freundlichhelles Landhaus umgibt, schreitet die kicsbestreuten Pfade entlang im lustigen Hauskleids die edelschöns Gestalt eines Mannes, aus dessen leuchtenden Augen und geistbelebten Zügen uns wohl sofort ein hervorragendes bevorzugtes Erdenwesen entgegentritt. Ist auch der Vollbart, welcher das bedeutende Antlitz umrahmt, schon ein wenig gebleicht und von feinen Silberfäden durchzogen, so spricht doch aus eben diesen leuchtenden Augen eine noch warm- cmpfindendc Seele, Gemüth und Fühlen, das uns noch zu mancher bedeutenden Schöpfung des nahezu Sechzigjährigen vollauf berechtigt. Ob zwar der Name unseres Poeten, der hier auf seinem, der Stille und Einsamkeit geweihten ländlichen Gute dem Glück der Ehe und den Musen lebt, nunmehr selten hinaus auf den rauschenden Markt des Lebens dringt, so war doch gerade er es, welcher vor ungefähr drei Dezennien diesen Namen aus dem Munde dcS ganzen Deutschlands vernehmen konnte. Seine lyrisch-epische Dichtung „Amaranth", obgleich in eine politisch bewegte Zeitperiode gefallen, verstand es doch, wie seither wenige poetische Werke, namentlich durch eine wunderbar melodische Spräche allüberall zu fesseln und zu siegen. An der Seite seiner „Amaranth", die jedoch im bürgerlichen Leben den Namen Freiin Mathilde v. Redwitz führt, fließen dem Dichter jetzt die schönen Tage im Etschwinkel, zu Meran, dahin, und nur ab und zu unterbricht der Besuch eines fahrenden Jüngers diese Stille im trauten Heim des sinnigen Träumers. Und wieder umfangen uns andere Kreise, andere Zirkel. Dort, wo sich hinter den reizenden, im süßen Zauber des neucrwachten Lenzes duftenden Gärten und Parks, die reichen Villen zu Ober-Mais gegen die Steige, welche in den prächtig bestandenen Hochwald und nach dem majcstätischcipJffinger führen, hinziehen, dort lugt aus dunklem schon saftvollem Grün graues Gestein fürwitzig hervor, zu dessen Füssen sich dann späterhin eine Welt von Nebengebäuden, von Weinlauben, ausdehnt. Sagenhaft und stille liegt's hier über dem Grunde; kaum daß man das leise Rauschen des flüssigen Bergwassers , das leichte Mispeln der Baumkronen ringsum vernimmt oder das liebe- crschueude Lied- eines vereinsamten Waldvogels, der hoch oben im Geäste trillert. Nur die hellen Sonnenstrahlen tändeln über die grünen sprossenden Blätter hin und wehende Schalten fallen übcrs Gezweige. Und drinnen erst, in den zum Theil noch erhaltenen Räumen des alten Schlosses Wie weht einem da der Athem verrauschter Jahrhunderte, vergangener Geschlechter entgegen! In manchem Gemache entziffern wir noch die, wenn auch arg verblaßten Wandmalereien, soweit dies die zierliche, aber nur mehr hie und da erhaltene Holztäfelung zuläßt. Die Dielen und die scheibenlosen bleigefaßten hohen Fenster haben wohl am meisten von den Stürmen der rauhen Bergwetter gelitten. In einer der besser erhaltenen Stuben zeigt ein Freskobild über dem Eingang den mythischen Vogel Greif mit mächtigen Tatzen und mächtigem Schnabel, links ihm zur Seite steht ein schmucker Troßbube, rechts ein buntgeschmücktcr Mohr, wohlbewehrt, mit Speer und Wappenschild, Beide als Symbol der „Greifenburg", wie das Schloß einst benannt war. Wunderliche Geschichten mußte der alte Hüter des verfallenden Baues zu erzählen und vor unserem geistigen Auge schwebten lange noch Gestalten und Schattenbilder aus den längst verwehten Tagen feudaler Willkürhcrrschaft, unter denen jene stille blonde Maid, Edeltraut mit Namen, wohl kräftigstes Leben gewann. Von dieser Ruine, der heutigen Ptantaburg, weiß auch in seinen den Lokalten so treu bewahrenden „Meraner Novellen" der Meister des Styls, Paul Heyse, uns zu berichten und farbensprühend, farbenglänzend erstehen uns die Figuren seiner regen Phantasie in den herzergreifenden, dramatisch so belebten Ueberlieferung: „Der Kinder Stind e der Vater Fluch." Zum Scheiden senkt sich die Sonne hernieder und vergoldet noch einmal die Berge und die Wellen des Flusses und die Burgen und das nahe Blatt am Baume oben. Aus Obermais und Meran klingt herüber in die stille Abendlandschaft, harmonisches Geläute der Kirchenglocken, das sanfte Singen eines fröhlichen Mädchens, das Jauchzen eines sreudigbewegten Burschen, die wohl Beide außen noch schaffen und fördern. Ueber Hügel und Höhen ruht weicher violetter Zaubcrduft und ein leises Summen durchzieht das All' der Natur, ein trautes Sehnen, ein süßes Beglückscin! (Poster Lloyd.) Schon ziemlich lange mag es sein, Man zählte just das Jahr, Als noch die alte Redlichkeit In Deutschland üblich war. Die Münchener Bierbcscha«. Doch wie hier unterm Moudenschein Auch gar nichts kann besteh», Und sich die Welt nur iiumcrjort Im Kreise pflegt zu drehn: Nun damals galt in München auch Ein hergebrachtes Recht, Wie man das neue Bier beschaut: Der Brauch war gar nicht schlecht. Es kam die aufgeklärte Zeit Und die war dünn und karg, Und mit der deutschen Redlichkeit Wars l«ng nicht mehr so arg. Drei Männer sandte aus dem Rath Die Münchener Bürgerschaft Zum Bräuer, ob das sänge Bier Geerbt des alten Kraft. Und matt und dünn und ausgeklärt Ward da das Bier halt auch, Und somit »ahm ein Ende dann Der alte schöne Brauch. Ihr meint, die Herren aus dem Rath Die tranken nun aus Pflicht; Das mag die Sitte jctzo sein, Doch damals war sie's nicht. Sie goßen's auf die Bank sein aus Und setzten drauf sich frei, Und kleben mußte dann die Bank, Erhoben sich die drei. Sie gingen drauf mit selber Bank Von, Tische bis zur Thür, Und hing die Bank nicht steif und fest, Verrufen war das Bier. Vielleicht, das; Gerst und Hausen man Zu wenig heute pflegt; Vielleicht auch, daß von; Pfennigkraut Zu viel hinein man legt. Doch wird noch von der Bürgerschaft Der alte Brauch geehrt, Nur hat sie ihn, wie andres auch, JnS Gegentheil gekehrt. , An ihnen klebt die Bank nicht mehr, Drum kleben sie an ihr Und sitzen drauf wie angepicht, Als wär's das alle Bier. Und wer den Krug zum Munde führt, Der setzt ihn nimmer ab, Bis er den letzten Tropfen hat Gebracht ins sichre Grab. Guido Görres. 64 — M i s e - l l e n. (Ein Roman in sechs Ziffern.) Ich genoß, so erzählte ein bekannter geist reicher Mann in der „Züricher Post", eben im Berner Oberlande die herrlichen 123456 „Ah," sagten die Dorfschönen, „dem ist es gewiß um's 132456, sonst wäre er nicht von 1236 hierher gekommen." Bald fing in einem der hübschen Mädchenköpfe ein lieblicher Gedanke an zu 324156. . „Bin ich nicht 124653 als manche Andere?" sagte sie zu mir, „13245 mich!" Ich stand wie auf 24536, denn ihr 54123 war mir sehr peinlich. Wenn ihre Worte auch ziemlich 1324 sein mochten, so war ihr Herz doch gewiß 3246. Wie gerne hätte ich ihre Rede mit einem goldenen 3241 erwidert, aber meine Pflicht gebot mir, schnell abzubrechen. „642", antwortete ich schmerzlich, „denn ich habe schon 2465." Wer kann diesen Roman lesen? (Ländlich, sittlich.) Wenn eine japanesische Dame die Liebe eines Galans erwiedert, so färbt sie die Zähne schwarz. Das höchste Liebeszeichen aber ist das Ausraufen der Augenbraunen, das sich die Liebenden auf den Hoch^itstag verspüren. — Bei einigen tscherkessischen Stämmen ist es Sitte, die 11jährigen Mädchen in eine frische Hirfchhaut zu nähen, die sie so lange auf dem Körper tragen müssen, bis der Bräutigam, den sie finden, die Haut mit seinem Dolche auftrennt. Dies Mittel wird angeblich benutzt, um die Schönheit zu befördern. (Mir nichts dir nichts!) In einer kleinen Stadt sollte zu Gunsten der Gemeinde eine seit langen Jahren bestehende Sparkasse aufgehoben und unter die Contri- buenten vertheilt werden. Die Administratoren dieser Anstalt hatten indeß so gehaus- haltet, daß nach Abzug der Verwaltungskosten Nichts in der Kasse übrig blieb und Null für Null aufging. Ein Spottvogel ließ bald darauf in die Zeitungen einrücken: „Unsere Sparkasse, die seit dem Jahre 1831 ordentlich verwaltet wurde, ward gestern unter die sämmtlichen Interessenten mir nichts dir nichts vertheilt." Ein irischer Bauer kam zu seinem Pfarrer und theilte ihm voller Angst mit, er habe einen Geist gesehen. „Wann und wo?" fragte der Geistliche. „Vergangene Nacht, als ich bei unserer Kirche vorbeiging, bemerkte ich das Gespenst an der Mauer." „In welcher Gestalt erschien es?" „In der Gestalt eines großen Esels." „Jh^scid ein furchtsamer Mann und seid vor Eurem eigenen Schatten erschrocken." (Ein guter Kopf.) Maier: „Herr Pfarrer, was soll ich doch aus meinem Loren; machen? Ich möchte ihn gerne studiren lassen." Pfarrer: „Hat er auch einen guten Kopf." Maier: „O, einen recht guten Kopf, denn er ist schon drei Mal unsere Stiege heruntergefallen auf den Kopf, und es hat ihm nichts gethan." (Unterschied.) „Herr Kollege," sagte ein witziger Doktor der Rechte (Advokat) zu einem Doktor der Medizin: „Was glauben Sie, was für ein Unterschied zwischen mir und Ihnen ist?" — O!" versetzte dieser, „das ist einfach, — die Doktoren der Medizin machen kurze — und die Doktoren der Rechte lange Prozesse." (Der gekränkte Vater.) „I, mein lieb's Bierl, was is denn dös, daß du mich intern Tisch wirfst? Hab' i' dir was 'than? Kennst mi' denn nimmer? I' hab di' ja selber braut!" „Albert!" — „Gnädiger Herr?" — „Wecken Sie mich morgen früh um 4 Uhr, ich muß um 5 Uhr verreisen." — „Schön, gnädiger Herr; haben Sie nur die Güte, mir zu klingeln." Ein Mensch, der in allen seinen Unternehmungen lehr unglücklich war, rief voll Grimm übe» sein Mißgeschick aus: „Ich glaube, wenn ich ein Hutmacher geworden wäre, so hätte unser Herrgott die Menschen ohne Köpfe erschaffen!" Bei einem Gastmahle begoß ein ungeschickter Bedienter einer Dame das ganze prachtvolle Kleid mit der eben hereingebrachten Suppe. „Machen Sich Ew. Gnaden nichts daraus, sagte tröstend der Diener, es ist ja noch genug Suppe in der Kuchel." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Lilerar,scheu Justitus von Dr. M. Huttlcr. Nr. 9. 1880 . zur „Angslmrger Pojheitlmg." Samstag, 31. Juli Der Mensch bleibt immer Mensch, was auch die Weisen sagen, In jedem Älter wird des Standes schwacher Sohn Den Stempel aller Thorheit tragen. Goethe. Der Derr Davon. Novelle von Ludwig Habicht. Die Besuche des Barons auf dem Kirchhof dehnten sich immer länger aus, er konnte stundenlang zwischen den stillen Gräbern umherwandern, init einer so schwer- müthigen düstern Miene, die jedem verrieth, daß ihn ein harter unersetzlicher Verlust getroffen haben mußte. Besonders gern unterhielt er sich mit einem der Todtengräber, der auch bald für den reichen mit Trinkgeldern nicht sparenden Fremden, eine große Zuneigung an den Tag legte. Das wunderliche Verhältniß zwischen den Beiden gestaltete sich immer vertraulicher; sie sprachen stundenlang mit einander und zuletzt mußten sie ihre Unterhaltung so einzurichten, daß sie von Niemand belauscht wurden. Baron Bloomhaus schien sich jetzt auf dem Kirchhof wohlcr zu fühlen, als in seiner Wohnung. Er legte für alle Bcerdigungsangelegenheiten das lebhafteste Interesse an den Tag und kam selbst in den Abendstunden, wenn sich alle anderen Besucher schon entfernten. Durch den plötzlichen Tod seiner Gattin mußte der Geist dieses Mannes eine wunderliche Richtung genommen haben, denn er ruhte nicht eher, als bis ihm alle neu ankommenden. Leichen, die man in die Todtcnhalle gebracht hatte, gezeigt wurden, und da er mit reichlichen Trinkgeldern nicht knauserte, willfahrte man gern seiner Marotte. Heute war der Baron wieder gekommen und musterte in seiner düstern, schwer- müthigen Weise die in der Halle aufgestellten Leichen. Er wanderte von einer zur andern, ohne ein Wort zu sagen. Vor einem Sarge blieb er diesmal länger stehen und nachdem er die Leiche aufmerksam betrachtet hatte, fragte er, wer die Verstorbene sei? Ja, der Tod hat manchmal Geschmack! war die scherzende Antwort. Er sucht sich auch solch' prächtige junge Weiber aus. Es ist die Frau eines reichen Schlächters. An welcher Krankheit ist sie gestorben? Natürlich am Schlage, denn, wie Sie sehen, war sie ziemlich stark. Kennen Sie zufällig den Mann? forschte der Baron weiter. Gewiß er wird ganz außer sich sein, denn er war närrisch in seine Frau verkiekt» Wirklich? hat er nicht blos vor der Welt so geheuchelt? Nein, Herr Baron, das kommt wohl bei vornehmen Leuten vor, die anstandshalber so thun, als ob sie nicht ohne einander leben könnten, während sie froh sind, wenn sie sich nicht sehen, aber Meister Richard hat seine Frau wirklich angebetet und auf Händen getragen. Das wird ihm etwas schwer gefallen sein, spottete der Baron, der sich diesen^ 66 Manne gegenüber zuweilen gehen ließ und der Todtengräber stieß auch in der That ein kurzes beifälliges Gelächter aus. Sie haben Recht, Herr Baron, aber das ist nun einmal so die Redensart, wenn man sagen will, daß ein Ehemann alles gethan was er seiner Frau nur an den Augen absehen konnte. Der Baron schwieg, da der Todtengräber von andern Geschäften in Anspruch genommen wurde, entfernte er sich, um am andern Tage zur gewohnten Stunde wieder zu kommen. Heut suchte er eine passende Gelegenheit, um mit seinem alten Bekannten allein zu sprechen. Die Unterhaltung dauerte weit länger als gewöhnlich und wurde noch leiser als sonst geführt. Mehrmals schüttelte der Todtengräber bedenklich mit dem Kopse, aber der Baron redete immer eifriger in ihn hinein; endlich schien der Mann seinen Widerstand aufzugeben. Baron Bloomhaus zog seine Brieftasche hervor, drückte dem Todtengräber ein Packetchen Papiere in die Hand und flüsterte ihm leise zu: Also eS bleibt dabei. — Mir ist der Platz zu widerwärtig und Sie laufen durchaus keine Gefahr. Der Andere antwortete nicht; er verbarg nur rasch die Papiere in seiner Brust- tasche, nickte dann mit dem Kopfe und der Baron drückte ihm mit einem letzten vielsagenden Blicke die Hand, dann wanderte er langsamen Schrittes, mit seiner gewöhnlichen schwermüthigen Miene, der Kirchhofspforte zu. IV. Seit jenem Tage schien die Lebenslust des Barons in alter Kraft erwacht zu sein, ja sie trat noch stärker und rücksichtsloser hervor. BloomhauS gab es auf, noch länger den trauernden Wittwer zu spielen und jetzt stürzte er sich mit wahrhaft blinder Wuth in den Strudel der Vergnügungen. Seine Verschwendungssucht kannte keine Grenzen, das Geld mußte für ihn allen Werth verloren haben, denn er warf eS förmlich zum Fenster hinaus. Doktor Bernard, der dieses Treiben sah, sagte sich bedauernd, der Aermste will sich seinen Schmerz betäuben, und der Baron ließ ihm diese günstige Meinung, ja er wußte ihn darin zu bestärken, denn zuweilen erklärte er dem Arzt: Ich muß den großen Schmerz auf irgend eine Weise etwas zu vergessen suchen, wenn ich nicht wahnsinnig werden will; und der Doktor gab ihm recht. Freilich war der Lethetrank, dessen der Baron bedurfte etwas kostspielig, aber er hatte ja das große Vermögen seiner Frau geerbt und konnte sich schon den größten Luxus gestatten. Enrichetta nahm jetzt in dem Hause des Barons eine sehr hervorragende Stellung ein, denn ihr Herr hatte Wort gehalten und sich für die treuen Dienste, die sie für seine verschiedene Gemahlin geleistet, dankbar erwiesen. Sie stand jetzt an der Spitze des ganzen Hauswesens und man munkelte sogar davon, daß der Baron sie zu seiner zweiten Frau erheben werde. Enrichetta machte kein Hehl daraus, daß sie auch bestimmt darauf rechne und benahm sich bereits als ob sie wirklich schon die Baronin Bloomhaus sei. Gegen die übrige Dienerschaft kehrte sie jetzt sehr unangenehme Seiten heraus, sie verlangte unbedingten Gehorsam, überwachte sorgfältig das Treiben der Leute und duldete nirgends einen Unterschleif. Man. war deshalb mit ihr sehr unzufrieden, die Kecksten versuchten wohl, sich bei dem Baron über die Italienerin zu beschweren, aber als sie bei dem gnädigen Herrn niemals Gehör fanden und er all solche Klagen ohne Weiteres abwies, wurden Alle in der Ansicht bestärkt, daß die kühnen Hoffnungen Enrichettas wohl doch begründet seien und sie über kurz oder lang ihr stolzes Ziel erreichen würde. Es war freilich seltsam, daß ein hübscher stattlicher Mann wie Baron Bloomhaus, der unter den Schönheiten der Pariser Aristokratie die Auswahl hatte, jetzt seine Hand einem Mädchen schenken wollte, das nicht einmal auf große körperliche Vorzüge Airspruch machen konnte. Hätte Enrichetta nicht die Paar schwarze, brennende Augen und vielleicht 67 noch einen leidlich hübschen Mund gehabt, ihr unregelmäßiges schmales Gesicht würde schwerlich Interesse erregt haben. Freilich konnte die Dienerschaft wohl bemerken, daß die Italienerin es verstand, den Baron zu umschmeicheln. Sie wußte wie ein Kätzchen um ihn herumzuschleichen und seine Gunst zu gewinnen, und merkwürdig genug, selbst seine üble Laune fürchtete sie nicht. Wenn der Baron nach einer durchschwärmten Nacht mit wüstem Kopf erwachte, dann mußten seine Leute vor ihm zittern. Wegen der geringsten Kleinigkeit gerieth er in Wuth und er behandelte dann seine Diener mit einer Brutalität, die ihn als Barbaren kennzeichnete. Die empfindlichen Franzosen hätten gewiß alle längst sein Haus verlassen, wenn er nicht immer wieder durch die glänzendsten Geschenke seine ZornauS- sprüche gut gemacht hätte. Nur Enrichetta wagte sich zu jeder Zeit dem Baron zu nähern, und seltsam genug, gegen sie schlug er sogleich einen ganz andern Ton an, er mochte kurz vorher noch so wüthend gewesen sein. Dadurch waren die Diener vollends überzeugt, daß die schlaue Kammerkatze über den gnädigen Herrn einen eigenen Zauber ausübe und daß es ihr schon gelingen würde, sich zur Baronin Bloomhaus aufzuschwingen. Um so größer war die allgemeine Ueberraschung, als sich der Baron plötzlich mit einer jungen Schauspielerin des Palais-Royal-Theaters, Fräulein Desirse Combelaine, verlobte. Die Künstlerin gehörte zu den beliebtesten Mitgliedern jener Bühne und riß durch ihr übermüthiges, keckes Spiel Alle mit sich fort. Sie ging gern im Gesang und Spiel über die Grenze des Schicklichen ein wenig hinaus; aber sie wußte doch durch das Feuer ihres Wesens, durch einen übersprudelnden Humor und champagnerartigen Esprit auch moralische Murrköpfe mit fortzureißen und zur Heiterkeit zu stimmen. Fräulein Combelaine war auch außerhalb der Bühne eben so frisch und lebenslustig, wie sie dort auf den Brettern erschien, und wie dies in Paris nicht anders zu erwarten war, hatte sie stets einen reichen, glänzenden Kranz von Anbetern um sich versammelt. Man brachte ihr die stürmischsten Huldigungen dar; die Größen der Finanz und der Aristokratie warben um ihre Gunst, überschütteten sie mit den kostbarsten Geschenken und sie hatte unter Fürsten und Herzögen die Wahl, wem sie ihre kleine zierliche Hand reichen wolle. Baron Bloomhaus war noch bei Lebzeiten seiner Gemahlin kein seltener Gast im Salon von Fräulein Combelaine und zum Erstaunen der Schauspielerin war er nach dem Tode seiner Gemahlin plötzlich weggeblieben. Nun kam er endlich wieder, und das Verhältniß der Beiden gestaltete sich bald zärtlicher. Der Baron hatte schon damals unter all' den vornehmen Herren, die Fräulein Desirse umschwärmten, ihre Aufmerksamkeit erregt; der schöne hochgewachsene schlank und dennoch kräftig aussehende Mann gefiel ihr und er verstand es noch dazu, sie zu be- zaubern. Seine Geschenke waren die glänzendsten und sein ganzes Auftreten ließ darauf schließen, daß er ein ungeheures Vermögen besitzen und zu den reichsten Leuten von Paris gehören müsse. Dies gab vollends bei der französischen Schauspielerin, die wie all' ihre Kolleginnen zu rechnen verstand, den Ausschlag. Sie schenkte dem stürmischen Werben des Barons Gehör und beglückte ihn mit ihrer Hand. Bloomhaus war überselig, als er endlich ihr Jawort erhielt. Hatte ihn doch die gefeierte Künstlerin vor Tausenden bevorzugt und war es ihm doch gelungen, selbst Herzögen und Fürsten den Rang abzulaufen. Er konnte kaum den Tag erwarten, wo er seine angebetete Desirse für immer sein nennen würde, und bis dahin verschwendete er Hunderttausende, um jeden ihrer Wünsche zu erfüllen und die Schauspielerin war nicht arm an Wünschen. — Je mehr sie sah, daß ihr Bräutigam sich bemühte, auch ihre flüchtigste Laune,^en Einfall eines Augenblicks, zrr verwirklichen, je mehr war ihre Phan- taste geschäftig, die wunderlichsten Grillen zu erzeugen, deren Ausführung beinahe ein Vermögen kostete. Als Enrichetta die plötzliche Verlobung des Barons erfuhr, wollte sie es nicht glauben, selbst dann nicht, als der Kammerdiener boshaft genug, ihr das betreffende Zeitungsblatt vorlegte. Es ist ein alberner Scherz, den sich irgend Jemand gemacht hat, nichts weiter, sagte sie und warf Jean einen hochmüthigen, verächtlichen Blick zu; — aber die Anzeichen, daß die Verlobung auf Wahrheit beruhe, mehrten sich. Der Baron war so von seinem Glück erfüllt, daß er selbst gegen seine Leute aus seiner bevorstehenden Verbindung kein Hehl machte. Im Schlafzimmer war die lebensgroße Photographie der Braut ausgestellt und die Dienerschaft hatte jetzt vollkommen zu thun, um die Besorgungen auszuführen, die alle auf Fräulein Combelaine Bezug hatten. Täglich wanderten aus dem Hause des Barons die kostbarsten Blumen, Früchte und dergleichen zu der Braut und endlich veranstaltete Bloomhaus in seinen Salons ein großes Fest, das zum ersten Male seine theure Desiräe mit ihrer Anwesenheit verherrlichen wollte. Nun konnte Enrichetta freilich nicht länger zweifeln und ihr Entschluß war rasch gefaßt. Seit seiner Verlobung hatte der Baron eine ungeheure Zerstreutheit an den Tag gelegt, auf ihre Fragen kaum oder doch nur flüchtig geantwortet und selbst ihre feinsten und liebenswürdigsten Schmeicheleien waren von ihm sehr kühl aufgenommen worden. Sie hatte so lange seine steigende Kälte ertragen in der Hoffnung, daß Baron nach dem Ableben der Fürstin dem Kammermädchen derselben die Führung des Hauswesens ganz allein überlassen hatte, war er seit seiner Verlobung sehr zurückhaltend geworden. Er überging Enrichetta völlig und wandte sich mit all seinen Wünschen und Befehlen an seine eigenen Leute. Der Italienerin seine'Verlobung mitzutheilen, hatte er doch nicht gewagt. Sie mußte es ja schon erfahren haben und wenn sie schwieg und ihm nicht erst eine Scene machte, that sie sicher das Klügste. Auch alle Anstalten zu seinem heutigen Feste hatte Bloomhaus nur mit seinem Kammerdiener berathen und er wollte eben ausführen, um selbst noch Manches dafür einzukaufen, als plötzlich Enrichetta vor ihm erschien. So freundlich und zuvorkommend, wie immer, obwohl nicht ohne eine gewisse Sicherheit. Sie gab, wie die Herrin des Hauses, dem Kammerdiener einen Wink, sich zu entfernen und als dieser es nicht für nöthig fand, dem verblassenden Stern noch Gehorsam zu leisten, sagte sie mit scharfer Stimme: Warum entfernen Sie sich nicht, wenn ich es wünsche? und da jetzt auch der Baron seinem Jean heimlich zunickte, zog sich der Kammerdiener endlich zurück. (Fortsetzung folgt.) Ein guter Zeitvertreib. Dorfschwank von P. K. Roseggcr. Vor Allen: muß ich um' Entschuldigung dafür bitten, daß diese Geschichte so närrisch ist. Dann muß ich auch noch um Entschuldigung dafür bitten, daß der Eine Mirt heißt und der Andere Mart. Diese Namen passen so gut zusammen, daß ich drei Batzen wetten möchte, sie wären erfunden, wenn ich nicht so ganz bestimmt wüßte, daß der Eins wirklich Mirt hieß und der Andere Mart. Und so siegt die Wahrheit: Der Weber hieß Mart und der Schneider hieß Mirt. Es waren zwei junge Gesellen, nicht ohne Grund verhaßt vom männlichen Geschlechte, was maßen vom weiblichen ... Doch, das geht zu rasch. Die beiden Burschen waren Freunde und spielten Maultrommeln. Kennt ihr diese Instrumente? Nicht? Dann sitzen wir fest. Sie des Langen und Breiten zu be- 69 schreiben, ist nicht thunlich, es würden derweilen unsere Liebesleute zu alt. Maultrommeln, das sind die kleinen Brummeisen, schlüsselförmige Jnstrumentchen, die man zwischen die Zähne steckt, eines zur rechten, das andere zur linken Seite. Mt den Fingern bewegt man die Stahlzünglein, während man in dieselben irgend eine Arie hineinhaucht. Die Arie surrt und säuselt ganz seltsamlich in den zitternden Zünglein und ist das die originellste Musik — eine Art Zitherspiel, dessen Resonanz der Kinnbacken ist, das wirksamste Liebesgegirre jener Menschen, die für ihre Sache keine Worte finden können. Nicht umsonst sehen diese Maultrommeln oder Brummeisen aus, wie winzige Fuchs- oder Marderfangeisen — männiglich, oder vielmehr weibiglich Thier wird mit demselben gefangen. Der Mart und der Mirt hatten dieser Instrumente wegen, die sie meisterhaft spielten, im Dorfe die Spottnamen: „Brummler" bekommen. Nebenbei — da der Eine Kniehosen schuf aus dem Ladentuch, welches der Andere gewebt hatte — bedeckten sie christlich die Blößen ihrer Mitmenschen. Müllers Gretchen war aber so gescheidt und gab sich keine Blößen. Nur waren ihr die süßen Klänge der Brummeisen lieber als wie das leidige Mühlengeklapper. Das ist aber auch ein Unterschied! Der junge Schneider Mirt verfertigte dem Müller die Mehlsäcke und die Beutelsiebe ; das Gretchen fädelte ihm die Nadel ein. Ach Gott, diese Einfädeleien kennt man. Da war's einmal im Dezember, daß der Schneider Mirt in seiner Stube saß und die Brummeisen stimmte. Er klebte bei dem einen ein Wachsknötchen an die Spitze des Züngleins, so gab's den Baß. Da trat der Weber Mart ein und sagte: „Schneider, heut bleib' im Haus, draußen kunnt Dich der Wind vertragen. Was klöppelst denn da mit den Maultrommeln um?" Der Schneider war ein Narr, der Alles sagte. In der nächsten Nacht will er ans Fenster der Müllerstochter schleichen und dort brummeln, bis früh Morgens sechs Uhr der Schulmeister ins Orale läutet. Der Weber schwieg und wob Ränke. Der Schneider war schon mehrmals in des Webers Garn gelaufen — vielleicht hüpft er auch heute hinein. Denn der Mart wollte selber in die Mühle. „Kann Dir nur gratuliren, Freund", sagte der Weber, „wir müssen es treiben, wie wir es dazumal als Buben mit dem Schulmeister getrieben haben, daß er die Schulstunde versäumt hat, wir müssen auf dem Thurm den Uhrhammer ausschalten." „Hilft nichts", meinte der Schneider, „Meßner weckt sein Weib, und die soll, habe ich gehört, regelmäßiger schlagen, als die beste Kirchthurmuhr. Dann geht er läuten, und das Läuten weckt den Müller auf." „Gut, so umwinden wir den Glockenschwengel mit diesem Pelz dal's. „Daß er nicht friert?" „Und daß er keinen Lärm macht. Du verstehst mich." Zu solchen Streichen war der Mirt stets bereit, wenn der Mart voranging. Und heute war es obendrein zu seinem Benefize. Am Abend nach der Gebetglocke schlupften die beiden Burschen durch das stets offene Thurmpförtchen hinein. Der Schneider stieg mit dem Pelz die Leiter hinan, der Weber hielt am Eingänge Wacht. Der Mirt war schon im dritten Gestocke und über seinem Haupte knarrte das Uhrwerk, als der Weber unten flüsternd schrie (man kann's, wenn's sein muß): „Mirt, der Meßner kommt, ich zieh' die Leiter weg, sonst erwischt er Dich." Er that's und war davon. Jetzt Mes still und öde, bis auf die tickende Thurm- Uhr, deren schweres Gewicht, wie der Schneider bei seiner Kerze sah, am Seile niederhing. Nun horchte er — hörte aber nichts vom Meßner und nichts vom Mart; nach einer Welle ging ihm das Kerzenlicht aus, aber ein anderes auf. — Der Mart geht zur Mühle ans Fenster, das ist schon lange sein Begehren, er wird dort Brummeisen spielen die liebe, lange Nacht. So sah es der Schneider nun im Finstern. Wohl wußte er, das Gleichen konnte ihn, den Mirt, ganz besonders leiden und hatte ihm für diesen Abend das Brummeln an ihrem Fenster gestattet. Und wie sie gut ist, steht zu hoffen, daß sie in der kalten Nacht vor ihrem Fenster Keinen gern wird stehen und frieren lassen. — Und nun sitzt er auf dem Thurm, und der Andere — o elender Weber! Aber was sollte er thun? Hinabsteigen konnte er ohne Leiter nicht. Sollte er ^ vollends hinaufklettern und vom Thurmfenster aus ins Dorf rufen? Das Ende davon wäre Schande und Spott. Sollte er Alarm läuten? Zu welchem Zweck? — er braucht Verschwiegenheit. Nur dem falschen Mark will und konnte er die Verschwiegenheit der ^ Nacht nicht gönnen. Er war gefangen. Den für den Glockenschwengel bestimmten Pelz wickelte er um sich selbst und nur noch die Wuth schützte ihn vor Angst und Frost. Als die Thurmuhr ihre zehnte Stunde schlug, war es dem Schneider zum Rasendwerden. Das war ja die Stunde des Stelldichein. Der Wart kam selbstverständlich nicht mehr, um die Leiter anzrUchnen, der wäre —> der Mirt sagte es selbst — ein Narr, wenn er jetzt hierher käme! Der Schneider mußte gar Acht haben, daß er nicht in die Tiefe stürzte. Das Todtsein wäre schon recht, aber das Sterben thut weh. — Planlos tappte er umher und ertappte das niederhängende Uhrgewicht. Jetzt kam ihm ein Gedanke. Das Uhrgewicht trachtet ja auch hinab und kommt bis morgen früh sicherlich zu Rande, wenn nicht eher; denn man weiß, der Meßner hat um sechs Uhr allemal hohe Zeit, die Uhr aufzuziehen. Der Mirt setzt sich auf das hängende Uhrgewicht, auf den Klotz, klemmt die Beine um den Strick, hält sich fest — glückliche Reise! Jetzt hub die Uhr da oben an und tickte doppelt laut und doppelt eilfertig und rascher, als man vermeinen sollte, ging's mit dem Burschen niederwärts. — . Und wie geht's dem Weber? Dank der Nachfrag, der steht am Fenster des Gretchens und klopft. Da heißt's nicht verzagt sein; achtet sie das Klopfen nicht, so versucht er's mit dem Brummeisen. „Der Mirt?" hauchte das Gretchen. „Was hast Du Dich nicht gleich genannt?^ „Du Allerschönste!" flüstert der Mart: „Mein Herz und mein Sinn J§ im Kämmcrlein d'rin. Wie stell' ich's denn an, Das; ich nach cini taun?" Darauf antwortete sie nach rechter Weise: „Dein Herz und Dein Sinn IZ bei mir nit herin; Hast im Schnee d'raußt verlor'n, Js wie ein Eiszapfen g'fror'n!" Der Bursche verschwand am Fenster, die Mühlräder rauschten. Auf dem Thurn? schlug es sechs Uhr, bald darauf — der Meßner ist immer wachsam, auch um Mitte? nacht — läutete es zur Rorate. Der alte Müller wunderte sich baß, daß er diese Nacht so gut geschlafen. Er stand auf und ging in die Hintere Kammer, um seine Tochter zu wecken. An der Thür stand ein Mann. ^ Wie grüßt ein braver Müller den Mann, der solchergestalt an der Thüre seines Tech-crl-inS steht? Auf dem nebcnragendcn Kasten lagen die Stäbe, womit er seine (7äse auszuklopfen pflegte. Mit solchen Stäben grüßt ein braver Müller den ungeladenen Schwiegersohn. Der Begrüßte kollerte zur Hausthür hinaus — just dem Freunde Mirt an die Brust. Aber das war ein hartes Anprallen, ein unerquickliches Wiedersehen. Der Mirt, nun der war eben auf seinem Uhrgewicht rasch so tief herabgekommen, daß er den Sprung auf den Boden wagen konnte. Es war ein guter Zeitvertreib und - die Stunden flogen durch ein solches Anhängsel rascher, gls wenn der Bursch an ihrem Fenster aebrummelt hätte — und das will doch was sagen. Daher hat derMeßner so früh geläutet und der Müller so früh Säcke geklopft, und was die Hauptsache — die Hypothese von der Gewichtlosigkeit der Schneider ist in jener Nacht glänzend widerlegt worden. Sonntsgofeirr. Auch ist es gleich, ob Glockenklänge Die Frommen laden zum Gebet, Ob eine andachtsvolle Menge Den Tag des Herrn mit Dank begeht; Deutsche In meiner Kindheit ward gesprochen, Daß durch der Freiheit Wogeugang Die alte Zwingburg sei gebrochen, Die schwer das Volk zur Krone zwang; Und treten glauvig pe zu,ammen. Und feierlich die Glocke klingt, — Dann steht der Arme, schürt die Flammen Und horcht, wie es im Kessel singt. Man wolle keinen: Herren dienen, Entstanden sei ein neues Reich Und eine goldne Zeit erschienen, Wo Alle frei und Alle gleich. Das singt ihm eine alte Weise, Die einst zur Sonntagsseier sang Der Vater in der Seinen Kreise, singt ihm eine alte Weise, lst zur Sonntagsseier sang Doch jetzt, da ich erwuchs zum Manne, Schau' ich verwundert rings umher; Die sich befreit von: alten Banne, Drückt nun ein neuer dovvelt schwer: Und singt und mahnt mit trüben: Klang, Die Gleichsten, kne aus Auen lallet, Die Freiheit, die Ihr selbst Ench gabt, Ist: das; Ihr nie von Arbeit rastet, Ist, das; Ihr tausend Herren habt. Es grollt in seltsamen Accorden, Denn Freiheit heisst jetzt: Geldverdicnen, Und gleich tönt Sonn- und Wochentag Das Stampfen rastloser Maschinen Und Dampfesstos; und Hammerschlag, Und gleich ist's, ob der Glanz der Lichter, Ob Sonnenschein herniederstrahlt Auf welke schläfrige Gesichter; - — Das Blut wird ja mit Geld bezahlt l (jbvUb st.ttsttUtr.lt Es stürmt und dröhnt und rauscht und droht: „Wollt Ihr den Tag der Ruhe morden, So rüstet Ihr Euch selbst den Tod; Denn heilig ist der Schweißestropfen, Der von der Stirn des Armen fiel." — — Wild hört man's an die Wände klopfen, Herbei und öffnet das Ventil! (Zeitschrift „Wahrheit.") Miscellerr (Kindermund.) Frau Thcrese, die junge hübsche Frau Doctorin, ist heute besonders rosiger Laune. Es sind ein paar gute Freunde zum Besuch da; man sitzt bei herrlichstem Frühlingswetter im Garten. Frau Therese ist von dem Dienstmädchen in's Haus gerufen worden, hat eine sehr angenehme Nachricht erhalten, kommt zurück, und kann, bei ihrem Gatten vorbeigehend, nicht umhin, demselben im Ueberschwunge ihrer glücklichen Stimmung die Wange zu streicheln. „Willi de Geld, Mama?" fragt das zweijährige Töchterchen, das die Liebkosung wahrgenommen. (Professoren - Geschichte.) Professorin (mit ihrem Manne durch die Felder wandelnd): „Nein, sie doch nur, lieber Mann, wie so gar kümmerlich und dürftig der Flachs dort steht." — Professor: „Nun, nun, liebe Elenore, ich denke, zu Kinderhemden wird er wohl immer noch groß genug sein." (Heikel.) Lehrer: „Höre, Michel, sage mir aufrichtig, was hat Dich denn veranlaßt, Dein einträgliches Mauerhandwerk an den Nagel zu hängen und Landstreicher zu werden? — Michel: „Ja wissen S', Herr Lehrer, :' hab' a mal a Haar im Mörtel g'funden und seit der Zeit graust'S ma vor der Arbeit!" (Sonderbare Frage.) Amtsrichter: „Bedenkt Euch wohl, eh' Ihr schwört, wenn Ihr falsch schwört, könnt Ihr vier Jahr Zuchthaus bekommen." Bauer: „Herr Amtsrichter, mit Berlaub, was bekomm' ich denn aber, wenn ich recht schwöre," (W i eder reiten!) Selbst die gewiegtesten Kunstkenner irren zuweilen, besonders wenn es sich um das Erkennen jugendlicher, aufkeimender Talente handelt. Einen Beweis für die Nichtigkeit dieses Satzes lieferte vor vielen Jahrei: bei einem Besuche Wiens und — 72 7 - seiner Ateliers der verstorbene König Ludwig von Bayern, der große Kunstkenner und Kunstfreund, der Schöpfer von Münchens künstlerischem Ruhm und Glänze. Lebte damals in Wien ein junger unbekannter Maler, der eben erst den Säbel mit Pinsel und Malerstock vertauscht hatte. Der junge Ex - Cürassir - Lieutenant — er ist, beiläufig bemerkt, jetzt einer unserer berühmtesten und bestbezahlten Maler — dachte nicht im entferntesten an die Ehre eines königlichen Besuches. Im Gegentheile, als dienstfertige Freunde, die ^ ihm damit zu nützen glaubten, vom König Ludwig die Zusage erlangt hatten, auch das bescheidene, in einem vierten Stocke gelegene Atelier des Anfängers zu besuchen, und demselben diese Ehre ankündigten, war er in Verzweiflung über dieselbe; fand sich doch in diesem kahlen, ärmlichen Atelier nichts vor, was einen so hohen und kunstverständigen Mann interessiren konnte, nichts als einige untermalte Porträts behäbiger Spießbürger, Gevatter Schneider und Handschuhmacher, und ihrer geputzten, mit Schmuck überladenen wohlbeleibten Ehehälften — Conterfeis, die der Künstler zu billigem Preise malte, um das Leben zu fristen. Indessen, „geschehen war geschehen" — der hohe Besuch war nicht mehr zu vermeiden; der König kam, sah sich einen Moment lang in dem seltsamen Atelier um und sagte dann zu dem verlegenen Künstler mit seiner bekannten schnarrenden Stimme und in seiner lakonischen und sarkastischen Weise: „Gedient?" — „Zu Befehl, Majestät!" — „Waffe?" — „Cürassier, Majestät!" — Da lächelte der König, klopfte dem Maler herablassend und wohlwollend auf die Schulter und schnarrte: „Wieder reiten! wieder reiten!" Der Künstler hat glücklicherweise den Rath des Königs nicht befolgt, er ist nicht wieder geritten, und er sowohl als die Kunst sind gut dabei gefahren. Einer seiner Freunde aber, ein bekannter Musiker, hat die Geschichte in Form eines Canons in Musik gesetzt. (Die neue Orthographie.) Schüler (in eine Buchhandlung tretend): „Ich > möchte gern Caesar's Loklum OuIIieum, Textausgabe von Teubncr." — Buchhändler: „Hier. Kostet ungebunden achtzig Pfennig." — Schüler: „Entschuldigen Sie, ist es auch die neue Ausgabe von 1880 mit der neuen Orthographie?" Ein Kaufmann schrieb an seinen Korrespondenten einen Brief und wollte ihn eben zusiegeln, als ihn der Schlag tödtlich rührte. Sein Diener schrieb darunter: „Als ich den Brief geschrieben hatte, starb ich!" — siegelte ihn zu und schickte ihn zur Post. Ein verdienstvoller hoher Offizier hatte sich auf den schwarzen Adlerorden Rechnung gemacht, erhielt aber nur die höchste Klasse des rothen. Wehmüthig lächelnd legte er denselben zu seinen andern Orden, und rief aus: „Da liege bis du schwarz wirst!" (In den Hundstagen.) „Ist das 'ne Hitze — da möcht' man schon einen Rock aus lauter Knopflöchern haben!"- Berrchtt gung. In meinem Gedichtecyklus zum Wittclsbacher Jubiläumsfeste in Nr. 4 „Getreu bis in den Tod" möge der geehrte Leser folgendes verbessern: 1) In Nr. 3 (Arko) 5. Strophe ist statt: „Denn als sie ritten, wo des Jnnes Fluchen rauschen rc." zu lesen: Denn wo des Jnnes Wellen gleiten, Die Martinswand anfraget hoch und hehr, Sprach Arko: „Laßt mich, Fürst, zur Rechten reiten, Von trüber Ahnung ist mein Herz heut schwer!" 2) In Nr. 4 (Obelisk) ist in dem ersten Verse der letzten Strophe statt „Plan" „Plane" und statt des in dem zweiten Verse dieser Strophe stehenden „In blutigen Schlachten" zu lesen §Jkt vielen blutigen Schlachten" rc. 3) In Nr. 5 muß es in dritter Strophe statt „belohnte" „belehnte" heißen. Lek Mr die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Di-, M. Hnttler. h > zur Nr. 10. ,Angslmrger Pojheitimg. Mittwoch, 4. August 1880. Wenn der Rath eines Thoren einmal gut ist, so muß ihn ein gescheidter Mann ausführen. Lessing. Zu MILeMrrch's siebenhundertstem Ehrentage. Aer Merchslag zu Hiegensburg 1180. 1. „Der Kaiser kommt" —so läuftes durch die Menge, Die dichtqeschaart die junge Brücke füllt Und nahe Straßen, Gassen, weit und enge, — Ganz Regsnsburg ist im Gedränge — Die Majestät zu grüßen treu gewillt. L. Und was die reiche Donaustadt an Zierden Gesammelt hat in Ehren allerwärts: Sollt'heutzumWillkoinm sie mitLustbebürden Und Leib und Haus mit Schmuck umgürten. Die seltene Feier und das Herz begehrt's. 2. Er naht — es weichen ehrfurchtsvoll die Schaaren, Man öffnet Bahn dem kaiserlichen Herrn. Der Zug in Sicht — da fchmettert's von Fanfaren, Willsomm von Tausenden, die harren Des Staufen — brausend schallt das Echo aus der Fern. 4. Der Kaiser grüßt die Stadt mit heit'rer Stirne, Umgeben von dem Glanz der Majestät, Und ob auch leuchten mächtige Gestirne Und blendender als alle Firne, Der Kaiser—wiedie Sonn' am Himmelsteht. 5. Doch wie, das Aug'für hellsrnStrahlzu üben. Man gerne auch ein ander Licht beschaut: So richtet wohl die Menge hüben drüben — Man mahnt sich selbst und seine Lieben — Den Blick aufdasGefolg und preist es laut. 6. Aus Deutschland und selbst von Italiens Gauen Umschließen sie den Kaiser zu dem Tag, Und Mark- und Land-und Gaugraf läßt sich schauen, Der Kirchenfürst in Roth, im Blauen, Das Neichspanier mit seinem Wittelsbach, 7. „Was wird das Reich uns diesesmak beschließen? Hast du den Löwen wohl im Zug geseh'n? Ich mochte scharfen Augs sie alle grüßen Mit Kreuz und Scepter, Schwert und Spießen: Ich sterbe, wenn ich Einen Mann nur übersehen. 8. Gewiß — es wird der Dinge große geben. Die uns der Reichstag diesmal sehen läßt. Ich gebe fast dafür mein heilig' Leben, Der Himmel mag es nur vergeben! — Wenn nicht den Löwen alles Glück verläßt." 9. So flüstert's allerorts mit raschem Munde, Indeß sich langsam fort der Zug bewegt. An Reich und Kaiser sieht man sich fast wunde. Da ruft mit Macht der Herold Kunde, Daß Kaiser Friedrich hier sein Lager schlägt. 10 . So zieht Er ein, geliebt von seinen Treuen, Geleitet in die Pfalz mit seinem Rath. Er ist allein. „Den Löwen mag's gereuen," Der Kaiser spricht, „ich muß erneuen Die Acht." Dem Herrscher keine Ruhe naht. 11. Und sinnend schreitet Er denn auf und nieder. Wo wohnlich ihm die Pfalzdas Heim bestellt. Im Freien tönen noch gar munt're Lieder, Vom Bergkranz leuchten Feuer wieder, Bis Sorg und Lust der Schlaf gefangen hält. 12 . Den Morgen drauf der Reichstag ist geladen. Mit seinem Herrn zu fördern bestes Wohl. Da sitzt Er ernst mit Rittern und Prälaten, Zu rathen für das Reich, zu thaten. Der Wels macht denken, Bayern, Freisings Zoll. 18. Es kommt St. Peters-Tag; im Kaiserdome, Den einst Karol St. Petern hat geweiht, Sieht man den Rothbart beten wahr UNS fromme. Daß guter Rath von oben komme, Er weiß allein, was dieser Tag gebeut. 74 1t. Nachdem der Bischof Ihn und Volk gesegnet, Da ruft zur Pfalz des Kaisers Machtgebot. Was soll es h eut? Vermuthungen es regnet. Wie es im Leben sonst begegnet, Wenn Ungewißheit schafft dem Geiste Noth. 15. Und als im Pfalzsaal sich der Kreis geschlossen; Der für des Reiches Wohl und Wehe steht. Tritt ein der Kaiser majestätumflossen Und grüßt voll Würde seine Großen Und ziert den Thron vom Neichspanier umweht. 25. Der Kaiser war gerührt im tiefsten Grunde, Und eine Weile schwieg Er vor dem Tag. Auf ihrem Antlitz thront der Ernst der Stunde Und wie erbittend frohe Kunde Erheben sie das Haupt. — Der Kaiser sprach: 26. „Ich rief herauf der alten Zeiten Ehren Und sah mir die Geschlechter alle an. Ich konnte meinem Geiste nimmer wehren. Ich fühlt' es mir am Herzen zehren. Ich folgte Tag und Nächst nur ihrer Bahn. 16. ES leuchtet Ihm das blaue Aug' so helle. Es blicket ernst und doch so gnadenvoll. Und immer wieder sucht es Eine Stelle, Wie eines Freundes treue Seele. Bon der es nimmermehr sich wenden soll. 17. Jetzt spricht der Kaiser vom erhab'nen Throne Selbst tiefbewegt zur tiefbewegten Rund': Ihr Edlen all', die um des Reiches-Krone Versammelt sind aus jeder Zone, Vernehmt, was Euer Kaiser will zur Stund: 27. Ich prüfte mir die Söhne jener Ahnen; — Ich that's mit freiem unbefang'nem Sinn — Ich wog mir ab die Zeiten und ihr Mahnen, Ich musterte mir meine Mannen, Ich bat von oben Weisheit zu Gewinn: 28. Auf daß ich jenen Mann dem Reich bestelle Und meinemBayerland zu Schirm undvort. Der würdig walte der erlauchten Stelle Und Reich und Kaiser niemals fehle. So lang er lebt, und folg' an jeden Ort. 18. Nachdem berathen Ihr an manchen Tagen, Mit diesem Haupt das Nöthige nachGebühr, Fand ich für gut, das Größte anzusagen, — Was enden dürfte viele Klagen — Dem Reich zu Nutz und Frommen für und für. 19. Ihr wißt, welch' schwere Zeit heraufgekommen. Für meiner Bayern treues Volk und Land, Ihr habt der Nöthen viele selbst vernommen. Noch ist der Funke nicht verglommen. Der neu entzündet grausen Zwistes Brand. 80. Das dritte Mal hab' ich umsonst gerufen. Des heil'gen Reiches rechtbestallter Herr, An dieses Thrones hier ehrwürdige Stufen, Was gute Zeit sich fühlt, berufen. Sich mir zu Trotz zu setzen und zur Wehr. 29. Soviel ich mochte prüfen, mochte schauen, Und alle bis auf einen tadellos; Am meisten mußt' ich immer Einem trauen Und zuversichtlich auf ihn bauen, Er ließ mir Geist und Herze nimmer los. 30. Du, älterer Otto wittelsbach'schen Blutes, Gib hin dem jüngeren das Reichspanier!" Er staunt, der treue Hüter dieses Gutes, GehorchtmitSchmerz. „SeigutesMuthes", Der Kaiser spricht, „tritt vor und folge mir: 31. „In grauer Zeiten Ferne seh' ich ragen Der großen Ahnen hehr und mächtig Haus. DerGeistmich mahnt, nur Einenvorzutragsn, Von jenem Luitpold will ich sagen. Des deutschen Reiches Wehr', im Kampfgebraus. 81. Nun da des Rechtes Formen sind gehalten. Wie es sich ziemt für diesen hohen Tag, Und Klagen alt' und neue widerhallten; Da heißt die Pflicht, des Amts zu walten. Wie dieses Weh' des Reichs bald enden mag. SS. So thu' ich kund: „Land Bayern ist nun Lehen, Das, frei, zurückfiel an des Reiches Macht. Da von dem Löwen, wie wir deutlich sehen, Genüge nicht dem Recht geschehen, So ist der Wels erklärt in ew'ge Acht. 32. Du, hochgeborner Mann, kannst Dich wohl messen Mit jedem Wappen, jeglichem Geschlecht, Denn nimmer wirst das Eine Du vergessen, — Du darfst Dich kühnlich deß vermessen — Der große Karl Euch hielt ja blutgerecht. 33. Und lange Jahre sah das treue Bayern Mit Lust und Stolz zu Euch als Herren auf Und pries als liebe Vater oft die Scheyern Mit Liedern gerne und mit Leiern, Bis Zeitenungunst stört den Herrscherlauf. SS. Doch Bayern kann nicht länger mehr entbehren, Soll es verbluten nicht an Wunden viel. Des klugen Vaters und des starken Herren, Zu führen es in Weisheit und zu mehren. Was es geleiten mag zu schönerem Ziel. 31. Doch auch im Grafenstande grünte Ehre Und glänzte Ruhm dem edlen Schyrenhaus. Die meisten waren Säule uns und Wehre, Du bist ja selbst die beste Lehre, Daß Blüth' und Frucht geh'n reich vom Stamme auS. 81 , Die Zeit ist schwer, und Kraft in jedem Lande, Gerechtigkeit und Rath ist gar sehr noth. Es lWn sich durch Ungunst heil'ge Bande, —Was jedem Volkzur Pestund Schande—. Mrr führt in solchem Sturme Bayerns Boot?" 35. Drum ward Ihr werth des Dienstes auch gesunden. Das Rsichspanier im Kampfe zu erhöh'» Und heilig Recht und Satzung aller Stunden Zu schützen.»nd zu schirmen gegen Wunden. Und wie ließ Wittelsbach das Banner weh'n ? 38 . Ich kenn' Dich, edler Pfalzgraf, mcht von heute. Als Knaben spielten wir im Staufenschloß, Seit 30 Jahren seh' ich Dich zur Seite, In Friedenslust, im blut'gen Streite Du theiltest unentwegt mein Schicksalslos. 37. Das künden hundert Zeugen, stets beredte. Ob sie nun Sprache haben oder nicht: Aus vielen — Rom, die weltberühmte Stätte, Und jene schroffe Felsenkette Bei Bern, am Paß der Etsch, sie trüget nicht. 38. Ja, wo es gilt, uns weisen Rath zu spenden Und Lebensnoth der Treue Probe heischt: Ich kann vertrauensvoll mich an Dich wenden, — Und immer führt's zu guten Enden — In Glück und Unglück hast Du nie getäuscht. 3v. Wie Sonnengold glänzt Deine Mannentreue, Ein glüh'nüer Diamant der Freundschaft Dienst. Nicht kennt Dein Herz des Eigennutzes Reue, Es quillt ohn' Unterlaß aus's neue Aus gradem Sinn dem Reich ein schön Gewinnst. <0. So hieltest Du stetstreu zu Deinem Gotte Zum Kaiser und zum Reiche allezeit. Warst Schutz den Schwachen, wärest Grimm dem Spotte, Verderben stets der Feindesrotte: Mit allen Kräften — kurz — der Pflicht geweiht. 41. Du hast ein voll Verdienst um uns erworben, Um diese hier und um das ganze Reich. Bist Trost und Bürge, daß nicht abgestorben. Daß noch nicht in der Welt verdorben Der deutschen Treue Wurzel, Stamm und Zweig." 12. Und wie zum Zeichen, daß sein Wort gesunde. Sieht Er mit Frageblick im Kreis umher. Doch ob auch späht Er lange in die Runde, Und forscht nach Miene und nach Munde: Er schaut Zufriedenheit im edlen Heer. 43. „Da Ihr zustimmend, Edle, habt gebilligt. Was ich zum Pfalzgraf sprach und auch zu Euch: Da Ihr in meines Herzens Wunsch gewilligt. Durch Widerrem ihn nicht mißbilligt. So sei denn kund Euch und dem ganzen Reich; 44. Von dieser Stund' an Petrus' Ehrentage, Da man eintausendhundertachtzig zählt. Verstumm' in Bayern alle Noth und Klage! Kraft Rechts ich Kaiser Friedrich sage: Mit Wittelsbach sei Bayern neuvermählt! 45. Laß' nieder Dich, mein Herzog, nimm dies' Zeichen Der herzoglichen Würde hier zu Hand Und schwör' zu Gott, vom Kaiser nie zu weichen. So lang des Lebens Tage reichen, Und mir zu folgen stets zur See, zu Land." 46. Nachdem der Lehenseid in Form geschworen. Fuhr noch der Kaiser in der Rede fort: „So bist auf ewig Du dem Land erkoren Und nie sei deinem Stamm verloren Die Herzogskrone! — Dies ist Kaiserwort. 47. Es blüh' Dein Haus bis in die fernsten Zeiten Und strebe glücklich nach der Ehren Zier! Mög' es zum höchsten Glänze vorwärts schreiten — Dies soll Dir dieser Tag bedeuten! — Und mächt'ge Sproßen schauen für und für!" 48. So sprach der Kaiser und umarmt den Treuen, Und eine Thräne seine Wange netzt, Den alten Bund in großer Stund' zu neuen. Zu Sporn und Ehre auch den Freien, Die Wittelsbachs Erhebung nicht verletzt. 49. Da tönt es mächtig durch die weiten Hallen, Es wächst zum Donner an aus aller Mund: „Es lebe Wittelsbach!" — Es hat gefallen Dem Zerrn und Kaiser, hier vor Allen Zu ehren ihn mit Krön' und ew'gem Bund. 50. Es schallt im Saale, schallt auf allen Straßen: „Es lebe Wittelsbach für immerdar, Der nie den Kaiser und das Reich verlassen. Sein Glanz er möge nie erblassen Und blüh'n sein Stamm bis zu dem ewigen Jahr!" 51. Und als der Kaiser Alles gut gewendet Und ließdie Stadt und ginq zu neuerPslicht: Er liebe Worte noch den Edlen spendet. Den: Freund gar viele, und dann endet: „Ja — Wtttelsbach und Bayern läßt sich nicht!" Negensburg, V. Der Herr Daro„. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Sie wollen heute ein großes Fest geben, wie ich höre, begann Enrichetta sogleich, und ich wundere mich, Herr Baron, daß Sie mir davon noch nichts mitgetheilt haben. Ich hätte mich so gerne nützlich gemacht. Wirklich? rief der Baron lebhaft, das freut mich, Du bist also doch klug und Vernünftig Kind; und glaube mir, das soll Dein Schaden nicht sein,, er faßte dabei leicht ihr Kinn, wie Jemand, der seine treue Dienerin belobt. Das haben Sie mir schon früher gesagt und noch weit mehr, entgegncte sie ruhig. Und hab' uch nicht Wort gehalten? fragte der Baron mit selbstzufriedenem Lächeln. Dir steht das ganze Haus zur Verfügung und Du kannst Dich hier wie die Herrin fühlen. Ich glaube auch darauf die größten Ansprüche zu haben, war ihre etwas betonte Entgegnung. Der Baron nickte mit dem Kopse. Sei überzeugt, Du hast an mir stets einen sehr gnädigen Herrn und Bloomhaus legte mit der Miene des wohlwollenden Gönners feine Hand auf ihre Schulter. Sie zuckte heftig zusammen und trat einen Schritt zurück, suchte sich aber noch einmal zu beherrschen und während ein Lächeln um ihre Lippen spielte, und ihre dunklen Augen zu ihm hinüberblitzten, fragt sie leise: Nur einen gnädigen Herrn?— Ich dächte doch, daß ich noch mehr verdient hätte. O, Herr Baron, wie viel hab' ich Ihnen geopfert, wie viel! und ich darf wohl hoffen, daß Sie dies nie vergessen werden. Wie sollte ich das? Hast Du irgend einen Wunsch? Du weißt, ich bin nobel. Länger konnte Enrichetta nicht an sich halten. Sie warf sich laut schluchzend an die Brust des Barons und ihn mit ihren Augen zärtlich umklammernd rief sie aus: Nicht wahr Gregorio, Du wirst mich nicht aufgeben? Du kannst es ja nicht! Habe ich doch Dir zu Liebe alles gethan! — O ich liebe Dich wahnsinnig, grenzenlos! Der Baron geriet!) in die größte Verlegenheit. Einen solch' lebhaften Gefühlsausdruck hatte er am wenigsten von dem klugen Mädchen erwartet und er mußte nun um jeden Preis das wunderliche Geschöpf zu beruhigen suchen. Enrichetta! Was fällt Dir plößlich ein? Wenn uns Jemand sähe! und er bemühte sich, so rasch wie möglich von der Umarmung des Kammermädchens los zu kommen. Mag die ganze Welt uns sehen! fuhr sie in derselben Erregung fort: Ich liebe Dich, Dich ganz allein! und Du darfst Niemand weiter gehören, denn ich habe Dich und Deine Liebe sehr theuer erkauft. Nun wir bleiben bei einander, suchte er sie zu beschwichtigen. — Du darfst mich nicht verlassen, selbst wenn ich jetzt — Er konnte nicht vollenden, denn sie ließ ihn plötzlich los und ihre Arme sinken, und unterbrach ihn mit der heftig herausgestoßenen Frage: So, ist es wahr, Gregor, Du hast Dich mit einer Anderen verlobt und willst mich schändlich aufgeben? Kind, rede vernünftig, ermähnte der Baron. Du sollst ja unter allen Umständen bei mir bleiben, das ist längst beschlossene Sache. Ich habe schon mit meiner Braut von Dir gesprochen, Du wirst ihr sehr nützlich sein, und Du glaubst gar nicht, wie gutherzig, wie großmüthig sie ist. Du wirst bei ihr — Weiter kam der Baron nicht; er hatte anfangs stockend, zuletzt sehr lebhaft gesprochen und Enrichetta ihm in einer Art Erstarrung zugehört. So wahr seine Verlobung doch eine unumstößliche Thatsache und er hatte die Frechheit, ihr zuzumuthen, bei seiner neuen Gemahlin wieder als Kammermädchen zu dienen, während sie allein alle Rechte hatte, daß er sie zur Baronin erhob. Und das wagst Du mir wirklich zu bieten? —> rief sie empört und ihre schwarzen Augen funkelten. Mir, der Du alles zu verdanken hast, die ich um Deinetwillen das Furchtbarste gethan. Still! befahl der Baron, dessen blasses Antlitz sich jetzt auch zu färben begann und der sich nach allen Seilen scheu umsah, als könnte Jemand diese Worte gehört haben. Wie viel verlangst Du von mir, fordere Du so viel Du willst, Du sollst es haben. — Nichts will ich, nur Dich allein: — Was ich gethan, geschah aus Liebe zu Dir, nicht um schnödes Geld. Sei endlich vernünftig, Enrichetta, ermähnte der Baron. Du konntest doch nicht verlangen, daß ich Dich heirathen soll? Warum nicht? Bin ich denn schlechter als eine lüderliche Schauspielerin? Enrichetta! rief jetzt der Baron heftig und erhob drohend die Hand. Vergiß 77 > > nicht, daß meine Geduld eine Grenze hat, daß ich solche Unverschämtheiten auch von Dir nicht ertrage. . . , . , Es ist nur die Wahrheit. Wenn Sie sich nicht scheuen, Mit emer elenden Schauspielerin sich zu verloben, dann können Sie auch mich heirathen, ohne Ihrer Würde etwas zu vergeben, mein Herr Baron. Sie sprach die letzten Worte ganz besonders zögernd und höhnisch aus, aber dem Baron entging es, denn er war schon viel zu sehr über die unerhörte Anmaßung dieses Geschöpfes empört. Willst Du, daß ich mich zum Gespött der ganzen Welt machen soll? Welches Höllengelächtcr würden meine Freunde aufschlagen, wenn sie hörten, daß sich Baron Bloomhaus mit dem Kammermädchen seiner ersten Frau verheiratet habe I Und doch, Herr Baron, gibt es für Sie nur einen Ausweg» entgegnete sie mit fester Stimme und ihre Blicke schienen sich in sein Inneres bohren zu wollen. Entweder Sie heirathen mich oder — Oder, wiederholte der Baron unbefangen, der sich durchaus nicht den Anschein geben wollte, als werde er durch diese Drohung eingeschüchtert. Oder, ich erzähle dem Gericht, wie Ihre Frau aus der Welt gekommen ist. Das könnte für Dich allein sehr unangenehme Folgen haben, war die ruhige Antwort. Sie irren, Herr Baron, entgegnete Enrichetta und ihr schmales Gesicht verzerrte sich höhnisch. Wir werden dann Beide miteinander ins Zuchthaus oder aufs Schaffst gehen. Ich fürchte, das wird unmöglich sein, entgegnete der Baron, den Spott erwidernd. Durchaus nicht. — Ich werde ohne Weiteres bekennen, daß ich nur auf ihren Antrieb die Fürstin vergiftet habe. Baron Bloomhaus zuckte die Achseln. Man wird Dir wenig glauben, und Du scheinst ganz zu vergessen, daß Du durch dieses Bekenntniß vor allen Dingen Dich selber in die Tinte bringen dürftest. Was frage ich darnach, wenn Sie nur mein Geschick theilen, entgegnete die Italienerin mit finsterem Trotz. Das wird unmöglich sein, war die kühle Entgegnung. Doch nicht so unmöglich als Sie denken. Ich habe noch den Nest des Giftes, das Sie mir gegeben. Sie allein hatten ein Interesse daran, daß die Fürstin rasch beseitigt wurde, denn Sie fühlten sich nicht mehr sicher, seitdem Ihre Gemahlin in dem Besitze eines für Sie bedenklichen Geheimnisses war. Durch die Augen des Barons zuckte es und sein eben noch höhnisch lächelndes Gesicht verfinsterte sich, dennoch sagte er kühl und ablehnend: Was schwatzest Du da für Unsinnl Enrichetta ließ sich von dem aufsteigenden Zorn des gnädigen Herrn, der ihr nicht entging, keineswegs einschüchtern und sie fuhr mit großer Sicherheit fort: Die Welt würde staunen, wenn sie plötzlich das seltsame Geheimniß erführe — und sie blickte dabei triumphirend in das bleicher werdende Antlitz. Der Baron machte eine rasche Bewegung nach der Italienerin hin, vielleicht hatte er die Absicht, sich wie ein Tieger auf das Mädchen zu stürzen und es mit seinen Händen zu erwürgen, denn in seinen Augen loderte es unheimlich auf; aber er besann sich noch einmal und sagte gleichgiltig: Ich möchte Dir rathen, es mit mir nicht zum Aeußerstsn zu treiben, Du könntest schließlich doch den Kürzeren ziehen. Selbst diese nicht mißzuverstehende Drohung übte auf Enrichetta nicht die gehoffte Wirkung. Sie lachte nur: Wollen Sie nicht wieder zum Gift ihre Zuflucht nehmen, sondern ganz einfach ihrem Opfer die Kehle zuschnüren, es ist das freilich -er kürzeste Weg, um sicher unter das Beil der Guillotine zu kommen. So hatte die Italienerin seine Absicht errathen? Der Baron murmelte in russische? /- 73 — »1 Sprache eine Verwünschung vor sich hin. Enrichetta! knirschte er zwischen den Zähnen hervor. Reize mich nicht länger, ich könnte mich sonst in blinder Wuth wirklich vergessen. Sei vernünftig, das ist für Dich das Beste. Nimmermehr! Sie geben entweder Ihre Schauspielerin auf, oder ich zeige uns Beide als Mörder an. Unsinn! Sei überzeugt, Du wirst damit nichts erreichen, während Du die besten Tage haben könntest, wenn Du auch ferner treu zu mir halst. Es ist mein letztes Wort. Wollen Sie auf die Komödiantin verzichten? Und Enrichetta stellte sich dicht vor den Baron hin und sah ihn mit ihren unruhig funkelnden Augen drohend ins Gesicht. Närrin! stieß dieser unmuthig heraus und kehrte ihr ohne Weiteres den Rücken. Dann sollst Du es bereuen, so wahr ich eine Italienerin bin! rief Enrichetta aus «nd erhob die Hand, dann stürzte sie, halb wahnsinnig vor Zorn und Rachsucht, aus dem Zimmer. (Fortsetzung folgt.) Der römische Landpfleger und sein Haus. Von W. Wyl. Ist auch daS Loos des deutschen Schriftstellers, Dank der grenzenlosen Intelligenz der heutigen Censur, jetzt ein ideal schönes, so läßt sich doch nicht leugnen, daß es auf der Erdenbahn des deutschen Kaufmanns nicht an Lichtblicken fehlt, besonders wenn ihn die Gunst der Sterne zum Matratzenhändler gemacht hat. Dieser Satz ist nicht etwa, wie boshafte Leser glauben werden, ein leichtsinnig hingeworfenes Paradoxon, sondern eine tiefsinnige, auf dem Wege analytischer Forschung gewonnene Sentenz. Gleich der echten Perle langsamen Wachsthums entwickelte sie sich in meinem Gehirn nach und nach, wenn ich, zwischen den stillen Häuschen des Passionsdorfes hinschleudernd und von dem Dufte der Düngerhaufen angenehm betäubt, die ungeheuren Quantitäten Bettzeug sah, die auf Bestellung der Apostel, Pharisäer und zahlreicher anderer biblischer Personen täglich karrenweise hierher kamen, um jenen höchst curiosen Produkten moderner Civilisation, welche als amerikanische und englische Ladies durch die Welt laufen, nach dem endlosen Gezwitscher des Tages zur nächtlichen Ruhestatt zu dienen. Ich weiß natürlich nicht genau, wie viel die Münchener Matratzenhändler an den Aposteln und Pharisäern verdient haben, aber ich habe eine dumpfe Ahnung, daß sie beim Nachzählen ihres Prosits die Passion segnen und daß selbst die Söhne Jsrael's unter ihnen Momente christlicher Rührung verspürt haben. Wenn die Karren voll Bettzeug, Nachtkasten, Waschkommoden u. drgl. im Dorfe ankamen, da war es wahrhaftig keine Kleinigkeit, all' das Zeug den Aposteln und Pharisäern in die Häuser zu schaffen, und ich möchte wissen, wie der Postbote mit der Geschichte zurechtgekommen wäre, hätte er nicht einen braven Gehilfen gefunden, willig und stark zur Arbeit und grundehrlich zum Einkassiren der Gelder. Die Schnitzerei geht schon seit geraumer Zeit nicht am besten und da fand sich denn ein recht geschickter Bildschnitzer, ein gewisser Thomas Rendl, ein Mann mit Frau, vier Kindern und einem sehr kleinen Grundbesitz, der mit Freuden bereit war, zum Karren zu greifen und so die karge Portion Brot für seine Familie zu verdoppeln. Der Postbote versprach drei Mark für die Woche, kleine Trinkgelder sollten hie und da auch abfallen, besonders beim Pfarrer und beim Oberförster, und so begann denn der Schnitzer Rendl mit dem Karren durch das Dorf zu kutschiren, wobei er freilich selber den Rappen vorzustellen hatte. Nun sieht ein Jeder, auch wenn er nie den Karren geschoben hat, ein, daß das eigentlich sozusagen ein saures Metier ist. Ist es sonnig, so schwitzt man ein gut Theil, regnet es, so wird man ganz merkwürdig naß, was großentheil daher kommen dürfte, weil man beim Fahren kein Parapluie tragen kann,h wenn man selbst Pferd ist. Wer das übrigens nicht begreifen kann, der lasse es sich von einem Professor erklären — die wissen Alles. 79 Als ich so etwa eine Woche vor der ersten Vorstellung im Dorse ankam, da sah ich dem Rendl oft bei der Arbeit zu, wie ich denn die Arbeit überhaupt sehr schätze und liebe, bei Andern nämlich. Er hob und legte Matratzen, schob und wendete den Karren, und ich rauchte meine Cigarre mit dem Gesichtsausdrucke einer fetten Drohne, die einer fleißigen Imme zusieht. Und so rauchte ich denn im Dorfe umher, bis die erste Vorstellung da war. Die gefiel mir denn ganz außerordentlich schon des Vormittags, und Nachmittags gefiel fie mir noch mehr, denn da spitzt sich die Tragödie zu, es weht die Luft des fünften Actes: Christus ist schon gefangen, Judas erhängt sich und das wirkt wie der Tod der Lady Macbeth. Da tritt auf einmal Pontius Pilatus auf seinen Balkon heraus, mit Hofherren, Dienern und Kriegsknechten, und die Priester bringen ihm den gebundenen Nazarener daher. Ich bin nicht mehr gar jung, habe viele schöne Dinge in meinem Leben gesehen, so z> B. sehr viele wunderbare Tizians, Paolo Veronese und Rubens. Wenn mir daher etwas einen tüchtigen Ruck gibt und mir's wie ein elektrischer Strom den Theil des Körpers hinabläuft, für den ein gemeiner Kerl den Namen „Buckel" erfunden hat, da können Sie Gift darauf nehmen, daß es Malerei oder ein Stück himmlischer Musik ist, das mir in die Nerven geht. Wie also der Pilatus herauskommt, wie er da prachtvoll farbig obensteht mit goldenem Stirnband, goldenem Brustharnisch und Scharlachmantel, einen Feldherrnstab in der Rechten — wie der Mann vornehm agirt, die Beine stellt wie eine antike Statue und wie er die jüdischen Priester abtrumpft, so daß seine fürstlichen Antworten den Burschen wie Hammerschläge aus die schlauen Köpfe fallen — da gab es mir einen ganz großen Ruck, wie es mir schon lange nicht passirt ist. Es sollte aber noch besser kommen. Das Drama geht seinen Gang fort, die Priester werden immer wilder und hetzen ganz Jerusalem vor des Statthalters Haus, damit es brüllend den Tod des Galiläers verlange. Immer höher gehen die Wogen des Hasses unter dem Balkon des Pilatus, seine Stellung wird immer schwieriger, seine Rolle bedeutsamer; der ehrliche wohlwollende Mann in ihm macht dem Sklaven Platz, dem Sklaven der Genüsse, der Ehren, die ihm seine Stellung sichert, und siehe da, der Sklave ist feige in der Stunde der Gefahr, er läuft davon und reißt den ehrlichen Mann mit sich fort — da (wer sollte es dem schlichten Dorfkünstler zutrauen?) entfaltet der Pilatus eins künstlerische Größe, die uns verwöhnten Städtern den Athem in der Brust festbannt. Gewaltig spricht er zu den Priestern herab, scheu blickt er auf die nach Blut rufenden Nolksmassen hernieder; er kämpft redlich für seine bessere Ueberzeugung, aber endlich zeigt es sich, daß er kein Epaminondas seines Gewissens ist. Er stirbt nicht, er kapitulirt» Seht, wie er sich die Hände wäscht und wie er das rothe Stäbchen bricht, daß der Duldergestalt unter dem Balkon die Stücke zu Füßen fallen. Er hat Christum den Herrn in den Tod gesendet. „Nehmet ihn hin und kreuziget ihn!" ruft er, und tief ergriffen, als hätten Bosheit und blinde Leidenschaft erst jetzt über die stille Tugend triumphirt und nicht vor achtzehnhundert Jahren, sehen wir dem Scharlachmantel des Statthalters nach, wie er in der Balkonthür des Hauses verschwindet. Wer ist denn dieser prächtige Mensch, der einen Römer, einen antiken Staatsmann farbig und plastisch so überzeugend darstellt? Wer ist es denn, der uns die Zweifel im Busen fühlen läßt, welche diesen römischen Hamlet von Statthalter hin- und herziehen zwischen seiner Pflicht und seinem Vortheil? Wie kommt der Mann dazu, seine Gesunken so wunderbar nachdrucksvoll in das Erz echt männlicher, staatsmännischer Spräche zu prägen? Wie heißt der Mann, der mich in seiner Haltung, in jeder Geberde an die' Nömergestalten des großen Rubens erinnert auf dem Cyklus des Decius Mus in der Aechtenstein-Galerie zu Wien? ' Der Mann heißt Thomas Rendl. Was — derselbe, der seit Monaten die Matratzen abladet und sie schwitzend durch die Straßen karrt? Unmöglich! .... Und! s ist doch so; es ist derselbe Rendl, der arme Bildschnitzer, der Gehilfe des Postboten» ^ (Schluß folgt.) Miseellerr. Eine merkwürbge Abonnements-Einladung wird dem „Hannover'schen Courier" aus Rinteln zugeschickt. Dieselbe lautet: „Mit Anfang des nächsten Monats erscheint zu Rinteln eine neue technische Zeitung, herausgegeben von verschiedenen abgegangenen Autoritäten. Die Abonnenten erhalten jedes Quartal eine Photographie von einem berühmten Plastiker; zu Ostern eine gestreifte Frühjahrshose und zu Johannis einen neuen Hut. Auch werden den Abonnenten unentgeltlich alle sechs Wochen die Haare verschnitten und die Kuhpocken geimpft. Wer drei Jahre voraus bezahlt, bekommt im Sterbefall einen Sarg oder sechs silberne Löffel und eine künstliche Zahnbürste. Dieses Werk wird schon bei der bloßen Ankündigung so viel Aufsehen erregen und so stark begehrt werden, daß die erste Auflage keine Zeit finden wird, die Pesse zu verlassen und deßhalb sogleich die zweite erscheinen wird. Annoncen aus den Fachkreisen werden in erster Zeit unentgeltlich in unsere Spalten aufgenommen. Der Dichter August von Platen sagt in seinem Tagebuche: Leuten, die von nichts als Pferden, Hunden und sinnlichen Vergnügungen reden, bin ich ein stummer Gesellschafter. Ich begreife nicht, wie es so viele junge Menschen geben kann, die weder Ernst in ihrem Charakter, noch Streben nach Vervollkommnung besitzen, die ihre Zeit unendlich leichtsinnig verschleudern, und deren ganzes Nachdenken darin besteht, wie sie den Nachmittag auf eine lustige Weise hinbringen sollen. Das Leben bietet doch so viel Stoff zu ernsten Betrachtungen dar; Fleiß und Bemühung lassen ein so süßes Bewußtsein in uns zurück, während Müssiggang und Sinnenfreuden die Seele nur mit einer schalen Leere und nagenden Vorwürfen erfüllen. In der Thätigkeit besteht das wahre Glück des Menschen. Täglich lerne ich mehr einsehen und empfinden, daß die Reinheit und Ruhe des Gemüths das höchste und einzig wahre Gut des menschlichen Lebens ist. (Treffende Antwort.) Die Güterexpedition der bergisch-märkischen Eisenbahn schreibt einem Kaufmanns, der durch dieselbe ein Frachtstück versendet hat: „Adressat H. A. S. in D. hat die Annahme desselben verweigert, weil schon längere Zeit gestorben." Der betreffende Kaufmann ist boshaft genug, der Güterexpedition zu entgegnen: „Die Bestellung ist nach Auftrag ausgeführt. Wir bitten um gefällige Mittheilung, aus welchem Grunde der Verstorbene verweigert hat." Ale Ro Und als die Nachtigall geendet Im Lindenbanm ihr schönstes Lied, Da ist in heit'ger Morgenstunde Die rothe Rose aufgeblüht. Und trunken von dem Morgengolde, Das durch die grünen Ranken fällt, Grüßt sie mit schauerndem Errathen Zum ersten Mal die GotteSwelt. Und alle Zauber zu vollenden, Ward ihr auf ros'ge Stirn geküßt, Das holde, reizende Geheimniß: Daß sie nicht weiß, wie schön sie ist. Da zittert in dem gold'nen Auge Wohl eine Perle silberrein: Es soll der Dank der schönen Blume Für ihren Himmelsjchöpfer sein. Ferdinand Stolle. ^Pas;-Reb«s. Die Auflösung gibt den Namen einer italienischen Stadt. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischcn Instituts von Or. M. Huttlcr. Nr. 11. 1880. zur „Ailgslmrger PostMmg." Samstag, 7. August Der Irrthum verhält sich gegen das Wahre, wie der Schlaf gegen das Wachen; ich hal>>. bemerkt, daß man aus dem Irren sich wie erquickt wieder zu dem Wahren hinwende. Goethe. Der Herr Zaron. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) V. Unbekümmert um die finstern Drohungen der Italienerin bereitete Baron Bloom- Haus alles zur Hochzeit vor. Sie sollte das glänzendste Fest werden, das Paris in letzter Zeit gesehen und wahre Unsummen wurden dafür verschwendet. Fräulein Combelaine war über das Auftreten ihres Bräutigams entzückt, das übertraf ihre kühnsten Erwartungen. Sie schwamm in einem Meere von Wonne, denn der Baron benahm sich wie ein Zauberer, der ihre leisesten Wünsche erfüllte, selbst wenn sie noch so toll und übermüthig waren. Keine ihrer Kolleginnen konnte sich rühmen, einen so gefügigen schwärmerischen Bräutigam zu haben. Für seine angebetete Desirse war ihm nichts zu theuer und kostbar genug und sie kam sich wie eine Märchenprinzessin vor, der alles zu Gebote steht, was nur je ihr Herz begehrt. Die Männer fanden das Auftreten des BaronS närrisch, die Damen entzückend und jede Schauspielerin wünschte nur, einen ähnlichen Anbeter erbeuten zu können. Wirklich fand die Hochzeit des Barons mit all der verschwenderischen Pracht statt, die den Neid und die Bewunderung aller leichtlebigen Leute erregte. Es war nichts gespart worden, um das Fest so blendend und großartig wie möglich zu machen. Unter den zahlreichen Gästen herrschte deshalb auch die lustige übermüthige Stimmung, denn es waren ohnehin nur Leute geladen worden, die das Vergnügen aus ihre Fahne schrieben und es verstanden, in lustiger Gesellschaft wirklich lustig zu sein. Das Brautpaar ging in ungezwungener Heiterkeit den Gästen kühn voran. Der Baron liebte es, sich etwas gehen zu lassen und er überschritt dann gern die Grenze des Erlaubten und seine Braut stimmte darin vollständig mit ihmüberein, nur war sie dabei wirklich brillant und witzig, während der Baron sich mit Ausübung von allerhand Tollheiten begnügen mußte. Die Hochzeitsgäste bestanden meist aus Künstlem, leichtsinnigen Lebemännern, mit denen der Baron vorwiegend verkehrte und so wäre ohnehin in das Fest ein freierer Ton gekommen, auch wenn nicht der reichlich fließende Champagner die übermüthig« Stimmung noch erhöht hätte. Erst in den Morgenstunden nahm das glänzende Hochzeitsfest, das endlich zürn wilden Bachanal ausgeartet, ein Ende. Als der Baron am anderen Mittag mit schwerem Kopf erwachte, und eben sein Frühstück einnehmen wollte, während seine Gemahlin noch ruhig weiter schlief, legte ihm sein Kammerdiener mit bestürzter Miene einen großen Brief vor. Mißmuthig öffnete er denselben. Das Schreiben enthielt eine Vorladung zum Gericht. Ach, das ist langweilig! murmelte der Baron verdrießlich ohne die mindeste Aengst- lichkeit zu verrathen. Er sah nach seiner Uhr: Die festgesetzte Stunde ist zwar schon vorbei, aber vielleicht ist es nicht so ängstlich. Laß' den Kutscher anspannen. Er kleidete sich dann gemächlich an, gab seinem Kammerdiener die Weisung, er möge seiner Gemahlin sagen, daß er eine kleine Morgenspazierfahrt gemacht habe und bald zurückkehren werde, wenn sie nach ihm fragen solle und fuhr dann, zur großen Verwunderung seines treuen Jean, gleichmüthig davon, als ob es sich um eine ganz unbedeutende Sache handle, und doch ahnte Jean bereits, was für seinen Herrn aus dem Spiele stand, denn Enrichetta hatte ihm, als sie an jenem Tage sogleich das Haus verließ, dunkle Andeutungen gemacht und Drohungen fallen lassen, die verriethen, daß sie über das Haupt des Barons ein finsteres Unwetter heraufbeschwören wolle. Mit derselben vornehmen Ruhe, die Baron Bloomhaus seinem Kammerdiener gezeigt hatte, trat er jetzt auch vor den Untersuchungsrichter. Als ihm derselbe die Selbst- anklage der Italienerin vorlas und ein höfliches Bedauern nicht unterdrücken konnte, daß er den Herrn Baron mit dieser unerquicklichen Sache behelligen müsse, sagte Bloomhaus mit feinem Lächeln: Mein Herr, Sie thun als Mann der Themis nur Ihre Pflicht und bei meinem ruhigen Gewissen und meiner Unschuld wird es mir sehr leicht werden, die Anklage als das hinzustellen, was sie wirklich ist — eine elende, heimtückische Verleumdung und die Ausgeburt eines erhitzten Gehirns. Wohl habe ich mir Aehnliches gedacht, erwiderte der Beamte, aber die Angaben der Person lauten doch so bestimmt, daß ich wenigstens Ihre Vernehmung für nothwendig hielt. - Ich begreife das, entgegnete der Baron und er fuhr mit großer Sicherheit fort: das alberne Geschöpf hat sich eingebildet — warum? weiß ich freilich nicht, daß ich Sie heirathen würde, und da sie sich nun um ihre Hoffnungen betrogen sieht, erfrecht sie sich aus Rachsucht, gegen mich solch' wahrhaft lächerliche Dinge vorzubringen. Sie bestreiten also, der Anstifter dieses Verbrechens zu sein? Ah, mein Herr, wie können Sie glauben, daß ich eine solch' furchtbare Schuld auf mich laden würde? Ich habe meine erste Frau tief und aufrichtig geliebt und ihren Verlust lange und schmerzlich genug betrauert. ^ Die Denunziantin behauptet freilich das Gegentheil und beruft sich auf zahlreiche Zeugen, daß die Ehe zwischen Ihnen und Ihrer ersten Gemahlin sehr unglücklich gewesen sei. Der Baron warf einen Blick tief gekränkter Unschuld zur Decke. Alle meine Leute werden bekunden, wie zärtlich das Verhältniß war, das zwischen mir und meiner seligen Frau bestand und wenn meine Diener nicht als völlig glaubwürdige Zeugen gelten sollten, dann berufe ich mich auf Doktor Bernard, er weiß, wie schwärmerisch noch in der letzten Zeit die Fürstin von mir gesprochen hat und er wird auch sagen können, wie grenzenlos der Schmerz und die Verzweiflung waren, die mich nach dem plötzlichen Verlust heimsuchten. Sie haben also dem Mädchen das Gift nicht eingehändigt? Ich meine, daß mich schon meine gesellschaftliche Stellung vor solchem Verdacht .schützen sollte, entgegnete der Baron mit moralischer Entrüstung. Seien Sie überzeugt, Herr Baron, daß ich persönlich von Ihrer Unschuld überzeugt bin, bemerkte der Richter, dem die Gereiztheit des Vorgeladenen nicht entging, .Md dick ich aber als Beamter vor Ihnen stehe und deshalb Fragen stellen muß, die Wie leider peinlich berühren. ^ . Verzeihen Sie meine Aufregung. Ich vergaß, daß es Ihr Amt ist, die Wahr» 83 heit zu erforschen, und ich kein Recht habe, mich über solch' unerhörte Anschuldigungen verletzt zu fühlen. Der Richter nickte befriedigend mit dem Kopfe und fuhr in seiner höflichen, zuvorkommenden Weise fort: Das Kammermädchen ihrer verstorbenen Gemahlin hat mit große« Entschiedenheit angegeben, daß Sie von Ihnen das Gift erhalten habe und Sie ihr die ^ glänzendsten Versprechungen gemacht hätten. Und doch ist die Behauptung Enrichetta's die frechste und unerhörteste Lüge, die je vorgebracht worden! erklärte der Bar«y mit großer Entschiedenheit, i Der Richter hörte zwar auf diesen lebhaften Widerspruch, er fuhr aber dennoch ! mit gewohnter Ruhe fort: Die Italienerin hat auch einen Grund angegeben, warum ! Ihnen sehr viel an der schleunigen Beseitigung Ihrer Gemahlin liegen mußte, denn die Fürstin hatte einen Brief erhalten, in dem sie vor Ihnen gewarnt wurde, denn Sie seien höchst wahrscheinlich nichts weiter als ein Abenteurer, es stehe wenigstens fest, daß in den Ostseeprovinzen nur ein einziger Baron Bloomhaus vorhanden gewesen, der späte« nach Italien gegangen und dort in Räuberhände gefallen sei. Im ersten Augenblick vermochte der Baron seine Betroffenheit kaum zu verbergen, dann richtete er sich um so stolzer in die Höhe und er begann mit einem trüben schmerzlichen Lächeln: Sie sehen mich bestürzt, denn es giebt Anschuldigungen von so nichts- würdiger unerhörter Art, daß man darüber verstummen möchte, und doch bleibt mir nichts Anderes übrig^ als dieses lächerliche Lügengewebe zu zerreißen, so viel Ueberwindung es mich auch kostet, mich überhaupt damit zu befassen. Diese Geschichte würde eigentlich nicht hierher gehören und mich wenig angehen, > erklärte der Gcrichtsbeamte, wie zu seiner eigenen Entschuldigung, aber ich muß sie er- ^ örtern, weil sie im Zusammenhange mit dem vorliegenden Verbrechen steht. Vorausgesetzt der Brief enthielte nur einen Schatten von Wahrheit, dann würde er freilich den Beweggrund erklären, warum die Fürstin zu beseitigen war und damit die Angaben des Kammermädchens unterstützen. Der Beamte blickte dabei so freundlich und unbefangen auf den Baron, als habe er für den vornehmen Herrn durchaus nichts Verletzendes vorgebracht. Der Baron war mit großer Aufmerksamkeit den Auseinandersetzungen des Richters gefolgt; er sann einen Augenblick nach, dann rief er aus, als komme ihm plötzlich ein rettender Einfall: Wenn meine Gemahlin an Gift gestorben ist, dann muß es sich in der Leiche vorfinden und die Gerichtsärzte werden dies feststellen. Lassen Sie die Aermste ansgraben und nach dem vermeintlichen Gift forschen und die elende Verleumdung Enrichetta's wird sich schon mit voller Sicherheit herausstellen. Meine Frau ist, so wahr ich ein Edelmann bin, nimmermehr an Gift, sondern eines ganz natürlichen Todes gestorben und die Italienerin hat sich nur in thörichter Verblendung als Mörderin bezichtigt, um zugleich ihre Rachegelüste gegen mich befriedigen zu können. — Er sagte alles mit erhobener Stimme und aus seinem ganzen Wesen sprach die völlige Sicherheit eines ruhigen Gewissens. Auf den Richter blieb dies stolze, selbstbewußte Auftreten nicht ohne Eindruck und er entgegnete nach kurzem Nachdenken: Nun gut. Ich werde das Nöthige veranlassen ^ und bis dahin mag die gegen Sie eingeleitete Untersuchung ruhen, wenn Sie mir die nöthige Sicherheit bieten, daß Sie bis zum Austrag der Sache Paris nicht verlassen. Und was verlangen Sie? Die Stellung einer Kaution. Sollte mein Ehrenwort nicht genügen? Ich darf als Beamter nicht von den gesetzlichen Vorschriften abweichen. Und welche Summe fordern Sie? fragte der Baron. - - Hunderttausend Francs. Ohne Weiteres zog der Baron seine Brieftasche hervor und legte die verlangte Summe auf den Tisch. Unser Geschäft ist also damit vorläufig erledigt? fragte er von Neuem mit vornehmem Lächeln. Der Gerichtsbeamte verbeugte sich und der Baron verließ nach höflichem Gruß in stolzer siegesgewisser Haltung das Zimmer. VI. In seinem ersten Schmerz hatte der Baron die Absicht gehabt seiner verstorbenen Gemahlin ein großartiges Denkmal zu setzen, und er war bereits mit einem berühmten Bildhauer in Verbindung getreten, der ihm zunächst den betreffenden Entwurf liefern sollte. Aber dein Baron hatten all' die vorgelegten Zeichnungen nicht genügt; immer hatte er daran etwas auszusetzen gewußt, und so war die Sache sehr in die Länge gezogen worden. Der stolze Bildhauer hatte endlich den Auftrag ganz und gar abgelehnt, weil er verdrießlich geworden. Mit einem zweiten Künstler konnte sich der Baron ebenfalls nicht rasch genug verständigen und inzwischen hatte der wilde, leidenschaftliche Schinerz des trauernden Wittwers schon einen Dämpfer erfahren und später war ihm über seiner neuen Liebe zu Desiröe die Denkmalsangelegenheit völlig in Vergessenheit gerathen, so daß sich das Grab der Fürstin noch immer ohne allen Schmuck befand. Nur eine kleine Marmortafel, die damals als interimistischer Grabstein dienen sollte, bezeichnete die Stelle, wo die Fürstin die letzte Ruhestätte gefunden hatte. Jetzt mußte zu dem traurigen Schritt der Ausgrabung geschritten werden. Die GcrichtSärzte erhielten die bereits stark in Verwesung übergegangene Leiche zur Sektion und nach der genauesten und sorgfältigsten Untersuchung, gaben die Aerzte ihr Gutachten dahin ab, daß in dem Leichnam auch nicht ein Atom von Gift zu finden sei. — Die Angaben des Barons stellten sich damit als völlige Wahrheit heraus, daß die Italienerin nur aus thörichter Verblendung sich selbst und ihren früheren Herrn angeklagt habe. Ueber die Echtheit des Baron Bloomhaus nähere Forschungen anzustellen, hatten die französischen Gerichte weiter keine Ursache, denn unter dem Strom von Fremden, der jährlich die französische Hauptstadt heimsucht, befinden sich immer Elemente von zweifelhafter Beschaffenheit und sobald die fremden Grafen und Barone nicht geradezu auf den Wegen des Verbrechens betroffen werden, läßt man ihnen gern das Vergnügen, in Paris als hohe Aristokraten aufzutreten. Die Anklage der Italienerin zerfiel damit in nichts; sie wurde trotz ihres eigenen Widerstandes auf freien Fuß gesetzt, und ihre Vetheuerungen, daß sie dennoch auf Anstiften des Barons das Verbrechen begangen habe, fanden keinen Glauben. Enrichetta war außer sich darüber. Ihre Seele lechzte nach Vergeltung, sie wollte gern den Tod erleiden, wenn sie nur den schändlichen, treulosen Menschen mit ins Verderben zog. Nun hatte sie dennoch ihr Ziel nicht erreicht! Wie war es nur möglich gewesen, daß man in dem Körper der Fürstin daß Gift nicht mehr gefunden? — Und warum genügte es nicht, daß sie sich selber des Mordes beschuldigte, warum traute man den Worten des Barons mehr, als ihren feurigsten Schwüren? Vielleicht hatte der Schändliche die Richter und Aerzte bestochen? Mit seinem großen Vermögen war ihm ja Alles möglich; Das rachsüchtige Herz der Italienerin kam nicht mehr zur Ruhe. Obwohl sie sich in Paris gar nicht glücklich fühlte und sich in ihre Heimath zurücksehnte, war es ihr unmöglich, sich von der französischen Hauptstadt zu trennen. Sie fühlte sich an diesen Ort wie gebunden, ja sie miethete ganz in der Nähe des Verhaßten ein kleines Stübchen, um das Leben und Treiben des Barons genau zu beobachten, obwohl sie sich täglich damit die furchtbarsten Qualen verschaffte. Sie konnte von ihrem Zimmer aus ganz gut sehen, wenn Baron Bloomhaus mit ihrer glücklichen Nebenbuhlerin ausfuhr, wie zärtlich und aufmerksam er dabei die Komödiantin behandelte, die einen wahrhaft fürstlichen Luxus entfaltete. Wie funkelte der Diamantschmuck an dem Halse des eitlen leichtsinnigen Geschöpfes! Enrichetta sah das alles mit Wuth und Neid und die quä- lenden Gedanken bohrten sich in ihre Seele eint Das alles müßtest Du haben! Du hast cs Dir verdient und er hat es Dir versprochen und ohne Deine Hilfe märe er zum elenden Abenteurer herabgesunken. — Trotzdem Enrichetta sich immer wieder neue Qualen holte, war sie doch ängstlich bemüht, genau zu erforschen, wie es jetzt in dem Palais des Barons zuging. Ach und sie hörte nichts weiter, als daß der gnädige Herr seine Gemahlin förmlich auf Händen trug, sie noch imme,r vergötterte und bemüht war, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. — Und sie hatte wenigstens gehofft, daß der Rausch des Leichtfertigen ebenfalls wieder rasch verfliegen werde. Je mehr die Italienerin sah, wie glücklich sich der Baron im Besitz seiner neue» Gemahlin fühlte, je tiefer grub sich der bitterste Groll gegen den Wortbrüchigen in ihr Herz Sie mußte ihn dennoch vernichten,-um jeden Preis vernichten, — — das schwur sie sich hoch und theuer, ihr ganzes Sinnen und Trachten ging darauf hin, sich an dem elenden Verräther zu rächen, der sie so lange mit seinen Liebesbetheuerungen und Versprechungen bethört und beschwatzt, bis sie eingewillt, das schändliche Verbreche» zu begehen. Jetzt erst empfand sie darüber die tiefste Reue und nun hatte sie das vollste Bewußtsein von der Schändlichkeit ihres Thuns. Wie hatte sie es nur über sich vermocht, ihre theure Herrin zu vergiften, die ihr stets nur Gutes erwiesen und von der sie mit Beweisen des grenzenlosesten Vertrauens, ja aufrichtigster Zärtlichkeit überhäuft worden. Aber der Baron hatte es verstanden, ihr Gewissen einzuschläfern. — Wie zärtlich, wie schwärmerisch war er zu ihr gewesen, welch' verlockende Zukunfsbilder hatte er vor ihr zu entfalten gewußt und endlich war es ihm gelungen, ihr Herz völlig zu be- thören. Sie hatte ihn geliebt, tief und leidenschaftlich, blind und in ihrer Liebe war sie zuletzt sein williges Werkzeug geworden. — Und nun diese furchtbare Täuschung! — Anstatt sie zur Baronin zu machen, wie er ihr gelobt, führte er diese elende Komödiantin als Gattin heim. Es war zu schändlich! — sie mußte suchen ihn von seiner Höhe herabzustürzen. Tausend Pläne wirbelten durch den Kopf der Italienerin. Zuweilen kam ihr der Gedanke, bei einer Ausfahrt dem glücklichen Paare aufzulauern und der Schauspielerin durch einen Dolchstoß ein rasches Ende zu machen. Aber traf sie damit wirklich den Verräther in's Herz? Der Elende tröstete sich gewiß ebenso leicht wieder über den Verlust. Solche Geschöpfe wie diese Combelaine, gab es ja noch in Menge. — Und wenn sie ihn selber erdolchte, hatte sie sich damit gerächt? — Sie wollte ihm nicht ein rasche- Vnde bereiten, er sollte erst Schmach und Elend kennen lernen, das traf ihn sicher weit empfindlicher und härter als ein Dolchstoß. Einige Tage war Enrichetta durch Krankheit an das Zimmer gefesselt und als sie wieder im Palais ihre Spionirversuche anstellen wollte, hörte sie zu ihrer Ueberraschung, daß der Baron mit seiner Gemahlin plötzlich abgereist sei. Nach Deutschland, sagten die zurückgelassenen Leute. Näher wußten sie das Reiseziel des gnädigen Herrn nicht anzugeben. Warum hatte Bloomhaus plötzlich Paris verlassen? Fühlte er sich dennoch nicht sicher, oder war ihm mitgetheilt worden, daß sie ihm beständig auflauere und jeden seiner Schritte beobachte? — Enrichetta grübelte darüber vergeblich nach. Nun war er auS ihrem Bereich entschwunden und vor ihrem Racheanfall sicher. Ach warum hatte sie nicht eher gehandelt und einfach an dem Verräther Vergeltung geübt!? — Sie bereute ihre feige Schwäche und war anfangs von der Nachricht seiner Flucht wie vernichtet. Aber dann raffte sie sich auf. Sie mußte ihn verfolgen und finden und wenn sie bis an das Ende der Welt wandern sollte. Als Enrichetta noch vor dem Palais in höchster Anfregung auf- und abging, darüber brütend, wie sie den Aufenthalt des Barons ermitteln könne, erschien ein einfach gekleideter Mensch mit purpurrothem Gesicht, der unsicher auf die Eingangspforte zuschwankte und dann sehr heftig an der Klingel riß. Was wollen Sie? rief der Portier zu seinem Guckfenster heraus. Ich lasse mich heute nicht wieder abweisen, ich will zum Baron, schrie der Mensch mit einer Stimme, die vollends seine Angetrunkenheit verrieth. Die Herrschaft ist heute Nacht abgereist, war die verdrießliche Antwort des Portiers und das Fenster flog wieder zu. Oho, lieber Mann! Das geht nicht so schnell. Ich will wissen, wohin der Baron gesegelt ist? Geht Sie gar nichts an! brummte der Portier, ohne das Fenster zu öffnen. - Oho! geht mich sehr viel an. Ich muß es wissen. Der Baron ist mir eine große Summe Geld schuldig geblieben. Ihnen? fragte der hochmüthige Concierge und blickte verächtlich von seinem niedern Standpunkt zu dem Menschen hinaus, der ein schlichter Arbeiter zu sein schien. Ja mir, bestätigte der Trunkene mit schwerer Zunge. Der Baron ist mir viel Geld schuldig und es ist nicht hübsch von ihm, daß er mir durchbrennen gewollt. Aber ich werde es schon herausbekommen, wohin er entwischt ist. Reden Sie nicht solch' dummes Zeug. Der Herr Baron ist mit seiner Gemahlin nach Deutschland abgereist und wenn er Ihnen wirklich ein paar Pfennige schuldig geblieben, ist es nur durch ein Versehen seiner Leute geschehen. Ja, ein paar Pfennige! Viele Tausende habe ich von ihm zu bekommen und ich brauche das Geld und es ist eine Schändlichkeit, daß er heimlich ausgekratzt, ohne mir ein Wort davon zu sagen. Nun machen Sie aber, daß Sie fortkommen, Sie betrunkener Lump! schrie jetzt der Pförtner ganz erbittert und erhob zu dem Manne da oben drohend die Faust. Brauch' ich nicht. Ich will wissen, wohin der Baron gegangen ist. Ich sagte Ihnen schon, nach Deutschland, aber nun machen Sie, daß Sie fortkommen, und eine gebieterische Handbewegung begleitete diese Aufforderung, denn die Geduld des Unterirdischen war erschöpft. Fällt mir nicht ein! Nach Deutschland. Das soll ein sehr weitläufiges Land sein. Ich will endlich erfahren, wohin mein Schuldner gereist ist? Und wenn Sie sich nicht auf der Stelle fortpacken bleibt mir nichts anderes übrig, als Sie wegzufegen, sagte der Pförtner riß das Fenster auf und schwenkte dabei den langen Holzstiel seines Besens, zum Zeichen, daß er bereit sei, die Feindseligkeiten energisch zu eröffnen. Der Trunkene lachte höhnisch auf, aber da er sich nur auf bloße Schimpfwörter beschränkte, zog er dem Pförtner gegenüber bald den Kürzeren, und er mußte den Rückweg antreten, was freilich mit großen Schwankungen geschah. (Fortsetzung folgt.) Der römische Landpfleger und sein Haus. Von W. Wy l. (Schluß.) Folgen Sie mir in das bescheidene Heim des guten Rendl. Ganz ohne künstlerischen Schmuck ist es nicht. Von der sauber geweißten Front blinkt ein ganz kleiner, hübscher Fresco Zwinck's herab, ein Christus am Kreuz, daneben die Heiligen Sebastian und Rochus. Das einstöckige Häuschen hat zwei Fenster Front, winzige Fensterchen, die stillvergnügt in das Küchengärtchen vor der niedrigen Hausthür Herabblicken. Wir treten in ein niedriges Stäbchen, dessen Anblick einen Engländer durch den Mangel jeder Spur von ßoock oorukort entsetzen muß, während ein malerisch gebildetes Auge der dunklen Holzdccke, dem altersbraunen Gerumpel, der kärglichen Einrichtung und dem schönen grünen Kachelofen mit seiner traulichen Bank bald seinen eigenthümlichen Reiz abgewinnt. Machen Sie die Lade jenes alten Tisches auf: Sie finden da duftendes Schwarzbrot und einige herzige, armselige Gabeln, Messer und Löffel. Ich für meinem 87 Theil liebe solche Interieurs. Ich hatte eine uralte Großmutter auf dem Lande, die hatte auch so einen alten Tisch mit saftigem Brode drin und den Weihbrunnkessel bei der Thür. Beim Fenster steht die Schnitzbank, mit dem Gestelle voll Messer daneben; dieser Apparat aber feiert in den schlechten Zeiten. Da sind die zwei jungen Nendl's, der sechsjährige Thomas, der auch schon bei der Passion mitthut, beim Manna in der Wüste, und der ältere, der „Peterl". Der Peterl wird einmal ein Passionsspieler werden! Denken Sie sich, er kann jetzt schon die ganze Rolle seines Vaters auswendig, und der Bub' ist erst neun Jahre alt! Wenn der Vater seine Rolle übt, so paßt dieser Pilatus im Embryo auf wie die Katze auf die Maus, und wie der Alte sich verspricht, so schnappt der Bub' zu und sagt's haarscharf genau her, wie's in der Rolle steht, dem abgegriffenen Heftchen, das hinter den Schnitzmessern im Gestelle steckt. Der Bub ist auch sonst ein Genie. Sie glauben gar nicht, wie viel Passionstexte der oft in einem Tage verkauft. Das geht manchmal in die Dutzend und bei jedem Stück hat er fünf Pfennige. Und dann ist's so herzig, wenn sich die Leutchen zu Tisch setzen und Wochentags ihre Suppe mit Brot, Sonntags aber das große, schrecklich theure Pfund Fleisch essen, das ihnen der Pilatus auf dem Holzteller vorlegt, nachdem sie allesammt ein kurzes Eebetlein gesprochen haben. Denn wenn die Oberammergauer auch nichts weniger als fanatisch find, so ist ihnen ihre poetische Religion, die Mutter ihres schönen Passionsspiels, doch auf Schritt und Tritt eine altgewohnte, liebe Begleiterin. Sie ordnet und schmückt das tägliche Leden, sie segnet die Arbeit, den Schlaf und das kärgliche Mahl, und sie tröstet den bescheidenen Künstler, wenn er seiner kleinen Welt, ihrer Schnitzerei und ihrem Passionsspiel auf dem letzten Schmerzenslager Ade sagt. Die Rolle des Pilatus steckt hinter den Schnitzmessern in dem kleinen Gestelle neben der Schnitzbank. Sie ist ein Heft von 20 Ouartseiten. Ihr Verfasser ist der würdige alte Daisenberger, ein Mann, der hinter dem schlichesten Aeußern eine edle Seele und eine.bedeutende Bildung verbirgt. Unter seiner Hand wurde der Part des Landpflegers zum psychologisch interessanten Theil des Dramas, der sich überdies durch schöne, klare Sprache auszeichnet. Von großer Feinheit ist z. B, das dem Heiden Pilatus zweimal in den Mund gelegte Bedenken über die Abkunft des Galiläers, der sich einen Sohn Gottes genannt hat. „Wie, wenn er wirklich der Sohn irgend eines Gottes wäre?" Um deutlicher zu sein, will ich einige Stellen der ungedruckten Rolle selbst hersetzen: (Kaiphas klagt Christum des Aufruhrs an.) „Ich habe wohl von einem Jesus gehört, der im Lande umherziehe und lehre und außerordentliche Thaten verrichte. Aber nie habe ich etwas von einem durch ihn erregten Aufruhr vernommen; wäre etwas dergleichen vorgefallen, so würde ich es vor Euch erfahren haben, der ich zur Handhabung der Ordnung im Lande aufgestellt und von dem Thun und Treiben der Juden ganz gut unterrichtet bin." (Zu seinen Hofleuten:) „Ich kann nicht glauben, daß dieser Mann verbrecherische Pläne im Sinne führe. Er hat so viel Edles in seinen Gesichtszügen, in seinem Benehmen, und seine Rede zeugt von so edlem Freimuth und so hoher Begabung, daß er mir vielmehr ein weiser Mann zu sein scheint, vielleicht nur zu weise, als daß diese finstern Menschen das Licht seiner Weisheit ertragen könnten. . .. Wenn er etwa wirklich höherer Abkunft wäre? . . . Nein, ich werde mich durchaus nicht herbeilassen den Wünschen der Priesterschaft entgegenzukommen." (Zu den Priestern:) „Wenn dieser Mann sich einen König genannt hat, so berechtigt mich dieses vieldeutige Wort noch lange nicht, ihn zu verurtheilen. Bei UNS wird öffentlich gelehrt, daß jeder Weise ein König sei. Thatsachen aber, daß er sich königliche Macht angemaßt hat, habt Ihr nicht vorgebracht." Diese Beispiele mögen genügen. Sie sagen dem Leser, ohne meine Vermittlung, baß die Rolle an den Darsteller von der declamatorischen Seite große Anforderungen stellt, besonders in Sentenzen wie die obige, die im Druck hervorgehoben ist, DkM 88 wunderbarer ist der Eindruck, wenn der mit dem Purpur bekleidete arme Teufel von Bildschnitzer diese stattlichen Sätze mit wahrhaft fürstlichem Aplomb vorbringt, wie die Leistungen der Passionsspieler es überhaupt ohne Ausnahme sind, von jeder schauspielerischen Coquetterie himmelweit entfernt ist. Der bayerisch-tirolische Dialekt, der bei jedem der Darsteller mehr oder weniger zu Tage tritt, stört durchaus nicht, selbst wenn Josef von Arimathäa bei der Kreuzabnahme begeistert ausruft: „O du siße, heilige > Birde, komm' auf meine Schultern!" Viel störender wäre es, wenn die Dorfschauspieler ein Hochdeutsch anstreben würden, das sicherlich nicht gut ausfallen könnte. Auch Ncndl spricht mit starkem Accent. Das hohe a und das tiefe ö sind für ihn fernabliegende Herrlichkeiten, für deren Mangel er aber durch seinen eminenten dramatischen Instinkt reichlichen Ersatz bietet. Es war ein trauliches Stündchen in seinem Stübchen, als wir einmal miteinander feine Rolle durchnahmen. Mir war aufgefallen, daß er auf die berühmte Stelle: „Was ist Wahrheit?" keinerlei Nachdruck legte, und ich erfuhr auf meine Frage gar bald, daß der arme Kerl, wie es ja natürlich ist, von der philosophischen und weltmännischen Bedeutung dieser Stelle keine Ahnung hatte, daher er denn, ohne die Geberde zu ändern, bei den drei Worten Christus einfach fragend ansah. Ich mußte mich nun bequemen, ihm den Sinn der Worte von seinem Standpunkte aus rräherzurücken; das war keine kleine Aufgabe, denn ich mußte allen verdammten Humbug der „Bildung" beiseite lassen und einfach natürlich reden, was uns Städtlern erschrecklich sauer wird. Ich schlug ihm vor, den Nazarener, der von der Wahrheit spricht, verwundert anzusehen und dann, die Arme kreuzend, für einige Augenblicke sinnend in sich zu versinken und dabei, mehr für sich, die drei Worte zu sagen, mit besondern: Nachdruck auf Wahrheit. So rieth ich ihm auch, bei dem „So nehmet ihn hin und kreuziget ihn!", das er vor dem letzten Abgehen zu sagen hat, nach dem „und" eine Pause zu machen und das „Kreuziget ihn!" erst in der Bewegung des Abgehens zu sagen, wie Jemand, der sich gegen sein Gewissen sein Wort abdringen läßt. Selten hat wohl das Lächerliche so nahe bei dem Erhabenen gestanden als in dem Augenblicke, wo Rendl beim Probiren dieser Stelle in Flanellhemd und Jacke mit famosem Nachdruck die verhängnißvollen Worte sprach und dann mit schöner Wendung majestätisch gegen seinen grünen Kachelofen abmarschirte. Vergessen sie ja nicht, den Pilatus in seinem Häuschen zu besuchen, wenn Sie nach dem Passionsdorf reisen! Lassen Sie sich von ihm zeigen, wie er den Stab herrichtet, den er über Christus bricht, und plaudern Sie ein Stündchen mit ihm. Wenn dann der seelengute, redliche, höchst bescheidene Mann nicht ihr Freund wird, so liegt die Schuld an Ihnen und nicht an ihm. (Deutsche Ztg.) Miseelleir. (Warum die Frage?) Untersuchungsrichter: „Woraus schließt Ihr denn, daß der Mayer zu viel getrunken hatte, als er den Fischer packte?" — Zeuge: „Er hat eben en Rausch g'hobt!"-Untersuchungsrichter: „Woher wißt Ihr das?" Wie benahm er sich denn?" — Zeuge: „Ha, Ihr wißt ja selber, Herr Untersuchungsrichter, wie's ist» wenn Einer einen Rausch hat." > Beieinemjungen Ehepaar wurde eine Pfändung vollzogen und unter Thränen ließ es die junge Gattin geschehen. — „Daß unsere Ehe so kurz sein sollte!" rief sie traurig aus. — „Unsere Ehe so kurz — wie so denn?" „Erst eine Woche verheirathet — und wir müßen uns doch schon von Tisch und Bett trennen!" Auslösung des Spaßrebus in Nr. 10: „Florenz." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. M. Huttlcr. zur „Mgstmrger Po Leitung." > - -ö-S- Nr. 12. Mittwoch, 11. August 1880. Natur, Gottes Spur: Der Mensch, Gottes Bild: Christus des Vaters Ebenbild: Gott, das Leben, das Licht, die Liebe. Mich. Saller. Der Zerr Daran. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Enrichetta hatte aufmerksam aus einiger Entfernung den Auftritt verfolgt und als fetzt der Mensch, die unsinnigsten Verwünschungen vor sich hinmurmelnd, der nächsten Straße zustolperte, trat sie rasch auf ihn zu: Sie wollten den Baron Bloomhaus sprechen? Einen Augenblick starrte der Mensch die Fragerin verwundert an, dann antwortete er mit der beschränktesten Rücksichtslosigkeit eines Trunkenen. Natürlich. Wen denn sonst? — Und Sie haben ein wichtiges Geschäft mit ihm abzumachen? Hm, Geschäft, brummte der Mann. Er ist mir Geld schuldig, viel Geld und das wollt' ich haben. Aber die Kanaille ist mir entwischt. War dies rohe Schimpfen nur ein Ausfluß der Trunkenheit oder verbarg sich dahinter etwas Anderes? Enrichetta mußte darüber Gewißheit haben und sie forschte weiter: Der Baron ist ja sehr reich, der wird Sie schon bezahlen. Ja, bezahlen, lachte der Trunkene höhnisch auf. Er ist ja nur ausgerissen, um mir nicht zu geben, was er mir versprochen hat. Er hat Ihnen etwas versprochen, forschte die Italienerin von Neuem. Das ist etwas Anderes. War es eine große Summe? Natürlich. Sonst würde ich ja weiter kein Aufhebens davon machen. Aber der Schurke hat mich an der Nase herumgeführt! Warum war ich Narr genug, seinen Worten zu trauen. Ich hätte gleich 10,000 Francs fordern sollen. Das war nicht zu viel. Obwohl Enrichetta bei dem Zustande des Trunkenen nicht fürchten durfte, durch allzulebhaftes Forschen sein Mißtrauen zu erregen, wollte sie doch mit der größten Vorsicht zu Werke gehen und ihn nicht durch zudringliches Fragen kopfscheu machen, sie sagte deshalb: Ja, das wäre klüger gewesen, denn Baron Bloomhaus hält leider nicht, wa8 er verspricht. Ich könnte auch ein Liebchen davon singen und sie blieb dabei hartnäckig an der Seite des Mannes. Der Trunkene öffnete verwundert seine kleinen verschmitzten Augen, so gut er es vermochte und rief dann lebhaft aus: Also Sie kennen den Baron auch? Das ist ja merkwürdig. Ich kenne ihn sehr gut, ich hab' ihm einen sehr großen Dienst erwiesen und zum Lohn dafür hat er mich aus dem Hause gejagt. Ja, lieber Freund, trösten Sie sich mit mir. Ich habe bei diesem schändlichen Menschen dieselbigen traurigen Erfahrungen gemacht wie Sie. Wie ich? Madame, lallte der Mann und ergriff krampfhaft ihre Hand. Nein, mich hat er am schändlichsten betrogen. Aber können Sie mir nicht sagen, wo er hingereist ist? Enrichetta gab darauf keine Aytwort. Kommen Sie mein Freund, flüsterte sie ihm zu, da sie bemerkte, daß ihre Unterhaltung mit dem Betrunkenen bereits Aufsehen erregte. Geben Sie mir ihren Arm. Wir haben noch viel miteinander zu plaudern, ohne Weiteres schob sie ihren Arm in den des Fremden und zog ihn mit sich fort. Der Mann mochte sehr froh sein, daß er plötzlich eine so kräftige Stütze erhielt, denn er ließ sich diese trauliche Annäherung gern gefallen und trotzdem er den untersten Ständen anzugehören schien und noch dazu betrunken war, konnte er den höflichen galanten Franzosen nicht ganz verleugnen. Sie sind sehr liebenswürdig Madame, lallte er überrascht und suchte dabei nach Möglichkeit seinen Zustand zu verbergen. Also Sie kennen ebenfalls den Baron? dann ist es mir ein großes Vergnügen mit Ihnen zu sprechen. Mir ebenfalls, entgegnete die Italienerin sogleich. Ja, ich kenne Baron Bloom- haus, er hat mich schändlich betrogen und er verdient nicht, daß Jemand für ihn nur die Hand regt. Da haben Sie Recht, Madame! Das verdient er nicht. Es ist ganz mein Fall. Ich hätte nicht die Hand für ihn regen sollen. Sie haben also auch alle Ursache ihn zu verfolgen? fragte Enrichetta weiter. Ob ich die habe!? Er soll mir 10,000 Francs geben. Ich will sie haben. Das ist eine hübsche, runde Summe. Wozu soll ich länger so dumm sein und mich mit ein paar hundert Francs abfinden lassen? Ich brauch' es nicht, denn ich hab' mir's verdient. Und wenn ich 20,000 Francs forderte, es wäre nicht zu viel. Bloomhaus ist ja durch den plötzlichen Tod seiner ersten Frau ungeheuer reich geworden, und wenn Sie ihm wirklich einen wichtigen Dienst geleistet haben, dann sind 10,000 Francs nicht viel, das ist für ihn eine wahre Bagatelle. Eine Bagatelle! wiederholte der Trunkene. Ganz recht. Und doch hat mich der Nichtswürdige darum betrogen, denn er ist nur aus Paris verschwunden, um mir nichts mehr zu bezahlen. Aber warte,, warte! und er erhob drohend die Faust und murmelte eine Verwünschung vor sich hin. Das sieht ihm ähnlich, entgegnete Enrichetta sogleich. Ja, lieber Freund, dann sind wir Leidensgefährten und müssen zusammenhalten, denn mir hat der elende Heuchler noch weit mehr versprochen und schließlich doch nicht Wort gehalten. Die Reden sowohl wie das Benehmen der Italienerin gewannen immer mehr das Vertrauen des Franzosen. Ich sagte Ihnen schon, Madame, es ist ein Schurke, bemerkte er heftig, und seine Stimme erhielt einen festen Klang. Dann haben wir Beide das lebhafteste Interesse, ihn zu verfolgen. Verbinden wir uns. Was dem einzelnen nicht glückt, das wird gelingen wenn wir treu zusammenhalten. Geben Sie mir ihr Wort darauf, daß wir von jetzt ab als Freunde gemeinsam handeln! Sie war stehen geblieben, ihre dunklen Augen funkelten, während sie dem Franzosen die Hand hinreichte. Diese Worte übten ihre Wirkung. Der Trunkene richtete sich in die Höhe, schlug in ihre dargebotene Rechte und rief sogleich: Das ist prächtig! Ja, wir wollen ein Bündniß schließen, das ist gut. Dann müssen Sie mir alles sagen, mein Freund. Ich werde Ihnen zu Ihrem Recht verhelfen, ich allein kann es. Jetzt blitzten doch die verschmitzten kleinen Augen des Franzosen mißtrauisch über die Fremde hinweg. Ja, Madame, wer sind Sie denn, fragte er unsicher. Sie sollen es gleich erfahren und dann werden Sie wissen, daß Sie mir auch das größte Geheimniß anvertrauen können. Der Mann betrachtete noch immer zweifelmüthig die Italienerin, die aber schon wieder ihren Arm ergriff und ihn mit fortzog Ich war das Kammermädchen der Fürstin, der ersten Gemahlin des Barons, begann sie rasch und lebhaft. Und damit Sie sehen, daß Sie mir vollkommen vertrauen können, will ich Ihnen sagen, daß ich es war, die auf Anstiften des Barons die Fürstin vergiftet hat. - . Erschrocken blieb der Trunkene stehen und jetzt irrten seine Augen voll Entsetzen über das Gesicht des Mädchens hinweg, die ein solch' furchtbares Bekenntniß mit solcher Gelassenheit aussprach und dabei auch nicht die mindeste Erregung zeigte. Er vermochte vor Bestürzung kein Wort hervorzubringen. Ja, ich sage Ihnen die Wahrheit, fuhr Enrichetta mit gleicher Ruhe fort, und das mag Ihnen ein Beweis sein, daß Sie mir völlig vertrauen können, denn ich habe mich ja ganz in ihre Hände geliefert. Die schlaue Italienerin merkte sogleich, daß dem Franzosen der Ausgang der Untersuchung unbekannt war und nun konnte sie dies geschickt für ihren Zweck benutzen. Dies Bekenntniß verfehlte in der That nicht seine Wirkung. Der Rausch des Mannes schien ein wenig verflogen, so mächtig war er von diesen Mittheilungen erschüttert worden. Sie haben seine erste Frau vergiftet? stieß er endlich ganz erschrocken hervor. Die Italienerin nickte nur mit dem Kopse. Es ist so wie ich sage, der Baron versprach mir, mich zu heirathen, wenn ich der Fürstin das Pulver in den Wein schütten wollte, das er mir gab, und Sie können sich denken, was es für ein Pulver war, denn die Frau that noch ein paar Athemzüge und dann hatte Sie aufgehört zu leben. Das ist ja schrecklich. Sie werden also begreifen, daß Sie mir Alles anvertrauen können, fuhr Enrichetta eifrig fort; denn Sie mögen für den Baron gethan haben, was sie immer wollen, so schlimm kann es nicht gewesen sein. Ich muß meinen Kopf unter das Beil der Guillotine legen, wenn Sie mich verrathen. Sie kommen ohne Zweifel mit einigen Wochen Gefängniß fort, denn es ist jedenfalls ein sehr unbedeutender Dienst, den Sie meinem lieben Baron geleistet haben. Nun war die Eitelkeit des Französen geweckt. Er konnte doch unmöglich hinter seiner Begleiterin so furchtsam zurückstehen und er entgegnete ungewöhnlich lebhaft: O, so unbedeutend ist die Sache nicht und wenn es an den Tag kommt, find mir ein paar Jahre gewiß. Immerhin eine Bagatelle. Aber erzählen Sie nur, drängte Enrichetta. Es lag in ihrem Wesen etwas, dem der Trunkene weiter keinen Widerstand zu leisten vermochte und so viel klare Besinnung schien er ohnehin noch besitzen, daß die Fremde durch ihre offene Mittheilung sich ja ebenfalls in seine Hände gegeben habe und es also nicht gefährlich sei, sich ihr anzuvertrauen. Dazu mochte der Franzose das Bedürfniß fühlen, einmal Jemand zu haben, gegen den er sein übervolles Herz entlasten konnte, und so begann er ohne weiteres Zögern. O es ist eine wunderliche Geschichte und Sie werden es kaum glauben, und es ist dennoch alles die Wahrheit, was ich Ihnen erzählen werde. Enrichetta unterbrach ihn mit keinem Wort. Sie wußte schon, daß sie damit den Mann nur in seinem offenen Bekenntniß stören würde, der auch wirklich nach einer kleinen Pause fortfuhr: Erschrecken Sie nur nicht, Madame. Ich bin Todtengräber, müssen Sie wissen. Es ist freilich keine angenehme Beschäftigung, aber solche Leute müssen doch auch sein. Die Todten können ja nicht auf der Erde bleiben und da wird man immer Leute brauchen, die sie einscharren. Er hat dabei den Arm aus dem Enrichetta's gezogen, als fühle er^selbst, daß er nach Offenbarung seines Standes nicht mehr das Recht habe, sich von der feinen Dame begleiten zu lassen. Die Italienerin stutzte nur einen Augenblick, dann ergriff sie ohne Weiteres wieder den Arm des Todtengräbers und sagte mit ruhigem Lächeln: Nun müssen Sie erst recht mein Freund bleiben. Wer weiß, wie bald ich Sie brauchen werde. Ah, sagen Sie das nicht, Madame! rief der Franzose, den dies Auftreten der »Italienerin außerordentlich angenehm berührte. Jetzt war er vollends bereit, sich ihr ganz und gar anzuvertrauen. Eine so schöne Frau darf nicht sobald sterben und seine kleinen, verschmitzten Augen ruhten bewundernd auf dem schmalen, magern Gesicht Enrichetta's, der selbst die Huldigung von einem solchen Manne nicht wenig schmeichelhaft war; dennoch verlor sie ihr eigentlichesgZiel nicht aus den Augen. Nicht wahr, Sie sind auf dem Kirchhofe von Montparnasse? fragte sie rasch» Ja, Madame, war die Antwort. Und Sie haben durch das Begräbniß der Fürstin Baron Bloomhaus kennen gelernt? Der Todtengräber nickte mit dem Kopfe. Ich wünschte, ich hätte niemals auf sein Schwatzen gehört und er versprach mir goldene Berge. O, er ist ein schlauer Patron und wußte die Geschichte sehr klug einzufädeln. Nun weiß ich freilich erst, wo er damit hinausgewollt hat, obwohl ich schon eine Ahnung'davon hatte, daß es seine eigene Bewandtniß haben mußte. Ja, der Baron ist ein Teufel! rief die Italienerin erbittert. Ach, er ist gar kein Baron, setzte sie sich verbessernd hinzu. Was sagen Sie, Madame?! Das wäre ja noch schöner. Ich weiß es nicht gewiß, ich habe nur meine Vermuthungen, aber erzählen Sie nur, was er mit der Leiche seiner Frau getrieben? Das wissen Sie schon? stotterte der Todtengräber erschrocken. Enrichetta nickte nur mit dem Kopfe und richtete dann ihre dunklen unruhig funkelnden Augen auf ihn, als wollte sie ihn damit auffordern, in seiner Erzählung fortzufahren und der Mann begann auch wirklich langsam und stockend: Der Baron kam jeden Tag auf den Kirchhof und klagte mir, daß ihm der Platz nicht gefalle, wo seine Frau fliege, er wollte eine andere Stelle für sie haben und er bot mir 1000 Francs, wenn ich in nächtlicher Weile den Leichnam ausscharren und mit einem anderen vertauschen wolle. Ah, nun begreife ich alles! wollte die Italienerin ausrufen; aber sie schwieg, und ihr Herz begann stürmischer zu klopfen. Nun wußte sie, warum die Aerzte in der aus- gegrabenen Leiche kein Gift gefunden hatten. Ich mochte anfangs nichts davon wissen, fuhr der Todtengräber fort, aber der Baron kam jeden Tag und schwatzte immer von Neuem. Er stellte mir die Sache ganz ungefährlich und unschuldig dar, ja er erbot sich, mir bei dem nächtlichen Geschäft zu helfen, damit es rascher gehen solle. Znletzt versprach er mir 5000 Francs und seine ewige Dankbarkeit. Was wollen Sie Madame. Man ist doch nur ein schwacher sterblicher Mensch und ich dachte, die ewige Dankbarkeit eines Barons kann dir nur nützlich sein. — Ganz mein Fall, bestätigte die Italienerin und dieser Zuspruch beruhigte den Mann noch mehr. Ja, Sie verstehen mich, Madame, sagte er lebhaft und drückte ihren Arm fester an sich. Sein Rausch schien beinahe verflogen zu sein. Er hatte mich also endlich so weit bearbeitet, daß ich einwilligte. Nun wollte er nur warten, bis eine Leiche käme, die mit seiner Gemahlin einige Ähnlichkeit habe. Dann sind wir sicher, belehrte er mich. Dem Manne der Verstorbenen könnte doch einmal die Phantasie ankommen, daß er noch einmal seine Frau ausgraben läßt, damit würde schließlich die Geschichte entdeckt. Wenn aber zwischen den beiden Frauen eine gewisse Ähnlichkeit vorhanden, dann wären wir völlig sicher. Da kam eines Tages die Leiche einer Fleischersgattin und der Baron war ganz glücklich. In acht Tagen ist zwischen der und meiner Frau kern Unterschied mehr zu finden, das ist die Rechte, flüsterte er mir zu. Heut Nacht gehen wir an's Werk. Ich wollte noch einmal Schwierigkeiten machen, aber er drückte mir eine Tausend Francsnote in die Hände. Auf Abschlag sagte er beim Abschied leise und um Mitternacht sehen wir uns wieder. Ich konnte seinen Bitten nicht länger widerstehen, man ist ja doch nur ein armer Sterblicher. Es war freilich eine gefahrvolle Arbeit und die größte Vorsicht nöthig, aber wir brachten alles glücklich zu Stande. Ach, mir schaudert die Haut, wenn ich oaran denke, es war eine entsetzliche Nacht und der Baron blieb ganz ruhig und trieb allerhand Späße. Ich weiß ja, wo meine Gattin liegt, sagte er lachend, aber der Fleischer wird künftig seine Thränen an unrechter Stelle vergießen, wenn er überhaupt ein Narr genug ist, den Verlust seiner dicken Gemahlin zu beweinen. (Fortsetzung folgt. Bo» Bex «ach Chamonix über Töte Rotte. Bon Auguste Montag. ' Chamonix, 12. Juli. Wer A zagt, muß im gewöhnlichen Leben auch B sagen» Wenn man aber fünf Wochen lang Bex (sprich Be) gesagt, dann sehnt sich das ewig verlangende Herz, im Alphabet weiter zu gehen und es einmal mit C, mit Chamonix zu versuchen. Unterstützt der Himmel dann noch dies Verlangen sichtbar, indem er nach langen Regentagen ein strahlend blaues Gewand anlegt und eine frisch lackirte Sonne aufsetzt, so packt sich der Koffer mit Windeseile, und selbst der Abschied vom liebgewonnenen Bad wird leicht im Hinblick auf die kommenden Herrlichkeiten. Bis Martigny verdirbt die Eisenbahn den Genuß der Natur, von bort aber tritt das Beförderungsmittel unserer Voreltern, der Wagen, in sein oft geschmälertes Recht, und die Poesie des Reifens beginnt. Anfangs geht es etwas holprig, über schlechtes Pflaster, steile Höhen entlang, doch bald bessert sich der Weg, die Luft wird dünner, reiner, die üppige Vegetation verschwindet, den Wohnhäusern folgen Sennhütten, und nur das melodische Glockengeläute des ruhig grasenden Viehs unterbricht die einsame Stille. Weise der Reisende, der diesen sonst anstrengenden Paßübergang in zwei Theile theilt, Martigny Nachmittags verläßt und auf Tete Noire übernachtet, — glücklich Derjenige, dem eine wohlwollende Vorsehung dazu schönes Wetter verleiht! Der Blick ins Rhonethal von Martigny bis Sitten, schnurgerade vom Fluß durchschnitten, von den Berner Alpen, vom Tödi bis zur Jungfrau, in erhobener Klarheit und Großartigkeit umschlossen, links begrenzt von den gelben Felsmafsen des Deut du Morcle und des Grand Muveran, an den sich eine neue Kette von Schneebergen schließt — wer diesen Blick gethan, dieses unvergleichliche Landschaftsbild in der Beleuchtung eines wolkenlosen Juni-Abends gesehen, der fühlt alles Kleinliche' alles Trübe von sich abfallen und die Brust, befreit von den Miseren, deS täglichen Lebens, von einer unbeschreiblichen Andacht erfüllt. Nun ist der Col de Forclaz erreicht. Ein paar Augenblicke landschaftlicher Ruhe, ehe ein neues Wunder am Horizont erscheint — der leuchtende Glacier du Trieft, dem der kleine Gletscherbach gleichen Namens eilig zuströmt. Noch eine halbe Stunde scharfen Absteigens, eine kurze Fahrt durch düstere Tannen am Abgrund vorbei, in dem die Wasser tosen und mächtige Felßblöcke von der verheerenden Gewalt des Elementes zeugen und das Hotel Täte Noire ist erreicht. Der erste Mihklang in der Harmonie der Vergreise! Das finstere Haus, das Gewühl vom Tanz erhitzter Bauern und Schenkmädchen, eine Meute kleiner und großer Bernhardinerhunde, die hier gezüchtet werden — dies Alles giebt ein charakteristisches aber wenig einladendes Bild. Doch das ist nur eine kurze Station! — Darum getrost !drei Francs gezahlt für einen souptzon ä'iw bselsteak, in die Betten gelegt, auf deren Anzügen, angesichts der eben begonnenen Saison, erst wenige Personen geschlafen haben können, und die Brühe geschluckt, die als Morgenkaffee servirt, mit dem Beefsteak an Güte und Preis rivalisirt. Die kühle Frühlust entschädigt reichlich für die Dünste, die man in der Spelunke emgeathmet, gern erleichtert man den Wagen, um zu Fuß allein in Gottes herrlicher Natur, in den frischen Morgen hineinzuwandern. Mit leichtem Schaudern betrachtet man die Stelle, wo vor Kurzem ein Wagen hinabgestürzt, dessen Insassen theils todt, theils schwer verwundet heraufgeholt wurden — immer von Neuem fragt man sich, wie es möglich sei, so mit dem Menschenleben zu spielen, wie auf den meisten Schweizer- Pässen, wo keine Barriere die Wagen vor der Gefahr des Sturzes bewahrt, während doch das reichste Material dazu, Holz und Stein, am Wege verstreut liegt. Doch auch dieser düstere Schatten wird von der siegreichen Sonne zerstreut, das Hotel de Chatelord, wohin man die Verunglückten gebracht, wird auch glücklich passirt, und nun geht es schnell neuen Schönheiten entgegen. Nach und nach tauchen einzelne Theile der Montblanckette am Horizont auf, der Buet, die wunderlichen Formationen der ^.iAuills rouKs, der ^i'Auills vorto, bis plötzlich auf der Höhe über dem Dorfs Argentivre ein Bild dem trunkenen Auge sich aufrollt, wie es großartiger, majestätischer nicht gedacht werden kann. Zwei mächtige Gletscher, der Glacier du Tour und der Glacier d'Argentiöre, erscheinen auf einmal, dahinter die kollossalen Schneemassen des Bergkönigs, des Montblanc, umgeben von seinen Trabanten, dem Grand Malet, den verschiedenen Aiguilles, Domes und Dents, den grünen Verbergen, die man besteigt, um ihn in der Nähe zu sehen. Dann folgt das wer cke §Irroo, der Glacier du Boissous, bis man das Thal von Chamonix erreicht, in dem die Aussicht weniger ausgedehnt und mehr auf die unmittelbare Umgebung des Montblanc beschränkt ist. Diese Herrlichkeiten alle ungestört als Gletscherluftgast in langsamen Zügen zu schlürfen, ist wohl die Sehnsucht manches Naturfreundes, fast so schwer erreichbar, wie das Luftschloß des Kindes — das Chokoladenhaus, das man ohne mütterliche Aufsicht ganz allein aufessen darf. In beiden Fällen wird das Vergnügen vom grausamen Geschick nur in kargen Portionen zugemessen — und doch hat der Pensionär, der Berge- Bummler, weit mehr Chancen des bleibenden Genusses, als der eilige Passant. Studirt dieser krampfhaft den Bädeker, um keinen Moment unbenutzt zu lassen, wirst er sich, noch reisemüde, auf Führer und Maulesel, um recht viel Berge abzuarbeiten und im Gefühl des Geleisteten zerschlagen und zerschunden wieder abzureisen, so begnügt sich Ersterer damit, in den ersten acht Tagen die Berge vorerst von unten anzusehen. Eins Beschäftigung, die in Chamonix viel reizvoller ist, als auf irgend einem anderen Punkt der Erde, da mächtige Teleskope dem neugierigen Auge einen deutlichen Blick in das Herz der Bergriesen erlauben. Man beeilt sich auch hier, wie anderswo in der Leihbibliothek, ein Abonnement «aufs Fernrohr^ zu nehmen, und findet die Lektüre im Buch der Natur ebenso amüsant als lehrreich, besonders wenn Alles gut endet, keine Katastrophe den Schluß stört und sie — ihn kriegen — den Gipfel des Montblanc nämlich, der Ende Juni zum ersten Mal in dieser Saison bestiegen wurde. Mit gespannter Theilnahme verfolgt man die Wanderung der kühnen Steiger durch Schnee und Eis, ihr mühsames Wegbahnen und Emporklimmen. Man jubelt, wenn Kanonenschüsse ihr glückliches Ankommen verkünden, man trauert, wenn widrige Wetter sie kurz vor dem Ziel zur Umkehr zwingen, man freut sich, sie heil und gesund zurückkommen zu sehen, und hat nach all diesen Emotionen fast das Gefühl, selbst oben gewesen zu sein. Ein anderer ebenso harmloser Zeitvertreib des Luftkurgastes ist die Ankunft der Diligence von Genf. Sie ist das tägliche „Ereigniß" von Chamonix. Wenn man bedenkt, daß dieses Dörfchen aus zwölf Hotels mit Chalets und Dopendences, aus einigen Hundert Führern, Kutschern, Portiers und Mülets besteht, so ermißt man leicht, wie lebhaft der Heißhunger nach Reisenden ist, die diese gesammte Bevölkerung ernähren müssen. Mann an Mann stehen sie aufgepflanzt, die Portiers der verschiedenen Häuser — in angemessener Entfernung, mit scheinbar gleichgiltiger Miene, die Oberkellner und Wirthe — und warten ihrer Beute. Lustig klingelnd, von sechs Pferden gezogen, kommt die Diligence dahergebraust, 95 ein wunderliches Vehikel, den Wagen ähnlich, die wir aus alten Bildern eme heitere französische Gesellschaft ins Freie führen sehen. Blitzschnell ist das Verdeck seiner Passagiere entledigt, das Gepäck vertheilt, und nur ein kleiner Theil der eifrig schreienden Con- cicrgcs für ihre Mühe und Stimmverschwendung belohnt. Momentan (2. Juli) ist Chamonix noch leer. — So schmerzlich das für die Wirthe sein mag, so angenehm ist es für die Gäste. Wer wie wir das Glück genoß, einige ^ Tage die einzigen Bewohner des vortrefflichen Hotels Royal zu sein, die Freude des Direktors und der Kellner, der Trost des Stubenmädchens und der Stolz des Kochs (und welchen Kochs), der preist die Beharrlichkeit des Regens, der die Besucher von dem herrlichen Gebirgsthal fern hielt. Doch Ehre, dem Ehre gebührt! Auch der zahlreichere Fremdenverkehr, den die späteren Julitage brachten, konnte Aufmerksamkeit und Komfort nicht schmälern. Nach wie vor servirte der vor Eifer hochgeröthete Kellner aufs Zierlichste die Musterprodukte des Küchenchefs (dessen sauoss §snoisos und bösroaisss gleich neben der großen Montblanctour ehrenvolle Erwähnung verdienen), nach wie vor fand der Oberkellner Zeit, uns die vkroniyus uwntaniers mitzutheilen, vor Allem die Geschichte der tollkühnen Engländerin, die am 9. Januar den Montblanc bestieg, und die „den Herrn» der ihr dabei geholfen", ihren Führer, zum Dank heirathete. LIIv a trouvö sov wari ä 1a. xoints ä'uns a,i§uills, meinte mein Tischnachbar, und schlug vor, 14,000 Fuß über dem Meeresspiegel für ähnliche „hoch" angelegte Naturen ein Heirathsbureau anzulegen. Ob dasselbe trotz der statistisch nachgewiesenen Eheverminderungen fleißigen Zuspruch hätte? Ich glaube, die Meisten (auch wenn sie ihre obligate Hälfte noch nicht in der Niederung gefunden) würden dennoch vorziehen, sich mit minder halsbrechenden Exkur- ' sionen zu begnügen, die Flejsre, den Montanvert hinaufzureiten, die Gorge de Diosaz, eine der — unbedeutendsten Schluchten der schluchtenreichen Schweiz zu erklimmen und dann die Heimreise nach Genf anzutreten. Der Weg von Chamonix nach Genf ist, sobald die Montblancketts dem Auge entschwindet, mehr lieblich als wildromantisch, er bildet den Uebergang von schroffer Natur zu zahmer Civilisation. Nach wenigen Stunden raschen Abwärtsfahrens folgt Dorf auf Dorf, bis die Räder wieder auf Asphalt rollen, erleuchtete Laden, glänzende Cafs's, klingende Tramways die Nähe der Großstadt verkünden» Dem stadtentwöhnten Auge macht Genf einen imposanten Eindruck» Die Pracht' vollen Brücken, Quais und Boulevards, die luxuriösen Schaufenster, grünen Parks und aristokratischen Stadtviertel erinnern an Paris. Die Beschreibung seines HauptreizeS jedoch, der in dem Kontrast der großartigen Bergumrahmung zur städtischen Eleganz beruht, muß ich dem Bädeker überlassen. Für uns lüftete sich keinen Moment der dichte Nebelschleier, der das Gebirge verhüllte — nur das Denkmal des Herzogs von Braunschweig, von einem Theil der geerbten Millionen erbaut und jedem Kuchenbäcker alS Modell empfohlen, wurde in seiner ganzen Geschmacklosigkeit sichtbar. Allerorten sind unter dem goldenen Regen der wunderlichen Erbschaft Früchte der Kunst, des Luxus aufgeblüht (am schönsten in dßn üppig vergoldeten Foyers des neuen Theaters). Nur > Schade, daß man versäumt hat, einen kleinen Theil derselben zu einem Fond für verunglückte Reisende zu verwenden, die ungewarnt ins Hotel de BergueS gerathen, wo nicht einmal die Luft gratis gereicht zu werden scheint, denn jede Stunde Aufenthalt kostet durchschnittlich zwei Francs. In der Stadt der Philosophen setzt man sich über solche Bagatelle allerdings mit philosophischer Ruhe hinweg, sollte jedoch diese Idee Anklang finden und die 80 Millionäre Genfs (siehe Bädeker) sich entschließen, für Reisend^ die es erst werden wollen, ein kostenfreies Asyl zu gründen, so wird es gewiß nicht an hilfsbereiten Seelen fehlen, um einer hohen Obrigkeit zu diesem Zweck die passendsten Vorschläge zu unterbreiten. (Deutsches Montagsblatt.) M i s e e l l e n. (Oesterreichisch.) Als Kaiser Franz von Oesterreich bei seinem Hinübergange in die andere Welt im Paradiese wieder ankam, stand der selige Kaiser Joseph an der Pforte, um seinen Nachkommen zu bewillkommnen. Zu seinem Schrecken bemerkte er, daß Franz voller Staub und Schmutz war. „Um Gotteswillen Franzel," redete er ihn an, „wie siehst d'aus, so kannst halt nit vor'm lieben Herrgott erscheinen." — „Ja, lieber Seppel," erwiderte Franz, „da haben sie mich halt in dem Wien nach meinem Tod noch eine ganzi Zeit lang auf einem Paradebett aufgestellt, und da sein halt all' die guten Wiener kommen und haben mi no einmal besehe, und da haben sie einen solchen Staub gemacht, daß i bald erstickt bin." — „Na, weißt was Franzel," sagte Kaiser Joseph, „da geh' halt durch die Allee an der linken Seit', da wirst Napoleon finden, der wird wohl so gut sein, und di halt mal wieder ausklopfen." (Auch ein Toast.) Ein Graf beging das Wiegenfest seiner Tochter auf seinem Gute. Der Schulmeister war mit seiner Schuljugend unten im Zimmer aufgestellt, mit der Weisung, daß er, so wie er die Glaser klingen hörte, mit seiner Jugend ausrufen sollte: Und unsern gnädigen Herrn auch! und unsere gnädige Frau auch! und unsern Herrn Gerichtshalter auch! Die Tafel war zu Ende, und der Bediente kam mit den Champagnergläsern, stolperte, die Gläser sielen zu Boden, und der Graf donnerte ihn an: „Hol' ihn der Teufel!" Der Schulmeister, welcher die Gläser klingen hörte, rief nun mit seiner Schuljugend aus voller Kehle: „Und unsern gnädigen Herrn auch! und unsere gnädige Frau auch! und unsern Herrn Gerichtshaltcr auch. Ein Bettler besitzt im Grunde genommen recht viel. An Immobilien: alle Heerstraßen der Erde; an Mobilien: seinen Bcttelsack und seinen weißen Stab; an Garderobestücken: eine Menge zusammengeflickter Löcher; an Pretiosen: helle Perlen in den Augenhöhlen; an Aktivkapitalien: gerechte Forderungen an Jeden, der mehr hat als er, Forderungen, die durch die besten Hypotheken, die es gibt, Menschenherzen nemlich, versichert sind; Forderungen, die in dem großen Buche, das dort oben geführt wird, eingetragen stehen, und von denen ihm mancher Heller eingeht zur Befriedigung seines einzigen Gläubigers, seines Magens. Was will ein Bettler mehr! (Schöne Ehre.) Ein Fremder kam in ein Städtchen und frug einen Bürger, wo der Schultheiß wohne. „Dort oben," sagte der Bürger, „steht der Spitzbub auf der Straße." — Nachdem der Fremde mit dem Schultheiß alles Nöthige abgesprochen hatte, frug er ihn zuletzt auch, was ihm denn sein Amt einbringe. „O weiter Nichts, als die bloße Ehre," antwortete dieser. „Das habe ich schon dort unten gehört," meinte der Fremde, „als ich nach Euch fragte." (Eine alte Flasche.) Der berühmte englische Dichter und Schauspieler Soots war einst bei einem Adeligen zu Gaste. Gegen Ende der Mahlzeit ließ derselbe eins sehr kleine Flasche Wein auftragen, deren Alter er nicht genug rühmen konnte. „Was denken Sie davon?" fragte er Soote. „Wahrhaftig," antwortete dieser, „sie ist für ihr Alter verzweifelt klein." (Beruhigung.) „Können Sie uns über den See fahren?" „Ja." — „Ist die Ueberfahrt nicht gefährlich?" „Na." — „Man sagt unL doch im Dorfe, daß erst vor acht Tagen vier Reisende ertrunken sind?" „Dös is a wahr, di sin' aber net überge- fahr'n, sondern unterwegs umg'schlag'n. (Vielversprechend.) Die kleine Elly hat vom Onkel ein Gläschen Wein erhalten, das sie gleich an die Lippen führt. Aber sie soll doch erst ihr „Ich danke" sagen. Drum fällt der Onkel ihr in den Arm mit der freundlichen Frage: „Elly, wie sagt man?" Elly (verständnißvoll zu ihm aufblickend); „Prost!" (Bedenkliche Aufforderung.) Präsident: „Die ungezogenen Geschworenen können gehen." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des litterarischen Instituts von vr. M. tzutttcr. zur „Angslmrger Pojheitung." Nr. 13. Samstag, 14 . August 1880. Wer sich der Welt entzieht, Thut recht; nur lern' er tragen, Daß Jene, die er flieht, Auch nicht nach ihm mehr fragen. Friedrich Halm. Der Herr Daran. Novelle'von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Während seiner Erzählung hatte sich der Todtengräber scheu umgesehen, ob man ihn etwa belausche, aber sie waren Beide längst in einsame Straßen gekommen und Niemand achtete weiter auf das Paar, denn es war kurz vor Mittag und die wenigen Leute, die Ihnen begegneten, hatten keine Zeit und waren viel zu sehr mit sich selber beschäftigt. Der elende Schurke! Er ist also selbst vor einem solchen Verbrechen nicht zurückgeschreckt, bebte es von den wuthzitternden Lippen Enrichetta's. Seitdem die blinde Leidenschaft für den Baron erloschen, die sie zur Mörderin ihrer guten Herrin gemacht, war die Liebe zu der Fürstin von Neuem in ihrem Herzen erwacht. Nun fühlte sie erst, das Schändliche ihrer Handlung und die bitterste Reue verzehrte ihre Brust. Ja, er ist ein Schurke, denn er hat sein Versprechen nicht gchalten. Seine ewige Dankbarkeit war leere Redensart, denn sobald ich zu ihm kam und ihn um eine kleine Unterstützung bat, fertigte er mich mit einer Bagatelle ab und schließlich ließ er mich gar nicht mehr vor. Da wurde ich freilich unangenehm und ließ einige Redensarten fallen, die muß man ihm hinterbracht haben, denn als ich heut' ihn wieder besuchen will, ist der Vogel plötzlich ausgeflogen. Das sieht ihm ähnlich! hat er doch die heiligsten Eide gebrochen, die er mir geleistet, rief die Italienerin erbittert, deren Groll gegen den Verräther mit aller Heftigkeit erwachte. Was sollen wir nun thun? Ich brauche Geld, meinte der Todtengräber und sah seine Begleiterin fragend an. Zeigen wir ihn an, daß er endlich seine gerechte Strafe erhält. Und ich mit in die Tinte komme, setzte der Mann kleinlaut hinzu, der lein klares Bewußtsein völlig wieder gewonnen hatte. Nein ich danke. Wenigstens wären dann die Behörden verpflichtet, seinen jetzigen Wohnort zq ermitteln. Was habe ich davon L Denken Sie von dem Baron noch einen Pfennig zu erhalten? Gewiß, sobald er nur zurückkommt. Er wird sich nie wieder in Paris seyen laßen. Selen sie davon überzeugt» — 98 — Der Todtengräber kratzte sich mit der freien Linken hinter den Ohren. Das wäre schlimm. Ich habe mir ein kleines Grundstück gekauft, denn ich will mich zur Ruhe setzen und brauche 10,000 Francs. Ich muß also sehen, daß ich den Baron entdecke. Und wie wollen Sie dies anfangen? Deutschland ist groß, Sie können viele Tausende wegwerfen, eh' Sie ihn finden. Deutschland ist groß, wiederholte die Italienerin, und glauben Sie wirklich, daß er dorthin abgereist ist? Wenn man uns jetzt sagt, daß er nach Deutschland gegangen, dürfen wir überzeugt sein, daß er eine ganz andere Richtung eingeschlagen hat. Sie wissen noch nicht, wie ungeheuer schlau dieser Mensch zu Werke geht. Ich weiß es doch, entgegnete der Todtengräber und ließ niedergeschlagen den Kopf sinken. Nun dann werden Sie mir auch glauben, daß Sie von Bloomhaus nie mehr einen Franc erhalten. Da können Sie wohl Recht haben, aber dann sitz' ich gründlich in der Patsche. Haben Sie schon Ihre Stelle aufgegeben? Ja, war die Antwort. Ich hatte seit jener abscheulichen Geschichte gar keine Ruhe mehr. Wenn ich an der Stelle vorbeikam, wo jetzt die Frau Baronin lag, war es mir immer, als hörte ich hinter mir flüstern: Du nichtswürdiger Schurke, hast mir meinen Frieden genommen. Ich konnt's nicht länger aushalten, und nahm meinen Abschied. Kaum war ich vom Kirchhof fort, da hörte ich, daß die Gerichte die Ausgrabung einer Leiche vorgenommen und nun verlor ich vollends den Kopf. Ich mochte mich nicht weiter «rkundigen, wie die Sache eigentlich zusammenhing, aber ich schwebte täglich in Angst, es werde Alles herauskommen und man werde mich verhaften. Seitdem habe ich mir das Trinken angewöhnt, um mich ein bischen zu betäuben. Glauben Sie mir, Madame, *ch war früher ein nüchterner Mann. Was wollen Sie jetzt beginnen? Ich weiß es nicht. Ich bin durch den Schurken ganz zu Grunde gerichtet, wenn ich die 10,000 Francs nicht schaffen kann. Auf den Baron dürfen Sie nicht mehr rechnen, der wird es schon verstehen, sich kür Sie auf immer unsichtbar zu machen. Dann bin ich verloren, seufzte der Todtengräber. Ich will Ihnen einen Borschlag machen, der Sie allein retten kann, wenn Sie ihn -annehmen, sagte Enrichetta nach kurzem Besinnen. Ihr Begleiter blickte ihr überrascht und verwundert ins Antlitz, während die Italienerin mit größter Ruhe fortfuhr: Wenn Sie vor Gericht Ihre Angaben wiederholen, will ich Ihnen die 10,000 Francs auf der Stelle auszahlen. Der Franzose stieß ein kurzes Lachen aus. Sie sind sehr gütig, sagte er etwas spöttisch; aber was kann mir das Geld nützen, wenn ich ein paar Jahre sitzen muß. So schlimm dürfte es nicht werden, entgegnete Enrichetta kühl. Sie haben ja nicht gewußt, um was es sich handelt und dem Drängen des Barons nicht zu widerstehen vermocht. Ihre höchste Strafe wird vier Wochen Gefängniß sein und wenn Sie diese abgebüßt, dann sind Sie im Besitz einer großen Summe und haben Ihr Grundstück bezahlt. Sie meinen wirklich, daß ich mit vier Wochen fortkomme? fragte der Todtengräber unsicher. Kein Zweifel, war die entschiedene Antwort. Sie haben ja keinen Leichenraub Gegangen. Die Särge sind einfach vertauscht worden, das ist nur ein unbedeutendes Berbrechen, wie Sie selbst einsehen muffen. Hm, vielleicht haben Sie Recht, erwiderte ihr Begleiter nachdenklich. ES ist so, wie ich Ihnen sage, begann die Jtalienerjn von Neuem; Sie laufen tzar keine Gefahr. Diese vier Wochen Strafe sind rasch vorbei und dann sind Sie ^S^rgen, Also entschließen Sie sich rasch. Begleiten Sie mich zum Gericht. Machen — 99 — Sie Ihre Angaben der Wahrheit gemäß und ich zahle Ihnen auf der Stelle die zehntausend Francs aus. Die kleinen Augen des Todtengräbers ruhten mit sehr mißtrauischen Blicken auf der Fremden. Wer bürgt mir denn dafür, daß Sie mir die zehntausend Francs zahlen, nachdem ich mich in die Falle gebracht habe? Der Baron versprach mir auch golden? Berge und wie hat er sein Wort gehalten? Sie haben es mit keiner Betrügerin zu thun. Ich werbe mein Wort einlösen, verlassen Sie sich darauf! versicherte Enrichetta und legte zur größeren Betheuerung die Rechte auf ihre Brust, doch der Franzose war davon noch nicht überzeugt. Verzeihen Sie, Madame, sagte er mit verlegenem Lächeln, denn er wollte einer Dame gegenüber nicht ganz unhöflich sein, ich möchte Ihnen so gern glauben, aber eii; gebranntes Kind fürchtet das Feuer. Die Italienerin sann einen Augenblick nach. Nun gut, sagte sie, plötzlich stehen bleibend, es wird sich für uns Beide ein Ausweg finden lassen. Können Sie schreiben? Der Todtengräber richtete sich stolz in die Höhe. Vollkommen, wie ein Notar. In der Schule bewunderten die Lehrer meine vorzügliche Handschrift, denn Sie müssen wissen, Madame, ich habe eine ausgezeichnete Erziehung genossen. An der Wiege wurde mir nicht vorgesungen, daß ich einmal das Amt eines Todtengräbers antreten würde, denn ich bin von sehr guterFamilie; aber das Schicksal hat es anders gewollt! — und der plötzlich sehr lebhaft gewordene Mann senkte traurig den Kopf. Dann schreiben Sie auf, was Sie mir soeben mitgetheilt haben, lassen Sie Ihre Unterschrift von einem Notar beglaubigen und bringen Sie mir das Papier und ich zahle Ihnen sofort die 10,000 Francs aus. Das läßt sich weit eher hören, sagte der Todtengräber nach kurzem Sinnen. Aber halt, rief er plötzlich, es geht doch nicht. Wenn ich mit meiner Beichte zu einem Notar- gehen soll, dann bin ich schon in seinen Händen, und wenn Sie mir schließlich die 10,000 Francs doch nicht zahlen? ^ Ach, braucht denn der Notar den Inhalt des Papiers zu kennen, unterbrach ihn Enrichetta sogleich. Der Mann hat ja blos nöthig, Ihre Unterschrift zu beglaubigen, das genügt. Sie haben Recht, Madame, entgegnete der Franzose. Ich sehe schon, daß Sie weit klüger find als ich. Und Sie meinen wirklich, daß ich mit vier Woochen fortkomme? Keine Frage, erwiderte die Italienerin mit großer Entschiedenheit. Vielleicht genügen schon vierzehn Tage, und bedenken Sie, daß Sie auf diese Weise aus aller Verlegenheit sind. Was haben dagegen vierzehn Tage oder vier Wochen zu bedeuten? Das ist wahr, so rasch kann ich mir eine solche Summe nicht verdienen, besonders jetzt, seitdem mir der Baron doch entwischt ist. i Es bleibt also bei unserer Abrede. Ich erwarte Sie morgen und Enrichetta nannte ihm ihre Wohnung und bat den Mann zugleich um seine Adresse. Er zögerte noch einen Augenblick, dann erfüllte er ihren Wunsch. Ich heiße Richard Mineur und wohne jetzt in Pantin, Gartenstraße Nr. 5. Nun gut, Sie erhalten sofort Ihre 10,000 Francs, sobald Sie mir die Anzeige bringen. Verlassen Sie sich darauf. Ich will ewig verdammt sein, wenn ich mein Wort nicht halte, setzte sie hinzu und reichte ihm die Rechte. Beide schüttelten sich die Hände und trennten sich dann. (Fortsetzung folgt.) Wittelsbacher Jubiläumsfeier aus dem Burgplatz zu Obermittelsbach. Wer wäre nicht gerne da, wo jugendlicher Frohsinn unter väterlicher Leitung die schönsten Blüthen entfaltet? D'rum auf und nach dem Bahnhof! So mag sich am 5. August dieses gnadenreichen Jahres manch' Augsburger gedacht haben, und eS war neben den circa 650 Studierenden der kgl. Studienanstalt St. Stephan ein stattlich Häuflein, das sich zur fröhlichen Fahrt am Bahnhöfe in Augsburg eingefünden, um das 700jührige Jubiläum des Wittelsbacher Hauses zu feiern, wo dessen unscheinbare Wiege gestanden. Schon wartet das Dampfroß, das heute ein festlich Kleid angelegt, stolz das bayerische Wappen trägt und gar schön anzusehen ist mit seinen grünen Kränzen und weiß-blauen Fähnchen. Die Einparquirung geht musterhaft von statten und ein schriller Pfiff, da fährt der lange Zug hinaus in den hellen Sommertag, in die schöne Gottes- Welt. Bald verschwinden die Häuser und Thürme der alten Reichsstadt, donnernd braust der Zug über die Lechbrücke und wir sind in Altbayern. Im hellen Sonnenschein lächelt das alte Friedberg mit seinen trotzigen Mauern und Basteien hernieder, doch immer weiter rast der entfesselte Zug hinein in's liebliche Paarthal und nach nicht ganz dreiviertel Stunden liegt das grünumrahmte ehrwürdige Aichach vor uns. Der Zug hält. Auf dem Perron stehen zahlreich die Einwohner des Städtchens, an ihrer Spitze der Bezirksamtmann und der Stadtpfarrer zur Begrüßung anwesend. Schnell formiren sich die Schüler in Sechserreihen und nun wird stramm mit klingendem Spiel — die Anstalt hat eigene Capelle — und wehenden Fahnen durch das freundliche Städtchen gezogen. Stehlen wir uns ein wenig weg und besehen uns den altehrwürdigen Ort. Aichach ist so ziemlich regelmäßig gebaut, hat eine hübsche Hauptstraße, deren Pflaster gut absticht von dem der frequentesten Straßen Augsburgs, weist ganz nette Häuser und namentlich zwei hübsche Thore auf. Die Pfarrkirche darf die Gemeinde ihren Stolz nennen. Sie ist rein gothisch und dreischisfig, hat sehr schöne Altäre, nur dürfte der Hochaltar durch einen stylgerechten ersetzt werden. Aichach macht auf den Besucher den Eindruck der Wohlhabenheit, und doch find manch' harte Stürme durch seine Thore gebraust. Aichach ist sehr alt, denn schon im Jahre 1126 befestigte Pfalzgraf Otto IV. von Wittelsbach die Stadt. Weiters ließ Ludwig der Gebnrtete in: Jahre 1418 umfassende Befestigungsarbeiten machen, ^.nno 1632 wurde Aichach durch den schwedischen Fcldmarschall Gustav Horn erobert, anno 1633 durch den kaiserlichen General Altringer aber ihnen wieder entrissen. Am 11. April nämlichen Jahres wurde die Stadt von den Schweden wieder erobert, geplündert und zum Theile niedergebrannt, ^.nno 1634 den 14. Juni ergab sich die Besatzung und Bürgerschaft mit Accord an den zum Entsetze der Stadt herbeigeeilten bayerischen General Johann von Werth, ^.rmo 1634 den 24. Juni wurde Aichach von dem schwedischen General Gustav Horn neuerdings belagert und in einen Schutthaufen verwandelt. Weiter wirkte noch während des spanischen Erbfolgekrieges das Brandunglück vom 10. August 1704 empfindlich, auch der östereichische Erbfolgekrieg und die französischen Feldzüge haben der Stadt manche harte Wunde geschlagen und nur langsam erholte sich die vielgeprüfte. Doch lassen wir die trüben Bilder der Vergangenheit und verlassen wir die von saftigen, grünen Wiesen umgürtete, von der Paar umschlängelte Stadt und hinaus zur Wiege der Wittelsbacher! Gleich außerhalb der Stadt zweigt sich der Weg nach Oberwittelsbach von der Landstraße ab, ein auf einem kleinen Sockel sitzender Löwe, mit dem bayrischen Wappen in den Pranken, zeigt uns den Weg. Nun geht's den sanft ansteigenden Hügel hinauf durch golden wogende Aehrenfelder. Blickt sich der Wanderer, oben am Saume des Waldes angelangt, noch einmal um, so thut sich ihm ein reizendes Panorama auf. Das liebliche, grüne Paarthal liegt zu unsern Füßen, eingerahmt von den dunklen Wäldern, die sich allmählig in blauer Ferne verlieren. Manch blühendes Dörfchen ist zu sehen, manch' stattlicher Kirchthurm ragt in die reine Sommerluft hinein. Und nun sei gegrüßt du schöner Tannenwald, der du das ersehnte Ziel birgst, der du schirmend mit deinen Armen die Stätte umfangen hältst, die jedem Bayer heilig ist. Wenige Minuten, und der altersgraue Thurm der Kirche von Oberwittelsbach grüßt durch den grünen Schlag. Wir find auf dem großen Rasenplatze, auf dem das bayrische Volk ein schlichtes, aber schönes Nationaldenkmal feinem erlauchten Fürstenhause errichtet. Sonst mag der 101 Platz wohl recht einsam sein und nur Finkenschlag und Falkenschrei die heilige Stille unterbrechen, aber heute ist es anders. Hoch aufjauchzend begrüßt die den Hügel hinan- klimmende Studentenschaar den heiligen Boden, wo einst ein hoher König (Max II. am 9 . September 1857) die Worte sprach: „Also hier stehe ich auf dem Boden meiner Ahnen." Alles gruppirt sich um das sit altdeutschem Style (im achten Regierungsjahre König Ludwig I.) ausgeführte Denkmal. Ernst und getragen erklingt mit frischen Stimmen „Gott mit dir du Land der Bayern!" Und nun betritt eine stattliche Gestalt im schwarzen Habit die Stufen des Monuments und ob auch die Haare schneeig gebleicht sind, nach langjähriger, mühevoller Arbeit, heute strahlt das edle Antlitz jugendfrisch und ebenso jugendfrisch erklingt die Stimme, die da preist der Wittelsbacher Ruhm. Es ist Herr Rektor ?. Thomas Krämer, der begeistert zu seinen Schülern spricht. Er greift zurück auf die Zeit, wo die Stätte, aus der sie stünden, von stolzen in das Land hineinschauenden Thürmen mit mächtigen Zinnen und gewaltigen Ringmauern gekrönt waren. Wie hätten die damaligen Burgherren in ihren kühnsten Träumen erhoffen dürfen, was ihren erlauchten Enkeln die Zukunft erbrachte, das sei der Segen edlen Strebens, Segen für das erhabene Wittelsbacher Haus und Segen für Millionen Unterthanen, die das Glück haben, mit diesem Hause durch Liebe und Treue und Dankbarkeit festverwachsen zu sein, wie die Wurzeln der 700jährigen Eiche. Und voller und Heller hat wohl noch nie ein Hoch aus Herzen geklungen, wie das der begeisterten Schaar da d'roben auf dem Burgplatze von Oberwittelsbach und das Echo vom Walde d'rüben klang wie Geisterchor dazwischen. Ob sie nicht segnend herunterschauten aus dem sonnigen Himmel, der sich weiß und blau in hohem Bogen über uns ausgespannt, die Geister der verblichene» Ahnen des Hauses Wittelsbach? Ja wer diese von jugendlicher Begeisterung glühenden Gesichter gesehen, der mußte sich sagen: „Noch blüht die Liebe des Bayernvolkes zum Fürstcnhause bis in die fernsten Geschlechter." Dank den ehrwürdigen Vatern von St» Stephan, die ihren Söhnen auch Vaterlandsliebe einzuimpfen wissen. Nach Absingung der Nationalhymne bewegte sich der Zug auf den Festplatz im Walde, wo durch die Liebenswürdigkeit des Freiherrn von Beck, von Kühbach für 12 hundert Personen Tische und Bänke geschlagen waren. Viele lagerten sich in kühlen Moos, denn Hunderte von Männern, die bei St. Stephan an der reichen Wissensquelle getrunken, hatten sich mit Familien eingefunden, wenige Stunden zu träumen, „wieder Student zu sein." Nachdem der Wald im Lied begrüßt war („Wer hat dich du schöner Wald"), tönte manch frischer Cantus, der die alten Burschenherrlichkeit heraufbeschwor, durch die grünen Tannen. Am Schlüsse sprach Herr Medizinalrath Dr. Bauer Namens sämmtlicher Festtheilnehmer den Veranstaltern des Festes herzlichsten Dank aus, in welchen die Anwesenden mit einem Hoch freudig einstimmten. Leider allzufrüh wurde aufgebrochen und mit frohem Jubel wurde Abschied genommen von der ehrwürdigen Stätte. Noch ein letzter Blick auf die bereits von Dämmerung umschleierte Kirche und wieder geht's durch den Wald hinab nach Aichach. Uns sei aber zuvor noch gestattet, einen Blick in das Kirchlcin zu werfen, das aus der ehemaligen Burgkapelle entstanden ist. Der hohe Sattelthurm, von dem aus man eine herrliche Aussicht bis hinüber nach München, zum hl. Berg Andechs und anderseits bis Neuburg a. D. genießt, ist der einzige Ueberrest der alten Burg. Die Kirche ist im gothischen Style erbaut, die drei Altäre gehören jedoch einer späteren Zeitperiode an. Im Presbyterium befinden sich an den Seiten- wänden ein paar gute alte Bilder. Beim Aufgang zur Emporkirche ist ein Bild der alten Burg an der Thür befestigt, ganz im Hintergründe gibt ein gutes Bild, jedenfalls aus späterer Zeit stammend, Andeutungen über die Entstehung der Kirche. Doch eilen wir dem Zuge nach. Wir sind wieder in Aichach. Mit klingendem Spiel wird durch die Straßen paradirt zum Bahnhöfe, wo der Extrazug unser wartet. Vom Kirchthurm zu Aichach tönt voll und feierlich die Abendglocke herüber. Schon glitzern einzelne Sternchen am dunkeln Nachthimmel, der Zug setzt sich in Bewegung und hineingeht's in die schöne Sommernacht. — Es ist über 9 Uhr, als der Zug in den Augsburger Bahnhof einfährt. Es war ein Tag des Herrn da oben auf dem sonnigen, waldbegrenzten Burg- Plätze von Oberwittelsbach und der Tag wird fortleben in der Erinnerung; der Samen, der dort in die empfänglichen, Herzen gefallen, wird wachsen und immer fester wird wurzeln die Liebe und Treue zu unserm angestammten Fürstenhause „Wittelsbach." A. Planer. , Der Barometer, -er Wind un- -er Thermometer als Wetteranzelger. Der Barometer hat eigentlich nur die Bestimmung, den Druck der Luft anzuzeigen und in Folge davon als Höhenmesser zu diene». Da sich indeß der Druck der Luft bei bevorstehenden! feuchten oder trockenen Wetter vermindert oder verstärkt, so läßt sich bis auf einen gewissen Grad sein Werth für Vorausbestimmung der Witterung nicht in Abrede stellen. Es gibt in dieser Beziehung gewisse Regeln, die ein Resultat der Beobachtung und Erfahrung sind und wir glauben deshalb, daß deren Mittheilung für unsere Leser nicht ohne Interesse sein dürfte. Vor Allem ist es nothwendig, zu wissen, daß die Anzeigen des Barometers jedesmal unzuverlässig sind, wenn gleichzeitig zwei Luftströmungen herrschen; eine in der Höhe, die andere in der Nähe der Erde. So, wenn z. B. zwei Winde herrschen, der eine aus Norden in den unteren Schichten der Atmosphäre, der andere aus Süden in der oberen Schichte, so kann der Barometer sehr tief stehen, ohne daß es regnet und umgekehrt, wenn der Wind in den unteren Regionen aus Süden und in den oberen aus Norden weht, so kann der Barometer sehr hoch stehen und doch Regen stattfinden. Stets muß man auch berücksichtigen, daß selbst wenn es regnet, der Barometer bei Nordwind in der Regel hoch steht. Er wird dann gewöhnlich nicht eher fallen, als bis sich der Wind. nach Süden dreht, ausgenommen den Fall, wenn, wie eben erwähnt, zwei entgegengesetzte Luftströmungen herrschen. Wenn im Winter der Wind aus Osten oder Südosten weht, so steht der Barometer gewöhnlich sehr hoch und wenn er auf dieser Höhe stehen bleibt, und der Wind sich nicht ändert, so kann man eine länger anhaltende Kälte erwarten. Wenn Gewitter sich am westlichen Himmel sammeln, so steht der Barometer stets niedrig, und wenn er dann weiter bis auf seinen niedrigsten Stand herabgeht, so wird der Sturm sehr heftig und der Regen stark und anhaltend sein. Wenn während eines Gewitters oder heftigen Regens der Barometer wieder steigt, so wird es bald wieder schön. Wenn wahrend schönem Wetter der Barometer fortwährend fällt, und dieses schöne Wetter dessenungeachtet den Anschein längerer Andauer hat, so darf man sich dadurch nicht täuschen lassen; es ist im Gegentheil sehr wahrscheinlich, daß binnen Kurzem viel Regen fallen, und daß, wenn der Wind aus Südwesten weht, ein Gewitter oder Sturm bevorsteht. Bei sehr heißer Witterung zeigt das Fallen des Barometers Donner und fernes Gewitter und wenn das Fallen .sehr rasch und stark ist, ein nahes Gewitter an. Wenn im Winter der Wind aus Westen weht und es dabei gefriert, so zeigt das Fallen des Barometers fast immer Schnee an. Wenn zur Zeit eines Gewitters oder Donners der Barometer sich nur ein wenig ändert, so muß man den Wind beobachten Die Gewitter ziehen fast immer von der dem Wind entgegengesetzten Seite auf. Wenn, nachdem ein Gewitter vorüber ist, der Wind sich nicht ändert oder wenn er, nachdem er sich verändert hat, wieder seine frühere Richtung annimmt, so wird das schöne Wetter zurückkehren. Wenn aber während oder nach einem Gewitter sich der Wind nach Westen dreht und sich dort erhält, während der Barometer fällt, so wird für einige Tage schlechtes Wetter eintreten» Der Westwind ist indeß nicht immer mit Regen verknüpft; er ist es vielmehr na* dann, wenn der Barometer gefallen ist. Hält er sich dagegen hoch, so dauert vielmehr das schöne Wetter an, trotz der Wolken, die der Westwind stets herbeiführt. Der reine Südwind bringt gewöhnlich keinen dauernden Regen, obschon der Barometer bei Beginn der südlichen Windrichtung fällt. Dauert aber dieses Fallen fort, so wird der Wind wahrscheinlich bald nach Westen übergehen und Regen eintreten. Wenn dagegen der Barometer ein wenig steigt, während der Wind aus Süden weht, so ist es wahrscheinlich, daß er sich nach Osten wenden und baß schönes Wetter eintreten wird. Eine vollständige Windstille geht gewöhnlich einer Witterungsänderung voraus. In diesem Falle zeigt das Steigen oder Fallen des Barometers die bevorstehende Witterung an. Wenn während des Regens der Barometer fortfährt zu fallen, so wird der Regen anhalten und nicht eher aufhören, als bis sich der Wind ändert. Wenn während schönem Wetter der Barometer steigt, so wird es so lange schön bleiben, bis der Wind eine andere Richtung annimmt. Wenn im Winter Ostwind herrscht, so zeigt das Steigen des Barometers Kälte in. Wenn er zu steigen fortfährt, so ist dies ein Zeichen stärkerer Kälte; wenn er dagegen füllt, so wird sie nicht von Dauer sein, sondern wahrscheinlich Schnee fallen. Wenn während starker Hitze der Barometer steigt oder seinen hohen Stand nicht verändert, so folgen auf die Hitze weder Gewitter noch Regen, wenn er dagegen fällt, so ist schlechtes Wetter zu erwarten. Wenn im Monat Juli der Barometer etwas steigt und die Luft ein wenig ruhig ist, so soll man keine Zeit verlieren, die Feldfrüchte einzubringen, denn wenn sich der Wind erhebe, so würde er Wolken Hertreiben, der Barometer würde fallen und Regen eintreten. Dies wäre nur dann nicht zu fürchten, wenn der Wind aus Osten wehte und die Luft ein wenig kühl wäre. Schnelle, häufige und bedeutende Barometerveränderungen zeigen veränderliche Witterung an; langsame und fortgesetzte Veränderungen sichern die Dauer desjenigen Wetters, das sie anzeigen. Wenn der Barometer des Nachts und nicht bei Tag steigt, so ist ein sicheres Zeichen von schönem Wetter. Wenn sich der Stand des Thermometers gleich bleibt, während der Barometer fällt, so regnet es. Wenn der Barometer und der Thermometer zugleich wesentlich fallen, so ist in der Regel viel Regen zu erwarten. Wenn dagegen beide zugleich wesentlich steigen, so ist es ein Zeichen von schönem Wetter. (Fundgr.) Nach dem Gewitter. Noch eben Donnergerolle In flammender Wolkenschlacht. Und nun die zanbcrvolle Selige Stille der Nacht. Es flohen die Ruhestörer Des Tages vor ihr hin Wie die besiegten Empörer Nor ihrer Königin. Hell schwimmt im Wasserspiegel Der ganze Himmesdom, Es drückt sein Sternenfiegel Der Himmel auf den Strom. Nur matt vom Himmelssauine .Leuchtet's noch ab und zu, Wie sich der Geist im Traume Noch regt in Schlafesruh'. Fr. v. Bodenstedt. Miseellen. Ueber die Bedeutung des farbigen Lichtes für das gesunde und kranke Auge theilt „Böttcher's Polytech. Notizblatt" aus dem mit obigem Titel versehenen Werkchen von Dr. Magnus Folgendes mit: Die Ergebnisse dieser Arbeit sind insofern von Bedeutung und beachtenswerth, als aus ihnen hervorgeht, daß die gegenwärtig noch allgemein verbreitete Licht-Therapie, welche bei allen Erkrankungen des Auges (welchen Charakter dieselben auch immer haben mögen) nur eine Lichtsorte, nämlich das blaue Licht, als geeignet und heilsam erachtet, doch nicht wissenschaftlich so fest begründet ist, wie man dies bisher annahm, vielmehr einer sehr ernstlichen und gründlichen wissenschaftlichen Reform dringend bedarf. Die Resultate, zu denen Dr. Magnus im Laufe seiner Untersuchung gelangt ist, führen im Allgemeinen dahin, daß das erkrankte Auge in keiner einzigen Lichtsorte den erforderlichen Schutz, die nothwendige Schonung findet, daß namentlich die wenigstens bei uns in Deutschland noch sehr verbreitete Anwendung des blauen Lichtes als Schutzmittel des erkrankten Auges in Wahrheit durchaus nicht im Stande ist, das Auge wirklich gegen alle Reizmomente des Lichtes zu schützen. Wendet man daher blaue Brillengläser als Schutzmittel des erkrankten Auges an, so wird man allerlei, unangenehme und störende Wirkungen beobachten können, welche lediglich auf Rechnung einer reizenden Eigenschaft des blauen Lichtes zu schreiben sind. Die Kranken klagen bei dieser Behandlung über Blendungserscheinungen, Schmerzen und Drücken der Augen bei hellerer Beleuchtung rc., alles Erscheinungen, welche bei Vermeidung des blauen Lichtes sofort zu verschwinden pflegen. Als vollkommensten und durchaus befriedigenden Schutz gegen das allzu stark reizende Licht bezeichnet Dr. Magnus schließlich eine durch graue (sogenannte Rauch-) Gläser erzielte Beleuchtung. Er hat diese Gläser experimentell geprüft und gefunden, daß sie in gleicher Weise, sowohl die Quantität als die Qualität des Lichtes Herabstimmen, also dem Auge gegen alle im Licht liegenden Reizmomente in gleicher Weise Schutz gewähren. (Oxford.) Der junge, geistreiche und witzige Fürst von P. ward eines Morgens von seinem General-Adjutanten um die Tagesparole ersucht. „Was gibt's Neues heute?" fragte der Fürst. — „Nichts Ew. Durchlaucht," lautete die Antwort, „als daß der Prinz von H. diesen Morgen abgereist ist." (Der Prinz von H. war wegen seiner Arroganz und Stupidität ein Gespött des Hofes.) — „Nehmen Sie zur Parole Oxford," erwiderte rasch der Fürst. „Meister Bader," sagte ein Bauer zu seinem Barbier, „das Getreide ist ja jetzt so wohlfeil, Ihr könntet mich nun wohl auch um den halben Preis rasiren!" — „Kann nicht sein, Meister Speck," versetzte der Bader, „ich sollte sogar jetzt den doppelten Preis bekommen, denn wenn das Korn so tief im Preise steht, machen die Bauern so lange Gesichter, daß ich zweimal so viel Fläche abschaben muß." (Rücklings gesessen.) Ein junger Oesterreicher machte mit seinen Eltern eins Reise nach Rom und Neapel. Nach seiner Zurückkunft wurde er in einer Gesellschaft aufgefordert, Etwas von seinen Reisen zu erzählen, allein er erwiderte: „Halten's zn Gnaden, das kann i nit." — „Und warum nicht?" fragte man. „Ja schaun's, i hab Halter rücklings g'sefsen, un da hab i gar nix g'seh'n." Buchstabenrebus. 8 s Ns genug dem Schwachen anfznhelsen, Auch stutzen muß man ihn. Shakspeare. Timon vvn*Athen A- I. 1. Der Herr Daran. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Zweiter Theil. I. Auf dem Schloß Bloomhaus herrschte heute ein ungewöhnliches Leben. Der gnädige Herr war freilich im fernen Süden plötzlich verstorben, aber seine hinterlassene Wittwe hatte angezeigt, daß sie am heutigen Tage auf ihrer Besitzung eintreffen und dann für immer hier ihren Wohnsitz nehmen werde. Die Freude darüber war allgemein, denn vor mehreren Jahren war der Herr Baron auf Reisen gegangen, um sich nie wieder in seiner Heimath sehen zu lassen. Erhalte nur seine Renten eingefordert, die man bald hier, bald dahin senden mußte. .Nun war der Herr Baron ganz unerwartet in Italien gestorben und die Dienerschaft, die wirklich noch mit großer Treue an ihrem Herrn hing, empfand darüber die aufrichtigste Trauer, die jetzt durch die erwartete Ankunft der Frau Baronin ein wenig gedämpft wurde. Man war höchst neugierig, wie die künftige Herrin wohl aussehen und welches Regiment sie auf Bloomhaus führen würde? Iwan hatte freilich schon über die Eigenschaften der Frau Baronin die aufgeregten Gemüther ein wenig beruhigt, aber man bestürmte ihn immer wieder von Neuem mit Fragen über die schlechten und guten Eigenschaften der gnädigen Frau, denn er war der Einzige, der darüber Auskunft geben konnte, weil er allein die Frau Baronin kannte. Als Baron Bloomhaus damals auf Reisen ging, hatte er nur seinen Iwan mitgenommen, der sein volles Vertrauen besaß und auf dessen Umsicht und Gewandtheit er sich verlassen konnte. Iwan war ein geborener Russe und zeigte die ganze Geschmeidigkeit eines Slaven. Der Baron hatte den jungen, ungewöhnlich aufgeweckten Burschen rasch lieb gewonnen und zog ihn allen seinen übrigen Dienern vor. Kein Wunder, daß der junge hübsche Mensch von den Leuten des Barons gehaßt wurde. Man hatte ihm auch nicht das Glück und die Ehre gegönnt, den gnädigen Herrn zu begleiten; aber der Baron war nun einmal für den Burschen sehr eingenommen und so mußten sich die zurückgebliebenen in ihr Schicksal finden. . Vor einigen Tagen war Iwan plötzlich auf dem Schlosse angekommen, um die Ankunft der neuen Herrin zu melden und alles für ihren Empfang vorzubereiten. Da blieb den anderen Leuten des Barons nichts weiter übrig, als freundlich gegen den ! Menschen zu sein, wenn sie schon jetzt etwas über die neue Herrin erfahren wollten. f Es ist also eine Französin? fragte der Kutscher von Neuem, indem er eifrig an i dem Wagen weiter wusch, mit dem er die Baronin vom Bahnhöfe abhole» sollte. - Natürlich! Ich hab' Dir's ja schon hundertmal gesagt, entgegnete Iwan ein wenig ' verdrießlich. ^ - Ach, du mein Himmel, die wird uns schön aufspielen! rief ein alter Diener, der ^ müßig uMherstand, und dem Kutscher ruhig zusah. Wenn es noch wenigstens eine Deutsche wäre, die sind gutmüthiger; aber eine Französin! Als ich vor zwanzig Jahren s ist Petersburg war — ^ Wir wissen schon, da dientest Du bei einer Gräfin, die auch eine Französin war. Ach, du mein Himmel, wie hat die uns maldräthieret — so heißt's ja wohl? Aber unsere gnädige Baronin soll gutmüthig sein. Du hast es uns wenigstens s versprochen Iwan, meinte der Kutscher. ' Ich verspreche Euch, daß Ihr noch niemals eine so schöne, kluge Herrin gehabt, f wie unsere gnädige Frau, entgegnete Iwan mit großer Zuversicht. ! Wir wollen es sehr wünschen, sagte der alte Diener, denn die Weiber — da hat > man Beispiele. Du alter Junggeselle kannst ja nicht über die Frauen sprechen, entgegnete Iwan ^ lachend. ! Ach, du mein Himmel, ich kenne sie schon, seufzte der Alte, und erhob wie anklagend die Hände. Geh' lieber an Deine Arbeit, sagte Iwan in förmlich befehlendem Tone. Johann muß in der halben Stunde anspannen und drinnen ist noch viel zu thun. . Du hast mir gar nichts zu befehlen, murrte der Alte und blieb trotzig mit unter- f geschlagenen Armen stehen. t Das hübsche Gesicht Jwan's röthete sich vor Zorn, er ballte die Faust und schien ^ nicht abgeneigt, den störrischen Alten für seine Frechheit augenblicklich zu züchtigen; aber k er besann sich noch und bemerkte ruhig: Wenn Du glaubst, daß Du fortan wirft müßig f gehen können, weil nun eine Frau hier herrscht, so irrst Du Dich sehr. s Hast Dich wohl bei der Baronin schon recht einschmarotzt, daß Du hier beinahe ^ j>en Herrn spielen willst? sagte der Alte trocken, den die Drohung des Andern wenig s einschüchterte. Ach, du mein Himmel, warum mußte unser guter, junger Herr sterben, r denn das Weiberregiment taugt niemals was. ^ Iwan drehte ihm zornig den Rücken und kehrte rasch in das Schloß zurück, um i' nicht den uunützen Streit mit dem starrköpfigen Alten fortzusetzen. ^ Von dem Grünschnabel laß ich mir nicht befehlen, brummte ihm der Bediente nach, s trotzdem ihm der vorsichtige Kutscher abmahnend zuwinkte. Das hättest Du nicht thun sollen, August, sagte er mit bedenklicher Miene. Ach was, vor dem fürcht' ich mich noch lange nicht. Ich bin ja weit älter und so ein unreifer Bursche hat mir gar nichts zu sagen. ^ Aber Iwan ist mit der Baronin gereist und gewiß bei ihr gut angeschrieben. ! Gib' Acht, er wird Dir's gedenken, daß Du heut so grob zu ihm warst. ^ Was kann der mir anhaben. Er ist ja nichts mehr als ich selber, meinte der > Bediente. Johann war anderer Meinung, aber er schwieg, denn er wußte doch, daß sich der starrköpfige Alte nicht belehren ließ. Ohne sich in weitere Erörterungen einzulassen, ; putzte er noch eifriger an dem Wagen herum. t Warum beeilst Du Dich so? fragte August. Es ist ggr nicht ängstlich. Hast Du nicht gehört, daß ich in einer halben Stunde anspannen soll? Na, der Grünspecht hat Dir doch nichts zu befehlen, der ist ja nicht unser Baron, f Aber er muß doch wissen, wann ich die gnädige Frau abholen soll. 107 Die hätte gar nicht nöthig gehabt- so einen aufgeblasenen Burschen vorauszuschicken. Sie konnte uns einfach schreiben, da hätte sie Alles in Ordnung gefunden, meinte der Alte und dampfte dabei behaglich seine Pfeife weiter. Der Kutscher ließ sich durch diesen Widerspruch nicht beirren, sondern ging mit einer Hast seinen Geschäften nach, als ob der Baron selber hinter ihm stände und ihn antrieb. Ach, du mein Himmel, brummte der Alte. Das waren früher bessere Zeiten, aber nun kommt ein Unterrock ins Schloß, nun werden wir wie die Hasen herumgehetzt werden, — und dennoch rührte er sich selbst bei diesen schrecklichen Gedanken nicht von der Stelle Auch die Gemüther aller Andern waren durch die nahe Ankunft der neuen Herrin nicht wenig in Aufregung versetzt. Man stritt lebhaft hin und her, ob es nun besser oder schlechter werden würde, und eigenthümlich genug, neigte sich die im Schlosse vorhandene weibliche Dienerschaft dieser letzten Ansicht zu, während der männliche Theil nicht ganz ohne Hoffnung war, daß nun erst ein neues Leben anfangen werde. Zur bestimmten Stunde stand der Wagen bereit; Iwan stieg mit auf den Bock und das bereits alterthümliche Gefährt rollte davon, die übrige Dienerschaft in der gespanntesten Erwartung zurücklassend. Der Kutscher war ein Leite; er mochte wohl das Schwabenalter erreicht haben, aber er stand bei seinen Kameraden trotzdem im Ruf großer Beschränktheit. Johaniv sah sehr gutmüthig und wirklich ziemlich dumm aus; er war jedoch bei Allen wegen seines Harmlosigkeit beliebt und in seinem Berufe ließ er sich nicht das Mindeste zu Schulden" kommen. Unterwegs bestürmte der Nosselenker Iwan noch mit einer Menge Fragen über die künftige Herrin, aber der Kammerdiener gab einsilbige Antworten und sagte nur: Du wirst ja die gnädige Frau bald sehen und kannst Dich dann selber überzeugen, wie sie ist. Iwan war überhaupt plötzlich ganz verändert. Im Schlöffe hatte er sich äußerst lebhaft und energisch gezeigt, Alles zum Empfang der Baronin sorgfältig angeordnet und überwacht; jetzt saß er schweigsam auf dem Bock, in Nachdenken versunken, aus dem ihn kaum die lebhaften Fragen Johann's ein wenig aufscheuchen konnten. Nach zweistündiger Fahrt war der Bahnhof erreicht. Der Kutscher mußte bei seinen Pferden bleiben und Iwan eilte in den Wartesalon. Ungeduldig wanderte der Kammerdiener darin auf und ab, von Zeit zu Zeit hinausblickend, ob noch nicht gezogen sei. Ei was Tausend, Du hier? ließ sich plötzlich hinter ihm eine scharfe Stimme vernehmen und ein hochgewachsener alter Herr legte leicht die Hand auf seine Schulter. Iwan blickte sich erschrocken um und starrte nicht ohne Bestürzung in das vornehme Gesicht des Fragers, eh' er sich zu einer raschen Antwort aufraffen konnte. Ja wohl, ja wohl/ Herr Baron, sagte er dann mit einer höflichen Verbeugung. Du erwartest wohl Deinen Herrn? Was macht mein lieber Freund Gregor Bloomhaus? Wissen Sie das noch nicht, Herr Baron, er ist todt, antwortete Iwan mit einem schweren Seufzer, der seine Anhänglichkeit an den verstorbenen Herren beweisen sollte» Ah, nicht möglich! Seit wann und wo ist er denn gestorben? Vor drei Monaten in Neapel, war die Antwort. Hm, das thut mir leid. Gregor war ein guter Kerl, ein bischen wunderlich, aber doch ein prächtiger Mensch. Da wird sich BloomhauS-Rosenberg schön freuen. Der ist plötzlich aus aller Verlegenheit und kann nun noch eine große Herrschaft verjubeln. Das wird wohl nicht möglich sein. Mein gnädiger Herr hat in: Auslande geheiratet und ich erwarte soeben die Frau Baronin. Aber der Zug muß jetzt jeden Augenblick kommen und Sie entschuldigen mich daher wohl, Herr Baron, mit diesen Worten versuchte der Kammerdiener rasch hinauszustürzen, doch der alte Herr hielt ihn energisch an: Nockärmel fest. Halt, ich begleite Dich. Ich muß doch sehen wie die Frau meines jungen Freundes aussieht, ob er einen guten Geschmack gehabt hat? Werden der Herr Baron darüber nicht den Zug verpaffen? er hält hier nur wenige Minuten. Thut nichts, ich kann warten und fahre mit dem nächsten, denn ich bin viel zu neugierig auf die Wittwe meines lieben Gregor und ohne Weiteres schloß sich der alte Herr dem Kammerdiener an und betrat mit ihm zu gleicher Zeit den Perron. Baron Grciffenthal hatte früher mit Gregor Bloomhaus viel verkehrt, obwohl ihre Besitzungen sehr weit auseinander lagen, aber für die Gutsherren in den Ostseeprovinzcn haben große Entfernungen wenig zu bedeuten und um einen Abend beim Whist oder in lustiger Unterhaltung zuzubringen, unternimmt man gern halbe Tagreiscn. Greiffcnthal wußte nur, daß sein Freund nach Italien gegangen sei, weiter hatte er nichts von ihm gehört. Zu einem Briefwechsel hatte sich keiner von ihnen aufgeschwungen. Was man inzwischen sah und erlebte, konnte ja bei dem nächsten Widersetzen mitgetheilt werden, das war weit bequemer. Obwohl der alte Baron dem Kammerdiener gegenüber die Nachricht von dem Ableben des jungen Freundes ziemlich leicht nahm, war er davon doch tief erschüttert. Der arme Gregor! Ein so prächtiger, fröhlicher und guter Mensch mußte plötzlich sterben! Warum war er aber in's Ausland gegangen! Er hatte ihm genug davon abgerathen. Was war denn dort in der Fremde zu holen und als ob es nicht in der Heimath viel schöner sei. Jetzt kam schon der Zug und störte das weitere Nachdenken des Barons, der ohnehin nicht dazu neigte. Er nahm gern in seiner heitern, jovialen Weise alle Sachen leicht und spielte unter seinen Bekannten mit Vorliebe den lachenden Philosophen. Eine junge Dame blickte aus dem Coups erster Klaffe und nickte schon von Weitem dein Kammerdiener freundlich zu, der in ruhiger, ehrfurchtsvoller Haltung seinen Gruß erwiderte. Die Dame lehnte sich noch weiter hinaus und öffnete schon den Mund, um Iwan etwas zuzurufen, da sagte dieser rasch und mit sehr lauter Stimme: Herr Baron Grciffenthal will sich die Ehre geben, seine Nachbarin, die Frau Baronin hier willkommen zu heißen und er wies dabei auf den alten Herrn, der sich vor der Fremden höflich verbeugte und sie mit seinen hellen gutmüthigen Augen schweigend einige Sekunden musterte. Er war sehr angenehm überrascht. Daß die Wittwe seines Freundes eine solche Schönheit sein würde, hatte er nicht gedacht. Diese Frau mußte eine Zierde für die ganze Nachbarschaft werden und in, Umkreise von zehn Meilen allen jungen Männern die Köpfe verdrehen. Der Baron hatte in ein so feines geistreiches Gesicht, in so prächtige, leuchtende Augen lange nicht geschaut. Und welch' reizendes, glückliches Lächeln hatte um ihre Lippen gespielt! Das war freilich jetzt verschwunden und hatte sogar einem verdrießlichen Zuge um ihren Mund Platz gemacht, es war deshalb Zeit, die Schöne durch eine freundliche Redensart zu versöhnen. Verzeihen Sie, Frau Baronin, meine Zudringlichkeit, sagte er verbindlich und trat jetzt dicht an das Coups heran, aber ich werde es immer für eine Gunst des Schicksals ansehen, daß ich der Erste bin, der das Glück hatte, Sie in ihrer neuen Heimath begrüßen zu können. Als alter Freund Ihres verstorbenen Gatten heiße ich Sie herzlich willkommen, und er reichte ihr mit freundlichem Lächeln die Hand hin. Die Baronin warf ihrem Kammerdiener heimlich einen vorwurfsvollen Blick zu, der zu sagen schien: Warum hast Du mir diesen alten Herrn mitgebracht? — und Iwan zuckle nur die Achseln, er konnte doch nicht in Gegenwart des Barons sagen, daß er daran unschuldig sei. Jetzt hatte die Baronin schon ihre Fassung und ihr bezauberndes Lächeln wiedergewonnen und die derbe große Hand des Barons mit ihren schlanken zierlichen Fingern berührend, sagte sie in französischer Sprache und mit einer Stimme, die außerordentlich 109 einschmeichelnd klang: Verzeihen Sie, mein Herr, ich verstehe noch nicht Deutsch, aber ich will mich bemühen, es zu lernen. Baron Greiffenthal bediente sich nun auch der französischen Sprache, obwohl sie ihm einige Schwierigkeiten machte: Ach, was werden Sie denn gedacht haben, daß plötzlich ein deutsch-russischer Bär so unerwartet auf Sie eindringt? Wenn alle deutsch-russischen Bären so aussehen, habe ich wenig zu fürchten l ent- gegnete die Baronin scherzend und ihre großen funkelnden Augen blitzten über den alten Herrn hinweg, der davon geschmeichelt, sein glücklichstes Lachen ausstieß. Wenn Sie mich gleich bei unserer ersten Begegnung mit solch' liebenswürdiger Schmeichelei verwöhnen wollen, dann bin ich verloren, sagte er und seine Blicke ruhten voll Entzücken auf der schlanken anmuthigen Gestalt der schönen Frau. Aber wir dürfen uns hier nicht länger aufhalten, gestatten Sie mir, Sie zu Ihrem Wagen zu begleiten — und er bot ihr mit altfränkischer Galanterie den Arm. (Fortsetzung solgt.) Girgenti. Von Alsons v. Rost Horn. Cesalü, im April 1880. Rauchende Minen und intensiver Schwefelgeruch, der die Luft erfüllt, lehren uns, daß wir den Süden Siciliens, den Sitz des Schwefelkönigs, erreicht haben. Nur wenige Stationen mehr und wir sind am Ziele unseres von Palermo aus unternommenen Ausfluges, dem einst mächtigen Akragas, jetzt elenden Orte Girgenti, angelangt. Noch herrscht Monotonie in der Landschaft, die durch keinen Baum angenehm unterbrochen wird. Ueberall ein eigenthümlicher Farbenton: Braun in Braun — fast Monochromie zu nennen. Gleichwohl muß man staunen, was die Natur mit einer einzigen Farbe zu malen vermag. Ein helleres Gelbbraun oder Rothdunkel markirt zum Theil die einsame Berg- wildniß, und die ganz merkwürdig grotesken, nur durch vulcanische Thätigkeit erklärbaren Felsbildungen, die schönen Bergsormen mit prächtigen Hebungen und Senkungen, welche das Innere Siciliens auszeichnen, treten uns entgegen, wenn wir den primitiven Bahnhof von Girgenti, die vorletzte Station jener Bahn, welche, vor wenigen Jahren vollendet, eine direkte Verbindung der Nord- und der Südküste in sechs Stunden herstellt, verlassen haben. Eine Viertelstunde scharfen Fahrens — wobei ich die in Sicilien herrschende Sitte, die steilsten Partien des Weges in Carriere zu nehmen, sowie bei Beginn von Fahrten durch heftiges Peitschengeknall, lautes Schreien und rohes Dreinschlagen auf die bedauernswerthen Pferde möglichst viel Effect hervorzurufen, nicht unerwähnt lassen will — bringt uns auf die Höhe des Camicus hinauf, jenes Berges, dessen Spitze durch Girgenti recht malerisch geschmückt wird. Welch' herrliches Bild entrollt sich dort oben unsern Augen! Die Schönheit der Landschaft mit ihrer tropisch ausgebrannten, doch üppigen Vegetation, im Hintergrund eingefaßt durch das Aegatische Meer, erklärt es sofort, wie Pindar das ehemals hier gelegene Akragas oder Agrigent als die schönste Stadt der Sterblichen besingen konnte. Doch noch haben wir nicht Zeit, die Schönheiten des Bildes im Einzelnen zu studiren. Durch einfache Gartenanlagen, die mit der Statue des für das alte Agrigent so bedeutungsvollen Philosophen, Arztes und zugleich Herrschers Empedokles geschmückt sind und einen prächtigen Ausblick auf das Meer gestatten, gelangen wir zur Stadt und durch das östliche Stadtthor, die Porta di Ponte, in die einzige fahrbare Straße derselben, die Via Atenea. Wir trachten eiligst das Hotel zu erreichen und unser Gepäck abzuladen, um, dann zurückkehrend, das Bild der Landschaft bei Sonnenuntergang mit Ruhe von einem höhern Punkte aus genießen zu können. Durch Volksmassen, durchwegs aus Männern bestehend, deren Lebensprincip das volos kur uisuts, das ewig 110 und einzig südliche Nichtsthun, zu sein scheint, durch die in Unter-Italien übliche Menge von Bettlern bahnen wir uns langsam unsern Weg. Schon zeigt sich hier deutlich jener Typus, welcher durch die eigenthümliche Gesichtsbildung, den broncefarbenen Teint und die schwarzen, krausen Haare an den der Nord-Afrikaner mahnt und uns daran erinnert, daß dieses Volk eine Misch-Race aus Spaniern, Sarazenen und Italienern ist. Doch darf man hier nicht edle Gesichtszüge erwarten, im Gegentheil ist in den Zügen fast durchwegs nur Nohheit und sittliche Grausamkeit zu lesen und die tiefe Culturstufe erkennbar, auf der sich dieses arme Volk im Gegensatze zu den meist sehr intelligenten Ober-Italienern noch befindet. Nicht bald wird man, wie ich glaube, außer in Spanien und in Griechenland, an einem Orte .eiste ähnliche Fülle von Gaunergesichtern versammelt finden, als eben in Girgenti und ähnlichen sicilianischen Kleinstädten. Nicht ein einziges Gesicht konnte mir da Vertrauen einstoßen oder eine Sympathie erregen, und einige Facta aus den letzten Jahren, namentlich der in diesem Frühjahr zur Verhandlung gelangte Proceß Catalfama, waren sehr geeignet, diesen ungünstigen Eindruck zu steigern. Desgleichen konnte ich auch unter dem' schönen Geschlecht trotz aufmerksamer Beobachtung kein einziges nur halbwegs hübsches Gesicht entdecken. Man sieht eben meist nur ganz kleine Mädchen oder altgewordene Weiber im schlechtesten oder engsten Sinne des Wortes. Jener Mädchenflor, welcher unserm Lände sowohl als unsern Städten durch sein frisches, gesundes Aussehen, die unmuthige Gestalt und sein freundliches, liebes Wesen zur Zierde gereicht, scheint hier zu fehlen. Während die Männer, eingehüllt in den wohl etwas kurzen, blauen oder dunkel gefärbten Radmantel (Capuletto genannt), der nach oben direkt in die Kapuze übergeht und nur das von der bereits afrikanischen Sonne gebräunte, meist rasirte Antlitz hervorlugen läßt, immerhin einen recht malerischen Anblick gewähren, zeichnen sich die Weiber durch kein eigenthümliches Kleidungsstück aus. Charakteristisch ist für sie wie für die Männer, nur der crasse Sicilianer-Schmutz. . Wie in den meisten sicilianischen Kleinstädten, ist allerdings die einzige Hauptstraße erträglich rein und der erste Eindruck, welchen man beim Eintritt durch dieselbe von Girgenti gewinnt, kein so schrecklicher. Doch verlange man nimmer zu schauen, was die kleinen Nebengäßchen bergen. Wenn schön die Neugierde ein einfaches Vorübergehen an diesen nicht zuläßt, so wage man sich ja nicht zu weit hinein, um nicht bald entsetzt umkehren oder sich beim weitern Vordringen mit stoischem Naturforscher-Gleichmuth wappnen zu müssen. Damen, zu deren Haupteigenschaften etwa die Neugierde gehören sollte, sind ganz entschieden vor einem solchen Wagniß zu warnen. Wir haben bald den in Italien obligaten Bummelplatz, den Corso, erreicht, biegen um eine Ecke und stehen vor dem ersten Gasthof Girgentis. Aeußerlich am besten mit einer Strafanstalt zu vergleichen und 'den andern Häusern, die meist ein-, selten zweistöckig, sich durch Gleichförmigkeit der Bauart und des Styls, durch Gleichheit der Farbe, Größe, der Dächer und durch eine große Menge von Balconen mit die Fenster ersetzenden Glasthüren auszeichnen, durchaus unähnlich, ist es innerlich ein Labyrinth, ein Gewirrs von Gängen. Während sonst der Reisende, wenn er nicht gerade sehr vielversprechend aussieht, über zahllose Stufen mit kellnerhaftem Gleichmuth aufwärts geführt zu werden pflegt, um das durch die allgemeine Stubenmädchen-Einrichtung, die infusoricnreiche Wasserflasche und die kostbaren zwei Kerzen „geschmückte" Zimmer angewiesen zu erhalten, muß man hier viele merkwürdige Treppen abwärts steigen, und zwar werden die untersten, der Tiefe nach unsern Kellerwohnungen vergleichbaren Localitäten den Gästen als die elegantesten angewiesen. Durch das Reisen in der torrg, lblies an alle Unannehmlichkeiten des Wanderlebens gewöhnt, achtet man weder auf die wohlwollende Freundlichkeit des begleitenden Jünglings, noch auf jene allüberall angebrachten Placate, welche in gedruckter Gemüthsruhe dem Fremdling andeuten, daß seine Werthsachen in dein neu acquirirten Logement wohl nicht am besten aufgehoben seien, indem sie ihm empfehlen, dieselben, falls er sie nicht durch einen Diebstahl oder Raub zu verlieren gedenke, beim Besitzer des Hotels selbst deponiren zu wollen. Man wirft einen Blick nach dem Pla- 111 fand, ob er nicht etwa, einem alten Palazzo angehörend, einzufallen drohe, überzeugt sich von der Spcrrbarkeit des Thürschlosses, besieht sich das Bett, ob es nicht, aus Holz verfertigt, eine Brutstätte des einheimischen Ungeziefers aller Art sei, und läßt, da mau mit dem Gegebenen doch zufrieden sein muß, das Gepäck herein bringen. Hat man schließlich durch sorgsame Untersuchung sich auch darüber beruhigt, daß die Koffer während des Hereintragens nicht aufgebrochen wurden, so entledigt man sich jener zu den Haupteigenthümlichkeiten Unter-Italiens gehörenden modernen Erinnpen, der „Facchini", durch Zahlen der verdoppelten Taxe mittelst eines tüchtigen Griffes in die beim praktischen Reisenden von Centesimi stets strotzende Tasche, die, wenn sie nicht deutscher Schneider- hand ihren Ursprung verdanken würde, in Folge des äußerst zweckmäßigen italienischen Kleingeldes schon längst in Fetzen gegangen wäre. „Neoo per In botti^lm" oder In duona, irmno" sind die jedem Unter-Italien Besuchenden leider nur zu wohl bekannten Worte, mit welchen man den Facchini zuvorkommen muß, will man sich nickt durch ihre unablässige Verfolgungswuth von Anfang an den Aufenthalt verbittern lassen. Endlich ist man die Bande losgeworden, die Berufenen sowie die Unberufenen, und schöpft ein wenig Athem. Man ist allein, ohne Begleitung, in Italien eine Seltenheit! Wie wohl thut da das Gefühl des Alleinseins, der Einsamkeit! Jedoch wir müssen uns aufraffen und eilen zur Stadt hinaus, um das von den letzten Strahlen der Abendsonne erleuchtete Bild der historisch so berühmten Gegend von der Höhe des Athene-Felsens (ruxs atensa), dem besten Aussichtspunkte in der Nähe Girgentis, genießen zu können. Gerade der Porta del Ponte gegenüber ist der Fels in einer starken Viertelstunde ersteigbar; der Weg führt beim ehemaligen Kapuzinerkioster S. Vito vorüber, das jetzt die Gefängnisse enthält, und windet sich durch Oliven- und Mandel-Haine hinan. Auf der Spitze befindet sich eine ziemlich große Abplattung, wo ehedem ein Tempel der Pallas Athene gestanden haben soll. Von dieser hat man die herrlichsten Ausblicke nach allen Richtungen hin; gegen Norden zu sieht man weit in das Innere Siciliens hinein, gegen Westen auf dem etwas niedrigern Camicus das heutige Girgenti, das mit seinen glatten Dächern' und der unregelmäßigen Zusammenstellung der Häuser einen sehr hübschen Anblick gewährt, während sich gegen Süden hin jenes bereits früher erwähnte Bild entrollt, das durch Reinheit der Contouren, Weichheit des Ganzen und Harmonie von Himmel, Meer und Erde — um mich dieser so schön gewählten Worte Goethe's zu bedienen — überwältigen muß. Zu unsern Füßen breitet stch jene schiefe Hochebene aus, die, ein unregelmäßiges Dreieck bildend, das ehemalige Stadtgebiet umfaßt. Die Basis nach Nord zu bilden die Höhen des Camicus und des Athene-Felsens, seine Seiten die beiden Flüßchen Sän Biagio und Trag» (ehedem Akragas und Hypsa). Es ist ein weiter Abhang, ganz von Gärten und Weinbergen bedeckt, unter deren meist ewigem Grün man kaum den Schutt einer einst so mächtigen Stadt vermuthen würde, wenn nicht die weithin bemerkbaren Tempel der Concordia und der Juno Lucina, die schönst erhaltenen Denkmäler griechischer Baukunst in Sicilien, sowie die Ueberreste zahlreicher anderer Tempel und Baulichkeiten und die zahlreich aufgefundenen Münzen uns dessen versicherten. Hier auf diesem sanften Abhang breitete sich ehedem der neuere Theil von Agrigent aus, nach Plutarch die Neopolis genannt, während der ältere Theil der Stadt mit der Akropolis, auf dem Camicus gelegen, zum Theil denselben Raum einnahm wie das heutige Girgenti. Diese letztere Hochfläche fällt gegen Ost und Süd in steilen, als Stadtmauer,: benützten Felswänden zur Küstcn- Ebene ab, welche, braun, öde und ausgebrannt, allmülig gegen das Meer sich senkt und in ihrer ernsten Würde wundervoll mit der erhebenden Einfachheit und Größe jener die Südseite der Stadt schmückenden Reihe von dorischen Tempeln übereinstimmt; endlich zum Abschluß des Bildes gegen Süden das Acgntische Meer, in der Ferne begrenzt durch einen langen Nebelstreif, der dem Horizont aufzulagern scheint — die Küß? Afrikas! Wie phantastisch malt man sich jenen Streifen aus, mit welchen Gestalten belebt man denselben, von welchen Gefühlen wird man überwältigt bei dem Gedanken, einem andern Welttheil so nahe zu sein?! Die Sehnsucht, die nahen Ruinen von Karthago zu sehen, auf jenen Trümmern gleich Marius sitzen zu können, hat auch uns überkommen und nur mit Mühe entschlagen wir uns derselben, um unsern Blick sowohl als unsere Gedanken den uns ja zu Füßen liegenden Ruinen und Resten einer einst nicht minder mächtigen Stadt zuzuwenden. Im Geiste führen wir uns die Geschichte des einst so glücklichen Akragas vor, und in Gedanken versetzen wir uns in jene Zeit zurück, wo hier, wie in allen Städten Siciliens, Tyrannen die Herrschaft an sich rissen. Als ersten Alleinherrscher zu Akragas, das, vom nahen Gela gegründet, erst 582 hellenisch geworden war, nennt die Geschichte Phalaris, von dessen unter den Griechen sprichwörtlich gewordener Grausamkeit die 'Sage vom broncenen Stier zeugt. Nach Phalaris wird Theron genannt, unter dessen Herrschaft die Stadt zu ihrer Glanzperiode emporstieg. Es war zu jenen Zeiten, als Pindar und Aeschylus ab und zu Akragas besuchten. Der Erstere war es, welcher in seinen isthmischen Lobgesängen Herrscher und Stadt pries. Unter Empedokles, von dem die Sage erzählt, er habe sich selbst für einen Gott gehalten und sein Leben dadurch beendet, daß er sich in den Krater des Aetna stürzte, befand sich der Staat auf dem Gipfelpunkt seiner Macht, aber zugleich hatte die Weichlichkeit der Bürger, deren abnormer Reichthum zu den merkwürdigsten und vielfach citirten Excessen Anlaß gab, einen solchen Höhepunkt erreicht, daß der bald darauf und plötzlich erfolgende Sturz als natürliche Folge erscheint. Im Jahre 406 vor Christi Geburt nach achtmonatlicher Belagerung karthagisch geworden, spielte Agrigent als Waffenplatz in den punischen Kriegen eine Rolle. Durch einen rachsüchtigen Feldherrn, Namens Mutines, wurde es an die Römer unter dem Consul Lävinus verrathen. Mit Agrigent fiel im Jahre 221 auch ganz Sicilien in die Hände der Römer. Von der unseligen Stadt war in Folge der vielen Plünderungen und Brände wenig übrig geblieben; die zahlreichen Kunstschätze waren theils nach Karthago, theils nach Rom gebracht worden und nur die Tempel trotzten der langen Zeit und jenem barbarischen Vorgehen. Gre- gorovius vergleicht in seinen trefflichen „Siciliana" („Wanderjahre in Italien", 3. Band) den jähen Fall Agrigents mit dem plötzlichen Tode eines Menschen, der mitten in der Fülle seiner Herrlichkeit dahingestreckt wird. Seit jenem so verhängnißvollen Zeitpunkte war die Stadt fast ganz verschollen. Unter der Herrschaft der Sarazenen sowohl als unter den Normanen sank sie immer tiefer, ihre Einwohnerzahl fiel von den fabelhaften 400,000 auf 15,000 herab und aus der Geschichte verschwand der Name gänzlich. . . . Die Sonne war untergegangen, über das Meer, das eben erst in allen Farben- tönen gespielt hatte, breitete sich Dunkel und die Contouren der ferner gelegenen Objecte verschwammen mehr und mehr. Die Erde strahlte die tagsüber aufgenommene Hitze aus und ein lauer Südwind wehte von der afrikanischen Küste herüber. Es war Nacht geworden, als wir, durch die empfangenen Eindrücke fast traurig gestimmt, nach dem „modernen" Girgenti, in dessen Straßen, gleichwie im Orient, das eigentliche Leben und Treiben erst begonnen hatte, zurückkehrten. Miseelke«. (Oelmalerei.) In Wien wollte jüngst ein reicher, aber sehr magerer Knopfmacher sich malen lassen. Der Maler fragte ihn nun, ob er in Wasserfarbe oder in Oel gemalt sein wollte. „In Oel, dacht i," erwiderte der Knopfmacher, „damit i halt a bisse! fetter ausschau." (Die Börse.) Ein Witzkopf erklärte: „Die Börse komme ihm vor wie eins Kinderstube." Als man nach der Ähnlichkeit fragte, antwortete er: „Die Großen ziehen die Kleinen aus." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. M. Huttlcr. Nr. 15 1880. zur „Äugsbiirger Postzeitimg." Sam.stag, 21. August Von weicher Seite prallt Zurück die scharfe Klinge. — Sanftmut!) wirkt größ're Dinge, Als schneidende Gewalt. Friedrich Bodenstedt. Der Herr Daran. Novelle von Ludwig Habicht, (Fortsetzung.) Die Baronin hatte bereits das Coups verlassen und sah sich nach allen Seiten ängstlich um. Sie wollen wohl wissen, wo ihr Kammerdiener hingerathen ist? fragte der Baron. Der wird inzwischen schon sich um das Gepäck bekümmert haben. Sie können ganz ohne Sorgen sein, es ist ein anstelliger zuverlässiger Mensch. Mein seliger Freund war auch mit ihm sehr zufrieden. Iwan! rief dennoch die Baronin und wenige Augenblicke später eilte der Kammerdiener schon herbei. Was befehlen Frau Baronin? fragte er unterwürfig. Die Baronin fuhr mit dem Taschentuch über das ein wenig geröthete Antlitz und sagte dann nach einigem Zögern mit leiser Stimme, wenn auch etwas in befehlendem Tone: Ist das Gepäck schon in Ordnung? Ja wohl, Frau Baronin. Wir können abfahren. Der Wagen steht bereit. Sie sehen, daß Sie sich auf Iwan verlassen können, und nun kommen Sie, Frau Baronin, und er bot ihr von Neuem den Arm, den sie vorhin nicht angenommen hatte. Auch jetzt zögerte sie noch und bemerkte mit gezwungenem Lächeln: .Aber ich weiß noch immer nicht, mit wem ich die Ehre habe, zu sprechen. Baron Greiffenthal klopfte sich mit den Fingern seiner Linken vorwurfsvoll auf die Stirn. Ach, ich vergaß, daß ich mich Ihnen zuerst in deutscher Sprache vorgestellt ^ habe, und er wiederholte jetzt in seinem ziemlich knarrenden Französisch, was ihm nach seiner Meinung ein Recht gab, sich so zutraulich der schönen Wittwe zu nähern. Die Baronin verlor damit den letzten Rest von Zurückhaltung, den sie gegen Greiffenthal gezeigt hatte, und mit einer Liebenswürdigkeit, die vollends den alten Herrn bezauberte, nahm sie sein Anerbieten an und ließ sich von ihm zrim Wagen geleiten. Am liebsten hätte er sogleich an ihrer Seite Platz genommen und wäre mit ihr nach Bloomhaus gefahren, aber er durfte doch bei der ersten Begegnung nicht gleich so weit gehen, und er sagte nur, als er seine schöne Nachbarin in den Wagen gehoben hatte und ihr noch einmal die Hand reichte: Also auf baldiges Wiedersehen, verehrte Frau. Ich werde mir schon in den nächsten Tagen die Ehre geben, Sie mit den Meinigen zu besuchen, wenn Sie es mir gestatten. ,_^_,_.. ^ o 114 — ^ Es wirb mir ein großes Vergnügen sein, entgegnete die Baronin> und sie schenkte 4hm zum Abschiede noch einmal ein reizendes Lächeln, dann sah sie sich schon wieder nach ihrem Kammerdiener um, der eben zum Kutscher auf den Bock steigen wollte. Haben wir auch alles Gepäck? fragte sie ihn besorgt? Ja wohl, Frau Baronin, bestätigte der Diener Ich danke Dir, Iwan, sagte Sie, und Baron Greiffenthal bemerkte mtt blassem. Neid, daß sie auch für diesen Menschen ein freundliches Lächeln hatte. Nochmals leben Sie wohl, Frau Baronin! und der alte Herr verbeugte sich zum letzten Mal, während die Wittwe zum Gruß nur mit dem Taschentuch winkte, und dann fuhr der Wagen davon. Schon nach wenigen Wochen war die schöne Wittwe ein Stern, der nicht nur den Weisen, sondern auch vielen Narren den Weg nach Bloomhaus zeigte. Die Frau Baronin war gegen Alle gleich freundlich, gleich liebenswürdig, aber auch gleich kühl und trieb damit ihre zahlreichen Anbeter zur Verzweiflung. Man nannte sie eine Kokette, verwünschte ihre Herzlosigkeit und betete dennoch um so leidenschaftlicher die schöne Französin an. Unter ihren Verehrern nahm Baron Bloomhaus-Rosenberg den ersten Platz ein. Er trug der Wittwe seines Verwandten nicht einmal nach, daß sie ihn um die glänzende Erbschaft gebracht, denn ohne ihr Vorhandensein wäre ihm jetzt das Glück zugefallen, wie Baron Greiffenthal meinte, auch diese große Herrschaft zu verjubeln. Baron Bloomhaus-Rosenberg hatte die Dreißig noch nicht erreicht aber schon ein sehr bewegtes Leben hinter sich, trotzdem sah er noch ungewöhnlich frisch und jugendlich aus. Eine geniale Sorglosigkeit, die schon an Liederlichkeit streifte, bekundete sein ganzes Wesen und hatte ihm über alle Klippen und Fährlichkeiten immer wieder hinweggeholfen. Der schlank gewachsene, hübsche, blonde Edelmann mit den gewinnenden, einnehmenden Manieren, war in allen Kreisen beliebt und galt bei den Damen als unwiderstehlich. Trotzdem er durch seine Verschwendungssucht zu einem verarmten Edelmann herabgesunken war, hätte er in manchem adligen, reichen Hause ruhig anklopfen können und man würde dem prächtigen Kavalier gern eine der Töchter gegeben haben, aber Baron Nosenberg lebte nun schon seit Jahresfrist von der kleinen Rente, die ihm eine alte Tante ausgeworfen, ohne daran zu denken, sich durch eine reiche Heirath wieder flott zu machen. Seinen Freunden erklärte er, daß er nicht so leicht seine Freiheit verkaufen wolle. Da erschien die Wittwe seines Vetters, und die Unabhängigkeitsgedanken, mit denen sich der Baron so lange getragen, gingen plötzlich in die Brüche. Und es war nicht einmal die Besitzerin der großen Herrschaft, nach der er die Hand ausstreckte, — es war wirklich nur die schöne geistreiche Frau, um deren Gunst er eifrig warb. Zum ersten Mal in seinem Leben empfand er für ein weibliches Wesen eine tiefe ehrliche Liebe und glühende Leidenschaft. Die Baronin dagegen schien durchaus nicht geneigt, An eifriges Werben zu er- chören, sie behandelte ihn wohl wie ihren lieben Verwandten und schenkte ihm eine Art Zutrauen, aber sie wußte doch immer wieder ihn in den gehörigen Schranken zu halten. Baron Bloomhaus-Rosenberg hatte einen Freund, den Grafen Brückenburg, mit 4>em er ein Herz und eine Seele war. Man nannte den Grafen nur den bösen Dämon Rosenberg's, und doch mit Unrecht. Der Schein war freilich gegen Brückenburg; er stammte aus einer verarmten gräflichen Familie Westpreußens, besaß keinen Pfennig Vermögen und hielt sich größtentheils bei Verwandten, die in den Ostseeprovinzen begütert waren, auf. Er hatte auf diese Weise den mehrere Jahre älteren Baron kennen gelernt und sich innig an ihn angeschlossen, aber er war es, der trotz seiner Jugend, den Freund von manchen Thorheiten zurückhielt, obwohl es den Anschein hatte, als ob er die verschwenderischen Neigungen Rosenberg's noch unterstütze. 115 Graf Brückenburg war klüger, berechnender als der Baron; eine große Welterfahrung stand ihm zur Seite, denn er hatte sich sehr früh auf eigenen Füßen umher- getummelt, er konnte zwar nicht immer hindern, daß sein Freund nicht mit vollen Händen das Geld fortwarf, sobald er im Besitz desselben war, aber er wußte dennoch manche Unbesonnenheit des Barons geschickt zu ordnen und ohne seine kluge Vermittelung würde die Tante Nosenberg's vielleicht schon längst ihren Neffen aufgegeben und die Hand von ihm zurückgezogen haben. Brückenburg war es auch, der seinen Freund fortwährend zu bearbeiten suchte, durch eine reiche Partie sich mit einem Schlage aus aller Verlegenheit zu helfen. Bisher hatte ihm der Freund auf alles Drängen immer lachend zur Antwort gegeben: Warum willst Du nicht selber zu dem Rezept greifen, was Du mir verordnest — und der Graf entgegnete dann nur mit ziemlich scharfer Selbsterkenntniß: Ich bin für ein sehr reiches, junges Mädchen nicht hübsch und anziehend genug. Wirklich war Brückenburg keine einnehmende Erscheinung und sein scharfer, kritischer Geist hinderte ihn, bei den Damen den feurigen Anbeter zu spielen. Er sah dort noch immer Fehler und Schwächen, wo die Andern anbetend in die Knie sanken. — Der ungewöhnlich magere, lang aufgeschossene junge Mann, mit dem schmalen, raubvogelartigen Gesicht, war besonders bei der jungen Damenwelt nicht sehr beliebt. Man fand seine Persönlichkeit komisch und lächerlich und man fürchtete zu gleicher Zeit seine scharfen Augen, denen keine falsche Haarflechte und selbst die feinste Schminke nicht entging und noch mehr seine scharfe Zunge, die gnadenlos die kleinen Eitelkeiten und Schwächen der guten Gesellschaft verspottete. Heute war Baron Rosenberg mit dem Grafen nach Bloomhaus wieder einmal zum Besuch gekommen. Die schöne Wittwe hatte ihren lieben Vetter und seinen Freund mit gewohnter Liebenswürdigkeit empfangen, aber sie hatte auch ebenso geschickt wie früher, ihn in angemessener Entfernung zu halten gewußt. Jetzt wanderten die Freunde allein im Park umher, da die Baronin sie soeben verlassen hatte, weil sie kurz vor Tisch Toilette machen wollte. Ein herrliches Weib! murmelte der Baron, indem seine feurigen Blicke die schlanke Gestalt noch so lange verfolgten, bis sie hinter den Bäumen verschwunden war. Schade, daß sie so wenig von einer Französin an sich hat, Sie ist in ihren Gefühlen eine echt nordische Schönheit. Eine kalte Polarsonne, spottete der Graf. Aber vielleicht beglückt sie ganz heimlich irgend einen Sterblichen mit ihren wärmsten Strahlen. Du bleibst ein unverbesserlicher Weiberfeind, Gustav, Deine Stunde wird jedoch auch einmal schlagen, entgegnete der Baron. Merkwürdig bleibt es mir freilich, daß selbst meine Cousine auf Dich keinen Eindruck gemacht hat. Ich bin vernünftig genug, dort nicht anzubeten, wo ich doch kein Gehör finde. Als ob eine echte unverfälschte Leidenschaft darnach gefragt hätte! rief der Baron lebhaft aus. Ich müßte sie lieben und wenn sie mein Herz noch so grausam mißhandelte; aber ich hoffe doch, daß sie sich endlich von dem Ernst meiner Liebe überzeugen und mich erhören wird. Um die Lippen des Grafen zuckte ein spöttisches Lächeln, als er antwortete: Ich hätte Dir eine solche Hoffnungsfreudigkeit gar nicht zugetraut. Der Baron blieb stehen und sah seinem Freunde vorwurfsvoll in die Augen.' Nein, Gustav, Du darfst die Sache nicht länger leicht nehmen, sagte er sehr ernst und mit bewegter Stimme. Dies Weib hat es verstanden, Empfindungen zu wecken, die ich noch nie gekannt habe. Das Glück meines ganzen Lebens hängt an seinem Besitz. Jetzt verlor sich auch der sarkastische Zug in dem Antlitz des Grafen. Er legte zutraulich seine langen Arme auf des Barons Schultern und erwiderte mit ungewöhnlicher Herzlichkeit: Steht es wirklich so schlimm mit Dir? , 116 Kannst Du noch fragen? Ich liebe diese Frau so tief und leidenschaftlich, daß ich sie besitzen muß, wenn ich nicht untergehen soll, war die Antwort des Barons. Graf Brückenburg ließ beinahe erschrocken seine Arme von den Schultern des Freundes los und sagte niedergeschlagen: Ah, das hatte ich doch nicht von Dir erwartet. Die Wittwe Deines Vetters zu heirathen, war ja gar keine üble Idee, nur hielt ich Dich für alt und klug genug, die Geschichte nicht mit Deinem Herzen, sondern mit Deinem Verstände einzufädeln. Bei der echten Liebe hört eben alle Berechnung auf und dies verführerisch schöne Weib liebe ich mit einer stürmischen Gluth, wie ich sie als neunzehnjähriger Jüngling nicht empfunden habe. Dann muß ich Dir dennoch rathen, diese glühenden Gefühle mit aller Gewalt zu unterdrücken, bemerkte der Graf. Unmöglich! sie werden nur mit meinem Leben enden. Beide Freunde wanderten im Park weiter, ohne noch ein Wort zu sprechen. Sie hatten jetzt eine Moosbank erreicht und Vrückenburg unterbrach plötzlich das Schweigen mit der Frage: Wollen wir uns nicht ein wenig ausruhen? und wie erschöpft ließ er sich auf der Bank nieder. Obwohl der Baron in seiner aufgeregten Stimmung den Spaziergang weit lieber fortgesetzt hätte, folgte er dennoch dem Beispiel des Freundes. Du bist plötzlich stumm geworden, begann Rosenberg, der das Gespräch über einen Gegenstand fortsetzen wollte, der allein seine ganze Seele erfüllte. Hm, was läßt sich da sagen? erwiderte der Graf. Wenn Du mit unserer schönen Wittwe eine Convenienz-Heirath eingegangen wärest, hätte ich ja gar nichts dagegen gehabt, aber daß Du sie wirklich liebst, macht mich stutzig und bedenklich. Was sind da für Bedenken? Sie ist schön, geistreich, und daß sie zufällig die reiche Witte meines Vetters ist, darf mich doch nicht hindern, um ihre Hand zu werben. Der Graf schwenkte das auf schlankein Halse sitzende kleine Haupt hin und her. Das wäre Alles ganz gut, wenn nur nicht — Du machst mich ungeduldig, mit Deinen wunderlichen Einwürfen, unterbrach ihn der Baron. Und Du lässest mich ja nicht aussprechen, entgegncte Vrückenburg. Es fällt mir ohnehin schwer genug, Dir die Binde pon den Augen zu reißen, aber wenn die Sachs so mit Dir steht, bin ich Dir die Wahrheit schuldig. Willst Du Dich nur über mich lustig machen und meine Neugier erregen? Nein, lieber Richard, das will ich nicht, erwiderte der Graf ungewöhnlich ernst und sein so scharfes sarkastisches Gesicht zeigte jetzt einen gutmüthigen, theilnahmvollen Ausdruck. Ich will Dir nur einen Freundschaftsdienst erweisen, selbst wenn Du mir wenig dafür danken kannst. Der Baron machte eine ungeduldige Bewegung, aber Vrückenburg fuhr ruhig fort: Diese Frau darfst Du nicht aus Liebe heirathen. Warum nicht? rief Rosenberg aus und wollte in heftiger Erregung aufspringen, doch der Freund hielt ihn zurück; Du hast einen sehr unwürdigen glücklichen Nebenbuhler. Ach laß die Scherze, Gustav, ich bin wirklich heute dazu nicht aufgelegt. Es ist durchaus kein Scherz, es - ist die volle Wahrheit, erwiderte der Graf mit gpoßer Entschiedenheit. Sage selbst, ob es sich für den Baron Bloomhaus-Nosenberg schicken würde, wenn er das Herz seiner Dame mit deren Kammerdiener theilen müßte, und diesem dabei noch der weit größere Antheil zufiele? Ilnsinn! Du machst heute wieder Deine bitteren Späße, nur muß ich Dir offen gestehen, daß sie nicht nach meinem Geschmack sind. Das glaube ich gern. Wann Hütte je die Wahrheit gefallen und noch dazu einem leidenschaftlich Verliebten? Wenn Du dies weißt, so bitte ich Dich, mich nicht weiter zu kränken, sagte der Baron mit ungewöhnlicher Schärfe. Es ist durchaus kein Scherz, entgegnen der Graf so ruhig wie bisher, aber doch mit ernster Stimme. Du hast an Iwan einen sehr gefährlichen Nebenbuhler, und wenn Du die schöne Wittwe heirathest, dann fürchte ich — Weiter kam Brückenburg nicht, denn der Baron stieß ein Helles übermüthiges Gelächter aus. Nein, das ist kostbar! Und das tischest Du mir mit ganz ernster Miene auf! Du kannst doch selbst gegen Deinen besten Freund den Schalk nicht verleugnen. ^ Du irrst Dich, ich habe anfangs gezögert, Dir meine Beobachtungen mitzutheilen; jetzt darf ich sie Dir nicht länger vorenthalten, erwiderte Brückenburg. Diese Frau ist! Deiner unwürdig, sie unterhält mit ihrem Kammerdiener ein sehr intimes Liebesverhältniß.' Der Baron sprang von der Bank auf und rief in höchster Erregung: nicht mög-' lich! Wärest Du nicht mein einziger und bester Freund, ich müßte Dir entgegenwerfen: Du verleumdest! Es ist dennoch die volle Wahrheit! Ich habe mehr als einen Beweis dafür, sagte der Graf so ruhig wie bisher. Und der wäre? fragte Rosenberg heftig, und seine Blicke ruhten voll Unruhe auf dem schmalen blassen Antlitz des Freundes. Du weißt, ich bin den Frauen gegenüber eine etwas mißtrauische Natur, begann der Graf; aber setz' Dich wieder, unterbrach er sich selbst. Es läßt sich so leiser sprechen, und diese Dinge möchte ich vorläufig doch nicht so laut erörtern. (Fortsetzung folgt.) Das Kleid des Buches. Von Bruno Bücher. Jemand hat behauptet: „Alle Deutschen schreiben Bücher, wenige lesen Bücher und die wenigsten kaufen Bücher." Ganz ohne Einschränkung wird man diesen Satz vielleicht nicht gelten lassen; er bedarf indessen auch einer Ergänzung, da er das Schreiben und Lesen über Bücher unberücksichtigt läßt. Auf diesem Gebiete aber stehen Production und Consumtion in richtigem Verhältnisse und mancher Deutsche, welcher glaubt, die obige Anklage sei mit auf ihn gemünzt, kann dieselbe stolz mit der Erklärung zurückweisen:! „Ich lese zwar die Bücher nicht, aber doch die Bücher-Kritiken", oder auch: „Ich kritisire sie wenigstens." Es ist also unrichtig, zu sagen, das Volk, welches den Letterndruck er-' funden hat, kümmere sich um das Gedruckte nicht. Und aus diesem Verhältnisse kann man den Muth schöpfen, über Buch-Einbände zu schreiben, wenn auch bis vor Kurzem das deutsche Publicum es den Engländern und Franzosen überlassen hat, die Kunst des Büchbindens zu pflegen und zu fördern. So groß war die Gleichmütigkeit, daß Deutschland kaum eine Literatur über die Buchbindung hat. Als Franzosen und Engländer diesbezüglich längst reiche und schöne Publicationen besaßen, brachten wir es höchstens zu Schriften über das Technische des, Bindens — Schriften von sehr zweifelhaftem Werthe, da doch kein Handwerk sich aus Büchern erlernen läßt. Neuerdings haben wir allerdings werthvolle Beiträge zur Geschichte des höchst interessanten Kunstzweiges erhalten, so in den Bilderheften zur Geschichte des Bücherhandels, welche der Kölner Buchhändler Lempertz herausgegeben hat, in Wattenbach's vortrefflicher Geschichte des Schriftwesens im Mittelalter und in Steche's Abhandlung über' die Buchbindung in Sachsen — einer dankenswerthen Arbeit, welche hoffentlich die Anregung zu weitem Special-Forschungen geben wird. Ebenso unleugbar ist der Aufschwung, welchen die Buchbindekunst in Deutschland, besonders in den letzten zehn Jahren, genommen hat. Wie rüstig allerorten vorwärts gestrebt wird, wie sich stetig die Zahl derjenigen Buchbinder und Buchhändler vermehrt, welche nicht mehr Alles gut finden, was neu ist, und daZ am besten, was durch Bizarrerie überrascht, sondern sich bemühen, stylvolle Ornamentation wieder zu Ehren zu bringen; das sehen wir in der modernen Abtheilung der Buch-Ausstellung im österreichischen Museum. Noch find Franzosen und Engländer den Deutschen überlegen, aber aus einem allbekannten Grunde, welcher auch wieder mit den eingangs erwähnten Verhältnissen zusammenhängt; wenn der deutsche Bücherfreund Preise zahlen soll, welche das Drittel von den in Paris und . London üblichen betragen, so bekreuzt er sich. Wir sind zu lange Zeit gewöhnt gewesen, auf diese Dinge gar keinen Werth zu legen, Ob ein Buch sich gut aufschlagen läßt und aufgeschlagen liegen bleibt oder nicht, ob es, zugeschlagen, auch wirklich schließt oder „das Maul aufsperrt", ob die nur eingesägten, nicht gehefteten Bogen bei einmaligem Gebrauche des Buches hervorspringen und herausfallen, ob der Papierrücken berstet und bricht, die Ecken sich abstoßen, der Calico-Ueberzug schäbig und rissig wird und all' dergleichen mehr, wurde gar nicht beachtet, wenn nur der Einband wenig kostete. Wie hätten wir für gute Ornamentation, den Unterschied zwischen Maschinen- und Handarbeit rc. ein Auge gehabt! Jetzt müssen wir erst wieder lernen, daß für Schleuderpreise auch nur schleuderische Arbeit verlangt werden kann. Leistungsfähig sind jetzt unsere Buchbinder so gut wie andere. Man vergleiche, um sich davon zu überzeugen, die modernen englischen und französischen Bücher, welche von Gerold und Comp, und Lechner's Universitätsbuchhandlung ausgestellt worden sind, ferner die aus einzelnen Privatbibliotheken, wie jenen der Fürsten Liechtenstein und Metternich, hergeliehenen mit deutschen und österreichischen Arbeiten. Das bekannte Geschäft von Fritzsche in Leipzig hat einen ganzen großen Glaskasten mit Einbänden gefüllt, für welche Architekt Leopold Theyer, Docent an der Kunstgewerbeschule, die Entwürfe gemacht hat: elegante Bände, darauf berechnet, auf Salon- und Lesetischen zu liegen, und daher vorzugsweise auf dem Deckel reich mit Vergoldung im Nenaissance- Styl ausgestattet. Lechner hat in langen Reihen Bibliothekswerke vorgeführt; sie haben sich mit den solid gearbeiteten, zugleich praktisch und gefällig eingetheilten und betitelten Rücken zu präsentiren und zeigen erfreulicherweise, daß der Ledereinband mit den natürliche Felder bildenden plastischen „Nerven" und bunten Titelschildern wieder allgemeiner in Aufnahme gekommen ist, welcher einen gefüllten Bücherschrank zu einem ungleich erfreulichern Anblick macht, als die so lange dominirenden dunkeln Calico-Bände nur mit Golddruck. Sind schon in dieser Abtheilung der Lechner'schen Ausstellung wohl zumeist, wenn nicht ausschließlich, einheimische Arbeiten zu sehen, so hat das Publikum nun auch Gelegenheit, im Einzelnen zu beurtheilen, was unsere Buchbinder liefern können. In Schau-, und Prachtstücken, Albums, Adressen u. dgl. hat Wien sich längst hervorgethan. Von viel größerer und allgemeinerer Wichtigkeit aber ist der tüchtige und geschmackvolle Bibliotheksband, und auf diesem Gebiete entwickeln Beringer, Franke, Hollnsteiner, Kritz, Scheibe u. A. in Wien eine höchst anerkennenswerthe Thätigkeit. Strebsame und geschickte Techniker, Specialisten unter den zeichnenden Künstlern haben wir also, fort und fort tauchen mechanische Verbesserungen auf, durch welche die Arbeit vervollkommnet oder erleichtert wird; jetzt kommt es nur noch darauf an, daß die Schätzung der guten und schönen Arbeit auch wieder allgemein werde. Und aus diesem Grunde wünschen wir der Ausstellung der alten Einbände recht viel und recht aufmerksame Besucher. Dieselbe gibt allerdings nicht eine vollständige Geschichte des Buch-Einbandes, aber doch reiches Material zur Illustration derjenigen Perioden, in welchen sich das Buchbinden zu einem selbstständigen Zweige des Kunstgewerbes entwickelte; seit der-Erfindung der Buchbruckerkunst und der Loslösung des Handwerks von der Klostergemeinschaft. Wohl hatte schon zu Beginn des Mittelalters jene Einheit von Buch und Deckel, wie sie in dem römischen Diptychon noch besteht, aufgehört. Man schützte das geschriebene, so häufig mit Miniaturmalereien gezierte Buch durch starke Holzdeckel mit Lederüberzug oder, wie das vornehmlich in Byzanz Sitte war, mjt vergoldeten Metallplatten, die gravirt oder emaillirt, oder mit Edelsteinen, Elfenbein-Schnitzwerk oder Filigran-Ornament ausgestattet 119 waren. Einzelne Beispiele dieser Arten finden wir auch in der Ausstellung, so einen venetianischen Metallband mit Schmelzmalerei aus dem fünfzehnten Jahründert (Eigenthum des Herrn Artaria), dann galvanoplastische Nachbildungen des berühmten Oocio^ nureuZ aus dem Kloster Prüm (jetzt in der Stadtbibliothek zu Trier) mit der aus den ersten Jahren des zwölften Jahrhunderts stammenden, in Kupfer gravirten Darstellung des Heilands, umgeben von Pipin, Karl dem Großen, Ludwig dem Frommen, Lothar, Ludwig dem Deutschen und Karl dem Kahlen, ferner byzantinischer Metallbände aus dem elften und zwölften Jahrhundert (Marcus-Bibliothek) und eines deutschen Evangeliariums mit getriebener Hochrelieffigur aus der Zeit des zwölften oder dreizehnten Jahrhunderts; auch einen alten Lederband, wie die „Bruder vom gemeinsamen Leben" sie gemacht haben mögen; die breiten Lederstreifen, welche die Pergamentlagen zusammenhalten, kunstreich mit den Deckeln vernäht, die letztem mit einer Ueberfallklappe und Schnalle zum Verschluß versehen; endlich einen hochinteressanten geschnitzten Holzband, welchen ein Udalricus im Jahre 1227 für ein Äissals des Abts Verthold von Weingarten angefertigt hat. Als Curiosum mag hier auch der Lederband erwähnt werden, an welchem etwas echt ist, nämlich ein Eckbeschlag, während alles Uebrige theils imitirt, theils adaptirt wurde. Diese Eckbeschläge, Knöpfe, Schilder rc. aus Metall erscheinen gewissermaßen als die Ueberreste der alten Metallplatten; auf sie wurde in der Zeit vom fünfzehnten bis ins achtzehnte Jahrhundert bewundernswerthe Kunstfertigkeit verwendet, wie prächtige Beispiele in Guß-, Treib- und Schneidarbeit, Gravirung und Filigran verdeutlichen. Die vorhin erwähnte Holzschnitzerei gehört zu den Kunstsammlungen des kaiserlichen Hauses (Ambraser Sammlung), aus welchen noch eine Reihe der kostbarsten Stücke beigesteuert sind; so ein Folioband, auf dessen Deckel in derben, aus Metall geschnittenen und von Emblemen (Krone, Kranaten rc.) umgebenen Buchstaben zu lesen ist, das; das Werk von dem „Zeug" der Grafschaft Tyrol handelt, vom Ende des fünfzehnten Jahrhunderts; ein Gebetbuch des Erzherzogs Ferdinand, des Begründers der Ambraser Sammlung, in schwarzem Sammt mit emaillirten Goldbeschlügen und dem Original- „Buchbeutel" aus braunem Sammt; eine Grammatik, 1470 für den künftigen Kaiser Max verfaßt und in Leder gebunden, welches, stark verschossen, auf dem vorder» Deckel braun-roth, auf dem rückwärtigen grün zu sein scheint; ein Liederbuch, dessen Noten und Text in vollendeter Weise — gestickt sind u. A. m. Zur reichsten Blüthe entfaltet, sich die Ornamentation der Bucheinbände im sechzehnten Jahrhundert. Italien bildet, wie in allem Kunstschaffen der Renaissance, den Ausgangspunkt, und zwar lassen sich zwei verschiedene Systeme verfolgen, sich die bald vereinigen, später wieder getrennt auftreten; das eine benützt die Zierathen des Buchdruckers auch für den Einband und combinirt aus den einzelnen Schnörkeln, Blätter u> s. w> sinnreiche Mittel- und Eckstücke; das andere entlehnt der orientalischen Flächen- Decoration, Motive der Band- und Linienverschlingung. In glänzender Weise vereinigt erscheinen beide in den italienischen Einbänden, welche sich an den Namen Majoli knüpfen, und in denjenigen, welche Grolier in Frankreich nach italienischer Art machen ließ; die Bänder bilden ein Gerüst, an welchem sich das reizendste Ranken- und Blattwerk empor- schlingt, das aber häufig auch Felder freiläßt für einen Titel, ein Wappen, einen Wahlspruch oder den'Namen des Eigenthümers. Noch reicher wird die Wirkung, wenn di'' Bände aus andersfarbigen, in den Ledcrgrund eingelegten Streifen bestehen. Im Styl Grolier's wird neuestens viel gearbeitet. Doch nicht minder der Beachtung werth sind spanische, italienische und französische Pergamentbände aus dem sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert. Pergament und das häufig an dessen Stelle tretende Schweinsleder sind in unserer Zeit in Mißcredit gerathen — mit welchem Unrecht, das Machen die erwähnten Einbände deutlich, an denen jene Lederarten ungleich rationellere Verwendung gefunden haben als da, wo sie über Holz- oder dicke Pappendeckel gespannt isind. Ein selbst so haltbares Material bedarf solcher Unterlage nicht, ermöglicht viel» 120 — mehr einen festen und doch nicht steifen Einband. Diesen Vortheil sehen wir in den erwähnten Bänden bestens ausgenützt, und dabei macht das symmetrisch vertheilte, in der Regel nur Mitte und Ecke betonende Gold-Ornament auf dem gelblich-weißen Grunde den Eindruck vollendeter Noblesse. In Deutschland hat man meistens auf den berühmten Vortheil verzichtet, und das hängt wohl mit dem herrschenden Styl der Verzierung zusammen, welcher ein architektonischer ist. Auch das erinnert uns wieder an die Abhängigkeit der Buchbindung vom Buchdruck. Die im Zeitalter der deutschen Renaissance so beliebten Frontispices der Büchertitel kehren in Blindpressung auf den Pergament-Deckeln wieder, mehr oder minder phantastische Säulenstellungen in Verbindung mit mythologischen oder allegorischen Figuren, Profilbildern römischer Cäsaren, Darstellungen von Scenen der alten Geschichte, welchen eine symbolische Deutung gegeben werden kann u. dgl. m. Der ganze Charakter dieser Verzierungen setzt aber feste Fläche, feste Begrenzung voraus. War das Material nicht Pergament, sondern Kalbsleder, so ließ man gern Figuren und Ornament sich in lebhaften Lackfarben von dem braunen Grunde abheben. Der Specialist wird sich mit Entzücken in das Detail der Styl-Abzweigungen und Styl-Umwandlungen vertiefen, die sich durch das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert hindurch vollziehen, um endlich wieder bei den Anfängen, dem einfachen Buchdruck- Ornament und dem Teppichmuster, anzulangen, welches nun aber in der Gestalt von Papierüberzug chinesischer Herkunft oder in chinesischer Manier erscheint. Wie die Gro- lier'schen Bandverschlingungen nach und nach steif und nüchtern werden, wie eine zeitlang die Rosette (das gothische Radfenster), theils vollständig, theils in einzelne Fächer zerlegt, beliebt ist, wie Spitzenmuster sich ein- und vordringen; das Alles ist an zahlreichen, sehr schönen Exemplaren aus den Liechtenstein'schen, der Apponyi'schen und andern Bibliotheken und den Sammlungen des Museums anschaulich gemacht. Darunter sind Bücher, welche auch wegen ihrer einstigen Besitzer Interesse einflößen, wie ein Gebetbuch der Maria Stuart, verschiedene mit den bekannten sechs Kugeln der Medicäer. Auch reiche orientalische und schlichte japanesische Einbände fehlen nicht. H Aus Allem wird der Bücherfreund und der Buchbinder Belehrung schöpfen. Hoffentlich werden uns aber Nachahmungen der antikisierenden Einbände vom Schluß des achtzehnten und Anfang dieses Jahrhunderts erspart, die steifen Palmetten- und Mäander- Bordüren um Vasenbilder aus schwarzem Leder, in braunes eingelegt! (Deutsche Ztg.) Miscelleir. * (Rollenverwechslung.) Die Zeche eines Gastes in einem Bierhause betrug 57 dl., während der Gast nur mehr 50 dl. in seinem Portemonnaie auszuweisen hatte. — Die Kellnerin, welche die Verlegenheit des Gastes merkte, sagte zu diesem: die 7 Pfennig können's mir ja morgen geben!" — Ersterer erwidert hierauf in seiner Verwirrung mit abwehrender Handbewegung und entsprechender Noblesse: „O, ich verzichte darauf!" ' (Ein Stoßseufzer.) Ein Bauer hatte sein ganzes Vermögen zur Erziehung *eines Sohnes aufgeopfert und als er sah, daß er nichts dafür gelernt hatte, seufzte er: „Ach, wie viele Kühe habe ich für diesen einzigen Ochsen hingegeben!" (Des Doktors Werke.) Als ein Doktor ein Quartier nicht beziehen wollte/ dessen Fenster auf den Kirchhof gingen, meinte der Hausherr: „Herr Doktor! Hier können Sie ganz in Betrachtung Ihrer Werke leben." Auslösung des Buchstabenräthsels in Nr. 13: „Große Partie nach Chiemsee." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. M. Huttlcr. Nr. 16. 1880 . zur „Mgslmrger PostMrmg." Mittwoch, 25. August Weg mit dem schlechten Menschen, der im Alte, vws darum keinen Baum mehr pflanzen will, weil die Frucht davon ihm nicht mehr reist! Das Wirken des Edeln ist an keine Zeit gebunden, und seine Thaten fließen durch die Ewigkeit. Klinger. Der Herr Arrron. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Der Baron folgte seinem Geheiß und nahm wieder auf der Moosbank Platz, wahrend Brückenburg mit gedämpfter Stimme fortfuhr und sich dabei vorsichtig nach allen Seiten umsah. Mir erschien schon bei unserm ersten Besuch das Verhältniß der Baronin zu ihrem Kammerdiener sehr sonderbar. Iwan zeigte ein solch selbstbewußtes, gönnerhaftes Benehmen, wenn er sich unbeachtet wähnte. Das ist bei Kammerdienern keine Seltenheit, warf der Baron dazwischen. Ganz Recht, bemerkte der Graf. Aber ich fing zufällig einen Blick auf, den die Baronin mit Iwan austauschte und dieser Blick weckte meinen Argwohn. Du gehst in Deinen Bedenken zu weit. Laß mich nur weiter erzählen, sagte Brückenburg, der sich durch diese Unterbrechungen in seiner Ruhe nicht stör«: ließ. Dieser Blick verrieth mir, baß zwischen Herrin und Diener ein sehr vertrautes Verhältniß bestand und nun verschärfte ich meine Beobachtungen, während ich mich ganz harmlos gab. Wirklich machte ich damit die Leutchen sicher. Dich glaubte sie ohnehin nicht fürchten zu dürfen, denn ein wirklich Verliebter sieht nicht so weit wie meine Hand reicht, und der Graf streckte seinen langen Arm aus. Der Baron hatte sich auf der Moosbank ein wenig zurückgelehnt und blickte mit allen Zeichen der Langeweile vor sich hin. Das argwöhnische Gemüth seines Freundes hatte da wieder einmal aus dem Nichts ein wunderliches Gewebe gesponnen, aber wie er den Grafen kannte, war es vergeblich, ihn zu widerlegen. — Es war deshalb das Beste, vorläufig zu schweigen und Brückenburg fuhr nach einer kleinen Pause mit leiser Stimme fort: Ich erhielt bald eine Menge kleiner Beweise, die meine Annahme rechtfertigten. Bei Tische beugte sich die Baronin mehrmals nach ihrem Kammerdiener zurück und ich konnte dann in dem gegenüberstehenden Pfeiler-spiegel ganz gut bemerken, daß sie ihm zulächelte, so glückstrahlend und freundlich, wie nur eine junge Frau, die noch mit ihrem Manne in den Flitterwochcn lebt. Narrheiten! — murrte es durch das Innere des Barons, aber er schwieg und der Graf, der schon auf einen lebhaften Eimvurf gefaßt gew efcn, begann von Neuem: Wenn Iwan in ihre Nähe kam, dann suchte sie wie zufällig /ech e Hand zu berühren und ein seliges Lächeln, das ich nur bei Verliebten gesehen, sp-L lts um ihre Lippen, sobald si^ — 122 -< ihres Kammerdieners ansichtig wurde. Nun hatte ich einmal eine Fährte entdeckt und beschloß, sie weiter zu verfolgen. Du machtest der schönen Wittwe den Hof und ich hielt es daher für meine Pflicht, ihrem Verhältniß zu dem Kammerdiener auf den Grund zu kommen. Du wirst freilich die Wege, die ich dazu einschlug, nicht recht passend finden, aber ich halte es in solchem Falle mit dem Satze: Der Zweck heiligt die Mittel. - Niemals! warf jetzt der Baron ziemlich heftig dazwischen» Doch, entgegnete Brückenburg ruhig; sobald es sich um die Ehre und das Lebensglück eines lieben Freundes handelt und auch bin ich hartgesotten genug, mein kleines Spionirsystem nicht zu bereuen. Rosenberg schüttelte bedenklich den Kopf; aber der Graf fuhr in größter Ruhe fort: Ich suchte heimlich die Leute der Baronin auszuforschen und da hörte ich freilich die wunderlichsten Dinge. Der Kutscher besonders ist ein Schlaukopf, wie dumm er sich auch stellt. Dem ist die Sache bereits am Tage der Ankunft sehr sonderbar vorgekommen. Anfangs hatte der Kammerdiener neben ihm auf dem Bocke Platz genommen, weil bei der Abfahrt zufällig der Baron Greiffenthal zugegen war, aber nach kurzer Fahrt hat die gnädige Frau anhalten lassen und befohlen, daß Iwan mit in den Wagen kommen solle, denn sie fürchte sich in der wildfremden Gegend allein zu fahren. Sie habe das Alles mit dem Kammerdiener französisch besprochen und Iwan ihm dann den Grund erklärt, warum er der gnädigen Frau Gesellschaft leisten solle. Der Kutscher war klug genug, über dies Verlangen nicht die-geringste Verwunderung zu zeigen, aber als es ein bischen dämmerig geworden, hat er neugierig und vorsichtig etwas in den Wagen hineingeschielt, und deutlich bemerkt, daß die Baronin Iwan geküßt. Der nichtswürdige Schurke müßte Peitschenhiebe bekommen! rief der Baron voll Empörung aus. Iwan? fragte trocken der Graf. Nein, der Schuft von Kutscher, der seiner Herrin solche Gemeinheiten nachzureden wagt. O, die Leute der Baronin erzählen noch ganz andere Dinge, wer nur die Kunst versteht, sie zum Sprechen zu bringen. Und solchem Bedientengeschwätz kannst Du wirklich nur die geringste Beachtung schenken? fragte der Baron und sah dem Freunde erstaunt in's Auge. Gewiß, sobald alle Angaben übereinstimmen, antwortete der Graf. Die Leute dei Baronin sind alle empört, denn sie legt vor der Dienerschaft ihren Gefühlen wenig Zwang an. Der Bursche freilich ist klüger und vorsichtiger; er sucht Fms Liebesfeuer noch ein Wenig zu verbergen, aber die schöne Wittwe legt bei jeder Gelegenheit das herzliche Wohlgefallen offen zur Schau, das sie für ihren hübschen Kammerdiener hegt, der bereits im Schlosse und wenn keine Fremden da find, den Herrn spielt. Alle müssen ihm blind gehorchen und jeden seiner Befehle ausführen, und wer sein Mißfallen erregt, wird sogleich entlassen. Bedientenneid, nichts weiter, entgegnete Rosenberg. Die Baronin ist harmlos und gutmüthig, fuhr der Graf ohne sich durch diesen Einwurf stören zu lassen, fort: Aber sie versteht keinen Spaß, wenn ihrem Kammerdiener nur das Geringste widerfährt, dann gerüth sie in den heftigsten Zorn und in die größte Aufregung. Ein alter Diener wagte sich über die Willkür Jwan's zu beschweren und anstatt seine gerechten Klagen anzuhören, jagte sie ihn auf der Stelle fort. Weißt Du, daß diese Klagen gerecht waren. Du willst nur in Deiner Verblendung all' diese Dinge als harmlos aufnehmen, entgegnete Brückenburg nun doch etwas verdrießlich. Aber was denkst Du darüber, wenn ich Dir sage, daß man den Kammerdiener am frühen Morgen in der Nähe der Zimmer der Baronin hat umherschleichen sehen? Ach, das ist infam! 123 Das sage ich auch, bemerkte der Graf, wieder in seinen irrnrmen Ton sackend und obwohl er recht gut wußte, gegen wen der Zorn seines Freundes gerichtet war, fuhr er doch mit sarkastischem Lächeln fort: Manche vornehme Frau, und besonders eine Französin hat nun einmal einen eigenthümlichen Geschmack und eine Vorliebe für Lakaien. Ich begreife in der That nicht, wie Du solch' erbärmlichem Bedientengeschwätz die geringste Beachtung schenken kannst! rief der Baron heftig aus, der seine tiefe Erregung nicht länger niederkämpfen konnte. Du irrst, lieber Richard, wenn Du glaubst, daß man mir diese interessanten Mittheilungen freiwillig gemacht hat, dann würden sie auch für mich wenig Werth gehabt haben, ich mußte sie vielmehr sehr theuer bezahlen; allein was thut man nicht alles einem theuren Freunde zu Liebe. Man hat Dir dennoch elende Lügen und Verleumdungen hinterbracht, entgegnete der Baron aufstehend, als wolle er damit das ihm höchst unangenehme Gespräch abbrechen. Der Graf erhob sich ebenfalls und an seine Seite tretend, sagte er mit weit größerer Wärme als bisher: Sei endlich vernünftig, Richard. Wie kannst Du nur denken, daß ich Dir nur irgend etwas hinterbringen würde, von dessen Wahrheit ich nicht völlig überzeugt wäre. Du bist von dem lügnerischen Gesinde! arg getäuscht worden. Da hat Dich einmal Dein gewohnter Scharfblick im Stich gelassen. Durchaus nicht, entgegnete der Graf mit großer Entschiedenheit. Bedenke, daß mir all' diese Angaben von mehreren Personen gemacht worden, die um eines guten Trinkgeldes willen ihre Stellung nicht leichtsinnig aufs Spiel setzen würden. Aber sie sind Alle von dem Treiben der Baronin auf's Tiefste empört, nimm dazu meine eigenen Beobachtungen und Du wirst zugestehen müssen, daß die schöne Wittwe Deines Vetters wenigstens Deiner Liebe unwürdig ist. Ich kann's, ich will es nicht glauben, denn ich halte sie einer solchen Verirrung für unfähig. Du willst es nicht glauben. Nun gut, ich werde Dir noch heute den schlagendsten Beweis liefern, daß zwischen unserer gnädigen Frau und ihrem Kammerdiener ein sehr zärtliches Verhältniß besteht, war die Entgegnung des Grafen, er bot dabei dem Freunds den Arm und Beide wanderten, ohne ein Wort zu sprechen, in das Schloß zurück. (Fortsetzung folgt.) Das Klima von SüdlirqL. Eine Studie. Ein eisiger Winter — eine iuvernatu bruta, wie unsere Nachbarn, die Wälschcn sagen, lag 1880 über dem Etschland. So sagten die Eingeborenen, so diejenigen, die sich irgend eines Gebrechens wegen da aufhalten, so der Thermometer. Es kamen zehn bis vierzehn Grad Kälte vor. Brunnen froren ein und in raschen Flüssen mengte sich Eisbrei unter die Wellen. Wie gewöhnlich fehlte aber, was überall den: Winter so untrennbar beigelegt wird, wie etwa den Furien ihr Schlangenhaar: die Trübung. Ich habe Aufzeichnungen. Unter siebenundfünszig Tagen gab es sieben verdüsterte, die übrigen n,aren wolkenlos. Und mit dem Mittag kam die Wärme, und jeden Tag gab es zwei SMden, welche das Bild des Vorfrühlings zeigten. So kommt mir dieser viclver- schxiene Winter vor wie ein sonniger Traum. Die Berichte über das europäische Wetter, die man in den Zeitungen las: Niederschlüge, Nebel, Schneefälle in den Alpen und so fort, mochten für die ganze Welt gelten, nur nicht für das Etschland. Dieses schien die Enclave eines anderen Reiches, in welchem unser irdischer Wettermacher nichts zu gebieten hat. Morgen für Morgen glänzten hoch oben auf der Mendelscharte die reichbehanaenen Fichten dem Gestirne entgegen, Und Abend für Abend drang aus dein Rosengarten heraus jenes wundersame Leuchten, das einer Reise werth ist. Ich sage geflissentlich: heraus, denn es wird von dieser Nubinblendung die Sinnesirrführung bewirkt, die dem Wolke den Glauben an die Rosen in tiefen Hallen des Felsgebirges eingegeben hat. Diese Wolkenlosigkeit des winterlichen Etschlandes ist eine bekannte Sache. Verschiedene Poeten nennen daher das Land ein sonniges, und das Vorhandensein von Cur- vrten stützt sich auf die Verschlossenheit der himmlischen Schleusen. Rath Kaltenegger in Vrixen, der viele Jahre das Land bewohnt und beobachtet, hat hiefür den treffenden Ausdruck der niederschlagsarmen Winterzone ersonnen. Dieselbe erstreckt sich auf das Dreieck vom Ende des Vinstgaues bis zur Brixener Klause und wird durch die Oerrlichkeiten Meran, Bozen, Brixen bezeichnet. Wie es sich begreift, hat eine Menge von Männern über den Grund nachgedacht, warum der Himmel über einem schmalen Landstreifen knapp am Südabsturze des Centralwalles der Alpen sich seine Heiterkeit nicht stören läßt. Alles Mögliche ist behauptet worden. In so manchem Winter habe ich nun auch zugeschaut, mich besonnen und verglichen, wozu häufige Reisen Gelegenheit boten. Ich will deshalb mit meiner eigenen Weisheit nicht zurückhalten und den früheren Erklärungsversuchen einen neuen beifügen. Seit Rambert „Im xusstion äu I'ödn" erörtert hat, ist sehr viel über diese Lufterscheinung gesprochen worden. Der Föhn ist genau der nämliche Wind, den man in Tirol Scirocco nennt. Diese Bezeichnung hat mit dem Scirocco oder Scilocco, der auf Mittelmeer und Adria so geheißen wird, nichts zu schaffen. Jeder, der beispielsweise mit venetianischen oder dalmatinischen Schiffern verkehrt hat, weiß, daß sie unter jenem Worte einen Südostwind verstehen. Nun sage ich: so oft in Tirol der Föhn, hierzulande Scirocco genannt, weht, war kurz vorher, zehn bis vierundzwanzig Stunden etwa, an den Küsten Spaniens, Frankreichs, im Canal La Manche, am Strande von Wales und Irland Südweststurm. Nicht ein einzigesmal unter Hunderten von Malen, die ich verglichen habe, war es anders. Dieser Südweststrom erreicht die Alpen, er staut sich an ihnen und fließt durch ihre Einsattlungen und Pässe ab, und zwar nicht nur gegen Norden, sondern sehr häufig auch gleichzeitig gegen Süden, so daß am Fuße eines Passes auf der Nordseite Südsturm, auf der Südseite Nordsturm sein kann. Der Passatstaub, die Staubmeteors aus Westindien, die so oft — erst wieder in Körnten — mit unserem sogenannten Scirocco daherflogen, sind eine weitere Stütze der Behauptung, daß unser Scirocco, der sofort Regen oder Schnee im Gefolge hat, ein verschlagener Südweststurm, passatischen Ursprungs, ist. Nun nehme man eine Landkarte zur Hand. In ganz Europa findet man keine Gegend, die in der Richtung des Octanten Westsüdwest in gleicher Weise durch reihenweise hinter einander aufgeworfene Bergwälle gleichartig verbarricadirt und verschanzt wäre, wie das Etschland. Da folgen sich nacheinander die lange Mauer der Mendel, die Dolomitmassen der Bocca di Brenta-Berge, die Sulz- berger Hochalpen, Ortler- und Adamello-Gruppe, die Höhen von.Val Camonica, das Vergamasker Gebirge, die Felsmauern des Veltlin, dann weiter nach Piemont und Frankreich hinein die Penninischen und Cottischen Alpen. Ueber all dieses Mauerwerk kommen die Passatwinde zwar hinüber, aber sie werden eben durch dasselbe in einer gewissen Höhe gehalten und sinken nicht ins Etschland hinab, sondern gleiten darüber hin oder fließen seitwärts darum herum. Das Hinfließen nimmt man wahr, wenn man im Winter eine bedeutendere Höhe ansteigt. Der leichtere und wärmere Strom gleitet über die kalte Luftschicht hinweg, die im Thals stocken bleibt. In Klobenstein und Jenesien ist es im Januar meist wärmer als im Bozener Kessel — obwohl, oder vielmehr weil sie um 2800 und 2370 Fuß höher liegen als die Stadt. Ost wird auch von Vrixen oder Bozen aus das Vorhandensein des feuchtwarmen Luftstromes, der, an den wafserscheidenden Kämmen der hohen Cen- tralkette angekommen, durch niedrige Einsattlungen, insbesondere die des Brenner, gegen Norden abfließt, mit dem Auge gesehen. Man nimmt eine eigenthümlich weißlich ge- 125 färbte Dunstmasse gegen Norden wahr. Im Süden des Witralkammes ist ruhige, sonnenerhellte Luft — in der gleichen Stunde aber stürmt und wüthet zu Innsbruck der gewaltthätigste Föhn. Auch Schneefälle im Norden der Alpen werfen in den nördlichen Horizont des Etschlandes noch einen eigenthümlichen fahlen Schimmer herüber, der in seiner Weise mit dem bekannten „Eisblink" der arktischen Gegenden zu vergleichen sein ? mag. Dutzendemal in jedem Winter sieht man triefende oder flockenverwehte Waggons über den Brenner herüber ins Etschland kommen, in dem sich seit Wochen keine Wolke gezeigt und kein Wind gerührt hat. Allerdings bekommt man später von diesen Niederschlügen noch andere als Augenschein-Kunde. Wenn einige Tage später in Folge der flockigen Niederschlüge im Norden die Luft entsprechend kalt geworden ist, dann gibt es eine eisige Strömung gegen das wärmere Mittelmeerbecken hinab. Dann kommt das, was man in Meran Passeirer Wind nennt. Ein verwandtes Beispiel liefert das berüchtigte Winterklima Karntens. Die Drau- Ebene um Klagenfurt und Völkermarkt herum wird durch die Gailthaler Alpen und Karawanken gegen südwestliche und südliche Luftströmungen vertheidigt. Solche Strömungen stauen sich an den genannnten Wällen und fließen gegen Norden hinab, ohne das unmittelbar vor ihnen gelegene Thal zu erreichen. Klagenfurt liegt ebenso im todten Winkel der Süd-, wie das Etschland in dem der Westwinde. Dagegen fallen eben jene Winde draußen, weil weiter gegen Norden, auf das Land ein, und so kommt es, daß der Traun- oder Mondsee im Winter zehnmal Thauwetter sieht, bis Klagenfurt einmal. Ebenso verhält es sich mit Südtirol und dem nördlichen Alpenrand. Am letzteren nennt man den Föhn „Etschwind" — beispielsweise in Partenkirchen, Mittenwald in Bayern. Weil er warm ist, meint das Volk, er komme aus den wärmeren Gegenden deS süd- « lichen Nachbars. Die Leute würden sich wundern, wenn sie dort die an sich kalte, täglich nur in den Sonnenstunden erwärmte, alsbald aber wieder von Frost klirrende Luft verspürten, die in strengen Wintern über den Niederungen der Etsch liegt. Jener „Etschwind" aber ist warm, ob er des Tages oder während der Nacht wehe. Mit einem Worte: der Südwestpassat, der über Südtirol dahingeflossen ist, ohne sich seinen Thälern bemerklich zu machen, hat im Norden den Boden erreicht. Das ist der Grund der Klarheit und Trockenheit der Zone am Südrande der Centralalpen. Mit Körnten hat es eine andere Bewandtnis;. Allerdings werden dort die Süd- und Südwestwinde abgeholtes dafür aber kommen die Polarströmung über die Niedrigen Dauern, sowie die eisigen Küste von Osten, die Lüfte der pannonischen Con- tinental-Winter, von keinen: Gebirge gehemmt, ungehindert herein. Aus diesen drei Factoren, wozu man dann noch die dicken Nebel der Flußläufe rechnen mag, kommt das Endergebniß zusammen: ein Winter, der dem russischen durchaus nichts nachgibt. Klagenfurt ist während dreier oder vier Monate, auch Moskau nicht ausgenommen, eine der kältesten Städte Europas. Kehren wir zu den Verhältnissen deS Etschlandes zurück. Ich wage, auf die vorhergegangene Betrachtung mich stützend, eine Behauptung, die wie eine auffallende Sonderbarkeit sich anhört, es aber gar nicht ist. Wir befinden >. uns hier auf dem 46. Breitengrade. Wenn es da sonnenwarm sein soll, so muß es kalt sein. Das heißt: wenn unter Tags die Luft so dunstlos, so rein, durchsichtig, transparent, ohne Wasserblüschcn und unsichtbares Naß sein soll, daß die niedrig stehende Wintersonne durch sie hindurch noch wärmen kann, so muß es am Abend, bei der Nacht, am Morgen, so kalt sein, daß sich eben solche Dünste nicht erheben und vertheilen können. Beispiele: Die Morgenwärme von Plymouth, Jersey, Finisterre oder Morbihan ist im Winter meist der von Rom und Neapel überlegen. Nun gehe man aber Mittags oder Nachmittags dorthin, so wird man den Felsen des Keltenlandes den Wärmemesser kaum in die Höhe gerückt sehen, man wird eine Luft, ein Gebrodel athmen, wie in einer Waschküche. Der Römer aber, der Morgens schau- dernd, in seinen schäbigen Mantel gehüllt, vor den Eiszapfen an Fontana di Trevi oder an den Brunnen von Piazza Navona blau angefroren vorübertrippelte, steht des Mittags an irgend einer Mauer und gibt sich einer Beschäftigung hin, die seine Ahnen aprieLtio nannten. Nachts friert er wieder. — Dort aber, an der Atlantis, halten die Dünste, die mit der warmen Meeresströmung kommen, Mittag und Mitternacht den Thermometer auf Linien, die nicht gar weit von einander entfernt sind. Es wird deßhalb den Meisten einleuchten, daß aus der Angebung der Morgen- oder Abendwärme oder gar der sogenannten „mittleren" Temperatur, bei welcher Alles zusammengezählt und dann durch 24 getheilt wird, für so trockene Länder, in denen keine Dünste Wärme oder Kälte abschwächen, wo Nachts die Ausstrahlung, Tags die „Besonnung" ungehindert wirken, wo überhaupt die Luft ein viel durchgänglicheres Medium ist, als sonstwo, keine Vorstellung über das Klima eben dieser Gegenden gewonnen werden kann. Vielleicht wird die Sache am besten dadurch geschildert, daß man sagt, man kann an den meisten Tagen gegen drei Stunden hemdärmelig Schlittschuh laufen. Eis und Staub, kalte Nacht-, Morgen-, Abendstunden, unbeschreiblicher Sonnenglanz um die Culminationszeit des Gestirns herum: das ist die Signatur des etschländischew Winters. Es ist gesagt worden; daß auch nordwärts der Alpen die Wintersonne wärme, wenn sie scheine. Es gehört aber gar kein Thermometer, keine meteorologische Tabelle, kein Strahlenmesser dazu, sondern blos ein nicht von blauen Brillen oder London-Smoke-, Binocle getäuschtes Auge, um die Helle beispielsweise der Donau-Niederung selbst an einem wolkenlosen Wintertage von der Sonnenwirkung jenseits der Alpen zu unterscheiden. Schon dem artistischen Blicke fällt das sofort auf: auf Felsen, auf Gemäuer, in Falten des Gebirges liegt ein Glanz, den die nördlicheren Gegenden nicht kennen. Das ist ganz unleugbar, und vor Allem steht es für Jenen fest, der ungezähltemale den Brenner überschritten hat, sich also nicht auf die Zufälligkeiten zu verlassen braucht, mit denen ein vereinzelter, gelegentlicher Besuch im Süden unter Umständen den Beobachter irrezuführen vermag. Wie das Licht wirkt, das wissen nicht nur die Maler, die sehr wohl zwischen den Tinten des Dolomitgesteins im Etschland und dem des Salzkammergutes unterscheiden (obwohl Schlorn, Mendel und Rosengarten ganz gleich gefärbt sind wie Höllengebirge, Traunstein oder Trisselwanb), sondern auch diejenigen, die den Pflanzemvuchs beobachten. In einer Orangerie zum Beispiel ist während des Winters die Wärme-Erhaltung zum Gedeihen der Bäume keine Schwierigkeit. Wenn diese nur nicht unter ein bis zwei Grade herabgeht, dann genügt es gegen das Absterben. Daher kommt es, daß man in den Bozener Kalthäusern wohl nur in besonders strengen Wintern, wie der heurige einer war, öfter einheizen muß. Die während der Tagesstunden eingesammelte und durch die Focuse in den Glasscheiben verstärkte Wärme genügt sehr häufig, um den Bäumen die Bedingungen ihres Daseins zu geben. Es ist aber ein Unterschied zwischen Fortkommen und Gedeihen. Man schaue sich die Höhe und Kronenmächtigkeit der Citronen- oder Orangenbäume beispielsweise im Toggenburg'schen Garten zu Bozen an. Solches Gedeihen verdanken sie dem Lichte. Nie wird man in Ländern, wo sich die Sonns wochenlang nicht sehen läßt, gleiche Entwicklung und gleichen Reichthum an Früchten erzielen. Uns Culturmenschen ist das Verständniß für die Schönheit und namentlich für die unschätzbare Ei-nwirkung des Sonnenlichtes auf Nerven und Ganglien fast abhanden gekommen. Wir sind zufrieden, wenn wir einen warmen Ofen und Doppelfenster haben, die keine Luft hereinlassen. Unsere Hunde sind hierin anderer Anschauung. Diese verlassen den Ofen, er mag so warm sein wie immer, und suchen ein Quadrat von Sonnenlicht auf, welchen: die Scheiben den Eingang verstatten. Für das Sonnenbad, die „Heliosis", haben wir keinen Sinn mehr. Ich habe bis jetzt nur vom Winter gesprochen und von anderen Jahreszeiten nichts 127 gesagt. Und gleichwohl hätte ich doch alle Veranlassung, der ahnungsvollen Herrlichkeit zu gedenken, in der jetzt Berg und Thal dastehen. Nehmen wir als Beispiel einen Tag, den 1. März. Dort oben, beim Kvfler in Ceslar, ist die Wiese, die von einem großen Lorbeerbäume und einer Pinie beschattet wird, grün geworden. Citronenfalter bewegen sich in der Luft, und Morgens erschallt Vogelgesang. Ein Duft, mit dessen Versinnbildlichung Tinte und Druckerschwärze nichts zu schaffen haben können, zieht sich durch das weite Thal hinab und verwebt dort tief unten die Völkerscheide, die alte lombardische Salurner Klause, in wunderliche, goldglitzernde Dämmerung, und das sommerliche Gewölk an jenen fernen Felshalden ballt sich zu Gestalten zusammen, wie zu Rossen, Streitern und Niesen, mit denen die Wilkina-Sage jene herrliche Grenzmark Germaniens ausstattet. Der Leser mag an der Hand der Zeitung vergleichen. Eben an diesem Tage, Donnerstag den 4. März, Nachmittags 3 Uhr, zeigt der hundertgradige Wärmemesser in der Bozener Ebene 18.4 im Schatten, 26.3 in der Sonne. Gleichzeitig aber wird im Norden der erwähnte fahle Schein bemerkt, der auf irgend welche Trübung, vielleicht Niederschlüge, jenseits der Alpen hindeutet. Halt inne — o Feder! Du könntest Unheil anstiften und zugscheue Gäste hereinlocken, verschnupften Gemüthes, mit dumoribug oootis, mit Säften, die der Ofen verdickt hat. Und wenn sie alsdann nicht blühende Haine finden, so werden sie dem Andenken deines Herrn fluchen. Das sei ferne. Im Etschlande ist zur Frühlingszeit das Aufbrechen der Blüthen und das Springen der Blattknospen dem Donauthale vielleicht drei Wochen, ganz gewiß aber nicht mehr, voraus. Aehnlich ist es im Herbste mit dem Absterben. April- und Maien-Wochen des Etschlandes bleiben unvergeßlich. Denn auch hier äußert sich meist wieder jene, stürmischein und wetterwendischem Treiben abgeneigte Gleichmäßigkeit des Himmels. Nordische Frühlingsleiden'kommen selten vor. Für denjenigen, der die Sprache der Zahlen anderen Behauptungen vorzieht, füge ich hier nach der rühmlichen Arbeit des Professors August Polt „Ueber die Temperatur von Bozen" einige Angaben bei. Während des Frühlings, zu welcher Zeit die Schwankungen zwischen der eisigen Kälte der Nacht und der Sonnenwärme der Mittagszeit nicht mehr in Betracht kommen können, tritt die sogenannte mittlere Tagestemperatur allmälig wieder in ihr Recht. Und da sehen wir Bozen im März (während 36jähriger Beobachtung) mit 7.4 Grad Celsius bezeichnet. (Montreux 4.9, Comersee 8.3, Pau 8.8.) Im April steigt die Wärme zum Mittel von 12.8. (Montreux 10.7, Pau 12.1, Comersee 12.2, Mentone 13,5.) Der Mai hat in Bozen ein Mittel von 17. (Montreux 15.7, Lugano 16.3, Nizza 18.) Man sieht daraus, wie sich der Frühling im Etschlande gestaltet. Hinsichtlich seiner gilt, was vom südlichen Frühlinge überhaupt gesagt werden muß. Es ist eine Wahnvorstellung, die von weiß Gott welchen nordeutschen oder schwäbischen Lyrikern der Welt beizubringen versucht worden ist, daß es im Süden keinen Frühling gebe. Er ist um ebensoviel herzerfrcuender, duftcrsüllter und berauschender, als seine Sonne glänzender und seine Blumen bunter sind, als die des Nordens. Der Dichter hat nicht, wie der Lübecker Geibel, es nothwendig, seinen Frühlingssang in den Juni hineinzuvertagen oder, wie die Münchener Künstler es oft thun müssen, ihr Lenzfest auf den 40. oder 45. Mai zu verlegen. Wer an einem echten etschländischen Frühlingstage etwa nach Schönna, Lebenberg, Eppan gewandert ist, wird mich verstehen. Nun kommt der Sommer. Der ist italienisch, aber immerhin nicht so lästig, wie ihn die Fama und insbesondere die Fama in Tirol selbst macht. Brixen, Obermais, Eppan können ohne Beschwerde auch im Sommer bewohnt werden. Namentlich Brixen, vielmehr sein Villen-Vorort Bahrn, erfreut sich meist einer herrlichen Luft. Und dann sind überall oben die Hochflächen des Gebirges mit ihrer wcitschauenden Ansiedelungen von wundervollem Hauche schneebedeckter Berge gekühlt. Ein Gang oder eine Fahrt von wenigen Stunden bringt aus dem zu warmen Thale auf die gastliche Höhe. Die Tiroler schaden sich viel mit dem Gerede von der übertriebenen Sommerhitze des Etschlandes. Es kommt davon her, daß ein großer Theil seiner Bewohner an energische Berglust gewöhnt ist und es demnach zu schwül findet, wenn er an einen Ort kommt, dessen Mittel im Juni 21.4 Celsius (Nizza 20.5), im Juli 23.1 (Nizza 22.2), im August 22.2 (Nizza 24.3) beträgt. Es ist in Folge dessen vorgekommen, daß Reisende selbst vor einer flüchtigen Berührung Bozens oder Merans zurückscheuten. Zur nämlichen Zeit aber ist es oben in Nazes, Seis, Völs, Oberbozen so kühl wie im Salzkammergut, die Nächte sind voll erfrischenden Hauches, und der Süden spendet zu dieser Erquickung noch obendrein seinen regenarmen Himmel. Zudem fehlt es nicht an Solchen, welche den Sommer sogar in der Hitze des Tieflandes wundervoll finden — es ist wenigstens ein echtwerthiger, wirklicher, ausgewachsener Sommer, nicht jene Parapluie- Verkäufern heilige Zeit nordischer Wallfahrtsorte. Den goldenen Herbst dieses fruchtreichen Landes, dem noch Mitte des November so manche Rose entgegenglänzt, willl ich nicht schildern, weil das Andere besser gethan haben. Ich will den Zahlen ihr Schlußwort gönnen: Bozen September 18.4 Celsius (Montreux 16.4, Comersee 17.9, Nizza 20.6); Oktober 12.8 (Montreux 10.6, Comersee 14.2). Das ist die Wahrheit vom Klima dieses Alpenlandes. Es ist das schönste Besitz- thum Oesterreichs, und der Germane findet unter den Burgtrümmern und Feigenbäumen hier seine Provence. Denn einst klang es hier unter dem sonnigen Himmel allerorten von Minnelied und Fröhlichkeit. Warum ist es anders geworden? Das ist ein „anderes Kapitel." Nicht das Klima ist es, das sich in der Heimath Walther's von der Vogel- wZde verändert hat, > N, Miseellerr. (Mögliches aus Ammergau.) Was der Huberbauer seinem Nachbar' von der Oberammergauer Reise erzählt hat, können wir unsern Lesern nicht verschweigen: Bin ganz gut aber etwas durchnäßt am Freitag in Ammergau angekommen. Herodes war so freundlich mir einen Rock zu leihen, während der meinige zum Trocknen aufgehängt war. Die Kinder des Herodes führten mich zum Pilatus, wo ich eine sehr angenehme Wohnung bekam. In der Nacht hat es mich sehr stark gefroren, die Schwägerin des Pilatus, die Maria Magdalena» verschaffte mir einen guten Shawl. Als ich gleich nach dem Frühstücke einen Rundgang im Dorfe machte, lernte ich Jesum Christum kennen. Bei Joseph von Arimathäa mußte ich mir eine Kleinigkeit kaufen. Da lernte ich den linken Schacher, einen sehr charmanten Mann kennen, der mich dem Hohenpriester Kaiphas vorstellte, welcher mich gleich zum Essen einlud. Habe mich dabei sehr gut unterhalten. Rechts neben mir saß Maria, links der Apostel Petrus. Die Vorstellung hatte großartigen Eindruck auf mich gemacht. Leider ist ein Theil durch Platzregen gestört worden. Judas war so gütig mir ein Regendach zu leihen. Nach der Vorstellung habe ich mit dem Hohenpriester Annas, dem rechten Schächer und einem Kriegsknecht einen Tarock gemacht. Mein Herbergsvater Pontius Pilatus gab mir seine Photographie; mit Petrus habe ich Bruderschaft getrunken» ' (Salzb. Chr.) (Chinesische Aerzte.) In der Unterredung eines englischen Arztes mit dem Kaiser von China fragte dieser, wie man in England die Aerzte bezahle. Als der Arzt ihm den englischen Gebrauch erzählt hatte, sagte der Kaiser scherzhaft: „Es ist unmöglich, daß man sich in England wohlbefinde. Ich halte es mit meinen Aerzten anders. Ich Habe deren vier, und bezahle ihnen wöchentlich ein anständiges Gehalt. Werde ich krank, ifo hört die Bezahlung so lange auf, bis ich wieder gesund bin. Ich brauche nicht zu ^agen, daß meine Krankheiten immer nur von kurzer Dauer find." ^llr. die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des f ^ Literarischen Instituts von Dr. M. Huttlcr. zur „Äugslmrger postzeitnng." Nr. 17. Samstag, 28 . August 1880. Verdammt den Richter nicht, er darf nicht billig sein; Für ihn ist das Gesetz von Eisen Und seme Pflichten sind von Stein, Ihn kalt und Laub mir auf das Recht zu weisen. Seume. Der Herr Davon. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) III. Der Abend war herangebrochen und der Baron mußte an die Heimkehr denken. Die schöne Frau hatte sich heute noch geistreicher, liebenswürdiger als sonst gezeigt und gegen ihre Gäste die ganzen Zauber ihrer Anmuth entfaltet. Der Baron hatte darüber ler häßlichen Anschuldigungen seines Freundes völlig vergessen. War es denn möglich, daß jenes ungewöhnlich schöne Weib, das unter den Besten des Landes wählen konnte sich an einen Bedienten wegwerfen würde? — Wenn er das liebliche, feine Geschöpf ganz im Stillen betrachtete, dann kam es ihm vollends zum Bewußtsein, daß die Wittwe seines Vetters den abscheulichsten Verleumdungen ausgesetzt worden. Er konnte auch wrtrauliche Beziehungen zwischen der schönen Frau und ihrem Kammerdiener nicht cnt- lecken. Iwan hielt sich in den gemessensten Schranken und auch die Baronin ertappte r nicht über einen jener Zärtlichkeitsbeweise, die sie heimlich ihrem Kammerdiener schenken sollte. Gustav hatte gewiß in seinem gewohnten Argwohn Dinge gesehen, die nie vorhanden waren. Nur zu rasch verging der Tag im harmlosesten und bcglückendsten Geplauder. Es mußte endlich aufgebrochen werden und man verabschiedete sich. Die Pferde standen schon im Schloßhofe bereit, während die Baronin ihren Gästen bis zur Rampe das Geleit gab, und als die Freunde schon ihre Rosse.bestiegen hatten, schwenkte sie freundlich grüßend mit dem Taschentuchs und rief mit ihrem bezauberndsten Lächeln: Auf Wiedersehen! — Hinter ihr stand Iwan, der sie stets wie ihr Schatten begleiten mußte. Er mochte sich bereits unbeachtet wähnen, denn seine Haltung war so vornehm und sicher, als sei er nicht der Kammerdiener, sondern der gebietende Herr, während er sonst in Gegenwart von Fremden, sehr geschickt und vorsichtig, die Rolle des unterwürfigen Bedienten zu spielen wußte. Als die Freunde schon davon sprengen wollten, hielt der Graf plötzlich sein Pferd an und den Kopf zurückwendend, rief er mit scharfer, befehlender Stimme: Ich Habs meine Cigarrentasche vergessen. Sie liegt auf dem Waschtisch, Iwan, hole sie geschwind! und er machte eine bezeichnende Bewegung mit seiner Reitpeitsche. Der Kammerdiener rührte sich nicht voin Fleck. Sein Gesicht entfärbte sich, er preßte krampfhaft die Lippen aneinander, dann wandte er sich Zu einem Bedienten zurück, 130 dcr in ver Nähe stand, und sagte ebenso laut und befehlend wie Brückenburg: August, hole einmal die Cigarrentasche des Herrn Grafen. Brückenburg gab seinem Pferde die Sporen und sprengte die Rampe hinauf, so daß er in der nächsten Sekunde dicht vor dem Kammerdiener hielt: Willst Du Schuft wohl die Tasche selber holen? Oder fühlst Du Dich zu vornehm dazu? Er zeigte dabe scheinbar den heftigsten Zorn. Iwan rührte sich auch jetzt nicht von der Stelle und blickte nur schweigend, mit Augen, aus denen die wildeste Wuth funkelte, zu dem Reiter hinauf; aber die Baronin trat mit hochgcröthetcm Antlitz an Brückenburg heran und mit allen Zeichen der Empörung fragte sie rasch, während ihr Busen heftig wogte: Wie kommen Sie dazu, hier zu befehlen, Herr Graf? Das ist ein Uebertreten der Gesetze der Gastfreundschaft, das ich ganz unerhört finde. Verzeihen Sie, gnädige Frau, aber in Rußland ist man an den unbedingten Gehorsam von Bedienten gewöhnt und solch' unverschämte Burschen, wie Ihr Iwan, müssen in Ordnung gebracht werden. Eine zarte Frau vermag das selten, gestatten Sie mir, daß ich Sie dabei unterstütze und sich wieder zu Iwan wendend, rief er mit noch stärkerer Stimme: Was stehst Du noch hier, Tagedieb! Willst Du augenblicklich selber die Tasche holen. Auch jetzt blieb der Kammerdiener regungslos. Alles Blut war aus seinem Gesicht gewichen, er ballte heimlich die Fäuste, als sei er bereit, sich wie ein wildes, zur Verzweiflung gehetztes Thier, auf den Reiter zu werfen. Trotz seiner furchtbaren Aufregung entging ihn: nicht, wie die im Schloß anwesenden Leute der Baronin vergnüglich vor sich hin grinsten und ihm die tiefe Demüthigung von Herzen gönnten und diese Beobachtung drückte noch schärfere Stacheln in seine Brust. Du gehst nicht, Bursche!? Dann werde ich Dich dazu zwingen, donnerte der Graf und sich vorn überbcugend, erhob er die Reitpeitsche um sie auf den Rücken des Widerspenstigen fallen zu lassen. Eh' er noch den Schlag ausführen konnte, war die Baroniir mit einem lauten Schrei vorgestürzt, um Iwan vor einer Mißhandlung zu schützen. Was wagen Sie, Unverschämter! rief sie außer sich vor Entrüstung. Entfernen Sie sich auf der Stelle und lassen Sie sich nie wieder vor meinen Augen sehen! Sie stand dabei stolz aufgerichtet da und erhob drohend die Hand. Ach, Verzeihung, gnädige Frau! Aber ich wollte mich nur überzeugen, ob das öffentliche Gerücht begründet ist, daß Ihr Bedienter Ihrem Herzen sehr theuer sei. Wie ich zu meiner Genugthuung erfahren habe, sagt man von Ihnen nicht zu viel. In dcr That, Ihr Geschmack macht Ihnen alle Ehre! und Brückenburg wollte sein Pferd wenden und hohnlachend die Rampe hinunter sprengen. Zu seiner grenzenlosen Ueberraschung übten seine Worte nicht die niederschmetternde Wirkung aus, die er davon erwartet hatte. Nur eine Sekunde stand die Baronin in sprachloser Verwirrung da, um sich dann stolz in die Höhe zu richten und wie von einem schnellen Entschlüsse fortgerissen, warf sie sich plötzlich an die Brust ihres Kammerdieners und als ob sie durch dies Bekenntniß selbst von einer furchtbaren Last befreit werde, jubelte sie förmlich hervor: Ja, Herr Graf, Sie haben Recht! und ich bin glücklich, daß ich dies treue und warme Herz mein nennen kann! Frau Baronin, was thun Sie? rief der Kammerdiener erschrocken und suchte sich rasch ihrer Umarmung zu entziehen, aber sie hielt ihn nur um so fester: Iwan, wozu sollen wir länger die Komödie aufführen? Mag doch alle Welt endlich erfahren, daß ich Dich über alles liebe und Dir mein Herz bis zum letzten Athemzuge gehört! Und sie schmiegte sich mit der ganzen hingebenden Gluth eines liebenden Weibes an ihn an. Der Graf sah völlig verblüfft auf die Gruppe herab. Das hatte er doch nicht erwartet und ging über all' seine Berechnungei: hinaw:>. Seltsam genug, er hatte von der schönen Wittwe bisher eine sehr geringe Meinung gehabt, jetzt stieg sie plötzlich in seiner Achtung. Das war wenigstens ein Muth der Leidenschaft, der ihm beinahe im-> 131 ponirte. Mit ganz anderen Empfindungen hatte der Baron dem Austritt beigewohnt, ßr war anfangs ebenfalls empört über das unerhörte Auftreten seines Freundes rtTch schon naher geritten, um in der peinlichen Angelegenheit zu vermitteln; aber als die Baronin plötzlich, alles vergessend, sich an die Brust ihres Kammerdieners stürzte, da ging es wie ein gewaltiger Riß durch sein Herz. Ja, Vrückenburg hatte Recht, diese Frau war eines Edelmannes unwürdig, denn sie hatte sich in schamlosester Weise weggeworfen, und damit bewiesen, daß auch die üblen Nachreden ihrer Leute auf voller Wahrheit beruhten. Es war alles so unerwartet, so plötzlich geschehen, daß es dem Baron wie ein häßlicher Traum vorkam und er wurde erst durch das Wort des Freundes, der jetzt zu ihm heranritt, aus seine»: schmerzlichen Sinnen geweckt. Sie hat Courage, diese Französin! flüsterte ihm der Graf zu, als er an seiner Seite war. Das hätte ich ihr nicht zugetraut! Ich glaubte, sie würde die Heuchelei hartnäckig weiter treiben. Der Baron antwortete nicht sogleich, sein Herz war zu tief erschüttert. Vorwärts, Richard! fuhr Brückenburg fort. Hier kann unseres Bleibens nicht länger sein. Du weißt fitzt wenigstens, 'daß meine Beobachtungen und Forschungen auf gutem Grunds beruhten. Es war freilich ein etwas plumpes Mittel, aber was thut man nicht einem alten Freunde zu Liebe! Ach und ich habe sie vergöttert! klagte der Baron leise und dann, als wolle ev sich selbst gewaltsam aus seiner sentimentalen Stimmung aufraffen, setzte er seinem Pferde die Sporen ein, das mit ihm davonflog. Der Graf hatte Mühe, ihm zu folgen. Beide wandte:: die Augen nicht mehr nach den: Schloße zurück und ritten eine ganze Zeit neben einander her, ein Jeder, seinen eigenen Gedanken nachhängend. Endlich begann Brückenburg von Neuen:: Weiht Du, was mir bei dem fatalen Auftritte besonders aufgefallen ist? Nun? fragte Noscnberg einsilbig zurück. Ich habe die Wittwe Deines Vetters schon immer im Verdacht gehabt, daß sie eine ehemalige Schauspielerin ist, aber jetzt bin ich davon überzeugt. Wie so? Als sie mir so entrüstet entgegentrat, und sich dann in die Brust des Geliebten warf, geschah das alles mit so theatralischem Aufwande, daß mir unwillkürlich der Gedanke kam, eine Bühnenkünstlerin, vor mir zu haben. Möglich, sagte der Baron ziemlich zerstreut. Nachdem ich diese Ueberzeugnng gewonnen habe, halte ich es doch für nothwendig, ein wenig nach der Vergangenheit der Baronin zu forschen. Wir haben sie Alle, selbst Du, der an: meisten betheiligt ist, in: guten Glauben als die Wittwe Deines Vetters hingenommen, ohne nur im' Mindesten nach den Beweisen zu fragen, daß sie diejenige ist, für die sie sich ausgibt. Erst jetzt wurde Noscnberg aufmerksam. Wir Habei: nur als Edelleute gehandelt, sagte er, den hübsche:: Kopf etwas stolz und selbstbewußt zurückwerfend. Ganz gut, wo es sich aber um eine so bedeutende Besitzung handelt, wäre wohl die Frage nicht nur erlaubt, sondern auch geboten, ob die betreffende Person wirklich ein Recht hat nach einem solch glänzenden Erbe die Hand auszustrecken. Dein gewohntes Mißtrauen brütet doch die wunderlichsten Vorstellungen aus, bemerkte der Baron, der durch den Eifer, mit den: sein Freund seine Auseinandersetzungen vortrug, :um doch zu größerer Antheilnahme an diesen Erörterungen mit fortgerissen wurde. Mir erscheinen sie gar nicht so sonderbar, als sie Dir vorkommen mögen, war Vrückenburg's trockene Entgegnung. Bedenke doch, lieber Gustav, wie würde eine völlig unberechtigte Person es wagen, hier als Erbin aufzutreten. 132 Dem Kühnen lacht das Glücks ich will auch gar nicht einmal behaupten, daß sie nicht die Wittwe Deines Vetters, aber ich möchte nur wissen, wie sie dies plötzlich geworden äst? Hier liegt jedenfalls ein düsteres Geheimniß zum Grunde, irgend eine Tragödie, und als der Baron nicht gleich etwas entgegnete, fuhr der Graf eifrig fort: Mir war es schon aufgefallen, daß die schöne Wittwe uns ungern von ihrem verstorbenen Mann sprach und leicht darüber hinwegglitt, wenn ich über Deinen Vetter Näheres erfahren wollte. Wenn ich nun die heftige Neigung bedenke, die sie für ihren Kammerdiener hegt und die sie schon lange empfunden haben muß, dann kommen mir ganz eigenthümliche Gedanken. — Du willst doch nicht sagen, daß sie meinen Vetter ermordet hat? fragte der Baron heftig und richtete, trotz der Dämmerung ganz betroffen, die gutmüthigen blauen Augen auf den dicht neben ihm reitenden Freund. Muß sie eS denn gerade selbst gethan haben? entgegnete Brückenburg mit seinem gewohnten scharfen Tone. Aber Iwan kann ihr ja diesen Dienst geleistet haben und seitdem sind diese Beiden noch inniger und unzertrennlicher mit einander verbunden. Deshalb darf sie auch nicht dulden, daß dem treuen Burschen irgend eine Demüthigung widerfährt. Gräßlich, murmelte Nosenberg, und dennoch ist vielleicht Dein furchtbarer Verdacht nicht ganz ohne Berechtigung. Es freut mich, daß selbst Deine sorglose Natur meine Grübeleien nicht ganz als Trugschlüsse zurückweist. Eine Frau, die sich an ihren Bedienten wegwirft, scheint mir zu Allem fähig, bemerkte der Baron und verrieth damit wieder, aus welcher Wunde er noch blutete. Die Freunde ritten jetzt langsamer den einsamen Waldweg dahin und der Graf begann nach kurzer Pause von Neuem: Je länger ich darüber nachdenke, je mehr Beweisgründe entdecke ich für meine Vermuthung. Die Frau Deines Vetters hat sich in den hübschen Burschen verliebt, als Pariserin und besonders als Bühnenkünstlerin hat sie von der Heiligkeit der Ehe nicht gerade die stärksten Vorstellungen. Vielleicht haben es die beiden Liebenden etwas zu arg getrieben und Bloomhaus ist dahinter gekommen. Nun mußte sich die schöne Frau entscheiden und sie zog den stattlichen Kammerdiener vor, da galt es freilich, den unbequemen Gatten aus dem Wege zu räumen. Das Ehepaar lebte damals in Italien, Dein Vetter ist in Neapel gestorben, wie sie behauptet, und dort soll das Gift wohlfeil sein. Vielleicht täusche ich mich, vielleicht bin ich auf der rechten Fährte. Ich sträube mich noch immer, an diesen Abgrund von Schlechtigkeit zu glauben, sagte der Baron mit gepreßter Stimme. Sie hat mich durch ihren Geist, ihre Schönheit völlig geblendet und zuletzt muß ich erfahren, daß sie mit ihrem Bedienten ein zärtliches Verhältniß unterhält. Ich würde all' Deinen scharfsinnigsten Auseinandersetzungen nicht geglaubt haben, wenn mich nicht der Augenschein darüber belehrt hätte. Wir haben die schöne Frau und ihre Angelegenheiten mit viel zu großer Noblesse behandelt, meinte Brückcnburg, und nach dem heutigen Auftritt ist es Zeit, daß wir die Dinge etwas nüchterner auffassen. Einer solchen Person gegenüber fallen alle Rücksichten. Du hast als nächster Agnat ein Recht zu fordern, daß sie über ihre Erbberechtigung die vollgültigsten Beweise antritt. Bisher hat Niemand ihr die nöthigen Dokumente abverlangt, um zu sehen, daß wir es wirklich mit der Wittwe des Baron Bloomhaus zu thun haben. Wäre es nicht unritterlich jetzt mit solchen Forderungen hervorzutreten? äußerte der Baron seine Bedenken. Versprich es mir, das Alles in meine Hände zu legen, sagte der Graf und reichte dem Freunde seine Rechte, die dieser herzlich drückte, denn es kam ihm wieder einmal zum Bewußtsein, wie fest und treu Brückenburg zu ihm hielt, den alle Welt für kalt und herzlos hielt» 'ü k'o-, 'l' 133 Ich muß es wohl, wenn Du es wünschest, entgegnete er deshalb, im eigenen Bewußtsein, daß er dem Grafen selten widerstehen konnte. Nur heut morgen hatte er in liebeglühender Verblendung allen Beweisgründen Brückenburgs' getrotzt. Das ist mir lieb, erwiderte der Graf lebhaft. Ich werde ihr zunächst einen Advokaten auf den Hals schicken und dann wollen wir sehen, wie sich die Sache weiter entwickeln wird. Wenn ich- mich nicht sehr irre, endet die Komödie damit, daß Du als einziger berechtigter Erbe in Bloomhaus einziehst. Also vorwärts! er setzte sein Pferd wieder in raschern Trab. Der Baron folgte ihm, ohne ein Wort zu entgegnen. (Fortsetzung folgt.) Die Tempel vott Slgrigent. , Von Atsons von Rosthorn. Die Sonne stand schon hoch und brannte tüchtig auf uns nieder, als wir uns erwartungsvoll und ob des heitern Wetters guter Dinge auf dem Wege nach den Resten des ehemaligen Agrigcnt befanden. Zwei Girgentiner Equipagen, die, ihrem alterthüm- lichcn Aussehen und schlechten Zustande nach zu schließen, noch aus jenen Zeiten stammen mochten, da Goethe diese Gegenden bereiste, hatten unsere Gesellschaft aufgenommen. Dieselbe bestand aus einem Bcrsagliere-Major sammt Frau, einem österreichischen Fräulein, einer deutschen Familie vom Rhein und meiner Wenigkeit. Der Umstand, daß der allbekannte Fremdenführer und Custos der Alterthümer mitfuhr, überzeugte sofort alle Vorübergehenden, das; wir ^InZIeoi^ seien. Die üppige Fruchtbarkeit der uns umgebenden Gegend macht uns bald an den ans Fabelhafte grenzenden Reichthum der glücklichen Bewohner des gewesenen AkragaS glauben.' Die Girgentiner verbinden, wie alle Sicilianer, meist Garten und Feld, und so ist denn auch hier der Boden cultivirt, weist Hafer und Gerste vom schönsten Stande auf, während die saftgrünen Mandeln, immergrünen Oleander, frischblühcnden Maulbeerbäume und Früchte verheißenden Feigen wohlthuenden Schatten bieten und erquickende Abwechslung in die sonst eintönige Landschaft bringen. Das Getreide soll nach statistischen Berichten aus Palermo jetzt noch siebenfache Ernte zulassen, mährend man zu den Zeiten Cicero's zehnfach erntete, und es soll nach den Reiscbeschreibungen des Baron Riedesel aus dem vorigen Jahrhundert einst einen Reiter sammt Pferd vollends verdeckt haben. Die Wiesen, mit einen: Blumcnteppich überzogen, dessen einzelne Formen in großen, bunten aneinanderstoßenden Flächen sich absondern und wiederholen und in welchem verschiedene Kleeartcn und unsere rothe Mohnblume vorherrschen, werden recht hübsch durch weidende Hcerden ausgeschmückt. Das Rindvieh, hier wie auf ganz Sicilien durchgehcnds von rothbrauner Farbe, ist schön gebaut, ziemlich groß und zeichnet sich durch kräftig geschwungene Hörner aus. Abgegrenzt werden diese Felder Wiesen und Gärten untereinander sowohl als von der Straße her durch lebende Hecken, die von hohen, Fruchtstämme treibenden, hier bereits blühenden Alo n und'dicht nebeneinander gesetzten Cacteen gebildet werden. Die letzter«, das Eharaktergewächs dieser südlichen Landschaft (Opuntia, 6eus inctia), hier indische Feigen (üolii cl'Inckin) genannt, sind für Sicilien das geworden, was für Nordeuropa die Kartoffel bedeutet. Aus Südamerika ebenso wie die fälschlich Aloe genannte Agave herübergebracht, haben sie nicht nur die Physiognomie der Landschaft verändert, indem sie ganze Berge mit ihren: ins Bleifahle schimmernden Blattgrün bedecken, sondern auch unbebaute Landesstrecken der Cultur wiedergaben. Sie kommen nämlich selbst auf Felsbodcn fort, bilden Erdreich um sich, das durch die zu Boden fallenden Blätter eine Humusschichte entwickelt, und so dient diese dem Unkraut ähnliche sehende Pflanze zur Fruchtbarmachung des sterilsten Bodens. Die jungen Blätter dienen zum Viehfutter, die saftigen, rothen Früchte werden im Nachsommer und Herbst von Jung und Alt, Arm und Reich in großen Quantitäten vertilgt. Zahlreiche Staudengewächse, von Blüthen strotzend, Weißdorn, Busch an Busch, 134 lehnen sich an die Hecken, indeß die in Reihen gepflanzten Orangen- und ^itronenüäume, schattige Spaziergänge bietend, aus ewig dunklem Laub die goldenen Früchte und herrlich weißen Blüthen hcrvorlugen lassen, so daß ihr Anblick und der balsamische Wohlgerach gleich bczaubern. Leicht begreift man hier, wie dieselben in der Poesie Gegenstand der heißesten Sehnsucht werden konnten. Zwischen den verschiedenen Reihen von Culturbaumen fallen sofort zwei Fremdlinge aus, die, dem fernen Osten entstammend, vor nicht zu langer Zeit hicher verpflanzt, herrlich gedeihen; es sind dies die Mandarinen, jene bekannte, kleine Apfelsinenart von feinem Geschmack, deren erster aus China imvortirter Staunn noch jetzt im botanischen Garten zu Palermo gezeigt wird, und die schnell wachsende, reichlich tragende Wollmiopel (Lluspilns jnponicm). Ein Wald nach unsern Begriffen kommt hier ebensowenig als sonst irgendwo in Sicilien vor; jene Zusammenstellung von Bäumen, wie sie wohl öfter in schmalen Thälern, kleine Complexc umfassend, auftritt, Wald zu nennen, untre für den echten deutschen Wald, den prächtigen und charakteristischen Schmuck unserer Gegenden, eine Beleidigung. Bei eingehender Betrachtung der Feldarbeit gewinnt man wieder die Ueberzeugung von der Trägheit und Nachlnsigkeit des dortigen Landmanncs. Da in Sicilien kein eigentlicher Bauernstand eristirt, so wäre für das Wort „Landmann" entweder „Pächter" oder „Taglöhner" zu substituircn. Indeß ein großer Theil des Bodens unbenützt bleibt, ist der Ackerbau selbst in einen: erbärmlichen Zustande. Kein Mensch denkt hier daran, zu düngen. Dieselbe Sorglosigkeit, welche die Leute bei Behandlung ihres Grundes zeigen, legen sie auch mit Bezug auf ihre Wohnhäuser an den Tag, indem sie dieselben lieber einstürzen lassen, als daß sie sich zu einigen Reparaturen aufrafften. Kurz, Alles ist südlich! Damit ist genug gesagt. Man vertraut eben gänzlich auf die Produktionsfähigkeit des Bodens, der ohne Beihilfe des Menschen Alles hervorbringen soll. Man möchte am liebsten einige Monate hindurch schlafen, um dann zur Erntezeit zu erwachen und plötzlich reich zu sein. Trotz alledem herrscht hier ein Reichthum an Früchten und Getreide, der mir von eurem Theile der paradiesischen Ostküste Siciliens, der Gegend von Catania, dem ewigen Garten, übertroffcn wird. Zum Export all' dieser Herrlichkeiten dient der 3'7 Kilometer von Girgenti entfernte Hafen, den man von den Tempest: aus gut sehen kann. Durch einen gegen 2000 Meter langen Molo geschützt und mit einem Leuchtthurm versehen, ehemals Molo di Girgenti, jetzt Porto Empedoclc genannt, besitzt derselbe die liog'io vurioutujo, die größten Korn-Magazine Siciliens, tief in den Fels gehauene Gewölbe. Außer Oliveiröl, Mandeln, Soda und großen Mengen Getreides kommt von hier aus etwa ein Sechstel des sicilianischen Schwefels zur Ausfuhr, der aus den ringsum in Gyps und blauem Ton liegenden Schwefel-Minen durch zahllose Esel und Maulthiers zur Küste geschafft wird. In diesen botanisch-landwirthschaftlichen Betrachtungen wurden wir durch den Anblick der plötzlich aus dem Grün der Umgebung auftauchenden Tempel unterbrochen, auf die uns sodann der von lebhaften Gesten begleitete Ausruf unseres Führers auf gut italienische Art mit den: nöthigen Spectakel aufmerksam machen wollte, nachdem wir sie längst selbst entdeckt hatten. Und wahrhaftig, wer könnte in Sicilien, der Landesgeschichte kundig, auch nur einige Schritte thun, ohne des großen Zuges der Vergangenheit bewußt zu werden! Platen hat dieser Stimmung, die just den Deutschen hier beschleicht in seinem „Hymnus an Sicilien" classischen Ausdruck verliehen. Gewiß ein großer Anblick! Auf kleinen Plnteaux längs der südlichen Stadtmauer fituirt, erheben sich diese beiden herrlicher: und trotz ihrer 2000 Jahre recht gut erhaltenen Baudenkmäler griechischer Kunst ernst und feierlich. Vor: ihren: Standpunkte die Gegend weithin beherrschend, scheinen sie so angelegt worden zu sein, um den: von: Meere aus anlangenden, vielleicht aus den: Mutterlande Hellas kommenden Fremdling zu imponiren. Der gelbbraune Tuffstein, der, ursprünglich wohl weiß, durch die Einflüsse der Witterung 135 während des etwa langen Zeitraumes ähnlich wie das menschliche Antlitz durch die Sonne und Stürme gebräunt worden war, das Baumaterial dieser Tempel stimmt zwar recht harmonisch zu dem Hintergründe der ebenfalls braunen, öde an-.-,..'brannten Küstenland- schaft, paßt auch in seiner Derbheit und prunklosen Einfachheit zu der ernsten Würde des dorischen Styls, kann aber auf den Beschauer aus der Nähe keineswegs jene gewaltige Wirkung hervorbringen wie die aus dein edlen Marmor erbauten Denkmäler gleicher Art. Der erste, weniger gut erhaltene Tempel, jener der lluno Imcrinia, stammt" aus der ersten großen Blütheperiode der griechischen Baukunst, die, hervorgerufen durch das gesteigerte Selbstbewußtsein in Folge der glänzenden Siege und allgemeinen nationalen Erhebung, in das Ende des fünften Jhrhunderts vor Christus fallend, wesentlich darauf beruht, daß man sich durch die nach plastischen Gesetzen durchgebildeten Gestalten von den strengen Regeln und Banden einer unveränderlichen Architektonik frei zu machen suchte. Unter der erheblichen Anzahl von dorischen Peripteral-Tempeln Siciliens, die, jener Zeit ihren Ursprung verdankend, in ihren derbern Formen noch strengern Dorismus bewahrt haben, ist dieser ein Beispiel für die günstigere Entwicklung des Styls. Das Festhalten an dem Hergebrachten, Ursprünglichen dürfte in Sicilien, einer von Dorern gegründeten Colonie Griechenlands, ebenso wie in Ornoein ma§nn Unter-Italiens seinen Grund in der weiten Entfernung vom Mutterlands finden. Wäre nicht in Folge des unedlen Materials indem man Thon, Tuff und Sandstein zum Bau verwendete, durch die Einflüsse der Witterung und besonders des gesürchteten Sciroeco der größte Theil dieses Bauwerkes theils zusammengestürzt, theils zerfallen, derart, daß von den dreizehn noch aufrechten Säulen kaum sieben weitern Einwirkungen zu widerstehen versprechen, so wäre dieser Tempel der schönste SicilienS zu nennen. Wie alle sicilinnische Tempel dorischen Styls, trägt er die Vorzüge dieser einfachen, energischen und bestimmten Architektonik, die klar den Zweck ausspricht, den sie verfolgt. 3-1 straffe, kühne Säulen, je aus 5 Steinblöcken sammt Capitäl bestehend, mit der gewöhnlichen 20fachen Cannclirung ausgestattet, bildeten ursprünglich den Portieus, so daß auf die Längsseiten je 13, auf die Fronten je 6 entfielen. Der Durchmesser verhält sich zur Höhe derselben wie 1 zu 4^/.. Alle diese Zahlen, dem mathematischen Formensinn der Griechen entstammend, bringen in das Ganze eine unvergleichliche Harmonie. Bei Betrachtung dieser geometrischen Grundverhaltnisss kommt man zu der Ueberzeugung: so mußte es sein und anders konnte es nicht werden. Wie allüberall finden wir auch hier einen Unterbau von vier Stufen, sowie auch Spuren der von Wänden umschlossen gewesenen Zelle (OuUn). Diese enthielt nach Plinius jenes berühmte, die Juno darstellende Bild von Zeuxis, wozu der alte Meister die fünf schönsten Jungfrauen von Agrigcnt als Modelle benützt haben soll, und öffnete sich nach vorne in die Vorhalle. Nach rückwärts stand sie. mit einem für Priester und geheime Cultuszwecke dienenden Raum, der wieder mit unterirdischen Gängen communicirte, in Verbindung. Dieser Umstand ließ lange glaube», der Tempel sei für den mistischen Demeter-Cult bestimmt gewesen. Nicht weit von diesen Ruinen erhebt sich auf einem ähnlichen Hügel, und mitten in einer gleich malerischen Umgebung der sogenannte Concordia-Tcmpel. Von dem Historiker Fazcllo wurde er fälschlich so benannt, da man in seiner Nähe eine darauf hinweisende lateinische Inschrift gesunden hatte, die noch heutzutage in Girgenti gezeigt wird. Obgleich viel besser, bis auf das fehlende Dach sogar vollkommen erhalten, deutet derselbe mit seinen weniger charakteristischen Formen auf eine spätere Zeit der Entstehung hin. Er stimmt in Form und Zahl seiner Säulen, sowie in den Grundelementen des dorischen Styles mit dem früher beschriebenen überein. Goethe sowohl als Bartels bemerkten jedoch schon in ihren diesbezügliche!: Schriften, daß sie an den Wänden und Säulen Ausbesserungen wahrgenommen hätten, die sie der eifrigen Geschäftigkeit der in Folge ihrer großen Zahl meist müßigen Geistlichen zuschrieben, was um so wahrscheinlicher" klingt, als dieser Tempel seine vollkommene Erhaltung nur dem Umstände zu verdanken: hat, daß er, von den Karthagern verschont geblieben, in eine christliche Kirche umgewandelt und, dem heiligen Gregorio delle Nape, Bischof zu Girgenti, geweiht, als solche lange Zeit verwendet wurde. Doch kann man nicht bestimmt entscheiden, ob diese wie Ausbesserungen aussehenden lichtern Partien wirklich Gyps oder nur Neste des alten Marmorstucks sind, mit welchem die Griechen das rohe Material überzogen hatten. Der Haupteiugang liegt gegen Osten und steigt man auf vier, das Paviment inbegriffen auf fünf alterthümlich-unbequemen Stufen hinan. Kein einziger Tempel Italiens kann eine ähnlich gut erhaltene Zelle ausweisen; die sechs in jede der Wände gebrochenen Bogen- Oeffnungen dürfen jedoch den Beschauer nicht beirren, da sie aus viel späterer, der christlichen Zeit herstammen. Am Haupteingange sind selbst jenes Treppen erhalten, welche in sechs Absätzen zu fünf Stufen auf das Tempelvach hinaufführten. Dieses war doppelt und bestand aus dem untern, flachen, die Säulen-Corridore oben deckenden, und einem spitz zulaufenden Theil, wie man dies noch an der Lage des Giebelfeldes erkennen kann. Das ganze Epistyl oder Architrav, jene mächtigen Balken, welche unmittelbar auf den Säulen ruhen, zur Längenverbindung des Ganzen dienen und die übrigen Theile des Gebälkes tragen, ist in vortrefflichster Weise erhalten, so daß man sich kein vollständigeres Bild der dorischen Architektonik wünschen kann. Welch' merkwürdiges Gefühl überkömmt den Wanderer in diesen zweitausendjährigcn Hallen! Der Gedanke, durch denselben Säulengang zu wandeln, denselben Boden, dieselben Steine zu betreten, auf denen Tausende von Hellenen ihre heitere Religion ausübten, erzeugt in uns jene beste feierliche Stimmung, die sich durch allgemeines Verstummen kundgibt. Grabesstille ringsumher! Kein Vogelgesang unterbricht die tiefe Ruhe. Unter uns eine unendliche Zahl von Gräbern. Wie nichtig und vergänglich ist doch auch das Größte! Meer und Himmel, zwei unendliche Weiten, erblicken wir durch die Säulen. — Zwischen den Trümmern einstiger Größe prangt ein immerwährender Schmelz kräftig duftender Blumen, zwischen dem Myrthenstrauch blühen große rothe Allien spanischer Ginster und Hiacynthen. Jasmin und Rosmarin wechseln mit Fettkräutern und saftigen Lattichstengeln. Die vielen Pflanzen, die man nur meist in Kübeln und Töpfen hinter Glasfenstern zu sehen gewohnt ist, stehen hier froh und frisch unter freiem Himmel. Um Säulen-Fragmente schlingen sich schönfarbige Winden, die umgestürzten Steinblöcke bedecken große Malven und strauchartige Wolfsmilcharten. Um Disteln flattern bunte Falter, hohe Gräser bieten der reichen Jnsektenwelt sein geeignetes Versteck, auf den heißen Steinen sonnen sich grüne Lacerten, die jedoch im Nu in Trümmerhaufen verschwunden sind. Recht charakteristisch für diese todten Gefilde sind die antiken Acantus- blätter und die niedrigen Zwergpalmen mit ihren fingerförmig zertheilten Blättern. Eine ganze Reihe von Tempeln schließt sich in diesen beiden an, so der ehemals berühmteste aller Tempel Siciliens, der Tempel des olympischen Zeus, das Olympion, von dessen kolossaler Größe nur mehr der Plan zeugt; der durch die gigantischen Steinblöcke und seine hochberühmte Broncesigur ausgezeichnete Herkulestempel; der große Thrümmerhaufe, genannt Castor und Polluxtempel, auf dessen malerischen Ueberresten der Zufall heute gerade zwei ganz gleichgcstaltete Esel weiden ließ und noch viele anders von minderer Bedeutung. Nachdem ganze Werke diese Bau-Denkmäler ausführlich behandeln, wäre es nicht möglich, an dieser Stelle auch nur eine ganz flüchtige Skizze von denselben zu liefern. Die Sciroccogluth war gewaltig und wir schmachteten nach Erquickung, Labung und Ruhe. So wurde denn bei der rücksichtslosen Gluth der afrikanischen Sonne die Rückfahrt ohne Debatte einstimmig beschlossen und glücklich ausgeführt. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Aerlag des Literarischen Instituts von vr. M. Huttlcr. Unterüaktunggökat zur „Mgslmrger Postzeltimg." Nr. 18. Mittwoch, 1. September 1880. Laß die schwerste Pflicht dir die allerheiligste Pflicht sein. Lavater. Der Herr Davon. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) IV. Graf Brückenburg hielt Wort; erunachte die Angelegenheit des Freundes zu seiner eigenen und suchte schon am andern Tage einen Advokaten auf, um ihn mit der wettern Verfolgung dieser Sache zu beauftragen. Feodor Rasinsky war ein echter Russe, schlau, voll ungewöhnlicher Umsicht und unter den einschmeichelndsten Manieren, die schärfste Berechnung und Herzenskälte verbergend. Gerade dieser Mann schien dem Grafen völlig geeignet, die immerhin heikle Angelegenheit in die Hand zu nehmen. Der noch ziemlich junge Advokat hörte den Auseinandersetzungen des Grafen mit großer Aufmerksamkeit zu, ohne ihn mit einem Worte zu unterbrechen; nachdem Brückenburg die lebhafte Frage an ihn richtete: Was sagen Sie zu der Geschichte? cntgcgnete er nach längerem Nachsinnen, während seine Antwort längst fertig war: Ein interessanter Fall. Ich bin Ihnen sehr dankbar, das; Sie mich damit beauftragt haben. Sie glauben also auch, daß an der ganzen Sache Vieles dunkel ist? fragte der Graf weiter. Nun, ich werde mein Möglichstes thun und versuchen, die Baronin in die Enge zu treiben. Sie können doch französisch? , Der Advokat nickte. Und dann lassen Sie sich nur nicht von den funkelnden Augen der schönen Wittwe bestechen, ermähnte Brückenburg lächelnd. Ich mache Sie von vornherein darauf aufmerksam, das; die Baronin außerordentlich liebenswürdig sein kann. Nasinsky zuckte die Achseln. Wir Juristen sind mit dreifachem Erz umpanzert. Sollte da wirklich ein Pfeil des Liebesgottes nicht durchdrungen? fragte der Graf scherzend, setzte aber dann rasch hinzu, indem er vertraulich seine Hand auf die Schulter des Advokaten legte. Ich verlasse mich ganz auf Sie und wenn es Ihnen gelingt, die Französin zu entlarven, sichere ich Ihnen im Namen meines Freundes 50,000 Rubel zu. Hier haben Sie mein Edelmannswort, und er reichte ihm dabei die Rechte. Ich würde auch ohne diese Aussicht alles aufbieten, um die jetzige Besitzerin von Vloomhaus in die Enge zu treiben, war die gelassene Antwort Nasinsky's. Es winkt Ihnen ein doppelter Gewinn, fuhr Brückenburg lebhaft fort. Wenn eL Ihnen gelingt, meinem Freunde zu seinen; Erbe zu verhelfen, sind Sie mit einem Schlags der berühmteste Advokat der Ostseeprovinzen, denn die Sache wird natürlich, besonders in den höheren Kreisen, ungeheures Aufsehen erregen. Ich werde mein Möglichstes thun, Herr Graf, sagte Rafinsky ruhig, ohne durch ' das geringste Zeichen zu verrathen, wie sehr sein Ehrgeiz durch diese glänzende Aussicht aufgestachelt worden. ^ Noch an demselben Tage fuhr der Advokat nach Bloomhaus. Er kam erst in ^ spater Nachmittagsstunde an und ließ sogleich die Baronin in einer wichtigen Angelegenheit um eine Audienz bitten. Trotzdem erschien statt der gnädigen Frau der Kammerdiener, der Nasinsky nach seinem Anliegen fragte. Ich habe nothwendig mit der Frau Baronin selbst zu sprechen. Lieber Herr, Sie können mir ruhig sagen, was Sie herbeiführt. Ich habe von der Baronin den Auftrag alle geschäftlichen Angelegenheiten in ihrem Namen zu erledigen, st entgegnete Iwan, der seit vorgestern allen Fremden gegenüber mit ganz anderer Sicherheit auftrat und hier nun ebenfalls den Herrn herauskehrte. Er hatte nicht mehr nöthig den unterwürfigen Diener zu spielen, seitdem seine gnädige Herrin rücksichtslos ihre Gefühle preisgegeben. Die Sache kann ich dennoch nur mit der Frau Baronin selbst besprechen, entgegnete ? Rafinsky mit solcher Entschiedenheit, daß Iwan davon wirklich eingeschüchtert wurde, und mit der Erklärung: er werde die gnädige Frau fragen, ob sie zu sprechen sei, sich entfernte. Nach kurzer Zeit rauschte die Baronin in das Empfangszimmer, gefolgt von ihrem treuen Iwan, der jetzt nicht mehr von ihrer Seite wich. ^ Die schöne Frau schien ziemlich verdrießlich zu sein, denn sie entfaltete gegen den Fremden nicht gleich ihre gewohnte Liebenswürdigkeit, sondern fragte nach einer flüchtigen » Verbeugung ziemlich kühl und herablassend: Was wünschen Sie, mein Herr? ^ Nasinsky war nicht der Mann, der sich so leicht außer Fassung bringen ließ. Der Graf hatte zwar Recht, die Baronin war eine höchst brillante Erscheinung, aber er war nicht gekommen, um eine Frauenschönheit zu bewundern, sondern um seinen juristischen Scharfsinn zu entfalten. Gestatten Sie mir, Frau Baronin, daß ich Platz nehme, denn unsere Angelegenheit dürfte nicht so rasch erledigt sein, sagte der Advokat mit einer so überlegenen Miene- als habe er schon über diese Frau den Sieg gewonnen. Wirklich wurde die Baronin durch die Haltung des Fremden ein wenig verblüfft. Sie machte nur eine einladende Handbewegung und ließ sich dann selbst mit einer Miene, die auf eine sehr langweilige Auseinandersetzung gefaßt ist, im nächsten Sessel nieder. Iwan zog sich ebenfalls einen Stuhl herbei, aber nur, um seine Arme darauf zu l lehnen und in bequemer Haltung, dicht hinter der Baronin, die Eröffnungen des Advokaten abzuwarten. Nasinsky nahm ohne Weiteres Ptatz und einen Blick auf den Kammerdiener werfend, sagte er mit einiger Betonung: Meine Mittheilungen, Frau Baronin, hätte ich Ihnen gern unter vier Augen gemacht. Sie können ruhig sprechen, vor diesem Herrn habe ich keine Geheimnisse und sis wandte sich küchelnd nach Iwan um und zeigte ihm ihr strahlendstes Antlitz. ^ Sie ist in der That frech, dachte der Advokat, laut entgegnete er jedoch nnt einer s leichten, höflichen Verbeugung: Wie Sie es wünschen, Frau Baronin. Und was ist Ihr Begehr? Ich bitte, fassen Sie sich kurz. Ich habe wenig Zeit,' sagte sie mit allen Zeichen der Ungeduld. Ich habe nur einige Fragen an Sie zu stellen, begann Nasinsky von Neuem, der ^ absichtlich eine juristische Bedächtigkeit entfaltete und der sich den Anschein gab, als bereits ihm die Handhabung der französischen Sprache ganz besondere Schwierigkeiten, während j er derselben völlig mächtig war. Fragen Sie! drängte die schöne Frau und nagte dabei ein wenig an ihrer Unterlippe» 139 — Wann hat Ihre Vermählung mit dem Herrn Baron Bloomhaus stattgefunden und seit mann sind Sie Wittwe? Mein Herr! Was berechtigt Sie, solche zudringliche Fragen zu stellen!? rief die Baronin empört und wollte von ihrem Sessel aufspringen; aber Iwan mochte ihr ein beruhigendes Wort zugeflüstert haben, denn sie blieb nach einer heftigen Bewegung sitzen. Ich komme als Bevollmächtigter des Baron Bloomhaus-Nosenberg, der als nächster Agnat ein vollgiltiges Recht darauf hat, diese näheren Informationen einzuziehen. Die Baronin stieß ein höhnisches Lachen aus und flüsterte ihrem Kammerdiener leise etwas zu, dann sagte sie laut: Ah, das ist vortrefflich! Der Herr Baron ist also solchen Freundes, wie des Grafen Brückenburg vollkommen würdig. Ich muß gestehen, das sind ganz bewundernswürdige Edelleute! und sie lachte von Neuem. ? Rasinsky ließ sich durch die spöttische Heiterkeit der schönen Frau nicht außer Fassung bringen und er ffuhr in trockenem Geschäftstone fort: es ist freilich nur eine einfache Förmlichkeit; aber das Gesetz schreibt vor, daß Derjenige, der irgend einen Besitz antreten will, auch sein Recht darauf nachweisen muß und in diesem Falle möchte ich Sie bitten, mir das Zeugniß über ihre mit dem Herrrn Baron eingegangene Ehe und dann den Todtenschein des Baron Bloomhaus vorzulegen. Und weiter bedürfen Sie nichts, mein Herr? fragte die Baronin mit geringschätziger Miene, ohne den Advokaten noch eines . Blickes zu würdigen. Lieber Iwan, wandte sie sich zu dem Kammerdiener, willst Du so gut sein und diese Papiere Herbeibringen, damit der Wunsch des Herrn befriedigt wird. ^ , Iwan flüsterte ihr wieder ganz leise ein paar Worte zu, und entfernte sich dann. Die schöne Wittwe machte also aus ihrem Verhältniß zu ihrem Bedienten nicht mehr das mindeste Hehl. Einer solchen Person gegenüber hielt sich Rasinsky ebenfalls jeder Rücksicht überhoben. Er lehnte sich bequemer im Lehnsessel zurück und betrachtete hinter seiner goldenen Brille mit aufmerksamen, scharfen Augen die Baronin, die in vornehmer Haltung dasaß, und anscheinend den Advokaten keines Blickes würdigte, während sie doch verstohlen den Ausdruck seines glatten, eiskalten Gesichtes zu studiren suchte. Der Graf hat Recht, es ist eine Schauspielerin, dachte Rasinsky und ein Lächeln glitt dabei um seine Lippen, das der Baronin nicht entging, denn sie fragte plötzlich: Es bereitet Ihnen wohl ein großes Vergnügen, eine arme schutzlose Frau zu beleidigen? und ihre Stimme hatte dabei einen rührenden Klang. Ah, jetzt beginnt sie die verfolgte Unschuld zu spielen! sagte sich der Advokat, aber er entgegnete ohne allen Sarkasmus: Sie verkennen mich, Frau Baronin. Als Advokat habe ich nur meine Pflicht zu thun. Müssen sie nicht selbst gestehen, daß die Zumuthung, die mir mein Vetter plötzlich stellt, etwas sehr Demüthigendes hat? Alle Welt und Baron Rosenbcrg zuerst hat mich als rechtmäßige Erbin von Bloomhaus anerkannt und jetzt hält es der Baron nicht unter seiner Würde, sich erst durch Dokumente überzeugen zu lassen, daß ich wirklich die Wittwe seines Vetters bin. Zum Glück kann ich mit den gütigsten Papieren anfwartcn. Iwan wird sie sogleich bringen. Die Baronin hatte so rasch und lebhaft gesprochen, daß Rasinsky jetzt erst zu Worte kam. Es ist dies eine bloße Förmlichkeit, die damals vergessen worden und die jetzt mein Klient als nächster Agnat nachholt, weil er dies der ganzen Familie schuldig ist. Sagen Sie lieber, es ist ein Ausfluß kleinlicher Rache! warf die Wittwe hastig ein. Der Baron kann es mir nicht vergeben, daß mir alle aristokratischen Vorurthcils fremd sind und daß ich einem einfachen, schlichten Menschen, dessen Treue ich erprobt, mein Herz geschenkt habe. Der Advokat erkannte recht gut, daß all' diese Reden darauf hinausliefen, seine günstige Meinung zu wecken und dies steigerte nur seinen Verdacht. Er entgegnete deshalb nichts, sondern machte nur eine nichtssagende Handbewegung. Auch die Baronin schwieg jetzt; sie nagte nur ein wenig an ihrer Unterlippe. Da 140 bist Du ja schon! rief sie plötzlich erfreut, als Iwan mit einigen Papieren m der Hand wieder in's Zimmer trat. Nun wollen wir sogleich die Sehnsucht des Herrn Advokaten befriedigen, und sie griff hastig nach den Dokumenten, um sie Rasinsky zu überreichen. Der Kammeldiener jedoch hielt die Papiere fest und sagte mit eigenthümlichem Lächeln: Wir wollen sie hier auf dem Tisch ausbreiten, dann kann sie der Herr in aller Bequemlichkeit prüfen, und dürfen wir nicht gestatten, daß er sie selber in die Hand nimmt — und er warf dabei der Wittwe einen Blick zu, die ihn augenblicklich verstand, denn sie rief lachend aus: Ganz Recht. Mißtrauen gegen Mißtrauen! Wer bürgt uns dafür, daß der Herr Advokat die wichtigen Dokumente an sich reißt und sie für immer Verschwinden läßt, um mich zu verderben. Das glatt rasirte Gesicht Rasinsky's verrieth auch nicht eine Spur von Kränkung. Er nahm seine goldene Brille ab, putzte in aller Gemüthlichkeit mit seinem seidenen Taschentuch die Gläser und entgegnete dabei in größter Ruhe: Schade nur, daß dieser Handgriff wenig nützen würde, denn Sie vergessen, gnädige Frau, daß Sie in der Lage wären, jeden Augenblick dieselben Papiere herbeizuschaffen. Thut nichts, dem Baron gegenüber ist jede Vorsicht geboten, erwiderte die Baronin rasch und gereizt und ihre schönen geistfunkelnden Augen ruhten dabei mit finsterm Groll auf dessen Abgesandten. Auch diese Beleidigung, die mehr ihm als seinem Klienten galt, nahm der Advokat sehr gelassen hin. Es wird vorläufig genügen, wenn ich die vorgelegten Dokumente in der mir gestatteten Entfernung studire, sagte er mit sarkastischem Lächeln, und schickte sich an, die bereits von Iwan anf dem Tische ausgebreiteten Papiere zu prüfen. Der Todtenschein des Barons ist in lateinischer Sprache abgefaßt bemerkte der Kammerdiener und sein Gesicht verzog sich etwas spöttisch. Thut nichts, muß ich ebenfalls sehen, mir ist das Italienische durchaus nicht fremd, war die Antwort Rasinsky's und er blickte etwas höhnisch zu dem vor ihm stehenden Bedienten auf, der mit Argusaugen die Dokumente zu bewachen schien, dann vertiefte er sich schon in seine Aufgabe, ohne das wunderliche Paar noch weiter zu betrachten. Das Zeugniß über die zwischen dem Baron Gregor Bloomhaus und Fräulein Combe- laine stattgefunden eheliche Verbindung war aus Paris datirt und in aller Form ausgestellt. Es hatte den Stempel der Behörden und an seiner Echtheit ließ sich kaum zweifeln. Auch das Zeugniß des Geistlichen über den kirchlichen Trauakt fehlte nicht. Es konnte hier eine Fälschung unmöglich vorliegen, das mußte sich Rasinsky selbst gestehen. Jetzt wandte der Advokat seine Aufmerksamkeit dem Todtenscheine zu, den er einer noch sorgsameren Prüfung unterzog. Das Papier war in italienischer Sprache abgefaßt und aus Neapel datirt. — All' diese Angaben stimmten. Aber seltsam, aus dem Scheine ging hervor, daß Baron Bloomhaus in einer Irrenanstalt Neapels und an einem Gehirnleiden gestorben war. Dann ist der Mann am Ende schon wahnsinnig gewesen, als er diese Frau geheirathet hat, dachte der Advokat und prüfte noch einmal die beiden Daten des Trau- und des Todtenscheins» Ein unwillkürliches leises „Hm" entfuhr seinen Lippen. Die Hochzeit des Barons hatte in Paris am 12. November stattgefunden und am 13. Februar des nächstfolgenden Jahres war der junge Gatte schon in Neapel seinem Gehirnleiden erlegen. Dann war ja die furchtbare Katastrophe ungeheuer rasch erfolgt. Die Baronin hatte sich ebenfalls dem Tische genähert und beobachtete mit unruhig blitzenden Augen, wenn auch ganz heimlich, jede Bewegung in dem Gesicht Rasinsky's; als er jetzt sein verdächtiges „Hm" murmelte, fragte sie in vornehmer Haltung, aber auch mit allen Zeichen der Ungeduld: ist die Prüfung noch nicht zu Ende? meine Zeit ist mir wirklich für derlei Geschäfts zu kostbar. Ich habe nur noch eine Bitte. Mir zu gestatten, die Dokumente zu kopiren, entgegnete der Advokat mit großer Höflichkeit. Es wird sehr rasch geschehen sein. 141 Wozu? rief die Baronin hastig. Ich glaube nicht, daß Sie zu dieser Forderung ein Recht haben und sie warf dabei einen fragenden Blick auf ihren Kammerdiener. Das glaube ich ebenfalls nicht bemerkte Iwan und griff schon nach den Papieren, um sie wieder zusammenzufalten. (Fortsetzung folgt.) Ein Gedenkblatt an Karlsbad. Der Berg, auf dem ich stehe, Das That, in das ich sehe. Der Wald so frisch und grün — Wie ist das Alles schön! Wer wollt' sich da nicht neigen, Nicht vor dem Schöpfer beugen, Der Alles dies erschuf Durch seiner Allmacht Ruf! DaS Spielrad der Zeit, in beständigem Umschwünge begriffen, hat in neuerer Zeit die böhmischen Bäder so empfohlen, daß sie die Zielpunkte von Hunderttausenden geworden sind, welche dort theils Heilung verschiedener Krankheiten, theils Erquickung und Unterhaltung suchen oder auch durch andere geschäftliche Interessen dahin' geleitet werden. Unter diesen Bädern steht Karlsbad obenan, welches im Sommer 1877 20,000 Curgäste gehabt hat, im August 1880 bereits 23,000 zählte und im Laufe der Saison diese Zahl wohl noch bedeutend erhöht sehen wird. Es ist nun über die böhmischen Bäder und speciell über Karlsbad schon so Vieles geschrieben worden, daß es erklecken dürfte. Weil indeß Jeder, der den Rsgi, die Zugspitze, Rom oder Jerusalem gesehen, von demselben Gegenstände ein anderes Bild mitbringt, so mag es wenigstens verantwortet werden können, wenn wieder ein Anderer, der in Karlsbad gewesen, für solche die dort waren, etwelche Nückerinnerungen oder für Andere einige neue Mittheilungen bietet. Aber in welcher Art und Gestalt soll dieses „Gedenkblatt" sich einführen? Etwa in streng gelehrter Weise, wobei man mit der Geologie und Hydrologie, incl. der alten Controversen vom Neptunismus und Plutonismus zu beginnen, daran dann die betreffenden physikalischen, geographischen, naturhistorischen, anthropologischen, politischen, historischen, religiösen, socialen, medicinalen, gewerblichen und statistischen Punkte streng systematisch anzureihen Hütte? Es wäre dagegen wohl nichts einzuwenden; indeß so weit will sich dieses Gedenkblatt nicht versteigen, es räth vielmehr dem Leser etliche Bilder von Karlsbad zur Hand zu nehmen und wollen wir Angesichts derselben hier lediglich in alphabetischer Reihenfolge etliche Buchstaben von den ersten und letzten des Alphabets als Ordnungscom missäre (wie folgt) auftreten lassen. Allgemeine Anschauung. Wir steigen in Gedanken auf die „Franzens-Höhe" bei Karlsbad und benutzen diesen glücklichen Standpunkt, ein wenig abw ärts und aufwärts, hin- und herzublicken. Ohne die Gedanken Anderer beeinträchtigen zu wollen, glaube ich meine Gefühle an dieser Stelle also kundgeben zu dürfen: „Der Berg auf dem ich stehe u. s. f. w. o." In einem schönen, von der Tepl durchströmten Thals, umschlossen von waldreichen Höhen, mit oft malerischen Fels-Gebilden, in sehr günstiger Lage, sehen wir da Karlsbad, welches wenn auch z. Z. noch nicht die Größe, so doch das Zeug zu einer großen Stadt hat und ihr immer mehr cntgegenreift. Der Gesammtanblick der Stadt ist, von jeder Seite besehen, sehr interessant. Die beachtenswerthesten Gebäude benennen wir unten, Bewohner. Die Bewohner von Karlsbad lassen sich füglich in zwei Klassen theilen, nämlich g) in ständige Stadtbewohner, d) in unständige und Fremde, wozu namentlich die Curgäste gehören. Man schätzt die ersteren z. Z. auf 14,000 und nimmt in der Sommerssaison von der Letzter» eine Durchschnitts-Summe von 4—5000 an, so daß dann eine Zahl von 18—19000 Seelen gegeben erscheint. Gehören erstere vorherrschend dem deutschen Stamme an, so begreifen letztere eine gewaltige Variation von Stämmen und Sprachen. Abgesehen vom singulären Erscheinen von Chinesen, Japanesen, Afrikanern, Australiern und Südamerikanern, so sind da vor Allem die Völker des österreichischen Kaiserstaates (Deutsche, Ungarn, Polen, Czechen und Slaven), dann Norddeutsche, Holländer und Niederländer, Engländer, Russen, Franzosen rc. mehr oder minder zahlreich vertreten. Ueberaus zahlreich sind die Jsraeliten aus allen Ländern. Die Haltung der städtischen Behörden gegen die Gäste ist eine würdige, einsichtsvolle und noble; die der Bevölkerung (wie billig) eine wohlwollende, artige, gefällige und bereitwillige. — Gegen Diebe, Streuner und Bettler ist die Polizei sehr vigilant. 0 Der Buchstabe 0 spielt hier eine ganz hervorragende Rolls, namentlich durch die zwei Worte: Cultus und Cur. Die Bewohner der Stadt Karlsbad sind vorherrschend katholischer Religion; für den katholischen Cultus finden wir hier eine schöne, aber allbereits zu kleine Pfarrkirche, dann noch etliche Kapellen. Die katholische Seclsorge für Karlsbad und dessen Filialorte obliegt den HH. Geistlichen vom ritterlichen Orden der Kreuzherren mit dem rothen Stern. Zur Zeit find dieß 1) der hochwürdige Herr Joseph Dobner, Pfarrer und Dekan, dann 2) der hochwürdige Herr I'. I. Zwittlinger und 3) der hochwürdige Herr I. Bergmann, beide letztere als Hilfsgeistliche oder Kapläne. Die dritte Kaplaneistelle ist unbesetzt. Diese Herren, wie sie mit Eifer und Fleiß pastoriren, genießen auch allgemeine Verehrung. Eben denselben fällt auch ine Besorgung der religiösen Angelegenheiten der katholischen Badegäste zu, und hier dürfte folgende Frage nicht so ganz unpassend erscheinen: Da nämlich schon zweimal, im Jahre 1741 und im Jahre 1778 (durch Jesuiten) Missionen hier abgehalten worden sind, so frägt sich, ob es nicht auch in unserer Zeit angezeigt wäre, durch Männer, welche in scientifischer und praktischer Weise hiezu speciell sehr geeignet wären, gerade den vielen Fremden gegenüber, religiöse Vortrüge, (Confercnzen) nebst passendem Gottesdienste zu halten? Gewiß können gegen dies Project verschiedene Bedenken und Hindernisse erhoben werden, von denen auch nicht alle ganz bedeutungslos sind: aber es bleibt wieder die Frage, ob diese Hindernisse nicht doch überwunden werden könnten und ob nicht die Gründe für ein solches Project sehr überwiegend sind? Wir nehmen keinen Anstand, diese Frage zu bejahen, wünschen aber eventuell dis Ausführung dieses Projectes nicht durch Jesuiten, und zwar der Sache wegen und der Jesuiten selbst wegen, sondern durch andere Geistliche. Viele Fremde, unter denen sich oft Fürsten, Grafen, Minister, Generäle, Gelehrte, Schriftsteller, Künstler, große Kaufleute, Industrielle befinden, sammt den vielen mitanwesenden vornehmen Damen schenken vielleicht aus Neugierde, langer Weile oder Kritisirsucht solchen Predigern des Evangeliums Beachtung, und diese brachte schon sehr viel Segen. Der dankenswerthen pastorellen Thätigkeit des Kreuzherren-Ordens in Karlsbad würde damit gewiß kein Abtrag geschehen. — Was aber diesen Orden anbelangt, so besteht derselbe z. Z. nur in Oesterreich als ehrwürdiger Rest des einst sehr großartigen geistlich-ritterlichen Ordens. Es mag für viele Leser nicht ganz ohne Interesse sein, über diesen, bei uns wenig bekannten Orden, einige Notizen zu erhalten. k jl' 143 Unter dem obigen Namen versteht man im weiteren Sinne auch die Deutschordensritter, Maltheser u.dgl.; im engeren Sinne aber nur jene Ordens-Congregation, welche aus der Zeit des Ausgangs der Kreuzzüge stammend, den Specialnamen: „Kreuzherren mit dem rothen Stern" trägt und von Papst Jnnocenz IV, (1243—54) bestätigt worden ist. Dieselbe ließ sich vorzüglich in Oesterreich nieder und gelangte da zu großem Vermögen. Bis ins 17. Jahrhundert stand sie unter der Oberaufsicht des Präger Erzbischofs; in benannter Zeit erlangte sie aber erhebliche Freiheiten. Ihre Geschichte, z. Z. noch zu wenig bekannt, wäre gewiß fleißiger Nachforschung und geeigneter Publikation würdig. Nach dem Ordensschematismus pro 1880 zählt der bezeichnete Orden im Ganzen 74 Mitglieder. Ihr Großmeister und Oberhaupt (infulirter Prälat) residirt in Prah Wir geben noch eine kurze Uebersicht der Großmeister dieses Ordens: Sterbjahr Name 1) 1248 Graf Albrecht v. Starnberg, ein Croate 2) 1620 Conrad, ein Schwede. 3) 1276 Mercotti, ein Schlesier. 4) 1282, Otto, ein Sachse. 5) 1293 Echard, ein Mähre. 6) 1313 Friedrich, ein Böhme' 7) 1325 Studinger aus Trier 8) 1351 Ulrich, ein Böhme. 9) 1351 Heinrich von Wratislav, ein Böhme; 10) 1363 Leo. 11) 1380 Friedrich II., ein Böhme. 12) 1407 Zdenko, ein Böhme. 13) 1426 Johann von Zdaniez, ein Böhme.' 14) 1426 Johann Ezasky, ein Mähre» 15) 1428 Wenzel Holus. 16) 1454 Erasmus von Karlsbad. 17) 1460 Andreas Peßmes von Glattau) 18) 1480 Nikol Büchner von Zettlitz. 19) 1511 Mathias Strzabska, ein Böhme.' 20) 1552 Wenzel von Hradessin. 21) 1580 Anton (Bruß) aus Mäglitz, ein Mähre) 22) 1590 Martin Medek aus Mäglitz ein Mähre. 23) 1606 Spignew Bercka. 24) 1606 Lorenz Nigrinus (resign. 1606). 25) 1612 Carl von Lamberg. 26) 1622 Johann Lohelius. 27) 1667 Graf Ernst Adam von Harrach. 28) 1668 Johann Wilh., Graf von Kotowrat. 29) 1694 Graf Johann Fridrich v. Waldstein. 30) 1699 Georg Jgn. Pospichal. 31) 1707 Franz von Frankenfeld. 32) 1721 Martin Ernst Beinlich. 33) - 1750 Franz Mathias Böhm. 34) 1754 Julius Franz Waha. 35) 1795 A. Jacob Suchanek. 36) 1809 Jgnaz Blasius Zeidler.' 37) 1814 Franz Chri st ian Pittroff von Karlsbad 88) 1839 Johann Anton Köbler. 89) 1866 Jakob Beer. l- 144 — 40) 1878 Joh. Nep. Jestrzschabek. 41) — Heinr. Emanuel Schöbel, erwählt im Jahre 1879 Derselbe ist ein gebürtiger Böhme und Priester seit 1848. Die unter diesem dermaligen Großmeister stehende kleine geistliche Armada begreift in sich einen Generalvikar, mehrere Ordens-Comendatores und Consultores, dann einige Professoren, Pfarrer und Kapläne auf den Seelsorgestellen des Ordens in Prag, Wien, Karlsbad, Ellbogen, Maria Kulm rc. Auch ein Bayer ist z. Z. Ordensmitglied, nämlich Hr. Josef Wiedemann von Günz, geboren 1830, Priester seit 1856, z. Z. kais. Hof- kaplan in Ofen (Buda) in Ungarn. Der einst sehr beliebte theologische Schriftsteller Natter gehörte gleichfalls diesem in Oesterreich sehr geehrten Orden an. Soviel von diesem Orden. In Karlsbad gibt es aber namentlich in der Sommerzeit auch Protestanten, welche eine eigene, neue geräumige Kirche besitzen, erbaut 1856, vergrößert 1865; ebenso hat die englische Hochkirche auf reizender Höhe i. I. 1861 einen Tempel erbaut. Die Jsraeliten besitzen in Karlsbad (in der Parkstraße) eine Synagoge, welche zu den schönsten in ganz Deutschland gehört: erbaut i. I. 1847. Seit dem Jahre 1866 sind die oft sehr zahlreichen Russen auch im Besitze eines eigenen Bet-Lokales. Wer also in die Kirche gehen will, der kann, wie man sieht, es auch in Karlsbad thun. In der katholischen Kirche daselbst wird an Sonn-und Festtagen die erste heil. Messe um 7 Uhr abgehalten, die zweite um ^9 Uhr, das Amt um 9 Uhr, die Predigt um 10 Uhr und die letzte hl. Messe um 11 Uhr. Die Nachmittags-Andacht findet um 3 Uhr statt. Die katholische Pfarrkirche ist der hl. Maria Magdalena gewidmet: wie schön und passend! Am Fuße des Berges entspringen die Quellen, welche als Heilmittel zur Wiederherstellung der leiblichen Gesundheit von gar Vielen gesucht und gebraucht werden; oberhalb steht die Kirche mit ihren Heilsqucllen, namentlich der Nettungs-Anstalt der Buße: möchten auch diese gebührend geschätzt und eifrig gebraucht werden. Cur betr. Karlsbad gilt nach seinem Zwecke, seinen Mitteln und Einrichtungen als Heilbad. Es wird angenommen, daß die Karlsbader Quellen bewährte Hilfs- und Heilmittel sind gegen verschiedene Krankheiten und Gebrechen z. B. gegen Magen-, Darm- und Leberkrankheiten, gegen Gelbsucht, Zucker-Harnruhr, Nierenleiden,-Gicht u. dgl. Wir benennen nun die, wie man sagt, dem Wesen nach gleichen und nur in der Temperatur verschiedenen Heil-Quellen von Karlsbad, welche nahe beieinander sich finden und der beigesetzten Wärmegrade sich erfreuen: Namen: Wärmegrade : Hochbergquelle 32,50 Reaumttr, Kaiser Carl-Quelle 34,70 Elisabethquelle 35,50 Marktbrunnquelle 39,00 Kaiserbrunnquells 39,30 Mühllrunnquclle 44,50 § Schloßbrunnquells 44,66 „ Felsenquelle 47,60 Theresiaquelle 48,30 Neubrunnquelle 49,30 „ Curhausquelle 52,20 St. Bernhardsquelle 52,70 Sprudelquelle 59,00 „ Hygiäaquelle 59,00 „ (Schluß folgt.) Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vo. M. Huttlcr. nterstaktun zur „Mgsvilrger Postzeitimg." Nr. 19. Samstag, 4. September 1880. Verwandte Seelen knüpft der Augenblick Des ersten Seh'ns mit diamant'nen Banden. Shakesp eare. Der Herr Daroii. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Dann wird mir nichts Anderes übrig bleiben, als ihre Vorlegung bei»: Gericht zu beantragen, sagte der Advokat, ohne eine Miene zu verziehen, nur seine klugen Augen blitzten hinter den Brillengläsern etwas triumphirend über das Paar hinweg. Baron Bloomhaus-Rosenberg will eben jedes häßliche öffentliche Aufsehen vermeiden fuhr Nasinsky fort. Er wird sich vollkommen begnügen, wenn ich ihm die Abschriften dieser Papiers vorlege und ihm zu gleicher Zeit auf meine Amtsehre versichere, daß ich alles in bester Ordnung gefunden habe und daß an diesen Dokumenten nicht im mindesten zu mäkeln ist. Das Antlitz der Baronin hellte sich plötzlich auf, ein heimlicher Freudenstrahl zuckte aus ihren dunklen Augen zu Iwan hinüber, der dennoch der scharfen Beobachtungsgabe des Advokaten nicht entging. Die schöne Frau war wie verwandelt, mit dem alten bezaubernden Lächeln, das ihr so leicht zur Verfügung stand, sagte sie lebhaft: Das ist etwas Anderes, mein Herr. Dann kopiren Sie nur, wenn Sie sich einmal dieser Mühe unterziehen müssen. Meinst Du das nicht auch? wandte sie sich zu ihrem Kammerdiener, der sich mehr in der Gewalt hatte und ohne eine Miene zu verziehen ruhig antwortete: Wie es dem Herrn beliebt. Nasmsky holte seine Brieftasche hervor, bat noch um Feder und Tinte — die Baronin holte selbst das Gewünschte herbei UM stellte mit gewinnender Anmuth das elegante Schreibzeug vor den Advokaten hin, der sich sogleich an seine Aufgabe machte, mit großer Gewandtheit, aber auch mit großer Sorgfalt die Zeugnisse abschrieb und sich dabei trotzdem die Gelegenheit nicht entgehen ließ, die Züge der Beiden heimlich zu beobachten. Die Wittwe verrieth unkennbar, daß ihr ein Druck von der Brust genommen war, während Iwan ihr verstohlen Blicke zuwarf, sich doch mehr zu beherrschen. Der Advokat hatte ziemlich rasch seine Aufgabe vollendet und die Brieftasche wieder zu sich steckend, sagte er sich höflich verbeugend: Ach danke Ihnen, Frau Baronin für ihr liebenswürdiges Entgegenkommen, das mir meinen äußerst peinlichen Auftrag sehr erleichtert hat. Ich freue mich selbst, daß ich Alles in schönster Ordnung gefunden habe, und ich werde dafür sorgen, daß Ihnen nun auch alle häßlichen Weiterungen erspart bleiben. Der Baron Bloomhaus-Rosenberg hat die Sache ganz und gar in meine Hände gelegt und verläßt sich auf meine Unbestechlichkeit. Sie haben mir selbst eine harte Probe davon geliefert, entgegnete die Baronin Und sie schenkte dem Advokaten noch ein anmuthiqes Lächeln. Ich mußte meine Pflicht erfüllen; aber es gereicht mir dennoch zum ganz besonderen Vergnügen, daß ich nun nicht nöthig habe, Ihnen, Frau Baronin, als feindlicher Anwalt gegenüberzutreten, und die sonst so kalten, geschäftsmäßig dreinblickenden ^ Augen des Advokaten ruhten jetzt voll aufrichtiger Bewunderung auf der schönen Frau. Fühlte sich die Baronin doch davon geschmeichelt, oder wollte sie sich nur den Anschein geben, daß Sie es sei? Sie bückte sich um zu erröthen, und schlug wie ein junges ^ Mädchen, beschämt die langen seidenen Wimpern nieder. p Rasinsky empfahl sich, und als er von Bloomhaus schon einige Schritte entfernt i war, glaubte er noch einen übermüthigen, lustigen Chanson zu hören, der aus den offenen - Fenstern des Schlosses drang und gewiß von den Lippen der Baronin kam. Unwill- ? kürlich zuckte ein boshaftes Lächeln um den Mund des Advokaten. — — Am anderen Morgen fand sich der Graf bei Rasinsky ein, um sich bereits Be- ! scheid über den Erfolg von dessen Sendung zu holen. Mit großer Achtsamkeit hörte er auf den Bericht des Advokaten und nur zuweilen murmelte er ein zustimmendes: Vortrefflich! denn er mußte gestehen, daß der Anwalt das Vertrauen zu seinem Scharfsinn und seiner Klugheit vollkommen gerechtfertigt hatte. Als nun Rasinsky die Abschriften vorlegte und auf das Datum der beiden Zeugnisse ausdrücklich aufmerksam machte, rief der Graf lebhaft aus: Hier ist also ein dunkler Punkt, und die Sache wird mir immer verdächtiger, denn die schöne Wittwe hat uns stets in dem Glauben gelassen, als wenn sie schon seit mehreren Jahren mit Bloomhaus verheirathet gewesen sei. > Ich bin auch fest davon überzeugt, daß nicht Alles in Ordnung ist, meinte der ^ Advokat. Das ganze Auftreten der Baronin war zu verdächtigend. i- Halten Sie die Atteste wirklich für echt? k Rasinsky zuckte mit den Achseln. Wie ich Ihnen schon sagte, durfte ich die Papiere nicht berühren, sie machten freilich auf mich den Eindruck der Echtheit, aber einer ge- 8 schickten Hand gelingt ja die Fälschung ganz anderer Dokumente. , Sie sind falsch und wir haben es mit Betrügern zu thun, das ist nunmehr gar ! keine Frage! rief der Graf. Aber wie darüber sich Gewißheit schaffen? ' Ich habe zu diesem Behufe die Zeugnisse kopirt und mich bereits an die darin an- i geführten Behörden um sofortige genaue Auskunft gewandt. Da ist alles entschieden. Hier sind schon die Briefe, die eben zur Post gehen sollten. Daß ich in meiner Hast nicht daran gedacht habe? rief Vrückenburg und klopfte sich mit den langen Fingern seiner Rechten vorwurfsvoll an die Stirn. Sie haben Recht, j dann muß der Betrug an den Tag kommen. ! Die Leute in Bloomhaus haben keinen sicheren Boden unter den Füßen, das ist ! mir durch meinen gestrigen Besuch zur vollen Ueberzeugung geworden. Ich sehe schon, daß ich die Sache mftnes Freundes in die besten Hände gelegt habe, entgeguete der Graf mit freudiger Anerkennung. Und selbst, wenn die Atteste sich als echt erweisen sollten, liegt hier noch immer ein Verbrechen vor; diesen Gedanken werde ich nicht mehr los. — Drei Monate nach der in Paris stattgefundenen Hochzeit stirbt der Baron zu Neapel in einem Irrenhause. Dieser plötzliche Ausbruch des Wahnsinns scheint mir sehr verdächtig. Kann nicht die saubere Baronin mit Hilfe ihres treuen Iwan, durch List öder Gewalt ihren Gatten in ein Irrenhaus gebracht haben? Also schreiben Sie noch heut an die betreffenden Behörden und bitten Sie um ausführliche ^ Auskunft. Besonders wann und wie der Baron in das Irrenhaus geschafft worden, darüber müssen wir die genauesten Nachrichten erhalten. ! Der Advokat versprach sein Möglichstes zu thun und Brütkenburg gewahrte wohl, > daß der ehrgeizige junge Mann für diese höchst seltsame Angelegenheit das lebhafteste Interesse an den Tag legte. Rasinsky wartete vielleicht mit größerer Ungeduld auf die Auskunft der befragten Behörden, wie der Graf, denn sein Advokaten-Ehrgeiz war einmal aufgestachelt, und er sagte sich, daß er mit Einleitung eines solchen Betrugs-Prozeffes nicht nur viel Geld, sondern auch viel Ruhm ernten müsse. Dann konnte man seinem-' ' 147 ungewöhnlichen Scharfsinn die volle Anerkennung nicht länger versagen. Von Paris traf rasch die Nachricht ein, — die Echtheit des Trauzeugnisses wurde bestätigt. Für den ehrgeizigen Advokaten war dies anfangs ein harter Schlag. Nun schien die Sachs des Baron Rosenberg verloren. Rasinsky versank in tiefes Grübeln, als er die Auskunft erhalten hatte. An der stattgefundenen Trauung des Barons Bloomhaus mit Fräulein Combelaine war also nicht mehr zu zweifeln! aber konnte hier nicht dennoch ein Betrug stattgefunden haben! Wie, wenn ein Anderer die Rolle des Barons, der vielleicht damals schon geisteskrank gewesen — gespielt hätte? — Dieser Gedanke blitzte plötzlich durch den Kopf des Advokaten und je mehr er über den plötzlich in ihm aufgestiegenen Verdacht nachsann, je mehr schien er an Stärke Zu gewinnen. Der Betrug war kühn, aber nicht unmöglich. Iwan hatte seinen Herrn auf allen Reisen begleitet, ihm war es leicht gewesen, den Baron weiter zu spielen, nachdem Bloomhaus plötzlich geisteskrank und in einem Irrenhause untergebracht worden. Wie er die Baronin und ihren Kammerdiener beurtheilte, erschien ihm die Sache nicht ganz so unwahrscheinlich und der Graf, dem er seine Gedanken anvertraute, stimmte ihm sogleich lebhaft zu. > Mit Ungeduld wartete man auf eine Antwort aus Neapel; sie kam noch immer nicht und der Graf, den diese lange Zögerung verdroß, wandte sich nunmehr selbst an den russischen Gesandten, um in dieser Angelegenheit zu vermitteln und eine rasche Nachricht zu erzwingen; aber auch jetzt vergingen viele Wochen und ein Bescheid traf nicht ein. V. Durch die Bekenntnisse des Todtengräbers hatte Enrichetta wenigstens so viel erreicht, daß die französischen Behörden eine genaue Untersuchung des merkwürdigen Falles einleiteten und die Angaben des Mannes sollten sich völlig bestätigen. Jetzt erst wurde die Leiche der Fürstin ausgegraben und die herbeigezogene Italienerin bekundete mit großer Zuversicht, daß dies wirklich der Körper der unglücklichen Frau sei. Sie erkannte ihre Herrin an dem blonden, kostbaren Haar und zum Ueberfluß wurde nun erst der Trauring an ihrem Finger näher in Augenschein genommen, der vollends den letzten Zweifel beseitigte. Man hatte bei der damaligen Sektion auf diese Dinge gar nicht geachtet, weil ja das Grab ganz genau als das der Baronin Bloomhaus bezeichnet worden. Nach einer sorgfältigen und mühsamen Untersuchung gaben die Sachverständigen ihr Guthaben dahin ab, daß wirklich noch einige Spuren eines höchst gefährlichen und furchtbaren Giftes in dem Körper der Fürstin zu finden seien. Eine Verhaftung des Barons wurde nunmehr verfügt, aber der Mann befand sich nicht mehr in dem Bereich französischer Gerichte und ein hinter ihm erlassener Steckbrief hatte nicht den mindesten Erfolg, um so weniger, als die Behörden jenes Landes nicht gerade den höchsten Eifer entwickelten, des fremden Verbrechers habhaft zu werden. Richt einmal die Italienerin nahm man in Haft, sie wurde unter dem Vormunde, daß man die Untersuchung gegen sie und den Baron nur zugleich einleiten könne, bald wieder entlassen. Jedenfalls wollte man sich nicht ohne die dringendste Veranlassung eine langwierige und beschwerliche Arbeit aufbürden. Desto eifriger verfolgte nun Enrichetta ihr Ziel und ihre Rachepläne. Der französische Steckbrief bot ihr wenigstens eine Handhabe, um die Flüchtlinge leichter zu entdecken. Auf Grund desselben mußte ihr jede Behörde mindestens über das Ehepaar bereitwillige Auskunft ertheilen. Wirklich gelang es ihr dadurch die Spur der Neuvermählten zu finden; aber Enrichetta mochte sich noch so hartnäckig an die Versen dieser von ihr tödtlich gehaßten Menschen heften, sie kam immer wieder zu spät und mußte ,dann zu ihrer bitteren Enttäuschung hören, daß Baron Bloomhaus bereits vor Wochen, oft auch mw vor wenigen Tagen abgereist sei. iß — 143 — So hatte die Italienerin beinahe durch ganz Deutschland ihren Feind verfolgt. Endlich durfte sie hoffen ihn zu treffen. Er hatte sich mit seiner Gemahlin kurze Zeit in Wien aufgehalten und sie erfuhr mit Sicherheit, daß er nach Berlin abgereist sei. Jetzt lag zwischen ihnen nur noch ein Zeitraum von vierundzwanzig Stunden. — Wie Enrichetta den Baron und seine Gattin kannte, durste sie sicher darauf rechnen, daß sich das Paar längere Zeit in Berlin aust halten werde, um die Vergnügungen und Genüsse auch dieser großen Stadt kennen zu lernen. Das lebenslustige Paar hatte vorwiegend in großen Städten geweilt und durch den verschwenderischen Glanz mit dem es auftrat, überall Aufsehen erregt. In fieberhafter Aufregung reiste Enrichetta nach Berlin. Endlich winkte ihr das Ziel — durfte sie hoffen, daß ihr rachsüchtiges Herz Befriedigung fand. Kaum in der preußischen Hauptstadt angekommmen, wendete sich Enrichetta auf Grund des Steckbriefes an das Polizeiamt, um rasch das Hotel zu erfahren, in dem Baron Bloomhaus abgestiegen sei. Zu ihrer Verwunderung wurde ihr die Auskunft, daß gestern nur eine verwittwete Baronin Bloomhaus im Hotel de Rome abgestiegen sei, von einem Baron gleichen Namens war der Polizeibehörde nichts bekannt. Hatte das Paar bereits Kenntniß davon erhalten, daß es so hartnäckig verfolgt wurde und wollte es sich durch diese List vor jeder Entdeckung sichern? — Oder war der Elende wirklich plötzlich verstorben und so ihren Rachegelüsten für immer entgangen? — Enrichetta mußte darüber Gewißheit haben und sie eilte sogleich in das Hotel de Rome. Durch ihren Aufenthalt in Deutschland hatte sie bereits so viel deutsch gelernt, daß sie sich wenigstens in dieser Sprache nothdürftig verständlich machen konnte. Der Portier gab ihr bereitwilligst Auskunft. Eine Baronin Bloomhaus war gestern im Hotel angekommen, aber bereits vor einer Stunde abgereist. Enrichetta knirschte heimlich mit den Zähnen. Sollte sie denn niemals ihr Ziel erreichen! — Sie wollte sich nach der Persönlichkeit der Baronin erkundigen, um völlig sicher zu sein, daß sie die Richtige verfolge; aber der Portier konnte damit nicht dienen. In dem großen Hotel flogen zu viel Fremde aus und ein, die Baronin hatte sich zu kurze Zeit aufgehalten. Sie wurde von dem Manne an den Zimmerkellner gewiesen, der gestern die Bedienung dieser Fremden gehabt hatte. Der vielbeschäftigte junge Mensche vermochte der Italienerin nur kurze Zeit Rede zu stehen, dennoch entnahm sie aus seinen flüchtigen Schilderungen, daß sie die rechte Spur noch nicht verloren und sich die Gattin des verhaßten Mannes hier aufgehalten habe. Aber wo war der Baron selbst geblieben? — Hatte ihn wirklich ein plötzlicher Tod erreicht, oder war das alles nur Komödie um sich fortan vor jeder Entdeckung zu sichern. Wohin war jetzt diese Frau geflüchtet? Nach Hause — hatte sie als Ziel ihrer Reise angegeben. Wollte sie sich in Paris über den unerwarteten Verlust ihres Gatten trösten? Aber der Kellner erinnerte sich, daß die Baronin sich erkundigt habe, wann der nächste Kurierzug nach Ostpreußen gehe und daß die gnädige Frau auch wirklich um diese Zeit abgereist sei. Wissen Sie nicht, wohin sie wollte? fragte die Italienerin hartnäckig. Dein Kellner brannte zwar der Boden unter den Füßen, er hatte noch so viel zu besorgen, aber das gute Trinkgeld, das ihm Enrichetta gegeben, legte ihm noch einige Rücksichten auf. Nach Rußland, entgegnete er rasch. Sie ist gleich nach ihrer Ankunft zum russischen Gesandten gefahren, um sich ihren Paß vifiren zu lassen. Die Italienerin wollte freilich noch sehr vieles wissen, leider konnte der Kellner beim ersten Willen ihren Fragen nicht länger Stand halten, denn von zwei Zimmern zugleich wurde er herbeitelegraphirt und mit einem letzten tiefen Bückling verschwand er, um die Treppe hinauszufliegen und durch größere Eile das Versäumte nachholen. Ohne Besinnen suchte Enrichetta das russische Gesandtschaftshotel auf, das leicht — 149 — erfragt war. Auch hier fiel der Bescheid sehr kurz und ungenügend aus. Die verwitwete Frau Baronin Bloomhaus wolle auf ihre kurländischen Besitzungen zurückkehren. Weitere Auskunft wollte oder konnte man nicht geben, die Anfragen der Italienerin waren ohnehin mit etwas Mißtrauen aufgenommen worden. Das von ihr vorgelegte Zeitungsblatt mit dem Steckbrief der französischen Behörde, übte hier keine Wirkung. Die Baronin sei Wittwe, werde also gar nicht davon betroffen und es bliebe noch dazu sehr zweifelhaft, ob der steckbrieflich verfolgte mit dem jetzt verstorbenen Baron Bloomhaus identisch sei, meinte der sie sehr kurz abfertigende Beamte. Also nach Kurland! — dachte Enrichetta; fest entschlossen, der Baronin auch dahin zu folgen, denn der eine Gedanke füllte allein ihre Seele aus, sich an dem verhaßten Manne zu rächen und sollte er wirklich der Vergeltung durch einen plötzlichen Tod entgangen sein, dann wollte sie wenigstens noch seine Wittwe zu treffen und zu ängstigen suchen. Ohne weiteres Besinnen machte sich die Italienerin auf den Weg. Wohl hatte die lange Reise in dem für sie schon recht nordischen Klima ihre Beschwerden, doch der lebhafte Wunsch, das Dunkel zu lüften, das jetzt über der Angelegenheit schwebte, hielte sie anfangs aufrecht. Trotzdem hatte sie ihre Kräfte überschätzt. Es war noch in den letzten Tagen des März und es herrschte noch dazu ein ungewöhnlich kaltes unfreundliches Wetter. Schon in Königsberg fühlte sich Enrichetta sehr unwohl, sie fuhr dennoch weiter, aber als sie endlich Meine! erreicht hatte, brach sie völlig zusammen. Sie verfiel in eine schwere Krankheit und schwebte lange Zeit in Lebensgefahr. Wochenlang war sie an's Bett gefesselt und mehrere Monate vergingen, eh' sie die russische Grenze überschreiten konnte. (Fortsetzung folgt.) Ein Gedenkblatt an Karlsbad. (Schluß.) Für Erhaltung und Benützung dieser Quellen, dann zum Behufe des innern und äußern Gebrauches durch Trinken und Baden sind die geeignetsten Anstalten getroffen; es sind entsprechende Bauten vorhanden und ist für Aufsicht und Leitung der Sache in allweg bestens Sorge getragen. Auch sind etwa fünfzig Aerzte (zur Curzeit) anwesend, um mit Rath und That den Kranken beizustehen. Ueber die Wirkungen der Gewässer erlaubt sich Berichterstatter kein Urtheil zu fällen; seine eigene Meinung hat er jüngst in einigen lateinischen Reimen ausgesprochen und da u. A. gesagt; „'korrnulti istkie babitavt Lalutomquo sixostlllsmt, Nulti sauati reckeuvt, H.st multi nil eWeiuut.« Oder kurzweg deutsch: So Mancher zieht gesund nach Haus, Bei Manchen! bleibt die Wirkung aus. Die zur Zeit zum Trinken am meisten benützten Quellen sind die Mühlbrunn- und Felsenquelle und der Sprudel. ' Außer und nebst den Anstalten bezeichneter Art besteht in Karlsbad von Seite deS österreichischen Militär-Aerars ein großartiges Militär-Bad eh aus; der hochsel. Primas und Erzbischof Pyrker, der hochgefeierte Dichter, stiftete ein Spital für kranke österreichische Offiziere und von Seite der Stadt bestehen verschiedene Anstalten für Kranke» v. Deutscher Charakter? Karlsbad ist z. Z. für sich eine deutsche Stadt, deutsch in Sprache, Kirche, Schule, Amt und Gericht. Vielfach aber sind Czechen in Dienst und Arbeit in Karlsbad; Einrichtungen) Zu Schutz und Nutzen der Fremden hat man im Karlsbad alle wie nur erwünschte Einrichtungen im polizeilichen, administrativen und socialen Gebiete getroffen. An Aufsehern und Dienern fehlt es nicht. Gebäude, Brücken, Straßen, Wege und Stege , sind in der Stadt und um dieselbe vortrefflich hergestellt und mit den nöthigen Zeichen I und Inschriften versehen. Es gibt fast die ganze Stadt Karlsbad, namentlich auf der sog. alten und neuen Wiese während der Sommerzeit das Bild eines ständigen, vielbesuchten Volksfestes oder Jahrmarktes, freilich ohne lärmende Belustigungen. ! Das Frühstück. ^ Der Curgast begibt sich früh morgens an seine Quelle, um da die betr. Anzahl s von Bechern zu leeren, sodann die ihm empfohlene Bewegung zu machen. Darnach ! kommt die „Frühstückzeit", eine sehr wichtige Zeit für die meisten Badegäste, welche § sich zu diesem Behufe in die renommirtesten Cafs-Etabliffements begeben. i Wünscht man nun, wie es bei uns Sitte ist, mehr Cafs und weniger Milchrahm, i so sagt man „Cafs recht", im entgegengesetzten Falle „Cafs verkehrt." Im Allgemeinen ist ! der Cafs gut und das Weißbrod, welches sich die Leute meistens selbst kaufen, fein. s Wählt man sich aber noch feineres Gebäcke, so mag dies leicht 12 kr. kosten, der Cafs selbst l kostet 25 kr., Summa 37 kr. österr. Für Mittags- und Abendessen wendet man sich meistens an Hotels oder Restaurationen, woselbst Speisekarten mit ausreichendem In- ? halte zur Auswahl nach festen Preisen vorliegen. l 6 . ' Gebäude. ! Wir nennen hier vor Allem die schöne kathol. Pfarrkirche, Kreuzherren-Ordens, das prachtvolle neue Curhaus, die beiden großen und herrlichen Colonnaden zum Mühl- brunn und Sprudel, dann das „Neubad"-Gebäude, das Militärbadehaus, das k. k. Post- i amt und das Bürgerschulgebände rc. — Gasthöfe, Restaurationen, Geschäfts-, Kauf- ! und Handelshäuser haben herrliche Gebäude hergestellt. Geschichtliches. Die „Geschichte vom Karlsbad" ist weder reich an Jahren, noch an bedeutenden Ereignissen und sind daher auch die Specialwerke über Karlsbad in diesem Gebiete hübsch kurz beisammen. Man nimmt an, das dermalige Sprudelbad sei bereits im zwölften Jahrhundert bekannt gewesen. Der dabei stehende czechische Ort hieß „IV — Warmbad und der Fluß dabei „Nspla" — warmer Fluß. — Schon König Johann von Böhmen hat diesem Orte Warmbad besondere Gunst zugewendet, so namentlich im Jahre 1325; ganz besonders aber nahm sich sein Sohn, der nachmalige Kaiser Karl IV. um denselben' an, besuchte ihn oft und erbaute sich da ein Schloß an der Stelle, wo jetzt der Stadtthurm steht. Allerdings hat das Schicksal dieser Stadt, welche nun Karl IV. zu Ehren den Namen „Karls-Bad" trägt, gar mancherlei Variationen in Kriegsund Friedenszeiten durchgemacht; indeß waren die Landesherren derselben stets besonders wohlgewogen, so u. A.: im Jahre 1401 König Wenzel, „ „ 1449 König Wladislaus, „ „ 1708 Kaiser Josef I „ „ 1732 Carl VI., „ „ 1804 Franz II. uud , - » 1856 Franz Josef I. Daß hier, i,st Jahrs. 1819 der berühmte „Karlsbader-Kongreß" abgehalM wördm ist, nach dessen Beschlüsse in Deutschland die Zügel der polizeilichen Gewalt, namentlich in gewissen Richtungen, stramm angezogen worden sind, ist bekannt. Für die innere Geschichte der Stadt haben noch folgende Jahrzahlen besonderes Interesse: Schon bevor die jetzige Pfarrkirche der hl. Naria, LloZäul. erbaut wurde, bestand da eine alte kleine Magdalena-Kirche und es kommt solche i. I. 1485 urkundlich vor. Die jetzige schöne Pfarrkirche mit einer Kuppel und zwei hübschen Thürmen ist i. I. 1763 zumeist aus Mitteln des Kreuzherren-Ordens erbaut worden; die Kaiserin M. Theresia leistete indeß dazu einen Beitrag. Das damalige Pfarr - Dekanatshaus ist i. I. 1756 erbaut worden. In den Tagen des Aufkommens neuer religiösen Lehren in Deutschland betheiligte sich auch Karlsbad an diesen Bewegungen und hielt sich 74 Jahre an dieselben, bis Kaiser Ferdinand II. i. I. 1624 die katholische Religion wieder herstellte und deren Gegner vertrieb. — Einer Schule von Karlsbad wird i. I. 1569 zum ersten Male gedacht. — Das alte baufällig gewordene Schloß Karl IV. schenkte Kaiser Max 1567 der Stadt Karlsbad, welche solches abtrug und an dessen Stelle 1608 den dermaligen hübschen Stadtthurm erbaute. (In neuester Zeit tauchte die Idee auf, an eben dieser Stelle ein würdiges Rathhaus für Karlsbad zu erbauen). — Im Jahre 1787 wurde das Stadttheater in Karlsbad erbaut; i. I 1874 die herrliche Mühlbrunn-Colonnade; i. I. 1879 ist der wirklich noble Wassertempel, Sprudel-Colonnade genannt, fast ganz aus Eisen gebaut worden. Im Innern desselben ist über die Ausführung des Baues, welchen Wiener Architekten geleitet haben, eine Gedenktafel angebracht und unter derselben nachfolgender Spruch von Goethe, der sich oft und gerne in Karlsbad aufgehalten hat, beigesetzt: ^Jhr Alle fühlt geheimes Wirken Der ewig waltenden Natur Und aus den untersten Bezirken Schmiegt sich herauf lebend'ge Spur." Das neue herrliche Curhaus, dann das eben Ende Juli 1880 eröffnete „Neubad" sind stattliche Gebäude und treffliche Curanstalten. s. Der Handel. Der Handel im Karlsbad ist bedeutend. Derselbe befaßt sich nicht nur mit Lieferung und Verschleiß der für so viele und vielerlei Leute nöthigen Lebensbedürfnisse, sondern auch mit Luxusartikeln gar manigfacher Art. Wien und Paris importiren namentlich solche Gegenstände in Fülle. Karlsbad selbst producirt eine Masse von Specialartikeln und macht damit sehr bedeutende Geschäfte, so u. A. mit Mineralwasser, Sprudelsalz, Sprudelseife, Versteinerungen, Dosen u. dgl. — Die ganze Umgebung liefert ihre Rosen nach Karlsbad und da werden täglich Tausende von Rosen, Hunderte von Bouquets gekauft und verschenkt. — Weithin liefert die Umgegend die Milch nach Karlsbad. Haus-Anschriften. In K.-B. findet man das Eigene, daß die meisten Privathäuser selbst- gewählte Namen als Firmen tragen, meistens hergenommen von hohen oder berühmten Personen, Städten oder Ländern, welche aber zu denselben und den betr. Hausleuten meistens in keiner Beziehung stehen. Wir lassen ouriositatis oausn etliche solcher Namen von Privathäusern folgen: „Rother Adler." Hier wohnte in d. I. 1711, 12 und 13 Peter der Er. v. Rußland — „Drei Mohren." Hier wohnte Goethe 1795 rc. „Weißer Löwe." Hier wurden die Karlsbader Beschlüsse unterzeichnet. — In welchem Hause „Philippine Weiser" als Curgast gewohnt hat, ist nicht genau. anzugeben; daß sie sich aber zur Cur dort aufgehalten, wird als sichere Thatsache lewi. —- Im Hause zur „schönen Königin" wohnte i. I. 1880 Hr. Cardinal Erzbischos H a z - Nald von Kolocsa in Ungarn. — — Andere solche Firmen lauten; — 1S2 — Kaiser von Oesterreich, Deutscher Kaiser, König von Preußen, Dänemark, Sachsen, Schweden, Fürst von Reuß-Greiz, Ausstralien, Afrika, zum Holländer, zum Amerikaner, Morgengruß, Auferstehung, Rom, Moskau, Paris, Petersburg, Glücksburg, Wien, Berlin, Gotha. Dann auch: Zum österr. Wappen, zur Königs-Villa, Schiller, zum römischen Feldherrn, zum Triumphbogen, Shakespeare, Milton, drei Lilien, drei Lerchen, drei Kronen, Weißes und rothes Herz, weißer und blauer Stern rc. Bayern ist da nicht sehr reichlich bedacht worden. Wir lasen nur folgende Anschriften: König von Bayern, Bavaria, bayer. Hof, Regensburg, Erlangen, (München und Augsburg vermißten wir). Die Gasthäuser sind Hotels, Cafe-, Restaurations-, Speise- und Bierhäuser ganz nach der Scala großer Städte. v. Unterhaltungen. Nicht nur für das Nothwendige und Nützliche im Gebiete der Bade-Cur, sondern auch für das Schöne und Angenehme, für Unterhaltungen und Vergnügen der Cur- gäste ist ausreichend Sorge getragen und zwar in Bezug auf das, was man sehen, hören und genießen kann. Fürs Erstere (Sehen) bietet die Natur, dann die Kunst in gar vielfacher Weise reichliche Motive. Fürs Zweite (Hören) sorgt nicht nur täglich von 6 bis 8 Uhr die treffliche Cur-Kapelle durch ihre sehr schätzbaren Produktionen in der Mühl- brunn- und Sprudel-Colonnade, sondern es werden den Curgästen auch täglich musikalische Genüsse da und dort geboten, z. B. im Freundschaftssaale, bei Pupp rc. rc. Dann sind zwei Theater vorhanden, und ist Karlsbad umgeben von einem Krauze sehr gut eingerichteter gastwirthschastlicher Etablissements, als da sind Pupp, Posthof, Freundschaftssaal, Kaiserpark, Hammer, Rudolfshöhe, Hirschensprung, Jägerhaus, Schweizerhof u. dgl. — Sehr gut erhaltene Spazierwege führen auf interessante Höhe-Punkte und Waldparthieen. Auch nach Dallwitz, Hans-Heiling, Gießhübel, Franzens- und Mariensbad, Falkenau re. werden gern Ausflüge unternommen. Für Bergparthieen stehen auch Esel zum Reiten und Fahren, zur Verfügung. Zeitungen. Das Zeitungslesen wird in Karlsbad fleißig getrieben. Es cursiren da vor Allem viele österreichische Blätter, Wiener und Präger, dann ungarische, besonders verbreitet ist die Wiener „Neue freie Presse; dann sieht man norddeutsche Zeitungen z. B. die Berliner Kreuzzeitung, Kölner Zeitungen, Karlsbader Lokalblätter und sonstige Bade- Zeitungen; die Lokal-Curliste wird natürlich am fleißigsten gemustert. Aus Bayern sieht man nur die „Augsburger Allgemeine Zeitung" in mehreren Exemplaren; im Curhaus-Lesesaale giebt es indeß eine überaus große Zahl von Zeitungen aller Arten und Sprachen. Absehend von dem gesundheitlichen Resultate einer Badecur in Karlsbad erweckt dieser Ort nebst der Erinnerung an obige Punkte sehr häufig noch Reminiscenzen an ein und andere, besonders interessant und werth gewordene Persönlichkeiten, mit denen man — namentlich am „Brunnen" in Berührung und oft in nähere Beziehungen gekommen ist, und welche einen bleibend-angenehmen Eindruck hinterlassen haben. Im Juli 1880 war es namentlich der Cardinal Erzbischof Dr. L. Haynald aus Kolocsa in Ungarn, der als schlichter Curgast die Zierde der ganzen Gesellschaft gewesen, und an dessen überaus verehrungs- und liebenswürdige Persönlichkeit sich Hunderte noch viele Jahre mit Freude erinnern werden. — Auch diese Zeilen sind zunächst Denjenigen gewidmet, mit welchen deren Verfasser im Juli l. I. an den verschiedenen Quellen Karlsbads in freund-, liche Beziehungen gekommen ist. Ihnen und allen dortigen Bekannten freundlichen Gruß aus der Ferne! A. (L- II.) Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag deS Literarischeu Instituts von vr. M. Huttter. nterna zur „Ängslmrger Postjeitnng." Itr. 20« Mittwoch, 8. September 1880« Still blickt der Himmel mit all seinen Sternen auf das Gewühl der Menschen anf Erden herab. — So ruhig überschaut dasselbe der Mensch, der sich an Gott halt und seine Ruhe, seine Weisheit und seine Stärke vom Himmel schöpft. Jean Paul, Der Herr Daron. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsei Kaum war hie Italienerin soweit hergestellt, als sie allen ärztlichen Abmahnungen zum Trotz, sogleich ihre Reise fortzusetzen suchte. Es war bereits Herbst geworden, als sie in den Ostseeprovinzen eintraf. Wohin sollte sie nun ihre Schritte richtend Zum Glück erhielt sie über die Baronin rascher Auskunft als sie erwartet hatte. Die Bloom- haus'schen Besitzungen gehörtet: zu den ansehnlichsten Kurlands und schon in Mitau konnte man ihr genau sagen, wo Schloß Bloomhaus läge und welchen Weg sie einzuschlagen habe; ja das Gerücht von der schönen geistreichen Wittwe war auch dahin gedrungen und Enrichetta hörte nur mit Bewunderung von der Baronin sprechet:. So war der plötzliche Tod des Barons also doch keine Lüge und der Elende ihren Rachegelüsten für immer entgangen? Was sollte sie nun noch in dem fremden Landes — Mochte Gregor Bloomhaus immerhin ein Verbrecher und der Mörder seiner ersten Gattin sein, die frühere Schauspielerin und jetzige Baronin wurde davon nicht betroffen, das konnte ihre Lage wenig ändern. — Oder doch? Völlig gleichgiltig durfte es ihr schwerlich sein, wem: es bekannt wurde, daß ihr verstorbener Gatte ein briefstecklich verfolgter Verbrecher sei. Jedenfalls wollte Enrichetta, nachdem sie monatelang Alles daran gesetzt hatte, sie aufzufinden, diese Frau noch einmal sehen und sprechen. Es war freilich ein langer und beschwerlicher Weg, den die Italienerin noch zurücklegen mußte, denn Bloomhaus lag mehrere Meilen weit von jeder Eisenbahn entfernt; aber Enrichetta ertrug auch diese Anstrengungen mit jener zähen Ausdauer, die sie besaß und schon immer bewiesen hatte. Nach stundenlanger Fahrt war dieses letzte Ziel erreicht. Die Italienerin ließ in der Dorfschänkc halten, um erst über die Bewohnerin von Bloom- haus die sorgfältigsten Erkundigungen einzuziehen. Den Leuten in der Schänke, die nur einen polnischen Dialekt sprachen, hätte sie sich freilich nicht verständlich machen können, zum Glück konnte der mitgebrachte Kutscher den Dolmetscher spielen. Was Enrichetta erfuhr, klang seltsam genug. Die schöne Wittwe hatte ihren ersten Gemahl sehr schnell vergessen und sich in ihren Kammerdiener verliebt, und man sprach bereits davon, daß sie ihn sogar hcirathcn werde. Das sah freilich einer französischen Schauspielerin ähnlich. — Die ganze Umgegend war über das Leben und Treiben auf Schloß Bloomhaus empört. Der Bediente spielte bereits bei: Herrn und die Baronin hatte ausdrücklich den Befehl ertheilt, das; ihm Jeder gehorchen müsse. So beruhte also dock der plötzliche Tod des Barons au: Wahrheit nur blieb dabei 154 noch so manches dunkel und räthselhaft. Die Leute in der Schänke behaupteten, der Baron sei in Italien gestorben, so hatten sie wenigstens immer gehört, das konnte aber unmöglich der Fall sein, denn in Wien hatte der Baron noch mit.seiner Gattin gelebt und in Berlin erst war die Letztere als Wittwe aufgetreten. Hatte man in der Schänke doch nicht das Nichtige erfahren, oder lag hier ein Geheimniß zu Grunde? Enrichetta grübelte nicht weiter darüber nach. Sobald sie sich von den'Strapazen der Fahrt ein wenig ausgeruht, machte sie sich auf den Weg nach Bloomhaus, das kaum tausend Schritt von der Schänke entfernt lag. Das Schloß war ein großes, nicht gerade schönes, aber immerhin äußerst stattliches Gebäude, das auf einen bedeutenden Reichthum seines Besitzers schließen ließ. Ein Gefühl des bittersten Neides beschlich die Brust der Italienerin. Das alles wäre ihr eigen gewesen, hier konnte sie jetzt als Herrin Hausen, wenn der Baron nicht treulos all' seine Versprechungen und Schwüre gebrochen hätte. Nein, nein, sie durfte die Schauspielerin nicht im ruhigen Besitz dieser glänzenden Güter lassen, sie mußte dieselbe von ihrer sicheren Höhe herunterstürzen und dafür gab es noch ein Mittel. Der Brief des russischen Grafen, den sie damals aus dem Busen ihrer Herrin gezogen hatte. — War nicht darin gesagt, der Gemahl der Fürstin erscheine sehr verdächtig, denn Baron Bloomhaus habe nie einen Bruder gehabt und der Russenhaß ihres Mannes komme dein Grafen bedenklich vor. Um all die unangenehmen Empfindungen los zu werden, die auf Enrichetta einstürmten, zog sie heftig die Klingel. Der alte Portier fragte nach ihrem Begehr und ein herbeieilender Bedienter führte sie in ein kleines, im Erdgeschoß befindliches Wartezimmer. Die Italienerin hatte nicht ihren Namen genannt und behauptet, daß sie in dringenden Geschäften die Frau Baronin zu sprechen wünsche und der Bediente glaubte diese Geschäfte bereits zu kennen, es war gewiß irgend eine vornehme Bittstellerin, die schließlich ein Almosen haben wollte und all diese Leute fertigte Iwan ab, er hatte den strengen Befehl gegeben, daß ohne seine besondere Erlaubniß Niemand zur Frau Baronin dringen dürfe. Voll Ungeduld wanderte Enrichetta in dem kleinen Gemache auf und ab. Im nächsten Augenblick sollte sie vor der Frau stehen, die ihr damals alles gestohlen, sie um ihre kühnsten Hoffnungen betrogen hatte, — denn wäre Gregor nicht von ihr bethört und geblendet worden, dann würde er gewiß nicht diesen schändlichen Verrath geübt haben. Die Thür öffnete sich, aber nicht die Baronin erschien, sondern ihr Kammerdiener; der bestürzt an der Schwelle stehen blieb und vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben völlig die Fassung verlor. Er vermochte kein Wort hervorzubringen, sondern starrte die Italienerin wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt verblüfft und erschrocken an. Auch Enrichetta starrte einen Augenblick ganz erstaunt auf den Eingetretenen; aber sie gewann zuerst die Sprache wieder: Ah, Herr Baron, sind Sie noch einmal vom Tode erstanden? Dann geschehen also auch in unseren Tagen noch Wunder! rief sie höhnisch aus. Ueber das bleich gewordene Antlitz des Mannes zuckte es, seine Augen begannen unheimlich zu funkeln; er schien bereit, sich wie ein wildes Thier auf den unerwarteten Gast zu stürzen, um ihn auf der Stelle zu erwürgen; aber die Italienerin mußte seine Gedanken errathen haben, denn sie setzte rasch hinzu: Glauben Sie nicht, daß es Ihnen was nützen würde, mich aus der Welt zu schaffen. Ich habe meinen Leuten Befehl gegeben, daß sie nach mir fragen sollen wenn ich in einer halben Stunde nicht zurückkehre. — Der Andere sann einen Augenblick nach. Wohl drohte ihm von diesem rachsüchtigen Geschöpf eine große Gefahr; aber er durfte dennoch nicht wagen, es auf der Stelle mit Gewalt zu beseitigen. Das Zimmer lag zu ebener Erde, ein einziger Hilfeschrei mußte Menschen herbeiführen und wie er dieses Mädchen kannte, war es gewiß nicht so leicht zu bewältigen und er befand sich nicht einmal im Besitz einer Waffe. Hier konnte ihm nur List und Ucberredungskunst aus der Verlegenheit helfen. Was verschafft mir das Vergnügen, Dich hier zu sehen? fragte er deshalb, nachdem er sich von seiner Bestürzung etwas erholt hatte. Die heiße Sehnsucht, mit Ihnen noch einmal zu sprechen, trieb mich her, entgegnete Enrichetta. Ich Habs kein Opfer und keine Mühe und den langen Weg nicht gescheut, um das Glück zu haben, Sie noch einmal zu sehen, Herr Baron, — und die Augen der Italienerin ruhten rachefunkelnd auf dem bestürzten Antlitz des Mannes, der sich noch immer nicht zu fassen wußte. Was wünschen Sie eigentlich? stammelte ihr Gegner. Ich werde Ihnen gern entgegenkommen — seien Sie überzeugt — denn — Was ich wünsche? Ich will mich an Dir rächen, Dich vernichten,, denn Du bist in meinen Händen! rief die Italienerin, und wirklich stand sie jetzt wie eine Rachegöttin hochaufgerichtet vor ihm. Zum Glück sprach sie französisch, wenn der Portier wirklich horchte, konnte er Enrichetta nicht verstehen, denn er war des Französischen nicht mächtig. Enrichetta, sei vernünftig! Du sollst es nicht bereuen, wenn wir als Freunde scheiden. Stelle Deine Forderungen, ich werde sie erfüllen, wenn sie nicht übermäßig sind. Du hast mich getäuscht und betrogen, mein ganzes Lebensglück zerstört und ich fordere weiter nichts als Vergeltung zu üben, entgegnete die Italienerin stark und heftig. Was hättest Du davon, wenn es Dir wirklich gelänge, Deine Drohungen wahr zu machen? Du scheinst völlig zu vergessen, daß Du jetzt in Rußland bist und Du sehr leicht den Weg nach Sibirien antreten könntest. Dann hätte ich wenigstens die Genugthuung in Deiner Gesellschaft dahin zu gehen.' Der blasse, noch immer sehr hübsche Mann hatte seine Ruhe allmälig wieder gewonnen. Du dürftest Dich irren. Es wäre mir vielleicht möglich, Dich allein hinzuschicken. Denn Geld und mächtige Freunde vermögen hier viel. Wenn ich Dich als Abenteurerin verhaften und durchpeitschen lasse, kräht kein Hahn darnach. Versuchen Sie es, mein Herr, entgegnete Enrichetta uneingeschüchtert. Der Steckbrief, der hinter Baron Bloomhaus erlassen worden, ist bereits in sicheren Händen. Sis werden durch eine Brutalität Ihr Verhängniß nicht aufhalten. Noch einmal, Enrichetta, sei vernünftig, begann der Andere von Neuem. Ich konnte damals mein Versprechen nicht halten, denn mein Herz war nicht mehr frei; aber ich will Dir gern eine bedeutende Summe schenken. Du bist ja klug und hübsch, Du wirst leicht einen Mann finden, der Dir gefällt und mit dem Du glücklich lebst. Ich wollte Dich haben, Dich allein, denn Dir gehörte mein ganzes Herz und deshalb nur konntest Du mich zu allem bewegen und wie schändlich hast Du mich betrogen? Hast Du nur die weite Reise gemacht, um mir die alten Klagen zu wiederholen? fragte sie Gregor, der es versuchte, ihr wieder trotzig die Stirn zu bieten, da freundliche Reden und Schmeicheleien bei dem starrsinnigen Geschöpf nicht verfingen, Nein, um all Deine Schandthaten aufzudecken um Dich zu entlarven, denn ich bin im Besitz des verhängnißvollen Briefes, den damals die Fürstin von dem russischen Grafen erhielt und der — Weiter kam sie nicht, denn ihr zur Verzweiflung gebrachter Feind wollte sich voll wahnsinniger Wuth auf sie stürzen, um sie vielleicht mit seinen Händen zu erwürgen; aber die unruhig funkelnden Angen der Italienerin hatten trotz ihrer Aufregung, jede leiseste Bewegung des Anderen beobachtet und mit einer aalglatten Bewegung entschlüpfte sie seinen Händen. Im nächsten Moment hatte sie schon das ohnehin nicht hohe Fensterbrett erreicht und sich damit vorläufig vor dem Rasenden in Sicherheit gebracht, der ihr auch dahin folgte und sie herabzureißen suchte. Ich rufe um Hilfe! drohte sie sich an das Fensterkreuz anklammernd und nun doch durch seine grenzenlose Wuth geängstigt. .. Ihr Gegner trat rasch bis zu Thür zurück, als finde er die ruhigere Besinnung 156 wieder und wolle es nicht zum Aeußersten treiben. Plötzlich eilte er von Neuem auf die Italienerin zu und knirschte zwischen den Zähnen hervor: Den Brief oder Du kommst nicht mehr lebendig von der Stelle. Ich rufe um Hilfe! drohte sie wieder. Rufe immer, war die hohnlachende Antwort. Ich habe zugeschlossen und ehe es einer meiner Leute wagen könnte, Dich zu retten, stirbst Du unter meinen Händen, den Brief her, oder ich erwürge Dich! Enrichetta wollte eine Scheibe einschlagen und sich auf diese Weise in den Hof flüchten; aber ihr Gegner hatte sie schon vom Fenstersims heruntergerissen. Den Brief! oder — er umklammerte mit den Händen ihren Hals und ihr erster verzweifelter Hilfeschrei endete bald in einem dumpfen Gurgeln: Ich habe ihn nicht bei mir. — Den Brief! knirschte er von Neuem, ganz besinnungslos vor Wuth. Ich habe ihn in meinem Mieder, preßte sie mühsam hervor. Er riß es ihr ohne Weiteres auf und seine fieberhaft zuckende Hand hatte rasch em zusammengefaltetes Blatt Papier gefunden. Ein Blick überzeugte ihn, daß es wirklich der verhängnißvolle Brief sei. Er hatte Mühe, einen wilden Freudenschrei zu unterdrücken. Nun war viel erreicht, nun durfte er hoffen, das rachsüchtige Geschöpf völlig unschädlich zu machen. Er steckte hastig den Brief in seine Brusttasche und sich über das erhitzte Gesicht fahrend, als wolle er damit seine furchtbare Aufregung beschwichtigen, sagte er mit wildem höhnischem Lächeln: Du siehst also, daß ich nicht mit mir spaßen lasse und vor keinem Mittel zurückscheue, wenn es gilt, mich meiner Haut zu wehren und daß es für Jeden weit besser ist, sich in Güte mit mir zu einigen, dann bin ich ja um den Finger zu wickeln. Auf Enrichetta hatte der gewaltsame Angriff doch einen furchtbaren Eindruck gemacht. Der Baron sprach die Wahrheit, er gehörte zu jenen Bestien, die Alles zerreißen, was ihnen feindlich in den Weg tritt und wenn sie es zum Aeußersten trieb, war sie ihres Lebens nicht mehr sicher. Sie mußte ihn jetzt zu überlisten suchen, um wenigstens noch einmal dieser Gefahr zu entrinnen. Er hatte sie ja so schändlich und niederträchtig getäuscht, sie konnte ihn: Gleiches mit Gleichem vergelten und schlimmstenfalls mit den - heiligen Schwüren Dinge versprechen, die zu halten sie ebenfalls von vornherein nicht gewillt war. Deshalb gab sich die Italienerin den Anschein, als sinne sie über etwas nach und als gehe plötzlich eine innere Wandlung mit ihr vor. Sie stieß einen tiefen Seufzer aus, und völlig niedergeschlagen sagte sie mit leiser, gebrochener Stimme: Ich sehe schon, daß ich in Rußland bin, und daß hier ein reicher Baron mit Jedem nach Willkür verfahren kann. Du sagst nichts als die Wahrheit. Wenn Du jetzt als Leiche aus meinen Händen Hervorgingst, so schlösse ich einfach das Zimmer hinter mir ab, ließ dich in nächtlicher Weile von einem meiner Getreuen in irgend einen: Winkel einscharren, und ich brauchte nur auf alle Fragen ruhig zu antworten: sie ist nicht hier, und Niemand würde wagen, an dem Worte des gnädigen Herrn Barons zu zweifeln, selbst wenn Alle wüßten, daß es damit anders zusammenhinge. Ich fürchte, daß Sie Recht haben, sagte sie kleinlaut, während ihr jetzt triumphirendcr Gegner mit übermüthigem Lachen fortfuhr: Dein Glück, wenn Du es einsiehst. Ich habe Dich hier nicht im Mindesten zu fürchten. Ein Baron Bloomhaus hat in seiner Heimath eine ganz andere Bedeutung, als in der Fremde. Ich bin hier nächst dem Kaiser die erste.Person — und der Sprecher richtete sich stolz und selbstbewußt in die Höhe. Enrichetta senkte den Kopf und nahm eine sehr niedergeschlagene Miene an. Ich denke auch, das Beste ist, wenn wir uns versöhnen, Herr Baron? Eigentlich brauche ich das nicht, war die siegesgewisse Antwort. Ich habe Dich und Deine furchtbaren Rachepläne nicht iin Mindesten zu fürchten, — und er stieß ein 157 höhnisches Lachen aus. Aber ich war stets eine noble Natur, fuhr er, sich blühend, fort. Stelle Deine Forderungen, wenn sie nicht allzu unverschämt sind, werde ich sie erfüllen. Meine Mittel sind erschöpft; ich möchte so rasch wie möglich in meine italienische Heimath zurückkehren. Wie viel brauchst Du, fragte er lauernd. Ich verlasse mich ganz auf Ihre Großmuth. Er sann einen Augenblick nach. Würdest Du mit 10,000 Francs zufrieden sein? Sie beschämen mich, antwortete die Italienerin demüthig. Du sollst sie haben, aber unter einer Bedingung. Und die wäre? fragte sie mit einer Miene, die zu verrathen schien, daß sie jetzt zu allem zu bewegen sei. Du quittirst über die Summe und fügst hinzu, daß Du sie zur Pflege Deiner leidenden Gesundheit erhalten hast. Sie würden mich dann als geisteskrank hinstellen, wenn ich dennoch gegen Sie auftreten wollte, brach es unwillkürlich von den Lippen Enrichetta's. Ein kaltes, ruhiges Lächeln spielte um den Mund ihres Gegners. Ich möchte Dir überhaupt rathen, dies zn unterlassen, entgegnete er scharf und schneidend. Ich denke auch nicht daran. Es war von mir sehr thöricht, daß ich nicht schon damals die Belohnung annahm, die Sie nur boten. Ich war in jener Stunde noch zu furchtbar aufgeregt, jetzt bin ich ruhiger geworden. Zu Deinem Glück. Mit zehntausend Francs bist Du reich genug, um noch einen hübschen Mann zu bekommen. Du sollst also das Geld auf der Stelle haben, wenn Du damit einverstanden bist. Ich werde Ihnen sehr dankbar sein, Herr Baron, war die Antwort. (Fortsetzung folgt.) Ei« Abenteuer Ole Wull'B. Erinnerung von I. Brock. Nun ist auch er todt, der ruhelose Paganini des Nordens, der vie Welt nach allen Richtungen der Windrose durchstreifte, ein moderner Troubadour, mit seiner Amati anstatt der Laute. Er kannte des Lebens Leid und Lust wie selten Einer und was ich hier von ihm erzählen will, wird einen Einblick in die Geschicke eines Mannes gestatten, der Alles, was er geworden, nur sich selbst verdankt. Es war in Italien. Hilflos stand der junge Violinspieler da, nachdem er vergeblich eine Gelegenheit gesucht hatte, um sein Talent an den Tag zu legen. Er mußte Unterricht in Bologna zu 1 Lire (79 Pf.) pro Stunde geben, und da er bis dahin nur zwei Stunden wöchentlich zu ertheilen hatte, war er in des Wortes eigentlichster Bedeutung dem verhungern nahe. — Der junge Mann ging durch das Florentiner Thor nach seiner dürftigen Wohnung; es war finster geworden und der Hunger quälte ihn gar sehr. Er öffnete die Schublade an dem dreibeinigen Tisch, um zu sehen, ob er dort nicht in einer Ecke ein trockenes Stück Brod finden werde; allein er vermochte keines zu entdecken; nur einige wenige Krümchen erinnerten an bessere Tage. Er sammelte sie sorgfältig und steckte sie seufzend in den Mund. Darauf nahm er seine alte Geige, setzte sich auf's Sopha und begann wunderbare wilde und barocke Töne hervorzuzaubern, in welchen er seinen ganzen Kummer ausdrückte. So pflegte er jeden Abend zu spielen und die ganze Nachbarschaft lauschte diesen eigenthümlichen Phantasien. Ja, oft versammelt.m sich die Leute unten auf der Straße, gebannt von der Zaubermacht der Tone, und sie fragten einander, wer wohl der merkwürdige Künstler sei, der so zu spielen verstehe. Aber da es Niemandem einfiel, danach zu fragen, ob der Meister auch Brod zu Hause hatte, konnte ihm die Bewunderung wenig helfen! Wie schon so oft, sättigte er sich auch diesmal nur mit Tönen seines Instruments, und nachdem er eine Weile phantasirt hatte, sank er ermattet aufs Bett und verfiel in s tiefen Schlaf. Plötzlich erwachte er: drei Männer waren in sein Zimmer getreten. „Entschuldigen Sie, mein Herr", sagte einer von ihnen, „daß wir ihren Schlaf stören, nur die äußerste Noth hat uns gezwungen, bei Ihnen einzudringen. Würden ^ Sie nicht sofort bereit sein, einige Nummern im Konzerte der Philharmonischen Akademie t zu spielen?" ' Der hungrige junge Mann, der kaum seine Gedanken zu sammeln vermochte, starrte die Fremden mit einem Ausdruck an, als wären sie Engel vom Himmel gesandt, um ihm Gelegenheit zu geben, sich einige Lire zu verdienen. „Ich soll noch heute Abend in einem Konzert spielen?" brach er erstaunt aus, „wo Madame Malibran und de Bäriot . . . „Ja, das ist gerade der Knoten", fuhr der Andere eifrig fort. „Die Beiden haben sich zurückgezogen; de Böriot fühlt sich beleidigt und will nicht spielen und Madame f Malibran meldete sich krank und kann nicht singen; auf diese Weise wird das ganze Konzert ' unmöglich. Nachdem wir lange Zeit in der Stadt erfolglos hin- und hergewandert, - siel es uns ein, daß Madame Colbran-Rossini sich in der Stadt aufhält. Wir eilten zu ihr und überredeten sie, die Nummern zu singen, welche die Malibran hatte anzeigen lassen. Aber woher sollten wir einen Violinspieler nehmen? Auch da wußte Madame Rossini Rath. Sie erzählte uns, daß im Hause ihr gegenüber ein junger Mann wohne, ^ der die Violine so spiele, wie sie noch nie etwas Aehnliches gehört habe. „Wenn er nur den Muth hat, öffentlich aufzutreten", fügte sie hinzu, „so übernehme ich die Vcr- ! antwortung für den Erfolg." — Deshalb sind wir zu Ihnen gekommen und ersuchen Sie, uns den großen Dienst zu erweisen, in dem heutigen Konzerte aufzutreten! Wir ^ bieten Ihnen dasselbe Honorar, das wir der Malibran und de Böriot versprochen haben, ' die Hälfte der Netto-Einnahme, und das wird sicherlich eine hübsche Summe werden. Und jetzt, mein Herr — wollen Sie auf unsere Bedingungen eingehen so bitten wir s Sie, sich zu beeilen; wir haben keinen Augenblick zu verlieren, denn das Konzert hat bereits begonnen." Der junge Geiger griff nach seiner Violine und folgte den Unbekannten gleichsam wie im Traume. Es waren die Direktoren der genannten Akademie. Im Teatro grande war das ganze Haus besetzt. Das Konzert hatte schon längst ^ begonnen; Signora Rossini war aufgetreten und mit stürmischem Beifall empfangen worden, weil sie eine eminente Künstlerin und zugleich eine Tochter Bolognas war. Aber auf ihre Arie sollte ein Violinsolo folgen, welches den ersten Theil des Konzertes zu schließen hatte. Da - gerade in dem Augenblicke, als das Haus vom Beifallssturms > erschüttert wurde, mit dem man Signora Rossini für ihren Gesang belohnte — kamen f die Direktoren mit dem unbekannten Geiger an, der sofort auf die Bühne geführt wurde. s Da stand er nun unfähig seine Gedanken richtig zu sammeln, ungewiß ob er wache ober träume. Das zahlreiche Publikum, der strahlende Lichtschein, die fremdartige Um-, ^ gebung betäubte ihn gänzlich. ! Allein der Künstler war gewohnt, Alles, was er fühlte, auf seine Geige zu über- ' tragen und deshalb begannen die überwältigenden Gefühle, welche in diesem Augenblick ^ auf ihn einstürmten, sich in Tönen Luft zu machen. Er bemerkte nicht, daß das Pub- si likum, statt ihn mit Wohlwollen zu empfangen, zu zischen begonnen hatte, als man die - traurige Gestalt im ärmlichen Anzüge gewahrte. Er glaubte sich in einem Feenpalasts ^ zu befinden, vor dessen Gebietern er jetzt den Schmerz, der seine Seele erfüllte, auszu- ? drücken wagte. Daher entströmte seinem Bogen ein Meer von Tönen des Schinerzes, > wie dergleichen bisher kein Instrument hatte erklingen lassen. Bald klagten die Saiten ! in Elegien des Kummers, bald gab sich der Schinerz in schneidenden Tönen kund, bald hörte man die drohende, scharfe und kalte Verzweiflung der Hilflosigkeit. ! Die Zuhörer saßen wie von einer übernatürlichen Macht bezaubert da und wagten kaum Hu athmen. Sie fühlten sich von der ängstlichen und gualvollen Stimmung er- 159 griffen, welche den Kunstgenuß zu einem wahrhaft peinigenden Gefühl verwandelt. Aber schließlich löste sich der wahnsinnige Schmerz auf und ging in stille Wehmuth über, welche die Herzen gleich einem balsamischen Thau erquickte. Der Künstler hatte kaum geendet, als ein wahrhafter Orkan von Beifallsrufen ihn unterbrach, der nicht enden wollte. Der Direktor ließ den Vorhang fallen; der Künstler wankte hinaus und sank in die Arme Derjenigen, welche herbeigeeilt waren, um ihn zu beglückwünschen. „Brod!" war das einzige Wort, das seinen blassen Lippen entströmte, und wahrend man den ermatteten Künstler in ein Nebenzimmer führte, um ihm Essen und Trinken zu geben, fuhr das Haus fort, unter dem gewaltigen Beifallsjubel der Zuhörer zu erzittern. Während des zweiten Theils des Konzertes hatte sich der Künstler soweit erholt, daß er seine Selbstbeherrschung wieder erlangte. Der ungewohnte Genuß einer guten Mahlzeit, dessen er lange hatte entbehren müssen, die Wärme, welche ihn durchströmte, seitdem er den feurigen Wein gekostet, wirkten wohlthätig und belebend auf die erschlafften Nerven. Endlich näherte sich der Schluß des Konzerts, welcher wieder aus einem Violin- Solo bestehen sollte. Die Direktoren beriethen sich in Gegenwart des Künstlers, ob man es wagen dürfe, ihn wieder auftreten zu lassen. Aber entschlossen trat er vor: „Ja, ich werde spielen, ich muß spielen!" So eilte er zum zweiten Mal auf den Schauplatz seines Triumphes. Auch jetzt verstand er nicht den unendlichen Jubel, der ihm entgegen brauste. Er ergriff den Bogen und sprach wieder zum Auditoriuni, aber diesmal mit ganz anderen Tönen, als vorhin. In lichten, lyrischen, jubelnden Tönen erzählte er aus den Erinnerungen seiner Jugend. Er zauberte den Frieden seines Heims, umweht von den frischen Luftströmungen aus dem hohen Norden, hervor. Er jubelte darüber, daß er das Ziel seines Lebens gefunden; er äußerte seine Dankbarkeit darüber, daß man sein Streben anerkannt habe. Und alles dies malte er in den unwiderstehlichsten Tönen, welche einem Bogen je entströmten. Er ahnte es, daß der Stern seiner Zukunft mit diesem Abend aufgegangen sei, und er sprach es jubelnd aus. . Zum zweiten Male mußte der Vorhang fallen, um ihn von einem Publikum zu trennen, das vor Entzücken außer sich war und wieder hörte er nichts von dein grenzenlosen Jubel. — Denn er war noch einmal bewußtlos niedergesunken, doch diesmal nicht vor Ermattung, sondern aus Freude über seinen Triumph. Ein tiefer, wohlthätiger Schlaf stellte ihn vollständig wieder her. Am nächsten Tage sprach man in Bologna von nichts Anderem als von dem wunderbaren Talent des jungen norwegischen Künstlers Ole Bull. Die Direktoren der Akademie erschienen in seiner Wohnung mit dem bedeutenden Honorar, das sie ihm versprochen hatten. Die vornehmsten Kunstkenner der Stadt boten ihm ihre Dienste an, und da er aus seiner traurigen Lage kein ^>ebl machte, wurde sofort ein neues Konzert für ihn arrangirt. ' (D. Montagsb!.) Miscelle n. (Auch eine Handschrift.) Der Theaterdirector . . l berühmt dadurch, daß er weder lesen noch schreiben konnte, befand sich einst an einer Nudle 6'tiot«, wo eine goldene Uhr ausgespielt wurde. Jeder der Gäste gab zwei Thaler, schrieb seinen Namen auf einen Zettel, warf ihn in einen Hut, Md dann sollte sogleich gezogen und die Sache abgemacht werden. Der erwähnte Theatervirektor war in nicht geringer Verlegenheit, als auch er seinen Namen aufschreiben sollte. Um sich keine Blöße zu geben, that er, als ob auch er schriebe, rollte das leere Blättchen zusammen und warf es in den Hut. Das Glück wollte, daß gerade dieses gezogen wurde. Allgemeines Staunen, als das Blatt aufgerollt und leer befunden wurde. Doch der anwesende Komiker V. ließ es sich geben, und als er es betrachtet hatte, rief er aus: „Ich kenne diese Züge! Das ist die Handschrift unseres Herrn Theaterdirektors." 160 (Kindermund.) Durch die deutschen Blätter läuft folgendes nette Histörchen: Paulchen hat seine Mama bei einem Besuch begleiten dürfen. Er mißbraucht die Freiheit, die man ihm im befremdeten Hause läßt, einigermaßen, indem er ungebührlich lärmt. Vergeblich sind die Vermahnungen der Mama, welche des gewohnten Nachdrucks entbehren. Endlich ist das Maß des Zulässigen überschritten, und Mama ruft streng: „Wenn du nicht gleich artig bist, Paulchen, sperre ich dich zu Hause zu den Hühnern." — „Zu den Hühnern kannst du mich sperren, Mama," entgegnete Paulchen trotzig, „aber das sage ich dir gleich, Eier lege ich nicht!" (Gut gemeint.) „Denken Sie sich" erzählt Jemand, „was mir gestern in meiner Wohnung passirt ist« Ich sitze gemüthlich am Fenster und rauche meine Cigarre, als mir auf einmal ein Brandgeruch in die Nase dringt. Ich schau mich um und was seh ich? Ein Blatt Papier, das auf einem Tischchen unter einem Vergrößerungsglase lag, hatte sich durch die Sonnenstrahlen, denen das Glas ausgesetzt war, entzündet, und sing an, lichterloh zu brennen." — „Nicht möglich," erwiederte eine junge Dame, „was für ein Unglück hätte nun da entstehen können, wenn das in der Nacht geschehen wäre?" (Aus der Schule.) Der Lehrer bemüht sich, den Begriff „böses Gewissen" aus den Kindern heraus zu entwickeln, jedoch vergeblich. „Nun," fährt er fort, „was hat ein Mensch, der nirgends Ruhe findet, der selbst des Nachts nicht schlafen kann, sondern sich auf seinem Lager hin und her wälzt?" Alkes schweigt. Endlich meldet sich ein kleines Mädchen zur Antwort. Lehrer: „Recht so, meine Kleine, antworte du!" — Mädchen: „Einen Floh!" (Vorn Schmieren.) „Ei, ei!" sprach der Schulkehrer eines kleinen Gebirgs- städtchens zu dem Knaben, der ihm ein Körbchen Würste zum Geschenk brachte, „ei, ei, mein liebes Kind, das ist ja zu viel!" — „Ja wohl," erwiderte der Knabe treuherzig, „der Vater hat das auch gesagt, aber die Mutter meinte, man könne den Tausendsassa nicht fett genug schmieren." (Die Folge des Stottern s.) Stotterer (zum Badediener); „T—T—Tauchen" Badediener: „Recht gern." (Taucht ihn unter.) — Stotterer (wieder emportauchend, mit stärkerer Stimme): „T—T—Tauchen." Badediener taucht ihn nochmals und halt ihn fast eine halbe Minute unter Wasser. Stotterer emportauchend verzweiflungsvoll, athemlos: „T—T—Tauchen hat, hat der Arzt mir — verboten." Ein junger Herr war beim Essen, als einige schöne junge Damen in's Zimmer traten. Er wurde von ihrem Anblick so bezaubert, daß er Messer und Gabel hinlegte und nicht mehr aß. Als ihn eine der Damen fragte, warum er nicht mehr esse, gab er zur Antwort: „Ja, wenn man so schöne Damen sieht, da muß einem wohl der Appetit vergehen." Ein Bauer hatte einen Hasen geschossen. Beim Nachhausegehen begegnete ihm sein Gutsherr und frug ihn: „Was will er mit dem Hasen?" — Bauer: „Ich mit dem Hasen — Herr Graf? — entschuldigen, ich — ich wollt nur den Schulmeister fragen, ob alle so lange Ohren haben, wie der da." (Hase und Häsin.) Ein Jäger beklagte sich, daß er immer nur Häsinen schieße, und sagte: „Ich möchte wohl ein Mittel kennen, um die Hasen von den Weibchen zu unterscheiden." — „Nichts ist leichter," antwortete ein Spaßvogel, „ist es ein Hase, so läuft er» ist es eine Häsin, so läuft sie." Buchstabenrebus. Nr die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. M. Huttlcr. zur Mgslmrger PostMimg Nr. 21. Samstag, 11. September 1880. Die feinste Satyrs ist unstreitig die, deren Spott mit so weniger Bosheit und so vieler Ueberzeugung verbunden ist, daß er selbst Diejenigen zum Lächeln nöthigt, die er trifft. Lichtenberg. Der Herr Daran. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Das Eine fordere ich noch von Dir, daß Du sofort in Deine Heimath zurückkehrst» Wenn ich von Dir innerhalb drei Wochen aus Italien einen Brief erhalte gebe ich Dir mein Ehrenwort, daß ich Dir noch zehntausend Francs schicke; Du siehst, wie vortheil- haft es ist, mit mir in Frieden und Freundschaft zu leben. Die Augen der Italienerin funkelten, es schien, als ob die erwachte Geldgier die Nachegeftthle ihrer Brust vollends erstickt hatten. Ich darf wirklich auf diese zweiten zehntausend Francs mit Sicherheit rechnen? fragte sie hastig. In Geldsachen halte ich unverbrüchlich Wort. Was haben für mich zwanzigtausend Francs zu bedeuten? war seine hochfahrende Antwort; aber als fürchte er, daß Enrichetta nun ihre Forderung steigern könne, setzte er rasch hinzu: Glaube mir nur, Du bekommst diese Summe nicht, weil ich mich vor Dir und Deinen Anklagen fürchte, sondern weil ich Dir beweisen will, daß ich nicht undankbar bin. Also warte einige Minuten, ich hole Dir jetzt die zehntausend Francs. Er eilte rasch hinaus und schloß hinter sich ab. Enrichetta sah ihm mit wuthfunkelnden Augen nach. Der Elende! er glaubt wirklich, daß ich mich wie eine Bettlerin abfinden lasse. Oh, er ahnt es nicht, wie es in meinem Herzen kocht, ich darf es ihm nicht verrathen, wenn ich mich noch einmal aus seiner furchtbaren Gewalt befreien will. Nun, Vergeltung, Vergeltung! murmelte sie leise vor sich hin und preßte die Hände krampfhaft übereinander. Wirklich ging bald darauf die Thür und der von ihr tödtlich gehaßte Mann trat wieder ein. Ich bringe Dir die runde Summe von fünftausend Rubeln, sagte er im kühlten geschäftsmäßigem Tone; Gold könnte Dir nichts nützen, das darfst Du nicht' über die Grenze nehmen. Du magst beim Umwechseln noch so viel verlieren, so wirst Du immer noch weit mehr als zehntausend Francs erhalten; aber ich will D.einen Schaden nicht haben und war niemals ein Knauser; — er warf das Päckchen Papier- Rubel auf den Tisch. Zähle nach, es wird stimmen und das — Papier ist echt, ich garantire dafür. Enrichetta nahm das Päckchen Papiere in die Hand und ohne einen prüfenden Blick darauf zu werfen, steckte sie es in ihre Tasche. Ich weiß, daß ich Ihnen in dieser Hinsicht völlig vertrauen kann. Und nun quittire über die Summe und bescheinige zugleich, daß Du das Geld zur Pflege Deiner sehr leidenden Gesundheit erhalten hast. — 162 - Willig fügte sich die Italienerin in sein Geheiß. Sie nahm an dem kleinen Schreibtisch Platz und schrieb nieder, was ihr der Andere diktirte. Die Form der Quittung ließ noch deutlicher hindurchschimmern, daß eine Geisteskranke dies Geld erhalten habe. Sie schrieb dann unter das Papier ihren Namen und sich wieder erhebend, fragte Sie mit freundlichem Lächeln: Sind Sie nun zufrieden? Vollkommen, antwortete ihr Gegner, der aufmerksamen Blickes der Feder Enrichetta's gefolgt war, um sicher zu sein, daß sie auch wirklich niederschrieb, was er ihr diktirte. Dann kann ich gehen? fragte sie von Neuem und mit einer gewissen Aengstlichkeit, die verrieth, daß sie sich möglichst bald in Sicherheit bringen wolle. Ich werde anspannen lassen und man mag Dich zur nächsten Station bringen. Ich habe ja Fuhrwerk, das auf mich wartet. Auch gut. Also lebe wohl, Enrichetta, und sobald von Dir in den nächsten drei Wochen ein Brief aus Italien eintrifft, sende ich Dir auf der Stelle noch fünftausend Rubel. Mein Ehrenwort und er reichte ihr zum Abschiede die Hand. Ich danke Ihnen, Herr Baron, Sie werden vielleicht den Brief noch eher erhalten. Um so besser, Addio! und mit einem ruhigen, freundlichen Lächeln schritt er hinaus. Enrichetta folgte ihm. Sie sah sich nicht mehr um und eilte raschen Schrittes hinweg. Erst als das Schloß wieder hinter ihr lag, athmete sie auf. VI. Advokat Rasinsky saß verdrießlich in seinem Amtszimmer, denn weder er noch der Graf hatten aus Italien Nachricht erhalten, da wurde eine Fremde gemeldet, die ihn in dringenden Geschäften zu sprechen wünsche. Es war Enrichetta, man hatte ihr gerade Rasinsky als tüchtigen und gewandten Anwalt empfohlen. Ich komme in einer sehr wichtigen Sache zu Ihnen, begann sie in gebrochenem Deutsch. Rasinsky erkannte sogleich an ihrer Aussprache die Italienerin und bat sie, sich ruhig ihrer Muttersprache zu bedienen. Enrichetta war davon sehr angenehm überrascht. Nun faßte sie schon zu dem Manne weit größeres Vertrauen. Man hat mir gesagt, daß es in Rußland schwer sei, gegen vornehme und einflußreiche Leute ein Recht zu verfolgen, aber ich hoffe doch, daß Sie mir den nöthigen Beistand leisten werden — und die Augen der Italienerin ruhten unruhig fragend auf dem jungen Anwalt, über dessen glattes Advokatengesicht ein leichtes Lächeln flog. Es sind das ganz falsche Ansichten, die unsere Feinde über Rußland verbreiten. Recht und Gesetz wird hier jetzt ebenso entschieden gehandhabt, wie im westlichen Europa. Sie werden also auch gegen einen sehr reichen und angesehenen Baron auftreten? Warum nicht? Wenn sie mich mit einem solchen Auftrag betrauen wollen? Also auch gegen Baron Vloomhaus? fragte sie hartnäckig weiter. Bei Nennung dieses Namens konnte der Advokat seine Ueberraschung nicht verbergen: er vermochte nicht augenblicklich zu antworten und die Italienerin fuhr lebhaft fort: Ah, mein Herr, erschrecken Sie schon? Durchaus nicht, entgegnete Rasinsky, der rasch seine Ruhe wieder gewonnen hatte. Aber ich muß Sie doch fragen, gegen welchen Baron Vloomhaus. Es gibt noch eine Seitenlinie, die Bloomhaus-Nosenberg. Nein, ich meine Baron Gregor Vloomhaus. .Der ist todt, mein Fräulein. Durchaus nicht, entgegnete sie. Ich bin erstaunt, daß Sie dies auch behaupten und doch habe ich erst gestern mit Baron Vloomhaus gesprochen. Unmöglich! Der Baron Gregor Vloomhaus ist schon vor mehreren Monate in Neapel gestorben. Das muß dennoch ein Irrthum sein. "Ich war ja die Kammerfrau seiner ersten — 163 —^ Gemahlin und kenne den Baron ganz genau. Wohl weiß ich, daß plötzlich das Gerücht von seinem Tode verbreitet wurde, aus welchem Grunde ist mir unbekannt, — aber sicher ist es, daß ich den Baron gestern gesehen und gesprochen habe, so sicher, wie ich jetzt vor ihnen stehe. Nein, mein Fräulein, der Irrthum ist trotzdem auf ihrer Seite. Sie meinen doch wirklich den Baron Gregor Bloomhaus? Gewiß. Ich war ja gestern in seinem Schlosse und will es Ihnen ganz genau beschreiben, um Ihnen zu beweisen, daß meine Angaben auf Wahrheit beruhen. Es ist dennoch unmöglich. Baron Gregor Bloomhaus ist todt und auf dem Schlosse lebt jetzt nur seine Wittwe. Die elende Schauspielerin Fräulein Combelaine! rief Enrichetta aus, deren Groll bei dem Gedanken an die glückliche Nebenbuhlerin erwachte. Das stimmt! bemerkte Rasinsky und schüttelte bedenklich den Kopf, wie er diese sich widersprechenden Angaben zusammenreimen solle. Sie sehen, daß ich den Baron und seine jetzige Gattin genau kenne. Hinsichtlich der Baronin haben Sie Recht, nur lebt sie, wie ich Ihnen schon sagte, seit März dieses Jahres als Wittwe in Bloomhaus. Es verbirgt sich hinter dem Allein irgend eine Schurkerei, entgegnete Enrichetta nach kurzem Sinnen und sie erzählte nun lebhaft, warum sie dem Baron so hartnäckig gefolgt sei wie sie die Nachricht seines Todes erfahren und ihn doch gestern lebend und gesund in Bloomhaus getroffen habe. Rasinsky hörte in größter Spannung zu, sein anfangs kaltes, abgeschlossenes Gesicht belebte sich immer mehr und zuletzt verrieth der junge Advokat deutlich, in welche Aufregung er durch die Mittheilungen Enrichetta's versetzt worden. Das waren so furchtbare ungeheure Enthüllungen, die weit über das hinausgingen, was Rasinsky erwartet hatte und die plötzlich über die ganze Angelegenheit ein ganz anderes düsteres Licht verbreiteten. Ah, und was die Brust des Advokaten noch heftiger erregte, sie schienen vollends seine kühnsten Vermuthungen bestätigen zu wollen. — Hier waren dunkle verworrene Fäden gesponnen, die hoffentlich endlich gelöst wurden. Glauben Sie nun, daß ich gestern wirklich den Baron Bloomhaus gesprochen habe? schloß die Italienerin ihre lange Erzählung, die Rasinsky mit keinem Worte unterbrochen hatte, während die ganze Angelegenheit sein lebhaftes Interesse erregte, mußte er zugleich über die Kaltblütigkeit dieses Mädchens staunen, das so ruhig und unbefangen seine eigene schwere Schuld bekannte. Welch' seltsame Räthsel in einer Menschcnbrust! Erst ihre Frage weckte ihn aus seinem tiefen Nachsinnen. Er strich sich über die hohe Stirn und entgegnete langsam nach einer Pause: Nein, den Baron Bloomhaus haben Sie nicht gesprochen, der ist todt, darüber herrscht kein Zweifel; aber wollen Sie so gut sein, mir die Persönlichkeit Ihres Barons näher zu beschreiben. Enrichetta that es ohne Zögern und Rasinsky rief lebhaft aus: So hat mich meine Ahnung nicht betrogen. Es war der Kammerdiener Iwan, der die Rolle des Barons gespielt hat, wenigstens ist dieser Mensch in Bloomhaus nur als Kammerdiener aufgetreten. Was soll diese Komödie wieder bedeuten? fragte die Italienerin rasch, Rasinsky mochte vorläufig nicht verrathen, mit welchen! Verdachte er sich bereits umhergetragcn, der jetzt durch die Angaben Enrichetta's bestätigt wurde; er entgegnete deshalb ausweichend: Ich weiß es nicht. Vielleicht wollte er dadurch jeder Verfolgung auf immer entgehen! Es bleibt immer höchst seltsam und Sie glauben, daß die russische Behörde jetzt gegen den Baron einschreiten wird? fragte die Italienerin, deren Rachedurst seit dem gestrigen Vorgänge sich noch gesteigert hatte. Jedenfalls werde ich auf eine Untersuchung antragen und die Sache mit allev Energie verfolgen. 164 Ich danke Ihnen, mein Herr, sagte Enrichetta und ihre dunkeln Augen leuchteten förmlich unheimlich. Rasinsky nahm ein Protokoll über ihre Aussage auf und fragte dann nach ihrem ferneren Wohnort. Ich bleibe in ihrer Stadt, damit Sie mich in der Nähe haben, wenn Sie mich brauchen. Der Advokat nickte zustimmend mit dem Kopfe, und geleitete dann, mit seltsamen Empfindungen, das wunderliche Mädchen bis zur Thür. Was wird der Graf zu diesen neuen Enthüllungen für Augen machen! dachte Nasinsky stolz und erfreut darüber, daß er ihm solch' wichtige Dinge mittheilen konnte und seltsam genug, wie gerufen fand sich wenige Stunden später der Graf bei ihm ein. Er war in ungeheurer Aufregnng und ließ den Anwalt nicht erst zu Worte kommen. Sie hatten Recht. Der Schwindel ist zu Tage! rief er sogleich und hielt trium- phirend mehrere Briefe in der Hand. Lesen Sie, lieber Rasinsky, — dann gestehen Sie wenigstens, daß es diesem Abenteurer nicht an Kühnheit und Verschlagenheit gefehlt hat. Sie brauchen übrigens nur den einen Brief zu studiren, setzte der Graf lebhaft hinzu und' nahm aus einem großen Handschreiben ein kleineres Papier. Es war ein Brief des Direktors der Irrenanstalt in Neapel an den russischen Gesandten und enthielt die Mittheilung, daß ein Baron Bloomhaus vor zwei Jahren von Räubern angefallen und am Kopfe so schwer verwundet worden, daß er in völlige Geistesnacht verfallen und von seinem Bruder in die gedachte Anstalt gebracht worden sei. Hier habe endlich im Februar d. I. ein sanfter Tod seinem Leiden ein Ende gemacht. Ihre sehr scharfe Vermuthung war also völlig zutreffend — sagte der Graf, nachdem Nasinsky den Brief kaum zu Ende gelesen hatte. Es ist in der That ein kühner und verwegener Streich, sagte der Advokat nachdenklich. Nun ist alles erklärt, fuhr Brückenburg mit gewohnter Lebhaftigkeit fort. Iwan hat also die Rolle seines Herrn weiter gespielt, als Baron Bloomhaus die Schauspielerin geheirathet und als er die Nachricht erhält, daß sein gnädiger Herr in Neapel endlich gestorben, läßt er seine Frau als Wittwe des Barons und rechtmäßige Erbin von Bloomhaus auftreten und tritt vorläufig wieder in seine Kammerdienerstellung zurück, bis Alles in schönster Ordnung ist. Deshalb also die glühende Schwärmerei der Baronin für ihren Iwan. — Ah, Madame, wir sind im Begriff, all' die kühnen freiherrlichen Träume grausam zu zerstören, und er streckte drohend seine langen Arme aus. Nasinsky lächelte über die ungeheure Erregung des Grafen, die er eben im Begriff war, noch zu steigern. Dieser Iwan ist nicht nur einer der verwegensten Schwindler und Abenteurer, der mir je vorgekommen, sonder auch ein Verbrecher, der vor dem Schändlichsten nicht zurückscheut, wenn er irgend ein Ziel erreichen will. Was sagen Sie, lieber Rasinsky? erzählen Sie nur! drängte sogleich der Graf. Der ehemalige Kammerdiener Iwan hat als Baron Bloomhaus eine italienische Fürstin geheirathet und als er ihr überdrüssig geworden, sie ermordet. (Fortsetzung folgt.) Aus eisernem Lande. Nach dieser Überschrift denkt der Leser vielleicht gar, ich käme schnurstracks von der Insel Ferro. Keineswegs, ich komme nur aus Eisenerz in Steiermark, von jenem eisernen Boden, wo Arndt's „Gott, der Eisen wachsen ließ", geboren sein muß, obgleich die Taufregister der alten Eisenerzer Kirche nichts davon vermelden. Dieser Eisengehalt des Bodens läßt einen nicht los, vielleicht weil man als richtiger Tourist auch eine Magnetnadel bei sich führt, und man irrt dann wochenlang in dem Zauberkreise herum, thalaus thalein, bergauf bergab, wie es mir geschehen. Der Mittelpunkt 165 der Anziehungskraft ist aber der große, berühmte Eisenberg, das unverwüstliche Kapital, von dem die Gegend lebt. Ein dritthalbtausend Fuß hoher Haufen eisernen Goldes, wie es bei den Spartanern kursirte. Man nimmt sich davon ein paar Säcke oder Waggons voll und schickt es in die Wechselstube, um es gegen Bankvaluta umzuwechseln. Eine herrliche Erfindung der Natur; ein Eisenberg, der eigentlich eine Goldgrube ist. Seit ich ihn kennen gelernt, glaube ich an die Erzählungen Sindbad's, des Seefahrers, in „Tausend und eine Nacht", von jenem Magnetberge am Ende der Welt, der alle Schiffe, welche auch nur einen eisernen Nagel im Rumpfe haben, unwiderstehlich an sich zieht und festbannt; nur ist hier die Sache umgekehrt. Ob es wohl in dieser Gegend bleichsüchtige Mädchen gibt? Jch»habe keine gesehen, und kenne doch so ziemlich sämmtliche Damen des Landstriches, von den kleinen Schulmädchen angefangen, welche mir als fremder Respektsperson täglich auf der Straße die Hand küßten und guten Tag wünschten — denn auf Höflichkeit werden die Kinderchen da herum erstaunlich dressirt — bis zu den ehrwürdigsten „Schwoagerinen" (Sennerinen) in den letzten Almhütten der Golleiten, der Ramsau und der Seeau, welche mich mit Alpenmilch labten und mit mächtigen „Büschen" von Speik und Bergkraut und „Dendron" (das „Rhodo" dabei schenken sie sich) schmückten. „I bin a Viechmadl", sagte mir eine dralle junge Wald- und Wiesen- bekanntschaft, die ich auf einer dieser Wanderungen machte; ich hatte sie um ihren Lebensberuf gefragt und sie wollte sich als Viehmagd gualifiziren. Man kommt da ziemlich leicht herum, denn es ist Alles nur ein paar Stunden Marschirens von einander entfernt; in Leoben hörte ich einmal sagen: „Drei Schuster weit", denn da dort fast in jeden: Hause ein Schuster wohnt, kann man ganz wohl diesen ehrsamen Kleingewerbs- mann als EntfernungSmaß benützen, gerade wie anderwärts seinen Lehrbuben als meteorologischen Niedcrschlag, wenn's nämlich, wie man zu sagen pflegt, „Schusterbuben regnet." Weit sind die Entfernungen nur, wenn man auf der Eisenbahn reist. Da gibt es ein System von ellenlangen Flügel- oder Zweigbahnen, die Sackgassen des Weltverkehrs, Sackschienenwege, welche sich rechts und links von den Hauptsträngen losgefasert haben. Ihr technisches Wörterbuch besteht aus zwei Wörtern, deren eines sie kennen, das andere aber nicht. „Wagenwechsel" heißt das erste, „Anschluß" das zweite. Wer z. B. von Eisenerz nach Bruck führt und, um nicht „per Achse" über den Prebühl zu müssen, die Eisenbahn benutzt, welche über Hieslau, Selzthal, St. Michael und Leoben einen ganz einzigen oiroulrm vitiosus beschreibt, der hat in jeder dieser Stationen Wagenwcchsel und halbstündigen Aufenthalt. Die Kronprinz-Rudolf-Bahn steckt mit ihrem Fahrplan, der rechts von der Südbahn, links von der Westbahn und in der Mitte von der Gisela- Bahn beeinflußt wird, in einer dreifachen Zwickmühle. Sie geht auf sechs Beinen, welche Anderen gehören. Ich sah in Selzthal eine Gesellschaft, welche von Amstettcn nach Bruck wollte und in Selzthal netto sieben Stunden auf Anschuß zu warten hatte. Sie war aber praktisch und reiste in diesen: Zwischenakte durch das romantische „Gesimse" nach Hieslau und wieder zurück, wobei sie noch Zeit genug behielt, sich in der Warte- Station zu langweilen. „Selzthal, sieben Stunden Aufenthalt!" Das klingt ermuthigend für den Touristen, aber noch lockender für den Geschäftsmann, bei dem es, umgekehrt wie bei-Jenem, „Weile mit Eile" heißt. Indeß, unsereins geht ja an solche Stätten nur, um zu bummeln. Denn nirgends bummelt es sich so in vollen Zügen, wie dort, wo Andere arbeiten. Ich begreife die allerhöchstseligen Pharaonen sehr gut, die auf ägyptischen Wandbildern dargestellt sind, wie sie dem Pyramidenbau und dergleichen schweißtreibenden Kraftproben ihrer Unterthanen zusehen. Durch den grellen Kontrast gewinnt die Mäßigkeit der Muße erst ihren wahren Feingeschmack und damit ihren Werth. Wie unmoralisch, nicht wahr? Rackert euch nur, ihr lieben Leutchen, schwitzt recht wacker, karrt, schanzt, grabt, schindet euch, — ich brauche eure Arbeit als Folie, die meinen Müßiggang heben soll. Wie sie da herumkriechen auf dem braunen eisernen Berge, mit braunem Erzstaub bedeckt, und an dem Koloß herum bohren, hämmern, sprengen von: frühel: Morgen bis zum späten Abend. Jeder nimmt sein gekochtes Essen des Morgens vom Hause mit auf den „Arzberg", ein Töpfchen Suppe und ein Töpfchen Zuspeise, in eigens für sie gebrannten Doppel- Töpfchen, welche hinten am Hosengurt hängend, den ganzen Tag am Leibe getragen werden, ohne bei der Arbeit zu stören. In früheren Zeiten, ehe man dem Erzberge mit Pulver und Dynamit zu Leibe ging, kratzten und schabten die armen Teufel mühe- selig mit ihren Stemmeisen an den ehernen Felsen herum und trugen, was sie den Tag über abgekratzt hatten, Jeder in seinem Tüchlein nach Hause. Heute liefert die Dynamit- patrone auf einen Krach einen Lastzug voll Erzes; man braucht nur die Mine zu bohren. Mit Bohrmaschinen ginge dies wohl leichter, als mit Hammer und Meißel, wie es noch jetzt geschieht. In einer Wand sah ich ncunundsiebzig solche Bohrlöcher ungeladen beisammen, welche nicht gesprengt werden; man reservirt sie für einen etwaigen Besuch, um einen Effektcoup produziren zu können, indem man dann alle neunnndsiebzig Minen zu gleicher Zeit zum Auffliegen bringt und eins ganze Loreley auf einmal in Staub verwandelt. Den Gang der Arbeit und die dadurch bedingte Szenerie gedenke ich hier nicht zu schildern, so interessant sie auch sei. Alle die Hoch- und Röstöfen mit dem endlosen Netz von Brücken und Leitungen, Aufzügen Rampen und Drahtseilbahnen, die sie verbinden und durch welche die hohen Berge rings um sich über das Thal weg die Hände reichen, lasse ich bei Seite, um nicht in's Technologische hineinzugerathen, auch eine schöne Gegend, in der ich aber meinen Urlaub niemals verbringe. Diese Art menschlicher Thätigkeit zeigt sich übrigens in ansprechenderer Weise in dem Thäte, durch das die Flügelbahn von Leoben nach Vordernberg führt. Das saftgrüne Thal, mit seinen grauen Felsenzinnen, erhält einen eigenthümlichen Charakter, denn während auf den grün- sammtenen Hügeln lichte Villen und Schlösser schimmern, stehen in den Thalgründen eins nach dem andern, die ansehnlichen Etablissements aufgereiht, in denen das Eisen gepuddclt, gewalzt, gegossen und weih der Himmel was Alles wird. In imposanter Unheimlichkeit stehen sie da, die mächtigen schwarzberußtcn Gebäudegruppen mit ihren zahllosen schwarzen Thürmen, die eigentlich nur Schornsteine sind, und mit ihren Essen, aus denen unter dichtem Qualm lange feuerrothe Zungen, selbst bei Tage sichtbar, in der Nacht aber schreckhaft schön, gen Himmel lecken. Man glaubt die feurige Höllenstadt „Dis", welche Dante beschreibt, mitten in'S Paradies hineingestellt zu sehen. Und in solcher Romantik, an der sich Natur und Meiffch in die Hände gearbeitet haben, wandelt der biedere Steirer umher in seinem grauen Loden mit grünem Vorstoß und in gcmsledernen Kniehosen und grünen Wadenstrümpfen, die Kniee selbstverständlich nackt, als stammten sie direkt von Adam. Der Städter ist geneigt zu erstaunen, wenn er sieht, wie die Nationaltracht in Steiermark sich noch immer selbst bei den gebildeten Ständen geltend macht. Der Steirer, und nicht nur im Gebirge, trägt es wie etwas Angeborenes. Selbst Leute mit feiner weißer Wäsche und goldenem Zwicker gefallen sich unendlich in malerisch abgeschabten und verschundenen „Gamslcdcrnen" und mit Knieen a In Kollo owile. Wenn man über dieses Kapitel nachdenkt, wird man vielleicht mit Hilfe der modernen Wissenschaft auf den Grund dieser Erscheinungen kommen. Betrachtet man jene bloßen Kniee durch Darwin's Brille, so wird man sagen müssen: Der Stamm, der in Urzeiten diese Gebirge bewohnte, hat sich ohne Zweifel entweder durch hochgradige Galanterie, oder durch sehr geringen Schulfleiß ausgezeichnet. In jenem Falle wären durch vieles Knieen zu Füßen der Herzliebsten, in letzterem Falle aber durch Strafknieen in der Schule, möglicherweise auf harten Erbsen, die Hosenknie regelmäßig durchgestoßen worden und so wäre im Laufe der Zeit durch Vererbung nach bekannter Melodie die durchstoßene Hose, d. h. die nackten Knie bei den Steirer» konstant geworden, so daß seither jeder Steirer gleich mit nackten Knieen auf die Welt kommt, — eine Thatsache, welche schwerlich von irgend einem Naturforscher bezweifelt werden dürfte. Was aber den grauen Loden mit grünem Ausschlag und Vorstoß betrifft, so lehren uns die Zoologen, daß jedes Thier von der Natur als Vertheidigungsmittel die Farben-Anpassung an seine Umgebung mitbekommen habe. Das Hermelin sei weiß wie der Schnee, auf dem es ,paziercn gehe, und der Laubfrosch grün wie das Laub, unter dem er sich berge, ja das Chamäleon nehme gar immer die Farbe des Gegenstandes an, auf dem es sich eben befinde. Da nun das steierische Land durchweg grün und grau ist, (grau die Felsen, grün Feld und Wald), so ist es klar, daß nur durch solche Anpassung grauer Loden mit grünem Aufputz die Leibklejdung des Steirers geworden sein könne. Ich überlasse diese darwinistischen Ideen dem Professor der Zoologie an der Grazer Universität zu weiterer Begründung und Ausarbeitung. Zu der Nationaltracht des Steirers gehört selbstverständlich auch der Stutzen. Der Steirer ist geborner Gemsjäger. Die Berge voll „Gamserln" stehen ja vor seiner Thür, von seinem Fenster aus kann er die lieben Thierchen aus den Klippen ihre hohe Voltige machen sehen. Seine Weltgeschichte ist eine Chronik der großen und kleinen Jagden um Eisenerz, seine Geographie enthält nur die verschiedenen Standplätze an den Wänden der „Seemäuer", des „Kaiserschildes", des „Hochkogels" u. dgl. So entstehen die Wilderer und ihre ganze blutige Kriegsgeschichte. Denn das Jagdgesetz ist streng und manche Jagdherren üben sogar ihr eigenes Jagdrecht aus ganz nach Willkür und fühlen sich, sobald es die Jagd gilt, in voller mittelaltlicher Gcwaltherrlichkeit. Ein Fürst, der in der eisernen Gegend Jagden hat, gab vor nicht langer Zeit ein großes Treibjagen, zu dem er eine Menge Kavaliere geladen hatte. Viele Gemsen wurden dabei auf die Decke gebracht, aber auch zwei Wilderer, die den Treibern in die Hände gefallen waren und die der Fürst als sein eigener Jagdgerichtsherr zu mehrerer Unterhaltung seiner Gäste vor ihren Augen halbtodt prügeln ließ. Derselbe Fürst wußte voriges Jahr dem Schwurgerichte zu Locben in echt feudaler Weise seine gründliche Verachtung auszudrücken. Seine Jäger hatten zwei Männer betreten, welche allem Vermuthen nach darauf aus waren, mit ihren Stöcken drei Wilderern, die man unterhalb erblickt hatte, Wild zuzutreiben. Die Jäger wollten sie anhalten, sie wehrten sich und flohen zuletzt und einer der verfolgenden Jäger schlug mit seinem Bergstöcke dem Einen die Hirnschale entzwei. Die Sache kam vor's Schwurgericht, welches den Jäger schuldig sprach. Als das Verdikt gefüllt war, trat nun ein dritter fürstlicher Jäger, der nur als Zeuge vorgeladen worden, hervor und sagte: „Ich bin von Seiner Durchlaucht meinem Herrn beauftragt, in dem Falle, als unser Jäger verurtheilt werden sollte, den hohen Gerichtshof um die Zurückgabe des Bergstockes zu ersuchen, mit dem die That geschehen ist, da Seine Durchlaucht den Stock in seiner Waffensammlung als werthes Andenken aufzubewahren gedenkt." Ob das Gericht seinem Begehren willfahrte, weiß ich nicht, in der ganzen Gegend aber war die Entrüstung groß über den Affront, der dem Schwurgerichte dadurch zugefügt worden. Selbstverständlich wimmelt es in diesen Bergen und Thälern von großen und kleinen Jagdhäusern und Jagdschlössern. Der Kaiser hat in Steiermark eine Menge solcher Absteigequartiere; ein Jagdschloß steht in Neuburg, ein hübsches Jagdhaus in Mürzsteg, in Eisenerz sieht man im Orte selbst ein großes zweistöckiges Jagdhaus des Monarchen, in der nahen Nadmer (neucstens ein Lieblingsgehege Sr. Majestät) ist ein sehr ansehnliches Schlößchen im bekannten Styl, hcllrothe Ziegel und hellbraunes Holzwerk, aufgeführt worden, in der abgelegenen See-Au hinter dem Leopoldstciner See befindet sich ein kleines, einfaches Jagdhaus, in dem der Kaiser schon zu Sechsen übernachtet hat, denn in der Nähe, auf den schroffen Abstürzen der „Seemäuer" hat er seinen Stand. Sogar auf dem „Radmer-Hals" oben, auf der Paßhöhe, welche aus der Ramsau in die Radmer hinüberführt, fand ich im Walde eine große kaiserliche Blockhütte sammt Nebengebäude, ganz hinterwäldlerisch anzusehen, mit bodenfesten Tischen und Bänken einfachster Konstruktion im Freien, gerade zu waidmännischem Imbiß tauglich. Von Luxus oder gar kaiserlicher Pracht ist in allen diesen Bauten nichts wahrzunehmen; die Begriffe des Malerischen, Romantischen, welche man wohl an der Hand Walter Scott'scher und Georges Sand'scher Romane an fürstliche Jagdschlösser im Hochlande knüpft, treffen hier nicht zu. Ländliche Eleganz höchstens und ein bescheidenes Maß an Bequemlichkeit; oft noch viel weniger als das. Wenn man von Mürzsteg über den Scheiterboden geht, sieht man einmal am Wegrande zwei steinerne Stufen in's Erdreich eingefügt, als Schwelle des Pfades, der den Kaiser zu seinem Standplatze auf dem Berge führt. Solche kleine Veranstaltungen bedeuten schon Jagdluxus. Manche Kavaliere fassen dieses Wort ganz anders auf. In Johnsbach z. B., einem der wildesten Seitenthäler des „Gesäuses", wo eine Zeit lang der auch in Budapest wohlbekannte Fürst Boris Czetwertinsky eine Jagd hielt, steht ein Jagdhaus des Fürsten. Von außen der rauhen Umgebung angemessen, soll es im Innern eine Pracht geborgen haben, wie sie in solcher weltentrückter Einöde wohl selten angetroffen wird. Es sollen ganz Makart'sche Interieurs gewesen sein, voll kleiner und großer Kunstwerke, kostbarer Waffen, seltener Gewächse, Pariser Luxus-Möbel, orientalischer Teppiche, Löwen- und Eisbärenfelle u. s. f. Jetzt ist das Haus still und die Pracht ist erloschen. Johnsbach wird Achnliches kaum wieder sehen. In der Bevölkerung des Gebirges aber lassen derartige Wunder gewisse Spuren zurück, und wer weiß, ob aus diesem Keime nicht irgend einmal die Volksphantasie ein Rübezahl- oder Alpcnkönig-Märchsn machen wird, zum großen Entzücken des Germanisten, der es dann zufällig entdeckt und publizirt, ohne zu ahnen, wo die letzten Wurzeln der merkwürdigen Geschichte stecken. Er mag in diesem Falle das vorliegende Feuilleton nachschlagen. Mise - lleir. (Billige Heizung.) Der Professor Taubmann zu Wittenberg gab einem Studenten den Rath, wie er mit einem Fuder Holz den ganzen Winter auskommen könne. „Wenn Sie ein Fuder haben," sagte er, „so lassen Sie es in den Keller bringen. Wenn es Sie nun zu frieren anfängt, so tragen Sie ein Scheit nach dem andern auf den Speicher, bis Ihnen warn: ist; wenn es Sie darnach wieder friert, so tragen Sie das Holz wieder herunter in den Keller, da wird Ihnen schon wieder warm werden, und so oft Sie friert, sangen Sie immer wieder von vorne an; billiger können Sie keine Heizung haben." (Ein Neujahrswunsch.) Am Vorabend des Neujahrstages beschloß eine Lehrerin die Schule mit der Rede an ihre Schulmädchen: „So, ich wünsche Euch Glück zum neuen Jahr, und daß Ihr fleißiger und braver werdet, als im vergangenen Jahre." — „Ich danke", erwiderte eines der kleinen Mädchen ganz schüchtern, „wünsche ebenfalls." (Ein Ochs als Lederverfertiger.) An ein Stück Sohlleder, das auf einer Ausstellung von Gewerbe-Erzeugnissen in Stuttgart zu sehen war, hatte der ehrliche Gerber, von dein es herrührte, einen Zettel geheftet mit den Worten: „Dieses Leder ist von einem inländischen Ochsen verfertigt." (I m Wirthshaus e.) Der alte Stammgast Aufschläger Rumpelmeier, tritt soeben in'S Gastzimmer und ruft der Kellnerin zu: „Nani ist frisch angezapft?" — Kellnerin: „Ja frcili, Herr Aufschläger, schon lange." „Welches ist die größte Merkwürdigkeit im Räthsel der weiblichen Natur?" — wurde in einer Gesellschaft ein Jude gefragt. „Das will ich Ihnen sagen," antwortete der Jude, „daß man mitunter auch bei einer tauben Dame Gehör findet." Original-Charade. * Ein heilig Weib, zu hohem Zweck erkoren, Ward, wie die Chronik sagt, in mir geboren. Laßt ihr das erste Zeichen, Bon seiner Stelle weichen, Und setzt ein anderes dafür, So fanden Tausende den Tod in mir. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literariscl-en Instituts von Dr. M. Huttler.. zur Mgslmrger Postzeitimg. Nr. 22. Mittwoch, 15. September ^1880. Wenn alle Welt den Armen läßt Und wenn kein Herz ihm bliebe, Am ew'gen Himmel stehst Dn fest, Stern heiliger Mutterliebe. Im mer^.an n. Der Herr Daran. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Nicht möglich! rief Brückenburg ganz betroffen. Tischen Sie mir nicht ein Märchen stuf? Eine Fürstin sollte diesen Burschen gehcirathet haben! — Dieser Gedanke allein schien den Grafen zu beschäftigen und aus der Fassung zu bringen. Es ist eine Thatsache. Iwan hat als Baron Bloomhaus eine italienische Fürstin heimgeführt, die noch dazu ein kolossales Vermögen besessen hat. Das ist unerhört! schaltete Brückenburg ganz entrüstet ein. Er hat dann große Reisen gemacht! fuhr Nasinsky ruhig fort. Zuletzt in Paris ein ungeheuer verschwenderisches leichtsinniges Leben geführt, seine Frau völlig vernachlässigt, die schließlich Verdacht geschöpft, sie könne es wohl mit einem Abenteurer zu thun haben und, um allen unliebsamen Erörterungen aus dein Wege zu gehen, hat er einfach seine Frau vergiften lassen. Unglaublich! dieser nichtswürdige Bursche! rief der Graf mit sittlicher Entrüstung aus. Nicht genug damit! Der schlaue Patron hat einen Todtengräber bestochen und in nächtlicher Weile die Leiche seiner Gattin mit einer anderen vertauschen lassen, um vor jeder Entdeckung seines Verbrechens sicher zu sein, und als er wirklich des Giftmordes angeklagt wurde, kam er auf diese Weise noch einmal aus der Schlinge. Und Sie erzählen mir keinen Roman, lieber Rasinsky? fragte der Graf äußerst lebhaft. Ich würde mich nicht erdreisten, Ihnen solche Phantasiegebilde zu liefern, entgegnen der Advokat mit seinem ruhigen, kühlen Lächeln. Es sind einfache, nüchterne Fakta, die ich Ihnen vorgetragen habe. Und wie sind Sie zu dieser Wissenschaft gekommen? forschte Brückenburg eifrig weiter. Ein günstiger Zufall hat mir eine sehr wichtige Zeugin zugeführt, Hie an der furchtbaren Tragödie mit bctheiligt ist. Eine ehemalige Geliebte des Schurken, nicht wahr? fragte der Graf hastig. Sie haben es getroffen Herr Graf, antwortete Rasinsky, der jetzt kaum ein Lächeln unterdrücken konnte. Wo es sich um Frauenzimmer-Angelegenheiten handelte, da entwickelte fein Auftraggeber einen ungewöhnlichen Scharfsinn. Das war gar nicht schwer zu errathen. Ein Mädchen, das leidenschaftlich liebt, läßt sich zu jeder Schandthat mißbrauchen, spielt aber auch am ehesten die Verrätherin, sobald sie von dem Geliebten betrogen wird. Ganz unser Fall, bemerkte der Advokat, nun doch etwas überrascht, daß der Graf so genau das Richtige getroffen hatte, und er erzählte ihm, aus welche Weise er zu seiner Wissenschaft gekommen sei. Der Graf nickte zustimmend mit dem Kopfe. Er empfand einen heimlichen Triumph, daß seine Auseinandersetzung durch den Bericht Rasinsky's bestätigt wurde, und er fragte jetzt lebhaft; Was gedenken Sie nun zu thun? Ich werde die Sache sogleich bei Gericht anhängig machen und auf Verhaftung des sauberen Paares antragen. Gut, sagte Brückenburg, und ich hätte nur dabei den einen Wunsch, daß die Geschichte so geheim wie möglich betrieben würde, damit der Schlag die Leutchen um so unerwarteter träfe; denn ich fürchte, daß sie uns sonst im letzten Augenblick noch entschlüpfen. Ich werde dafür sorgen, versicherte Rasinsky und der Graf wußte, daß er sich aus den Advokaten verlassen konnte. VII. Die plötzliche Verhaftung der Baronin Vloomhaus und ihres Kammerdieners erregte in den weitesten Kreisen das ungeheuerste Aufsehen. Anfangs wollte man die Nachricht gar nicht glauben; — die schöne, geistreiche, viel umschwärmte Wittwe eine Betrügerin — das war ja unmöglich! bis endlich nähere Mittheilungen über den Grund dieser Maßregel in die Oeffentlichkeit drangen und die dunklen Gerüchte bestätigten, die in Umlauf gesetzt worden. Als die Gerichtsbeamten in Vloomhaus erschienen, um die Französin zu verhaften, spielte sie anfangs die Empörte und mit wahrhaft königlicher Haltung verbat sie sich dies freche, unerhörte Eindringen. Mit der steigenden Erkenntniß, daß sich diese Barbaren doch nicht einschüchtern ließen, änderte sie plötzlich ihr Benehmen. Sie verlegte sich auf's Bitten und beschwor unter heißen Thränen und mit wahrhaft rührender Geberde die Beamten, ihr wenigstens die Freiheit zu lassen, sie sei völlig unschuldig und als auch dieses Mittel bei den rauhen Männern nicht verfing, schlug die weiche gebrochene Stimmung wieder um und sie überschüttete die Schergen des Gerichts mit den heftigsten Vorwürfen und Anklagen und schließlich wollte sie nur der rohen Gewalt weichen. Unter wildem, verzweifeltem Geschrei wurde sie in den mitgebrachten Wagen geschleppt und in's Gefängniß abgeführt.' Ruhiger fand sich Iwan um sein Schicksal. Er suchte zwar anfangs gegen seine Verhaftung ebenfalls sehr lebhaft zu protestiren; aber als man darauf gar nicht hörte, und ihn ohne Weiteres mit Stricken band und ziemlich unsanft vorwärts stieß, schien er zu ahnen, daß vorläufig doch jeder Widerstand gegen die rohe Gewalt unnütz sei; er murmelte nur zwischen den zusammengepreßten Zähnen: Ah, diese Schlange! und indem Gedanken au diese heimtückische Italienerin ballte er unwillkürlich die Fäuste, denn er glaubte ganz bestimmt, daß dieser Schlag nur von ihr kommen müsse. Darum nahm er auch seine Verhaftung ziemlich leicht. Er hoffte doch, dem Netz noch einmal zu entschlüpfen, das ihn: jetzt über das Haupt geworfen worden. Bei ihrer ersten Vernehmung zeigte sich die Französin äußerst schwierig. Mit unerhörter Zungenfertigkeit betheuerte sie ihre Unschuld und der Untersuchungsrichter ließ ruhig diesen Nedeguß über sich ergehen. Wenn er auch leidlich französisch verstand, hatte er doch zu seiner Bequemlichkeit einen Dolmetscher herbeigezogen. Als die schöne Frau endlich mit einer theatralischen Geberde, ganz erschöpft auf die harte Bank zurücksank, ließ erst der Beamte durch den Dolmetscher die nöthigen Fragen stellen. Die Angeklagte schnellte sogleich wieder empor und vertheidigte von Neuem ihre Unschuld. Sagen sie ihr, wandte sich der Richter zu dem Dolmetscher, daß sie visrundzwanzig 171 Stunden bei Wasser und Brod eingesperrt wird, wenn sie nicht einfach und vernünftig nur die Fragen beantwortet, die ich an Sie stellen werde. Diese Drohung wirkte. Die Schauspielerin warf nur auf den alten grauen Barbaren einen vorwurfsvollen Blick; aber sie hielt fortan ihre Zunge in den gehörigen Schranken. Auch jetzt noch wußte sich die ehemalige Bühnenkünstlerin mit großem Geschick zu vertheidigen. Sie bestritt jede Wissenschaft von dem gespielten Betrüge. Sie habe in Paris einen Baron Bloomhaus gcheirathet, der auf der Reise plötzlich gestorben; sie sei deshalb die einzige und rechtmäßige Erbin ihres verschiedenen Mannes. Für die Auskunft des Jrrcnhausdirektors hatte sie nur ein verächtliches Lächeln und weil sie jetzt in ihrer Vertheidigung sich kurz fassen mußte, drängte sie dieselbe in die Worte zusammen: Das ist ein schändliches Komplott, das von meinem Vetter, dem Baron Bloomhaus und seinem saubern Freunde, dem Grafen Brückcnbura, gegen mich geschmiedet worden. Die Richter in Rußland wenden noch immer gegen störrische Gefangene ein Mittel an, das bei uns längst abgeschafft worden. Auch die Geduld des alten Beamten war bereits erschöpft und er nahm zu dieser ultimn rutio seine Zuflucht. Wenn Sie nicht ein offenes Bekenntniß ablegen, dann erhalten sie einige Stockschlüge, ließ er der Schauspielerin durch den Dolmetscher sagen und ein herbeibefohlener Kosack gab dieser Drohung den nöthigen Nachdruck. Beim Anblick des Kosacken und seiner Knute stieß die schöne Frau einen furchtbaren Schrei aus; sie erbebte an allen Gliedern und todtenbleich mit gefallenen Händen keuchte sie hervor: Um Himmelswillen! Nur das nicht! Ich will alles bekennen! Der Beamte winkte ihr nur schweigend zu und sie fuhr in großer Aufregung sortb Jedes Wort, was ich jetzt sagen werde, ist die volle Wahrheit! O ich bin namenlos unglücklich! und ein Strom folgte diesen Worten. Ein ungeduldiges Husten des Richters machte rasch wieder ihrer Verzweiflung ein Ende, und hastig ihre Thränen trocknend,, begann sie von Neuem: Als ich Iwan hcirathete, habe ich nicht die leiseste Ahnung davon gehabt, daß er nicht der rechte Baron Bloomhaus sei. Er hat mir bis lange nach unserer Verheirathung alles verschwiegen, das ist so wahr, als ein Gott im Himmel lebt! — und sie hob feierlich die Hand in die Höhe. Ich lernte Baron Bloomhaus kennen, als er noch verheirathet war; er klagte mir, wie unglücklich er mit seiner Gattin lebe, die beschränkt und überfromm ihn nicht verstehe und als seine Gattin plötzlich starb, bot er mir nach kurzer Zeit seine Hand an. Ich liebte ihn bereits tief und leidenschaftlich und wurde mit Freuden seine Gattin, ohne zu ahnen, welch' furchtbares Geschick mich dadurch erreichen würde. — Sie hielt einen Augenblick in ihrer Rede inne und fuhr mit dem Taschentuch über das heiß gewordeue Antlitz. Erst weit später, als die Nachricht von dem Tode des echten Barons eintraf, be° kannte er mir alles, fuhr die schöne blasse Frau nach einem tiefen Athemzuge fort. Unser Vermögen war völlig zusammengeschmolzen und nun entwarf er mir den kühnen Plan, daß ich als Wittwe des Barons in Bloomhaus auftreten möge. Er müsse dort freilich die Rolle des Kammerdieners wieder übernehmen, weil man ihn überall in der Hcimath wiedererkennen werde. Anfangs war ich über diese Enthüllungen entsetzt und empört, denn es war für mich ein furchtbarer Schlag, ich wollte den ehemaligen Bedienten verächtlich von mir stoßen; aber er beschwor mich auf seinen Knieei:, ihn nicht elend zu machen, ich möge ihn tödten, aber nicht verlassen und ich konnte seinen stürmischen Bitten nicht widerstehen, denn ich liebte ihn und liebe ihn noch jetzt. Sie brach von neuem in Thränen aus und selbst der alte Kriminalbcamtc hielt sie diesmal für echt. Er konnte der schönen unglücklichen Frau seine Theilnahme nicht versagen. Die ehemalige Baronin wurde in das Gefängniß zurückgeführt und nun folgte die Vernehmung ihres Gatten. (-chluß solgt.) 172 Zur Vollendung des Domes zu Kölu (Aus dem Wochenblatt für Architekten und Ingenieure ) Nuue 68t bidonäum - Der 14. August 1880 war ein Freudcntag für ganz Deutschland. Ein Ehrentag war es in der Baugeschichte unseres Vaterlandes: auf deutschein Boden steht durch deutsche Kunst und deutschen Fleiß die herrlichste gothische Kathedrale vollendet. Durch drei Jahrhunderte hindurch ist der Krähn des unvollendeten Süd-Thurmes das Wahrzeichen der Stadt Köln gewesen und in Verbindung mit der alten Sage von dösen Gewalten, die unter der Erde gegen den Felsen des Domes anarbeiten, hatte die Ueberzeugung sich eingewurzelt, daß das Bauwerk nicht vollendet werden könne. „Eher glaube ich, daß der Dom fertig wird", so lautete bei ganz^ unglaublichen Dingen noch der Ausspruch unserer Großvater, und auch in hochgebildeten Kreisen ward der Fortbau des Domes als eine müßige Idee betrachtet. „Der perspectivische Aufriß gibt uus den Begriff der Unausführbarkeit eines so ungeheuren Unternehmens, und man sieht mit Erstaunen und stiller Betrachtung das Märchen vom Thurme zu Babel an den Ufern des Rheines verwirklicht", so schrieb über die Dom-Zeichnungen von Sulpiz Boisseräe im Jahre 1810 kein geringerer als Goethe. Wir aber sehen heute diesen babylonischen Thurm vollendet, wir sehen ihn in seiner Herrlichkeit hoch in die Lüfte ragen. Stein- gebildet ist es ein gottgleicher Niese, der das All überragt, der sein Haupt in den Wolken des Himmels verhüllt, während den Fuß das Pygmäengeschlecht umfluthet, aufblickend zu ihm aus dem Jammer der Erde. Außerordentlich wie seine Größe ist auch die Geschichte des Bauwerkes. Gegründet im Zeitalter der Frömmigkeit nnd der Wallfahrten durch einen mächtigen kathol. Kirchen- sürsten, hatte es zu leiden unter dem Verfall des religiösen Lebens und war unrettbar der Zerstörung anheimgegeben, wenn nicht das Haupt der protestantischen Fürsten in Deutschland aus echter und wahrer Kunstbegeisterung das Vermächtnis) Konrads von Hochsteden angetreten hätte. Wunderbar ist auch jene Kette, von Zufälligkeiten, welche die ältesten Nisse des Domes als werthloses Gsrümpel weit weg in fremde Hände fallen ließ, dann aber die Wiederentdeckung nach zwölf Jahren herbeiführte, als die Landwehr den Freiwilligen von 1814 einen Ball gab und Herr Fritsch, der Eigenthümer der „Traube" in Kassel, auf seinem Boden Material zu einem Transparentbild suchen wollte. Wenn der Maler Seekatz nicht zufällig Möller kannte; was dann? Auch Boisseröes Entdeckung in Willemin war dann unwahrscheinlich. Geheimnißvoll ist auch noch heute das Dunkel, das den Urheber des großartigen Planes umgibt. Ist es wirklich Gerard von Ryle, auf welchen die dürftigen Quellen als den Erbauer des HeiligthumS hinweisen, oder dürfen wir an Albertus Magnus denken, dem der Sage nach die Mutter Gottes im Traume den Plan des Domes soll vorgezeichnet haben? Albertus war ohne Zweifel in der Mathematik außerordentlich begabt und die Geometrie bildet die Grundlage der Architektur. Vincentius JustinianuL nennt ihn einen sehr geschickten Architekten, und in der Bibliothek der hl. Sabina zu Nom soll eine Handschrift besagen, daß er zum Chorbau der Predigerkirche in Köln den Bauleuten den Plan zum Bau übergeben habe, „nach der wahren Meßkunst eingerichtet." In dem Geburtsorte Alberts, in Lauingen an der Donau, wird am 15. November, an seinem 600. Todestage, dem Gelehrten ein Denkmal gesetzt, und es steht zu hoffen, daß bei dieser Gelegenheit sein Leben sorgfältiger, wie bisher, durchforscht erscheinen wird. Gleichviel wer der Meister ist, dessen Werk, wie einstmals die Leiber der hl. drei Könige die frommen Pilger aus aller Welt herangezogen, nun als ein Tempel der Kunst die Gebildeten aller Nationen herbeiführen wird, gleichviel, wer es ist, dessen Geist den gewaltigen Gedanken schuf, dessen erhabene Idee dieses Juwel der Baukunst auf deutschem Boden erstehen ließ; wir danken dem gütigen Geschicke, das uns diesen frohen, langersehnten Tag erleben ließ, und gedenken gern derer, die an dem großen Werke mit thätig waren. 173 72: Seit der nach verbürgten Nachrichten am 14. August 1248, an dem Todestage des Erzbischofs Neinald von Dassel (si 1167), erfolgten Grundsteinlegung werden hinter Gerard und Ryle, genannt Meister Arnold, dessen Sohn Johann (st 1330), Meister Rütger, Meister Michael, Andreas von Everdingen, Nikolaus von Buren (st 1446), Konrad Kuyn, Johann von Frankenberg. Die Ausführung der Fundamente, welche nachweislich über 40 Fuß Tiefe haben und demgemäß wohl auf der Nheinsohle aufsetzen, muß eine lange Reihe von Jahren in Anspruch genommen haben. Laut einer 1868 gefundenen Inschrift hat 1271 (?) schon Albertus Magnus einen der neuen Altäre geweiht; 1297 konnte Gottesdienst in den Chorcapellen abgehalten werden. 27. Sept. 1322 war der Chor selbst vollendet. Bald nachher begann die Fundirung des nördlichen Querschiffs und 1325 die des südlichen. 1388 wurde ein Theil des Langschiffes dem kirchlichen Gebrauch übergeben und 1447 war der südliche Thurm genügend gefördert, um die alten Domglocken darin aufhängen zu können. Ende des 15. Jahrhunderts gab man die Hoffnung auf, den Bau vollenden zu können und versah ihn mit provisorischen Dächern, deren mangelhafte Einrichtung den Verfall in der Folge sehr begünstigen mußte. Im 16. Jahrhundert geschah ebenfalls so gut wie nichts für den Bau, und auch im 17. und 18. Jahrhundert sind fast nur moderne Veranstaltungen des Innern zu verzeichnen. Als im Verlaufe der ersten Revolution die Franzosen Köln besetzten, wurde die Kirche zu einem Magazin eingerichtet und so dem Untergang entgegengeführt. — Nachhaltiger wie Georg Förster und Friedrich Schlegel lenkte Sulpiz Boisseröe (st 2. Mai 1854) durch sein Prachtwerk die öffentliche Aufmerksamkeit auf die kostbare Bau- reliquie und nahm 1811 bei einem Besuche Napoleons Anlaß, ihn um eine Unterstützung dieser Bestrebungen anzugehen — aber, Gott sei Dank, erfolglos. Gott sei Dank! denn so blieb die Ehre des Friedenswerkes ungeschmälert den Deutschen. Von einschneidender Bedeutung ist der Besuch Friedrich Wilhelms, den derselbe am 16. Juli 1814 mit Gneisenau, Knesebeck und Ancillon dem Dome abstattete, bei welcher Gelegenheit Boisserse es gelang, in dem kunstsinnigen Prinzen, der die Zeichnungen bereits im November 1813 in Frankfuhrt gesehen hatte, eine hohe Liebe für den Kölner Dom zu erwecken, die er bis an sein Ende treu und hingebend bewahrt hat. Ihm und dem Einfluße C. F. SchinkelS, dessen Gutachten vom 3. September 1816 sich für Erhaltung des DomeS aussprach, gelang es, zunächst die nothwendigsten Mittel flüssig zu machen, mit Hülfe deren die schlimmsten Uebelstände wenigstens beseitigt werden konnten. „Der gute Bau- inspettor Ahlert", wie Schinkel 1824 schreibt, leitete vom Jahre 1821 ab diese ersten mühsamen Arbeiten, die nichts weniger wie dankbar waren. Friedrich Adolph Ahlert starb am 10. Mai 1833. Am 14. August desselben Jahres übernahm der Landbau- meistcr Ernst Zwirncr (geb. am 28. Februar 1802 zu Jacobswalde in Schlesien, gestorben den 22. September 1861 zu Köln) die Fortsetzung der Wiederstellungsarbeiten, und er ist es eigentlich, der den Gedanken des völligen Ausbaues gefaßt und immer festgehalten hat. Demgemäß stellte auch Zwirner der ursprünglich gewählten Holzeindeckung gegenüber die Forderung der Einwölbung der Schiffe auf, welcher auch Schinkel bei seiner letzten Anwesenheit in Köln (14. August 1838) rückhaltslos zustimmte. Dieses Project, das unter Fortlassung der Strebebögen aufgestellt war, erhielt auf Grund des Anschlages von 1,200,000 Thlr. durch Eabinetsordre vom 12. Februar 1842 die allerhöchste Genehmigung, wurde aber nach Organisation des Dombauvercins (14. Febr. 1842), welcher am 8. Dezember 1841 provisorisch zusammengetreten war, kurz darauf um die Ausführung der Strebebögen erweitert, die sich für einen Kostenaufwand von 800,000 Thlr. erfordern sollten. Bei der feierlichen Grundsteinlegung am 4. September 1842 erklärte Zwirner, mit der Summe von 2,000,000 Thlr. in zwanzig Jahren den Dom mit Ausschluß der Thürme fertig stellen zu wollen, und er hat Wort gehalten. Bis 14. August 1848 war über den Langhallen das Nothdach fertig geworden; 174 1855 stellte Zwirner das Project eines eisernen Dachstuhls mit eisernem Mittelthurms (109,8m) auf, welches nach langen Verhandlungen am 14. August 1859 von der technischen Baudcputation genehmigt wurde. Oktober und November 1855 wurden die Schlußblumen der Portale an der Süd- und der Nordseite aufgebracht und die Vollendung der Schisse mit Einschluß des Dachreiters am 15. Oktober 1863 feierlich begangen. Dreißig Jahre lang war es Zwirner vergönnt, als Dombaumcister thätig zu sein, und seiner Energie und seiner Hingabe an die große ihm gestellte Aufgabe ist es hauptsächlich zu danken, wenn die Kölner Bauhütte in ihren Leistungen einen so erheblichen Aufschwung nahm, daß dieselbe auf der Pariser Ausstellung von 1855 die goldene Ehrcnmedaille erhielt. Aus der Domhütte, das darf man nicht vergessen, gingen Männer hervor, wie Friedrich Schmidt in Wien, Vincenz Statz in Köln und F. Schwitz, der Verfasser des neuesten großen Werkes über den Kölner Dom. Zwirners Nachfolger, der Landbaumcister Richard Voigtel, der schon am 3. April 1855 bei dem Dombau eingetreten war, fand sich vor eine außerordentliche Aufgabe gestellt, nämlich vor die der Fertigstellung der Thürme. Der Aufbau dieser Kolosse mit der Aufbringung der Niesen- glocken, der Construction der Thurmhclme und der Versetzung der Kreuzblumen in einer noch nie dagewesenen Höhe ist an und für sich ein technisches Meisterstück, das den Namen Voigtels mit dem des Domes auf immer eng verbinden muß. Zu einer solchen Arbeit genügt nicht die künstlerische Begabung, nicht die wissenschaftliche Befähigung, hier tritt ein anderes Moment hinzu: die Pflichttreue. Ohne diese letztere wäre eine solche Aufgabe nie zu lösen gewesen, und Deutschland darf dem beneideuswerthcn Baumeister einen Ehrcnkranz reichen mit der Aufschrift: inAenIo et virtuti. Das deutsche Volk hat sich aber auch selbst ein Ehrenzeugniß ausgestellt, indem es den königlichen Schutzherrn nicht verließ und unbeirrt durch politische Wirren und religiöse Zwistigkeiten dem kühnen Unternehmen seine Theilnahme nicht entzog. In Liebe hatte sich Alldeutschland zusammengefunden in den Dombauvercinen, die sich auch außerhalb bis Antwerpen und Wien, ja, über das Meer hinüber bis Mexico erstreckten, und unter denen der bayerische und Berliner Dömbaüverein sich besonders hervorthaten. Ueber 25 akademische Hülfs- vereine wirkten neben 190 Localvereinen, abgesehen von den ausgedehnten Sammlungen, die an Gymnasien und Elementarschulen ins Werk gesetzt wurden. Der „Domgroschen", die „Kathedralsteuer", die großen Summen aus Concerten von Franz Liszt in Berlin (1841), von Ferdinand Hitler in Nom (1842), vor allem von dem Kölner Männer- Gesangverein und zahlreichen Liedertafeln in Aachen, Brüssel, Münster und Neifse beweisen, wie tief der Gedanke des Domausbaues überall Wurzel geschlagen hatte. Die Summen, die auf solche Weise theils aus Privatkreisen, theils aus öffentlichen Mitteln seit 1821 in die Dombaukasse geflossen sind, betragen bis heute 18 Milk. Mark, die so ziemlich zu gleichen Theilen auf die Thürme und den Ausbau der Kirche selbst verwandt wurden. Diejenigen Summen, welche die frühern Jahrhunderte für das Gebäude aufbringen mußten, namentlich diejenigen Gelder, die in den kolossalen Fundamenten ruhen, sowie die zum Ankauf benachbarter Grundstücke erforderlichen Opfer ergeben mindestens einen ebenso hohen Betrag, so daß der Dom heute einen Gesammtwerth von 40 Mill. Mark repräsentiern wird. Höher anzuschlagen wie dieser materielle Werth ist die Bedeutung des Domes für die Zukunft als ein Vorbild und eine Schule gothischer Baukunst, für immer aber ist er ein Mehrer und Erhalter deutscher Einheit, er, der in den Jahren der größten Zerrissenheit unseres Vaterlandes ein gemeinsames Band zu knüpfen verstanden hat. König Wilhelm von Holland hat einst den Grundstein des Domes gelegt; so möge jetzt unter Wilhelm dem Deutschen die Weihe des vollendeten Werkes vollzogen werden, mit welchem die Erinnerung an Deutschlands Größe auf Jahrtausende hinaus verknüpft sein wird. Erscheint aber dieser frohe Tag, dann möge die Genossenschaft nicht säumen, durch rege Theilnahme, fern oder nah, die der Baukunst gebührende Stellung zu wahren. 175 Das Athmen und die AthmungSkur. Wenn man erwägt, daß den Lungen allein die Aufgabe zufällt, das Blut zu reinigen und es in den Stand zu setzen, allen Theilen des Körpers immer frische Nahrungsstoffe zuzuführen, wenn man ferner erwägt, daß die Lungen die Hauptorgane sind, durch welche die verbrauchten Stoffe aus dem Körper ausgeschieden werden, so muß die Nothwendigkeit, sie in gesunder Thätigkeit zu erhalten und mit der für die Ausübung ihrer Functionen unerläßlichen gesunden Nahrung zu versehen, Jedermann einleuchten. Die gesunde Nahrung aber ist möglichst reine, sauerstoffhaltige Luft. Eben deshalb müssen aber auch die nach- theiligen Folgen, die sich ergeben, wenn man die Lungen mit Luft speist, die entweder schon geathmet war oder durch Gas ihres Sauerstoffes beraubt ist, klar vor Augen treten. Bei sitzender Arbeit in ungenügend gelüfteten Zimmern ist die unwillkürliche Thätigkeit der Lungen nur schwach — zu schwach, um das Blut durch den cingeathmeten Sauerstoff gehörig zu reinigen, zumal wenn jede Körperbewegung fehlt, welche die Thätigkeit der Lungen beschleunigt und sie veranlaßt, eine größere Menge Sauerstoff einzu- athwen. Wenn die Lungen auf diese Weise Tag für Tag und Monat für Monat ihrer nothwendigen Nahrung beraubt werden, so ziehen sie sich zusammen und wo eine Anlage zur Schwindsucht vorhanden ist, wird sie vollständig entwickelt. Noch mehr, wenn durch die verminderte Thätigkeit der Lungen zu wenig von den verbrauchten Stoffen aus dem Körper ausgeschieden wird, so sammeln sich diese allmählich in demselben an und werden in Folge davon eine fruchtbare Quelle körperlicher Leiden. Auf diese Weise werden bei einem Individuum die Keime von Gicht entwickelt, während bei anderen Schwindel und Kopfweh eintreten. Diejenigen, die an schwacher Verdauung leiden, werden ihre Beschwerden vermehrt sehen, indem Sodbrennen, Magendrücken und Blähungen sich säst nach jeder Mahlzeit einstellen. Diejenigen endlich, welche an Herzklopfen leiden, werden eine Steigerung ihres Uebels wahrnehmen. Wenn wir aber auch von den Übeln Folgen, welche eine systematische Entziehung der Luft auf den Körper auszuüben vermag, absehen wollen, so bleibt es doch eine unleugbare Thatsache, daß die Fähigkeit für geistige und körperliche Arbeit in einem schlecht gelüsteten Gemach wesentlich vermindert wird. In diesem Falle wird es oft schwierig, die Gedanken auf einen Gegenstand gehörig zu concentriren; es zeigt sich öfters ein Gefühl von Tollheit und Schwere im Kopf, der Körper wird leicht ermüdet und eine allgemeine Abspannung macht sich fühlbar. Wenn sich dann endlich der Zustand der Gesundheit derart gestaltet, daß er der Aufmerksamkeit nicht mehr entgehen kann, wie selten wird diest Aufmerksamkeit auf das gerichtet, was der Körper in Wirklichkeit verlangt! Und wie oft setzen die Patienten ihren ganzen Glauben nur einzig und allein auf Arzneien, während sie die Regeln einer vernünftigen Lebensweise ganz vernachlässigen! Seltsam, daß man das höchste Vertrauen nur auf Dinge setzt, die nicht immer leicht zu erlangen sind, während der Rath, tief zu athmen, die Lungen zur vollen Thätigkeit anzuregen und sie nur mit frischer Luft zu speisen, welche überall umsonst zu haben ist, schon wegen seiner Einfachheit häufig genug mit Mißtrauen aufgenommen wird. Und es ist ja doch bekannt, daß das Leben erlöschen muß, wenn uns die Luft nur wenige Minuten entzogen würde. Können wir angesichts dieser unleugbaren Thatsache uns noch darüber wundern, daß die Gesundheit darunter leiden muß, wenn wir der Lunge einen Theil jener Nahrung entziehen, welcher nothwendig ist, um die wichtigsten Verrichtungen des Lebens in gehöriger Weise zu vollziehen? Die Wichtigkeit der Athmungskur (Atmiatrie) kann gewiß nicht bezweifelt werden und weisen wir daher kurz aus das Verfahren hin. Dasselbe besteht einfach darin, daß man in freier Luft oder an einem offenen Fenster mit hinter dem Kopfe zusammengefalteten Händen, um durch Zurückwerfung der Schultern der Brust die gehörige Ausdehnung zu geben, ties.einnthmet, den Athem einige Minuten hält und das Tiefathmen ^ ' 1 , 2 176 auf dieselbe Weise öfters wiederholt. Dies sollte stets ohne besondere Anstrengung geschehen. Solche Athmuugsübuugen nimmt man täglich mehrmals vor. Die Athmungskunst als Heilmittel ist seit mehr als 2000 Jahren in Gebrauch. Die alten Aerzte, Celsus und Galen, empfehlen unter Anderem das Athemhalten als Mittel, um die thierische Wärme in den inneren Organen zu vermehren, die Brust auszudehnen, die Lungen zu stärken, sie von allen Unreinigkciten zu befreien, die Poren der Haut zu öffnen und das Gewebe der Haut selbst zu verdünnen und so zu bewirken, daß die wässerigen Theile des Blutes leichter verdunsten können. Als heilkräftig erweist sich die Athmungskur bei allen Zuständen einfacher Brust- schwäche, bei großer Geneigtheit zu Brust- und Luftröhrenbeschwerden, bei Husten, die bei jeder geringen Erkältung eintreten*), bei asthmatischen Beschwerden, bei Anlage zu Lungenschwindsucht u. s. w. Ferner durch Verbesserung des Blutes auch bei Gicht, Rheumatismus, Hümorrhoiden, Eongestionen, Herzleiden, Verdauungsbeschwerden rc. Bei entschiedener Anlage oder bereits begonnener Brustkrankheit, um so mehr bei wirklich bestehender Schwindsucht, müssen aber die Athemübungen mit großer Vorsicht und nur allmählig vorgenommen werden, da eine zu große Anstrengung durch Blutandrang nach der Brust schaden, durch Lungenblutung sogar höchst gefährlich werden kann. In den meisten anderen Fällen wirken sie dagegen niemals nachtheilig, sondern nur wohlthätig. Unter allen Verhältnissen sollte man sich daran gewöhnen, nur durch die Nase zu athmen, schon deshalb, um beim stärkeren Einathmen durch den Mund nicht zu viel Luft in den Maaen zu pumpen (Fundgr.) M i s e e l l e 11. (Leicht zu erklären.) Als in einer Gesellschaft an einen Americaner die Frage gestellt wurde, wie es doch komme, daß in unsern Tagen so viele Mannspersonen unver- heirathet bleiben, antwortete er: „Das ist leicht zu erklären; betrachten Sie doch unsere jungen Damen! sie sind wie die Lilien aus dem Felde; sie nähen nicht, sie spinnen sticht, und sind herrlicher gekleidet, als Salomo in aller seiner Pracht." (Keine Ehehälfte.) Eine sehr heroische Frau bemerkte einst in einer Gesellschaft, baß es nicht immer recht sei, wenn der Mann die Frau „Ehehälfte titulire, denn — memts sie — ich führe z. B. unser Geschäft ganz allein, und mein Mann thut beinahe gar nichts; also bin ich doch mehr wie Ehehälfte! — Ein Oesterreicher, der auch zugegen war, antwortete hierauf: „dann sind Sie halt a Eheganz." (Logischer Schluß.) Schusterjunge: „O mein Jutester, Sie stammen gewiß aus einer sehr fruchtbaren Jegend?" — Vagabund: „Warum das, Du Schlingel?" — yNun, weil Ihnen sogar die Füße durch die Stiefel jewachsen sind." Buchsiaherrrcbus. 0 1c 6 8 Auslösung des Buchstabcnrebus in Nr. 20: „Jmorlelle." *) Personen, die früher im Winter und Frühjahre regelmäßig an beschwerlichen und langwierigen Luftröhren- und Luiigcnkatarrhcu litten, sind nach vielfach vorliegenden Erfahrungen selbst in sehr vorgerücktem Alter durch ausdauernde Anwendung der Athcmkur schon mährend der Sommer» Und Herbstmouate von der Wiederkehr der Anfälle befreit worden. Wr die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. M. Huttlcr zur „Äilgsbnrger PostMimg." Nr. 23. Samstag, 18. September 1880. Lei dir geheimer Rath bei jedem Unternehmen! Du wirst dann seltener dich einer Thorheit schämen. Gleim. Der Derr Daran. Novelle von Ludwig Habicht. (Schluß.) Der Kammerdiener trat anfangs mit großer Keckheit auf; sein Muth brach jedoch rasch zusammen, als er jetzt erfuhr, daß sein künstliches und schlaues Gewebe bereits völlig zerrissen worden. — Das hatte er freilich nicht erwartet und als ihm endlich das Bekenntniß seiner Frau vorgelesen wurde, verlor er vollends alle Fassung. Er ließ niedergeschlagen den Kopf sinken und verharrte schweigend längere Zeit, ohne zu antworten. Das Beste ist, Du legst jetzt ein offenes und ehrliches Bekenntniß ab, ermähnte der alte Richter. Iwan starrte düster vor sich hin, ohne ein Wort zu entgegnen. Du hast zwei Morde auf dem Gewissen und der Tod ist Dir ohnehin sicher. Der Kammerdiener erhob ein wenig den Kopf und starrte den Alten betroffen an. Es ist gar keine Frage, daß Du auch Deinen gnädigen Herrn, den Baron Bloom- haus beseitigt hast. Bei diesen Worten sprang Iwan in die Höhe und streckte wie abwehrend die Hände aus. Nein, nein, ich bin unschuldig. Ich wurde von den Räubern mit überfallen und geknebelt, stieß er hastig hervor. Du konntest das alberne Zeug jenen einfachen Leuten vorschwatzen, einen alten, erfahrenen Kriw.'nalbeamten mußt Du aber damit verschonen. Es ist dennoch die Wahrheit, sagte Iwan, seinen alten Trotz noch einmal zusammenraffend. Mit diesen: Burschen war der alte Richter noch weniger Willens irgend welche Umstände zu machen. Er klingelte und der Kosack mit seinem kräftigen Ueberredungs- mittcl erschien. Zähle einmal dein Menschen da fünfundzwanzig auf. Das Wort wirkte auf Iwan völlig vernichtend. Ich will alles bekennen stammelte er verwirrt. Dann beeile Dich. Wie Sie wissen, war ich der einzige Diener, der den Herrn Baron auf seinen Reisen begleiten durfte. Wir gingen nach Italien und ich hatte immer gehört, daß dort ganze Räuberbanden hausten und reiche Reisende plünderten. Der Herr Baron mochte wohl selbst etwas Furcht haben, denn ich durfte nicht von seiner Seite und wenn wir fuhren, mußte ich mit im Wagen sitzen, deshalb hielten uns die Hotelwirthe und Kutscher für Brüder und nun kam mir ein böser Gedanke, den ich» nicht mehr los wurde. Iwan strich sich über die Stirn und fuhr erst nach einer Pause fort: Es war als ob ein böser Geist mir dies beständig zuflüsterte: Wenn Dein Baron von Räubern überfallen und erschlagen würde, könntest Du an seiner Stelle den vornehmen Herrn spielen. — Wir waren auf der Insel Kapri gewesen und seltsam genug, der Graf sprach fortwährend von Räubern, prüfte seine Pistolen und meinte: Wenn nicht gleich eine ganze Bande kommt, mit ein paar italienischen Schuften nehmen wir es auf. Ich bestärkte ihn noch in dieser Ansicht und entgegnete, daß ich gern einmal ein solches Abenteuer haben möchte. Wir sprachen dann von andern Dingen und ich wußte den Baron zu überreden, daß er den Wagen zurückschicke, denn ich hätte gehört, der Weg, den wir jetzt einschlügen, sei der schönste von Italien. Der Baron war ohnehin leicht zu lenken, ich konnte ihn zu Allein bewegen. Die Straße war jetzt sehr einsam und nun flüsterte mir wieder der Böse zu: jetzt ist der rechte Augenblick, die Gelegenheit kommt nicht wieder. — Ich führte einen eisenbeschlagenen Stock bei mir und unter dem Vorwande, daß dort eine prächtigere Aussicht sein müsse, lockte ich ihn von der Straße hinweg und dann — Der Gefangene stockte, ein leiser Schauder schüttelte seinen Körper. Er hatte bisher seinen Bericht stehend abgestattet, jetzt sank er wie gebrochen auf die Bank zurück. Nur weiter, drängte der alte Beamte streng und unerbittlich. Wirklich wurde Iwan durch diesen Zuruf wieder heftig aufgerüttelt, den Blick zu Boden geheftet, fuhr er mit leiser Stimme fort: Der Baron bückte sich nach einer Blume und nun durfte ich nicht länger zögern. Ich erhob meinen Stock und schlug nach dem Kopfe des Barons. Er blickte sich erschrocken um und wollte sich zur Wehr setzen: jetzt durfte ich ihn nicht mehr schonen. Ich hieb noch mehrmals auf den Schädel meines Herrn ein, bis er lautlos und blutend zusammensank. Ich hielt ihn für todt. Nun entfernte ich mich von ihm einige Schritte, holte aus meiner Tasche die Stricke, die ich mir zu diesem Behufe mitgebracht hatte, und begann mich selbst zu knebeln. Ich hatte mich schon lange darin geübt, aber ich hätte mich beinahe verrechnet. Der Strick um den Hals drohte mich zu ersticken und dann die furchtbare Aufregung. Glücklicherweise wurde ich noch im letzten Augenblicke gerettet. Schade! murmelte der alte Kriminalrichter in den grauen Bart. Als ich aus meiner Betäubung erwachte, drohte nur eine andere Gefahr, setzte Iwan seine Erzählung fort, dem es vielleicht selbst ein Bedürfniß sein mochte, sein Gewissen einmal durch ein offenes Bekenntniß zu erleichtern. Mein Herr war nicht todt. Unter den Gästen des Hotels, in das wir gebracht worden, befand sich zufällig ein französischer Arzt, der alle seine Kunst anwandte, den Schwerverwundeten zu retten. Wenn es ihm gelang, war ich verloren. . . . und die Erinnerung an jene Stunden schien so mächtig zu sein, daß sie Schweißtropfen auf seine Stirn brachten. Der Arzt that zwar den Ausspruch, daß der Verwundete seine klare Besinnung nicht mehr wiedererhalten werde? aber war es nicht dennoch möglich? — Ich wagte zuletzt gar nicht Mehr daran zu denken. Schon hatte ich mich als ältester Bruder des Barons ausgegeben; ich mußte meine Rolle weiter spielen, so schwer es mir auch siel. . . . Iwan strich sich über die feuchtgewordene Stirn. Alles fügte sich schließlich nach Meiner Berechnung, begann er nach einem tiefen Athemzuge von Neuem: Mein Herr .erhielt seine Besinnung nicht mehr zurück und ich konnte an seiner Stelle als Baron Vloomhaus auftreten. Es gelang mir auch und Niemand zweifelte an meiner Echtheit, und jetzt huschte beinahe etwas wie ein triumphirendes Lächeln um seine bleichen Lippen. Dieser elende Lump brummte der Alte wieder, laut und heftig setzte er hinzu: und dann hattest Du die Frechheit, eine italienische Fürstin zu beschwindeln, die so leichtfertig war, Dich für einen echten Baron zu nehmen und die ihre Thorheit dadurch büßen mußte, daß Du sie ebenfalls aus dem Leben schafftest. Iwan schwieg, was half es, diese zweite Anklage theilweise von sich abzuschütteln. Bekenne auch hier die Wahrheit. Dann muß ich sagen, daß ich meine erste Frau nicht selbst vergiftet habe. Das ist die Wahrheit. Aber Du gabst den Auftrag und das Gift. Diese Geschichte geht uns übrigens nicht viel an, fuhr der Kriminalrichter fort. Das wurde uns ganz unnütze Weiterungen verursachen. Der Mord an Deinem gnädigen Herrn und der freche^Betrug genügt schon, um Dich dahin zu bringen, wohin Du gehörst. Iwan antwortete auch jetzt nichts. Er ahnte sein Schicksal und wußte nur zu gut, daß es das Klügste war, sich demüthig schweigend zu unterwerfen. Als der Beamte befahl, ihn wieder abzuführen, machte er nur eine tiefe Verbeugung. VIII. Graf Brückenburg hatte gegen seinen Freund nicht eher von der Sache gesprochen, als bis alles ermittelt war und die Baronin sowohl als ihr sauberer Kammerdiener im Gefängniß saßen. Der Baron hatte geglaubt, daß sein Freund längst wieder die Angelegenheit vergessen und aus dem Gesichte verloren habe, hatte er doch selbst nicht mehr daran gedacht. Seit, jener Entdeckung war er ohnehin ein anderer geworden. Zum ersten Male hatte er eine tiefe leidenschaftliche Liebe empfunden, um die bittere Erfahrung zu machen, daß er getäuscht worden. Nein, das war er nicht; er hatte sich selber getäuscht und dennoch empfand er es wie die tiefste Demüthigung, daß er, der Baron Nosenberg, der bei allen Damen bisher fabelhaftes Glück gehabt, von einem elenden Bedienten aus der Gunst der von ihm angebeteten Frau verdrängt worden. Diese Kränkung seiner Eitelkeit traf ihn besonders tief. Plötzlich kam ihm das ganze Gesellschaftsleben flach und jämmerlich vor. Sein höchstes Vergnügen war es bisher gewesen, das Geld mit vollen Händen auszustreuen, wenn er überhaupt welches hatte, jetzt erschien ihm sein bisheriges Leben leer und abgeschmackt. Er zog sich in die Einsamkeit zurück und während er früher den Verkehr mit Büchern ängstlich vermieden hatte, wurde die Lektüre jetzt sein einziger Genuß. Der Baron bekam dadurch sogar den Anstrich eines Philosophen, wie sein Freund spottend bemerkte, der trotzdem bald seine Neigungen theilte. Baron Rosenberg war deshalb nicht wenig überrascht, als eines Tages der Graf mit den Worten in sein Zimmer trat: Ich gratulire Dir, Richard, Du bist seit gestern Besitzer von Bloomhans. So, ist sie gestorben, fragte der Baron ganz bestürzt. Wenn ihm diese Frau auch die tiefste Wunde geschlagen, er hatte sie doch einmal geliebt und die Theilnahme an ihrem Geschick war noch nicht erloschen. Sie sitzt mit ihrem treuen Iwan im Gefängniß. Der Baron sprang heftig auf und ließ die Cigarre aus den Händen fallen. Aus dem ernsten Antlitz des Freundes entnahm er wohl, daß dieser keinen Scherz gemacht hatte. Ah, ist es möglich! ? Und wie ist das gekommen? rief er in größter Aufregung aus. Meine dunkle Ahnung hat mich nicht betrogen, entgegncte Brückenburg. Wir haben es mit trefflichen Schauspielern zu thun gehabt, nur hat Iwan seine schwierige Rolle beinahe noch besser und mit größerem Anstand gespielt als seine Gehilfin.', Du sprichst in Räthseln. Die Dir gleich gelöst werden, wenn ich Dir sage, daß Iwan schon vor zwei Jahren seinen Herrn wahrscheinlich durch irgend ein jetzt noch nicht völlig aufgeklärtes Verbrechen ins Irrenhaus geschickt hat, daß er seitdem mit großem Glück in der Welt als Baron Bloomhaus aufgetreten ist, zuerst eine reiche italienische Fürstin gehcirathet, ihr Geld durchgebracht und sie dann vergiftet hat. Ist das Wahrheit? Ist das nur möglich? rief der Baron ebenso verwundert als wie empört. Dieser Schurke von Bediente! ' Das alles steht bereits aktenmäßig fest, unterbrach ihn der Graf. Du siehst also, wie leicht es in der Welt ist, den vornehmen Aristokraten zu spielen — eine Entdeckung, die uns Adelige wieder einmal recht demüthigen müßte. Was bleibt uns, wenn jeder hergelaufene Lump die Rolle des hochgeborenen Herrn spielen kann?! Der innere Adel! entgegnete der Baron und erhob stolz das Haupt. Früher hätte er diese Antwort nicht gefunden. — Seit seiner Wandlung war doch in seinem Innern ein reicheres Seelenleben erwacht. Du hast Recht, sagte Brückenburg nach kurzem Sinnen mit großem Ernst. Ein wirklicher Edelmann wäre auch solcher Schurkerei unfähig, wie sie dieser Bube begangen hat. Doch ich will Dir rasch seine Abenteuer zu Ende erzählen. Nachdem Iwan seiner ersten Gemahlin überdrüssig geworden und sie durch Gift hatte beseitigen lassen, hat er die Schauspielerin geheirathet, ob sie damals schon gewußt, daß ihr sauberer Gatte nichts weiter als ein Schwindler war, läßt sich vorläufig noch nicht genau feststellen. . Iwan ist also ihr angetrauter Mann? unterbrach ihn lebhaft der Baron. Brückenburg nickte mit dem Kopfe. Jedenfalls war dies Paar einander würdig. Um nun die glänzende Erbschaft Deines inzwischen verstorbenen Vetters anzutreten, übernimmt nun die Schauspielerin die Rolle der trauernden Wittwe, während sich Iwan mit der sehr bescheidenen des Kammerdieners begnügt. Weil er in Bloomhaus nicht als ein Anderer auftreten durfte und Du mußt gestehen, daß es für einen Künstler keine Kleinigkeit ist, plötzlich den Bedienten zu spielen, während er schon mehrere Jahre die Rolle des Barons gegeben hat und ich kann dem Burschen meine Bewunderung nicht vorenthalten, er hat seine schwierige Aufgabe sehr glücklich gelöst und ist nicht ein einziges Mal aus der Rolle gefallen. Wer hätte das gedacht! Es erklärt Alles! sagte der Baron und empfand doch eine gewisse Befriedigung, daß dadurch die Handlungsweise der schönen Frau eine andere Beleuchtung erhielt. Unter diesen Umständen war ihr freilich nicht zu verargen gewesen, daß sie treu zu ihrem Manne gehalten hatte. Und zum Erstaunen Aller lieferte die Schauspielerin einen Beweis von weit größerer Treue, den Niemand erwartet hätte. Da man ihr nicht beweisen konnte, daß sie schon vor Eingehung ihrer Ehe die Verhältnisse Jwan's gekannt hatte, wurde sie nur wegen einfachen Betruges verurtheilt und die Richter übten gegen die noch immer bildschöne Frau ganz besondere Nachsicht. Sie kam mit einigen Monaten Gefängniß fort, die rasch verbüßt waren. Der Kammerdiener dagegen wurde zum Tode verurtheilt, vom Kaiser jedoch zu lebenslänglicher Verbannung nach Sibirien begnadigt und seine Frau setzte alle Hebel in Bewegung, um die Gunst zu erlangen, das Schicksal ihres Mannes theilen zu können. Einer solch' rührenden Hingabe Hütte man die ehemalige Schauspielerin nicht fähig gehalten und selbst die Theilnahmslosesten wurden von dieser unerschütterlichen Treue tief bewegt. Um ihr Ziel zu erreichen, verschmähte es sogar Desiree nicht, den Baron Rosenberg um seine Vermittelung anzuflehen und das im Grunde noble, weiche Herz des Barons wurde davon tief erschüttert. Mochte diese Frau immerhin eine Abenteurerin sein, ihre festhaltende Liebe hatte doch einen heroischen Zug. Seltsam bewegt sagte er ihr die Erfüllung ihrer Bitte zu und seinem Einflüsse gelang es wirklich, für die schöne Frau die Genehmigung zu erlangen, daß sie ihrem Gatten nach Sibirien folgen konnte. Wie der alte Kriminalrichter schon erklärt hatte, wurde der Vergiftungsfall nicht weiter erörtert und deshalb auch die Untersuchung nicht gegen Enrichetta eingeleitet. Sie hatte sich, nachdem Sie ihren Rachedurst voll befriedigt gesehen, in ihr Heimathland zurückbegeben und nichts mehr von sich verlauten lassen. Nasinsky, der kluge Advokat, gelangte in der Folge zu immer größerem Ruf und Ansehen. Baron Bloomhaus-Rosenberg trat jetzt das Erbe seines Vetters an, aber er machte alle Voraussagen der Leute zu Schanden. Alle Welt war überzeugt daß er in kurzer Zeit mit Hilfe seines Freundes sein glänzendes Besitzthum vergeuden würde, und das Gegentheil war der Fall. Der Baron begann jetzt ein stilles, ruhiges Leben zu führen und als wolle er mit seiner Vergangenheit gründlich brechen, heirathete er bald darauf eine Bürgerliche, die nichts besaß, als ihre geistige Bildung und wirkliche Vorzüge des Herzens und des Charakters. An der Seite dieser Frau führte der Baron ein wahr- 181 hast glückliches harmonisches Dasein, das ihm weit mehr Befriedigung bot, als er je rm Strudel der Welt und inmitten der rauschendsten und kostspieligsten Vergnügen gefunden und um das Glück seiner Ehe voll zu machen, schenkte ihm seine Gattin vier blühende Kinder. Graf Brückenburg blieb »»vermählt und der treue Freund des Hauses. Fünf Städte über einander. In der deutschen Anthropologengesellschaft zu Berlin hielt am 5. August Dr. Schliemann einen Vortrag über seine Ausgrabungen in den Ruinen von Troja. Nach einem uns vorliegenden kurzen Berichte sagte er im Wesentlichen Folgendes: „In dem Schutthügel von Hissarlik, auf der Stelle, wo einst das alte Troja lag, befinden sich die Ruinen von fünf Städten übereinander. In der obersten Schichte fand Schliemann Idolen aus Marmor; in der zweiten, außer Idolen auch Vasen. Dann kam er in einer Tiefe von 30 Fuß an eine aus Ziegeln erbaute Stadt, die plötzlich zerstört worden sein muß, da er Gerippe von Menschen, zerbrochene Lanzen und zurückgelassene Schätze fand. Das Haus des Königs Priamos wurde aus diesen Trümmern hcrausgegraben. Dasselbe mußte mehrere Stockwerke und über hundert Treppenstufen haben. In diesen mit Asche bedeckten Räumen fand er einen Dolch aus Bronze und einen anderen aus Silber, auch goldene Schmuckgegenstände und kupferne Gefäße, aber von Eisen keine Spur; dagegen eine Menge Streitäxte und Tausende von Spindeln. Das Bild der Pallas-Athene kehrte häufig wieder. Schliemann legte die Mauern des Königshauses, den Thurm und die Reste der Stadtmauer bloß. Unter diesem Troja der Jliade fand er aber die Neste von noch zwei anderen Städten, auf weche er mittelst Schachten gerieth. In dieser vierten, beziehungsweise fünften Stadt erst. deckte er verschiedene Gebrauchsgegenstände, darunter solche, die aus Indien stammten." Danach liegen also in dem Schutthügel von Hissarlik die Ruinen von fünf Städten übereinander. Die oberste stammt offenbar aus den Zeiten der römischen Herrschaft, denn Strabon spricht noch vom „heutigen Jlium" und von einem nahe dabei liegenden Dorfe der Jlier, wo das alte Jlium früher gestanden. (Buch XIII. 1.) Strabon lebte aber zur Zeit des Cäsar und Augustus. Von der zweiten Stadt, die nach der Zeit des Priamos erbaut wurde, spricht derselbe Strabon an mehreren Stellen; sie fei zuerst unter der Herrschaft der Lydier wieder hergestellt worden. Im peloponnesischen Kriege wurde das damalige Troja den Mytilener von den Athenern entrissen, wie Thukydides berichtet. Ueber die dritte Stadt, von oben nach unten gerechnet, gibt die Homer'sche Jliade genügende Auskunft und gehen wir darum sofort zur viert-untersten über. Diese wurde durch den griechischen Hercules oder Alkaios zu der Zeit zerstört, als Laomedon, des Priamos Vater, dort regierte. Ueber diese Zerstörung gibt Diodor von Sicilien (IV, 49) folgende Auskunft: Als die Argonauten von Jolkos in Thessalien (nahe dem heutigen Volo) unter dem Pelasger Jason abfuhren, um auf Befehl des Pelias, des Oheims von Jason, das goldene Vließ in Kolchis zu holen, gesellte sich außer vielen streitlustigen Gesellen auch Herakles dem Zuge bei. Derselbe war von seinem älteren Bruder Eurystheus, dem Könige von Tiryus, der damals den ganzen Peloponnes beherrschte, wegen seiner wilden Streiche aus dem Lande verwiesen worden und trieb sich gerade in den Vergwäldern von Doris, südlich von Thessalien, mit einer Anzahl arkadischer Klcphten herum. Die Arche oder Argo, auf welcher die Argonauten abfuhren, war, um dies hier gelegentlich zu bemerken, von Minäern erbaut worden, wie die Erzarbeiter Griechenlands damals genannt wurden (min ist Erzmine). Von diesen Minäern segelte eine Anzahl mit, um an dem Abenteuer theilzunehmen, gerieth aber mit den Pelasgern, die den Oberbefehl führten, in Streit und wurde von denselben auf der Insel Lemnos ausgesetzt,, von wo 182 sie später nach Sparta geriethen und dort von den Bewohnern des Landes wegen ihrer Kunstfertigkeit gerne aufgenommen wurden. Aber auch hier entstanden Zerwürfnisse und wanderten diese Minäer dann nach Elis aus, wo sie in der „Triphylia" genannten Gegend am unteren Alpheus (der griechischen Albais oder Elbe) Fabriken anlegten, um Waffen aus Erz zu verfertigen und solche dann durch Jaoner oder Kaufleute (Jonier) weiter verhandeln zu lassen. Doch zurück zu den Argonauten. Diese landeten, nachdem sie einen schweren Sturm überstanden, an der trojischen Küste, beim Cap Sigeion, wo den Meerungeheuern die Opfer gebracht wurden (sio, seio ist Opfer, Folter, sekiren). Sie fanden dort die Hesyone gefesselt am Ufer, wo sie einem Haifisch oder anderem Seethier zum Fraß geopfert werden sollte; Hercules befreite dieselbe, erschlug das Seethier und erhielt als Lohn dafür selbige Hesyone sammt zwölf Pferden. Da er diese jedoch nicht nach Kolchis mitnehmen konnte, so gab er sie sammt der Hesyone dem Laomedon in Verwahrung, bis er zurückkäme. Dies geschah denn auch, nachdem das Vließ (ein vergoldetes Widderfell) in Colchis erbeutet war, aber nun wollte Laomedon weder die Hesyone noch die Pferde herausgeben, warf sogar die Boten des Hercules in das Gefängniß, nämlich dessen Bruder Jphiklos und den Telamon von Aegyna, den Vater des Ajax und Oheim des Achilleus. Priamos, ein Sohn des Laomedon, war aber mit diesem Verfahren nicht einverstanden und brachte den Gefangenen heimlich Schwerter, mit Hilfe deren sie die Wachen überwältigten und sich befreiten. Nun rüstete sich Herakles zum Sturm, übertrug dem Oikles den Schutz der Schiffe und zog gegen die Beste. Mittlerweile machte aber Laomedon einen Ausfall und griff die Schiffe an; Herakles hatte nämlich zu dem Zwecke eine Flottille von sechs Schiffen aus Jolkos herbeigerufen. Oikles siel gegen Laomedon, die Schiffe konnten aber noch zeitig vom Ufer abstoßen. Als nun Laomedon zur Stadt zurückkehren wollte, gerieth er der Schaar des Herkules in die Hände und blieb im Kampfe. Darauf wurden die Mauern von Jlion erstürmt; Telamon war der Erste, der in die Stadt drang, er erhielt dafür die Hesyone zugetheilt. Schließlich wurde Priamos wegen feines freundlichen Verhaltens gegen die Heraklidcn zum Könige eingesetzt, der dann die Stadt von Neuem herstellte und die Ringmauern stärker befestigte. Was nun endlich die fünfte Stadt auf dem Boden von Hisfarlik betrifft, in welcher indische Gebrauchsgegenstände gefunden wurden, so deutet dies auf eine Einwanderung von Indus her. Einen Fingerzeig für das Volk, welches diese urälteste indische Stadt am Hellespont gegründet haben mag, gibt die Sage von Dionys oder Bacchus, der, auf einen: Elephanten reitend, aus Indien nach dem Oxus, von da nach Phrygien in Kleinasien und endlich über den Hellespont auch nach Thrazien kam, überall Ackerbau und Weinkultur einführend, und die Hirten, Fischer- und Jägsrvölker in seßhafte Landbebaucr umwandelnd. Damit im Zusammenhange stehen die von den persischen Historiographen, als Firdusi, gelieferten Notizen über die Niederlassung indischer Derwische in Baktrien und anderen Strichen Vorderasiens. Diese Derwische, welche derzeit nur eine Secte bilden, entsprangen einem eigenen Volke druidischen oder drawidischen Stammes, das am Oxus in Verbindung mit arischen Völkern das erste Großreich der Jamuden stiftete, dessen Reste sich bis heute in den Jamudsn am Ostuser des südlichen Theiles des kaspischen Meeres erhielten. In diesem Meere liegen auch noch am alten Ausflusse des Oxus die Derwisch-Inseln. Die Griechen nannten sie Derbiker, die Perser Darjawusch, woraus später griechisch Dareios oder Darms wurde. Darms Hystaspes war ein solcher Derwisch, von den Großen des persischen Reiches aus Valkh herbeigeholt, um Ordnung in das Reich zu bringen, als dieselben nach dem Tode dcS Kambyscs, des Sohnes des Kyros, sich über die Einsetzung seines Nachfolgers nicht verständigen konnten. Denn in Susa, der Hauptstadt des von Kyros gestifteten Großreiches, lagen die verschiedenen Stämme, namentlich die Gawiden aus hem Elborus, denen Kyros angehört hatte (Zurr bedeutet Schmied), die Säten und die 183 Chaldäer in stetem Hader, so daß es blos der kirchlichen Autorität des Darjawusch oder Darms gelang, die hochfahrenden Gemüther all dieser Sirdare in Einklang zu bringen. Einer solchen Dermisch-Colonie mit einem Dionys, ober Gott von Rysa (Neustadt) an der Spitze und die Völker zum Ackerbau erziehend, mag das älteste Troja seine Entstehung zu verdanken haben, wozu kommt, daß der Name Troja in der That ein druidischer oder wälscher ist, denn die Sprache dieser Druidenvölker hat sich in Wales' in den Gebirgen des westlichen Englands bis heute erhalten. Dro ist Ring, ia, oder ion Ort Troja also Ringwall, cpklopischer Rundbau, während nach derselben Sprache II-ion einen Ort bedeutet, in dem gearbeitet wird, eine Fabrik oder Handwerker- Niederlassung, entsprechend dem Namen der Teukrer oder Zeugschmiede. Daher denn auch die vielen Geräthe aus Erz, Silber und Gold, die den Appetit der Achaier reizten, und die vielen Spindeln, welche Schliemann noch fand. Voro. Morgenandachl. Wacht auf! Die Welt hat ausgeschlafen, Die Morgensonne flammt empor, Die ersten Lerchemvirbel trafen Schon jubelnd mein entzücktes Ohr. Schon weicht der Nebel aus den Gründen, Nun glänzt der See, nun rauscht der Hain; Will Alles Licht und Tag verkünden — O süßes Licht, kehr' bei uns ein! Du nimmst die Welt zum Eigenthume, Du herrschest mild von Sonnenhöh'n, In Deinem Glanz die kleinste Blume Blüht wie ein Engelsantlitz schön. Und Nacht und Sorge, Sünd und Grauen Fliehen scheu vor Deinem Angesicht; — O selig, wer Dir furchtlos schauen Ins Auge darf, Du reines Licht! Im sanften Hauch der Morgenstunden, In diesem Schimmer ätherklar Wird tiefer Gottes Näh' empfunden, Sein Wort des Heils uns offenbar! Die Seele schwingt sich in Gebeten Voll Kindeslieb zu Gottes Thron, Wie einst, als Edens Palmen wehten Um's Haupt dem ersten Erdensohn. Gib Deinen Segen nur zu eigen, In stiller früher Morgenzeit! Wie sich dem Licht die Blumen neigen, Der Andacht sei mein Herz geweiht! Eh' mich des Tags geschäftig Leben In seinen Strudel reißt hinein, Will ich mich früh zu Gott erheben — t, O süßes Licht, kehr bei uns ein! Iulie Schuchardt. Miseelleir. (Ein Tausendkünstler vor Gericht.) Ein junges Mädchen in Paris vergnügt sich auf dem Valcone in etwas ungewöhnlicher Art, sie feuerwcrkcrt; „Frösche," „Schläge" und „Schwärmer" springen lustig aus ihrer Hand. Aber zu ebener Erde desselben Hauses befindet sich ein Erfrischungsetablissement, dessen Gäste durch das Platzen der kleinen Petarden verjagt werden. Darob Schelt- und Schimpfworte des ergrimmten Wirthes, und in Folge dessen nachstehende Scene vor dem Zuchtpolizeigerichte: — Präs.: Sie sind angeklagt, Demoiselle B. beschimpft zu haben. — Angekl.: Mit Petarden hat sie meine Gäste davongejagt. — Präs.: Sie haben eine Limonadehütte? — Angekl.: Ja, mein Herr, und als ich meine Waffeln von der heißen Platte nahm . . . Präs.: Sie sind also auch Waffelbäcker? — Angekl.: Ja, mein Herr: also während ich meine Waffeln aushob, springt ein „Frosch" aus die Uhr meines Gastes, der nach der Zeit sieht, der läßt die Uhr fallen und schwört, sie müsse zerbrochen sein, was mich veranlaßt, nachzusehen, ob die Uhr wirklich Schaden genommen. — Präs.: Sind sie denn ein Uhrmacher? — Angekl.: Gelernter Uhrmacher. Nun, der Schaden war gering. Da bringt mir mein Weib mein Klapperhorn, damit ich meinen Gästen durch meine Kunst das Fortgehen erschwere. — Präs.: Sie sind also auch Musiker? — Angekl: DaS will ich meinen. Nun, ich blase; bauz, fliegt ein „Schwärmer" einem Gaste auf den Rock. Der Gast flucht, ich aber besehe den Schaden und mache mich anheischig, mit einer Nadel die Sache !In zehn Minuten bestens hergestellt zu haben. — Präs.: Was, sind Sie denn ein Schneider? 184 — Angekl.: Ich arbeite als Schneider in meiner Loge. — Präs.: In ihrer Loge? Also sind Sie eigentlich Portier? — Angekl.: Mein Weib besorgt dieses Amt, ich bin nur Limonadier. — Präs.: Nur! . . . Nun, gestehen Sie, das Fräulein beschimpft zu haben? — Angekl.: Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich ihr zugerufen habe; ich war ganz toll vor Zorn, besonders weil ich sonst artig und gefällig gegen Mademoiselle bin und sie z. B. auch manchmal gratis frisire. — Präs.: Demnach sind sie auch Friseur? — Angekl.: Wie nicht leicht ein Zweiter: aber ich habe dieses Handwerk aufgegeben. — Der Tausendkünstler wird zu sechzehn Francs Strafe verurtheilt, ist also von jetzt an auch ein Verurtheilter. Nur Wenige von den vielen Passagieren, welche Jahr aus, Jahr ein in Hotels wohnen, haben je das rege Treiben in der Küche eines ersten Hotels beobachtet, Keiner aber vielleicht gesehen, was dem Auge am 17. d. im „Hotel Metropole" zu Wien sich darbot — eine Küche unter Wasser. Nicht vielleicht eine geräumte, verlassene Küche, sondern ein mit zahlreichem geschäftigen Personal gefülltes, für mehr als 500 Personen in Thätigkeit gesetztes Laboratorium für culinarische Genüsse, aus welchen: dem Eintretenden die angenehmsten Düfte entgegenströmen. In Folge des hohen Wasscrstandes drang nämlich Grundwasser in die im Souterrain gelegene Küche, welches bis auf die Höhe von 14 Zoll stieg, und doch war kein Zimmer des Hotels unbesetzt, und Jeder der Passagiere wollte seine Mahlzeit zur gewohnten Stunde genießen. Da galt es, rasch zu handeln. Durch die vielen und weitläufigen Räume wurden über den Wasserspiegel hinweg drei Fuß breite Holztreppen in der Weise gelegt, daß die Verbindung mit und zwischen den einzelnen Herden und Tischen erhalten werden konnte. Da aber diese Treppen nicht für alle Fülle ausreichten, so wurde das zahlreiche Küchenpcrsonal mit bis zu den Knieen reichenden wasserdichten Stiefeln versehen. Es gewährt, nach dem „Kl. I.", einen eigenthümlichen Anblick, wenn ein zierliches Küchcmnädchen, mit dem schneeweißen Häubchen auf dem Kopfe und hochaufgeschürztem Kleide, mit den schweren Stiefeln durch das Wasser plätschert, um ein aufgespießtes Huhn vom Herde nach dein Tranchirtische zu bringen. Am Abend des 18. stand das Wasser in der Küche nur noch sechs Zoll vom Feuerherde entfernt. (Eine Rauch rede.) Im deutschen Rauchkollegium, welches in B. Welz Restaurant in Breslau tagt, hielt jüngst ein Mitglied folgende Rauchrede: „Raucher! Nichtig rauchende Raucher rauchen rauchende Rauch-Rippe ruhig 'runter. Ruhig rauchende Raucher rauchen reizende runde Nauchringe. Robuste Raucher rauchen ranzige, runzelige Runkel- rüben-Rolle. Rapide Rosse reitende Raucher rauchen Riemen rüttelnd. Nennende Raucher rauchen rar. Reelle rauchende Raucher rauchen recht reine Rauchrohre. Raubritter, Räuber, Rinaldo, ruppige Rangen rauchen riechenden Ratiborer, Rawitschcr. Russische radikale Reformer rauchen Nettige, rothe Rüben, Nabunze. Rhetorische Rauchredner reden rauchend recht rührend. Reimende Raucher reimen rauchend rabiate Rauch - Reime. Riecher rümpfende Raucher riechen rauchend Rauch. Reiche riechende Raucher riechen raren Rauch. Nochrige Raucher riechen recht rochrigen Rauch — Raucher! rauche, rooche! rieche —7 Ruhe!" (Ein grober General.) Der General N. war bekannt wegen seiner derben Ausdrücke. Eines Tages machte ihm der König Friedrich II. harte Vorwürfe wegen der Excesse, welche sich junge Offiziere zu Schulden kommen ließen, und endigte mit den Worten: „Er ist nicht grob genug." Ohne etwas zu erwiedern, wandte sich der General an das versammelte Offizierskorps: „Ich frage Sie auf Ehre und Pflicht meine Herren, kann wohl ein Mensch gröber sein, als ich?" — „Nein, Ew. Excellenz," war die einstimmige Antwort. (Was ist die höchste Potenz der Liebe?) Wenn der Mann sich aus Liebs für seine Frau erschießt, weil dieselbe geäußert, daß ihr schwarz so gut steht. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. M. Huttler. zur „Mgslmrger Pojheiümg." nterüaktung^ökatt 9?r. 24. Mittwoch, 22. September 1880. Wär' halb so leicht die That wie der Gedanke, Wir hätten eine Welt voll Meisterstücke. Rauppach. Ein Opfer aus Kindesliebe. Ein Bild aus dem Leben, erzählt von F. von Carncville. Es war ein trüber, regnerischer Tag, als wir an einem Oktoberabend in eine der rheinischen Festungen einrückten, wo wir ein Jahr garnisoniren sollten. Ich werde nie den traurigen Eindruck vergessen, den es auf mich machte, als wir über die Zugbrücke in den Ort einmarschirten; die Stadt an und für sich war klein, sie zählte nur ein paar tausend Einwohner und war wohl ursprünglich nur ein Fischerdörslein; wenigstens deuteten die uralten, kleinen, niedrigen und düster aussehenden Häuser und die schlechten, schmalen und winkligen Gassen darauf hin; nur der neue Stadttheil, der allmälig entstand als der Ort zur Festung umgestaltet wurde, hat bequemere und größere Gebäulichkeiten und es war da auch mehr Sorgfalt auf die Straßen und Plätze verwendet. Die nähere Umgebung war nichts weniger als anmuthig; ringsum Gräben, Mauern, Festungswerke, Sümpfe und Tümpels, welch' letztere die Stadt höchst ungesund machen, so daß das Fieber unter den Einwohnern heimisch ist. In den ersten Tagen war mir der Aufenthalt in dieser finstern, rauchigen Stadt recht unheimlich und ich glaubte gar nicht an die Möglichkeit, daß es Menschen geben könnte, die von Geburt aus hier lebten und hier starben, ohne von der übrigen Welt etwas gesehen zu haben; und doch gab es viele solche, die diesem Schicksale verfallen waren, die keine andere Zerstreuung kannten, als ihre tägliche Arbeit, mit der sie ihr monotones Leben fristeten und damit die Mittel erwarben, um ihre armen Kinder zu nähren und ihnen die Betrübniß vergessen zu lassen, wenn der Himmel grau und düster war und sie in ihren gefängnißartigen Keuchen zurückhielt, wo sie selbst das entbehren mußten, was der liebe Gott sonst allen Menschen gegeben hat, Licht, Luft und Himmel. Und in diesem Erdenwinkel sollte ich ein ganzes, langes Jahr verleben! — — aus dieser Zeit will ich denn meinen lieben Lesern eine Episode erzählen, welche mir dies traurige Einerlei einigermaßen verkürzte. Wie es eben in einer Festung ist, hat man da nur ein oder zwei Ausgänge, um in die Umgegend zu gelangen und so mußte ich um aus dem nördlichen Festungsthor zu kommen, die krummen Straßen des alten Stadttheils passiren, wo ich zur Abkürzung des Weges meist noch einen schmalen Nebenweg einschlug, der mehr einer Treppe gliech, denn der Boden war staffelförmig ausgetreten, bis man wieder in die größere Straße gelangte. Wenn ich immer diesen Weg verfolgte, dachte ich wohl an nichts anderes, als an das freie, offene Land, das ich nun bald erreichen sollte, und kümmerte mich um nichts weiter. Eines TageS hasteten meine Blicke aber zufällig auf einem armseligen, kleinen Häuschen/ das wohl nur von ein payr Menschen bewohnt sein mochte, denn es hatte nur zwei niedrige Fenster und dazwischen eine Thüre. Die Mauer war von Alter grau und das Fensterglas in den kleinen Kreuzstöcken, war eine dicke, grünliche Masse, durch welche der Tag nur schwach dringen und das Innere der Wohnung kaum genügend beleuchten konnte. Bedenkt man noch das schmale Gäßchen, rückwärts hinter den Häusern eine hohe Festungsmauer, so. mag man sich eine Vorstellung von diesen Wohnungen machen, in die nie ein Sonnenstrahl schien. — Im Winter, wo der gefrorene Schnee auf den Stufen dieser kleinen Gasse lag, war es wiälich gefährlich zu gehen; ich begegnete auch nie einem Menschen auf diesem Wege, da er wohl seiner Abgelegenheit halber, möglichst gemieden wurde.— Dies besagte Häuschen mochte wohl nur von alten Leuten bewohnt sein, die von der Außenwelt, so zu sagen, Abschied genommen halten, denn.es wäre wahrhaft schauderhaft gewesen, wenn eine junge Person darin hätte leben müssen. So oft ich vorüberging fand ich immer Alles geschlossen, Alles still, als wäre es ganz unbewohnt und schließlich ging ich, ohne irgend mehr darauf Acht zu haben, daran vorüber; so wich allmälig der Winter und man glaubte sich nun bald des schönen Frühlings freuen zu können; aber eitle Hoffnung. Nun trat der Rhein mit seinen Bächen und Flüssen aus, überschwemmte die ganze Umgegend und verwandelte das Land ringsum in einen Morast, der namentlich die Nordseite ganz unpassirbar machte und ich mußte meinen Spaziergang zum anderen Thor hinaus machen, wo es etwas weniger morastig war. — Als ich endlich meine gewohnte Promenade wieder unternehmen konnte, waren wir schon in den ersten Tagen des Juni und wer beschreibt mein Erstaunen, als ich in dem mehrerwähnten Häuschen ein Gläschen mit einem hübschen Veilchenstrauß am Fenstergesimse stehen sah. Diese Wahrnehmung betrübte mich fast (man verzeihe mir den Ausdruck) denn wer Blumen liebt, muß — wenn auch eben nicht jung sein, aber doch wohl eine freudige Erinnerung an die Jugend haben, und kann für das materielle Leben noch nicht völlig abgestorben sein, auch verräth es gewissermaßen eine Krrte.Heele, wenn eine Persönlichkeit in dem Wohlgeruche einer Blumö noch einen Genuß findet; — ich hätte daher wissen mögen, wer diese zarten Blümchen, hier pflegte, weil sie mir sagten: sie gehören Jemanden, der da leben und in diesem trübseligen Winkel Licht, Sonne und Glück entbehren mußte, Jemanden, der wohl Alles fühlt, was ihm mangelt, und wenn auch sonst arm an Genüssen, doch mindestens Freude an diesem Veilchenstrauß fand. — Kurz gesagt, es interessirte mich jetzt zu wissen, wer hier wohne und ich hätte gewünscht, ihm diese Veilchen, die er so zu lieben schien — recht lange erhalten zu können. Andern Tags regte sich schon die Neugicrde in mir, als ich gegen das Häuschen kam; die Veilchen waren noch da, aber nicht mehr recht frisch, obwohl sorgsam gepflegt; das Fenster, war heute mehr geöffnet und damit drang ein wenig Helle, ich will nicht sagen Sonnenschein, in den inneren Raum Und warf einen Lichtstreifen in's Zimmer, daneben herrschte aber gleich wieder Dunkelheit und ich vermochte nichts zu unterscheiden. Der nächste Tag war ein Sonntag, es war sehr warm — alle Vöglein sangen, taufende Insekten summten, Alles glänzte in der Sonne, überall herrschte Freude und Leben, nur das Häuschen war gleich traurig, wie immer, aber diesmal sah ich eine Frauensperson am offenen Fenster sitzen, die über eine Handarbeit gebeugt war. Der erste Blick, den ich auf dieses Fraüenbild warf, vermehrte noch die Traurigkeit, die mir schon der erste Anblick dieser Behauptung bereitete; ich ging langsam, um sie 'anger betrachten zu können, und in die Nähe gelangt, glaubte ich, daß sie nicht mehr ,ung, vielleicht auch nicht hübsch, oder nicht mehr hübsch sei. Ihr Aussehen war bleich, kränklich und traurig; aber ihre Züge schienen sanft und wenn sie leidend und ältlich aussah, mochte es vielleicht auch von vorübergehendem Kummer herrühren; sie hatte ein reiches, schwarzes Haar, ihre Hände waren weiß; sie trug ein braunes Kleid, eine schwarze Schürze und eine weise Halskrause; alles einfach aber reinlich und sorgfältig gehalten. Das Veilchenbouquet, was zwei Tage am Fenster geprangt hatte, war vorn am Kleid- ausschiritt angebracht, damit nichts von dem Wohlgeruche der abwelkenden Blumen verloren ging. Als ich ganz nahe am Fenster war, sah sie auf; ich grüßte sie und sie dankte freundlich und bescheiden. Nun sah ich sie genauer. Sie war noch jung, offenbar war sie aber leidend, doch zeigte ihre Physiognomie von Ruhe und Ergebung, dies sagte ihr Blick, ihre Haltung und ihr Aussehen. Es gibt -Leute, mit denen man nicht zu sprechen braucht, deren man sich aber doch gut und gern erinnert, wenn man sie auch nur kurze Zeit gesehen hat. Jeden Tag fand ich sie nun an demselben Platze; sie erwiderte immer meinen Gruß sehr höflich und später fügte sie noch ein trauriges Lächeln hinzu; sonst wußte ich nichts von ihr; es befremdete mich, sie immer zu Hause zu treffen, sie konnte deshalb keine gewöhnliche Arbeiterin sein und die Armuth, die rings um sie herrschte, ließ auch nicht annehmen, daß sie ohne zu arbeiten, leben könne; ich traf sie auch häufig an eleganten Stickereien, die bei ihrem einfachen Anzüge doch nicht für sie gehören mochten; sie arbeitete also doch wohl gegen Bezahlung. Am darauffolgenden Sonntag sah ich sie nicht, auch war Alles zu; Tags darauf saß sie aber wieder am Fenster und wieder stand ein kleines Veilchenbouquet vor ihr am Gesimse; so war sie also am Sonntag wohl irgendwo gewesen, wo ihr die schönen Blumen zu Theil wurden. Als ich dem Fenster nahe war, hörte ich eine fast gebieterische Stimme „Ursula" rufen; es war eine weibliche Stimme und der Ton war nichts weniger als liebevoll. Ursula gehorchte diesem Rufe nicht wie eine Magd und doch gab sie in der Art, wie sie dem Rufe folgte, eine gewisse gutmüthige Dienstfertigkeit kund, und wie man auf alles Rücksicht nimmt, wenn man sich für Jemand interessirt, so meinte ich, selbst aus diesem geringen Anzeichen entnehmen zu können, daß sie wohl von denen nicht geliebt war, mit denen sie lebte — daß sie vielleicht sogar Übel behandelt wurde — während ihre sanfte Natur ihnen trotzdem mit Liebe begegnete. — So verfloß die Zeit und jeden Tag wurde ich mehr eingeweiht in das Leben der armen Ursula, obgleich ich um ihre Geheimnisse zu errathen, kein anderes Mittel hatte, als täglich an ihrem offenen Fenster vorbei zu promeniren. Wie ich bereits erwähnte, lohnte Ursula die ihr geschenkte Aufmerksamkeit bei meinem Vorbeigehen stets mit einem freundlichen Lächeln und so erlaubte ich mir denn eines Morgens die Freiheit, einen Strauß von Feldblumen auf ihr Fenster zu legen. Ursula erröthete, dankte mir aber mit einem noch freundlicheren Lächeln als gewöhnlich. — Ich wiederholte nun die Freiheit so oft ich von meinen Spaziergängen heimkehrte und fügte später den Feldblumen auch hübsche Gartenblumen bei und so prangten denn stets Blumensträuße am Fenster Ursula's und zierten das traurige graue Häuschen mit einem kleinen Fenstergärtchen, an dem ich selbst meine Freude hatte. Eines Abends als ich in die Stadt zurückkehrte, traf es sich, daß mich ein Gewitterregen überraschte, just als ich in die Nähe der mchrerwähnten Wohnung kam, und Ursula, die mich erblickte, verließ schleunigst ihren Platz, öffnete die Hausthüre und lud mich zum Eintreten ein, welcher Einladung ich auch bereitwilligst folgte. Als wir in den Uurgang traten, der vor ihrem Zimmer lag, bot mir das arme Mädchen freundlichst die Hand und drückte mit einem thränenfeuchten Blick mir schüchtern ihren Dank aus. Das war das Erstemal, daß wir uns sprachen. Ich trat mit in ihr in's Zimmer. Dieser Raum, in dem Ursula gewöhnlich arbeitete, schien die Wohnstube zu sein. Der Boden war mit rothen Steinplatten ausgelegt, zwei einfache Strohstühle, die am Fenster standen und ein paar alte Wandkäftchen bildeten die ganze Einrichtung des Vord«theils der Stube. Das Gelaß war lang und schmal, nur von dem einzigen kleinen Fenster, das auf die Straße ging, spärlich erhellt und dumpf und feucht. Ö, wie sehr Recht hatte Ursula ihren Platz am offenen Fenster zu wählen, um nur ein wenig Luft und Licht zu genießen. Nun begriff ich die Bläffe des armen Kindes, das war nicht verlorene Frische, sie war nicht zu verlieren, denn sie bestand wohl von Anbeginn nicht. Als ich mich näher in dem Zimmer umsah, erblickte ich rückwärts in einem düstern Winkel der Stube, auf zwei etwas bequemeren Stühlen, zwei Personen, die ich anfänglich in der Dunkelheit gar nicht gleich beobachtet hatte. Es war ein Greis und eine alte Frau; diese strickte fern vom Fenster, ohne etwas zu sehen, mechanisch fort. Der alte Mann that gar nichts, er stierte theilnahmslos vor sich hin. Er hatte die gewöhnlichen Grenzen des Lebensalters überschritten, sein Körper allein existirte nur noch, man durfte ihn nur anschauen, um zu erkennen, daß er wieder zum Kinde geworden war. Welch' trauriges Bild bot dieser Raum in seiner Vereinsamung, seiner Stille und Düsterheit! — Ein blödsinniger Greis, eine alte erblindete Frau, ein armes, vorzeitig verblühtes Mädchen, deren Jugend durch diese alten, für das Leben abgestorbenen Leute vergällt, deren Gesundheit innerhalb dieser dumpfen Mauern, die sie gefangen hielten, untergraben wurde. Aber so traurig ich mir das Schicksal Ursula's auch vorstellte, so übertraf doch die Wirklichkeit nach meinen Voraussetzungen, wie aus ihrer Lebensgeschichte hervorgeht, die sie mir eines Tages, als ich bei ihr am Fenster saß, treuherzig mittheilte. „Ich bin", so erzählte sie mir, „in diesem Hause geboren, und habe es seit meiner Geburt nicht verlassen; meine Eltern sind aber nicht von hier, sie sind hier eingewandert und wir stehen völlig allein, ohne Freunde, ohne irgend welche Verbindung; sie waren schon in den Jahren vorgeschritten, als sie heiratheten. — Meine Mutter erblindete und dies herbe Unglück trübte ihren Charakter. In unserem Hause war es immer ernst und gemessen, Alles war still und freudlos um mich her, man duldete nicht den geringsten Lärm von mir und ich wußte während meiner ganzen Lebzeit nicht einmal, daß ich durch einen Gesang, diese Stille unterbrochen hätte. — Nie ward mir irgend eine Liebkosung Seitens meiner Eltern zu Theil und dennoch liebten sie mich, gaben es aber in keiner Weise kund. Ich beurtheilte ihr Herz nach dem meinen, ich habe sie geliebt und zweifelte daher nie, daß ich auch von ihnen geliebt wurde. — Doch war mein Leben nicht immer so traurig, wie gegenwärtig, ich besaß eine Schwester ..... ." Die Augen Ursula's wurden naß, aber es flössen keine Thränen — sie waren gewohnt verborgen zu bleiben. Sie fuhr fort: „Ja, ich hatte eine ältere Schwester, sie war wie meine Mutter, still und schweigsam, war aber sonst, mitfühlend und liebreich mit mir. — Wir liebten uns innig und theilten uns völlig in der sorgsamsten Pflege unserer Eltern. — Niemals genossen wir das Vergnügen uns zusammen, außen, der schönen Natur zu freuen, und die schönen Ufer des Rheins, die herrlichen Waldungen und die reizenden Höhen zu genießen. Eine von uns mußte stets zu Hause sein, den alten, gebrechlichen Vater zu pflegen, der blinden Mutter hilfreich beizustehen. Die aber, der gegönnt war auf kurze Zeit in's Freie zu gehen, brachte dann einige Hagedornzweige heim, die sie an den Hecken gepflückt hatte und erzählte von der Sonne, von den Bäumen, von der frischen erquickenden Luft, was wir hier Alles entbehren mußten. So glaubte dann die Andere bei diesen Erzählungen, sie habe dieses Alles mitgenossen. — Abends arbeiteten wir zusammen beim Lichte der Lampe, dabei durften wir aber nicht sprechen, da unsere Eltern neben uns stets eingeschlafen waren, aber doch, wenn wir von unserer Arbeit aufsahen, begegnete jede von uns einem liebevollen Lächeln der Andern; wir schliefen beide in einem Zimmer und gingen nicht zu Bette, ohne daß wir uns nicht geküßt und „gute Nacht, schlaf wohl!" gesagt hätten. „Der liebe Gott hätte uns beisammen lassen sollen, nicht wahr? — aber doch ich murre nicht, — Martha ist ja glücklich da oben." i (Schluß folgt.) 189 Die durch die Sonneuwärme arbeitende Wafserpumpe von Foueault. Bei der letzten Weltausstellung in Paris zogen besonders die Reflexions-Apparate von M. Mouchot die Aufmerksamkeit der gelehrten Welt auf sich. Diese bestanden in großen, parabolischen Spiegeln mit einem kleinen, centralen, tubulären Kessel. Das in diesem enthaltene Wasser sollte durch die vorn Spiegel zurückgeworfenen Sonnenstrahlen geheizt werden. Die Apparate waren mehr gelehrte Spielereien als praktisch verwendbare Maschinen. Nach der Ausstellung wurden sie aber von den Herren Pifre und Sakeron bedeutend vervollkommnet. Diese Mechaniker construirten Reflexions-Spiegel, welche in ihrem Brennpunkte einen Tubulair-Kessel enthielten, der eine bestimmte Menge industriell verwendbaren Dampfes erzeugte. Man kann durch dieselben in der That einen kleinen Motor, eine Wasserpumpe, ja selbst einen Pulsateur in Bewegung setzen. Wir zweifeln aber, daß diese Apparate je allgemeine Anwendung finden werden. Denn, wenn nichts anderes, ihre Kostspieligkeit, welche von der Nothwendigkeit bedingt wird, daß man erstens dem Spiegel eine automatische Bewegung geben muß, damit er den Lauf der Sonne verfolge, und zweitens, ihn sehr groß construircn, um eine starke erwärmende Kraft zu erhalten, wird ihrer allgemeinen Verbreitung ein starkes Hinderniß entgegensetzen. Die Lösung des Problems aber, wie man die Wärmekraft der Sonne in der Mechanik nutzbar machen könnte, wurde von einem genialen Physiker in die Hand genommen und, wenigstens in einer Richtung, das heißt, insoferne als man durch Sonnen- wärme Wasser heben kann, wie es uns scheint, praktisch gelöst. Dieser geniale Physiker ist Herr Foueault. Wir wollen seine Erfindung in ihren Grundsätzen besprechen. Der Apparat wurde von seinem Erfinder chemische Pumpe benannt. Um uns diese zu vergegenwärtigen, stellen wir uns eine gewöhnliche Saugröhre vor, welche im Wasser taucht und mit einem Ventile versehen ist. Sie verlängert sich nach oben in eine Ablaufröhre, die ebenfalls ein Ventil besitzt und in ein oberes Reservoir mündet, in welches das aufgesaugte Wasser sich ergießen muß, um zu weiteren Zwecken verwendet und anderswo hingeleitet zu werden. Im Verlaufe dieser Röhre mündet eine zweite Röhre, welche dieselbe mit dein Stiefel der Pumpe verbindet. Nun stellen wir uns in diesem Stiefel, der senkrecht steht, einen Piston vor, der auf- und absteigt, und der ganze Apparat wird als eine einfache Pumpe erscheinen, die Wasser aufsaugt und ausgießt. Sie unterscheidet sich aber von den anderen gewöhnlichen Pumpen dadurch, daß sie in einem weiten, geschlossenen Cylinder aus Eisenblech besteht, in welchem ein flüssiger Piston auf- und absteigt, der aus einer Schichte von Erdöl gebildet wird und der einen Schwimmer trägt, welcher einen um ein wenig kleineren Durchmesser hat als der innere Durchmesser des Stiefels ist, damit er sich in diesem frei bewegen könne, ohne an den Nieten oder anderen Erhabenheiten anzustreifen. Stellen wir uns weiter diesen flüssigen Piston am Ende seines Verlaufes angelangt vor, und über ihm ein mit genügender Spannkraft versehenes Gas, und wir werden leicht einsehen, daß dieses Gas den Piston hinabstoßen und in Folge dessen das darunter vorhandene Wasser durch die Ablaufröhren hinausstoßen wird. Wenn nun, sobald der flüssige Piston am unteren Ende seiner Bahn angelangt ist und noch bevor das Erdöl in die Saugröhre eindringen kann, der Druck von oben plötzlich aufhört und dagegen ein luftleerer Raum daselbst entsteht, ist es ebenfalls leicht einzusehen, daß der Piston wird hinaufsteigen müssen. Die Folge davon wird sein, daß der atmosphärische Druck das Wasser in die Aufsaug- röhren hinauftreiben wird, welches oberhalb des Aufsaugvcntils angelangt, durch den seitlichen Zweig der Saugröhre, eben in dem Maße, in welchem der Piston aufsteigt, den Stiefel der Pumpe füllen wird. Wir haben einen flüssigen Piston, welcher ohne jedwede Vorrichtung, ohne jegliche Reibung und ohne zu gestatten, daß ein Tropfen Wasser zwischen ihn und die Wand des Stiefels eindringe, in seinem Stiefel auf- und ^igt, denn wegen seines «erinneren specifischen Gewichtes muß er immer auf dem Wasser schwimmen. Der flüssige Pisten von Erdöl war also die erste griechische Idee von Foucault. > . . Da wir so weil in der Beschreibung der chemischen Pumpe gelangt sind, müssen wir untersuchen, wie eS geschieht, daß oberhalb des Pistons der Druck entsteht der denselben hinunterdrückt, und abwechselnd der luftleere Raum, der ihn hinaufzusteigen zwingt. Wir müssen außerdem noch untersuchen, inwieferne die erwännende Sonnenkraft bei dem beschriebenen Vorgänge eine Rolle spielt. Um dies aber leicht zu begreifen, müssen wir einige physikalische Sätze in Erwähnung bringen. Diese sind: 1. Das Ammoniakgas ist im Wasser sehr löslich, denn, wenn man eine Eprouvette voll von demselben Wasser umstürzt, ist seine Auflösung eine augenblickliche. 2. Die Auflösbarkeit des Ammoniaks im Wasser steht im umgekehrten Verhältnisse zur Temperatur des letzteren. 3. Ein Liter Wasser löst, bei -f- 15 Grad, 743 LitreS Ammoniak auf. 4. Bei -j- 24 Grade löst das Wasser kein Ammoniak auf. 5. Bei 50 Grade entweicht alles Ammoniakgas, welches früher im Wasser aufgelöst war. 6. Während das Wasser bei -s- 100 Grade Dampf von einer Atmosphäre Spannkraft entwickelt, ist die Spannkraft des aus einer ammoniakalischen Wasserlösung bei derselben Temperatur entweichenden Gases 7^/z Atmosphären gleich. 7. Dasselbe Wasser, welches erhitzt, das aufgelöste AmmoniakgaS entweichen läßt, löst selbes wieder auf, sobald es kalt wird. 8. Um eine bestimmte Menge von Spannkraft zu erzeugen, braucht eine ammonia- kalische Wafferlösung viel weniger Wärme-Einheiten als das Wasser, denn während jene bei 100 Grad nur 126 Wärme-Einheiten benöthiget, braucht dieses deren 537. Aus diesen Sätzen geht hervor, daß man aus einer ammoniakalischen Wasserlösung eine viel größere Spannkraft mittelst viel weniger Wärme erhalten kann, als wenn man Wasser in Dampf verwandelt, und daß man diese Spannkraft mittelst derselben Lösung constant regeneriren kann. Nun hatte Foucault die zweite glückliche Idee, die Spannkraft des AmmoniakgaseS zu benützen, um den flüssigen Piston in dem Stiefel der Pumpe in Bewegung zu setzen und die Wärmekraft der Sonne, um das Gas aus einer wässerigen Lösung frei zu machen oder selbes im Wasser wieder aufzulösen. Denn, wenn man eine wässerige Ammoniaklösung erwärmt, und das sich dabei entwickelnde Gas oberhalb des Pistons in den Pumpenstiefel eindringt, so wird dieser hinuntergedrückt. Wird aber die Lösung wieder kalt, so saugt sie das zuvor entwichene Gas wieder ein, es entsteht dadurch ein leerer Raum oberhalb des Pistons und dieser muß in die Höhe steigen. Daraus sieht man auch die Nothwendigkeit eines Pistons von Erdöl ein, welcher das Ammoniakgas von dem aufzuhebenden Wasser vollkommen absperrt, damit dieses kein Ammoniak aufsaugen könne, sondern das Gas nur mit dem Wasser in Verbindung bleibe, in welchem es aufgelöst war. Auf welche Art wird aber das Ammoniak-Gas von seiner Lösung entbunden, wie dringt es in den Pumpenstiefel oberhalb des Pistons ein, wie wird es von seinem Lösungswaffer eingesaugt? . . . Der Apparat, wo diese Vorgänge stattfinden, ist eiw eigenthümlich construirter Kessel, der mit dem Pumpenstiefel in Verbindung steht, von den Sonnenstrahlen erwärmt wird, und den wir Sonnenkessel nennen wollen. Er ift- aus zwei Platten von Eisenblech zusammengesetzt, die an ihren Rändern hermetisch genietet sind, und dazwischen einen 2 bis 3 Millimeter hohen, freien Raum einschließen. Wenn man nun diesen Kessel auf Schwellen horizontal liegend sich denkt, und sein Perimeter von einem erhabenen Rahmen umschrieben, damit seine obere Seite von einer Schichte von Wasser constant bedeckt sein könne, so hat man das klarste Bild dieses Sonnenkessels. Mittelst einer feinen Röhre kann tnan ihn mit der amMniakalischen 191 Lösung füllen, und mittelst einer anderen feinen Röhre steht er einerseits mit einem Kondensator und andererseits mit dem Stiefel der Pumpe oberhalb des PistonS in Verbindung. ' -7^- ' Der Kessel ist flach, um den Sonnenstrahlen die größtmöglichste Oberfläche darzubieten, und um sein Wärmeaufsaugungsvermögen.M- erhöhen, ist er schwarz gefärbt und unter ein Glasdach gestellt. Sobald die Sonne darauf scheint, entweicht das Ammoniak äuS der Lösung, es dringt in den Stiefel ober dem Piston hinein, drückt diesen hinunter, stößt vor sich das unter ihm vorhandene Wasser hinaus, und hebt folglich dasselbe bis zum oberen Behälter. Die chemische Pumpe muß so construirt sein, daß sowohl der Behälter als der Kessel und der Pumpenstiefel eine solche Größe haben, daß der Kessel während der ganzen Zeit arbeiten kann als die Sonnenstrahlen am wärmsten scheinen. Sobald die Ladung von Ammoniak, welche in dem Kessel enthalten war, verbraucht ist, oder das ganze in dem Pumpenstiefel enthaltene Wasser ausgestoßen wurde, muß man den Kessel abkühlen, damit die Wiedereinsaugung des Gases, die Entstehung eines leeren Raumes an dessen Stelle, und folglich das Aufsteigen des aufzupumpenden Wassers in den Stiefel vor sich gehe. Zu diesem Zwecke braucht man nur das Verschwinden der Sonne vom Horizonte oder die Kühle der Nacht abzuwarten. Es ist aber viel bester, um den Erfolg zu beschleunigen, auf die obere Seite des Kessels ein wenig frisches Wasser durch einen Syphon zu leiten, der automatisch zu spritzen anfängt, sobald das Wasser des oberen Behälters eine bestimmte Höhe erreicht hat, und aufhört, sobald das Letztere ein wenig heruntergesunken ist. Es ist leicht begreiflich, daß man eine verschiedene Anzahl von Apparaten zugleich in Thätigkeit wird setzen können, um ein größeres Resultat zu erzielen. ' Ebenso leicht wird man einsehen, daß man die Sonne durch jede andere Wärmequelle ersetzen kann. Der Erfinder zeigt seinen Freunden eine chemische Pumpe, welche von einer einfachen Petroleumlampe in Thätigkeit gesetzt wurde. Die Lampe wurde durch eine automatische Bewegung des Apparates dem Kessel-untergeschoben, oder von-demselben entfernt. Nun entsteht die Frage: Ist diese chemische Pumpe in her That eine hydraulische Maschine, welche eine Zukunft hat/ eine Maschine, welche zu hydraulischen Zwecken wird im Großen verwendet werden können? . . . Wir zweifeln gar nicht daran, denn erstens muß sie sehr billig zu stehen kommen, und zweitens kostet ihre in Thätigkeitsetzung gar nichts in Ländern, wo die Sonne sehr warm und lange am Himmel scheint. Selbst in dem Falle, daß man sie durch eine künstliche Wärmequelle in Thätigkeit erhalten müßte, beweisen die Berechnungen, die wir oben angeführt haben, daß die Betriebskosten derselben kaum zu vergleichen wären mit denen einer Dampfpumpe. Wir müssen noch besonders betonen, daß die wässerige Ammoniaklösung sehr billig im Handel vorkommt, und daß der einmal vollgefüllte Kessel ohne weitere Nachfüllung jahrelang functioniren kann. Man könnte aber glauben, daß mit der chemischen Pumpe die Arbeit noch nicht continuirlich sein kann, das heißt, daß, wenn man Wasser zu pumpen angefangen hat, man diese Arbeit jedesmal und während der ganzen Zeit unterbrechen muß, als der Kessel auskühlt. Dies wäre ein großer Fehler. Die Sache verhält sich aber nicht so. Denn man braucht nur zwei Pumpen neben einander aufzustellen und mit denselben abwechselnd auszupumpen, d. h., während ein Kessel auskühlt, den anderen durch dieselbe Wärmequelle zu heizen, lind die Arbeit wird ununterbrochen vor sich gehen. In der Ueberzeugung also,- daß die chemische Pumpe von Foucault vor jedem anderen Pumpensysteme den Vorzug verdient, und hauptsächlich in der Landwirthschaft, wo man heutzutage leider nur durch die Verringerung der Produktionskosten im Stande ist, seine Steuer aufzubringen, bald eine große Rolle spielen wird, haben wir keinen Anstand genommen, sie hiemit bekannt zu machen. Auch thun wir dies um so liebes als die chemische Pumpe schon beurtheilt und uns anempfohlen wurde von einem der ersten mechanischen Ingenieure Frankreichs, von Herrn Poillon, welcher kein Mechaniker am Rechentisch, sondern Besitzer einer großartigen mechanischen Fabrik ist. ^W. V.) M i s e e l l e rr. (Theorie und Praxis.) Professor der Therapie, von seinen Schülern umgeben, tritt in der Klinik an das Bett eines Kranken, der am Delirium tremens leidet, und fragt den Patienten: „Ihr Gewerbe?" — Patient: „Musikant." — Professor: „Meine Herren! Es ist eine Thatsache, daß die Behandlung von Blasinstrumenten die Kehle dermaßen austrocknet, daß nur durch häufigen und ausgiebigen Gebrauch von Getränken — natürlich meistens alkoholhaltige — der Bläser der Ausübung seines Berufs nachzukommen vermag. Eine natürliche Folge dieses Mißbrauches von Getränken ist die Krankheit, die wir hier vor uns haben. Welches Instrument blasen Sie?" — Patient (mit matter Stimme): Violoncelli" (Ein nützliches Hausthier.) „Kannst du mir ein recht nützliches Hausthier nennen?" fragte eine Erzieherin ihre Schülerin. — Das Kind sinnt nach, dann ruft es jubelnd: „Der Storch, der Storch!" — „Aber, Kind! der Storch ist kein Hausthier." — „Er sitzt aber doch stets auf unserem Hause." — „Nun, wenn er auch ein Hausthier wäre, nützlich ist er unserem Hause darum nicht." — „Doch Fräulein! Er bringt uns alle Jahre ein Brüderchen oder Schwesterchen." (Eine Sünde kann auch eine Tugend werden.) Der Kornhändler Bär hat auf Ostern gebeichtet, daß er hie und da schlechtes Korn unter das gute mischte. „Das ist eine schwere Sünde, sagte der geistliche Herr, „wenn Ihr das wieder thut, kann ich Euch nicht mehr absolviren." Der Bär läßt das Mischen nicht, beichtet aber das nächste Mal: „Ew. Hochwürden, ich hab' meine Sünd' wieder gut g'macht und gutes Korn unter das Schlechte gemischt." „Sagten Sie nicht," fragte ein Professor der Medizin einen der prakticirenden Studenten, „daß das Fieber des alten Hirsenmayer weggegangen sei?" — „Jawohl, Herr Professor; aber es hat den Kranken mitgenommen." (Bei der Militärconscription.) Feldwebel: „Wer einen Fehler angeben will, der muß sich ausziehen!" — Conscribirter: „Ich habe aber blos ein Augenleiden, Herr Feldwebel?" — Feldwebel: „Macht nichts — ausziehen!" Jude: „So bezahlen Sie mir doch die Kleinigkeit, sehr geehrter Herr! Sie wissen ja doch, wer bezahlt seine Schulden, thut verbessern seine Güter!" — Student: „Glauben Sie doch den Schwindel nicht, das ist nur so'n Gerücht, was die Gläubiger ausgesprengt haben." ^riginal-Charade. Doch wenn euch Gott nicht gnädig ist Wenn Zwietracht herrscht, und Trug und List Ja freilich, dann gibt's manchen Zwist; Der Gram, der dann am Herzen frißt Wird früh die Wange bleichen. Es bleibt, wenn man es rückwärts liest Genau das was es vorwärts ist, Dieß Wörtchen von drei Zeichen. Auslösung der Original-Charade in Nr. 21: Nazareth, Lazareth. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Berlag des Literarischen Instituts vonvr. M. Huttler. Nr. 25. 1880. zur „Angslmrger Po jheituug." Samstag, 25. September Willst Du Großes, laß das Zagen, Thu' nach kühner Schwimmer Brauch! Rüstig gist's die Muth Zu Wagen, Doch es -rügt die Fluch Dich auch. G-ibel. Ein Opfer aus Kindesliebe. fEin Bild aus dem Leben, erzählt von F. von Carneville. (Schluß.) ^ch weiß nicht war es Mangel an Luft und Bewegung oder war es unser trauriges Geschick, das den Keim zu Martha's Krankheit legte; aber ich sah sie täglich schwacher und leidender werden. Ach, nur ich allein machte diese Wahrnehmungen und beunruhigte mich ihrethalben; meine Mutter konnte sie nicht sehen und Martha beklagte sich nicht, und mein Vater war schon damals in dein Zustande der Empfindungslosigkeit, in dem Sie ihn heute sehen. Erst später vermochte ich meine Schwester dahin zu bringen, einen Arzt zu Rathe zu ziehen; aber es ivar zu spät, er konnte nicht mehr helfen, sie kränkelte noch einige Zeit, dann starb sie. Vor ihrem Tode, ich saß weinend an ihrem Bette, ergriff sie meine Rechte mit ihren zitternden Händen und sagte, mich liebevoll anblickend: „Lebe wohl, meine arme Ursula! — Ich bemitleide nur Dich allein auf Erden; aber sei guten Muthes, pflege sorgsam unsere armen Eltern, sie sind gut, sie lieben uns, wenn sie es auch nicht kund geben. Schone ihretwegen Deine Gesundheit, erhalte Dich ihnen, denn Du darfst nicht vor ihnen sterben. Gott befohlen, liebe Ursula, weine nicht zu viel, bete fleißig und nun — auf Wiedersehen Ursula!" Drei Tage darauf trug man meine arme Martha, in einen Sarg gebettet, aus dem Hause und ich blieb allein bei meinen Eltern. Als ich meiner blinden Mutter den Tod Martha's verkündete, stieß sie einen Schmerzensschrei aus, erhob sich von ihrem Sitze, wankte noch einige Schritte vorwärts, sank dann in die Kniee, weinte und schien zu beten. Ich näherte mich ihr dann und leitete sie auf ihren Stuhl zurück. Seitdem hat sie nicht mehr geweint, aber schweigsamer ist sie geworden, und öfter als sonst, sah stch die Korallen des Rosenkranzes durch ihre Finger rollen. Ich habe nun fast nichts mehr zu erzählen. An dem geringen Vermögen, das wir besaßen, haben wir empfindliche Verluste erlitten; ich verschwieg es aber meinen Eltern, und suchte durch Handarbeiten, die ich heimlich verkaufe, und für die ich gerne Abnehmer- finde, diese Verluste zu ersetzen. Seit meine Schwester todt ist, habe ich mit Niemanden Umgang. An den Sonntagen gehe ich ein wenig inS Freie, ich gehe jedoch nicht weit,, da ich immer allein bin, und auch fürchte, meine Eltern möchten meiner bedürfen und mich vermissen. 194 An diesem Fenster träumte ich oft, viele Hoffnungen malte ich mir in schönen Bildern aus, aber mein Geschick blieb dasselbe, Jahre um Jahre flössen einförmig dahin, und so habe ich 29 Jahre erreicht, — Traurigkeit hat mehr als die Jahre mein Gesicht gealtert; — damit ist Alles gesagt! ich erwarte nichts mehr, ich hoffe nichts mehr und werde so mein einsames Leben beschließen. — Ich denke nur immer an die letzten Worte Martha's: „Auf Wiedersehen, liebe Schwester", ich bete oft, ich weine selten und in leidender Ergebung lebe ich dahin! — Damit habe ich Ihnen meine Lebens- und Leidensgeschichte erzählt, was ich Ihrer freundlichen Theilnahme halber, Ihnen schuldig zu sein glaubte. —- „Und Sie, Sie sind wohl glücklich?" Ich antwortete nicht auf die Frage Ursula's, denn einem Unglücklichen gegenüber von Glück zu sprechen, vermehrt noch seinen Kummer über sein Mißgeschick. Ich setzte meine Besuche bei Ursula fleißig fort, ich war ihr im wahren Sinn des Wortes ein Freund geworden und sie dachte schon mit Bedauern der Zeit, wo ich den bisherigen Aufenthalt wechseln würde. Da traf zu unserer großen und aber nicht freudigen Ueberraschung der Befehl ein, daß wir noch ein weiteres Jahr in dieser Festung zu garnisoniren hatten, was Ursula nicht wenig zu trösten schien. An einem Herbstabend, als ich eben wieder meinen gewohnten Spaziergang machen wollte, besuchte mich ein junger Mann, Bahnbeamter im nächstgelegenen Städtchen, den ich kennen und schätzen lernte. — Als er mich eben am Ausbrechen traf, bot er sich an, mich zu begleiten und wir schlugen dann den bekannten Weg ein. Ich weiß nicht mehr, wie die Rede darauf kam, aber ich sprach von Ursula und von dem Interesse, das ich für sie hegte, und als der junge Beamte, den ich Moritz Erwald nennen will, Gefallen an meiner Erzählung fand, gingen wir langsamer und als wir das graue Häuschen erreicht hatten, wußte er bereits die ganze Lebensbeschreibung Ursula's. Natürlich schaute er sie nun mit Interesse und Mitleid an, als er sie am Fenster sah; er grüßte sie und verabschiedete sich dann von mir. — Ursula, betreten durch die Gegenwart des Fremden, da sie nur mich zu sehen erwartete, erröthete und ich muß gestehen, ich fand sie wirklich hübsch. Es war seitdem geraume Zeit verflossen, als ich von einem Spaziergange zurückkehrend, wieder auf Erwald traf. Er begleitete mich, ich sagte ihm, daß ich Ursula besuchen wolle, und ich weiß nicht wie, aber es kamen mir plötzlich allerlei Gedanken, die mich schweigsam machten und ich meinte, dieser junge Mann müsse diese Gedanken errathen. Es war ein wunderschöner Herbstabend kein Blatt an den Bäumen bewegte sich, die von den letzten Strahlen der Abendsonne beleuchtet waren, und inmitten dieser schönen Natur, gab man sich unwillkürlich einer Stimmung hin, die die Seele bewegt und in der wir gewissermaßen besser werden. So erreichten wir denn das schmale Gäßchen mit seinen düstern Mauern; ich gewahrte bereits Ursula am offenen Fenster, das von einem schwachen Strahl der scheidenden Sonne beleuchtet war. „Da ist Ursula, um auch den schönen Abend zu genießen, soweit er sich in diesem traurigen Winkel genießen läßt", hub ich an, als ich seine Aufmerksamkeit sah, mit der er sie betrachtete, indem wir uns dem Hause näherten. Die auf sie gehefteten Blicke, brachten das arme Kind, das in dieser Beziehung noch schüchtern war, wie mit fünfzehn Jahren, sichtlich in Verlegenheit, als wir an ihr Fenster traten. Ich sprach mit ihr und Erwald mischte sich zeitweise in unser Gespräch, verabschiedete sich aber bald, Ursula freundlich grüßend. Seit dieser Zeit passirte er auch oft diese Gasse, wenn er in die Stadt kam, und grüßte Ursula freundlichst. — Einmal als er wieder bei mir war, lud ich ihn ein, mit mir bei Martha einzutreten. Wir unterhielten uns mit gewöhnlichen Gesprächen; Ursula begegnete den Blicken Erwald's. wie sie den meinigen begegnet war, es war immer das Bild einer mutor üolornkm! — Was Erwald anbelangt, so war seine große Theilnahme für das gute Geschöpf unverkennbar und diese Empfindung entsprang sicherlich seiner Zuneigung für sie; dabei 195 war das Gemüth des jungen Mannes ein wenig exaltirt und träumerisch, und die Traurigkeit, die Ursula umgab, übten auf ihn einen eigenen Reiz aus. Ein paar Wochen später begleitete mich eines Abends Moritz Erwald auf einem Spaziergange und stellte dabei u. A. die Fragen an mich: „Halten Sie nicht dafür, daß ein besonderes Glück darin besteht, das Glück eines uns theuren Wesens zu gründen? — liegt nicht in der Freude, die man Anderen bereitet, eine ungemeine Genugthuung für sich selbst? — Eine edle, gefühlvolle Seele, die durch die Ungunst der Verhältnisse, bereits für das Leben abgestorben ist, wieder zu erwecken, sie dem Leben wieder zu gewinnen — ist das nicht ein schöner Traum?" Ich sah ihn mit fragendem Blicke an. „Ja", sagte er, „ich habe überlegt, fragen Sie Ursula, ob sie geneigt wäre mich zu ehelichen, ob ihr das Schicksal, das ich ihr mit aufrichtigem Herzen zu bieten vermag, genügt." — In der That ich war höchlichst erfreut über dies Geständniß und versicherte ihn, daß ich mich dieser Mission mit Vergnügen unterziehen wolle und mich zu diesem Behufe augenblicklich zu Ursula begeben würde. Als ich bei Ursula eintraf, fand ich sie an der gewohnten Stelle, arbeitend und traurig träumend. Die stete Einsamkeit, die traurige Einförmigkeit in dieser abgelegenen Gasse, diese trübselige nächste Umgebung, alles hat ihre Seele verkümmert und eingeschläfert. Sie lächelte, als sie mich erblickte; dies war auch aber die einzige Bewegung, die sie zeigte. — Ich war sehr begierig, wie sie meine Anfrage aufnehmen würde, ich wollte sehen, ob das Leben bei ihr nur abwesend, oder ob es bereits vollkommen erloschen war. Ich setzte mich ihr gegenüber, faßte ihre beiden Hände und sie fest anblickend, sprach ich zu ihr: „Ursula, Moritz Erwald hat mich beauftragt Sie zu fragen, ob Sie seine Frau werden wollten." Das arme Mädchen war wie vom Blitze getroffen; Thränen schössen in ihre Augen, ihr Blick gewann Leben; — ihr Blut, so lange zurückgehalten, pulsirte in kräftigen Schlägen, und ihr Gesicht überzog eine lebhafte Nöthe. — Ursula war nur eingeschläfert, nicht abgestorben. — Wie die Stimme des Herrn zu jenem todten Mädchen sagte: „Steh' auf und geh'!" — ebenso sagte die Liebe zu Ursula: „Erwache!" — Ursula liebte; vielleicht, daß sie ihn schon im Stillen liebte, und jetzt der Schleier riß, der diese Liebe ihr selbst verhüllt hat. — Einen Moment darauf drückte sie ihre Hand gegen die Stirne und sagte leise: „wäre es möglich?" Ich konnte nur meine Worte wiederholen: „Ja, Moritz Erwald fragt, ob Sie seine Frau werden wollen?" „Seine Frau?"-Und sich auf ihre blinde Mutter stürzend, rief sie ihr entgegen: „Mutter, habt ihr gehört? Er begehrt mich zur Frau!" „Mein Kind", antwortete die arme Blinde, die Hand Ursula's suchend, „mein geliebtes Kind, Gott wird früh oder spät Deine Tugenden belohnen." „Mein Gott!" rief Ursula, „was begegnet mir heute? — Moritz verlangt mich zur Frau, und meine Mutter nannte mich ihr geliebtes Kind!" Thränen in ihren Augen schwieg sie, sie schien still für sich zu beten. In diesem Augenblicke ging die Hausthüre und Schritte wurden im Vorflötzs hörbar. — „Das ist er!" rief Ursula sich rasch erhebend und ihre Hände über die Brust kreuzend, fügte sie bei: „Mein Gott, so ist denn hier Innen wieder neues Leben erwacht!" Ich verließ das Haus, Erwald grüßend und ihm verkündend, daß sein Begehren gute Aufnahme fand. — Ursula war wahrlich schön in ihren Thränen und in ihrer Aufregung. Seit diesem Tage war Ursula wie umgewandelt. Sie lebte neu auf, sie verjüngte sich unter dem süßen Einfluß ihres Glücks und mit dem Leben kehrte auch ihre Schön- heil wieder zurück; ihre Wangen rötheten sich, ihre Augen glänzten in Freude und Alles in ihr zeigte, daß ihre Wünsche nun erfüllt waren. Moritz verbrachte jetzt meist seine Abende bei dem geliebten Mädchen; das düstere Stübchen, die einfache Ausstattung desselben, die traurige, schweigsame Gesellschaft der greisen Eltern, — Alles heimelte ihn fromm an und er war glücklich mit der Geliebten, als wenn die reizendste Umgebung ihr Beisammensein verschönte; ihre Unterhaltung war aber keine lebhafte, sie betrachteten sich und träumten beide von dem Glücke ihrer ! Zukunft. - l So verfloß für Ursula und Moritz eine sehr glückliche Zeit. . Eines Abends schien Moritz, als er zum Besuche kam, etwas aufgeregt und bald nachdem er seine Braut begrüßt hatte, machte er ihr voll Freude die Mittheilung, daß l er Nachricht erhalten habe, daß er befördert würde, und in ein recht hübsches Städtchen s an der sächsischen Grenze käme. — „Wir müssen nun", fuhr er fort, „unsere Verehe- lichung beschleunigen, damit Du gleich mit mir reisen kannst." „Das ist dann wohl eine weite Reise?" frug Ursula. „Allerdings, aber Du scheinst mir ja über diese Kunde erschreckt zu sein", meine liebe Ursula, und ich dächte doch, es müsse Dich freuen/ein neues Land zu sehen und von diesem garstigen Erdenwinkcl einmal Abschied zu nehmen." „Es ist nicht meinetwegen, lieber Moritz, mir ist natürlich ein neuer Aufenthalt mit Dir gewiß höchst willkommen und macht mich glücklich; aber für meine armen Eltern ist eine weite Reise bei ihrem hohen Alter und ihrer Presthaftigkeit eine große Beschwerde." Moritz stand stumm vor Ursula; er hatte zwar vorausgesehen, daß seine geliebte Braut, indem sie sein unstetes Leben als Eisenbahnbeamter theilen wolle, sich bei ihrer großen Liebe, die sie für ihre Eltern hegte, nur schwer von ihnen trennen würde, zweifelte . aber doch nicht, daß sie ihre Liebe zu ihm und die Versorgung, die er ihr bot, schließlich ihren Schmerz, von ihren alten Eltern scheiden zu müssen, bewältigen würde. — So schwer es ihm denn ankam, ihr diese bittere Stunde bereiten zu müßen, glaubte er doch nicht länger zögern zu dürfen, sie in dieser Beziehung aufzuklären und zu trösten. Er faßte daher ihre Hand und sprach liebevoll zu ihr: „Meine Theure, bei den: wandernden Leben, das mir mindestens im Anfange bevorsteht, ist es wohl unmöglich, daß Deine alten und gebrechlichen Eltern uns folgen können! — bis jetzt haben wir allerdings nur geliebt und von dem Glücke unserer Zukunft geträumt, ohne die nähern Umstände zu erwägen, die mit unserer Berheirathung eintreten müssen; nun ist aber der Moment gekommen, darüber eingehend sprechen zu müssen; Du weißt, Geliebte, ich bin ohne Vermögen, ich beginne erst meine Carrisre, meine Besoldung ist gering und legt uns noch große Genügsamkeit auf, wobei ich auf Deinen Muth zähle. Die Mitnahme Deiner Eltern in unseren kleinen Haushalt würde daher mit dem besten Willen und bei aller Aufopferung nicht ausführbar sein." — „Meinen Vater und meine Mutter verlassen?" rief Ursula. „Lasse sie mit dem Wenigen, was sie besitzen, in diesem kleinen Hause; vertraue sie sicheren Händen und Du, Du folgst Deinem Gatten!" — , „Vater und Mutter verlassen?" wiederholte Ursula, — „aber weißt Du denn nicht, ' daß das, was sie besitzen, nicht zu ihrer Existenz ausreicht; um den Zins für diese s traurige Wohnung zu zahlen, arbeite ich zu ihrem Besten! seit zwölf Jahren sorge ich k allein für Fristung ihres Lebens!" > „Meine arme Ursula", nahm Moritz wieder das Wort, — „man muß sich in's i Unvermeidliche fügen, — eröffne ihnen endlich, daß sie ihr Vermögen längst eingebüßt haben, daß sie bisher lediglich durch Deine Handarbeit ernährt wurden, — daß Du Dich k aber jetzt verheirathen kannst, und daß sie sich in die Nothwendigkeit fügen müßten, von s der Gemeinde versorgt zu werden." I „Abreisen ohne sie! — das ist unmöglich! — sie der Gemeinde aufbürden, heißt ? 197 sie der Noth und Entbehrung Preis geben! — Nein, durch meine Arbeit müssen sie erhalten, muß ihnen das Alter so wenig kümmerlich als möglich gemacht werden!" — „Ursula, meine theure Ursula!" nahm Moritz wieder das Wort, die Hände des armen Mädchens in die seinigen fassend, — „ich beschwöre Dich, lasse Dich von den edlen Regungen Deiner großmüthigen Seele, nicht zu weit reißen! sehe der Wahrheit in's Gesicht; wir schlagen ja nicht aus etwas zu geben, sondern wir sind nur im Anfange nicht im Stande etwas zu thun. Wir würden jetzt allein leben und können das nur, weil mir Muth haben zu entbehren." — „Ich kann meine Eltern nicht verlassen!" nahm Ursula in herzzerreißendem Tone das Wort, indem sie die beiden Greise wehmüthig ansah, die auf ihren Stühlen eingeschlafen waren. „Liebst Du mich nicht, Ursula? — vermagst Du meinethalben kein Opfer zu bringen?" frug Moritz seine Verlobte. Das arme Mädchen antwortete nur durch einen Strom von Thränen. Moritz blieb noch länger bei ihr. Er sagte ihr tausend zärtliche Worte; er erklärte ihr wiederholt die bescheidene Stellung, in der sie zu leben gezwungen seien, er suchte sie zu überzeugen, daß die Opfer, die sie ihren Eltern bringen wollte, über ihre Kindespflicht hinausgingen, aber er konnte sie zu keinem Entschlüsse bringen, und verließ sie, ihr hundert gefühlvolle Namen beilegend, mit der Bitte seiner Worte noch wohl gedenken zu wollen. Sie ließ ihn sprechen, ohne zu antworten, und nur Thränen waren ihr Abschied. Andern Morgens als sie ins Zimmer trat, schloß sie das Fenster, das über Nacht in ihrer Bestürzung offen blieb; bleich und zitternd vor Frost und Bewegung, nahm sie Tinte und Feder und schrieb: „Lebe wohl, Moritz! — Ich habe überlegt, mit mir gekämpft und bin zu dem Entschlüsse gekommen, daß ich bei meinen armen Eltern bleibe. Sie in ihrem hohen Alter verlassen, hieße sie tödtcn! — Sie haben Niemand mehr als mich auf der Welt! — Meine Schwester hat in ihrer letzten Stunde sie mir anvertraut und ihre letzten Worte waren: „auf Wiedersehen Ursula!" — Ich müßte auf dies Wiedersehen verzichten, wenn ich diese meine letzte und heiligste Pflicht nicht erfüllte! „Ich liebe Dich von ganzem Herzen und werde Dich stets lieben. Mein ganzes künftiges Leben wird nur eine Erinnerung an die glückliche Zeit sein, wo wir für einander lebten. — Du warst gut, warst großmüthig und edel, aber ach! wir sind zu arm um uns zu vereinen. — Ich habe mir Deine Worte von gestern wohl eingeprägt und sie auch vollkommen verstanden. Leb' wohl! es kostet mich fürwahr eine große Gewalt, Dir diese Worte zu schreiben! — — Ich wünsche gewiß, daß Deine Zukunft, eine glückliche sein möge! — Eine andere Frau wird Dich besitzen — o sie ist beneidens- werth in diesem Besitze, der der schönste Traum meines Lebens war! — Gott befohlen, vergesse nicht ganz die arme Ursula! und damit lebe wohl mein Freund; — ach, ich wußte es ja, daß es mir nicht beschieden sei, je glücklich zu werden. Ursula." Ursula sah Moritz, sah mich wieder; — aber alle unsere Bitten, alle unsere Vorstellungen waren umsonst, — sie wollte ihre Eltern um keinen Preis verlassen. „Ich muß für sie arbeiten — für ihren Unterhalt sorgen, ich habe es meiner Schwester am Todcsbett gelobt", sagte sie. Vergebens sprach ich von der Liebe Moritzens, daß sein Glück allein in ihrer Liebe lag, mit einer Art von Grausamkeit, machte ich sie auf ihr Alter aufmerksam, das bereits so vorgeschritten sei, daß vielleicht keine Gelegenheit sich Mehr bieten würde, ihr Schicksal so vortheilhaft zu ändern. — Sie weinte, indem sie mich anhörte, und die Thränen sielen auf ihre Stickerei, — dann leise, als ob sie mit sich spräche, murmelte sie: „sie würden sterben, ich muß für sie leben und arbeiten!" — Zuletzt forderte sie von nur, daß ihre Mutter nicht von dem unterrichtet werde, was zwischen uns vorging. Ich versprach es, obwohl ich wußte, daß die, für die sie sich opferte, sie wie immer, ignoriren werden. Dem war auch so, eine fromme Lüge täuschte 198 sie über die Ursachen des Abbrechens des Verhältnisses mit Moritz und — Ursula hatte wieder ihren Platz am Fenster inne und arbeitete wieder an ihren Stickereien ohne Unterlaß, bleich und gebrochen. Erwald hatte noch immer gehofft, Ursula werde schließlich ihren Entschluß ändern und machte endlich den letzten Versuch, indem er sie auf's inständigste bat, sein Weib zu werden, und ihm zu folgen; allein umsonst, tiefbetrübt nahm er von Ursula Abschied und wünschte ihr Glück und Segen. So kam ein Tag, Ursula saß an ihrem Fenster, da hörte sie in der Ferne Militär- Musik; es war das Bataillon, welches die Garnison verließ, und die frohen Klänge sendeten ihre Abschiedsgrüße in das schmale Gäßchen, zu Ursula's Fenster. Das arme Kind ließ ihre Arbeit auf die Schooß fallen und bedeckte ihre Augen mit ihren Händen; der Abschied, den ich Tags vorher von ihr genommen, ist ihr schwer gefallen, und sie versprach, mir von Zeit zu Zeit von ihr Nachricht zu geben. Am Abend jenes Tages, wo sie sich von Moritz trennte, jenes Tages, an dem sie das große Opfer gebracht hatte, setzte sie sich, nachdem sie ihren Eltern noch die gewohnte Sorgfalt und Pflege angedeihen ließ, zu Füssen des Bettes ihrer Mutter und heftete ihre thränenfeuchten Blicke wehmüthig auf die blinde Greisin. — Sie sanft an der Hand fassend, murmelte die arme, verlassene Braut mit bewegter Stimme: „Theure Mutter! — nicht wahr, Du liebst mich? — Meine Gegenwart thut Dir wohl? — Du würdest leiden, wenn ich Dich verließe? — Die Blinde wendete den Kopf gegen die Mauer und antwortete: „Mein Gott, Ursula, ich bin müde, störe mich nicht mit diesem Gerede in meiner Ruhe." Das waren die Worte der Anerkennung und Liebe, die sich Ursula erbeten hatte, als einzigen Lohn für die schmerzliche Ergebung, für das Opfer, das sie aus Kindesliebe gebracht hatte, damit war die Mutter eingeschlafen und hatte ihr die Hand entzogen, die ihr armes Kind so zärtlich und liebevoll gefaßt hatte. Da flüchtete die Arme zu dem an der Mauer hängenden, von der Zeit gebräunten hölzernen Crucifix, warf sich auf die Kniee und suchte Trost und Kraft im Vertrauen zum leidenden Christus, und nachdem sie lange gebetet, verließ sie, neugestärkt durch ihren Glauben, die Schlafstube ihrer Eltern. Nun wurde Ursula mit jedem Tage bleicher, stiller und in ihr Schicksal ergeben. Die vielen Thränen hatten die letzten Spuren von Jugend und Schönheit verwischt; sie hatte auffällig in kurzer Zeit gealtert, — ihr wohl glcichgiltig, sie hatte ja doch Niemanden mehr zu gefallen. Von Moritz Erwald hörte sie nach seiner Abreise nichts mehr. Ursula war für ihn ein anmuthiges'Bild gewesen, dessen Melancholie seinem Gemüthe entsprach und sein Verlangen reizte; mit dem Entfernen von dem Bilde, bleichten aber dessen Farben, bis sie schließlich gänzlich erlöschten. Er hatte sie wohl bald vergessen! — Ein Jahr nach diesen Begebenheiten erkrankte die alte Mutter, sie litt nur kurze Zeit, ihr Uebel war nicht zu heilen; Ursula hatte gewacht und gebetet am Krankenlager, sie erhielt noch ihren Segen und ihren letzten Seufzer. „Nun Martha", sprach sie, „nun ist unsere Mutter bei Dir! — begleite sie zu Gott!" Der nun allein zurückgebliebene Greis fühlte den Verlust schwerer als man bei seinem Stumpfsein geglaubt hatte. — Mit Wehmuth und Schmerz weilte sein Blick aus dem Stuhle, in dem seine langjährige Lebensgefährtin so treu und ausdauernd geweilt hatte. Umsonst suchte Ursula ihn zu trösten, ihn zu zerstreuen, immer wiederholte er die Worte: „mein Weib!" und Thränen rollten dann über seine abgezehrten Wangen; er mußte fast gezwungen werden, die nöthige Nahrung zu sich zu nehmen, und wenige Wochen waren verflossen, da folgte der Arme seinem Weibe. — Als man den Sarg, der ihren Vater einschloß, aus dem alten, traurigen Hause trug, da weinte Ursula bitterlich und jammerte: „Mein Gott, ich hätte verdient, daß sie länger gelebt hätten." Ursula war dann allein. — Viele Jahre sind seitdem verflossen, ich habe oftmals ...- -- meinen Aufenthalt gewechselt und Hunderte von Begebenheiten sind sich in meinem Leben gefolgt, ohne daß aber die Erinnerung an die Geschichte dieses armen Mädchens in mir erloschen wäre. — Ihre Briefe unterblieben mit der Nachricht über den Tod ihres Vaters, — was ist aus ihr geworden? ist sie noch am Leben oder ist sie auch bereits ihren Eltern gefolgt? — Es wäre ihr fast zu wünschen, denn sie gehörte jedenfalls zu den Geschöpfen, denen kein Glück hienieden beschieden war. Ein scharfer Kegler. Der Gerichtssaal-Berichterstatter des „N. Wiener Tagbl." veröffentlicht unter der Überschrift: „Auf der Kegelbahn" eine sehr humoristische Proceßgeschichte. Unter den Besuchern von Eibels Garten herrschte lange eine düstere Vorahnung schauerlicher Unglücksfälle, deren Schauplatz die Kegelbahn sein werde. Es pflegte nämlich an Freitagabenden sich dort eine Gesellschaft zu belustigen, deren Mitglieder fast durchwegs sogenannte scharfe Schieber waren. Wenn diese Gesellschaft die Kegelbahn besetzt hielt, dann war der Garten ein sehr unheimlicher Aufenthalt. Die Kegel flogen häufig bis zu den Tischen der Gäste und die Kugeln sausten über deren Köpfe hinweg in den Nachbargarten, wo sie die stärksten Baumäste wie Stroh knickten und sicher ab und zu auch ein Menschenleben vernichtet hätten, wenn die nachbarliche Familie nicht schon im Frühjahre auf das Land gezogen wäre. Im Laufe des Sommers mußten nicht weniger als vier hoffnungsvolle Kegelknaben vom Platze getragen werden, weil sie von rückprallenden Kugeln zu Boden gestreckt worden waren, und eines Tages verbreitete sich gar im ganzen Bezirke das Gerücht von einer schauderhaften Blutthat, die in Eibels Garten begangen worden sein sollte. Es war jedoch nichts weiter geschehen, als daß ein waghalsiger Schneidergehilfe, welcher in der Nähe des Ladens dem Spiele zuschaute, um seine sämmtlichen Vorderzähne gekommen war, indem eine aufgeschlagene und daher aus der Bahn gesprungene Kugel den Unseligen an den Kinnladen getroffen hatte. In Folge der vielen Schadenersatzklagen war diese überaus kräftige Kegelgesellschaft genöthigt, sich zugleich als ein Sparvercin zu konstituiren, dessen Spielerträgnisse sämmtlich in eine Kasse flössen, aus welcher die Auslagen für das zerstörte Gesicht des Schneidergehilfen und die Spitalkosten für die vier elendiglich niedergeschobenen Kegelbuben gedeckt wurden. Auch wurde bestimmt, daß in Zukunft jeder „Schieber" die Kosten der Verwundung eines Kegelbuben oder Zuschauers aus seiner eigenen Tasche zu tragen habe, denn es bestand der Verdacht, daß im anderen Falle mit noch größerer Unachtsamkeit hinausgeschoben werden würde. Sonderbarer Weise war der gefürchtetste Kegelscheiber ein schmächtiger junger Mann, Namens Hermann Prinz, mit krausen Haaren und Goldbrille, der, wie es schien, all' seine Lebenskraft ausschließlich auf die Beförderung von Kugeln verwendete. Er setzte nämlich seinen einzigen Ehrgeiz darin, als ein „Stecher" zu gelten, das heißt, als ein Mann, dem es gelingt, bei der Kriegspartie (Parteln) auch alleinstehende Kegel zu treffen. Obwohl so kurzsichtig, daß er regelmäßig noch einen Nasenklemmer vor die Augengläser stecken mußte, wenn er nach den Kegeln zielte, hatte es Herr Prinz doch allmälig zu dem schmeichelhaftem Rufe eines „Stechers" gebracht, weil er mit unfehlbarer Sicherheit den linken Eckkegel niederschieb. Es war dies schon so notorisch, daß Niemand diesen Kegel äuf's Korn nahm, wenn Herr Prinz anwesend war, sondern dieser Triumph immer diesem hervorragenden „Stecher" überlassen wurde. Herr Prinz tappte dann mit dem rechten Fuße nach einer Höhlung im Boden, in welche er den Absatz zu stellen gewohnt war, schob die Rockschösse sorgfältig in den Ellbogen der linken Hand und versetzte hierauf seinen Körper in eine schwingende Bewegung. Nach einigen Secunden sprang er wie ein Tiger vorwärts mitten auf das Brett, und die Kugel flog unter dem geheimmßvollen Einfluße einer höchst sonderbaren Verrenkung seines Körpers auf den linken Eckkegel zu, während der Kegelbube von namenloser Furcht gepeitscht, im Garten umherlief, bis sich die Kugel ausgetobt hatte und wieder zahm zwischen den todten Kegeln rollte. Es ist 200 zwar kein einziger Fall verbürgt, daß Herr Prinz je einen anderen Kegel getroffen hätte, als den linken Eckkegel, aber es muß gleichzeitig bemerkt werden, daß er auch nie einen öffentlichen Versuch dazu machte, da seine Ueberzeugung die war, er sei ein „Stecher" und lasse es daher weniger bewährten Kräften, in die vollen Kegel — zu gehen. Ein beklagenswerthcr Zufall wollte es nun kürzlich, daß Herr Prinz zugleich mit dem linken Eckkegel zugleich auch die rechte Backe des Kegeljungen traf, dem es diesmal nicht gelungen war, sich rechtzeitig durch die Flucht zu retten. Herr Prinz begütigte den gewaltig heulenden Jungen und versprach ihm eine Entschädigung von zwanzig Gulden für die ausgestandenen Schmerzen, zahlbar am nächsten Freitage. Allein Herr Prinz zog es vor, an diesem Tage nicht zu erscheinen und erschien überhaupt nicht mehr auf der Kegelbahn, offenbar aus Besorgniß, es könne sich jener Unfall wiederholen. Vergebens suchte ihn dort der Vater des verwundeten Kegelbuben, ein ziemlich derber Maurer, und als Herr Prinz-sich auch in seiner Wohnung verleugnen ließ, überraschte ihn endlich eine Vorladung zu dem Bagatellgerichte pmnato zwanzig Gulden an Verdienstentgang und Schmerzensgeld. Hier fragte der Richter den im Namen seines Sohnes klagenden Maurer, wie derselbe den Anspruch wegen Verdienstentgangcs erklären wolle. — Weil er fünf Tag hat net aufsetz'n können und weil er eine schuldlose Familie zu ernähren hat." — „Was? Dieser Knabe?" — „No ja, mi', sei Muatter und zwa klanere G'schwister, sän mir eppa ka schuldlose Familie?" — „Als Oberhaupt der Familie sollten doch Sie dieselbe ernähren." — „Thu i a, wenn i a Arbeit hab, jetzt han' i g'rad kani; 's paßt m'r a net jede." Herr Prinz erklärte sich aus Rücksicht für die „schuldlose Familie" bereit, ein für allemal zehn Gulden zu erlegen, indem er bemerkte, er habe die doppelte Summe nur in der ersten Aufregung über den Unfall versprochen. Der Klüger gab sich damit zufrieden und ging mit der freundlichen Warnung für Herrn Prinz: „Mei' lieber Herr, a scharfer Schub heißt nix; schaun's mir a mal zua in Wahring d'raußd'n. I han an Vrodlschub, aber reiß'n thut er damisch — dö Kegeln, net die Kegelbuab'n. S'is g'scheidter so, moanen's net a?" M i s - - l l e rr. (Ehre und Geld. Der Marschall Nep sagte einst aufbrausend zu einem Schweizer: „VvU8 uutres Luisses, vous ns clliörekeir gus llargant; ls Ill-gnanis ns edereiis Hue l'kiormousr.^ („Ihr Schweizer, ihr trachtet nach nichts als nach Geld, der Franzose aber sucht nur die Ehre.") Begütigend fiel der Schweizer ein: „Olmoun eourt sxreg «6 Hui lui irmnHue." („Ein Jeder läuft nach dem, was ihm mangelt.") (Muth.) Ein Offizier forderte einen Juden, Namens Löb, auf Pistolen. Der Jude weigerte sich zu stellen. „Wenn Sie sich nicht stellen," sagte der Offizier, „so sind Sie ein Hund." — „Nu," sagte der Jude, „bin ich doch lieber ein lebendiger Hund, als ein tauder Löb." (Wein für die Marterwoche.) Friedrich der Große fragte einst einen schlesischen Kloster-Pater, ob im Kloster auch Wein getrunken werde. „Ja wohl, in der Marterwoche, Ew. Majestät," antwortete er. BuchstabenrebuS. Auslösung des Buchstabenräthsels in Nr. 21: „Aus Wachholder blüht keine Rose." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Mauer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts vonvr. M. Huttler. 1nteckaktung8okl»tt zur „Augslmrger Postzeitung." Nr. 26. Mittwoch, 29. September 1860. Die Vorsicht ist nur eine kleine Tugend Zum Hausgebrauch; allein verachte nicht Die Lampe, denn nicht immer sunkeln Sterne. " Kohebue. Allein! Skizze aus dem sicbenbürgisch-rumänischen Volksleben. Er hatte Niemanden auf Gottes weitem Erdboden, der kleine Jlissia; er war so arm und verwaist und verlassen, wie kein zweites Geschöpf mehr im ganzen Dorfe. Und Gyogy ist doch ein großes Dorf; Jlissia brauchte wohl zehn, zwölf Stunden und mehr, um die Runde durch den Ort zu machen; freilich lag ein Haus vom andren oft eine Stunde weit entfernt, aber deshalb war Gyogy doch der größte und schönste Ort, den Jlissia je im Leben gesehen. Und in diesem ganzen, großen Dorfe hatte er Niemanden,, der sich um ihn jemals gekümmert hätte; nie hatte ihn Jemand gefragt, ob er friere, oder hungere, ob er eine Schlafstelle, ein Obdach habe, niemals, wie man das Löglein im Walde, das Blümlein am Berghange niemals fragt, wovon es lebe. Und sie leben doch, Oumn^o 2ou (der liebe Herrgott) beschirmt und beschützt, kleidet und nährt sie, und den kleinen Jlissia und alle armen Waisen auf Erden, unter welchen Jlissia gewiß der beste, der klügste und — der ärmste Knabe war. Seine Kleidung bestand aus einem groben, weißen Hemde und einem Hute von Stroh, dessen Krämpe schon längst dahinging, wohin der zerfaserte, zerknüllte Hut selbst ihr wohl auch in Bälde folgen mußte. Der kleine Mann — wir dürfen ihn trotz seiner fünf Jahre kein Kind mehr nennen, denn er war selbstständig und aß Niemandens Gnadenbrot» — der kleine Mann war ein hübscher, gesunder Junge, mit vollen Wangen, blondem, dichtem Haarwuchse und großen, blauen Augen, mit denen er gar drollig ernst vor sich Hinblicken konnte, wenn er von den anderen Kindern verspottet wurde. Er lebte im Sommer von dem Obste, das er sich von den Bäumen geholt, und im Winter von jenem, welches er sich im Sommer beiseite gelegt hatte; auch trug er im Sommer zuweilen Obst in die Stadt zum Verkaufe; den Erlös legte er dann gleichfalls hübsch bei Seite, um sich daraus im bitter-kalten Winter ein Stück Maisbrod zu kaufen; seine Wohnung war eine Höhle, die er — da sie im Sommer kühl, im Winter warm war — nicht um einen Palast vertauscht hätte. So lebte er für sich hin, allein, ohne die Menschen zu lieben, ohne mit ihnen zu verkehren. Der Kleine war ein Menschenfeind; er hatte mitansehen müssen, wie die Menschen seine verwittwete, arme Mutter sterben ließen, ohne ihr die geringste Hilfe zu gewähren; da lernte er die Menschen hassen. Nur ein Band gab es noch, das ihn an die Menschheit knüpfte: er hatte einen Bruder, ein vierzehnjähriges, krüppelhaftes Wesen, mit einem Knorpelknoten an der Stelle des Rückens, mit fahlen, durchsichtigen Wangen, das sich nicht rühren und nicht regen konnte und den ganzen Tag über auf dem trockenen Laub kauerte, das ihm in der Höhle als Lagerstelle diente. Jlissia ging jeden Morgen hinaus, um dem kranken Bruder in einer Kürbisschale frisches Wasser zu bringen und von den Bäumen das schönste Obst in das dunkle Gemach zu tragen, welches die Natur so verschwenderisch mit glitzernden Tropfsteinen ausgestattet hatte. Als er eines Morgens mit gar schönen, rothbackigen Aepfeln heimgekehrt war, da wollte der krüppelhaste Juon nicht in das liebe, hölzerne Lachen ausbrechen, welches er sonst immer hören ließ, wenn er sich freute; er lag still und zusammengebrochen — todt auf seinem Laubbette. Man schleppte den Leichnam in die Stadt und zerschnitt ihn dort gar fürchterlich, trotzdem Jlissia am Fenster so jämmerlich schrie, als ob die Messer in seiner eigenen Brust gewühlt hätten. Als er wieder heimkam, da trug er den glühendsten Menschenhaß in seiner Brust, der je eine Seele gequält hat. Und nun war er ganz, ganz allein! So lebte er traurig und einsam fort, durchzog die Schluchten und Thäler des Gebirges und klagte sein Leid den Bergen und dem ungestümen Sturzbache. Die ersteren trösteten ihn mit ihrem Echo, der letztere mit seinem heimlich süßen Rauschen. . . . Nur die Menschen blieben stumm, diese Geschöpfe mit Seelen aus Eis, mit Herzen aus Stein, die ihm Alles genommen, was ihm lieb und theuer war. Auf den Bergen, da wächst die Hollunderstaude; von dieser schnitt er sich einen Ast und schnitzte aus demselben eine Flöte; die blies er so klangvoll-weich, so süß- melancholisch, daß alle Vöglein erstummten, wenn er sein Lied ertönen ließ. Das Lied Hingt allenthalben im Munde des rumänischen Volkes: „Wem die Mutter abgestorben, Lebt in Kummer, Qualen, Sorgen, Kleidet er sein Leid in Worte, Weiß mans's gleich im ganzen Orte." Eines Tages — 'er war unterdeß wohl schon achtzehn Jahre alt geworden — ->ang er wieder sein Lied und da hörte er den Wiederhab! seiner Worte viel schmelzender, weicher, als er sie selber gesungen. Er achtete nicht darauf, denn mit seinem Alter wuchs auch der namenlose Menschenhaß in seiner Brust, wie die eingekerbten Buchstaben im Baumstamme mit den Jahren immer größer und vertiefter werden. Doch kehrte er an diese Stelle nicht mehr wieder. Tags darauf streifte er einen andern Berg entlang und das Spiel des Echos verfolgte ihn wieder. Und als er fort wollte, da stand ein junges Mägdlein vor ihm, und sagte: „Hör' mal, Jlissia, Du bist dem „Oraku" (Teufel) verfallen! Warum kotnmst Du nicht unter uns Menschen? Es ist so schön beim Tanze pnd ich möchte so gern einmal den Ardeljan mit Dir tanzen." Sie hatte gut reden; er würdigte sie nicht einmal eines Blickes, als er erwiderte: „Wirst wohl nicht wünschen, daß ich mit Euch wie ein Narr herumspringe!" „Da sieh' mal den Brummbären an!" gab das Mädchen zurück^ „Haben Recht, die Mädel im Dorfe, die Dich immer den ^lstrou" (den Bären) neniM." Trotzig erhob er die Augen, doch sowie diese die liebliche Gestalt vor sich sahen, verwandelte sich ihr wüthender Blick in einen Blick voll staunenden Schreckens. Nie hatte er ein schöneres Bild gesehen, als diese halbentwickelte Mädchengestalt, vorn und hinten über das Gewand herabfallend die Katrincza (Schürze) aus buntgewebtem Stoffe, das Haar in zwei Zöpfe geflochten, deren einer über die Stirne geschlungen war, um sich rückwärts wieder mit der Hauptflechte zu vereinigen. Das ist so die Tracht der Bauernweiber im Marosthale. Und mit diesem Blick war es um Jlissia's Menschenhaß geschehen. Er ging fortan unter die Menschen, er suchte und fand Arbeit, er tanzte wohl auch manchmal" mit seiner zl'a.ta« (Maid), die ihn der Welt und die Welt ihm wiedergegeben. Er war nicht mehr — allein. Die trauten Thäler wüßten viel von seinem Liebesglück zu erzählen. In seinem Herzen ward es stürmisch, wie in jeder Brust, aus welcher der Haß auszieht, um der Liebe Raum zu geben. Die kleine Flöte hatte das alte, traurig-süße Lied des Waisenknaben vergessen und sang dafür von frischer, rosenrother Liebe: 203 „Stiller Lusthauch, frag' sie drüben: Süßes Täubchcu willst mich lieben? Stilles Lüftchen kam zurücke Sang von süßem Liebesglücke." Jetzt lauschte er nicht mehr dem Echo der Schluchten, dem Rauschen des Sturzbaches, denn nach dem Liede mußte er sich küssen und umarmen lassen und selbst küssen und umarmen. Er vergaß sogar allmälig, daß es je eine Zeit gegeben, da er allein war und verlassen. Da kam eines Tages der gestrenge Herr Stuhlrichter mit mehreren Herren ins Dorf und ließ die Bursche unter's Maß stellen und ihren Körper visitiren, und wenn sie einem auf die Schulter schlugen und dabei „Tauglich" riefen, dann mußte dieser in ein Zimmer hinein, wo man ihn beeidete. Oh, das waren fürchterliche Artikel, die er da beschwören mußte, der arme Jlissia. Jede zweite Zeile hieß es da: „Mit dem Tode durch Pulver und Blei!" Er schwor, er wolle „ihr" treu sein, sonst möge ihn Gott strafen „mit dem schrecklichen Tode durch Pulver und Blei"; er wolle „ihr" treu sein „in Feuer und Wasser, bei Tag und bei Nacht, im Krieg und im Frieden, im Sommer und Winter und wenn er „sie" jemals verrathen, oder mit ihren Widersachern unterhandeln wollte, dann möge ihn Gott strafen mit dem schrecklichen Tode." Das waren seine Kriegsartikel und er leistete seinen Eid, so feierlich froh, während die übrigen gesenkten Hauptes dastanden und bei jedem Worte erbebten. Und er zog fort nach fremdem Lande! Als er an ihrem Fenster vorbeikam, da klang das Lied heraus: „Eh' du wegziehst in die Ferne, Komm zu mir, ich küß dich gerne" . i l Und seine kleine Flöte antwortete: „Laß' mich scheiden, laß' mich gehen, Sollst mich nimmer wiedersehen; Laß' mich zieh'n, in fremde Lande, Nach des Meeres kaltem Strande, Wo da mächst die Weihrauchbeere, Küß' dich nimmer nimmermchre." Und fort ging es mit dem „Feuerivagen" (die rumänische Benennung für Lokomotive) über Berg und Thal; die übrigen Bursche sangen gar kecke, übermüthig-muntere Lieder von schönen Fatas, schönen Augen, rothen Wangen, süßen Küssen. ... Er aber war still und traurig in sich gekehrt, denn er war in dieser zahlreichen Gesellschaft wieder — allein. Was ihn ehedem mit Haß erfüllt, was ihn menschlicher gemacht hatte, woraus er endlich von schönen Augen befreit wurde, es traf ihn wieder; er hatte wieder Niemanden, er" war nach wie vor — allein! Stumm blickte er zum Fenster hinaus; weder lachende Fluren, noch rieselnde Büchlein vermochten den brennenden Schmerz in seiner Seele zu lindern. Ging es über eine Brücke fort, da dachte er bei sich: Vielleicht brechen die Pfeiler zusammen unter der ungeheuren Last — meines Herzens. ... Oh wie wohlig müßte es sich ruhen da unten im kühlen Wellengrabe! Doch die Pfeiler brachen nicht zusammen und auch der Zug wollte diesmal nicht entgleisen; er führte Jlissia sammt seinen singenden,- lärmenden Gefährten hinauf in die stolze Residenzstadt Wien, wo die Häuser so groß sind, daß die Gyorgyer Dorfkirche sammt ihrem Thurm unter ihrer Einfahrt aufrecht stehen könnten, ohne sich bücken zu müssen. .. . Er wurde in der Kaserne des Nustpu-Regiments untergebracht („Xu gti" — ich weiß es nicht; „Nustyu"-Regimenter heißen im Wiener Volksmunde die rumänischen Regimenter), wo ihm die Opintschen (Sandalen) abgenommen und die Füße in enge Schnürschuhe gesteckt wurden und wo ihm die schwere Kunst de^ Marschirens und des: „In die Balance!" eingedrillt wurde. Bald war auch die Rekrutenzeit zu Ende und noch immer mochte es ihm in dey großen Kaisttstadt nicht behagen. Je größer das Getümmel war, das ihn.umgab, desto — 204 — herber fühlte er seine Einsamkeit. Nur wenn er a«cm und unbeachtet war und auf das Eisenbett ausgestreckt sich die Zeit seines jungen Glückes in's Gedächtniß zurückrufen konnte, war er mit seinem Schicksal ausgesöhnt. So verstrichen denn drei schwere, sehn- suchtsschwere Jahre. Mit dem'Waffenrocke legte er dann auch den Kummer ab; man sah ihn sogar lächeln — das erste Lächeln seit drei Jahren. Frischen Muthes zog er zum Bahnhof, lächelnd bestieg er das Coups und lächelnd schlief er ein. Da hatte er einen gar wunderlichen, einen häßlichen Traum. Er stand wieder im Walde und blies das Lied vom Waisenknaben auf seiner Flöte; und wieder antwortete ein Echo aufsein Lied, nur daß es dumpf klang und so geisterhaft-hohl, wie eine Stimme aus dem Grabe. Die alten verwitterten Eichen steckten die Köpfe zusammen und mochten sich gar schreckhafte Dinge zuflüstern, denn die Pappelbäume, die ängstlich lauschten, schauderten zusammen, daß jedes ihrer Blätter erzitterte. Und als er mit beklommener Brust entfliehen wollte, da standen ihm überall riesige häßliche Kröten im Wege, die quakten: „Nuritu xoxa, murit . . . murit . . . murit!" (Der Pope ist gestorben . . . todt . . . todt . . . gestorben" . . .) Von Entsetzen gelähmt, blieb er stehen; da nahte sich ihm ein Greis in ein Todtsngewand aus weißen Linnen gehüllt. Es war der Pope des Dorfes, der Vater seiner Anujka, die er so innig liebte. Und ehe er sich dessen versah, hatte ihn der Todte umarmt und Blut floß aus den glanzlosen Augen und die Lippen bewegten sich, ohne ein Wort hervorbringen zu können. Da erbarmte sich ein Specht des armen todten Mannes; er flog dem Jlissia auf den Kopf und schnarrte ihm die Worte in's Ohr: „Anujka todt, ärger denn todt" ..... Hellen Angstschweiß auf der Stirne, erwachte er; lächelnd und erleichternd seufzte er auf, als er sah, daß das Ganze ein alberner, böser Traum gewesen. Aber fest nahm er sich vor, nicht wieder einzuschlafen, bis er daheim sein würde. Süße Hoffnung belebte sein Herz; wie voll Neue bekreuzte er sich, als der Zug über die Brücke brauste, bei der er sich genau vor drei Jahren den Tod gewünscht! O wie schrecklich muß es sein da unten im kühlen Wellengrabe! Er kam in die Stadt, welche die letzte Eisenbahn-Station war vor seinem Heimaths- orte. Als er durch die Straßen ging, begegnete er einer fremden und doch wieder so wohlbekannten Frauengestalt in eleganten Kleidern, in putzigem Hute; sie lächelte Jeden an, der ihr begegnete. . . . Das war Anujka sein treuloses, sein — ehrloses Liebchen. Jetzt fühlte er sich erst recht — allein und verlassen. — Nie mehr sah er sein Dorf wieder; er blieb in der Stadt, wo er sie von Weitem täglich sehen konnte. Das Geld, das er sich beim Militär erspart, ging in die Branntweinschänke. Dort saß er den ganzen Tag über, stumm vor sich hinbrütend, in schwere, unheilvolle Gedanken versunken. Das Gift nagt in ihm fort; er wollte vergessen, vergessen, daß er einst gehofft, glücklich zu sein und daß er nun wieder allein sei. Die Seele war ihm zerrissen vom Schmerz, der Körper gebrochen vom Branntwein. Eines Abends faßte er Muth und ging in ihre Wohnung, die er erkundet hatte. Sie schlief. Er nahm die Flöte aus Hollunder- holz hervor und blies den wilden, stürmischen Sang von ehedem. Sie lächelte im Schlafe; sie mochte von den schönen, süßen Tagen der unschuldigen Liebe geträumt haben. . . . Im Halbschlafe erfaßte sie seine Hand, und bedeckte sie mit heißen Küssen; er überstand stumm vor ihr mit brennendem Auge, in das keine Thräne treten wollte. Als aber ihre Lippen sich im Traume bewegten und er die Worte hörte: „Haben Recht die Mädel im Dorfe; nennen Dich immer den „Ilrsu", da sank er hin zu ihr und bedeckte sie mit Küssen über und über und sagte: „Wir wollen einander nun nie mehr verlassen, wir wollen beisammen bleiben für und für . . . ." Tags darauf fand man die Dirne erwürgt auf ihrem Lager und Jlissia mit zerschmettertem Schädel an dcr Schwelle. Sie wurden in zwei Särge gelegt und nebeneinander begraben. < Nun ist er nicht mehr — allein! (Pest. L.) 205 Herbsttage am Attersee. Ist das ein fröhliches, heiteres, glückvolles Leben jetzt in diesen sonnengoldig- herbstlichen Tagen am Gestade des Attersees und auf den blauen und wieder tiefgrünen, von schneeigen Schaumkämmen durchzogenen Fluthen des weiten Gewässers! Zwar leicht schon verfärbt sich das hellere Grün der Linden und Birken und das in dunklern Tinten schimmernde Farbengemisch der Tannenwälder, welche allseits die bald sanft ansteigenden, bald mächtig aufwärts strebenden freundlichen Höhen bekleiden; zwar tritt schon da und dort, wie ein mahnendes Memento an das Vergehen der herrlichen Sommerszeit, auf den zierlichen, wohlgepflegten Wegen und Pfaden und in traulicher Einschicht still verborgen liegenden Lauscheplätzchcn im Schloßpark zu Kammer das verrätherische Gelb und Noth einzelner Blätter hervor; zwar heben sich erst in den späteren Vormittagsstunden die dichten, See und Land einhüllenden Nebelmassen, um das reine Blau des Himmels, Berg und Wald, und die weiten in verschwimmendes Violett getauchten Fernen der Wasserfläche dein Blicke freizugeben; zwar senkt früh schon des Abends die Dämmerung ihre Schleier dichter und dichter herab — aber all' diese von Allmutter Natur so unzweideutig hingeschriebenen Zeichen des nahenden Herbstes, sie vermögen doch nimmer den Sensitiven und den Getreuen dieses lieblichen Edens die köstlichen Stunden zu vergällen, jene einzigen Stunden, die mit ihrer Milde und mit ihrer schmeichelnden Lieblichkeit, mit ihrem lächelnden Sonnengold, mit ihrem eigenartigen Duft und Zauber, in dem ein Hauch von Schwermuth und Sentimentalität zuweilen zu zittern scheint, unser ganzes Ich, unser Herz und unsere Seele gefangen nehmen. .... Da schweift unser Auge von der Terrasse des Hotels hinaus über den leichtgewellten Spiegel des unvergleichlichen Attersees. Wunderliebliche Ufer-Partien, die gegen das südliche Ende den entschiedensten Hochgebirgs-Charakter zur Schau tragen, fassen den See, einer Niesenperle gleich, in das erquickende Grün einer erhabenen Landschaft. Hat vielleicht ein längst entschwundenes, langst verrauschtes Geschlecht von Göttern einst dieses glänzende Juwel nach stürmischem Streite um den Besitz desselben herabgeschleudert zur Erde, oder rief etwa ein beleidigter Dämon die rauschenden Wogen aus den Tiefen der wasserreichen Berge ringsum herbei und ließ das verheerende feuchte Element, eine zweite Sündfluth, immer höher und höher steigen, um so des üppigen Thales übermüthige Bevölkerung, deren Heim und Gut für immer zu vernichten? ... Da zur Rechten, von alten, laubrcichen Eschen, von hoch emporstrebenden Pappel- bäumen umgeben und umschattet, erhebt sich auf freundlicher, von den klaren, schaumreichen Wellen in gleichförmigem Getön bespülter, weit hinein in die schillernden Wasser des Sees dringender Landzunge das noch heute gar stattliche vielhundertjührige Schloß. Jetzt durch Neubauten ergänzt, gehörte es einst den Grafen Khevenhüller zu Aichelberg, einem Geschlechte tapferer Ritter und streitbarer Kämpen, das namentlich im sechzehnten, siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert zu hoher Blüthe gelangt war und dessen einzelne Glieder manche hochansehnliche Ehrenstellen und Würden einnehmen und bekleiden durften. Unter den imposanten, noch immer farbenfrischen Oclbildern, die, der Sitte damaliger Tage entsprechend, zu Füßen jeder einzelnen der lebensgroß gehaltenen Porträt-Figuren einen kurzen Lebensabriß derselben geben und die nunmehr die Wände der langen Corridore des einstigen Grafcnsitzes zu beiden Seiten zieren, finden wir eine stattliche Reihe von wackeren Kriegshelden verewigt, von denen nur einige hier erwähnt seien. Da ist Bärtl- man Khevenhüller, der „sich in Schwedische Dienst einlassen, bey Niernberg umkamen ißt vnd dein von Ihr: May: alle Guetter Confisciret worden"; dann Hans Moriz, „der sich auch in kricgs fachen hat Brauchen laßen"; Sigismund Josef, ein wackerer Held, dem „eine feindliche stückh kugel vor Belgrad 1738" das Leben nahm; Christas, „Com- missüri in hungarischen khriegen vnd gesandter zu khayßer Carol vnd Prinzen phylippen"; Moriz Christas, der „zu Padova seyne Studia vnd Exercitien vollsürct vnd den ertz Herrzog Albrecht vnd Wenceslai nach Hispanien geleitet hat", u. A. in. Wenn über die grauen Holzdächer der Schloßbauten, über den weiten Hof her, in milder sternfunkelnder Nacht der magische Silberschein des freundlichen MondgestirnS seine glitzernden Fluthen hereinsendet in die tiefstill daliegenden langen Gänge und die reckenhaften Anherren des gräflichen Hauses wie in geisterhaftes Licht taucht, so scheint es dem Gaste, der zu später Stunde seinem hallenartigen, alterthümlich eingerichteten Gemache zuschreitet und dessen Tritt auf den Steinfliesen des Fußbodens weithin widerhallt, als 'belebten sich all' die feinsten und gnädigen Herren im Eisenharnisch und im Tresscnrock und als nickten deren bauschig gekleidete Damen dem plebejischen Fremdling mit dem i ganzen Stolze der Burgfrau leichthin zu. . . . Und draußen über den leichten Wellen ^ ruht ein feenhaftes Leuchten und Zittern, wie aus den Tiefen der Wasser heraufschimmernd, ! der Abglanz eines gespenstigen Schatzes, den verschollene Geschlechter oder die Nixen " des Sees darin versenkt haben. . . . Und es schimmert das weiße Gemäuer der zahlreichen Villen und Gehöfte, welche den See besäumen, der Kirchthürme und kleinen Berghäuschen, halb hinter Busch und Wald verborgen, hirübcr nach Schloß Kammer und nichts stört da den süßen Schlummer der ganzen Natur. Kaum ein übermüthig Fischlein plätschert empor aus dem feuchten Element. Fernher durchzittert der jauchzende Jubelruf eines beglückten Burschen, der drüben am Gelände zum Fenster der Liebsten zieht, die Luft. Das Bellen eines wachsamen Hofhundes dringt an unser aufmerksam lauschendes Ohr, in den Zweigen der hundertjährigen Lindenbäume säuselt der wispelnde Nachtwind ein traumhaftes Lied, eine Grille zirpt, ein Halm raschelt im hohen Riedgras der Ufer. ... In weiter Ferne drüben am westlichen Gestade, fast hineingeschnitten in die Wasser, auf sanftem Hügelland sich erhebend, ein lebendig gewordenes Märchen — j so steht, getaucht in blendenden Mondglanz und davon umflossen, am Fuße des weit sich ! hinziehenden Buchberges das reizende Oertchen Attersee, das dem ganzen Gewässer seinen Namen leiht. Ob die Zauber der Nacht, die in überreicher Fülle die Gegend in und um Kammer beherrschen, oder ob das Bild eines sonnenbeglänzten Sommer- oder Herbsttages dem Auge mehr Wonne spendet, dem Geiste, dem Sinnen und Träumen, mehr Anregung und Genuß gewährt, wer wollte ein entscheidendes Urtheil darüber abgeben? . . . Eine große Gesellschaft, unter der leicht begreiflich die Wiener und selbstverständlich die schönen Wienerinnen eine tonangebende und erste Rolle spielen, gibt sich in Kammer alljährlich ! Rendezvous., Viele weilen monatelang, nicht Wenige die ganze Saison über hier. Bald theilen da Männlein und Weiblein — natürlich, wie sichs nun einmal bei uns geziemt, I hübsch getrennt von einander — mit kräftigem Arm in luftigem, buntem Kleide die krystallklaren Fluthen; bald promenirt die schwimmfreie Jugend gemeinsam in der herlichen, Jahrhunderte alten Linden-Allee bei den Klängen einer Musik-Capeell. An einer llmiirssss äores von Kammer, recrutirt aus den Hauptstädten Oesterreichs, die auf Tod und Leben den curgcbrauchenden Blondinen und Brünetten die Cour zu machen beflissen ist, fehlt es nicht. Ein gut Theil der Bade-Societät tummelt sich auch draußen auf dem See im schauckelnden Fahrzeug, im Kielboot, im Miniatur-Dampfer „Dowe" umher, während das graue Alterthum, die ehrsamen Väter, im Spielzimmer des Hotels einen Robbcr wagen, der sich mitunter vom schwarzen Kaffee bis zur Souperstunde hin verbrodelt.... Fürwahr, Jeder kann hier in Kammer nach seiner Facon seine Tage genießen. ^ Derjenige, welcher die Unterhaltung des gesellschaftlichen Verkehrs sucht, wird hier nicht ' minder Befriedigung seiner Wünsche finden, als Derjenige, welcher sich etwa in.die Tiefen" seines eigenen Ichs zurückzuziehen geneigt ist. In den stillen Gängen des schattenreichen Schloßparks und an mancher waldigen Stelle der nahen umliegenden Hügelketten wird ihm sein Lieblingsplätzchen entgegenlächeln. Oben auf mäßig ansteigender Höhe steht das niedliche Oertchen Schörfling mit seinen in den Seitengassen meist charakteristisch gebauten Holzhäusern, die mit ihren luftigen, reich mit Epheu und wildem Wein umrankten Veranden und offenen Gängen einen gar gefälligen Anblick bieten. Kaum daß die kleinen Fensterchen aus dem dichten üppig wuchernden Laubgrün hervorlugen, in denen sich dann wohl zuiveilen der Blondkopf eines bäuerlichen pausbackigen Bübchens zeigt oder das 207 — lächelnde Gesichtchen einer frischen rosigen Dirne mit schwarzem, nach rückwärts zu gebundenem, reiche braune Haarflechten eindämmendem Seidentuch, wie dies ja eine specifische Eigenart der Toilette der Oberösterreicherin bildet. Drüben, am westlichen Ufer des Sees, schimmern auf grünem Grunde die weißen Häuschen und der hohe Kirchthurm von Seewalchen, wo es gleichfalls Sommers über an fröhlichem, luftschnappendem Stadtvolk aus Wien und Linz nicht mangelt. Reizend erdacht und ausgeführt liegt da das artige Schlößchen eines Residenzlers, ganz im Style einer alten festen Burg mit Thurm und Thürmchen, Erkern und hohen bleigefaßten Fenstern. Durch das zierliche, kunstvoll gefertigte Eisengitterthor, das den herrlichen Besitz gegen die Fahrstraße zu abschließt, blickt man wie in eine kleine Zauberwclt hinein. Es ist da Alles so niedlich und geschmackvoll, so zierlich und neckisch, daß man unwillkürlich an das schöne Märchen vom ^Spielzeug der Riesenkinder" denken mag. » . . Non den herrlichen Ausflügen nach Steinbach, nach Weißenbach, in deren Felsen- bereich es einem Glücklichen zuweilen gegönnt ist, flinke Gemsen über Gestein und Geklüft 'springen zu sehen, sollte ich lieber gänzlich schweigen. Wer wollte all' diese imposante Pracht auch nur annähernd beschreiben? Ist der Himmel tiefblau und in seiner leuchtendsten Schöne, dann ragen die Zinken und Schroffen des am östlichen Seegestade liegenden „Hochlecken" und die des mächtigen „Höllengebirges", in dessen Schluchten der Kaiser zu jagen liebt, gerade hinein in den reinen, ungetrübten Aether. In Ünterach drüben, am südwestlichen Ende des Attersees, in dem idyllisch dort ruhenden Dörfchen, scheinen sich die echten Gebirgsfexe zu einem länger» Sommer-Meeting versammelt zu haben. Da geht es unter nackten Knien, der kurzen „Ledernen", unter Brustlatz, Bundschuhen und dem gemsbartgeschmückten Aelplerhut nicht ab. Köstliche Gestalten tauchen da wohl vor unserm Blicke auf — der wahre Typus des städtischen Verg- uarrcn, wie er im Buche steht. Dort steigt auch der Rigi Oberösterreichs in die Lüfte, das steinerne Wahrzeichen des Atter- und des Mondsees, der Schafberg, der jüngst erst wieder zum Schauplatze eines erschütternden Unfalles geworden ist. Uebrigens ist es sicher nicht so leicht möglich — extravagante Touren hübsch beiseite gelassen — bei einer Besteigung desselben Schaden zu nehmen oder wohl gar zu verunglücken . . . Was aber unser liebliches Kammer betrifft, so geht dieses durch eine bereits in Aussicht genommene Schienenverbindung mit der großen Eisenstraße Wien-Salzburg, (Einmündungs-Station Böcklabruck) einer noch glänzendern Zukunft entgegen. Man braucht kein Prophet von Profession zu sein, um diesem freundlichen Fleck Erde am nordöstlichen Ende des Atter- secs ungeahnten Aufschwung zu prognosticiren. Schon jetzt weist es alljährlich einen Gesammt-Fremdenvcrkehr, Alles in Allem gezählt, von mehr als fünfzehntausend Seelen nach, gute Seelen, schöne Seelen und auch die übrigen pflichtschuldigst eingerechnet-... Möge denn das schnaubende Dampfroß recht bald in langen Zügen der reizenden See- kmcht die Naturfreunde des ganzen Continents zuführen l - Kammer, am 15. September 1880. (Deutsche Ztg.) Herbst Kunde. „Ade! ich stiege nun davon, Weit, weit Reis' ich noch heut'!" Fcldeinwärts flog em Vögelein und sang im muntern Sonnenschein Doch rückwärts kani der Sonnenscheins Dicht zu mir drauf das Vögelein, Es sah mein thränend Angesicht Und sang: „Die Liebe wintert nicht, Nein! Nein! Ist und bleibt Frühlingsschein!" Mir ward so woyt und doch w bang; Mit frohem Schmerz und trüber Lust Stieg wechselnd bald und sank die Brust. Doch als ich Blätter fallen sah. Da dacht ich: Ach, der Herbst ist da! Der Sommergast, die Schwalbe, zieht,' erz l Herz! trichst Du vor Wann' oder Schmerz? Brust. Vielleicht so Lieb' und Sehnsucht flieht Weit, weit, Rasch mit der Zeit! 208 Miseelleri. (Preuß'sche Pfiff.) Ein Oesterreichs und ein Preuße saßen im Wirthshaus« zusammen. „Mein Komroden, sogns mer doch amol, nemen's nit übel, wos sind dann holt preuß'sche Pfiff, (i hob schon oft sog'n hören: preuß'sche Pfiff,) maß holt gor nit, wos dös is." — „Ei, das null ich Ihnen gleich z. B. hier zeigen," sagte der Preuße, indem er die flache Hand auf den Tisch legte; „schlagen Sie mir einmal mit der Faust darauf." Als der Oestcrreicher einmal einen derben Schlag darauf thun wollte, zog der Preuße schnell die Hand weg, und der Andere bekam einen gehörigen Puff auf dem Tische. „Nun, Herr Kamerad, nehmen Sie es nicht übel, das war ein preußischer Pfiff.,, Der Oesterreicher nahm's nicht übel, und ging fort. VaH> begegnete ihm auf der Straße ein Landsmann, dem er voll Freude zurief: „Hör Komerode, i waß jetzt, wos preuß'sche Pfiff find, i will der's a sog'n." — „Nu, wie denn, wos denn," fragt der Andere. „Schau," sagt der Erste, „schlag mer mal auf mei Hand" — (er hielt sie, da auf der Straße kein Tisch oder sonst was Dienliches zu sehen war, auf seinen eig'nen Mund). „Schlag mir nur amol aufe." Der Andere holt endlich aus zum Schlag. Schnell zieht der Erstere nun die Hand weg, und der Schlag fährt ihm gesalbt auf den Mund, daß ihm die Zähne wackeln und die rothe Brühe nachläuft. (Bienen in Paris.) In der letzten Zeit sind mehrfache Klagen beim Polizei- präfecten von Paris über die zunehmende Bienenhaltung und die dadurch herbeigeführte Belästigung gestellt worden. Ein einziger Züchter soll mehr als 800 Stöcke haben. Diese Bienencolonien sind größtcntheils in der Nähe der großen Zuckerfabriken angesiedelt, in denen sie ihre Nahrung suchen. Eine einzige Fabrik schätzt den ihr durch dieselben zugefügten Schaden jährlich auf 25,000 Francs. Ein Halbliterglas mit Syrup ist in weniger als zwei Stunden vollkommen geleert. Die Arbeiter, welche genöthigt sind, ihre Beschäftigung zum Theil mit entblößtem Körper zu verrichten, wobei ihre Haut mit dem süßen Saft bedeckt ist, beklagen sich fortwährend über die Angriffe der Bienen und es sind schon Fälle vorgekommen, wo in Folge davon die Arbeit eingestellt werden mußte. (Napoleons Rückzug.) Napoleon, in dessen Kopfe so riesenmäßige Pläne entworfen wurden, fühlte sich einst durch den naiven Einfall einer Dame betroffen, als er noch auf dem Gipfel seiner Macht stand. Auf einem Balle in Paris trat er einer Tänzerin zu nahe und wurde von ihr unsanft berührt. Sie entschuldigte sich aber sogleich in den höflichsten Ausdrücken. — „Hat nichts zu sagen," erwiderte der Kaiser ebenso höflich/ „ich habe mich noch zur rechten Zeit zurückgezogen." — „Sire," entgegnete sie, „ich finde mich sehr geschmeichelt, die erste Person zu sein, welche Sie zum Rückzüge nöthigt." Ein Mann, der mit seinem alten zänkischen Weibe den Stephansthurm in Wien bestieg, sagte zu einem Freunde: „Heute erinnere ich mich sehr lebhaft meiner Kinderjahre, dazumal ließ ich, eben wie heute, einen Drachen steigen." Original-Charade. * So kurz an sich mein Wvrlchcn ist (Denn merkt! es hat drei Zeichen) So kann's euch doch für lange Frist Wenn ihr euch drein zu schicken wißt Den Freudenbecher reichen. Doch wenn euch Gott nicht gnädig ist Wenn Zwietracht herrscht, und Trug und List Ja freilich, dann gibl's manchen Zwist; Der Gram, der dann am Herzen frißt Wird früh die Wange bleichen. Es bleibt, wenn man es rückwärts liest ^ Genau das was es vorwärts ist, ' Dies; Wörtchen von drei Zeichen. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag des Literarischeu Instituts von Dr. M. Huttler. Nr. 27. terüaktungsbkntt zur „Angsliirrger PostMimg." Samstag, 2. Oktober 1880. Der erste Schritt sellgkeit. zum Laster ist der letzte auf der Bahu der Tugend und der wahren Glück- Camp e. Der Moos-Urbrrn. Eine alte französische Volkssage, neuerzählt von F. S. v. C. Gegen die Mitte des 16. Jahrhunderts lebte zu La-Souterraine *) in Frankreich ein Mann Namens Urban Gagnet; er war ungefähr 65 Jahre alt, versah die Dienste als Todtengräber und hatte zugleich das Läuten der Kirchenglocken zu besorgen. Er lebte mit seinen beiden Söhnen in der lins än coo> in großer Armuth; seine Söhne Hieronymus und Joachim, ihrer Profession Maurer, waren im Elende groß geworden und hatten keinerlei Unterricht genossen. Der schlechte Ruf ihres Vaters hatte auch verhindert, daß sie sich verheirathen konnten und so hatte der Eine ein Alter von 40, der Andere ein solches von 36 Jahren erreicht. Sie verdienten nothdürstig ihr Brod und lebten meist im Unfrieden mit ihrem Vater, so daß es nicht selten zu solchen Auftritten zwischen ihnen kam, daß die Nachbarn herbeieilten, Frieden zu stiften; es schien wahrhaft der Fluch auf dieser Familie zu ruhen. Es war am 24. Dezember 1556 als gegen 10 Uhr Nachts Urban Gaguet heimkehrte, in der Hand eine Flasche Branntwein tragend, eine Harzflamme erleuchtete die Stube, in der die beiden Sohne ihn erwartet hatten. „Kinder", rief er ihnen zu „wir wollen heute Weihnachten feiern, doch unter der Bedingung, daß Ihr heute Nacht statt meiner die Glocken in der Kirche läutet und daß ich sicher darauf rechnen kann." „Wir werden läuten Vater!" antworteten sie. „Außerdem empfehle ich Euch, während des Aufhebens der Hostie in der Messe etwas länger zu läuten." „Es soll nach Euerem Wunsche geschehen." »Ich muß mich »heute Nacht von hier entfernen, um einen großen Plan auszuführen, vielleicht sind wir bis Morgen reiche Leute." „Wolle es Gott!" sagten die beiden Söhne, „wir leiden in diesem Elende nun lange genug." „O, der gute Gott ist sicherlich da drinnen, wohin ich gehe, meine Kinder, aber wenn es selbst der Teufel wäre, der diesen Schatz bewahrt, so verkaufe ich mich auch diesem!" und dabei schlug Gagnet ein höllisches Gelächter auf; währenddcß brachten die Söhne die zinnenen Becher herbei und die Flasche wurde bald geleert. „Hieronymus", nahm der Vater das Wort, „suche einmal in der alten Truhe nach *) Stadt in Departement Creuse. 210 einem großen Sack, der aber kein Loch hat, und Du, Joachim, brmge mir den großen Palmstock, der hinterm Kamin steht." Dem Befehle wurde entsprochen. „Und nun gehe ich; Ihr erwartet mich bis 3 Uhr Morgens, sollte ich nicht mehr zurückkehren, so laßt eine heilige Messe für meine arme Seele lesen." Und damit stieg er raschen Schrittes die Stufen hinab, seinen Söhnen nochmals nachdrücklich empfehlend, beim Erheben der heiligen Hostie ja nicht zu vergessen, etwas länger zu läuten. Hören wir nun was die Legende weiter erzählt: Wo einst die alte Stadt Breda stand, und zwar an der Stelle, genannt „zum Kreuz zu den vier Wegen", war der Eingang zu einem unterirdischen Gange, der sich jedes Jahr nur einmal, nämlich in der Weihnachtsnacht, während des Läutens bei der Wandlung in der Mitternachtsmesse, öffnete. Diese Höhle enthielt denn einen unerschöpflichen Schatz, reicher als der, den Edmund Dantes, ein paar Jahrhunderte später auf der Insel „Monte-Christo", auf die Anzeige des Abbe Faria hin, finden sollte. Gold und Diamanten waren da in granitenen Urnen angehäuft. Aus diesen Schätzen hoffte denn Urban Gagnet seinen Sack füllen und noch rechtzeitig aus der Höhle kommen zu können, wenn seine Söhne empfohlenermaßen das Läuten etwas verlängern würden. — Nachdem er rechtzeitig die Stadt verlassen hatte, kam er noch vor Mitternacht an jenem Kreuzwege an. Die Nacht war finster und kalt, schweres Gewölk ward durch den Wind aus Nordosten getrieben und drohte sich in Strömen von Negen zu entladen. — Aber was waren für Urban die Wolken des Himmels, was Sturm und Negen? — In ihm lebte nur ein Gedanke, nur ein Traum, nur eine Begierde — Gold! — Doch er wußte auch, daß die Personen, die sich bis jetzt in die Höhle hinab- wngten, niemals zurückkamen, und daß dort neben den mit Gold gefüllten Urnen Massen von Menschenknochen aufgehäuft waren. — Trotz aller dieser Gefahren, die ihm drohten, fiel ihm doch nicht bei, am Fuße des Kreuzes zu beten und sich Muth und Kraft zum Bestehen dieses kecken Unternehmens zu erflehen. Die Lockung des Goldes zerstört im Menschen jedes Gefühl von Frömmigkeit, jeden Gedanken an eine höhere Macht, an Gott! Denn die Unglücklichen, so Baal dienen, schauen nur auf die Materie, richten aber nie ihre Blicke vertrauend zu dem gestirnten Himmel empor. So erwartete denn Urban Gagnet die Eröffnung des Ganges mit fieberhafter Begierde. — Die Messe mußte längst begonnen haben; endlich vernahm er das Läuten zur Wandlung und in selbem Augenblicke trat ein Gespenst aus dem, nächst der Straße gelegenen Gehölze; es trug eine Art Dreizack in der Hand, schritt gegen den Eingang der Höhle vor und schlug dreimal an den Felsen, mit Grabesstimme rufend: „Schatz, öffne dich!" In selbem Momente schlug oben aus dein Felsen eine Flamme, die über das Gestein hcrabzüngelte und der Schlund des Schatzes öffnete sich ein wenig. Urban stürzte sich rasch gegen die Oeffnung vor, seine Blicke waren geblendet von dem Glänze der hellcrlcuchteten Grotte; er glaubte nun das Ziel seiner Wünsche, die Verwirklichung seines einzigen Begehrens erreicht zu haben. Eine Treppe von etwa zwanzig Stufen führte zu dem goldenen Sesam; rasch möglichst war er unten und-eilte sich, seinen Sack mit den kostbaren Steinen und den Stücken Goldes zu füllen. In wenig Augenblicken hatte er es vollbracht und rasch stieg er mit dieser kostbaren Last die Treppen wieder hinauf; aber bei der letzten Stufe glitt er in seiner Hast aus, er taumelte zurück, der Sack fiel ihm von der Schulter und zog ihn wieder in die Tiefe hinab. Ein höllisches Geschrei von Wuth ausstoßend, raffte er den Sack rasch auf und stürmte wie ein Rasender nieder dem Ausgange zu; er hatte ihn noch nicht vollends erreicht, da hörten die Glocken u läuten auf und die Höhle schloß sich. Soll ich nun die Martern dieses Verdammten schildern, die er in diesem Abgrunde inmitten dieser Reichthümer zu ertragen hatte? hiezu bedürfte ich der Feder eines Dante Alighieri, mit der er die Qualen Isgolini's beschrieb — doch versuchen wir es. 211 Als Gagnet sich zu einem gewissen Tode verdammt sah, als sich rings um ihn tiefe Finsterniß verbreitete, kam ihm kein Gedanke der Ergebung in den göttlichen Willen, — er siel nicht auf die Kniee, Gott um Vergebung zu bitten! — Nein, auf den Knieen rutschte er noch ein paar Stufen hinauf, den Mund schäumend vor Wuth, die Hände zusammengeballt und aus vollem Halse Flüche und Gotteslästerungen ausstoßend; er rannte mit der Stirne in blindem Zorne gegen den Felsen, der den Zugang schloß und stürzte bewußtlos in die Höhle hinab. Als er seiner Sinne wieder mächtig wurde, wollte er sich vorn Boden erheben, aber vergebens waren seine Bemühungen hiezu; wie ein Reptil kroch er vorwärts, den Urnen entlang, die er so trunken von Begierde mit Gold und kostbaren Steinen gefüllt sah, aber vergeblich tastete er herum, den Ausgang zu finden; seine Hände berührten nur Knochen, Felsentrümmer und kleberige Erde — sein Wuthgeschrei wiederhallte in den Echo's der Höhle gleich dem Brüllen wilder Thiere. Schmerz, Ermattung, Verzweiflung marterten ihn, er kroch noch einige Zeit fort, aber dann versagte ihm alle Kraft, die Stimme brach ihm endlich, und damit schweigen die Echo's und Grabesstille herrschte rings um ihn. — Urban Gagnet schloß endlich die Augen, denn wie Blei legte es sich auf seine Lider — er glaubte zu sterben. So schlief er wunderbarerweise mehr denn ein Monat diesen lethargischen Schlaf, ohne Begriff von Leben, ohne Empfinden, selbst ohne Traum. — Sein Körper war im Zustande eines Leichnams. Bei seinem endlichen Erwachen wollte er die Augen öffnen, aber vergebens, er vermochte es nicht, er wollte seine Hände bewegen, aber sie waren erstarrt und versagten ihm den Dienst, er fühlte sich nackt, denn er hatte kalt und über seinem in Aufzehrung begriffenen Fleische fühlte er Myriaden von Insekten sich bewegen, über sein Gesicht empfand er das Streifen der Fledermäuse, die zeitweise auch auf seinem Kopfe Ruhe suchten und in die Furchen seiner Stirne die kleinen Krallen ihrer Flügel setzten. Der Unglückliche lag auf dem Rücken in einer Art faulen Schlammes und nur der Kopf allein ruhte auf einem von Moos bedeckten Granitblocke. So verrannen Stunden, Tage, .Monate — und Urban lebte noch. Im sechsten Monate war sein ganzer Körper mit Ausnahme des Gesichtes mit grünlichem Moose bedeckt und in diesem Moose verbergen sich die Eidechsen, auf seiner Brust sammelten sich die Kröten, die Scorpione nisteten unter seinem Kreuze und die Nattern ringelten sich um Arme, Hals und Beine — und er lebte immer noch — O! wer kann schildern, was in ihm vorging; — er wollte mit den Zähnen knirschen, vermochte aber die ausgetrockneten Lippen nicht zu bewegen — wie wäre ihm jetzt der Tod süß und wohlthuend gewesen! — Aber diese Qualen sollten ein volles Jahr dauern. Nachdem die Söhne Gagnet's, den Vater in der Weihnachtsnacht und dann auch die Tage und Monate darauf nicht mehr zurückkehren sahen, dachten sie: der Vater wird wohl in der Höhle von Breda seinen Tod gefunden haben, möge er dort ruhen, wir holen seine Gebeine gewiß nicht von dort! — Sie hatten ihr Maurerhandwerk fortgetrieben und überdies auch noch das Todtengräberamt und das Geschäft des Kirchen- läutens statt ihres Vaters übernommen. — Lange Zeit sprach man in dem kleinen Städtchen noch von dem räthselhasten Verschwinden Urban Gagnet's, da er aber ein wunderlicher und bösartiger Mensch war, so bedauerte ihn Niemand und bald war er vergessen. — So kam die Weihnachtsnacht des Jahres 1557; die Pforte des Schatzes öffnete sich wieder wie im Vorjahre auf die Stimme des Geistes der Ruine; die Höhle war plötzlich erleuchtet und das Gespenst, immer mit dem Dreizack bewaffnet, schlug gegen den Stein, auf welchem das moosig-grüne Haupt Urban Gagncts's ruhte, rufend: Erhebe Dich, Erdenmensch, das Probejahr ist um — Du wolltest eindringen in die Geheimnisse des Grabes, um irdische Schätze zu erringen — Du hast gebüßt nun — man wird in Zukunft Dich Moos-Urban rufen, denn Dein Körper bleibt bedeckt mit dem Moose der Gräber! — spute Dich, trete hinaus, ziehe von Hinnen und schlepp' ihn mit Dir, den Sack, gefüllt mit den von Dir' ersehnten Reichthümern > — — Magnet fühlte alsbald Leben in sich zurückkehren, in einer Sekunde rief er sich das Marterleben eines Jahres zurück, er vermochte sich zu erheben, er konnte sich bewegen, seine Knochen krachten, er konnte die Augen öffnen und sah sich von einer blauen Flamme umgeben. Das Gespenst schritt vor ihm her, zeigte ihm die Stufe» der Ruine und wies auf den gefüllten Sack hin; — Der Gefangene lud ihn auf seine Schultern und verließ mühsam die Grotte, die sich alsbald hinter ihm schloß. Als Gagnet wieder die frische Lebenslust einakhmete, fühlte er, daß sein ganzer Körper mit Moos bedeckt war und erschreckt darüber eilte er so schnell als es seine Last erlaubte dem Städtchen zu, sich sehnend, seine Kinder und sein Haus wieder zu sehen. ^ Unterwegs begegnete er mehreren Landleuten, die aus der Christmette "kamen; die Nacht war hell und eine furchtbare Angst befiel sie, als sie ihn sahen, und sich vom bösen Geiste verfolgt glaubend, entflohen sie unter Angstgeschrci. Bis er in die Stadt kam, war bereits alles zur Ruhe gegangen; er schritt schnurstracks in die Coqstraße seinem Hause zu und klopfte dreimal an der Thüre. „Wer ist da?" schrieen seine Söhne. „Ich bin's, euer Vater, ich komme, von wo noch Niemand gekommen ist! — öffnet schnell! Euer Glück ist gemacht!" Die beiden Söhne hatten Mühe die Stimme ihres Vaters zu erkennen, doch standen sie auf, machten Licht und stiegen hinab um zu öffnen. — Da gewahrten sie an der Schwelle den Greis, vollständig bedeckt mit Moos; — sie bebten vor Schrecken und machten das Zeichen des Kreuzes. — „Entfernt Euch, Verfluchter! — Ihr seid nicht unser Vater!" „Meine Kinder!" — habt Mitleid mit euerem armen Vater, ich habe Bitteres genug gelitten, um so zu werden, wie ich Ihr mich seht, — habt Erbarmen und laßt mich eintreten und ausruhen von meinen Leiden, — kennt Ihr diesen Sack? — er ist voll Gold!" — Die beiden Söhne wichen ^nige Schritte zurück, worauf Vater Urban eintrat und seinen Sack auf die vor ihm stehende alte Truhe werfend, sagte er: „Oeffnet ohne Furcht, es ist Gold!" Joachim öffnete den Sack und entleerte ihn, — aber, wer malt die Ueberrafchung, nur Menschenknochen rollten zu ihren Füßen." „Fluch!" schrie Urban. „Ja, Fluch über Euch!" riefen Beide entsetzt. „Ihr seid ein Gespenst der Hölle und bringt uns hier die Gebeine unseres Vaters! — weichet von uns, Satan!" Und Hieronymus stieß den Greis in seiner Mooshülle auf die Straße und schloß lasch die Thür. Der Vater, verkannt von seinen Söhnen, mit dem Fluche Gottes belastet, schleppte sich bis an den Kirchhof und hauchte dort am Eingänge seine Seele aus. Als die beiden Söhne Urban's sich von ihrem Schrecken erholt hatten, sagte Hieronpmus zu Joachim: „Es sind sicher ^die Gebeine unseres Vaters, lasse sie uns am Eingänge des Kirchhofs zur Erde bestatten, hinter die großen Steine an der Pforte." „Ja, laß' uns gehen!" erwiderte Joachim und sie verbrachten die Knochen wieder rn den Sack, löschten ihr Licht, nahmen Hacke und Schaufel und begaben sich nach dem Kirchhofe, zu dem sie den Schlüssel hatten. Am Eingänge angekommen, verwirrten sich ihre Füße in einem Haufen Moos, der sie schier zum Falle brachte; sie untersuchten das Hinderniß und erkannten einen Leichnam, —- es war die Moosgestalt, die sich just für ihren Vater ausgegeben hat. Sie zogen den Kadaver, der noch laulicht warm war in den Kirchhof, gruben hinter dem linken Pfeiler der Eingangspforte ein Grab aus und verscharrten Alles sammt dem Sacke; die Arbeit vollbracht, besorgten sie das Läuten des Angelus. Niemand im Orte außer den beiden Gagnet's kannte das Geheimniß dieser finsteren 213 Nacht! doch beim anbrechenden Tage gewahrten die Personen, welche am Kirchhofe vorübergingen, daß auf dem Stein am linken Pfeiler der Eingangspforte, die Figur des Moos-Urban's in seiner grauenhaften Häßlichkeit eingegraben war. Dies räthselhafte Steinbild hat sich bis auf die neuere Zeit erhalten und die Kinder fürchteten sich davor und die Mädchen bekreuzigten sich beim Anblick desselben. Moos-Urban war gleichsam der Kirchhofwächter — in neuester Zeit besteht dieser Kirchhof nicht mehr — und auf mein Befragen, was aus dem Steingebilde des Moos- Urban's geworden, die ich noch vor dreißig Jahren auf seinem Standpunkte sah, und über die mir der damalige Friedhofwächter, obige nach den Ueberlieferungen erhaltene Wundergeschichte erzählte, vermochte mir Niemand mehr Auskunft zu geben. Die Eifel, Wer hätte, im Binnen- und Flachlande geboren, nicht eine unbezähmbare Sehnsucht gehabt, einmal das Hochgebirge und einmal das unermeßliche Meer zu sehen? Wer vergäße den mit nichts anderm mehr zu vergleichenden Eindruck, den beide beim ersten Anblick auf ihn machten? Nach diesen — sagte er sich gewiß — gibt es nichts Schönes mehr in der Natur. Und doch müßte die Natur arm und müßte noch ärmer das Menschengemüth sein, wenn dem in Wirklichkeit so wäre. Schön, weil anders schon als alles andere; anders als der sanfte Goldspiegel der südlichen Meere an sanftem Sommerabend, oder als die tosenden Schrecken der stürmischen Nordmeere; anders schön als die Riesen der Hochalpen, auf deren Haupt der Schnee des Greisenalters ruht, während ihnen zu Füssen die Kinder des Lenzes spielen; anders schön als die singende und klingende Heide des reichen Ungarlandes, anders wieder als die graue, märchenhaft stumme Ebene des Nordens; anders als die üppigen Gestade und glänzenden Spiegel der oberitalischen Seeen; and-"-K als die zauberhaft lieblichen sagenumklungenen Nebenhügcl der Saar oder des Rh^...^ — anders, ganz anders als alles dies, von allen verschieden, kaum eine einzige Eigenschaft mit ihnen theilend, nicht einmal die der Berühmtheit oder Beliebtheit — und doch schön; nur spröde und zurückhaltend, keusch und kalt, dem Manne aber mit dem rechten Herzen zugethan und ihm ewig unvergeßlich ist der Winkel-Erde zwischen Rhein und Sauer, Moosel und Maas, ist die Eifel. Ihr gelte heute mein Rühmen; doppelt weil ich wie manch anderer erst so spät — nachdem halb Europa durchlaufen war — in ihre Zauber meine Gedanken versenkte; Zauber, die vielleicht nicht so lange unbewundert geblieben wären, hätten sie mir nicht von Kind auf so nahe gelegen! Und nun, da ich von manch weiter wilder Wanderung in die stille Heimath wieder eingekehrt, dies zurückgezogene und zurückhaltende Kind flüchtig begrüßen wollte, ging mir's, wie's so oft hienieden geht: dauernder und erquickender wurde mit dem einst gar nicht beachteten einfachen Kinde der Freundschaftsbund geschlossen, als jemals mit der anspruchsvollsten sprödesten Schönen in der fremden Ferne, die, schwer und mühsam errungen, bald und leicht verlassen wurde. . Und wie ich eben die Reize der Holden schildern will, finde ich das fernere Zutreffen des gebrauchten Vergleichs auch in der Schwierigkeit, im Einzelnen zu beschreiben, was in seiner Vereinigung so zauberhaft auf mich einwirkte. Dennoch sei wenigstens der Versuch zum Preis der Schönen gewagt. Zunächst war es wohl das zuerst etwas bang beklemmende, mählich aber erleichternd und dann so erhebend wirkende Gefühl der Einsamkeit, des Alleinseins, das mich an dem sonnenreichcn Frühlingstag überkam, da ich von Gerolstei» hinaufwandelnd mich einmal wieder umschaute und den Hinabblick ins enge Thal, wo Eisenbahnschienen liegen und hin und wieder eine Locomotive kreischt, verloren hatte. Und nun waren wir allein; die stille, so bescheidene, nirgends aufdringliche Landschaft und ich. Von jeher dachte ich wir, es müsse doch noch weit entsetzlicher sein, nie allein zu sein, als immer allein zu zu sein. Und wie selten leider ist man in unserer lärmenden Zeit allein I Es gibt Land- 214 schasten, und die allerschönsten und berühmtesten gehören dazu, so z. B. der Rhein von Bingen bis Bonn vom Dampfschiff aus gesehen, die etwas unendlich Anspruchvolles, Aufdringliches haben. Beim ersten Mal merkt man das nicht so; bei öfterem Besuch aber kann dieser Eindruck sogar unangenehm empfindlich werden. Nichts von alledem hat die Eifel; sie verbirgt ihre Reize eher allzu züchtig, als daß sie dieselben zur Schau trüge, um zu ihrer Bewunderung zu nöthigen. Da schritt ich durch kleine Wiesenthälchen, die tausendfach gekrümmte Büchlein durchstießen, klomm wieder über eine alte Brücke hinweg die Höhe hinan, wo links und rechts die Bauersleute ackerten und über mir die Lerchen auf- und niedersteigend ihre Frühlingshymnen schmetterten. Dann trat ich auf der Höhe in eine junge Buchenschonung oder wand mich auf halbverwachsenem Fußpfad durch eine Fichtenpstanzung, gesuchte Mühsal gern überwindend und mit den Händen links und rechts die stärksten der nadligen Aeste mir vor dem Gesichte wegbiegend, während ich die jüngeren schwächeren gern, wenn auch mitunter unsanft kosend, mir Nase und Backen streicheln ließ! Und wenn ich nun besonnen nachdenke, wie oft, wie tausendmal schon machte ich solche Wanderung, ohne davon im entferntesten solch Behagen zu genießen! Sonst lagerten eben stets hinter den sanften Wiesen, den halberwachsenen Hecken und spitzköpfigen nickenden Fichten die dunkeln weißgipfligen Niesen des Hochgebirges oder breitete sich hinter ihnen das herübertosende Meer aus. Und dann standen auf diese die Gedanken und achteten in Erwartung der majestätischen Eltern der lieblichen im Vorzimmer spielenden Kinder nicht. Hier aber fühlt nian sich Kind unter den Kindern, weil man nicht in den Kleidern steckt, in welchen man den gestrengen Eltern Besuche machen könnte. Und des wird man eben froh und immer froher; denn bei den Kleinen wird man und fühlt man sich selber Kind und fängt bald an, mitzuspielen. Wie wohl aber thut das in gereiftcren Jahren! Bald ist nichts um uns als leichtbewölkter blauer Himmel und scheinbar nur leichtgewelltes, von wenigen bedeutenden und hervorstehenden Kegeln überragtes Hochland; schwarzer Wald und helle Flur, in kleinen Flächen ewig miteinander abwechselnd — wie ein Schachbrett für Riesen — nur fernher von kahler Höhe winkt, den Horizont scharf markirend, ein Kirchlein mit niederm Thurme ins Land herein, Gedanken und Sage der Vorzeit weckend. Und stundenlang lag ich im Schatten dieses Kirchleins hingestreckt, den Blick in den See, unter mir das Weinfelder Maar, gesenkt und den Spiegel des Himmels in der unergründlichen Tiefe desselben betrachtend. Hier ist so recht der Herzschlag der rauhen abgeschiedenen, nur wenigen zugethanen und von wenigen verstandenen, von diesen aber treugeliebten Gottestochter Eifel. Steht man hier auf kahler Höhe, so sieht man sowohl neben sich auf der Höhe als auch über 100 Fuß, tiefer unter sich in einem zweiten Kessel, bei Schalkenmehrcn, je einen stillen kleinen See: ein Anblick, der in solcher überraschender Unmittelbarkeit nicht ein zweites Mal in Europa sich bieten dürfte. Im Alpengebirge der Nordkarpathen kommt er einigemale, aber mit weit schwächerer Wirkung, vor. So überraschend wie hier kannte ich ihn nicht. Traumhafte Abgeschiedenheit heißt der Grundgedanke dieses so seltsamen Stückes Erde am Weinfelder Maar. Und wenn man wohl vom Meere sagen kann, daß in ihm die Natur zürne, von der Heide, daß sie träume, vom Hochgebirge, daß es herrsche — hier trauert die Natur, ja, hier weint sie. Und unmittelbar theilt sich diese Stimmung der Trauer dem Beobachter mit, bis er immer mehr in Betrachtung sich versenkend, allmählich aus der Trauer zu stiller Ruhe, zu süßer Vergessenheit geführt wird und — - Hier ist all mein Erdenleid Wie ein banger Traum zergangen, Süße Todesmüdigkeit Hielt die Seele mir umfangen. Mählich ccher löst sich auch die Seele aus diesem Gefühle der Todesmüdigkeit oder besser der Lebensvergessenheit und findet höchste Erquickung im stillen Träumen über dem schwarzblauen Wasser auf lautloser, kahler, nur von schwacher Waldung umsäumten Höhe. Aus der unerforschten Tiefe des Seees klingt es dann wie ein verrathenes Geheimniß, um dich summt und schwirrt es wie das Rauschen verlorener Sage von kühnen Geschlechtern; und in der blauen Höhe über dem See kreisen als Adler — selten und nur von wenigen gesehen — die Geister der kühnsten Kämpen, die hier einst ihr Leben in wilder Zeit verloren; da noch die rauhen Menschen die Natur am liebsten da aufsuchten, wo sie ihnen Schutz und Wehr vor dem Ansturm der Nebenmenschen oder besser — denn dies schöne Wort kannte man damals nicht — der Gegenmenschen zu bieten schien. Wo die wildesten Thiere zu bestehen waren über den Schiliften der steilen Höhen, da suchten die Menschen zuerst ihre Wohnung, weil sie hier zur Vertheidigung gegen ihre menschlichen Feinde von der Natur die beste Hilfe hatten. Und bis in die letzten Jahrhunderte hinein hielten sich hier in der Eifel die trotzigsten Geschlechter auf unwirklichen Höhen. Sie sind dahingeschwunden; meist keinerlei Kunde von sich hinterlassend, als vom Pfluge des friedlichen Ackermannes bloßgelegte Mauerreste. Solche Ueberbleibsel finden sich hier auf der Höhe zwischen Weinfelder und Schalkenmehrener Maar. Nach ihrer Ausdehnung zu schließen, muß einst ein großes Dorf hierselbst gelegen haben, mit Burg und Capelle, Gesindegelaß und Ummaurung gegen anstürmenden Feind. Alles ist verschwunden, keine Kunde und keine Spur ist übrig geblieben neben den aufgepflügten Mauerresten, als das Chor des Kirchleins, das die Unbill von mehr als 600 rauhen Jahren überdauert haben dürfte, und endlich die Sage im Volk, daß einst wegen Gottesfrevels Herren und Volk auf der Weinfelder Höhe mit Haus und Hof plötzlich in einer Nacht ins Maar versunken seien bis auf. das stille Kirchlein, das hier oben geblieben, um die langen Jahrhunderte hindurch im Umkreise ein stummer Zeuge des geschehenen Frevels und jäh eingetretener Strafe zu sein. Keine Spinne sogar darf in diesem Kirchlein ihre Netze spannen, Niemand hatte je ein Spinngewebe in demselben gesehen. Solche Betrachtungen, einmal angeregt, lassen sich nicht so leicht verdrängen; und ich wurde diese Gedanken denn auch nicht wieder los, bis ich durch die Junghecken oberhalb des Dauner Maars hindurchgeschritten; mich um den Bergrücken herumgedreht hatte und bei dem freundlichen Pfarrer von Schalkenmehren zu Gast an gemüthlich stiller Tafel saß. Da gabs denn alsbald andere Gespräche, die ihren Stoff aus unserer Gegenwart nahmen, den neuentbrannten, uralten Streit des Staates mit der römischen Curie, die wirthschaftliche Aufbesserung der Eifel, die Nothwendigkeit besserer Erziehung der Jugend und die Vorzüglichkeit der Karpfen des Schalkenmehrener Maares und der Kartoffeln aus dem dortigen warmen Boden, sowie hundert andere herrliche Sachen betrafen. Aber der mit nichts vergleichliche melancholisch-lebensmüde und zu reichsten Reflexionen über das Leben und dessen Urquellen einladende Anblick der armen und so anregenden Landschaft um das Weinfelder Maar behauptete seine Rechte auch den folgenden Tag hindurch, da ich über Höhen und Thäler, durch kleine Wiesengründe und schattige Waldungen im Zickzack die Wanderung weiter nahm. Und die seltsame Stimmung wich auch dann noch nicht, als ich zwischen Dämmerung und Nacht die schauerliche Höhe bei Cochem Herabstieg, gähnende, gespenstig dunkle Klüfte und zwischengelagerte, mit phantastischem Gestrüpp bewachsene, schmalkantige, schwarze Bergrücken, alles im Nebel ver- schwimmend, mir zu Füßen erschaute.' Gemach stieg ich nieder, und was vordem als lauernd gespenstiges Dräuen zu meinen Füßen lag, das sah ich plötzlich als milde sanfte Umrisse den sternbesäten dunkeln Himmel linienreich im Horizont begränzen. Vergessen indeß will ich, im holdseligen Moselthal in Cochem angelangt, der ursprünglicheren anspruchslosen Eifel nicht, — weiß ich doch jetzt, daß von dieser älteren, reicheren Tochter die jüngere Mosel ihre beste Kraft gewinnt, um uns mit Wein und lieblicher Saae der Vorzeit zu laben. Ihr Bestes gibt ja die Eisel her in Gestein und rieselndem Felsgewässtr, um die sanftere, aber auch kokettere junge Schwester zu schmücken. Wir wollen an der gefälligen Anmuth der letzteren uns labend der mit nichts vergleichbaren rauheren Reize der Eisel nicht vergessen; vielmehr alsbald zu ihr zurückkehren. (Köl. Z.) M i s - - l l e n. Die reichsten Privatpersonen in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts waren nach einer Notiz des „Hamburger Korresp." von 1783 folgende. Prinz v. Coudö hatte eine jährliche Rente von 1,250,000 Thlr., Graf Tscheremctev 1,050,000 Fürst Lubomirski 670,000, Marquis v. Spinola 600,000, Fürst Radzivil 540,000, Herzog v. Mediua-Sidonia 480,000, Graf Czernifchew 450,000, Herzog von Orleans 420,000, Herzog von Bedford 380,000, Herzog von Northumberland 300,000, Herzog von De- vonshire 290,000, Herzog von Marlborough 290,000, Lord Spencer 220,000, Graf Shelburne 180,000, Lord Fitzwilliam 180,000, Herzog von Manchester 160,000, Graf Temple 170,000, Herzog von Rutland 180,000, Herzog von Beaufort 150,000, Herr Nigby, ehern. Kriegszahlmeister, 160,000 Thaler. Man sieht, in der ganzen Liste ist nur ein einziger Name (Fürst Radzivil), der möglicherweise Deutschland angehört. Bezeichnend ist auch, daß die damaligen Krösusse, mit nur einer einzigen Ausnahme, sämmtlich Angehörige der Aristokratie gewesen sind; heute würden sich in einem solchen Register ungleich mehr bürgerliche Namen finden. Das Wunderbarste aber ist, daß kein einziger von orientalischem Klänge sich darunter befindet. (Im Theater.) Kurz nach dem Einrücken eines österreichischen Jnfanterrie-Negi- mentcS in M. wurde „Gustav, der Maskenball" gegeben. Ein sich im Theater befindender Offizier des eingerückten Regimentes schenkte der Vorstellung nur wenig Aufmerksamkeit und musterte die Logen. Als jedoch die Scene kam, in welcher die Verschworenen loosen, wer den König erschießen soll, blickte er mit der größten Spannung auf die Bühne, und als das Loos auf Ankarström fiel, sagte er voller Erstaunen zu seinem Nachbar: „Nein, hören Sie, was dieser Ankarström halt für ein Unglück hat, das können Sie gar nit glauben, der Mensch muß zum Königsmörder geboren sein; i hab' das'Stück in Wien, in Frankfurt und jetzt hier g'sehn, und ihn hat halt jedesmal das Loos getroffen." Ein hartherziger Wucherer wurde auf die Nachricht eines bedeutenden Verlustes vom Schlage gerührt. Auf die Mittheilung dieser Nachricht in einer Gesellschaft rief ein Glied derselben aus: So gab's also doch noch Etwas in der Welt, was ihn rühren konnte." - (Empfindli ch.) „Jesses! Jetzt kaufen sich die Leute R u n dreisebilletS; ich könne das net machen — ich wäret ganz damisch." Original-Charade. * Zerstört das Schicksal grausam unsere Pläne, Entzieht der Tod uns einen theuren Freund, So weint das Auge manche stille Thräne; Wir suhlen dann der Sylben zwei vereint. Der dritten Sylbe huldigen alle Stände Ihr opscrn wir so manchen Augenblick, Ost lohnet sie mit reicher Freudenspcnde, Ost untergrabt sie auch des Menschen Glück. Das Ganze tauscht, ergötzt und rührt das Herz. Weckt Mitgefühl, entwickelt sanften Schinerz. Auslösung des Vuchstabenrebns in Nr. L5: „Amoretten." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Bering des Litcrarischen Instituts von Dr. M. Huttler. Nr. 28: 1880 . zur „Ailqslmrger Pojheitimg. Mittwoch, 6. Oktober Unläugbar ist's und die Erfahrung lehrt? Wie Ruhmsucht zum Verbrechen sich entehrt; Um Lob und Preis, unl nichtige Erscheinung, Entsagen wir des Herzens bcsj'rer Meinung. Shakespeare. Auf Ireiersfüßen. Von G. v. Berlepsch. Herr v. Huber (seinen Adel hatte er aus dem freigebigen Munde des Volkes erhalten) war, was man einen guten Bürger nennt. Er hatte in seinem Leben keine Schulden, keinen Proceß, ja, mit Ausnahme eines einzigen Nachbarn, auch keinen Feind gehabt. Er befand sich nach Erlangung eines bescheidenen Beamtentitels in jenem Stande der Staats-Passivität, welchen das dankbare Vaterland den Männern gönnt, die auf Schlachtfeldern oder in Kanzleistuben ihre Schuldigkeit gethan haben. Obwohl nun jeder Tag für ihn hätte ein Sonntag sein können, drängte ihn ein peinlicher Ordnungssinn, welcher schon im Amte die. leuchtendste seiner Eigenschaften gewesen war, auch in der Freiheit noch einen markirenden Unterschied zu machen und den Wochentag mit allerlei Kleinigkeiten systematisch auszufüllen, wogegen der Sonntag dann als Tag des Ansuchens durch drei Dinge jahraus, jahrein besonders gefeiert wurden; durch eine schwarze Sammtweste, welche der Herr Rechnungsrevident nur an Feiertagen trug, dann durch ein Brat- oder Backhendl, was dem übrigen Mittagsmahl beigefügt wurde und durch eine Partie Tarok, die er mit Frau und Sohn Nachmittags spielte. — „Alles hübsch zu seiner Zeit", hieß sein Leibspruch; diesem gemäß war nicht nur sein Tag, seine Wochen, sein Jahr auf das pünktlichste eingetheilt; sein ganzes bisheriges Leben war in diesem Sinne verflossen. Er hatte „zur Zeit" seinen kleinen Posten im Staatsdienste angetreten, zur Zeit zu rauchen angefangen, zur Zeit um ein braves Bürgersmädchen sammt ansehnlichem Vorstadthause gefreit und so weiter bis ins kleinste Detail, bis auf den Winterrock, den er im Spätherbst an einem bestimmten Datum anzog und im Frühjahr ebenso wieder ablegte. Diese systematische Ordnung betraf nicht nur des Herrn Nechnungsrevidenten Person, sondern Alles, was sein war, Haus, Weib, Sohn und Magd. Alles sah gerade so aufgeräumt aus, wie sein sorgfältig rasirtes Gesicht, selbst die Rosen- und Flieder- bäumchen des Gartens. Auf diesen lag aber gerade Schnee, denn es war Weihnachten. Das Mittagmahl, welches durch die Vermehrung einiger Schüsseln von jeher den Hauptglanzpunkt des Festes bildete, war vorüber und der Herr Rechnungsrevident Huber wie seine wohlgenährte Ehehälfte saßen ausruhend, mit einem erhöhten Roth auf den rundlichen Wänglein, in den Ecken des Sophas. Er rauchte die Cigarre zu Ende, welche er regelmäßig des Morgens nach dem Frühstück genau bis zur Mitte genoß, um nach Tische zur bessern Verdauungsbeförderung die andere Hälfte zu rauchen. Im Zimmer duftete es noch lieblich nach allerhand Braten und Strudeln; der Tisch war aber bereits abgeräumt und eine angenehme, einschläfernde Sonntagsruhe machte sich nunmehr geltend. Zwischen die langsamen Pendelschläge der Stockuhr tönte zuweilen ein Tellerklappern aus der Küche und das Nachmittagsgeläute der Kirchenglocken. „Mutter!" sagte jetzt der Hausherr mit einer gewissen Feierlichkeit, nachdem er das glimmende Cigarrenrestchen aus der Meerschaumspitze geblasen und diese sorgfältig ins Etui gesteckt hatte. Frau v. Huber öffnete ihre schlafblinzelnden Augen und antwortete mit etwas fetter Stimme: „Vater!" — — „Ich hab' mir auf den heutigen Tag etwas aufgespart,, was ich Dir jetzt sagen will", hub er bedächtig an. >— „Äas meinst, wenn wir den Pepi heirathen ließen?" „Wen heirathen?" fragte Frau v. Huber mit ganzer Wendung nach dem Sprechenden. „Nun ich mein' halt ein Mädel, was für uns paffen thäte, — häuslich, eingezogen und «ermöglich. Der Pepi kommt jetzt auf die Jahr', wo ich ihn versorgt haben möchte; — wer weiß, wie lange wir Zwei leben, — dann wäre das auch in der Ordnung." Frau v. Huber sah nachdenklich auf ihre seidene Sonntagsschürze nieder. Dann antwortete sie: „Da hast schon Recht, Vater. Aber wo soll er eine passende Frau finden? Der Pepi ist so viel scheu!" — Der Gatte lächelte. „So bin ich auch gewesen, deswegen haben wir uns doch geheirathet. Wir müssen uns halt umschau'n." Die Huber'schen hatten trotz ihrer Wohlhabenheit stets ein sehr eingezogenes Leben geführt, kein Gast hatte je ihre Schwelle betreten, außer etwa ein ärmlicher Verwandter, der unterthänigst „zum hohen Namensfest" oder zu Neujahr gratuliren kam, mit der stillen Hoffnung, ein paar Guldenzettel oder einen übrigen guten Bissen dabei zu erlangen. Selbst zu Pcpi's Kinderzeiten war kein Spielgenosse in's Haus gekommen; er war allein aufgewachsen als ein dickes, folgsames Kind, im Sommer im Garten, im Winter in der Stube bei der Mutter. Nur eine Bekanntschaft, ja man kann sagen Freundschaft hatte ihm in seinen jungen Jahren geblüht; das war ein kleines braunäugiges Mädchen gewesen, welches in den Nachbargarten gehörte der durch einen Plankenzaun vom Huber'chen Garten getrennt war. Nachdem die Kinder sich anfangs durch die grünüberwachsenen Holzplanken des Zaunes wie zwei wilde Thierchen durch die Eisengitter ihrer Gefängnisse betrachtet hatten, fand die kleine „Drübige" eines Tages ein Schlupfloch und stand unversehens vor dem etwas blöde staunenden Knaben. -Mit dieser kühnen Initiative wurden Peperl und Toni gute Kameraden, und auch zwischen den Eltern entspann sich über den Zaun hinüber ein gesperrt freundschaftlicher Verkehr, der jedoch nach den Zurück- gezogenheitsprinzipien des Huber'schen Ehepaares im Herbste immer wieder ein Ende. hatte. Im „Quartier" liebten sie keinerlei fremde Leute. Nun wurde aber auch der Sommerverkehr einst jäh abgebrochen, indem Toni's Vater, ein begüterter Fabrikant, erklärte, daß er just an der Stelle, wo die beiden Gärten sich begrenzten, ein massives Gartenhaus mit Mauer bauen werde. Die Frau Nechnungsrevidentin, als angestammte Erundeigenthümerin, fand sich durch Entziehung der Nachmittagssonne, welche ihren Zwergobstbäumen dadurch erwuchs, empfindlich geschädigt. Ihr Eheherr beschloß, sich zu einem osficiellen Besuch xunoto dieser Angelegenheit bei dem Fabrikanten; er führte jedoch zu nichts, da Toni's Mutter, eine „resche", zungenfertige Frau, sich die Idee mit dem Gartenhause nun einmal fest in den Kopf gesetzt hatte und ihren Mann dieserhalb auffallend beeinflußte. Da geschah ein äußerlich geräuschloser, aber darum nicht minder intensiver Bruch zwischen diesen beiden Familien, der durch das leibhaftige Erscheinen von Maurern und Zimmerleuten sich fest verkalkte, wie die Mauer selbst, wohhe, von Steinen und Mörtel gefügt, sich bald erhob. Dadurch waren Peperl und Toni nun ebenfalls geschiedene Leute, aber nur kurze Zeit, bis die Schulperiode sie wieder zusammenführte. Toni ergriff wieder energisch das Ruder der alten Freundschaft. Sie schlenderte unbekümmert neben ihrem nunmehrigen Schulfreunde her und machte ihm sogar den Vorschlag, einmal über die Mauer zu steigen, um das schöne Gartenhaus zu sehen, welches der Vater gebaut habe. Als Pepi dies ahnungslos zu Hause erzählte, sah Frau v. Huber darin eine kränkende Neckerei der Nachbarlichen und es wurde darob dem Knaben jeder weitere Verkehr mit seiner ehemaligen Zaunkönigin untersagt. Peperl an stricten Gehorsam gewöhnt, that wie ihm geheißen, obwohl mit wehmüthigem Kopfhängen. Er wußte keinen andern Ausweg als den Befehl seiner Freundin ehrlich mitzutheilen» Statt nun Mittleid mit ihm zu haben, lachte Toni nur ungläubig und rief so laut: „Du dummer Bub', ich hab' dir ja nichts gethan!" daß sich gleich mehrere andere ' Knaben, die Pepi wegen seines stillen Wesens nicht leiden mochten, dazu gesellten und in den Ruf: „dummer Bub'!" höhnisch einstimmten. Obwohl diese Scene nun durchaus nicht in Toni's Absicht gelegen hatte, war sie doch zum Entscheid ihres Freundschafts- iruches geworden; Pepi war gekränkt, Toni trotzte mit dem „dummen Bub'" — so kam es, daß sie nicht mehr miteinander nach Hause schlenderten und die Gartenmauer fortan auch ihre Herzen schied. Und um allfällige Begegnungen, welche den friedliebenden Sinn des Herrn Nechnungsrevidenten doch immer auf's Neue beunruhigt haben würden, zu vermeiden, hatte er angeordnet, daß er und die Seinen in Zukunft auf dem jenseitigen Trottoir der Straße, welches die Nachbarn nie benützten, gehen sollten. Zu der Gartenmauer war also noch die ganze Breite einer verkehrsreichen Vorstadtstraße gekommen; — wir sollten glauben, daß dies genügte, um Jahr auf Jahr dahinrollen zu sehen, ohne daß die feindlichen Parteien wieder einmal ihre Wege gekreuzt hätten? — Im Stillen flog wohl hie und da ein verstohlener Blick über die Straße, oder über den Garten, an dessen verhüngnißvoller Mauer jetzt hüben wilder Wein, drüben aber nach den rankenden Schößlingen zu schließen, Kletterrosen wuchsen. Die schlangen im Sommer ihre luftigen Arme ineinander und gaben ein heiter ironisch Bild zum Verhältniß der grollenden Nachbarn. So standen die Dinge an dem Weihnachtstage, als der Herr Rechnungsrevident > und seine ehrsame Hausfrau die Verheirathung ihres Sohnes beschlossen. Nach einem langen und breiten Gespräch, welches die Nützlichkeiten dieses Schrittes allseitig ventilirt hatte, wurde die Hauptperson desselben, Pepi, gerufen und ihm mit der gehörigen Besonnenheit' die Kunde mitgetheilt. Pepi, obwohl ein großer und nicht übler Jüngling, stand bei der Eröffnung fast gerade so da, wie vor vielen Jahren, als die kleine Toni, durch den Zaun geschlüpft, plötzlich vor ihm erschien. Er machte erst ein erstauntes, dann ein ernsthaftes Gesicht, dann lachte er verlegen und wußte nicht, was er sagen sollte. Die Unterredung endigte damit, daß der folgsame Sohn dem Wunsche der Eltern zu willfahren versprach, sofern sich für ihn das „Nichtige" gefunden haben würde. Pepi war das verjüngte Ebenbild seines Vaters, mit all' jenen braven Durch- schnitts-Eigenschaften, welche diesem zu einem behäbigen und unangefochtenen Dasein verhelfen hatten. Aus diesem Grunde war vom Traum der Liebe noch wenig über ihn gekommen, was übrigens aus seinem abgeschlossenen Leben auch mit herzuleiten war. Wo aber diese Wunderblume noch nicht geblüht, sei's in der Gestalt eines Gänse- ! blümchens oder einer dornig wilden Rose, da liegt noch ein unergründetes Capitel ver- > schlössen, in dem gar Mancherlei schlummern kann! Pepi betrachtete seit diesem Tag das Leben von einem neuen Standpunkt, der Paragraph „Frauen" war plötzlich darin aufgetaucht und lehrte ihn allmälig bemerken, > daß es in der Welt eigentlich viel Hübsches und Angenehmes gebe, was er bisher kaum i beachtet hatte. Wenn er so ein lächelndes Mädchenangesicht daraufhin anschaute, als ! könnte das vielleicht das „Richtige" sein, an seinem Arm spazieren gehen, ja ihm gar ! — einen Kuß geben — dann wurde er fast roth und vor sich selbst verlegen, aber in der Herzgegend begann dabei eine allgemeine liebliche Wärme aufzusteigen. — Aus diesem gewissermaßen traumhaften Zustand wurde Pepi eines Tages im Fasching geweckt, indem sein Vater ihm mittheilte, daß sie ein Turner-Tanzkränzchen besuchen würden, zu welchem ein früherer Amtscollege mit seiner Tochter ebenfalls erscheinen wolle. Das war ein außergewöhnlicher Act im Huber'schen Hause; man begann sich umzuschauen! Pepi sah in seinem nagelneuen Frack, sogar mit gebrannten Locken, so schmuck aus, , daß Herr v. Huber nicht ohne Stolz ihn seinem Collegen und dessen Tochter präsentirte. Diese Letztere, an deren Wiege jedenfalls nicht alle drei Grazien, wenn überhaupt eine gestanden, lächelte verlegen und schwieg; sie schien ebenso unsicher auf dem Parquet des , Vallsaales wie Pepi. Als er, um der stummen Unterhaltung eine Richtung zu geben, ^ sie zu einem Tanz aufforderte und in möglichst ehrbarer Entfernung von seiner Tänzerin f zu einem Walzer Miene machte, huschte gleich einem Schmetterling, und wie Pepi wahr- s zunehmen glaubte, mit boshaftem Lächeln — seine kleine Zaunkönigin von ehedem vor- r über. Wie groß und hübsch war sie geworden! — Ihre Erscheinung brachte ihn der- ^ maßen aus der Fassung, daß er seine Walzer-Bemühungen alsbald aufgab und die naße Stirne trocknend, sich in eine Ecke zurückzog. Herr v. Huber hielt dies für natürliche Schüchternheit und machte diesbezüglich einige aufmunternde Bemerkungen, welche die Annäherung der jungen Leute jedoch nicht sonderlich förderten. Was mußte er dagegen im Laufe des Abends sehen? Daß vor seinem Sohne urplötzlich eine braunäugige, schlanke Mädchengestalt stand, ihn lachend anredete, während er sie bestürzt anstarrte und — ist's möglich — zwei Minuten nachher sich flink mit ihr unter den anderen Paaren drehte! Herr v. Huber war diesen Abend zum ersten Mal über seinen Sohn stutzig geworden; er konnte sich einer gewissen Unruhe darob nicht erwehren. Diesem Sohn dagegen kam es vor, als hätte sich für ihn aus einer Stube, die sein bisheriges Leben bedeutete, auf einmal ein Pförtchen mit lieblicher Aussicht ins Freie aufgethan. Er wußte nur mit wenigen unklaren Reden zu antworten auf die sondirenden Fragen, wie die sittsame Schöne ihm gefallen, und wie es gekommen, daß er mit der „Drübigen", . mit dem dunkellockigen Wildfang, getanzt habe. Zur großen Verwunderung des Eltern- ! paares fand er weiter Geschmack am Leben außer dem Hause, an andern Faschings- Vergnügen und fing an, nach seinen Bureaustunden einen Spaziergang zu machen, was . früher selten geschehen war. Auf einem dieser Gänge passirte es, daß Jemand ihm ^ guten Abend wünschte und fragte, wie er sich neulich unterhalten habe. Es war Toni, die des Weges kam und sich ihrem Freunde von ehedem harmlos 'anschloß. Pepi ging etwas zaghaft, aber doch froh erregt, neben ihr her und bemerkte nicht, wie es schien, daß er gegen altes, feindliches Herkommen sein angestammtes Trottoir verlassen und so die Begegnung gefunden hatte; er schien überhaupt vergessen zu haben, daß eine unwiderrufliche Gartenmauer zwischen ihm und dem lustig plaudernden Mädchen liege, und daß sie ihn einst so sehr despectirlich einen „dummen Buben" gescholten hatte. i Pepi's sonderbares Wesen machte die Eltern immer unruhiger; der Herr Rechnungs- i revident, dem dies Alles gegen den gewohnten Ordnungssinn ging, äußerte sich eines s Morgens zu seiner Ehehälfte, er sehe schon, er müsse die Sache mit Pepi's Verheirathung ^ in die Hand nehmen. Das Nächste war, daß Letzterer aufgefordert wurde, im Hause ^ der bewußten Schönen vom Turnerkränzchen einen Besuch zu machen, wogegen Pepi sich . mit erschreckender Entschiedenheit weigerte. Diese Auflehnung setzte die erste kleine l Familienscene in dem ruhigen Hause ab. Herr v. Huber vergaß darüber seine halbe « Morgen-Cigarre zu rauchen. Pepi dagegen verspürte stärker denn je einen Zug nach ; frischer Luft. Melancholisch wanderte er am Abend selbigen Tages wiederum auf dem feindlichen Trottoir und dachte darüber nach, was aus all' dem noch werden sollte. Da sah er — ^ es war dieselbe Stunde und Gegend, wo dies schon mehrmals geschehen, ein wohl- ^ bekanntes Hütchen sammt braunäugigxr Trägerin auf sich zukommen, und sein Herz ' machte in Folge dessen einige ganz unerklärliche Sprünge. Obschon Toni längst die - Kinderschuhe abgestreift hatte, war ihr jene naive Unmittelbarkeit von früher doch geblieben; die Art, wie sie sich ihm halb launig, halb treuherzig wieder genähert hatte und jetzt der Ton, in welchem sie fragte, warum er ein so betrübtes Gesicht mache, heimelten ' Pepi sehr an. Er murmelte etwas von Unannehmlichkeiten zu Hause, machte dabei aber gleich Kehrt, um Toni zu begleiten. Sie fragte ihn, was das für Unangenehmes sei. Nach etlichem Besinnen und Würgen platzte er gerade heraus, es handle sich um's ^ Heirathen. * 221 „Um's Heirathen?" lachte Toni und sah ihn dabei eigenthümlich an. „Das ist ja doch nichts Arges!" „Freilich nichts Arges", stieß Pepi heraus; aber — -— — „Zu Wem darf man Ihnen denn gratuliren?" fragte sie etwas unsicher nach einer kleinen Pause. Sie nannten sich nämlich jetzt in Anbetracht ihrer Größe „Sie." „Das ist's eben — ich weiß es selber noch nicht." Jetzt lachte Toni noch lauter; es klang wie Freude. „Das ist lustig!" So was Verdrehtes hab' ich noch nie gehört." Nach dieser Aeußerung fand sich Pepi genöthigt, die Sache näher zu erklären. Das Herz wurde ihm dabei unversehens leichter. Toni blieb nach feinen mühsamen Explikationen stehen, sie waren gerade vor ihrem Hause angekommen, und gab ihm den kategorischen Rath: „Machen Sie es doch wie ich. Ich hab' dem Vater erklärt, daß ich nur Jemand heirathe, den ich mag oder ich werd' eine alte JungferI" „Mögen thät ich schon Jemand", sagte Pepi leichter, „aber — da geht's gar nicht!" — Toni schaute ihn forschend an und fragte: „Warum geht's nicht!" — „Wegen der alten Geschichte mit der Gartenmauer — die Eltern sind sich ja feind", antwortete der Befragte noch leiser. Toni senkte die Wimpern, räusperte und meinte: „O, deswegen!" — Wäre Pepi jetzt nicht „so viel scheu" gewesen, wie seine Mutter einst gesagt, so hätte Alles rasch im Reinen sein können. Der Gedanke an die feindlichen Eltern hielt ihn aber doch vom Aeußersten ab. Dies schien Toni recht wohl zu fühlen. Sie hob entschlossen ihr Köpfchen, warf einen schnellen Blick am Haus hinauf und sah droben ihre Mutter, die in der Abenddämmerung offenbar auf ihr säumendes Töchterchen wartete. Ein Gedanke schien in Toni aufzublitzen. Sie verzog einen Moment den Mund zum Lächeln, dann sagte sie zaghaft: — „Wenn ich damit gemeint bin —" „Ja wer sonst, Toni!" antwortete Pepi merkwürdig schnell. „Dann wußt' ich schon Etwas", fuhr sie fort und blickte dabei wieder in die Höhe nach den: Fenster. „Wenn Du mich gern hast, Pepi, dann gib' mir einen Kuß", sagte sie schnell und couragirt, „das Andere wird sich schon machen." Pepi erschrack förmlich vor dieser Courage, aber er that wie ihm geheißen. Es war die erste Kühnheit seines Lebens. „Toni!" klang es in diesem Augenblick wie ein Befehl aus der Höhe. „Die Mutter hat uns gesehen — ich hab's zu Fleiß gethan", flüsterte Toni; „wirst sehen, jetzt geht das Andere schnell, mußt nur n' Kopf nicht verlieren!" — Damit schlüpfte sie ins Haus und ließ Pepi wie von einem Wirbelwind erfaßt stehen. Wenn man dem ehrsamen Huber'schen Ehepaar gesagt hätte, daß der Stefans- thurin plötzlich in ihrem Garten versetzt sei, wären sie weniger außer Fassung gerathen, als durch das Unglaubliche, daß ihr Pepi, ihr stiller Pepi, für den sie sich glaubten, umschauen zu müssen, weil er „so viel scheu" sei, sich durch einen unerlaubten Kuß-; das ganze wackere Haus mit sammt seinem unverrückbar scheinenden Ordnungssystem geriet!) in's Schwanken. Daß es aber mit diesem Kuß wieder einmal gegangen, wie schon oft in der Welt, wo ein Wciberköpfchen für die schwankende Thatkraft des Mannes frisch eintritt, erfuhren sie nie, Kurzum, der Rest von dem Allem war, daß nach etlichen stürmischen Unebenheiten: 1. Pepi versorgt und somit nach des Herrn Rechnungsrevidentcn'Willen „daS auch noch in der Ordnung war"; 2. daß er dadurch mit dem ersten und einzigen Feinde seines Lebens sich versöhnte: 222 3. daß auf's Frühjahr in die verhängnißvolle Mauer ein Pförtchen gebrochen wurde, über dem nun der wilde Wein hüben und die Kletterrosen drüben sich rechtmäßig umarmen durften. Glückliches, braves Philistertum! (Deutsche Ztg.) Römische Sonnenuhren aus Aqnileja. Das Bedürfniß, die dahineilende Zeit, in der wir leben, zu messen, hat sich beim bomo saxieng zwar schon im grauesten Alterthume fühlbar gemacht. Da aber vorerst doch noch andere viel pressantere Bedürfnisse befriedigt werden mußten, so fand der Grundsatz »timo m rnono^« noch keine sonderliche Beachtung; die Erfindung der Zeitmesser ließ daher verhältnißmäßig sehr lange auf sich warten. Wenn von primitiven, in die vorgeschichtliche Aera hinaufreichenden Zeitmeßmethoden abstrachirt wird, so soll es, nach dem Zeugniß der berühmtesten alten Historiker und Architekten, dem chaldäischen Priester Berosus ans Babylon um das Jahr 270 vor Christus zuerst gelungen sein, ein genaues und verläßliches, aber nur bei Sonnenschein verwendbares Zeitmaßinstrument, die Sonnenuhr, zu construiren. Berosus beschäftigte sich viel mit Geschichtschreibekunst und Astronomie und da mochte er vielleicht von den in letzterer Disliplin sehr vorgeschrittenen Egyptern, die zur Verfertigung von Sonnenuhren nöthigen Kenntnisse entlehnt haben. Thatsache ist es, daß der Entwurf einer antiken Sonnenuhr schon eine gewisse Geläufigkeit in der Geodäsie und der sphärischen Trigonometrie voraussetzte. Die Sonnenuhr des Berosus bestand nun bekanntlich aus einer dem Himmelsgewölbe nachgebildeten halbkugelförmigen Aushöhlung, Hemisphärium, welches, in dem der Polhöhe des Beobachtungsortes entsprechenden Neigungswinkel aufgestellt, in seiner oberen Parthie mit einem Zeiger versehen war, dessen Schatten die auf der hohlen Halbkugel verzeichneten konventionellen Tages-Zeitabschnitte successive andeutete. Das Princip der Construction der Sonnenuhr blieb ein Geheimniß der Unterrichteten und Fachkünstler, während die übrige Menge, wie auch heutzutage, sich mit der Schablone und der zurechtgelegten Formel begnügte. An der Erfindung des Berosus wurde mit der Zeit von den antiken Astronomen mancherlei Modifikationen und Besserungen angebracht; so construirte Aristarchus aus Samos eine Sonnenuhr nicht in einer Hohlkugel, sondern auf einer ebenen Fläche (äisons in xlnnitia. Vitruv. IX. 1.); Sko pinas aus Syrakus eine Sonnenuhr in Cassetten (laminar); Theodosius eine Universal-Sonnenuhr für alle Polhöhen (xros pan Xlima) u. s. w. An trüben oder regnerischen Tagen, sowie zur Nachtzeit versagten freilich die Sonnenuhren ihren Dienst. Um diesen Uebelständen abzuhelfen, erfand Ctesibios aus Alexandria die Wasseruhren. Darunter sind aber nicht die den Schulbesuch, die Ablösung der Schildwachen, die zulässige Dauer der Parlaments- und Advocatenreden u. s. w. regulirenden und den Sanduhren analogen Klepshydren zu verstehen; es waren dies vielmehr die auf den öffentlichen Plätzen aufgestellten, bei Nachtzeit transparenten Monumental-Wasseruhren (ÜoroIvAia ox ayua), deren ebenso complicirte als sinnreiche Construction im IX. Buch des Vitruv ius (Feldzeugmeisters unter Julius Cäsar und Augustus) enthalten ist. Bei den Griechen und Römern war aber die Construction der Sonnen- und Wasseruhren aus dem Grunde besonders schwierig, weil die Länge des Tages vom Auf- bis zum Untergänge der Sonne, ohne Rücksicht auf die Jahreszeit, in zwölf gleiche Stunden (dorn) während des Sommer-Solstitiums dauerte, desto kürzer fiel die Nachtstunds (viZilia) aus; sowohl die Tages- als die Nachtstunden hatten daher in jedem Monat und eigentlich sogar an jedem Tage und in jeder Nacht eine durchaus verschiedene Länge. Die römischen Uhrmacher hatten folglich ihren Kunden gegenüber einen viel schwierigern 223 Stand als die heutigen Chronometerfabrikanten; und dennoch wurde im Alterthum die Zeitmeßfrage in einer ebenso originellen als scharfsinnigen Weise gelöst. Zur Bekräftigung dieser Meinung hat die vom k. k. Custos des kaiserlichen Münz- und Antiken-Cabinets in Wien, Herrn Dr. Friedr. Kenner, soeben in den „Mittheilungen der k. k. Centralcommisfion für Kunst uud historische Denkmale" publicirte und auch im Separatabdruck erschienene Arbeit „Römische Sonnenuhren aus Aquileja" wesentlich beitragen. Durch diese auf österreichischem Boden gemachten Funde und die dann vom Herrn Verfasser geknüpften Erörterungen, werden einige Lücken in der bisherigen Theorie der römischen Sonnenuhren in der glücklichsten Weise ausgefüllt; und da überdies eine der gefundenen Uhren sich als ein Unicum präsentirt, so dürfte eine ganz kurze Analyse der in Frage stehenden Publication vielleicht nicht unerwünscht sein. In den Ruinen der ehemaligen römischen Kaiser-Residenz Aquileja sind bis jetzt sechs verschiedene Sonnenuhren gefunden worden. Die von Kaiser Franz für das k. k. Antikencabinet acquirirte Sammlung Zanini's zählt zwei in je einen Block Jstrianer Kalksteins gehauene Hemisphärien für die Polhöhe von Aquileja (45 Grad nördlicher Breite nach Ptolomäus). Um die Ungleichheit der Tagesstunden und ihr Zu- und Abnehmen zwischen den Aequinoctien und Solstitien darzustellen, sind auf diesen Hemisphärien nicht blos verticale Stundenlinien, sondern auch Querlinien für die verschiedenen Jahreszeiten, deren Abstand, von einander der Zu- und Abnahme der Schattenlänge des Zeigers entsprach. Der Letztere war ein Metallstab, welcher vertical eingestellt und in geringerer Höhe über der oberen Kante der Höhlung in einem rechten Winkel umgebogen wurde, so daß der horizontale Schenkel bis zur Aequatorlinie vorragte; bis z u dieser reichte der Schatten zu allen Stunden des Tages am 21. März und 21. September, also zur Zeit der Aequinoctien, er schritt dann gleichsam auf der Aequatorlinie einher. Vom 21. März bis 21. Juni beschrieb er immer größere Parallelkreise zur Aequatorlinie, bis er um die Sonnenwende den unteren Rand der Höhlung erreichte; von da ab wurden die Linien, die er beschrieb, wieder immer kleiner, bis er am 21. September abermals die Aequatorlinie, am 21. Dezember den Winterwendekreis erreichte, d. h. die obere Querlinie nächst dem Zeiger (Anomon). Die Stellung und' Abbiegung des letzteren, die Krümmung des Kugelsegments in Verbindung mit der steileren oder schieferen Stellung der Sonne bewirkten die Verkürzung der Schatten im Winter, ihre Verlängerung im Sommer, wodurch eben ein der conventio- nellen römischen Zeiteintheilung vollkommen -entsprechendes Bild auf der Sonnenuhr erzeugt wurde. Die dritte in Aquileja gefundene Sonnenuhr befindet sich in der Sammlung zu Monastero. Es ist dies ebenfalls ein vortrefflich erhaltenes und für die Polhöhe von Aquileja gearbeitetes Hennsphürium. Die vierte Sonnenuhr aus Aequileja befindet sich jetzt in der Sammlung des Herrn Grafen Toppo auf dem Schlosse Buttrio bei Udine. Das Hemisphärium ist nur in einem Bruchstücke erhalten; wichtig ist das Objekt durch den Reichthum des bildlichen Schmuckes im Postament. Dieses stellt ein vorne aufgerolltes, corinthisches Capitäl dar, in dessen Innerem eine Venus und eine neben ihr stehende, unbärtige Herme sichtbar sind. Die fünfte richtigste Sonnenuhr wurde in Aquileja erst jüngst (1879) auf einem Grunde des Herrn Grafen Cassis, als man nach Juwelen grub, gefunden. Auf einem aus Steinen zusammengesetzten und von steinernen Sitzbänken umgebenen Tisch ist auf der obersten Tischplatte eine horizontale Sonnenuhr und eine Windscheibe eingravirt. Die Tischplatte ist von einem Nahmen umgeben und ist diese Uhr der einzige Repräsentant einer Sonnenuhr in Kassetten, wie eine solche, nach Vitruvius, im CircuS Flaminius zu Rom aufgestellt war. Gestützt auf andere Funde und Substructionen weist Herr Dr. Kenner mit Evidenz nach, daß die Residenzstadt Aquileja sich eines Circus erfreute, daß dieser höchst wahrscheinlich von Kaiser SeptimiuS SeveruS um'S Jahr 20Ü 224 nach Chr. nächst der Stadtmauer, wo jetzt dessen Ruinen theilweise blosgelegt werden, errichtet wurde und die Fundestelle der Cassetten-Sonnenuhr genau mit dem Platze übereinstimmt, auf dem eine Circusuhr für den Gebrauch der die Spiels leitenden kaiserlichen Beamten aufgestellt zu werden pflegte. Für diese Ansicht spricht allerdings auch der Umstand, daß auf diese einen großen Raum einnehmende Sonnenuhr eine besondere Sorgfalt und Genauigkeit von dem auf der Tafel ersichtlichen Uhrmacher (Ll'^ntistino Lupvrus kamt) verwendet worden ist. Die Projection der graphischen Stundenzeichen von einer Hohlkugel auf eins ebene Fläche ist meisterhaft durchgeführt; im hohen Grade muß auch die Genauigkeit überraschen, mit welcher die Länge der Stundenlinien, d. h. die Schattenlänge des Gcomons gemessen und auf dem Steine dargestellt wurde. Der k. k. Direktor der Wiener Sternwarte, Herr E. Weiß, hat sich der langwierigen und mühsamen Arbeit unterzogen, die Schattenlängen zu berechnen, und damit die Längen der von Europorus gezeichneten Stundeu- linien zu vergleichen. Nach Feststellung der Länge des Geomons mit 6'3 Centimeter und dessen Stellung im Winkel der Polhöhe von 45 Grad 39 Linien, ergaben sich relativ sehr unbedeutende Differenzen; so war für das Sommersolstitium die berechnete Schattenlänge für Mittag 61'9 Millimeter, während Euporus dieselbe effektiv mit 62 Millimeter zeichnete, eine Genauigkeit, die wirklich staunenswerth ist, insbesondere wenn man die Unzugänglichkeit der Hilfsmittel in Anschlag bringt, welche den Alten zur Verfügung standen und sie mit jenen vergleicht, über welche unsere Zeit verfügt. Die sechste Sonnenuhr aus Aquileja befindet sich im Besitze des Herrn Dr. Gregorutti in Baperiano bei Aguileja. Dieselbe stellt eine zum Aufhängen bestimmte Neiseuhr Horologium viatorium, oivv xonsüniin des Vitruv.) dar, bestehend aus einer kreisrunden Scheibe Bronzeblech von 31 Millimeter Durchmesser, die auf beiden Seiten mit den Figuren des Analemma (Zeichen der Stunden und Jahreszeiten) versehen ist; also ungefähr so groß wie die heutigen kleinen Cylinderuhren. Die Figur auf der Vorderseite bezieht sich auf die Polhöhe von Rom, jene der Rückseite auf die von Ravenna; diese Reiscuhr konnte daher für Mittel- und Oberitalien eine leidlich richtige Zeit angeben. Die Uhr hing vertikal und es mußte sowohl die Lage des im Mittelpunkt befestigten Geomon als jene der Stundenzeichen dein entspreche^ transponirt werden, welche Aufgabe auf dem kleinen zur Verfügung stehenden Raum vom unbekannten römischen Uhrmacher für. die Jahreszeiten sowohl als für die einzelnen Monate des Jahres vortrefflich gelöst worden ist. Durch die vorstehend erwähnte Arbeit ist aber nicht nur die Kenntniß über die römischen Sonnenuhren, sondern auch die allgemeine Alterthumskunde in der verdienstlichsten Weise bereichert worden. (W. V.) Miseellen. Eine Gräfin besuchte alle Jahre Karlsbad. Auf einer Reise dahin erhielt sie unterwegs beim Wechseln der Pferde zum Postillon einen Burschen von höchstens 16 Jahren. „Kannst du auch fahren?" fragte sie ihn beim Einsteigen in den Wagen. „Ei, warum denn nicht, gnädige Frau! Kennen Sie mich denn nicht mehr? Ich habe Sie ja voriges Jahr umgeworfen." (Schnell gefaßt.) Gast: „Sö, Jean! Der Braten ist frisch? Er schaut zwar nit schlecht aus, aber mit dem G'ruch bin i net einverstanden." — Kellner: „Aber Euer Gnaden werden doch zwei Augen mehr glauben als einer Nas'n!" Auflösung der Original-Charade in Nr- 2tt: Ehe. Für die Redaktion verantwarllich: Alphons Planer in Augsburg.- Druck und Verlag des Ltterarischen Instituts von Dr. M. Huttlcr. zur „Ailgstmrger pojheiümg." Nr. 29. Samstag, 9. Oktober 1880. Die Wahrheit ist ein Brod, das starke Zähne fordert; eine Brant, die ein Jeder scheut; ein Buch, in welchem Niemand gerne liest; ein Wasser, mit dem sich Niemand gerne wäscht; eine Lanze, die schwer verwundet, und eine Speise, schwer zu verdauen. Abraham L, St. Clara. HrldegAVd*) Criminal-Novelle von Theodor Küsteri Ein grauer Herbstmorgen hüllte die größte deutsche Hafen- und Handelsstadt — Hamburg — in düsteren Nebel. Es war kaum 8 Uhr, und der Verkehr auf den Straßen gerade um diese Zeit sehr lebhaft; junge Leute, welche eilig ihren Comptoirs zueilten, Näherinnen und Andere, welche um diese Stunde an ihr Tagwerk mußten, füllten die Straßen. Selten nur sah matt zwischen den Milch- und Brod-Verkäufern, den Grün- Händlern und Metzgerburschen, welche ihre festen Kunden bedienten oder nach deren Aufträgen zu fragen käme», andere Personen, die nicht zu ihrem Geschäfte eilten. An der Allster, auf deren Ostseite, dem sogenannten Alsterdamm, ging eiligen Schrittes ein junges Mädchen — „Dame" kdnnte man es, nur nach dem Aeußeren anheilend, kaum nennen; und doch fühlte man, daß diese Bezeichnung die passende sein müsse, wenn man die hohe, schlanke Gestalt mit dem feinen, blassen Gesicht sah; das dünne, schwarze, in Folge Altersschwäche schon in's Graue hinüberspielende Kleid, das für die vorgerückte Jahreszeit bereits zu durchsichtige Umschlagetuch und den kleinen, durch vielfachen Gebrauch zerknitterten und unansehnlich gewordenen Strohhut — all' dies mußte man vergessen über den edlen Zügen, auf denen ein Hauch tiefer Melancholie lag. Ein kalter Luftzug von der Alster her fing sich in ihren Kleidern und trieb eine leichte Nöthe auf ihre Wangen; fröstelnd versteckte sie die kleinen, in vielfach ausgebesserten Handschuhen sich verbergenden Hände unter ihrem Shawltuch und mit ihnen eine Mappe, welche sie trug. Jetzt bog sie von der Alster nach Rechts ab, einem großen rothen, von Garten- anlagen umgebenen, erhöht liegenden Gebäude zu, auf dessen Inhalt wohl, weniger aber auf die äußere Form Hamburg stolz sein kann — der Kunsthalle. Je naher das junge Mädchen dem gewöhnlichen Sciteneingange dieses Museums kam, um so zögernder wurden seine Schritte. Es schien ängstlich; mit seinen großen, traurigen Augen blickte es auf die noch verschlossene Thür, an welcher ein mit großen Lettern gedrucktes Placat besage, daß dein Publikum der Eintritt erst um elf Uhr gestattet sei. Es hatte nicht nöthig, das erst zu lesen — es wußte es; kannte es doch das große Gebäude, seine reichen Schätze und die den Besuch des Publikums regelnden Vorschriften ganz genau, da eS täglich viele Stunden dort zubrachte. So ließ es denn auch heute jene Thür unbeachtet, *) Nachdruck verboten! 226 wandte sich der Hinterseite des großen Gebäudes zu und trat dort in eine kleine Thür. Nur zwei Schritte noch und es stand vor einer Stubenthür, an der es schüchtern klopfte. „Herein!"rief eine rauhe Männerstimme, welche jedoch beim Anblick der Eintretenden eine bedeutend freundlichere Stimmung unnahm. „Guten Morgen, Fräulein Beckers — Schon so früh?" — „Herr Castcllan, ich möchte Sie recht sehr bitten, mir für einige Tage zu erlauben, daß ich schon um 8 Uhr kommen darf; die Copie muß noch in dieser Woche fertig werden, und später, wenn oft viele Besucher die Säle durchwandern, arbeitet es sich schwerer und es geht weit langsamer von Statten. Bitte, nur für diese Woche!" — Mit weicher, herzlich bittender Stimme hatte sie gesprochen. Nachdenklich wiegte der alte Beamte den Kopf; endlich erwiderte er: „Ich kann es nicht gut auf mich allein nehmen, Fräulein Becker; wenn Sie mit dem Herrn Jnspector gesprochen hätten ....." — Das junge Mädchen erröthete leicht bei Erwähnung des Jnspectors, doch weit dringender fuhr es fort: „Sie kennen die traurige Lage meines armen Vaters, Herr Castellan, und wissen, wie sehr wir des Geldes bedürfen, welches ich für diese Copie erhalten werde, sobald sie vollendet ist; bitte, lassen Sie mich ein! — Und noch Eins", setzte sie zögernd hinzu, „der Jnspector muß es nicht erfahren." — Der alte Castellan nickte lächelnd, gutmüthig; er schien nun Alles zu begreifen. „Ihnen zu Liebe thue ich schon ein klebriges, Fräulein Becker", sagte er. „Ihr Vater — ach, der liebe, gute Herr, wie leid thut er mir, und wie betrübt mich sein unverdientes Geschick! — Ich habe ihn ja gekannt, als er jung und vor aller Welt gefeiert hier aus- und einging, als man sich leise zuflüsterte in den Sälen bei seinem Erscheinen und ihn den „Stolz Hamburgs" nannte — und nun so elend und — so rasch vergessen!" — „Ich danke Ihnen, lieber Herr Castellan, für Ihre Güte. —> Wie geht es Ihrer Frau und Ihren Kindern?" — „Nun man muß zufrieden sein, Fräulein, es geht eben so, daß man nicht gerade klagen darf." Beide gingen nun durch einen langen, schmalen Gang und dann eine Treppe mit wenigen Stufen hinauf, bis sie in die große, säulengetragene untere Halle kamen, an deren Wänden rings herum vorzügliche Copien der berühmtesten Bildhauerarbeiten aufgestellt waren und in deren Mitte die prachtvolle große und breite, in halber Höhe rechts und links sich theilende Marmortreppe, mit Teppichen belegt, zur oberen, ausschließlich die Gemälde enthaltenden Etage führt. Dort hinauf stiegen sie. Die tiefe Stille in den weiten Räumen, der laute Schall jedes gesprochenen Wortes und draußen die graue, schwere Nebelluft — dies Alles machte einen beängstigendunheimlichen Eindruck. — Links vom Hauptsaal, in einem der kleinen Zimmer, ward Halt Gemacht, und Hildegard Becker entledigte sich des kleinen, unansehnlichen Strohhutes. Eine reiche Fülle einfach geordneter brauner Zöpfe umschlang den edelgeformten Kopf und ließ daß blasse, schmale Gesicht noch feiner erscheinen; als sie auch noch das kkmschlagetuch abgelegt hatte, zeigte sich die schlanke, biegsame Gestalt in ihrer ganzen Schönheit und Formvollendung. Hildegard band eine kleine Schürze vor und begann, immer noch mit dem alten Castellan plaudernd, Pinsel und Palette zurechtzulegen, während Wesselmann — der Castellan — eine verhängte Staffclei aus dem Winkel des Zimmers holte und in die zur Arbeit erforderliche Position brachte. „So", sagte der Alte, „nun will ich auch nicht länger stören, Fräulein Becker." Hildegard nickte ihm freundlich zu. Dann rieb sie sich die von dem rauhen Herbstmorgen etwas gerötheten schmalen Hände, dabei ihre aufmerksame Beobachtung theilend zwischen dem Originalbild und ihrer Copie desselben. Die „Tochter Tizian's" war in treuer künstlerischer Vollendung unter Hildegard'S 227 Pinsel entstanden — die Copie einer Copie, deren Original sich bekanntlich in der Dresdener Galerie befindet. Nur noch wenige Arbeit, und das Bild war vollendet. Es war eine recht gelungene Arbeit, und doch schien noch etwas wie Unzufriedenheit auf dem melancholischen jungen Gesichte der Künstlerin zu liegen, als sie ihre Arbeit mit der des berühmten, vielgenannten jungen Malers verglich, nach dessen in der Dresdener Galerie genommener Copie sie malte. Allein auch dieser — wie es schien — unbefriedigte Ausdruck verschwand, als sie mit nunmehr erwärmten Händen eifrig an ihre Arbeit ging. Stunde um Stunde verrann bei ihrer emsigen Thätigkeit, bis es endlich auf dem nahen Kirchenthurme 11 Uhr schlug. Hildegard begann unruhig zu werden, und wie im Traume verloren pausirte sie zuweilen in ihrem Schaffen, ihr Blick schweifte hinaus in die klarer gewordene Atmosphäre, und ihre Lippen bewegten sich, leise murmelnd: „Ob er wohl heute kommen mag?" Sie erinnerte sich jedoch, das; sie von ihrer kostbaren Zeit keinen Augenblick zu verlieren habe, und fuhr eifrig fort zu malen. Allein die Ruhe war von ihr gewichen, immer auf's Neue mußte sie sich unterbrechen, um auf die Schritte Nahender zu horchen, denn mit dem Glockeuschlag elf begann die Zulassung des Publikums zu den weiten Räumen der Kunsthalle sowohl, wie auch zu der in einem Theile derselben etablirten permanenten Ausstellung der Arbeiten lebender Künstler. Es mochte so eine halbe Stunde vergangen sein, noch keiner von den Besuchern hatte das kleine Zimmer betreten, in welchem Hildegard arbeitend vor der „Tochter Tizian's" saß — da plötzlich, erröthete das junge Mädchen heftig, sie legte die Hand heftig auf's Herz, um sein ungestümes Pochen zu beschwichtigen; sie hatte die Schritte erkannt, welche langsam dem Zimmer sich näherten; sie wußte, wer jetzt kam — nur um sie zu sehen, an nichts sonst, an keinen der zahlreichen Kunstschätze sich kehrend, nur sie hier suchend. — Gewaltsam hatte sie sich beherrscht, und anscheinend ruhig arbeitete sie weiter, obwohl sie es kaum wagte, mit ihrer heftig zitternden Hand den Pinsel auf die Leinwand zu bringen. Das Geräusch der Schritte hatte ganz in ihrer Nähe aufgehört; Hildegard fühlte, daß die Augen des Herangetretenen auf ihr ruhten. Schüchtern erhob sie den gesenkten Kopf und sah ihm in's Gesicht — nur einen Augenblick-— während sie mit leichtem, befangenen Nicken und tief crröthend seinen achtungsvollen Gruß erwiderte. Ein eleganter Herr in der Mitte der dreißiger Jahre stand dicht neben Hildegard; sein Blick ruhte auf der Arbeit der Künstlerin. „Sie waren sehr fleißig, mein Fräulein, und ich gratulire Ihnen zur baldigen Vollendung", sagte der Herr. Verlegen und auf's Neue erröthend, erwiderte Hildegard Becker nichts. Sie begann anscheinend ihr Vorbild zu ftudiren. Es war das erste Mal, daß der Fremde sie angeredet hatte, obwohl schon wochenlang täglich Beide sich gesehen. Erst vor wenigen Tagen hatte er zuerst sie gegrüßt und sie ihm halb befangen, halb erschreckt gedankt. Er war unleugbar ein schöner Mann mit dunkelblauen, glänzenden Augen, welche eigenthümlich contrastirten mit dem schwarzen Haar und dem gleichfarbigen Schnurrbart, wie mit dein südlich gebräunten Teint. Bei einen; zufälligen Besuch der Kunsthalle hatte er im Vorübergehen die Malerin gesehen, doch sie kaum beachtet; nur erst, als er einen Kennerblick auf die treue, künstlerisch vollendete Copie der „Tochter Tizian's" geworfen, da sah er auch aufmerkfamer auf das fleißige junge Mädchen, welches seine Nähe gar nicht bemerkt hatte. Am folgenden Tage kam er wieder. Die blasse Künstlerin hatte ihn mehr beschäftigt, als er selbst sich gestehen mochte. Dann hatte auch sie ihn zufällig bemerkt, und als er darauf Tag um Tag immer wieder kam und mit stummer Bewunderung in ihrer Nähe verweilte, als seine Augen die ihren zu suchen begannen, da empfand sie, wie ein leises Wonnegefühl sie erbeben machte, und daß der schöne Mann mit den guten, sapien Augen nur ihrethalbcr ein so regelmäßiger Besucher der Kunsthalle geworden, und das junge Mädchenherz folgte willig der magnetischen Gewalt seiner Blicke, welche sie auch verfolgten, wenn er nicht da war, die in ihre Träume sich drängten und deren Zauber sie willenlos sich hingab. Kein Zudringlicher Blick, kein ungehöriges Wort von ihm belästigte Hildegard je; er war immer achtungsvoll und zurückhaltend. Es that ihr dies recht wohl, denn oft hatte sie in Folge ihres ärmlichen Aeußern, welches doch ihre Jugend und Schönheit nicht zu verdrängen vermochte, sich rohen und frechen Zudringlichkeiten ausgesetzt gesehen. Einige Minuten — für Hildegard eine lange Zeit süßer, bebender Angst — war er in dem kleinen Zimmer geblieben, dann ging er leisen Schrittes durch die offene Nebenthür. Hier stand er lange an einem Fenster und schaute hinaus auf die nun von der eleganten Welt und von schönen Equipagen belebten Straßen. (Fortsetzung folgt.) Sylt. Gleich einem Streiter, der zu Boden sank, liegt das sterbende Eiland zu Füßen des brandenden Meeres. Der Wind pfeift darüber, peitscht die Wogen und jagd sie gegen die Dünenwände, die am äußersten Rande der Insel aufsteigen, bald in einfacher Reihe, bald in regellos sich emporthürmender Hügelkette. Diese Wälle schützen die hohen Leuchtthürme, die in den Nebel wie graue Riesen der Vorzeit ragen, schirmen die Häuser, die weitab von der Brandung ängstlich hervorschauen, decken mit ihren hohen Kuppen das Leben der wenigen ansässigen Menschen und die grüne baumlose Ebene, welche landeinwärts die Insel zeigt. Ein düsteres Bild! Vor uns öde Fläche, hinter uns die sandige Düne und das wogende Meer, über uns ein trauriger Himmel, auf dem die Wolken sich finster, gleich drohenden Händen ballen. Das ist Sylt, eine langgestreckte, nahezu zwei Quadratmeilen fassende Insel, der übriggebliebene Rest einer von Wind und Meer in Trümmer geschlagenen Welt. Vorläufig ist Sylt, seit ein Arzt aus Altona vor etwa zwanzig Jahren in diesem Bereiche düsterer Melancholie einen erquickenden Reiz für verstimmte Nerven fand — Seebad geworden. Mit den insclüblichen Preisen stieg der Besuch. Nicht zur Freude aller eingeborenen Bewohner, an denen das Geschick sich wiederholt, das ihre Väter vor grauen Jahren dem Centrum europäischer Cultur bereiteten. Bedrohlich wendeten sich, als die Fluth ihren heimathlichen Boden umstürmte, die Ahnen der Sylter: die Cimbern, gegen Süden. Rom zitterte, wie jeder Hörer eines Gymnasiums zu sagen weiß, bis Marius zum Retter der damaligen Gesellschaft wurde. Nun ziehen aus den südlicher gelegenen Landen wirkliche und vermeintliche Kranke auf den alten cimbrischen Boden des Nordens. Der ehedem steife barbarische Nacken der Eingeborenen muß sich beugen lernen; die Fremden nehmen Besitz von seinem kleinen Haufe, seinem flackernden'Herde, seinem säuberlich blanken Bette, seinem Gärtchen, in dessen rothen Haideglocken der Wind läutet. Der Fremden Sitte setzt sich auf der Insel fest. Art wie Unart der Eindringlinge geht aus die Jugend über, die anfängt, sich der Kleidung von ehedem, der weiten Zwilchhose und der theerigen Jacke, zu schämen; welche die alte, dem Idiom Fritz Reuter's so naheverwandte Sprache scheut und die Gewohnheit mißachtet, die so lange ihr Herrenrecht auf der Insel geübt. Nur noch im Norden und Süden der Insel, wohin der Fremde seltener gelangt, ist der alte Brauch erhalten. Wenn unter die geputzten Badegäste Sonntags der Nord- und Südländer in seiner feiertäglichen, altmodischen wollenen Gewandung erscheint, um' labakkauend oder ein brandiges Getränk schlürfend die fremden Gäste und ihr Treiben zu beobachten oder die Sonne wie eine rothe Kugel in's Meer tauchen zu sehen, scheint eine vergangene Epoche sich aufzuthun. Selbst in Bewirthschaftung des Bodens halten Nord und Süd am Brauche früherer Tage. Das Land gilt als Gemeingut. Ein Vorsteher setzt fest, wann die Wiese — Ackerland gibt es kaum — zu bestellen, das Heu 229 zu mähcn sei, wer die Heerden zu besorgen hat. Auch Festes- und FcisrtagSfreuden sind die alter Zeiten. In Nord und Süd der Insel thürmt sich die Dünenkette am wildesten. Hier formte der Flugsand Berge und Thäler wie im Hochgebirge. In beide senkt das Hnide- gras seine Wurzeln, als wollte es die Sandwälle, die das Meer zum Schutze vor seiner eigenen Macht errichtet, festhalten. Vergeblich! „Die Dünen sind die wilden Hofhunde; sie schützen, aber sie greifen auch an", meint ein altes Friesenwort. Wo heute ein Berg — ist er nach wenigen Wochen verflogen. Das Thal thürmt sich zur Höhe, und Halme und Ranken, die es fesseln wollten, sind, vom Winde zersaust, im Stande begraben. Immer weiter landeinwärts fliegt der Dünensand, Korn auf Korn! Wie mit Riesenfüßen schreiten, alles Leben vor sich her vernichtend, diese wandernden Höhen einher. Im äußersten Norden der Insel, wo das Land in eine schmale, vom Sandgcbirge gekrönte Strecke ausläuft, liegen die Grabstätten ehedem blühender, vom Sande vernichteter Ortschaften. Der Hauch des Todes weht darüber. Rechts trichterförmige Thäler, mächtige Hügel. Ihre Füße küßt das träge Wattenmeer. Ihn; gegenüber rollt auf dem jenseitigen Ufer des schmalen Jnselrückens die wilde Nordsee; man hört die Brandung in ihrem gleichmäßigen dumpfen Rauschen; ab und zu kreischt eine Möve. Sonst tiefe, beängstigende Ruhe. Auch in den Wohnstättcn der wenigen Menschen, die hier ansässig sind. Wie im Schlafe liegen diese ärmlichen Häuschen auf kleinen Lehm- hügeln. Wenn das Wasser steigt, geht es über die Hügel hinaus und bestreicht die Vorplätze der Häuser. Ein Gehöft, das höchstgelegene, ist das Haus des Strandvogts. Vor demselben sind wie mächtige Barricaden zerbrochene Planken, Schiffsgeräthe, Kisten und Fässer mit Erzeugnissen ferner Länder aufgeschichtet. All dies bleibt hier bis zur nächsten Auction, in der die einzelnen Stücke von dein Meistbietenden erstanden werden. Der Staat ist Sammler und Verkäufer alles dessen, was die Welle in ihren Schooß zog, um es übersättigt wieder an's Land zu werfen. Ehedem wurde dieses Geschäft von den Bewohnern des Ortes besorgt. Sie befanden sich sehr wohl dabei; gar manchen Diavolo des Meeres hat die Heldensage besungen und eine Gloriole schmückt sein Haupt. Der Lampenkranz im Leuchtthurme, heute ein warnendes Zeichen, war ein Lockvogel für ahnungslose Schiffer, die das trügerische Licht in den brandenden Strudel zog. Die Kirche ist verschwunden mit unzähligen Häusern, die einst neben dieser Ruine eines Dorfes — sein Name ist Rantum gestanden. Es ist nicht lange her, daß sie verschüttet wurden. Die Kirche hielt am besten Stand, Zweimal wurde sie abgebrochen und ostwärts neu errichtet. Die fliegenden Berge zogen hinterdrein. Noch in den esten Tagen unseres Jahrhunderts tönte Gottesdienst und frommes Lied in ihr. Der Sand flog durch Thore und Ritzen, oft stand die Kanzel während einer Predigt mitten im Sande. So beschloß man die Kirche zu sperren und später an einen Schiffer zu verkaufen. Derselbe, Ebe Pohn mit Namen, baute sich aus dem Kirchenholze ein Schiff, schmückte es mit den heiligen Gerathen und nannte sein Gefährte — das Gotteshaus hatte ihm nur hundert Thaler gekostet — „Segen von oben." Eines Tages strandete das Schiff, die See verschlang alle Heilig- thümer von Alt-Rantum. Die preußische Regierung hat, als sie von Sylt Besitz ergriff, sofort einen sehr nachdrücklich geführten Kampf gegen Dünen und Meer zum Schutze des Landes begonnen. Die Bewohner der fünf Häuser von Rantum sind ihr sehr eifrige Mitarbeiter geworden, zum Lohne hiefür hat ihnen der. Staat für die verlorene Kirche ein SchulhauS gebaut. Sylt hat auch Stätten des Lebens: in Keitum, wo der Sitz der Aemter ist, und in dem eigentlichen Badeorte. Hier erheben sich auf dem weichen elastischen Moorboden, auf dem man wie über Teppiche schreitet, städtische Hotels, Landhäuser und stolzere Bauten mit Arcaden» in denen große Kaufläden; hier kreist die fremde Welt auf Sylt in bunter Menge; diese kleine Welt mit ihren Hoffnungen und Wünschen, ihrer Unruhe, ihren Das preußische Negime ist auf der Insel nicht völlig eingebürgert. Der trotz, s Friese und der unbeugsame Geist brandenburg'scher Verwaltung sind nicht geeignet, sehr gut mit einander Zu fahren. Die Preußen haben die Schisffahrtschule aus Sylt gesperrt und verlangen, daß die Sylter im theuren Hamburg die Kunst der Schifffahrt lernen, ehe sie Fahrzeuge auf der See selbstständig führen. Der erste Sylter, der die hohe Schule besuchte, fiel beim Examen durch, und eS fehlt seither an Muthigen, welche nach den Ziffern und Buchstaben begierig wären, deren Kenntniß eine neue Zeit für den SchiffScapitän unerläßlich hält. Preußen hat eine Verwaltung, die viel kostspieliger ist, als die des kleinen Dünemark; Preußen fuhr mit einem Schwämme über alle Gerechtsame und Freiheiten der Friesen. Preußen hat seine Wahrzeichen auf der Insel ausgestellt mit der Bezeichnung des Landwehrbezirkes und des Regimentes, in das die Söhne des Landes eingereiht werden sollen; aber den Insulanern mißfällt dieser Dienst, und mancher von ihnen hat sich über die nahe dänische Grenze nach dem fernen Amerika gemacht, um dem Exercir-Neglcment zu entweichen. In Einein hat die preußische Regierung Außerordentliches geleistet: in dein Kampfe, welchen sie zum Schutze der Insel gegen die tobende Gewalt des Meeres führt. Millionen hat sie bereits für die mächtigen Bühnen- bauten verwendet, die ihre steinernen Niesenarme kühn ins weite Meer von allen Gestaden der Insel aus erstrecken. Gewaltige Felsblöcke — zum Theile sind sie aus den Hünengräbern der Insel gebrochen — bilden diese Wälle. Zwischen ihnen sammelt sich der Flugsand, und es entsteht ein Vorstrand, der die Küste der Insel in den Tagen der Gefahr schützen soll. Die Sylter meinen, die Bühnen werden nicht Stand halten, wenn erst der rechte Wind komme. Der rechte Wind! Regelmäßig einmal im Monate kehrt er wieder, rvenn die Mondscheibe ihren Glanz einbüßt. Er pfeift nicht wie sonst. Er schreit und brüllt und tobt wie eine hungernde Bestie. Er klirrt im Muschelwerke und Gestein, welche die Wells ans Ufer warf, peitscht das Meer, daß es tosend zum Himmel spritzt, wie gejagt von weißen Gespenstern: von dem Meergotte Nigir auf bäumendem Rosse, den flatternden Zwerggeistern der Insel, den Pucks von Stademwüfke, der weißen Frau von Sylt, die ihr Klagelied heult, so oft der Insel Unheil droht. Wenn im September und März die Länge des Tages und der Nacht sich gleicht, dann bekreuzen sich in solchem Augenblicke die Sylter Frauen; die Männer aber setzen die schwarzaetheerten Häuser zum Schutze für Gestrandete zurecht und harren der Beute, die das Meer auswirft. Ab und zu ist es eine Leiche. In aller Stille wird sie bestattet nahe dem mörderischen Meere, in „der Heimnth für Heimathlose", einer umfriedeten Reihe von Gräbern. Ein neues Kreuz tritt zu den alten. Es trägt keinen Namen, nur ein Datum, das den Tag anzeigt, an dem der Jüngste, der im Meere ausgerungen, an die mütterliche Erde sank. Zur Sommerszeit endigt der Sturm minder tragisch. Er fegt wie toll die Kleider der Muthigen, die sich ins Freie wagen, durcheinander und stößt mit seinen gewaltigen Fäusten gegen Alles, was Widerstand leistet. Die Scheiben klirren, die Häuser wanken und die Badekarren brechen krachend zusammen. Sind die Nachtstunden vorüber, dann legt sich seine Wuth. Nur das Meer bäumt sich noch wilder als sonst. Die Badenden lockt und ruft es mit tausend Stimmen, und wie mit tausend Händen führt es ihnen Erquickung zu. „Himmlisch' Bad!" declamirt im höchsten Tone des Theater-Entzückens ein Bühnenheld, dem während der heißen Münchener Possart-Tagc ein Wiener Urtheil in die Nerven fuhr, daß er hier Erholung suchen muß. „Himmlisch' Bad!" Er schlägt das Laken künstlerisch wie eine Toga um die hohen Glieder. „Einziger Wellenschlag! Das Bad für starke Männer!" Friedrich Schütz. Auslösung dor Original-Charade in Nr. 27: Trauerspiel. Für die Redaktion verantwortlich: Alvhons Planer in Augsburg.- Druck und Verlag des LilerariMeu Instituts von Dr. M. Huttler. Nr. 30. 1680. zur „Ailgsimrgcr PostMmrg." Mittwoch, 13. Oktober ^ Was ist's auf Erden doch ein Streben, Wetten, Jagen, Und fragst Dn Dich warum? — um schließlich zu entsagen. Rudolf Bunge. Hildegard. Criminal-Novelle von Theodor Küster. (Fortsetzung.) Hildegard versuchte ihre Arbeit wieder aufzunehmen, doch mochte es die nun schon nahezu vier Stunden währende angestrengte Thätigkeit sein, welche ihre Hand erzittern ließ, ihre Blicke umflorte, oder hatte die momentane mächtige Aufregung sie bewältigt; eine Schwäche, welche sie ihrer Sinne zu berauben drohte, bemächtigte sich des jungen Mädchens. Bleich, das schöne Haupt an die Wand gelehnt, sah sie da, ein leises Stöhnen drang aus ihrer schwer athmenden Brust, während Thänen über ihre Wangen rollten. — Ob er den leisen Schmerzenslaut gehört? — Plötzlich wandte er sich und erblickte die halb Bewußtlose. Erschreckt eilte er zu ihr. „Was ist Ihnen, mein Fräulein? — Sie sind nicht wohl!" Mit diesen Worten eilte er auf Hildegard zu. Sie vermochte ihm nicht gleich auf seine theilnehmendc Frage zu antworten, nur ein angstvoller Blick aus thrünenumflorten Augen ruhte auf seinem die höchste Besorgnis; ausdrückenden Gesicht. Der Fremde hielt die schmale weiße Hand der Künstlerin einen Moment nur in der seinigen — sie war kalt, eiskalt. Rasch.entschlossen rief er einen der Aufseher der Galerie herbei, sprach schnell nur wenige Worte mit ihm und kehrte zu dein inzwischen bewußtlos gewordenen jungen Mädchen zurück, das er voll tiefsten, aufrichtigsten Mitleides ansah. Leise, wie zu sich selbst, sagte er: „Armes Kind! — Der nicht endende Kampf mit Noth und Elend hat sie überwältigt!" —- Eine Fluth von Gedanken bestürmte die Seele des Mannes, dessen ganzes Interesse dies arme junge Mädchen seit lange schon erregt hatte. Er hatte bemerkt, wie sie sich abgemüht, diese schwierige Arbeit zu Ende zu bringen; ein Blick auf ihre Kleidung hatte ihn belehrt, daß sie die Sorge um das tägliche Brod härmte und quälte, daß dieses sanfte, traurige Gesicht den Stempel des Mangels und der Entbehrung trug. — Und dabei so viel Schönheit und Talent! — Und täglich bemerkte er, wie die Wangen bleicher, der Glanz der seelenvollen Augen trüber wurde, und unwillkürlich mußte er sich fragen: „Wie lange wird sie zu kämpfen vermögen mit Elend und Armuth? — Wird nicht auch sie bald den glänzend verlockenden Weg des Lasters betreten müssen, wenn sie nicht umkommen soll durch bittern Mangel?" Sein Vorsatz stand fest: er wollte sie nicht aus den Augen verlieren, er sah ein, e s mußte etwas Durchgreifendes für sie gethan werden, um den Kampf für die Existenz ihr zu erleichtern. Eines Tages war er ihr gefolgt, ohne, daß sie es ahnte; durch enge dumpfe Straßen führte ihr Weg in das Quartier der Armen, wo sie eines jener Häuser betrat, welche jedem Gutsituirten, der sich in diese Gegend verirrt, geheimes Grauen verursachen, wo Duzende von Familien in schmutzigen, engen Räumen bei einander leben, die ihnen kaum die nöthige Luft zum Athmen gewähren können. Dort wohnte die blasse, schöne Künstlerin. — In demselben Hause befand sich ein kleiner Krämerladen, und dort zog der theil- wehmende Herr Erkundigungen ein über das junge Mädchen, und Alles, was er da erfuhr, konnte 'das lebhafte Interesse, welches er für Hildegard Becker empfand, nur erhöhen. Die kleine behäbige Kräinerssrau war voll des Lobes von „Fräulein Becker"; in ihrer geschwätzigen Weise hatte sie alsbald ein klares Bild von den Verhältnissen entworfen, unter denen die Familie Becker litt. Dieselbe wohnte nun schon seit einigen Jahrei: in einem Hinterstübchen ihres Hauses. Hildegard's Vater war einst in Hamburg ein bekannter und hochgeachteter Maler gewesen, seine Bilder waren sehr gesucht und wurden gut bezahlt, er hatte viele Freunde und Verehrer und wohl auch manchen böswilligen Neider gehabt, denn er schien einer jener wenigen Bevorzugte!: oder Auserivühltcn zu sein, denen mit Recht das Glück lacht. Der talentvolle Maler besaß ein schönes, über Alles von ihn: geliebtes Weib und drei reizende Kinder; sein Heim war eine Stätte des Glücks und der Liebe. Doch nur zu bald ward es anders. Becker ward von einem Augenleiden heimgesucht. Anfänglich war es unbedeutend, und die Aerzte hofften es bald zu beseitigen, doch Monate ja Jahre vergingen, und der Zustand des unglücklichen Künstlers ward immer bedenklicher. Seit Beginn seiner Augenkrankheit hatte er Pinsel und Palette zur Seite legen müssen; er war auf dem Wege gewesen, sein und der Seinigen Glück zu begründen, allein es war noch nicht gemacht. Der Haushalt ward mehr und mehr eingeschränkt; anfänglich ging es noch aus eigenen Mitteln, dann halfen die Freunde, doch auch diese Hülfe lies; nach, mußte nachlasse!:, wie das ja im Laufe der Welt nicht anders sein kann. Mehr und mehr machten Mangel und Noth sich heimisch in dem kleinen, sonst so glücklichen Familienkreise. Aller ärztlichen Verbote ungeachtet hatte Becker doch im Anfang den Versuch der Arbeit wiederholt gemacht, kam indessen bald genug zur Einsicht, das; es vorbei war mit seinem Schaffen und Wirken, denn seine Augen waren unrettbar verloren. In diese Zeit der Trauer und Entbehrungen fiel ein Funke lichten Glücks; die kleine Hildegard, kaum zwölf Jahre alt, begann jedes ihr erreichbare Stückchen Papier zu bezeichnen oder zu bemalen, und die kranken Augen des Künstlers erkannten das ihm innewohnende Talent wiedererstehe!: in seiner Tochter. Mit Hast und Eifer begann er den systematisch-theoretischen Unterricht mit dem Kinde, das unter seiner Anleitung immer sicherer und genialer die Idee zu verkörpern anfing, welche der Vater vor dem geistigen Auge Hildegard's zu zaubern verstand. Doch immer schlimmer wurde Becker's Zustand, und er konnte nun auch selbst den Unterricht seines Kindes nicht mehr fortsetzen, da er nicht im Stande war, ihre Arbeit auch nur annähernd zu controliren. Immer matter, verschwommener, trat Alles vor das einst so scharfe Auge. Es gab nun eine Zeit voll des tiefsten, schmerzlichsten Leids; um seine ganze Zukunft betrogen, die Seinen in Kummer und Mangel wissend, ohne Aussicht auf Hülfe und Rettung, traf den unglücklichen Künstler der bitterste Schlag; sein theures, heißgeliebtes Weib erlag dem Unglück; die Verzweiflung über das Schicksal ihrer Lieben hatte bis zur letzten Stunde sie gequält und ihr das Scheiden doppelt schwer gemacht. Jahre waren seitdem vergangen — Jahre voll Elend und Kummer. — Eii: treuer 235 Freund, ein Kunstgenosse Vecker's hatte das Talent der kleinen Hildegard ausgebildet. Es war das die einzige Hülfe, welche der selbst nicht vermögende Künstler dein armen Kollegen geben konnte, und das Ergebniß von Hildegard's fleißigem Studium bildete nunmehr die einzige Ressource für die bedauernswcrthe Familie. Die kleinen Arbeiten Hildegard's wurden durch Vermittelung ihres Lehrers — des Malers Krelle — an einen Kunsthändler verkauft; dieser indessen kannte die Bedrüngniß der Familie und zog seinen Vortheil daraus; er gab sich den Anschein, als ob ein Mit- leio ihn bewege, die Bilder überhaupt zu kaufen, namentlich da sie von einer so jungen und gänzlich unbekannten Malerin herrührten, während er den Käufern deren Vorzüge zu preisen verstand und das unleugbar große Talent hervorhob, welches die Künstlerin besaß. Er wußte einen unverhültnißmäßig höheren, als den von ihm bezahlten Preis zu erzielen, und freute sich des guten Geschäfts, welches er machte. Durch Vermittelung von Becker's Freund und Kollegen Krelle hatte Hildegard von einer reichen Dame den Auftrag erhalten, die „Tochter Tizian's" zu copiren, und war ihr für diese Arbeit ein ansehnliches Honorar zugesichert. Mit unermüdlichem Eifer hatte sie die Arbeit begonnen und weiter geführt, und dieselbe war nun der Vollendung nahe. Sie achtete nicht der Schwäche, welche bisweilen sie überfiel, stand doch das bittere: „Es muß fertig werden!" stets gebieterisch neben ihr, sie ewig anspornend und mahnend, alles Andere darüber zu vergessen. Hunger und Noth, verbünde,: mit nicht ermüdender Thätigkeit, hatten dahin gewirkt, das sonst so Willensstärke Mädchen zu übermannen. Mit Hülfe des Castellans brachte der fremde Herr es in eine auf sein Geheiß herbeigeholte Droschke und fuhr mit der bleichen, jetzt wieder zum Bewußtsein gekommenen Hildegard durch die belebten Straßen der großen Stadt, bis sie in jene Gegend kamen, wo die Gassen immer enger und weniger einladend wurden und oft neugierige Blicke in's Innere des Wagens zu dringen versuchten, denn die Bewohner dieser Gegend von Hamburg waren nicht gewohnt, andere Fuhrwerke als Arbeitswagen in ihrer Nachbarschaft zu sehen. Der Beschützer Hildegard's klopfte dem Kutscher zu halten, stieg dann aus und nannte ihm die genaue Adresse; dann wandte er sich zu dein jungen Mädchen und sagte eindringlich: „Nun bitte ich aber, daß Sie sich schonen und nicht mehr über Ihre schwachen Kräfte arbeiten. Sie werden mir erlauben, mich nach Ihnen zu erkundigen." Ehrerbietig lüftete er den Hut, und der Wagen rollte davon, noch ehe Hildegard im Stande war, ein Wort zu erwidern. „Schonen?!" wiederholte sie mit bitterem Ausdruck und unter Thränen der Schwäche, die ihr unbewußt über die Wangen perlten. „Schonen soll ich mich — und das Bild muß noch in dieser Woche fertig werden, soll unser Elend nicht die äußerste Grenze erreichen!" — Gewaltsam sich zusammennehmend, faßte sie mit erzitternder Hand nach der Stirn. Sie wollte all' die auf sie einstürmenden Gedanken mit Gewalt zurückdrängen, wollte nicht krank oder schwach vor den Vater hintreten, sein Leid, seinen Jammer nicht durch die Wahrnehmung erschweren, daß auch sie körperlich, ja daß sie materiell litt, nicht sein Unglück vermehren durch die Sorge um seine Tochter. Der Wagen hielt, Hildegard stieg aus. Sie beachtete nicht die höhnischen Blicks und Reden der Nachbarsleute, mit denen diese ihr Erstaunen auszudrücken bemüht waren, daß die „Pinseldame" -— diesen Beinamen hatte man Hildegard gegeben — den Weg nicht mehr zu Fuß machen könne und noch Geld genug habe, um in einer Droschke zu fahren. Nicht der geringste Theil ihres Leids bestand für Hildegard darin, unter diesen Menschen leben zu müssen; eS war ihr unmöglich, so mit ihnen zu verkehren, wie sie unter sich es thaten; ein Tag sich beschimpfend und zankend, am nächsten wieder als die beste:: Freunde. Sie war stets freundlich gegen alle ihre Nachbarn, vermied jedoch jeden näheren, intimeren Verkehr und namentlich alle müßige Unterhaltung, und eben dieses Zurückhalten war es, was die Leute verdroß und sie dahin brachte, Hildegard den e-pitz- 236 Namen „Pinselmadame" oder „Pinseldame" beizulegen, sobald sie erfahren, baß das 'unge Mädchen Bilder male, statt durch „ehrliche Arbeit, wie Waschen, Bügeln, Nahen oder dergleichen, ihr Brod zu verdienen. Die boshafte Menge ahnte ja nicht, wie viel für das arme junge Mädchen Ehrendes in dem „Spottnamen" lag, den man Hildegard Lecker beigelegt hatte! — „Ah! Fräulein Hildegard, Sie sehen so blaß aus — sind Sie krank?" fragte die mitleidig herzutretende Krämersfrau, welche allein sie gegen all' die hämischen Angriffe lertheidigte und immer sagte, sie sei besser als all' die Uebrigen, welche in der Straße vohnten, und daß man doch ihren Kummer und ihre Sorgen nicht unnöthig vergrößern, -aß man sie ganz in Ruhe lassen möge. Hildegard richtete einen dankenden Blick auf die brave Frau und wankte, auf deren Arm gestützt, nach dem kleinen Laden. Dort ließ sie sich, unfähig ein Wort zu sprechen, auf den einzigen Stuhl sinken, der sich da befand. „O mein Gott! liebes Fräulein, Sie sind sehr krank!" rief nun Frau Mewissen, ie Krümersfrau. „Wahrscheinlich haben Sie wieder einmal Nichts gegessen heute früh; ra, warten Sie, ich habe noch schönen warmen Kaffee im Ofen!" Geschäftig lief die gutmüthige Frau nach dem großen Kachelofen im Hinterzimmer md brachte Hildegard schnell eine Tasse des dampfenden, in Hamburg meist sehr gut breiteten Getränks; dann legte sie Schwarz- und Weißbrod und Butter auf den Tisch md bat das junge Mädchen so dringend, herzhaft zuzulangen, daß Hildegard auch ihrer Aufforderung entsprach, indem sie den Kaffee wenigstens trank, das Brod jedoch un- erührt ließ. » „Ihr Kranksein, Fräulein, kommt nur von Hunger und Schwäche, weil Sie des Norgens fast immer fortgehen,, ohne irgend Etwas genossen zu haben. Sie werden sich loch ganz von Kräften bringen, wenn Sie das nicht ändern", meinte Frau Mewissen. Etwas erholt stieg Hildegard nun in die engen, knarrenden Stufen der dunklen Lreppe hinan, oft nach Athem ringend, bis sie endlich die vier steilen Treppen erstiegen atte. Oben öffnete sie die Thür zu einer kleinen Hinterstube. Obwohl dies Zimmer ehr klein war, hatte es doch Raum genug, um das Wenige, was sich in demselben iefand, zu bergen. Wie rein und ordentlich es hier auch aussah, es war doch ein Anblick größter Armuth, der dem Eintretenden sich bot. Non einem alten, aber immerhin noch bequemen Lehnstuhl, dem einzigen Ueber- ckeibsel aus besserer Zeit, erhob sich eine hohe, doch gebeugte Gestalt, und wandte ein chmales, eingefallenes, mit langem schwarzem, schon stark grau untermischtem Haar und Hart umwalltes Gesicht sich der Thür zu. „Du bist es schon, Hildegard? — Du bist doch nicht schon fertig mit „Tizian's rochier?" — „Ach nein, Vater, noch nicht; aber es ist so ein dunkles, nebeliges Weiter heute, >nd bei der matten Beleuchtung mußte ich mich so anstrengen — ich konnte die Farben- one nicht mit Sicherheit bestimmen — es schwindelte mir vor den Augen und — ich vnnte nicht weiter arbeiten! — Ich muß heute ausruhen, Vater — bis morgen früh, mnn werde ich wieder mit erneuter Kraft arbeiten — und dann ist das Bild auch bald 'rüg und wir werden für lange Zeit vor Mangel geschützt sein." — „Deine Stimme zittert, Kind, Du fühlst Dich doch nicht ernstlich krank?" — Besorgt trat der arme blinde Vater auf sein Kind zu und tastete nach Hildegard's leichem, schönem Haupte, prüfend die Hand auf die Stirn des jüngen Mädchens legend. „Dein Kopf brennt, Du bist krank, Hildegard! — Mein armes, liebes Kind, auch Hu wirst noch dem Elend erliegen!" Mit dem Ausdruck des höchsten, bittersten Schmerzes hatte der arme Mann gebrochen; in Verzweiflung die Hände ringend fuhr er fort: „Und ich, der ich ganz unnütz nur Euch das Leben erschwerend hier bin, ich lebe, 237 mich übermannt nicht das Elend und erlöst mich und Euch von meinem qualvollen Dasein!" — „O sprich nicht so, Vater!" flehte Hildegard unter unaufhaltsam hervorbrechenden Thränen, und ihre Arme um den Hals des Blinden schlingend. „Es wird ja bald besser werden; nur noch einige Tage der Arbeit, dann ist das Bild fertig, und ich glaube, es wird den Beifall der Frau Senatorin finden. Sie hat mir versprochen, das; sie mir durch ihre Bekannten noch weitere lohnende Aufträge verschaffen werde, wenn die „Tochter Tizmn's" gefällt. Ich habe mein Möglichstes gethan; Freund Krelle war gestern in der Kunsthalle, er ist zufrieden — sehr zufrieden gewesen mit meiner Arbeit, und Du weist, Vater, er ist streng in seinem Urtheil." — „Mein gutes Kind!" erwiderte gerührt der blinde Künstler, indem er einen innigen Kuß auf die Stirn des jungen Mädchens drückte, welches sich zärtlich an ihn schmiegte. „Um Deinetwillen freue ich mich der guten Hoffnung, denn dann können wir fortziehen aus dieser elenden Gegend, wo man unser Unglück verspottet und verhöhnt, weil wir es ertragen ohne dieser rohen Menge die Ohren vollzu klagen. Wenn wir erst eine andere Wohnung haben können, wo wir in guter, frischer Luft leben, dann wirst Du auch wieder gesund und froh werden. Wie muß ich doch Gott danken, einen solchen Schatz in meinem Kinde zu besitzen! — Ich bin noch nicht ganz unglücklich so lange ich Dich habe, Hildegard!" — Sie hatte sich eine breite Schürze vorgebunden und begann die Vorbereitungen zum Mittagsmahl zu treffen. Sinnend hielt sie bisweilen inne, und ein glückliches Lächeln erhellte dann ihre Züge. Sie dachte an den fremden Herrn — wie besorgt um sie er gewesen, wie tactvoll er gehandelt. Er hatte sie nicht dem hämischen Geschwätz der Nachbarn aussetzen wollen und sie deshalb nicht bis zu ihrer Wohnung begleitet. Und woher wußte er denn eigentlich ihre Wohnung? — Sie selbst hatte er nicht danach gefragt, sie sie ihm auch nicht genannt ..... — Mit freudigem Gefühl muße sie sich diese Frage dahin beantworten, daß er sich mit ihr beschäftigt, nach ihr geforscht haben müsse. (Fortsetzung folgt.) Dulcigno. Unter der Riesenplatane bei Dulcigno, wo sonst Arme und Reiche des Städtchens ihre Siesta zu halten pflegen, wird es jetzt recht lärmend und kriegerisch aussehen. Dort wird ohne Zweifel Kriegsrath gehalten, dort werden die Häupter der Liga dein anwesenden Volke Reden halten und ein ermunterndes Kriegslied nach den: andern wird dort ertönen. „Die Stimmen der Herolde", so beginnt eines der beliebtesten und ältesten Kriegslieder, „verstärkt durch das Echo im tiefen Thalgrunde und auf der hellen Höhe, rufen euch Helden zum Kampfe! Eilt herbei alle, ihr stolzen und furchtlosen Männer, die Ihr den stets mit Ruhm und reicher Beute geschmückten heimatlichen Herd vertheidigen wollet... Also dringt ein nach Montenegro, ihr Löwen von Skutari, Vorwärts, ihr Maljisoren (Gebirgsbewohner), meine getreuen Söhne und Krieger! Macht, daß die Ungläubigen und Treulosen blutige Thränen weinen und daß der Tod Mahmud Paschas tausendfach gerächt werde." Heute gilt es allerdings nicht, den Tod eines Paschas zu rächen, aber mit um so größerer Begeisterung wird der altbewährte Ruf, nach Montenegro einzudringen, in allen Reihen der Liga aufgenommen werden. Die alte Ruine inmitten der Citadelle von Dulcigno, dieser durch örtlichen Aberglauben unantastbar gewordene Ucberrest eines uralten Bcobachtungsthurmes, vernimmt nicht das erste Mal wüsten Kriegslärm, seitdem das kleine Hafenstädtchen durch eine verirrte Colonie der schwarzen und kraushaarigen Kolcher gegründet wurde. Rom entriß Dulcigno (Colchinium) den Jllyriern nach dem Tode ih-res letzten Königs Gentius, und dann ging der Ort, wie das gesamte ehemalige Jllprien, aus einer Hand in die andere. Bald waren die Römer, bald die Bmantiner, bald die Serben ober Venetianer, endlich sogar einmal auch die Ungarn die Herren des Küstenstriches und Städtchens von Dulcigno. Nach dem Sturze des byzantinischen und serbischen Reiches unterwarf sich Dulcigno 1420 freiwillig den Venetinncrn und blieb 150 Jahre in ihrem Besitz, bis sich im Jahre 1571 die Türken des Ortes bemächtigten. Lange hielt sich die heldenmüthige, aus Italienern und Franzosen bestehende Garnison unter dem Venetianer Martinengo, aber die Uebermacht der Strcitkräfte Achmed Pascha's, die Dulcigno zu Land und zur See eingeschlossen hatten, zwang die Besatzung zur Capitulation. Achmed Pascha bewilligte den Abzug mit Hab und Gut, aber nachdem die Capitulationsurkunde unterfertigt war, sielen die Janitscharen über die wehrlose Besatzung und Bevölkerung her, und in wenigen Stunden war Dulcigno ein Opfer der Plünderung und der Flammen. Martinengo entkam zur Noth mit zwölf Genossen auf einer Barke, und wer nicht den Glauben der Väter abschwören wollte, mußte in die Berge bei Skutari fliehen. Was in Dulcigno blieb, mußte sich zum Islam bekehren, und da die Dulcignoten stets berühmte Seeleute gewesen, mußten sie als Matrosen in den Dienst des Padischah treten. So manchen Kapudan-Pascha (Admiral) hat Dulcigno der türkischen Kriegsflotte geliefert. Die venetianische Republik, den maritimen Werth Dulcignos erkennend, versuchte 1696 diese Hafenstation der Türkei zu entreißen. Der Senat entsandte einen der ältesten Admiräle, Geronimo Delphins, und in kurzer Zeit hatten die Venetianer sechs Breschen in die Festungsmauern an verschiedenen Stellen gelegt. Aber gerade im Augenblicke des Sturmes eilte der Pascha von Skutari mit 5000 Infanteristen und 600 Pferden herbei, und Delphino sah sich genöthigt, die Belagerung aufzugeben. Zum letzten Mal versuchten die Venetianer im Jahre 1722 die Eroberung von Dulcigno, aber der mittlerweile zwischen der Pforte und der Republik abgeschlossen; Friede führte zur Aufhebung der langwierigen Belagerung. Am 17. Januar 1878 eroberten die Montenegriner unter dem Wojwoden Plamenaz Dulcigno, aber nach den Bestimmungen des Berliner Friedens mußten die Montenegriner die Stadt räumen, die sie jetzt nach dem Beschlusse der Mächte sich wieder nehmen sollen. Von dem Augenblicke an, da Dulcigno unter türkische Herrschaft gerieth, wurde es eines der gefürchtesten Piratennester des adriatischen und mittelländischen Meeres. Die Reeder und Agas von Dulcigno, die damals über ein halbes Tausend Schiffe verfügten, gehörten immer zu den reichsten Bewohnern Nord-Albaniens, und sie unterhielten einen, Vertreter in Stambul, welcher die Seeräuber von Dulcigno bei der Pforte wie beim Sultan durch zeitgemäße Geschenke in Gnaden zu erhalten hatte. Der Pascha von Skutari war nicht weit, dem war also gelegentlich leicht beizukommen, und so kam es, daß die Dulcignoten trotz der Beschwerden Europa's und trotz der Befehle der Pforte ihr räuberisches Handwerk noch bis vor fünfzig Jahren treiben konnten. Beschwerte sich irgend eine Macht, so vorzugsweise England, über einen Naubzug, dann erhielten die Dulcignoten so rechtzeitig ein Aviso, daß jeder Befehl des Sultans oder des Gouverneurs, den „adriatischen Barbarisken" etwas anzuthun, zu spät kam, oder infolge eines wohl- bezahlten Mißverständnisses nicht zur Ausführung gelangte. Erst zur Zeit, da Suleiman Pascha Gouverneur in Skutari wurde, zu dessen Bestechung die Freigebigkeit der Dulcignoten nicht mehr hinreichte, wurde deren gerade im Hafen von Val di Noce ankernde Flotte plötzlich überfallen, und in Brand gesteckt. ° Von der Zeit an verfiel die Marine von Dulcigno immer mehr und erst seit zwei Jahrzehnten hebt sich dieselbe wieder und zählt heute vielleicht 220 Küstenfahrzeuge, von denen jedoch keines mehr als einen Gehalt von 200 Tonnen haben dürfte. Es ist selbstverständlich, daß sich heute keines von diesen Fahrzeugen im heimathlichen Hafen befindet, sondern daß sie sich mit dein häuslichen Hab und Gut, soweit dies transportabel, nach den nächsten Hafenstädten in der Avria begeben haben. Von der See aus betrachtet, bietet Dulcigno einen überraschenden Anblick dar und sieht sogar einer kleinen Festung ähnlich, ohne eine solche zu sein. Selbst wenn die l I! 239 Wälle und Bastionen in einem besseren Zustande wären, als der ist, in dem sie sich heute befinden, hätte die Festung keine Bedeutung, da sie von den umliegenden Höhen von Muschura und Golenza vollkommen eingesehen wird. Innerhalb der Festungsmauern befindet sich die alte und eigentliche Stadt, ein Conglomerat von etwa 100 echt türkischen Häusern und Häuschen, zwischen denen sich krumme, steile und elend gepflasterte Gäßchen hindurchziehen. Einige Gebäude sind einstöckig, gewähren eine herrliche Aussicht nach der See und sind in der Regel das Eigenthum der reicheren Familien des Ortes. In der südlichen Bastion des Festungswalles findet man noch die Ueberreste einer alten, der Mutter Gottes geweihten Kathedrale; was noch davon an Sculpturen wie Basreliefs an Ort und Stelle oder in den Festungsmauern vorhanden ist, weist durch seinen byzantinischen Charakter aus eine frühzeitige Entstehung dieser ehemals katholischen Kirche hin. Inmitten der alten Stadt bestand ehemals ein hoher quadratischer Thurm, der offenbar als Signal- und Observationsthurm diente und den die Türken in einen Uhrthurm verwandelt haben. Im Jahre 1845 zerstörte der Blitz diesen Thurm und heute steht nur eine die Vorübergehenden bedrohende Ruine an dieser Stelle. Trotz der wiederholten Befehle der Paschas in Skutari wollte bisher noch Niemand etwas zur weiter» Zerstörung dieser Ruine beitragen, denn der allgemeine Aberglaube versichert, daß jeder eines plötzlichen Todes stürbe, der Hand an diese Ruine legen würde. Während sich die Bewohner der Festung mit Cisternenwasser begnügen müssen, besitzt die Vorstadt mehrere Brunnen, darunter einen von den Türken erbauten, unmittelbar zwischen der Festung und der Mahala. Die heute 600 Häuser und 3500 fast durchaus mohamednnische Bewohner zählende Vorstadt ist so ziemlich erst unter der Türkenherrschaft entstanden. Die Häuser sind an den Hängen wie dein Seespiegel zunächst vertheilt und gewähren von der See aus gesehen ein freundliches amphitheatralisches Gesammtbild. In der Mitte der Vorstadt befindet sich ein etwa 200- Boutiquen zählender Bazar, an dessen Ende und der Riva zunächst ein großer vierseitiger Brunnen, welcher hauptsächlich" die ankommenden und absegelnden Schiffe mit. gutem Trinkwasssr versorgt. Diesen: angeblich von dei: Venetianern erbauten Brunnen zunächst steht die Eingangs erwähnte Riesenplatane, wo sich nach den: Mittagsmahl und des Abends die Bewohner vonDul- cigno und die mit den Küstenfahrzeugen angekommenen Fremden bei schwarzem Kaffee, Tschibuk oder Nargileh ein Plauderstündchen gestatten. Die durch ihre besondere Schönheit weit und breit berühmten Frauen von Dulcigno dürfen natürlich daran nicht Theil nehmen und genießen, wie die Frauen jeder andern orientalischen Stadt, nur die Freuden und Intriguen des Harems. Verläßt man Dulcigno in der Richtung gegen Skutari, so begegnet man außerhalb der Vorstadt, wie bei so vielen albancsischen Orten, einer Gruppe von etwa 100 niedrigen Strohhütten von quadratischer und konischer Form, in denen etwa 1200 Zigeuner leben und sich mit Schmiedearbeitei:, Pfcrdehandel, zur Abwechslung auch mit Bettelei und Diebstnhl beschäftigen. Rechnet man diese Nomaden, die in der jetzigen ernsten Zeit das Weite gesucht haben dürften, ab, dann zählt Dulcigno im besten Falle 3500 alba- nesische Einwohner, um deren „Befreiung" sich ganz Europa echauffirt, eine kostspielige und gefährliche Flottenkundgebung veranstaltet hat. Die Bevölkerung von Dulcigno beschäftigt sich vorzugsweise mit Fischfang und Transportschifffahrt nach den verschiedensten Küstengebieten des avriatischen Meeres. — Ohne irgend welche theoretische Kenntnisse wagen doch die Dulcignoten die weitesten und gefährlichsten Fahrten, ja, was noch mehr ist, sie bauen sich ihre leichten und soliden Schiffe selbst und gleichsam aus freier Hand, da sie nicht lesen und schreiben können, also auch keinen Bauplan anzulegen oder auszuführen in: Stande sind. Wie viel eine Barke zu tragen vermag, wie tief sie taucht, das erfährt der Schiffsbauer von Dulcigno erst dann, wenn er den Stapellauf vollzogen hat. Die Küstenschiffsahrt zwischen Nord- Albanien und Apulien und längs der albnnesischen Küste von Dulcigno bis Valona ist zum größten Theil, der Handel gewisser Artikel, so z. B. des Seesalzes, fast ganz in den Händen der Dulcignoten. Die einfache Ausrüstung der Schiffe, der niedrige Lohn, die billige Verpflegung haben ungemcin niedrige Transportpreise zur Folge, und so machen die Dulcignoten den dalmatinischen und süditalienischen Küstenfahrern eine bemerkensiverthe Concurrenz. Der Hafen von Dulcigno ist nicht geräumig und so seicht, daß Schiffe von mehr als 200 Tonnen Gehalt nicht mit voller Sicherheit Anker werfen können. Die Bora vermag durch einen schmalen Terraineinschnitt, der Sirroco von der Seeseite aus mit solcher Kraft aufzutreten, daß selbst Fischerboote in solchen Fällen lieber den nahen Hafen von Val di Noce oder die Bucht von Sän Giovanni di Medua nächst der Drinmündung als den Hafen von Dulcigno aufsuchen. Die Dulcignoten versichern zwar, daß ein Erdbeben ihren Hafen bedeutend verkleinert habe, aber alles in allem sind Stadt und Bezirk von Dulcigno kaum die Kohlen werth, welche die vereinigte Flotte bisher verbrannt, vielleicht nicht einmal die Tinte und das Papier werth, welche die europäische Diplomatie seit zwei Jahren über die montenegrinische Frage verbraucht hat. — (W. Presse.) M i s - e L l e n. (Jägerlatein.) Saßen an einem Tische jüngst einige Jägersleute zusammen, die ihre Hunde lobten, und immer schwerer wurde es, einander im Jägerlatein zu überbieten. Doch einer, der die Ehre seiner „Bella" zu retten hat, weiß sich zu helfen. „Meine Herren! Ich will Ihnen ein Beispiel erzählen, aus dem Sie ersehen werden, daß das Thier Menschenverstand hat, vielleicht sogar noch mehr als solchen. „Bella" ist gewöhnt, wenn wir zu Hause essen, gleichzeitig ihren gefüllten Futternapf zu erhalten. Neulich wird sie aus irgend einem Grunde vergessen und erhält ihre gewohnte Portion nicht. Plötzlich eilt das Thier in den Garten und als es zurückkehrt, prüsentirt es mir zwischen den Zähnen — ein Vergißmeinnicht!" Ein ungarischer Offizier, der nur Stiefeln trug, die für beide Füße paßten und zum Abwechseln eingerichtet waren, ließ sich neue anfertigen. Der Schuster macht ihm ein Paar modische Stiefel über 2 Leisten. Sie paßten am ersten Tage ganz vortrefflich. Der Ungar spazierte ganz bequem darin. Den folgenden Tag wechselte er nach seiner Gewohnheit, und litt große Schmerzen. — Einige Zeit darnach begegnete ihm der Schuhmacher und fragte ihn, wie er mit seiner Arbeit zufrieden sei. Sind halt verzweifelte Stiefeln, versetzte der Ungar; alle Montag, Mittwoch und Freitag geht mer gut drin, aber Dienstag, Donnerstag und Samstag drückens ganz verzweifelt. (Aufklärung.) Bauer: „Du, was ist denn das, der elektrische Telegraph?" — Wirth: „Ganz einfach; man tupft an einem Ende und am andern schreibt es." — Bauer: „Ja, wie kommt das?" — Wirth: „Wenn man einen Hund hinten auf den Schweif tritt, so heult er vorn, nicht wahr? Nun, denke Dir, der Hund ist so lang, daß er von einer Stadt zur andern reicht, so hast Du's!" — Bauer: „Ja, jetzt versteh' ich's." (Strauß und Lanner.) In Wien war van Acken mit seiner Menagerie. Ein ungarischer Edelmann, der zum erstenmal in Wien war, besah sich auch die Menagerie. Der erklärende Führer zeigte ihm den Vogel Strauß mit den Worten: „Hier sehen Sie den großen Strauß." — „Na," sagte der Edelmann, „das ist mir lieb, daß ich dieses Viech einmal seh, nu zeigen's nur auch den Lanner, damit ich den auch kennen lerne." Buchstaberirebus. Für die Redaktion verantwortlich: AlpbonS Planer in Augsburg.- Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Ve. M. Hnttler. zur „Augslmrger Pojheitimg." Nr. 31. Samstag, 16 . Oktober 1880. Doch in dem Herzen wohnt der Menschen Größe, Und in dein Unglück lebt der wahre Stolz. A u s f e n b e r g. Fest-Cantate zu«» Kölner Dombaufeste. Schwing' dich zum Himmel du Jubelgesang! Ring' durch die Lüste, du fröhlicher Klang! Was vor Jahrhunderten Meister erdacht, Heut ist's vollendet, heut ist's vollbracht! Sehet, wie sie stolz sich heben! Seht, wie sie zum Himmel streben Pfeiler, Thürme, Blätterranken, Sleiugeword'ue Gottgedanken Hoch bis in das Wolkeureich Neckt sich auf das Steingezweig! In dem deutschen heiligen Strom Spiegelt sich ab der heilige Dom, Mit den Blumen, Figuren und Bogen Spiegelt er sich in den blitzenden Wogen, Und aus den Wogen, den schimmernden Bahnen, Ziehen die Schisse mit flatternden Fahnen, Und in den Gassen, da singet und klingt es Und von den Lippen zum Himmel auf schwingt es Hell sich empor In festlichem Chor: Was vor Jahrhunderten Meister erdacht, Heut ist's vollendet, heut ist's vollbracht! Es sprach ein Fürst an dieser Stelle, Er sprach das Wort am deutschen Strom: Aus Meister, Lehrling und Geselle i Vollendet sei der alte Dom! Heran aus allen deutschen Reichen Mit Gott in srischem Muth geschafft! — Es sei der Dom ein stolzes Zeichen Der deutschen Einheit und der Kraft! Und wenn Vollendung ward dem Werke, Zu dem sich rüstig regt die Hand, Dann zeug's von Muth und von der Stärke Des Volks im deutschen Vaterland! Dann zeug' es von dem Brudersinne Der Deutschen alle nah und fern! Und rauschend bis zur höchsten Zinne Mög' fromm ertönen: Dank dem Herrn! Ja, Dank dem Herrn! Es ist geschehen! Es kam nach Kampf und Schwcrterstreich, Es kam ein glorreich Auferstehen Dein alten, deutschen Kaiserreich! Vom Meere bis zum Alpenhügel, Von Polen bis zu Maas und Saar Hat ausgespannt die breiten Flügel Der mächt'ge Hohenzollern-Aar! Dank Dir, o Gott! Die Glocken läuten, Es trägt die Stadt ihr Feierkleid; -O, mög' nun das Geläut bedeuten Den Segen langer Friedeuszeit! Laß uns zu Deinem Throne legen, O Ew'ger, diese Bitte hin: Dein Herrscher und dem Volke Segen Und allen Herzen Brudersinn! Du stolzer Wächter am deutschen Rhein, Nun sieb' in stürmen und Sonnenschein, Nun steh' und prange zu GotteS Ehr' Und noch die spätsten Geschlechter lehr'! Lehr' demuthsvoll sür Gott sie kuie'n, Und lehre sie Haß und Zwietracht fliehst, Lehre sie schaffen Hand in Hand Zum Heile sür Kaiser und Vaterland! So schall' es empor im gewaltigen Ton Zu des Rheinlands steinerner Ehrenkron'! In Gottes Schutz, jahraus, jahrein Steh' prangend, du riesiger Wächter am Rhein Schwing' dich zum Himmel, du Jubelgesang! Kling' durch die Lüfte, du fröhlicher Klang! Was vor Jahrhunderten Meister erdacht, Heut ist's vollendet, Heu! ist's vollbracht! Emil Ritterhaus. 242 — Hildegard. Crimmal-Novelle von Theodor Küster. (Fortsetzung.) Die kluge Krämersfrau hatte es dem jungen Mädchen verschwiegen, daß ein feiner junger Herr sich nach ihr erkundigt; sie hielt es nicht für gerathen, dem arglosen Mädchen davon zu sprechen. „Du bist so still, mein Kind?" unterbrach jetzt Hildegard's Vater die Reflexionen der Tochter. Sie erröthete, durch des Vaters Worte in die Gegenwart zurückgerufen, heftig. — Laute Schritte enthoben sie der Antwort. Die Stubenthür ward rasch geöffnet, und ein Knabe von vielleicht zehn Jahren trat ein. Es war ein schlanker, hübscher, braunlockiger Bursche. Mit den feinen Zügen Hildegard's verband sich bei ihm der Ausdruck eines festen, energischen Willen, der schon jetzt dem kindlichen Gesichte einen fast männlichen Charakter ausdrückte. Er legte die Mappe mit den Schulbüchern auf einen kleinen Tisch in der Ecke des Zimmers, ging dann zu dem blinden Vater, und diesen zärtlich küssend, erzählte er voll freudigen Stolzes, wie er heute durch den Direktor des' Gymnasiums belobt worden, und daß er mit Bestimmtheit in die höhere Klasse bei der der Versetzung aufrücken werde. Zärtlich den Lockenkopf seines jüngsten Kindes streichelnd, hörte der Vater diesen Bericht an. Ein Glück konnte der arme Mann trotz allen Leids, das ihn getroffen, sein nennen, ein Glück, um das so mancher Reiche ihn beneiden mußte; er hatte sich gute, liebe Kinder erzogen, die ihm nur Freude machten; und dieses Glück war groß genug, ihn sein Leid oft vergessen zu lassen. „Aber nun bin ich auch hungrig, Hildegard!" rief darauf Ernst — so hieß der vielversprechende Knabe — und sah mit freudigem Erstaunen, daß die Schwester eine dampfende Schüssel mit für ihn verführerisch duftender Suppe auf den, wenn auch ärmlich, so doch reinlich gedeckten Tisch setzte. „Suppe — oh, das ist famos!" rief Ernst, in die Hände klatschend. „Ich glaubte, es gäbe heute nichts Warmes, weil Du länger fortzubleiben vorhattest, Hildegard." Mit einem Appetit, wie ihn nur der wirklich Hungrige kennt, ward die Suppenschüssel geleert. Geräuschlos ordnete dann Hildegard wieder Alles in dem kleinen Zimmer, dann setzte sie sich zu ihrem Vater, mit einer Näharbeit beschäftigt, die sie, um sich ihr erkenntlich zu zeigen, der guten Frau Mewissen im Laden unten abgenommen hatte. Ernst las mit Heller, wohlklingender Stimme und vielem Verständniß dem Blinden die Zeitung vor, welche sein Freund Krelle, Hildegard's Lehrer, ihm regelmäßig brachte; wenn sie dann auch schon einige Tage älter nar, als das Datum, welches sie trug, so gewährte sie dem blinden Künstler nichts desto weniger doch die einzige Zerstreuung und den alleinigen Ableiter von dem dumpfen Hinbrüten, das sich sonst seiner zu bemächtigen drohte. Schon dämmerte der Abend herein, als wieder Schritte draußen der Thür sich näherten und unmittelbar darauf ein kräftiges Klopfen sich hören ließ. Hildegard erbebte. Es war gut, daß Niemand die jähe Nöthe bemerken konnte, welche plötzlich ihr Gesicht überzog. Die Augen nach der Thür gerichtet, erwartete sie mit Herzklopfen, daß diese sich öffne. Und sie öffnete sich auf Herrn Becker's lautes „Herein!" — allein zu Hildegard's größter Enttäuschung. Wie unwillig wandten ihre Augen sich ab von dem Eintretenden, und ein Schatten des Mißmuthes flog über ihre Züge. „Guten Tag, Herr Becker, guten Tag, mein liebes Kind!" erklang eine etwas rauhe, wenig sympatische Stimme, und mit widerlicher Freundlichkeit auf dem rothen, aufgedunsenen Gesicht wandte der Ankömmling sich zu Hildegard und ergriff mit seiner fetten, rothen Hand die zarte, weiße des jungen Mädchens, mit der andern den Versuch Nd, ihr Kinn zu streicheln. 24c> Verletzt erhob sich Hildegard und flüchtete sich hinter des Vaters Lehnstuhl. Ohne alle Umstände setzte der Besucher sich auf den noch eben von Hildegard eingenommenen Platz, dem blinden Maler gegenüber. Er war ein Mann am Ende der Dreißig, mit einen: großen, dicken Gesicht, aus dem ein Paar große, graue, stechende Augen wie lauernd hcrvorsahen; seine Kleidung war etwas veraltet, doch sonst tadellos, eine dicke goldene Uhrkette hing prahlerisch über der Weste, und schwere Ringe glänzten an den dicken rothen Fingern. Seine ganze Erscheinung machte einen unangenehmen Eindruck, den ein gewisses selbstbewußtes Auftreten noch vermehrte. „Na, Herr Becker, wie geht's? — Eigentlich komme ich, um mich nach dem Befinden der Mamsell Tochter zu erkundigen, denn ich hörte vom Castellan, daß sie heute Morgen in der Halle krank geworden und vor der Zeit nach Hause zurückgekehrt sei aus diesem Anlaß. Kein Wunder", fuhr Herr Schramm, Jnspector der Kunsthalle, fort, indem er das junge Mädchen zärtlich-verliebt anblinzelte, „kein Wunder, wenn man hungert und dabei so fleißig und unermüdlich arbeitet, da muß ja ein so zartes Figürchen krank werden und endlich d'auf gehen!" Zornige Nöthe stieg auf in dem bleichen, schmalen Gesicht des Malers über diese indiscreten, rohen Worte; doch er kämpfte den Zorn nieder und entgegnete kalt verweisend: „Wir haben, Dank Hildegard's Fleiß, noch nicht zu hungern gebraucht, und wenn dem auch wirklich so wäre, so Hütte doch Niemand das Recht, uns zu sagen, daß wir darben! — Wir selbst wissen am besten, wie es um uns steht, Herr Jnspector!" „O, es war ja so bös nicht gemeint, Herr Becker! — Wer wird denn gleich so empfindlich sein!" — begütigte Herr Schramm. „Was führt Sie zu uns, Herr Jnspector!" fragte Becker kurz. Auch ihn: schien der Besuch dieses Mannes keineswegs angenehm zu sein. Jnspector Schramm rüuspertcrte sich kurz und zog ein buntes seidenes Taschentuch hervor, das er verlegen zwischen den Händen drehte; endlich aber schien er sein gewohntes Selbstbewußtsein wiedergefunden zu haben und antwortete: „Sie wissen, Herr Becker, daß meine Stellung eine gute ist, auch daß ich ein kleines Vermögen mir erspart habe; das Haus, welches ich bewohne, gehört mir, mein Haushalt ist gut und gediegen eingerichtet, und es fehlt mir nur Eins . ..." — Herr Schramm hielt in der Aufzählung seiner Vorzüge inne, seine letzten Worte hatte er zögernd gesprochen, und sein lauernder Blick ruhte auf Hildegard's Gesicht, wie um den Eindruck zu beobachten, den die Darlegung seiner materiellen Lage auf das junge Mädchen machen würde. Ihre Augen waren indessen auf ihre Arbeit gesenkt, und sie nähte so gleichgültig weiter, als berühre, was sie gehört, sie gar nicht. „Es fehlt mir nur eine Frau", fuhr der Jnspector fort, ohne das Erstaunen, welches sich auf dem Gesicht des Blinden malte, zu beachten oder beachten zu wollen. „Mamsell Hildegard hat es nur angethan, und ich bin deshalb gekommen, um ihr meine Hand anzubieten." Mit hohem, stolzem Selbstbewußtsein hatte er die letzten Worte gesprochen, und befremdet schaute er in die nichts weniger als freudig bewegten Züge des jungen Mädchens, welches ihn nur auf eines Momentes Dauer schweigend, kalt und gleichgültig angeblickt hatte. — Sichtlich überrascht, wußte Becker anfänglich nicht, was er erwidern sollte; dann aber antwortete er ernst und, wie es schien, bewegt: „Ihr Antrag ehrt uns, Herr Jnspector, denn es gibt nur wenige Männer, welche sich entschließen können, ein armes Mädchen zu Heimchen. Hildegard jedoch ist eines solchen Opfers werth, und deshalb soll sie auch selbst entscheiden, ob sie Ihren Antrag annehmen will oder nicht." „Na, Mamsell Becker?" sagte der Bewerber, und blickte schmunzelnd auf das verlegene Gesicht des jungen Mädchens. Doch nach wenigen Augenblicken schon hatte die von Haus aus allerdings sehr Ueberraschte ihre Fassung widergewonnen und ohne Zögern, in klaren dürren Worten entgegnete sie: „Ich muß Ihnen danken, Herr Jnspector, für die Ehre, welche Sie einem armen Mädchen erweisen; ich kann Ihren Antrag jedoch schon deshalb nicht annehmen, weil es unmöglich für mich sein würde, meinen Vater und Bruder zu verlassen. Sie werden selbst einsehen, daß es für mich eine Unmöglichkeit ist, mich jetzt und unter den obwaltenden Verhältnissen zu verheirathen." — „An das, was Sie eine Unmöglichkeit nennen", fuhr unbeirrt der Jnspector fort, „habe ich allerdings auch gedacht; indessen finde ich darin kein Hinderniß, da mein Haus groß genug ist, um auch ihren Vater und den Kleinen zu beherbergen." - Er hatte mit stolzem Selbstbewußtsein gesprochen und sich dabei im Zimmer umgeschaut, als wolle er hinzusetzen: auch für ihr Mobiliar habe ich noch bequemen Platz." „Ich würde nie ein solches Almosen annehmen!" entgegnete etwas heftig Hilde- gard's Vater, noch ehe diese selbst zu antworten im Stande war. „Pah! Almosen .... — Um ein Almosen handelt es sich nicht, wenn der Geber Ihr Schwiegersohn ist, mein lieber Herr Becker. Meine Lage erlaubt mir das/ ich bin Gott sei Dank gut situirt und kann mir selbst eine kostspielige Phantasie gestatten. Darum, Mamsell Hildegard, bedenken Sie sich nicht länger und schlagen Sie ein!" — Es läßt sich wohl annehmen, daß der Mann selbst nicht wußte, wie viel Verletzendes in diesen seinen letzten Worten lag; er Hütte sonst vielleicht mit weniger Sicherheit Hildegard seine Hand gereicht. Doch das junge Mädchen erfaßte nicht die dargebotene Rechte des Jnspectors; Hildegard umschlang den Hals des Vaters, und zu ihm ängstlich aufsehend, zu ihm sprechend, sagte sie bittend: „Laß uns so zusammenbleiben, wie wir sind, Vater! — Ich arbeite ja so gern für Euch, meine Arbeit macht mir Freude, und ich möchte nicht an eine Aenderung denken, Vater!" — Tiefgerührt hielt der arme Künstler die Hände seines Kindes umfaßt. „Ich werde Dich nie zu Etwas drängen, was Dir widerstrebt", sagte er. „Von meinem Kinde Opfer anzunehmen, brauche ich mich nicht zu schämen!" — Erstaunt sah der Jnspector auf die Gruppe. Er schien es kaum fassen zu können, daß er abgewiesen sei, er hätte nie an eine solche Möglichkeit geglaubt, denn er hielt sich, indem er Hildegard Becker seinen Antrag machte, für den großmüthigsten, edelsten Menschen, der ohne allen Eigennutz ein armes Mädchen heirathen wollte, das ihm Nichts mitbrachte, als einen blinden Vater und einen unerzogenen Bruder, das er nur seiner Jugend und Schönheit wegen begehrte. Er war vollständig verdutzt. ' Mit freundlicherem Gesicht als zuvor, sagte jetzt Hildegard zu dem abgewiesenen Freier: „Es thut mir leid, Herr Jnspector, doch Sie müssen einsehen, daß wir drei unser ! Verhältniß nicht ändern können. Ein Mädchen wie ich darf nicht so bald daran denken zu heirathen." — Geräuschlos erhob sich der so vollständig Enttäuschte und griff nach seinem Hut. Aerger und gekränkte Eitelkeit drückten sich auf seinem Gesicht zur Genüge aus, und seinen Zorn nur mühsam unterdrückend, sagte er: „Dann kann ich mich ja empfehlen. Ich wünsche nur, Mamsell Becker, daß Sie die Zurückweisung meines Anerbietens nie bereuen mögen — Adieu!" — Der Jnspector ging. Als sein Tritt auf der Treppe verhallt war, sagte Hildegard, sich zärtlich an den Vater schmiegend, zu diesem: „Vater, ich hätte nie seine Frau werden können! — Verzeih', daß ich Dir und Ernst dieses Opfer nicht bringen konnte; Dein Leben wäre ruhiger und sorgloser geworden, — 245 doch Dein Kind hätte nie glücklich werden können, denn ich verabscheue den Mann und habe ihn das oft genug fühlen lassen, so daß er sich diese Niederlage hätte ersparen können." — „Du hast recht gehandelt, meine gute Hildegard", erwiderte zärtlich der Blinde. * * Am andern Morgen in aller Frühe schon saß Hildegard wieder an ihrer Arbeit in der Kunsthalle. Ihre bleichen Wangen hatten sich in Folg? der durch die bald beendete Copie hervorgerufenen Erregung leicht geröthet; gewandt und sicher führte sie den Pinsel. Ruhig ivar es um sie her, und kein Ton, kein Geräusch störte ihre Einsamkeit. Es mochte gegen zehn Uhr, also etwa eine Stunde vor Eröffnung der Galerie sein, als aus der Entfernung, jedoch deutlich als im Gebäude erkennbar, eine rauhe, ihr nur zu wohlbekannte Stimme sich hören ließ und das junge Mädchen veranlaßte, in der Arbeit innezuhalten. Die Stimme war die des JnspectorS Schramm. Daß der Mann sie hier, zu einer reglementswidrigen Zeit finden sollte, war Hildegard, namentlich nach den Vorgängen des gestrigen Tages, höchst unerwünscht; unwillkürlich hatte sie ihr Arbeitsgerath in ihrem Malkasten zu bergen begonnen, erhob sich von dem kleinen Schemel, rückte leise die Staffelei in einen Winkel, kehrte das Bild um und machte sich fertig, die Galerie zu verlassen. Schwere Tritte näherten sich dem kleinen Zimmer, in welchem Hildegard sich befand; im Nebenzimmer hielten sie an, und die Künstlerin hörte, wie der Jnspector einigen ihm folgenden Arbeitern die Weisung gab, ein großes Bild aus seinem Zimmer in den großen Saal zu schaffen, um den so erlangten Platz mit kleineren Bildern, neuen Erwerbungen, zu füllen. Jeden Augenblick konnte er in das kleine Zimmer treten, in welchem sie sich aufhielt; sie wußte auch, daß er ihr alsdann verbieten würde, in Zukunft vor 11 Uhr in der Kunsthalle zu arbeiten, und das glaubte sie um jeden Preis verhindern zu müssen. Leise legte sie Hut und Shawl an, nahm ihre Mappe unter diesen letztern und eilte unhörbar durch ein anderes Seitenzimmer in entgegengesetzter Richtung der großen Treppe §u, um durch die Castellans-Wohnung in's Freie zu gelangen. Ungesehen glaubte sie ihren Rückzug bewerkstelligt zu haben und athmete erleichtert auf, als sie in den die Kunsthalle umgebenden Anlagen Hinschritt, in denen sie bis zur officicllcn Eröffnung der Galerie zu promeniren beschloß. „Noch zwei Tage fleißiger Arbeit, und das Bild wird fertig sein; dann wird eine bessere Zukunft für uns beginnen", sagte sich glücklich die junge Künstlerin. Sie berechnete in Gedanken, wie viel ihr noch übrig bleiben würde von dem Gelde für die „Tochter Tizian's", nachdem sie alle die kleinen Rechnungen bezahlt und die nothwendigsten Bedürfnisse für den Winter angeschafft haben würde, und so groß erschien ihr die versprochene Summe, daß sie dankerfüllt den Schöpfer pries, der ihr die Fähigkeit verliehen, so für ihre Lieben sorgen und arbeiten zu können. Da schlug es elf, und eiligst kehrte sie zurück an ihre Arbeit, um nicht noch mehr der kostbaren Zeit zu verlieren. Und wieder war sie unermüdlich thätig, bis sie abermals den Schritt des fremden Herrn zu erkennen glaubte und sie nicht umhin konnte aufzublicken, da er ihr denn Aug' in Auge gegenüber stand. „Wie befinden Sie sich heute, mein Fräulein?" fragte er freundlich bescheiden. „Schon wieder so fleißig gewesen? — Sie sollten sich doch mehr schonen!" „Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Theilnahme. Diese Copie ist ja nun bald fertig", erwiderte zögernd, von tiefer Gluth das schöne Gesichtchcn übergössen, Hildegard. So thcilnehmcnd schauten die blauen Augen des Fremden sie an, daß sie zitternd die ihren senken mußte. „Und wenn dieses Bild vollendet ist", fragte leise, eindringlich der junge Mann, 246 „wollen Sie dann wohl kür mich auch ein Bild covircn — jenen „Murillo" dort . . — Hier stockte der Fremde. Er hatte, einen Schritt zurücktretend, sich umgeblickt und fand den „Murillo" nicht mehr auf dem gewohnten Platze. „Nun, er scheint einen andern Platz erhalten zu haben, doch sie kennen ihn ja, mein Fräulein; er ist eine der Perlen unserer Galerie. ... — Wollen Sie diesen „Murillo" für mich copiren " „Gewiß — recht gern!" erwiderte zögernd und erröthend Hildegard. „Doch wird Ihnen meine Arbeit genügen können?" Ich würde Sie sonst nicht darum bitten. Ich mache nur eine Bedingung, mein Fräulein, und deren Erfüllung müssen Sie mir zusagen: Sie müssen mir versprechen, sich Zeit zu lassen! — Darf ich Ihren Herrn Vater besuchen, um mit ihm das Geschäftliche zu besprechen?" Hildegard bejahte diese Frage. „Nun gut", fuhr der Fremde fort; „so werde ich sogleich zu ihm gehen. Adieu, mein Fräulein!" Sich achtungsvoll verbeugend, verließ er das junge Mädchen. Im anstoßenden Zimmer begegnete er dem Jnspector und fragte ihn, welchen Platz der kleine „Murillo" erhalten, welcher bisher in dem kleinen Zimmer, in dem Fräulein Becker sich befand, seine Stätte gehabt. „Der „Murillo" ist nicht fortgenommen worden", entgegnete der Jnspector höflich; „überhaupt ist hier gar nichts geändert." „Er ist aber nicht mehr hier", sagte der sich für das Bild lebhaft interessirende Herr; „ich bitte Sie, sich selbst zu überzeugen: er ist nicht mehr auf der Stelle, wo er gestern noch war. Ich möchte eine Copie dieses „Murillo" anfertigen lassen." Erstaunt und neugierig trat der Jnspector, Hildegard gänzlich ignorirend, in das kleine Zimmer und stutzte, als er den leeren Platz sah, auf dem er noch gestern den „Murillo" gesehen hatte. „Da muß ich gleich 'mal nachfragen", sagte er ganz bestürzt, „ob vielleicht einer der Arbeiter irrthümlich das kleine Bild fortgenommen und anders wohin gebracht hat. -— Aber das ist ja doch gar nicht denkbar", fuhr er nach kurzem Besinnen fort; „ich habe die Leute doch heute Vormittag unter meiner directen Aufsicht im anderen Zimmer die wenigen Veränderungen, welche nothwendig geworden, vornehmen lassen. — Entschuldigen Sie, mein Herr, ich muß gleich Nachfrage halten." Der Jnspector entfernte sich. Der Fremde verbeugte sich sehr artig gegen Hildegard und ging dann auch fort. Das junge Mädchen arbeitete ruhig weiter und achtete nicht auf die finstern Blicke des wieder und wieder ihr Zimmer passirenden Jnspectors. Bald begann ein unruhiges Umherrennen der Aufseher und Arbeiter; dann kam Jnspector Schramm mit zwei Arbeitern nach dem Zimmer, in welchem Hildegard sich befand, und fragte die Leute, wohin sie das dort fehlende und nun positiv vermißte Bild gebrvcht hätten; doch die beiden Arbeiter zuckten die Achseln und erwiderten, daß sie nichts von diesem Bilde wüßten und nur solche berührt Hütten, welche der Jnspector ihnen selbst bezeichnet habe. Alle Säle und Zimmer wurden durchsucht, doch das werthvolle kleine Gemälde war nirgends zu finden. — Es war ein kleines, kaum einen Quadratfuß haltendes Bild, sehr leicht transportabel, unter einem Uebcrzieher, einem Tuch oder Mantel leicht zu verbergen; so war denn es ganz natürlich, daß der Gedanke an eine derartige Entwendung sich geltend zu machen begann, nachdem ein genaues Durchsuchen aller zur Kunsthalle gehörenden Räumlichkeiten sich als vollständig erfolglos erwiesen hatte. Jnspector Schramm beeilte sich, den Director der Galerie (einen bekannten Genre- Maler) von dem spurlosen Verschwinden des „Murillo" in Kenntniß zu setzen und ließ dabei Andeutungen fallen, welche erkennen ließen, daß ein bestimmter Verdacht sich seiner bemächtigt haben müsse. (Fortsetzung folgt.) Die Nachtluft. Die Aerzte sind über die Räthlichkeit, des Nachts bei offenem Fenster zu schlafen, noch keineswegs einig. Jedenfalls läßt die Frage in einzelnen Fällen gewisse Ausnahmen und Einschränkungen zu. Reine gesunde Luft ist das erste und wichtigste Lebensbedürfniß. Es wird sich aber fragen, ob die Nachtluft in Bezug auf Reinheit und Gesundheit immer eine solche ist, daß ihre Zulassung in die Schlafzimmer unbedingt und s in allen Fällen empfohlen werden kann. Gewiß ist, daß die Luft in der Nacht vielfach von anderer Beschaffenheit ist, als am Tage, wenn sich dies auch nicht immer mit Bestimmtheit chemisch nachweisen läßt. Schon der Einfluß des Lichtes ist in dieser Beziehung von großer Wirkung. Des Nachts steigen häufig allerlei Dünste und Nebel aus dem Boden auf, die sich auch durch den Geruchsinn auf eine unangenehme Weise . bemerkbar machen. In größeren Städten, wo viele Fabriken, die auch des Nachts arbeiten, Bäckereien und Brauereien befinden, schlagen sich oft die Steinkohlendämpfe nieder und erfüllen die Luft mit Kohlen- und Schwefelgasen. Ob das Athmen einer solchen Luft im Schlafe gerade besonders gesund ist, muß doch einigermaßen bezweifelt werden. Bei Tage werden viele der Uebelstünde, welche die Nachtluft mit sich führt, durch das Licht größtentheils paralysirt. In niedrig gelegenen Gegenden, wo Wechselfieber herrschen, kann die Nachtluft besonders nachthcilig wirken, da sich die Sporen der Sumpffieberpflanzen nur bei Nacht in die Luft erheben, während sich die Tagesluft bei der mikroscopischen Untersuchung stets frei von diesen winzigen Pflanzenorganismen erwiesen hat. Die Erfahrung, daß die Sumpfluft hauptsächlich des Nachts Fieber erzeugt, ist selbst den Wilden nicht ^ unbekannt ! Dabei ist aber zu beachten, daß hauptsächlich die unteren Luftschichten von dem . Krankheitsstoff inficirt sind. Vielfache Beobachtungen haben nämlich die Thatsache fest- f gestellt, daß sich die giftigen Pflanzenspvren nur bis zu einer mäßigen Höhe in die Luft erheben können. Daher kommt es, daß Wohnungen, die auf einer gewissen Erhöhung in Sumpfgegenden liegen, von der Krankheit verhältnißmäßig verschont bleiben. So z. B. die Dörfer, die auf Hügeln in der Nachbarschaft der berüchtigten pontinischen Sümpfe im Kirchenstaate gelegen sind. Man erklärt dies daraus, daß die mit den Krankheitsstoffen geschwängerte Luftschichte schwerer als die reine Luft sei und sich deshalb in der Nähe des Bodens verhalte. So hat man unter Anderem auch die Erfahrung gemacht, daß das gelbe Fieber niemals in einer Höhe von 2500 Fuß, ja selbst nicht von 1500 Fuß über der Meeresfläche erschienen ist. Hochgelegene Wohnungen können demnach unter Umständen einen Schutz gegen epidemische Krankheiten gewähren und in ihnen ist jedenfalls die Nachtluft gesunder als in niedriggelegenen und überhaupt in niedrigen Wohnungen, z. B. in Parterrewohnungen. Dagegen ist es auch durch die Erfahrung bewiesen, daß schädliche Fieberkeime durch starke Winde mit den Dünsten in andere Gegenden geführt werden können. Bei herrschenden Epidemien gebietet es unter allen Verhältnissen die Vorsicht, sich > so wenig als möglich der Nachtluft auszusetzen. Wir wollen in dieser Beziehung eine Beobachtung erwähnen, die der leider zu früh verstorbene österreichische Oberst v. Cornelius, ein ebenso intelligenter als liebenswürdiger Mann, uns früher mitgetheilt hat. Derselbe war während der großen Cholera-Epidemie in Galizien Commandant eines daselbst stationirten CorpS. Die Seuche wüthete in der Nähe des Standorts desselben mit solcher Heftigkeit, daß ganze Ortschaften und Gegenden dadurch entvölkert wurden. Unter diesen Umstünden hatte unser Gewährsmann Gelegenheit, die Wahrnehmung zu machen, daß - Personen, die sich nach Sonnenuntergang längere oder kürzere Zeit im Freien aufhielten, regelmäßig von der Cholera befallen wurden. Dies war unter Anderem auch mit den männlichen Mitgliedern einer Judengemeinde der Fall, welche einem nächtlichen Gottesdienst in der Synagoge beiwohnten. Von einigen vierzig Mitgliedern blieben nur vier oder fünf verschont, die übrigen wurden sämmtlich noch in derselben Nacht von der KraM- heit ergriffen. Dadurch aufmerksam gemacht, gab der Commandant feiner Mannschaft den strengen Befehl, vom Untergang bis zum Aufgang der Sonne ihre Quartiere nicht mehr zu verlassen und lediglich dieser einfachen Maßregel schrieb er es zu, daß seine Leute von nun an von der Krankheit verschont blieben. Diese Thatsache ist nach dem, was oben über das WcchselficbermiaSma gesagt wurde, jedenfalls sehr beachtcnswerth. Die Vermeidung der Nachtlust in Sumpfgegenden und bei herrschenden Epidemien auch an anderen Oertlichkeiten gehört gewiß auch zu den wichtigsten Vorbcugungsmitteln. Es ist nicht unsere Absicht, durch die vorstehende Bemerkungen Jemand davor zurückzuschrecken, des Nachts im Schlafzimmer ein Fenster zu lüften; wir wollen vielmehr nur einen kleinen Beitrag zur Lösung der uns gestellten Frage geben, ob die Nachtluft der Gesundheit zuträglich ist oder nicht. Wir glauben übrigens, daß dabei Alles auf die speciellen Verhältnisse ankommt, diese, sowie den eigenen Gesundheitszustand zu prüfen, ist Sache jedes Einzelnen. Es wäre gewiß eine Thorheit, wenn Jemand, dem die Nachtlust nicht bekommt, sich derselben fortgesetzt aussetzen wollte. In Sachen der Gcsundheits- und Heilkunde ist es das schädlichste und gefährlichste Princip, Alles über einen Leist schlagen zu wollen. Dies thun > eer nur zu gern gewisse Gelehrte, wenn sie sich einmal in eine Idee verrannt haben. N- mals sollte man in solchen Dingen den alten Ausspruch vergessen: l^uocl mcclioma. aliis, aliis rst fünfundzwanzig Jahre alt gewesen dann hätte die üppige Schönheit der Creolin ihm ^eren Besitz vielleicht begehrenswert!) gemacht, doch jetzt war er in den Jahren, wo die tziebe mehr nach dem Herzen und dem Gemüth, als nach der körperlichen Schönheit Derjenigen sieht, die man sich zur Gefährtin für's ganze Leben nehmen will. Das übermüthige, launenhafte Mädchen hatte nie einen tieferen Eindruck auf den ernsten, schon durch das Leben selbst und durch seinen Beruf zum Nachdenken gestimmten Mann machen können; er hielt sie für herzlos, und schon oft hatte er es ihren launenhaften Ausschreitungen gegenüber an strengen Zurechtweisungen nicht fehlen lassen. Er hätte auch gern den sehnlichen Wunsch der Eltern erfüllt, wenn Eugenie nur ein wenig ihren Ueber- muth gezügelt und ihm gezeigt haben würde, daß sie ein Herz, ein warmes für altes Edle, Gute und Schöne empfängliches und empfindendes Herz besitze, das er zu lieben im Stande gewesen wäre; daß nur ihre Erziehung eine verfehlte gewesen, daß indessen deren Folgen noch zu beseitigen wären. Allein er mußte wohl einsehen, daß solche Hoffnungen chimärische waren. (Fortsetzung folgt.) Furchtbare Vergeltung. Der deutsche Kontreadmiral außer Dienst, Reinhold Werner, erzählt in seinem jüngst erschienenen vortrefflichen Buche „Erinnerungen und Bilder aus dem Seeleben" (Berlin 1880. A. Hofmann und Comp.) folgende, in ihrer Furchtbarkeit spannende Episode aus dein Seeleben. Die Episode hat zum Mittelpunkte ein menschliches Scheusal, das glücklicherweise zu den Seltenheiten gehört. Es war dies der Kommandant einer französischen Kriegsbrigg, mit der er im Jahre 183t- auf zwei Jahre nach der Antillenstation ging, eine jener niedrigen Seelen, deren Gemeinheit und Niedertracht sich in ihrem wahren Lichte erst zeigt, wenn sie glauben, die Macht in Händ-'n zu haben. So lange er Subalternoffizier war, schmeichelte er Jedem, von dein er irgendwie Vortheile erhoffte, und namentlich den Vorgesetzten. Vorwürfe nahm er von ihnen wie eine Gunst entgegen, Grobheiten und Ungerechtigkeiten mit sanftem Lackeln. Er suchte sich einen hohen Beschützer aus, dessen verdammte Seele er spielte; er übersprang Kameraden, weil er kriechen konnte, erhielt Dekorationen als Pflaster für hingenommene Beleidigungen und endlich das Kommando der Brigg als Belohnung für Speichelleckerei. Sein Ziel war erreicht; er streifte die Maske ab, warf seinen bespuckten Rock hinter sich und zeigte sein wahres Gesicht, das nicht erröthen konnte, weil er keine Scham mehr kannte. Seine Kameraden von gestern, heute seine Untergebenen, wurden seine Opfer. Sie hatten seine Natur erkannt, es bis dahin unter ihrer Würde gehalten, ihm die Hand zu reichen, an Bord ihn unter Quarantäne gestellt und seinen Namen nur mit einem verächtlichen Achselzucken genannt. Er hatte Alles gefühlt, aber mit lächelndem Munde auf seine Zeit gewartet; jetzt endlich war sie gekommen und fortan wurde Rache die Triebfeder aller seiner Handlungen. Die Brigg hatte zwei Jahre auf der Station in. Westindien gelegen, und diese ganze Zeit war für die Besatzung nur ein hartes Gefängniß, eine ununterbrochene geistige und körperliche Quälerei gewesen. Der Kapitän wohnte am Lande, aber übte von dort, seine Gewalt über die Untergebenen aus; er hatte an Bord seine Spione, die ihm Alles hinterbrachten. Fast täglich erschienen Befehle, welche die härteste Tyrannei übten, aber befolgt werden mußten, weil sie die dienstlichen Schranken innehielten, und so wurden hundert Menschen durch einen unsichtbaren Verfolger allmählich zur Verzweiflung getrieben. c. 255 Die Brigg war 1'/„ Meilen vom Ufer verankert. Niemand erhielt Unaub und nu>: Einzelne kamen an's Land, wenn der Dienst es durchaus erforderte. Tödtlichcr Hcff, qegen den Peiniger erwuchs in den Herzen der Offiziere und Mannschaften; er würd« nicht ausgesprochen, aber desto glühender flammte er in der verschlossenen Brust und drohte sie zu sprengen. Endlich erschien der Tag der Heimkehr, und der Kapitän kommt mit heiterer Viiene an Bord. Seine Mission ist beendet; ein höherer Grad erwartet ihn bei seiner Rückkehr.' Auf den bleichen und abgezehrten Gesichtern der Mannschaft zeigt sich jedoch kein Freudenstrahl, obwohl es heimwärts geht; unheilverheißender Ernst lagert auf ihren Zügen und finstere Wuth zieht ihr Herz krampfhaft zusammen, als sie lautlos um das Gangspiel marschiren, um den Anker zu lichten. Der Kapitän liest eine unbestimmt,, Drohung in ihren Mienen, und es wird ihm unheimlich zu Muthe. Er sucht mit der' Offizieren ein Gespräch anzuknüpfen, doch vergebens; sie befolgen nur stumm die erhaltenen Befehle, sonst weichen sie ihm scheu aus, wie dem bösen Feinde. Im Bahamalkanal steigt ein Bö auf, eine von jenen, die der Schrecken der See- fahrer sind und den Orkan in ihrem Schooße tragen. Der Offizier der Wache benachrichtigt den Kapitän von der nahenden Gefahr; dieser kommt an Deck und ertheilt den Befehl, Segel zu kürzen. Der Offizier läßt „Alle Mann" aufpfeifen und wiederholt das erhaltene Kommando, doch die Ausführung unterbleibt. Stumm und drohend bleibt die Mannschaft auf dem Verdeck: der Bootsmann wirft seine Signalpfeife über Bord reißt sich die Abzeichen von der Jacke und stellt sich schweigend an das Bugspriet. Die Bande der Disciplin sind gesprengt und der Gehorsam gekündigt, während der Sturm heulend über das Wasser dahinfährt. „Gei auf, Marssegel", ruft der erschreckte Kapitän, in dem Leichenblässe sein Gesicht überzieht; er fühlt, daß die Nemesis naht. „Wir werden die Segel nicht fortnehmen", erwidern hundert Stimmen zugleich. „Holen Sie Ihre Waffen!" wendet sich der Kapitän zu den Offizieren, „das ist Meuterei!" Der Angstschweiß perlt dem Feigling von der Stirn. Die Angeredeten ziehen sich nach dem Hinterdeck zurück, nur der Wachehabende bleibt auf der Kommandobank; sein glanzloses Auge blickt dem Sturme entgegen, der pfeifend und brausend hereinbricht und das Schiff durch die Wellen peitscht, die von allen Seiten es zu verschlingen drohen. Einige wenige Nichtseeleute und Matrosen begeben sich zum Kapitän auf das Hinterdeck. „Was sollen wir machen", sprechen sie mit schlotternden Knieen zu ihm, „wir werden untergehen!" „Nieder mit den Spionen!" ruft die Mannschaft, „wir wollen sterben." Der Kapitän steht bleich und zitternd; er nimmt dem Offizier der Wache das Sprechrohr ab, er hofft noch auf Wiederkehr der Ordnung, wenn er selbst kommandirt; aber die Antwort der Mannschaft ist nur ein höhnischts Lachen, das sich mit dein Grollen des Sturmes mischt. Dann verschwindet auf eine Minute Alles in dampfendem Gischt; die Brigg scheint unterzugehen, sie legt sich auf die Seite und die See bricht darüber fort. „Kappt die Masten um Gottes Willen!" tönt es heiser aus der Brust des Kapitäns hervor. Seine Spione wollen hinunter und Beile holen, doch die Mannschaft treibt sie von den Luken zurück. „Wir wollen sterben und er soll mit uns gehen", ruft es wieder vorn, und die Offiziere bewahren ein düsteres Schweigen. Da kracht es, die Bemastung geht über Bord; die Brigg richtet sich wieder auf, aber jetzt rammen die Masten gegen die Bordwände und drohen Löcher zu brechen. „Ich verspreche Euch allen Begnadigung, ich schwöre es auf meine Ehre!" bittet der Kapitän in höchster Angst. „Aber kappt die Taue!" „Deine Ehre? Ha, wer glaubt daran?" höhnen die Matrosen. 256 Der Kapitän fleht, wüthet und droht; die Mannschaft schwelgt im Gefühle befriedigter Rache; aber es genügt ihr nicht mehr, aus Haß gegen einen verabscheuten Vorgesetzten Schiff und Leben zu verlieren. Sie will mehr, sie lechzt nach Blut und dringt in drohender Haltung zum Hinterdeck. „Du mußt sterben, Hyäne!" zischt es in sein Ohr, „sterben mit uns, aber Du zuerst und mit Dir Deine Spione." „Zu Hilfe, meine Herren Offiziere, zu Hilfe! Ich gelobe Ihnen meine Fürsprache, Beförderung, Orden" — die Angst erstickt seine Stimme — aber die Offiziere verhalten sich schweigend wie bisher; nur der erste Offizier begibt sich in das Zwischendeck hinunter. Der Kapitän glaubt, er wolle Waffen holen; ein schwacher Hoffnungsschimmer leuchtet auf dem verzerrten Gesicht, doch vergebens harrt er der Rückkehr. Die Sturzseen über- fluthen inzwischen das Deck, der Ozean heult und das Schiff erzittert unter den heftigen Stößen der gebrochenen Masten gegen Bug und Seite. Mit diesen Schrecken mischt sich der Angstschrei von Menschen; es sind dies die Spione des Kapitäns. Die Mannschaft hat sich ihrer bemächtigt, ihnen die Kleider vom Leibe gerissen und peitscht sie erbarmungslos. Blutgieriger Wahnsinn leuchtet aus den Augen der Matrosen, die Offiziere schauen gleichgiltig der furchtbaren Vergeltung zu; der Kapitän bricht in die Kniee und fleht um Gnade. In diesem Augenblick öffnet der erste Offizier die Thür zur Pulverkammer; ein Blitz und Donner wie von hundert Gewittern und das Schiff fliegt zerschellt in die Lüfte — Opfer und Henker werden von den Wellen verschlungen. Die Bö ist vorüber, der Sturm schweigt, die aufgeregten Wogen glätten sich und die Sonne sendet wieder friedlich ihre leuchtenden Strahlen zum blauen Ozean hernieder. Eine Stunde später passirt ein amerikanisches Schiff die Stelle, wo das Grausige sich vollzogen. Auf einer gebrochenen Spiere treibt der einzig Ueberlebende der erschütternden Katastrophe; es ist ein Schiffsjunge, halbtodt und mit schweren Brandwunden bedeckt. Er erzählte den Zusammenhang, aber am anderen Tage war auch er seinen Leiden erlegen. M i s e e l l e rr. (Die kluge Hausfrau.) Köchin: „Ist es nicht schrecklich, Madame, was jetzt die Eier klein sind?" — Dame: „Ja, das wird wohl an den Bauersfrauen liegen, die lassen die Hennen nicht lange genug darauf sitzen und nehmen die Eier schon weg, ehe sie ordentlich groß geworden sind." Ein Jude und ein Christ begleiteten ihre abreisenden Söhne zum Postwagen. „Handle immer recht!" waren die Abschiedsworte des Christen. — „Ja wohl mein Sohn, handle immer recht," rief der Jude seinem Sprößling nach. Aus den „Spniherbsibrätterr»." Wenn hniadocglühl die Sonne, Steht der Mond schon über'm Thal, lind den Abglanz ihrer Wonne Gießt er aus im feuchten Strahl. Also bleibt im tiefsten Herzen Von versnnk'nem großem Glück Tröstlich für die Nacht der Schmerzen Uns ein Widerschein zurück. Meine Sonne schied für immer, Meine Liebe schön und jung; Laß mich ruh'n in deinem Schimmer, Sanfter Mond, Erinnerung. _ E. Geibel. Auflösung des Bnchstabenrebus in Nr. 30: „Das Ausland" Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. M. Huttlcr. zur Augslmrgkr postzeitimg." Nr. 33. Samstag, 23. Oktober 1880. Wenn ein Liebes dir der Tod Aus den Augen fortgerückt, Such' es nicht im Morgenroth, Richt im Stern, der Abends blickt, Such' es nirgends früh und spat Als im Herzen immerfort; Was man so geliebct, geht Rimmermchr aus diesem Ort. Just. Kerner. Hildegard. Criminnl-Novelle von Theodor Pust er. (Fortsetzung.) William war soeben von seinen Eltern gekommen. Sie hatten ihn auf's Neue bestürmt, um Eugenie zu werben, Hatten ihm all' ihre guten Eigenschaften aufgezahlt und die Ueberzeugung ausgesprochen, daß sie unter seiner Führung sicher eine gute, treue Gattin werden würde. So war er denn nach dem Palmenhause gegangen, überzeugt, daß das spöttisch-herausfordernde Wesen Eugenien's ihre — wie er glaubte — theil- angeborene, theils anerzogene Herzlosigkeit ihm auf's Neue hinreichende Gründe bieten würden, dein Wunsche seiner Eitern mit Fug uud Recht seine Weigerung entgegensetzen zu können. Als er das lieblich-verführerische Bild des jungen Mädchens vor sich sah, da strömte das Blut ihm wohl warm, ja heiß zum Herzen, und hätte sie jetzt einen Blick voll inniger, sprechender Liebe für ihn gehabt, ein freundliches Wort an ihn gerichtet, statt Seiner zu spotten und den Ton seiner weichen, klangvollen Stimme nachzuäffen — wer mag sagen, daß er sie nicht an sein Herz gezogen, daß er sie sich nicht zu Eigen gemacht hätte. Doch mit finsterer Stirn mußte er sich sagen, daß sie in der That ein herzloses, kokettes Weib, daß sie der Liebe eines ernsten Mannes nicht würdig sei und er für die Ehre einer unauflöslichen Verbindung mit Eugenie herzlich danken müsse. Vielleicht auch wäre sie nicht so schnell von ihm verurtheilt worden, Hütte nicht ein anderes Bild sein Herz volländig beschäftigt, hätte er nicht das schöne, blaffe sittsame Mädchen im Geiste stets vor sich gesehen, ganz das Gegentheil von Eugenien's strahlender Schönheit, und doch für ihn viel schöner, als jene, denn ihr fairstes, duldendes, engclreines Antlitz hatte weit mehr Zauberkraft für ihn, als das übermüthige Lachen und die kokette Schönheit der Creolin. „Die Eltern erwarten uns im Eßsalon", sagte jetzt beinahe rauh der junge Mann und wandte sich zum gehen. Doch graziös erhob sich Eugenie aus der Hängematte, und ihren Arm in den William's legend, sagte sie schmollend: „Seien Sie doch nicht so finster, und führen Sie mich hüsch galant zu Tisch!" William Walter schien kaum das neckige Geplauder der Creolin zu hören, noch hatte er einen Blick der Bewunderung für die kleine, zarte, weiße Hand, den wunderbar 258 schön geformten Arm, der in dem seinen lag. Das lachende Antlitz, die herrliche, nur halb verhüllte Büste schienen für ihn gar nicht zu existiren; das Betragen des reizenden Mädchens erschien ihm kindisch und albern, ihre elegante und graziöse Toilette war für ihn nur der Beweis ihrer stets kampfbereiten Koketterie. Der Gedanke, sie zu seinem Weibe zu machen, lag ihm in diesem Augenblick ferner denn je. In dem mit gediegener Eleganz, jedoch fern von jeder Uebcrladung eingerichteten Eßsalon saß ein alter Herr mit schneeweißem Haar in einer Sophaecke — Generalkonsul Walter, ein Mann zwischen Siebenzig und Achzig, dessen lebhaftes Auge jedoch Zeugniß gab von dem frischen, ungetrübten Geist, der in der schon etwas gebeugten Gestalt noch lebte und herrschte. Seine Gemahlin, William's Mutter, hatte ein durch seine frischen Farben fast noch jugendlich erscheinendes Gesicht, obwohl auch sie schon weit über sechzig Jahre zählte; ein strenger Zug um den Mund indessen, wie auch der scharfe, ewig prüfende Blick ihrer grauen Augen ließen ihr Gesicht nicht angenehm erscheinen. Ihr ganzes Wesen, ihr Aeußeres trug den Stempel -der peinlichsten Ordnung, jede Bewegung schien von ihr möglichst abgemessen, damit kein Fältchen ihres Kleides sich verschieben könne; geräuschlos bis zur Äengstlichkeit war ihr ganzes Wesen, ihre Sprache ruhig, stets leidenschaftslos, und keine noch so tieke Erregung hätte sie vermocht, ihr Organ auch nur um einen Ton zu erhöhen oder zu verstärken. Die „Frau Eonsulin" war die ächte, treue Repräsentantin der alten Hamburger Handels-Patricier-Familien- Tradition. Unter Beobachtung all' jener Formen, wie sie in den feineren Kreisen der großen und reichen Handelsstadt gleich peinlich wie in England, als Norm gelten, hatte man sich zu Tische gesetzt. Das Gespräch wurde hauptsächlich durch Eugenie und William'S Eltern geführt, der junge Consul selbst saß, nur kurz hin und wieder an der Unterhaltung sich betheiligend, im Ganzen wortkarg da, während seine Gedanken ganz wo anders zu weilen schienen. Manchmal nur schreckte ihn das helle Lachen Eugenien'S aus, und die Eonsulin schüttelte wohl leicht den Kopf, daß das junge Mädchen sich so vergessen konnte; aber ihre sonstigen Manieren, beispielsweise ihre vollendete Grazie beim Essen, wobei sie sich nie den geringsten Verstoß gegen die Etiquette zu Schulden kommen ließ, versöhnte einigermaßen wieder die peinlich auf Beobachtung aller gesellschaftlichen Formen haltende Frau und ließ sie so manchen andern kleinen t'uuv pau vergessen, dessen das wilde, unbändige Mädchen sich schuldig machte. Als nach dem Dessert die beiden Damen sich erhoben und nur Vater und Sohn noch bei einer Cigarre und einem Glase Wein sitzen blieben, fragte der alte Herr, forschend in des Sohnes ernstes Gesicht blickend: „Was sinnst Du, William? — Schon bei Tisch warst Du heute ausnehmend einsilbig und reservirt, ja unaufmerksam, und Eugenie kann sich wirklich nicht über ein Zuviel 'an Galanterie von Deiner Seite beklagen. Du brachtest sie in so steifer Grandezza, mit so finsterer Miene hierher, daß es mir vorkam, als empfändest Du es gleich einer Strafe, das reizende Mädchen am Arme zu führen. — Hast Du denn gar kein Feuer in den Adern, Junge, daß Du so den Eisbären herauskehrst? — Als ich in Deinem Alter war, hätte mich Eugenie mit ihrer Schönheit nicht so kalt gelassen." Der alte Herr strich ruhig die Asche von seiner Cigarre, nippte ein wenig an seinem Wein und blickte dabei von Neuem prüfend auf seinen Sohn. Dieser antwortete nicht. „Sie ist ja ein wildes Ding, ein unbändiges Mädchen — ja", fuhr der Vater fort, „doch gut von Herz und Gemüth ist sie, William. Und sie ist auch so klug und gewandt und kann, wenn sie will, so viel gesellschaftlichen Tact zeigen, daß sie Dich gewiß niemals compromittiren, sich selbst nie eine Bloße geben würde. Sie weiß auch viel anmuthiger zu plaudern, als die gelehrten jungen Damen von heutzutage, hinter deren Wissen übrigens nicht so arg viel steckt; es ist das doch nur ein Firniß, unter welchem nichts Tieferes, nichts Reelles liegt. Ob Eugenie nun das bischen Firniß besitzt oder nicht, das bleibt sich meiner Ansicht nach gleich; das Rechte, Wahre kommt mit den 259 Jahren von selbst. Dafür ist sie aber auch ungleich schöner als alle Andern, und Du würdest sehr um sie beneidet werden." — „Ich bitte Dich, lieber Vater, gib diese Ideen auf", erwiderte William; „ich werde Eugenie niemals heirathen! — Frauen ihrer Eigenart stoßen mich ab, statt anzuziehen, sind mir schrecklich. Wenn ich mich jemals vermähle, dann muß ich die Ueberzeugung haben, daß die, welche meine Frau werden soll, mich liebt, ihr ganzes Wesen muß mich sympathisch berühren und auch mein Herz in Liebe für sie schlagen: all' diese Voraussetzungen treffen aber bei Eugenie Delahaye nicht zu, und ich kann Die nicht zu meiner Gattin machen, welche nicht mit mir fühlt, die für mich und mein Haus kein Interesse hegt, die stundenlang sich träge in einer Hängematte wiegt und über eine neue verführerische Toilette träumt oder darauf sinnt, mit welch' neuen Künsten der Koketterie sie es dahin bringt, Andere rasend in sich verliebt zu machen! — Eine gefallsüchtige Frau, Vater, hattest auch Du nie genommen, und Eugenie ist gefallsüchtig im höchsten Grade!" „Aber, mein Gott, William, wie kannst Du so absprechend über das arme Kind urtheilen? — Sie ist reich, verwöhnt von Kind auf; wie konnte sie da viel anders werden? — Sie wird noch ganz aus eigenem Antriebe Alles, was ihr jetzt noch abgeht, lernen und sich aneignen, wird ganz anders werden, als sie jetzt ist, wenn sie einen guten, vernünftigen und rücksichtsvollen Meister findet ..." — „Ich will meine Frau nicht erst erziehen", unterbrach William. „Doch laß es genug sein, Vater; ich kann Eugenie nicht heirathen, sie ist nicht das Weib, wie es meinen Träumen vorschwebt; ich kann keine besondere Hochachtung vor ihr empfinden und nicht daran denken, sie zu meiner Frau zu machen!" — Träume? — Man träumt immer anders von den'Frauen, als sie in Wirklichkeit sind, mein lieber Sohn. Solche in's praktische Leben überführte Traumgestalten existiren nicht." — „O doch, Vater, es gibt deren!" rief der junge Mann mit Enthusiasmus und lebhaft crröthend. Erstaunt blickte der alte Herr auf den Sohn, dann sagte er ernst, kopfschüttelnd: „Und Du hast Eine bereits gefunden, und sie ist es, William, die Eugenie im Wege steht!" — Die plötzliche Nöthe war ebenso schnell, wie sie gekommen, auch wieder aus dem gebräunten Gesicht des jungen Consuls gewichen; doch auch ein rascher Entschluß schien ihm gekommen und blieb auch; er war ja kein Jüngling mehr und konnte sich wohl das Recht indiciren, selbständig zu handeln und zu wählen. „Ja, Vater", entgegnete er, „ich habe ein Mädchen gefunden, wie ich es mir geträumt, doch vielleicht entspricht es Deinen Anforderungen nicht so wie den meinigen; es ist arm, gehört keiner Pntricierfamilie an, ist aber das einzige Weib, das mich glücklich machen könnte — und ich hab's ja Gott sei Dank für uns Beide! — Mein Name ist klangvoll genug, um vergessen zu lassen, was meine Gattin für eine „Geborene" ist!" „William, ich Hütte Dich wirklich für vernünftiger gehalten!" rief halb entsetzt der alte Herr. „Ein armes Mädchen aus obscurer Familie, ohne höhere Bildung, die Dich wahrscheinlich nur durch ein schönes Gesicht bestochen hat. .... William, es taugt nicht, nie und nimmermehr; der Rang- und Standes-Unterschied bleibt — glaube mir! — und heftet sich einem Alp gleich an Deine Fersen; Deine Frau, wenn sie nicht in unserm Stande geboren, kann nie heimisch werden in unsern Kreisen, sie wird sich überall Blößen geben, und Du würdest die getroffene, dann natürlich unabänderliche Wahl bald genug bitter bereuen müssen. Geld ist für mich ja auch durchaus nicht die Hauptsache bei der Wahl einer Schwiegertochter, nur von guter Familie, in guten Kreisen erzogen, muß sie sein, sonst wird nichts daraus!" „Würde ich nur auf Schönheit sehen, Vater, so heirathete ich Eugenie, doch ich will eine Frau mit Herz und Gemüth!" „Was wird Deine Mutter sagen, Williams Wie könnte Deine Auserwählte vor ihr mit ihren strengen Grundsätzen, ihrem peinlichen Festhalten an: Althergebrachten bestehen?" — „Sie wird bestehen, Vater! — Glaubst Du Dein Sohn würde eine seiner und seines Namens unwürdige Wahl treffen, nicht darauf bedacht sein, daß er sich nicht lächerlich mache durch eine Frau, welche nicht in seine Kreise paßt? Doch las; uns das Thema lieber jetzt abbrechen, um es wieder aufzunehmen, wenn's Zeit ist. Noch ist mir selbst unklar, ob, wann und wie ich handeln werde, doch Dir, dem Vater, vor dem ich nie ein Geheimniß gehabt, durfte — mußte ich ja von dem sprechen, was mich im Augenblick so ausschließlich beschäftigt. — Gehst Du mit in's Theater?" „Nein, ich nicht, aber Mama und Eugenie möchten Lust haben und würden Dir gewiß zu Dank verpflichtet sein, wenn Du sie auffordern wolltest." „Dann will ich lieber allein gehen; ich möchte, wenn Du zu Hause bleibst, auf mich ausschließlich allein angewiesen sein. Adieu, Vater!" William entfernte sich, der alte Consul ging nach seinem Zimmer. Nur wenige Sunden früher, als William Walter darüber nachdachte, wie wenig Eugenie Delahaye trotz ihrer mannigfachen Reize ihm bcgehrenswerth sei, als er eine Parallele zog zwischen der Creolin und Hildegard Becker, der armen Künstlerin, da mußte er sich sagen, daß die Letztere alle die Eigenschaften besitze, welche er von seiner Gattin verlange;'arm zwar, doch von edlem Sinn und Gemüth; ein Mädchen, welches mit solcher Aufopferung für die Seinen arbeitet und wirkt, trotz so bedrängter Lage und trotz so großer Schönheit und Jugend, lügenhaft bleibt, ist liebcnswcrther und höher zu ächten, als alle die geputzten jungen Damen der sogenannten höheren, exclusiven Classen, die, ohne Söge, Noth oder Anfechtung, geschützt ihr Dasein genießen — ungetrübt, ohne nur einmal darüber nachzudenken, wie bevorzugt sie dastehen gegenüber anderen Geschlechtsgenossinnen. Sein Entschluß festigte sich immer mehr: das arme Mädchen mit dem bleichen Gesicht der Dulderin wollte er zu seinem Weibe und es sich zur Aufgabe machen, die Nosen zurückzuzaubern auf ihre Wangen, den Ausdruck der Freude und der Lebenslust in ihre Augen. Und mochten auch seine Freunde die Achseln zucken; was konnte man ihm, was ihr vorwerfen? — War sie doch die Tochter eines längst anerkannten Künstlers, der vor dem Unglück, das ihn so schwer getroffen, auch in der „guten Gesellschaft" sich bewegt hatte; und wäre jenes große Leid nicht über ihn gekommen, dann würde er heute noch hoch angesehen, ja reich wahrscheinlich und seine schöne Tochter von Bewerbern Umschwärmt sein. Um die gewöhnliche Stunde ging der Vice-Consul William Walter am anderen Morgen nach der Kunsthalle. Er mußte Hildegard sehen, es was ihm das Zusammentreffen mit ihr zum Bedürfniß geworden. — Wie erstaunt war er jedoch als er auf der jungen Künstlerin Platz einen älteren Herrn sah, der, ohne sich um ihn zu kümmern, eifrig die Copie der „Tochter Tizian's" zu vollenden im Begriffe war. .War Hildegard wirklich ernstlich krank geworden? mußte William Walter sich fragen. Ein Gefühl der Angst, der Beklemmung ließ ihn erst jetzt erkennen, wie theuer ihm die schöne Künstlerin schon war. Er mochte den fremden Herrn nicht nach ihr fragen, er wollte selbst hineilen nach ihrer Wohnung, um sich Gewißheit zu verschaffen. Eilig verließ er die Kunsthalle und schritt, trüber Ahnungen voll, dem entlegenen Stadtviertel zu. Der arme Künstler hatte in der verwichenen Nacht, der ersten, welche er getrennt von seiner geliebten Tochter zugebracht, alle Dualen den zur Ungewißheit und Unthälig- keit Verdammten erlebt; jeder leichte Tritt ließ ihn erschreckt aufhorchen, denn er glaubte ja mit Bestimmtheit, daß Hildegard bald wiederkommen müsse. Als die Nacht hereinbrach und sie immer noch nicht da war, da suchte er sich mit dem Gedanken zu trösten, daß ein Verhör wohl noch nicht habe stattfinden können, daß sie erst morgen kommen werde. — 261 Dann fliegen wieder schwarze, bängliche, drohende Gedanken in ihm auf welche ganz dazu angethan waren, den armen Mann der Verzweiflung preiszugeben. Wenn sie unschuldig verurtheilt würde! — Hatte man nicht oft die augenscheinlichsten, übersiihrendsten Beweise zu besitzen geglaubt? — Wenn nun auch für sein Kind die Umstünde so ver- hängnißvoll zusammentrafen, daß man sie — die Unschuldige — als Diebin ver- urtheilte?! — Ein Schrei der Angst, der Verzweiflung rang sich aus der Brust des Gequälten, wie wahnsinnig durchschritt er das Zimmer und seine Hände wühlten in dem langen Haar. (Fortsetzung folgt.) Das Schulwesen in Bayern zur sogenannten gute», alte» Zeit. Eine kulturhistorische Studie nach einer alten Chronik von vi-. xlük Franz Beda Stubenvoll. Volkswohl wird gefördert durch Volksbildung, Volksbildung ist vorzugsweise bedingt durch die Volksschule, die Leistungen der Volksschule hängen größtentheils ab von der Schuleinrichtung. Von großem Einfluß ist die innere Schuleinrichtung, hauptsächlich die Unterrichtsmethode. Zuin Verständnisse des Volksgeistes der vergangenen Jahrhunderte ist darum unumgänglich nothwendig die Kenntniß der Bildung des Volksgeistes, die Kenntniß der Geschichte der Schule. Vorliegende Skizze dürfte ein nicht unerwünschter Beitrag zu diesem Zwecke sein. Bis in's dreizehnte Jahrhundert hat es mit der Bildung des Volkes und dem, was wir Volksschule nennen, sehr traurig ausgesehen; es war weder Gelegenheit noch ein Verlangen da, etwas zu lerne,:, seinen Geist mit Kenntnissen zu bereichern. Die Klosterschulen, in denen aber nur Knaben und zwar wiederum ausschlicßstch nur für den Küchendienst in der „Kunst" des Lesens und Schreibens unterrichtet wurden, abgerechnet, gab es keine weitere Schule mehr. Auf den: Lande dauerte dieser traurige Zustand noch viel länger; denn noch im Jahre 1566 wohnte in den größeren Pfarrdörfern ein Frühmesse:', Kaplan, oder in protestantischen Ortschaften ein Diakonus, welcher, da noch kein Schulmeister vorhanden war, die Schule hielt, aber bei einer Einwohnerzahl von etwa 500 Personen, wenn es gut ging, es auf 9 bis 12 Schüler brachte. In Städten trachtete man etwas mehr nach Aufklärung, und so finden wir bereits 1400 in den meisten Städtchen Bayerns einen eigenen „schuelhalter" oder „schuelmaister", dessen Existenz aber eine nicht sehr beneidenSwerthe war, da er größtentheils von der Güte des Pfarrers abhing, der ihn: beinahe täglich zu essen gab, was später, wie es in einer Chronik von 1559 heißt, „sogar zu einer Art suris sich zu erheben ansangen thut." Oftmals kam es vor, daß die Bürgerschaft den Pfarrer zwingen wollte, daß er täglich den Schulmeister ausspeise, so daß in den meisten Fallen der Bischof sich in's Mittel legen mußte. So liegt uns ein Entscheid des Fürstbischofs Anton von Bamberg vom Jahre 1445 vor, dahingehend, daß der „vfarer den schuelhalter nur den sunntag undt in der fasten wochcnlich Drey Mahlen außsveissen müsse, so auch an denen betgängtägen, vorausgesszet, daß er dabey gegenwärtig seye und Singe." Der bisher mehr als Almosen den: Lehrer gegebene Kosttag an: Freitage ging nun in ein Gesetz über, hatte aber mehr auf die kirchlichen Verrichtungen als auf die Schule selbst Bezug. Bis zum Jahre 1500, ja noch während des Verlaufes des ganzen 16. Jahrhunderts scheint eS in den bayerischen Städten, wie heutzutage noch häufig in England, so gehalten worden zu sein, daß zwei Lehrer zu gleicher Zeit und in einem und demselben Zimmer mehrere Abtheilungen unterrichtete,:. Im 16. Jahrhundert finden wir in den Orten von 1000 bis 8000 Einwohnern meist schon zwei oder drei Lehrer und zwar nicht blos „einfache deutsche schuelhalter", sondern mitunter „exaininirte", ja öfters zum „Magistcrgrad promovirte", in: Latein ziemlich bewanderte Lehrer, nicht blos dem geistlichen, sondern auch den: weltlichen Stande angehörend. Eine städtische Faktoreistiftung von 1559 sagt: „daß früher ein knab alle vver, 262 monate hat 4 Pfennings müssen in die schuel geben undt auch das holtz selbsten zum einheitzen in die schuel hat bringen müssen, das haben die Armen burgersinann nit Ver- möget. daß also die Armen auch etwan thuen lernen kunnten, so giebt die stüfftung jährlich dem schuelhalter 12 Gulden undt lasset 40 klaffter holtz jährlich aus dem wald zue schuel führen, tuet 7 Gulden 4 Haller 13 Pfenning undt hauen, tuet 3 Gulden 2 Haller 24 Pfenning." Der Gehalt eines Lehrers war Mitte des 16. Jahrhunderts 50, später 60 Gulden nebst einer kleinen Wohnung. Die Schule wurde theils ausschließlich durch Geistliche versehen, theils war sie der bloße Ausfluß und das Anhängsel der Kirche. So ist es erklärlich, daß auf den Unterricht in der lateinischen, wo nicht mehr, so doch ebensoviel Bedacht genommen wurde wie auf den Unterricht in der deutschen Sprache. Dieser Usus wurde auch zur Zeit der Reformation besonders in simultanen Gegenden beibehalten. Wir lassen nun eine Schulordnung vom Jahre 1559 folgen. Sie lautet wie folgt: „Am montag hat der schuelhalter mit den primnnis die erst stund den Vonatum oder (IruinativLin Udilixxi oder etliche roßnlus auß dem s^ntuxi zu rLvitirLn, die übere zeit das evangeli, weliches am sunntag gewesen, zu reoitirou. die ander stund äaolinirsn und oonsuZiren, deßgleichen die rsAuIas s^iitnxsos fragen, auch sollen die knaben, waß ihnen auß den provorbis Laluiiiouis ist fürgelesen worden, einer nach dem anderen exponiren Und Verdeutschen. Der Oantor soll die erst stund die bioouinlanvs lesen hören Und ihnen eine leotiou Wiederumb auffgeben, Und waß sie dnheimd geschrieben haben, ybersehen, Und darauff die Hplraboturios (Abcschüzen) die buechstaben Und deren zusamsezung yberhören. Nachmittags soll schuelhalter Und oautor einer nach den anderen U, stund musicam lesen Und eqerzieren, mit den größeren knaben ög-ura.1 Und oiroral singen, den kleineren die noten Und die soula. kennen lernen. Nach der vesper soll der schulhalter den primuuis eine lateinische sentenz aus den Oioero oder sunstigen poöteu oder autor fürschreiben Und intsrprotireu, expmrron Und aoustruiron lassen, biß es drey schlaget, dan bethen Und Heimbgehen lassen, darausf achten, daß sie aufs der gasse'n ganz zichtig einhergehen Und die ehrachtbahren burgersleuth begrüßen Und kain unfug treiben. Der oantvr hat den seeunllunis ein kurz latein aus denen son- tsntiis, die Ixuliuann (ein berühmter Schulmann des 16. Jahrhunderts) zusamschrieben exponiren. Diser unterricht wird vortgesezet an erichtag, an niichatag Und an pfinztag, an welichen jedoch nachmitag feriä Und der badtag Wie bishero geschen, bleiben solle. (Auf das Baden der Schüler und im Allgemeinen werden wir etwas später zu sprechen kommen.) Am samstag wird lateinisch oonstruirtzt Und die anderen Zwey stunden in allen olassibus durchauß der katechismus lateinisch und deutsch auf's fleissigist exponiret. Nachmittag müssen die schüler ihre schuel reinkeren Und fegen. Die vürsteher der schuel solen dieser ordnüng zum Vertreuligsten auffwarthen, ainig mit ainander seyn, auch die hochzeitsupen wie vor alter herkhomen aufs der schuel mit ainander Und nit in Anderen häußern essen." Die Schulordnung von 1559 sagt auch noch ferners, die Knaben sollen allweg im Sommer um 6 Uhr, im Winter um 7 Uhr sämmtlich in der Schule erscheinen, dort verlesen und beim Ausbleiben ohne stattgesundene Entschuldigung ohne Unterschied von Arm oder Reich gestraft werden. Die Schule dauert alsdann im Sommer bis 9 Uhr, im Winter bis 10 Uhr, Nachmittags aber nur von 12 bis 3 Uhr. Beim Nachhausegchen soll darauf gesehen werden, daß sie nicht blos vor der Kirche, sondern auch auf der Gasse still und ordentlich sind, vor einem Kreuz, einem Muttergottesbild, den verschiedenen Heiligen sich neigen und den Hut abziehen, und auch vornehme Bürgersleute grüßen. In die Kirche sollen sie von dem Lehrer paarweise geführt, von Einem derselben dort strenge beaufsichtigt und in Gebet und Gesang angeleitet werden. Beim Anfang der Schule soll das vöui suuoto Spiritus oder das veni eroator nebst einen: iUater nostsr gebetet werden, auch abwechselnd sonstige schöne lateinische Psalmen Gott zu Ehren und der Jugend zum Besten exerziret werden, damit sie solche bei Zeiten auswendig und frugen lernen. Nach der Schule soll wieder gebetet, und es sollen Psalmen wie^das 263 schöne „6on6tomini," „Mseroro mei Osus« und dgl. gelungen werden. Die Knaben sollen in drei Klassen eingetheilt werden: primanii, Ksouiukaini und tsrtiauii. Der Organist ist nicht allein wegen der Orgel, sondern auch der Schule wegen aufgenommen; ^ derselbe hat daher im Sommer nach der Kirche von 7 bis 9 Uhr, im Winter von 8 bis ^ 10 Uhr „schuel zu sizen Und die ^ixlmliotarioa Zu Verhören Und die buechstaben an - die tabula zu schreiben, mit dein Haselstecken aufzuzeigen Und zusamsezen zu lehren." s Auch hat er diejenigen Kinder, die eine taugliche Stimme haben, auszusuchen und täglich von 11 bis 12 Uhr in der donla. zu unterweisen; dieselben müssen wenigstens gut ! lateinisch lesen lernen. Man ersieht daraus, daß der Organist der unterste und mehr für den deutschen Unterricht, der Kantor der mittlere, und der eigentliche „schuelhalter" ! oder „schuelmaister" der oberste Lehrer war; und da sich von Mädchen gar keine An- ' deutung findet, überhaupt damals noch Niemand strenge verpflichtet war, die Schule zu besuchen, so scheint man die Mädchen nicht im Lesen und Schreiben, sondern nur in der Ockonomie und dem Hauswesen, höchstens noch in der Bibel und etwas Gesang abgerichtet zu haben. Von einem Nechnungsunterrichte finden wir keine Spur. Das Schulgehen war damals auch nicht sehr angenehm, wenn wir bedenken, daß, wie wir gehört haben, bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts jeder Schüler wöchentlich einen Arm voll Holz zur Beheizung des Schulzimmers selbst mitbringen mußte, und daß von ' eigentlichen Schulbänken gar keine Rede war. Die Knaben standen und saßen auf dem ! Boden umher, schrieben an die Fensterbretter gelehnt u. s. w. Erst nach längerer Wirk- ^ samkeit der Reformation nahmen auch die Mädchen allgemeinen Antheil am Schulunterrichte, um ebenfalls wenigstens Bibel und Gesangbuch lesen zu können. : Die Schulordnung von 1559 erhielt sich im Wesentlichen, ich sage, bis zum Jahre ' 1741. Eine im letztgenannten Jahre erschienene Schulordnung sagt nämlich in 16 Ar- > tikeln wesentlich Folgendes: Die Kinder werden, wenn die Zahl zu groß ist, in drei Klassen unv Schulen getheilt, so daß der „Rektor" die erste, der „Organist" die andere, der „Meßner" die dritte, aber lauter Mägdlein habe. Die erste Klasse ist vermischt von Deutsch und Latein lernenden Knaben; der Rektor hat aber die besseren I n!>sniu zrun Latein, zum ciaoiiuirsn, conjrm'iiwn, und uu-uinontn machen, überhaupt soweit.zu bringen, daß sie in den scniünnvils der Herren l'utrss Üooivtutis (Jesuiten) bestehen können. ' (Schluß folgt.) M i s e e l l s «r. (D!as hoffnungsvolle Tiroler Büklein.) Ein Geistlicher in Tirol hatte die Kinder sehr lieb. Ging er aus, so waren seine Taschen mit gedörrten Birufchnitzen gefüllt. Eines Tages fragte er einen kleinen Buben um eine Sache und der Bursche antwortete nichts. „Bub," sagte er zum Arotzkvpf, „gib Antwort, sonst steck ich Dich in den Sack." — „Thu's," erwiderte der Bube, „ich freß' Dir deine Birnschnitzel alle." Der Hofnarr des Königs Jakob I. von England hatte einen Cavalier auf's Empfindlichste beleidigt. Dieser schwur dem Narren Tod, mit dem festen Vorsätze, ihn bei der ersten Gelegenheit zu ermorden. Der Narr eilte zum König und bat ihn um Schutz und Beistand. „Fürchte Nichts," sprach der Monarch, „wenn Dich dieser Cavalier tödtet, muß er Tags darauf hängen." — „Halten Ew. Majestät zu Gnaden," entgegnete der Narr, „wenn ich unterthänigst bitte, ihn Tags zuvor aufhängen zu lassen." (Der Instinkt.) Zwei Herren unterhielten sich in einem Gasthofe über den Instinkt der Thiere. Ein Oesterreicher, der dem Gespräch aus Ferne zugehört hatte, trat plötzlich hinzu und sagte: „Meine Herren, es is zwar halt ein Bissel unmanirli, daß i mi in Ihr Gespräch einmisch', aber i bin ein Oesterreicher, un hab g'hört, daß Sie irr sind. Es is halt nit der Jnn, der stinkt, es is der Mühlgraben. Meister Gerhard von Köln, der erste Baumei 'ter des Domes.*) Wenn in den linden Vollmondnächten Die Nebel lagern über'm Rhein Und graue Silberfäden flechten Ein Flore,ewand dem Heil'genschrein: Es träumt die Waldung, duftumsäumt, ES träumt die dunkle Fluthenschlange, Der milde Wein verwelkt am Hange, Und rauscht und träumt. Tief zieht die Nacht den feuchten Odem, Des Waldes Gräser zucken matt, Und ein zcrhauchter Grabesbrodem Liegt über der entschlaf'nen Stadt: Sie hört das Schlummerlied der Well'n, Das leise murmelnde Geschäume, Und tiefer, tiefer sinkt in Träume Das alte Köln. Dort, wo die graue Kathedrale, Ein riesenhafter Zeitentraum, Entsteigt dem düstern Trümmermale Der Macht, die auch zerrann wie Schaum — Dort, in der Scheibe Purpurrund, Hat taumelnd sich der Strahl gegossen. Und sinkt und sinkt, in Traum zerflossen. Bis auf den Grund. Der Ampel Schein verlosch: im Schiffe Schlaft halbgeschlossen Blum' und Kraut; Wie nackt gespülte Uferriffe Die Streben lehnen, tief ergraut; Anschwellend zum Altare dort, Dann aufwärts.dehnend, lang gezogen. Schlingen die Häupter sie zu Bogen Und schlummern fort. Und immer schwerer will es rinnen Von Quader, Säulenknauf und Schaft, Und in den: Stahle will's gewinnen Ein dunstig Leben, geisterhaft: Da horch! es dröhnt im Thurme — ha! Die Glocke summt — da leise säuselt Der Dunst, er zuckst, wimmelt, kräuselt — Nun steht er da! — Ein Nebelmäntlcin umgeschlagen, Ein graues-Käppchen, grau Gewand, Am grauen Halse grauer Kragen, Das Richtmaß in der Aschenhand, Durch seine Glieder zitternd geht Der strahl wie in verhaltner Trauer, Doch aii dem Estrich, an der Mauer, Kein Schatten steht. Es wiegt das Haupt nach allen Seiten, Unhörbar schwebt es durch den Raum, Nun sieh es um die Säulen gleiten! Nun fährt es an der Orgel Saum; Und aller Orten legt es an Sein Richtmaß, webert auf und nieder, Und leise zuckt das Spiel der Glieder, Wie Rauch im Tann. War das der Nacht gewalt'ger Odem? — Ein weit zerfloss'ner Seufzerhall, Ein Zitterlaut, ein Grabesbrodem Durchquillt die öden Räume all: Und an der Pforte, himmelan Das Mäunlein ringt die Hand, die fahle, Dann geleitet's aufwärts am Portale — Es steht am Krähn. Und über die entschlaf'nen Wellen Die Hand es mit dem Richtmaß streckt; Ihr Schlangenleib beginnt zu schwellen, Sie brodeln auf, wie halb geweckt. AIs drüber nun die Stimme tönt, Ein dumpf verhallend, fern Getöse, Als wenn ein Donnergroll'n sich löse, Und träumend dröhnt: „Ich habe diesen Bau gestellt. Ich bin der Geist vergangner Jahre: Weh! Dieses dumpfe Schlummerfeld Ist schlimmer noch als Todtenbahre! O mann, wann steigt die Stunde auf, Wo ich soll lang Begrab'nes schauen? Mein starker Strom, ihr meine Gauen, Wann wacht ihr auf?" „Ich bin der Wächter an dein Thurm, Mein Ruf sind Felsenhieroglyphen, Mein Hornespoß der Zeitensturm, Allein sie schliefen, schliefen, schliefen! Und schlafen fort, ich höre nicht Den Meißel klingen am Gesteine, Wo tausend Hände sind wie eine, Ich hör' es nicht!" „Und kann nicht ruh'n, ich sehe dann Zuvor den alten Krähn sich regen, Daß ich mein treues Richtmaß kann In eine treue Rechte legen! Wenn durch das Land ein Handschlag schallt, Wie einer alle Pulse klopfen, Ein Strom die Millionen Tropfen—" — Da rosig wallt Im Osten auf des Frühroths Fahne, Und, ein zerfloss'ner Nebelstrsif, Der Meister fährt empor am Krahne: — Mit Näderknarren und Gepkeif Beginnt dort Arbeit, Alles räumt Gebälk und Steine, um zu bauen — Er sieht den Dom im Rhein, dem blauen; Wie er geträumt, Sieht er den Wunderbau vollendet. Wie ein erhab'nes Himmelsthor; Jedwedes Auge blickt geblendet Zu seiner Wolkenhöh' empor. Dort oben glänzt des Kreuzes Blume — Verklärung spendet sie dem Stein, Sie scheint in Deutschlands Heiligthums Zu Köln am Rhein! *) Dieses Gedicht, schreibt Fr. v. Hohenhausen, welcher dasselbe im „Hannover'schen Kourier" veröffentlicht, übergab mir einst Deutschlands größte Dichterin, Annette Elisabeth v. Droste-Hülshosf, mit dem Auftrage, einen Schluß binzuzusügen und es drucken zu lassen, wenn der Schlußstein des Domes gelegt werde. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. M. Hnltier. Nr. 34. 1880. M „Angstmrger Postzeitung." Mittwoch, 27. Oktober Die Freude, sie schwindet, es dauert kein Leid; Die Fahre verrauschen im Strome der Zeit; Die Sonne wird sterben, die Erde vergehen: Doch Liebe inust ewig und ewig bestehen. , » v. Matthisson. Hildegard. Criminal-Novelle von Theodor Küster. (Fortsetzung.) Der Morgen kam endlich — nach einer Nacht, in der Becker nicht einen Augenblick Schlaf gehabt. Der kleine Ernst bereitete leise und oft schluchzend das Frühstück, giitg dann zur Schule und der arme Blinde blieb wieder allein mit seiner Angst, seinen quälenden Vorstellungen und seiner Sorge um die unglückliche, geliebte Tochter. Still saß er in seinem Lehnstuhl und horchte auf jeden Schritt und Tritt, auf das kleinste Geräusch; er kannte den leisen Gang seines Kindes ja so genau; doch Hildegard kam nicht. — Und Niemand kam, der ihm Nachricht von ihr brachte! Am Abend der Verhaftung Hildegard's hatte Becker zu dein einzigen ihm treu gebliebenen Freunde, dem Maler Krelle, geschickt, um ihn von dem Geschehenen in Kenntniß zu setzen. Der Freund kam sofort, suchte den Armen zu trösten und sprach auch seinerseits die positive Ueberzeugung aus, daß Hildegard unfähig und unschuldig sei des ihr zur Last gelegten Verbrechens; sie werde zweifelsohne ibre Unschuld bald genug auch beweisen können und zu den Ihrigen dann zurückkehren. Krelle bot seine Dienste an, um die Copie der „Tochter Tizian's" zu vollende!:, damit der arme Vater vor Noth geschützt sei bis Hildegard wiederkehre. Da endlich nahten sich Schritte, und es ward an die Thüre geklopft. „Herein!" rief der Blinde, all' seinen Muth zusammennehmend, doch mit bebender Stimme. Seilte lichtleeren Augen hingen an der Thür, als könnten sie den Eintretenden erkennen. „Ich bin es, Herr Becker, Consul Walter", sagte dieser. „Ich komme soeben von der Kunsthnlle und bin erstaunt, an Ihrer Tochter Bild einen Fremden arbeitend gefunden zu haben. Ich hatte die Absicht, noch Einiges mit Fräulein Becker in Betreff der Copie des „Murillo" zu besprechen, welche sie für mich anzufertigen bereit erklärt hat. „Meine Tochter — meine Tochter wollen Sie sprechen?!" rief der arme Vater, sich erhebend. „So wissen Sie nicht, Herr Consul . . . ." — Er konnte nicht weiter sprechen, der Unglückliche; laut schluchzend sank er in den Lehnstuhl zurück. Bestürzt eilte William auf den Maler zu, mit vor Schreck zitternder Stimme fragte er: „Was ist mit ihr? — Ist Ihre Tochter krank, sehr krank, vielleicht gefährlich?! — Sagen Sie es mir denn ich kann die Ungewißheit nicht ertragen!" Erstaunt richtete Becker den Kopf auf; dieser vornehme, fremde junge Mann fragte so leidenschaftlich erregt, so ängstlich nach seiner Hildegard .... — Was hatte er nur, was konnte ihn dazu bewegen? — Sein Gesicht wurde ernst und ziemlich kalt fragte er zurück: „Kannten Sie denn mein Kind näher?" „Ja und nein", erwiderte William, doch besorgt fügte er hinzu: „Sagen Sie mir, was mit ihr ist!" „Sie wurde gestern Abend verhaftet, eines Diebstahls — ich glaube eines Bildes — in der Kunsthalle beschuldigt; den „Murillo", den sie für Sie copiren sollte, soll sie gestohlen haben. ..." — „Unmöglich!" rief der junge Walter bestürzt. „O, unmöglich ist es durchaus nicht, daß der Verdacht zuerst ein armes junges Mädchen trifft, welches sich Tag um Tag abquält, um Brod für seinen Vater und seinen jungen Bruder zu verdienen! — Auf wen sonst als auf die Armen fällt zuerst der Verdacht eines Verbrechens?!" schloß der Blinde, mehr zu sich selbst als zu dem Besucher sprechend. „Sie, eine Diebin?!" rief William empört. „Nein, das kann Niemand glauben, der in dies reine, sanfte, duldende Antlitz je geblickt hat! — Lächerlich, einen Verdacht nur auf sie zu lenken! — Wer hat das gethan? — Wer hat Ihre Tochter beschuldigt?" Die mageren Hände des Blinden streckten sich nach der Richtung hin aus, wo der Consul stand, und mit nahezu wahnsinnigem Ausdruck fragte er: „Haben Sie noch nie von unschuldig Verurtheilten gehört? — Wenn man sie, wenn man meine Hildegard verurtheilen könnte, es wäre mein Tod!" Der Anblick des unglücklichen, verzweifelnden Mannes schnitt William in die Seele und erfüllte ihn mit höchstem Mitleid. Er ergriff die bleichen, kalten Hände und sagte freundlich: „Beruhigen Sie sich, Herr Becker, dazu kann es nicht kommen. Ich werde mich sogleich nach all' den näheren Umständen erkundigen und Ihnen hoffentlich gute Nachrichten bringen. Ich habe Ihre Tochter lange Zeit beobachtet; ihr stilles, sanftes Wesen, ihr Fleiß und die Würde, mit welcher sie ihr Leid trug, haben mein ganzes Interesse für sie rege gemacht, und ich werde deshalb auch jetzt für sie wirken, um sie Ihnen mit Gottes Hülfe bald wieder zuführen zu können. William Walter hielt Wort. Den besten, anerkannt tüchtigsten Vertheidiger engagirte er für Hildegard, kein Geld schonte er, um die Unschuld des unglücklichen jungen Mädchens zu erweisen; allein Wochen, ja Monate schließlich, vergingen erfolglos, Hildegard Becker ward nicht aus der Untersuchungshaft entlassen, und der „Murillo" war und blieb verschwunden. Endlich, nach beinahe vier langen Monaten, ward der Verhandlungstermin in der Sache vor dem Schwurgericht angesetzt. Es war dies ein Tag der Angst und bangen Sorge für alle Diejenigen, welche an dem jungen Mädchen Antheil nahmen. Es war ein rührendes Bild des Unglücks, als die todtbleiche Hildegard in stiller Resignation auf der Anklagebank saß. Ein mitleidiges Murmeln ging durch die versammelten Zuschauer. Leise, kaum vernehmbar beantwortete sie die von dem Präsidenten an sie gerichteten Fragen, dann saß sie wieder still, wie theilnahmslos da, ihre großen, traurigen Augen nur hingen fragend an den Lippen der Zeugen, welche wider sie aussagten. Wie in eiAem bösen Traume befangen hörte sie alle jene sich so verhangnißvoll für sie gestaltenden Umstände an, welche seitens der Anklage gegen sie vorgebracht und durch mehrere Zeugen bestätigt wurden. Der Castellnn der Galerie, Wesselmann, mußte eidlich aussagen, daß er das verschwundene Bild von „Murillo" noch um zehn Uhr in dem kleinen Zimmer gesehen, nachdem er im Vorübergehen einige Worte mit der dort arbeitenden Hildegard Becker gewechselt; er mußte zugeben, daß die Angeklagte heimlich, gegen die Vorschriften des Reglements und ohne die für einen Ausnahmefall vorgesehene besondere Erlaubniß des 267 Jnspectors Schramm wiederholt dort gearbeitet, daß sie sorgar ein Gewicht darauf gelegt habe, er — der Castellan — möge den Jnspcctor nichts von ihrer Anwesenheit dort wissen lassen, sobald diese in die Zeit vor elf Uhr Vormittags fiel. Dann ward der Jnspector selbst aufgerufen und sagte aus, wie er an dem fraglichen Tage, etwa eine halbe Stunde vor der Eröffnung der Galerie für das Publikum, die Angeklagte eilig und sichtlich ängstlich sich habe entfernen sehen, auch bemerkt habe, daß sie einen viereckigen Gegenstand unter ihrem Shawltuch verborgen. Dasselbe bezeugten auch die beiden Arbeiter, welche unter des Jnspectors Anleitung die in dem Placement der Bilder wünschenswerthe Veränderung vorgenommen hatten; kaum eine halbe Stunde nach der Eröffnung der Galerie und als die Angeklagte bereits wieder bei ihrer Arbeit gesessen, sei das Verschwinden des „Murillo" entdeckt worden, noch ehe einer der fremden Besucher sich entfernt gehabt. Hildegard's Vertheidiger nahin ein Kreuzverhör mit Jnspector Schramm vor und fragte ihn unter Andern:, ob er nicht am Tage vor dem Verschwinden des Bildes und der gegen Hildegard Becker durch ihn selbst erhobenen Anklage in der Wohnung derselben gewesen sei und was ihn dahin geführt habe. Sichtlich unangenehm über diese Frage überrascht, mußte nichtsdestoweniger der Jnspector zugeben, was- ihn dorthin geführt, zugeben, daß er sich bei Hildegard einen Korb geholt hatte. Der Vertheidiger blickte in Folge dessen mit deutlicher, sprechender Geberde auf die Geschworenen. Doch Jnspector Schramm rächte sich. Er fragte den Präsidenten, ob er, abgesehen von Beantwortung der durch Anklage und Vertheidigung an ihn gerichteten Fragen, noch eine Aussage machen dürfe, die wahrscheinlich ein neues Licht auf den Fall werfen würde. Auf die bejahende Antwort sagte er Folgendes: „Vor etwa vier Wochen wandte sich ein Engländer, dessen Namen ich nicht anzugeben weiß, mit der Frage an mich, ob der nunmehr verschwundene „Murillo" verkäuflich sei. Ich erklärte ihm, es könne davon gar nicht die Rede sein, verwies ihn im klebrigen, um den sehr Zudringlichen loszuwerden, an Herrn Senator Hochstäiten als leitenden Director unserer Sammlung. Sollte der Engländer sich an den Herrn Senator in dieser Angelegenheit ebenfalls gewendet haben, was ich bei der Ausdauer der Herren Engländer und bei ihrem Wahn, daß ihr Geld ihnen alle Wege ebnen müsse, kaum bezweifle, so würde Herr Senator Hochstättcn im Stande sein, diese meine Aussage aus welcher ich weitere Folgerungen nicht ziehen mag, zu bestätigen." Diese Deposition des Jnspectors machte einen peinlichen, unangenehmen Eindruck; indessen überwog sichtlich der Ekel vor dem Charakter des Mannes, der sich nicht entblödete, so offen Rache zu nehmen für den ihm ertheilten Korb, und es schien, als ob weder der Gerichtshof, noch der Staatsanwalt, noch die Geschworenen -und der Vertheidiger Werth legten auf den hämischen Schlußsatz. Der Vertheidiger unterließ jedoch nicht zu bemerken, daß eben dieser Schlußsatz einer Folgerung, also einer gehässigen Anklage, zu der der Zeuge auch nicht die mindeste Berechtigung habe, gleichkäme, und ersuchte den Präsidenten, dies auszusprechen, was auch geschah. Hildegard's Vertheidiger rccapitulirte alsdann die Verdachtsmomente, welche er mit ebenso viel Glück als durchaus unzutreffend, unstichhaltig und sehr gewagt, lediglich durch die Rache dictirt hinstellte, und denen er das offen wie ein Buch daliegende Vorleben der Angeklagten gegenüberhielt, welches auch nicht den leisesten Makel an ihr entdecken lasse. — „Im Gegentheil, meine Herren Geschworenen", sagte er, „Sie haben hier ein junges Mädchen vor sich, dessen ganze Vergangenheit, dessen aufopfernde Thätigkeit für seinen erblindeten Vater und seinen jungen Bruder reichlich für seinen sittlichen Werth spricht. Hildegard Becker ist in ihren: still-bescheidenen Wirkungskreise eine Heldin und unser Aller Bewunderung werth! — Man mußte hier einen Sündenbock haben, und Rache» Haß und Neid verbanden sich, ihn in dem schuldlosen Opfer der Verhältnisse zu suchen und zu finden!— Gott mag wissen, wer diesen Diebstahl verübt hat; Hildegard Becker hat ihn nicht verübt! — Davon bin ich, davon sind Sie, meine Herren Geschworenen, davon ist auch — ich glaube es sest — der hohe Gerichtshof überzeugt, und ich bitte Sie, die schuldlos Angeklagte kostenlos freizusprechen!" Und Hildegard ward freigesprochen — unter donnerndem Applaus des Publikums, einstimmig, trotz einer Replik des Staatsanwalts, der der Vertheidiger nur als Duplik erwiderte: „Ich habe dem bereits Gesagten nichts mehr hinzuzufügen!" Freigesprochen! - Wie beseligend klang dies Wort in Hildegard's Ohr! — Sie konnte zu ihren! Vater, ihrem Bruder zurückkehren und wieder, wie früher, für sie arbeiten. Das arme Kind ahnte nicht, daß trotz Alledem nun ein böser Makel an ihr haftete ; sie wußte nicht, was es heißt, als Angeklagte eines entehrenden Verbrechens vor den Schranken eines Schwurgcrichtshofes gestanden zu haben! — wußte nicht was es heißt, wegen ungenügender Beweiskraft freigesprochen zu sein! — Sie wußte auch nicht, daß jener böse Makel so lange an ihrem Namen haften werde, als der wirkliche Dieb nicht gefunden werden konnte. Der Sitzungssaal hatte sich geleert. Hildegard wurde von ihrem alten, treuen Lehrer, dem Maler Krelle, ihrem blinden Vater zurückgebracht. Es war ein Wiedersehen voll Freude und Thränen; auch William Walter kam noch an demselben Tage, um Hildegard zu ihrer Freisprechung zu gratuliren. Mit einfachen, innigen Worten dankte das gluthübergoffene Mädchen dem jungen Mann für Alles, was er für sie gethan. Einen Moment hielt William die Hand des schönen Mädchens in der seinen, sein Blick,voll Trauer und doch voll unermeßlicher Liebe ließ sie die Augen niederschlagen, während ihre Hand leise erzitterte. Gewaltsam kämpfte er seine Erregung nieder. „Den „Murillo" kann ich nun nicht für Sie copircn", sagte bitter lächelnd Hildegard; „überhaupt werde ich in der Galerie nicht mehr arbeiten können, denn ich glaube kaum, daß man es gestatten würde, wollte ich auch darum bitten." „So malen Sie mir irgend Etwas", erwiderte der junge Consul, „aus eigener Phantasie oder Idee! — Ich bin fest überzeugt, Ihr Talent wird Sie etwas recht Gutes, Ansprechendes schaffen lassen." William war nicht zu bewegen, die Summe wieder zurückzunehmen, welche er damals als Bestellgeld für die Copie des „Murillo" gezahlt hatte, so dringend Hildegard und ihr Vater ihn auch baten. Unberührt lag das Geld noch da; der arme Maler hielt sich ohnehin dem jungen Consul tief verschuldet für Alles, was dieser im Interesse seiner Tochter gethan hatte — und das war in der That auch nicht wenig gewesen. Die Senatorin Erkens, für welche Hildegard die „Tochter Tizian'S" gemalt hatte, verdoppelte die versprochene Summe, denn die Arbeit der jungen Künstlerin war in der That eine Meisterleistung geworden. Vor der ersten Noth war die Familie Becker nun geschützt. Sie hatte die enge Wohnung in dem obscuren Stadtviertel verlassen, denn es war Hildegard unmöglich, die hämischen Blicke und lieblosen Worte der Nachbarschaft, welche sie immer noch für die Diebin des „Murillo" hielt, länger zu ertragen. Die Senatorin Erkens hatte ihr ein kleines Atelier einrichten lassen in der neuen Wohnung; sie war offen Hildegard's Gön- nerin geblieben und hatte ihr versprochen, sie auf's Wärmste unter ihren Bekannten zu empfehlen. Hildegard arbeitete fleißig. Allein seit dieser Unglückszeit schien ein dunkler Schatten auf dem sonst so sanft-zufriedenen Mädchen zu liegen; sie war still, und ihre Unterhaltung mit dem Vater beschränkte sie auf das Nothwendige; stundenlang saß sie oft nachdenklich da, und obgleich ihre äußere Lage jetzt ungleich günstiger war, denn je zuvor, ward sie doch von Tag zu Tag bleicher. William Walter hatte Hildegard seit dem Tage ihrer Freisprechung nicht wieder- 269 gesehen; sie hatte immer auf seinen Besuch gehofft, allein vergeblich. Sie schalt sich eine Thörin, daß sie einen Augenblick nur geglaubt, mehr als gewöhnliches Mitleid habe ihn veranlaßt, so wie er gethan zu handeln. Und doch wieder sagte ihr das Herz, daß es mehr sei als Mitleid, was aus seinen Augen so oft zu ihr gesprochen; aber das berechtigte sie ja noch keineswegs, seligen, hoffnungsreichen Träumen sich hinzugeben, wie sie es trotzdem that — gegen ihren Willen that, und so folgte denn auf die kurze Zeit seligen Glücks und Liebeshoffens — bittere Enttäuschung; von William Walter hörte sie nichts, und er ließ sich auch nicht bei ihnen sehen. Nun begann Hildegard sich wieder Vorwürfe zu machen, daß sie der großen Kluft nicht gedacht, welche zwischen ihrer und des jungen Consuls socialer Stellung lag; sie eine arme Malerin, er der reiche Kaufmanns- und Hamburger Patriciersohn, was konnten sie gemein haben? — Und wenn er wirklich tiefer für sie empfunden, konnte sie es ihm verargen, wenn seine Vernunft endlich groß genug war, das Thörichte einer solchen Liebe einzusehen? Mußte sie ihm nicht im Gegentheil dankbar sein, daß er sie nicht mit Liebe verfolgte, da er ja doch kein ernstliches Band für's Leben mit ihr knüpfen konnte? Ein reizendes kleines Genrebild — „ein Pracht- und Cabinetstück", wie Freund Krelle enthusiastisch versicherte — hatte sie für William Walter in Arbeit, um ihre Schuld gegen ihn zu tilgen. Manche kleine Gemälde hatte sie vortheilhaft verkauft und damit jede Sorge aus dem kleinen Haushalt gebannt. Der arme blinde Vater schüttelte wohl oft den Kopf über die Veränderung, welche seit der Verhaftung, wie er glaubte, mit seinem Kinde vorgegangen war. Wenn er in sie drang zu vergessen, was nun einmal sich nicht ändern lasse, ihr sagte, wie sie doch von allen ihren Freunden unb Bekannten- noch ebenso geachtet sei, wie früher, ehe ein Verdacht auf sie gefallen; dann schmiegte Hildegard sich an den Vater und sagte ihm, daß sie ja ganz zufrieden und glücklich sei, und Becker sah nicht "die thränenumflorten Augen, welche ihre Worte Lügen straften. * * * Auch im Hause des alten Generalkonsul Walter war Manches anders geworden. — Der noch vor wenigen Monaten so rüstige Greis war sichtlich zusammengesunken, und eine nervöse, auch in seinen Zügen erkennbare Unruhe beherrschte ihn. Die „Frau Consulin" hatte Vieles von ihrer so wohleonservirten Frische und von ihrer bisherigen guten Aussehen vorloren, und das strenge Gesicht war noch kälter, gemessener geworden, peinlicher noch als früher beobachtete sie die große Sorgfalt auf alles Aeußerliche. Auch William war vorwiegend ernst und nachdenklich; nur Eugenie Delahaye war — wie sie immer gewesen — auch jetzt noch das sorglose, glücklich launenhafte Wesen. Die seit beinahe einem Jahrhundert bestehende Firma „W. Walter äk Sohn" war in ihren Grundvesten erschüttert; Schlag auf Schlag waren die Hiobsbotschaften eingetroffen, und Häuser, welche bis dahin unzweifelhaft sicher gestanden hatten, waren in den Sturz anderer mit hinein gerissen worden. Von Tag zu Tag düsterer und drohender gestaltete sich der Horizont der Handclswelt; der heute noch stolze, selbstbewußte Kaufherr konnte morgen, übermorgen zum Bettler geworden sein — durch den Fall Anderer. Es war eine commcrcielle Krisis hereingebrochen, wie selten, und der Herd derselben lag rüben, düber dem Ocean, in Amerika. Kein Freund traute fast mehr dem andern in der Handelswelt, der Credit war abgeschnitten, das Kapital hielt zurück, denn Jeder mußte selbst für alle Eventualitäten gewappnet sein. — Anfänglich waren es nur unbedeutende Verluste gewesen, welche das Haus „W. Walter L Sohn" getroffen hatten, doch immer häufiger sich wiederholend und immer empfindlicher wurden sie, und endlich stand auch das alte, solide Haus vor einer drohenden Krisis. Schweigsam saßeir, Vater und Sohn im Zimmer des Ersteren sich gegenüber. Der Telegraph hatte eben wieder den für diese schwere Zeit zehnfach empfindlichen Verlust 270 einer bedeutenden überseeischen Forderung gemeldet. Gebeugt schwer athmend saß der alte Herr in seinem Lehnstuhl. Auch für ihn mußte, wenn der düstere Horizont sich nicht bald aufhellte, der Todesstoß des reellen Kaufmannes — die Insolvenz — in kürzester Frist da sein. Und Rettung sah er nirgends; das einzige Mittel, welches ihm Hülfe bringen konnte, durste er «icht ergreifen, denn es wäre ja identisch gewesen mit der Vernichtung des Lebensglücks seines Sohnes, seines einzigen Kindes. ^ Engenicn'S Vater hatte mit ihm viel verloren, doch lagen die Verhältnisse drüben ! anders, als hier. Der Generalconsul wußte, daß Herr Delahaye allein im Stande war, ihn in dieser schweren Zeit zu halten; diese umfassende Hülfe war nur dann selbstverständlich und außer Zweifel, wenn William und Eugenik ein Paar wurden. Dieser Fall, von den beiden Vütern schon im Voraus in's Auge gefaßt, sollte des jungen ConsulS ! Uebersiedelung nach Amerika und die Uebernahme des Delahaye'schen Geschäftshauses ! dort zur Folge haben, da William' als dessen Erbe bestimmt war und dann in den Besitz einer der reichsten und bedeutendsten Firmen Südamerika's kam. (Fortsetzung folgt.) > Daö Schulwesen in Bayern zur sogenannten guten, alten Zeit. Eine kulturhistorische Studie nach einer alten Chronik von Dr. xkil Franz Beda Stubenvoll. (Schluß.) Die Alumnen, welche des Aufwartens (Ministrantendienst) wegen einige Bestallung haben, sollen in der Schule, Kirche und auf der Gasse ein gutes Exempel geben; ihre Musik und Nesponsoria fleißig lernen, und je Einer bei der Provisur mit auf's Land ' gehen, in der Stadt aber alle zusammen und dort auferbaulich vor dein Krankenhause i absingen. Auch sollen sie wöchentlich zweimal den Schulherren frische Ruthen einliefern. Zur Christenlehre sollen die Schullehrcr ihre Kinder paarweise zur Kirche führen; welche Kinder ausbleiben, müssen jedesmal einen Groschen Strafe zahlen. Die Lehrer wurden größtentheils alle Jahre wieder frisch „gedingt" oder entlassen; manchmal auch nur ein Viertel- oder Halbjahr zur Probe angenommen. So sagt ein. Stadtordnungsbuch vom Jahre 1581: „Dieweilen Von einem erbahren rat Und burger- schafft Und ihren vorclteren fast alle geistlichen stüfftungen herkhommen Und kürchen Und schueldiener Underhalten Werden; so haben sie auch daß recht, bemeldte bedienste auff > Und Anzuwerben oder zne entlassen." . . Die Schulrektoren waren meist graduirte Magister. 1554 hatte ein Schulrcltor ! 70 fl., 1574 der unterste Lehrer 52 fl. Jahresbesoldung, an Holz und Streu 2 fl., i davon er seine und des Kantors Schule heizen solle u. s. f. Anno 1586 heißt es ! in unsrer Chronik über die Verrichtung eines neuen Lehrers für die unterste Klasse: „so lange man täglich das frühambt bey der kürchen hält, soll er die Hauptstuck christlicher lehr durchnemben; ant michatag gehen die drey olaaso« in die predig, da wechselt er wöchentlich mit dem Onntor ab, ebenso an der freytagspredig in der fasten, sowie ^ undcr dene suntagsprcdigen im winter. am sambstag, suntag Und pfinsttag solle er dcne vespsris anwohnen; auch möge er da die jezige teutsche schuel eingehn, dene khinder, so ! es begehren, teutsch lernen." - tz, Die sogenannten „armen Schüler" erhielten sich in vielen Gegenden bis in unser I Jahrhundert herein wenigstens dem Namen nach. Anfangs waren sie Diener der Kirche, > indem sie als Ministranten, als Singknaben, Laternen-, Kreuz- und Fahnenträger fun- ! giren'mußten, wofür sie ein kleines Jahrgeld, bei Leichenbegängnissen Bier und Brod, ^ bei Hochzeiten Trinkgelder erhielten. In der Charwoche führten sie die ganze Schul- ^ fugend durch die Stadt mit „Ratschen und Hampeln", um unter Gelärm und Geschrei das erste und zweite Zeichen zum Gottesdienste zu geben. Unter Tags besorgten sie in ^ derselben Woche das Äufzündcn der farbigen Kugeln am sogenannten hl. Grabe und ! fangen hie und da ein Klagelied dabei; dafür sammelten sie sich als „Wächter des heil. 271 Grabes" bei Bürgers- und Bauersleuten am Charsamstage Ostereier. Später wurden sie bloße Singknaben auf dein Chor, wurden aber ihres geringen Singeifers wegen häufig durch Mädchen ersetzt. , Der Gebrauch, daß an den deutschen Schulen die Schüler der oberen Klasse durch den „Rektor" in der lateinischen Sprache unterrichtet wurden, erhielt sich bis in das ! gegenwärtige Jahrhundert herein. Bis zum Jahre 1825 wurde an den bayerischen p Städteschulen theilweise darauf gesehen, daß der zeitliche Rektor eine derartige Bildung j besaß, daß er Knaben, die sich später dem Studium zu widmen gedachten, in den An- ! fangsgründen der lateinischen Sprache unterrichten konnte. Auch die Schuldisziplin war bei Beginn unseres Jahrhunderts noch eine sehr schwankende und hing lediglich von der Fähigkeit, dem Pflichteifer und der Liebe des einzelnen Lehrers zu seinem Amte ab. Ein ! positiver Schulzwang war noch nicht vorhanden; daher wurde von vernachlässigten Kindern der Schulbesuch entweder ganz unterlassen oder war so mangelhaft, daß sie es nicht einmal zum Lesen oder Schreiben brachten; von einem höheren Unterrichte war ohnehin nicht die Rede, wenn wir wissen, daß nach dem Lehrplane der Jesuiten selbst an den Gymnasien und Mittelschulen ein Unterricht in der Geschichte erst seit dem Jahre 1725 ertheilt, in der Mathematik lange Zeit bloß die Elemente der Arithmetik gelehrt wurden, physikalische Versuche und Unterricht in der Welt- oder Sternkunde gar erst seit 1754 sich finden. Daß in den „deutschen" Schulen die deutsche Sprache wenig gepflegt wurde, wissen wir bereits; die deutsche Sprache hatte sich noch nicht zur Würde einer Büchersprache gebildet und erhoben. Erst dann, als durch Opitz, Kaniz die deutsche Sprache emporkam und Gellert, Hagedorn, Kleist und Klopstock Meisterwerke in deutscher Sprache schrieben, fingen auch die Jesuiten an, in ihren Mittelschulen die deutsche Sprache nach ^ Regeln zu lehren und ihre Schüler in deutschen prosaischen Aufsätzen und deutscher Dichtkunst zu üben. Erst 1717 schrieb der Jesuit und Professor der Logik in Jngolstadt, k Fränklin, seine „Anfangsgründe der deutschen Sprache"; ein Gleiches that der Jesuit Weitenauer. Wie die alte verjährte Unterrichtsmethode, so erhielten sich auch verschiedene alte Gewohnheiten des 15. und 16. Jahrhunderts bis in das gegenwärtige Jahrhundert herein. So, um nur einige namhaft zu machen, das sogenannte Eselreiten, das Hinaussitzen auf den Schandplatz, wobei dein Sträflinge lange Eselsohren aus Papier aufgesetzt wurden, das Ohrenzausen, das Beuteln an den Haaren u. s. w. Bei Beginn der Fastnachts- fcicrtage fand das sogenannte Auspeitschen statt; es wurde nämlich eine Bank vor die Schulzimmerthüre gestellt, durch welche jeder Schüler einzeln kriechen mußte, wobei ihm der Lehrer mit einem Stückchen einige Hiebe gab. Jeder Schüler zahlte dabei einen Auspeitschkreuzer. Indem an diesen und ähnlichen Mißbräuchen zähe festgehalten wurde, ist leider ein guter, für die Gesundheit der Schüler sehr vorlheilhafter Gebrauch der , der früheren Jahrhunderte verloren gegangen, der Gebrauch der sogenannten Schulbäder. ! Das Baden war im Mittelalter allgemeine Sitte wie Schröpfen und Aderlaß, j und war bei der in den Wohnungen herrschenden Unreinlichkeit zur Gesundheit sehr noth- - > wendig. In den Städten wurden eigene Badestuben errichtet, in welchey die Geschlechter ! getrennt badeten, und wo Zugleich geschröpft und zur Ader gelassen wurde. Man badete 1 gewöhnlich des Sonnabends. Eine Hochzeit wurde nicht gefeiert, bevor nicht Braut nnd i Bräutigam und alle Hochzeitgäste gebadet hatten. Alle Sonnabende zogen die Lehrlinge w der Bader mit klingenden Becken durch die Straßen, um zum Baden aufzufordern. ! Selbst das kleinste Städtchen hatte seine zwei bis drei Badestuben. Während die erwachsenen Personen am Sonnabend in die Badestuben gingen, um sich zu reinigen, wurden für die Schulkinder allenthalben am Donnerstag Nachmittags die Vadestuben bereit gehalten; doch verlor sich diese lobenswerthe Sitte schon gegen Ende des 16. Jahrhunderts. (Südd. Pr.) j l Mi seelle l (Der Richter und die Fliege.) Ein Ungar ließ sich bei einem Bäcker einen i Schweinsschinken backen; der Letztere schnitt jedoch ein großes Stück davon herunter, s Als der erste dies bemerkte, verlangte er, daß der Bäcker ihm den Schaden ersetzen müsse, ^ widrigenfalls er ihn verklagen werde. Dieser lief schnell zum Richter und machte ihm sehr schöne und große Bretzeln zum Präsent. Der Ungar klagte und wurde mit dem > Beklagten zusammen vorgeladen. Der Bäcker entschuldigte sich und sagte, die Fliegen ! hätten das Loch in den Braten gefressen. Da gab der Richter den Bescheid und be- : deutete dem Ungar: „Haben es die Fliegen gethan, so habt ihr mit dem Bäcker nichts weiter zu schaffen; rächt Euch an den Fliegen und schlagt sie todt, wo Ihr sie nur iminer findet." Da sah der eben ab- und zur Ruhe verwiesene Ungdr eine Fliege auf dem Angesichts des Richters sitzen. Ohne alle Umstände schlug er diesen mit der Faust auf ! die Nase, daß das Blut herausspritzte und rief: ,/Iei'oinoU tu! is sich da eine Fliege." , (Beim theoretischen Examen fragte der Oberst einen Soldaten: „ Was hast i Du zu thun, mein Sohn, wenn Du als Schildwache vor einer Wache stehest, und es 1 kommt ein Stabsoffizier?" — „Dann ruf' ich heraus" erwiderte der Gefragte. „Ganz ) richtig, mein Sohn," sagte der Oberst. „Was thust Du, wenn sich ein Haufe Besoffener der Wache mit großem Lärm nähert?" — „Dann ruf' ich heraus," erwiderte der Soldat. „Aber weßhalb?" fragte der Oberst weiter. Das wußte der Soldat nicht mehr, aber er wußte, daß er vor einem Stabsoffizier herausrufen mußte, und antwortete deßhalb rasch: „Ja es könnten ein Paar Stabsoffiziere darunter sein." Ein listiger junger Mensch hatte von Jemand eine Summe Geldes entlehnt, und in dem Wechsel die Rückzahlung auf acht Tage nach dem Feste des hl. Lucian gesetzt, i Der treuherzige Darleiher sah nach einigen Minuten im Kalender nach, fand aber darin e keinen Heiligen dieses Namens. Da jener in Güte nicht zahlen wollte, so kam die Sache l vor den Richter, welcher also entschied: „Da der Lneian, nach des Schuldners Versichern, i ein Heiliger ist, sein Tag aber im Kalender nicht besonders bezeichnet ist, so muß er j wohl unter allen Heiligen mitbegriffen sein, und ist daher Beklagter schuldig, acht Tage i nach diesem Feste Kapital, Zinsen und Kosten bei Vermeidung der Execution zu zahlen." i (Dem alten Dessauer) sLeopold von Dessau) brachte ein Adjutant einen schriftlichen Befehl wieder, der ihm von demselben ertheilt worden war, und den er trotz aller Mühe ^ nicht entziffern konnte. Der alte Dessauer sah lange sein Geschriebenes an, konnte es > aber ebenfalls nicht heraus bekommen und gab es endlich dem Adjutanten wieder, indem er sagte: „Schwerenoth, ich hab' das Ding nicht geschrieben, daß ich es lesen soll, sondern § Ihr." i Als kürzlich der Menageriebesitzcr S. bei der Fütterung in den Käfig der Hyäne ! ging und ihre Zahmheit produzirte, sagte ein Schusterlehrling: „Das ist Nichts, aber ! wenn meine Meisterin in dem Käfig wäre, würde er sich wohl hüten, hineinzugehen." BirchstabettreSus. L Auflösung der Original-Charade in Nr. 31: Maulschelle. Für die Redaktion verantwortlich : Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag des Liternrischen Instituts von Dr. M. Hnttler. 1 zur „Äugslmrger Postzcitimg." Nr. 35. Samstag, 30. Oktober 1880. Treu, wie die Tugend, hält der Frevel sein Versprechen; Was Leidenschaft gesä't, gedeiht nur im Verbrechen; Und aus Verbrechen reist die inn're Sklaverei. Tiedge. Hildegard. Criminal-Novelle von Theodor Küster. (Fortsetzung.) Auch William kannte sehr wohl dieses Mittel der Rettung und wußte, daß es das einzige war, das zu ergreifen ihn indessen Niemand zwingen konnte noch wollte. Ein schwerer Kampf hatte schon lange in seinem Innern getobt; er liebte Hildegard noch immer, mehr vielleicht denn je, da ihr Besitz ihm jetzt unerreichbar erschien. Er hatte sie seit dem Tage der gerichtlichen Entscheidung nicht wiedergesehen, sie vergessen wollen; je näher indessen die Stunde der Entscheidung kam, desto mehr fühlte er, wie namenlos unglücklich er werden mußte, wenn er um die Ruhe seiner Eltern und der Ehre seines Hauses willen seine Liebe zu Hildegard opferte und Eugenie zu seiner Gattin machte — Eugenie, die er nicht liebte, kaum achten konnte, wenigstens so nicht, wie der Gatte die Gattin achten soll. Und würde überhaupt Eugenie ihn zum Gemahl haben wollen, ihn, der seither stets so streng, so kalt gegen sie aufgetreten war? — Ein fester, durch die Verhältnisse dringend gebotener Entschluß schien jetzt in ihm zur Reife gekommen; er konnte nicht länger die Qualen seines Vaters mit ansehen, mußte der Mutter, die im großen Ganzen das Mißgeschick der Firma noch nicht kannte, den furchtbaren Schlag, den grenzenlosen Kummer ersparen. Konnte er so herzlos sein, die Rettung Aller um eines Traumes willen von sich zu stoßen? >— Nein und abermals nein! — — „Vater", sagte er gepreßt und die hohe Stirn mit Schweißperlen bedeckt, „ich weiß, daß es nur ein Mittel gibt, uns schnell und sicher aus allen Verlegenheiten zu ziehen; es ist das meine Verbindung mit Eugenie Delahape ... — Nun wohl, Vater, ich will um ihre Hand werbe» i ch werde sogleich zu ihr gehen. Ob sie meine Werbung, ob sie meine Hand annehmen wird — ich weiß es nicht; allein ich will thun, was ich jetzt für meine Pflicht halte, um unseres Namens willen." — „William, ich danke Dir!" rief überglücklich der alte Herr. „Geh' zu Eugenie; sie liebt Dich — glaub' es mir — und wird Dich nicht abweisen!" Schnell verlies; William das Cabinet des Vaters, um die schöne Creolin aufzusuchen. Draußen meldete ihm ein Diener, daß für den Herrn Vice-Consul ein Bild soeben gebracht worden sei und auf seinem Zimmer liege. Dorthin ging William zunächst. Es war Hildcgard's eigens für ihn gemaltes Bild, das ihm, auf einem Fautcuil stehend, gleich beim Eintreten in's Auge fiel. — Gerade in diesem Augenblicke mußte ihm diese Erinnerung werden! — gerade jetzt, nachdem er mit Mühe nur und unter Aufbietung all' seiner moralischen Kraft endlich den muthigen, seine Eltern rettenden, 274 — seine eigene Zukunft, sein Glück vernichtenden Entschluß gefaßt! — Lange ruhten seine Augen auf der genialen, kunstvollen Arbeit. Ja, Hildegard war eine wahre, eine gott- begnadete Künstlerin geworden, das sah er in dieser Originalarbcit, ihrer eigensten Conception. Und gerade in dem Augenblick, wo er die höchste Bewunderung für sie empfand, muhte er ihr — der Heißgeliebten — entsagen für immer?! — — Tiefseufzend verließ er sein Zimmer. Noch heute mußte Alles im Klaren sein zwischen ihm und Eugcnie — er hatte es seinem Vater versprochen. Im Palmenhaus wußte er um diese Zeit die Creolin sicher zu finden, dorthin wandte er sich. Eugenie lag, ihrer Lieblingsgewohnheit gemäß, auch jetzt in der Hängematte und las in einem Buche. William erkannte am Einband, daß es Gorthe war. Er hatte bis dahin nicht gewußt, daß sie sich mit deutschen Classikern beschäftige, überhaupt in letzterer Zeit sich sehr wenig um ihr Thun und Treiben gekümmert. Das enganschließende blaue Seidenkleid verrieth die wundervollen Formen, unbeobachtet, wie sie sich glaubte, sahen die reizend kleinen, den Creolinnen eigenen Füße unter dem Saum des Kleides hervor. Es war ein wunderbar schönes Weib, und auch William mußte sich gestehen, daß ihre Erscheinung die vollendetste sei, die er je gesehen. — Ein absichtliches Geräusch, das der junge Mann machte, ließ die Creolin langsam ihre Augen vom Buche erheben. Leichte Nöthe färbte ihr mattweißes Gesicht, und die dunklen Augen ruhten fragend auf dem Eingetretenen. „Sie lesen unsere Dichter, Eugcnie?" — Er trat etwas näher; der Ton seiner Frage hatte die Befangenheit erkennen lassen, die ihn für den Augenblick beherrschte, „Ja", entgegnete sie, „und ich finde sie gar nicht so langweilig, als ich erst geglaubt. Doch was führt Sie zu mir, William?" Sie sprach ernst — weit ernster, als gewöhnlich, das stereotype spöttische Lächeln war aus dem reizenden Gesichtchen gänzlich verschwunden. William ward zuversichtlicher durch ihr ihm neues Benehmen, um so mehr, als er gefürchtet hatte, von dein herzlosen Eeschöpfchen höhnisch verlacht zu werden. Er hatte sie noch nie so ruhig sprechen gehört. „Eugenie, wollen Sie mir einige Augenblicke Gehör schenken?" fragte er ruhig und jetzt ganz wieder Herr seiner Empfindungen. Mit anmuthiger Handbewegung lud sie ihn ein, an ihrer Seite auf einem bequemen Rohrsessel Platz zu nehmen. „Ich weiß nicht, Eugenie, ob Ihnen bekannt ist", begann William, „daß Ihr Herr Vater und meine Eltern seit langer Zeit schon den Wunsch hegen, uns Beide zu verbinden?" — Ein flüchtiges Noth glitt über die Züge der Creolin. Mit dem Spitzenbesatz ihres Kleides spielend, nickte sie langsam mit dem Kopf, ohne die Augen dem Fragenden zuzuwenden. Dieser fuhr befangen fort; er hatte geglaubt, daß sie seine Mittheilung ganz anders anfnehmen würde. „Ich muß ganz offen sprechen, Eugenie; darf ich das auch, auf die Gefahr hin, daß Sie in meiner Mittheilung etwas Sie Verletzendes finden sollten?" Ein Schatten flog über Ihr Gesicht, allein nur für eines Augenblicks Dauer: dann entgegnete sie mit leicht zitternder Stimme: „Ich bitte dringend darum." „Jeder andere Mann, Eugenie, würde überglücklich sein, Sie zu besitzen, würde sie lieben als sein theuerstes Kleinod, doch ich liebe ein armes, anspruchloses Mädchen — liebte dieses, ehe ich Sie kennen lernte, Eugenie! —- — Sie verdienen die Liebe eines Mannes »»getheilt zu besitzen; ich kann Ihnen mein Herz nicht bieten mit meiner Hand . . . ." — Die feinen Finger der Creolin zerrten leidenschaftlich an den kostbaren Spitzen, ihr Busen wogte, ein Blick glühender Leidenschaft streifte den jungen Mann — doch ihr Mund blieb stumm, sie hatte sich schon beherrscht, und ein leichtes Neigen ihres Kopfes lud ihn ein fortzufahren. 275 Unendlich schwer ward es William Walter, den Stolz des — wie er sah — bereits beleidigten Weibes noch weiter zu verletzen, noch tiefer zu kränken; doch mußte er einmal offen sein, so wollte er es auch im ganzen Umfange sein. Er wollte nicht in ihren wie in seinen eigenen Augen als ein gewissenloser Schurke dastehen, keine Täuschung zwischen sich und ihr bestehen lassen, sie sollte und mußte Alles wissen, was in ihm vorging; wollte sie dann noch und so wie es war sein Weib werden, nun wohl, dann hatte er wenigstens seine Schuldigkeit gethan, hatte sich keine Vorwürfe zu machen. Ihr Liebe zu heucheln, das wäre er bei seinem geraden, ehrlichen Charakter nie im Stande gewesen; mochte lieber Alles zu Grunde gehen, mochten Ruinen rings ihn umgeben — nur vor seinem eigenen Gewissen mußte er rein, makellos, ein Ehrenmann dastehen. , „Ich kann Ihnen das Bittere meiner Worte nicht ersparen, Eugenie, die Notli- wendigkeit drängt mich dazu mit übermächtiger Gemalt. Wäre dem nicht so — ich hätte geschwiegen. — Unsere Verbindung ist der einzige Rettungsweg, um unser Haus vor dem drohenden Sturze zu bewahren. Ihr Vater hat zwar unter der herrschenden ungeheuern Calamität auch Verluste gehabt, doch sie sind Nichts im Vergleich zu den unserigen, die wir in engster, fast ausschließlicher Verbindung mit Nordamerika stehen, was bei Ihrem Hause keineswegs der Fall ist. Wir wollen und können von Herr Delahaye Hülfe nur dann verlangen, wenn unsere Interessen Eins sind. — Eugenie, ich biete Ihnen meine Hand, wenn sie mit der Rücksicht zufrieden sind, die jeder Ehrenmann seiner Gattin schuldet. Mehr kann ich Ihnen nicht bieten." — — Eine kleine Pause entstand. William bebte; hätte das junge Mädchen ihn mit Zorn und Entrüstung abgewiesen, es wäre ihm willkommen gewesen, aber der still-schmerzliche Zug in ihrem Gesicht that ihm weh. Sie war augenscheinlich nicht mehr das muth- willige Mädchen von früher, sie war ein fühlendes Weib geworden, dessen natürlicher, legitimer Stolz in empfindlichster Weise verletzt war. Groß und ernst sah sie in William's erwartungsvolle Züge. „Ich danke Ihnen, William, für Ihre Offenheit", sagte sie. „Sie sind edel, sind. ein ganzer Mann und ein Ehrenmann und sollen sich nicht in mir täuschen. Doch muß ich mir Bedenkzeit erbitten — einige Wochen nur, dann sollen Sie von mir eine ebenso offene Antwort haben." Er erfaßte die feine Hand und drückte einen Kuß darauf — voller Ehrfurcht, wie er es noch nie gethan. Er hätte nicht ein feinfühlender Mann sein müssen, wie er es war, um nicht zu wissen, wie tief er das Weib in ihr verletzt, wie edel, wie hochgesinnt sie jetzt ihm gegenüber handelte. — Zwei Monate etwa waren vergangen. Der Frühling war eben im Beginn, als eines Nachmittags bei herrlichem Wetter vor der Villa Waller in Pöseldorf ein Wagen hielt, aus welchem ein alter, noch rüstiger Herr stieg; ein schwarzer Diener in Livrs begleitete ihn. Es war Herr Delahaye, Eugenie's Vater, den sie durch ein Telegramm herüber- gerufen hatte. — Nach den ersten freudigen Begrüßungen seitens der alten Freunde zogen sich Vater und Tochter zurück. Lange blieben die Beiden unsichtbar. Dann erschien der schwarze Diener und ersuchte Herrn William Walter, zu Eugenie's Vater zu kommen. Mit pochendem Herzen trat der Vice-Consul in das Zimmer der schönen Creolin; die Entscheidung mußte ja nun kommen. William hatte sich in der letzten Zeit fast mit dem Gedanken versöhnt, Eugenie zur Frau zu nehmen — oder von ihr zum Manne genommen zu werden: sie erschien ihm jetzt noch weniger herzlos als früher, und wenn er auch das häusliche Glück nicht erwarten zu können glaubte, welches Hilgegard ihm gewährt haben, würde, so hoffte er doch an Eugenien's Seite ein friedlich-ruhiges Zusammenleben zu finden, doch hielt er es andererseits kaum für möglich, daß sie ihn nach dem zwischen ihnen Vorgegangenen setzt noch nehmen, ihn als ihren Gatten noch begehrenswerth finden würde. In schwarze Spitzen gehüllt, welche das schöne Gesicht mit den glänzenden dunkeln Augen noch weit schöner scheinen üeßen, lag Eugcnie graciös in einem Schaukelstuhl. Sie erröthete, als William's Augen fragend auf sie gerichtet waren. „Mein Vater wird Ihnen die Antwort geben, welche ich Ihnen versprochen habe", sagte sie, etwas verlegen den Blick senkend. Herr Delahaye reichte William die Hand, und mit sichtlich bewegter Stimme sagte er in reinem, nur wenig den fremden Accent verrathen lassenden Deutsch: „Mein Kind hat mir Ihre offene, ehrliche Handlungsweise erzählt, mein lieber Freund, und ich bedauere, daß es so ist, wie es ist, nun ich Sie kenne, um so mehr, beklage tief, daß mein langgehegter Wunsch, der zugleich auch derjenige Ihrer lieben Eltern ist, nicht in Erfüllung gehen kann. Allein unsere geschäftlichen Beziehungen sollen dadurch nicht gelockert werden. Eugcnie hat mir ihren Entschluß mitgetheilt; sie wird die Verbindung mit Ihnen eingehen, lieber Walter, doch nur in geschäftlicher Hinsicht; das bedeutende Erbtheil ihrer seligen Mutter steht ihr zur sofortigen freien Verfügung, und mit diesem in der Hand bittet sie um die Ehre, Ihr stiller Compagnon werden zu dürfen." „Aber, Herr Delahaye", stammelte William fast bestürzt, „Sie kennen, wie eS scheint, unsere wahre Lage nicht, die bedenklicher ist, als sie wohl annehmen mögen!" „Ich weiß, wie es augenblicklich in der commerciellcn Welt hier aussieht, ziemlich genau", erwiderte Eugenie's Vater; „doch ich bin auch überzeugt, daß das Capital, welches Ihr Compagnon dem alten reellen Geschäft zubringt, genügen wird, dasselbe Vollkommen sturmfrei zu halten." William war auf Eugenie zugetreten, und ihre Hand warm drückend, sagte er voll Innigkeit: „Wie wenig habe ich Ihren Edelmuth verdient, Eugenie, und wie tief beschämt mich Ihre Großmuth!" Ein Blick warmer, seelenvoller Liebe aus den Augen der schönen Creolin traf ihn, und er fühlte, daß er sich in ihr geirrt, daß sie doch ein liebendes Weib sein konnte, wenn er es nur der Mühe werth gehalten hätte, ihre Liebe sich zu gewinnen; doch nun war das ja zu spät, denn leise — nur ihm vernehmbar — sagte sie: „Werden Sie glücklich mit der, die Sie lieben!" William glaubte zu träumen; war denn dies sanfte, so edeldenkende und handelnde dasselbe eigensinnig-übermüthige Ding, das früher nur herben Spott für ihn gehabt? — Jetzt, wo er sie verschmähen mußte, sah er erst ein, daß doch ein edler Kern in ihr geschlummert, der eben nur geweckt sein wollte. Williams Eltern nahmen die Botschaft freudig auf, denn nun konnten sie wieder ruhig und sorgenlos in die Zukunft blicken. Sie trösteten sich darüber, daß Eugenie nicht ihre Tochter wurde, denn sie verstand es, ihnen klar zu machen, daß sie nicht in das nüchtern-kalte, nordische Klima und Leben hineinpasse, daß sie sich zurücksehne nach ihrer sonnigen, südlichen Heimath, es also» so am besten sei, da William nicht seine Eltern und sein Vaterland verlassen könne, um ihr zu folgen. Die kurze Zeit, welche Eugenie mit ihrem Vater noch im Walter'schen Hause blieb, hatte ein herzliches, freundschaftliches Verhältniß zwischen ihr und William hergestellt. Mit Bedauern sahen Alle das schöne Mädchen scheiden, und als beim Abschied ein Zug leidenschaftlichen Schmerzes auf dem lieblichen Gesicht der schönen Creolin lag, da erst ahnte William, daß er innig geliebt worden, wo er verschmäht hatte, (Schluß folgt.) Chile. "tbodcn bebte Unter den drei kriegführenden Republiken Peru, Bolivia und Chile h die Musik letztere bisher als die energischste und tapferste gezeigt. Ob Chile, wie seine'>cke der behaupten, den Krieg mit Absicht herbeiführte, oder ob Peru und Bolivia, dem n. sich aufstrebenden Chile neidisch und mißgünstig, auf ihre scheinbar größere Macht pochend den unseligen Streit begannen, mag dahingestellt sein. Jedenfalls haben sich die Verbündeten in ihrem Gegner bitter getäuscht. Während Chile 6240 Qu.-Meilcn Flächen- raum mit etwa 2,000,000 Einwohner (ohne Araucaner und die Colonisten in Pntagonien und im Feuerland) besitzt, hat Peru allein nach officieller Angabe 29)162 Qu.-M eilen Flächeninhalt und gab 1871 seine Einwohnerzahl auf 3,199,000 Seelen an, eine Ziffer, die jedoch sicher zu hoch gegriffen ist. Bolivia soll bei 40,000 Qu.-Meilcn Flächen- Jnhalt (hierunter allerdings sehr bedeutende Wüstenstrecken) höchstens 2,000,000 Einwohner zählen. Jedenfalls steht Chile den Verbündeten bedeutend an Größe und Einwohnerzahl nach; es ist aber thätiger, energischer und glücklicher, es machte weniger Revolutionen und strebte überhaupt danach, auf die Höhe europäischer Cultur sich zu erheben. Der Chilene, sagt Graf Ursel in seinem interessanten Buch über Südamerika, ist mit ganzer Seele Patriot. Er liebt sein Vaterland und zeigt bei jeder Gelegenheit, daß er stolz auf dasselbe ist. Mit Eifer macht er sich die Ideen der Civilisation und der Besserungen auf jedem Gebiete zu eigen, sobald er von der Zweckmäßigkeit derselben sich überzeugt hat. Er setzt eine Ehre darein, Kunst, Wissenschaft und Literatur zu lieben und zu hegen. Die Pflege dieser geistigen Gebiete wird immer allgemeiner, und man muß gestehen, daß der Chilene entschieden angelegt ist, Tüchtiges hierin zu leisten. Wie die Zeitungen jüngst meldeten, ist man selbst unter dem Lärm des mit erneuter Wuth tobenden Krieges damit beschäftigt, in Valparaiso eine bedeutende Ackerbau-Ausstellung in's Leben zu rufen. Chile hat, wenn man so will, zwei Hauptstädte, Valparaiso, die bedeutendste Hafenstadt an der ganzen Westküste Südamerika's, und Santiago oder Saut Jago (St. Jacob), der Sitz der Regierung der Republik. Valparaiso ist in weitem Bogen um die breite Meeresbucht herum in amphitheatralischer Lage, zwischen Meer und Gebirge, aufgebaut. Den prachtvollen Hintergrund bilden zwei Reihen Gebirge, die sich durch die ganze Längs des sehr schmalen Landes hineinziehen. Die Hintere unverhältnismäßig höhere Wand bilden die Cordilleren, und aus ihnen, deren mittler? Höhe 3900 Meter betrügt, erhebt sich der Vulcan Aconcagua, dem 6838 Meter Erhebung zugeschrieben werden. Valparaiso selbst ist eine hübsche Stadt, die eigentlich nur aus zwei, allerdings sehr langen Straßen besteht, in denen das gesainmte öffentliche Leben sich vereinigt. Mit der großen Vorstadt Almandral zählt Valparaiso an 86,000 Einwohner. Der Seehandel ist großartig, liegt aber hauptsächlich in den Händen der Deutschen, Engländer, Franzosen und Amerikaner. Die Mehrzahl der Frauen trägt in sehr graziöser Weise über Kopf und Schulter die Manta, ein schwarzes Gewebe, das die Stelle des Schleiers vertritt, und dessen die Valparaisinnen sich reizend zu bedienen wissen. Mit stolzer Granvezza trägt der berittene Landbewohner, wenn er zur Stadt kommt, sein malerisches Costume, Puncho genannt, zur ^Schau. Eigenthümlich ist die Ausübung des Sicherheitsdienstes bei Nacht. Die Polizei bedient sich nämlich kleiner Pfeifen, womit sie, um etwaige Diebe zu erschrecken und zu verjagen, fortwährend sich gegenseitig Zeichen gibt. Der Lärm, welcher hierdurch entsteht, trägt gerade nicht dazu bei, die Nachtruhe ungestörter zu machen. Von Valparaiso geht eine Eisenbahn in fünf Stunden nach der eigentlichen Hauptstadt Sant Jago. Während die erste Strecke an hübschen Dörfern, weiten Getreidefeldern, Weinbergen und Weideplätzen vorbeiführt, betritt die Bahn später ein ödes, unfruchtbares Gebirgsterrain und steigt zu einer ziemlich bedeutenden Höhe hinan, von der man die Cordilleren vor Augen hat. Am Fuße derselben breitet sich eine weite, große Ebene aus, welche fast alle Erzeugnisse des Ackerbaues hervorbringt. Die Natur ist so schön, so majestätisch und reich, daß man fortwährend versucht ist, üppige Schil- 278 Izu entwerfen von den Reizen des hochmalerischen Panorama's. Unten ein Augeven die gewaltige Kette der Anden (CordilleraS de los Andes heißt sie der Ein- Svne, Cordillerasketten), eine fortlaufende Reihe hochragender Bergkuppen und Vulcane .^n 5000 bis 6000 Meter bildend, deren Gipfel sich in die Wolken verlieren. Hier und da ragt eine Spitze über das Wolkenmeer hinaus, und wunderbar erglänzt dann der Schnee auf derselben, beleuchtet durch die Strahlen der Sonne in herrlichen, rosigen Farbentönen, welche je nach der Stunde des Tages wechseln. Die Bahn steigt nun nach Saut Jago hinab, das aber immer noch 600 Meter über dem Meere liegt. Dieser seiner hohen Lage, sowie der Nähe kolossaler Gletscher in den Kordilleren, verdankt die Hauptstadt ein in der Regel gesundes Klima. Den Pocken freilich sielen 1876 unter 150,000 Einwohnern nicht weniger als 8000 zum Opfer. Die niedern Klassen, welche am meisten darunter leiden und zusammengepfercht in engen, schmutzigen, schlecht gelüfteten Räumen leben, sind kaum zum dritten Theile geimpft. Ein Gesetz, welches den Impfzwang einführte, wäre hier am Platze, vorausgesetzt, daß nicht die Gegner des Impfzwanges Recht haben. Dein Freiheitsgefühle der Chilenen dürfte ein solches Gesetz kaum peinlich sein, nachdem die Republik ein Decret erlassen hat, wonach es der Polizeibehörde anheimgestellt ist, vorkommenden Falles zur Verschärfung der Gefängnißstrafe die Ba- stonnade anzuwenden. Es ist das eine Verordnung, die sich vielleicht nicht ganz mit dem demokratischen Bewußtsein des Republikaners verträgt, jedenfalls aber bei uns in Deutschland gegenwärtig bei Richter und Polizei viel Shinpathieen finden dürfte. Der Anblick der Vorstädte, durch welche die Bahn führt, ist durchaus nicht einladend. Sobald man sich jedoch dem Mittelpunkt der Stadt nähert, verschwindet der weniger gute Eindruck sofort. Breite, schöne Straßen, große Plätze,. elegante Läden, schöne Gebäude, belebte Boulevards und allüberall ein buntes Wogen und Treiben. Des Fremden Neugierde und Interesse wird sofort durch den St. Lucia-Felscn angezogen und gefesselt. Mitten in der Stadt, die selbst in der Ebene am Fuße der Kordilleren liegt, erhebt sich dieser Berg, einen einzigen, großen, schönen Garten voller Abwechselung bildend. Man sollte glauben, eine riesige Nürnberger Spielschachtel habe sich entleert und ihre Schätze dort ausgebreitet. Befestigte Schlösser, sprudelnde Springbrunnen, lauschende Kiosks, schwebende Zugbrücken, zierliche Häuschen, ernste Eremitagen, steile Treppen, glänzende Weiher, kurz unter freiem Himmel ein ganzes Museum..von allen Arten dekorativer Kunst, umgeben mit öffentlichen Promenaden. Auf dieser Höhe befindet sich geradezu alles, was man nur suchen kann, ja selbst eins Kirche, eine Bibliothek, ein Restaurant und — eins Schwimmschule. Schon der Eingang, an dem man seine 25 Pfg. Eintrittgeld bezahlt, ist höchst originell. Der Empfänger sitzt nämlich in: Innern jener ersten Kutsche, welche die Spanier in das Land brachten. Ein breiter Weg, in Schlangenlinien angelegt, erlaubt die Auffahrt bis zur Höhe, von wo eine prächtige Ausschau auf das hochromantische Panorama sich darbietet. So herrlich Klima und Gegend aber auch sein mögen, ein Mischer Feind droht immer mit Verderben und Zerstörung, wenigstens mit Schrecken. Es war im Dezember eine große Zahl der Einwohnerschaft befand sich in der Kirche de la Campania, al- ganz urplötzlich ein Erdbeben sich bemerkbar machte. Die Kerzen sielen um und setzten die Dekorationen an den Wänden und auf den Altären in Brand. In wenigen Minuten stand alles in Flammen. Ein unglücklicher Zufall wollte, daß daS Hauptportal der Kirche geschlossen war. Die entsetzte Menge eilte in jäher Flucht den schmalen Seitenrhnrcn zu, die nur zu bald vollständig von Menschen zugepfropft waren; so verbrannten mehr als 2000 Personen hilflos zugleich mit der Kirche. An der Stelle, wo sich das furchtbare Drama abspielte, erhebt sich heute ein Monument, überragt von einer Bronzcstatue, welche die Hände flehend zum Himmel ausstreckt, als wollte sie um Erbarmen bitten für die unglücklichen Opfer. 1875 fehlte nicht viel zu einem Unglücke ähnlicher Art. Ein solenner Ball wurde in dem großen Saale des Theaters abgehalten, als plötzlich das Nerven erschütternde Geräusch eines Erdbebens sich bemerkbar machte. 279 Die Kronenleuchter begannen mit der Decke zu schwanken, und der Parguetbodcn bebte und zitterte unter den Füßen der Tanzenden. Laute SchreckenSrufe erschollen, die Musik schwieg, Freude und Heiterkeit auf den Gesichtern verschwanden, um dem Ausdrucke der entsetzlichsten Angst Raum zu geben. Die ganze Menge der Anwesenden wälzt sich der einzigen Thüre zu. In diesem verhängnißvollen Augenblicke stürzt ein Herr mit bewunderungswürdiger Geistesgegenwart allen Andern voran zur Thüre, schlägt sie zu, verriegelt sie und wehrt Jedermann den Ausgang. Da keine neue Erschütterung mehr folgte, so beruhigten sich die Gemüther, und, Dank der südlichen Leichtlebigkeit, tanzte man bis zum Morgen weiter. Sobald ein Erdbeben sich bemerkbar macht, eilt Alles aus den Häusern heraus. Trifft es sich, daß die unheimlichen Naturkrüste gerade zur Nachtzeit entfesselt werden, dann bietet sich ein höchst pittorekes Schauspiel dar. Die ganze Bevölkerung läuft im Nachtcostume hinaus; man schreit, gestikulirt, und die Mehrzahl liegt auf den Knieen, den Himmel mit Bitten bestürmend, die drohende Gefahr abwenden zu wollen. Man sollte denken, diese so häufigen Mahnungen drohender GesahG würden wenigstens ihren Einfluß auf die Bauart der Häuser geltend machen. Aber auch das nicht. Die Construction der Gebäude ist mehr elegant als solide. Das wohlhabende Stadtviertel besteht fast nur aus Gcbäulichkeiten, zu deren architektonischem Schmucke Unsummen verschwendet worden. Ein Bewohner desselben hat sich bei der Errichtung feines Palais alle erdenkliche Mühe gegeben, dasselbe ganz genau der Alhambra in Granada nachzubilden. Diese Copirung erstreckt sich auf die Mauern, auf die Decken, selbst bis zu den Löwen am Springbrunnen zu. Chile hat es verstanden, seit Abschüttelung der spanischen Herrschaft sich fast vollständig von innern Stürmen und Revolutionen, die in den übrigen Republiken an der Tagesordnung sind, freizuhalten. Seit mehr als vierzig Jahren folgen sich die alle sechs Jahre neuzuwählenden Präsidenten, ohne blutige Bürgerkriege hervorzurufen. Ob dieser Zustand, dessen Früchte sich in Chile auf vortheilhafte und in sichtlicher Weise den andern Republiken gegenüber zeigen, auf die Dauer Stand halten wird, läßt sich allerdings bezweifeln. Schon bei den letzten Wahlen tauchte eine neue politische Gruppe aus, die sich Socialisten nennt und an Boden Zu gewinnen scheint. An der Spitze dieser Partei — wenn man die Leute so bezeichnen darf — steht ein gewisser Vicuna-Makenna, ein Mann von unbestreitbaren Anlagen. Die Haupthelden gehören dem Advocatenstande an, sie sind jung, ehrgeizig, heftig und — ohne Clienten. Sie suchen eben in der Politik und durch die Politik Stellung und Vermögen zu erwerben. Ihr Bestreben geht daraus aus, das Voll für ihre Ideen zu gewinnen, und sie benutzen seine politische Unerfahren- - heit und Unreife zum Kampfe gegen die Bourgeosie, welche in Chile durchaus das conser- »ative Element vertritt. Das Hauptschlachtroß dieser Volksbeglücker, in denen man eine frappante Ähnlichkeit mit den gegenwärtigen französischen Wortführern finden dürste, ist der Feldzug gegen die Geistlichkeit, welche sich in Chile bedeutender Privilegien erfreut. Wenn jene Herren noch mehr Macht gewinnen, so konnte es gar leicht geschehen, daß Chile nach Beendigung des äußern Krieges den innern finden würde, der lamm l<„,uuittur — noch weniger Segen bringt als der auf blutigen Schlachtfeldern. (Kln. Volköztg.) HervsteSrauscher,. Einsam wal? ich und allein Alles fliehn und sterben will, Und im Herzen wird es still, Und das Ohr mag gerne lauschen, Wie das All verlassen trauert; Lang durchschancrt Sagt das Herz sich ahnungsccich: Menschenglück nnd Herbstesruuschen, Ach, wie seid ihr euch so gleich! »ernstlich öde, trübe Neige; Traurig rauscht es durch di —raurig rauscht es durch die Zweige, Dunkel hüllet Feld und Hain. yuuer Obi'-' uilv Vorn bewölkten Himmel droben Sendet spöttisch seinen Gruß Mir der Sturm mit tollem Toben, Welke Blätter tritt mein Fuß. (Aus: Paul Schönefeld's „Dichtungen." Stuttgart, Mehler.) 280 Miseellen. (Fechten.) Ein junger Mann, welcher unmittelbar von der Nadel zur Bühne übergehen wollte, meldete sich beim Direcror einer wanderden Gesellschaft. Dieser fragte, indem er sich nach seinen Fähigkeiten erkundigte, ihn unter Anderem auch, ob er fechten könne. Der junge Mann bejahte es. „Nun so lassen Sie doch sehen, wie Sie sich dazu anstellen." Der junge Mann öffnete ohne Weiteres die Thüre und, den Hut demüthig hinhaltend, sprach er in kläglichem Tone: „Ein armer reisender Handwerksbursch — bittet um einen Zehrpfcnnig." Doktor Swift, der bekanntlich sehr zerstreut war, wurde einst von einem hohen Herrn zum Diner gebeten. Er verspätete sich etwas und kam, als die Suppe schon gegessen war. Er erhielt einen Teller Suppe vorgesetzt, und als er die Hälfte gegessen hatte, stand er auf und, glaubend er sei bei sich zu Hause, sagte er zu der Gesellschaft: ^Jch muß wirklich tausendmal um Entschuldigung bitten, daß die Suppe so schlecht ist, aber meine Frau ist krank, und die Köchin versteht es nicht." Ein Landmann verklagte einen andern, daß er ihm seine Schaufel gestohlen habe» „Wie könnt ihr das beweisen?" fragte der Richter. „Durch das Zeugniß eines Mannes, der es gesehen hat," war die Antwort. — „Und was könnt Ihr darauf erwidern?" fragte der Richter den Andern. „Ich kann 20 Zeugen aufstellen, die es nicht gesehen haben," antwortete der Verklagte. „Ja so," erwiderte der scharfsinnige Richter, „20 Zeugen gelten mehr als einer: Ihr seid frei!" Ein erst kürzlich in Mainz angekommener Oestereicher ging Abends bei schönem Vollmondschein auf der Rheinbrücke spazieren. Einen anderen, ihm dort begegnenden Oesterreicher hielt er an, mit der Frage: „Se Herr Landsmann, können's mer nit sogen, ob das d' Sonn' oder der Mond is." — „Na schau'ns, dos könn i Ihnen a nit sog'n, ich bin a erst kurze Zeit hier. In einer Gesellschaft kam die Rede auf den russischen Krieg im Kaukasus. Einer auS der Gesellschaft, der wenig in der Geographie bewandert war, fragte, was denn der Kaukasus eigentlich sei. „Der Kaukasus," antwortete ein Witzling, „ist derjenige Casus, an dem die Russen schon lange zu kauen haben." Der böhmische Kutscher einer reisenden Herrschaft trat, als diese bei Tische saß, in den Speisesaal, um sich zu erkundigen, ob sie zur Abfahrt bereit sei, und meldete: „Euer Gnoden, Pferd meinige hoben's schon gefressen; wann Sie hoben's auch, kann me weiter fahren!" In der englischen Grafschaft Essex stand auf einem Wegweiser: Dieser Weg führt nach Colchester; wer indeß nicht lesen kann, thut besser, er bleibt auf der Landstraße. Original-Charade. * Der Ersten gibt es mancherlei Theils mit, theils ohne Bart Doch sind sie nicht behaart. Sie machen den Gefang'ncn frei Entrnthseln manche Schelmerei Und öffnen auch die StaatSkanzlci; Die Musik zählet ihrer drei. Je mehr dem letzten Glied Ihr an Substanz entzieht, Je großer man es werden sieht. Dagegen wird's durch Zusatz kleiner, Fragt nur den Zmimermauu, den Schreiner. Durch's Ganze, hat's auch keinen Mund, Ward ost schon ein Geheimniß kund, Trat Vorwitz mit ihm in den Bund. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag des Literarischcn Instituts von I)r. M. Huttlcr. Nr. 36. 1880. zur „Äitgslmrger postMimg." Mittwoch, 3. November O Nachruhm, holder Goldkrauz, wie Mancher wünscht dich nicht, Und sezt an dich sein Alles, dem doch der Anker bricht! Du bist der Götter Spende, noch Keiner dich erzwäng, Du blühst als Wunderblume — nach Sonnenuntergang. L. Bechstein. Hildegard. Criminal-Novelle von Theodor Küster. (Schluß.) Obwohl nun frei, war William Walter doch nicht glücklich, denn von Hildegard trennte ihn eine Schranke, welche er wohl leicht beseitigen konnte, über die jedoch —> das wußte er — seine Eltern niemals hinweggehen würden. Hildegard's Armuth hätte sie schließlich nicht abgehalten, den einzigen Sohn glücklich zu machen, doch einen gänzlich makellosen Namen durften sie mit Recht von der erwählten Gattin William's fordern. — Der sonst so liebenswürdige junge Mann war jetzt finster und einsilbig. Seine Eltern waren befremdet über diese Veränderung und drangen vergebens in ihn, den Grund seiner Verstimmung ihnen mitzutheilen. „Wir wollen Dir gern ein Opfer bringen, William, wenn Du es verlangst", sagte eines Tages der alte Consul zu dem Sohne. „Du sprachst von einem armen Mädchen, das Du liebtest; hülst Du sie Deiner noch werth und ist diese Liebe in Dir nicht erkaltet, nun wohl, so wollen auch die Mutter und ich Deinem Glücke nicht länger entgegenstehen." William schüttelte den Kopf und erwiderte traurig: Sie ist würdig, die Frau des besten und vornehmsten Mannes zu werden, allein — was ihren Leumund betrifft, so hat das arme unglückliche Mädchen entsetzlich unter einem schändlichen, vollständig grundlosen Verdacht unschuldig leiden müssen; der Schein war gegen sie, und die heutige Welt ist ja nur zu geneigt, nach dem Schein zu urtheilen, und auch Du und die Mutter werdet — wenn ich Dir ihren Namen nenne — Euch vom allgemeinen Vornrtheil nicht freizumachen vermögen." „Sprich, William, erzähle mir von ihr", meinte der alte Consul; „wenn Du sie liebst, mein Sohn, dann kann ich nicht wohl glauben, daß sie Deiner Liebe unwerth sei." Und er erzählte von Hildegard Becker — wie er sie zuerst gesehen und dann kennen gelernt; dann von dem ungerechten Verdacht, den man auf die Arme geworfen, und dessen muthmaßlicher Quelle, ihrer Verhaftung, der langen Untersuchung und endlichen Freisprechung. Mit warmen Worten schilderte er das junge Mädchen, ihren Fleiß, ihre Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit und die stete Sorge um die Ihrigen/ »namentlich um ihren blinden Vater. Endlich sprach er auch in überwallendem Gefühl von ihrer hohen Schönheit und herrlichen Figur. Bedenklich schüttelte der alte Herr sein greises Haupt. Nach einer längeren Pause sagte er: „Suche sie zu vergessen, William! — Deine Freunde würden stets eingedenk sein. daß Deine Frau eines gemeinen, entehrenden Verbrechens angeklagt auf der Bank des Schwurgerichts gesessen hat, wenn sie auch unschuldig war; es ist das nun einmal der Lauf der Welt, mein Sohn. Du würdest durch passiven Widerstand ausgeschlossen werden aus der Gesellschaft und wir mit — aus derselben Gesellschaft, in welcher Du jetzt den ersten Platz einnimmst. An bittern, verletzenden Reden und Commentaren hinter Deinem Nucken würde es auch nicht fehlen — und dergleichen stört ein Glück, wenn auch erst nach einiger Zeit und nachdem der erste Traum verflogen. ..." — „Könnte ich sie nur vergessen, Vater!" rief William schmerzlich; „aber das bleiche Antlitz mit den sanften- unschuldigen Augen verfolgt mich immerfort, wie sehr ich sie auch Zu meiden suche — ich kann sie nicht vergessen!" „Zerstreue Dich, mach' eine Reise, dann siehst Du andere Gegenden, andere Menschen, empfängst neue Eindrücke, und das wird Dir wohl thun, wird Dich vergessen machen." — Doch der junge Mann schüttelte ernst den Kopf. Hildegard's Bild hatte sich zu fest gesetzt in seinem Herzen, er hatte zu viel schon um sie gelitten, als daß eine Reise den Eindruck verwischen sollte, den sie auf ihn gemacht. Die Frau Senatorin Erken's, Hildegard's Gönnerin, gab eine große Gesellschaft. Die ersten Familien der großen Handelsstadt, die Aristokratie der Geburt und des Geldes und viele Fremde von Distinction versammelten sich in ihren Salons. Frau Senatorin Erkens war eine geistreiche, kunstsinnige, noch schöne Frau; sie konnte sich erlauben, was andere Mitglieder der exklusiven Hamburger Gesellschaft nicht wagten, was anderwärts nicht geduldet wurde, nämlich: nach den geltenden Begriffen nicht in diese Kreise Gehörende einzuladen und sie vollberechtigt nüt den klebrigen auf ihren Festen zu empfangen. Die Frau Senatorin hatte das Talent der jungen Malerin zufällig und zeitig erkannt und ihre Freunde auf Hildegard Becker aufmerksam gemacht, deren Bilder ihren Salon zierten. Sie wußte ihre Besucher auf die allgemeine Schönheit, die feine Behandlung, das vorzügliche Colorlt und die vollendete Technik in diesen Bildern aufmerksam zu machen. Die weltgewandte Dame wußte sehr wohl, wie förderlich eS Hildegard's Interessen und ihrem Rufe sein mußte, wenn diese eine gewisse Stellung in der „Gesellschaft" einnähme, und sie zögerte darum auch nicht, das junge Mädchen zu sich einzuladen, so oft sie mehrere Gäste empfing — besaß Hildegard doch den Freibrief der Kunst, der den Weg zu den Größten der Erde selbst zu bahnen vermag. In der glänzenden Gesellschaft, unter den schwerrauschenden Seidenroben der hoch- Müthig sie musternden Kaufmannsfrauen konnte Hildegard sich wohl kaun: heimisch fühlen, doch die Dame vom Hause verstand es auch hier wiederum, dem zwar sehr bescheiden, Loch mit sicherem Anstand auftretenden jungen Mädchen das Debüt in der großen Welt zu erleichtern. Sie kannte genau alle Diejenigen, welche im Stande waren, den Werth der Künstlerin und ihrer Werke zu beurtheilen, und ihnen stellte sie Hildegard mit besonders freundlichen empfehlenden Worten vor. „Mein liebes Fräulein", sagte sie an diesem Abende, „erlauben Sie, daß ich Sie init diesem Herrn noch bekannt mache: Herr Viee-Consul Walter — Fräulein Hildegard Becker, Malerin von Gottes Gnaden, ein junges, noch kaum gekanntes, doch großes und vielversprechendes Talent, mein lieber Consul." Die Senatorin wandte sich anderen Gästen zu und bemerkte es nicht, wie verwirrt die beiden soeben sich Vorgestellten einander gegenüberstanden. — Der unerwartete Blick Hildegard's hatte William Walter betroffen gemacht; er glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen, und sie wagte kaum, die ihrigen zu ihm zu erheben. Eine tiefe, brennende Nöthe hatte ihr feines, bleiches Gesicht überzogen; den sie Monate hindurch* nicht mehr gesehen, dessen Bild aber stets in ihren Gedanken gelebt — er stand jetzt vor ihr, und Beide wußten sie nicht Worte zu finden bei diesem so ganz ungeahnten Wiedersehen. Trunken hingen seine Augen an der schlanken, herrlichen Müdchengestalt, 283 beseligt sah er an ihren: Erröthen, ihrer großen Verwirrung, daß sie seiner nicht vergessen, daß sie an ihn, wie er an sie gedacht; mächtiger den je fühlte er, wie theuer ihm Hildegard sei, und dieser eine Moment des zufälligen Wiedersehens genügte, um in ihm den festen Entschluß erstehen zu lassen, daß er — komme was möge — alle Schranken zertrümmern wolle, die ihn von ihr schieden; sie allein mußte sein Weib werden — und das bald! -— Er, der sonst so gewandte Weltmann, konnte jetzt keine gleichgültigen Worte, keine konventionelle Phrase finden; mit leicht bebender Stimme sagte er: „Darf ich Sie meinen Eltern vorstellen, Fräulein Becker?" Leicht legte Hildegard ihre Hand auf den ehrerbietig ihr dargebotenen Arm William's. Erstaunt sahen dessen Eltern auf, als er mit der in Schönheit strahlenden jungen fremden Dame sich ihnen näherte. Mit einigen förmlichen Worten wandte sich die „Frau Con- sulin" nach erfolgter Vorstellung an Hildegard, die ihr ohne jede Verlegenheit, in gewählten Ausdrücken antwortete. Man sah und hörte ihr nicht an, daß sie zum ersten Mal in einer solchen Gesellschaft sich bewegte; sie besaß die wahre Herzensbildung, und das Bewußtsein ihres Werthes half ihr über die Klippe der Aengstlichkeit hinweg. Der Vater William's schien ein besonderes Interesse an der jungen Künstlerin zu nehmen; er ahnte, daß es Diejenige sei, von welcher William ihm gesprochen, und das sinnige Mädchen machte ersichtlich auf ihn den günstigsten Eindruck; er konnte sich jetzt recht wohl die Macht erklären, welche seinen Sohn an sie fesselte. William war immer ein Idealist gewesen, und daß dies Mädchen ihn zu fesseln vermochte, fand der alte Consul ganz dem Charakter seines Sohnes entsprechend. Gencralconsul Walter suchte die Dame von: Hause auf. „Darf ich, verehrte Frau, Sie um einige Augenblicke Gehör bitten — um eins Privataudicnz, wenn Sie wollen?" fragte der alte Herr, fein lächelnd, indem er sich vor Hildegard's Gönnern: tief verneigte. „Bitte, Herr Consul, kommen sie hier in dies Schmollwinkclchen, da können wir ganz ungestört plaudern", entgegnete in verbindlichster Weise die Senatorin, und führte William's Vater in den Raum, in welchem zwei Divan's standen und der von dem großen Saale durch eine schwere Porti re geschieden war. Dort nahm sie Platz und lud den alten Herrn ein, ihrem Beispiel zu folgen, neugierigen Blickes seine immer noch sein lächelnden Züge fixirend. „Die fremde junge Künstlerin", begann der Gencralconsul, „welche mein Sohn uns soeben vorgestellt hat, interessirt mich, und ich möchte von Ihnen gern Näheres über diese Dame hören, Frau Senatorin. Wie lernten Sie das junge Mädchen kennen?" — „Ah! mein Schützling gefällt auch Ihnen, Herr Consul?! — Ja, es ist ein herrliches Mädchen und ein wirkliches großes, ganz exceptionelles Talent. Sehen Sie dort jene entzückende Mondlandschaft? — Das ist ihre freie Composition. Dort eine andere Leistung von Fräulein Becker: Die meisterhafte Copie der „Tochter Tizian's." „Den Namen Becker, in Verbindung mit einer jungen Malerin, habe ich vor einiger Zeit in einer Gerichtsverhandlung gelesen, es handelte sich um einen Gemälde- Dicbstahl, glaube ich . . . ." — „Ach, das ist eine traurige Geschichte, mein lieber Herr Consul! — Bosheit und Rache haben das arme Mädchen in jenen schmählichen Verdacht gebracht; die Umstände waren allerdings auch recht verhängnißvoll für sie. Aber ich bitte Sie, bester Herr Consul, sehen Sie sich doch das Madonnen-Gesichtchen einmal recht aufmerksam an; könnten Sie Hildegard Becker eines gemeinen Verbrechens fähig glauben? — Sie wurde ja auch einstimmig von den Geschworenen freigesprochen; aber es ist diese Angelegenheit doch für das ganze Leben des armen Kinde.s verhängnißvoll geworden, denn Neid und Bosheit vermögen immerhin einen Makel an ihr zu erblicken, den der edle, vorurtheilsfreie Mensch nicht zu entdecken vermag. Vernünftige Leute werden das durchaus brave und ehren- werthe junge Mädchen nicht dafür verdammen, daß einmal ein ungerechter Verdacht aus dasselbe geworfen wurde." — Ziemlich lange noch sprachen die Beiden von Hildegard, dann bat der alte Consul die Senatorin, doch die Gelegenheit wahrzunehmen, um auch mit William's Mutter über das junge Mädchen zu sprechen. Während des ganzen Abends war der junge Konsul an Hildegard's Seite. Er hatte die Senatorin gebeten, jene zu Tisch führen zu dürfen, und lächelnd drohte die Dame des Hauses, ihn ermahnend, dem armen Mädchen nicht zu viel Schönes zu sagen. Als dann die Gesellschaft sich trennte, da fragte William leise die Malerin mit jenen: tiefen Blick voll Liebe, welcher sie so unendlich glücklich zu machen geeignet war: „Darf ich Sie morgen in Ihrem Atelier besuchen, Fräulein Hildegard?" — — Errathend flüsterte sie leise zustimmende Worte. William drückte ihr bewegt die Hand und verabschiedete sich kurz. Hildegard war es zu Muthe, als schwebe sie in seligen, berauschenden Träumen; es jubelte auf in ihr, denn nun wußte sie sich geliebt, wußte, daß er kommen wolle, nachdem sie monatelang getrennt gewesen und sie sich nach ihm ohne Unterlaß gesehnt. Er wollte kommen! — Dieser Gedanke beseligte sie unbeschreiblich und machte schnell all' das Leid der letzten Monate vergessen, um so mehr, als sie ihn in der That schon aufgegeben hatte als unerreichbar. — Am andern Vormittag ging Hildegard unruhig in ihrem kleinen Atelier umher, jeder nahende Schritt ließ ihr Herz heftiger schlagen. Und sie wartete diesmal nicht vergeblich uud auch nicht lange; William kam bald. Erregt, mit freudeglänzenden Augen ergriff er beide Hände des jungen Mädchens und sagte leise, bebend: „Hildegard!" — Er fühlte, wie sie erbebte. Da zog er sie — die nicht Widerstrebende — an sich, und ihr Gesicht zu ihm erhebend, seine Augen in die ihren versenkend, flüsterte er: „Hildegard — ich liebe Sie — schon lange, schon seit ich Sie zum ersten Mal gesehen! — Werden Sie mein Weib!" — — Ihre Augen voll Glück und Liebe sagten ihm, daß er nicht vergebens gebeten, daß auch er heiß und innig geliebt war. Leidenschaftlich preßte er sie an seine Brust, und in einem langen ersten Kuß ward der Bund dieser zwei edlen Herzen besiegelt. An William Walter trat nun zunächst die Pflicht heran, seine Eltern von seinem festen Entschluß, sich mit Hildegard zu vermählen, in Kenntniß zu setzen. Daß er bei seinem Vater leichtes Spiel haben werde, wußte er, bei der „Frau Consulin" dagegen fürchtete er auf energischen Widerstand zu stoßen. Den größten und beharrlichsten Widerstand jedoch fand er da, wo er ihn am wenigsten vermuthet hatte — bei Hildegard selbst. Nachdem bei ihr der erste Rausch des Glückes nüchterner Betrachtung gewichen, mußte das feinfühlende Mädchen sich sagen, daß sie noch unter dem Verdacht des bislang unaufgeklärten Diebstahls, wenn auch durch das Schwurgericht freigesprochen, stehend — nicht eher William's Gattin werden, ja nicht einmal sich als seine Verlobte betrachten könne, bevor nicht Licht, volles, klares Licht in dieser Angelegenheit geschaffen worden sei. Und diese Ansicht war ja im Princip auch die richtige. Aber wie sollte der Vorhang gelüftet werden von dem räthsclhaftcn Verschwinden jenes „Murillo?" Als William sie — noch an demselben Tage — wiedersah und ihr mittheilte, daß sein Vater gar keine Einwendung gegen ihre Verbindung erhoben, seine Mutter ihre Einwilligung nur davon abhängig gemacht habe, Hildegard erst näher kennen zu lernen, da sagte diese schmerzlich: „William, ich liebe Dich mehr als ich sagen kann, doch Deine Gattin kann ich nicht werden, ja nicht einmal als Deine Verlobte mich betrachten, so lange jener schwarze Fleck unverwischt in meinem Leben dasteht. Daß ich unschuldig bin, bedarf ja unter uns keiner Erörterung, allein wir sind nicht die Welt, und Du darfst nicht mit Deinem makellosen Namen einen befleckten verbinden. Gott möge geben, daß der wahre Sach- verhalt an den Tag komme; bis dahin kann ich Dir Nichts sein als — wenn Du willst — eine Freundin, eine Bekannte, die sich für zu gut hält, um sich auch nur den Anschein zu geben, als wolle sie Dich und Deinen reinen Namen als Schild und Schirm für ihren befleckten benutzen." Wie sehr auch William sich bemühte, diesen Entschluß Hildegard's wankend zu machen, gelang eS ihm nicht. Sie fand außerdem eine Stütze in ihrem ehrenhaften Vater sowohl wie in dessen Freund und Collegen Krelle. Ja, als die „Frau Consulin" durch William von Hildegard's Entscheidung Kunde erhielt, da klärte sich ihr strenges Gesicht auf und sie sagte: »Jetzt glaube ich auch an ihren ehrenwerthen Charakter und jetzt bin ich selbst fester von ihrer Unschuld überzeugt, als mich ihre Freisprechung hätte überzeugen können. Das Mädchen hat Recht und handelt brav!" Auch William mußte, wenn schon widerstrebend, die Nichtigkeit von Hildegarv's Entschließung anerkennen. Von diesem Augenblick an kannte er nur einen Zweck, ein Ziel, dessen Erreichung ihm über allen anderen Lebenszwecken stand; er mußte die Dieb- stahls- oder Verschwindungsgeschichte des „Murillo" aufklären. Doch wie? — das war die große Frage. In den Schwurgerichtsverhandlungen war davon die Rede gewesen, daß ein Engländer auf den Besitz des Bildes erpicht gewesen und erklärt habe, er werde für dasselbe jeden Preis zahlen. Es war schon öfter vorgekommen — unter Andern: in Spanien — daß Kunstschätze von hohem Werth aus ähnlicher Veranlassung abhanden gekommen waren. Sollte jener Engländer, von dem man ja nicht wußte, wer er war, zu unlauteren Mitteln seine Zuflucht genommen haben, um seinen Zweck zu erreichen? — Zu direkten Mitteln dieser Art wohl kaum; allein es war keineswegs ausgeschlossen, daß er am Ende indirect seinen Zweck erreicht haben mochte. Es konnte ja einer der subalternen Angestellten der Galerie von den: Wunsche und dem Erbieten des Engländers Kenntniß erlangt und beschlossen haben, auf eigene Faust das „Geschäft" zu machen. Dieser möglichen Spur zu folgen, mit aller Energie und mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln, nahm William Walter sich vor, und der Zufall begünstigte bald darauf seine Bemühungen. Eines Tages befand er sich an Bord eines im Hafen liegenden, nach Nordamerika bestimmten Dampfers, der Sourhampton anlaufen sollte. Er hatte mit den: Capitän wegen einer ansehnlichen, von der Firma „W. Walter L Sohn" verschifften Fracht noch Einiges zu besprechen und befand sich mit diesem in der „Rauch-Cabine" des großen Steamcrs. Ihre Geschäfte waren abgemacht, und die beiden befreundeten Herren saßen noch bei Kaffee, und Cigarre plaudernd zusammen, als ein soeben an Bord gekommener Passagier, ein Mann von etwa vierzig Jahren, eintrat, den der Capitän gleich einem alten Bekannten begrüßte und dem Viceconsul als Mr. Leveson aus Sheffield vorstellte. „Nun, Mr. Leveson", sagte der Capitän, endlich fahren Sie nun doch mit; sind lange hier in Hamburg gewesen." „Ja, Capital:", entgegnete der Engländer, „ich war nahezu ein halbes Jahr hier und hatte mir vorgenommen, nicht eher abzureisen, als bis ich meinen Zweck erreicht hätte — und den habe ich endlich erreicht." „Nun, das freut mich, Sir. — Darf man wissen, worin dieser Zweck bestand?" „O ja. Ich hatte ein Bild hier gesehen und wollte es kaufen, weil es mir ganz außerordentlich gefiel; man sagte mir aber, es sei nicht verkäuflich und wies alle meine Anerbietungen beharrlich Zurück. Ich hachte, daß ich mit Geld doch endlich reussiren müsse, und beschloß ruhig zu warten. Vor drei Tagen kommt ein Mensch nach meinem Hotel und bringt mir das wohlverpackte Bild mit den: Auftrag des Eigcnthümcrs, daß ich es für den zuletzt von mir offerirten Preis haben könne. Ich solle dem Ueberbringer den Betrag gegen dessen Quittung behändigen. Ich überzeugte mich, daß es das richtige 286 Bild sei, zahlte die Summe und machte mich reisefertig. Da bin ich nun, um mit Ihnen nach Southampton zu fahren, Capitän." „Und welches Bild ist es, Sir", fragte William, der kaum seine Bewegung be- meistern konnte, „das Sie so lebhaft interessirt und zu so langem Aufenthalt hier veranlaßt hat?" — „Ein ganz kleines Bild, Sir, ein Genrebild von Murillo, welches sich in der permanenten Abtheilung der Kunsthalle befand und von dein Besitzer der Ausstellung geliehen war." „Haben Sie es schon an Bord?" „O ja, ich habe es Niemandem anvertraut, habe es selbst mit hergebracht und in meiner Sabine eingeschlossen!" „Wenn lichten Sie die Anker, Capitän?" fragte der Viceconsul. Der Capitän sah nach dem Chronometer. „In anderthalb Stunden", sagte er, „beginnt die Ebbe, in etwa einer Stunde denke ich den Hafen zu verlassen." „Ich sehe Sie noch", bemerkte William aufstehend und sich artig verbeugend. „Ich habe nur einen kleinen Geschäftsgang in der Nähe hier zu besorgen." Schnell eilte er zur nächsten Polizeiwache. Dem bekannten Viceconsul und angesehenen Hamburger Bürger ward in seinem Verlangen sofort gewillfahrt. Ein Polizei- Jnspector und zwei Constabler begleiteten ihn ohne Aufschub nach dem Dampfschiff zurück, zugleich wurden der Staatsanwalt und der Director der Galerie durch Expresse Boten benachrichtigt. Die Beamten confiscirten den mit aller Bestimmtheit durch William recognoscirten „Murillo", den auch der bald darauf eintreffende Director zweifellos als das vor Monaten entwendete Bild erkannte. Auch Mr. Leveson aus Sheffield mußte sich einen Aufschub seiner Abreise auf Anordnung des Staatsanwalts gefallen lassen und diesen zum Bureau des Untersuchungsrichters begleiten. Dort beschrieb er Denjenigen, der ihm das Bild gebracht, so genau, daß der Director sofort in demselben einen Arbeiter der Galerie Namens Hillmanns erkannte. Dieser wurde verhaftet. An seiner Person fand man in englischen Banknoten noch die ganze von dem Engländer ihm ausgezahlte, ziemlich ansehnliche Summe. Die Untersuchung ergab, daß Hillmanns Mitschuldige nicht hatte; er hatte auf eigene Faust gehandelt. Eine neue Untersuchung ward eingeleitet. Dieselbe endete mit der Vcrurtheilung des Arbeiters Hillmanns zu einer bedeutenden Freiheitsstrafe, und es stellte sich ebenfalls heraus, daß Mr. Leveson vollständig in Unkenntniß gewesen von dein stattgehabten Diebstahl des „Murillo"; er hatte im guten Glauben gehandelt. Hillmanns hatte zufällig von dem Anerbieten des Engländsrs gehört und beschlossen, für seine Person daraus Nutzen zu ziehen; er entwendete das Bild unmittelbar, nachdem Hildegard an jenem Morgen vor Eröffnung der Galerie dieselbe verlassen, um dem Jnspcctor Schramm aus dem Wege zu gehen, und hielt es mehrere Monate verborgen, um jede Spur zu verwischen. Er bekannte, daß er es gewesen, der den ersten Verdacht auf die arme junge Malerin geworfen. Der Präsident des Gerichtshofes erklärte, nachdem der Urtheilsspruch gegen Hillmanns verkündet war, daß auch nicht ein Schatten von Verdacht, nicht der allergeringste Makel auf Hildegard Becker zurückbleibe, und die öffentliche Presse that das Ihre, um diese Nehabilitirung allgemein bekannt zu machen. Der alte Generalconsul sowohl wie auch die „Frau Consulin" willigten nun mit Freuden in die Verbindung ihres Sohnes mit Hildegard, und William führte seine junge Frau sogleich fort in die Ferne. Sie blieben ziemlich ein Jahr abwesend — in der Schweiz und im südlichen Frankreich. Als sie zurückkehrten, fanden sie ein reizendes und hochkostbares Hochzeitsgeschenk vor von William's stillem Compagnon — Eugenie Delahaye, die sich inzwischen ebenfalls in ihrem Vaterlands mit einem Gelehrten vermählt hatte, welcher ;ehr zufrieden war mit der Art und Weise, wie seine Frau ihr mütterliches Erbtheil angelegt hatte. Und er konnte es auch sein, denn die Verluste, welche die Firma „Walter L Sohn" seiner Zeit erlitten, waren nicht allein längst ausgeglichen und ersetzt, sondern das alte, solide Geschäft hatte sich mit Hülse des ansehnlichen Capitals seines jungen Socius — richtiger: „Socia" — zu nie geahntem Umfang emporgeschwungen, den es der jugendlich energischen Initiative Williams' und seiner genauen Kenntnis; der commerciellen Verhältnisse verdankte. Frau Hildegard Walter, deren Vater und Bruder bei ihr lebten — Letzterer trat bald in das Geschäft seines Schwagers ein, malt noch heute in einem reizend eingerichteten Atelier Bilder von vollendeter Schönheit, mit denen sie ihrem geliebten Gatten und gelegentlich auch Freunden des Hauses Geschenke macht. Eines der schönsten hat sie kürzlich an den stillen Compagnon der Firma nach Südamerika geschickt; es stellt die „Pinseldame" vor, wie sie im Kreise ihrer hübschen Kinder und neben ihrem William draußen in Pöseldorf auf der Alster im Segelboot an dem blumigen und buschigen Uferrande hinfährt. Wippchen beim volkswirthschaftlichen Congrcsfe. Bei dem Bankette, welches den Berliner volkswirthschaflichen Congreß schloß, erschien auch zur allgemeinen Freude Herr Julius Stettenhcim, um eine seiner köstlichen Wippchiaden zum Besten zu geben. Das neueste Kind seiner Laune führt den Titel: „Offener Brief des Herrn Wippchen an die Redaction der Berliner Wespen" und ist aus Bernau, dem berühmten Neste bei Berlin, dem festen Musensitze Wippchen's, datirt. Hier einige Proben aus dem offenen Briefe: Mit Vergnügen habe ich heute den Gummi Ihres freundlichen Briefes erbrochen und demselben die Aufforderung entnommen, mich nach Berlin zu begeben, um die Berichterstattung über den dort tagenden neunzehnten volkswirthschaftlichen Congreß zu übernehmen. Ich will Ihnen reinen Standpunkt einschänken und Ihnen ebenso stravi als manu erklären, daß ich nicht komme. Als ich Ihre Einladung las, war es mir, als ginge mir wie dem Schüler im „Faust" das, fünfte Mühlrad am Wagen herum; denn ich fragte mich: Was soll ich auf einem Congresse, der keine Geheimnisse hat, wie der von dem Manne der Blut- und Eisenzölle präsidirte Berliner Congreß, auf dem die Discrction so dicht war, daß kein Erisapfel zur Erde fallen konnte? Ein Congreß, über den ich berichten soll, muß verschwiegen sein wie ein frischgetünchter Siemens'scher Ofen. Da bin ich wie Cato in meinem esss clslsuckam; da muß ich Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, errathen und kann das Blaue vom Himmel herunter berichten. Aber ich wäre auch in dem andern Falle nicht der geeignete Mann gewesen, Sie mit einem Berichte zu versorgen. Denn ich bin — verzeihen Sie das harte Wort! — Schutzzöllner vom Scheitel bis zum Wirbel. Allerdings habe ich niemals wie Mosle dem Reichskanzler den Daumen gehalten, als sich bei dem leitenden Staatsmanne Männer wie Varnbüler, also die ersten W'n einstellten. Auch bin ich kein Schutzzöllner, der es eigensinnig von der Wiege bis zum Baare bleiben will. Indeß haben mich doch gewichtige Gründe veranlaßt, freiwillig gouvernemental den Anschluß auf die Gefahr hin zu suchen, dem Titel Commissionsrath zu verfallen." Wippchen erzählt sodann, wie er Kriegsberichterstatter wurde, wie ihn aber die Concurrenz der ausländischen Collegen „theils verdrängte, theils entwerthete." Er sagte sich, so könne es nicht länger bleiben. „Ich sah mich schon in die unterste Kirchenmaus eingeschätzt, und wer war dann eigentlich der Geschädigte? Der Staat, der gezwungen wurde, seinen Militärmoloch zu verringern und die Soldaten, die ihm noch blieben, in dreierlei Hungertuch zu kleiden. Die Folgen waren nicht abzusehen! Da erschien, ein ckeus aus stets heiterer maoliina, das neue Wirthschaftsprogramm des Fürsten Bismarck, und ich rief: Land! wie der Geis, der auf gerettetem Boote mit tausend Masten still in den Hafen dos Oceans treibt. Hier war mit der Zelt der Schutz für meine inländischen Berichte zu finden. Nach jahrelanger Unbill endlich Bill! — Wippchcn bildet sich sodann ein, erhielte auf dem Congreß eine Rede, und zwar als Erfinder einer Gattung von neuen Zündchölzchen, zu deren An- zündung man nichts weiter bedarf, als einer brennenden Kerze. Mit Entrüstung spricht sich der Schutzzöllner Wippchen gegen die Möglichkeit aus, daß ihm jeder beliebige Jvnkü- pinger, der der weder utan avatvöl noch ooli lWt'or an die Hölzer thue, Concurrenz machen könne. „Ja, ja, meine Herren" — so würde ich fortfahren — „ich kann in dem Freihandel nicht den alleinseligmachenden Schatz erblicken, und gehe sogar so weit, daß wir, wenn in Deutschland Eskimos hervorgebracht würden, Herrn Bodinus zwingen, falls er deren aus der Nordpolakei einführen will, sie entweder an der Grenze zu versteuern oder sie ihre Behringsstraße ziehen zu lassen. Nennen sie mich meinetwegen Eskimosle, meine Herren, ich kann mir nicht helfen — ich will lieber mit dem Reichskanzler irren (es irrt ja der Mensch, so lang er strebt), als ein Dorn (Trieft) in seinem Auge sein. Es gilt, die Fahne hochzuhalten, so hoch, daß die Kurtaxe ci'eutrepöt nicht zu ihr hinauf kamt. Nun, meine Herren, reißen Sie mich in einactige Stücke und lassen Sie sie in Ihrem Lichte darstellen, lassen Sie mich auf einer frei eingeführten Kuhhaut zum Richtplatte schleifen und mich dort mit unversteuerten glühenden Zangen zwicken, ich bin und bleibe ein Schutzmann der Zölle. M i s e e l l e rr. (Napoleon I. als Jäger.) So gut auch der erste Napoleon mit den Feuerwaffen in den Händen Anderer umzugehen verstand — er selbst war der schlechteste Schütze von der Welt. Dennoch ging er häufig auf die Jagd, nicht weil er selbst Vergnügen daran fand, sondern weil er sie als eine Zerstreuung betrachtete, die gleichzeitig seiner Gesundheit zuträglich war. Er galoppirte darauf los, während seine Jäger das Thier verfolgten. Eines Tages stellte der Hirsch die Hunde; nur wenige Jäger waren in der 'Nähe — weder der Kaiser, noch seine nächste Umgebung hatten der Jagd zu folgen vermocht. Schon waren mehrere Hunde durch den Hirsch kampfunfähig gemacht und die Jäger befanden sich in der größten Verlegenheit. Denn, tödteten sie das Wild, so war der Kaiser damit vielleicht nicht zufrieden; ließen sie noch mehr Hunde verenden, so setzten sie sich dem Zorne und der Strafe des Sberjägermeisters aus. „Wo mag der Kaiser sein?" fragte einer der Jäger. „Er ist fort," sagte ein Anderer, „ich sah ihn in der Richtung nach Fontainebleau galoppiren." Nun entschloß sich der älteste der Weidmänner den Hirsch abzufangen; kaum aber war dies geschehen, als man am Ende einer Allee eine Reitergruppe erblickte. „Wir sind verloren! Da kommt der Kaiser mit seinem Gefolge!" — „Bah!" rief der Alte. „Er versteht nichts davon, und wenn er auch. von manchen anderen Dingen mehr weiß, als ich, so will ich ihm hier doch etwas weißmachcn!" Mit diesen Worten hieß er Hand anlegen, und mittelst Stützen von Baum- zweigen brachte man den todten Hirsch, halb versteckt vom Gebüsch, wieder auf die Beine. Bellend umgaben die Hunde den Verendeten, und Napoleon erschien auf dem Platze. Er sprang vom Pferde, ergriff eine Büchse und schoß — den besten Hund von der Meute todt. „Sirc, der Hirsch ist todt!" meldete der Alte. „Das hatten Sie nicht nöthig, mir erst zu sagen!" erwiderte der Kaiser sehr zufrieden, bestieg sein Pferd und ritt nach Fontainebleau zurück. Der Doktor W. hatte eine sehr böse Frau. Als man ihn deßwegen beklagte, sagte ein Witzbold: „Es ist seine eig'ne Schuld, als Doktor und Botaniker hätte er ja auch ein so giftiges Kraut früher kennen müssen." Auslösung des Buchstabenrebus in Nr. 34: „Jnterdict." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Berlag des Literarischen Instituts von Dr. M. Huttler. nter^aktungsökatt zur Nr. 37. „Angsburger pojheitimg. Samstag, 6. November Der kluge Mann schweift nicht nach dem Fernen, Um Nahes zu finden, Und seine Hand greift nicht nach den Sternen, Uni Licht anzuzünden. 1880. Mirza Schassy. Aus der Jugendzeit Napoleon I. erzählt Guy von Maupassand im „Gaulois" folgende nicht veröffentlichte spannende Episode: „Drei Tage vor seinem Tode fügte Napoleon seinem Testamente ein Kodizill mit den folgenden Bestimmungen hinzu: „Ich vermache 20,000 Fr. dem Manne aus Bocognano, der mich einst aus den Händen der Mörder, welche mir nach dem Leben trachteten, befreite; 10,000 Fr. Herrn Vissavona, dem einzigen Mitgliede dieser Familie, welches zu meiner Partei gehört hat; 100,000 Fr. Herrn Jerome Levy; 100,000 Fr. Herrn Costanus Bastelica; 20,000 Fr. dem Abbä Neccho." In den letzten Stunden seines Lebens waren Erinnerungen aus früher Jugend im Geiste des sterbenden Kaisers aufgetaucht, welche nach vielen Jahren der gewaltigsten Erlebnisse und wunderlichsten Abenteuer noch einen so lebhaften Eindruck in ihm hinterlassen hatten, um ihn zu jenen letztwilligen Verfügungsn zu bestimmen. Diese Visionen aus ferner Vergangenheit veranlaßten Napoleon zu dem vorstehenden Vermächtniß zu Gunsten des Retters, dessen Name selbst seinem geschwächten Gedächtnisse entfallen war und der Freunde, die ihm im Augenblicks der Gefahr zu Hilfe gekommen waren. Ludwig XVI. war eben gestorben. Die Insel Corsika wurde damals von dem General Paoli, einem begeisterten, wild energischen Royalisten regiert, der die Revolution haßte, während Napoleon Bonaparte, damals als junger Artillerieoffizier auf Urlaub in Ajaccio, seinen und seiner Familie Einfluß zur Förderung der neuen Ideen anwandte. Der General Paoli hatte von der Republik Befehl erhalten, die Insel Madeleine zu besetzen und übertrug diese Mission dem Obersten Cesari, dem er jedoch, wie behauptet wird, heimlich befahl, den Angriff mißlingen zu lassen. Napoleon, welcher zum Oberstlieutenant in der Nationalgarde ernannt und zur Theilnahme an jener Expedition bestimmt worden war, tadelte nachher auf das Heftigste die Art, wie dieselbe geführt worden war und beschuldigte offen den Kommandanten derselben des Verraths. Es gab zu jener Zeit in dem halbwilden Lande noch keine Kaffeehäuser und so versammelten sich denn die Anhänger der Republik in einem Zimmer Napoleons, in welchem sie die Lage besprachen, Pläne schmiedeten und dazu Wein tranken und Feigen aßen. Kurz nach der fchlgeschlagenen Expedition trafen Kommissäre der Republik in Bastia ein, unter welchen sich Salicetti befand. Als Napoleon ihre Ankunft erfuhr, beschloß er sie aufzusuchen und ließ aus Bocognano seinen Vertrauensmann und treuesten Anhänger Santo Bonelli, genannt Riccio, kommen, um sich seiner als Führer zu bedienen. Sie reisten beide zu Pferde in der Richtung nach Eorte ab, wo sich der General Paoli aufhielt, bei welchem Bonaparte vorsprechen wollte. Es war ihm nämlich damals K die Theilnahme seines Chefs an dem gegen Frankreich gerichteten Komplott noch unbekannt und er vertheidigte denselben noch gegen die über seinen Verrath kursirenden Gerüchte. Obwohl das Verhältniß zwischen den Beiden sich schon ziemlich zugespitzt hatte, war der Bruch noch nicht erfolgt. Der junge Napoleon stieg im Hofe des von Paoli bewohnten Hauses vom Pferde und nachdem er das Thier der Obhut Santa Niccio's übergeben, wollte er sich sofort zum General verfügen. Von der ersten Persönlichkeit, welcher er auf der Stiege begegnete, erfuhr er, daß eben ein Rath der vornehmeren korsischen Führer, welche alle zu den Feinden der republikanischen Ideen zählten, beim General versammelt wäre. Ueber diese Mittheilung beunruhigt suchte er mehr zu erfahren, als zufällig einer der Verschworenen aus dem Versammlungslocale trat. Bonaparte ging diesem entgegen und frug ihn kurz: „Wie steht's?" Der Mann, der Napoleon für einen Verbündeten hielt, antwortete: „Es ist beschlossen. Wir werden sofort unsere Unabhängigkeit erklären und uns mit der Hilfe Englands von Frankreich losreißen." Hierüber empört verlor Napoleon die Selbstbeherrschung und rief, mit dem Fuße stampfend: „Das ist Verrath, das ist eine Infamie!" während in demselben Augenblicke auf den Lärm hin andere Verschworene auf dem Vorplatz erschienen, dieselben waren zufällig entfernte Verwandte der Familie Bonaparte und erkannten alsbald nur zu wohl die Gefahr, in in welche sich der junge Offizier gestürzt hatte, denn Paoli war ganz der Mann dazu, sich des Gegners für immer zu entledigen. Sie umringten daher rasch den Unvorsichtigen, drängten ihn die Treppe hinab, und zwangen ihn, sein Pferd schleunigst wieder zu besteigen. Er entfloh in Begleitung Santo Riccio's gegen Ajaccio zurück. Mit einbrechender Nacht kamen sie in dem Dorfe Arca de Vivario an, und übernachteten bei dem Pfarrer Arrighi, einem Verwandten Napoleons. Diesem Manne, der um seines Geistes und gesunden Urtheils willen in ganz Corsika geachtet war, erzählte der junge Bonaparte seine Erlebnisse und bat ihn um seinen Rath. Des andern Morgens mit dem Tagesgrauen machten sich die Flüchtigen wieder auf den Weg und erreichten, nachdem sie den ganzen Tag geritten, gegen Abend Bocognano. Hier trennte sich Napoleon von seinem Führer mit der Weisung, ihn am andern Morgen an dem Vereinigungspunkte der beiden Straßen mit den Pferden zu erwarten, und wandte sich nach dem Dorfe Pogiola, wo er in dem etwas entlegenen Hause seines Verwandten und Parteigenossen Felix Tusoli um gastfreundliche Aufnahme bat. Unterdessen war der General Paoli von dem Besuche des jungen Bonaparte in .Kenntniß gesetzt worden und hatte dessen heftige Worte nach der Entdeckung des Komplets erfahren. Sofort beauftragte er Mario Peraldi, Napoleon nachzusetzen und es am jeden Preis zu verhindern, daß dieser Ajaccio oder Bastia erreichen könnte. Mario Peraldi kam einige Stunden vor Napoleon nach Bocognano und begab sich zu der einflußreichen und dem General ergebenen Familie Morelli. Sie erfuhren bald, daß der junge Offizier im Dorfe angekommen war und die Nacht im Hause Tusoli's zubringen würde; der Chef des Hauses Morelli, ein fanatischer und gefährlicher Mann, versprach dem Abgesandten, der ihm die Befehle Paoli's überbracht hatte, daß Napoleon nicht entkommen sollte. Schon bei Tagesanbruch stellte er seine Leute auf und hielt olle Straßen und Ausgänge besetzt. Bonaparte trat in Begleitung seines Wirthes aus dem Hause, um Santo Niccio aufzusuchen; doch Tusoli, der nicht wohl war und den Kopf in ein Tuch gewickelt trug, verließ ihn gleich darauf. Kaum war der junge Offizier Mein, als sich ihm ein Mann näherte und ihn benachrichtigte, daß in einem nahen Wirthshaus« Parteigenossen des Generals versammelt seien, in der Absicht, sich gemeinschaftlich nach Corte zu begeben. Napoleon verfügte sich zu ihnen und fand sie Alle vereinigt. „Geht", sagte er ihnen, „geht, sucht Euren Chef auf, Euer Beginnen ist groß und edel." Im selben Augenblick stürmten jedoch die Morelli in's Haus, warfen sich ltuf ihn, machten ihn zum Gefangenen und schleppten ihn fort. Santo Niccio, der Napoleon am verabredeten Ort erwartete, erfuhr bald von dessen 291 Verhaftung; er lief zu einem Anhänger der Bonaparte, Namens Vissavona, den er füv fähig erachtete ihm zu helfen und dessen Wohnung nächst dem Hause Morelli lag, in welchem Napoleon gefangen gehalten wurde. Santo Niccio hatte den vollen Ernst der Situation erkannt. „ Wenn es uns nicht auf der Stelle gelingt, ihn zu retten, so ist er verloren", sagte er. „Vor Ablauf von zwei Stunden kann er todt sein. Vissavona verfügte sich nun zu den Morelli, versuchte geschickt sie auszuforschen und da sie von ihren wahren Absichten nichts verlauten ließen, vermochte er sie endlich durch Gewandtheit und Beredtsamkeit, zu gestatten, daß der junge Mann bei ihm ein wenig Nahrung zu sich nehmen-dürfe; sie möchten unterdeß sein Haus bewachen. Ohne Zweifel gaben sie nur in der Hoffnung nach, so ihre Pläne desto besser zn verbergen und ihr Chef, der Einzige, der den Willen des Generals kannte, übertrug ihnen die Bewachung Napoleons, um sich nach Hause zu begeben und seine Vorbereitungen zur Abreise zn treffen. Dadurch daß dieser Mann sich entfernte, wurde wenige Minuten später das Leben des Gefangenen gerettet. Unterdessen war Santo Riccio, der mit der den Korsen eigenen Hingebung eins wunderbare Kaltblütigkeit und Unerschrockenheit verband, seinerseits für die Befreiung seines Gefährten thätig. Er verband sich mit zwei jungen Leuten, die ebenso muthig und zuverlässig wie er selbst waren, führte sie heimlich in einen an Vissavona.s Haus anstoßenden Garten, wo er sie hinter einer Mauer verbarg. Dann trat er ruhig vor die Morelli und bat um die Erlaubniß, sich von Napoleon verabschieden zu dürfen, da er fortgeführt werden sollte. Man willfahrte seiner Bitte. Nun verständigte er schleunig Napoleon und Vissavona von seinen Plänen und trieb zur Flucht, da der kleinste Aufschub höchst gefährlich werden konnte. Alle drei drangen bis zur Stallung vor und anf der Schwelle umarmte Vissavona seinen Gast und sagte mit Thränen im Auge: „Gott rette Euch, mein armes Kind, er allein vermag es!" Kletternd erreichten Napoleon und Santo Riccio die zwei hinter der Mauer verborgenen jungen Leute und sie flohen nun im Sturmlauf nach einem nahen zwischen Bäumen versteckten Brunnen. Aber sie mußten bei den Morelli vorüber, und diese wurden ihrer gewahr und stürzten mit Geschrei den Flüchtlingen nach. Der Chef der Morelli, der indessen seine Behausung erreicht hatte, hörte den Lärm und errieth sofort, was geschehen sein mochte. Er sprang auf und die Wildheit seines Ausdrucks hatte etwas so Erschreckendes, daß seine Frau, die mit den Tusoli, bei denen Bonaparte die Nacht zugebracht hatte, befreundet war, sich ihm zu Füßen warf, und ihn anflehte, das Leben des jungen Mannes zu schonen. Der Wüthende schleuderte sie von sich und wollte hinausstürzen, doch sie umfaßte noch immer, auf den Knieen liegend, krampfhaft seine Füße und umklammerte ihn derartig, daß es ihm nicht gelang sich frei zu machen. Er warf sie zu Boden, aber sie riß ihn mit sich nieder uud vergeblich suchte er sich loszuwinden. Ohne die Kraft und den Muth dieses Weibes war es um Napoleon geschehen und die Geschichte der Neuzeit nahm eine andere Wendung. Es wäre derselben erspart geblieben, eine endlose Reihe von glänzenden Siegen mit ihrem Griffel zu verzeichnen. Millionen Menschen wären nicht den Kanonen zum Opfer geworden! Die Karte Europa's wäre nicht die gleiche geblieben! Und wer kann wissen, unter welchem politischen Regime wir heute leben würden? Die Morelli erreichten die Flüchtlinge. Santo Riccio blieb unerschrocken; sich an den Stamm einer Kastanie lehnend, kehrte er sich gegen dw Angreifer und schrie den beiden jungen Leuten zu, Bonaparte mit sich fortzuschleppen. Dieser widersetzte sich und wollte seinen Führer nicht verlassen, aber Santo Niccio rief, während er gleichwohl die Feinde keinen Moment aus dem Auge ließ: „So tragt ihn doch fort, ihr Andern, ergreift ihn, bindet ihm Hände und Füße!" Aber schon waren sie umgeben und festgenommen und ein Anhänger der Morelli, Namens Onorato, setzte sein Gewehr Napoleon an die Schläfe, indem er ausrief: „Tod dem Verräther am Vaterlande!" In diesem Augenblicke rückte Bonapartes Gastfreund Felix Tusoli, umgeben von seinen wohl bewaffneten Verwandten, heran. Santo Riccio hatte ihn durch einen Boten benachrichtigen lassen. Tusoli übersah die Gefahr, und da er in dem Manne, der das Leben seines Gastes bedrohte, seinen Schwager erkannte, rief er ihm, das Gewehr auf ihn anlegend, zu: „Onorato, Onorato, so muß denn die Sache zwischen uns znm Austrag kommen!" Der Andere wurde verblüfft und zögerte zu schießen, während Santo Riccio die allgemeine Verwirrung benützte. Er überließ es den beiden Parteien sich zu schlagen oder sich Erklärungen zu geben, umfaßte mit Hilfe der jungen Leute den noch immer widerstrebenden Napoleon und zog ihn mit in's Dickicht fort. Erst eine Minute später hatte sich Morelli von seiner Frau freimachen können und erschien nun wuthschnaubend bei seinen Anhängern, aber die Flüchtlinge waren geborgen und zogen schon durch die Berge, die Schluchten und die Wälder. Als diese sich in Sicherheit befanden, sandte Santo Riccio die beiden jungen Leute mit dem Auftrag zurück, sich am nächsten Morgen mit den Pferden bei der Brücke von Ucciani einzufinden. Bevor sie sich trennten trat Napoleon an sie heran und sprach: „Ich kehre nach Frankreich zurück, wollt ihr mich begleiten? Welches Loos immer mich dort erwarten mag, Ihr sollt es mit wir theilen." Sie antworteten: „Unser Leben gehört Euch, unser Dorf wollen wir aber nicht verlassen." Die beiden treuen jungen Leute kehrten nach Bocognano zurück, um die Pferde zu holen, während Napoleon und Santo Riccio mühsam ihren Weg durch das wilde Gebirg fortsetzten. Sie hielten bei der Familie Mancini eine kurze Rast, um etwas Nahrung zu sich zu nehmen und kamen Abends in Ucciani bei den Pozzoli an, die zu den Anhängern der Bonaparte zählten. Als Napoleon am nächsten Morgen erwachte, sah er das Haus von Bewaffneten umringt. Die ganze Schaar bestand aus Verwandten und Freunden der Familie, die alle bereit waren, ihr Leben zu seinem Schutz zu opfern. Die Pferde warteten bei der Brücke und die ganze Eskorte geleitete den Flüchtigen bis in die Nähe von Ajaccio. Als die Nacht eingebrochen war, drang Napoleon in die Stadt und verfügte sich zum Maire, Herrn Jean Jerome Lewy, der ihm einen Versteck in einem Wandschrank ausfindig machte. Diese Vorsicht erwies sich als nicht überflüssig, denn am nächsten Tag fand sich die Polizei ein. Sie durchsuchte jedoch vergebens das Haus und zog sich endlich durch die geschickt gespielte Entrüstung des Maire getäuscht zurück, der seine eifrigste Mitwirkung zur Habhaftwerdung des jungen Mannes zusicherte. An demselben Abend übersetzte Napoleon den Golf und wurde der Familie Costa von Bastelica übergeben, die ihn in den Wäldern verbarg. Die sensationelle Geschichte von einer Belagerung, die er im Thurme von Capitello auszuhalten gehabt hätte, beruht auf Erfindung. Einige Tage später wurde die Unabhängigkeit Korsika's erklärt, das Haus der Bonaparte niedergebrannt, die drei Schwestern Napoleon's wurden gefangen genommen und dem Abbs Reccho übergeben. Eine französische Fregatte, welche an der Küste kreuzte, um die wenigen Anhänger Frankreichs einzuholen, nahm Napoleon an Bord und brachte den verfolgten Parteigänger, der einst der große Kaiser werden und die Geschicke der Welt auf den Schlachtfeldern entscheiden sollte, nach dem Mutterlande zurück." Dieser „große Kaiser" hat, wie aus dem Vorstehenden zu ersehen ist, in den langen Jahren seiner Macht keine Zeit gefunden, sich der Leute zu erinnern, die ihn mit Gefahr ihres Lebens aus der Hand der Mörder gerettet hatten und erst die herannahende Todesstunde vermochte es, die Erinnerung an jene Schuld der Dankbarkeit heraufzubeschwören, und ihn zu bewegen, sich in später Reue durch armselige Legate mit derselben abzufinden. 293 Der Leichenrnaler. Farbenskizze von Heinrich Seidel. Nach langjähriger Abwesenheit war ich nach Berlin zurückgekehrt und schweifte eines Tages planlos durch die Straßen, vertieft in die wehmüthig heitre Beschäftigung, die Stätten vergangener Jugendfreuden wieder aufzusuchen. Dabei war ich allmälig in unbekannte Gegenden gelangt und hielt an, um mich zu orientiren. Der Name der Straße, in welcher ich mich befand, war mir nicht fremd, obgleich ich noch niemals dort gewesen war, und außerdem hatte ich eine dunkle Vorstellung, daß sich mit dieser Straße für mich etwas Besonderes verknüpfe. Ich zog mein Notizbuch hervor und richtig, dort stand eine Bemerkung: ...... Straße Nr. 84, der Leichenmaler." Kurz vor meiner Abreise nach Berlin hatte mein Freund Ringwald mir diese Adresse aufgegeben und mir auf die Seele gebunden, diesen Maler, welcher unter seinen Freunden diese sonderbare Bezeichnung führte, aufzusuchen, da er nut ihm besonders befreundet sei und dringend wünsche, auch unsere Bekanntschaft herbeizuführen. Ich fand das Haus bald. Es war ein zweistöckiges, langweiliges Gebäude, in dem nüchternen Stil errichtet, der zu Anfang dieses Jahrhunderts herrschte, und hob sich seltsam ab gegen die riesigen Miethskasernen mit Mansardendächern, welche die neue Zeit ringsum emporgetrieben hatte. Es war ganz einsam und todt in dieser abgelegenen Straße, kein Mensch ließ sich sehen, und das Einzige im ganzen Umkreis, das sich bewegte, -war in dem an dem alten Hause hängenden Schaukasten eines Zahnarztes zu sehen, nämlich ein Paar rothe Gummikiefer mit blendend weißen Zähnen, welche, durch ein verborgenes Uhrwerk getrieben, fortwährend auf und zu klappten und ewig an einem imaginären Etwas kauten. Ich trat in den geräumigen Thorweg und stieg eine mächtige alte Holztreppe mit gewundenem Geländer und tief ausgetretenen Stufen hinan. Ein muffiges, altes Haus; es roch darin nach aufgewärmten Kohl und Cichorienkaffee. Auf den oberen Stufen rührte sich was und ich fand dort ein altes, schlumpiges Weib, das, scheinbar ohne wesentliches Resultat, die Treppe scheuerte. Auf meine Frage nach dem Maler ward ich von ihr über den Hof in den Garten gewiesen. Auf dem Hofe war es lebendiger, denn ein Tischler, dessen Aushängeschild mit einem unendlich langen perspectivischen Sarg, in welchem man in einer Reihe hinter einander eine ganze Familie bequem hätte unterbringen können, draußen von mir bereits bemerkt war, hatte seine Werkstatt im Hinterhause aufgeschlagen, und seine Gesellen hobelten und nagelten in einem offenen Schuppen und sangen lustig zu ihrer Arbeit. Es roch dort nach frischem Holz und Firniß und in einem halbfertigen Sarge lag auf Hobelspänen ein kleines rosiges Kind und schlief, während seine Geschwister daneben sahen und mit Sargnägeln und alten Florfetzen spielten. Das Atelier befand sich in einem Gartenhause. Eine seltsame Beklommenheit hatte mich befallen und ich zögerte einen Augenblick, ehe ich den einfach mit dem Namen Martin gezeichneten Klingelzug ergriff, worauf das heisere Gebelfer einer gesprungenen Glocke mit so geflissentlicher Ausdauer ertönte, daß es offenbar war, sie suche den Mangel an Klang durch ihre emsige Beharrlichkeit und Arbeitsamkeit zu ersetzen. Der Maler öffnete mir selbst, und ich war enttäuscht über seine Erscheinung, es ivar nicht das geringste Ungewöhnliche in ihr. Eine schlanke, durchaus modern gekleidete Gestalt von nachlässiger Haltung, ein blasses Gesicht mit wenig Bart an Kinn und Lippen, etwas müde blickenden grauen Augen und kurzgehaltenem, emporstrebendem dunklen Haar, so stand er vor mir und fragte nach meinem Begehren. Als ich den Namen meines Freundes genannt hatte, ging ein freundlicher Schein über die Züge des Malers und er forderte mich auf, in seine Werkstatt zu treten. Gegenüber der Thür ragte mir der Rücken einer gewaltigen Leinwand entgegen. Martin deutete darauf hin und sprach, indem ein feiner Zug von schalkhafter Ironie in seinen Mundwinkeln lauerte: „Sie werden das Bild sehen, das ich soeben vollendet habe. Ich 294 störe Sie Anfangs nicht dabei, ich werde mir anderweitig zu thun machen. Vielleicht brauchen Sie einige Zeit, sich an dem dargestellten Gegenstand zu gewöhnen." Damit schritt er an einen Tisch, der, mit einer Anzahl von Gegenständen bedeckt, dicht an dem von unten halb verhängten Atelicrsenster stand und überließ mich meinem Schicksal. Ich darf wohl sagen, daß ich mit einem Gefühl ängstlicher Spannung an die die bezeichnete Leinwand trat und ich dankte dein Maler für seine Rücksicht, als es geschehen war, denn kaum konnte ich eine Aeußerung des Entsetzens zurüchhalten. Auf dem Bilde war, wie ich sofort erkannte, das Innere des Lcichenkellcrs der Berliner Anatomie dargestellt, jenes furchtbaren Ortes, wo die eingelieferten Körper für die Zwecke des Studiums aufbewahrt werden. Auf schrägen Pritschen hingestreckt, lagen die nackten Gestalten, aus dem ungewissen Dümmer in fahlem Scheine hervorleuchtend, Kinder, Greise und Jünglinge, wie sie ein grausames Schicksal an diesen furchtbaren Strand geworfen. Sie führten keinen Namen und keinen Stand mehr, sie waren wissenschaftliche Objecte und trugen nur noch eine Nummer, welche auf Papier geschrieben an eine Zehe gebunden war. J>.. Vordergründe lag ein Weib mit einem nassen Tuch bedeckt, das die Form des verhüllten Leibes hervortreten ließ; unheimlicher als all das nackte Elend wirkte dieser verdeckte Jammer. Entsetzen und Abscheu waren die Empfindungen, welche mir dieses Bild einflößte, nachdem ich in kürzester Frist die geschilderten Beobachtungen gemacht hatte. Aber zu meinem eigenen Erstaunen bemerkte ich, daß in geringer Zeit diese Eindrücke sich milderten und eine Art von Bewunderung sich einmischte, die durch die außerordentliche Kunst des Malers bei der Vorführung dieser furchtbaren Gegenstände hervorgerufen wurde. Es gibt eine Art der Darstellung, welche selbst das Entsetzliche, das Häßliche und Gemeine adelt, es giebt eine liebevolle Weise der Vertiefung in die Natur, welche auch über die verachtetsten Gegenstände einen Schimmer der Schönheit breitet, jener Schönheit, welche ein Abglanz der ewigen Wahrheit ist. Die armen Kinder des Todes, wie sie so starr und hüflos im bleichen Dämmerlichte ruhten, es war ein ergreifendes Bild von der Unzulänglichkeit alles Menschlichen. „Nun seien Sie aufrichtig", sagte Martin plötzlich, „ich bin an starke Ausdrücke gewöhnt." Ich machte ihn mit dem Gange meiner Gedanken bekannt, allein es schien ihm nicht viel Eindruck zu machen. „Es ist wohl ein Fehler in meiner Organisation", meinte er, „aber eine unwiderstehliche Kraft treibt mich hin auf diese Dinge. Eigentliches Grauen habe ich niemals empfunden, nur ein tiefes und unwiderstehliches Interesse an diesen Gegenständen. Im vorigen Herbst besuchte ich einen befreundeten Mediciner in der Anatomie, da drängte sich mir plötzlich die Idee zu diesem Bilde auf und verließ mich nicht wieder. Manchen Vormittag habe ich dann allein in dem Keller gesessen und Studien gemacht. Der Herbstwind brauste draußen in den Kronen der halb entblätterten Bäume und zuweilen kam ein Windstoß und warf knallend eins der stets offenen Fenster zu, oder jagte eine Wolke von welken Blättern herein, welche raschelnd die schrägen Flächen der Lichtöffnungen herabkamen und flüchtig über ihre menschlichen Genossen hinwegtanzten. Sonst war dort nichts, als das stille starre Schweigen des Todes und der stiere Blick auf lange erloschener Augen, der unablässig auf mir ruhte. Da kam mir oft plötzlich der Gedanke, wenn nun einer von diesen hier anfinge, sich zu bewegen und sich aufrichtete, um mit entsetzten Augen um sich zu schauen, — was dann? Und es schien mir, als rege sich dort eine Hand oder hier ein Arm, aber ich richtete meine Augen fest darauf und sah wieder nichts, als die kalte, starre, unabänderliche Ruhe des Todes." Unterdeß waren meine Augen weiter gewandert und hatten noch andere Bilder entdeckt, theils vollendete, theils noch in den Anfangsstadien begriffene, und es befiel mich ein Staunen, über die Verschiedenartigkeit derselben von dein zuerst gesehenen. — Kaum begriff man, daß es derselbe Maler war, der jenes schöne sinnende Mädchen 295 gemalt hatte, das mit träumendem Blick und knospendem Herzen durch den blühenden Frühlingsgarten wandelt. Und doch verleugnete er seine Natur nicht, denn wenn man das Bild näher betrachtete, so war der Garten ein Kirchhof und die blühenden Rosen wuchsen aus einem verfallenen Grabhügel hervor. „Ich habe draußen ein Bild für Sie gesehen", sagte ich, „in der Werkstätte des Tischlers . . ." — „Ich glaube, ich weiß schon, was Sie meinen", sagte er lächelnd, indem er eine an die Wand gelehnte Leinwand- umkehrte und auf eine Staffelei setzte. Wahrhaftig, da war das rosige, blühende Kind, das in dem Sarge schlief, wie ich es draußen gesehen hatte. Da waren die anderen Kinder, welche zu Füßen desselben fröhlich mit Emblemen und Gcräthschaften des Hades spielten. Dann holte Martin von seinen: Sims, zwischen einem Todtenkopf und dem Skelett eines seltsamen Vogels, eine wunderliche, gebauchte grüne Flasche hervor, die mit einem Etiquette geziert war, welches ein momsnto rnorl und die rothe Inschrift: „Gift!!!" zeigte und füllte zwei alterthümliche Gläschen daraus. „Daran dürfen Sie sich nicht stoßen", sagte er, „das dient nur zur heilsamen Abschreckung für die Aufwürtcrinnen, welche gewöhnlich viel Sympathie für einen guten Liqueur haben. Es wird mir übrigens sehr schwer, eine Aufwärterin zu finden, welche es bei mir aushült", fuhr er fort, „sie graulen sich alle und mögen in dem Atelier nicht allein sein, besonders mit dem dahinten mögen sie nichts zu thun haben.'" Dabei zeigte er auf eine mannshohe Nische in der Wand, welche von einem kunstreichen alterthüm- lichen Eisengitter verschlossen war. Hinter demselben stand aufrecht ein Skelett, und stierte mit dem weißen Knochcnantlitz durch das eiserne Schnörkelwerk. Wahrhaftig, ich konnte mir vorstellen, daß die armen abergläubischen Weiber in diesem Atelier sich nicht wohlsühlten, denn es glich eher der Behausuug eines mittelalterlichen Nekromanten, als der Werkstatt eines Malers. Es fehlte selbst nicht das ausgestopfte Krokodil, das von der Decke herabhing, es fehlten nicht die Hunderte von seltsamen und abenteuerlichen Dingen, welche rings wie aus einem grausigen Märchen von den Wänden stierten und dem ganzen Raume etwas von dem gespenstigen Reiz eines Wachsfigurencnbinets oder eines Raritätenmuseums verliehen. Der Abenteuerlichkeiten, welche sich hier vorfanden, hätte sich ein solches Mu'cum nicht zu schämen gebraucht. An der Wand hing unter vielen anderen Dingen eine braungedörrte Menschenhand, welche mir wegen ihrer zierlichen Form besonders auffiel. Martin nahm sie von ihrem Nagel und reichte sie mir hin. Es war offenbar eine Frauenhnnd, die schlanke Weichheit der Formen war noch vollständig erkennbar und an den sanft nach vorn sich verjüngenden Fingern zeigten sich die wohlgepflegten Nägel noch gänzlich unverletzt. „Ein Geschenk eines Freundes", sagte Martin. „Derselbe fand während des letzten französischen Krieges diese Hand in den: Park einer verlassenen Villa mitten in einem Rosengebüsch an einem Zweige hängend." Unterdes; war die Dämmerung hereingebrochen und ich fand es an der Zeit, meinen Besuch abzubrechen. Der Maler hatte ein großes Kirchenwachslicht angezündet, um mir über den dunklen Flur zu leuchten, jedoch als seine Blicke zufällig über die Wände schweiften, hielt er plötzlich inne und sagte: „Ach, dürste ich Sie, bevor Sie gehen, noch um eine Gefälligkeit ersuchen?" Dabei deutete er auf eine Borte, welche in Thürhöhe rm der Wand entlang lief und ganz bedeckt war mit einer Reihe von Todtenmasken und Gipsabgüssen von Köpfen berühmter Verbrecher, welche mit leeren Augen aus brutalen Gesichtern finster in die Welt starrten. „Wenn Sie mir nur einen Augenblick das Licht hier unten halten wollen, wie ich es Ihnen angebe. Sie glauben nicht, welche wunderbaren Effecte das gibt, wenn man diese Kerls so von unten beleuchtet. Ich hielt das Licht und er trat zurück. „Ein wenig näher an die Wand!" rief er. „So, nun noch mehr links . l. so, halt! . . . Köstlich . . . herrlich . . . wie dem da statt der Augen zwei große Finster- 296 nisse im Gesicht stehen, und diese Uebergänge, diese Neflexlichter! Sehen Sie, wie die Schlagschatten lang an der Wand in die Höhe schießen . . . Famos!" Ich sah von meinem Standpunkte ebenfalls hinauf, und muß gestehen, selten eine schauderhaftere Gesellschaft von Galgengesichtern beisammen gesehen zu haben. Das finstere Brüten in diesen stieren Augen ward durch die Beleuchtung ins Fratzenhafte gestärkt und durch das flackernde Licht kam ein unheimliches Leben in die starren Züge; es regten sich scheinbar die knochigen Kinnladen, und um wulstig aufgeworfene Lippen zuckte es wie ein dämonisches Grinsen. Darnach verabschiedete ich mich und habe später den Maler nicht wiedergesehen. Aber unvergeßlich hat sich dieser eine Besuch in meine Seele geprägt. Die Menschen sind ein sonderliches Geschlecht; was dem Einen ein Greuel, ist dem Andern ein Labsal, und kein Abgrund ist so tief und schauerlich, daß nicht Jemand gefunden würde, an seinem schwindelnden Rande furchtlos Blumen pflückend, wie ein spielendes Kind. (Deutsches Montagsbl.) M i s e e l l e n. Ein Dorfschuster, der auf einer Fußreise sehr müde wurde, sah zu seiner Freuds eine reitende Estaffette sich ihm nähern, und sprach diese freundlich an: „Liebster Herr Staffetterich, kann ich nicht ein Stückchen mitreiten?" — Der Postillon wollte sich einen Spaß nnt ihm machen, und erlaubte ihm, sich hinten aufs Pferd zu setzen. Kaum waren sie eine Strecke weit geritten, so rückte der Postillon so weit nach hinten, daß der arme Schuster vor Angst nicht wußte, was er beginnen sollte, und dem Postillon auf die Schulter klopfend voll Verzweiflung zurief: „Ach, Hochedelgeborner Herr Staffettenbereiter, ich kann nicht weiter rücken, des Pferd is alle!" Jemand sagte zu Lord Efsingham: „In Grönland werden die Menschen häufig 100 Jahre alt, und doch gibt es dort keine Aerzte: ist das nicht wunderbar?" — „Bei uns in London gibt es mehrere tausend Aerzte," erwiderte der Lord, „und Mancher wird doch 100 Jahre alt; ist das nicht noch wunderbarer?" Das blinde Blumenmädchen. Auf lauter Straße stehst du zag, Wo stets vorbei der Ein' in Eil' Am Andern hastet Tag für Tag, Und bietest deine Blumen feil. Nicht ahnst du, welcher Zauber webt Auf deinen Wangen armes Kind, Welch' holder Reiz dein Haupt umschwebt — Du ahnst es nicht — du bist ja blind. Du weißt es nicht, wie wunderbar, Wie lieblich deine Blumen sind, Wie wonniglich, der sie gebar. Der Sonnenschein — du bist ja blind. (Aus: Die Rose, die das Licht erweckt, Die glühende begehr ich nicht: Das Veilchen gib, das Dunkel deckt Wie dein umnachtet Angesicht! Paul Schönefeld „Dichtungen." Stuttgart, Mertzcl.) Original-Charade. * Das erste Glied zeigt einen Zustand an, Wer in ihm lebt, ist leider übel d'ran; Doch wer's nicht doppelt hat, ist zu beklagen. Bencidenswerth dagegen ist der Mann, Der, sclt'ner Weise, von sich rühmen kann, Er sei, was uns die beiden letzten sagen. Kein Kummer wird an seinem Herzen nagen, Kein düst'rer Flor die heit'rc Stirn umzich'n, Er schwebt einher im milden Freudcnglanze; Allein schnell werden Glück und Freuden flieh'n, Vereinen die drei Glieder sich in's Ganze. Auflösung der Original-Charade in Nr. 35: Schlüsselloch. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag de^ Litcrarischen Instituts von l>r. M. Huttler. tunasökatt zur „ÄKgslmrger postzeitimg." Nr. 38. Mittwoch 10. November 1880. Ein Reis vom Narrenbaum trügt jeder an sich bei; Der Eine deckt es zu, der And're trügt es frei. Logau. Aus dem Tagebuchs eines alten Junggesellen. Von Alfons Planer. I. Noch seh' ich's, das alte Forsthaus inmitten grüner Tannen, noch höre ich den Gesang der Vogel aus Dorn und Laubeshang, ein tausendfältig süßes Locken, noch mein», ich, es ziehe das Waldesrauschen mir geheimnißvoll, wunderbar durch die Seele. Und doch sind Jahrzehnte dahingegangen, nichts hinterlassend als süße, traurige Erinnerungen an den Lenz meines Lebens. Und wie schön war er, der Lenz? Voll Sonnenschein, Blüthenduft und Maienglück. Jetzt ist's Herbst geworden. Einsam sitz' und sinn' ich, während der Herbstwind gelbe Blätter von den Ranken des Weinstockes, der mein Fenster umrahmt, hereinweht. Warum muß es auch Herbst werden? — Doch zage nicht, Herzt Es muß auch wieder Frühling werden. Kommt er, jener Auferstehungstag, dann werde ich auch sie verklärt wiederfinden, die nun schon lange ruht unterin grünen Rasen und unter Blumen, sie selbst eine Blume, drüben auf dem von alten Linden und Buchen umrauschten Kirchhofe. Es ist die einfache Geschichte zweier Menschenherzen, die da in mir wieder auflebt, meines eigenen armen Herzens und eines Herzens, das ich dereinst verehrte und noch verehre und heilig halte. Das war ein schöner, Heller Herbstmorgen — in des Lebens Herbst fallen selten solch' sonnenhelle Tage — da ich, ein junges, frisches Studentenblut, den Jagdstutzen meines Onkels, des Pfarrers von Grünthal, auf der Schulter, den Rucksack umgehängt, dem Forste zuschritt. Da war's, als wollte die Natur zum letztenmale sich freuen, bevor der rauhe Sturm käme und den Bäumen die grünen Blätter nähme, und es war so friedlich draußen, daß mir weich wurde unr's junge Herz und ich vermeinte, ich könnte keinem Wesen etwas zu Leide thun. Und als mich der ewig grüne Tannenwald aufgenommen hatte, da sah ich manch' zierliches Reh durch's Dickicht huschen und hab doch nicht die Hand aufgehoben, den Tod zu versenden, und war doch kein schlechter Schütze. Als sich dann in das Waldesrauschen der Klang der Morgenglocken vom Dorfe herüber verwob, da war's wie Feiertag. Es überkam mich wie Gebet und ich meinte, ich müßte wieder fromm sein, wie dereinst als Kind, da ich mit Mütterlein mein „Ave" betete. Und doch war er längst untergegangen im Weltgetümmel, der Kindesglaube, und tauchte die Erinnerung davon nur selten auf, wie Aveläuten aus weiter, weiter Ferne. So streifte ich denn durch's Waldesdickicht, mich freuend der schönen Welt und Alles in der Welt draußen vergessend, so daß ich ganz erstaunt war, als sich plötzlich eine Lichtung öffnete und ein freundliches Forsthaus mit einem netten Gärtchen vor mir lag. Doch ein oivm acmäoinicm^ besinnt sich nicht lange, und so schritt ich keck auf das Haus zu, um so mehr, als hinter dem grünen Zaune ein frischer Brunnen plätscherte 298 — und ich in Folge meines Streifzuges durstig geworden war. Doch nicht unbestraft betrittst Du fremdes Gehege. Kaum hatte ich mich dem Brunnen genähert, da stürzten schon zwei Teckel aus der Hausthüre und gaben ihr Mißfallen über mein Eindringen durch wüthendes Gekläffe kund. Aergerlich war ich eben bemüht, die treuen Wächter zu beschwichtigen, als eine weibliche Gestalt unter der Hausthüre erschien und eine silberhelle Stimme -— ihr Klang zog mir das erstemal schon wie wunderschöne Musik durch die Seele — rief: „Pürschl, Waldl, herein!" Und wie Zauber schien diese Stimme auch auf die Hunde zu wirken, denn sie machten augenblicklich Kehrt und näherten sich schmeichelnd der Herrin, die alsbald in der Thüre verschwand. Nach kurzer Zeit erschien dieselbe jedoch wieder mit einem Glase in der Hand, das wie Krystall in der Morgensonne funkelte; mir dasselbe darbietend sagte sie freundlich: „Verzeihen Sie den ungestümen Thieren, und darf ich Ihnen das Glas anbieten, falls Sie Durst haben." Ich weiß nicht, ich hatte in der Universitätsstadt mit manchem schönen Mädchen verkehrt, mit jeden: gescherzt, und die Mädchen mochten mich kecken Burschen auch nicht übel leiden, aber als ich dein holden Mädchen jetzt in's Gesicht sah, aus dessen blauen Augen es so wundermild leuchtete, und auf dessen edlen, freien Zügen eine Seelenruhe, Waldesfrieden gleich, ruhte, da starrte ich dieses liebliche Antlitz unbeweglich an und war so scheu, daß ich lange brauchte, um einige Worte des Dankes verlegen zu stottern. Erst nachdem ich getrunken hatte, war ich wieder Herr meiner selbst, und da ich mich als den Neffen des Pfarrers vorstellte, sagte das holde Kind lächelnd: „Ei! da dürfen Sie nicht an unserm Hause vorübergehen, was würde mein Vater dazu sagen! Besangen von einem holden Zauber folgte ich der Einladung des Mädchens und trat in das Haus ein, wo mich der Vater, der kgl. Förster Weber, ebenso freundlich begrüßte, wie seine Tochter. Es war das eine schöne, stattliche Erscheinung, der in Ehren ergraute Förster, ein echter, biederer, deutscher Waidmann. Sein Gruß war warm und vom Herzen kommend, und freudig schlug ich in die dargebotene Rechte ein. Als wir dann draußen in der Laube saßen, da erzählte er mir, wie er ein langjähriger und geliebter Freund meines Onkels sei, wie er schon lange Jahre auf dieser Fösterci sich befinde, wie sein Röschen hier geboren, wie nun sein treues Weib schon zehn Jahre todt sei, und der brave Mann ließ mich ganz in sein Herz blicken, das so brav und treu war, daß ick, mich gleich mit Liebe zu ihm hingezogen fühlte. Dabei war er so weich geworden, der rauhe Waidmann! Nun mußte auch ich erzählen von meiner Heimath, von meinen Lieben, von meinen Studien und von meinem künftigen Berufe. Der Alte lobte meinen Entschluß, Arzt zu werden, und Röschen gar drückte ihre Freude aus und sagte, wie das ein so schöner Beruf sei und wie man da soviel Barmherzigkeit üben und sich reichen Gotteslohn erwerben könne. Hätte mir sonst irgend Jemand diesen Beisatz gemacht, ich hätte mitleidig oder gar verächtlich gelächelt; jedoch von diesen Lippen kam es so überzeugend und wahr, daß es mir keineswegs lächerlich vorkam. Etwas Schönes und Beglückendes mußte er doch sein, dieser Glaube, da er den Zügen eines Menschen so den Stempel des Hehren und Erhabenen aufdrücken konnte, und Seelenruhe mußte er auch verleihen, so dachte ich mir und lauschte andächtig den schlichten Worten des sinnigen Mädchens. Lange saßen wir so beisammen, und es war mir, als hätte ich diese lieben Menschen schon lange gekannt und ich fühlte mich so heimisch, daß ich vermeinte, aus einem schönen Traume zu erwachen, als vom Dorfe her die Mittagsglocken grüßten und mich zur Heimkehr mahnten. Vater und Tochter nahmen herzlich töschwd und luden mich ein, sie ferner fleißig zu besuchen. Und ob ich der Einladung folgte! Jeden Tag war ich früh morgen schon draußen im Forsthause. Mußte ich dann Mittags im Hause meines Onkels sein, nachmittags war Ich gewiß wieder drüben im Forste, bald mit dem Förster den Wald durchstreifend, bald in traulicher Unterhaltung mit Vater und Tochter in der Laube, und als rauhe Winde stärker an den Herbst mahnten, drinnen in der heimischen Stube. Dabei ging eine seltsame Umwandlung in mir vor. Ich, der übermüthige, kecke Bursche, konnte stundenlang andächtig den Worten Röschens lauschen. Sie hatte es bald heraus- bekommen, daß es im Punkte der Religion schwach mit mir bestellt war und redete mir dann einfach, absr doch überzeugend zu, so daß ich allmählig fühlte, der Glaube müsse doch kein leerer Wahn sein. Alle meine wissenschaftlichen Ansichten wurden erschüttert durch den lebendigen Glauben in diesem Mädchen. Röschen schien sich auch des Erfolges ihrer Mission zu erfreuen und gewann mich sichtlich lieb. So kam denn die Zeit, da die Ferien zu Ende waren und die „ulmn mutör« mich wieder rief. Wehmüthig gestimmt nahm ich Abschied im Forsthause und auch Röschen war traurig, als ich ging. Ich meinte, Alles in dem stillen Forsthause zurückzulassen, all' mein Glück, Hoffen und Lieben. — In der Universitätsstadt angelangt, begann ich ein ganz anderes Leben, denn früher. War ich nicht im Colleg, so saß ich den ganzen Tag auf meiner Bude und studirte, oder meine Gedanken schweiften hinaus nach Grünthal und in's liebe Forsthaus. Meine Corpsbrüder wunderten sich sehr darüber. Die armen Jungens konnten nicht begreifen, wie ich, der flotte Bursche auf einmal ganz anders geworden. Aber bald hieß es: „Spatz — das war mein Kneipname — muß riesig verkeilt sein, jammerschade für das fidele Haus." Als ich dann doch hie und da die Kneipe besuchte, wurde ich weidlich geneckt und verdonnert. Aber als in einem groben „Flederwische" meine süßesten Gefühle empfindlich berührt wurden, blieb ich ganz aus und überließ es den Studenten ihre Glossen über mich zu machen. So kam der Winter und mit ihm die Weihnachtszeit. Wie ich da mein Ränzchen schnürte! nnd der Onkel war ganz verwundert, als ich mich bei ihm einquartierte. Er schüttelte lächelnd das greise Haupt, ahnte er doch, was mich mitten im Winter herausführte und hatte er das herzige Kind doch auch in sein väterliches Herz eingeschlossen. Als ich dann im Forsthause die Stube betrat, da schaute Röschen erst erstaunt auf, ihre großen, blauen Augen starr auf mich gerichtet; dann zog es plötzlich wie leuchtender Sonnenschein über ihr Antlitz. Der Vater war ebenfalls erfreut, wir rauchten zusammen und plauderten bis tief in die Nacht hinein. Röschen redete nicht viel, sinnend saß sie da und blickte-mich hie und da wundermild mit ihren treuen Augen an, daß mich jedesmal süßer Schauer überkam. Als ich dann durch den tiefen Schnee dein Dorfe zuwanderte, da glänzte draußen ein wundecfc!!. Nachthimmek, und die Sterne grüßten freundlich herab. Wie seliger Geister Gruß tönten durch die Nacht die Glocken, die zur Christmette riefen. Als ich mich dem Dorfe näherte, da waren die Fenster der Kirche hell erleuchtet, und leise tönte die Orgel. Mich zog's mit Allgewalt hinein in die Kirche, ich betete wieder wie in Kindestagen, und seliger Friede zog ein in mein Herz. Es war heilige Nacht! (Schluß folgt.) * Die Augen des Meeres. Von K. Reichn er. Motto: „In dein kleinsten Vaterlands Lernt der Mensch die Welt versteh'n." Ein jeder Mensch, mag er sein, wer und was er wolle, empfindet wohl tiefinnerlich jenen schönen Trieb, der gar häufig, bewußt und unbewußt ihn leitet, seine Handlungen beeinflußt — die Liebe zum Vaterlande, zur Heimath. Nun gibt es freilich Länder, schöne, sonnige Länder, bei deren Anblicke ein Jeder zu begreifen vermag, wieso es komme, daß heißes, sehnsuchtsvolles Heimweh den durch die Ungunst seines Geschickes, die Macht der Verhältnisse von seinem Vatcrlande Getrennten, fern von demselben befalle. — Wir vermögen das sprüchwörtlich gewordene Heimweh des freien Schweizer) nach seinen majestätischen Bergesriesen zu erfassen, das Gefühl des Deutschen — halb wohl, halb wehe — wenn er draußen unter Fremden plötzlich auf deutsche Laute, deutsche Sitten stößt, wir verstehen, daß dem Franzosen sein Paris, dem Italiener sein blauer Himmel an's Herz gewachsen ist — wir begreifen dies Alles und auch manches Andere noch, denn: „In dem kleinsten Vaterlands Lernt der Mensch die Welt versteh'»." Und in ihm, diesem kleinsten Vaterlande, liebt er die ganze Welt, ja liegt oft die ganze Welt für ihn. — Das ist der Zauber, der geheimnißvolle, der in dem süßen Laute: „Heimath" ruht, sei diese Heimath nun groß oder klein, bescheiden oder prächtig. Fast unbegreiflich aber erscheint die sonst so natürliche Liebe zum Vaterlands, zur Heimath, wenn es sich um eine Stätte handelt, welche dem unparteiisch, also kühler Urtheilenden, als eine ebenso gefahrvolle, wie trostlose, von Gott und den Menschen verlassene Einöde, eine Wüstenei im allerschlimmsten und weitgehendsten Sinne des Wortes erscheinen muß. Und solch' ein Vaterland sind die sogenannten — von den alten Friesen so gegönnten — „Oogen (Augen) des Meeres", im gewöhnlichen Leben unter dem Namen: „die Halligen" bekannt. — Umtobt von den Wogen der Nordsee, an der Küste von Schleswig-Holstein, liegen einige kleine Inseln, die letzten Ueberreste einer untergehenden Inselwelt, welche das Meer nach und nach verschlingt. — Kein Damm, keine Düne schützt diese kleinen Eilande, die nur um etliche Fuß das Meer überragen, die aus demselben hervorzulugen scheinen, als die Augen des Meeres. — Das sind die Halligen. — Wie Sie entstanden, darüber berichtet uns eine Sage: In grauen Zeiten, im Jahre 1300, lag einstens dort ein festes Land, das mehr als dreißig Kirchspiele umfaßte, die Perle von Nordfriesland, das Land „Nordstrand", durch schmale Wasserstraßen von den Inseln Führ und Amrum getrennt. Alle Halligen — damals noch keine Inseln — gehörten mit dazu — es war ein reiches, gesegnetes, ein fruchtbares Land, das Deiche und Dämme vor dem wilden Meere schützten. — Die Zierde Nordstrands aber bildete die reiche angesehene Stadt Nungholt mit ihren hohen Thürmen, stolzen Kirchen, stattlichen Häusern. — AuS allen Gegenden Frieslands, aus Sachsenland, aus Holstein, Schleswig und Dänemark, damals Grimmahorna genannt — kamen die Leute nach Nungholt geströmt, wo des Landes Produkte zu Markte gebracht wurden. — Aber mit dem zunehmenden Emporblühen der Stadt wuchs auch der Uebermuth ihrer Bewohner. — Den Segen des Wohlstandes nahmen sie als etwas Selbstverständliches hin, sie hatten keine Liebe zur Arbeit mehr, verlernten das Beten .— statt der Kirchenfeste feierten sie Trinkgelage und forderten in gottloser Frevelsucht ihr Geschick heraus, indem sie „den blanken Hans" (die See, weil sie grüne Wiesen in blanke Wasserflächen zu verwandeln vermag) spottend anriefen: „Kohm nu blanke Hans!" („Komm nun (doch), blanker Hans!") — Hielten sie doch die Erzählungen früherer Ueberschwemmungen für eitle Sagen, und ihre Dämme und Deiche für unüberwindlich stark. „Nordsee — Mordsee!" sagt ein altes Wort, und eine „Schisfbruchküste" heißt man diese Gegend; — „der blanke Hans" ist ein wilder, mordgieriger Gesell — er verschlingt Alles, was er bewältigen kann und legt hinterlistige Fallstricke, indem er Sandbänke bildet, zum Verderben der daran strandenden Schiffe. Und der blanke Hans läßt sich nicht zweimal rufen. — Er kam, er trieb gewaltige, sturmgepeitschte Wogenmassen gegen die festen Bollwerke und Schutzwälle, daß sie zerbrachen und zerbarsten, als wären sie von Glas. — Da stürzte sie herein, die widle Sturmfluth, in's nordstrandiger Land, im rasenden Ungestüm Alles mit sich fortreißend, Alles vernichtend. — Hin sanken die Kirchen, die Häuser, fort schwammen die Trümmer der Habe, fort die Leichen der Menschen und der Thiere; der blanke Hans war gekommen, wie man es gewollt, und weil man ihn herbeigerufen, und hatte das blühende Land in eine blanke Wasserfläche verwandelt. — Und nun blieb der blanke Hans, nachdem er einmal als Sieger Einzug gehalten, auch Herr des Landes, aber als kein milder Herrscher, denn tagtäglich erinnerte er an sein strenges Regiment, strömte sein Athemzug — Ebbe und Fluth — darüber hin. — Und als es Winter ward, da verwandelte ->?>.. — 301 — die blanke Wasserfläche sich zu einem blitzenden Eisspiegel, und als der Frühling kam mit seinen Stürmen, da sprang das Eis und barst mit lautem Klingen, und der blanke Hans stürzte befreit aus seinem Gefängnisse hervor, in dem er Winterschlaf gehalten, die Eisschollen erzitterten, sie wühlten den Boden auf, und verwandelten den Fleck, wo Rungholt einst gestanden und Alles ringsumher in eine öde Fläche von Sand und Schlamm, in ein „Watt." — Sy berichtet uns die Sage. — Thatsache ist indessen, daß gar manches „Watt" an jener Küste grau und öde aus dem Meere schaut — nackte, kahle Inseln, Wahrzeichen einstiger Stücke Land, Ueberreste auch von Halligen, denen die bösen Wasser- und Eismassen, die unerbittliche Sturmfluth, das dürftige Graskleid geraubt, die Menschen und ihre Habe vernichtet und eine feine Schlammdecke darüber gebreitet, in welcher statt der einstigen Bewohner, die dort lebten, starben und verdarben, nur noch kleines Seegethier seine Behausung aufgeschlagen, nur noch die Vögel brüten, wenn die Fluth sie nicht vertreibt, ihr Nest zerstört. — An einigen Stellen erblickt man gar den Meeresgrund, andere Wattenflächen sind mit „todtem Klei" bedeckt, wie die Friesen die blaue Thonerde nennen. Noch andere Watten tragen ein Kleid von reinem, gelben Sand. — Und aus den grauen Watten heraus ragen die grünen, leichtbegrasten Halliginseln, „die Augen des Meeres." — Es ist nicht jede Nordseeinsel eine Hallig — es werden nur die kleineren so genannt, welche weder Dünen (natürliche Bollwerke, Hügel, vom Sande des Meeres gebildet), noch durch Deiche oder Dämme (künstlich geformte Schutz- Wälle) gegen die unablässig andringenden Fluthen vertheidigt, und die drittens so stach sind, das; sie nur um etliche — 2—3 Fuß den Meeresspiegel überragen. Die größte Hallig besitzt einen Umfang von ungefähr 1000 die kleinste von etwa 16 Morgen — von einer einzigen Familie oder einer Einwohnerzahl bis zu einigen hundert Köpfen bevölkert. Fast jede größere Hallig pflegt ihre Kirche und ihren Prediger zu haben — ein schweres Amt, »ein hartes Loos für diesen, dort sein Leben zu vertrauern bei so bescheidener Wirksamkeit und unter Menschen, deren Fühlen und Denken ihm fast immer sremv ist und auch bleibt. — Zuweilen erhebt ein einzig Haus sein Strohdach nur auf einer Hallig, zuweilen aber steigt die Zahl der Häuser auch bis zu 70. — Das ist ein sonderbares Bauwerk, so ein Hallighaus — mühselig zu erbauen, mühselig zu erhalten. — Auf dem Erdboden einer Hallig kann man natürlich, der steten Ucberschwemmung des Meeres halber, nicht bauen, denn in jenen Zeiten ist er dem Meeresgrunde gleich zu achten, darum muß zuerst mit vieler Mühe und Sorgfalt eine „Werfte", ein künstlicher Erdhügel aufgeworfen werden. Da bei stürmischem Herbst und Winter die Sturmfluth 20—25 Fuß zu steigen vermag, so müssen diese aus Rasenstücken gebildeten Erhöhungen noch um einige Fuß höher stehen. Starke „Ständer" (Pfeiler) von Eichenholz werden durch den ganzen Hügel geführt, um das Haus zu stützen, und um die abspülende, stets bröckelnde und wühlende Macht und Gewalt der Wellen zu mindern, müssen die Wände dieses Hügels sich in schräger Linie abwärts senken. — Gewöhnlich steht auf jeder Werfte nur ein Haus auf einen: Raum, der meist nicht größer, als nöthig, um rings herum gelangen oder allenfalls noch ein Stückchen Gartenland pflegen zu können — doch kommt es auch wohl vor, daß eine ganze Häusergruppe wie ein kleines Dorf auf einer Werfte sich versammelt. — Zur Seite des Hauses finden sich die „Diemen" aufgerichtet, die Heuhaufen, über welche man geflochtenes Stroh, mit Steinen an den Enden beschwert, breitet. Oft halten solche Diemen länger als das ganze Haus beim Nahen der Sturmfluth, denn so fest wird das Heu mit der Zeit, daß man beim Gebrauche mit eisernen Spaten es abstechen muß, so hat der salzgetränkte Boden, dem es entsprossen, es getränkt — darum hält es sich auch so lange. „Altes Heu ist so gut als altes Geld", sagt das Sprüchwort. — Weil auf einer Hallig keine 302 — Quellen sich befinden und das salzig-bittere Mccrwasser völlig ungenießbar ist, so müssen die Bewohner auf andere Weise den Mangel an Süßwasser zu ersetzen trachten. — Deshalb besitzt denn auch jede Werft ihren „Fething" (Wasserbehälter), eine runde aus- gegrabene Vertiefung zum Auffangen und Sammeln des Schnee- und Rcgenwasscrs. — Mit diesem nicht eben wohlschmeckenden Wasser bereitet der Halligbewohner seinen Thee, kocht er seine Speisen, tränkt er sein Vieh. — Der Sage nach sollen in früheren Zeiten die Halliginscln die Wohlthat des Quellwassers besessen haben, weil aber wegen dieser Quelle Streit und Hader entbrannte, so ward sie böswillig durch Steine verstopft — da versiegte sie und kam nicht wieder, denn friesischer Volksglaube behauptet, daß aller Segen weiche, i.bald Mißgunst und Streit darob entflamme, und darum riesele nun keine klare Quelle mehr für die Halligen, darum sei es auch nichts jetzt mehr mit Fang von Fischen und von wilden Gänsen, nichts im Vergleich zu früher. — Wie nach andern Gegenden Vier und Wein, so wird zuweilen ein Fäßchen süßes Wasser nach den Halliginscln „importirt" von: Festland her, eine Delikatesse, ein Luxus, der in Zeiten der Noth, in trockener Zeit, zur unentbehrlichsten Nothwendigkeit sich steigern kann, sobald durch lange Dürren das Wasser in den Fethingen versiegt, das ohnehin stets von den salzigen Bestandtheilen des Wassers durchdrungen ist. Und nun zum Hause selbst! — „Gar herrlich ist das Haus gebauet und geziert, Wenn Gott des Herren Segen und Eintracht drin regiert." — Solche und ähnliche Sprüchlein und Lehren finden sich am Gesims und über den Thüren gar manchen Hallighäuses. — Ein jedes allfriesische Hallighaus trägt einen steinernen Giebel über der Hausthür, welche gleich dem Holz der Fenster dunkelgrün angestrichen ist — die Firste der Strohdächer sind mit Nasen belegt. Häufig zieren Malereien von Thieren und Wasserblumen die Stuben- und Bett- thüren oder die Simse, namentlich aber die oft blauangcstrichenen Wände der Zimmer, auf welchen man Abbildungen von Schiffbrüchen rc. findet, wie anderswo eine alte Familienchronik. — Ebenso sind Verse auch innerhalb der Häuser eine sehr beliebte Zierde. — Zum Beispiel über einer Stubenthür: „Wer ein- und ausgeht zu dieser Thür, Dcrselb' gedenke für und für, Daß unser Heiland Jesus Ehrist Die rechte Thür zum Himmel ist." Oder über der Thür einer Bettwand: „In Sturm und Wcllenbraus Behüte, Gott, mein Leben, Und um mein jchwacbcs Haus Laß Deinen Enge! -,l-n>eoen, Daß sich die wilden Wogen scheu'n, Wie Lämmer vor dein starten Len'n." So eine „Bettwand" gehört auch mit zu der knappen praktischen Naumvertheilung, zu welcher die Halligbewohner gezwungen sind. — Durch das einstöckige Hans führt der Länge nach ein schmaler Gang, von welchem man in ein Wohnzimmer (Dönsen) gelangt, das zugleich als Schlafgemach dient, indem sich mit Thüren versehen Nischen an der Wand befinden, die Bettwand, welche die Bettladen enthalten. — Auch manches andere Einrichtungsstück dieses Wohnzimmers bekundet dasselbe Bestreben nach denkbar möglichster Raumersparnis; — häufig wird ein Möbel für doppelte Zwecke benützt — so z. B. eine Bank zugleich als Lade, der eichene Eßtisch zugleich als Schrank, in welchem die Ueberreste der Mahlzeiten Aufbewahrung finden. An den Wänden stehen Truhen und Koffer, blau oder grün angestrichen und mit Jahreszahlen versehen; -— in denselben befinde: sich „des Hauses heimlicher Reichthum, der Leinwandschatz der Halligfrau." —, Ein altes Sprüchwort sagt: „Eine Tochter, die keine volle Leinenkiste mitkriegt in den neuen Haus- , __ 303 — I - stand, die weiß nicht, daß sie eine Mutter gehabt hat." — Doch auch dem Luxus ist ! gewisse Rechnung getragen in einem Hallighaus — gar manch' ein selten Stück aus sernen, sremden Ländern, das Männer oder Söhne einst von ihren Seefahrten mit heimgebracht, dienet zum Schmuck — auch Porzellan, ja Silberzeug befindet sich in einem i Glasschrank. — Neben dein Wohnzimmer, durch den kleinen Ofen geheizt, liegt die Küche — dann ? noch ein etwas größeres Stnatszimmer (der „Pesel"), benützt für festliche Gelegenheiten, als da sind Hochzeiten, Kindtaufen, Begräbnisse; ferner ein kleines Kämmerlein, und wir haben die Wohnräume eines Hallighauses schon beisammen, weil mindestens des Hauses Hälfte diejenigen Lokalitäten einzunehmen pflegen, deren man für die Viehzucht benöthigt, denn das ist der hauptsächlichste Erwerb des Halligmannes. Pferde gibt es auf einer Hallig zwar nicht, dagegen aber Rinder und Schafe, die das kurze, kräftige Halliggras ernährt. — Auch Schweine und etwas Federvieh birgt des Hauses gastlich Dach, und in sämmtlichen Ställen herrscht eine so holländische Reinlichkeit, daß dieselben sogar gescheuert (geputzt) werden, so gut, wie alle anderen Räume des Hauses. — Diese Reinlichkeit ist natürlich Sache der Halligsrau, zu derem Lobe sich eigentlich das Höchste sagen läßt, was man einer richtigen und echten Hausfrau soll nachsagen können — recht wenig nämlich. — Sie ist thätig, liebt Ordnung und Sauberkeit, ist , häuslich und still. Auf sie paßte treffend, was einmal ein berühmter Kanzelredner von einer rechten Frau gesagt: „Sie soll sein und muß sein wie die Glocken am Charfreitage, sie muß sich nicht viel hören lassen; — sie soll sein und muß sein wie eine Spitalsuppe, , die hat nicht viel Augen, also soll sie sich wenig umgaffen; —- sie soll sein und muß , sein wie eine Nachteule, die kommt sehr weinig an's Tageslicht. In Sonderheit aber soll sie sein und muß sie sein wie eine Schildkröte, und diese ist allezeit zu Hause, weil sie ihre Behausung mit sich trägt." Es ist geiviß, daß die umgebende Natur, die ganze Lebensweise des Menschen einen mächtigen Einfluß auf denselben üben — die großartige Oede der Scenerie, das weite, s wogende Meer, die stets drohende Gefahr haben bei jenem Menschenschlag den Stempel j des Kleinlichen, der oft der Welt anhaftet, mehr verwischt und Theile jenes Urwüchsigen § ihm erhalten, der im modernen Getreibe und Getriebe der belebten Gegenden zu Ver- ^ lüfte geht. —- Auf den Halligen haust noch ein tüchtigerer, kräftigerer Volksstamm, Neste ^ der alten Friesen, thätig, wortkarg, genügsam — auch sind die Halliginseln fast der einzige " Ort, wo noch die friesische Sprache (dem Englischen verwandt) am Reinsten sich erhalten — auf dem Festland wird sie meist gemischt gesprochen. — Und ebenso anhänglich wie an seine Muttersprache ist der Halligbewohner auch an sein Vaterland. Was für ein Vaterland, was für eine kahle, öde, trostlose Heimath ist dies! — Kein Baum, kein Strauch, kein wogendes Kornfeld, kaum ein bischen Gartenland trügt - der salzige Boden — nichts als das fahle, kurze Gras, das die Schafe und Rinder ! nährt, denn etwas Anderes lassen die immerwährenden Ueberfluthungen des Meeres ja nicht gedeihen. — Nur wenige Blumen strecken ihre bunten Häupter vereinzelt aus, der - Erde — vor Allem die violette Strandnelke, welche zum Kranz gebunden, den Neubau zieren muß, gleich wie an andern Orten die grüne Richtkrone oder der buntbeflaggte Tannenbaum. — Keine Wiesenquelle, kein klarer Bach windet sich durch das matte . Grün, nur tiefe Einrisse der See in das Land hinein mahnen daran, daß es ihr Eigenthum, nur stehende Salzwafferlachcn erinnern an den letzten, unwillkommenen Besuch ! des Meeres. — Auch die Natur hat keineswegs versöhnend die Heimath dieser Meerbewohner, „die Augen des Meeres", mit irgend welchen Reizen ausgestattet, —- Das Meereswaffer, dort, dessen regelmäßige Ueberschwcmmungen stets Hab' und Gut, ja Leben jährden, hat keine schönen, hellen, grünen Fluthen — nur gelblich-graues, trübes Wasser in welchem 304 garstige Rochen und Seehunde sich zeigen, da die Fische die starke Ebbe fürchten, denn mit Ebbe und Fluth treibt „der blanke Hans" tagtäglich ein sehr trügerisches Spiel. — Während der Ebbe scheinen wie durch Zauberspiel beim Zurückweichen der See einzelne der Inseln durch festen Boden miteinander sich zu verbinden, aber es ist nichts als Trug und Schein. — Der weite weiche Sandboden („Schlick"), der zum Beschreiben lockt, ist ja der Meeresgrund, und ehe der „Schlickläufer" (Der, welcher während der Ebbe über den Meeresboden von Insel zu Insel wandert) es sich versieht, fluggs, ist der blanke Hans, der nur im Hinterhalt des rechten Augenblicks zum Vorbrechen gelauert wieder da und stürzt in wilder Wuth auf sein Beute, die, von der Fluth überrascht, rettungslos verloren, nur als einsam fortgespülte Leiche noch diesen Ort verläßt. Was sonst die Halligen noch Denen bieten, die sie Heimath nennen? — In wenig Worten ist's gesagt: „Ein arbeitsames, einsam Leben voll Gefahren!" — Kein Verkehr mit der Welt, keine Verbindung nach außen, keine Genüsse der Erde, nicht heitere Geselligkeit noch lehrreiche Unterhaltungen, nicht Freiheit noch Reichthum — nicht einmal ein Kampf, ein ehrlicher Kampf um ihr Dasein, denn der Feind, der beständig auf der Lauer liegt, den er stets zu fürchten hat, und doch nicht fliehen, nicht besiegen kann, ist ebenso wachsam als tückisch und stark. — Bei einfachen Ucberschwemmungen steigen die Wogen zu den Werften empor, sie klopfen an die Wände und Fenster der Häuser und begehren gebieterisch Einlaß, sie klettern hinaus bis zum Strohdach und verschwinden dann wieder. — Wenn aber die wilde Sturmfluth sich naht, zugleich mit der Fluth auch der Sturm noch tobt und die empörten Wogen zur wildesten, ungcbändigten Wuth anstachelt, so ist kein Kampf, keine Rettung mehr möglich — nur ohnmächtiges, widerstandsloses Unterwerfen ist dann geboten. — Höher und höher steigen die Wasser, der Erdhügel wankt, die Pfeiler und Balken des Hauses erzittern, Alles rettet sich auf den Boden des Daches, doch auch dieser gibt endlich der verheerenden Wucht der Sturm- fluth nach, die in den untern Theilen des Hauses bereits die ganze Habe zerstört, zertrümmert, von dannen geführt. — Nimmt die Geivalt des Sturmes nicht ab, so ist in wenigen Minuten Alles rettungslos verloren, dem Tode geweiht — die letzten Pfeiler wanken, stürzen zusammen, sinken in das tiefe Meer, mit ihnen die Menschen, welche einstmals hier gewirkt, gelebt, gesehnt, gehofft, geliebt und gelitten. — Das ist die Heimath, das gar oft das Ende eines Halligbcwohncrs. — „Kiudlein in des Meeres Wiege, Eiland au der Wellen Brust, Wo der Mensch schifft kalt vorüber, Wo der Engel wohnt mit Lust." hat einmal ein Dichter gesungen von dieser „untergehenden Inselwelt", denn das sind die Halligen. — Mit unermüdlicher, bald gewaltsam, bald langsam andringender Beharrlichkeit verschlingen die grausamen Wellen allmählig die Neste dessen, was noch übrig geblieben. — Und doch liebt der Halligbcwohner seine Heimath nicht minder, als der Schweizer sein schönes Vaterland, liebt sie mit unverbrüchlicher Treue, hängt mit allen Fasern des Herzens an seinem gefahrvollen, traurigen, trügerischen Vaterlande. — Ob er auch andere, schönere, bessere Länder kennen lernte, stets zieht es ihn nach der Heimath zurück. — Zu ihr kehrt er zurück, sobald es sein Geschick ihm nur gestattet, dort baut er sich an — immer und immer wieder, und kommt die wilde Fluth, vertreibt ihn, überschwemmt, zerstört sein Haus, raubt ihn: die Habe und läßt ihm nichts als nur das nackte Leben — zu ihr kehrt er zurück und baut sein Nest auf ganz genau denselben Fleck hin wie zuvor — dort lebt er und beschließt er seine Tage, bis endlich „der blanke Hans" mit zähester Ausdauer doch Herr des Platzes wird. Dann erst werden auch die letzten, noch erhaltenen Spuren verwischt, verweht sein von den Halligen, „den Augen des Meeres." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag des Literarkschcn Instituts von Dr. M. Huttler. Nr. 39. 1880. zur „Ängslmrger Posheitimg." Samstag, 13. November Man muß einen Fehler mit Anmuth rügen und mit Würde bekennen. Kehrt man es um, so wird es das Ansehen haben, als ob der eine Theil seinen Vortheil zu sehr, der andere seinen Nachtheil zu wenig cmpsände. Schiller. Aus dem Tagebuchs eines allen Junggesellen. Von Alsons Planer. (Schluß.) II. Da lag das Paradies offen vor uns da, und nie hätte ich geglaubt, daß es so ganz anders hätte werden können. Doch die Schlange blieb nicht aus, und dießmal war's der Adam, der sündigte. Als ich Röschen in der Laube draußen fragte, ob sie »nein Weib werden wolle, da hatte sie leise geflüstert: „Ja", und in namenloser Seligkeit hatte ich sie an »nein Herz gezogen. Draußen sang die erste Frühlingslerche; durch den Wald fuhr ein Windeshauch, und die Tannen rauschten. Das dünkte »nir Segen, und die Schwalben zwitscherten fröhlich um die Laube, und das deutete ich als Glück. Ob sie Glück brachte»» ? Ja es waren Tage des reinsten Glückes, die uns nun aufgingen, nicht berauschend, nein, nur stille Seligkeit bringend. Wie schön »var damals die Welt. Frühling in der Natur, Frühling im Herzen. Doch zog auch da schon hie und da mir eine trübe Ahnung durch die Seele, und ich fragte mich oft, ob denn je ein Sterblicher »vohl dauernd ein solches Glück genossen? Und wieder mußte ich fort und Abschied nehmen. Ich sollte meinen „Doktor machen", und über's Jahr sollte dann Hochzeit sein. Der Abschied »var ein fröhlicher, wußten wir ja doch, daß eins dem andern gehörte für alle Ewigkeit. Gerührt reichte »nir der Vater die Hand, er freute sich ja über das Glück seines einzigen geliebte»» Kindes. Noch ein flatterndes weißes Tuch in den Lüfte»», eine Kußhand, ich schwenkte »»»einen Hut noch einmal, und der Wald trennte uns. Und wieder kam der Herbst, und die letzte»» Ferien wollte ich »nieder in Grünthal zubringen. Der Onkel empsing inich freundlich, und nach der ersten Begrüßung »var ich schon wieder auf dem Wege in das Forsthaus. Durch die Laube sah ich helle Gewänder schimmern, und jubelnd wollte ich hineinstürzen. Doch »vas war das? Da saß allerdings Rosa, aber neben ihr noch ein Mädchen. Gebannt blieb ich stehen. Wohl nicht le» cht mochte man zwei schönere Mädchen finden, als wie sie da vor »nir saßen. Das blonde Röschen, reizend und von» zauberischen Glänze reiner Jungfräulichkeit übergössen, ein Engel an Schönheit, daneben ein herrlich gewachsenes Mädchen mit dunkeln feurigen Augen, aus denen Geist und Jugend blitzten, ein klassisches blasses Profiel mit einem reizenden Lächeln auf den rothen Lippen, die edle Stirn umrahmt von einer Fülle rabenschwarzen Haares. Röschen war freudig aufgesprungen und »nir entgegengeeilt. Nach den ersten Begrüßungen stellte sie mir ihre Cousine Bettina, die Tochter eines angesehenen Musikers der Residenz, vor. Bald saßen wir iin traulichen Gespräche beisammen. — Bettina entwickelte eine glänzende Unterhaltungsgabs. Ich »var bald ganz in Beschlag 306 von ihr genommen, und Röschen hörte nur still lächelnd zu. Am Abend kam der Förster aus dem Walde, und nun blieben wir noch lange beisammen, bis der Mond hoch am Himmel glänzte. Ich kam des andern Tages wieder und jeden folgenden Tag. Bettina blieb auch; ich wurde jeden Tag vertraulicher mit ihr, so das; ich indes; nicl^ merkte, wie Röschens Wangen anfingen bleicher zu werden. Da kam der letzte Tag der Anwesenheit Bettina's. Ich hatte das geistreiche übermüthige Mädchen, das stets voll Neckereien und toller Streiche war, liebgewonnen, ja mich zu sehr in die schwarzen Augen vertieft. So saßen wir die letzten Stunden allein in der Laube, denn Röschen war in's Dorf gegangen, einem kranken Holzhauer stärkende Speisen zu bringen. Bettina war stiller, wie sonst, ihre Stimme klang weich, fast wehmüthig. Sie sprach davon, wie glücklich ich bald sein werde, wie sie wohl oft an mich denken und wie ich sie bald vergessen werde. „Nein das werde ich nie", rief ich betheuernd aus und küßte sie. Da grollte draußen ferner Donner, und ein Blitzstrahl erhellte grell die Laube, und vor uns stand Röschen, bleich und mit den blauen Augen mich groß anschauend. Mit einemmale war ich wieder erwacht von meinem wilden Taumel, der mich plötzlich erfaßt, und von Scham überwältigt, stürzte ich Röschen zu Füßen. Doch sie war fort. Sinnenlos stürzte ich fort, nicht achtend, daß drohend schwarzes Gewölks den Himmel bedeckte. Bald brach auch das Unwetter mit furchtbarer Wucht los. Der Sturm wüthete, daß die Tannen ächzten unter seiner Kraft, grelle Blitze erleuchteten der Wald, der Donner krachte und ein wahrer Wolkenbruch rauschte hernieder. Doch was kümmerte mich all' das. Ich sah nur Röschens bleiches Gesicht und die ernst mahnenden blauen Augen. So irrte ich im Walde umher, und das Gewitter hatte längst aufgehört, als ich ganz durchnäßt nach Hause kam. In jener Nacht habe ich kein Auge zugethan, und erst am Morgen überfiel mich ein wohlthuender Schlaf, aus dem ich erst gegen Mittag erwachte. Ich mußte bleich ausgesehen haben, als ich zu Tische kam, da mich der Onkel sorglich fragte, ob ich denn krank sei. Ich gab eine ausweichende Antwort und zagenden Herzens machte ich mich Nachmittags auf den Weg in den Forst. Im Forsthause war Niemand anwesend, als der Jägerbursche, der sagte, der Förster sei in dienstlichen Angelegenheiten in die Residenz gereist und Röschen sei mit Bettina ebenfalls dahin abgegangen, um längere Zeit dort zu verweilen. Ich sah nun, daß ich mein Spiel verloren und mein Glück leichtsinnig verscherzt hatte. Ich ging betrübt fort, und im Walde warf ich mich in's kühle Moos und mußte bitterlich weinen. Ich verweilte in Grünthal noch einige Tage, die ich dazu benützte, durch den Wald zu streifen und meinen trüben Gedanken nachzuhängen. Dann packte ich meine Effekten und ging an meinen neuen Bestimmungsort ab, wo ich als Arzt meine Praxis eröffnete. Ich schrieb einigemale an Röschen Briefe, worin ich flehentlich um Verzeihung bat. Endlich kam die Antwort, sie habe mir verziehen, jedoch seien wir vor der Hand geschieden, sie wolle meinem anderweitigen Glücke nicht im Wege stehen und die Zeit müsse erst lehren, ob meine Gesinnungen von Dauer seien. Alle weiteren Briefe kamen uneröffnet zurück. Was ich den Winter über gelitten und geduldet, das weiß Gott allein. III. Der Winter war vorüber und die ersten Blümlein sproßten. Es war Osterzeit. Die Feiertage, wollte ich bei meinem Onkel zubringen, und nicht ohne Hoffnung, auf ein Zusammentreffen mit Röschen reiste ich ab. Der'Onkel empfing mich ernster als sonst; er wußte wohl um das, was zwischen mir und Röschen vorgefallen war. Als wir bei Tische saßen, bemerkte der Onkel, er würde Nachmittags in das Forsthaus gehen, da Rosa schwer, zum Sterben schwer krank sei. Ich solle ihn begleiten. Was ich dem -Onkel antwortete, weiß ich nicht; ich kann mich nur noch erinnern, daß es mir dunkel vor den Augen wurde und ich Mühe hatte, nicht über den Stuhl hinabzugleiten. Nach Tisch machten wir uns auf den Weg. Es war ein wunderschöner Frühlingstag. Der Onkel war schweigsam, und ich war vollends zu sehr mit mir selbst beschäftigt, als dqH 307 ich an das Reden gedacht hätte. Unter der Thüre des Forsthauscs erwartete uns oder vielmehr den Onkel schon der Vater, der uns stumm die Hände reichte. Der sonst starke Mann hatte Thränen im Auge. Der Onkel betrat das Krankenzimmer und hieß mich warten. Nach einer Viertelstunde, die mir eine Ewigkeit dünkte, kam er heraus und sagte mir, Rosa wünsche mich allein zu sprechen. Mit welchen Gefühlen betrat ich den mir heiligen Raum. Da lag das einst so blühende, liebliche Wesen bleich und abgemagert auf seinem Schmerzenslager; nur zu gut sah ich, daß das theure Leben am Erlöschen sei. Nur die Augen leuchteten wie sonst milde und seltsam klar. Ich kniete nieder und benetzte die dargebotene Hand mit heißen Thränen. Röschen redete freundlich, tröstete mich und sagte, wie sie mich noch immer liebe. Ich war trostlos und weinte in namenlosem Schmerze. Sie sagte lächelnd: „Theodor, jetzt weiß ich's, daß Du mich noch liebst, vergiß mich nicht, wenn ich nicht mehr bin." Dann zuckte eS seltsam um ihre Lippen, ihr schönes Auge blickte mich fragend und ängstlich an. Dann lächelte sie mich an und blickte auf das Crucifix, das sie krampfhaft in der linken Hand hielt. Ich war ängstlich aufgesprungen und hatte sie umfaßt. Ich hielt einen kalten Körper in meinen Armen, Ruhig war ihr sanfter Geist entschwunden. Ein leiser Windhauch fuhr durch die Linde, die mit ihren grünen Zweigen zum Fenster hcrcinnickte. Drunten im Garten flötete eine Amsel ihr erstes Frühlingslied. Mir drohte es das Herz zusammenzuschnüren, dann schwindelte es mir vor den Augen, und bewußtlos brach ich zusammen. Als ich wieder erwachte, befand ich mich in einem Zimmcr des Pfarrhauses. Der Onkel saß an meinem Bette. Er drückte mich sanft in die Kissen zurück. Allmälig kam mir das Geschehene zum Bewußtsein. Ich wollte ausstehen und sie noch einmal sehen. Ueber die sanften Züge des Onkels glitt ein schmerzliches Zucken und traurig sagte er: „Armer Junge, Du hast lange geschlafen, Röschen ruht schon zwei Tage drüben auf dem Kirchhofe." — Da zog wildes Weh durch mein Herz und weinend sank ich zurück. — Nur langsam erholte ich mich wieder. Ein Ncrvenfieber hatte mich an den Rand des Grabes gebracht, nur die Jugendkraft hatte Widerstand geleistet. Als ich endlich, noch immer schwach, das HauS verlassen durfte, war mein erster Gang auf den Fricdhof. In einer traulichen Ecke hatten sie Röschen gebettet, auf ihrem Grabe blühten die ersten Rosen, eine junge Tanne beschattete den Hügel, in dem auch mein Glück begraben lag. Lange blieb ich dort bei dem theuern Hügel und hätte am liebsten auch gleich mein Haupt niedergelegt zum Sterben. Doch habe ich damals gelobt, ihrem Grabe stets nahe zu bleiben, und ich hab's auch so gehalten. Als ich wieder hergestellt war, kaufte ich mir in Grünthal ein schmuckes Häuschen und eröffnete meine Praxis. So bin ich jetzt schon über dreißig Jahre einsam geblieben, und zu dem ersten Grabe sind noch zwei gekommen, die mir theuer sind, das Grab des Försters und das meines Onkels. Ich hüte sie treu und sobald der Frühling immer kommt, sprossen unzählige Blumen auf den theuern Grabeshügeln. Jeden Abend gehe ich hinüber, dort zu beten, und da rauscht es manchmal seltsam durch die Aeste der Tanne über Röschens Grab, und das kommt mir stets vor. wie ein Gruß von ihr. So warte ich denn, bis sie auch mich begraben unter der grünen Tanne und ich vereinigt werde mit meiner todten Braut, mit Röschen. Reisebilder aus der Herzegowina. Es war im Monate Dezember 1878, als ich nach einer stürmischen Seereise auf dem adriatischcn Meere über Spalato und Eign in dem auf dem Gebirge Prolog gelegenen Bilibrig ankam, um mich durch den in diesem Gebirge gleichnamigen Paß nach Livno zu begeben. Die Straße von Spalato bis Bilibrig läßt nichts zu wünschen übrig, bis hieher hatte ich auch den Weg per Wagen zurückgelegt: sobald man aber die dalmatinische Grenze bei der auf der Höhe des Bergrückens gelegenen (sonst türkischen) Palanke Prolog 308 erreicht hat, hört die Gemüthlichkeit und die Möglichkeit des Wagenverkehres auf; denn der Abfall ist außerordentlich steil und der Weg mit Felsspitzen derart übersät, daß an einzelnen Stellen sogar Saumthiere schwer dort fortkommen können. > Aus diesem Grunde hatte ich mir in Bilibrig, welches nur aus einem Zollhause nebst den nöthigen Waarenmagazinen besteht für mich, und meinen Diener zwei Türken mit ihren vier Tragthieren aufgenommen, und so zogen wir denn in Gottesnamen weiter. Es wurde Abend, endlich finstere Nacht, die eisige Bora heulte ihr bekanntes Lied und jagte dichte Schneemassen vor sich her; hiezu noch tiefer Schnee und Glatteis, so daß ich nach beiläufig einer Stunde Marsch, als der Abstieg gar zu steil wurde, absitzen und zu Fuße weiterwandern mußte, um nicht in einen der vielen oft viele Meter tiefen Abgründe zu stürzen. Dieses zu Fuß Wandern ist eigentlich eine Erholung; denn das Reiten auf einem hölzernen, mit einer schlechten, dünnen Decke versehenen thurmhohen Packsattel, statt der Steigbügel Stricke, auf einem schwachen mageren Thiere gehört eben nicht zu den Genüssen des Paradieses. Zu bemerken ist noch, daß auf dieser sogenannten Straße von Schutzmauern oder Barrieren keine Spur vorhanden ist. Den Türken kümmert es sehr wenig, ob da Menschen und Thiere hinabstürzen oder nicht, er raucht seinen Tschibuk und setzt, dem Fatum vertrauend, seinen Weg in ruhiger Beschaulichkeit auf seinem kleinen Pferde fort. Dieser Weg ist die einzige Handelsverbindung zwischen Dalmatien und Livno, der ganze durch die österreichische Occupation Bosniens und der Herzegowina so sehr gesteigerte Gütertransport, welcher mittelst Tragthieren betrieben wird, geht über diese Linie und ist diese Straße durch dieselben so ausgetreten, daß sich den ganzen Abhang entlang förmliche Hügel und Thäler gebildet haben; Hügel von Hügel ist etwa einen starken Mannesschritt entfernt und man muß von einer Erhöhung zur anderen wie eine Gemse springen, was bei Schnee und Glatteis gewiß nicht den Annehmlichkeiten des Lebens beigezählt werden kann; oft verengert sich der Weg so sehr, daß man nur knapp an einem Abgrunde vorüberkommen kann, während sich auf der anderen Seite der Fels steil wie eine Mauer erhebt. Der eisige Sturm, das Schneegestöber und die hiedurch vermehrte Finsterniß des Abends, sowie die eben geschilderten Schwierigkeiten der Passage bestimmten nun auch meine Türken, trotz ihres Kismet-Vertrauens von ihren kleinen Thieren herabzukriechen, welchen sie sonst nicht leicht eine Erleichterung gewähren, sollte auch die arme Creatur vor Müdigkeit unter ihrer Last zusammenbrechen — aber es galt ihr eigenes theures Ich! - So wanderten oder vielmehr hüpften wir durch volle vier Stunden weiter, bis wir durch eine tiefe Schlucht und ein dünnes Tannengehölz etwa um 11 Uhr Nachts am Fuße des Prolog ankamen. Hier sollte sich, wie mir die Türken sagten, ein Han (türkisches Gasthaus) befinden — Han Prolog genannt — wo ich meinen müden, erstarrten Gliedern und meinem nach Nahrung verlangenden Magen einige Erholung zu verschaffen hoffte; allein der viel- gcrühmte Gasthof wollte sich nicht zeigen; so viel ich mich auch zu orientiren bestrebte, ich war nicht im Stande, irgend ein Gebäude zu entdecken, bis mir endlich besagte Türken einen rechts von der Straße gelegenen, aus Weidenruthen geflochtenen Gegenstand wiesen, d r eine täuschende Ähnlichkeit mit einem riesigen Korbe hatte. Hier also sollten wir unsere müden Häupter hinlegen! Die Pferde wurden in einer weiter abseits gelegenen verfallenen Ruine eines primitiven Schuppens untergebracht, dessen morsches, mehr illusorisches als wirkliches Strohdach dieselben nur wenig vor der Tücke des Wittcrs schützen konnte; ich selbst mit meinem Diener aber kroch durch eine niedere, enge ^effnung in den besagten Korb. Beinahe der ganze innere Raum war durch sechs Türken besetzt, welche um ein auf dem Fußboden brennendes Feuer mit untergeschlagenen Beinen saßen, den obligaten 309 Tschibuk rauchend und den dem Türken gleich unentbehrlichen mit dem Satze gekochten .Kaffee schlürfend. Durch die luftige Bauart dieses Hotels war für eine genügende Ventilation gesorgt, sonst hatte man bei dem Abgänge einer Esse in dem engen Raume im Rauche ersticken müssen, obgleich diese natürliche Ventilation im Winter bei Schnee und Sturm auch ihre Uebelstände hat; jedenfalls ist aber ein Schnupfen oder Rheuma dem Erstickungstode vorzuziehen. — Bei meinem Eintritts in diesen reizenden Raum stellte sich mir als Wirth ein riesiger Dalmatiner von mehr als zwei Meter Höhe und proportionirtem Körperbaue vor. Nachdem er in einem österreichischen Infanterieregimente als Unteroffizier gedient und seinen Abschied erhalten, hatte er sich kurz nach Beginn der österreichischen Occupation hier niedergelassen und war Wirth und Baumeister in einer Person. In seiner Nationaltracht, der nach orientalischer Art geformten kurzen Jacke von dunklem Wollstoffe, dem oben breiten, vom Knie aber engen Beinkleids von gleicher Farbe, einem rothen türkischen Shawl um die Hüften und einem turbanartig um den Kopf gewundenen braunen mit rothen Streifen versehenen Tuche, dessen Enden an der linken Seite herabhingen, machte er einen, wenn auch fremdartigen, doch eigenthümlich malerischen Eindruck; hiezu die sechs auf der Erde um das Feuer sitzenden Türken, welche mit echt orientalischer Grandezza ihren Tabak dampften — fürwahr, eine für das Skizzenbuch eines Malers gewiß sehr dankbare Gruppe! Wie ich später erfuhr, war dies eine Abtheilung von Zaptiehs, türkische Sicherheitswache, mit ihrem Aga, welche nun im Dienste der österreichischen Regierung auf einer Patrouille begriffen waren, da die Gebirge noch eine Menge Malcontenter und Raubgesindels beherbergten. Um meinen erstarrten und ermüdeten Gliedern etwas Erholung zu verschaffen, nahm ich auf einem vom Wirthe herbeigeschafften Holzblocke gleichfalls am Feuer Platz und wurde vom Aga mit echt türkischer Gastfreundschaft mit einer Tasse Kaffee und einer Papiercigarrette bewirthet, welche ich, um nicht unnöthig zu beleidigen, auch annahm. Der Türke ist im Stande, stundenlang auf demselben Orte zu sitzen und das Kräuseln des seinem Munde und Tschibuk entströmenden Dampfes zu bewundern. Wenn man einen solchen Raucher beobachtet, wie er mit ernstem Gesichte, nachdenklich scheinendem Blicke und statuengleicher Unbeweglichkeit vor sich hinstarrt, so sollte man ihn mit den ernstesten Problemen des Menschengeistes beschäftiget glauben — aber es ist nichts, er denkt eben gar nichts. Den neueren Türken scheint der Tschibuk doch zu einförmig geworden zu sein, sie greifen daher, um eine Abwechslung in ihr Leben zu bringen, nun auch zur modernen Cigarrette; wohl die einzige Errungenschaft, welche die europäische Cultur bei ihnen gemacht hat, wie ich mich während meines Aufenthaltes im Vilajet von Bosnien und der Herzegowina genügend zu überzeugen Gelegenheit hatte. Auf meine Anfrage, was meinem und meiner Leute hungerndem Magen geboten werden könnte, bot mir der Hotelier schwarzen Kaffee, türkisches Brod (Kruha genannt) und harte Eier als einzige vorräthige Nahrungsmittel an. Nun, dem Hungrigen ist bald gekocht — aber das Brod war trotz dem besten Willen nicht zu genießen, es hat einen dem civilisirten Europäer unerträglichen Geschmack und ist trocken wie Sngespäne; der Hauptbestandtheil dürfte wohl dumpfiges Mais- oder Kukurutzmehl gewesen sein, der Türke und Bosniake verspeist aber diese Kruha mit dem größten Appetite. Glücklicherweise hatte mein Diener von Spalato her noch einen Nest von Wein, kalter Küche, Thee und Rum vorräthig, für mich und den Diener war also einigermaßen gesorgt. Die türkische Gesellschaft saß noch immer in tiefer Beschaulichkeit in ihrer vorigen Stellung, in der Mitte der Aga, eine kräftige Gestalt mit langem weißen Schnurr- und Bollbarte, den rothen Feß auf dem kahl geschorenen Kopfe, einen schlafrockartigen dunkelblauen Kaftan mit Fuchspelz verbrämt, im Gürtel (einem rothen Shawl) türkische Pistolen und Handschar, den türkischen gekrümmten Säbel, zur Seite sein langes türkisches Gewehr von alterthümlicher Form; rechts und links um ihn herum seine fünf Beg^'.wr i.. i.hv lichem Costume und gleicher Bewaffnung. Diese Leute würden, im Gebirge ooer auf offener Straße begegnet, gewiß den Eindruck von blutdürstigen räuberischen Insurgenten gemacht haben (von welchen sie sich im Acußeren auch gar nicht unterscheiden), während sie zu deren Verfolgung ausgezogen waren. Den in österreichische Dienste getretenen ZaptiehS (Gendarmen) waren natürlich die Waffen belassen worden, während alle Bewohner der occupirten Länder entwaffnet waren, mit Ausnahme jener, welche sich noch in den Gebirgen herumtrieben. Um die Bewirthung des Aga wett zu machen, trug ich ihm ein Glas Wein an; er jedoch berührte ganz majestätisch mit der rechten Hand Brust, Mund und Stirne und verbeugte sich ablehnend, da er Wein nicht trinken dürfe, denn der Genuß desselben sei dem Moslim im Gesetze verboten; Thee mit Rum jedoch wurde von den Türken dankbar angenommen. Ich habe überhaupt die Erfahrung gemacht, daß der gemeine Türke die Vorschriften seines Glaubens mit großer Strenge befolgt, wogegen der reiche, „civilisirte", wenn nicht ein zweiter Türke zugegen ist, auch Wein trinkt; meist beginnt wohl die Civilisation mit der Vernachlässigung der Gesetze der Religion, was man häufig „Aufklärung" zu nennen beliebt. Nachdem ich nun mein etwas frugales Mahl beendet und manche Cigarrette verdampft hatte, war es weit über Mitternacht geworden und ich forschte bei meinem Wirthe, wo ich denn mein Nachtlager aufschlagen könnte? Aber da war guter Rath theuer. Endlich wurde doch etwas altes Stroh herbeigeschafft, auf welchem wohl schon so mancher Bosnier oder Türke geruht haben mag, und in einer Ecke des Wcidenpalastes aufgeschüttet. — Die Strapazen des Tages hatten das Ihrige gethan und ich entschlief sehr bald« Allein nicht lange sollte meine Ruhe währen; eine blutdürstige Bande stürzte über mich her, ärger als fanatische Moslim, braune, schwarze und weiße Feinde in einer Unzahl hatten es auf mein Blut abgesehen. Erschrocken sprang ich von meinem sybaritischen Lager auf, und siehe, das sämmtliche Stroh hatte Leben bekommen, das bewegte und regte sich Alles, „bewegte tausend Gelenke zugleich"; ich und mein Diener hatten die größte Mühe, um uns nur einigermaßen von diesem scheußlichen Gezüchtc zu befreie»; von weiterer Ruhe war nun natürlich keine Rede mehr. Pulver in gehöriger Ounntität (Insektenpulver nämlich) befreite mich endlich von meinen Feinden und ich verließ gegen Morgen das mit Tausenden von feindlichen Leichen bedeckte Schlachtfeld. Das Grauen des Morgens fand bereits die Karawane zur Abreise gerüstet, ich bestieg meine Nosinante, und fort ging es über die mit tiefem Schnee bedeckte Ebene. Beide Seiten des Weges sind hier mit Ausnahme der heißesten Sommermonate mit wenigen Unterbrechungen ein fortlaufender Sumpf. Der einzige Abfluß der Gewässer dieser Gegend ist ein links von der Straße bei Han Prolog befindliches trichterartiges Loch, Ponor (Schlund) genannt, welches aber viel zu enge und klein ist, um diese enormen Massen von Wasser aufzunehmen. Nur in den heißesten Sommermonaten vertrocknen die Sümpfe, aber nur thcilwcise, weil sie durch die geringeren Niederschlage aus dem Knrstgcbirge weniger Nahrung erhalten, dafür wird aber auch die Luft verdorben und die Miasmen, welche im Winter und Frühjahre durch die Vor« zerstreut und durch die Kälte zerstört werden, erzeugen oft sehr gefährliche Fieber. Der Weg von Han Prolog bis Livno ist häufig von diesen Sümpfen durchbrochen, so daß die Pferde oft bis über die Sprunggclenke versinken; ja bei nicht genauer Kenntniß des Weges ist die Gefahr vorhanden, daß Roß und Reiter zu Grunde gehen. Dieser Weg ist nun durch die österreichischen Pionniere und Genietruppen recht gut hergestellt, zur Zeit aber, als ich dieses Weges zog, hatte ich noch die Gelegenheit, ihn in seiner vollen, ursprünglichen türkischen Beschaffenheit kennen zu lernen. 311 Im Thale war die Temperatur bedeutend niedriger als gestern auf dem Prolog, und Sturm und Schneegestöber hatten heiterem, ruhigem Wetter Platz gemacht; Wasser und Sümpfe waren unter dem Schnee nur mit einer dünnen Eisdecke bedeckt, so daß die Pferde fast bei jedem Schritte einbrachen, und wären die beiden Türken nicht als Führer vorausgeritten, ich hätte wohl kaum Livno erreichen können, da der Weg mit Schnee bedeckt und durch gar nichts markirt war; so mancher Reiter sammt Pferd ist i„ diesen Sümpfen schon versunken, um nie mehr das Licht der Sonne zu schauen. Oft begegneten wir langen Karawanen von schwer mit Gütern beladenen Thieren, welche unter ihrer Last kaum fortkamen, die Treiber oft noch auf dem schwer bepackten schwachen Thiere selbst sitzend; der Türke preßt die letzte Kraft aus dem armen, fast immer schlecht genährten Thiere erbarmungslos aus, häufig sah ich verendende und bereits verendete Thiere. Welch einen großen Wirkungskreis würden hier Thierschutzvereine finden! Die Scenerie bietet sehr wenig Reize; der Horizont ist von Gebirgen begrenzt, welche beinahe bar aller Vegetation sind; auf den Feldern ist kein Baum zu sehen, an den Sümpfen hie und da einige verkümmerte Weiden und in den sehr spärlichen Ortschaften und bei einzelnen Hütten wenige verkrüppelte, kümmerlich aussehende Obstbäume, überall aber Schmutz und Verwahrlosung. Die Gebäude sind größtentheils von Flecht- werk, theilweise mit Lehm angeworfen und mit Stroh gedeckt, oft nur Ruinen; die Bewohner zerfetzt, armselig und verkommen; der Eindruck, den Türkisch-Kroatien auf mich machte — denn dieses war eS, welches ich eben betreten hatte — war ein sehr trüber; ich glaubte mich nach Asien versetzt, so fremdartig berührt Alles, dem man in diesen Gegenden begegnet. Nachdem wir mehrere Stunden marschirt, zeigte mir Ibrahim, einer meiner beiden Türken, mit fröhlichem Antlitze seine Heimath Livno, das gelobte Land, wo ich zeitweilig meinen Aufenthalt nehmen sollte. Wir ziehen in einem Thale gegen Westen dahin, welches zu beiden Seiten, von Norden und Süden, von hohen, kahlen, der Karstformation ungehörigen Gebirgen begrenzt ist; diese Gebirge werden nur durch das Severano Blato (nördlicher Sumpf) durchbrochen, welcher sich viele Meilen weit gegen Nordost und Südwest erstreckt und durch die Niederschlüge aus den angrenzenden Karstgebirgen gespeist wird. Der Weg führt über die Bäche Brina, Stadba und Bistrica, welch letzerer in dem Livnoer Gebirge entspringt; die steinernen Brücken, welche hier angebracht sind, ohne Geländer oder Schutzmaucrn. Ueberhaupt sind sowohl Brücken, als Straßen unh Wege in Bosnien mit Ausnahme jener, welche durch unsere Truppen hergestellt wurden, im elendesten Zustande; die einzige Brücke über die Bistrica vor dem Eingänge nach Livno ist europäisch d. h. gut, und wurde durch die in Livno stationirte Geniecompagnie hergestellt. Auf den meisten anderen Brücken können kaum zwei Menschen, geschweige denn Pferde nebeneinander gehen; zudem ist das Steinpflaster elend, aus unbehauenen, spitzen Steinen, sogenannten Katzenköpfen, hergestellt, so daß die Passage besonders zu Pferde oder Wagen, wirklich oft lebensgefährlich ist, da ein falscher Tritt, namentlich zur Winterzeit, den Sturz beinahe unausweichlich macht. Von der Ferne gesehen, macht die Stadt Livno, wie die meisten Städte des Orientes, mit ihren zahlreichen schlanken Minarets, ihrem auf der Anhöhe gelegenen Schlosse einen höchst malerischen Eindruck, man glaubt sich ganz in den Orient versetzt; der größte Theil der Stadt steigt hoch an den Felsen hinauf, die Häuser sehen, durch das Binocle betrachtet, sehr sauber und zierlich aus — meine Türken waren des Lobes voll; ich freute mich bereits nach meiner beschwerlichen Reise auf ein gutes Unterkommen, aber wie bald sollte ich von der Wirklichkeit belehrt werden, wie sehr der äußere Schein trügt. (Schluß folgt.) 312 M i s c e l l e. (U eb e r tr u mp st.) Ein Engländer: „Sie werden kaum glauben, in welch' merkwürdiger Weise ich zu meiner Frau gekommen -bin. Ich unternehme einmal eine Spritzfahrt nach Konstantinopel und fahre mit einem Boot dicht bei den Mauern des Serails vorüber. Plötzlich wird ein Fenster geöffnet und ein schwerer Sack fallt unweit meiner Gondel in den Bosporus. Mit Hilfe meines Fährmanns bin ich so glücklich, den Sack herauszufischen. Aber denken Sie sich mein Erstaune»: als wir den Sack öffnen, kommt eine junge Fran zum Borschein, die, obschon vor Schreck sehr bleich, von wunderbarer Schönheit ist. Sie schildert mir mit einigen überzeugenden Worten und Geberdcn ihre Unschuld an der Eifersucht des Sultans, der sie zum Tode verurlheilt hätte, so daß sie ihr Leben nur meinem Nettungswerke verdanke. Da ich mich in günstigen Verhältnissen befand und sie ihre gute Abkunft beweisen konnte, nahm ich sie zur Frau. Ist das nicht merkwürdig?" — Amerika n e r: „Das will noch gar nichts sagen gegenüber dem Vorkommnis;, welches mich zum glücklichsten aller Sterblichen machte. Ich bade einmal, nur mit einer Schwimmhose bekleidet, im Hudson und habe mich dabei ziemlich weit vom Ufer entfernt, als eins der Häuser in der Nähe des Strandes in Brand gerüth. Derweilen ich mich nun beeile, das Ufer, wo meine Kleidungsstücke liegen, zu gewinnen, kommt eine der riesigen neuen Dampsfeuerspritzen angerasselt und in meinem blinden Eifer gcralhc ich beim Schwimmen dicht an das Saugrohr derselben, welches man bereits in den Fluß gejährt hat. Ein plötzlicher Ruck, ein fürchterlicher-- Druck, der alle meine Gliedmassen zu sprengen droht und im nächsten Augenblick fliege ich halb bewußtlos zwei Stock hoch in die brennende Wohnung und in die Arme einer jungen Dame, welche mit schon brennendem Kleide nach Hilfe rufend am Fenster steht. Der Wasserstrahl, der mich in die Höhe schleuderte, löschte die Flammen, aber die Unglückliche verlor vor Ueberraschung und Schreck die Besinnung. Ich hatte noch Geistesgegenwart genug, ihr vorher zuzuflüstern: „Wollen Sie die Meine werden, mein Fräulein?" worauf sie mit erlöschender Stimme antwortete: „Auf ewig!", dann sank sie kraftlos in meine Arme. Als Alles vorüber war, erfuhr ich, daß sie unabhängig und Erbin von 20 Millionen Dollars war, die sie bereitwilligst nebst ihrer Hand ihrem Retter schenkte. So bin ich zu meiner Frau gekommen." Festcantate zur Grundsteinfeier des Denkmals für kidsrlus Iksgnus. Gedichtet von Herrn l)r. Hermann Lingg, in Musik gesetzt von Herrn Seminar-Lehrer Carl Deigendesch. Wenn vom Licht der Klosterzelle Glanz ihr Bildniß überfloß, Und in's wunde Herz die Quelle Süßer Wnndermacht ergoß. Hosfnnngssroh den ersten Stein Fügen wir heut zu künftigen Tagen, Deiner Erinnerung würdig zu sein Möge Dir das Denkmal ragen! Nun umwalle Ge'ang Dein Haupt Wie der Aar in den Höhen kreist, Tu, der so sinnig gedacht und geglaubt, Kühner allumfassender Geist! Forschend in Tiefen, die jchauerumwoben, Schrecken vor ihre Pforten gethürmt, Bist Du durch Fluth und Feuerproben Deinem Jahrhundert vorangcstürmt. Von des Ostens geheimnißvollen, Von der Alten würdigen Rollen Hast Du srühe die Siegel gelöst, Weisheit und Liebe bauen Die Welt seit Ewigkeit Und schiffen Frühlingsauen Aus Nacht und Winterzeit; Allüberall walte Ihr Zauber fort, Verjünge das Alte, Und zwinge das Kalte Mit feurigem Wort! Heil Dir Beherrscher im Reiche der Geister, Deutscher Gedankentiefe Meister, Größter Deiner Zeitgenossen Einer Heimath mit uns entsprossen; Und wie Licht in Finsternissen, So hat auch Dein mächtig Wissen Scheu und Ehrfurcht eingeflößt. «ossnungsiroy oen crnen >Liein Fügen wir heut den künftigen Tagen Deiner Erinnerung würdig zu sein Deinen; frommen Schau'» gewährte, Mehr als Stein und Pflanze gab, Seligkeit, die Hvchstverklärte Möge Dir das Denkmal ragenl Neigte sich zu Dir herab, Auslösung der Original-Charade in Nr. 37: armselig. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag des Llterarischen Instituts von l>r. M. Huttlcr. zur „Äugslmrger Pojheitmkg." Nr. 40. Mittwoch, 17 . November 1880. Auf das empfindsame Volk habe ich nie viel gehalten; es werden, kommt die Gelegenheit, nur schlechte Menschen daraus. GSthe. Doktor Arton's Rubrnrrrrg. Von H. v. Götzendorff-Grabowski. Es war nicht zu leugnen, daß Doktor Acton sich von der Mehrzahl der Gentlemen, welche die Ehre hatten, zu den Montagsgesellschaften der Gregory's zugezogen zu werden, bemerkenswert unterschied. So einfach jederzeit seine Kleidung, so anspruchslos sein Benehmen — es lag ein Hauch von Vornehmheit, von Noblesse darüber, der auf kein Mitglied der kleinen, auserwählten Tafelrunde seinen Eindruck verfehlte. Auf kein Mitglied — sagte ich? Das war falsch. Ich vergaß auf einen Augenblick der schönen Makel Harland! Diese junge Dame hatte wahrlich noch keinen Blick an Doktor Lewis Acton's Schönheit verschwendet. Sie wußte nicht zu sagen, ob dieselbe vornehm oder plebejisch zu nennen, sie empfand auch nicht das geringste Interesse dafür, welcher Art Doktor Acton's Konservation und wie seine Verbeugungen ausfielen. „Da war heut ein schwarzhaariger junger Mensch, Mama" — hatte sie sich nach Doktor Acton's erstem Erscheinen bei den Gregory's geäußert, „denn Tante Tabea herein- geschmuggelt. Er ist so etwas wie Doktor. Die Gregory's wollen ihn an Stelle des alten Hepkins zu ihrem Hausarzte machen." „Nun — laß uns hoffen, daß Tante Tabea es nicht bereut!" hatte MrS. Harland in ihrer müden Weise erwidert. „Die Gregory's sind einmal für Alles Neue, meine Liebe. Was mich anbetrifft, so würde ich kaum meinen alten Hepkins um eines unbekannten Menschen willen hingeben, obschon ich gestehen muß, daß er mir bisweilen nicht mehr ganz zuverlässig erscheint." Das war Alles, was man jemals bei den Harland's über Doktor Acton geäußert. Danach existirte derselbe einfach nicht mehr für die Damen von Harland-Park. Makel hatte im Allgemeinen keine Vorliebe für jüngere Männer. Sie schenkte denselben in der Gesellschaft so geringe Beachtung, als sich irgend mit dem guten Ton vertrug — sie speiste sie Alle mit derselben ceremoniellen Verbeugung, mit demselben kalten mechanischen Gesellschaftslächeln ab, und einige gleichgiltig höfliche Antwortphrasen waren das Höchste, was die Kühnheit eines Einzelnen jemals davon getragen. Unter diesen Umständen hielt es die Herrenwelt nicht für angebracht sich noch weiter in Unkosten zu stürzen. Man bewunderte das „Marmorbildniß" als solches, wo und wie es im Glänze seiner kühlen, unnahbaren Schönheit aufstieg, mit schweigender Scheu — und wandte sich dann jenen Augen und Lippen zu, welche — mochten sie gleich weniger vollkommen aus der Hand der Natur hervorgegangen sein — mit gleicher Münze zurückzuzahlen geneigt waren, was man ihnen entgegentrug.... Dr. LewiS Acton war aus einer kleineren Stadt gekommen. Sein Name — vor Kurzem noch unbekannt — hatte durch ein treffliches wissenschaftliches Werk neuerdings 314 auch in der Metropole guten Klang erhalten, und so wagte der junge Arzt die Ueber- sicdelung, da er sich mächtig nach einem umfangreicheren Arbeitsfelds, nach Verwerthung seiner geistigen wie körperlichen Kräfte und Fähigkeiten, nach der Lebenslust der Großstadt sehnte. Er vertraute sein Lebensschifflein mnthig dem großen Strome an, dessen Wogcngebraus bisher nur aus weiter Ferne an sein Ohr geschlagen; er gründete sich inmitten des betäubenden Straßenlärms ein stilles, kleines Heim, welches wie eine Oase in all dem Wirrwar lag — und dann begann das neue Leben. Einige gute Kuren, dem jungen Arzte vom Zufall in die Hand gespielt, machten, daß er bald nicht mehr völlig ohne Patienten war. Es war nicht so sehr Neuerungssucht, als die Ueberzeugung, an Stelle einer alten, überlebten, eine der Zeit entsprechende, junge frische Kraft in Doktor Acton gefunden zu haben, welche die Gregory's veranlaßt hatte, den Wechsel vorzunehmen. Man konnte Mr. Acton eine frappirende Prägnanz der Diagnose, eine große Gewissenhaftigkeit in der Behandlung seiner Kranken nicht absprechen. Man gewann im ersten Augenblick Vertrauen zu ihm und die bisherigen Erfahrungen hatten gelehrt, daß es durchaus rathsam sei, sich den Vorschriften des überaus sicher und energisch vorgehenden Arztes unbedingt zu unterwerfen. „Wir haben uns niemals so wohl gefühlt, als in diesen letzten Monaten", sagte Tante Taböa, die Schwester der Mrs. Gregory gelegentlich zu den Harland's — „das will sagen, seit Doctor Acton unser Leben systematisch regulirte. Seit er unser Hausarzt ist." „Das freut mich", lautete Mabel's kühle Entgegnung. „Wir sind mit Doktor Hepkins noch immer recht zufrieden, und befinden uns Gott sei Dank unter seiner.Fürsorge auch recht wohl." „Aber Mabel, Du mußt doch zugeben, daß Mr. Acton eine ganz andere Persönlichkeit ist, als der fuchshaarige, alte HepkinS. Und ein wenig möchte man doch auch äußerlich sympathisch berührt werden von einem Manne, welchem so unbeschränkt aus- und einzugehen gestattet ist, wie dem Hausarzt l" sagte die kleine, blonde Miß Gregory, sich einmischend. „Mag sein, Ellen, ich habe das Bedürfniß, von welchem Du sprichst, noch niemals empfunden. Hauptsache ist und bleibt ja aber, daß Mr. Acton Euch als Arzt viel gilt und nützt." „Außerordentlich viel, Mabel. Ich kann Dir nur rathen, in ernsten Fällen — vor denen Euch der Himmel bewahren möge — Dein Vorurtheil zu überwinden und Acton zu Rathe zu ziehen. — — Was ich noch fragen wollte —: Besuchst Du heute das Theater, Mabel? Wir werden die Granelli hören." „Ich habe die Absicht. Treffen wir uns dort?" „Vielleicht. Und Montag, Liebste, rechnen wir sicher auf Euch für den Abend! — — Leb wohl! — —" Der Montag Abend vereinigte wieder wie allwöchentlich den kleinen Kreis der näheren Bekannten der Gregory's. M. Lewis Acton befand sich selbstverständlich auch darunter. Der junge Arzt hatte den Vorzug, bei Tisch Miß Mabel Harlnnd gegenüber zu sitzen. Er war sich bewußt, noch niemals mit einem vollen Blick seitens der kalten Schönheit beehrt worden zu sein, und durfte deshalb seinen Augen — diesen ernsten, gedankenvollen, fast ein wenig melancholischen, grauen Augen — furchtlos gestatten, auf dem stolzen, südlich-blassen Mädchenantlitz auszuruhen, dessen dunkle, fremdartige Schönheit ihn bereits gefangen genommen, da er ihm zum ersten Mal gegenüber gestanden. Er versuchte eben, sich diese stolzen, reinen Züge beseelt durch ein von innen Herausstrahlendes Licht vorzustellen, als Mr. Gregory's Stimme seine wachen Träumereien ein jähes Ende bereitete. „Bitte, Acton — wollen Sie Miß Harland von jenem Bordeaux einschenken? Die Flasche steht vor Ihnen." Acton beeilte sich, der Aufforderung Folge zu leisten. Miß Harland streckte nachlässig die Hand mit dem Glase aus; sie hielt es anscheinend nicht für der Mühe werth, ihre Augen bis zu dem Gesicht des jungen Mannes 315 zu erheben. Ihre Züge trugen den gewöhnlichen, gleichgiltigen Ausdruck. Das GlaS war nahezu gefüllt, da zuckte die Hand, welche es bisher so ruhig gehalten, jäh zusammen. In den verschleierten, aurikelbraunen Augen Mabel Harland's flammte es blitzgleich auf — über ihr Antlitz ging ein heißes plötzliches Noth. Was war geschehen 2 Wahrend sich Doctor Acton diese Frage vorlegte, begegneten seine Blicke den ihren; sie wurzelten sekundenlang ineinander — zum ersten Mal im Leben! Und dann wurde Alles wieder, wie es gewesen. Das schöne junge Gesicht des Mädchens sank in seine Alltägliche, kühle Reserve zurück, — nur die Augen entzogen sich für den Verlauf dieses Abends ersichtlich jeder Kontrolle. Sie schienen gebannt durch einen einzigen, an sich unbedeutenden Gegenstand, sie mußten wieder und wieder zu dem Ringe, dem schmalen, kunstlosen Nubcnringe zurückkehren, welchen Mr. Acton am kleinen Finger seiner linken Hand trug.Von diesem Tage an verhielt sich die junge Dame merklich anders gegen den Hausarzt der Gregory's. Unzweifelhaft hatte jener rüthselhafte Augenblick ein geheimnißvolles Interesse für Lewis Acton in ihr wachgerufen; ein Interesse, welches sie veranlaßte, den Gegenstand desselben im Geheimen ununterbrochen zu beobachten. „Er muß arm sein", — äußerte sie eines Tages zu Ellen Gregory, welche das Gespräch zu allen Zeiten auf die Person ihres heimlich angebeteten Mr. Acton zu bringen wußte. „So wenig seine äußere Erscheinung darauf schließen läßt — ich glaube es dennoch." „Du hast nicht so Unrecht, Mabel. Der alte Mrs. Stoward, weißt Du, welcher seine Familie in der Vergangenheit genau kannte, sprach mir neulich im Vertrauen einige Worte darüber. Mr. Acton besitzt einen Bruder, Mabel, der in einem indischen Negimente dient und dort Schulden macht ohne Aufhören. Glaubst Du, daß die Praxis Actons, wie sie hier beschaffen ist, genug abwirft, jene Schulden zu decken? Ich nicht. Und dem ist auch nicht so. Trotzdem will und kann er den Schimpf nicht auf seinem guten, ehrlichen Namen dulden, und — deshalb, gute Mabel, sind seine Wangen so blaß, seine Augen so trüb." „Endlich die Lösung!" sagte Mabel Harland träumerisch, wie zu sich selbst. Danach sank ihr Kopf mit den schweren, dunkelbraunen Flechten auf die über dem Stickrahmen gekreuzten Arme nieder. Ellen Gregor») erhob sich geräuschlos, um zu gehen. „Die arme Seele ist eingeschlafen", sagte sie sich. „Sie sah auch nicht sonderlich frisch auS in den letzten Wochen. Etwa, als ob ein heimlicher Kummer sie guäle. —- Gütiger Himmel — ist denn ein Menschenherz hier auf Erden ganz ohne Leid?!" Miß Harland war seit geraumer Zeit eine leidenschaftliche Theaterfreund»» geworden. Sie liebte es, in Begleitung ihrer Jungfer allabendlich den Weg durch Harland-Park zu Fuß zu machen — und kehrte dann nach beendeter Vorstellung vermittelst eines Mieths- wagens nach Hause zurück. Sie gab an, durch das Bewußtsein, von dein eigenen Gefährt abgeholt zu werden, um alle Ruhe und in Folge dessen um alle Genüssenfreude zu kommen. Sie »volle im Theater erscheinen und verschwinden können nach Belieben, wie es der Moment eben gebe. Hier, »vie fast in Allein, ließ man Mabel gewähren. — Seit jener Montagsgesellschaft mit den» Bordeaux-Jmpromtu schien die schöne Miß Harland in der That von einem fremden Geiste beseelt. Von einem liebenswürdigeren Geiste jedenfalls. Sie vermochte es jetzt, wärmer und mit freundlicherem Ausdruck in Blick und Stimme, mit den Menschen zu reden — ihr Auftreten erhielt den Anstrich von sanfter Weiblichkeit, welcher ihrer Erscheinung doppelten Reiz verlieh. Bisweilen stellte»» sich auch Stunden voll fieberhafter Unruhe — voll räthsclhafter Traurigkeit — ein, oder auf Augenblicke ein Heller Frohsinn, hereinbrechend »vie plötzliches Sonnenlicht. Oft schien es, als seien die Theaterabende — diese Stunden zwischen Aufgang und Niedergang des phantastisch bemalten Bühnenvorhangs — die einzigen, während welcher sie sich wahrhaft glücklich fühlte. Nach beendeter Vorstellung stieg sie dann Abend für Abend »n ein durch die Jungfer von» Halteplatz der Miethsfuhrwerke herübergerufenes Cab, und kehrte, fchiveigsam in die blausammetnen 316 Kissen dieses leichten, kleinen Wagens zurückgelehnt, die Augen träumerisch auf die Gestalt des Kutschers, der in seinem mächtigen schwarzen Mantel wie ein Erzgebilde in die Dunkelheit heineinragte, gerichtet, nach Harland-Park zurück. Mit Doktor Hepkins — welcher in Wahrheit nichts als ein eigensinniger alter Ignorant war, den man in den meisten Familien nur noch aus Gewohnheit und Bequemlichkeit festhielt, weil man sich daran gewöhnt hatte, ihn als ein Stück alten, unveräußerlichen Hausraths zu betrachten — schien man in Harland-Park auch durchaus nicht mehr so zufrieden, als vordem. Mabel war jetzt in der That der Ueberzeugung, daß Doktor Acton den Andern in jeder Hinsicht übertreffe, aber ich befürchte, sie würde auch ohne diese Ueberzeugung das parfümirte Briefchen mit Freude abgesandt haben, welches Doktor Hepkins das rückständige hausärztliche Honorar nebst dem Dank für seine bisherigen Bemühungen überbrachte. So war nun Mr. Lewis Acton plötzlich nach Harland-Park, zu der leidenden Mrs. Harland gerufen worden. Mabel trat ihm mit ernster Würde, jedoch ohne einen Anflug ihres früheren, verletzenden Hochmuthes entgegen. Sie war in der Folge nicht mit Regelmäßigkeit bei seinen Besuchen in Harland-Park gegenwärtig — aber häufig genug. Und dann endete der ärztliche Besuch nicht selten mit einer traulichen Theestunde im Zimmer der Mrs. Harland. Diese Theestunden, so kurz und ereignißlos sie hingingen, standen in der Erinnerung wie Sterne da für Doctor Lewis Acton — dessen dunkles Leben wundersam verklärend.. Seine einsame Seele fand nirgends Befriedigung, als hier — in dem kleinen, dämmerigen Raum mit der grünverhängten Lampe, mit der Bronze-Tapete und all' den alten, hochmüthigen Harland - Portraits, — in der Gesellschaft der geduldigen, blassen Frau und der schönen, ruhigen Mabel, über deren träumerischen Augen es jetzt bisweilen wie ein feuchter Schleier lag, wie Morgennebel, den die Sonne bereits verheißungsvoll durchleuchtet!-- „Ich möchte wissen, ob ich von der Vorsehung dazu bestimmt wurde, ein Märchen zu erleben!" sagte sich Doktor Acton bisweilen, wenn er Abends durch die lange Ulmen- allee von Harland-Park seinen Heimweg antrat, — vor sich und hinter sich Nacht, über sich die schweigsamen Sterne. — „Und dann auch — wie dieses Märchen enden wird! Was ist dieser Mabel Harland durch den Sinn gegangen, als ihre Hand den Bordeaux verschüttete, und ihre kalten Augen zum ersten Mal die bestrickende, gefährliche Sprache der Leidenschaft sprachen?!"- (Schluß folgt.) Reise-il-er aus der Herzegowkua. (Schluß.) Etwa um die dritte Nachmittagsstunde am heil. Weihnachtsabende langten wir an der letzten Brücke über den Bistricabach, welche unmittelbar vor Livno steht, an. Die so romantisch gelegene Stadt hat mit wenigen Ausnahmen nur hölzerne, riegelwandartige, mit Koth beworfene und mit Kalk bestrichene Häuser sehr primitiver Bauart, sehr viele sind nur aus Weidengeflecht, denen durch Lehm einige Festigkeit gegeben wurde, die Bedachung ist meist Stroh und Holz, aber derart mangelhaft, daß es fast überall hinein- regnet; bei heftigem Sturme (Bora), welcher hier sehr häufig ist, schwanken diese Häuser hin und her, daß man sich auf einem Schiffe im Meere zu befinden wähnt und in Gefahr kommt, seekrank zu werden; durch Fenster und Thüren, ja durch die Wände weht der Wind, so daß ich mich angekleidet, mit der Mütze auf dem Kopfe, zu Bett legen mußte, um der Kälte und dem Winde zu widerstehen. Die bestgebauten und größten Häuser der reichen türkischen Begs wurden größtentheils während der Beschießung Livnos durch die Occupationstruppen zerstört, so daß die Stadt voll von Ruinen ist; es war dieses ein großer Verlust für die Truppen, da hiedurch sehr viele, ja die meisten und besten Unterkünfte für sie verloren waren; denn die größten Häuser sind nur einstöckig, mit — 317 - zwei bis drei Zimmern im ganzen Hause, die kleinsten Häuser aber sind n^r Hütten aus Birkengeslecht mit nur einer Räumlichkeit. Unter den zerstörten Gebäuden gab es Häuser von ziemlich solider Bauart mit großen Räumlichkeiten. Die Stadt ist gepflastert, aber wehe dem, der mit europäischer Fußbekleidung hier viel gehen muß, denn die Pflasterung besteht aus den schon erwähnten „Katzenköpfen" und ist so unregelmäßig, daß daS Gehen, besonders aber das Reiten beinahe gefährlich wird; im Winter kann man in europäischen Stiefeln die Stadt, deren Straßen sehr steil den Berg, an welchen Livno sich lehnt, hinaufführen, ohne Steigeisen gar nicht durchschreiten. Auf dem Punkte der Stadt steht die Festung mit der Ojumia. Aluviorr (Hauptmoschee) von einer Mauer umgeben, jedoch in echt türkisch verwahrlostem Zustande; sie wird von den ganz nahen Felsen beherrscht; um diesem Uebelstande etwas abzuhelfen, sind auf der Höhe drei Kulas, d. i. festgemauerte runde Thürme zur Vertheidigung errichtet, welche auch bei der Einnahme Livnos theilweise zerstört wurden. Von irgend einem europäischen Comfort ist hier keine Spur; ja nicht einmal Bettstätten findet man. Der Türke sowie der Christ schläft angekleidet auf einer längs den Wänden des Zimmers angebrachten, ein bis anderthalb Schuh hohen, kistenartigen Erhöhung, welche mit einem Teppiche bedeckt wird: Stühle und Tische findet man nur bei den wohlhabendsten Leuten und zwar erst seit der Occupation; Tischtuch, Serviette, Gabel sind unbekannte Größen, da der Bosnier mit bloßen Fingern in die Schüssel greift. Stühle sind den Leuten eigentlich ganz unnöthig, da sie sich nach türkischer Art mit untergeschlagenen Beinen auf den Fußboden oder die oben erwähnte, kistenartige Erhöhung niedersetzen. Um Tische, Stühle und Bänke zu erhalten, mußten die Occupa- tionstruppen sich solche aus alten Kisten, worin der Zwieback transportirt wurde, selbst herstellen. Livno hat etwa 5000 Einwohner, wovon die Hälfte Katholiken, der Nest aber Türken und Serben (d. i. nichtunirter griechischer Religion) sind; Juden sind nicht ansässig und kommen nur sporadisch vor, wenn „Geschäfte" zu machen sind. Die Kleidung ist durchgehends türkisch, meistens aber recht schmutzig und zerrissen. Die türkischen Frauen zeigen sich nur mit ganz verhüllten Gesichtern, von denen aber auch gar nichts, nicht einmal die Augen zu sehen sind; sie tragen ein langes, dunkles, mit einem sehr langen Kragen versehenes Gewand und gelbe spitze Schuhe, so daß man auch nicht ihren Wuchs, wohl aber sehr oft recht große Füße ausnehmen kann; die christlichen Frauen gehen unverhüllt mit weiten türkischen Hosen und einer oft recht reichen, mit Goldborten besetzten kurzen Weste, worüber eine mit Pelz besetzte Scrvianka, gewöhnlich aus Tuch und bei den Wohlhabenden wohl auch aus Sammt oder Seide, getragen wird. Die Fußbekleidung ist die der Türkinnen. Die Serben und die Katholiken sind Antagonisten; ja der Serbe zieht den Türken beiweitem vor. Er ist nur Kaufmann und lediglich auf das Geldverdienen, auf welche Art immer, bedacht; die Serben wurden auch von den Türken stets begünstigt, so haben sie z. B. auch eine Kirche in der Stadt, während die Katholiken in das eine halbe Stunde entfernte Franciskanerkloster Gorica gehen müssen, um eine heilige Messe zu hören. Die Katholiken standen überhaupt trotz aller Remonstrationen der Großmächte unter einem furchtbaren Drucke; so durfte» die Franciskaner, denen allein die Erhaltung der katholischen Religion in den türkischen Provinzen zn verdanken ist und die wahre Märtyrer waren, nie in ihrem Ordenskleide, sondern nur in bosnischer Tracht sich außer dem Kloster sehen lassen, ebensowenig durfte ein Priester ohn« Erlaubniß des Pascha die heilige Messe lesen, Beichte hören, die heiligen Sakramente ausspcnden; diese Erlaubniß wurde aber sehr willkürlich ertheilt; kam aber ein Priester ohne erhaltene Erlaubniß seiner heiligen Pflicht nach, spendete er z. B> in sehr dringenden Fällen, wo eine Erlaubniß einzuholen nicht möglich war, die letzte Oelung, so wurde er mit sehr harter Gefangenschaft, ja barbarischen Leibesstrafen gemaßregelt! Es scheint, daß sich in dieser Beziehung eine christliche Macht, welche sich für einen Culturstaat pur vxoollsnos hält, die Türkei zum Muster genommen habe. Man durfte keine öffentlichen religiöses Umzüge abhalten, zum öffentlichen Gottesdienste 318 sich nicht versammeln und Glocken dursten nicht gelautet werden, die Priester durften überhaupt keine öffentlichen Functionen ausüben. So wurde im Dezember 1878 seit 400 Jahren das erste Mal wieder in der Kirche der heiligen Apostclfürsten im Kloster Goriea das heilige Weihnachtsfest und im darauffolgenden Jahre das heilige Osterfest und die Frohnlcichnamsproccssion gefeiert. Wie rührend und erhebend war diese heilige Feier, wie viele Priester und Laien sah man Freudenthränen vergießen! Das FranciSkanerlloster Goriea ist ein geräumiges, solid gebautes Gebäude; hier war das Verpflegungsmagazin für die in Rayon Livno dislocirten Occupationstruppen untergebracht. Die Kirche der heil. Apostelfürsten Petrus und Paulus ist sehr groß und geräumig, mit einem einfachen zicrdelosen Altare mit nur wenigen, jeden Kunstwerthes entbehrenden Bildern versehen (ich glaube höchstens drei). Es macht auf den gläubigen Besucher einen wirklich wehmüthigen Eindruck, den göttlichen Heiland in solch gar einfacher Behausung zu wissen. Diese für die ganze Gegend so segensreich wirkende Kloster- gemeinde ist eben sehr arm, ohne jeden Besitz und nur auf Unterstützungen angewiesen. Kloster und Kirche verdanken ihr Bestehen lediglich der Munificcnz des österreichischen Kaiserhauses. Erst seit der Occupation besitzt diese Kirche eine schöne Monstranz, welche ihr das nun in Wien stationirte k. k. 17. Infanterieregiment Baron Kühn bei Gelegenheit seiner Anno 1879 dort gefeierten Fahnenweihe widmete, und anständige Ornate, welche sie nebst einer Geldspende von 200 fl. von Ihrer Majestät der verwittweten Kaiserin Maria Anna Pia aus Prag erhielt;, es wäre sehr zu wünschen, daß sich noch einige fromme Gönner für dieses Kloster fänden, da noch sehr viel für den heiligen Dienst bcnöthigt wird, z. V. eine Orgel, Baldachin, Kleider für die Ministranten, anständige Altartücher rc. Der bosnische Katholik ist zwar sehr fromm und opferwillig, aber fast durchgehends arm. Die Schulen werden durch die Franciskaner und die barmherzigen Schwestern versehen, welche in Livno eine kleine Communität (jedoch ohne Kirche) bilden und deren aufopfernde, selbst von den Türken in höchstem Grade anerkannte Nächstenliebe man nicht genug hervorheben kann; auch sie sind ganz arm und auf die Unterstützung frommer Christen angewiesen. In der Zeit, welche ihnen der Unterricht und die Krankenpflege übrig läßt, verfertigen sie weibliche Handarbeiten und reinigen selbst Wäsche für Andere, um sich etwas für ihren Unterhalt zu verdienen; es ist wohl unnöihig, zu erwähnen, wie gering dieser Verdienst sein kann. Vor Jahren bestand in der Stadt auch noch eine katholische Capelle; diese wurde aber von den Türken schon längst gänzlich demolirt und die Steine zum Baue einer Moschee verwenvet, deren es hier eine Menge gibt. Der Türke ist seinen religiösen Vorschriften sehr treu und eS wäre sehr zu wünschen, daß sich so mancher Christ hieran ein Beispiel nähme! Drei Mal des Tages, bei Tagesanbruch, des Mittags und Abends singt der Meuzzin von der Galerie der Minarets gewisse, täglich wechselnde Koranstellen und Gebete ab, was einen ganz eigenthümlichen Eindruck auf den Hörer hervorbringt; am Freitage, dem Sabbathe der Türken, sind alle DjamiaS (Moscheen) angefüllt und wer Gelegenheit hatte, diese Beter zu beobachten, wird sich über die tiefe Andacht und Ruhe derselben nur lobend aussprechen können; ich kann auch nicht umhin, hier zu constatiren, daß der Türke hinsichtlich der Ehrenhaftigkeit und der Treue im Halten eines gegebenen Versprechens dem Serben weit voransicht. 'Noch muß ich der vielen herrenlosen Hunde erwähnen, welche hier, sowie in allen türkischen Städten vorkommen; sie sind ganz harmlos und nähren sich von Abfüllen rc., welche hier ganz einfach auf die Straße geworfen werden; sie erfüllen also die Obliegenheiten einer Art SanitätSpolizeit. Der Schmutz und die Unordnung sind grenzenlos; wenn auch durch die Occupation. bezüglich der Reinlichkeit ein entschiedener Fortschritt constatirt werden muß, so bleibt doch noch außerordentlich viel zu wünschen übrig; so gehen z. V., um nur Eines zu erwähnen, die ArKgüsse der Häuser auf die Straße heraus und man muß ja nicht zu nahe an den Häusern gehen, wenn man nicht eine recht 310 unangenehme Befeuchtung erleben will. Statt der Singvogel, wovon mir in der ganzen Gegend keine vorkamen, findet man hier- eine Unmasse von Dohlen, Krähen, Raben, welche alle Dächer und Mauern bedecken. Einkehrhäuser gibt es in Livno gar keine; erst seit der Occupation bestehen einige primitive Gast- und Kaffeehäuser. Die seit früher bestehenden türkischen Kaffeehäuser verdienen diesen Namen gar nicht; denn es sind elende, schmutzige, ebenerdige Räumlichkeiten, nur von der Hefe des Volkes besucht; die Gäste sitzen einfach auf dem Fußboden herum, da von Tischen und Stühlen hier nicht die Rede ist, rauchen ihren obligaten Tschibuk und trinken türkischen (mit dem Satze gekochten) Kaffee; statt aller sonstigen Musik wird anf der Gusla (einem primitiven, mit vier bis sechs Stahlsaiten bezogenen, mandolinartigen Instrumente) geklimpert und dazu zeitweilig ein wildes, unarticulirtes Geheul ausgestoßen, was man unmöglich Gesang nennen kann: überhaupt findet man in Bosnien nicht den geringsten Sinn für Musik — am allerwenigsten aber unter den Türken, welche dieselbe förmlich hassen. Der Türke liebt vor Allem die Ruhe, jeder Lärm ist ihm ein Greuel; man sieht sie an ihren Feiertagen und auch sonst vor ihren Häusern sitzen und mit dem Turban auf dem Kopfe stundenlang unbeweglich ihren Tschibuk rauchend vor sich Hinstarren, scheinbar in tiefes Nachdenken versunken, aber in der That gar nichts denkend. Noch muß ich eines höchst interessanten Nnturschauspicles erwähnen, nämlich der Quelle des Bistricabaches, welcher aus dem Felsen, an welchen sich Livno anlehnt, sehr mächtig hervorbricht und einen prachtvollen Wasserfall bildet; das klare Wasser vom schönsten Azurblau strömt dann unter Bildung kleinerer Katarakte mit lebhaftem Falle durch und theilwcise um Livno herum. Der Karst, zu dem auch die hiesigen Gebirge zählen, bildet überhaupt viele Höhlen und Löcher, aus denen bald, wie hier, mächtige Gewässer entspringen und auch wieder, wie bei Han-Prolog, in solchen Löchern wie in einem Trichter verschwinden. Knapp an der Mündung dieses Wasserfalles (rechts und links von demselben) befinden sich zwei Höhlen, deren rechts gelegener nach längerem Regen gleichfalls Wasser entströmt, welches einen zweiten ähnlichen Wasserfall bildet; in dieser sowie in der zweiten links gelegenen Höhle nisten zahlreiche wilde Tauben. Diese letztere Höhle hatte ich Gelegenheit, etwas näher zu untersuchen; der Eingang ist ein ziemlich enges dreieckiges Loch, in dessen Inneres man aber nur kriechend und ziemlich mühsam eindringen kann; bald jedoch dehnt sich diese mächtig aus und man hat Gelegenheit, die schönsten Stalaktytengebilde von den abenteuerlichsten Formen zu bewundern, man kann stundenlang darin vordringen, ja die Leute behaupten, daß noch ein zweiter Ausgang eristire, der erst nach tagelangem Wandern darin zu erreichen sei. Nachdem ich nun über eine der unwirthbarsten Gegenden Bosniens berichtet habe, werde ich nächstens über meine weitere Reise durch prachtvolle Wälder und lachende Thäler zu referiren die Ehre haben. (W. Vtl.) M i s e e l l e n. (Die Bienen als Soldate n.) Daß die Bienen wegen ihres Stachels gefürchtet sind, sich damit auch tüchtig wehren und vertheidigen können, ist allgemein bekannt; daß sie aber noch mehr auszurichten vermögen als Bürger und Soldaten, davon erzählt die Chronik von Kissingen, Stadt und Badeort in Bayern, ein artig Stücklein. Es war im Jahre 1642, also zur Zeit des dreißigjährigen KriegeS, als die'Stadt Kissingen von den Schweden hart bedrängt wurde. Diese rückten immer näher heran, und wenn auch die Stadt mit einer hohen Mauer umgeben war, so vermochte doch die geringe Besatzung nebst den Bürgern des kleinen Ortes dem kühnen Andrängen der Schweden nicht länger zu wiederstehen. Die Gefahr stieg aufs Höchste, die Schweden waren schon bis an die Mauern herangerückt, da faßte ein Bürger, Peter Hein, den kühnen Gedanken, die in der Stadt vorhandenen zahlreichen Bienenstöcke herbeizuholen und sie oben von den Mauern hinab auf die Schweden zu werfen. Dies geschah und die durch den jähen Sturz aufs Höchste erzürnten Bienen richteten unter den Schweden eine solche Verwüstung an, daß diese die Belagerung aufhoben und abzogen. Die Stadt ward durch die Bienen gerettet. (Kinderphantasien:) Paul und Arthur rühmen gegen einander ihre Papas. „Mein Papa ist so groß wie Euere Gartenmauer!" sagte Paul. -- „Mein Papa ist noch größer," antwortete Arthur, „er kann sogar über die Gartenmauer hinwegsehen." „Das kann mein Papa auch, wenn — er seinen Hut auf dem Kopfe hat!" — Der Bäcker, welcher gegenüber wohnt, ist gestorben. Martha betrachtete am Tage darauf sehr genau beim Essen das Schwarzbrot», das an Stelle des sonst vorhandenen Weißbrodes auf dem Tische steht. „Mama!" sagte sie endlich nach einigem Nachdenken, nicht wahr das Brod hat Trauer, weil der Bäcker gestorben ist?"— Zwei kleine Mädchen begegneten sich auf der Straße: „Weißt Du schon," begann die ältere von Beiden zu sprechen, „wir Habenein kleines Brüderchen bekommen. Es war nur gut, daß die Mama zu Hause war, denn der Papa ist nun schon seit acht Wochen verreist." Das neue Dienstm ädchen.) Frau Baronin: Wie heißt du?" —Dienstmädchen: „Hermine." — Frau Baronin: „Geht nicht! Werde dich Minna nenncn.i Meine Tochter heißt Hermine." — Dienstmädchen: „Verzeihen, gnädige Frau Baron n, könnte nicht Baroneß Hermine Minna heißen? Ich heiße schon achtzehn Jahr Hermine, Baroneß aber erst seit drei und ist an den Namen noch nicht so sehr gewöhnt wie ich. Mit lächelnder Miene hörte ich kürzlich einen Vater das Loos seiner drei Töchter erzählen. Die eine, sagte er, hat der „Teufel" geholt; die zweite hat den „Korb" bekommen und die dritte hat „Kummer". Und dazu konnte der alte Vater lachen? — Ja und mit Recht; denn so hießen die ehrenwerthen Männer, die seine Töchter geheirathet. (Rücksichtsvoll.) Condukteur: „Wie kommt er denn mit seinem Billet dritter Klasse da in die erste Klasse? Heraus!" „Wissn'n S', ich han da grad ein Korb mit Käs', der ein Bisse! stark riecht, und weil der Wagen da leer war, so hab' ich gedacht, ich setz' mich da nein, da genirt's Niemand." (Verlorene Abende.) „In diesem Monat," sagte die Gattin beim Morgenkaffee, „habe ich Buch geführt. Du bist 28 Mal nach zwölf Uhr Nachts nach Hause gekommen und nur drei. Abende zu Hause gewesen." „Scheußlich!" seufzte der Gatte zerknirscht. „Die schönen drei Abende so zu verbummeln!" (Im Schuhmacherlaben.) Verkäufer: „Sie werden mit diesen Stiefeln zufrieden sein, mein Herr. — Diese Waare erfreut sich allgemeinen Beifalls und eines Absatzes." — Käufer: „Na dieses Letztere scheint mir nun gerade keine Empfehlung." (Mißglückte Schonung.) Untersuchungsrichter: „ Sie haben also Ihren Gegner im Duell nicht vorsätzlich getödtet?" „Nein im Gegentheil: ich wollte daneben schießen und habe gefehlt!" (Vor einem Berliner Gericht.) Richter:- Sie haben sich dem Gastwirth gegenüber für einen Gutsbesitzer ausgegeben. — Hochstapler: Nein das nicht; ich habe nur gesagt: „Ich besitze ein großes Gut". — damit meinte ich die Gesundheit. * Original-Eilben-Räthsel. * Das erste Glied sucht Mancher zu erstreben, Um ohne Noth und sorgenfrei zu leben; Man wünscht ihm Glück, wenn er sein Ziel erreicht. Durch's letzte Paar gelangt an Ort und Stelle — Die Kunde mancher wichtigen Novelle, Die oft erfreut, auch oft die Wangen bleicht. Des Ganzen hartes Loos ist: fremden Willen Stets mehr als seinen eig'nen zu ersüllen. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. M. Huttlcr. Nr. 41 1880. zur „Angslmrger Pojheitimg." Samstag, 20. November Die Schrift und die. Natur zeigen uns die Frau als Gefährtin des Mannes, welche still und unterwürfig an feinem Glück und besonders an seinem geistigen Wohl arbeiten soll. Monod. Doktor Arion's Rubin ring. Von H. v. Götzendorsf-Graboivski. (Schluß,) Doctor Actons Vertraute, die alte Mrs. Stoward, auf deren Scheitel bereits der Schnee des Alters lag, während ihre Wangen noch Sommerrosen trugen, erhielt jetzt häufig den Besuch Mabel Harlands. Die junge Dame hatte von Anbeginn eine Vorliebe für die kluge, fröhliche alte Frau empfunden, neuerdings zog sie noch der Umstand mächtig an, nur dort, in dem winzigen, altväterisch möblirten Erkerstübchen der Aork- straße Genaueres über Lewis Acton und den verschwiegenen Kummer seines Lebens erfahren zu können. Mit den Verhältnissen des indischen Offiziers stand es in den letzten Wochen schlimmer als je, wie Mrs. Stoward sagte, während sie eines Abends mit Mabel aus ihren chinesischen Tassen den Thee nahm. „Sehen Sie, Miß Harland, — Lewis quält und müht sich rechtschaffen, und legt jeden Pfennig zurück, aber — du mein Himmel — was will das sagen, einem solchen Chimborazo unbezahlter Rechnungen gegenüber?! -— Nehmen Sie noch ein wenig kalten Lendenbraten, — ich bitte!" „Meine Zeit ist um, Mrs. Stoward — ich danke Ihnen. Ich will ins Theater. Georgine erwartet mich bereits unten. Nächstens sollen Sie mich wieder hier sehen." — An diesem Abend vermochte Mabel Harland der Vorstellung weniger als jemals zu folgen. Immer trat Lewis Actons's schönes, trauriges Antlitz zwischen sie und die Vorgänge auf der Bühne. .... Heut wie immer ward das leichte Gefährt, welches allabendlich an gleicher Stelle, ein wenig entfernt von den übrigen Wagen, zu halten pflegte, gerufen und führte Mabel nach Harland-Park zurück. Der Kutscher stieg wie alle Tage von seinem hohen Sitz herab, um Miß Harland beim Aussteigeu behilflich zu sein. Sie stützte sich heut schwerer als sonst auf seinen Arm, es lag etwas Zögerndes in ihren Bewegungen. Vor dem Gitter des Vorplatzes blieb sie stehen, zu dem Wagen zurückgewendet. „Gute Nacht!" sagte sie halblaut — „gute Nacht, du kleines, liebes Gefährt, du rasches, braunes Rößlein, — so Gott will, thaten wir heut mit einander unsere letzte Fahrt!" Sie trat ins Haus. Dröhnend fiel die schwere Pforte zu. Und den Kutscher schien es zu frösteln. Zusammenschauernd hüllte er sich fester in den weiten Mantel und trieb den erschrockenen Braunen zu rascherem Laufe an. In der Dämmerung des nächsten Tages just zu der Stunde, wo in dem wohlbekannten, bronzebraunen Zimmer der Theekessel zu singen begann und Mabel mit ihrer bunten Wollstickerci erschien, zog Doktor Acton die Glocke in Harland-Park. Mabel befand sich allein im Zimmer. Sie sah ein wenig erregt, zugleich nicht völlig unbefangen — 322 — aus, „Willkommen, Doktor Acton!" sagte sie und streckte ihm eine ihrer Hände entgegen — „Heut besonders ist mir Ihr Kommen lieb. Ich möchte Manches mit Ihnen sprechen, die Zeit drängt, denn ich werde vielleicht auf einige Zeit fortgehen; mit den Humphrep's nach Deutschland möglicherweise, — oder der Himmel mag wissen, wohin! Jedenfalls muß dieses noch besprochen werden. Ich bin Ihre Freundin, Mr> Acton, — und Sie sind mein Freund, nicht wahr?" „Sicherlich, Miß Harland, Sie wissen es — und ich weiß es auch." „Nun wohl. Ich will Ihrerseits den Beweis davon haben — und ihn meinerseits ebenfalls geben. Mr> Acton — Ihrem Bruder soll und muß geholfen werden!" Er sprang ungestüm auf. „Was wollen Sie damit sagen, Miß Harland?! Es ist mir schmerzlich, das; Sie von dieser Angelegenheit — von der Schande, welche nun dem Namen Acton für alle Zeit anhaften wird, durch Unberufene erfahren mußten!" „Und ich segne den Zufall. Ich bin glücklich, um Ihre Sorgen zu wissen, Ihnen dieselben vielleicht momentan erleichtern zu können!" „So sehr Ihre Güte mich bewegt und zu Dank verpflichtet, Miß Harland — ich muß bitten —" „Schweigen Sie, Mr. Acton!" unterbrach sie ihn ungewöhnlich lebhaft. „Sie haben kein Recht, einen Beistand zurückzuweisen, welcher Ihnen feinern Charakter nach, noch fremd ist. Es wäre mir in der That schmerzlich, wenn Sie meinen; Zartsinn weniger vertrauten, als ich dem Ihrigen! Und dann —: Ich bin Mitwisserin eines Ihrer wichtigsten Geheimnisse, Lewis Acton! Dieser Umstand gibt Ihr Schicksal völlig in meine Hände . . ." Ein herzensgutes, leicht schelmisches Lächeln ging über Makels ernstes Gesicht, während sie, mit flüchtigem Blick seine vom Handschuh entblößte Linke mit dem verhängnißvollen Nubinring streifend, hinzufügte: „Sie verstehen mich doch?!" Ueber sein schönes, kummervolles Gesicht flammte es wie Feuerschein. Er schien erschrocken und niedergedrückt; aber vor Mabels durch Thränen leuchtenden Augen und glückseligem Lächeln zogen alle schmerzlichen Empfindungen gleich Wolkenschatten vorüber. Die Sonne des Glückes stieg siegreich über den Kämpfen und Sorgen, über dem ganzen, heimlichen Elend und Herzeleid der vergangenen dunkeln Tage auf! — — — — — — „Mama," sagte Mabel an demselben Abend zu Mrs. Harland, und flocht sich, auf dem Bettrand derselben sitzend, das Haar zur Nacht — „Lewis Acton liebt mich! Wir lieben uns beide und werden einander, so Gott will, bald völlig angehören. Ja, ja, glaube es nur! Ich liebe ihn! Und weißt Du, wie laiuze? Seit ein gewisser kleiner, ländlicher Korbwagen mich zum ersten Mal aus dem Theater nach Hause fuhr! Das leichte, kleine Ding mit den lustigen Braunen! Der Kutscher hatte sein Antlitz so ziemlich durch Hut und Mantelkragen verborgen, aber die Augen sah ich — und seine Hände, Mama, waren auffallend weiß — und er trug einen Rubinring, Mama! Möchtest Du wissen, wer der Kutscher war? Doktor Acton! Ich erkannte ihn dann bei den Gregory'S an seinem Ringe wieder, und sann eine Ewigkeit dem Räthsel nach. Endlich ward mir durch Zufall die stille Schmerzensgeschichte seines Lebens klar, und er stand immer edler und größer vor meiner Seele da! Um seinen ehrlichen 'Namen vor Schande zu bewahren, um den Bruder vom Abgrunde zu reißen, ihn in ein neues, redlicheres Sein hinüber zu retten, that er Alles, Mama! Sguire Poore entlehnte Acton den Wagen — zu jenem seltsamen Zweck. Dergleichen soll bereits vorgekommen sein, mir — das muß ich gestehen — ist es ganz neu! Ich bewunderte Acton mehr, als ich sagen kann. Deine Mabel will nun — sie will es in allem Ernst! — die Gattin eines Fuhrmannes werden, Mama. Sie hat nichts gegen das Gewerbe ihres Auserwählten einzuwenden, nur darf er nicht mehr zur Nachtzeit seine Fahrten thun, und keine anderen Damen nach Hause geleiten, als sein Weib und höchstens — wenn Du lieb und artig bist, Mama — seine Schwiegermutter. Guts Nacht." (Deutsch. Montagsbl.) 323 Messina. Von Alsons v. Rosthorn. Die blutroth aufgehende, einen heißen 9. Mai verkündende Sonne fand mich an Bord eines von jenen Dampfern der Florio-Gesellschaft, welche längs der Nordküste Siciliens nur in Cefalu, S. Stefano und Milazzo anlegend, eine directe Verbindung zwischen Palermo und Messina herstellen. Trotz der frühen Morgenstunde und einer leichten Seebrise war der Zustand auf dem Schiff schon fast unleidlich. Keine Wolke trübte den hochblauen Himmel und nur ein leises Zittern der Rauchsäule ober dem Kamin gab eine matte Regung in der heißen Luft kund. Ich hatte eben von jenen Annehmlichkeiten Gebrauch gemacht, welche die Seereise der Fahrt aus Eisenbahnen voraus hat, indem ich mich der kleinen Dosis lauen Waschwassers, welche meine unbequeme mit übercinandergethürmten sogenannten Betten gefüllte Sabine darbot, zur Vollendung meiner Toilette bediente, als eine gesteigerte Bewegung unter den Leuten an Bord die Einförmigkeit des Schisflebens unterbrach. Ich eilte die kleine Treppe das Verdeck hinan, um nach dem Gegenstand der Unruhe auszuspähen. Siehe da! Wir befanden uns an der Einfahrt in die Meerenge von Messina. Gleich einem breiten Strome von beiden Seiten durch mächtige Gebirgsstöcke eingedämmt, öffnet sich dieselbe weithin gegen Süden, wo dem weitausschweifenden Blicke in der Fortsetzung von Himmel und Meer kein Einhalt geboten wird. Rechts erhebt sich in zackigen Umrissen die lange Kette der pelorischen Berge, früher die Gebirge Neptun's genannt, welche die herrliche Ostküste Siciliens entlang allmälig in blauer Ferne verschwimmen, während zur Linken, also ostwärts, die bewaldeten Höhen Calabriens bis knapp ans Gestade herantretend, schroff gegen das Meer abfallen und erst gegen Reggio zu einen schmalen Küstensaum übrig lassen, so daß man kaum begreifen mag, wie jene Menge von Ansicdlungen und kleinen Städten gerade hier, zwischen Land und Klippen sich hineinzwängend, ihre Entstehung nehmen konnte. Noch unbegreiflicher wird uns die Wahl dieser Steilküste für die Anlage menschlicher Wohnsitze, wenn wir bedenken, daß wir hier die Verbindungslinie zwischen Aetna und Vesuv, die den Erdbeben am meisten ausgesetzte Strecke Italiens, ja Europas, vor uns haben. Man muß stets fürchten, daß die ganze Küste mit all' ihren schönen Ortschaften bei der nächsten Erschütterung ganz gemüthlich inS Meer Hinabrutschen könnte. In unserer nächsten Nähe erhebt sich gleichsam aus den Meeresfluthen der stark befestigte Leuchtthurm des Faro, den am weitesten gegen Nordost vorgeschobenen Punkt der Insel, das Cap Pelorus bezeichnend. An einer sandigen Landzunge, welche sich weit ins Meer hinausstreckt, ist das kleine schmutzige Fischernest Faro gelegen, das durch eine Straße mit Messina und seiner Umgebung in Verbindung steht. Dem Dorfe Faro gegenüber, bezeichnet ein auf hohem Fels situirtes Castell den ehedem so gefurchtsten Ort, wohin die Poeten des Alterthums jenes gewaltige, mit Hunderachen versehene, die vorbeifahrenden Schiffe bedrohende Ungeheuer der Scylla versetzen zu müssen glaubten. — Wesentlich wurde diese Vorstellung von dem SchreckenSthier noch durch die Malerei gefördert, indem zur Darstellung desselben Phalerion mit. erhitzter Phantasie in nervösen Uebertreibungen sein Talent aufbot. Bis ins Mittelalter herauf geht dieser Aberglaube, bis der Leeheld Nelson als der Erste es wagte, mit seinem Geschwader ruhig durchzuführen. Doch der Umstand, daß die Athener, Syrakusaner, Locrer und Rhegier sich erkühnten, in dieser Enge einige Seeschlachten auszufechten, beweist hinlänglich, daß dieselbe von den Matrosen der Alten weniger gefürchtet gewesen sein mußte als von den Dichtern. Eines einzigen wirklichen Unglücks thun die Annalen Scylla's Erwähnung, indem sie berichten, daß im Jahre 1733 wahrend des schrecklichen Erdbebens durch eine kolossale Sturzwelle 2000 Menschen plötzlich weggeschwemmt wurden, ohne daß bei der Schnelligkeit der Erscheinung auch nur ein einziger Hilferuf der Opfer vernommen werden konnte. Der Fels, selbst kühn vorspringend, an der Basis etwas ausgehöhlt, zeichnet sich durch nichts Besonderes aus. Hinter ihm breitet sich eine sandige Bucht, in welcher 324 die jetzige Stadt Scylla, knapp an die Küste gebaut, in recht romantischer Umgebung sich ganz hübsch ausnimmt. Capital, Smyth, ein bedeutender Marinem-, konnte, wie seinen detaillirten sicilianischen Rcisebeschreibungen zu entnehmen ist, trotz eifriger Beobachtungen aller physikalischen und marinen Erscheinungen der Meerenge, hier nichts entdecken, was nur einigermaßen jene Fabeln der Alten glaubwürdig erscheinen ließe. Hesiod und Diodor beschreiben die Meerenge als. eine weite See und bis auf unsere Tage war die Breite derselben ein Gegenstand des Streites. Smyth gibt nach seinen Messungen die Breite, als Entfernung zwischen dem Leuchtthurm von Faro und dem Felsen der Scylla, mit 6047 Dards an, während jene zwischen dem Leuchtthurm von Messina und der Kathedrale von Reggio als 13,187 Jards betragend angeführt wird. — Die mit mehr Recht berüchtigte Charybdis, heute Galofaro genannt, befindet sich um ein bedeutendes tiefer gegen Süden außerhalb des Hafens von Messina, welcher Umstand gar sehr gegen die Bewahrheitung des alten Sprichwortes stimmn „Inoiclit in 8o^Uam, H,ü vult vitai-v CÜmr^bäim!" — Ein einfacher Strudel, unserm Wirbel der Donau vergleichbar, dürfte dieselbe für die Schifffahrt kaum Gefahr bieten. Für die primitiven unbedeckten Schiffe der Griechen mag sie freilich eine einigermaßen gefährliche Stelle gewesen sein, da selbst heute noch kleine Fahrzeuge zum Nundtanz gezwungen, nur durch herbeieilende Lootsen hievon befreit werden können. Smyth sah sogar ein Kriegsschiff von 74 Geschützen auf der Oberfläche der Charydis sich drehen, doch kann dieselbe bei einiger Vorsicht nicht Schaden verursachen. Immer klarer wurden die einzelnen Details, die sich nnt verwirrender Schnelligkeit entwickelten, bald hatten wir Messina in Sicht und nun begann das jedem Landen vorausgehende geräuschvolle Treiben, der Lärm der ablaufenden Winden und Hebmaschinen, der Spectaksl beim Loslassen des Ankertaues, das Geschrei der Schiffsmannschaft, das Fluchen des Capitäns und der Offiziere den Matrose», das Schelten der Passagiere den Camarieri gegenüber, das allgemeine Gewirre, das fortwährende Laufen Treppen auf und ab, das unstete Koffersuchen, Schachteln tragen u. s. w., so daß man selbst alle Ruhe verliert und in seiner Bequemlichkeit gründlich gestört wird. Messina gemährt von der See aus ein vollgerundetes, schön begrenztes Bild: Im Vordergründe imponirt eine endlose, längs der Marina hinziehende Palastreihe, die Palazzata, dahinter liegt die durch zwei erhöhte Castelle beherrschte Stadt, welche schließlich durch die knapp herantretenden pelorischen Berge abgeschlossen wird, davor das tiefe Azurblau der Meeresfluthen, deren wunderbaren Farbenwechsel einen Chromathologen zu ganz interessanten Forschungen anregen könnte. Wir hatten unterdessen den Hafen erreicht und waren in der Mitte desselben vor Anker gegangen. Wie eine Schaar hungeriger und blutdürstiger Haie die hiflose Beute lüstern umlauern, so unfreisten das einlaufende Schiff zahllose Barken. Nachdem ich das Gesinde!, welches sich als Vertreter des Hotels und dergleichen gerirt und die ganze geldverlangende Meute nach der auf italienischen Reisen gut erlernten Methode abgetrumpft hatte, eilte ich auf schwankende»: Kahne dem Gestade zu. Das Gefühl und das Bewußtsein sichern Boden unter den Füßen zu haben, that wohl und ich wollte mich in verschiedenen Betrachtungen ergehen, als ich plötzlich durch die grau-gelben, den eifrigen Dienern der Finanzbehörde angehörenden Uniformen an die realste Wirklichkeit gemahnt wurde. Die verführerisch wohlwollende Frage der ewig Ungläubigen, ob ich vielleicht etwas Zu versteuern hätte, die von einem Blicke der durchdringendsten Mcnschenkenntniß begleitet, mir sofort den Standpunkt klar machen sollte, mußte ich zum Leidwesen der Herren im Bewußtsein meiner diesbezüglich reinsten Unschuld verneinen, worauf meine Koffer, der Lynch-Justiz übergeben, mit den feinfühligsten Fingern der Welt Bekanntschaft machten. Wenn die Bestechung der Finanzbehörden hier nicht gerade so öffentlich und unverschämt betrieben wird, als auf Corfu, wo man von der Dogana förmlich gezwungen wird, seine Koffer nicht durchsuchen zu lassen, sondern dem Herrn Jnspector ein Trinkgeld xudliao zu verabreichen, so mochte ich doch den Ausdruck der Verachtung, mit dein ich schließlich entlassen wurde, fast auf die Unterlassung eines kleinen geheimen Trinkgeldes zurückführen. Hatte ich das Jn-die-Hände-drücken besser verstanden, so wäre es mir auf meiner Rückkehr-in Neapel wohl nicht passirt, daß man nicht nur den Weingeist, in welchem ich naturhistorische Präparate aufbewahrt hatte, sondern auch all' das Gethier, Quallen, Mollusken rc., die ich in demselben mitfühlte, als t'rutti Belästigung der Fremden ihre Zeit; hübsch ist es dennoch anzusehen, wie sich diese Jungen im Wasser, ihrem Element, bewegen und tauchen wie Seeottern. Die Sonne hat sich gesenkt. Während auf uns die pelorischen Berge schon tiefsten Schatten werfen, leuchten noch die gesegneten Küsten des hohen Calabriens in mattem Roth, das allmälig dunkler wird und einem inS Grünliche hineinspielenden Silberglanz weicht, so das baldige Erscheinen des milden Mondes verkündend. Das ist der geeignete Moment, diese Meerenge in ihrer einzigen Schönheit zu bewundern. Und mit Recht mag der Bewohner von Messina stolz auf seinen Abend-Corso sein, der an jener Palastreihe beginnend, weit die Küste entlang zieht und ihm täglich dieses Schauspiel bietet. Wohl mag man die Chiaja Neapels und die Marina Palermos mit ihn: vergleichen, doch keines kann man höher stellen. Wir waren schließlich auch unter die Schaaren der wallenden Paare und ledigen Fußgänger und auf den Versammlungsort der eleganten Welt gelangt, hatten das Erholungsgetriebe ein wenig mit angesehen und dachten nun an die Umkehr. Im Hafen war es still geworden; nur der einförmige Schritt der Strandposten unterbrach das tiefe Schweigen, das dem frühern Lärm gefolgt war. Die weitstrahlende Laterne des Leuchtthurms, die vielen hundert Lichter auf den Schiffen, die Reihe von Gasflammen längs des Quais und schließlich wie Irrlichter auf den nächtlich ruhigen spiegelglatten Fluthen lautlos hingleitenden Fackeln der Fischerkähne und Corallensänger verliehen dem finstern Bilde ein magisches Aussehen. (Deutsche Ztg.) Miseellen. Zwei böhmische Köchinen gingen am Faschingsdienstage auf die Nedoute und liehen sich bei einem Maskenhändler Masken aus. Dieser empfahl ihnen, auf dieselben wohl Acht zu haben, da sie von Merino seien. Auf der Redoute redet sie ein Herr an und spricht: „Meine lieben Masken, Ihr seid ja zwei sehr schöne Türkinen." Schnell antwortete die eine: „Mir sän kane Türkin' mi sän Merinos." (Feine Begriffsscheidung.) A.: „Aber, Herr Professor, es ist Unrecht, so viel zu trinken!" B.; „O nein aber nach Hause gehen zu wollen, wenn man so viel getrunken hat, das ist Unrecht." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag des Literarischen Instituts von 1),-. M. Huttlcr. UnteclmktumMtatt zur „Augsburger postzeitung." — 8?r. 42. Mittwoch, 24. November 1.660 Wer edel lebt, hat doch — stürb' er auch früh — Jahrhunderte gelebt. Klopstock. Wie man zu einem Amte kommt. Eine wahre Geschichte. In Gedanken versunken bummelte ich durch eine fashionable Gasse einer Hauptstadt, als eine bekannte Stimme mich aus meinen Träumereien aufschreckte. Ich wendete mich um und ein mir aus den Augen verschwundener Schulfreund stand mir gegenüber. Meine freudige Ueberraschung wurde aber noch- vermehrt, als ich sein elegantes Aeußere bemerkte; hatte ich doch den braven und fleißigen T. immer nur als einen armen Jungen gekannt. Er war der ärmste, aber der beste Schüler unserer Classe gewesen. Nach ab« solvirten Gymnasial- und Universitätsstudien trennten sich unsere Wege und nur so viel wußte ich von ihm, daß seine Armuth ihren Höhepunkt erreichte, als er das Doktordiplom und sonst nichts mehr in der Tasche hatte. Woher also die Wendung? Mein Schulfreund ließ mich nicht lange im Zweifel darüber und begann zu erzählen wie folgt: Nach Vollendung der Universitätsjahre suchte ich mit einem nur der noch unent- täuschten Jugend eigenen Eifer eine meinen Kenntnissen entsprechende Stellung, in der sicheren Ueberzeugung, durch dieselbe, wenn auch nicht allsogleich, so doch in einiger Zeit die Früchte eines Jahre langen, mühevollen und — Dir kann ich es sagen — erfolgreichen Studiums zu ernten. Wo ich aber anpochte, überall fand ich geschlossene Thüren oder i« günstigsten Falle inniges Bedauern. Darüber verstrichen Monate. Mein Selbstvertrauen wurde schwächer, meine Aussichten immer geringer — und Schneider, Schuster und leider auch mein Magen immer ungeduldiger. Das Einzige, was mich in dieser Misere noch aufrecht erhielt, war ein noch von den Universitätsjahren her datirendes zartes Verhältniß. Eine Stunde in „ihrer" Gegenwart verbracht, entschädigte mich reichlich für alle Schicksalstücke, und manche Enttäuschung, die ich erfuhr, war vergessen, durfte ich in Lilly's Augen lesen. Oft spendete sie mir süßen Trost, wenn ich muthlos an ihrer Seite saß, belebte hiedurch meine Hoffnungen und meine Spannkraft auf's Neue. Nicht so ihre Eltern, welche von Tag zu Tag un«! freundlicher und mürrischer mit mir umgingen. Erst war ich kleinen Nörgeleien ausgesetzt, später mußte ich unliebsame Andeutungen hören, die sich manchmal zu recht boshaften Bemerkungen zuspitzten, und noch später sah ich unzweideutig, daß Lilly's Eltern ein hoffnungsloses Verhältniß zu ihrer Tochter abgebrochen wissen möchten. Ich sah in Lilly's Augen, — ein Blick — und wir verstanden uns. Wir waren entschlossen, bessere Tage abzuwarten und — ich ging. . . . Von mannigfachen Entbehrungen gepeinigt, lief ich unruhig Straße auf, Straße ab und suchte Brod, und ich verlebte eine Zeit des fürchterlichsten körperlichen und geistigen Siechthums. Ich schrieb Gesuche für arme Leute, Rollen für Schauspieler, und merkte 330 — mit Schaudern, daß ich von Tag zu Tag immer tiefer sank und im Verzweiflungskampfe um's Dasein jene Richtung ganz aus den Augen verloren, die ich mir in meinen Jugend- träumen einst vorgezeichnet. Nun hinderte mich vollends mein herabgekommenes Aussehen, behufs Besserung meines Looses energische Schritte einzuleiten. Nach so vielen vergeblichen Bitten und Gesuchen, war es da ein Wunder, wenn ich entmutigt die Flügel sinken ließ und, finsterem Pessimismus mich hingebend, keine freundlichen Tage nwhr erwartete? — So war ein Jahr verflossen, als ich im Amtsblatts eine Stelle ausgeschrieben fand, welche, wie das Ausschreiben besagte, genau so viel trug, daß man zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel hatte. Nichtsdestoweniger beeilte ich mich, eine Offerte einzureichen, welche auch unverhoffter Weise nicht unbeantwortet blieb. Nach acht Tagen erhielt ich eine Zuschrift, mich beim Bureauchef I- des Finanzministeriums an diesem Tag vorzustellen, um den Bescheid auf mein Gesuch entgegenzunehmen. Nun erst befand ich mich in Verlegenheit, denn in meiner dcrangirten Toilette konnte ich nicht bei dem gestrengen Herrn Bureauchef erscheinen, wollte ich mich nicht der Eventualität aussetzen, schon dieserhalb abgewiesen zn werden. Was aber thun L — Da fiel mir zum Glücke ein, daß v. Z., unser alter Kamerad, dem ich vor einigen Tagen begegnet war, mich in leutseligster Weise ermuntert hatte, zu ihm zu kommen, wenn ich Etwas bedürfe und stracks ging ich zu ihm, klagte ihm meine'verzweifelte Lage, und mit größter Bereitwilligkeit stellte mir v. Z. seine reiche Garderobe zur Verfügung. Wer war glücklicher als ich? Mein Selbstgefühl kehrte wieder und gehobenen Hauptes und Muthes ging ich von einigen Bekannten, die mich früher kaum beachtet hatten, freundlich gegrüßt, die Straßen entlang. Da — welch' Entsetzen! — sehe ich meinen Schneider mir entgegenkommen. Mit khnte Schreckliches, aber zu meinem nicht geringen Erstaunen drückte mir der sonst so Unfreundliche ganz freundlich die Hand. — Es ist nicht schön von Ihnen, rief er in leutseligster Weise aus, daß Sie sich so lange nicht bei mir sehen lassen, und dabei blinzelte er unausgesetzt nach meinem Fracke. Ich wollte mich entschuldigen, er ließ mich aber nicht zu Worte kommen. — Erst heute habe ich neue Muster erhalten und ich bin überzeugt, daß die prachtvollen neuen Stoffe Ew. Gnade» gefallen werden. Wann darf ich also meine Aufwartung machen? — Bitte .... stammelte ich in meiner Verlegenheit hervor. — Also Nachmittags! und den Hut tief ziehend, ging er seines Weges weiter. Kaum hatte ich mich von dem ausgestandenen Schrecken erholt, als ich den Vater Lilly's bemerkte, der vor der Auslage eines Juweliers stand, und von dem jetzt nicht gesehen zu werden, mein sehnlichster Wunsch war. Er hatte mich Unglücklicher» aber schon erblickt, begrüßte mich freundlich und — machte mir laute Vorwürfe darüber, daß ich mich von seinem Hause gänzlich zurückgezogen habe, und um seine Liebenswürdigkeit zu vervollkommnen, lud er mich zum Abendessen ein und band mir auf die Seele, um so gewisser zu erscheinen, als der Vorabend von Lilly's Namenstag gefeiert werde. Ich hätte ihm um den Hals fallen mögen, Mußte aber blutenden Herzens seine Einladung zurückweisen, hatte ich doch die erborgte Toilette nach abgethaner Audienz zurückzuerstatten. Mein präsumtiver Schwiegervater gab sich aber nicht eher zufrieden, bis ich ihm für die allernächste Zeit eine Visite zusagte. — Ich wußte es ja, meinte der Biedermann, daß Sie endlich doch Carriere machen würden, und habe es immer mit Ihnen gehalten, aber daß sie ihre alten Freunde deßhalb vernachlässigen und sich gar nicht mehr um uns kümmern würden, das ist wahrhaftig nicht schön von Ihnen. Ich schnitt ein verlegenes Gesicht und versprach, mich zu bessern. Endlich langte ich beim Ministerhotel an. Der Portier grüßte ehrerbietig und ertheilte mir bereitwilligst die gewünschte Auskunft. Im Vorzimmer angelangt, werde ich allsogleich angemeldet und vorgelassen, ja der Herr Rath kommt rnir sogar verbindlich lächelnd entgegen, reicht 331 mir die Hand und fragt nach meinem Begehr. Ganz verwirrt trage ich ihm mein Anliegen vor, worauf er mir erwiederte, daß eS von einem so talentvollen und vielfach ausgezeichneten jungen Mann wie mir doch zu bescheiden sei, sich um einen subalternen Posten zu bewerben, und daß es ihn unendlich freue, in der Lage zu sein, mich für ein weit einflußreicheres Amt Sr. Excellenz dem Herrn Minister vorschlagen zu können, und er sei überzeugt, daß ich in dieser Stellung Ersprießliches leisten werde. Ich wäre vor Erstaunen fast zu Boden gesunken, der Herr Rath entlieh mich aber äußerst freundlich und wenige Tage darauf erhielt ich mein Ernennungsdecret zum Ministerial-Concipisten. Außer mir vor Freude lief ich zu v. Z. zurück, welcher von der Wunderwirkung feines Frackes nicht weniger überrascht war als ich. — Aber Freund — rief er aus, als ich gerade im Begriffe war, den Frack abzulegen. — Du hast ja das Band meines Franz-Joseph-Ordens im Knopfloch stecken? Nun war mir Alles klar l! . . . Und so bin ich zu ineinem Amte gekommen. Der Tonkünstler und sein Rosenkranz. In einem kleinen Dorfe der Oberpfalz lebte vor Jahren ein gar talentvoller Knabe, Christoph hieß er; die schönen Tage seiner Jugend flössen in Unschuld dahin und seine unbemittelten Eltern erlebten nur Freude an dem kleinen Liebling. Vorzüglich sah man denselben auch gern im naheliegenden Kloster, dort diente er mit vieler Andacht oft den Ordenspriestern am Altare und besonders brauchte man ihn in der Klosterkirche stets als Sänger; er hatte nämlich eine wunderliebliche Stimme und rein wie Gold drang diese durch, mochte er im Chöre der Mönche die ernsten Tageszeiten mitsingen oder mochte er allein irgendwie den Vorsänger bilden. Oesters muhte er nämlich ganz allein die Litanei vorsingen, während die Mönche und andere fromme Beter in der Kirche mit Andacht antworteten. Bald sprach man in der ganzen Umgegend von seiner engelrcinen, prächtigen Stimme und wurde gerade die Litanei von ihm vorgesungen, dann eilte Alles zur Klosterkirche. Da mußte man den Knaben selbst sehen und hören, wie er namentlich die laure- tanische Litanei mit rührender Andacht vorsang; dann erklang es so laut -und innig: Liniotu'Aai'iu, Unter Ollristi, lisgstna, nnZeioruiu und der fromme Knabe sang gleichsam jeden neuen Gruß an die Mutter mit stets erhöhter Andacht, ihm drangen in solchen Augenblicken immer die Thränen freudiger Rührung über die lieblichen Wangen, auch im weiten Gotteshause war es ganz still und die zahlreichen Zuhörer wurden oft genug bis zu Thränen gerührt durch den herrlichen Gesang des Knaben. Einstens sah und hörte ihn auch mit vielem Staunen ein frommer Ordensbruder; kaum war der Gottesdienst beendet, da wartete er schon auf den kleinen Vorsänger an der Kirchthür und als derselbe kam, drückte er ihn merkwürdig gerührt an seine Brust, gab ihm einen Rosenkranz und sagte: „Sieh', liebes Kind, dieses ist alles, was ich Dir geben kann, aber versprich mir doch, daß Du alle Tage Deines Lebens einmal diesen Rosenkranz beten willst und ich glaube, ja, bin überzeugt, daß Du noch ein berühmter Tonkünstler ivirst." Der kleine Christoph versprch in kindlicher Einfalt und Folgsamkeit, er wolle gern den Rosenkranz täglich beten und darüber freute sich der arme Ordensbruder gar schr^ Und merkwürdig, als der Knabe größer wurde, da fügte es Gott stets, daß derselbe trotz der Armuth seiner Eltern den besten Unterricht in der Musik erhielt, gleichsam immer im Dienste Anderer stehend, hatte er doch die schönste Gelegenheit zur eigenen Fortbildung. Längere Zeit war er in Prag bei einem vorzüglichen Lehrer der Musik; dieser erkannte bald die herrlichen Anlagen seines Zöglings und bildete ihn mit vieler Freude so weit aus, daß ,er fast seinem Lehrer gleich kam. Da mußte ein hoher WürdenträMr der Kirche nach Rom, um dort herrliche Stücke der Kirchenmusik zu sammeln und, o schöne Fügung, er nahm als Secretär den jungen Christoph mit. 332 Dieser war nun »»vermuthet in die ewige Stadt versetzt und damit an die Wiege der herrlichsten Künste; er konnte täglich die Werke der berühmtesten Tonkünstler studiren und den Unterricht ausgezeichneter Meister hören und das that er mit solchem Erfolge, daß er bald selbst die herrlichsten Stücke herausgab und dadurch schon damals seinen Namen berühmt machte. Doch ihm gefiel die. zu dieser Zeit in Italien herrschende leichte Richtung nicht, er kehrte nach Deutschland zurück und wurde der Gründer der ersten dramatischen Opern- Musik. — Bald erreichte Gluck, so hieß unser Tonkünstler, überall den höchsten Ruhm, seine neue» Stücke wurden mit stets steigendem Beifall aufgenommen. Aber der Künstler verlor bei aller Weltehre nicht den frommen Sinn der Jugend, oft sah man ihn im Hause Gottes und am Tische des Herrn knieen, täglich betete er auch den Rosenkranz, wie er vor vielen Jahren dem armen Klosterbruder bei der Klosterkirche seiner Heimath es versprochen hatte. Merkwürdig, der Astronom, welchem stets der gestirnte Himmel die Herrlichkeit Gottes verkündet und der Tonkünstler, den die lieblichen Weisen der Musik zur Andacht stimmen, sie sind oft fromme Seelen, die Gott und das Gebet lieben. Gluck war 63 Jahre alt geworden und noch ganz rüstig, er hatte aber die heil. Sakramente empfangen; gesund legte er sich Abends zu Bett, aber der Tod kam ihm wie so oft gleich dem Diebe in der Nacht; man fand den großen Künstler am andern Morgen nur mehr als Leiche, doch hielt er in den gefaltenen Händen noch den Rosenkranz, ihn betend war er gestorben. Sankt Hnbertus. Xenophon berichtet von Jagden, bei welchen die Griechen dem von Hunden gejagten Wilde zu Pferde folgten. Diese Jagden waren aber mehr Hetzen als Parforcejagden, indem die Hunde nur dem gesehenen Stück Wild nacheilten; die Parforcejagd unterscheidet sich jedoch gerade dadurch von der Hetze, daß die Hunde mittelst des Geruchsinnes die Fährte eines Wildes verfolgen, bis sie es einholen, seiner also erst zum Schluß der Jagd ansichtig werden. Bei den Persern wird die Parforcejagd zuerst regelmäßig betrieben, von ihnen haben sie die Römer kennen gelernt und über den westlichen Theil Europas verbreitet. Jmmermann erzählt in „Tristan und Isolde" von einer Parforcejagd beim Schlosse Tintopal in Cormvallis im sechsten Jahrhundert zur Zeit des Königs Artus, bei welcher es vollkommen waidgerecht zuging. Der Hirsch wird zuerst „laucirt", dann verbricht der Hauptpiqueur die Fährte, indem er ein Baumreis mit der Bruchfläche nach der Richtung, welche der Hirsch eingeschlagen hat, darauf legt; er ruft die Lancirhunde ab, bringt dann dem Jagdherrn die Meldung, und dieser befiehlt: „Forcirt das angesprochene Wild!" Die Meute jagt gut und sicher, selbst als der Hirsch durch ein Rudel Wild geht „nimmt sie keine Change" und stellt ihn schließlich. Der Kampf wird heiß, viele Hunde werden „geferkelt", und als kein Jäger sich dem wüthenden Hirsch zu nahen wagt, gibt Tristan ihm den Fang. Er schlügt die Hunde ab, bricht den Hirsch auf, gibt der Meute unter der Hornfanfare die Piqueure und dem Halaliruf der anwesenden Jäger die Curäe und führt dann mit Hörnerschall den Jagdzug zum Schlosse zurück. Das war damals schon eine Parforcejagd mit ähnlichem Zeremonie!, wie es Ludwig XI. in Frankreich eingeführt hat, welches von jeher die Pflegestütte dieser Art von Jagd war, weil sie dem Volkscharakter besonders zusagte. Schon im Beginne des achten Jahrhunderts hatte Hubert, der Sohn Bertrand's von Aquitanien, durch kühne und geschickte Handhabung der Jagd sich einen Ruf gegründet, der weit über die Grenzen seines Heimathlandcs hinausreichte. Von diesem Jünger Diana's erzählt die S> ^e, daß ihm, der sich zwar äußerlich schon zum Christenthume bekannte, im Grunde seines Herzens aber noch dem Glauben seiner Vater zugethan war, eines Tages, als er während der Messe jagte, das goldene Kreuz zwischen den Geweihen eines Hirsches erschienen sei. In Folge dieser Erscheinung entsagte er seiner Passion, gründete ein Kloster und starb als Bischof von Lüttich. Alte Jagdchroniken erzählen die Geschichte zwar noch in verschiedenen Versionen, aber das steht fest, daß die Kirche ihn als Sankt Hubertus zum Schutzpatron der Jagd gemacht hat, daß er durch Kreuzung mit den von den Römern nach Gallien eingeführten I«ut jagenden Hunden eine besondere Race von Parforcehunden züchtete, die unter dem Namen Hunde des Sankt Hubertus von den Mönchen des Klosters Audain in den Ardennen sorgsam in aller Reinheit erhalten wurden, und daß er heute noch im Munde der Jäger aller christlichen Nationen ohne Unterschied der Konfession als Schutzpatron der Jagd lebt, er als Repräsentant des sittliches Momentes in der Jägerei anerkannt und überall der dritte November als der Sankt Hubertustag zu seinem Andenken festlich begangen wird. Nachkommen der von ihm gegründeten Hunderace existiren nur noch in dem englischen Bloodhound, dem Stammvater aller Parforcehunde. Wenn daher auch ^ alle Jäger den heiligen Hubertus als ihren Schutzpatron verehren, so haben aus vorstehendem Grunde die Parforcereiter sicher eine ganz besondere Veranlassung, sein Andenken zu feiern. Schwerlich gibt es irgend eine Jagdgesellschaft, welche den 3. November nicht mit einer Festlichkeit begeht. Gewöhnlich findet sich an diesem Tage eine besonders zahlreiche Gesellschaft beim Jagdrendevous ein, die nach dem Ritt beim fröhlichen Mahle ihres Patrones gedenkt. Eine solche Parforcejagd hat einen ganz besonderen Reiz für alle activ Betheiligten und bietet oft in ihren verschiedenen Momenten höchst entsprechende Bilder für die Zuschauer. Der kleidsame Anzug der Jäger, welcher fast bei allen Jagdgesellschaften mit geringen Abweichungen ziemlich derselbe ist, verleiht einem solchen Jagdbilde, vornehmlich im Walde, Leben und Reiz. Nach altem Herkommen tragen beinahe überall die Jäger, welche mit der Meute den Hasen jagen, zu dem allgemein üblichen Kappenstiefel und der um's Knie ganz eng schließenden Neithose einen grünen, hinter dem Fuchs, Hirsch und Schwein einen scharlachrothen Rock mit goldenen Knöpfen. Früher war die Form dieses Kleidungsstückes diejenige des Gesellfchaftsfrackes und für die Jagdbediensteten der Rock, heutzutage bürgert sich der Reitrock auch bei den Herren immer mehr ein und die Bediensteten erhalten gewöhnlich ein Abzeichen durch dunkelfarbige Krägen und Aufschläge. Es ist ein wahrhaft anziehendes Bild voll Leben, wenn man eine Meute von etwa vierzig Hunden in einem enggeschlossenen Nudel mit Hellem Geläut in vollen: Laufe aus einem dichten Walde hervorbrechen sieht, gefolgt von den Reiten im rothen Rock und einigen Damen, welche die den Wald begrenzenden Barriere oder einen Graben fliegend nehmen. Und solche Gelegenheiten bieten sich auf jeder Jagd. Dem Parforcejäger ist an dem Tödten des angejagten Wildes wenig gelegen, er will es nur fangen und stellt sich bei Kastenhirschen sogar die Aufgabe, das verfolgte Stück womöglich unverletzt zu erhalten; ihm bietet das Reiten und die Beobachtung der fleißig arbeitenden Hunde den Hauptgenuß. Der Beginn einer Parforcejagd ist von der Witterung abhängig. Auf trockenem Erdreich erhält sich der Geruch des flüchtigen Wildes schlecht, der Jäger sagt: „Die Fährte steht nicht gut." Den Hunden wird ihre Aufgabe erschwert, die Jagd häufig in Frage gestellt; bei warmen: Wetter muß man deshalb früh Morgens jagen, so lange der Thau noch den Boden benetzt, bei feuchter Witterung ist die Jagd nicht an die Stunde gebunden. Der Hubertustag ist in unseren: Klima meist ein sehr geeigneter Zeitpunkt für diesen Sport. Man bestimmt das Rendezvous gewöhnlich zur Mittagszeit; die Jagdpferde entfernter Theilnehmer haben genügend Muße, den Bestimmungsort zu erreichen, Jäger und Jägerinnen können sich in aller Bequemlichkeit nach demselben begeben, und selbst für eine außerordentlich lange Jagd ist hinreichend Zeit bis zur eintretenden Dämmerung. 334 Zur bestimmten Stunde besteigt die Gesellschaft die Jagdpferde und begibt sich zu dem Punkte, wo das Jagdstück in Freiheit gesetzt werden soll, oder wo das zu jagende Wild eingespürt ist. Die Meute ist zur Hand, wird jedoch so gehalten, daß sie das fortbrechende Wild nicht sehen kann. Gibt der Jagdherr das Zeichen zürn Beginn, so wird der zur Stelle geführte Jagdwagen geöffnet und der Kastenhirsch sucht das Weite. Man läßt ihm einen Vorsprung yon 10 bis 15 Minuten, je nachdem man bei dem Wetter auf ein mehr oder weniger gutes Stehen der Fahrte rechnen kann. Darauf führt der Oberpiqueur mit den beiden Einpeitschern die Meute geschlossen zu einem geeigneten Anfangspunkt, den der Hirsch überschritten hat. Ist die Jagdequipage nach dem alten französischen Zeremonie! gehalten, so blasen die Piqueure auf ihren Jagdhörnern mit einer Fanfare die Jagd an, während die Hunde aus voller Kehle Laut gebend, mit Sehnsucht des Momentes harren, wo sie auf der Fährte dem Wilde folgen dürfen. Vor dem gegebenen Zeichen wagt kein Hund, sich von seinem Kameraden zu trennen. Der Oberpiqueur lüftet seine Kappe und mit einem „Hui! Hui!" entläßt er die jagdbegierige Gesellschaft. Mit Hellem Geläute fliegen sie dahin, zunächst folgen die Piqueure und der Leiter der Jagd, der inuster ok Inmncks, und dann erst die Jagdgesellschaft, deren Ausgabe es nun ist, den Hunden mit möglichst geringen Abweichungen zu folgen, ohne sie jedoch -in ihrem Geschäfte zu stören. Kein Reiter darf ihnen zu nahe kommen oder gar ihnen vorbeireiten, weil das Eine die Thiere stört, das Andere durch ein mögliches Ueberreiten der Fährte die Jagd in Frage stellen kann. Steht die Fährte, so ist das Tempo gewöhnlich ein so schnelles, daß die Jäger bemüht sein müssen, die Hunde nicht aus den Augen zu verlieren; so lange der Boden gut ist und die Reiter nicht an zu groben Hindernissen scheitern, geht die Jagd in flotter Fahrt. Nimmt der .Hirsch aber einen Sumpf an, so sind seine Verfolger zu Pferde gezwungen, denselben zu umgehen, und dann ist es eine Frage, ob sie Ausdauer und Schnelligkeit genug besitzen, selbst durch einen nicht zu großen Umweg die verlorene Entfernung wieder gut zu machen. Schwieriger wird die Sache noch, wenn der Hirsch einen dichten Wald erreichen konnte, weil der Jäger in diesem Falle auch die Hunde aus dem Gesicht verliert und sich nun auf sein Gehör verlassen muß. Nicht allein die Reiter verlieren zuweilen die Hunde, es gibt auch Gelegenheiten, bei welchen den Hunden die Fährt entschwindet. Wenn sie zum Beispiele an einem Bache oder Wassergraben bis zum diesseitigen Ufer mit Hellem Geläute geschlossen gingen, auf der anderen Seite aber verstummen und auseinander schwärmen, so kann man mit Sicherheit annehmen, daß der Hirsch, vonr Instinkte geleitet, sie irrezuführen wußte. Gewöhnlich geht er dann ein längeres Stück im Wasser stromauf, ehe er seine Flucht weiter fortsetzt und häufig bei dieser Gelegenheit eine ganz veränderte Richtung einschlägt. Die Hunde kommen durch ein solches Manöver in große Verlegenheit, denn die Fährte ist unterbrochen und das Wasser trägt die Ausdünstung des Hirsches, welche bei längerer Dauer und gesteigerter Schnelligkeit der Jagd immer intensiver wird, stets stromabwärs, entfernt die Hunde also immer weiter von der richtigen Direktion, während dieser Zeit gewinnt der Hirsch Terrain. In einer solchen Lage thut der Master am besten, gleich die Hunde abblasen, auf beiden Ufern stromaufwärts suchen die Piqueure nach der Fährte abspüren zu lassen. Glaubt ein Hund die Fährte wieder gesunden zu haben, so gibt er sofort Laut, ruft damit seine Kameraden zu Stelle, und hat er sich nicht getäuscht, so ftimntt die ganze Meute in seinen Jubel ein, und dahin fliegt die kleine Gesellschaft wieder mit freudigem Geläut in voller Fahrt. Eine solche oder ähnliche Unterbrechung dient Pferden und Reitern oft zu einer sehr nothwendigen Erholung und bietet den schwereren Herren, welche aus Vorsicht ein zweites Pferd unter leichtem Gewicht geschont folgen ließen, bei einer sehr anstrengenden Jagd vielleicht die Gelegenheit zu einem Pferdewechsel. Gelingt es den Hunde», das 335 Jagdobjekt auf der Fährte einzuholen und den Reitern der Meute in nächster Nähe zu folgen, so bekommen sie schließlich das Wild zu Gesicht, es beginnt die Jagd A. Z.) Miseelleu. (Aus der Judenschule.) Rabiner, der seinen Schülern die Geschichte Joseph's erklärt hatte: „Na, war das denn eine Sünde, daß die Brüder den Joseph verkauften? Wer waiß? Du Levil" — Levi: „Na, weil sie ihn zu billig verkauft hatten." (Trumpf.) Passagier: „Sie, Schaffner, wann geht eigentlich dieser Bummelzug ab?" — Schaffner: „Nun, wenn die Bummle alle beisammen sind!" Zum Feste des sel. Albertus des Grasten, gefeiert in Launigen, 1S. November 1880. Des großen Albert Ruhm und Ehren So weit es möglich ist zu mehren Hat sich die halbe Welt verbunden Und neue Kränze ihm gebunden. Hier Launigen am Donaustrom Dann Köln mit Deutschlands schönstem Dom Das edle Ratisbona dort Selbst Roma an der Engelspsort Das allberühmte Padua, Das Atberts goldne Jugend sah, 66Ü Die Bischossstadt am Lechgestad Die Albert oft betreten hat — Sie bieten weihevollen Gruß Des großen Alberts Genius. Es schließt der Norden mit dein Südm In Alberts Name» seinen Frieden. Es nennt der Ungar und Franzos Den sroinmen Bruder Albert groß; Und wenn sonst selten Nationen, Noch seltener Konfessionen In Einem Stücke sich begegnen, Dasselbe Grab mit Andacht segnen —, Hier ist es anders — Allen Allen Hat dieser große Mann gesallen. Jedwedes Fach der Wissenschaft Preist Alberts hohe Geisteskraft. Bor Allem wars die Gotteskunde, Wo mit dem Glauben treu im Bunde Des großen Alberts Willensstärke Erschuf unsterblich hohe Werke. Als Meister der Philosophie Löst Albert Fragen, wie sie nie Vor ihm ein Anderer verstand — Man suche auf und ab im Land. Im weiten Reiche der Natur Gab's sür ihn keine srcnidc Spur Die Thiere, Pflanzen, das Gestell Schließt sein System getreulich em Und auch des Menjchen-Lcibs Gestalten Und seines Geist's geheimes Walten, Architektur und Physik« Mechanik, Technik, Musika, Und was man nennet Medicin Erforscht sein rastlos hoher Sinn: Die irdische und Geister-Welt Hat Gottes Gnad' ihm klar gestellt. War Albert selbst auch kein Po St Wie mau sonst dieses Wort versteht, Verdanket dennoch ihm die Dichtung Manch hohes Thema, manche Richtung. Ein üppig reicher Sagenkreis Umschloß in sinnig edler Weis Den seltenen, den großen Mann, Und reiht an seinen Namen an Manch sroh Ereigniß, manches Glück, Manch unerklärtes Meisterstück. — Seht, mitten in des Winters Tosen Erblühen auf sein Wort die Rosen; Und während Eis und Schnee entflieht - Der Vogel singt, die Taube glüht! Entfernter Zeiten leisem Raulchen Weiß er Verständniß abzutauschen. Er bildete mit Meisterwitz In seinem stillen Klostersitz Ein kunstvoll menschliches Gebilde, Deß Ideal sein Herz erfüllte. 's rvar eine herrliche Figur Von edler, reizender Struktur; Und diese Kunstgestalt — sie sprach Dem Meister manches Wörtchen nach: Ihr „Salve" so geheimnißvoll Fand staunender Bcwund'rung Zoll. Und wer rühmt nicht die Folianten Die Alberts Geist und Hand entstammten? Für seine Zeit — erhabne Ehre Für alle Zeiten reich an Lehre! Mit etwas seltsamen Latein Jedoch bedeutsam, wahr und sein Hieß es von diesem großen Mann Der Alles, was man wissen kann Gewußt — „gui ecivit omoo ocibilo Lt guivit, guocl possibilo." Und dieser Mann — er war dabei So sern von aller Heuchelei So frei von Stolz und Eitelkeit So groß an wahrer Frömmigkeit, Daß wer ihn kannte, chn geehrt, Daß öfters ihn zu sehen begehrt, Wer einmal ihm in's Auge sah: Wie dreimal glücklich war der da! Plato und Aristoteles, Galenus und Hipprokrates, Gregorius und Äugustin Sehn wir vereint in seinem Sinn, Und staunen Alle freudig an Was er geschrieben und gethan. Nun in der sel'gen Geister Schaar, So reich gekrönt sür immerdar Schau, großer Meister, du herab, Verschmähe nicht die Weihegab, Die hier wo deine Wiege stand, Dir dankbar bieten Stadt und Land Erhabener, der Sonne gleich Befördere der Wahrheit Reich Laß ächte Weisheit bei uns blühen Und segne jeglich fromm Bemühen! Es sei und bleibe uns dein Bild Ein unbezwingbar sestcr Schild, Der uns beschützt vor Irrthums Nacht, Dein Geisles-Auge halte Wacht Daß, wie wir treulich auf dich sehen Mit dir mir vorwärts — auswärts gehen! Und Licht und Wahrheit bringen Frieden Der Gaben herrlichste hienieden, Verbinden die zerstreuten Glieder, Vereinen die getrennten Bruder, Und Licht und Wahrheit, Lieb und Recht Erhöh'» der Sterblichen Geschlecht: Und dieses Glück — es komme bald, Ihm unser Gruß entgegen schallt. b>. U—nv! Für die Redaction verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. Max Huttlcr. nternaktunasolatt zur „Angsbnrger Postzeitimg." 1880. Nr. 43« Samstag, 27. November Mein Verzeichnis; von Bösewichtern wird mit jedem Tage, den ich älter werde, kürzer, und mein Register von Thoren vollzähliger und länger. Schiller. Das Blumenmädchen. Ein Berliner Straßenabenteuer, erzählt von Max Wolsf. „Eine Nose, schöner junger Herr? Kaufen Sie doch eine Rose!" „Von Herzen gern, meine liebe Kleine! Den ganzen Korb voll, wenn ich nur wüßte, wem ich sie geben könnte!" „Ei! wem denn sonst, als Ihrem Schatz, lieber Herr?" „Meinem Schatz? Du guter Gott, das ist leicht gesagt! Ich habe ja keinen Schatz!" „Sie hätten keinen Schatz? Und das soll ich Ihnen glauben? Ein so schöner, junger Herr —" „Wenn Du zum Beispiel mein Schatz sein wolltest —" „Danke vielmals für die Ehre! Aber ich hab' schon einen." „Siehst Du? Das ist ja eben mein Pech. Wo ich anklopfe, komm' ich zu spät. Alles ist versehen und ich muß zuschauen. Mir geht's in der Liebe wie beim Tanzen. „Mein Fräulein, darf ich bitten?" „Danke, bin schon engagirt!" Oder: „Danke, ich tanze nicht!" Oder: „Danke, aber ich bin zu müde!" Hab' ich dann endlich irgend Eine erwischt, die nicht engagirt ist, nicht müde ist und tanzen kann, so wird eine Quadrille gespielt und ich finde kein vis-ü-vis" Die Kleine lachte hell auf. Ich hätte gar nicht gedacht, daß so viel Silber in dem Stimmchen da stecken könnte. „Und was ist denn Dein Schatz?" frug ich sie. „Kellner ist er. Fritz heißt er, und ich bin ihm von Herzen gut. Aber besinne»» Sie sich doch einmal, wem Sie die Rosen schenken können. Sehen Sie nur, wie frisch und prächtig sie sind!" „Eben besinn' ich mich: Draußen vor'm Potsdamer Thor wohnt eine alte Tanks von mir, der will ich —" „Allen Respect vor ihrer Frau Tante! Aber die bekommt meine Rosen nicht!" rief «rtzt die Kleine resolut. „Eine recht schöne junge Dame soll sie haben von Ihnen, und Niemand sonst. Ich will Ihnen etwas sagen" — fuhr sie nach kurzein Besinnen fort — „ich binde die Rosen in ein allerliebstes Sträußchen zusammen, das nehmen Sie, stecken ein Zettelchen hinein, auf dem Sie ein Stelldichein für morgen bestimmen, und geben es dem ersten schönen Mädchen, das hier vorüber kommt." „Bist Du toll? Meinst Du, ich könnte die Frechheit haben und —" Der kleine Kobold lachte wieder hell auf. „Und du meinst wirklich, ein ehrbares Mädchen würbe —'1 Schon wieder tönte das. Gelächter des kleinen Kobolds. 33S — „Aber lieber Herr, warum denn nicht? Man macht sich auf alle Weise, so gut es geht, mit einander bekannt, Fräuleins haben es gewiß so gern, wenn man artig gegen sie ist, als unsereins," „Du scheinst sehr gewandt und erfahren für Deine Kleinheit und Dein Alter, Wie alt bist Du denn schon?" „Sechzehn Jahr, wenn Sie erlauben! Und meine Kleinheit — bis zu Fritzens Mund reich' ich hinauf und das ist hoch genug." „So ! Sieh einmal an! — Aber ich hätte wahrhaftig den Muth nicht! Der ersten besten Dame —" Der Kobold lachte schon wieder. „Den Muth nicht? Ich will Ihnen noch einen Vorschlag machen. Schreiben Sie das Zettelchen, und ich übergebe den Strauß Derjenigen, die Sie mir bezeichnen! Wollen Sie?" „Ich weiß gar nicht — Nun in Gottes Namen! Aber Du wirst sehen, es gibt Unheil! Binde denn den Strauß, während ich schreibe!" Die Kleine begann also den Strauß zu binden, kicherte aber fortwährend und schaute nach mir herüber. Ich zog ein Blatt heraus, trat an eine Gaslampe und fing an zu schreiben: «Dieses Sträußchen prächt'ger Rosen, Rother, weißer, gelber, Willst Du's nehmen? Lieblich bist Du Wie die Rosen selber: Weiß wie Milch und roth wie Blut; Liebes Kind, ich bin Dir gut! . Mein liebes Fräulein, darf ich mir die Freiheit nehmen, Sie morgen um drei Uhr Königstraßen-Ecke zu erwarten. Ich habe Ihnen viel zu sagen. Ihr leidenschast. Verehrer." Während ich dies, nicht ohne meine eigene Frechheit zu wundern, geschrieben, hatte die Kleine das Bonquet beendigt. Es war prachtvoll geworden. „So, nun stecken Sie den Zettel tief in die Mitte hinein! So ist's recht! Und nun geben Sie gut Acht und bezeichnen mir, die Ihnen gefallt," „Ich will doch lieber mehr auf die Seite treten —" Ein neues Gelächter von der Kleinen, aber ich kann ihr nicht böse werden. „Hier bleiben Sie, dicht bei mir und aufgeschaut!" Eben kam eine junge Dame, die mir gar nicht übel gefiel, die Straße herauf. „Der dort!" sagte ich schnell entschlossen. „Nein, lieber Herr!" schnitt mir die Kleine ab, „die bekommt den Strauß nicht! Wissen Sie nicht, wer das ist?" „Nein, wahrhaftig nicht! Kennst Du sie?" „Geben Sie nur Acht, wo sie hingeht, so werden Sie sie auch gleich kennen!" „Sie geht dort in den Konzertsalonl Bedeutet das etwas?" Diesmal lachte die Kleine nicht. Sie sah mich ernsthaft an und sagte: „Kennen Sie das Lokal nicht? Ich sehe schon," fuhr sie fort, „ich werde für Sie wählen müssen; und Sie sollen nicht zu kurz kommen! Aber schauen Sie die Dame nur ordentlich an, damit Sie sie auch morgen wieder erkennen!" Wir erwarteten eine geraume Weile. Die Kleine ließ eine nach der andern vorübergehen, ohne ihr den Strauß zu geben. Sie war wirklich sehr wählerisch in meinem Interesse. Aber ich hätte lieber gesehen, daß sie ein Ende gemacht, denn bei jeder, die sich uns näherte, wurde ich sehr unruhig und aufgeregt und mochte nun endlich die Tortur nicht länger ertragen. „Gefällt Dir noch immer keine?" „Die dort!" sagte sie und schritt einer zierlichen schlanken Blondine entgegen. Ach wollte sie zurückhalten. Es war zu spät. In meiner Verlegenheit sprang ich also schnell hinter einen Haufen Mauersteine, wo ich Alles sehen und hören konnte. Ich war außer mir vor Zorn: denn mein Unglück wollte, daß die junge Dame — „Liebes Fräulein," hört' ich die Kleine jetzt sagen, indem sie den Strauß anbot, „ein artiger junger Herr, der Sie im Stillen verehrt, nimmt sich die Freiheit, Ihnen durch mich dies Bouquct zu überreichen., Nehmen Sie's freundlich an!" Die junge Dame erröthets, gerieth in Verlegenheit, blieb aber stehen. „Ich danke Ihnen, liebes Kind, aber wer ist der Herr?" hörte ich das Fräulein sagen, „Dort steht er, liebes Fräulein!" Ja wohl! dort hatte er 'mal gestanden. Ich war nicht mehr da und sie suchten vergeblich. „Ich versichere Sie, Fräulein", begann die Kleine wieder, „noch eben hat er dort gestanden. Er muß zurückgetreten sein. Er ist ein wenig schüchtern, scheint es, und möchte Ihnen nicht wehe thun!" Die junge Dame nahm das Bouguet, dankte der Kleinen und ging weiter, aber nicht ohne sich noch einmal umzusehen. Als sie fort war, kam ich hervor. Die Kleine suchte mich. „Du Unglückliche!" rief ich, „was hast Du angestellt! Das war ja —" „Eine Bekannte? Um so besser!" „Meine Nachbarin! mein vis-a-vis, das ich schon seit Wochen heimlich anbete —" „Das trifft sich ja herrlich!" „Entsetzlich! Das Stelldichein auf morgen! Wenn sie das liest! Sie wird außer sich berathen! „Ganz und gar nicht! Um so natürlicher wird sie's finden! und die Nachbarschaft —" Aber ich sage Dir, sie ist mir spinnefeind! Sie verabscheut mich!" Die Kleine maß mich mit erstaunten Blicken von oben bis unten. „Verabscheut Sie? Ja, warum sollte sie Sie denn verabscheuen? WaS haben Sie ihr zu Leide gethan. „O! eigentlich Nichts! gar Nichts! das ich wüßte! Ich habe sie über die Straße hinüber verehrt, ganz bescheiden. Aber sie wollte nichts sehen. Dann habe ich ihr jeden Morgen früh, schon um fünf Uhr, nachdem ich das Fenster geöffnet, ein Ständchen auf der Geige gebracht, so zart, es hätte einen Felsen erweicht. Aber sie wollte Nichts hören. Schon den zweiten Tag schickte sie herüber und ließ bitten, ich möchte ihr mit der abscheulichen Dudelei doch gefälligst nicht den Morgenschlaf verscheuchen." Der Kobold schüttelte sich wieder einmal vor Lachen. „Ja, wenn Sie die Sache so treiben, dabei kann Nichts herauskommen. Die Sterne singt man an, lieber Herr, aber keine Berlinerin! Ich sage Ihnen, sie wird ungehalten sein, -weil sie gar so, ich meine, weil Sie gar keinen rechten Anfang machen. Nun, der wäre ja jetzt gemacht!" „Meinst Du wirklich? Glaubst Du, sie wird kommen?" „Gewiß kommt sie! Meine Seele verwett ich darauf. Und wenn's auch nur aus Neugierde wäre, um zu sehen, wer denn eigentlich ihr Verehrer ist." „Ich sage Dir, sie wird aus Entrüstung kommen, um zu sehen, ob ich wirklich die Frechheit haben werde, sie zu erwarten!" Der Kleinen standen vor Lachen die Thränen in den Augen. „Aber, bester Herr, Sie sind wirklich ein — ein —" „Ein recht gutmüthiger Schafskops! willst Du sagen. So etwas les' ich in Deinen Hexenaugen." „Nein, nein! Was glauben Sie von mir!" sagte sie wieder ernsthaft und reichte mir ihr Patschhändchen. „Aber ein Berliner sind Sie nicht. Und nun gehen Sie, denn Fritz kommt gleich und möchte eifersüchtig werden. Kommen Sie gut nach Haus und erzählen Sie mir, wie's abgelaufen! Gute Nacht und schönen Dank!" 3L0 1 r Damit sprang die kleine Hexe fort. Ich ging nach Hause, konnte aber die ganze Necht nicht schlafen. Wenn sie mir einen Brief schriebe und mir mein Betragen vorwürfe, mich verachtete! Schon in aller Frühe war ich auf und öffnete das Fenster. Der Morgen war köstlich, aber die Läden drüben waren geschlossen. Ich holte meine Geige — nein — kein Ständchen! rief ich und legte das Instrument wieder fort. Auch möchte sie am Ende denken, ich wollte sie noch obendrein verhöhnen. Seufzend setzte ich mich in meinen Sessel an's Fenster und starrte drüben auf die Läden, bereit, sobald sich etwas regen würde, ins Zimmer zurückzuspringen. Endlich wurden die Läden drüben aufgestoßen. Ich war so gelähmt vor Schreck, daß ich kein Glied rühren konnte. Nichtig, das liebe Kind war's selber; im schneeigsten Morgenkleidchen stand sie da, vor den Busen hatte sie die schönste rothe Rose aus dem Strauße gesteckt. Den Strauß selbst stellte sie in einer niedlichen Base ans Fenster. Als sie mich sah, lächelte sie, erröthete und grüßte. Die Aermste! Sie wußte, sie ahnte gewiß nicht, daß ich der Unverschämte war, der sie zu diesem Stelldichein geladen. Wahrscheinlich meinte sie, ein guter alter Freund habe sich den heimlichen Scherz erlaubt. Darum trug sie gewiß auch die Rose von ihm. Ich grüßte also zurück, aber mit bösem Gewissen. Wie reizend'sie aussah! So verging der Vormittag, und der Nachmittag, der schreckliche Nachmittag kam. Endlich schlug es drei Uhr vom Kirchthurm, und mit dem Glockenschlage sah ich auch meine Nachbarin in dem reizendsten blauen Kleidchen um die Ecke biegen. Es war ein Stück lieblicher Himmel, der mir da entgegenwandelte. Aber ich war ganz verblüfft lind sprang um nicht gesehen zu werden, hinter die Litfaßsäule. Ich glitt immer weiter hinter die Säule, je näher das Mädchen kam. Doch das Geschick hatte sich gegen mich verschworen. Ich sollte entlarvt werden. Eine Droschke raste auf mich los, wie ich so auf dem Damm hinter der Säule stand; der Kutscher schrie mich an, und um nicht überfahren zu werden, mußte ich aufs Trottoir springen, gerade in dem Augenblicke als meine Angebetete vor der Säule vorbeitrippelte. Ich war gefangen. Sie sah mich, erröthete, grüßte und blieb stehen. Ich zog den Hut und stammelte verwirrte Worte. „Welch glücklicher Zufall —" rief ich und wurde feuerroth über die Lüge. „Zufall?" fragte sie ängstlich, mit einer.Stimme, die süßer war als alle Mozart'- schen Adagios zusammen genommen. „Haben Sie denn nicht das reizende Bouquet, die hübschen Verse und die freundliche Einladung auf heute —" „O verzeihen sie mir!" rief ich überwältigt und machte Miene ihr zu Füßen zu stürzen. „Es war eine Unverschämtheit von mir, Ihnen so etwas zuzumuthen. Sie sehen mich von Neue zerknirscht!" „Die Blumen sind reizend und die Verse allerliebst. Ich hätte Ihnen das gar nicht zugetraut. Aber gehen wir weiter! Wir können doch hier nicht stehen bleiben!" O diese Berlinerinnen! rief es in mir, o Du kleine Blumenhexe! Sie nahm meinen Arm und ich schwebte im vierzehnten Himmel. So kamen wir an die Königsbrücke. „Eine Rose, schöner, junger Herr? Kaufen Sie doch eine Rose!" rief ein wohlbekanntes Stimmchen neben mir. Ich schaute hin, der kleine Kobold saß unter seinen Blumen. „Eine Rose für das schöne junge Fräulein!" kicherte die Kleine. „Den ganzen Korb, Du kleiner Teufel" rief ich. „Weiß ich doch nun, wem ich sie in den Schooß zu schütten habe!" (Deutsch. Montagsblatt.) Erdbeben. Die Theile der Erdoberfläche sind nicht in starrer, unwandelbarer Verbindung mit einander, sondern sie sind in Folge unablässig wirkender Kräfte, fortwährenden Ver- änderungen unterworfen. So lehren uns geologische Thatsachen auf das bestimmteste, daß Gebiete, welche heute trockenes Land darstellen, in der Vorzeit vom Meere überdeckt waren, ja daß gar weite Strecken nicht nur einmal, sondern in'reichem Wechsel über- fluthet wurden, wodurch wir zu der Annahme gedrängt werden, ein förmliches Schwanken der Erdoberflächen, ein wiederholtes Auftauchen aus und wieder Verschwinden unter dein Meere habe stattgefunden. Ueberblicken wir'die Neliefverhältnisse der Erdoberfläche, so finden wir ungeheure flache Mulden, die Oceanbecken, aus welchen die Continentalmassen mit relativ steil aufsteigenden Wänden emporragen. Auf diesen letzteren wiederholen sich im Kleinen die Reliefformen des Großen und Ganzen. Hochländer und Tieflandsmulden oder Tieflandssämne finden sich, scharf ausgeprägte Kettengebirge durchziehen, Rinden- faltungen vergleichbar, das über die Mceresbedeckung aufragende Land. Man hat durch Versuche ähnliche Figurationen auf Kautschukkugeln oder auf ebenen Flächen im Kleinen nachzubilden gesucht, und es ist dies in der That auf das überraschendste gelungen, indem man die mit Farbschichte oder mit plastischem Tone überzogenen Flächen nachträglich einer Contraction unterwarf. Dadurch entstanden Vertiefungen und Erhöhungen, Runzeln und Falten, Überschiebungen und Brüche in den Kautschuktheilen, ganz ähnlich jenen, welche wir am Erdrelief verfolgen können. Die einfache Annahme, daß unsere Erde ein schwindender, das heißt sein Volumen vermindernder Körper sei, läßt uns einen Weg zur Erklärung aller Erscheinungen finden, welche uns das Erdrelief in seinen Grund- und Hauptzügen zeigt — das Detailwirken der zerstörenden atmosphärischen Kräfte ist freilich auch ein ganz gewaltiges. Nehmen wir nun einen derartigen Schrumpfungsvorgang an, und dieser Annahme steht bei der erhabenen Thatsache, daß das Erdinnere überall wärmer ist, als die Oberfläche, nicht nur nichts im Wege, sondern sie ist in den physikalischen Gesetzen begründet und unabweisbar. Unablässig geht dieser Proceß vor sich, - unablässig wird daher auch das Wirken der dadurch geweckten Kräfte sein, welche, wie bei den schwindenden Kaut- schulkugeln, die zu weit werdenden äußeren Rindentheile in Mulden und Süttel, in Runzeln und Falten zu legen streben. Die Folge davon wird das Auftreten von Spannungserscheinungen in der „starren Rinde" sein, da diese ja nicht ohncweiters jenen Kräften folgt, sondern ihnen bis zu einem "gewissen Grade Widerstand entgegensetzt, wenn sie schließlich auch bei der Fortdauer der Einwirkung nachgeben muß, fast ebenso, als wäre sie weiches Wachs. Biegen sich doch die so starr erscheinenden Gesteinsbünke unter gewissen Umständen auf das man- njchfaltigste. Daß auf diese Weise auch locale und oft weithin fühlbar werdende Störungen des Zusammenhanges eintreten werden, ist wohl selbstverständlich. Bcrstungen und Brüche einzelner Theile, Risse und Sprünge in den Gesteinsschichten werden die Folgen jener Spannungsvorgänge sein. Daß aber solche Auslösungen nicht ohne fühlbare Erschütterungen vor sich gehen werden, ist wohl ebenso klar zu ersehen. Eine ganze Reihe von Vorgängen ist auf diesem Wege zu erklären: die säkularen Hingebungen und Senkungen durch ruhigen Vollzug des großen Processes, Erdbeben in Folge von Störungen und die Gebirgsbildung als das größte Ergebniß; den Vulkanausbrüchen aber wird dadurch der Weg erschlossen. Wir hätten auf diese Weise einen Weg gefunden, der uns ohne weitere-Rücksichtnahme auf den Aggregationszustand des Erdinneren, wodurch wir notgedrungen. nur wieder zur neuen (respektive sehr alten) Hypothese greifen müßten, ohne vorläufige Rücksichtnahme auf die Einwirkungen der Sonne und des Mondes auf die Erde, das Auftreten von Erdbeben erklärlich finden läßt. Vorgänge von der geschilderten Art werden sich vollziehen, ob nun das Erdinnere glatt, flüssig sei oder sich in einem andern, starren, halbstarren oder „bedingt starren" Zustande befinde. Wobei jedoch sofort betont werden soll, daß wir über den Zustand des Erdinneren nur sehr wenig Sicheres anzugeben vermögen, so daß die Annahme eines gluthflüssigen Erdinnern bis zur Stunde wenigstens durchaus nicht unerlaubt erscheint — 342 es spricht gar Manches sogar sehr laut dafür — die Annahmen nämlich, welche gemacht, und Rechnungen, welche auf Grund derselben ausgeführt wurden, um die Verfestigung oder Starrheit des Erdinneren abzuleiten, sind noch lange nicht so weit gediehen, daß sie Sicherheit und volle Ueberzeugung gewähren könnten. Erdbeben sind alltägliche Ereignisse: „Wenn man Nachricht von dem täglichen Zustande der gesammten Oberfläche haben könnte, so würde man sich sehr wahrscheinlich davon überzeugen, daß fast immerdar, an irgend einem Punkte, die Oberfläche erbebt." (Humboldt.) Erdbeben sind nichts Anderes als Erschütterungen größerer oder kleinerer Theile der Erdrinde und entstehen in Folge eines Stoßes oder Ruckes, einer versuchten oder vollzogenen Auslösung des Gesüges, fast immer in Folge einer von Innen nach Außen wirkenden Krastäußerung, deren Ursprung oft in gar nicht allzu großer Tiefe (10 bis 70 Kilometer) zu suchen ist und deren Wirkungen sich vom Orte der Entstehung sowohl nach der Oberfläche als auch nach den Seiten durch die Gesteinmassen fortpflanzen, wobei die Geschwindigkeit und Regelmäßigkeit des Fortschreitens der „Erdbebenwelle" und dex Werth des in Mitleidenschaft gezogenen Oberflächentheiles abhängig ist von der Stärke der den Stoß bedingenden Störung, von der Richtung der Wirkung des Stoßes und von der Beschaffenheit des den Stoß fortpflanzenden Gesteines. Daß dabei die Ober-, flächentheile die Folgen des Stoßes vor Allem zu ertragen haben werden, ist wohl ohne weitere Auseinandersetzung ersichtlich, ebenso wie auch die Erwägung, dak die Wirkung des Stoßes auf die Oberfläche verschieden sein wird, je nachdem die Beschaffenheit derselben anders im festen, innig verbundenen Gesteine und anders und viel verheerender im lockeren, der Stoßwirkung leichter Folge leistenden Grunde. Wie weit die Wirkungen eines Erdbebens reichen können, zeigt das Beben von Lissabon (1. November 1755), dessen Schüttergebiet einen Flächenraum umfaßte, viermal größer als der von ganz Europa! Die Geschwindigkeit des Fortschreitens kann mit 300 bis 500 Meter in der Secunde angenommen werden. Schwaches Beben der Erde, wie wir es in Wien selbst wiederholt wahrzunehmen Gelegenheit hatten, bewirkt nur ein leichtes Erzittern des Bodens, bei etwas stärkerem kommt es zu Bewegungserscheinungen an losen Gegenständen, bei noch heftigeren Stößen aber stürzen Schornsteine, zerreißen Mauern, brechen Häuser zusammen, der Erdboden bekommt Risse, ja Theile desselben verändern bleibend ihre Lage, versinken oder werden emporgedrängt, Quellen versiegen (werden abgeleitet), Flußläufe werden abgesperrt und zu Seen aufgestaut, Wasser wird aus Rissen und Löchern cmporgepreßt, was auch Veranlassung zur Entstehung von vorübergehenden Schlammsprudeln geben kann. Die letzten Erscheinungen sind es, welche in der Regel bei totaler Verkennung der Erscheinung großes Entsetzen in der Meinung verbreitet haben, daß ein Vulkan im Entstehen begriffen sei. So war es im Vorjahre mit dem „Vulkan" im Banate, als am Babakei-Felsen das Wasser aussprudelte, so am 9. d. M. bei Nesnik, wo offenbar Pfützenschlamm im erschütterten Ueberschwemmungsgebiete der Save empor- gepreßt wurde. Manche Erdbeben sind auch von Schallphänomenen begleitet, wie dies auch beiden: letzten unglücklichen Ereignisse der Fall war, wobei zu Klagezifurt, Hrastnig, Cillj und Kreuz donnerähnliches Getöse wahrgenommen wurde. Daß auch die Wassermassen der Oceane nicht selten in verhängnißvoller Weise in Mitleidenschaft gezogen werden, das zeigen die submarinen Erdbeben (Seebeben), das zeigen aber auch die Fluthwellen, die z. B. bei den großen südamerikanischen Erdbeben wiederholt erzeugt und und weithin fortgepflanzt worden sind. Aus der Richtung und der Kraft, die aus den Zerstörungs-Erscheinungen wenigstens annähernd festgestellt werden können, versuchte R. Mallet, nach der Fortpflanzungs- Geschwindigkeit aber versuchte v. Seebach, und zwar nicht ohne Erfolg, den Ursprungsort, das Centrum der Erdbeben wenigstens annähernd zu bestimmen. ^ Was nun das Auftreten der Erdbeben anbelangt, so ist es eine längst erkannte Thatsache, daß gewisse Gebiete häufig von Erdbeben heimgesucht werden. So sind in 343 erster Linie die durch thätige Vulcane bezeichneten Erdstellen vielfach Erderschütterungen ausgesetzt — Erschütterungen, welche den Ausbrüchen vorausgehen oder sie begleiten, überhaupt mit vulkanischen Vorgängen im Zusammenhange stehen. Wir bezeichnen sie als vulcanische Beben und betrachten sie als rein loeale Erscheinungen, bewirkt und bedingt durch dieselben Kräfte, welche auch bei den Eruptionen thätig sind: durch plötzliche Entwicklung oder Entbindung übergroßer Dampfmassen, wobei heißer Wasserdampf die Hauptrolle spielt. Rein localer Natur sind aber auch jene Beben, welche durch unterirdische Einstürze erzeugt werden, wie solche in höhlenreichen Gebieten, zum Beispiele in Karstterrains, immerhin häufig genug vorkommen. Weit wichtiger, in ihren Wirkungen fürchterlicher und so recht eigentlich die allgemein verbreitete Erscheinungsform bildend, sind alle jene Erschütterungen, welche wir auf die eingangs berührten Vorschläge zurückführen möchten, Erdbeben, welche wir uns durch plötzliche Aenderungen, Störungen im Schichtenbaue der Erde entstehend denken. Sie find förmlich an die Regionen mit gestörtem Schichtenbau gebunden, treten vor Allem in den Kettengebirgen auf, welche ja so recht eigentlich die Störungslinien im Krustenbaue bezeichnen. So fallen die meisten mitteleuropäischen Beben in das Gebiet der Alpen und Apenninen. Aber auch Gegenden, in welchen in jüngster Zeit bedeutendere Niveau-Veränderungen vor sich gegangen sind, bezeichnen solche Hauptstörungsstriche und werden häufig von Erderschütterungen betroffen, so zum Beispiele Sicilien und die Westküste von Südamerika, wo auffallenderweise der Kamm der Cordil- leren die Ostgrenze der dort so fürchterlich auftretenden Erderschütterungen zu bilden scheint. Die weiten Gebiete mit ungestörter Schichtenlagerung, zum Beispiele jene, welche sich aus der norddeutschen Ebene durch Rußland bis in die Gegend des Baikal-Sees erstrecken, werden dagegen nur selten erschüttert. In den letzten Jahren sind wiederholt alpine Erdbeben genauen Studien unterzogen worden, und haben dabei gerade österreichische Forscher viel zur Förderung der richtigen Erkenntniß beigetragen. (Sueß, Stur, Bittner und Andere.) Es hat sich dabei ergeben, daß die Erdbeben in den Alpen und in den Apenninen förmlich an gewisse Linien, die „Stoß- oder Schütterlinien," gebunden erscheinen, auf welchen sie bald hier, bald dort auftreten. Solche Linien ziehen theils quer durchs Gebirge, theils folgen sie der Lüngenerstreckung desselben. Sie sind in vielen Fällen schon orographisch oder doch tektonisch oder durch gewisse andere Merkmale gekennzeichnet. Eine solche Schütterlinie zieht beispielsweise die Südbahnlinie entlang von Wien bis an den Semmering. Sie ist auch durch einige warme Quellen charakterisirt, welche in der Nähe des orographisch so überaus deutlich ausgeprägten Bruchrandes liegen, und wurde von Sueß als die Thermenlinie bezeichnet. Von ihr zweigt bei Neustadt die quer durch die Voralpen zur Spalte des Kamp ziehende Kamplinie ab. Ihre Fortsetzung aber jenseits des Semmering bildet die der Mürz und oberen Mur folgende Mürzlinie. Solcher alpiner Stoßlinien gibt es noch gar viele. Besonders häufig sind sie im südlichen Theile der Alpen, in der Nähe des großen Bruchrandes gegen die oberitalienische Tiefebene, und zwar sind sie hier vorwaltend von Nordost gegen Südwest gerichtet und entsprechen großen Querbrüchen, wie dies zum Beispiel in der Gegend des von dem Erdbeben im Jahre 1873 so arg zugerichteten Städtchens Belluno auf das überzeugendste dargelegt werden konnte. (Bittner und R. Hörnes.) (Schluß folgt.) Ein Gott Ein Gott muß sein! Ein Gott, der ist und war, Eh' Eines ward von Allem, was sich regt; Ein Ewiger, der Alles in sich trägt, Dem End, und Anfang Eins, unwandelbar. In seinem Licht ist Alles sonnenklar, Was Raum und Zeit in fernsten Tiefen hegt: In ew'ger Ruhe thront Er unentwegt, Er, l.r da ist! — Sein Nam' ist wunderbar. muß sei«. Wer faßt den Geist, der haucht und....! Alles lebt! ? Wer dringt in jener Wasser Tiefen ein, Worüber er im Schöpfungswerke schwebt? Das Leben strahlt des Gebers Wiederschein; Millionenfaches, das im Wandel strebt Zum Steten, Einen, — ruft: „Ein Gott muß sein l" (Das saubere fürstliche Ehepaar.) Ein Fürst hatte sich auf der Jagd verirrt und wurde von einem Bauer, der ihn für einen gemeinen Reiter hielt, wieder auf den rechten Weg geführt. Der Fürst frug den Bauern, was er denn von seinem Landesfürsten hielte. „Unser Fürst," versetzte der Bauer, „wäre schon recht, aber seine Frau, die Hexe ist nicht werth, daß sie der Teufel holt." Der Fürst lachte und als er nach Hause kam, erzählte er es seiner Fürstin. Diese wollte durchaus Satisfaktion haben. — Der Bauer wurde also nach Hofs geholt, und in Gegenwart der Fürstin gefragt, ob er noch wisse, was er unlängst von der Fürstin zu einem Reiter gesagt hätte. Der Bauer versetzte: „Was wußte ich, daß der Hallunke, welchem ich es gesagt, mich' verrathen würde." Die Fürstin fing herzlich an zu lachen und sagte: „Ich für meinen Theil bin herzlich zufrieden, der Bauer soll Gnade haben, der Fürst kann seinen Hallunken einstecken." (Aus einer alten Predigt.) Ein Dresdener Blatt veröffentlicht folgendes Bruchstück aus einer Predigt, im vorigen Jahrhunderte nach der Festwoche in Chemnitz gehalten vom alten Superintendenten Jüngling: „Da sitzen sie und schwitzen sie, Da schmausen sie und trinken sie, Da tanzen sie und springen sie, Da lärmen und da schwärmen sie, die ganzen Nächte schlemmen sie, Dann liegen sie und schlafen sie, Den andern Morgen schreien sie: „Frau, koche mir was Saueres!" Aber wart't nur, wart't, der T—l der wirds Euch noch sauer genug machen." Ein Candidat der Medizin wurde in einem Examen von einem überaus strengen Examinator gefragt: „Welches sind die schweißtreibenden Mittel?" Der Candidat zählte die ihm bekannten nacheinander her. — „Aber wenn diese alle nichts helfen," fragte der Examinator weiter, „was werden Sie dann anwenden?" — „Ich werde den Patienten zu Ihnen in's Examen schicken," erwiderte der Gefragte. Die Frau eines Wachtmeisters, von Geburt eine Adelige, wurde von Jemand stets „Frau Wachtmeister" genannt. Mit der Zeit war ihr dies Prädikat lästig, weßhalb sie, als der N. N. eines Tages wieder mit den» Gruße: Guten Morgen, Frau Wachtmeister!», zu ihr in's Zimmer trat, sagte: „Ach, mache Er doch keine Umstände, und nenn' Er mich nur schlechtweg: Gnädige Frau!" Ein junger Kandidat der Theologie sollte im Beisein ältererer Vorgesetzten als zu seinem Examen gehörig eine Katechisation mit der Jugend vornehmen. Die Anwesenheit der Herren macht ihn, da er sehr ängstlich ist, so verwirrt, daß er gar nicht weiß, was er anfangen soll, und nach langer Pause endlich herausplatzt: „Kannst Du mir sagen, lieber Sohn, wer krähte, als Petrus unsern Heiland verleugnete?" „Aber i bitt Jhne!" sagte ein Präger Musensohn zu dem ihm zusetzenden Wirthe „geb'n se halt Ruh', hab' i Sachen g'nug," — „Na sakramenska! wu denn?" rief dieser, „e is hier nix und do nix und do nix!" — „Seinse akkurat jetzt nur versetzt," erwiderte der Erste. Apotheker zum Bauer: „ ... Da kann ich Euch nichts besseres empfehlen» als den Doctor Müller'schen Gesundheitsthee — der ist gut und hilft euch ganz gewiß!" — Bauer: „So, is der von Dr. Müller — dann her damit. Der Doetor Müller sauft nix Schlechtsl'j BuchstabenrebtrB. 81 >» ^ 1 . Für stje Redaction verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlo r des Literarischen Instituts von vr. Max Hultler. zur „Äugslmrger Pojheitnug." -- Nr. 441 Mittwoch, 1. Dezember 1880. Der wahre Muth ist nicht blos ein Lustball der Erhöhung, sondern auch ein Lustschirm des Hcrabsinkens. Ludw. Borne. Die Blume von Gsitait. Eine Episode aus dem Kriege vom Jahre kS66 von Stein. lAachdrnck verboten.) „Lieben und nicht haben, ist härter als Steingraben" — so lautete die Ueberschrift eines auf etwas vergilbten Papier geschriebenen Briefes, den eben ein Soldat des 6. bayerischen Jägerbataillons im Bivouak zu Neustadt a. d. S. am Abende vor der Schlacht von Kissingen in der Hand hielt, nachdem er ihn gerade von der Feldpost erhalten hatte. Man sah es dem wackeren Krieger an, daß ihm das Lesen des Briefes ebenso schwer ankam, als vielleicht das Schreiben der Hand, welche diese Zeilen auf's Papier brachte, und wir irren uns nicht, wenn wir, aus dem obigen Motto zu schließen, sogleich auf den Gedanken kommen, daß der Brief aus der Hand eines liebenden Mädchens kam. Wir können unsere Neugierde nicht zurückhalten, und sehen heimlich über die Schulter unseres Kriegers, und machen uns eine leicht verzeihliche Verletzung des Briefgeheimnisses schuldig, wenn wir folgendes aus dein Briefe mittheilen: „Lieber Franz!! Heißgeliebter meines Herzens! Mit Freuden ergreif ich die Feder, Dir zu schreiben, daß ich gottlob gesund bin, und mir die Zeit recht lang wird, seitdem ich Dich nicht mehr sehen kann, und schier möcht niir das Herz verspringen, wenn ich so denk, daß Du jetzt im Krieg bist, und Dich vielleicht schon eine Kanonenkugel getroffen hat. Aber die Preußen schießen nicht so schnell, und alle Kugeln treffen nicht, hast Du beim Abschied gesagt, und daß ist mein einziger Trost den ich hab'. Ich bete jetzt auch recht oft zu der hl. Muttergottes von Birkenstein, daß sie Dich in Schutz nehmen sollt, und ich hab ihr auch eine geweihte Kerzen versprochen, und eine Votivtafel, wo Du in Deiner feinen Montur drauf ange- malen bist, damit Du recht brav bleibst, und Tag und Nacht an mich denkst. Sei auch nicht gar zu verwegen du wilder Bua, und schieß nit alle Feind auf einmal tod, denn es sind auch Menschen wie mir und hat vielleicht auch Einer was Liebs z'Haus. Das denke Dir und hab Gott vor Augen, Herzlieber Franzl. Nix Neues kann ich Dir nicht schreiben, als daß die Karer Urschl die gschupft endli den Veitlbauer gheurath hat, und ich Kranzljungfer auf der Hochzeit war. Aber es hat mir nix mehr recht gfreut, weil Du nit dabei warst, und tanzen hab ich schon gar nicht viel mögen, auch hat sich unser weißgscheketi Kalbe auf der Alm am Gamsbühl hinten derfallen. Bhiit di Gott tausendmal herzlichster Schatz, und ich verbleibe bis in den Tod Deine Lein." Wir belauschten in der Stille unsern rauhen Krieger-, und mit Rührung bemerkten wir, daß eine Thräne auf das Papier fiel, welches er, still vor sich hinschauend, noch in der Hand hielt, und es dann mit einem tiefen Seufzer zusammenfaltend in die Brusttasche steckte. Franz Bachhuber, Huberbauernssohn von Fifchbachau, ein echter Sohn unserer bayerischen Berge, war eine durch und durch ehrliche Haut, beliebt bei allen Kameraden seiner Compagnie, sowie auch bei seinen Vorgesetzten, vom Hauptmann bis zum Gefreiten herab, nicht allein wegen seines treuherzigen Wesens, sondern auch wegen seines schon bewiesenen Muthes und seiner Unerschrockenheit, i nicht minder aber auch wegen seiner stets heitern und muntern Laune; denn wenn manchmal seine Kameraden ob des langen und angestrengten Hin- und Hermarmarschirens die Köpfe verdrießlich hängen ließen, so war es gewiß Bachhuber, der mit seiner muntern Laune und mit seinem lustigen Gesänge wieder Leben in die Compapnie brachte, und Alles stimmte in die fröhlichen Weisen mit ein, und vergaß hierüber die Beschwerden des Marsches. Bachhuber war der einzige Sohn braver wohlhabender Bauersleute, deren sauber gehaltener großer Hof auf einer kleinen Anhöhe gar freundlich in das liebliche Aurachthal schaute; auch bekannt war er in der ganzen Gegend als der lustige Hubcrfranzl — und welch „lustiger Bua!" — war dort in dieser idyllischen Gegend auch ohne Liebe? Ja Franzl hatte auch seinen Schatz, und zwar einen recht schönen, denn die muntere Leni von Geitau war auch ein gar stattliches Mädchen, mit ihren schwarzen Zöpfen, die ihr blühendes Gesicht, aus dem zwei schalkhafte Augen herausblitzten, zierlich umrahmten, und mit Recht war sie „s'Bleamei von Geitau" genannt. Die meisten Burschen wären gern an seiner Stelle gewesen aber dennoch mißgönnte ihm keiner diese Liebe, war er ja überall unter seinen Kameraden gern gesehen, und stets bei der Hand, wo es galt zu helfen und zu schlichten. Auch die Mädchen des Thales, die gerne auf den schönen Burschen mit seinem blonden Schnauzbart und auf seine ehrlichen blauen Augen schielten, freuten sich an dem Glücke ihrer Freundin, wenn sie Leni in ihrem schmucken Hütchen, und in dem silberverschnürten Mieder bei der Leonhards-Fahrt in Fischhausen sahen, und beim Schuhplattler im Neuh^-is, wo das schöne Paar stets die Bewunderung Aller auf sich zog. War's denn Wunder, daß Beide, als der Sommer 1866 den Hubcrfranzl zu seinem Bataillone rief, recht traurig wurden, wenn sie an den bevorstehenden Abschied dachten, zumal Leni gerade auf der Alm ihres Vaters war. Das war denn ein Jammer ohne Ende, und man kaun sich einen Begriff machen, wie es wohl der schönen Leni umS Herz war, als der Franzl von ihr schied, und sie sich nun ganz allein und verlassen in ihrem Schmerze sah, ohne sich einem theilnehmcnden Herzen anvertrauen zu können. Aber Franzl war ein wackerer braver Bayer, der freudig hinauszog für seinen König und sein schönes Baycrland, und in seiner Treuherzigkeit tröstete er seine Leni: „Du bist mir ja doch das Liebste auf der Welt, aber nach Dir kimmt glei der Koni, für den i a was aufheb'n muß — Dein g'hürt mein Herz, dem Köni mei Leb'n." — Das war sein letztes Wort, und frisch und wohlgemuth rückte er bei seinem Bataillone ein, als braver Soldat, während die arme Leni vor dem Bilde der Muttergottes, das in der Sennerhütte in ihrem Kümmerlein umkränzt von blühenden Alpenrosen prangte, bitterlich weinend auf den Knieen lag, und für das Wohl ihres Herzgeliebten Franzl betete. Es war am 9. Juli des Jahres 1866 als Abends unser Huberfranzl im Bivouak vor Kissingen, nachdem er den Brief seiner Liebsten gelesen hatte, sich zu seinen Kameraden begab, welche sich, da es den ganzen Tag über in Strömen geregnet hatte, an einem hellauflodernden Feuer wärmten. Wie gewöhnlich wurde er mit Jubel empfangen, und aufgefordert ein lustiges Lied anzustimmen; doch unser Lnndsmann war nicht recht in der Stimmung, es war ihm gar nicht singerisch zu Muthe, und seine Gedanken mochten wohl mehr bei seiner Liebsten in der Ferne sein, als bei seinen sonst ihm lieb gewordenen Kameraden. Seine stets so heitere Stimmung wollte nicht recht zum Aus- 347 bruch kommen, obwohl er sich alle erdenkliche Mühe gab, heiter zu erscheinen, denn eine nicht zu überwältigende Sehnsucht nach seinen heimathlichen Bergen und nach Allem, was er dort Liebes zurückließ, hatte ihn ergriffen. Froh war er sonach als ihn die Reihe traf den Wachtposten zu beziehen, konnte er sich da in stiller Einsamkeit ganz seinen Gedanken und Gefühlen hingeben, und leichter wurde es ihm ums Herz, als er hinausblickte in die finstere Nacht und die Strophen des bekanten Soldatenliedes leise vor sich Hinsang« „Sieh' ich in finstrer Mitternacht, So einsam auf der stillen Wacht, So denk ich an mein fernes Lieb', Ob's mir auch treu und hold verblieb." So vergingen ihm schnell die Stunden seines Dienstes und ins Lager zurückgekehrt, fiel er in einen festen Schlaf in dem ihm wohl die lieblichsten Träume umfangen hielten. Am frühen Morgen des 10. Juli wurde eine kleine RecognoscirungSpatrouille ausgeschickt, bei welcher sich auch unser Huherfranzl befand, da inan von dem Anrücken des Feindes, es war die preußische Division Gäben, Kenntniß erhalten hatte. Nicht lange darauf kam schon diese Patrouille mit einigen preußischen Reitern zusammen, welche aber schnell durch das Feuer zurückgejagt wurden. Bald darauf zeigte sich aber schon feindliche Infanterie, welche das kleine Piket zurückdrängte, gegen den sogenannten Altenburg- Berg vorging und die Vorstadt Kissingens besetzte. Sobald man nun des Feindes ansichtig wurde, eröffneten die an der Saale aufgestellten bayerischen Regimenter das Feuer, welches die in den Häusern postirten Preußen lebhaft erwiederten. Schon mischten sich der Donner der am Hange des Sinnberges aufgefahrenen bayerischen Batterien in das Knattern des Gewehrscucrs, und immer heftiger wurde der Kampf, und tapfer focht unser wackere Landsmann mit, eingedenk seines Wahlspruches: „Mein Leben dem König, mein Herz meiner Lein", und als guter Schütze traf seine Kugel so manches Preußenherz. Das Gefecht wurde immer heftiger, und insbesondere entspann sich auf dem mit einer hohen Mauer umgebenen Kirchhof indem sich eine Abtheilung Bayern festsetzte worunter auch Brachhuber war, ein heftiger Kampf gegen eine ungleich stärkere Abtheilung eines posnischen.Regiments. Hier galts nun, und mit höchster Todesverachtung kämpfte das muthige Häuflein, und manch braver Soldat fiel hier als Opfer dieses unglückseligen Bruderkampfes. Heldenmüthig rettete hier Bachhuber das Leben eines feiner Offiziere den eben ein wuchtiger Kolbenschlag eines preußischen Soldaten niederschmettern wollte, indem er demselben einen Bajonnctstich versetzte, der ihn mit einem Schmer- zenSschrci zurücktaumeln machte, und so den mörderischen Streich verhinderte. Doch im nämlichen Augenblicke fühlte auch Franzl einen heftigen Schlag, und von einer Kugel schwer getroffen sank er in die Arme des Offiziers, dem er kurz zuvor das Leben rettete. Schnell und voll Theilnahme für den Braven ließ dieser wackere junge Mann seinen' Kameraden mitten aus dem Kampfesgewühlc entfernen, hoffend, daß ihm sein theures Leben noch erhalten werde. Mörderisch wüthete der Kampf am Tage des 10. Juli in und um Kissingen, und viele Opfer forderte auf beiden Seiten dieser denkwürdige Tag, war es ja ein Kampf deutscher Bruder die, wer hätte es damals gedacht, berufen waren, deutsche Einheit und deutsche Macht auf Frankreichs blutigen Schlachtfeldern begründen zu helfen. Aus einer todeSähnlichen Betäubung erwachte unser Franzl erst wieder als er im Feldspital zu Nüdlingcn untergebracht war. Schneller Hülfe durch die Fürsoge des jungen Offiziers, den er mit Aufopferung seines Lebens gerettet hatte, und der ihn der besonderen Obhut des Arztes empfahl, hatte er es zu verdanken, daß er dem nahen Tode entkam, und nach einer schmerzliche», aber bei der kräftigen Constitution unsers Landsmann glücklich überstandcnen Operation, reichte ihn» der Arzt die tödtliche Kugel, die aus der Wunde glücklich entfernt war. Bei der lleberfüllung des Fetdspitals mußte aber Franzl, da er einigermaßen transportabel war, und der für ihn besorgte Arzt es für seine Heilung besser hielt nach Würzburg verbracht werden, woselbst, Dank der lie- 348 kenden Fürsorge der dortigen Einwohner großartige Spitäler zur Aufnahme der Verwundeten errichtet waren. „Aus der Hölle, durchs Fegfeuer in den Himmel — das ist der Weg der Verwundeten vom Schlachtfelde ins Lazareth", ein Ausruf so vieler Verwundeten — und wohl mit Recht horten wir viele dieser Armen sagen, daß sie sich in einem solchen Lazarethe, das liebevolle, opferwillige Hände einrichteten, um die schweren Leiden des Kriegers zu lindern, wie im Himmel zu sein glaubten. So gings auch unserm Franz! als er sich in dem Spitale befand, welches in der schönen großen Einsteighalle des alten Bahnhofs in Würzburg eingerichtet, und luftig gelegen in einen blühenden Garten verwandelt war, in dessen Mittelpunkte unter Bäumen und duftenden Gestrüuchern, Springbrunnen die Luft mit erquickender Kühle erfrischten. — An den Wänden zu beiden Seiten des länglichen Gebäudes standen die Betten, in denen die Verwundeten auf reinlichen weißen Kissen ruhten. (Fortsetzung folgt.) Erdbeben. (Schluß.) Daß auch der östliche Rand der Ostalpen gegen das tertiäre Hügelland und di weite pannonische Tiefebene hin ein Erdbebengebiet ausgezeichnetster Art ist, das zeigen die zahlreichen Erschütterungen, welche über das beklagenswerthe Agram im Laufe der Jahre hingezogen sind, um im jüngsten Beben eine immerhin ganz ansehnliche und so höchst verderbliche Intensität zu erreichen. Das genaue Studium des unheilvollen Ereignisses wird gewiß neue Erkenntnisse bringen. Es wäre ganz und gar verfrüht, wollte man schon jetzt nach den zum Theile unter dem Einflüsse des Schreckens erslossenen Mittheilungen Schlüsse ziehen; dazu sind mit Ruhe ausgeführte genaue Angaben erforderlich. Der Umfang des Schüttergebictes kann jedoch annähernd schon bestimmt werden. Als äußerste Punkte, von welchen Erschütterungen gemeldet wurde, sind anzugeben: im Norden Krems (respective Budweis), im Osten Pest und Essegg (jenseits der Donau ist bisher kein Ort genannt worden), im Süden Serajewo und Pola rllid im Westen Görz und Klagenfurt. Es ist immerhin ein Gebiet von etwa 4000 Quadratmeilen. Erwähnt wurde schon, daß an einer Anzahl von Punkten unterirdisches donnerähnliches Rollen vernommen wurde. Verbindet man dieselben, so findet man, daß dieselben in einer mit dem Save-Längenthale parallelverlaufenden schmalen Zone liegen, von welcher auch das Hauptoberflächen-Erschütterungsgebiet, das Gebiet, in welchem zerstörende Wirkungen stattgefunden haben, durchzogen wird. Auch kann noch hervorgehoben werden, daß an den meisten erschütterten Punkten die Stoßrichtung alH von Nord nach Süd und von Nordost nach Südost verlaufend angegeben wurde, in einer Richtung, welche auf derselben erwähnten Zone der Schallphänomcne nahezu senkrecht steht. Doch kehren wir wieder zu den Erdbeben-Erscheinungen im Allgemeinen zurück. In neuer Zeit hat man eine ganz besondere Aufmerksamkeit auch der Erdbeben-Statistik zugewendet und wurde mehrfach versucht, Schlüsse aus den bisherigen Ergebnissen derselben zu ziehen. Man fand bisher, daß Erdbeben zu gewissen Zeiten etwas häufiger auftreten als in anderen: im Herbst-Winterhalbjahre häufiger als während der Frühlings- und Sommermonate, und zwar wurde dies für eine ganze Reihe von Erdbeben-Gebieten gleichlautend gefunden, eine Thatsache, welche ohne allen Zweifel in Betracht gezogen werden muß. Die bisherigen Erklärungsversuche waren keine ganz glücklichen. Perrey war es ferner, der zuerst auf einen Zusammenhang der Erscheinungen mit der Einwirkung des Mondes auf die Erde hingedeutet hat, indem er nachwies, daß von 6596 Beben in der Zeit von 1751 bis 1800 3435 auf die Zeit der Syzpgien (Neumond und Vollmond) und nur 3161 auf die Zeit der Quadraturen (erstes und letztes Viertel) entfallen. 349 Julius Schmidt in Athen hat außerdem berechnet, daß die Erdbeben in der Erdnähe des Mondes häufiger seien, als in der Erdferne; er fand aber auch, daß die Häufigkeit der Erdbeben zur Zeit des Neumondes das eine und zwei Tage nach dem ersten Viertel das zweite Maximum zeigen. Aus diesen Darlegungen ergibt fich mit voller Sicherheit, daß ein Zusammenhang Zwischen den Erderschütterungen und den Constella- tioncn des Mondes bestehen muß. Die Art und Weise jedoch, wie dieser offenbare Zusammenhang zur Aufstellung von Erdbeben-Hypothesen benutzt wurde, kann durchaus nicht befriedigen. Schon Perrey hat — ohne damit der Erste gewesen zu sein, der daran dachte — die Meinung von einer Ebbe und Fluth der flüssigen Jnnenmaffen der Erde ausgesprochen; er dachte sich geradezu, die Fluthwelle des Inneren stoße an die starre Kruste und bedinge so die Erschüttterungen. Wäre auch das Innere in der That flüssig, auf diese Weise kann der Fluthvorgang nicht gedacht werden, denn erstens ist in jenem Falle der Uebergang aus dem festen zum gluthflüssigen gewiß kein unmittelbarer, sondern ein sehr wohl und allmählig vermittelter, zweitens aber wird dann auch die verhältnißmäßig wenig mächtig gedachte Kruste der Mondanziehung sicherlich gleichfalls Folge leisten müssen und einem Heben und Senken ausgesetzt werden oder „wandernde Wellen werfen" (Reyer), ja diese letztere Annahme wird auf alle Fälle mit zu Recht bestehen und gerade die Erklärung liefern, warum und wieso die Mondeinwirkung in der Häufigkeit der Erdbeben sich ausdrückt. Die Schwäche der Pcrrey'schen Anschauungen fühlte nun auch R. Falb und bildete sich seine eigene neue Ansicht, die unter den Laien der Anhänger nur zu viele gefunden hat, was bei dem Feuer und der Beredtsamkeit des Verkünders der neuen Erdbeben- lehre nicht Wunder nehmen kann. Falb stellt sich, um in Kürze seinen Gedankengang („Gedanken und Studien über den Vulkanismus", 1875) zu skizziren, vor, daß man alle Erdbeben durch eine Ursache erklären könne. Die flüssige Jnnenmaffe der Erde dringe durch schon vorhandene Spalten und Canäke zunächst in unterirdische Reservoirs ein, gelange aus diesen wieder durch Eanäle mehr oder minder nahe an die Oberfläche, wobei sie durch die Mond- und Sonnenanziehung besonders zur Zeit der Hochfluth, unterstützt werde. In den Spalten beginne die eindringende Blasse zu erstarren und erzeuge in Folge dessen Gas-Erplosi.onen oder unterirdische Vulcanausbrüche, welche nun die Erschütterung bedingen sollen. Nach dieser. Anschauung werden die Spalten als schon vorhanden vorausgesetzt. Daß dadurch die Frage nicht vereinfacht wird, ist klar. Die Bildung der Spalten ist gewiß nicht so ohne alle Erschütterung zu erklären; wir ersehen also schon daraus, daß Falb's Versuch, alle Erdbeben auf seine hypothetischen unterirdischer! Explosionen zurückzuführen, die ein hypothetisches flüssiges Erdinneres voraussetzen, so daß Hypothese auf Hypothese gebaut werden muß — daß dieser Versuch, sage ich, nicht erfolgreich durchzuführen ist. Man kann auf einfachere Weise zum Ziele kommen, wie aus dem Vorhergehenden wohl unmittelbar hervorgeht. Auszuführen, wie viele andere Versuche zur Lösung der Erdbebenfrage angestellt wurden, würde hier zu weit führen. Die Beobachtung, daß in allen unsern Journalen immer nur die Falb'sche Hypothese hervorgehoben wird, als sei sie in der That als zu Recht bestehend erkannt; die Wahrnehmung, daß Falb selbst betont, daß die Erscheinungen, wie sie in Agram hervortreten, genau mit seiner „Erdbeben-Theorie" stimmen, als wenn sie im Widersprüche mit den andern aufgellten stehen würden, hat mir die Aufforderung, über Erdbeben einen Aufsatz für die „Neue Freie Presse" zu verfassen, zu einer mich ganz erfreuenden gemacht, da es mir nicht unwichtig schien, dein weiten Leserkreise die große, die Aufmerksamkeit Aller in Anspruch nehmende Frage in einer etwas andern Beleuchtung zu zeigen. Ich wollte damit den Weg zeigen, welcher im Großen und Ganzen derjenige ist, der am leichtesten und schnellsten zum Ziele führen dürfte. Falb's Hypothese ist interessant, das ist nicht zu leugnen; bis nun hat sie jedoch nur bei den Laien Anerkennung von Seite der berufensten Fachmänner jedoch wurde sie abgelehnt, und ich bedaure, daß — 350 mcin Freund Falb dieselbe immer wieder vor dasjenige Forum bring!, wohin eine Frage der Wissenschaft nun einmal nicht gehört, vor die Menge. So wichtig cS ist, wenn im Kreise der Fachmänner eine Frage möglichst intensiv diScutirt wird, da man ja gerave durch Gegenrede und berechtigten Widerspruch etwa herrschender Stagnation begegnet und etwa durch Äutoritätsgewnlt getragene Doctrincn berichtigen kann, ebensowenig gutzuheißen ist ein Hinausrufen bestrittener Hypothesen in die iin Augenblicke überdies im Uebermaße erregte Menge. Sollte die Falb'sche Hypothese irgendwie doch berechtigt sein — ich bin der Meinung durchaus nicht — so wird die Ablehnung in der Gegenwart in eine Anerkennung m Zukunft umschlagen; die Wahrheit ist es ja, nach welcher wir alle streben, und die Wahrheit siegt, siegt unausbleiblich; das war in Fragen der Wissenschaft wenigstens immer so und wird wohl immer so bleiben; um wie viel schöner und Heller aber glänzt der Name eines von seinen Mitlebenden etwa verkannten Genies! (N. Fr. Pr.) Konradin Kreutzer.*) Am 22. Nov. 1780**) wurde dem ehrenfesten Müller Johann Baptist Kreutzer auf der eine kleine halbe Stunde von dem badrschen Amtsstädtchen Meßkirch entfernten Thalmühle" als achtes Kind ein Söhnlein geboren, welches in der Taufe den Namen Konradin erhielt. Die Mutter, Barbara, eine geborene Hegele, wird als brave, tüchtige Hausfrau und treubcsorgte Mutter geschildert. Die Familie hatte eine behäbige, gut bürgerliche Cristenz. Schon in zarter Jugend bekundete der kleine Konradin erhebliche Anlagen zur Musik. Es ist das Verdienst des SchullehrerS und Chorregenten zu Meß- tirch, Johann Baptist Rieger, diese Anlagen entdeckt und gewissenhaft gepflegt zu haben. Von ihm erhielt Konradin den ersten Musikunterricht. Ucbrigcns scheint mit Konradin Kreutzer das musikalische Talent völlig aus der Familie verschwunden zu sein. Der Vater war hochherzig genug, und seine Mittel gestatteten es Allem nach, den begabten Sohn für einen höheren Beruf zu bestimmen, in welchem er Gelegenheit fände, seine reichen Talente auszubilden und zu bethätigen. Ihren Jüngsten dereinst ein feierliches Hochamt zelebriren und aus der Kanzel stehen zu sehen, das war das Grösste und Schönste, was der Elternstolz sich auSdenken und ausmalen konnte. So wurde denn beschlossen, daß Konradin sich dem geistlichen Amt widmen solle. Er kam nun zunächst (1789) als Lateinschüler und Chorknabe in die Abtei Zwiefalten. 1790 trat Kreutzer zum Behuf weiterer Ausbildung in das Prümonstratenserkloster zu Schussenricd über, wo sich eine höhere Bildungsanstalt befand. Wiewohl er die übrigen Fächer keineswegs vernachlässigte, gehörte doch seine ganze Liebe der Musik. Violine, Orgel und Pianoforte hatte er schon in Zwiefalten gelernt, jetzt kam noch Oboe und die Klarinette hinzu, welch letzteres Instrument er später mit Virtuosität spielte. Seine mrrsikalische Tüchtigkeit kam jetzt schon zur Verwendung; beim Gottesdienst hatte er die Orgel zu versehen und in der Schule etlichen vierzig Kindern den Gcsangunterricht zu ertheilen. Auch in der Koniposition versuchte er sich, und immer stärker trat die Neigung hervor, den Künstler- beruf zu ergreifen. Da jedoch der Wille des Vaters sich dagegen sträubte, so bezog Kreutzer 1799 die Universität Freiburg, um, wenn nicht die Theologie doch wenigstens *) Den 22. November 1880 feierte in Deutschland eine ganze Anzahl von Gesangvereinen das OeMenariliui der Geburt des Meisters, dessen prächtige, kernige Melodien allerorten ün Munde des Volles leben. Der vorstehende Rückblick aus den Lebenslans des am 14. Tez. 1849 gestorbenen Tondichters und eine Charakteristik seiner Werke — nach einem großem Artikel Heinrich Adols Köitüns im „Schwab. Merk." — wird dem Gedenktage nicht unwillkommen sein. Wir fügen dieser Note noch die Bemerkung bei, daß der Gcsammlansscbnß des deutsche» Sängerbundes (geschäftlicher Sitz in München) beschlossen hat, der Wittwe Konradin Krcutzers aus den 100jährige» Gelurisiag ihres Gaticn als erste Gabe der neubegründeten Stillung sür Komponisten für den Männergesang die Ehrengabe von L00 Mk. überreichen zu lassen. Die Wittwe lebt in Dresden. **) Der Taufschein liegt in amtlich beglaubigter Abjchrist vor dem Verfasser; hienach sind die Angaben in den Musikgeschichten, daß Kreutzer 1782 geboren sei, zu berichtigen. 351. die Medizin oder die Jurisprudenz zu studiren. Im Jahre 1800 starb der Vater. Von dem Vormunde wußte es Kreutzer, den nunmehr keine Pietätsrücksicht mehr band, hsrauszuschlagen, das; er sich ganz der Musik widmen durfte. Die nächsten drei Jahre 1801—1803 brachte er, lediglich seiner Ausbildung obliegend, in verschiedener; Städter; der Schweiz zu. Erst nachdem er glauben durste, gehörig vorbereitet und geschult, auch im Dirigiren ri. A. nicht mehr ungeübt zu sein, erfüllte sich irn Jahre 1804 sein Lieblings- wunsch, Wien, die hohe Schule der Musik in jenen Tagen, zu besuchen. Mit 90 Gulden in der Tasche machte er sich auf den Weg. Als er vor den Thoren der fröhlichen Kaiserstadt stand, hatte er nur noch wenige Gulden übrig. — Den Vetter, auf dessen verwandtschaftliche Gefühle er alle seine Hoffnung gesetzt hatte, konnte er nicht auffinden, denn derselbe war umgezogen. Völlig verlassen fund sich der junge Meister im Gewühle der Großstadt. Gleichwohl setzte er einen von seinen letzten Gulden daran, den „Axur" von Salieri zu sehen, der am Abend im Hoftheater gegcgen wurde, und siehe da, beim Ausgang aus den; Theater erwischte er den biederen Vetter und war so der nächsten Sorge um Unterkunft und tägliches Brod enthoben. An der Spitze der Künstlerschaft stand damals der ehrwürdige Erzvater der Wiener Musik Joseph Haydn. Um ihn gruppirte sich ein Kreis kleinerer, aber dennoch sehr tüchtiger Meister, welche in Haydn'S Stil komponirten, wie Gyrowetz, Wranitzky, Jgnaz Pleyel. Auf dem Gebiete der Oper waren diesem Kreise am nächsten verwandt Dittersdorf („Doktor und Apotheker") und Schenk („Dorfbarbier"). Mit diesen Meistern dürfte sich Kreutzers damalige Richtung und Begabung am meisten berührt haben. Allein auf dem Gebiete der Oper hatte Gluck ein neues Ideal aufgestellt, und die von ihm eingeschlagene Richtung vertrat sein Schüler Salieri mit unbestrittener Meisterschaft. Außerdem hatte der unvergeßliche Mozart Meisterwerke geschaffen, die alles Bisherige weit unter sich ließen, sowohl was Zauber der Schönheit, als was Tiefe und Kraft der Empfindung, Gewalt der dramatischen Charakteristik und Frische wie Lebhaftigkeit des Kolorits betrifft. Die Kenner- kreise endlich sammelten sich um den gewaltigen Beethoven, der die Musik eine völlig neue Sprache zu reden zwang, und der gerade damals in der Blüthe des Schaffens stand; es waren ja die Jahre, da die „Eroica" entstand, und da er den „Fidelio" schuf, da überhaupt ein Riesenwerk dem andern folgte. Da war es für Kreutzer nicht leicht, den seiner Begabung entsprechenden Raum zu gewinnen; zunächst gab es noch viel für ihn zu lernen. Er konnte leinen besseren Mentor gewinnen, als dei; trefflichen Johann Georg Albrechtsberger, welcher damals Kapellmeister an S. Stephan war. Mit voller Meisterschaft verband dieser Mann ein seltenes pädagogisches Geschick, das der Eigenthümlichkeit des einzelnen Schülers gerecht wurde. Durch Albrechtsberger wurde Kreutzer mit den Koryphäen der musikalischen Welt bekannt. Alle gewannen den bescheidenen und treuherzigen jungen Mann lieb. In Wien komponirte Kreutzer neben kleineren Kirchcnstücken ein Oratorium „MosiS Sendung", sowie mehrere Opern „Jerry und Vüthcly" (von Goethe), „Konradin von Schwaben", „Der Taucher"; auch der Entwurf zu der Oper „Aesop in Phrygien" soll aus dieser Zeit stammen. Uebrigens hatte er auch nicht viel Glück mit diesen Werke;;. Die Oper „Jerry und Bäthcly", welche am 19. Juni 1810 auf dem Theater am Kärnthncrthor aufgeführt wurde, gefiel nicht besonders; der „Konradin" bestand die Zensur nicht: der „Taucher" war zwar zur Aufführung vom Theater an der Wien angenommen worden, aber es kam nicht dazu. Kreutzer scheint das Gefühl gehabt zu haben, das; er in Wien vorerst nicht recht ankommen könne. Er verband sich daher mit dem Erfinder des sogenannten Pan-Melodikons, einer Art Harmonium, zu cinxr Konzertreise, welche durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich gehen, dem Künstler aber Gelegenheit geben sollte, sich beim musikalischen Publikum einzuführen. Die Reise aus welcher sich Kreutzer als Klavierspieler und Sänger reichen Beifall errang, brach in Stuttgart ab. König Friedrich von Würtemberg fand an dem Künstler großes Gefallen, ließ dessen Oper „Feodore" zur Ausführung bringen und ernannte ihn darauf zu»; Hofkapellmeister (1812). Nun begründete unser Meister einen 352 eigenen Hausstand, indem er sich mit einer Schweizerin, Anna Huber von Glattfelden bei Zürich, am 18. Oktober 1812 verehelichte. In der schwäbischen Residenz herrschte ein reges Interesse für die Kunst. 1807 bis 1810 war Karl Maria v. Weber als Gehcimsekretär des Prinzen Ludwig von Würtemberg daselbst gewesen, und in Ludwigsburg, der zweiten Residenz, lebte in der bescheidenen Stellung eines Hauslehrers bei der Familie Berlichingen der Dritte im Bunde: Friedrich Silcher. So haben die drei ersten Meister des Männergesangs eine Zeit lang fast nebeneinander gelebt, ohne daß Einer dem Andern damals nahe getreten wäre. Erst in den Zwanziger-Jahren berührte der Vater des Männergesangs, Hans Georg Nägeli, Stuttgart, um auch hier zur Pflege des Volksgesangs anzufeuern, und erst 1824 erstand der erste deutsche Männergesangverein, der Liederkranz zu Stuttgart. In Stuttgart brachte Kreutzer sein in Wien iomponirtes Oratorium „Mosis Sendung", sowie die Oper „Konradin von Schwaben" zur Aufführung. Außerdem mag er hier die Opern komponirt haben: „Die Alpenhütte", „Zwei Worte oder die Nacht im Walde", „Allimon und Zaidc." — Für Kammermusik komponirte er zwei Trios für Pianoforte, Flöte und Violoncello (op. 23) in L-clur und O-llur. Alle diese Kompositionen gewinnen durch Formgewandtheit und Glätte, durch Lieblichkeit und Gefälligkeit der Melodien, ohne eben durch Tiefe und Eigenthümlichkeit der Erfindung zu imponiren. Offenbar arbeitete Kreutzer viel zu rasch, und so findet sich neben viel Schönen: und Eigenen: auch viel Konventionelles, Vieles, was man ii: der Regel mit der Bezeichnung „Kapellmeistermusik" abthut. Dagegen betrat er die ihm eigene Bahn mit der Komposition der „Frühlingslieder" (op. 33) und der „Wanderlieder" (op. 34) von Ludwig Uhland, welchen drei Schiller'sche, etwas pathetisch gehaltene Gedichte (die Worte des Glaubens, Sehnsucht, Hoffnung) op. 32 und noch früher „drei Salomonische Lieder" von E. A. Tiedge op. 22 (mit Harfe) vorausgegangen zu sein scheinen. Ob der Komponist mit Uhland, für dessen Muse er so ganz besonders sich begeisterte, schon in Stuttgart in persönliche Berührung gekommen ist, wissen wir nicht zu sagen, es ist aber in hohen: Grade wahrscheinlich. Denn Uhland kau: ja wohl dann und wann von Tübingen nach Stuttgart herüber, und Kreutzer hat dem Dichter später ein Heft seiner Lieder gewidmet (op. 60). Auch Uhland hat den musikalischen Interpreten seiner Lieder hochgehalten. Können sie sich auch an Tiefe und Kraft der Konzeption nicht mit Liedern von Schumann oder Schubert messen, so gewinnen sie durch Lieblichkeit und Einfachheit der Melodik, gemüthvolle Auffassung und Sangbarkeit. Die Lieder „Lebe wohl, lebe wohl, mein Lieb", „So soll ich nun Dich meiden" in. den Wanderliedern sind bei aller Schlichtheit voll tiefer Empfindung und gehen, als echt vo'.ls- thümliche Weisen, zu Herzen. Unter den Frühlingsliedern spricht uns ganz besonders gleich Nr. 1 „O sanfter, süßer Hauch", ebenso Nr. 3 „O legt mich nicht inS kühle Grab" und das duftige „Saatengrün" warm an. Mit dem Tode des Königs Friedrich 1816 wurde Kreutzer, über den ein Korrespondent der „Allg. musik. Zeitung" (von 1816 S. 528) aus Stuttgart klagt: er sei zu lau und nachsichtig, wisse Einmischungen in sein Amt nicht gehörig zurückzuweisen, seiner Stellung enthoben. Er begab sich auf eine größere Konzertreise, auf welcher er Berlin, Dresden, Prag berührte. In letzterer Stadt brachte er eine lyrische Tragödie „Orestes" zur Aufführung. (Schluß folgt.) Qrigittal-SM'cttMäthsel. * Drei Sylben smd'tz: es mehret euer Gut, Wenn der Aecent aus meiner zweiten ruhtj Allein wenn ihn der Sylben erste hat, So nennt ihr eine wohlbekannte Stadt. Auslösung des Buchstabenrebus in Nr. 43: „Zwischenstation." Für die Redaction verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von vi-, M. Huttler. zur „Ailgsburger Po Leitung." Nr. 45. Samstag, 4. Dezember 1880. Nicht an die Güter hänge dein Herz, Die das Leben vergänglich zieren; Wer da hat, der lerne verlieren. Wer im Glück ist, lerne den L>chmerz. Schiller. Die Blume von Geitau. Eine Episode aus dem Kriege vom Jahre 1866 von Stein. (Fortsetzung.) In einem dieser Lagerstätten finden wir unsern Franzl wieder blaß und ermattet daliegen. Kaum hätte man diesen frischen, lebensfrohen Burschen wohl wieder erkannt, denn gar traurig schaute er vor sich hin, und wir kennen es in seinen Blicken an, daß nicht der Schmerz seiner Wunde allein es ist, der ihn drückt, ein anderer Schmerz, die Sehnsucht nach seiner Heimath und nach seinem geliebten Mädchen ist es, die ihn heftig gepackt hält. Wohl sind hier auch liebreiche Hände um ihn beschäftigt, und mitleidig blickte die sorgsame Pflegerin den schönen blaßen Jüngling an und reicht ihm tröstend den labenden Trank, und ein treuherziges „Vergelt's Gott" lohnte stets die aufopfernde Pflege. Eines Tages wurde ein Schwerverwundeter in die Nachbarsstätte Franzl's, welche bisher leer war, gebracht, und stöhnend und seufzend starrte er vor sich hin; er mag wohl auch wie so mancher seiner Leidensgefährten eine schwere Wunde erhalten haben, denn heftiges Fieber durchschäucrte seinen Körper. Schwarze Haare und Vollbart ließen die Blässe seines schönen nchnnlichen Gesichtes noch mehr hervortreten, und wenn ihn Franzl manchmal in seinem stummen Schmerze still beobachtete, sah er oft eine Thräne seinen Augen entrollen. Ein bayerischer Kamerad war dieser Nachbar nicht, das sah Franzl gleich im ersten Augenblicke, es mußte also wohl ein Preuße sein, da weder Oesterreichs! noch andere Soldaten aus deutschen Ländern als diese, und Bayern in den Kämpfen der letzten acht Tage betheiligt waren. Franzl machte sich nun bei Betrachtung seines Nachbars allerlei Gedanken und obwohl ein guter Bayer, so durch und durch weißblau, konnte er sich doch nicht eines schmerzlichen Gedankens einschlagen, und bei seiner ehrlichen altbayerischen Diplomatie widerstrebte es ihm, wenn er so auf seinem Lager ruhig nachdachte, und ein wenig sich auch in Politik vertiefte seinem natürlichen Gefühl, daß in dieseni' Kriege gerade Deutsche gegen Deutsche kämpften, warum denn nicht Deutsche gegen Franzosen oder andere fremde Völker. Wenn ihm auch, so sinnirte er weiter, die Pflicht gebot, als Soldat auf Befehl die Preußen todt zu schießen, so konnte er sie im Grunde doch nicht als Feinde betrachten, zumal den armen Verwundeten, er war ja auch ein braver Soldat der seinen Pflichten nachkam, also Kamerad und Kamerad bleibt der Soldat ob im Felde oder in der Garnison; und erst im Lazareth wo Freund und Feind friedlich nebeneinander gebettet sich treuherzig die Hand reichen, und Frieden schließen, der länger dauert, als der ewige Friede den die Herren Diplomaten in ihren Friedensverträgen stets als ersten Artikel obenanstellen. 354 — Mitleidig und theilnehmenb begegneten sich oft die Augen der beiden Nachbarn, und man sah es ihnen an, wie gerne ein jeder von ihnen den Anfang zu einer Frie- densstipulation gemacht hätte. Noch kam aber kein Wort über die Lippen des verwundeten Preußen, und auch wenn die Aerzte seinen rechten Fuß, der nur mehr ein Stummel war, verbanden, waren es nur unverständliche Laute, die Franz! vernahm, ob es Schinerz, oder der Ausdruck eines andern Gefühls war, konnte er nicht unterscheiden; doch glaubte er, daß es weniger Schmerzenslaute waren, da der Zustand des Preußen sich allmählig besserte, und er ihn oft freundlich lächeln sah, wenn ihm von liebreicher Hand Erfrischungen oder gar eine Cigarre gereicht wurde, denn leidenschaftlich gerne rauchte unser Nachbar. Dieß gab nun, da Franzl auch schon hie und da rauchen durfte, Veranlassung zu einer längst gewünschten Annäherung. Lächelnd sahen sie sich nun einmal eines Morgens an, und Franzl begann die Unterhaltung: „Schmeckt s'Cigarl Kamerad? gel wennst nit raucha kunnst, da wars bald vorbei" — ein lächelndes Kopf- schütteln war die stumme Antwort des Kameraden — „na moant er, und schüttlt gar mit'n Kopf, und da rächt er den ganzen Tag wie a Kohlhaufa" — sagte Franzl verwundert für sich, und die Unterhaltung war für diesen Tag wieder geschlossen. Des andern Morgens machte Franzl abermals einen Versuch zu einer Conversation, und begann mit einem freundlichen „Guat'n Morgen Kamerad, hast heut Nacht sakrisch guat g'schlaf'n, dös gfreut mi, daß Dir besser geht." — „Nix Deutsch, war die Antwort des Verwundeten, Polnisch-Kron (Coronow Provinz Bromberg an der Brahe) — Kamerad Bayer — Kissing" — hier machte er die Bewegung eines Bajonnetstiches und zeigte auf seinen Fuß. Jetzt ging unserm Franzl plötzlich ein Licht auf, die Physiognomie des Verwundeten, der schwarze Vollbart, das „G'schaug" und der Fuß — alles stimmte zusammen, unser Nachbar war kein anderer, als der Soldat, der auf dem Kirchhofe in Kissingen im Handgemenge den mörderischen Schlag gegen den Offizier führte, und dem Franzl gerade noch zur rechten Zeit, als Lebensretter des Offiziers mit seine»: Bajonnet die Verwundung beibrachte, die dem einen Preußen das Bein kostete. „Armer Potlak" sagte Franzl, und reichte dem Verwundeten die Hand — „wenn Du gewiß der g'wes'n bist, der mein Herrn Lieutenant hat umbringn woll'n. so verzei mir's, denn nacha bin i der boarisch Soldat g'wes'n der Dir den sakrischen Banganetstich geb'n hat, g'seg'n hab i's in der Wuath nit, wo i hintroffa hab, und jetzt bin i schuld, daß Du auf a so a elendi Weis um Dein Fuaß komma bist." Unser Pole verstand natürlich von all dem kein Wort, nur ein schmerzliches Lächeln verzog sein bleiches Gesicht, doch als Franzl sich bemühte, durch Geberden ihm verstehen zu geben, daß er derjenige sei, der ihn verwundete, um seinen, Offizier das Leben zu retten, und als endlich sein Nachbar durch die verschiedenen Gestikulationen die Franzl machte, und die mitunter' recht Komisch waren, zu begreifen anfing, daß er auch seinen Feind vom Kirchhof in Kissingen als Nachbar habe, reichte er ihm von seinem Bette aus die Hand hin, und aus den Worten die er an Franzl richtete, konnte derselbe nichts verstehen, als hie und da den Ausruf des Verwundeten „brav Soldat, gut Kamerad!" — Eine solche Annäherung seines noch vor wenigen Tagen so erbitterten Feindes hatte Franzl nicht erwartet, und gerührt rief er auS: „O wie reut mi dös, daß i den armen Kerl so zuagricht hab, a oanziga Stroach mit meiner Faust hätt a scho glänzt, den niederz'schlag'n, und dös hätt' am grad nit so viel thoa, aber sei' Füaßl, sei' Füaßl hat er durch mi einbüßt, und dös reut mi so lang i leb. Schau ^chau, hat's d' Leni oft g'sagt, wie i fort ganga bin, Franzl Franzl", hats g'sagt, „sei koa so wilder Bua, und bring nit alle Preuß'n auf oamal um, hat a vielleicht oana was Liebs z'Haus", und do hab i mi nicht holt'n könna, — aber i hab halt mei Pflicht und Schuldigkeit Iho müaß'n als a braver Soldat, und davokomma werd er do und nache will i's am rvieda guat mach«. — So hielt Franzl sein Sermon ganz laut vor sich hin, und sein Nachbar hörte ihm aufmerksam zu, und wenn er auch kein Wort der ganzen Rede verstand, so nickte er doch öfters voll Rührung dem so jammerden Kameraden zu, als ob 355 — er den Sinn seiner Rede verstanden habe, und unterbrach ihn nur manchmal mit dein Ausrufe: „braver Bayer!" Ungeachtet keiner von beiden des andern Muttersprache verstand, der Freundschastsbund war doch geschlossen, Friede auf einige Zeiten! — Mächtig wirkte dieser Umstand auf unsere beiden armen Verwundeten, denn rasch schritt die Genesung bei den noch in ihrer Jugcndbluthe stehenden Soldaten vor, wozu ihre jetzt erleichterte Gemüthsstimmung, und der heitere Sinn unseres Landsmanncs aus den bayerischen Bergen, der sich allmählich wieder einstellte, nicht wenig beitrug. Er dachte hin lind her, wie er denn den ganzen Vorfall seiner Leni mittheilen könnte, da er noch immer im Bette liegen mußte, und nicht im Stande war, selbst zu schreiben. Unter den vielen Lhcilnchmendcn und aufopfernden Pflegerinnen Würzburgs, die täglich das Lazareth im Bahnhof besuchten, war auch eine junge Dame, aus einer der ersten Familien der Stadt, die ein besonderes Wohlgefallen an der Treuherzigkeit und Dankbarkeit unseres LandSmanues, mit der er jede milde Gabe aus ihren Händen empfing, hatte, und insbesondere Freude und Interesse zeigte, wenn Franzl ihr von seinen schönen Bergen erzählte. Auch das Geheimniß seines Herzens vertraute er seiner theilnehmenden Pflegerin an, und nun war das Interesse der jugendlichen Dame noch ein viel größeres. Hatte sie ja doch schon Vieles gehört und gelesen von der Poesie des GcbirgslcbcnS, und von manch romantischer Liebe dieses Bergvölkleins. War's Wunder, daß sie um so mehr an dem blonden Sohn der Berge Interesse gewann, und gerne und willig war sie bereit, auf seine Bitte, sie möge in seinem. Namen an seine Leni ein Vrieflein schicken, einzugehen. Mit einigen Worten schilderte sie nun den ganzen Verlauf der Geschichte vom Gefechte in Kissingen, von der Tapferkeit Franzls, dessen Verwundung, Bekanntschaft und Freundschaft mit den preußischem Soldaten, und als sie den Brief vollendet hatte, und denselben Franz! vorlas, brach er in Thränen der Rührung aus, und dankbar ihre feine Hand drückend, meinte er: „so schon wenn halt meine Leni schreiben könnt', grad als wie druckt! ja wenn nur der Preuß den Brief a les'n konnt', aber der arm' Kerl versteht ja nix deutsch." — Doch er merkte wohl auf, als das Fräulein den Brief Franzl vorlas, und als ob er's verstände, nickte er oftmals mit dem Kopse, und rührend war es, als auch er seinen Dank ausdrückend, dem Fräulein die Hand drückte. — Lange dauerte es bis Leui's Antwort auf diesen Brief eintraf, waren ja damals die Postverbindungen, da die Kämpfe am Main noch immer fortdauerten oftmals unterbrochen und gestört. Während dieser Zeit aber schloß sich das Freundschaftsbündniß unserer zwei Verwundeten im Lazareth in Würzburg immer fester, und komisch war es, wie Franzl seinem Kameraden nach und nach die deutsche Sprache, natürlich in seiner altbaycrischen Manier beibrachte, und schon wurde ihre Unterhaltung täglich eine lebhaftere, und allmählig entnahm Franzl, daß der Preuße, welcher Nikolaus Jaroezyn hieß, und aus Polnisch-Kron, einem Städtchen der preußischen Provinz Bromberg, in Posen zu Hause war, armer schon längst verstorbener Eltern einziger Sohn sei. Während nun Franzl seinen Kameraden in der deutschen Sprache fortwährend unterrichtete, und der Brief seinen Laus auf der Post machte, wollen wir einen kleinen Abstecher in das stille Aurachthal nach Geitau machen, und besuchen an einem schönen Augustmorgen die Alm, wo Leni in der Einsamkeit unter ihren stummen Pslegbefohlenen als brave und fleißige Sennerin hauste. Seit dein traurigen Abschied von ihrem Franzl schien auch sie alle Heiterkeit verloren zu haben, und nur die Arbeit deren auch sie sich, wie Franzl seiner Pflicht hingab, war ihr wohlthuende Zerstreuung und Trost in ihrem einsamen Almenleben, und sie war mit ihrer Einsamkeit um so mehr zufrieden, als dieselbe in jenem Sommer leine Besuche städtischer Gebirgsbumler störten, da wegen des Krieges die Sommerfrischler im Gebirge sich wenig zeigten. So schaffte denn die Blume von Geitau unter ihren Schwestern, den Alpenröslein, fleißig von früh bis Abends, wo sie dann zuweilen mit einigen Kamrädinen der nächsten Almen in traulichem Gespräche heimgartete. Natürlich drehte sich die Unter- — 356 Haltung stets nur um den Krieg, ihre Politik erstreckte sich jedoch nie weiter als bis zu ihrer Liebe, und ihrem Franzl. Mitunter wurde auch zur Cither manch Liedlein gesungen aber kein lustiger Jodler schloß die Strophe, auch kein Heller Jauchzer schallte von den Bergen, wenn Abends die sonst so lustigen Sennerinen vor ihren Hütten saßen. Eben hatte Leni mit ihrer Freundin der Bartenhauser Rest die letzte Strophe des Liedes beendet: «Wie hat ma sonst 's Herz klopft, vor Lust und vor Freud „Aber jetzt is mei Bua fort, mei Franzl soweit «Und ohne ihn kann i gar nie glückt, wer'», „Drum scheint mir koa Sauna, drum leucht mir koa Stern" als sie plötzlich aufsprang, und zu ihrer Freundin sagte: „I moa da kimmt ja gar der alt Fischerlenzl mit seine Krax'n no aufi zu uns, was will do der no so spat, ebba gar an Butter hol'n, und i hab heut no gar nit ausgrührt." — „A mei", moant Nesei, auf d'Nacht holt der Lenz! koan Butter mehr, vielleicht hat er gar a Botschaft vom Franzl, was gilts, er bringt Dir a Briefei, hast ja scho lang nix mehr von eam g'hört, dem arma Narr'n." „Sei stad Resei, und mach mir koan Schreck«, es werd eam do nix passirt sei' mir hat so heut Nacht träumt, i hab'n lieg'n seh'n, ganz blaß in seiner Kammer!" Während dieses Gespräches kam der alte Fischerlenzl zur Sennerhütte, und mit einem „Gelobt sei Jesus Christus" begrüßt er die beiden Mädchen. „WaS bringst denn heut no Lenz, daß Du so spat gen Alm kämst?" redete ihn Leni, die ihre Ungeduld nicht mehr bemeistern konnte, freundlich an, — „werd do dahoam nix g'scheg'n sei, so viel derschrickt mi dei Hoamgascht (Heimgarten) auf d'Nacht." — „Dös grad nit" erwiederte der Alte, und klopft sein Tabakspfeifchen auS — „an Gruß soll i ausricht'n vom Vota und der Muatta, und da hab'ns ma a Briefei mitgeb'n, dös heut z'Mittag der Omnibus von Schliersee mitbracht hat, es scheint sie nit grad her, als wars vom Franzl weil 's Papier so viel sei, und d'Ueberschrift so schulg'recht is, aber do scheint er mir a Soldatenbrief z'sein, wei koa Vriefmark'n nit drob'n is, und er a nix kost, wie der Vota g'sagt hat." — Hastig nahm Leni den Brief an sich, und von einer bangen Ahnung ergriffen, betrachtete sie die ihr gänzlich unbekannte Handschrift der Adresse, welche lautet: An Jungfrau Magdalena Gschwendtner, Eckardsbauerntochter in Geitau, Post Schliersee, bayer. Feldpost. „Heilige Mutter Gottes von Birkenstem, dös is an Franzl sei Schrift nit, werd eam do nix g'scheg'n sei' — Resl, i trau mir den Brief gar nit aufz'macha, die Angst bringt mi um." — Resl, die längst in die Herzensgeheimnisse ihrer Freundin eingeweiht war, nahm ihr tröstend den Brief aus der Hand, und kaum hatte sie ihn geöffnet, rief sie „Lenerl sei stad. Dei Franzl lebt no, da stehts ja scho g'schrieb'n, paß auf": „Heißgeliebte Leni!" Mache Dir keine Sorgen, ich lebe, und bin gesund, und gedenke Deiner in weiter Ferne. Deinen letzten Brief, den ich am 9. Juli richtig erhalten habe, konnte ich Dir nicht beantworten, denn am Tage darauf mußte ich in aller Früh mit meinem Bataillon nach Kissingen abmarschiren, und wurde sogleich mit einer Recognoscirungspatrouille beordert gegen die Preußen zu marschircn. Wir waren kaum ^ Stunde außerhalb der Stadt, so kamen wir schon mit dem Feinde zusammen, und von beiden Seiten ging das Feuern los. Da wir zu wenig waren, mußten wir uns bald zurückziehen, und kamen wieder zu unserm Bataillon,- und zur ganzen Division. Die Preußen rückten auch mit einer Division immer näher heran, und es kam zu einem heißen Kampf, bei dem ich tapfer mitfocht. Eine Abtheilung meines Bataillons und eine Compagnie des 11. Infanterie-Regiments besetzten den Kirchhof in Kissingen den wir mit Grabsteinen wohl zu verrammeln suchten, während links davon das 15. Jnfant.-Reg., das 7. Jägerbataillon und eine Abtheilung unseres Bataillons stand. Hier nun ging es hitzig zu, und wir 357 wollten unsere Stellung am Kirchhofe um keinen Preis aufgeben. Mitten im stärksten Gefechte sah ich, wie ein Preuße gerade mit seinem Gewehrkolben auf einen von unsern Offizieren einen mörderischen Schlag führte; gottlob war ich zur rechten Zeit da, und mit einem heftigen Vajonnetstich streckte ich den Preußen nieder, und mein junger Herr Lieutenant war gerettet. Aber in demselben Moment spürte ich auch einen heftigen Schlag, und bewußtlos sank ich um. Als ich wieder zu mir kam, lag ich im Feldspitale zu Nüd- lingen, mit einer Schußwunde in der Seite, doch sagte mir der Arzt, daß sie nicht gefährlich sei, und ich mit dem Leben davonkomme. Da das Spital aber bald zu voll von Verwundeten wurde, brachte man mich hieher nach Würzburg in das neu hergerichtete Lazareth im alten Bahnhof, wo ich wie im Himmel zu sein glaube. Du brauchst also, herzliche Leni, gar keine Sorgen um mich haben, und bald hoffe ich nach Hause zu kommen. Eigenhändig kann ich Dir nicht schreiben, und ich habe demnach ein Fräulein, die mich mit andern wie eine barmherzige Schwester pflegt, gebeten, dieses an Dich zu schreiben, was sie, indem ich ihr den Brief angab, mit Freuden gethan hat. Noch muß ich Dir mittheilen, daß der nemliche Preuße, der auf dem Kirchhofe in Kissingen dem bayerischen Offizier den tödtlichen Stich geben wollte, und den ich dann mit meinem Bajonnet niederstieß, jetzt mein Nachbar im Lazareth ist; ich habe ihn in den rechten Oberschenkel getroffen, dem armen Menschen mußte aber der Fuß abgenommen werden. Er ist aus Polnisch-Preußen und heißt Nikolaus Jaroczyn; wir sind die besten Freunde geworden, und obwohl er kein Wort Deutsch versteht, verstehen wir uns doch ganz gut. Er ist ein reckt guter Mensch, und hat Niemand mehr auf der Welt, der sich seiner annimmt, wenn er in seine Heimath nach Polnisch-Kron zurückkehren muß. Jetzt herzliebes Lenerl habe ich Dir vorläufig Alles erzählt, wie es mir gegangen hat. Habe nur keine Sorgen, und denke immer in Treu und Lieb' an Deinen Würzburg, den 3. August 1866. (Fortsetzung folgt.) dichliebenden Franz Bachhuber. Konradin Krerrtzer. (Schluß.) Das Jahr 1817 brachte dem Meister wieder eine feste Anstellung. Fürst Kar^ Egon von Fürstenberg ernannte ihn zu seinem Hofkapellmeister. Dieser Fürst, ein geistreicher, lebhafter und edelgesinnter Mann, verstand es, in'seiner kleinen Residenz, dem Städtchen Donaueschingen, im badischen Schwarzwald, ein frisches Geistesleben zu entfalten. Krentzer, der vielgewnndte Komponist, Dirigent und Organisator, sollte insbesondere die Musik auf die Höhe bringen. Von Amtswegen hatte er die Kirchenmusik, das fürstliche Orchester und die Aufführung von Operetten und Singspielen zu leiten. In Wirklichkeit aber hatte es Kreutzer sehr wesentlich mit Dilettanten zu thun, die er sich für den einzelnen Fall erst tüchtig Herschulen mußte. Es war dies einerseits eine höchst dankbare Aufgabe; Kreutzer verstand es, Feuer und Zug in die Sache zubringen, er besaß die nöthige Ausdauer und Geduld, war eine den Bedürfnissen des gebildeten Dilettantismus freundlich entgegenkommende, liebenswürdige, behagliche Persönlichkeit; kein Wunder, daß er in den Gesellschaftskreisen der kleinen Residenz den Mittelpunkt bildete und, als der Unentbehrliche, tüchtig verhätschelt wurde. Andererseits aber fühlte sich Kreutzer doch allzusehr abgeschnitten von der Berührung mit dem musikalischen Leben seiner Zeit. Einmal achtete er sich selbst nicht für reif und fertig genug, um der Anregung, Auffrischung und Bereicherung von außen entrathen zu können, sodann sagte ihm ein richtiger Instinkt, daß er in der That, nach der ganzen Art seiner Anlage, einer gewissen Anlehnung an Andere bedürfe. Er erbat sich 1821 längeren Urlaub, 1822 die Entlassung und erhielt in Wenzel Kalliwoda einen Nachfolger. In Donaueschingen hat 358 Kreutzer jedenfalls fleißig kornponirt, die Verhältnisse schon- forderten dies von ihm. Was er geschaffen hat und in welcher Reihenfolge, läßt sich nicht genau bestimmen, da die Opuszahl auf seinen Werken nur die Reihenfolge der Veröffentlichung bezeichnet, die keineswegs immer mit derjenigen der Entstehung harmonirt und überdies nicht zuverlässig ist, wie z. B. »x. 50, 70, 70 u. a. verschiedenen Publikationen gegeben ist. Doch dürfte» wir kaum fehlgreifen, wenn wir in die Zeit der Wirksamkeit KrcutzerS in Donaueschingcn die Entstehung derjenigen Werke verlegen, welche durch ihre ganze. Anlage andeuten, daß sie dem Bedürfniß eines vcrhültuißmäßig weit geförderten Dilettantismus zu dienen bestimmt waren: die sechs Piecen für Pianoforte mit Begleitung der Flöte oder Violine op. 31, die 6 vierhändigen Stücke für Pianoforte vpr. 34 *)', die Konzertsonnte für Flöte und Pianoforte o;>. 35, das Divertissement für Pianoforte, Flöte, Hautbois, Fagott und Kontrabaß ox. 37, die Variationen für Klarinette (welche er selbst vorzüglich blies) mit Begleitung von 2 Violinen, Viola, Baß, 2 Hautbois, 2 Hörnern und Kontrabaß ox. 36; ein Trio in Lsäur für Pianoforte, Klarinette und Vasson (o^. 43), 2 Konzerte für Pianoforte mit Begleitung des kleinen Orchesters op. 50**); für Gesang: zwei Romanzen aus Raupachs „König Enzio" op. 40, drei Duetten für 2 Soprane up. 41 (wenn nicht in Stuttgart komponirt), vielleicht auch die „Solos" für das Pianoforte (ohne Opuszahl) und ohne Zweifel eine Reihe seiner besten Lieder für Männerchor. — In allen den genannten Werken für Kammermusik entfaltet Kreutzer eine ansprechende Melodik, einen gewissen Reichthum brillanter Figuration, die doch nicht allzu hohe Anforderungen an die Ausführender: stellt, und eine angenehme Abwechselung in den Formen, so daß sich diese Werke auch jetzt noch als recht angenehme Hausmusik für Dilettantenkreise empfehlen. Erhebt sich diese Musik auch kaum über das Gute der zeitgenössischen Meister zweiten Rangs, so ist sie doch durchaus tüchtig, gesund und jedenfalls ansprechend und fördernd. Kreutzer reiste von Donaueschiugen zunächst nach München, wo er eure seiner Opern („Acsop in Phrygien"?) zur Aufführung brachte. Der Dankbarkeit und Pietät gegen den Fürsten Egon gab Kreutzer noch späterhin Ausdruck, indem er ihm daS Heft op. 78 („Würde der Frauen") und die „Gesänge aus Goethes Faust" widmete. Unter diesem Titel gibt Kreutzer eine Art Faustmufik. Die Goethische Dichtung wird wie eine Art Singspiel, stellenweise säst wie eine Spieloper ernsten Charakters behandelt. Ein ^ckuglu von nur 30 Takten leitet die Tragödie ein; dann schweigt die Musik, um erst wieder mit den Ostergesängen einzusetzen, die nichts weniger als streng kirchlichen Charakter tragen, aber auch keineswegs unwürdig, dabei äußerst sangbar und ansprechend sind. Der Spaziergang bringt ein stimmungsvolles Bettlerlied, einen frischen Soldatenchor, dann das Lied „Der Schäfer putzte sich zum Tanz." Während Kreutzer bis daher die Musik bescheiden hinter der Dichtung zurücktreten läßt, räumt er ihr von jetzt an mehr Raum ein; den in sein Studirzimmer zurückgekehrten Faust läßt er die Worte: „Verlassen hab' ich Feld und Auen ec." singen, die Geisterchöre runden die Szene ab. Die Scene in Arierbachs Keller bringt das Lied von der Ratte und das das Floh-Lied in ganz eigenartiger Auffassung. Gretchen ist von der Musik besonders reich bedacht, rechts als eine musik-umflossene, duftige Gestalt. Eine Reihe von Scenen (auf der Straße, in Grethchens Kammer, im Garten, am Brunnen, im Zwinger, vor Grethchens Thür), welche der Dichter für das gesprochene Wort bestimmt hat, kleidet Kreutzer in Töne. Mit der Scene im Dorn und dein Dias irno schließt er ab. Die Musik steht nicht auf der Höhe der Dichtung, sie ist einfach und volksthümlich. Die ganze Auffassung, des Faust gemahnt an die Weise, wie sich Kreutzer in dem liebenswürdigsten seiner Werke gibt, im „Verschwender". Von München wandte sich Kreutzer nach Wien. Am 4. Dezember 1822 brachte er die „romantische Oper Libussa" (Klavierauszug ox. 48) zur Aufführung. Dieses Werk, welches über eine Reihe von Bühnstt -') Die Bezeichnung op. 34 tragen auch die „Wanderlieder" (1. Folge). Dieselbe Opuszahl trägt der Klavierauszug vorn „Taucher." 359 ging, machte Kreutzer zürn berühmten Mann und trug ihm die Stelle eines Kapellmeisters am k. k. Hofoperntheater (Kärntherthor-Theater) ein. Es folgten nun rasch aufeinander die Musik zu dem nordischen Märchen Sigune (1823), die ländliche Szene: „Erfüllte Hoffnung" (1824), eine Hymne auf die Genesung des Kaisers (1826) und eine komische Oper: Die lustige Werbung." 1827 verließ der unruhige Geist Wien, um sein Glück i in Paris zu versuchen. Aber seine Oper „O'uau clo In zouvennnoo" machte dort kein ^ Glück. Gerne kehrte er 1828 wieder in seine alte Stellung nach Wien zurück, die ihm doch zum Mindesten eine sorgenfreie Existenz gewährte: er hatte 3000 fl. Gehalt und 1000 fl. Bensfizantheil. Mit neuer Schaffenslust ging er hier ins Zeug; Oper folgt aus Oper („Das Mädchen von Montfermeuil", „Baron Luft", „Die Jungfrau", „Der Lastträger an der Themse), bis er mit der von Grillparzer für keinen Geringeren als Beethoven gedichteten romantischen Oper „Melusine" zum Josefstädter Theater übertrat. Für diese Bühne schuf er in glücklichem Wurfe seine Meisterwerke auf dem dramatischen ! Gebiete: „Das Nachtlager von Granada" (1834) und die Musik zu Raimunds Zauber- ' spiel „Der Verschwender." Der Form nach eine Oper,'ist der Sache nach das Nacht- , lager ein echt deutsches Singspiel in erneuerter und vertiefter Gestalt. Der unverwüst- ^ liche Zauber und die nie versagende Anziehungskraft, welche diese liebenswürdige Oper ausübt, liegt viel weniger in dem „Dramatischen" der Musik, als in dem überraschenden Reichthum an gemüthvoller, frischer Liedmelodie. Von der Musik zum „Verschwender" sagt W. A. Rieht mit Recht, in dieser Musik (man denke an das Hobellied l) zeige sich Kreutzers Muse von der liebenswürdigsten Seite. Wohl schuf Kreutzer in Wien noch manche Oper („Tom Rick" 1834, „Der Bräutigam in der Klemme" 1835, „Die Höhle von Waverley" 1837, „Fridolin, oder der Gang nach dem Eisenhammer" 1837, „Die ^ beiden Figaro" 1839), aber so wie mit dem „Nachtlager" glückte es ihm mit keiner mehr. Daneben entstanden eine Reihe von Kammer- und Salon-Musikwerken und frischen H Liedern (eine Phantasie über eine Schweizermelodie kür Pianoforte op. 55, vierhändige Märsche, eine vierhändige Sonatine op. 61, eine Poloimmo brillnnto für Pianoforte op> 67, 6 Phantasien für Pianoforte op. 76, ein vierhändigeS lionclonu brillant op>. 68: Lieder und Romanzen von Ludwig Uhland op. 60, 64, 70 und 76; „Waldlieder"» „3 Lieder von Julius Mansfeldt; endlich für den Männerchor: op. 80 „Sechs ländliche Gesänge" von W. Müller; op. 85 „Sechs Quartetten", op. 88 „6 Lieder und Chöre" von Stieglitz; op. 98 „Tafelgesänge"; op>. 89 (?) „12 Gesänge von Peppert"; vp. ? „Sechs Gedichts" von M. Hessemer). Das häusliche Leben des Meisters war nicht arm an Sorgen. Schon im Jahre 1824 verlor er das Weib seiner Jugend. Sie hatte ihm am 21. Juni 1820 ein Tüchterchen Anna Wilhelmine Cäcilie geschenkt. In Anna von Ostheim (geb. 25. Febr. 1803) fand er eine zweite Gattin, mit welcher er sich am 1. Sept 1825 auf dem Rittergut Weiß-Oelhüttcn vermählte. Sie hat den Gatten überlebt und seit 1853 bei dem Schwiegersöhne, Fabrikanten Winkler in Dresden, eine neue Hcimath gefunden. Aüch sie schenkte dein Meister ein Töchterlein Marie (geb. 4. Okt. 1828), das, wie das ältere Töchterlein, den Vater durch große musikalische Begabung erfreute, weßhalb Kreutzer Beide zu Sängerinnen ausbildete. Wie es kam, daß Kreutzer, schon nahe den Sechzigern, seine so schöne und gesicherte Stellung in Wien aufgab und abermals auf Reisen ging, ist nicht aufgeklärt. 1839 legte er sein Amt > nieder und begleitete seine Tochter Cäcilie auf einer Kunstreise, um dieselbe in die Kunst- ^ Welt einzuführen. Ein gütiges Geschick fügte es, daß Vater und Tochter schon 1840 feste Stellung an einer und derselben Bühne gewannen, am Stadttheater in Köln. Hier feierte er als Dirigent des 23. rheinischen Musikfestes einen herrlichen Triumph. Intriguen aber nöthigten ihn, schon 1841 den Dirigentenstab niederzulegen. Abermals beginnt das Wanderleben. Eine neue Oper, „Der Edelknecht", in welcher ein Einfluß der Auber-Meyerbeer'schen großen Oper nicht zu verkennen ist, dirigirte er in Wiesbaden, ohne daß dieselbe einen durchschlagenden Erfolg gehabt hätte. Ganz vergessend, daß für ihn die Lorbern auf dem Gebiete der gemüthvollen Liedweise und des echtdeutschen Sing- spiels wuchsen, verlangte sein Ehrgeiz nach dem Beifall der großen Oper in Paris. Er trat mit Scribe in Verbindung wegen eines Operntextes, reiste selbst dreimal nach Paris (1843, 1844, 1845), ohne einen wesentlichen Erfolg verzeichnen zu dürfen. In Gent dirigirte er eine seiner Opern, fungirte auch daselbst bei einem Sängerfest als Preisrichter. In Graz, wo wir ihn 1846 finden, ereilte ihn die Nachricht, daß die neueste Oper, welche der rastlos arbeitende Meister während des unruhigen Wanderlebens geschaffen hatte, die „Hochländerin", vom Stadttheater in Hamburg znr Aufführung angenommen sei; zugleich erhielt er die Aufforderung, selbst nach Hamburg zu kommen, die Oper einzustudiren und aufzuführen. Der glänzende Empfang, der in der alten Hansestadt dem 66jährigen Sängermeister bereitet wurde, die begeisterte Aufnahme, die sein Werk am 22. November 1846 fand, es war der letzte Sonnenblick auf seiner Künstlerlaufbahn! Abermals setzte -er den Wanderstab weiter als Beschützer und Führer seiner zweiten Tochter. Sein Weg führte ihn nach Riga, wo seine Tochter am deutschen Theater Stellung gefunden hatte. Treulich wachte der besorgte Vater über seinem Kinde; in keiner Vorstellung, wo sie auftrat, fehlte der ehrwürdige Herr. Bei der Umarbeitung seiner „Hochländerin" und des „Konradin von Hohenstaufen" sollen ihn Ahnungen des nahenden Feierabends überkommen haben. Am 14. Dezember 1849 ereilte ihn ein Schlagfluß. Ferne der deutschen Heimath fand der deutsche Liedermeister seine letzte Ruhestätte. Die deutsche Liedertafel zu Riga gab ihm das Ehrengeleits und sang an seinem Grabe. Daß der fleißige Meister nicht aufgehört hat zu arbeiten, bis der Tod ihm die Feder aus der Hand nahm, bezeugen die vielen Veröffentlichungen, die in seinen letzten Jahren erfolgten. Aus den beiden Opern „Der Edelknecht", „Die Hochländerin" erschienen mehrere Liederhefte op. 101, „Sechs Gesänge", „Das Schloß am Meer" <>1>. d, Zwei Lieder: „Seelendrang", „Das Lächeln unter Thränen" «zu ?, Drei Duette op. 114, „Rastlose Liebe" c>p. ? „Vier Lieder" op. ?, „Zwei Lieder", „Glöck- lein"; in der Süngerhalle: „Einst", „Jägerlust und Jägerlied" und 6 Charakterstücks für Orchester unter dem Titel: „LntrsacllaiS <>p. 110, die, weil glatt und leicht ausführbar, sich für Dilettantenorchester empfehlen. Die Krone seiner Werke sind und bleiben die 134 Gesänge für den Männerchor. Seine Opern sind mit Ausnahme des „Nachtlagers" fast vergessen. Was diese letztere Oper so frisch erhält und ihr immer wieder die Liebe des Volkes gewinnt, ist der Reichthum an gemüthvoller Liedmelodie. Seine Kammermusik, so viel Erfreuliches und Erfrischendes sie bietet, ist vielleicht auf die Seite gelegt worden. Denn so glatt und gefällig seine Sachen gearbeitet sind, die Formen sind zu weit und zu groß, die Individualität vermag sie nicht ganz zu erfüllen. Wo aber Kreutzcr wie beim Lied genöthigt war, die schaffende Phantasie beisammenzuhalten und auf einen engen Raum zu konzentriren, da gelangen ihm wahre Kabinetsstücke. Die Stadt Meßkirch hat schon vor Jahren beschlossen, ihren Sohn durch ein würdiges Denkmal zu ehren, und sich mit der Bitte um Beiträge an die deutschen Sänger gewandt, die ja dem Meister so manche Weihestunde verdanken! Bis jetzt sind erst 4500 Mk. vorhanden; davon gaben die Bürger von Meßkirch allein 1000 fl., die Deutschen in New-Iork 1600 fl>; das klebrige kommt meist von kleinen Vereinen. Mochten diese Zellen dazu beitragen, das Andenken an den liebwerthen Liedermeister aufzufrischen! — M i s c e l l e n. (Patriotismus.) „Meyer, wofür haste denn bekommen den Orden, was Du jetzt immer trügst." Meyer, will ich Dir sagen warum. Weil ich mir bei der Revolution so gcforchten hab'." Saphir sagt: „Frauen und Lichter gleichen sich darin, daß beide oft für einen Andern brennen, von welchem sie geputzt werden.". Für die Redaction verantwortlich: Alpbons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des litterarischen Instituts von Dr. M. Huttler. Nr. 46. 1880. zur „Ängslmrger Po Leitung." Mittwoch, 8. Dezember »- Wachse grade für dein Theil, Oder werde krumm gezogen; Grade dienest du zum Pfeil, Krumm vielleicht zum Bogen. Friedrich Rückert. Die Blume von Geitau. Eine Episode aus dem Kriege vom Jahre 1866 von Stein. (Fortsetzung.) Mit Thränen in den Augen vor Freude und doch wieder vor Sorge über ihren Liebsten blickte Leni auf diese einfachen Zeilen, die eine liebevolle Hand für ihren Franz! geschrieben hatte, als Nest, die noch den Brief in der Hand hielt auf einmal rief, „holt Leni, auf der entern Seit'n steht a no was" — und weiter zu lesen begann. „Meine liebe Leni! Sei unbesorgt um Deinen Franz, er ist in bester Pflege, und bald wirst Du ihn sehen. Ich nehme herzinnigen Antheil an Eurem Geschick und hoffe Dich in Deinen schönen Bergen auch einmal besuchen zu können. Du hast an Franz ein treues Herz gefunden, und der Himmel segne eure Liebe. Ich grüße Dich herzlich Helene Freun von N." „Ja wie is mir denn!" rief Leni bei diesen Zeilen, die Rest mit gerührter Stimme las — „ja wie is mir denn, a so a nobligs Fräula im Spital als Barmherzige, und Leni hoaßts a, als wie i, aber Helene! Dös muaß ja mein Franz! freu'n, daß ihn a a Leni so guat pflegt, und brav muaß er do sei und an mi denka, wie's Fräula schreibt; no dös woas i, da hats koa G'fahr, da hab i als z'viel Vertrau'n auf den Bua'm." „Versteht st sagt s'Resei — aber jetzt Leni guat Nacht, es is scho völli dunkl, und i muß hoam in mei Hütt'n. Vergiß nit morg'n in aller Früh, dem Fischerlenzl den Brief mitz'geb'n, daß er bei Dir dahoam und z'Fischbachau an Franz! seine Leut a die guati Botschaft bringn kann, denn die werd'n a woltern a Freud hab'n wenn's dös alles les'n; guat Nacht!" — und während Leni in ihrer Kammer vor ihrem Hausaltärchen noch das innigste Dankgebet zum Himmel schickte, hörte sie noch den hellen Jauchzer ihrer Freundin, der weit in die Berge und in's Thal schallte. Bald schlössen sich zwei Augen zum sanften Schlummer, und liebliche Träume von Freude und Wiedersehen verriethen die Thränen, die wie Thautropfen an der lieblichen Blume von Geitau hingen. — Während dem nun in' der Heimnth unseres Bachhuber Franz! und im ganzen Aurachthale schnell die Kunde von seinem heldenmüthigcn Verhalten in der Schlacht von Kissingen, und von seiner Verwundung, Freude und Theilnahme allenthalben hervorrief, und seine alten Eltern von allen Nachbarn die herzlichsten Glückwünsche erhielten, machte dessen Genesung bei der sorgsamen Pflege im Lazareth zu Würzburg die erfreulichsten Fortschritte, und auch sein treuer Kamerad Jaroczyn erholte sich zusehends, da besten kräftige Körpersconstitution auf die rasche Heilung seiner schweren Verwundung vom günstigsten Einflüsse war. — 362 — Inzwischen wurden, nachdem Waffenstillstand geschlossen war, die Friedenspräliminarien zwischen den kriegführenden Mächten eingeleitet, und da in Folge dessen der Verkehr auf den bayerischen Eisenbahnen wieder hergestellt war, so überkam unsere Leni auf der Alm eine nicht mehr zu überwältigende Sehnsucht, ihren Franzl sobald als möglich zu sehen. Tag und Nacht sinnirte sie über einen Reiseplan nach Würzburg und s'Resei ihre Almennachbarin und der alte Fischerlenzl ihr Vertrauter wurden mit in ihr Vorhaben eingeweiht, namentlich sollte dem Letzteren, welcher wöchentlich ein paarmal mit seiner Butterkraxe auf die Alm kam, die Aufgabe zufallen, die Eltern zu Hause von der Idee Leni's in Kenntniß zu setzen. Während diesen diplomatischen Unterhandlungen unterließ es aber Leni nicht, auch in Würzburg Fräulein Helene ins Geheimniß zu ziehen und es wurde nun mit Hülfe der theilnchmenden Nest in einem wohlstudirten Briefe der Plan dem Fräulein mitgetheilt, und diesem Schreiben natürlich auch ein sehr zärtliches Liebesbrieflein an Franzl beigelegt, dem aber von dem Vorhaben vorläufig nichts verrathen werden durfte. Wie zu erwarten, führte der alte Fischerlenzl seine diplomatische Mission bei den Eltern des liebenden Paares zur vollkommensten Zufriedenheit aus, und eines Abends kam er mit lachendem Gesichte zu den beiden Älmerincn die gewöhnlich nach ihrer Arbeit vor der Sennerhütte saßen, mit der Botschaft: „Hain man scho' rumbracht an Vota, und er is glei dabeig'wes'n nach Würzburg z'roas'n." — Freudig sprangen die Mädchen auf und eS erscholl nun ein Juchzen von vielfältigem Echo erwiedert wie man schon lange keine mehr von der Alm hörte, und die Sennerincn der umliegenden Almen konnten sich nicht denken, was ihrer Nachbarin dem bisher alleweil so stillen Lencrl plötzlich angekommen sein mußte, daß sie seit langer Zeit wieder einmal ihnen zujodelte, und -lustig antworteten sie, und gaben ein Zeichen, daß auch sie wohl verstanden, was dieser Juchzer bedeute, sie wußten ja alle recht gut, warum ihre Freundin trauerte, und nicht mehr ihre fröhlichen Lieder zu ihnen hinubersingen wollte. Schon Früh des andern Tages als Leni eben in voller Arbeit war, kam der alte Ekardbauer von Geitau auf die Alm und mit einem nicht zu verkennenden Stolze betrachtete er die kräftige Gestalt des schönen Mädchens, dessen Wangen, wie vom frischen Morgenroth angehaucht waren, und mit vor innerlicher Freude glänzenden Angcn bot sie dem Alten einen herzlichen guten Morgen. „Bist ja scho zeiti bei Deiner Arbeit, und siehst ja heut so lusti her, als wannst nett am Sunta auf'n Kirta geh'n mächst" — redete sie der Vater an, — „laß aber jetzt All's steh'n, und zieh Dein bessers G'wand an, mir genga glei mitananda hoam, und heut müaß ma no außi roas'n nach Würzburg. Unser Dirn wird glei nachkomma, die bleibt daweil auf der Alm, und dahoam kanns bis mir wieda komma d'Muatta scho alloan damacha." Daß auf diese Anrede die fleißige Leni die Milchkübel, die sie eben blank scheiern wollte, schnell liegen und stehen ließ, kann uns nicht wundern, und nicht lange dauerte es, kam sie schon in ihrem einfachen Sonntagsgewand, das sie auf der Alm hatte, aus der Hütte, während der Eckardbauer eben der Dirne die Herrschaft über die Alm übergab. Leni empfahl derselben die treuen Unterthanen ihrer Obhut, und sie konnte nicht umhin von jedem ihrer Lieblinge Abschied zu mhmen, welche ihr, als sie mit ihrem Vater den grasigen Hang hinabging, verwundert nachschauten, da es ihnen auch sonderbar vorkam, ihre Herrin zu einer so ungewöhnlichen Zeit fortgehen zu sehen. Ein lustiger Juchzer hallte noch hinüber zur Sennerhütte ihrer Freundin Resi, der ebenso lustig wieder erwiedert wurde, das; es weithin iu die Berge nachklang. In Geitau wurden unsere Reisenden bereits von der Mutter erwartet, und auch der alte Bachhuber war da, um an seinen Sohn Geld und Wäsche mitzugeben, und die fromme Mutter legte noch besonders eine kleine silberne Medaille mit dem Gepräge der Muttergottes von Birkenstein bei. Schnell wurde das Nöthigste zur Reise zusammengepackt, und im besten Festgewande mit dem grünen Hütchen und goldener Schnur, dem schönsten Mieder, verschnürt mit der silbernen Kette an der die alten Schatzthaler hingen, stand Leni mit freudestrahlenden Augen da, um den aus Bayrischzell zurückkehrenden Postomnibus zu erwarten. - 363 — Der alte Postanderl mit seinen Braunen ließ auch nicht lange auf sich warten, und ganz verwundert schaute er drein, als er beim Eckardbauer anhalten mußte. „Ja wo roaüt denn d'Leni mit'n Vota heut no hin, daß gar a so pressirt, bei welchen Worten er das Trinkgeld, das ihm die Lein in die Hand schob mit der Aufforderung gut zu fahren, dankbarst in die Tasche schob, — is ja nindascht koa b'sonders Fest und d'Jakobi-Duld z'Minka is ja a schon vorbei." — „Geh Dap", sagt d'Leni, „nach Würz- burg roas ma außi, i und der Vota, den Bachhubcr Franz! müaß'n ma hol'n der im Spital is, und jetzt soweit kurirt is, daß er hoamroas'n derf." — „Jetzt nacha is was anders", sagte Ander!, und lustig trieb er seine Braunen an, wußte er ja auch, daß Leni nicht schnell genug zu ihrem lieben Franzl kommen konnte. Noch gerade zur rechten Zeit trafen sie in Miesbach ein, um mit dem letzten Zug nach München fahren zu können, und ohne Säumen wurden Billete und Gepäcke besorgt, und hinaus dampten unsere Reisenden in die stille Nacht. Leni's Brief hatte nicht allein bei Franzl wieder Heiterkeit in das sonst so einförmige Lazarethleben gebracht, sondern auch bei seiner Pflegerin Fräulein Helene große Freude erregt, die an der schlichten Schreibweise des treuherzigen Gebirgskindes doppeltes Interesse gewann, da sie daraus deren baldige Ankunft erfuhr, und mit mädchenhafter Neugierde auf die Bekanntschaft desselben gespannt war. Ungeachtet der Bitte Leni's von ihrer Reise nach Würzburg vorläufig noch nichts zu erwähnen, konnte sie doch nicht umhin bei Franzl einige Andeutungen dahin zu machen, und wenn dessen Augen bei bei solchem Gespräche oft hell glänzten vor Freude sein Mädchen bald zu sehen, schüttelte er doch ungläubig mit dem Kopf und meinte: „war scho recht, aber von da Alm kann jetzt d'Leni nit fort, dessell war nix, wer that denn da d'Arbet" — und freudig, daß der arme Bursch die Pflichttreue seines Mädchens allem Andern, ja sogar dem Interesse für seine Liebe vorzog, tröstete daß Fräulein ihn stets mit den Worten: „wer weiß es, vielleicht doch!" — So vergingen mehrere Tage, als eines Morgens Fräulein Helene, die sich eben zum Gang ins Lazarelh anschickte und an der Domkirche vorbeikam, aus dem großen Portale zwei Personen heraustreten sah, die durch ihre Tracht ihr sogleich auffielen; eine große stämmige Figur mit grauen Haaren und Schnurrbart, sich eben noch bekreuzend, und den grünen Hut mit der Spielhahnfeder aufsetzend. Selten sieht man in der großen Frankenstadt solche Erscheinungen, und die zu gleicher Zeit aus der Kirche gehenden Schulkinder betrachteten neugierig den Tyroler, wie sie ihn nannten, mit den kurzen Hosen, nackten Knien, und den mit Hackenägeln schwer beschlagenen Schuhen. Nicht minder wurde aber auch das Mädchen in ihrer schönen kleidsamen Tracht angestaunt, die hinter diesem Manne einherging. Fräulein Helene war nicht im Zweifel über beide Persönlichkeiten, das Mädchen mußte Franzls Geliebte sein, unter Hunderten hätte sie dieselbe herausgekannt, denn die Beschreibung, die er von seiner Liebsten machte, paßte ja vollständig auf das lebende Bild, das sie jetzt vor sich sah; die schwarzen Zöpfe, die das blühende Gesicht des Alpenmädchens umrahmten, die hellen freundlichen Augen, die unter dem grünen mit goldener Schnur reich verzierten Hütchen hervorsahen, der große schlanke Wuchs des Mädchens, alles stimmte wie gesagt auf das Bild, das Franzl ihr oft so lebhaft ausmalte, und das jetzt leibhaftig vor ihr stand. Sie zögerte auch nicht lange, und mit der ihr angeborenen Leutseligkeit trat sie zu dm schüchternen Bauernmädchen hin, und sprach sie freundlich an: „Sie sind gewiß die Jungfrau Leni vom Eckardbauern aus Geitau, und suchen Jemand im Lazareth hier auf", — sie getraute sich wirklich nicht in Gegenwart des Begleiters des Mädchens den Jemand beim Namen zu nennen, — „wenn sie mitgehen wollen, ich bin eben im Begriffe ins Lazareth zu gehen, und kann Sie dort ungehindert einführen." — Die Leni wurde über und über feuerrot!) in ihrem Gesichte, und wußte sich anfangs nicht gleich zu fassen, und als sie ihre Augen aufschlug und das freundlich lächelnde Fräulein betrachtete, brach sie plötzlich in die Worte aus: „Vata da schau, i glab hellicht dös is dös Fräula, die mein Franzl kennt, und die mir an so schön'n Brief g'schrieb'n hat, grüaß Gott z'tausendmal Fräula Lene, gelt'ns Sie sans, Sie könnens nit leugna", — und treuherzig reichte das Mädchen ihre Hand dem Fräulein, und auch der Vater zog respektvollst den Hut schüttelte das ihm gereichte feine Händchen des freudig erregten Fräuleins. „Doch jetzt kommt meine lieben Leutchen, jetzt wollen wir keine Zeit verlieren, und zu unserm braven Franzl gehen, den ihr heute bei diesem schönen Morgen schon im Freien vor dem Lazarethe treffen werdet, er ist schon soweit hergestellt, daß ich ihn bei seiner kräftigen Natur nicht vorzubereiten für nöthig finde, ahnte er ja schon längst, daß ihm eine so unerwartete Freude bevorstehe. — O nur an Juchaza wenn i tho durft, da kennt er mi schon z'weitist her", meinte Leni — „geh g'stroachts Deandl", fiel ihr der Vater schnell ins Wort, um ihr den Ausbruch ihrer Freude abzuschneiden — moanst denn Du bist dahoam auf der Alm, dessell gibts nit in der Stadt, sonst kunt'ns di glei veraretir'n a, nach« war der G'spaß glei vorbei, geltS Fräula?" — So gerne Fräulein Helene einen solchen Jodler hören möchte, so mußte sie doch zu ihrem Leidwesen der lauten Freude Lenis Einhalt thun, und tröstete die muntere Sennerin damit, daß sie ihr zu Hause im Garten ihres Vaters heute noch nach Herzenslust vorjodeln und vorjuchzen könnte. Während solcher munterer Unterhaltung kamen nun unsere Leutchen an das alte Bahnhofgebäude, wo in dem zu einem freundlichen Garten umgewandelten Hofe, der gegen den sogenannten rothen Bau hinging, die armen Verwundeten und Reconvalescenten in der frischen Morgenlust sich ergingen. Unmittelbar an der kleinen steinernen Treppe des länglichten Bahnhosgebäudes, im Schatten grünender Ziergewächse und Eitronenbäumchen, saß in einem Rollwägelchen eine kräftige Gestalt, deren bleiches Gesicht noch mehr durch den schwarzen üppigen Vollbart abstach. Es mußte wohl ein schwer Verwundeter sein, da er nicht gehen konnte. Vor ihm auf der steinernen Stufe saß ein Anderer, im grauen Soldatenmautel mit einem schon frischeren Gesicht, zu dem der hellblonde wohlgepslcgle Schnurrbart recht gut paßte, er schien bereits schon vollständig genesen, denn man konnte eine gewisse Heiterkeit auf seinem gebräunten aber frischen Gesichte nicht verkennen. Er hielt eine Cither auf seinen Knien, und sein Kamerad im Nollstuhl lauschte aufmerksam auf die lustigen Weisen, die er ihm vorspielte, während eine barmherzige Schwester ein Glas mit erfrischendem Getränke in der Hand hielt, das sie eben d-,n schwer Verwundeten reichen wollte. Gar lieblich war diese Gruppe anzuschauen; die noch leidende Gestalt des Kranken, das schon wieder aufblühende Gesicht des teilnehmenden Kameraden, und das sorgsame Auge der treuen Pflegerin in der ernst schönen Kleidung der barmherzigen Schwester. — (Fortsetzung solgt.) Schiller und die Münchener Hof- und Nationalvühne. *) Den Münchenern war es früher nicht nur zweifelhaft, daß ein gutes Theater auf Sitte und Aufklärung wesentlich wirke, sondern sie wollten auch nicht zugestehen, daß eine Bühne unter allen Erfindungen des Luxus und allen Anstalten zur gesellschaftlichen Ergötzlichkeit den Vorzug verdiene:**) Der Intendant Franz Marius von Babo beklagte sich nämlich einmal recht bitter darüber, daß der hiesige Bürgerstand „obschon er die ganze Theaterausgabe für sich in Verdienst und Einnahme bringt, theils aus Mangel an Kultur, theils aus Gewohnheit einer handgreiflicheren oder konsumtibleren Ergötzlichkeit das Hoftheater fast gar nicht besuchte." Die höheren Gesellschaftskreise hallen in ihrer Vorliebe für die französische und italienische Bühne nicht mehr Verdienst um das hiesige Hof- und Nationaltheater. Im Anfange herrschte eine große, andauernde Mißwirtschaft. Mit dem Verständniß der leitenden Kräfte stand es wie mit dem Geschmacke der Kritiker und Zuschauer. — *) Franz Grandaur, Chronik des kgl. Hof- und Nationalthcaters zu München. 1878. **) Schiller, die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet. 365 Während Kotzebue's, Jffland's Stücke, Ballete, leichte Operetten außerordentlich gefielen blieb man den Werken Lessings, Goethe's Shakespeare's ziemlich abneigt. So hatte der vom eitlen Grafen Seeau im Jahre 1797 zur Aufführung gebrachte „Kaufmann , von Venedig* kein Glück. Im vierten Briefe des „dramatischen Briefwechsels* von f Jak. Klaubauf findet sich folgende charakteristische Geschmacksschilderung eines zu Ende ^ gehenden recht dunkeln Zeitalters und eines noch finstereren Kritikers: „Das Stück — („Der Kaufmann von Venedig") —, das nicht mehr für den dramatischen Geschmack paßt, verfehlte bei der Vorstellung seine Wirkung völlig — — — Shakespeare's Zeitalter war von dem unseligen verschieden. Jenes war roh, unseres ist gebildet. — Wir verlangen nicht erschüttert, wohl aber gerührt zu werden." Man dachte hier also anders als wie zum Beispiel in Weimar, und diese Umstände machen es erklärlich, daß man unbekümmert über die Erfolge der ersten Schiller'schen Werke, nicht sehr darauf drang, dieselben auch hier dargestellt zu sehen. Erst im Jahre 1799 — siebzehn Jahre nach der erstmaligen durchschlagenden Aufführung der „Räuber" in Mannheim — erschien ^ ein Werk des großen Schiller auf der Münchener Hofbühne. Nicht „Die Räuber", nicht i „Don Carlos" wollte man hier zuerst sehen. Nach einem bürgerlichen Trauerspiele, die ein dramatischer Geschüftsartikel geworden waren, wollte man sich Urtheile über den großen Dichter und seine Werke bilden. Am 28. Mai 1799 wurde „Kabale und Liebe" in München zum erstenmale ausgeführt. Der Erfolg glich nicht demjenigen, welchen diese Tragödie in Mannheim und Frankfurt erzielt hatte; bei dem sozialen Mißbehagen, das man auch in der bayerischen Residenzstadt theilte, gefiel aber doch der rechtschaffenen Bürgerschaft das die i höheren Stände in ihrer ganzen Verworfenheit historisch zeichnende bürgerliche Trauerspiel außerordentlich. „Kabale und Liebe" erlebte bald nacheinander drei Wiederholungen, l Da jedoch der Werth des ganzen Stückes nicht gewürdigt werden konnte, wurde es auch ^ der große Dichter noch nicht. Die genialische Natur desselben wurde in München erst ! nach den Befreiungskriegen gebührend anerkannt. Drei Jahre verstrichen bis man ein zweites Schiller'sches Werk aufführte. Der , nach Shakespeare frei bearbeitete „Macbeth" wurde am 4. und 9. März 1802 dargestellt. Noch im Juni desselben Jahres ging „Don Carlos" in Szene und am 2. August 1803 „Maria Stuart", welche drei Wiederholungen erlebte. Das nur „gerührt" sein wollende Publikum wurde einigermaßen erschüttert. Gastspiele fremder Mimen hatten vorzugsweise die Aufführung dieser Trauerspiele ! bewirkt; ebenso diejenige der Walle nst eint rilogie, welche in das Jahr 1804 in der ! Weise fällt, daß man am 4. April „Die Piccolomini", am 17. April „Wallensteins Tod", am 27. Mai „Wallensteins Lager" gab, worauf am 29. Mai „Die Piccolomini" und am 1. Juni „Wallensteins Tod" wiederholt wurden, so daß die Trilogie in gehöriger Reihenfolge aufgeführt ward. Das Münchener Publikum zeigte äußerst wenig Interesse an diesen großartigen Werke. „Ein großes Master wirkt Nacbeiferung Und gibt dem Urtheil höhere Gesetze —" traf bei ihm nicht zu. Am Hofe und unter der übrigen Einwohnerschaft befand sich kein > auserlesener Kreis, . „Der, rührbar jedem Zauberschlag der Kunst, 1 Mit leisbemeglichem Gesühl den Geist f In seiner flüchtigsten Erscheinung hascht." i Babo selbst sagte von den „Piccolomini", daß sie mit einem hohen poetischen Werth ! gar keinen dramatischen verbänden. So wenig Erfolg hatten die übrigen Werke Schiller's j bisher erringen können, daß man von dieser Trilogie nichts erwartete und darum der , ersten Aufführung fernblieb. Wie Dr. Franz Grandaur mittheilt, sollen nämlich die , Einnahmen nach einem Ausweis der Kassabücher bei den „Piccolomini" nur 58 fl. 27 kr., bei „Wallensteins Tod" 81 fl. betragen haben, während die Ausgaben sehr bedeutend waren. Mit den größten Summen nährte man italienische Prachtopern. Trotzdem brachte — 366 man im Jahre 1806, seit welcher Zeit das Hoftheater auch Nationaltheater heißt, abermals zwei Werke Schiller's auf die hiesige Bühne: „Der Parasit", der sein Glück nicht so sehr gemacht hat als „Tell", der schnell drei Wiederholungen erlebte und sich auf dem Repertoire erhielt. In welch geringem Maße aber auch dieses prächtige, lauterste Freiheitsliebe athmende Drama verstanden wurde, darum nicht besonders zünden konnte, erhellt daraus, daß noch im Jahre 1810 unter Delamotte dasselbe durch Streichung der Rolle des Werner, Freiherr von Attinghausen, gekürzt wurde. Verse wie die: „An's Vaterland, an's theure, schließ Dich an, Das halte fest mit Deinem ganzen Herzen —" zu streichen, erklärt genug die Gesinnung. Besser als das-Schauspiel „Wilhelm Tell" gefiel ein Ballet gleichen Namens, in welchem Philipp Tagliöni 1817 hier auftrat. Auf Veranlassung des kunstsinnigen Kronprinzen, nachmaligen König Ludwig I., wurde am 27. März 1808 „Die Braut von Messina" zum ersten Male und zwar zum Besten der Wittwe Schiller's gegeben. Auf dem jetzt sehr vergilbten Theaterzettel war zu lesen: „Da dem Geldertrag dieser Vorstellung eine, der vorzüglichen Theilnahme aller Kunstfreunde würdige Bestimmung gegeben worden ist, so bleibt das Abonnement aufgehoben." „Der Zweck dieser Vorstellung", berichtet Babo, „war allgemein bekannt, aber auf dem Zettel nicht näher angegeben, da man es höheren Orts für anständiger hielt." Die Einnahme betrug, das königliche Geschenk von 100 Gulden miteingerechnct, nahezu 500 Gulden. Bei der Wiederholung war das Haus ziemlich leer. Babo schrieb darüber: „Das Publikum hatte sich schon an der ersten Vorstellung satt gesehen. So ist es hier mit den sogenannten dramatischen Meisterstücken beschaffen; so erging-es auch Wollenstem, Maria Stuart, Don Carlos und Tell." Madame Antoine, die Veteranin des Schauspiels, gab die — Donna Jsabella; Cannabich die — Beatrice; Kürzinger — Don Manuel; der wackere Stentzsch den — Don Cesar. Die Bemühungen dieser Künstler änderten nichts an der traurigen Thatsache, daß man nun einmal zu dem Höchsten zu wenig Empfänglichkeit mitbrachte. Das Publikum erfreute sich nicht am Verständigen und Rechten, doch ist später auch hier wahr geworden, was Friedrich Schiller in der Vorrede zu diesem Trauerspiel mit Chören von dem Publikum schrieb: „Wenn es damit angefangen hat, sich mit dem. Schlechten zu begnügen, so wird es zuverlässig damit aufhören, das Vortreffliche zu fordern, wenn man es ihm erst gegeben hat." Wuchs auch die Theilnahme noch nicht 1811, in welchen: das umfassende Repertoire durch Racine-Schillers „Phädra" bereichert wurde, so erzielte doch schon im nächsten Jahre Schiller auf der hiesigen großen Bühne einen bisher beispiellosen Erfolg mit der »Jungfrau von Orleans". Schon vor der Umarbeitung für das Theater hatte auch die Münchener Intendanz gleich der von Berlin, Leipzig und Hamburg das Stück von dem Dichter verlangt. Gleichwohl verstrichen 11 Jahre nach den ersten glänzenden Aufführungen in Leipzig und Berlin, wobei die Besucher in Exstase gerathen sein sollen, bis man hier diese romantische Tragödie in Szene setzte. Wie gesagt war die Aufführung von durchschlagendem Erfolg begleitet; so zündend war die Wirkung und so allgemein die Begeisterung, daß die »Jungfrau von Orleans" noch in demselben Jahre dreizehn- mal wiederholt werden mußte. Nur Webers „Freischütz" erzielte später eben solchen Erfolg. Die Titelrolle lag in den Händen der Dlle. Altmutier. Während die Münchener nur noch von dem „Fiesko" zu erkennen gaben, was die Mannheimer darüber sagten, daß er ihnen nämlich viel zu gelehrt wäre, dachte man endlich auch daran „Die Räuber" auf die hiesige Hof- und Nationalbühne zu bringen. Im Jahre 1816 erfolgte deren erste Aufführung. Vespermann gab den Franz, Carl den Karl Moor. Erschütterte das Spiel dieser beiden Künstler nicht wie das Jffland's und Böck's, so versetzten sie doch die Gemüther in fieberhafte Aufregung. Der später berühmt gewordene, hier einige Zeit engagirte Mime Eduard Hermann brachte es 1820 zuerst zu Stande, den Karl sowie Franz zu spielen. Ein Jahr zuvor befand sich unter 367 den Schauspielnovitäten Schillers „Demetrius" mit der Fortsetzung des Franz von Maltitz. Anstatt nun aber alle in einem Zeitraume von zwanzig Jahren zur Aufführung gebrachten Schiller'schen Werke fleißig zu wiederholen, immer sorfültiger darzustellen, trat bei den: immer weiter schreitenden Verfall der Hofbühne das Gegentheil ein, so daß die Errungenschaften beinahe verloren zu gehen drohten. Wiederum trat eine beklagenswerthe Mißwirthschaft ein, deren Schaden zwar wieder gut gemacht werden konnte, eine einigermaßen musterhafte Aufführung großer Bühnenwerke aber auf lange Zeit unmöglich machte. — In den sechziger Jahren ließ man es sich wieder ernstlich angelegen sein, gute Kräfte zu suchen und der Reihe nach Schillers dramatische Meisterstücke neu ein- zustudiren. Ernst Possart, Rüthling, Rohde wurden 1864 gewonnen, 1867 Häusser und im folgenden Jahre Klara Ziegler, die beste Darstellerin der Jeanne d'Arc. Das Publikum hat die Mühen belohnt, den großen Dichterfürsten längst warm verehrt, ihm sogar ein Denkmal errichtet, und die Verdienste der Intendanz noch nicht vergessen. Immerhin kann man aber bei einer Verglcichung der Gesammtaufführung aller dramatischen Werke von 1867 bis 1877 einiges Mißfallen darüber nicht unterdrücken, daß in dieser Zeit im hiesigen Hof- und Nesidenztheater auf Schiller 99 Abende, Goethe 66, Lessing 26, — auf Benedix aber 153, auf Moser 119 Abende fielen. Es läßt sich vorhersagen, daß sich diese Verhältnisse nicht leicht ändern lassen und gleichbleiben. Verzeihlich ist es, daß man bis zu den Befreiungskriegen in München die wahre Kunst unterschätzte, indem man sich selbst überschätzte; „bevor das Publikum für seine Bühne gebildet ist, dürfte wohl schwerlich die Bühne ihr Publikum bilden", hat ja Schiller selbst gesagt.*) Strenger müßte ein neuer Verfall und eine neue Abneigung gegen die dramatischen Meisterwerke unseres Schiller verurtheilt werden» Es erfülle sich immer schöner des großen Dichters Wort: „Der fortgeschritt'ue Mensch tragt auf erhobenen Schwingen Dankbar die Knust mit sich empor. —" Das „fernsprccheride" Amerika. Nach Mittheilungen des bekannten Ingenieurs Max M. v. Weber, der soeben eme Reise durch Amerika beendet hat, hat — wie die „Nat.-Ztg." berichtet — dieTele- phonie in den Ver. Staaten bereits eine in Europa nicht geahnte Höhe erreicht. Man hat, nach ihm, dort erkannt, daß die Zeit- und die gleichbedeutende Arbeitskraft-Ersparniß im geometrischen Verhältnisse de Zahl der Individuen wachse, die in freie, direkte mündliche Beziehung treten können. Die Leistungen des Telephons in der öffentlichen Verwaltung sind außerordentliche. Ein hoher Staatsbeamter sagte ihm: „Wir hegen gar keine Meinung mehr für das örtliche Zusammenliegen unserer Behörden und Aemter, denn wenn sie auch über die ganze Stadt vertheilt sind, wir sprechen doch von jedem Zimmer in jedes Zimmer und in sehr viele Privatwohnungen der Funktionäre, als ob wir beisammen ständen." Die hauptsächlichste Entwickelung hat, wie Weber erzählt, die Telephons in den Mittelstädten 100—200,000 Einwohnern gefunden, die im raschen Aufblühen begriffen sind. Hier sieht es auS, wenn man in gewissen Straßen in die Höhe blickt, als seien sie mit weitmaschigen Spinnweben überzogen, so viel Telephondrähte kreuzen sich da, von Dachfirst zu Dachfirst gezogen. Wie vielfach die Kommunikation dieser Art in den Städten und nach deren Umgebung hin ist, davon erzählt er ein ergötzliches Beispiel: Ich suchte in einer solchen, im Norden des Staates New-Dork gelegenen großen Mittelstadt eine uns lange befreundete, dort begüterte Familie auf. Die freudig überraschte Dame vom Hause empfing mich auf das Liebenswürdigste, aber sofort nachdem wir uns die Hände geschüttelt, langte sie nach dem auf der Lehne ihrer I Ueber das gegenwärtige deutsche Theater. 1782. 368 Boudoir-Causeuse liegenden Telephon und rief aus: „Ich verfüge über Sie, wir fahren aus, ich zeige Ihnen die Stadt, Sie diniren bei uns mit einigen Leuten, die Ihnen nützen können; heute Nachmittag segeln wir mit einer Dampfyacht auf dem Niagara, morgen fahren Sie in die Oelregion, übermorgen und später sind wir auf unserer Villa. Jetzt rufe ich meinen Mann auf seinem Bureau, melde Sie an, bespreche unsere Pläne, dann bestelle ich meine Equipage, die ich seit dem Telephon aus dem Hause entfernt habe, lade Ihnen die Leute zum Diner, bespreche das Nöthige mit Maschinisten und Stewart wegen Fahrt und Souper auf der Jacht; dann soll Ihnen mein Mann den Zug auf der Oelregionbahn bestellen und endlich habe ich eine Menge mit unsern Wirthschaftsleuten auf der Villa zu behandeln!" — „Und wann soll das alles besorgt sein?" fragte ich. „Oh! sehen Sie sich die Albums dort an, gehen Sie einen Gang durch den Garten; ich habe es nicht gern, wenn man mir zuschaut, wenn ich telephonire. Es sieht so häßlich aus! Dann soll alles besorgt sein," sagte die liebenswürdige Frau lächelnd. Ich blieb aber doch und sah und hörte staunend, wie sie sich erst mit dem Gemahl verständigte. Dann wurden die Adressen im Ccntral-Bureau umgeschaltet, drei, vier Familien zum Diner geladen, zusammen mindestens 28 englische Meilen weit wohnend, zwei davon antworteten umgehend. Dann wurde die Equipage gerufen und längere Zeit mit der Bemannung des kleinen, fünf Meilen entfernt im Erie-See liegenden Dampfschiffs verhandelt und das Menü des Soupers auf demselben im Detail festgestellt. Dann kam die Villa daran, wo die Verwalterin erst wieder telephonisch von der Meierei geholt werden mußte, — und endlich ließ sich der Gemahl wieder vernehmen, daß auf der Oel- region-Bahn alles besorgt sei. — Nach 20 bis 25 Minuten setzte die liebenswürdige Dame das Telephon aufathmend von den Lippen und sagte: „Das war ein Stück Arbeit! Jetzt mache ich Toillette und räume meiner Köchin das Feld am Telephon. Auf Wiedersehen!" Sie schlüpfte hinaus und die Köchin, eine würdige Person, fast Matrone, trat aus Telephon, das sie ebenso gewandt handhabte, wie ihre elegante Herrin. Und da hörte ich denn zu meinem Staunen die Braten, Fische, Gemüse, das Obst für das Diner bei den großen Händlern in der Stadt bestellen — von der Köchin — telephonisch! Als guter Deutscher hatte ich, während Dame und Dienerin über einen Flächenraum von einigen Quadratmeilen befahlen, verhandelten, anordneten — dagesessen und überrechnet, welche Zeit an Billetschreiben, Botengängen, Droschkenfahrten rc. wohl die Arbeit erfordert haben würde, die hier Frauenhand und Mund in 40 Minuten that — und ich kam dabei, alles gut gelingend gerechnet, auf mindestens 40 Arbeitsstunden unter so und so viele Leute vertheilt — abgesehen davon, daß die Leistung auch bei Gestaltung beliebiger Lauf-, Rede-, Ausrichte- und verwirrender und mißverstehender Kräfte — überhaupt nicht zu beschaffen gewesen wäre. Ich dachte nebendem dabei schmerzlich bewegt an all die Mühen, den Verdruß, die Mißverständnisse, die daheim nur das Arrangement eines einzigen Diners für die armen Hausfrauen vor und nach sich hat — und hier! — Diener, Spazierfahrt, Dampfschisfsreise, Eisenbahnfahrt, Souper, Landaufenthalt — alles lächelnden Mundes aus dem Boudoir heraus in 40 Minuten arrangirt. — Unglaublich! Und mit solchen Völkern soll man konkurriren." M i s e - l l e rr. (Ein Riesenschwein.) Im amtlichen „Kreis-Anzeiger von Fritzlar, ä. ä. 8. Jan. dss. Js., finden wir folgende Notiz: „Fritzlar: Heute wurden hier in einem Schweine von dem beauftragten Fleischbeschauer Trichinen — und ein Kanonier von der 6. Batterie auf dem sog. Viehmarktsplatze erhenkt gefunden." A: „Alles würde ich aufbieten, um ein berühmter Mann zu werden, mir einen Namen zu machen, aber wie?! Wenn ich nur wüßte, wie man es anfängt, um wenigstens von sich reden zumachen — —weiht Du kein Mittel?" B: „O ja — erschie ß' Dich .^ Für die Redaction verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. M. Hutlter. zur „Äugslmrger postjertung." Nr. 47. Samstag, 11. Dezember 1880. — - W ^ --- > Bist du mit gestern zufrieden, bist du es gewiß auch mit morgen, wenn du nur heute nicht eher ruhst, bis du etwas Gutes gethan hast. A. Münde. Die Vlitine von Geitau. Eine Episode aus dem Kriege vom Jahre 1866 von Stein. (Fortsetzung.) So lange als wir diese Gruppe betrachteten, konnte es Leni nicht aushalten, und mit einem freudigen Ausrufe „Franz!!" stürzte sie in den Garten, und lag in den Armen ihres Geliebten. „Js wirkli wahr, Leni, bist es, oder is Dei' Geist — na Du bist es wirkli, Deine guat'n Aug'n, Dei G'sichtl, ja sie sans, grüaß di Gott tausendmal, und Dei' Vota is a da, i verwoaß mi ja gar nimm« vor lauter Freud, weil i no enk wieder hab, und schau dös hat g'wiß alles unser guate und brave Fräula so g'macht, ja wie kann i dös Alles amol guat macha — schau Kamerad, wendete er sich an den im Rollwagen sitzenden Jaroczyn, der init Thränen in den Augen die Scene betrachtete — „schau Kamerad, dös is mei' Leni, die amol mei guats bravs Weib wird, da schau, da schau, o mei, und der arm Narr versteht no nit alles, aber do woaß er's wie's mir, und uns alle um's Herz is." — Freudig erregt reichte Jaroczyn Leni und ihrem Vater die Hand, und in seiner Muttersprache vermischt mit dein Deutsch, das er bisher von Franz! gelernt hatte, rief er: „ alc siä innso Grüß Gott brav Kamerad brav Bayer Frnnzel, ich auch wieder gesund werd, und bei ihm bleib." „Ja,tz sagte Franzl, Du gehst mit uns hoam in unsere Berg, und derfst nimma von uns fort, so lang mir's Leben hab'n. Jetzt trink aber Dein Saftl, dös Dir d'Schwester Veronika scho lang bracht hat, aus der Leni und unser aller G'sundheit, und aus'n Köni von Boarn und Preuß'n, mir sän ja jetzt alle Freund, und nix bringt uns mehr auseinanda." — Dann gings erzählen an von all den Ereignissen während des Krieges, vom Kampf am Kirchhof in Kissingen, von der Verwundung Franzl's, von der Bekanntschaft mit Jaroczyn und endlich von der theilnehmenden und liebevollen Pflege der Fräulein Helene, die so innigen Antheil am Schicksale des braven Altbayern hatte, und die eigentlich die Veranlassung zu dem heutigen freudigen Wiedersehen war. Nachdem so unsere Freunde sich einige Zeit ihrem Glücke hingegeben hatten, wollte sich Fräulein Helene das Vergnügen nicht nehmen lasten, den alten Eckardbauer und seine schöne Tochter auch in ihr elterliches Haus, wo man bereits die romantische Geschichte des Liebespaar kannte, zu führen, und nach herzlichem Abschied, und dem Versprechen bald wieder zu kommen, verließ die Gesellschaft das Lazareth. Im Hause des alten Freiherr» wurden nun die Reisenden mit herzlicher Freude aufgenommen, und derselbe war bald in bester Kameradschaft mit dem biedern Gebirgsbauern, da sie von den alten Zeiten und den Fcldzügen in dem Jahre 1812 die sie beide mitmachten, bei einem Glase Wein sich viel zu erzählen hatten, während Fräulein Helene ihre Freundin, mit der sie nun schon ganz vertraut war, in die geschmackvoll einaerichteten 370 Zimmer umherführte, und ihr nach Mädchenart alle ihre Schönheiten und Nippsachen zeigte, wobei Lern mit großem Interesse und Verwunderung Alles betrachtete. Auch an dem am Hause liegenden Garten, den die herrlichsten Gewächse und Blumen zierten, konnte sich Leni nicht genug satt sehen, und in ihrer Herzensfreude, und angeheimelt durch die lieblichen Baumgruppen, ließ sie einen lustigen Jodler erklingen, der mit einem hellklingenden Juchza schloß. — Der alte Freiherr ließ sich's nicht nehmen den Eckardbauern mit seiner Tochter als Gäste in seinem Hause zu behalten, denn viel hatten sich die Alten zu erzählen, und mit großem Interesse hörte der Freiherr den Bauern über den Betrieb der Holz- und Mehwirthschait im Gebirge sprechen, hatte er ja selbst auf seinem Landgute eine große Oekonomie. Während dessen schloßen aber die beiden Mädchen trotz ihres verschiedenen Bildungsgrades die innigste Freundschaft, die meist der Himmel knüpft, wenn edle junge Herzen sich begegnen. So vergingen nun die Tage, an denen auch viele Stunden im Lazareth zugebracht wurden, welches Franzl zeitweise zu einem Besuche beim Freiherrn verlassen durfte, schnell in Heiterkeit und Frohsinn, und endlich meinte der alte Gschwendtner: „Deandl, jetzt war's Zeit, daß ma an's Hoamroasa denka, d'Mutter wird gar nit wissen, warum wir so lang ausbleib'n." — Da^war denn bei den Mädchen des Jammers kein Ende, die Trennung war ihnen nach kaum geschlossener Freundschaft recht schmerzlich. „Und was iS denn mit Franzl", meinte Leni, „der kunnt ja am End do a scho roas'n, wenn ma zwoata Klaß auf der Bahn fahren that'n." Ohne ihn wollte sie ja doch nicht wieder zurückkehren, zudem der behandelnde Arzt bei seiner schon vorgeschrittenen Genesung kein Hinderniß in den Weg legte, ja sogar dessen Heimkehr in die frische Bergluft heilsamer hielt, als das noch längere Verweilen im Lazareth. Aber der arme Jaroczyn — konnten ihn, den treuen Kameraden, die Freunde allein zurücklassen? — wohl meinte nun Franzl es wäre vielleicht besser, wenn er auch noch bei ihm zurückblicke, und dann wollte er ihn nach vollkommener Heilung mit nach Fischbachau nehmen, so groß war die Aufopferung des Kameraden, denn sie halten sich ja schon längst das Wort gegeben, sich nicht von einander zu trennen, und mit Freuden willigte auch Jaroczyn in den Vorschlag seines Kameraden mit ihm in seine heimathlichen Berge zu ziehen, hatte er ja Niemand mehr zu Hause, der für ihn sorgen würde, und glaubte er seine Heimath überall da zu finden, wo brave Menschen wohnen, und daß Franz und all die um ihn waren, gute Menschen seien, davon hatte er sich ja jetzt hinlänglich überzeugt. Gerne wollte er seine vollständige Genesung noch in Würzburg abwarten, um so mehr, als der alte Freiherr und Fräulein Helene darauf bestanden, er müsse ohne weiters in ihr Haus gebracht werden; und wo könnte die Heilung besser vor sich gehen, als bei einer solch aufopfernden liebevollen Pflege. Dieß erleichterte den Abschied der braven Leutchen, und unter den heiligsten Versprechungen, daß Jaroczyn, sobald es sein Zustand erlaube, nach Fischbachau nachkomme, und bei der Versicherung, daß auch der Freiherr und Fräulein Helene im nächsten Jahr das bayerische Gebirg, den Eckardkamm und die Eltern Franzls besuchen werde, schied inan unter Thränen des Dankes für die vielen Beweise liebevoller Pflege und Aufopferung» Ohne besonderen Aufenthalt ging nun die Reise unserer obcrbayerischen LandSlcute in ihre .Heimath vor sich, und mit freudigem Herzen begrüßte Franzl vor der Station Holzkirchen zum erstenmale wieder die schönen blauen Berge seiner Heimath, die ihm ein freundliches Willkommen zuwinkten. Schnell dampfte der Zug durch das romantische Mangfallthal und bald hielt man am Vahnhofgebäude der letzten Station. Hier erwarteten die Reisenden die Eltern Franzls, der alte Huberbauer mit seinem stattlichen Weib, und mit Thränen der Freite umarmten sie ihren Sohn, der ihnen nach so viel überstandenen Gefahren und Wechselfällen des Krieges, glücklich wieder gegeben war, jetzt wieder genesen als tapferer Soldat stolz vor ihnen stand, und dessen Brust mit dem militärischen Verdienstkreuz geschmückt war. Lange lagen sich die Glücklichen, überwältigt von der 371 Freude des Wiedersehens in den Armen, bis der alte Eckardbauer endlich zur Abfahrt drängte, da, wie er meinte, die Bräunl'n, die der Huberbauer hellte zum Empfang seines Sohnes eingespannt hatte, nicht mehr recht warten wollten. Lustig gings nun mit dem flotten Gespann, welches Franzl, der mit seiner Leni im Vordersitz saß, mit kundiger Hand lenkte, den schönen Bergen zu, und als wüßten es die flinken Rosse, daß sie ihr alter Freund wieder in der Hand hatte, trabten sie unverdrossen fort und schüttelten munter die Mähnen, die zur Feier des Tages mit blauen und mit weißen Bändern verziert waren. llcberall wurden die Heimkehrenden mit Jubel begrüßt, auch die große Flagge am schöneil Wirthshaus von Neuhaus winkte ihnen schon von weitem entgegen, und als sie dort um die Ecke bogen, und Franzl zum erstenmale wieder den König seiner heimathlichen Berge, den Wendelstein, erblickte, stimmte er und Leni das Lied vom „Wendelstoan" an. Unter Singen und Jubel gings durchs schöne Aurachthal und bald erreichten sie Geitau und hielten am Hause des Eckardbauern, das mit grünen Laubgewinden und Blumenkränzen sinnig verziert und woselbst sämmtliche Freundschaft zur Begrüßung des heimkehrenden Kriegers versammelt war. Nach heiteren Stunden trennte sich die Gesellschaft und auch Franzl fuhr mit seinen Eltern dem schönen Huberhof bei Fisch- bachau zu. Des andern Tages kamen beide Familien und die ganze Nachbarschaft in dem romantisch gelegenen Wallfahrtskirchlcin zu Birkenstein zusammen, woselbst auf Veranlassung der Mutter Franzls ein feierliches Dank- und Lobamt zu Ehren der Muttergottes, in deren Schutz dieselbe ihren Franzl bei seinem Abschied besonders empfohlen hatte, stattfand, nach welch kirchlicher Feierlichkeit sich die Theilnehmenden zu einem heitern Gastmahl im nahen Marbach versammelten. Hier fehlte es nicht an ernsten und muntern Trinksprüchen, und auch des braven Nikolaus Jaroczpn, der lieblichen Pflegerin Helene sowie auch ihres Vaters des wackern fränkischen Freiherrn wurde freundlichst und in herzlich einfacher Weise gedacht Auf den beiden Höfen in Fischbachau und Geitau ging nun Alles wieder seinen geregelten Gang. Während Franzl sich zu Hause seinen frühern bäuerlichen Beschäftigungen widmete, schaffte Leni wie sonst heiter und lustig auf der Alm unter ihren Pflegebefohlenen Vierfüßlern, und hatte des Abends im Heimgarten mit Rest, ihrer Freundin, gar vieles von ihrer Reise zu erzählen. Häufig trafen aus Würzburg Nachrichten von Fräulein Helene über das Befinden JnroczpnS ein, und stets wurde eine solche Nachricht mit Freuden begrüßt, und der alte Fischerlenzl mußte immer gleich mit dem Brief zur Leni auf die Alm wandern, und auch der Alte hatte seine Freude, wenn ihm das Mädchen mit einem weithinausschallenden Juchzen von ferne begrüßte, dem er auch mit einigen verunglückenden MiHtönen zu erwidern versuchte, wonach er von dem Mädchen weidlich ausgelacht wurde. Franzl und Leni waren nun mit freudiger Einwilligung der Eltern förmlich vor Gott und der Welt verlobt, und da Ersterer seinen ehrenvollen Abschied von seinem Bataillone erhielt, dachte sein Vater der alte Huberbauer ernstlich daran, den Hof seinem Sohne zu übergeben. Aber zur Uebernahme desselben gehörte auch nothwendigerweiss die Verheirathung der jungen Leute, und allen Ernstes wurde an die Hochzeit gedacht. Nun gings an die Herstellung der Aussteuer und Leni, die jetzt von ihrer Alm abziehen mußte, hatte zu Hause mit den Näherinnen, vollauf zu thun. Aber dieser Festtag sollte nicht gefeiert werden, ohne die Anwesenheit des braven Jaroczyn, den ja Franz im Lazareth zu Würzburg schon eingeladen, ihn sogar zum Brautführer Leni's bestimmt hatte. Obwohl die Nachrichten von seiner Genesung stets günstig lauteten, so brachten sie doch niemals eine bestimmte Zusicherung seiner Ankunft. Da geschah 'es eines Tages, ungefähr in der ersten Woche des Septembers, daß Franzl eben mit einer Holzfuhr zur Eisenbahnstation nach Miesbach fuhr, und als 'er gerade am Bahnhöfe mit Abladen des Holzes beschäftigt war, die Postnani, die Tochter des dortigen Stationswärters, demselben zurief: „Bachhuber, da schau, da is grad a Telegramm an di komm«, schau woher; an Herrn Franz Bachhuber» Soldat im 6. Jägerbataillon in Fischbachau, durch Expreß", — jetzt weil grad da bist, kannst es glei les'n, sonst hätt' ma an Postanderl schnell fortreiten laß'n, weils pressante Sach is." — Franz! crschrack anfangs über die außergewöhnliche Art einer solchen Nachreicht an ihn, und sagte, das Telegramm und die Aufschrift hin und her betrachtend, für sich: „Teufi, wirst do nit wieder einruck'n müaß'n, war jetzt nett a saubri G'schicht." — Doch endlich öffnete er den verhängnißvollen Brief, und was machte er für Augen als er las: „Morgen 4 Uhr treffen wir mit Jaroczpn in Miesbach ein." Helene. — „is wahr a, Nani, ja richti da stets g'schrieb'n, les' selber" — und die Postnani mußte nochmal die Zeilen dem freudig erstaunten Franzl laut und deutlich vorlesen. Das Holz schnell vom Wagen werfend, umkehren und ohne, wie gewöhnlich einzukehren, jagte Franzl mit seinen zwei munteren Braunen den nächsten Weg nach Hause, und als wüßten es die braunen Thiere um was es sich handle, liefen sie unaufhaltsam fort, und schneller als je erreichten sie den Gschwendtnerhof in Geitau. Leni die eben am Fenster saß und mit der Näherin fleißig an ihrer Aussteuer arbeitete, konnte sich nicht denken, was denn geschehen sei, daß Franzl so schnell am Hause anfuhr. Hastig mit dem Brief in der Hand stürzte er in die Stube hinein.: „Lenerl, da les'" rief er, „was d'Fräulein Helene von Würzburg telegraphirt hat, da stehts, morgen mit dem Vierizug kämas allsamm, der Baron, d'Fräula und der Polak!" — Leni, die nie ein Telegramm gesehen hatte, schüttelte ihr schon reges Köpfchen, und meinte: „Mei Franzl, da Hot Dir wohl Postnani zu Miesbach an Bär'n aufbund'n, desel is ja do d'Schrift von der Fräula nit, was auf dem Zettel steht, dös müaßt ja do a kenna, hast ja ihre Brief alle selber allmal gles'n." — „Dalkets Schätzer!", erwiderte ihr Franzl, „dös hat freili sie nit selber g'schrieb'n, dös woaß i a, aber was sie in Würzburg heut z'Mittag auf der Post ang'sagt hat, hab'ns dort am Telegraph'» andupft, und in a paar Minuten drauf hat's der Expeditor in Miesbach im Bahnhof in seiner Kanzlei auf der Uhr, die er allwei umreibt als wie a Kaffeemühl, a schon g'hört, und der hat auf den Zoaga, der auf die Buchstab'« rumspringt, aufpaßt, und da is nacher die ganz Botschaft rauskoma, daß morgen käma, wie's da steht und wie's der Herr Expeditor mit dem blauen Bleisteft hing'schrieb'n hat; verstehst es jetzt, und dös hoaßt ma an telegraphischen Brief; dös woaß i alles aus am Krieg, da sän oft solche Brief, die pressirt hab'», mitt'n bei der Nacht ankörnn, die's aber a diamal erst, bals ausg'schlaf'n aufg'macht hab'n." — Versteh'» thua is grad nit recht", meinte die noch ungläubige Leni, „aber glab'n thun is do, weils Du sagst, nocha muaß ja wahr sin; jetzt fah'r aber glei hoam, der Vater is grad bei uns im Hoamgart'n drent'n, da hört er a glei die freudige Botschaft." Es war ein schöner frischer Septembermorgen, die Thautropfen glänzten wie Perlen an den Gräsern und Sträuchern, und die herbstliche Sonne beleuchtete die Häupter der Berge, die heute im durchsichtigsten Blau prangten als hätten sie sich mit ihrem schönsten Gewände geschmückt. Auch Leni schmückte sich mit ihrem feiertäglichen Gewände, und auf dem grünen mit goldener Schnur umfaßten Hütchen prangten die frischen buntfarbigen Nelken, die sie sich aus ihrem wohlgepflegtcn Blumengarten pflückt, sie sollte den Franzl begleiten, um am Bahnhof die lieben Gäste abzuholen. Nicht lange ließ auch Franzl auf sich warten und bald kam er mit den stattlichen Braunen, welche an einer» leichten Wägelchen vorgespannt waren, beim Gschwendtnerhof angefahren. Auch er war in der kleidsamen Gebirgstracht mit grünem Hut und grauer Joppe, an welcher sein Ehrenzeichen am weißblauen Bande glänzte. Wie lustig flogen die Braunen mit den glücklichen Brautleuten durch's Aurachthnl, und manch einsamer Wanderer betrachtete mit Wohgefallen das schöne Paar. Lächelnd winkte ihnen als sie — 373 durch Fischhausen kamen der stille See entgegen, und selbst die kleinen Wellen, die der Morgenwind an's Ufer trieb, begrüßten sie mit freundlichem Willkommen. In Schliersee auf der Post wurde angehalten und für die Rückfahrt, besonders für den verwundeten Jaroczyn die beste Postchaise bestellt, die der freundliche Posthalter bereitwilligst zusagte, und der Postanderl in seiner besten Postlivre und mit dem weiß und blauen Federbusch am Hut mußte die Gäste fahren. Kaum konnten unsere Liebenden die Stunde erwarten bis der Zug um 4 Uhr von München her eintraf, und ungeduldig harrte Franzl mit seinem leichtem Gespann vor dem Bahnhof. Da endlich ertönte das Zeichen von der letzten Station, und mit Herzklopfen vor freudiger Erwartung standen Leni und Franzl am Perron, als der Zug langsam in den Bahnhof einfuhr. Fräulein Helene war-die Erste, welche aus dem Coupe heraussprang, und in die Arme ihrer Freundin eilte, dann kam der alte Freiherr, der mit Hülfe seines Dieners dem armen Jaroczyn mit seinem Stelzfuß, angethan in seiner preußischen Uniform, geschmückt mit mehreren militärischen Ehrenzeichen, heraushalf. Rührend war es, wie sich beide Kameraden mit Thränen vor Freude des Wiedersehens in den Armen lagen; schweigend betrachtete der alte Freiherr die Glücklichen, und mit herzlichem Gruß und Handschlag trat er nun auch zu Franzl und Leni heran. Jetzt erst nachdem der erste Sturm des Wiedersehens vorüber war, konnten die Ankommenden die liebliche Gebirgsgegend betrachten, und der Preuße aus der öden Gegend seiner Heimath rief oftmals vor Verwunderung aus: „schön Bayern, schön Gebirg!" — Nachdem nun der Diener das Gepäck besorgt hatte, rüsteten sich die Reisenden zur Weiterfahrt, und Franzl ließ es sich nicht nehmen, Fräulein Helene in seinem leichten Wägelchen zu fahren, während die übrigen in der großen Postchaise mit Jaroczyn Platz nahmen. Lustig ließ Anderl sein Posthorn ertönen, als sie durch die freundlichen Ge- birgsdörfer fuhren, und Alt und Jung winkte den Vorüberfahrenden freundlich zu, und manch Heller Juchzer einer lustigen Dirne erscholl von der Laube eines am Wege gelegenen Hauses. Fräulein Helene, welche mit Franzl vorausfuhr, fand kein Wort des Entzückens, als sie am Schliersee entlang fuhren, der wie ein glänzender Spiegel still und ruhig eingeschlossen von den mächtigen Bergen vor ihren Augen lag, und Staunen erfüllte sie, als sie das Haupt der Berge, den Wendelstein erblickte, der von der herbstlichen Abendsonne beleuchtet im violetten Scheine gar wundersam abstach gegen die schon dunkeln gefärbten Bergriesen, die das liebliche Aurachthal begrenzen. Franzl nannte sie alle beim Namen, die Brecherspitzc, der Jägerkamm rc. rc. und zeigte ihr auch die Gegend, wo die Alm liegt, auf welcher Leni diesen Sommer zubrachte. Es dämmerte schon als unsere Gesellschaft am Gschwendtnerhof anfuhr, und hier, wo Alles in: Sonntagsstatte sie empfing, war der Empfang nicht weniger herzlich als am Bahnhof in Miesbach. Fräulein Helene mußte natürlich im Gschwendnerhof bleiben, während Jaroczyn seine Wohnung bei Franzls Eltern am Huberhof schon hergerichtet erhielt. Erst spät Abends trennte man sich, und wohl hatte niemand eine glücklichere Nacht durchträumt als unser „Blcami von Geitau." — Während nun die Vorbereitungen zur Hochzeit unseres Brautpaares getroffen wurden, machte der Freiherr mit seiner Tochter häufig Ausflüge in die Umgegend, wobei Leni ihre stete Begleiterin war, und auch Jaroczyn sich beigesellen mußte, namentlich wenn solche Partien zu Wagen gemacht wurden. Auch die Alm Gschwendtners mußte Helene kennen lernen, welche ausnahmsweise zu dieser schönen Herbftzeit noch bezogen war, und sie konnte sich nicht trennen von der frischen freien Luft, die da oben wehte, und jetzt erst wurde ihr klar, daß Franzl als er im Lazareth in. Würzburg lag, so oft Sehnsucht nach seinen Bergen äußerte, ja oft ein trostloses Heimweh nach dieser idyllischen Einsamkeit nicht unterdrücken konnte. Auch Nesei's Sennerhütte wurde besucht. und viel Vergnügen fund das Fräulein an dem heitern treuherzigen Wesen dieses Natur- kindes, wie sie von den Tagen erzählte, in denen sie ihre Freundin Lein zu trösten hatte. Wenn sie dann Abends Herabstiegen von den Bergen, so blieb Fräulein Helene noch lange stehen, und lauschte auf die silberhellen Töne, die ihnen Nesei noch nachschickte, und die mit einem weithin hallenden Juhschrei als Abschiedsruf aus der Ferne wechselten, und wie ein Lachen des Berges durch die Lüfte tönte. Da gabs denn nun des Abends ein Erzählen von all den Herrlichkeiten der Natur, und der prachtvollen Aussicht in die fernen Berge und Gletscher und hinaus in das unendlich weite Flachland. Abwechselnd mit solcher Unterhaltung mußte dann Franz! seine Cither hervorholen, und Leni zu ihren heitern Gebirgsweisen und Schnaderhüpfeln begleiten, und nicht selten schloß ein Tänzchen oder gar ein Schuhplattler, der unserm Jaroczyn viel Spaß machte, diese Abendunterhaltungen. Allmählig rückte der Hochzeitstag immer näher, und schon begann der geschäftige Hochzeitlader sein wichtiges Amt, die Verwandtschaft und Freundschaft beider Familien einzuladen. Hier hatten nun unsere fränkischen Freunde einmal Gelegenheit eine Hochzeit wie sie unter dem Landvolk in der oberbayerischen" Gebirgsgegend gefeiert wird, und wovon sie schon so vieles gehört und gelesen hatten, so recht mitanzusehen und selbst mitzufeiern. An einem Samstag vor dem Hochzeitstag, welcher letzterer wie herkömmlicherweise auf einen Dienstag festgesetzt wird, saß Jaroczyn vor dem Huberbaucrnhause mit dem Freiherr» plaudernd und beide weideten sich am Anblick des schönen Laizachthales und an der romantischen Gegend wo das letzte Dörflein Bayerns, Bayrischzell mit seinen Spitzthürmchen aus grünem Grunde den Wanderer grüßt, dem Dörflein, das auf drei Seiten von himmelhohen Bergen umschlossen ist — als sie plötzlich in der Ferne mehrere Gewehrsalven hörten und gleich darauf auch ein munteres Juchzen von den nahen Häusern Fischbachau's vernahmen. Franzl in seinem Feiertagsgewand kam eben zur Hau-g thüre heraus, als ihm seine Mutter, welche auf der Laube von ihren noch blühenden Blumenstöcken einen mächtigen Strauß band, zurief, er möge sich beeilen, der Kuchel- wagen der Braut komme schon die Anhöhe herauf. Ein Stück alter Volkssitte sollte hier der Freiherr und Jaroczyn sehen, es kam' ja heute der Braut- oder Kuchelwagen der reichen Gschwendtnertochter mit ihrer vollkommenen Anssteuer in das Haus ihres Bräutigams, in ihre zukünftige Heimath. Ein mit vier stattlichen Braunen bespannter Wagen kam langsam die Straße von Fischbachau daher, kunst- und geschmackvoll beladen mit der Aussteuer der Braut, mit Kästen, Tische und Stühle, mit großen Schränken voll von Stücken schönster Leinwand, geziert und unwunden mit rothen und blauen Bändern, obenauf die großen Brautbetten mit einem Crucifix und den Namenspatronen des Brautpaares, und all diese reichlichen Anfertigungsgegenstände waren sinnreich mit Blumen und Kränzen geziert und umwunden, obenauf aber thronte der schönste Schmuck den Franzels Hausstand zieren sollte, -- Leni, die liebliche Blume von Geitau, mit dem zierlichen Spinnrad, dessen Gupf mit Flachs besteckt, und mit Bändern reichlich verziert war, — das Symbol hausfraulicher Ehre — munter winkte sie den Gästen zu, die diesen ihnen noch unbekannten Volksbrauch staunend und freudig betrachteten. Unmittelbar hinter dem Kuchelwagen kam die Näherin die eine stattliche Kuh führte, deren Hörner ein mächtiger Kranz umgab und die eine helltönende Glocke trug. Es ist das ein Ehrengeschenk des Vaters der Braut, so will es der Brauch wohlhabender Leute. Dem Kuchelwagen folgte der Geschwendner mit seinem leichten Gespann und der Alte sah ganz jugendlich aus neben seiner schönen Nachbarin, die lustig plaudernd ihr Köpfchen, welches das grüne Miesbacherhütchen bedeckte, zu ihm hinneigte. Lange wußten die Gäste nicht, was für ein sauberes Deandl der Alte mitbrachte, bis endlich der Freiherr in der neuen Geitauerin sein lustiges Töchterlein erkannre, welches die länd- 375 liche Tracht mit dem grünen Hütchen, und dem reich gestickten Schnürmieder wunderlich kleidete, und in die der alte Gschwendner völlig verliebt war. Dieß war das Vorspiel zur nahen Hochzeit, welche also am nächsten Dienstag feierlich stattfinden sollte. (Schluß folgt.) Miscelleri. (Warum ein Landexpeditor oft grandig ist.) Es ist ein wunderschöner Tag, der Herr Expeditor möchte gerne spazieren gehen, aber in einer Stunde geht ein Zug ab und deshalb geht der Herr Expeditor in's Bureau. Kaum hat er dort Platz genommen, öffnet sich die Thüre und ein Büuerlein steckt mit der naiven Frage: „Sie entschuldigens, kriegt ma da a Bier und an Kas?" den Kopf ins Bureau hinein. — „Nein, bei der nächsten Thüre, auf welcher „Restauration" geschrieben steht!" — Das Bäuerlein verschwindet, aber bald öffnet sich die Thüre von Neuem, eine Bäuerin tritt ein, stellt ihr' Gepäck, darunter ein Sack mit einem quixenden Spanferkel, auf den Boden. „Eischreib'n möcht' i' mi lass'n!" — „Da müssen Sie rechts um die Ecke und warten, bis die Kassa aufgemacht wird." Das Weiberl entfernt sich und will ihr Gepäck zurücklassen. „Nehmen Sie doch das Zeug da mit!" — Dös steht guat da bis da Zug geht." — „Hier ist kein Gepäckaufbewahrungslokal, vorwärts, nehmen Sie es nur mit." — Das Weib nimmt ihr Gepäck, geht um die Ecke herum, probirt's auf der anderen Seite an der Burcauthüre und findet sie offen und kommt wieder herein. — „So, Herr, jetzt ist's offen, jetzt möcht i aber a ei'g'schrieb'n wer'n." — „Sucra, kann denn das Volk gar nit warten, bis aufgemacht wird, machen Sie, daß Sie hinauskommen und warten's am Schalter!" — Ja, Herr aba —" — „Naus, sag, ich, gleich wird aufgemacht." Während die Bäuerin geht, wird am Schalter ganz barbarisch geklopft. — „Gleich, gleich, Alles kommt mit, nur immer Einer nach dem Andern, es ist ja noch hinreichend Zeit." — „A. Retourbillett nach N. und z'ruck." — „Kostet 70 Pfg." Der Bauer legt ein neues Zehnpfenuigstück und ein Zwanzigpsennigstück hin und behält 40 Pfennig in der Hand. — „Das sind ja nur 30 Pfg., da fehln noch 40 Pfg." Der Bauer legt das Fehlende hin mit der Bemerkung: „Wissens, i hab' halt g'moant, Sie schaun den Niggl für a Fünfziger! n!" — „A Billet nach N.," ruft eine Bäuerin. — „Macht 60 Pf." — „Aba dös is viel, theans net 50 Pf. a, der andere Expeditor ist net so theua g'wen!" — „Wenn Sie nicht 60 Pfg. zahlen wollen, dann bleiben Sie da oder gehen zu Fuß!" — „Aba wenn i zwoa nimm, da ist's do billiger?" — „Entweder 60 Pf. zahlen oder da bleiben!" Die Bäuerin zahlt, jetzt kommt ein Bauer, legt ein Markstück hin, sagt nichts und schaut den Expeditor an. Der Expeditor scheint das zu kennen und sieht seinerseits den Bauern gleichfalls schweigend an. Nachdem sie eine Zeit lang so gestanden, sagt endlich der Expeditor: „No was soll's denn mit dem Markstück da?" — „10 Pf. krieag i no raus!" — „Ja! was! wohin wollt Ihr, riechen kann ich's nicht!" — „I kennt's mi' denn net, i bin ja von M. und heut' möcht i a wieder hi'fahr'n!" — »Daß Ihr nicht weit her seid, das glaube ich, und auf den Saumarkt paßt ihr auch." Er gibt ihm das Billet, der Bauer geht und sagt zu seinem Nachbar: „Aba dös is a hoamlicher Herr!" „G'langen's mir a a Zoacha nach N. außa!" — „Mir a an's nachi danach retour!" Nun kommt in der rechten einen Pack und in der linken einen Regenschirm, ein neuer Fahrgast und spuckt das Geld, das er abgezählt im Munde hat, auf die Zahlplatte. „A, Zoacha nach N!" — „Haben Sie nicht noch eine feinere Manier finden können, das Geld herzugeben?" — „Wenn's Ihnen z'dreckat is, ziag'ns Handschuhe an!" — Jetzt kommt ein Fremder an die Reihe: „Ich möchte ein Billet nach B., kostet?" — „5 M. 60 Pf." — „Können Sie mir ein Hotel empfehlen?" — „Jawohl, die drei Raben!" — „Wie steht es da mit der äadis cl' Iioio?" Trocken 1 Mk. 50 Pf., mit Wein 2 Mk. 30 Pf." — „Und —" — „Zimmermädel und Hausknecht 80 Pf. — es ist Zeit, der Zug geht in 5 Minuten!" Schließt den Schalter. Der Fremde aber brummt: „Was doch diese Beamten grob und unhöflich sind, ich werde mich in's Beschwerdebuch eintragen!" 376 -- Dieser Zug ist nun glücklich fort, in 2 Stunden kommt ein anderer, und da blühen dem Herrn Expeditor wieder dieselben Annehmlichkeiten. Wie denn stets der ganze Hof an dem Pater Abraham reiben mochte, so hatte man auch einmal eine große Jagd veranstaltet, der auch der Pater Abraham beiwohnen sollte. Die Einrichtung war so getroffen, daß unmittelbar nach Beendigung der hl. Messe, welche Pater Abraham selbst lesen sollte, die Jagd ausziehen sollte. Es mußte also vor Beginn der Messe gefrühstückt werden. Als das Frühstück servirt war, setzte sich Pater Abraham ganz unbefangen mit an und ließ es sich wohl schmecken. Nach Aufhebung der Tafel ging's zur Kirche, und Pater Abraham verfügte sich zum Altare, woselbst er in dem Missale blätterte und blätterte, aber zu keinem Anfang der hl. Messe schritt. Endlich wird der Kaiser ungeduldig, sendet einen seiner Höflinge zu ihm und ließ fragen, ob denn die hl. Messe bald anginge. „Sogleich, sogleich," ließ Pater Abraham zurück- sagen, „aber er könne die Messe gar nicht finden, die nach dem Frühstück gelesen werden müsse." (Rückfällig.) Der Bauer Michel wird zum Herrn Doktor nach der Stadt gebracht, weil er sich den rechten Arm ausgefallen hat. Durch eine schmerzhafte Operation renkt der Doctor den Arm wieder ein, legt einen festen Verband an und entläßt den Patienten mit der strengen Mahnung, ohne Aufenthalt nach Hause zu fahren. — Gegen Miitcrnacht wird an der Nachtglocke des Doktors heftig geschellt und man bringt den Bauern zum zweiten Male. „Was ist denn schon wieder los?" fährt der Arzt den Michel an. — „Er ist wieder 'raus, Herr Doctor!" entgegnete dieser. — „Ja wie ist denn das zugegangen?" — „Ja, schau'n S' Herr Doctor, als wir durch's nächste Dorf g'fahr'n sän, da war in der Schänke g'rad' die schönst' Rauferei, und da hab i' nct anders könnt, als mit d'reinschlag'n — und dees hat halt's Verband! net ausg'halt'n!" (Ein frommes Gebet.) Pfarrer: „Aber Hans Jörg, Ihr seid von Eurem Weib verklagt wegen Glcichgiltigkeit und Vernachlässigung Eurer eigenen und Eures Weibes zeitlichen und ewigen Wohlfahrt. Sagt mir einmal, wie haltet Jhr's denn mit der Sorge für's ewige Heil?" Hans Jörg: „Joa, da bet' ich all' Tag für mein Weib, daß sie keine Wittfrau wird." (In der Zeit der Leichenv erb rennung,) Zimmerherr (der ein Bouguct in's Wasser stecken will): „Puh!! ist da aber ein Staub in der Vase!" Hauswirthin (dazukommend): „Ach, du grundgütiger, allbarmherziger Himmel, das war ja mein guter eliger Mann!" Nun rüstet allmälig sich wieder Zum Winterschlaf die Natur, Der Löget melodische Lieder Verstummen in Wäldern und Flur. N e r b st st i rn m u n g Doch mich nur ergreifet sie nimmer Die Stimmung fo düster und trüb, Weil freudig durchwärmend ein Schimmer In Nebel und Kälte inir blieb, Und Nebel die Sonne umdüstern Kalt sauset ein herbstliches Weh'n, Die neidisch durch grünende Ranken Der Sommer dem Auge entrückt, Die traulichen Scheiben, die blanken, Nach denen so gerne es blickt — Die Bäume mit traurigem Flüstern Im farbigen Laubgewand steh'». Nn'S Scheiden scheint Alles zu mahnen, An Welken, Vergessen und Schmerz, Es zuckt wie provhetijches Ahnen So Manchem wohl bange durch's Herz. Nach denen herzinniges Grüßen Zu senden mich's oftmals gedrängt, Bkeil licht jenen Raum sie verschließen Der wohnlich mein Liebstes umfängt. Wien. Sie werden von laubiger Hülle In Bälde nun wieder befreit, D'rum freu' ich mich heimlich und stille Der stürmischen, herbstlichen Zeit. Marie Sidonie Purschke. Für die Redaction verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. M. Huttlcr. D § Z Nv. 48. Mittwoch, 15. Dezember 1880. Schwer wird den Dienenden dieses Leben des Arbeitcns und Sorgens sür Andere, wenn kein Sonnen blick der Liede, kein herzliches Anerkennen anf ihre nrbeitsoollen Tage jäUl. Friederike Bremer. Die Blume von Geitau. Eine Episode aus dem Kriege vom Jahre 1866 von Stein. (Schluß.) Es war einer jener lieblichen Septembermorgen, an dem die milchweißen Nebel über den Thälern liegen, welche, wenn sie gleich fliehenden Elfen, allmählig in die steinernen Klüfte der Berge verschwinden, jene Tautropfen auf Wiesen und Auen zurücklassen, die wie Diamanttropfen im Glänze der aufgehenden Sonne schimmern. Noch schien die Natur im Halbschlummer zu liegen, als man schon dort und da in den zerstreut liegenden Höfen Geitau's ein rühriges Leben bemerkte, wie wenn sich alles zn einem besonderen Feste schmückte. Die Büuerinen in ihrem Fesigewande meist von schwarz oder dunkelbrauner Seide, den großen silbernen Rosenkranz und das in Sammt oder Safian gebundene Gebetbuch in der Hand, die jungen Mädchen und Kranzljnngfern der Braut, die junge Vartenhauser Nesi an der Spitze, das güldene mit Perlen verzierte Kränzchen in den dick geflochtenen Zöpfen, gehalten von einem silbenen Pfeil, -- die zur Hochzeit geladenen jungen Burschen und Freunde der beiden Familien, kurz Alles, versammelte sich schon früh 8 Uhr im Hause der Braut, wohin auch bald der Bräutigam mit seinen Gästen, und Jaroczyn als besonders erkorner Brautführer in seiner preußischeil Uniform, geschmückt mit seinen militärischen Ehrenzeichen kamen. Nach der eingenommenen üblichen Morgcnsuppe und nachdem die Braut „ausgedankt" war, d. h. in einem vom Hochzcits- sader gehaltenen Spruch der Abschied derselben aus dem väterlichen Hause, und der Dank für alle von den Eltern bisher erhaltenen Wohlthaten mit großer Rührung gebracht wurde, ging es nun in die mit Blumen und Kränzen geschmückte Kirche nach Fisch- bachau, und rührend war es, als Jaroczyn mit seinem Stelzfuß, doch immer der stramme Preußische Soldat, dem aber heute aus Freude die Augen voll Wasser waren, die schöne jungfräuliche Braut zum Altar führte, während Franz! unmittelbar darnach diesen Ehren- gang, geleitet von den Kranzljnngfern Fräulein Helene und Nesei, antrat. Nach der Trauung, die der würdige Pfarrer mit einer schlichten Anrede, in welcher er gar rührend das Schicksal beider Kameraden hineinslocht, einleitete, folgte das feierliche Hochzeitamt wonach sich der Zug unter fröhlichem Jauchzen und Böllerschüssen in das Gasthaus nach Marbnch, dem alten Edelsitz der Familie von Hafner bewegte. Bald ging's nun auch, wie es eben im Gebirge der Brauch ist, zum Tanze, welcher schon nach dem Umgang der ersten Gerichte begann, und unsere fränkischen Gäste konnten sich nicht genug ergötzen an dem originellen Schuhplattler, den die jungen Burschen mit ihren Mädchen mit großer Virtuosität und Gewandtheit tanzten. Auch Främ lein Helene, die wieder reizend in der Gebirgstracht aussah, willigte mit Freuden in die schüchterne Einladung des jungen Bartenhauser Resei's Bruder, mit ihm auch am Schuhplattler sich zu betheiligen, was bei den anwesenden Burschen mit großer Freude aufgenommen wurde, und mancher »ahm sich jetzt auch den Muth, das schöne Stadtfräulein um einen Tanz zu bitten. Der flotteste Tänzer aber unser Franzl saß in ernster Gesellschaft zwischen dem Freiherrn und Jaroczyn, war es ja ihm als Bräutigam nicht gestattet, vor dem Ehrentanz sich am Tanzvergnügen zu betheiligen, so heischt es die Sitte. Jaroczyn, der täglich Forschritte in der deutschen Sprache machte, erzählte so weit es ging, in der von Franzl ihm beigebrachten Sprachkenntniß, halb hochdeutsch, halb altbayrisch, wobei auch manchmal polnische Worte einflossen, namentlich wenn er in Extase kam, von seinen Affairen in Schleswig-Holstein, von seiner Heimath, und trug somit auch viel zur Unterhaltung der Nichttanzenden bei. Es würde zu weit führen, wollten wir alle die Gebräuche einer ländlichen Hochzeit im Gebirge schildern, das Weisen, das Abdanken, der Ehrentanz; alle diese schönen und rührende. Momente sind schon oft und vielmals geschildert worden. Spät in der Nacht war es, als das Brautpaar geleitet von den Segenswünschen der ganzen -Gesellschaft den Nachhauseweg bei Fackelschein und lustiger Musik antrat. Weithin in die Berge schallte daS-Echo der Böllerschüsse, und die dazwischen helltönenden Juchzer wurden von den dunkeln Bergen herab erwiedert, wußte ja so manche dort oben noch einsam weilende Almerin, daß es ihrer Freundin galt, und wenn sie auch nicht selbst am Feste Antheil nehmen konnte, so wollte sie doch wenigstens auf diese Art ihre Theilnahme am Glücke der Blume von Geitau Ausdruck verleihen. So war nun Leni das glückliche Weib Franzls, und wirthschaftete auf dem schönen Huberhof als wohlhabende Bäuerin, während sich die Eltern ihres Mannes ein kleines Häuschen am Fuße des Birkensteigs, da wo das Wallfahrtskirchlein der Muttergottes steht, kauften, und dort im Austrage ruhig und zufrieden über das. Glück ihrer Kinder lebten. Jaroczyn, der seine preußische Montur längst mit der grauen Gebirgsjoppe vertauschte, sehen wir im grünen Hut mit der Spielhahnfeder, im Garten und Haus herum- stelzen und er hat nur einen Schmerz, nicht auch Kniehös'ln tragen zu können, da der Arme nur noch das eine Knie hatte. Er hilft aber wacker in Haus und Hof, schneidet Dachschindeln, und singt beim Daxenhauen manch lustige Schnaderhüpfel, welches er stets mit einem mißglückten Jodler schließt, wobei er jedesmal von der muntern Leni, die ihm dann aber getreulich immer nachhilft, weidlich ausgelacht wird, So unter fröhlichem Schalten und Walten ging die schöne Herbstzeit zur Neige, und da die grauen Nebel schon ansingen, die Häupter der Berge zu umhüllen, dachten auch unsere fränkischen Freunde an die Heimkehr, und mit wehmüthigem Gefühle sahen Leni und Franzl die Koffer und Kisten zur Abreise gepackt. Noch einmal lächelte eines Morgens die herbstliche Sonne ins liebliche Aurachthal, als der Postanderl in seiner Galamontur mit der Postchaise vor dem Gschwendtnerhof in Geitau hielt, wohin bereits in früher Morgenstunde das junge Ehepaar Fräulein Helene begleitete. Wie bei der Ankunft ließ sich's Franzl nicht nehmen Fräulein Helene mit seinem leichten Gefährte zur Bahnstation zu fahren, während Jaroczyn und Leni im Wagen des Freiherrn Platz nahmen. Wir übergehen die letzte Stunde des Abschiedes, und nur das Versprechen im nächsten Jahre sich wieder zu sehen minderte den Schmerz der Trennung. Nicht mehr so lustig erklangen die Töne des Posthorns als die Reisenden am Neuhaus vorüber- fuhren, und dort wo man um die Ecke bog, wurde nochmal angehalten, und dem im Glänze der Morgensonne leuchtenden Wendelstein das letzte Lebewohl gesagt. Allzu schnell erreichte man die Bahnstation, und das nicht aufzuhaltende Dampfroß entführte die lieben Gäste, denen die drei Zurückgebliebenen noch lange nachwinkten, bis sie ihren Blicken entschwunden waren. Der Winter war nun schon längst mit aller Macht in die Berge eingezogen, und die weiße Schneedecke lag auf den Auen und Wiesen, und ernst schauten im Scheine der 379 winterlichen Sonne die vom Eise hell glitzernden Häupter der Berge ins stille Thal, als eines Abends der alte Fischerlenzl an den Huberhof heranhampelte und einen Brief der jungen Bäuerin überbrachte, der ihm der mit der Post aus Miesbach kommende Postanderl eingehändigt hatte. „Der is von Würzburg" — rief Lein voll Freude von ihrem Spinnrad aufspringend, — „da schau Franz!, a Brief von unserer Fräula Helene, und gar auf roth'n Papier, dös hat was z'bedeut'n" — und Jaroczyn, der eben hin- terni Ofen mit Spähnschneiden beschäftigt war, ließ Holz und Messer fallen, und stelzte neugierig herbei als Leni mit freudig erregter Stimme las: „Liebe herzensgute Leni! Seit dem letzten Brief, den ich an Dich schrieb, und indem ich Dir unsere glückliche Ankunft zu Hause mittheilte, hat sich auch in unserm kleinen stillen Familienkreise eine freudiges Ereigniß ergeben, an dem Du und die Deinen gewiß den herzlichsten Antheil nehmen werden. Seit gestern bin ich die glückliche Braut eines jungen braven Mannes, der uns allen schon längst näher stand, ohne daß- wir es ahnten. Mein Bräutigam ist der nemliche wackere Offizier, dem in der Schlacht von Kissingen auf dem Kirchhofe Dein braver Franz! das Leben rettete, und durch welches Schicksal jetzt drei Herzen miteinander so eng verbunden sind. Du kannst Dir die Ueberraschung denken, als mir mein geliebter Arthur die Episode jenes Gefechtes erzählte, und ich ihm hiezu dann die Aufklärung der Hiebei betheiligten Personen gab. Mit dankerfülltem Herzen denkt er oft an den braven bayerischen Jäger des 6. Bataillons, der ihm so selbstauf- opfernd das Leben rettete. Auch dem armen Jaroczyn reicht er kameradschaftlich die Hand zur Versöhnung, und freut sich auf den Augenblick Euch alle zu sehen und kennen zu lernen, aber der liebevollen Freundin seiner Braut schickt er besondere Grüße. Mehr kann ich Dir nicht schreibe», hat ja wie Du selbst weist eine liebende Braut vollauf zu thun und zu denken. Seid von uns Allen herzlichst gegrüßt Deine Würzburg, am 20. Januar 1867. treue Freundin Helene. Welch freudige Ueberraschung diese kurze, in schlichten Worten gegebene Nachricht, bei unsern Leutchen hervorrief, läßt sich mit Worten nicht leicht beschreiben, und Franz! wäre am liebsten gleich mit seiner Leni nach Würzburg gereist, um den Freunden persönlich die Glückwünsche zu überbringen. So hat das Schicksal auf blutigem Schlachfclde den Bund ewig dauernder Freundschaft geschlossen, unter Männern, die, wenn sie sich auch als Feinde gegenüber standen, treu und als tapfere Soldaten Gut und Blut dem Vaterlande opferten, und jetzt im Bewußtsein treuer Pflichterfüllung auf die Zeit zurückblicken konnten, welche den Grund-' stein legten zum Aufblühen eines einigen deutschen Vaterlandes. Und als das ewig denkwürdige Jahr 1870 kam, und abermals die Kriegstrompete erscholl, wie klopfte da unsern tapfern Kriegern den Veteranen des Jahres 1866 das Herz vor Verlangen, als Brüder und Kameraden mit einem tapfern deutschen Heere auszuziehen, gegen einen Feind, der unser schönes deutsches Vaterland bedrohte, und nie haben schmerzlichere Gefühle Jaroczyn beim Anblicke seines Stelzfußes bewegt, als an dem Tage, an welchem ein muthiges Häuflein wackerer Gebirgssöhne der Umgegend zu den Fahnen eilte. Und als im Laufe des Krieges die Nachrichten der glänzenden Siege der deutschen Armeen auch in das stille Aurachthal drangen, dann hob sich das Herz der Veteranen in stolzer Freude, und den Siegeskranz, den liebende Hände den. zurückkehrenden tapferen Kriegern gebunden, schmückte die blühende Alpenrose, „die Blume von Geitau. — Leopoldsfest. Von Aglaia v. Enderes- An einem frühlingsgrünen, herrlichen Sonntag war es, wo ich von der Höhe des Leopoldsberges — zum erstenmal in meinem Leben — die uralte, kuppelgekrönte Stadt Klosterneuburg erschaute. Es war das ein reizendes, unvergeßliches Bild, das da tief unten im Thals, in Frühlings-Sonnenschein getaucht, von Frühlingsduft umsponnen, am Fuße des Berges lag: die Donau, der große stolze Strom, der, eine ganze Fluth von funkelndem, blitzendem Golde, der jungen Morgcnsonne entgegenzog; die dunklen Inseln mitten in dem Strom, dann die grünen und die silberweißen Bäume der Au, über denen die Möven mit den langen glänzenden Schwingen sachte auf und nieder schwebten, und dann die beladenen Schiffe, die lautlos unter dem blauen Himmelsgewölbe hinglitten, die glitzernde Straße entlang, und an den Ufern die Gehöfte, die Dörfer, die blanken Häuser und Kirchlein, und an der Biegung des Stromes, wie hinausgeschoben in die schimmernde, leuchtende Fluth, das stolze Stift der Stadt, mit seinen großen, im Sonnenlichte lodernden und flammenden Fenstern und mit den mächtigen Kuppeln, die wie dunkle Kronen sich von dem hellen Bilde da unten abhoben. Es war das ein zauberhafter Anblick, der mit fesselndem Reize all' die Erinnerungen wachrief, mit denen Sage und Geschichte durch viele Jahrhunderte die kleine Stadt an dem großen Strome umwoben und umsponnen haben. Dort unten, wo die Fenster goldig leuchteten und flammten, dort soll vor mehr als sicbzehnhundert Jahren das alte Citium gestanden haben, das wohlbesestigte Castell, das Kaiser Hadrian erbaute und in welcher Antoninus Pius das OoüoZium üarnluum errichtet hat. Da kamen später über die Ebene weit drüben, über den Strom, von Insel zu Insel, und über die breite offene Fluth die Völker des Nordens hereingezogen und stürmten gegen die Wälle des Castells, gegen die Schanzen und Mauern, und drängten in die Gassen und zertrümmerten und vernichteten, was auf ihrem Wege lag, bis ein Stein vom andern wich und die trotzige römische Burg bis in ihre Grundvcsten von der Erde weggetilgt war. Durch Jahrhunderte blieb nun das Land verödet und menschenleer; Bäume strebten empor, Busch- und Rankenwerk deckte den Boden und die herrliche Wüstenei eines vergessenen und verlassenen Uferlandes trat in ihre vollen Rechte. Erst als Karl der Große zur Verwirklichung seiner weitaussehenden Pläne Ansiedelungen schuf, Städte und feste Plätze entstehen ließ, erhob sich an der Stelle des alten Citium eine neue Stadt, Niven- burg genannt, in deren Mitte, wie die Sage erzählt, Kaiser Karl die Kirche zum heiligen Martin auf einem Hügel mit dem Ausblicke auf das bewaldete Donauland erbauen ließ. Die eigentliche, emsig arbeitende, gewerbetreibende Stadt lag auf einem geräumigen Jnsellande, das durch Stege und Brücken mit den Uferbewohnern in Verbindung stand. Das k'orum Ktvvullul'K war der Markt, der Handelsplatz; dort standen die Hütten und Häuser der Fischer und Schiffer, dort befand sich auch die Ourirr und der Gerichtsort. Dieses Forum war reich bevölkert, von blühendem Verkehr durchströmt, durch Handel und Gewerbe belebt, als plötzlich der Fluß, in dessen Mitte sich die Ansiedler vertrauensvoll gebettet hatten, das fröhliche Menschengewimmel satt bekam und in trotziger, wehrhafter Laune die Hütten und Häuser fortspülte von der Insel und seine Fluthen rück- haltslos über die Stätte menschlichen Fleißes und menschlichen Hosfens und Strebens ergoß. Was flüchten konnte, floh und machte dem ungestümen Drängen Platz. Die Einen rückten zu den Ansiedlern am rechten Ufer hinauf, die Andern machten das Auland am linken Ufer urbar und bauten hier eine große Zahl von Häusern, die in ihrer Gesammtheit abermals den Namen Poruin Nivsiiburg- führten, wie einst die Ansiedlung drüben auf dem begrabenen Jnselland. Die Lage des Forums ist heute nicht mehr zu bestimmen, da zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts auch dieser wohnliche Platz von den Wässern überschwemmt, von den Wellen fortgerissen wurde und die Bewohner, durch das zweimalige Unglück, das der Strom gebracht, traurig belehrt, tiefer in das Land zogen und den Platz erwählten, auf dem heute die Stadt Korneuburg steht. Im 381 Jahre 1212 war das I?oruia UIvsnImrA -sammt seiner Pfarrkirche nahezu vollendet; Richter und Rath zogen in die neuerbauten Wohnstätten am linken Donau-Ufer und die Mitbürger am jenseitigen Strande jmußten zur Ordnung ihrer gerichtlichen Angelegenheiten in das nun-weitab liegende Forum hinüberkommen. Die Mühsal, welche dieser Geschäftsverkehr über den launenhaften Strom hinüber mit sich brachte, bewog Albrecht I., den Bürgern der alten Stadt einen eigenen Richter und Rath zu geben und Nivenburg und dessen Forum zu zwei getrennten landesfürstlichen Städten zu erheben. Ein Jahrhundert früher, als diese Trennung geschah, erbaute Markgraf Leopold auf der äußersten Spitze des Kahlenberges ein befestigtes Schloß, das gegen Ungarn als haltbarer Platz und als Beobachtungspunkt dienen sollte; und als der Markgraf sich am 1. Mai 1106 zu Mölk mit Agnes, der T-chter Kaiser Heinrich's IV., vermählt hatte, zog er mit seiner Gemahlin in die neuerbaute Burg, die er von da an zu seiner Residenz bestimmte. Von dieser Burg, deren Thürme und Mauern noch heute hoch oben auf dem Berge ragen, spinnen sich die Fäden der Sage, die sich mit der Gründung und Erbauung der Kirche und des Stiftes von Klosterneuburg verbindet. Wie bekannt, wird erzählt, daß Leopold und seine Gattin an eine,» der Fenster des Schlosses standen und von ihrem Lieblingsplane, ein Gotteshaus zu bauen, sprachen, als ein Windstoß den Schleier der Fürstin entführte und weit hinab in die Tiefe des Waldes, an das Ufer der Donau trug. Das Gelübde des Markgrafen, an der Stelle, wo sich der Schleier finde, eine Kirche errichten zu wollen, die Entdeckung des Schleiers hoch oben in den Wipfelzweigen eines Baumes mit allen wundersamen Nebenereignissen sind längst in Wort und Bild gläubig verherrlicht und dargestellt worden, und es bleibt nur zu berichten, daß Markgraf Leopold den uralten Wald mit seinen köstlichen Jagdgründen, der an der Stelle des einstmaligen römischen Castells emporgewuchert war, wegräumen ließ und 1106 ein kleines Kirchlein und ein Kloster erbaute, dessen Thürmchen nach den Mauern des Schlosses droben Hinaufblicken konnte. Dieses bescheidene Gotteshaus scheint den Absichten des frommen Markgrafen nicht entsprochen zu haben, denn schon acht Jahre später ließ er den Bau einer neuen, großen Kirche beginnen, welcher zweiundzwanzig Jahre dauerte. Indessen hegte und pflegte Leopold seine Lieblingsstadt Nievenburg, die zeitweilig seine Residenz war. Er ließ nahe an dem Kloster ein Schloß aufführen, „der Fürstenhof" genannt, welches auch später noch, nach Leopold's Tode, von den Babenbergern bewohnt wurde, bis Albert von Habsburg Ende des dreizehnten Jahrhunderts sich an dem Eingänge in das Kierlinger Thal eine neue, stattliche Burg erbaute. Um den Landesherrn schaarten sich seine Diener, sein Hofhält, sein Gefolge, die Ministerialen, die in der Stadt ihre eigenen Häuser besaßen oder Wohnungen mietheten, welche dem Stande und dem Ansehen der Herren entsprachen. Der Zusammenfluß des Volkes und der Edlen des Landes verlieh der Stadt Bedeutung und Glanz, zu welchem das Stift und die Kirche mit ihren Weihen und Besugnissen, mit ihren Festen und dem weih- rauchumdufteten Gepräge nicht wenig beitrugen. Der österreichische Adel hielt hier seine Zusammenkünfte, der Fürst hielt hier Gericht, und manche denkwürdige Urkunde, manche Stiftung und Verbriefung nahm von der wald- und stromumrauschten Stadt jenseits des Kahlenberges ihren Weg in das Land hinaus. In demselben Jahre, in welchem Leopold sein Lieblingswerk, den Bau der Kirche, vollendete, im Jahre 1136 am 15. November, schied er aus dem Leben, von seinen Unterthanen, von seiner Frau, von seinen Kindern tief betrauert, und wurde, ebenso wie Agnes, welche ihm im Jahre 1157 folgte, im Capitel zu Klosterneuburg beigesetzt. Jahrhunderte waren vorübergegangen; die Geschichte der Stadt und des Stiftes hatte in dem Strome der Zeiten mitgetrieben; Hunger, Krieg, verheerende Feuer, Fürsten- und Völkerzwist waren über das Stück Land hingegangen, dem der fromme Markgraf einst, gleichsam als Verheißung von Ruhe und Frieden, das stille, hochragende Gotteshaus anvertraut hatte; da wendete sich Herzog Rudolf IV. an Papst Jnnocenz VI. mit der Bitte, den Markgrafen Leopold heiligsprechen zu wollen. Jnnocenz erklärte sich hiczu bereit, aber die Erfüllung aller Borschriften, die bei einem solchen Ausspruche in Betracht kommen, beanspruchte viel Zeit und Arbeit, über welcher Rudolf und Jnnocenz starben. Wieder ging mehr als ein Jahrhundert hin, bis unter Jnnocenz VII'. am 6. Januar 1485 ein feierliches Consistorium, in welchem Franz von Pavia eine Rede für die Heiligsprechung Lcopold's hielt, den frommen Markgrafen in die Zahl der Heiligen einreihte und den 15. November zu dessen besonderer Berehrung festsetzte. Im Jahre 1486 brach König Mathias von Ungarn mit seinen Heerhaufen in Oesterreich ein, lagerte vor Wien und eroberte am 21. August 1487 Klosterneuburg, das unter dem barbarischen Gemetzel, das die Feinde anrichteten, furchtbar litt. Auf diesen qualvollen Tag folgten Schrecken über Schrecken. Der Friede zwischen Kaiser und König war nie von Dauer, und Klosterneuburg blieb bis zu Mathias Tode unter ungarischer Botmäßigkeit und von ungarischen Truppen besetzt, welche erst Kaiser Maximilian aus den Mauern und Bollwerken der damals gut befestigten Stadt vertrieb. Nachdem dieses Bcfreiungswerk vollbracht war, wurde die längst geplante Erhebung Leopold's aus seiner unterirdischen Ruhestätte beschlossen. Kaiser Maximilian ertheilte am 20. Juni 1486 von Worms aus an seinen Statthalter und seine vier Räthe zu Innsbruck den Befehl, binnen zwei Jahren 90 Mark Silber aus der Jnnsbrucker Schmelze an den Propst zu Klosterneuburg zu liefern, damit aus dem edlen Metalle ein Sarg für den heiligen Leopold angefertigt werden könne. Elf Jahre später, am 15. Februar 1506, fand unter dem Zulaufe unzählbaren Volkes mit unerhörtem Gepränge die Erhebung Leopold's statt. Von Rom waren eigene Vorschriften erlassen worden, wie das Fest zu begehen sei; an die Geistlichkeit, an den Adel, ail das Volk ergingen Einladungen, bei der Feier zu erscheinen. König Ladislaus von Ungarn ordnete an, daß die Verkündigung derselben in seinem ganzen Reiche stattfinde, und die Kirchenfürsten von Salzburg und Passau befahlen allen Geistlichen ihrer Diöcesen, bei den: Feste zu erscheinen, an dem sie selbst, der Bischof von Gurt, 27 in- fulirte Prälaten und eine ungezählte Schaar von Priestern und Clerikern sich betheiligten. Hinter dem silbernen, mit Gold geschmückten Sarge schritt Kaiser Maximilian im erz- herzoglichen Ornate, die Krone auf dem Haupte, einher; ihm folgten der Herzog von Jülich und Eleve, der gesammte österreichische Adel in prangendem Schmucke und viele vornehme Gäste aus fremden Ländern. Das Volk hatte sich in solchen Massen hebzu- gedrängt, daß man auf allen offenen Plätzen der Stadt Zelte aufschlagen mußte, in denen trotz der Winterkälte die Menschen in Schaaren campirten. Der kostbare Sarg, in welchem die Gebeine des Markgrafen an dem Tage der Erhebung gelegt worden waren, blieb nur bis 1520 erhalten. Nach Maximilian's Tode wurde er, wie die Chronik berichtet, von den sogenannten „österreichischen Regenten" aus Klosterneuburg weggeführt und eingeschmolzen, worauf das Stift auf eigene Kosten einen andern Sarg anfertigen ließ. Im Jahre 1663 wurde auf Befehl Ferdinand's III. der Festtag des heiligen Leopold zum Feiertag erhoben und der fromme Markgraf zum LandeS-Patron von Oesterreich bestimmt. Der Kaiser erklärte, bei diesem Feste alljährlich in dem Stifte erscheinen zu wollen und ordnete an, daß ihn der Propst allezeit hiezu einzuladen habe. Diese Anordnung wurde selbstverständlich strenge eingehalten und dem Beispiele des Kaisers folgte das, ganze feiertäglich geschmückte Volk. Dem Donaustrome entlang, von dem linken Ufer drüben, aus den waldigen Thälern im Westen, über die Berge und Hügel herüber kamen sie zu Tausenden und Tausenden Jahr um Jahr gewandert, um an dem Festgepränge theilzunchmen. Und selbst heute noch, wo in dieser Richtung kühlere Anschauungen sich geltend gemacht haben, hält die Poesie vor, die über der Geschichte und dem Leben des frommen Markgrafen und über der-Gründung des Klosters am User der Donau schwebt. Noch immer ist die Pilgerfahrt am Leopoldssest in Uebung, und noch immer trägt sich das Volk mit der reizenden Sage von dem Schleier der Fürstin, der neun Jahre unversehrt in den Wipfelästen des Baumes hing, unter dem Markgraf und sein Jagdgefolge, von der wundersamen Fügung tief ergriffen, anbetend zur Erde sanken. Die Geschichte hat längst festgestellt, daß die neun Jahre nicht mit den urkundlichen Zahlen und Daten stimmen; aber das Volk und seinen Sagenglauben kümmern solche Dinge nichts. Es ist sich bewußt, daß Erinnerungen voll milden Klanges ihre Fäden zwischen der Burg hoch oben auf dem Gipfel des Kahlenberges und dem Stifte unten im Thalgrundc spinnen, und es fühlt, daß es sich dieser Erinnerungen theilhaftig macht, wenn es am Morgen des 15. November hinauswandert zum Feste des heiligen Leopold. i i Die Alpenrose. Hoch auf dem Berg, im braunen Moose, Bon Eis umglänzt und halb verschneit, Blüht still emvor die Alpenrose: Ein süß Gedicht der Einsamkeit. Der lauen Frühlingslüfie Fächeln Küßt ihre jungen Blätter nicht; Sie steht wie ein Verlornes Lächeln Im starren Felsenangesicht. Die kalten Gletscherwände steigen Antbürmend mächtig estück für Stück. Und unbemerkt in ew'gem schweigen Wächst sie wie ein verschwiegen Glück. O selig der, dem wohlgeboren, Im oft durchkosteten Gemüth, Hoch über allen Erdensorgen So eine süße Blume blüht! Feodor Löwe. M i s e e l l - n. In der Zeit, als Viele von der französischen Kolonie zu Berlin noch sehr wenig deutsch sprechen konnten, hatte einer von ihnen dem damaligen Staatsminister, Freiherrn von Fuchs Etwas vorzutragen; weil er aber nur die Straße wußte, wo der Minister wohnen sollte, so fragte er eine Schildwache, die er vor einem großen Hause stehen sah t „Siltewa, wo wohnt stk Monsieur, ab sik Schwans von der Länk?", wobei er den Zeigefinger der linken Hand auf das Ellenbogen-Gelenk des rechten Armes legte, um so ungefähr die Länge eines Fuchsschwanzes anzudeuten. Der Soldat verstand Nichts. Der Franzos wiederholte die Frage so: „Wo wohnt sik Monsieur, ab sik Schwans von der Länk, is sik Krosrath bei die Kurfürz, lauf sik in die Kompagne und friß die Kikerlkü?" — „Vielleicht suchen Sie den Herrn von Fuchs?", erwiderte der Soldat, „der wohnt in diesem Hause." — »Oui, vui, oui/- rief der Franzose vor Freuden, „Wuks, Wuks, Wuks." Daß Kinder als Eilgut versendet werden, mag wohl auch nur in Amerika vorkommen. Ein elfjähriger Knabe, Namens Casey Pemmel, kam, mit einem Bagagezeichen dekorirt, als Eilgut in Phiadelphia an) wohin ihn seine in Kansas wohnenden Eltern an Jsaat Vuzley geschickt haben. Der Bagagemeister gab Quittung für ihn, wie, für eine Kiste. Eine kleine "Tasche, in der Geld befindlich, hatte der Knabr umgehängt, und wenn der Bahnbeamtc seinem ihm anvertrauten Gute etwas zu essen kaufen wollte nahm er das Geld aus dieser Tasche und schrieb in ein ebenfalls darin befindliches Buch, wie viel er verausgabt hatte. So reiste der Knabe 1800 engl. Meilen ohne h,en geringsten Unfall. Ein Offizier hörte seinen Burschen im Nebenzimmer nach Mitternacht seufzend sagen: „Hätt' ich doch nur ein Glas Wasser, um meinen brennenden Durst zu stillen!" — „Johann!" rief der Offizier. „Was befehlen der Herr Lieutenant?" — „Geh' schnell hinunter und hol' mir ein Glas frisches Wasser, ich habe gewaltigen Durst." Verdrießlich erhob sich der Bursche vorn Lager und ging. Mit dem vollen Glas kam er zurück und überreichte es seinem Herrn, welcher darauf sagte: „Nun trink' und lösche deinen Durst, und dann leg' dich wieder schlafen, du fauler Kerl!" (Aus dem Examen.) Professor: „Was ist das Auge?" — Junger Mediziner. „Das Auge ist, wenn man zu tief hineinschaut, oftmals gefährlich." 384 Zwei junge witzige Kameraden unterhielten sich vor einiger Zeit in dem Hause eines Gastwirths in Frankfurt a. M. sehr lebhaft. Darauf bot der Eine dein Andern laut eine Wette von 6 Flaschen alten Weins an. Der Andere nahm sie an, und der Wirth war augenblicklich mit der Frage bei der Hand, ob er den Wein vorläufig bringen sollte? Man bemerkte ihm, daß Dieß wohl geschehen könne, jedoch würde die Wette nicht eher bezahlt werden, als bis sie entschieden wäre. Er war damit wohl zufrieden, und der Wein wurde vergnügt genossen. Schmunzelnd wünschte unterdessen der Wirth zu wissen, welches der Gegenstand der Wette sein möchte? „Ich behaupte, sing der Eine an, „der Thurm der Katharinenkirche werde, wenn er umfallen sollte, nach der rechten Seite hinfallen, mein Freund aber behauptet das Gegentheil." Der Wirth sah leicht, daß er erwischt war. „Wer hat die Welt erschaffen?" fragte mit dem ihm eigenen rauhen Tone ein Prediger seinen Sohn, als dieser zum erstenmal dem Katechismus beiwohnte. Gewohnt, bei den inquisitorischen Fragen seines Vaters:' „Wer hat dds Glas zerbrochen? Wer hat das Buch liegen lassen? rc. erst zu leugnen, dann einzugestehcn und um Vergebung zu bitten, antwortete das erschrockene Kind: „Ich nicht lieber Papa!" — „Dumme Antwort! Ich frage Dich noch einmal: Wer hat die Welt erschaffen?" Mit thränenden Augen und stotternder Stimme fing das Kind wieder an: „I—i—ich, lieber Papa; aber ich will es mein Lebtng nicht mehr thun." Als im Jahre 1830 die Besatzung der Bundessestung Mainz verstärkt wurde und zu diesem Zwecke einige frische Bataillone österreichischer Infanterie dorthin kamen, fanden sich viele alte Bekannte zusammen. Einer von Denen, die schon längere Zeit daselbst garnisonirt hatten, führte einen neuen Ankömmling in der Stadt umher, um ihm die Merkwürdigkeiten derselben zu zeigen. Unter Andern: kamen sie auch an den Rhein. „Schau, Komrod", sprach der Erstere, bei uns haaßt mer'sch Donau, und hier hnaßt mer'sch Rhein; do konnst d' sch'n, wie olles auf d' französisch Art eingricht is." Ein Reisender kehrte kalt und durchnäßt in einem Wirthshause ein und bestellte sich eine Weinsuppe. Als solche fertig und aufgetragen war, fischte die Wirthin, bevor der Gast noch die Suppe gekostet hatte, ein großes Stück Zimnit mit der Gabel heraus, leckte selbes rein mit Mund und Zunge ab, und legte eS über dem Tische auf ein Brett. Da sagte sie: „Liege, du hast schon so manche Weinsuppe schmackhaft gemacht, du kannst noch öfter dienen." (Im Theater.) Bauer: „Sie, Herr Nachbar, um Vergebung, wie viel kriegt der Sänger dorten jährlich Lohn?" --- „Dreitausend Thaler." „Dös macht cin'm Andern weiß, aber ich glab's net!" — „Guter Freund, das dürst Ihr mir schon glauben, das macht eben di^ Seltenheit bei solch' einem Sänger: dieser Tenorist fingt das hohe A und B noch!" — „Na, dös is a was «rechts! So ä paar lappige Buchstab'». Ich sing's ganze ABC durch — und krieg' nix dervor." Ein sehr großer Rekrut bekam von einen: sehr kleinen Offizier eine Ohrfeige, weil er den Kopf immer auf die Erde hielt und nicht in die Höhe halten wollte. „Muß ich deu Kopf immer in der Höhe halten?" fragte derselbe. „Ja wohl, Schlingel!" „Nun, dann leben Sie wohl, Herr Lieutenant, denn nun bekomme ich Sie in meinem Leben nicht wieder zu sehen!" Original-Charade. * Dnlzigno nahe stand mein kleines Räthselwort Schaßt ihr das erste seiner Zeichen fort, So steht sogleich, Ein Weib vor Euch. Auflösung des Original-Silben-Räthsels in Nr- 44: „Erlangen". Für die Redaction verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag deS Litcrarischcn Instituts von Dr. M. Hutller. nterkaktllngsökatt zur .,Filgsbmger Postjeitmg. Nr. 49. Samstag, 18. Dezember 1880. Tritten des Wanderers über den Schnee sei ähnlich dein Leben; Es bezeichne die Spur aber beflecke sie nicht. Herder. Die rechte Kühne. fllovelle von Jenny Bach, Verfasierin von „Tannenburg" rc. (Nachdruck verboten. Gesetz vom 11IV. 70,) i. In kein weiten, im steifen, düstren Geschmack des achtzehnten Jahrhunderts ausgestatteten Gemach eines alten Kaufmannshauses der Stadt Frankfurt an der Oder ging eine stattliche Dame zwischen fünfzig und sechzig Jahren voll Unruhe auf und nieder. Es war die Wittwe des vor fünf Jahren verstorbenen Kaufherrn Johann Heideker, des Inhabers der alten Handelsfirma Heideker und Heideker, welche sich durch alle die bösen Kriegsjahre des schlesischen und siebenjährigen Krieges hindurch festen Kredit und eines der ersten Häuser für den Binnenhandel erhalten hatte. Die großen Waarenlager und Gewölbe des untern Stockes wurden niemals leer, und die Oderschiffe und Fracht- waaen, welche die Waaren weit über die Grenze beförderten, waren ohne Zahl und mehrten sich nun, da das Land wieder im Frieden und der große Friedrich II. so viel that, den Handel zu heben, mit jedem Jahre. Frau Katharina Heideker, geb. Heideker, war wie gesagt eine stattliche Frau, und die kleidsame Tracht der damaligen Zeit: der weite Schlepprock, die feste, mit einem schwarzen Seidentuch nur halb verhüllte Taille, die schwarzen Spitzen auf den künstlich frisirten Locken dienten dazu, ihre Erscheinung noch imposanter zu machen. Doch trotz ihrer straffen Haltung und dem lebhaften Blick ihres blauen Auges lag etwas in dem edel geschnittenen Antlitz Frau Katharina's, welches verrieth, daß an ihr das Leben nicht immer voll Milde und Glück vorübergegangen war. Und hätte ein Fremder eine derartige Bemerkung ausgesprochen- so würde ihm jeder alte Frankfurter geantwortet haben: „Damit habt Ihr nicht unrecht, mein Lieber; denn wer als junges Mädchen seinen Eltern mit einem leichtsinnigen Lieutenant entläuft, enterbt wird, dann nach acht Jahren den Mann durch Zweikampf verliert und während zweier Jahre in Hunger und Kummer drei Kinder von fünfen ins Grab sinken sehen muß, der kann wohl sagen, daß er des Lebens Noth kennen gelernt, auch wenn er später noch eine Frau Heidecker wird," Und so war es. Frau Katharina Heideker, geb. Heideker, verwittwete Lieutenant von Litten, hatte keine leichte Vergangenheit hinter sich; und die Erinnerung an all das bittere Weh ihrer Jugendjahre mochte wohl noch oft die spätere Ruhe äußeren Glücks an der Seite ihres zweiten Gemahls und Cousins verbittert haben und ihrem Mund jenen Zug herber Strenge verliehen, welcher starken Naturen oft durch die Hand des Kummers und Unglücks aufgeprägt wird. Sie hatte, wie oben bemerkt, nur noch zwei Kinder aus ihrer ersten, unglücklichen Ehe mit in das elterliche Haus, dem damals nur noch ihr Cousin und Gatte mit seinem Bruder als Leiter Z rstand, zurückgebracht: ihren 386 ältesten Sohn Philipp, den jetzigen Inhaber der Firma, deren Namen er, von dem Stiefvater udoptirt, vom Oheim zum Schwiegersohn erwählt, nach beider Tode angenommen, und ihr jüngstes Kind Leonhard, welcher von seinem Vater eine glühende Vorliebe für den Offizierstand ererbt hatte und seine Mutter durch vieles Drängen vermochte, ihrer Absicht, auch ihn mit dem Namen des Stiefvaters in das Geschäft eintreten zu lassen, ungetreu zu werden und ihm zu gestatten, als Leonhard von Litten sich dem großen Friedrich, welcher die Offizierstellen prinzipiell nur durch Adelige besetzte, zum Dienst zu stellen. Welche Ueberwindung es der Mutter kostete, ihren Lieblingssohn ruhig in der Uniform zu sehen, deren Anblick immer noch alle die trüben Bilder der Vergangenheit heraufbeschwor, ahnte der leichtlebige, heißblütige Leonhard nicht; denn er hatte seiner Mutter, weil ihre Liebe schwer und selten das Eis äußerer Zurückhaltung und Strenge durchbrach, mit seinem raschen Empfinden immer sehr fern gestanden und sah in ihr mehr die gestrenge als die liebende Mutter; während Philipp in seiner ernsteren, klareren Natur ein größeres Verständniß für seiner Mutter Wesen besaß und er ihr schon früh ein Theilnehmer ihrer Gedanken und Sorgen und nun eine Stütze und Hilfe geworden war. Doch so sehr sie Philipps Werth erkannte, ihre Liebe gehörte in größerem Maße dem Jüngsten, dem Kinde, das nichts von dem Unglück der früheren Jahre mehr wußte, und auch heute galt all die Spannung und Unruhe, welche sich in ihren Zügen malte, als sie wieder und wieder das tiefe Wohnzimmer durchschritt, ihrem jüngsten Sohn dem Lieutenant von Litten. Es war derselbe seit ein paar Wochen mit einem Kameraden auf dessen schlesischen Gütern auf Urlaub. Er hatte nichts von sich hören lassen, bis vor zwei Tagen ein Brief eintraf, in dem er kurz meldete, er werde am Abend des 20. Januar mit einer jungen Frau zu Haus wieder eintreffen und bitte für ihn und sein junges Weib ein paar Zimmer in Bereitschaft zu setzen. Bestürzung, Sorge und Unwille stritten sich bei dieser rücksichtslos kurzen Meldung und Forderung im Herzen Frau Katharinas; aber die Nachsicht mit ihres Sohnes lebhaftem Temperament, das ihn so oft zu raschem Handeln verleitete, vermochte sie doch, ein paar hübsche, nach dem kleinen Garten hinter dein Hause gelegene Fremdenzimmer für die fremde, junge Frau in behaglichen Zustand bringen zu lassen. Obgleich Frau Charlotte Hcideker, geb. Heideker, Philipps seit einem Jahr verbundene junge Frau, meinte, eine Rücksichtslosigkeit verdiene die andere; es wäre das schon viel zu viel und zu gut für eine Frau, von der er sich schäme, Näheres zu melden, und die er wer weiß wo aufgelesen. Auch heute Abend sgmphatisirte Frau Charlotte wenig mit der Unruhe und Spannung ihrer Schwiegermutter. Sie saß an dein schweren eichenen Tisch, auf welchem zwei Wachskerzen auf silbernen Leuchtern brannten, bequem in ihrem hohen Stuhl zurückgelehnt und las eifrig in einem kleinen Buche. Ihre kleinen mit blauscidenen Hackenschuhen bekleideten Füße ruhten auf einem bunten Kissen, und ihr weißer, schlanker Arm, dessen schöne Form durch die weißen Spitzen, welche Aermel und Taille ihres großblumigen Kleides zierten, noch mehr gehoben wurde, stützte sich auf den Tisch, ihre kleine Hand hielt das graziös frisirte Haupt. Zuweilen schlug sie ihr graues Auge auf, welches durch die dunklen Brauen und langen Wimper», die es beschatteten, wie durch den klugen Blick einen eigenen Reiz erhielt, und das Schönste in ihrem sonst nur wenig hübschen Gesichte war, und richtete den Blick auf Frau Katharina, und der Andruck ihrer Züge so wie das kaum merkliche unwillige Kopfschütteln verrieth, wie wenig sie mit der sichtlichen Aufregung derselben einverstanden mar. Endlich blieb Frau Katharina vor dem Tische, an dem ihre Schwiegertochter saß, stehen und sagte mit ihrer vollen, tiefen Stimme ein wenig scharf: „Dich scheint dein Buch heute Abend ja wieder außerordentlich zu interessiren! Was ist es?" Frau Charlotte, welche wohl wußte, wie wenig die alte Dame ihre Vorliebe für die neue Literatur theile, zuckte die Achsel, als wollte sie sagen: „WaS nützt der Titel?" warf aber doch ihr Buch herum und antwortete kurz: „Literaturbriefe von Lessing." 387 „Wieder von Lessing! Ich begreife nicht, was du an den Schriften eines Mannes findest, von dem viele nicht gut sprechen." „Weil sie seinen Geist fürchten. Es wäre zu wünschen, daß alle Dichter und großen Männer so rein und groß dastünden wie er. Philipp, welcher ihn persönlich in Breslau kennen und lieben gelernt, bewundert ihn ja noch mehr als ich!" „Ja, und kauft jedes Wörtchen, das von ihm gedruckt wird, mit noch größerem Eifer, wie du es lesend verschlingst. Und doch ist es nur zu bekannt, daß unser großer König ihn nicht sehr hoch achtet und ihm die Stelle an seiner Bibliothek versagt hat!" „Weil er seinen häßlichen Affen, den Voltaire, einst beleidigt hatte!" Charlotte, du vergißt, von wem du sprichst!" „Nein, ich verehre unsern König eben so wie Sie und alle, ich halte es für kein Verbrechen, seine unbegreiflichen Lieblinge nicht zu lieben. Ich ziehe nun einmal trotz König und Voltaire diesen Lessing allen andern vor. Und ich bin überzeugt, hätte Leon- hardt diese Vorliebe und nicht Philipp und ich, würden Sie ihn nicht wieder und wieder ««gelesen verdammen." Sie hatte die letzten Worte leiser und mit niedergeschlagenen Augen gesprochen, denn Frau Katharinas Blick wurde schärfer, ihre Züge strenger. „Was soll das bedeuten?" fragte sie herb. „Nun, ist es nicht wahr, daß Sie Philipp, der doch das ganze Haus mit seiner Arbeit erhält, Ihrem jünger« Sohn nachsetzen?" „Hat sich Philipp darüber bellagt?" „O, nein, gewiß nicht, dazu rft er viel zu selbstlos und liebt er seinen Bruder zu sehr, aber mich kränkt es!" „Dich!" rief die alte Dame lebhaft. „Du zeigst sonst nicht so viel Interesse für deines Mannes Sache. Charlotte saß noch immer mit gesenkten Wimpern, ihre schlanken Finger zupften unruhig an der Spitze ihres Aermels. „Philipp und ich sind zufrieden mit einander so wie wir stehen, sagte sie." „Nun ja, ihr habt beide die ruhige Natur der Heidekcr, von der Lconhard leider wenig erhalten hat!" „Leider? Werden khm darum seine unbesonnenen Streiche nicht immer vergeben?" „Nicht darum. Ich wünschte nichts mehr, als daß er ein Heideker wäre an Natur wie von Namen. Aber ob er oft unbesonnen und voreilig handelt, er hat noch niemals Herz, Ehre und edlen Sinn dabei verletzt, darum war es leicht, ihm zu vergeben, und ich habe das Vertrauen, daß er auch hier seinem Wesen getreu blieb. Unruhig macht mich vor allen die Sorge, ob er auch so schnell den Konsens seiner Oberen — doch halt, da sind sie? Sind Sie da, Jonas?" Sie kehrte sich erregt dem alten Diener zu, welcher im braunen Rock und steifer Zopfperrücke an der Thür stand, durch die er eben eingetreten. „Der Herr Leutnant ist eben mit einer Dame vor der großen Thür abgestiegen und kommt die Treppe herauf," meldete er ohne seine eiserne Miene im geringsten zu verziehen. „So geh ihnen entgegen und führe sie sogleich hierher. Die Zimmer sind doch warm und erleuchtet?" „Wie Madam befohlen." „Es ist gut, geh nur." Jonas ging durch das kahle Vorzimmer hindurch den Gang, an welchem die Zimmer der verschiedenen Familienmitglieder sowie der große, gemeinsame Eßsaal lagen, hinab bis zu der Treppe, welche aus den unteren Waaren- und Comptoirräumen in den obern Stock führte. An ihrem Fuße stand der riesenhafte Wächter des Lagers, der zugleich nach Schluß der Arbeitszeit das Amt des Pförtners versah, und leuchtete mit seiner Laterne ein paar in Pelze gehüllten Gestalten, welche die Stufen der Treppe erstiegen» „Ah, sieh da, Jonas!" rief Leonhard von Litten, als er des Alten ansichtig wurde, und sprang die letzten Stufen schnell hinan, indem er die kleine Gestalt neben sich mitzog. „Kam mein Brief an? Werden wir erwartet? Sag Er mir schnell, was sagte die Mutter." „Madam erwartet den Herrn Leutnant mit der Dame im Wohnzimmer," entgegnete der Alte mit unerschütterlicher Ruhe und empfing den Pelz, den Leonhard ihm zuwarf» „Er ist immer derselbe steife Gesell! Wo sind unsere Zimmer?" „Das für den Herrn Leutnant dort, wie immer, für die Dame bestimmte Madam das Fremdenzimmer nach dem Garten." „Gut. Sollen wir erst dorthin gehen, mein Engel? Du bist so erschöpft, du zitterst?" Er beugte sich zärtlich zu seiner Gefährtin nieder. „Madame sagte, sie wünschte Sie sogleich zu sehen," bemerkte Jonas mit eisernem Gesicht. „So wollen wir sie nicht warten lassen," sagte eine weiche, kindliche Stimme hinter dem Schleier hervor. „Ich kann ja hier ablegen." „Nein, komm hierher." Leonhard trat in das Vorzimmer und war dann mit zärtlicher Sorgfalt bemüht, ihr beim Ausschälen aus allen den Tüchern und Manteln zu helfen. Selbst in Jona's unbeweglichem Gesichte zeigte sich ein Schimmer von Neu- gierde und Erstaunen, als allmählig aus der Umhüllung eine so reizend feine Gestalt mit so allerliebstem von braunen Locken umgebenen Kindergesichtchen herauskam, daß man glauben konnte, eine kleine Waldelfe habe sich in dies düstere Stadthaus verirrt. Leonhard ging ein paarmal, hier eine Locke zurecht legend, da eine Schleife ordnend, um sie herum, wobei seine Blicke mit bewunderndem Ausdruck leuchtend auf ihr ruhten, zuletzt hob er ihr gesenktes Haupt zu sich auf und sah ihr voll Liebe in die schönen nußbraunen Augen. „Wie blaß du bist, süße Geliebte. Hast du so große Furcht?" „Ich werde es überwinden," sagte sie muthig und machte einen Versuch zu lächeln. Er küßte ihre kleinen Hände und wandte sich um, denn Jonas öffnete schon die Thür des anstoßenden Zimmers. Nahe der Schwelle stand die hohe Gestalt seiner Mutter. Sie streckte die Hand aus, eine ungewöhnliche Erregung stand in ihrem ernsten Antlitz. Mit wenigen hastigen Schritten war Leonhard bei ihr. „Mutter, hier ist meine Gemahlin, wollen Sie sie gütig aufnehmen?" fragte er ihre Hand küssend mit unsicherer Stimme. „Du verstehst zu überraschen," sagte Frau Katharina und ihr großes, dunkles Auge ruhte mit prüfendem Blick auf der kleinen Gestalt der neuen Tochter, kaum weiß man, ob man dir zürnen soll oder nicht; solche Uebereilung ist ganz gegen alle Sitte, mein Sohn!" „Mag sein, aber ich denke, solch ein süßes, engelhaftes Weib zu gewinnen, rechtfertigt es genugsam, wenn man einmal gegen die steife Sitte der förmlichen Welt verstößt," rief Leonhard und legte seinen Arm schützend um die Taille seiner jungen Frau. „Doch, meine Mutter, Sie können versichert sein, alles ging in bester Ordnung von statten, dafür sorgte unsere verehrte Protektorin, die Gräfin von Schweitnitz. Doch das berichte ich Ihnen später. Für jetzt möchte ich nichts weiter, als für meine Praxedes, die, todmüde von der Reise, bald der Ruhe bedarf, um freundliche Aufnahme und etwas Liebe bitten." „Ja, Madam, seien Sie nicht böse um mein Eindringen," murmelte die kleine Frau und beugte sich tief über die Hand Frau Katharinas, in deren Gesicht plötzlich ein schneller Wechsel von Erregung, Schrecken und Kälte vor sich ging. Mit verdüsterter Stirn schaute sie auf die graziöse Gestalt der jungen Frau herab, und ihre Stimme klang abweisend und scharf, als sie erwiederte: „Da es einmal geschehen, so bleibt mir wohl nichts übrig, als es zu nehmen, wie es einmal ist. Wenn deine Frau in unse- 389 — pem einfachen Bürgerhause, nachdem sie das gräfliche gewohnt war, vorlieb nehmen will, so soll es mir recht sein. Die Liebe ihrer Hausgenossen zu gewinnen ist ihre Sache und kann erst die Zeit erwirken. Charlotte und ich sind, wie du weißt, nicht gewohnt, jedem Fremden unsere Liebe entgegen zu tragen. Charlotte, willst nicht die Angekommene begrüßen?" Leonhard wandte sich, den peinlichen Eindruck, den seiner Mutter Worte auf seine kleine Frau machen mußten, zu verwischen, zu seiner Schwägerin, welche von ihrem Sitz aus der Begrüßung zugesehen und sich jetzt erhob, dem Paare entgegen zu gehen. „Charlotte, Bruder Philipps Frau", sagte Leonhard vorstellend und fügte, ihr herzlich die Hand reichend, leiser hinzu: „Ich hoffe, du wirst bald mit meiner Praxedes Freund werden! Aber wo ist Philipp?" Charlotte vermied den bittenden Blick Leonhards, reichte ihm kaum die Spitzen ihrer schlanken Finger, verbeugte sich förmlich gegen die neue Hausgenossin und sagte dann kalt: „Philipp ist nach Berlin in Geschäften, er kommt schwerlich vor ein paar Wochen zurück und wird erstaunt sein, dich so plötzlich und heimlich vermählt zu finden! Sie heißen Praxedes! Habe ich recht? Ein seltsamer Name!" „Ich erhielt ihn nach dem 21. Juli, meinem Geburtstage", sagte die Gefragte, gewaltsam die Thränen, die sie zu übermannen drohten, niederkämpfend. „Darf man Ihren weiteren Namen nicht auch wissen?" „Natürlich, Praxedes von Litten", siel Leonhard lächelnd ein und sah mit zärtlichem Blick auf sein junges Weib herab. Charlotte wandte sich ein wenig ab und führte ihr Tuch an den Mund. „So ist also der Mädchenname deiner Frau ein Geheimniß, daß du auch jetzt noch damit zurückhältst?" Leonhard erröthete. „Nein, gewiß nicht; aber Praxedes ist zu müde, um sie mit langen Erklärungen aufzuhalten. Um aber der weiblichen Neugierde gerecht zu werden, will ich dir sagen: du siehst hier die Pflegetochter der Gräfin von Schweitnitz, Praxedes von Sternberg, des ehemaligen Hauptman von Sternberg Tochter. So und nun erlaubst du wohl, daß wir uns zurückziehen? Auch Sie, meine Mutter? Praxedes kann nicht mehr." „Ja geht! Aber du wirst doch wieder zu mir kommen, Lepnhard?" „Wie Sie befehlen, Mama." Damit umfaßte Leonhard seine kleine schwankende Frau und führte sie hinaus. Er sah nichts von dem Blick, fast des Entsetzens, mit dem seine Mutter, die sich schwer auf die Lehne des Stuhls, an dem sie stand, stützte, ihm nachsah, er hörte nicht mehr Charlottens verächtlichen Ausruf: „Was für ein zimperliches Püppchen!" er hatte nur Augen für die immer blässer werdende Praxedes, die er draußen fester in seine Arme nahm und mit der jungen Kraft seiner großen kräftigen Gestalt den Gang hinunter bis in das ihr bestimmte Zimmer trug, wo er sie auf einem Ruhebett neben dem großen Ofen niederlegte. Dort kniete er an ihrer Seite nieder und bedeckte ihre Hände mit leidenschaftlichen Küssen. „Praxedes, Geliebte, vergieb mir. Sei mir nicht böse!" Sie öffnete die Augen, welche sie im Kampf mit den Thränen geschlossen, die hellen Tropfen rannen hernieder und ihre Lippen zuckten von verhaltenem Weinen. „Dir böse, Leonhard, warum sollte ich dir böse sein?" „Weil ich dir solchen Empfang bereitete! Weil ich in meiner Aufregung und Hast dich zu gewinnen, nicht daran dachte, wie ich die pedantischen Formen dieses Hauses verletzte und wie man dir das vergelten wurde! O, mein süßes Herzlieb, habe nur kurze Zeit Geduld hier, dann gebe ich dir ein anderes Heim, wohnlicher, traulicher, wenn auch bescheidener als dies finstere Haus, das ich nun mit allem, was es enthält, hassen Möchte um deinetwillen." Praxedes richtete sich auf und trocknete ihre Thränen. ^ „Nein, Leonhard, zürne den Deinen nicht; sie haben vielleicht recht, ein wild- fremdes »Mädchen mit Mißtrauen aufzunehmen. Es ist nur meine thörichte Furcht vor finsteren, unwilligen Gesichtern, die mich so fassungslos machte. Sei auch dem Hause nicht gram, du erzähltest mir unterwegs ja so viel, wie gern du es als Knabe gehabt. Sorge dich nicht um mich, ist es hier nicht ganz hübsch und wohnlich? Sieh, der hübsche Platz in der Fensternische: den werde ich zu meinem Lieblingsplatze machen. Laß mich sehen." — Sie sprang von ihrem Ruhebett auf und trat an die Nische des einzigen großen Fensters heran. „Hier wird es sich ganz hübsch arbeiten und lesen lassen, wenn ich allein sein muß", sagte sie und hob ihr Antlitz zu ihm, der ihr nachgefolgt war, mit lieblich tröstendem Lächeln auf. „Werde ich hier auch die Gasse hinabschauen können, wann du wieder kommst, oder geht dorthin nicht dein Weg zur Kaserne?" „Nein Herzlich, hier siehst du nur in den Garten!" Er schlug die Jalousien zurück und sie schauten zusammen in den schneebedeckten, im Mondlicht glänzenden, kleinen Garten hinab. „O, das ist schade", meinte PraxedeS, sich an ihn lehnend. „Aber dies ist auch hübsch! Wie herrlich der alte Mond, unser treuer Begleiter auf der Fahrt, alles erleuchtet!" „Unser treuer Begleiter und Zeuge auch vor drei Abenden, da du mein wardst, Geliebte! Ich vergesse niemals, als ich, an der Thür der Kapelle wartend, dich mit der Gräfin wie dunkle Schalten auf den mondbeschienenen Wegen daherschwebcn sah! Wie mein Herz klopfte in Erwartung und Verlangen, und wie du dann, die Hüllen abwerfend, im matten Licht der Altarkerzen im Brautschmuck vor mir standest! Meine Braut und in wenigen Minuten mein Eigenthum!" „Ich dein Eigenthum, und du mein Schutz, mein Retter", sagte sie leise und in seine leuchtenden Augen schauend. „O, wie habe ich gezittert und mich geängstigt, bis der Priester meine Hand in die deine legte und das Wort sprach, das mich Schmeitnitz auf immer entzog. Wie soll ich dir danken für deine Rettung! Ich war so verzweifelt, bis du kamst, Leonhard." „Durch deine Liebe, meine Praxedcs", flüsterte er und küßte sie wieder und wieder, als sie sich dichter in seinen Arm schmiegte. Dann aber richtete sie sich auf und sagte ängstlich: „Aber deine Mutter wartet auf dich." „Laß sie warten", entgegnete er unwillig. „Nein, erzürne sie nicht noch mehr. Einmal mußt du ihr doch alles sagen." „Was sagen? Wie ich zu meinem Weibchen kam? Das ist ein viel zu süßes Geheimniß, es auszuplaudern!" „Aber sie wird wissen wollen, wie alles kam." „Ja, und wird fragen wie ein Großinquisitor." „Run, siehst du?" „Nun, siehst du?" wiederholte er lachend, „da wird alles nichts helfen, die Beichte muß einmal gemacht werden. Aber es hat damit Zeit." „Nein, wenn's geschehen muß, ist's besser gleich", sagte Praxedes. „Schau einmal, wie muthig du bist, wenn es dich nicht angeht", neckte er. „Ei, ich bin auch ein zaghaftes Mädchen und du ein Soldat." „Glaube mir, .Herzlieb, einer Batterie österreichischer Kanonen ist leichter zu begegnen als meiner Frau Mutter, wenn sie ernstlich zürnt. Doch du hast recht," fuhr er ernster fort, Ich muß noch heute Abend deiner Stellung hier im Hause gewiß sein. — Aber wirst du dich nicht fürchten? Ich muß dich nun ganz allein lassen!" „Ich fürchte mich nicht, ich werde viel zu denken haben", sagte sie. Er nahm, so zärtlichen Abschied, als ginge er in die weite Welt, und grüßte noch von der Thür zurück; war es doch das erste Mal, daß er sein junges Weib verließ, seit er sie vor der Kapelle in den Reisewagen hob. Sie schaute ihm noch lange nach, als er verschwunden, dann zog sie fröstelnd den Shawl dichter um sich, welchen ihr Leonhard sorgsam um die Schultern gelegt, Sie fühlte sich von der tagelangen Fahrt auf's äußerste erschöpft, und doch ließen all die neuen Gefühle und Eindrücke sie zu keiner Ruhe kommen. Müde wanderte ihr Blick in dem dunkelgetäfelten, von der brennenden Wachskerze auf dem eichenen, mit weißer Decke behanganen Tisch, matt erhellten Zimmer aimher. Hier sollte sie wohnen, bis alles geklärt war und es Leonhard gestattet war, ein eigenes Haus zu gründen. Ach, Leonhard hatte recht, es war ein altes finsteres «Haus, so ganz anders, als das der Gräfin, in dem sie die letzten Jahre gelebt. Ein banges Gefühl hatte sie erfaßt, als sie, durch die eiserne Thorthüre eingelassen, an der Seite des riesigen Wächters durch die Gewölbe der Treppe zuschritten, und dies Gefühl der Beklommenheit war durch den kalten Empfang der Damen nicht verbessert. Aber vielleicht gelang es ihr ja mit der Zeit, die begreifliche Abneigung gegen die aufgedrungene Hausgenossin zu besiegen und dann — ganz abgerechnet, daß ihr ja Leonhards Liebe als Schutz immer blieb — dann war das alles ja leicht zu ertragen gegen das, was sie letzthin im Hause der Gräfin durchlebt. Praxedes von Sternberg hatte schon mancherlei Wechsel im Leben erfahren, trotz ihrer achtzehn Jahre. In ihrer ersten Erinnerung sah sie sich in Luxus und Wohlleben von vielen Dienern umgeben. Ihren Vater kannte sie kaum, ihre Mutter aber, wenn auch oft von geselligen Pflichten hingenommen, pflanzte durch ihre reiche Liebe und verständige Milde eine frische Heiterkeit und zärtliche Gemüthstiefe in das Herz ihres lieblichen Kindes. Dann kam die Zeit des Unglücks, ihr Vater im Gefängniß, ihre Mutter krank und im Elend. Da lernte die kleine Praxedes Hunger und Noth kennen, aber ihr leicht zufriedenes, dankbares Gemüth lernte auch jede Freundlichkeit und Gabe mit doppelter Freude hinnehmen, und immer, wenn ihre Noth am höchsten gestiegen, fand sie gute Menschen, die halsen. Praxedes vergaß ihre Freunde niemals, und oft traten sie ihr in einsamen Stunden wieder vor die Seele. Da war es vor allen ein junger Mann, welcher kurz vor der Rückkehr des Vaters der kranken Mutter geholfen, sie täglich besucht und getröstet hatte, zu dem ihre Gedanken oft wanderten in dankbarer Liebe, und daß Leonhards blaue Augen denen des treuen Freundes glichen, das hatte ihr diesen gleich so werth und vertraut gemacht. Kurz nach der Entlassung des Vaters starb ihre Mutter, und Praxedes wandte nun ihre ganze Liebe dem Vater zu, welcher, ein gebrochener Man», ihrer so sehr bedurfte. Trotz des innigen Verhältnisses zwischen Vater und Tochter, trotz der fast leidenschaftlichen Liebe des von Neue über sein vergangenes Leben weich gewordenen Mannes zu dem letzten, was ihm geblieben, zögerte er keinen Augenblick, als die Gräfin von Schweitnitz sich erbot, seine Praxedes als Pflegekind zu sich zu nehmen, sie ihr zu überlassen. Ohne zu verrathen, was es ihm kostete, brachte er der Dame sein Kind, verließ noch am selben Tage Wien, fuhr dem Mittelmeere zu und verschwand im Orient. Praxedes verlebte mit der Gräfin auf ihrem Gute in Schlesien friedliche Jahre, bis der Sohn der Gräfin, der viel in der Welt umherge- reist, mit ein paar Genossen seiner wilden Fahrten heimkehrte. Er faßte in kurzem eine heftige Leidenschaft zu der schön erblühten Praxedes und verfolgte sie, wo er sie sah, mit den unverschämtesten Liebesanträgen. Das geängstigte Kind flüchtete sich unter den Schutz der Mutter; es kam zu heftigen Austritten zwischen Mutter und Sohn, und Praxedes ward zu einer Freundin auf einem dem benachbarten Gute geschickt. Dort sah sie Leonhard, und die jungen Herzen entzündeten sich schnell in gegenseitiger Liebe. Die Gräfin war sehr glücklich, für ihr Pflegekind einen Beschützer zu finden, und da sie durch einen Zufall ein Komplott ihres Sohnes mit mehreren Helfern entdeckte, wonach dieser Praxedes vom Gute entführen und mit Gewalt zu seinem Weibe machen wollte, schlug sie Leonhard vor, diesen: durch eine heimliche Heirath zuvorzukommen. Leonhard von seiner Liebe ganz hingenommen, ging bereitwilligst darauf ein; sein einziges Bedenken wegen des für Offiziere nöthigen Heirathskonsenses schlug die Gräfin mit der Versicher- 3S2 ung weder, durch ihren Einfluß am Berilner Hof alles in Ordnung zu bringen, und so ward Praxedes eines Abends in Anwesenheit weniger Zeugen in der Dorfkapelle des Guts Leonhard angetraut und reiste dann mit ihm in fast ununterbrochener Fahrt der alten Stadt Frankfurt zu. . An alles dies dachte die junge Frau, als sie, auf die weißen, im Mondglanz schimmernden Wege des Gartens hinabsehend, am Fenster stand. Wie war es nur so wunderbar, daß sie Leonhard sich so willig hingegeben, den sie nie zuvor gesehen, wo sie doch gegen den jungen Grafen einen so unüberwindlichen Abscheu empfand? War es nun, weil er sie so lebhaft an den alten Freund erinnert hatte, oder war es das wunderbare Räthsel der Liebe. Es war ihr gleich gewesen, als hätte sie ihn lange gekannt, in seiner Nähe fühlte sie sich so geschützt, so geborgen; und ach so glücklich, so namenlos glücklich, wenn seine Augen mit so unendlicher Liebe in die ihren schauten. Dann vergaß sie alles, die trübe Vergangenheit, die Furcht vor dem neuen Leben unter Fremden, was sie erlebt, vor dem sie gezagt hatte. Sie kreuzte die Hände über der Brust und hob das Haupt empor, daß das silberne Licht des Mondes ihr liebliches Antlitz, ihre feine Gestalt überfluthete, ihre Lippen flüsterten ein leises Dankgebet. Da öffnete sich die Thür und Leonhard trat ein. Einen Augenblick blieb er stehen und gab sich ganz dem von dem Lichte der Kerze unberührten Bilde in der Finsternische hin. Dann trat er zu ihr und umschlang sie. „Praxedes, mein Herzlieb, für wen batest du eben!" „Für dich, Leonhard, für dich und unser Glück!" Während Praxedes in ihrem Zimmer träumte, hatte ihr junger Gatte mit seiner Mutter keinen leichten Kampf auszufechten. Er fand sie mit finsterer Miene in ihrem Zimmer auf- und abgehen, bei ihr immer ein Zeichen großer Erregung. Sie wies auf einen Stuhl und sagte kurz: „Setze dich und dann erzähle, wie kamst du zu diesem Mädchen?" — Leonhard erzählte in gedrängter Kürze die Umstände seiner raschen, heimlichen Heirath, Frau Katharina hörte, ohne ihre Wanderung zu unterbrechen, ihm zu; als er geendet, blieb sie vor ihm stehen. „Und der Konsens vom König?" fragte sie. „Den wird mir die Gräfin in wenigen Tagen verschaffen!" Ah, ich dachte es mir, du hast ihn also noch nicht. — Wenn aber die Gräfin nicht Wort hält, so ist deine Heirath ungiltig!" „Sie wird Wort halten." „Wer verbürgt dir das? Sie hat ihren Zweck erreicht, ihren Sohn von dein armen Mädchen, dessen Vater ein Fälscher imd Betrüger war, zu trennen und einem andern aufzubürden!" * „Mutter!" rief Leonhard und sprang mit glühendem Gesicht von seinem Stuhl auf. „Spreche ich nicht die Wahrheit? Frage jeden in Wien, ob Arthur von Sternberg nicht drei Jahre wegen fälschlichen Bankrotts im Gefängniß gesessen", rief Frau Katharina nnt flammenden Blicken und fügte dann, sich ein wenig abwendend leiser und zwischen den Zähnen hervorgestoßen hinzu: „und vielleicht sagt man dir dann auch wie er nach Wien kam und seinen Dienst verlor!" Leonhard senkte das Haupt auf die Brust und stützte die Hand auf den Tisch. „Davon sagte die Gräfin mir nichts, sie sagte nur, Praxedes Vater sei ausgewandert und wahrscheinlich gestorben!" „Sie verschwieg dir wohlweislich, was dich sehr wahrscheinlich zur Vernunft gebracht hätte, und dachte vielleicht, der mit dem Bürgerhause liirte Name der Litten könnte den Flecken besser vertragen als der der Schweitnitz!" (Fortsetzung folgt.) Für die Redaction verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. M. Hnttler. nteröuktungMatt zur „Angsburger postzeitung." Nr. 50. Mittwoch, 22. Dezember 1880. Die Rückerinnerung an eine gute That schweigt nie; sie flüstert am lautesten in der Todes stunde. — Donndors. Die rechte Sühne. Novelle von Jenny Bach, Verfasierin von „Tannenburg" rc. (Nachdruck verbot«,. Gesetz vom 11 IV. 70,) (Fortsetzung.) Leonhard trat mit dem Fuße den Boden. „Wären Sie nicht meine Mutter und auch einst eine Litten, ich würde diese Beleidigung nicht ertragen!" „Du nennst eine Wahrheit Beleidigung. Der Name Litten ist nicht immer der beste gewesen. Ich war eine Litten, aber ich wäre glücklich, hättest auch du den Namen mit dem besseren der Heideker vertauscht. Dann würde dich Niemand gebraucht haben» sich von der Tochter dieses — dieses Fälschers zu entledigen." „Sie vergessen, Mutter, daß Praxedes mein Weib ist und daß ich sie liebe, trotz ihres Vaters liebe; über alles liebe!" Frau Katharina warf einen schnellen Blick auf ihren Sohn. „Die Liebe wird sich schon abkühlen, wenn sie so harte Proben zu bestehen hat, wie manche deiner Passionen es schon gethan, und dein Weib ist das Mädchen nicht, bevor du den Konsens hast! — Oder denkst du sie vielleicht deinem Oberst auch ohne diesen als deine Frau zu präsentiren " „Nein, das kann ich natürlich nicht, aber da in wenigen Tagen —" „Das laß uns abwarten", unterbrach ihn Frau Katharina scharf. „Ich bin so vertrauensvoll nicht wie du und kann aber deine Heirath nicht anerkennen, bis alles in Ordnung." „Nicht anerkennen? Praxedes ward mir angetraut." „So sagtest du; trotzdem verlange ich von dir, daß du sie bis zum Empfang des Konsens nur als deine Verlobte ansiehst; und als solche können wir sie hier im Hause wie im Freundeskreise auch nur vorstellen. Bist du so leichtsinnig gewesen, in diese heimliche Trauung zu willigen, so ist es nun deine Pflicht gegen dich selbst, dir nicht alles zu verderben, indem du sie veröffentlichst. Du weißt, wie solcher Ungehorsam bestraft wird!" „Das weiß ich." „Gut, so wirst du erkennen, daß ich nur für dein Bestes besorgt bin." „Ja, aber ich hoffte, daß Sie selbst, daß unsere Familie Praxedes als mein Weib anerkennen würden." „Das können wir nicht, ehe die Welt es darf. , Hättest du mir eine Tochter ins Haus gebracht, die ich achten und werth halten könnte, würde ich dir vieles nachgesehen haben — aber so — verlange das nicht!" „Es ist grausam, ein unschuldiges Mädchen für die Sünde des Vaters zu verachten", rief Leonhard heftig. 394 „Die Sünden der Vater ruhen stets auf den Kindern", sagte Frau Katharina herb. Und wunderbar wäre es, hätte dieses nichts von dem schlechten Charakter des Vaters geerbt." „Praxedes ist ein Engel, Jedermann liebt sie. Und auch Sie müssen sie lieben, wenn Sie sie erst kennen!" „Niemals, das Mädchen niemalsI" rief Frau Katharina so heftig und entschieden, daß Leonhard sich'tief verletzt abwandte. „So werde ich sie doppelt und dreifach lieben", sagte er trotzig und ging zur Thür. „Sie wird mir alles ersetzen, auch die Liebe meiner Mutter, die ich wohl nie besaß!" „Leonhard!" Er blieb stehen, von ihrem fast wilden Ruf getroffen. Einen Augenblick standen sich Mutter und Sohn schweigend gegenüber und schauten sich an. „Geh'", sagte Frau Katharina, sich gewaltsam fassend, „geh' nur und liebe die Fremde. Deine Mutter verstehst du doch nicht, kannst sie nicht verstehen." „Verzeihung, meine Mutter", bat er und bog sich nieder, ihxe Hand zu küsse». Sie duldete es; dann wiederholte sie: „Geh, es ist gut!" Leonhard kehrte zu seinem geschmähten Weibe zurück. In seineiN Herzen war trotz seiner feurigen Vertheidigung etwas wie ein Erkalten seiner Liebe gezogen. Als er sie aber dann vom Mondschein umflossen in betender Stellung vor sich sah, da war alles vergessen was er gehört, und mit derselben Liebe wie vorher schloß er sein liebliches Weib an sein Herz. H. „Die Herren sind eben heraufgekommen, Madam!" Charlotte erschrack bei dieser Meldung des Jonas; sie warf eilig ein Blatt Papier, das sie in der Hand gehalten, in einen offenen Kasten und klappte den Deckel zu. „Ich komme sogleich, laß er nur anrichten!" rief sie, und Jonas verschwand mit schneller Schwenkung des Zopfes. Frau Charlotte trat vor den Spiegel, ihren eben vollendeten Mittagsanzug zu prüfen; aber das feine Wollkleid mit Spitzen und Schleppe war in ebenso tadelloser Ordnung, wie das blonde, hochgesteckte Haar, und doch fuhr ihr Blick so prüfend über Gestalt und Antlitz ihres Spiegelbildes! „Mein Gesicht ist schmäler und blasser, meine Backen und Kinn nicht so rund und ohne Grübchen; Nase und Mund größer und markirter als die ihren; aber Augen und Stirn, nun ich meine, die verrathen doch etwas mehr Geist als ihr verschüchterter Taubenblick, mit dem sie stets dreinsieht. Ich kann es wohl wagen, mich mit ihr zu messen, und wenn Philipp wirklich die Praxedes gemeint", — sie zog die eben gelobte, hohe, schmale Stirn in finstre Falten, ihre Hand ballte sich und ungeduldig trat ihr schlanker, feiner Fuß den Boden. „O, es ist abscheulich, schändlich! dieser kalte, ruhige Philipp! wenn es mir um dies Püppchen nicht gelang, ihn zu erwärmen, mir, die ich seit meinen Kinderjahren nur Gedanken für ihn hatte.... ich werde es heute noch sehen! Aber ich will alles ertragen, ehe ich auch nur um ein Krümchen bettele, ich habe den Stolz einer echten Heideker." Sie wandte sich hastig ab und trat hinaus. Auf dem Gange begegnete ihr Leonhard mit Praxedes; er wollte seiner Frau gerade die Thür des Eßzimmers öffnen, sie voran zu lassen, als aber Praxedes Charlotte gewahrte, trat sie sogleich zurück und ließ dieser den Vortritt; was Charlotte ohne Weiteres annahm. Leonhard^ Stirn verfinsterte sich sichtlich, und sein Gruß an das versammelte Coinptoirpersonal war noch gemessener ckls gewöhnlich; schweigend ging er zum Fenster hinüber. Praxedes sah ängstlich zu ihm auf. Wo war der klare, vertrauensvolle Blick geblieben, mit dem sie in den ersten Tagen in sein Auge geschaut- Hatten zwei kurze Wochen das schon geändert? Sie wußte es wohl, es war um ihretwillen, daß Leonhard oft verstimmt und gereizt war. Er ertrug es so schwer, daß sie nur als seine Verlobte angesehen und Fräulein Praxedes von Sternberg im Hause genannt wurde. War es ihr selbst doch ein harter Schlag Nr. 1. 1883 . zur „Äugslmrger Pojheitnilg." Mittwoch, 3. Januar Z«m Jahresbeginn. Des Jahres letzter Abend sank hernieder, Ein neuer Morgen bricht durch dunkle Nacht; Im Dome Gottes schallen Jubellieder, Zur Ehre dessen, der sür rrns gewacht. Und dennoch flüitert's wie geheimes Wehen Durch's kahle Laub, den schneebedeckten Hain: Allmächt'ger Gott, ich bitt', erhör mein Flehen, Laß es genug der harten Prüfung sein! Schau nieder auf die Sorgen Deiner Kinder, Sieh' ihre Thränen, sieh' ihr Herzeleid; O hab' Geduld, und sind sie gleich auch Sünder, Sie sind bedürftig der Barmherzigkeit! Durch Hagelschlag, durch Wassersnoth und Regen, Empfand so mancher Deine strafend' Hand; Empfing auch nicht, wie sonst, den Erntesegen, Sein flehend Auge ist Dir zugewandt! Drum hör' sein Flehen, nimm von ihm die Sorgen Gieb, daß des Morgensternes milde Pracht Ihm neue Hoffnung beut' am heut'gcn Morgen, Damit er spricht: Mein Gott hat's wohl gemacht I Auf daß er dankend hin zn Dir sich neige, So liebevoll, wie aller Eltern Kind, Vor dem Altare seine Kniee beuge, In dem Gebete neue Labe find'! O, segne Gott, der Menschenhände Thaten!! Damit dereinst am srohen Erntetag Ein redlich Handwerk wie des Landmann's Saaten Den reichsten Lohn und Garben bringen mag! O mög Dein Stern recht frohe Hoffnung schüren Für's neue Jahr in aller Eltern Brust, AuS Nacht zum Licht, aus Leid zur Wonne führen, Die sich der Sorgen sür ihr Lieb bewußt. Doch joll's Euch Segen bringen das Neujahr, Dann müßt Ihr auch auf Euern Gott vertrau'n! O glaubt! Er hilft gewiß. — Und dann fürwahr Könnt sroh Ihr in die dunkle Zukunft schau'n; Dann wird im Augenstern oft selig blinken, Die Freudenthrüne, die das Herz gebar; Aus jedem Antlitz es verklärend winken: Gott sei's gedankt! Gott Lob! Ein gutes Jahr I U. L» Uor dem Madormrribilde Erzählung von Hermann Hirschfeld. (Nachdruck verbalen.) Erstes Kapitel. Bon Gasta her donnerte Kanonenhall durch das Land. Mit Aufbietung der Kraft der Verzweiflung vertheidigte das bedrohte Bourbonenthum in der Person des Königs Franz von Neapel das letzte Bollwerk, das ihm geblieben, die letzte Festung seines Reiches. Wie oft mochte Feindesgier dem sonnigen Südgestade Italiens genaht sein, wenn der Mauren und der Türken Heere mit Verderben drohten. Heute aber galt es nicht den Kampf gegen den Muselmann, nicht Frankreich und Spanien stritten, wie einst in den Tagen des Mittelalters, um den Besitz des Paradieses auf Erden — Italien war gegen 2 i ! -i Italien aufgestanden — neue Zeit! Einheit! hieß des Tages Parole. In der Verbannung weilten die kleinen Fürsten Italiens, die der neuen Zeit eines Königreichs Italien ihre Erblande zum Opfer bringen mußten. Schon war durch kühner Freischaaren Streich die Hauptstadt des neapolitanischen Reiches in den Händen des neuen Italiens und über seine letzte Beste, über Gavta zog sich wolkenschwer das Verderben zusammen. Was half die heldenmüthige Vertheidigung, was die Opferwillig^-: des jungen Königspaares, das Noth und Mühen mit dem geringsten seiner Soldaten theilte, gegen des Hungers und des Typhus drohende Gespenster, die täglich die Zahl der tapferen Besatzung minderten. Nur noch gezählt waren die Tage bis zur Ergebung, aber Heldensinn ermattet nicht, und wie am ersten Tage der Belagerung, donnerten die Kanonen der Festung den Kriegsschiffen entgegen, die von der Seeseite her einen Vortheil zu erreichen suchten. Auch bis zum Garten des Herrn Väldini drang der kriegerische Hall. Und doch war alles hier so still, so friedlich; harmonisch schmetterten gefiederte Sängerin Myrthen- und Cypressengesträuch ihre Lieder, der Granatbaum, die Aloe, sandten ihre Düfte und auf den Beeten prangten Blumen in tausendfarbigem Schmucke, aus dunklem Laube glühte die Goldorange und über alle Herrlichkeit wölbte sich Italiens tiefblauer Himmel, glühte Italiens Sonnenschein. An der Hinterseite des Hauses saß ein junges Mädchen von etwa zwanzig Jahren auf einer Bank, mit einer Handarbeit beschäftigt. Augenscheinlich nicht eine Tochter des Landes, war sie zwar keine Schönheit zu nennen, aber der Ausdruck sinnigen Ernstes verschönte ihre Züge. Ihre Beschäftigung schien sie nur mechanisch zu betreiben, weit ab schweiften ihre Gedanken und hin, und wieder rann, ihr selber unbewußt, eins Thräne aus den dunkelbraunen Augen die Wange hernieder. „Alma — ich bei Dir und Thränen?" War der Ton vorwurfsvoll, der an des jungen Mädchens Ohr drang, so ward er durch den Ausdruck innigster Zärtlichkeit gemildert. Aus einer Seitenthür war ein hochgewachsener junger Mann in dunkler Ofsiziersunisorm getreten und hatte sich ihr leise genähert. „Zürne nicht, Robert", — das junge Mädchen erhob sich und reichte beide Hände dem Kommenden. „Habe ich nicht Grund zu Thränen? Mahnt es mich, trotz des stille» Glückes, das mir das Asyl des würdigen Herrn Valdini gewährt, trotz Deiner Liebe, die der Himmel mir beschied, doch noch immer an meine gute Mutter, die ich in Neapel hegrub, an den Bruder, den vielleicht zeitlich und ewig verlorenen, der statt der Mutter und Schwester Stütze zu sein, das Haus floh, das ihn geboren, um seinen wilden Gelüsten fern über Meer und Land nachzugehen? Und muß ich nicht um Dich selber zittern, Roberto, den tapfersten Offizier des KönigS Franz? Wie vielen Gefahren hast Du Dich schon ausgesetzt der Sache halber, der wir alle treu ergeben, — wie vielen gehst Du »och entgegen?" „Ich flehe in Gottes Hand", entgegnete der Offizier; „doch nicht lange mehr" — düster war sein Antlitz — „brauchst Du für mich zu bangen, mein theures Mädchen. Nicht lange mehr kann sich das letzte Bollwerk des neapolitanischen Königreichs halten und ist es dahin, kann ich dem erhabenen Paare, das seine Krone trug, nicht mehr meine Dienste weihen, dann führe ich meine holde Braut zum Altar und schaffe meine kleine väterliche Besitzung zur Stätte des reinsten Glückes für uns und für andere. Daran denke, Alma, das sei Dein Trost während meiner Abwesenheit, denn noch diesen Abend verlasse ich Herrn Valdinis Villa und kehre nach Gavta zurück, meinem königlichen Herrn die traurige Kunde zu bringe», daß Alles für ihn verloren, kein Arm, der noch helfen könnte, sich für ihn erhebt und dann an seiner Seite das Schicksal zu erwarten." Das junge Mädchen ward bleich. „Nur wenige Stunden der Ruhe gönntest Du Dir an meiner Seite und schon willst Du mich wieder verlassen?" klagte sie. „Aber Du hast unserm König den Eid der Treue geleistet, fern sei es von mir, Dir Deine ! 3 Pflicht zu erschweren. Geh' denn, Roberto; sobald Du fort, eile ich in den zerfallenen Gartsnpavillon am Ende der Besitzung, dort in einem der Nebenräume habe ich ein wunderliebliches Madonnenbild entdeckt, keine Künstlerhand hat es gemalt, halb erloschen sind seine Farben und doch habe ich es so lieb gewonnen, blickt das Antlitz so mild und gütig, daß ich täglich zu ihm wallfahre. Ihrem Schutz will ich Dich empfehlen, Roberto, sie wird reinster Liebe Flehen gnädig sein." Das Gespräch der beiden jungen Leute ward durch das Erscheinen des Besitzers der Villa unterbrochen. Herr Jofo Valdini war ein Mann in den Fünfzigern; seine Züge hatten einen milden, fast kindlichen Ausdruck; es war ein Antlitz, das keine Leidenschaften der Seele trübte, wenn anders seine unbegrenzte Hingebung für die Sache des Königs Franz nicht eine Leidenschaft zu nennen war, dem er bereits schwere Opfer mit freudigem Herzen gebracht. Mit freundlichem Lächeln begrüßte er das junge Paar. „So recht, mein Kind", sagte er, die feine, weiße Hand auf Almas dunkelblondes Haar legend, — „die Ehre über alles, über alles die Treue. Glaube mir, kannst Du, des Nordens Tochter, auch nicht urtheilen über des fremden Landes Politik, — Du darfst mir glauben, Dein Roberto dient keiner schlechten Sache." „Kann es ein Mann mit seinem Herzen, mit dem Eueren, Herr?" rief Alma. „O meinet nicht, daß mir des Landes Wohl und Weh gleich sei, das ich seit fünf Jahren meine Heimath nenne. Als ich mit der theuren Mutter hier anlangte, die Verwandten aufzusuchen, die uns so lange schon gerufen, um der Schande zu entgehen, die meines Bruders Leichtsinn über unseren Namen in Deutschland gebracht, als wir sie ein Opfer der herrschenden Epidemie, nur als Leiche antrafen, da wäret Ihr es, edler Herr, der Euch der verlassenen Frauen annähmet; und als vor zwei Jahren mir die Mutter entrissen ward, da botet Ihr mir Euer Haus, als das eines Vaterhauses. Als »reinen Vater betrachtete ich Euch und in Eure Hand legte ich die Entscheidung, obwohl mein Herz längst gesprochen, da Roberto Ariano, der Freund Eueres Hauses, Euer verjüngtes Ebenbild in Handeln und Denken, um meine Hand warb." „Und ich willigte mit Freuden ein", sagte der alte Herr gerührt. „Wollte Gott, mein Sohn gliche Deinem Roberto. An meinem leiblichen Kinde habe ich der Freuden wenige; schon jung zeigte er ein so leidenschaftliches Temperament, daß meine Milde ihm gegenüber zur Schwäche geworden wäre. Ich sandte ihn, dem die leitende Hand der Mutter nicht vergönnt war, in ein Pensionat nach Turin. Als er der Schule entwachsen, trat er in den Dienst des Staats. Hätte ich ahnen können, daß Sardinien ausersehen, das Geschick Italiens zu ändern, — ich hätte nimmer meine Einwilligung gegeben. Als ich ihn zurückrief, den Bourbonen seine Dienste zu weihen, denen sein ganzes Haus in Treue ergeben, verweigerte er mir den Gehorsam. Freilich seit einiger Zeit sind seine Briefe herzlicher, er scheint, überwältigt vom Mißgeschick des unglücklichen Königspaares, sein Unrecht einzusehen und soeben erhielt ich von ihm einen Brief, der noch für heute mir das Eintreffen meines Luigi meldet." Die Mittheilung des Hausherrn schien eben nicht angenehm auf den jungen Offizier zu wirken. „Und wird Luigi lange im väterlichen Hause verweilen?" fragte er. ^ Valdini verstand ihn. „Seid unbesorgt, mein junger Freund", sagte er. „Mein Sohn wird nicht vergessen, daß eines Valdini erste Pflicht Ritterlichkeit gegen Damen heißt. Ich hoffe, Ihr werdet noch Freunds werden, Roberto, — so oft nannte ich mich in Trauer um meinen Sohn, der so wenig meine Liebe begriff, kinderlos — vielleicht darf ich im Alter der Kinder drei an mein Herz schließen." Zweites Kapitel. Kaum zehn Minuten von der Villa Valdini's entfernt, hielt ein leichter offener Wagen von einem Kutscher geführt; nebeu dein Lenker saß ein wildbnrtiger Mann in abgeschabter, bestaubter Kleidung, dunkelblondes Haar fiel ungeordnet um seine Schläfe» und wild und unstät blickte sein Auge. Er mochte das Ende der zwanziger noch nicht überschritten haben, aber Strapazen und Leidenschaften ließ sein Antlitz alt vor dem Alter erscheinen. Und doch bei aller Wildheit hätte der Menschenkenner, der in der Züge Ausdruck der Seele Zustand erfaßt, noch eher Vertrauen zu dem finsteren wilden Manne auf dem Dienersitz gefaßt, als zu dem elegant gekleideten Herrn, der auf der weißgepolsterten zweiten Bank des Fuhrwerks ruhte. Kalte Berechnung und Herzlosigkeit prägte sich aus auf den schmalen gelblichen Zügen, das graue, matte Auge blickte gleichgiltig vor sich hin, aber hin und wieder flammte ein Blitz in ihm auf, der von tieferen Leidenschaften zeugte als die Außenseite verrieth. Ein befehlender Ruf und der Kutscher hielt an. „Ich werde mit meinem Diener den kleinen Weg bis zum Hause des Herrn Valdini zu Fuß zurücklegen", sagte er, „führe das Gefährt in das Wirthshaus, laß das Thier ruhen und sorge dafür, daß es zum Reiten oder Fahren bis zum Abend diensttüchtig ist. Du, Giacomo, folge mir. Er sprang vorn Wagen, auch der bei dem Kutscher sitzende Mann stieg ab, beide sahen dem Fuhrwerk nach, bis es um eine Ecke verschwand. Der kalte, vornehme Ton, in dem Luigi Valdini — denn dieser war der Ankommende — mit seinem Diener in Gegenwart Anderer redete, machte einer weit freundschaftlicheren Behandlung Platz, sobald er mit ihm allein war. „Wir sind zur Stelle, Giacomo", nahm er das Wort, „es ist alles geblieben wie vor Jahren, dort. der alte zerfallene Pavillon, dessen Räume uns zu Nacht dienen sollen. Hier muß das Pförtchen in der Mauer sein, das in den entlegensten Theil des Gartens führt, erproben wir an ihm die Kunst des Schlossers; werden wir überrascht, brauche ich im Eigenthum meines Vaters nicht um eine Ausrede besorgt zu sein." Er hatte sich einer kleinen, von Schlingpflanzen halb versteckten Thür genähert und öffnete sie. Vorsichtig schlich er, von Giacomo gefolgt, den Laubgang entlang, der zu einem kleinen zerfallenen Gebäude führte, zu jenem Pavillon, auf den er seinen Diener aufmerksam gemacht. „Wir wollen eintreten, die Thür ist unverschlossen, keiner kümmert sich um diesen Ort, wir werden ungestört sein", sagte er, das Innere betretend. Es war ein kleiner, kaum mit den notdürftigsten Möbeln ausgestatteter Raum, der sichtlich von seinem Eigenthümer vernachlässigt ward. Herr Valdini betrat niemals den Hintern Theil des Gartens, denn an der Thüre des Pavillons ward einst seine Gattin vom Schlage getroffen und er mied die Erinnerung an jenes furchtbare Ereignis; Nur von den oberen, nicht durch Läden bedeckten Fenstern drang ein ungewisses .Zwielicht; der an Tageshells gewohnte Blick fühlte doppelt die hier herrschende Dämmerung. „Es ist Alles, wie ich dachte", sagte der Sohn des Hauses befriedigt, nachdem er flüchtige Umschau gehalten. Und nun höre, welchen Plan ich im Interesse der Regierung der wir Beide dienen, ersonnen." „Was kümmert mich Regierung?" meinte Giacomo unwirsch. „Ich diene Dem, der am meisten zahlt, — augenblicklich seid Ihr das; was kümmern mich Eure Pläne? Gebt mir Gold — nur um Gold kann ich vergessen, — Gold ist Leben, Glück, Familie Alles-" „Und Gold soll Dir werden, befolgst Du treu mein Gebot. So höre: Diese vier Briefe trägst Du zu den Männern in der Umgegend, deren Namen Dir die Aufschrift zeigt. Es sind Freunde der Regierung; ich wünsche Zeugen zu haben, daß ich in ihren Interesse gehandelt. Hast Du den Auftrag erfüllt, so kehrst Du auf dem Wege, der wir gekommen, an diesen Ort zurück und wartest meine weiteren Befehle wegen jene? Burschen, der während meiner Abwesenheit hier den Herrn zu spielen scheint und meinen schwachen Vater sein Vermögen für eine verlorene Sache abzwackt. Er hat keine Ahnung daß ich ihn in Turin erkannt, daß ich seine Sendung durchschaut und in derselben Stund 5 wie er die Hauptstadt verlassen habe. Er wird noch heute, nachdem er seine Braut begrüßt, die Villa verlassen. Wichtige Papiere birgt seine Brieftasche, die er nach Gaöta mit sich nimmt; wir werden aus ihnen die Anhänger der Bourbonen in Turin erkennen. Diese Papiere, Giacomo, mußt Du mir verschaffen, in Güte oder Gewalt. Dreihundert Lire (Franken) für die Beute." (Fortsetzung folgt.) Die Todten des Jahres 1882. I. Fürstliche Persönlichkeiten. Febr. 8. Herzogin Anna, Tochter des Großherzogs von Schwerin, Schwerin 17 I. März 6. Markgraf Maximilian von Baden, Oheim des regierenden Großherzogs, Karlsruhe, 83 I. — 8. Calixt Gustav Hermann Prinz Biron von Curland, Polnisch-Warten- berg, 65 I. April 30. Prinzessin Wilhelm von Württemberg, geb. Prinzessin von Waldeck- Pyrmont, Ludwigsburg, 25 I. Juni 17. Prinzessin Margaretha von Sachsen-Altenburg, Altenburg, 15 I. Juli 9. Fürstin Gertruds von Hanau, Gemahlin des letzten Kurfürsten von Hessen, Prag, 76 I. Aug. 14. Prinzessin Maria Polyxena, Tochter des Landgrafen von Hessen, Kiel, 10 I. September 29. Herzogin Maria Pia von Parma, Biarritz, 33 I. Oktober 27. Mohammed-cs-Sadock, Bey von Tunesien, Tunis, 69 I. Dezember 3. Herzog Vernarb von Sachsen-Meiningen, Vater des regierenden Herzogs, Meiningen, 82 I. — 9. Prinzessin Friedrich von Preußen, Schloß Eiter bei Düsseldorf, 83 I. — 20. Penelope Smyth, Prinzessin von Capua, Villa Marti« bei Lucca. II. Geistliche Würdenträger. Januar 13. Bischof Dobrila von Trieft, Trieft, 70 I. — 14. Bischof Noettig von Brunn, Brünn, 76 I. März 16. Bischof Amberg von Vorarlberg» Feldkirch 80 I. April 6. Dr. Barkcr, Bischof von Sydney und Metropolit von Australien, Sän Nemo» Mai 1l. Dr. tlrool. Ludwig Wilhelmi, evang. Landesbischof von Nassau, Wiesbaden, 86 I. — 17. Dr. Karl Johann Greith, Bischof von St. Galle», St. Gallen, 75 I. Juni 14. Lequette, Bischof von Arras, Arras, 71 I. Ende Juni. Jerotheus, griechischer Patriarch von Jerusalem, Jerusalem. Juli 16. Jourdan, Bischof von Tarbes, Lourdes, 69 I. August 3. Dr. von Prandl, General-Vicar» München, 81 I. — 28. Johannes Pcine, Domcapitular und General-Vicar. Paderborn, 77 I. September 16. Dr. von Meyer, Präsident des protest. Oberconsistoriums, München, 68 I. — 16. Dr. Edward Pusey, Ascot, 83 I. — 19. Dr. Schaepman, Erzbischof von Utrecht, Utrecht. Oktober 1. Christoph Cosandey, Bischof von Lausanne, Freiburg, 64 I. November 20. Cardinal Sanguigni, Nom, 73 I. — 23. Canonicus Dr. tsteol. Leopold August Graf v. Spee, Aachen, 65 I. Dezember 3. Dr» Tait, anglicanischer Erzbischof von Canterbury, Ab- bington Park, 71 I. — 23. Cardinal Donnet, Erzbischof von Bordeaux, Bordeaux, 87 I. III. Staatsmänner und Parlamentarier. Januar 4> Herzog von Cadou, Paris 54 I. — 14. Minister Dr. Frhr. v. Falkenstein, Dresden, 80 I. — 22. Dr. jur. Josef Völk, Augsburg, 63 I. — 28. Minister Jervme David, Paris 59 I. — 29. Dr. Wilhelm Stieber, Chef der Sicherheitspolizei, Berlin. — 30. Landes-Hauptmann Graf v. Wolkenstein-Trostburg, Trient, 82 I. — 30. Bürgers, Präsident der Transvaal-Republik auf seinem Landgut in Transvaal. Februar 1. Herrenhaus-Mitglied Adam Frhr. v. Burg, Wien, 85 I. — 8. Minister Karl Frhr. v. Eder, Wien. — 14. Minister Josef Martel, Paris, 69 I. — 22. Graf Peter Schuwaloff, St. Petersburg. März 6. Neichstagsmitglied Joh. Brückl, Passau. April. Geh. Hannover'sche Legationsrath v. Alten, Montreux. Mai 2. Friedr. August Abt, Neichtstagsabgeordneter, Passau, 71 I. — 6. Lord Charles Cavendish, Ober- Staatssecretair für Irland, Dublin 46 I. — 6. Bourke, Unterstaatssecretair für Irland, Dublin. August 11. Baron von Magnus, preußischer Gesandter, Görlitz, 61 I. — Reichstagsabgeordneter MoSle, Brasilichi. September 27. Paul Bezanson, Reichstags- Abgeordneter, Bletz, 78 I. Oktober 11. Geh. NegierungSrath a. D. Ludwig Jakobi, Berlin, 66 I. — 18. Max Clavü von Bouhaben, Mitglied der katholischen Fraction, Köln. — 24. Karl Frhr. v. Devivere, Mitglied der katholischen Fraction, Köln. Nov. 11. Figueras, Präsident der spanischen Republik im Jahre l873, Madrid, 63 I. — 15. Jnstizminisler von Freydorf, Karlsruhe. — 22. Landtagsabgeordneter Professor Leonhard, Bieberach. — 25. Minister a. D. Dr. Julius v. Breideubach, Stuttgart, 72 I. — 27. Ministerpräsident Otto Theodor Frhr. v. Manteuffcl, Crossen, 77 Jahr. December 2. Oberpräsident Dr. v. Kühlwettcr, Minister, 73 I. — 6 . Louis Alane, Cannes, 69 I. — 6 . Nationalrath Alfred Esther, Zürich, 61 I. — 11. Staatsininister Thon, Weimar. — 11. Herzog Michelangelo Cantani v. Sermonata, Rom, 78 I. —7 15. Oberregierungsrath Dr. H. W. Krausnick, Berlin, 86 I. IV. Militairs. Januar 3. Nun Damat Pascha (der Theilnahme an der Ermordung des Sultans Abdul Äziz beschuldigt), Taif. — 10. General da Valmaseda, Madrid. — 16. Feld- Zeugmeister Eduard Frhr. v. Litzelhofen, Prag. — 22. General Alexander v. Minkwitz, Ct. Petersburg. Februar 4. General Wilhelm Ritter v. Merkel, München, 84 I. — 12. General Fürst Alexander Suwaroff, St. Petersburg. — 24. General Ludwig von Hegelmaier, Ludwigsburg, 72 I. — 24. General Albrecht Graf v. Holtzendorf, Dresden, 90 I. März 9. General Medici, Rom, 63 I. — 9. General Lanza, Rom, 67 I. Mitte März. Mehemed Nuschdi Pascha Mürerdschin, Konstantinopel, 80 I. — 26. von Kleist, preußischer Generallieutenaut, Berlin, 77 I. Mai 16. Constantin v. Kauffinann, russischer General, Gouverneur von Turkestan, St. Petersburg» 64 I. Juni 2. Giuseppe Garibaldi auf der Insel Caprera, 75 I. — 15. General Cissey, französischer Kriegsminister, Paris, 72 I. August 16. General Ducrot, Versailles, 65 I. — 20. Admiral Graf Lütke, St. Petersburg, 82 I. Okt. 7. Admiral Louis Pothuau, Paris, 67 I. 17. Feldzeugmeister Josef Frhr. v. Maroicic, Wien. 70 I. V. Männer der Wissenschaft» Jan. 6 . Alterthumsforscher Davis, Florenz. — 10. Dubois-Guchan, Lyon, 79 I. — 11. Professor Dr. Theodor Schwan», Köln, 71 I. — 12. Pros. Dr. Stumpf, Historiker, Innsbruck. — 12. Dr. zur. Graf v. Wartensleben, Berlin, 72 I. 13. Geograph Adam Jxelles, 51 I. — 14. Alterthumssorschcr Henry Adrien Prevost de Long- perier, Paris, 66 I. — 16. Charles Blaue, Mitglied der französischen Akademie und Professor der Aesthetik, Paris, 69 I. — 19. -Hermann v. Schlaginwcit-Sakünlünski, Naturforscher München, 66 I. — Jan. I'. Singer. Erfinder des „Pansymphonicon", Salzburg, 72 I. — Jan. Piag^ia, Asrikareisender, auf einer Forschungsreise in Knokus. — 26. Frederik Warrington, AMarcisendsr, Tripolis. 74 I. Feb. 10. Jos. Decaisne, Botaniker, Paris, 75 I. — 16. Dr. Moritz Ritter v. Schmerling, Senatspräsident des Verwaltungsgerichtshofes, Wien, 60 I. — 23. Eduard Desor, Professor der Geologie, Neuenburg, 71 I. — Dr. C. I. Matthes, Professor der Astronomie in Wiesbaden. April 7. Le Play, Socialpolitiker, Paris, 76 I. — 19. Charles Robert Darwin Naturforscher, auf seinem Landsitz Down bei Bromley, 73 I. — 25. Pros. Josef Aschbach, Herausgeber des, „Allgemeinen Kirchen-Lexicons", Wien, 81 I. — 26. Pros. Zöllner, Astronom, Leipzig, 48 I. Mai 4. Graf Franz de Champigny, Historiker, Paris, 78 I. Juni 3. Pros. Dr. Neinhold Pauli, Historiker Göttingc», 59 I. Juli 6 . Pros. Nikolaus Friedreich, Pathologe, Heidelberg, 57 I. — August 9. Rudolph Graf v. Stillfried- Rattowitz, Berlin, 78 I. — 19. D. Bossue 8 . -I., Bollandist, Brüssel, 78 I. September 4. Chorherr Fr. Nohrer, Geschichtsforscher, Luzeni. — 22. Dr. tstsol. Heinrich Luken, Groß-Fullen bei Meppen, 67 I. —- 23. Geh. Medicinalrath Friedrich Wühler, Göttingen, 82 I. — 30. Pros. Du. Johann Jacob Herzog, Erlangen, 77 I. Okt. 5. Direktor Dr. Karl v. Halm, München, 73 I. — 22. Domherr Robert Krawutschke, Breslau, 57 I. Nov. 4. Pros. Dr. Troschel, Zoologe, Bon», 72 I. — 5. Afrika- 7 Reisender Mnrchese Horaz Antinori, auf einer Reise in Afrika, 71 I. — 5. Pros. Dr. Theodor v. Bischofs, München, 7,7 I. — 16. Pros. Dr. Edmond Poullet, Löwen. — 21. Dr. Wilhelm Herbst, Pros. der Pädagogik, Halle, 57 I VI Dichter, Schriftsteller, Journalisten. Januar 3. Harrison Ainsworth, Romanschriftsteller, Neigats, 77 I. — 8. Schriftsteller Sprecher, Chur. — 16. Dichter Dr. Ludwig Wihl, Brüssel, 75 I. — 16. Gren- ville Murray, Journalist, Pari?. Febr. 8. Dichter Berthold Auerbach, Cannes, 70 I. — 14. Satiriker Henri Aug. Barbier, Nizza, 77 I. März 24. Dichter Henri) Long- fellow, New-Pork, 75 I. April 7. DeniS Flvrenin M'Carthy, irischer Volisdichter, Dublin, 62 I. — 12. John Francie, Verleger des „Athenäum" in London, 71 I. — 18. Theodor Drobisch, Schriftsteller, Dresden, 71 I. — 28. Dichter Ralph Emerson, New-Iork. Juli 1j. Franz Hoffniann, Jugendschriftsteller, Dresden, 68 I. August 12. Hermann Francke, unter dem Schriststellernamen Heinrich Lindau, Halle. — 13. Fwdöric Gaillardet, Schriftsteller, Paris, 75 I. — 17. Journalist Dr. Emil Landsberg, Paris, 50 I. Oktober 22. Dichter Aranp, Pesth, 65 I. — 24. Dichter Karl Egon Ebert, Prag, 81 I. November 12. Dichter Franz v. Kobell. München, 79 I. — 13. Dichter Johann Gottfried Kinkel, Zürich, 67 I. — 26. Dichter Fr. Hornfeck, Frankfurt, 60 I. Dezember 6. Dichter Anthoni) Trollope, London. VII. Maler, Bildhauer und bildende Künste. Januar 3. Bildhauer Michael Pascal, Paris, 67 I. — 10. Bildhauer Joh. Duprö, Florenz, 65 I. — 13. Wilhelm Meyerheini, Genremaler, Berlin, 68 I. Februar 3. Eduard Steindruck, Geschichte- und Genremaler, Landeck, 79 I. — 4. Joseph Chadt, Emaillcur, Wiedercnidecker des scharlachrothen Schmelzes, Wien, 70 I. — 7. Ed. de Äiefre, Historienmaler, Brüssel, 73 I. — 16. Franz Hapsz, Historienmaler, Mailand, 91 I. — 17. Friedrich Weber, Kupferstecher, Basel, 69 I. März 31. Heinrich Leh- mann, Portraitmaler, Paris, 68 I. April 4. Medailleur Wittig, Rom, 36 I. — 6. Friedrich Drake, Bildhauer, Berlin, 77 I. Juni 4. Christian Wilbcrg, Maler, Paris. August 19. Bildhauer Halbig, München 63 I. Oktober 20. Eduard Mandel, Kupferstecher, Berlin 76 I. November 7. Dr. Julius Hübner, ehemaliger Direktor der Dresdener Gemäldegalerie, Loschwitz, 82 I. — Dezember 26. Bernhard Afiuger, Bildhauer, Berlin. VIII« Componistsn und Musiker. Februar 2. Dom-Capellmeister Joh. Schweitzer, Compouist, Freiburg (Breisgau). — 3. Friedrich Engel, Hof-Coucertmeister, Oldenburg. — 4. Wilhelm Quareughi, Kirchen-Compouist, Mailand, 62 I. — 9. Jos. Erl, Hof-Opernsänger, Dresden. --- 11. Gustav Schmidt, Componist und Hof-Capellmeister, Darmstadt, 66 I. — 11. Com- ponist Leoncc Peragallo, Paris. April 4. Lisder-Componist Kücken, Schwerin, 71 I. Juni 25. Componist Joachim Raff, Direktor des Hoch'schen Conservatoriums, Frankfurt a. M. Ende October. Gustav Nottebohm, Graz, 67 I. November 19. Com- ponist Keler-Vela, Wiesbaden. IX. Aerzte. Januar 12. Sanitälsrath Runge, Vorsteher der Kaltwasser-Heilanstalt, Nassau. — 23. Geh. Mediciualrath Dr. Bolz, Mitglied des Reichs-Gosunvheitsamtes, Karlsruhe, 75 I. — 26. Sir Robert Christison, Edinburgh. October 26. Pros. Dr. O>ber- nier, Bonn, 42 I. December 16 .Geh. Mediciualrath Pros. Beneke, Marburg. X. Gewerbetreibende, Techniker und Kaufleute. Januar 13. Wilhelm Mauser, Erfinder des Mausergewehres 21. 71, 71 I., Oberndorf. März 6. Verlagsbuchhändler Friedrich Pustet, München, 85 I. XI. Sonstige hervorragende Persönlichkeiten. April 21. Geh. Ober-Negierungsrath Hassclbach, Ober-Bürgermeister a. D., Magdeburg 73 I. Juni 19. Wilhelm Graf v. Mirbach-Harff, Ehrenriiter des Malteser- Ordens, Ober-Direktor der rheinischen Ritter-Akademie Vedburg, Harff 41 I» — 25» Neichsgraf August Wilhelm v. Spee, Angermund bei Düsseldorf. — 31. Graf Stain- lein-Saalenstein in Onaix-Comblain, 32 I. October 23. Dr. Adolph Sydow, bekannter freisinniger Prediger, Berlin, 82 I. November 20. Graf Ludwig Arco-Zinneberg, München, 42 I. Dezember 9. Advokat Lachand, Paris, 64 I, XII. Frauen. Jan. 7. Marie v. Haustein, Dichterin, Berlin. — 15. Mutier Crescentia General- Oberin der Barmherzigen Schwestern nach der Regel des h. Augustinus, Neust, 60 I. Februar 11. Frau Geheimrath ten Brink (bekannt unter dem Namen Maria Lenzen, geb. di Sebregondi), Roman-Schriftstellerin, Anhalt, 68 I. Mai 23. Frau Maria Arndt's, München, 59 I. Juni 22. Katharina Diez, Dichterin, Siegen, 73 I. Juli 17. Frau Lincoln, Wittwe des am 14. April 1865 ermordeten Präsidenten Lincoln. August 16» Charlotte, Freifrau von und zu Aufsest, Wittwe des Gründers 'des Germanischen Museums in Nürnberg, 82 I. Oktober 1. Emilie Brentano, Schwägerin des Dichters Clemens Brentano, Aschaffenburg, 73 I. November 30. Frau Geh. Medicinalräthiu Marie Schmidt, geb. Everken, Berlin. Htmrnclsschau in» Monat Januar. '—X. Merkur U im Sternbilde des Schützen und Steinbockes ist anfangs des Monats unsichtbar; am 21. erreicht er seine größte östliche Entfernung von der Sonne und ist deshalb nach Sonnenuntergang gegen Südwesten zu sehen. Venus ? im Skorpion ist Morgenstern mit hellglänzender Sichelform wie der Mond inr letzten Viertel. Obwohl nur ein Viertel der Scheibe beleuchtet ist, so beträgt ihre Helligkeit doch 50, wenn man die Lichtstärke der Wega (ck Dzu uch mit 1 bezeichnet. Am 5. befindet sie sich 3" nördlich vorn Mond und strahlt am 13. im größten Glänze. Mars F im Schützen geht kurze Zeit vor der Sonne auf und ist deshalb nicht zu beobachten. Jupiter R im Stiere glänzt Abends hoch am Himmel. Er entfernt sich immer mehr von der Erde und der Sonne und ist von 3 Uhr Nachmittags bis 7 Uhr Morgens über dem Horizont« Am 19. steht er nördlich vom Blond. Von seinen Trabanten werden sichtbar verfinstert: der erste am 4. (Austritt 11 Uhr 2 Min. Abds.); am 6. (Austritt 5 Uhr 37 Min. Abds.); am 10. (Austritt 6 Uhr 34 Min. Morg.); am 12. (Austritt 1 Uhr 3 Min. Morg.); am 13. (Austritt 7 Uhr 32 Min. Abds.); am 19. (Austritt 2 Uhr 58 Min. Morg.); am 20. (Austritt 9 Uhr 27 Min. Abds.); am 26. (Austritt 4 Uhr 52 Mrn. Morg.); am 27. (Austritt 11 Uhr 23 Min. Abds.); am 29. (Austritt 5 Uhr 52 Min. Abds.). — Der zweite am 2.«(Austritt 12 Uhr 55 Min. Morg.); am 9. (Austritt 3 Uhr 31 Min. Morg.); am 16. (Austritt 6 Uhr 6 Min. Morg.); am 19. (Austritt 7 Uhr 24 Min. Morg.); am 26. (Austritt 10 Uhr Abds.). — Der dritte am 5. (Austritt 12 Uhr 28 Min. Nachts); am 12. (Austritt 4 Uhr 29 Min. Morg.); am 19. (Eintritt 5 Uhr 55 Min. Morgens), Saturn ^ im Widder rückgängig, geht unter zwischen 3 Uhr 43 Min. und 1 Uhr 44 Min. Morgens und steht am 17. südlich vom Blond. Von besonderem Interesse ist der dreifache Ring, welcher die Kugel dieses Planeten umgibt, und dessen Gestalt und Lage sich uns während des 30jährigen Umlaufes des Saturn um die Sonne periodisch verändert zeigt. Je nach seiner Lage gegen die Erdbahn sieht man ihn von oben oder von unten, oder er erscheint als gerade Linie, welche die Kugel durchzieht. Letzter Fall tritt ein, wenn die Ningebene in der erweitert gedachten Erdbahn liegt oder mit andern Worten, wenn Saturn in der Nähe des AeguatorS steht. Gegenwärtig beträgt die große Ringachse 43, die kleine 16, der Kugeldurchmesser 17 Bogensekunden. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Or. Max Hutiler. ' s« zur 4 » Nr. 2. Samstag, 6. Januar 1483 . Uor dem Mudomienbilde. Erzählung von H ermann Hirschsel d. (Fortsetzung.) Des Mannes Antlitz nahm einen Ausdruck der Freude an. „Ihr sollt sie haben; benachrichtigt mich nur, ehe der schmucke Bursche das Nest verläßt, — unterwegs hefte ich mich an ihn, — ich hoffe, es geht in Frieden ab; Ihr habt ihn mir gezeigt, als er an uns vorbeisprengte — er gefällt mir; es wäre schade um das junge Blut, machte er mir zu schaffen, — doch nun will ich Eure Befehle vollziehen. Euch treibt doch gewiß die Sehnsucht zu Eurem Vater, den Ihr seit Jahren nicht gesehen, nicht wahr?" Er lachte höhnisch auf. Ein Zornesblick traf ihn aus den Augen Luigis, des jungen Mannes Faust ballte sich, aber dennoch blieb sein Zorn stumm. „Ich habe nie ein Vaterhaus gekannt", sagte er kurz, „was weißt Du von Gefühlen des Herzens? Geh' und thu', wie ich Dir aufgetragen." Mit diesen Worten entfernte er sich in der Richtung des HauseZ. Giacomo blieb zurück, mit beiden Händen bedeckte er sein Antlitz. „Was ich von Gefühlen des Herzens weiß", wiederholte er in dumpfer Verzweiflung, „ich habe ein Vaterhaus besessen und stieß es von mir — nun ist alles verloren, alles. — Gold allein kann nur Ersatz geben und Du sollst es mir liefern, nicht umsonst will ich Dir meine Seele verlaust haben." Während des Selbstgesprächs des Zurückgebliebenen hatte Luigi Valdini seinen Weg fortgesetzt. Nun drangen Stimmen an sein Ohr. Am Hause saßen drei Mensche» in innigem Verein, deren Seelen harmonisch zusammen klangen, — sein Vater und das junge Brautpaar. Vor ihnen stand ein Tisch, eine Flasche edlen Weines und Früchte in crpstallener Schale hoben sich von dem weißen Tuch, das ihn bedeckte. Eben hob der alte Herr das Glas. „Auf das Wohl des edlen, schwergeprüfte» Paares", sagte er, „auf das Wohl des letzten Königspaares von Neapel." Die Gläser klangen aneinander, aber plötzlich glitt der Crystall aus des junge» Mädchens Hand, während ein unwillkürlicher Schauer ihre zarte Gestalt erbeben ließ. Sie hatte ihr gegenüber, zwischen den Büschen zwei Augen auf sich gerichtet gesehen, die mit unbeschreiblichem Ausdruck auf ihren Zügen ruhten. „Dort, — dort —", stammelte sie, in die Richtung deutend, wo sie die Erscheinung bemerkt hatte. „Um Gottes willen, was ist Dir?" riefen Herr Valdini und Roberto aus einem» Munde. Alma versuchte sich zu sammeln, — die Erscheinung irmr verschwunden. „Nichts" sagte sie, „— ein Schwindel — es ist schon vorüber." Bestürzt blickten die Männer sich an, aber bald waren sie beruhigt, denn das junge Mädchen schien, obwohl mühsam, ihre Heiserkeit wieder zu gewinnen, — auf's Neue klänge» die Gläser aneinander. — 10 — Da eilte die hagere Gestalt Luigis den Baumgang entlang. Der alte Herr sprang auf. „Mein Sohn, er überrascht mich, — er kennt noch die alten Wegs — willkommen, tausendmal willkommen." Eine innige Umarmung vereinte die beiden Valdini. Prüfend schaute Roberto in das Antlitz des Heimgekehrten, doch was er darin las, schien ihm wenig zu behagen. Alma aber lehnte auf's Neue todtenbleich in ihrem Sessel. „Diese Augen", flüsterte sie tonlos — „ich kenne sie — dieselben sind es, die mich anstarrten — war es Wirklichkeit, was mir geschah? Gott schütze uns und die heilige Madonna bewahre uns vor der Macht des Bösen!" Aus seines Vaters Armen machte sich Luigi los und wandte sich zu Alma. „Ich hörte Gläserllang bei meinem lammen", sagte er galant, „lassen Sie auch mich ein Wohl ausbringen, Fräulein, das Wohl der Anmuth, die mir als freundliches Willkommen entgegen tritt." „Und ich füge hinzu, das Wohl der Freundschaft, die uns verbinden soll", rief Valdini. „Roberto Ariano und Alma Wöhlert, die Tochter des Nordens —, Du kennst beide aus meinen Briesen." „Und hoffe, mich ihres Zutrauens würdig zu machen", sagte Luigi, sich vor Alma verneigend und dem Offizier die Hand reichend. „Herr Roberto, Ihr seid ein treuer Freund Cures Königs — Ihr werdet ihm den zu seiner Sache Zurückgekehrten empfehlen. Ich Habs von der sardinischen Regierung meine Entlassung erbeten." „So Recht", rief der Herr des Hauses, „Ich wußte ja, mein Sohn müsse zu den Ueberzeugungen zurückkehren, denen seine Pater anhingen." „Ich will Euch glauben", entgegnete Roberto gemessen, „so wenig Freunde darf der König Franz noch sein nennen, daß Zweifel in Euren Worten Unrecht wäre. "Noch heute kehre ich nach Gaüta zurück, ich werde Sr. Majestät Ihren Namen nennen." —> Fast wie ein Lächeln glitt es durch Luigis Züge bei diesen Worten. Alma, die kein Auge von ihnen gelassen, erbebte. „Schütze ihn, Madonna", rang eS sich empor aus ihrer Brust im stummen Gebet, — „dieser Mann will ihn verderben!" Drittes Kapitel. Der Abend war gekommen. Der Dämmerung Schatten senkten sich hernieder zur ermatteten Erde, wie leichte Schleier. Mit stärkeren Düften, mit heimlicherem Rauschen begrüßten Blumen und Bäume die nahende Nacht und in den Myrthenbüschen flöteten die Pögcl ihr abendliches Lied. Ein süßes Schauern ging durch die Natur und höher auf schwoll das Menscheuherz. Bor der Villa des Herrn Valdini hielt der Diener des Hauses das Pferd Roberto ArianoS, — Hand in Hand stand das junge Brautpaar zum letzten Abschied, ehr den Soldaten die Pflicht entführte. Das junge Mädchen barg ihre Thräne» nicht, auch der Offizier fühlte sich seltsam beklommen. „Sei stark Alma", sagte er, sich zur Fassung zwingend, „ich ahne, was Dich bedrückt, es ist die Anwesenheit des Sohnes unseres theuren Wirthes. Auch ich traue diesem Luigi nicht und lasse Dich ungern in seiner Nahe. Sobald ich in Gaüta, erbitte ich den Schutz der Königin. Besser in einer belagerten Festung, als mit diesem unheimlichen Menschen länger unter einem Dache. Und nun leb' wohl, in den Schutz der heiligen Jungfrau stelle Dich — sie wird uns nicht verlassen." Er bestieg sein Pferd, noch ein letzter Gruß, ein letztes Winken und die Schatten der Dämmerung hatten ihn umhüllt. Schon lange waren Reiter und Roß verschwunden und noch immer stand Alma, ihnen nachstarrend, auf demselben Fleck. „So traurig, schönes Fräulein?" tönte eins Stimme an ihr Ohr. Sie schrack empor. Luigi Valdini stand hinter ihr. „Verzagen Sie nicht", fuhr er lachend fort, da das Mädchen stumm blieb, „— ich Werde versuchen, Sie zu trösten, — daß Ihnen die Zeit nicht lange dauere, bis zur 11 Wiederkehr Ihres Verlobten, wenn anders ein Soldat von Wiederkehr sprechen darf." „Ich danke Ihnen", cntgegnete Alma sich abwendend. „Hoffnung und Gebet sind mein Trost, vergönnen Sie einer betrübten Braut, dieselben sin Einsamkeit und Stille zu suchen." Sie entfernte sich in den Garten, ohne dem jungen Mann weitere Beachtung zu schenken. Lnigis Augen schössen Blitze. „Du sollst diele Stunde bereuen", sagte er dumpf vor sich hin. Zu dem zerfallenen Pavillon lenkte Alma Wöhlcrt ihre Schritte; sie öffnete die unverschlossene Thür und betrat das Innere des kleinen Raumes. In seiner Mitte lag ein zusammengeballtes Blatt Papier, wie achtlos weggeworfen. Wer mochte es dorthin geworfen haben? — sie wußte, daß außer ihr und höchstens dem alten Diener keiner zum Lusthause kam. Sie hob das Papier auf, dann trat sie in den Nebenraum. Es war fast nur eine Zelle zu nennen, dem Umfange nach, aber traulich hatte sie Frömmigkeit zu schmücken verstanden. An der Wand hing ein großes Madonnenbild, das Kind Jesu in ihren Armen haltend, kunstlos gemalt, aber von rührendem Ausdruck; vor dem Bilde erhob sich ein mit einer Linnendecke bchangener Tisch, der eine Vase mit duftenden Blumen und zwei Leuchtern trug; wie an einem Altar lud es zum Beten ein. Das heilige Kreuzeszeichen machte Alma beim Eintritt in ihr kleines Heiligthum, dann entzündete sie eine der Kerzen und entfaltete das gefundene Papier; eS enthielt nur wenige Zeilen: „Gincomo, — er muß sterben, um jeden Preis — er ist mir im Wege. Ich verdopple den Preis!" Sie kannte nicht die Hand, der Brief trug keine Unterschrift und doch so groß war ihr Argwohn, so beängstigend ihre Ahnung, daß sein Inhalt sie wie ein Dolchstich traf. Nieder warf sie sich vor dem Bilde der Jungfrau. Nette, Heiligste — rette!" Was war'Z, das plötzlich im Nebenraum laut ward? Ihr Blut erstarrte, sie hörte Tritte, Männerstimmen flüsterten, — was sollte sich an dem «»besuchten Orte vollffehen? Mit rascher Ucberlegung blies sie die Kerze aus — noch hatte man sie nicht bemerkt, dagegen konnte sie durch eine Spalte der Thüre in den äußern Raum blicken. Vier Männer standen in seiner Mitte, das Licht einer mitgebrachten Laterne, die sie auf ein altes Postament in einer Nische gesetzt hatten, beleuchtete ihre Züge, — Alma erkannte Bewohner der Umgegend, die ihr Valdini als Gegner der Sache des KönigS Franz bezeichnet hatte. Wenige Minuten später und ein neuer Gast betrat den Raum — es war Luigi Valdini. Auf ihr Herz preßte das Mädchen die Hand, als ob sein lauter Schlag sie verrathe. „Freunde", nahm Luigi das Wort nach kurzer stummer Begrüßung. „Ihr seid mir als Anhänger der sardinischen Regierung bekannt, der auch ich meine Dienste geweiht, sie wird Euren Eifer zu belohnen wissen. Ich beschied Euch hierher, um Zeuge zu sein, daß durch meine Thätigkeit werthvolle Dokumente in unsere Hände gelangten. Diesen Abend hat ein bourbonischer Offizier diese Villa verlassen, um sich nach Gaeta zu begeben wichtige Papiere trägt er bei sich; er wird sie nicht an ihre Bestimmung bringen; sein Busenengel ist hinter ihm, durch mich gesandt, noch in dieser Nacht sind sie unser und ihr Besitzer ruht starr und stumm an einer entlegenen Stelle, meines treuen Giacomo Messer im Rücken." , „Ein Mord?" — Der Aelteste der Männer ergriff das Wort: „Weiß die Regierung um Euren Plan, Herr?" „Ich handle auf eigene Faust, sie wird mir danken, wenn die That geschehen." „Sie wird Dir fluchen, Mörder, wie ich Dir fluche!" 12 Vor den erschreckten Männern stand Alma, wie im Fieber leuchteten ihre Augen. „Verrath!" Aus einer Brusttasche riß Lnigi eins Pistole, aber ehe er abdrücken konnte, war sie ihm entwunden — hinaus stürzte Alma, der Boden schien ihr unter den Füßen zu brennen, während die Männer sich von dem Elenden verächtlich wandten, —- sie dienten einer Partei, — keinem Mordgesellen! „Feiglinge!" grollte Lnigi ihnen nach, „— ist das Euer Eifer — sie gehen zu meinem Vater, — hier ist keine Stätte mehr für mich. Nur einen Trost habe ich: die Rache. Giacoino wird seine Pflicht thun." -i- » Hernieder hatte sich die Nacht gesenkt, am tiefblauen Himmel funkelten viel tausend Sterne und ein treuer Wächter der schlummernden Erde, war des Mondes Silberscheibe aufgezogen am Firmament; friedliche Stille allüberall i» den Landen, selbst der Festung Kanonen waren verstummt — ermattet von des Tages Last und Mühen ruhten die tapferen Vertheidiger Gavtas. Nur das Königspaar wachte in schmuckloser Zelle, erwartungsvoll des ausgcsaudten treuen Boten harrend, von dessen Bericht es abhing, ob eS noch eine Hoffnung gab für einen wankenden Thron. Des Wegs daher kam ein Reiter in mäßigem Schritt, es war Roberto Ariano. Er mochte das Thier nicht anspornen, ihm war's, als fürchte er, durch rascheres Tempo den Frieden der Nacht zu stören, die ihn mit seinem ganzen Zauber umfing. Von fernher läutete die Glocke eines Klosters an sein Ohr und mit ihren Klängen zog Ruhe und stilles Glück in seine bedrückte Seele. Seinen Gedanken überließ er sich, sie führten ihn zur geliebten Braut und lichte Bilder der Zukunft stiegen in seiner Seele auf. Plötzlich scheute sein Roß, der junge Reiter blickte wie aus einem Traum erwachend empor; am Wege saß auf einem Stein ein wüst aussehender Mann in einen Mantel gewickelt, ein voller röthlicher Bart umgab das unschöne Antlitz, von den Furchen eines wilddurchstürmten Daseins durchzogen. Neben ihm stand ein Pferd und zupfte an den Gräsern, mit denen die aufsteigenden Seitenwände des Weges bewachsen waren. „Verzeihung, Herr", — ehrerbietig zog der Fremde den Hut, während Roberto mißtrauisch die Hand an seine Waffe legte, — „führt dieser Weg nach Gaöta?" „Er führt dorthin, — habt Ihr ein Gewerbe in der Festung? Es dürfte schwer halten, hinein zu gelangen." „Ich habe ein Gewerbe in Gaöta", entgegnete der wildsehcnde Mann' mich selber zu bringen und meine Treue. So wenig es sein mag, ein Arm mehr kann immer nützen und der meine gehört nicht zu den schlechtesten." (Schluß folgt.) GoldkSrnsr. Stürme, stürm', Du Winterwind, Du bist nicht falsch gesinnt Wie Menschemmdank ist. Dein Zahn nagt nicht so sehr Weit man nicht weiß, woher, Wiewohl Du heftig bist. Friere, sricr', Du Himmelsgriimu! Du beißest nicht so schlimm Als Wohlthat, nicht erkannt; Erstarrst Du gleich die Muth, Viel schärfer sticht das Blut Ein Freund von nnS gewandt. Shakespeare. Der kaun sich manchen Wunsch gewähren, Der kalt sich selbst und seinem Willen lebt : Allein wer And're wohl zu leiten strebt, Muß fähig sein, viel zu entbehren. Goethe. * Geschichte des Dsrses rmd ehem-rligerr Klosters Vernrked» Das Dorf Vermied, eine Stunde von Tutzing und von Seeshaupt entfernt, zum Kreise Oberbaycrn, zum königlichen Bezirksamte Weilheim und zur Diözese Augsburg gehörend, ist wahrscheinlich zwischen dem achten und neunten Jahrhundert nach Christi Geburt entstanden, geaast ist, daß schon vor dem Jahrs 1120 dahier eine Burg nebst Zugehör bestanden hat. Die Bewohner des Dorfes mußten sich, weil kein Feldbau vorhanden war, wegen schlechter Viehzucht und Fischerei hart und nur mit Bauung eines wenigen Hopfens erhallen. Um ihnen einen kleinen Erwerbszweig zu verschaffen, hat Otto von Laley, einer der mächtigsten Grasen von Bayern, und sein Bruder Walther, aus der Dachauer Linie der Grasen von Scheyer-Wittelsbach entsprossen und wahrscheinlich in Folge des EbersbergerS FamstienerwerbcS au den südwestlichen Ufern des Würm- Sces begütert, im Jahre 1120 seine in Vermied gelegene Burg nebst Zugehör in ein Stift verändert und dasselbe den regulirten Chorherrn des hl, AugustinuS zur Wohnung eingeräumt. Diese Stiftung wurde vom Papste Caliptus II. am 12. November 1123 vermöge einer Bulle bestätiget, i» päpstlichen Schutz genommen und wurden dadurch verschiedene Privilegien unterstützt. Der Probst und das Convent erhielten von diesem die Freiheit, einen Probst zu wählen und einen Schirmvogt (nävooatu^) zu bestellen, hie- gcgcu auch den Befehl, dast kein Religiöse nach abgelegter Proseß ein Eigenthum besitzen und das Kloster ohne Erlaubniß des Probsies und des Conventes verlassen sollte. Im Jahre 1321 hat Ludwig der Bayer, römischer Kaiser, dem Kloster die Pfarrei Tutziug geschenkt, welche Schenkung 1329 von Nndolph Herzog in Bayern constrmirt wurde. 1332 wurde dem Stifte das Patronatsrecht der Pfarrei HaunShofen ertheilt, 1333 erhielt das Kloster Vermied alle jene Freiheiten, welche bisher andere .Klöster besessen hatten. Im Jahre 1487 haben die Herzoge Ernst und Albrecht dem Stifte die Erlaubniß ertheilt, zu Fischen mit Segen, Neuschen und mit all andern Fischzeugen, als sie das von Alters her gethan haben, welches Recht ihnen 1520 Herzog Wilhelm IV. wiederholt einräumte. Im Jahre 1459 wurde» vorn Herzoge Albert III. die Salzfuhren des Klosters von München aus zollfrei gesprochen. Jedoch war die Dotation des Klosters zu keiner Zeit eine glänzende, aber sein Einfluß auf die ganze Umgegend während der fast 700 jährigen Dauer seines Bestehens gewiß wohlthätig und segensreich. Die Anzahl der Couventualen — iu den letzten zwei Jahrhunderten zwischen 10—15 sich haltend, war nur immer so groß, um den gottesdienstlichen Verrichtungen im Orte selbst, sowie auch zur Pastorirung mehrerer dem Kloster einverleibten Pfarreien in der Umgegend und zur Ucberwachung des gemeinschaftlichen Haushaltes Genüge leisten zu können. Von den Chorherrn des hiesigen Stiftes zeichnete sich ganz besonders Paul von Bermied aus, er mach.e der Diözese Augsburg durch seine Gelehrsamkeit und Tugend große Ehre. Er war ein Zeitgenosse und treuer Gewährte des Probsies Geroh. Von seinem ldes Paul) Herkomme», von dem Jahre seiner Geburt, von seinen Studien meldet die Geschichte nichts, daß er in Deutschland geboren sei, ist nicht zu bezweifeln, daß Bayern sein Vaterland war, läßt sich vermuthen, er war ein Priester oder wie anders wollen ein Canoniker von Negensburg. Die Priesterweihe erhielt er von Ulrich, Bischof von Passau, welcher wenigstens schon im Jahre 1124 gestorben war. AIs ein eifriger Anhänger und Vertheidiger des Papstes Gregor des VI!., des Cölibalcs, und des gemeinsamen klösterlichen Lebens, wurde er von verschiedenen Seiten verfolgt und gezwungen, Negensbmg zu verlassen. Er nahm seine Zuflucht in das neugestiftete Kloster der regulirten Chorherrn des hl. Augustin zu Vermied, in dem er sich zum gemeinsamen canonischen Leben bekannte, und in einem gottseligen Wandel sein Leben beiläufig um das Jahr 1150 endete. Seine vorzüglichsten Schriften, die er hinterlassen hat sind: Vita OiwAorii ^o^tnui. und Vita 11. Ilorlucmo. Er ergriff nämlich öffentlich die Partei des Papst.s Gregorius V!l. wider die Kaiser Heinrich den IV. und V. nahm die Vertheidigung des Papstes Gregorius VII. auf sich und beschrieb desselben Leben, Wandel und Thaten. Was ihn zu dieser Arbeit bewogen habe, gibt er aus folgende Art an: „Es darf nicht, sagt er, mit 14 Stillschweigen Übergängen werden, wie dieser starlmüthige Verfechter der Suche Gottes List, Nachstellungen und Gefahren, Verläumdungen, Verhöhnungen seiner Feinde und die Gefangenschaft wüthig erduldete, und wie er mit Hilfe Gottes und durch die Fürbitte der Apostel die Feinde der Kirche besiegte. Wissen sollen die Jetztlebenden und die Nachkommenden, wie tief das Jahrhundert dieses Papstes gesunken war und ungeziemend wäre es, die Arbeiten dieses Mannes zu vergessen, da doch die Weltlichen die Prosan- geschichte zur Nachahmung der Nachkommenschaft überliefern. DaS Beispiel dieses Papstes soll, wenn sein Andenken verewiget wird, der Kirche zur Stärke, den Gläubigen zur Ehre und den Abtrünnigen zur Schande gereichen. Durch ihn sind die ersten Grundsätze der Gerechten wieder geltend gemacht worden, durch ihn hat die Kirche gesiegt und das Erde der ewigen Glückseligkeit Festigkeit erhalten." Die selige Herluka lernte Paulus in Bernried, woselbst sich zur damaligen Zeit auch ein Frauculloster befand, persönlich kennen und unterhielt mit ihr einen freundschaftlichen und heiligen Umgang. Im dritten Jahre nach ihrem Tode schrieb er ihr heiliges Leben und widmete diese Schrift seinen Mit- brüdern zum Troste. Herluka war im Schwabenlande, wahrscheinlich in Hirsau geboren, sie diente in ihrer Jugendzeit mehr der Eitelkeit als dem Herrn. Die ewige Erbarmnng Gottes suchte sie mit einer Krankheit heim, und erregte in ihr den Entschluß zur LcbcnSbesserung. Allein als sie gesund geworden war, vergaß sie auf's Neue die guten Vorsätze und kehrte zum früheren leichtsinnigen Leben zurück. Auch jetzt ward sie noch nicht verlassen von der ewigen Liebe. Sie wurde mit leiblicher Blindheit geschlagen, damit ihr geistiges Auge sich öffne und das; sie erkenne, was ihr zum Frieden diente. In diesem Elende gelobte sie Gott, sie wolle ihr ganzes Leben seinem Dienste weihen, wenn er ihr wiederum das Augenlicht schenke. Mit diesem frommen Gelöbnisse sendete sie einen ehernen Ning zum Grabe des hl. Märtyrers CyriakuS, um durch dieses Opfer und die Fürbitte des Heiligen an einem Auge sehend zu werden. Ihre Bitte ward erhört. Das eine Auge wurde derart wiederhergestellt, daß sie an Schürfe des Gesichtes alle übertraf. Bis zum Grabe blieb ihr dieser Sinn unversehrt. Nun zog sie das Ordenskleid an und lebte ganz im Dienste der armen und kranken Mitmenschen. Sie begann mit der Pflege der Kinder. Wo sie ein armes, verwahrlostes Kind sah, nahm sie sich dessen an, erbettelte ihm Nahrung und Gewand, reinigte und pflegte es, bis sie es verlässigen Leuten übergeben konnte. Von diesen ihren Werken der Barmherzigkeit bekam Adelheid, die fromme Gemahlin des Pfalzgrafen Mangold, eins Kunde. Sie nahm die barmherzige Herluka zu sich, um vereint mit ihr Gott dienen und zum Heile des Nächsten wirken zu könne». Herluka stand mit den Seligen des Himmels in einem besonderen freundlichen Verkehre. Einst hatte sie einer Magd durch eine Nothlüge die Zurechtweisung von ihrer Frau ersparen wollen, sogleich erschien ihr die hl. Felizitas, die Mutter der 7 Märtyrer, und gab ihr einen Verweis wegen ihrer Lüge und wegen vergeblicher Rede». Herluka tilgte diese Sünde durch Thränen der Neue und war bald wieder der Heimsuchung von Seligen gewürdiget. Auch der hl. LaurentiuS, der Patron ihres nacbherigen Aufenthaltsortes Epfach (am Lech zwischen Schongan und Landsberg) erschien ihr öfters. Fast immer wurde sie von ihm zur hl. Communion geleitet. Ebenso stand sie im geistigen Verkehre mit dem hl. Bischöfe Wikterb von Augsburg, der lange Zeit vorher in Gott selig dahingeschieden war, und dessen Gebeine damals in Epfach ruhten. Alle diese Gnaden- erwe.sungen hat die Selige in Epfach erfahren. Der selige Abt Wilhelm von Hirsau in Schw'aben war früher ihr Lehrer gewesen. Er hatte ihr aufgetragen, da zu verbleiben, wo ihr am meisten göttliche Heimsuchungen würden zu Theil werden. In einem himmlischen Gefühle empfing sie vom hl. Wikterb die Versicherung, das; Epfach dieser Ort sei. Darum verblieb sie dortselbst 36 Jahre lang, bis sie von wilden Horden vertrieben, eine neue Wohnstätte aufsuchen mußte. Viele hatte sie zur LebsnSbesserung bewogen und viele Mädchen bestimmt, ihre Jungfräulichkeit unversehrt für ihren himmlischen Bräutigam zu bewahren. Nach ihrer Vertreibung von Epfach wählte sie auf den Rath des fromm«» und gelehrten Mönches Paulus, mit dein sie schon in Epfach in einen freundschaftlichen Verkehr getreten war, Bernried als ihren künftigen Aufenthaltsort. In Bernried lebte sie als Evuversa und setzte unter der Leitung dieses frommen Mönches in eine enge Zelle eingeschlossen ihr beschauliches und strenges Leben fort, und beschäftigte sich nicht blos mit Gebet und Betrachtung, sondern auch mit literarischen Arbeiten und erwarb sich den Ruf einer Seherin in dir Zukunft. Sie soll nämlich mit prophetischem Geiste viele Schicksale des deutschen Reiches vorhergesagt, und die berühmte Heidelberger Bibliothek, welche Maximilian der I. dem Papste Gregorius XV. schenkte, soll die Sammlung derselben besessen haben. Sie endete gottselig ihr Leben im Jahre 11-12 in einem Alter von 52 Jahren. Ihr Leichnam wurde in der Klosterkirche begraben und wie sie im Leben ehrwürdig war den Gläubigen, wurde sie nach ihrem Tode als eine Büßerin verehrt. Ein einfaches Kreuz in einem Steine des Kircheupftasters bezeichnet die Stelle ihrer Gruft. Das Stift und Dorf Bernricd wurde durch diese beiden frommen Personen, den Paulus Beruricdensis und die Herkuka, welche unter den ersten zwei Probsten, dem Sigiboto und Otto dem I. lebten, sogleich bekannt und berühmt. Zur Zeit des KlosterbcslandeS waren, wie der Herr geistliche Rath und Professor Westenrieder in einer im Jahrs 178-1 in München herausgegebenen Beschreibung des Würin- oder StarnbergerseeS angibt, in Vermied mit einem Blick drei Kirchen zu sehen, die St. Martinskirche, die Hofmarkspfarrkirche und die Klosterkirche. Die St. Martinskirche, an der Ostseite des Klosters gelegen, wurde nach der Säcu- larisation des Klosters abgebrochen. Zur Zeit bestehen hier nur mehr zwei Kirchen nämlich die Klosterkirche und die ehemalige Hofmarkspfnrrkirchr mit der angebauten Grnstkapelle. (Schlug folgt.) Ein atiso P n rr r. Einst waren sie jung, jetzt sind sie alt, Wie zogen so rasch die Jahre, Wie hat die Zeit mit stiller Gewalt Weis, schimmernd gebleicht die Haare! Einst schien'-?, als tonnte sie nie vergeh',!, Iin Lenzesblühcu and Wogen Einst schien da? rollende Rad zu sieh'», llud siehe, es ist geflogen! Wo bist du, laug entschwundener Traum, Und doch lebendig wie heute! Wie koj'teu da unterm Liudenbauiu So herzig die jungen Leute! O, als sie wonnig der Abendwiud Mit würzigem Dust berauschte, O, als vom Himmel der Mond so lind Manch selige» Knsi belauschte! Und als sie fröhlich am Traualtar Die Hand sür's Leben gebunden — Ami sitzen sie still, ein altes Paar, Und tzedenkeu vergcmg'ucr Stunden. ' Sie haben erlebt ihr schönstes Glück ! In jugendsonnigen Tagen, ! Sie haben vereint mit heißem Blick ! Manch Glück zu Grab auch getragen. ! Nickn ist's der Bursch, dcr lästige, mehr, ! Das Mädchen, das schelmisch lose — j Auch glücklich lastet das Lehen schwer — ; So rasch entblättert die Rose. .! Ami lesen sie gern manch heilig Wort s Ritt siuueudem Ernst zusammen — i Das einst gelodert, nun glüht es fort, ! Das Feuer i» sanften Flammen. Doch einmal erlischt daZ heilste Licht, — Wie tauge kann es noch dauern, Wie wird dann Eins um da-? Andere nicht So ichmcrzlich und einsam trauern! Da beten die alten Herzen still:- Dein Reich, Herr, laß uns erwerben! Und wenn's die göttliche Gnade will, Zusammen laß uns dann sterbe»! Herrmauu Kleile. M i s e e l S e rr. (Der Kardinal-Erzbischof Donnet von Bordeaux,) der bekanntlich vor einige» Tagen starb, hatte bis iuS hohe Alter die Gestalt und das Aussehen eines rüstigen Greises bewahrt. Ueber das Keißwerden seines Haupthaares erzählte er selbst aus der Tribune des kaiserlichen Senats anläßlich einer Debatte über verfrühte Beerdigungen, daß er als achtzehnjähriger Jüngling als todt in die Bahre gelegt wurde und die Kraft zu schreien erst wieder erlangte, als um ihn her Todtengesänge angestimmt wurden: man 16 befreite ihn noch rechtzeitig aus dem schrecklichen Gefängniß, in dem er solche Qualen ausgestanden hatte, das; sein Haar darob gebleicht war. — Wie alle Diejenigen, die ihn kannten, berichten, war Kardinal Donnet sehr heiterer Gemüthsart und immer zu einem Scherze gegen seine Besucher, namentlich aber gegen seine Tischgenossen ausgelegt. Er machte sich einen besonderen, unzählige Male wiederholten Spaß daraus, sie auf ihre Wcinkenutnisse zu prüfen, indem er ihnen „Medoc", „Chateau Lafitte," „Chatean Margot" „lLhateau Uguem" :c. vorsetzen ließ, sich an den Lobeserhebungen, die seinem Keller gespendet wurden, weidete und zuletzt in Helles Lachen ausbrach: „Meine Herren, haben Sie denn nicht bemerkt, daß Sie immer einen und denselben Wein getrunken?" (Schwizer Dütsch.) Entlebucher Gesetzes Paragraph. Bi de gueten alte Junkor- ziten ist Herr Eduard Psysfer Statthalter gsy im Land Entlibus.h' Einist chunnd e Nathsherr vo Marbach zuen ein. Der Statthalter frägt e: „Was sage die Entlibuecher zum neue Gsetz, wo mini gnädige Hcrrs und Obere usegä hei?" — Nathsherr: „Ja, das neuGwtzida?" (Kratzt hinter den Ohren.) — Statthalter: „ Wird'S G>ctz au ghalte?" — Nathsherr: „Ja, ja, Herr Statthalter! das Gesetzt da — ja, ja, 's wird ghalte." — Statthalter: „So, so, he nu es freut mi" — Nathsherr: „Ja ... Herr Statthalter! ja... 's sind nume Vier, wo 's halte." — Statthalter: „So—o—o, nur Vier? und die Vier sind?" — Nathsherr: „Ja, heit 's ume nid für uguet: — Die vier Nägili haltit 's, mit dene mer 'S a 's SprützehüSlitöri agnaglet hei." (Uebung!) Der Engländer Currau war ein witziger Kopf. Als er einst hörte, daß ein geiziger und nicht gerade wegen Sauberkeit berühmter Advokat eiligst in Geschäften nach dem Continent abgereist war und nur ein Hemd und eine Zehnpfundnote mitgenommen hatte, sagte er: „Die wird er nun wohl beide vor seiner Heimkehr nicht wechseln!" — Und als ihm während seiner letzten Krankheit Jemand bemerkte, „er huste heut schwerer als gestern," antwortete er: „Kaum glaublich; ich habe es ja durch die ganze Nacht geübt!" (Ein neuer Vorschlag.) Auf der internationalen Schiedsgerichts-und Friedenskonferenz in Brüssel hielt General Türr eine mit stürmischem Beifall aufgenommene Rede,' in welcher er u. A. sagte: „Wenn Sie den ewigen Frieden wollen, so müssen Sie den allgemeinen dauernden Militärdienst proclamircn. Die Frauen werden dann ein Interesse daran haben, den Krieg zu verhindern und das wird helfen." (Praktisch.) „Wie kommt's denn, Meier, daß Sie seit einiger Zeit Kaffee trinken während Ihre Frau Bier trinkt?" — „Ganz ei fach. Wenn ich Bier trinke, trinke ich mehr als ein Glas, und wenn meine Frau Kaffee trinkt, trinkt sie mehr als eine Tasse; damit wir aber bei den schlechten Zeiten nicht so viel ausgeben, trink' ich Kaffee und meine Frau trinkt Vier." (Das schuldige Gefängniß.) Richter: Sie wurden eben erst vor drei Tagen auS dein Gesängnisse entlassen und sind doch schon wieder im total betrunkenen Zustands aufgefunden. - Angeklagter: Ja, das ist eben der Nachtheil der Gefängnisse, daß man darin ganz verlernt, etwas zu vertragen. Da hat man gleich einen Rausch weg. (Vgn der Ueberschwemmuug.) Baron: „Wenn Sie mich lieben, Jda, so spende ich in Ihrem Namen diesen Diamant zum Besten der Ueberschwemmten." — „Wissen Sie, Herr Baron, da spenden Sie mir den Dicunantring und lieben Sie die Ueberschwemmten," Original-Räthsel. (Vier A nfangsbu ch stabe n.) * Mit 6 ist's kaum entbehrlich Mit wohl sehr beschwerlich Mit III sogar verehrlich, Mit IV ojt recht gefährlich. Für die Redaktion vercmtworiiich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Liternriicliei' ^nklünts von lix. Max Hultler. zur H, Zfr. 3. ——»-ss— Mittwoch, 10. Januar 1S83. Uor dem Mndonnenbilds. Erzählung von Hermann Hirsch selb. -(Schluß.) Unwillkürlich mußte Roberto lächeln. „Das sehe ich", sagte er, „und weßhalb stellt Ihr Euch, wenn Ihr wirklich der Sache des unglücklichen Königs Eure Kraft weihen wollt, erst jetzt?" „Weil ich ferne von Italien war, Herr; heimgekehrt, vernahm ich von meinem alten Vater, einem treuen Anhänger des Königs. Franz, was geschehen und machte mich sofort auf den Weg." Prüfend blickte Roberto in die Züge des Redenden. „Ihr seid ein Italiener, sagt Ihr? Seltsam, Euer Antlitz spricht nicht dafür — es erinnert mich entfernt an ein Wesen — man sollte meinen Ihr wäret ein Deutscher." „Ihr seid nicht der Erste, der mir das sagt, Herr", entgegnete der Mann, sich abwendend. „Doch mir kamüs gleich sein", meinte Roberto, „Ihr kennt die Richtung nun, lebt wohl, mich drängt die Zeit." Gewand schwang sich der Zweite auf sein Pferd. „Darf ich mit Euch des.Weges ziehen, Herr?" fragte er, „man reitet besser zu zweien und nicht geheuer von Räubern soll diese Gegend sein." „Die Straße ist nicht für mich allein", erwiderte Roberto, „ich kann Euch nicht hindern. Aber", fügte er hinzu, „ich benachrichtige Euch, daß ich nichts von Werth, wohl aber gute Waffen bei mir führe und jede Eurer Bewegungen scharf bewache." Der Mann lachte. „Ihr traut nur nicht, — ich kann's Euch nicht verdenken, ich hoffe, Ihr sollt anders von mir denken." „So kommt. Ich habe zweifelhafte Gesellen noch lieber mir zur Seite, als hinter mir." — Die Neiler setzten ihre Pferde in Bewegung, vorwärts ging es durch dje stille Nacht. Beide sprachen nicht, ab und zu blickte der angebliche Anhänger des Königs Franz feinem Gefährten in's jugendfrische» Antlitz; etwas wie ein Ausdruck von Theilnahme leuchtete aus den.verwitterten Zügen, aber bald genug verlor er sich und abgerissene Worte drangen wie ein Selbstgespräch aus der breiten Brust empor. Ich möcht's nicht thun, — er hat etwas, das ihn mir lieb macht — und doch —> sechshundert Franken — das erste Mal — und gerade dieser — Auch Roberto hatte seinen Gefährten nicht aus den Augen gelassen, — von seinem Selbstgespräch'verstand er natürlich nichts und keine verdächtige Bewegung war ihm aufgefallen. Mit seinem guten Herzen sing er an, sein anfängliches Mißtrauen zu bereuen. Er begann einige Worte mit dem ihm aufgedrungenen Begleiter zu wechseln, — ein kurzes Gespräch entspann sich, der Fremde zeigte sich harmlos und vertrauend und mehr und mehr wurde des jungen Offiziers Argwohn beschwichtigt. 18 — Nach und nach verstummte die Unterhaltung, zurück sank Roberto in die Welt der Gedanken, die ihn vorher umfangen, — so still war die Nacht, so friedlich wie ein Tempel Gottes; von seinem Hauch durchweht, umgab sie die Natur, des Himmels Augen schauten auf sie herab, — konnte in solcher Umgebung eine Menschenseele Böses planen? Mehr als einmal schon hätte sich zu einem Ueberfall Gelegenheit geboten, — er war nicht ausgeführt worden. Weiter ging der Ritt die gewundene, berganführende Straße entlang, Anhöhen bald erhabener aufragend, bald niedriger, schlössen sich von beiden Seiten ein. Naher schallte des Klosters frommes Geläute. Was glänzte dort in der Nische am Fuß einer der kleinen Erhebungen den Männern entgegen, wie ein Gebilde aus flüssigem Silber? Es war ein Bildniß der Mutter Gottes in Holz geschnitzt, das des Mondes Silberstrahl wie mit einer Glorienverklärung umgab. Der junge Offizier hielt sein Roß an. — Es war als ob eine unwiderstehliche Macht ihn zu diesem Gnadenbilde dränge, als ob der Arm der hl. Königin des Himmels ihn zu sich winke. Er wußte, daß daheim die geliebte Braut zu der Erhabenen des Herzens Flehen richtete, im Geiste wollte er sich mit ihr vereinen — wollte beten für ein anderes junges Paar im Glanz der königlichen Krone und doch sorgenbeladener, als der Aermste ihres entschwundenen Reiches. Er wandte sich an seinen Geführten. „Wir wollen hier Halt machen", sagte er, „nicht an der heiligen Himmelskönigin vorbeiziehen, ohne ihr unsere fromme Andacht dargebracht zu haben. Seht, wie des Mondes Strahl verklärt auf ihren Zügen ruht." Der Andere lachte spöttisch auf, als er den jungen Offizier vom Pferde steigen sah, doch folgte er dessen Beispiel. „Ein Soldat und beten?" fragte er höhnisch — »meint Ihr, daß Kronen sich durch Rosenkranz und Ave Maria flicken lassen?" Ernst sah ihn Roberto an. „Was ist es", — erwiderte er, „das Gaötas tapfere Vertheidiger erhebt und stärkt, was dem Streiter für eine edle Sache Vertrauen leiht und seinen Arm kräftigt? Es ist der Glaube, des Herzens inbrünstiges Gebet. Und wenn er unterliegt, ist's abermals der Glaube, ist's abermals das Gebet, das ihm sein Unglück tragen hilft — er weiß, nicht seine Schuld, der Wille Gottes lenkie den Ausgang, der Wille, der durch schwere Prüfung zum Triumphe führt. So bete ich, Freund, und solchen Gebets braucht kein Soldat, selbst der tapferste, sich zu schämen. — Und Ihr, habt Ihr das Beten denn verlernt?" „Ja", tönte es dumpf aus des Mannes Brust; „auch ich habe einst gebetet und gefleht, ein Bereuender, das. Theuerste wieder zu finden, was ich auf Erden besaß — die Madonna hörte mich nicht — seitdem bete ich nicht mehr." „Ungläubiger", — rief Roberto — „und weil nicht gleich Dein Verlange» sich erfüllte, zweifelst Du an der Macht der Himmelskönigin? An dieser Stelle muß sie weilen, — zur Andacht stimmt des Klosters frommes Läuten — mit mir eine Dich im Gebet, glaubend, vertrauend." Entsetzlich zuckte es im Antlitz des Mannes. „So mag sich denn Dein Glaube bewähren", — schrie er, „— sechshundert Franken für eine Kugel in Deine Brust, ich verdiene sie mir! —" Mit Blitzesschnelle riß er eine Pistole hervor — hell funkelte der Lauf im Lichte des Mondes. „Roberto — Mutter Gottes, schütze ihn —!" Durch die stille Gegend donnerte der Schuß, — er hatte sein Ziel verfehlt; unwillkürlich emporblickend zur Anhöhe über dein Gnadenbilde, woher die Stimme erschallte, war der Mörder zurückgetaumelt, der Schuß ging in die Luft, er selber aber schlug schwer, wie vom Blitz getroffen, zu Boden. „Allgerechter Gott, meine Schwesterl" Wie betäubt stand der junge Offizier da, zu mächtig stürmte das unerwartete Er- 19 eigniß auf ihn ein, — eine Traumerscheinung dünkte ihm die Anwesenheit Almas, zu nächtlicher Stunde an diesem entlegenen Orte. Aber es war kein Traum, den nächsten abwärtsführenden Pfad hernieder eilte das junge Mädchen — nun war sie unten — nieder warf sie sich in inbrünstigem Gebet vor dem Bilde der Jungfrau. „Dir die Ehre, Madonna" — rief sie — „Du hast ihn gerettet!" „Alma" — mühsam fand Roberto seine Worte — „Du hier, was bedeutet alles dieses? —" „Daß der-Tod hinter Dir lauerte und die Madonna schützend ihre Hände breitete über unser Glück." In fliegender Mittheilung berichtete sie dem Verlobten, was geschehen. Als sie den Pavillon verlassen, habe nur ein Gedanke ihre Seele beherrscht, — den Bräutigam zu retten. Mit der Gegend vertraut, war ihr bekannt, daß die Höhen entlang ein weit näherer Pfad als der Reitweg nach Gaöta führe. Einen Mantel umgeworfen, der ihre Gestalt verhüllte, das Haupt mit einem Schleier bedeckt, eilte sie vorwärts. Keine Furcht kannte ihre Seele — der Glaube lieh ihr Stärkung — er hatte sie nicht getäuscht. „Ja", sagte Roberto tief ergriffen, „— es gibt noch Wunder, — was anders als ein Wunder war es, das die tödtliche Waffe von mir lenkte und den Mann, der zum Mörder werden wollte an mir, in den Staub warf? Doch des Feindes nicht zu vergessen, ist unsere Pflicht — seiner uns annehmen, sei der Heiligsten unser erster Dank." Er trat zu dem regungslos Daliegenden. „Erhebet Euch", sagte er mit milder Stimme, „ich weiß, nichts mehr zu fürchten habe ich von Euch — und was Ihr gethan, sei Euch vergeben." Beinahe furchtsam erhob der starke Mann das Haupt. „Ist sie fort?" fragte er leise. — „Fort, wer —?" „Die Erscheinung, die mir die Himmelskönigin sandte, daß nicht ein Mord meine Seele befleckte, — meine Schwester — Alma Wöhlert." „Alma Wöhlert, Deine Schwester? Kleingläubiger, nicht länger zweifle an Gottes Macht, — keine Erscheinung war es, was Deinen Augen sich bot, — sieh hin — dort steht sie selber, die uns beide gerettet — es ist meine Braut." Taumelnd schleppte sich Giacomo bis zu den» jungen Mädchen. „Alma — erkenne mich, fluche mir nicht — Wilhelm bin ich, — Dein unglücklicher verlorener Bruder." „Wilhelm!" schrie Alma auf, „— nein, nicht verloren bist Du, so lange noch die Neue Dein Herz bewegt. Unsere Mutter segnete Dich und verzieh Dir sterbend und ich sollte Dich von mir stoßen?" Zu den Füßen des jungen Mädchens lag der wüste Mann. „Die Reue — ja schon einmal, dahinstürmend auf wilder Lebensbahn, hat sie mich gepackt und zur Stätte getrieben, die ich einst meine Heiinath nannte, — ich wollte ein anderer werden! Aber Mutter und Schwester waren fort, keiner wußte wohin, sie waren geflohen, die Schande zu verbergen, die ich durch meine tollen Streiche über sie gebracht. Da verlor ich den Glauben, die Hoffnung — nur dein Golde wollte ich dienen, gleichviel um welchen Preis. Manche Sünde beschwert mein Gewissen, doch rein von Blut war meine Hand bis heute — daß sie es ferner bleibt, der gnadenreichen Jungfrau verdanke ich's, die den Zweifler bekehrt, die dem reuigen Sünder vergibt. „Und ihrem Dienst", rief das junge Mädchen tief ergriffen, „dein Dienst des Heiligen und Guten sollst Du Dich ferner weihen. Hörst Du der Glocke Mahnung vom Kloster her? Dir ruft sie, — dorthin zur heiligen Schwelle walle und bitte die frommen Bewohner um Dienst. Je schwerer er sein mag, um so leichter wird Dir einst vergeben." »Ich will's, ich will's", entgegnete Wilhelm, „Deine Hand leite mich zum heiligen Asyl, das auch für Dich wohl Obdach einer Nacht bietet. Nicht zu dem Hause Valdini's sollst Du kehren, — Du warst Ursache, daß ich Roberto tödten sollte. Nicht verlangte Luigi Valdini nach Deines Verlobten Leben,, ehe er Dich gesehen — im Pavillon fand ich die Zeilen seiner Hand, die ich achtlos voll mir warf, nachdem ich sie gelesen." „Heil der Madonna!" rief Alma, „die uns alle so wunderbar beschützt. Sie war es, die mein Flehen erhört. Zu ihr erhoben sei der Dank unserer Herzen." Nieder auf die Knie sanken die Vereinten, — noch immer läutete die Glocke des Klosters, ein sanfter Hauch, wie ein Gruß der Ewigkeit, umspielte der Andächtigen Stirne und ihnen war's, als blicke das verklärte Antlitz der Madonna lächelnd hernieder zu ihnen — segnend die Vertrauenden — dem Reuigen verzeihend» ->- » Wenige Tage später weilte das Königspaar Neapels fern von Italien. Gaöta war gefallen, seine letzte Zuflucht. Mit Thränen entließ es seine Getreuen, vor allen Roberto Ariano, ihres Dienstes. Auf einer freundlichen Besitzung, zurückgezogen vom lauten Treiben des Lebens, weilt der ehemalige Offizier an der geliebten Gattin Seite, — die Armuth preist ihren Namen und des Hauses Segen ist ihnen erblüht. Liebliche Kinder verschöllen den reinsten Bund der Herzen. Sie sind der Stolz des Klosterbruders, der Kranken und Armen Hilfe spendend, unablässig das Land durchstreift, keine Ruhe kennend, keine Rast. Wilhelm Wöhlert, der einst so wüste Mann, er hat den Frieden gefunden. Herr Valdini konnte den furchtbaren Schlag nicht überwinden, den seines Sohnes Verrath ihm zugefügt, er siechte dahin und starb bald, dem jungen Ehepaare sein Vermögen hinterlassend, denn Luigi war ihm vorangegangen im Tode. Von der Regierung entlassen, trieb er sich in schlechter Gesellschaft umher, — in einem Naufhandel büßte er sein Leben ein. — In Ehren hielten Roberto und Alma Herrn Valdinis Andenken; das ihnen zugefallene Erbe aber weihten sie frommen Zwecken, nur eines behielten sie, jenes schmucklose Bild, vor dem einst die zagende Braut in bangen Schmerzen und doch in hohem Vertrauen auf der Ewigen Hilfe gekniet, — das Bild der Madonna! G o l d r ö r n e r. Das haben die Weiber vor den Männern voraus, das; sie ohne Raisonnement haudelu. Die Klugheit, welche die Männer mühsam in ein System stellen, ist ihnen Instinkt, und deßhalb heißt es auch so zierlich: Die Weiber denken mit dem Herzen. Laube. Einer der schlimmsten Feinde des häuslichen Glücks ist Launenhaftigkeit. Eine Frau, die sich ihren Launen überläßt, kann bei den besten Eigenschaften und vieler Liebenswürdigkeit sehr bald unerträglich werden. Das Schlimmste ist, daß sie dem Menschen die Herrschaft über sich selbst nimmt. Und hat nicht oft ein schneidendes Wort, in launenhafter Stimmung gesprochen, mehr verderbt, als mit allem guten Willen verbessert werden kann? Was man Laune nennt, ist immer nur die gähreude Selbstmcht, und ihre Aeußerungen sind der Schaum und die Schlacken, welche die Währung auswirft. F r. Jakobs. Wenn sich die Menschenbrust darf Gottes Tempel nennen, Das Allerheiligste ist dann das Mutterherz. Karl Richter. Es ist gewiß: ohne Zorn ist keine Liebe. In der Fähigkeit des edlen Mannes, zu zürnen liegt ein herrlicher Beweis seiner göttlichen Natur, so wie man den Armen für unaussprechlich unglücklich, ja, für verloren halten darf, der nicht mehr zürnen kann oder mag. Man darf von ihm sagen, daß er sein eigenes Schwert und Schild der Ehre zerbrochen und seine eigene Gruft gegraben habe. Franz Horn. Uns Alten ist's so eigen, wie es scheint, Mit uns'rer Meinung über's Ziel zu gehen, Als häufig bei dem jungen Bolk der Mangel An Vorsicht ist. Shakespeare. 21 * Geschichte des Dorfes und ehemaligen Klosters Bernried» (Schluß.) Graf Otto von Valey und dessen Gemahlin Adelhaid, eine königliche Prinzessin aus Sizilien, haben das. dem touronischen Bischöfe St. Martin zu Ehren geweihte Gottes- - Haus 1120 den regulirten Chorherrn des hl. Augustinus als Klosterkirche eingeräumt. Im Jahre 1404 ließ der Prälat Johannes Grunnpacher mitten in der Stiftskirche zu Ehren der seligsten Jungfrau Maria und der hl. drei Könige vor dem Chöre einen neuen ' Altar aufsetzen, der im Jahre 1408 am Sonntage nach dem Himmelfahrtsfeste Christi vorn Herrn Bischofs Wilhelm Wiidenhover eingeweiht wurde und Prälat Ulrich III. hatte 1432 das Unglück von dem auf ihn fallenden Vildniß Christi, das er am Himmelfahrtstage Christi jährlich hat in die Höhe gezogen, erschlagen zu werden. Ein in Mitte der Kirche vor Zeiten gelegener Stein soll dieses Unglück angezeigt haben mit folgenden Worten: ^Obrutus o-t Dominos praopositus lue.« Unser Herr Probst ist da getödtet vordem Bon diesem Steins weiß man jetzt nichts mehr. In den Jahren 1653 bis 1603 wurde, gleichzeitig mit der baulichen Restauration des Klostergebäudes, das Gotteshaus St. Martin, weil es Alters halber ganz verfallen wäre, restaurirt und vielleicht vom romanischen in den Renaissancestil umgewandelt; es wurde am 17. Juni 1663 durch den hochwiirdigsten Herrn Bischof Caspar feierlich samt den Altären consecrirt. Im Jahre 1734 den 7. April war ein unerhört furchtbares Donnerwetter, welches auch in Vermied in den Kirchthurm einschlug, durch welchen Streich die Kuppel zerschmettert die große Orgel verrückt und ein Clerikus während des Gswitterläutens erschlagen wurde, nebst fünf weltlichen Personen, welche geläutet haben, vier Geistliche wurden niedergeschlagen, kamen aber mit dem Leben davon. Im Jahre 1803 erfolgte die Säcula- risation des Klosters, seitdem wird die Klosterkirche St. Martin als Pfarrkirche benützt. Die Pfarrkirche ist Eigenthum des königlichen Staatsärars. Gemäß Neichsdeputalions- Hauptdeschluß vom 23. Februar 1803 wurde von Staatswegen anerkannt und angeordnet, daß nicht nur die Baureparaturkosten der einstigen Kloster- und jetzigen Pfarrkirche alljährlich gleich andern Ararial-Gcbäuden in den Dauetat aufgeführt werden sollen, sondern auch, daß der Kirche eine Jahresdotationssumme von 40 Gulden für die übrige Exigenz ausgeworfen wurde. Seit der Säkularisation des Klosters wurden an der Pfarrkirche folgende größere Reparaturen vorgenommen: Im Etatsjahre 1861/62 wurde ein neues Gewölbe im Schisse der Kirche und ein neuer Plafond hergestellt im Betrage zu 7000 fl. Im Etatsjahre 1873/74 wurde der am 7. April 1734 durch einen Blitzstrahl zerstörte Thurm wiederhergestellt im Betrage zu 8163 fl. 14 kr. Im Etatsjahre 1874/75 wurde die große 31 Zentner schwer« Glocke größtentheiis aus freiwilligen Beträgen der Gemeinee- bürger angcfchasst mit einem Kostenauswande von circa 3000 fl. Als besondere Wohlthäter der Pfarrkirche sind zu nennen: der frühere Gutsbesitzer » Andreas von Dall' Armi, der derzeitige Schloßbeützer Excellenz Freiherr von Meridians) königlicher Kämmerer und Gesandter a. D. und der Webermeister Mathias Schwab von Hausstadt. In der Pfarrkirche befinden sich folgende Merkwürdigkeiten: 1) Zwei gemalte Wappenschilde im Plafond des Chorbogeas» wovon das eine im I. und 2. Felde die bayerischen, weiß und blauen Rauten und im 2. und 3. Felde den pfälzischen Löwen, das andere Wappen aber das complicirte Lanveswappen von Savoyen darstellt mit der zwischen beiden angebrachten Inschrift: 8a1nslrn:e ckvmur a Veo et utr Iris 8«renHuris k -etu. Heil diesem Hause von Gott, und von diesen Durchlauchtigsten, welche es ansehnlich erbaut haben. Beide Wappen beziehen sich aus den Kurfürsten Ferdinand Maria und seine Gemahlin Henriette Adelhaid, eine geborene Prinzessin von Savoyen, welche große Wohl- häter der Kirche und des Klosters gewesen sind. 22 2) Die große Orgel, welche im Jahre 1564 von FranziSkus Grünwald, Prälat von Bernried, erbaut worden ist. Im Jahre 1835 wurde die Orgel durch den Orgelbauer Max März aus München rsparirt. Im Jahre 188 0 wurde die Orgel durch i-en Orgelbauer Beer in Erling bei Andechs einer gründlichen Reparatur unterworfen, wofür die hohe königliche Regierung von Oberbayern 2200 Mark genehmigte. 3) Ein altdeutscher Altar mit Schnitzwerk und zwei gemalten Flügeln, die ganze Verwandschaft Christi darstellend. 4) Ein im gothischen Style gefertigtes Monument des im Jahre 1846 dayisr verstorbenen Herrn Andreas von Dali' Armi Gutsbesitzers von Bernried und Abgeordneten zur bayerischen Ständevcrsammluug. Die zweite Kirche in Bcrnried ist die ehemalige Hofmarktspfarrkirche. Der Probst Ulrich I. hat zu Ehren der seligsten Mutter Gottes Maria nicht weit von de Kloner- kirche eine andere von Grund aus aufgeführt, in welcher hinsüro die pfarrlichen Gotu-s- dienst-Verrichtungen selber gehalten werden sollten. Dieses Pfarrgotteshaus wurde un Jahre 1382 von dem hochwürdigsten saloniensischen Herrn Bischöfe Albert aus dem Orden der mindern Brüder des heil. Franziskus als Suffragau Burkhards von Augsburg m Ehren der Himmelfahrt Mariens eingeweiht. Bei der Säcularisation des Klosters wuros die Hofmarkspfarrkirche zum Abbrüche bestimmt und aus Bit.e der hier artigen Gemrinoe um 575 fl. dieser zum Gebrauche überlassen, seit dieser Zeit trägt die Gemeinde an dieser Kirche die Baulast, was der Gemeinde Bernried zur großen Ehre gereicht. An diese Kirche wurde im Jahre 1672 die Gruftkavelle angebaut und der in ihr befindliche Altar im Jahre 1734 den 20. Mai vom hochwürdigsten Herrn Jakob von Mayer, Bischöfe zu Bergamo, als Augsburgischem Suffragau, geweiht. In der Gruftkapelle befindet sich ein Bild der schmerzhaften Mutter Gottes. Dieses Bild war früher in der Hofmarkspfarrkirche (d. i. Liebfrauenkirche) verehrt worden und zur Pestzeit besonders war der Andrang des Volkes so groß, daß man, um die Gefahr des Erdrückens zu beseitigen, behufs Anbringung einer weiter» Thüre die Mauer durchbrechen mußte, bis 1672 eine neue Crypta erbaut wurde. Der Cult dieses Bildes soll stammen von einer Frau, welche am Bilde der schmerzhaften Mutter Gottes weniger Gefallen fand, so daß sie es von seinem Platze entfernt und durch ein anderes von feinerer Gestalt ersetzt wissen wollte. Diese Mißachtung und die darin liegende Beleidigung mißfiel der demüthige» Jungfrau, weßhalb sie der Verächtern: zarte Augen mit plötzlicher Blindheit umhüllte, so daß diese vom Altare, um den sie in Ehrerbietung herumgehen wollte, weg und nach Hause geführt werden »rußte. Ihre Augen schwollen überdieß gewaltig auf und sie hatte gräßliche Schmerzen. Die Blinde erkannte ihre Schuld und es wurde -ihr die Hoffnung gemacht, sie würde von Derjenigen, die sie gestraft, auch wieder geheilt werden« Sie that daher ein Gelübde und wurde bald wieder sehend, das Bild mißfiel ihr dann nicht mehr, sondern es gefiel ihr vielmehr auf wunderbare Weise. Der marianische Schriftsteller erzählt auch von einem bedauernswerthen lahmen und coutracten Mädchen, das von Weilheim von ihren Eltern hergebracht worden war, daß es in der Kirche selbst keine Hilfe gefunden. Dagegen auf dem Heimwege vom Pferde gefallen und durch den Fall selbst augenblicklich geheilt worden ist. Unter den Verehrern dieses heiligen Bildes sind zunächst zwei Herrn namhaft zu machen, nämlich der Prälat Johann Riedl aus Naisting, den Bsrnried als den zweiten Gründer verehrt und im Jahre 1675 den 10. März starb, und der Benefiziat und Ceremoniar zu St. Peter in München, Herr Johann Mayer, der am 8. August 1673 das Zeitliche gesegnet hat. Diese zwei haben durch gegenseitiges Zusammenwirken die Gruftkapelle sammt dem Altare, wo jetzt das gnadenreiche Bild sich befindet, errichtet. Von den ehemaligen Klostergebäulichkeiten stehen noch: 1) Das Hauptgebäude, welches von dem Besitzer Excellenz Freiherr von Wend-> land in ein prächtiges Schloß umgebaut worden ist. 2) Das Haus, in welchem- während der Zeit des Klosterbestandes der Klosterrichter 23 logirte und nach der Säkularisation der jeweilige Pfarrer wohnte. Dasselbe wurde im Jahre 1830 vom königlichen Aerar an die Gemeinde käuflich abgelassen und von derselben zum Schulhause adoptirt. Die bedeutende Erhöhung der Schülerzahl und die beschränkten Localitäten der Lehrerwohnung machten die Erweiterung des Schulhauses zu einem fühlbaren und dringenden Bedürfnisse. Deshalb beschloß die Gemeinde Bernried ein neues Schul-, Gemeinde- und Feuerwchrhaus zu erbauen, welches den Sommer über iu n reu beiden Baumeistern Herrn Eberhart und Rottmüller von Weilhcim zur vollsten Zufriedenheit hergestellt, am Sonntag den 8. Oktober, Nachmittags 2 Uhr, in Gegenwart des kgl. Herrn Bezirksamtmannes, des kgl. Herrn Distriitsschulinspectors, Sr. Excellenz Freiherr» v. WendlaNd mit hoher Familie, der Gemeinde- und Kirchenver- waltung, der Schuljugend, des Feuerwehr- und Veteranen - Vereins und vieler Dorfbewohner mit den entsprechenden Feierlichkeiten eingeweiht und eröffnet wurde. Das bisherige Schulhaus ist jetzt mit seinen sämmtlichen Nünmlichkeiten dem Lehrer zur Wohnung angewiesen. - 3) Der Thorbogen mit den Nebengebäuden, worin in einem derselben bis zum Fahre 1826 die Schule gehalten wurde. 4) Das Probstgebäude, welches im Jahre 1824 aus Staatsmitteln um die Summe von 3281 fl. 36 !r. in eine Pfarr- und Hilfs-Priesterwohnung umgewandelt wurde. Nach der Klofleraushebung wurde die Pfarrei Bernried mit den Filialorten Tutzing, Ober- und UnterzeiSmering, Garatshausen und mit den Riederschaften Adelsrird, Carrah Gallifilz, Happerg, Höhenried und Unterholz von einem Pfarrer und HilfSpriester Pastorin. Im Jahre 1843 wurden die bisherigen Filialorte Tutzing, Ober- und Unterzeis« mering, dann Garatshausen mit einer Bevölkerung von 378 Seelen von der Pfarrei Bernried getrennt und zu einer eigenen Kirchengemeinde vereiniget. Die aus Staatsfonds mit einem jährlichen Bezüge von 300 fl. dotirte Caplansstelle zu Bernried wurde aufgehoben, und dieser Bezug dem Pfarrkuraten iu Tutzing als ständiger Gehalt angewiesen und die latholische Pfarrei Bernried zählt bei 2^ Stunden im Umfange 444 Seelen mit einer Schule, und würd vom Pfarrer allein pastorirt. Das am User des Starnbergersee's reizend gelegene Dorf Bernried weit und breit rühmlichst bekannt und durch seine herrlichen Parkanlagen sowohl, als durch den vortreffliche», der von Wendland'schen Brauerei entstammenden Gerstensaft, wird während der Sommermonate von vielen Fremden namentlich aus Augsburg, Eichstädt, Negensburg und Würzburg besucht, was vielen Dorfbewohnern eine reichliche Eimiahmsquelle verschafft. Misesllen. (Aus der guten alten Zeit.) Vor wenigen Wochen starb in einer kleinen Provinzstadt ein guter alter Herr: er war früher Landrichter und ein gar eigener Kopf, mit dem die Bauern seines Bezirks anfangs übel fuhren. Charakteristisch ist folgender Fall. Die Bauern seines ganzen Bezirkes trugen zu der ledernen Hose und dem kurzen Janker mächtige „Sechserln" an den beiden Schläfen. Der gestrenge Herr Landrichter duldete aber fortan diesen Kopfputz nicht mehr. Jeder der mit ihm zu Gericht kam, wurde zuerst zum Gerichtsdiener geschickt, der dann die Sechserl gründlich beseitigen mußte und hiefür einen guten Silbersechser für das „Haarschnriden" verlangte. Erst nach dieser Prozedur durfte der Bauer beim Landrichter erscheinen. Als einmal sich . Einer über dieses Bcrfahren beschwerte, wurden ihm von kurzer Hand sechs Streiche dittirt. Der Bauer betrat den Beschwerdeweg zur Negierung. Von dorther erhielt der Herr Landrichter einen Verweis, den er dem Geschädigten schriftlich zu eröffnen hatte. Der Bauer wurde vorgeladen und ihm das Schriftstück zum Lesen ausgehändigt, er war jedoch dieser Kunst nicht mäcptig, nur die verhäugnißvolle Zahl 6 hatte er enträthselt. „Das ist g'wiß weg'n meiner Beschwerde, Herr Landrichter", meinte verschmitzt der Bauer und. gab das Schriftstück zurück. „Jawohl, hast Du's gelesen?" „Nein, nur von den SechsI" „So, 24 dann will ich Dir's sagen. Du hast Dich bei der k. Regierung beschwert über mich, nun ist der Beschluß gekommen, wonach Du nochmal sechs Hiebe erhalst und da Du dieselben auf diesem Originalbeschluß bestätrigen mußt, so kann ich Dir die Strafe nicht nachlassen, so gerne ich dieses auch thäte." Und die Sechs kamen zum Vollzüge, der Bauer bestätigte den Empfang und ging seine Wege. Fortan aber waren sämmtliche „Sechserln" verschwunden und- der Gerichtsdiener um seine Nebeneinnahme gekommen. (Ein allerliebstes Weihnachtsmärchen) erzählt Iwan Turgenjew in der „Revue Politigue et LitUraire": „Zwei oder drei Tage vor Weihnachten gab der liebe Gott ein Fest in seinem Azurpalast. Sämmtliche Tugenden waren dazu eingeladen, aber nur die Tugenden. Keine Herren, lauter Damen. Da sah nzan denn auch auels Tugenden bei einander, große und kleine. Die kleinen waren gefälliger und hübscher als die großen, aber Alle schienen mit einander wohl bekannt und befreundet zu sein. Plötzlich aber sah der liebe Gott zwei schöne Damen, die einander dem Anscheine nach gar nicht kannten. Der Hausherr nahm nun eiize derselben bei der Hand, um sie der anderen vorzustellen. Die „Wohlthätigkeit", s^gte er mit einem Blicke auf die erstere. Die „Dankbarkeit", fügte er hinzu, indem er auf die andere zeigte. Die beiden Tugenden waren höchst erstaunt. Seit Erschaffung der Welt begegneten sie sich hier zum erstenmale." (Viehzählung.) Der Millionär: „Wenn es nach Herrn Wedell-Malchow ginge, müßte ich meine sämmtlichen Goldfüchse in die Listen eintragen." — Der Student: „Ob ich zur Viehzählung herangezogen werde, wenn ich so fort ochse?" — Der Reporter: „Himmel, wenn ich die Enten alle mitzählen müßte, die ich schon habe auffliegen lassen!" — Der Chef: „Müller, Sie werde ich der Ordnung gemäß als Rhinozeros anführen." — Der Skatspieler: „Schulze, vergessen Sie nur das große Schwein nicht anzugeben, welches Sie immer haben!" — Der Zechbruder: „Ihr lieben Affen, wenn ich Euch noch zählen konnte!" (Die Philosophie des Rausches.) Ein gutmüthiger Trunkenbold wackelt durch die Straßen, indem er- folgenden optimistischen Gedanken Ausdruck gibt: „Die Reichen — ha die Reichen! Was können Die machen? Sie können auch nicht betrunkener sein, als wir!" (Einer von der meteorologischen Station.) „Den schau an, der hat den Hut bis über die Augen, den Rockkragen naufzog'n und laufen thuat er mir sein Par.rplui, als wenn er g'stohl'n hät." — „Den kenn i, der is bei der meteorologischen Station. Der schämt si, weil er Heuer 's Wetter gar nie derrath!" (Aus der Kinderstube.) Besuch: „Ah, das ist wohl Dein Stammhalter, lieber Freund? — Komm', Kleiner, gib mir 'Ne Hand." — Kind: „Bist Du ein Haarschneider?" — Besuch: „Ich? Nein, — weßhalb?" — Kind: „Ei Papa jagte vorhin, als Franz Dich anmeldete: Ich wollt', der ließe mich ungeschoren." (Gegenseitige Ueberraschung.) Vater: „Schau', Richard, die Menge schöner Spielsachen, die ich Dir mitgebracht habe!" — Richard: „Nein das hätt' ich nimmer geglaubt, daß ich ein so lieber, braver Bub' bin!" (Ein Ausweg.) „Ich habe die Bibliothek meines Bräutigams bereits gänzlich durchgelescn, und langweile mich-nun entsetzlich!" — „Aber liebe Freundin, da würde ich mich an Deiner Stelle einfach um einen anderen Bräutigam umsehen." (F. B.) (Ehrlich.) Gehilfe: „Wenn Sie mir eine Stelle in Ihrem Geschäfte geben, werden Sie sehen» daß Sie mir in Geld- und Geschästssachen vollständig trauen können!" — Prinzipal: „Wie haißt trauen? Heut zu Tag' trän' ich mir selber kaum!" (Seltsamer Maßstab.) Lieutenant: „Sie, Einjähriger Miller, Sie wollen ein gebildeter Mensch sein und können nicht einmal über diese Palissade springen!?" (Verschiedene Eigenschaften.) A: „Wie ist denn, der Ür. Heilreimer als Arzt? Seine Verse macht er sehr lebendig." — B: „Und seine Kranken sehr todt!" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des litterarischen Instituts von Ur. Max Huttler. Nr. 4. 1883. zur „Ängslttlrger PostMmg." Samstag, 13. Januar Der Hieuiennnt freit. Eine Heirathsgeschichte, erzählt von Klara Neichner. (Nachdruck verdolcu.) An einem Fenster des zweiten Stockwerks eines Hauses der Nömergasse in der alten Garnisonstadt Zc. stand an einem schönen Frühlingstage der Lieutenant Adrian Schnell und schaute hinab auf die stille Straße. Wer indessen glaubt, er habe dort unten irgend etwas Bestimmtes gesehen oder sehen wollen, der wäre in einem sehr großen Irrthum befangen. Nein, der Blick des Lieutenants schweifte weiter, viel weiter — bis in die Zukunft, von wo ein gar heiteres Bild ihm entgegen lächelte. Mit einem Worte sei's gesagt: der Lieutenant hatte Heirathspläne, und dies zum ersten Mal in seinem langjährigen Lieutenantsleben. Nicht, als wäre er noch nie verliebt gewesen — im Gegentheil, gar mancher Namenszug war schon, verschlungen und nicht verschlungen mit dein seinen, in irgend eine geduldige Baumrinde geschnitten worden, schon mancher schien ihm auch in's Herz gegraben, aber es war noch immer bis zur Stunde Gras und Moos über die Einschnitte gewachsen, und hatte die leise Spur verwischt, als wäre sie nie dagewesen. — Das ist das Loos des Schönen auf der Erde! Dazu kam freilich noch etwas Anderes und sehr Gewichtiges! Adrian Schnell war selbst unbemittelt, folglich verbot es sich von selber, die Tändelei zum Ernst zu machen, wenn nicht noch andere Glückesgüter dem Bund zu Hilfe kamen, als nur ein Herz und eine Hütte wie die Dichter singen. Zwar war der Lieutenant nicht der Mann, um aus schnöder Berechnung in den Ehestand zu treten. — Das aber sah er ein: bis zum Hauptmann hatte es noch gute Weile, und auf so viele, ungewisse Jahre hin sich zu binden, kam ihm nicht in den Sinn, sondern erfüllte ihn im Gegentheil mit einem gelinden Schauer. Er sah das Leben wohl fröhlich, doch nicht leichtsinnig an und hatte, in einem sparsamen Haushalt aufgewachsen, und während einer langjährigen Dienstzeit in der Disciplin geübt, es gelernt, das Gesetz eiserner Nothwendigkeit anzuerkennen und das Unvermeidliche niit Würde zu ertragen. Und in diesem Falle war das Unvermeidliche, das Nöthige: Geld, Geld und wieder Geld, als Zuschuß für seine Lieutenantsgage, und um eine Heirath überhaupt, so lange er noch Lieutenant war, zu ermöglichen. So kam es, daß der überall gern gesehene, schmucke Lieutenant, noch nie auf Freiersfüßen wandelte, denn um seine Hand ohne sein Herz fortzugeben, dazu war er doch zu ehrlich und zu gewissenhaft. Jetzt aber hatte sich die Sachlage verändert» seit unser Lieutenant zum ersten Mal auf einem Hausball die hübsche Mina Roth, des reichen Privatiers Korbinian Roth einzige Tochter, gesehen hatte. Ob ihre sich begegnenden Blicke „Blitz und Schlag zugleich" waren, ob ihre Herzen sich „zusammentanzten" — wer kann es sagen — kurz und gut, das Ende vom Liede oder vielmehr vom Balle war, daß der Lieutenant sehr nachdenklich 26 nach Hause kam, was erfahrungsgemäß bei ihm etwa soviel zu sagen hatte, als daß er — wieder einmal verliebt war. Aber diesmal war die Sache ernster! Fraulein Mina Noth besaß nicht nur die Eigenschaften, welche er vorzugsweise schätzte, nämlich: Verstand, gepaart mit liebenswürdigem Muthwillen, — sie hatte auch, wie er es besonders liebte, reiches blondes Haar, das sich leicht kräuselte und dazu dunkle Augen, die nicht nur schalkhaft, sondern auch gar ernst zu blicken wußten, und endlich hatte sie — als seltenes Tri olium — zu allen diesen Vorzügen noch die sehr beachtenswerthe Eigenschaft, eines gar wohlhabenden Mannes einziges Kind zu sein, denn daß der Herr Korbian Noth dies war, wußte die ganze Stadt, obwohl er erst vor Kurzem mit Frau und Tochter dorthin gezogen war, nachdem er sein Geschäft in K. aufgegeben- Auch der alte, joviale Herr und seine bürgerlich-einfache Frau hatten einen sehr günstigen und ungemein anheimelnden Eindruck auf Adrian gemacht — solche Schwiegereltern konnte man sich schon gefallen lassen! So überließ der Lieutenant sich denn diesmal in vollkommener Gewisscnsruhe und ungetrübtem Glücke dem Auftauchen des neuen Sirius — ja, so groß war ihm in Wahrheit noch kein Stern am Firmamente seines Herzens aufgetaucht, als dieser neusrschienene Srrius, vor dessen Glanz die andern sämmtlich erbleichen und erlöschen mußten. Wie es nun weiter ging, und wie es kam, daß Lieutenant Schnell seinen Namen in diesem Falle alle Ehre machte, ist unaufgeklärt geblieben, obwohl es allen einigermaßen einsichtigen Gemüthern vollkommen klar sein wird, in Anbetracht des Umstandes, daß in der alten, allbekannten Garnisonstadt T. bei den Honorationen wie den Bürgern die Zahl der Kränzchen, Liedertafeln und sonstiger Versammlungen keine geringe ist — vorzüglich im Karneval — ganz abgesehen von den sonstigen Gelegenheiten, sich zu treffen, wenn man sich nur treffen will, wozu Promenaden, Konzerte und Theater willkommenen Vorwand boten. Jeder Mensch, der einmal dergleichen Zeiten in seinem Leben durchgemacht — und wer hätte das wohl nicht? — weiß ein Lied davon zu singen — schon der Großvater hat es ja so gemacht, als er einst um die Großmutter gefreit, und so ist es auch geblieben bis auf den heutigen Tag. Auch die hübsche Blondine schien den schmucken Lieutenant in der kleidsamen Uniform mit dein Tapferkeitskreuze an der Brust nicht ungern so oft in ihrer Nähe zu bemerken — wenigstens wurde ihre zarte Gesichtsfarbe unzweifelhaft um etliche Schattirungen mehr rothgefärbt, sobald sie ihn gewahrte. Dem Papa Privatier nebst seiner braven Ehehälfte konnte dieser immerhin auffallende Umstand, in Vereinigung mit der Thatsache, daß der Lieutenant überall, wo sie sich zeigten, auch zu treffen loar, oder doch sehr bald erschien, nicht lange Zeit verborgen bleiben. Freilich war dem wackern Privatier im ersten Augenblicke die Sache nicht besonders angenehm. Ein mittelloser Offizier als Eidam, der vielleicht auf den opferwilligen Beutel des allzeit hilsbereiten, gutmüthigen Schwiegervaters spekuliren würde, das ivar ihm gerade keine verlockende Aussicht für die Zukunft seines einzigen Kindes. Bald aber lernte er die Sache mit andern Augen betrachten: nicht nur, weil der Lieutenant Schnell allgemein geachtet war, als aus einer braven Familie stammend und als braver Mensch und tüchtiger Offizier, sondern vielleicht noch mehr durch den Unistand bewogen, daß die Wünsche seiner Frau mit denen seiner Tochter Hand in Hand zu gehen schienen, denn das gescheidte Mädchen hatte es wohlweislich nicht unterlassen, die einflußreiche Mutter vor allen Dingen ihrem Herzenswunsch geneigt zu machen. Was war also zu thun? Eine» häuslichen Krieg heraufzubeschwören mit dem unvermeidlichen Kampfes-Arsenal von Bitten, Schmollen Thränen — nein, dazu hatte der gute Privatier wirklich nicht den kecken Muth, um so weniger, als ja im Grunde nichts Stichhaltiges gegen den Heirathskandidaten sich einwenden ließ, er selber aber in der glücklichen Lage war, für ein Dutzend Offiziere die nöthige Hcirathskaution herbeizuschaffen. So bereitete sich denn der würdige Privatier bereits im Stillen vor, nachdem er sich einmal mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, zu dem Bündniß Ja und Amen zu sagen, falls, wie nicht zu zweifeln war, eines schönen Tages der Lieutenant seinen Antrag vorbringen werde. Einstweilen freilich hatte derselbe nur einige Anstandsvisiten in dein Noth'schen Hause machen können — um so freudiger wurde er daher überrascht, als er eines schönen Frühlingstages eine Einladung des Privatiers: „zu einem Teller Suppe mittags um 1 Uhr erhielt." Daß er diese günstige Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen lassen dürfe, um irgendwie sich Klarheit zu verschaffe», darüber war der Lieutenant sogleich mit sich einig geworden. Jetzt oder nie mußte sein Schicksal sich entscheiden, nachdem ein feindliches Geschick jeden Augenblick, der verhängnißvoll zu werden drohte, durch irgend ein Wie oder ein Was dazwischen sich gedrängt; — außerdem hatte er gar keine Lust, sich einen Korb zu holen — das wollte Alles überdacht und wohlerwogen sein! Freilich glaubte er der hübschen Mina sicher sein zu dürfen, wenn nicht Alles log und trog. Aber diese Weiber! Wer sie ergründen konnte! Und dann die Eltern? — Allerdings schien die erhaltene Einladung ein günstiges Zeichen ihm zu sein! — Durfte er es also wagen? — Diese Gedanken waren es, welche den Lieutenant Adrian Schnell so ernsthaft und so ausschließlich beschäftigten an jenem Frühlingstage zu Anfang unserer Erzählung, denn gerade der heutige Tag sollte ja über sein Geschick entscheiden. Endlich aber erinnerte er sich doch daran, daß eS wohl an der Zeit sein dürfte, auch seil'ein äußern Menschen einige Beachtung zu schenken, zu Ehren des feierlichen AugenbltckS. dem er entgegen ging. Er wendete sich deshalb vom Fenster fort, um — o Eitelkeit — vor den Spiegel zu treten, und aufmerkiam hineinzuschauen. Was er da sah, war allerdings ein gar nicht übles Bild. Ein recht stattlicher Männerkopf mit gesunder, leicht gebräunter Gesichtsfarbe, braunem Haar uno Bart und freundlichen, blauen Augen blickte ihm entgegen - es waren eigentlich ine heitern Züge eines sogenannten „Sonntagskindes", das überall aus allen Dingen im Leben den Honig zu finden iveiß, wie- die Bienen aus den Blumen — das Gift lassen sie darin. Der Lieutenant schaute auch nicht unzufrieden drein nach seiner Selbstmusterung — dann rief er laut, so laut, als ob er vor der Front stünde: „Kaspar Mayer!" „Zu Befehl, Herr Lieutenant!" tönte es mit echoartiger Pünktlichkeit darauf zurück, und in's Zimmer trat, mit einem Nohrstock und der Kleiverbürste bewaffnet, vom Flur her der Gerufene in's Zimmer. Da der Betreffende dazu berufen ist, eine nicht ganz geringe und nicht ganz unwichtige Rolle in dieser Heirathsgeschichte zu spielen, so lohnt es wohl der Mühe, ihn etwas näher zu betrachten. Kaspar Mayer gehörte offenbar zu jenen Menschen, bei denen ihr Lehrer sich vergeblich Blühe gab, ihnen mehr beizubringen, als sie bald darauf und ohne Mühe vergessen lernen. Borstige, flachs-blonde Haare krönten seine niedrige, nichts weniger als imelligei.te Stirn, während ein Zug großer Gutmüthigkeit in seinen wasserblauen Augen nkit deren Mangel an Klugheit einigermaßen aussöhnte. Kaspar Mayer war erst seit Kurzem der Bursche des Lieutenants, und hatte es während dieser kurzen Zeit verstanden, sich demselben einerseits durch seinen guten Willen beliebt, andererseits aber durch seine Dummheit fürchterlich zu machen. „Kaspar Mayer", sagte der Lieutenant fast feierlich zu dem eintretenden Burschen: „Ist meine neue Uniform geputzt und Alles gut im Stande?" „Zu Befehl, Herr Lieutenant!" erwiderte Kaspar, den Nohrstock schulternd, als präsentire er das Gewehr, während er mit der andern Hand die Kleiderbürste an sich drückte. »Ich gehe jetzt aus", fuhr der Lieutenant fort. „In einer halben Stunde komme ich zurück; bis dahin muß Alles parat liegen, daß ich mich iokort umziehen kann. — wie zur Parade — verstehst Du mich?" 28 „Zu Befehl, Herr Lieutenant", wiederholte Kaspar ehrfurchtsvoll. „Gut!" Der Lieutenant griff nach seiner Mütze und ging. Er fühlte in Wahrheit das Bedürfniß, nach etwas Sammlung draußen in frischer Luft, bevor er daran ging, die Festung zu erstürmen. (Schluß folgt.) Klausner und Räuber. Ballade. In der Bergschlucht liegt begraben Einsam still des Klausners Hütte: Ihre Gäste sind die Naben Und ein Lindenbaum voll Blüthe. Drinnen spricht bei Tagesgrauen Fromm der Greis die Morgeubitte; — Einsam ist's, doch Engel schauen Nieder auf die stille Hütte; Engel schweben leis hernieder Auf den Lindenbaum und singen Mit dem Klausner Frühlingslieder, Perlenreich die weißen Schwingen. Engelein mit lichter Krone Sitzen auf des Klausners Hütte, Und es glitzert in der Sonne Ihr Gewand wie weiße Blüthe. —? Von der Höhe schaut mit Lachen Hört! ein Räuber auf die Hütte, Gute Beute soll er machen, Hieß es in der Brüder Mitte. Von der Höhe sieht er funkeln Hehre Pracht im stillen Walde, Sieht die Klause dort im Dunkeln: Welche Pracht in armer Halde! Goldne Balken sieht er streben Auf zur jungen Maiensonue, Uuter'm Dach voll Silberreben Thront ein Greis mit reicher Krone. Und er steigt zum Thale nieder, Seine Raubgier will er stillen: „Heute kann ich meiner Brüder Herzenswunsch einmal erfüllen." Wie er niederkommt zum Thale Und zum hohen Lindenbaume, Wird's so arm mit einem Male: „War das wirklich, war's im Traum?" „War's im Traum' denn, als ich droben Glitzern sah die goldne Hütte? Stand ich trunken noch dort oben? Sah im Taumel ich solch' Blüthe?" „Arme Bretter, alte Seine, Und ein Klausner längst vergessen: Das die Beute die ich meine? Kaum ein hartes Brod zum Essen?" — Fluchend stieg er aus vom Walde, Wilder Zorn im Herzen glühte, Und er schaut nicht mehr zur Halde Und zur moosbewachsnen Hütte. Unten zieht zur Avcstunde Jetzt der Greis am alten Strange, Friedlich tönt im Thalesgrunde Glockenmund mit Hellem Klänge. Horch! der Räuber hört es hallen, Und er schaut zur Bergschlucht nieder, Wo die Silberklüuge schallen: Älter Prunk und Reichthum wieder! Goldne Balken sieht er streben Aus zur jungen Maiensonne, Unter'm Dach voll Silberreben Thronen einen Greis mit Krone. Und der Räuber hört es hallen, Mächtig tönt der Ruf zu Herzen, Und zum Thale seht ihn wallen, In der Seele Reueschmerzen! In der Klause fromme Lehre Wird dem Jüngling von dem Greise. Niederlegt er seine Wehre, Lauscht des Friedens Worten leise. Engel schweben still zur Erde Auf den Lindenbaum und flehen, Daß dem Jüngling gnädig werde Besserung und Auferstehen. lU. ll. Einiges über die „schwarzen Madonnen." Aus der „Germ." von Fr. Clemens Janetschek. Die sittliche Größe und der erhabene Werth hervorragender Personen wird zumeist erst erkannt und in vollem Umfange gewürdigt, wenn sie dem Erdenleben bereits entrückt sind. Recht augenfällig zeigt sich dieser Erfahrungssatz an der jungfräulichen Mutter unseres Erlösers. Mariens Name begann zu glänzen, da sie auf Erden nicht mehr gesehen wurde, und die Entfaltung des Marien-Cultus hielt gleichen Schritt mir dem Kampfe gegen die Häresie und dem Siege über dieselbe. Denn je klarer und Nachdruck- licher die Kirche die Lehre von der Menschwerdung Jesu aus Maria feststellte, desto mehr fühlten sich die Christen hingezogen zu Maria, die iin Erlösungswerke eine so hervorragende Stellung einnimmt. Aber gerade diese kindliche Verehrung, welche die Christen Marien zollen, war seit jeher allen Nichtchristen der Gegenstand bitteren Hohnes» Schon die Juden der ersten Jahrhunderte überhäuften die geheiligte Person Mariens mit Schmähungen der schändlichsten Art; erwähnenswerth ist in dieser Hinsicht das harte Urtheil Mohammed's über die Schmähschriften des Celsus, obwohl Maria (Mirjam) nur die Mutter des zweiten Propheten, Christus, ist. „Weil die Juden nicht geglaubt (an Jesum) und wider Maria große Lästerungen ausgestoßen haben, so haben wir sie verflucht," (Koran, Sure 4.) Gleich den Juden verhöhnt in unseren Tagen die aufgeklärte Presse mit den ehrlosen Waffen des Hohnes den Marien-Cultus. Ein Beispiel, wie weit die Gehässigkeit gegen Alles, was der Katholik hochhält, führen kann, hat die Leipziger „Jllustrirte Zeitung" geliefert, indem sie die „schwarzen Marien" für ursprünglich egyptische Götterbilder erklärt: „Dieselben sind ursprünglich gar keine Marien und haben mit dem Christenthum, seinen Personen und Dogmen auch nicht den entferntesten Zusammenhang, sondern sind vielmehr Bilder der Isis allein, oder mit dem Knaben Horns, also egyptische Götterbilder. Diese Statuetten wurden, oftmals nur in der Größe gewöhnlicher Amulete, in Menge von den Kreuzfahrern in Kleinasien, Syrien und den Küsten- und Hafenstädten vorgefunden und mit in die Heimath gebracht, wo sie entweder für Maria oder Maria mit dem Christuskinde gehalten oder als solche gedeutet wurden. Vor den Kreuzzügen hat Niemand etwas von den schwarzen Marien gewußt; erst im zwölften und dreizehnten Jahrhundert kamen sie zum Vorscheine und in viel bewunderte und für die Kirche lucrative Diode. Die meisten schwarzen Marien befinden sich in Spanien und Italien, die gefeiertste, „wnnderthätigste" von allen in Loretto. Von den deutschen sei nur die in Alt-Oettingen genannt." (24. Dezember 1881.) Ist es wahrscheinlich, daß derlei Statuetten zur Zeit der Kreuzzüge an den angegebenen Orten in Menge gefunden werden konnten? Um diese Frage zu beantworten, ist es nothwendig, einen Blick auf die religiösen Zustände jener Länder vor den Kreuzzügen zu werfen. Die christliche Religion verbreitete sich rasch über den ganzen Orient und mit gerechter Bewunderung blicken wir auf die glaubensfesten Christen jener Länder, welche von der Wahrheit ihres Glaubens so durchdrungen waren, daß sie sich von Allem» was nur im Entferntesten mit dem Heidenthnm zusammenhing, ängstlich fern hielten, daß Tausende und Tausende von ihnen ihr Hab und Gut, ja selbst ihr Leben freudig Hingaben, bevor sie ihre Ueberzeugung verleugneten und Götzenbildern opferten. Daß bei diesen Christen, welche sich aus Scheu, in den allen Bilderdienst zu verfallen, nur gewisser Symbole bedienten, wirkliche heidnische Bilder, von welcher Form immer, Aufnahme fanden, wird Niemand zu behaupten wagen; ja die Christe» mußten sich geradezu mit Abscheu von diesen Bildern abwenden, weil die Isis-Feste und Isis-Tempel die Freistätten der schändlichsten Ausschweifungen waren und sich deshalb selbst römische Kaiser veranlaßt sahen, solche Feste zu verbieten und die Tempel wiederholt zu sperren. Allein daß auch die Juden weder die Verbreitung noch den Gebrauch solcher Bilder förderten, muß Jedermann zugestehen, der die nationale Abneigung der Juden gegen alle Bilder erwägt. Seit dem siebenten Jahrhundert bis zu den Kreuzzügen waren die genannten Länder dem Islam zugethan und in dieser Zeit wären die Bilder der Isis unbedingt der völligen Vernichtung anheimgefallen, da der Islam alle Bilder auf das Strengste untersagt; Mohammed selbst vernichtete die 360 Götzenbilder, welche sich in der alten Kaaba der Araber befanden, darunter Bilder des Abraham und Jsmael, und seinem Beispiele folgten die Araber auf ihren Eroberungszügcn. Daß die Mohmmedaner, welche nicht einmal das Bild ihres Propheten besitzen, auch keine anderen Bilder unter sich duldeten, ist vollkommen gewiß. 30 Wie man nun bei dieser Sachlage behaupten kann, die Kreuzfahrer hätten dergleichen Statuetten „oft in Menge" gefunden, ist schwer begreiflich, und noch unbegreiflicher ist es, daß sich von den in Menge gefundenen Statuetten, welche die Kreuzfahrer, ohne sich am Fundorte um ihre Bedeutung zu erkundigen, in die Heiuiath brachten, nicht eine einzige erhalten hat, auf die man sich zur Begründung der gegebenen Erklärung berufen könnte. Ueberdies handelt es sich hier um Bilder und nicht um Statuetten; angenommen, die Kreuzfahrer hätter solche Statuetten in die Heimath gebracht, so mußten offenbar nach diesen Statuetten erst die Bilder gemalt werden, und es wäre daher gewiß wissens- werth, zu erfahren, wann, wo und von wem diese Bilder gemalt wurden; lauter Fragen, deren Beantwortung mit Rücksicht auf die weite Verbreitung und Berühmtheit, welche diese Bilder erlangt haben» sowie mit Rücksicht auf den llmstand, daß die Kunstgeschichte seit dem dreizehnten Jahrhundert fast vollkommen klar vorliegt, gar keine Schwierigkeiten bieten könnte und doch wird man nach einer befriedigenden Antwort vergebens suchen. Betrachten wir noch kurz die Abbildungen der Isis. Herodot berichtet, man habe sie in weiblicher Gestalt mit Kuhhörnern abgebildet. Ihre Bekleidung besieht in einem enganliegenden Unterkleide, der Kopf ist mit der sogenannten egyptischen Haube bedeckt, an welcher sich Kuhhörner und zwischen diesen eine Scheibe befindet; in der Hand hält sie das Sistrum, ein Musikinstrument, dessen sich die Egypter bei ihren Festen bedienen. Die VasinI,, Nöinbiim, ein uraltes egyptisches Denkmal, welches aus einer mit blauem Schmelzwerk überzogenen Kupfertafel, in die Silberfäden künstlich eingelegt sind, besteht, zeigt als Hauptfigur die sitzende Isis. Auf anderen Denkmälern wird die Isis in sitzender Gestalt abgebildet, wie sie den Knaben Horus säugt; oft hat sie, gleich der Artemis, eine Menge von Brüsten, um sie als Göttin der Fruchtbarkeit zu kennzeichnen. Römische Künstler endlich gaben ihr die gewöhnlichen weiblichen Attribute, ja oft einen ganz junonischen Charakter. Zwischen diesen, mitunter geradezu fratzenhaften Gestalten der Isis und den Hoheit athmenden „schwarzen Madonnen" einen Vergleich anzustellen, erscheint überflüssig, ja selbst unwürdig und Derjenige, welcher eine Achnlichkeit herausfindet, besitzt jedenfalls die üppige Phantasie der Orientalen. Sprechen schon diese Ungereimtheiten gegen die von dem oben genannten Blatte gegebene Erklärung, so wird sie durch das Zeugniß der Kunstgeschichte entschieden widerlegt. In den ersten drei Jahrhunderten finden wir im chiistlichen Cultus meist Bilder symbolischer Art, eigentliche Bilder dagegen äußerst selten. Denn die Judenchristen mußten in ihrer ererbten nationalen Abneigung gegen Bilder jeder Art geschont werden, die Heidenchr-sten aber in ihren Begriffen betreffs des Gebrauches der Bilder geläutert werden und endlich mußte die Malerei, frei von heidnischen Anschauungen und Grundsätzen, an der Hand des Christenthums einen neuen Entwicklungsgang einschlagen. Unter Constantin dem Großen nahm die christliche Kunst einen erfreulichen Aufschwung; man verließ die bislang vorwaltende Symbolik und schritt zu wirklichen Bildern, welche in dem sog. byzantinischen Style, dessen Wesen in den „schwarzen Madonnen" scharf ausgeprägt ist, gehalten sind. Was war auch natürlicher, als daß die erwachende Kunst sofort Bilder der seligsten Jungfrau schuf und sie in ihrer höchsten Würde als Gottesmutter zu verherrlichen suchte? Kunstsinnige Mönche auf dem Berge Athos schufen bald nach Constantin's Tode das Prototyp der „schwarzen Madonnen"; da aber die allgemein verbreitete Ueberlieferung, der heil. Lucas*) sei der Schöpfer dieses Bildes, immerhin auf Wahrheit beruhen kann, so ist die Annahme nicht ausgeschlossen, daß sich die Mönche das bereits *) Nach dem Monolog des Kauers Brusilius, nacy Nikephorus und Theodorus, verstand der heil. Lucas die Kunst der Malerei. Eine Jyschrstt in einem Gewölbe unweit der Kirche 8. Norm in vio lata zn Rom bezeugt, daß der heil Lucas sieben Bilder der seligsten Jungfrau gemalt habe und bezeichnet das Marienbild in der erwähnten Kirche als eines jener sieben; die Maler verehren ihn deshalb als ihren Patron. 31 vorliegende zum Muster nahmen. Diese Bilder wurden s, T'smpsra. auf Goldgrund, zumeist auf Cypressenholz gemalt. Die 'I'smpsra. selbst ist das Mischmittel, dessen sich die byzantinischen Maler bedienten, um die trockenen Farben mit dem Pinsel auftragen zu können. Als solches wurde benutzt der Saft grüner Feigen, besonders aber Harz oder Wachs, das in ätherischem Oele aufgelöst und als eine Art Firniß gebraucht wurve; alle so bereiteten Farben wurden stark aufgetragen, so daß die Bildfläche deutlich hervortritt und fast massiv aussieht. Zugleich verliehen sie dem Bilde einen matten Glanz und spielten in das Braune und es kann daher nicht Wunder nehmen, daß diese Bilder im Laufe der Zeit eine ganz schwarze Färbung annahmen, woher auch ihre Benennung abzuketten ist. Charakteristisch für diese Bilder sind der hager gestreckte Körper, die weit geöffneten, ernst blickenden Augen, die faltenarmen, fast steifen Gewänder, wobei der obere Nand der dunkleren Schattirung mit einem Goldstrich gezeichnet ist, und endlich der byzantinische Nimbus, d. i. zwei Kreise um den Kopf, innerhalb welcher sich mitunter griechische Inschriften befinden; in den oberen Ecken kommt fast immer die verschlungene Inschrift: öooo d. i. Gottesmutter vor. Als diese Bilder vervielfältigt wurden, behielt man aus Erhrfurcht vor diesem uralten Bilde die dunkle Färbung auch bei Copien bei, wenngleich man die Härten des byzantinischen Styles etwas milderte. Obwohl die Bilderstürmer einen großen Theil dieser kostbaren Bilder vernichteten, so haben sich doch einige bis auf unsere Zeit erhalten; so gehört das Gnadenbild zu Czeustochau nach dem einstimmigen Urtheile der Kunstkenner der byzantinischen Periode an. In der Augustiner-Stiftskirche zu Altbrünn befindet sich ein auf Cypressenholz gemaltes schwarzes Marienbild, das entschieden byzantinischen, wenn nicht noch älteren Ursprunges ist, da es eine höchst einfache Schattirung hat und auch die Goldstriche an der Schattirung fehlen; dabei ist die Farbe welche mit Harz gemischt ist, so dick aufgetragen, daß das Bild massiv aussieht, und selbst das bereits morsche Cypressenholz deutet auf ein sehr hohes Alter hin. Im Jahre 513 wurde dieses Bild in der unteren Stadt (Suburbium) von Mailand von dem Bischöfe Fustorchius, welcher dasselbe von dem griechischen Kaiser Anastasius erhalten hatte, zur öffentlichen Verehrung ausgesetzt und verblieb daselbst bis zur Zerstörung Mailands durch Friedrich I. (1163). Dieser schenkte das bereits als Gnadenbild weit und breit berühmte Muttesgottesbild dem Böhmenkönige Wratislaw, welcher dasselbe in der Hauskapelle der Köuigsburg zu Prag aufbewahren ließ; im Jahre 1356 schenkte Kaiser Carl IV. dieses kostbare Bild dem Markgrafen Johann von Mähren, welcher dasselbe in der von ihm erbauten Augustinerkirche St. Thomas bei Brünn zur öffentlichen Verehrung aussetzte. Im Jahre 1736 wurde dieses Gnadenbild, welches IMIIuckmm Ickruneima und Osiuinn Ncwuv genannt wurde, in überaus feierlicher Weise gekrönt und 1788 auf ausdrücklichen Befehl Kaiser Joseph's II. nach Altbrünn übertragen. Aus dem Gesagten geht also hervor, daß die schwarzen Madonnenbilder zu den egyptischen Götzenbildern auch nicht in der entferntesten Beziehung stehen, sondern daß sie entfchieden byzantinischen Ursprunges sind, daß sie also echt christliche Kunst schuf un- daßnnan sie jahrhundertelang vor den Kreuzzügen bereits kannte; zugleich muß die von der „Jllustrirten Zeitung" gegebene Erklärung so lange als gedankenloses Märchen betrachtet werden, als für die Nichtigkeit derselben nicht stichhaltige Beweise erbracht werden, und das dürste ungleich schwerer fallen, als durch eine unüberlegte oder absichtliche boshafte Behauptung das Zartgefühl der Katholiken zu verletzen. Miseellen. (Der langweilige Domino.) (Herr von Moswedel geht jedes Jahr als Domino auf den Maskenball und steht da stumm und langweilig an der Wand — zum Aerger der jungen, lustigen Damen.) — „Du, Anna," sagt einmal eine Maske zur anderen, „da schau den Domino dort drüben an — der steht noch vom vorigen Jahre da!" 32 (Ein Wort für Töchter) Seiner 20jährigen Tochter widmet ein Vater nachstehende Worte: „Ich will heute mit dir von deiner Mutter sprechen. Vielleicht hast du wahrgenommen, wie sorgenvoll sie aussieht. Du hast daran Schuld, aber Du solltest ihr die Sorgen verscheuchen. Du mußt damit anfangen, daß du Morgens bei Zeiten ausstehst, und das Frühstück bereitest; wenn dann die Mutter in die Küche kommt und überrascht ist, dann küsse sie und sage ihr, daß es nur in Ordnung ist, wenn du ihr hilfst. Du hast keine Ahnung wie das sie freuen wird. Außerdem bist du ihr noch einige Küsse schuldig. Vor vielen Jahren, als du noch ein kleines Mädchen ivarst, da küßte sie, wenn du in der Fieberhitze lagst, dein geschwollenes Gesichtchen, wenn Niemand anders es that. Damals sahst du nicht so hübsch aus wie jetzt. Und wenn du deine kleinen schmutzigen Hände blutend oder zerquetscht vom Spielplatz nach Hause brachtest, dann hat die Mutter dir den Schmerz davon hinweggeküßt. Und die Tausend- von Küssen, mit denen sie dich, wenn du Nachts unruhig träumtest, beruhigt hat — wenn sie sich über dein Köpfchen beugte, um die bösen Träume zu verscheuchen — sie haben die langen Jahre hindurch Zinsen bringen sollen, die du abtragen mußt. Es ist wahr, sie sieht nicht so hübsch aus wie du, nicht so zum Küssen einladend, aber wenn du ihr die letzten acht Jahre einen Theil der Arbeit abgenommen hättest, dann würde der Contrast wohl nicht groß sein. Ihr Gesicht hat jetzt viele Falten, wenn du aber einmal krank würdest, dann würde ihr Gesicht, wenn sie Tag und Nacht an deinem Bette wacht, dir wie ein Engels-Antlitz erscheinen, und die Falten in dem lieben Gesicht wie ebenso viele helle Sonnenstrahlen. Es wird ein Tag kommen, an dem sie dich verlassen wird. Wenn ihr die Sorgen der Haushaltung nicht abgenommen werden, wird sie bald von dir gehen. Dann werden diese von der Arbeit hart gewordenen Hände die so viel für dich thaten, über ihrer Brust gefaltet sein, und das Herz, das so warn, für dich geschlagen, wird dann still stehen! Die Lippen, die dir den erste» Kuß im Leben gegeben und die du viel zu selten im Leben geküßt hast, werden für immer geschlossen und die müden matten Augen nur noch in der andern Welt offen sein. Dann, Kind wirst du deine Mutter schätzen — aber es wird zu spät sein!" (Vereinfachung.) Landschullehrer: „Also wieder vor der Schule gerauft, Ihr Nangen! Das will ich Euch doch einmal abgewöhnen. Zur Strafe thut Ihr Euch ein» ander sogleich fünf Minuten laug ordentlich beuteln!" (Die neueste Rabatt form.) Ein Deutsch-Amerikaner, der seine Doktorrechnung bezahlen sollte, machte folgenden Vorschlag: „Well, Doktor, da mein kleiner Junge sämmtliche Nachbarskinder mit den Masern angesteckt und Sie dieselben behandelt haben, so wäre es nicht mehr wie billig, wenn Sie zehn Prozent von Ihrer Forderung strichen." (Bei der Jnspizirung.) „Wissen Sie, Wer ich bin?" — „Der Herr Brigadier!" — „Nun, an was erkennen Sie mich?" — „Ja, der Herr Korporal hat g'sagt: Wann a' General kommt, dem die Stauden bei di Ohrwasch'ln 'rauswachsen, — das ist der Brigadier!" (Aus der Kinderstube.) Mama: „Ich muß Euch leider sagen, daß ich mit Euch sehr unzufrieden bin." — Das Kleinste: „Das ist schade, Mama — wir sind'mit Dir sehr zufrieden!" (Kurze Antwort.) Reisender: „Ich habe gehört, daß auf der Alpe hier der Sonnenaufgang so prächtig zu sehen ist; ich möchte das Naturspie! genießen. — Wann geht die Sonne hier gewöhnlich auf?" — Bauer: „Meistens in der Fruah." (Vorsicht.) „Warum tragen Sie denn zwei Schirme bei sich, Herr Professor?" — „Ja sehen Sie, weil ich so vergeßlich bin und immer einen stehen lasse." Auslösung des Original-Räthsel in Nr. 2: „Bette. — Kette. — Mette. — Wette." Für die Redaktion verantwortlich Mphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Unternaktunggökatt i»r „Äugslmrger Postzeitung." Nr. 5. Mittwoch, 17. Januar 1883. Der HieuHirant freit. Eine Heiralhsgeschichte, erzählt von Klara Reichn er. (Schluß.) Während seines Spazierganges überdachte Lieutenant Adrian noch einmal sich den Feldzugsplan, und trat dann guten Muthes wieder in sein Zimmer, gerade als Kaspar Mayer mit Kennerblicken die allerdings sehr blank geputzten Knöpfe der Paradeuniform betrachtete. „Doch — mit des Geschickes Mächten Ist kein ewiger Bund zu flechten!" — Kaum hatte er die Thür geöffnet, als schon der Bursche diensteifrig aus ihn zugestürzt kam, indem er ihm ein Schreiben präsentirte, das die Hiobspost enthaltend, daß der plötzlich aus allen seinen Himmeln gestürzte Lieutenant um gerade dieselbe Zeit, welche so entscheidend hatte auf sein Geschick einwirken sollen, in einer dienstlichen Angelegenheit zu seinem Oberst kommandirt wurde, ohne daß er im Stande war, mit Gewißheit vorauszusehen, bis wann er wieder sein eigener Herr sein dürfte. Was war da zu thun? Von einer Opposition konnte natürlich keine Rede sein» ebenso wenig aber war daran zu denken, rechtzeitig zum Mittagessen um 1 Uhr bei Herrn Korbinian Noth eintreffen zu können! Umsonst also alle schönen Vorsätze — dem guten, alten, d^tschen Sprichworts folgend — der Frau Schwiegermama in «p«; alle möglichen Aufmerksamkeiten zu erweisen und den ganzen Aufwand an vorhandener, persönlicher Liebenswürdigkeit vor ihr zu entfalten, denn: „Willst Du gern die Tochter han Sieh vorher die Mutter au!" — Mit einem innerlichen Seufzer der Resignation ergab der arme Lieutenant sich in sein Geschick, alle dienstlichen Pflichten in diesem Augenblick zum Kukuk wünschend! Es blieb aber nichts Anderes übrig, als sich in das Unvermeidliche zu fügen und in Gottes Namen ruhig zu Haus allein zu essen, wie er meist zu thun, pflegte (unsere Geschichte spielt nämilch noch vor der Zeit der allgemeinen Einführung von Ossizier-Speiseanstalten), an den Vater seiner Angebeteten aber einige Zeilen zu richten, des Inhalts, daß leider die Dienstpflicht ihn zu kommen hindere. Diese Zeilen übergab er seinem Burschen mit den Worten: «Hier! An Herrn Privatier Roth, Glückstraße 12, 1 Stiege hoch. Sofort hintragen und abgeben! Nimm auch den Speisekorb und bringe mir gleich das Essen mit!" „Zu Befehl, Herr Lieutenant!" Und Kaspar Mayer entfernte sich mit dem Billet und dem Speisekorb für das Mittagsessen, während der arme Lieutenant ziemlich unmuthig seine Toilette wechselte. Als der Bursche zurückkam stand er bereits zum Ausgehen gerüstet da, aber der Sonnenschein aus seinen sonst so frohen Zügen waren für den Augenblick verschwunden. Nun mochte es vielleicht lange genug dauern, bis wieder einmal eine so günstige Gelegen- 34 hsit sich finden würde, ganz abgesehen davon, bah es ja auch Leute in der Welt geben sollte, welche ungerechtermeise den Unschuldigen leiden lasse», wofür der Arme gar nichts kann — kurz und gut, der Lieutenant befand sich in einer keineswegs rosenfarbenen Stimmung, als Kaspar Mayer mit einer gewissen Feierlichkeit wieder in's Zimmer trat, den Speisekorb sorgfältig in der Lmnd trauend, aus welchem gar liebliche Düfte verlockend hochstiege». Der Lieutenant war indessen durchaus nicht gegenwärtig in der Stimmung, um dergleichen zu bemerken, obwohl er sonst den Tafelfreuden gar nicht abhold war, und größtentheils nur aus dem Grunde, um gemächlich in seinen vier Pfählen es sich in Ruhe schmecken lassen zu können, es nicht vorzog, sein Mittagessen — namentlich bei chlechtem Wetter — aus dem nahen Wirthshause holen »» lassen, anstatt in dem un- gemüthlichen Gastzimmer zu tafeln. Erst, als der Bursche ihm die Suppe auftrug, und der Lieutenant den ersten Löffel in den Mund gleiten ließ, wurde er plötzlich aufmerksamer und hielt mit Essen inne. Ja — was war denn das? Eine so vortreffliche Suvve hatte er ja noch nie im Wirthshause gegessen, selten sogar anderswo. Er schüttelte den Kopf, aß aber ruhig weiter, denn zu seinem Erstaunen bemerkte er jetzt erst, daß entweder der Appetit beim Essen kommt, oder daß er, ohne es zu merken, einen ganz respektabel» Hunger gehabt hatte. Während er sich so in seine Aufgabe vertiefte, daß er momentan sogar den Schmerz der eben erst erlittenen Enttäuschung schwinden fühlte, trug Kaspar Mayer mit Stolz einige neue Schüsseln auf, bei deren Anblick der Lieutenant plötzlich hochfuhr. Filetbraten, Hühner mit Kompot — der Lieutenant sah nichts weiter — er achtete auch nicht des süßen Duftes, der verlockend hochstieg. „Das ist aber doch zu toll!" rief er. „Was fällt denn der Wirthin heute ein?" Dabei sah er den Burschen an, als erwarte er von ihm eine Aufklärung der wunderbaren Thatsache, wieso sein sonst ziem ich frugales Mahl sich plötzlich wie durch Feen- hände in ein so reichliches und seltenes umgewandelt habe. „Zu Befehl, Herr Lieutenant!" sagte Kaspar Mayer. „DaS sagte ich dem Fräulein auch, nämlich, daß wir eigentlich so etwas Feines gar nicht gewöhnt sind!" „Dem Fräulein? Welchem Fräulein denn?" fragte aufspringend der Lieutenant, dem plötzlich aller Appetit vergangen war, denn die Ahnung von etwas^Entsetzlichem sing an in ihm aufzudämmern. „Zu Befehl, Herr Lieutenant, Fräulein Noth, zu deren Herrn Vater ich ja eben erst gegangen bin." „Und Fräulein Noth hat Dir — — —?" Der Lieutenant vermochte den Satz nicht zu vollenden, indessen Kaspar Mayer ganz unbeirrt fortfuhr: „Zu Befehl, Herr Lieutenannt! Fräulein Noth hat mir das Essen gleich mitgegeben und recht freundlich hat sie dazu gelacht, als ich ihr sagte, daß ich das Essen für den Herrn Lieutenant gleich mitbringen sollte, wie sie mir das Billet aus der Hand nahm!" „Unglücksmensch!" Mehr vermochte der Lieutenant einstweilen nicht hervorzubringen. Er mußte sich erst sammeln — das aber Vernommene war zu überwältigend für ihn. War es denn glaublich! Auf viel war er bei seinem neuen Burschen gefaßt gewesen — auf so viel Mangel an Verstandesüberfluß indessen doch nicht! Hatte der Mensch, anstatt im Wirthshaus das Essen zu holen, diese» Auftrag bei Herrn Korbinian Noth, an Fräulein Mina ausgerichtet! Mißgeschick ohne Gleichen! Was würde Herr Korbinian, was seine Gattin von solcher Dreistigkeit sich denken — noch dazu bei einem Gast, den man zum allerersten Mal zum Essen eingeladen! Was mußte Mina sagen! Freilich hatte sie gelacht, freundlich gelacht, wie Kaspar Mayer sagte, also konnte das Uebel wohl nicht gar so schlimm 35 sein nach dieser Richtung hin. aber die Mutter, die künftige Schwiegermutter, diese vor allen Dingen wußte erst versöhnt werden durch irgend eine Aufmerksamkeit, eine Ent» schuldigung. „Schwiegermutter — Tiegermutter l" sagt ja der Volksmund. Der Lieutenant war bei diesen unerquicklichen Betrachtungen mehrmals mit starken Schritten durch das Zimmer hin- und hergelaufen, während sein Bursche, an die Thür gedrückt, mit fragendem Blick« jede seiner Bewegungen verfolgte. Ihm mochte es wohl unerklärlich dünken, wie ein vernünftiger Mensch es vorziehen könnte, im Zimmer herumzurennen, anstatt die delikate Mahlzeit zu verzehren, die nun ungegessen kalt wurde. Endlich blieb der Lieutenant stehen, und zwar dicht vor Kaspar Mayer, der wie ein armer Sünder vor ihm stand. Es war Licht geworden in dem arbeitenden Kopf deS Lieutenant! Ja, so mußte es gehen — die Familie Noth, vorzüglich die beleidigte Schwiegermama in sxe mußte versöhnt werden um jeden Preis! Der Lieutenant faßte in seine Tasche, nahm seinen Geldbeutel heraus, entnahm diesem ein Fünfmarkstück, und sagte mit sehr deutlicher Betonung langsam: „Kaspar Mayer! Mensch! Mach' daß Du fortkommst, aber erst mach'Deine Ohren auf und höre! Was ich mit Dir beginnen soll, zur Strafe für Deine grenzenlose Bornirt- heit, weiß ich im Augenblick noch nicht — das wird sich später finden! Jedenfalls wird meine Verzeihung und Deine Strafe davon abhängen, wie Du jetzt meinen Aufrrag ausrichtest! Also — Tu gehst sofort hin zum Konditor an der Ecke, kaufst für fünf Mark eine schöne Torte — ich sah solche selbst vorhin im Fenster stehen — und trägst sie zu Herrn Noth. Schreiben kann ich jetzt nicht mehr, weil ich fort inuß — es ist die höchste Zeit. Also sagst Du Herrn Roth in meinem Namen, daß Du ein Dummkopf vorhin warst, und daß ich vielmals um Entschuldigung bitten lasse, und inzwischen diese Torte freundlichst anzunehmen bitte, bis ich nachher selber komme, und hoffe, sie mitverspeisen zu dürfen! Hast Tu mich verstanden, Kaspar Mayer?" Kaspar bewies sein diesmal richtiges Verständniß durch ziemlich richtiges Wiederholen der ihm vorgesagten Worte, worauf der Lieutenant etwas beruhigt das Haus verließ. Die dienstliche Angelegenheit beim Oberst war schneller erledigt, als er es selbst geglaubt, und, so kam es, daß der Lieutenant schon nach verhältnißmäßig kurzer Zeit mit Sturmesschritt nach Hause eilen konnte, um das Resultat der neuen Mission, die er seinem Burschen ertheilt, zu hören. „Nun?" war sein erstes Wort, als der Bursche mit seinem dummen Gesichte freundlich ihm entgegentrat, und den Helm ihm abnahm. „Nun? Wie ist die Sache abgelaufen?" Kaspar zeigte nach dem Tisch. „Zu Befehl, Herr Lieutenant! Da liegen die fünf Mark!" sagte er, wie Jemand, der sich bewußt ist, seinen Auftrag glänzend ausgeführt zu haben. „Die fünf Mark?" wiederholte der Lieutenant! „Habe ich Dir nicht gesagt, Du solltest eine Torte für fünf — fünf Mark besorgen?" „Zu Befehl, Herr Lieutenant! Aber gerade deshalb sagte ich auch zur Frau Noth, die mir die Torte abnahm, die Torte hätte fünf Mark gekostet und nicht zwei! Kein Konditor könnte eine solche Torte um zwei Mark hergeben — auch nicht der an der Ecke, bei dem die hier gekauft wäre — sie brauchte nur zu fragen." „Mensch!" schrie jetzt der Lieutenant, roth vor Zorn. „Was hast Du wieder angestellt? Wirst Du wohl reden?" „Zu Befehl, Herr Lieutenant!" sprach Kaspar Mayer mit unerschütterlichem Gleichmut!). Ich ging zum Herrn Noth, gab der Frau, die mir entgegenkam» die Torte» und sagte dazu genau Alles, was mir Herr Lieutenant aufgetragen haben. Darauf nahm sie die Torte und gab mir ein Zweimarkstück. Da das aber doch zu wenig war, weil ja die Torte beim Konditor fünf Mark gekostet hat, sagte ich das, und da gab sie mir noch drei Mark, und meinte: „einen recht schönen Gruß an Herrn Lieutenannt, und er würde erwartet, sobald sein Dienst zu Ende sei!" 36 Die Scene, die nun folgte, entzieht sich der Beschreibung, denn es ist wahrscheinlich, baß der sonst so gutartige Lieutenant sich in seinem Zorn soweit vergaß, durch Thätlichkeiten, deren Zielscheibe Kaspar Mayer war, diesem gerechten Zorns Luft zu machen, ohne Rücksicht darauf, ob das Recht der körperlichen Züchtigung ihm auch zustehe, ob nicht. Das Ende aber von des Lieutenants Freiere!? — Es war trotzdem ein gutes, denn so peinlich ihm auch erst das Wiedersehen der Familie Noth erschien, seine Bitte um Entschuldigung ward nicht in deren Luft gesprochen — im Gegentheil, es ward ihm gern verziehen, und in Mina's munteren.Augen stand überdies so viel Ermuthigung geschrieben, daß der Lieutenant hätte ein großer Thor sein müssen, wenn er es nicht verstanden, die beredte Schrift zu lesen, und so geschah es, daß er als Bräutigam der hübschen Mina Abends heimkehrte, und endlich glücklich in der Ehe Hafen einlief, was er auch nie bereut hat. Und Kaspar Mayer? — Blieb als getreuer Pudel auch im neuen Haushalt seines Lieutenants, und zwar auf besondere Fürbitte der Frau Lieutenant Mina Schnell geb. Noth, denn es ist ja nichts mehr zu befürchten, daß er nochmals dumme Streiche macht, wen» — der Lieutenant freit. Die Resultate der Ausgrabungen von Olympia. I. So überraschend reichliche Schätze hat der fruchtbare Boden der classisch-hellenischen Welt lange Zeit nicht hergegeben, wie in den letzten zehn Jahren. Wenn die Resultate dieser erfolgreichen Bemühungen der Alterthums-Wissenschaft aller Culturstaaten zu gute kommen, der Ruhm, sie veranlaßt und mit Consequenz durchgeführt zu haben, gebührt deutschen Forschern. Im alten Mykenä und der Ebene von Troja war es der mecklenburgische Landsmann Heinrich Schliemann, der alle» Einwendungen zum Trotz suchte und fand: auf der Akropolis von Pergamon entdeckten Karl Human» und Conze umfangreiche Marmorwerke von hohem geschichtlichen und ästhetischen Werthe und führten sie nach Berlin, und im alten Elis am rechten Her des Alpheios wurde auf Ernst Curtius und Fr. Adlers Anregung, durch Hirschfeld, Bahn, Treu, Dörpfeld u. a. in sechsjähriger angestrengter und nicht immer gefahrloser Arbeit die „Altis", die alte Stätte der olympischen Spiele, bloßgelegt und Werke gefunden, welche Belege für eine mehr als tausendjährige ununterbrochene Kunstübung bilden. Die Ausgrabungen in Olympia sind unter den eben genannte» Leistungen nicht nur die mit der meisten Berechnung und Ueberlegung unternommenen, sondern auch recht eigentlich die erste That des geeinigten Deutschlands auf rein idealein Gebiete. Und da dieses kühne Werk jetzt zu einem glücklichen Ende geführt ist und die fünf Bände der Berichte geschloffen vor uns liegen, so ist es wohl an der Zeit, den Werth des Erreichten für die Alterthumswiffenschaft, sowie für die Kultur- und Kunstgeschichte abzuschätzen; er ist in der That nicht gering, aber auch nicht mit wenigen Worten zu bezeichnen. Um ihn beurtheilen zu können, muß die Stellung, welche der Cultus des olympischen Zeus und der mit demselben verbundenen Festspiele im Leben der hellenischen Stämme eingenommen hat, präcisirt werden. Als die Dorer in die „PelopS-Jnsel" erobernd einzogen, um sich in mehrhundert- sährigem Kampfe in den Besitz der schönsten und reichsten Landschaften Griechenlands zu setze», wurden die dort ansässige» „Achäer" zum Theil vertrieben, zum Theil geknechtet; «inzelne der Stämme aber machten ihren Frieden mit den rauhen Eroberern, die das von hnen vertretene Recht des Stärkeren später durch mythische Ansprüche, als „Erben des . Herakles", zu maskiren suchten. Die Bewohner der milden und fruchtbaren Landschaft Elis im Westen der „Pelops-Jnsel" traten bald in bundesgenössische Beziehungen und zu den Dorern im Eurotasthale, den Spartiaten, uyd die seit Urzeiten von den Einwohner» gepflegte Cultusstätte am rechten Ufer des Alpheios, etwa 20 Kilometer oberhalb der Mündung des Flusses, gewann Bedeutung auch für die Spartaner, welche sich 37 an den alle vier Jahre mit besonderem Glänze gefeierten, großen Opferfesten betheiligten. Die wachsende Macht Spartas, welche mit der Ausbreitung des hellenischen Wesens über einen beträchtlichen Theil der Mittelmeerküsten zusammenfällt, steigerte naturgemäß das Ansehen der von ihnen protcgirten Zeu-Feste in Olympia, so daß dieselben allgemach zu einem allgemeinen Nationalfeste aller Hellenen heranwuchsen, eine Stellung, welche die pythischen, isihmischen u. a. „Spiele" nie erreicht haben. Die olympischen Götterfeste können das Verdienst beanspruchen, der hellenischen Welt eine Art idealen Mittelpunkt gegeben zu haben in einer Zeit, da dieselbe sich von dem Asom'schen Meere bis zur Nhonemündung, von der libyschen Wüste bis zum Vesuv hin ausgebreitet hatte, und in allen diesen Gegenden blühende selbstständige Gemeinde« wesen entstanden waren. Aehnlich wie unsere „Messen- ihren Namen von Kirchenfesten erhalten habe», dann aber mehr und mehr weltlichen Zwecken dienten, so wurden bei den alle vier Jahre stattfindenden Zusammkünften neben der religiösen Festfeier offenbar noch merkantile und sonstige Nebenzwecke verfolgt und erreicht. Daß nun jene Cultnsslätte am Alpheios zugleich den wichtigsten Einfluß auf die Entwickelung der bildenden Kunst erlangte, hat seinen Grund in einer Besonderheit der Ncligionsübung der Griechen. Alan vermeinte, den Göttern keine werthvollere Gabe darbringen zu können, als den durch Fleiß und Uebung zur Kraft, Gesundheit und Schönheit entwickelten Körper des Mannes. Dieses ist die Idee der Wettspiele („Agonen") zu Ehren der Gottheit. Gleichzeitig setzte sich die Sitte fest, den Siegern Monumente zu errichten, und nach mehrfachem Siege durfte dasselbe ein Biidniß des Betreffenden sein. Wenn alw der Bildner« hier die stets neue und schöne Aufgabe gestellt wurde, den Leib eines kräftigen und entwickelten Mannes oder Jünglings in den verschiedensten Haltungen darzustellen, so hatte der Künstler auf den Uebungsplätzen der Knabe» und Männer (den „Gymnasien") zugleich eine unvergleichliche Schule, um Körperbau,'Mus- kalatur u. s. w. zu studiren, eine Schule, wie sie der modernen Kunst durch alle „Actsäle" unserer Akademicen nicht im entferntesten geboten werden. Wir haben also bei diesen „Agonen" eine ganz eigenthümliche und sonst nicht bekannnte Vereinigung von religiösen, künstlerischen und rein menschlichen Motiven, wie sie jafreilich dem Charakter des Griechen« thumS auch sonst entspricht, und an die man sich gewöhnen muß, wenn man verstehen will, um was es sich in Olympia gehandelt hat. (Pr. Kr. Ztg.) Gol-körrrer. Jedes Ceclenleid hat seine warmen Thränen, die manche stechende Eiszacke der Empfindung weg schmelzen, nur die Eifersucht hat sie weht, und das trockene, verkohlte Auge zeigt den dürren Grund eines ausgebrannten Kraters. Jeder Schmerz hat seine» Schlummer, der ihn in Vergessenheit wiegt: nur die Eifersucht wacht immer, und kein schmeichelnder Traum gibt ihr zurück, was ihr der Tag genommen. . Bürne. Und wie war' es nicht zu trage», Dieses Leben in der Welt? Täglich wechseln Lust und Plagen, Was betrübt, und was gefällt. Schlägt die Zeit dir manche Wunde, Manche Freude bringt ihr Lauf: Und nur eine jet'ge Stunde ' Wiegt ein Jahr von Schmerzen auf. Wisse nur das Glück zu fassen, Wenn es lächelnd sich dir beut: In der Brust und auf den Gassen Such' es morgen, such' es heut. Doch bedrängt in deinem Kreise Dich ein flüchtig Mißgeschick, Lächle lege, hoffe weile Auf den nächsten Augenblick. Geibel. 98 Der Httnger irn- der Appetit. Viele Menschen werfen diese beiden Worte ineinander und meinen, sie wären völlig synonym oder mindestens so in Napport miteinander, daß man sie verwechseln könne. Daß dem nicht so ist, darüber geben uns die physiologischen Studien zweier renomniirter Aerzte, des Dr. Leven und Dr. Fournw genaue Auskunft. Der Hunger ist nach Du Leven das lebhafte Verlangen, das uns wünsche» läßt, irgend etwas zu genießen, um das Gefühl der inneren Leere zu beseitigen. Der Appetit ist hingegen ein koinplizirteres Gefühl, das uns nicht nur wünschen läßt, irgend etwas zu essen, sondern auf ganz besondere Gerichte hinzielt, die unsern Gaumen und die GeschmackSnerven angenehm reizen. Das alte Sprüchwort: „i'nMk-tit vienr an mongeunt", rechtfertigt die Erklärung des Herrn Leven; denn gewiß ist, daß unser Appetit durch den Anblick gewisser Gerichte, wie durch den Geruch derselben erregt wird, obwohl wir vorher, ehe wir dadurch angeregt wurde», keinen Hunger verspürten; ebenso werden durch Speisen, die uns unangenehm, schon in ihrem Duste widerwärtig sind, die Erregungen des Appetits, den wir zu haben meinten, völlig herabgedrüät. Dr. Fouriö gibt eine andere, mir scheint noch richtigere Definition der beiden Empfindungen; er betrachtet den Hunger als das unerläßliche Be- dirrfniß, das nicht so wählerisch in den Speisen ist; denn in der Noth nimmt man mit Speisen vorlieb, die man sonst nicht anrührt; «in der Noth frißt der Elephant Mücken" — ist sehr bezeichnend dafür; während der Appetit das Gefühl eines Vergnügens ist, das die Befriedigung der Nothwendigkeit begleitet. Der Unterschied zwischen beiden ist nicht gerade die Hauptsache, denn Bedürfniß ist beides, nur der Hunger das Pressantere. Wo aber ist der Sitz des Hungers? Alan weiß es nicht, sagt D/. Leven, während Dr. Langet und Schiff behaupten, daß derselbe nicht im Magen, sondern im ganzen Organismus liegt; „ein offenbarer Irrthum", ruft Dr. Fournie. Man bedenke nur, daß bei " Fieberkranlheiten, wie bei chronischen Leiden man die Menschen wegen Mangel an Nahrung hinsiechen und sterben sieht, ohne daß die Empfindung des Hungers sich bei ihnen geltend macht. Fourniö verwirft auch Leven's Behauptung, daß der Sitz des Hungers als unbekannt erwiesen sei. Eine gründliche Analyse der Phänomene des Lebens, sagt er, gestattet uns, darzulegen, daß alle Organe ohne Ausnahme ihren Ausgangspunkt in der Empfindung haben, die wir unter dem Namen: „Nothwendigkeit des Funktionirens", bezeichnen. Selbstverständlich hgt der Vcrdauungsapparat auch seine Nothwendigkeit, thätig zu sein, und dieses Bedürfniß drückt man durch die Empfindung aus, der man ^ den Namen „Hunger" gegeben hat. Trotz der Enthaltsamkeit vollzieht sich die Absonderung ; die Gewebe ernähren und erneuern sich; daher setzen sich auch, die Absonderungen der Magendrüsen fort, und wenn der gewohnheitsmäßige Augenblick des Einnehmens von Nahrung herantritt, dann sind die Magendrüsen vollsäftig und zum Funktioniren bereit, d. h. das Verdaute herauszuwerfen. Die darin vorübergehende Stockung ist es, die uns die lokalisirte Empfindung des Hungers verursacht. Fourniü's Ansicht beschränkt sich mithin darauf, daß es genügt, den Magendrüsen Gelegenheit zu gebe», sich zu entleeren, um momentan die Empfindung des Hungers verschwinden zu machen; es kommt nur darauf an, irgend einen Körper, ernährungsfühig oder nicht, in den Magen zu bringen, so wird derselbe, indem er die Verdauungsthätigkeit der Magendrüsen hervorruft, die Empfindung des Hungers besänftigen. Es ist zieimlich allgemein bekannt, saß die Indianer tagelang das prinvolle Gefühl des Hungers dadurch bewältigen, daß sie ganze Stücke von Thonerde verschlingen, von der sie meinen, sie sei auch nahrhaft. Fourniö schließt, indem er sagt, daß das Gefühl des Hungers, weit entfernt, der Ausdruck jener organischen Schwäche zu sein, ganz im Gegentheil das momentan höchste Lebensbedürfniß ausdrückt, das seinen Sitz in den Magendrüsen hat; daher ist der Sitz des Hungers nicht so unbekannt, als Dr. Leven es annimmt. Wir sind sehr geneigt, die Theorie des Dr. Fourniä als die durchaus richtige anzuerkennen. 39 Des Mild schuhen Rettung. Ballade. Das war der Wildschütz in hohem Wald, Der arme Wilduhütz so nah dem Grad: Die Beeren sucht er aus grünem Spalt Und schlürft den Thau von den Blättern ab. Er hat verloren den sichern Weg, Er irrt umher schon den dritten Tag, Und findet nimmer den alten Steg, Und hört nicht Uhren- und Glockenjchlag. „Und noch ein Tag, und ich find' ihn nicht," — So flucht er wild in den Wald hinein - — „Doch wird das Tannengezweig hier licht; Wird doch ein Ausgang, kein Hohlweg sein!" ,Jch hab' geirrt, und ich dacht' es gleich! — Gut steckt die Kugel, — was liegt daran? — Ob heut', ob morgen ich eine Leich,- Was sollst Du leiden noch, armer Mann?" Er hat's gesprochen, den Hahn gespannt, Und schallt iu's Dunkel noch einmal lang, Ulld wie ein Steinbild er droben stand, Schweißtropfen per eu ihm von der Wing'. Dann späht er wieder und fragt und flucht, Ob Hilf', ob Rettung denn keine wär'; Scheu rüst der Uhu in schwarzer Schlucht, Das Echo gibt Antwort dumpf und schwer. Wild reißt den Rock er vom Leib herab, Una theilt das Hemd und entblößt die Brust: „Hier ist des Wilderers wildes Grab!" Spricht halb in Schmerz er und halb in Lust. Doch auf der Brust mit der kalten Hand Der Wilderer fühlt ein Medaillon: AIs er beim Sterben der Malter stand, Da gab mit Weinen sie's ihrem Sohn. Längst war vergessen das Kleinod werth» Jetzt sah cr's wieder und sah's so lang; — Er wirst sich betend zur grünen Erd' Und eine Thräne rann von der Wang'. Er macht sich auf durch den dunklen Wald, Im jungen Herzen ein Bittgebet; Sieb dort, sieh dort eine Frauen gestalt Die Reiser sammelnd im Hochwald stehtI „Ich hab verirrt mich im Dickicht hier, Drei Tage renn ich im Wald dahin: O zeigt den Ausweg in Güte mir, Nicht sollt ohn' Lohn Ihr von dannen zieh'nl Erbarmen faßte die alte Frau, Sie führt den Wildrer zum kühlen Trank, Und zeigt den Weg ihn, durch's Dickicht grau: „O guter Engel, habt meinen Dank!" Er drückt der Alten so, fest die Hand Und sah ihr Auge wie Perlen klar, Sein Herz ein Ahnen so tief empfand: Ob nicht die Frau «eine — Mutter war? bl. U. M L s e e l l e n. (Louis Vlanc.) Französische Blätter erzählen folgende Neminiszenz aus den Jugendjahren des verstorbnen Publizisten Louis Blanc: „Er kam nach Paris ohne Geld, ohne Freunde und verfiel gleich so manchem Andern aus Noth auf den Gedanken, Journalist zu werden. Louis Blanc verfaßte einen Artikel, der die damalige politische Lage besprach, und eilte, sein Manuskript in der Hand, in das Nedaktionsbureau eines großen Journals. An der Thür angelangt, verließ ihn plötzlich der Muth und er zögerte die Glocke zu ziehen. Hinter LouiS Blanc stand ein robuster Zeitungsausträger, der bei dem Seelenkampfe des Schriftstellers unwillig den Kopf schüttelte. Endlich ward dem Manne die Zeit zu lang, er öffnete d.ie Thür und stieß Louis Blanc vor sich hinein.' Der Schriftsteller taumelte in die Arme eines Herrn, dieser nahm ihm das Manuskript aus der Hand und versprach für den nächsten Tag die Entscheidung. Als Louis Blanc die Antwort zu holen kam, bot man ihm sofort eine Stelle als Redakteur mit einem Gehalt von 300 Franks. So oft der neue Neda'teur dem erwähnten Austräger begegnete rief er: „Das ist der Mann, welcher mir zuerst vorwärts geholfen!" (Vom Manöver.) General I. operirt zur Zeit des Manövers gegen General P. und hält in Begleitung zweier Adjutanten auf einer Anhöhe, von wo aus er den Operationen seiner Truppen mit größter Spannung folgt. Adjudant: „Ich'erlaube mir ganz gehorsamst zu bemerken, Herr General, daß es mir scheint, als ob der Feind dutch jene Bewegung beabsichtige, unsere linke Flanke anzugreifen." — „Unmöglich, mein lieber N., unmöglich! Bedenken Sie das Terrain geradezu ungangbar! Kann mir nicht denken, dxch General P. mit derartiger — ich möchte sagen brutaler Unverfrorenheit auf mich losgeht und so den Ochsen direkt bei den Hörnern anfaßt." 40 (Ersparnisse durch Nichtrauchen.) Zwei ältere Männer promenirten vor Kurzem in einer Vorstadt Wiens. Der eine von ihnen hielt sinnend einen glimmenden Cigarrenstummel im Munde. Sie gingen eben an einem netten, emstöckigen Häuschen vorüber. „Welche Cigarrensorte rauchst Du?" frug der Nichtraucher. — „Londres zu 11", erwiderte der Raucher wehmüthig zwischen den Zähnen. — „Und wie lange rauchst Du schon mein Freund," setzte der Andere fort. — „Seit meinem 17. Lebensjahre, also seit 34 Jahren." — „Siehst Tu," meinte der Andere, „wenn Du all' das Geld nicht verraucht hättest, könntest Du jetzt schon Eigenthümer dieses wunderschönen Häuschens sein!" — „Sehr wahr, nur zu wahr'" erwiderte der Raucher im Tone resignirter Nachdenklichkeit. Nach Kurzem aber raffte er sich aus seiner Reflexion auf und sprach: „Welche Cigarrensorte rauchst Du?" — „Ich?" frug erstaunt der Andere, Du weißt doch, daß ich nicht rauche!" — „So? Nun dann bitte ich Dich, mir das Häuschen zu zeigen, das Du Dir aus Deiner Cigarrenersparniü gekauft hast!" (Ein Handschriftenkenner.) Der Theater-Dnekior..««.» berühmt dadurch, daß er..weder lesen noch schreiben konnte, befand sich einst an einer Takle d'hote, wo eine goldene Uhr ausgespielt wurde. Jeder der Gäste gab zwei Thaler, schrieb seinen Namen auf einen Zettel, warf ihn in einen Hut, und dann sollte sogleich gezogen und abgemacht werden. Der erwähnte Theaterdirektor war in nicht geringer Verlegenheit, als auch er seinen Namen aufschreiben sollte. Um sich keine Blöße zu geben, that er als ob auch er schriebe, rollte das leere Blättchen zusammen und warf es in den Hut; das Glück wollte, daß gerade dieses gezogen wurde. Allgemeines Staunen, als das Blatt aufgerollt und leer befunden wurde. Doch der anwesende Komiker B. ließ es sich geben, und als er es betrachtet hatte, rief er aus: „Ich kenne diese Zügel Das ist die Handschrift unseres Herrn Theatcrdireklors." (Dirk ant torri die.) Onkel Willibald hat gcheirathet, und das junge Paar wird zum Besuche erwartet. Endlich fährt her Wagen vor, der die neue Tante bringt; dieselbe wird von den Kindern, wahrscheinlich des mitgebrachten ConlecteS wegen, stürmisch begrüßt; nur der/leine Kurt sieht seiner Gewohnheit zuwider still dabei, die Tante fortwährend fixirend. Tante: „Nun, Kleiner, willst Du mir einen Kuß geben? Weshalb schaust Du mich denn so genau an?" — Der kleine Kurt: „Weißt Du, Tante, so dumm siehst Du doch nicht aus, als wie die Mama Dich beschrieben hat!" (Laspus in der gerichtlichen Rhetorik.) Präsident (bei Eröffnung des Schwurgerichts): „Wir beginnen die bevorstehende Sitzungs Periode heute mit einem wissentlichen Meineid: an den folgenden Tagen werden wir uns mit einem Morde, einem Raube, mit sechs verschiedenen Diebstählen im Nückfalle und mit Sittlichkeitsverbrechen beschäftigen, um haun endlich mit einem großartigen Betrüge und Schwindel zu schließen." (Das Vermächtniß.) Ein altes Weib tritt mit folgenden Worten unter die Stubenthür: „Madame, ich bitte schön um das wöchentliche Almosen, welches die alte Bärbel seither erhielt —> sie war eben eine gute Freundin von mir und hat mir beim Sterben das Almosen vermacht." (Demüthige Betrachtung.) „Gnädiger Herr ich habe Ihnen zu melden, daß heute Nacht Ihr Fuchswallach krepirt ist." — „Mein FuchSwallach krepirt! O Gott, was sind wir doch für gebrechliche Wesen." (Ein kleiner Redacteur.) Der Redacteur des „Kieze liVe^t Demokrat" ist nur 40 Zoll groß und wiegt nur 45 Pfund. Wenn Jemand mit einem Prügel in der Hand in sein Bureau kommt und fragt, „welcher Kerl den Artikel schrieb," schlüpft der Redacteur jn seinen Kleistertopf und macht den Deckel zu. (Bauernregeln für Januar.) Die Nenjahrsnacht still und klar — Deutet auf ein gutes Jahr. — Wenn im Januar Mücken geigen, — Müssen sie im Märzen schweigen. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. zur „Äugslttlrger Postzeitung." Nr. 6. Samstag, 20. Januar 1883« Jörg von Maldeck. Eine Erzählung aus deni fünfzehnten Jahrhundert von F. Schenk. (Nachdruck verboten.) I. Es war Vorabend vom heiligen Dreifaltigkeitsfeste des Jahres 1144. Die Sonne hatte sich hinter den Bergen des Schliersee-Thales zurückgezogen. Dämmerung war all- inählig in der Niederung eingetreten, nur die Zinnen der Felsberge erhielten noch den letzten glühenden Alschiedskuß des scheidenden Tagesgestirns. Da erklang vom Thurme der Stiftskirche zu Schliers die Aveglocke und ein leiser Lusthauch trug des Engels frommen Gruß durch's Thal in die Ferne und hinauf zu den Alpentristen. Stern um Stern zog am stillen Nachthimniel und mit der fortschreitenden Abkühlung der schmalen Gebirgsthäler mehrte sich der leichte Wellenschlag des See's, bis die nächtliche Kühle sich über Berg und Thal verbreitete und auch die Seefläche beruhigte und glättete. Aus der Dorsschenke hatten sich die wenigen Gäste entfernt und in den bescheidenen Häusern und Hütten der Handwerker und Söldner war's stille geworden. Nur vom Chöre der Stiftskirche her tönte noch der fromme Horagesang der Augustiner Chorherrn, bis auch dieser verstummte und die ernsten Gestalten aus der Kirche ihren Privatwohnungen zuschritten. Doch oben in der Waldecker Burg, welche sich hinter dem Weinbergs-Kirchlein auf halber Höh« des Schlierberges erhob, war das Söllerfenster der Frauenstube noch beleuchtet und ließ wahrnehmen, daß die edle Burgfrau, Agatha von Waldeck noch wache. Sie leite ja in schwerer Sorge um den geliebten Burgherrn, den tapfern und frommen Ritter Jörg von Waldeck, welchen vor einem halben Jahre der Hilferuf der Christen im kernen Ungarlande gegen die Türken fortgetrieben hatte aus den Armen der theuren Agatha» aus der trauten Burg und der schönen Heimath. Nicht vergebens drang der Aufruf des Papstes durch den Mund des Franziskaner- Predigers Johannes von Capistrano, des Christenapostels, wie ihn seine Zeit nannte, zum Kampfe der Ungläubigen in das Bayerland. Die zahlreichen Klöster sandten Boten nach allen Richtungen bis in die entlegensten Gebirgsthäler, in welche die Ritterburgen niederschauten, ernst und trotzig. Aber in diesen wohnten doch viele Männer von frommer Denkungsart, welche nicht säumten, da, wo dem Mitmenschen Gefahr drohte, einzustehen mit Leib und Leben und begeistert in weite Ferne zogen, wo es galt, für den Glauben zu kämpfen. Als daher am ersten Sonntage nach Epiphani dieses Jahres ein Abgesandter des Abtes Kaspar von Tegernsee die Edlen der Umgegend um ihres Seelenheiles willen aufforderte, sich dem kühnen Wojwoden Hunyadis in Ungarn gegen Murad II. anzuschließen, da trieb auch Jörgen die gläubige Begeisterung fort in fernes Land, vielleicht in tiefes Weh! — 42 Wer möchte den Schmerz der zwar glaubensstarken, aber sehr besorgten und treu liebenden Agatha schildern, der ihr Herz ergriff, als Jörg mit seinen Reisigen an einem kalten Wintermorgen auszog aus der Burg; wer möchte die Thränen zählen, die sie weinte, als der Theure am Westenhofer-Hügel noch einmal sein Roß wandte und nassen Auges den letzten Abschiedsgruß dem Söller der Burg zugewinkt! — Wenige Wochen später war Frau Agatha auf Anrathen ihres Beichtvaters, des Gelehrten und frommen Chorherrn, Pater Raimund, mit ihrer Zofe Martha nach Pienzenau gefahren, wo ihre mütterliche Freundin, die Wittwe Anna von Pienzenau als letzte Burgfrau daselbst lebte. Bei dieser edlen, durch herbe Schicksalsschläge gestählten Freundin hoffte sie Trost zu finden und sie fand ihn, denn Anna verband mit Herzensgute und Frömmigkeit, Verstand und hohe Bildung. Der längere Umgang mit der Wittwe, ihre belehrende Unterhaltung und ihre Fertigkeit im Harfsnspiele verschafften Agathen viele angenehme Tage, in denen ihr. die Sorge um den fernen Gatten doch einigermaßen erträglicher wurde, nachdem auch sie, im Kloster zu Frauenwörth im Chimsee erzogen, eine vorzügliche Sängerin und Lautenspielerin war. Von Zeit zu Zeit lud die Wittwe Chorherrn vom nahen Weparn zu sich auf die Burg, welches Kloster immer den Ruf genoß, daß die Musik dort eifrigst und mit Erfolg gepflegt werde. So verstrich der Winter und war der liebliche Frühling in die Vorberge gezogen und mit ihm neue Hoffnung, neuer Trost in manche Menschenscele. Agatha erwartete mit jedem Tage Nachrichten aus Ungarn, da seit Jürgens Abreise bereits mehrere Monde verstrichen waren und weil solche ausblieben, entschloß sich Anna von Pienzenau auf einige Wochen nach München zu gehen, wo eine Base als Hof-Fräulein der Herzogin Anna, der Gemahlin Albrecht des Frommen sich aushielt. Dort hoffte sie jedenfalls Kunde über Jörg von Waldeck zu erhalte», dann wollte sie heimkehren und den Sommer und Herbst auf Waldeck bei Agatha zubringen. Bald schieden die beiden Freundinnen, denn auch die Waldeckerin mußte auf die heimische Burg zurück, da ihr Kunde ward, daß der treue, alte Jäger Kurt bedenklich erkrankt sei und seine Tochter Martha, Agathens Zofe noch zu sehen wünsche. Der herrschaftliche Jäger hatte seine Wohnung auf der Halbinsel an der Westseite des See's, welche auf drei Seiten ziemlich steil gegen diesen abfällt, oben jedoch ein bewaldetes, nur nach Osten freies'Plateau bildete. Dort stand das Jägerhaus, aus Lerchenholz gezimmert und nur im Keiler und an den Heizvorrichtungen, wie dem Kamine in Mauerwerk ausgeführt. Man gelangte von dein an der Südseite angebrachten Eingänge aus in einen Hausflur. Der . Eingangsthüre gegenüber befand sich die Küche mit Speisekammer, darunter der gewölbte Keller. Rechts vom Eingangs lag die behagliche Wohnstube, deren Wände und Decke getäfelt, erstere mit Jagdgeräthe», Hirschgeweihen, Eemskrükeln und Bärentatzen geschmückt waren. Ein großer grüner Kachelofen erweckte das Gefühl der behaglichsten Wärme während des langen Winters. Hinter der Wohnstube lag die Schlafkammer des Jägers und seiner Hauswirthin Martha mit der große», zweischläfrigen Bettlade. Im Hausflur führte die Treppe mit Palustergeländer in den oberen Gaben und auf die Altane, welche diesen auf drei Seiten umgab. Drei Kammern bildeten dieses Stockwerk und eine derselben, die sogenannte gute Kammer enthielt in alterthümlichen, geschnitzten Schränken die Aussteuer der Tochter, der herrschaftlichen Zofe, Mariha; dann das Brautbett, sowie einige Truhen für Kleidungsstücke. An das Wohnhaus war ein kleiner Stall für zwei Kühe angebaut, an welchen sich lie Streuhütte anschloß. Ein Gemüse- und Blumengärtchen umgab das Jägerhaus auf drei Seilen und war der Stolz des alten Kurt, welcher verschiedene Alpenpflanzen in einzelnen Gruppen hieher versetzt hatte und dieselben sorgfältig pflegte. Der Jäger hatte bereits das siebenzigste Lebensjahr erreicht, war jedoch verhältniß- mäßig rüstig, denn er scheute keinen Aufstieg auf die Berge mit seinem jungen Gehilfen. Abgehärtet durch den so häufigen Aufenthalt in frischer Bergluft erhielt Kurt seinen Leib 43 gesund und kräftig, obwohl Haare und Bart längst erbleicht waren. Erst vor wenigen Tagen hatte den hübschen alten Mann Unwohlsein befallen, welches sich so rasch ver» schlimmerte, daß Pater Markus von Schliers, welcher häufig bei Kurt's zusprach, sich entschloß, die Tochter an des Vaters Krankenlager zu rufen. Hinter dem Jägerhause führte ein schmaler Fahrweg an den Breitenbach und über denselben zur Mühle Rauhenstein — jetzt Waxenstein — über welcher sich ein waldeckischeS Jagdhaus erhob. Dieses war für Jagdgäste des Ritters bestimmt und enthielt auch eine Kammer für den Jagdknecht Kuno» einen Sohn des gräflichen Jägers zu Maxirain. Der junge, tüchtige Schütze war von Jörg dem alten Kurt zur Unterstützung beigegrben, weil dieser die ausgedehnten Waldungen allein nicht mehr zu überwachen vermochte. — Als Martha wenige Tage, nachdem sie Kunde von des theuern Vaters Erkrankung erhalten hatte, in das Jägerhaus und in die Schlafstube trat, gab ihr Pater Markus, der treue Freund der Jägcrsehcleute, zu erkennen, daß der gute Alts mit dem Tode ringe. Wie sie an das Bett des Sterbenden trat, erkannte dieser die geliebte Tochter noch und ergriff ihre Hand, während das brechende Auge noch den letzten, vielsagenden unvergeßlichen Blick auf Martha richtete, dann aber dasselbe für immer schloß. Markus, der in seinem langen Priesterleben wohl oft am Sterbebette gestanden, konnte sich selbst der Thränen nicht erwehren, als er das Schluchzen der Mutter und Tochter vernahm. Er wußte, daß in diesem ersten Schmerze seine Trostworte vergebens seien, deshalb besprengte er nur das friedliche Antlitz des Heimgegangenen Freundes mit Weihwasser und ging tiefbewegt aus der Stube und dem Hause. Frau Agatha, welche den Jägersleuten sehr zugethan und bei ihnen so manchen angenehmen Sommerabend verlebt hatte, suchte sowohl Mutter als Tochter, so viel möglich, zu beruhigen. Sie wußte, daß die Familie einen treuen Gatten, sorgsamen Vater und daß ihr Jörg einen alten, erprobten und eifrigen Diener verloren habe. Sie sorgte für ein ehrenvolles Begräbniß und ordnete an, daß Kuno das Nauhensteiner Schloß verlasse und zur Wittwe hinüberziehe, damit diese eines männlichen Schutzes nicht entbehre. II. An, Vorabend des Dreifaltigkeitsfestes zur Nachmittagsstunde ließ sich die Burgfrau von Waldeck mit der jungen Martha in einem Kahne an die Halbinsel zum Jägerhause führen, um die gute Wittwe zu besuchen und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Sie saßen lange in der traulichen Gartenlaube beisamen, in welcher Agatha mit ihrem Jörg schon so manche traute Stunde verlebt hatte. Erinnerungen aus vergangenen Tagen, frohe und trübe Ereignisse bildeten die Gespräche der beiden Frauen, bis die zunehmende Dämmerung zur Rückkehr in die Burg mahnte. Frau Agatha hatte ihren Abend-Imbiß eingenommen und Martha die Lampe auf das Erkertischchen gestellt, weil die Burgfrau dort noch einige Zeit bis zum Schlafengehen spann, — als man vom Burgwege herauf Wagengerassel vernahm. „Jetzt kömmt die Prienzenauerin!" rief Frau Agatha. „Eile, Martha, in die Waffenkammer meines Gatten, das Fenster dort liegt nach der Burggasse." Martha eilte fort und erschien bald darauf mit der Nachricht, daß die Kutsche der edlen Wittwe bereits an der Zugbrücke angelangt sei. Nasch eilte Agatha der Freundin entgegen und voll bangen Gefühls schloß sie die Wittwe, als diese im Burghofe die Kutsche verlassen hatte, in ihre Arme. Diese erwiderte die Liebkosungen innig, aber mit Thränen in den Augen. „Du bringst mir keine freudige Kunde?" frug Agatha besorgt. „Sei stark, meine junge Freundin!" antwortete Anna. „Was ich am Hofe erfahren, klingt schmerzlich; doch hoffe ich, Dein Jörg werde unversehrt heimkehren." Die Waldeckerin mußte sich auf den Arm ihrer Zofe stützen, als sie die Antwort der Wittwe vernommen, denn trübe Ahnungen waren in ihrem treuliebcnden Herzen auf« gestiegen und sagten ihr, daß die Freudin sie vorerst nur schonen wolle, daß ihr aber später großes Herzeleid bereitet werden würde. 44 Nachdem sich die Wittwe in dem für sie bestimmten Frauengemache hatte umkleide» lassen, nahm sie in der Söllerstube bei Frau Agatha einen Imbiß zu sich und nachdem Martha sich die Lampe angezündet und das Gemach verlassen hatte nahinen die Frauen am Erkertischchen Platz. — Eben wollte Anna von Pienzenau ihre Erzählung beginnen, als die Abendglocke vom Stiftsthurme hell und feierlich zur Burg herauf klang, ein Himmelsbote, der Balsam in das wunde Herz Agathens träufelte. Schweigend und voll Andacht beteten beide Frauen das trostreiche „Ave Maria!" Hierauf ergriff die Wittwe die Hand ihrer Freundin und sprach: „Nun höre, Agatha, und sei stark! — Ich war kaum zu München angelangt, so eilte ich trotz der Ermüdung von der langen Fahrt in die Hofburg zu Agnes von Ahaim, konnte sie jedoch erst gegen Abend treffen, weil sie an diesem Tage Dienst bei der gnädigen Herzogin hatte. Als ich ihr mein Anliegen vorgetragen, sprach sie innigen Antheil an Deinem Schmerze aus, konnte mir jedoch Näheres aus Ungarn nicht mittheilen, sondern vertröstete mich auf den nächsten Abend, bis zu welchem sie jedenfalls Nachricht erhalten würde, weil, wie sie hörte, vor wenigen Tagen ein niederbayerischer Ritter als Abgesandter des verwundet aus Ungarn heimgekehrt«» Grafen Albert von Bogen an den herzogliche» Hof nach München gekommen sei." Dann fuhr sie ernster fort: „Die Nachricht, welche ich erhielt ist freilich recht traurig, doch nicht ohne Hoffnung, meine Agatha!" „O, sag' Alles, Anna, nur martere mich nicht lange!" bat unter Thränen die Burgfrau. „Jörg wurde an der Save bei Brod verwundet und —" „Und?" rief Agatha, „um Gotteswillen, was hast Du noch zu sagen!" Die Wittwe umarmte die trostlose Burgfrau und fuhr fort: „Laß mich reden, Anna, ich darf Dir ja nichts verschweigen. Jörg gerieth in türkische Gefangenschaft!" — „Gerechter Gott, dann ist er verloren!" schrie händeringend Agatha. Thränen brachen aus ihren Augen und die Wittwe mußte ihre ganze Körperkraft aufbieten, um die Burgfrau aufrecht zu erhalten. Sie lehnte das schöne Haupt derselben an ihre Brust und sprach selbst tief ergriffen: „Vertraue auf den Himmel, meine Freundin! Warum soll Jörg nicht mehr zurück- kehren? Sind ja auch Kreuzritter aus dem fernen Palästina und aus sarazenischer Gefangenschaft in die Heimath zurückgekommen. Dann wurden sicher in dem Kampfe an der Save auch türkische Edle von den Ungarn zu Gefangenen gemacht und werden dann gegen Devise und ihre Kampfgenossen ausgewechselt, sohin in Freiheit gesetzt. Ich bitte Dich, theure Agatha, gönne Deinem Schmerze nicht mehr Raum im Herzen, als dem Eottvertrauen! — Ich will Dich nicht mehr verlassen, bis wir beruhigende Nachricht erhalten. Agnes gab ihr Wort, sogleich Kunde zu geben, wenn wieder Boten aus Ungarn zu Herzog Albrecht kommen. Also, Muth und Vertrauen zum Lenker unseres Geschickes!" „O, wie dank' ich Dir, Anna", sprach in Thränen die Waldeckerin, „daß Du mich nicht verlassen willst! Ich möchte um keinen Preis in dieser schweren Zeit Dein theil- nehmendes, tröstliches Wort entbehren." „Jetzt gehen wir zur Ruhe", sprach Anna, sich erhebend. „Es -ist spät geworden und ich sühle, daß mich die ungewohnte Fahrt in die Stadt und zurück, sowie der aufregende Aufenthalt daselbst ermüdet und abspannt. Ich bin eben alt und gebrechlich geworden, während das Herz trotz tiefer Schläge des Schicksals, — ja vielleicht durch dieselben — erst gestählt wurde. Nun, gute Nacht, mein Liebling!" Sie erhob sich von ihrem Sitze, half dann der noch immer schluchzenden Agatha und rief nach den beiden Zofen, worauf sich die Frauen trennten. (Fortsetzung folgt.) Die Resultate der Ausgrabungen von Olympia. II. Die Richtung auf diese seitdem noch nie wieder erreichte Naturwahrhsit hin erhielt die griechische Plastik durch jene Feste und Wettkämpfe — im Dienste des Cultus allein hätte sie ihr Ideal nie erreichen können. Dagegen bleibt die A r ch i t e kt ur lange Zeit völlig abhängig von den sacralen Bedürfnissen; dem Tempel, welcher bei den Hellenen nicht der Versammlungsvrt der Andächtigen, sondern lediglich die Wohnung der Götter« bllder war, aus rohen Anfängen allmählich jene höchste tektonische Vollendung zu geben, war das Bestreben, welches ganze Generationen von Architekten beseelt haben muß, Be-> strebungen, deren letztes Glied allein wir mit dem äußeren Auge noch sehen können. In der That sind von der Fest- und Culturstätte Olympia's sehr beträchtliche Einwirkungen auf alle Zweige der griechischen Kunstthätigkeit ausgegangen; aber auch an Ort und Stelle ist eine sehr erkennbare Arbeit im Dienste der Kunst entfaltet worden. Wenn nun diese Einwirkung des Heiligthums auf die Kunst von den frühesten Anfängen der specifisch hellenischen Cultur beginnt und bis in die byzantinische Zeit hinein sich fortsetzt da erst die christlichen Kaiser die Festspiele verbieten; so ist es klar, daß die Hoffnung, dort noch beträchtliche Neste antiker Bild- und Bauwerke zu finden, keine allzu kühne war. Konnte man auch an verschiedenen anderen Stellen der alten griechischen Culturwelt hoffen, bei etwaigen Ausgrabungen erhebliche Resultate zu erzielen, in Olympia waren diese letzteren fast im Voraus garantirt. Denn zunächst stand die Lage der Altis völlig fest; ferner war es so gut wie sicher, daß man nach Wegräumen des Schuttes die Ausdehnung des heiligen Haines, die Größe der Baulichkeiten, ihre Lage zu einander würde feststellen können. Deshalb drang besonders Ernst Curtius seit Jahren unermüdlich darauf, daß die Neichsregierung diese lohnende Aufgabe in die Hand nähme» Dies geschah denn endlich auch; die Verhandlungen mit der griechischen Regierung wurden angeknüpft und nach einigen Zwischenfällen im athenischen Parlamente konnte der Vertrag abgeschlossen werden, daß Deutschland alle Kosten und Mühen übernähme und nur das Recht der ersten Abformungen erhielte» Griechenland blieb im Besitz aller Funde, nur etwaige Doubletten, auf welche von vorn herein wenig Aussicht war, sollten den Deutschen überlassen werden dürfen! — In der That konnte man den Vertrag als ei» Muster der Selbstlosigkeit von unserer Seite bezeichnen. Im Oktober 1875 begann die Arbeit des Spatens. Die Hoffnungen» mit denen diese Campagne eröffnet wurde, erfüllten sich im Laufe der nächsten sechs Jahre sämmtlich, ja es wurden weit über diese Hoffnungen hinaus eine Reihe von Funden gemacht, welche unsere Kenntniß der griechischen Kunstgeschichte ganz wesentlich erweitert haben. Es gibt keine wichtige Periode der allen Kunst der classischen Völker, für welche in Olympia nicht etwas abgefallen wäre. Um zuvörderst von der Architektur zu sprechen, so wissen wir daß die älteste arische Bevölkerung von Hellas, die Achäer und Pelasger, eine eigene Bauthätigkeit im höheren Sinne nicht mit sich brachten; die Anregung hierzu ist ihnen von Osten durch Berührung mit den Phönicier», Egyptern und den kleinasiatischen Stämmen gekommen. In den Residenzen Affurs, in Egypten und den von ihnen abhängigen Landschaften wurde der Süulenbau längst geübt, bevor die Hellenen sich ihn zögernd aneigneten. Was dieselben dann freilich aus diesen Anfängen zu n achen verstanden haben, ist ihr eigenstes Werk und größtes Verdienst. Das Problem für den Historiker liegt nun in der Frage, ob der älteste Tempelbau der Griechen aus Stein ausgeführt war, so wie wir ihn kennen, oder aber von Holz (mit Metallbeschlag) gewesen ist. Letzteres ist die Annahme des geist- und kenntnißreichslen aller derer, die sich neuerdings mit griechischer Architektur- Geschichte befaßt haben, Gottfried Sempers« Derselbe vertritt mit vollster Ueberzeugung die Ansicht, daß der Steinstil des griechischen Tempels nur aus einem vorangegangenen Holzstil zu erklären ist. Nun ist es sicher, daß das älteste und ehrwürdigste der Heiligthümer von Olympia, der Tempel der Hera, viele Absonderlichkeiten 46 ausweist, welche darauf hinzudeuten scheinen, daß dieser Steinbau an Stelle eines früheren Holzbaues getreten ist und selbst noch hölzerne Bestandtheile hatte. Es ist nicht ein Stück drS Gebälkes in den Trümmern gefunden worden, was kaum als bloßer Zufall zu erklären sein würde» wenn das Gebälk aus Stein gewesen wäre. Das Verständniß für die Entstehung des antiken Tempels ist uns durch die Entdeckung dieser Ruine wesentlich erleichtert worden. Den Mittelpunkt der heiligen Stätte bildete natürlich der gewaltige Zen Stempel, ein mächtiger aus dem dort wachsenden Muschelkalk (Poros) aufgeführter Bau dorischen Stiles, dessen Trümmer, so wie sie ein Erdbeben wild umhergeschleud-rt hat, dem Beschauer noch jetzt imponiren müssen. Dieser Tempel barg das von Phidias angefertigte Gold-Elfenbein-Bild des Gottes, die Bewunderung des gesammten Alterthums; — „wer dieses Werk geschaut, der könne nicht mehr ganz unglücklich sein!" Natürlich ist eS längst zerstört, nicht einmal Nachbildungen sind uns erhalten; wohl aber haben sich von den unter Leitung und zum Theil durch Schüler des Phidias ausgeführten marmornen Tempelsculpturen dekorativen Charakters zahlreiche Neste gefunden. Die beiden Giebelgruppen haben im wesentlichen wieder hergestellt werden können; es wird später noch davon die Rede sein, in welcher Weise sie eine empfindliche Lücke in unserer Kenntniß der antiken Sculptur ausfüllen. Englisches Kasernenleben in Kairo. — r— Kairo, 23. Dezember. Wem es vergönnt gewesen ist, von der eisernen Brücke, welche in Ghezireh über den Nil geschlagen ist, einen Blick auf Kairo zu werten, dem bietet sich unstreitig eine der bemerkenswerthesten Aussichten auf jene lange Flucht von Bauwerken dar, welche den Palast und die Kasernen von Kasr el Nck zu einem großen Ganzen vereinigen. Diese Gruppe von Gebäuden umfaßt zwei große Vierecke, welche sich im Westen nach der Nilseite öffnen. Das südliche, der Brücke zunächst gelegene Carrä wird augenblicklich von dem 74. Hochländer-Regiment, das nördliche von den 42er Königin Hochländern bewohnt» letztere speziell unter dem Namen der „schwarzen Garde" bekannt. Diese beiden Regimenter nebst einer Genie-Kompagnie bilden die Garnison von Kasr el Nil. Die weiten Zwischenräume, welche sich zwischen der großenkStraße und der östlichen Häuser-Fayade befinden, nehmen die Parkanlagen auf, an welche sich eine lange Reihe von einer Akazien-Allee eingeschlossener Stallungen anschließt, die zur Aufnahme der Kavallerie bestimmt sind. So bietet Kasr el Nil im Augenblick ein lebhaftes militärisches Bild dar. Am Haupteingang, an der Wache vorüber, im ersten Häuscrviereck, befinden sich unter Sykomore» und Feigenbäumen die Küchen. Die Truppen haben sich hier bereits vollkommen häuslich installirt und des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr wird auch hier wie überall durch die Magenverhältnisss regulirt. Das muß man den Engländern lassen, ihre Truppen verpflegen sie brillant. Die dem Vegetarianismus par korco huldigenden Egypter sehen mit scheelen Blicken auf die Fleischmassen, die hier in die Kochkessel wandern und es läuft ihnen sicher das Wasser im Munde zusammen, wenn ihnen die kräftigen Gerüche englischer Fleischspeisen in die Nase steigen. Die englische Armee ist wohl am besten verpflegt von allen europäischen Armeen, wenigstens was die Menge und die Güte der Fleischportionen betrifft. Alle zwei Tage haben die Leute Braten, die übrigen Tage gekochtes Fleisch und zwar in einer Brühe, die den meisten Hotelküchen, in denen allerlei Kinkerlitzchen fabrizirt werde», unstreitig den Rang ablaufen würde. Die Kochöfen sind aber auch in einer Weise praktisch eingerichtet, daß es geradezu unmöglich ist, etwas Schlechtes zu bereite», vorausgesetzt, daß das Fleisch rechtzeitig geschlachtet ist, denn die FeuerungSapparate sind auf daS Genaueste regulirt und die Oefen selbst hermetisch verschlossen. — In dieser Beziehung können mir von den Engländern lernen. Man sieht es auch den Mannschaften an, daß eS ihnen gut geht. In den Erdgeschossen befinden sich die Bureaux der verschiedenen Stäbe und die Handwerksstätten. Die Cantinen sind groß, vorzüglich vsntilirt und auf durchaus praktische Weise ausgestattet, die Preise nicht zu hoch. Selbst einen Lesesaal haben die Mannschaften, der ihnen außer diversen Zeitungen Schach-, Dame-, Trictrac und andere Spiele liefert. Die Unteroffiziere sind wie kleine Prinzen installirt, und man versteht sehr wohl, daß dieselben sich in ihrem neuen Heim ivohlfühlsn. — Der Saal ist mit Bildern aus der neuen englischen Kriegsgeschichte dekorirt. — Billards sind selstverständlich. Kasr el Nil ist ein dreistöckiges Bauwerk, die erste und zweite Etage haben rundherum" laufende Balkons oder richtiger gesagt Galerien, mit welchen die Zimmer kommuniziren. Auf diese Weise sind die Mannschaften nicht in ihre Zimmer eingepfercht und können auf die bequemste Weise die herrliche Kairiner Luft genießen. In jedem Zimmer schlafen 22 Leute. Bis jetzt haben die Soldaten auf arabischen Bettstellen geschlafen, den sogenannten Kaffassen, welche aus dünnen Palmenstöcken, ähnlich unseren Hühncrstüllen fäbrizirt werden, selbstredend darf es an guten Matratzen nicht fehlen, weil man sonst seine Knochen am nächsten Morgen ganz bedenklich fühlt. Diese Kassassen werden aber jetzt durch eiserne Bettstellen aus England ersetzt, die nach englischer Sitte während des Tages zusammengeschlagen werden, wodurch der durch die weniger praktikablen egyptischen Palmenbetten bisher fortgenommene Raum in: Interesse der Bequemlichkeit der Truppen gewonnen wird. Die Zimmer werden musterhaft rein gehalten, aber die Mannschaft hat viel Zeit und Arbeit nöthig gehabt, um die von den eingeborenen Truppen systematisch verdreckten und verlausten Räume in ihren heutigen Zustand zu versetzen. — Die Aerzte haben ein nettes Quantum Tesinfectionsmittel verbraucht, ehe sie den Truppen den Einzug in ihre neue Heimath gestatten konnten. Die Osfiziersmesse befindet sich auf der Nordwestecks des Palastes. Die edlen Sportsmen können es sich wirklich nicht besser wünschen. Eine breite Treppe von weißem Marmor führt in einen Saal von majestätischer Bauart und fürstlicher Ausstattung. In der Mitte befindet sich ein wunderbarer Kronleuchter. Zur Rechten sieht man in den Speisesaal, einen Saal, der mit dem rafsinirtesten Luxus dekorirt ist. An diesen schließt sich ein im arabischen Stil eingerichtetes Rauchzimmer, der gemüthlichste und wohnlichste Aufenthalt, den man sich nur denken kann. Sie sehen aus dieser skizzenhaften Schilderung, die ja nur in großen Zügen ein Bild geben soll, daß die englischen Offiziere und Soldaten keinen Grund haben, sich über diesen Garnisonwechsel zu beschweren. Kasr el Nil macht nun allerdings auch eine rühmliche Ausnahme, wiewohl die Truppen in Alexandrien auch keinen Grund zur Klage haben, denn im Ras el Tin-Palaste am Meere läßt sich's auch leben, aber die ganzen Arrangements bei der Auswahl und Anlage von Kasr el Nil konnten nicht praktischer getroffen wcrden. — Ein Schienenstrang geht mitten in den Kasernenhof hinein. Bequemer kann man's doch weiß Gott nicht haben — und diese Verkehrsmittel erleichtern natürlich die ganze Handhabung des Dienstes, besonders aber die Verpflegung der Truppen ungemein. Mit einem Worte, die Engländer sind mal wieder in der Wahl ihres Bratens sehr vorsichtig gewesen, und von ihren» Standpunkte aus kann man ihnen zu dieser neuen Acquisition nur Glück wünschen. Ich glaube, daß Kairo von allen englischen Kolonial - Garnisonen die schönste und angenehmste ist, und daß es den Truppen sehr schwer fallen würde, sollte der Fall einmal eintreten, sich von den Fleischtöpfen Egyptens loszureißen. Und dies Alles haben sie indirekt dein alten viel geschmähten und vielfach verkannten Exkhedive Ismail Pascha zu danken, denn dieser ist der Erbauer von Kasr el Nil. 48 Mis-ellsn. (Jude und Christ.) Als Herzog Christoph von Bayern in Schongau lebte, hörte er von zwei Wucherern. Von denen war der Eine ein Jude, Namens Aaron, der Andere aber war ein Christ, und hieß Petrus Großwein. Es wurde Beiden der Proceß gemacht, und weil sie Beide gleichauf gefehlt hatten, wurde ihnen auch gleiche Strafe zuerkannt, die war: Einhundert Goldguldeo und zwei Monats Gefängniß. Das wollten sich die Zwei nicht gefallen lassen und beriefen sich auf des Herzogs weiteren Ausspruch. Da nun der Amtmann kam und die Angelegenheit vorbrachte, sagte Herzog Christoph: „Die Beiden haben ganz recht, daß sie an mich kommen. Denn der Aaron wird seines Theiles um die Hälfte zu streng bestraft, der Großwein aber deßgleiche» zu mild." — „Aber, hoher Herr!" sagte der Amtmann, „das versteh' ich nimmer. Haben Beide doch auf gleiche Summa und in gleicher Weise gefrevelt: wie sollten sie dann verschieden bestraft werden?" — „Warum denn nicht!" entgegnete Christoph. „Eben weil sie gleich gefehlt haben. Der Aaron ist ein Jude, hat's als solcher nicht fast zum Besten, vor Allem aber entbehrt er unserer göttlichen Lehre. Der Großwein hingegen ist wohl auf und in jeder Art geschützt, dabei ist er ein Christ und soll die Lehr' und christliches Gesetz wohl kennen. Wo er nun thut was betrügiich ein Jude thut, ist er mindestens viermal schuldiger — als Jener." Der Jude Aaron wurde auf einen halben Monat in Haft gesetzt und mußte fünfzig Goldgulden zahlen. Der Petrus Groß- wein aber ward auf zwei Monate gesetzt und mußte zweihundert Goldgulden zahlen. (Jeden andern, nur den nicht!) Der hochselige am 2.Jan. 1861 entschlafene König Friedrich Wilhelm IV. befand sich bereits in hoffnungslosem Zustande, als seine besorgte Gemahlin zu dem Hofleibarzte Dr. Schönlein, der mit dem I)r. Weiß zusammen den königlichen Patienten behandelte, den Wunsch äußerte, noch einen dritten berühmten Arzt hinzu zu ziehen. Die hohe Frau machte den Vorschlag, den ihr persön ich bekannten Geheimrath Nix aus München zu berufen, aber hartnäckig weigerte sich Hofrath Schönlein, diesen College» anzunehmen. „Jeden andern Arzt, Majestät, nur diesen nicht!" war seine Rede. Schließlich sagte die Königin etwas gereizt: „Aber, lieber Schönlein, sagen Sie mir doch endlich einen vernünftigen Grund für Ihre Ablehnung." Der Leibarzt antwortete nach kurzem Zögern respectvoll: „Majestät, jetzt steht unter den täglichen Bulletins über vas Befinden Sr. Majestät des Königs: „„Schönlein. Weiß!"" und das treue Volk ist beruhigt. Soll etwa künftig darunter zu lesen sein: „„Weiß Schönlein Nix?"" — Einen Augenblick flog ein leises Lächeln über die Züge der Königin, die dann ironisch meintet „Lieber Hofrath, ich würde vorziehen zu unterzeichnen: „Schönlein weiß Nix!" (E,n nicht unverdienter Mann) ist am 23. Dec. in Eldena bei Greifswalde gestorben, nämlich der Gastwirth Richter, allen Greifswäldern als Wirth des Haines bekannt. Aber weit über die Grenzen Deutschlands hinaus wurde sein Name rühmend genannt als derjenige, der zuerst die Nistkästehen für die Staare und andere Waldvögel praktisch zur Anwendung brachte. Von Eli'enham nach Eldena aus hat sich diese wohlthätige Einrichtung dann über die ganze civilisirte Erde verbreitet und trotz manchen Widerspruchs werden in jedem Frühling den freundlichen Sängern neue Wohnungen bereitet. (Eine öcono mische Braut.) „Nun, Clara, wählst du das Collier, oder die Ohrgehänge oder das Bracelet?" — „Nur wirthschaftlich, lieber Heinrich! Ich bin überzeugt, daß, wenn du alle drei Gegenstände zusammen nehmen würdest, du sie gewiß bi lliger kaufen möchtest." (Gambettistische s.) Schultze: „Haste jelesen. Alle französischen Blätter meinen, Frankreich habe mit Gambetta einen jroßen Staatsmann verloren!" Müller: „Kennen jrvßen, aber eenen dicken; denn er war die letzte Zeit mehr beleibt als beliebt." Sch.t „So is etl" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von llr. Max Hnttler. Nr. 7. 1883. zur „Äugsliilrger postMuug." Mittwoch, 24. Januar Jörg von Maldeck. Eine Erzählung aus dem fünfzehnten Jahrhundert von F. S ch e n k. *) (Fortsetzung.) Martha ergriff, als sie mit der Burgfrau allein war, die Hand derselben und küßte sie unter Thränen. „O wie schmerzlich berührt uns Alle in der Burg die traurige Nachricht!" sprach sie. „Wir lieben ja unsern Burgherrn wie den leiblichen Vater und sind überzeugt, daß die Kunde nicht nur im Dorfe, sondern auch in der ganzen Waldecker Herrschaft allgemeine Trauer erwecken wird. — Der Burgwart und das ganze Gesinde wollte Euch, edle Herrin, noch heute das Beileid ausdrücken, doch bat ich sie, dieses auf morgen zu verschieben. Die alte, treue Gertrud wollte sich gar nicht abhalten lassen, Euch noch zu trösten! — Ach, wie wird meine gute Mutter jammern, wenn sie morgen Nachricht erhält! Und der, brave Kuno, der treue Jägerbursche! — Gottlob, daß mein Vater diesen Schmerz nicht mehr erleben mußte!" — Dann nach dem Auskleiden fuhr sie fort: „Wir Alle glauben und hoffen, daß Herr Jörg wiederkehren wird und Gertrud sagte: Seid unbestrgt, Kinder! Wir sehen den edlen Ritter gewiß bald wieder, denn ich habe, wenn ein Todfall in einer mir befreundeten Familie eintreten wird, jedesmal eine Vorahnung, die mich noch nie getäuscht hat. Als Herr Jörg im Winter, in tiefem Schnee fortzog aus Waldeck, da war ich wohl tief betrübt ob seinen Scheivens, mehr aber jammerte mich die edle Burgfrau. Doch, ich sage euch, ich hatte damals das Gefühl, daß Herr Jörg glücklich Heimkehre» werde und habe es noch. — Dann erzählte sie uns Folgendes aus ihrer Jugend: Als ich noch eine junge, saubere Dirne war, sagte sie, da ging mir ein schöner Bursche nach, des herrschaftlichen Fischers Sohn, Martin. Er kam auch in das Haus meiner Eltern und gefiel ihnen wohl, denn sie wußten» daß er fromm und arbeitsani war und seinen alten, kränklichen Vater dankbar unterstützte, wie das vierte Gebot es von uns fordert. Als er eines Tages die Frage an mich stellte, ob ich sein Weib werden möchte, wenn er das Fischergeschäft allein übernehmen würde, da mußte ich Ja sagen und auch meine Eltern waren einverstanden. Aber, denkt Euch, ich konnte den Gedanken nicht aus dem Kopfe bringen, daß aus der Heirath nichts werden wird. Eine Ahnung sagte mir, daß ein wesentliches Hinderniß eintreten werde und so kam's auch. Der Tag der Hochzeit war festgesetzt, aber am Vorabend ertrank Martin beim Fischen, indem der Seesturm den Einbaum umstürzte." Frau Agatha hatte schweigend der Erzählung zugehört, dann dankte sie der Zofe für ihre und des übrigen Gesindes Theilnahme und verabschiedete Martha mit den Worten: „Betet für unseren theuren Burgherrn! Gute Nacht!" *) Zu Anfang unserer Erzählung ist in Folge eines Druckfehlers vom Jahre 1144 die Rede, was jelbstverständlich in 1444 zu corrigire» ist 50 Selbst die Natur trauerte mit Agatha, denn das Firmament, von welchem noch kurz vorher die Sterne so friedlich niederblickten auf See und Thal, wurde allmählig von Wolkenschleiern überzogen, die sich mehr und mehr verdichteten und endlich in schweren Regengüssen sich entleerten. III. Eine Wegstunde von Schliers entfernt befindet sich am Nordfuße des Romberges der Weiler Attenhofen. Einer der dortigen Bauernhöfe heißt: der Jrgenbauernhof. — Schon im zwölften Jahrhundert befand sich hier eine waldeckische Schwaige, welche Ende des vierzehnten Jahrhunderts von Georg oder Jörg dem Aelteren von Waldeck die Jürgen- Schwaige genannt wurde. Dort hatte auch unser Jörg ein Oekonomiegut mit Schweizerei, zu welchem die Valepp- und Spitzingalpe gehörten. An einem warmen Sommerabend, wenige Tage vor St. Johannis, saßen zwei Männer auf der Bank vor der Alphütte am Spitzing. Der Eine, ein kräftiger, hübscher, blondlockiger Bursche in den dreißiger Jahren mit frenndlihem Gesichtsausdrucke war der Senne und Schweizer, Rudi, von Altenberg. Der Andere war ein alter, gebückter Mann mit dunkler, von der Sonne gebrannter Gesichtsfarbe, ernsten, ja nnheinüichen Blicken. Sein graues Bart- und Haupthaar hing in schmutzigen Strähnen auf Brust und Genick lieder. Der Mann, ein tiefer Sechziger, mochte einst groß und kräftig gewesen sein, jetzt verriethen seine gefurchten Züge, sein unheimlicher Blick, daß in seiner Seele heftige Stürme getobt haben und daß noch keine Ruhe in dieses Herz sich gelegt habe. Der lederne Anzug war beschmutzt und geflickt, der breitkrmnpige, spitze Filzhut trug die Farben des Regenbogens. Reben dieser Banditengestalt stand am Boden die Kraxe, in welcher sich Enzianwurzeln, Kräuter und einige Flaschen mit Medikamenten für krankes Bieh befanden. Der Bolkemund nannte diese verwitterte unheimliche Gestalt: der Waldteufel. Sein Taufname war Andreas, jedoch unter diesem hörte man ihn nur von zwei Personen nennen, nämlich von Rudi, dem Senner und von Martha deä' Zofe. Andreas war in Wälschland geboren, hatte früh seine Eltern, welche sich als Hirten kümmerlich fortbrachten, verloren und war von einem tiroler Benediktiner-Mönche, welcher den Knaben auf einem Krankenbesuche getroffen und von dessen mißlicher Lage erfahren hatte, in sein Kloster gebracht worden. Hier gefiel es dem wilden Knaben nicht, er suchte das Weite und als Hirte sein Brod. Auf einer Alpe des Grafen von Wollenstem nahm ihn der alte Senne auf, unterrichtete ihn in der Kenntniß der Alpenkräuter und ihrer Wirkungen, wie in der Bereitung von Heiltränken für Menschen und Bieh. Durch Ritter Äuno von Wollenstem wurde Andreas dein Vater unsers Jörg von Waldeck empfohlen und kam nach Altenberg, wo er sich als tüchtiger Schweizer, sorgfältiger und eifriger Senne bewährte. Andreas war bereits zehn Jahre in waldeckischen Diensten, als ein seltsames Er- eigniß den sonst so heiteren, lebenssrischen und rührigen Burschen vollständig veränderte. Er hatte eines Sommers die Valepp-Alpe bezogen und ihm waren zwei Mägde gefolgt, welche ihn in der Pflege des Vieh's zu unterstützen hatten, für ihn kochten und außerdem das Bieh hüten mußten. Eines dieser Mädchen, Namens Mechtild, war erst in den Dienst getreten. Ihre schönen Körperformen, ihr heiteres, unschuldiges Gemüth und die Gabe des Gesanges, den Andreas so sehr liebte, ließen in seinem Herzen bald die stille Liebe sprossen. — Häufige Besuche eines jungen Fischers vom Schliersee auf der Valeppalpe erfreuten ihn, denn dieser brachte jedesmal seine Zither mit und so schwanden die Sonntag-Nachmittags- stunden unter Gesang und munteren Gesprächen. Bald aber merkte Andreas, daß zwischen Mechtild und dem Fischer ein inniges Liebesverhältniß bestehe, und als er eines Tages im Scherze Anspielung auf ihre Zuneigung zu dem hübschen Burschen machte, gestand Mechtild offen ihre Liebe und die Hoffnung einer baldigen Vereinigung Beider. Andreas ließ dem Mädchen nicht merken, was in seinem Herzen vorgehe; nach wie 5l vor war er ihr gegenüber der heitere Senne und empfing den Fischer so freundlich, wie früher. — Da kam eines Tages der Vater des Fischers auf die Alpe und erkundigte sich nach dem Sohne, welcher schon seit vier Tagen abgehe. Er sei letzten Sonntag nach der Kirche zu Fischhausen fort und, wie er einem Bekannten mitgetheilt hatte, auf dem Wegs in die Valepp. Mechtild, wie Andreas und die ältere Dirne behaupteten, ihn zwar erwartet, aber nicht gesehen zu haben. Die Fischhauser und Nachbarn suchten mehrere Monate nach dem Vermißten, endlich kurz vor Abtrieb von den Alpen fand der Jäger Kuno in einer Schlucht des Todten- grabens, nicht weit vom Saumwege, welcher vom Spitzingsee nach der Valepp-Alpe führt, unter Tannen- und Fichtenästen den halb verwesten Leichnam des Fischers. Die Rüden des verstorbenen Jägers hatten ihn aufgespürt. Als man das Vieh von den Alpen Heimtrieb und der stattliche Zug geschmückter Kühe und Kalben, die Saumrosse mit den Alpen-Geräthschasten beladen, gegen den Spitzingsee hinauf zogen, hatte sich Andreas von den Dirnen getrennt und war voraus» gegangen. Er wußte, daß die Eltern des ermordeten Fischers einstweilen ein hölzernes Kreuz neben der Brücke des Todtenbachgrabens aufstellen ließen, damit Wanderer für die arme Seele ihres Sohnes ein andächtiges „Vater unser" beten. Mechtild hatte mit der älteren Dirne einen Kranz aus Epheu und Immergrün gewunden und trugen denselben mit sich, um ihn an dem Kreuze aufzuhängen. Andreas gab vor, früher als der Alpenzug in Attenhofen eintreffen zu müssen. Als er an die Brücke trat und das Erinnerungsdcnkmal an den ihm so bekannten jungen Fischer zu Gesicht bekam, erbleichte er und eilte rasch über die Brück«. — Was erschreckte denn den so rüstigen Sennen? — Rings um ihn her war kein Mensch, kein Thier zu sehen! Soll das Rauschen des neben dem Wege lustig dahin strömenden Spitzingsee- baches, das ihm doch so bekannt war, ihn beängstigen? — Wohl zieht heute der Wind durch's enge Thal und rauschen die Blätter der Buchen am Wege, aber dieses Rauschen hörte der Senne so oft und gerne! — Längst war das Gerede über das Auffinden der Leiche im Todtengraben verstummt, da faßte Andreas, als er an einem stürmischen Winterabend am warmen Kachelofen in der Jörgenschwaige saß und Mechtild neben dein Eichentische spann, denn Entschluß, dem Mädchen seine innige Liebe zu gestehen. Diese aber wies ihn entschieden ab, versicherte ihn, daß mit dein Fischer ihre Liebe begraben sei und daß sie in wenigen Tagen die Schwaige verlassen und zur kranken Mutter nach Reichersdorf ziehen werde. Sie bat ihn, ihrer nicht mehr zu gedenke», sie nie zu belästigen, denn nie könne sie sein Weib werden. Wenige Tage darauf, als Andreas abwesend war, verließ Mechtild die Schwaige; Ersterer aber ward trübsinnig, scheu und kümmerte sich wenig mehr um sein Geschäft. Tagelang war er abwesend, theils in den Wäldern, theils um krankes Vieh der Nachbarn zu behandeln. Die Folge davon war selbstverständlich seine Entlassung aus dem waldeclischen Dinste. Nun ging es rasch abwärts mit dem einst so braven, tüchtigen Sennen. Rastlos trieb es ihn von einem Orte zum Andern, nirgens fand er Ruhe, bis er nach dem Tode des alten Waldeckers wieder an den Echliersee zog, ein unheimlicher Gast in Burg und Solde, doch gesucht wegen seiner Geschicklichkeit in der Behandlung kranker Menschen und Thiere und in der Bereitung des Enzian-Branntweins. In der verödeten und in Folge eines Felssturzes größtentheils zerstörten Burg Hohen-Waldeck, davon Reste am östlichen, walvigen Berg-Gehänge dem Wanderer von längst vergangener Z it erzählen, hatte sich der Waldteufel in dein aus der Römerzeit stammenden Wartthurme sein Lager bereitet und benutzte das im Kellergeschoße befindliche, ehemalige Verließ, zu welchenr man mittelst einer Leiter gelangen mußte, zur Aufbewahrung seiner Kniutcr- und Branntweinvorräthe. 52 Einsame Wanderer, welche um Mitternacht von Fischhausen her um das Waldeck gegen Fischhausen zogen, sahen häufig das Thurmfenster erleuchtet und flüsterten sich leise zu: „Der Waldteufel kocht noch seine Kräuter!" — Kehren wir zur Spitzing-Alphütte und zu den beiden Männern, welche vor derselben saßen, zurück. „Was sagst Du", begann Rudi, „zu der traurigen Nachricht über unsern lieben Ritter Jörg? Ich habe seitdem keine fröhliche Stunde mehr, und die arme Burgfrau jammert mich schon recht, der sieht man Sorge und Kummer wohl an!" Andreas starrte vor sich hin, dann entgegnete er: „Was kümmerts mich? — Des Jörg's Vater hat mich kurz vor seinem Tode fortgejagt, weil ich eine Zeit lang närrisch gewesen bin, wegen der Mechtild. Ich wäre schon wieder zu mir kommen, das Leid hätte sich gelegt. Aber wie ich keinen Dienst mehr gehabt habe, bin ich ganz verrückt geworden und mag nichts mehr, was waldeckisch ist, außer Dich und die Martha. Ihr Beide seid noch freundlich mit mir und heißt mich den Andres, nicht den Waldteufel, wie die andern." „Du", sagte Rudi, „weil Du von der Martha redest, fällt mir ein Auftrag ein. Sie möchte ein Fläschchen Wurzen-Branntwein. Ich muß es ihr durch den Hirtenbbuben schicken in die Burg." Der Alte hob die Kraxe auf und suchte unter den Kräutern »ach der Flasche, während Rudi in die Hütte ging und einige Käslaibchen holte, als Gegengabe. Als er sich wieder niedergelassen und die Flasche zu sich genommen hatte, frug Andreas: „Trinkt die Martha den Enzian selbst?" dabei sah er den Rudi spöttisch an. „Beileib nicht!" antwortete dieser und rückte näher zu dem Alten heran. Dann fuhr er leiser sprechend fsrt: „Ich bin schon darauf gekommen, wer den Enzian trinkt. Ehe wir auf die Alm hinaufgezogen sind, habe ich der Jägerswittwe auf der Halbinsel Käslaibl'n bringen müssen. Wie ich über die Breitenbachbrücke in den Wald hinein gekommen, steh'n der Kuno und die Martha am Weg. Er hat seinen Arm um ihren Hals gelegt und ganz leise haben sie miteinander geredet, bis sie mich gehört haben." „So, so!" — rief der Alte. — „Der Kuno und die Martha! — Er wird wohl bald herrschaftlicher Jäger, nachher kann die brave Martha sein Weib werden. — So hätte es der Andres mit der Mechtild auch vorgehabt!" — Er senkte sein Haupt und kratzte mit der Bergstockspitze in die rauhen Pflastersteine vor der Hütte. — Da tönte vom Thals herauf vielstimmiges Abendgeläute. Der Senne nahm seinen Hut ab, bekreuzte sich und betete leise. Andreas aber sah starr hinaus in die Nacht und murmelte, dem Betenden unverständliche Worte. „Es war", sagte er, „eine schöne, unvergeßliche Zeit, da ich noch habe recht innig beten können, wie der Senn' da. Aber seit vierzig Jahr kann ich's nimmer, wenn ich auch möchte! So oft ich anfangen will, steht der junge Fischer vor mir. Aus der Brust quillt ihm das Blut und wie er zusammenstürzt ruft er: Andres, der Lohn bleibt nicht aus!" Tiefaufseufzend fuhr er dann fort: „Er ist nicht ausgeblieben der Lohn l — Der Mord verfolgt mich Tag und Nacht, bis in Ewigkeit!"- Der Senne bekreuzte sich wieder setzte seinen Hut auf und sagte: „Was hast Du denn gebetet, Andres? Ich habe kein Wörtchen verstanden!" „Du brauchst nicht zu verstehen, was ich bete", entgegnete dieser. „Es ist ein gar trauriges Gebet das!" — Dann erhob er sich von der Bank, nahm die Kraxe auf die Schulter und sagte: „Jetzt wird es hell hinterm Romberg; der Mond kommt bald herauf. Heute haben wir St. Achaz, da muß ich, wenn der Mond das alte Kreuz im Krottengraben beleuchtet, das Lungenkraut brocken." „Nun, Andres!" entgegnete der Senne, der sich ebenfalls erhoben hatte. „Da hast Du noch einen weiten, beschwerlichen Weg!"' „Thut nichts! — Für einen Waldteufel ist kein Weg zu schlecht", antwortete Andres „Heute gilt es, der saubern Freudenreich-Nesl einen heilsamen Trank zu kochen. Die Dirn darf nicht an der Lungenschwindsucht sterben, so lange der Waldteufel noch helfen kann." „Gute Nacht, Andres!" rief der Senne. „Komm bald wieder in Heimgarten!" Die Beiden reichten sich die Hände, dann stieg Andreas rechts dem Jägerkamm zu; Rudi aber ging in die Hütte, schloß die Thüre und legte sich in's Heu. Bald erquickte ihn ei» wohlthätiger Schlaf. (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Melancholie, Wer maß je deine Tiefe? fand den Boden? Zu rathen, welche Käst' am leichtesten Der schwer belad'nen Sorg' als Hafen dient? Wie entzückend Und süß ist es, in einer schönen Seele Verherrlicht uns zu fühle»; es zu wessen, Daß uus're Freude fremde Wange röthet, Daß uns're Angst in fremdem Busen zittert, Daß uns're Leiden fremde Augen wäffern. Shakespeare. Schiller. Es gibt zweierlei Gattungen von Zufriedenheit: Die eine mit der Welt, die andere mit sich selbst. Beide genießen ist freilich schön — aber schwer. Kannst Du sie aber nicht beide vereinigen, so laß' die Welt fahren und halte Dich an Dein Herz. Kotzebue. Unschuld! Nur wen» Du Dich nicht kennst, wie die kindliche, dann bist Du eine; aber Dein Bewußtsein ist Dein Tod. Jean Paul. Was plötzlich kommt, hat stets des Wunders Kraft. N a u p a ch. Nie erwirbt man sich Hochachtung, Wo man Alles von sich wissen, Alles übersehen läßt. Herder. Die Hoffnung gleicht der Palme; sie strebt zum Himmel kühn, Doch gleich der trauten Myrthe wahrt sie ini Herbste ihr Grün. Jul. Hammer. Die Resultate der Ausgrabungen von Olympia. III. Diese beiden großen dorischen Tempel vermehren unseren knappen architektonischen Denkmäler-Vorrath der griechischen Welt recht erheblich. Nichts Wesentliches bietet das „M etroo n", der jüngste und kleinste von den drei Tempeln der Altis. Was sonst noch innerhalb der letzteren an Bauten zu finden war, beschränkt sich auf die Schatzhäuser, welche sämmtlich nach dem Schema kleiner Tempel gebaut waren und den Nordrand der Altis bildeten; ferner auf einige Hallenbauten. Außerhalb des heiligen Bezirkes, zum Theil mit der Mauer desselben in Verbindung stehend, zog sich eine Reihe der verschiedenartigsten Gebäude hin: Ningschulen, Palastanlagen der römischen Kaiser, ein Nath- haus, Hallenanlagen, Gebäude zu gastlichen Zwecken, vor Allem nach Osten zu die beiden Rennbahnen für die Menschen und die Pferde. Sie bieten dein Archäologen und Architekten des Interessanten und Neuen sehr viel; uns soll hier nur noch die Ausbeute in Anspruch nehmen, welche die Geschichte der Plastik dorr gemacht hat. Auch diese Kunst ist den Hellenen nicht ursprünglich, sie haben sich dieselbe erst in Folge der Berührung mit semitischen Stämmen angeeignet. Denn die arischen Völker bildeten sich ursprünglich allesammt keine greifbaren Idole ihrer Gottheiten. Sicher ist eS, daß die griechische Plastik, der wir in ihren reinsten und reichsten Schöpfungen mit Recht die bedingungsloseste Bswunderuna »ollen eininal auf dem Nivean gestanden hak, 54 kleinasiatische Idole einfach nachzuahmen. In Olympia fehlt es keineswegs an Funden, welche auf diesen frühesten, kindlichen Zustand der griechischen Kunst hinweisen. Es wird auch für den Dilettanten ganz lehrreich sein, diese steifen, abstoßenden Werke einmal ins Auge zu fassen, um sich klar zu werden, welcher Entwickelungsgang von da bis zur Hera Ludovisi oder dem Sophokles des Lateran in einem Zeitraum von 400 Jahren zurückgelegt worden ist. Abgesehen von einigen kleineren Idole», die man außer den Olympia- Merken auch in der Ausstellung der Gyps-Copieen im Oumpo snnvto am Tom in Augenschein nehmen kann, verdient der Kopf des Tempclbildes der Hera Beachtung, dessen Erhaltung als besonders günstiger Zufall bezeichnet werden darf. Es ist dies ein Werk von ausdrucksloser, maskenhafter Häßlichkeit. Dann aber beginnt das Leben der hellenischen Kunst sich zu regen, die Behandlung der Muskulatur und des Fleisches wird natürlicher, die Bewegungen ungesuchter und freier, der Gesichtsausdruck sprechender. Auch das Compositioustalent entfaltet sich; in den spärlichen Resten eines Hochreliefs, welches den Giebel des Schatzhauses der Megareer füllte, haben wir eine der ältesten Kampfesgruppen, und zwar aller Wahrscheinlichkeit zufolge einen Gigantcnkampf. Stufenweise werden wir in die Periode der reifsten Entwickelung der griechischen Plastik hineingeleitet — um hier gerade enttäuscht zu werden. Der Stil der großen peloponnesischen Künstler Polykletos und Lysippos ist nicht in Olympia vertreten, und aus der Werkstatt des größten attischen Meisters Phidias haben wir in den Sculpturen des Parthenon in Athen Kunstwerke, welche technisch sehr viel höher stehen, als die Tempelsculpturen von Olympia. Dennoch sind die letzteren immerhin von unschätzbarem Werthe; namentlich ist es ein Schüler und Nachfolger des Phidias, und zwar „der seiner künstlerischen Weisheit nach ihm zunächst Stehende" (wie Pausanias meldet), den wir in Olympia zum ersten Male kennen lernen. Alkamenes hatte den Auftrag erhallen, die Füllung des westlichen Giebelfeldes am Zeustempel anzufertigen; er wählte oder erhielt den Auftrag, den Kampf zwischen Lapithen und Kentauren zu bilden, und hat eines der leidenschaftlichsten, wildesten Schlachtbilder geliefert, das wir aus dem Alterthum kennen. Die Betrachtung desselben, wie es in der Olympia-Ausstellung wieder hergestellt ist, kann als höchst lohnend bezeichnet werden. Die östliche Giebelgruppe ist in einer weit weniger genialen Weise von Paionios angefertigt worden, einem thrakischen Künstler, dessen Nike, eines der am frühesten entdeckten Werke, ziemlich allgemein bekannt geworden ist. Dasselbe ist in der That eine großartige Lösung des Problems, eine vom Himmel zur Erde herabfliegende Frauengestalt plastisch darzustellen, und es zeigt das Können des Meisters in weit vortheilhasterer Weise, als jene Giebelgruppe, die in der That erhebliche Mängel auszuweisen hat. — Nicht quantitativ, aber qualitativ glänzend ist die jüngere attische Kunstschule in Olympia vertreten. Der in ästhetischer Hinsicht werthvolle Fund der gesammten olympischen Grabungen, der schnell populär gewordene Hermes mit dem D i o n y s o s k n a b e n bietet das einzige, völlig sicher aus der Hand des P r a x i t e l e s hervorgegangene Werk, welches wir haben. — Die Zeit der Diadochen ist schwach vertreten, dagegen sind werthvolle statuarische Bildwerke in großer Anzahl zu Tage gekommen, welche von römischen Kaisern und Großen nach Olympia gestiftet wurden. Sie bieten mit den glänzenden Bauten zugleich den Beweis, daß die alte Fest- und Culturstätte auch in der Kaiserzeit noch in hohem Ansehen stand. An die Marmorplasti! reiht sich naturgemäß die T ö p f e r k u n st an. Ungewöhnlich zahlreich und zum Theil von großer Schönheit sind die in Olympia gefundenen Bau-Orna- wente, Zierglieder und Architekturtheile aus gebranntem Thon. Der Mangel an guten, bequemen zu bearbeitenden Steinsorten in jener Gegend mag diese Industrie in Olympia besonders befördert haben. Einige dieser Terrakotten lassen deutlich erkennen, daß sie als Bekleidung hölzerner Balken verwandt wurden. Wir konnten hier das Wesentliche in den am Alpheios gemachten Funden und Entdeckungen bestenfalls eben nur streifen. Wer auf dieses und jenes genauer einzugehen 55 wünscht, dem seien die fünf Bände des großen „Olympia-Werkes" (Verlag von E. Was» muth) empfohlen, welches von Adler und Curtius herausgegeben worden ist: sehr belehrender Text und Tafeln in Lichtdruck, bez. Holzschnitt. Allein dies Werk ist sehr theuer und somit nicht Jeder»,an zugänglich; deshalb war es ein guter Gedanke, daß die unternehmende und rührige Verlagsbuchhandlung von Ernst W a s m u t h in Berlin einen Auszug des umfangreichen Werkes gebracht hat, der an Text und Abbildungen das Wesentliche enthält. Auch das von E. Curtius und F. Adler herausgegebene chartographische Werk „O lympia und U m gebung" mit sehr schönen von Kaupert aufgenommenen Karten, kann zur Orientirung über die Bodenformation von Elis und die Lage der Altis dienen. — Alles in allem hat das deutsche Reich mit dieser seiner ersten größeren wissenschaftlichen Unternehmung Ehre eingelegt und der Alterthums-Wissenschaft einen erheblichen Dienst erwiesen. Dürfen wir an dieser Stelle einen Wunsch äußern, so ist es der, daß, sofern die Finanzen des Reichs es erlauben, bald einmal ähnliche Mittel der Erforschung der vaterländischen Kunst dienstbar gemacht werden. Daß hier noch Mancherlei in. Argen liegt, weiß jeder Kundige. L. l?. Weisung. Tief in die Berge flieh hinein Mit aller Deiner Herzenspein, Wenn Dn Dir keinen Freund gewannst, Bon dem Dn Trost empfangen kamist. Dort, wo der Lärm der Stadt verhallt, Im wilden Bach, im dunklen Wald, Aas Bergeshöh' im stillen Thal Genesung suche allzumal. Der Frieden felt'nen Zauber übt, Der weit und breit Dich dort umgibt, Er schleicht sich in das wunde Herz Und lindert selbst den herbsten Schmerz. Du stehst allein und bist's doch nicht, Weil die Natur rings zu Dir spricht Im Wasscrbransen, Windesweh'n, Im Grünen, Blühen und Vergeh',,. Dn findest, Dich zu fassen, Zeit Tief drinnen in der Einsän,keit, Und sammelst Deine ganze Krast Znm Kamps mit Schmerz und Leidenschaft. Und siegreich wirst Dn ihn besteh',. Gefaßt zurück in's Leben geh'», Das neuen Reiz und Glanz gewinnt, Wenn wir ihm lange serne sind. Heinrich Frei mann. M L s e e l l e,r. (Die im Jahre 1882 errichteten Denkmäler) repräsentiren eine hübsche Zahl. Ob die Zahl der Männer, welche einst würdig erachtet werden, in Stein oder Erz nach ihrem Tode verewigt zu werden, in gleichem Verhältniß zugenommen hat, ist schwer zu beantworten. Jedenfalls muß dein Jahre 1882 eine gewisse Manie im Errichten von Mnkmälern zugeschrieben werden. Auch wird es nicht mehr als Regel betrachtet, daß verdienstvollen Männern er st nach ihrem Tode ein Monument errichtet wird, denn verschiedene genießen schon das Vorrecht, bereits bei Lebzeiten das eigene Denkmal anschauen zu dürfen. Im Nachfolgenden führen wir die im Jahre 1882 errichteten Denkmäler in alphabetischer Reihenfolge auf: 1. Alexander II., Kaiser von Rußland, enthüllt in Sofia, der Hauptstadt von Bulgarien, am 11. Juli; 2. Arnold von Brescia, in Zürich (14. Aug.); 3. Franz von Assisi, in Assist (1. Oct.); 4. Robert Burns, schottischer Dichter, in Dunsries (12. Mai); 5. Becquerel in Chavillon-du-Lond (12. Sept.); 6. Thomas Carlyle in London Chelsea (26. Oct.); 7. Carnot in Nolay (3. Sept.); 8. Pierre Fermant in Beaumont de Lomagne (12. Aug.); 9. Fröbel in Schweina (21. Juli); 10. Philippe de Girard, Erfinder der Flachsspinnmaschine, in Avignon (7. Mai); 11. v. Graefe, der bekannte Augenarzt, in Berlin (22. Mai); 12. Gladstvne in London (9. Aug.); 13. Hache in Oran (25. Juni); 14. Karl v. Holtet in Breslau (im Januar); 15. Kaiser Joseph II. in Neustadt (27. Aug.), rn Saaz (7. Oct.) und in Mukhow-Hiobschitz (8. Oct.); 16. Corn van Kiel, belgischer Dichter und Historiker, in Dussel (8. Mai); 17. Lakanal, Unterrichtsreformer der ersten französischen Republik, in Foix (24. Sept.); 18. Lessing in Frankfurt a. M. (27. Sept.); 19. Mazzini in Genua (22. Mai); 20. August Mariette - Bey, Egyptologe in Boulogne-sur-Ncar (16. Juli); 21 O'Connell in Dublin (15. Aug.); 22. Petöfi, ungarischer Dichter, in Pest (15. Oct.); 23. Sir Novland Hill, Reformator des Postwesens in England (17. Juni); 24. Rabelais in Chinon (2. Juli); 25. Nouget de l'Jsle, der Dichter der Marseillaise, in Choisy le Roi (23. Juli) und in Lons le Saulnier (27. Aug.); 27. Savanarola in Florenz (25. Juni); 27. Oliver de Serres, welcher im 16. Jahrhundert die Seideuindustrie in Frankreich einführte, in Aubenas (l. Mai). Daneben wurde noch eine Anzahl Gedenktafeln an den Geburtshäusern :c. hervorragender Männer, sowie verschiedene Grabdenkmäler errichtet. In Deutschland für den Dichter Hammer in Pillnitz bei Dresden (7. Juni), Professor Römer in Clausthal (ilb. Juni), für den Dichter Wilhelm Hauff in Stuttgart (7. Juli), den Dichter Ludwig Storch in Nuhla in Thüringen (2. Juli), auf dem Grabe des Nordpolfahrers Weyp recht in König im Odenwald, Hessen (11. Aug.), für Stüve, hannover'scher Staatsmann, in Osnabrück, (17. Sept.), Prinz Adalbert von Preußen in Wilhelmshafen (16. Sept.), auf dem Grabe der Loise Büchner in Darmstadt (26. Sept.), des Zoologen Ph. F. Siebold in Würzburg (2. Oktober), des Pädagogen und Kinderschriftstellers Diesterweg in Mörs (7. Oct), endlich des Architekten Lucae in Berlin (19. Dec>). (Für Autographensammler.) An Paul Lindau wandte sich dieser Tage ein Mitglied der Familie Rothschild, welches Autographen sammelt, und bat den bekannten Bühnenschriftsteller zur Vervollständigung seiner Sammlung um eins von Paul Lindau geschriebene Zeile. Dieser schrieb auf ein Blatt: „Reichthum schändet nicht. Paul Lindau." (Philosophie.) Ein englischer Soldat, der zum erstell Mal ein Feuergefecht mitmachte, vollzog plötzlich eine Bewegung nach rückwärts. „Du bist ein elender Feigling!" rief ihm einer seiner Gefährten zu. „Möglich erwiderte der Netirirende, „allein ich ziehe es vor, 5 Minuten lang ein Feigling zu sein, als mein ganzes Leben hindurch — ein Leichnam." (Glückliche Familie.) Die „MecklenburgerZig." veröffentlicht folgende Familisn- nachricht: „Die Verlobung unserer Tochter Luise mit dem Herrn Ludwig Notemann in Berlin beehren wir uns hierdurch anzuzeigen. Schwerin, den 1. Januar 1883. Schleifer H. Conze und Frau. Dat is de Letzt von dat half Dutzend." (Aus der Weihn nchts woche.) Stoßseufzer eines Hausherrn, der mit Nadel und Zwirn bewaffnet ist: „Meine Frau und meine Töchter haben mit den gestickten Hosenträgern und Pantoffeln so viel zu thun, daß ich mir selber die Hemdknöpf' annähen muß." *' (Entla-stung.) Richter (zu einem Studenten, der wegen nächtlichen Exzesses angeklagt ist): „Da Sie Jurist sind, ist Ihr Vergehen um so strafbarer!" — Ücuckicwus zum.-: „Dagegen muß ich als mildernden Umstand anführen, daß ich bei meinem letzten Examen durch gefallen bin, man mir also doch nicht Rechtskenntniß vorwerfen kann." (Triftiger Grund.) „Was ist denn das den ganzen Tag für ein einsames Gepfeife?" — Gefreiter: „Entschuldigen, Herr Lieutenant, die Mannschaft muß für die Menage Wecke schneiden, dazu muß man pfeifen lassen, sonst fressen sie 8ie Hälfte davon weg." (Das Lebensglück des Herrn Schnelzle.) Schnelzle (wehmüthig): „Ich habe auch einmal mein Lebeusglück mit Füßen getreten. Ich konnt' ein Mädchen haben, schön, häuslich, klug, mit 50,000 Thalern. (Mit gesteigertem Pathos:) Sie mochte mich aber nicht!" Für die Redaktion verantwortlich Alphous Planer in Augsburg. — Druck und Verlag dcs Literarischen Instituts von Or. Max Huttler. »ur „Äugsliilrgcc PostMnng." Nr. 8. Samstag, 27. Januar 1883 . Jörg von Mslderk. Eine Erzählung aus dem fünfzehnten Jahrhundert von F. Schenk. (Fortsetzung.) IV. König LadiSlaw von Ungarn hatte das zum Kampfe gegen Murad II. zusammen» gezogene Christen-Heer in der Nähe von Ofen an der Donau aufgestellt. Von hier aus rückte dasselbe in drei Kolonnen, unter dem König, unter Georg Kastriota und dem Woywoden Hunyad, Donau abwärts. Die österreichischen, bayerischen und tiroler Ritter mit ihren Reisigen, waren der Kolonne des Woywoden zugetheilt und zogen an der Save gegen Belgrad. Zwischen Gradiska und Brod stieß die Kolonne auf eine größere Abtheilung des türkischen Heeres, welche sich ihr kühn entgegen warf. Es entspann sich ein wüthender Kampf dessen glücklicher Ausgang für die Christen lediglich dem rechtzeitigen, geschickten Eingreifen der Deutschen und ihren gewaltigen Streichen zu danken war. Jörg von Waldeck verfolgte mit einigen Rittern eine an die Save sich zurückziehende feindliche Abtheilung, da verhinderten zahlreiche weite und mit Schlamm gefüllte Gräben jede weitere Verfolgung. Dieses gewahrend, wandten sich die türkischen Bogenschützen und Ritter Jörg, einer der vordersten Kämpfer sank, von einem Pfeile getroffen, bewußtlos vom Rosse. Nur ein kleiner Theil dieser verfolgenden Abtheilung konnte sich noch durch die Flucht retten, da die Schützen, welche die maskirten Graben-Uebergänge kannten, rasch vordrangen. Die Verwundeten wurden als Gefangene in die nahe Festung Brod geschleppt oder auf Ochsengespannen dahin gefahren. Unter den letzteren befand sich Jörg von Waldeck, welchem die Pfeilspitze unter der Achselhöhle in die Brust gedrungen war und einen großen Blutverlust zur Folge hatte. Wenige Wochen nach dem Kampfe an der Save bewegte sich ein Zug gefangener christlicher Streiter durch das felsige Narentathal der Festung Mostar zu. Schwerverwundete oder vom Blutverlust Ermattete wurden gefahren und lagen gebunden auf Stroh. Leicht Verwundete aber, welche noch gehen konnten, wurden von ihren rohen Wächtern mit Peitschenhieben vorwärts getrieben. Als der Zug über eine hohe, gewölbte Brücke ging, sah man die gewaltigen Mauern und Thürme der Festung, dahinter das tiefblaue adriatische Meer, in welches sich unterhalb Mostar die Narcnta ergoß. Jörg seufzte beim Anblicke seines künftigen Gefängnisses tief auf. O, wüßte die theure Agatha in welchem Zustande der geliebte Waldeckcr und wo sich derselbe befand l Endlich kamen die Unglücklichen über die Zugbrücke in die Festung. Die Reisigen wurden in die Kaffematten vertheilt, während die Ritter in den feuchten und schmutzigen gewölbten Thurmgefängnissen, zu welchen nur wenig Luft und Tageslicht gelangen konnte, eingeschlossen wurden. Dort nahm man ihnen die Rüstungen ab und ließ ihnen nur das Hemd am Leibe. Ritter Jörg lag. vom großen Blutverluste geschwächt, gemartert von den Schmerzen, welche die tiefe Wunde in der Brust verursachten, auf seinem mit faulendem Stroh gefüllten Bette. An seinem Halse und an den Handgelenken waren Eisenringe befestiget und diese mit Ketten verbunden, so daß dem Armen nur wenig Bewegung gestattet war. Die Füße wurden durch zwei Oeffnungen in dem Fußbrette der Bettlade gezogen und waren ebenfalls mit durch eine Kette verbundene Ringe gefesselt, so daß sich der Gefangene nicht ohne Hilfe eines Andern aus dem Bette entfernen konnte. Neben der Bettlade stand auf einer Bank ein Krug mit Wasser, daneben lag ein erweichter Laib schwarzen, schimmligen Brodes. Die Schwäche des Gefangenen hatte in Folge des Transportes und der rohen Behandlung während desselben, dann durch das Wundfieber derart zugenommen, daß derselbe häufig das Bewußtsein verloren. Wenn er dann wieder zur Besinnung kam, stöhnte er vor Schmerz, nahm das in's Hemd versteckte Amulet mit dem Bildnisse der schmerzhaften Gottesmutter, welches ihm Agatha mitgegeben hatte, hervor und führte dasselbe inbrünstig an seine zitternden, blaßen Lippen. Dann verbarg er es wieder sorgfältig, denn es war nicht nur ein unendlich liebes, theures, sondern auch ein sehr werthvolles, kunstvoll gearbeitetes und gemaltes Kleinod. Jetzt trat der Thurmwärter Ibrahim in den Kerker. Dieser, ein bejahrter, finsterer Mann, mit langem weißen Vollbarte, auf dem kahlen Haupte den schmutzigen rothen Turban. Dessen langer und weiter, farbiger Kastan war durch einen Gürtel um den Leib befestigt, in welche,» ein langer Dolch stack. Ibrahim brachte eine mit Wasser gefüllte Schüssel, in der einige Blätter des Wunden-Krautes lagen, dann Leinwand stücke, um die Wunde des Gefangenen auszuwaschen und die Blätter einzulegen. Die verwundeten christlichen Ritter suchte man schon um des Lösegeldes zu erhalten und Ibrahim hatte sich in den vielen Jahren seiner Verwendung als Wärter der Gefängnißthürme durch Pflege der Verwundeten eine gewisse Fertigkeit in der Behandlung und Heilung von Wunden erworben. Das Alter hatte den sonst gefürchteten fanatischen Mann umgewandelt und milder gestimmt. Körperliche Gebrechen, insbesondere Folgen von früheren Verwundungen in den Kriegen unter Sultan Bijazet und seinem kühnen Vorgänger Murad I. flößten ihm einiges Mitleiden mit den Gefangenen ein; doch hatte er für Keinen einen freundlichen Blick, einen Gruß. Allmählig besserte sich der Zustand unsers Ritters, so daß er, nachdem Ibrahim die Fnßsesseln gelöst hatte, mit Benützung zweier Stöcke einige Schritte in seinen: Kerker zu gehen vermochte. Thränen füllten seine Augen, als er sich dem Fenster nahte, durch welches eine erquickende Luft hereinströmte in das feuchte, dumpfe Gefängniß. — Eines Tages, nachdem Ritter Jörg schon einige Stunden außerhalb seines Lagers zubringen konnte, zog ivieder ein wohlthätiger Luftstrom in den Kerker. Draußen sangen die freien Vögel ihre Lieder und hie und da setzte sich ein Nothkelchen oder eine Schwalbe auf die Fensterbank zwischen den starken Gitterstangen und schauten den armen Gefangenen mitleidig an oder sangen und zwitscherte» ihm unverständliche Grüße oder Wünsche zu. Da zog dann ein namenloses Sehnen in des Ritters Herz, er faltete die Hände und zum tiefblauen Sominerhimmel hinaus blickend, rief er tief bewegt: „O Heimath! — Meine theure Agatha! — Wüßtest Du, was Dein treuer Jörg gelitten hat und noch leibet — und welches herbe, vielleicht schauerliche Loos ihm noch bevorstehen wird!" — Nicht ohne Anstrengung kniete er dann nieder und indem zahlreiche, heiße Thränen üder die blaßen, eingefallenen Wangen in den langen Bart rannen, betete er aus tiefstem Herzensgründe zu Gott um baldigen Tod oder um Rettung und Erlösung, um glückliche Heimkehr zur trostlosen Gattin. Erleichterten Herzen erhob sich Jörg mühsam von dem harten, feuchten Steinpflaster und gelobte, falls ihn der liebe 59 Gott glücklich zu den Seimgen gelangen lassen sollte, drei Kirchlein zu bauen, zu Ehren. Maria's der Mutter des Erlösers, St. Georgs und St. Agathens. Wieder hatte der Ritter an einem Morgen auf seinem Lager sein Leben dem Allmächtigen empfohlen und für die treue Gattin gebetet. Noch waren die Augen miL Thränen gefüllt, die Hände über der Brust gefaltet, als die Kerkerthüre geöffnet wurde und statt des alten, schweigenden Ibrahim, ein weibliches Wesen im Gewände der türkischen Dienerinnen aus der Schwelle erschien. Es war Selima, des Gefängnißmeisters vertraute Sklavin, welche, falls dieser erkrankte, die bessere» Gefangenen versorgen mußte. Sie hatte durch eine Thürspalte den Betenden beobachtet und als dieser sich bekreuzte, da trat auch in ihr Ange eine Thräne, die sie jedoch verwischte, ehe sie eintrat. — Des Mädchens ernste, doch wohlwollende Züge, ihr dunkles, (einstens wohl liebe» glühendes) Auge, die ganze Erscheinung flößte dem Ritter sofort Vertrauen ein. Selima stellte die Schüssel mit der aus gekochtem Reis bestehenden Morgensuppe auf die Bank, nahm Brod und — was Ritter Jörg noch niemals erhalten hatte, süßeS Obst aus der Tasche und legte es neben die Schüssel, dann entfernte sie sich aus dem Kerker. — Hatte schon das inbrünstige Gebet heilenden Balsam in des Gefangenen wundes Herz geträufelt, so überkam ihn diesem Mädchen gegenüber ein beruhigendes Gefühl. Es that ihm so wohl, statt des ernsten, schweigenden Ibrahim, ein wie es schien theilnehmendes Wesen zu schauen. Wie der finstern, Grauen erregenden Nacht, der schöne, helle, hoff-, nungsvvlle Tag folgt, so freundlich erschien dem Ritter diese Frauengestalt gegenüber dem düsteren Gefängnißwärter. — Je öfter Selima in den Kerker trat, desto theiluehmender zeigte sie sich. Aber, wie schwer wurde es dem Gefangenen, welcher der türkischen Sprache unkundig war, sich. dem Mädchen verständlich zu machen! — Da redete ihn Selima eines Tages in italienischer Sprache an. Welche Freude für den Armen! Jörg war als Schirmherr des Chorherrnstiftes Schliers schon einigemale nach Südtirol, wo das Stift Weinberge besaß, gekommen und hatte von da aus Verwandte am Gardasee besucht, bei welchen er als Knabe oft monatelang verweilen durste und dort die italienische Sprache erlernte. Nun konnte er sich seiner wohlwollenden Wärterin verständlich machen, ihr sein Sehnen nach der treuen Agatha klagen und wenn das Mädchen ihm Muth und Ausdauer rieth und nur die leiseste Anspielung auf eine mögliche Rettung machte, da dankte der Ritter dem Allmächtigen für diesen beseeligenden Hoffnungsstrahl. Selima hatte bei dem so häufig von Gicht geplagten, an seine Wohnung gefesselten Ibrahim durchzusetzen gewußt, daß der von Blutverlust und Schmerzen so sehr geschwächte blonde Ritter den unter seinem Kerkerthurme befindlichen kleinen Garten des Wärters besuchen durfte. Ibrahim hatte dem Mädchen nur den Auftrag gegeben, dem Gefangenen die Fuß- und Handschellen nicht abzunehmen, damit ihm jede Hoffnung zur Flucht genommen werde. Da saß der dankbare Waldecker manche Stunde in der schattigen Weinlaube, welche m einer Ecke der Festungsmauer angelegt war. Von Zeit zu Zeit besuchte ihn Selima und brachte, obwohl es ihr strenge untersagt war, ein Krüglein stärkenden Weines mit, welchen sie sich in der Stadt von Bekannten zu verschaffen wußte. Die Pflege des geduldigen Ritters, der dem Mädchen für jede Gefälligkeit innig dankte, den sie häufig im frommen Gebete belauscht hatte, dessen Thränen ihrem guten Herzen selbst bitteres Weh bereiteten, war ihr zur Lieblingsbeschäftigung geworden. —> Gleichwohl sann sie auf die baldige Rettung und hoffte durch dieselbe, als die Befreiung eines Glaubensgenossen, die Gewissensbisse wegen ihres, freilich erznrungenen Uebsrtrittes zum »lohamedanischen Glauben, zum Schweigen zu bringen. Eines Nachmittags saß der Ritter wieder in der Weinlaube und blickte durch die 60 schmale Oeffnung der Mauer hinaus in die blaue See, deren Rauschen den schwachen Gefangenen so oft in kurzen, aber süßen Schlummer gewiegt hatte. Träumend saß Jörg auf der Steinbank und dachte an die heimathliche Burg, an den kleinen Schliersee, — ein Tropfen Wasser gegen das nahe Meer —, dachte an Agatha! Da nahte Selima und setzte sich neben dem Ritter zu dessen Füßen nieder. „Selima!" sprach dieser, „Du versprachst mir wiederholt, Deine Lebensgeschichte zu erzählen. „Willst Du eS heute thun, ich sehne mich sie zu kennen!« Selima antwortete: „Wenn ich nicht wüßte, daß Du ein christlicher Ritter bist und, wenn mir nicht Deine thränenfeuchten Augen so oft gesagt Hütten, daß in Deiner Brust ein warmes Herz für Deine Heimath schlägt, ich würde die trübe Zeit nicht mehr in's Gedächtniß zurückrufen, die mich für immer von der unvergeßlichen Heimath, von, schönen Venedig trennte! —« „Also Venedig, das stolze, ist Deine Heimath!« rief der Ritter. „Dann warst Du eine Christin, Selime?« „Ich war eine Christin!« erwiderte diese. „Höre weiter! Mein Vater war Kaufmann und handelte in Seidenwaarren. Meine Mutter überlebte meine Geburt nur wenige Wochen. Ich erhielt in der Taufe den Namen Luzia. Zwölf Jahre durfte ich Italiens ewig blaue» Himmel schauen, der Heimath stärkende Meeresluft athmen und mit lieben Gespielinnen die Kinderjahre verträumen. — Da mußte mein Vater eines Tages in Geschäften zu einem Freunde, welcher in einem wenige Stunden entfernten Städtchen wohnte. Es war meine erste Reise. O, wie freute ich mich, als wir in der Morgenblüthe durch einen kleinen, aber lieblichen Pinien- Hain, nahe am Meeresufer dahin fuhren. — Ich ahnte nicht, daß dieser Tag der trübste, der schmerzlichste meines Lebens werden sollte, daß ich in diesem Haine den theuren Vater und die Freiheit verlieren würde!« — Das Mädchen schwieg und trocknete die Thränen, welche ihren dunklen Augen entquollen. — Der Ritter sah sie theilnehmend au, und seufzte: „Arme Selime! So jung noch und Du mußtest schon so Bitteres erfahren!« Diese fuhr fort: „Nachdem der Vater seine Geschäfte beendet und eine ziemlich große Geldsumme eingenommen hatte, ließ er sich von dem Freunde bereden, die Rückfahrt nach Venedig wegen der großen Hitze auf den Abend zu verschieben. Es war schon ziemlich dunkel, als wir den Hain erreichten. Die Pferde mußten des ansteigenden Weges halber, im Schritte gehen. Plötzlich hörten wir einen schrillen Pfiff und gleich darauf eilten zwei bewaffnete Männer auf unseren Wagen zu. — Mein Vater griff nach seinem Dolch und wollte noch die in einer Tasche befindliche Geldsumme verbergen, als er von rückwärts einen Dolchstich erhielt, auf welchen er sofort zusammensank und aus dem, Wagen taumelte. Ich schrie wild auf und sprang aus dem Wagen, um nach dem armen Vater zu sehen. Da hob mich einer der Räuber auf und trug mich an das nahe Meeresufer in ein kleines Schiff. Ich verlor nun das Bewußtsein!- Als ich wieder zur Besinnung kam", fuhr Sekiine nach kurzer Pause fort, „befand ich mich auf hoher See in einem Piratenschiffe, umgeben von wilden Gestalten. Ei» alter Mann mit wettergebräuntem Gesichte, aber gutmüthigem Ausdrucke tröstete mich, denn ich fühlte schreckliches Heimweh und Sehnen nach dem Vater und weinte bitterlich. Er gab mir zu Essen und zu Trinken und sagte mir, es werde mir da gewiß gefallen, wohin sie mich führen. Mir war's, als wären wir Monate gefahren, als wir an Inseln vorüber in die Mündung dieses Flusses, der Norenta, einbogen. Bald erblickte ich die finsteren Thürme und Mauern über der Stadt und als mir der Alke — Stephane nannten ihn die Räuber — sagte, daß wir am Ziele der Fahrt seien, da überkam M wieder namenloser Schmerz. Wir ankerten mitten im Flusse, dann kam ein Schiffchen vom belebten Ufer. Ich mußte in das Fahrzeug steigen und Stephans ruderte mich hinüber. Kaum hatte ich den Fuß an'S Land gesetzt, als ein Türke in besserer Kleidung sich durch die Neugierigen drängte. Es war Ibrahim. Er war damals, wenn auch schon in den Fünfziger», noch ein rüstiger Mann. Dieser gab dem Stephans, den er zu kennen schien, eine Börse, dann blickte er mich freundlich an und nahm mich bei der Hand. Stephans aber sagte: Sieh, Luzia, dieser Mann ist nun Dein Vater und Freund, folge ihm vertrauensvoll. Seit zwanzig Jahren bin ich die Sklavin Jbrahiin's und kann nicht klagen über harte, unliebe Behandlung. Ich genieße sein Vertrauen seit vielen Jahren und ohne dieses Hütte ich niemals Deinen Kerker betreten dürfen, edler Ritter. Ich durfte noch keinen Gefangenen bedienen; erst seit Jbrahiin's Leiden ihn an die Stube fesselt, darf ich Dich, für den er hohes Lösegeld erwartet, pflegen." Seliina erhob sich und ging, um bei dem kranken Ibrahim nachzusehen. (Fortsetzung solgt.) Gokdkörrrer. Der Neid ist die Becschwisternng mehrerer Untugenden zu einem einzigen Hauptlaster: er trügt zu gleicher Zeit die Abschentichkeit der ungenügsamen Habsucht, des Stolzes, der Menschenfeindlichkeit. Er verwüstet nicht imr die Lebensruhe Dessen, in dem er wohnt, sondern er lechzet auch noch Zerstörung fremden Glückes. Seins Kinder sind die Schadensrende, die Verleumdung, die Ungerechtigkeit, die Heuchelei, der Haß. Neid ist Unzufriedenheit über Begünstigungen und Borzüge, die man nicht hat, ein Streben, sie Dem zu rauben, der sie besitzt, um sie sich selbst zuzueignen oder auch nur, sie an Andern zu zerstören, wenn man zu ihrem Besitz nicht gelangen kann. Zschokke. Es gibt eine Höflichkeit des Herzens: sie ist der Liebe verwandt. Aus ihr entspringt die bequemste Höflichkeit des nutzeren B.tragens. Goethe. Verstand ist stets bei Wen'gen nur gewesen: Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen. Schiller. Wer gute Menschen liebt, kaun iveuigsteus nicht ganz verdorben sein. Lessing. Das, was Dein Aug' an Andern sah, Wird Andern nicht an Dir entgeh'»- Tiedge. Laß die Sonderlings mit Frieden, Menschentroß! Denn es wäre doch wahrlich sonderbar, wenn das Dornengebüsch mit den Eichenstämmen rechten wollte, daß sie einen festen, selbständigen Wuchs himmelan treiben. Benzel - Sternau. Unser Lebensweg steht auf beiden Seite» so voll Bäumchen und Ruhebänke«, daß ich mich wundere, wenn Einer müde wird. Jean Pauk. Freund! Bewahre Deinen Himmel Bor dem Dunst der Leidenschaften. Herder. Leben ist ein Gewebe von Traumen, Fröhlichen leicht, Betrübten schwer. K. Schmidt. Schönheit ist ein mißlich Geschick. Sie machet den Liebling Eitel, und wenn sie entflieht, macht sie ihn traurig und leer. Herder. Witz als Werkzeug der Rache, ist so schändlich als die Knust als Mittel des Sinnenkitzels. Schlegel. Zm- Erinnerung arr NadetzN). (Aus dem Wiener Vaterland.) Am^18. Januar 1898 bewegte sich ein langer Tranerzug, vom Arsenale kommend, nach der Stadt zur St. Stephanskirche. Es war das Leichenbegängniß des Feldmarschalls Nadetzky. Am 5. Januar war der berühmte Feldherr im 94. Jahre seines Alters in der Villa Reale in Mailand gestorben und nachdem man erst in Mailand, dann auf der Durchreise in Venedig und Trieft große Leichenfeierlichkeiten abgehalten hatte, wurde die 62 entseelte Hülle nach Wien gebracht, um von da zur Beerdigung auf dein Heldenberge in Wetzdorf iveiterbefördert zu werden. Was Nadetzky in trüber, sorgenschwerer Zeit für Kaiser und Vaterland gethan, ist Allen bekannt; aber wie es Erinnerungstage im Leben der Einzelnen gibt, wo man mit besonderer Innigkeit theuerer Verstorbener gedenkt, so ist der Tag, an dem es ein Vierteljahrhundert wird, daß die sterblichen lleberreste des Feldmarschalls nach Wien gebracht wurden, wohl geeignet, der Verdienste, die er sich erworben, lebhafter noch als sonst zu gedenken. Am 2. November 1766 erblickte Nadetzky in Trzebniz in Böhmen das Licht der Welt; aus einer altadeligen gräflichen Familie entsprossen, trat er als Cadet in ein ungarisches Kürassierregiment und machte 1788 bis 1789 als Oberlieutenant den Feldzug gegen die Türken mit, wo er sich vor Belgrad die ersten Lorbeern errang. In der kriegerischen Zeit, die nun folgte, nahm er an den Kämpfen gegen die Franzosen Theil und zeichnete sich namentlich in der Schlacht bei Leipzig aus, wo er und Langen«» Generaladjutauten des Generalissimus Schwarzenberg waren. Im Jahre 1831 wurde er Oberbefehlshaber der österreichischen Truppen in Italien und im Jahre 1836 ward er zum Feldmarschall ernannt. Wie viele Proben seines Genies und Muthes er auch bis dahin gegeben, so war es ihm doch vorbehalten, in einem Alter, wo Andere, von dem errungenen Ruhme zehrend, ihre physischen und geistigen Kräfte schwinden sehen, die höchsten Triumphe zu feiern. Als die Revolution im März 1848 in Mailand aus- brach, war Nadetzky vierundachzig Jahre alt; allein die Energie, mit welcher er handelte und ein ihm weit überlegenes Heer inmitten eines aufständischen Landes besiegte, zeigte ihn nicht als Greis, sondern als vollkräftigen Mann. Die herrlichen Waffenthaten der Jahre 1848 und 1849 sind unverwelkliche Lorbeerblätter in der Geschichte Oesterreichs. Santa Luoia, Sommacampagna, Custozza und Novara sind Namen, welche die Brust eines jeden Oesterreichers mit Stolz erfüllen dürfen, und mag immerhin ein Gefüht der Wehmuth uns jetzt bei der Erinnerung daran beschleichen, die Proben von Tapferkeit und Aufopferung, welche uirsere Truppen, angeführt von „Vater Nadetzky", gaben, dürfen nicht der Vergessenheit überlassen werden. Am 23. März 1848 hatte Nadetzky Mailand, in welchem die Revolution herrschte, geräumt, und ein Jahr später, genau an demselben Tage, gewann er die Schlacht bei Novara, die dem Kriege mit Sardinien ein Ende machte. Ebenso bekannt wie die Schlachten, welche Nadetzky gewann, sind die Milde und Großmuth, die der edle Sieger, jedes unnütze Blutvergießen vermeidend, den Unterworfenen angedeihen ließ. Nach dem Friedensschlüsse wurde er zum Generalgouverneur des lombardo-vene- tianischen Königreiches ernannt und erst am 29. Februar 1857 auf sein eigenes Ansuchen jn den Ruhestand versetzt. Nicht ganz ein Jahr später starb er an den Folgen eines Beinbruches, den er sich durch einen Fall im Zimmer zuzog. Sein berühmter Vorgänger, Prinz Eugen von Savoyen, diente unter drei Kaisern, Nadetzky unter fünf Monarchen. Geboren unter der Regierung Maria Theresia's, focht er unter Kaiser Joseph II. gegen den Erbfeind Oesterreich's, gegen die Türken; unter Leopold II. und Franz I. nahin er an den Franzosenkriegen den rühmlichsten Antheil; unter Ferdinand dein Gütigen bewältigte er die Revolution in Italien und unter Kaiser Franz Joseph 1. erfocht er den glänzendsten Sieg über Karl Albert von Sardinien. Zum Generalgouverneur des lombardo-venetianischen Königreiches ernannt, stellte er in dem unterwühlten Lande Ruhe und Ordnung wieder her. Die Monarchen, in deren Diensten er so Großes und Herrliches leistete, ließen es an Beweisen der Huld und Anerkennung nicht fehlen und als Nadetzky im Herbste 1849 in Wien war, wetteiferten Kaiser und Volk, ihn auf jede Weise auszuzeichnen. So wurde während seiner Anwesenheit „Wallenstein's Lager" im Burgtheater ausgeführt und die Volkshymne zu Ehren des Feldmarschalls gesungen. 63 Man feierte in ihm nicht nur den siegreichen Feldherrn, sondern liebte ihn auch wegen seiner Herzensgüte. Mit wahrhaft väterlicher Liebe sorgte er für seine Soldaten, die ihn deshalb auch „Vater Nadetzky" nannten. Seine Leiche wurde nach Wetzdorf überführt, wo er auf Parkfrieder's Heldenberg beigesetzt wurde und ein herrliches Mausoleum erhebt sich nun über die Stätte, wo der große Feldherr ruht. Se. Majestät der Kaiser Franz Joseph wünschte, daß Der, welcher ihm so glorreich gedient, auf einer kaiserlichen Besitzung ruhe; da er aber den Willen des Verstorbenen ehrte und ihn demzufolge aus dem von Herrn Parkflieder zu Ehren berühmter Oesterreicher errichteten Heldenberge begraben ließ, so gedachte er denselben durch Kauf an sich zu bringen. Herr Parkfrieder, dem dieser Besitz um kein Geld der Erde feil gewesen wäre, bat den Kaiser, den Heldenberg mit allen seine» patriotischen Denkmälern als Geschenk annehmen zu wollen. Während ein einfacher Privatmann sich durch diesen schönen Zug des Patriotismus ein unvergängliches Denkmal setzte, kann es nur unser schmerzliches Erstaunen erregen, daß die Hauptstadt des Reiches bis jetzt unterließ, die Pflicht der Dankbarkeit zu erfüllen, indem sie dein Feldmarschall Nadetzky ein Denkmal setzte. Wir dächten, der Sieger von Novara hätte darauf nicht minderen Anspruch als die Sieger von Zenta, Aspern und Leipzig. Wir sollten stolz darauf sein, diesen De kmälern noch eines hinzufügen zu dürfen, das uns vielleicht dadurch noch werther wäre, weil noch so Viele leben, denen der Name Nadetzky in stnrmbewegter Zeit Trost und Muth einflößte. Unsere Zeit, die sonst so eifrig bestrebt ist, berühmte Verstorbene durch Denkmäler zu feiern, sollte den würdigsten Anlaß, der sich ihr hier bietet, unbeachtet lassen? Alle Dichter Oesterreichs haben in edlem Wetteifer den Helden von Novara gefeiert und wir meinen diesen kurzen Nachruf, den wir seinem Andenken gewidmet haben, nicht besser schließen zu kennen, als indem wir die schönen Verse Deinhardstein's anführen, mit welchen der Dichter uns ein so tref- tendes Bild von des Feldmarschalls Wesen liefert: „Für Nccht und Pflicht das Schwert gezückt, Den Blick zum Himmel nnvcrrüctt, Beschützend mit der Heldenhand Den Kaiser und das Vaterland; Das Herz an Menschenliebe reich, Ein Kriegs- und Friedcnsfürst zugleich; Im Handeln stark, im Ltraien mild, Das ist — Nadetzky's Lebensbild. II. V. M i s e s l L e rr. (Die junge Königin von Holland) führt, wie man aus Haag schreibt, mit ihrem hohen Gemahl das harmonischste Familienleben. Die jugendliche Fürstin liebt aber außer ihrem Gemahl noch die schönen Künste und hat es namentlich in der Malerei zu einer bewundernswerthen Fertigkeit gebracht. — So überraschte sie den König zum Weihnachtsfeste mit einem prachtvollen — von ihr eigenhändig gemalten — Porzellan- Service. Der hohe Herr war von dieser unerwarteten Gabe so entzückt, daß er des Dankes kein Ende wußte und noch am selbem Abend seinem vertrauten Kammerdiener die Sorge für das künstlerische Geschenk auf die Seele band. „Dieses Service," sagte er, „ist für mich das köstlichste Kleinod unter allen Kunstschätzen, welche ich besitze, und mein königlicher Zorn wird unerbittlich jeden treffen, der mir etivas davon zerbricht. Der Unglückliche wäre sofort entlassen." Es vergingen einige Tage, und eines Morgens erbat sich mit bestürzter Miene der Kammerdiener eine Audienz bei der Königin, um ihr zu berichten, daß er das Unglück gehabt habe, von dem kostbaren Service die Zuckerschale zu zerbrechen, und daß er nun fürchte, vom Souverän? sofort entlassen zu werden» Huldvoll indeß wußte ihn die junge Fürstin zu tdösten und befahl dem geängstigten Dtener, ihr ein Fläschcheu jenes flüssigen Leimes zu bringen, das in Frankreich unter dem tröstenden Namen „ne zKenros-xlus''' bekannt ist. Die Königin wußte mit großer Geschicklichkeit die zerbrochene Dose wieder zusammenzufügen, und so paradirte sie noch am nämlichen Morgen auf dem fürstlichen Frühstückstisch. Der König trank seinen Souchongthee» als plötzlich seine Gemahlin sich erhob, die geleimt« Zuckerdose in die Hand nahm und sie mit allen Zeichen tiefsten Erschreckens zu Boden fallen ließ. „Majestät," sagte die Königin, auf die Scherben der kostbaren Schale deutend, „Majestät, bin ich nun auch meines AmtcS entlassen?" — „O," sagte der König, verständnißinnig lächelnd, Sie sind ein Engel — ns pleures-plem! (Eine Symphonie von Richard Wagner.) Am heiligen Abend wurde zur Grburtstagfeier von Frau Cosima Wagner im Hause des Componisten in Venedig eine Symphonie aufgeführt, welche Wagner vor 50 Jahren componirt hatte. Wagner nennt in einem Briefe an das Leipziger „Musikalische Wochenblatt" diese Symphonie ein «altmodisches Judenwerk", das zwar einige contrapunktische Sicherheit und Selbst- ständigkeit in der Verarbeitung der Themen zeige, ohne die drastisch feste Formenfassung seiner großen symphonischen Vorbilder Mozart und Beethoven aus dem Auge zu verlieren. Die Symphonie wurde zuerst in Leipzig aufgeführt, und Heinrich Laube» der sich damals „mit Aufsehen schriftstellernd in Leipzig" aufhielt, lobte das Werk in seiner „Zeitung für die elegante Welt". Ueber Mendelssohn ist Wagner auch in diesem Briefe nicht gut zu sprechen. Wagner, der damals 19 Jahre zählte, überreichte sein symphonisches Werk dem berühmten Tondichter, welcher ihm gar kein Wort darüber sagte. „Im Laufe der Jahre," erzählte Wagner, „führten mich meine Wege oft wieder mit Mendelssohn zusammen; wir sahen uns, speisten, ja musicirten einmal in Leipzig mit einander; er assistirte einer ersten Aufführung meines „Fliegenden Holländer" in Berlin und fand, daß, da die Oper doch eigentlich nicht ganz durchgesallen war, ich mit dem Erfolge zufrieden sein könnte; auch bei Gelegenheit einer Aufführung des „Tannhäuser" in Dresden äußerte er» daß ihm ein canonischer Einsatz im Adagio des zweiten Finales gut gefallen hätte. Nur von meiner Symphonie kam nie eine Sylbe über seine Lippe." (Umschreibung.) Nechtsanwalt: „Ihr leugnet also gar nicht, den Kläger geschlagen zu haben; könnt Ihr denn nichts zu Eurer Entschuldigung anführen!" — Klient: „Ei freilich, Herr Rechtsanwalt! Sehen Sie, wir haben in unserem Dorfe gerade Kirmes, und da bin ich die ganze Woche hindurch in mildernden Umständen gewesen." (Weiberneid.) Die Kinderlose ist der mit Kindern Gesegneten neidig, weil man die Unfruchtbaren, als guasi „unnütz," verachtet und die mit Kindern Gesegnete beneidet die Kinderlose, weil es diese „so schön" hat. — Die „alte Jungfer" aber beneidet Beide, weil sie Männer haben! (Kompliment.) „Ich habe immer gefunden," sagte ein ziemlich einfältiger, aber eingebildeter Mensch, „daß, je weniger Jemand weiß, er desto glücklicher ist." — „Da gratuliere ich Ihnen", bemerkte der Andere, „denn dann müssen Sie sehr glücklich sein." (Ein Prinzipienman n.) Der Professor Silbenstecher hat sich ohne Verlobung verheirathet, weil er's als Philologe nicht über's Herz bringen konnte, sich zu — versprechen. (Viel Lärm um nichts.) „Was geschieht denn der« Sau, daß gar a so schreit?" — »Nix g'schieht ihr, abstachen wird's." (Ehrlich.) Donnerwetter! Der Rock geht aber ausgezeichnet! Wie heißt Dein. Schneider? — Sag ich nicht — kann meinen Schneider allein ruiniren. Räthsel-Aufgabe. (Vorstehende zwölf Buchstaben sind so zu gruppiren, daß sie die vier Seiten eines Quadrates vildeud, sieden verschiedene Wörter ergeben.) Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag dezi Literarischen Instituts von Dr. Max. Huttler. zur -4 Nr. 9 Mittwoch, 31. Januar L883. Jörg von Mrilderk. Eine Erzählung aus dem fünfzehnten Jahrhundert von F. Schenk. (Fortsetzung.) V. Es war um die fünfte Nachmittagsstunde des Laurenzitages. Ein wolkenloser Himmel wölbte sich über dem schönen Schliersthale und spiegelte sich und die malerischen Berge und Wälder in der klaren Seefläche. In der schattigen Laube des Jägerhauses auf der Halbinsel saßen vier Personen. Frau Agatha von Waldeck, die edle Wittwe von Pienzenau, Pater Raimund von Schliers und Probst Christian von Weyarn, welcher zur Erhöhung der heutigen Kirchenfeierlichkeit in Schliers eingetroffen und in der Waldecker Burg zu Gast geladen war. Nachmittags begleiteten die Geistlichen die Herrschaften auf die Halbinsel, wo dieselben mit Wein und kaltem Wildpret bewirthet wurden, während die Frauen ihren gewöhnlichen Nachmittagsimbiß, kalte Milch, zu sich nahmen. Pater Raimund hatte von dem im Jahre 1346 stattgehabten Brande des Stiftsgebäudes und der Kirche zu Schliers erzählt. Da gedachte der Weyarner Probst der Verdienste des verlebten Ritters Georg von Waldeck für sein Stift und betonte, daß Weyarn seinen Bemühungen und seinem hohen Ansehen die Einverleibung der Pfarrei Neukirchen zum Stifte Weyarn zu danken habe, denn das Kloster sei in Folge von Brandunglücken gänzlich verarmt. „O, erzählet doch!" bat Agatha. „Ich höre gerne von dem seligen Schwiegervater. Er war ein treuer, gewissenhafter Schirmherr ves hiesigen Stiftes, ein Freund der armen Klöster und ein thätiger Verehrer seines heiligen Namenspatrons, denn ihm zu Ehren erbaute er um 1350 das Kirchlein auf dem Weinberge, wo ich oft für sein Seelenheil mit meinem armen Jörg betete. — Noch jetzt ist mir das stille Gotteshaus ein Lieblingsaufcnthalt, den ich niemals ohne Trost und Hoffnung verlasseI" — Probst Christian begann nach einer kleinen Pause: „Ich muß um Nachsicht bitten, wenn ich eines wichtigen Ereignisses wegen, in meiner Erzählung in die Zeit des ersten Brandes in Weyarn zurückkomme. Die Folgen des ersten Brandes sind ja die Ursache des völligen Zusammensturzes der Klostermauern bei dem zweiten Brande und der gänzlichen Verarmung des Stiftes, welcher nur durch Einverleibung einer größeren Pfarrei einigermaßen entgegengetreten werden konnte. Es war im Herbste des Jahres 1236 als in dem nördlichen Flügel des Convent- gebäudes Feuer ausbrach und den größten Theil des Klosters zerstörte. Die Umfassungsmauern bestanden aus Kalktuff aus dem nahen Mühlthale, welches durch die große Hitze, wie in einem Ofen gebrannt wurde und seine Tragfähigkeit einbüßte. Dennoch setzte man später die neuen Umfassungswände der zerstörten oberen Gaben auf dieses Mauerwerk, ein Fehler, der sich 114 Jahre später unter Probst Albertus schrecklich rächte. 66 Hierüber erzählt uns 'Probst Heinrich, der Nachfolger des unglücklichen Albert,' Folgendes: Albert, ein frommer und gelehrter Chorherr, war im Jahre 1350 nach Conrad II, Tode von seinen Mitbrüdern zum Probst gewählt worden und erwarb sich in kurzer Zeit durch strenge Nechtlichkeit und sein versöhnendes Wesen die Liebe und Achtung seiner Untergebenen. Albert lebte, wie als Chorherr, so als Probst zurückgezogen, meist in seiner Zelle mit Arbeiten oder Studien beschäftigt, wenn ihn nicht seine Pflicht zu den Brudern rief. Oftmals saß er am offenen Fenster und schaute sinnend hinab in das malerische Thal, welches dir grüne Mangfall im raschen Laufe durchströmt; sah hinüber auf die bewaldeten steilen Uferhänge und Höhen,' oder hinab nach Nordost, wo die Zinnen der Burg des wilden Kunz von Darchingen trotzig über die Wipfel der Tannen und Buchen hervorlugten. An einem Herbstabende desselben Jahres saßen der Probst und Pater Dominikus der Kastner im eifrigen Geschäflsgespräche in des Ersteren Zelle. Der Wind, welcher den Tag über von Westen her geweht und die welken Blätter der Eschen, Ulmen und wilden Kastanienbäums an der Fronte des Conventgebäudes von den Aesten getrieben hatte, steigerte sich allmülig und wuchs endlich zum heftigsten Orkan an. Da vernahm man plötzlich den Ruf: „Feuer!" — Die beiden Mönche erhoben sich rasch von ihren Sitzen und eilten der zum Corridor führenden Thüre zu, als diese durch den Frater Pförtner rasch geöffnet wurde. „Der Nefektoriumstock und die Bibliothek brennen!" rief der bestürzte Frater. Der Probst eilte den Corridor entlang und rief: „Vrüder, helft! rettet die Urkunden, bringt die Kirchenschätze in Sicherheit!" Die Chorherrn waren aus ihren Zellen herbeigeeilt und folgten rasch den Befehlen ihres Oberen, doch vergebens! — Die hölzernen Bedachungen der Neben- und Rück- gebäude, ja selbst das Kirchenbuch, waren durch die vom Sturme getriebenen brennenden Schindeln des Nefektoriumstockes, rasch in Brand gerathen. Uebcrdieß war an ein Löschen und Netten nicht zu denken, denn bei jedem heftigen Anpralle des Sturmes stürzten Massen von Umfassungswänden ein, so daß sich Niemand ohne Lebensgefahr den brennenden Theilen nähern konnte. Die Chorherren suchten in entfernteren Hütten und Häusern Schutz. Nur Probst Albert rannte, einem Wahnsinnigen gleich, im äußeren Klosterhofe umher. Vergebens suchte ihn Pater Dominikus von dieser, durch den Brand des Kirchendaches immer gefährlicher werdenden Stelle zu entferne». — Da brach der Dachstuhl der Kirche zusammen und durchschlug das Gewölbe. Eine mächtige Feuersäule stieg zum Himmel, wurde aber sofort vom Sturme ostwärts gegen das Haus des Hofwirthes getrieben. Probst Albert sank, wie ohnmächtig zusammen. Man brachte ihn sofort in Sicher» heit, aber kaum hatte sich der Arme erholt, stürmte er wieder dem brennenden Kloster zu. Gegen Morgen des nächsten Ta.geS ließ der Sturm nach und die aufgehende Sonne beleuchtete einen rauchenden Trümmerhaufen, — die Neste des Chorherren-Stiftes Weyarn. — Probst Albert war verschwunden und selbst die sorgfältigsten Nachgrabungen in dem Steinschutte führten zu keinem Nesultate, den Unglücklichen aufzufinden." — — „Schrecklich!" — So rief nach einer Pause Anna von Pienzenau. Frau Agatha fragte: „Hat man denn gar nichts mehr von dem Aermsten gehört?" „Nichts mehr!" antwortete ernst der Probst.- Nach einer peinlichen Pause, während welcher die Sämmtlichen in Wehmuth des armen Albert gedachten, fuhr der Chorherr von Weyarn fort: Mit Hilfe der Angehörigen und Lehensleute des Klosters wurde wenigstens der Convcntstock sogleich in bewohnbaren Stand gesetzt. Inzwischen thaten edle Wohlthäter ihr Möglichstes, durch Geld und Materialsendungen die Mittel zur Wiederherstellung der Kirckie -u beschaffen. Einer der größten Wohlthäter war Georg von Waldeck, dem Gott gnädig seil — Nachdem ein halbes Jahr nach dem Brande verflossen war, wählten die Vrüder zu des unglücklichen Albert Nachfolger den thätigen und einsichtsvollen Pater Heinrich. Dieser unermüdliche Klostervorstand wird in der Chronik der zweite Stuter genannt, denn seinen Bemühungen gelang es, das Stift in einigen Jahren wieder einigermaßen brauchbar herzustellen. Aber noch fehlten Paramente, Altäre und andere nothwendige Kirchenrequisiten. Die Bibliothek war, wenige Urkunden abgerechnet, ein Raub der Flammen geworden. Die Oekonomiegebäude waren nur zur Noth rasch aufgebaut, bedurften daher einer solideren Construktion. Alle diese Bedürfnisse konnten vom armen Chorherrenstifte nicht beschafft werden und wenn auch aus Salzburg und Tegernsee, dann von nahen Augustinerklöstern manche Geschenke anlangten, so reichte das nicht aus. Probst Heinrich mußte weitere Hilfe aussinnen. — Da kam er auf den Gedanken, die Einverleibung der Pfarrei Neukirchen zu erbitten. Diesen theilte er dem bewährten Freunde seines Stiftes, dem edlen Ritter Georg von Waldeck eines Tages mit, als dieser zum Besuche nach Weyarn geritten war. Georg billigte den Plan des Probstes und versprach, bei nächstem Besuche in Freising, dem Bischöfe Paulus daselbst den Wunsch Heinrichs vorzutragen und dessen Erfüllung zu bewirken. Wenige Wochen nach dieser Unterredung, — es war im Frühling des Jahres 1371 kam Herr Georg von Waldeck wieder gen Weyarn und überbrachte dem Probste die erfreuliche Nachricht, daß ihm von dem Bischof der Rath ertheilt worden sei, die Angelegenheit wegen Neukirchen bei Sr. Heiligkeit dem Papste persönlich mit dem Probste von Weyarn vorzutragen. Er werde als Beweis seines Einverständnisses die beiden Herren von seinem Freunde, dem gelehrten Theologen I)r. Alban von Fünfkirchen begleiten lassen. Bald darauf traten die drei Männer in Begleitung von zwei Dienern des Ritters die Reise nach Avignon in Frankreich an, wo damals die Päpste residirten. Es war wohl eine beschwerliche Reise in damaliger Zeit, durch Schwaben an den Genfersee und auf der Rhone abwärts nach Lyon und Avignon! Papst Gregorius XI. willfahrte den demüthigen Bitten des Probstes, nachdem auch Ritter Georg die traurigen Verhältnisse des Klösterleins zu Weyarn in rührendster Weiss geschildert und der bischöfliche Abgesandte dieselben bestätiget hatte. Die Reisenden kehrten wenige Tage darauf mit der päpstlichen Ermächtigung, wonach die Pfarrei Neukirchen dem Kloster Weyarn inkorporirt wurde, in die Heimath zurück und bald darauf traf der Freiiinger Bischof in Weyarn ein, um den Willen des Papstes zu vollziehen. Das Kloster aber wird, so lange dasselbe besteht, niemals vergessen, was es dem edlen Georg von Waldeck verdankt, wie es denn auch die von dem Genannten, im Jahre 1386 gestifteten Seelenämter in würdigster Weise feiert, wobei alle im Convente anwesenden Priester Beimessen für den unvergeßlichen Wohlthäter und seine Angehörigen celebriren. „Ich danke Euch, Herr Probst!" sagte Frau Agatha. „Ich wußte wohl, daß mein seliger Schwiegervater ein Freund und Gönner Eures Klosters war. Auch mein Jörg wird, wenn ihn Gott wieder in die Heimath zurückführen sollte, um was ich ihn ja stündlich bitte, dem Weyarner Kloster gewiß mit Rath und That beistehen, wenn es desselben bedarf.« Dann sprach der Probst zu Frau Anna von Pienzenau: „Auch Eurer Angehörigen gedenken wir in Folge der Stiftungen des Ritters Christian von Pienzenau in den Jahren 1380 und 1381 am St. Bartholomäusiage jeden Jahres.« „Ich weiß es!« erwiderte diese. „Mein seliger Christian war ja auch ein Freund der Augustiner Chorherren und ruht nun seit nahezu dreißig Jahren in der Weyarner Stiftskirche. Am nächsten Jahrestage der Stiftung komme ich ohnehin nach Weyarn. Vielleicht begleitet mich meine liebe Agatha?« „Recht gern", erwiderte diese. „Nun aber wird's kühler in der Laube; ich denke, 68 wir lassen uns wieder heimfahren und die Herrn bringen den Abend auf der Hochburg zu. Morgen wird der Herr Probst für die baldige, glückliche Heimkehr meines theuren Jörg in der Georgskapslle eine heilige Messe lesen. Nicht wahr, Hochwürden?" „Wie Ihr wünscht, edle Fraul" antwortete der Probst. „Doch Mittags muß ich wieder in Weyarn sein, denn ein unaufschisbliches Geschäft erwartet mich dort." „Ganz gut", bemerkte Frau Anna. „Ich habe*in Pienzenau zu thun und lasse Euch nach Weyarn fahren." Die vier Personen nahmen von der Jägerswittwe freundlichen Abschied und stiegen Mit Martha, der Zofe, zum bequemen Nachen hinab, der von zwei kräftigen Ruderern gezogen, rasch ans jenseitige Ufer eilte. — (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Sind die Frauen gut, so stehen sie zwischen dem Mann und dem Engel: sind sie schlecht, so stehen sie zwischen dem Mann und dem Teufel. Kvtzebue. Das ist nicht immer Gnade, was so scheint, Verzeihung ist die Amme küust'gen Weh's. Shakespeare. Die Leidenschaften sind Mängel oder Tugenden, nur gesteigerte. Goethe. Was sich nie und nirgend hat begeben, Das allein veraltet nie. Schiller. Alles, was wir wirklich liebe», ist unersetzlich, und Alles, wofür Ersatz uns denkbar ist, haben wir niemals wahrhaft geliebt. Nierltz. Etwas fürchten und hoffen und sorgen Muß der Mensch sür den kommenden Morgen, Daß er die Schwere des Daseins trage Und das ermüdende Gleichmaß der Tage. Schiller. Willst du das höchste Ziel, so lern' entsagen! Die Alpenhöh' kann keine Reben tragen Willst dn empor aus Adlerflügeln steigen, Verzicht aus's Ncstlein in den Blüthenzweigen! Willst dn der Sterne Spielgeselle werden, Verzichte auf die Blumen hier aus Erden! Such' in dir selbst dann deines Glückes Bronuen! — Einsam geh'n durch den Weltenraum die Sonnen. Emil Rittorhaus. Die Menschen wären glücklich, wäre nicht der Mensch des Menschen Henker. R aupa ch. 1 Friedrich Freiherr v. Flotow. In Darmstadt ist am 24. Januar Vormittags Flotow, der Schöpfer der „Martha", gestorben. Sein Name hat einst hell am deutschen Theaterhimmel gestrahlt, und vermochte Flotow auch in späteren Jahren nicht auf der Höhe des Ruhmes zu bleiben, die er in der Mitte unseres Jahrhunders erklommen hatte, so reichen doch die wenigen voll- giltigen Gaben seines anmuthigen und heiteren Talentes hin, um ihm für immer eine vornehme Stelle in unserer Musikgeschichte zu sichern. Gerade in unseren Tagen, da man das nach melodischen Schöpfungen dürstende Publikum Deutschlands zu einem wahrhaft asketisch strengen Tonleben verurtheilen will, hören wir mit doppelter Trauer vom Tode eines Mannes, dessen liebenswürdige Laune uns Alle bezauberte und der uns einst wre ein reicher, sonnig erglänzender Springquell mit seinen harmonischen Gaben überschüttete. Flotow gehörte nicht zu den himmelstürmenden Geistern, seine Begabung war eher französisch zierlich oder sanft sentimental, aber er gab, was er besaß, mit vollen Händen; sein Melodienquell sprudelte frisch und erfrischend, er quälte das Publikum nicht mit erhabener Langweile, und als ihm die Erfindung spärlicher floß, versagte er sich die Genug- thuung, dicke Bücher zu schreiben, deren Autor die Melodie verketzert, weil sie ihm untreu geworden . . . Flotow ist nicht blos in seiner musikalischen, sondern auch in seiner persönlichen Erscheinung den Wienern wohluertraut; er weilte mit Vorliebe unter uns und hatte viele Jahre ein ländliches Vesitzthum bei Neichenau, das ein Sammelpunkt der Wiener Kunstkreise war und später in das Eigenthum der Familie Erlanger, mit welcher er die sreundschaftlichsten Beziehungen unterhielt, überging. Er war ein geborener Mecklenburger und hat am 27. April 18 l2 in Nentendorf auf dein Ritterguts seiner Familie das Licht der Welt erblickt. Sein Vater hatte den Sohn für die diplomatische Carriere bestimmt, doch zog es schon den Jüngling zur Musik hin, und das reiche Kunstleben in Paris, das er frühzeitig kennen lernte, bestärkte ihn nur in seiner Neigung. Seine Jugendopern verriethen schon das graziöse Talent Flotow's, und mit der vieractigen Genre-Oper: rmukigAv clo la. ALcluso", von welcher er drei Acte schrieb, da Piloty nur einen Act componirt hatte, machte er den ersten großen Treffer auf der Bühne; sie erlebte in den Jahren 1839 und 1840 mehr als fünfzig Aufführungen. Wir übergehen in dieser flüchtigen Skizze einige andere Werke Flotow's, um von „Stradella" zu spreche», welche Oper zuerst in Paris aufgeführt wurde und Anfangs der Vierziger-Jahre von hier ihren Triumphzug über alle europäischen Bühnen antrat. Dann folgte „Martha, oder: Der Markt zu Richmond", deren Handlung Flotow schon früher in einem Ballet: „Lady Harrtet", das er musikalisch illustriren geholfen, vorgefunden hatte. Die komische Oper „Martha" errang eine beispiellose Popularität; ihre Melodien wurden zu Volksliedern, und es gibt keine Opernbühne der Welt, welche nicht heute noch dieses liebenswürdig heitere Werk als Repertoirestück pflegt, das in pikanter, feiner Darstellung noch durch Decennien seine Schuldigkeit thun mag, vorausgesetzt, daß unsere Generation inzwischen über der gähnenden Leere mancher hochtrabenden Werke nicht schon längst eingeschlafen sein wird . . . Flotow hat später noch eine Reihe von romantischen und lyrischen Opern geschrieben ohne damit seine ersten Schöpfungen an Frische und Unmittelbarkeit zu erreichen; sein „Schatten" („I/ombrv«) hat in der Pariser Opera Comique im Jahre 1669 sehr gefallen; auf deutschen Bühnen hat sich das Werk nicht halten können. Im Jahre 1896 wurde Flotow zum Intendanten des Hoftheaters zu Schwerin ernannt, welches Amt er bis zum Jahre 1863 mit großer Umsicht führte. Dann zog es ihn wieder nach Paris, wo er einen großen Theil seiner letzten Lebensjahre verbrachte. Bei zunehmendem Alter verlor Flotow das Sehvermögen, und als er die verflossenen Monate bei seiner greisen Schwester in Darmstadt zubrachte, war ihm der Segen des Augenlichtes fast ganz versagt. In Wien haben wir Flotow erst im vorigen Jahrs gesehen, als man die 900. Aufführung der „Martha" festlich in der Hofoper beging. Der stattliche elegante Mann mit dem lebensfrohen Gesichte, aus welchem ein Paar freundlicher Augen strahlte, saß bei dieser kleinen musikalischen Feierlichkeit in der Loge des General-Intendanten Baron Hofmann, und der Greis lächelte still vor sich hin, während von da unten die bald übermüthigen, bald gefühlvollen Melodien aus seiner Jugendzeit heranfklangen und ihn wie anmuthige Genien aus der Vergangenheit umschwebten . . . Bis zu seinem Lebensende hat Flotow dem Dränge musikalischer Production nicht widerstehen können, und wollte sich kein größeres Werk gestalten, so strömte er seine Empfindung in Liedern aus. Er hat erst jüngst einige Romanzen componirt, welche er seiner Frau, die, wenn ivir nicht irren, einst dein Theater angehörte, gewidmet hat. Im Nachlasse Flotow's soll sich übrigens noch manches unbekannte Tonstück und unter Andern: auch eine unvollendete Oper vorfinden. Flotow hinterläßt außer seiner Wittwe einen Sohn und eine Tochter. Wenn er Memoiren hinterlassen hat, so werde» sie ein anziehendes Bild seiner vielen Beziehungen zu interessanten Persönlichkeiten geben. Vor Kurzem erst hat Flotow, welcher eine gewandte Feder führte, in einem deutschen Blatte heitere Erinnerungen aus seinem Pariser Aufenthalte während der Fünfziger-Jahre veröffentlicht. Wie ehedem Fastnacht gefeiert wurde. Erzählt von Klara Reichn er. * Es ist ein sehr alter Brauch, das Fest der Fastnacht zu begehen, welches bis auf unsere Tage mit soviel Scherz und Lustbarkeit gefeiert wird. Allerdings ist unsere heutige Art eine etwas andere, als die vor ehedem, und die damaligen Gebräuche würden wohl kaum viel Glück mehr machen und zeitgemäß mehr sein. So zum Beispiel herrschte in etlichen deutschen Städten der Brauch, zur Fastnachtszeit eine riesenlange Wurst umherzutragen. Dies geschah von Seiten der Verfertiger, der Metzgerzunft, welche dabei allerlei Schwank und Possen trieben. — In Königsberg in Preußen fabricirten die Metzger im Jahre 1583 eine Riesen-Bratwurst von 434 Pfand Gewicht, und einer Länge von 596 Ellen, welche von nicht weniger als 91 Metzgerburschen auf Gabeln von Holz durch die Stadt getragen wurde, indem sie gar muntere Liedlein dazu sangen. Noch größer war die Wurst, welche man 18 Jahre später durch die Stadt trug, denn deren Gewicht bestand aus — 900 Pfund und ihre Länge 1005 Ellen. — Diese Niesenwurst ward dann feierlich verspeist, und zwar hatte die edle Metzgerznnft zu diesem Zwecke auch die der Bäcker mitgeladen, welche sich für dieses Festmahl dadurch revanchirte, daß sie sechs Riesen-Bretzeln und acht Niesen-Strietzel von je 5 Ellen Länge backten, und 12 Scheffel Weizenmehl dazu verwendeten; diese Kunstwerke der Bäckerzunft wurden dann ebenfalls durch die Stadt getragen, und gleichfalls in Gesellschaft der Metzger verzehrt. Außerdem aber fand sich auch sogar ein Dichter, der diese wichtige Begebenheit gebührend in einem großen, lateinischen Gedicht besang. Auch in Bayern, und zwar in Nürnberg, herrschte früher der Brauch, zur Fastnacht eine ungeheure Wurst im Triumph umherzutragen; — zum letzten Mal geschah der feierliche Akt im Jahre 1658. — Auch diese letzte der Fastnachts-Niesenwürste von Nürnberg wurden verewigt» — durch eine möglichst naturgetreue Abbildung. Ueber diesem in Kupfer gestochenen Wurst-Portrait aber befand sich die folgende Inschrift: „Eigentliche Abbildung der langen Bratwurst, welche von den Knechten des Metzgsr- Handwerks den 8. und 9. Februar dieses ablaufenden 1658. Jahres ist in der Stadt von ihren zwölf herumgetragen worden, und war ihre Länge 658 Ellen, hat an Gewicht gehabt 514 Pfund; die Stangen, daran sie ist getragen worden, war 49 Schuhe lang. Die Wurst war oben mit Grün besteckt. Die Träger hatten in der linken Hand Gabeln, damit sie ruhen konnten." — Eine andere Fastnachtssitte in Nürnberg, welche nahezu 100 Jahr lang in Gebrauch war, bestand in dem sogenannten „Schönbartlaufen." — Der Name stammte her von Schön- oder Scheinbart, das heißt: einer Larve, die verschönt, beziehungsweise vermummt. — Die Entstehung dieses „Schönbartlaufens" geschah, seit onno 1349 die Zünfte in Nürnberg gegen den hohen Rath der Stadt sich erhoben, und denselben mit Ueberfall und Todschlag bedrohten, welch' Ungemach indessen durch die rechtzeitige Warnung eines Mönches abgewendet wurde, indem die also Bedrohten durch die Flucht sich retten konnten. Während nun der eigentliche Rath der Stadt nahezu IV 2 Jahr sich fern halten mußte, setzten die Zünfte einen neuen ein, bis Kaiser Karl IV. gen Nürnberg kam, die Rädelsführer der Rebellien durch Kerkerhaft und Enthauptung richtete, und den früheren Rath wiederum in seine früheren Rechte setzte. — Nur die Zunft der Metzger hatte sich durch Nichtbetheiligung an diesem Aufstand ausgezeichnet, folglich zeigte sich der strafende Kaiser auch allein gnädig gegen sie, und ertheilte ihnen zum Zeichen und Beweise seiner ganz besondern Wohlgeneigtheit das Privilegium, eine Fastnachts-Lustbarkeit alljährlich abhalten zu dürfen, während er sonst alle bis dahin erlaubten Vergnügungen verbot. — Dieses besondere Privilegium der Metzgerzunft war das „Schönbartlaufen", welches bald so beliebt wurde, daß die reiche männliche Patrizierjugend der Stadt Nürnberg der Zunft das Recht alljährlich abkaufte, und auf diese Weise das „Schönbartlaufen" sehr zu Glanz 71 und Aufschwung kam; es etablirte sich sogar eine Art von „Schönbart-Verein", bestehend zuweilen aus mehr denn 100 Mitgliedern, dessen Vorsteher und Leiter wohlangesehene Männer waren, welche auch die „Schönbartbücher" zu führen hatten. Die alljährliche Maskerade nebst den, Aufzug dieser Fastnachts-Lustbarkeit geschah in vorgeschriebener Weise. Einige Narrcn-Masken eröffneten den Zug, das heißt, sie liefen voran, und machten, mit Peitschen oder Kaulen bewaffnet, demselben Platz. — Unmittelbar darauf folgte zu Pferd ein anderer als Narr Vermummter, der einen Sack, gefüllt mit Nüssen bei sich führte, dessen Inhalt er unter die schaulustige Jugend leerte, in Folge dessen natürlich ein gar lustiges Gerauf entstand. Ein anderer Maskirter — ebenfalls zu Pferd — folgte nun, mit einem Korbe voll von Eiern, deren Füllung aus wohlriechendem Rosenwasser bestand, und die er nach den Vertreterinnen des schönen Geschlechtes warf, wo dasselbe sich auf der Straße oder in den Häusern erblicken ließ. Dann erst erschienen die wirklichen „Schönbartleute", nebst Hauptleuten, Schutzhaltern und Musikanten. — Ihr Anzug war in jedem Jahre anders, aber gleiche Tracht für alle; nur hie und da zeigte irgend eine absonderliche Maske, zur Erhöhung der allgemeinen Heiterkeit, sich dazwischen, z. B. ein mit Kastanien dekorirtes Jndianerweib, natürlich von einem Manne dargestellt, oder ein Anderer als Wolf vermummt u. s. w. Von anno 1470 an beschloß den Zug eine sogenannte „Hölle", entweder von Menschen oder von Pferden gezogen, und bestehend aus einem Schloß, Schiff, Thurm, einer Windmühle oder einem Drachen, oder aus einem Teufel, welcher böse Weiber verspeist u. s. w», und deren Inhalt aus einem Feuerwerk bestand, das Abends dann feierlich vor dem Naihhaus abgebrannt wurde. — War es gerade eine „weiße" Fastnacht, so gab's auch Schlittenfahrt beim „Schönbartlaufen", mit allerlei verschiedenen Masken, Musikanten und Gewappneten im Harnisch, welche eine Art von Turnier zum Besten gaben, indem sie mit ihren Lanzen sich auszustechen suchten — man hieß dies das „Gesellenstechsn." Während der Jahre 1524 bis 1538, also volle 15 Jahre, unterblieb dann wegen Kriegs- und anderer Noth das „Schönbartlaufen", um im Jahre 1539 dann noch einmal, und zwar mit größerm Pomp als je, gefeiert zu werden. HanS Sachs dichtete, 184 Herren von Avel halfen den Zug verherrlichen, — 135 vollständig in Atlas kostümirt, mit weißen Hüten und goldenen Flügeln darauf, und die klebrigen 49 als Teufel maskirt. Außerdem belheiligten sich viele Bürger, und eine reiche Kaufmannsfamilie veranstaltete ein Schlittsnstechen. Dieser Glanz aber sollte das letzte Aufleuchten bedeuten, denn es war zum letzten Male, daß damals das „Schönbartlaufen" in Scene ging, wiewohl Niemand von der ganzen, lustigen Gesellschaft eine Ahnung davon hatte, — und zwar trug die „Hölle", die auch bei dem damaligen prächtige» Aufzuge nicht fehlen durfte, die Schuld. — Man hatte dieselbe nämlich zu einer Art Demonstration gegen eine beliebte, angesehene Persönlichkeit benützt, welche sich durch die unzweideutige Anspielung so beleidigt fühlte, daß sie Klage beim Magistrat erhob. Die Folge davon war, daß die Hauptleute der „Schön- bartgesellschaft" in den Thurm geworfen, das „Schönbartlaufen" selbst aber ein für alle Mal verboten und abgeschafft wurde. Eine andere alte Sitte in Deutschland, welche trotz aller Lustigkeit auch arge Schattenseiten im Gefolge führte, war die des sogenannten „Pflugcinspannens" zu Leipzig. — Allerlei vermummte Gestalten zogen zur Fastnachtszeit mit einem Pfluge durch die Stadt, ergriffen noch alle ledigen Mädchen —> ob jung, ob alt — wo sie solche fanden, um sie^an den Pflug zu spannen, angeblich „zur Strafe dafür, daß sie noch ledig seien." Diese Sitte, beziehungsweise Unsitte gab einmal Veranlassung zu einem sehr tragischen Ausgang. Es war im letzten Jahr des l5. Jahrhunderts, rrnno 1499, als ein Maskirter ein Mädchen, das sich arg dagegen sträubte und sich in ein Haus geflüchtet hatte, trotzdem an den Pflug spannen wollte. Sie aber wehrte sich energisch, und erstach ihn dabei mit einem Messer. AIs Rechtfertigung gab die unfreiwillige Verbrecherin dann 72 vor Gericht an, sie habe gemeint, nach einen, Gespenst, nicht aber nach einem Menschen von Fleisch und Blut zu stechen! — Deutschland ist aber doch nicht so recht eigentlich der rechte Boden für die tolle Fastnachtslustigkeit; das Land der ausgelassenen Maskerade ist vorzugsweise ja Italien, während auf deutscher Erde leicht Lustigkeit in solche», Falle zur Derbheit wird. Jedenfalls ist aber unsere oft geschmähte „moderne Zeit" trotz Allem und trotz r Allem nicht so extravagant, als man es ehedem gar häufig war, in der viel gepriesenen, goldene», der „guten, alten Zeit", wenn Fastnacht gefeiert wurde. — ^ Missellsrr. (Zur Genealogie der Familie Goethe.) In der „Darmstädter Zeitung" hat der Gymnasiallehrer Hr. Robert Schäfer in Friedberg interessante Forschungen über den Friedberger Zweig der Familie Goethe veröffentlicht. Daß Goethe Verwandte väterlicherseits in der Wetterauer Reichsstadt Friedberg besaß, wissen wir aus seinen Mittheilungen in „Dichtung und Wahrheit". Genaueres war über den genealogischen Zusammenhang beider Zweige nicht bekannt. Hrn. Schäfers Untersuchungen führten den Ursprung des Friedberger Zweiges zunächst nach Allstedt (Sachsen-Weimar) und dann nach Ariern in der Grafschaft Mansfeld, welches längst als Sitz der Famile Goethe bekannt ist. Der Großvater des Dichters und der Stammvater der Friedberger Familie waren Brüder. Ihr gemeinsamer Vater war der Hufschmid Hans Christian Goethe zu Ariern, ch 1694. Sein Sohn der Schreiner Johann Christian Goethe zu Friedberg (ch 1768) hatte eine Tochter, geb. 1731, welche von Frau Cornelia Goethe zu Frankfurt, der Großmutter des Dichters, aus der Taufe gehoben wurde und deren Namen führte. Die Familie Goethe ist in Friedberg erloschen, und das Haus zum Ritter, welches ihm von 1730—1770 gehörte, ist 1879 abgebrochen worden. („Was ist der Ehestand?") P. Abraham a. S. Klara beantwortet diese Frage also: „Der Ehestand ist ein Garten in welchem die Brennesseln die Blumen vorstellen. Es ist ein Nuß bäum, worauf Kümmernisse wachsen; eins Stadt, so sich schreibt Klagefurt; ein ABC, in welchem der Buchstabe W der fürnehmste ist; ein Lazareth mit zwei Suchten: Herrschsucht und Eifersucht; ein Himmel, an dem nichts zu sehen ist als Unstern; eine Jagd auf der man zum öftesten fangt ein — Elendthier; eine Prozession, wo allzeit das Kreuz vorangeht; eine Hauskapelle der Nothburga; ein Wald, worin alles Holz wächst, nur der Segenbaum nicht." (Zur Steuer-Reform.) Ein Wink oder Rath an unsere Finanzminister und Steuerbeamten rc. zugleich eine heilsame Lehre für manchen geschwätzigen Ort. „Besteuert alle Verleumdungen und alle Lüge n mäuler mit; Das höchste Ziel ist dann errungen. — Gedeckt wird jedes Defizit, Fünf Pfennig nur für jede Lüge Und zehn für jede Klatscherei; Was solche Steuer wohl betrüge? Ich glaub', wir mär en steuerfrei." (Das Garderobezimmer) eines Pariser Theaters war allabendlich so mit alten Frauen überfüllt, welche den jungen Schauspielerinnen dienten, daß sich der Direktor endlich genöthigt sah, folgendes Placat in dem Zimmer anbringe» zu lassen: „Es wird den zum Verbände des Theaters gehörigen Damen absolut verboten, mehr als eine Mutter auf einmal mitzubringen!" (Ein guter Anfang.) Mutter: „Aber Mann, schau her, wie der Karl gebückt daher kommt." — Vater: „Weibchen sei froh, daß er sich frühzeitig kümmern lernt, wenn er noch entsprechend dumm ist kann er's zu was bringen." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. zur 4 - —«»v» ' Nr« 10» Samstag, 3. Februar 1833» Jörg von W-ridbür. Eine Erzählung aus dem fünfzehnten Jahrhundert von F. S ch eIIk (Fortsetzung.) Während des eifrigen, aber ernsten Gespräches in der Laube unterhielten sich drei andere Personen in der Jägerstube. Martha saß bei ihrer betagten Mutter niit Flickarbeiten für den Jäger Kuno beschäftigt. Die Wittwe wußte nicht genug Worte des Lobes über den Jägerburschen, der auch wie ein Sohn für sie sorge. »Ja", sagte sie, „ich muß schon bei der gnädigen Frau Agatha bitten, daß Kuno die Stelle Deines seligen Vaters erhält. Er verdient sie für seine unermüdliche Thätigkeit. Erst vor wenigen Tagen sagte mir der Holzmeister Toni, daß Kuno ebenso eifrig im Walde sei, wie der selige Kurt und ein Jäger ist er, ein Schütze, daß man weit gehen darf, bis man wieder einen solchen findet!" — Dann setzte sie leise hinzu: „Das wäre ein Mann für Dich, Martha!" Diese erhob sich bei den letzten Worten der Mutter, ergriff deren Hände und sagte: „Verzeihe, liebe Mutter, daß ich Dir bis heute verschwiegen habe, wie lieb mir Kuno ist und daß auch er mir recht gut ist, ja — daß wir uns gegenseitig Liebe und Treue versprochen haben, als wir am letzten Sonntag Nachmittag, während Du bei den edlen Frauen in der Laube weiltest, im Wäldchen Schwämme suchten. — Damals gestand mir Kuno, daß er längst schon eine Zuneigung zu mir fühle und nichts sehnlicher wünsche, als daß ich einst, wenn er eine feste Stelle habe, seine Hausfrau würde, wie er Dich, liebe Mutter, zu seiner Schwiegermutter haben und wie ein ^ Sohn pflegen möchte." ^ »Der gute Junge!" sagte die Mutter. „Ja, ich glaube selbst» baß ich mir keinen ^ besseren Schwiegersohn wählen könnte, als den braven Kuno! — — dann fuhr sie fort: „Nun, Martha, was hast Du dem Jäger geantwortet?" Diese erwiderte erröthend: „Mutter, ich habe ihm in die Augen geschaut, wie er so vertraut mit mir sprach und da war mir's, als ob seine Worte aus der Seele kämen. Da besann ich mich nicht lange, sondern erwiderte den ersten innigen Kuß des lieben Jägers mit einem ebenso innigen." In diesem Augenblicke vernahm man im Hausflur Männertritte, gleich darauf wurde die Stube geöffnet und Kuno erschien auf der Schwelle. Martha eilte ihm entgegen und rief: „Kuno, die Mutter weiß von unserer Liebs und williget in unsere einstige Verbindung ein!" Frohen Blickes eilte der Jäger zur alten Frau, faßte ihre beiden Hände und rief: „Wie dank ich Dir, gute Mutter! Du sollst an mir einen braven, sorgsamen 74 — Schwiegersohn erhalten, die ich hegen und pflegen will, wie meine leibliche Mutter bis , an's Ende!" In den Augen der Alten glänzte eine Thräne, als sie antwortete: „O, wenn das der selige Vater wüßte!" — Kommt her, Kinder, laßt Euch segnen!" — Die Beiden knieten nieder. Martha legte ihre Hände auf die Häupter der Liebende» und sprach andächtig: „Gott segne Euch mit seiner unendlichen Liebe, für und für!" ^ Nachdem sich die jungen Leute erhoben hatten, gewahrte die Alte, daß die Herr- »' schaften die Laube verlassen hatten und dem Jägerhause zuschritte». Sie eilte mit der Tochter denselben entgegen. V. Einige Tage später, an St. Johanni-Enthauptung zog nach einem sehr schwülen Nachmittag und Abend in der Nacht ein Gewitter von »»gemeiner Heftigkeit über die Gindelalpe in's Schliersthal und gegen den Wendelstein. Der Sturm peitschte Woge auf Woge weit über das östliche Ufer hin und auf den nach Fischbachau führenden Saumweg. Die alten Tannen um die Burgruine Hohenwaldeck ächzten, als ob sie seit Jahren kein so heftiger Sturm geschüttelt habe und mancher massige Stamm wurde mit den Wurzeln aus dem Boden gerissen und stürzte krachend in die Tiefe. Im Dorfe waren die Schläfer vom Lager aufgesprungen, denn der Sturm hatte viele Legschindeldächer abgedeckt und trieb die Schindel dem Schliersberg zu. Blitz folgte auf Blitz und das Brüllen des Donners schien nimmer enden zu wollen. Auch auf der Waldecker Burg war Alles wach und sah voll Bangens der Wirkung dieses heftigen Sturmes entgegen. Nur aus dem altersgrauen Thurme von Hohenwaldeck erscholl von Zeit zu Zeit, wenn das Getöse des Donners einen Augenblick schwieg, ein heiseres Gelächter. Die eiserne Thüre der Thorwartstube stand offen, fr baß man in das Innere blicken konnte. Da hockte der Waldteufel am baufälligen Herde, auf welchem ein Kohlenfeuer brannte. Ueber dem Feuer stand ein eiserner Dreifuß, welcher eine Pfanne trug, in der eine bräunliche Masse kochte, welche der Alte von Zeit zu Zeit mit einen, eisernen Lössel umrührte. So oft er dieser Masse aus einem Kruge eine Flüssigkeit zusetzte, sprühte eine gelbe Flamme auf und Andreas begleitete diese Erscheinung jedesmal mit seinem unheimliche» Gelächter. Zuweilen trat er unter die Thüre, als müsse er frische Luft athmen, dann rief er den Blitzen entgegen: „Traut Ihr Euch nicht hinein zum Waldteufel? — Oder bin ich Euch zu schlecht? — Muß ich etwa noch Einen auf das Gewissen nehmen? — Habt Ihr nicht genug mit dem Fischerbuben?" — Darauf ging er wieder in die Stube zurück, nahm die Pfanne vom Herbe und ^ brachte sie dann in's Freie zum Abkühlen. Indem er dieselbe auf eine Steinplatte stellte, ^ sagte er: „Wenn der die Wundsalbe nicht hilft, dann hilft Nichts mehr! — Johanni's Enthauptung und eine fürchterliche Gewitternacht ohne Regen! — Mehr, Andres kannst du nicht verlangen!—" Der Alte setzte sich hierauf an der vom Sturme geschützten Ostseite des Thurmes auf einen bemoosten Stein. Allmählig klärte sich im Westen der Himmel und gegen Mitternacht zertheilte der Mond das schwarze Gewölks. Andreas war eingeschlummert.- An eben diesem Tage, Johannes Enthauptung, hatte Jäger Kuno Mittags das Jägerhaus verlassen, da ihm Nachricht gebracht worden war, daß ein Wolf in der Nähe der Valepp-Alpe ein Schaf zerrissen habe und vaß derselbe, verfolgt, dem Spitzingsee ^ zugelaufen sei. Kuno nahm des verstorbenen Jägers Wolfshund mit sich und ging direkt k auf die Sxitzingalpe, wo ihm der Hüterknecht, welcher von dem Vorgefallenen bereits — 75 — r Kenntniß hatte, sagte, daß die Heerde wohl bewacht würde und bis jetzt keine Gefahr sich gezeigt habe. Darauf entfernte sich Kuno und schlug den-Weg gegen Valepp ein, in der Erwartung, der Hund werde, wenn der Wolf wirklich gegen den See herauf sich geflüchtet haben sollte, Wind von demselben bekommen. Er sollte sich nicht täuschen! Der Hund schnupperte, während beide den Seebach abwärts schritten, vorsichtig am ^ Boden. In der Nähe der Nichternlpe verließ er plötzlich den Weg, watete durch den * Bach, suchte am andern Ufer auf- und abwärts und wandte sich dann rasch gegen den > Stolzeneckkopf. Kuno folgte, so rasch er vermochte, denn die ungewöhnliche Hitze und der fünfstündige Marsch hatten den sonst kräftigen Jäger doch etwas ermüdet. Immer eifriger schnupperte der Hund, bald links, bald rechts ausbiegend, immer hoher steigend; dann schien er in einem Graben die sichere Fährte des Wolfes gefunden zu haben, denn er wedelte nun lebhaft mit dem Schweife und sah von Zeit zu Zeit zurück, ob der Herr ihm auch zu folgen vermöge. Unter einer Felswand an welcher sich Legföhren hinaufzogen, gab der Hund Laut. Kuno nahm die Armbrust von der Schulter, legte den Pfeil auf und folgte vorsichtig seinem kundigen Führer, der jetzt auf ein Föhrengestrüppe zustürzte. Aus diesem brach sofort ein alter Wolf hervor; doch ehe der Hund sich auf diesen werfen konnte, durchbohrte ihn schon des Jägers Pfeil, so daß der Wolf sofort zusammenstürzte und bald darauf endete. Inzwischen war die Nacht eingebrochen. Kuno weidete den Wolf aus und lud ihn auf seine Schultern. Er wollte einen näheren Weg gegen die Spitzingalpe einschlagen, wurde aber von dem Gewitter überrascht, von dessen Herannahen Kuno keine Ahnung hatte. Rings um ihn krachten die Bäume, stürzten Neste zu Boden, lösten sich Steine von den Felsen und polterten in mächtigen Sprüngen in die Tiefe. Da riß der Orkan eine alte, morsche Fichte unmittelbar vor dem Jäger zu Boden und diese siel so unglücklich, daß ein Ast derselben gegen den rechten Unterfuß Kuno's schlug und den Knöchel derart verletzte, daß kein Wciterschreiten mehr möglich war, Bekümmert und voll Schmerz ließ sich Kuno auf der Stelle nieder. Als er den schweren Schuh auszog, war der Fuß von Blut überrennen, das der treue Hund sodann aufleckte. Der arme Jäger war nicht im Stande zu einem, unterhalb seinem Lager befindlichen Büchlein zu gelangen, um seine Schmerzen in der kalten Fluth zu stillen und die Geschwulst zu dämmen. Es blieb ihm nichts übrig, als das wenige Moos auf seinem Ruheplätze zur Kühlung auf die brennende Wunde zu legen. Dabei litt er unsäglichen Durst und Hunger, da er außer seiner Morgensuppe den ganzen Tag nichts mehr genossen hatte. Endlich legte sich der Sturm, der Mond brach sich Bahn durch das Gewölks. Da ^ rief Kuno um Hilfe, aber vergebens, er vernahm nur das Echo seiner Rufe. Vielleicht U daß von den wenigen Alpenbewohnern doch Einer nach diesem so heftigen Sturme die ^ schützende Hütte verlassen und sich nach dem Vieh umsehen und seinen Ruf vernehmen würde! Auch könnte Jemand Schutz während des Orkans in einer der Alphütten gesucht haben und nun den Heimweg antreten! Vergebens horchte der arme Jäger, dann sah er trostlos dem anbrechenden Morgen entgegen, da die Rettung aus dieser unheimlichen Lage immer unwahrscheinlicher wurde, der Schmerz aber wie die Geschwulst des Fußes mehr und mehr zunahmen. In Folge der Ermattung war Kuno eingeschlummert. Als er erwachte, war es bereits hell und über seiner Unglücksstelle wölbte sich der blaue klare Himmel. Neue Hoffnung beseelte den Armen, denn es war ja möglich, daß der Senne der Valeppalpe mit Schmalz und Butter nach Schliers gehen werde. Er ließ deshalb von Zeit zu Zeit ^ seine Hilferufe ertönen, so weit es die abnehmenden Kräfte gestatteten. Aber wieder l hörte er Nichts, als das Echo seiner immer schwächer werdenden Rufe. — — Aber an eines Menschen Ohr war sein letzter Schrei doch gedrungen, — an das des Waldteufels. — Dieser hatte ungefähr eine Stunde auf dem bemoosten Steine am 76 Thurme geruht, als er erwachte und sich nach seiner Salbe umsah. Diese war in der Pfanne so weit abgekühlt, daß er sie in schmale Streifen schneiden und herausnehmen konnte. Er brachte dieselben in's Verließ hinunter» dann nahm er die Kraxe und den Bergstock und stieg in'S Thal hinab, von wo er sich gegen die Hachau wandte. Es trieb nämlich den Kräutersammler die Besorgnis;, es möchte seine junge Pflanzung von Heilkrüutern, welche er an der Sonnseite des Stolzeneckkopses angelegt hatte, durch abstürzende Steine beschädigt worden sein, so rasch als möglich dahin. Als er dieselbe unversehrt gefunden hatte, stieg er gegen den Seebach hinab, da vernahm er plötzlich einen schwachen Hilferuf. Vorsichtig sah er sich um und ging in der Richtung, von welcher er den Ruf vernommen zu haben glaubte abwärts, wobei er sich mühsam durch Legföhren Bahn brechen mußte. Da gab der Wolfshund unmittelbar unter ihm Laut. Andres blieb stehen, er kannte des Waldeckers Wolfshund am Gebelle. Als er zwischen Latschenzweigen abwärts schaute, erblickte er den Jäger Kuno am Boden sitzend. Die mächtige vor demselben liegende Tanne, wie das umliegende Steingerölle, ließen ihn sofort erkennen, daß dein Jäger ein bedenklicher Unfall begegnet sein müsse. Während Andres hinuntersah, hatten ihn die scharfen Augen des Hundes erspäht, der nun rasch emporsprang und ihn wedelnd beschnuppte, dann aber wieder zu seinem Herrn hinabeilte, als wolle er ihm verkünden, daß Rettung nahe. Andres legte seine Kraxe ab und setzte sich neben den Latschen auf einen Stein. Nun begann der Kampf seines guten Engels mit dem bösen Geists. Andres sprach mit sich: „Jetzt hab' ich einmal einen Waldecker in meiner Gewalt und kann mich endlich dafür rächen, daß sie den armen Andres fortgejagt haben in's Elend! — Freilich sollte es ein Anderer sein, als der braven Martha ihr Schatz; aber ich habe ja auch mein Liebstes, meine Mechtild verlieren müssen!" — Andres sah wieder hinab zu dem Verwundeten, dann fuhr er wieder in seinem Selbstgespräche fort: „Wenn ich fortgehe und laß den Jäger liegen, nachher muß er verhungern, ich aber habe keinen Mord auf meinem Gewissen! — — Zum Teufel auch was ist das? Muß das Gerippe des Fischersbuben alle Augenblick vor mir stehen und mir droh'n!" Da sprang der Hund wieder herauf, leckte dem Andres die Hände, als bäte er um Gotteswillsn zu dem armen Herrn hinabzueilen. Andres streichelte den Hund und sagte nach einer Weile: „Du bist nur ein Thier und möchtest deinem Herrn helfen und ich bin ein Mensch, ein Christ, schau immer da hinunter, statt dem armen Menschen zu helfen! — Schau, so weit ist es mit dir gekommen, Andres, daß ein Vieh dich aufmerksam machen muß, was deine Pflicht ist als Christ! — Willst gar herzloser sein, als der unvernünftige Hund da?" — Nasch erhob er sich und rief mit lauter Stimme hinunter: „Kuno! der Andres kommt schon!" (Fortsetzung folgt.) GoldkSrner. Dem Scheidenden wird jede Gabe werth. So wird ein Nichts zum höchsten Schatz verwandelt. Goethe. So Mancher klagt und sagt, daß ihn die Welt verkennt, Doch kann er jagen wohl, daß er sich selber kennt? R n ck e r t. Hab ich des Menschen Kern erst untersucht, So weiß ich auch sein Wollen und sein Handeln. Schille r. Pje viel mehr kostet die fremde Meinung uns täglich Geld und Sünde, als die eigene. Jean Paul. 77 Zur Geschichte des Augsburger Theaters. Bon Klara Reichn er. I. Der Meistersinger-Stadel. * ES ist schon lange her. seit in der alten Reichsstadt zum ersten Mal Komödie gespielt ward, schon sehr lange, und zwar geschah dies dazuinnls und später auf eine von heute so verschiedenen Weise, daß es wohl werth sein dürfte, diesem Lebenslauf und Entwickelungsgang einige nähere Betrachtung zuzuwenden. Die ersten theatralischen Darstellungen in Augsburg, von denen Genaueres bekannt ist, datiren zurück bis in's Mittelalter, der damaligen Sitte folgend, bei Gelegenheit von kirchlichen Festen und von Gastmählern allerlei Aufführungen zu veranstalten; ebenso fanden in den Klosterschnlcn theatralische Spiele statt. Auch scheinen bereits im 13. und 14. Jahrhundert wandernde Truppen sich in Augsburg prvducirt zu haben, und zwar durch Ausführung geistlicher Schauspiele, Scenen aus der biblischen Geschichte, sowie von Sittensprüchen und Sprichwörtern. — Ebenfalls seit dem 13. Jahrhundert stammt die Sitte der „Zwischenspiele" bei fürstlichen Gastmählern, welche durch vielen Glanz sich auszeichneten; zwischen den einzelnen Gängen der Tafel wurde gesungen, deklamirt, getanzt, und dazu allerlei Maschineriswerk in Bewegung gesetzt: wandelnde Thiere, sich verwandelnde Burgen u. s. w. Im 15. Jahrhundert kamen dann die sogenannten „Bauernspiels" in Mode, welche grvßicntheils Satpren und Parodien auf Quacksalbereien, Pantoffelregiment, Prozsssiren und andere zeitgemäße Dinge zur Darstellung brachten. Allerdings scheinen diese Vauern- spiele nicht gerade das Renommee besessen zu haben, veredelnd auf die Zuhörerschaft einzuwirken, wenigstens kam es wiederholt vor, daß die Bischöfe auf den Stznoden eigens den Besuch solcher Komödien den Geistlichen verboten. Außerdem brachte das 15. Jahrhundert einen Augsburger Dramatiker hervor, denn es war im Jahre 1497, als: „I. G. Bayer'S äußerst nützliche Komödien, welche die ganze Zierlichkeit lateinischer Rede enthalten", in Augsburg im Drucke erschienen, und von den Knaben der Patrizierfanwicn aufgeführt wurdeu. Ueberhaupt gebot es die damals herrschende Mode, den Plauius und Tercuz möglichst zu kultiviren, und deren Stücke zu übersetzen, und so finden sich auch zu Anfang des 16. Jahrhunderts mehrere Augsburger, welche diesem Zeitgebranchs» lateinische Komödien zu verdeutschen, folgten. Erwähnenswcrth aus dem 15. und 16. Jahrhundert sind auch noch die „Fastnachtsspiele", schon deshalb besonders erwähnenswerth, weil gerade sie ein recht süddeutsches Element, von Lolksgeist getragen, repräsentiren, und weil sie außerdem — besonders im 1V. Jahrhundert — als weltliche Schauspiele sich von den geistlichen unterschieden. —> Erst im 17. Jahrhundert hörten diese Fastnachtsspiele in Augsburg auf, welche dadurch entstanden waren, daß im Fasching allerlei Masken in der Stadt umherzogen, die durch Mummenscherz und Schwanke die Leute unterhielten, in deren Häusern sie kamen, bis endlich aus diesen scherzhaften Umzügen ordentliche Gesellschaften, aus Handwerkern gebildet, hervorgingen, die eine förmliche Zunft gründeten, und in Privat- und Wirthshäusern ihre Produktionen zum Besten gaben. Polksthümlich, derb und lustig waren sie, mitunter sogar anstößig, diese sehr beliebten Fastnachtsspiele, welche dem Volkswitz freien Spielraum ließen. Besonders aber zu erwähnen auL den Zeiten des erlöschenden Mittelalters ist die Zunjt der Augsburger „Meistersinger", deren Darstellungen an Sonn- und Festtagen stattfanden, und welche zu Anfang des 16. Jahrhunderts eine förmliche Zunft mit circa 100 Mitgliedern bildeten. Es wurde der alte Meister- und Miunsgesaug von ihnen kultivirt, und „Gewenneier" (Gewinn), bestehend in goldenen Kronen, verabreicht. Leider aber ging das Geschäft bald so schlecht, daß die goldenen Preiskronen verschwinden mußten, um — Zinngeschirren Platz zu machen. — Der Zeitgeschmack verlangte bereits nach theatralischen Darstellungen, genährt durch die Aufführungen herumziehender Darsteller 78 welche dem Ohr und Auge der Schaulust mehr Befriedigung boten, als die schulmäßig einfachen Leistungen der Meistersinger und ihre geistlichen Liedsrstosfe. So kam es, daß die Zunft nach und nach verarmte, und statt der goldenen Preiskrönung das sogenannte „Zinnsingen" entstand; — die Folge davon- war, der nothgedrungene Entschluß, dem bisherigen Streben eine neue und ganz andere Richtung zu verleihen, um wiederum mehr Zugkraft auf das Publikum auszuüben» Statt der Stoffe aus der biblischen Geschichte, ^ die sie bis dahin zu wählen pflegten» versuchten sie es nun mit „heidnischen Fabeln und > Historien, allein auch dieser Versuch wollte sich nicht bewähren; kleiner und kleiner ward ^ die Genossenschaft, und mußte abermals auf etwas Neues sinnen, um sich auf's Neue Geltung zu verschaffen. So kamen sie auf den Gedanken, sich selbst Schauspiele zu dichten und sie darzustellen, ein Gedanke, der wohl als der Grundstein zum späteren Stadttheatcr Augsburgs zu betrachten ist. Es wird um's Jahr 1540 gewesen sein, als die Zunft der Meistersinger ihr erstes Stück zur Aufführung brachte, betitelt: „Die fünf Betrachtnußen", bei welchem der jüngste Meister die Damenrolls spielte, und da die Sache Anklang fand, so wurden diese Produktionen fortgesetzt, und zwar waren die Stoffe der zu spielenden Schauspiele der biblischen oder Weltgeschichte entnommen, in Rücksicht auf den Zweck: „die Andacht und Vaterlandsliebe zu mehren." — Auch geistliche Schauspiele wurden von ihnen noch hie und da zur Aufführung gebracht, namentlich bei hohen Festen, zuweilen in Kirchen, zuweilen in einem groß?", geeigneten Lokal, oder auf freien Plätzen: nit von wegen Gclt's, sondern zur Besserung des Volks." Allein gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde es ihnen vermehrt, ihre geistlichen Komödien in Kirchen abzuhalten, da sich Mißbräuche einzuschleichen drohten. Bemcrkenswerth aus jenen Zeiten sind die durch Jahrs geführten Kämpfe um ein geeignetes Spiel-Lokal — einestheils, weil es so gar leicht nicht war, ohne ein eigenes, wirkliches Theater zu besitzen stets zweckdienliche Räumlichkeiten zu finden und zu bekommen, außerdem aber auch veranlaßt durch die stete Feindschaft mit ihren Rivalen, den „Schulmeistern" und deren Schulkomödien auf die wir später noch zurückkommen. Endlich aber war zu jeder Vorstellung die ausdrückliche Bewilligung des hochlöblichen Rathes erst „flehentlich und dsmüthiglich" einzuholen. — Von der „Jakobs-Pfründe waren die Meistersinger, nachdem sich das Lokal als zu klein für Produktion von Schauspielen erwies, nach der „Martinsschule", dann nach dem „Tanzhaus" gezogen, das sie 1582 verließen, um in die „Sackpfeiffe" sich zu begeben; —' 1630 kauften sie mit geliehenem Gelde den „Welser-Stadcl", der später abbrannte, nachdem schon zuvor — 1638 — ein „Theaterbrand" stattgefunden hatte, entstanden durch ein auf der Bühne befindliches Licht, das etliche Papierwolsten entzündete. Das Feuer wurde freilich bald gelöscht, aber zwei Menschen bei dem entstandenen Gedränge todtget rückt, und mindestens zehn Andere gefährlich dabei verletzt. Was die Darstellungen selbst betrifft, so pflegt man daran auszusetzen, daß sie ^ nicht prunkvoll genug inscenirt wurdenh — man wünschte Tanz und Musik, große Auf- ^ züge, ja womöglich Feuerwerk und Illumination, wie z. B. in Nürnberg die Stücke von Jakob Aprer (nächst Hans Sachs der fruchtbarste, damalige Dramatiker) zur Aufführung, gelangten. „Es scheinen oft, als agire man bei Mondschein!" lautet die Kritik der Unzufriedenen, die es schon damals, ivie zu aller Zeit gegeben. Das Eintrittsgeld betrug anfänglich — 1 Pfennig pro Woche, außerdem hatten die Meistersinger von diesen Vorstellungen eine ziemlich hohe Steuer zum Besten der Armen zu entrichten, und in Folge dessen fand das „Almosen-Amt" sich auch bewogen, im Jahre 1665 ein eigenes Komödienhaus in der JakobS-Vorstadt, der „Meistersinger-" oder auch spotiweise „Komödien-Stadel" genannt, zu erbauen; dort spielte die Zunft der Meistersinger weit bis in's 18. Jahrhundert hinein, und mußte dem Almosenamt für ^ diesen Musentempel, der ursprünglich aus einer Scheune be- oder entstanden, vermehrte ' Armensteuern zahlen, wohingegen dieses allerdings der Verpflichtung, beziehungsweise Nothwendigkeit, gerecht ward, das morsche Gebäude zu erhalten und zu repariren, was 79 — > bereits im Jahre 1731 mit beträchtlichen Unkosten geschehen mußte, um es vor dem Zusammenfall zu schützen. Dies war das erste Stadttheater Augsburgs, das erste, eigentliche „Komödienhaus", in welchem nun fortan die Meistersinger regelmäßig spielten (bis 1681 waren die Vor» stellungen auf circa 40 xor ninio gediehen, bestehend aus etwa ^ Dutzend von Stücken, deren jedes 6—7 mal wiederholt wurde), indem sie ihre „Zunft mit allen Gerechtsamen ^ ausübten, und keine andern Komödianten neben sich duldeten. Dieser Zunftzwang ging » so. weit, daß schon im Jahre 1650 ein förmliches Verbot erlassen worden war, gerichtet ^ gegen die damals schon existirenden „Liebhabertheater", rcspective die Betheiligung der ^ Bürger an denselben, „weilen selbst die Weiber davon abmahnten, da sie, die Bürger nämlich!) zu Haus das Ihrige versäumen, und mit dem Agiren doch auch nichts verdienen!" — Mit der Zeit freilich konnten — namentlich bei der immer mehr wachsenden Lust zum und am Komödienspiclen — solche Verbote sich nicht so streng aufrecht erhalten lassen, und so mußte denn der hohe Rath doch hier und da reisenden „Banden" das „Agiren" in dem „Komödienstadel" „uff ihr gehorsamlich Anhalten" gestatten." In solchen Fällen hatten die fremden Darsteller sich aber mit den privilegirten Meistersängern in's Einvernehmen wegen der „Abgaben" zu setzen, die, — als Abschreckungsmittel, — sehr hoch von diesen gegriffen wurden; außerdem hatten sie seit 1698 das ausdrückliche Recht einer gewissen und ihnen allein zuständigen und zugehörigen Spielzeit, (also damals schon eine Art Theater-Saison!) und zwar beginnend im August und endigend zu Pfingsten, mit dem Privilegium, an jedem Montag während dieser Zeit ein Schauspiel aufführen zu dürfen. Das Eintrittsgeld für diese Vorstellungen betrug erst 5 Heller und dann zwei Kreuzer, während die Honorationen gar 4—6 Kreuzer entrichteten. Allein die Meistersinger mußten mit der Zeit die betrübende Erfahrung machen, daß sie sich selbst überlebt halten! Ihr eigentlicher Ausgangspunkt, die richtige, schulgerechte „ Meistersingern" war ja ohnehin längst ein überwundener Standpunkt, und als nicht mehr zeitgemäß verschwunden. Langst schon dichteten und komponirten sie ja ihre ursprünglichen, geistlichen Gesänge nicht mehr, die nur ab und zu bei kirchlichen Festen noch zur Verwendung kamen, ebenso wie ihre „lustigen Tragödien" z. B. „von FortunatuS Wunsch-Seckel sammt einer schönen Comedi von den unschuldigen Frawen Genofeva", oder das Schauspiel: „Das jüngste Gericht tragsdiweiß" u> s. w. sich überlebt hatten, und als gar, dem 18. Jahrhundert zu, die Wandertruppen immer mehr zunahmen, als Singspiel und Opera auch in Augsburg auftauchten, als ferner im 18. Jahrhundert gar Alles Komödie zu spielen begann, da mußte endlich doch wohl die Zunft der Meistersinger mit sammt ihren Privilegien sich als besieat erklären, so sehr sie sich dagegen sträuben mochten und an ihre alten Gerechtsame sich Aammerten, die wirklich noch bis über die Mitte des 18. Jahrhunderts sich hineinzogen. ^ Mit dem immer mehr um sich greifenden Bedürfniß nach einem bessern Kunsttsmpel » als der alte Meistersinger-Stadel, und »ach einer andern Art der Kunst, als dort knltivirt ward, stürzte die alte Meistersingerei vollständig zusammen, und die letzten Meistersinger Augsburgs endeten als — Puppenspieler! — Statt des „Meistersinger-Stadels" aber entstand 1776 ein neues Komödienhaus — das alte Augsburger Stadt- theater! — Chvistklnine n. Die Minne gleiche nicht den dunklen Rosen, Die hingegeben linder Lüste Kosen — Wenn rings am Strauch Johanniswürmchen glühen — Im wilden Sinnenlanmet rasch verblühen. „Ehrlstblu m e n" soll die wahre Liebe gleichen, r Der fleckenlosen Neigung holden Zeichen, Die schneebedeckt den Reichthum ihrer Blüthen In seliger Verborgenheit behüten. V«, 80 Hlimnclschin« in» Moriat Febru-n'. r —>. Merkur ^ geht mit der Sonne auf und unter und ist nicht sichtbar. Venus L im Schützen erhebt sich 3 Stunden vor der Sonne über den südöstlichen Horizont, erreicht am 15« ihre größte westliche Entfernung von der Sonne und ist dann halb beleuchtet wie der Mond im letzten Viertel. Ihr scheinbarer Durchmesser nimmt nun wieder ab, und ihre Gestalt wird sichelförmig. Am 4. Morgens 0 Uhr 9 Min. wird sie vorn Mond bedeckt, und ist diese Erscheinung insofern wichtig, als aus v dem Umstände, daß Venus hinter die Mondscheibe tritt, ohne eine Lichtschwächung zu er- § fahren, folgt, daß der Mond keine oder doch wenigstens nur eins sehr seine Atmosphäre ^ haben kann. Mars F kann Anfangs noch im Steinbock beobachtet werden; er steigt immer höher und verschwindet dann in den Strahlen der aufgehenden Sonne. Jupiter ^ schreitet unter den Zwillingen weg, wird vorn 14. an wieder recht- läufig, erreicht gegen 8 Uhr Abends den Meridian und geht 4 Uhr Morgens unter. Am 16. ist er in der Nähe des Mondes. Von seinen Trabanten werden sichtbar verfinstert: der erste am 4., 5., 11., 20., 21., 27. und 28.; der zweite am 3., 10., 20. und 27.; der dritte an, 9., 16., 17. und 24. Saturn H im Widder geht Mittags auf und nach Mitternacht unter. Der Durchmesser seiner Kugel beträgt 16, die Durchmesser der Ringarcn 39 und 15 Bogen- sekunden. Am 13. steht Saturn südlich von, Mond. M i s e s L L e rr. (Aus der Naturgeschichte.) Lehrer: „Sag mir Karl wohin gehört der Bär?" — Karl: „Zu den Naubthieren." — Lehrer: „Wohin die Amsel?" — Karl: „Zu den Singvögcln." — Lehrer: „Wohin gehört der Häring?" — Alle Kinder schweigen. Nach einigen Minuten meldet sich ein kleiner Junge mit den Worten: „Der Hüring gehört zu den — Kartoffeln I" (Passende Gelegenheit.) Fremder (an einem Restaurant vorübergehend, zu dem davorstehenden Kellner): „Können Sie mir nicht sagen, wo der Doktor Mayr wohnt?" — Kellner: Thut mir leid, aber wenn Sie ein wenig warten wollen, in einer Viertel- stund' gibt's frische VratwürsU mit Sauerkraut. (Aus dem GerichtSsaale.) Präsident: „Womit haben Sie sich Ihren Lebensunterhalt verdient, was war Ihre Beschäftigung seit Ihrem vierzehnten Jahrs bis jetzt, wo Sie wegen Straßenraubs in Untersuchung stehen?" — Angeklagter: „Von meinem vierzehnten Jahre an bis jetzt war ich theils Ziegel- theils Landstreicher." (F. B.) (Wechselwirkung.) Frau (aus einem Badeorte zurückkehrend): „So, liebes Männchen-, da bin ich wieder, und gesund, wie der Fisch in, Wasser, nicht im Geringsten mehr blutarm." — Mann: „Das freut mich; denn hätte die Kur noch lange gedauert, dann wäre ich blutarm geworden." (Beim Anblick des Rheines.) „Nicht wahr, Papa, das ist das Wasser, aus dem man den Rheinwein macht?" (Aergerlich.) „Verdammtes Pech, muß ich so früh erwachen, daß ich noch Zeit genug hätte, in's Colleg zu gehen!" Auslösung der Näthsel-Aufgabe in Nr. 8: N ^ I 8 0 8 R N U U 6 Für die Redaktion verantwortlich Nlphous Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Nr. 11. 18L3. jur „Äugslmrger pojheitmig." Mittwoch, 7. Februar Jörg von Mrrlderk. Eine Erzählung aus dem sünfzehnten Jahrhundert von F. Schenk. (Fortsetzung.) Andres nahm Nucksack und Stock und eilte zum Jäger hinab. — Als dieser den Waldteufel vor sich sah, kam er ihm wie ein rettender Engel vor. Ja, dieser verwilderte Mann war durch Gottes Fügung wieder ein braver Mensch, ein Samaritan geworden! Mit schwacher Stimme sprach der Jäger: „Andres! — Hat Dich der liebe Gott zu mir geschickt? — Wasser, Wasser!" — Der alte Kräutersammler griff in die Kraxe, nahm eine Flasche alten Enzianbrannt- wein heraus, brach ein Stückchen Brod ab, träufelte einige Tropfen Branntwein darauf und reichte es dem Verwundeten. Sodann untersuchte er die Wunde am Fuße und sagte ernsthaft: „Kuno, ich bin noch gerade recht gekommen, sonst käme der Brand in den Fuß. Jetzt hole ich gleich da d'runten Wasser, ich kenne die Quelle schon; gleich bin ich wieder heroben. Trink aus der Flasche, aber grad einen kleinen Schluck und iß dazwischen ein Vröckerl Brod!" Andres holte aus der Kraxe einen Krug und eilte abwärts. Kuno fühlte langsam die Kräfte wiederkehren. Er faltete die Hände und dankte inbrünstig dem Himmel, der ihm in dieser schrecklichen Lage noch einen Netter gesandt. — Von Zeit zu Zeit nahm er einen Schluck aus der Flasche und brach ein Stückchen Brod ab, von dem er auch dem Hunde mittheilte. Als Andres mit dem Wasser angelangt war, reichte er dem Jäger den Krug zum Trunke, dann wusch er die Fußwunde, nahm Pflaster und Leinwandstücke aus der Kraxe und verband die Wunde. Hierauf sagte er: «Jetzt hole ich den Nudi und die Oberdirn, daß wir Dich auf die Spitzingalm bringe» können." Darauf eilte er rasch abwärts. Nachdem Kuno glücklich in die Alphütte gebracht war und sich mit warmer Milch- suppe gelabt hatte, auch der treue Wolfshund mit Dopfen und Milchbrod gesättigt war, gönnte man dem Jäger noch so lange Ruhe, bis von Fischhausen ein Wagen angelangt war. Sorgfältig bettete Andres den Verwundeten und ging neben dem Wagen her. Der Wolf wurde dem Saumpferde auf den Nückcn gebunden und stolz trabte der Hund neben demselben her, von Zeit zu Zeit seinem todten Feinde einen finsteren Blick zuwerfend. — Es war Abend gegen sechs Uhr, als das Fuhrwerk durch Schliers kam. Alles lief aus den Häusern und staunte über die Bürde des Rosses. Bald gewahrten die Leute, daß Kuno, der mit bleichem Gesichte um sich sah, verwundet sein müsse, worauf allgemeines Bedauern ausgesprochen wurde, als Andres die Fragen hierüber bestätigte. , Auch Martha kam des Wegs. Als sie ihren Liebling erkannte, brach sie in heftiges Schluchzen aus. Andres rief ihr aber zu: 82 „Sei ohne Sorge, Marthal Ich stelle den Kuno schon wieder her, möchte auch > einmal ein gutes Werk thun, es ist doch nicht mehr zu frühe!" Ueber Westenhofen brachte man den Jäger auf die Halbinsel. Wie jammerte die ' alte Frau Martha, als man ihren Kuno vom Wagen hob und sie erfuhr, was ihm begegnet seil — Sorgsam bereitete sie demselben in der Wohnstube auf dem Ruhebette des seligen Jägers ein Lager und Andres sagte zu ihr: „Ich komme jeden Tag herüber in's Jägerhaus und sehe nach dem Fuß. Meine > Salbe wird bald wirken und in vier oder sechs Wochen kann Kuno wieder seinen Dienst ^ machen." ^ „Gott wird's Dir vergelten!" sprach leise der Jäger. „Ich vergesse meiner Lebe- tage nicht, daß Du mich vom Hungertod gerettet hast, guter Andres!" Nun war Kuno geborgen in mütterlicher Pflege und unter der Behandlung deS heilkundigen Waldteufels. — VI. Ibrahim lag auf einem niederen, mit Teppichen bedeckten Ruhebette. Eine alte Brustwunde war wieder aufgebrochen und verursachte ihm nicht nur viele Schmerzen, sondern trübte auch sein Gemüth, da der eifrige, strenge Gefangenwärter sich zur Un- thätigkeit gezwungen sah. Selima mußte manches harte Wort hören, und Alles aufbieten, den Alten zu beruhigen und zu zerstreuen. Da erschien eines Tages ein alter Bekannter des Gefängnißwarters, ein gerne gesehener Gast, der reiche, joviale Kaufherr Antonio Rossi aus Venedig. Dieser besuchte von Zeit zu Zeit die in der Nähe des adriatischen Meeres gelegenen Städte in Handelsund Tauschgeschäften. In Mostar war in der Regel letzteres der Fall, da die Klingen, welche hier gefertiget wurden, wegen ihrer Güte und Schönheit sehr gesucht waren. — Mit Ibrahim war der Venetianer schon längere Zeit in Unterhandlung ivegen Ankaufes eines sehr werthvollen albanesischen Schwertes, welches der Alte als junger Krieger von einem Häuptlinge erbeutete und das Antonio um jeden Preis erwerben wollte, während Ibrahim sich nur schwer von diesem Schatze trennen konnte. Wieder brachte der Kaufherr das Gespräch auf die kostbare Waffe und Selima mußte dieselbe zur Ansicht aus einer verschlossenen Truhe herbeiholen. Da schon die Scheide des Schwertes reiche Vergoldung trug, so durfte man annehmen, daß das Schwert selbst ein Juwel sein müsse und so war es auch. Die prächtige DamaSzener-Klinge, welche sich wie ein Drahtreif biegen ließ, enthielt goldene Buchstaben, Koransprüche, während der elfenbeinerne Griff theilweise mit Goldfäden umschlungen war, zwischen welchen kostbare Steine und Perlen hervorlugten. Obwohl Antonio keine Bewunderung äußerte, konnte er sich doch nicht satt sehen an dem Kleinode und sprach: js „Für mich hat dieses Schwert in so ferne ein Interesse, als es aus Damaskus V selbst stammt und meine Waffensammlung nur noch Eines enthält, welches ähnliche Arbeit nachweiset. Sonst, lieber Ibrahim, würde ich Euch nicht so häufig wegen des Verkaufes plagen. Heute möchte ich zum Abschlüsse kommen, denn meine Geschäfte rufen mich nach Deutschland und ich werde vor dreiviertel Jahren nicht mehr bei Euch zusprechen können." „Ihr plagt mich nicht", sagte Ibrahim mit schwacher Stimme, — „ich trenne mich eben schwer von der Waffe, welche mich immer an eine schöne Zeit zurückerinnert, wo ich noch-" Ein heftiger Stickhusten hinderte ihn am Sprechen und Selima bedeutete dem Kaufherrn, daß Ibrahim nun der Ruhe bedürfe. Antonio sagte: „Ibrahim, Ihr dürft jetzt nicht sprechen, ich komme gegen Abend noch einmal herauf in die Festung, dann entschließt Euch und gebt mir das Schwert; - die Summe wißt Ihr, sie ist gewiß groß genug." Ibrahim nickte bejahend, dann entfernte sich der Kaufherr mit Selima. 83 — Am Vorplätze sagte dieser zu dem Mädchen: „Selima, wenn Du den Alten beredest, daß er mir heute sein Kleinod überläßt, so will ich Dir eine kostbare Perlenschnure in dein schönes Haar zum Geschenke bringen." Diese besann sich nicht lange, sondern antwortete: „Ihr sollt' die Waffe heute Abend erhalten und ich nehme gerne einen Gegendienst dafür an. Doch fordere ich keinen Schmuck für meinen Leib, sondern ein ächt christliches Werk. —" „Wie kommt Ihr, Selima, dazu? So viel ich weiß seid Ihr keine Christin mehr, sondern Mohamedanerin!" „Kommt in meine Stube", entgegnete das Mädchen, „damit uns Niemand hört." Als Beide dort eingetreten waren, fuhr Selima fort: „Ich habe nur eine Bitte an Euch, guter Antonio! Von der Erfüllung derselben hängt meine Verwendung bei Ibrahim wegen der Waffe ab. So höret denn: „Seit mehreren Monaten weilt in diesen Festungsmauern und zwar dort im rothen Thurme ein Gefangener. Es ist ein frommer deutscher Ritter, welcher an der Save schwer verwundet, in türkische Gefangenschaft gerieth. Früher bediente ihn Ibrahim, doch seit Monatsfrist muß der Arme das Lager hüten und übertrug mir die Pflege des Ritters, für welchen der Pascha, wenn er vollkommen Henesen ist, hohes Lösegeld fordern, oder ihn als Sklaven nach Asien verkaufen will. Ich kann auch nicht sagen, Antonio, was dieser schöne Ritter ausgestanden hat und nun, da die Wunde theilweise geheilt ist und die Kräfte wiederkehren, hat den Aermsten ein anderer, nicht weniger heftiger Schmerz, das Heimweh, ergriffen. Ich versichere Euch, Antonio, jedesmal möchte ich weine», wie ein Kind, wenn der Ritter auf den Knien am kalten Pflaster zum Himmel fleht, so innig, so herzerschütternd, daß Gott ihn glücklich in die Heimath führen möge! — O, Antonio! Ich habe ja auch das Heimweh kennen gelernt als junges Mädchen und hätte mein Loos als Sklavin gewiß nicht ertragen, hätte mich Ibrahim nicht wie ein Vater behandelt." — Nach kurzer Pause fuhr sie fort: „Den Ritter muß ich retten und zwar heute noch, denn für die nächsten Tage ist ein Transport gefangener Ungarn aus der wüthenden Schlacht bei Varna angesagt, da merkt Niemand die Flucht des Gefangenen und außer Ibrahim und mir weiß keine Seele, daß in dem rothen Thurme der deutsche Ritter verwahrt ist. O, nehmt ihn auf Euerm Fahrzeuge heute Nacht mit nach Venedig, er wird Euch's gewiß lohnen dieses Liebeswerk!" „Das ist ein gefährliches Unternehmen, meine Selima!" sprach der Kaufherr. „Was würde Ibrahim sagen, wenn er von der Befreiung des Ritters erführe?" „Ueberlaßt diese Sorge mir!" entgegnete rasch das Mädchen. „Ibrahim wird sein Krankenlager nicht mehr verlassen und bis zur Zeit, da der Krieg beendet sein wird, kümmert sich Niemand um die einzelnen Gefangenen. Dann aber wird Vater Ibrahim gewiß bei Allah im Paradiese sein! — Sorgt also, mein lieber Antonio, als frommer Christ, daß ich gegen Abend die Kleidung eines Matrosen erhalle; dann, wenn der Jmam von der Murad-Mosche das Gebet gesprochen, schickt einen Vertrauten zum rothen Thurme herauf, zu welchem durch die Weinberge ein leicht zu findender Weg führt. An den Thurm stößt unsere Gartenmauer und diese hat, wo ein Oleandergebüsch sie überragt, eine schmale Oeffnung, welche mit einem eisernen Thürchen verschlossen ist. An dieses soll er klopfen, dann öffnet es der Ritter von Innen und schlüpft hindurch." „Es sei!« rief Antonio. „Die kostbare Waffe ist dieses Wagstück wohl werth!" „Nun lebt wohl, Antonio!" sagte Selima. „Ich zähle auf Euch und Ihr dürft auch auf mich vertrauen. Kommt mit den Kleidern bis zur sechsten Abendstunde, dann sollt Ihr bei Ibrahim die Waffe erhalten."' Beide verließen die Stube. Der Kaufherr ging seinen Geschäften nach, Selim« aber trat zu dem Kranken, der eingeschlummert war. 84 Als derselbe erwachte und die Lieblingssklavin an seinem Lager gewahrte, frug er > nach dem Venetianer. Das Mädchen antwortete, daß dieser erst gegen Abend von der Stadt heraufkommen werde und mit dem Waffenhandel zum Abschluß gelangen möchte. „Das soll er auch", entgegnete Ibrahim; „ich möchte das Kleinod nur noch einmal sehen, ehe ich mich von demselben für immer trenne. Gib mir's, Selima!" Diese reichte ihm das Schwert. Lange und aufmerksam betrachtete der Alte die prächtige, kunstvoll gearbeitete Waffe, > dann gab er sie dem Mädchen zurück, während sich eine Thräne nach der anderen aus t den Augen stahl. » „Das war noch eine schöne Zeit, Selima", sprach er mit schwacher Stimme, „wo ^ ich als rüstiger, junger Krieger unter dem kühnen Murad I. gegen vie Ungarn, Wallachen und Albanesen kämpfte, Sieg auf Sieg erfocht und reiche Beute machte! — Jetzt bin ich alt, müde und todesmatt; die Wunde, welche mir bei Kassowa ein ungarischer Reiter schlug und die längst vernarbt war, sie muß wieder aufbrechen und die letzten Lebenskräfte mir nehmen! — — Führe Antonio gleich zu mir, wenn er wiederkehrt, ich habe Wichtiges mit ihm zu sprechen." — Der Husten stellte sich wieder ein. Selima reichte dem Kranken Arznei, worauf sich dieser auf die Polster zurücklegte und nach einiger Zeit wieder einschlummerte. Das Mädchen blieb noch eine Weile in der Stube, dann, als der Alte nicht erwachte, begab sie sich in die Küche um das Neismuß für den Ritter zu bereiten. Zur bestimmten Stunde erschien Antonio mit einem Matrosen, welcher in Seiden- tvaare versteckt, die Kleider für den Ritter trug. Selima eilte ihnen entgegen, nahm dir Kleider in Empfang und trug sie in ihr Gemach, dann sprach sie zu Antonio: „Habt Dank! — Nun geht zu Ibrahim, er wird erwacht sein. Das Schwert liegt für Euch bereit." Antonio wies auf seinen Begleiter und sagte, indein er sich zur Thüre des Kranken« gemaches wandte: „Andrea ist mein vertrautester Diener, besprecht mit ihm Alles wegen der Flucht des Ritters. Wir lichten um Mitternacht die Anker." Darauf verließ er die Beiden. Selima trat zu Andrea, reichte ihm die Hand und sprach zu dem hübschen, wetter- gebräunten Matrosen: „Wie dank ich Euch, Andrea! Ihr kennt doch den Fußsteig durch die Weingelände zum rothen Thurme?" „Ich habe mich, nachdem Signor Antonio mit mir darüber gesprochen, sofort zum Thurme begeben und fand auch die kleine Oeffnung in der Mauer beim Oleandergebüsch." „Um so besser!" rief Selima erfreut. „Nun sorgt, daß Ihr noch vor dem Gebete des Priesters an der Oeffnung seid, und sobald dasselbe beendet ist, klopft leise dreimal an die eiserne Thüre, welche dann der Ritter öffnen wird. Ich bitte, Andrea, bringt ihn sicher auf Eures Herrn Fahrzeug!" ^ „Seid unbesorgt, gutes Mädchen!" entgegnete der Matrose. Ich hoffe, daß der Ritter in wenigen Tagen mit uns im schönen Venedig landen und von dort aus die Heimath aufsucht. — Nun lebt wohl! Vielleicht sehen wir uns im Vaterlands wieder, denn wir sind ja, wie Signor Antonio sagte, Landsleute und Ihr werdet nach dem Ableben Ibrahims wohl nicht in der Türkenstadt hier bleiben. Bis dahin wird mir der Kaufherr in seinem großen Geschäfte eine Stelle geben, denn ich habe das Leben als Seeratte schon satt." „Wohl möglich, Andrea", antwortete Selima, »daß wir uns in Venedig wiedersehen, dann will ich Euch zum zweiten Male danken für Euren Liebesdienst. Nun muß ich nach dem Gefangenen sehen, lebt wohl, Gott führe Euch!" „Er wird mit uns sein!" entgegnete dieser, drückte die Hand des Mädchens und verließ die Wohnung, nicht ohne der lieben Selima noch einen innigen Blick zuzusenden. Diese eilte mit dem Abendimbiß, welchem sie noch etwas Wein beifügte in das 85 t ? Gefängniß hinab, wo Jörg von Waldeck bekümmert auf und ab schritt, denn draußen im Gärtchen sangen die Dögel voll Lust und von Zeit zu Zeit setzte sich das Nothkehlchen, des Ritters LieblingSvögelchen, auf die Eisenstange des Fensters und jubelte dem armen Gefangenen zu. Vielleicht ahnte der kleine Sänger die nahe Befreiung des Ritters, denn er wollte gar nicht aufhören demselben vorzusingen, als wüßte er, daß ihn der Ritter nicht lange mehr hören sollte. Selima begrüßte Jörgen, wie gewöhnlich, stellte die Schüssel mit dein Neismrch, dann Obst und Wein auf die Bank und sagte: „Eßt nur, lieber Ritter, mit Lust; dann kommt in das Gärtchen, ich lasse die Thüre zu demselben offen und werde gleich wieder kommen." Jörg aß nur weniges vom Rcismuß, dann nahm er Obst und das Krüglein mit Wein, und ging hinab in die Laube. Der Abend war schön und vom Meere her wehte eine erquickende, kühle Brise. Die Blätter der Bäume und Sträucher singen an sich zu färben. Aber die Herbstblumen im Gärtchen standen im schönsten Schmucke, gepflegt von der sorgfältigen und kundigen Hand Selima's. Fortsetzung folgt.) Goldkörner. 2)er Frohsinn gleicht der kleinen Biene, Die aus die Blumen niedersinkt, Und, taumelnd durch die süßen Düfte, Den Honig nur, und nie die Gifte Aus jungen Blüthenkelchen trinkt. Elisa v. d. Recke. Bor mir sei höflich, o Mann! Hinter mir redlich und klug. Ernste Thätigkeit söhnt zuletzt immer mit dem Leben aus. Das größte Glück im Leben Und der reichlichste Gewinn Ist ein guter, leichter Sinn. Herder. Jean Paul. Goethe. Eine Neminiszenz an Walter Scott. Im Frühling und noch mehr im Herbst ist Schottland das Reiseziel zahlreicher Touristen, welche dem Lande mit den tiefblauen Seen und den röthlich schimmernden Bergen einen Besuch abzustatten kommen, um sich an den wechselnden, bald überwältigend großartigen, bald lieblich idyllischen Bildern, welche die Gcbirgsnatur bietet, zu erfreuen. Mit diesen Eindrücken verbindet sich in unmittelbarer Weise die Erinnerung an Walter Scott, jenen begeisterten Sänger und Dichter, dessen Lieder und Romane so viel dazu beigetragen haben, Natur und Bewohner seines Heimathlandes dichterisch zu verklären. Unwillkürlich späht der fremde Gast nach Andenken an den beliebtesten Poetcn und besteigt gern den Eisenbahnzug, der ihn nach dem Hause desselben und zu den Trümmern der alten Abtei Melrose führt. Ganz Schottland könnte in gewissem Sinne den Namen „Scottland" tragen, denn es gibt hier wohl kaum einen Winkel, den der Verfasser der Waverley-Nomane nicht weltbekannt gemacht hätte. Ganz besonders bezieht sich dies auf das den Grenzen Englands benachbarte Gebiet von Lowland, das vom Tweed und seinen Zuflüssen durchströmt wird und mit dessen Thälern und Bergen, mit dessen Wäldern und Triften das Andenken an die Person und den literarischen Ruhm des genialen Autors eng verknüpft ist. Die beste Zeit zu einem Besuchs dieser Gegend ist der Beginn des Maimonats. Das in üppigster Vegetation prangende Tweedthal übt alsdann einen unwiderstehlichen Reiz auf den Besucher. Der wunderbare Wechsel von sanft gewellten ^ Hügel», von flachen Einsenkungen, von malerischer Felsenküste, von Seen, Flüssen, Wasser- ! fällen verleihen der Landschaft den Zauber höchster Romantik. Ein saftiger Laubwald' 86 bedeckt alsdann das Gelände der Grafschaft Selkirk, deren Hauptstadt das pittoresk ' gelegene Melrose. Zwei Drittel der Höhen bedeckt hier ein wohlgepflsgter Anbau, hier und da unterbrochen von kleineren Waldgürteln, die sich gleich Laubkränzen um die Krippen des Hügellandes schmiegen, und in denen das dunkle Grün der Tannen und Lerchen- bäume mit den lichten Farbentönen wechselt, welche die Birke zeigt. Wer die Grafschaft Selkirk, dieses paradiesisch von der Natur geschmückte Stück Erde, näher kennen lernen will, thut am besten, seinen Aufenthalt in Edinburg zu nehmen ^ und von dort aus seine Exkursionen zu machen, und wer im Mittelpunkt der Stätten, ^ an welche sich die Erinnerungen eines glänzenden Geisteslebens knüpfen, weilen will, ^ wählt das Städtchen Melrose für einige Tage zum Domizil. Von hier aus läßt sich mit Leichtigkeit den Ruinen der Abtei Melrose ein Besuch abstatten, ebenso dem von einem poetischen Hauch umwehten Schloß Abbotsford, das, ungefähr 2000 Fuß über Melrose an dem steil abfallenden Ufer des Tweed gelegen, längere Zeit von dem Dichter bewohnt wurde. Die Lage der Burg ist prächtig. Von den Zinnen derselben schweift der Blick über die beiden Ufer des Flusses weit in die Ferne. Dichter Wald umsäumt den altehrwürdigen Nitersitz, dessen graue Thürmchen in ihrer Spitzbogenform an den sogenannten Baronet- styl des schottischen Landhauses erinnern. Wer Schloß Abbotsfort, das aus manchen Jugendreminiszenzen her wohlbekannte, näher kennen lernen will, dem ist gleichwohl manche Enttäuschung vorbehalten. Durch eine schmale dunkle Pforte wird man in einen verwilderten Garten geführt, von dort aus betritt man ein düsteres und niedriges Souterrain. Eine Hintertreppe führt zu den eigentlichen Wohngemächern, auf ihr gelangt man zu einer Flügelthür dem Eingang in das Arbeitszimmer Walter Scott's, das sich in seiner schmucklosen und einfachen Ausstattung als eine Stätte ernsten Studiums kennzeichnet. Nun folgen die anderen Räume, zuerst die mit auserlesenen Werken und werthvollen Schätzen der Literatur ausgestattete Bibliothek, ein Saal mit großen und kleinen Gemälden und einem Ebenholz-Ameublement, ein Geschenk König Georg I V., dann der Wasfensaal mit vielen archäologischen Seltenheiten und kostbaren Werthgegenstäuden, endlich der Speisesaal, in welchem der berühmte Schloßherr den letzten Athemzug that. Am tiefsten sind die Eindrücke, die der Besucher von Abbotsfort bei dem Durchschreiten der genannten Gemächer empfindet, in dem großen Vorsaal, der mit seinen Holzschnitzereien aus dem 15. Jahrhundert, mit den zahlreichen alten Waffen, Rüstungen und historischen Reliquien (unter ihnen die Schlüssel zum Kerker von Edinburg) der historischen Betrachtung ein weites Feld eröffnet. Das Grab des Dichters befindet sich in der Abtei Dryburg. Ein tiefer und ehrwürdiger Ernst lagert über dieser von tiefstem Schweigen umgebenen Stätte des Todes. Der Verewigte ruht hier in dem schönsten Theile der Ueberreste des alten Klosters, zwischen seiner Gattin und dem ältesten Sohn. Der Weg von Melrose nach Drpburg längs des Bemerflusses ist von hoher pittoresker Schönheit — von einer am Ufer des Wassers ansteigenden Höhe übersieht man < das weit geöffnete Tweedthal —, auf der einen Seite streift der Blick bis zu den Thürmen ^ von Melrose auf der anderen reicht er bis weit südlich über Dryburg hinaus. Auch die Lage dieser Abtei ist überaus malerisch, inmitten eines mit Bosquets besetzten Wiesen- geländes, das von dem Tweed in großen Bogen umslossen wird. Wer von den diese Stätte besuchenden Touristen ein näheres Interesse an dem Leben und den Werken Walter Scott's nimmt, der wird gerne noch die Orte kennen lernen, an welchen derselbe mit Vorliebe weilte, so namentlich den Landsitz Sandiknowe, wo er einen großen Theil seiner Kindheit verbrachte, und Smailholm Tower, wo ihm die Schätze der volksthüm- lichen schottischen Sage und Legende eine so reiche Ausbeute für feine Arbeiten gewährten. Vor dem Verlassen Mclrose's wird der Besucher jener durch romantische Erinnerungen reich ausgezeichneten Landschaft auch seine Schritte zum Nymerthal lenken, dem Lieblings- Spaziergang des großen Romanschriftstellers, welchen er häufig unternahm, um feinein Freunde Fergusson einen Besuch abzustatten. Goldene Regel»» für Sondwirthe. (Auch sür andere Leute nützlich zu lesen.) Wer seinen Acker fleißig baut, Aus cig'ne Tüchtigkeit vertraut: Wer gleichermaßen wohl bemißt, Was er der Wiese schuldig ist; Wer seinen Viehstand sorgsam pflegt Und Füller stets im Vorrath legt; Wer jeden Handel baar besorgt Und nicht leichtsinnig kaust und borgt: Wer mit der Sonne sriih aussteht Und srijch an seine Arbeit gehl: Am Sonntag ruht und Herz und Geist Mit Früchten edler Geister speist: Wer sich an Ordnung, Reinlichkeit Im Hans und Hof und Stall erfreut: Wer Habsucht und Verschwendung flieht Und seine Kinder brav erzieht; Wer Mäßigkeit liebt in guter Zeit Und gern entbehrt in Noth und Leid; Wer auch in dem Geringsten treu, In Wort und Werk von Falschheit frei; Mit dem wird's gut im Hause stehn; Wie es auch kommen mag und gehn. M i s - e l l e rr. („Der richtige Verliner") — jene fleißige Sammlung von Berliner Redensarten, die im Verlage von H. S. Herrmann erscheint, hat abermals eine neue Auflage erlebt' Unter den neueren, interessanten geflügelten Berolinismen finden wir „Nitzenschieber" für „Geleise-Reiniger bei der Pferdebahn." Ein Schüler sagt zu einem anderen: „Au, Dir zeig' ick an!" Die Antwort ist: „Na, zeige man nich vorbei." Für „eenen drinken" heißt es auch „eenen uf'n Diensteid nehmen." Weil die Dienstboten am dritten Feiertag freien Tag zu habt» und dann zum Tanz zu gehen pflege», heißt eine nicht sehr noble Tanzgesellschaft: „Drittes Feierdaas-Publikum." „Wat is schneller wie'» Gedanke?" Antwort: ,,'n Berliner Droschceupserd; wenn man denkt, et fällt, denn liegt et schon." „Sein Se milde", deutet an: „Sie übertreiben." „Eenen mit de Nase uf die Duschecke traktiren" heißt: „Jemanden nichts vorsetzen," und die Frage: „Haben se Dir denn wat vorgesetzt?" wird beantwortet: „Die sind froh, det se alleene nischt haben." „Haare apart, Boulctten apart" sagt man, wenn man ein Haar im Essen findet. Mit „Kellneer, 'n andern Jast", giebt mau einem mißliebigen Tlschnachbar in der Kneipe sein Unbehagen verstehen. Vokabeln wie „Thrankonditor" für „Materialienwaarenhändler" und „Waden- Oper" für „Oper mit Balle!" können gewiß nur in Berlin entstehen. Für „Er heirathet eine Waise" ist die Redensart aufgekommen: „Er genießt seine Schwiegereltern kalt". „Ick habe blos eenen Jungen" wird auch ausgedrückt durch: „Ick habe.blos eenen Jungen zu verzehren". Schon früher sagte man: „Er is'n bisken schüchtern uf de Oogen" für „Er schielt". Danach ist gebildet: „Er is schüchtern uf de Casus", d. h. er kann „mir" und „mich" nicht unterscheiden. Zur Empfehlung eines Magenligueurs sagt man: „Er hitzt, kühlt, führt ab, stoppt ooch, nimmt den Schwindel, stärkt's Jedächtniß un jiebt 'n verlorenen Verstand wieder". Zur Definition vom „Stiesel": Präsident: Angeklagter, Sie sollen zum Zeugen „Stieselcr" gesagt haben." — Angeklagter: „Nischt vor unjut, Herr Gerichtshof, aber erschtenS heeßt et „Stiesel", det iS nämlich 'n Mann, der immer so dnht, als wenn er wat dächte und am Ende en janz jewöhnlicher Ochse is, aber zweetens habe ick det Wort jar nich jejen ihm jebraucht." 88 * (Eine Prophezeihung.) Im Bisthum Trier ist auf einer in der Kirche unter der Orgelbühne angebrachten alten Stein-Tafel folgende Prophezeihung zu lesen: „(Pmucko Nnrouo pusolla, 6ubit. Dt ^i.toniuo pon!66o tsm aolobradit, Dt llollunnos Olir'otmn ackorubit, Dotus muuckus vuealuinabit." Das heißt: „Wenn St. Markus (25/ April) das Osterlamin reicht, St. Antonius (,3. Juni) Pfingsten feiert, und St. Johannes (24. Juni) am Fronleichnamstage .Christum im heiligen Sakrament anbetet, — dann wird die ganze Welt Wehe schreien." Nosiradamus hat diese Prophezeihung in seine „6ancuvi«?8" in französischer Nebsrsetzung aufgenommen: „(juanck OecwMZ Oisn oruait'sra, (Zuo Naro Is rossusoitora, Dt czuo stean lo pootera, I-a iin <1u mmuko arrivora." Diese 3 Zeitangaben sind für das Jahr 1886 zutreffend. Wer also dieses Jahr erlebt, wird als Zeuge für oder gegen die Wahrsagung auftreten können. (Wie hoch werden in Brasilien die Menschen geschätzt?) Ein Edital äas llui '2 6a iCroveitoria in Vakcnea gibt darüber genügende Auskunft. Derselbe bietet 11 Sklaven zum Verkauf aus, und zur besseren Orientiruug der Reflektanten ist auch gleich der Preis, zu welchem die „Waare" abgeschätzt ist, beigefügt: Manoel 78 Jahre, 5 Doll.; Luiz, 8 Jahre, 5 Dost.; Carolina, 69 Jahre, 5 Dost.; Hilario 5 Dost.; Gregoria 5 Dost.; Christine, 78 I., 5 Dost.; Maria, 17 I., 5 Dost.; Joao, 88 I., 5 Dost.; Susann«, 67 I., 5 Dost.; Felicidade, 75 I., 5 Dost.; Jsabella 75 I., 5 Doll. Alle 11 zusammen also 55 Dost. Das in Nio erscheinende Blatt „H. Isalsta U/nv»" fügt dem Vorstehenden folgende Notiz bei: Vor Kurzem fand in London eine Hunde- Ausstestung statt, wo 252 Stück der edelsten Nm.en zu sehen waren. Einer derselben war auf 10,000 Guinöcn oder ca. 94,500 Doll. geschätzt. Wenn in London ein Hund 94,500 Doll. werth ist, so ist das im Vergleich zu obiger Sklaven-Abschätzung der gleiche Werth, den 18,900 Personen in Brasilien haben. Ländlich, sittlich! (Schicksal.) In Würzburg lebt ein Kellner, der — vielleicht ist er der einzige Mensch auf Erden, der diesen Namen führt — Schicksal heißt. Die Gäste rufen ihn des Spaßes halber stets bei seinem Namen. Nichts Komischeres, als wenn man an der Takle d'hote rufen hört: Schicksal, einen Zahnstocher! Schicksal, ein Stück Rindfleisch, Schicksal noch ein bischen Sauce! rc rc. Als dieser Kellner neulich einer jungen Dame eine Mehlspeis-Sauce auf's Kleid goß, sagte ein neben ihr sitzender Schriftsteller: „Das ist nicht deS Kellners Schuld, das ist des Schicksals-Tücke!" (Probates Mittel.) Die Kaiserin von Oesterreich war vor zwanzig Jahren schwer krank und von Aerzten beihnahe aufgegeben; da kam ein alter bayerischer Arzt (Name?), ein Freund ihres herzoglichen Elternhauses, und ricth der hohen Frau, alle Arzneien zum Fenster hinauszuwerfen, sich viel in freier Luft aufzuhalten, zu reiten upd zu gehen. Seither befolgt die Kaiserin diese Lebensweise, die ihre Gesundheit erhält. (Die NothWahrheit.) Student A.: „Ich glaube, unser Freund Hugo kann überhaupt nicht die Wahrheit sagen; ich erstaune oft, wie er die einfachsten Dinge mindestens in ein falsches Licht rückt. Wer glaubt ihm wohl noch?" — Student B.r „Sein Vater, wenn Hugo ihm Schulden beichtet." — Student A.: „Das ist aber nur eine Ncthwahrheit." (Abgeführt.) Unmittelbar am Dom zu Köln steht ei» spleeniger Engländer, der sich in den Straßen nicht „auskennt", und fragt einen Eckensteher: „Könn' Sie mir nich steigen, wo iß der Kölner Dom?" Eckensteher: „Nä Här ick ben selver voll!" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischcn Instituts von Dr. Max Huttler. zur „Äilgslmrger postseitnug." Nr. 12. Samstag, 10. Februar 1883. Jörg von Maldeck. Eine Erzählung aus dem fünfzehnten Jahrhundert von F. S ch e n k. (Fortsetzung.) Ritter Jörg wandelte auf den Kieswegen zwischen den Blumenbeeten, dann ging er wieder in die Laube, sah durch die schtyale Maueröffnung hinaus auf das Meer, da seufzte er: Wie oft werde ich dich von hier aus noch schauen müssen, du gewaltige Wasserfläche und wie viel lieber möchte ich den winzigen, aber so lieblichen See meiner Heimath schauen, wie ihn, wohl mit nassen Augen meine theure Agatha steht! — Da öffnete Selima die Thurmthüre und trat mit einem Packe in die Laube. »Setzt Euch zu mir", sagte sie mit zitternder Stimme, „ich habe Wichtiges mit Euch zu sprechen, denn heute brachte ich Euch zum letzten Male die Abendsuppe — es war auch die letzte Speise, die Ihr in dieser Festung genossen habt!" Besorgt frug Jörg: »Was hat man mit mir vor, Selima? O, sag' mir's offen, Mädchen, ich bin auf Alles gefaßt!" „Habt keine Sorge, edler Ritter! — Was Ihr so oft im heißen, innigen Gebete erfleht, die Heimkehr zu Eurer lieben Burgfrau, sie soll nicht mehr verzögert werden. Noch diesen Abend naht Euer Retter, ein Matrose des braven Kaufherrn Antonio Nossi aus Venedig, welcher Euch auf das Fahrzeug bringen wird, das um Mitternacht die Anker lichtet!" — Dann auf den neben sich im Kiese liegenden Pack weisend fuhr sie fort: „Hier ist ein Matrosenkleid, dieses ziehet an, ehe es dunkel wird und ich wieder komme, denn, wenn der Jmam das Abendgebet gesprochen haben wird, — wie Jhr's ja so oft schon gehört habt, — kommt Andrea Euer Netter an die Oeffnung dort unter dem Oleandergebüsch und wird dreimal leise klopfen, worauf Ihr n it diesem Schlüssel — sie gab ihm denselben — öffnet und durchkriechet. Den Schlüssel aber laßt stecken, damit ich wieder schließen kann. Jörg hatte dem Gespräche des Mädchens fast athemlos zugehört« Dann, als diese geendet, faßte er tiefbewegt beide Hände des guten Mädchens, drückte sie innig und sah ihr lange sprachlos in die immer noch hübschen Züge. Thräne um Thräne rann dem Ritter aus den Augen und als er auch in jenen des Mädchens solche glänzen sah, da rief er: Wie danke ich dem Ewigen, der Dich mir als rettenden Engel in dieses schauerliche Gefängniß gesandt! Wenn Ibrahim nicht erkrankt wäre, hätte ich wohl dieses mir Ho lieb gewordene Gärtchen niemals betreten» mich niemals erquickt an der stärkenden Meeresluft, an dem Dufte der Blumen, die Deine glückliche Hand, herrliches Mädchen, gepflegt. — O, ich hätte Dich wohl auch niemals kennen gelernt und wer weiß, was mit mir geschehen wäre! Aber Gott lenkte es zu meinem Besten durch Dich, Selima!" Er nahm sein kostbares Medaillon vom Halse und reichte es der Retterin, welche heftig schluchzend sich auf die Bank niedergelassen hatte. „Ich weiß nicht, wie ich Dir dieses Liebeswerk vergelten soll, sprach der Ritter. Nimm dieses werthvolle, mir so theure Geschenk meiner Agatha als ein Andenken an den deutschen Ritter, den Du so treu gepflegt, den Du den Seinen wiedergegeben hast! Ich weiß es, ich darf Dir's gebe»,. das Geschenk meiner Gattin, sie selbst würde es der Retterin ihres Jörg anbieten! — O Luzia! Möge es Dich zurückgeleite» in Dein schönes Heimathland, zu Deinem Kinderglauben und möge es Dir einst, wenn nothwendig, auch materiellen Nutzen gewähren!" — Selima betrachtete das Medaillon unter Thränen, küßte dasselbe und sagte: „Ich danke Euch, Herr Ritter! Ja, ich nehme das Kleinod als Geschenk von Euch, als Andenken an den frommen deutschen Ritter. Ich hoffe, Gott wird mir gnädig sein und mein Samariterwerk als Sühne für den Abfall vom Christenthums ansehen, bis ich wieder so glücklich sein kann, zur lieben Kirche meiner Jugend heimzukehren!" — Darauf erhob sie sich, trocknete ihre Thränen und indem sie den Krug ergriff, sagte sie noch: „Jetzt kleidet Euch um, ich muß zu Ibrahim, komme aber noch vor dem Gebete. Laßt des Alten Kleider nur hier in der Laube, ich versorge sie später." Ritter Jörg sah dem Mädchen nach, bis dasselbe unter der Thurmthüre verschwand, dann kniete er nieder und betete lange und innig. — VII. Als Selima wieder an das Lager des Kranken trat, hatte sich der Kaufherr bereits entfernt. Ibrahim winkte dem Mädchen näher zu treten und sprach dann mit leiser, matter Stimme: „Antonio ging zufrieden fort, nun ist uns Beiden gedient. Er hat, was er so lange ersehnte, erhalten und ich habe die Kaufssumme, so angelegt, wie ich's für's Beste halte, nämlich für Dich bei dem Kaufherrn." „Wie dank ich Euch, mein zweiter Vater, für Eure Liebe!" antwortete ergriffen das Mädchen und drückte die dürre Hand des Alten. Nach einer Pause fuhr dieser fort: „Antonio wird, wenn ich nicht mehr bin, für Dich sorgen. Du warst mir nicht nur eine treue Sklavin, sondern mehr noch, eine sorgsame Tochter und Pflegerin. Nach .meinem Tode bist Du frei, Selima. - Dann verlasse diese Festung, die Dir nur den Anblick armer Unglücklicher geboten. Kehre zurück in Deine schöne Heimath und gedenke manchmal des alten Ibrahim, der Dir so lange Freund und Vater war." — Dann fuhr er fort: „Wie steht es mit dem Ritter im rothen Thurmes Ist seine Wunde geheilt?" Selima entgegnete etwas betroffen: „Die Wunde verursacht dem Ritter wenig Schmerz; doch kann er sich nicht recht erholen, er kann nicht zu Kräften kommen, wenn er nicht kräftigere Nahrung erhält." „Wir dürfen dem Gefangenen nur das Vorgeschriebene geben, doch magst Du ihm manchmal ein wenig Obst reichen, jedoch vorsichtig. — In drei Tagen kommt ein neuer Transport Gefangener aus der Schlacht von Varna. Diese wird der Commandant der Festung selbst empfangen und da müssen mehrere der älteren Gefangenen ausgelöset sein, außerdem werden sie verkauft. Sorge, daß der Ritter bei Ankunft des Gouverneurs in Ketten sich befindet, wie der Befehl lautet." — „Der arme Ritter!" seufzte Selima. „Wer sollte für denselben Lösegeld senden? Gewiß kennen seine Angehörigen in Deutschland den Aufenthalt des Unglücklichen gar nicht und wie lange muß er noch in dem feuchten Thurme liegen, bis diese Angelegenheit bereiniget sein wird! — Der Gouverneur wird eben die armen, vermögenslosen Gefangenen als Sklaven verkaufen, um Platz zu machen; die Besseren aber, von denen ^ er reichliches Lösegeld hofft» werden diese Burg wohl lange nicht verlassen dürfen!" „Wir können Nichts ändern!" lispelte der Kranke. .Wie froh war das Mädchen, daß alle Vermuthungen des Gefängnißwärt-rs bezüglich der Zukunft des Ritters durch dessen Flucht gegenstandslos würden. Sie war 91 entschlossen, mit Beihilfe eines Unterwärters von dem sie früher einmal die Bastonade durch ihre Fürbitte bei Ibrahim abgewendet hatte, und der ihr seitdem sehr zugethan war, einen anderen Gefangenen besseren Standes in Jörgs Gefängniß zu bringen. Der Alte wurde plötzlich wieder von einem so heftigen Husten befallen, daß Blut aus dem Munde strömte und der Verband der Brustwunde sich lockerte, so daß Selima nicht rasch genug Hilfe leisten konnte. — Die Athemzüge des Kranken wurden kürzer und schwächer. Das Mädchen sandte eine Sklavin in die Stadt, um einen Arzt zu holen, denn sie merkte wohl, daß es mit Ibrahim bald zu Ende gehen müsse, der nach dem Anfalle bewußtlos lag. Nachdem der Arzt nicht vor einer Stunde eintreffen konnte, eilte das Mädchen noch in den Garten hinunter, um von dem Ritter Abschied zu nehmen. Jörg von Waldeck saß im Matrosenanzug in der Laube, als Selima die Thurm» thüre öffnete. Er eilte ihr entgegen, wollte seiner Retterin noch einmal die Hände drücken, diese aber sprach: „Kommt rasch zum Oleanderbusch, schon höre ich den Jmam das Abendgebet sprechen!" — Sie gingen an die bezeichnete Stelle, dort öffnete Selima das Thürchen, dann sagte sie leise: „Lebt wohl, edler Ritter! Ich muß zu Ibrahim eilen, denn er wird diese Nacht kaum mehr überleben. Gedenkt manchmal an Selima, in welcher Euer frommer Sinn die Sehnsucht nach der Heimah, nach den seligen Kinderjahren so mächtig geweckt, an das Mädchen, welches durch Eure Rettung die Abtrünnigkeit vom Christenglauben zu sühnen und bald selbst wieder Christin zu sein hofft. Lebt wohl!* — Nasch eilte sie aus dem Gebüsche und ehe der gerührte Jörg ein Wort zu sprechen vermochte, sah er das brave Mädchen in der Thurmthüre verschwinden. Als das Gebet des Priesters auf dem Minarete verstummt war, vernahm der Ritter an dem zugelehnten Thürchen dreimaliges leises Klopfen. Er öffnete und kroch durch die schmale Oeffnung in's Freie, wo der treue Matrose Andrea, der ersehnte Netter, stand. Jörg drückte diesem die Hand, dann schritten Beide schweigend den schmalen Pfad durch die Weinberge hinab, durchwanderten eine schmutzige Vorstadt und langten endlich am Ufer der Narenta an, wo sie eine Gondel bestiegen und kurze Zeit daranf das Handelsschiff des Antonio erreichten. „Habt Dank, mein Netter!" sprach Ritter Jörg, als sie auf dem Verdecke des Schiffes standen. „Gott lohne Euch, was Ihr einem unglücklichen Gefangenen Gutes gethan habt!" „Ich vollzog nur die Befehle meines Herrn", entgegnete Andrea. „Ihm dankt, Ritter, denn ohne seinen guten Willen müßtet Ihr wohl lange noch in der grausigen Festung dort oben schmachten, oder, wer weiß, welches traurige Loos Eurer gewartet hätte! — Nun folgt mir in die Kajüte des Herrn. Dort liegen Kleider für Euch, dann erwartet dort Signor Antonio, welcher gegen Mitternacht auf das Schiff kommt, ehe dasselbe in die See sticht." Darauf begaben sich Beide in den unteren Schiffsraum, wo sich die Schlafkabine des Kaufherrn befand. Dort wechselte Jörg die Kleider, während Andrea auf's Verdeck stieg und die schlummernden Matrosen weckte. Obwohl der Ritter glücklich war, daß er sein düsteres Gefängniß verlassen hatte, so konnte er sich seiner Rettung dennoch nicht so ganz erfreuen, weil immer noch eine Entdeckung seiner Flucht möglich und eine Verfolgung zu fürchten war. Erst nachdem der Kaufherr das Schiff betreten und Befehl zur Lichtung der Anker gegeben hatte und das Fahrzeug bei gutem Winde rasch in's Meer hinausschmamm» erst dann fühlte sich Ritter Jörg sicher und gab sich seinen nun heftig vordringenden Dankgefühlen ungehindert him — (Fortsetzung so 92 — Symbolische Handlungen bei Rechtsgeschäften. Von Dr. Friedrich Leist. Es war nicht zu allen Zeiten so einfach und leicht, ein Rechtsgeschäft abzuschließen, wie dies heutzutage der Fall ist, wo man mit seinem Kontrahenten eben geradenweges zum dienstwilligen Notarius sich begibt, dort urkundlich das vorgehabte Rechtsgeschäft verbriefen läßt, die entsprechenden Taxen bezahlt und den gewallten neuen Nechtszustand schwarz auf weiß und wohlbesiegelt als für alle Zeiten gültig und unanfechtbar getrost nach Hause tragen kann. In der „sogenannten" guten alten Zeit, wo man noch, um eben diese Güte der Zeit der Nachwelt im rechten Lichte zu zeigen, nach der peinlichen Halsgerichtsordnung die Menschen folterte, eine Lüge mit Zungenabschneiden, eine Ohrfeige mit Handabschlagen, eine Verleumdung mit Augenausstechen und das Schuldenmachen möglichenfalls mit dem Tode bestrafte, da war's auch mit allen Rechtshandlungen eigenthümlich bestellt; sie erforderten zu ihrem Vollzug eine umfangreiche Symbolik, die sich in alle Zweige des Rechtes ausdehnte, vorzugsiveise aber eine große Bedeutung erlangte beim Eigenthumserwerb an Grundstücken. Kleine Ueberreste aus jenen symbolischen Handlungen sind uns bis heute noch erhalten; es mag nur daran erinnert werden, daß heute noch in vielen Orten üblich ist, gewisse Rechtsgeschäfte, namentlich Kauf und Verkauf, durch Handschlag perfekt zu machen, oder das Darreichen einer bestimmten Münze trägt gleichfalls bindende Kraft für eine in Aussicht gestellte noch zu erfüllende Rechtshandlung; die große Menge symbolischer Handlungen aber haben wir längst glücklich über Bord geworfen, und wir schätzen die Erinnerung daran jetzt nur noch etwa, wie man auch andere Gegenstände schätzt, die in Folge ihres Alters schon lange jeden Gebrauchswerth verloren, dafür aber einen um so höheren Alterthumswerth gewonnen haben. Der Zweck der Anwendung solch symbolischer Zeichen bei Abschluß von Rechtsgeschäften war in erster Linie, bei Verbriefung derselben Siegelung und Unterzeichnung entweder ganz zu vertreten oder den Urkunden mindestens eine erhöhte Glaubwürdigkeit zu verleihen. .Vorzugsweise ist es die sogenannte Investitur, d. h. die Einführung in den Besitz einer Sache, in Aemter Würden und Rechte, die eine ganze Reihe symbolischer Handlungen hervorrief, und die, schon in Urkunden des 7. Jahrhunderts, noch häufiger von, 9. Jahrhundert anfangend, ihre letzten Ausläufer fast bis in das moderne Nechts- leben erstreckt. Es mag darum nicht uninteressant sein, zunächst in Kürze zu erfahren, wie es um diese Investitur bestellt war. Ein Beispiel möge dies erklären: Der Uebergang eines Grundstückes durch Kauf in die Hände eines anderen als des bisherigen Eigenthüm'ers erforderte zwei Handlungen: die Auflassung, eine Art Vorbereitungsgeschäft, bei welchem der Kauf, der Tausch, die Schenkung abgeschlossen, der Uebergang des Eigentumsrechtes von einem auf den anderen Kontrahenten erklärt und darüber eine Urkunde aufgenommen wurde. Auch diese Handlung wurde von symbolischen Formen begleitet. In der Regel nämlich wurde das für die Urkunde bestimmte Pergamentblatt auf den Boden gelegt und darauf alsdann die sogenannte Testula, ein Messer, ein Handschuh, eine Erdscholle, ein Zweig, Schreibfeder und Tintenfaß. Alle diese Gegenstände wurden hierauf mit dem Pergament vom Boden erhoben und von dem Veräußerer unter bestimmten Worten dem neuen Eriverber übergeben, worauf dieser den Schreiber zur Abfassung der urkundlichen Aufnahme veranlaßte. An diese Handlung schloß sich dann die Investitur, deren juristische Bedeutung darin lag, daß damit auch der volle körperliche Besitz auf den neuen Eriverber überging. Die einzelnen Rechte haben verschiedene Wandlungen dieser Formeln hervorgebracht, so daß eine ganze Reihe der sonderbarsten symbolischen Gebräuche Gegenstand kulturhistorischer Erinnerung geworden ist. — S3 — So wurde die Investitur vollzogen mittels Überreichung eines Ringes, namentlich bei Uebertragung von hohen Würden und Aemtern, sowie mittels eines Stabes, der entweder auf den Altar gelegt oder demjenigen, der investirt werden sollte, in die Hand gegeben wurde. Das berühmteste historische Beispiel dieser Art von Amts- und Würdenverleihung liefert uns bekanntlich jener mehr als fünfzigjährige Streit, der zwischen Papst und dem deutschen Könige durch das Verbot einer Synode zu Nom 1075 hervorgerufen wurde, wonach den Geistlichen auferlegt wurde, sich von den weltlichen Fürsten nicht mehr die Investitur ertheilen zu lassen. Das Ende des Jnvestiturstreites durch das Wormser Konkordat 1122 brachte eine neue Art der Investitur durch Einführung der Ueberreichung eines Szepters. Die Investitur mittels eines Stabes ging übrigens sogar so weit, daß nicht selten auch die Holzart genauer bestimmt war, von welcher er genommen sein sollte, und da galten vorzugsweise brauchbar: die Eiche, die Esche, die Haselstaude und die Tamarisken- staude. — Eine Art Verkleinerung des Stabes konnte in der Weise stattfinden, daß man kleine Hvlzstücke, gleichfalls von bestimmten Baumarten stammend, als Jnvestiturzeichen übergab oder sonstige Gegenstände von Holz, und bisweilen findet es sich noch, daß diese hölzernen Gaben in dem unteren Theil der Urkunden/ die über den Akt aufgenommen wurden, eingenäht erscheinen. Die verschiedenen Arten der Rechtsgeschäfte brachten den großen Wechsel in die Investitur. So wurden Königreiche mittels des Symbols eines großen Schwertes übergeben oder direkte Ueberreichung einer goldenen Krone, in welch letzterer Form z. B. Ludwig der Fromme im Jahre 813 von seinem Vater Karl dem Großen das Kaiserthum erhielt. An Stelle der Krone konnte der Hut treten, ein Gebrauch, der vorzugsweise in England üblich war. König Richard von England z. B. übergab durch Ueberreichung eines Fürstenhutes Heinrich VI., in dessen Gefangenschaft er gewesen, das Königreich. Länder, Städte und Dörfer werden durch das Symbol des AermeIs übergeben, indem die Urkunde mit einem Stücke des Aermels vom Kleide des Veräußersrs zugleich dem neuen Erwerber zugestellt wurde. Bestimmte Rechte dagegen wurden nicht selten durch den Gürtel übergeben. Auch hier wurden gewöhnlich genauere Anordnungen wegen des Gürtels getroffen; er mußte in der Regel von Hirschleder sein und ein kleines Messer sollte daran hängen. Bisweilen wurden an den Riemen einzelne Knoten zum Andenken eingeflochten und die Riemen dann entweder auf den Altar niedergelegt oder wieder in die Urkunde eingenäht. War bei der Investitur ein Messer in Verwendung, dann wurde es zumeist in Aller Gegenwart zerbrochen und die Stücke wurden hierauf vertheilt oder es. wurde dasselbe, wenn es etwa ein Schnappmesser war, zuerst vor Aller Augen aufgemacht, dann von dem Veräußerer wieder geschloffen und mit entsprechenden Worten auf den Altar niedergelegt. Dieser Gebrauch fand gewöhnlich bei Wiedererstattung von gewaltsam entrissenen Gütern statt. Nicht selten bestand dabei noch die besondere Vorschrift, daß es ein Messer mit weißer Schale sein sollte, oder es waren mit dein Messer noch andere Symbole verbunden, z. B. Münzen, die dann wohl durchbohrt und unter bestimmtem Zeremoniell der Urkunde gleich Siegeln angehängt wurden. An Stelle des Messers konnte übrigens auch ein anderes schneidiges Werkzeug, so namentlich die Scheere, für die Investitur Dienste leisten. Vom Grafen Odo von Corbeil z. B. wird in einer Chonik erzählt, daß er auf Bitten seiner Mutter, der Gräfin de Croccio, einen Mönch Nobertus mit einer geistlichen Pfründe belieh, indem er gleichzeitig mit der Scheere demselben eine Stelle des Hauptes schor. Ueberhaupt konnten auch Haupthaare zur Investitur verwendet werden, ja selbst Varthaare dienten hierfür, indem sie dem Jnvestirten aus dem Barte genommen und dem Altare übergeben wurden. Eine weniger unzarte Investitur geschah durch den Kuh. Beispiele dieser Art -- 94 finden sich in mittelalterlichen Urkunden für gewisse Fälle bisweilen genau beschrieben. So finden wir z. B. einen derartigen Fall im Archiv des heil. Albin zu AngerS beschrieben. indem nämlich Maino, der Sohn Gualons, mit Zustimmung seiner Gemahlin Vieta dem hl. Albin das Land von Brilchiot schenkte und zur Befestigung seiner Schenkung dem Mönche Waller einen Kuß gab; da aber seine Frau doch dem Mönch keinen Kuß appliziren konnte, so gab dieser seine Einwilligung, daß an seiner Stelle ein weltlicher Klostervogt von der Frau mit der gleichen Verbindlichkeit geküßt wurde. Wo aber das süße Bindemittel des Kusses nicht auszureichen schien, konnte man auch zu der drastischen Investitur mittelst Ohrfeige seine Zuflucht nehmen. In der Stiftungsurkunde der Abtei St. Pierre de Preanx in der Diöcese Lisieux findet sich folgendes Beispiel für dieses Symbol: Bei einer Vergebung eines Landgutes durch den Grafen Robert von der Normandie war auch der Erbauer desselben» Humfridus, mit seinen Söhnen Noger und Robert Wilhelm anwesend. Jeder erhielt zur Erinnerung an diese Handlung vom Vater eine Ohrfeige; die größte Ohrfeige aber gab er dem Richard von Lillabona, welcher das Weingefäß des Grafen Robert getragen hatte, und als dieser die Frage an ihn stellte, warum man ihn wohl mit der ausgiebigsten Ohrfeige bedacht habe, erhielt er die Antwort: weil er als der Jüngste die meiste Wahrscheinlichkeit der längsten Lebensdauer biete und darum auch des stärksten Erinnerungszeichens bedürfte, um noch in späteren Jahren, wenn vielleicht Niemand der Anwesenden mehr lebe, für die eben verhandelte Schenkung einzutreten. Ein beliebtes Symbol, wodurch insbesondere Bischöfe und Aebte ihre kirchlichen Würden erhielten, waren die Glockenseile, welche beim ersten Eintritt in die Kirche dem Jnvestirten in die Hände gelegt wurden, worauf derselbe hierdurch die Kirchengloclen selbst läutete und in dieser Weise die Kirchengemeinde zum Gebet vereinigte, wogegen die Glieder der Gemeinde ihre in kirchlichen Angelegenheiten übernommenen Verpflichtungen dadurch bethätigten, daß jede einzelne Person ein Wcihrauchkorn auf den Altar niederlegte. Andere Investituren fanden durch Ueberreichung eines Handschuhs der rechten Hand statt, durch einen Spieß, eine Fahne, durch Auflegung des Evangeliumbnches; übergebene Häuser oder deren Wiederabtretung wurden durch Binsen, Grundstücke in der Regel durch ein Stück ausgeschnittenen Rasens, durch eine Hand voll Erde, die von dem Acker oder Grundstück selbst genommen sein mußte, investirt, durch einen Strohhalm, der in den untern Rand der Urkunde eingelegt wurde, durch Uebergabe von Reliquien- kästchen, durch Aufstellung eines Bechers auf den Altar, durch Ueberreichung eines Taschentuches, eines Altartuches von bestimmtem Stoffe, durch Hingabe einer Feoer und eines Schreibrohres, wie dies namentlich bei Investitur von Notaren der Fall war; endlich konnte auch noch eine Häufung von Symbolen stattfinden, eine Investitur also z. B. mittels Schwert, Mütze und Ring, mit Ring und Stab, mittels Jagdhorn und Gürtel, mittels Schwert und Spieß und dergl. stattfinden. Im Laufe der Zeit treten naturgemäß auch in diesen Verhältnissen mehrfache Aenderungen ein. Namentlich die Veräußerung von Grundstücken wurde mit der Zeit vor den Vogt oder Schultheißen gebracht, und wurde hier dann eine Urkunde darüber ausgefertigt und diese mit dem Stadtsiegel versehen. Bald entstand auch der Gebrauch, sie in einem dazu bestimmten Stadtbuche einzutragen, und mit diesen Eintragungen entwickelte sich zeitig auch die Entrichtung bestimmter Gebühren. Das Eeremoniell der Investitur aber hielt sich daneben durch Jahrhunderte hindurch fort, und noch heute sind in einzelnen Gegenden die Neste solcher Gebräuche nicht vollständig erstürben. G»l-rörner. Wie wenige Freunde würden Freunde bleiben, wenn einer die Gesinnungen des andern im Gauzev >ehen könnte. Lichtenberg. Wisse, daß man nicht gleich ein Riese heißet,. Wenn man kein Zwerg mehr heißen kann. Pfeffel. Der Wirth zirm goldenen Lümmle. In der schwäbischen Stadt mit dem kurzen Namen und dem langen Münsterthurm war einst der Wirth K. „zum goldenen Läminle." Einstmals hatte auch der Alterthumsforscher-Verein eine Zusammenkunft in der Stadt und es fanden sich von allen Gegenden so viele Leute zusammen, daß Mangel an Quartier war. Nun kam auch der heitere Herzog M. vom benachbarten Lande an und der Herr fand in den ersten Gaßhöfen eben auch kein Quartier. Es wurde ihm sodann das „Lümmle" empfohlen, wo er zwar ein bescheidenes, aber reinliches Zimmer mit schöner Aussicht auf'die Donau und eine treffliche Einsicht in Küche und Keller habe. — Der hohe Gast machte sich auf den Weg, und obwohl es spät Abends war, entschloß er sich doch, das „Lämmle" aufzusuchen. Beim Eintritt wurde er von dein in Hemdärmeln anwesenden Wirth auf das Freundlichste mit den Worten begrüßt: „Sie hent heut wahrscheinle wo anders kein Quartier kriegt, sonst kämet Se net zu mir." — „So ist es", erwiderte heiter gestimmt der Herzog. „Ich habe befohlen meinen Koffer hierher zu bringen, im Falle ich hier bleiben kann." — „Ja wohl", sagte der Wirth, „Sie g'fallet mir und obwohl i's Quartier heut' scho' hätt' zehnmal vergebe könne, so hab i' mir denkt, es kommt dcch no' was Besser's." — Der Herzog meinte: „Das Sprichwort sagt aber, eS kommt nichts Besseres nach." — „Auf d' Sprüch geh' i net", erwiderte der Wirth, „i seh' den Mann an. Was wünschen Sie zu trinken, Herr?" — „Eine Flasche Champagner!" — „Blitz, Sie müaßet heut' scho' guets G'schäft g'macht habe, wenn Sie Nachts zehn no' Champaninger saufet." — Der Herzog lachte herzlich auf die Derbheit, staunte aber, als der Wirth den Champagner mit zwei Gläsern servirte. „Zu was zwei Gläser?" frug der Herzog. — „I sauf au mit", erwiderte der Wirlh, „denn i hab' heut an guete Geschäfte g'macht, no pasche mer den Plunder raus." — „Wohlan", meinte der Herzog, „bin einverstanden." — Die Flasche wurde entkorkt und immer heiterer wurde die Unterhaltung, welche durch Niemanden gestört wurde, weil Wirth und Gast die alleinigen Zecher in der Stube waren. Es war wenige Minuten nach elf» als die Thür aufging und ein Neger einen schweren Koffer hereintrug. Der Wirth erschrack entsetzlich, doch wurde er ruhiger, als der Sohn Afrika's auf den Herzog zutrat und frug: „Hoheit, wo habe ich den Koffer hinzuthun?" — „Dies wird der Wirth bestimmen", war die Antwort.— „Was? Hoheit?!" rief der noch immer frappirte Wirth. — „Nun ja, beruhigen Sie sich, ich bin der Herzog M. in B. Dies soll aber unsere Unterhaltung nicht stören. Weisen Sie gefälligst den Diener mit dem Gepäck in mein Zimmer und geben Sie ihm ein Nachtmahl." — „Blitz, Fix, Donnerwetter, Hemdärmel und Sie a Hoheit! Weib komm rei, i kann die Schand alloi net trage, hilf mir!" — „Du hast mi zum Trinka a net g'rufa, trag no die Schand alloi!" — „No, so bring' dein Mohren was! Entschuldigen, Hoheit, was frißt denn der Kerle?" Der Gast lachte und erwiderte: „Geben Sie ihm Braten und Salat und etwas Wein, er wird nichts übrig lassen. Doch kommen Sie, wir wollen noch beisammen bleiben." — Die Glocke des alten Münsters kündete mit zwölf Schlägen die Mitternacht: und wieder geht die Thüre des Gastzimmers auf und herein tritt mit schwerem Schritt kein Schwarzgeborener, aber ein Weißer der hohen schwäbischen Polizei. Selbst der Diener am hintersten Tisch erschrack über die Erscheinung in Amtsmiene, welche direkt auf den Gastwirth und seinen Gast zuschritt mit den Worten: „Höret Se, Ihr Herra, 's ischt Zwölfe und d' Polizeischtond vorbei." — Der Gastwirth darüber entsetzt, weil ein so sehr verehrter Gast gestört wird, erwiderte in ruhigem, aber ernsthaften Tone: „Höret Sia jetzt, der Herr, der bei mir sitzt, ischt a königliche Hoheit, — und i be der Wirth mi kennet Se, und daß der Bedeant da hinta koi Ulmer ischt, des meret Sie eam wohl anseha." — Und die Polizei ging beruhigt von bannen. Herzog M. v. B. freute sich aber noch lange über den urwüchsigen Wirth „zum goldenen Lümmle." Miseellen. (Verlorenes in London.) „Entschuldigen Sie, mein Herr, haben Sie etwa eine Doppelkrone verloren?" fragte ein ernstblickender Mann mit Notizbuch in der Hand einen ihm Begegnenden. Der Angeredete suchte mit nervöser Hast in verschiedenen Taschen und rief: „Ja wirklich! Wie konnte ich nur so unachtsam sein. Fort ist sie. Ich muß sie hier ganz in der Nähe, wo wir stehen, verloren haben!" Der Mann mit dem Notizbuch zog einen Bleistift hervor und sprach: „Bitte um Ihren Namen und Adresse." Nachdem dies notirt, wolliger sich entfernen, aber der Ausgefragte rief: „Wohin? Wo ist mein Geld? Meine Doppelkrone will ich haben!" — „O, ich habe gar keine gefunden. Heute Früh fiel mir ein, daß in einer so großen Stadt, wir diese, wo stündlich Millionen in Umlauf sind, auch sehr viel verloren werden müsse und das wollte ich ergründen. Auf einer Strecke von etwa tausend Schritten habe ich schon sieben Herren getroffen, deren jeder eine Doppelkrone verloren hatte, wie Sie! Guten Morgen, mein Herr!" (Blühende Katheder-Weisheit.) Auf dem Korridor eines Berliner Gymnasiums: Lehrer zum Schüler: „Sie haben überhaupt kein Recht hier auf dem Korridor herumzugehen und wenn Sie dieses Recht gar noch mißbrauchen, so wird es Ihnen genommen werden!" — Ordinarius von Quarta: Hören Sie, lieber Löffel, Sie übersetzen heute sehr schlecht. Schüler: Ich übersetze ja in dieser Klasse zum ersten Male. Lehrer: Trotzdem! — „Die lächerliche Geschmacklosigkeit eines Zylinderhutes ist selbst neben einer persischen Lammfellmütze immer noch auf unserer Seite." — „Königs Literaturzeschichte ist ein Bilderbuch, das mehr durch den hübschen Einband und die Ausstattung wirkt, als durch die auf vielen Seiten allseitig hervortretende Einseitigkeit." — „Na, ein Resultaz kann doch nur richtig sein! Wenn Ihres richtig wäre, so wäre meines falsch, — was aber falsch ist, denn es ist richtig!" (Trinkbarometer eines alten „Kneipgenies".) Wissen Sie, pflegte Herr Schwips zu sagen, wie ich merke, wenn ich vom Trinken eine schwere Zunge bekomme?" So lange ich „Exterritorialität" ohne Anstoß aussprecheu kaun, bin ich noch ganz nüchtern; wenn ich die „Jncompatibilität" deutlich herausbringe, geht's noch an; wenn ich bei der „Excentricität" stolpere, wird's bedenklich; wenn ich aber „Eulalia" nicht mehr sagen kann, dann ist's gefehlt. (Weshalb er sich so gut erinnert.) Ein Pariser trifft auf den Boulevards einen Geistlichen und grüßt ihn in herzlichster Weise. „Verzeihung, mein Herr," sagte der Abbe verlegen, „ich erinnere mich nicht, die Ehre Ihrer Bekanntschaft zu haben." „Wie, Sie erkennen mich nicht?" fragte erstaunt der Pariser. „O, ich meinerseits werde Sie niemals vergessen: haben Sie doch damals auf dem Lande — meine Schwiegermutter begraben." (Auch eine „Ziehung.") Student: „Ja, lieber Herr Meister, thut mir leid daß Sie solch ein Pechvogel in meiner Lotterie sind! Sehen Sie, ich werfe meine sämmtlichen Rechnungen in diesen Papierkorb hier und veranstalte alle halbe Jahre eine Ziehung, was ich herausziehe wird prompt bezahlt — Sie sind eben leider — noch nie herausgekommen. (Nicht nöthig.) Engländer: „Sagen Sie mir doch gefälligst, wie kommt es denn, daß Ihre so wortreicht Sprache kein Wort besitzt, welches das Gegentheil von Durst ausdrückt?" — Deutscher: „Ja, wissen Sie, lieber Herr, wir brauchen eben kein's, denn Durst hat der Deutsche immer." 1 2 1 3 4 5 6 . Arithmogryph. 6 . . . eine asiatische Halbinsel. ein Vogel. 2 13 6 4 2 16 6 5 2 1 Hochland in Asien. Nebenfluß des Tib, ein Nebenfluß Füi! bis Redaktion verantwortlich AlphonS Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Nr. 13. 1883. M „Angslmrger Pojheiliülg." Mittwoch, 14. Februar Jörg von Malderk. Eine Erzählung aus dem fünfzehnten Jahrhundert von F. Schenk. (Fortsetzung.) Ritter Jörg lag noch auf seinen Knieen im heißen Gebete und innige Dankesthränen glänzten in seinen Augen, als Signor Antonio in die Kabine trat. Jörg von Waldeck erhob sich, ergriff die Hand des Kaufherrn und sprach: „Wie soll ich Euch meinen Dank aussprechen, Signor Antonio? Ich finde keine Worte für Eure edle Christenthat. Gott wird sie lohnen, ich vermag es nicht!" Antonio erwiderte: „Laßt das, edler Ritter! — Es war ein gewagter Schritt, doch gelang er mit Gottes Hilfe und gewiß hat auch die brave Selima für Euch gebetet. Hoffentlich wird sie uns bald nachfolgen, denn der alte Ibrahim ist, wie mir der Arzt in der Stadt sagte, nicht mehr zu retten und wird die neue Morgenröthe kaum mehr schauen." Die Seereise nach Venedig ging glücklich und unter traulichen Gesprächen von statten. Ritter Jörg mußte von der Heimath, voin Kriege und seiner Gefangenschaft erzählen, während der Kaufherr Mittheilungen über sein Geschäft und die häufigen damit verbundenen Reisen, dann über den Waffenhandel mit Ibrahim machte. Mit seligen Gefühlen betrat der Ritter den Boden der stolzen Venetia und fand im Hause des Kaufherrn herzliche Aufnahme und zwar so lange, bis dieser einen Geschäftsfreund ausgemittclt hatte, mit welchem Jörg bis Verona reisen konnte, von wo aus die Rückkehr in die Heimath durch das Etschrhal nach Tirol erfolgen sollte. Der brave Antonio versah den Ritter mit den nöthigen Geldmitteln und nach einem herzlichen, dankbaren Händedruck verließ dieser das gastliche Haus und das stolze Venedig, nachdem er sich vorher noch mit einem Pilgergewande versehen hatte, denn sei» Heimweg sollte ein immerwährendes Daukgebet zum Höchsten für die wunderbare Nektung sein. Langsam, theils zu Fuß,' theils auf Saumrosfen der Klöster, wo der Ritter Herberge fand, ging's dem freundlichen Städtchen Botzen zu. Dort wollte Jörg bei einem lieben Turnier-Gefährten, dem Ritter Kurt von Rungelstein sich ein paar Tage Ruhe gönnen, deren er, der durch die Wunde so sehr Geschwächte, nothwendig bedurfte. Man war eben mit der Traubenlese beschäftigt, als Herr Jörg aus dem Thals der Talfer hinauf ging zur alten, vielbesungenen Burg, in welcher einst König Arthur die Tafelrunde hielt. Der Pilger, welcher von den Angehörigen der Burg nicht erkannt wurde, bat um Aufnahme und da ihm dieselbe von Ritter Kuno freundlichst gewährt wurde, gab er sich zu erkennen. Groß war der Jubel, den lieben Waldecker wieder einmal auf der Burg bewirthen zu können und erhöhte sich, als Jörg von seinen Erlebnissen und seiner wunderbaren Rettung erzählte. Da gab es einige Tage genug der Unterhaltung, der Fragen und Antworten und Jörg genoß nach langer trüber Zeit wieder einmal die Freude in einer deutschen Nitterstube bei Terlanermost und feurigem Wein von Kältern vergangener 98 — glücklicher Zeiten zu gedenken. Wäre die Sehnsucht nach Agatha nicht die Triebfeder zur baldigen Trennung von den lieben Burgbewohnern, wie gerne hätte der Ritter noch einige Wochen hier zugebracht. So aber half kein Zureden des Freundes oder sei -er holden Burgfrau, selbst nicht die Aussicht auf einen lohnenden Waidinannsgang, den Ritter zurückzuhalten. Kuno gab dem scheidenden Freunde ein Roß und einen Knappen zum Geleite bis zum Benediktinersiifte Tegernsee und ritt selbst bis Innsbruck hinab, wo sich die einstigen Waffengefährten trennten. Es war am 21. Sonntag nach Pfingsten, als die Reisenden den Tegernsee entlang, dem Stiftsgebüude zu ritten. Recht herbstlich war's geworden und aus den Bergthälern wehten kalte Winde und hielten den See in Bewegung- Nur in der Brust des Ritters war's Frühling, denn nun war er ihr ja so nahe, der ersehnten, theuren Agatha. Die Tegernseeer Mönche empfingen den Pilger und Gönner des Stiftes mit Freuden und bewirtheten ihn fürstlich. Auch hier sollte Jörg einige Tage verweilen, allein er schlug die freundliche Einladung des Abtes ab, und entließ auch den Rungelsteiner Knappen, den er noch beschenkte. Ebenso lehnte er am andere» Tage jede Begleitung in die Heimath ab; er wollte als einsamer Pilger seine Waldecker-Burg nach nahezu einjähriger Abwesenheit wieder betreten. — VIII. Eine Wegstunde vom Chorherrenstifte Weyarn entfernt, Mangfall abwärts, erhob sich damals über den steile», bewaldeten Abhang die alte Scheyernburg Valey. Nach dem Tode Otto's, des letzten LaleyrS aus herzoglichem Geschlechte, im Jahre 1238, fiel die Burg wieder an den Herzog zurück und seine Nachfolger beschenkten im Jahre 1408 den Kammermeister Ritter Beit Aheimer mit der Burg, welche bis zu», Jahre 1550 im Besitze dieser Familie blieb. An den, nämlichen Sonntag, an welchen, Ritter Jörg von Waldeck mit dem Rungelsteiner Knappen im Stifte Tegernsee eintraf, feierte man aus der Burg Valey die Hochzeit des Fräulein Agnes von Aheim, des Hofsräuleins der Herzogin Anna, mit einem Seibolvs- dorfer. Aus nah und fern waren Berwandte und Bekannte zu diesem Feste auf der Burg eingetroffen und es durften se bstverständlich weder Frau Anna von Pienzenau, noch Agatha von Waldeck, dann die Söhne von Jürgens Bruder, Bernhards von Wallen- burg, der wenige Jahre vorher gestorben war, fehlen. Frau Agatha wäre bei ihrer Gemüthsstimmung dem Feste lieber ferne geblieben, doch fürchtete sie die mütterliche Freundin zu kränken, welche mit Innigkeit an der Base Agnes hing und diesen Festtag in ihrer Nähe verbringen wollte. Diese war auch hocherfreut, als die beiden Frauen auf Paley eintrafen und erkundigte sich theilnahmsvoll über dos Befinden der unglücklichen Agatha. llebcrhaupt fand das Geschick der edlen Fran allgemeine Theilnahme und suchte man dieselbe zu trösten und zu beruhigen. Niemand konnte ihr aber Nachricht über den theuren Gatten bringen, denn man hatte auch bei Hofe keine Kunde von den, Ritter erhalten. Viele wähnten ihn längst todt — und doch hatte der gute Gott es gefügt, daß der für sie verloren Geglaubte, so nahe weilte! —" Die beiden Frauen folgten Sonntag Abends der Einladung des Herrn Probstes von Weyarn und fuhren, nachdem sie sich von dem jungen Ehepaare und den Gästen verabschiedet hatten, nach Weyarn hinüber, wo dieselben im Fremdenstock freundliche und reinliche Wohnung erhielten. Am Montag weckten die Glocken vom Stiftsthurme schon früh zu den heiligen Messen, welche die Chorherren celebrirten. Die beiden Damen säumten nicht, den einladenden Klängen zu folgen und als sie in die Kirche traten, begann eben eine heilige Messe am Altare der schmerzhaften Gottesmutter. Bald knieten Beide in der Nähe dieses Altars in eine», Kirchenstuhle. Frau Agatha hatte eine unruhige Nacht. Sie hatte bestimmt gehofft, von ihrem 99 theuren Jörg Nachricht zu erhalte», aber alle ihre Fragen blieben erfolglos. Sie war ja auf das Aeußerste gefaßt, ihr kummervolles Herz wünschte sehnlichst Gewißheit über das Loos ihres Gatten. Lebte Jörg nicht mehr, so wollte sie ihr freudenloses Leben einsam auf Waldeck beschließen, eine Mutter der Armen und Bedrängten. Agatha konnte schon lange nicht mehr so innig, so vertrauensvoll beten, als an diesem Morgen am Altare Derjenigen, welche so unendlich viel gelitten. Nachdem der Priester den heiligen Segen gegeben hatte, verweilten die Frauen noch kurze Zeit im stillen Gebete und als Agatha ausstand und noch einmal hinauf blickte zu dem milden und doch schmerzdurchfurchten Antlitze Mariens und leise betete: O heilige Jungfrau, verlaß mich nicht! Da war's ihr, als bewege die Heilige das schöne Haupt, als wollte sie der Armen sagen: Ich verlasse Dich nicht! Beruhigter schied Frau Agatha aus der Kirche und nachdem die Frauen von den» Probste und den bekannten Chorherren Abschied genommen hatten, verließen sie das Klosterdorf und fuhren gen Schliers. ' Noch vor Mittag langten sie dort an. Der Tag war so schön, so wolkenlos der Himmel. Die herbstliche Färbung der Bäume, das duftige Blau der Berge und die glatte, spiegelhelle Seefläche schufen ein prächtiges Landschaftsbild. Frau Agatha machte den Vorschlag, nach dein Essen zur alten Martha auf die Halbinsel zu fahren und bald schwamm der iraldeckische Nachen dem Eilande zu. Während des Vormittags war Kuno, der Jägerbursche, zur Nachsicht bei den Holzarbeitern durch einen Theil des Breitenbachthales auf die Kreuzbergalpe und von da hinüber auf die Gindelalpe gestiegen. Den Rückweg nahm er Nachmittags zum Bauer am Oberschuß, über dessen Herd einerseits die waldeckische, anderseits die Kloster-Tegernseeer Grenze ging. Von da gelangte er auf das Sträßchen, welches von St. Quirin am Tegernsee über Ostin an die Schlierach und nach Westenhofen führt, auf weichein der Jäger langsam vorwärts schritt. Da hörte er hinter sich Jemand gehen, fund als er zurückblickte, sah er einen Pilger auf sich zuschreiten. Obwohl in damaliger Zeit noch häufig Pilger aus dem Orient auf den Ritterburgen zusprachen, so interessirte den Jäger doch die ehrwürdige Erscheinung des Wanderers, weshalb er seine Schritte hemmte, bis der Pilger ihm ganz nahe war. Jörg von Waldeck hatte den braven Jägerburschen schon erkannt, als dieser sich umwandle und ihm zurief: „Gelobt sei Jesus Christus!" „In Ewigkeit!" erwiderte dieier. Kunos Blicke überflogen rasch die Gestalt mit dem langen Vollbarte, im grauen P'lgergewande, den Muschel bedeckten Hut auf dem Haupte, von welchem lange, dunkle, doch auch mit weißen Haaren untermischte Locken auf die Schulter herabhingen; dann mit den Sandalen an den Füßen und den Pilgerstock mit der Kürbisslasche in der rechten Hand. — „Frommer Pilger!" begann Kuno das Gespräch. „Ihr möchtet wohl den edlen Ritter Jörg von Waldeck heimsuchen, weil Ihr dem Schliersee zuschreitet; doch, den findet Ihr nicht auf der Burg. Wir selbst wissen nichts von ihm, als daß der Unglückliche, welcher im Winter gegen die Christenfeinde nach Ungarn zog, im Frühjahre in türkische Gefangenschaft gerieth. — Ach Gott! In welch' schauerlichem Verließe mag der edle, gute Heer wohl schmachten! — Da wäre uns noch lieber, wenn ihn der gute Gott zu sich in den Himmel genommen hätte, so schmerzlich der Gedanke auch ist, den Ritter, welchen Alt und Jung wie einen Vater liebt, verloren zu haben!" — Kuno wischte sich ein paar Thränen aus den Augen, was dem über die Treue seines Dieners bewegten Jörg nicht entging. Dann fuhr Kuno fort: „Ach, mein Herr, wer Ihr auch sein möget, der Kummer der edlen Burgfrau von Waldeck hätte Euch gewiß auch oft zu Thränen gerührt! Das nenne ich Liebe und Treue! — Ach, wenn wir nur wüßten, was aus unserem guten Herrn Ritter geworden ist! Diese lange, bange Ungewißheit über sein Schicksal muß ja die treue Frau auf- 100 .reiben! — O,. guter Pilger! Hättet Ihr nur die Frau gesehen mit den üpvigen braunen Locken, mit dem frischen schönen Gesichtchenl Und jetzt! Schon färben sich, wie die Blätter an jener Linde die dunklen Haare in graue. Die rothen Wangen sind dahin und gramdurchfurcht sind die edlen, schönen Zügel — Habt Zhr keine Nachricht von Jörg von Waldeck? Ihr kommt wohl nicht aus dem Uugarnlande, sondern aus der Heimath unsers Erlösers? — Aber, was ist Euch?" frug Kuno plötzlich den Pilger, welcher laut schluchzend neben dem Jäger ging. Da blieb Ersterer stehen, ergriff die Hand des Jägers und sprach tiefbewegt: „Ich bringe den Nitter zurück, guter Kuno! Der gütige Gott hat mich wunderbar gerettet aus tiefer Kerkernacht! Nun darf ich meine Agatha, Euch und die Heimath wiedersehen!" Kuno war vor Freude und Staunen auf die Kniee gesunken, küßte das Kleid des geliebten Herrn, dessen Stimme und Gesichtszüge ihm nun plötzlich bekannt erschienen und unter Thränen rief er: „Gott sei gelobt! — Ach, mein geliebter Herr Ritter, weil wir Euch nur wieder haben! — Das ist die schönste Stunde »reines Lebens, da ich Euch, den zweiten Vater, wieder sehen darf! — O, nun laßt mich vorauseilen auf die Burg um die edle Herrin auf das unerwartete Glück vorzubereiten, denn die plötzliche Freude des Wiedersehens könnte ihr und der alten Frau Anna von Pienzenau den Tod bringen!" Kuno erhob sich und wollte forteilen, der Nitter hielt ihn jedoch auf, indem er sprach: „Ja, Kuno, Du sollst zu meiner Agatha eilen, Du sollst ihr jedoch nicht sagen, daß ich komme, sondern daß ein Pilger gute Nachricht von dem Nitter bringe. Ich erwarte Dich zu Westenhofen in der Kirche. Kuno eilte, als hätte er heute noch keinen Berg bestiegen, so rüstig dem Dorfe Schliers zu, da begegnete ihm hinter Westenhofen, Lisbeth, das Töchterchen eines waldeckischen Holzarbeiters, welche häufig in's Jägerhaus auf die Halbinsel kam und für die alte Martha Manches besorgen mußte. Sie kam eben daher und ries, als sie in die Nähe des Jägers gekommen diesem zu:^ Kuno I Die Herrschaften von Waldeck sind vor einer Stunde zur alten Jügerin herübergefahren. Auch die Zofe ist bei ihnen, sie hat mich bis zum Rauhestein begleitet." „Ich danke Dir, Lisbeth, für die Nachricht. Du hast mir einen weiten Weg erspart, denn ich wollte zur Burgsrau nach Waldeck hinauf. B'hüt Dich Gott, Kleine!" Kuno wandte sich gegen Westenhofen zurück und wartete bei der Kirche auf den Nitter, der nach kurzer Zeit eintraf. Nachdem der Jäger erzählt, was er erfahren, gingen Beive in die Kirche; aber sie waren zu aufgeregt, um sich zum Gebete sammeln zu können. Der Ritter wußte das Ziel seines heißen Sehnens so nahe und Kuno konnte das Glück noch gar nicht ganz fassen, seinen lieben Herrn wieder gefunden zu haben. Auf dem Wege zur Halbinsel wollte Kuno an den Ritter Fragen stellen über dessen Gefangenschaft, aber die Eile, mit welcher dieser vorwärts schritt, ließ den treuen Jäger in's Herz des Herrn blicken und erkennen, daß jetzt keine Zeit zum Fragen sei. Er beschleunigte ebenfalls seine Schritte, bis Beide am Walde der Halbinsel anlangten. Jetzt blieb der Ritter stehen und sagte: „Kuno, nun gehe voraus zum Jägerhause. Sage den Frauen, es folge Dir ein Pilger aus dem Türkenlande, welcher erfreuliche Nachricht bringe. Ich werde Dir langsam folgen." Die beiden Frauen hatten sich, da die Herbstsonne noch recht angenehme Wärme verbreitete, vor das Jägerhaus gesetzt und nahmen eben ihren Nachmittagsimbiß, Milch und Butterbrod zu sich, als Kuno um die Hausecke bog und sich vor Agatha tief verbeugend sagte: „Gnädigste Frau! Von Westenhofen her folgt mir ein Pilger aus dem Türkenlande. Er sagte mir, er müsse zu Euch, denn er bringe gute Nachricht von dem edlen Nitter von Wakdeck!" 101 Von meinem Jörg?« rief Agatha freudig, erhob sich rasch vom Stuhle und eilte um die Ecke des Jägerhauses, von welcher, bis zum Waldsaume die Entfernung nur eure kleine war. Eben trat der Pilger in's Freie. . ^ . Auf den Lippen Agatha's schwebte einen Augenblick dre Frage: Wer mag der Pilger sein? Sofort aber saate ihr das treue Frauenhsrz: Es ist Jörg, mein theurer In demselben Augenblick erhob Jörg beide Arme und eilte auf Agatha zu. Mit dem Rufe: Mein Jörg! Gott sei gelobt und Maria, die Hilfe in der Noth! eilte auch sie dem Geliebten entgegen und lange hielt sich das überglückliche Ehepaar umschlungen in seliger Wonne des Wiedersehens! ? r- Der Wald schwieg. Die Tannenä stehen unterbrachen ihr trauliches Geflüster, sie wollten der Liebenden Seligkeit nicht stören, nur horchen auf das Schluchzen der Wiedergefundenen! — » (Schluß folgt.) Spielmamrsweisen. Von Wilhelm Hörner. Bin einst still vorbeigegangen ! An die Schläfer in dem kühlen An der alten Friedhosspfort', > Erdengrundc denk' ich still, An den Kreuzen aufgehangen, Und ein frommes, schauernd Fühlen Welkten Blumen halbverdorrt. ! Meine Brust deschlsichen will. Rings der Böglein Jubel schallte, Doch ich betet' unbeirrt: Weis; ich denn, wie bald, wie balde Man um mein Grab beten wird? Einiges von Nördlingen. 0. In kurzen Zügen wollen wir uns etwas mit der Metropole des Rieses beschäftigen, mit der Stadt Nördlmgen, welche es vermöge ihres Alters und ihrer reich bewegten Vergangenheit wohl verdient bat. Sie ist eine uralte, einst kaiserlich freie Reichsstadt, der älteste und vornehmste Ort in der Mitte des untern Nies, dieser wahren Kornkammer. Es ist geradezu fabelhaft, wie viele und mitunter gesuchte Ableitungen in Scene gesetzt wurden, um den Namen Nördlingen herauszubringen. Einige mögen auch hier der Erwähnung werth befunden werden. Nach grauer Sage wurde Nördlingen schon auuo wuiicli 3947 — 20 Jahre vor Christi Geburt temporcr Olauckii Niberü dtoionis, ab; er unter dem Kaiser Augustus die Vindclicier bekriegte, auf St. Jmmeransberg erbauet und vom besagten Claudius Tiberius Nero, welcher nachmals auuo Christi 17 der dritte römische Kaiser war, wurde dem erbauten Castell der Name Nöroliuga gegeben. Von hier aus sei die ganze Umgebung 'gouvernirt, unk in beständigem Gehorsam erhalten worden. Der Chronist sügt nicht übel bei „dies zu behaupten ist schon noch zu prolnren." Die Chronik bemerkt weiter: „wie dem aber auch schlechter Grund hiezu vorhanden, daß, wie es heißt, snno Christi 72 die Stadt Nördlmgen vom Kaiser Flavio Vespasiauo nach seinem Abgott und daselbst geheiligten Altar all aras bllaviao oder Flavianos genannt worden und diesen Namen bis anno 363 behalten haben, sofort aber von den alten Inwohnern der Name Nördlingen wieder recipirt worden sein sollte, welchen dieselben bis auf den heutigen Tag contiuuirt und fortgesetzt haben." Eine weitere Ableitung, welche ausdrücklich als die „allerglaub- lichste" angeführt wird geht dahin: daß die erste Anlage von den Deutschen geschehen sei, die Anfangs iu statu uaturoli (Nördlingen) nackt einherliefen und doch ganz rein lebten. Sie heiratheten Gut und Blut zusammen. Daher — bemerkt die Chronik — erfolgte, daß die Oomwunio bouoruin noch vorhanden hin und wieder in Deutschland." Wir bemerken hiezu, daß das Zusammeuheirathen der alten Familien in Nördlingen allgemein gebräuchlich ist, daß hier, wie ein Eingeboruer selbst sagt, die größte „Vetterschast" herrscht, oder um mit einem Rechtsgelehrten unserer Zeit zu reden, „eine große Blutwurst" sich hier befindet. — Zeiler will den Namen ableiten von Uorioo oder Nordgau oder gar von Nordwmd, iveil die Stadt gegen Norden liegt; Beatns Rhenan meint Ickb. XII. vor. 6srm. p. 122 Nördlingen habe den Namen von der edlen Familie der Nördlinger, welche im Nordgau gewohnt und nach Zujanunenziehung ihrer Wohnungen die Stadt Nördlingen angelegt hätten. Tiefe Ableitung erklären wir rundweg für verspätet. Daniel Haakb, gewesener Nördlinger Superintendent, glaubt, der Name rühre daher, weil die Stadt an den Grenzen von dlorieum liege und wähl sei sie deshalb aus die uralte Zeit zurückzuführen, als die Xorici an der Donau ihren Sitz hatten. Ein neuerer Forscher, nach dessen Ableitung allerdings die Stadt sehr „neuen" Datums sein sollte und müßte gibt an: der Name käme von dem Worte „Nähring", weil man hier zu Land nicht Nvrdling, sondern Nährling spricht und als „lieg" oft so» 102 viel als „lich" bedeutet, z. B. ehrlich heißt im Volksmimd „ehrling", ss wäre also Nährling — Nähr- lich d. h. ein nahrhaster Ort, wo man sich ant nähren kann. Es scheint fast, Kiefer Sprachforscher habe den Markt am Samstag besucht und sich „ehrling" mit einem Dutzend Seidelwnrstle oder einer doppelten Portion Schlachtpartie genährt. Die neueste Ableitung unseres Wissens ist die, welche der Turnverein bei seiner letzten Fastnachtsanssührnng auf großen Plakaten preisgab, indem er seine Künstler von „Nürrling" herstammen ließ, eine Ableitung welche selbstverständlich nur für die drei Fastnachtstage Geltung haben kann. Kommt der Name her, woher er wolle, eine uralte Stadt ist Mrdlingcn, denn beim Abbrechen eines alten Tempels fand man die Nachricht, daß derselbe drei Jabre vor Christi Geburt erbaut worden sei. Das Alter der Stadt geht auch schon daraus hervor, daß man sichere Nachrichten über ihren Ursprung nicht hat; allerdings kommt dies wohl meist daher, weil bei großen Bränden im dreizehnten Jahrhundert die Urkunden vernichtet wurden. Freilich, wenn Dellejus Paterculus ll. p. 95 behauptet, daß zur Zeit des Kaisers Augnstus außer Augsburg in derselben Gegend auch andere Städte gewesen seien, kann man hieraus nicht stritte schließen, wie es geschehen ist, daß auch Nördlingen darunter gewesen sei. Paterculus sagt blos: „Ubaetvs Viuclolicosgue aggiessi, multio nrkium et eastelloruin oppugnaticuübus neo von äireeta guoguo acie tolioitor t'uuari gentos pocclomuerunt." Anno Christi LO sollen die aus Noin durch Nero Vertriebnen Juden sich auch hieher gesetzt haben und von denen zu Jerusalem Briefe von der Kreuzigung Christi bekommen haben, wie Briefe dieses Inhalts auch bei den Juden in Ulm gesunden morden sein sollen. Vielleicht aus Liebe zu dieser alten Tradition'haben sich die Jsraeliken seit mehreren Jahren die Hauptstadt des Reiches zur Hauptstadt ihres Wirkens für die ganze Umgebung gemacht, ein Satz, den wir als eigentliche Behauptung selbstverständlich nicht ausstellen wollen. Anno Christi 34 soll (!) der hl. Apostel Paulus auch hier gepredigt habe». Möglich ist es, zu beweisen ist es aber auch noch. Clemens Romanus schreibt in seiner epi- stola üä Ooriutbios — er hat ja mit Paulus gelebt — daß Paulus sowohl im Morgenland als Abendland gepredigt hat und bis an die äußersten westlichen Inseln und Gegenden gekommen sei. So viel vom Namen und der Ueberlieferung unserer Stadt, welche nuter dein 48. Grad 45 Min. Breite und dem 32. Grad 40 Min. östliche Länge in der Ebene des Rieses liegt und einen Knotenpunkt ini Weltverkehr bildet, indem sie an der Eisenbahn von München nach Nürnberg liegt und den Ausgangspunkt der Linien Stuttgart—Nördlingen, und Dombühl—Nördlingen bildet. Verfolgen wir noch kurz die Geschichte der Stadt vom dreizehnten Jahrhundert an, von ivelcher Zeit die Daten als unumstößlich wahr festzuhalten sind, nachdem auch die Einäscherung der Stadt durch Attila oder Chlodwig im sünsten Jahrhundert nicht als gar glaubwürdig erscheinen dürfte, und auch ein großer Brand in der Mitte des elften Jahrhunderts nicht in allweg auf Wahrheit Anspruch machen kann. Nachdem die Stadt, welche im dreizehnten Jahrhundert reichsiinmittelbar geworden war und in den damaligen Streitigkeiten zwischen Papst und Kaiser zu letzterem hielt, durch Feuer bis aus einige Häuser zerstört worden, entschlossen sich die Bürger, die Stadt, welche oben auf St. Emmerans- berg erbaut war an die Eger herab zu trnnslociren und wurde diese Translocation in der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts ausgesührt zwischen 1240 und 1203. Von den Kaisern des Reiches erhielt die Stadt viele Privilegien, kgl. Regalien, Exemplionen und Immunitäten und zur Zeit Ludwigs des IV. 1374 wurde sie Festung und als solche mit Thürmen und Ringmauern wohl versehe». Wir heben an dieser Stelle mit größter Freude hervor, daß gegenüber andern Städten, welche sich befleißigen, mit diesen alten Wahrzeichen alter Herkunft und alter Ausdauer tabust» rasa zu machen, der Magistrat zu Nördlingen die alten Zeichen einstiger Kraft und die Zeugen so vieler Kämpfe wohlweislich erhält und ihnen nicht nur das Gnadenbrod des Alters gibt, sondern die alten „Kerle" stets wieder ausbessern läßt all msmorstrm sompitorvam! Was die oben angeführten Privilegien betrifft, so möchten wir nur anf Eines aufmerksam machen, nämlich auf das betreffs der Nörd- lingcr „Meß", welche heute noch nach Pfingsten gehalten wird und für unsere Zeit freilich zu lange dauert, nämlich fast 14 Tage. Im Jahre 1463 verbot Friedrich III. zum Wohle der Stadt, daß aus 2 Meilen Umkreis kein Jahr- oder Wochenmarkt gehalten werden dürfe, so lange die Nördlinger Meß daure. Auch mehrere Judenverfolgungen, in denen „massacrirt" wurde, habe» wir zu verzeichnen. Die bedeutendsten sind vor sich gegangen im Jahre 1290 und 1383. Daß in der letztgenannten 200 erschlagen wurden, dürste der Wahrheit nicht entsprechen, denn damals dursten sie nur in der sogen. Judengnsse wohnen und diese war sehr klein. Aus dieser Judenverfolgung entsprang »in großer Haß der benächbarlen Edelleute gegen die Stadt Nördlingen, da viele dieser Edelleute bei den ermordeten oder geflohenen Juden reiche Pfände hatten, deren sie verlustig gingen, da eine allgemeine Plünderung in den Judenhäusern von der Stadtbevölkerung in Scene gesetzt wurde. Der Magistrat, der den ziemlich bedeutenden Abgang der Judensteuer im Stadtbeutel bedeutend fühlte, habe Schritte gethan, dieselben nach ihrem Wegzug wieder in die Stadt zu ziehen. Theilweise seien sie gekommen, die Bürger aber hätten sich nicht mit ihnen versöhnen können, sondern immer wieder seien Händel entstanden. Die Kopfzahl der heute in Nördlingen lebenden Jsraeliten dürfte nahe an 400 sein, während Einsender, der noch kein halbes Jahrhundert alt ist, die beiden ersten hereingezogenen Familien weiß. Im Jahre 1440 versuchte der Graf Hans von Oettingen durch das Thor, an welchem „ein Bube steht, der warren muß, bis a Kotsch kommt, daß er en Groscha kriegt", durch das Löpsingcrthor einen Ueber- sall, welcher aber vereitelt wurde. Die Verräthcr wurden „grausam zu Tode gebracht", der ganze VorsaU aber ist zu einem Mythenkranz geflochten worden, dessen einzelne Blätter den Leser mitunter geradezu aneckeln, und aus denen leicht das Lügen,„achenwsrk hervorgeht. Das Einfachste scheint m dem Sahe eines Chronisten enthalten zu sein „Durch Gottes Hilfe wurde die Procedur abgewandt". Im Jahre 1b17 wurde Nördlmgen und seine Umgebung von einem grauenhafieu Sturme schwer heimgesucht. Die Schicksale der Stadt während des Bauernkriegs 1525, des schmalkaldischcn Kriegs 1546, während der vierwöchenllichen Belagerung 1634 können wir wohl übergehen, da dieselvcn ganz die gleichen sind ivie bei andern Städten und die Kapitel zu einem solchen Berichte meist gleichartend sind und überschrieben werden können mit: Blutvergießen — Brandschähnngen — Brände — Noth und Elend. Am 24. September 1632 zog Gustav Adolph in die Stadt ein und hat die Chronik wirklich diesen Einzug „aus einem Schimmel, den Hut mit einer weißen Feder" geschmückt ülls kleinste Detail beschrieben und ausgemalt. In, Jahre 1631 dreimalige kühne That des Weckerlin, der Nachts die Stadt verließ, durch der Feinde Reihen sich durchstahl, um .Hilfe zu holen bei Herzog Bernhard, welcher in der Nahe von Bopfingen sein Standquartier hatte. Bekannt ist serner, daß Nördlmgen der Reformation sich bald anschloß, und treu dabei verharrte. Diepold Gerlacher, von seiner Heimath Billigheim Nbeolmläns Dillimmus genannt, ist der Name Desjenigen, der als Reformator der Stadt Nördlmgen gilt. Die Chronik berichtet serner, daß im Jahre 1647 ein gewaltiger Brand wiederum die Stadt schwer heiminchle, welche damals auch eine 17wöchentliche Blokade ousznhalten hatte. Nehmen wie hiezu die Kosten, welche die Stadt zu leiden halle in den Kriegen des 17. Jahrhunderts, wo z. B. dir Winterquartiere von 1674—78 allein die Summe von 300,000 Gulden kostete, so müssen wir znr berechtigten Annahme kommen, daß sie sehr reich war, sonst hätte sie diese gewaltigen Lasten nicht zu tragen vermocht, obgleich sie selbstverständlich auch „Schulden machen mußte". Bevor wir zur näheren Beschreibung einiger Hauptgebäude und bedeutenden Sehenswürdigkeiten übergehen, möge eine kurze Schilderung der Nördlinger selbst, und der Verfassung dorten vorausge- sandt werden. Es waren srüher sehr viele adelige Familien hier, welche sehr große Stijtnngen machten. (Das hiesige Spital ist sehr reich!) Manche dieser adeligen Geschlechter aber führten auch zu viel Regiment in der Stadt, so daß man nicht recht wußte, „wer Koch und Kellner" sei. Ueber ein halbes Hundert solcher Familien sind aufgezeichnet, während das Nördlinger Familien-Register nahe an 230 alte Familien, von welchen sehr viele heute noch bestehen, auszählt. Wie in andern Städten des Reiches wurde auch hier mit der Zeit die Demokratie eingeführt und das Stadtregiment lag in den Händen von 12 Herren des Rathes und 12 Zunftmeistern. Jedes Jahr wurden dieselben aus der Bürge, schalt gemahlt und konnte ein Rath im andern Jahr Zunftmeister, und ein Zunftmeister Herr des Raths werden oder tonnte er „nachdem die Wahl ging, sich bei den Aemtern wohl ausgeschlossen sehen mögen" (ront eommo ober von»!). So blieb es bis zum Jahre 1552 und, sagt die Chronik, „habe es der Stadt dabei sehr gut gesallen". Weil nun zur Zeit des schmatkaldischen Krieges von I. M. Kaiser Carl V. der Rath dieser Stadt wegen dessen mit dem ichmalkatdischen Bund errichteten Neutralität und andern gar vieles, noch mehr aber deren 12 Iunflmeister in Ungnade impntirt werden, also ist von allerh. Ihrer röm. kaiscrl. Majestät die bisherige Regier,,,,gssorm in diesem 1552sten Jahre verändert, der Rath und die Zunftmeister abgeschafft, ein neuer Rath, so in dreien Herren Bürgermeister und 12 Senatorcs bestanden, cingescht und dabei verordnet worden : daß diese bei ihren Aemtern lebenswahrig bleiben. So blieb es 107 Jahre. Dieses Gesetz wurde unter Kaiser Franci-kus I. dahin abgeändert,^ „daß hinsühro der Magistrat nur aus 12 Gliedern, nämlich nvei Herrn Bürgermeistern und 10 Lenatores bestehen, also von ersteren 2 und von letzteren 3 mit Tod abgehen zu lasse» wären, ehe znr Wahl eines andern geschritten werden solle. Was denn auch befolget und bisher» (zu deS Chronisten Lebzeiten) also ist gehalien worden". Herr Wilhelm Christas Cngelhardt, ältester Bürgermeister dahier, refignirte 1756 und ist also der erste gewesen, an dessen Stelle, da er 1756 starb, kein anderer Bürgermeister erwählt worden ist. Folgende l2 Zünfte oder Viertel zählte Nördlmgen: Weinscheuker, Bäcker. Metzger, Krämer, Leiter und Häckler, Loder, Gerber, Schuhn,acher, Schneider, Schund, Weber, Kürschner. Ausdrücklich wird bemerkt, daß diese alte auf Erhall»,ig ihrer Handwerke und auf Ordnung zu sehen habe», wen» nicht, so sind sie mit Zuziehung des Herrn Oberrichters und der Senatoren zu strafe,,. Die Charakteristik der Nordist,ger überhaupt anlangend, so sagt Knipfchitd: „das Volk ist nicht stolz, „och übel geartet, sondern erfüllt eifrig seine Pflichte,,: ihrer Gesetze, Gerichte und guten Sitten wegen ist die Stadt Nördlmgen hoch angesehen und hat Ueberfluß a» Altem, was das Leben und der Anstand fordern." (1687 p. 803.) ES ist wahr,^sto1z sind die Bewohner der Stadt an und für sich nicht, stolz aber auf ihr- Stadt und ihre alten ,sannt,cn, und ein fremder Neuling bat ganz entschieden sehr zu kämpfen, wenn er sich empor- chwmgen will, obwohl Einsender den Nördlingern den Grundsatz „ich: abspreche» will, „leben und leben laßen". , Und „nn möge erlaubt sem, einige Hauptgebäude der Stadt mit deren mitunter sehr erwäh- bedeutenden Sehenswürdigkeiten auszuzählen! Wir wollen beginnen mit den, Stolz der Norm,„ger, mit der protestantischen Kirche z„ Lt. Georg. 1427 wurde der Bau begonnen, ob Hans von j-nlzdorf der erste Bannwifter gewesen, ist sehr fraglich, sicher aber ist, daß ein Baumeister Namens Nicmans Cßter und defsen Lohn daran arbeiteten. Der Ban muß öfters unterbrochen worden sein, vis Llesan Weyrer ihn volle,,deie, nachdem beinahe acht Jahrzehnte daran gebaut wurde. Die «Ole siussesührten Kirche beträgt c,rea 00 Nieter, die Breite des Schiffes ' E Hohe c,rca 40, der Chor allein hat eine Länge von rund 35 Meter. Das Aenßere oe» Lcinpets, defsen schöne Restauration im vergangenen Jahre vollendet wurde, während die 104 Außenseite nach und »ach renovirt werden wird, verspricht nicht in allweg dein, was das Innere dem Angebietet. Die Strebepfeiler brechen >uter dem Kranzgesims ab und fehlen ihnen die schlanken Fialen. Die in neuester Zeit ausgesetzten Küppchen sind wohl neu, wachen aber das Ganze nicht schöner, weil eben die ganze Constrnction etwas nach Magerkeit rnst. Desgleichen sind die Portale nicht dem ächten gothischen Bauwerke anpassend, da der Spitzbogen hier nicht durchgeführt ist. Zudem hat der Zahn der Zeit bei manchen derart gemrgt, daß er fast nichts mehr zu nagen hat. Demgegenüber mülsen wir die wirklich ausgezeichnete Arbeit bei den Fenstern hervorheben. Das Maßwerk bei diesen 24 Hcllespender» ist ungcmein reich und vieliältig und macht aus den äußeren Beschauer des Tempels ganz entschieden einen ausgezeichnete» Eindruck. Der an der Westseite unserer nach altkirchlicher Vorschrift geasteten Kirche befindliche Thurm möge nun vor dem Eintritt in das Innere des Gotteshauses einiger Zeilen werth erfunden werden! Die Höhe desselben beträgt llOI Fuß, und hat er nur drei Vorgänger, die ihn an Höhe überragen im Königreich Bayern, nämlich die Frauen- . thürnie in München, die des RegenSburger.Doms und als erster den Kircbthurm zu Laudshut. In sieben Stockwerken strebt >r kühn auswärts; ist mit zwei Galerien versehe» und muffen wir nur beklagen, daß er nicht ausgebaut, sondern mit einer dem Ganzen nicht conformen Kappe versehen ist, auf welcher sich noch eine Laterne befindet. Diesbezüglich ist also der jetzigen und vielleicht nachkommenden Generation die schöne Aufgabe gestellt, ihren Stolz stolz auszubauen zur Ehre der Vorfahren, zur Ehre von ihnen selbst und zum größten Danke der Mit- und Nachwelt! (Fortsetzung folgt.) Miseellen. (Der Ursprung der Kartoffel.) In der letzten Sitzung der kalifornischen Akademie der Wissenschaften erstattete Mr. John O. Lemmon einen Bericht über die Ergebnisse einer im vorigen Sommer unternommenen botanischen Forschungstour in dem Gebirge längs der mexikanischen Grenze. Unter seinen Funden befanden sich zwei oder drei Arten der einheimischen Kartoffel, welche auf hochgelegenen Vergwiese», umgeben von Gipfeln, in Höhe von 10,000 Fuß über der Meeresfläche, reichlich wuchsen. Die Knollen haben etwa die Größe von Wallnüssen. Der „Scientisic American" glaubt, diese interessante Entdeckung dürste viel zur Lösung der langerörterten Frage über den Ursprung der Kartoffel beitragen. (Hand werks unter schiede.) Welcher Handwerker ist der langsamste? — Der Seiler, denn er zieht alle Geschäfte in die Länge. Welcher mischt sich in alles? — Der Schornsteinfeger, denn er kratzt überall, wo es ihn nicht juckt. Welche aber sind die gescheitesten? Die Böttcher und Schuhmacher. Während der Böttcher alles „reiflich" überlegt, was er „faßlich" darstellt, „leistet" der Schuhmacher alles» was er „bezweckt". Die schwerste körperliche Anstrengung wird vom Schneider gefordert, da er täglich von - früh bis spät eine Eisenstange zu schwingen hat, während der Leiermann sein Geld im Handumdrehen verdient. (Beruhigende Versicherung.) Eine Dame hatte eine frühere Köchin, die viele Jahre bei ihr in Dienst gestanden und sich von ihrem Hause aus verheirathet hatte, gebeten, ihr ein anderes Dienstmädchen zu verschaffen. „Glaubst Du," fragte die Dame h die alte Köchin, als der Ersatz gefunden war, „daß die neue für i?iich passen wird?" — c „Ich denke doch," antwortete diese. „Uebrigens weiß sie schon, wie sie mit Ihnen d'ra» ist, wenn sie herkömmt, denn ich habe ihr alle Ihre Fehler gesagt!" (Beschränkte Wahl.) Ein Corporal und ein Füsilier sitzen zusammen in einer Schenke. Es werden ihnen auf einer Schüssel, zwei Würste gebracht, die eine sehr groß, die andere lächerlich klein. Der Corporal bemächtigt sich sofort der größten und reicht die Schüssel dann dem Füsilier: „Wähle!" — „Aber, Corporal, wie kann ich wählen, da Sie schon die größte genommen haben?" — „Nun, bleibt dir den» nicht noch immer, die Wahl, diese Wurst zu nehmen oder — sie liegen zu lassen? dann esse ich sie hinterher." (Vorschlag zur Güte.) Frau Nachbarin, darf i nett meine Küchle in Ihrem Schmalz backen? Ihr derfet da derfir Ihren Speck in meim Gemüse koche. Auflösung des Arithmogryph in Nr. 12: „Arabien. — Nabe. — Iran. — Nera Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg, — Druck und Verlag des Literariichen Instituts von Dr. Max Huttler, Unter^aktung8vkatt »ur „Äugslmrger Postzeitmig.- Nr. 14. Samstag, 17. Februar 1883. Jörg von Mntdeck. Eine Erzählung aus dem fünfzehnten Jahrhundert von F. Schenk. (Schluß.) IX. Ritter Jörg löste sachte das schöne Haupt der Gattin von seiner Brust» denn nun eilten auch Frau Anna und die beiden Martha's auf den Wiedergefundenen zu und begrüßten ihn mit Freudenthränen. — Kuno war zum Nachen an's Ufer hinuntergeeilt und ließ sich von den beiden Ruderknechten rasch über den See nach Schliers führen, um dort und auf der Waldecker Burg die Freudenkunde zu verbreiten. Jetzt bewegte ein leiser Lufthauch die Wipfel und Aeste der alten Tannen. Auch sie sollten ihr Schweigen brechen und theilnehinen an dem Herzensjubel der Menschen. Und wieder umschlangen sie sich und kosten und flüsterten durch den Wald und drunten am Ufer eilten die leichten Wellen, in unzählbarer Menge, herbei und plauderten freudig von der Wiederkehr des Herrn des Thales! — Droben auf der Anhöhe vor dem Jägerhause saßen die Lieben beisammen im freudetrunkenen Anschau'n, denn noch war die Wonne des Wiedersehens das stille Dankgebet im Herzen mächtiger, als der Drang nach Mittheilung. Endlich brach der Ritter das Schweigen, indem er zu Agatha sprach: „Wie freue ich mich, Dich, Du Theure und diese liebe, bewährte Freundin hier auf dem stillen Eilande wiedergefunden zu haben, wo wir so viele schöne Stunden schon ver- lebte». Hätte Gott mich nicht auf so wunderbare Weise aus schrecklicher Gefangenschaft ^gerettet, ich hätte Euch Lieben wohl nie mehr gesehen!" „Gott sei tausend Dank dafür!" rief Frau Agatha. „Auch dafür, daß er mir m dieser kummervollen Zeit einen Engel des Trostes in unserer theuren Anna sandte. Sie verließ mich nie und wenn immer die Witterung es zuließ, suchten wir dieses stille Eiland auf. Hier durste ich mein Leid der treuen Seele klagen; — hier milderten der mütterlichen Freundin Trosteswortb des Herzens liefen Kummer, wenn auch nur auf kurze Zeit, und hier, — sie umarmte den Gatten mit seliger Lust — hier darf ich Dich, den Todt- geglaubten, wieder in meine Arme schließen! — O dies Eiland ist mir ein Freudenberg geworden!" „Ja, Agatha!" erwiderte der Ritter. „Freudenberg, so wollen wir vte Insel fortan nennen und die alten Tannen sollen den künftigen Geschlechtern erzählen, daß sich" hier durch wunderbare Fügung des Ewigen, Ritter Jörg von Waldeck und seine liebe Hausfrau Agatha nach langer harter Trennung wiedergefunden haben!" — Inzwischen waren die Ruderer wieder in vie Schiffhütte des Jägerhauses zurückgekehrt. — Nun fuhr Frau Anna mit der Zofe zur Burg hinüber, um Alles für den Empfang des lieben Ritters zu ordnen. Da verließ das Klosterschiff mit vier Chorherren das jenseitige Ufer» um ven wiedergefundenen Wohlthäter und Herrn von Waldeck so rasch als möglich zu begrüßen. 106 Was war da ein Jubel im sonst so stillen Jägerhause! — Nur in Kürze konnte Ritter Jörg seine Rettung aus der Festung Mostar erzählen, denn die eintretende Abend, kühle mahnte die Glücklichen zur Heimfahrt. Jörg blickte dankbar zum Himmel, als er an der Seite Agatha's im Chorherrenschiffe aus dem heimathlichen See dem Dorfe zufuhr, an dessen Ufer sich bereits ein großer Theil der Bewohner versammelt hatte und mit rührendem Jubel den theuren Ritter begrüßte, als dieser das Schiff verließ. Es war ein förmlicher Wallfahrtszug zur Stiftskirche, denn Jörg wollte seine Burg nicht betreten, ohne vorher im Hause des Herrn, der ihn so gnädig heimgeführt, innig zu danken. Alles Volk und die Chorherren begleiteten den Ritter und die vor Freude schluchzende Frau Agatha in das Gotteshaus. Und als Pater Egyd die Orgel zu spielen hegann, erst sanfte Klagen über den Vermißten, dann freudigen Jubel über den Wiedergefundenen, und als die Mönche im Chöre neben dem Hochaltar mit kräftigen Stimmen das „Großer Gott, Dich loben wir rc." anstimmten, da blieb kein Auge trocken und über all' den Betern schwebte der Engel der Liebe! — Nun ging's auf die Waldecker Burg, wo bereits die Dienstleute versammelt waren, den so lange vermißten Herrn in rührendster Weise zu empfangen. Hier erst trennten sich die Geistlichen und Ortsbewohner, von Ritter Jörg mit einigen Dankesworten entlassen. Die alte Gertrud eilte auf Frau Agatha zu und sagte: „Gnaden Frau Agatha! Hab' ich nicht gesagt, wir sehen unsern lieben Herr» schon wieder? Ja, ich wußte, daß der Herr Ritter wiederkehren werde, sonst hätte ich schon eine Ahnung von seinem Tode gehabt. Gott sei gedankt, daß wir ihn wieder haben! Nun müßt Ihr aber wieder recht vergnügt und heiter sein, wie früher, edle Frau, damit die Falten aus Eurer Stirne wieder verschwinden und die Wangen sich wieder färben auf Eurem schönen Gesichte!" — Wenige Tage nach der Rückkehr des Ritters feierten die dankbare» Untergebenen desselben in der schön geschmückten Stiftskirche ein Dankamt. Die geräumige Kirche konnte all die Andächtigen nicht fassen, welche aus Nah und Fern herbeigeeilt waren, und dies« umstanden während des Gottesdienstes die Kirche, obwohl der Noveinbermorgen in Folge des dichten Nebels schon empfindlich kalt war. Die Verwandten des Waldeckers, die Wallenburger» die Aheimer von Valep, Geistlichen aus Schliers, Tegernsee und Weyarn, dann Edle aus der Nachbarschaft waren geladen und nahmen auch an dem Gastmahle im Nittersale der Burg theil. Der Ritter erzählte umständlich seine Leidensgeschichte und die edle That einer türkischen Sklavin, welche ihm der gütige Himmel gesandt haben müsse, als rettenden Engel. Manche Thräne rann über die gebräunten Wangen alter Kriegsmänner und selbst die mit menschlichen Leiden so vertrauten Mönche konnten ihre Rührung nicht verbergen» Jörg konnte sich überzeugen, wie allgemein und innig die Freuse seiner Angehörigen, Freunde und Untergebenen über die glückliche Heimkehr war. — Endlich trat wieder Ruhe in Waldeck ein und Alles ging seinen Geschäften nach, nur freudiger und sorgenlos. Nun ging auch der Ritter an die Erfüllung seines im Gefängnisse zu Mostar gemachten Gelöbnisses. Am linken Ufer der Leizach, zwischen Miesbach und Jrschenberg, im sogenannten Ried, stand eine kleine Kapelle unserer lieben Frau. Diese ließ Jörg in eine Kirche umwandeln und gab dem Dörfchen den Namen „Frauenried". Dieses geschah im Jahre 1115. Im nächsten Jahre erbaute der Ritter zwischen den Dörfern Gmund und Wakirchen ein Kirchlein zu Ehren des heil. Ritters Georg, seines Namenspatrons und nannte den Weiler „Georgenried." Endlich im Jahre 1417 erweiterte derselbe die Kapelle im Ried an der Schlierach, zwischen Schliers und Miesbach und benannte das anmuthige Dörflein „Agatharied." Noch stehen die Zeugen der Frömmigkeit des Ritters, wenn auch nicht mehr in der ursprünglichen, gothischen Form, sondern später von Unverständigen verzopft. Wohl Viele 207 haben in diesen Kirchen im stillen Gebete Trost gefunden in manchen Lebensnöthen, aber wohl keiner der späteren Beter hat des edlen Stifters gedacht!- Im Frühling, nach des Ritters Heimkehr, als der Schnee im Thale und auf den nächsten Höhen geschmolzen, und die Schlierach die Schneewäfser eiligst der Mangfall zuführte, da feierte der walbeckische Herrschafts-Jäger Knno das Hochzeitsfest mit seiner Martha im lieben Jägerhause auf dem Freudenberge. Außer der Herrschaft, einigen Chorherren, den Eltern des Jägers und seinen Freunden, mußte auch Andres, der Waldteufel theilnchmen, als einstiger Lebensretter. Die beiden Martha's und Kuno hatten den Alten festlich aufgeputzt, so daß er sich doppelt freute, über das Glück der Liebenden und über den freundlichen Empfang, der ihm allseitig, insbesondere von der Familie deS Ritters, welche von seiner menschenfreundlichen That Kenntniß hatten, geworden. Zum ersten Male seit einem halben Jahrhunderte kehrte der alte Bursche vergnügt und ausgesöhnt mit der Welt Abends in seinen evheuumrankten Thurm zurück. Aber nicht lange mehr durchwanderte Andres die Berge und Schluchten, um Heilkräuter zu sammeln. Noch ehe der Winter vollständig Einkehr hielt im Thale, vermißte man den Waldteufel im Dorfe und als eines Tages Ritter Jörg mit Kuno auf einem Waidgange im Leitnerberg in die Burgruine zu Hohenwaldeck sahen, war die Thurmthüre geöffnet und drinnen auf ärmlichem Lager fanden sie den Gesuchten, einem Sterbenden ähnlich mit zum Gebete gefalteten Händen. „Andres!" rief der Jäger. „Du bist ja schwer krank!" Mit schwacher Stimme antwortete der Alte: „Gottlob, daß Du kommst, Kuno! Jetzt geht es zu Ende mit mir. Geh und erweise mir noch einen Liebesdienst und hole mir einen geistlichen Herrn, damit ich nicht ohne heilige Wegzehrung fort muß aus der Welt!" Der Ritter sandte den Jäger sofort nach Schliers und rückte sich einen Stuhl, den einzigen in der Haushaltung des ehemaligen hübschen Schweizers zum Lager. Der Alte wollte wieder sprechen, doch hinderte ihn ein eben ausbrechender heftiger Husten. Jörg verließ den Kranken, der der Ruhe bedurfte und ging zur Thüre hinaus, wo er sich auf den bemoosten Stein setzte. — Die Tannenäste und Buchenblätter rauschten im Abendwinde. Die Mauerschwalbe zwitscherte ihr Schlummerlied im alten Gemäuer, welches, den Witterungseinflüssen ausgesetzt, allmälig zerfiel. Herausten, die dem Verfalle entgegengehenden Zeugen einstigen ritterlichen Glanzes, — Drinnen, das letzte Auflockern eines. so schönen, durch ruchlose That aber verbitterten Menschenlebens! — Als Kuno mit dem Geistlichen zurückkam, begab sich dieser zum Kranken. Der k Ritter hieß den Jäger warten, um zu hören, was mit dem Andres geschehen soll und ^ setzte dann seinen Waidgang fort» Der Waldteufel hatte eine reuige Beichte abgelegt und mit Andacht die heilige Wegzehrung empfangen. Bald darauf, während der Pater noch bei ihm saß, und betet«, trat der Tod ein und befreite den Armen von seinen Leiden. Die Anwesenden verließen die Burg, um im Dorfe den Todtenwärter herauf zu rufen. Am nächsten Tage holten einige Männer die Leiche nach Schliers, welche unter zahlreicher Begleitung der geweihten Erde übergeben wurde. Mit Audi es schied der letzte Bewohner aus der Burg Hohenwaldeck. Fünf Jahre später, im Herbste 1450 legte man auch den edlen, hartgeprüften Ritter Jörg von Waldeck in die Gruft seines Vaters, Jörg des Aelteren in der Stiftskirche. Die Folgen der Verwundung an der Save und die Qualen der Gefangenschaft hatten ein frühes Siechthum geschaffen, welches die treueste-Liebe, die sorgsamste Pflege der Gattin nicht aufhalten konnte. Von seinem Krankenbette aus konnte, der Ritter den Freudenberg mit dem Jägerhause sehen. In den letzten Lebenstagen ergriff Jörg oftmals die Hand seiner Gattin und deutete hinüber nach der Halbinsel indem er mit schwacher Stimme sagte: ' i ^ I i . 1 .. r08 „Dort drüben ist unser lieber Freudenberg, Agatha! — Dort durfte ich Dich wiedersehen! — Nun muß ich für immer fort, aber ein neuer, ewiger Freudenberg wird nach einer kleinen Weile uns wieder aufnehmen. Dort werden wir dann nicht mehr getrennt werden! —« Wie im ganzen Waldecker Bezirke die Freude über die einstige Heimkehr des geliebten Ritters eine allgemeine, ungeheuchelte war, so gestaltete sich der Jammer und Schmerz bei seinem Tode zu einer Familientrauer von der Waldecker Burg bis zur fernsten Söldnerhütte, denn Jörg war nicht nur ein edler, tapferer Ritter, sondern auch ein Bater der Untergebenen, ein frommer Christ. Das Sterbejahr der Frau Agatha von Waldeck ist nicht bekannt, nur das wissen wir, daß sie eine Mutter der Armen und Dürftigen, von diesen beweint, bald nach ihrem Jörg zu ihm in die Gruft gebettet wurde. Im Jahre 1482 starb der Mannsstamm der Waldecker mit Jörgens Vetter, Wolf, aus. Die Herrschaft ging durch Erbschaft an die Grafen von Maxlrain über, welche sich .theils dort, theils auf der Wallenburg aufhielten. So verfiel dann auch die zweite Burg der Waldecker hinter dem Weinberge in Schliers. Kein Stein erinnert mehr an die Stätte, wo drei edle Waldecker segensreich wirkten, nur der Name „auf der Burg« oder .„Burgberg« bezeichnet noch die Fläche, auf welcher die kleine Burg erbaut war. Dagegen zeugen die drei Küchlein noch heutigen Tages von dem Gottvertrauen des Ritters Jörg '»es Jüngeren von Waldeck. — Knabenzucht will harte Hänve. Leides viel besährt ein Knabe, darr ist lerne esqate, Narr uns Sei ihm, Gott, «n Huld gewogen! !e mehr die Menschen dürfen, )esto dreister wird ihr Mögen. Müh' zur Lust ist eitle Mühe, Nutzlos, wie dem Meer der Regen; Arbeit, die den Auftrag höhnet, Das ist Arbeit ohne Segen. Künste lernt' ich, edier Künste, Hoher Künste lernt' ich sieben; Wenig frommen sie; die eine Schwerste ist mir fremd geblieben. >wing die Welt nach deinem Willen )der zwing dein eig'nes Wollen! Freiheit ist der Zweck des Zwanges, Wie man eine Rebe bindet, Daß sie, statt im Staub zu kriechen, Froh sich in die Lüfte windet. (Dreizehnlinden.) «»»»rsrner. Des Neides Laster ist nicht deiner Strafe werth, Und bricht sich selbst den Hals, fällt in sein eigenes Schwert. T s ch e r n i n g. Alles, was wir wirklich lieben ist unersetzlich, und Alles, wofür Ersatz uns denkbar ist, habe» emals wahrhaft geliebt. Nierrtz. Wer verräth, er verwahre ein Geheimniß, hat schon dessen Hülste ausgeliefert, und die zweite r nickt lnnn« kxcknlten. ! ch - ^ M ^ „ r 109 Einiges Von Nördlingen. (Fortsetzung.) Wen» Du ein zartes Pedal hast, freundlicher Leser, so steige setzt 365 Stufen und eive Leiter rrnL nur hinaus in die Laterne, von der Du eine prächtige Aussicht zu genießen hast. Der Thürmer sagte Einsender schon vor vielen Jahren: „99 Ortschaften sind zu schauen und d-e hundert,te sieht man nicht, weil ein Berg davor ist und diese ist Ederheim." In der Laterne sind zwei eherne Schalen, zum Stundenjchlagen eingerichtet. Die Verse auf beiden mögen hier erwähnt sein. Auf der einen steht: „Mensch! noch lebst du auf Erden, Kind der vergänglichen Zeit; ^ Säume nicht besser zu werden, Dies ist, was mein Schlag dir gebeut." Auf der zweiten sind die Worte eingegossen: „Jeder meiner Stundenschläge mahnet An die Flucht der Zeit, Ruft dem Hörer ernst entgegen: Lebe für die Ewigkeit!" Gewiß ungemein sinnige, passende Worte 300 Fuß über den Niederungen des Lebens an- gebracht! Wie stümperig, zwergaestaltig nehmen sich solcher Zeilen gegenüber die Inschriften aus, welche bei weltlich — geräuschvollen Festen an den sogenannten Triumphbogen oft angebracht sind, und Alles oft, nur keinen Triumph bedeuten. So hat Einsender einst folgenden kurzen — inhaltsreichen l — Vers gelesen: „Gäste! spart nicht Euer Geld Einmal lebt man in der Welt!" Die übrigen — wen» ich nicht irre — sechs Glocken können wir übergehen und möchte» wir nur noch den Thurm anlangend die Inschrift auf einer Metallplatte an der zweiten Galerie erwähnen, welche den Schluß des Baues als am 10. November 1490 angibt- Wir treten ein durch das Westportal und vor uns dehnt sich aus ein herrlicher Hallenbau mit drei Schiffen, der auf 92 mächtigen Säulen ruht, welche allerdings noch mächtiger schön sich uns repräsentiren würden, wenn sie wie überhaupt das Ganze reichlicher gegliedert und mit mehr Ornamentik ausgestattet würden, dessen ungeachtet bietet das Ganze einen sehr schönen Eindruck und mit urenkelischem Stolze blickt man aus die Urahnen, welche den Tempel hergestellt, mit Freude erinnert man sich auch der gegenwärtigen Generation, welche ihn schön und künstlich renovirt hat. Freilich etwas leer komme» die Hallen vor, da sie beraubt der stattlichen Anzahl von Altären, welche die katholischen Erbauer hineingearbeitet. Nach kaum zwei Dezennien der Vollendung traten sie über zum Protestanlismus und Aliäre rc. waren überflüssige Möbel. Ferner müssen wir erwähnen, daß der ganze Tempel nach unserer Ansicht allzu licht ist, viel zu viel Helle hat. Dem wird vorgebeugt werden durch die Glasfenster, welche nach und nach eingesetzt werden sollen. Der Anfang ist rühmlich gemacht, indem der Staat das Huuptfenster im Chor herstellen ließ, während ein zweites dorten bald folgen soll. Das gewaltige Fenster zeigt uns den Kirchenpalron St. Georg im Kampfe, während die obere Abtheilung den Heiland und Magdalena vorstellt in dem Moment, da er zu ihr spricht: „noli mo tougors!. Bei diesem Bilde mit seinen Heiligenfiguren können verschiedene geschichtliche und andere Erinnerungen in der Seele des Beschauers aufsteigen. Bereits im achten Jahrhundert wurde durch Leo den Jjaurier der Jkonoklasmus die Bildcrstürinerei begonnen, die Bilder der Heiligen wurden aus den Kirchen und von den öffentlichen Plätzen entfernt. Was war die Folge? Sie fanden wieder bald die Kirchen offen znr Rückkehr und die öffentlichen Plätze schmückten sich wieder mit neuen, noch schöneren Statuen. Was dieser Cäsareopapist, der zuerst Handelsmann, dann Soldat, dann General, dann Kaiser war, begann, wurde zu verschiedenen Zeiten fortgesetzt. Auch die Reformatoren des sechszehnten Jahrhunderts wollten, da sie ja die „reine" Lehre verkündeten „reine" Tempel und die Bilderstürmerei war wieder m's Werk gesetzt. Und jetzt dürfen in vielen Kirchen nach und nach die exilirten in die Acht erklärten Heiligenbilder, Apostclstatnen rc. (und wäre» erstere blos auf Glas gemalt) aus dem Eril zurückkehren und als Schmuck und Zierde dienen. 'lempora mutanlur ot nos inatamur in illis! Doch Zurück zu unserem Tempel! Wir befinden uns im Haupttheil jedes Gotteshauses, im Chor. Der Altar hier, der einzige der großen Kirche, ist einfacher Art, Holzichnitzerei, ein Altar-Crucifirus ziert denselben. Die Bilder von früher sind jetzt aus dem Rathhaus, dessen besondere Sehenswürdigkeit ivir später erwähnen werde». Auf der Nordseite in der äußersten Ecke befindet sich der Schatz des Tempels, das Sacramentshäusle, ein Werk Stefan Weyrers. Es ist ein kühner, prachtvoller Ausbau, mitunter mtt seinen Fialen und Spitzen gleichsam in der Luft schwebend, das Ganze gekrönt mit einer Kreuzblume, auf welcher sich ein betender Mann befindet. Bei solchen Werken muß den Beschauer Bewunderung erfassen für die Künstler, die sich in denselben verewigt haben. > Die Chorstühle, hübsch renovirt beuchen uns doch etwas mager zu dem großartigen Ganzen, gegenüber denen im Münster zu Ulm und andereil gothischen Domen. Auf der Südseite an einem Pfeiler angelehnt, bemerken wir ein weiteres sehr schönes Werk, nämlich die Kanzel. Während die 110 ii eigentliche Kanzel Prächtig gothisch aus Stein gehauen, ist der Schalldeckel aus Holz und steht auf demselben der Auferstandene. Es wird unseres Wissens wirklich noch die Frage veutilirt, ob n^»i den Schalldeckel ganz entfernen soll, weil er nicht „gothisch genug" sei. Wir sind ebenfalls der Meinung, „gothisch genug" ist er nicht, dennoch aber ist er nicht zu verachten, was die Arbeit anlangt. Etwas zu blöckisch, wenn der Ausdruck gebraucht werden darf, schien er uns und was die praktische Seite, den Prediger selbst betreffend anlangt, so glauben wir, daß er etwas zu tief angebracht ist. Die vier Evangelisten aber, die an der Brüstung angebracht sind, sowie die anderen kleineren Statuetten verdienen sicherlich den Beifall jedes Besuchers, desgleichen die durchbrochene steinerne Kanzcltrevpe. So ziemlich gegenüber der Kanzel befinden sich aus der Nordseite zwei kleine Kapellen mit den Grabsteinen der Erbauer derselben. In einer befindet sich ein ächter Scheufelin, darstellend die „Bewcinung Jesu Christi nach der Kreuzabnahme." Früher bildete es das Altarbild auf dem Altare zwischen Chor und Schiff, welcher bei der neuesten Renovation entfernt wurde. Den Schmerz Mariens und der andern acht sich um den Leichnam des Herrn schaarende» Personen getreuer darzustellen, wird wohl nie gelingen. Im Hintergründe sind die Kreuze, eines leer, und rechts erblicken wir die Stadt Jerusalem mit seinen Tempelskuppeln und Zinnen. Der hochselige bayerische König wollte, wie dies der Cicerone des Tempels Jedem mit Freuden erzählt, für das Bild der Stadt 80,000 Gulden geben, umsonst und wohl mit Recht! Gegenüber diesem Bilde schauen wir ein viel älteres, die „Kreuztragung Christi" darstellend, dessen Berserriger unbekannt. Wir erwähnen dieses nicht der Kunst wegen, sondern ivegen der ganz merkwürdigen Auffassung. Aus den Henkersknechten machten nämlich die Maler lauter Teufel mit grauenhaften Tcufelsgesichtern, vor welchen man wirklich Angst bekommen kann. Im Hintergründe rechts schauen wir Maria und Johannes, während Simon von Cyrene wirklich ungemein „guthmüthig", ganz und gar nicht „genöthigt" dem Herrn das Kreuz nachzutragen sich anschickt. — In der zweiten Kapelle gewahren wir als Bild „den Sturm auf dem Meere", aus welchem wir die Angst der Apostel so recht deutlich erschauen können. Gegenüber ist das Bild des Bürgermeisters Welsch angebracht, welcher soluo fiel im Kampse gegen die Psäfflinger. Oben wird eben seine Leiche hinausgetragen. Rings um die Kirche liefen früher Emporen, die Neuzeit hat sie weggeschafft und wohl nur mit Rücksicht aus die Verschönerung der Kirche. An denselben, sowie an den Pfeilern waren uu- gemein viele, mitunter ganz und gar unschöne sogenannte Leichenscheibc», welche zum großen Theil auch mit Recht entfernt wurden; die noch vorhandenen sind schön renovirt. Bor der Sacristei an dem sogenannten Psaristuhl sind Bilder angebracht, welche zu den ältesten der Holzschueiderei gehören sollen. Ueber der Sacristei befindet sich die alte Orgel, ein Werk, das Einsender nicht so loben kann, wie es Andere thun, obwohl es selbst den „maurischen Stil" darstellen soll. An dem bunten Durcheinander kann deswegen wohl mancher eine Freude haben, weil das Sprichwort bis heute noch gilt: „clo gasti- dus voll est ckisputauckum." Dagegen müssen wir jedem Besucher die Treppe empfehlen, welche aus die alte Orgel führt, da der Raum derselbe» in zwei Theile gechcilt ist, so daß Zwey welche miteinander Hinausgehen, einander nicht sehen, bis sie oben zusammenkommen. In der sacristei befindet sich unter anderem auch ein Bild, die „Kreuzigung Christi" darstellend, das, eine Nachahmung Tilians, wegen der merkwürdigen Beleuchtung der Beachtung werth ist. Zu der Hauptorgel — um mit Westen durch welches wir eintraten, zu schließen.— welche ein sehr gutes Werk ist, führen zwei steinerne Treppen, die gegen Süden etwas einfacher, aber schöner Construction, während die gegen Norden ein Meisterstück der Archieteklur ist. Verlassen wir jetzt St. Georg und seinen schönen Tempel, und betrachten nun in Kürze die zweite, die katholische Kirche all 8. 8alvatorow! Bescheiden birgt sie unsere Ringmauer, fern vom Welt- getöse, bescheiden ist ihr gothischer Bau, bescheiden die Fenster, bescheiden das Dachreiterle mit seinen zwei kleinen Glocken, bescheiden sind ja auch die Verhältnisse der hiesigen Katholiken (circa 1200 Seelen) die doch endlich „geduldet" sind. Die Sacristei ist der Unterbau des nicht aus- und ausgebauten Thurmes und befindet sich in demselben ein sehr altes Bild, die Einstehung der Kirche darstellend. Es soll dieses Bild ein Scheufelin sein, wir müssen aber das „soll" doppelt nnterstreichen. Es besteht aus zwei Abtheilungen. Links oben bringt ein Priester einem Kranken die heilige Wegzehrung, als plötzlich der Boden unter ihm bricht, Alles fällt herunter, auf den Boden und aus dem Kelche sind die heil. Partikel herausgefallen. Rechts gewahren wir unten eine Procession eum 8on>:tissimo, oben ein Feuer, aus welchem eine intacte Hostie hervorragt. Es habe nämlich ein 8. Partikel gefehlt, und um ihn zu bewahren vor Exsccration, habe man den Schutt rc. auf einen Hausen gethan, um Alles zu verbrennen, der Partikel aber sei ganz unversehrt aus dem Feuer herausgekommen. An dieser geweihten Stelle, sagt der Chronist, sei kein Thier mehr vorbeigegangen und man habe da die Kirche erbaut. Das Innere der Kirche ist recht wacker bemalt, der Doppetflügelaltar im Chor ist alt und gehört zu den schönsten in ganz Schwaben, die drei Glasfenster des Chores sind hübsch. Die Kanzel, eine Art Lettner, ist mit fünf broucirlen Reliefbildern versehen. Recht hübsch ist der Seitenaltar all 8. Llariam aus der Evangelienseite und ist derselbe ein Werk des Augsburger Meisters Baldauf. Das Gegenstück all 8. llasetum soll in nicht zu langer Zeit ebenfalls die Kirche zieren, denn der nner« müdliche Herr Dekan ruht nicht, bis alles „stimmt." Das Schiff der Kiche ruht auf zehn hölzernen also gewiß nicht sehr massiven Säulen und gewahren wir oben ein Getäfer, sicherlich zum Beweise daß die seinerzeitigen Mittel das Massive nicht erlaubten. Wir machen noch aufmerksam auf die recht 111 wackeren Stationen und aus eine sehr alte Pieta, bei welch' letzteren aber uns der Leib des Heilands etwas gar z» ütheriich erscheint. Die ganze Kirche macht einen recht hübchchen Eindruck auf den Besucher. Weil wir gerade an den Kirchen sind, so möchte wir »och zwei Kirchlein erwähnen. Droben auf der Höhe, Kleinerdlingen zu, erhebt sich ein hübsches neues gothisches Kirchlein, schon weiß herabsehend auf die alte Reichsstadt, die ja seinerzeit da droben stand. Heutzutage aber befinden sich dort die Todten, alte und neue selige Nördlinger. Der Gottesacker mit einem Leichenhaus ist sehr schon — wenn der Ausdruck für einen Platz der Todten paßt — angelegt. Wir können nicht umhin, die Verse eines Poetasters hier anzuführen, der also dichtet: „Dort auf dem kleinen Berge, Stand Nördlingen gebaut', Jetzt ruhen Todlensürge Dort, die man ihm vertraut. Sie blickt bei Abendröthe Jn's Thal, wo Schilf und Moor Sonst war, und wo die Hirtenflöte Nicht tönt zu ihr empor. Bis zu dem Donaustrande, Sieht man in einem Blick Das Ries im Aayerlaude, Und kehrt vergnügt zurück " (Schluß folgt.) M i s e e l l e ir. (Amerikanische Fabel n.) Unter diesem Kollektivnamen bringt ein amerikanisches Blatt eine Reihe von Fabeln, von denen wir eine zitiren wollen: Nach einem heftigen Streite mit der Hyäne beschloß der Wolf, sie zu vernichten, und wandte sich deßhalb an den Löwen um Rath. — „Stelle ihr eine Falle,« sagte dieser, „und wenn Du sie gefangen hast, so friß sie auf." — Der Wolf ging fort und richtete eine Falle auf einem Pfade auf, den sein Feind oft passtren mußte, aber während er vor Befriedigung kichernd, das gelungene Werk betrachtete, stolperte er und stürzte selbst in die Falle, die ihn sofort festhielt. Da kam der Löwe herbei. — „Himmel was seh' ich?« rief er aus. — „Ich sitze nun in meiner eigenen Falle," sagte demüthig der Wolf. — „Ja, und ich kam her,« versetzte der Löwe, um Dir beim Fressen der Hyäne zu helfen: da nun aber die Sache so steht, so werde ich der Hyäne helfen, Dich aufzufressen.« — „Aber, ich stellte ja doch nur auf Deinen Rath die Falle auf,« protestirte der Wolf.— „Das ist wahr,« erwiderte gleichmüthig der Löwe, „aber ich gab Deinem Feinde genau denselben Rath, und für mich ist es ganz egal, ob ich einen Wolf oder eine Hyäne fresse.« — Moral: Der Advokat bekommt seine Zahlung, der Prozeß mag ausfallen, wie er will. (Wohlbekomm's.) Eine Bande Zigeuner sollte bei einem Gutsherrn zum Tanze ausspielen. Man tanzte im Saale und die Zigeuner wurden im Vorzimmer untergebracht, wo der Baßgeiger alsbald eine Flasche hinter dem Ofen aufgespürt hatte, welche die Aufschrist trug: „Szeaszarder.« Kern Zweifel, irgend ein Diener hatte die Flasche mit deni kostbaren Inhalte bei Seite geschafft. — Ein Blick des Einverständnisses genügte und der Beschluß war gefaßt, die Flasche als gute Beute zu behandeln. Der Baßgeiger nahm einen tiefen Schluck, riß weit die Augen auf und — reichte die Flasche schweigend dem Nebenmann. Der Klarinettist erstickte beinahe an dem Zuge, den er aus der Flasche that, verlor aber nicht die Geistesgegenwart. Der Primgeiger entwand ihm rasch die Flasche, von diesem war es bekannt, daß er die Flasche bis auf den Grund zu leere» pflegte, ohne Rücksicht auf die etwa noch durstigen Hintermänner. Der Cymbalspieler maß ihn auch mit wüthenden Blicken, als er sich des kostbaren Nasses bemächtigte, und war nicht wenig überrascht, als auch für ihn noch einige gute Tropfen übrig blieben. Als sie Alle getrunken hatten wechselten die Zigeuner wieder schweigend einen Blick; dann wendete sich der Baßgeiger an den Clarinettisten und sagte: „Nun, Kamerad, essen wir nicht etwas Bürste dazu?« In der Flasche war nämlich flüssige Stiefelwichse gewesen. - 112 (Gedicht der Kronprinzessin Vi ihres ersten Kindes): Komm, du mein allersüß'stes Kind, Das Muttcrherz nun Raum gewinnt A» deinem Vettlein ganz allein Sich deiner vor dem Herrn zu freun. Ja! Lächle mir nur freundlich zu In deiner Unschuld sel'geu Ruh; Wär' meine Mutter nur gleich hier Und theilte meine Wann' mit mir. Heut ist geschehen dir großes Heil, - Denn heut ward Jesus dir zu Theil, Und du selbst wurdest eine Neb', Die nun an ihm, dem Weinstock klebt. Bewußt ist dir dies zwar noch nicht, Dennoch ward es so zugericht'; Des heil'gen Geistes Keim und Trieb Wirkt nun in dir in inn'ger Lieb'. ctoria vonPreußen nach derTaufe Bist du geboren auch am Thron: Ohn' Ihn, den wahren Gottessohn, Bermagst du dennoch nichts zu thun, Um selig einst bei Ihm zn ruhn. Er ist dir Rath, Kraft, Friedefürst, Wenn du Ihn kennen lernen wirst; Ich seh, wie dann dein Herze lacht, Das; man dich heut zu Ihm gebrach Es lagert sich des Himmels Heer Für's ganze Leben um dich her; Wird deines Glaubeizs Felsengrund Jmmanuel zu jeder 'stund. Nun schlafe wohl, mein liebes Kind! Die Engel Gottes bei dir sind, Als Seme Boten hergesandt, Zu hüten dich sür's Vaterland. Wohl liegst du hier in Gold und Seid, Und Purpur ist wohl einst dein Kleid, Doch daß du anzogst Jesum Christ, Das dir der rechte Schmuck nur ist. Bild' es nach Dir zu einem Mann, Der Deiner Ehre dienen kann; Dein Fried' sei ihm das Ziel im Reich, Dein Will' ihm Helm und Schild zugleich. So decke nun, o! Heiland Du, Mein Kind mit Deiner Gnade zu; Laß' es Dir wohl befohlen sein, Und herz' es, segn' es mit Gedeih'n. (Eine Reminiscenz.) Jetzt, da Prinz Plon-Plon von der französischen Republik eingesponnen war, mag folgendes Dekret, das s. Z. von der königl. bayr. Regierung gegen seinen Oheim, den verstorbenen Kaiser Napoleon III. ergangen ist, von Interesse sein: „Im Namen Sr. Mas. des Königs von Bayern. Inhaltlich einer an die unterfertigte Stelle ergangenen höchsten Ministerialentschließung vom 6. April v. I. soll der unter dem Titel eines Grafen von Starberg oder Starburg gegenwärtig in Deutschland reisende Prinz Louis Napoleon im Falle seines Betretens auf bayerischem Gebiet gemäß Allerhöchsten Befehls festgenommen und zur Verfügung der Regierung an die nächste Polizeibehörde abgeliefert werden. Das u. s. w. angewiesen, sich vorkommenden Falls hiernach zu richten und den Polizeibehörden beim Vollzugs der solchen gleichfalls zugehenden Weisungen möglichst behilflich zu sein. München, 6. April 1817. Generaladministration der kgl. Posten, v. Göb." Dieses Actenstück erschien im Regierungsblatt, damals noch Jntelligenzblatt genannt. (Der künftige Feldherr.) Fritzchen hat zu Weihnachten einen großen Kasten voll Bleisoldaten erhalten. Am letzten Sonntag unterwirft die Mutter die bleierne Armee einer Musterung und bemerkt, daß eine große Anzahl abgeschlagener Beine und Arme auf dem Boden des Kastens liegen. „O pfui!" ruft die Mutter im Tone der Empörung dem Söhnchen zu, „so gering achtest Du das Geschenk Deines Papas, daß heute schon, sieben Soldaten die Beine und drei die Arme eingebüßt haben?" Fritzchen bricht in Thränen aus und entgegnen „Wir brauchten Invaliden!" Original-Lttbett-Näthsel. (Zweisilbig.) * Durch die Zweite schwindet des Durstes Qual, Die Erste verscheuchet die Sorgen zumal, Doch füeht die erste Dich, armer Mann, So wende zur Hülfe das Ganze au. — Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttier. Nr. 15. 1883. zur Mittwoch, 21. Februar Heimathlos. Eine Erzählung uns jüngster Zeit von Hermann Hirsch selb. (Nachdruck Verbote».) „Die gnädige Frau befehlen?" fragte der alte Diener in der dunkelgrauen Livrä des Solmitz'schen Hauses, geräuschlos die Thüre des Salons öffnend« Hermine von Solmitz» die verwittwcte Besitzerin des Gutes gleichen Namens, das den Schauplatz unserer Erzählung bildet, schritt in sichtlicher Erregung auf und nieder;' es war eine hochgewachsene, fast allzu hager erscheinende Dame, die in der Mitte der vierziger Jahre stehen mochte. Sie mochte einst nicht ohne äußeren Reize gewesen sein, aber mit dem zunehmenden Alter hatten die Züge der Dame eine gewisse Starrheit, der Blick des grauen Auges eine Schwäche angenommen, die kein sympathisches Gefühl zu erwecken vermochte. Und kalt und schroff war die Wittwe des Herrn von Solmitz auch im Innern geworden, seitdem ihres Gatten Tod sie als Mutter eines blühenden Knabe», aber auch zugleich als mittellose Wittwe zurückgelassen, denn des Verstorbenen Verhältnisse waren völlig zerrüttet und ihr eigenes, ihm zugebrachtes Vermögen in unsinnigen Speculationen vergeudet. Freilich dauerte '.diese traurige Existenz nur ein Jahr, da starb ein kinderloser Oheim der Wittwe, die kaum mehr den Nimbus des Wohlstandes ausrecht zu erhalten vermochte, mit dem sie sich unter Entbehrungen aller Art im Häuslichen zu umgeben gewußt hatte und kurze Zeit daraus war Hermine von Solmitz, obgleich nicht die direkte Erbin des Verstorbenen, in dem Besitz hinreichender Mittel, das Stammgut ihres Gemahls von seinen Schuldenlasten zu befreien und es dergestalt zu vergrößern, daß die Solmitz'sche Besitzung ein gar stattliches und werthvolles Eigenthum bildete, das sich, in den Augen der meisten Leute, die nicht näher in die Verhältnisse des Hauses eingeweiht, dereinst auf den einzigen Sohn Herminens, den jetzt zweiundzwanzigjähriaen Oscar vererbet mußte. — „Gnädige Frau haben abermals geklingelt", wiederholte der Diener noch einmal, da die Dame seine Anwesenheit nicht zu beobachten schien. Frau Hermine von Solmitz fuhr aus ihren Gedanken empor. „Ist Steeland noch nicht von der Stadt zurück?" fragte sie. „Der Herr Verwalter muß jeden Augenblick kommen", entgegnete der Alte; „er wollte um zehn Uhr wieder hier sein und es ist bald eilf. Vielleicht, daß in der Stadt Depeschen von Wichtigkeit eingetroffen oder erwartet werden, deren Inhalt er gern mit nach Solmitz bringen möchte, denn wir leben in einer großen Zeit, gnädige Frau, und jede Sekunde kann uns die Entscheidung eines blutigen Krieges bringen, kann unseren jungen Herrn, den ich auf meinen Armen gewiegt, zu seinem Regiment beordern, um sein deutsches Vaterland gegen die Franzosen zu schützen." „Mein Sohn steht in Gottes Hand", entgegnete Frau von Solmitz, „so wenig wie er selber je daran denken würde, möchte ich, seine Mutter, Oscar seiner Pflicht entziehen; ich fürchte nicht für ihn, denn so hart wlrv nuch das Geschick doch nicht heimsuchen Gatten, Bruder und Sohn zu verlieren?" , „Behüte es der Himmel", sagte der Alte, durch die ungewohnte Herablassung der Herrin ermuthigt, „aber was den Bruder der gnädigen Frau betrifft, den lieben auten übermüthigen Herrn Leopold —" - „Er ist todt!" unterbrach ihn Frau von Solmitz heftig, „achtzehn Jahre sind verstrichen, seit er spurlos aus Europa verschwand, alle Nachforschungen waren vergebens, es ist kein Zweifel, kann kein Zweifel sein", endete sie gebieterisch. Der Alte zuckte mit den Achseln, augenscheinlich unterdrückte er eine Entgegnung.' „Es ist kein Zweifel möglich, gnädige Frau", sagte er dann, „aber wenn etwas im Stande, ihn aus der tiefsten Verborgenheit hervorzulocken, falls er sich noch am Leben befinden würde, so ist es das Erwachen des deutschen Geistes zum Selbstbewußtsein. Leopold von Bernau war Deutscher mit Leib und Seele und keinen Augenblick würde er zaudern, mag auch sein Haar weiß geworden sein, herbei zu eilen, über Meer und Berge, wo es sich um des Vaterlandes Ehre-" Frau von Solmitz winkte abwehrend. „Genug", saate sie und wieder im kurzen Ton der Gebieterin, „wo ist Fräulein Alida?" „Das arme Mädchen ist im Garten", gnädige Frau, „sie wollte Erdbeeren für die heutige Tafel pflücken, sie weiß, daß die gnädige Frau gern die Frucht recht groß und roth liebt, aber die Thränen rannen ihr dabei über die Wangen; der Herr Verwalter muß ihr mitgetheilt haben, daß jeden Augenblick die Einberufungsordre eintreffen kann und das junge Herz —" Er vollendete nicht vor dem scharfen Blick der Dame und senkte verlegen das Haupt, er fühlte, daß er zu weit gegangen. „Ich respectire die Treue ergrauter Domestiken in unserem Hause", bemerkte Frau von Solmitz, „aber ich verbitte mir Bemerkungen, die schlecht zu ihrer Stellung passen. „Ah, da ist Streland", unterbrach sie sich, da Schritts im Vorsaale ertönten und, während der Diener die Thür öffnete, rief sie dem Kommenden entgegen: „Haben Sie Schmidt, den Rechtsanwalt gesprochen?" Der Eintretende, hinter dem der Diener die Thüre schloß, war der langjährige Verwalter des Solmitz'schen Gutes; klein und mager, mit listig zwinkernden Augen, hatte Herr Streland fast das Aussehen eines Fuchses und allgemein traute man ihm auch die Schlauheit desselben zu; daß er täglich sein Vermögen vergrößerte, fiel KeinÄO auf, denn kein Mittel schien ihm zu gering oder schlecht, Geld auf Geld zu häufen, wohl aber befremdete das seltsame, fast freundschaftliche Verhältniß der sonst so stolzen, aristokratischen Wittwe mit ihrem Untergebenen, dessen Leitung in allem Geschäftlichen sie sich willig fügte; die Herrin schien aber auch die einzige, die empfehlenswerth« Eigenschaften in Herrn Streland entdeckt haben mußte, denn seine Persönlichkeit war auf der ganzen Besitzung eine höchst unbeliebte und selbst Oscar v. Solmitz, der künftige Erbe, hatte schon als Knabe gegen den Verwalter einen Widerwillen zur Schau getragen, den selbst der junge Mann noch nicht zu überwinden vermochte, obwohl er dem Eifer und der Pflichttreue des Beamte» seine Anerkennung nicht versagen konnte. „Sie haben ihn gesprochen?" fragte Frau v. Solmitz abermals, „wie steht es, wann können wir die Todeserkläruna vroklamiren, wann darf ich ruliia schlafen, ruhig athmen, endlich, endlich?" „In zwei Monaten ist die Frist um», entgegnete Streland, „es läßt sich kein Jota daran ändern", meinte Schmidt. „Ist an dem bestimmten Tage Leopold von Bernau nicht selbst oder durch seinen Mandatar oder seine etwaigen Erben vertreten, zur Entgegennahme seines Erbtheils, das sich bis jetzt unter Ihrer Verwaltung befand, nicht auf Solmitz anwesend, wird er für todt erklärt und rechtlos er und seine Erben an jedem Anspruch; so besagt es das Proklam, das völlig wirkungslos blieb und bleiben wird, denn Herr Leopold von Bernau, es ist kein Zweifel, ist todt oder verschollen und seine 115 Erben — nun, ich denke, er wird doch reinen zweiten dummen Streich begangen haben/ nachdem das Glück uns so günstig war, vaß wir die Folgen des ersten von unserem Haupt abwenden durften." „O, still davon, Streland", unterbrach ihn die Gutsherrn» und ihre sonst so kalten Züge nahmen den Ausdruck der peinlichsten Erreguirg an; „mahnt mich nicht an jene furchtbare Nacht, da man mich an das Bett der kranken, sterbenden Frau rief, die^ am Abend vorher mit ihrem Töchterchen hier angekommen und im Wirthshaus abgestiegen' war, der Schlag, glaubte ich, müßte mich treffen, da ich ihre Enthüllungen vernahm, als ich aus den mir übergebenen Papieren ersah, daß kein Irrthum möglich, daß das Kind der Sterbenden, das sie meiner mütterlichen Fürsorge empfahl — o Streland — wäret Ihr nicht gewesen, an dessen Stärke ich Anhalt gefunden, dem Schicksal die Stirne zu bieten, mein Sohn, mein Oscar wäre ein Bettler oder abhängig von der Gnade einer Fremden, abhängig» wie ich selber." „Fließt doch das Vernau'sche Blut in ihr", meinte der Verwalter lauernd, „und völlig legitim ist ihre Geburt; es gäbe, meinte ich, ein Mittel, widerstreitende Interessen zu versöhnen —" „Niemals, niemals", unterbrach ihn Frau von Solmitz entschieden; „soll ich, so lange ich lebe, die Mesalliance Leopold's, die Schmach, die er dem Hause Bernau angethan, von Geschlecht zu Geschlecht forterben? Freilich wird er» sobald sich meine Augen geschlossen und er bis dahin noch unvermählt, durch Euch erfahren, daß Alida ihm näher steht» als er ahnt, aber ich hoffe, bis dahin ist er bereits der Gatte der Baronesse von Ebersdorf und das Geheimniß bleibt verschwiegen, das Geheimniß von Oscar's Glück, das einst meine Seele zu büßen hat." „Ich möchte anders über diesen Punkt denken, so lange sich die gnädige Frau entschließen können, dem Fräulein Barfeld einen andern Aufenthalt, als eben dieses Gut zu geben, wo ein Begegnen der beiden jungen Leute unvermeidlich und zu Folgen führen kann, die alle unsere Vorsicht, all' unsere Pläne zu Schanden machen dürften. „Freilich wäre es vorsichtiger gewesen, das Mädchen schon in ihrer Kindheit vom Gute zu entfernen, allein ich zitterte, sie aus meinen Augen zu lassen, zitterte, sie in anderer Hut, als in der meinen, zu wissen und dann — Streland — darf ich sie aus diesem Hause stoßen, aus diesem Hause, das ich mit ihrem Vermögen, mir und meinem Sohne erwarb?" Herrn Streland's verwitterte Züge überflog ein spöttisches Lächeln. „Und was haben Sie bezüglich des Fräuleins Barfeld beschlossen?" fragte er dann. „Ich möchte das Mädchen glücklich sehen und ivürde es selber sein, wenn ich sie nicht mehr vor Augen habe, ein lebendiges Memento des Leichtsinns meines Bruders und unserer eigenen That. So wünsche ich sie fort und mag sie nicht missen in einem Athemzug, sonst hätte ich längst versucht, ihr eine gute Parthie zu verschaffen, die der Pflegetochter Herminens von Solmitz, als die Alida überall betrachtet wird, nicht fehlen dürfte. Allein ich zittere, daß der ihr Bestimmte Nachforschungen anstellen dürfte, nach seiner Gattin Herkunft, daß er Fragen an mich stellt, Verdacht schöpfen könnte — o Streland, Streland, wären nur die Wochen um und die Todeserklärung Leopold's von Bernau gerichtlich ausgesprochen, dann lassen Sie uns weiter beschließen, dann weiter handeln! —" „Wir werden dazu um so mehr Muse haben", bemerkte der Verwalter, als Herr Oscar dann nicht mehr auf Solmitz weilen dürste; wie ich in der Stadt vernahm, wird noch heute die Einberufungsordre, die Herrn Oscar zu seinem Regiment befiehlt, hier eintreffen." Einen Augenblick lang zuckte eine Spur tieferer Erregung durch das harte Antlitz der Gutsherrin, aber bald war sie überwunden. „Er ist mein einziges Kind, er geht dem Tode entgegen", sagte sie, „und doch es »st vielleicht besser, daß er aus diesen Verhältnissen herauskommt; das frohe, frische Kriegs- leben wird ihm wohlthun; er wird jugendliche Ideale und kindische Passionen inmitten eines bewegten Lebens vergessen und bis er heim kommt, ist Leopold von Bernau büraerlich todt erklärt und Alida vielleicht nicht mehr im Hause." Ein bescheidenes Klopfen unterbrach das -Gespräch der Frau von Solmitz mit ihrem Verwalter; auf das „Herein" der Dame trat ein junges Mädchen von etwa siebzehn Jahren über die Schwelle. Alida Barfeld, die Waise, die ihre Existenz der Güte der Frau von Solmitz verdankte, in deren Haus sie ein Asyl seit ihrer Kindheit gefunden, war keine Schönheit zu nennen, allein ihre Züge waren von einer Lieblichkeit und Regelmäßigkeit, die ihr hohen Reiz verlieh; ein schlichtes Kleid von lichtblauer Wolle umgab eng ihre schlanken Formen und paßte trefflich zu dem hellblonden Haar des jungen Mädchens, das sie schlecht gescheitelt ohne jeden Schmuck trug. Aber die sonst so hellleuchtenden Augen des Mädchens blickten heute trübe und die Hand, die eben das mitgebrachte Erdbeerenkörbchen auf einen Nebentisch setzte, zitterte merklich. „Verzeihung, gnädige Frau, wenn ich störe", sagte sie mit weicher, melodischer Stimme, „allein die Unruhe trieb mich hierher, zu Ihnen, der Mutter des Herrn Oscar, die gewiß von gleichen Empfindungen bewegt, wie ich, die mit ihm die frohen Tage der Kindheit getheilt, dir hohe Dankbarkeit an dieses Haus und seine Glieder kettet. Ist es wahr, was sich die Diener erzählen, daß man in jedem Augenblick die Einberufungsordre des Herrn Oscar zu seinem Regiment erwartet?" Die Eutsherrin warf einen fast strengen Blick auf das junge Mädchen. „Auch mir ist eS schon bekannt und so schmerzlich mich die Nachricht trifft, trage ich als Mutter ergeben eine Bestimmung, die ich mit taufenden von Müttern theile und wundere mich, daß Du, mein Kind, eine natürliche Thatsache mit einer Exaltation betrachtest, die man nur der Jugend verzeihen kann." Alida ward bleich, es war dies stets bei ihr das Zeichen innerer Erregung. „Gnädige Frau", sagte sie mit erstickter Stimme, „wenn Herr Oscar ein Unglück träfe, wenn der furchtbare Krieg, der initleidslos dahinschreitet über Herzen und Hoffnungen — " „Herzen, Hoffnungen", — wiederholte Frau von Solmitz noch strenger als zuvor, „ich wüßte nicht, was bei Dir Herz noch Hoffnung zu thun hätte, wenn es sich um Oscar handelt; ich bitte Dich, laß solche Reden nicht wieder laut werden, als hi-r im vertrautesten Kreise, willst Du nicht Dich falschen Deutungen unterworfen sehen. Herz, Hoffnung, was das für Reden im Munde eines jungen Mädchens sind, — ich wette» die Baronesse Ebersdorf, obwohl sie sich durch gegenseitige Uebereinkunft der Eltern als Braut meines Sohnes betrachten darf, würde nicht solche Aeußerungen laut werden lassen, wie sich Alida von Barfeld erlaubt, die ich bitte, nicht zu vergessen, daß sie dem Hause Solmitz eine Fremde war und stets eine Fremde bleiben wird. Doch es wird Zeit, Streland, daß Sie mich in das Archiv begleiten, die Akten über das neuerworbsus Weideland mir zur Einsicht vorzulegen", unterbrach sie sich, das Gespräch wechselnd. „Erwarte mich hier, mein Kind, vielleicht habe ich bei meiner Rückkehr noch mit Dir zu reden." (Fortsetzung folgt.) Einiges von NSrdlingen. (Schluß.) Dieses „vergnügte Zurückkehren" — man weiß nicht von den Todten, oder vorn Berge — wie man auch nicht recht das „sie" und „ihr" versteht — wird wohl deswegen der Fall gewesen lein, weil der Poet noch nicht zu den Todten gehörte, sein Poem aber vergnügt noch forttebt in den Eharteken, was er wohl prophetischen Geistes voraussah. Wir kehren von den Todten und ihrem schönei^Rnhe- platz auch zurück und treten in das neu restanrirte Kirchleiu des Spitals ein, nicht um dessen L-ehens- Würdigkeiten zu bewundern, denn es sind keine da, sondern nur um zu constatiren, daß dieses Kirchleiu den Altkatholiken zur Nutznießung vom Magistrate eingeräumt wurde. Das Kirchleiu der altersschwachen, kranken, presthaftsu Spitaliten! Wohl hat man am Ende vorausgesehen, daß der „neue csttkatholijche" Mann ein Spitalit sei trotz der) ausposaunten Stärke, denn es gibt auch schwindsüchtige auszehrende Leute mit auscheiueud gesundem Aussehen. Daß cher Nordlmger Altka hollcismus sehr kraut im Spitale liegt, beweist die Entbehrlichkeit des Gottesdienstes rc. Bei einem solchen vor Jahr und Tag, lies; sich Einsender berichten, das; ein Dutzend, Mann, Weib, Kind und Kegel mitgerechnet, denselben besuchte. Armer kranker Spitalite! Wir könnten uns kräftigen von diesem Excnrs ui einer der ein Dutzend umfassenden Brauereien, oder in einem der siebenzig Wirthschaften, wir könnten wohl auch das eine oder andere Thor besuche», um Umschau zu halten über die, welche in P-ws oder m beüo durch dicielben eingetreten, wir wollen dies Alles übergehen, da es zu weit sichren wurde.. Eines erübrigt uns noch, nämlich das Rathhaus kurz aus's Korn zu nehmen und den freundlichen Leier auf dessen bedenleiide Sehenswürdigkeiten ausmerksam zn machen. Es ist ein ziemlich weitläufiges hübsch repräsentirendes Gebäude, unten mit verschiedenen Marktläden versehen, gekrönt mit Erker und als lUmie prangt ein Thurm. Eine schöne durchbrochene Treppe sührt uns hinauf und stehen mir oben angelangt vor einer weiblichen Figur, üustiria, genannt, welche so recdt für jedes Ralhhans vorneRn patzt. Das Bild hat die Unterschrift: „Ein Manns red Ein Halbe red Man soll sie Höre» beed. Ferner ist angebracht an demselben die Stelle Nöm. 13: Jederman sei, Unterthon der Oberkait dann sii ist Bon Gott Verordnet, als Gottes Dienerin zur strafs über die so böses thon, und zu schütz der fromen." Eingetreten! durch die Heiligen Hallen, finden wir den schonen, etwas düsteren Sitzungssaal der Väler der Stadt, in welchem über das Wohl und ost auch Wehe der Einzelnen und des Ganzen berathen wird. Wenn so ein alter Rathhaussitzungssaal von mehreren Jahrhunderten sprechen könnte! Zuerst mühten sicher heutzutage die Steuern mit ihren runden und bunten Zahlen ansmar- schiren und der Nördlinger „Bätersaal" könnte wohl ausrufen: „Hätten unsere Ahnen und Urahnen nicht gesorgt durch reiche Stiftungen, durch reiches Spital rc , so müßten wir, die Enkel und Urenkel hundert Prozent Umlage bezahlen, bei der so „theuren Zeit!" Nun andere müssens auch, Einsender dieser Zeilen'kann auch ein Lied mit mehreren Bersen über dieses Kapitel singen, aber trösten wir uiis Alle bei hundert Prozent mit dem Gedanken, es könnten auch hnndcrtein Prozent sein! — Galgentrost kann mancher denken! — Als Zierde des Lmales gewahren mir nebst dem Bilde Sr, Majestät drei Bilder eines Nördlinger Meisters Namens Bolz, darstellend „Tillrfts Verwundung": „Gustav Adolf bei Lätzen" und das Biv „Gustav Adolf bei seinem Einzug in Nördlingen im Jahre 1632." Auf der Hand hat Gustav eine Schwalbe, im Hintergrund sehen wir einen Raubvogel, der die Schwalbe verfolgt hatte und der Schwede soll ausgerufen haben, „auch Du suchst Zuflucht bei mir." Zu ergänzen wird wohl sein: „wie Nördlingen und die ächten Deutschen alle!" Ferner gewahren wir im Saale eine Tafel aus dem Jahre 1571 mit nachstehender herrlicher Inschrift: tzaisguis Lonator Ot'lleü causs. ouriam juzrscksris ^uto boe ostlam privatos aL'sotms oinneo abjioito, Irom vim ocliam amleitürm aclulatiouein raipubl: Kam ut slu8 asguus ant iniguus zucksx kusris: Ita gnugus zuüUinm äsi oxspoetottis st sustiusbls. Eine passendere Inschrift für ein RathhanS, ein passenderes Motto für die Herrn Räthe läßt sich nicht Reicht denken, als diese dreihundertjährige. Wir setzen sie in's Deutsche übersetzt bei: „Trittst Du ein als Nathsherr von Nmlsivegen in den NathhanSsaal, So laß vor der Thüre draußen alle persönlichen Ncgnngen Wie: Ausgcregtsein, Ueberlcgenheit, Feindschaft, Freundschaft, Schmarotzerei oder Schmeichelei, Denn gerade so, wie Du andern gegenüber Richter sein wirst, gerecht oder ungerecht, So wirst Du Gottes Gericht erwarten und über Dich ergehen lassen müssen." Wir steigen in den obern Stock hinauf und werden am Musennisoorplatz angeschaut von den alten Bürgermeistern der Stadt Nördlingen. Kühnen Auges schauen sie herab und ihr Mund scheint sagen zuweilen: „Wanderer steift still lind betrachte uns, die wir All' das, was Du hier schauest und bewunderst, gesammelt haben." Diesen Regenten aus alten Zeiten gegenüber befinden sich mehrere alte Kästen, von welchen einer mit einem mächtigen Mamnthknochen gekrönt ist. Verschiedene Alterthümer ohne besonderen Werth lassen sich hier beschauen. Unter ihnen befindet sich ein sehr großer Wirlhsschild, der früher die Gaslwirschast zum „Kanicel" zierte vulgo Sixen. Es ist ein schönes Schmidewerk und soll ex voto von dem jetzigen Besitzer Beyschlag aufgehängt worden sein. Besagter Herr ist nämlich etwas „Cyprianer", fand aber in Wildbad Heilung, welche nach unserem herzlichen Wunsche recht lange anhalten soll. Zum Dank hiefür soll er seinen Niesenschild dem Museum für ewige Zeiten vermacht haben. Garantie für diese Mittheilung können wir in alkweg nicht gewähren! Zuerst wollen wir uns al - Liebhaber der Malerei in das eigentliche Museum begeben, wo uns prächtige Werke von^Scheiselin und Herlen begegne». Wir schreiben trotz aller neuen Forschung „Scheiselin" und nicht Schenfclin oder Schänselin und berufen uns darauf, daß der Meister an sein größtes Bild, das wir später näher betrachten wollen, seinen Namen in dieser Fntzon geschrieben hat. Scheiselin ist circa 1430 zn Mrnberg geboren und erkangte hier 1515 das Bürgerrecht nebst 42 Gulden für sein größtes Bild. L:eine ineisten Bilder sind hier, etwa circa ein Dutzend. Eines von ihm befindet sich s" Oberdorf, eines im Schloß Enzensberg in Tirol, eines in der Galerie zu Casscl und ein weiteres rn Ahausen. Der Meister starb 1540 dahier und ist an seinem Hanse eine Gedenktafel angebracht. Las schönste Bild Scheiselins in den Räumen, in welchen wir uns eben befinden, ist wohl die Grab«. — 118 — legung Christi mit wundervollem Christuskopf. Der Schmerz in oen Gesichtern der'Aus dem Bilde befindlichen elf Personen kann prägnanter nicht dargestellt werden. In neuester Zeit hat sich dieses Bild besonders des Beisalls jüdischer Frauen zu erfreuen. Das zweitbeste Bild deiselben Meisters ist „ach unserer Ansicht die heil. Elisabeth. Das Gesicht der Heiligen ist wirklich auf das feinste, wenn der Ausdruck erlaubt ist, auf die Leinwand hingegossen. Den zweiten Meister Herlen betreffend ist derselbe höchst wahrscheinlich ein Rothenburger und finden wir ihn bereits im Jahre 1449 als Maler. 1469, nach anderen 1467, wurde er hier Bürger und Stadtmaler, „Dieweil er als ein Meister, der mit niederländischer Arbeit umgehen kann", erprobt wurde. Er starb dahier circa 1560. Seine Hauptwerke befinden sich hier ungefähr in doppelter Anzahl des vorigen Meisters. Zwei seiner Gemälde möchten wir auch bei diesem Künstler pnm» loeo hervorhebe». Für's erste „Die Darstellung Jesu im Tempel" wegen der prachtvollen Perspective. Obwohl wir in einem Tempel sehr gerne das Geschlecht der Viersüßigcn vermissen, möchten wir doch auf das Hündclein, das Herlen auf eben berührtem Bilde angebracht, den Beschauer aufmerksam machen, weil der Kerl gar so natürlich dasteht. Als Weites Hauptbild erwähnen wir die „Verehrung Mariens". Wir gewahren ferner vier Bilder von Sebastian Taig von Nördlinae», einem L-chüler Scheifelins, welcher 1508—1554 abivechselnd sich beschäftigte als „Glaser, Maler, Faßmaler und Ler- golder". Desgleichen finden wir einige Bilder von Jesse Herlen, Enkel des Friedrich Herlen, welcher auch die Außenseite des Rathhauses bemalte (heutzutage davon nichts mehr zu schauen) und dahier am 19. August 1575 gestorben ist. Georg Marcell Haak, ein Bopfinger, geboren 1652 und 1719 dort gestorben, ist ebenfalls mit mehreren Gemälden vertreten, welche die italienische Schule, in der er ausgebildet wurde, verrathen. 1684 erhielt er 36 sl. für ein Meisterstück. Auf ein „jüngstes Gericht" von Herlen machen wir schließlich noch ausmerksam wegen der ganz merkwürdigen Auffassung und Darstellung. Es ist ferner erwähnenswerth, im Museum eine ziemlich ausgedehnte Sammlung Nördlinger Reichsmünzen, sowie die großartige Münzsammlung, welche Eigenthum des Herrn Nector und Archivar Chr. Mayer ist. Dieselbe erstreckt sich von der Zeit Carl des Großen (768—714) über die Zeit der Karolinger, der Sachsen, der Hohenstaufen bis herab auf den Reichsverweser Erzherzog Johann 1848. Hieran schließt sich eine nicht minder große Münzsammlung verschiedener Städte ca. 120 , demselben Herrn gehörig, unter welchen Städten das alte Frankfurt die Hauptrolle fpiclt. Den Herrn Archivar selbst anlangend, so hat er sich die größten Verdienste am Archiv und Museum erworben. Wir glauben noch erwähnen zu sollen eine wunderschön gearbeitete Tausplatte und Kanne dazu von Caspar Ender- lein aus Basel (1634) aus Zinn, auf's feinste cijelirt; mehre Silber-und Goldplatten, verschiedenartigen goldenen Schmuck; das Kleinod der Meistersänger zu Nördlingen; chinesische Arbeiten, Elfenbeinschnitzereien , sowie mehrere sehr alte werthvolle Schilde aus dem Anfang des fünfzehnten und scchs- zehnten Jahrhunderts. Die der Geologie und Geognosie Beflissenen können sich ergötzen an Zähnen und sonstigen Reliquien von vorsündfluthlichen Mamuten, von Niesenhirschen oder von nachsündslnth- lichen Eseln, Pferden, Hyänen, Nashorn, Neun» und Höhlenthieren. Diese Räume verlassend, haben wir noch kurz den weiteren getrennten Saal zu besichtigen, die sogenannte frühere „Bundesstube". Der darin befindliche Hauptschah ist die „Belagerung Bethuliens", oder die „Enthauptung des Holo- ferues durch Judith" von Scheiselin. Das Bild ist auf die Wandfläche selbst gemalt und nach unserer Schätzung ca. 6 H 2 Fuß hoch bei einer fast doppelten Breite. Ein gewaltiges Meisterwerk haben wir vor uns, und trotz der Darstellung eu masso kein quick zwo guo, sondern ein sehr systematisch angelegtes und durchgeführtes Ganze. Der Künstler hat sich ganz an die Darstellung der hl. Schrift gehalten (17. Judith, Cap. 7. ff.). Stolz schreitet die schöne Jüdin durch das Lager und die Zelte hin zu Holosernes, der sie freudig empfängt, stolz verläßt sie nach vollbrachter That mit ihrer Magd das Zelt des Heerführers, um ganz oben durch ein Fenster als „Siegesfahne" den Kopf des Erschlagenen herauszuhängen. Scheiselin selbst hat sein Porträt unten am Bild verewigt und rechts die Worte angebracht: ckobavuos Lebeikelin kivxit TlOXV. In diesem Jahre erhielt er, wie oben bemerkt, für das Bild 42 fl. und das Nördlinger Stadtbürgerrecht. König Ludwig aber hochseluzen Angedenkens der Knnstniäcen soll der Stadt für dieses Bild die gewiß respectabls Summe von 60,000 fl. angeboten haben, ohne es zu erhalten. An Bildern sind noch zu erwähnen 6 Friedrich Herlen; das älteste Bild der Stadt gemacht 1549. An Urkunden, deren Zahl sehr groß, nehme» vermöge ihres Alters hervorragende Stelle» folgende ein: König Heinrich bestätigt eine Schenkung an das Hospital, vom Jahre 1233, bei weitem das älteste und vom großen Stadtbrand übrig gebliebene. Sodann: Das älteste Nördlinger Stadlrecht aus dem Ende des 13. Jahrhunderts; das Todtenbnch des Barfüßer Klosters, 1333 begonnen; Stistungsbrief des Reichen Almosens 1418 mit dem alten Stadtsiegel; eine Bibel von 1462; verschiedene Urkunden aus dem 15. und 16. Jahrhundert; das Meinradibüchleiii vom Jahre 1577, das Blntbnch von 1655. Zu diesem Schauerbnch gehört zudem eine recht „anständige" Sammlung von Folterwerkzeugen „männlichen und weiblichen Geschlechts"; Richtschwerte reihen sich diesen an und den Schluß bildet ein Armensüilderstuhl, worauf »och „wahr- haltige" Blutflecken der darauf Hingerichteten ohne Luppe geschaut werden können. Brrr! An den Wänden herum gewahren wir schön restaurirte alte Epitaphino, die seinerzeit in der Kirche sich befanden, und zum Andenken an die traurigen Kriegszeiten schauen wir „friedlich" aussehende Fahnen, Trommeln, Spieße -c. in großer Anzahl, und dürfte diese traurige Sammlung aus trauriger Zeit ihrcg Abschluß finden in zwei Broden aus Kleie und Leim vom Jahre 1635, welche von Oftersonntag dieses Jahres als traurige „Osterhasen" sür immer hier aufbewahrt werde». Nicht zu übersehen ist die Sammlung versckiedeuer Porzellan- und anderer Krüge und Gesäße, unter welchen ein Maiolcka- Krug mit Bild der Auferstehung Christi den ersten Platz einnehmen dürste. Endlich erwähnen wir eine» Prachtschrank von, Ende des 15. Jahrhunderts; einen Tisch mit !> eingelegten, ausgewgten Phantasiebildern aus dem gleichen Jahrhundert, sowie ein- sehr schöne Zunstlade, gemacht i,n Jahre Ivo l Bevor wir die alte Buudesstube verlassen, sagt uns eine ganz aus Eisen gemachte, im Jahre 1M8 verfertigte Uhr, die heute noch gut geht, daß alte Uhren ohne Garantie mitunter besser find und genauer gehe», als neue mit Garantie, selbstverständlich, ohne irgend einem Uhren« macher neuer und neuester Zeit dadurch näher treten zu wollen. Wir verlasse» das alte Haus der Jnstitia und erwähnen noch das neue Haus der Schranne, welche der zweite Stolz der NördUnger ist, da diese in Berbindnng mit der alten Schranne den Bewohnern der Stadt am meisten „trägt". DaS neue Gebäude ist großartig, und während unten die Bauern und Herren auswendig oder mit Hilfe von Fanllenzern ihre Zahlen hin- und Herwerfen, wird in den oberen geräumigen Schullokalen den Sprößlingen das Einmal Eins beigebracht, damit sie recht praktisch heranwachsen zur Ehre ihrer Vaterstadt. In dieser Halle wurde Anfangs August v. Js. das bayrisch-schwäbische Sängerfest abgehalten. Wir sind, srenndliche Leser! mit unsern Wanderungen durch das alte und neue Nördlingen zu Ende. Da wir aber nicht blaß Alterthümler, sondern auch Menschen und zudem Deutsche sind, als welche wir von Zeit zu Zeit Durst und Hunger haben, so wollen wir bei Korhanuner u. Co. einen „Durcheinander" kosen, uns mit demselben zum „Stadtgretle" oder zur „Lammlijett", oder zum „Sixen" begeben, wenn Du nicht gar Dich „ankern" willst lassen, um dort das köstliche Naß zu verkosten, und mit guten alten deutschen Nördlingern einen Tarrock zu machen und selbstverständlich soeunckum oräiusm mit dem Einsender zu verlieren. Nachdem wir uns auf diese Weise erholt, sagen wir der Metropole des Rieses ein herzliches Valv! mit dem Wunsche sür die Zukunst: bllorsat! Der Eiche,»Kran;. Es steht auf stiller Höhe Ein großes Kreuz von Stein, Dran bängt der Lcidenskönig, Ein Bild von Schmerz und Pein.' Ein Eichbaum hat darüber Gewölbt ein Dach voll Pracht. Dem Bilde wie dem Beter Ein Schirm bei Tag und Nacht. Wetteifernd um die Ehre, Dem .Heiland Schuß zu lcih'n, Verschlingen sich die Acste, Die Zweige groß und klein. Ein Zweig nur hat sich sinnig Besonderen Wuchs erlaubt, Hat sich ans Kreuz gcschmieget Und um das blut'ge Haupt. Es sproßt hervor im Frühling An ihm stets Blatt an Blatt Zum frische», grünen Kranze Dem Haupte bleich und matt. Nie hatte solche Ehre, Wie dieser Zweig, ein Kranz, Und lag er auch auf Häuptern Umstrahlt von Fürstcnglanz. Er welket nicht und schmücket Von Neuem stets den Held, Der ganz sich hat geopfert Zum Heil der armen Welt. Miseellen. (Der Vater —was möglich war, das that er.) Man schreibt der „Presse" aus Paris: „Vater- und Künstlerpflichten an ein und demselben Abend zu erfüllen — das hat dieser Tage hier der Komiker Daubray von, Palais Royal, einer der populärsten ,Pariser Schauspieler, zu Wege gebracht. Mit freudeleuchtendem und weingeröthetem Antlitz erschien Daubray im Frack und weißer Kravatte in der Garderobe. Da seine Schweigsamkeit bekannt, so fragte man ihn nicht nach der Ursache dieses feierlichen Kostümes. Bald jedoch bemerkte der Jnspicient mit Schrecken, daß Daubray, sobald seine Szene auf der Bühne zu Ende war, spurlos vom Theater verschwand und jedesmal erst im letzten Augenblick, wo sein Wiedererscheinen auf den Brettern nöthig war, in den Coulissen auftauchte. In den Zwischenakten wurden diese Absentirungen des genialen Komikers länger und dehnten sich schließlich dermaßen aus, daß vor dem letzten Äkte das Publikum mrt den Füßen zu scharren begann. Jedesmal aber wenn Daubray wiederkehrte, war. sein Gesicht um eine Nuance röther, sein von Natur watschelnder Gang schwankender und in den letzten Szene» lallte er nur noch. Nach der Vorstellung bugsirten seine Kameraden den ivemseligen Komiker in die Garderobe, wo er verzweifelte Anstrengungen machte, in seinen Frack zurück zn gelangen. Was war aber die Ursache seines eigenthümlichen Zustandes? Daubray verheirathete an jenem Tage seine einzige Tochter; in einem benachbarten Restaurant fand das Hochzeitsmahl statt und der pflichteifrige Künstler, der gleichzeitig auch nicht den Brautvater vernachlässigen wollte, benützte jede Gelegenheit, von der Bühns zu desertiren und seinen Gästen zuzutrinken." (Vom alten Dumas.) In Paris erzählt man sich in literarischen Kreisen eins Anekdote, welche Zeugniß ablegt für die große Gutmüthigksit Alexander Dumas, des Vaters, aber auch von dem geradezu verblüffenden Leichtsinne, mit welchem derselbe seinen Namen als Mitarbeiter für Literaturerzeugnisse hergab. Eines Tages kommt sein Freund Mauricc, Verfasser einer Anzahl ziemlich vergessener Theaterstücke und Romans, zu Dumas, vertraut ihm an, daß er sterblich verliebt sei in ein stelbstverfländlich reizendes Mädchen, und daß er heirathen wolle, daß es ihm aber gänzlich an dem dazu erforderlichen Gelde fehle. Dumas, bei welchem wieder einmal Geldebbe herrschte, machte ihn: klar, daß er ihm in diesem Augenblicke nicht helfen könne. „Da irrst Du Dich, lieber Freund!" erwidertMaurice. „Ich habe hier einen Roman mit dem vielversprechenden Titel „Ascnnio." Cadot, der Verleger, gibt mir sofort 40,000 Franks Honorar, sobald Du als Mitverfasser auf dem Titelblatts stehst." „Aber mein Gott, ich habe ja keine Zeile dieses Werkes auch nur gelesen!" „Was kommt es denn darauf an, wenn Du mich rettest?" — Dumas gab seinen Namen her, Maurice erhielt 40,000 Franks von Cadot, heirathsts seine Dulciuea, und der Lohn? So oft sich der glückliche Ehemann später mit seiner Gattin zankte — und das soll öfters vorgekommen sein, — fluchte er Alexander Dumas als dem alleinigen Urheber seines Unglücks. O menschliche Dankbarkeit! (Trauerfarben.) In Italien trauern die Frauen in weißen Kleidern, die Männer in braunen; in China wird Weiß von beiden Geschlechtern getragen. In der Türkei, in Syrien, Kappadocien und Armenien ist Himmelblau die erwählte Trauerfarbe. In Egypten wird Gelbbraun, die Farbe des welken Blattes, als passend erachtet, und in Aethiopien, wo die Menschen schwarz sind, bildet Grau das Emblem der Trauer. Alle diese Farben sind Symbole. Weiß symbolisirt die Reinheit als Attribut des Todten; das Himmelblau soll den Ruheplatz andeuten, wo glückliche Seelen den Frieden finden; das Gelb oder, die Farbe des welken Blattes will sagen, daß der Tod das Ende aller menschlichen Hosfinmg ist, und daß der Mensch fällt, wie das Blatt im Herbste; grau endlich flüstert etwas von der Erde, wohin Alles zurückkehrt. Die Syrier betrachteten das Trauern um einen Todten als eine weibliche Beschäftigung und legten deshalb Frauen- kleider an, wenn sie trauerten. Die Thracier gaben sogar ein Fest, wenn einer ihrer Lieben starb und waren voll Lust und Fröhlichkeit, womit sie andeuten wollten, daß der Verstorbene aus einem Zustande des Elends in jenen der Glückseligkeit Übergängen sei. Schwarz als Farbe des Trauerkleides wurde erst von der Gattin Carl Vlil. von Frankreich eingeführt. Vor ihr trugen die Königinnen von Frankreich Weiß zur Trauer und waren bekannt als „weiße Königinnen." (Zwei Handwerks burschen) bewunderten die Basreliefs an dem Piedestal der Statue des Fürsten Blücher neben dem Opernhause in Berlin. Als sie eben das Bild betrachteten, wo die Siegesgöttin den! Helden einen Lorbeerzweig reicht, äußerte der Eine, auf die Viktoria deutend: „Bei welchem Corps mag denn dieser da stehen, der hat ja Flügel am Leibe!" „Schafskopf! merkst Du denn nischt!" erwiderte der Andere, „der ist ja Blücher'n sein — Flügeladjutant." (Doppelsinnig.) Student: „Guten Morgen, Herr Maier, was wünschen Sie?" — Maier: „Ich komme um mein Geld." — Student: „Aber lieber Mann, den Weg hätten Sie sich ersparen können, — um Ihr Geld wären Sie auch gekommen, wenn Sie nicht gekommen wären." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Ullter^aktungA^Lstt »ur „Augsbllrger Postzeitimg." Nr. 16. Samstag, 24. Februar 1883. Heimathlos. Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann Hirsch selb. (Fortsetzung.) Frau Solmitz neigte grüßend das Haupt und verließ, von dem Verwalter gefolgt, der ihr dienstfertig die Thür öffnete, den Salon, kalt und unbeweglich wie immer. Das junge Mädchen blieb allein,» es war, als ob eine Last von ihrem Busen genommen, auch das Herz hat seine Thränen und sie hatten sie zu ersticken gedroht, nun traten sie ihr in's Auge und schluchzend barg sie das Antlitz in den Händen. „Ja, eine Fremde", sagte sie im halblauten Selbstgespräch, „eine aus Mitleid Geduldete, einer Bettlerin Kind, das eine Laune aus dem Nichts erhob, eine Laune in das Nichts zurückschleudern kann. Warum, stolze, kalte Frau, ließest Du, die mir Meister gab, meine Fähigkeiten zu bilden, daß das Schaustück Deiner Großherzigkeit Dir Ehre mache, mich nicht unterweisen, zugleich Herz und Sinn zu tödten, warum, selbst empfindungslos, unbewegt, wo des Krieges blutige Sichel das Haupt des Sohnes bedroht, ersticktest Du nicht in mir jedes Gefühl? Nun ist's zu spät. Ich habe ja keinen, keinen als mich selbst, ein unerfahrenes Mädchenherz, das mich führt, mich leitet, und ach, das Herz ist ein trügerischer Pilot auf des Daseins sturmbewegten Wellen, und selbst die letzte Zuflucht hat keinen Trost für mich, das letzte theure Vermächtniß, das Du, verklärte Mutter, in des Kindes Hand drücktest, und das ich wie ein Heiligthum barg, die Zuflucht, in der ich sonst Stärke fand und süßen Frieden. Sie zog ein schlichtes, goldenes Medaillon hervor; der Glanz des Metalls war verblichen, vielleicht war es eine Wirkung der zahllosen Thränen, die darüber geweint. Der Druck einer Feder öffnete die Kapsel und wies zwei Miniaturbilder, die Portraits einer jungen Frau, von hoher Schönheit und das eines stattlichen Mannes mit dunklem Haar und Bart und großen leuchtenden Augen. Sie drückte die Bilder an ihre Lippen. „Ihr habt es gehört", sagte sie leise, „eine Fremde — eine Fremde in diesem Hause nennt mich die Mutter Oscars — o gebt mir eine Heimath, laßt mich die Eure theilen, daß es still werde, still und friedlich i» dieser sturmbewegten Seele." „Alida!" Eine jugendsrische Mannesstimme klang von der Schwelle des Salons her und ließ das junge Mädchen erzittern. Von ihr unbemerkt war Oscar von Solmitz eingetreten, ein stattlicher, junger Mann mit feinen weichem Antlitz, das fast eine allzu- große Willenlosigkeit verrieth und durch den Mangel an energischem Ausdruck verlor. „Alida!" wiederholte er, „gelten diese Thränen mir, liebes Mädchen?". Die Waise suchte sich zu fassen. „Sie haben mich überrascht, Oscar", erwiderte sie, „Sie wissen, ich hüte meine Thränen, die Schmerzensperlen der Seele, wie ein Geiziger sein Schatzkästlein. Allein da sie Ihnen nicht entgingen, so will'ich Ihre Frage beantworten: sie gelten der Zukunft." Der Zukunft? Eine mystische Antwort, dunkel und bedeutungsvoll, wie der Schleier, 122 der die räthselhaste Göttin selber deckt, hinter ihm sehe ich den Lorbeer des Helden mir winken, durchflochten von der Liebe Myrthe, aber das grüne Reis ist blutbespritzt und das holde Bild wandelt sich in einem Augenblick zum Todrenkranz des Kriegsopfers." „Alida!" der Zukunft gelten Deine Tränen — weißt Du, daß ich in jedem Augenblicke zu meinem Regiment berufen werden kann, um gegen Frankreich in's Feld zu ziehen?" „Ich weiß es und flüchtete zu Ihrer Mutter, Oscar, und hoffte bei ihr ein Echo des Schmerzes zu finden, der meine Seele durchzittert — wo ist der Mosisstab, der die Brust Herminens von Solmitz dem Gefühl erschließt — ich schlug an Marmor. Und es ist doch Ihre Mutter, Oscar." „Vermag ich das Mutterherz nicht zu erwärmen: die holdeste, die reinste Liebe habe ich mir errungen, die Liebe, die für mich sorgt, die für mich betet. Alida, einem ungewissen Loose, dem Loofe des Soldaten ziehe ich entgegen, bange Ahnungen beklemmen meine Brust, aber eine Gewißheit will ich mit hinausnehmen in's Feld der Ehre, die Gewißheit, daß Du mir einst gehören sollst. Noch heute rede ich mit meiner Mutter." Alida schrack zusammen. „O nimmer, Oscar, nimmer, meinst Du denn. Hermine von Solmitz, die scharfblickende, seclenkundige Frau las nicht seit geraumer Zeit in unseren Herzen? Daher ihre Kälte, daher ihre Schroffheit gegen mich, daher ihre Ruhe, wo mein Herz aufschreien möchte — nein, nicht mein Herz — denn ihre eigenen Worte waren's ja: die Fremde, die aus Mitleid aufgenommene Fremde hat nicht Herz noch Hoffnung an dieses Haus zu hängen." „Eine Fremde Du? O niemals." Sanft umfaßte sie der kräftige Arm des jungen Mannes und zog sie an das Fenster. „Blicke in den Garten, Alida", fuhr er fort, „erkennst Du jene Linde, die wir einst als Kinder gepflanzt und an der wir den ersten Schwur treuer Neigung getauscht? Mächtig strebt sie empor, wie ein theueres Kleinod bewachte ich ihr Gedeihen. „Wie sie aus zartem Sprößling emporwuchs, den Stürmen trotzend und den Jahren so soll auch unser Bunnd sich festen und grünen wie diese Linde, daß sein Schatten noch Enkeln Segen spende." Alida schüttelte das Haupt. „Nicht so, Oscar", sagte sie; „wie theuer, wie lieb S'e mir sind, brauche ich es Ihnen zu verhehlen? Und doch, es gibt noch ein holdes, liebliches Wesen, das mit mir Ihr Herz theilt, und Sie vielleicht glücklicher machen wird, als ich, die arme Waise. Sie sind jung wie ich, Oscar — lassen Sie die Zeit walten und entscheiden." „Was brauche ich Zeit", rief Oscar stürmisch, „hold und gut ist Fanny, aber Alida, der erste Name, den mein Mund mit treuer Neigung nannte, Alida heiße einst meine Brant, meine Gattin." Für einen Augenblick vergaß das junge Mädchen ihre Selbstbeherrschung. Sie blickte in Oscars treue Augen und wie ein süßer Traum von glücklicher Zukunft zog es durch ihre Seele. Ach, schon schreckte sie die Wirklichkeit jäh und rauh empor, denn eine Seiten- portiere theilend, erschien die hohe Gestalt der Gutsherrin im Salon. „Oscar", sagte sie und nichts weiter. Aber für den, der Frau von Solmitz und ihr Wesen konnte, mußte das eine Wort genügen, die Bedeutung zu ermessen die ihm sich aussprach. Aber Oscar, der sonst so gefügige Sohn, auf dessen Seele die erfahrene Mutter spielte, wie eine Meisterin auf wohlbekanntem Instrument, ließ sich heute nicht schrecken; zu mächtig war die Erregung des Augenblicks; fast zu Frau von Solmitz Füße» sinkend, rief er flehend: „Mutter, ich liebe sie, gib sie mir zum Weibe l" Kalt trat die Gutsherrin zurück. „Steh' auf, Oscar", erwiderte sie, „Du weißt, ich liebe keine Sentimentalität, noch 123 überschwengliche Familienscencn, hätte ich nur eine Ahnung davon gehabt, daß ein Verhältniß, das sich wir als bloße Vermuthung aufdrängte, an das ich nicht glauben konnte, ohne zugleich ein Wesen, das Alles meiner Güte dankt, des schändlichsten Verraths, des bittersten Undanks zu zeihen, schon so weit gediehen sei — ich hätte längst das entschiedene Wort gesprochen, das ich Dir heute zurufe, Dir, dem Sprossen eines adeligen Geschlechts, das kein trüber Flecken belastet und dieses Wort heißt — nein!" „Mutter! Du bist grausam, wiegen nicht Alidens Eigenschaften, ihre Sanftmuth, ihre Güte, tausend Ahnen auf? Mutter, ich beschwöre Dich, sei mild, sei gut, bedenke, daß in jedem Augenblick die Botschaft auf Solmitz eintreffen kann, die eine Todesbotschast für Deinen Sohn bedeutet." Zitternd hatte Alida der Verhandlung zwischen Mutter und Sohn beigewohnt, sie hotte den Fuß erhoben, das Zimmer geräuschlos zu verlassen und doch war es ihr, als müsse sie bleiben, als flöße ihre Anwesenheit dem jungen Manne höhere Kraft und Vertrauen ein. Auf sie fiel jetzt Frau von Solmitz's Blick. „Bleiben Sie!" befahl sie kurz, „ich, habe mit Ihnen zu verhandeln, um ähnlichen Scenen vorzubeugen, wie die jüngst erlebten, deren Wiederkehr n eine Gesundheit schwer zu widerstehen vermag; ich hoffe, Sie, in deren Adern kein Nitterblut fließt, die proletarische Grundsätze mit der Muttermilch eingesogen, werden vcm praktischeren Standpunkt aus mit sich reden lassen, mehr als mein excentrischer Sohn, denn, nicht wahr, das Praktische ist doch immer die Hauptsache?" „Mutter!" schrie Oscar auf, „nimm dies Wort zurück; fleckenlos nanntest Du den Adel der Solmitz; wenn es wahr ist, dann, bei Gott, dankt seine Ehre den ersten Flecken Deiner scharfen Zunge." Frau von Solmitz preßte die Lippen zusammen; sie fühlte, daß sie zu weit gegangen war, aber sie schwieg, denn nun ergriff Alida das Wort. „Sie haben Recht, gnädige Frau" sagte sie ruhig, nur die Blässe ihrer Züge legte von der Aufregung ihres Innern Zeugniß ab, „undankbar, verrätherisch ist Alida Barfeld, ich hätte ein Haus meiden sollen, in das meine Gegenwart Unfrieden zu säen drohte, ich hätte mich Ihnen offenbaren müssen, aber die Scheu hielt meine Zunge gefesselt, wie das Grab meiner armen Mutter den Fuß; und dann — o nach Theilnahme dürstete meine Seele, uns nach dem Thau die jungen Pflanze lechzt; Sie gaben mir alles, alles — nur nicht Liebe, nur nicht Vertrauen, — fremd stand ich all in; sollte ich die eine Seele, die sich der meinen sympathisch nahte, fragen, wie ein Zöllner nach Paß und Form? Ich flog ihr entgegen — verständnißinnig, denn ich verstand, daß der Obulus. mit dem ich sie erkaufen durste, Entsagung hieß." Frau von Solmitz lachte auf. „Nennen Sie Entsagung die Situation, in der ich Sie überraschte?" rief sie, „fürwahr, wenn Sie die Liebe vergeblich gesucht, die Sophistik haben Sie reichlich gefunden." Der Eintritt des alten Dieners unterbrach die Familienscene. „Gnädige Frau", sagte er, „unten ist Paul Halsen, der jüngst einberufene Müllers- sohn, er bringt eine Depesche und einen Brief aus der Stadt, ich glaube, eS ist die Einberufungsordre." Der Alte wandte sich ab, die Rührung zu verbergen, die ihn zu übermannen drohte. Frau von Solmitz ergriff die günstige Gelegenheit, dem peinlichen Auftritt ein Ende zu machen. „Paul Halsen soll herauf kommen", befahl sie. Wenige Augenblicke später erschien ein junger, kräftiger Soldat im Salon, es war ^r Sohn oes Solmitzer Mühlenbesitzers, der in demselben Regiment mit dem Sohn der Gutsherr!» stand und Oscar treu ergeben war. „Ich komme als Ordonnanz", sagte er, keineswegs durch die aristokratische Umgebung eingeschüchtert, sich vor der gestrengen Frau verbeugend; „hier ist die Einberufungsordre für unseren jungen gnädigen Herrn und ein Brief des Oberiieutenants von 124 Alten. Es wird Ernst, gnädiger Herr, das wird ein ander Ding, als unsere Manöver, trotz allem Pulverdampf und Hurrahgeschrei, daß die Erde bebte." Oscar hatte das amtliche Schreiben erbrochen, jetzt reichte er es seiner Mutter, während er selbst den zweiten Brief erbrach. Frau von Solmitz konnte, wo nun die Wirklichkeit an sie herantrat, doch eine leichte Bewegung nicht verbergen, als ihre Augen die verhängnißvolle Ordre durchflogen, die ihren einzigen Sohn mit dem frühesten des nächsten Morgens zur Einstellung bei seinem Regiment beschiel». Derselbe sollte sich sofort zum Abmarsch nach dem muthmaßlichen Schauplatz des Krieges bereit halten. Die Mutter trat zu Oscar und drückte einen Kuß auf ihres Sohnes Stirn. »Das Mutterherz muß schweigen, weiln das Vaterland ruft", sagte sie, „ich werde für Dich beten, Oscar, möge der Herr Dich behüten und mit Dir sein. Ich aber will wenigstens thun, ivas in meinen Kräften steht, für Dein leibliches Wohl zu sorgen, soviel es mir in den wenigen Stunden möglich ist, die mir dazu vergönnt sind." „Alida", fuhr sie fort, sich an das junge Mädchen wendend» und herzlicher als vorher klang ihr Ton, „das Schicksal selbst hat die Rolls des Vermittlers im peinlichen Dilemma übernommen, wir haben jetzt Zeit, friedlich zu lösen, was im Sturme zu brechen drohte, denken wir heute an nichts Weiteres, als an die Ausrüstung des Scheidenden." Sie winkte dem jungen Mädchen, ihr zu folgen, allein des Sohnes Hand hielt sie zurück. — Dann wandte Oscar sich zu Paul. „Du wirst, wie ich hoffe, stets als mein Diener mir zur Seite bleiben", sagte er herzlich, „wir waren immer gute Kameraden, wir werden es auch ferner sein; nun gehe und stärke Dich, ehe Du zur Stadt heimkehrst und dem Lieutenant von Alten die Antwort auf seinem Brief überbringst." Treuherzig reichte der Soldat dem jungen Gutsherrn die braune Rechte. „Sie sollen auf Paul Halsen zählen dürfen, wie einst in der Jugendzeit; in Noth und Tod der Ihre, junger, gnädiger Herr." Er entfernte sich und als hinter ihm die Thüre geschlossen, verschwand das Lächeln von Oscars Lippen. „Vergönne mir noch einige Worte, Mutter", sagte er; „dieser Bries des Lieutenants von Alten kündigt mir an, daß er militärischer Zwecke halber einige Zeit in dieser Gegend verweilen muß und Solmitz, als Mittelpunkt des ländlichen Kreises, zu seinein Aufenthalte ersehen hat; ich glaube, ivir können nicht umhin, obwohl ich ihm sonst ziemlich fern gestanden, ihm eine Wohnung im Schlosse anzubieten." „Die ich ihm gern zur Verfügung stelle", entgegnete die Gutsherrin, „wenn Herr von Alten wie ich hoffe, von guter Familie und gutem Leumund." „Er ist aus gutem Hause und ihn schlechter Sitten zeihen, hieße Verleumdung, und doch — ich wollte, es gäbe ein Mittel, diesen Besuch abzuwenden, da ich fern sein muß." Er fuhr sich über die Stirn, als wolle er die bösen Gedanken verjagen. „Ist das alles, Oscar?" fragte Frau von Solmitz sichtlich ungeduldig. „Du solltest doch Deine Mutter kennen, daß sie sich selber genug ist, ihr Recht und die Achtung zu bewahren, die man ihr und ihrein Hause schuldig ist. Du aber, mein Sohn, hast noch eine unerläßliche Pflicht vor Deinein Scheiden zu erfüllen, den Abschiedsbesuch auf Schloß Ebersdorf." Heller leuchteten die Augen Oscar's auf. „Freilich", sagte er, „will ich nach Ebersdorf; es ist ein schmerzlicher Gang uird schwer ivird es mir iverden, daran zu denken, die Gegenwart der anmuthigen Baronesse Fanny zu entbehren, die ich verehre wie einen Engel des Friedens. Ihre Wünsche sollen das Geleit des Scheidenden sein." „Du aber, Mutter, versage mir eine Bitte nicht, es ist vielleicht die letzte, die Dein Sohn an Dich richtet. Vergebens, ich kenne Dich und Deinen Sinn, ist es, an Dein Herz zu appelliren, und Dein Nein ist ein Fels, an dem die Hoffnung scheitert, die ihn — 125 so gerne im Sturms sprengen möchte. Aber selbst den Felsen untergräbt die Zeit, ich will denken, daß sie Deinen Sinn mildert, und ihr, der versöhnenden das Geschick meiner Liebe überlassen. Vielleicht kehre ich auch nimmer wieder heim, aber laß mich nicht hinaus ziehen, zu loosen mit des Todes blutigen Würfeln, den Alp auf der Brust, der mich verfolgen würde wie ein Dämon, daß Du Aliden das Asyl raubst, das Du ihr auf« gethan, die Stätte, wo unsere Jugend verstrich. Versprich nur, bis ich heimkehre, Alida nicht aus unserem Hause zu entfernen uud Du, Alida, versprich mir, auszuharren bis zu meiner Rückkehr und eine Stütze meiner Mutter zu sein, wie Du es warst bisher.« Einen Angenbiick lang zögerte Frau von Solmitz mit der Antwort, dann aber brach doch das Gefühl der Mutter siegreich durch alle Bedenken. „Ich verspreche es Dir; so lange Alida von Barfeld nicht vergißt, daß Ehre und Anstand die Grundpfeiler des Hauses von Solmitz, soll sie bei mir bleiben und müßte ich sie von dieser Stätte weisen, so geschehe es nicht eher, als bis Du selber damit einverstanden. Bist Du zufrieden, Oscar? Du weiht, Deiner Mutter Wort ist heilig." Der leicht erregte junge Mann schloß Frau von Solmitz in seine Arme. Sein leichtes Naturel ließ ihn nur in Idealen leben und ein Lichtstrahl dünkte ihm schon eine Flamme, die ihm Wärme spenden konnte. „Und Tu, Alida?" fragte er dann, seinen Blick auf das Mädchen richtend. Schweigend reichte Alida ihm die Hand; ihr Auge sprach, es sprach der leise Druck. „Wie glücklich macht Ihr michi« rief Oscar; „nun weiß ich, daß Ihr vereint meiner gedenkt und dort unten die Linde, mein Liebling, wird den Winden Eure Gedanken, Eure Wünsche zurauschen, daß sie nur Grüße hinübertragen in's ferne Feindesland. Euch aber empfehle ich mei'nen lieben Pflegling; er sei Vermittler zwischen mir und Euch. Und n enn er, der jetzt dasteht, prangend in üppiger Jugendkraft, verdorren sollte, von des Sturmes Hand getroffen, so denket, daß mich mein Geschick ereilt, und eint Eure Gebete für meiner Seele Frieden." Frau von Solmitz schüttelte leicht das Haupt, ihres Sohnes Sentimentalität be» rührte siicht ihr Herz, sie hatte kein Verständniß dafür. Doch hielt sie jede Aeußerung darüber zurück und begnügte sich damit, zu erwidern: „Dein Pflegling wird ferner blühen und gedeihen wie bisher, der Solmitz'sche Grund ist guter Boden, und Du selber Oscar, wirst heimkehren frisch und blühend wie Du ausgezogen, gereift an Körper und an Geist. Doch nun", fuhr rasch sie fort, als wolle sie den Eindruck der letzten Bemerkung verwischen, ist es für Dich die höchste Zeit, wenn Du noch zu den Ebersdorfern willst. Alida und ich wollen indessen die bsscheioene Aussteuer des Kriegers besorgen." (Fortsetzung folgt.) Zrrr Geschichte des Augsburger Theaters. Von Klara Reichn er. II. Schulkomödien und Studentenspiele. „Meistersinger" und „Schulmeister" standen von je sich feindlich gegenüber, und zwar naturgemäß: aus Concurrenz-, aus Brodneid. Es ist bereits aus diese Feindschaf, hingewiesen worden, und zwar in Bezug auf die stete Fehde um ein passendes Lokalt allein die Concurrenz ging noch viel weiter, denn es handelte sich um mehr, als um einen Streit wegen des Spiel-Raumes. Die „Schulmeister" waren eben überhaupt von Anbeginn die Rivalen der Meistersinger im gewissen Sinn gewesen, indem die Letztern sich, z. B. seiner Zeit, als sie noch zum Neben-Erwerbzweig Gesangunterricht ertheilten, bitter darüber beklagten, daß die „Schulmeister" ihnen diesen Erwerb durch Eoncurrenz verkürzten. Bon damals her also datirte bereits die Nebenbuhlerschaft, und reicht somit sehr weit zurück in Zeiten, wo eigentliches Theater noch gar nicht stattfand. Als später dann 126 die Meistersinger-Zunft — im Jahre 1540 — ihr erstes Stück in der St. Martinsschule, nach erhaltener hoher, obrigkeitlicher Erlaubniß, zur Aufführung gebracht, ließ sehr bald der jung aufkeimende Ruhm der Meistersinger den „Schulmeistern" offenbar keine Ruhe, — wenigstens fingen sie schleunigst auch an, selbst Komödien zu dichten, und mit ihren Cchulknaben zur Aufführung zu bringen, obschon es nicht an einsichtsvollen Gemüthern fehlte, die da meinten, daß diese Komödienspiclerei der Schule just nicht zu Nutz und Frommen wäre. So erhielt z. B. im Jahre 1549 der deutsche Schulhalier Kaspar Brunnenmaier die Erlaubniß zuertheilt — sehr zum Schmerz der Meistersinger — mit seinen Knaben „zu einer Uebung und Anreiznng guter Sitten" eine Komödie aufzuführen. — Diese Komödie: „Von der Susanne" betitelt, war die erste „Schul-Komödie" in Augsburg, (die einst im Mittelalter schon in Klosterschulsn stattgehabten Spiele waren — doch sehr anderer Art —) und der Anfang einer neuen Reihe von Feindseligkeiten zwischen Meistersingern und Schulmeistern. Zuweilen geschah es auch sogar, daß im eigenen Lager Verrath lauerte, indem es z. B. vorkam, daß auch „Singer" selbst mit zu den Feinden halfen, und gegen die eigene Zunft „agirten", wenn sie unzufrieden mit ihre» Rollen oder Einnahmen rc. waren, in Folge dessen die Meistersinger sich genöthigt sahen, nimo 1614 ihren Statuten die besondere Bemerkung anzufügen, daß es keinem Meistersinger gestattet sei, in den Schul- komödien der Schulhalier mitzuwi.ken. — Dazu gesellte sich der fortwährende Kampf um das Komödien-Lokal. Aus dem ehemaligen St. Mnrtinskloster hatten die bösen „Schulmeister" die armen Meistersinger schon verdrängt; — kaum aber waren diese mit ihren Komödien nach erhaltener Bewilligung in's „neue Tanzhaus" übersiedelt, als auch die Schulmeister flugs wieder da waren, lind auch ihrerseits Anspruch auf das neue Lokal erhoben, um ihre: „Lustige Tragödie von der Zerstörung der Stadt Troja" dortselbst darzustellen. So spielten dann die Schulhalter mit ihren Eleinentarschülern gegen Eintrittsgeld mit den Meistersingern um die Wette» — aber das war noch nicht Alles! — Auch die Studienanstalten begannen im 16. Jahrhundert ihre „Schul- und Erziehungsspiele", welche — als etwas Neues — vielen Beifall fanden. Diese „Studenten-Komödien" wurden durch einen geborenen Angsburger: stüstus Wirk, in Augsburg eingeführt. Als 1531 das Karmelitenkloster zu St. Anna zur ersten Lateinschule eingerichtet wurde, berief man ihn — 1536 — von der Schule zu Basel und dem dortigen Lchrerposten als Rektor in seine Vaterstadt zurück. In Basel hatte er derartige Spiele schon geleitet, und als nun im Jahre 1538 auch an der Schule von St. Anna die erste Studenten-Komödie unter dem Tirel: „I-no-noisi.-," zur Aufführung gelangte, war der Beifall schon deshalb, weil die Sache etwas Neues war, ein so allgemeiner, daß die neue Schule von St. Anna sehr schnell davur h zu' Ehren kam- Zuerst wurden diese Spiele oder „Uebungen" in einem Saal des Klosters, oder auch im „Ballhaus" abgehalten, das heißt, in einem Hause, welches ausschließlich zum Zwecke des in jener Zeit sehp beliebten und gebräuchlichen Ballspiels erbaut worden war, und zwar erhielt der Rektor Zsistus Birk für solche Darstellungen ein Geschenk von 2 Fl., während die Schüler mitsammen 6 Fl. bekamen. Seine Dramen sind meist in der Sammlung der »Orunmlu -märn" — 1547 in Straßburg erschienen — enthalten; — übrigens ging sein Werk nicht mit ihm zu Grabe. Auch sein Nachfolger im Amt brachte unter Anderem eine „Tragödie: „Von der Enthauptung Johanni's" zur Aufführung. — Als das Ballhaus abgebrochen, und statt dessen 1562 und 1563 die Stadtbibliothek erbaut wurde, spielte man die Studenten-Komödien sogar auf einem eigenen, kleinen Theater, welches in einem unter der Bibliothek gelegenen Saale sich befirnd. — Durch zwei Jahrhunderte — bis zum Jahre 1737 — erhielten diese Spiele in St. Anna sich; — das zweihundert- jährige Jubiläum der Lateinschule wurde noch feierlich von dem derzeitigen Rektor Crophius mit seinen Schülern begangen, nachdem er im Jahre 1726 das neu eingerichtete 127 Theater durch eine von ihm selbst verfaßte Tragödie mit Chören und Tänzen betitelt: „Syphax und Sophonisle", eröffnet hatte; — wenige Jahre darauf — im Jahre 1737 — verschwanden indessen die Stude ten-Komödien von St. Anna gänzlich, welche einstmals soviel Aufsehe» erregt und soviel Glück gemacht hatten. — Länger erhielten sie sich dagegen am Jesuiten-Gymnasium zu St. Salvator, errichtet 1579 mit Beihilfe der Fugger von den Jesuiten, welche schon früher in München sehr glänzend ausgestattete Schülerspiele gegeben hatten, und nun derartige in Augsburg darstellten. Es waren dies die sogenannten „Imäi uutumnules", welche jedes Mal zu Schluß des Schuljahres stattfanden, und die sogar in den Jahren 1618 bis 48, als der 30jührige Krieg seine Geißel über Deutschland schwang, nicht lange stockten. Ueber die Art dieser Aufführungen berichtet eine erhalten gebliebene, mit dem Jahre 1614 beginnende Sammlung der „IMo-xceiu " (Programme, Textbücher), der verschiedenen Stücke, welche die Studenten, die natürlich auch die Damenrollen spielen mußten, in lateinischer Sprache aufführten,'womit auch gleichzeitig die Bertheilung der Preise verbunden war; — für die des Lateinischen nicht mächtigen Zuschauer waren die hauptsächlichsten Details des Stückes in dem Ist'oopaotus deutsch enthalten. Die Stoffe dieser Spiele pflegten der biblischen Geschichte oder Legende entnommen zu sein, und bestanden z. B. aus einem „fröhlichen Schawspiel" oder einem „Trauer-, Freuden-Spihle" in drei oder fünf Aufzügen, — gewöhnlich niit einem musikalischen Prolog beginnend, und in den Zwischenakten durch einen moralisirenden Chor fortgesetzt. Auch diese Solo- und Chorgesänge führten die Studenten selbst aus, komponirten sie sogar theilweise selber. — Außer den religiös gehaltenen Siücke», brachte man aber auch symbolische Stücke zur Darstellung: „Moralitäten" genannt, welche schon früher außer geistlichen Schauspielen in Frankreich, England, Italien z. B. schon seit Anfang des 15. Jahrhunderts Sitte waren. — Zum Unterschied mit den „Mysterien" (geistlichen Schauspielen) besaßen sie keine biblische Grundlage, sondern brachten irgend eine bestimmte Moral zur Anschauung, in welcher Tugenden und Laster persönlich auftraten, und in Gesellschaft griechischer Götter „agirten." — So wurde z. B. im Jahre 1660 ein solches symbolisches Stück zur Aufführung gebracht, d. h. „auf frewdiger Schawbine gesangs- weise eröffnet ; — Kupido und Diana traten darin neben Christus auf, welcher die sieben Todsünden und die höllischen Schaaren des Pluto besiegte. Bis sie ein eigenes Theater besaßen, spielten die Studenten diese Komödien in der Kirche von St Salvator oder im Saal des Klosters; auch wurde öfter vor hohen Gästen geistlichen und fürstlichen Standes gespielt. Auch „Fastnachtsspiele" wurden aufgeführt, z. B. zu Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts» — Im Allgemeinen gab man die Stücke dreimal. Das erste Mal gewöhnlich allein für Frauen, und die folgenden Male allein für die Männer; — später — vor 1736 — sogar nur noch vor Männern. Im Jahre 1712 bot die große Jubiläumsfeier des ViSthumspatrons von St. Ulrich den Studenten Veranlassung' ein großes Schauspiel: „Der heilige Ulrich" betitelt, zur Darstellung zu bringen; — nach und nach aber begannen die dargestellten Stücke mehr und mehr dem Zeitgeschmack,' dem veränderten, des Publikums sich anzupassen, — so trat die Legende und die lateinische Sprache fast ganz in den Hintergrund und historische Stoffe, in deutscher Sprache aufgeführt, »ahmen den Vorrang ein. Auch das Ballet begann eine Art von Rolle dabei zu spielen, nachdem durch wandernde Truppen Pantomime und Ballet bekannt geworden waren, und so finden wir den» bereits im Jahre 1713 14 Tänzer erwähnt, und 1715 gar die Zahl 34, nebst einem Vortänzer angegeben, aus dem Jahre 1718 aber die folgende Anmerkung in lateinischer Sprache: „ Der ehren- geachtete Herr Johann Georg Krauß, Magister der Tanzkunst, studirte die Tänze den Edeln ein." — Im Jahre 1739 wurde bann, auf Kosten der Stadt, ein eigenes Theater, der Krrche von St. Salvator gegenüber für diese Studentenspiele gebaut, das 1743 feierlich 128 mit einem Prolog eröffnet wurde ^in welchem — außer Apollo und Orpheus — Vitru- vius der Baumeister und Apclles der Maler auftraten, welche der Stadt „Augspurg" das neue Theater präsentirten, während Apollo auf das bevorstehende „Spill" hinwies, und Orpheus in schönen Worten pflichtschuldigst „vor das neu Gebäu" den Dank auS- sprach. Diese»! Prologe folgte die deutsche Tragödie: „Absalon", über welche am besten der damals verfaßte und gedruckte „l'ropxvLtua" selbst Auskunft ertheilt, welcher lautete wie folgt: „Gleichwie nun einem Hochedlen und Hochweisen Magistrat allhiesiger Freyen Stadt Augspurg gnädig beliebet hat, so herrliches Gebäu der Studirenden Jugend zu ewigem Nutzen mit großen Kosten aufzuführen, und man nunmehr das Erstemal auf der Neuerbauten Schaubühne ein Trauerspill vorstellet, wird zu nehreren Erläutherung gegenwärtigen Vorhabens undieniich sein, eine kurze Beschreibung des Dorgerüstes (vorderer Theil der Bühne und Vorhang) allhier beizusetzen. — Es stellet dasselbe in der Mitte vor „die göttliche Vorsichtigkeit", welche nach Zeugnuß Heiliger Schrift auf der Erden spillet; indem sie die Fromme manchesmal drucken lasset, hienach erhöchet: die Gottlose auf einige Zeit beglücket, gar bald aber umb so tieffer stürtzet, je höchere Stupfen Sie zuvor erstiegen. Beydes erhellet auß dem Beyspill des frommen Egyptischen Joseph und gottlosen Absalon, welche ebenfalls in dem Gemähl nebst der Göttlichen Vorsichtigkeit erscheinen. Ersterer zwar, wie er von seinen Brüdern unschuldig verfolgett, von 60NP endlich zu sehr hochen Würden erhoben wird. Der Letztere aber, wie Er Anfangs Sich für einen König aufivurffet, jedoch gar bald zu verdienter Straff an einem Eichbaum elendiglich hangen bleibet." — Es ist bereits erwähnt, daß auch Tänzer verwendet worden waren, — seit dem Jahre 1744 fanden sich dann auch noch „Oäackiatoien" bei diesen Spielen ein, welche ein Fechtmeister einschulte. — So gewannen diese Studenten-Komödien immer mehr an Reiz und Ausstattung für das schaulustige Publikum. Bemerkens werth ist noch, daß, wie im Jahre 1770 die später so unglückliche Königin von Frankreich, Marie Antoiuctle, als Braut des Dauphins, von Wien nach Paris ihrem tragischen Schicksal entgegeneilte, damals bei ihrer Durchreise in Augsburg, die Studenten ihr zu Ehren eine Komödie aufführten, und zwar: „Die drei Sultaninnen" von Voltaire. — Bis zu Anfang unseres Jahrhunderts währten sie, diese Studentenspiele (trotzdem man ihr Schauspielhaus während des Krieges — in den Jahren 1796—1800 — wiederholt als Militärmagazin verwendete), — bis zum Herbste 1805. Von da ab wurden sie verböte», und die Preisausthcilungen für die Studenten mußten fortan im Jesuitensaale — anstatt aus der Bühne — vertheilt werden; ihr einstiges Theater aber verwandelte sich in — die Militär-Reitschule!" — Es hat nicht sollen sein. , So Manches will sich sägen nicht im Leben. Was oft voll Nutzen scheint und auch so klein; Jedoch ein mächtig undurchdringlich Weben, Spricht ojt so klar: es hat nicht sollen sein! So Mancher stand schon nah' an seinem Ziele, Ein Windeshauch — vom Felsen fällt der Stein, Tie Lull stand still, es schien wie Lodteustille; Es kam die Zeit und sprach: noch hats nicht sollen sein! Doch wenn oft jedes Hoffen wollt verzagen Fügt Alles sich, wie durch der Sonne Schein, Dein Herzen bleiben dann nicht mehr so viele Fragen, Null Dank spricht es: Nun hat es sollen sein! 17 V. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Lit.erariich.en ^nstituiZ von vr. Map Hniiler. zur „Ängslmrger postMimg." Nr. 17. Mittwoch, 29. Februar 1883 Heimathlos. Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann Hirsch selb. (Fortsetzung.) 2. Kapitel. Einige Wochen waren verstrichen, seit Oscar von Solmitz das Gut der Mutter verlasse», um sich der glorreichen Siegesbahn des deutschen Heeres anzuschließen; still war , es auf der Besitzung und im Dorfe Solmitz geworden» denn wie die Gutsherrin, hatten auch viele Mütter im Dorfe ihren Söhnen das Geleit gegeben zum Auszug auf daS Feld der Ehre, wo das Vaterland seine Kinder heischt! Nur die Ankunft der Depeschen vom Kriegsschauplatz verfehlten nicht, aufregend die Einförmigkeit der Tage zu unterbrechen und Frau von Solmitz sorgte dafür, daß die Nachrichten stets rasch unter den Gutsangehörigen verbreitet wurden, es schien überhaupt, als wolle, seit ihres Sohnes Entfernung, die sonst so strenge, unnahbare Frau den Versuch wagen, sich populär zu machen. Sie spendete reichliche Beiträge zu den milden Stiftungen, den herrlichen, frommen, weißen Blüthen der Menschenliebe, die aus dem blutrothen Samen der Menschenleidenschaft emporwuchsen, wie liebliche Kinder, die ihre Hände einend ausstreckend zwischen zwei zürnenden Eltern — aber die Erfahrenen des Dorfes sahen tiefer und waren sich wohl bewußt, daß das Wesen der Gutsherrin sich wohl ändern dürfte sobald der Termin verstrichen, der Leopold von Bernau, den Bruder Herminens von Solmitz, für verschollen und bürgerlich todt erklären und die Schwester in alle seine Rechte einsetzen werde. Und dieser Termin rückte näher und näher, nur wenige Wochen noch und auf Solmitz selber sollte die Proklamirung verlesen werden. Es war ein schwüler Tag, ermattet träumte die Natur, schmachtend nach erquickendem Regen, kein Vogel regte sich, kein Blatt rauschte, es war als ob die Schöpfung den Odem anhalte, lauschend auf die Töne, dem Menschenohr noch unerreichbar, die droben schon erklingen möchten, am tiesdunklen Horizonte, wo sich in majestätischem Neigen Wolke an Wolke drängte. Aus dem Hinterportal des Schlosses traten zwei junge Mädchen, das eine von ihnen war Alida Barfeld, Baronesse Fanny von Ebersdorf war die andere, die bestimmte Braut des abwesenden Sohnes vom Hause. Die junge Baronesse war seit Oscar's Entfernung ein häufiger Gast auf Solmitz geworden; eine seltsame Schüchternheit, die sie stets im Umgang mit Oscar und seiner Mutter besing, war völlig gewichen, seit sie Gelegenheit gefunden, sich näher an Alida anzuschließen, ein fast inniges Verhältniß war zwischen beiden entstanden; ein Verhältniß» das Hermine von Solmitz mit keineswegs günstigen Augen betrachtete und sobald sich nur die Möglichkeit es zu lösen zeigte, fest dazu entschlossen war. Mittlerweile indessen zeigte sie sich gegen die Waise verschlossener und einsilbiger als je, — aber Alida schien es kaum zu beachten. Sie hatte vollauf zu thun, denn ihre Tage und selbst halbe Nächte brachte sie in unablässiger Arbeit für edle Zwecke zu, und ihre neue Freundin half ihr redlich bei diesem Bemühen. 130 Seltsamer Weise hatte, obwohl das Vertrauen ein enges Band zwischen beide Mädchenseelen gewoben, noch keine von ihnen Oscar von Solmitz's Namen anders als flüchtig erwähnt; es war, als ob eine jede von ihnen durch geheime Scheu verhindert sei, ihn zu nennen, in Einem aber begegneten sich die beiden jungen Herzen und vielleicht war es dies eben, was sie sympathisiren ließ, ein geheimer Gram, ein oftmaliges schmerzliches Selbstvergessen beherrschte die Baronesse Fanny von Ebersdorf so gut wie Alida; wohl glaubte die Waise, den Grund bei der neuen Freundin zu erkennen, wohl zu ahnen, daß dem Fernen, ihr halb Verlobten, das stille Sehnen gelte, aber sie zürnte ihr darum nicht, was konnte das liebliche bescheidene Kind für den Willen des Schicksals! Die Baronesse war früh nach Solmitz gefahren, um Alida bei der Anfertigung einer warmen Decke für einen Krankenstuhl, die zur Stadt gefördert werden sollte, zu helfen, jetzt war sie im Begriff, sich zu verabschieden, um nach dem elterlichen Gute heimzukehren und Alida Barfeld gab ihr zum Gartenthor das Geleit. „Es zieht ein Gewitter auf", bemerkte Fanny, „fürchten Sie sich vor den Blitzen, Alida? Ich gestehe Ihnen, ich empfand stets eine ganz kindische Furcht, wenn der Strahl zuckt." — Alida lächelte. „Und ich blicke gern in's Freie, wenn Blitz und Donner die Majestät Gottes verkünden", erwiderte sie; „ich erlabe mich am Anblick der neu gestärkten Natur und mein zagendes Herz erstarkt, wenn ich sehe, ivie Blatt und Halm, dem Verwelken nahe, sich aufrichtet und neu ergrünt. Freilich, Frau von Solmitz darf diese Aeußerung nicht hören, ihr ist alles zuwider, was den Stempel der Sentimentalität trügt, aber ich glaube, Sie, Baronesse Fanny, Sie verstehen mich." Fanny drückte der neuen Freundin die Hand. „Ich verstehe und fühle mit Ihnen, gewiß, liebe Alida, wenn ich es auch nicht so in Worten zu äußern vermag, wie Sie. Doch ich will Sie nicht aufhalten, denn der Oberlieutenant, der schon seit einigen Augenblicken vergeblich hinter den Bäumen seine Helle Uniform zu verbergen sucht, würde nur zürnen, entzöge ich ihm noch länger seine holde Hausgenossi»." Alida warf einen flüchtigen Blick nach dem Ort, den die Baronesse ihr bezeichnet hatte; dort stand hinter dem dicken Stamm einer Buche die breitschuldrige Gestalt eines Herrn, im Anfang der dreißiger Jahre, in Offiziersuniform, sichtlich bemüht, den Augenblick zu erspähen, der Alida nach der Abfahrt der Baronesse bei ihm vorüberführen mußte. „Ich werde den Weg zum Teich einschlagen", erwiderte das junge Mädchen „und hoffe nicht, daß er mir dahin folgt, ich habe mich nicht über den Oberlieutenant zu beklagen, aber dennoch weiche ich gern seinen Galanierien aus und freue mich, daß er mit heute dieses Haus und diese Gegend verläßt, um sich zum Kriegsschauplatz zu begeben, mir ist nicht wohl in seiner Nähe." „Grausame!" sagte Fanny lachend, „soll er blutenden Herzens in den Krieg gehen?" „Doch sieh, es fällt ein Tropfen; rasch, Johann, spornen Sie die Pferde an, ehe das Gewitter aufzieht." Im schnellen Trabe flog das leichte Gefährt dahin, nachdenklich blickte Alida ihm nach; dann schlug sie ohne sich umzuwenden und dem langsam aus seinem Versteck hervortretenden Offizier einen Blick zu gönnen, den Weg zum Schloßteich ein, der sich am Ende des großen Gartens hart an der Parkgrenze befand. Es war ein weites Bassin, crystallhell und von seltener Tiefe, an seinem Ufer erhob sich ein allerliebster Pavillon, hier war der Lieblingsort des jungen Mädchens, an dem sie manche Stunde, wenn sie sich frei von der Beaufsichtigung der Gutsherrin mußte, in den Gedanken an Oscar, in den Gedanken an Vergangenheit und Zukunft verträumte. Immer ^ängstlicher, immer drückender ward die Stille, die rings umher waltete, immer dunkler ballten sich die Wolkenmassen zusammen, zu schwül ward es ihr im Innern des Lusthauses, sie setzte sich auf die kleine Holzbank, die an der Außenwand des ge« 131 schlossenen Raumes hart unter dem Fenster desselben angebracht war und sah auf das Wasser, das sich kräuselte und aufwirbelre unter der Einwirkung des Elementes. Ein Mannestritt ertönte ganz in der Nähe, und um eine Ecke biegend, erschien die Gestalt des Obcrlieutenants Edmund von Alten vor ihren Blicken; eine Wolke des Unwillens beschattete des jungen Mädchens Stirn. Der Offizier war ein stattlicher Mann und ieni ganzes Wcien zeugte von dem Bewußtsein seiner Unwiderstehlichkeit dein schönen Geschlecht gegenüber, auch bei Alida Barfeld hatte er es versucht, im Sturmschritt einen Eindruck zu machen, aber das junge Mädchen war ihm, ohne seine leicht gekränkte Eitelkeit zu verletzen, so ernst, so abwehrend entgegengetreten, daß sein Benehmen ihr gegenüber, ein völlig anderes, fast schüchternes geworden war. „So allein, Fräulein Alida, und das Gewitter über'm Haupt?" fragte er, in einiger Entfernung stehen bleibend. „Sie sehen, Herr Obcrlieutenant, ich fürchte mich nicht", entgegnete das junge Mädchen artig, aber abweisend, „und ich will Ihre kostbare Zeit nicht rauben um Sie andern verzagenden Seelen in dieser Beziehung zu entziehen." Aber Alten verstand den Wink nicht oder wollte ihn nicht verstehen. „Sie sind hart, Fräulein Alida", sagte er, „und doch möchte ich so gern nicht allein im Unwetter der Natur Ihnen nahe sein; in den Stürmen des Lebens möchte ich Ihnen Schutz und Schirm gewähren und Ihnen ein Glück verschaffen, ein Glück, das Sie vergebens in diesem Hause suchen." Alida erhob sich. „Mein Herr, ich habe Ihnen gegenüber keine Klage geführt, die Sie zu dieser Deutung berechtigt, ich muß Sie bitten —" „Sprechen Sie nicht das verbannende Wort AlidaI" rief der Offizier sie unterbrechend; „hören Sie mich an, ich beschwöre Sie, ich habe Ihre Stellung in diesem Hause, der Frau von Solmitz gegenüber, beobachtet, sie ist eine unwürdige und ich möchte Sie aus derselben befreien, möchte mit diesem Bewußtsein wenigstens in den Kampf ziehen, aus dem die Wiederkehr fraglich, mit dein Bewußtsein, an einem Frauenherzen, das wich die Würoe des Weibes zum ersten Mal kennen gelehrt, gut gemacht zu haben, was ich an vielen verbrach." „Und was gibt Ihnen das Recht, mich eben zum Gegenstand dieser Sühne erheben zu wollen?" fragte Alida. „Die Liebe; lächeln Sie nicht, Fräulein, ich spreche aus innigster Ueberzeugung» und daß ich es ernst meine, daß meine Absichten die reinsten, möge Ihnen der Beweis, liefern, daß ich Frau von Solmitz meine Absicht, Ihnen meine Hand und mein Herz anzubieten, mittheilte und sie bat, für mich als Fürsprecherin aufzutreten." „Und was erwiderte Ihnen die gnädige Frau?" fragte Alida in höchster Spannung. „Frau von Solmitz bemerkte nur, daß sie gern als Pflegerin der eitern- und mittellosen Waise, deren Namen sie einzig und allein aus dem Munde ihrer sterbenden Mutter vernommen, ihre Einwilligung zu einer Verbindung mit derselben geben würde, wenn ich darein willigen wolle, einem Mädchen meinen Namen zu geben, das nicht einmal ein Papier über ihre Herkunft zu produziren vermag, ja, mit meinem Ehrenwort verpflichten wolle, jeder Nachforschung zu entsagen, die vielleicht ein für ihren Schützling unangenehmes Resultat ergeben könne. Freudig willigte ich ein, ich will ja nur Sie selbst, Alida, Ihre Anmuth, Ihre Tugend, nicht Ihre Herkunft, und nun trete ich zu Ihnen und wiederhole meine Bitte, werden Sie die Meine, Alida, — Sie sollen es nicht bereuen." — Das junge Mädchen reichte ihm warm und voll die Hand. »Sie haben mir eine frohe Stunde bereitet, Herr von Alten, und ich danke Ihnen dafür von ganzem Herzen; Ihre Hand kann ich nicht annehmen, ich bitte, ich beschwöre Sie, forschen Sie nicht nach Gründen. Alida Barfeld vermag nicht zu lügen und die Wahrheit vermag ich Ihnen nimmer zu sagen. Um Eines aber bitte ich Sie. als 132 Andenken an diesen Augenblick, wo ich einen Mann mit redlicher, offener Seele kennen s gelernt; kann ich auch nicht Ihre Braut werden, lassen Sie mich Jh^ Freundin sein, Ihre Freundin, die Ihnen eine Gattin wünscht, besser und Ihnen würdiger, als das -Mädchen, zu dem tue Theilnahme des Mitleids Sie zog." Zu den Füßen des jungen Mädchens stürzte der Offizier und drückte ihre Hand an seine Lippen. „Alida, ist Ihr Spruch unabänderlich? Freund und stets nur Freundin?" »Unabänderlich!" Ein Räuspern ließ sich in der nächsten Nähe vernehmen, überrascht erhob sich der ^ Offizier, seine blitzenden Augen schienen den Verwalter Streland durchbohren zu wollen, der sich langsam und unterwürfig näherte. „Verzeihung, wenn ich störe", sagte er, lnicht ohne hämische Betonung, „hätte ich »ine Ahnung gehabt —" „Was soll's?" herrschte der Oberlieutenant ihm zu. „Ich suche den Herrn Oberlieutenant, um ihm zu melden, daß der Wagen schon seit geraumer Zeit angespannt und es die höchste Zeit ist, wenn der Herr Obsrlieutenant noch die Stadt erreichen will." „Ich komme", sagte der Offizier kurz, „begleiten Sie mich" und sich zu Alida wendend, im Ton der höchsten Ehrerbietung: „Leben Sie wohl, mein theures, verehrtes Fräulein. Gott sei mit Ihnen." Er wandte sich ab, wie um seine Erregung zu verbergen und dem Verwalter einen Wink gebend, verließ er den Teich. Immer dichter ballte sich der Wolkenknäuel, schon strich jenes Rauschen und Schwirren *>urch die Luft, das dem Ausbruch eines Gewitters vorher geht und einzelne, große Tropfen sielen schwer zur Erde. Der Eindruck der jüngst vergangenen Augenblicke spiegelte sich in den Zügen des ' Herrn von Alten, da er rasch die Allee des Gartens durchschritt; plötzlich blieb erstehen, und des hinter ihm eilenden Verwalters harrend, sagte er mit bewegter Stimme: „Ich kenne Sie als treuen Diener Ihrer Herrschaft, Streland, und halte Sie für «inen achtungswerthen Mann. Daher glaube ich, Ihnen eine Erklärung der Scene schuldig zu sein, deren Augenzeuge Sie eben waren, daß sie nicht in falscher Deutung ausgelegt werde. Ich bot Fräulein Barfeld meine Hand an und Fräulein Barfeld schlug sie aus» „Ihr Vertrauen ehrt mich, Herr Oberlieutenant", entgegnete Streland, sich tief verneigend, „und bei dem lebhaften Interesse, das wir alle im Schlosse für den Schützling der gnädigen Frau empfinden, kann ich nur doppelt bedauern, daß Fräulein Barfeld ein positives Glück von der Hand wies, um sich vielleicht an unerreichbare Chimairen zu hängen." „Es ziemt mir nicht, nach den Gründen des Fräuleins zu forschen", unterbrach ihn der Offizier, „dennoch gebe ich nicht jeden Versuch auf, ihr Herz zu gewinnen. Ich berechnete im Voraus alle Chancen meiner Werbung, auch die der Abweisung und schrieb diesen Brief, der ihr noch beredter schildern wird, was ich für sie empfinde, als es mein Mund vermag; nehmen Sie ihn, zugleich mit diesem Zeichen meiner Erkenntlichkeit", — eine kleine Geldrolle schob sich plötzlich in des Verwalters Hand — „und versprechen Sie mir, bei paffender Gelegenheit Fräulein Barfeld dieses Schreiben zuzustellen." Der Verwalter steckte das versiegelte Couvert, das ihm der Offizier einhändigte, in seine Tasche: „Verlassen Sie sich auf mich«, sagte er. „So scheide ich ruhig; leben Sie wohl und richten Sie der Herrschaft meine Scheidegrüße aus," (Fortsetzung folgt.) 133 Arrsgravrmg des Römerkastells bei Jsny. (Aus dem Schwab. Merkur.) Dieselbe fand aus Staatskosten statt in der ersten Hälfte des Monats September vorigen Jahres unter Leitung des Landeskonservators und des Kustos der kgl. Staats- sammlung vaterländischer Alterthümer. Dieses Kastell, eines von den kleineren, liegt eine schwache halbe Stunde östlich der Stadt Jsny auf der sog. Betmauer, einem den Blick in etwa sieben Thäler eröffnenden, schon von Natur leicht zu vertheidigende» Moränenhügel. Nur an der Südseite mußte derselbe durch einen künstlichen Graben vom übrigen Erdreich losgetrennt werden, sonst zeigt er überall natürliche Steilränder, denen blos an einigen Stellen nachgeholfen werden mußte. Gegen Osten fällt der Hügel gar hoch und schroff in das Argenthal ab, und der Fluß fließt unweit des Hügels rauschend dahin, während die Nord- und Westseite ursprünglich mit Leichtigkeit unter Wasser gesetzt werden konnte. Die Höhe des Hügels über der Ostseite, d. i. der Argenseite, beträgt 12—14m, über den anderen Seiten 5—6m. Auf diesem schon durch seine Höhen- verhältnisse beherrschenden Hügel wurde das Kastell, der natürlichen Form des Hügels sich anpassend, in länglichem Fünfeck errichtet. Die längste Seite gegen Osten, gegen die Argen hin, mißt 83m, die gegen Süden bim, die gegen Westen 47,70m, gegen Nord- west 83, und gegen Norden 23 m; also betrug der Umfang der Kastellmaner gegen 238 m. An der am meisten gefährdeten Südwestecke trat dann ein viereckiger Thurm von etwa 4>/.,m Seitenlünge schirmend hinaus. Die ringsum laufende Mauer hatte die bedeutende Dicke von 2 m. Bor der Mauer zeigten sich Neste eines gsmörtelten Umganges, der ohne Zweifel an der Kante des Hügels durch Pallisaden geschützt und umgeben war. Innerhalb der Ringmauer fanden sich keinerlei Spuren von Mauerwerk, dagegen unweit der Mitte der Südseite ein 5,70 m tiefer, oben runder, unten quadratischer und mit Holzdielen ausgefütterter Brunnenschacht, in den sich von Osten her durch einen hölzernen Teuchel Wasser ergoß. Die Ringmauer selbst bestand aus Findlingsoder Tuffsteinen mit viel Mörtel, war aber nirgends mehr gut erhalten, an verschiedenen Stellen sogar ganz ausgebrochen. Am höchsten stand noch der Thurm an der Südwestecke, nämlich noch einige Fuß hoch. Im Kastell fanden wir kaum ein paar Sigelerdescherben und unbedeutende Eisenrestc, aber ziemlich viele römische Kupfermünzen, freilich oftmals bis zur Unkenntlichkeit verrostet. Nach Bestimmung derselben durch den Vorstand der kgl. Staatssammlung- Herrn Professor Dr. Seyffer, gehen die Typen der Reverse der Münzen nicht über 250—260 n. Chr. zurück und lassen vermuthen, daß die Grundlage des Baues aus später Zeit, aus der Mitte des dritten Jahrhunderts stammt. Besetzt war derselbe bis Ende des vierten Jahrhunderts. Die erste kenntliche Münze datirt 268—270, die letzte 364—378. Die bestimmbaren Stücke sind: Claudius il. (268 bis 270), Probus (276—282), Theodora, zweite Frau des Constantius Chlorus (305 bis 306), ConstanS I. (337-350), Valens (364—378). Neben diesen Aufschluß gebenden Münzfunden ist das Jsnyer Kastell höchst wichtig wegen seiner von den bisher bei uns in Württemberg aufgedeckten röm. Kastellen stark abweichenden Anlage. Nehmen wir die Limeskastelle, z B. Mainhardt, das vor einigen Jahren bekanntlich gleichfalls auf Staatskosten aufgedeckt und vermessen wuroe, so springt der Unterschied sofort in die Augen. Das Mainhardter Kastell ist bedeutend größer, hatte 193 m äußere Länge bei l42m Breite und war ganz regelmäßig angelegt, mit Eckthürmen und doppelthürmigen Thoren, versehen, aber seine Umfassungsmauer 1,29—1,25 m breit, wogegen das viel kleinere bei Jsny eine Ringmauer in der Dicke von 2 m besaß. Im Mainhardter Kastell lehnte sich die Umfassungsmauer als Futter- mauer an einen hinter ihr rings umlaufenden Erdwall; hier am Jsnyer Kastell stand die Mauer frei und hatte vor sich einen gemörtelten Wandclgang. Die Mauer am Mainhardter Kastell hatte jedenfalls eure bescheidene Höhe, die am Jsnyer kann dagegen ihrer unteren Dicke nach etwa auf 30 Fuß angenommen werden. Die Anlage nähert sich schon ganz merklich dem mittelalterlichen Burgensystem, woselbst eine gewaltige Ring« 134 mauer alles hoch und drohend umschloß, wie wir z. V. an dem alten Wäscherschloß bei Wäschenbeuren noch wohl erhalten sehen. — Innerhalb des Mainhardter Kastells lagen ferner steinerne Bauten, besonders das Prätorium, in Jsny nichts dergleichen. Die Mainhardter Münzen gehen nur bis Alexander Sevarus (222—234), die Jsnyer bis Kaiser Balens (364—378); letzteres muß also etwa 150 Jahre länger von den Nömern besetzt gewesen sein. Es war gewiß, als es noch wehrhaft war, außerordentlich fest. In seinem Innern wohnten die Soldaten wohl unter Zelten oder leichten Holzbaracken. — Schon vor Jahrhunderten fand man bei Jsny, wo ist nicht näher zu lagen, eine Ehren- inschrift für Kaiser Antonin vom Jahr 144, gewidmet von einigen Stätten Rhätiens, deren Namen nicht enthalten sind. Der Stein ist verschollen. Ferner fand man eine Meilensäule des Septimius Severus und seiner zwei Söhne Caracalla und Geta vom Jahr 202. Der Stein ist jetzt in Augsburg. In neuerer Zeit fand man bei der Bet- mauer eine römische Gemme mit der Sphinx und dem ihr Räthsel lösenden Oedipus, in einen goldenen Ring gefaßt, jetzt im Besitze des Grafen von Quadt-Wykradt-Jsny. — Das sogenannte F i sch e r h ä u s ch e n, Stunde nordwestlich der Stadt Jsny, ein dem Jsnyer Kastell ähnlicher verschanzter Moränenhügel, auch auf dem linken Ufer der Argen und in einer Lage, die unter Wasser gesetzt werden konnte, war vielleicht auch eine römische Anlage. Ueberhaupt ist anzunehmen, daß die Römer, nachdem sie sich aus dem eigentlichen Württemberg zurückgezogen und den Nhnn zur Grenze gemacht hatten, die Argenlinie als die letzte und stärkste Verbiudungs- und Bertheidigungslinie zwischen Bodenjee und Allgäuer Alpen noch an, längsten festhielten. Das unzufriedene Der;. Der göttlichen Liebe erhabenes Watten Erfüllte mit Frohsinn die ganze Natur; Wo sich des Lebens Keime entfalten, Da leuchtet der Freude göttliche Spur. Das Fischlein wiegt sich vergnügt in den Wellen, Die Lerche fliegt jubelnd zum Himmelsblau, Es tanzen am Bache die schönen Libellen, Der Schmetterling freut sich am Btumenthau. Die Biene ist trunken vom Nektar der Rosen, Es baut die Schwalbe ihr trauliches Nest, Allüberall herrscht ein munteres Kojen, Die Schöpfung feiert ein Freudenfest. Ja selbst die bescheidenen Ephemeren, Sie wiegen sich glücklich im L-onneuschein, Mag noch so kurz ihr Dasein auch mähren, Mag noch so kurz ihre Lust auch sein! Und was ist des Menschen Loos hienieden? Der Schöpfung erhabenes Meisterstück Vermißt allein nur des Herzens Frieden, Vermißt allein nur das irdische Glück? Begabt mit des Geistes unendlichen Schätzen, Begabt mit der Liebe Seligkeit, Mus; doch sein Auge die Thräne ost netzen, Es fehlt ihm das Glück der Zufriedenheit! Sein Geist irrt vergebens auf trügerischen Bahnen, Erforschen will^r die Räthsel der Zeit, Und statt des Lchöpiers Allmacht zu ehren, Versinkt er in stolze Vermessenhcit. Und seines Herzens geheimste Triebe, Sie gellen dem eigene» Ich nur allein, Es fehlt ihm die aUesumfaisende Liebe, Es fehlt ihm der Tugend Zauberschein! D'run, durch die Labyrinthe des Lebens Eilt er so kreudcn- und hosfnnngslos. Und sucht gebrochenen Herzens vergebens Des Friedens und der Freude Schoß. Er will in seinem stolzen Wähnen Der Schöpfung Wunder durchgingen mit Macht, Doch ungestillt bleibt all' sei» L-ehnen, Und seine Forschung eitle Nacht. Beneidend sieht er den Fisch in den Wellen, Die Lerche jubelnd im Himmelsblau, Am Bache tanzend die schonen Libellen, Den Schmetterling fröhlich im Blumenthau, Die Biene trunken vom Nektar der Rosen, Die Schwalbe fröhlich bauen ihr Nest, Allüberall herrschen ein munteres Kosen, — Nur ihm ist das Dasein kein Freudensest! Begabt mit des Geistes unendlichen Schätzen, Begabt mit der Liebe Seligkeit, Muß doch sein Auge die Thräne ost netzen, Es fehlt ihm das Glück der Zusri eben heitl Carl Felix. 135 Himmelsschau im Monat März. —X. Merkur hat am 3. seinen größten westlichen Abstand von der Sonne, geht 1>/z Stunden vor der Sonne unter und kann am südöstlichen Himmel beobachtet werden. Wegen der großen Sonnennähe ist Merkur selten gut sichtbar und dann nur kurze Zeit in der Morgen- oder Abenddämmerung. Der Umstand, daß er am 17. nur 1" südlich von Mars steht, wird sein Auffinden an diesem Tage sehr erleichtern. Venus L steht als Morgenstern zwischen Steinbock und Wassermann und nimmt an Glanz allmülig wieder ab; sie geht vor 5 Uhr Morgens in SO. auf, erreicht nach 9 Uhr Vormittags ihre größte Tageshöhe und verschwindet um 2 Uhr Nachmittags in SW. Am 6. steht sie 3" südlich vom Mond. Mars läuft im Wassermann vorwärts und steht in der Morgendämmerung sehr niedrig in SO.; am 8. befindet er sich 6" südlich vom Mond. Jupiter R im Stiere bewegt sich gegen die Zwillinge, geht gegen 10 Uhr Vormittags auf, steht zwischen 7 Uhr und 6 Uhr Abends im Meridian und verschwindet zwischen 8 Uhr und 2 Uhr früh am nordwestlichen Horizont. Am 15. findet man ihn 30 nördlich vom Mond. Von seinen Trabanten werden sichtbar verfinstert der I. am 7., 22., 23., 30.; der II. am 7., 14., 31.; der III. am 24. Saturn H bewegt sich vom Widder gegen den Stier, geht 1 Stunve vor Jupiter auf und 3 Stunden vorher unter. Am 13. Mittags wird Saturn vom Monde bedeckt. Am Anfange des Monats ist bei mondleeren Nächten bald nach Sonnenuntergang das Zodiakallicht in der Richtung der Sternbilder des Thisrkreises als Heller Lichtstreifen sichtbar. Zur Erklärung dieser Erscheinung nehmen die Astronomen einen Nebeloder Staubring an von geringer Dichtigkeit aber bedeutender Breite, durch dessen Beleuchtung das Zodiakallicht entsteht, und der nach den einen zwischen der Venus- und der Erdbahn um die Sonne, nach anderen zwischen dem Mond und der Erde um letztere schwingt. M i s - s l r e n. (Wagner, durch M e y e r b e e r empföhle n.) W. Tappert bringt in der „Allg. Deutschen Musik-Ztg." folgenden von Meyerbeer unterm 18. März 1841 an den General- Intendanten des sächsischen Hoftheaters Herrn v. Lüttichau gerichteten hübschen Brief: „Ihre Excellenz werden mir vergeben, wenn ich Sie mit diesen Zeilen belästige, ich erinnere mich aber Ihrer steten Güte für mich zu lebhaft, um einem jungen interessante» Landsmann es abschlagen zu dürfen, wenn er, mit vielleicht zu schmeichelhaftem Vertrauen auf meine Einwirkung auf E. E., mich bittet, sein Anliegen mit diesen Zeilen zu unterstützen. Herr Richard Wagner aus Leipzig ist ein junger Komponist, der nicht allein eine tüchtige musikalische Bildung, sondern auch viel Phantasie hat, außerdem auch eine allgemeine literarische Bildung besitzt und dessen Lage wohl überhaupt die Theilnahme in feinem Vaterlande in jeder Beziehung verdient. Sein größter Wunsch ist, die Oper „Nienzi", deren Text und Musik er verfaßt hat, aus der neuen königlichen Bühne zu Dresden zur Aufführung zu bringen. Einzelne Stücke, die er mir daraus vorgespielt, fand ich phantasiereich und von vieler dramatischer Wirkung. Möge der junge Künstler sich des Schutzes E. E. zu erfreuen haben und Gelegenheit finden, sein schönes Talent allgemeiner anerkannt zu sehen. Ich nehme nochmals die Nachsicht E. E. in Anspruch und bitte Sie, mir Ihr geneigtes Wohlwollen zu erhalten. Hochachtungsvoll E. E. ergebenster Diener Meyerbeer." Die eutgilrige Entscheidung ließ trotz alledem noch ziemlich lange auf sich warten, denn erst am 21. Juni 1841 meldete die königliche Generaldirektion dem sehnsüchtig harrenden Komponisten: „Nachdem nunmehr sowohl das Textbuch Ihrer anher gesandten Oper „Nieuzi", als die Partitur derselben sorgfältigst geprüft worden, ist es mir angenehm, Ihnen die Zusicherung der Annahme dieser Ihrer Oper zu geben und wird dieselbe, sobald thunlich, hoffentlich im Laufe des nächsten Winters auf dem königlichen Hoftheater zur Darstellung kommen." 136 (Vergebliche Revanche.) Während der Streitigkeiten des Königs Heinrich III. von England mit Franz I. von Frankreich beschloß der Erste, einen Gesandten mit Depeschen an Franz zu schicken, die in sehr drohenden Ausdrücken abgefaßt waren. Er wählte dazu den Bischok Bo ner. „Tire!" sagte dieser, „wenn ich diese Depeschen abgebe, so kann es mich den Kopf kosten." — Wüthend fuhr Heinrich auf: „Läßt Ihnen Franz den Kopf abschlagen, so laß' ich alle Franzosen in meinem Reiche köpfen." — „Recht schön", versetzte Bonner, „ich fürchte nur, daß keiner von all' den abgeschlagenen Köpfen auf meinen Rumpf passen wird." (Stimmt!) In einer Wirthschaft verlangte ein Gast ein Glas Altbier, welches ihm denn auch vom Wirthe überreicht wurde, aber leider nicht ganz voll; fast zwei Fingerbreit fehlten daran. Hierauf sagte der Gast zum Wirth: „Sie könnten auch im neuen Jahre leicht einige Ohm Vier mehr verkaufen." — Wirth (neugierig): „Wie so?" — Gast: „Na, wenn Sie die Gläser nur voll machen wollten." (Zu den 12 Aposteln.)' Das Haus eines wegen seines Geizes und seiner Hartherzigkeit gegen die Armen sehr verhaßten Geschäftshauses führte den Namen „zu den 12 Aposteln." Ein Witzbold schellte nun einmal um Mitternacht bei dem Kaufmann: „Was gibt es denn noch so spät?" rief derselbe voll Zorn aus dem Fenster. „Ich wollte nur fragen", war die Antwort, „ob auch der Judas schon zu Hause ist." (Die Besserung.) „Nun, Frau Miliwurm, hat sie an ihrem Manne keine Veränderung bemerkt? Ich hab' ihm den letzten Sonntag recht ins Gewissen geredet." — „Ja, Herr Pfarrer, seit der Zeit hat er seine böse Gewohnheit geändert." — „So, so, das freut mich zu hören. Also kommt er jetzt nicht mehr nach 12 Uhr Nachts betrunken nach Hause?" — „Nein, Herr Pfarrer, jetzt kommt er schon um 9 Uhr besoffen heim." (Lakonisch.) Ein Gutsbesitzer fand auf einem Acker ei» Skelett, welches er für den Kopf eines Kindes hielt. Weil er nun vermuthete, es läge ein Verbrechen vor, schickte er das Skelett, in eine Hutschachtel verpackt, an den benachbarten Bezirksarzt mit der Aufschrift:-„Kinderkopfl" Nach einigen Tagen erhielt er die Hutschachtel zurück mit der neuen Aufschrift: „Schasskops!" (Endlich.) Herr (zu einem Musiker, welcher die Noten des eben executirenden Stücks an seinem Mundstück befestig haü: „Bitte, was ist das für ein Stück? „Das? Ein Mundstück!" „Nein, ich meine, was Sie blasen?" „Ach so; Fagott!" „Aber nein: ich meine, wie die Piece heißt, die sie ausführen?" „Ach so! Ouvertüre Nr. 321* „Danke bestens!" (Sonderbare Abwehr.) A.: „Sie sind ein Betrüger." B.: „Was? Ich ein Betrüger? Kein Mensch macht weniger Betrügereien ivie ich." Gol-körner. Es gibt kein Zeichen.der Höflichkeit, welches nicht einen tiefen, sittlichen Grund hätte. Die rechte Erziehung wäre, welche dies s Zeichen und den Grund zugleich überliefert. Goethe. Die Wunden, die die Maschinen des Schickials in uns schneiden, fallen bald zu; aber eine, die uns das rostige, stnmpse Marterinstrnment eines ungerechten Menschen reißet, fängt zn eitern an und schließt sich spät. Jean Paul. Recht hat jeder eigene Charakter, Der übereinstimmt nnt sich selbst; es gibt Kein andres Unrecht, als den Widerspruch. Schiller. Das Alter will die Menschen vom Leben entwöhnen, wie die Amme das Kind von der Brust; durch allmähliches Entziehen. Jakobs. Unter allen Lagen bleibet Stolze Armmh stets die schlimmste. Claderon. Auflösung des Original'Silben-Räthsel in Nr. 14: „Schlaftrunk." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Dr. Max Huttler. ! 883 . Ütttcrliiiltiitt zur „Augsbilrger Postseitung." Nr. 1S. Samstag, 3. März Fasten- Elegie. „b'ecorunt sibi vitulam oouüatilem et aäoraveruut," II. Aiosis 32, 8. Ernste Schatten liegen auf der Erde, Ernste Bilder schweben vor dem Sinn! Sehnend, daß ein neuer Frühling werde Schleppt der Wintermüde sich dahin. Tage des Erbarmens, Tage des Erbarmens Kommt ihr wieder mit dem Amselschlage, Kommt ihr wieder gottgeschenkte Tage, Da die Wahrheit von der Höhe rauscht, Und das Volk aus seine Priester lauscht? Aus dem Berg in flehendem Verlangen Vor dem Herrn des Himmels Moses kniet. Hat den hehren Gottesschatz empfangen, Wie voll Ehrfurcht seine Wange glüht I Selig steigt er nieder — Wehe! welche Lieder Füllen mit Getöse rings die Lüste; Welchem Götzen diese Weihraucbdüste? Welch' ein Irrwahn hat das Volk ersaßt Daß es so den Weg des Heils verlaßt? In des Tabernakels heil'ger Stille Opfert Jesus für sein Volk sich dar: „Vater I es gcscheh' an mir Dein Wille, Bin Erlöser der bethörten Schaar!" Hier das tieie Schweigen — Dort der laute Reigen: , Das Idol geschmückt mit Blumenkränzen, Jubclraufch und Rausch bei Todtentänzen . . . Horch! wie flehend am Altar es spricht: „Vater! was sie thu», sie «issens nicht. F. v. Hoffnaaß. Heimathlos. Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann Hirschfeld. (Fortsetzung.) Herr von Alten verließ den Garten und eilte um das Schloß auf den freien Platz vor demselben, wo der Wagen seiner harrte. Noch einmal blickte er sich um, aber wie von einem unheimlichen Gefühl durchfröstelt, wandte er das Auge ab, auf der Freitreppe erhob sich die hagere, kalte Gestalt der Gutsherrin, die ihn mit förmlichen Neigen des Kopfes begrüßte. Sobald der Wagen verschwunden war, wandte sie sich an ihren Verwalter. „Streland", sagte sie, „das Glück ist uns günstig; Alidens Gatte ist gefunden, ich brauche mir keine Sorge über des Mädchens Zukunft zu machen. Der Oberlientenant von Alten nimmt sie — ohne zu forschen woher — ich gab ihm mein Jawort und hätte nicht die Zeit gedrängt, wäre noch heute die Verlobung abgeschlossen, aber ich will sofort mit Aliden reden/' „Die Mühe, gnädige Frau, können Sie sich ersparen", entgegnste der Verwalter, „denn Herr von Alten hat sich bereits von Fräulein Barfeld einen Korb geholt." Eine Bewegung des Zornes durchzuckte die Gestalt der Gntshcrrin, „es ist unmöglich", sagte sie, die Lippen fest aufeinander gepreßt — „unmöglich." „Ueberzeugen Sie sich selbst, denn da kommt sie eben", bemerkte Streland, zufällig einen Blick nach den hohen GlaSthürsn werfend, die den Durchblick bis zum Garten gestatteten, und das junge Mädchen eben in's Haus treten sehend. Alida hatte sich entschlossen, ihren Lieblingsplatz zu verlassen. Sie wußte, daß Frau von Solmitz die einsamen Ausflüge bei drohenden Gewittern nicht gern sah und war überzeugt, daß die Mutter Oscar's nach ihr verlangen würde, um ihr den Vorschlag des Lieutenants an das Herz zu legen. Wohl war sie auf eine stürmische Scene gefaßt, allein sie hatte den festen Willen, ruhig zu bleiben und der Ausdruck dieser Willenskraft spiegelte sich in den ernsten, aber sanften Zügen wieder, da Frau von Solmitz durch die Hausthüre der Lorderfronte ihr am Fuß der Treppe entgegen kam. Draußen war es mit jeder Minute dunkler geworden, dumpf grollte der Donner des nahenden Gewitters. „Komm!" sagte Frau Hermine kurz, dem jungen Mädchen voranschreitend, „ich habe mit Dir zu reden." Willig folgte Alida der Dame, sie betraten denselben Salon an der Hinterseite des Schlosses Solmitz, in dem die Mutter des theuren Entfernten ihr entschiedenes Veto gegen ihres Sohnes Verbindung mit der Waise eingelegt hatte. Absichtlich näherte sich die Gutsbesitzerin dein Fenster und veranlaßte dadurch Alida, ihr zu folgen, denn es war so dunkel im Gemach, daß sie kaum anders die Züge des jungen Mädchens zu erkennen vermochte und Frau von Solmitz liebte es, den Eindruck ihrer Worte in dem Antlitz der ihr Zuhörenden zu lesen. „Alida", nahm sie nach einer kurzen Pause das Wort, „Du weißt, alle Weitschweifigkeit, alle Sentimentalität ist mir verhaßt, daher laß uns in Kürze den Gegenstand erledigen, den ich mit Dir zu verhandeln habe; der Oberlieutenant von Alten, ei» vermögender Mann, dessen Name kein Flecken verunziert, hat um Deine Hand angehalten und ich wünsche, verstehst Du mich, ich wünsche, daß Du seinen Antrag acceptirst." „Verzeihen Sie mir, meine gnädige Beschützerin, wenn ich diesen Wunsch nicht zu erfüllen vermag", entgegnete Alida bescheiden, aber fest; „in persönlicher Unterredung mit Herrn von Alten habe ich dankend seinen ehrenvollen Antrag bereits abgelehnt und als Freunde für das Leben sind wir geschieden." Frau von Solmitz zwanz sich, die Ruhe des jungen Mädchens mit gleicher Kälte zu erwidern. „Da sprechen sie immer von Gefühl und stellt man diese Gefühlsmenschen auf die 139 Probe, wiegt einer Feder Schwere sie auf. Alida, begreifst Du denn nicht, daß es das einzige Mittel ist, die unseligen Verhältnisse in diesem Hause zu lösen, das einzige Mittel, Oscar der Vernunft wiederzugeben und ihn dein blinden Strohfeuer der Leidenschaft zu entreißen, wenn Du die Hand Edmund's von Alten annimmst? Alida, bedenke, daß Diejenige dies Opfer von Dir verlangt, wenn es wirklich ein Opfer zu nennen, der Du Alles verdankst, ohne deren Beistand Du verkommen wärest, einer namenlosen Fremden blutarmes Kind, preisgegeben allen Gefahren der Dürftigkeit, allen Versuchungen des Lasters." „Ich danke Ihnen, gnädige Frau, was Sie an mir gethan, danke Ihnen aus Herzensgründe", entgegnete Alida bewegter, „und nicht, wie Sie meinen, will ich durch schnöde Undankbarkeit Ihnen lohnen, nicht zwischen Sie und Oscar treten, zwischen Mutter und Sohn ein feindliches Element. Ich liebe Oscar, ja, gnädige Frau, ich liebe khn mit aller Innigkeit eines jungen Herzens, aber ich erstrebte nicht seine Hand. Auch der lieblichen Fanny gehört sein Herz in reiner Neigung und gern stehe ich zurück, wenn ich weiß, daß es zu seinem Glücke dient. Oscar's Entfernung sei der Prüfstein seiner Seele; fern von uns beiden mag sie entscheiden zwischen uns und deuten wird uns des Heimgekehrt«» erste Begrüßung, wen seine Neigung als treue Schwester, wen als geliebte Braut erkor. Und trifft mich das Schwesterloos, fast glaube ich selbst daran, dann null ich ohne Groll ihn vereint sehen mit Fanny von Ebersdorf, will entsagend in die Ferne gehen, aber eines Andern Gattin werden — niemals." Und als wollte der Himmel selbst das Wort Aliden's bekräftigen, dröhnte dumpf ein mächtiger Donnerschlag, dem ein Blitzstrahl folgte. Frau von Solmitz' Zorn flammte auf; alle ihre Hoffnungen, Alida auf anständige Weise versorgt und aus dem Schlosse entfernt zu sehen, die Beruhigung, jeder weiteren Nachforschung überhoben zu sein, war mit einem Schlage durch die entschiedene Weigerung Alidens vernichtet und von Neuem mußte sie fürchten. „Und wenn ich Ihnen nun die Bedingung stelle, die Hand des Herrn von Alten zu acceptiren, die Sie in verblendetem Hochmuth verworfen, um Unglück unv Zwist über ein friedliches Haus zu bringen, oder dieses Schloß sofort zu verlassen? Wenn ich meine Hand von Ihnen ziehe, da Sie mir offen Trotz zu bieten wagen, um Sie zurückzustoßen in das Elend dem ich Sie entrissen?" „Sie werden mir d es Asyl nicht entziehen» ehe Oscar von Solmitz heimkehrt; gedenken Sie unseres Versprechens, gnädige Frau, am Tage seines Scheidens", entgegnete Alida mit zitternder Stimme. „Darf ich so glücklich sein, ihn gesund und unverletzt die Räume seines väterlichen Schlosses betreten zu sehen, dann, fest steht mein Entschluß, verlasse ich von selber dieses Haus, um in der Ferne, vergessen und verborgen, mir eine Zukunft zu suchen." „Und Sie meinen, Hermine von Solmitz durchschaue nicht das plumpe Manöver einer Coquette, unter der Larve der Demuth und Sanflmuth, um einen verblendeten Jüngling noch tiefer in ihr Netz zu ziehen? Nun, ich hoffe, mein Sohn wird ein Anderer, an Erfahrungen reicher heimkehren und wenn nicht — bei Gott, ich sähe ihn lieber nimmer wiederkehren —" »Halten Sie ein, Sie beschwören das Schicksal!" schrie Alida in höchster Leidenschaft. — „Als daß ich in meinen Enkeln die Frucht einer Mesalliance umarmen mußte." „Gott, allmächtiger Gott, höre sie nicht, nicht auf sein Haupt komme der Frevel ferner Mutter." Wie flehend hob Alida die Hände empor zum fahlen Gewitterhimmel. Aber als zürne die Natur, dröhnte in seinen vollen Schlägen der Donner, zuckte Blitz auf Blitz mit grellem Schein durch das Gemach und beleuchtete das bleiche Antlitz der Gutsherrin, die krampfhaft die Hand auf das Herz preßte und ihre Bewegung über das furchtbare Wort nicht zu verbergen vermochte, das thr entfahren. — ^40 — Da tönte ein lauter Schrei, ein Schrei des höchsten Entsetzens durch das Gemach, er kam von Alidens Lippen ihr Antlitz war bleich wie das einer Leiche und ihre Hand deutete auf das Fenster, hinter dem es auflohte in Heller Glut, trotz des strömenden Regens. „Wehe Ihnen, wehe uns allen!" kaum vernehmbar drang es durch den Raum — „er ist todt — die Linde-es ist seines Todes Zeichen." Starr richtete Hermine von Solmitz ihre Blicke in die Richtung, die Alidens Hand andeutete. Da flammte sie jäh empor, von einem Blitzstrahl getroffen, die stattliche Linde, die einst in früher Jugendzeit des Sohnes Hand gepflanzt, die Linde, die ein Mittler sein sollte zwischen dem Krieger auf dem Felde der Ehre und seiner Heimath. Unwillkürlich zuckte sie zusammen. „Gott sei mir gnädig", flüsterten ihre bleichen Lippen. In der Mitte des Zimmers aber lag Alida auf ihren Knieen und barg in den Hände» das Antlitz. Draußen erlosch die Flamme; ein verkohlter Stamm, entlaubt, bis in's innerste Mark getroffen, lag der herrliche, kräftig emporstrebende Baum am Boden, vom Regen überströmt, als ob der Himmel seine Thränen darüber weine. Leise pocht es. Das Geräusch drang nicht zu den Ohren der beiden Frauen, die bange, furchtbare Ahnung nahm jede Regung ihrer Seele gefangen, eine peinliche, unheimliche Stille herrschte im Gemach. Das Klopfen wiederholte sich und Herrn Streland's Fuchsgesicht ward auf der Schwelle sichtbar. Langsam, fast zögernd trat er näher, eine peinliche Verlegenheit malte sich in seinen Zügen. „Gnädige Frau." Frau von Solmitz zuckte zusammen. „Was gibt's?" „Gnädige Frau, es sind Neuigkeiten aus dein Kiege, soeben trifft ein Bote aus der Stadt ein. Eine große, glorreiche Schlacht bei dem Dorfe Gravelotte ist geschlagen, ein glänzender Sieg erfochten." Von Alidens Haupt sanken die Hände, ihr todtcnbleiches Antlitz starrte auf den Redenden, als wolle sie jede Silbe von seinen Lippen lesen. „Und weiß man schon Näheres", entrang es sich aus Frau von Solmitz Brust, „ist Oscars Regiment — Mann, Du bringst mir eine furchtbare Kunde", schrie sie auf, da Herr Streland sich abwandte, wie um eine Theilnahme zu verbergen, die er nicht empfand. „Gnädige Frau, ich kenne Ihre Festigkeit", — zögernd kamen die Worte über Streland's Lippen, „jetzt gilt es, sie zu erproben — das Regiment des jungen gnädigen Herrn war engagirt und Herr Oscar ist unter den Vermißten — man fürchtet das Schlimmste." „Er ist todt! er sandte das Zeichen!" Gellend drang der Aufschrei aus Aliden's Brust; aller Jammer, alle Verzweiflung des Herzens lag in ihm. Plötzlich sprang sie empor; ihre Äugen leuchteten fieberhaft in unheimlichem Feuer, zwei rothe Flecken brannten auf bleichen Wangen. So dicht trat sie vor Frau von Solmitz, daß die Gutsherrin erschreckt zurück wich. „Sie drohten mir das Asyl zu rauben,- das ich Ihrer Güte verdanke und das ich oft genug mit Thränen und Qualen der Seele bezahlen mußte, — Sie sollen befriedigt sein. Möge Gott Ihnen gnädig sein und diese Stunde Ihnen nicht anrechnen am Richterthron der Ewigkeit." Sie stürzte aus dein Salon, mechanisch erhob sich Frau von Solmitz' Fuß, ihr nachzueilen, um sie zurückzuhalten, aber der Arm des Verwalters wehrte ihr. (Fortsetzung folgt.) 141 Richard Wagner. Biographische Skizze von A. Planer. * Eine Sonne ist plötzlich am Himmel der Kunst hinabgesunken in das „Nirwana" der ewigen Nacht, um schopenhauerisch zu reden, eine Sonne, deren feuersprühendes Leuchten das freundliche milde Licht anderer, ewiger Sterne zeilenweise zu verdunkeln drohte. Nun hat er Frieden gefunden der stürmische „Tannhäuser" von allein „Wähnen" in der stillen Gruft zu „Wahnfried", und bald werden ihm Schlummerlieder singen die Vogel, die aus dem Süden kommen, aus dem Süoen, wo er so gerne weilte, wo er Genesung gesucht und Friede fand der Sänger des „Lohengrin" — Richard Wagner. An einem Herzschlage ist er am Nachmittag des 13. Februar in Venedig verschieden, in jener phantastischen Lagunenstadt, wo er einst, vor mehr als dreißig Jahren, begann, sein großes Nibelnngenwerk durch Töne zu beleben. Sein Wunsch, wenn es einmal sein müßte, schnell und schmerzlos aus der Welt zu scheiden, wurde erfüllt, aber seine Hoffnung nicht, ein hohes Alter zu erreichen, um mehr und immer mehr wirken zu können, in's Große, Allgemeine. Dem Unermüdlichen, rastlos Wirkenden, sich nie genug Thuenden, der immer auf Jahre hinaus seine Pläne gemacht hatte, ist nun ein jähes Ende bereitet worden vom unerbittlichen Geschick. Richard Wagner — nie ist ein Künstler, ein „Meister" schon bei lebendigem Leibe in so überschwänglicher Weise gerühmt, gefeiert, glorifizirt und vergöttert, noch nie sind einem Dichter und Musiker solche Ehren und Huldigungen, Huld und Gunst, Freundschaft und Auszeichnungen hoher, höchster und reichster Personen, die Güter und Genüsse der Erde in so reichem Maße zu Theil geworden, wie dem modernen „Tannhäuser." Kann Ruhm und Erdengut den Menschen glücklich machen, dann haben sie in Vayreuth den Glücklichsten der Glücklichen begraben. Und doch ist der Wahlspruch: „I? 6 r usporn nä nstrn" auch seine Devise gewesen. Keiner hat heißer kämpfen müssen, um aus der Tiefe sich emporzuringen bis zu den Sternen hinauf. Die ersten 30 Jahre von Richard Wagners vielbewegtem Leben bieten kein erfreuliches Bild; seine Schicksale ähneln hier denen von so manchem jungen hochbegabten Musiker, der von seinem Berufe ganz erfüllt ist, aber umher irrt, „weder Glück noch Stern" hat und keinen festen Grund findet, auf dem er sicher fußen und weiter bauen kann. Viele gehen in diesen Irrfahrten zu Grunde; die Wenigsten erreichen mehr als ein kleines Amt, einen beschränkten Wirkungskreis, und die Meisten bescheiden sich auch dabei. Für Richard Wagner waren aber die ersten 30 Jahrs seines Lebens — in denen Viele sich schon ausgelebt haben — gleichsam nur die Vorgeschichte seines Künstlerlebens, die Urzeit seiner Entwicklung, das Traumleben vor dem Erwachen. In engen bürgerlichen Verhältnissen wurde er am 22. Mai 1813, in einem kleinen Hause im Brühl zu Leipzig, als neuntes und letztes Kind seiner Eltern geboren. Sein Vater war Polizei-Actuar und starb noch in demselben Jahre. Seine Mutter (eine geborene Johanna Beetz) vermählte sich zwei Jahre später wieder, mit dem Schauspieler, Portraitmaler und Schriftsteller Ludwig Geyer, welcher aus dem kleinen Richard „Etwas machen wollte." Die Familie zog nach Dresden. Aber auch der Stiefvater starb, als Richard erst sieben Jahre alt war, und die Erziehung des Knaben war nun ganz der Mutter anheimgegeben. Der allererste Bildungsgang Richards war von dem anderer junger Leute keineswegs verschieden. Er besuchte in Dresden die Kreuzschule, denn er wollte studieren und galt in der Schule als ein guter Kopf in litteris; an Musik wurde nicht gedacht. Sein Stiefvater hatte ihn zum Maler machen wollen, Richard war aber sehr ungeschickt im Zeichnen; heimliche Versuche im Clavierspielen sielen ebenso wenig ermunternd aus. Mit 11 Jahren wollte Richard Dichter werden; zwei Jahre lang arbeitet er an einen: großen Trauerspiele nach dem Vorbilde Shakespear's, nachdem er zuvor Tragödien nach griechi- 142 schein Muster entworfen hatte. Unterdessen hatte die Familie Dresden wieder verlassen und war nach Leipzig zurückgezogen; Richard besuchte die Nikolaischule; wurde hier — aber „faul und lüderlich" (wie er selbst erzählt), weil ihm nur noch sein großes Trauerspiel am Herzen lag. Höchst charakteristisch für den künftigen Dichtercomponisten ist es nun, daß er sein großes Trauerspiel auch sofort mit Musik ausstatten wollte; Beethovens Musik zu „Egmont" hatte ihn dazu begeistert. Weber (Freischütz) und Beethoven (Symphonien) waren schon damals seine Ideale; sie sind es immer geblieben. Er studierte nun heimlich Generalbaß und faßte schon damals den Entschluß, Musiker zu werden, was harte Kämpfe mit seiner Familie verursachte, als diese endlich dahinter kam. Dennoch setzte er seinen Willen durch (er war damals 16 Jahre alt geworden) und erhielt nun theoretischen Unterricht bei einem tüchtigen Musiker, dem er aber viel Noth machte, weil Richard die Theorie zu trocken und langweilig fand. Er zog es vor, Ouvertüren im größten Style zu componiren, von denen eine sogar im Leipziger Theater zur Aufführung kam — und durchfiel. Jetzt fürchtete seine Familie, daß auch als Musiker „nichts Gescheidtes" aus ihm werden würde, und Richard bezog die Universität, nicht um sich einem Facultäts- studium zu widmen, sondern um Philosophie und Aesthetik zu hören; diese Collegien vernachlässigte er aber ebenso, wie die Musik. Richard gab sich einem wilden Sludenten- leben hin, das ihn jedoch bald genug anwiverte. Dies führte zu einem glücklichen Wendepunkt in Richard's Jugendleben. Er kam zur Besinnung und raffte sich auf; er fühlte die Nothendigkeit eines streng geregelten Studiums der Musik, und die Vorsehung ließ ihn in dem trefflichen Kantor an der Thomasschule in Leipzig, Theodor Weinlig (der damals auch Dirigent der Gewandhaus- Concerte war) den rechten Mann finden, der ihm Liebe zum ernsten Studium einflößte und einen tüchtigen Contrapunktisten aus ihm machte. Damals lernte Richard auch Mozart innig erkennen und lieben; bis an sein Ende gehörte die „Zauberflöte" zu feinen Lieblingsopern, die noch im November 1880 bei seiner Anwesenheit in München auf Wagners speciellen Wunsch zur Aufführung kam. In Leipzig entstanden auch seine ersten Kompositionen, von denen eine Symphonie 1838 im Gewandhause aufgeführt wurde. Die französische Julirevolution warf ihn mitten in den Strudel des so sehr bewegten geistigen Lebens von damals hinein, er ward nunmehr Operncomponist. Die Schröder-Devrient erschloß ihm, vor allem durch ihren Fidelio, den' vollen GM der musikalischen Bühne, sie blieb wo er ging und stand sein Vorbild in plastischen Gestalten seiner Ideen für die Oper. Eigene Jugendversuche waren vorerst erfolglos. Er ward Theater-Kapellmeister, zunächst in Rudolstadt und Magdeburg, dann in Königsberg und Riga. Das Elend kleiner deutscher Verhältnisse führte ihn von hier 1830 jählings nach Paris; es war die Zeit, wo Meyerbeer's Stern glänzte; ihm wollte er es gleichthun, es entstand seine erste große Oper, der Rie nzi. Die Fahrt durch die norwegischen Schüren aber hatte ihm auch bereits das Sujet des fliegenden Holländers vertraut gemacht« Seine Seelensehnsucht begriff er, als er jetzt in Paris erst recht das Darniedergeworfene alles deutschen Lebens erkannte. Die gleiche Sehnsucht nach dem Heimathlichen, Eigenen und Wahren führte ihm dort bereits auch Tannhäuser und Lohengrin zu. Als Rienzi in Dresden, Holländer in Berlin angenommen waren, kehrte er 1842 in die Heimath zurück, wo er zum ersten Male den ihm gefeiten Nibelungenstrom sah. Der Erfolg des Rienzi machte ihn im Jahre 1843 zum königlichsächsischen Hofkapellmeister. Die innere Versenkung in die tiefe Poesie unserer heimischen Mythenwelt enthüllte ihm aber bald den bloßen Scheinglanz jener Bühne, die damals von Paris aus die Welt beherrschte, er wollte vor allem den wahren dichterischen Gehalt auch für die Oper erobern. Dieser „Handlung" sollte selbst die Musik nur den tiefen, seelischen Untergrund bereiten und der Gesang allüberall deutliche Rede sein. Er übertrug Glucks Forderung 143 vom Sänger auf den Musiker und wollte blos da Musik gemacht wissen, wohin sie gehört. Diese Forderungen führten ihn zur offenen Empörung gegen die herrschenden Kunst« zustande und, da er ihren eigentlichen Grund in den sozialen und politischen Zuständen erkannte, aus Kunstinteresse zur Theilnahme an dem Dresdener Maiaufstande von 1849. Die Verbannung folgte. Wagner flüchtete nach der Schweiz und nahm zunächst in Zürich seinen Wohnsitz. Hier schrieb er die beiden, kolossales Aufsehen erregenden ästhetischen Abhandlungen: „Die Kunst und die Religion" und „Das Kunstwerk der Zukunft." 1850 ging er nach Paris und sandte von dort aus seinen inzwischen vollendeten „Lohen- grin" nach Weimar an Franz Liszt, der das Werk noch im August desselben Jahres auf der Weimar'schen Hofbühne zur Aufführung brachte und damit den weiteren Ruf Wagner's erst begründete. Nachdem dieser 1851 die Schrift „Oper und Drama" veröffentlicht hatte, machte er sich an die Ausarbeitung der Siegfried-Sage, so daß bereits 1853 die ganze Dichtung „Der Ring der Nibelungen" erscheinen konnte, deren Komposition aber erst 1870 vollendet wurde. In den dazwischenliegenden Jahren, die er theils in Paris, theils in der Schweiz zubrachte, und während deren er mit des Lebens Sorgen und Nöthen den schwersten Kampf zu bestehen hatte, schuf er seinen „Tristan und Isolde" und „Die Meistersinger von Nürnberg." Im 17. Lebensjahre, zu seinem Geburtstage am 25. August 1861, hatte der damalige Kronprinz, unser König Ludwig II., als erstes Theaterstück den „Lohengrin" gesehen — erzählt Ludwig Nohl im 5. Bd. seiner „Musikerbiographien" — und dann voll Begeisterung auch nach den übrigen Werken dieses Meisters gefragt. Sein stilles Gelübde war, diesem „Einen" seine Hand zu reichen, sobald er König sei. Nach dem raschen Tode Maximilian's II. war auch eine der ersten Negierungshandlunaen des jungen Königs die Berufung des begeistert verehrten Künstlers. Bald war Richard Wagner in München. Nach der ersten Audienz äußerte sich Wagner: „Er hat mich wie mit einem Füllhorn überschüttet! Das Undenklichste und doch einzig mir Nöthige ist völlig Wahrheit geworden. Im Jahre der ersten Aufführung meines Tannhä users gebar mir eine Königin den Genius m e i n e s L e b e n s. Er i st mir vomHimmel gesendet, durch ihn bin und verstehe ich mich." Und der König bewahrte dem Dichter seine Gunst und Freundschaft in allen Wechselsüllen bis zu dessen Tode. Richard Wagner hat diese Huld und Freundschaft eines Königs auch als seinen schönsten Stern betrachtet und die Größe dieses Glückes dankbar anerkannt. Wenn er seinen Dank gegen den „königlichen Freund" zum Ausdrucke bringen will, da entlockt er den Saiten seiner Harfe die schönsten Klänge und singt er sein schönstes Lied. So sang er im Sommer 1864 „dem königlichen Freunde": O König! holder Schirmherr meines Lebens! Du höchster Güte woimereicher Hort! Wie ring' ich nun, am Ziele meines Strebens, Nach jenem Deiner Huld gerechten Wort! In Sprach und Schrift, wie such ich es vergebens: Und doch zu forschen treibt mich's fort und fort, Das Wort zu finden, das den Sinn Dir sage Des Dankes, den ich Dir im Herzen tröge. Was Du mir bist, kann staunend ich nur fassen, Wenn mir sich zeigt, was ohne Dich ich war. Mir schien kein Stern, den ich nicht sah erblassen, Kein letztes Hoffen, dessen ich nicht bar: Was einsam schweigend ich im Innern hegte, Das lebte noch in eines Anderen Brust; Was schmerzlich tief des Mannes Geist erregte, Erfüllt' ein Jllnglingsherz mit hcil'ger Lust. 144 Du bist der holde Lenz, der neu mich schmückte, Der mir verjüngt der Zweig' und Aeste Säst. Es war Dein Ruf, der mich der Nacht entrückte, Die winterlich erstarrt hielt meine Kraft. Wie mich Dein hehrer Segensgrus; entzückte, Der ivoimestürmisch mich dem Leid entrafst, So wand't ich stolz beglückt nun neue Pfade Im sommerlichen Königreich der Gnade! Schon im Jahre 1867 siedelte aber Wagner nach Triebschen bei Luzern über und vollendete dort die Composition der Nibelungen-Trilogie, die dann an den denkwürdigen Tagen vom 13. bis 17. August 1876 in Bayreuth zur ersten Aufführung gelangte. In demselben Bühnenfestspielhause, das ihm seine Anhänger und König Ludwig erbaut hatten, brachte Richard Wagner dann im Juli des vorigen Jahres auch sein letztes Werk, seinen „Parsifal" zur Aufführung. Wie man sieht, ist die künstlerische Thätigkeit Wagner's Zeit seines Lebens fast ganz auf das Gebiet der Oper oder des Musikdraina's beschränkt gewesen und von seinen sonstigen Compositionen wären nur einige wenige Ouvertüren und Märsche zu erwähnen. Seine gesammelten Schriften und Dichtungen sind 1870—71 in neun Bänden erschienen. In Bayreuth, wo sein größtes Werk zuerst an die Öffentlichkeit trat, hat Richard Wagner mit wenigen Unterbrechungen die letzten Jahre seines Lebens zugebracht. Dort in seiner Villa „Wahnfried" ruhte er aus von den Kämpfen und Mühen seines Lebens, in Bayreuth ist er zur letzten Ruhe gebettet worden, dort „wo sein Wähnen Frieden fand." Nun schläft der müde Tannhäuser. Wohl verstand cr der Harfe Accorde zu entlocken» wie Wenige, wohl hat er in jüngeren Tagen erschaut „den Bronnen, den uns Wolfram nannte"; aber aus seinen letzten Werken sprechen Düsterniß Lüsterniß und Hoffnungslosigkeit des Schopenhauer'schen Dichters und Denkers. Aus Wolfram'S zartem und mildem Epos „Parcival" hat er ein Gleichniß des Hartmann'schen Unbewußten, der pessimistischen Verzweiflung und des excessiven Sinnengenusses gemacht. Das war des Meisters letztes Werk, und darum ist er für Viele der moderne Klingsor geworden. Doch uns dünkt, der Grundton seines Wesens wäre dem des Tannhäusers gleich gewesen, und wer weiß, ob in letzten Tagen nicht an sein Ohr noch der Sang der Pilger von der waldumrauschten Wartburg an sein Ohr gedrungen: >eil! Heil! Der Gnade Wunderheil! L ösung ward der Welt zu Theil! ES that in nächtlich heil'aer Stund' Der Herr sich durch ein Wunder kund: Den dürren Stab in Priesters Hand Hat er geschmückt mit frischem Grün. Dem Sünder in der Hölle Brand Soll so Erlösung neu erblüh'n! Anst ihm es zu durch alle Land', Der durch dies Wunder Gnade fand! Hoch über alle Welt ist Gott Und sein Erbarmen ist kein Spott! Hallelnja! Halletuja! — Miseellei». (Aus dem Konservatorium.) Musiklehrerin: „Was versteht man unter ein« Koloratursängerin?" Schülerin (nach einigem Nachdenken): „Eine Sängerin, bei deren Vortrag man die Cholera kriegt." (Hyperbel.) „Was, die Milch willst Du nicht trinken und nur weil eine Fliege hinein gefallen ist?! Da wurde ich ganz anders erzogen! Ich hätt' meine Milch trinken müssen, und wenn ein Hund hineingefallen wär'!" Für 1>ie Redaktion verantwortlich Alvhons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag d» Literarischen Instituts vou l)r. Max Huttler, ,ur „Äugsimrger Post^kitnng." Nr. 19. Mittwoch, 7. März 1883. Heimathlos. Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann Hi-rschfeld. (Fortsetzung.) „Lassen Sie mich zum zweiten Mal Ihrer wankenden Stärke zu Hülfe kommen, gnädige Frau", sagte der Verwalter. „Noch ist Ihres Sohnes Tod nicht bestätigt und vielleicht wird morgen schon die Nachricht dementirt. Was aber Ihre Nich — — Alida Barfeld wollte ich sagen, betrifft, so können Sie nichts Gescheidteres thun, als der Fieberphantasie ihren Lauf lassen, die sie plötzlich erfaßt. Wir sind es nicht, d-e sie aus dem Hause getrieben und kehrt Herr Oscar, was noch immer möglich, heim, so wollen wir ihr schon die Rückkehr unmöglich machen, wenn nicht das Schicksal uns die Mühe erspart; leicht verlischt in des Krieges Wogen eine Mädchenspur, und an den Schauplatz des Kampfes, wenn mich nicht alles täuscht, gedenkt sich Alida Varfeld zu begeben." „Dies sollte mein Platz sein", rief Frau von Solmitz heftig, „soll ich mich von ihr beschämen lassen? — Noch heute fahre ich zur Stadt, genaue Erkundigungen einzuziehen und morgen —" „Uebercilen Sie nichts, gnädige Frau, ich bürge Ihnen, für Alles zu sorgen", unterbrach sie der Verwalter. „Vielleicht ist der junge Herr nur verwundet und in diesem Falle ein schleunigster Transport in seine Heimath viel angebrachter. Diesen zu beschaffen, sei meine Sache, und wenn Alida Barfeld wirklich bis dorthin gelangen sollte, wo Ihr Sohn gekämpft und gefallen, so ist es besser, daß dieser längst auf dem Wege der Heimath, als daß sie, eine Samariterin der Liebe, mit Ihnen an seinem Lager zusammentrifft» Muth! Muth! gnädige Frau. Sebastian Streland wird Sie auch diesmal den rechten Weg leiten und Sie werdens ihm danken." Als nach einer Stunde Frau von Solmitz mit dem Ausdruck der Fassung den Salon verließ, in dem der Vermalter sie allein gelassen, um sofort zur Stadt zu eilen, nähere Erkundigungen zu veranlassen, händigte der alte Diener ihr einen Brief des Fräulein Alida Barfeld ein; er enthielt wenige Zeilen: Die Bitte, ihre wenige Habe an arme Dorfbewohner zu vertheilen und einen Abschied auf Nimmerwiedersehen. „Fräulein Barfeld", erzählte der Alte ungefragt, „habe bleich zum Erschrecken ausgesehen und bei dem Krugwirth ein Fuhrwerk bestellt, mit dem sie vor einer halben Stunde zur Stadt gefahren, ein kleiner Koffer, in der Eile gepackt, sei Alles gewesen, was sie mitgenommen." Frau von Solmitz hörte ruhig zu, aber als der Alte schüchtern die Frage zu äußern wagte, ob wohl dem jungen gnädigen Herrn etwas zugestoßen, erwiderte sie: „In diesem Falle wäre es nicht Fäulein Varfeld, die nöthig hätte, das Schloß heimlich, in aller Eile zu verlassen; wenn sie es that, muß sie wohl ihre Gründe gehabt haben und ich wünsche, daß ihr Name nicht weiter in meiner Gegenwart genannt, noch ihres Andenkens erwähnt werde. Diesen meinen festen Willen mögt Ihr der übrigen Dienerschaft mittheilen und entlassen ist, wer ihm zuwiderhandelt!" 146 Drei Tage verstrichen in peinlicher Aufregung, gewitterschwül wie die Athmosphäre lagerte es über dem Hause Solmitz. Das Gerücht, das nimmer rastende, das seine Schatten durch alle Hüllen wirft, mit denen man den Thatbestand selbst zu verschleiern sucht, war nicht müßig gewesen, und hatte rasch in Schloß und Dorf die Kunde verbreitet, daß ein Unfall den Erben des Hauses betroffen. Nähere Erkundigungen einzuziehen, war unmöglich, denn die Gutsherrin kam nicht aus ihrem Kabinet hervor und Streland, der Verwalter, der seine Tage auf der Landstraße zwischen der nahen Kreisstadt und dem Gute verbrachte, wich jeder Frage aus. Am dritten Abend ließ er sich bei Frau von Solmitz melden; es war bereits dunkel geworden, und die mit einem Schirm bedeckte Kuppellampe brannte auf dem Schreibtich der Schloßherrin, das Licht warf eben seinen Schein auf Frau von Solmitz und unwillkürlich drängte sich dem Verwalter die Bemerkung auf, daß diese kurze Spanne Zeit "nngereicht habe, die Züge der Dame zu verändern; es war, als ob ein milder Hauch arüber gegangen und das sonst so kalt und streng blickende Auge war geröthet wie von vergossenen Thränen. Stumm heftete sie ihren Blick auf den Verwalter, erst als Streland schwieg, als suche er nach einer Einleitung seines Berichtes, fragte sie: „Sie haben Nachricht, reden Die, mit einem Schlage die fürchterlichste Qual eines Mutterherzens zu enden — die Ungewißheit; hat man Nachrichten über den Verbleib meines Sohnes, ist er todt?" „Danken Sie mir, gnädige Frau, wenn ich Sie vor übereilten Schritten zurück hielt", erwiderte der Verwalter, der gern die Wichtigkeit seiner Person in den Vordergrund stellte, „nie war Ihre Anwesenheit auf Solmitz, abgesehen von der Ceremonie der Todeserklärung Leopold's von Bernau, deren Termin in vier Wochen abgelaufen, nöthiger 'ls jetzt. Gnädige Frau, Ihr Sohn, Oscar von Solmitz, ist gefunden; für eine Leiche hielt man ihn, da hülfreiche Johanniter den leblosen Körper vom blutgetränkten Boden erhoben, aber schon im Begriff, ihn der Erde zu übergeben, entdeckte man, daß sich noch der Athem rege in der durchschossenen Brust." Wie ein Aufjauchzen drang eS aus Frau von Solmitz Brust empor. „Er lebt?" „Ja, er lebt und mehr noch, seine Wunde, obwohl schwer und ernst, gestattet den Transport; schon ist er unter sorgsamer Hut auf dem Wege hierher und in wenigen Tagen können wir ihn auf Solmitz erwarten." „Mein Sohn!" Wie ein Heller Glanz flog es über der Mutter Antlitz, aber es war die letzte Regung der weichern Stimmung, die sich ihrer bemächtigt hatte, seit die verhängnißvolle Kunde mit dem bedeutsamen Zeichen zusammentraf, als ihr der jung» schwärmerische Mann beim Abschied verheißen. Nun, da sie wußte, daß er lebte, schämte ''sie sich fast ihrer Schwäche. „Es soll alles zu meines Sohnes Empfang vorbereitet werden", sagte sie, „und mit Gottes Hülfe dürfen wir ihn ganz der Genesung zurückgeben, nur eines, Streland, eines macht mir bei seinem excentrischen Charakter Sorge; nicht alles findet er auf Solmitz wieder, wie er es verlassen, wenn er nach Alida fragt, nach ihr verlangt? —" „So tritt die Baronesse Ebersdorf an sein Lager und in Kurzem wird die Seifenblase seiner Jugendideale verschwunden sein, wenn Sie sich ferner meiner Leitung unterziehen. Ein Kranker kann nicht immer ungeschminkte Wahrheit vertragen, nicht seinetwillen muß Alida das Haus Solmitz verlassen haben, sondern um der Weisung zu folgen, die dieser Brief des Oberlieutenants von Alten enthielt und den er ihr zu übergeben mir am Tage seines Scheidens anbefohlen." „Sie haben ihn geöffnet?" fragte Frau von Solmitz lebhaft. „Ja", entgegnete Streland, „denn der ihn geschrieben, ist nicht mehr. Soeben bringt der Telegraph die sichere Kunde, daß der Oberlieutenant von Alten bei einem Eisenbahnunfall verunglückt und als Leiche gefunden ist. Dieser Brief aber enthält die beschwörende Bitte an Alida Barfeld, unser Haus, 147 das ihr kein Glück zu gewähren vermag, zu verlassen und sich in den Schutz seiner Schwester, einer verwittweten Schloßherrin im südlichen Frankreich, zu begeben, die er von allem unterrichtet. Dieser Brief, sorgfältig wieder geschlossen und sobald es deS jungen Herrn Zustand erlaubt, ihm eingehändigt, wird ihn Alidens Verschwinden rasch vergessen lassen und sollte sie wirklich nochmals den Solmitz'schen Boden betreten, sei eS unsere Sorge, sie den Sohn des Hauses als glücklichen Gatten der Baronesse Fanny von Ebersdorf antreffen zu lassen." „Sei es, wie Sie vorgeschlagen", erwiderte Hermine, „so tief bin ich von der Schuld umstrickt, daß eine mehr oder weniger in der Waage nicht zählt. Ach, Streland, es ist doch immer meine Nichte, ist meines Bruders Kind, die ich hilflos und allein weiß in der Welt, inmitten eines Chaos entfesselter Leidenschaften. Wenn es wirklich eine Vergeltung gäbe und Leopold von Bernau sie einst am Throne des Weltenrichters — — doch komme es wie es will. Oscar ist frei von aller Schuld und der Erbherr auf Solmitz braucht nicht von einer Proletarirrtochter sein Glück zu empfangen." 3. Kapitel. Ein wüstes Durcheinander herrscht in Pont L Mouffon; einig« Tage vorher war jene entscheidende Schlacht geschlagen, die das Schicksal der Festung Metz besiegelt«. Mit blutig schweren Opfern war der; Sieg errungen und ein nur allzusichtbares Zeugniß legte der Ort davon ab, in dem sich das Hauptquartier des Königs von Preußen befunden; jedes nur einigermaßen bewohnbare Gebäude war zum Hospital eingerichtet, an allen Ecken und Enden begegnete man Gestalten des Leidens in Körben und auf Bahren, theils zu den iniprovisirten Heilstätten, theils zu den Eisenbahnzügen geleitet, die sie weiteren Pflegestätten zuführen sollten. Aber auch das minder trübe Bild des Krieges fehlte nicht, zwischen allem Elend, allem Jammer tönte das wirre Durcheinander der verschiedensten Stimmen, Fouragewagen und Kanonen rasselten, in unaufhaltsamer Reihenfolge und in bunter Menge schwirrte und wirrte es durcheinander von Johannitern, Ordonanzen, barmherzigen Schwestern, Geistlichen und allen Repräsentanten des endlosen Gefolges, das sich Humanitätszwecken geweiht oder durch Geschäftsinteressen veranlaßt, der kriegerischen Wolke anschließt, die verderbenbringend dahinbraust. Inmitten alles Menschentreibens stand ein junges Mädchen in einfach hochreichendem Kleide, einen kleinen Handkoffer im Arm, einsam und rathlos da, es war Alida Barfeld; sie hatte nicht Rast gehabt noch Ruhe, zu den blutgetränkten Feldern der Ehre hatte es sie getrieben, um, falls es ihr nicht vergönnt sein solle, ihn lebend, wenn auch verwundet, wieder zu finden, und seiner Pflege sich zu weihen, den Boden mit ihren Thränen zu netzen, der seine irdische Hülle deckte, ehe sie ihr junges Dasein in irgend einem stillen Erdenwinkel begrub. Einer Gesellschaft grauer Schwestern hatte sie sich angeschlossen, die gern und willig das junge Mädchen in ihren Schutz genommen hatten. Bis hierher war sie glücklich mit ihren frommen Begleiterinnen gelangt, aber die Verwirrung, die ringsum herrschte, das unbeschreibliche Gedränge hatte sie von ihnen getrennt und soeben noch war es ihr gelungen, zu erfahren, daß ihre Beschützerinnen in Folge erhaltener Weisung Pont L Mouffon schon wieder verlassen, um sich nach Weißenburg zurück zu begeben. Viel hatte sie nach dem Regiment gefragt, in dem Oscar von Solmitz gestanden, dasselbe war bereits in weiter Ferne; wo es augenblicklich stand, wußte keiner genau dem jungen Mädchen anzugeben und über Oscar selber vermochte sie eine zuverlässige Kunde nicht zu erhalten. Trostlos stand sie da; jetzt allein auf sich angewiesen, trat erst das „Warum" und das „Wohin" an ihre Seele; die ganze Abenteuerlichkeit ihres Unternehmens war ihr »nt einem Schlage klar geworden. Wenn es ihr wirklich gelang, Oscar aufzufinden, obwohl sie fest von seinem Tode überzeugt war, mit welchem Recht sollte sie seine Pflege beanspruchen, wenn er verwundet, mit welchem Vorwand gar ihm gegenüber treten, wenn er unverletzt geblieben und nur ein Zufall war, was sie in ihrem überreizten Nervenleben für ein Zeichen des Schicksals gehalten? Da tönte der Ruf einer Mannesstimme an ihr Ohr, die mit dem Ausdruck der höchsten Ueberraschung ihren Namen nannte; so schwach sie immer war» diese Stimme war ihr nicht fremd und sich hastig umwendend, gewahrte sie auf einem von zwei Wärtern getragenen Krangenstuhl Paul Halsen, den Waffengefährten und treuen Diener des jungen Herrn von Solmitz. Durch die Menge sich Bahn brechend, eilt sie zu ihm hin. „Gelobt sei Gott!" rief sie, „Ihr seid es, Paul — Ihr lebt — o gebt mir Auskunft, was ward aus Oscar? —" „ArmeS Fräulein", sagte der Müllerssohn theilnehmend, „gewiß sendet Euch die gnädige Frau, und ich mit meinen zerschossenen Füßen kann Euch nicht schützend zur Seite stehen in all' diesem Trouble, kehrt heim, Fräulein, kehrt heim, es ist alles, alles aus." Ein Nebel schwamm vor Alidens Blicken, sie hörte nicht das Wogen und Brausen um sich herum, sie horchte nur auf des Soldaten Worte. „Er ist todt?" wie ein Hauch kam es über ihre Lippen. „Er fiel an meiner Seite, fast gleichzeitig mit mir getroffen, ich kämpfte mit dem eigenen furchtbaren Schmerz ihm zu helfen. „Eine Kugel hatte die gute treue Brust durchbohrt, aber es half alles nichts, die Nacht b^-ach an, man hat uns nicht gefunden und wir lagen hinter einer Hecke zwischen mehreren gefallenen Kameraden. Lassen Sie es gut sein, Fräulein, was soll ich Ihnen viel erzählen, ich sah sein Auge brechen, da schwand auch mir die Besinnung und als ich erwachte, lag ich in einer Ambulante; vierundzwanzig Stunden waren verstrichen; von meinem jungen gnädigen Herrn aber mußte keiner etwas mehr, den haben sie wohl auf dem Felde der Ehre eingescharrt." Der arme Bursche weinte bitterlich bei diesen Worten, aber keine Thräne entrann Aliden's Augen. Was ihr als gewiß gegolten, war durch Paul's Erzählung nun zur unumstößlichen Thatsache geworden. Oscar von Solmitz, der Jugenvfreuno, der Geliebte, war todt, was brauchte sie bessere Zeugen? „Man will mich nach Berlin zur Heilung schicken", fuhr Paul Halsen fort, „ich möchte nicht eher in meiner Eltern Haus wiederkehren, als bis ich, wenn auch an Krücken, zu Ihnen durch die Thüre marschiren kann; doch meine Freunde, die Krankenwärter, werden ungeduldig, sie haben noch viel zu thun, darum Gott befohlen und auf ein fröhliches Wiedersehen. Die Träger, die schon lange sichtliche Zeichen der Ungeduld hatten merken lassen, die zu äußern nur der Respekt gegen das junge Mädchen sie zurückgehalten, hoben den Verwundeten empor und brachen sich Bahn durch das Gewühl. Alida beachtete kaum, daß sie auf's Neue allein stand, ein führerloses Fahrzeug inmitten tosender Meereswogen. „Bist Du eine gute Schwester?" Schüchtern klang eine Kinderstimme an das Ohr des jungen Mädchens und eine leichte Hand berührte den Sanm des Kleides der Waise; „bist Du eine gute Schwester?" fragte dieselbe Stimme noch einmal, da Alida, in ihrer Starrheit versunken, nicht einmal vie Augen vom Boden erhob. Nun schreckte sie auf; vor ihr stand ein kleiner etwa achtjähriger Knabe, rosig und blondlockig, er war es, der die Frage gethan hatte. „Was willst Du, mein Kind?" ohne zu wissen, daß sie redete, kam es von Alidens Lippen. — „Wir sind Deutsche, gute Schwester und nicht geflohen", sagte der Knabe fast stolz; „wir wollten unseren Landsleuten beistehen und haben sechs Verwundete im Hause. Der kranke Herr aber, aus Amerika, will sterben und möchte gern eine von den guten Schwestern sehen, da bin ich auf den Markt gelaufen, Dich zu holen, nicht wahr, Du kommst mit zu dem armen blinden Mann, der nicht einmal ordentlich deutsch sprechen kann und weit, weit her ist aus Amerika." Wie ein elektrischer Funken schienen des Knaben Worte der Seele des jungen Mädchens neue Spannkraft zu geben. „Ein Leidender, ein Sterbender bedarf des Trostes, vielleicht mehr des Trostes der Eieele, als Linderung der körperlichen Schmerzen." Konnte sie zögern, eine heilige Pflicht 149 zu erfüllen, sollte sie vielleicht eine Seele verderben sehen, um der Verzweiflung eines Todten willen, den sie nimmermehr zum Leben erwecken konnte? Ein hoher Entschluß tauchte in ihr auf. Dem Dienst des Leidens wollte sie sich weihen, unablässig Tag und Nacht, so wollte sie Oscar's Andenken in Ehren halten, und im Innern an ihn jene Stunden verbringen, die ihr als Muse nach der beschwerlichen Aufgabe übrig bliebe», die sie sich zum Ziel gesetzt. Und jetzt schon sollte die Mission begonnen werden; wie ein Himmelsbote erschien ihr der liebliche Knabe. „Ich komme", sagte sie rasch entschlossen, „zeige mir den Weg, mein Kind." (Fortsetzung folgt.) Das Kostümfest im königlichen Schlosse in Berlin. Ueber den am 28. Februar im weißen Saale des kgl. Schlosses in Berlin statt- gehabten kostümirten Festzug zur Nachfeier der silbernen Hochzeit des kronprinzlichen Paares entnehmen wir der „Franks. Ztg" folgenden Bericht: Mendelssohns für Gelegenheiten dieser Art klassisch gewordener Hochzcitsmarsch zum Sommernachtstraum bildet die von der Höhe des Orchesters herab tönende musikalische Introduktion. Dann folgt im Saale selbst ein schmetternder Trompelentusch. Er ent- schallt den silbernen Instrumenten an den Lippen der vier stattlichen Trompeter, die in farbenreichen Kostümen, wie sie bei mittelalterlichen Tournieraufzügen üblich waren, den Zug eröffnen. Ihnen folgen zwölf zu drei Reihen angeordnete Herolde in ähnlicher Tracht. Gravitätisch aufmarschirend, nehmen sie Frontstellung in einem Gliede den fürstlichen Herrschaften gegenüber. Nunmehr tritt der von zwei weiteren Herolden in den Saal geleitete Sprecher (Hauptmann von Hülsen) vor. Er trägt das Kostüm jüngerer Kavaliere aus der florentinischen Glanzzeit, das seine jugendlich schlanke und elastische Erscheinung trefflich kleidet. Die Musik verstummt. In beschwingten Dactylen hebt der Prolog Ernst von Wildenbruch's an und zieht eine Parallele zwischen den festlichen Empfindungen vom 25. Januar 1858 und von heute. Dann nimmt der Zug seinen Fortgang. Eine prächtige Patrona sdame in Nothsammet mit Silber (Gräfin Szächönyi), geführt von einem Kavalier in der karmoisinrothen langen faltigen Seidenrobe der venetianis.be n Senatoren, das Haupt mit einem tleinen rothen Käppchen bedeckt (Graf W. Pourtales), schreitet als Patronatsdame dem Zuge Friedrichs !l . voran. Dieser deutsche Kaffer selbst, dem die Geschichte den Beinamen des Schönen gegeben hat, wird durch den Groß- hrrzog von Hessen dargestellt, der die Prinzessin Friedrich Karl als Repräsentantin der gefeierte» Eleonore von Portugal an der Hand führt. Sie trägt eine Nobe von purpurrothein Sammet, deren Hüfttaille mehr als handbreit mit Hermelin verbrämt ist, der zunächst den eckigen Halsausschnitt umgibi, über der Mitte der Brust sich zu einem einzigen breiten, in der Taillengegend sich verengenden Streifen verbindet und nach und nach unten den Abschluß der Taille bildet. An die Schulterpuffen der engen, mit goldenen Spitzenmanchetten abschließenden Aermel reihen sich lang herabwaUende Oberärmel von schleierdünnem weißen Seidenstoff. Ueber dem schlichtgescheitelten dunklen Haare wölbt sich ein Diadem von Gold und Brillanten auf purpursanrmslner Unterlage. An ihm ist ein langer Schleier befestigt, unter welchem der durch ein Netz von feinen Silberfäden zusammengehaltene Haarschmuck des Hinterhauptes sichtbar wird. Zwei zierliche Pagen tragen die gewaltige Schleppe des aus Hermelin und Golobrokat gefertigten Mantels. In rothen Kostümen mit den Emblemen ihres Gebieters geschmückt, eröffnen Schwert- und Schildträger den Zug des Erzherzogs Maximilian (Prinz Albrecht), der in blauem Gewand mit silbernem Schuppenpanzer und purpursainmetnem Mantel mit Her? mclinbesatz erscheint. Zu seiner Seite schreitet Maria von Burgund (Prinzeß Albrecht), das Haupt von der charakteristischen Flügelhaude bedeckt. Ihr folgen drei Prinzessinnen (Elisabeth und Victoria von Hessen und Louise Sophie zu Schtesivig-Holstein) — 150 — als Brautjungfern, die jene hohen, dütenartig zugespitzten Hauven mit oben angehefteten Schleiern tragen, wie sie damals in Frankreich für höfische Frauentracht beliebt waren. Ein reiches Gefolge von Damen und Kavalieren schließt diesen Zug. Die nächste Abtheilung eröffnen der Kurprinz Joachim von Brandenburg und die Markgrafen Albrecht und Kasimir desselben Fürstenhauses (Erbgroßherzog von Baden, Prinz Friedrich Leopold und Prinz Wilhelm von Hohenzollern). Ihre Kostüme sind nach gleichzeitigen Gemälden und Nelief's angeordnet. Die burgundischen und italienischen Trachten ihres männlichen und weiblichen Gefolges scheinen an Pracht der Farben und Echtheit des Schnittes die vorangegangenen Abtheilungen noch überbieten zu wollen. Namentlich gilt ersteres von dem pompösen dunkelrothen Burgunder Kostüm des H erzogS von Iülich (Herzog von Natibor) und letzteres von den Anzügen der Patrizier und Patrizierinnen von Gent und Brügge, die diese Abtheilung beschließen. Alle bisher geschilderten Gruppen gelten als Vorhut des Zuges der Königin Minne. Den Kern desselben eröffnen nunmehr zwei jugendliche Kavaliere, denen unmittelbar der Triumphwagen der holden Märchenkönigin selbst folgt. »Wagen" ist freilich nur die technisch richtige Bezeichnung. Dem äußeren Anscheine nach naht die Fürstin auf einem beweglichen Thron, den sechs junge Kavaliere auf den Schultern tragen. Nur zur Erleichterung für diese und zur größeren Sicherheit für die Thronende ist das Gerüst auf Räder gestellt, die jedoch von herabhängenden Teppichen völlig verdeckt werden. — Prinzessin Wilhelm, der die Rolle der Königin Minne vorbehalten blieb, ist, obgleich seit zwei Jahren zu den Frauen zählend, dem Aeußern nach noch heute eine jungfräuliche Erscheinung, und jungfräulicher noch als sonst erscheint sie in der lichten duftigen Toilette, die sie bei dieser Gelegenheit trägt. Dieselbe besteht aus einer blaßrosafarbenen Robe, über welche eine Tunique aus Hellem millestleures-Stoff fällt, der im Ensemble den Eindruck eines blassen stahlbläulich angehauchten Silbergrau macht. Die ziemlich tief ausgeschnittene Spencer-Taille ist ihrer ganzen Ausdehnung nach mit Arabesken von Brillanten und anderen kostbaren Steinen besetzt. Den Oberarm bedecken weite, offen herabhängende Aermel von elfenbeinartigem Tüll. Das blonde Haar ist oberhalb der Scheitelgegend zu einem einfachen Knoten geflochten, von welchem aus es frei über den Nacken herabwallt. Ein Kranz von Rosen, die das blasse Rosa der schlichtesten Centi- folien zeigen, liegt leicht auf der durch dichten Haarwuchs begünstigten Frisur und wird von einem Brillantendiadem überragt. Mit ebensolchen Rosen ist die Tunique aufgerafft und an den Schultern unter Zuziehung schmaler himmelblauer Bündchen, deren Enden herabflattern, der Goldbrokatmantel befestigt. Der Thron der Königin Minne ist von einem muschelartig gewölbten Baldachin überragt, der von schlanken goldenen Renaissance- Säulen, die einige Verwandtschaft mit Thyrsusstäben haben, gestützt wird. Nebenher schreiten sechzehn rosenbekränzte Pagen in der an den provencalischen Liebeshöfen üblich gewesenen Tracht. Sie tragen auf hohen goldenen Stangen ebensolche Blumenkörbchen, deren je zwei durch grüne Festons mit einander verbunden sind. Indem sie so den Thron rings umgeben, entfaltet sich das Gesammtbild eines grünenden und blühenden Frühlings, der sich an goldenen Schmuckgerüsten emporrangt. Nachdem der Thron der Liebeskönigin gegenüber den Thronen der Gefeierten Aufstellung genommen hat, gruppiren sich sechzehn Paare zur Minne-Quadrille. Die vier ersten Paare, an deren Spitze die Prinzessin Friedrich von Hohenzollern und Prinz Eduard von Anhalt stehen, tragen Maigrün und Violett mit Silber, das 'bei den Herren in Gestalt von Schuppenpanzerärmeln vertreten ist. Vier weitere Paare, deren Herren als Troubadours erscheinen, tragen Hochroth mit Grün. Dann folgen vier in florentinischem Stil geharnischte Kavaliere und Damen in Roth und Lachsfarbe mit Silber. Die letzten vier Paare endlich erscheinen Blau mit Gelb. Herren wie Damen haben ihre Baretts, Helme, Häubchen oder offenen Haare mit Rosenkränzen umwunden. Nachdem die Klänge der von Kapellmeister Hertel melodisch komponirten Minne- Quadrille verhallt sind und die Minnekönigin mit,ihrem Gefolge wieder abgezogen ist, 151 — eröffnen vier Trompeter und zwei Herolde den englischen Zug. Dann folgen Kammer« Herr und Patronatsdame (Lady Amthill), sechs BeefeaterS und der Hofmarschall, sämmtlich in der Tracht des Hofstaats der Königin Elisabeth von England. Für diese interessante historische Gestalt hat sich in der Gräfin Udo zu Stolberg-Wernigerode eine so geeignete Vertreterin gefunden, daß man sich versucht fühlen könnte zu glauben, eS sei für die Dame die geeignetste Rolle gesucht und gefunden worden. Das schmale, längliche Gesicht, das scharf geschnittene Profil, die hohe Gestalt, der entschlossene Ausdruck, das hoch aufgebundene röthlich blonde Haar, auf dem das rothgefütterte goldene Krönchen sich prächtig ausnimmt, — Alles stimmt haarscharf mit dem uns überlieferten historischen Bilde der energischen Königin überein. In den ersten Reihen der englischen Quadrille, deren Musik nach altenglischen Motiven orchestrirt ish tanzen Lady Ampthill, Prinz Wilhelm, Prinzessin Victoria rc. Die Erbprinzeß Sachsen-Meiningen und die Prinzessinnen Sophie und Margarethe weilen, von einem indischen Schirmträger begleitet, als Prinzessin von Navarra mit ihren Töchtern als Zuschauer unter den Gästen der Königin von England. Und nun folgt ein Neigen jugendlicher Damen, die mit ihren Querscheiteln, mit den blonden Löckchen die Stirn und Wangen umrahmen, den zartfarbigen Schnebbtaille» und vorn getheilten breit bordirten Roben, den bauschigen Aermeln rc. uns einerseits an die lieblichsten Portrait-Gemälde Van Dyck's, andererseits an Thekla im Wollenstem, wie ihre Bühnenerscheinung durch die Meininger eingeführt worden ist, gemahnen. Es sind die Damen der deuschen Quadrille, die in die Jugendzeit des Großen Kurfürsten verlegt ist und den Schluß des höfischen Aufzugs bildet. Um denselben haben sich als künstliche Leiter Graf Harr ach, August von Heyden, die Professoren Döpler, Gentz und Edwald, die Maler Lulvos und Skarbina, sowie für den plastisch ornamentalen Theil die Architekten Kayser und von Groß heim verdient gemacht. Zur ganz ausschließlichen Richtschnur aber wurde das echt historische Gepräge für die Gestaltung des nunmehr folgenden Künstlerzuges, der seinen Namen in doppelter Bedeutung trägt. Erstens sind die Betheiligten durchgehends ausübende Künstler und zweitens stellen sie eine aus verschiedenen Nationalitäten zusammengesetzte Künstler- Deputation aus den Blüthenzeiten der Hochrenaissance dar. Als stattlicher Hauptherold schreitet ihm Maler Prell, der Schöpfer der Fresken im großen Gesellschaftssaale des Architektenhauses, voran, geleitet von zwei jugendlichen Nebenherolden, einem deutschen und einem englischen. Dann folgt ein schwarzgekleideter Magister der Musik (Professor von Hertzberg) als Anführer und Dirigent von fünfzehn Knaben vom königlichen Dom- Chor, die rosenbekränzt im Stile reformationszeitlicher Maienfeste erscheinen und eine von Mendelssohn für doppelten Diskant und Alt kompouirte Festhymne singen, die a eupolla den Aufzug der Künstler begleitet. Fricke, hier nicht als Sänger der Hofoper, sondern als achtbarer Landschaftsmaler, der er ebenfalls ist, eingereiht, trägt das Banner der Künstlerschafl mit den drei silbernen Schilden auf blauem Grund, begleitet von zwei Marschällen (Bildhauer Schweinitz und Maler Nheinemann), welche die Enden der silbernen Bannerschnüre fassen. Ihm folgt die deutsche Künstlerschaft aus den Zeiten eines Peter Bischer, dessen Person durch Professor Siemeriug treffend genug charakterisirt erscheint. Dieser Abtheilung folgen die nicht minder charakteristisch kostümirten Professoren Karl Becker und Scheurenberg als erster und zweiter Vorsitzender des Vereins Berliner Künstler und Anton von Werner als Präsident des Festkomitös. Sodann wird auf rothgepolsterter Tragbahre, die an der Vorderseite mit dem preußischen Adler, an der Rückseite mit dem englischen Wappen dekorirt ist, das Festgeschenk der Künstler, ein über einen Nieter hoher Pokal, herbeigebracht und vor dem gefeierten Paare niedergesetzt. Dieser „Willkomm", wie unsere Vorfahren solche Humpen, in denen der Begrüßungs- trunk verabreicht zu werden pflegte, nannten, ist aus dem Zinn einer Unzahl von den Malern gesammelter Oelfarbenknpseln gegossen und hat ganz das Ansehen eines schönen vioil ui^ent erhalten. Bildhauer Herter hat ihn unter Mitwirkung von C. Bieber — 162 - auf eigene Kosten modellirt, H. Glaoenbea u. Sohn ebenso gegossen. Auf hohem Fuß, an dessen Bassis sich zwei in Arabesken übergehende weibliche Halbsiguren lehnen, tragen drei sitzende Männergestalten das eigentliche Gesäß, auf welchem durch ornamental« Umrahmung mehrere theils mit Inschriften ausgefüllte Medaillons abgetheilt sind. Zwei hüben und drüben angebrachte Putten repräsentiren die Bildhauerei und Malerei. An dem stark ausgebauchten oberen Theile des Kelches sind sodann das Allianz-Wappen von Preußen und England, sowie vier reliefirte Allegorien: Erziehung, Arbeitseifer, Kriegs- wissenschaft und Frömmigkeit, und im sechsten Felde die Zahl XXV angebracht. Zwischen diesen sechs Feldern finden noch zwei Greifen Raum, die in ihren Schnäbeln feine Ketten halten, an denen einerseits das Berliner Stadtwappen, andererseits das Künstler- wappen hängen. Den konisch gestalteten, mehrfach gegliederten Deckel bekrönt ein Landsknecht mit fliegendem Banner, eine ebenso kraftvoll konzipirte, als in ihre» Einzelheiten zierlich durchgebildete Gestalt. *) Sobald der von seinem Bildner E. Herter begleitete „Willkomm" niedergesetzt ist, tritt Maler Dielitz vor und spricht einen von Julius Wolfs gedichteten Festgruß, dessen Kern der Satz bildet: Die Form ist Schein, doch Wahrheit der Gehalt. Dann folgt ein Zug italienischer Künstler, denen Gentz als Orientale gesellt, und endlich beschließen die Niederländer den Künstleraufzug und mit ihm den gesammten osfizielen Theil des Festes. In ihren schwarzen Kostümen mit den hohen zugespitzten Filzhüten überaus echt und nobel erscheinend, bilden sie einen durchaus würdigen Schluß. Wenn man nur hinsichtlich der Physiognomien die Phantasie ein klein wenig mitsprechen läßt, so findet man leicht seinen Rubens» seinen van Dyck, seinen Frans Hals rc. heraus. Der Leser selbst dieser einfachen Schilderung, welche sich jeder Ausschmückung enthält, wird mir Recht geben, wenn ich den empfangenen Eindruck zusammenfassend sage, daß dieses Kostümfest nicht leicht seines Gleichen finden wird. Otto Baisch. M i s - e l l e,r. (Boshaft.) Bauer (im Amtszimmer des Negistrators): „Guten Tag, Herr Negistrator!" — Bauer (einige Schritte näher tretend): „Guten Tag, Herr Negistrator!" — Bauer (an das Pult des Negistrator's tretend): „Guten Tag, Herr Negistrator!" — Negistrator: „Donnerwetter, sieht Er denn nicht, daß ich rauche!" — Bauer: „Entschuldigen S', Herr Negistrator, aber ich hab' halt denkt, wenn mer so a groß Maul hätt' wie der Herr Negistrator, könnt' mer rauche, und schwätze' mitanand!" (Der g a l a n t e «T ü r k e.) Einem vornehmen Türken wurde von einer etwas prüden Europäerin die Verwerflichkeit seiner Religion vorgehalten, die jedem Manne erlaube, mehr als eine Frau zu haben. Fein erwiderte er: „Unser Islam gestattet es, damit mir in verschiedenen Frauen die Eigenschaften finden, die bei Ihnen, Madame, alle in einer Person vereinigt sind." (Auch nicht übel.) Einem patrouillirenden Gensdarm machte ein armer Teufel die Anzeige, es sei ein höchst zudringlicher Mensch in seine Wohnung gekommen, der sogar Anstalt treffe, von seinem Eigenthum Einiges mitzunehmen. Der Gensdarm beeilte sich in die Wohnung des Mannes zu kommen, und fand einen — Gerichtsbeamten, der ihn pfändete. (Vorsicht.) Officiersbursche: „Erlauben S' Herr, haben Sie das Inserat: „Krankheitshalber wird ein Pferd verkauft" in die Zeitung drucken lassen?" — Herr: „Jawohl!" — Officiersbursche: „So, dann lasten der Herr Oberlieutenant fragen, ob der Herr krank sei oder der Gaul?" ") Ein getreues Abbild dieses Pokals in Lichtdruck wird nächster Tage im Verlag von Paul Bette in Berlin erscheinen. Für die Redaktion verantwortlich Mphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Or. Max Huttler. Nr. 20. Samstag, 10. März Heimathlos. Eine Erzählung aus längster Zeit von Hermann Hirsch selb. (Fortsetzung.) Der Knabe schritt voran und bald war er am Ziel. Es war das Haus eines Tischlers, in das er Alida führte; das kleine Gebäude trug äußerlich keine Spur der Verwüstung, aber im Innern sah es um desto schlimmer aus, die Einquartirung wechselte von Tag zu Tag und außerdem lagen mehrere Verwundete in den Räumen. Der Knabe öffnete die Thür zu einer hellen Kammer. „Dort liegt der fremde Mann", flüsterte er dem jungen Mädchen zu» auf das dürftige Lager deutend, das an der Langseüe des Raumes, dicht am Fenster aufgeschlagen, „die Mutter ist bei ihm." Eine junge, einfache Frau erhob sich bei dem Eintritt Alidens. „Da liegt der arme Mann", sagte sie leise, ihr entgegenkommend, „er ist typhus- krank, unrettbar verloren und hat nach einer grauen Schwester verlangt; ich glaube, er hat etwas auf dem Herzen, sprecht Ihr mit ihm, ich bin eine schlichte Frau und kann ihn nicht verstehen." Das junge Mädchen näherte sich dem Bette. Auf ihm lag ein bleicher Mann, er mochte etwa in den fünfziger Jahren stehen, sein Haar, wie der volle Bart, der sein bleiches Gesicht umrahmte, war stark mit Grau untermischt, aber die Augen leuchteten in Hellem, fieberhaften Glanz und die geschlossenen Lippen murmelten leise Worte» die Alida als englisch erkannte. Sie trat dem Bett vorsichtig näher und warf einen Blick auf den Kranken, in dessen Züge der unerbittliche Tod bereits sein Zeichen geprägt hatte, ein seltsames Gefühl beschlich sie, da sie des Sterbenden große dunkle Augen mit starrem Ausdruck auf sich gerichtet sah, ihr war's, als seien ihr diese Augen nicht fremd, als habe sie in dieses Mannes Antlitz schon früher geblickt. Der Leidende machte eine hastige Bewegung, als er des jungen Mädchens ansichtig ward. „Ella", murmelte er in englischer Sprache, „Ella, kommst Du schon, mich zu holen? —" „Hier ist eine fromme Schwester, nach der Ihr so inbrünstig verlangtet, nachdem Ihr durch den Beistand des Priesters Euch mit Gott versöhnt. Soll ich Euch mit ihr allein lassen?" Der Kranke neigte das Haupt zum Zeichen der Bejahung, die Frau winkte dem Knaben und verließ das Zimmer. Der Sterbende versuchte sich emporzurichten, Alida unterstützte ihn, ihre Hand zitterte es war das erste Mal, daß sie Hülfe leistete. „Sie sprechen englisch, fromme Schwester?" fragte der Sterbende. „Achtzehn Jahre lebte ich tief in den Prairien Südamerika's und meine Muttersprache ist mir fremd geworden, wenn auch mein Herz an meiner Heimath mit gleicher Treue hing." „Ich verstehe Sie", entgegnete Alida in demselben Idiom, „nur müssen Sie etwas 154 Nachsicht mit mir haben. Vergönnen Sie mir vor allein die Bemerkung, ich gehöre nicht dem Stande an, den Sie wähnten, keine Ordens-Regel bindet mich, allein ich bin ein Mädchen, das sich, nachdem sie alles verlassen, was ihr lieb und theuer auf Erden, dir Aufgabe gestellt den Leiden der Seele, den Leiden des Körpers sich zu weihen, und selber lechzend nach Trost und Hülfe, däuchte es mir eine Fügung Gottes, als eines holden, unschuldigen Kindes Stimme mich an das Bett eines Trostbedürftigen rief. Kann ich Ihnen helfen, kann ich Ihnen dienen, sprechen Sie, je härter die Aufgabe, je dornenvoller, um so mehr des Glückes soll sie mir gewähren." „Armes Kind", sagte der Fremde leise; „so jung, so gut und unglücklich; ist mir noch eine längere Frist des Daseins vergönnt, als ich glaube, denn meine Krankheit ist tödtlich und mein Leben zählt nach M nuten, so wollen wir Leid um Leid tauschen, aber jeder Sterbende ist egoistisch und ich habe noch eine Pflicht, habe noch einen Auftrag zu hinterlassen; nicht ruhig könnte ich sterben, wüßte ich ihn nicht in treue Hand gelegt; nur ein mildes Frauenherz kann mich verstehen, nur ein Weib allein mir verzeihen, was ich an einer der Holdesten ihres Geschlechtes beging. „Und Sie, Kind, Sie werden es, denn wie ein Engel der Milde und Vergebung, von Antlitz ähnlich dem Opfer meines sträflichen Leichtsinnes, erschienen Sie mir, und mit Himmelsglanz erfüllt sich dieser elende Raum.* Er hielt erschöpft inne, aber die Unruhe ließ ihn nicht lange rasten. „Sie sehen einen Elenden, einen Verrüther an: Heiligsten der Erde und des Himmels vor sich", nahm er von Neuem das Wort, „wollen Sie eines Solchen Geständnisse vernehmen, wollen Sie die Aufträge erfüllen, die der Sterbende tief, tief bereuend Ihnen übergeben will?" Empor hob Alida ihre Hand. „Ich will es, so wahr Gott mir helfe", sagte sie feierlich, „armer Mann, daß Sie gelitten, daß Sie gebüßt — das sagte mir die Sympathie, die ich, gleich Ihnen, empfand, als meine Blicke auf Ihr Antlitz fielen. Und jetzt reden Sie, was ein armes» verwaistes Mädchen, das nichts besitzt als einen festen Willen, vermag, es soll geschehen." Der Sterbende streckte die welke, abgezehrte Hand unter der Decke hervor und drückte des jungen Mädchens Rechte. „So hören Sie. Ich stamme aus einen: altadeligen Geschlecht Deutschlands; von Natur gutmüthig, wäre es leicht gewesen, mich zu einen: ehrenwertheu Manne, einem würdigen Mitglied des echten Adels zu bilden, allein man verstand nicht, einen wilden leidenschaftlichen Knaben in Schranken zu halten, das sanfte Joch der Liebe, das nur einer Mutter Hand zu leiten versteht, es fehlte meiner Jugend. Mein Vater kümmerte sich wenig um mein Treiben und meiner Schwester Charakter war so schroff und starr, ,tvie der meine weich unv jeder Regung zugänglich, sei sie gut oder böse. Unser Vater starb früh, meine Schwester verehelichte sich mit einem Edelmanne und verließ mit ihm die Provinz. Ohne Anhalt nur selbst überlassen, gab ich allen verderblichen Leidenschaften mißleiteter Jugend nach und die Schmarotzerschaar falscher Freunde wußte sie zu nähren und von ihnen zu zehren bis sie das letzte Mark aus der Frucht herausgepreßt und hohnlachend die morsche Schnale bei Seite warf." Er hielt inne, kalter Schmeiß trat auf seine Stirn, die Anstrengung des Redens erschöpfte sichtlich seine Kraft. Auf einem Tischchen vor dem Bette stand ein kühlender Trank, Alida benetzte mit ihn: die Lippen des Leidenden und bald öffnete» sich die Augen auf's Neue. Man las in den wachsbleichen Zügen des Sterbenden die feste Willenskraft, mit dem Tode zu ringen, bis er seine Mittheckung vollendet. Rascher fielen die Worte aus seinem Munde, als begreife er, wie kurz die Spanne Zeit sei, die ihm zugemessen, und er wollte sie benutzen. „Nuinirt an Körper und Vermögen, siech und zerfallen, von Gläubigern bedrängt", fuhr er fort, „verließ ich die Residenz, wo ich bisher als Meteor der goldenen Jugend - l55 - geglänzt, wenn auch die eigene Jünglingszeit schon längst hinter mir lag. Ich führte ein unstetes Wanderleben; bei meiner Schwester ein Asyl zu suchen, hätte ich nimmermehr vermocht — eher hungern» eher betteln, als Gnadenbrod empfangen." „Auf meiner Irrfahrt gelangte ich in ein kleines Gebirgsstädtchen Thüringens, es war ein stiller, entlegener Winkel, dort endlich hatte ich Ruhe vor meinen Gläubigern, die mich mit Zähigkeit verfolgten, es war ein traulicher Ort und doch hätt« ich die Ein» tönigkeit des Lebens nicht zu ertragen vermocht, hätte nicht die Liebe meine Verbannung versüßt; zum ersten Male lernte ich, bisher nur von schäumender Leidenschaft berauscht, die wahre innige Liebe kennen; ein schlichtes Mädchen, einer Lehrerwittwe Tochter, hatte meine Seele gefesselt und Frieden in ihre sturmbeivegten Wogen gegossen. „Nur einen Weg gab es aber für mich, den Besitz der Geliebten zu erringen, und ich wählte in allem Leichtsinn diesen Weg, unbekümmert um seine Folgen — ich reichte Ella Härtung, der Tochter des Landschullehrers in einem Neste Thüringens meine Hand, die Hand Leopold's von Bernau und erhob sie zu einem Mitglied eines der ältesten Geschlechter Deutschlands." Abermals trat eine Pause ein, mit zitternder Hand berührte Alida des Sterbenden Stirn, mächtig, mit unbeschreiblicher Regung, ergriffen sie die Worte desselben. Fest preßte er seine Lippen zusammen, er wollte nicht unterliegen, bis er zu Ende war. „Freilich hielten wir die Ehe geheim", redete er weiter, „ich wollte kein Aufsehen erregen, und nach wie vor lebte Ella im Hause ihrer Mutrer, ich wußte, ich konnte auf ihre Verschwiegenheit zählen, um so mehr, da sich die betreffenden Papiere in dem Besitze meiner Gattin befanden und nur der Geistliche des Ortes um unser Geheimniß wußte." „Ein halbes Jahr lang trug ich die Fesseln, die das junge Glück noch unter Nosen- ketten verbarg — aber schon sehnte sich mein rastloser Geist nach Veränderungen, schon erweiterte meine Sehnsucht die engen Grenzen, die ich mir selber gezogen. Auch bis in mein stilles Asyl verfolgten mich meine Gläubiger, sie hofften, sobald sie nur meiner Person habhaft zu werden vermochten, meine Verwandten würden schon meine beträchtlichen Schulde» bezahlen und mich aus ihrer Tyrannei befreien. Da kam der alte Geist der Leidenschaft über mich, der jedes Zwanges spottete» keine Rücksicht kannte und als eines Morgens die Sonne aufging, lag der Rest meiner Baarschaft vor dem Bette Ella's, mich selbst aber fand sie weit, weit entfernt, auf dem Wege nach Hamburg, mein Weib hinter mir lassend und mein Kind, das des Lichtes in ihrem Schooße harrte." „Wehe Euch, wehe Euch", rief Alida bebend. „Ich war nicht schlecht, ich wollte die Einzigen nicht verlassen, an denen mein Herz hing, aber es kam anders; in St. Louis angelangt, erkrankte ich schwer; Monde vergingen, und als ich zu neuem Dasein erwachte, war niir meine europäische Vergangenheit wie ein schwerer, drückender Traum, den ich von mir streifte, erwachend in der wonnigen Luft der Freiheit; mit vollen Zügen erschöpfte ich, am Tage hart arbeitend, in wild durchschwärmten Nächten des Lebens berauschende Genüsse und als ich auch dieser Existenz müde geworden, da flüchtete ich in die unendlichen Prairien, das nimmer löschende Feuer, das mich verzehrte, zu dämpfen in lobender Jagd auf Büffel und Bär, in wildem Kampf der Gewalt und der List mit den Nothhäuten. Sechszehn Jahre ver» gingen so, sechszehn lange Jahre, wie ein einziger Augenblick." „Und was führt Euch nach Europa zurück, was ward aus dem armen Weibe, was aus dem Kinde, das nimmer in des Vaters Antlitz blicken durste?" Fast athemloS brachte Alida die Frage hervor, so seltsam war's ihr, so beklommen, als hinge ihr eigenes Geschick von des Sterbenden Rede ab, und doch war er ihr so fremd. Schwerer hob sich des Sterbenden Brust, keuchender ward sein Athem., „Müde kehrte ich einst von der Verfolgung eines Jndianertrupps in mein Blockhaus zurück, ich fühlte mich abgespannt, beinahe leidend, zum ersten Mal drängte sich das „Warum", die große Frage unseres Daseins, in meine Seele. „Da stiegen sie empor, die Erinnerungen, die lang gebannten, wie drohende Rache- — 156 — > gespenster, da kostete ich alle Schrecken des Schuldbeladenen in der Einsamkeit, ich fühlte mein Blut sieden, wie Bjahnsinn tobte es in meinen Schläfen. Der Cherry, zu dein ich Zuflucht nahm, linderte nicht meine Pein, ich schmachtete nach einem betäubenden Mittel, das ich vor Jahren einst in einer Apotheke gekauft und achtlos in dem Koffer geborgen, den ich aus Europa mitgebracht; vielleicht vermochte es noch zu wirken, wenn ich es .fand. Ich durchwühlte die Effekten, da fiel ein Bild in meine Hand, und meine Blicke hefteten sich darauf, ein Antlitz so rührend, so mild, schaute mir wie bittend entgegen, ein Mund, der nimmer fluchen konnte des Verräthers, fragte so wehmuthsvoll, — was < thatest du? Es war meines Weibes Bild, das Bild meiner Ella." Eine Stille entstand in dem kleinen Raume, lautlos flössen Aliden's Thränen, so weh war ihr's um das Herz, als drohe es, seine Hülle zu sprengen. „Weinen Sie, theures Kind", sagte der Sterbende tief bewegt, „auch meine Zähren flössen, wie ein Felsbach, der, lange zurückgedämmt, die Ufer überfluthet und steiniges Land urbar macht, so schmolzen sie die Rinde meines Herzens, das die Jahre verhärtet — alle besseren Gefühle, die einst darin geschlummert, tauchten mächtig empor, wie in Himmelsklarheit. Heim — tönte es in mir, heim, zu meinen, deutschen Vaterlands, heim zu ihr, zu ihren Füße», Verzeihung zu erflehen, zu meinem Kinde, um es an die Vaterbrust zu drücken. Dieses Bild, es verließ mich nimmer, in jener Stunde entstand der Zauber, der mir ein neues Dasein erschließen sollte." Mit diesen Worten zog er ein kleines Miniaturportrait hervor, das er auf der Brust barg und reichte es dem jungen Mädchen. Durch den Schleier ihrer Thränen schaute Alida auf das liebliche Antlitz — aber plötzlich zuckle sie zusammen, ein erstickter Schrei entrang sich ihrer Brust, ihre Knie versagten ihr den Dienst und halb bewußtlos brach sie am Bette des Sterbenden zusammen. Bernau versuchte sich empor zu richten, aber hülflos sank er auf das armselige Lager zurück. „Um Gottes willen, armes Kind, was bewegt Dich, was ist Dir geschehen?" Mit der furchtbarsten Anstrengung, ihre Erregung zu bemeistern und Fassung zu erringen, raffte sich Alida empor. „Nichts, nichts" — sagte sie hastig — obwohl ihre Stimme kaum vernehmbar war, „ein plötzlicher Schwindel — aber weiter, weiter — laßt wich Alles wissen." „Der Nest ist kurz, ich kehrte nach Thüringen zurück — achtzehn Jahre waren seit meiner Flucht verschwunden, mich kannte Keiner mehr, der Pfarrer, der einst meine Ehe mit Ella gesegnet, war versetzt, eine neue Welt war in diesem Thal entstanden, die Mode hatte es zu ihrem Aufenthalt erkoren und mein Weib fand ich dort nicht; Ella Härtung» so lauteten die Worte der Aelteren im Dorfe, die sich der Lehrerstochter entsonnen, sei eines Schwindlers Beute geworden und bald, nachdem sie einem Kinde das Leben gegeben, und ihre alte, verzweifelnde Mutter unter des Grabes Hügel gebetet, mit dem Töchterchen in die weite Welt gegangen und nun wohl längst verdorben und gestorben." Alida hatte das Haupt wie müde auf den Holzrand des ärmlichen Lagers gelegt. „Verdorben und gestorben", tönte es leise klagend wie ein Echo von ihren Lippen wieder. Der Sterbende legte seine Hand auf das Haar des jungen Mädchens, schon waren die Finger steif und kalt, aber Alida durchzuckte die Berührung, als ob eine Gluth auf ihrem Scheitel brenne. „Ehe ich weitere Nachforschungen begann", fuhr der Sterbende fort, „entdeckte ich mich dem Geistlichen des Ortes, einem würdigen Greise, er versah mich mit der beglaubigten Kopie aller Dokumente, die auf meine Heirath und meines Kindes legitime Geburt — denn einem Töchterchen hatte Ella das Leben gegeben — Bezug hatten. Ich selber theilte ihm meine Muthmaßung mit, daß sich mein Weib, nachdem sie sich von mir verlassen sah, an meine Schwester, deren Name und Aufenthalt ihr bekannt war, gewendet haben mochte; der würdige Pfarrer übernahm es, mir Auskunft zu verschaffen und brachte mir — 157 — > die Kunde, daß auf dem Gute meiner inzwischen verwittweten Schwester ein holdes Mädchen lebe, das dort erzogen sei, die Tochter einer fremden, armen Frau, die gleich nach den. Tage ihrer Ankunft, vor langen Jahren verschied. Es war mein Kind, die Ahnung sagte mir's — als Geduldete, als aus Mitleid Angenommene, lebte sie im Hause ihrer Tante und meine Kenntniß des Charakters meiner Schwester sagte mir, daß ihr * das Band des Blutes, das sie mit der Schutzlosen verband, wohl bekannt sei —" Plötzlich verstummte Bernau, seine Brust hob und senkte sich konvulsivisch — „das < ist der Tod", flüsterte er — „der Tod und ich habe noch nicht vollendet." Ueber ihn warf sich das schluchzende Mädchen. „Nicht sterben darfst Du", rief sie in höchster Verzweiflung, „ohne Deine Seele ganz entlastet zu haben in jene Brust, der Deine Worte ein heiliges Vermächtniß sind. Leopold von Bernau, wenn es ein Mittel gibt, Dich, und sei es nur einen Augenblick, der Lethargie des Todes zu entreißen, es sei gewagt; mit dem grimmen Feinde will ich ringen, daß er nicht eher Hand an Dein Haupt lege, bis ich Dir zurufe: Leopold von Bernau, Du Wilder, Bereuender, im Namen Deiner Gattin, die längst unter grünem Hügel den stillen Schlaf der Ewigkeit schlummert, vergibt Dir Deine Tochter, denn das Kind der armen Wanderin, die Solmitz, das Gut Deiner Schwester erreichte, um dort ihr Ende zu finden, die arme geduldete Waise, die nach längerer Unterredung zwischen Hermine von Dolmitz und der sterbenden Mutter auf dem Schlosse ein kaltes, freudenleeres Asyl fand — ich bin es und küsse Deine Stirn und grüße Dich mit dem heiligsten der Namen, der durch Erden und Himmel klingt: Mein Vater!" (Fortsetzung folgt.) Zur Geschichte des Augsdurger Theaters. Von Klara Reichner. III. Liebhabertheater und Kunstfreunde. Das Jahrhundert, in welchem gar Alles in Augsburg Komödie zu spielen liebte, war das vorige, das achtzehnte. Meistersinger und Handwerker, Studenten und Schüler, Wandertruppen und Liebhaber-Gesellschaften spielte» um die Wette, und die Komödien- spielerei ward in solchem Grade zur Manie, daß Geistlichkeit und hoher Rath sich veranlaßt fand, diese allgemeine Leidenschaft durch Verbote und Beschränkungen verschiedener Art einigermaßen zu verkürzen. Es ist bereits erwähnt worden, daß schon im siebenzehnten Jahrhundert eine Vorliebe für Liebhabertheater unter den Bürgern Augsburgs aufzutauchen begann, welche zu allerlei Konflikten und Verordnungen führte, aber die Liebhaberei siegte doch schließlich über alle Beschränkungen, indem sie sich behauptete, ja, nur noch mehr erstarkte, wenn schon es dabei zuweilen nicht ganz ohne Hinderniß und unliebsame Unterbrechung herging, so z. B», als im April des Jahres 1712, der Gelegenheitsdichter und AugSburger Procurator Wilhelm Merz die liebliche Absicht hatte, dem Magistrat zu Ehren eine von ihm verfaßte Komödie, mit Hilfe von Bürgern und deren Söhnen zur Aufführung zu bringen. Da aber das betreffende Stück gar zu zeitgemäß befunden ward, indem nicht nur vor Kurzem erst verstorbene, hochstehende Persönlichkeiten, sonder» sogar noch lebende, an Ort und Stelle sich befindende Zeitgenossen darin vorkamen, so verbot man das anstößige Stück, und zwar geschah dies am Abend vor der Vorstellung. Das war ein harter Schlag für den Dichter und Unternehmer! — Er verfiel zwar auf den Ausweg, schleunigst sämmtliche Namen umzuändern, und überall für die Aufführung zu petitioniren, allein das half ihm nichts — sein Stück blieb verboten, das schaulustige, Nachmittags um — 3 Uhr zur Vorstellung sich einfindende Publikum mußte ruhig wieder nach Hause gehen, und der Theaterdichter selber wurde auf zwei Tags eingesperrt. Trotz aller dieser Hindernisse aber erlebte er doch die freudige Genugthuung, das Kind seiner Muse und 158 Muße glücklich noch in demselben Monat, wenn auch mit veränderten Benennungen der Personen, in Scene gehen zu sehen. In Mitte des achtzehnten Jahrhunderts findet sich auch bereits das weibliche Geschlecht bei den Liebhabertheatern der Bürger vertreten. — Größtentheils Handwerker und Musikanten waren so industriell gewesen, förmliche bürgerliche Schauspieler-Gesellschaften zu etabliren, so anno l723—38 ein Bortenmacher, welcher auf eigenes Nisico im „Baugarten" geistliche Komödien zur Darstellung brachte, ferner 1744 ein „bürgerlicher Stadt-Musikus", Valentin Wagner mit Namen, dessen Schauspieler aus buntem Gemisch von allerlei Ständen bestanden. Musikanten, die während der Fastenzeit brodlos waren, Studenten, Wasserbrenner und Nachtwächter, nebst Frauen und Töchtern. Auch diese Vorstellungen fanden im „Baugarten-Wirthshaus" statt, und zwar in der ganzen Fastenzeit an jedem Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag um 2 Uhr Nachmittags, an den Sonntagen aber nach der Kirche um 4 Uhr, bei einem Eintrittsgeld von 30, 15, 10 und 6 Kreuzern. Die gespielten Stücke, halb religiös, halb possenhaft, wechselten nur ein einzig Mal, denn man gab während der ersten Hälfte der Fastenzeit: „König Kodrus ein guter Hirt, mit schöner Musik und anderen theatralischen Vorstellungen ausgezeichnet", und in der anderen Hälfte eine Komödie: „Die wunderbare Bekehrung", titulirt. — Nach dem Tode des Unternehmers führte dessen Wittwe sein Werk noch fort, indem sie im Jahre 1747 zuerst eine Komödie: „Unglückseliges Schlachtopfer des Neides in einem Brudermörder vorgestellet" zur Aufführung brachte, und dann als folgendes Stück: »Protasius, ein christlicher Held." — Zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts, in den Jahren 1783, 84 und 85 stoßen wir gar auf eine Liebhaber-Gesellschaft von Patriziern und adeligen Kunstfreunden, welche öffentliche Vorstellungen im Stadttheater gaben, bis der eigentliche Leiter, Baron von Götz, Augsburg verließ und nach München zog. Diese Vorstellungen scheinen eine Art von Ehrenrettung für die von gar Manchem als „sündhaft" erklärte „Komödie" vorgestellt, und außerdem WohltlMigkeitSzwecke verfolgt zu haben; z. B. wurde im Jahre 1784 eine Vorstellung für die Armen, zur Beschaffung von Brod und Holz gegeben, betitelt: „Der deutsche Hausvater oder die Familie", verfaßt von einem Freiherrn von Gemmingen. Außerdem wurden Drama, Lustspiel und Melodram kultivirt. — Ferner sehen wir in den Jahren 1797—1807 „die ledige Gesellen-Congregation" im Jesuitentheater Aufführungen veranstalten, und endlich anno 1833 die sehr in Blüthe stehende, dramatische Liebhaber-Gesellschaft im „oberen Baugarten" sogar Theater im Freien spielen, und zwar am 10. und 12. September auf dem Exerzierplätze, bei Gelegenheit eines acht Tage währenden, landwirth- schaftlichen Festes, dem zu Ehren die Stadt für Unterhaltung aller Art, als: „Wettrennen und Wettlaufen, Klettern und — Theaterspielen" sorgte. Das damals gespielte Stück war ein militärisches Schauspiel: Graf Waltron, oder die Subordination" mit Namen, welches sich besonders gut für die Aufführung im Freien eignete, — die prächtigen Kostüme dazu zahlte die Stadt. Zuweilen geschah es auch in früheren Zeiten, daß Dilletanten und Fachleute sich zu gemeinschaftlichem Spiel zusammenthatcn, oder daß gar Liebhaber-Gesellschaften, gleich wie Komödianten von Beruf, umhergezogen. So „gastirten" in Augsburg am „Katzen- stadel" die ehrsamen Bürger von Kaufbeuren, deren „Schauspieler-Innung" sogar eine so alte war, daß sie 1801 ihr 300jähriges Jubiläum feiern konnte. Sie führten ordentliche Jahrbücher, die bis 1540 zurückreichen, und besaßen seit 1570 ihre „Artikul" und „Ornungen". welche vom Magistrat bestätigt wurden. Auch einen eigenen Theaterdichter nannten die „Agenten" von Kaufbeuren ihr Eigen, in dem Gelehrten Chr. Jak. Wagenseil; — sie bestanden bis zum Jahre 1803. — Noch eine andere „Bürgerschaft" gastirte etliche Male — im August und September 1745 — in Augsburg auf dem Nathhause in einem „erschröcklichen Trauerspihl", mit Namen: „Wie das Leben, also der Tod, oder Chrpsarius, Ein Hochadelicher Herr und dessen unglückseliger Tod." — Es waren die Bürger der „Chur-Bayer'schen Gränitz-Stadt Friedberg", welche diese Tragödien auf- führten, bestehend aus Uhrmachergeselle», einen, Schneider, einem Leistschneider, Drechsler, und als Sängerpersonal einem Schulmeister und Meßner, Stadtmusikanten rc. rc. Auch als 1697 das erste Singspiel in Augsburg zur Aufführung kam, wurden von dem Kapellmeister der reisenden „Oper" auch einheimische Kräfte mitverwendet, das heißt also: „Studenten, Weber, Wasserbrenner, Nachtwächter" und ähnliche „Dilletanten." — Auch später kam es öfter noch vor, daß Theaterliebhaber oder sonstige disponible Kräfte in irgend einer Weise mit zum Komödiespielen verwendet wurden, so z. B. anno 1777 und 1795, als im „Stadttheater" und auf der „Viehweide" das erwähnte Spee- takelstück: „Graf Waltron" mit Hilfe von je 74 und 66 Stadt-Gardisten-Statisten dargestellt ward, ferner als 1806 im Freien auf der Bleiche bei Haunstetten ein großes militärisches Schauspiel mit Schlacht-Manövern und Scharmützeln, betitelt: „Die Schlacht von Austerlitz", oder „Unerforschlich sind des Herrn Wege" von der damaligen Stadttheater-Gesellschaft gespielt wurde, und „einige Herren Theaterliebhaber die Güte hatten, zu ihrem Vergnügen die Anordnungen und das Kommando der vorkommenden Schlacht- Manöver der militärischen Ordnung gemäß zu übernehmen." — Auch 1822 und 1823 wurden, um den Theaterchvr zu verstärken, allerlei städtische Kräfte mitverwendet; junge Hautboisten und Schulgehilfen, während Waisenknaben Alt und Sopran sangen. Aber nicht nur auf solche Weise machten Liebhabertheater und Kunstfreunde sich beim Komödienspielen nützlich — die Zeit der allgemeinen Vorliebe für dasselbe zeitigte auch gar manchen Theaterdichter in der alten Reichsstadt, welcher mit mehr oder minderem Glück und Erfolg geschrieben; — außerdem aber brach ja im achtzehnten Jahrhundert für tue deutsche Literatur jene „Sturm- und Drangperiode" an, fand jener Um- und Aufschwung statt, welcher dem Geschmack eine ganz und gar andere Richtung gab, was namentlich auch auf dramatische Dichtung und dramatische Aufführungen von größtem Einfluß sich erwies. , Mit den, besseren Geschmack aber verschwanden auch von selber jene viele» Dile- tanten-Produktionen, deren Schauspieler zuweilen einfach nur in Straßenröcken, mit Tressen von Goldpapier und Papiermanschetteu ausgeputzt, Komövie spielten, — verschwand auch der Liebling des Volkswitzes, der HauSwurst in seiner ursprünglichen Gestalt, verschwanden auch endlich jene Puppenspiele von damals, bei welchen Handwerker und Mägde die Marionetten spielen und sprechen ließen. Die neue Zeit verlangte doch ihr Recht, und machte dadurch die Liebhabertheater und Kunstfreunde der Vergangenheit mit allem Zubehör zum großen Theil unmöglich, wenn sie einst auch in der That als beachtenswerthe Konkurrenten und Rivalen der Fach-Schauspiele gelten durften. — M i s - e l l s (Korallenfischerei an den Enpverden.) Seither kannte man die Edelkoralle nur aus dem vorderen Mittelmeer; sie wurde namentlich an den Küsten von Nordafrika, wo La Calle und Stora die Hauptsitze sind und an denen von Sardinien und Korsika, neuerdings auch bei Sciacca an der Südküste von Sizilien gefischt. Die Fischer stammen zum weitaus größeren Theile von Torrs del Greco und Nesina am Golf von Neapel. Schon seit einigen Jahren gehen diese aber mit ihren kleinen, aber starken Fahrzeugen auch in den atlantischen Ozean und machen besonders an den Küsten der capverdischen Insel Sän Thiago reiche Ausbeute. Pros. Greesf hat diese Insel neuerdings besucht und die Koralle ganz mit der des MittelmeerS identisch gefunden. Schon 1879/80 wurden gegen 3000 Kilogramm erbeutet, darunter verhältnißmäßig viele von der so geschätzten blaßrotheu Färbung, die im Mittelmeer seltener ist. Seitdem haben sich Gesellschaften zur Ausbeutung der Insel gebildet und sollen sehr gute Resultate erzielt haben» (Wie soll man in Eisenbahnwagen sich schlafen legen?) O-. Outte», ein nahmhafter Arzt, räth den Eisenbahn-Reisenden, wenn sie Schlaf suchen, so zu legen, daß der Kopf gegen die Lokomotive gerichtet ist. In dieser Lage werde das Blut durch 160 die Bewegung des Zuges aus dem Kopf getrieben, was demselben eine» leichteren und ^ ruhigeren Schlaf verschaffe. Wenn man dagegen wie gewöhnlich geschehe, die Füße gegen die Lokoniotive richtete, so ströme das Blut aus dem Unterkörper nach dem Kopfe, verscheuche den Schlaf und bringe in vielen Fällen heftige Kopfschmerzen hervor. Dr. Outten gründet diese Ansicht auf seine eigene Erfahrung und auf die Erfahrung langjähriger Reisenden, welche die von ihm angegebenen Regeln allgemein und längere Zeit beobachteten. Im Fall einer Kollision würde der Kopf einem empfindlichen Stoß ' ausgesetzt sein, während die Füße mit ihren elastischen Sehnen viel weniger darunter leiden. ' (Enttäuschung.) Köchin: „So, mein lieber Fritz, nun laß' Dir's gut schmecken! f Grenadier: Ja, du liebes Jettchen! wo soll ich nur all' die Fourage Hinstecken? — o Gott, wenn doch unser Oberst etwas vernünftiger wäre, dann-Köchin (ihn hastig unterbrechend): Dann ließe er uns heirathen und — — Grenadier: Hm-— ja — auch das; aber vorerst ließe er uns größere Rock- und Hosentaschen machen! - (Die Post zu Gera) erhielt dieser Tage einen Brief zu bestellen mit wörtlich folgender Adresse: An das Nahthaus zu Gera. ich bite in Ab zu geben An Herre Herrmann Wirner Vabrikarbeiter lauker Mensch licht blond Haar den Sommer von Merane niber gezochen ich bite das gehertzte Nahthaus zu Gerna den Wirner zu verlangen und gem, da ich seine Wonung und Luschi nicht weis. Absenter: Emilie K. in Krimitschau." (Disciplin.) Major: „Aber sagen Sie doch, Herr Adjutant, warum stehen wir denn mit den Truppen schon seit zwei Stunden im vollsten Regen, der uns bis auf die Haut durchnäßt hat? Wären wir gleich ausmarschirt, so könnten wir jetzt schon in der neuen Garnison sein." Adjutant: „Wir warten auf den Herrn General; er will uns vor dem Abmärsche erst einen guten Morgen sagen." (Beim Sanitäts-Unte rricht.) Stabsarzt: „An was erkennt man bei einem Soldaten, daß der Tod eingetreten ist?" Füsilier Baudistel: „Wenn er nicht mehr athmet." Stabsarzt: „Gut." Grenadier Schlaue: „Wenn der Puls nicht mehr schlägt." Stabsarzt: „Gut! Und noch weiter?" Musketier Schwitzgübele: „Wenn em a Kanonenkugel de Kopf ra griffe Hat!" (Der Erste.) Dem Fürsten Kaunitz wurde einst nach einer durchschwärmten Nacht, als er sich müde und schläfrig fühlte, ein als fader Witzjäger bekannter Baron gemeldet. „Mein Gott," rief der Eintretende dem schläfrigen Baron zu: „Em. Excellenz gähnen, gewiß hatten sie heute recht langweilige Besuche?" — „O nein," erwiderte Kaunitz; „Sie sind der Erste." (Der gute Hecht.) Frau: „Nun, wie hat Ihnen der Hecht geschmeckt, den ich Ihnen neulich gegeben habe?" , Bäuerin: „Er war ganz gut; aber er Hot uns so arg im Hals gekratzt, mer mußte all worge!" Frau: „Aber, mein Gott, wie haben Sie ihn denn gegessen?" Bäuerin: „Ich hatt'n in die Kartosfelsupp' rein geschnitte." (Irisch.) Ein irländischer Soldat zeigte einer neugierigen Menge seinen hohen Hut der oben von einer Flintenkugel durchbohrt war. „Seht Euch einmal das Loch an," sagte er, „wenn das ein niedriger Hut gewesen wäre, so wäre mir die Kugel gerade in die Stirn gefahren." Nicht gleich. Der Himmel ist nicht immer blau, Die Erd' nicht immer grün, Selbst aus der reichsten gold'nen Au Nicht immer Blümlein blühn. Nicht gleich kann jeder Tag hier gehn, Nicht gleich scheint auch die Sonne, Sonst wär' die Welt nicht halb so schön Nicht halb so süß die Wonne. v. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. zm Nr. 21. Mittwoch, 14. März 1883. Heimathlos. Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann Hirsch seid. (Fortsetzung.) Eine seltsame Veränderung ging i» dem Antlitz des Sterbenden vor» es war, als ob noch einmal der Todesengel seine Flügel senke und Leben und Bewegung zurückkehre, wenn auch nur wie ein flüchtiger Hauch. „Blein Kind — meine Tochter", stammelte er, „des Herzens Stimme sprach zu mir und doch — es kann nicht sein — es wäre zu viel des Glückes — Beweise, Beweise!" „Kennst Du dies Medaillon?" Und vor des Sterbenden Auge hielt Alida das unscheinbare Kleinod, das der Eltern Bild enthielt, „in des unverständigen Kindes Hand drückte es die Hand der sterbenden Mutter, aber so flehend war ihr Blick, so ausdrucksvoll die Geberde, mit der sie die Finger an die Lippen legte, zum Zeichen des Schweigens, daß es tief in meine Seele drang und ich sie verstand. Wie ein Heiligthum, wie eine kostbare Reliquie barg ich die Kapsel, meine Ahnung sagte mir, daß sie meiner Eltern theure Züge enthielt." „I" — sie ist es — ist meine Tochter", rief Bernau, „dies Medaillon war meine letzte Gabe an Ella, sie isUtreu bewahrt, mein Kind, mein theures, geliebtes Kind!" „Alida nennt man mich!" stammelte das junge Mädchen unter Thränen. „Alida", wiederholte der Sterbende selig — „doch noch ist nicht alles gethan — noch sollst Du hören, was geschehen muß. Eine reiche Erbschaft fiel mir zu; meine Schwester vermaltet sie — ich galt für verschollen und nahe ist der Termin meiner Todeserklärung. Eile, eile zu retten." Keuchender ward sein Athem, seine Augen nahmen einen gläsernen Ausdruck an. „Um vor allen Dingen meine Identität noch besser zu beweisen" — stoßweise kam es aus seiner Brust — „ich suchte den Geistlichen selber, der mich getraut, im Felde auf — vor Metz fand ich ihn — alles ist beglaubigt — dort jenes Portefeuille birgt jene Papiere <— aus der Rückreise erkrankte ich, — bis hierher vermochte ich mich zu schleppen — ich sollte mein Kind nicht wiedersehen, glaubte ich, eine Strafe der Gerechtigkeit und nun — —" Er sank zurück, unzusammenhängende Worte entglitten seinem Munde. Verzweifelnd schrie Alida auf, sie preßte ihren Mund auf des Vaters zuckende Lippen, als wolle sie ihm ihren Athem einflößen oder in einem Hauch mit dem Sterbenden vergehen. Die Thür öffnete sich, ein ältlicher ernst aussehender Mann, militärisch gekleidet, trat in Bekleitung der Wirthin des Hauses über die Schwelle. „Das ist der Arzt", erläuterte die Frau, „Herr Doktor Langer, der den fremden Herrn behandelt." Der Arzt trat näher. Einen etwas erstaunten Blick warf er auf das junge Mädchen, als er nach flüchtiger Prüfung des Sterbenden Züge kopfschüttelnd Bernau's Puls befühlte. „Es ist mein Vater! Netten Sie — retten Sie, -aß ich nicht Alles missen muß, was meinem Herzen theuer." „Braves Kind!" sagte der Arzt leise — „meine Kunst ist zu Ende — beten Sie für eine scheidende Seele. Der Herr von Bernau geht hinüber." „Hinüber!" Wie ein Geisterhauch klang es röchelnd aus des Sterbenden Brust. — „Doktor, ich sterbe zufrieden, mein Kind fand ich — seien Sie Zeuge meiner letzten Worte, schützen Sie unumstößliches Recht, legitim ist ihre Geburt — Alida von Bernau, meine Tochter, meine Erbin — —" Ein Kochen, ein Pfeifen, der Athem versagte, nur noch ein Dehnen und das erstarrende Auge brach — Leopold von Bernau hatte geendet. In stummem, thränenlosem Schmerz knieete Alida an des Vaters schnell erkaltender Leiche, — vergebens suchte der gütige Arzt sie zu bewegen, die Stätte des Todes zu verlassen, — an das Todtenbett gebannt, weilte sie bis schon einige Stunden später die Träger erschienen, dem Geschiedenen die letzte Ruhestätte zu bereiten, denn der Krieg kennt keine Rücksicht. Sie sah den hölzernen Brettersarg versinken in die hastig gegrabene Tiefe; kein Kranz, keine Blume war aufzutreiben, die dunkle Grabesnacht zu schmücken, die ihn umfing; mit der ersten Schaufel Erde, die ihre kalte Hand in die schaurige Oeff- nung warf, fielen die ersten Thränen, die Erleichterung der qualvoll gepreßten Brust, und ihr war's, als müsse der Todte, der nun vor dem höheren Richterstuhle seines Urtheils harrte, sie fühlen, als ein Zeichen der Vergebung, der Liebe. Die kurze, einfache Ceremonie war beendet, auf dem prunklosen Erdhügel strahlte die Sonne, fie beleuchtete die Züge Aliden's, denen die Eindrücke der letzten Tage Jahresreise verliehen. Sie beugte sich nieder und nahm eine Hand voll Erde vom Grabe. „Dies bringe ich zur Stätte der Mutter", sagte sie fast laut; „Gräber, wohin ich blicke, Tod, nichts als Tod. Kommen wir zum Abschluß mit den Lebenden. Dem Andenken ihres Vaters ist Alida von Bernau schuldig zu handeln, wie die Pflicht und ihres Namens Ehre es gebieten, und Ehre und Pflicht, sie rufen mich zurück nach jener Stätte, wo jede Spur, jedes Blatt, jedes Lüftchens Wehen auch an ihn mahnt, an den ewig Geliebten, ewig Verlorenen — nach Solmitz — zur Abrechnung zwischen mir und meiner Tante." 4. Kapitel. Eine ungewöhnliche Bewegung herrschte auf dem Schlosse Solmitz. Der große Saal, selten und nur bei feierlichen Gelegenheiten benutzt, war schon am Tage vorher aller Zierathen entkleidet worden, die ihn in seiner Eigenschaft als Gesellschaftsraum bezeichneten. Eine Art Estrade, mit einen, grün behangenen Tisch darauf, von einfachen Sesseln umgeben, erhob sich am oberen Ende und eine Anzahl Stühle, die rings an den Wänden aufgestellt waren, deuteten auf eine zahlreich zu erwartende Versammlung, die hier stattfinden sollte. Und wohl Keiner im Dorfe und dessen Umgebung versäumte, sich um die eilfte Vormittagsstunde einzufinden, denn wen nicht die Neugier herbeiführte, einer gerichtlichen Formalität beizuwohnen, wollte nicht die Gelegenheit versäumen, auf einem Schloßsaal- Parketboden gestanden zu haben, wenn freilich bei der Öffentlichkeit des Verfahrens dies eben keine Auszeichnung genannt werde» konnte. Der Tag, an welchem die Erklärung verlesen werden durfte, die den Bruder der Eutsherrin, Leopold von Bernau, als bürgerlich todt bezeichnete, war gekommen; schon am Abend vorher waren zwei Geiichtsbevoll- mächtigte und der Anwalt der Frau von Solmitz auf dem Schlosse angelangt; schon lange vor der bezeichneten Stunde begann es auf den breiten Stiegen, die zum Saal führte», lebendig zu werden und der weite Raum füllte sich mit Landleuten, die staunend die nie gesehenen Herrlichkeiten musterten, deren der schwarz dekorirte Raum noch genug barg, ihre des Glanzes ungewohnten Augen zu blenden. Im linken, dem Garten zugewandten Schloßflügel herrschte dagegen Todtenstille, mit weichen Teppichen war der Boden belegt, kein Laut vermochte bis hierher zu dringen, 163 denn hier befanden sich die Zimmer des Sohnes vom Hause, der vor wenigen Wochen schwer verwundet in das Haus seiner Mutter gebracht war. Allein die gute Pflege, die unermüdliche Sorge, die, fast bei einer Frau ihres Charakters überraschend, seine Mutter ihm zu Theil werden ließ, vereint mit der kräftigen Natur des jungen Mannes, ließen rasche Heilung eintreten. Die Schußwunde, unterhalb der Brust, hatte sich bereits geschlossen und schon durfte er auf kurze Zeit das Krankenzimmer verlassen, um sich in die von seiner Mutter bewohnten Räume zu begeben.. In ihrem Kabinet weilte Frau von Solmitz, sie- war vollständig schwarz zu der bevorstehenden Ceremonie gekleidet, ein Spitzenschleier, mit einem Perlendiadem befestigt, wallte von ihrem Haupte hernieder und verlieh ihr einen zwar majestätischen, aber noch strengeren Ausdruck als gewöhnlich. Frau von Solmitz war nicht allein, vor ihr stand in dienstlicher Haltung Herr Streland, ihr Verwalter, er hatte für diesen Tag das Amt eines Haushofmeisters übernommen. „Ist alles bereit?" fragte die Gutsherrin eben. „Alles, gnädige Frau, schon beginnt der Saal sich zu füllen, und Ihrem Befehle gemäß, werden die Herren aus der Stadt Sie fünf Minuten vor eilf Uhr im blauen Zimmer erwarten, um Sie in den Saal zu geleiten." „Und meines Sohnes Gegenwart ist unerläßlich? Ich ersparte ihm so gerne jede Aufregung." „Es bedarf nur auf einige Minuten seiner Anwesenheit, gnädige Frau, nur seiner Unterschrift, es ist Zeit, wenn der junge gnädige Herr erst um halb zwölf im Saale erscheint, um sich sofort wieder zurückzuziehen!" „Wenn er wüßte, was es für ihn bedeutet, Streland, wenn dieser Tag ohne Unfall für uns geendet — er ist von einer Reizbarkeit, wie nie zuvor, seit er weiß, daß Alida für ihn verloren. Streland, wenn er erführe, daß man ihn getäuscht, wenn das Mädchen wiederkehrt«!" „Sie häufen Sorgen über Sorgen, gnädige Frau, kaum, daß Sie mit dem heutigen Tage von einer schweren Last befreit, der Sie zur Herrin des Ihrem Bruder zugefallenen , Vermögens eingesetzt, schaffen Sie sich selber eine mit grundlosen Befürchtungen. Glauben Sie mir, selbst wenn Alida erfahren sollte, daß Oscar von Solmitz als Genesener auf seinem Erbe weilt, wird sie nicht wiederkommen, und die einlaufenden Korrespondenzen überwachen wir gemeinschaftlich. Auch hoffe ich, daß Sie heute die Gelegenheit benutzen, die Verlobung Ihres Sohnes mit der Baronesse Ebersdorf zu proklamiren, so verschanzen wir den schwankenden Charakter des jungen Herrn hinter starken Bollwerken, die weder die Intriguen noch die Leidenschaft durchdringen." „Die Portiere theilte sich: „Ist es erlaubt, Mutter?" fragte eine wohlklingende, wenn auch etwas schwache Mannesstimme, und Oscar von Solmitz erschien auf der Schwelle. Der junge Mann war noch sehr blaß, die Weichheit seiner Züge hatte sich noch gesteigert, aber um den Mund hatte sich eine tiefe Furche gegraben, mehr Leid der Seele, als die Einwirkung körperlicher Schmerzen mochte sie gezogen haben. Ein bequemer Hausrock von schwarzem Sammt umschloß seine schlanke, bedeutend mager gewordene Gestalt. „Nur näher, mein Oscar, nur näher", sagte Frau von Solmitz und der Ton klang herzlich, wie nie zuvor. „Du weißt, für Dich hat Deine Mutter stets ein Willkommen." „Ich freue mich seiner", entgegnete Oscar, „freue mich, daß ich endlich das Mutterherz schauen und erkennen darf in seiner Wahrheit, nicht eingehüllt in belauschenden Duft der Schmeichelei und überschwenglichen Weichheit, wie ich es mir einst ersehnt, sondern mist und strenge, aber desto wahrer, desto tiefer, o Mutter, o Mutter, ich habe ja nun Kernen, als Dich, zu der dieses Herz sich flüchten darf, wenn die Erinnerung es überkommt in ihrer ganzen Macht. Nicht wahr, bei Dir darf ich vergessen?" „Bei mir und bei jenem leiblichen Wesen, das mit Thränen Deiner gedacht, so 164 lange Du fern warst, das sich un^)ich gehärmt, als Deine Wunde Dich an das Krankenlager fesselte. Oscar, wie anders wäre es gekommen, hättest Du Fanny von Ebersdorf in ihrer jungen mädchenhaften Schüchternheit, in der ganzen unschuldigen Reinheit ihres Herzens gekannt, wie viele Thränen hättest Du mir gespart." Aber ein gütiges Geschick ließ es geschehen, daß wir noch zeitig genug nach dem Glück haschen dürfen, das, von glänzenden, aber desto nichtigeren Schatten verdrängt, sich uns zu entziehen suchte. Oscar, ein feierlicher, ernster Tag ist heute die Baronesse hat ihren Besuch versprochen, wenn ich hoffen dürfte —" „Hold und gut ist Fanny von Ebersdorf, wie ein Engel der Milde trat sie an »nein Lager", unterbrach Oscar die Rede seiner Mutter. „Ja, ich will zu ihr reden, sie »vird mich verstehen; es wird eine ernste Stunde, Mutter, an dem ernsten Tage, wo ein vielleicht noch lebender zu den Todten geworfen wird. Sie soll entscheiden, ob ich ein Recht habe, zu verdammen, ehe ich Atida selber gehört, ehe ich weiß, daß es Egoismus, Leichtsinn war, der sie von hinnen trieb? O lebte nur Edmund von Alten noch, er sollte mir Rede stehen und sei es mit der Waffe in der Hand." »Wenn es einem treuen Diener vergönnt ist, eine Meinung zu äußern", nahm Herr Streland das Wort, „so dürfte Ihr Zweifel Ihrer Mutter Herz und meine eigene erprobte Anhänglichkeit kränken. Ich kann beschwören, daß »»eine eigenen Augen Zeuge waren als von Alten an der Bank des Pavillons beim Teiche zu den Füßen des Fräuleins Alida Barfeld lag und ihre Hand in der seinen ruhte, kann beschwören, daß ein Zufall mich in den Besitz des Briefes setzte, den Sie selber gelesen, in dem der Oberlieutenant der Geliebten seine Hand anbietet und sie auf das Gut seiner Schwester bescheivet; auf Befehl der gnädigen Frau ließ ich die Spur der Flüchtigen verfolgen, sie führte zu der Richtung, wohin Herrn von Alten's Zeilen sie wiesen — nach Frankreich." Mit tiefem Seufzer ließ sich Ocar in einen Kessel fallen. „Ja, ja, ich glaube, ich will glauben; einer berechneten Intrigue willenloses Spielzeug war ich, das Opfer einer Coguetten, die, als sich ihr eine Sicherheit ihrer Zukunft darbot, diese der Wahrscheinlichkeit vorzog, ihr galt nicht die Person sondern nur die Existenz. Und doch, so sehr, so innig habe ich sie geliebt." Er barg sein Antlitz mit beiden Händen, die Thränen zu zerdrücken, die seine Wangen netzten. Streland winkte der Gutsherrin, ihn gewähren zu lassen, und Frau von Solmitz war einsichtig genug, die Weisung d.s Mannes zu befolgen, von dem sie sich jetzt widerstandslos leiten ließ, obwohl der Verwalter klug genug war, sich nie den Anschein zu geben, als mache er seine Herrschaft geltend. — Der alte Diener öffnete die Thüre des Zimmers. „Gnädige Frau", meldete er, »die Herren aus der Stadt harren im blauen Zimmer Ihres Erscheinens." (Fortsetzung folgt.) Hur Geschichte des Augsburger Theaters. Von Klara Reichner. IV. „Banden" und Wandertruppen. Zur Zeit des M ttelalters war es Sitte gewesen, den „fahrenden Sängern", welche — ihre Kunst ausübend -- im Lande umherzogen, Zehr-Pfennige zu verabreichen; — ohne Zweifel sind diese wandernde» Sänger als die Vorläufer der ersten Schauspieler und als Vater jener Wandertruppen zu betrachten, die später das Land durchzogen, nachdem aus den reisenden Sängern «llmählig Komödianten und Gaukler verschiedener Art hervorgegangen waren, deren Kunst allerdings sehr viel zu wünschen übrig ließ, da sie zumeist in, Possenreißen bestand; — trotzdem pflegte man sie für besonders festliche Gelegenheiten: fürstliche Vermählungen rc. rc., extra zu verschreiben, um die Feier durch ihre Künste zu verherrlichen. — Diese ursprünglichen, wandernden Komödianten reisten 165 indessen anfangs nur allein, auf eigene Faust, — bald aber begann eine Art von Zunft sich unier ihnen auszubreiten; so tauchten auch in Augsburg bereits im 13. und 14« Jahrhundert hier und da schon Wandertruppen, sogenannte „Banden" aus, welche, von Ort zu Ort ziehend, überall ihr luftiges Bretterwerk aufschlugen, darinnen sie die aufmerksamen Zuhörer durch Darstellung religiöser oder weltlicher Dinge: geistliche Schauspiele, allerlei aus der biblischen Geschichte, oder Sprüchwörtliches, gar höchlichst ergötzten. Leider aber dienten diese umherziehenden Banden just nicht dazu, verbessernd auf den Geschmack einzuwirken, indem ihre Hauptanziehungskraft auf die Schaulust des großen Publikums sich gründete. — Als später dann durch die Privilegien der „Meistersinger" den Wandertruppen das Einkehren in Augsburg sehr erschwert war, kam es vor, daß den reisenden Gesellschaften die Erlaubniß zum „Agiren" auch wohl vom hohen Rath in Folge Protestes der Meistersinger, verweigert wurde, so z. B. geschah dies anno 166? den „hochdeutschen Compagnie-Komödianten", welche abgewiesen wurden: „von wegen böser Lauften und Zeiten» und weilen durch dergleichen im Land hin und wieder reisende Personen, bald was verdächtige und schädliche einschleichen können." Endlich aber half dieses Absperren der Stadt, nach theatralischer Richtung hin, auch Nichts mehr. Die reisenden Patrizier und Kaufleute von Augsburg sahen auf ihren Reisen eben auch, was gut und besser in künstlerischer Beziehung schien, als daheim, und das Ende vom Liede war, daß man das damalige „Stadttheater", d. h. die dem Almosen- Amte zugehörigen Uranfänge desselben, doch den fremden Komödianten öffnen mußte, wenn dies freilich auch unter für Diese erschwerenden Umständen und Bedingungen geschah; aber der Bann war doch damit gebrochen, und dem Uebergang zur neuen Aera freies Feld gestaltet. Damals reisten diese Banden schon organisirt, mit einem Oberhaupt als „Prinzipal" versehen, so besaß z. B. die hervorragendste unter ihnen, die sogenannten: „englischen Komödianten", nicht nur einen ordentlichen Direktor, eine eigene Rangordnung, einen besonderen Gruß, sondern auch außerdem bestimmte Zunft-Gesetze, deren eines also lautete: „Es soll bei den Komödien Niemand hinter den Fürhang gelassen werden." — Diese „englischen Komödianten", welche eigentlich als die Gründer der „Komödianten-Profession" — von „Kunst" konnte ja wohl kaum die Rede sein — zu betrachten sind, stammte» allerdings ursprünglich aus Engst nd her, später aber blieb wohl nur mehr der Name übrig, als das Einzige, was wirklich echt war. In den Niederlanden tauchten sie bereits vor dem Jahre 1600 auf — von dorther kamen sie auf deutschen Booen, führten die Bühnensitten Englands und Hollands ein, spielten englische Stücke, durchaus weltlicher Art, woll Blut, Mord und Graus, gemischt mit derben Schwänken als Zwischenspiele, bei denen der englische und niederländische Hanswurst: „Clown" und „Ptckelhäring" genannt, eine große Rolle „agirlen." — Die guten „Meistersinger" beschwerten sich im Jahre 1681 gar herzhaft über diese „sogenannten Engländer", welche die Dreistigkeit besessen hatten: „2 Groschen Eintrittsgeld und in den 15 Stüblin (Logen) einen Groschen weiter" pro Person zu fordern. Und die bedrängten und bedrohten Meistersinger mochten wohl nicht so ganz Unrecht haben, wenn sie von den „sogenannten Engländern" sprachen, denn es liegt sehr nahe, daß die Trauer« und wchanerspiele der ersten, wirklichen Engländer sehr bald Nachahmer in Deutschland weckten, wo auch kein Mangel derzeitig an Blut-Tragödien (von Kaspar Daniel von Lohenstein rc. re.) war, und der deutsche „Hanswurst" gab sicherlich dem „Clown" und „Pickelhäring" auch an possenhafter Derheit gar nichts »ach. — Das Jahr 1697 hatte in Augsburg ein besonderes Ereigniß zu verzeichnen: die erste „Opera!" Eine reisende Gesellschaft, geleitet von einem Kapellmeister aus Braune schweig, führte zuerst diese italienischen Fortsetzungen der „Singspiele" ein, und erregte dadurch lebhafte Bewunderung. Aber auch au anderen Produktionen derberer Art war durchaus kein Mangel; — sehr beliebt z. B. waren seiner Zeit die: „Fecht-, Kampf- und Thierhetz-Spiele", dargestellt 166 von allerlei herumziehenden Thierbändigern, Raufern und Ringern von Beruf, deren Kraftübungen sehr warmen Anklang fanden. Diese Vorstellungen fanden in der „Fecht- schule" statt, einem 1631 von einem Methsieder aus fernem Stadel und Hof hergerichteten Komödienhaus, in welchem nicht nur die Fechtübungen der Jugend, sondern auch allerlei Darstellungen gegen Eintrittsgeld abgehalten wurden; „bei Fechtschulen 2 Heller, bei Komödien 1 Kreuzer." 1661 kaufte das Almosen-Amt die „Fechtschule", ipid erzielte eine hübsche Einnahme durch die dortselbst stattfindenden Aufführungen, von denen es freilich um's Jahr 1700 durch Verbot des hohen Rathes die für die eigentliche „Schul-Fechterei" der Jugend verlor, die anderweitigen Produktionen, wie: Bären- und Ochsen-Hetzen, Auftreten von Gauklern, Seiltänzern, Kunstreitern, ja sogar Opcrn-Gesellschaften, aber fortsetzen durfte, trotzdem das Holzgebäude durch die zuweilen auch stattfindenden Feuerwerke mehr als einmal in bedenkliche Gefahr gerieth. Nachdem noch zwischen den Jahren 1710 und 19 in dem sehr baufälligen Gebäude ab und zu Fechtschaulpiele stattgefunden hatten, wurde es endlich, als man 1776 das neue Stadttheater baute, abgerissen, — eine Tänzergesellschaft im Jahre 1762 „gastirte zuletzt darin. — Um nun zum eigentlichen Stadttheater „zurückzukehren", so muß vor allen Dingen konstatirt werden, daß dessen Vorstellungen doch »ach und nach durch die reisenden Gesellschaften ein ganz anderes Gesicht erhielten, und zum Mindesten an Vielseitigkeit, wenn nicht immer an Kunst, gewannen; — hatten doch diese Gesellschaften selbst eine andere Form genommen. Auf die Tragödie pflegte nachdem als Einleitung der übliche Prolog vorangegangen, als Schluß der Vorstellung jetzt erst ein Singspiel oder Ballet, und dann noch ein „allegorisches Dankspirhl" zu folgen, statt des früher gebräuchlichen Epilogs, den kein Mensch mehr hören wollte» so sehr hatten die Ansprüche sich bereits gesteigert. „Ihr hört kurz Predigt gern, Wenn die Bratwurst destlänger wern!" tadelt 1618 schon der berühmte Jakob Aprer das Publikum, in Bezug darauf, daß die Moral des ganzen Stückes sonst im Epilog enthalten, beziehungsweise zu Nutz und Frommen der Zuhörer wiederholt wurde, wie eine Art von Predigt. Auch „Prinzipalinnen" begannen mit ihren Truppen Augsburg zu besuchen; schon gleich zu Anfang des spicllustigen achtzehnten Jahrhunderts erschien „die kgl. polnische und churfürstlich-süchsische Komödianten-Prinzipalin" Geldin mit ihrer Gesellschaft auf dem Schauplatz, deren Kunstfertigkeit hauptsächlich im Aufführen sogenannter „Haupt- und Staats-Aktionen" bestand, d. h. extemporirter Komödien, bei welchen jedem Darsteller wohl der Charakter seiner Rolle im Großen und Ganzen, nicht aber die einzelnen Worte, die er zu sprechen hatte, vorgeschrieben waren» Diese mußte Jeder selbst erfinden, so gut er es vermochte, was natürlich — namentlich bei ungeschickten Nachahmern, die bald genug sich fanden, — Veranlassung zu vielem Unsinn und manchem Mißbrauch werden mußte, da es oft an hinreichender Begabung und Bildung fehlte, um der schwierigen Sache mit eingehendem Verständniß gerecht zu werden, und viel absichtliche und unbeabsichtigte Possenhaftigkeit folglich mit unterlief. — Und nun sehen wir im Fortschreiten des achtzehnten Jahrhunderts mehr und mehr ordentliche Wandertruppen die Stadt Augsburg auf ihren Reifen berühren. Im städtischen Komödienhaus sowohl, als in anderen geeigneten Lokalen, sogar auf eigens aufgebauten Bühnen ließen sie sich blicken, insofern man ihnen die Bewilligung dazu nicht versagte. Wir sehen in den zwanziger» Jahren den berühmten, letzten, eigentlichen „Hanswurst" (Prehauser) auftreten, sahen zu ähnlicher Zeit seine größte Feindin, die berühmte Theater- Direktorin und Schauspielerin Neuber (eine der ersten — nach jeder Richtung, auch der äußerlichen Bedeutung., hin — deutschen Schauspielerinnen, welche die Bühne betraten), die gegen Mitte des Jahrhunderts hin, im Verein mit dem Leipziger, gelehrten Professor Gottsched, den Hanswurst feierlich auf ihrer Bühne, als nicht mehr zeitgemäß verbrannte und verbannte, bei so „ausverkauftem" Hause mit ihrer Trupps spielen, daß, wer nicht frühzeitig genug kam, keinen Platz mehr erhielt. Wir sehen ferner anno 1769 eine weitere 167 „Prinzipalin": Frau Theresnia von Kurtz, mit 28 Personen, als „churfürstl. bayer. Hof- Direktorin mit ihrer Gesellschaft deutscher Hosschauspieler" erscheinen u. s. w. Ferner fehlte es auch nicht an einer Anzahl ausländischer Truppen; — so 1733 italienische Opern nnd Schauspiele, in den 40er Jahren eine italienische „Operisten-Banda", 1753 und 5!) italienische Pantomimen u. s. w. 1759 spielte sogar eine französische Kinder-Pantomimen-Gesellschaft, und in den 60er Jahren finden sich immerfort Wandertruppen ein, italienische Sänger, welche Opern und Operetten gaben, doch war keine dieser Gesellschaften eine regelmässige, wenn auch ihre Spielzeit öfter durch Wochen währte, und sich zuweilen sogar auf 40—50 Mal belief. Auch die jetzt — von 1760 ab — „verbürgerten Komödianten und Meistersinger" konnten dagegen nicht auskommen, mit sammt ihren Privilegien und „regelmäßigen, von den berühmtesten Skribenten verfertigten Stücken", und obwohl diese Privilegien sich inzwischen nicht verringert, sondern im Gegentheil im Laufe der Zeiten Begebenheiten vermehrt hatten. Erhielten sie doch 1723 auf ihre Beschwerde hin das Recht, eine beliebige Entschädigung von den Wandertruppen fordern zu dürfen, falls diese die Absicht hallen, an ihren eigenen, privilegirten Spieltagen zu „agiren", und ward doch dieses Dekret durch die Verordnungen vom Jahre 1733 und 1767 noch dahin bestätigt, daß die fremden Komödianten erst ein Fixum von drei Gulden den Meistersingern zu zahlen hatten, wenn sie an deren Spieltagen auftraten, und von 1767 ab für jeden Spieltag überhaupt dies Fixum zahlen mußren. 1768 wurde diese „Steuer" auf fünf Gulden für eine Woche ohne Festtag, und für eine solche mit Festtag auf drei Gulden berechnet, wozu natürlich stets die Abgaben an das ältere Almosen-Amt noch kamen. Sobald also der Neubau des Stadttheatcrs 1776 in Aussicht genommen war, lag auch die Nothwendigkeit nahe, die alten, veralteten Dekrete und Privilegien aufzuheben, welche der Kunst und den Einnahmen nur schädlich sei» konnten. Nachdem in den Jahren 1770—76 die Wandertruppen — gewöhnlich mit einem Personal von 16, 18, 19 und mehr Personen — immer regelmäßiger einkehrten; darunter mehrere Kinder-Gesellschaften, Oporu bukkn in deutscher und italienischer Sprache» sowie deutsche Operetten, wurde mit dem Direktor Peter Rohr und seiner Opera liusiku die alte Bühne des Stadt-Komödisnhauses zu Augsburg geschlossen, und der Umbau des Theaters im Juni 1776 begonnen. — Bereits am 16. Oktober desselben Jahres wurde das neue Stadttheater eröffnet, durch die Schopf'sche Gesellschaft, mit einem Personal von 22 Erwachsenen und einem Kinde; man begann mit: „Essex", und spielte bis zum 11. Februar 1777 vierundsechzig Stücke. — Was die Preise der Plätze und den Anfang der Boxstellungen anbetrifft, war auch darin bereits eine große Veränderung gegen früher nach und nach eingetreten! Hatte man noch bis zu Mitte des Jahrhunderts um 2, 3 oder 4 Uhr begonnen, so finden wir später schon 5 und i/.,6 Uhr verzeichnet; — auch die Preise halten bereits merklich sich gesteigert. — Mit einem Pfennig hatte man einstmals begonnen bei den Meistersingern, war dann auf 5 Heller bis 6 Kreuzer gediehen, die englischen Komödianten nahmen „sogar" 2—3 Groschen, in der „Fechtschule" kostete es 1 Kreuzer, im „Baugarten" 30, 15, 10 und 6 Kreuzer, im „Stadtheatsr" noch anno 1766 auch nicht mehr, und 1769 schon „1 Gulden" für die besten Plätze, für den geringsten freilich nur 6 Kreuzer, und so war es auch, als 1776 das neue Stadttheater eröffnet wurde — die Zwischenplätze kosteten 30 und 15 Kreuzer. Mit Eröffnung des neuen Komödienhanses oder „des alten, Augsburger Stadttheaters", darf man wohl getrost den Beginn einer neuen Zeit in der Theatergeschichte von Augsburg rechnen, schon deshalb, weil von da ab von eigentlichen „Banden" und Wandertruppen die Rede nicht mehr sein kann, weil fortan eine Art von regelmäßiger, ständiger Saison-Zeit beginnt, in ähnlicher Weise, wie sie unsere Stadtthsater noch H ut' zu Tag besitzen. — 168 Mise-lleir. (Gefährliche Belohnung.) „So, Karl! also wegen Faulheit und Nachlässigkeit hast Du heute vom Lehrer Schläge bekommen? Recht so! Jetzt trägst Du mir gleich eine Flasche vom besten Wein zu ihm und dankst ihm für die verdiente Strafe." Sohn: „Nein, Papa! das thue ich nicht; denn wenn dSr Herr Lehrer jedesmal eine Flasche Wein dafür kriegt, so prügelt er mich jeden Tag drei Mal." (Als Curiosum) sei hier nachstehende Annonce aus dem „Hannov. Cour." vom 7. ds. Alts. wiedergegeben: Ein Tiroler, der lange bei einer osterreichisch - ungalisch en Familie i. Rußland a. Schweizer in Dienst stand, sucht e. Stelle, am liebsten a. englischer Jockey bei e. französischen Herrschaft in Italien. Gef. Adr. rc. (Der zureichende Grund.) Zwei Bauern, Schwiegervater und Schwiegersohn gehen über Land. Als sie einen Hügel Hinansteigen, hören sie auf der anderen Seite des Hügels ein fröhliches Jodeln. — Schwiegervater: „Was hat der da drüben so zu jodeln?" — Schwiegersohn: „Es wird ihm wohl ebbe der Schwiegervatter gestorben sin." (Nationalstolz.) Die Hauptstadt Belgiens ist neuerdings durch den Prozeß Peltzer in aller Mund gekommen. Ein Belgier, schreibt der „Gaulois," erzählte jüngst einem Preußen von dieser traurigen Mordaffaire und fügte mit Stolz hinzu: „Ein großartigeres Berbrechen hat sich in ganz Deutschland noch nicht zugetragen!" (BlitzHinrichtung.) „Die Daily News" gibt einem „Eingesandt" Raum, in welchem ganz ernstlich der. Vorschlag gemacht wird, zum Tode verurtheilte Verbrecher nicht mehr durch den Strang, sondern durch — Elektricität- hinzurichten. (Im Wohlthätigkeitsbazar.) Herr: „Was kostet eine Tasse Kaffee, mein Fräulein?" — Künstlerin: „Einen Thaler, und nun — (nachdem sie vom Kaffee genippt) fünf Thaler!" — Herr: Hier sind sechs Thaler, iMlin Fräulein, aber jetzt bitte ich um eine reine Tasse." (Auf dem Schützenfest.) Schütze: „Bester Herr Oberschützenmeister, Sie wollen doch den Toast auf den Durchlauchtigsten nicht vergessen?" — Obcrschützenmeister: „Ne, ne, nur woll'n wir's Rindfleisch noch rmn gehen lassen. Gleich nach'n Rindfleisch kömmt der Ferscht!" (Wie viel Köpfe hat ein Hamburger?) Nach der „Post" begann Dr. Wendt jüngst seine Socialistenrede im Reichstage folgendermaßen: „Die Ausführung des Socialistengesetzes in Hamburg ist eine durchaus loyale gewesen, trotzvem sind etwa 200 Personen mit etwa 1000 Köpfen ausgewiesen worden." Das letzte hl Die Mutter stirbt; der Abend schaut berein, Und gold'ne Lichter spielen um den Schrein, Als sei der Engel nahe, der den Gram Aus ihren Zügen still zu löschen kam. Den Gram? O nein! sie lächelt sanitbeglückt, Als Hütte man zur Feier sie geschmückt. Der Priester mit dem Sacrament, — um ihn Des Hauses Kinder alle aus den Kuie'u. Es ist der S o h», au dem ihr Auge hangt, Aus dessen Hand die Hostie'sie empsängt. „Er ist so gut, so kindlich fromm und rein, Herr, deiner Huld lass' thu befohlen sein!" Dem Jüngling rollt die Thräne aus dem Aug', Doch treu und fest übt er der Kirche Brauch- Sacramerrt. Und salbt mit heil'gem Oel der Mutter Munds Der ihn geküßt seit seiner erste» Stund', Die Hände, die ihn liebend zart geflegt, Zum weichen Schlummer sorgsam hingelegt, — Die Augen, die zeitlebens ihn bewacht, Und die er schließen soll zu ew'ger Nacht! — Gebet und Schluchzen rings im Schwesterkreis, Ein Engel wandelt, durch das Zimmer leis. Mit deines Sohnes Antlitz fromm und mild Der Bote stammet aus dem Lichtgesild! Was nur dem Mutterherzeu Glück gewährt Das Hut sich dir zum Heiligsten verklärt. Es leitet dich durch aller Set'gen Chor Die Kind es lieb' zu Gottes Thron empor. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Hutllcr. »ur „Äugslmrger Postzeitimg.^ Nr. 22. Samstag, 17. März 1883. Heimathlos. Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann tzirschfeld (Fortsetzung.) Erleichtert athmete Frau von Solmitz auf, um der peinlichen Situation ein Ende zu machen. Sie näherte sich dem jungen Manne, und einen Kuß auf seine Stirn drückend, sagte sie: „Muth, mein Sohn, gedenke, daß Du eine Mutter besitzest, der kein Opfer zu groß für Dein Glück ist, sobald es sich mit dem Glänze und der Ehre unseres Geschlechtes vereinigen läßt. Ich habe mehr für Dich gethan, Oscar, als Du ahnen magst, und je erfahren wirst, dessen sei eingedenk. In einer halben Stunde erwarte ich Dich in dem Saale, die Akte meines verstorbenen Bruders zu unterzeichnen. Deine Unterschrift ist unerläßlich, sonst hätte ich Dir die Formalität erspart. Die Baronesie wird in jedem Augenblick eintrefsen, empfange sie in meinem Namen, und erinnere Dich, daß es an Dir liegt, den Herzenswunsch Deiner Mutter zu erfüllen." Sie winkte dem Verwalter, ihr zu folgen und verließ das Gemach. Auf dem Wege zunr Hauptsaale mußte sie das blaue Zimmer durchschreiten, in das sie den Anwalt des Solmitz'schen Hauses und die beiden Aktuare beschieden hatte, die von Seiten des Gerichts gesandt waren, die offizielle Todeserklärung Leopvld's von Bernau zu erklären, da die Proklame, die ihn aufforderten, sich zur bestimmten Frist zu stellen, oder sich durch einen Bevollmächtigten vertreten zu lassen, bis jetzt erfolglos geblieben. Mit tiefer Verneigung ward Frau von Solmitz von den Herren begrüßt, sie spendete ihnen einige Worte, dann schritt sie ihnen voran, dem großen Saal des Schlosses zu, aus dem ein dumpfes Summen und Brausen, wir von einer großen Versammlung, ihnen entgegen schallte. Die hohen Flügelthüren des für die Herrschaft bestimmten Seitenraumes öffnete» sich, eben hob die Thurmuhr zum eilften Stundenschlag aus. — Der Lärm machte einer erwartungsvollen Stille Platz, und fast sämmtliche Anwesende begrüßten durch Erheben den Eintritt der Schloßyerrin, die mit herablassendem Neigen des Hauptes die fast ausschließlich ländliche Versammlung begrüßte» und dann die Estrade bestieg, wo sie an dem grün behangenen Tisch den Ehrenplatz inmitten des Anwalts und der Herren vom Gerichte einnahm. Herr Streland hatte wie ein dienstthuender Marschall auf der untersten Stufe seinen Platz genommen. Unter dem tiefsten Schweigen der Zuhörer erhob sich Frau von Solmitz. Sie begann mit fester Stimme von dem Schmerz zu reden, den ihr die Entfernung eines geliebten Bruders verursache, der seit achtzehn Jahren kein Zeichen der Existenz von sich gegeben, und der bitteren Nothwendigkeit zur Regelung der Familienverhältnisse, zur Klarheit über ihres Sohnes Zukunft, die Formalität der Todeserklärung nun eintreten zu lassen, , nachdem alle Versuche» den Aufenthalt Leopold's von Bernau oder etwaiger Erben desselben zu erkunden, vergebens aewesen. So endete ihre Rede mit der Mittheilung, daß sie eine — 170 — milde Stiftung in's Leben zu rufen gedenke, die zum Gedächtniß an den Geschiedenen seinen Namen tragen und zur Unterstützung armer Greise der Gemeinde Solmitz bestimmt sein solle. Nun war sie zu Ende, ein unterdrücktes Murmeln des Beifalls und der Theilnahme, von Respekt gedampft, ging durch den Saal, als sich Frau Hermine von Solmitz wieder auf ihren Sitz niederließ und sich tief in den Sessel zurücklehnte, als habe die nachfolgende Formalität gar kein Interesse für sie oder erwecke höchstens nur ihre Schmerzen auf'S Neue. Nun erhob sich der Gerichtsaktuar; er verlas mit einförmiger Stimme nochmals das bereits mehrfach veröffentlichte Proklama, dann fügte er lauter hinzu: „Und so erkläre ich denn im Namen des Gesetzes Leopold von Bernau für bürgerlich todt, verlustig aller Rechte, die ihm durch Erbschaft oder Schenkung erwachsen dürften, es sei den», daß sich jetzt in dieser Stunde noch ein'Einspruch erhebe gegen diese Bestimmung, dessen Billigkeit anerkannt ist vor den Schranken des Rechtes. Wer daher gesonnen ist und vermag, die Existenz besagten Leopold's von Bernau oder legitimer Erben desselben nachzuweisen, der trete vor und lasse es geschehen in dieser Stunde." Warum zuckte Hermine von Solmitz plötzlich zusammen, der trotz der anscheinenden Apathie nicht die kleinste Bewegung im Saale entging? Was lief flüsternd, murmelnd von Stuhl zu Stuhl durch die Reihen, warum theilte sich die dichtgedrängte Menge am Eingang? In bescheidener, aber ernster und fester Haltung schritt ein in tiefe Trauer gekleidetes junges Mädchen vor und dieZ ganze Länge des Saales durchmessend, trat sie Lis an die Stufen der Estrade. „Alida Barfeld!" Wie ein unwillkürlicher Ausruf des höchsten Erstaunens klang eS aus Herrn Streland's Munde und wie abwehrend streckte er der Nahenden den Arm entgegen. „Im Namen der Gerechtigkeit erhebe ich Einspruch gegen die Versammlung in dieser Stunde", sagte das junge Mädchen mit ruhiger, fester Stimme, und jede Silbe hallte in dem weiten Raume bei der Todtenstille, die nun in demselben herrschte, wieder. „Ich, die Tochter und Erbin des jüngst zu Pont ü Mousson verstorbenen Leopold von Bernau, nehme alle meine mir zukommenden Rechte in Anspruch und namentlich die meinem Vater durch das Vermächtuiß seines Onkels, des Erbherrn auf Gradenow, zugefallene Erbschaft." Wäre der Geist ihres Bruders selber dem Grabe entstiegen und drohend vor Hermine von Solm'tz aufgetaucht, die Ueberraschung, das Entsetzen der Gutsheriin hätte kein größeres sein können, als Alida, die namenlose Waise, ihr mir dem Titel der Ansprüche gegenübertrat. Ihre Fassung drohte zu schwinden und doch fühlte sie, daß sie ihrer in diesem Augenblick, da sie aller Augen auf sich gerichtet wußte, mehr bedurfte als jemals, Sie erhob sich in ihrer ganzen Würde. „Fräulein Alida Barseld, wenigstens bezeichnete mir einst die sterbende, völlig Mittel- und legitimationslose Frau, die als Fremde vor etwa achtzehn Jahren im Sol- mitzer Wirthshanse anlangte und noch in derselben Nacht verschied, mir das hinterlassene Kind, ihre angebliche Tochter mit diesem Namen, da sie es mir, der hülfreich Herbei- geeilten, unter Thränen und Beschwörungen, mich der verlassenen Waise anzunehmen, vertraute. — Fräulein Alida Barfeld, die mir ihre Ausbildung und Erziehung dankt, verließ mein Haus auf eine so eigenthümliche Weise, nachdem sie genug der trüben Stunden über dasselbe gebracht, daß ich glaube im Recht zu sein, wenn ich die genaueste Untersuchung der Dokumente verlange, die sich ohne Zweifel in dem Besitz der Dame befinden, um sich mit Recht die Tochter Leopold's von Bernau und Nichte Hermann's nennen zu können." „Ich war auf diesen Empfang vorbereitet", erwiderte das junge Mädchen völlig ruhig. „Mich gegen Vorwürfe der Frau von Solmitz vertheidigen zu wollen, hieße eine Anklage aufnehmen, die, Gott ist mein Zeuge, mich nimmer trifft. Wenn ich hier und in dieser Stunde erscheine, meine Rechte geltend zu machen, so soll es nicht einen affek- 171 jjrten Theatercoup bedeuten, soeben treffe ich voin Elsaß kommend auf Solmitz ein. Gott verhinderte, daß ich zu spät kam. Hier, meine Herren", und ihre Hand zog ein Convolut Papiere hervor, „hier übergebe ich Ihnen die Dokumente, die mich als Tochter und Erbin Leopold's von Bernau legitimiren. Ehrenwerthe Männer, der Feldprediger Bartels und der Stabsarzt Doktor Langer, beide augenblicklich im Gefolge des deutschen Kriegsheeres, sind bereit, ihre mündlichen Aussage» der schriftlichen Bürgschaft hinzuzufügen, die sich in diesen Blättern befindet." So fest, so ruhig konnte keine Betrügerin sprechen, das fühlte ein jeder der im Saal Anwesenden, das fühlte auch Hermine von Solmitz. Wie eine Angeklagte im Antlitz ihrer Richter, forschte ihr Blick in den Zügen der Herren voin Gericht, die mit dem Anwalt in leisem Flüstern die ihnen eingehändigten Papiere tauschten und, sie flüchtig durchsehend, zunächst Unterschriften und Siegel prüften. Endlich erhob sich der Gerichtsassessor, Todtenstille herrschte im weiten Raume. „Die uns von dieser Dame übergebsnen Papiere", nahm er das Wort, „sind anscheinend echt und berechtigen sie, als Tochter und Erbin Leopold's von Bernau Protest gegen den Erbsausschluß der Nachkommen des Genannten zu erheben; es steht bei Ihnen, gnädige Frau, ob Sie schon jetzt diese Dame als Nichte anerkennen wollen; wir aber müssen die für diese Stunde beabsichtigte Verhandlung vorläufig für aufgehoben erklären." „Mein Anwalt, Doktor Schmidt, ist damit einverstanden?" Gepreßt, kaum verständlich kam es über Herminen's Lippen. Der Jurist zuckte mit den Achseln. „Unter dem Vorbehalt strengster Prüfung dieser Papiere", entgegnete er, „kann ich mit meinem Gewissen nicht auf Vollziehung einer Handlung dringen, die einer schreienden Ungerechtigkeit gleichkäme." Schwer athmend hob sich die Brust der Gutsherrin. Ohne ein Wort weiter zu verlieren, richtete sie sich empor und ihre ganze Willenskraft aufbietend, die gewohnte Sicherheit zu bewahren, stieg sie von der Estrade, um sich aus dem Saale zu begeben. Sie mußte an dem jungen Mädchen vorbei, ihre Blicke begegneten sich, keine Spur einer Leidenschaft blickte Hermine von Solmitz aus dein Auge Aliden's entgegen, — sie las in ihr nichts, als eine eisige Ruhe. Einige Schritts weiter blieb sie stehen. Die wenigen Minuten, die verstrichen waren, seit der Eintritt der Waise Alles zu nichte gemacht, was sie seit Jahren für ihres Sohnes Glück gewirkt und gesündigt, hatten eine Fluth der düstersten Gedanken in ihrer Seele beschworen. Nicht allein, daß die Tochter Leopold's von Bernau das väterliche Erbe beanspruchte und ihr den Reichthum nehmen konnte, an dem ihr ganzes Leben hing, sie drohte ihr auch des Sohnes Liebe zu rauben, wenn es ihr gelang, Oscar zu beweisen, daß seine Mutter ihn getäuscht, da sie ihm Aliden's Verschwinden als Frucht des Ver- rathes einer berechnenden Coguette geschildert. „Ich mochte mit Ihnen reden", sagte sie, zu Alida gewandt, und trotz alles Bemühens konnte ihre Stimme nicht ein leises Beben unterdrücken. Was sollte sie ihr sagen, sie wußte es selber nicht und doch mußte ein Mittel gesunden werden, die Netze zu lösen, die sie selbst geschlungen hatte; um Zeit zu gewinnen und die Herrschaft über sich selber, das war die Hauptsache. Kalt und förmlich neigte Alida das Haupt. „Ich bin bereit", erwiderte sie, „den Wunsch der Schwester meines Vaters zu erfüllen." Frau von Solmitz athmete auf. „Darf ich Sie bitten, mich zu begleiten?" fragte sie vorauschreitend und den Saal durch eine Seitenthür verlassend. Das junge Mädchen folgte ihr in ein Zimmer des Hintern Schloßflügels; es war ein isolirt gelegenes Gemach, gewöhnlich zum Fremdrnaufenthalt bestimmt und gewährt« die Aussicht in den Garten. Eine kurze, peinliche Stille entstand, da sich die Thür hinter Tante und Nichte Lcschlossen. 172 Alida blickte kalt und ruhig in Frau Herminen's Antlitz und diese fühlte, daß es an ihr sei, das entscheidende Gespräch zu eröffnen. „Wollen Sie mir eine Frage beantworten?" begann sie endlich, „eine Frage, die Sie von einAi liebenden Schwester natürlich finden werden. Wie kamen Sie zu Leopold von Bernau, meinem unglücklichen Bruder, und wie hat er geendet?" „Mein Vater starb tief bereuend, versehen mit den Tröstungen der Religion", erwiderte Alida, „über seine Schuld möge ein höherer Richter entscheiden; mitten im Kriegs- gewirr, in Pont u Mousson, führte mich die Hand Gottes an sein Sterbelager; dort, wo ich ihn der Erde übergab, begriff ich die heilige Pflicht, das Andenken meiner Mutter und meinen, eigenen Namen zu Ehren zu bringen, und diese Pflicht zu erfüllen", deutlich hörte man das Schwanken des sonst so festen Tones der gestrengen Frau, „rauben. Sie, im Fall Sie auf das Vermögen Anspruch machen, das Ihnen als Ihres Vaters Erbtheil zukommt und das bisher unter meiner Verwaltung war, dem Hause Solmitz seine Habe; Alida, Sie wissen, ich bin eine Feindin aller Sentimentalitäten, lassen Sie mich Ihnen mit dürren Worten sagen: mein Gatte starb arm und mein Sohn, Oscar von Solmitz, wäre eines Bettlers Kind gewesen, hätte nicht das Glück mir die Verwaltung der reichen Erbschaft verliehen, die meinem Bruder zugefallen. Mit ihr erhob ich das Gut Solmitz zum alten Glanz, Oscar hatte keine Ahnung, daß der Reichthum, als dessen Erbe er sich glauben konnte, nur erborgt sei, nimmer dachte ich, werde Leopold heimkehren, und wenn dies der Fall war, hoffte ich auf seinen Leichtsinn, auf sein gutes Herz. Was ich that, geschah meines Sohnes willen." Keine Spur im Antlitz »des jungen Mädchens' zeugte von dem Eindruck der Worte ihrer Tante. Sie schwieg einen Augenblick, dann richtete sie ihr Auge auf Frau von Solmitz. „AIs ich an jenem unseligen Tage das Schloß verließ", sagte sie, „dem ersten Impuls der höchsten Verzweiflung folgend, da fehlte mir noch jene geistige Reife, die entweder die Jahre verleihen oder zu der man durch schweres Herzeleid und Erfahrung gelangt, ach, der Kummer war mein Lehrmeister und die Erfahrung kühlte das fieberhaft wallende Blut; nicht als Alida von Barseld von einst steht Alida von Bernau Ihnen gegenüber. Nicht Haß und Groll trage ich Ihnen nach, obwohl Sie oft mir recht, recht weh gethan; nicht in Armuth will ich Sie stürzen, da ich mich und das mir zufallende Vermögen der leidenden Menschheit zu weihen beabsichtige. Aber eine Frage beantworten Sie mir offen und ehrlich: hat meine Mutter, da sie fremd und sterbend in der Scl- mitzrr Schenke anlangte und nach Ihnen begehrte, Ihnen das Band entdeckt, was mich mit Ihnen verbindet?" >Es war ein entscheidender Augenblick, Hermine von Solmitz konnte ein unwillkürliches Zittern nicht bemeistern. Und doch, sie fühlte es, nur ein offenes Spiel konnte sie retten. „Hören Sie mich, Alida", erwiderte sie, „und richten Sie nicht eher über mich, ehe ich vollendet. Ja, Alida, ich kannte das Band, ich mußte, daß Leopold von Bernau's Gattin und Kind als Verlassene auf meiner Besitzung angelangt waren; freilich von ihr, die schon am nächsten Tage der Hügel deckte, hatte ich nichts zu fürchten, aber das Kind drohte, falls seine Legitimität bekannt würde, meinen Sohn zu einem armen Blaun zu machen, wenn er nicht der Gnade seiner Cousine sein Glück danken wollte. Darum, Alioa, darum bemächtigte ich mich aller Papiere, die einst die Sterbende mir anvertraute, darum behielt ich unter dem Namen Barfeld die Waise bei mir. — Darum aber auch, weil ich nicht ein Bündniß naher Verwandter dulden konnte, suchte ich später das innige Band zu lösen, das sich um Sie und meinen Sohn gewoben. Alida, ich hätte ja dann, um eine solche Verbindung zu ermöglichen, ohne in Sünde zu verfallen, Ihrer Geburt Geheimniß offenbaren müssen und nimmer vermocht ich's, konnte ich abhängen, wo ich bisher geherrscht hatte? Konnte ich auf einen Besitz verzichten, den ich als reiches Erbe 173 meinem Sohne zu hinterlassen gedacht, um ihn denselben aus der Hand einer Fremden empsangen zu lassen?" Frau von Solmitz schwieg, aber das Zucken ihres Antlitzes, das Heben und Senken ihrer Brust bekundete die hohe Aufregung, die noch in ihr nachwirkte. „Wehe Ihnen!" erwiderte Alida, „wehe Ihnen, verblendete Frau. Wie viel des Leidens, wie viel des Jammers hätten Sie uns ersparen können, hätten Sie sich mir entdeckt; so wahr Gott mein Zeuge, freilich hätte ich allen Ansprüchen entsagt, zu denen ich im Fall des Todes Leopold's von Bernau berechtigt gewesen wäre; und nie hätte Oscar erfahren, daß ich Ihnen ein Opfer gebracht. Wehe Ihnen, daß Sie im Herzen Ihres eigenen Sohnes einen Zwiespalt hervorgerufen, denn was ihn zu mir hinzog, was mich zu ihm Hintrieb, es war das Band des Blutes, was uns Beiden unbewußt war und Fanny von Ebersdorf gehörte seine Liebe. Was ich gethan hätte, die Fremde, wenn es Oscars Glück erfordert, wie viel leichter wäre es der Tochter seines Oheims geworden, ihn mit der holden Baronesse Fanny vereint zu sehen und als treue Freundin, als Schwester, mich seines Hauses Glück und Gedeihen zu erfreuen. Sie aber behandelten mich als eine Fremde. Sie glaubten mit dem Geschick ringen zu können, aber das Schicksal ist mächtiger, als wir Staubgeborenen und geht den Weg, den höhere Hanv ihm weiset, es offenbart sich Ihnen in seiner ganzen Macht, da ich als Ihre Nichte vor Ihnen stehe und Ihnen zurufe in meinem Namen, im Namen Ihres Sohnes, im Namen Ihres Bruders: Hermine von Solmitz, über Dein Haupt komme, was Du gethan!" Zusammenbrach die gebieterische Gestalt der Schloßherrin. „Alida, das Schicksal rächt sich grausamer, als Sie meinen, meine eigene Saat, von der ich Segen hoffte, sie wird mir zum Fluch." (Fortsetzung folgt.) Sagen aus dem Schwabenlande. Mitgetheilt von Alois Gutbrod. * Im Munde des Volkes schlummert ein gar köstlich Ding; es heißt Sage und ist zu Märchen und Fabel nahe verwandt. Letztere wurden meist von Dichtern und Denkern gebildet; die Sage jedoch stammt mitte» aus dem Volke. Sie ist ein echtes Kind desselben, geboren zum fröhlichen Leben, nicht aber zum ewigen Schlummer. Wie Volkslied und Sprichwort, so will auch die Sage ihr Plätzchen in der deutschen Familie haben; sie will nicht todtgeschwiegen, sondern erzählt werden von Mund zu Mund. Sagen gibt es im Ueberfluß, und fast jede Gegend hat ihre eigenen. Auch unsere Heimath ist reich an allerlei schönen Sagen. Ich habe etliche davon gesammelt und will dieselben an dieser Stelle mittheilen. 1) Ulrich, der berühmte hl. Bischof von Augsburg, wurde zu Wittislingen geboren und erzogen. Er mußte täglich nach Dillingen in die Schule und kehrte gar oft erst bei stockfinsterer Nacht wieder heimwärts. Da hörte er nun jedesmal auf dem Schloßthurme ein Glöcklein läuten, ging dem Getöne nach und verirrte sich nicht. Eines Abends schwieg aber das Glöcklein still. Ulrich kam von dem rechten Weg ab und lief stundenlang im Dunkel der Nacht umher. „Warum ließ sich denn heute mein Glöcklein nicht hören?" sprach er erstaunt zu sich selbst, als er endlich todtmüde nach Hause kam. Da siel ihm ein, daß der Stecken daran schuld sein könne, den er unweit Dillingen von einem Zaun gebrochen und mitgenommen hatte. Am andern Morgen brachte er darum denselben wieder an seinen Ort, und siehe, beim Heimgänge tönte das Glöcklein, wie ehedem, und Ulrich kam nie mehr von dem rechten Weg ab. 2) Bei Bicsenhofen, eine halbe Stunde oberhalb Kausbeuren, stand auf einer Anhöhe im Gehölz eine Burg, von der jetzt wohl kein Stein niehr vorhanden ist. Ein Fräulein dieser Burg hat aber heute noch keine Nuhe, sondern erscheint bald hier, bald dort als Geist. Es setzt sich dem Wanderer, den es trifft, auf die Schultern und bittet ihn, er möge es doch in die Stadt bis zur St. Martinskirche tragen; dann sei es erlöst, und er bekomme all' seine Schätze. Viele haben solches schon probiert, aber keinem ist bis jetzt der Versuch ganz gelungen. Gewöhnlich brachte man das Fräulein nur bis zum Gottesacker; dann wurde es jedesmal so schwer, daß es nicht mehr weiter getragen werden konnte. Das Fräulein weinte bitterlich und kehrte traurig zu seinen Schätzen zurück. Man meint, es sei bei Lebzeiten nicht fleißig in die Kirche gegangen, und darum sei es auch jetzt noch so schwer zur Kirche hinzubringen. 3) Im oberen Jllerthal liegt auf einem grünen Hügel das Dorf Obermcnselstein, anmuthig von Bäumen beschattet. Nicht weit davon erheben sich ganz seltsam gestaltete, arg zerrissene Felsenschichten, die sogenannten „Gottesackerwände." In frühester Zeit dehnte sich hier eine weite, sonnige Alp aus, schön und üppig wie ein Garten. Die Kühe fanden auf ihr das köstlichste Futter; sie gaben so viel Milch, daß man Lebensrnittel in Hülle und Fülle hatte. Da wurden die Leute mitten in diesem Ueberflusse muthwillig und böse. Sie machten sich Kugeln aus Butter, kegelten damit und trieben sonst noch allerlei Unfug. Aber siehe! plötzlich nahte ein heftiges Gewitter heran; der Tag wurde zur Nacht, und feurige Blitze fuhren durch die Luft. Die Liefen der Erde thaten sich auf und verschlangen alles — Alpe, Menschen und Vieh. Wo früher Wachsthum und munteres Leben war, da stehen jetzt nackte Felsen und öde Steintrümmer. 4) In den Bergen zwischen Jmmenstadt und Staufen gab es vor hundert Jahren noch eine Menge Bergmännlein. Sie ließen sich sogar am hellen Tags sehen, trockneten ihre Wäsche und fegten den Hausrath. Wenn es nach längerem Regen gut Wetter werden wollte, machten sie Feuer und kochten, so daß man die kleinen Nauchwölklein deutlich sehen konnte. In der Allerseelen-Oktav und zu andern heiligen Zeiten jammerten und weinten die Männlein. Sonst waren sie aber ganz heiter, hatten am Jodeln und Jauchzen ihre Freude und gaben gerne an, wenn man ihnen zujauchzte. Oft kamen sie zu den Holzhackern, zeigten ihnen Weg und Steg und halfen sogar bei der Arbeit mit. Wenn aber ein Holzhacker zornig wurde und fluchte, dann wurden die Bergmäimlein böse und spielten ihm allerhand Schabernack. Bald machten sie, daß ihm die Axt von dem Stiele fiel; bald gaben sie dem Baume, den er fällen wollte, eine solche Richtung, daß derselbe in einen Dobel oder sonst recht ungeschickt zu Boden kam; bald führten sie den Arbeiter gar in eine dunkle Schlucht, aus der er nicht sogleich wieder herausfand. 5) Auf der Burg Tegelstein bei Lindau hauste in früherer Zeit eine stolze Baronin, die das gemeine Volk arg verachtete. Zu dieser kam einmal eine Pächtersfrau und bat um etliche Rosen aus dem Vurggarten, denn sie wollte ihrem verstorbenen Töchterlein einen Kranz winden. Die Baronin machte aber ein wildes Gesicht und sprach ganz barsch: „Pflücket mir Breimnesseln und windet sie zum Kranze; die gemeinen Leute sind der sreiherrlichen Rosen nicht werth!" Solch rohe Worte thaten der armen Frau sehr' wehe. Voll Herzeleid ging sie von bannen und sagte noch im Fortgehen: „Mögen Eure Rosen lauter Todtenkränze für Eure Töchter werden!" Allso geschah es auch. Bald darauf starben der Unbarmherzigen drei Töchter schnell nach einander. Diese konnten aber nicht im Grabe ruhen. So oft eines aus der freiherrlichen Familie dem Tode nahe war, sah man die drei Fräulein um Mitternacht unten in dem Burggarten, Kränze windend für das Sterbende. 6) Im Walde „Weihgäu" bei Lauingen zeigt sich hin und wieder eine weiße Klosterfrau. Sie hat ihre größte Freude daran, große Leute in dem Gehölz irre zu führen, oder ihnen durch schlechtes Wetter zu schaden. Die Kinder sieht sie aber sehr gerne, namentlich die Sonntagskinder, und fügt ihnen nicht das geringste Leid zu. Einst wollte eiil Knabe seinem Vater das Mittagessen bringen. Der Weg führt« ihn durch das Weihgäu. Da sah er auf einmal die weiße Frau in seiner Nähe. Sie winkte dem Kleinen freundlich und bot ihm viel Geld an, wenn er mit ihr gehe. Der Knabe folgte ihr und kam bald zu einem tiefen Gewölbe, in dem eine prachtvolle Goldkiste stand. 175 Doch siehe, auf der Goldkiste saß ein großer, schwarzer Pudel mit feurigen Augen; er trug einen goldenen Schlüssel in seinem Maule. Der Knabe erschrack so sehr, daß er den Topf mit dem Essen fallen ließ und eiligst davonsprang. Auch einem Wildschützen erschien einmal die Klosterfrau. Sein Hund zog ängstlich den Schweif ein und schmiegte sich winselnd an seinen Herrn. Die Frau schritt mit gehobenem Zeigefinger ernst und drohend auf den Wilderer zu. Dieser ergriff aber schnell die Flucht und gab von nun an sein unsauberes Geschäft auf. 8) Manche Leute in Schwaben erzählen gern von dem wilden Heere. Dasselbe ließ sich schon oft zur Nachtzeit höre», sagen sie, bald als wunderliche Musik, bald aber auch als fürchterliches Gerassel und Gepolter. Neugierige kamen in der Regel schlecht weg. So gingen einst mehrere Klostermägde von Kirchheim näch Nördlingen. Auf einmal vernahmen sie oben in der Luft ein Tosen, ein Sausen und Brausen, Lärmen und Pfeifen, Singen und Geigen, daß es einem wirklich Angst werden konnte. Die Mägde legten sich augenblicklich mit kreuzweis vor die Brust geschlagenen Armen in den Straßgraben. Eine von ihnen war aber srech, blieb stehen und schaute neugierig umher. Sie wurde von dem wilden Heere mit fortgenommen, zwei Stunden weit durch die Lust getragen und endlich neben einem Brunnen niedergelassen. Die andern Mägde fanden sie dort besinnungslos liegen. Neben ihr lagen yoch allerlei Sachen, die das wilde Heer aus der Luft herabfallen ließ. 7) Am hellen Tage offenbart sich das wilde Heer als Windsbraut. Wenn ein Landmann seine Pferde quält, oder seine Rinder hungern läßt, kommt schnell die Windsbraut und richtet auf seinen Feldungen mancherlei Schaden an. Ein Bauer im Unterland düngte einst seinen Acker mit Asche. Da er aber ein Grobian war, kam die Windsbraut, nahm alle Asche mit hinauf in die Luft und ließ sie anderswo in einen Sumpf oder Weiher falle». Ganze Flüchen hat sie auf diese Weise schon kahlgesegt und so manche Feldarbeit vereitelt. Im Oberlande wurde einmal die Windsbraut gar von einem alten Weibe hergezaubert. Letzteres hatte in aller Frühe an einem Biehbruiinen Aepfel gewaschen. Ein benachbartes Bäuerlcin sah dieses, und weil es Unheil befürchtete, ging es sogleich auf das Feld hinaus. Als die Windsbraut sich erhob, stand das Bäuerlein schon auf seinem Acker und rief: „Im Namen des Herrn! Mir darfst du nichts nehmen!" Der Sturm ging vorüber und that dem Bäuerlein nichts zu leide; die Aecker der Nachbarn wurden von ihm aber scharf mitgenommen. — Zum Schlüsse noch ein kurzes Wort. Mancher Leser wird vielleicht fragen: Sind diese Geschichtchen auch wahr? Ich antworte: Nein; sie sind eben Sagen, d. h. von dem Volke erdichtete Erzählungen. In dem Märchen werden Dinge verzaubert; in der Fabel kommen Thiere und Pflanzen zum Sprechen, und in der Sage läßt man oft die Toden geistern. Alle drei Stücke sind nur Dichtungen oder Gemälde der Phantasie; was sie aber enthalten, ist nicht selten ein goldener Kern in silberner Schale. 1 _ . . M i s e - l l e rr. (Das wahre Geburtsjahr Jes n.) Herr Professor Sattler in München legt in einer scharfsinnigen Erörterung in der „Allgemeinen Zeitung" dar, daß die Geburt Christi in das Jahr 749 »ach Erbauung Noins fällt, daß die christliche Zeitrechnung um 5 Jahre zu spät beginnt und daß wir statt !883 das Jahr 1888 schreiben sollten. Die christliche Zeitrechnung nimmt das Jahr 754 nach Erbauung Roms als Jahr der Geburt Christi an. Die Frage wurde endgiltig gelöst durch einige unansehnliche Kupfermünzen, welche Herodes AntipaS, einer von den Söhnen Herodes des Großen prägen ließ. Hat Herodes Agrippa dem Datum einer dieser Münzen gemäß im Jahre 40 nach Christus im 44. Jahre regiert, so muß er 4 Jahre vor der christlichen Zeitrechnung seinem Vater Herodes dem Großen gefolgt sein, dieser also im Jahre 4. vor der christlichen Zeitrechnung gestorben sein. Da nun aber Herodes nicht im zweiten Jahre der Geburt Jesu, kurz vor Ostern gestorben ist, so müß Jesus, da Herodes der Große im Jahre 750 »ach 176 Erbauung Roms gestorben ist, im Jahre 749 nach Erbauung Roms, d. i. fünf Jahre vor Beginn der christlichen Zeitrechnung, geboren sein. Die Evangelien bieten uns hie- für vier Daten: 1) Jesus wurde unter der Regierung Herodes des Großen gegen das Ende desselben geboren; als der König starb, war Jesus noch ein Knäblein (Matthäus 2, 20). 2) Gleichzeitig mit der Geburt Jesu fand eine Volkszählung statt, die vonr Kaiser Augustus ausgeschrieben und von Quirinus, dein Präses von Syrien, vorgenommen wurde (Lucas 2, 1 und 2). Ausgeschrieben wurde die Volkszählung 746 nach Erbauung Roms, begann sie 747, so konnte es leicht Dezember 749 weroen, bis sie über die großen weitentlegenen Centralpunkte hinaus Jerusalem erreichte. 3) Johannes der Täufer begann seine öffentliche Wirksamkeit im fünfzehnten Jahre der Regierung des Kaisers Tiberius und taufte in diesem Jahre Jesum (Lucas 3, 1—22). Kaiser Augustus hatte im Februar 766 Tiberius zum Mitregenten erhoben und ihm das Imperium Procon- sulare in allen Provinzen übertragen. Gemäß dieser Mitregentschaft begann das fünfzehnte Negierungsjahr des Tiberius mit dem Februar 780. 4) Jesus war ungefähr 30 Jahre alt (Lucus 3, 23), als er im fünfzehnten Jahre der Regierung des Kaisers Tiberius und im sechsundvierzigsten Jahre des Herodianischen Tempeibaues (Joh. 2, 20) seine öffentliche Wirksamkeit begann. Der Tempelbau begann im Jahre 734 nach Erbauung Roms im Oktober. Zählen wir 46 dazu, so ergibt sich Ende 780 als erstes Jahr des öffentlichen Lebens Jesu, und ziehen wir von 780 (von 779 Jahren 10 Monaten und 17 Tagen) die 30 Jahre 10 Monate und 22 Tage, welche Christus bei Beginn seines öffentlichen Lebens zählte, ab, so bleiben 748 Jahre 11 Monate und 25 Tage — 25. Dezember 749 nach der Erbauung Roms als die Zeit der Geburt des Heilandes. An der Hand der astronomischen Berechnungen kommen wir zu dem Resultate, daß Jesus am 7. April 783 gekreuzigt wurde, und am 18» Mai in den Himmel aufgefahren ist. Demnach füllt das öffentliche Leben Jesu in die Zeit vom 17. November 780 bis zum 18. Mai 783, dem Tage seiner Himmelfahrt, und füllt, weil das Jahr 783 ein jüdisches Schaltjahr von 13 Monaten war, die Zeit von 2^ Jahren, oder ganz genau berechnet, die Zeit von 2 Jahren und 7 Monaten aus. (Narren-Liste.) Der Khalif Aron Erechid fragte seinen Hofnarren Bahalul, wie viel Narren es in Bagdad gäbe, und trug ihm auf, mit aller Genauigkeit eine Liste derselben anzufertigen. Bahalul entgegnete aber: „Das Verzcichniß würde zu umfangreich werden, und da mein Gebieter weiß, welch ein Feind der Arbeit ich bin, so will ich lieber eineListe der Klugen aufsetzen; die wird wahrhastig kurz genug werden» und mein Herr erfährt daraus doch, was er zu wissen wünscht, wie viel Narren Bagdad umfaßt." (Ein alter Ansiedler) in Texas erzählte neulich viel von den guten alten Zeiten. „Es wurde mir einst für ein Paar Stiefel eine Meile Land angeboten," sagte er — „Nahmen Sie den Handel nicht an?" — „Nein." — „War das Land nichts werth?" — „Es war das beste im ganzen Staat. Das Gras wuchs fünf Fuß hoch, ein kleiner Bach floß hindurch und in einer Ecke war eine noch unberührte Silbrrmine." — „Aver warum nahmen Sie es nicht an?" — Mit trauriger Stimme sagte der Alte: „Weil — weil ich keine Stiefel hatte." (Ueber Italien.) Ein Reisender kam aus Italien und wurde gefragt: „Welches wird wohl das Loos dieses herrlichen Landes sein?" „Da ist sehr viel los," gab der erstere zur Antwort, „nämlich Schulden zahllos, Steuern endlos, Volk geldlos, Schule konfessionslos, Verwirrung heillos, Lage trostlos, Presse gottlos, Theater schamlos, Sitten zügellos, Aufklärung hirnlos, Klöster schutzlos, Schwindelei maßlos, Geschäft creditlos, Literatur glaubenslos, Pöbel gewissenlos und obendrein der Teufel los." (Unüberlegt.) Professor: „Denken Sie sich also, meine jungen Freunde, daß beispielsweise mein Kopf die Erde vorstelle; wenn nun die Sonne am höchsten steht, dann halten die Bewohner meines Kopses Mittag!" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarüchen Instituts von Dr. Max Huttler. Nr. 23. 1883. »m „Augslmrger Posheituug." Mittwoch, 21. März N e L m rr t h l o s. Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann .Hirschfeld (Fortsetzung.) Mitleidig ruhte Alida's Auge auf ihrer Tante. „Sie bereuen", sagte sie mild; „wohl Ihnen, daß noch der Strahl der Erkenntniß Ihre Seele zu durchleuchten vermag, o halten Sie ihn fest, diesen Strahl, daß er Ihr Herz gut und weich mache und ich verspreche Ihnen, den Theuren zu ersetzen, um den das Kleid der Trauer Sie umhüllt und der schwarze Schleier Ihr Haar schmückt; die Zeit, die ich erübrigen darf im heiligen Dienst der leidenden Menschheit, ich, will sie Ihnen-" Wie abwehrend streckte Frau von Solmitz dem Mädchen die Hände entgegen. „Nicht weiter, Alida, nicht weiter, Du zerreißest mir das Herz. Du weißt nicht Alles, was geschehen ist, seit Du von Solmitz flohest. Dein Kommen bringt neue Verwirrung in's Haus und ich bin abermals die Ursache. Wisse denn, Alida, Oscar, mein Sohn» er lebt!" Sprachlos starrte Alida in das Antlitz ihrer Tante; „er lebt, er lebt!" wiederholten ihre Lippen mechanisch» Dann aber, wie überwältigt von dem ungewohnten Glück, sank sie auf ihre Kniee nieder und heiße Thränen überströmten ihr Antlitz. „Allmächtiger Gott» wie reich machst Du nuch", drang es über ihre Lippen, wie ein heißes Dankgebet, „nicht Alles sollte ich verlieren, was meinem Herzen theuer war." Dann, sich erhebend, fuhr sie fort: „O laßen Sie mich zu ihm, zu dem neu Gefundenen, mir neu Erstandenen, lassen Sie mich ihn sehen, daß ich das Wunder glaube." „Du willst ihn sehen?" Schmerzlich zuckte es durch Frau von Solmitz Antlitz. „Alida, kennst Du nicht Oscar's Charakter? trotz aller Weichheit, aller Biegsamkeit, würde er unerschütterlich in dem Entschluß sein, Dir das Erbe Deines Vaters zurückzugeben, unbekümmert, ob Du ihm entsagen wollest, oder nicht!" „Das wird Oscar nicht thun", rief Alida eifrig, „er wird nicht als Almosen ein Geschenk aus der Hand ansehen, die er einst würdig genug fand, als die Hand seiner Gattin in die seine legen zu wollen, und die sich jetzt als treue Schwesterhand ihm entgegen streckt. Nun wird sein Herz nicht mehr von Zweifeln belastet werden, denn selbst jetzt, dessen bin ich gewiß, hat er Alida nicht vergessen, und glücklich werde ich sein in seinem Glücke, an jenem Tage, da ich Fanny von Ebersdorf meine Cousine nennen darf." „Du darfst es, Alida", flüsterte Frau von Solmitz tonlos — „denn heute, vielleicht in eben diesem Augenblick, bietet mein Sohn der Baronesse Herz und Hand — dort, blick hin, — dort sind sie." Starren Auges schaute Alida durch das Fenster; wie ein Dolchstich schnitt es ihr durch die Seele, denn unten Arm in Arm, anscheinend in tiefernstem Gespräch, schritten Oscar und Fanny von Ebersdorf eben vorüber und verschwanden um «ine Ecke. — 176 - „Er hat mich rasch vergessen!" Wie ein schmerzlicher Hauch drang es über ihr Lippen. — Eine lange Pause entstand, in ängstlicher Spannung ruhten die Blicke Herminen's von Solmitz auf Alida; konnte sie ihr enthüllen, welche neue Intrigue sie gewoben, um dem jungen Mädchen das Herz ihres Sohnes zu entfremden? Nein, sie durfte es nicht, sie fühlte, daß es die Ehre Aliden's gelte, sich in Oscar's Augen zu rechtfertigen, und dann schlich sich, wie ein nagender Wurm, zum ersten Male die Neue wie ein bitteres Gefühl in ihr Herz und so klein, so verächtlich kam sich die sonst so stolze Frau, der Waise gegenüber, vor. Alida war die Erste, die das Schweigen brach. Die Freudenthränen, die sie vergossen, da sie vernommen, Oscar von Solmitz sei dem Leben erhalten, sie waren versiegt und starr und trocken ihre Augen, todtenbleich ihr Antlitz. „Sie haben Recht", sagte Sie endlich, unter diesen Umständen dürfte Oscar jede Theilung von sich weisen; es ist besser, er sieht mich nicht mehr, mein Anblick könnte ihm trübe Erinnerungen in der Seele wecken; ich will zur Stadt zurückkehren und überlegen, wie ein Ausweg aus diesem Labyrinth zu finden; ich kann ihm nicht Alles rauben, was er einst gehofft, sein eigen zu nennen. Sie sollen meinen Entschluß hören, für jetzt entscheide ich nichts; ohne meine Zustimmung darf Keiner die bestehenden Berhältnisse ändern. Und nun leben Sie wohl, gnädige Frau, lassen Sie um Leopold von Bernau willen uns scheiden ohne Groll, sagen Sie Oscar und Baronesse Fanny, daß ich sie segne und es hoffentlich einstens mir vergönnt sei, mich ihres Glückes zu freuen, wenn es ruhig und still geworden — hier und hier." Auf Haupt und Herz wies ihre Hand. Frau von Solmitz streckte der Nichte die hageren Finger entgegen; sie waren eisig kalt und zitterten. „Gehen Sie, Alida", sagte sie, und ihre Stimme klang fast tonlos, „und Gott lenke ihren Entschluß, Gott, der Sie segnen möge — und mir verzeihen." Sie wandte sich ab, es war ein Rest des alten Stolzes, der sich in ihr aufbäumte; sie wollte Alida nicht die Thränen zeige», die ihren Augen entflossen, Thränen der Reue, Thränen der Scham. Geräuschlos entfernte sich das junge Mädchen; nun schloß sich hinter ihr die Thür, sie war allein auf dem weiten, öden Korridor. Der furchtbare Schmerz, den sie stumm getragen, da sie die Kunde der raschen Verlobung Oscar's vernommen, er zuckt« noch in unsäglicher Qual durch ihr Herz. Wohl war sie stets bereit gewesen, seiner Hand zu entsagen, noch ehe sie das Familienband kannte, das sie mit ihm umwob, und jetzt hätte es sie so glücklich gemacht, in schwesterlicher Liebe die Freundin mit dem Vetter zu vereinen. Aber, daß er sie so rasch zu den Todten werfen konnte, daß er eS nicht einmal der Mühe werth hielt, der Spur nachzuforschen, die ja leicht zu erkunden war, daß er solche Eile hatte, seine Verlobung abzuschließen — das schlug ihrem Herzen die tödtliche Wunde, das wirkte wie ein betäubender Schlag, der ihre Geisteskraft zu lahmen drohte. Nur einen Gedanken vermochte sie zu fassen — nicht dem jungen Paare zu begegnen, das sie vom Fenster aus bemerkt hatte, ihr Anblick sollte ihn nicht mahnen, daß er nur allzurasch vergessen, was er ihr gelobt, ihr bleiches Antlitz ihm nicht als ein stummer Vorwarf entgegentreten. Mit der Oertlichkeit des Schlosses vollkommen vertraut, wühlte sie den entgegengesetzten Weg, den Oscar und Fanny von Ebersdorf eingeschlagen hatten, sie wollte von der Hinterpforte aus durch den Park unbemerkt das Schloß verlassen. Vorsichtig, aufmerksam auf jeves Geräusch, schlich sie dahin, wie mit Freundesaugen grüßten sie die Blumen, ihre Hand hatte sie gepflanzt, hatte sie genetzt, wenn die Sounen- gluth ihnen mit Verwelkung drohte; mit lustigem Schlag riefen ihr die Vüglein von den 179 Zweigen ein Willkommen zu, sie hatten sie lieb, das bleiche holde Kind, das sie erblühen sahen von Jahr zu Jahr, wenn sie heimkehrten aus wärmeren Sphären zum Sommer des Nordens; Alida verstand nicht die Sprache, der sie sonst so gern gelauscht; eine Fremde hatt« Hermine von Solmitz sie einst genannt, jetzt gehörte sie zum Hause, des Geschlechtes Wohl und Wehe lag in ihrer Hand, und doch war's ihr, als sei sie nimmer hier so sremd gewesen als heute, als sei sie eine Ueberflüssige, Ausgestoßene, die nur gekommen, sein Glück zu zerstören und Verderben zu bringen. Weiter und weiter war sie gelangt und Keiner hatte sie bemerkt; nun war sie an jenem Ort, wo sie die treue, redliche Werbung des Oberlieutenants vpn Alten abgewiesen hatte, um Oscar's willen; vor ihren Blicken lag crystallhell, von der Sonne bestrahlt, daß er schimmerte wie flüssiges Gold, der Teich und in des Pavillons Fenstern leuchtete eS im Widerscheine der Himmelskugel blitzend wie in tausend und abertausend Diamanten. Ihr Fuß blieb wie gefesselt stehen, die Erinnerung überkam sie in ihrer ganzen Macht; aber neben der Vergangenheit schmerzlichen Bildern stieg die Zukunft noch düsterer vor ihrer Seele auf. So allein, so verlassen fühlte sie sich, wie noch nie. Wie wenig sie Oscar galt, das wußte sie jetzt; nur der Impuls des Augenblicks, nur das Bewußtsein des älteren Rechtes an seiner Zuneigung, hatten ihn vermocht, ihr seine Hand anzubieten und seine schwache Seele war froh, sobald sie die Fessel löste. „O, hörte er nie mehr von mir", klang es in ihrer Seele, „wäre ich allem Leid entrückt und droben bei meinen Eltern, dann wäre ja alles gut und Oscar unbestritten der Erbe.« „Und ist des denn so schwer, zu ihnen zu gelangen, ist's denn so schwer, den Frieden zu gewinnen, nach dem mein Herz sehnt?« Wie ein düsterer Geist breitete ein furchtbarer Gedanke, der Hölle entstiegen, seine schwarzen Fittige über Alidens's Seele aus. „Wenn ich todt wäre — dann brauchte die Tante nicht mehr zu fürchten und Oscar nicht, selbst wenn er es annehme, ein Geschenk der Großmuth aus meiner Hand zu empfangen.« Sie starrte in die Tiefe, wie lachte und lockte es ihr entgegen, wie schön mußte es dort unten sein — am Grunde zu liegen still und starr, wie lindernd die dumpfe Schwere, die ihr das Haupt betäubte, wie eine Last bedrückte. So seltsam war's ihr zu Muthe» ihr schien es, als streckten sich Geisterhände hervor, aus der goldstrahlenden Tiefe ihr winkend, und leise Stimmen murmelten; „Komm, komm«, tiefer neigte sie lauschend ihr Ohr — so süß klang es, so lockend. „Ich komme, ich komme!« „Fräulein! Um Gotteswillen, Fräulein, was thun Sie?« Die kräftigen Arme eines jungen Mannes, dessen etwas schleppender Gang ein Stock unterstützte, riß das halb bewußtlose Mädchen vom Teichrande hinweg. «Erkennen Sie mich nicht?" fragte er» als Alida ihn groß und verwirrt anstarrte« „Ich bin ja Paul Halse», der Solmitzer Müllerssohn. Vor einer Stunde langte ich, von meiner Wunde geheilt, bei meinen Eltern an und zu meinem Jubel vernahm ich» daß auch mein lieber, junger gnädiger Herr dem Leben erhalten geblieben. Da machte ich mich auf, ihn zu begrüßen und wählte der Kürze halber den Parkweg, es war Gottes Hand, die mich leitete. Fräulein, Fräulein, noch einmal frage ich Sie, was wollten Sie thun?" „Eine elende, schlechte That, Paul, eine That, die mich dem ewigen Gerichte als Schuldige überliefert hätte. Der böse Geist, der hinter dem Menschen steht, jeden Augenblick bereit, den Staubgeborenen bei einer Erdenschwäche zu fassen, er hatte sich meiner bemächtigt und meine Sinne getrübt. Nein, nicht von mir werfen will ich mein Dasein in eitlem Jammer, das ich der leidenden Menschheit gelobt. Die Hand Gottes, Du sprachst es aus, Paul Halsen, sie war es, die mich durch Dich vom Abgrund rettete; überwunden ist der Schmerz der Seele, überwunden die furchtbare Versuchung.« 180 Paul blickte sie ängstlich an. „Man kommt!" sagte er hastig, „ich bitte Sie dringend, lassen Sie sich so nicht finden, Sie" sind bleich wie eine Leiche, ein Jeder würde aus Ihrem Antlitz lesen, daß etwas Ungewöhnliches hier vorgefallen. Kommen Sie in den Pavillon, sich einen Augenblick zu erholen und Fassung zu gewinnen. Sie bedürfen ihrer, kommen Sie, ich bitte Sie, theures Fräulein." Willenlos, wie ein Kind, ließ Alida sich von dem getreuen Paul fortziehen; sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe, da sie auf des jungen Mannes Arm sich stützend den Pavillon betrat und dort, bis zum Aeußersten erschöpft, auf das kleine Sopha sank. Näher und näher kamen die Schritte. Paul Halsen war nicht in geringer Aufregung; wenn man den Pavillon betreten sollte — Plötzlich schreckte das junge Mädchen empor; bekannte Stimmen drangen an ihr Ohr, Oscar von Solmitz und die Baronesse Fanny von Ebersdorf waren die Kommenden. Deutlich drang die klare melodische Stimme des jungen Mannes bis in das Innere des Pavillons. „Lassen Sie uns hier Platz nehmen, liebe Fanny", sagte er, „ich fühle mich etwas erschöpft und habe Wichtiges mit Ihnen zu rede», ehe mich die Pflicht in den Saal ruft, iHeine Unterschrift zu dem traurigen Akte zu geben, der meine» Oheim, Leopold von Bernau, zu den Todten wirft." Auf die Bank unter den Fenster des Pavillons, auf der einst Alida gesessen, da Edmund von Alten ihr Herz und Hand angetragen, fließ sich das junge Paar nieder, vom goldenen Sonnenschein umstrahlt. „Sie sehen, lieber Oscar, ich bin Ihnen willig gefolgt, da Sie mich um eine Unterredung baten, jetzt reden sie frei und unbekümmert, denken Sie, eine Freundin, eine Schwester sei es, die Ihnen ihre ganze Seele öffnet; denn ich kenne Sie, nichts Böses kann es sein, das Sie mir zu vertrauen haben." „Sie haben Recht, wie immer, Fanny", rief Oscar, „ja, gießen Sie Trost und Balsam in mein krankes Herz, daß es sich zu neuem Dasein erschließe." „Armer Freund!" sagte das junge Mädchen leise, „Alida heißt die Wunde." „Ja, Alida", rief Oscar stürmisch, „Alida die Vergangenheit und Fanny meine Zukunft, aber wie beide Namen sich wie eine Kette in meiner Seele verknüpfen, so kann ich auch jetzt mich noch nicht des Glückes der Zukunft freuen, ehe ich überzeugt, daß ich mit der Vergangenheit brechen darf. Fanny, die Tugend, die Aufrichtigkeit sind Sie selber, antworten Sie mir, was wissen Sie von Aliden's Verschwinden?" Fanny seufzte. „Was ich nimmer geglaubt, hätte Ihre Mutter selber es nicht angedeutet. Nachdem der Oberlieutenant von Alten um ihre Hand geworben, habe sie, seiner Weisung folgend, plötzlich das Schloß verlassen, wahrscheinlich um sich zu seiner in Süd-Frankreich lebenden Schwester zu begeben. Die ersten Spuren deuteten darauf hin, später seien diese im Gewirr des Krieges verschwunden." Wie ein erstickender Aufschrei klang es vom Innern des Pavillons, aber die jungen Leute draußen im Sonnenlicht achteten nicht darauf, zu ernst, zu wichtig war ihnen das Gespräch, das ihre Seele erfüllte. „Ganz recht", entgegnets Oscar, „so ward auch ich berichtet, mehr noch, ein Brief Eduard's, augenscheinlich nach Aliden's Verschwinden gefunden, ward mir von Streland eingehändigt, der mich vollends überzeugen sollte. Und doch, Fanny, doch vermag ich noch nicht zu glauben. So hold, so rein, so treu steht Aliden's Bild vor nieiner Seele, daß ich erröthe, es mit einem häßlichen Fleck zu belasten." „Hören Sie, was ich gethan; In diesem Augenblick befindet sich ei» treuer, ergebener Freund bei der Schwester des Verunglückten, er soll prüfen, er soll forschen; täglich erwarte ich seine Antwort, Keiner, selbst meine Mutter weiß nicht, daß ich diesen Schritt gethan." 181 „Es ist ein guter Schritt, Oscar", rief Fanny innig, „möge Gott alles zum Guten lenken." Der junge Mann preßte warm die Hand der Baronesse. „Sie sind e,n edles, gutes Mädchen, Fanny, nun lassen Sie mich ganz mein Herz ausschütten." „Ich höre"; ein unwillkürliches Errathen überflog die feinen Züge der Baronesse, sie mochte ahnen, was kommen werde. „Mit Alida Barfeld seit meiner Kindheit emporgewachsen", nahm Oscar von Neuem das Wort, „war sie als meine Gespielin, wie es so oft geschieht, auch der Gegen« stand meiner jugendlichen Neigung, ich liebte sie warm und innig und glaubte das höchste Glück zu genießen, wenn es mir vergönnt sei, sie einst meine Gattin nennen zu dürfen. Da wurden Ihre Eltern unsere Gutsnachbarn, Fanny, da sah ich Sie, und auch zu Ihnen zog mich mein Herz in mächtiger Neigung; nicht, daß ich Alide weniger geliebt, aber alle guten, alle edlen Gefühle meiner Brust theilten sich zwischen Ihnen, und den- nocb unglücklich genug machte mich dieser Zwiespalt, genug der Stunden höchster Verzweiflung verursachte es mir. Aber Alida Barfeld hatte ältere Rechte, und nimmer, so hold Fanny von Ebersdorf als lieblicher Stern mein Dasein durchleuchtete, hätte ich einem anderen, als dein Mädchen meine Hand gereicht, das den Schwur meiner Treue empfangen." (Schluß folgt.) Zur Geschichte des Augsburger Theaters. Von Klara Reichner. V. Das Stadttheater zu Anfang unseres Jahrhunderts. ^ Als im Jahre 1776 das neue Stadttheater, welches dann sehr lange Zeit hindurch das „alte" in Augsburg blieb, erbaut und durch die Schopf'sche Gesellschaft am 16. Oktober eröffnet »norden war, wurde zugleich gar Mancherlei geändert und aeregelt, was Be« dingungen und Anordnung betraf. Der Direktor hatte fortan nach erhaltener „Pernüssion" 400 Fl. Kaution (später bald auf 100 herabgesetzt) dem Almosenamt zu erlegen, wovon er die Hälfte bei recht« zeitiger Eröffnung der Bühne» den Nest indessen erst bei seiner unbeanstandeten Abreise zurückerhielt. Außerdem hatte er für jedesmaligen Gebrauch des Theaters 16 Fl. zu entrichten — später, als das Almosenamt nicht mehr die Beleuchtung und das Theater- Dienstpersonal besorgte: 10—12 Fl. — und die Kosten für Bühnen- und Orchester- Beleuchtung, Musik, für „Kassa und Cinfeurung", sowie für die Theaterzettel zu tragen, mit der besondern Verpflichtung, auf diesen Zetteln mindestens zweimal dein Publikum bekannt zu geben, daß es: „den Theater-Personen nichts borgen solle." Endlich waren bestimmte Frei-Logen und Frei-Billets dem Almosenamt rc. rc. ausbedungen, und vom hohen Rath eine große Anzahl verbotener Spieltage — in Summa etwa 140, darunter z. B. auch alle Sonntage — festgesetzt; »vas die aufzuführenden Komödien anbetrafl so ward dem Direktor vorgeschrieben: „nur regelmäßige, unanstößige Stücke, Ballete und Opern aufzuführen" ; der Beginn der Vorstellungen geschah damals noch ziemlich früh am Abend: 6 Uhr ist die späteste Zeit, welche wir bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts verzeichnet finden, und das Eintrittsgeld betrug für die ganzen Logen 2 und 3 Fl., für den einzelnen Logenplatz 1 Fl., für erstes Parterre und mittlere Galerie 30 Kr., für Weites Parterre und Seitengalerie 6 Kr. (Sperrsitze gab es dazumals noch nicht); außerdem aber stand an der Eingangsthür zum Theater ein vom Almosenamt aufgestellter „Bixenheber" mit seiner klappernden Blechbüchse zum Besten der Armen. Und nun sehen wir bis zum Jahre 1795 Thsatergesellschaften verschiedener Lluan- titüt und Qualität die „Permiision" erhalten, sich mit ihren Künstlern zu produziren, deren Personal zwischen den Zwanzigen, Dreißigen und Vierzigen hin- und herwechselte; die Zahl der Stücke ergab im Allgemeinen eine sehr verschiedene Ziffer, da durch die be- — 182 - schränkte, oft durch längere Pausen unterbrochene Spielzeit der Aufenthalt der betreffenden Gesellschaften von verschieden langer Dauer war, sich auch nach mehrmonatlicher Zwischenzeit zuweilen wiederholte. Dadurch gestalteten sich oft mehrere „Saisons", als Vorläufer der späteren regelmäßigen Winter- und Sommer-Saison, und die Zahl der Stücke während dieser verschieden langen Spielzeiten (3—7 Monate durchschnittlich) wechselte meist zwischen 30 und 80, ja, es wurde sogar die Höhe von circa 100 erreicht. An besonders Hervorzuhebendem während der ersten zwanzig Jahre des alten Stadt- Theaters — von 1776 bis 1796 — treffen wir auf Mancherlei des heut' zu Tag Befremdlichen, z. B. bei einer Gesellschaft vom Jahre 1781, als Ueberreste einer ehemaligen „Kindertruppe", eine ungewöhnlich große Anzahl von weiblichen Kräften, welche spielten, fangen und tanzten, darunter vier, die von Jugend auf nur Männerrollen gaben; die besten Künstler dieser Gesellschaft erhielten pro Woche eine Gage von 9 Fl.! Unter der folgenden Direktion — anno 1782 — geschah das Kuriosuin eines förmlichen Scharmützels zwischen dem Direktor in höchst eigener Person nebst Sicherheitswache und den die Theaterbesucher abholenden Dienern und Mägden; letztere wollten nämlich sammt ihren Fackeln und Laternen in's Parterre eindringen, um dort — anstatt draußen — den Schluß der Vorstellung abzuwarten» und widersetzten sich durch höchst energische Thätlichkeiten, als man sie davon hindern wollte. Bemerkenswerth ist auch die Direktion Dobler mit ihrer „durch Kunst, Statur und Moralität berühmten Komödiantentruppe", bestehend aus einem Personale von 31 Mitgliedern und einem der üblichen Kinder (meist waren es 2—3, zuweilen auch mehr noch), welche vom 23. September 1782 bis zum 4. März 1783 nicht weniger als 95 Stücke aufführte, und über die ein „reisender Kritiker" jener Zeit sich folgendermaßen äußerte: „Wenn ein Prinzipal beinahe jeden Tag seinem Auditorium etwas Gutes und Neues «ufschüsselt, und dennoch fast lauter leere Bänke vor sich siehet, ist's am Ende denn da ein Wunder, wenn ihn dies Unglück trifft, woran schon so mancher Prinzipal gestrandet? u. s.w." Und allerdings strandete noch so mancher an „diesem Unglück", nämlich an den leeren Bänken» denn nicht nur dieser eine Direktor erlitt allein vom 30. Dezember bis 14» Januar den für damalige Zeit gewiß nicht unbedeutenden Verlust von 459 Fl. 45 Kr.; er kam verhältnißmäßig noch gut davon. Auch das Almosenamt beklagte sich bitter über den ungünstigen Theaterbesuch, da es öfter vorkam, daß die Direktoren ihre Abgaben nicht zahlen konnten. Trotzdem kehrten etliche der Gesellschaften wiederholt zurück, wenn sie auf's Neue „Permission" erhielten, obwohl es manches Mal geschah, baß sie an Beifall reicher als im Geldbeutel die Stadt verließen. Im Jahre 1789 erfahren wir auch von einer Gesellschaft, welche — „silhouettirt" wurde, wie gegenwärtig die Künstler photographirt werden; es war im vorigen Jahrhundert bereits eine beliebte Sitte geworden, hervorragende Künstler durch Portraits in Form von Kupferstichen oder Silhouetten zu verewigen, und besonders in Augsburg gelangten durch einen Zeichenlehrer und einen Kunsthändler sogar ganze Gesellschaften auf diese Weise in die Hände und den Besitz des theaterfreundlichen Publikums. Nachdem von 1776 bis 1790 circa zwölf Direktionen zusammen 892 Stücke zur Darstellung gebracht hatten, erschien Oktober 1790 der Direktor Josef Voltolini mit einem Personal von 43 Mitgliedern und 3 Kindern. Sie spielten (bis März 1791) 74 Stücke, unv erfreuten sich der Theilnahme in so hohem Grade, daß die Direktion es wagen durfte, drei aufeinander folgenden Wintern, jedesmal 4—5 Monate vas Feld zu behaupten. Es war allerdings eine gute Gesellschaft mit tüchtigen Kräften, welche nicht nur die neuesten und besten Erezugnisse damaliger Zeit auf dem Gebiet des Trauer- und Lustspiels zur Darstellung brachte, sondern auch größere und kleinere Opern und Ballets. Damals begann auch der Hervorruf für Leistungen, die dem Publikum besonders gut gefielen, gebräuchlicher zu werden; auch findet sich zum ersten Male eine Vorstellung bei „erhöhten Preisen", als „die Zauberflöte" von Mozart 1793 aufgeführt wurde. Die Spieltage waren imnzer nur; der Montag, Dienstag, Donnerstag oder Freitag — Sonntags durste nicht gespielt werben. Die Theaterzettel waren meist mit einer sehr beredten, schwungvollen Reclame für das betreffende Stück, zuweilen auch mit der vielsagenden Bemerkung versehen: „Jedermann wird ersucht, keine Hunde in's Schauspielhaus mitzunehmen!" — M«„ — „mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zn flechten, und das Unglück schreitet schnell!" Das Schicksal, welches der Direktion Loltotini in Augsburg drei Jahre hintereinander hold gewesen war, sollte ihr schließlich um desto treuloser den Rücken wenden. Als im Jahre 1794—95 Herr Josef Loltoltni wiederum aus dem Schauplatze erschien, diesmal — da er selbst für Negensburg verpflichtet war — durch Vertretung, in Gestalt seiner Gattin: Madame Friederika Voltolini mit 26 Mitgliedern und vier Kindern, ging die Gesellschaft, trotz aller Anstrengung, schließlich doch zu Grunde. Ein erhalten gebliebener Brief des armen Voltolini, einige Zeit vor Ausbruch des Bankerotts an eines seiner Mitglieder geschrieben, lautet, als eine Art von Vorbote, wie folgt: „Daß Schücksall, so mich trif zwing mich dazu ihnen zu ersuchen, sich in Zeit von heut an 6 Wochen um ein anderes umzusehen, Gott weiß es thut mir leud ihnen so was zu sagen, allein ich kann es nicht enderen, ich muß meine Gesellschaft suchen zu verkleinern, «einen sie es nicht übel, allein Umstenden zwingen mich dazu. Ihr wahrer Freund Voltolini." — Das Ende vom Liede war, daß 1795 die Gesellschaft sich auflösen mußte; Madame Friederika Voltolini verblieb in sehr dürftigen Umständen in Augsburg, d. h., sie fristete ihr späteres Leben dort durch Vermiethen von Zimmern, Kochen und Waschen für Schauspieler, eventuell auch durch deren Wohlthätigkeit. — Der Fall Voltolini, im Verein mit allerlei Nebenumständen und vorangegangenen ähnlichen Erfahrungen, veranlaßten aber doch nun die Nothwendigkeit energischen Eingreifens in die theilweise auch durch die Ungunst der Zeitverhältniffe veranlaßten, ungünstigen Theaterverhältniffe. So stellte sich denn eine Art von Comits, gebildet von dem Adel und sonstigen Patriziern und Notabilitäten Augsburgs, als „Entrepreneurs" an die Spitze der Leitung, woran der Neichsgraf Josef Fugger von Kirchheim, welches — statt der bisher reisenden Gesellschaften ertheilten Conzession — selbst die Sache in die Hand nahmen, indem sie alles Mögliche in's Werk setzten, um ein Theater, Augsburgs würdig, herzustellen. Weder Mühe noch Geld wurde gespart, um von überall her brauchbare Mitglieder zu verschreiben und kommen zu lasten; zwei Regisseure — für das Schau- und Singspiel — wurden eingesetzt, ein verstärktes Orchester mit bestimmter Jahres-Gage gebildet, und die Contrakte mit den Schauspielern gleich auf ein ganzes Jahr geschlossen; auch auf Dekorationen wurde große Sorgfalt, ja sogar Glanz verwendet, und das ganze Unternehmen, das auf Aktien gegründet war, durch feste Gesetze geregelt. Die „Entrepreneurs" hatten dir Conzession gleich auf sechs Jahre erhalten, aber — die böse Zeit, die böse» Franzosen und das böse Geld, das die Sache verschlang, machte ihr schon im selben Jahre — 1796 — den Garaus, d. h>, es wurde Alles dem bisherigen Oberregisseur für eigene Rechnung übergeben. Mit wechselndem Glücke spielten nun während der folgenden, kriegerischen Jahre verschiedene Direktionen, darunter von 1803 bis 1806 viermal hintereinander die Direktion Vanini, eine Gesellschaft, deren zahlreiche Mitglieder fast nur aus den Bestandtheilen zweier verwandter Familien sich zusammensetzte. Bemerkenswerth ist» daß damals der zweite Opernversuch Karl Maria's von Weber (der Componist zählte zu jener Zeit siebzehn Jahre): „Peter Schmoll" in Augsburg zur Aufführung gelangte. Ferner ist ein Theaterbrand aus dem Jahre 1803 zu verzeichnen, freilich nur des hölzernen Puppentheaters auf dem Obstmarlt, dessen Leiter der letzte der Meistersinger: Sartor, war, welcher als Ueberbleibsel des ehemaligen, deutschen Hanswurst, dort seine sehr derben Schwünke gegen ein Eintrittsgeld von 1 Kr. per Akt zum Besten gab. Man hatte bisher noch immer ein Auge zugedrückt, wenn es der in seiner Weise vortreffliche, nun bald 74jährige, greise Hanswurst nicht gar zu toll mit seinen Späffen trieb, es war ihm aber zur Pflicht bei der alljährlichen „Permission" gemacht worden, jegliche „Zote", bei Strafe' der Conzessions-Entziehung, zu unterlassen, ja er hatte endlich — anno 1790 etwa — seine Puppenkomödie vor der Aufführung dem Bürgermeisteramts Zur Begutachtung, beziehungsweise „Censur", einreichen müssen. Als nun aber der Zufall sich selber in's Mittel legte, und bei einer großen, kriegerischen Darstellung durch die dazu gehörigen Schüsse die Papier-Dekorationen und dadurch das ganze Bretter-Theater in Brand versetzte, da trieben die Flammen auch die Ueberreste des letzten, eigentlichen, deutschen Hanswurst von Augsburg aus seinem letzten Schlupfwinkel, in den er sich geflüchtet, hervor, und er verschwand auf Nimmerwiedersehen in seiner althergebrachten Form und Gestalt! Der letzte der Augsburger Meistersinger und Hanswurste erhielt nun nicht mehr die „Permission" sein hölzernes Puppen-Theater neu zu errichten, dafür aber durfte er drei Tage lang bei der gesammten Bürgerschaft zu seinem eigenen Nutz und Frommen sammeln gehen. „Die Kunst geht nach Brod!" — Dasselbe hätte fast auch der Direktor Vanini mit seiner ganzen Gesellschaft thun müssen, wenn ihm dazu die „Permission" ertheilt worden wäre, wenigstens durfte er schließlich im Jahre 1806 nach dem vierten Jahre seines Wirkens froh sein, daß er die „Permission" zum Rückzüge erhielt, bevor seine Zeit eigentllich abgelaufen war, nachdem er sich schließlich genöthigt sah, mit seinen Gläubigern gerichtlich zu akkordiren. Die Gesellschaft welche ihn ablöste, stand unter der Aegide einer weiblichen Direktion von Adel, wie denn überhaupt weibliche Direktoren oder Theilhaber, ebenso wie adelige Namen, hier und da auftauchten, welche zu Anfang des Jahres 1806 mit großem Glan e ihren Einzug hielt. Sie besaß nicht nur eine schöne Equipage und ein Reitpferd, die „Frau Baronin Lina von Schleppegrell", prächtige Garderobe und eine große Bibliothek, sondern auch das bedeutende Personal von 49 Personen und 3 Kindern. Der Aufwand dieser noblen Direktion war indessen ein so arger, daß die Wirthschaft naturgemäß nur wenige Monate so fortgehen konnte, — dann verließ die einst so glänzend eingezogene Direktorin zu Fuß mit einem Bündelchen die Stadt, während die Gläubiger leer ausgingen, und die Mitglieder in sehr übler Lage sich befanden. So waren im Laufe dieses einen Winters zwei Direktionen banquerott geworden, — ein Glück, daß unter der nun folgenden Gesellschaft wieder eine bessere Zeitperiode anbrach sür das alte Augsburger Theater; für eine Weile wenigstens, diene die Wahrnehmung, daß solche Katastrophen nicht vereinzelt blieben, sondern von Zeit zu Zeit sich regelmäßig wiederholten, sollte auch in Zukunft sich bemerkbar machen, und nicht nur bis zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. Miseellen. (Dem Verdienst seine Krone.) Der Kaiser von Oesterreich hat kürzlich einer Hofdame, der Gräfin Kornis, den Titel einer Geheimräthin verliehen. Sollte dieses Beispiel Nachahmung finden, so müßte man für die Folge darauf bedacht sein, die betreffenden Titel den Eigenthümlichkeiten und Fähigkeiten der Auszuzeichnenden möglichst anzupassen. Es müßte demnach beispielsweise ernannt werden: eine excellente Köchin zur Gerichtsräthin; eine Dame, welche ihre Stuben in vorzüglicher Ordnung hält, zur Cabinetsräthin; eine Dame welche auf dem Markte gut zu handeln versteht, zurCommer- zienräthin; eine Frau, welche sich gern putzt, zur Staatsräthin; eine solche, welche im Hause das Regiment führt, zur Negierungsräthin; eine andere, welche es liebt, sich die Cour machen zu lassen, zur Hofräthin; ein klatschsüchtiges Weib zur Botschaftsräthin. (Für Atheisten.) Ein Darwinianer entwickelte in einer Gesellschaft dessen Theorie von der Abstammung der Menschheit. „Nun," sagt einer der Anwesenden „mir genügt es zu wissen, daß meine Voreltern im Garten Eden gelebt, suchen Sie immerhin die Ihrigen im zoologischen Garten." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Nr. 24. nterüttktuntigi-ktttt »ur „Äugslmrger pojheituug." Samstag, 24. März 1883. O ft e r m o r g e n. O Stern in dunkler Nacht! Wer hätte das gedrcht, Bei deiner Jünger Kummer, Daß nach so kurzem Schlummer Dein Morgen würde tagen Und alle Furcht verjagen! In Thälern und auf Höhn Schon viele Blümlein stehn, Manch Blumenglöcklein heute Mit lieblichem Geläute Beruft zum Frühlingsieste Bon allen Seiten Gäste. Doch keine schönre blüht, So weit die Sonne glüht, Als jene Saronsbluine, Die heut' zu ew'gem Ruhme In Joseph's stillem Haine Entsproßt' im Morgenscheine. Ihr Menschen, seht euch um: Ob solche Frühlingsblum' In irgend einem Garten, Den kluge Hände warten, Die Hülsen abgestreifet, Und so behend gereifet? Das muß ein Frühling sein Von Gottes Gnadenschein, Den eine solche Blüthe Verkündet dem Gemüthe; Ein Frühling der Genesung, Ein Sommer der Erlösung I Wie wird in kurzer Zeit Auf Erden weit und breit Ein Blümlein nach dein anderi Aus seinem Grabe wandern, Und selbst in Felsenspalten Den Himmels glänz entfalten! Und wenn sie weiß und roth Erstehen aus dem Tod; So laß', o ew'ge Güte, Auch mich als eine Blüthe, Wo deine Düfte wehen, In deinem Garte» stehen! Chr. G. Barth. Heimathlos. Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann Hirschseld. (Schluß.) „Da kam das Scheiden, zum ersten Mal weilte ich entfernt von den beiden Wesen, denen ich gleiche Neigung weihte und da, Fanny, da ward es klar in mir, da überkam das Gefühl der Wahrheit mit ganzer Macht meine Seele. Wie eine theure Schwester liebte ich Alida — Sie aber, Fanny, sehnte ich zu begrüßen, mit dem holdesten der Name», mit dem Namen meiner Braut. Und doch, nimmer hätte ich Ihnen offenbart, was in mir zur Gewißheit geworden und nie hätte Alida es empfunden, was mir die Selbsterkenntniß gesagt, hätte ich sie 186 auf Solmitz angetroffen, als ich schwer verwundet heimkehrte. Und Fanny, — Jh» edle Seele wird mich verstehen, — ist Alida unschuldig an dem, was man ihr zur Last gelegt, trieb irgend eine Intrigue sie aus diesem Hause, dann gebietet inir es die Pflicht, alles aufzubieten, den Widerstand meiner Mutter zu besiegen und mein Wort zu lösen. Trifft sie aber ein Vormurf, verließ sie schnöde, des sichern Vortheils halber ein Haus, das ihr Liebe» das ihr ein Heim geboten, konnte sie so rasch vergessen, daß sie mir gelobt zu bleiben, bis ich heimgekehrt, dann, Fanny, lassen Sie mich zu Ihnen flüchten — dann seien Sie mein Eines und mein Alles, und lasten mich Aliden's Bild aus jenem Traum streichen, den ich so gern geträumt, wenn ich mir ein holdes Bild des Glückes ausmalte: Sie, Fanny, als Gattin mir zur Seite und Alida als Freundin, als Schwester unserm Kreise eng verbunden — es war ein Traum — und wie es immer kommen mag, ein Traum wird's ewig bleiben.* Ein Aufschluchzen ertönte hinter den beiden jungen Leuten, daß sie erschreckt empor fuhren. — Auf der Schwelle des Pavillons, vom Sonnenschein bestrahlt, stand Alida, das Antlitz von Thränen überströmt; wie segnend breitete sie die Hände aus. Hinter ihr erhob sich die Gestalt Paul Halsen's. „Alida!" rief Oscar, der nun das junge Mädchen bemerkte, „Alida, Du hier? Du hast vernommen? — —" „Ja, Oscar, ich hörte Alles, und nicht länger vermochte ich an mich zu halten. Oscar, das Gefühl, das Dich leitete in Deinen Neigungen, das Gefühl, das mir selber zur Richtschnur diente, da ich niemals Deine Hand beanspruchen wollte, es war das rechte. Und beiden darfst Du gehören, der holden Fanny als Gatte und mir als Freund und Bruder, denn Bande des Blutes verknüpfen uns enge, — soeben überreichte ich Deiner Mutter und denn Herren vom Gericht die Beweise meiner legitimen Herkunft: ich bin die Tochter Leopold's von Bernaul" Wie ein Jauchzen der Freude entrang es sich der Brust Oscar's: „Alida, Du meine Cousine!" rief er, „o, nun ist ja alles gut, alles! und doch, nein", fügte er hinzu, die Hände zurückziehend, die er dem jungen Mädchen entgegengestreckt hatte, wie zu innigem Umfangen, „als Du Solmitz verließest, um Herrn von Alten's Weisung zu folgen, da warst Du ja nichts als Alida Barfeld, die mir Treue geschworen und sie brach — das kann ich nimmer vergessen." „Du hast gezweifelt, ob ich schuldig, Oscar", sagte das junge Mädchen sanft und ernst, „ich segne Dich dafür. Ja, Oscar, ich bin unschuldig an dem, was man mir vorwirft, meine verletzte Würde gebietet mir, es Dir zu sagen. Als der zuckend- Blitzstrahl Deine Linde traf, in jenem Augenblick, da Deine Mutter durch ein unbedachtes Wort das Schicksal beschwor, hielt ich den Zufall für Deines Todes Zeichen; wie von Grauen ergriffen, trieb es mich von hinnen, den Stätten zu, wo ich Dich gefallen wähnte, wo ich vielleicht hoffen durfte, des Verwundeten Pflege zu übernehmen, wenn Gott gnädig das Aeußerste verhindern wollte. Paul Halsen, Du treuer Zeuge, rede Du und gib der Wahrheit die Ehre." Nun erst bemerkte Oscar die Anwesenheit seines Kriegskameraden. „Paul!" rief er, ihm die Hand drückend, „mein lieber Paul, sei tausendmal willkommen." Herzlich erwiderte der Müllerssohn die Begrüßung seines jungen Herrn, dann aber sagte er mit lauter, feierlicher Stimme: „Danken Sie Gott, Herr Oscar, daß er zu dieser Stunde meinen Schritt hierher gelenkt, seine Allmacht wühlte mich schlichten, einfältigen Menschen, Zeugniß abzulegen und zu erklären, wo Hochgebildete von Irrthum befangen sind. Ich traf das Fräulein in Pont ä Mousson, nach Ihnen forschend, Herr Oscar, und da ich ihr die Kunde geben mußte, daß Sie gefallen auf dem Felde der Ehre, da weihte sie sich, wie ich vernahm, der Pflege eines Typhuskranken mit kindlicher Sorge. Nach seinem Tode aber ward sie der hülfreiche Engel schwer Verwundeter und bis in die Räume meines Lazareths zu Berlin drang der Ruf ihrer Opferfreudigkeit." „Alida, Theure!" rief Oscar, zu des jungen Mädchens Füßen sinkend, während Fanny von Ebersdorf die Weinende eng umschlang; „kannst Du mir vergeben?" Unter Thränen lächelte das junge Mädchen. „Ich will es unter einer Bedingung» Oscar", sagte sie sanft. „Als ich in dem Typhuskranken zu Pont ü Mousson meinen Vater kennen lernte, als ich ihn einsenkte in fremde Erde, stand es fest in mir, mein Dasein den Trostbedürftigen zu weihen. Ich glaubte Dich todt und wollte einen Theil des mir zugefallenen Vermögens milden Zwecken opfern, das Uebrige sollte der Mutter Oscar's von Solmitz zum standesgemäßen Unterhalt dienen. Nun aber kam es durch Gottes Fügung anders; gönne mir das Glück, durch Entsagung der Ansprüche als Erbin Leopold's von Bernau zum Gedeihen des Hauses Solmitz, dem ich ja nun auch angehöre, beizutragen; laß mich dagegen unter dem Dache dieses Hauses ein gastliches Asyl finden, in dem ich mich Deines Glückes freuen und Deine Kinder segnen darf, wenn ich auf kurze Weile rasten möchte von meinem Wirken. Willst Du mir diese Bitte erfüllen?" „Alida, als Schwester wollen wir Dich liebend umfangen", rief Oscar feurig; „Dein soll sein was wir besitzen; bleibe bei uns, verlaß uns nicht, Alida." „Bleibe bei uns, Schwester!" sagte auch Fanny leise, „Edle, Großmüthige, bleib als unseres Hauses Segen." Alida schüttelte das Haupt. „Laßt mich ziehen, ich kehre wieder ich verspreche «S Euch. Noch heute will ich scheiden, zu voll ist mein Herz, der Einsamkeit bedarf ich, der Ruhe." — Sanft machte sich das junge Mädchen aus den Armen Fanny's los und wandte sich zum Gehen, aber noch einmal hielt sie Oscars Hand zurück. „Alida, noch eine Frage, eine entscheidende; wußte meine Mutter, die, um uns zu trennen, sich zu einer Intrigue verleiten ließ, wußte meine Mutter schon früher um des Blutes Bande, die uns vereinten? Die Wahrheit sage mir, Alida, Wahrheit, die stets die Richtschnur Deines Handelns war." Alida antwortete nicht; so sehr die neue Intrigue ihrer Tante ihre Seele empört hatte, vermochte sie es doch nicht über sich zu gewinnen, dem Sohne gegenüber die eigene Mutter anzuklagen. Aber die Antwort blieb ihr erspart. „Frage sie selber, Oscar", sagte sie, in die Ferne deutend, dort kommt sie selber." In der That erschien auf dem Gartenwege die hohe Gestalt Herminen's von Solmitz, aber ihre Haltung war schwankend und gebeugt, ihr Antlitz bleich und leidend. Hastig ergriff Oscar die Hand Aliden's und eilte, trotz des Widerstrebens des jungen Mädchens, der Kommenden entgegen. „Mutter, Mutter!" sagte er vorwurfsvoll, „vermagst Du's, der Tochter Deines Bruders frei in's Auge zu schauen?" Zu Boden senkte sich der Blick Frau Herminen's, von Thränen getrübt» Thränen, die keine Verstellung erpreßten. „Verzeiht, verzeiht", sagte sie leise, „ich werde büßen hier und droben." „Nicht so!" rief Alida; „gnädig ist Gott, der alles zum Guten lenkt, und mit seinem himmlischen Strahl Licht in Finsterniß gegossen — sollten wir grollen und zürnen, ob Menschenirrthums hienieden? Vergebung — heiß« unsere Devise, Vergessen!" Das Erscheinen des alten, im Hause Solmitz ergrauten Dieners verhinderte das weitere Gespräch, seine Hand hielt ein Schreiben, das er Oscar überreichte. „Dieser traf soeben mit der Weisung eigenhändiger Abgabe im Schlosse ein", sagte er, „und da man mir mittheilte, der junge gnädige Herr sei im Garten, wollte ich nicht zögern -" „Von meinem Freunde", rief Oscar, ihn unterbrechend und den Brief seiner Hand entnehmend; „wahrlich er kommt zur gesegneten Stunde." In höchster Erregung brachen die Finger des jungen Mannes das Siegel und sem Auge durchflog den Inhalt des Schreibens. 188 „Alida", rief er dann, und oer Ausdruck hohen Glückes spiegelte sich in seinen Zügen, „dieser Brief bestätigt Alles; eine edle, würdige Dame ist Frau von Marselly, die Wittwe eines französischen Edelmann's, die Schwester Edmund's von Alten. Sie weiß, das; Du ihres Bruders Hand ausgeschlagen, dessen letzter Gedanke nächst Gott an Dich gerichtet war; allein in der Welt, kinderlos, des Bruders beraubt und leidend, sehnt sie sich nach einer Tochter, einer Stütze bei ihren Werken der Mildthätigkeit, die ihren Namen zu einem gesegneten machen weit und breit. Sehnend streckt sie dem. Mädchen die Arme entgegen, das der letzte Gedanke des Bruders war, mit ihr von ihm zu reden, durch gute Werke sein Gedächtniß zu ehren." Hell erglänzte Aliden's Antlitz. „Sie soll mich nicht vergebens rufen", sagte sie, „Thränen zu trocknen und Leid zu stillen gibt es ja überall, und so weit Gottes Himmel reicht, beut sich ja stets Gelegenheit, die Mstsion zu erfüllen, der ich mich geweiht. Und wenn ich einmal zu Euch komme, mich Eures Glückes zu freuen, Ihr Lieben, dann laßt uns so treu, so eng verbunden finden wie heute, ohne Falsch und Hehl, glaubend, vertrauend Einer dem Andern." „Wir geloben es", rief Oscar, „und auch der treue Paul soll diesem Kreise nicht fern stehen, ein lieber Freund soll er unserem Hause bleiben." „Er verdient es", sagte Alida tief bewegt, „denn auch ich verdanke ihm mehr, als Ihr ahnen mögt; später vielleicht, in einer Stunde des Vertrauens, wenn die bewegte Seele ruhiger geworden, vermag ich Euch zu enthüllen, von welchem Abgrund mich die Hand dieses Braven gezogen. Nun aber lebt wohl, Ihr Lieben, lebt wohl bis auf ein schönes Wiedersehen. Gute Werke und Dankesthrünen durch uns Getrösteter, sie seien das Band, das uns verbinde, und wollt Ihr meiner in Liebe gedenken, so haltet das Grab meiner Mutter in Ehren, das Grab Ella's von Bernau." Sie reichte Allen die Hand, dann wandte sie sich zum Gehen. Hell umfloß das Sonnenlicht die zarte, schlanke Gestalt der Scheidenden, bis sie im Dunkel der Tannen des Parkes verschwand. In tiefer, stummer Rührung blickten Alle ihr nach, erst nach langer Pause trat Oscar an seine Mutter heran. „Vergebung, Frieden war ihre Forderung; wir wollen sie erfüllen", sagte er. Verbannt sei jedes störende Element aus unseres Hauses Bund, verbannt Alles, was uns an Zeit.n der Schuld und des Irrthumes mahnt I Darf ich den Mann gehen heißen, von den; mir ahnt, daß er Deines Handels Triebfeder gewesen? Wohlstand hat sich Streland bei uns erworben, wir wollen nicht forschen, auf welche Weise er zu ihm gelangt er wird keinen Mangel leiden." „Du bist Herr von Solmitz, Oscar, jetzt und künftighin", entgegnete Frau Hermine fast demüthig. „Thue, was Dein Gefühl Dir gebietet. Mir aber vergönne als Sühne des Geschehenen die marmorne Tafel, die den Namen der Gattin meines Bruders trägt, auf das Grab der Mutter Aliden's zu legen und es zu schmücken mit dem ersten Kranz, ein Zeichen des Gedenkens, ein Zeichen der Neue." „O Mutter, wie glücklich machst Du uns", rief Oscar, Thränen im Auge. „Ja, so handle, unter dem Eindruck dieses Gefühls zeige Dich uns fortan und am Grabe der Mutter unserer Alida, das Deine Hand zu Ehren gebracht, da wollen wir uns wiederfinden, dort, an geheiligter Stätte im Angesicht verklärter Geschiedenen, die auf uns Herabblicken, versöhnt und befriedigt, — dort sollst Du Deine Kinder segnen und milde Lüfte mögen unsere Wünsche, unsere Grüße hinübertragen zur Ferne, zu unserer Freundin, unserer Schwester — — zu Alidenl" - I8d — Was die Schwalbe fingt. Ein Öfter- und Frühlingslied von Klarn Reichner. Sie ist unsere Freundin, die kleine Schwalbe, gerade sie! Wann sie kommt, so ist es Frühling, wenn sie geht, erwartet uns der Herbst, und wo sie hinbaut, da soll Glück und Frieden wohnen. Hoch geht ihr Flug und weit — über.Alles fliegt sie hin, und überall kann sie hincinschau'n; wer ihr Lied verstehen könnte, Vieles würde er vernehmen, das ihm wohl und weh thut: was die Schwalbe singt. Ihr erstes Lied. Herbst war es geworden, kalter, feuchter Herbst. Der Sonnenstrahl, der auf den Blättern tanzte, war so schwach und müde, das Laub nicht mehr so grün und dicht, weiße Sommcrsäden zogen durch die rauhe Luft. Sie mußten fort, die Schwalben, fort; — weit, weit fort. — In der alten Reichsstadt steht ein altes Haus. Das hat schon Jahrhunderte die Glieder derselben Familie beherbergt, das heißt, nicht dieselben, denn Eines um das Andere hatte man hinausgetragen auf den stillen Gottesacker in die steinerne Familiengruft. Da ruhen sie in Friede». Aber den Todten folgten die Lebendigen in dem alten Hause der alten, stillen Gasse. Unter den. Dache des alten Hauses hatte ein Schwalbenpaar sein Nest gebaut; wie lange schon, das wußte Niemand. Das Nest gehörte so zum Hause, wie ein Stein dort zu den, andern, und ebenso gut, wie die Menschen drinnen wechselten und doch zu gleicher Familie zählten, geradeso war's mit den Schwalben. In den Frühling kamen sie, und wenn es Herbst ward zogen sie von bannen, wie es in ihrer Art lag, und nun war's wieder Herbst geworden. — An einem Fenster von dein alten Hause, wo sie nisteten, stand ein kleiner, wilder Knabe. Er hatte gar oft zugesehen, wie sie Halm um Halm hintrugen, wie sie fleißig ihre Jungen fütterten, und sie dann einübten für die lange, weite Reise nach den warmen Ländern. — Ob es wohl schön dort wäre? — hatte der Knaoe sie gefragt, aber diö Schwalben hatten ihm darauf nicht Antwort geben können, denn sie verstanden seine Sprache nicht. ^ „Quiwit, guiwit!" zwitscherten sie; es klang fast so, als riefen sie: „Komm mit, komm mit!" und das hätte er auch für sein Leben gern gethan, der kleine, wilde Knabe, wenn nur seine Eltern es erlaubt hätten. Er mußte aber daheim bleiben und fein brav sein, und recht Vieles lernen, und die Schwalben zogen fort. „Adieu!" sagte der kleine Knabe. „Ich weiß wohl, daß Ihr nach den fernen, warmen Ländern zieht — weit, weit fort. Da muß es lustig sein; könnte ich nur mit! Aber ich weiß auch, daß Ihr wiederkommt, und dann wird es Frühling sein. Bringt mir nur was Schönes mit!" Wäre er nicht ein unverständiger kleiner Knabe gewesen, so hätte er gewußt, daß die Schwalben ja das Allerscbönste, den Frühling selber, mit sich bringen; aber die großen Leute sind auch nicht immer viel geschcidterl — Doch nun wurde es lange noch nicht Frühling, sehr lange nicht! Denn nach dem Herbst, als alle Blätter von den Bäumen fielen, und die nicht fielen von dein Wind verjagt und weggetrieben wurden, da kam erst der Winter in seiner starren, eiskalten Majestät dahergesaust auf seinem glänzenden Eiswagen, gerade wie ein echter, stolzer König, der nach rechts und links grüßt, und jedesmal, wenn er grüßte, flogen die weißen Flocken wie ein Bienenschwarm umher, und das hatte eigentlich Niemand recht gern, so schön es auch aussah. Endlich aber wurde der alte König Winter matt und schwach, sein Regiment war nun zu Ende, ein Jeder konnte es fühlen und merken; nicht mehr so eisig kalt blies sein Odem, nicht mehr so schwarz stand der Wald, nicht mehr so weiß und so erstarrt lag jetzt die Erde ausgebreitet, nicht mehr so still war's in der Luft: ja, König Winter's Kraft sie war gebrochen, er mußte scheiden bald, und ein leises Regen und 190 Keimen der Natur verkündete als Herold des jungen Herrschers Ankunft, der jetzt erst noch ein Prinz war, bald aber König werden sollte; der junge Frühling, der eigentliche König des ganzen langen Jahres. Und dann kam der Tag, an dem sich grüne, leichte Schleier über die, ganze Erde webten, zum Empfang des neuen Herrschers; wie Teppiche, durchsichtige, breiteten sie sich aus, um ihm den Weg zu schmücken — er sollte doch nicht sehen, wie arg der Winter überall gehaust, wie kahl und trostlos Alles war. „Quiwit» quiwit!" erscholl's auch eines Tages durch die Luft. Die Schwalben waren wieder da, und nun wußte man gewiß, daß der Frühling nahe; — sie hatten ihn ja mitgebracht, fern aus den warmen Ländern! Warm schien die Sonne auf die Erde — da schmolz der letzte Herrscherschein des Winters — weg war er, wie verschwunden! Und Niemand weinte ihm zum Abschied eine Sehnsuchtsthräne nach — Alles jubelte dem jungen Könige entgegen, der soeben Einzug hielt, Keiner dachte mehr daran, daß der todte Winter doch auch wohl manche Freude und Wohlthat spendete: „Der König ist todt — es lebe der König!" So sind die Menschen! Und der junge König Frühling grüßte huldvoll hin nach allen Seiten, gar nicht stolz und majestetisch, und so oft er grüßte flogen zarte Flocken, leicht und weiß wie Schnee, hin durch die Luft, hin an die Bäume. Dort blieben sie als Blüthen hängen, und wenn er lächelte, wurden sie ganz rosig angehaucht vor Freude, und wo der Frühling hinblickte und Hinschritt, da grünte es hervor, da wachten alle Knospen auf und wurden Blätter, streckten weiße Anemonen und blaue Veilchen die Köpfe hoch, und lächelten wie fromme Kinderaugen auf zum blauen Himmel. Und mit den Blumenaugen um die Wette lachten die der Kinder! Ja, sie waren hoch am Frohsten und jubelten am Lautesten! — Auch der kleine Knabe in dein alten Haus der Reichsstadt durfte nun wieder hinaus; drinnen im Hause wurde er gar streng gehalten, und das thut nicht immer gut. Sowie er draußen war, trieb er's dann um so ärger. „Quiwit, quiwit!" erklang es durch die blaue Luft. Die Schwalbenfamilie oben unter dem Dach des alten Hauses war auch zurückgekehrt und bezog das heimathliche Nest. - „Hurrah! Da seid Ihr ja nun endlich wieder!" rief gleich der kleine, wilde Knabe. „Habt Ihr mir was Schönes mitgebracht?" Er meinte immer noch, das Schöne müßte etwas recht Fernes, Fremdes sein, der kleine Knabe. Aber sie antworteten ihm Nichts, die Schwalben, als nur ihr frohes Frühlings- Gezwitscher, ihr zufriedenes, das er nicht verstand, und schwangen sich jubelnd durch die Luft, hoch hinauf zum blauen, klaren Himmel. Nein, er verstand sie nicht, und das kam daher, weil er nur ein kleiner Knabe war — deshalb verstand er nicht: was die Schwalbe sang! — Ihr zweites Lied. „An Maria Geburt Zieh'» die Schwalben wieder fürt." sagt ein alter Spruch, und so geschieht's auch Jahr für Jahr, wenn auch nicht alle Mal am Tage selbst, und: „An Maria Verkündigung Kommen die Schwalben wiederum." sagt em anderer, der nicht minder wahr ist, ob auch Zeiten und Menschen vergehen. — Zuweilen aber hat der alte Winter seine Launen — er will nicht scheiden — es wird ihm schwer vom Regiment zu lassen, bis er endlich doch weichen muß, so sehr er sich auch sträubt. Frühling wird's ja jedes Jahr, und die Schwalben kehren jedes Jahr in ihre alten Nester. — Auch die Schwalbenfamilie des alten Hauses in der Reichsstadt kam alljährlich wieder, oder wenigstens Nachkömmlinge von derselben^ denn es sind schon viele Jahre - 191 - h«, seit damals jener kleine, wilde Knabe am Fenster stand und nach den Schwalben schaute, — viele, lange Jahre. Wo war er geblieben? — „Quiwit, quiwit!" zwitscherten die Schwalben. Aber es verstand sie Niemand. „Fort ist er — fort!" sagten sie vielleicht. Ja, er war wirklich fort! Der kleine Knabe war zum Jüngling worden, und in der alten Reichsstadt war er auch nicht mehr; die war ihm lange viel zu eng geworden — hinaus in die weite, weite Welt war er gezogen, wie einen Zugvogel hatte es auch ihn hinansgetrieben in die blaue Ferne, die ihm im Sonnenglanz entgegenlachte, — in die Fremde! Vielleicht auch wollte er das Land aufsuchen, wohin die leichtbeschwingten Schwalben ihren Flug lenken, wenn sie die traute Heimath verlassen müssen! Niemand fast mehr spricht von ihm, die Eltern zürnen, die Freunde haben sein vergessen, Keiner denkt an ihn — er ist so wie gestorben; — nur im Mutterherzen lebt er, ein Mutterherz kann nicht so leicht vergessen, wenn es noch so tief verwundet wird. Ja, dort lebt er! — Ostern ist's und Maria Verkündigung zugleich, aber die Schwalben sind noch nicht gekommen, noch nicht einmal die Vorboten. Es war noch gar zu früh im Jahr, obschon der Frühlingsanfang, der im Kalender stand, vorüber. Doch danach fragt so eine kleine Schwalbe nicht — die hat ihren ganz eigenen Kalender, ganz für sich, und das ist der, den der Frühling selber macht, und zu welchem jede Knospe, jede Blüthe und jedes kleinste Blättchen einen Beitrag liefern ninß. — Die Osterglocken läuteten durch die festtägliche, stille Stadt. Mit Feierkleidern angethan zogen die Menschen ihnen nach — hin in das Gotteshaus, wohin die Klänge riefen, das Auferstehungsfest zu feiern, und für die Erlösung Dank zu sagen, die wie Frühlingswehen die Menschheit überkam. Fast alle Menschen spürten einen solchen Frühlingshauch, ob sie es gleich nicht immer wußten. Aber wie die Glocken so festlich läuteten und die Erde so frühlingsfrisch und hoffend vor ihnen lag, da fühlten sie den Auferstehungssegen, und das Herz ging ihnen auf, so weit und warm. Frühling — Ostern war's! — Da kam ein Mann die Straße entlang, in der das alte Haus stand. Es stand noch gerade da wie sonst, eben noch so alt, so grau und so verwittert; auch das Schwalben- Nrst war noch da droben an dem Dache, aber keine Schwalbe ließ ihr frohes Jubellied als Glücksverkündigung ertönen. Der Mann sah müde aus, doch nicht allein vom Weg. Bei dem alten Haus blieb er stehen und sah hinauf — lange, starr. Ach, er kannte es so gut; unvergessen hat es in seinem Innern dagestanden, genau so grau und so verwittert, wie es jetzt vor ihm steht. Dort hatte einst des Kindes Wiege sich geschaukelt, dort war der kleine Knabe aufgewachsen, der dann ein trotziger, rastloser Jüngling wurde, den es Hinaustrieb, weit hinaus, bis er ein müder, ernster Blau» geworden war. Niemand kannte ihn hier mehr — nein, Niemand! Keine freundliche Stimme hieß ihn willkommen, den endlich Heimgekehrten, keine Hand streckte sich zum Gruße ihm entgegen. Er kam sich selber fremd vor — so fremd. Alles, was er anblickte, that ihm weh, sogar die helle Sonne, die doch so warm und golden schien. Sie blendete und stach ihn so, daß er mit. den Augen blintzeln mußte, als wäre ihm etwas hineingeflogen — wie lange war das Auge sonst so trocken, so starr gewesen, als wäre ein Eissplitter des Winters darin stecken geblieben, den nun die heimathliche Frühlingssonne fortgethaut. — Und die Osterglocken läuteten vom Dome fort und fort. Da war er oft gewesen in dem Tome, wie er noch ein wilder Knabe war. Dann hatte es ihn Hinausgetrieben in's Leben — weit hinaus. — Wie schien die Welt so reich und weit, so groß und schön! Das Leben hatte ihn betrogen um den Preis, den er dafür gezahlt — die Blüthen alle waren welk zu Boden gesunken, wie vom Frost geknickt, das Gold war unecht, Flittertand gewesen, Schaumgold nur. Und nun war er ein Fremder in der Heimath — 192 überall — auch selbst hier, vor dem Hause seiner Kindheit. Draußen stand er, wie ein Fremder, und wagte nicht zu pochen, und um Einlaß nicht zu bitten. Oeffnete sich nicht das Fenster ? Grüßte sie denn nicht zu ihm hinaus, zu ihm, dem Müden, Heimathlosen, die Mutter mit dem milden Blick, den er zuletzt umflort von einem Thräncnschleier sah? Winkte sie ihn nicht herein, wie ehedem vor langer, langvergangener Zeit, als er noch ein Knabe, ein kleiner, wilder Knabe war, dein der Osterhase, wenn er brav gewesen, ein Nest gebracht, worin die vielen bunten Eier lagen? — Nein, sie winkte ihm nicht mehr, das Fenster blieb geschlossen — Niemand rief ihn, Niemand kannte ihn mehr — Niemand?! — „Quiwit, quiwit!" erklang es plötzlich über ihm, undßjubelnd schwangen sich die ersten heimgekehrten Schwalben durch die milde Frühlingslufts; — die ersten Schwalben kehrten in ihr heimathliches Nest zurück — die Schwalben! — Er dachte nicht daran, daß es ja nicht dieselben Schwalben waren, die er damals als kleiner Knabe so oft befragt und nicht verstanden, wenn sie ihm Antwort gaben. — Jetzt verstand er sie schon besser — jetzt! Sie kannten ihn ja, sie grüßten ihn, sie hieße» ihn willkommen in der Heimath; — so war's ihm wenigstens, und nun schmolz auch der Eissplitter, den die lange, herbe Winterszeit in seinem Herz zurückgelassen, und Früh« ling ward es in ihm — Auferstehung! Die Schwalben hatten ihm nun endlich doch das Schöne mitgebracht» um das er früher so oftmals sie gebeten, oder hatte er sie nur früher nicht verstehen können? Jetzt dachte er nicht mehr voll Trotz daran, ob ein treues Mutterherz wohl noch auf Erden für ihn schlage, dachte nicht daran, ob ihm der strenge Bater jetzt die Hand zum Gruße reichen, oder sich von ihm abwenden werde» wie er ihn zuletzt gesehen; er dachte nur an Eines: daß er wieder in der Heimath sei, vor seinem Elternhaus« stehe, und daß die Schwalben den Frühling ihm gebracht — auch ihm! — Ach, wie war die Welt so weit, so leer und weit, und wie war die Heimath doch so schön, wie war so schön und lieblich: was die Schwalbe sang! Der Himmel hat gar viele Mittel und der Boten viele, wenn er ein Menschen« herz zurückführt in die Heimath! — Noch läuteten die Glocken — die Osterglocken zum Fest der Auferstehung, — sie führten mit ihrem Mahn- und Jubelklange den Heimgekehrten den Weg hinein in's Vaterhaus, sie öffneten die Pforten ihm, die Herzen, sie legten ihm die rechten Worte auf die Lippen, die nicht an's Ohr nur, die in's Innere drangen. Frühling, Ostern war's! — In Mitte seiner Eltern zog der aus der Welt zurückgekehrte Sohn hin zu dem Gotteshause, von ganzem Herzen Gott dem Herrn zu danken, daß Jesus Christ auch für ihn auferstanden, daß es auch Frühling da innen ihm geworden sei — zur Osterfeier. „An Maria Verkündigung Kommen die Schwalben wiederum." die Schwalben, des Frühlings Boten. — Möchten sie Jedem so den Frühling bringen! Möge ein Jeder so sein Herzsns- Ostern feiern, möge doch Jeder so gut verstehen: „Was die Schwalbe singt!" — Arithmogrypl). Hier geben die Anfangs- und Endbuchstaben von oben nach unten gelesen, die Namen 2 deutscher Dichter: 1. eine wohlriechende Pflanze. 2. ein deutsches Knstenmeer. 3. ei» österreichischer Dichter. 4. ein weiblicher Eigenname. 5. ein Raubvogel. ck. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Hnttler. Nr. 25. 1833. »ur „Ängsburger postMuug." Mittwoch, 28. März I e r n n n - e. Aus dem Englischen von M. Betham-Edwards, übersetzt von Alice Salzbrunn. (Nachdruck verboten.) Ein fröhliches Bild lag vor Fernandens traurigen Augen, als sie an einem Wintertage am Quai der schönen alten Stadt Nantes am Üser der Loire vorüberging. Auf einer Seite prangten die Schiffe aller Nationen, die Wellen strömten klar und rasch dem Meere zu; auf der anderen Seite lockten in großen Schaufenstern die Waaren der glänzenden Weihnachtsausstellungen; Equipagen rollten im milden Wintersonnenschein, und hinter der Stadt und thurmreichen Kathedrale nistete an den grünen Ufern manche Hütte und kleine Kirche. Bon allen französischen Städten ist diese alte Hauptstadt der Bretagne sicherlich die angenehmste und fröhlichste, sowohl im Sonmer, als im Winter» Trotz ihres schweren Herzens fühlte Fernande die Fröhlichkeit dieser Umgebung; sie wollte ihren eigenen Gedanken entgehen und stand still, um Alles anzuschauen. Die schwerbeladenen kleinen Dampfschiffe, welche zwischen der Stadt und den benachbarten Dörfern hin und her gingen, die auf hohen Masten flatternden ausländischen Flaggen der Kauffahrteischiffe, der Lärm im Hafen, die prächtigen Schaufenster erregten ihre Aufmerksamkeit, obgleich sie diese Gegenstände täglich gesehen. Dann setzte sie sich und beobachtete einen ankommenden Eisenbahnzug, denn zwischen dem Boulevard und dem Quai mitten durch die Stadt, geht die Eisenbahn und trägt zur Belebung des Bildes bei. Es war der Zug aus Paris, und als er langsam der Stadt zufuhr, ereignete sich ein unerwarteter, sonderbarer Vorfall. Gerade gegenüber der Bank, auf welcher Fernande saß, warf eine schöne weiße Damenhand aus einem Coups kleine gedruckte Zettel, welche nach allen Richtungen flogen. Die Dame selbst blieb unsichtbar, obgleich die reizende Hand während der ganzen Fahrt durch den Hafen die kleinen Botschaften zum großen Vergnügen der Zuschauer hinausflattern ließ. Fernande erhob sich eilig» um einen der Papierstreifen aufzufangen; als sie ihre Hände ausstreckte, flatterte ihr der Zettel wie ein Schmetterling zu und blieb auf ihrer Brust hafte». Lächelnd sagte sie sich, das könne ein gutes Omen sein, und las eifrig folgende Worte: „Madame Lorenzi, früher Tragödin des Theater franqais, wird morgen Abend Scenen aus dramatischen Werken und eine Auswahl Poesien von bretanischen Dichtern der Gegenwart vortragen." Die Sorge schärft djs Fähigkeit mancher Menschen, und während Fernande über die gelesenen Worte nachsann, schien ihr ein hoffnungsvoller Gedanke zu kommen. In jugendlicher Unerfahrenhsit machte der Kummer sie ungeduldig; sie hätte das Glück mit Liebe und Leben auffassen können und war zu jeder Anstrengung bereit, um es für sich und ihren geliebten Gatten zu erlangen. Sie sann nach, machte einen Plan und ging eilig mit dem elastischen Schritt einer frohen Stimmung weg. Ihre bescheidene Wohnung bestand aus ein paar kleinen Zimmern in einem entlegenen alten Stadttheil. Der kalte Ofen betrübte Fernande, sie wußte, daß ihr Speiseschrank fast leer sei, aber die Einrichtung sprach von glücklicher Zeit, in welcher sie vor zwei Jahren als Neuvermählte 194 diese Räume betreten hatte. Dort standen wohlgsfüllte Bücherbretter und ein Pianino Bilder schmückten die Wände, enr warmer Teppich bedeckte den Fußboden. Nur die bitterste Noth hätte das junge Paar zur Veräußerung dieser Gegenstände zwingen können. Es war noch früh am Nachmittag, und eine klügere Person als Fernande hätte sich mehr Zeit zur Ueberlegung vor der Ausführung ihrer Absicht gelassen. Fernande wollte keine Minute länger warten. Nachdem sie in den vergangenen Wochen mit gefalteten Händen über ihrem Kummer gebrütet hatte, fühlte sie jetzt einen heftigen Trieb zu hoffen und izu handeln. Morgen konnten ihr vielleicht wieder die Unternehmungslust und Freudigkeit fehlen. Sie schloß eine Schieblade im Schreibtisch ihres Mannes auf unv nahm behutsam ein Manuskript heraus. Ach! Es trug leider die unverkennbaren Spuren, daß es. schon oft vergeblich auf gut Glück in die kalte Welt gesendet worden war. Gewisse höfliche Bleistiftbemerkungen der Verleger, gewisse leichte Zeichen der Durchsicht und Verpackung waren zu deutlich. Vielleicht war das Werk genial, aber es hatte noch nicht das Herz des Kritikers gerührt und sein Gemüth begeistert. Fernande lächelte jedoch, als sie die wohlbekannten Blätter erblickte. Für sie gab es nur einen Dichter in der Welt, wenigstens diesen einen Dichter, dessen Laufbahn einen Theil ihres Daseins bildete, und sie glaubte noch jetzt an die Schönheit seiner Dichtung, wie in den ersten Tagen ihrer Ehe, als das Vorlesen des Manuscripts und die durch dasselbe erregten Hoffnungen ein neue^ süßeS Band um Mann und Frau geschlungen. „Ich werde jetzt Alles vollenden, was ich zu schaffen hoffte, weil du mein bist und uich ermuthigen und begeistern wirst", hatte er gesagt; sie glaubte ihm und gab sich glücklichen Hoffnungen hin; ach! eine nach der anderen mußte verschwinden. Kein Seufzer klagte heute über die anscheinend so harmlosen, und doch so verhängnißvollen Bleistift- zeilen. Sie drückte das Manuscript entzückt an das Herz, verbarg es unter ihrem abgetragenen Tuch und ging wieder hinaus auf die heiter belebten Straßen, diesmal nicht auf den Boulevard am Hafen, sondern auf die schönen Plätze im Mittelpunkt der Stadt wo die Gasthäuser ersten Ranges standen. Im vornehmsten Hotel fragte sie den Portier: „Ist Madame Lorenzi hier? Könnte ich sie sprechen?" „Ja, Madame logirt hier. Darf ich Ihre Karte hinauftragen?" sagte ein Kellner, argwöhnisch in Bezug auf Fsrnandens Anliegen. Wir erzählen den Leuten unsere Geschichte viel öfter, als wir es vermuthen! — Er nahm die Karte, indem er ihre schlechten Handschuhe betrachtete, sprang die elegante Treppe hinauf und ließ sie unten warten. Einige Minuten später ging Fernande die breiten teppichbelegten Treppen hinauf. Nachdem sie zweimal angeklopft, (wie kommt es, daß das erste Klopfen eines Bittenden so selten gehört wird?) rief eine wohlklingende, jedoch gedämpfte Stimme: Herein! Fernande überwand ihre Schüchternheit im eifrigen Streben nach dem ersehnten Ziel; sie öffnete die Thüre und befand sich der großen pariser Künstlerin gegenüber; es war die Tragödin und Vorleserin, von welcher man sagte, daß sie das Glück und den Ruhm manches jungen Dichters nur durch ihre Deklamation einiger Verse gegründet. Ein so sonores, klangvolles und biegsames Organ wie das der berühmten Madame Lorenzi konnte keiner unbedeutenden Erscheinung angehören; Fernande hatte eine ungewöhnliche, bewunderns- werthe Frau erwartet und wurde nicht enttäuscht. Dieses herrliche Wesen war so groß, gebieterisch und majestätisch, daß die arme junge Frau ein drückendes Gefühl ihrer eigenen Ünscheinbarkeit empfand, sowie eine fast heidnische Verehrung,»als müsse sie auf ihre Kniee sinken und diese entzückenden weißen Hände zum Zeichen der demüthigsten Huldigung küssen. Aber in diesem Augenblick war keine Art der Begrüßung möglich, und wäre Fernande in anderer Stimmung gewesen, so hätte sie über die Seltsamkeit dieses Empfangs gelächelt. Von Wohlwollen getrieben hatte die Tragödin die bescheidene Besucherin vorgelassen, als sie sich vor dem Toilettentisch frisirte; bei Fernanvens Eintritt waren ihr Gesicht, ihre Schultern und Arme von wunderschönem, dunkellockigem Haar verhüllt« Solches Haar sieht man selten mehr als einmal im Leben; die schwarzen glänzend gewellten, wogenden Massen schienen eine Last für die Besitzerin. Einige Minuten vsr- 195 gingen, ehe es den zarten Fingern, welche den Elfenbeingriff einer Bürste hielten, gelang, die schwarzen Massen über der Stirn zu theilen; dann ruhte die Dame von ihrer Mühe aus und wendete ihr Gesicht, in welchem Wohlwollen und fast kindliche Naivetät strahlten, mit fragendem Blick der Eingetretenen zu. Ermuthigt kam Fernande näher und legte ihr Manuskript auf den Tisch. „Ah", sagte die Tragödin lächelnd, „Sie möchten auch eine Dichterin sein und begehren den Ruhm. Armes Kind! Ueberlassen Sie solche vergebliche Hoffnungen den Männern. Die Frauen haben genug Täuschungen anderer Art!" Es gehört geringe Scharfsichtigkeit dazu, um in Frankreich eine arbeitende, mit Sorgen kämpfende Frau zu erkennen. Das schwarze Kleid ist die Livre der Arbeiterin, und Fernandens Gesicht mit dem sehnsüchtigen Blick und den kummervollen Linien hätte einem kämpfenden Genie angehören können. Ein stolzeres Erröthen, als das der Selbstachtung flammte auf ihrer Wange, as sie antwortete: „Nicht meinetwegen wollte ich mit Ihnen sprechen, Madame, sondern wegen meines Mannes. Seine Dichtungen sind gewiß nicht unbedeutend, jedoch gelang es ihm noch nicht, einen Berleger zu finden. Vor einem Jahr verlor er seine Professur am hiesigen Lyceum, weil er sich an einer politischen Demonstration betheiligte, und seitdem war es ihm nicht möglich, irgend eine Beschäftigung zu finden. Dieses Mißgeschick verbittert ihn — wir sind sehr unglücklich —" „Nun wollen Sie, daß ich seine Verse vorlese und die Kritiker zu seinen Füßen bringe?" fragte die Dame schelmisch, aber mit augenscheinlicher Bestürzung. „Da Sie gekommen sind, um für Ihren Gatten zu sprechen, weiß ich, wie schwierig es sein wird, Ihre Bitte abzuschlagen. Aber Sie muffen bedenken, mein Kind, daß der Dichter nur Einer ist, während die Zahl der Kritiker Legion ist, und wenn Alle ihn verwerfen, muß er das Verbiet annehmen." Das auf dem Tisch liegende Manuscript hatte diesen erfahrenen Augen bereits seine Geschichte erzählt. „O, es ist, wie Sie sagen", sprach Fernande eifrig, „aber, bitte, durchblättern Sie das Gedicht. Es ist eine auf diese Stadt bezügliche Sage. Die Verse sind voll edler Gefühle, und die Schilderungen würden den ortskundigen Leuten gefallen." „Sie sind eine ausgezeichnete Fürsprecherin", erwiderte die Tragödin gütig, wiewohl etwas nachlässig, denn sie war an solche Bitten zu sehr gewöhnt. „Und ich will Ihnen wenigstens eines versprechen. Ich will das Manuscript durchlesen, und wenn mein Urtheil meiner Sympathie für Sie gleichkommt, so sollen Ihre liebsten Wünsche erfüllt werden." Sie blickte lächelnd in das junge, bereits von Sorgen durchfurchte Gesicht und mußte unwillkürlich hinzufügen: „Wenn, wie Sie sagen, das Gedicht ein besonderes lokales Interesse hat, wer weiß, ob ich nicht wirklich das Mittel zum Ruhm des Dichters sein kann." „O, Sie sind engelgut!" rief Fernande, neigte sich und küßte die schöne weiße Hand, welche noch die Elfenbeinbürste hielt. „Ich werde heute Nacht glückliche Träume haben." — „Jedenfalls sollen Sie die Befriedigung haben, meine Vorlesung zu hären. „Bitte/ nehme» Sie diese beiden Eintrittskarten. Jetzt möchte ich meine Toilette beendigen, denn ich erwarte viele Besuche." Fernande sprach ihren Dank aus, fo gut sie konnte, warf einen letzten zärtlichen Blick auf das Manuscript und eilte hinweg. Sie wußte kaum, ob sie auf die Verwirklichung ihrer Träume hoffen dürfe oder nicht. Unerfahren in der großen Welt wußte sie nicht, wie weit sie sich auf solche Bereitwilligkeit ihr zu helfen verlassen könne, oder' ob sie die Kritik fürchten muffe. Sie machte sich Vorwürfe, weil sie keinen tieferen Eindruck hervorzubringen versucht hatte; so schwer wird es uns zu glauben, daß wir genug gethan haben, wenn unsere Anstrengungen einem geliebten Wesen gelten. (Fortsetzung folgt! 196 Sellrsterkrnntniß. Das Menschenleben bietet So manche herbe Quai Und Sorgen zieh'» vorüber Und Leiden ohne ZabI, Die obne Selbstverschnlden Des Schicksals Tücke bringt, Daß, sie zu überw-nden, Nur mübvoll oft gelingt. Doch ach, die größten Leiden, Den allergrößten Schmerz Schafft sich gar meist das eig'ne. Das stolze Menschenherz! Wer immer nur den Splitter Im fremden Auge sucht Und nicht der eignen Thorheit, Dem eignen Laster flucht; Wer seine Nebenmenschen Voll Neid und Mißgunst höhnt Und in dem eignen Herzen Den Leidenschaften sröhnt; Wer lieblos nur auf And're Und übermüiyig schaut, Und aus die eigne Tugend Zu stolz und mächtig baut: Dem wird die Erde immer Em Jammerthal nur sein, Dem hüllen immer Wolken Den reinen Himmel ein; Dem blüden keine Blumen, Es lacht ihm nicht die.Welt, Weil er ja selbst die Freuden Des Lebens sich vergällt! Willst Du die Welt verbessern. Dann bessere erst Dich, Und lerne erst erkennen Dein eignes, schwaches Ich; Dann lösch' die Leidenschaften Im eignen Herzen aus Und kämpfe unverdroßen Der Tugend harten Strauß! Carl Felix. Eine rührende und wunderbare Begebenheit. Christoph v. Schmid erzählt im dritten Bündchen in den Erinnerungen aus seinem Leben, Augsburg, 1853—57, einem Buche, das so viel Schönesund Anniuthendes enthält und auch ein treffliches Stück Kulturgeschichte bildet, so daß man sich wundern muß, wenn es nicht eines der gelesensten Bücher geworden ist, — Christoph v. Schmid erzählt also in dem gedachten Buche, drittes Bündchen Seite 123 u. f„ eine wunderbare Begebenheit, die unsere Leser ergreifen wird, daher wir sie mittheilen. Für's Erste ist die Wohlthätigkeit eines braven Landgeistlichen gegen einen arme» Hilfelosen fremden Knaben recht rührend, und dann die Erscheinung aus der jenseitigen Welt ungemein tröstlich und überzeugend. Christoph v. Schmidt hatte den Kaplan Johann Kapistran Weber in Mittelberg im Algäu kennen gelernt. Kapistran Weber war ein Schüler Sailer's, als dieser Professor in Dillingen war. Von diesem Kaplan Weber, den Christoph v. Schmid kurzweg Kapistran nennt, erzählt er nun, wie schon bemerkt, eine ebenso rührende als wunderbare Begebenheit in seinen Lebenserinnerungen folgendermaßen: „Eines Tages im Frühling« machten wir zusammen eine kleine Fußreise und be- viitzten dazu noch ein paar Stunden der Nacht, die ungemein schön war. Es schwebt mir Alles noch so lebhaft vor den Augen, als ob es erst heute wäre. Wir wanderten durch ein angenehmes Wiesenthal nächst einem Wäldchen hin. Der Mond schien überaus helle; Alles schwieg, nur der Gesang einer Nachtigall erschallte ungemein lieblich in der tiefen Stille der Nacht. Unsere Herzen ergossen sich recht vertraulich gegen einander. Wir theilten uns unsere Erfahrungen in der Seelsorge mit. Da erzählte mir denn Kapistran, (und ich erinnere mich zwar nicht der einzelnen Worte, aber des Inhalts seiner Erzählung sehr genau), folgende Begebenheit. Er saß als Kaplan in der großen, viele Filialen einer gebirgigen Gegend umfassenden Pfarrei Mittelberg an einem rauhen, sehr kalten Winterabende eines Tages mit seinem Pfarrer bei Tische. Ein armer, dürftig gekleideter Knabe kam an das Fenster und flehte» vor Frost zitternd und mit den Zähnen klappernd, kläglich um ein Almosen. Kapistran bat den Pfarrer um Erlaubniß, den Knaben hereinzurufen und ihm einen Teller warmer Suppe zu geben. Der Pfarrer erlaubte es gerne und theilte dem hungrigen Knaben von allem mit, was aus den Tisch kam.- Nachdem der Kleine nach langer Zeit wieder einmal sich satt gegessen hatte, dankte er mit Thränen in den Augen und wollte weiter gehen; allein es wurde ihm übel. Er hatte sich »erkältet und die Kälte wurde ihm in der warmen Stube erst recht fühlbar. Pfarrer und Kaplan fanden, es sei ihm unmöglich, weiter zu gehen. . Der Kaplan schlug vor, dem armen Knaben das kleine Zimmer anzuweisen, wo die Kapuziner, wenn sie in der Gegend umher Almosen sammelten, zu übernachten pflegten. Der Pfarrer fand den Vorschlag gut. Der Kaplan führte den Knaben dahin, brachte ihn zu Kette und ging, den Arzt zu rufen. Der Arzt versicherte, ein heftiges Fieber sei im Anzüge und verschrieb Arznei. Der gutherzige Kaplan Kapistran wartete nun seinem kranken Pflegesohne so lieb« reich ab, wie nur immer die zärtlichste Mutter ihr Kind verpflegen könnte. Als die Heftigkeit des Fiebers nachgelassen hatte, redete Kapistran mit dem Knaben, um ihn naher kennen zu lernen. Der Vater desselben war schon vor längerer Zeit, die Mutter erst vor kurzer Zeit gestorben. Die fromme Mutter hatte ihrem kleinen Sohns das Vater unser und andere kurze Gebete gelehrt, welche dieser auch sogleich recht deutlich und mit Andacht und mit gefalteten Händen hersagt«. Der Kinderfreund Kapistran, der sich den Unterricht der Kinder von jeher zur wahren Herzensangelegenheit gemacht hatte, lehrte nun seinem Pslegekmde „Gott i» Christus" näher kennen lernen und lieben. Die Erzählungen aus der Gesmichte Jesu hörte der Knabe mit der größten Aufmerksamkeit und sie machten ihm unbeschreiblicke Freude; er gewann eine solche Erkenntniß und Liebe Gottes und Jesu Christi, wie Kapinran sie noch an keinem Kinde bemerkt hatte. Eben so groß war dessen kindliches Vertrauen zu unserm Vater im Himmel und zu unserm göttlichen Erlöser. Die Krankheit wurde zu einem zehrenden Fieber. Das Kind litt in unbeschreiblicher Geduld und war immer freudig. Es freute sich darauf, zu Gott und zu Jesus Christus zu kommen und im Himmel auch seine Mutter und seinen Vater wieder zu sehen. Im Herbste starb der Knabe oder schlief vielmehr sanft ein, um im besseren Leben wieder zu erwachen. Im folgenden Winter besuchte Kapistran in einem etwa eine Stunde weit entfernten Filialorte einen Kranken, und verweilte dorr so lange bis es Nacht geworden. Der Knecht des Hauses erbot sich, ihn heimzubegleiten. Kapistran wollte ihm, der sich den Tag über schon müde gearbei^r hatte, keine weitere Blühe machen; er wisse, sagte er, den Weg, den er schon oft gemacht habe. ohne Wegweiser zu finden. Allein während Kapistran bei dem Kranken verweilt hatte, war eilt frischer Schnee gefallen, und hatte alle die wenig betretenen Fußwege bedeckt und unkenntlich gemacht. Kapistran verirrte sich. Auf einmal brach mit Krachen der Voden unter ihm. Er war an einen überfrorenen Weiher gerathen, dessen Eis aber noch nicht stark genug war, «inen Menschen zu tragen. Kapistran war bis an den halben Leib in das kalte Wasser gesunken, ohne mit den Füßen einen Grund zu finden, er fand nichts, woran er sich halten konnte und sah keine Möglichkeit sich herauszuhelfen. Da erblickte er auf einmal einen hellen Glanz. Von leichtem Gewölle umgeben, erschien ihm das verklärte, freundlich lächelnde Angesicht des Knaben, den er zum Tode vorbereitet und ihm die Augen zugedrückt hatte. Der Verklärte bot ihm die Hand, stellte ihn heraus auf den festen Boden, deutete mit ausgestrecktem Arme, wohin er gehen sollte und verschwand. Der so wunderbar Gerettete kam unter Empfindungen, die er nicht ausspreche» konnte, glücklich nach Hause. Sobald der Tag angebrochen war, ging er hinaus zur Stell«, wo er in Gefahr gestanden zu ertrinken und durch höhere Hilfe gerettet worden. Er bemerkte in dem Schnee seine Fußstapfen bis zu der verhäng,lißvollen Stelle, ebenso seine Fußstapfen v- seinem Krankenbesuche bis hierher. Sonst war keine Spur eines menschlichen Fußtritts zu sehen. Er betrachtete das eingebrochene Eis; der Weiher war gerade hier am tiefsten Kapistran blieb hier anbetend und dankend stehen. Diese Erzählung machte auf mich wohl einen fast so tiefen Eindruck als die Begebenheit auf Kapistran selbst. Uns beiden, mir und ihm war diese Erscheinung aus jener Welt ein überzeugenderer Beweis eines Lebens nach dem Tode, als die feinsten Vernunft- schlüsse, und sogar die göttlichen Verheißungen erschienen uns in hellerem Lichte. Auch sahen nur daraus, daß fromme, geliebte Verstorbene in jener Welt noch um uns missen, an dem, was uns begegnet, liebevollen Antheil nehmen, und wenn Gott es ihnen gestattet, uns in Gefahren des Leibes und der Seele zu Hilfe kommen. Noch ganz besonders nahmen wir die Worte, die Jesus, als er die Kleinen zu sich rief, gesagt hat, auf's Neue recht zu Herzen: „Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf!" Also die Erzählung Christoph v. Schmid's in seinen Eingangs gedachten „Erinnerungen aus seinem Leben" (Augsburg 1853—1857). Wer könnte diese Erzählung ohne tiefste Rührung lesen! ll. L. I?. G l ü ck. In jeder Menschenbrust Ruht, wenn auch unbewußt, Des Glückes hoffnungsvoller Keim verborgen. Wenn Dir das trübe „Heut" Nur Noth und Sorgen beut, So lächelt Dir vielleicht ein frohes „Morgen." Hält auch die Liebe nicht, Was sie Dir hold verspricht, Und reißen jäh der Freundschaft zarte Bande! Wirft Dich des Schicksals Loos Tief in des Unglücks Schook Und stehst Du vor des Abgrund's düsterm Rande: Berzage nicht, o Herz, Blick hoffend himmelwärts, Noch bist Du nicht verlassen und verloren, Denn wenn Dn's ahnest kaum, Erscheint das Glück im Traum, Das Menschcnherz ist ja zum Glück geboren > Erfüllt der Tugend Glanz Die reine Seele ganz, Dann wirst des Lebens Unbill Du vergessen. Nur wenn Du trauernd Nagst * Und nach dem Glücke jagst, Dann kennst Du's nicht und hast es nie besessen! Carl Felix. Miseelleir. (Aus einer Gerichtsverhandlung.) Richter: „Sie sind als Zeuge vorgeladen ; ich fordere Sie auf, Nichts von dem Vorfall zu verheimlichen und nur die lautere Wahrheit zu sagen." — Zeuge: „Also damals saß ich in der Wirthschaft und da kam der Jakob und setzte sich zu mir und als wir den ersten Schoppen getrunken hatten, ließen wir uns noch einen kommen, denn der Wein war sehr gut und schmeckte so gut baß ... ." — Richter: „Aber halten Sie sich doch an das Factum!" — Zeuge: „Das Factum kommt schon. Der Wein also, ja der schmeckte uns so gut, daß wir uns noch Jeder einen Schoppen bestellten und da...." — Richter: „Aber kommen Sie doch endlich zum Factum; machen Sie doch nicht so viel Gerede!" — Zeuge: „Ja, ja. Da kommt nun der Seppel mit dem Factum auf'm Rücken und hängt's draußen auf und setzt sich auch zu uns an den Tisch. Als der den ersten Schoppen getrunken, läßt er sich noch eine» kommen und der...»" — Richter: „Aber halten Sie sich doch an das Factum, machen Sie doch nicht solche Umwege." — Zeuge: „Und wie wir so dasitzen und trinken, kommt der Peter, nimmt's Factum und läuft damit weg. Als wir das sehen, springen wir ihm nach und nehmen ihm's Factum wieder ab und haben ihn dabei etwas g'sloßen. So war's Herr Richter und nun hab' ich Ihnen Alles erzählt, wies war; jetzt will ich Ihnen auch noch das sagen: es war kein Factum — es war ein Kalb." (Flgd. Bl.) 199 (Alexander Dumas' Mutter.) In dem soeben im Verlage von Kaiman Lävy erschienenen „Werke Alexander Dumas'letzte Jahre" (Jahr 1864 bis 1870) erzählt der Verfasser Herr Gabriel Ferry Einiges über die bis jetzt wenig bekannte Mutter des jüngeren Dumas, der Verfassers der „Kameliendame". Dumas Vater lernte Madame L ..... im Jahre 1824 kennen, als er eben von Villes les Cottöres kommend, in den Bureaux des Herzogs von Orleans, nachher Louis Philippe, als Schreiber beschäftigt war. Madame L . . . . . war bereits verheirathet, aber auf gütlichem Weg von ihrem Manne, einem Notar in Nouen, geschieden. Der Zufall fügte es, daß sie in demselben Hause wohnte, wie Dianas und seine Mutter. Beide Nachbarn gefielen sich und diesem Verhältnisse ist der heutige Akademiker entsprossen. Alexander Dumas lebte in fast vollständiger Gemeinsamkeit mit der Mutter des kleinen Alexander, bis ihm seine ersten dramatischen Erfolge die vornehmsten Kreise der Pariser Gesellschaft eröffneten. Der Knabe blieb bei der Mutter bis zu seinem achten Lebensjahre. Um zu leben, hatte Madame L .. ..., die zu stolz war, die Hilfe ihres Geliebten in Anspruch zu nehmen, eine Stelle in einem großen Crziehnngs-Jnstitut inne, die ihr gestattete, nicht nur eine anständige Existenz zu führen, sondern noch Ersparnisse zurückzulegen. Sie brachte ihrem Sohne den Ordnungssinn und die Grundsätze ernster Lebensauffassung bei, welche einen so grellen Kontrast zwischen dem Verfasser der „Dcmimonde" und jenem der „Drei Musketiere" schufen. Im Jahre 1832 übernahm Dumas Vater die Erziehung des Knaben, er übergab ihn einem Schriftsteller Namens Goubaux, der ein Institut errichtet hatte. Mit diesem Goubaux zusammen verfaßte Dumas eines seiner besten Stücke: „Richard d'Harlington." Der Autor von Dumas' letzte Jahre" erzählt ferner, daß nachdem er seine Erziehung beendet, der junge Dumas bei seinem Vater lebte, der damals am Zenith seiner Berühmtheit und Popularität ein luxuriöses Leben führte. Da kam die Revolution von 1848. Das von Dumas gegründete und geleitete „Theatre Historique" gerieth in Konkurs und es war dem Vater nicht mehr möglich, den Sohn pekuniär zu unterstützen. Da kam Madame L . .... ihren, Sohn zu Hilfe. Sie lebte sparsam aber anständig in einem kleinen Apartement der Rne Pigalle. Sie nahm ihren Sohn auf, ermunterte ihn und unterstützte seine Bestrebungen, sich eins unabhängige Existenz zu gründen. Damals entstand „Kameliendame" und bis dieses Stück mit kolossalem Erfolg ausgeführt war, mußte die Muttter manchmal ökonomische Wunder wirken, um ihre und ihres Sohnes Subsistcnz zu sichern. Madame L . . . . . starb in, Jahre 1868, zwei Jahre früher als Alexander Dumas, mit dem sie sich ausgesöhnt hatte. (Die nachstehende Zusammenstellung des Lebensalters hervorragender Tonkünstler) dürste anläßlich des Todes Richard Wagners von Interesse sein. Franz Schubert erreichte ein Alter von 31 I. 9 M. 18 T.; Bellini 33 I. 10 M. 22 T.; Mozart 35 I. 10 M. 8 T.; Mendelssohn - Bartholdtz 38 I. 9 M. 1 T.; Nikolai 38 I. 11 M. 2 T.; E. M. v. Weber 39 I. 5 M. 18 T.; Herold 41 I. 11 M» 21 T.; Schumann 46 I. 21 T.; Lortz'mg 47 I. 2 M. 28 T.; Donizetti 49 I. 6 M. 14 T.; Adam 52 I. 9 M. 9 T.; Mehul 54 I. 3 M. 24 T.; Beethoven 56 I. 4 M. 11 T.; Halevy 62 I. 9 M. 12 T.; Bach 66 I. 2 M. 7 T.; Marschner 66 I. 3 M. 28 T.; Conradin Krcutzer 67 I. 22 V.; Richard Wagner 69 I. 8 M. 22 T.,' Flotow 70 I. 8 M. 22 T.; Spontini 72 I. 1 M. 20 T.; Meyerbeer 72 I. 7 M. 27 T.; Gluck 73 I. 4 M. 13 T.; Handel 74 I. 1 M. 21 T.; Spohr 75 I. 6 M. 17 T.; Rossini 76 I.; 8 M. 15 T.; Haydn 77 I. 2 M.: Cherubin, 81 I. 6 M. 7 T.; Auber 87 I. (Zur Beherzigung zur Concert- und Theaterbesucher) erzählt die „Saale-Ztg." folgende Reminiscenz: Am 24. März 1835 war Nikolaus Lenau in München, wo er Abends im Odeonsnale einem Concerte von A.rtot, erstem Geiger des Königs von Belgien, beiwohnte. An, 27. März schrieb er an die Hofräthin Neinbeck in Stuttgart: „War auch das Spiel dieses außerordentlichen Virtuosen groß und herrlich und namentlich sein Adagio wahrhaft bezaubernd, so mußte er dennoch die Kränkung erfahren, daß 200 der größere Theil des Publikums noch während seiner letzten Variationen aufbrach. Sehr - ärgerlich und grundphilisterhaft ist diese erbärmliche Besorgnis; des Publikums um seine Mantel, während es in eine Welt versetzt sein sollte, wo man keine Mantel mehr braucht. Hätte doch der Künstler allen Störern zugleich seine Geige an den Kons schlagen können! Doch nein! An diesem Felsen sollte das edele Saitenspiel nicht zerschellen! Einen Blick aber warf Artot auf die Barbaren herab, so zürnend und verachtungSmächtig, daß er mir in der Seele wohlthat; aber nur Einen. Von diesem Augenblicke klang sein Adagio noch viel leidenschaftlicher und tiefer; es klang wie ein schmerzliches Fortflüchten aus dem Kreise dieser Rohen und Kalten und wie ein Ausweinen in den Armen seines Genius. Artot soll leben! Er ist ein wahrer Künstler; ein unechter hätte, beleidigt schlechter gespielt; Artot spielte besser." (Was Knübbe sagen würde.) Oberst (zum Musketier Knübbe, welcher bisher alle Fragen des Officiers über das Gewehr unbeantwortet gelassen hat): Na, mein Sohn, Du mußt doch etwas vom Gewehr wissen, bist doch lange genug darüber instruirt. Du mußt Dich nicht etwa ängstigen weil ich hier zuhöre; nimm einmal an, daß Dich einer Deiner Kameraden fragt: Knübbe, sage mir 'mal, aus welchen Theilen besteht das Gewehr, was würdest Du da antwortend — Knübbe (nach kurzen: Besinnen): Ick würde sagen: Hlat das Maul, Kerl, wat geht Dich meine Flinte an! (Sparsystem.) „Ja," sagt der Barbier von Segringen, „das ist ein strenger s Winter und alle Geschäfte gehen schlecht; Jeder hält sein Geld zurück, nicht einmal die ^ paar Pfennig für's Haarschneiden wollen sie sich mehr kosten lassen. Wißt Ihr, wie's i der Bachschuster macht, wenn die Zeit zum Haarschneiden da ist? Er und seine Buben tauchen die Köpfe in ein Schaff mit Wasser, stellen sich dann hinaus in den Hof, lassen ^ die Haare gefrieren und brechen sie dann ab. Aus diese Weise haben sie das Geld für s * Haarschneiden erspart." (Wohl noch nicht dagewesen!) Ein von Mewe in Westpreußen nach Amerika ^ Ausgewanderter war mit seinen Steuern im Rückstands geblieben unv schickte dieselben - von Newyork nn die Kämmereikasse seiner Vaterstadt. Das erinnert ja fast an das „Wunder von Jena": Eine große Menge Menschen (fast die halbe Stadt) hatte sich auf dem dortigen Marktplatz mit Kind und Kegel versammelt, um einen Studenten zu begrüßen, der soeben ein Zwanzig-Markstück auf die städtische Sparkasse getragen. (Visitenkarten) sind bequem — Und oft im Leben angenehm. — wer danken will schreibt d'rauf p. r. — Das heißt zu deutsch: ich danke sehr. — Willst ferner sagen du Adieu, — So schreibst du einfach x. p. o. — Bringst einen Fremden du ins Haus, — So drückst du durch x. p. es aus. — Thür Dir das Leid des andern weh, — Schreibst ! auf die Karte du p>. e. — Der Glückwunsch, was er auch betreff' — Er lautet einfach nur x. k. — Und in der Kart ein Eselsohr — Bedeutet: „Ich sprach selber vor." ! (Ein Farme r) kaufte in der Stadt in einem Fruchtladen für einen Cents Kastanien. Nach einer halben Stunde kam er zurück und legte eine Kastanie auf den Ladentisch. ' ' „Was soll das bedeuten?" frug der Ladenbesitzer. „Das ist die einzige gute Kastanie die im Papicrsack war," antwortete der Farmer, „uyd ich nehme an, daß Sie dieselbe irrthümlicher Weise hineingethan haben. Ich bin ein ehrlicher Mann, der aus einem Irrthum keinen Vortheil ziehen will." Auslösung des Arithmogryph in Nr. 24: I, avsnds D O 8tss 12 k rü N nn ^ v Ii II " Fllr die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttier. zur „Äugslmrger PostMung." Nr. 26. Samstag, 31. März 1883 Fernande. Aus dem Englischen von M. Betham-Edwards, übersetzt von Alice Salzbrunn. (Fortsetzung.) 2. Kapitel. Fernande war entschlossen, diesen Besuch zu verschweigen, und die in Aussicht stehende Vorlesung wurde erst am nächsten Morgen erwähnt. Als das Ehepaar schweigend beim Frühstück saß, — seltsam, daß die Sorge stumm und die Freude gesprächig macht — sah sie auf zu dem schönen dunkeläugigen Gesicht ihr gegenüber und sagte: „Etienne, willst Du heute Abend mit mir in die Vorlesuug der Madame Lorenzi gehen? Die Billete wurden mir geschenkt." Ohne von seinem Teller aufzusehen erwiderte der junge Professor: „Ja; wir hätten hingehen müssen, auch wenn die Eintrittskarten uns nicht geschickt worden wären. Alle Professoren und Schüler des Lyceum werden dort sein, wie ich hörte. Bliebe ich weg, so würden die Leute sagen, daß ich mich zu erscheinen schäme, oder daß wir in der Welt keine zwei Francs zum Eintrittsgeld auftreiben konnten." Er lachte mit schrecklichem Hohn und fügte hinzu: „Es ist eine heitere Welt. Wie wäre es, wenn wir uns entschlössen, ihr Lebewohl zu sagen?" „O, sei nicht so bitter — so gottvergessen!" sagte die junge Frau flehend. „Gott hat uns nicht verlassen, wir werden bessere Tage sehen." Statt einer Antwort zuckte er nur die Schultern. Fernande beobachtete ihn und sann traurig über die verändernde Macht der Sorge nach. Sehr stolz und sarkastisch war ihr Mann immer gewesen, aber Niemand könnte gütiger und genialer sein als er, so lange das Glück ihnen günstig war. Es schmerzte sie unaussprechlich, daß ihre Neigung ihn jetzt kaum trösten konnte. Das kleinste Zeichen seiner Liebe zu ihr hätte ihr die dunkelste Stunde erleichtern können, aber er schien in sich zusammen zu sinken und jetzt im Gefühl seines Unglücks und seiner Verlassenheit sogar die Liebe zu vergessen. Nie hatte eine zahlreichere, verschiedenartigere Versammlung das geräuinige Theater gefüllt als heute zum Willkomm der großen Künstlerin. Das angekündigte Vergnügen paßte sowohl für Ernstgesinnte, als Leichtfertige, für Jung und Alt, Gebildete und Un» wissende. Wer unter den Franzosen, sei es Mann, Frau oder Kind, könnte sich nicht freuen über eine Scene aus Racine, ein Lied Börangers, eine Idylle von Lamartine oder eine Fabel von Lafontaine, besonders beim Vertrag der mächtigen, lieblichen und pathetischen Stimme einer Lorenzi? Diese Dichtungen sind Allen bekannt und durchdringen eine französische Zuhörerschaft mit edler Begeisterung. Beim Beginn des Vortrags der herrlichen Tragödin aus Victor Hugo's „Emu" herrschte lautlose Stille unter der großen Menge; die süße Macht der Beredtsamkeit, die volle, musikalische, tönereiche Stimme erhob sogar Fernandens trauriges Herz in höhere Regionen. Als sie mit angehaltenem Athem auf Athalie's leidenschaftliche Reden lauschte, vergaß sie die während des Tages gehegten Hoffnungen; sie hörte nicht in Erwartung, sondern in einer Gemütsverfassung zu, mit welcher ihre eigenen Gefühle Nichts zu thun hatten. Vor der großen, lebens» wahren Welt der Poesie erloschen ihre kleinlichen Sorgen. Etienne vergaß ebenfalls bald seine zerschmetterten Pläne, seine tiefgewurzelte Bitterkeit, während er unter diesen raschen Eindrücken glühte. Fernande sah sein erregtes Gesicht und erinnerte sich plötzlich ihrer süßen Hoffnungen, welche sie bereits als thöricht erkennen mußte; sie tröstete sich mit dem Gedanken, daß dieser Abend ihr und ihrem Manne einen edlen Genuß geboten habe. Madame Lorenzi konnte ihnen weder Ruhm noch Reichthum bringe» aber sie hatte ihnen eine unauslöschlich schöne Erinnerung geschenkt. Fernandens hochfliegende Hoffnungen verschwanden in der Erregung dieses unvergleichlichen Abends. Als ein herrliches Gedicht nach dem anderen vorgetragen wurde, als abwechselnd die zarteste Anmuth und die höchste Leidenschaft des Ausdrucks jedem Vers und sogar jedem Wort größere Schönheit und tiefere Bedeutung verliehen, fühlte sie, daß sie glücklicher und demüthiger wurde. Nein; es war nur Selbsttäuschung und Kühnheit zu hoffen, daß ihr Mann schon jetzt in die Gesellschaft der gottbegnadeten Dichter gehören könne. Er mußte größere Anstrengungen machen und auf die Zukunft warten. So vergingen die entzückenden Augenblicke, und endlich kündigte die Tragödin einige Gedichte lebender bretanischer Dichter an; Fernande hörte es kalt und erwartungslos. Sie hoffte nicht mehr auf die Verwirklichung ihres Planes und wünschte fast, der Abend möge vorüber sein, weil sie wehmüthig ihrer Illusion gedachte. Sie mußten morgen wieder zu ihren Sorgen erwachen, als ob Nichts geschehen sei, und mußten sich rüsten, die Prüfungen zu ertragen, welche Gott ihnen noch senden wollte. Das Unglück konnte nicht in einem Tage verschwinden; allmählig würden die Wolken vorüberziehen und die Sonne gewiß zur rechten Zeit scheinen, aber nicht jetzt und nicht plötzlich, wie durch einen Zauberschlag. Sie saß mit theilnahm- losen Blicken und gefalteten Händen, nicht mehr in Selbsttäuschung sondern nur in Verwunderung über ihre vor einer Stunde gehegten kühnen Ziele. Träumte sie? Hörte sie wirklich oder nur in ihrer Einbildung den Namen ihres Gatten? Sie neigte sich in ver« zweiflungsvoller Erwartung vorwärts, als ob ihre Existenz von den nächsten Worten der Tragödin abhänge; die Letztere sprach noch einmal unzweifelhaft klar und wohllautend den Namen ihres Mannes aus, und Fernande konnte kaum ihre Fassung behaupten. Sie wagte es nicht, ihren Mann anzublicken, aber sein leiser Seufzer, sein rascher Athem verriethen ihr seine Aufregung. Es gibt Augenblicke iin Leben, wo In jois kuit xeur, *) und dies war ein solcher Augenblick. j Der junge Professor war leichenblaß geworden. Jetzt sollten seine armen verachteten i Verse keiner Kritik und kalten Analyse unterworfen werden, sondern Lob und warmen Beifall hervorrufen. Jetzt konnte er diese begeisterten Zuhörer mit poetischer Kraft durch- dringen und vor seinen Mitbürgern im unauslöschlichen Licht des Dichters, des des Lehrers der Menschen erscheinen! Solch ein Triumph hätte ein noch größeres Talent befriedigen > und für noch schwereres Unglück entschädigen können. Mit der schnellen untrüglichen ^ Entscheidung des richtigen Urtheils hatte die Künstlerin aus dem umfangreichen Manus- cript gerade den Theil gewählt, welcher für die Zuhörer und die Gelegenheit paßte. Ein s reizendes poetisches Miniaturgemälde schilderte die schöne alte Stadt im Mondschein einer - Sommernacht — die düstere Kathedrale, die Schloßbastei, die breite Loire, den belebten ^ Hafen, die waldigen Jnselchen. Dieses Bild mußte die hier aufgewachsenen Zuhörer ! rühren, und durch den ganzen Abschnitt ging ein Zug tiefer Trauer und glühender Vaterlandsliebe. Ueberdieß erzählten die Verse von Begeisterung und Täuschung, von einem durch gewöhnliche Dinge unbefriedigten Leben. Das Probestück eines jungen seiner Kraft bewußten Dichters hätte schärfer kritisirende Zuhörer befriedigen können, besonders weil es die wunderbare Stimme voll starken, biegsamen Klanges vortrug. Edelmüthig ergriffen die Zuhörer die Gelegenheit einen vom Unglück verfolgten Mann zu erheben. Fast jeder der Anwesenden kannte die Geschichte des jungen Professors; ungewöhnlicher Applaus ertönte; man rief: „Der Dichter! Der DichterI" Ein Zurückziehen war un- *) Die Freude macht Furcht. Französisches Sprichwort. L03 möglich. Bleich und zitternd, mehr gleich einem Schuldigen an der Gerichtsschranke, als einem Helden im Augenblick seines Triumphes stand Etienne auf, versuchte zu lächeln und verbeugte sich rechts und links. Noch nie hatte das Ehepaar eine so tiefe, gewaltige Bewegung empfunden; nachdem der Beifallssturm vorüber, vermochten sie den Zwang nicht länger zu ertragen; sie standen ruhig auf, verließen das Theater und eilten schweigend und mit Freudenthränen Heini. — (Fortsetzung folgt ) Zur Geschichte des Augsburger Theaters. Von Klara Reichner. VI. Das alte Stadttheater und die neuere Zeit. Es ist hier nicht der Zweck und die Aufgabe, den einzelnen Direktionen auf all' ihren verschiedenen Rosen- und Dornenpfaden zu folgen, doch sei wenigstens ein flüchtiger Blick» als eine Art von Rundschau, auf die neuere Zeit bis zu den letzten dreißig Jahren noch geworfen. — Nach dem großen, theatralischen Direktionen-Krach des Jahres 1806 erhielt die Conzession der Direktor Friedrich Müller, nebst Frau als ze'tweise Stellvertreterin, (eine damals sehr beliebte Methode l) und zwar auf sein Ansuchen gleich auf sechs Jahre, wofür er sich verpflichtete, Winter und Sommer zu spielen. Mit einem Prolog des Augsburger Tabaksfabrikanten und Magistratsraths Philipp Schmid wurde am 15. September 1807 der einstweilige Jnterimszustand beschlossen, dessen Geschäftsführer der nunmehrige Direktor gewesen, und die neue Aera eröffnet, durch welche in der That eine bessere Zeit dein Stadttheater zu erblühen begann. Zahlreiche neue, mehr oder minder werthvolle Produkte jener für unsere Literatur so fruchtbaren Zeit der „zweiten Sturm- und Drangperiode" gelangten, von, Beifall des Publikums begleitet, zur Darstellung; auch der erwähnte Augsburger Prolog-Dichter zeichnete sich nicht nur durch die damals sehr üblichen GelegenheitsDichtungen, wie: Prologe» Epiloge, Festspiele, welche zuweilen auch in Musik gesetzt wurden aus, sondern er war auch glücklich als Verfasser der zu jener Zeit sehr beliebten Ritterstücke, — namentlich aus der Geschichte Augsburgs. — Das Personal der neuen Direktion bestand anfänglich aus 78 Personen und 10 Kindern, darunter tüchtige Kräfte ersten Ranges, außer berühmten Gästen. So schienen denn freundlichere Sterne dem Theater Augsburgs leuchten zu wollen, Direktion und Publikum standen sich gut dabei, und diese Periode durfte für die bis dahin hervorragendste in Augsburg gelten. Sechs Jahre aber sind eine lange Zeit, während welcher sich Mancherlei des Wechselnden ereignen kann! Auch wirkte die unruhig-kriegerische Franzosenzeit nicht günstig ein. Einmal — es war am 6. September 1809 und just der Beginn einer neuen Saison — gestattete sogar erst der derzeitige, französische Platzkommandant und dann der französische Gouverneur im letzten Augenblicke, als das Publikum schon auf den Plätzen sich befand, nicht die Eröffnung der Bühne. Erst drei Tage später durste dies geschehen, weil die übermüthigen Herren Franzosen der Ansicht waren, daß die Erlaubniß für öffentliche Vergnügungen ihnen, und nicht der Polizei-Direktion zukomme; — Direktor Müller hatte damals den Muth, dem anmaßenden Gouverneur-General des allmächtigen Kaisers Napoleon auf dessen Frage, wer ihm die Erlaubniß denn ertheilt habe, ganz ruhig zu antworten: „Se. Majestät der König von Bayern l" — Auch diese traurigen Zeiten gingen allerdings vorüber, doch nicht ohne störenden Einfluß auszuüben. So wurde im Sommer, wegen der kriegerischen Zsstände — entgegen dem Vertrage — mehrmals nicht gespielt, außerdem aber verringerte sich das Personal und verschlechterte sich überhaupt die ganze Sachlage dadurch, daß der Direktor- Müller in verschiedenen Städten Gesellschaften besaß, und sich schließlich ganz durch seine Frau vertreten ließ, nachdem im Jahre 1813 sein erster bjähriger Contrakt abgelaufen 204 »var, und er auf's Neue die Conzesfion für weitere 6 Jahre erhalten hatte. Diese Zersplitterung, im Verein mit den schlechten Zeiten, führte endlich — es waren von dem zweiten Contrakte erst 3 Jahre abgelaufen — einen Krach herbei. Zwar hatte „Madame Karoline Müller" alles Mögliche versucht, um auf den Geschmack und die Schaulust des Publikums zu spekuliren: biblische Tableaux aus der Leidensgeschichte mit begleitendem Vortrag in der Charwoche, ein Oratorium mit biblischen Gemälden am Himmelfahrtstags. Ferner wurde der Einzug der verbündeten Truppen in Paris bei festlich beleuchtetem Hause durch eine Festvorstellung mit Schlachtengemälden gefeiert (1814), ebenso 1815 die siegreiche Heimkehr der bayerischen Soldaten; außerdem einmal ein Transparent- Gemälve: „Der Brand von Moskau" mit Musikbegleitung aufgeführt u. s. w. Als aber endlich gar während der Saison 1815/10 Madame Karoliue Müller, um die Zugkraft zu vermehren, jedes neue Stück — oft von sehr zweifelhaftem Werthe — pomphaft auf den Zetteln anpries, und endlich gar im Theater — ein Lamm ausspielte, da war der Anfang vom Ende gekommen. Das Ende bestand in finanziellen Verlusten der Direktion und in ihrem Verschwinden von dem Schauplatz, lange vor Ablauf der zweiten Conzesfion, »vorauf ein Direktor, Karl Hain, wieder nebst Frau, erschien, welche ihm indessen um so nothwendiger war, als er, in Folge seiner Gicht, stets gefahren oder getragen werden mußte; er gab mit seinem Personal von 33 Mitgliedern und 11 Kindern 98 Vorstellungen vom 17. November 1816 bis 30. Mai 1817, ohne sonderlichen Erfolg zu haben. Trotz dieser traurigen Erfahrungen erhielt der nun folgende Direktor Josef Scheinen« auer, wegen des guten Rufes, der sich an seinen Namen knüpfte, abermals, wie der Direktor Müller, die Conzesfion gleich auf sechs Jahre. Ein Prolog: „Thaliens schöne Zukunft" eröffnete verheißungsvoll die neubeginnende Saison, dessen Verfasser ein Nachfolger des erwähnten, dramatischen Gelegenheitsdichters Philipp Schmid, Doktor Wilhelm war; auch ein auf sonstigem dramatischem Gebiet mit glücklichem Humor, trotz feines jahrelangen Gichtleioens, thätiger, Augsburger Theaterdichter, der nicht nur: „die ^ Hunnen vor Augsburg", sondern auch Puppenspiele für's Marionettentheater schrieb. Unter dem Direktor Schemcnauer, der Winter und Sommer spielte, entstand der Anfang der Sperrsitze, indem vorerst die drei vordersten Parterre-Bänke dazu eingerichtet wurden. Gespielt wurde für gewöhnlich: Sonntags, Dienstags, Freitags — Anfang: 6 Uhr; das Winter-Abonnement währte vom 1. September bis Ende April, und die Preise der Plätze waren — ohne je erhöht zu werden: 1 Fl. für 1. und 2. Rang, 48 Kr. für Sperrsitz, 36 Kr. für 1», 18 Kr. für 2. Parterre, 12 Kr. für Galerie und 6 Kr. für den letzten Platz. Das während der ersten drei Jahre aus 69 Mitgliedern und 9 Kindern bestehende Personal leistete im Verein mit hervorragenden Gästen (darunter Franz Liszt als 12jühriger Knabe) sehr Tüchtiges, das Nepertoir war vielseitig, reichhaltig, theilweise aus bedeutenden Erzeugnissen der „zweiten Sturm- und Drangperiode" bestehend, theilweise jedoch schon beeinflußt durch die nachfolgende, minder glückliche Zeit unserer dramatischen Dichtung (Schicksalstragödien u. s. w.). Auch ein sehr vielseitiger Augsburger Dichter trat mit Erfolg hervor in der Person des Freiherr» Ecker von Eähofen, welcher, außer den gebräuchlichen Gelegenheitsdichtungen, durch Uebersetzen und Dramatisiren hervor sich that. — Trotz Alledem aber schlug auch die unfreiwillige Abschiedsstunde des Direktors Schemenauer, nachdem er auf sechs weitere Jahre der Permission erhalten, als die erste von 1817 abgelaufen war; dieses zweite halbe Dutzend lief indessen nicht mehr völlig ab, denn nach zehn Direktionsjahren in Augsburg mußte er die Bühne schließen, mit Verlust all' seiner Habe. Ungeachtet der ohnehin schon stattgehabten Gagen-Abzüge, betrug die Schuldenlast der letzten zwei Jahre 6451 Fl>< von denen die Gläubiger die Hülste erhielten. Und nun begann abermals eine Jnterimszeit l Die Mitglieder gaben auf eigene Rechnung etliche Vorstellungen, alsdann trat ein Comitä zusammen, bestehend aus Augsburger Honorationen, das zwei Jahre lang das Theater leitete, und einen Geschäftsführer 205 anstellte, bis die Verluste, die auch sie erlitten, die Aktionäre veranlaßten, die Sache wieder aufzugeben. Es war freilich eine gute Zeit für Mitglieder und Publikum gewesen, was Gage für die Einen und Ausstattung der Stücke für die Andern anbetraf, aber das Nachspiel war — des Gegensatzes halber — um so trauriger, da ein Direktor natürlich erst recht nicht im Stande war zu leisten und durchzuführen, was ein bemitteltes Privatunternehmen auf die Dauer nicht erhalten konnte. Vom Jahre 1829—34 versuchte der „von Jugend auf an eine Direktionsführung gewöhnte" Johann Weinmüller sein Heil, ebenso zum zweiten Male 1837—41 und sogar zum dritten Male 1843—44. Es war dies eine um so eigenthümlichere Passion und kostspieligere Gewohnheit, als er von der jährlichen Nente und dem kleinen Baarkapital, die er besaß, jedenfalls sorgenfreier hätte leben können, als sich bis in seine achtziger Jahre hinein, ohne Vortheil schließlich, mit beständiger Direktionsführung zu plagen. Auch in Augsburg lächelte ihm das Glück nicht sehr holdselig entgegen. Zwar begann er mit einigen guten Kräften — im Ganzen mit 85 Mitgliedern und 2 Kinder —> führte auch allerlei neue Stücke von Albini, Birch-Pfeiffer, Deinhardstein, Holtei, Naupach, Raimund, Wolf rc. rc., sowie neue Opern von Auber und Rossini in's Treffen, ferner als Gäste die beiden berühmten Charlotten: Birch-Pfeiffer und von Hagen, den Geigen- könig Paganini rc. rc., aber — darüber ging sein Baargeld zu Grunds, und sogar seine Rente mußte er für mehrere Jahre verpfänden, obwohl ihm die Stadtkasse einen außerordentlichen Zuschuß von 1000 Fl. und die Abonnenten 1600 Fl. gewährten. — Um auch ein wenig Humor in diese Tragik zu bringen, sei eines tragi-komischen Ereignisses erwähnt, das unter dieser Direktion als eine Art von Unicum passirte. Der Musik- Direktor Maurer hatte zu seinem Benefiz eine Oper: „Abraham's Opfer" componirt. Der Abend ist gekommen, das Publikum zahlreich versammelt, doch fehlt der Held, die Hauptperson — Abraham selbst, in Folge einer hartnäckig geschwollenen Wange. Was thun? — Der Mensch muß sich stets zu helfen wissen — wie viel mehr nicht ein Direktor und ein Venefiziant in solchen Nöthen I Ein anderes Opernmitglied wird schnell in das Kostüm des Abraham gesteckt, singt die Partie flottweg aus der Stimme heraus, während daneben im schwarzen Frack ein Zweiter steht, die Prosa dazu lesend! — „Wenn Kunst sich mit Natur verwandelt, Dann hat Natur mit Kunst gehandelt!" — Unterbrochen wurde diese dreifache Serie Weinmüllrr durch zwei andere Direktionen. Zuerst 1834—87 durch seinen Schwiegersohn August Nothhammer, der mit einem Personal von 71 Mitgliedern und 5 Kindern die Bühne eröffnete. Er war dies eine sehr thätige Direktion, deren Personal sich nicht verminderte, sondern auf nahezu 80 Mitglieder erhöhte; auch die Zahl der neugegebenen Stücke war z. B. im zweiten Jahrgang die respektable von 43 von meist bedeutenden Verfassern. — Unter dieser Direktion hört auch zum ersten Mal das Zahlen der Abgaben auf, welche allerdings von den ursprünglichen 16 Fl. pro Spielabend seit etwa 1803 auf 5 Fl. 30 Kr. für den Wintcrspiel- Abend und 2 Fl. 4b Kr. für den Sommer herabgemindert worden waren. 1836 erhielt Direktor Rothhammer sogar einen Zuschuß von 600 Fl., welcher in Zukunft jeder Direktion per Jahr auf Ansuchen ertheilt wurde, bis die Direktion Beurer (die zweit«, welche — 1841—43 — die verschiedenen Serien Weinmüller unterbrach) diesen Zuschuß als Subvention erhielt. Unter Direktor Nothhammer traten auch verschiedene sonstige Aenderungen in's Leben: er entfernte das 2. Parterre, und setzte für den ganzen Parterre-Raum 30 Kr. Eintrittsgeld für die Oper, 24 Kr. für das Schauspiel fest. (Anfang halb 7 Uhr). Auch eröffnete er ein Sommer-Abonnement (denn die Gesellschaft spielte zum ersten Mal seit Schemenauer während des einen Sommers 1836), bestehend aus 28 Abenden, getheilt in zwei Abonnements zu 12 Vorstellungen nebst zwei Suspen- dus. Auch an hervorragenden Mitgliedern war kein Mangel — es sei hier nur des so viele Jahre dem Augsburger Stadttheater angehörenden Komikers Frdr. August Witz gedacht — ebensowenig, als an berühmten Gästen. Eslair, Wilhelmine Schröder-Devrient, 206 Vespermann (der zuerst in Augsburg Goethe's „Faust" gab) und Frau Sigl-Vespermann, Charlotte Birch-Pfeiffer, Lang rc., ebenso wie dem größeren, schaulustigen Publikum in entsprechender Weisx Rechnung getragen wurde durch das Auftreten einer spanischen Hof- tänzergesellschaft Tourniaire, die mit Pferden auf die Bühne kam. So bemühte sich der thätige Direktor, «S gar Allen recht zumachen, und das auf möglichst künstlerische Weise; — Letzteres gelang ihm — mit einem Chelard als Capellmeister und Wolff als Regisseur zur Seite — auch sehr wohl, Ersteres dagegen gelang ihm leider nicht. Wenigstens ging er trotz Alledem mit allein seinem guten Willen und aller Anstrengung, das Beste zu leisten und zu bieten, doch schon im dritten Jahr« seiner Theaterleitung vollständig zu Grunde, namentlich, da die im Winter 1837 in Augsburg herrschende, heftige Grippe das Publikum noch weit mehr als sonst dem Theater fernhielt. Als der arme Noth» Hammer sich zahlungsunfähig erklären mußte, spielten die Mitglieder auf eigene Rechnung fort, bis der Schwiegervater Weinmüller seinen Schwiegersohn wieder in der Direktion ablöste, um endlich selbst ein ähnliches Schicksal zu erleben. Er schloß die Bühne: »wegen des grassirenden Nervenfiebers und der wachsenden Theuerung aller Lebensmittel." — (Während dieser zweiten Serie Weinmüller gelangte das Augsburger Theater aus den Händen der St. Martins-Stiftung, in welche es seit etwa 1803 aus denen des Almosen» Amtes übergegangen, in die der Commune.) Auch dem andern Direktor — Carl Beurer — der die verschiedenen Direktionen Weinmüller unterbrach, wäre es nicht besser ergangen, wenn er nicht sammt seiner Gattin einer „weisen Sparsamkeit" gehuldigt hätte — auch in Bezug auf die Wahl der Stücke, deren Zugkraft und Wiederholungen sich sehr glücklich-speculativ erwiesen. Als Beispiel, wie es zu seiner Zeit (1841—43) mit der Wiederholung von Stücken beschaffen war, diene die folgende Notiz: Die Oper „Czar und Zimmermann" von Lortzing, und Marie, die Tochter des Regiments" von Donizetti, sowie die Nestroy'sche Posse „Einen Jux will er sich machen" waren z. B. damals Novitäten, welche 6—8 Wiederholungen per Saison mit Erfolg gestatteten. Direktor Beurer hatte keinen besonderen Vor- aber gerade keinen Nachtheil von seiner Direktion in Augsburg, dafür aber hatte auch das Augsburger Theater weder unter ihm, noch unter seinen Nachfolgern einen Aufschwung zu verzeichnen; im Gegentheil, denn es ergab sich nach Nothhammer 16 Jahre hindurch eine gewisse Ebbe und Dürre in den Theaterverhältnissen Augsburg's, die ihren Gipfelpunkt in einem vierblättrigen Direktions-Kleeblatt, bestehend aus zwei Männlein und zwei Weiblein» fand, die sich folgerichtig stets befehdeten. Deren Nachfolger — Wilhelm Lippert (1845—51) — hielt viel auf äußern Glanz, war thätig und speculativ und erhielt viel Erleichterung und vielen Zuschuß; so hielt er sich auf diese Weise über Wasser. Unter dieser Direktion verschwand — 1850 bis 1851 — zuerst die »och aus dem vorigen Jahrhundert herrührende Bezeichnung: „Madame und Demoisellö" von den Zetteln, um dem deutschen: „Frau und Fräulein" Platz zu machen. Nach einem nochmaligen kurzen Auftauchen von Karl Beurer (1851—52) erschien für den folgenden Jahrgang ein Direktor, welcher mit Recht besonderer Erwähnung verdient, als Derjenige, welchem es gelungen, mit verhältnißmäßig geringsten Mitteln den verhältnißmäßig größten Bortheil in Augsburg zu erzielen. Es war dies Ernst Walter — wegen seiner Manier, alle Welt mit „Freundchen" anzureden: „Freundchen Walter" genannt. Während seiner nicht viel über fünf Monate währenden Direktion war eS allerdings stets voll, denn die Anziehungskraft seines Programms bestand in der Berück» fichtigung des allgemeineren Publikums, durch viele Possen, durch die Sonntags gegebenen Nitterkomödien, wie: „Blaubart, oder die Todtengruft und Maklerkammer", mit bengalischer Feuerbeleuchtung. Ferner z. B. „der gebändigte Tiger" mit der fett gedruckten Zettel-Notiz: „Der Tiger kommt lebendig vor!" — Und er kam wirklich, d. h. der „lebendige Tiger" bestand aus einem Statisten, eingenäht in eine bemalte Tigerhaut. Als „Freundchen Walter" von Augsburg schied, erklärte er zum Abschied, daß: »was gefordert werde, mit den gegebenen Mitteln nicht zu beschaffen sei", und wenn s — 207 — schon nach seinem Abzug darüber berathschlagt ward, ob im folgenden Winter das Theater „icht ganz geschlossen werden solle, so wurde schließlich doch beschlossen, statt dessen lieber dem folgenden Direktor, außer freier Heizung und Beleuchtung für Oper und Orchester einen Zuschuß von 1000 Fl., für das -Schauspiel aber 600 Fl. zu gewähren, während zuvor die Subvention sich nur auf 1200 Fl. beziffert hatte. Dieser folgende Direktor war Friedrich Engelken! Unter ihm begannen — 1853 — wieder bessere, künstlerische Zeiten für das Augsburg« Theater, ein idealeres Streben! Ihm wurde auch bewilligt, was vordem nur auf erfolgte Eingabe gestattet war: stets fünfmal wöchentlich zu spielen; von 1853 an staminte auch das für die ganze Winter- Saison bindende Abonnement. — Doch das Jahr 1853 führt uns schon in die bekanntere Neuzeit, um welche es sich hier nicht handeln soll! Aus dem Gesagten wird ohnehin hervorgehen, daß im Großen und Ganzen kein guter Stern über dem Theater AugburgS leuchtete. Erschien er, erschien auch bald die Wolke, die ihn zu umhüllen drohte, obwohl die beschwerlichen Abgaben endlich ganz aufhörten, obwohl der Zuschuß und die Spieltage sich nach und nach vermehrten. — Während 1836—42 dieser Zuschuß jährlich 600 Fl. — außer verschiedenen außerordentlichen Beiträgen — betragen hatte, erhöhte er sich im Jahre 1842 von 600 auf 1200 Fl., ohne die indirekten Zuschüsse, durch die 1848 von der Stadt übernommene Heizung, und 1849, nach Einführung des GaseS, auch fortfallenden Veleuchtungskosten. Wenden wir uns nun schließlich noch den Wandlungen und Kämpfen zu, die endlich das alte Stadttheater zu Gunsten eines neuen verschwinden ließen! — Der alte Bau hatte schon von Anbeginn gar nirgends recht genügen wollen; gar zu eilfertig ward er anno 1776 hergestellt, über 100 Menschen waren täglich dabei beschäftigt gewesen, um in 29 Wochen das Theater fertig zu stellen. 21,147 Fl. 38 Kr. hatte dieser Bau ursprünglich gekostet, ursprünglich, denn die zahlreichen Flickereien und Nachbesserungen im Verlauf der Jahre kosteten viel Geld und halfen doch nicht viel. 1832 wurden dann noch die von rückwärts anstoßenden Schießel'schen Häuser für das Theater angekauft und mit der Bühne vereinigt; man benützte die neuen Räumlichkeiten, (für welche der Direktor erst 75 Fl. Zins zahlen mußte, bis allmählig eine Null aus diesen 75 Fl. ward), zu Bürerau-, Garderobe-, Bibliothek-Lokalitäten rc. rc. Da indessen sehr bald eine Decke einstürzte, und die Parterrezimmer unbewohnbar feucht waren, so mußte 1846 Alles niedergerissen und frisch aufgebaut werden. Schon sehr bald nach dem Bau des alten Stadttheaters waren Projekte für einen Neubau aufgetaucht. Schon unter der Direktion Voltolini (1790 beginnend) sprach man in der ersten Begeisterung von dem Bau eines neuen Theaters, der Gedanke aber an die großen Kosten kühlte die ohnehin im Laufe der Begebenheiten sich legende Begeisterung bald wieder ab. 1793 legte der unternehmende Direktor Wenzeslaus Mihule der Stadt einen Plan für ein neues Theater auf Aktien vor, wenn man auf einem entsprechenden Platze ein passendes, nicht benütztes, städtisches Gebäude dazu fände. Es fand sich aber nichts Dergleichen. Im Jahre 1807 tauchte neuerdings ein Vorschlag auf, der scheiterte, ebenso wie im folgenden Jahre der Plan einiger Spekulanten; 1817 wurde gar schon ein Kosten-Voranschlag gemacht init 56,000 Fl. für ein Theater, zu welchem die Függer'sche Kanzlei in Aussicht genommen war; 1825 zog man das Fuggerhaus selbst in Erwägung, und die Idee, einen Theaterbau dort mit „Harmonie-Gesellschaft" und „Börse" zu vereinigen, eine Idee, welche beim Bau der „Börse" 1829 sich wiederholte, ohne zur Ausführung zu kommen. 1837—38 unterbreitete ein spekulativer Kopf dem Rathe Augsburgs seinen Plan, eine Aktiengesellschaft für bauliche Verschönerungen im Allgemeinen und Besondern für München—Augsburg zu gründen; das „Besondere" galt einem großen Gasthof in München und einem neuen Theater in Augsburg! Auch im folgenden Jahre spukte das alte Gespenst von Neuem, ohne Erlösung zu finden; 1851 wurde das ehemalige Armenhaus (später dann „Museum") für ein Theater vor- — 208 geschlagen — ebenso vergebens. Die Zeit der Reife des Projekts war immer noch nicht da, bis sie endlich kam, den Spruch erfüllend: „Was lange währt, wird gut!" So wurde denn inzwischen weiter fortgeflickt, und das Unbequeme mit Heldenmuth ertragen; es kam z. B. unter Anderem vor, daß in den, strengen Winter 1828—29 das Theater vom 12. bis 15. Februar wegen Unheizbarkeit geschlossen werden mußte, und daß um Weihnachten 1831 eS so kalt in dem »»heizbaren Theater war, daß die berühmte Sophie Schröder sich genöthigt sah, ihr Gastspiel abzubrechen, nachdem sie — die „Medea" im Pelzkragen gespielt hatte! — Außerdem gab'es gewisse gefährliche Stellen auf der Bühne, zu welchen Schnee und Regen freien Zutritt hatten. Freilich brachte dann das Jahr 1841 nicht nur einen neuen Giebeldachstuhl gegen das Einschneien, sondern es brachte auch eine Heizvorrichtung, einen schönen Oellampen-Lüstre (Gasbeleuchtung begann ja erst 1849 und wurde in den fünfziger Jahren nach und nach fortgesetzt) und allerlei andere bauliche Verbesserungen, welche in Summa fast 5000 Fl. kosteten; dafür aber bestand auch seitdem, bis von 1848 ab die Stadt in eigener Regie die Beheizung besorgte, für den Direktor die contraktliche Verpflichtung, die Wärme im Zuschauerraum nicht unter 6 Grad zu halten. Als Curiosum aus dem Jahre 1844 mag zur Illustration jener einstigen Zustände eine Zettelnotiz dienen, welche damals als besonderes Zugmittel angewendet wurde: „Das Theater wird gut geheizt!" Ein historischer Rückblick auf all' die vielfachen größeren und kleineren Reparaturen und Bauflickereien des alten Augsburger Theaters, von jener unterthänigen Petition eines Direktors zu Anfang der zwanziger Jahre an, welcher um neue Polstcrüberzüge der Logen-Brüstungen bat, da die alten längst in einem traurig-zerrissenen Zustande seien, bis zum endlichen Bau des neuen Stadttheaters, der zu Anfang der siebziger Jahre wieder lebhaft — und zwar mit 500,000 Fl. — geplant ward, würde zu umfassend werden, ebenso, wie es zu weit führen würde, hier das Nähere untersuchen zu wollen, woher der von jeher über dem Theater Augsburgs schwebende Unstern wohl stammt. Jedenfalls hat jene Stimme doch nicht Recht behalten, welche einst mit der Behauptung sich dort erhob: „es sei das Theater nur ein nothwendiges Uebel!" Denn wenn eine Stadt so viel Kunstsinn und Würdigung besitzt, daß sie im Stande ist, ein solches Stadttheater herzustellen, wie das seit 1878 bestehende, neue Stadttheater von Augsburg, das endlich wie ein Vogel Phönix nach ca. 100 Jahren aus der Asche des alten sich erhob, so ist kaum anzunehmen, oaß die Bewohner dieser Stadt das Theater für „nur ein nothwendiges Uebel" halten! Möge ein freundlicher Stern dem schönen Hause fortan leuchten als neuer Beitrag zur Geschichte des Augsburger Theaters! Wenn ich zwei Menschen glücklich seh Wenn ich zwei Menschen glücklich seh' In einander die Hände legen, So fühl' ich altes Sehnsnchtsweh Sich tief im Herzen mir regen. So tönt in mir ein Klagelied Um den Frühling, welcher entschwunden, Um Hoffnungsblumen, die abgeblüht, Um schöne, selige Stunden; Es tönt durch's Herz mir wehmuthsvoll Mit dem frommen Wunsch für die Beiden, ^l.lr ucul i».viillttc«i ^Tnuls^ jttt. vir oewcll, Daß ihnen der Frühling der Liebe soll So bald wie mir nicht scheiden. Heinrich Freimann. Original-Räthsel. * Vers bin ich zur Halste, zur Hälfte nur Tand; Erräthst Du das Ganze, so hast Du Verstand.' Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Hnttler. Nr. 27. 1883. zur „Ärrgslmrger Pojheitimg." Mittwoch, 4. April Fernande. Aus dem Englischen von M. Betham-Edwards, übersetzt von Alice Salzbrunn. .(Fortsetzung.) 3. Kapitel. „O, wie bitter ist unsere Armuth!" lauteten Etienne's erste Worte beim Eintritt in seine Wohnung. „Morgen, wenn ich unserer Wohlthäterin meinen Dank ausspreche, werde ich der einzige anwesende Dichter sein, welcher ihr keine Blumen anbieten kann." „Sie wird keinen Dank verlangen", sagte Fernande in Erinnerung an die Gut- müthigkeit, mit welcher sie empfangen worden war, „und auch keine Blumen; —" sie wollte hinzufügen, ihr Tisch war mit Bouquets bedeckt; aber sie besann sich und sagte: „Aber obgleich wir NickM für sie thun können, wer weiß, was sie für uns thun kann?" „Ja, wer weiß!" rief Etienne. „Sie kann mich mit Pariser Verlegern bekannt machen, und ich kann sogleich literarische Beschäftigung erhalten. Jedenfalls kann der heutige Abend nur gute Wirkung haben» Ich bin nicht mehr ein armer Wicht in oen Augen meiner Mitbürger." „Wie die Leute Beifall klaschten! O, ich bin zu glücklich!" rief Fernande. Sie weinte wieder vor Freude, und als sie sich zur Ruhe legte, geschah es, um zu träumen, nicht um zu schlafen. Auch Etienne brachte die Nacht schlaflos zu, aber wie verschieden waren die Gedanken des Mannes und seines Weibes! Fernande sah in diesem glücklichen Ereigniß die Aussicht auf eine verbesserte mate« rielle Lage, die Tilgung drückender Schulden, eine wohlgefüllte Vorrathskammer und lange entbehrte häusliche Behaglichkeiten. Die Anerkennung der Dichterkraft ihres Mannes gewährte ihr höhere Befriedigung als diese Gedanken, aber sie war eine Hausfrau und als solche durch die Entbehrungen des letzten Jahres tiefbetrübt. Sie mußte unwillkürlich an die materiellen Erfolge des unerwarteten Glückes denken, und ihre Phantasie schweifte weit bis zu einem Kanarienvogel, einem Blumentisch und neuen Vorhängen, statt der verblichenen, rothwollenen, welche in den letzten Monaten ihren Schönheitssinn verletzt harten. Etienne dagegen gab sich Träumen anderer Art hin. Die Pariser Verlagsbuchhändler würden ihn aussuchen. Das Prognostikon, welches Madame Lorenzi ihm durch die Vorlesung seines Gedichts gestellt, sollte ihn zürn Ruhm und Vermögen führen, vielleicht mit der Zeit zu einer hohen Stellung in der literarischen Welt. Er würde die Bekanntschaft geistesverwandter Männer machen, Bücher kaufen und reisen können, und vor Allem Werke schaffen, welche allgemeine Anerkennung finden müßten. Fieberhaft verging den Beiden die Nacht und als der Morgen anbrach, konnte Etienne kaum die passende Visitenstunde erwarten, um der großen Dame seinen Dank abzustatten. Fernande sah ihn weggehen, und die Sorgen waren fast aus ihren Zügen entflohen. Ihr Mann hatte sie zum Abschied zärtlich geküßt, er hatte beim frugalen Frühstück sein früheres heiteres Wesen gezeigt. Gewiß, ihre lange Prüfung war zu Ende, bessere Tage sollten kommen. Nach einer Stunde kehrte der junge Pofessor wieder zurück, sein Schritt schien 210 beflügelt. Sie hatte ihn noch nie so lebhaft, so heiter gesehen. Auch aus seinem Gesicht waren die Linien der Sorgen wie durch Zauberschlag verschwunden. „Denke Dir", rief er eifrig, „Madame Lorenzi gibt heute in ihrem Hotel ein großes Abendessen, zu welchem alle hiesigen Literaten eingeladen sind, ich ebenfalls. O, das edle Wesen dieser Frau! Sie wird unser Glücksstern sein, Fernande." „Ich bin nie bei einem großen Abendessen gewesen", sagte Fernande einfach. „Eö wird für mich ein größeres Ereignis; sein, als für irgend Jemanden." „Mein liebes Kind", antwortete Etienne mit leichtem Vormurf in seinem Ton, „Damen sind nicht eingeladen, Du natürlich auch nicht. Madame Lorenzi gibt ihr Ban- quet den Dichtern, aus deren Werken sie gestern Abend vorgelesen hat, und nach dem Essen will sie uns Kritiken mittheilen." Fernande schwieg. Sie sah ein, daß sie keine Einladung erwarten konnte, und fühlte sich nichtsdestoweniger enttäuscht; jedoch nur für einige Minuten, sie war zu glücklich, um an sich selbst zu denken. Sie sagte sich, er sei der Dichter, nicht sie, und wie hätte sie in solcher gelehrten Gesellschaft erscheinen sollen? Sie sah Etienne wieder mit heiterer Miene fortgehen, und als er spät Abends noch nicht zurückgekehrt war, legte sie sich mit glücklichen Träumen zu Bett. Madame Lorenzi's deutliche Gunst bewies den Wunsch, ihnen zu helfen. Sie sank bald in den liefen ununterbrochenen Schlaf der Jugend und Hoffnung. Am andern Morgen hörte sie wieder eine fröhliche Nachricht, und leider folgte ivieder ein Rückschlag. „Madame Lorenzi beweist mir entschieden ihr Wohlwollen", lauteten Etienns's erste Worte. „Heute soll ich mit ihr röta-ü-tsto frühstücken, um über meine Pläne zu sprechen, und Nachmittags will sie mich dem Präsidenten der Kunstakademie vorstellen, einem Manne, der, wenn er wollte, mir morgen ein Amt geben könnte. Und denke, Fernande, ein hiesiger Buchhändler, Pierre am Quai, erbot sich bereits zum Berleger meines Gedichts; aber ich will es nur in Paris erscheinen lassen. Ein Provinzialverlag drückt dem Buche den Stempel der Unbedeutsamkeit auf." „Erzähle mir Alles aus der Gesellschaft", sagte Fernande und suchte ihre unwill- ckürliche Verwirrung bei dem Gedanken an das tsts-ü-töta Frühstück zu verbergen. „War die Unterhaltung geistreich? Sprach Madame Lorenzi herrlich?" „Ach, Fernande, sie ist eine unvergleichliche Frau!" rief der junge Professor von wirklich dankbarem Enthusiasmus hingerissen. „Man wird von ihren Worten wie von herrlicher Musik begeistert. Sie las uns aus unseren Werken vor. auch meine Verse, und wir mußten abwechselnd weinen und lächeln bei unseren eigenen Dichtungen." „Das muß drollig gewesen sein", sagte Fernande fröhlich lachend. „Das Uebrige muß ich Dir ein anderes Mal erzählen", sagte er, in seiner Brieftasche blätternd. „Ich habe ein Dutzend Besorgungen für Madame Lorenzi zu machen. Sie hat uns Alle beschäftigt — Andrn, meinen alten Schulkameraden, dessen Gedichte vor einem Jahre veröffentlicht wurden, Bertrand, den Mitredakteur der hiesigen Zeitung, und Nager, den großen Schriftsteller aus Paris, der sich nur zuweilen herabläßt, seine Geburtsstadt und seine alten Freunde zu besuchen. Wir sind natürlich Alle stolz und glücklich, ihr dienen zu können; sie würde noch ein Dutzend ergebene Diener finden. Du weißt, sie ist auf einer Rundreise durch die Provinzen, und Alles muß vorher bestellt werden." „Hoffentlich wird uns etivas Gutes durch ihre Bekanntschaft zu Theil werden", sagte Fernande zweifelhaft und selbstsüchtig. „Erfuhren wir das Gute nicht bereits?" entgegnete Etienne. „Es ist eine Gold- Mine für einen jungen Dichter von solcher Kritiken» anerkannt zu werden. Aber nun darf ich keinen Augenblick länger zögern." Er eilte hinweg, und Fernande verlebte den langen Tag voll Einsamkeit und Hoffnung, welche jedoch nicht mehr so ungetrübt war, als am vorhergegangenen Tags. 211 4. Kapitel. Fernandcns eifersüchtige Gedanken hätten sich beruhigt, wenn sie gewußt, daß die Tragödin über ebenso viele weibliche als männliche ergebene Personen verfügte« Stets zum Wohlthun bereit war sie an Dankesbeweise gewöhnt, und ihre Ankunft in einem Ort gab das Zeichen zum Ausbruch eines Wetteifers unter ihren Bewundern. Die geringste ihr erwiesen« Dienstleistung wurde als ein Privilegium betrachtet. Die große Dame bedurfte weder einen besoldeten Secretair, noch einen Ausläufer, noch eine Kammerzofe. Ein Dutzend angehender Literaten waren zu den erstgenannten Besorgungen bereit, während bescheidene Theaterdamcn sich zu weiblichen Dienstleistungen anboten. Nie wurde eine Königin der Tragödie königlicher und für geringeren Lohn bedient. Ein Lächeln, ein freundliches Wort, ein Händedruck schien Lohn genug, obgleich Madame Lorenzl oft substavzielle Gaben austheilte. Fernande blieb gänzlich außerhalb des belebten, fröhlichen Kreises, dessen Mittelpunkt Madame Lorenzi war. Die Tragödin hatte keinen Wunsch nach ihrer Bekanntschaft ausgedrückt, denn sie war bereits von mehreren erwartungsvoll auf sie blickenden Dichtersrauen umgeben. Für die arme Fernande war daher eine täglich zunehmende Einsamkeit das einzige Ergebniß von Etienne's Triumph. „Wieder Aufträge? Wieder Einladungen?" fragte Fernande am Morgen des sechsten Tages, als Etienue sich sorgfältig angekleidet und augenscheinlich im Begriff stand, den Tag in gewohnter Weise zuzubringen. „Meine liebe Fernande", antwortete Etienne verletzt, „Du grollst doch nicht über irgend einen Zeitaufwand, den ich dieser Dame widme?" „O, nein; aber — ist etwas in Bezug auf das Gedicht geschehen?" fragte sie, besorgt den Hauptpunkt im Auge zu behalten. „Hast Du Aussicht auf Beschäftigung?" „Ja, ich habe Aussicht —" Er sah sie durchdringend an und fügte sichtlich zögernd hinzu: „Ich sollte auf kurze Zeit nach Paris gehen. Das wäre das Beste. Bist Du damit einverstanden?" Thränen traten in Fernandens Augen, denn sie verstand augenblicklich, daß er nach Paris reisen und sie allein zurücklassen wolle. „Wir müssen heute Abend darüber sprechen", sagte er hastig. „Du wirst sehen, wie vortheilhaft es wäre, wenn ich dort sogleich durch Madame Lorenzi in literarische Kreise eingeführt würde. Wegen der anhaltenden Kälte will sie die Reise aufgeben und in acht Tagen nach Paris zurückkehren. Sie will Alles, was sie kann, für mich thun." Fernande hörte ihn an und ließ ihn ohne ein Wort der Erwiderung weggehen. Als er am Abend wieder über seinen Plan sprach, sagte sie Nichts. Jede Einwendung, die nicht aus seinem Herzen kam, schien ihr nutzlos. Sie hörte traurig und erstaunt zu und fragte sich, welcher Zauber ihren Mann gegen seine Pflicht verblende. Konnt« die große Künstlerin mit ihrer fast kindlichen Gutmüthigkeit und ihrem herzgewinnenden Lächeln eine Ahnung von dem Leid haben, welches sie bereitete? Etienne war stets zur Bitterkeit und Unzufriedenheit geneigt gewesen, aber bisher hatte» nur die Wolken der Armuth ihr eheliches Leben getrübt. Beide besaßen kein Vermögen und keine Connexionen, sie hatten einander aus Neigung gewählt und waren im bescheidenen Wohlstand glücklich gewesen. O! Es war hart, dachte Fernande, daß sie in einen Fallstrick des Mißgeschicks gerieth, indem sie dem Glück nachging. Als sie mit dem Manuskript ihres Mannes unter ihrem Tuch schüchtern vor die große Dame trat, wie wenig konnte sie da solche Möglichkeit voraussehen — ein wachsendes Mißtrauen von ihrer Seite und eine wachsende Entfremdung von seiner Seite. In diesen ersten Augenblicken des Schmerzes glaubte sie, daß ihr früheres Glück nie wiederkehren könne I An einem frühen Morgen — dem letzten des Jahres — rüstete Etienne sich wie gewöhnhnlich zum langen Tagesauszug. Fernande konnte ihre eifersüchtige Gedanken nicht langer zurückhalten. Bleich und hohläugig von durchweinter, schlafloser Nacht sagte sie, während sie den Kaffee in seine Tasse goß: „Morgen ist der Neujahrstag, Etienne» 212 Du wirst wenigstens diesen für mich behalte», nicht wahr? Wir haben kein Geld zum Einkauf der Geschenke, aber wir werden wie gewöhnlich Besuche machen." Er trank rasch seinen Kaffee und that, als bemerke er ihren erwartungsvollen Blick und das Zittern ihrer Stimme nicht. „Laß uns zuerst unsere Angelegenheiten ordnen, und dann unsere Neujahrsbesuche machen, mein Kind. Du bist ehrgeizig, Fernande, Du wünschest mich als Dichter anerkannt zu sehen; also kannst Du nichts gegen die Reise nach Paris haben. Was ist es, wenn ich einige Wochen abwesend bin und mit reichen Mitteln zurückkehre?" Diese übrigens wohlgemeinten Worte hatten einen unbeschreiblich barschen Klang für Fernande. Vor einem Augenblick war sie bereit gewesen, sich an seine Brust zu werfen und alle ihre Befürchtungen auszuweinen; jetzt blieb sie hoffnungslos stumm und kalt. Ein ihr unbekanntes Etwas in seiner Stimme, ein Hauch der Leichtfertigkeit schien sie mehr als je von ihm zu trennen. Als er nach einem kalten, hastigen Adieu wegging, fühlte sie eine Erleichterung allein zu sein; aber im Laufe des Tages wurde die Einsamkeit immer unerträglicher. Sie hatte keine Lust zu ihren häuslichen Beschäftigungen; sie konnte die Börse, welche sie zum Neujahrsgeschenk für Etienne gestrickt, nicht beenden — welch ein Hohn wäre jetzt solche Gabe! Endlich nahm sie Hut und Shwal und ging aus. — Ein Sturm mit Regen und Hagel war vorübergegangen; jetzt schien die Sonne, und die Straßen zeigten das fröhlichste Treiben. Jedermann war ausgegangen, um die Neujahrsausstellungen in den Ladenfenstern zu sehen und Einkäufe für morgen zu machen. Fernande fühlte sich trostlos verlassen, als sie den belebten Quai erreichte und sich in der Gartenanlage zwischen der Straße, der Eisenbahn und dem Fluß setzte. Auf derselben Bank hatte sie vor vierzehn Tagen gesessen, als die verhängnißvolle Botschaft ihr zugeflattert; jetzt fuhr eine Equipage vorüber, in welcher ihr Mann und Diadame Lorenzi saßen. Es war durchaus nichts Außergewöhnliches in diesem Zufall. Die große Dame hielt keinen Lakei und fuhr nie aus, ohne einen ihrer ergebenen, Diener zur Seite zu haben. Ihr Sammetkleid sollte nicht den Straßenschmutz streifen, wenn sie unterwegs ein Zeitungsblatt oder eine Schachtel Bonbons zu kaufen wünschte. Jemand mußte sie dieser Mühe überheben, und stolz und glücklich war die von ihr bevorzugte Person. Heute war Etienne an die Reihe gekommen; kein Wunder, daß sein Gesicht vor Freude glühte, während er der von Witz und Verstand sprudelnden Unterhaltung seiner Gefährtin zuhörte; kein Wunder, daß er in dieser Stunde Fernandens angstvolle Blicke und die daheim nagenden Sorgen vergaß. Die unglückliche junge Frau legte jedoch seiner lebhaften Fröhlichkeit eine ganz andere Bedeutung bei, als den Reiz einer Stunde, die Zerstreuung eines Tages. Mit entschlossenem Gesichtsausdruck und einem Herzen, in welcher» die Hoffnung erstarken war, stand Fernande auf. Sie zog ihren Schleier vor das Gesicht und entfernte sich eilig in einer ihrer Wohnung entgegengesetzten Richtung. Wie traurig sind oft die Folgen eures einzigen Mißverständnisses! (Schluß folgt.) Goldrörner. glückselig nenne ich den, der, um zu genießen, nicht nöthig hat, Unrecht zu thun und, um recht ^iu handeln, nicht nöthig hat, zu entbehren. Schiller. Es tauscht der Mensch den Vortheil der Gesellschaft Nur für die Freiheit seines Herzens ein; Je größer jener Vortheil, desto mehr Geht auch von dieser Freiheit uns verloren; Denn immer zwingender, je höher wir Im Leben steigen, ist die Macht der Dinge Naupach. Nur ein Mädchen. (Aus der Selbstbiographie eines Säuglings.) Da liege ich in einer schönen Wiege. Ich bin erst seit anderthalb Stunden auf der Welt. Üm mich her tiefe Stille, nur zuweilen tritt Jemand an die Wiege und zeigt mich verschiedenen Personen, die alle viel größer sind als ich und zum Theil Bärte haben, zum Theil auch nicht. Und dazu sagt sie in der Negel: „Nicht wahr, ein hübsches Kind?" Oder: „Ist es nicht reizend?" Worauf die Betreffenden wie unwillkürlich lächeln und sagen: „Sehr lieb." Dann rathen Sie wem ich gleiche. Es scheint, daß mein Wesen aus den Bestandtheilen verschiedener Personen besteht und daß ich eigentlich gar nichts eigenes besitze, denn aus dem bisher Gehörten muß ich annehmen, daß ich Mama's Augen» Papa's Stirne und Großpapa's Kinn habe, während auf meinen Mund mehrere Mitglieder der Familie Anspruch erheben. Aus Eigenem habe ich also während meines kurzen Daseins recht wenig erwerben können. Nun, das ließe ich mir noch gefallen, Eines aber verbittert mein junges Gemüth. Ein junger Mann steht neben den Besuchern. Dieser junge Mann ist mein Papa, dem ich schon so früh und wahrlich ohne meinen Willen Kummer verursacht haben mag. Denn sein Antlitz ist trüb und ernst, und manchmal zerdrückt er eine Thräne im Augenwinkel. Anfangs glaubte ich, er sei so bekümmert über den Zustand Mama's, welche in einem Bette liegt, ganz nahe bei mir; aber Mama fehlt nichts. So viel merk' ich, daß ich etwas verfehlt habe, irgend eine Unbesonnenheit gethan — aber ich möchte wissen, was das ist und bin auch entschlossen, dahinter zu kommen. Jetzt tritt Großmama in's Zimmer, mit einigen Visitkarten und Depeschen; lauter Gratulationen und sie zählt Mama die Namen auf. „Ernst, Dein Vater gratulirt ebenfalls", sagt sie zu Papa. — „Wie ist das Telegramm abgefaßt?" fragte er. Großmama ließt vor: „Enkelchen willkommen, grüße herzlich; Euch, meine Kinder, umarme küssend. Acht geben Lilla's Gesundheit. Komme Anfang nächsten Monats. Paul." „Hab's ja gewußt", sagte Papa düster. — „Was hast Du gewußt?" fragt Großmama. — „Daß er erst nächsten Monat kommt, denn er hat ja vorher geschrieben: wenn es ein Junge ist, fliege ich, wenn aber ein Mädchen, dann krieche ich nur zu Euch. Er wird also kriechen." Mit gespanntem Ohre hörte ich diese Worte, denn soweit mein jugendlicher Scharfsinn sich auf Combinationen einlassen kann, mußten diese Reden den Schlüssel des Geheimnisses enthalten. „Ernst", sagt jetzt Großmama, „Du könntest wahrhaftig Vernunft annehmen. Sieh doch, die arme Lilla ist so gekränkt." — „Nun, in ein paar Tagen wird ja auch mein Verdruß verschwunden sein", sagt Papa etwas gereizt, „ab-r kann ich es leugnen, daß ich heute meiner nicht Herr bin? Heute verdrießt mich das Ding, es ärgert mich. Ich war meiner Sache so sicher." — „Nun ja, weil Ihr in Eurer Familie lauter Jungen habtl" — „Und dann", unterbricht sie Papa, „ist es nicht verdrießlich, daß wir jetzt gar nicht wissen, auf welchen Namen wir sie taufen tollen?" Diese Worte Papa's waren sozusagen mit herzzerreißender Verzweiflung ausgesprochen und ich beginne nun allgemach zu fühlen, daß ich in der That einen großen Fehler beging, als ich gegen den Willen meiner lieben Eltern es wagte, als Mädchen geboren zu werden. — Die Großmama ist eine eifrige Verfechterin meiner Sache. Sie tritt zu mir lüftet meinen Schleier und betrachtet mich lange, dann sagt sie: „Armer, kleiner Wurm! Darum hast Du geboren werden müssen . . . Aber die Vater sind so egoistisch! Sie denken nur an sich. Sie brauchen einen Sohn, der ihren Namen führt, damit der Name, der große Name, der Familienname nicht aussterbe. Damit Jemand da sei, der Cariöre macht, so daß ihre Eitelkeit sich darin bespiegeln kann. Und so oft er etwas Großes vollbringt, können sie dann sagen: Das ist mein Sohn! Wie aber, wenn er ein Lump wird, ein Schuldenmacher, ein Wechselritter, oder wenn man ihn im Krieg oder Duell todtschießt? — Da lob' ich mir doch ein Mädchen! Das ist ein ganz anderes Ding. Der Sohn, wenn er erst einmal aus Papa's Schublade eine Cigarre gemaust hat und ihm davon — 214 — Übel geworden ist, fühlt sich als ganzer Mann, Papa und Mama sind nicht mehr stark genug für ihn und er kann es kaum erwarten, daß er aus dem Elternhaus« fortkomme, als sein eigener Herr, dem kein Mensch mehr befehlen kann. Er wird ein Gast im Vaterhause» sein Heim ist anderswo. Die Tochter ist's» die die Flamme am elterlichen Herde entzündet. Sie belebt, verschönt das Haus, sie erheitert es und erwärmt es in trüben Stunden» Wenn man sie dann hinwegführt — denn man führt sie, sie geht nicht — scheidet sie unter Thränen vom theuern Heim und sie sehnt sich stets dahin zurück. Ihre Heimath ist das Elternhaus» wohin sie heimzukehren pflegt, auch dann, wenn sie einen eigenen Herd besitzt . . . Und wenn ihre Eltern alt geworden, wer besucht sie in ihrer Einsamkeit, wer eilt zu ihnen, sobald das geringste Unheil droht, wer pflegt sie und ist ihre beste Stütze? Die Tochter! Und dennoch wird sie so unfreundlich empfangen." Diese Rede, welche meine Aufmerksamkeit nicht wenig ermüdete, mag auf Papa doch einigen Eindruck gemacht haben, denn er sagte in entschuldigendem Tone: „So hatte ich's ja auch nicht gemeint" .... Dann war Alles still. Mir aber war Klarheit geworden. Jetzt erinnerte ich mich an den sonderbaren Ausdruck, init dem ich gleich, als ich mich zum ersten Male im Zimmer umsah die Leute hatte sagen hören: „Ein Mädchen!" Neue Besuche erschienen, lauter Verwandte. Ich werde Allen gezeigt und die Meisten sehen mich mit einer gewissen Geringschätzung an. Und immer wieder das Bedauern: Schade, daß es kein Junge ist." Schließlich wird diese verächtliche Behandlung selbst Papa zu arg. Ich gewahre mit Befriedigung, daß er sich gegen den Einen und den Andern in Vertheidigungsstellung setzt. Besonders einen jungen Vetter hat er ordentlich gezaust, weil derselbe etwas spöttisch bemerkt hatte: „Siehst Du, Ernst, Du hättest nicht im Voraus so groß thun sollen!" — „Na warte nur", entgegnete Papa, „das Mädchen soll nur groß werden, die wird einmal eine Ballkönigin, wie sie im Buche steht, aber Deine zwei Buben sollen sich um sie die Beine umsonst ablaufen." Ich muß gestehen, daß dieses Vertrauen in meine dereinstige Eroberungsfähigkeit meiner zarten Seele wohlthat und mich einigermaßen mit dem bisherigen mürrischen Benehmen Papa's gegen mich versöhnte. Ueberhaupt beginnt er sich zu ändern. Je mehr man ihn hänselt, desto eifriger vertheidigt er mich. Einmal hat er sogar schon gesagt, er freue sich, daß ich ei» Mädchen geworden, und hat hierfür dieselben Argumente angeführt, welche Großmama eben erst gegen ihn gebraucht hatte. Diese Mannsleute sind doch ein drolliges Völkchen; ihre Ueberzeugungen wenigstens stehen auf recht schwachen Füßen. Plötzlich kam ein eigenthümlicher Laut vom Bette her. Wie leises, verhaltenes Schluchzen. Auch Papa hat es gehört und sieht sich erschrocken um. „Was hast Du, Lilla?" sagt er, indem er hastig an's Bett tritt. „Was sehe ich? Du weinst? Um Gott, diese Gemüthsbewegung könnte Dir schaden!" Mama antwortet nichts, das Schluchzen wird leiser, nur ab und zu bricht es in einem abgerissenen Laute los, mit einem tiefen Seufzer vermischt. „Warum weinst Du, mein Kind?" fragt Papa recht besorgt. Aber Mama erwidert kein Wort. Papa redet ihr bittend zu, er gibt ihr die liebsten Namen; umsonst, er kann ihr Herz nicht erweichen. Die Großmutter tritt ein und sieht erstaunt die Thränen auf Mama's Antlitz.' „Ich bin in Verzweiflung", klagt Papa, „Lilla will mir nicht sagen, was sie drückt." — „Und Du erräthst es nicht?" fragt Großmama. — „Wie sollte ich?" — „Du hast ja Deine Tochter noch nicht einmal geküßt!" — Papa springt auf! „Darum weinst Du, Lilla?" Und rasch trat er an meine Wiege, hob mich heraus, trug mich zu Mama hin, aus deren Augen nur Liebe, eitel Liebe mich anstrahlte. Mit diesem Ausdruck hat mich noch Niemand angesehen. Papa aber faßte mich, ich fühlte die Berührung eines Vaters, was mich ein wenig kitzelte, dann rief er: „Mein liebes, kleines Mädel!" Und er bedeckte mein Gesicht mir Küssen, so daß mich sein Bart ordentlich stach und ich heftig zu weinen begann. „Um Gvttesmillen, Du erdrückst es ja!" sagte Mama, gebt es her!" Und man legte mich dicht neben sie auf die blauseidene Decke. Mama sah mich lange, lange an. Da verging mir das Weinen. „Bist Du glücklich?" flüsterte Mama. Und Papa küßte sie und sagte: „Ich bin glücklich." M i s e e l l e,r. (Eine Prophezeihung für den diesjährigen Frühling.) Der bekannte, französische Astrolog Notredame (Nostradamus),,der im siebzehnten Jahrhundert lebte und die Geschicke Frankreichs aus Jahrhunderte im vorhinein in schönen Versen verkündet hatte, hat für den heurigen Frühling folgende. Prophezeihung hinterlassen: „Ln mil stuit ovuts ffuutrs-vwAt trois, (jnunck on varra varäir los b»,is, Oontro Asno ot Lontl'L mslestunes, Dn doiteux suuverw lu j^rnneu." (Im Jahre tausendachthundertachtzigunddrri, Wenn von den Bäumen werden die Knospen springen, Allen Hindernissen zum Trotz Wird ein Hinkender Frankreich Rettung bringen.) Diese Prophezeihung wird nun auf den Grafen Chambord, welcher ein wenig hinkt, bezogen. Nostradamus hat bekanntlich auch von Napoleon III. verkündet, daß er »achtzehn Jahre weniger ein Viertel, nicht einen Tag mehr, nicht einen Tag weniger regieren werde," und so ist es auch eingetroffen. (Der schlaue Caro.) Jägerlatein. Akiba, der alte Ben, würde seinen weisen Ausspruch: „Es ist alles schon dagewesen," nicht gethan haben, wenn er meinen Caro gekannt hätte. Ja, ja, ich sage Ihnen, meine Herren, mein Caro ist ein merkwürdiges Thier. Aber einmal, da hat er mir doch eine schöne Geschichte angerichtet. Früh Morgens bekam er immer das Semmelkörbchen in's Maul, darin schön in Papier eingewickelt das Geld, um beim Bäcker das Frühstücksgebäck zu holen. Lange ging das so fort. Da bekomme ich aus einmal zu Neujahr von, Bäcker eine Rechnung. Na, denke ich, das ist hübsch, bin ja dem Menschen gar nichts schuldig. Ich ging also hin und fragte den Bäcker, wie das komme, da das Geld täglich im Körbchen lag. Das gab aber der Bäcker nicht zu und bestand auf Bezahlung der Rechnung. Nicht lange darauf mußte ich einmal noch vor dem Frühstück fortgehen. Wie ich beim Fleischer vorbei komme, springt gerade der Caro heraus, das Semmelkörbchen um den Hals und gar fröhlich an einer fetten Knackwurst kauend. Hat also der verfluchte Kerl sich jeden Tag eine Wurst gekauft und ist dem Bäcker die Semmeln schuldig geblieben: nun wußte ich, wieso die Bäckerrechnung entstanden war. Ja, meine Herren, 's ist ein merkwürdiges Thier, mein Caro. (Varus, gieb mir meine Legionen wieder.) In einem Provinzial-Theater wird ein pompöses Drama aufgeführt, in welchem der Hauptdarsteller zu sagen hat: „Varus, gieb mir meine Legionen wieder!" Varus, der sich nicht an die Antwort erinnern kann, die er zu geben hat, bleibt sprachlos. „Varus," wiederholt der Erste „gib mir meine Legionen wieder." Varus (?) immer verwirrter, sieht ein, daß er seinen Partner unmöglich ohne Erwiderung lassen kann. Schon aber ruft dieser zum dritten Mal: „Varus, so gib mir doch meine Legionen wieder!" Hierauf Varus rasch entschlossen: „Wenn Du so schreist, dann bekommst Du sie erst recht nicht." (Ein in Berlin bekannter Musiker) spielte dieser Tage in einem gemischten Konzert in einer Provinzialstadt. Als er als Arrangeur des Konzerts das Programm dem Unternehmer zur Drucklegung brachte, schien es demselben, als wäre der Berliner Musiker zu karg gewesen» Er äußerte sein Bedenken. Der Virtuose erwiderte: „Lassen Sie'S gut sein, wenn applaudirt ivird, spiele ich zum Schluß noch die Mazurka von M" Der Unternehmer gab sich zufrieden. — Auf dem Programm, welches am Abend ausgegeben wurde, fand sich aber wörtlich folgende Fußnote: üiÜ. Wenn applaudirt wird, spielt Herr G. noch die Mazurka von T. (Geometrische Scherzfrage.) Wo liegt die Spitze des Kreises? — Antwort: „Der Herr Landrath liegt auf dem Sofa." 216 (Redaktionelle Menagerie.) „Sie, Herr Wolf, welcher Esel hat denn statt dem auf Urlaub befindlichen Fuchs den zweiten Leitartikel geschrieben?" — Entschuldigen Sie Herr Hirsch, weil der Hahn nicht da war, hat der Bär geschrieben." — „Sagen Sie dem Bär, daß er «in Ochs ist." (Der rücksichtsvolle Hund.) „Sie, hören's, Ihr Hund heult ja die ganze Nacht hindurch!" — „Geltsn's ja, das gute Thier! Wenn er den ganzen Tag so heulen thät, könnten die Leut' gar nichts arbeiten!" F1! ühlirigs - Stimirren. IrühUrigoUed. Nach Heine. Leise zieht durch mein Gemüth Wonnig Lenzeshoffcn, Kling' hinaus, du Frühlingslied, Such' nach warmen Stoffen! Wo du einen Wirth erschaut, Welcher hat zum Frommen Seiner Gäste Grogk gebraut, Sag', ich werde kommen! Job des Urühlings. Nach Uhland. Schneegestöber aus Nordost, Windesbrausen, Hagetschlag, Zehn Grad Kälte, Eis und Frost! Wenn ich solche Worte singe, Braucht es dann noch großer Dings, Dich zu preisen, Frühlingstag! Getäuschtes D offen. Die Frühlingslnste sind erwacht, Es kam der Lenz leis über Nacht Auf woll'nen Wlnterjocken; Nicht hat er, wie zu andrer Zeit, Mit Blüthen sich den Weg bestreut, Ach nein! mit jchnee'gen Flocken. Es stürmt und friert an jedem Tag, Was erst der Sommer bringen mag, O weh! wer sieht dahinter? Die Köhleurechnung schwillt und schwillt, Aus tiefster Brust der Seufzer quillt: Ach! wär' es doch erst — Winter! Das erste Detlcherr. An einem sonn'gen Wieienhang Wußt ich bei alten Linden I» jedem März beim Lenzanfang Veilchen genug zu finden. Doch als ich diesmal suchend kam, Versank ich fast im Eise, Und über mir rauscht' wundersam Die Linde diese Weise: Was will der Fant? Der blöde Thor Sucht Veilchen hier am Hügel? Ihr Winde, klatscht ihm um das Ohr, Peckscht ihn, ihr Stnrmesflügel! Und sieh! fort war mein Hut geweht, 's war einer von den besten — Wohin die Weltgeschichte geht, Entflog auch er: gen Westen. Da riß ich aus, dem Hanfe zu. Ersaßt von jähem Schrecken, Doch einen Gummi-Ueberschuh, Den ließ im Schnee ich stecken. Wanderlust. Nach Geibel. Der Lenz ist gekommen, die^Schlitten heraus, Wie läuten sie lustig in's L-chneeseld hinaus! Wie tanzen die Flocken und wirbeln so wild, Wie schimmern frostbläulich die Nasen so mild! Frisch aus drum, hinaus auf die blinkende Bahn, Am Wege der Schneemann glotzt freundlich mich au, Und hoch in den Lüften begleitet den Zug Der Raben Geschrei und ihr kreisender Flug. Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott Euch behüt', Ich fahre gen Lappland, wo die Sonne noch glüht, Wo der Frühling noch leuchtet aus saftigem Moos, Beim Rennthier, ich ahn' es, da ist noch was los, Und Abends im Stüdllein verklammt kehr' ich ein, Wie weit noch, Herr Wirth, mag's bis Hammer- fest sein? Ich suche den Frühling, möcht' einmal noch seh'n Den Reanmur über dem Nullpunkte steh'n. Im Süd ist er nimmer, wo soll er denn sein? Bei den Robben am Rordcap, da schlief er wohl ein! Greif aus drum, mein Rößlein, und fliege die Bahn, Wie Thanwind schon weht es aus Norden heran. O Wandern, o Wandern, du freie Bnrschenlust, Im lenzlichen Rauhfrost, wie hebt sich die Brust! Wenn Rum und heiß Wasser die Kehlen frisch halt, Wie klingt da und jauchzet der Sang durch die Welt! mn.) Auslösung des Original-Räthsel in Nr. 26: „Verstand." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. »ur „Äugsdurger PostMimg." 28. Samstag, 7. April 1883. I e r n a rr - e. Aus dem Englischen von M. Beth am-Edwards, übersetzt von Alice Salzbrunn. (Schluß.) 5. Kapitel. In der Neujahrsnacht findet in ganz Frankreich ein feierlicher Gottesdienst zum Jahresschluß und Gesang statt: Die sogenannte veiläo oder mitternächtliche Messe; und auf dieselbe folgen Geselligkeiten der Verwandten und Freunde beim heitern Festessen. Seit ihrer Verheirathung hatten Etienne und Fernande jedesmal einige Freunde aus der Kirche mitgebracht und ihnen zu Ehren ein kleines Gastmahl bereitet. Aber an diesem Neujahrsfest konnten sie sogar an dieses bescheidene Vergnügen nicht denken und hatten auch keine Einladung erhalten. Fernande liebte die Kirchenmusik. Bei dieser Gelegenheit werden die schönsten Kompositionen der großen Meister in Orchestermusik und Solo- Gesängen aufgeführt; besonders die Klosterkapellen wetteifern miteinander in den musikalischen Leistungen zur Freude der versammelten Gemeinden. Vorzugsweise in die Kapelle Mariä Heimsuchung eilten die Musikfreunde, weil dort wohlgeschulte Stimmen und ausgezeichnete Orchestermusik zusammenwirkten. Die Klosterschwestern waren größtentheils Töchter aus vornehmen Familien und führten ein beschauliches Leben. Ihre schwarzgekleideten Gestalten hinter einem eisernen Gitter bildeten einen ernsten Gegensatz zu der festlich gekleideten Versammlung in der mit Blumen, Guirlanden und Bannern geschmückten, glänzend erleuchteten Kapelle. Lange vor Mitternacht war der Raum derselben gedrängt voll. Trotz des sehr unangenehmen Wetters kamen große Schaaren zu der erhebenden Jahresfeier. Nach einen: heiter verlebten, dem Dienste der Künstlerin gewidmeten Tage war Etienne von Madame Lorenzi entlassen worden. «Es ist Sylvester-Abend", sagte sie freundlich, „Ihre Frau wird Ihre Begleitung zur Kirche wünschen. Ich bin zu einem Abendessen und zu einer vsilss eingeladen. Wollen Sie morgen Ihre Frau zu mir führen? Wir können dann weiter über Ihre Pläne sprechen." Etienne stammelte unvorbereitete Dankesworte; er fühlte sehr wohl, daß diese Einladung zu spät kam. Er eilte jedoch in fröhlicher Stimmung heim, entschlossen sie von der Wichtigkeit seiner Reise nach Paris zu überzeugen und ihre thörichte Eifersucht zu verscheuchen. Wenn sie nicht mehr den Etienne früherer Tage in ihm fand, so konnte er jetzt noch weniger die stets liebevolle, vertrauende Fernande in ihr finden. Zu seinem Erstaunen war seine kleine Wohnung finster, kalt und verlassen, Fernandens Hut und Shaw! nicht am gewohnten Platz. Die späte Stunde, das Ungewöhnliche ihrer Abwesenheit, der kalte Abschied am Morgen fielen ihm schwer auf das Herz. „Fernande! Fernande!" rief er immer wieder vergeblich. Er setzte sich schwindlig geworden nieder; alle fürchterlichen Möglichkeiten gingen durch seinen Sinn. Sollte Fernandens Verschwinden eine unaussprechlich entsetzliche Bedeutung haben? Hatte die - 218 - Entfremdung der letzten Tage sie in einer an Verzweiflung grenzenden Stimmung aus ihrer Heimath getrieben? Er stand endlich auf und suchte nach einem Briefe oder Ab- Hchiedszeichen. Zufällig erblickte er daS leere Futteral ihres Gebetbuches; dieser unbedeutende Umstand befreite ihn von seiner schlimmsten Furcht. Fernande war eine regelmäßige Besuchen» der Maria-Heimsuchung-Kapelle und hatte mehrere Freundinnen unter den Klosterschwestern. Vielleicht war sie nur zu der mitternächtlichen Feier weggegangen. ^Dennoch blieb sein Gemüth beunruhigt, und ein Scherz aus den ersten Tagen seiner Ver- Heirathung kam ihm in Erinnerung. «Wenn Du je hart gegen mich bist", hatte Fernande mit dem glücklichen Vertrauen einer Neuvermählten gesagt, so werde ich einen Zufluchtsort bei den guten Nonnen suchen." „Worauf er lachend geantwortet: „Auf Deine Gefahr! Ich würde Dich dem Lanves- gesetz gemäß durch zwei Gensdarmen holen lassen!" Diese Scherzworte gewannen jetzt eine bittere Ironie; Etienne machte sich auf den Weg nach der Kapelle Mariä Heimsuchung und fühlte fast sicher, daß er Fernande dort treffen werde. Er gehörte zu den ersten Ankömmlingen; aber obgleich die Kapelle noch Hast leer war, hatten sich die Nonnen schon im vergitterten Raume versammelt. Zwischen Hwei schwarz verhüllten Gestalten kniete dort Fernande in ihrem schwarzen Kleide und Hangen Schleier kaum weniger düster! — Er erkannte augenblicklich die Wahrheit. Sie Hatte die in glücklicheren Tagen scherzhaft ausgesprochene Drohung verwirklicht. Sie hatte ihren Mann vielleicht für immer verlassen wollen! Unterdessen füllte sich die Kapelle; die Zeit verstrich und bald verklang ein Herr« liches Präludium der Orgel; dann folgte eine Aufführung der majestätischen Musik von Spohr. Auf keinen der Anwesenden übten die Klänge eine so erschütternde Wirkung als auf den Mann und die Frau, welche nur durch einen geringen Raum, aber durch einen tiefen Bruch des Mißtrauens und Zornes von einander getrennt waren! Fernandens Herz sehnte sich schon nach Etienne, und die Musik schien Liebe, Mitleid-und Vergebung zu erbitten. Auch die feierliche Stunde stimmte sie weich. Man stand auf der Schwelle des neuen Jahres; jetzt war der Zeitpunkt mit allen Menschen Frieden zu schließen und vor allen Anderen mit dem geliebten Manns, mit welchen! sie sich am Altar unlöslich verbunden. War er wirklich des Ehebruchs schuldig und sie zu dieser Entfernung von ihm berechtigt? Gegen diese durch die Lehre der Kirche unumstößlichen Mahnungen des Gewissens stritten leider die schmerzlichen Erfahrungen der letzten Zeit: Etienne's zunehmende Kälte, seine Bethörung durch die Pariser Dame, sein Entschluß mit ihr zu reisen. „O, nein", seufzte Fernande beim Gedanken an das fröhliche Paar in der Equipage, E«s kann nie wieder wie früher zwischen uns werden. Mag er nach Paris reisen und Nuhm und Reichthum zu gewinnen. Ich bin zu einfach zu seiner Gefährtin. Ich will meine Tage im Klostersrieden beschließen, wenn er nicht zu mir zurückkehrt." Lange nachdem die Kirche leer geworden und die Menge sich zerstreut hatte, wartete Etienne draußen und hoffte, Fernande werde kommen. Er war ebenfalls tief bewegt von der Musik und dem feierlichen Gottesdienst; aber auch er dachte, gleich Fernande, mehr on seinen eigenen Schmerz, als an den ihr verursachten Kummer. Sie war, nach seiner Meinung» so blind, so unüberlegt; sie wollte nicht einsehen, daß er nur an das Beste für sie Beide dachte; daß er ebenso ihr Wohl und Glück als die Erfüllung seiner liebsten Wünsche zu erfüllen suchte. Sorgenvoll und erbittert kehrte er endlich nach Hause zurück; er tadelte sich selbst, Fernanden und das böse Schicksal. War eine glückliche Lösung dieser traurigen Verwicklung möglich? Gleich Fernanden glaubte er, daß die frühere Einikeit nie wieder zwischen ihnen herrschen könne. 6. Kapitel. Der Neujahrsmorgen brach sonnig an, es war klares, schönes Winterwetter, und hie Güte und Freundlichkeit der Menschen wendete sich gleich der Sonne auch den Ver- 219 lassen«» zu. — Beim Eintritt in seine einsame Wohnung fand Etienne bereits einige kleine Neujahrsgeschenke, welche durch das Fenster geschoben worden waren, wie es in Frankreich Brauch ist, wenn Niemand die Thüre öffnet. Die Augen des jungen Mannes ruhten gleichgültig auf den mit bunten Bändern umwickelten Bonbonpacketen, den Gaben ebenfalls unbemittelter Freunde. Jemand hatte eine reizende blühende Cyclame geschickt, die das Zimmer verschönte, aber Etienne freute sich nicht über die Blume. Er dachte an Fernande und an den Contrast zwischen diesem und dem vorigen Neujahrsmorgen. Trotz schwerer Sorgen war er damals glücklicher gewesen, denn keine Wolke trübte seine Liebe, Fernande tröstete ihn und wußte ihn in der Betrübniß zu Gott zurückzuführen. Der heilige Tag, das Bewußtsein eines neuen Lebensabschnittes stimmte ihn weich und sogar reuevoll. Er tadelte Fernande wegen ihrer Entfernung, aber er tadelte jetzt auch sich selbst, weil er ihr vie Veranlassung dazu gegeben. Ueberdies wie wenig konnte die große Dame aus Paris je für ihn sein! Wie unbedeutend war er in ihren Augen! Aber Fernande war sein Weib, und er wußte, daß er ihr Alles war. Er betete jetzt um Vergebung seiner Gottvergessenheit, um Versöhnung mit seiner Frau. In seinen ernsten Gedanken störte ihn der Briefträger, welcher das Fenster in die Höhe schob und wie gewöhnlich rasch und schweigend die Briefe auf das Fensterbrett fallen ließ. Einer der Briefe, von ungewöhnlicher Größe mit einem Wappen gesiegelt, erregte Etienne's Aufmerksamkeit. Er nahm ihn und erkannte die Handschrift der Tragödin in der Adresse an seine Frau. Er brach das Siegel — die Gatten hatten nie Briefgeheimnisse vor einander gehabt — und er traute kaum seinen Augen beim Lesen folgender Worte: „Madame Lorenzi's Neujahrsgabe für Etienne Kalogne's Gattin." Die Zeilen standen mit Bleistift unter einem offiziellen Document, in welchem der Maire und die Stadtverordneten auf Madame Lorenzi's Empfehlung den Dichter Monsieur Etienne Kalogne zur vacanten Stelle des Stadtbibliothekars beriefen und ihn ersuchten, sein Amt sogleich anzutreten. Dieser Brief brachte weder Ruhm noch Reichthum, noch die Erfüllung seiner Lieblingsträume; aber er brachte die Anerkennung seiner Mitbürger, ein gesichertes Einkommen in ehrenhafter Stellung und Muse zur literarischen Beschäftigung — das war besser als Ruhm, dacht« Etienne im ersten Ausbruch seiner Dankbarkeit und Freude. Er war nicht »»ehr ein Bettler, und Fernande sollte nun eine gesicherte Heimath habe». An diesem Tage versöhnten sich die Gatten und dankten fröhlich vereint ihrer Wohlthäterin. Die äußerst gutmüthige, aber schalkhafte Tragödin erzählte Etienne erst jetzt wie sie in den Besitz seines Manuskriptes gelangt sei und daß er Fernanden die Verbesserung sein« Lage verdanke. «»rdrsrner. Niemanden kann seine eigene Gestalt zuwider sein; der Häßlichste wie der Schönste hat daS Recht, sich seiner Gegenwart zu freuen; und da das Wohlwollen verschönt, und sich Jedermann mit Wohlwollen im Spiegel besieht, so kann man behaupten, daß jeder sich auch mit Wohlgefallen erblicken müsse, selbst wenn er sich dagegen sträuben wollte. Goethe. Die Mensche» zu lieben ist ein leerer Gedanke, aber in dem einzelnen Menschen den Repräsen kanten der ganzen Menschheit zu umarmen, ist eine Seligkeit, die nur erhabenere Seelen verstehen M a h l m a n n. Entschlossenheit gibt ein starkes Regiment, und ein starkes Regiment ist, wenn auch nicht das beste, doch das sicherste. Laube. Wer aus dem Wagen der Hoffnung fährt, hat eine Gefährtin Sicher zur Seite. Das Glück? Nein dochl die Armuth, o Freund I Herder, 220 Der Augsburger Kaufhandel mit Bayern während der ersten Hälfte des fünfzehnte» Jahrhunderts. Vertrag, gehalten im historischen Verein für Schwaben mid Neuburg. Als im Laufe des dreizehnten Jahrhunderts die italienischen Städte im Süden und der Hansebund im Norden Europa's eine an Großartigkeit einzig dastehende Handelsthätigkeit entfalteten und dadurch den in der Mitte liegenden süddeutschen Städten Anlas; gaben, den Austausch zwischen den beiden Handelsgebieten zu bewerkstelligen, war es Augsburg, das vielleicht am frühesten je»e Vermittlerrolle ergriff und durch ergiebigen Großhandel sich reich und mächtig zu machen strebte. Freilich konnten jene eisernen Zeiten des späteren Mittelalters nicht dazu angethan sein, eine ruhige Entwicklung dieser Thätigkeit zu gestatten; aber wie ja stets gerade der Kampf und Widerstand die dem Menschen innewohnende Kraft erst weckt und zum Ausdruck bringt, so vermochten auch oie zahllosen Hindernisse und Störungen nicht etwa das Heranwachsen zu hemme», sondern es erhielt nur die Art ^und Weise der Entwicklung ein ganz eigenartiges, markiges Gepräge, das mit dem zwar knorrigen, aber höchst kraftvollen Stamm der Eiche verglichen werden könnte, die in Wind und Wetter emporgewachsen ist. In dieser kampfreichen Entwicklungsgeschichte des Augsburger Kaufhandels spielte nun das benachbarte Bayern eine fortdauernd wichtige Rolle: und gerade die Berührung mit diesen herzoglichen Landen bestätigt deutlich das drangjalvolle, aber unentwegt. Schritt für Schritt aufstrebende Bemühen der Stadt, welche, fortwährend bedroht durch die kriegerischen Herzoge, eben darum jeden 'günstigen Moment zu benützen suchte, um Freiheiten zu erwerben oder für erlittenen Schaden Genugthuung zu fordern. Es soll nun in dem Nachfolgenden der Versuch gemacht werden, die augsburgisch- chayerischenHandelsbeziehungen während der er ste n H äl fte des fünzehnte n Jahrhunderts zu beleuchten und damit einen Abschnitt aus der Entwicklungsgeschichte herauszugreifen, der dem im sechzehnten Jahrhundert erreichten Höhepunkte schon nahe genug steht, um bedeutend zu sein, zugleich aber doch noch so sehr den Stempel der sich erst entfaltenden, trotzig ringenden Kraft trägt, daß er von culturellem, wie von rein geschichtlichen; Standpunkte gleich anziehend erscheinen darf. l. Um da? zu erreichen muffen wir die Straßen und Stationen der bayerischen Gebiete verfolgen, welche die Augsburger Kaufleute bei ihrer Handelschaft berührten. Man weiß nun zur Genüge, daß in der mittelalterlichen Hanoelsepoche eine große Welthandelstraße von dem nordwestlichsten Deutschland den Rhein hinauf nach Frankfurt und von da quer durch Oberdeutschland bis Venedig und den andern welschen Städten zog, so, daß die Reichsstadt Augsburg gerade in dieser Linie lag. Die Straße nach Venedig war der eigentliche Nerv ihrer Handelsthätigkeit. Der Kaufmann, welcher dorthin zog, fuhr durch das H runstädter Thor aus der großen Reichsstraße südwärts .und überschritt die bayerische Grenze in der Nähe von Landsberg. Diese herzogliche Stadt gab den Augsburger» die erste Gelegenheit mit bayerischen Amtleuten und Bürgern in unmittelbare Berührung zu treten, welche Berührung denn allerdings für ihren italienischen Durchgangshandel nur ^belästigend wirkte, denn es befand sich da eine Zollstätte, die den Walseczoll von den Flößen und den jThorzoll von den per Achse verschafften Gütern forderte; auch hatten die Bürger Stappelrecht tür die »iach Italien gehende Leinwand und für den von dorther kommenden Wein. In der nächsten Station kSchongau waren die Verhältnisse die gleichen: auch hier wurde der Zoll an den Thoren und iEeläuden, sowie das Gredgeld im Kaufhause genommen. Zugleich aber begann hier eine besondere, eigenanige Einrichtung, die für die Beförderungsart der Güter von grotsem Einsinge war, nämlich 'das Rollwejen. Die Rott war eine Innung von Wagenleuten und hatte die Aufgabe, wie das Recht, lalle durchgehende;; Kaufmannsgüter auf eigenen Fuhrwerken von einer Station zur andern zu befördern, und besaß fcstbcgrenzte, durch Herkommen ivie auch durch Privilegien sankttonirte Ordnungen. Rottberechtigt waren in dem Alpengcbiete zwischen Lech und Jsar die Orte Schougau, lOberammergau, Parte nkircheu und Mitte nwald. Wenn also Kaufmannsgüter von .Augsburg herkamen und in'S Gebirge gegen Innsbruck geführt werden sollten, so wurden sie in .Schongau umgeladen, und mit Fahrzeugen, Fuhrleuten und Geleite dieser Stadt nach Oberammergau geführt. Hier erfolgte zunächst wieder eine Niederlegung der Waaren, denn das Dorf hakte seit 1332 Dtapelrecht; alsdann nahmen die daselbst ansässigen Rottmänuer die Güter in Empfang und schafften Ae nach Partenkirchen, von wo sie in gleicher Umständlichkeit nach Msttenwald und dann weiter in's Äiirslijche verschafft wurden. Kam der Kaufmannschatz aber aus dem Gebirge heraus, so wurde das Rottrecht in umgekehrter .Folge ausgeübt. Doch folgte man, statt jedesmal gerade die Lechstraße aufzusuchen, bisweilen auch dem Lauf der Jsar, auf welcher die Mittenwalder Flößer ein seit etwa 1430 ausgeübtes Wasser- Rottrecht besaßen. Ueber Wolsratshausen, wo eine herzogliche Zollstätte errichtet war, gelangte 'man danach München und traf in dieser Stadt mit einer dritten Venetianerstraßs zusammen, welche von Salzburg her über Traunstein und Roseuheim führte und von dem Augsburger Kaufmann schon deswegen sehr stark besucht war, weil sie zugleich die Verbindung mit Steiermark und 221 Körnten herstellte, welche Gebirgsländsr zn den hervorragenderen Bezugsquellen der Reichsstadt zählten. — Von München aus zog man dann durch das vielfach genannte Dachauer Gebiet aus der direkten Linie gegen Augsburg, nicht ohne vorher noch einen Aufenthalt bei der Feste Friedberg erlitten zn haben. Denn da, wo heute eine Nothbrücke die Verbindung zwischen Augsburg und Friedberg herstellt, befand sich damals eine doppelte Zollstälte: auf dem linken Lechufer sah der städtische Zöllner, ihm gegenüber war das herzoglich bayerische Zollhaus aufgeschlagen. Es liegt auf der Hand, daß, gerade wie die Feste Friedberg selbst als recht eigentliches Trutz- Augsburg den Herzogen in politischen Handeln eine willkommene Stütze bot, so der bayerische Lechbrückenzoll in Fehdezeiten dazu diente, auf Handel und Verkehr der Angsburger einen äußerst beschwerlichen Druck auszuüben; und es wundert uns nicht, zu lesen, wie die reichsstädtischen Bürger hinwiederum alles aufboten, dagegen Maßregeln zu treffe». In dem bekannten Bischofstreite des Anselm Nenninger z. B, in welchem sie durch die Bayernherzoge so viel Ungemach zn erdulden hatten, versuchten sie einmal die Friedberger Zollstätte dadurch zn umfahren, daß sie die Lechhaufener Brücke benutzten, weshalb Herzog Ludwig der Bärtige, als er es gewahrte, diese Brücke mit Querbalken und Schranken und einem in der Eile ausgeworfenen Graben versperrte. Vom Jahre 1462 aber, als sie mit Ludwig dem Reichen in Fehde lagen, erzählt Burkhard Zink: „Die von Augsburg, als sie dem Fürsten abgesagt hetten, da theten sie ein männliche Gethat: sie ließen das Zollhäuslin verbrennen und die Brück abwerfen und kamen all wohl gesund Hermieder, Gott sei gelobt!" Auch die Verbindung mit den nördlichen Handelsemporien, deren wichtigste für den Angsburger Kaufherrn Frankfurt war, brachte denselben mit Bayern in Berührung. Soweit sich allerdings die Fahrt auf den untern Lechrain erstreckte, scheinen die Angsburger auch in bayerischem Gebiete ziemlich unabhängig gewesen zu sein; denn es bestand auf dem untern Lech eine Angsburger Wasser- Rotl, deren Rechte sich auch auf die Donau bis nach Regensburg hinab geltend machten. „Item", heißt es in dem Rathsdekrete, welches im Jahre 1446 diese Rott neu ausrichtete: „man hat den Floß- leuten ernstlich empfohlen, mit trucken Flößen ordentlich ze warten, damit niemand gesaumet oder gehindert werd; man soll auch dazu Leut bescheiden, die schwören werden, Bürger und Gäst und män- niglich zu versorgen zum besten, als sich gebühret. Und die Floßleut, sollen ze Lohn nehmen gen Rain von einem Faß 3 Pfd.: item gen Neuburg von einem Faß 1 Psd. Münchner; item gen Jngolstadt von einem Faß zwen Guldin; item gen Regensburg von zwein Fudern 4 Guldinl" Wenn nun auch hier die Augsbnrger, wenigstens was den Wassertransport betraf, unabhängig blieben, so befanden sich dagegen in N a i u und Donauwörth wieder herzogliche Zollstätten, und auch, wenn man das Gebiet der Jngolstädter Herzoge hinter sich hatte, war der Einfluß der bayerischen Fürsten noch nicht zu Ende. Zur Frankfurter Messe konnte man nämlich zwei Routen einschlagen: entweder wurde der Waarenzug über Nürnberg, Würzburg und Aschaffenburg geführt, oder man begab sich durch die Gebiete der Herren von Weinsberg und Württemberg in die pfälzischen Kurfür stenthümer, um schließlich unter dem Geleite des Mainzer Erzbischoss nach Frankfurt zu gelange». Auf dieser letzteren Route also waren die pfälzischen Kurfürsten für eine ansehnliche Strecke die Geleitsherrn, und jährlich zweimal, vor der Fasten- und vor der Herbstmesse, mußte der Augsburger Stadtrath an Herzog Ludwig aus der Heidelberger Linie und an Psalzgraf Otto von MoSbach für seine lieben Mitbürger und Kaufleute schreiben, welche mit ihren Leibern und Gütern die Messe zu Frankfurt pflichtig seien zu suchen, und deshalb wohl eins freien und sichern Geleites bedürfen „vor münniglich." Es konnte aber natürlich nicht fehlen, daß in diesem Verhältnisse mancherlei Irrungen entstanden: von Seite der Kaufleute gab es Beschwerden wegen Beschädigungen; von den Herzogen dagegen lief wiederholt in Augsburg Klage ein, weil die Kaufleute, um das Geleitgeld nicht zahlen zu müssen, gar gerne die richtige Straße zu umfahren versuchten. So beklagte sich Herzog Otto ini Mai 1438, „daß die Augsbnrger der mehrer Theil die Straße für Pretheim mit ihrer Kausmannschaft schlagen und fahren", und er forderte von dem Rath Abstellung dieses Unfugs. Daiiials wußten die Stadtväter noch eine ausweichende Antwort; als sich aber 1443 dieselbe Beschwerde wiedecholte, sah sich der Rath genöthigt, sämmtliche nach Frankfurt handelnden Kaufleute vor sich zu bescheiden, „um abermals ernstlich mit ihnen zu reden, wie nicht über den Hüchelberg gefahren werde, dadurch die Stadt groß Schmach und Schaden wohl zusteh'n möcht, und daß ein Rath für sie nit mehr leiden wolle." Unter den Kaufleuten, welche solchergestalt strenge Rüge empfingen, befanden sich Träger berühmter Namen: Egen, Fugger, Gosssnbrot, Jlsung, Mülich, Nördlinger, Rüm, RavenSburger, Ridler, Tenndrich und Weiser; aber auch andere sind genannt, welche die Steuerbücher als reiche oder wenigstens wohlhabende Kaufleute ausweisen: Limhard Ayslinger mit 19 Gld. Steuer; Thomas Ehern mit 37 Gld.; Jakob Hämerlin mit 19 Gld.; Konrad Rot mit 21 Gld.; Simon Zelter mit 22 Gulden Steuer, und viele andere; mit Einschluß der Wagenleute über siebzig Bürger, welche alle am 4. Oktober 1442 vor den Rath gefordert wurden, weil sie nicht über den Hüchelberg gefahren waren I Aber mehr noch als auf der nördlichen Route kamen die Augsburger mit Bayern in Berührung, wenn sie den Transithandel in die östlichen Länder betriebe», die für den Absatz wie für den Bezug gleich wichtig waren. In die Steiermark führte die bereits erwähnte Salzburger Straße, und sowohl Salzburg wie die Steiermark werden auffallend häufig in den Quellen erwähnt: einem Wagenmann wurde 1421 vom Rath ein Schutzbrief ausgestellt, damit er sicher durch der hochgeboren Fürsten und Herren Land zu Bayern mit zwen Wägen gen Salzburg und herwiederum heimfahren konnte, und in gleicher Weise 1422 dem Wagenmann Thomas Klemm, der sich durch Bayern in die Stciermark begeben wollte. Hans Fucker von Augsburg war 1430 niit einem Salzburger Mautner wegen Verführens der Psnndmaut in Conflikt gerathen, und zwei andere reiche Bürger, Hans Gwärlich und Ulrich Halter, hatten in den steicrmärkischen Städten Peltau und Friesach geschäftliche Verbindungen; in der letzteren Stadt verknuste ihr Diener Ulrich Hüber im Großen Augsburger Gewand, und als einer der Friesacher Bürger „an Gewände um etwas namhafter Summ Geldes" schuldig blieb, forderte Hüber anstatt der Geldschuld zwei Häuser nebst Hossache, welche ihm auch überanlwdrlet und als Gwärlichs und Hallers Eigenthum in das Friesacher Stadtbuch eingeschrieben wurden. Ebenso wichtig waren die Verbindungen mit Wien und Ungarn, wohin man theils über München, Octting, Burghauseu, theils über Landshut und Schärding suhr; auch die Donau, wo die Herzoge Gcleitrecht übten und Zölle nahmen, wurde als natürlichste und bedeutendste Wasserstraße benutzt, und ebenso stellten die niedcrbayerischeu und oberpsälzischen Gebiete die Verbindung mit Böhmen und Polen her. Da sich alle bisher genannten Straßen aus den Transithandel der großen Augsburger Kaufherrn bezogen, so lag ihre Bedeutung hauptsächlich darin, daß die herzoglichen Beamten Zölle und Geleitgeld forderten; oder daß die Bürger einzelner Städte durch Stapel und Rottrecht ihren Einfluß geltend machten; oder auch, daß Aufhaltungen und Beschädigungen von Handelswaaren vorkamen. Solche Beschädigungen nun, so unlieb und leidig sie dem betroffenen Kaufmann sein mochten, sind sür den, welcher heutzutage ein möglichst vollständiges Bild jener Zeit gewinne» will, oft höchst erwünscht und willkommen, da sie nicht blos über Namen von Kaufleuten, sondern bisweilen auch über Handelsgegenjtände detaillirtcsteu Ausschluß geben. Als zum Beispiel im Jahre 1417 der Ritter Rudolf von Westerstellen mehrere von der Nördlinger Messe zurückkehrende Augsburger beraubte, in der Meinung, es seien bayerische Kaufleute, forderten die Rathgeben von ihm Rückerstattung Md berichteten, man habe genommen: „Heinrich dem Engelschalk vier groß Scheiben Wachs und 21 sack Metwachs; Hansen dem Gewärlich 3 Pällach, darin sind bei 900 Bech, 8 Seid, 70 Vechrück, ein süchsin Rock, ein Mantel und sunst ander klein Ding, bei drei Guldin wert; item Kunradeu Sumer , 1 Pällin, darin sind zwo süchsin und ein eichhörnin Kürseu, 225 Vechrück, 1 Rock und 1 Mantel; item dem Bytzel ein Fäßlin, darin ist männigerlei Kaufmannschaft, als er auch den Schlüssel darzu sendet, und 60 Pfannen, klein und groß; item Hans Mangmeifter hat behebt sür sich selb ein Fäßlin und ! einen Wautsack, und sür Jörgen, seinen Bruder, einen Perlinkranz und ein Fäßlin mit blauer Färb; ! item Barthvlome Mäuler hat behebt ein Bett, einen Stechschild, ein Pavcse», Saut Jose» Bild ge- ! schnitten und ein halb Pfund blauer Färb; item die Talerm hat behebt an ihrs Mannes Statt die Specerei und andri Kleinad, die in dem Trüchlin gewesen sind, das sie ihr ufgebrochen Hand, und ein Fäßlin mit Kramerei; item Claus Hofmeister, der hat etwieviel Bändel bei demselben Nome in einen« Trüchlin gehedt-" — Wenn wir nun zu dieser Schilderung noch das Steuerbuch des genannten Jahres heranziehen, so sehen wir. daß Heinrich der Eugeljchalk mit 43 Gulden besteuert war, und Hans und Jörg Mangmeifter mit je 14 Gulden, während dagegen die übrigen nur zu 4 bis 1 Pfund Pfennige verpflichtet waren und der Barthvlome Mäuler mit seinen! Bett, Pavese und Holzschnitt gar nur 10 Groschen Steuer zahlen konnte, also ein ziemlich geringer Krämer gewesen sein mag. » * * Wenn nun in dem bisher Angeführten blos vom Transithandel und dabei mehr von störenden, als förderlichen Einflüssen die Rede war, so verhält es sich dagegen ganz anders da, wo der Augsburger Kaufmann die eigenen und die vom Weltniarkt geholten Produkte inBayern s el b st ab- . zusetzen, oder aber andere Erzeugnisse, sei es sür eigene Zwecke, sei es sür den Weiterveriandt, daselbst einzutauschen pflegte. Denn da wird man alsbald gewahr, daß die gegenseitige Handelsverknnpfung eine überaus enge und bedeutungsvolle war und daß Bayern als ein unentbehrliches c o m m e r- zielles Hinterland der Reichsstadt Augsburg sigurirte. i Schon die Thatsache, daß die Augsburger durch den Besitz von liegenden Gütern, von Hintersassen, Leibgedingen und Korngülten an den verschiedensten Orten der bayerischen Herzoglhümer sich . ! eingenistet hatten, läßt vermuthen, daß es ihnen ein Leichtes wurde, die von Italien oder von Frankfurt geholten Waaren hier an den Mann zu bringen; noch deutlicher weist darauf hin die außer- ! ordentlich große Zahl von säumigen Schuldnern, welche sie in allen Theilen Bayerns hatten und die den Rath zu Hunderten von Mahn- und Verwendungsbriesen nöthigten. — Es gaben ihnen zunächst die Märkte der näher gelegenen Städte Gelegenheit, mit den dortigen Kaufleuten Verbindungen ! anzuknüpfen, und auch hier müssen Landsberg und Schougau in erster Linie genannt werden. So ! schrieben die Nathgeben im Jahre 1419 an die Landsberger: „als euch wohl wissend ist, wie unser > Mubürger und Kaufleute den Markt bei euch mit ihren Leibern und Gütern jährlichpslichtig > sind zu suchen, also thuen wir euer Liebe zu wissen, daß sie jetzo aber uf denselben Markt ver- ^ meinen zu kommen, ob sie Sicherheit und Geleite haben mügeu." — Nicht minder thätig erwiesen sich die Augsburger in den westlich benachbarten Städten, noch mehr aber im Donaugebiet: Donauwörth, Neuburg, Jngolstadt, Regensburg, Passau. Jngolstädter und Regensburger Großhändler bezogen die Augsburger Leinwand „samtkauss", und einer der reichsten Augsburger Kaufherrn, Hans Endorffer, 223 der 1418 und 1419 mit 81 Gulden besteuert war, besaß in Regensburg ein eigenes Geschäftshaus und üble in dieser Stadt eine weitreichende geschäftliche Thätigkeit aus. Am häufigsten und entschiedensten wird auch Laudshut genannt, die Residenz Herzog Heinrichs, der selbst sür die Aufrechterhaltung und Förderung der augsburgiich-bayerischen Handelsbeziehungen das regste Interesse an den Tag legte. Ueberhanpt allenthalben fühlten sich die Augsbnrger in den bayerischen Herzogthümern heimisch und fanden für den Verkauf ihrer Waaren günstigen Boden. Aber ebenso gewichtig und ergiebig war auch die Gegenströmung von bayerischer Seite wobei in erster Linie der Salzhandel in Betracht zu ziehen ist. Aus zwei Quellen floh der Salzstrom nach und durch Bayern: die eine hatte ihren Ursprung in Neichenhall, die zweite in Berchtesgaden und Hallein; und es war von Alters Herkommen, daß das Neichenhaller Salz über Trannstein nach Wasserburg, das Halleinsr dagegen nach Burghausen und Oetiiig ging. Jenes sollte Oberbayern und durch dessen Vermittlung Schwaben, dieses dagegen Niederbayern und Franken versorgen; für das erstere war Münch n, für das letztere Regensburg Hanptstappelort. München insbesondere erhielt durch zwei auseinanderfolgsnde Privilegien Kaiser Ludwigs des Bayern ein die übrigen Städte überflügelndes Salzmonopol: „alles Salz, das innerhüb der Jsar zwischen Landshut und dem Gebirg gefertigt wird, das soll alles nach München geführt werden, und nur die Münchener sollen es führen oder ihre Diener, und niemand anders. Und wenn mau Salz auf einer andern Straße ergreift, so ist es „zollsreysig"; und wenn man es auf einem andern Gejährt ergreift, als das zu München „ansgürtig" ist, dasselb -salz soll halb mit Fuhr und allem den Bürgern von München werden, und das ander halb Theil dem obersten Amtmann!" Dadurch war also den Angsburgern der direkte, gewinnreichere Bezug von Wasserburg oder gar von Neichenhall abgeschnitten, und wenn sie ihren Bedarf nicht etwa von Landshut oder Regensburg holen wollten, was freilich auch häufig genug vorkam, so sahen sie sich aus die Münchener salzsertiger angewiesen. Der Gewinn, den diese dabei erzielten, muß sedeusalls ein beträchtlicher gewesen sein; denn der Salzhandel bildete ohne Zweifel einen Bestandtheil des Aug sbnrgischen Gros;- und Exporthandels. Im Jahre 1120 löste die Stadt aus dem Salz-Ungelde die Summe von 510 Gulden und 80 Psd. Pfennige; da »tau nun von je zwei Scheiben einen Pfennig nahm, so käme dies einer täglichen Zufuhr von mehr als 400 Salzscheiben gleich. Die Zahl der Augsburger Salzfertiger belief sich im Jahre 1159 auf dreißig. Andreas Frickinger, der sechsmal das Bürgermeisteramt versah und der Stadt jährlich etwa 27 Gulden Steuer entrichtete, war Salzsertiger; ebenso die beiden hoch angesehenen Bürger Ulrich Ziegeldach und Andreas Rebhun, welch letzterer stch in, Jahre 1414 mit 81 Gulden in den Steuerbücher» verzeichnet findet! Beide, sowohl Ziegeldach wie Rebhun, standen in enger Beziehung zu einzelnen Münchener Salzsertigern, denen sie Beträge von mehr als 100 Dukaten übersendeten, um dajür Salzscheiben zugeschickt zu erhalten; und die beiderseitigen Diener waren in regelmäßigem Wechsel zwischen Augsburg und München unterwegs. Auch über die Preise der Waare und des Transportes erfährt man Näheres. Der Augsbnrger Salzsertiger Gastet Hug, dem sein Salz bei Freising aufgehalten wurde, weil er es, den bestehenden Bestimmungen zuwider, selbst von Wasserburg geholt hatte, berichtete vor dem Raih: „wie daß derselben seiner enthaltenen Salzscheiben gewesen feien 140; die seien ihn des ersten Kaufes zu Wasserburg gestanden 73 Gulden und 4 Groschen Münchener (also die Scheibe etwas über V- Gulden); und sei darauf gegangen bis gen Freisingen zu fertigen 21 Gld. und 57 Pfennige! Zu diesen außerordentlich hohen Frachtgebühren (auch bei der Augsburger Wassercott kostete ja ein Faß bis Jngol- stadt 2 Gnlden) kamen dann noch die Zölle: München nahm unter dem Jsarthore von jeder Scheibe einen Pfennig, zu besondern Zeiten auch zwei Pfennige. Der bayrische Zöllner bei Friedberg forderte 2, initnnler auch :> Pfennige von der Scheibe; der städtische Zöllner an der Lechbrücke verlangte von je 3 Scheiben 1 Pfennig, und in der Stadt selbst, am Salzstadel, mußten die Gäste für je zwei Scheiben 1 Pfennig entrichten. Eine besondere Eigenthümlichkeit im Salzhandel war, daß man damals allgemein dem Salze als Taujchwaare den Wein entgegensetzte. Wein- und Salzstadel waren gewöhnlich vereint. AIs zu München im Jahre 1471 ein neuer Salzstadel erbaut werden sollte, brachte der Rath unter Anderem das als Begründung vor: es geschehe zur Förderung des Zolls am obern Thor, von wegen der Weine, die die Gäste hereinführen, und die den Wein hie verkaufen und Salz hinwieder ausführen. In Augsburg aber wurde 1425 ein Rathsdekret erlassen „von den salzsertigern »ich Weinschenken", mit der Bestimmung, daß kein Salzsertiger, Gastgeber oder Weinschenk sich zu schulden kommen lassen solle, den Wein auf dem Markiern or zukaufen; welche Bestimmung schon im darauffolgenden Jahre eine Bestrafung veranlaßte. Sie traf den Goldschmied Jürig Nathau, welchem der Weinmarkt und der Salzmarkt ein halbes Jahr verboten wurde „darum, daß er solich Ersatz, die von des Weins und Salzes wegen gesatzt sind, hätt' überfahren." Nächst dem Salze bildete der Viehreichthum für Bayern eine Quelle des Gegentausches, um so mehr, als die Augsburger auch diese Waare für den Exporthandel zusammenkauften, und Rinder, Schafe und Schweine an den Bodensee und an den Rhein bis Straßburg und Speyer trieben; so ließen im September 1418 die Rathgeben an die Ulnier und an den Graf.» von Württemberg die Bitte ergehen, sie möchten den Augsbnrger Bürgern Jakob Strauß und K'onrad Zoller Geleit geben, da diese jetzo mit Schweinen an den Rhine hinab trieben wöllent. Und derselbe Jakob Strauß (der von der Augsburger Gemeinde zum Bürgermeister gewählt wurde) wandte sich einige Jahre später 224 durch Vermittlung des Rathes an H.rzog Ruprecht von der Pfalz wegen einer Beschädigung, die ihm bei Speyer zugefügt worden war. In diesem Briese heißt es: wie daß er (Jakob Strauß) jetznnd nächst als uni sein Nothdurst und Gewerbe Vercher (Schweine) durch Euer Land, Herrschaft und Gebiet getrieben habe; und als er damit bis für Speyer kommen sei, da haben etlich Reisige ihm seine Vercher genommen, bei vierthalbhundert und zwei und zwanzigcn " Was Bayern außerdem noch bieten konnte, waren hauptsächlich Victualien: Schmalz, Käse, Obst und dergl. Auch des Glasversandtes von Passau her wird Erwähnung gethan: Im Jahre 1448 schrieb der Rath an die von Passau: der Augsburger Bürger 17. hat ctnneviel Spiegelglas und sunst ander Glas von einem Passauer Bürger 17. in Passau gekauft und denselben angewiesen, ihm das nach Augsburg zu senden, was auch geschah. Als aber das Glas durch die Geschwornen geschaut wurde, erfand sich, „daß es nit Kaufmannsgut sei", und der Rath verlangte daher, man solle den Passauer anhalten, ein richtiges Kaufmannsglas zu senden. — Ebenso vernimmt man, was einigermaßen in Erstaunen setzt, daß die durch ihren Gewaudhandel so berühmte Reichsstadt von ganz unscheinbaren bayrischen Orten fertige Tücher bezog: so wurde 1374 auf ein Tuch von Rain ein Unigeld von VO Psg. gelegt, und in einem Dekret von 1452 über Schau-Ordnung ist die Rede von Barchent- Tüchern von Ulm, Nördlingen ic. und von Lauingen, die so gut o der b esser sind, als die in Augsburg gefertigten. — Was endlich den Kornhaudel betrifft, so beruhte derselbe zwischen Augsburg und Bayern auf Gegenseitigkeit, indem der Vorstand hin- und herüber schwankte, je nachdem die Ernten im Westen oder im Osten der Reichsstadt reichlicher ausgefallen waren. Soviel über den Umfang der augsburgisch-bayrischen Handelsbeziehungen. (Schluß folgt.) Zur Ostrrfreudv hier und dort! Er lebt, drum muß ich leben, Wo Er ist, soll ich sein, Dort leuchten wohl die Wunden Die Bosheit Ihm hier schlug, Als Er in dunklen Stunden Der Welten Sünde trug! Dort wird die Rose blühen Wie hier ihr Dorn Ihn stach; Und Liebe heilig glühen, i- »st, stttt sklll, Und froh mein Haupt erheben Mm Esters onnenscyein: Denn wo Er hingegangen Da nimmt Er mich auch mit, Daß ich dort mög' empfangen Was Er mir hier erstritt! Er starb, daß ich nicht stürbe, Die Ihm das Herz hier brach! O Jesu Fürst, des Lebens, O Herr, voll Gottesmacht, Er trug, was ich verdient! Er litt, daß Er erwürbe Was ewig mich versöhnt! Nun hat Er hier vollendet Dazu Ihn Gott gesandt. Und Ostcrgaben spendet Du riefst hier nicht vergebens Am Kreuz: „Es ist vollbracht!" Denn mit der Ostersonue Sollst Du ja aufersteh'n, Und zu der Osterwonne' Mit all den Deinen geh'n! Uns die durchbohrte Hand! O zähl' uns zu den Deinen, Gieb uns solch' selig' Theil! Und wenn wir hier noch weinen So sei's zu ew'gem Heil! Laß uns mit Magdalenen Zu Deinem Grabe geh'n, Und nach den Bußethränen Auch Ostersreude seh'n! Amen. Zu Deinem Grabe geh'n, Miseell-ir. (Der Feinhörige.) Dame (schmachtend): „Bringen Sie mir drei Eier!" (Kellner bringt sie.) — Dame: „Sie haben mir richtig drei weiche gebracht, ohne zu fragen, ob ich sie harr oder weich wünschte!" — Kellner: „Gnädige Frau ertheilten Ihren Befehl mit so weicher Stimme, daß ich an harte gar nicht dachte!" (Bedingungsweise Benutzung.) „Aber Kinder, was lauft Ihr denn bei dem schönen Wetter mit dem Regenschirm umher?" — „Ja, wenn's regn't krieg'n mer'n nie, — dann nimmt'» de Mutter selber." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttle», zur „ÄUIgdilrger PostMuug." Nr. 29. Mittwoch, 11. April 1883. Des Uörsters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Nachdnick verbclni. G-Ietz vc»l 1I.VI. 70.) I. Einige Meilen von der romantisch gelegenen Residenz eines kleinen selbständigen Fürstenthums entfernt, ineiner Berg- und Waldgegend des initiieren Deutschlands, findet der Leser noch heute Gut und Schloß Bodenwald, seit Jahrhunderte» im Besitz der Familie von Bodenwald, und mit nur wenigen Ausnahmen stets von Vater und Sohn fortgeerbt. Beides nimmt ein von zwei zurücktretenden Bergreihen gebildetes Thal ein, während die reichen dazugehörenden Waldungen sich die Höhen Hinanziehen und tief in's Gebirge hincinerstrecken. Das Schloß, ein zwar weitläufiges doch in architektonischer Beziehung schmuckloses Gebäude, ist aus Sandstein aufgeführt, welche die Brüche der nahen Berge geliefert, wobei der Erbauer vor ulken Dingen die Sicherheit und den Nutzen der Bewohner im Auge gehabt, und weder auf Zierlichkeit noch Schönheit bedacht gewesen. Ungeachtet der äußeren Einfachheit aber hat das Innere des Schlosses Schätze aller Art auszuweisen; kostbare alte und wohlerhaltene Tapeten, Vorhänge und Möbel; reiches Silbergeschirr, das in den tiefen Wandschränken verwahrt gehalten wird; einen Ahnensaal, in dem in fchwervergoldeten Rahmen die Familienbilder vom ersten bis zum letzten Besitzer hingen, und waren die eichenen Schränke auf breiten Korridoren mit Leinwand aller Art angefüllt, die unter der Aufsicht und wohl auch unter der Beihilfe der Frauen und Fräulein von Bodenwald angefertigt worden. Mit der Fronte gegen Süden errichtet, führten einige breite Sandsteinstufen zu der geräumigen Vorhalle, von der man in sämmtliche Zimmer und Säle des Erdgeschosses und auch in's obere Stockwerk gelangte, wo besonders die Schlaf-, Kinder- und Fremdenzimmer sich befanden. Für die Haushaltung waren im Kellergewölbe Räumlichkeiten eingerichtet, die daher einem Theil der Dienerschaft zum Aufenthalt angewiesen waren. Vor dem großen Eingangsthor an der Landstraße zog sich ein breiter, zu beiden Seiten mit Pappeln bepflanzter Fahrweg zum Schlosse hinauf; abseits von diesem lag das Verwalterhaus und sämmtliche zur Landwirthschaft erforderliche Baulichkeiten, wie auch die Häuser der Taglöhner und anderer zum Gute gehörender Arbeiter. Alles dies übersah man theilweise von.den Fenstern des ersten Stockwerks auS und in weiterer Entfernung die Kirche, an der außer Bodenwald noch andere Güter und Dörfer Theil hatten, mit dem Pfarr- und Lehrerhaus und der Schule, das Försterhaus mit seinen Nebengebäuden, welches am Fuß eines Berges lag, und mit dem fnschrothen Ziegeldach und sauberen weißen Anstrich weithin leuchtete, und sich gegen den grünen Hintergrund freundlichst abzeichnete. Die Rückseite 'des Schlosses blickte zunächst auf den weitläufig angelegten Garten, den zwar Rasenflächen, Blumenbeete und Treibhäuser, meistens aber schöne alte Bäume schmückten, die sowohl Alleen bildeten, wie in Gruppen standen. Hinter dem Schloßgarten aber zogen sich die Berge hin, welche theilmsise dichtbewachsen, theilweise aus Felspartien bestanden, in deren Brüchen täglich Hunderte Arbeit und damit ihr Unterkommen fanden. Außer dieser Besitzung, nach welcher die Familie den Namen führte, gehörte ihr noch eine andere, der Bacheuhof, etwa anderthalb Meilen von Bodeuwald entfernt, und von einem dichten Buchenwald umgeben, der Herrenhaus- und Wirtschaftsgebäude fast gänzlich den Augen der Menschen entzog. Er halte stets eins eigene Verwaltung gehabt, und stand zur Zeit, wo diese Erzählung beginnt, unter der Leitung eines Inspektors. Etwa im Jahre 183 . . gehörten beide Güter dem Herrn Friedrich von Boden- wald, einem im Lande und bei Hofe hoch angesehenen Beamten, der jedoch seiner Stellung wegen sie mit seiner Familie nur zur Sommerszeit bewohnen konnte. Er war ein angehender Fünfziger, von hoher, kräftiger Gestalt, mit ernsten, strengen Gesichtszügen, hatte reiches, goldblondes Haar, scharfe blaue Augen, eine leicht gebogene Nase und einen besonders schön geschwungenen Mund — alles Merkzeichen und Familienähnlichkeiten der von Vodenwald, welche in direkter Linie er mit seinen drei Söhnen — es waren ihrer vier gewesen, doch war der älteste vor zwei Jahren im Duell gefallen — repräsentiere. Er war ein stolzer Mann, dem die Familienehre und sein alter Name über Alles ging, welchen letzteren seine Söhne noch lange zu erhalten verhießen, so daß den entfernten Vettern wenig Aussicht auf eine reiche Erbschaft blieb. Wie allgemein bekannt, hatte er seine Gemahlin nur ihrer Schönheit und ihres « alten Adels wegen geheirathet, und da diese ein kaltes, berechnendes Herz besaß, und ü ebenso selbstsüchtig wie schön war, so genügte ihr das Loos, die Gattin des ersten reichsten l Mannes des Landes und die Mutter seiner Söhne zu sein. I Wenn nun die älteren von diesen blühend kräftige junge Männer waren, bei denen die Familienähnlichkeit mehr oder weniger hervortrat, so wich der jüngste in seiner äußeren Erscheinung weit von seinen Brudern ab. Von jeher ein schwächlicher Knabe hatte er Anlage zur Brustkrankheit und eine ! leichte Krümmung des Rückgrats; auch hinkte er mit dem linken Fuß, was die Aerzte i einem unglücklichen Fall in seinen ersten Kindheitsjahren zuschrieben, von dem indeß die Eltern nichts erfahren haben. Durch alle diese immermehr zu Tage tretenden Leiden und Gebrechen war er ihnen gleichgültig und lästig geworden, und früh schon dem Verivalter von Bodenwald und seiner Gattin übergeben, die keine Kinder besaßen, und den zarten Knaben mit großer Liebe pflegten und behandelten. Als er heranwuchs, ward er von dem Prediger des Dorfes unterrichtet, hatte die Tochter des Försters als Gespielin, welche mehrere Jahre > jünger als er war, einen lebhaften Charakter und ein heiteres Gemüth besaß, das beides ^ den stilleren Knaben anzog» Da er nie die Liebe einer Mutter, die Sorge eines Vaters, das vertrauliche Zusammenleben mit Geschwistern gekannt, so war es kein Wunder, wenn er mit der ganzen Liebe, deren sein Herz fähig war, sich den Familien zuwandte, die ihn stets freundlich und zärtlich behandelten und der Gespielin seiner Kindheit mit besonderer Zuneigung anhing. Nach der Residenz kam er nur seit»«, und hatte auch keine Sehnsucht dorthin, er fühlte sich nur glücklich und heimisch in Bodenwald. Seit dem Tode seines ältesten Bruders, des Majoratserben, den seine Eltern noch nicht verschmerzt, blickten sie, besonders der Landkammerrath fast mit Abneigung auf ihn, der allerdings eine traurige Ersche -> nung neben dem stattlichen jungen Mann gewesen, und letzterer hatte oft in seinem Herzen gewünscht, daß das Schicksal ihm den Schwächling statt seines Lieblings, denn das war ihm sein ältester Sohn gewesen, genommen. Lassen wir nach dieser nothwendigen Einleitung die Erzählung folgen, und be- ' trachten wir was sich in früherer Zeit zugetragen, und erst in späteren Jahre» seinen Abschluß finden sollte. — 227 II. Es ivar zu Anfang Sommer; ei» schöner Julitag und im Schloß Bodenwald ward die Gutsherrschaft erwartet. Sie sollte diesmal mit den Söhnen und zahlreicher Diener« schast kommen» und Frau Bergmann, die Verwalterin, hatte sämmtliche Räumlichkeiten dazu in Stand gesetzt. Anna Kohring, die siebzehnjährige Försterstochter war ihr dabei zur Hand gegangen, und beide freuten sich über ihr Werk, und schritten befriedigt durch alle Zimmer und Kammern, durch deren weitgeöffnete Fenster die warme balsamische Sommerluft eindrang. „Hier kann es die Herrschaft schon einige Monate aushalten", sagte das junge Mädchen, als Frau Bergmann die letzte Thür in der Vorhalle schloß und sich anschickte, diese mit ihrer Gefährtin zu verlassen. „Es ist Alles so prächtig und schön, als ob es für die Festlichkeiten selbst wäre!" „Es wird hier diesen Sommer viel Besuch erwartet", entgegnete freundlich die Verwalterin. „Und daher hat die gnädige Frau mehr als sonst an diesen alten Räumen thun lassen, die dann den ganzen Winter wieder verödet dastehen!" „Schade ist's auch", nieinte Anna voll Erregung, „daß das Schloß den größten Theil des Jahres leer bleiben muß, und es könnten hier doch mehrere Familien wohnen t — Wie anders würde es sein, wenn die Herrschaft immer auf Bodenwald lebte, und Fremde und Gäste immer ein- und auszogen!" „Die Zeit wird auch kommen, Anna", antwortete zuversichtlich Frau Bergmann, „und vielleicht schon früher als wir Alle denken. Wenn nur erst Junker Hugo eine angesehene Stellung am Hofe oder in der Verwaltung des Landes hat, und verheirathet ist, dann wird der Landkammerrath sich gewiß bald zurückziehen, denn seit Junker Friedrichs Tode ist er nicht mehr derselbe und auch die gnädige Frau leidet an Nervenzufällen, die durch das aufregende Leben bei Hofe nur noch verschlimmert werden!" Bei diesen Worten hatte Frau Bergmann die schwere Eingangsthür mit dem mächtigen Schlüssel versichert, und die Treppe hinabgehend sahen sie den Verwalter und Junker vom Felde kommen, wo Beide, wie an jedem Tage, beschäftigt geivesen. Letzterer schritt grüßend dem Verwalterhause zu. Ersterer aber dem Schlosse, und hatte bald seine Gattin und Anna erreicht. Er war ein kräftiger Vierziger, und hatte gleich seiner um mehrere Jahre jüngeren Frau ein freundliches wohlwollendes Gesicht. Ludwig von Bodenwald, jetzt einundzwanzig Jahre alt, und nur wenig größer als seine, einstige Spielgefährtin, entsprach dem bereits von ihm entworfenen Bilde, nur müssen wir hinzusetzen, daß, so zart geschnitten seine Züge auch waren, er vollkommen seinem Vater glich, seine Augen aber waren meistens ruhig und freundlich blickend, obgleich sie' auch ernst und zornig funkeln konnten, und das goldblonde Haar fast in zu reicher Fülle den zierlichen Kopf des jungen Mannes umgab. Durch den fortwährenden Aufenthalt in der freien Luft, denn Junker Ludwig lernte die Landwirthschast, um den Buchenhof zu vermalten, war schon sein schwächlicher Körper gekräftigt, und seine leichtgebräunte Gesichtsfarbe verrieth, daß er der Sonne, dem Wind und Wetter tapfer ausgehalten. „Wo nur die Wagen bleiben, di? mit den Leuten und dem Gepäck schon hier sein sollten", begann nach seiner Uhr sehend der Verwalter. „Es geht auf zwölf und der Landkammerrath hat mir doch sagen lassen, daß sie frühzeitig hier sein würden!" „Sie haben sich vielleicht verspätet", meinte Anna, die ebenfalls für die Ankunft der Gutsherrschast ein reges Interesse empfand. „Wenn nur kein Unglück geschehen ist", sagte die Verwalterin, welche bemerkte, daß Junker Ludwig unter den Pappeln dahinschritt. „Wie kommst Du nur darauf, Frau?" entgegnete ihr Gatte, der selbst sich einiger Besorguiß nicht erwehren konnte. „Welches Unglück sollte denn geschehen sein?" — Als gestern der Bote die Stadt verlassen, ist Alles wohlauf gewesen, und Jeder hatte mit großem Eifer zur Fahrt hierher gerüstet!" 228 „Zwischen gestern Nachmittag und jetzt liegen fast vierundzwanzig Stunden, in denen mancherlei vorgefallen sein kann", antwortete Frau Bergmann, während Alle langsam weiter gingen; „dennoch wollen wir hoffen, daß meine Befürchtungen vergeblich gewesen sind, und die Herrschaft diesen Abend glücklich ankommt!" An der Thür des Verwalterhauses trennte sich Anna von dem Ehepaar und ging der Försterei zu. Frau Bergmann begab sich in die Küche, um die letzte Hand an das Mittagsmahl zu legen, ihr Gatte aber setzte sich an's Fenster seiner Arbeitsstube und griff zu der bereitstehenden Pfeife und den Zeitungen, welche am vergangenen Nachmittag der Bote aus der Stadt mitgebracht. Anna hatte kaum den Gutshof überschritten, als Junker Ludwig zu ihr trat, dessen Gesichtszüge und Augen eine ungewohnte Erregung verriethen. Das augenblickliche Schweigen unterbrechend, sagte sie: „Bist Du auch um die Wagen besorgt, Ludwig, die noch nicht gekommen sind?" „Die können sich leicht verspätet haben", entgegnete er lauter, als er sonst zu reden pflegte, „ich aber habe nicht eininal daran gedacht", und dies sagend, folgte er ihr auf dem Wege nach dem Försterhause. „Bergmann's scheinen sich über ihr Ausbleiben zu ängstigen — —" „Und weshalb? — Meine Eltern waren gestern wohl und munter, und von meinen Brüdern wissen wir das ebenfalls — lassen wir sie aber allesammt, Anna, denn ich muß mit Dir sprechen, so lange ich dies noch ungehindert und ungestört kann, zuinal wir uns in diesen Tagen trennen werden!" Die Försterstochter war ernst geworden, und ihrer auch begann sich eine seltsame Erregung zu bemächtigen. Sie suchte sich jedoch zu beherrschen, und die sonst so lebhaften, dunklen Augen mit ruhigerem Ausdruck auf ihren Begleiter haftend, fragte sie: „Was könntest Du mir gerade heute zu sagen haben, Ludwig?" „Das fragst Du, Anna?" antwortete er schnell und mit einer Heftigkeit, die man dem sonst so ruhigen Junker kaum zugetraut hätte. „Laß uns hier in Euren Garten abbiegen, wo wir, da Deine Eltern erst am Abend aus L. zurückkehren, ungestört sein werden!" Anna, die stets die Fllhrerin und Leiterin ihres einstigen Spielgefährten gewesen, wie sie ihn immer beherrscht hatte, folgte ihm jetzt schweigend ohne sich zu fragen was sie von ihm hören und vernehmen werde. Ihr Herz sagte ihr dies, und ungeachtet ihrer siebzehn Jahre wußte sie was sie ihm zu antworten habe, sie die Försterstochter dem Junker von Vodenwald. (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Die biegsame Organisation der Frauen läßt ihnen ost im Alter Kräste übrig, die dem Manne fehlen, so daß die Frau, welche sonst den Mann als Ueberlegcnen anerkannte, nun selbst als Ueberlegene ihm zu dienen und sein Herz zu erfrischen vermag. - N e ck e r - S a u s s u r e. Selbst die unschuldigsten Freuden der Sinne gleichen den Blumen: sie sterben, sobald sie gebrochen sind. Geliert. Reißt den Menschen aus seinen Verhältnissen; und was er dan n ist, nur das ist er. Seume. Was geboren ward, muß sterben: Was da stirbt, wird neu geboren. Mensch, Du weist, was Du wärest, Was Du jetzt bist, lerne kennen, Und erwarte, was Du sein wirst. Herder. Die Menschen fürchtet nur, wer sie nicht kennt, Und wer sie meidet, wird sie bald verkennen. Goethe. 229 Dcr Angöl>tr:ger Kaufhandel »rit Bayer» während der erste» Hälfte des fimfzehriten Jahrhunderts. (Schluß.) II. Nun besteht aber das Material, aus welchem diese Eröteruugen geschöpft sind, im allgemeinen nicht in systematisch angelegten, statistischen Nachweisen, sondern verdankt vielmehr seine Entstehung säst ausschließlich zufälligen, namentlich störenden Erscheinungen im Geschäftsgänge, und es dürste daher vielleicht nicht uninteressant sein, auch von diesem Gesichtspunkte aus den vorliegenden Stoff zu verwerthen und in einem zweiten Abschnitte einiges über die Förderungen und Störunge n des Geschäftsbetriebes darzulegen und so das äußere Bild der kauftnünnischen Thätigkeit noch durch einen Blick auf ihr inneres Wesen und Getriebe zu ergänzen und abzuschließen. Dabei sollen die Grenzen des angegebenen Thema's übrigens nicht überschritten, sondern die Beispiele und Belege, mit ganz wenigen Ausnahmen, speziell aus den augsburgisch-bayerischen Beziehungen hergenommen werden. Wenn wir uns zuerst nach den Faktoren umsehen, die dem kaufmännischen Gedeihen fördernd zur seile standen, so tritt uns auf der einen Seite der um das Interesse seiner Mitbürger eitrig besorgte Angsbnrger Stadtralh, aus der andern die in die commerziellen Angelegenheiten thätig eingreifenden Herzoge charakterististh entgegen. Der Angsbnrger stadtrath war seinem ganzen Wesen nach der natürliche Schirmherr des Kaufnuinnsstandes Die bedeutendsten Einnahmegnellen der Stadt beruhten auf den Um- geldern und Zöllen, welche die einheimischen Handelsleute oder die von ihnen herbeigezogenen Gäste zu entrichten hatten, und die vornehmsten Glieder des Rathes gehörten dem Kansmannsitande an; in der ersten hülste des snnszehiiten Jahrhunderts war fast alljährlich wenigstens einer der Bürgermeister ein Kaufmann, nicht selten aber auch zwei. Es nimmt uns daher keineswegs Wunder, wenn wir sehen, daß es eine gewissenhaft erfüllte Aufgabe der Stadtvnter war, die Interessen ihrer Kaufleute in allen und jeglichen Füllen zu vertreten, und daß die Missiven, welche sich in den noch erhaltenen, wichtigen Briesbücher n des Rathes vorfinden, in erster Linie den Kaufleuten galten. Denn abgesehen von den hnndelspolizeilichen Anordnungen im Innern der eigenen Stadt, von Zoll, Uuigeld, Waage, Waarenschau, Untertans u. a. gab es bei den unruhige» und unbestimmten Verhältnissen jener Zeit auch außerhalb der Stadtgemarknug unendlich viel zu sorgen. Im Allgemeinen war schon dadurch eine regelmäßige Briesentsendnng nothwendig, daß bei Negiernngswechscln, bei Messen und Märkten jedesmal von neuem um Schuh und Geleite nachgesucht werden mußte; insbesondere aber wurde die Obsorge des Rathes in Anspruch genommen, sobald eine Fehde in Aussicht stand. Noch vor vem Erscheinen des Absagebriefes mußte da sondirt und „kundschaftet" werden: „Wir bitten Euer Edelkeit mit Ernste fleißiglich", schrieben sie einmal an einen befreundeten bayerischen Pfleger, als mit.Herzog Ludwig dem Bärtigen Fehde auszubrcchen drohte, „daß Ihr uns verschrieben wissen lasset bei diesem Boten, ob wir und die unsern in unsers gnädigen Herrn Herzog Ludwigs Landen sicher seien zu wandeln." — Wenn aber der Absagebrief wirklich gekommen war und also die auf der Geschäftsreise abwesenden Kaufleute in plötzlicher und unbewußter Gesahr sich befanden, so galt es, durch schleunigst entsendete Boten ihnen Warnung zukommen zu lassen. So schrieben sie, als aus die eben erwähnte Kundschaft ungünstige Nachricht eingetroffen war, an die in Frankfurt befindlichen Kaufleute: „Lieben Freunde! Uns ist sürkommen und cigcnlichen gesagt worden, wie daß unser Herzog Ludwig die Geschirre mit dem Gute, ob sie durch Franken und für Werde wieder hcrhenn gohn werden vermeine nfzehalten und zu bekümmern; darnach wisjent euch zu richten und das Gut zu besorgen, daß es in Gewahrheit Herheim kommen niüge!" Freilich konnte gerade in Fehdezeiteil nicht immer das Interesse des einzelnen Kaufmanns im alleinigen Vordergrund gestellt bleiben, sondern mußte eben zuweilen hinter dem Vortheile der Stadt oder des groyen Stadtebnndes zurücktreten. Ein augenfälliges Beispiel hiefilr liefert ein Beschluß, der am 1t). Juni 14 3 den Ulmern mitgetheilt wird. Da nämlich die Grasen von Oeltingsn (in Franken) das gewohnte Geleite zur Nürdlinger Messe alfiagten, wurde vom Angsbnrger Rath ein- müthig erkannt: „daß niemand, weder Reich noch Arm, weder reiten, fahren noch gehen sollt in den Mar kt g e n Nürdlingen, und auch niemand nichtes daselb weder kaufen noch ver-kansen soll; und ob das wäre, daß jemand ichtes vor dem und wir das erkannt haben, genNürdlingen geführt oder bracht hätte, welcherlei das wä-r', dasselbe soll auch alles still liegen und nit verkauft werden. Und welcher der unserii das überfährt und ni t haltet, der müss' uns zu Pen geben den zehnten Pfennig seines Kanfens uiid^Verkansens. Und mit ähnlicher Entschiedenheit trat der Stadtrath dem Sonderinteresse der Kaufleute auch in einer andern Angelegenheit entgegen, welche sich in den Milsivbüchern durch eine Reihe von Briefen hlndiirch verfolgen läßt. Zu Ansang des Jahres l 418 hatte sich nämlich der bayrische Ritter T ristra in "kr Zänker iiiit und den übrigen schwäbischen Städten verfeindet und machte, nachdem aus beiden Seiten Sotdknechte überfallen und gefangen genommen ivaren, die Snlzburger Straße unsicher. Nun befanden sich aber damals viele Angsbnrger Kaufleute in Salzburg, im Begriffe, nach Haufe zurückzukehren. Der Rath schrieb ihnen daher zunächst, am ö. Februar, einen Warnbrief, der 230 mit der ernsten Mahnung schloß: „us das wir euch allen und jeglichen besunder befehlen mi Ernst, daß ihr mit euer» Leibern und Gütern bleibet zu Salzburg und uit süro fahret, bis an die Zeit, daß wir euch unser Botschaft senden!" Aber die Kaufleute litten natürlich schweren Schaden unter dieser Verzögerung und beschlossen, ohne Rücksicht auf die Stadt und den Städtebnnd durch Vermittlung des Saizburger Hauptmanns dem Tristram Geld anzubieten, um ungefährdet heimgelangen zu tonne». — „Wir haben vernommen", schrieb darauf erzürnt der Rath, „wie daß ihr geworben und bracht kabent an unsers Herrn des Bischofs von Salzburg Hauptmann und an ander, daß die rcn euer aller wegen bringen füllen am Tristram den Zänbr, daß er euch und euer Gut sicher Herheim von seinen wegen fahren lasse, darum wöllent ihr Gut geben. Das uns von euch nit wohl gefallet, und ist uns nit lieb: und heißen und gebieten euch mit Ernst, und wollen auch das mit Namen, daß ihr dem Zänker kein Geld in keiner Weis'nit gebeut noch versprechent ze geben." Dieser ernstlichen Verweisung mußten die Kaufleute sich wohl oder übel lügen. Sie blieben in Salzburg, wohin ihnen end ich am 14. April der Rath schreiben konnte, daß Herzog Heinrich von Niederbayern sich um die Sache angenommen und den Streitenden einen Rechtstag gesetzt Habs. Mehr als zwei Monate also waren hier die Kaufleute in der fremden Stadt gebannt, ohne die Rückkehr nach Hause bewerkstelligen zu können und zu dürfen. Aber wenn auch in solchen vereinzelnien Fällen der Rath seinem Mitbürger hemmend entgegenstehen mußte, so trat er um so besorglicher und wohlthätiger sür ihn ein, wenn ihm bei seinen Kausfahrten an Leib oder Gut irgend ein Schaden zugefügt worden war. Ursprünglich beanspruchte der in auswärtige Irrungen vecwickelte Kaufmann sogar, „daß man ihm die Barscheste und das Kostgeld von der Stadt Gut ausreichte"; welche Vergünstigung freilich durch ein Dekret von 1303 aufgehoben wurde. „Aber", heißt es in diesen, Dekret weiter, „wenn sie's an den Rath bringen und es dem Rath klagen, so stillen ihnen die Nachgeben getreulich darin rathe» und helfen, wie sie ihr Sach handeln stillen, und Bries heißen geben, an wen sie wällen". So wurde es auch treulich gehalten; und gerade die Briefe, welche in solchen Füllen Beschwerde und Verwendung des Rathes enthalten, bilden einen Hauplbestandtheil der Mijsivbücher. Wegen fünf Balle», die dem reichen Ulrich Arzt von den Bayernhcrzogen im Jahre 1416 bei Parteukirchen genommen wurden, fertigte man an die Bundcsstädte, an die Herzoge und an den Kaiser Boten und Briese. Als dem Hans Mütting d- ä. im Jahre 1443 drei Säcke Safran gestohlen wurden, schrieb der Rath mehrere Dutzend Briefe an Städte, Ritter und Beamte, bis man nicht blos des Diebes, sondern auch des gestohlenen Gutes wieder habhaft geworden war. Und bis auf die »ubedeuteudsten Kleinigkeiten erstreckte sich diese Fürsorge: Die beiden Metzger Grllber und Schnäckli» kauften im Jahre 1415 aus dem Markte zu Psaf- scnhosen eine Anzahl von Schweinen; „derselben ihrer L-chweiiie", berichteten sie dem Rath, „sei eines außer dem Hansen, als sie die heraustreiben wollten, wieder hinein in den Markt gelösten, an die Statt, da es vormals gewesen was", und der Verkäufer hatte nichts Eiligeres zu thun, als das viel- getreue Thier sich wieder anzueignen; darüber denn große Aufregung unter den Bctheiligten entstand und die Augsburgcr Rathgebe» ernstliche Mahnung an die von Pfaffenhofen ergehen ließen, damit den ihren ihr gebührend Recht zu Theil werde. — Ebenso verwendeten sie sich ein andermal bei dem Pfleger von Dachau sür die Rückerstattung von „zwei, Häsen mit Schmalz und zehen Käs'; und ähnliche Beispiele ließen sich noch in großer Zahl anführen. Uebrigens erscheint das ja ganz erklärlich, insofern eben der Rath principiell der Vertreter seiner Mitbürger war und daher jedes Vvrkommniß in die Hand nehmen mußte, das der Kaufmann nicht selbst zu erledigen vermochte. Viel auffallender dagegen ist es, wen» mir ein ähnliches Eindringen bis in das Kleinste auch bei den Herzogen vorfinden. Die bayerischen Herzoge griffen nämlich in die commcrziellen Verhältnisse selbstthätig ein und nahmen an der Gestaltung der angs- dnrgisch-bayerischcn Beziehungen regen persönliche» Antheil. Wegen drei Sacke Korn, die einem Augskmrger Krämer bei Landsberg aufgehalten sind, wird der Beschädigte mit einem Empfehlungsschreiben vom Rath an Herzog Ernst gewiesen; ein Üeberfall, durch den ein anderer ein Paar Hauben, Hosen und Wachstafeln einbüßt, wird vor Herzog Heinrichs Nichterstnhl gebracht, n. s. w. Nicht etwa, als ob die Herzoge nur nominell betheiligt gewesen wären, sondern sie ließen die Handelsleute persönlich vor sich kommen, um aus ihrem eigenen Munde den Vorgang zu vernehmen. Und wie die Rathsschreiben von Augsburg an die herzoglichen Höfe abgefertigt wurde», so liefen umgekehrt von da die geschriebenen Antworten in zahlreicher Fülle im Augsburger Rathhause ein. „Als uns Euer fürstlich Gnade verschrieben hat" .... „als Euer Gnade uns jetz und über von der Zwihel- lungen wegen geschrieben hat" .... „als Euer fürstlich Gnaden uns nächst geschrieben habent von söliches Ussenhaltcns wegen der Salzscheiben" . . . . x., solche Formeln finden sich überall da, wo ein Beschüdigungsfall oder ein Gläubigerstreit oder sonst eine Irrung nicht sofortige Erledigung erfuhr, sondern ein häufigeres Mahnen und Drängen des Rathes nothwendig machte. Wenn sich also die Herzoge so lebhaft an den Nechtshäudeln einzelner Kaufleute betheiligten, so ist es sehr natürlich, daß auch in allgemeinen Haudelsfragen ein häufiger Briefwechsel stattfand. Und dies geschah nicht blos da, wo es sich speziell um die Verkehrsinteressen zwischen Augsburg und Bayern handelte, sondern es kam auch vor, daß die Herzoge vom Kaiser als handelspolitische Schiedsrichter ausgestellt wurden und dadurch mit Augsburg in Berührung zu treten Gelegenheit hatten. Als zum Beispiel im Jahre 1433 die Nürnberger eine Messe in ihrer Stadt aus« 231 richten wollten und Herzog Wilhelm von Bayern durch Kaiser Sigismund den Auftrag er sielt, Kundschaft zu erhellen, oll solche Neuerung der Franksurtcr und der Nördlinger Messe nicht Eintrag thun würde: da übersandten die Augsburger dem Herzog eil, Gutachten, dessen Wortlaut höchst charakteristisch ist. „Nachdem uns bedanket", heißt es darin, „meinen wir, daß landknndig sei, ob die Blesse zu Nürnberg also Fürgang gewinne, daß das größiich wär und würd wider die Blesse zu Frankfurt, und große Hindernus, Eintrag und Schäden gemeinen Landen und Kaufleuten brächte, damit viel Gewerbs möcht vermieden bleiben, sunder, so die Kaufleut von Behem, Mehreen, der Slesien, Oesterreich und sunst von Oberlanden vielleicht zu Nürnberg blieben, dawider die Kaufleut aus den Landen von Brabaut, Flandern, Holland, Westsalen und Niederland vielleicht desgleich ze Frankfurt blieben, und daß an entweder», Ort der Gewerb gemindert werden und dem ganzen Lande merklich Unstatt und Schaden dadurch wohl entstah'n möcht, und wirjannsers Theils zemal gerne wöllten, daß die Blesse zu Frankfurt durch gemeines Nutz willen also nnbekrünket belieb, wann die allen Kaufleuten in keuschen Landen ze Wasser und ze Land am allergelegnisten ist." * -p * Aus den erwähnten Tatsachen geht hervor, daß die Herzoge dem wechselseitigen Verkehre ihre volle Aufmerksamkeit zollten, und in der That bekundete namentlich der in Landshut residireude Herzog Heinrich, sowie der friedliebende Albrecht der Fromme, der von 1138 an in München regierte, einen überaus regen Eifer und eine ernste Autheiluahme. Aber trotzdem wäre es eine arge Entstellung, wenn man ein derartiges gegenseitiges Einverständnis; als dauernd oder allgemein gütig hinstellen wollte, da es ja doch bekanntermaßen niat leicht »»ruhigere und sehdelnstigere Nachbarn gab, als diejenigen, welche die schwäbische Reichsstadt damals an den Baycrnherzogen hatte, und da die Bedrückungen und Belästigungen, welche die Brüder Ernst und Wilhelm von Bayern-München, sowie Ludwig der Bärtige von Bayern—Jngolüadt und endlich Ludwig der Reiche über Augsburg verhängten, die unaufhörlichen Klagen der Chronisten hervorriefen. Um daher diesen hervorragenden Eharatterzug nicht unerwähnt zu lassen, bitte ich Sie, mir noch zu einigen ganz kurzen Bemerkungen über den Augsburger Kaufmann in Bayern während der Fehdezeit Gehör zu schenken- Burkhard Zink klagt an einer Stelle, wo er von dem 1458 mit Herzog Ludwig dem Reichen ausgebrochenen Llrcite erzählt: „es wollt aus dasmal niemand weder sein Gut noch fein Geldschuld lassen folgen; so getrost man auch nicht von Bayern her in die Stadt weder führen noch tragen noch treiben, es wandert auch niemand von hinnen gen Bayern, denn es was niemand sicher: wen man ankam, der was verloren!" Nach diesen Worten also war damals eine vollständige Lähmung des Handels herbeigeführt. Aber so schlimm war es nicht immer, sondern man darf im Gegentheil behaupten, daß die Augsburger im Allgemeinen auch zur Fehdezect ihre Kausfahrten wagten. Der Beweis hiesür liegt in den Aussöhnuugsverträgeu, welche nach beendigtem Streit zwischen der Stadt und den Herzogen geschlossen zu werden pflegten. Denn da ist die Rede von Durchgangszöllen, welche man in Landsberg, Schougau Neustadt, Wasserburg re. zur Belästigung der Augsburger während der Fehde erhöht; oder von Slapelorteu, die man ungerecht aufgerichtet: oder von Kaigeldern, die man in Augsburg den Bayernherzogen zum Trotz erhoben halte. Wenn also während der Kriegszeit Zoll, Stapel und Umgeld von solchem Belang waren, daß mau dem Gegner damit empfindlich schaden konnte, io geht daraus doch zur Genüge hervor, daß ein nicht unbeträchtlicher, wechselseitiger Handelsverkehr selbst während der Fehde stattgefunden haben muß. — Und noch viel weniger ließen sich die reichsstädtischen Kaufleute abschrecken, wenn die Bayernherzoge einen Krieg führten, an dem Augsburg selbst iiich t betheitigt war. Denn sie konnten alsdann in dem mit Krieg überzogenen Lande mit einer gewissen Sicherheit fahren, wenn sie sich nur mit einem Geleitjcheine versehe,i hatten, welcher, vom Augsburger Stadtrath ausgefertigt und gesiegelt, die eidliche Versicherung enthalten mußte, daß die vom betreffenden Kaufmann oder Wageumanu initgeführten Güter ihn, selbst zu eigen und keinem andern gehören, besonders keinem, der an dem Kriege irgend welchen Antheil habe. — Freilich ein absoluter L-chutz war damit nicht gewährt, sondern es kam ebensogut vor, daß die Aa yern- herzog e die „offenen Briese" nicht beachteten, als sich auch umgekehrt zahlreiche Fälle ereigneten, in denen die Gegne r derselben einen Angriff auf Augsburger Kaufmannsgüter blos deshalb unternahmen, weil sie dieselben für bayerische hielten. Immerhin aber zeigt sich die Benützung solcher Geleitscheine in gefährdeten Zeiten an und für sich schon den frischwagcnden und hartnäckigen Kaufmannssinn, und es findet sich so das Markige in der Entwicklungsgeschichte des Augsburger Handels bestätigt, das in den einleitenden Worten mit dem zwar knorrigen, aber höchst kraftvollen Namen der Eiche verglichen wurde. Ueberhanpt: wenn man mit einem Rückblick das gewonnene Resultat zusammenfassen will, so sieht man, wie sich die Zähigkeit in Kriegsgefahr, das Umfahren der Gelcit- straße, die Antheilnahme der Herzoge, die Fürsorge der Rathgeben, die Masse der Hindernisse und Unbequemlichkeiten zu einem kräftigen und vielgestaltigen Cultnrbild vereint. . . zugleich auch läßt sich, so eng begrenzt das Thema an Zeit und Stoff erscheinen mag, doch aus der »»gemeinen Rührigkeit, mit der die Augsburger Kaufleute in Bayern schalteten und sich da zu Herren der cominerziellen Verhältnisse zu machen wußten, recht gut ein Schluß auf die damalige Handelsepoche der Augsburger überhaupt ziehen. Wenn nun vollends — und 232 das ist e!» Wunsch, den ich am Schlüsse noch nuszusprechcn wage — wenn nun auch, selbst blos mit Hilfe der inhaltsreichen Briesbücher, ihre Thätigkeit in den schwäbischeil nnd srünkischen Nachbarländern, und ihre Beziehungen zu Frankfurt, Nürnberg, Ulm, Venedig und Wien besondere und eingehende Darstellung erfahren würden, so erhielte man ohne Zweifel ei» Bild, das uns deutlich erkennen liehe, wie sehr der Augsburger Kansmannsstand im snnszehnteu Jahrhundert der wunderbaren Blüthe schon nahegerückt war, welche er im sechzehnten behaupten sollte. Htminclsschau im Monat April. —Merkur H tritt am 16. in obere Sonnenconjunktion, befindet sich demnach in Erdferne (30 Millionen Meilen) und geht zuletzt 8 Uhr 42 Minuten Abends in NW. unter. Venus ? ist in der Morgendämmerung tief am östlichen Himmel im Wassermann sichtbar. Sie steigt immer höher und fällt ihr Tagesbogen am 30. mit dem Aeguator zusammen. Ihre Scheibe ist zu drei Viertel erleuchtet wie der Mond zwischen Vollmond und letztem Viertel, nimmt jedoch an Glanz ab. Am 4. steht sie 5>/>, südlich vom Mond. Mars F kommt gegen 4 Uhr 30 Mi». früh über den Horizont, durchläuft am 25. den Aeguator und wendet sich dann nach N. Am 5. steht er 6'" südlich vom Mond. Jupiter 2P im Stier erreicht zwischen 5 Uhr und 4 Uhr Nachm. seine größte Tageshöhe und geht nach Mitternacht in NW. unter. Am 12. steht er 3>// nördlich vom Mond. Von seinen Trabanten werden sichtbar verfinstert; der erste am 7., 15., 22.; der zweite am 8.: der dritte am 1.; der vierte am 4. und 5. Saturn H im Stier geht unter zwischen 10 Uhr und 9 Uhr Abends. Am 9, steht er 1? südlich vom Mond. MLseellsn. (Eine fürstliche Dichterin.) Wie die Madrider „Epoca" schreibt, besitzt die Infantil, Maria de la Paz, die Tochter der Königin Jsabella und Schwester des Königs Alfonso XII. von Spanien, welche demnächst an der Hand des Prinzen Ludwig Ferdinand von Bayern ihren feierlichen Einzug in München halten wird, ein hervorragendes dichterisches Talent, wovon das nachfolgende Sonett (übersetzt von der M. „Allg. Ztg.") Zeugniß liefert: An meine Mutter. Lieb' Mntlerherz! Mein ganzes Erdenleben Wird überstrahlt von diesem trauten Klänge, Wie Gottes Hauch sühl' ich mit süßem Dränge Dies eine Wort mir durch die Seele beben. Nach Ruhm und Ehren mögen Andre streben Und sich verzehren in der Selbstsucht Zwange, . Was, liebste Mutter, ich sür Dich verlange, Ist Glück, — mehr Glück, als Glanz vermag zu geben. Noch keiner ist so viel, wie mir, geschehen Von eines Mutterherzens Lieb' und Güte: Du wünschtest Eins nur — glücklich mich zu sehen. Vereint mit Dir im innersten Gemüthe Kann ich voll Inbrunst nur zum Himmel flehen, Daß Gott der Herr Dein theures Haupt behüte. Uns cko Kordon. Ob Berlin hinsichtlich des Bier-Consums wirklich München weit nachsteht? In der Bockbrauerei auf dem Tempelhofer Berg allein wurden getrunken am ersten Osterfeiertage rund 29,100 Seidel, am zweiten 30,600 und am dritten 22,000, in Summa also nicht weniger als 81,700 Seidel. (Zu welchen Gerichten gehören die Kartoffeln?) wurde in einem Examen gefragt, und prompt geantwortet: Zu den Land- und Stadtgerichten! Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Unterkaktunggbkatt »ur „Äugslmrger postjeitimg." Nr. 30. Samstag, 14. April 1883. Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Junker Bobenwald führte die Försterstochter in eine Baumhütte, welche beide vor Jahren errichtet, und neben ihr auf der Bank Platz nehmend sagte er in einem so entschlossenen Tone, wie sie noch nie von ihm vernommen: „Anna, laß mich die Sache kurz machen, denn ich darf Bergmann's nicht mit dem Mittagessen warten lassen, da dies heute zu Vermuthungen führen könnte, und Niemand darf «ine Ahnung von unserer Unterredung haben. Du weißt, daß ich in diesen Tagen für immer auf den Buchenhof übersiedele, um zuerst mich unter dem Inspektor in die Verwaltung hineinzuarbeiten, dann aber sie selbst zu übernehmen.« „Ich weiß es, Ludwig«, entgegnete Anna so ruhig wie vorher, obgleich ihr junges Herz dasselbe Weh empfand, das sie gefühlt, als eines Tages der Landkammerrath zu ihrem Vater gesagt, daß er seinen jüngsten Sohn nach dem Buchenhof bringen wolle. „Und weißt Du auch weshalb meine Eltern, denn meine Mutter ist nur allzusehr mit den Ansichten meines Vaters einverstanden, mich nach dem stillen Buchenhof ziehen lassen wollen, jetzt, wo ich erst einundzwanzig Jahre alt bin, und noch nichts von der Welt, die doch so groß und schön ist, gesehen habe, während sie doch meinen Brüdern zu reisen gestattet, und Hugo erst jetzt wieder von B. zurückkehrt, wo er Karl in der Garnison besucht, und die Festlichkeit bei Hofe mitgemacht hat? — Weil sie sich meiner als ihres Sohnes schämen, weil ich, der ich schwächlich und verwachsen bin und dazu hinke, mich neben meinem Vater und meinen Brüdern nur schlecht als ein Bodenwald ausnehme, wenngleich sie meinen, mein Kopf doch die Familienähnlichkeit trägt!« „Ludwig«, unterbrach Anna den heftig erregten Jüngling in bittendem Ton. „Laß mich ausreden, Anna«, unterbrach sie dieser schnell, „denn einmal muß ich sprechen, mich aussprechen über das, was mein Herz empfindet, seit meiner Kindheit empfunden hat und mich voll Bitterkeit gegen meine Eltern erfüllt, zu denen ich keine Liebe hege, und die ich doch so gerne geliebt hätte!" „Armer Ludwig«, sagte Anna in innigerem Ton, als vielleicht sie selbst wußte, und legte ihre Hand auf seinen Arm, wie sie es wohl als Kind gethan, wenn seine Eltern den tieffühlenden Knaben durch eine harte Bemerkung verletzt hatten, und sie ihn still weinend im Hause oder Garten des Verwalters gefunden. Er ergriff ihre Hand und hielt sie fest in der seinen, während seine Wangen glühten, und seine Augen gleich denen seines Vaters funkelten. Nach einigen Sekunden fuhr er in ruhigerem Tone fort: „Ja, Annas meine Eltern schämen sich meiner und wollen mich für immer von sich entfernt halten, mich auf dem Buchenhof ansässig und beschäftigt wissen, wo mich tief im Gebirge kaum Jemand sieht, noch besuchen wird. Ich bin auch mit ihrem Willen einverstanden, denn ich weiß» daß ich nicht für die Welt, in der sie leben und glänzen, geeignet bin, doch will ich, wenn ich einmal als Herr dort wohne, kein so einsames, 234 trauriges Leben führen, wie vielleicht mein Vater meint, und bei meinen Schwächen und Gebrechen für mich angemessen hält, nein, ich will, wenn es möglich ist, glücklich werden und mir heute die Gewißheit sichern!" „Was willst Du thun, Ludwig?" fragte Anna und versuchte vergeblich ihm ihre Hand zu entziehen. „Was ich thun will, Anna?" entgegnete er in tiefem, bewegtem Ton, und seine Augen blickten voll Liebe in die ihrigen, die sie schnell senkte. „Ich will Dich fragen, ob Du, die bisher meine liebe, theure Schwester gewesen, und als solche das Leben des armen Ludwig von Bodenwald erheitert und beglückt hast, nach zwei Jahren die Meine — mein Weib werden und mit mir auf dem Buchenhof leben kannst und willst?" „Ludwig", brachte kaum hörbar Anna hervor, und er fühlte ihre Hand, die sie nicht zu befreien vermocht, in der seinen zittern. „Antworte mir, Anna", fuhr er noch leiser fort, „kannst Du Dich dazu entschließen und mir schon heute das Versprechen geben?" „Hast Du auch bedacht, was Du forderst?" fragte Anna ebenso leise. Er hatte sie mißverstanden und erwiderte schnell und mit erregter Stimme: „Ja, Anna, ich weiß, was ich von Dir fordere, von Dir dem blühenden lebensfrohen Mädchen, dem es jedoch vielleicht unmöglich erscheint, Demjenigen einmal als Gattin anzugehören dem es bisher wohl nur aus Mitleid Freundlichkeit erwiesen!" „Ludwig", antwortete Anna in schmerzlichem Ton, „Du thust mir bitteres Unrecht, und eine solche Anschuldigung habe ich nicht um Dich verdient!" „Du könntest also darauf eingehen, mit mir, als mein geliebtes Weib, denn, Anna, so lange ich über meine Gefühle klar zu denken vermag weiß ich, daß ich Dich mit aller Kraft, deren mein Herz fähig ist, liebe, auf dem Buchennof zu wohnen, der dann ein Paradies für mich sein würde?" rief freudig der Jüngling aus. „Ja, Ludwig", entgegnete mit tiefer Bewegung die Försterstochter, und blickte voll Liebe auf ihren einstigen Spielgefährten, dessen Augen jetzt eine unbeschreibliche Freude ausdrückten, „ich will Dein Weib werden, sobald Du mich von meinen Eltern forderst, will Dir durch meine Liebe zu ersetzen suchen, was Du seit Deiner ersten Kindheit schon entbehrt —" „Anna, sprach Ludwig mit sichtlicher Rührung und umschlang sie zugleich mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit, „Ana, meine Braut!" und Alles um sich her vergessend, tauschte das jugendliche Paar den Verlobungskuß aus. Dann entrang sich Anna plötzlich seinem Arme, und sagte hastig und mit verändertem Gesichtsausdruck: „Ludwig, meine Frage, die Du mißverstanden und unterbrochen —" „Worauf bezog sie sich, Geliebte?" „Auf Deine Eltern! — Dein Vater —" „Wohl wußte ich, daß dieser Einwand Deinerseits kommen wurde, und so lange ich auf diese Stunde der Entscheidung gewartet, habe ich mich auch vorbereitet, ihn zu widerlegen! —" „Und was wird Dein Vater, wenn Du ihm unsere Verlobung mittheilst, sagen?" „Er wird sich wundern, daß ich gewagt sie einzugehen!" antwortete Ludwig von Bodenwald mit einer Ruhe und Sicherheit, die Anna bisher noch nicht an ihm gekannt. „Er wird sie für nichtig erklären und Dir gebieten sie aufzulösen!" „Das kann er nicht, denn ich bin mündig und damit Herr meiner Handlungen!" „Dein Vater wird Dich enterben, wenn Du Dich seinem Willen widersetzest —" „Auch das kann er nicht, Anna", entgegnete zuversichtlich ihr Verlobter, „denn er muß unsern Familienbestimmungen gemäß handeln. Während der langen Abende des vergangenen Winters habe ich mich mit den alten Papieren bekannt gemacht, die im Wand- Schrank meines Vaters Arbeitszimmer verschlossen liegen, darin aber nicht gefunden, daß ein Bodenwald seinen Sohn enterben kann, wenn dieser eine Bürgerliche heirathet!" „Meine Eltern aber werden kaum ihre Zustimmung zu einer Verbindung geben, die die Deinigen nicht billigen —" „Anna, theure Anna, quäle Dich und mich jetzt nicht mit solchen Gedanken, sondern vertraue mir und laß mich gewähren", erwiderte, das jugendliche Haupt mit dem reichen goldblonden Haar, und den blitzenden, blonden Augen hoch aufrichtend, Ludwig von Bodenwald. „Vorderhand darf natürlich Niemand unsere Verlobung erfahren, das mußt Du mir versprechen." — „Ich verspreche es Dir, Ludwig, wenngleich ich bisher nie ein Geheimniß vor meinen Eltern gehabt", antwortete seine Braut, deren sonst so heitere Gesichtszüge einen ernsten, nachdenklichen Ausdruck hatten. „Sie werden es Dir später gewiß verzeihen", entgegnete ihr Verlobter mit ruhiger Entschiedenheit. „Wenn ich erst den Buchenhof zur Zufriedenheit meines Vaters allein verwaltet, und ihm dadurch beweisen kann, daß ich nöthigenfalls im Stande bin, Deinen und meinen Unterhalt zu erwerben, will ich Dich als Frau von Deinen Eltern begehren, und die Erlaubniß der meinigen zu unserer Verbindung fordern!" „Es sei» wie Dm sagst, Ludwig", erwiderte Anna, welcher die ruhige Sicherheit ihres Verlobten zwar Muth einflößte, indeß noch immer nicht ohne Bedenken war. „Meine Eltern werden von mir noch nicht erfahren, was sich soeben in dieser Baumhütte zugetragen." — „Und alles Uebrige überlasse mir, theure Anna, Du wirst schon sehen, daß ich meine Pläne wie meinen Willen auszuführen vermag. Doch nun muß ich nach Hause eilen, damit nicht Bergmann's auf mich warten, oder vielleicht gar zu Vermuthungen kommen, Auch geht es nach dem Essen wieder in's Feld, wo noch viel Arbeit zu besorgen ist, weil ich zum Empfang meiner Eltern diesen Abend frühzeitig im Schlosse sein muß!" Nach einer innigen Umarmung verließ Ludwig von Bodenwald seine Braut und ging so schnell es seine Gebrechen zuließen dem Verwalterhause zu. Anna aber blickte ihm mit dem Ausdruck zärtlicher Liebe in den dunklen Augen nach und sagte ernst und sinnend: „Ob wir Recht gethan, ich weiß es nicht, doch konnte ich nicht anders, denn mein Herz gehört ihm und wird ihm immer gehören, und nur ich kann den armen Verstoßenen, den Niemand von den Seinen liebt, glücklich machen, denn für mich sind alle seine Schwächen und körperlichen Mängel nicht vorhanden!" und langsam den Weg nach dem Försterhause einschlagend, gelobte sie sich streng über ihr und Ludwigs Geheimniß zu wachen, damit Niemand es binnen der folgenden zwei Jahre ahne. — (Fortsetzung folgt.) ««ldk-vner. Ueber Wetter- und Herren-Launen Runzle niemals die Augenbraunen; Und bei den Grillen der hübschen Frauen Mußt Du immer vergnüglich schauen. Goethe. Der Schnupfen der Seele, den man wohl viel zu gelinde üble Laune nennt, verbreitet sich über Alles, was der Angesteckte berührt, begleitet ihn zu seinen Geschälten, hinkt neben ihn auf seinen Spa- ziergängen und verlöscht die lauterste Flamme der geheiligte» Freundschaft. Arbeite und bewege Dich W werden Seele und Körper sich einander so begegnen, als pichten sie die ehemalige Freundschas wieder zu erneuern, die ein geringes Mißverständlich unterbrochen hat. Thümmel. Wird Deine Jugend gemartert und beraubt, so blüht sie Dir im Alter nach, ivie der Rasenstück, dem im Frühling die Blätter ausgerissen werden, im Winter Rosen trägt. So hoffe, Erdensohn. Jean Paul. Hast Du etwas Gutes gethan, so vergiß es und thue etwas Besseres. Ein Jeder sucht ein All zu sein, Und Jeder ist im Grunde nichts. Lavater. Platen. Plaudereien für's tägliche praktische Leben. Von Dr. I. A. Schilling. Euer Wo h'l geboren! Hochwohlgeborenl Wie viele Briefe haben täglich die Posten zu befördern, auf denen in einfacher oder Schnörkelschrift obenan das „Seiner oder Ihrer W o h l g e b o r e n" pranget» Ich möchte diese täglich geschriebenen Wohlgeboreu nicht zählen. Es ist eine alte Sitte oder Unsitte, Jeden oder Jede, die ein bischen etwas sind — mit „Wohlgebore n" zu traktiren. Und Wer wollte so unhöflich sein, diese Formel das Wohl oder Hochwohl? oder Edel oder Hochgeboren? zu vernachlässigen? Und fragen wir uns, — die Hand auf's Herz offen und ehrlich — was denkt der Schreiber des „Wohlgeboreu" in der Regel dabei? — Meist ja in vier- fünftel der Fälle gewiß Nichts. Würde man beim Niederschreiben solcher Höflichkeitsformen wirklich seinen Gedankenapparat in Thätigkeit setzen, so würde sich zeigen, daß der Hochgeborne manchmal ganz tief unten in einem „kühlen Grunde" und der Nicht« wohl oder Niedergeborne wirklich hoch d. i. droben an der Schneegränze zur Welt kam. Und wie ist's wirklich mit dem Wohl und noch Wohler, dem H o ch- wohlgebornen? Sehen wir nicht täglich Hunderte an uns vorüberschleichen, -huschen, -fahren, -hinken, die „w o h l g e b o r e n" genannt werden und die ihr Geborensein bedauern und ihr Wohl oder Hochgeborensein überhaupt geradezu verlachen oder beweinen, wenn nicht sogar verfluchen. Geboren sind wir, die wir auf diesem Planeten uns herumtreiben und den Kampf um's Dasein kämpfen, Alle aber das wie? ist die große Frage? Leider sind gar Viele bei ihrer Geburt statt wohl oder sehr d. i. Hochwohl — im Gegentheil sehr unwohl, sehr krank, schlecht, siech und elend zur Welt geboren worden. Oft klingt es genau und naturwissenschaftlich betrachtet, wie bitterer Hohn, einen elenden mit Krötenbauch, Hühnerbrust und Säbelbeinen zur Welt gekommenen — Halbcretin Wohlgeboren zu nennen I Man thut's aber doch, wenn der Mensch nur ein bischen was geworden ist oder ein wenig mehr Geld hat, als andere arme Teufel seiner Umgebung! „W ir sind halt ein höflich Volk", sagt der Wiener und küßt jedem „Gnaden" von Geldmäckler die nickelschmutzige Hand. Dagegen ist mancher Holzknecht im bayerischen Gebirge, — den man „dutzt" oder „erst" und ihm auf dem Briefe kein Wohlgeboren gönnt, sondern ihn nur „den und den Hans oder Michel titulirt, wirklich recht wohl und weil er droben in der Hütte an der Felsenwand zur Welt kam, wirklich hoch und wohlgeboren also h o ch w o h l g e b o r e n zugleich. Dies zeigen ja seine geraden Glieder, sein kernig frisches Aussehen, seine geistige Kraft, seine körperliche Gewandtheit u. s. w. Kurz und gut, beim wirklichen Wohlgeboren, bei dem man auch wirklich etwas denkt, kommt es vor Allem darauf an, ob man wirklich wohl d. h. frisch und gesund in dieses irdische Dasein trat, oder ob man als Siechling und Schwachmatikus schon das Licht der Welt erblickte. Aber gerade bei uns Europäern spielt die Erblichkeit d. h. die angeborne Anlage zu Krankheiten oder spielen auch die von Vater oder Mutter übertragenen wirklichen Krankheiten eine Hauptrolle. Sind ja gerade die schlimmsten Uebel und die unheilbarsten und qualvollsten allmeist mit an's Licht der Welt gebrachte. Sind nun solche mit erblichen Leiden Geborne, wirklich wohlgeboren? Gewiß nicht. — Wer in Neichenhall oder Davo's oder Kreuth die Leberthran- und Ziegen-Molken- kneiper oder Bergluftschnapper fragen wollte, wird von Vielen erfahren, daß solche sehr schlecht geboren wurden. Wer eine Krankheitsanlage oder wirkliche Krankheit von seinen Erzeugern ererbt hat d. h. mit solcher, höchst bedauernswerthen Mitgift zur Welt kam, ist nur nicht wohl, sondern sogar sehr unwohl, sehr übel geboren. 237 Ja es liegt eine großartige, erschütternde Mark und Bein durchdringende Wahrheit in den paar Liederzeilen: „Und die Kinder, die mich erben, Erben anch mein Fleisch und Blut!" ' Wenn auch die nachfolgende Erziehung und sogenannte Kultur des jungen und wachsenden Menschen die ererbte schlimme Anlage etwas zu fördern oder auch zu hemmen ^ vermag, ganz wird diese üble Erbschaft n i e erlöschen und zwar schon deshalb nicht, , weil auch das alte deutsche Volkssprichwort hier gilt: „Wie die Alten sungen, So zwitschern die Jungen, d. h. weil die Jungen meist durch das Beispiel der Alten angezogen in die Fußstapsen der Eltern treten, welche gar oft sich ihre Uebel, die sie weiter vererbten, anjubilirt und durch Saus uns Braus angeworben haben. — Die Sprößlinge oder Kinder sind aber so enge mit ihren Erzeugern verbunden, wie die Rose mit ihren Zweigen. Aber auch der Brand des Getreides ist mit der Mutterähre engstens verknüpft und die faule Kartoffel hängt so fest am Mutterknollen wie die gesunde. Fast Alles aber kann sich vererben, Hautfarbe, Haarwuchs, oer gesammte Körperbau, die Haltung, eine langsam einherschreitende wie eine zappelnde Figur u. s. w. Taubstummheit und sogenannte Hasenscharten erben sich so oft fort wie schielende Augen und Adlernasen oder wie Sanftmuth und Wildheit. Schon Horaz singt: „Wilde Geier werden nie zahme Tauben erzeugen!" — Doktor Baumgärtner erzählt in den „Vermächtnissen eines klinischen Arztes" er habe in einer Stadt die Geschichte der Blödsinnigen amtlich aufgenommen und gefunden, daß dort unter 43 solcher Blöden volle 42 aus geistig zerrütteten Familien stammen, welche dem Trunke ergeben waren. Wir dürfen jedoch dabei nicht vergessen, daß es ebenso gut unverschuldeten Blödsinn wie unverschuldete Brandbeschädigung gibt. Eine Hauptschuld des Nichtwohlgeborenseins liegt bekanntlich in den Ehen. Nachdem die Ehe der Neuzeit meist nichts weiter zu sein scheint, als ein gegenseitiger Vertrag, nachdem nur selten vollste Liebe und Sympathie weder Gesinnungsähnlichkeit noch körperliche Vorzüge, sondern gar oft nur Geld und Gut und andere soziale Standes-, Protektions- oder dergleichen noch mehr andere verwerfliche Interessen den sonst so geheiligten Ehebund auf dem Markte des Lebens schließen lassen, nachdem und seitdem dieser Kauf oder Verkauf häufig vorkommt, ist auch das erbliche Unheil sehr viel größer geworden. Heutzutage heirathen nahe oder nächst Verwandte oft ohne ' Spur von gegenseitiger Neigung zusammen, damit die Kapitalien und der Refach in den , Familien schön beisammen bleiben. Gar oft heirathen noch unmündige, unreife Knaben ^ und Mädchen aus finanziellen oder Familieninteressen. Wie oft heirathen alte, decrepide, abgehauste Lebemänner irgend eine abgetragene, in ihren alten Tagen eine gute Erbschaft gemacht habende Wirthschaften» wegen des „uuri suoras kumis" d. h. aus Geldhunger und zur Sicherung weiterer Subsistenzmittel? Traurig aber wahr! Schon Confucius erlaubte seinen Chinesen nicht, daß zwei Leute mit gleichem Familiennamen zusammen heirathen. Eines der hochwichtigsten Kirchengesetze für's praktische Leben ist gewiß das Verbot der Verwandtenheirathen. Solon verbot den Athenern, ihren Töchtern eine Mitgift zu geben, damit ja die vernünftigen und natürlichen Motive der Ehe von dem Gelde nicht überragt werden. Ja die Kinder erben leider die Sünden der Väter bis in's dritte und vierte Glied ^ und werden so oft „schlechtgeborne" Menschenkinder. — Es „menschelt", wie Joh. Scherr sagt, gar oft und vielfach. Verbindungen von alten Leuten sind ebenso unerquicklich, wie die von allzu jungen. Hippel sagt: „Alte Jungfern werden in der Regel überfromm und alte Hagestolze sind meist gottlos, darum schon paffen sie nicht zusammen. 238 Die Mitgift wird aber, wie das Wort schon sagt: nicht selten zum schlimmsten der Gifte und mit Gift ist gar schlimm umzugehen. — Die Kinder von sehr jungen Eltern werden meist schwächlich. Frühzeitig alte Frauen, Leidensschwestern und Jammerbasen ersten Ranges, finden sich zahlreich unter allzufrüh Verheiratheten und wer Aerzten und Apothekern, Kurorten und Heilanstalten, „mit und ohne Schwindel« wie Sonderegger treffend ^ sagt, dauernde Beschäftigung und Bevölkerung geben will, — der copulire — Kinder! Hektische Familien sind höchst gefährlich für die Bevölkerung der Welt. Gefährlicher sind solche mit Epileptikern und Irren, am allergefährlichsten ist aber die Dummheit und die Geldgier, erstere ist gleich trostlos im Reichthum wie in der Armuth, unvergeßlich und erbarmungslos vererblich, — letztere ist gemein und erzeugt viele Niedertracht. Auch diese ist erblich und unheilzeugend. Gar so gerne heirathen viele aus Geldsucht. Die Kinder aber kommen gar oft mit blinden Augen zur Welt, namentlich bei Reichen. Darum gibt's heute blinde, auch so viele blinde Augen, die nichts mehr vom poetischen Glauben an eine bessere Zeit und an ein Ideal wissen und sehen wollen und nur noch für edle Metalle, Gewicht, Länge- und Hohlmaße eine Seh- und Empsindungskraft besitzen. Wie oft heirathen nach jetzigen, laxen Prinzipien, erblich sieche, in Fabriken beschäftigte oder ebenso sieche an der Börse schachernde decrepide Jünglinge, — irgend welche bleichsüchtige scrophulöse Dirne oder ein krampfsüchtiges Fräulein? Die Folgen bleiben sicher nicht aus. Von den sämmtlichen männlichen Nachkommen solcher Ehepaare sind oft kein Zehntel tauglich — als Vertheidiger des Vaterlandes ihre Pflicht zu thun. Dafür muß dann der kräftig gesunde Schlag des Bauern oder Mittelbürgers Gut und Blut opfern. Das Siechthum sitzt dann zu Hause hinter dem Ofen und pflanzt sich fort. Die kräftige, zur Verbreitung der Nasse und Verbesserung der Generation taugliche Gesundheit aber tränkt vorzeitig den wälschen Boden mit seinem Herzbluts — und stirbt ohne Nachkommen. So tief einschneidend für's ganze spätere soziale Wohl sind unpassende Ehen. — „Jede Schuld rächt sich auf Erden« — wenn auch nicht gerade heute und morgen. — Einer der hauptsächlichsten in der Neuzeit so häufig zu Mord und Selbstmord führender, meist ererbter Zustand ist die sogenannte Nervosität. Diese gewaltige und dunkle Macht in unserem geistigen Culturzustande, deren unheilvolle Tyrannei oft übersehen wird, wie auch W. A. Riehl richtig betont — ist erblich. Diese krankhafte Nervosität ist aber vielfach die Ursache zu den schlimmsten sozialen Uebeln und Gebrechen auch nicht selten zu Verbrechen. , Diese krankhafte Reizbarkeit des Nervensystems wird nicht selten irrthümlich das genannt, was man auf modernem Gebiete der Kunst und Literatur „genial« i betitelt. In ihr, dieser krankhaften Nervosität wurzeln auch die meisten unserer modernen ^ Phantastereien. Welcher Vollgehalt unverdorbener, natürlicher Nervenkraft spricht zum Beispiel aus den Werken eines Shakespear's, Michel Angel o's, Händel s, B a ch' s gegenüber den oft krankhaft bizarren Kunst- und Dichtungswerken eines-ja „Nomina, oäiosa snnt" — um eines entweder aus einer Irrenanstalt Gekommenen oder für dieselbe wohl reifen Poeten, Musikers, Farben- oder Pinselkünstlers I — Sind solche hyper-nervöse Menschen auch manchmal genial genannte wirklich wohlgeboren? — Der wirklich wohlgeborne Geistesheld ist in der Regel auch langlebend, weil körperlich und geistig gesund. Denken wir nur an einen Kaiser Wilhelm, Humbold, Goethe, v. Kobell, Ringseis u. s. w. Diese Männer sind wahrlich hochundwohl- ^ geboren zugleich. Auch die Hypochondrie, dieses Chamäleon aller Krankheiten, mit ihren Tantalusqualen für den Besitzer und für Andere zugleich, ist erblich. Dieses Zerrbild menschlichen Daseins, dies Leiden, das für die Umgebung nicht nur höchst beschwerlich, sondern auch 239 wegen Weiterverbreitung auch durch geistige Ansteckung gefährlich wird, ist vielfach eine Mitgift der Eltern. Ist etwa solch ein Hypochonder wirklich wohlgeboren? — Hierher gehört auch die Schwindsucht mit ihrer Schwester Scrophulose. Legionen von Phtisikern danken ihr Elend ihren Eltern. Eine Summe von Eigenthümlichkeiten des Körperbaues werden von den Erzeugern den Kindern mitgetheilt, aus denen sich dann die Scropheln und Tuberkeln herausbilden. Ist etwa solch ein Sprößling wohlgeboren, dessen Hauptbeschäftigung Husten und dessen Körperzier Geschwüre sind? Außer allem Zweifel steht auch die Erblichkeit von Krebsgeschwülsten. Ist zum Beispiel der Vater krebsleidend, die Mutter außerdem an einem constitutionellen, (d. h. auf einem kranken Blutleben beruhenden) Leiden z. B. Blei-Quecksilberdyscrasie, Scrophulose rc. zehrend, dann kann es leicht vorkommen, wie B. W. Nichardson erzählt, daß, wie die traurige Erfahrung lehrte, das erste Kind an fressender Flechte (Imxus), das zweite an Lungenschwindsucht, das dritte an Gehirntuberculose und Fallsucht, das vierte an Zuckerharnruhr, das fünfte und letzte aber an Krebs zu Grunde geht. , Für viele solcher elend geborner Kinder ist es noch am Besten, recht bald zu Grunde zu gehen bevor sie etwa groß geworden, durch allenfallsige spätere Heirathen wieder neuen Unglücklichen das Leben geben. — Erblich ist auch die Gicht, wie neuerdings Jonathan, Hutchinson und Andere nachgewiesen haben. Fast ausschließlich wird das Podagra vom Vater auf die Kinder und ausnahmsweise nur von der Mutter weiter vererbt. Die Uebertragung der Lustisuche oder Syfilis ist allzu bekannt, als daß man darüber weiteres zu sagen brauchte. Auch von Vätern erbt sich das Uebel auf die Mütter» ebenso oft sogar auf die noch ungebornen Kinder fort. Sind solche mit dem Kainszeichen der Lues Behafteten wenn auch „von" zugenannt, etwa Wohlgeboren? Erblichkeit ist auch ziemlich häufige, ebenso fruchtbare wie furchtbare Quelle des Jrrseins. Was bei Großeltern oft nur „Nervosität" gewesen, wird bei den Enkeln Wahnsinn, besonders wenn gleiche Lebensverhältnisse fortdauern und das Blut nicht durch slückliche Kreuzung verbessert wird. Nur aller Jrrseinsfälle soll nach Angabe des berühmten Doktors Moreau nicht vererbt sein und bei d/,„ soll Erblichkeit als Veranlassung in Betracht kommen. Gar oft ist „Sauferei", d. h. Trunksucht der Eltern die Ursache des Jrrseins bei den Nachkommen. Meine Erfahrungen bestätigen dies vollkommen. Ich hatte einmal während eines Monats drei Geisteskranke in eine Anstalt zu schaffen. Der Eine, ein Kaufmann, hatte einen Vater» der bereits wiederholter Bewohner derselben Anstalt gewesen, der zweite — hatte einen Trunkenbold zum Erzeuger. Dieses Irren noch einziger Bruder ist aber ein Idiot. Die dritte Kranke — der gräßlichste Fall, der mir in meiner langen Praxis vorkam, war eine wunderhübsche» üppig gebaute, junge Dame, die an ihrem Hochzeitstage tobsüchtig wurde und die ich nur mit Aufwand aller Mannskraft in die Anstalt bringen konnte. — Das Mädchen war körperlich vortrefflich geformt und in ihrer Aeußerlichkeit „Wohlgeboren." — Der Geist aber sehr schlecht geboren! Ihr Vater hatte sich vorher in einem Anfalle von Melancholie erhängt, ihr Bruder hatte sich in einem Delirium zum Fenster hinausgestürzt. — Nur mit Haarsträuben denke ich an dieses Mädchen — das ihr baldiges Ende im Wahnsinne fand. In jedem Lande steigt aber der Irrsinn mit der zunehmenden Trunksucht. Mit der Trunksucht, die auch nicht selten angeboren wird und ebenso mit der Nervosität steigern sich die Selbstmorde zur schaudererregenden Höhe. CretiniSmus ist erwiesenerweise erblich, wie die Taubstummheit. Ebenso der Kröpf. Diese Uebel werden meist durch die Väter fortgepflanzt. Auch die Hämo- philie (d. i. Bluter-Krankheit) wie die Epilepsie sind bekanntlich häufig; erstere fast immer durch Erbschaft entstanden. Der gesammte moralische Charakter der Kinder hängt gar oft von den Eltern, meist von den Müttern ab. 240 Nicht leer und eitel ist der Spruch: „daß Tugenden und Laster mit der Muttermilch eingesogen wurden." Schon Lucretius CaruS in seiner Naturgeschichte sagt mit Recht: „Gar oft tragen die Enkel und Urenkel der Großvater und Urgroßvater Gestalten und Zustände an sich." Noch einige Zahlen zur Beweisführung. Nach einer Aufnahme von Landes waren von 287 taubstummen Personen 79 von Geburt an taubstumm und davon entsprangen 24 aus Ehen zwischen Blutsverwandten. Howe berichtet uns von 17 unter den nächsten Verwandten geschlossenen Ehen. Aus diesen gingen zusammen 95 Kinder hervor» davon waren 44 Idioten, 12 Scrophulose, 1 taub» 1 zwerghaft und nur 37 von erträglicher Gesundheit und Gestaltung. MoriS beweist, wie von 100 aus blutsverwandten Ehen hervorgegangenen Kindern durchschnittlich 61^ Prz. schlecht constituirt und krank waren. Auch geht leider die Neigung zum Selbstmorde von den Erzeugern auf die Erzeugten über, wie C. A. Dietz und Andere dies durch zahlreiche Beispiele darlegten. In dieser Beziehung sind bei uns für die nächsten paar Dezennien die Aussichten bezüglich der Selbstmordstatistik gewiß sehr trübe. Kurz und gut ich wollte nur darthun, daß gar Viele, die man Wohlgeboren nennt, dies bei weitem und leider! nicht sind und nie gewesen sind. Trotzdem wird diese Sitte — der Wohlgeborenheit-Titulatur fortdauern, wie auch die Sitte des Hutabnehmens bei Sturm und Ungewitter und wenn auch Rheuma und Ohrenreißen diese letztere höfliche Gewohnheit vielfach verleiden! — Uebrigens habe ich die Ehre, mich den wirklich „Wohlgebornen" Lesern bestens zu empfehlen. Nichts für ungut! Miseellen. (Eine wenig bekannte Beethoven-Anekdote) wird in der „Revue Arti- stique" von Brüssel erzählt: Paör hatte seine Oper „Leonore" in Wien zur Aufführung gebracht, welche ein Sujet enthielt, das Bouilly zuerst bearbeitet hatte, und welches nachträglich für den „Fidelio" diente. Beethoven hatte der Paör'schen Aufführung beigewohnt. Beim Verlassen begegnete er dem Autor, schüttelte ihm die Hand und sagte ihm in seiner gewohnten Gradheit: „Ihre Oper gefällt mir sehr gut; ich habe Lust, sie in Musik zu setzen" .... So entstand „Fidelio." (Die höchste Zeit.) An der Nandolph-Straße in Chicago wurde kürzlich in einer dunkeln Nacht ein Mann von zwei Räubern angehalten, die ihn fragten wie viel Uhr es sei. „Zündet ein Streichhölzchen an, damit ich nachsehen kann," sagte der Mann. Als das Streichholz brannte hatte er auch richtig die Uhr in der Hand, aber quer über dem Zifferblatt lag ein eklich aussehender Revolver. Es ist jetzt anderthalb Sekunden bis 11 Uhr," sagte er, „und ihr habt gerade anderthalb Sekunden Zeit zu verduften, ehe es anfängt zu schlagen." Sie verdufteten. In einem Berliner Gymnasium passirte dem Cultusmini ster neulich bei einem Besuche desselben ein hübscher Scherz. Er fragte nämlich einen kleinen Sextaner, ob er auch schon spare. „Jawohl," lautete die Antwort. Und was machst Du mit dem Gelde?" forschte der Minister weiter. „Dafür kaufe ich mir Sonntags Bonbons," antwortete prompt der kleine Kerl. Direktor und Lehrer wurden verlegen, der Minister aber lachte. Die Theorie der Schul-Sparkaffen schien ihm dadurch etwas erschüttert. (Ein gefährliches Leiden.) Ein alter französ. Richter, der sich stets einer eisernen Konstitution rühmte, kam zu einem Arzt. „Sie hier?" „Ich bin ein wenig beunruhigt über meinen Gesundheitszustand, lieber Doktor". „Ä?o sitzt denn das Uebel? Im Kopf, im Magen?" „Nein, das ist Alles in Ordnung, aber in letzter Zeit litt ich während Gerichtsverhandlungen häufig an — Schlaflosigkeit." Tür die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler, 1883, M „Äiigglmrger Postseitimg/' o Nr. 31. Mittwoch, 18 . April Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) III. In dem stattlichen Hause des Landkammerraths, das in der Residenz neben dem fürstlichen Schlosse lag, und seit seiner Erbauung der Familie von Bodenwald gehört» herrschte rege Thätigkeit, denn der Augenblick des Aufbruchs, wenigstens der beiden Gepäck- und Prooiantwagen, die den Bedarf vieler Personen für mehrere Monate ent- hie ten, war gekommen. In dem geräumigen von der Straße durch ein hohes Gitter getrennten Vorhof, standen die bereits fertigen Fuhrwerke, und lautes Sprechen und Pferdestampfen in den umliegenden Ställen ließ schließen, daß sie sogleich bespannt werden und den Weg nach Bodenwald antreten sollte». Es war gegen neun Uhr Morgens, als der Landkammerrath, welcher seine Geschäfte und Pflichten für längere Zeit erledigt, in das Zimmer seiner mit Schreiben beschäftigten Gemahlin trat und in sichtlich heiterer Stimmung, die gewöhnlich man bei ihm vermißte, zu seiner Gemahlin sagte: „Nun, wie ist's, Josephine, können wir in einer Stunde die Stadt verlassen? ich wollte die Wagen fortschicken — " „Ich habe nur diese Briefe zu beenden, lieber Bodenwald, und dann noch einmal mit der Haushälterin alle Arbeiten zu besprechen, die während unserer Abwesenheit hier vorgenommen werden sollen!" entgegnete, ohne aufzusehen die Landkammerräthin. „Schärfe ihr nur ein, sogleich damit zu beginnen, und sie nicht, wie gewöhnlich, bis zum letzten Augenblick hinauszuschieben. Wir könnten früher, als ivir denken, zurückkommen, und dann — — was geht da draußen vor? Wer mag da so laut reden?" und durch das Vorzimmer in den Hausflur tretend, sah der Landkammerrath neben seinen Bedienten einen fremden Mann, dessen schweißtriefende Stirn und staubige Kleidung andeuteten, daß er schnell und weit gegangen war. Den allgemein bekannten Beamten erblickend, zog er seine Mütze und war im Begriff ihn anzureden, als dieser ihm zuvorkam, und barsch und in strengem Ton fragte: „Was gibt's? Woher kommt Ihr? Was wollt Ihr?" „Herr Landkammerrath", begann der Bauer, seine Kopfbedeckung in der Hand hallend, und sah mit einiger Scheu zu ihm auf, „ich komme aus Langenhagen, und wollte Ihnen nur anzeigen, daß bei uns ein Unglück geschehen ist!" „Das wolltet Ihr mir anzeigen?" fragte nicht freundlicher der Herr von Bodenwald. „Was kümmert mich das Unglück, das sich in Eurem Dorfs zugetragen, habt Ihr nicht einen Arzt, den Schulzen und den Polizeidiencr? — Es wäre doch arg, müßte ich mich auch um Dergleichen kümmern", und sich abwendend, wollte er sich zu seiner Gemahlin zurückbegeben, als der momentan eingeschüchterte Landmann sich faßte, und kühner als vorher sagte: 242 „Ein Wort noch, Herr Landkammerrath! Das Unglück, von dem ich gesprochen, kümmert Sie wohl, und um ihretwegen bin ich hierher gekommen, wie Sie sogleich hören werden I — Ihr ältester Sohn liegt seit einigen Stunden in unserm Gasthaus; er hat den linken Arm gebrochen und ist außerdem noch verwundet!" „Mein ältester Sohn sollte in Eurem Dorf verwundet liegen?" unterbrach ungläubig der Landkammerrath. „Das muß ein Irrthum sein, denn er ist nicht einmal in dieser Gegend, wir erwarten ihn erst in den nächsten Tagen von B. zurück!" „Es ist dennoch, wie ich sage, Herr Landkammerrath, und der Doktor, der ihn verbunden, hat mich-, hergeschickt, um Ihnen die Anzeige zu machen. Auch hat der junge Herr mir eine Karte gegeben, die ich Ihnen einhändigen sollte", und der Bote begann nach dem ihm anvertrauten Blättchen Papier zu suchen, und zog es endlich aus einer tiefen Rocktasche hervor, in der es in friedlicher Gemeinschaft mit seiner Pfeife und seinem Tabaksvorrath gelegen. Es dem Herrn von Bodenwald reichend, sagte er triumphirend zu ihm aufblickend: „Da lesen Sie selbst den Namen, Herr Landkammerrath —" In diesem Moment öffnete Frau von Bodenwald die Thür des Vorzimmers. Sie hatte der lauten Unterredung gelauscht, und mehrfach ihren ältesten Sohn nennen hörend, fühlte sie sich von einer plötzlichen Angst ergriffen. Jetzt sah sie in der Hand ihres Gatten die Visitenkarte, und fragte hastig und in besorgtem Tone: „Hat der Mann uns irgend eine Nachricht gebracht, lieber Bodenwald?" Ihr die Karte mit dein Namen des Sohnes reichend berichtete ihr der Landkammerrath in aller Kürze, was er von dem Boten vernommen, und dieser die sichtliche Aufregung der erschreckten Mutter gewahrend, fügte hinzu: „Fahren Sie nur gleich zu Ihrem Sohne hinaus, gnädige Frau, der, als ich ging, kaum seine Besinnung wieder bekomme» —" „Wie aber konnte das Unglück geschehen?" fragte Herr von Bodenwald den Boten, dessen Schüchternheit vollständig geschwunden war, und der schnell entgegnete: „Das ist einfach genug zugegangen, Herr Landkammerrath. Die Pferde des Postwagens, in dem sich der junge Herr befunden, und der noch dazu stark besetzt war, sind vor einer Heerde Kühe, die über den Weg rannte, scheu geworden und durchgegangen, und haben den großen Kasten gegen einen Meilenstein geschleudert, daß er umgefallen und zum Theil zerbrochen ist. Es liegen noch mehrere Verwunvete in unserem Wirths- hause, die übrigen Passagiere aber hat der Postillon in einem anderen Wagen weiter gefahren, und werden sie auch wohl in der Stadt ankommen!" „Aber, lieber Bodenwald", kam die Landkammerräthin, welche um ihren Lieblingssohn die größte Besorgniß empfand, einer zweiten Frage ihres Gatten zuvor, „laß uns doch so schnell wie möglich mit dem Medizinalrath hinausfahren, und selbst sehen, wie es um unseren Sohn steht, der einige Tage früher, als anfänglich er gewollt, zurückgekommen sein wird!" Das Nichtige dieses Vorschlages einsehend, befahl der Landkammerrath dem Diener anspannen zu lassen, den Boten nach dem heißen Weg durch Speisen und Trank zu erquicken, und den Hausarzt zur Mitfahrt nach Langenhagen aufzufordern. Dann folgte er seiner Gattin in ihr Zimmer, wo sie bereits ihrer Kammerfrau hastige Befehle ertheilte, und hinzufügte, sich zur Mitfahrt nach Langenhagen bereit zu halten, wo sie vielleicht gar einige Zeit bleiben würden. „Liebe Frau", begann der Landkammerrath nicht ohne Besorgniß auf ihr bleiches Gesicht blickend, „Du solltest Dich noch nicht allzu sehr ängstigen, denn da jede Aufregung Deiner Gesundheit schadet —" „Und thust Du es vielleicht nicht?" fragte sie schnell. „Müssen wir nicht wiederum auf's Schlimmste gefaßt sein? — Denke doch nur an den Morgen, wo wir die Nachricht erhielten, daß Friedrich schwer getroffen in einer Dorfschenke liege, und wir, obgleich wir auf der Stelle zu ihm eilten —" 243 »Wozu das noch immer so Schmerzliche wiederholen?- entgegnete der Landkammerrath mit düsterem Ernst. „Laß uns hoffen, daß Hugo's Verletzungen schließlich nicht bedeutender Art sind, und wir unsern blühenden kräftigen Sohn, die Zierde unseres alten Namens, behalten. Ich könnte fast wahnsinnig werden, daß das Unglück ihn betroffen, während doch Ludwig der jämmerliche Schwächling-doch wir vergessen die Wagen, die schon nach Bodenwald unterwegs sein sollten — —- »Sie müssen einstweilen noch hier bleiben-- »Ich will einen der Knechte zurückschicken und Bergmann sagen lassen, was sich zugetragen. An Ort und Stelle werden wir schon sehen, was wir für die nächste Zeit zu beschließen haben!- Nach einer halben Stunde bestiegen Herr und Frau von Bodenwald mit dem Haus- Arzt, der Kammerfrau und dem Boten den mit vier kräftigen Pferden bespannten Wagen, und schlugen die Schloß Bodenwald entgegengesetzte Richtung ein. Mit schwerem Herzen fuhren sie an dem schönen Julimorgen dem Ziele zu, wo, wie sie nur zu gut wußten, ihr verwundeter Sohn ihrer sehnlichst harrte. — IV. »Das ist ein schweres Mißgeschick, das uns da wiederum betroffen, Kohring-, mit diesen Worten empfing drei Tage nach dem Unfall seines Sohnes der Landkammerrath seinen Förster, welcher zu seiner Begrüßung sich in's Schloß begeben und ihn in seinem Arbeitszimmer aufgesucht hatte. »Ja, Herr Landkammerrath, ein Mißgeschick, das wir Alle bedauert haben-, entgegnete der Förster, ein etwas jüngerer, doch ebenso stattlicher Mann wie der Gutsherr, dessen schwarzes Haar und dunkle Augen auf seine Tochter vererbt waren. ^.Wie steht es um den jungen Herrn von Bodenwald? — Hat er außer dem Armbruch noch anderweitig« Verletzungen erlitten?- „Für den Augenblick geht es ihm schlimm genug, wenngleich keine bestimmte Gefahr vorhanden ist-, entgeguet« mit umwölkter Stirn der Landkammerrath. »Als wir mit dem Medizinalrath in Langenhagen ankamen war sein linker Arm regelrecht von dem dortigen Arzt geschient, und wird nach Verlauf von sechs Wochen wohl geheilt sein. Außerdem hat er «ine Wunde am Kopf, die ebenfalls verbunden war, und was das Schlimmste ist, hat auch die Brust eine Verletzung bekommen, über die der Medizinalrath sich noch nicht aussprechen will oder kann.- »Auch die Brust ist verletzt?- fragt« theilnehmend der Förster, welcher unterdeß dem Landkammerrath gegenüber Platz genommen, der für ihn als einen tüchtigen und thätigen Fachmann eine besonder« Zuneigung empfand. „Mein Sohn hat beim Sturz des Wagens einige Rippen gebrochen, und muß dadurch die Lunge gelitten haben, da er beim Athmen Schmerzen empfindet!- erwiderte sichtlich bekümmert Herr von Bodenwald. »Diese Schmerzen können auch eine Folge der großen Erschütterung des Körpers sein", meinte der Förster. »UebrigenS ist es mir einmal gerade so ergangen, und haben sich die Schmerzen, als die Rippen geheilt waren, verloren!- »Und haben Sie von Ihrem damaligen Unfall keine nachteiligen Folgen behalten?- fragte der Landkammerrath mit einem fast ängstlichen Blick auf seinen Förster. „Nein, Herr Landkammerrath, denn wie Sie zur Genüge wissen, habe ich meinen Dienst seinem ganzen Umfang nach stets zu Ihrer Zufriedenheit versehen!- „Ja, ja, Kohring, und mögen Sie «S noch recht lange thun! — Auf meinen Sohn zurückzukommen, soll er, sobald er nur im Stande ist, die Fahrt zu unternehmen, nach der Stadt kommen, weil der Medizinalrath, der schon unsertwegen seine Reise aufgegeben, ihn dort unter Augen haben und besser behandeln kann!" »Und wie befindet sich die gnädige Frau nach dem gehabten Schrecken?- fragt« der Förster. „Meine Frau hat allerdings sehr dadurch gelitten, und ich fürchte auch, «S wird 244 nicht ohne nachtl,eilige Folgen bleiben. Doch denkt sie jetzt nur an die Pflege ihres Sohnes, und will ihn keinen fremden Händen überlasten!" „Dann werden wir sie hier wohl vorerst nicht sehen?" „Es ist möglich, daß wir im August kommen, wenigstens meine Frau und unser Sohn, doch läßt sich darüber noch nichts bestimmen. Ich bleibe einige Tage hier, um vor allen Dingen den Ludwig nach dem Buchenhof zu bringen, wo er dann wohl sein ganzes Leben bleiben wird, denn nach einigen Jahren muß er doch im Stande sein, das Gut zu verwalten!" „Dazu hat Junker Ludwig neben dem besten Willen auch die Fähigkeit, und wenn nur seine körperliche Kraft der semes Geistes gleichkäme —" „Ja, dieser elende, schwächliche Körper!" unterbrach mit finsterer Stirn der Landkammerrath. „Sollte man wohl, das Gesicht allerdings abgerechnet, die jämmerliche Gestalt, die kaum größer als Ihre Tochter ist, für mein n und meiner Frau Sohn halten?" „Herr Landkammerrath", entgegnete fast vorwurfsvoll und mit Nachdruck der Förster, welcher eine wahrhaft väterliche Zuneigung zu besten schwächlichem Sohn empfand, „der arme Junker hat sich diesen nicht selbst gegeben, und auch am schwersten darunter zu leiden und immer zu leiden gehabt!" „Schweigen wir von ihm", erwiderte fast rauh der Gutsherr, „er wird nie im Stande sein, etwas zum Glanz und Ruhm unseres alten Namens zu thun, denn wer wird eine solche Jammergestalt heirathen wollen? — Das wäre anders bei Hugo, den ich mit einer sehr schönen und reichen jungen Gräfin zu vermählen gedachte, und der nun mit gebrochenen Gliedmaßen, und vielleicht schon kranker Lunge in dem elenden Dorfe liegt! —" . Hoffen wir das Beste, Herr Landkammerrath", unterbrach der Förster, der seine Härte und Lieblosigkeit gegen den jüngste» Sohn stets getadelt. „Junker Hugo wird bei seiner kräftigen Gesundheit sich erhulen, zumal Sie keine Kosten zu scheuen haben!" „Der Medizinalrath hat von Seebädern gesprochen, und uns Ostende empfohlen, und würde auch die dortige Luft für meine Frau, die ihn begleiten will, zuträglich sein!" Der Förster mußte bei dieser Erklärung an den armen Ludwig denken, für dessen schwächlichen Körper und zarte Gesundheit bisher weder Vater noch Mutter gesorgt, und da der Landkammerrath sich erhob, verließ auch er seinen Platz und trat mit ihm an's Fenster. Hier siel Beider Blick auf zwei herankommende sehr verschiedene Gestalten; es waren der Verwalter Bergmann und Junker Ludwig, weiche lebhaft sprachen, und ihre Hüte zogen, als sie des Gutsherrn ansichtig wurden, welcher flüchtig grüßte und sich dem Förster zuwendend sagte: „Habe ich nicht recht? — Ein Jammer ist's um den Kopf, daß er nicht auf einen« sechs Fuß hohen Körper sitzt!" „Und mehr noch, daß der Geist und die Thatkraft, die Ihren jüngsten Sohn zu einen« der tüchtigsten Männer des Landes machen würden, nicht einen solchen beleben^, konnte der Förster sich nicht enthalten zu erwidern. „Sollte der Ludwig wirklich damit versehen sein?" fragte ungläubig der Gutsherr» „Geiviß, Herr Landkammerrath, allein da Sie Ihren jüngsten Sohn kaum kennen, können Sie das allerdings «richt wissen! — Da Sie aber sicherlich noch mit ihm zu sprechen haben, will ich mich entfernen — —" „Das habe ich in der That — —" „Nach einigen Sekunden gingen der Förster und der Verwalter dem Hause des Letzteren zu, Ludwig von Bodenwald aber betrat das Arbeitszimmer seines Vaters, mit den« er schon das Frühstück eingenommen, und der sich jetzt am Fenster niedergelassen. Auf einen Sessel deutend sagte er in gemessenem Tone: „Setze Dich, Ludwig, denn ich habe noch mit Dir zu reden!" Der Sohn kam seiner Aufforderung nach, und ihn mit unverkennbarem Jntereste betrachtend, begann der Landkammerrath.' 245 „Es ist nothwendig, noch einmal auf Deine Uebersiedlung nach dem Buchenhof zurückzukommen. Du wirst, so lange Baumgart dort ist, als Unterinspektor eine allerdings ihm untergeordnete Stellung einnehmen, doch hast Du, wie Du weißt, Deine eigene Häuslichkeit, wenn Du auch das Haus mit ihm theilen mußt!" „Die Haushälterin hat, wie ich mich vor einigen Tagen überzeugt, schon Deinem Willen gemäß Alles eingerichtet, Papa", entgegnete der junge Mann. „Ich habe es ihr dringend genug anempfohlen", antwortete der Landkammerrath. „Hoffe, tlich wirst Du Dich schnell und hinlänglich in die Lerwaltung des Gutes hineinarbeiten, damit wenn Baumgart geh', was binnen zwei Jahren gewiß geschieht, Du, obgleich immerhin noch sehr jung, es allein bewirthschaften kannst!" „Ich werde gewiß meine Pflrcht thun, Papa", erwiderte sein Sohn, und richtete mit einer raschen Bewegung den ausdrucksvollen Kopf höher auf, indem er zugleich die reiche Fülle des goldblonden Haares von der weißen Stirn zurückstrich. „Das erwarte ich auch von Dir, da ich Dir auch eine selbstständige Stellung übertragen, die zugleich, weil Du im Leben keine andere bekleiden kannst, Deinem Stande angemessen ist." Ludwig von Bodenwald's Züge umdüsterten sich, doch hatte er keine Erwiderung auf diese Bemerkung seines Vaters, der alsbald fortfuhr: „Ich werde wohl noch diesen Herbst nach dem Buchenhos kommen, doch läßt sich darüber noch nichts Näheres bestimmen, dg Alles von dem Befinden Deines Bruders abhängt, von dem man noch nicht einmal weiß, wie schwer er verwundet ist!" Des jungen Mannes Züge blieben unverändert, er enthielt sich jedoch jeder Bemerkung über den Unfall, der schon einmal besprochen war, und sein Bater fuhr fort: „Du wirst ein Viertel der Gutseinkünfte als Dein Taschengeld beziehen, ich habe Baumgart bereits angewiesen, es Dir vierteljährlich auszubezahlen. Sobald Du den Buchenhof allein bewirthschaftest, gehört Dir der ganze Ertrag desselben, doch hast Du alsdann die Kosten, die er erfordert, zu tragen. Wenngleich Du Dich von der Zeit an als Herr des Gutes zu betrachten hast, darfst Du doch ohne meine besondere Erlaubniß keine besondere Veränderung vornehmen." „Ich wüßte nicht, welcher Art die sein könnten, Papa!" „Ich in diesem Augenblick auch nicht, doch finden neue Herren leicht Veranlassung zu Veränderungen! — Etwas weiteres wüßte ich in Bezug auf Deine nächste Zukunft nicht, solltest Du noch besondere Wünsche haben-" „Ja, Papa, ich möchte Dich ersuchen, mir Einiges in der Stadt zu besorgen, wohin ich vorerst wohl kaum kommen werde." — „Darüber habe ich kein Urtheil, doch stehen Dir, wie ich Dir bereits gesagt, Wagen und Pserde, so bald es sein muß, zur Verfügung. Laß inveß hören, was Du wünschest ?" „Vor allen Dingen Bücher, um mich an den Abenden, ivo ich allein sein werde, zu beschäftigen." „ t ücher?" wiederholte überrascht der Landkammerrath, der für diese nie eine große Vorliebe gehegt, seit seine Ausbildung auf der Universität beendet, mit aller Wissenschaft abgeschlossen hatte und nur zuweilen in einem ihm gerühmten Roman blätterte. „Du — erhälst verschiedene Zeitungen — —" „Die reichen nicht aus", entgegnete Ludwig mit mehr Entschiedenheit, als er bisher gesprochen. „Auch will ich die begonnenen Srudien fortsetzen, und habe hier ein Ver- zeichniß der verschiedenen Werke, die ich dazu gebrauche." Und ein gefaltetes Papier aus seiner Brusttasche nehmend, überreichte er es seinem Vater. Dieser überblickte die mit schöner, fester Hand geschriebenen Aufzeichnungen und sagte sichtlich überrascht: „Englische und französische Spezialgeschichte in der Ursprache — — verstehst Du denn diese Sprachen?" „Ich habe sie von dem Herrn Pastor erlernt und seitdem fortgeübt!" 246 „Und davon weiß ich nichts?" An Deiner Stelle aber wiirde ich lieber englische als französische Romane lesen." „Es stehen auch einige der ersteren, die der Pastor mir besonders empfohlen, verzeichnet, die französischen Romanverfasser will ich erst später kennen lernen." (Fortsetzung folgt.) Das Muster eines katholischen Seelsorgers. * Christoph v. S ch m i d stellt, da er von seinem Aufenthalte an der Universität Dillingen schreibt, im zweiten Bündchen seiner „Erinnerungen aus meinem Leben", welches Buch wir unseren Lesern erst kürzlich ganz besonders für geisterfrischende Lektüre empfohlen haben, als solches den Pfarrer Jgnaz Valentin Heggelin» einen Freund des hochseligen Sailer, dar. Die hübsche Erzählung mag hier Platz finden. Echmid schreibt: Jgnaz Valentin Heggelin, Pfarrer in den gräflich stadionischen Marktflecken Warthausen und Kämmerer des Landkapitels Biberach, war ein wahrhaft großer Mann, von ausgezeichneten natürlichen Geistesgaben, seltener Weisheit und Menschenkunde, und als Seelsorger von allumfassender, unermüdeter Thätigkeit. Er hatte Sailer's Schriften gelesen, wünschte ihn näher kennen zu lernen, lud ihn auf das Pfingstfest zum Predigen ein, und fand alle seine hohe Erwartungen weit übertrofsen. Beide wurden innige Freunde. Sailer schickte mich zu ihm. „Em künftiger Seelsorger", sagte er, „kann im Umgänge mit ihm niehr lernen, als in allen meinen Vorlesungen." Heggelin behielt mich einig« Tage, ja Wochen bei sich. Er schenkte mir vom frühen Morgen bis zum späten Abende alle seine freien Stunden. Ich fragte ihn über Vieles. Wenn ihn aber seine Geschäfte riefen oder, bevor ich mich am Abende zur Ruhe begab, zeichnete ich jedesmal auf, was er mir gesagt hatte. Am folgenden Morgen forderte er mich auf, wieder Register zu ziehen, wie er zu sagen pflegte. Was ich damals aufzeichnete, hat Sailer in Heggelin's Biographie aufgenommen. Doch mag noch «ine kleine Nachlese stattfinde». Heggelin ließ sich durch nichts von Befolgung der kirchlichen Anordnungen abhalten, und zeigte da einen strengen entschiedenen Ernst. Einst war eine ansehnlich« Gesellschaft bei ihm, und eben in einem interessanten Gespräche mit ihm begriffen. Da läutete man die Gebetglocke, zur Erinnerung an den Gruß des Engels und an die Menschwerdung des Sohnes Gottes. Er brach das Gespräch augenblicklich ab, und sprach mit der ihm eigenen Energie: „Da jetzt die ganze Pfarrgemeinde auf den Knieen liegt und betet, so wäre eS schlecht, wenn der Pfarrer allein von andern Dingen reden wollte. So wichtig diese Gespräche sein mögen, so ist nach fünf Minuten noch Zeit dazu." Er betete stillschweigend, und auch alle Anwesenden beteten. So ernsthaft er aber sein konnte, so freundlich war er, zum Beispiel gegen Kinder, gleich der liebreichsten zärtlichsten Mutter. Von den Heilsmitteln, welche die Kirche uns darbietet, machte er gewissenhaften Gebrauch. Er pflegt« jede Woche zu beichten. An jedem Freitage kam ein frommer Geistlicher aus der Nachbarschaft zu ihm, um ihn Beicht zu hören. Einmal, da mehrere Gäste da waren, ging Heggelin mit ihm in ein anderes Zimmer, und als er zurückkam, war sein Angesicht — was auch Sailer einmal bemerkt hat! — von sanftem mildem Glänze wie verklärt und so helle, als fiele ein Strahl der Sonne oder des Mondes darauf. Ich glaubte nun zu verstehen, was die heilige Schrift mit den Worten sagen wollte: „Das Angesicht des Stephanus habe geleuchtet." Heggelin hatte auch ein sicheres Ahnungsvermögen, desgleichen wohl jedein Menschen einwohnet, das aber nur bei sehr ruhigen, von Leidenschaften gereinigten Gemüthern sich äußern kann. Er hatte mir und einem Freunde versprochen, nach Tische mit uns nach Biberach zu gehen. Er säumte aber lange bis er Hut und Stock nahm, ging sehr langsam, blieb unterwegs öfter im Gespräche stehen, und setzte sich zuletzt gar auf «ine von 24? Bäumen beschattete Bank, die nächst dem angenehmen Spaziergange von Warthausen nach Biberach angebracht war. und die er die wohlthätige Bank zu nennen pflegte. Ich begriff nicht, warum er gar so sehr zögere und dachte, er habe gar nicht mehr im Sinn, heute in die Stadt zu gehen. Da kam auf einmal ein schöner, wohlgekleideter Herr zu Pferde hierher gesprengt, grüßte Heggelin schon von Weitein, stieg ab und sagte, auf seiner sehr eiligen Reise sei er nur für einige Stunden nach Warthausen gekommen, habe in dem Pfarrhofe vernommen, Herr Pfarrer sei gegen Biberach hin spazieren gegangen; er freute sich sehr, seinen väterlichen Freund doch wenigstens auf einige Augenblicke zu sehen. Dieser Herr war der Graf Philipp von Stadion, nachmals kaiserlich-österreichischer Minister. Beide gingen jetzt, angelegentlich miteinander sprechend, auf und ab. Der Graf schwang sich dann wieder auf sein Pferd und eilte weiter. Heggelin sprach hierauf zu uns: „Es war mir immer, heute Nachmittags dürfe ich mich nicht weit von Hause entfernen. Ich sagte deshalb, bevor ich ging, zu meiner Haushälterin, wenn etwas vorfallen sollte, so sei ich auf dem Wege nach Biberach, bis zu der ihr bekannten Bank sicher zu treffen; denn ich dachte, wiewohl wir heute nicht nach Biberach kommen, so ist es in dem schönen Rißthale doch ein angenehmer Spazier-, gang. Meine Ahnung hat mich auch nicht getäuscht." Als beide Grafen Lipps und dessen Bruder Fritz, nachmals kaiserlich-österreichischer Gesandte in München und späterhin Armee-Minister, noch Knaben waren, harten sie den Pfarrer Heggelin, der mit ihnen so liebreich umzugehen und sie, wie sonst Niemand, zu unterhalten wußte, von ganzem Herzen lieb gewannen. O, wie oft erzählte Heggelin mir von ihnen! Er sprach auch immer von deren Eltern, besonders deren vortrefflichen Mutter, Gräfin Luise, mit Ehrfurcht, Liebe und Anhänglichkeit. Als Jünglinge brachten die Grafen Lipps und Fritz ihm einmal Schiller's Schauspiel „die Räuber", das Goethe die erste vulkanische Explosion eines Genie's nennt. Die Hauptpersonen darin hatten sie hingerissen; wie denn die Ruinen eines großen Gebäudes noch immer mehr interessiren, als das artigste Gartenhäuschen. Vieles aber hatte ihnen, als zu gräßlich, mehr mißfallen. Sie wollten hören, was Heggelin dazu sage. Er wußte über Alles, worüber er gefragt wurde, etwas Treffendes und geeignetes vorzubringen. Was war aber da zu sagend Heggelin sagte: „Ich vermuthe, der Verfasser habe zeigen wollen, daß adelige Jünglinge, aus deren Erziehung so Vieles verwendet wird, wenn sie doch ausarten sollten, äußerst böse und grundschlechte Menschen werden." Der berühmte Schriftsteller Wieland, damals noch Stadtschreiber in Biberach, hielt sich viel bei der gräflichen Herrschaft in Warthausen auf. Er lernte Heggelin kennen, und ehrte ihn sehr hoch. Einst kam die Herrschaft in den Gottesdienst und Wieland begleitete sie. Heggelin bot dem Grafen und der Gräfin Weihwasser, ihm aber nicht. Wieland fragte nachher: „Warum haben Sie mir kein Weihwasser geboten?" Heggelin sprach: „Weil Sie, Ihrer Konfession zufolge, das Weihwasser als eine leere Zeremonie betrachten müssen, ich aber die Gebräuche meiner Kirche entweihen würde, wenn ich sie zu bloßen Höflichkeitsbezeugungen herab würdigte." Der angesehenste Beamte und Rath der gräflichen Herrschaft Stadion sagte mir einmal: „Pfarrer Heggelin ist ein Mann von ganz außerordentlicher Einsicht und Willenskraft; er eignete sich zu einem ganz vortrefflichen Papst." Sailer hat Heggelin's Biographie geschrieben. Jeder Seelsorger sollte sie lesen. Mich beschämt sie tief. Wie wenig, wie nichts erschein' ich mir, wenn ich mich mit Heggelin vergleiche. Freilich kann nicht jeder mit Adlern fliegen; allein Heggelin's Leben und Wirken sollte doch Jeden anregen, nicht auf einer niedrigen Staude oder ganz auf der Erde sitzen zu bleiben. — 248 Miseelleir. (Prinzessin Ludwig von Bayern). Die „Epoca" veröffentlicht abermals ei» Gedicht der jungst vermählten Infantil! Donna Paz de Borbon, welches der am 5. d. Mts. in Madrid unter Anwesenheit des kgl. Hofes vollzogenen Grundsteinlegung einer neuen Kirche seine Entstehung verdankt. Die „Allg. Ztg." stellt den spanischen Wortlaut und eine sich in Form und Inhalt möglichst treu an das Original anschließende Uebersetzung neben einander, wobei sie meint, daß die Schlichtheit und rührende Innigkeit des Gefühlsausdrucks, welche aus den kunstvollen Seguidillen der erlauchten Verfasserin sprechen, auch nicht entfernt erreicht seien. Das Gedicht ist der Schutzheiligen der Kirche, der Virgen de la Almudena, gewidmet und lautet: jOd Vwgon oaorosanta l>6 tu -rlmuckona! Rozc voiiZo amo tu plsuta Övtt uns. pena. Vicgsn ütuiia, Oonsuota, eowo siemprs, Dl alma mia. * Rux ssres ev el wuucko, Leres gngriäos, tzuo anbelo ver alegrss, Ikuuca aüigickos . . . ;Ob Vtigen dc»va, lw imptoro ante tu uiiLgeu tüö ka ^Imuckeua! vios, st crear 6> muucko, Viö xa 8808 S6l'68, 1k uuu gutüä tes reserva keuas erueles. lrtts gue cmmbie Docks s inis slogriss t?or sus pössres. 1k 8! tü 88 to ckieös 6uat z'v to pick», La ckö iiuoör to guö guioroo Du 8>jo guericko. 1k xv, sereus, Oraeias ckarö 4 tu imägsa Os Is ^twuckens. Jungfrau von Almudena, Voll Huld und Gnaden, Sied mich zu Deinen Füßen Mit Gram beladen! In keiner Schickung Sucht' ich bei Dir vergebens Trost und Erqnicknng! Es lebt manch theures Wesen Mir auf der Erde, Das gern ich glücklich sähe, Frei von Beschwerde . . . Vor Deinem Bilde Von Almudena fleh' ich: Füg' es, Du Milde! Gott sah am ersten Tage Schon diese Wesen, Vielleicht zu schwerer Drangsal Von ihm erleien. Sag' ihm: nnt Freuden Tausch' ich das Glück des Lebens Um ihre Leiden! Sagst Du's, wie ich's erflehe Mit heißen Zähren, So wird Dein lieber Sohn es Dir gern gewähren. Und ich, Du Milde Von Almudena, spende Dank Deinem Bilde. (Die kürzeste Depesche,) die es jemals gegeben hat, schrieb unstreitig Suwarow. Nach der Einnahme von Praga schrieb er der Kaiserin die drei Worte: „Hurrah Praga! Suwarow.* — Ebenso kurz machte sie ihn auch mit drei Worten zum Feldmarschall, denn sie schrieb als Antwort: „Bravo, Feldmarschall. Katharina." („L iterarische s.") Ein junger Mann der gelegentlich Artikel für Zeitungen schreibt, hat seiner Feder ein Vermögen zu verdanken. Sein Vater grämte sich zu Tode, nachdem er einen seiner Artikel gelesen hatte und hinterließ ihm ein Vermöge» von 150,000 Dollar. (Er und Sie.) Eine junge Frau war im Besitz eines sehr dicken Gatten. „Wie kann man sich nur mit einer solchen Last beladen!" sagte Jemand dazu. „Ich bitte Sie," versetzte ein Kenner, „sie ist ja so leicht, daß sie ohne diese Last gar keinen Halt haben würde." (Jammer eines Kaufmannes.) Die guten Käufer zahlen schlecht. — Die guten Zahler kaufen schlecht. — Die schlechten Käufer zahlen gut. — Die schlechten Zahler kaufen gut. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. rm „Äugsburger Postzeitung.- Nr. 32. Samstag, 21. April 1883. Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Der Landkamir errath schwieg zu dieser Erklärung seines Sohnes, der ihm in einem neuen, nicht geahnten Licht erschien, und blickte immer verwunderter auf die Titel der von ihm begehrten Bücher, welche fast sämmtlich wissenschaftlichen Inhalts, und von dem Pastor mit großer Sorgfalt ausgewählt wäre», die er aber kaum dem Namen nach kannte» Endlich sagte er nach längerer Pause: »Ich sehe zwar nicht ein, wozu Dir alle diese Werke dienen sollen, doch finde ich es für einen jungen Mann Deines Standes angemessen und richtig, namentlich wenn er auf dem Lande lebt, seine freie Zeit, wie Du vorhast zu benutzen, und will ich dem Hof« buchhändlcr Dein Vcrzeichniß schicke», damit er Dir das Gewünschte durch den Boten nach dem Buchenhof sendet. Einmal mit ihm in Verbindung, wird es für die Folge richtig sein, wenn Du Dich selbst an ihn wendest l — Und nun wüßte ich für heute nichts weiter zu erwähnen. Schicke mir Bergmann und Kohring, mit denen ich über die neue Tannenpflanzung bei den Steinbrüchen reden wollte, und treffe alle erforderlichen Vorbereitungen. Wir werden diesen Nachmittag um 3 Uhr fahren; ich möchte nicht zu spät auf dem Buchenhof ankommen, wo ich mancherlei Angelegenheiten zu besorgen habe." Ludwig von Bodenwald verließ seinen Vater, der ans Fenster trat und ihm nach» blickend sagte: „Es ist mehr aus ihm geworden, als ich gedacht — sollte er den Geist und Ver« stand besitzen, den Kohring rühmt? — Dann wäre es ja ein doppelter Jammer, daß er hinkt und ein Krüppel ist, was man allerdings vergißt, wenn man ihm in's Angesicht blickt und ihn reden hört! — Die Bücher will ich ihm sobald wie möglich schicken, und freue mich, daß mein Sohn, dessen Dasein mir bisher nur Kummer bereitet, an Bildung wenigstens seinen Standesgenossen nicht nachsteht!" Als Ludwig, die von seinem Vater begehrten Männer zu ihm geschickt, begab er sich nach dem Försterhause, um, wenn möglich, noch einmal mit Anna zu sprechen und einstweilen von ihr und ihrer Mutter Abschied zu nehmen. Die Försterin war in's nächste Dorf zu einer Kranken gegangen, doch konnte sie jeden Augenblick wiederkommen, Anna aber war, wie stets am Morgen in der Haushaltung beschäftigt und ernster als sonst, als sie ihn begrüßte. Ihre Augen und Züge erheiterten sich auch nicht, als er sagte: „Anna, ich komme, Dir und Deiner Mutter Lebewohl zu sagen —" „Ich kann es mir denken", entgegnete sie mit gepreßter Stimme. „Und Dir noch einmal zu wiederholen, daß ich Dich als meine Braut betrachte, wie Du fest darauf bauen kannst, daß ich, sobald ich allein auf dem Buchenhof wohne, Dich von Deinen Eltern als meine Frau begehre!" „Ludwig", erwiderte Anna in ruhigem fast traurigem Ton, „Du hast sicherlich 250 diesen Morgen schon eine Unterredung mit Deinem Vater gehabt, ist Dir da nicht die Ueberzeugung gekommen, daß er sich unserer Verbindung stets widersetzen wird?" Sie einen Moment überrascht anblickend, erwiderte er dann in heftigerem Ton: „Anna, soll das heißen, daß ich auf Dein Gelübde nicht mehr zu bauen habe?" „Ludwig", erwiderte sie mit unsicherer Stimme, „Du weißt, daß ich Dir Wort halte, denn ich liebe Dich und mein Herz wird Dir immer angehören. Wenn ich aber denke, daß Du meinetwegen Deiner Familie entsagen mußt, vielleicht auf immer von ihr getrennt sein wirst —" „Bin ich nicht seit meiner Kindheit von ihr getrennt gewesen?" antwortete er ihr ebenso zornig, wie erbittert. „Haben nicht meine Eltern mich fern von sich aufwachsen und erziehe» lassen, und mich nie ihrer Liebe und Sorge gewürdigt? — Hat heute wohl mein Vater mich aufgefordert, meinen Bruder zu besuchen, für dessen Genesung und Gesundheit alles nur Erdenkliche geschehen soll und muß, während wenn ich bisher krank und leidend war, der Arzt nur mit Mühe das für mich Erforderliche erlangen konnte? — Ich hätte sterben können, ohne daß meine Familie sich um mich gekümmert, kann noch sterben unb weder Vater noch Mutter werden kommen, um meinem letzten Athemzuge zu lauschen, um mit liebender Hand mir die Augen zuzudrücken!" „Ludwig, Du wirst nicht sterben!" rief leidenschaftlich Anna, ihn zugleich mit beiden Armen umschlingend. „Du wirst leben, für mich, die ich Dich so innig liebe, für mich, die, wenn ich erst Dein Weib bin, für Dich sorgen und über Dich wachen kann!" „Theure, geliebte Anna!" flüsterte der Junker von Bodenwald, sie zärtlich küssend, „Beruhige Dich, ich werde leben, den» ich will leben und in der stillen Abgeschiedenheit des Buchenhoses werden wir uns unseres Glückes freuen! — Aber verzeihe, wenn ich Dich aufgeregt, heute, wo wir ruhig von einander gehen müssen, damit wir nicht unser Geheimniß verrathen. Laß uns, bis Deine Mutter kommt, von anderen Dingen sprechen, ich will Dir die Unterredung mit meinem Vater wiederholen", und er begann ihr zu erzählen, was dieser für ihn bestimmt, ivard aber bald durch den Eintritt der Förstern: unterbrochen. Diese bemerkte nur noch geringe Spuren der Aufregung in den Zügen der einstigen Spielgenossen und fand diese die Veranlassung von Ludwigs Besuch errathend, erklärlich. Einen heiteren Ton erzwingend, obgleich es auch sie schmerzlich berührte, ihn von der Stätte scheiden zu sehen, wo sie ihn seit seiner Kindheit gekannt, sagte sie, nachdem sie sich begrüßt: „Nun, Junker Ludwig, gedenkt der Vater noch heute nach dem Buchenhof zu fahren? —" »Ja, Frau Förstern,, und ich wollte von Ihnen und Anna Abschied nehmen!" „Sie werden bald genug wieder nach Bodenwald kommen — — —" „Gewiß! — Schon in den nächsten Woche» können Sie darauf rechnen, mich hier zu sehen!" „Und wir und Frau Bergmann werden Sie eines Tages überraschen, um uns zu überzeugen wie Sie sich eingerichtet haben, und zu ei fahren, wie es Ihnen an Ihrem neuen Wohnort ergeht und gefällt!" „ES wird und muß mir dort gefallen, da ich der Bestimmung meines Vaters zufolge mein Leben daselbst verbringen soll", entgegnete mit Nachdruck und einem Anflug von Bitterkeit der junge Mann. „Darüber läßt sich von Menschen kaum etwas bestimmen", sagte sanft die Försterin, „denn für uns Alle liegt die Zukunft in höherer Hand. Der Buchenhof aber wird Ihnen, sobald Sie dies nur selbst wollen, ein lieber Aufenthalt werden — —" „Ja, das wird er und das soll er!" rief lebhaft der junge Mann. Als der junge Herr den überraschten Blick der Försterin gewahrte, fügte er schnell hinzu: „Bin ich dort erst alleiniger Herr, was bald genug sein kann, so habe ich auch da- Recht, Alles nach meinem Wunsch und Willen einzurichten, und da wäre es meine Schuld wollte ich von diesem Recht nicht Gebrauch machen! — Doch nun, Frau Försterin leben Sie wohl! — Ich will von hier zum Herrn Pastor gehen -- und er reichte ihr die Hand, die sie ergriff und mit bewegter Stimme erwiderte: „Leben sie wohl, Junker Ludwig, und möge Gottes Schutz und Segen mit Ihnen sein! —" „Ich danke Ihnen für Ihre Wünsche", entgegnete ebenfalls bewegt der junge Mann, und sich an Anna wendend, gab er auch ihr seine Hand und sagte: „Lebe wohl, Anna — —" „Lebe wohl, Ludwig", erwiderte sie, ihre Rechte in die seinige legend« Er drückte diese Hand, die ihm gehörte, fest in der seinen, blickte der Geliebten noch einmal in die thränengesüllten Augen rief mit kaum vernehmbarer Stimme der Försterin nochmals Lebewohl zu, verließ hastig das Zimmer und eilte, so schnell er vermochte dem Prediger- hause zu. V. Wie bereits erwähnt, lag der Buchenhof anderthalb Meilen von Bodenwald entfernt, und war gleich diesem von Bergen umgeben, die links und rechts zurücktraten, und dadurch die Ausdehnung des Gutes gestatteten. Das Herrenhaus mit dem Garten» den Wirthschastsgebäuden und Tagelöhnerwohnungen, war nach der nahegelegenen Landstraße zu, von einem kleinen Theil des ansehnlichen Buchenwaldes umgeben, der sich jenseits derselben erstreckte und für den Besitzer einen bedeutenden Werth repräsentirte. Durch diese Waldstrecke führte ein breiter, wohlerhaltener Weg zum Gutshof, an dessen äußerstem Ende sich das Wohnhaus befand, zu beide» Seiten von den übrigen Baulichkeiten begrenzt. Ersteres war ein größeres, zweckmäßiges Gebäude, das jedoch keinen Vergleich mit Schloß Bodenwald aushielt, und seit langen Jahren verschiedenen Inspektoren und deren Familien zum Aufenthalt gedient hatte. Jetzt aber wurden mancherlei Veränderungen in demselben vorgenommen, Handwerker und Arbeiter aller Art waren darin thätig denn Ludwig von Bodenwald, nachdem er ein Jahr und mehrere Monate als Unterinspektor gewirkt, hatte die selbständige Verwaltung des Gutes über» nommen. Der Verwalter Baumgart hatte sich in der nahegelegenen Provinz angekauft, und war bereits mit seiner Familie dorthin übergesiedelt. Der junge Herr vom Buchenhof, wie allgemein der jüngste Sohn des Landkammerraths genannt ward, war während des Aufenthalts daselbst größer an Gestalt und diese kräftiger geworden, was ihm ei.i männliches Aussehen verlieh. Seine Gesundheit schien sich befestigt zu haben, wenngleich seine schwache Brust sich bei jeder Anstrengung geltend machte. Er freute sich der neuen Thätigkeit, und mehr noch der Selbständigkeit, und war überzeugt, das Gut mit dem schon angelangten Inspektor zur Zufriedenheit seines Vaters zu verwalten. Laut Uebereinkunst hatt« er diesem von Allen, was daselbst geschah, Rechenschaft abzulegen, und »rußte er dies schriftlich thun, da vor kurzer Zeit — zu Anfang Oktober — der Landkammerrath mit seiner Gattin und seinem Sohn Hugo zu längerem Aufenthalt nach Italien abgereist war, was auf den dringenden Wunsch der Aerzte geschehen, und die Gesundheit der Genannten erforderlich gemacht. Denn was anfänglich Niemand geglaubt, und glauben wollte, der sonst so rüstige, kräftige und noch immer stattliche Landkammerrath, hatte Krankheitshalber seine vorläufige Entlassung aus dem Staatsdienst genommen, und der Fürst, wenn auch nur sehr ungern, sie ihm bewilligen müssen. Die Krankheit aber schrieb sich von einer heftigen Erkältung her, die er sich aus Jagd zugezogen, jedoch so wenig berücksichtigt hatt:, daß sie ein schweres rheumatisches Fieber zur Folge gehabt, von welchem er nach Monate» genesen, das aber empfindliche Gliederschmerzen, und besonders eine ihn ängstigende Augenschwäche hinterlasse». Beider Leiden wegen hatte er schon, jedoch vergeblich, mehrere Kuren gebraucht und waren die 252 ihn behandelnden Aerzte einstimmig der Ansicht gewesen, daß nur der Aufenthalt in einem gleichmäßig warmen Klima ihm Genesung sichern würde. Zu diesem Aufenthalt hatte er sich lange nicht entschließen können, obgleich auch das Nervenleiden seiner Gattin zugenommen und der Mevizinalrath die bestimmte Meinung ausgesprochen, daß Orts- und Luftveränderung die einzige Hilfe und Rettung für sie sei. Endlich aber trat ein Fall ein, der ihn zu einem schnellen Entschluß brachte. Sem ältester Sohn hatte sich von den, bei dem Umsturz des Postwagens erhaltenen Verletzungen vollständig erholt, so daß er wieder in den Staatsdienst treten und seine frühere Lebensweise als reicher, junger Kavalier und Majoratserbe fortsetzen konnte. Dies hatte seinem Vater ebenso viel Freude, wie Beruhigung gewährt, der nun ernstlich an seine Verheirathung dachte, und die zu seiner Verlobung mit der von ihm zur Schwiegertochter ausersehenen jungen Gräfin erforderlichen Schritte erwog. Im letzten Sommer war er einer Einladung seines Bruders Karl nach dessen Garnison gefolgt, um als geschickter Reiter an den dort stattfindenden Wettrennen Theil zu nehmen. Er hatte sich dem anstrengenden und aufregenden Vergnügen während dreier Tage überlassen, und war darauf an einer Lungenentzündung erkrankt, die indeß seinen Eltern verheimlicht ward, von der er aber schnell genug genas und zu ihnen in die kleine Residenz zurückkehrte, wohin sie sich nach einem nur kurzen Sommeraufenthalt in Vodenwald begaben. Hier nahm er auf seine, vielleicht geschwächte Lunge keine Rücksicht, sondern ritt, jagte und tanzte, wie er sonst gethan. Eines Nachts kehrte er mit einem stechendem Schmerz in der Brust aus einer Hofgesellschaft heim, und hatte kaum sein Zimmer erreicht, als er zum Schrecken des ihn begleitenden Dieners in einen Sessel sank, das Blut langsam seinem Munde entquoll und er die Besinnung verlor. Bald war das ganze Haus aus dem Schlafe geweckt» und die aus's Höchste beunruhigten Eltern ließen den Medizinalrath rufen. Diesem gelang es, das Blut zu stillen; er erklärte, daß in der Lunge des jungen Mannes ein Gesäß gesprungen, bei vorsichtiger Pflege und großer Schonung aber keinerlei Gefahr vorhanden sei. Hugo von Bodenwald's Herstellung währte verhältnißmäßig lange, und er mußte mehrere Wochen streng das Bett hüten. Als er anhaltend sprechen durfte, erzählte er seinen Eltern wie dem Arzt von seiner Erkrankung in B., und Letzterer sprach die Ueberzeugung aus, daß seine Lunge durch den Unfall des verflossenen Sommers doch gelitten habe und längere Zeit darüber vergehen könne, bevor sie gründlich geheilt sei. Er rieth, damit dies vollständig und dauernd geschehen könne, zu einem längeren Aufenthalt in Italien, und wußte dem Landkammerrath die Sache so dringend vorzustellen, daß dieser sich auf der Stelle entschloß und die erforderlichen Vorbereitungen mit großer Eile betrieb. Auch Frau von Bodenwald that dies, und zu Anfang Oktober wurde von den zurückbleibenden Söhnen Abschied genommen, und die Reise angetreten. Die Reise führte zunächst nach Neapel» wo eine vollständig eingerichtete Villa gemiethet werden sollte. Das Haus in der Residenz blieb in der Obhut eines älteren Dieners, und Rente Ludwig von Bodenwald bei seiner eigentlichen Anwesenheit in der Stadt zum Aufenthalte. Die Verwaltung der Güter war in sicheren Händen, und mit den übrigen geschäftlichen Angelegenheiten der Familie der Rechtsanwalt derselben betraut. Die mehrwöchentlichen Arbeiten im Herrenhaus des Buchenhofs waren beendet, auch der letzte Handwerker hatte es verlassen, und befriedigt durchschritt der junge Gebieter sämmtliche Räume, die er mit allem was sie enthielten, sein eigen nannte. Dabei gedachte er mit stiller seliger Freude der nicht mehr allzusernen Zukunft, wo ein geliebtes theueres Wesen sie mit ihm bewohnen, und als sein Weib ihm liebend und stützend zur Seite stehen werde. Denn Anna Kohring liebte ihn mit unveränderter Treue und hatte ihm noch kürzlich in Vodenwald, wo er bisher fast wöchentlich gewesen, gesagt, daß, sobald ihre Eltern ihre Einwilligung zu der Verbindung geben würden, sie jeden Tag bereit sei, ihm anzugehören. (Fortsetzung folgt.) 253 Zitr Geschichte der Spielkarten. Vo» Klara Reichner. Welche Bedeutung die kleinen, bunten Kartenblättchen im Leben der Menschen gewonnen haben, ist Jedem wohlbekannt. Nicht nur „hoffähig" sind sie, sonder» auch in fast jedem Bauern-Wirthshaus ein beliebter, ja nothwendiger Gast; nicht nur in den Gesellschaftsräumen haben sie festen Sitz und Stimme, sondern auch in jedem Haus ihr größeres oder kleineres Plätzchen. Welche Rollen auch spielen sie als zerstreuende Genossen für Kranke oder Ruhende, in Form der Patience-Karten, was für Unterhaltung gewähren sie, in Form von Karten- Kunsl stücken oder harmloser Kartenschlägereil Oft ist freilich dieses „Wahrsagen" schon zum schädlichen Gewerbe, oft das Unterhaltungsspiel der bunten, leichten Blätter zum bittern, grausen Ernst geworden, das manch' ein Lebensglück, ja, das Leben selbst gefährdete dessen, der sie wie mit Zauberbanden an sich und ihr wechselndes Glück gekettet hielten. Was aber können sie, die kleinen Kartenblätter wohl dafür? Sind sie schuld daran, wenn der Mensch sein ganzes Geschick oft „aus eine Karte setzt", wenn er es wie die Kinder macht, und „Kartenhäuser" baut, die doch natürlich stürzen müssen, wie die lustige» Gebäude von des Kindes Hand, sobald ein Hauch sie anbläst? — Wer die Erfinder der ersten Spielkarten gewesen sind? — Man bezeichnet die Araber als Urheber, außerdem aber findet man ihrer bereits in alten Sagen bei den Indern und Chinesen erwähnt; — zur Zeit der Kreuzzüge gelangten sie dann über Griechenland nach Europa, und kamen in Italien schon zu Ende des 13. Jahrhunderts vor. Auch wird von König Eduard I. von England (1272—1307) der mit Ludwig IX>, dem Heiligen von Frankreich im 13. Jahrhundert einen Bekehrungszug nach dem Orient unternommen, erzählt, daß er ein Spiel: „die vier Könige" gespielt haben soll. Sicher ist jedenfalls, daß die Karte» aus dem Orient stammen, und nicht — wie auch behauptet worden — aus Spanien; — waren sie dort auch bereits seit dem vierzehnten Jahrhundert bekannt, und sogar durch einen spanischen König einmal verboten worden, — sie stammen doch — trotz der verschiedenen spanischen Benennungen, die sich beim Spiel erhielten — weder aus Spanien, noch aus Italien, wie auch irrthüm- licherweise geglaubt ward. Italien, die Heimath des allbekannten und allbeliebten Tarok» spiels, theilte die Bezeichnungen der vier Farben: roth grün, schwarz, gelb, in: Becher» Pfennige, Schwerter und Stäbe. Im vierzehnten Jahrhundert führte man sie, um den kranken König Karl VI. zu zerstreuen, in Frankreich ein, und aus dem folgenden Jahrhundert stammen die sogen, „französischen", unsere eigentlichen Whist-Karten, die am Gebräuchlichsten geworden sind, und deren vier Farben eine Art von Kriegssymbolik haben. „Oa ur" — „Herz" bedeutete ein tapferes Soldatenherz, — „Spitze" und „OarrauG — „Viereck" sollte die Waffen bezeichnen, — I?iizuo die Lanze und Oarreau die viereckigen, schweren Pfeile, welche zu der Armbrust gehörten, und endlich „Prokkie ^ „Kleeblatt" sollte daran mahne», im Lager nicht zu vergessen, auch solche Plätze zu wählen, wo die Pferde mit Futter wohlversorgt seien. — Aber noch weirer ging die Allegorie der französischen Spielkarten! Die Hauptkarte, dem Werthe nach, das Aß, repräsentirte das allregierende Geld, von dem auch sogar Könige nie zuviel haben, und sich ihm unterordnen müssen. Die vier Könige selbst vertraten vier weltgeschichtliche Helden: König David, Alexander der Große, Julius Cäsar, uud Kaiser Karl der Große. — Auch die Damen waren der Wirklichkeit entlehnt, wenn auch meist etwas »lehr der Gegenwart: Ooaur-Dame stellte Agnes Sorel, des Königs Karl VlI. Favoritin vor, ki(zu,--Dams die berühmte Jungfrau von Orleans, M'cMo-Dame die Königin Marie von Anjou, und Onrroau-Dame die Gemahlin König Ludivig des Frommen. Die Benennung „Bube" (französisch „Valut") rührt von der Sitte her, damals 254 jeden jungen Edelmann: „Vulot" zu nennen, welchem noch nicht der Ritterschlag er» theilt war. — Das erste Kartenspiel mit 52 Karten in Frankreich war das kiqust-Spiel; — allerdings haben seit jenen Zeiten die Karten in ihrer Form gar manche Abänderung erlitten, trotzdem aber sind die französischen Spielkarten in der Hauptsache: Eintheilung und Werthordnung — dieselben geblieben, wie ehedem. Was nun unser deutsches Vaterland betrifft, so waren die Spielkarten dort bereits im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts, seit 1321, bekannt, und zwar sch.'int es so, als hätten sie bei uns sich ganz besonders schnell verbreitet, da die starke Frequentirung des Spiels verschiedene Verbote und Einschränkungen seitens der hohen Obrigkeit hervorbrachte; — so untersagte z. B. auch ein Bischof von Würzburg dazumals seinen Geistlichen, sich diesem neuen Sports hinzugeben. — Ursprünglich bestanden die Karten aus Handzeichnungen; erst später wurden sie in Nürnberg durch Holzschnitte hergestellt, allein auch damals mußte mit der Hand noch nachgeholfen werden, da nur die Umrisse geliefert wurden, bis endlich die Kupferstecherkunst und zuletzt der Farbendruck die Nachhilfe entbehrlich machten. Daß zu jener Zeit, als noch Stift und Pinsel ausschließlich dafür thätig waren, die Spielkarten für etwas sehr Kostbares galten, ist wohl klar, — dem entsprechend waren auch die Preise. So kam es auch, daß derartige theure Blättchen sogar zu Anfang ihres Aufkommens einen Schmuck mehr zur Aussteuer fürstlicher Frauen bildeten. Die sogenannten: „deutschen Karten" erhielten — ebenso wie die französischen — sehr kriegerisch-klingende Bezeichnungen. „Daus, König, Ober und Unter" bedeuten zum Beispiel allerlei militärische Grade, als: General, Hauptleute, Unteranführer, „Schellen, heißt: Avel, anknüpfend an die damalige Sitte der Ritter, bei besonders festlichen Gelegenheiten an Wams und Schuhen Schellen zu tragen. Das Herz bedeutete: herzhaften, muthigen Sinn, „Blatt" und „Eichel": Nährstand und Landmann. — Der Ausdruck: „Trumpf" entstammt dem französischen Wort „l'riomple" Triumph, Sieg. Daß die französischen Spielkarten gebräuchlicher und die eigentlichen Spielkarten sind, ist allgemein bekannt; — sogar im stolzen England sind sie acclimatisirt und nationalisirt, um das Hauptspiel der Britten: „Whist" in Scene zu setzen, welches ja bei uns auch in so hohem Grade eingebürgert ist. Der Erfinder soll ein englischer Arzt sein, und der Name „>V!n8t," von: „Still! Pst!" herkommen, weil das Whist-Spiel besondere Stille und Aufmerksamkeit verlangt. Die ältesten Karten der Welt, — wenigstens die, welche man kennt, — sind von Pergament gefertigt, und rückwärts mit gefärbten, Kartenpapier bezogen — früher niag man andere Stoffe dafür verwendet haben, — z. B. sind indische Karten erhalten geblieben, bestehend aus Cartonstücke», mit allerlei gemalten, wunderlichen Zeichen versehen; außerdem auch Karten der Chinesen auf Holzblättchen, woraus wohl zu entnehmen ist, daß man früher, etwa seit anno 1350, ehe Papier aus Lumpen angefertigt worden, eben mit anderem Material auch in Europa sich behalfen haben mag, um Spielkarten zu sabriciren. Gewiß ist aber, daß so allbekannt und allbeliebt auch heut' zu Tage Spielkarten in jeder Ltadt, ja jeden, Dorfe, sind, daß trotzdem keine Braut mehr Spielkarten als besondere Gabe für die Aussteuer erhalten wird, und daß ein Spiel Karten im Brautschatz sie nicht mehr so angenehm überraschen werde, wie das z. B. einst der Gräfin Barbara, Gemahlin des berühmten Grafen Eberhard im Barte von Württemberg, geschah, welches ihr, wie uns berichtet wird, „zu hoher Freude gereichte." — Freilich sind wir auch inzwischen um mehr als vier Jahrhunderte älter geworden — ob aber auch um soviel weiser? — Darüber mögen in Bezug auf sich die Spielkarten am Besten Jede», selbst erzählen, denn es sollen hier keine Geheimnisse ausgeplaudert werden, sondern nur etwas: zur Geschichte der Spielkarten! 255 König Ludwig I. und die Schildwache. König Ludwig I. von Bayern erzählte einmal ein kleines Abenteuer, das ihm in München mit einer Schildwache begegnet war. Der König ging nämlich im englischen Garten spazieren und traf, weit daußen, an einer einsamen Stelle, auf eine Schildmache, welche, als sie Jemanden kommen sah, schleunigst etwas in den Waffenrock schob. Auch blickte der Soldat mißtrauisch auf den Spaziergänger. Da dieser aber in Civilkleidern ging, entwölkte sich die Stirne des biederen Kriegers bald wieder und er sagte gemüthlich zu dem Unbekannten: „Na, Sie hob'n mich schön erschreckt, Herr!" „Sos" sprach der König im Münchener Dialekt, „ hob'n S' denn vielleicht a bös Gewiss'»?* „No, dös grad net", antwortete der Soldat, aber schaun' S' i bin erst ganz kurz hier in Minchen un' kenn no niemand. Un' der König that manchmal do 'raus spazier'n. No hob' i g'rad was g'gessen, dös derf der Soldat nit auf Wacht', un' do hob' i 's glei unter die Jacken do g'sä ob'n. Aber jetzt efs' i glei' weiter, denn 's is wos zu Gut's un's wird jo nit wirrer Aaner kemme, was »innen S'?" „I glaab nct!* antwortete der König. „No sogen S' aber e niol, was hob'n S' denn Gut's z'essen?" „Wissen S' wos» roth'n S' amal", antwortete die Schildwache. „No", meinte der König, „vielleicht hob'n S' aan Schwcinsbrot'n?" „Jo Schweinsbrot'nl Dös is was Gut's, aber so hoch steig' i »et; abi (abwärts)!" „Hob'n S' vielleicht aan Kalbsbrot'n?" fragte der König weiter, den die Treuherzigkeit des Soldaten höchlich amüsirte. „Is aa wos Gut's, aber abi, sog i, roth'n S' weiter!* „Vielleicht aan Schink'n?" „Schink'n loß i mir scho g'fall'n a, aber heut net, abi!" „Do hob'» S' gewiß aan Schweizerkas!" rieth der König weiter. „O geh'n S' zu mit Jhr'm SchweizerkaSl" lachte der Soldat; „was i hob, i- viel besser, aber abi, sog' il" „No, do hob'n S' vielleicht gor aan Radi?" rieth der König belustigt. „Ja nadierli, fast geroth'n; aber zwoa Radi san's; den «anen hob' i schon beinah g'gessen un den andern hob' i noch; vielleicht kann i dienen I No nor zug'riff'n un net schenirt." „Dank virlmol", sagte der König, „lass' S' sich die Radi gut schmeck'n, i muß jetzt zum Mittagessen un will mir 'n Abbetit net verderbe, adjel" Als der König ein paar Schritte gemacht, rief die Schildwache, welche munter den Nest des ersten Rettigs verzehrt hatte, auf einmal: „Sie, hören S' doch amol!" Der König wandte sich um. „Woll'n S' nit so gut sein, um mir sog'n wer Sie sän? Sie war'n so freundlich, da möcht i doch aa wiss'n mit wem i die Ehr' g'hobt hob'?* „Do bleibt nix anders iwrig, als daß Sie aa roth'n", sagte der König; „Sie hob'n mich aa roth'n loss'n." Die Schildwache biß kräftig in den zweiten Rettig, sah den König scharf an unb sagte: „No, Sie sän vielleicht aa Kanzlist oder so wos?" „A Kanzlist is wos ganz Schönes", sagte der König, „aber auffi (aufwärts!)". „Do fan S' wohl 'n Herr Assessor?" „Is a wos ganz Schön's, aber auffi!" „Sän S' vielleicht goar 'n Herr Roth?" „'n Herr Noth is wos ganz Schön's, aber auffi!" „So sän S' am End goar 'n Herr Direkter?" „Dös loß i mir a g'fall'n", sprach der König, „so'n Herr Direkter is wo- ganz Schöns, aber auffi, sag' il" „Die G'schicht' g'fällt wer", sprach die Schildwache, un i freu' mi, daß i d' Ehr 256 hob', so'n hoh'n Herrn kennen z' lerne: d'rnm will i jetzt aber emol was Tüchtig's roth'n; Sie sän g'wiß 'n Herr Excellenz?" „Js wos recht Schöns, aber i sog' Jhne, auffi!" „Do — sän S' am End' goar — der König?" — rief der Soldat und rieß dle Augen weit auf. „G'roth'n, g'roth'nl" antwortete der König. „Jesses, Mari' un' Joseph!" rief der Soldat verblüfft, „do halten S' um GotteS Will'n nor glei' wol den Radi, daß i pressentir'n kann!" Der König that's, die Schildwache präsentirte — und vergnügt schieden beide von e,»ander. Goldkörner. Hoheit, wenn sie auch wie Andre irrt, Trägt eine Art von Heilkraft in sich, Die Fehl' und Wanden schließt. Sei so keusch wie Eis, so rein wie Schnee, Du wirst der Verleumdung nicht entgehen. Shakespeare. Eitelkeit ist eine persönliche Ruhmsucht. Goethe. Fliehe den Mann, der mit schiesem Verstand der Empfindungen spottet, Mehr noch ein witziges Weib, das mit Empfindungen spielt. Schil'ler. Die Tugend ist das Göttliche, die Liebe das Menschliche im Menschen; wo sie sich vereinigen, wird ein schönes Dasein verlebt. Ehren der g. Der Mensch wird nicht gut, obwohl besser, wenn er sich bekehrt, sondern er bekehrt sich, weil er gut ist. Jean Paul. Die Menschen suche» nicht Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit, sie suchen nur sich selbst. I a c o b i. Des Neides Laster ist nicht Deiner Strafe werth, Neid bricht sich selbst den Hals, fällt in sein eigen Schwert. T s ch e r n i n g. Es gibt Menschen, — aber, dem Himmel sei Dank, nur wenige, — die Feinde der Musik find; ich traue keinem solchen Menschen, denn ich denke immer, er ist auch mein Feind. Karl v. B. Wer Engel sucht in dieses Lebens Gründen, Der findet nie, was ihm genügt; Wer Menschen sucht, der wird den Engel finden, Der sich an seine Seele schmiegt. Mise-llen. (Angeboren.) „Kaum zum elften Male wegen Diebstahls aus dem Arrest entlassen, isi er schon wieder hier. Kann Er denn das Stehlen gar nicht lassen, KripS- huber?" — „Ne." — „Zum Henker! Es ist ihm doch nicht angeboren?" — „Leider Gottes doch, Herr Landrichter; ich habe ein Paar Nabeneltern gehabt." Sinnen, der seiner Zeit berühmte und angesehene Professor sollte in den Adelsstand versetzt werden. Er lehnte jedoch diese Auszeichnung rundweg ab und erklärte in einer Gesellschaft, nach dem Motive gefragt: „Man kann doch unmöglich von mir verlangen, mich immer mit den Worten vorzustellen: „Ich bin von Sinnen." (Bei der Musterung.) Oesterreichischer Korporal (zu einem Rekruten): „Kerl, Du bist doch ein rechtes Schwein! Wenn Du Bedienter beim General wärst, ich glaub', Du thät'st ihm die Eicheln von, Kragen 'runterfress'n!" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von 0r. Max Huttlcr. Nr. 33. 1883. zur „Äugslmrger Pojheitimg." Mittwoch, 25. April Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Ludwig von Bodenmald hatte seinem Vater den ersten gewissenhaft abgefaßten Bericht geschickt, und erhielt nach einiger Zeit von ihm eine Antwort, die erste Nachricht aus Neapel, welche also lautete: „Mein lieber Sohn! Wir sind glücklich angelangt, wie Du wohl denken kannst, denn das Gegentheil hättest Du durch die Zeitungen erfahren, die ja nur zu gern nach Neuigkeit spüren und auch meinen Namen, verbunden mit irgend einem Neiseunfall bereitwillig in ihre Spalten aufgenommen hätten. Da ich kein Freund von Schreibereien bin, und nur die Geschäftsbrief« besorge, die übrigen aber Deiner Mutter überlasse, so will ich Dir nur mittheilen, daß wir noch im Hotel sind und so lange bleiben werden, bis wir eine anständig eingerichtete Villa gefunden. In Deiner Mutter und meinem Befinden ist noch keinerlei Aenderung eingetreten; Deinem Bruder ist von einem Spezialarzt die größte Vorsicht anempfohlen, doch hat er uns die Versicherung gegeben, daß keinerlei Gefahr für ihn vorhanden sei, eine Erklärung, die mir große Beruhigung gewährte. Daß unser Hotel den Blick auf den immer gerühmten Golf von Neapel hat, brauche ich Dir wohl nicht zu sagen, und denke ich auch, daß wir uns nach und nach an diesen Aufenthalt gewöhnen werden, zumal wir hier wenigstens zwei Jahre bleiben sollen. Deinen Bericht habe ich geprüft und finde, daß Du für die Erneuerung des Hauses zu viel Geld ausgegeben, wenn Du es auch von Deinen Ersparnissen bezahlt hast. Das ist für Dich vollständig überflüssig und rathe ich Dir, sparsam zu sein, und an die einen den Landwirth stets schwer treffenden unfruchtbaren Jahre zu denken, die auch Dir nicht ausbleiben werden. — In einem solchen Falle bin ich außer Stande Dir zu helfen, da wir hier bedeutende Summen gebrauchen, und besonders der Gesundheit Deines Bruders wegen nichts gespart werden darf. Der Brief ist, wie ich sehe, länger geworden, als ich gedacht, obgleich ich Dir gesagt, daß ich nur ungern schreibe. Deine Mutter und Dein Bruder wiffen nichts davon, sie haben eine Spazierfahrt unternommen, an der ich meiner Gichtschmerzen wegen mich nicht betheiligen konnte. An Bergmann schreibe ich, da ich zu Hause bleiben muß, ebenfalls; es hat mich sehr gefreut, daß der letzte Holzverkauf so günstig ausgefallen ist. Schicke mir Deinen nächsten Brief erst im nächsten Jahr» bis dahin wird sich auf dem Buchenhof kaum etwas von Wichtigkeit ereignen. Es grüßt Dich Dein Vater Friedrich v. Bodenwald. Diesen Brief überlas der junge Mann mehrere Male, seine Züge nahmen dabei einen traurigen Ausdruck an, und halblaut sagte er: «Keine Frage nach meinem Befinden und Ergehen, keine Bemerkung über meine — 253 - Gesundheit — mein Vater denkt nur an seinen ältesten Sohn, dessen Leben ihm ein so kostbares ist, daß kein Geld dafür gespart werden darf! — Ich bin ihm nichts, wie das immer gewesen, und seiner Meinung nach hätte ich nicht einmal dies Haus nach meinem Gutdünken, und noch dazu mit den Mitteln errichten sollen, die ich lange dazu gesammelt l — Ich sparen für die Zeit der Noth, in der mein Vater mir nicht beistehen will und kann, weil meines Bruders Gesundheit so große Ausgaben erfordert! — Nie, nie werde ich ihn, und Karl gleichgestellt werden, nie wird mein Vater an eine Freude, an ein Lebensglück für mich denken, und gewiß wird meine Mutter der Ansicht sein, daß ich unter Arbeit und Mühe als Einsiedler meine Tags auf dem Buchenhof verleben soll!" — „Da aber haben sie sich verrechnet", fügte er heftig hinzu, „denn, wenn ich hier bleibe, so ist es nur mit Anna, als meiner Frau, und wollen meine Eltern unsere Verbindung nicht zugeben, so erlebe» sie, daß ihr Sohn, ein Bodenwald, sich einen Platz als Verwalter sucht, und Niemand wird anstehen, mir einen solchen zu übertragen! Ich mochte aber wissen", fuhr der junge Mann fort, „was mein Vater Bergmann geschrieben, und will noch heute nach Bodenwald fahren. Auch will ich zu Kohrings gehe», denn, da Anna während dös Winters bei ihren Verwandten in der Stadt bleiben soll, werde ich sie vorher kaum noch oft sehen!" Frühzeitig am Nachmittag führte er diesen Plan aus, verließ am Förstsrhause seinen Wagen, und schickte ihn mit der Meldung, daß er folgen werde, nach dem Gutshos. Er fand Anna allein, und als sie grüßend ihm in der Hausflur entgegentrat, sagten ihm ihre geratheten Augen, daß sie geweint hatte. Ihr in das Zimmer folgend wo sie vorher mit einer Handarbeit beschäftigt gewesen, sagte er schnell und besorgt: „Anna, Du hast geweint! Sage mir Alles, was geschehen ist, denn hast Du mir nicht das Recht gegeben, Deinen Kummer und Schmerz als den meinigen anzusehen?" „Ja, Ludwig, das habe ich, und werde es Dir nie wieder aus freien Stücken nehmen", erwiderte des Försters Tochter, die seit der Zeit, wo ihrer zuerst Erwähnung geschehen, sich zu einer blühenden Jungfrau entfaltet, deren Haltung und Züge man den energischen Charakter ihres Vaters ansah. „Es hat sich hier in diesen Tagen etwas ereignet, an dessen Möglichkeit ich nicht gedacht —" „Was ist es, Anna? sprich schnell!" und des jungen Mannes Stimme klang so befehlend, wie die ihres Vaters. „Der Bentzer von Königssee hat bei meinen Eltern um meine Hand angehalten —" „Negensburg? — Der könnte dem Alter nach Dein Vater sein, und denkt daran, Dich zu heirathen?" fuhr der junge Gutsherr auf. „Ich bitte Dich, Ludwig, höre mich ruhg an —" „Anna, wenn ich denke, Du könntest ihn mir vorziehen, weil vielleicht Deine Eltern es wünschten, denen die Partie annehmbar erscheinen könnte —" „Sei unbesorgt, Ludwig", entgegnete das junge Mädchen, ihm in die erregten Züge blickend, „ich habe meinen Eltern erklärt, nur einen Mann heirathen zu wollen, den ich liebe, und da Herr Negensburg mir gänzlich gleichgültig sei, könne ich mich nicht entschließen, ihm anzugehören!" „Dank, Anna, Dank, daß Du mir Dein gegebenes Versprechen hülst", erwiderte der junge Gutsherr sie an seine Brust schließend. Nach einigen Sekunden fügte er hinzu: „Und was haben Deine Eltern erwidert?" „Meine Eltern, die in gegenseitiger Liebe so glücklich sind, werden mich nie zu einer Verbindung überreden, die meiner Meinung widerspricht. Sie haben dies auch Herrn Negensburg gesagt, und ihn gebeten, jeden Gedanken an meinen Besitz aufzugeben." „Aber Geliebte", konnte Ludwig sich nicht enthalten zu sagen, „wenn die Sache auf eine so glückliche Weise beseitigt ist, wie konnte sie da noch Deine Thränen veranlassen?" „Sie ist der Grund", entgegnete Anna mit unverkennbarer Bewegung, „daß ich schon nächste Woche zu meiner Tante gehe, und da ich Dich so lange nicht gesehen, und 259 Dir auch keinen Boten schicken konnte, so fürchtete ich, Bodenwalb verlassen zu müssen' ohne Dir dies selbst mitgetheilt und Abschied von Dir genommen zu haben." „Wie glücklich macht mich Deine Liebe und Sorge, Anna", entgegnete gerührt der junge Mann, „aber ich werde sie Dir vergelten, sobald Du meine Gattin bist! —" „Aber nun höre auf das, was ich Dir und Deinen Eltern mittheilen wollte. Ich habe von meinem Vater einen Brief erhalten — —" „Aus Neapel?" Und wie befindet sich Deine Familie?" fragte Anna schnell. „Ueberzeuge Dich selbst!" erwiderte er, ihr das Schreiben reichend, welches sie sogleich und mit wechselndem Gesichtsausdruck las. Es ihm schweigend zurückgebend, fragte er in bitterem Ton: „Nun, was sagst Du zu diesem ersten Brief meines Vaters, der erst im neuen Jahr einen zweiten von mir haben will, und mir nicht einmal die Freude gönnt, das alte Eulennest, wie er sonst immer den Buchenhof genannt, freundlich und wohnlich eingerichtet zu haben!" „Ludwig rege Dich nicht wieder auf", bat Anna voll Besorgniß auf seine flammenden Augen und glühenden Wangen blickend. „Das habe ich zu Hause gethan, jetzt aber denke ich ruhiger über die Sache, und auch darüber, daß er sich nicht einmal nach meinem Ergehen erkundigt, während er doch mehrfach Hugo's Gesundheit erwähnt!" „Du bist, dem Himmel sei Dank, jetzt wohler und kräftiger als sonst — —" „Da hast Du recht, Geliebte, wozu auch immer wieder der Lieblosigkeit meiner Eltern erwähnen! —" „Doch ich will jetzt zu Bergmann's gehen und hören, was ich noch weiter aus Neapel erfahren werde. Nachher komme ich noch einmal hierher, um Abschied von Dir zu nehmen, und Deine Eltern, wenn sie zurückgekehrt sein werden, zu sehen!" Der junge Gutsherr verließ das Försterhaus und begab sich nach der Verwalterwohnung, Anna aber blickte ihm in der Dämmerung nach, bis er ihren Augen entschwunden war und begab sich dann an einige häusliche Arbeiten, die sie wie allabendlich zu besorgen hatte. So verfloß ihr schnell eine Stunde, dann kamen die Eltern heim, die sie mit herzlichem Gruß empfing und ihnen zugleich mittheilte: „Ludwig ist diesen Nachmittag hier gewesen, er hat einen Brief von seinem Vater gehabt! —" „Was mag der Landkammerrath geschrieben haben?" fragte der Förster mit einem forschenden Blick auf seine Tochter, die ihm ruhig aushielt und erwiderte: „Du sollst den Brief selbst lesen, Vater. Er hat ihn unter die Zeitungen gelegt!" „Ist der Junker schon wieder zurückgefahren?" fragte die Försterin. „Nein, Mutter, er ist bei Bergmann's und wird nachher wiederkommen!" Den Brief von der bezeichneten Stelle nehmend, begann der Förster ihn zu lesen. Seine Züge umdüsterten sich dabei immer mehr, und als er bis zum Schluß gelangt» sagte er, ihn auf den Tisch werfend: „Eine schöne Epistel das, an seinen jüngsten Sohn, der mit seinem schwächlichen Körper schon weit mehr geleistet, als einer seiner Brüder, für die er vielleicht noch gar Schätze sammeln soll. Es wird aber immer so bleiben und ein Glück ist'S, daß er gesund geworden ist, und selbständig in der Welt dastehen kann!" Als Ludwig von Bodenwald im Försterhause, wo er noch einige Stunden geblieben, in herzlichster Weise, denn das gestattete ihr früheres Verhältniß, auf längere Zeit von Anna Abschied genommen und sich entfernt, diese selbst aber sich in ihr Stübchen begeben, da sagte der Förster, welcher noch einen Blick in die Zeitungen thun und wie allabendlich seine Pfeife rauchen wollte, in ernstem Ton zu seiner neben ihm sitzenden Gattin: „Es freut mich, Frau, daß es soweit gekommen ist und Anna, wenn wn sie auch überall entbehren werden, einstweilen fortgeht, denn ich fürchte, ich fürchte —" „Was?" fragte die Försterin schnell doch anscheinend unbefangen. 260 „Solltest Du es nicht ebenfalls bemerkt habe»/ und hast doch sonst ein scharfes, wachsames Auge auf Deine Umgebung?" „Doch, doch, Kohring, ich weiß, was Du sagen willst", entgegnete eben so ernst seine Gattin, „und es ist schon lange meine stille Sorge gewesen, daß der Junker und Anna sich nicht mehr wie in früheren Tagen gegenüberstehen könnten!" „Mir ist kürzlich", versetzte der Förster, „als sie Regensburgs Bewerbung so entschieden zurückgewiesen, dieser Gedanke gekommen, obgleich wir sie nie veranlassen würden einen so viel älteren Mann zu heirathen. Zu begreifen wäre es wohl —" „Ja, denn die gebrechliche Gestalt abgerechnet, ist auch wohl der Junker im Stande, das Herz eines Mädchens zu fesseln, zumal diesem bisher nicht viele Vergleiche zu Gebote gestanden. Gesetzt aber, sie hätten sich in einander verliebt, so sollte mir das für beide Theile innigst leid thun, denn sie müßten doch dieser Neigung entsagen, und würde sie ihnen nur eine schöne Erinnerung ihrer Jugendzeit bleiben!" „Und deshalb ist es gut, daß sie getrennt werden", antwortete der Förster, einige hastige Züge aus seiner Pfeife thuend. „Sollte aber wirklich der Junker unserer Anna mit der ganzen Kraft der ersten Liebe zugethan sein, so ist mir bange, daß er sie weder aufgibt, noch vergißt." „Das könnten aber schlimme Zeiten für uns geben", sprach traurig die Försterin. „Dennoch sind wir außer Stande, ihnen vorzubeugen", entgegnete ihr Gatte, fügte aber zugleich ermuthigend hinzu: „Mache Dir aber noch keine Sorgen, Frau, und laß uns vor allen Dingen Anna verbergen, was wir, und vielleicht ohne Grund, von ihr und dem Junker muthmaßen. Kommt Zeit, kommt Rath, und damit laß uns von dieser Sache abbrechen, über die wir uns aussprechen mußten", und sich in dicke Dampfwolken hüllend, nahm der Förster die eine der Zeitungen zur Hand und schob seiner Gattin die andere hin. Als Anna ihr Erkerstübchen erreicht, begab sie sich nicht, wie ihre Eltern angenommen» denen sie eine gute Nacht gewünscht, zur Ruhe, sondern überließ sich dem so lange zurückgedrängte» Schmerz über die Trennung von dem Geliebten, den sie während vieler Monate nicht wiedersehen würde, und brach auf einen Stuhl sinkend in lautes Schluchzen aus. Wie lange sie so geweint, wußte sie kaum, doch vernahm sie endlich Fußtritte auf der Treppe, und sich leise erhebend, drehte sie, um vor jeder Ueberraschung sicher zu sein, den Schlüssel im Schlöffe um, überzeugte sich aber bald, daß es das Mädchen gewesen, welches sich in ihre Stube begeben wollte. Dann versuchte sie sich zu fassen, begann ihre, nach und nach langsamer fließenden Thränen zu trocknen, und sagte, nachdem sie noch eine Weile sinnend und gedankenvoll dagesessen: „Sechs oder sieben Monate vergehen schnell, und dennoch — dennoch kann in dieser Zeit viel geschehen! — Ludwig ist schwächlich, der Winter immer sein Feind gewesen, allein er wird um meinetwillen seine Gesundheit schonen, denn er weiß» wie unaussprechlich ich mich ängstigen würde, wüßte ich ihn krank auf dem Buchenhof! — Es kann aber noch Schlimmeres eintreten — er kann sterben, auf immer von mir gehen — — o, «nein Gott!" stöhnte leise die bleiche Försterstochter, „laß es nicht dazu kommen, schütze ihn, erhalle ihn mir! — Ohne sei» Dasein und seine Liebe würde auch das meinige bald enden, seinen Tod möchte ich nicht lange überleben!" Von ihren schmerzlichen Gedanken überwältigt hielt sie inne, und fuhr erst nach einer Weile fort: „Sollten wohl die Eltern eine Ahnung von Ludwigs und meiner Liebe haben? Ich glaube es, denn ich bin kürzlich so oft den forschenden Blicken des Vaters begegnet, und gewiß lassen sie mich nur aus dem Grunde so schnell von hier fortgehen! — Wie mag nur alles enden, denn trotz Ludwigs Muth und Zuversicht ist mir so bange um's Herz-« Jetzt hörte sie unten die Hausthür öffnen, und vernahm zugleich die Stimme ihres Vaters und des Jägerburschen, der wie allabendlich tue Schlüssel zu den verschiedenen 261 Stallungen gebracht. Dann ward die Hausthür verschlossen und verriegelt, ihre Eltern begaben sich in ihr Schlafzimmer, das unter ihrem Erkerstübchen lag, und so leise wie möglich eilte auch sie jetzt, zur Ruhe zu kommen. Aber noch lange lag sie wachend und mit traurigen Zukunftsbildern beschäftigt da, und als sie endlich nach Mitternacht eingeschlummert, verfolgten diese sie selbst in ihren Träumen. — (Fortsetzung folgt.) Frühjahrshüte. Der Berliner Feuilletonist Siegfried Haber schreibt: In den Schaufenstern unserer Putzhandlungen liegen garnirte Damenhiite aus, welche so ziemlich das Monströseste sind, was man seit langer Zeit gesehen hat: Babylonische Thurmbauten aus Stroh, mit Rändern, unter denen eine ganze Familie inklusive Kinderwagen Schutz vor einem plötzlich ausbrechenden Platzregen finden könnte, aufgetakelt mit einer Wagenladung von knallig bunten Bändern, Vogelbälgen und künstliche» Obstsorten. Wenn man diese Ungethüme zum ersten Male sieht, wird man ausschließlich von einem Gefühl des Schreckens beschlichen. Das also sollen unsere des Tragens großer Lasten ja so ungewohnten Damen in der kommenden Saison auf den Kopf setzen! — Wahrlich, es ist kein Wunder, wenn bei dem Gedanken hieran ein Grauen jegliches weibliche Wesen befällt. Wäre nun der Frühling ganz plötzlich von gestern zu heute in's Land gekommen, dann hätte sich die gesammte Damenwelt in der fürchterlichsten Verlegenheit befunden: Sie würde gezwungen gewesen sein, sofort und ohne weiteres ihre Wahl zu treffen, respektive sich für einen derartigen Koloß zu enticheioen. Die Natur aber, in ihrer unendlichen Milde und Güte, läßt Nachsicht walten. An straffem Zügel hält sie den Lenz zurück, damit das schwache Geschlecht Zeit gewinne, sich mit dem Gedanken an die unvermeidliche Kopfbethürmung vertraut zu machen. Auf diese Weise ermöglicht sie den nachstehend in großen Umrissen charakterisiern Uebergang: Erster Tag. Bor dem Schaufenster. „Nein, diese Hüte! Das ist ja etwas geradezu Scheußliches I" Zweiter Tag. Bei einer Freundin. „Hast Du denn schon die fürchterlichen Hüte gesehen, die in diesem Jahre Mode sind? Ich glaube, ich würde mich nie entschließen können, dergleichen zu tragen." Dritter Tag. In einer Gesellschaft. „Also die Kommerzienräthin P. trägt schon einen solchen Hut? Nun ja, bei diesen Damen ist man ja von jeher an Extravaganzen aller Art gewöhnt." Vierter Tag. Im Thiergarten. „Sieh' mal, da geht eine mit einem solchen Hut. Dort wieder eine. Es sieht doch zu kurios aus! Das heißt, für manche Gesichter scheinen sie sehr kleidsam zu sein." Fünfter Tag. Im Laden der Putzhandlung. „Könnte man denn vle Garmtur nicht weniger aufbauschen, und würden statt der drei reizenden Vögelchen nicht zwei genügen? —» Sechster Tag. In einem anderen Putzladen. „Allerdings, ich sehe es wohl ein, eine weniger splendide Garnirung steht in keinem Verhältniß zu dem natürlichen Volumen des Hutes." Siebenter Tag. Vor dem Spiegel in einem dritten Putzgeschäft. „Da ist nicht zu leugnen, so gut wie dieser Hut kleidet mich kein anderer. Und sehr praktisch scheinen sie zu sein. Gegen die Sonne zum Beispiel gibt es gar keinen besseren Schutz. Was haben die Männer skandalirt, als wir früher die kleinen Miniaturhütchen trugen! Und sie hatten wahrhaftig recht!" Achter Tag» Zu Hause. „Männchen, ich habe mir einen Hut gekauft, weißt Du so einen großen, mit vier reizenden kleinen Vögelchen d'rauf — ich sage Dir: entzückend!" 262 Ueber die wahre Lage der Villa des Horaz. Frankfurt, 20. April. Der gelehrt« Engländer James A. Lawson macht in einem interessanten Reise« bericht, den die neueste Nummer der „Times" veröffentlicht, wesentlich neue Mittheilungen. Er schreibt: »Von einem Freunde begleitet, der ein Kenner und 'Verehrer des Dichters ist, verließ ich Tivoli früh am Morgen, um in das Sabiner Land zu fahren. Der Weg ist die alte Villa Valeria und zieht sich durch eine reizende Gegend. Wir begegneten den malerischen Ueberresten einer alten Wasserleitung und der sehr unmalerischen Form einer neuen. Wir schauten hinab auf die Wendungen des „praooapa ^nio.^ Der erste bemerkenswerthe Ort heißt Vico Varo, ein Dorf, das hoch auf seinem Felsenfundamente steht, die Straße beherrscht und sehr alte Unterbauten, auf dem es ruht, ausweist. Es ist das Varia, zu dem fünf wackere Familienvater vom kleinen Gütchen des Horaz zu gehen siegten, um als stimmfähige Bürger Theil an den in der Hauptstadt des Distriktes zu verhandelnden Gemeinde-Angelegenheiten zu nehmen. Der Weg rechter Hand führt nach Subiaco, während der des Licenza-Thales links abgeht. Der Bach Licenza, Horazens Digentia, fließt mit klarem Wasser in der Tiefe des Thales weit unter uns dahin und eilt hastig dem Anio zu. Auf der anderen Seite des Baches liegt auf einem erhabenen Hügel ein Dorf, jetzt Cantalupo Bardclla genannt, das bei Horaz Mandela heißt und von ihm wegen seiner erhabenen Lage als „ruAoous kriZors puZus" bezeichnet wird. Wir konnten uns den Dichter noch wohl vorstellen, wie er diesen Weg entlang schlenderte und die Dorfbewohner den Hügel Herabkommen sah, um ihren Wasserbedarf aus der an dessen Fuße dahinrauschenden Digentia zu schöpfen. Wir setzten dann unsere» Weg, der jetzt sehr verbessert und für Wagen fahrbar gemacht worden ist, bis an das Ende des Thales fort, wo wir noch die Spuren der alten Straße, auf der Horaz zu reiten pflegte, recht wohl unterscheiden konnten. Zunächst kamen wir in das Dorf Rocca Giovani, das auf einem Felsenhügel in einer beträchtlichen Höhe an der Seite des Berges sitzt, der das Thal zu unserer Rechten abschließt. Nach einer Fahrt von drei bis vier englischen Meilen erreichten wir das Ende des Thales, das von allen Seiten von einem Amphitheater von Hügeln eingeschlossen ist. Hier hat man in der That vor Augen, was Horaz mit den Worten beschreibt: „Lontinui nisi äisrooieiitur opuou Vnl's." Die Fahrstraße hört auf; aber, wenn man zu Fuß über eine kleine Brücke geht, gelangt man auf einem steilen, felsigen Wege zum Dorf Licenza empor, das ein armer Ort ist und keine Zeichen von Alterthum an sich trägt, allein von seiner hohen Lage einen herrlichen Blick auf das ganze Thal gewährt. Hinter dem Dorfe ist ein Steigpfad, der zu einem höher gelegenen Dorfe, Civitella genannt, führt und von dort durch die Gebirge nach Palombaro. Das Thal ist so ein oul-cks-ouo, und die Ausdrücke „vallis rockuvtrr" und „latebru« äulosn" bezeichnen seinen Charakter treffend. Als wir von diesem Punkte hinabblickten und uns Horazens Beschreibung vergegenwärtigten, waren wir überzeugt, daß die horazische Farm gerade unter uns auf dem rechten Ufer der Digentia gelegen haben mußte, von der einen Seite von diesem Flüßchen, und von der anderen von einem kleinen Bache oder Zuflüsse der Digentia begrenzt war, die zu unserer Rechten in's Thal hinabrauscht und in deren Laufe man die §ons Lunckuisnö, wenn sie überhaupt in dieser Gegend war, finden müßte. Das Gütchen des Dichters umfaßte einige Acker bebautes Land, Weideplätze, einen Weinberg und einen Wiesengrund, der vom Bache selber bespült war, mit einem Streifen Wald dahinter, der den Abhang deS Hügels beschattete, welcher jetzt Comazzano und bei Horaz Lucretilis heißt. Wie weit des Dichters Besitzthum in das Thal hinabreichte, kann jetzt nicht mehr bestimmt werden; allein nach den,, was wir von seiner Ausdehnung nach der Beschreibung des Dichters schließen dürfen, konnte es nicht sehr groß gewesen sein, da es außer des Herrn Villa nur fünf kleine Behausungen für die Arbeiter enthielt. Sie lag so in einem Winkel „un§ulus ist,«" am Ende des Thales und erstreckte sich bis an die Ufer der Digentia. Auf diesen Punkt lege ich ein besonderes Gewicht, denn er schien uns entscheidend und widerspricht der 263 Lage, welche Signor Rosa der horazischeu Villa gibt. Daß die Farm an den Bach grenzte, beweist die Epistel des Horaz an seinen Verwalter, lud. I, op. 14: Opus pigeo rivus, 8i esoillit imber, Llulta molo ckoeonüno aprioo paroore prato." Was die Quelle Lanäugiu betrifft, so habe ich sie nicht als seinen Gegenstand angesehen, um die Lage der Farm festzustellen, da man doch streitet, ob sie bei derselben oder in Venusia, dein Heimathsorte des Dichters war. Diesbezüglich möchte ich übrigens einfach fragen, warum Horaz in so herrlichen Worten eine Quelle in Venusia besingen sollte, welchen Ort er höchst wahrscheinlich, seit er nach Nom gekommen, nie mehr besucht hatte? Setzt nicht seine Beschreibung und das gelobte Opfer eines Ziegenböckleins, das ihr Wasser röthen sollte, eine tägliche Bekanntschaft mit dieser Quelle voraus und eine Anhänglichkeit, wie sie ein Dichter für eine klare Quelle in der Nähe seines Lieb« lingsspazierganges „empfinden mußte?" Und warum sollte die Quelle Bandusia nicht dieselbe sein wie »k'ons ötinm rivo änrs uoinen iäoncni^", die offenbar ein Wässerchen sein mußte, das durch sein Besitzthum floß und sich in die Digentia ergoß und ihr soviel Wasser zuführte, daß man dem Bache füglich ihren Namen hätte geben können? Auf dem Boden, den man mit aller Wahrscheinlichkeit als die Lage der Farm ansehen kann, zeigte uns der Eigenthümer im Weinberge etwas über dem Wegs die Reste eines Gebäudes, woselbst er etwas Erde mit einer Schaufel wegnahm, wonach ein Mosaikboden zum Vorschein kam. Darauf lege ich zwar nicht viel Gewicht, denn Horazens Villa war eine bescheidene, so daß man nicht erwarten kann, daß von ihr, sowie von den Hütten der Arbeiter viel hat übrig bleiben können; auch möchte ich die Lage der Villa selber nicht genau sixiren. Allein die Lage des Gütchens ist deutlich abgegrenzt und paßt in jeder Weise zu Horazens Gemälde, dem geschützten Winkel, dem Flüßche» Digentia vor seiner Thüre, in dessen kühlen Wellen er sich erfrischen konnte; der Morgensonne, die die Hügel zur Rechten vergoldete und der Abendsonne, die deren rechte Seite erwärmte. An einem solchen Abende, wie wir einen genossen, ist es nicht schwer, sich den Horaz vorzustellen, wie er außer seinem Thore an den Ufern des Baches herumschlendert und nach seinen Freunden in der Abendsonne späht, die auf der Straße von Tibur daherkommen und von ihm eingeladen sind, die „nootös ooLuno^uö Osuiu" zu genießen. G o l d r s r n s r. Größe, wen» sie mit dem Glück zerfällt, Zerfällt mit Mensche» auch. Shakespeare. Wer dem Publikum dient, ist ein armes Thier; Er quält sich ab, Niemand dankt ihm dafür. Goethe. Freundschaft ist die Blüthe eines Augenblickes nnd die Frucht der Zeit. Es ist nicht genug, Herr über viele Leidenschaften geworden zu sein! nein, Alle muß mau sie besiegt haben; eine einzige, die zurück bleibt verunreinigt die Seele des Weisen, wie ein einziger Tropfen Blut den Becher voll kristallhellen Wassers. Kohebne. Gegen srechcu Lug Den listigen Betrug, Den stolzen Uebermnth Und die Pertolgnngswnth — Wird Geduld Zur Mitschuld. Jak. V-nedey. Reichthum macht das Herz schneller hart als kochendes Wasser ein Ei. Borne. Mit dem Rechte soll der Mensch nicht dingen: Es gibt nur einen hellen Punkt des Rechts, Und ringsum liegt die Finsterniß der Sünde. R a u p a ch. 264 Ehemaliger Kleiderluxus. * Man schmäht so sehr über den Aufwand der mordernen Moden, und doch war dies ehemals weit ärger! Namentlich scheint das 16. Jahrhundert Hervorragendes an Luxus geleistet zu haben, wie die folgenden Beispiele beweisen mögen. — Die Königin Elisabeth von Spanien, eine Tochter der berüchtigten Katharina von Medicis, und Gemahlin König Philipp II.» trug nie ein Kleid zweimal — ihr Schneider brachte ihr täglich ein neues, im Preise von 900—1200 M., und wurde dabei in etlichen Jahren zum reichen Mann. — Auch die Königin Elisabeth von England, ebenfalls zur Gattin Philipp II. aus- ersehen, besaß eine außerordentliche Vorliebe für Luxus in der Kleidung, und pflegte sich deshalb stets in die kostbarsten Anzüge, nach den Moden aller Länder von Europa angefertigt, zu kleiden, oft verziert mit Gold und Edelsteinen von unschätzbarem Werthe. Sie besaß 3000 verschiedene Gewänder, darunter z. B. Eines von weißer Seide, ganz und gar mit Perlen in der Größe von Lohnen besetzt. Auch ihre Juwelenbüchse war mit allen erdenklichen Schmuckgegenständen versehen, außerdem aber mit vielerlei Kopfputz, als Haarnetzen mit goldenen Knöpfen und mit Perlen u. s. w., und mit vielen — Perrücken. Dieser Luxus, der von der Königin ausging, theilte sich dem ganzen Hofe mit. Der berühmte Hofmann und Weltumsegler, Sir Walter Raleigh, warf einmal seinen Prachtvollen Plüschmantel in den Schmutz, nur um der Königin einen etwas bequemeren Weg dadurch zu verschaffen. Er wurde portraitirt in einem Wams von weißem Atlas, besäet mit echten Perlen, und noch im Tower, während seiner späteren 19jährigen Gefangenschaft, ging er in Sammet und kostbarem Stoffe gekleidet. Und er war nicht der einzige Mann seiner Zeit, welcher „sein Gut am Leibe trug", wie es in einer Predigt von damals, welche sehr gegen jenen Mode-Luxus eifert, heißt! Ebenfalls ein Zeitgenosse: 6k okkroi äv In Volvo, der 1573 wogen einer Schrift, die er verfaßt, gehangen und dann verbrannt wurde, besaß nicht weniger als für jeden Tag im Jahr ein anderes — Hemd, und zwar schickte er alle diese Hemden stets extra nach einer Stadt in Flandern — zur Wäsche! — Dagegen kommt der Kleiderluxus von heute wohl doch kaum auf! L. R. Mtseellen. Ein Leser der „Köln. Volksztg." theilt derselben folgendes Histörchen aus einem von Amerika an ihn gesandten Briefe mit: „Der Grocerist (Krämer) John Dohlen in New- Uork, wurde jüngst von einem jungen Manne ersucht, eine 10-Dollar-Note zu wechseln. Dohlen leistete dem Wunsche Folge und zog dabei eine Rolle Banknoten aus der innern Tasche seiner Weste. Der junge Mann dankte für die Gefälligkeit und empfahl sich. Etwa zehn Minuten später kamen zwei wohlgekleidete junge Leute in den Laden. „Wir haben eine sonderbare Wette gemacht," hob einer derselben an, „mein Freund behauptet, daß sein Hut eine größere Qantität Molasses halten könne, als meiner. Füllen Sie meinen Hut mit Molasses und messen.es ab; ich bezahle dafür!" Dohlen, der allein im Laden war, lachte, ging nach der Syruppfanne und füllte den Hut bis zum Rande. Der Fremde nahm den „Cylinder, der, nebenbei gesagt, sehr weit war, und stülpte ihn dem Erocer (Krämer) auf den Kopf. Der Hut sank dem Manne bis auf die Ohren während der Syrup ihm über die Augen lief. Im nächsten Moment hatten die Kerle dein Manne 274 Dollars in Papiergeld gestohlen, und ehe er den Hut vom Kopfe ziehen konnte, waren sie verschwunden." Ein süßer Hut! (Auf der Leipziger Promenade.) „Bitte, bleiben Se bedeckt. Herr Advegate, Ihre Freindlichkeet kost't mich doch ooch Widder änne Mark uff d'r neien Rechnung!" (Immer ächt.) Pfarrer zu einem Tproler: „Ist es dein freier ungezwungener Willen, in das Sakrament der Ehe einzugehen, so sage ja." — Tproler: „Sei wohl." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttlcr. Nr. 34. 1883. zur „Äugst!urger PostMuug." Samstag. 28. April Des Jörsters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) VI. Ein harter Winter, namentlich fühlbar in den Berggegenden» die durch den tiefliegenden Schnee längere Zeit von allein äußeren Verkehr fast abgeschnitten gewesen, war vergangen. Dem Ende Februar eingetretenen Thauwetter war die Märzsonne zu Hülfe gekommen, und diese, sowie ein scharfer Nordostwind hatte nach und nach die Landstraßen mit ihren Nebenwegen wieder brauchbar gemacht. Dies war auch in der näheren und weiteren Umgebung von Schloß Bodenwald und dem Buchenhof der Fall gewesen, wo es oft tagclanger Arbeit bedurfte, um die haushohen Schneemassen zu durchbrechen, die ihnen der Sturm zugeführt. Ungeachtet des Winters, des Schnees und der Kälte aber war die Zeit unter gewohnter Arbeit, die keinen Aufschub litt, vergangen. In Bodenwald hatte die Verwalter« und die Försterfamilie sich des besten Wohlseins zu erfreuen gehabt, doch war dies leider mit dem jungen Gutsherrn des Buchenhofes nicht der Fall gewesen, den eine heftige Erkältung gezwungen, während dreier Monate das Haus zu hüten. Bergmann - und Kohring waren, soweit eS das Wetter und die Wege gestatteten, fast täglich u ihm hinübergefahren oder geritten, um ihm in der Leitung der Gutsangelegenheiten beizustehen; deren Gattinnen halten ihn ebenfalls besucht, und Frau Bergmann war sogar, als sein Husten einen schlimmeren Charakter angenommen, mehrere Wochen bei ihm auf dem Buchenhof geblieben, um ihn, wie in seinen Kinderjahren zu pflegen, und ihm in dem großen, stillen Hause Gesellschaft zu leisten. Während dieser Zeit hatte sie bemerkt, daß neben seinem körperlichen Leiden, er in fortwährender Gemüthsverstunmung und Aufregung war, die außer den traurigen Familien- verhältnissen noch einen anderen Grund haben konnten, denn sie, wie ihr Gatte hatten ihres ehemaligen Schützlings Neigung zu seiner sonstigen Spielgefährtin längst durchschaut und wußten auch nur zu gut, warum deren Eltern ihr einziges Kind von sich gegeben. — WaS nun Anna Kohring anbetraf, so war Ludwig von Bodenwald ihretwegen gänzlich beruhigt, da ihr Vater und auch Bergmann, welche sie gelegentlich besucht, stets die günstigsten Nachrichten von ihr mitgebracht. Sie selbst aber war seinetwegen stets in großer Sorge; man hatte ihr seine Kränklichkeit während des Winters nicht verheimlichen können, und wenngleich sie erfahren, daß er genesen war und das Haus wieder verlassen durfte, so verschwand damit ihre Angst um ihn nicht, und sie sehnte den Augenblick herbei, wo sie nach Bodenwald zurückkehren und auch ihn wiedersehen würde. Von dem Landkammerrath waren zu Zeiten Briefe an seinen Sohn, wie an Bergmann angelangt. Die des Letzteren handelten meistens nur von Geschäfts-Angelegen- 266 heilen des Gutes, wenngleich sie auch zuweilen kürzere Familienmittheilungen enthielten. Letztere waren an den jungen Gutsherrn vom Buchenhof ausführlicher; er erfuhr, daß die Gesundheit seiner Eltern sich in Italien kaum gebessert habe, sein Bruder aber fast vollständig genesen sei. Außer verschiedenen Bekannten, die sie während des Winters gesehen, war auch die gräfliche Familie von Eschenbach in Neapel angekommen, deren älteste Tochter von den beiderseitigen Eltern zur Gattin des Majoratserbcn ausersehen war. Das junge Paar hatte sich kennen und lieben gelernt, die Verlobung im Februar stattgefunden, und sollte im Mai die Vermählung folgen. Bei dieser wünschte der Landkammerrath seinen zweiten Sohn zu sehen; er trug ihm auf, deshalb einen mehrmonatlichen Urlaub zu nehmen, und sobald wie möglich nach Neapel zu kommen. Ein zweiter Grund zu dieser Reise war die Anwesenheit einer sehr reichen, jungen verwaisten Baronesse, die mit ihren Verwandten Italien bereiste, und dem Landkammerrath so gut gefallen, daß er sie seinem zweiten Sohne als Gattin bestimmt. Karl von Bodenwald erhielt leicht den begehrten Urlaub, und reiste im März nach Neapel, ohne jedoch, weder auf Bodenwald noch dem Buckenhof gewesen zu sein, wohin an den jungen Gutsherrn keine Einladung zur Hochzeit seines Bruders gelangt war. Diese Lieblosigkeit der Seinigen kränkte ihn tief, entfremdete ihn seiner Familie immer mehr, und befestigte in ihm den Entschluß, Anna Kohring so bald wie möglich ! als seine Gattin heimzuführen. So war der Mai herangekommen, das Hochzeitsfest seines Bruders in Neapel begangen worden, doch hatte er darüber noch keine nähere Nachricht erhalten. Eines Nachmittags fuhr er nach Bodenwald, um sich nach Frau Kohring's Befinden zu erkundigen, die eine kranke Bauernfrau gepflegt, und von derselben Krankheit befallen worden war. Auf dem Wege dahin übergab ihm der Postbote einen Brief seines Vaters, den er sogleich öffnete und zu lesen begann. Er enthielt die Schilderung der Hochzeitsfeier, an der sich mehrere der ihnen bekannten Familien betheiligt. Nach der Festlichkeit war das junge Paar auf einige Wochen nach Sorente gegangen, um später mit der ganzen Familie eine nördlichere Gegend aufzusuchen. Außer dieser Nachricht theilte aber auch der Landkammerrath seinem jüngsten Sohne mit, daß sein .Bruder Karl sich mit der Baronesse von Sommerfeld verlobt habe, die Hochzeit im Herbst stattfinden, und die Neuvermählten ebenfalls im Winter in Italien bleiben würden. Dieser Brief enthielt noch einige geschäftliche Mittheilungen, allein keine Erkundigungen nach Ludwig von Bodenwald's Gesundheit, oder überhaupt seinem Ergehen, und schloß, wie immer, mit einem Gruß seines Vaters, ohne der übrigen Familie weiter zu erwähnen. Mit einer raschen Haudbewegung steckte der junge Mann das Schreiben wieder in das Couvert, und dies ebenso heftig in seine Brusttasche, lehnte sich dann gegen die Wagenecke, i und überließ sich seinem Nachdenken. Beim Anblick des Försterhauses, das ihm von» Eingang des Waldes her entgegen leuchtete, erheiterten sich seine Züge und er dachte: „Anna wird in nächster Zeit zurückkommen und dann, sobald nur ihre Eltern einwilligen bekommen die meinigen eine dritte Schwiegertochter, ich aber ein theures, liebes Weib, an dessen Seite ich bald meine Familie und deren Lieblosigkeit vergessen werde!" Nach einer Weile ließ er halten, stieg aus und schickte den Wagen nach dem Gutshof, (wohin er sich später ebenfalls begeben wollte), dann vernahm er die Stimme des Försters, der aus einem Seitenweg kommend, ihn begrüßte, und bei dem er sich nach dem Befinden seiner Gattin erkundigte. Es steht leider mit meiner Frau nicht gut, Herr von Bodenwald, entgegnete der Förster traurig, „und seit wir uns vor acht Tagen zuletzt auf dem Buchenhof gesehen, < hat das Fieber bedeutend zugenommen, so daß der Medizinalrath seine ganze Sorge und GeschickUchkeit aufbietet, um den Typhus abzuwenden!" 267 ' „Den Typhus?« fragt« theilnehmend der junge Mann, „dazu wird es hoffentlich nicht kommen!" — „Wer aber pflegt sie?" „Seit einigen Tagen ist Anna wieder hier —" „Anna?" wiederholte schnell der Junker, und dem Förster entging das freudige Aufleuchten seiner Augen nicht. „Sie wußte von der Krankheit ihrer Mutter", erwiderte dieser, „und hatte in M. keine Ruhe mehr. Bergmann, der des Kornhandels wegen dorthin fahren mußte, hat sie mitgebracht!" / „Und ist Ihre Frau damit einverstanden?" fragte Ludwig von Bodenwald, der sich von seiner freudigen Ueberralchung schon erholt hatte. „Gewiß, Junker Ludwig, und ich bin es ebenfalls, denn die Haushaltung kommt aus dem Geleise, wenn die kundige Hand sie zu leiten fehlt!" Anna hatte vom Fenster aus die Männer herankommen sehen und Zeit gehabt, sich auf das unerwartete Wiedersehen ihres Geliebten vorzubereiten, und war daher im Stande ihm mit ruhiger Freundlichkeit entgegen zu treten. Sie begrüßten sich mit herzlichen Worten, und der junge Mann fügte theilnehmend hinzu: „Deine schnelle Rückkehr, Anna, die ich von Deinem Vater erfahren, hat eine traurige Veranlassung gehabt —" „Ja, Ludwig", entgegnete Anna, welche sich schon durch einen prüfenden Blick überzeugt, daß seine äußere Erscheinung sich nicht zu seinem Nachtheil verändert hatte, „doch wolle» wir hoffen, daß bald alle Besorgniß überflüssig ist!« Der Förster und sein Gast nahmen vor der Thür Platz» Anna aber ging in's Haus zurück, schickte ihnen einige Erfrischungen, ihres Vaters Pfeife und Cigarren, und begab sich dann wieder an das Krankenbett ihrer Mutter, welcher sie unbefangen erzählte, daß Ludwig von Bodenwald gekommen sei, und mit dem Vater sich vor der Thüre befinde« Ungeachtet ihrer Krankheit beobachtete die Försterin ihre Tochter mit scharfem Blick, konnte aber keinerlei Veränderung in deren Zügen erkennen, und schloß die matten, fieberheißen Augen. — Unterließ hatte der Förster die Gläser gefüllt und seine Pfeife genommen, der junge Gutsherr aber den Brief seines VaterS aus der Tasche gezogen, und ihm reichend sagte er: „Lesen Sie, Kohring, oder haben Sie schon die neuesten Nachrichten aus Neapel erfahren? —" Der gereizte Ton des jungen Mannes fiel dem Förster auf, der ruhig erwiderte: „Bis diesen Mittag hatte Bergmann noch keine Nachrichten, Junker Ludwig — —" „Ich habe diesen unterwegs in Empfang genommen, lesen Sie auch, damit Sie erfahren, daß mein Vater auch meinen Bruder Karl verlobt!" > Der Förster kam der Aufforderung nach, und hüllte sich in immer dichtere Rauchwolke» «in, Junker Ludwig blies ebenfalls den Dampf seiner Cigarre schneller vor sich ^ hin, und als Ersterer den Brief, den er zweimal gelesen, vor sich auf den Tisch legte, trat Anna hinzu und sagte in ganz unbefangenem Ton: „Du hast wohl Nachricht von Deinem Vater erhalten, Ludwig?" „Ja, Anna", antwortete er mit verfinstertem Gesicht, „und wenn eS Dir Vergnügen macht, kannst Du lesen, daß mein Vater Hugo mit einer Gräfin verheirathrt, und Karl mit einer Baronesse verlobt hat!" Anna, welche sich zu ihrem Vater gesetzt, las ebenfalls den Brief des Landkammerraths, der dann in eingehender Weise von ihnen besprochen ward, doch konnten weder Kohring noch seine Tochter, dessen Lieblosigkeit und Rücksichtslosigkeit gegen seinen Sohn beschönigen noch vertheidigen. Anna war im Begriff in'S Haus zu ihrer Mutter zurückzukehren, als der Jägerbursche erschien und ihrem Vater meldete, daß ein benachbarter Landmann ihn in der Baumschule zu sprechen wünsche. Kohring folgte dem Jäger- burschen, ünd kaum hatten sich Beide entfernt, als Ludwig hastig und mit unterdrückter Stimme sagte: 268 „Anna, ich muß Dich einige Augenblicke ungestört sprechen —" „Es wird uns hier Niemand belauschen noch unterbrechen, Ludwig. Was aber hast Du mir zu sage» — —" „Ich will Dich fragen, ob ich mich auf Dein mir gegebenes Versprechen verlassen kann-" „Ludwig!" antwortete vorwurfsvoll seine Braut. „Verzeihe, Anna, vergib! Allein wir haben uns seit Deiner Rückkehr noch nicht gesprochen — Du könntest während Deines Aufenthalts in der Stadt — —" „Still, still, Ludwig", unterbrach Anna ihn schnell, „und rege mich und Dich nicht unnöthig auf! — Nimm aber die Versicherung, daß seit vergangenem Herbst ich mich als Deine verlobte Braut betrachtet habe-" * „Dank, Anna, Dank", sprach Ludwig von Bodenwald mit unterdrückter Stimme. „Sobald Deine Mutter hergestellt ist, werde ich bei Deinen Eltern um Deine Hand anhalten, und die Einwilligung der meinigen zu unserer Verbindung schon zu erlangen wissen! —" „Hoffst Du nicht zu viel, Ludwig?" — nach den Heirathen, die Deine Brüder geschloffen-" „Wir werden sehen, was sie sagen, ich bin auf Alles vorbereitet, und ist's nicht auf dem Buchenhof, Anna, so werde ich für unser stilles Glück schon eine andere Stätte finden! —" Nach diesen Worten erhob er sich schnell und fügte lebhaft hinzu: „Anna, ich will zu Deinem Vater und dann zu Bergmann's gehen, da ich heute nicht zu spät fahren möchte. Sage Deiner Mutter meine besten Wünsche zu ihrer baldigen Genesung, und möchtest Du vor jeder Krankheit bewahrt bleiben!" Sie nahm in wenigen Worten Abschied, und während Ludwig von Bodenwald der Baumschule zuschritt, begab Anna sich zu ihrer Mutter zurück. — Vll. „Und glauben Sie wirklich, Junker Ludwig, daß Ihre Eltern zu solchen Plänen, die Sie und meine Tochter so lange verfolgt, ihre Zustimmung geben werden?" fragte der Förster den jungen Gutsherrn vom Buchenhof, als einen Monat später, denn die Genesung der Försterin war nicht so schnell, wie man g-'glaubt, erfolgt, sie durch den Schloßgarten gingen. Letzterer hatte Anna's Eltern seine Werbung um ihre Tochter vorgetragen, und diese schritt in einiger Entfernung von ihnen mit ihrer Mutter durch die stillen Wege und Alleen, die jetzt selten ei» Menschenfuß betrat, und wies voll freudiger Zuversicht, auf ihren Verlobten, als Frau Kohring ihr jede Hoffnung auf eine solche Verbindung zu nehmen suchte. „Geben Sie und Ihre Frau unS nur erst Ihre Einwilligung, Kohring, so will ich noch heute den Versuch machen, sie zu erlangen", entgegnete mit erhobenem Haupt und leuchtenden Augen der junge Mann, froh, endlich sein und seiner Braut Geheimniß deren Eltern anvertraut zu haben, ohne dabei auf eigentlichen Widerstand gestoßen zu sein. „Und wenn sie sie verweigern-" . Darauf bin ich vorbereitet, doch lasse ich mich dadurch nicht abschrecken, sondern werde meine Sache bis auf's Aeußerste verfolgen!" „Ihr Vater wird mit Enterbung drohen —" „Das kann er nicht, Kohring, und Sie wissen so gut wie ich, daß er die alten Familiengesetze einhalten muß» Er kann mir höchstens den Aufenthalt auf dem Buchenhof verweigern —" „Das wird er kaum thun, denn er ist mit Ihrer Verwaltung sehr zufrieden —" „Und geschieht es dennoch, so nehme ich, sein kränklicher, hinkender Sohn, eine Verwalterstelle an, und daß ich das thue, dafür bürgt ihm die Thatsache, daß von seinen Söhnen ich vielleicht der einzige echte Bodenwald bin!" Förster Kohring wußte nur zu gut, daß dies auch der Landkammerrath dachte, und 269 einsehend, daß alle seine Einwände vergeblich sein würben, beschloß er, sie noch einmal bei seiner Tochter zu versuchen. Er stand mit seinem Begleiter still, ergriff, als sie herankam, ihren Arm, führte sie davon und überließ es diesem, sich seiner Gattin anzuschließen. „Anna", begann er, als sie außer Hörweite waren, „ist es Dein fester Entschluß, Ludwig als Frau anzugehören?" „Ich kann nicht anders, Vater", entgegnete sie kaum hörbar, ohne ihn würde mein Leben freudlos und traurig sein —" „Es kann aber auch freudlos und traurig in seinem Besitz werden! — Denke an seine Familie — —" „Die wird uns immer fern bleiben!" — „Hat sie doch Ludwig seit seiner Kindheit verstoßen und ihn auch jetzt an keinem Familienfeste theilnehmen lassen. — Seine Brüder haben es nicht einmal der Mühe werth gehalten, ihm ihre Verlobung anzuzeigen!" ^ Diese Thatsache ließ allerdings keinen Widerspruch zu, dennoch sagte der Förster! „Denke an seine schwächliche Gesundheit seinen — gebrechlichen Körper —" „Ich werde ihn wie einen Augapfel hüten, und in meiner stete» Sorge und Pflege wird er sich immer mehr kräftigen." „Und wenn er Deinetwegen den Buchenhof, wo er sich so heimisch fühlt, verlassen muß? —" „Dann, Vater, dann muß meine Liebe ihm einen andern Aufenthalt theuer machen", entgegnete Anna, durch Thränen zu ihm aufblickend. Ihr Vater schloß sie gerührt an seine Brust und sagte mit bewegter Stimme: „Möge alles zum Guten enden, mein einziges, theueres Kind! — Ich will nur Dein Glück, und würde es mit jedem Opfer erkaufen!" Anna schmiegte sich fest an ihren Vater, sie gingen noch eine Strecke weiter, dann stand abermals Förster Kohring still, bis seine Gattin mit ihrem Begleiter herangekommen, er legte ihre Hand in seinen Arm und führte sie schweigend davon, während Ludwig und Anna ihnen ebenso schweigend folgten. Nach einer Weile sagte er in ernstem, fast bekümmerten Ton: Es ist also gekommen, wie wir gefürchtet, Frau, und meine Vorstellungen vermögen über Beide nichts — —" „Auch ich habe das Meinige gethan", erwiderte Frau Kohring, „um sie zu überreden, diese Verbindung aufzugeben, die der Landkammerratb nie gestatten wird, allein Beide wollen nicht daran denken und sehen darin allein ihr Glück." (Fortsetzung folgt.) G-ldkSrner. — Denn so geschieht^, Daß, was wir haben, wir nach Werth nicht achten» So lange wir's genießen; ist's verloren, Dann überschätzen wir ven Preis; ja dann Erkennen wir den Werth, den uns Besitz Mißachten ließ. Shakespeare. Tadeln ist leicht, erschaffen so schwer; ihr Tadler des Schwachen, Habt ihr das Treffliche denn auch zu belohnen das Herz? Goethe. Ach, die Liebe beweget das Leben, Daß sich die graulichen Farben erheben. Reizend betrügt sie die glücklichen Jahre, Die gefällige Tochter des Schaums; In das Gemeine und Traurigmahre Webt sie die Bilder des goldenen Träumst Schiller. Der Mensch nimmt viel leichter als man glaubt das Widersprechen und Zurechtweisen auf, nur kern Hemgcs verträgt er, und wäre es em gegründetes. Die Herzen sind Blumen: deni leise fallenden Thau bleiben sie offen, aber vor dem Platzregen verschließen sie sich. tzean Paul. 270 Ueber Sie Anfänge des Vogelschießens. Mancher unserer Leser hat wohl schon oft einen Schuß und noch dazu einen treff« lichen — nach dem Vogel gethan, ohne zu wisse», daß er damit einem heidnischen Brauche huldigte. — Der Gebrauch der Vogelschießen ist bekanntlich sehr alt und reicht hinab bis zu den verworrenen grauen Zeiten, wo in den germanischen Wälder» das Christenthum noch mit dem Heidenthum im Kampf« lag. Wie die durch Religionsvrrschiedenheit getrennten und zu wildem Haß gegeneinander getriebenen Völkerschaften sich gegenseitig zu vernichte» strebten, so machten sie ihren Vernichtungstrieb an ihren beiderseitigen religiösen Symbolen geltend. Die christliche Axt fällte die den Göttern der Walhalla gewidmeten heiligen Bäume, von denen mancher unter fanatischem Jauchzen seine Wipfel beugte, und die Heiden Übte» das Vergeltungsrecht an dem Bilde der Friedenstaube, unter welchem die Christen den heiligen Geist anbeteten. Zu diesem Zwecke schnitzten sie sich dergleichen Sinnbilder — unter ihren Händen wurden es freilich eher Zerrbilder — befestigten sie an Stangen und Bäumen und schössen nach ihnen mit Bogen und Pfeil, woraus später die sogenannten Armbrüste entstanden sind. Diesen heidnischen Schießübungen verdanken unsere „Vogelschießen" ihren Ursprung. In manchen deutschen Landen, z. B. in Franken, heißen dieselben auch heute noch „Taubknschießen." Auch findet man die Form der hölzerne» Vogel hin und wieder noch den Tauben ähnlich, wie man sie öfter in Kirchen abgebildet sieht. Allmälig, als der ursprüngliche Zweck solcher Schießvergnügungen in Vergessenheit grrjeth und dieselben sich zu volksthümlichen Festen erweiterten, wursen die Formen der Vögel größer, mannigfaltiger zusammengesetzt und stattlicher. Die friedlichen Tauben verwandelten sich in Adler, und im Schutze ihrer viel- fedrrigen Schwingen wurden Kleinode und Ehrenzeichen angebracht, auf welche die gr- wandten Schützen vorzugsweise gern zielten. Wer das letzte Stück vom Vogel schoß, ward zum König ausgerufen und blieb in dieser Würde bis zum nächst wiederkehrenden Feste und bis der neue Königsschuß fiel. Bekanntlich ist das Alles noch heute so. Ehe aber dies« »Vogelschießen" eine Sache des, wie wir aus der Geschichte wissen, oft ziemlich rohen und ausgelassenen Vergnügens wurden, hatten sie anfangs den Zweck, tüchtige Schützen zur Vertheidigung der Städte gegen äußere Angriffe und für den Krieg zu bilden. Mehr oder minder ist dieser Zweck selbstverständlich in den Hintergrund getreten, doch begünstigt z. B. die österreichische Regierung noch immer die Büchsenschießseste in Tirol aus den» nämlichen Grunde. Eine gleiche Bedeutung haben sie in der Schweiz. Allgemeiner und mit Volks festlichkeiten verbunden wurde das Schießen nach dem Vogel im vierzehnten Jahrhunderte. Aber schon im vorhergehenden Jahrhundert wurde es in geselliger Weise geübt und die Städte Augsburg und Nürnberg sollen eS bereits im Jahre 1286 aufgebracht haben. In dem alten Preußen (Porussien) ward es wahrscheinlich zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts eingeführt. Bis zum Jahre 1808 sollen sich noch Rechnungen der waffenkundigen „Erasmus-Brüderschast" aus dem Jahre 1342 in der Lade der Danziger Schützenbrüderschast vorgefunden haben» doch sind sie vielleicht unter dem Einfluss« der kriegerischen Unruhen verloren gegangen. Geschichtlich erwiesen ist, daß der Hochmeister des deutschen Orden», Winrich von Kniprode, der vorher mehrere Jahre Komthur des Danziger Schlosses war, bald nach seinem Regierungsantritt, etwa im Jahre 1352, das Vogel- und Königsschießen für alle Städte des Ordensgrbietes einzurichten befahl, wobei er vielleicht die in Danzig bestehende Sitte zum Muster nahm. Die von ihm angeordneten Schießübungen fanden in Zwingern und Schießgärten statt, indem man mit der Armbrust nach hölzernen Vögeln oder nach der Scheibe schoß. DaS große Vogelschießen nach den vom Hochmeister ausgesetzten Preisen hielt man in der Pfingstzeit ab. Wem dabei der beste Schuh gelang, der ward 271 ^ Schützenkönig. Mit Blumen bekränzt und mit einer silbernen Kette mit Wappenschildern geschmückt, ward er in festlichem Zuge nach seiner Wohnung geleitet, und neben manchen Vorrechten ward ihm auch bei festlichen Gelegenheiten der Schmuck jener Halskette und der Ehrenplatz neben den Herren des Rathes gestattet. Es wird wohl nicht uninteressant sein, den Bericht eines alten Schriftstellers, LukaS Davio, darüber zu vernehmen, der sich wie folgt ausspricht: „Nachdem er (Meister Winrich) wohl erfahren, daß mit Armbrustschießen — weil zu der Zeit die Handröhre nicht in Brauch — zu erwehren und abzuhalten die Feinde von den Mauern der Städte / sehr nutz- und fürtrefflichen", ließ er vor allen Städten einen Schießbaum setzen und einen Vogel von Holz gemacht, ungefähr in der Größe einer Henne» die ihre Flügel ausbreitet, aufstecken. Dabei verordnete er Geschenke, die denen gegeben wurden, „so die Flügel oder sonst ein merklich Stück am Kopf oder Schwanz abgeschossen. Der aber den Vogel ganz oder vollbereit zerstucket, das letzte Stuck «beschoß, der sollte das ganz Jahr über der Schützenkönig sein und geheißen werden, denn dann ein sonderlich und besser Geschenk, denn den andern, nämlich ein gut stark Armbrust verordnet und gegeben ward. Auch ward diesem ein silberner, überguldeter Vogel mit einer silberne» Ketten, der an der vorigen Könige Wapfen hing, um den Hals bis an die Brust schwebende gehenkt. (Daher hieß der Schützenkönig auch „Wappenkönig.") Dazu hatte er auch die Ehre vor andern, daß er an Feiertagen allewege zunähest dem Rath und Gerichtspersonen, den Vogel am Halse tragend, vor jedem anderen gemeinen Mann in der Prozession oder Umbgang fürherging. Ueber das hatte er in etlichen Städten in seinem Jahr der Herrlichkeit oder Freiheit, daß, wenn er in den gemeinen Garten oder sonst wohin in die Zeche ging, da einer oder mehr der Schützen-Brüderschaft vorhanden, mußten der oder die, so gegenwärtig waren, in der Zeche ihren König freihalten. Dadurch brachte er den gemeinen Mann dahin, daß unter ihnen viel guter Schützen, die Stadt in Nöthen zu erwehren, erfunden wurden. Und obwohl die Armbrust fast nicht mehr in Brauch, sondern an ihre Statt die Büchsen, Haken und Handröhre aufkommen, dennoch der Vogelschoß mit Armbrust jährlich wird gehalten. Und damit sich die Bürger desto fleißiger im Schießen üben möchten, gab er Rath, daß sie in den Zwingern ihrer Städte Schieß« gärten und Wände von Lehm zurichteten, dahin die Bürger sich zu erlustigen begeben möchten, und umb Kleinode, die von zusammengelegtem Gelde durch die Schützen erkauft oder von der Herrschaft aufgesetzt waren — danebst dann sonderliche Wetten einliefen — schießen sollten; alles dazu dienende — wie auch itzo mit Feuerbüchsen Haken und Handröhren beschicht, — daß die junge Mannschaft desto geübter werde und im Fall der Noth sich und die Stadt wider tue Feinde schützen könne." Der gemeinschaftliche Versammlungsort der Bürger wurde die Schießbude, auch der Hof genannt. Uebriaens mußte jedes Mitglied eine eigene Armbrust und bei jedem Schießen den vorgeschriebenen Anzug — die Gartsn-Kögel — haben und durfte diesen ^ auch vor Ablauf eines Jahres von keinem Nichtmitgliede tragen lasten. A. Löhn - Siegel. Mise-ll-n. (In Auerbach's Keller) in Leipzig finden sich folgende humoristische Verse: Wenn auch kein Rheinwein, Wenn der Wein nur rein; Wenn auch kein Mainwein, Wenn der Wein nur mein; Wenn auch kein Steinwein, Wenn nur kein Weinstein; So saß ich ',nal am Rheinfall, Da kam mir der Einfall, Wäre der Rheinfall ein Weinfall, Das wäre mein Fall. 272 (Das Ideal eines Reporters.) Der Correio Mercantil de Pelotas (Brasilien) betrauert den Verlust seines besten Reporters und berichtet über dessen tragisches Ende folgendermaßen: Vor 8 Tagen schrieb Snr. Monteiro in unseren: Blatte eine Notiz, der Echweinefetthändler Nudolfo Alschero sei ein ganz miserabler Gauner, und seine Waare alles andere nur kein Schweinefett. Der Fetthändler nannte Monteiro einen infamen Lügner und forderte ihn zum Duell. Dieses fand gestern hinter dem Caminho Nuovo statt. Während Alschero einen Schuß in den Schenkel erhielt und in vier Wochen wieder hergestellt sein wird, bekam unser braver Monteiro eine Kugel in die Brust und die Versicherung der Aerzte, daß er gerade noch fünf Minuten zu leben habe. Monteiro benutzte nun diese kleine Frist nicht etwa dazu, um in einem kurzen Stoßgebet seine Seele Gott zu empfehlen, nein, der pflichtgetreue Reporter raffte seine letzte Kraft zusammen und schrieb Folgendes an unsere Redaction: „Duell. Snr. Alschero und Snr, Monteiro hatten heute um 9 Uhr Morgens wegen einer Dummheit einen Zweikampf hinter dem Caminho nuovo. Snr. Alschero kam mit einer leichten Verwundung davon, Snr. Monteiro bekam eine Kugel in die Brust und starb einige Minuten nachher." Macht ein Extra- Honorar von rund 2 Mrlreis, welche Sie meiner Gattin zustellen wollen. Hierauf senkte er sein Haupt in den Schooß. (Eine ganz neue Kurmethode.) In Sän Franzisko prügelten sich zwei Aerzte am Bette eines Kranken, der darüber so heftig lachen mußte, daß er in Schweiß gerieth und hierauf gesund wurde. (Auf Abschlag.) Ella (eine 5jährige Kleine, die beim Schneeballenwerfen eins Fensterscheibe zerbrochen hat und dafür eben von Papa gestraft werden soll, fleht mit aufgehobenen Händen): Lieber Papa, bitt', nicht hauen; zieh mir's lieber von meinem Heirathgut ab!" (Gute Hausordnung.) Frau zu ihrem Manne: „Jetzt haben wir den ganzen Vormittag den Schuh unserer kleinen Elise gesucht, da steckt er mitten im Kraut. Ich wußt' es ja, daß bei mir nichts verloren geht!" (Zweideutig.) „Haben Sie nichts Uebertragenes?" „Gegenwärtig nichts." „Vielleicht die Frau Gemahlin?" In weltentrückter Einsamkeit, Wenn mir der Freude Blumen sprießen, Wenn ferne Gram und düstres Leid, Dann tuet,' ick seliaes Genießen Doch wenn die Stürme mich wild umtosen, Wenn mich das Glück nur verspottet und haßt, Wenn grausam es Disteln mir bietet statt Rosen, Wenn mich der Verzweiflung Macht ersaßt; Wo hinter dicht verschloss'nen Zweigen Ein trautes, stilles Plätzchen winkt, Wo alle Stürme ruh':: und schweigen, Den Morgenthau die Blume trinkt! Wenn alle Hoffnungen meines Lebensl Nur wie ein trügerisch' täuschend Licht, Dann lockt mich der Schöpsung Frieden vergebens, Gibt ihre Ruhe mir Ruhe nicht! Zu mir nnt wunderbaren: Dust, Es tönen srob der Walenr L:ede Es neigen sich Jasmin und Flieder Dann eil' ich hinaus auf schäumenden Wogen, Wenn stürmend am Ufer die Brandung sich bricht — Und hat sie auch Manchen hinab schon gezogen Es tönen sroh der Wglen: Leder Hoch über nur in blauer Lust. Und hat sie auch Manchen hinab schon gezogen Jn's feuchte Grab — ich sürchte es nicht! Es ruh':: der Leidenschaften Flammen, Nur Friede athmet die Natur, — Wir sitzen schweigend dann beisammen, Beglückt von treuer Liebe nur. Dann eil' ich trotz Blitz und trotz Donnerrollen Hinaus auf die düster umnachtete Flur; — Da dünkt nur ein Labsal Dein finsteres Grollen, Hinaus auf die düster umnachtete Flur; — Da dünkt nur ein Labsal Dein finsteres Grollen, Du stürmisch erregte, Du große Natur! Wir sitzen schweigend da und lauschen Der Vögten: fröhlichem Gesang, Umwogt von fausten: Blätterrauschen, — Der Liebe dünkt's wie Sphürcnklang! Wie groß die unendliche Schöpfung ist, Bis endlich des Kummers Wolken scheiden, Das Herz seine kleinen Leiden vergißt I Du lehrst mich, wie klein meine irdischen Leiden, Carl Felix. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. Max Hwtler. !^nterüaktung8ökatt »ur „Äugslmrger Postzeitnilg." Nr« 35. Mittwoch, 2. Mai 1883. Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) „Wir müssen der Sache freien Lauf lassen, und zunächst die Antwort des Land« kammerrathes abwarten, an den der Junker noch heute schreiben will", entgegnete der Förster, den Weg nach seinem Hause einschlagend, wohin Ludwig und Anna in ernstem Gespräch ihnen folgten. — Drei Wochen waren seit dein Tage vergangen, an dem der jung« Gutsherr vom Buchenhof seinem Vater mitgetheilt, daß auch er sich zu verheirathen beabsichtige» und seine Wahl auf die Gespielin seiner Kindheit gefallen sei, die er liebe, wie er auch von ihr geliebt werde, doch war auf diesen Brief noch keine Antwort angelangt. Er sah ihr mit Ruhe und Entschlossenheit, mochte sie auch ausfallen wie sie wolle, entgegen, denn weder der Wunsch noch der Wille seiner Eltern war im Stande, seine Pläne zu ändern. In Bodenwald, wo man Ludwig noch nicht wieder gesehen hatte, erwartete man, denn auch Bergmann'S waren von der Verlobung des jungen Paares in Kenntniß gesetzt, den Brief des Landkammerraths mit eben so viel Spannung wie Unruhe. Niemand glaubte, daß Letzterer die Verbindung seines Sohnes mit Anna Kohring billigen würde, was für alle Parteien eine traurige Zeit herbeiführen mußte. Endlich aber traf die Entscheidung ein l — An einem heißen Tage — es war gege Ende Juli und die Ernte hatte bereits begonnen — kehrte Ludwig von Bodenwald zur Mittagszeit vom Felde heim, und sich in sein Zimmer begebend, sah er auf seinem Schreibtisch unter dem, was mit der Post für ihn eingegangen, einen Brief von seinem Vater. Ungeachtet aller Ruhe, die er bisher in dieser ihn so tief berührenden Sache gehabt und gezeigt» bemächtigte seiner dennoch eine nie empfundene Aufregung, und seine Hand zitterte so heftig, daß er einen Augenblick inne halten mußte, ehe er das durch ein großes Familiensiegel geschlossene Couvert öffnete. Dann aber schnell entschlossen das Schreiben hervorziehend, öffnete er es und las: „Mein Sohn! Also Du willst heirathen? — Nun ich muß sagen, daß ich eher jede andere Nachricht aus Deutschland erwartet hätte, als eine solche Anzeige von Dir. Uebrigens begreife ich Kohrings nicht, daß sie für ihre einzige Tochter nicht eine andere Verbindung wünschen und wollen, denn was das Ende einer solchen Heirath sein wird, das können sie sich bei Deiner schwächlichen Gesundheit und Deinem gebrechlichen Körper sagen. — Wie Du ganz richtig aus unseren alten Familiengesetzen ersehen, kann ich sie Dir nicht verbieten, ich erkenne sie aber auch nicht an, und ebensowenig thun das Deine Mutter und Deine Brüder, das heißt, wir werden Deine Frau nie als ein Familienglied betrachten. Will sie und wollen ihre Eltern auf eine solche Stellung für sie eingehen, so laßt Euch trauen. Du kannst während Deiner Lebenszeit auf dem Buchenhof bleiben, und so lange Deine Frau mit Dir, ich will das alte Eulennest vorläufig nicht wieder in fremde Hände geben, da ich selbst noch nicht weiß, wo wir nach unserer Rückkehr bleiben werden« — Dein Brief ist mir nach Genua geschickt worden, wo wir augenblicklich sind. Auf Wunsch der Aerzte unternehmen wir der Abwechslung und Luftveränderung wegen eine Reise durch das obere Italien, das heißt in Begleitung von Hugo und seiner Frau, wie Karl, seiner Braut und deren Verwandte. Hast Du mir etwas Wichtiges mitzutheilen, so schicke den Brief unter der früheren Adresse nach Neapel, und ich werde ihn bekommen, sonst aber unterlaß das Schreiben bis zu Ende September, wo wir wieder dort eintreffen werden, iveil im Oktober Karls Hochzeit ist. Dein Vater Friedrich von Bodenwald." Der junge Gutsherr hatte den Brief unter den wechselndsten Empfindungen gelesen, und wenn er sich auch keinen sanguinischen Hoffnungen in Bezug auf die Antwort seines Vaters hingegeben, so hatte er doch wenigstens keine lieblose und verletzende Andeutung auf seine Körperschwächen erwartet. Er überlegte, ob er den Brief nicht seiner Braut und ihren Eltern vorenthalten, und ihnen nur die Einwilligung seines Vaters ankündigen sollte, doch verwarf er bald diesen Gedanken, beschloß ihnen gegenüber offen und ehrlich zu handeln und gleich nach dem Mittagessen mit der frohen Botschaft nach Bodenwald zu fahren« Förster Kohring war eben im Begriff, sich nach dem Nachmittagskaffee, der in der Lindenlaube eingenommen worden, in den Wald hinauszubegeben, seine Frau und Tochter aber wollten dem Mädchen beim Pflücken der reifen Früchte helfen, die zum Winter- vorrath verwandt werden sollten, als sie plötzlich Schritte vernahmen, und in's Freie blickend, Anna in freudigem Ton: „Ludwig!" ausrief. „Ja, ich bin's", entgegnete dieser schnell und mit freudestrahlendem Gesicht, „und komme mit der Einwilligung ineines Vaters, die ich diesen Mittag erhalten!" „Hat er sie wirklich ertheilt?" fragten einstimmig der Förster und seine Gattin, während Anna's Wangen sich höher färbten. „Lesen Sie selbst", und Ludwig von Bodenwald reichte ihnen den Brief, und fügte ungeduldig hinzu: „Nun aber geben Sie mir auch Anna» damit ich sie offen und vor aller Welt meine Braut nennen kann!" Förster Kohring legte ihre Hände ineinander, schloß sie an seine Brust und sagte ihnen mit bewegter Stimme seine Glückwünsche. Dieß that auch die Förstern,, worauf Ludwig seine Braut umfaßte, und beide sich dem Glücke, sich nun endlich anzugehören, überließen. Die Eltern entfernten sich, um den Brief des Landkammerraths zu lesen, der ihre ganze Mißbilligung erregte, dann beschlossen sie ein kleines Verlobungsfest zu feiern, und Kohring ging nach dem Verwaltungshause, Bergmann's dazu einzuladen, und besonders die von Allen mit so großer Spannung erwartete Nachricht mitzutheilen, seine Gattin aber begab sich in die Küche und traf die Vorbereitungen zum außerordentliche» Abendessen. Sechs Wochen später fand die Hochzeit des jungen Paares statt. Es war eine stille Feier, bei der nur die nothwendigsten Theilnehmer zugegen waren; der Prediger, der Beide getauft, unterrichtet und confirmirt, vollzog auch die Trauung, und dieser folgte ein kleines Festmahl, bei dem jedoch eine ernste, fast feierliche Stimmung vorherrschend blieb. — Am Abend des schönen Septembertages führte Ludwig von Bodenwald seine Gattin, die sich unter heißen Thränen von ihren Eltern, den Freunden und der Stätte getrennt, wo sie eine glückliche Kindheit und Jugend verlebt, ihrer neuen Heimath zu. Hier war ihnen ein freundlicher Empfang bereitet, das Herrenhaus reich mit Blumen und Grün geschmückt und als der Wagen hielt und sie ausstiegen, hießen viele Stimme» sie mit herzlichen Worten willkommen. 275 VHs. Drei Jahre waren seit Anna Kohring's Einzug als Herrin des Buchenhofs verflossen. Es war eine Zeit unbeschreiblichen Glückes für das junge Paar gewesen; in ihrer steten Sorge und Pflege hatte sich ihres Gatten Gesundheit gekräftigt, und wenngleich er zur Winterzeit noch die größte Vorsicht beobachten mußte, so hatte offenbar sein Brustleiden keine Fortschritte gemacht. Ihr beiderseitiges Glück war durch die Geburt einer Tochter erhöht worden, die zu dieser Zeit fast zwei Jahre zählte, und ihrem Vater sprechend ähnlich, in jedem Zug des kleinen ausdrucksvollen Gesichtchens, das eine reiche Fülle goldblonder Locken umgab, eine echte Bodenwald war, jedoch die kräftige Gesundheit ihrer Mutter geerbt zu haben schien, und in der Taufe die Namen Anna Thusnelda, letzterer ein Familien-Namen der Bodenwald, erhalten. Sie war zugleich die größte Freude der Großeltern und Bergmann's» deren Wagen oft, sehr oft auf dem Wege nach dem Buchenhof, dem alten Eulennest des LandkammerrathS, zu treffen waren, um dessen glückliche, ihnen Allen so theure Bewohner zu besuchen. Wenn nun auch Anna gleich einem guten Engel im Gutshause wie über den ganzen Buchenhof waltete, ihr Gatte in ihrem Besitz sich mit jedem Tage glücklicher fühlte, die allgemeine Liebe und Verehrung ihr zu Theil ward, so hatte sie doch noch kein Zeichen der Anerkennung von den Eltern ihres Galten erhalten, und schien in der That nicht für sie vorhanden zu sein. Ludwig von Bodenwald hatte vor drei Jahren seine Verheiratung nach Neapel gemeldet, sein Vater aber nicht darauf geantwortet, sondern ihm mitgetheilt, daß seines Bruders Karl's Hochzeit mit der jungen Baronesse stattgefunden, sie bis zum Frühling in Italien bleiben würden, dann aber Ersterer seinen Dienst wieder antreten müsse. Im Laufe der Zeit zeigt« er seinem Vater die Geburt seiner Tochter an, worauf dieser ebenfalls nicht antwortet«, dagegen ihm ein halbes Jahr später schrieb, daß sein Bruder Karl, Vater einer Tochter geworden, die den Familien-Namen Thusnelda führe. Hugo von Bodenwald und seine Gattin hatten einen Sohn gehabt, was der Land- kammrrrath mit großer Freude auf Bodenwald und Buchenhof angezeigt, doch war dieser, leider im früheren Alter gestorben- Ein langjähriger Diener hatte die kleine Leiche nach Deutschland und Bodenwald gebracht, wo die Beisetzung in deren Familiengruft stattgefunden, und auf besonderen Wunsch seines Vaters der Gutsherr vom Buchenhof die Familie vertreten. Im vierten Jahre der Ehe des Majoratserben fand die Geburt eines zweiten Sohnes statt, der wenige Stunden darauf starb und auch seiner Mutter das Leben kostete. Es war ein harter Schlag für den jungen Mann, der seine Gattin aufrichtig geliebt, und dessen Glück nun der Tod so plötzlich vernichtet. Die Leichen wurden wiederum nach Bodenwald übergeführt, doch konnte der trauernde Vater sie nicht, wie er beabsichtigt, begleiten, da die Aufregung und der Schmerz über seinen Verlust auch ihn auf's Krankenlager geworfen, und sein Bruder Ludwig mußte die feierliche Beisetzung leiten. Hugo von Bodenwald's Krankheit war langwierig und nahm nach und nach einen gefährlichen Charakter an. Es war der Plan des Landkammerraths gewesen, im nächsten Frühjahr nach Bodenwald zurückzukehren, doch sah er mit unaussprechlichem Kummer, den auch seine Gattin theilte, daß für seinen ältesten Sohn und Erben keine Hoffnung vorhanden sei, das Vaterland lebend wieder zu sehen. Das schleichende Fieber rieb seine Kräfte aus, und ungeachtet der geschicktesten Aerzte und der sorgsamsten Pflege erlag er der Gehirnkrankheit, die ihn einige Tage nach dem Tode seiner Gattin und seines Sohnes erfaßt, und schon auf Wochen des Bewußtseins beraubt hatte. Diese Nachricht langte zu Ende September auf dem Buchenhof an. Es war an , einem Sonntag Nachmittag, an dem Kohring's und Bergmann's daselbst erwartet wurden, denn des Försters Geburtstag sollte festlich begangen werden. Der Gutsherr, der nach Bodenwald zur Kirche gefahren war, wollte nach dem Gottesdienst seinen Schwiegervater 276 beglückwünschen, und mit den lieben Gästen heimfahren. Anna hatte das Wohnzimmer mit den schönsten Herbstblumen geschmückt, die in reicher Fülle in ihrem Garten blühten, und nach Kinder Art war ihre kleine Tochter ihr dabei hülfreich zur Hand gegangen. Als sie ihre Arbeit beendet, die Geschenke für den geliebten Vater geordnet, und den großen, selbstgebackenen Kuchen, den die kleine Anna unter Jubel und Händeklatschen aus der Speisekammer begleitet hatte, auf den Tisch gestellt, kleidet« sie sich und das Kind festlich an, und begab sich dann mit diesem vor das Haus, wo sie die zu erwartenden Wagen schon aus der Ferne erspähen konnte. Mit der Kleinen tändelnd, die neben ihr auf den weichen Kissen der Bank saß, fiel ihr plötzlich der kranke Bruder ihres Gatten ein, dessen Zustand, dein letzten Briefe des Landkammerraths nach, wenig Hoffnung auf Genesung zuließ. Sie freute sich, daß der Postbote keinen Brief aus Neapel gebracht hatte, und hoffte, das kleine Fest, soweit es die Familienereignisse zuließen, fröhlich verlaufen zu sehen, als die Allee hinabdeutend die Kleine lebhaft ausrief: „Ein Pferd, Mama, ein Pferd!" Anna blickte hin und sah einen rasch näherkommenden Reiter, den indeß ihr scharfes Auge nicht zu erkennen vermochte. Ein vor dem Wirthschaftsgebäude stehender Knecht ging ihm entgegen, nach wenigen gewechselten Worten stieg er ab, und während Jener das Pferd bei Seite führte, näherte er sich der Bank, wo schon das Kind voll Ungeduld seiner wartete. Als er sie erreicht, übergab er grüßend Anna einen Brief, den er der Vrusttasche seines Rockes entnahm, und erklärte zugleich, daß er von dem Postmeister in D. geschickt sei. Sie sah bald, daß dies auf dem Brief besonders begehrt worden, der aus Neapel und von ihrem Schwiegervater kam. Bei seinem Anblick empfand sie plötzlich ein unnennbares Weh, ein schneidender Schmerz durchzuckte ihr Herz und ihre Brust, und dem Boten sagend nach dem Hause zu gehen und sich nach dem weiten Ritt zu stärken, fragte sie ihn zugleich, ob er auch in Bodenwald gewesen, was er jedoch verneinte und sich entfernte. Das verhängmßvolle Schreiben dann wieder zur Hand nehmend, ruhten lange ihre Augen mit nachdenklichem Ausdruck darauf. Es mußte was besonderes Wichtiges enthalten, denn noch nie hatte der Landkammerrath Briefe durch einen Eilboten geschickt, und einen Augenblick dachte sie ihn ihrem Gatten erst nach dein Mittagessen zu geben. Das war indeß unmöglich, denn Bergmann konnte schon am Morgen ^ Nachricht aus Neapel erhalten und die neuesten Ereignisse mitgetheilt haben. Unschlüssig, was zu thun sei, um wenigstens nicht die ersten Momente des Beisammenseins zu trüben, schob sie den Brief in die Tasche als abermals ihre kleine Tochter, und diesmal jubelnd ausrief: „Pferde, Mama, Pferdei — Papa kommt!" ihre Hand ergriff und sie schnell in's Haus führte. Die Freude ihres Kindes wirkte auch auf sie zurück, und ihre Züge belebten sich noch mehr, als sie die heiteren Gesichter in dem schnell herankommenden Wagen sah, der alsbald hielt. Nach gegenseitiger lebhafter und herzlicher Begrüßung begrüßte sie den geliebten Vater, dem auch die kleine Enkelin, so gut es ging, ihre Glückwünsche aus- sprach, und der diese darauf auf seine Schulter hob, was sie laut und fröhlich geschehen ließ. - - (Forts, folgt.) «»ldrsrner. Hüt' dich vor Wünschen, Menschenkind! Die guten flattern fort im Wind, Und keiner ist, der taubenfromm Zurück mit grünem Oelblatt komm'. Die schlimmen hascht der Teufel ein Und stutzt nach seinem Sinn sie fein, Erfüllt sie dir zu Leid und Last, Wenn du sie längst bereuet hastl Bernhard Endrulat. Es ist gleich schwach und gefährlich, die öffentliche Stimnie zu viel und zu wenig zu achten. Seume- 27? Marschall Nazaine und -sr Krieg 1870. Der ehemalige Commandirende der „Rhein-Armee", Marschall Bazaine, hat in Madrid unter dem Titel „Episoden aus dem Kriege 1870 und die Einschließung von Metz" ein umfangreiches Buch erscheinen lassen, dessen Vertrieb in Frankreich verboten worden ist. Man könnte dieses Verbot so auffassen, als ob die dritte französische Republik hinsichtlich des Ex-Marschalls, der im Mai 1872 vor ein Kriegsgericht gestellt und von diesem im Dezember 1873 zum Tode verurtheilt wurde, kein gutes Gewissen habe. Man kann aber dieses böse Gewissen getrost auch auf das französische Volk ausdehnen, das so lange über den „Verrath" Bazaines schrie, bis die Regierung zur Beschwichtigung der öffentlichen Meinung den Marschall zur Verantwortung zog. Daß der Prozeß Bazaine vom militärischen Standpunkte aus eine Ungeheuerlichkeit war, diese Auffassung hat sich bis auf den heutigen Tag überall, außer in Frankreich, erhalten und gewinnt durch das vorliegende Buch von neuem Bestätigung. Andererseits mag es der französischen Regierung damals aus politischen Gründen nützlich erschienen sein, einen General, welcher als treuester und fähigster Diener der lästerlichen Herrschaft galt, an den Pranger zu stellen, als persönliche Sühne für das Unglück, welches die Waffen Frankreichs betroffen hatte. — Eambetta, dessen überschwengliche Plane die Capitulation von Metz rauh kreuzte, war der erste, welcher Bazaine für einen Verrüther erklärte, und freudig stimmte Frankreich der Verdammung bei, da ja auf diese Weise das Mißgeschick der Armee greifbar erklärt wurde, denn der richtige Franzose glaubt es ja so gern, daß französische Truppen unbesiegbar seien, wenn nicht — Verrath dabei im Spiele ist. Diese Legende ist seit der Schlacht von Leipzig so ziemlich fixe Idee und patriotische Ueberlieferung geworden. — Die Geschichte des Prozesses Bazaine ist auch diejenige des Krieges bis zum Falle von Metz, welche der Marschall in seiner Darstellung uns nochmals vor Augen führt. Die einleitenden Betrachtungen stellen fest, daß Bazaine schon vor 1870 dem Kriegsminister wiederholt Vorschläge wegen Verbesserungen in Bezug auf Organisation und Taktik gemacht habe, aber ckhns Erfolg. Die Mängel der Centralisation werden hervorgehoben und erklärt, daß die Macht und der Einfluß der commandirenden Generäle gleich Null gewesen sei. Daß der Krieg gegen Preußen seit 1867 beschlossene Sache war, gibt der Marschall zu; ebenso, daß nicht allein die Armee, sondern auch das Volk den Krieg herbeigewünscht habe. — Bazaine nahm im Jahre 1869 in seiner Stellung als Commandeur des 3. Armeecorps (Hauptquartier Metz) auch Veranlassung, die Aufmerksamkeit des Kriegsministers auf die Wichtigkeit der Stellung bei Frouard hinzulenken, welche in ein befestigtes Lager umzuwandeln sei, und erhielt die bezeichnende Antwort: „ljunuä norm s i Miseelleir. (Zu Nicksichts voll.) Herr Maier (die Zeitung lesend): „Du Frau, denk' Dir ! nur, der Herr Assessor Müller ist ja gestorben! Da muß ich ihm doch bei seinem Be- s gräbniß mitgehen, er war ja auch bei dem meinigen." — Frau Maier: „Was red'st Du denn da für tolles Zeug?" — Herr Mayer: „Nun ja, weißt Du, voriges Jahr starb . einmal ein Herr Maier, da meinte Müller ich sei's gewesen, und ging mit zu meiner ^ Beerdigung und da muß ich mich doch jetzt revanchiren." (Er will der Einzige sein.) John Smith, ein reicher und exentrischer Kali« fornier hat an 17 im Staate Kalifornien lebende Personen desselben Namens je 300 Dollars bezahlt, damit sie ihre Namen ändern. Wenn das in Deutschland einem Müller oder Schulze einfiele! (Ein Bedenken.) Tante: „Emilie, Du zeichnest für ein sechsjähriges Mädchen ganz wunderbar — Du mußt wirklich Malerin werden." — Emilie: „Aber Tante, können Malerinnen auch — heirathen?" (Vergüte Wegweiser.) Reisender: „Hören Sie, wo geht's denn zur Münster- kirche?" --- Soldat: „Da gehn's nur g'rad aus, und am Eck fragen Sie nach dem Schuhmacher Hofmeister, gleich daneben ist's Münster!" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag deS ^ Litcrarischen Instituts von Dr. Max Huttlcr. Nr. 36. 1883. »m „Äugsburger PostMimg." Samstag, 5. Mai Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Es war ein Bild glücklichsten Familienlebens, und eben überlegte Anna, ob es, da offenbar in Bodenwald kein Brief angekommen, nicht richtiger sei, den erhaltenen einstweilen zu verheimlichen, als ihre kleine Tochter in einer nur ihm verständlichen Sprache ihrem Vater erzählte, daß ein Pferd und ein Brief gekommen sei. Mit einem schnellen fragenden Blick sich an seine Gattin wendend» ergänzte diese die Worte des Kindes, und den Brief aus der Tasche ziehend, wollte sie ihn ihm reichen, doch sagte er abwehrend: „Behalte ihn bis nach dem Mittagessen, Anna, und laß uns dann erst sehen, was er enthält. Es wird die Todesanzeige meines Bruders sein, auf die wir längst vorbereitet gewesen, nur weiß ich nicht, weshalb mein Vater sie durch einen besonderen Boten hierher geschickt hat!" Die Anwesenden stimmten ihm mit plötzlich ernst gewordenen Gesichtern bei, und begaben sich dann in's Wohnzimmer» wo der Förster an den Geburtstagstisch geführt ward, und seine Enkelin ihn auf den großen Kuchen besonders aufmerksam machte. Das Kind vermittelte für den Augenblick eine heitere Stimmung und in dieser ging man zu Tisch. Allein, wenn auch den vorzüglich zubereiteten Speisen der jungen Hausfrau genügend zugesprochen ward, so lag doch auf jedem Gemüth ein düsterer Schatten, und jeder freute sich, als das Mahl beendet war, und man sich in's Wohnzimmer zurückbegeben konnte. — Hier übergab Anna ihrem Gatten den Brief seines Vaters. Er erbrach ihn sogleich und las. wie folgt: „Mein lieber Sohn! Wie Du gewiß längst erwartet, «hälft Du heute die Todesnachricht Deines ältesten Bruders, der endlich von seinem Leiden erlöst ist. Sein Verlust hat Deine Mutter und mich schwer getroffen, er war uns ein theure« Sohn und hätte einmal unseren Namen würdig vertreten. Meine Hoffnungen, diesen noch lange durch unsere Linie fortblühen zu sehen, sind seit mir der Tod in so kurze« Zeit zwei Söhne und zwei Enkel genommen, bedeutend geschwunden. Nach diesem letzten Sterbefall haben Deine Mutter und ich beschlossen, schon in nächster Zeit nach Deutschland zurückzukehren. Die Leiche Deines Bruders, welche in emer hiesigen Kapelle beigesetzt worden ist, wird bis zum Tage unserer Abreise bleiben dann aber von Einfeld begleitet, direkt nach der Heimath fahren, während wir langsame« folgen. Sie wird bis zu unserer Ankunft in unserem Hause in der Stadt bleiben, dann begleiten Karl und ich sie nach Bodenwald, wo am nächsten Tage die Beisetzung stattfinden soll. Unsere Ankunft werde ich Dir und Bergmann noch näher bestimmen, theil «hm und Kohring vorläufig die Todesnachricht mit. Der öffentlichen Todesanzeigen, wegen 282 habe ich an Doktor Müller geschrieben, der auch Sorge tragen wird, daß das Haus zu unserer Aufnahme bereit ist. Im Schlosse müssen ebenfalls einige Zimmer in Stand gesetzt werden, da möglicherweise einige von Hugo's Verwandten und Freunden die Leiche geleiten, und dort übernachten werden. Nichte Dich ein, mährend meiner und Karl's Anwesenheit in Bodenwald zu sein, mir haben nach der langen Trennung Mancherlei zu besprechen. Dies wäre für heute Alles; mein letzter Brief von hier wird alles Uebrige bestimmen. Deine Mutter schickt Dir ihre Grüße, denen ich die meinigen binzufüge. Dein Vater Friedrich von Bodenwald." Dieser Brief hatte die Aufmerksamkeit der Zuhörer in so vollem Maße gefesselt, daß sie darüber Anna nicht beobachtet, die mit bleichen Wangen, ihr Kind fest an sich gedrückt im Hintergründe des Zimmers saß. Aus ihren mit Thränen gefüllten Augen waren schon zwei schwere Tropfen auf das lockige Haupt ihrer Tochter gefallen. Sich nach ihr umsehend gewahrte das ihr Gatte. Er eilte zu ihr, schloß sie und sein Kind in die Arme, und fragte bestürzt, während auch die übrigen Anwesenden hinzukamen: „Anna, was ist Dir? Weshalb Dein bleiches Gesicht und wozu diese Thränen?" „Ludwig", erwiderte sie mit unsicherer Stimme, „ich fürchte, eS wird eine schwere Zeit über uns hereinbrechen —" „Ueber uns?" fragte kaum seinen Ohren trauend ihr Gatte. „Wie wäre das möglich? — Der Tod meines Bruders, der im Leben mir so fern gestanden, kann doch auf uns keinen Einfluß haben?" „Er wird es dennoch", entgegnete sie langsam aber mit Nachdruck, „laß nur erst die Zeit herankommen —" „Aber, Kind, wie sprichst Du da?" fragte jetzt ihr Vater, indeß Frau Kohring die kleine Anna, welche traurig und fragend auf ihre Eltern blickte, zu beruhigen suchte, Bergmann's aber sie betroffen ansahen. Anna beschrieb, was sie beim ersten Anblick des Briefes empfunden und fuhr dann weinend fort: „Ich konnte mir nur theilweise sage», was er enthalten würde, allein ich hatte die Ueberzeugung, daß mit dem Augenblick seiner Ankunft mein Unglück beginnen werde und der Inhalt bestätigt dies!" „Aber in welcher Weise, Anna?" fragte ihr Gatte und blickte sie voll Unruhe und Besorgniß an. „Durchschaust Du denn nicht, Ludwig, was meine Liebe zu Dir und unserm Kinde schnell entdeckt? — Fällt Dir diese plötzliche Berücksichtigung Deines Vaters nicht auf, der während Deines ganzen Lebens Dir so wenig Beachtung geschenkt?" Die Anwesenden sahen sich betroffen an, sie aber fuhr fort: „Du und Dein Bruder Karl, Ihr seid jetzt seine einzigen Erben —" „Anna!" unterbrach hastig der Gutsherr. „Laß mich ausreden, Ludwig, und Du und Ihr Alle werdet und müßt mir beipflichten, und wenn nicht, werdet Ihr Euch vielleicht schon bald überzeugen, daß ich Recht gehabt! — Deine Eltern, die nie mich und unser Kind anerkannt, werden sich Dir zu nähern suchen, wozu schon der Brief den Anfang gemacht. Als ihr Sohn kannst Du Dich ihnen nicht entziehen, und wenn der geeignete Augenblick gekommen ist, —" „Anna, jetzt begreife ich, was Du sagen willst, doch sprich es nicht aus!" rief ihr Gatte, sie voll leidenschaftlicher Liebe an seine Brust schließend. „Nie, nein, nie könnte ich mich von Dir und unserm Kinde trennen, von Dir, die Du seit meiner Kindheit die Freude meines so traurigen Lebens gewesen, der Gedanke allein könnte mich rasend machen!" „Mein theurer, geliebter Ludwig", flüsterte die junge Frau, durch Thränen zu ihm aufblickend. „Anna, ich nehme in diesem Augenblick Gott zum Zeugen —" „Schwöre richt, Ludwig«, unterbrach sie ihn, sich innig an ihn schmiegend, „denn ich glaube Deinem Wort und Deiner Versicherung! — So viel aber ist gewiß, ich würde die Trennung von Dir nicht ertragen, ich glaube selbst um unseres theuren Kindes willen vermöchte ich es nicht, und bald würde dies Herz brechen, das nur Dich so unaussprech» lich geliebt!« Ihres Gatten Liebeswort, wie die ernsten Vorstellungen ihrer Eltern und Berg« mann's schienen sie nach und nach zu beruhigen und zu überzeugen, daß sie sich und si« alle mit Befürchtungen quäle, wozu nie ein Grund vorhanden sein könne und würde. Dankbar für die Bemühungen, ihr die Sorge ihres Herzens zu nehmen, versuchte sie zu lächeln, allein es gelang ihr nicht, sie brach nochmals in Thränen aus und verließ eiligst das Zimmer. Bestürzt blickten die Ihrigen und Bergmann's ihr nach und ihr Gatte wollte ihr folgen, doch hielt der Förster ihn zurück und sagte: „Laß mich gehen, Ludwig, und versuchen, ihr die krankhaften Vorstellungen auszureden, die sich nicht in ihrem Kopf und Herzen festsetzen dürfen", und das Zimmer ebenfalls verlassend, folgte er seiner Tochter. Er fand sie in ihrem Schlafzimmer, wo sie weinend am Fenster stand. Ihren Vater erblickend, warf sie sich an seine Brust, umklammerte ihn mit beiden Armen und schluchzt«: „Vater, ich kann mich nicht so schnell von diesen schrecklichen Gedanken losmachen, von denen ich nicht weiß, wie sie über mich gekommen sind!« „Sie sind aber eben so ungerechtfertigt wie sündlich, mein Kind, und Du kränkst Deinen guten Mann tief damit«, antwortete Kohring mit ernstem Nachdruck. „Du bist mit der Bewilligung des Landkammerraths Ludwig von Bodenwald's Frau, wirst als solche genannt und anerkannt. Euer Kind führt seinen Namen, glaubst Du, daß solche Bande sich so schnell und leicht lösen lassen, und dies dem Landkammerrath ohne Grund und Eure gegenseitige Zustimmung möglich wäre? — Nein, Kind, die bestehenden Gesetze gelten, und müssen ohne Ausrahme der Person, von Jedermann gehalten werden, waS würde wohl sonst aus der staatlichen Einrichtung, die doch die Grundlage der Ordnung und Ruhe des Landes ist?« Anna antwortete nicht sogleich, dann aber sagte sie mit unsicherer Stimme: „Du magst Recht haben, Vater, wie ihr Alle gewiß Recht habt, aber auch ich täusche mich so ganz nicht, was Euch der Brief beweisen kann. Versprich mir daher, jetzt wo wir hier allein sind, und uns nur Gott hört, daß, wenn je meine Befürchtungen dem ganzen Umfange nach eintreffen sollten-« „Anna!" Sie ließ sich nicht stören, sondern fuhr fort: „Wenn einmal das Unglück über uns hereinbrechen, und mein Kind, mein IheureS, geliebtes Kind, allein in der Welt dastehen sollte, Du es zu Dir nehmen, es nie auS Deinen Händen geben willst — —" „Falls es Dich beruhigt, will ich Dir geloben, Anna, daß, wenn einmal die Nothwendigkeit eintreten sollte, ich Dein Kind zu mir nehmen, ihm Vater und Mutter sein, und seine Rechte vertreten will«, antwortete feierlich der Förster, wohl einsehend, daß eS richtiger sei, seiner Tochter zu willfahren, als sie durch Widerspruch noch weiter aufzuregen. „Genügt Dir das?" „Ja, Vater, erwiderte Anna mit einem Seufzer der Erleichterung, und blickte gefaßter zu ihm auf. „Mag nun geschehen was da wolle, ich bin meines Kindes wegen beruhigt —« „Und nicht Deines und Ludwigs wegen, Anna?« fragte sanft der Förster, seine Hand auf das schöne Haupt seines Kindes legend, das an seiner Brust ruhet«. „Unser Glück ruht in Gottes Hand, Vater«, entgegncte leise die junge Frau» „möge er es uns zu einem gnädigen werden lassen! — Verzeihe aber, daß ich auf diese Weise Demen Geburtstag, auf den^wir uns Alle so sehr gefreut, gestört. — 284 „Nicht Du hast es gethan, sondern der Brief, der füglich bis morgen hätte ausbleiben können", antwortete im leichtere» Ton der Förster. „Sei indeß meines Geburtstages wegen unbekümmert, wir wollen ihn im nächsten Jahr um so fröhlicher begehen." „Ja, im nächsten Jahr l" wiederholte Anna langsam und mit leisem Nachdruck, hing sich an den Arm ihres Vaters, und kehrte mit ihm in's Wohnzimmer zurück. — (Fortsetzung folgt.) GoldkSrner. Die ernste Strafe schlich der Sünde nach; sie wollte Ihr Schwert schon zieh'n da trat die Reue vor sie hin, Die Strafe wich; eh' mag die Sünde frei entflieh'n, Sprach sie, als daß mein Schwert die Reue treffen sollte. Pfe fsel. Schöner ist kein Lächeln als das, welches mit der noch nicht versiegten Thräne im Auge kämpft; höher und dauernder ist keine Sehnsucht, als die nie zu befriedigende; reiner und wahrer genießt Niemand als der freiwillig Entbehrende; und so mag und wird das Kreuz mit Rosen umschlungen E. v. Feuchtersleben. das tiefste Symbol unseres Lebens bleiben. Das schwere Herz wird nicht durch Worte leicht. Schiller. Georg Keil. Frag um den Weg nicht viel. Sonst kommst Du spät an's Ziel. Durch den Nachgeschmack des vergangenen und den Vorgeschmack des zukünftigen Leidens überfüllen wir den Kelch des Augenblickes. Jean Paul. Ja der Menschheit schönste Zierde ist ein freier, franker Mann, Der die Wahrheit, feinen Glauben, »»erschüttert sagen kann, Der der glatten, bunten Schlange Schmeichelei den Krieg erklärt, Weil sie am ErkeniitnißbaumcBlatt und Blüth' und Frucht zerstört. A. Grün. Der Vater straft sein Kind, und fühlet selbst den Streich; Die Härt' ist ein Verdienst, wo Dir das Herz ist weich. Rückert. Wohl zu besänftigen ist die Leidenschaft. Doch Ueberzeugung, Grub sie Verstand in's Gemüth, bleibt unvertilgbar der Zeit. v. Halem. Da- Panorama der Schlacht von Weißenvurg tm Elsaß. München ist um ein unvergleichliches Kunstwerk reicher. Professor Louis Braun, her Schöpfer des Panoramas der Schlacht von Sedan in Frankfurt a. M. und zahl« «sicher Schlachten» und Genre-Bilder, hat sein Rundgemälde der Schlacht von Weißenburg vollendet. Er bedurfte, um die Riesenaufgabe zu bewältigen, nur der unglaublich kurzen Frist von fünf Monaten, und hat sie in einer Weise künstlerisch gelöst, die in ihrer Art wohl einzig dasteht. Es war am 4. August 1870, als die deutsche Heeresführung die allgemeine Offensive mit dem Vormärsche der dritten Armee (1. und 2. bayerisches Armeecorps, 5. und 11. preußisches ArmeecorpS, württembergische und badische Division) unter dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen gegen die.Lauter, den damaligen Grenz-Fluß zwischen Bayern und Frankreich, begann, die bayBffche Division Bothmer als Avantgarde vorauf. Ihr war die Aufgabe gestellt, die dicht an der Grenze liegende französische Stadt Weißenburg zu nehmen, welche noch aus alter Zeit mit Graben und Wall umgeben und von dem französischen DivisionS-General Douay besetzt war. Auf den Höhen südlich der Stadt hatte derselbe ein Zeltlager aufgeschlagen und eine Abtheilung Infanterie und Artillerie (Mitrailleusen-Batterie) auf den nahen Geisberg geworfen, der mit seinem, von einer hohen Mauer umgebenen massiven Schlöffe den Schlüssel der ganze» Stellung bildete. Obwohl die Franzosen am frühen Morgen ein Detachement zur Necognoscirung über die Grenze geschickt hatten, waren sie gegen >^9 Uhr doch sorglos mit dem Abkochen beschäftigt, als die ersten bayerischen Granaten unter ihnen einschlugen. Als die Bayern unter Oberst Mühlbauer (5. Jnf.-Negt.) gegen Weißenburg vorgingen, fanden sie die Zugbrücken der drei Thore der Stadt aufgezogen und die Wällt 285 — besetzt; es entwickelte sich alsbald ein heftiges Artillerie- und Jnfanterie-Feuergefecht. Die Turkos hielten die Weinberge an den südlichen Abhängen des Wurmberges im Nord- Osten der Stadt besetzt und vertheidigten sie mit zäher Tapferkeit. Um 9 Uhr ließ der Kronprinz von Preußen das 5. und 11. preußische Armeecorps von Osten und Norden her gegen den Geisberg und die Stadt vorrücken und der Kampf ward bald ein allgemeiner, nachdem die Bayern ihrerseits im oberen Lauterthale vorgedrungen waren. Ein paar preußische Geschütze beschoßen das Landauer-Thor, ein paar bayerische folgten ihnen und thaten das Gleiche, nachdem sie dicht am Grabenrande abgeprotzt, und legten die Brückenpfeiler nieder, worauf die Zugbrücke zum Fallen gebracht wurde und die Bayern in die Stadt eindrangen und bis zum Marktplatze vordrangen, woselbst sie die Mairie besetzten. Inzwischen hatten die Preußen den Bahnhof genommen und verfolgten die sich auf die südlich von der Stadt gelegenen Höhen zurückziehenden Franzosen, wobei die erste feindliche Kanone und das Zeltlager erbeutet wurde. Gleichzeitig erstiegen die preußischen Sturmcolonnen von drei Seiten her den Geisberg und zwangen die Besatzung desselben nach hartnäckigem Kampfe, bei dem die Artillerie den Ausschlag gab, indem sie in die Umfassungsmauer des Schloßhofes Bresche legte, zur Kapitulation. Nun war auch die Stadt nicht länger mehr zu halten und streckte gegen 2 Uhr Nachmittags deren Besatzung die Waffen. Ueber 1000 unverwundete Gefangene, ein Geschütz, eine Proviant-Colonne und das gesammte Zeltlager war der Gewinn der Sieger, die ihrerseits freilich auch schwere Verluste erlitten hatten. Noch wichtiger aber war die moralische Bedeutung des Sieges, dem bald neue folgen sollten. Diesen Kampf nun um die Stadt Weißenburg und die benachbarten Höhen führt uns der Künstler in einem kolossalen Nundgemälde vor, in dessen Mitte wir auf einem erhöhten Standpunkte stehen. Und er thut das mit solcher Naturwahrheit, daß wir der Täuschung kaum inne werden. Nur die Stelle, die uns umgibt und die wir mit den Pulverdampswolken nicht vereinbaren können, welche ringsum aufsteigen, macht uns klar, daß wir nur einem Bilde gegenüberstehen. Und diese Täuschung wird durch die geistreiche Ausfüllung des ZwischenraumeS zwischen unserem Standpunkte und dem Nundgemälde mit plastischen Gegenständen, wie Weinpflanzungen, Straße, Markstein, Kornfeld, Ackerland rc. noch außerordentlich gesteigert. Mit glücklichster Berechnung hat Professor Louis Braun für seine Darstellung die Zeit um Mittag 1 Uhr gewählt: noch sind die entscheidenden Würfel nicht gefallen, noch wogt die männermordende Schlacht, noch dauert das Ringen um jeden Fuß breit Boden. Dort lacht die Nheinebene in Hellem Sonnenschein, bläulich schaut der badische Schwarzwald herüber. In der Ebene blinken die Gewehre der Preußen, auf den Abhängen des Geisberges sehen wir ihre Sturmcolonnen vordringen, weiter oben speit die Mitrailleusen-Batterie Tod und Verderben in ihre Reihen. Weiter nach rechts hin hängen schwere Regenwolken über den letzten Ausläufern der Vogesen und mit ihnen vereinigen sich die Rauchwolken, die aus der brennenden Stadt aufsteigen. Und dann ist auf einer Anhöhe jenseits des Hohlweges, in dem die alte Neichsstraße hinzieht, bayerische und preußische Artillerie aufgefahren und sendet Granate um Granate hinüber nach der Stadt und den nun auf dem Rückzüge befindlichen feindlichen Massen. Hinter den Batterien halten die bayerischen Generale mit ihrem Stab, lauter bekannte Namen, wie von Bothmer, von Hartmann, Lutz, von Maillinger, weiterhin sehen wir den Oberstkomman- dnenden Friedrich Wilhelm von Preußen mit seinem Generalstabs-Chef General von - Blumenthal, mit dem Herzog von Sachsen-Coburg und reichem Gefolge auf dem Kampf- platze erscheinen. — Aber es sind nicht blos Fürstlichkeiten und Generale, deren wohl- getroffene Bildnisse der Künstler in charakteristischer Weise auf seinem Gemälde anbrachte, unter den vierzig Porträts befinden sich die vielen Stabs- und Subalternofsiziere; 286 selbst ein wackerer Unteroffizier und «in Pferdemärter fehlen nicht, auch nicht der brave bayerische Feldgeistliche, der einem Sterbenden Trost zuspricht. Die geschichtlich« Gerechtigkeit forderte vom Künstler» daß er den Antheil, den das ö. und 11. preußische Armeecorps an der Entscheidung des Tages nahm, geeignet zum Ausdruck brachte, der Standpunkt, von dem er sein Rundgemälde aufnahm, machte es natürlich, daß er die Bayern in den Vordergrund der Aktion stellte. Und sie war für sie rühmlich genug, um diese ihre Stellung auch nach einer anderen Seite zu rechtfertigen. Das Handgemenge in dem nahen Weinberg, welchen Bayern von darin versteckten Turkos säubern, das Herausbringen von Verwundeten, das Einschlagen von Granaten, das Vorstürmen eines Bataillons von der Höhe in den Lautergrund und gegen die Stadt die Thätigkeit der Aerzte auf den Verbandplätzen, der stumme Jammer eines hochverdienten bayerischen Obersten an der Leiche seines jüngste» Sohnes —, er sollte im selben Kriege noch zwei ander« verlieren — die aus der geängsteten Stadt aufschlagende Lohe, der Kontrast einer friedlichen Natur mit dem blutige» Tagewerk der Menschen — Alles das und noch vieles Andere, dessen Ausführung hier zu weit führen würde, hat der Künstler mit einer Meisterschaft zur Anschauung gebracht die zu seinen und der Münchener Kunst Lorbeer» ein neues Blatt fügt. Der Georgiritt zu Statt». Vom herrlichsten Sonnenschein begünstigt, fand am Tage St. Georgi der alljähriz übliche Ritt zu Ehren dieses Heiligen statt. 15 Kilometer nördlich von Traunstein, an der grün rauschenden Traun, liegt die herzoglich leuchtenbergische Herrschaft Stain mit zwei Burgen und einem Schlosse. Die älteste dieser Burgen besteht aus mehreren in den Felsen gehauenen Gemächern und Gängen, stammt vermuthlich noch aus vorrömischer Zeit und in ihr hauste, der Sage nach, der fabelhafte Mädchenräuber und Raubritter Heinz von Stain. Den Berg krönt eine von hohem Wall und tiefem Graben umzogene Feste, am Fuße desselben liegt das aus neuerer Zeit stammende Schloß im Kranze der Oekonomiegebäude, Mit der Romantik uralter Geschichte wetteifert der Reiz der lieblichen Landschaft; über das anmuthige Thal hinweg schweift der Blick zu den schneebedeckten Alpen, deren Kette von der Salzach bis zum Jnn den Horizont säumt und bleibt auf der gothischen Kirche zu St. Georgen weilen. Malerisch auf einem Vorsprung des rechten Ufers gelegen, streckt sie ihren Spitzthurm gen Himmel. Hier m dieser Gegend, welche uns die bis in's achte Jahrhundert zurückreichenden Salzburger Urkunden noch dicht besiedelt von den Nachkommen der keltisch-römischen Bevölkerung zeigen, hat sich bis auf den heutigen Tag ein abgeblaßter Nest uralt feierlichen Brauches erhalten. Am Morgen des Georgitages, 24. April, versammelt sich im Schloß- hofe zu Stain die Bauerschaft der umliegenden Ortschaften. Jeder Hof stellt zwei Rosse, meistens junge Hengste, deren Rücken in der Regel keine» Sattel, sondern nur eine Decke trägt; die Reiter sind gewöhnlich der Bauer selbst und sein Sohn; in feurigem Roth leuchtende Bänder zieren Mähne und Schweif. Um 8 Uhr erfolgt der Aufbruch. Die Spitz; eröffnen Postillone in Galla-Uniform, flatternde Standarten mit den freundlichen Landessarben in der Hand, darauf folgt die Musik und nun die insgesammt auf Schimmeln reitenden Hauptpersonen des Zuges: 2 Engel, der heilige Georg, 4 Engel und der Schloß- kaplan von Stain im Chorrock. Hieran reihen sich paarweise die Bauern, in ihrer Mitte ein blauweißes Banner führend und Heuer 68 Paare zählend. Der heilige Georg, von einem ehemaligen österreichischen Grenadier dargestellt, trägt das traditionelle Costüm seiner Figur in den Landkirchen: weißseidenes Wamms und gleiche Beinkleider, beide mit reicher Nococo-Stickerei, gelbe hohe Reiterstiesel mit goldenen Sporen, einen wallenden Mantel von rother Seide und auf dem Haupte den blitzenden Helm von gelbem Metall mit dem Kreuze statt des Federbusches, in der Faust die große Fahne von weißem Atlas mit den rothen Schrägebalken des Andreaskreuzes und dem goldenen Auge Gottes auf schwarzem Atlasschilde in der Mitte. Die Engel stellen 4jährige Knaben dar, bekleidet mit weißen, bauschigen, lange» Röcken, rosafarbenen Hosen und einem grünen Kranz um die blonden Locken. Die Köpfe der Schimmel schmücken weiß-rothe Federbüsche, gesattelt sind nur jene des KaplanS und des heiligen Ritters, dieser mit dem altdeutschen Sattel: die Engel sitzen auf rothen Schabrake». In der bereits angegebenen Ordnung setzt sich der Zug unter den Fanfaren der Trompeter im Schritte in Bewegung und begibt sich auf der alten, vielleicht von den Römern erbauten Salzburger Straße nach Weisham, von da nach St. Georgen, ein ungemein malerisches Bild bietend» wie er durch das frische, glänzende Grün der Fluren die Höhe der Uferterrasse sich hinaufwindet, während im fernen Hintergründe die schimmernden Vergeshaupter emporragen. — Sobald der Zug St. Georgen naht, kommt ihm der dortige Pfarrhcrr mit dem Sanctissimum entgegen, ihn begleiten die Männer der Georgi-Bruderschaft in weißen, rothverschnürten Talaren mit rothen Schulterkrägen, Pilgerstäbe in den Händen und die fliegende rothe Kirchenfahne mit sich führend. Auf freier Straße macht der Zug Halt und unter dem Donner der Böller ertheilt ihm der Pfarrer den Segen, worauf dieser sich mit den Georgi-Brüdern an die Spitze setzt, am Eingänge des Ortes, an der Stelle einer uralten Linde beim Schul- hause stehen bleibt und den ganzen Zug an sich vorüberdefiliren läßt, indem er jeden einzelnen Reiter mit Weihwasser besprengt und dadurch Roß und Mann auf Jahresfrist gegen Schaden feit. Hieraus folgt Hochamt, Predigt und Litanei, die Reiter steigen ab, um dem Gottesdienste beizuwohnen und darauf zu Fuß heimzukehren, die Rosse aber werden von anderen Leuten sofort nach Hause geritten. Schmauß und Zechen bilden den Schluß des Festes, auch mancher Pferdehandel geht vor sich. So verläuft das Fest gegenwärtig; verschiedene charakteristische Züge, die noch Altmeister Steub schaute, kamen im Laufe der Jahrzehnte in Wegfall. — Gleich unseren Cürassiereu, die den Panzer ablegten schirmt sich auch St. Georg mit keiner ritterlichen Rüstung mehr» sein Schwert zerfiel, vom Rost zerfressen, in Trümmer und ist durch kein anderes ersetzt, an die Stelle des echten alten Helmes trat eine moderne Nachahmung. Die meiste und bedauerlichste Einbuße jedoch erlitt das Fest dadurch, daß die alte Linde nächst der Kirche in St. Georgen umgehauen wurde. Mise-ll-n. (Die Vater heirathsfähiger Töchter) werden in ihren Hoffnungen oft bitler getäuscht. Ein solcher Märtyrer schreibt dem „D. Mtgs. Bl>": „Ich besuchte mit meiner Tochter Eva in diesem Karneval mehrere Bälle, und da lernte Eva einen jungen Mann kennen, der durch ein elegantes Exterieur und tadellose, gewandte Manieren auffiel. Seine Karte enthielt nur die Worte „Friedrich Müller« — Generalsekretär. — Unter einem „Generalsekretär" stellt man sich doch Etwas vor; nun machte er mir außerdem den Eindruck eines Menschen, der vor einer ehelichen Verbindung nicht zurückschreckt; wir näherten uns, eS schien, daß er auch an mir — nicht nur an Eva — Gefallen fand, und da ich auch bei dem Mädchen ein gewisses lymphatisches Interesse zu entdecke» glaubte, war ich zu geheimen Hoffnungen berechtigt, die dem Vater eines fast 23jährigen Mädchens nicht übel gedeutet werden können. Mein Herr Müller machte Visite, er kommt ein zweites Mal und beginnt im Beisein meiner Tochter — die nur die ersten Worte hörte und dann indignirt und verlegen das Zimmer verließ: „Mein Herr, das Glück der Ihrig«!, welches Ihnen gewiß nicht gleichgiltig sein wird, sollte Sie bestimmen, einem Antrag näher zu treten, den ich Ihnen hiermit unterbreite —" Dabei griff er an seine linke Seite, aber nicht um die Gegend seines Herzens anzudeuten, sondern um ein dickes Portefeuille herauszuziehen, welches mit Schriften rc. gefüllt war — dann fuhr er fort: „Ich bin nämlich Generalsekretär der Amerikanischen Vsrsichrrungs-Gesellschaft „Ohio," unsere Bedingungen sind die coulantesten; wir versichern für Leben und Todesfall ..." — Sie können sich denken, daß ich diese Auseinandersetzungen, welche mich über den Zweck seiner Annäherung mit einem Male hinreichend belehrten, bei dem ersten Komma, welches er sich gestattete, abschnitt. — Ich begleite ihn zur Ausgangsthüre, nicht aus Höflichkeit, fanden um mich zu überzeugen, daß er wirklich gehe. O meine Illusionen!!" (Prinzeß Ludwig Ferdinand.) Aus Anlaß der Vermählung der Spanischen Jnfantin Donna Paz theilt ein Pariser Blatt die folgende wie es behauptet, völlig authentische Anekdote mit. Im April des vorigen Jahres machte die Jnfantin in Begleitung ihrer Schwester Jsabella eine Reise nach Granada. Paläste, Museen, Kirchen, die Alhambra, kurz alle Sehenswürdigkeiten der historisch merkwürdigen Stadt wurden von den beiden Prinzessinnen der Reihe nach in Augenschein genommen. Zum Schluß kamen sie in das Kolleg von Sacra Monte, wo sich eine Krypta mit den Gebeinen des heiligen Cecilo befindet. In dieser Krypta sind außerdem zwei Steine angebracht, die jeder Besucher kennt: der eine ist bekannt unter dem Namen des „Heiraths "-Steins, während der andere einen Namen führt, der das Gegentheil, also etwa „Trennungs-" „Scheidungs-"Stein bedeutet. Der Abbö, der die beiden hohen Besucherinen herumführte und ihnen als Cicerone diente, zeigte denselben auch die beiden Steine und bemerkte, daß nach der Legende ein jedes Mädchen, welches den „Heiraths"-Stein berühre, binnen Jahresfrist vermählt sein würde. Die Jnfantinnen lachten. „So berühre ihn doch!" sagte Jsabella zu Ihrer Schwester und Donna Paz berührte den Stein lächelnd. Das geschah am 3. April 1882. Genau nach Ablauf eines Jahres aber, nämlich am 2. April 1883, wurde Donna Paz in Madrid mit dein Prinzen Ludwig von Bayern vermählt. (Wie man in Schwaben zänkische Eheleute „einigte".) In oberschwäbischen Gebieten war es in der „guten alten Zeit" nicht selten, daß zänkische Ehegatten, welche ihren Nachbarn ein Aergerniß gaben, gemeinschaftlich in den Thurm gesperrt wurden. Obendrein mußten sie sich mit einem Messer, einer Gabel, einem Stuhle und was, wie die Schwaben sagen, „das Fürnahmst" war, einer Bettstelle begnügen! Das war ein probates Mittel! Gar häufig sah man Mann und Frau unmittelbar aus dem Thurm in's Wirthshaus gehen, und hörte, wie sie bei einer Flasche Wein oder einem Glase Bier die besten Vorsätze aussprache». Auch in Memmingen kam es vor zweihundert Jahren gar häufig vor, daß in argem Unfrieden mit einander lebende Ehegatten verurtheilt wurden, mit einem Löffel zu essen. Das Nathhausarchiv enthält ein Docu- ment, in dem es heißt: „^.niio 1624, den 13. Juli» hat man zwei Eheleute, so übel mit einander gelebt, in das Blockhaus gethan und mit einem Löffel essen lassen." Das war nicht dumm; „essen," so calculirten die Schwaben, „wollen und müssen die Beiden; da sie aber nur eine Gabel und ein Messer und einen Stuhl hatten, mußten sie sich vereinbaren." (Schwäbische Höflichkeit.) „Herr Präsident, i bitt' um's Wort!" — „Der Herr Schlankele hat's Wort!" — „Drum hab' i no vor ere Viertelstund' mein Dos' zum Schnupfe rumgange lasse und kann se jetzt nemme finde. I möcht' daher no die Herre bitte, daß se nachsehe sollet, ob keiner mein Dos' in sein Sack g'steckt hat, in der Meinung, er steck' se in de meinig!" (Grab schrift auf einen Zänker.) Krakehl, der große Zänker. Er ruht in diesem Grab. Lies still die Worte Wanderer, Sonst streitet er's Dir ab. (Ein Berliner Tischlermeister) bot seinem widerspenstigen Lehrburschen Ohrfeigen mit folgenden Worten an: „Wenn du weißnäßige Kröte nu nich den Ogen- blick det Maul hälft, so werfe ick dir einen Fünfdahlerschein in die Viehsionomie, deff du acht Tage daran zu wechseln haben sollst!" (Bedenkliche Aehnlichkeit.) Hören Sie mal, das Bild meiner Frau sieht scheußlich aus. — Maler: Ja, aber Sie müssen zugeben» daß es ungemein ähnlich ist. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlas des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Unternaktungsvkatt zur „Angglmrger Postzeitung." Nr. 37. Samstag, 5. Mai (Abends) 1883. Des Försters Enkelkind. Original»Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) IX. Hugo von Bodenwald's Beerdigung hatte stattgefunden, doch ward der Landkammer» rath, der mit seiner Gemahlin in der Residenz eingetroffen, durch Krankheit verhindert, daran theil zu nehmen. Das plötzliche eingetretene feuchte Herbstwetter hatte ihm einen heftigeren Gichtanfall zugezogen, und mußte der jetzige Majoratserbe bei der traurigen Feier seine Stelle vertreten. Bei dieser Veranlassung hatten sich auch die Brüde" wieder getroffen und sich fast wie zwei fremde Menschen begrüßt, doch war Karl von Boden« wald nicht entgangen, daß während der Jahre, wo er ihn nicht gesehen, das Aeußere seines Bruders sich vortheilhaft verändert hatte und er ein entschiedenes männliches Auf» treten bekommen. Ludwig dagegen hatte seinen Bruder gealtert gefunden; er war nicht mehr der fröhliche, leichtlebige Offizier, der er gewesen, das eheliche Leben und die trau« rigen Familienereigniffe hatten ihn zum gereiften Manne gemacht. Bald nach der Beerdigungsfeier hatte der junge Gutsherr vom Buchenhof sich zu seinen Eltern begeben, ein Besuch, für den auch seine Gattin gestimmt. Er hatte seinen Vater, auf dem Sopha liegend, und unfähig das Zimmer zu verlassen, gefunden; sein« Mutter, in Folge der Ortsveränderung zur ungünstigen Jahreszeit und der gehabten Aufregung ebenfalls leidend, und war von Beiden, was er indeß weder Anna, ihren Eltern noch Bergmann's mittheilte, mit besonderer Freundlichkeit empfangen, und während seines ganzen Aufenthaltes behandelt worden. Sie hatten sich eingehend nach seinem Leben auf dem Buchenhof erkundigt, und er nicht unterlassen, ihnen sein häusliches Glück wie sein« Gattin und Tochter zu schildern. Sie hatten dieser Beschreibung zugehört, mit keiner Silbe jedoch seine Frau «der sein Kind genannt, wenngleich sie mehrfach von Kohring'S und Bergmann's gesprochen. Ludwig war die Freundlichkeit seiner Eltern zwar neu, doch war sie zu natürlich, um ihn nicht wohlwollend zu berühren; er trat ihnen indeß einigermaßen gemessen gegen» über, hatte er doch zu lange das Gegentheil von ihnen erfahren, und gleichzeitig war ihm die Aufregung seiner Gattin am Geburtstag« ihres Vaters, die einen schmerzlichen Eindruck auf ihn gemacht, stets gegenwärtig. Als Ludwig von Bodrnwald nach zwei Tagen des Beisammenseins von seinen Eltern Abschied nahm, sagt« sein Vater: „Du mußt einsehen, Ludwig, daß ich wahrscheinlich während des ganzen Winters nicht nach Bodenwald und dem Buchenhof kommen kann, laß Dich also so bald wie mög« sich hier wieder sehen. Vergiß nicht, daß Du allein uns jetzt nahe wohnst, denn Karl darf sobald keinen längeren Urlaub wieder nehmen, auch ist seine Frau gern in der großen Stadt, wo sie noch dazu viele Verwandte hat. Mir wäre es schon recht er könnte den Militärdienst verlassen und mit seiner Familie hier in Bodenwald wohnen, doch muh «r wenigstens als Rittmeister abgehen, und damit hat «8 noch einige Jahre Zeit." 290 — Der junge Mann versprach seinen Eltern, den Besuch noch im alten Jahr zu wiederholen, nahm Abschied und kehrte nach dem Buchenhof zurück, wo er seine Gattin voll Sehnsucht seiner wartend, wußte. Zu Anfang gemährte ihm die Fahrt an dem schönen Oktobertag, der ihm die nächste Umgebung der freundlichen Residenz im Herbstkleide zeigte, Zerstreuung. Sie ward durch die Bewohner derselben belebt, die das herrliche Wetter benutzt hatten, und in Zügen aus den bewaldeten Bergen heimkehrten, die bald schon ihres buntfarbigen Schmuckes beraubt sein konnten. Nach und nach aber ward der Weg, der jetzt durch ausgedehnte Holzungen führte, einsamer, und als erst zu beiden Seiten die Berge sich erhoben und die Dämmerung eintrat, begegneten ihm nur noch einzelne Wanderer oder Fuhrwerke, und sich in die Wagenecke lehnend, begann er sich seinen Gedanken zu überlassen. Diese führten ihn nach der Stadt und zu seinen Eltern zurück; er sann über deren so auffallend verändertes Benehmen gegen ihn nach, und suchte sich ebenfalls zu erklären, wie auch seine früheren Gefühle und Empfindungen, seine Gleichgültigkeit gegen sie zu schwinden anfing, und er sich kindlicherer Regungen gegen sie bewußt ward. „ES ist das verwandle Blut —,die Gottesstimme, die jedem Menschen inne wohnt*, sagte sich endlich Ludwig von Bodenwald, „und es wäre sündlich gegen sie ankämpfen zu wollen. Allein", setzte er nach einigen Sekunden erregter hinzu, es ist auch sündlich sie zu unterdrücken, oder ihr nicht Gehör zu geben, wie meine Eltern gethan, die jetzt die Früchte davon ernten, denn hätten sie ihr jüngstes, schwächliches Kind voll Liebe und Sorgfalt erzogen, sie ständen jetzt, wo auch sie Kränklichkeit und Körperschwäche zu tragen haben, nicht so vereinsamt da!" Dann traten die Bilder der geliebten Gattin und holden kleinen Tochter vor sein geistiges Auge, und er sagte nun halblaut: „Sollte ich es nicht, wenn sich das Verhältniß zwischen mir und meinen Eltern immer herzlicher gestaltet, dahin bringen, daß sie Anna und unserem Kinde die gebührenden Rechte in der Familie einräumend — Niemand sonst versagt sie ihnen, sie selbst hören sie meine Frau und Tochter nennen, allein", unterbrach er sich mit gerunzelter Stirn, „es ist für Beide schließlich auch gleichgültig, ob sie sich sehen wollen oder nicht, ihre Rechte kann ihnen Niemand nehmen, und vor dem Gesetz stehen sie Karl's Frau und Tochter gleich! — Wie Anna sich auf meine Rückkehr freuen und mich mit unserem Kinde schon erwarten wird! — In einer halben Stunde bin ich bei ihnen, seit unserer Berheirathung sind wir noch nie so lange getrennt gewesen. Während mit diesen Gedanken und Bildern beschäftigt Ludwig von Bodenwald der Stätte seines häuslichen Glückes, dem stillen Buchenhof, zufuhr, saß seiner harrend die junge Gebieterin im bereits erleuchteten Wohnzimmer. Sie hatte am Tische Platz genommen, hielt ihre kleine Tochter, welche eifrig mit dem reichlich vorhandenen Spielzeug beschäftigt war, auf dem Schooß, und das Kind schon instinktiv hütend, achtete sie für den Augenblick auf dessen Beschäftigung nicht, sondern dachte an ihren Gatten, der ihr für den Abend seine Heimkehr zugesagt. Sollte er wohl Wort halten, oder sie warten lassen und noch länger bei seinen Eltern bleiben? Anna'S Züge nahmen einen trüben Ausdruck an, und sich den traurigen Gedanken überlastend, die stets für sie mit den Eltern ihres Gatten verbunden waren, verfolgten sie wiederum die Bilder, die sie schon oft gequält, und Thränen füllten ihre Augen. Bald aber hörte sie das Rollen eines Wagens, und schnell ihre schmerzliche Erregung bekämpfend, wandte sie sich ihrer Tochter zu, die ebenfalls das Geräusch gehört haben mußte, denn sie sagte lebhaft und in freudigem Tone: „Mama, Papa kommt — Papa bringt Anna auch die große Puppe mit-* Die Kleine auf den Arm nehmend, küßte sie sie zärtlich und trat mit ihr an das noch nicht verhangene Fenster. Ja, es war ihr Gatte, jetzt bog er auf den Gutshof ein, und nach wenigen Minuten hielt er sie und seine Tochter umfaßt, begrüßte beide 291 voll Liebe und Zärtlichkeit, und führte sie in'S Zimmer zurück. Beim hellen Schein der Lampe betrachtete er mit forschendem Blick sein Weib, und da« Aug« der Liebe war scharf genug, die Schatten zu entdecken, die noch theilweise auf ihren, jetzt allerdings von Glück und Freude strahlenden Zügen führten. Sie hatte seinen Blick verstanden und entschlossen, ihn nicht zu betrüben, fragt« sie schnell: „Wie hast Du Deine Eltern gefunden, Ludwig? Sind sie so leidend, wie Bergmann sie unS beschrieben?" Zu einer Antwort kam er nicht, denn seine Tochter machte ihre Rechte geltend» und seine Hand ergreifend, forderte sie mit der ihr eigenen Lebhaftigkeit und Entschiedenheit die versprochene Puppe. In diesem Momente brachte das Mädchen verschiedene Kasten und Pakete, die im Wagen Platz gehabt, und den größten der ersteren ergreifend, legte er ihn auf die ausgebreiteten Arme seines freudig jubelnden KindeS, und sagte zu seiner lächelnden Gattin: „Anna, Du wirst mit dem Inhalt besser umgehen können als ich-" Sie öffnete, während unter allen Zeichen der Ungeduld die Kleine dabeistand, die Schachtel und nahn: eine sehr schöne Puppe hervor, welche sie dieser reichte. Das freudige Staunen über den so sehr begehrten Schatz raubte dem Kinde einige Augenblicke die Sprache, dann aber ergriff sie das herrliche Spielzeug, betrachtete eS forschend, prüfte mit den kleinen Fingern die Augen, Wangen und Haare, die in der in der That an Farbe und Frische den ihrigen glichen und brach dann in lauten Jubel auS. Die glücklichen Eltern blickten voll Freude und Rührung auf das Kind, bis Ludwig von Bodenwald zu seiner Gattin sagte: „Und forderst Du nichts, Anna, das ich Dir hätte mitbringen können?" „Ich weiß im Voraus, daß Du alle meine Aufträge besorgt hast", entgegnete sie vollständig aufgeheitert. „Sie sind sämmtlich ausgerichtet, und was ich nicht mitgebracht, wird Dir geschickt werden. Aber sieh einmal, ob ich es verstanden, Deine Wünsche zu erspähen", und ein zierliches Päckchen aus der Brusttasche nehmend, legte er es in ihre Hand. „Du machst mich wirklich neugierig, was eS sein kann", entgegnete sie mit glücklichem Lächeln, und die Papierhülle, abnehmend, hielt sie ein länglich-rundes Moroquin- Etui in der Hand, auf den von zierlichen Umschlingungen eingefaßt die Buchstaben: „A. v. B." zu lesen waren. Es schnell öffnend, rief sie mit freudigem Staunen: „Ludwig!" Dieser blickte voll Zärtlichkeit auf die überraschten Züge seiner Gattin, mit denen sie jetzt die Miniaturbilder — eS war das ihrige und das feinige — betrachtete. Die Bilder waren sprechend ähnlich, sie zeigten ein schönes, jugendliches Paar, auf dessen Gesichtern der Ausdruck stillen Glücks hervortrat. „Habe ich es getroffen, Geliebte?" fragte ihr Gatte, sie zärtlich umfassend. ,O, nur zu sehr", erwiderte sie voll Liebe, ihm in die Augen blickend. Wie Ist eS nur möglich gewesen, dies in aller Stille zu vollbringen?" „Als vergangenes Frühjahr wir uns malen ließen, da sagtest Du, daß es einmal für unser Kind eine hübsche Erinnerung sein würde» die Bilder ihrer Eltern in jugendlichem Alter zu haben und ich beschloß, sie, wenn irgend möglich, im Geheimen herstellen zu lassen. Ehe der Maler unsere Portraits als vollendet aus den Händen gab, hatte er schon diese Medaillons darnach angefertigt, die er erst kürzlich zurückerhalten, da er die Fassung auswärts besorgt. Ich wollte sie auf Deinen Weihnachtstisch legen, da ich aber noch eine Menge Wünsche von Dir entdeckt-" „Ludwig!" lachte die junge Frau in der heitersten Stimmung. „Du mußt sehr vorsichtig sein, mein theures liebes Weib, wenn Du nicht am Weihnachtsabend eine ganze Ausstellung auf Deinen Tischen haben willst", entgegnete ebenfalls lachend der junge Gutsherr, „denn ich halte eS für meine Pflicht, so viel ich vermag, einen jeden Deiner Wünsch« zu erfüllen!" 2S2 Glücklich, und beruhigt in ihrem Herzen verging Anna der Abend und die nächste Zeit, die, da ein leichter Frost eingetreten, ihren Gatten oft fern von ihr in den herrlichen Waldungen hielt, wo er mit seinem Schwiegervater beschäftigt war, denn die Zeit der Holzverkäufe war für beide Güter gekommen. Einige Wochen vor Weihnachten erhielt er von seinem Vater die Aufforderung mit Kohring und Bergmann zur Stadt zu kommen, doch war er zu Anna's stiller Freude nicht im Stande, diese Fahrt zu unternehmen, denn kaum wissend wie, hatte er sich eine Erkältung zugezogen, und der stets so gefürchtet« Husten hatte sich in leichtem Grade eingestellt. (Fortsetzung folgt.) Ave Maria! Wie soll ich Dich grüßen? Ich weiß keinen Namen, So schönen, so süßen Als: Ave Maria! Ave Maria. Ave Maria! Laßt freudig mich singen, Am Morgen, am Abend Den Engelsgruß bringen Dir: Ave Maria! Ave Maria! Die ewige Liebe Hat selbst ihn ersonnen, Daß ewig er bliebe Dies: Ave Maria! Ave Maria! So sing ich auf Erden, — Im Himmel auch einsten! Ein Sänger laß werden Mich: Ave Maria! mb. Aus dem Tagebuche eines Schulgehilfeu. Von I. Mayerhofer. Das ist jetzt Jahre her: da hatt' ich als bayerischer Schulgehilfe im schönen Monat Juli und August die Ferien. Mein vorgesetzter Lehrer hatte sechs kleine Mädchen, und jedes Mädchen hatt' ein Brüderchen. — Da kam's dem Magister eben recht, daß alljährlich zwei Monate Vakanz einfielen. Da pflegten nämlich wir „Gehülfen" unsere Löffel nicht in des Lehrers Familien- Schüssel zu stecken und machten die ganze Zeit über keinen Versuch, aus dem Haufen Kraut darin ein Stückchen Fleisch herauszuangeln. Meine Collegen im Revier verflogen wie die Schwalben auf „Maria Geburt" zu Eltern heim und zu Verwandten. — Mir aber waren beide, Vater und Mutter, todt, und hatt' ich auch Verwandte, so waren die gar arm, so daß ich nicht zu ihnen gehen konnte. Da dacht' ich mir: Wem Gott will rechte Gunst erweisen, Den schickt er in die weite Welt, — erhob mein bischen Sold, schwang frohgemuth mein Ränzlein auf die Schulter und wanderte in's offne Land hinein. Auf solcher Fahrt gelangt' ich eines Tages an das große Wasser, das der Jnn heißt, und darüber lag das schöne Oesterreich. Ehrwürdig grüßten Braunau's geschwärzte Thürme und Mauern herüber, freundlich blickte ein Kloster vom Berge nieder und mir ivar's, als schaue die Sonne viel wärmer und lieblicher auf das Land da drüben hinterm schwarz-gelben Grenzpfahl. Da faßt es mich im Herzen und ich dachte: Jetzt hast du dich durch all' das matte Bier im „Wald" und „Gäu" hindurch geplempelt, daß dir's im Magen kalt und sauer ist, — nun trinkst dich einmal auf der Wein-Seite durch alle christlich-billigen Sorten Seiner kaiserlichen Majestät durch und den ganzen Weg retour bis gen Paffau hin, auf daß dir's wieder bester wird. Und schritt über die lange Holzbrücke zwischen den „Grenzern" durch, am heiligen Johannes von Nepoinuk vorbei und durch den tiefen Thorbogen in die Stadt hinein. Darin besah ich mir das Bild des alten Bürgermeisters, dessen Bart so lang war, daß er darauf stehen konnte» und als ich ihn und die alte Pfarrkirche mit den vielen Steindenkmalen genugsam betrachtet hatte, besprengte ich mich mit Weihbronn und trat, um mich zu stärken für den Weitermarsch, in'S Hintergärtchen des „Wein-Hauses.* War das ein seliger Winkel! Wie prickelte der helle flirrende Wein auf »reiner trock'nen Zunge! Die leis bewegten Zweige der Garte.ibäume warfen ihren Schatten über mich, des Brünnleins Wasser rauschten klingend auf die Tropfstein-Mulde nieder — ja wär' meines Beutels Inhalt nicht gar so dürftig gewesen, hier hätt' ich etlich' Tage Rast gehalten. Wie schwer mir auch das Scheiden fiel, die Furcht, es möchte mir in der Stadt die Herberg' für die Nacht zu theuer sein, trieb mich wieder weiter. Ich zog den Jnn entlang, lag Nachts in einem Dorf im Heu und wanderte des andern Tages wieder zu. Ueber Nacht war schlechtes Wetter eingetreten. Die Wolken hingen tief vom Himmel nieder, ein feiner Regen rieselte sachte und schläfrig auf die Erde und erreichte den fetten Lehmboden, daß mir das Gehen sauer ward. Vor Hunger, Müdigkeit und Nässe war ich herzlich froh, als aus dem Regen- und Nebelschleier endlich wieder ein Dorf auftauchte. Und war mein erster Gang natürlich in's Wirthshaus. War aber mein Eintritt in die Wirthschaft gedrückt, und erhofft' ich mir darin nicht etwas anderes Erfreuliches zu finden als Obdach gegen das Unwetter, — so sollte bald der Schalk nur im Nacken sitzen und mir so Fröhliches adveniren, wie bis dahin nicht auf meiner ganzen Fahrt; und war ich doch in manch' einer guten Schenke gesessen bei lustsamen Menschen. Das ging also zu: Ich sprach: Grüß Gott, Herr Wirth! Darauf fragte der: Was kriag'n S'? A Bier? Ja, weun's frisch is. Als ich dies gesagt hatte, ging er ab und humpelte in dem Keller. Er ging sich nicht leicht, hatt' einen dicken Bauch, war in mittleren Jahren und trug die alte Wirths- tracht: grünes Sammtkäppchen, rothe Weste und mit zwei Reihen silberner Knöpfe besetzt, schwarze Le'oerhose, blaue Strümpfe und Bundschuh'. Dieweilen er im Keller hantirte, hing ich mein Ränzchen an den Nagel und setzte mich an den Tisch, woran nur ein einziger Gast saß. Der sah mich scharf an und fragte: G'wiß sän S' a Student? Und weil der Schelm mir in Herzen erwachte, so antwortete ich: Ja, Wo studir'n S' denn? In Wean oder z'JnnSbruck? In Boar'n drent, z'Münka drob'm. Und was studirn S' denn? Und antwortete ich stolz: ^us. Was is denn dös:? Dös is dös, wo man a'n Advokat wird» Also a Herr Advokat sind S'? Der bin ich. Mittlerweilen kam der Wirth aus dem Keller herauf gekeucht und hörte mit Erstaunen, wie mein Gesprächs-Part und die Leute an den Nachbartischen mich „Herr Advokat* titulirten. Rückte darnach in Etwas sein Sammtkäppchen und frug: Was? Üs seid schon an Advokat und seid'S noch so jung? Ja wißt's, ich bin halt früh zur Studi kemma und bin iazt a g'rad fertig wor'n. ... ""hm er das Käppchen ganz vom Kopfe und während er es zwischen den buken Händen drehte, sagte er: 294 O, Sie, Herr Advokat, ich hätt' Ihnen Eppas z' sagen. Vielleicht könnt' Ös mir da an Rath geben. Wißt's, ich hab' mit einem Nachbarsbauern Streitigkeit von -'wegen einem Joch Wiesen und da kimmt's iazta zum Klagen. Jetzt kann's gut geh'n, dacht ich. Soll ich nun wirklich den Advokaten spielen, oder soll ich mich ergeben und bekennen, daß ich nur eitel geflunkert? — Sicherer war das Letztere. Da trat des Wirthes blühend Töchterlein aus der Küche in die Gaststube, stellte sich an den Gläserkasten und warf unterm Nadeln am Strickstrumpfe vielhelle Blicke auf mich herüber, als wollt' sie mich ermuntern, ein gutes Werk zu thun. Also, auch sie hielt mich verwundert für einen, ob zwar jungen, dennoch wahrhaftigen Advokaten. Wie konnt' ich jetzt noch eingesteh'n, daß ich ein bloßer armer Schulgehilfe sei? — Du mußt die aufgenommene Rolle weiterspielen, ermuthigte ich mich und und sagte laut: Ja, mein lieber Wirth, das kann ich Euch auch nicht grade sagen, wie's mit der Wiese steht, und wem von Euch Beiden sie gehört. Da müßt' ich erst Eure Kataster sehen und müßt' auch mit dem Bauer reden können. An alter Spruch hoaßt eben: auckiatur et altsra paro, auf deutsch: die andere Partei muß auch vernommen werden. Und wenn ich recht thue und ordentlich zwischen Euch entscheiden sollt, so müht ich auch, wie g'sagt, den Bauer hören. Vielleicht geht der nicht bei, hofft' ich im Stillen. Es dauerte aber nicht lang, und Kataster und Bauer waren herbeigeholt. Der war ein langer Mann; als er zur Thüre hereintrat, mußte er den Kopf bücken; er richtete ihn aber sogleich wieder auf und überschaute die Versammelten mit dem Blicke eines Mannes, der sich selten unter ihnen sieht. Die Leute grüßten ihn fast ehrfurchtsvoll und flüsterten dann unter sich; er dankte kurz und setzte sich mit leichtem Kopfnicken an meine Seite. Der Wirth brachte für ihn ein Glas Wein und an Stelle des abgetragenen Bieres auch eines für mich. Als ich dasselbe geleert hatte, ließ mir der Bauer eines auf« setzen; dann ließ der Wirth wieder eines bringen durch sein Töchterlein, und dann machte eS der Bauer wieder nach. Dabei wurde mir bald vom Einen, bald vom Andern der Streit um die Wiese vorgetragen und ich gab bald dem Wirthe Recht in seinen Ansprüchen und bald dem Bauer, doch keinem zu viel und keinem zu weh. Nachdem ich also an die sechs Gratisschoppen in den Magen gegossen und mich auch in den Kataster — Kapadaster nannten ihn die Guten — vertieft hatte, kam ich zu dem salomonischen Schlüsse: Ja. meine lieben Leute! Im Kataster ist dieser höchst eigenthümliche Fall nicht vorgemerkt. Um daher über vorwürfige Streitsache einen richtigen Ueberblick gewinnen zu können» müßt' ich'S Grundstück selbst seh'n. DaS sagt' ich aber nur, weil mir bei dem ganzen Handel immer weniger wohl ward und ich nicht absah, wie mich draus Hinauswickeln. Die Parteien aber waren mit einer Besichtigung der Wiese sofort einverstanden und drängten sogar dazu. Bevor wir jedoch aufbrachen, mußt' ich noch auf jedes Klienten Wohl ein weiteres Glas Wein trinken, und — notn bens! — keinen „Tischwein" mehr, sondern feurig „schnalzenden". Mir ward im Kopse ziemlich schwank: seit zehn Uhr Vormittags trank ich auf Beiden Rechnung ungewohnten Wein, und jetzt war's zwei Uhr Nachmittags. Trotzdem der Regen noch immer niederrieselte, war's mir angenehm erleichternd, daß wir uns endlich aufmachten nach der eine 1/2 Stunde entfernten Wiese. Ich trug den „Kapataster" unterm Arme und ließ das unschuldige Papier zu Nutz und Frommen eines k. k. Notarschreibers weidlich durchwalken. Was kümmert« mich der Kataster? Ich dachte nur: Josephus, Josephus! wie kommst du wohl noch leidlich aus dieser Schlinge? Wir kamen an Ort und Stelle an; zweimal gingen wir um die ganze Wiese herum, langsam, sachte: mir fiel kein Ausweg ein. Ich zog die „kapadastrische" Urkunde von 295 — Schritt zu Schritt zu Rathe, umwandelte zum drittenmal die Flur und stieß mit dem Fuße an jeden Grenzstein und besah ihn, als ob, Gott weiß waSl auf ihm geschrieben steh« — und immer, immer noch kein Ausweg! Josephus, JosephuS, da hast du dir eine schöne Suppe eingebrockt! Schon flucht' ich heimlich allen Gratisschoppen, da firl'S mir zündend ,n die Seele, was meine Rettung sei. Ich machte plötzlich halt, legte den linken Zeigefinger über die Nase an die Stirne und sagte: Liebe Leute: Das ist der seltsamste Fall. der mir bislang in meinem ganzen Leben vorgekommen, und es nimmt mich gar nicht Wunder, daß Ihr darüber streitet und nicht in's Reine kommt. Denn er ist so verwickelt und verworren, daß alle Advokaten in der? Welt den Knoten nicht zu lösen in der Lage sind. Ich geb' Euch drum den Rath, daß Ihr die Wiese theilt, und Jeder sich die Hälfte nimmt. Fügt Euch meinem Urtheil: wenn Jhr's zum Processe treibt, so nehmen Eure Advokaten Euch nur Euer Geld ab, und mehr Geld, als die ganze Wiese werth ist. Es kriegt aber, wenn's mit rechten Dingen zugeht, keiner von Euch die ganze Wiese zugesprochen, sondern Jeder nur die Hälfte, weil eben Niemand auf Gottes Erdboden sagen und entscheiden kann, wein von Euch die ganze Wiese zugehört. Und daß das also kommen wird, das weiß ich ganz genau, dieweil ich eben erst vor wenig Wochen ausstudirt hab'. — Auf diesen Entscheid war Keiner der Guten gefaßt. Erst starrten sie mich an, dann räusperten sie sich etzliche Male, ließen den Blick über die Wiese schweifen und versanken in Trübsinnigkeit, und trüb und trist fiel dazu der Regen nieder. Endlich faßte sich der Bauer und sprach: Ich glaub', der Herr Advokat hat Recht. Wir theilen d' Wies und lassen 'S Streiten gut sein, und wenn wir von dein Geld, was uns das Prozessiren kosten that, nur einen zehnten Theil vertrinke», so ha'm wir alle drei an guten Tag, und wir zwei werden wieder gute Nachbarsleut'. Was moanst denn, Wirth? Und weilen ich ihm lächelnd zunickte und ihn solchen Entschlusses halber lobte, erheiterte sich auch des Wirthes umflorte Miene und er bot versöhnt dem Widersacher die Hand auf dem strittigen Grundstück. Dann aber kehrten wir zum „goldenen Hirschen" zurück, wo bis in's Dunkel der Nacht hinein ein fröhliches Trinken stattfand. Das halbe Dorf nahm zechend Theil an der Wiederversöhnung der zwei angesehensten Männer der Gemeinde, die lange wie Achill und Agamemnon gehadert an deren Zwiespalt ganz „Kirchdorf" in zwei Lager getrennt hatte. Bon allen Tischen klang das Lob des „g'scheidten Advokaten" mir in's Ohr, dem solches Wunder in so kurzer Frist gelungen sei. Dazu ein beständiges Klingen und Anstoßen der Gläser, und war es nur gut, daß es an vielem und gutem Essen nirgends fehlte, als: Blut- und Leberwürsten, Schwarten« magen und Kalbsbraten. Obwohl ich mich aber tapfer an diese guten Dinge hielt, war gleichwohl das Resultat des Tages dies: Wirth und Bauer waren versöhnt und ich, als deren „Advokat" war unmenschlich — betrunken« Ich trage aber gutes Verhoffen, daß der Himmel dieses Uebcrnehmen im Wein mir gnüdiglich verzeihen werde. Mich hat halt meine „Friedensstiftung" und mein gutes Werk so gar sehr überfreut. Es scheint mir übrigens, als habe sich auch der Wirth in Etwa gar zu stark der Freude hingegeben. Denn als ich nächsten Tages erst nach acht Uhr in die Gaststube herab kam, hieß es, daß er noch gut schlafe. Und war mir das zu hören lieb. Wie leicht konnte ein unbedachtes Wort, in deß Morgens Nüchternheit gesprochen, den armen Schulgehilfen verrathen l 29b Gab also noch gute Grüße an die Versöhnten auf und wandert' raschen Fußes au», dem Dorfe die Straße entlang. Gegen Mittag langte ich im hochragenden Stifte ReicherSberg an und sah im Kreuz- gang die alten Ritter auf den Steindenkmalen und im Klostergarten den sehr freundlich grüßenden Prälaten, der mit dem jungen Dechant Konrad spazieren ging. Dann zog ich wieder weiter und kam nach Schärding, wo ich mein letztes Gläschen Wein trank« Und ob der auch um vieles saurer war, weil ich den Preis dran sparte, so schmeckte er mir doch nicht minder, als der „schnalzende- in Kirchdorf, well ich nun nimmer fürchtete, daß der falsche Advokat entlarvt werden und damit mein gut gelungenes Werk in'S Wasser fallen könne. Verblieb mir aber noch immer ein Gefühl der Aengstlichkeit im Busen, und ging ich d'rum in Kurzem über die Brücke nach „Neuhaus- hinüber. Erst als ich wieder bayerischen Boden unter den Füßen spürte, war auch mein 'letztes Bangen fort, und mit dem Hut nach Oesterreich grüßend, sang ich mit lauter Stimme: Wem Gott will rechte Gunst erweisen, Den schickt er in die weite Welt. Himmelsschal» im Monat Mai« — >. Merkur L kommt nach Sonnenuntergang am nordwestlichen Himmel im Stier zum Vorschein und ist am besten gegen Mitte des Monats zu beobachten. Am 1. findet man ihn 4" nördlich vom Saturn. Venus y steht am 2. in Sonnenferne zwischen Fische und Widder und ist nur kurz« Zeit in der Morgendämmerung sichtbar. Mars im Sternbilde der Fische und des Widders geht Morgens 3 Uhr in Osten auf und erreicht zwischen 10 und 9 Uhr Vormittags seine größte TageShöhe. Am 4. steht er 4° südlich vom Mond, am 10. gegen 1" südlich von der Venus. Jupiter geht gegen 11 Uhr Vormittags durch den Meridian und verschwindet in den Zwillingen 11 Uhr Nachts. Am 19. passirt er die Erdbahn und steht 4" nördlich vom Mond am 9. Von seinen Trabanten werden sichtbar verfinstert: der erste am 8.; der zweite am 2. und 9.; der dritte am 6. und 13. Saturn H kommt mit der Sonne in Conjunktion und geht mit ihr auf und unter« Miseellen. (»Fafcht unglaublich-!) Kurz nach dem 70er Krieg bramarbasirte ein junger preußischer Offizier, welcher nach Stuttgart commandirt war im Kreise württembergischer Kameraden mit seinen Kriegsthaten. Mit unverfälschter schwäbischer Derbheit erlaubte sich hierauf ein württembergischer Marssohn die Bemerkung: „Aber Herr Kamerad» feie se net so saumäßig verloge,- woraufhin der Norddeutsche ein Pistolenduell für unumgänglich nöthig erklärte Indeß wurde der Zwist dadurch beigelegt» daß ein älterer württembergischer Kapitain den hitzigen Preußen mit den klassischen Worten: „Beruhige Se sich, Herr Kamerad, saumäßig verloge heißt soviel als wie bei Ihn« fascht un- glaublichl- (V e r sch na p pt.) Wirth (zum Weinreisenden): „Warum verkaufen Sie denn Ihren rothen Landwein theurer, als den weißen?" — Weinreisender: „Ja, glauben Sie denn, wir kriegen die Färb' geschenkt? l- (Traurige Erfahrungen.) Schulinspektor: Ich finde, daß die Mädchen dieser Classe durchwegs Besseres leisten als die Knaben« Lehrer: In der That sind hier die Knaben das schwächere Geschlecht. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Unterstaktung8ökatt »ur „Äugsburger Postzeituilg." Rr. 38. Samstag, 12. Mai 1883 . Pfingsten. Mit ihrem Sternenglanz entflieht die Nacht. Es wehen kühl die jungen Morgenlüste, Und sie durchwollt das Meer der süßen Düste, Im Blüthenreich zum Fest des Tags erwacht. Die Sonne schwebet durch des Ausgangs Thor, In ihrem Licht erglüh'» die Tempelzinnen, Und sreud-erröthend steigt aus Nebelflor Jerusalem, die Feier zu beginnen. Durch alle Thore strömt das Volk herein, Im Festgemaiid, mit reichgesüllteu Händen, Dem Gott der Saat die Erstlingsfrncht zu spenden Von seiner Felder fröhlichem Gedeih'n. Und Alles eilt und fliegt zur Stadt hinaus. — Wie Meeresflutheii schwillt der Opsrer Menge; Sie ordnet sich — und zu Jehoven's Haus Wallt hin der Zug mit fröhlichem Gepränge. Die Priester steh'» im festlichen Talar, Vorn Volk empfangend die geweihten Brode, Und Opserthiere nah'n, bekränzt zum Tode, Das Haupt gesenkt und zitternd, dem Altar. — Die Flamme kündend wirbelt hoch der Rauch; Sie schlägt empor — das Heiligthum erglühet. Der Priester Mund entweht Grbeteshauch, Und Alles legt die Hand aus's Herz und knieet. In Freundeshaus, dem prächt'gen Tempel fern, Vom heimathlichen Volke, wie verloren, Verweilt die Schaar, die Christus sich erkoren, Einmüthiglich versammelt in dem Herrn. Verhangnißvoll umwebt sie Gottes Rath, Den Tag zu weih'n mit hohen Wunderdingen; Im Morgenglanze winkt des Meisters Saat, Auch ihre Erstlingsfrucht dem Fest zu bringen. Gedankenvolle Still' ist im Gemach, Der Jünger Geist dem Meister nachgezogen: Nur je und dann, der tiefsten Brust entflogen, Durchbebt die Luft der Sehnsucht leises Ach! — Doch schöner, denn des Mundes Rede, spricht Mit zartem und bedeutungsvollem Regen Der Sinnenden bewegtes Angesicht Voin Gottessohn und seiner Liebe Segen. Und sieh'! da zuckt aus blauer Lust ein Strahl. Des Hauses Beste bebt vom dumpfen Brausen. Es wirbelt sich empor, wie Sturmcssausen, Und blendeiid Licht erfüllt den hohen Saal. Doch von der Windsbraut hin und her durch» schnaubt . .. Muß bald der helle Wunderglanz sich theilen; Dann wird es still — und über jedem Haupt Sieht man ein Flämmcheu liebeglühend weilen. Wie von verborgner Gluten Donnerstoß Der heilige Tiberias erbebet, Und Well' aus Well' empor zum Lichte hebet, Was ewig barg der dunkelu Wasser Schooß: So bebt der Jünger Herz dem Wetterschlag Und den bedeutungsvollen Wunderzeichen, Und was in tiefer Brust noch schlummernd lag, Ringt sich empor — und alle Nächte weichen. Da sieht ihr Aug', was »och kein Auge sah, Des Menschensohiis vollkommne Gottesnähe Und fernes Planes Weite, Tief' und Höhe Und seiner Schöpfung Leben fern und nah. Hernieder strahlt auf sie des Meisters Glanz, Und sie erschau'» des eignen Geistes Würde, Das Hirtenamt, des Sieges Stcrnenkrauz Nach ihres Werkes wohlgetragner Bürde. Ihr Herz entbrennt von heißer Liebesglut, Versöhnend Erd' und Himmel zu umfangen; Eutfloh'n ist ein Kiudertraum, ihr Bangen» Die Brust erfüllt mit frohem Glaubensmuth. Und zu dem Glauben strömt auch wunderbar Von oben her die heil'ge Kraft der Zungen: Da wird das Wort vom Tröster ihnen klar, Von höhrer Andacht ihr Gemüth durchdrungen. Des Wunders Sage wälzt sich fort und sort Bis zu Jerusalems eutsernlsten Hütten, Ulid Alles staunt und kommt mit schnellen Schritten, Um selbst zu schau'» an den geweihten Ort. Das Haus, das bald ein Heer von Fragern füllt, Durchtönt der Sprachen wild verworr'nrs Rausche»; Ein Wink der Jünger» — und es ist gestillt, Und rings umher ein odemlojes Lauschen. 298 Da steht der Helden gottgeweihtec Bund Und schaut auf sein Geschlecht mit Wonnebeben, Laut schlügt die Brust — und ihr verklärtes Leben Entwallet rein dem hochberedte» Mund. Die Hörer sind erschüttert und entzückt: Ein solches Wort ist ihnen nie verkündet. Des Ew'gen Geist hat sie der Welt entrückt — Und Christi Reich ist felsenfest gegründet. Nikolaus Leonard Heilmann. Des Jörstero Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Das alte Leiden hielt bis nach dem Weihnachtsfeste an, das von den drei so eng verbundene» und befreundeten Familien auf dem Buchenhof begangen worden, und da in den ersten Wochen des neuen Jahres mildes feuchtes Wetter vorherrschend war, erklärte eines Abends der junge Gutsherr in Anwesenheit seiner Schwiegereltern, die am Nachmittag gekommen waren, am nächste» Morgen nach der Stadt zu fahren und seinen Eltern den längstversprochenen Besuch abstatten zu wollen. Anna und Kohrings stimmten ihm bei, und der Förster fügte hinzu: „Wie lange gedenkst Du zu bleiben, Ludwig? Wir könnten uns möglicherweise treffen, denn ich muß Deinen Vater sehen und sprechen —" „Ich komme aber morgen Abend bestimmt wieder", entgegnete Ludwig von Bodenwald mit einem schnellen Blick seine Gattin streifend, die indeß mit unverändertem Gesichts- ausdruck sich mit einer Handarbeit beschäftigte- „Dann werden wir uns wohl morgen Mittag sehen, und ich begleite Dich am Abend hierher! —" Kohrings brachen bald auf, und beim Weggehen bat Anna ihre Mutter, doch den nächstfolgenden Morgen zu kommen, und den Tag auf dem Buchenhof zu verleben, was diese ihr bereitwilligst zusagte. Ludwig stand am nächsten Morgen mit seiner Gattin und Tochter im Wohnzimmer und nahm, zwar. nur auf zwei Tage, Abschied von ihnen, Anna's Wangen waren bleicher als sonst, doch erwiderte sie mit ruhiger Fassung seine zärtlichen Worte, und bat ihn besonders für seine Gesundheit Sorge zu tragen. Er versprach ihr dirs und fügte hinzu: „Morgen in der Dämmerung siehst Du mich wieder, Geliebte", drückte sie dann nochmals an seine Brust, nahm auch das Kind auf seine Arme, das mit lebhafter Zärtlichkeit seinen Hals umschlang, küßte es wiederho't, reichte seiner Gattin nochmals die Hand und verließ das Zimmer, doch folgte sie ihm mit der Kleinen auf den Flur hinaus. Im Begriff die Hausthür zu öffnen, kehrte er nochmals zu Beiden zurück umfaßte sie mit einer hastigen Umarmung, verließ schnell das Haus und bestieg den Wagen, der dann sogleich davon fuhr. Jn's Wohnzimmer zurückgekehrt, blickte die junge Frau, ihr Kind auf dem Arm, dem den Gutshof verlassenden Gatten nach, und als dieser ihren Augen entschwand, sank sie auf einen Stuhl und brach in Thränen aus. Die Kleine betrachtete sie erschrocken eine Weile, legte dann ihre Händchen an die Wange der Mutter, und versuchte, sie mit zärtlichen, beredte» Worten zu trösten. Gerührt von der schon so deutlich hervortretenden kindlichen Liebe ihrer kleinen Tochter, und bestürmt von den verschiedenartigsten Gedanken, küßte sie diese mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit, versuchte sie zu beruhigen, denn auch sie schien dem Weinen nahe zu sei», trocknete ihre Thänen, und begann ihre gewohnten Morgenarbeiten in der großen Haushaltung vorzunehmen. Sie hatte indeß kaum das Erforderliche mit der Haushälterin geordnet, als sie einen rasch näherkommende» Wagen vernahm. Bei diesem Geräusch 299 klopfte ihr Herz hörbar, denn er konnte es sein, er konnte ein Unglück gehabt haben! — Doch nein, es war das Fuhrwerk des Verwalters von Bodenwald und bald erkannte sie auch Frau Bergmann darin. Als die Gäste ausstiegen und Mutter und Kind begrüßten, sagte Frau Bergmann zu der jungen Frau: „Anna, wenn Du mich hier behalten willst, werde ich bis Deine Mutter kommt, oder noch länger hier bleiben —" „Das ist sehr freundlich von ihnen, liebe Frau Bergmann-, entgegnete Anna lebhaft, während die Kleine dre Großmama, wie sie sie nannte, fröhlich umsprang. „Hat Ludwig Ihr Kommen veranlaßt?" „Aufrichtig gesprochen, ja, Kind, dennoch würdest Du mich auch ohne seinen Wunsch sehen, denn es taugt nicht für Dich, allein zu sein! — Du hast geweint — " „Noch nie ist mir die Trennung von ihm so schwer gefallen, und meine Angst wird nicht eher schwinden, als bis ich ihn gesund wiedersehe!" „Das ivird schon morgen Abend sein, er ist kaum einige Stunden von hier entfernt-- „Stellen Sie sich vor, Frau Bergmann, wenn ich ihn nie wiedersehen sollte!" und wie vor einer furchtbaren Erscheinung erschaudernd, blickte die junge Frau zu ihr auf. „Anna, wie kannst Du, die stets so ruhig und besonnen gedacht, jetzt Dich und uns alle mit solchen Gedanken quälen? Du kannst doch Deinen Mann nicht seinen Eltern entziehen!" „Es drängen sich mir aber immer wieder die alten Befürchtungen auf — —" „Und daß diese thöricht und grundlos sind, hast Du längst einsehen müssen! — Uebrigens habe ich vollauf Beschäftigung mitgebracht, und Du, die Du so geschickt bist, muht mir helfen. Den arnien Stcinhauerfamilien an den Brüchen gebricht es an vielem, und der Winter ist noch nicht vorüber. Ich wollte ihnen warme Kleidungsstücke geben, und Dich bitten, mir beim Einrichten derselben zu helfen, damit ich sie sogleich anfertigen lassen kann!" Ludwig von Bodenwald war mit unverkennbarer Freude von seinen Eltern empfangen worden, sie hatten alles aufgeboten, ihm den Aufenthalt im Vaterhause angenehm zu machen, was ihm nicht entgangen war, und ihn lebhaft an die Befürchtungen seiner Gattin erinnert hatte. Er setzte ihrer Freundlichkeit Vorsicht und eine leichte Zurückhaltung entgegen, die, wenn sie sie bemerkten, ihnen nur allzu gerechtfertigt erscheinen mußt«. Am Abend fand sich eine kleine Gesellschaft bei ihnen ein, von denen die meisten den jüngsten Sohn des Landkammerraths nicht kannten, ihn wenigstens selten oder lange nicht gesehen hatten. Nach der Vorstellung seines Vaters ward er von Allen, wenngleich die Familiengeschichte der Bodenwald im Lande kein Geheimniß geblieben mit besonderer Höflichkeit und Zuvorkommenheit behandelt, und bei eingehender Unterhaltung mit ihm konnten die alten Freunde seines Vaters nicht umhin, seine vielseitige Ausbildung anzuerkennen. Als die Gäste in einer späten Stunde auch von ihm Abschied nahmen, geschah eS mit der Aufforderung, ihnen Gelegenheit zu geben, eine Bekanntschaft fortzusetzen, die ihnen so große Freude gewährt. Als am nächsten Morgen nach dem mit seinen Eltern eingenommenen Frühstück er und sein Vater nach den neuesten Zeitungen griffen, fragte die Landkammerräthin, welche mit einer leichten Handarbeit beschäftigt war: „Ludwig, befriedigt Dich der Aufenthalt auf dem Lande — auf dem Buchenhof?" „Ob er mich befriedigt?" entgegnete verwundert ihr Sohn und fing zugleich einen Blick des Einverständnisses seiner Eltern auf. „Gewiß, Mutter, wo sollte es mir auch besser gefallen, als im Kreise meiner Familie und inmitten der mir so lieben Thätigkeit?" „Das klingt ganz gut und schön", fuhr Frau von Bodenwald fort, während ihr Gemahl anscheinend eifrig las, „und mag Dir jetzt genügen, später aber, glaub« mir, 300 thut es das nicht mehr. Du mußt auf den Umgang mit Deinesgleichen verzichten, und hast dafür den täglichen Verkehr mit Knechten und Tagelöhnern —" Der junge Mann blickte ruhig auf seine Mutter und antwortete in entschiedenem und ernstem Ton: „Einem solchen Verkehr kann sich kein Landwirth entziehen, und sind sämmtliche Leute auf dem Buchenhof brave, rechtliche Menschen. Den weiteren Umgang mit Meinesgleichen muß ich augenblicklich meiner Gesundheit wegen meiden, im Hause aber bei meiner Frau und Tochter —" „Deiner Frau und Tochter", wiederholte jetzt langsam der Landkammerrath, „ja, dieser wegen wollten wir schon lange mit Dir reden, und ist augenblicklich dazu die geeignetste Zeit —" „Was könnte das sein?" fragte in gemessenem Ton der junge Mann, und blickte ernst, fast streng auf seine Eltern, denn seiner Gattin Sorge und Befürchtungen traten vor seine Seele. „Ludwig, verkenne uns nicht in dnn, was ich jetzt sagen werde und sagen muß, seit wir Dich als Mann kennen gelernt", fuhr in überredendem Ton sein Vater fort, während Ludwigs Erregung mit jedem Augenblick zunahm, wenngleich er entschlossen war, seinen Eltern ruhig zuzuhören. „Als Du vor einigen Jahren Anna Kohring heirathen wolltest, habe ich allerdings meine Zustimmung dazu gegeben, allein dies seitdem tausendmal bereut „Ich hätte Anna auch ohne Deine Zustimmung geheirathet, Vater", unterbrach der junge Mann mit einem festen entschiedenen Blick. Der Landkammerrath sah diesen Blick, der ihm nur zu deutlich sagte, daß sein Sohn die Wahrheit gesprochen. Dieser fuhr fort: „Doch wollten Kohrings ihrer noch damals unmündigen Tochter nicht ihre Einwilligung geben!". „Daran erkenne ich ihre Anhänglichkeit und Treue an uns — —" „Lassen wir das, Vater, und sage mir, weshalb Du bereut, daß Anna meine Frau geworden, und ich, der ich seit meiner Kindheit in meiner Familie weder Glück noch Freude gekannt, ein glücklicher Mann, Gatte und Vater geworden bin?" Seine Eltern sahen sich betroffen an, die Mahnung an ihre beiderseitige Schuld reizte aber den Landkammerrath, der so lange seine Ruhe bewahrt, und mit lauterer Stimme, als er bisher gesprochen, antwortete: „Solltest Du, ein Bodenwald, das nicht einsehen?" „Nein!" „Nun, so muß ich Dich daran erinnern, daß seit Hugo's und seiner beiden Söhne Tod Du und Karl die einzigen Erben unseres Namens seid, Karl hat noch keinen Sohn —" „Es können deren noch hinreichend aus seiner Ehe erwachsen, um unsern alten Namen fortzupflanzen, wie auch meine Frau mich noch mit mehreren Söhnen beschenken kann —" „Du meinst doch nicht etwa Anna Kohring?" fragte seine Mutter in geringschätzendem Ton. „Gewiß, Mutter, denn meines Wissens nach, besitze ich nur eine Frau!" erwiderte ihr Sohn, seine funkelnden Augen auf sie richtend. „Die Söhne aus Deiner jetzigen Ehe könnten unsern alten Namen nicht fortpflanzen -" „Sie ist eine gesetzliche-" „Die Du jedoch aufgeben mußt!" fuhr der Landkammerrath heftig auf. „Ich will für die Försterstochter und ihr Kind hinreichend sorgen; sie kann in einer andern Gegend oder in einem anderen Lande-" „Vater, was wagst Du mir zu sagen?" entgegnete sein Sohn. „Ich wiederhole Dir, daß es mein fester Wille ist! — Ich werde die nöthigen Schritte, Deine Ehe zu lösen, thun, und mit meinem Einfluß-" In maßlosem Erstaunen hörte Ludwig seinem Vater zu. Sein Blick begann heftig zu rollen, und er fühlte das laute Pochen seiner Schläfe und seines Herzens. Von seinem Arzt vor jeder heftigen Aufregung gewarnt, suchte er sich zu beherrschen und schwieg einen Moment. Sein Vater aber, der seinen jüngsten Sohn nicht kannte, glaubte, daß wie immer, sein Wille gesiezt habe, und fuhr in erhobenem, befehlendem Tone fort: „Du wirst für den Augenblick nicht nach dem Buchenhof zurückkehre», den Berg mann bis auf Weiteres vermalten kann. Unterdcß wende ich mich an das Konsistorium." „Vater", rief jetzt der Sohn, dessen Vernunft seine Aufregung und seinen Zorn nicht mehr zu beherrschen vermochte, unterlaß alle Deine Bemühungen, denn ich, ein Bodenmald erkläre, ja, schwöre Dir — —" „Schwöre nicht!" riefen einstimmig seine Eltern, und sein Vater fügte hinzu: „Denn Du wirst Deinen Schwur nicht halten können —" „Ich werde ihn dennoch halten und schwöre, daß nur mit meinem Leben ich mich von meinem Weibe und Kinde trennen werde!" „Entarteter Bube! man sieht, daß Du nicht in meiner Zucht erwachsen bist!" rief außer sich vor Wuth sein Vater aus. Diese Worte aber raubten Ludwig alle Besinnung. Er sprang von seinem Sessel auf, und was geschehen wäre, ist schwer zu sagen. Im nächsten Moment aber stieß seine Mutter einen lauten Schrei aus, denn ein rother Strahl stürzte aus seinem Munde und kraftlos erbleichend, stützte er sich gegen den Tisch. In diesem Augenblick ward die Thür aufgerissen, Förster Kohring trat in's Zimmer, und den schon fast bewußtlosen jungen Mann in seinen Armen auffangend, trug er ihn auf das nahe Sopha. (Fortsetzung folgt.) Was uns der Mai und das Pfingstfeft erzählen. Der Mai war gekommen — ja: „Er war gekommen In Sturm und Regen!" aber nun war er da! Mai, Mail — Wie wiegt doch diese kurze Silbe ein ganzes, langes Gedicht auf! -- Die Maiensehnsucht ist wie das Heimweh, und welcher Mensch möchte oder könnte dieses Sehnens entbehren? Wohl hat jede Jahreszeit, jeder Monat eigemthümliche Reize, der Mai aber ist der Freund aller Menschen, er pocht an unsere Thüren, an unsere Herzen, ein Schritt hinaus aus dem dumpfigen Treiben der Städte, und aufathmet der Mensch wie verjüngt, wie neugeboren. — Die kleinen Blattspitzen lugen so naseweis hervor, wie verhätschelte Kinder, die uns so lange necken, bis wir selber heiter iverden, die Blüthen kommen heraus, — ein Jahr nach dem andern, und doch jedes Jahr neue Zaubergewalt übend auf das arme Menschenherz. — Der Mensch müßte sehr unglücklich oder sehr elend sein, der keine Freude mehr haben könnte an dem lieblichen Schmuck des sich entwickelnden Jahres, — o Maienzeit, du Brautzeit des Jahres! — Ab streifen wir den Winter, die Frühjahrssonne macht ihr liebfreundlichstes Gesicht, und im Zwitschern jedes Vogels, im Pfeifen jedes Bahnzugs liegt für den Menschen mit seiner Zugvogelnatur eine eindringliche Mahnung: „Hinaus! Hinaus!" und den jubelnden Lockruf: „Wunderseliger Mensch, welcher der Stadt entfloh!" Auch des MaimonatS alljährliche Attribute halte» den feierlichen Ein- und Umzug ein wie alle Mal: der Maitrank und die Maiblumen und die Maikäfer, und nun naht des Maies Krone'und des Sommers Herold sich: Pfingsten, das liebliche Fest der Freuds! Seine Boten hat es längst geschickt, den Weg ihm zu bereiten: die Schwalben, von denen ein alter Spruch sagt: „An Maria Verkündigung Kommen die Schalben wiederum", und das heilige Osterfest mit seiner hohen Festeszeit und seiner schönen Weihe, und dann steckte der Winter noch einmal seinen weißen Kopf zur Thür hinein, und lächelte gar grimmig und schadenfroh und schüttelte den weißen Pelz, daß nur so die Flocken flogen. „Freut Euch nur nicht zu früh!" brummte er, „denn ich bin auch noch da! Mit dein grünen Anstrich da, dem Firlefanz, eilt's nicht so sehr — ich bin ein treuerer Gesell — mich werdet Ihr nicht so leicht los!" Aber die Kinder Alle — die großen wie die kleinen — schlugen ihm ein Schnippchen und sangen ihm ein Trutz- und Spotrlied: „Winter lauf', Winter lauf' Deinen weißen Pelz verkauf'! Frühling kommt mit Sonnenschein, Frühling will zur Thür hinein, Schwülbcben singt schon seine Lieder, Ließ im Nest sich häuslich nieder, Winter, Winter, lauf', lauf'! — Winter lauf', Winter laus', Schon sind alle Thüre» auf, Frühling streut sein frisches Grün, Blaue Beilchen auch schon blüh'u, Schneeglöckchen gar munter klingen, Frühling, Frühling, hör' ich's singen, Witter, Winter, lauf', laus'! — Winter lauf', Winter laus', Deinen Bart von Eis zerraus', Sonst schmilzt ihn der Sonne Glut, Sonne ist Dir gar nicht gut. Fort mit Dir, Herr Wintersmann, Niemand Dich mehr brauchen kann! Winter, Winter, laus', lauf'!" — Und auf den wetterwendischen» launenhaften April, der uns so oft zum Besten hat, und in den April schickt, folgt nun der vielliebe, wunderschöne Monat Mai mit all' seiner reichen Knospenpracht und Blüthenfülle wie sehnsüchtig herbeigewünscht und herbeigerufen: „Komm, lieber Mai, Komm, mach' uns frei, Jage den Winter hinaus, Mache die Bäume grün, Laß bunte Blumen blüh'u, Komm, lieber Mai, Schnell komm herbei!" — Und so war er denn gekommen, und mit ihm der Tag vor Christi Himmelfahrt, und endlich auch der letzte Sonntag vor dem heiligen Pfingstfest, und alle Glocken läuteten recht hell und freudig durch die maienfrische Luft. „Könnt' ich in dem Zimmer bleiben, Wenn das Volk zur Kirche wallt? Könnt' ich Alltagswerke treiben, Wenn der Glockenruf erschallt?" — Ja, und doch trieb er Alltagswrrke, der fleißige Mann dort, der in seinem Gärtchrn hinter dem Hause, behaglich sein Pfeifchen rauchend, sich mit seinem Steckenpferd, der Blumenpflege, beschäftigte, eine Arbeit, wie er sie in seinen Musestunden besonders gerne zu verrrichten pflegte. Heute trug er zum ersten Male seine Topfgewächse wieder in'3 Freie, stellte sie dort auf, begoß sie, deckte seine selteneren Rosenarten ab, band sie in die Höhe, beschnitt und stutzte Alles, und pflanzte einige zartere Gewächse in die Erde, mit denen er sich zuvor noch nicht herausgewagt hatte. Indessen läuteten die Glocken in die Kirche zum Tag des Herrn, und seine Frau trat zu ihm hin im Festtagskleide, das Gebetbuch in der Hand, bereit in die Kirche zu gehen; sie sah ihn fragend an, — er aber schüttelte den Kopf. „Laß nur", sprach er. „Gott ist ja überall — man braucht ihn also nicht nur in der Kirche aufzusuchen. Hier in seiner freien Natur ist er auch zu finden!" Der Mann meinte es nicht böse, aber der Frau gab's einen Stich durch'S Herz. „Aber, Martin, heut' am heil'gen Sonntag, am Sonntag vor dem Pfingstfest» wo Du ohnehin den Ausflug in's Gebirge machen willst, also wieder Predigt und Amt versäumst I —" 303 „Geh', Frau!" sprach Martin, „das verstehst Du nicht! Es kann Eins ein braver Mensch sein, und unsern Herrgott und Heiland im Herzen tragen, auch wenn er einmal nicht mit in die Kirche geht." Und die Frau ging, sie gmg allem, wie öfter, sie seufzte aber leise vor sich hin. Ihr Martin war gewiß ein braver, arbeitsamer Mann, — daß er aber am Tag des Herrn Aütagswerke trieb, und deshalb nicht mit ihr in die Kirche ging, das war doch eine rechte Sünde! — Und so ging sie dann allein, und betete so recht von Herzen für den Daheimgebliebenen, und daß die heilige Mutter Gottes, die holde Maienkönigin, sein Herz doch noch wenden und behüten möge, damit Gott ihn nicht strafe, um seiner Sünde willen. Wie sie dann von ihren Knieen sich erhob und heimging, fühlte sie sich wundersam getröstet, ja, und es müsse etwas Wunderbares sich ereignen, um das Herz des sonst so braven Mannes zu erweichen und die Augen ihm zu öffnen. — Das Fest des heilige» Geistes, das liebliche Freudenfest, es war ja nahe, — wer weiß, ob nicht da auch der Tröster für sie kommen, und ein Strahl des ewigen Lichtes auch für ihren Martin leuchten wird!" — Pfingsten, das liebliche Fest war gekommen, mit seinen grünen Maienzweigen und Maibäumen, seinen Pfingströslein und seiner hellen Maienfreude: „Pfingsten ist gekommen, Gold'ne Blüthenzeit! Rings in Glanz verschwommen Liegt die Erde weil! Nun mit Maien kränzt Euch, Schmücket und beglünzt Euch, Singt und feiert auf das Best' Frühling's Maienfest! Pfingsten ist gekommen, Grün bergauf bergab, Nun zur Hand genommen Hut und Wanderstab!" — Ja, es wur so recht ein schöner, sonnenheller, frischer Maientag, als Martin am Pfingstsonntags.norgen zu Hut und Wanderstab auch greifen wollte, um hinaus in die Berge zu wandern, als die Festtagsglocken in die Kirche riefen; — zuvor aber trat er noch in den Garten hinaus, um wie tagtäglich, nach seinen Lieblingen zu sehen, weil Nachts ein starker Reif gefallen war. Doch erschreckt fuhr er zurück! Was sah er dort! Ein einziger Frost hatte all' sein „Alltagswerk", das er am Tag des Herrn so oft getrieben, zerstört — die zartesten Gewächse waren ganr vernichtet, Anderes arg verwüstet, ein trauriger Anblick, der ihm tief in's Herz schnitt. Und hinter ihm stand seine Frau, — sie faltete die Hände und sprach kein Wort und sah ihn stumm nur an, aber er verstand den Blick, und ivußte, daß es der Finger Gottes war- der ihn berührt, — sanft zwar nur, aber doch berührt hatte. — „Sei froh, laß uns Beide froh sein", sprach tröstend nun sein gutes Weib, „daß es nur Blätter und Knospen sind, welche des Herrn Hand getroffen. So hat Gott Dich warnen wollen, Martin!" Er sagte Nichts, der Wink war ihm in's Herz gefahren, und er legte Hut und Wanderstab ganz stille von sich, und vertauschte schweigend seinen Äanderanzug mit dem Festtagsrocke, und als alle Kirchenglocken das Fest des heiligen Geistes läuteten und zum Haus des Herrn riefen, schritt, auch Martin an der Seite seines Weibes still und demüthig zur Kirche hin, das heilige Pfingstfest dort zu begehen, und Gott herzinniglich zu danken, daß er ihn so gnädiglich gestraft. — So war auch ihm der heilige Geist gekommen, denn fortan hat Martin msmals mehr bei einem sonntäglichen Kirchgänge gefehlt, weil er kein Alltagswerk mehr trieb am Tag des Herrn, und die Frau fühlte es mit tiefer Dankbarkeit, daß Maria geholfen hatte; und die Psingstmaien, die draußen grünten und die Pfingstrosen- die draußen blühten, erglühten auch lebendig in Beider Herzen, und Frühling war's allüberall ge- 804 worden, zur Maien-, zur heiligen Pfingstzeit, wenn auch etliche Blüthen und Knospen dem warnenden Reif zum Opfer fielen. — Und Alles jubelte dem Freudenfeste zu, dem Fest der Rosen und des Maien! — »An ihren bunten Liedern klettert i Da sind, soweit die Blicke gleiten, Die Lerche selig in die Lust, I Altäre schlich ausgebaut; Ein Jubclchor von Sängern schmettert > Und all' die tausend Herzen läuten Im Walde voller Blüth' und Dust. > Zur Liebesscier dringend laut. Der Lenz hat Rosen angezündet, An Lichtern von Smaragd im Don: Und jede Seele schwillt und mündet Hinüber in den Opferstrom." — Llara Leiekner. Mis-sH-ir. (Ein gutes Geschäft.) Zwei Wallachen treten in einen Trödlerladen« —- „Guten Morgen!" sagt der eine; „ich brauche fünf Gulden, leihe mir sie und ich will Dir fünf Gulden Interessen zahlen, überdies meinen Rock hier zum Pfande lassen. Jst's gefällig?" — Der Trödler besinnt sich ein wenig, endlich antwortet er, indem er eine Fünfguldennote aus der Tasche zieht: „Gut, Bojar, Du sollst Dein Verlangen haben, ziehe Deinen Rock aus." Der Bojar thut es; der Trödler ninimt den Rock. „Sieh," fängt nun dieser an, „ich borge Dir aus diesen Rock fünf Gulden für eben so viel Gulden Interessen. Da es nun Sitte ist, die Interessen gleich abzuziehen, so behalte ich die fünf Gulden und den Rock und Du schuldest mir noch fünf Gulden, worüber Du mir einen Wechsel ausstellen wirst." — Verblüfft schaut der Wallache drein und sich an seinen Begleiter wendend, sagt er: „Jetzt habe ich keinen Rock, kein Geld und der Kerl hat doch Recht." > (Der Bedarf einer Weltdame.) Ein Pariser Blatt richtete vorige Woche an seine Leserinnen die Interpellation, wieviel eine anständige elegante Pariserin für ihre Toilette braucht. Hier die erste Antwort, die der Zeitung aus honetten Kreisen zukommt. Die Einsenderin setzt das Vorhandensein eines vollständigen Toilettenfonds an Kleidern und Schmucksachen voraus. Unter diesem Vorbehalte braucht die zur „großen Welt" gehörende Pariserin für Schneiderin 12,000 Fr., Putzmacherin 3000 Fr., Leibwäsche 4000 Fr., Schuhmacher 1500 Fr., Handschuhe, Strümpfe, Bänder, Cravatten und sonstige Kleinigkeiten 6000 Fr., Alltagsspitzen 3000 Fr«, Parfümerien und Coiffeur 4600 Fr., Regen- und Sonnenschirme 500 Fr. Zu diesem Total von 34,500 Franks kommen noch ungefähr 600 Fr. monatlich für Wäscherei, Fr. 300 monatlich für Putz und Färbung von Seide, Strümpfe rc. und 200 Fr. monatlich für Reparaturen, im Ganzen also 47,700 Fr. (Die trauernde Wittwe.) Eine Dame, die vor drei Tagen ihren geliebten Gatten verloren, kommt weinend und jammernd zu ihrer Mutter. „O, Mutter," ruft sie, die Augen verzweifelnd zum Himmel aufschlagend, „mein halbes Leben gäbe ich dasür, wenn ich die nächsten acht Tage erst hinter mir hätte!" — „Aber warum denn, mein Kind?" — Die trauernde Wittwe sieht thränenden Auges auf das Bild des verstorbenen Gatten und antwortete wehmüthig: „Weil ich dann — nicht mehr daran denke!" (Mißverständniß.) Der Landesherr besuchte einen Ort, in dem eine große Feuersbrunst stattgefunden hatte, und sagte zu dem ihn begrüßenden Ortsvorstand: „Ich habe mit Bedauern gehört, daß Sie kürzlich einen größeren Brand gehabt haben." Derselbe erwiderte unter dem Drucke eines schlechten Gewissens: „Ew. Durchlaucht, es war nicht schlimm, wir waren nur etwas zu lustig." (Schnell gefaßt.) Madame: „Wie kannst Du Dich unterstehen in der Küche zu lesen?" — Köchin: „Aber, Madame, da steht es ja d'rauf, Unterhaltungen am häuslichen Heerd. Tür die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Unter^aktungsökatl jm ^Äugsburger Postzeituug.- Nr. 39. Mittwoch, 16 . Mai L883. Des Uörsters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Der Förster hatte vor der Thür das laute Gespräch vernommen, welches theil« weise auch der alte Diener erlauscht, und mit einem Blick das furchtbare Unglück übersehend, sah er zugleich, daß er hier handeln mußte, denn der Landkammerrath wie seine Gattin schienen aller Thatkraft beraubt. Heftig an der Klingel ziehend, befahl er den hereinstürzenden Dienern, Aerzte z» holen und kaltes Wasser zu bringen. Die aufregende Scene aber und der schreckliche Anblick waren zu viel für die Nerven der Landkammerräthin gewesen, und ihr Gatte sah, daß sie in ihren Sessel bewußtlos zurücksank. Kaum im Stande sich zu erheben, verließ er jedoch seinen Platz, um ihr Beistand zu leisten und Hülfe herbei zu rufen, was er auch mit lauter Stimme, und laut klingelnd that. Dieses Letzteren wegen warf ihm der Förster einen vernichtenden Blick zu, und sagte mit unterdrücktem Ton: „Schweigen Sie, Herr Landkammerrath, die Leute werden sogleich kommen. Ihre Frau lebt und wird sich bald erholen, ich habe es hier mit einem Sterbenden zu thun. Stören Sie dessen letzte Augenblicke nicht I" „Jetzt trat die Kammerfrau mit mehreren Mädchen herein, die dem Förster Hülfe leisteten, und auch Frau von Bodenwald in das anliegende Zimmer brachten, und ihrer Ohnmacht zu entreißen versuchten. Die Bemühungen des Försters und des alten Ein- feld waren vergebens; Ludwig von Bodenwald schlug die Augen nicht auf, und kaum vermochten sie ihm etwas kaltes Wasser einzuflößen, sie konnten nur theilweise das Blut beseitigen, das über ihn herabgeflossen war. Bald erschien der erste Arzt, der anzutreffen gewesen, und auf den Fall vorbereitet, wandte er die mitgebrachten Mittel an, das nur noch langsam fließende Blut zu stillen. Noch damit beschäftigt, langte auch der Medizinalrath an, und beide Männer boten ihre Kunst und ihr Wissen auf, das schnell schwindende Leben des Erkrankten zu erhalten, und seine Kräfte zu beleben. Durch die heftige Aufregung war eines der wichtigsten Blutgefäße der Lunge gesprungen, und ahnungslos für ihn und unmerkbar für seine Umgebung war bereits sein Tod erfolgt. Der Förster war nicht von der Seite seines Schwiegersohnes gewichen, und als die Aerzte nochmals seine Pulse und den Herzschlag untersucht, und den Tod des dritten Sohnes des Landkammerraths bestätigt hatten, trat dieser ein, um sich, nachdem seine Gemahlin die Besinnung wieder erlangt, nach seinem Sohn zu erkundigen. Der Medizinalrath theilte ihm die Todesnachricht mit, bei der er wankte und in sein Zimmer geführt werden mußte, ohne, wie Kohring bemerkt, einen Blick auf die Leiche seines Sohnes geworfen zu haben, deren Züge noch die letzte heftige und zornige Erregung zeigten, die dem jungen Mann so verhängnißvoll geworden. In tiefem Schmerz neigte sich der Förster über diesen und küßte seine schon erkaltende Stirn, auf die zwei schwere Thränen 306 aus seinen männlichen Augen Herabsielen. Dann hob ein schmerzlicher Seufzer seine Brust, und mit dumpfer Stimme sagte er zu dem Hausarzt und dem alten Diener, die allein zugegen waren: „Er hat überwunden, aber mein armes Kind! — Wie soll ich ihr nur die Nachricht mittheilen, die ihr Tod sein wird?" Der Medizinalrath, welcher die Försterstochter seit ihrer Kindheit gekannt, und sie in ihrer Liebe und Sorge um den schwächlichen Gatten stets bewundert, erwiderte im Tone innigster Theilnahme: „Es ist allerdings ein schwerer Schlag für Ihre Tochter, Herr Kohring, allein sie ist noch jung und die Liebe zu ihrem Kinde — —" „Sie wird ihren Mann nicht überleben, Herr Doktor, wie sie selbst mir erklärt, denn sie hat längst eine Ahnung von dem gehabt, was sich an diesem Morgen hier zugetragen!" „Wenn es Sie beruhigt, will ich noch diesen Nachmittag nach dem Buchenhof kommen, und sehen wie sie die Nachricht aufgenommen!" „Thun Sie das, Herr Doktor, denn Ihre Anwesenheit wird nur zu erforderlich sein! — Ich will jetzt hinausfahren und sie und meine Frau auf das Schreckliche vorbereiten, denn hier bleibt für mich nichts ;u thun übrig!" — und sich zu dem Todten neigend, küßte er ihn noch einmal und sagte leise: „Schlafe in Frieden, Ludwig — Du bist mir ein guter Sohn gewesen, und hast das Glück meines Kindes ausgemacht, und ich schwöre Dir, so lange'Gott mir die Kraft dazu läßt, für das Deinige, das Du so innig geliebt, zu sorgen!" und dem Medizinalrath und Cinfeld die Hand reichend, verließ er dann schnell das Zimmer und das Haus. Im Gafthof angelangt, wo der Wagen seiner wartete, schrieb er einige Zeilen an Bergmann's worin er ihnen das traurige Ereigniß mittheilte und sie dringend bat, gleich nach Empfang derselben nach dem Buchenhof zu kommen. Dann ließ er seinen Kutscher anspannen, gab ihm den Bries und trug ihm auf, sogleich nach Bodenwald zu fahren und ihn den: Verwalter zu überbringen. Er selbst aber ließ sich von dem Wirth einen anderen Wagen mit kräftigen Pferden verschaffen, bestieg diesen und trat mit schwerem Herzen den Weg nach dem Buchenhof an, den er an dem kurzen Januartage mit einbrechender Dämmerung erreichen konnte. X. Auf dem Buchenhof war der erste Tag der Abwesenheit des Hausherrn schnell genug vergangen. Anna und Frau Bergmann hatten für die Stsinhauerfamilien fleißig geschafft, und Erstere aus ihren Vorräthen so reichlich beigesteuert, daß noch mehrere andere versorgt werden konnten. Die kleine Anna hatte sie durch ihr Spiel und Gespräch erheitert, dabei aber unzählige Male nach ihrem Vater und dann gefragt, was er ihr aus der Stadt mitbringen werde, und die junge Frau sie auf den folgenden Tag vertröstet. Es war im Herrenhaus Sitte, früh die Ruhe zu suchen, da am Morgen für alle Bewohner das Tagewerk frühzeitig begann. Dies thaten auch Frau Bergmann und Anna, die ihre mütterliche Freundin in ein Schlafgemach neben dem ihrigen führte und sie, nachdem sich die Frauen in herzlicher Weise eine gute Nacht gewünscht, verließ. Frau Bergmann hatte bereits mehrere Stunden geschlafen, als sie plötzlich durch ein lautes Stöhnen und Aechzen geweckt ward. Sich eiligst in ihren Schlafrock hüllend, ging sie leise in daß anstoßende Zimmer, das durch eine Nachtlampe erhellt ward, und fand das Kind neben dem Bett der Mutter ruhig und in festem Schlaf, diese ebenfalls schlafend, doch mit zuckenden, schmerzentstellten Eesichtszügen. Die Angstlaute, welche einige Minuten verstummt waren, fanden nochmals den Weg über die halbgeöffneten Lippen, und überzeugt, daß Anna durch irgend einen schrecklichen Traum gequält ward, beschloß sie, sie zu wecken. Dies hielt jedoch schwer und erst nach wiederholten Versuchen öffnete sie mit ei»em schweren Seufzer die Augen, die einen starren, angstvollen Ausdruck hatten. — 307 Frau Bergmann erschrack, faßte sich jedoch und redete sie leise an. Nach und nach belebten sich ihr« Züge, sie seufzte nochmals, und erstere erkennend, fragte sie überrascht und mit schwacher Stimme: „Frau Bergmann, Sie hier?" „Ja, Anna, Du warst unruhig, Dich hat gewiß ei» Traum geängstigt —" zO, ein schrecklicher, furchtbarer TraumI — Ich sah Ludwig bleich und mit Blut bedeckt — mein Vater hielt ihn in seinen Armen — ach! es war ein grauenhafter Anblick-" „Es war nur ein Traum, Anna", sagte Frau Bergmann, um sie zu veruhigen, „und nur zu erklärlich, durch Deine stete Sorge um Deinen Gatten. Versuche aber, nicht mehr daran zu denken, und wieder zu schlafen, ich will Dir einige beruhigende Tropfen geben! —" Anna nahm sie, erkundigte sich nach dem Kinde, das sanft schlummerte, und sank dann ermattet in die Kissen zurück. Frau Bergmann blieb bei ihr, bis sie fest eingeschlafen, worauf sie sich ebenfalls zur Ruhe begab. Sie vermochte aber nicht die Augen zu schließen, Anna's Träume hatten sie aufgeregt, — sollten sie prophetisch gewesen sein! — Ludwig konnte so heftig wie sein Vater sein, — es waren vielleicht Familienangelegenheiten zur Sprache gekommen, — dennoch war es unmöglich, er mußte an Frau und Kind denken, und sich für sie erhalten. Nach Verlauf einer halben Stunde erhob sie sich, öffnete leise die nur angelehnte Thür und trat an Anna's Bett. Beim Schein der Nachtlampe gewahrte sie, daß sie sanft schlummerte, und ihre Züge einen ruhigeren Ausdruck hatten. Sie war jedoch ungewöhnlich bleich, und ihre auf der Decke ruhenden Hände fest gefaltet. Sicherlich war sie mit einem Gebet für ihren Gatten eingeschlafen! — Beruhigter suchte Frau Bergmann ihr Lager auf, und diesmal schlummerte sie ein, allein die Sorge um die beiden ihr so theuren Menschen weckte sie immer wieder, und, sie freute sich, als endlich der Morgen da war und sie in» Hause wie aus dem Gutshof reges, munteres Leben vernahm. Auch in Anna's Zimmer rührte es sich; sie hörte sie mit dem Kinde sprechen, das sie ankleidete, was sie nie einer fremden Hand überließ, und als nach einer halben Stunde sie sich bei dem Frühstück trafen, sagte die junge Frau, die bleich und angegriffen aussah, nach gegenseitigem Morgengruß: „Es thut mir leid, Frau Bergmann, daß sie diese Nacht durch mich gestört und beunruhigt worden sind —" „Die Störung hat mir nur Deinetwegen leid gethan, Anna", entgegnete sie besorgt ansehend, ihre mütterliche Freundin. „Ich fühle noch die Angst, in die mich der schreckliche Traum versetzt", fuhr Erstere fort, „doch sprechen wir nicht mehr davon", und sie sah bezeichnend nach dem Kinde, das sie aufmerksam und mit klugen Augen anblickte, wenngleich es mit Behagen das willkommene erste Mahl verzehrte. Auch nach dem Frühstück ward die Sache nicht wieder erwähnt, denn es fanden sich eine Menge Haushaltungs-Angelegenheiten zu besorgen, daß fast der Morgen verging, Frau Bergmann sie kaum sah, und sich mit dem Kinde und ihrer Arbeit beschäftigte. Dann kam die Försterin von Bodenwald, die von allen herzlich begrüßt ward, und erzählen mußte, wie es daheim stand, doch nur zu berichten wußte, daß frühzeitig am' Morgen ihr Mann zur Stadt gefahren, der Verwalter aber in der Nähe des Buchen- hofes beschäftigt sei, und ebenfalls am Abend kommen würde. Auch sie erfuhr den Traum ihrer Tochter und die Störung der Nacht, ermähnte und bat sie dringend, dergleichen haltlose Bilder von sich zu weisen, und nur an die baldige Heimkehr ihres Mannes zu denken, der durch den Besuch nur seiner Pflicht gegen die Eltern genügt. Nach dein Mittagessen mußten auf Rath der Försterin Frau Bergmann und Anna ein Schlummerstündchen halten, um sich für die theilweise durchwachte Nacht zu entschädigend 306 aus seinen männlichen Augen herabfielen. Dann hob ein schmerzlicher Seufzer seine Brust, und mit dumpfer Stimme sagte er zu dem Hausarzt und dem alten Diener, die allein zugegen waren: „Er hat überwunden, aber mein armes Kind! — Wie soll ich ihr nur die Nachricht mittheilen, die ihr Tod sein wird?" Der Medizinalrath, welcher die Försterstochter seit ihrer Kindheit gekannt, und sie in ihrer Liebe und Sorge um den schwächlichen Gatten stets bewundert, erwiderte im Tone innigster Theilnahme: „Es ist allerdings ein schwerer Schlag für Ihre Tochter, Herr Kohring, allein sie ist noch jung und die Liebe zu ihrem Kinde — —" „Sie wird ihren Mann nicht überleben, Herr Doktor, wie sie selbst mir erklärt, denn sie hat längst eine Ahnung von dem gehabt, was sich an diesem Morgen hier zugetragen!" „Wenn es Sie beruhigt, will ich noch diesen Nachmittag nach dem Buchenhof kommen, und sehen wie sie die Nachricht aufgenommen!" „Thun Sie das, Herr Doktor, denn Ihre Anwesenheit wird nur zu erforderlich sein! — Ich will jetzt hinausfahren und sie und meine Frau auf das Schreckliche vorbereiten, denn hier bleibt für mich nichts ,u thun übrig!" — und sich zu dem Todten neigend, küßte er ihn noch einmal und sagte leise: „Schlafs in Frieden, Ludwig — Du bist mir ein guter Sohn gewesen, und hast das Glück meines Kindes ausgemacht, und ich schwöre Dir, so lange'Gott mir die Kraft dazu läßt, für das Deinige, das Du so innig geliebt, zu sorgen!" und dem Medizinalrath und Einfeld die Hand reichend, verließ er dann schnell das Zimmer und das Haus. Im Gasthof angelangt, wo der Wagen seiner wartete, schrieb er einige Zeilen an Bergmann's worin er ihnen das traurige Ereigniß mittheilte und sie dringend bat, gleich nach Empfang derselben nach dem Buchenhof zu kommen. Dann ließ er seinen Kutscher anspannen, gab ihm den Brief und trug ihm auf, sogleich nach Bodenwald zu fahren und ihn deni Verwalter zu überbringen. Er selbst aber ließ sich von dem Wirth einen anderen Wagen mit kräftigen Pferden verschaffen, bestieg diesen und trat mit schwerem Herzen den Weg nach dem Buchenhof an, den er an dem kurzen Januartage mit einbrechender Dämmerung erreichen konnte. X. Auf dem Buchenhof war der erste Tag der Abwesenheit des Hausherrn schnell genug vergangen. Anna und Frau Bergmann hatten für die Steinhauerfamilien fleißig geschafft, und Erstere aus ihren Vorräthen so reichlich beigesteuert, daß noch mehrere andere versorgt werden konnten. Die kleine Anna hatte sie durch ihr Spiel und Gespräch erheitert, dabei aber unzählige Male nach ihrem Vater und dann gefragt, was er ihr aus der Stadt mitbringen werde, und die junge Frau sie auf den folgenden Tag vertröstet. Es war im Herrenhaus Sitte, früh die Ruhe zu suchen, da am Morgen für alle Bewohner das Tagewerk frühzeitig begann. Dies thaten auch Frau Bergmann und Anna, die ihre mütterliche Freundin in ein Schlafgemach neben dem ihrigen führte und sie, nachdem sich die Frauen in herzlicher Weise eine gute Nacht gewünscht, verließ. Frau Bergmann hatte bereits mehrere Stunden geschlafen, als sie plötzlich durch ein lautes Stöhnen und Aechzen geweckt ward. Sich eiligst in ihren Schlafrock hüllend, ging sie leise in daß anstoßende Zimmer, das durch eine Nachtlampe erhellt ward, und fand das Kind neben dem Bett der Mutter ruhig und in festem Schlaf, diese ebenfalls schlafend, doch mit zuckenden, schmerzentstellten Gesichtszügen. Die Angstlaute, welche einige Minuten verstummt ivaren, fanden nochmals den Weg über die halbgeöffneten Lippen, und überzeugt, daß Anna durch irgend einen schrecklichen Traum gequält ward, beschloß sie, sie zu wecken. Dies hielt jedoch schwer und erst nach wiederholten Versuchen öffnete sie mit einem schweren Seufzer die Augen, die einen starren, angstvollen Ausdruck hatten. — Frau Bergmann erschrack, faßte sich jedoch und redete sie leise an. Nach und nach belebten sich ihre Züge, sie seufzte nochmals, und erstere erkennend, fragte sie überrascht und mit schwacher Stimme: „Frau Bergmann, Sie hier?" „Ja, Anna, Du warst unruhig, Dich hat gewiß ein Traum geängstigt —" -O, ein schrecklicher, furchtbarer Traum! — Ich sah Ludwig bleich und mit Blut bedeckt — mein Vater hielt ihn in seinen Armen — acht es war ein grauenhafter Anblick-" „Es war nur ein Traum, Anna", sagte Frau Bergmann, um sie zu beruhigen, „und nur zu erklärlich, durch Deine stete Sorge um Deinen Gatten. Versuche aber, nicht mehr daran zu denken, und wieder zu schlafen, ich will Dir einige beruhigende Tropfen geben! —" Anna nahm sie, erkundigte sich nach dem Kinde, das sanft schlummerte, und sank dann ermattet in die Kissen zurück. Frau Bergmann blieb bei ihr, bis sie fest eingeschlafen, worauf sie sich ebenfalls zur Ruhe begab. Sie vermochte aber nicht die Augen zu schließen, Anna's Träume hatten sie aufgeregt, — sollten sie prophetisch gewesen sein! — Ludwig konnte so heftig wie sein Vater sein, — es waren vielleicht Familienangelegenheiten zur Sprache gekommen, — dennoch war es unmöglich, er mußte an Frau und Kind denken, und sich für sie erhalten. Nach Verlauf einer halben Stunde erhob sie sich, öffnete leise die nur angelehnte Thür und trat an Anna's Bett. Beim Schein der Nachtlampe gewahrte sie, daß sie sanft schlummerte, und ihre Züge einen ruhigeren Ausdruck hatten. Sie war jedoch ungewöhnlich bleich, und ihre auf der Decke ruhenden Hände fest gefallet. Sicherlich war sie mit einem Gebet für ihren Gatten eingeschlafen! — Beruhigter suchte Frau Bergmann ihr Lager auf, und diesmal schlummerte sie ein, allein die Sorge um die beiden ihr so theuren Menschen weckte sie immer wieder, und, sie freute sich, als endlich der Morgen da war und sie im Hause wie auf dem Gutshof reges, munteres Leben vernahm. Auch in Anna's Zimmer rührte es sich; sie hörte sie mit dem Kinde sprechen, das sie ankleidete» was sie nie einer fremden Hand überließ, und als nach einer halben Stunde sie sich bei dem Frühstück trafen, sagte die junge Frau, die bleich und angegriffen aussah, nach gegenseitigem Morgengruß: „Es thut mir leid, Frau Bergmann, daß sie diese Nacht durch mich gestört und beunruhigt worden sind —" „Die Störung hat mir nur Deinetwegen leid gethan, Anna", entgegnete sie besorgt ansehend, ihre mütterliche Freundin. „Ich fühle noch die Angst, in die mich der schreckliche Traum versetzt", fuhr Erstere fort, „doch sprechen wir nicht mehr davon", und sie sah bezeichnend nach dem Kinde, das sie aufmerksam und mit klugen Augen anblickte, wenngleich es mit Behagen das willkommene erste Mahl verzehrte. Auch nach dem Frühstück ward die Sache nicht wieder erwähnt, denn es fanden sich eine Menge Haushaltungs-Angelegenheiten zu besorgen, daß fast der Morgen verging, Frau Bergmann sie kaum sah» und sich mit dem Kinde und ihrer Arbeit beschäftigte. Dann kam die Försterin von Vodenwald, die von allen herzlich begrüßt ward, und er-, zählen mußte, wie es daheim stand, doch nur zu berichten wußte, daß frühzeitig am' Morgen ihr Mann zur Stadt gefahren, der Verwalter aber in der Nähe des Buchen-' hofes beschäftigt sei, und ebenfalls am Abend kommen würde. Auch sie erfuhr den Traum ihrer Tochter und die Störung der Nacht, ermähnte und bat sie dringend, dergleichen haltlose Bilder von sich zu weisen, und nur an die baldige Heimkehr ihres Mannes zu denken, der durch den Besuch nur seiner Pflicht gegen die Eltern genügt. Nach dem Mittagessen mußten auf Rath der Försterin Frau Bergmann und Anna em Schlummerstündchen halten, um sich für die theilweise durchwachte Nacht zu entschädigen.' 308 Sie selbst nahm indeß mit ihrer Enkelin am Fenster Platz und erzählte ihr die Geschichten, welche schon das Herz ihrer Mutter in deren Kindheit entzückt und erfreut. So ging der kurze Wintertag zu Ende; in der vergangenen Nacht hatte ein leichter Schneefall stattgefunden, und dabei sich Frost eingestellt, so daß die letzten Strahlen der untergehenden Sonne' auf eine schöne Winterlandschaft fielen, die zwar die schneebedeckten Bäume des Waldes begrenzten, deren jetzt vom Abendroth rosig gefärbte Gipfel einen wunderbar herrlichen Anblick gewährten. Der wechselnde Mond, welcher während des ganzen Tages am Himmel sichtbar gestanden, leuchtete in das Zimmer hinein, in dem Großmutter und Enkelin saßen, und eben wollte Erstere der bisher so aufmerksamen Kleinen auch von ihm erzählen, als diese sie ungeduldig unterbrach und nach ihrem Vater fragte. ' Jetzt trat Frau Bergmann ein, und da sie die Frage noch lauter wiederholte, ermähnte sie es, ruhig zu sein, um nicht die noch schlafende Mutter zu wecken. Diese erschien indeß bald; ihre Tochter lief ihr entgegen und fragte sie auch in weinerlichem Ton nach dem Vater. Sie auf' den Arm nehmend erwiderte Anna unter zärtlichen Liebkosungen, doch mit merklich erregter Stimme: „Papa wird sogleich kommen, mein Herzchen, Du kannst vielleicht schon seinen und Großpapa's Wagen hören. Wir wollen den Kaffee bereiten und die Lampen anzünden, damit sie schon aus der Ferne sehen, daß wir sie erwarten!" Das behagliche Wohngemach, in dessen Ofen ein Helles Holzfeuer brannte, war bald erhellt, auf dem sauber gedeckten, einladenden Kaffeetisch kochte die dampfende Maschine, während Anna den aromatischen Trank bereitete und sich dabei mit ihrer Mutter, Frau Bergmann und ihrer kleinen ungeduldigen Tochter unterhielt. Ersteren entging es nicht, daß sie in hastiger Erregung und nicht in der freudigen Stimmung war, in der eine glückliche junge Frau den geliebten Gatten, wenn auch nach nur kurzer Trennung erwartet. Sie schrieben dies stillschweigend dem noch nachhaltenden ! Einfluß des häßlichen Traumes zu, dem indeß die Rückkehr des Gatten den Stachel am wirksamsten nehmen konnte. Nach einer Weile trat sie an's Fenster und blickte auf die schneebedeckte Landstraße hinab, auf welcher der Mondschein jeden Gegenstand erkennen ließ, doch war dort noch kein Wagen zu entdecken. Auf deni Gutshof bewegten sich Knechte und Mägde, welche in den Scheunen und Ställen ihre Arbeit verrichteten, und deren munteres Lachen und Sprechen nach dem Hause hinübertönte. Jetzt sah sie eine stattliche Männergestalt mit raschen Schritten den Gutshof betreten; es war unverkennbar der Verwalter Bergmann, ^ der mit einigen der ihm begegnenden Leuten sprach, und dann langsam der Landstraße j zuging. Sie theilte dies den sie fast ängstlich beobachtenden Frauen mit und fügte hinzu: „Weshalb mag er nicht zu uns gekommen sein, da doch Ludwig und der Vater ) jeden Augenblick hier sein muffen? — Uebrigens kehrt er wieder um — —" Wirklich war dieser, der von Allen so sehnlich erwartet war, hörbar, und bald war er auch nahe genug, um ihn zu erkenne» und Frau Kohring, die an's Fenster getreten, sah, daß der Fußgänger, der am Thor stand, ihn aushielt und mit dem Jnsaßen sprach, worauf er von diesem gefolgt, dem Hause zufuhr. Anna trat jetzt mit freudestrahlendem Gesicht vom Fenster zurück; der Traum war offenbar vergessen, und ihr Kind auf den Arm nehmend eilte sie mit den Worten: „Anna, Papa kommt!" auf den Flur hinaus. Die Kleine jubelte laut und klatschte in die Hände, als sie den Wagen erblickte, der sogleich halten mußte und hielt. Der Förster stieg aus, in ihrer Aufregung sah sie nicht, daß es ein fremdes Fuhrwerk war, und einen Schritt näherntretend rief sie tödt- lich erbleichend: „Ludwig — Vater, — wo — wo ist Ludwig?" Die Frauen, die ihr gefolgt, blickten fragend und besorgt auf den Förster und 309 Bergmann, der eben eingetreten war. Aus Beider Zügen sprach die tiefste Trauer, und Ersterer erwiderte seiner Tochter: „Ludwig ist diesen Morgen plötzlich erkrankt, Anna, und kommt heute nicht-" „Vater, Du sprichst nicht die Wahrheit, er ist todt — todt!" und einen gellenden Schrei ausstoßend, wankte sie und sank bewußtlos in die Arme ihres Vaters, während ihre Mutter das ihren Händen entgleitende, ebenfalls schreiende Kind erfaßte. — Kohring trug sie in ihr Schlafzimmer auf's Bett, wo sogleich Frau Bergmann mit den vorhandenen Mitteln erschien, um sie der Ohnmacht zu entreißen. Als sie und Frau Kohring diese anwandten, hielt der Förster seine plötzlich verstummte Enkelin auf dem Arm, die seinen Hals fest umklammert- hatte, und erzählte in hastigen Worten, was er am Morgen erlebt. Mit tiefem unaussprechlichem Schmerz vernahmen die Frauen, daß Anna's Traum, den sie den erstaunt horchenden Männern mittheilten, nur zu bald zur Wahrheit geworden. Es blieb Ihnen aber keine Zeit, sich über das traurige Ereigniß, das auch schon im Hause bekannt geworden, auszusprechen, denn da die Ohnmacht nicht weichen wollte, erforderte Anna's Zustand ihre ganle Aufmerksamkeit, und mit großer Erleichterung vernahmen die Frauen, daß der Förster mit dem Medizinalrath gesprochen und dieser für alle Fälle sein Erscheinen zugesagt. Er hielt Wort und langte nach kaum einer halben Stundn an. Nachdem er erfahren, daß Kohrings Befürchtung nicht umsonst gewesen, untersuchte er mit der ganzen Theilnahme, die er für sie empfand, die Kranke und wandte die mitgebrachten Mittel an. Diese, wie ein Aderlaß, zu dem er ebenfalls seine Zuflucht genommen, bewirkten zwar, daß wieder Bewegung in die erstarrten Glieder kam, Puls und Herzschlag eintrat, doch blieben die Augen und der Mund geschlossen, und war auch kein Zeichen zurückkehrenden Bewußtseins wahrzunehmen. Bkit bedenklichem Gesicht begab sich der Medizinalrath in's Wohnzimmer, wo Kohring und der Verwalter in ernstem Gespräch saßen, die kleine Anna aber an ihrem Tisch geschäftig eine große Schachtel ausräumte, die ihr der Großvater aus der Stadt mitgebracht und darüber für den Augenblick den Vater und die Mutter vergessen hatte» Ihren fragenden Blick verstehend sagte er Zu dem Förster: „Es wird ein schweres Gehirnfieber werden, Herr Kohring, und müssen Sie sogleich einen zuverlässigen Boten zur Stadt schicken und die erforderlichen Arzneien holen lasten. Auch wollte ich meiner Frau Nachricht geben, denn ich bleibe diese Nacht hier, und will den Zustand des armes Kindes überwachen, indem jeden Augenblick Veränderungen eintreten könnten!" „Ich reite zur Stadt", sprach sich erhebend der Verwalter, dessen Augen feucht schimmerten, „ich richte alle Ihre Besorgungen aus, Herr Doktor. Es ist dies ein ver- hängnißvoller Nitt, den, da Kohring hier bleiben muß, nur ich übernehmen kann, und mit' Gottes Hülfe werde ich schnell und sicher wiederkommen!" Der Förster hatte sich ebenfalls erhoben und drückte dem treuen Freunde stumm die Hand. Dieser fuhr fort: „Schreiben Sie nur die Recepte, Herr Doktor, unterdeß will ich unseres armen Ludwig's Braunen satteln lassen, der das beste hier vorhandene Pferd ist, und noch keinen solchen Ritt gethan! — Du aber, Kohring, schicke mir ein anderes entgegen, damit ich unterwegs keinerlei Aufenthalt habe! —" (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Du könntest mehr der Mann sein, der du bist, Wen» du es wcn'ger zeigtest. Shakespeare. Es gibt viele Menschen, die sich einbilden, was sie erfahren, das verständen sie auch. Goethe. Sehnsucht nach dem Besten veredelt die Seele unaufhörlich. La vater. 310 Ein Flregenstich. Humoreske aus dem Gaunerleben. Die Londoner Gaunerzunst, namentlich aber die edle Zunft der Taschendiebe, zählt in ihren Reihen >so manche „genial angelegte Natur", die aber ihr Talent leider nur dazu benutzt, im wahren Sinne des Wortes aus anderer Leute Taschen zu leben. — Immerhin gehört aber zur Ausübung dieser Kunst eine genaue Berechnung aller Umstünde, vollständige Kaltblütigkeit — um das etwas „hart" klingende Wort „Unverschämtheit" nicht anzuwenden und Ia!-t dut not lonst — eine sichere Hand, und diese Eigenschaften haben den Taschendieben der Metropole an der Themse einen gewissen Ruf verschafft. Auch Mr. Smith, ein reicher Handelsherr der City, sollte jüngst einen für ihn allerdings etwas unangenehmen Beweis von der Virtuosität erhalten mit welcher diese Herren ihr Handwerk auszuüben wissen. Also Mr. Schmith begab sich eines Morgens von seiner Wohnung, Old-Street, zu seinem Bankier, Kannon Street, um sich die Kleinigkeit von 100 Pfund zu holen. Auf drin Heimweg hielt Mr. Smith beständig die Hand in die Tasche, in welcher er das Geld trug, und doch war das Geld verschwunden, als er zu Hause anlangte. Nun konnte der sehr ehrenwerthe Handelsherr den Verlust dieser kleinen Summe allerdings leicht wieder verschmerzen, aber unangenehm war ihm die Sache doch und namentlich war ihm die Art und Weise, auf welche das Geld verschwunden, völlig räthselhaft. Nach einigem Besinnen ließ er einen ihm bekannte» Detektive zu sich bitten und theilte ihm die Affaire, sowie den Weg, welchen er genommen, mit. „O, da ist kein Zweifel", erwiderte Mr. Tumble, der Detektive ohne Zögern, „das Geld hat entweder die „rothe Tonne" oder der „Seiderspinner." „Wer — was?" unterbrach ihn Smith mit erstaunter Miene. „Ach, ich vergaß", unterbrach ihn der Beamte lächelnd, „die „rothe Tonne" und der „Seidenspinner" gehören zu den geriebensten unserer Taschendiebe, von denen jeder sein besonderes Revier hat. Die „rothe Tonne" nun hat etwa die Gegend von City Rcad bis Smitfield und der „Seidenspinner" herrscht von da an bis etwa Thomas- Street. Wenn Sie es wünschen, so hoffe ich es noch bis heute Nachmittag herauszubekommen, wer von den Beiden Ihr Geld gestohlen hat." „Ich wäre Ihnen in der That sehr verbunden, Mr. Tumble", erwiderte Mr. Smith eifrig, „und bitte, theilen Sie dem betreffenden Gentleman mit, daß es mir natürlich nicht einfällt, mein Geld wieder haben zu wollen oder ihn dem Gesetze zu überliefern, sondern ich möchte ihn nur um persönliche Auskunft bitten, auf welche geschickte Art er die 100 Pfund in seinen Besitz gebracht hat." Nachdem Mr. Tumble versprochen, sein Möglichstes zu thun, entfernte er sich und schon am Nachmittag erhielt Mr. Smith ein Billet von dem Beamten, daß Mr. Grape, der „Seidenspinner", der jetzige Besitzer der 100 Pfund sei und sich am nächsten Tage um 12 Uhr die Ehre geben würde, Mr. Smith zu besuchen. Pünktlich um die angegebene Stunde erschien am nächsten Tage der „Seidenspinner" bei Mr. Smith, welcher mit Verwunderung in dem berüchtigten Taschendiebe ein kleines, unscheinbares Männchen mit harmloser Miene und untadelhafter Kleidung erblickte, welches nach einer gewandten Verbeugung, ohne weiteres begann: „Die Sache ist ziemlich einfach, Mr. Smith; ich sah Sie gestern zufällig Kannon- Street hingehen, und da Sie Geld holen wollten, so behielt ich Sie fortan im Auge." „Woher wußten Sie, daß ich Geld holen wollte?" unterbrach Mr. Smith seinen Besuch mit unverkennbarem Erstaunen. „Nun", erklärte der ehrenwerthe Gentleman, „aus Ihrer äußern Brusttasche lugte ein großer Zipfel von jenen gelbgestreiften Säcken hervor, mit denen man gewöhnlich Gelder von der Bank zu holen pflegt und da wußte ich genug." „O, was bin ich für ein Escll" rief Mr. Smith aus. Mr. Grape lächelte mit einer Miene, in welcher deutlich zu lesen stand: „Ich bin 311 entfernt das Gegentheil zu behaupten", doch sprach er diesen Gedanken nicht aus, sondern fuhr in seiner Erklärung ruhig fort: „Ich sah Sie in ein Bankgeschäft in Kannon-Street treten und wartete, bis Sie wieder herauskamen, und nun richtete ich mein Augenmerk auf Ihre linke Rocktasche, in welcher Sie das Geld trugen." „Woher wußten Sie denn nun wieder, daß ich das Geld in der linken Rocktasche hatte, es konnte sich doch ebensogut in der rechten oder in der Brusttasche befinden?" „Sie selbst ließen mir hierüber keinen Zweifel", sagte Mr. Grape, „denn Sie hielten beständig Ihre Hand in der linken Tasche." „Ah — allerdings sehr einfach", meinte Mr. Smith, „aber weshalb schnitten Sie nicht die Tasche ab?" „Sie würden dann wahrscheinlich das Gewicht des Goldes sofort vermißt haben, und so beschloß ich zu warten, bis Sie die Hand aus der Tasche nehmen würden." „Ich weiß aber doch ganz genau", rief Mr. Smith in bestimmtem Tone, „daß ich die Hand keinen Augenblick aus der Rocktasche genommen habe und . . ." „Doch, doch", unterbrach ihn sein Besuch mit eben solcher Bestimmtheit. „Nun, da will ich mich doch gleich hängen lassen, wenn das wahr ist." „Sagen Sie so etwas nicht, Sir", sagte Mr. Grape in höchst ernsthaftem Tone, „doch, um an das Ende zu kommen, — es dauerte mir selbst etwas lange, und da Sie schon in der Nähe von Smithfield waren, so mußte ich fürchten, daß Sie der „rothen Tonne" in die Hände lausen würden; ich beschloß daher, den letzten Versuch zu machen und die Fliege anzuwenden." „Die Fliege?" wiederholte Mr. Smith im höchsten Erstaunen, „was verpetzen Sie darunter? — " Sir", erklärte Mr. Grape mit feinem Lächeln, „Sie blieben einmal vor einem Bilderladen stehen, nicht weit von der Post, wenn Sie die Güte haben wollten, sich zu erinnern . . . ." „Nichtig, richtig", nickte der Handelsherr, „nun?" „Nun, Mr. Smith, fühlten SieAda nicht einen Stich in der linken Wange, wie von einem Insekt?" „Ah, ah, — ich begreife." „Ja, Sir, Sie zogen die Hand aus der Tasche, um sich die gestochene Stelle einen Augenblick zu reiben, diesen günstigen Momen benutzte ich und — die 100 Pfund waren mein." „Ich muß leider gestehen, Mr. Grape, daß Sie da wirklich eine Virtuosität entwickelt haben, ... das muß ich selber sagen." Als Gentleman hielt natürlich Mr. Smith sein Versprechen, keinerlei Schritte gegen ihn zu unternehmen, aber er warnte alle seine Bekannten, ja nicht die Hand aus der Tasche zu nehmen, sobald ein kleiner, harmlos aussehender und elegant gekleideter Man» in der Nähe sei. — Wir fürchten aber trotzdem, daß die „Fliege" Mr. Grape noch zu manchem Souvcreign verhelfen haben mag. MLserllen. (Eine allerliebste Ordensgeschichte) erzählt das „D. Mtgs.-Bl.": Der orbenspendende Graf in „Niniche" ist eine übertriebene Satire auf die — Freigebigkeit gewisser Souveräne, die Hansorden zn vertheilen haben, aber etwas Wahres ist doch dran. Erzählt man sich doch von einem ordenssttchtigen Schauspieler und einem generösen Fürsten folgendes Geschichtchen: Der Schauspieler hatte an dem kleinen Hoftheater gefallen, der Fürst drückte ihm mündlich seine Befriedigung aus — aber der Orden erschien nicht, obwohl der Mime drei Tage in der.Residenz verweilte. Endlich riß ihm die Geduld, er bestellte den Wagen und fuhr zur Bahn. Auf dein W ege dahin kommt man an dem Park des Souveräns vorüber. Serenissimus stand eben auf der Parkterrasse 312 neben seinem Adjutanten, als der Gast mit einem ziemlich verdrossenen Gesicht vorüber- fuhr. Als der Fürst ihn so herankommen sah, wendete er sich an seinen Adjutanten: „Was hat denn der A.?" Der Hofmarschall lächelte diplomatisch und wies nach dem l Knopfloch. — «Ach so," lachte der Gebieter, „laufen Sie doch hinein und holen Sie einen Orden!" — „Pst, pst, Herr A." Der Wagen kehrte um und lenkte dicht unter ! die Terrasse. Der Hofmarschall kam athemlos mit einem Papierpäckchen aus dem Schloß. „Hier!" sagte der Fürst, dem verwirrten Schauspieler das Päckchen zuwerfend. — „Auf Wiedersehen!" Doch kaum hatte das Pferd sich in Trab gesetzt, als sich der Schau- , spieler erhob und zurückrief: „Durchlaucht, es sind zwei Orden!" — Durchlaucht winkte: „Geben Sie den Andern dem Kutscher!" (Zwei lustige T e l e p h o n g e s ch i ch ten) kursiven zur Zeit in Wien. In den Bureaus eines sehr gestrengen Herrn ertönt das schrille Zeichen des Telephons. Er eilte zum Sprachrohr und meldet seine Anwesenheit durch das übliche „Halloh." — Leise tönt die Antwort zurück: „Diese Rolle spiele ich nicht, die ist mir zu fad." — „Mit wem sprechen Sie denn?" fragt der gestrenge Herr. — „Nun, mit meinem Direktor." — „So, der bin ich nicht, ich habe keine schlechte Rollen zu vergeben. Schluß." — Die s unglückliche Telephonistin hatte eine unglückliche Künstlerin statt mit ihrem Theater-Direktor s mit — einem gestrengen Herrn verbunden, der so außeramtlich von einem neuesten Theater- s conslict erfuhr. — Und noch eine Telephon-Anekdote. Der General-Director einer Bahn ! läutet dem Collegen einer anderen Bahn. Ein jugendlicher Praktikant ist in der Nähe des gerufenen Thelephons und eilt pflichtschuldigst ans Hörrohr. „Halloh." — „Wer ! dort?" — „L. Kanzleipraktikant." — „Sagen Sie Ihrem Chef, daß ich ihn gern Nachmittags sprechen möchte!" — „Mit wem habe ich die Ehre?" — „General-Direktor i P." — „O, ich bitte," stammelte der erschrockene Beamte in das Sprachrohr und verbeugte sich pflichtschuldigst vor dem Telephon bis zur Erde. Erst die laute Heiterkeit, in die der gerade eintretende Chef ausbrach, machte ihn auf seine übertriebene Höflichkeit . aufmerksam. ) (Richtige Antwort.) Herr Doktor sagte eine gern Fremdworts anwendende Patientin, ich möchte Sie einmal insultiren, ich habe so Konfection nach dem Kopfe und bin konstruirt. Madame, erwiederte der Arzt, machen Sie sich keine Skropheln, gehen ^ Sie in die Hypothek« und holen Sie sich für 20 Pfennig Ninocerosöl. s (Gut gemeint.) Dame (im Schlächterladen): „Wollen Sie die Freundlichkeit haben, mir das Fleisch zu zerkleinern?" Schlächersrau: „Du Aujust, schlag doch mal der Dame die Knochen entzwei." (Scherzfragen.) Welcher Körpertheil ist am meisten musikalisch? Die Augen — sie haben immer ihre Lieder. — Welche Ähnlichkeit besteht zwischen einer Schiefertafel und der Ehe? Junge Mädchen rechne» darauf. (Aus dem Lebe n.) Herr: „Für so schlechte Musik geb' ich nichts." Straßen- : Musikant: „Ach für den, der nichts gibt, ist die schlechte Musik immer noch gut genug." i Original-Nüthsel. * Prächtig glänzet von ferne die erste Silb' uns entgegen ! Schüchtern nahen wir uns, doch Hoffnung, der liebliche Schimmer, Werde die Wolke des Grams von unserer L-tirne zerstreuen, ' Gibt uns Vertrauen und Muth. Wir klagen dem glänzenden Manne Frei die Noth, die uns drückt, und bitten um schleunige Hilfe; Ach! da erhalten wir oft als Artwort: „Die letzten zwei Silben!" Wahrlich kein Balsam von Mekka, die brennende Wunde zu kühlen, > Kein Freund begleite zum Orte mich, der Dir das Ganze bezeichnet, ' Dort sei die Erde'vergessen mit all' ihren Gebrechen, Sei nur dem schöneren Himmel die ernste Betrachtung geweiht. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. Max Huttler. ^ Nr. M. 1883 . zur „Äilgsbnrger PostMung/- Samstag, 19. Mai Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobsom (Fortsetzung.) XI. Die Beisetzung des jungen Gutsherrn von Buchenhof hatte am sechsten Tage nach seinem plötzlichen Tode, im Beisein seines Bruders» des nunmehrigen einzigen Sohnes des Landkammerraths, unter Betheiligung seiner Bekannten, aller Bewohner von Buchen» Hof und Bodenwald, und vieler, nahegelegenen Güter stattgefunden, und am Abend desselben Tages war seine noch vor einer Woche so blühendschöne und glückliche Gattin nach schwerer Krankheit, ohne auch nur einen Augenblick das Bewußtsein wieder erlangt zu haben, ihm in die Ewigkeit gefolgt. In tiefem, lautlosem Schmerz umstanden die schwergetroffenen Eltern und Berg« mann's das Sterbebett, auf dem sie soeben sanft entschlafen war, und leise drückte Frau Kohring ihrem Kinde die Augen zu, die im fast unmerklichen Todeskampf sich geöffnet hatten. Dann sank sie, in schmerzliches Weinen ausbrechend, an die Brust ihres Gatten, während sich Bergmannes in das anstoßende Zimmer begaben, wo die kleine Waise von einer Nichte des Försters, die ihren Verwandte» zur Hülfe gekommen war, gehütet ward. Sie erblickend, sprang sie von Frau Albrechts — diese war eine junge und kinderlose Wittwe — Schooß und lief ihnen entgegen, und während Frau Bergmann sie auf ihre Arme nahm und unter Thränen liebkoste und küßte, theilte der Verwalter Ersterer mit, was sich soeben ereignet, worauf diese sich zu ihrem Onkel und ihrer Tante in's Sterbezimmer begab. Auf die vielen Fragen des Kindes nach dem Vater hatten endlich die Großelteru ihr stets geantwortet, daß er todt, auf immer von ihr gegangen und im Himmel sei, und sie ihn nie wiedersehen könne. Sie hatte über diese Antwort, die sie nach Kinderiveise verstanden, bitterlich geweint, dann aber sich über die Abwesenheit seines Vatqxs zu beruhigen begonnen und nach der Mutter gefragt, von deren Krankheit sie wußte. Auch jetzt that sie dies, und begehrte zu ihr geführt zu werden, und als Frau Bergmann ihr sagte, daß auch ihre Mutter sie verlassen habe, sie sie nicht wiedersehen könne, und die Kleine in lautes Weinen ausbrach, trat gerade der Förster ein. Von Frau Bergmann's Schooß gleitend, eilte das Kind dem.Großvater entgegen, und wiederholte ihm schluchzend, was diese ihm gesagt. Er schloß sie unter Thränen an seine Brust, und erwiderte mit unsicherer Stimme: «Ja, mein armes Kind, Deine Eltern sind von Dir gegangen allein wir Alle sind Dir geblieben! — Von diesem Augenblick an aber gehörst Du mir, und wie ich Deiner Mutter gelobt, werde ich Dich nicht von mir lassen!" — Voll aufrichtiger Theilnahme hatten Herr und Frau von Bodenwald den so schnellen Tod der Gattin ihres verstorbenen Sohnes vernommen, den ihnen am Morgen nach demselben der Medizinalrath, und Kohring und seine Gattin ihnen einige Stunden später durch einen Boten angezeigt hatten. Sie halten darauf eine längere Unterredung gehabt/ 314 — die, wie die Dienerschaft gehört, bald laut und heftig, bald ruhiger geführt worden, und deren Ergebniß am folgenden Morgen der Verwalter mit nicht geringer Ueberraschung erfuhr, als er, der jetzt beide Güter zu verwalten hatte, den Landkammerrath in geschäftlichen Angelegenheiten aufsuchte. Beide hatten lange und viel zu berathen und zu besprechen, und erst in der Dämmerung begab er sich nach dem Buchenhof, dem Trauerhause, wo, wie er wußte, seine Frau war. Es ivar wiederum ein schöner Winterabend; die Kälte hatte zugenommen; eine dichte Schnseschicht deckte die Erde, und der Vollmond verbreitete ein so Helles Licht, daß der Verwaltrr schon aus der Ferne das Herrenhaus erblickte. Es war säst wie an jenem Abend, wo die nun als Leiche daliegende junge G»ts- herrin ihn zurückerwartet, und statt seiner seine Todesnachricht erhielt, doch beachtete dies Bergmann nicht, seine Gedanken wurden von dem in Anspruch genommen, was er mitzutheilen hatte, und kaum wußte, wie er es den Freunden mittheilen sollte. Diese saßen wie an jenem verhüngnivollen Abend seiner wartend im Wohnzimmer, doch erzählte diesmal Frau Albrecht der kleinen Anna, welche ihr schon ihre Zuneigung zugewandt, die ihr neuen Geschichten, diese dagegen hatten eben mit Frau Bergmann das ihnen zunächst liegende, die Beerdigung ihres Kindes, besprochen, die auf dem Fried- hofe nahe der Kirche stattfinden sollte, woselbst Frau Kohrings Eltern — ihr Vater war der frühere Förster von Bodenwald gewesen — rührten, und dazu wollten sie am folgenden Morgen die nöthigen Schritte thun. Von der durch das Gespräch hervorgerufenen traurigen Aufregung fast überwältigt, erhob sich Kohring, um einen Gang in's Freie zu unternehmen. Da hörte er den Wagen, der den Verwalter bringen mußte, und er ging hinaus, diesen zu empfangen. Gleich darauf trat er mit diesem ein, und als er die Frauen und auch die kleine Anna begrüßt, berichtete er von dein Geschäftlichen, was er mit dem Landkammerrath geordnet und abgemacht, erzählte, daß er und seine Gattin sehr leidend seien, und wollte eben zu seinem Auftrag übergehen, als der Förster heftig sagte: „Das Gewissen mag sich wohl in ihnen regen, denn sie wissen nur zu gut, daß sie an allem Unglück Schuld sind!" „Kohring!" sagte begütigend seine Gattin, wenngleich sie seine Ansicht theilte. „Sie sollen und werden dies noch einmal selbst von mir hören, entstehe auch daraus was da wolle", fuhr dieser mit zunehmender Erregung fort. „Wenn Du so sprichst, Kohring", unterbrach ihn der Verwalter in ruhigem Ton, „dann wage ich kaum den Auftrag des Landkammerraths auszurichten, den er lange mit mir besprochen —" „Was könnte das sein?" fragte der Förster. „Ich wüßte nicht was das, und noch dazu in diesem Augenblick, sein könnte, denn eine Dienstsache wird es nicht betreffen!" „Es bezieht sich auf Deine verstorbene Tochter", erwiderte Bergmann. „Der Landkammerrath läßt Dir und Deiner Frau den Vorschlag machen, sie in der Familiengruft neben ihrem Mann beizusetzen!" „Wie?" rief Kohring, während auch die Frauen überrascht auf den Verwalter blickten. „Das mag er uns vorschlagen lassen, nachdem er noch vor Kurzem ihre Ehr zu trennen versucht, und dadurch Beider Tod verschuldet?" „Ich habe Dir seine Worte wiederholt —" „So bringe ihm die Antwort, daß ich nimmer darauf eingehen würde, und meine Frau und ich die Sache längst beschlossen!" „Laß uns sie dennoch noch einmal besprechen, Kohring", entgegnrte Bergmann so ruhig wie vorher, „denn ich kann seinen Vorschlag nur billigen. Er hatte die Heirath seines Sohnes mit Euerer Tochter bewilligt, Anna hat Jahre lang als Frau von Boden- wald gelebt, ivas wird man also sagen, wenn Ihr sie in Eurem Familienbegräbniß beerdigen läßt?" „Weißt Du, warum er uns das Anerbieten machen läßt?" unterbrach ihn der 317 unter unverkennbaren Zeichen der zunehmenden Schwäche ihr Ende herbeiführen mußte. Dem Förster gingen endlich die Augen auf, und der Zustand seiner treuen, wahrhaft von ihm geliebte Lebensgefährtin versetzte ihn in die schmerzlichste Aufregung. Er klagte sich an, nicht früh genug für sie gesorgt, sie nicht einstweilen von Bodenwald fortgeführt zu haben. Es war dies Alles aber Zu spät. Zwar leise, doch mit sicherem Schritt nahets der Todesengel seinem Opfer, das ihm längst verfallen war, und als an einem schönen Maiabend, die untergehende Sonne ihre letzten Strahlen durch die weitgeöffneten Fenster in ihr Zimmer warf, sagte sie, in einem Krankenstuhl vor diesem ruhend, zu ihrer Nichte und Frau Bergmann, welche bei ihr waren: „Ruft Kohring — bringt Anna — ich fühle, daß ich schwächer werde! —" (Fortsetzung folgt.) G s l d k ö r «e x. Last Dich biegen, aber nur nicht knicken. Goethe. Endlich legt sich jedes Sturmes Wuth, Tag wird es durch die dickste Nacht, und kommt Die Zeit, so reifen auch die spätsten Fruchte. Schiller. Thörichter Jüngling, der Jngendgluth für Liebe nimmt, und wehe dem armen Mädchen, das seinen Kranz in solche Strohflammen wirft! Kotz ebne. Der Tod ist das Pünktchen der letzten Phrase unseres Lebens, der Deckel auf dem Topf, in dem eZ sonst so kochte und brauste. Bcnzel-Stern au. Die gütige Natur nimmt der gelähmten Zunge des Bedrängten die Krankengeschichte seines gepeinigten Busens ab und erzählt sie uns mit einer Thräne. Jean Panl. Eine Lüge engagirt meistens schon zu der nächsten. Rahel. Tcr verhinderte Selbstmord. (Aus den Wiener Gcrichtssälen.) „Rufen Sie jetzt den AthanasiuS Zwerler!" befahl der Bezirksrichier dem Amtsdisner. Zwischen der nur halbgeöffneten Flügelthür schiebt sich ein schmächtiger Mensch herein, der es offenbar als unbescheiden erachten würde, seinetwegen die Thüre ganz zu öffnen. Der junge Mann ist auffallend blaß; er ist Tischlsrgehilfe von Beruf und kann, seiner wiederholten Versicherung nach, keine Fliege an der Wand beleidigen. Richter: Sie heißen AthanasiuS Zwerler, sind aus Plattling in Bayern gebürtig, unbescholten und Tischlergehilfe. Ist das richtig? — Angekl.: Zu dienen, Euer Gnaden, nur die Liebe — Richter: Lassen wir das jetzt. Sie sind wegen Exzesses und wegen der Uebertretung der thätlichen Wachebrleidigung angeklagt. Erzählen Sie den Vorfall vom 22. April. — Angekl.: Hoher Herr Richter! Wer nie sein Brod mit Thränen gegessen hat, der weiß gar nicht, was die Liebe ist, wegen derer ich heute vor diesem geehrten Nichterstuhle stehe. — Richter: Nun, wegen Liebe wurde noch nie Jemand angeklagt; Sie sollen ganz einfach erzählen, wie Sie dazu kamen, an dem benannten Tags einen Exzeß zu verüben und die Wachleute zu insultiren. — Angekl.: Oh, ich bitte, Herr Amtmann, ohne meine Liebs wäre so etwas nie geschehen; aber die war zu überhäuft! Ich war bis zu jenem Sonntag stets ein ruhiger Staatsbürger. — Richter: Erzählen Sie doch das Begebniß. Angekl.: Vor zwei Monaten — so weit muß ich ausholen — hab'ich die Lisi kennen g lernt, die in der großen Mohrengassen eine Köchin war. Au: Samstag um 7 Uhr hab' ich zur Lisi geh'» wollen, weil sie immer um die Zeit fürs Nachtmahl für ihre Herr'nleut' Alles z'sammeuholt; wie ich so in die große Mohrengasse komm' und denk': jetzt wirst deine Lisi seh'n, da kommt sie richtig, eing'hängt in ein Soldaten! Herr Amtmann, wer nie geliebt, der kennt so was gar nie nicht. Der Stich, den ich in's Herz hab' kriegt! und weil ich den Soldaten umsomchr kennt hab', vom Pratenusfeehaus aus,' wo ich mit meiner Lissi war und wo er alle Sonntag bei der Militär - Negiinentsmusi blasen thut, der elendiche Kerl, der! — Richter: Sie dürfen hier Niemanden beleidigen. Erzählen Sie weiter. — Angekl.: Alsdann wie mir das den Stich gegeben hat, den! ich mir: Adjes Lisi! Ich gehe jetzt in den Tod! Und am Sonntag nach dem Essen hab' ich auch wollen in den Tod geh'n und will durch die Schwimmschul-Alle hinunter zum Kommunialbad. Derweil kommt am Praterstern ein Bekannter von mir, der Spengler Josef Deng, der auch heut' als Zeuge da ist, der sagt: Wohin denn? Sag ich: Lebe wohl, ich geh' ins Wasser! Sagt er: Das kannst später auch thun, und zieht mich in ein' Tramwaywaggon hinein. Na, denk ich mir, jetzt sind so noch zu viel Leut auf der Gassen; wenn ich schon aus Liebe in den blassen Tod gehe, will ich ungestört sein dabei. Ich bin nachher willenlos mit dem Deng nach Hernals g'fahren wo er ein Wein zahlt hat. Ich hab' mich angetrunken, aber meine List hab' ich nie verschmerzen können und nachher sind wir erst zum Stalchner gangen. (Heiterkeit.) Da hab' ich noch ein Paar Viertel getrunken und dann hab' ich mich erinnert, das; ich heute noch in den blaffen Tod in die Donau gehen muß wegen der Lisi und da bin ich fort. Was weiter geschehen ist, weiß ich nicht — Richter: Nun, es ist durch die Aussage der Wachtleute und Zeugen erwiesen, daß Sie auf der Gasse brüllten: Meine Lisi, die is putsch und als Sie der Wachtmann Dolezal zur Ruhe verwies, versetzten Sie ihm einen Faustschlag auf die Brust, worauf sie arretirt wurden. — Angekl.: Ich bitte, ich bin gewiß ein Mensch, der nie eine Fliege an der Wand beleidigt, aber wenn man aus gekränkter Liebe in den blassen Tod geh'n will und der Sicherheitswachmann halt Einen auf, so was soll doch nicht sein in einer freien Nechtsstadt. Außerdem kann ich mich gar nicht mehr erinnern aus das. — Der Richter konstatirt, daß bei dem Angeklagten nach seiner Arretirung ein Brief an seine Geliebte vorgefunden wurde. Derselbe lautet sowohl wörtlich als orthographisch dem Original getreu: „Theure Lisi! Es dränkt mich daß Schicksal, das ich heute Abends in den blassen Todt gehe, weil Du mir deine Liebe entwendet hast! Wann Du diese Zailen erheldst, bin ich nimmer unter den Lebendichen, sondern bereits in des Todtes Schalen anwesend! Oh, theure Lisi! meine Liebe zu dir war zu überhäuft in der großen Mohrengasse! Besonders gestern Abends, wie ich dich mit dem Korporal von der Musich gehen geseh'n hab', der gerad so dick und ungebüldert ist, wie das Pomparton, was er blast, weil er ein nicht einmal dangt, wann man ihm griest. Der Lümmel, wann er Dir lieber ist, Lisi, so behald ihm und heirade! Ich aber gehe heute Abends jedenfalls in den blassen Tobt! — Oh, theure Lisi, warum hast Du mir daß angethan, das ich jetzt um acht Jahre friher dem kühlen Grabe beiwohnen muß in den Wällen und Fludten er regulirten Donau beim Kohmunialbad trunten? Lebe wol, lebe wol, Ungetreue schlänge und denke an jedem 22. an Deinen unaussprechlichen unglücklichen Athanasius Zwerler." — Richter: Sie haben in diesem Vriese die Absicht kundgegeben, sich das Leben zu nehmen? Warum haben Sie dies nicht ausgeführt? — Angekl.: Ich bitte, die Liebe ist heute noch wegen der Lisi so überwältigt in meinem Busen, aber wie ich zu mir selbst gekommen bin, hab' ich auf dem Wachtzimmer g'schlafen und der Herr Inspektor hat nur ein Glas Wasser geben, weil ich Durst gehabt hab'. Sonst weiß ich gar nichts. — Nach der Aussage der Zeugen war der Angeklagte allerdings so arg bekneipt, daß die Sache weit mehr einem gewöhnlichen Wein- als einem Liebssrausch ähnlich sah. Der'Richter sprach deshalb den Angeklagten von der ihm zur Last gelegte» strafbaren Handlung frei und verurtheilte ihn blos wegen Volltrunkenheit zu einer vierundzwanzigstündigen Arreststrafe. — Der Angeklagte bemerkte hieraus: Oh, die Liebe! Bis in den schwarzen Arrest hat sie mich gesetzesreinen Menschen getrieben! — Richter: Trösten Sie sich» Ihre Strafe ist keine entehrende und ein paar Stunden Arrest sind noch immer bester als der Tod in der Donau. — .'Uf Förster. «Er will dadurch verhindern, daß sein Name auf einem Leichenstein zwischen denen seiner Untergebenen steht! — Das ist seinem Stolz zuwider, und lieber soll Anna'S Sarg an Ludwig's Seite stehen, der doch in der Reihe seiner Söhne den letzten Platz einnimmt! —" . „ . ^ „Er niag diesen Gedanken gehabt haben, ich will Dir dann nicht widersprechen, allein nach meiner Ansicht gehört die Frau an die Seite ihres Mannes, im Leben, sowie im Tod-" „Wenn das sein kann, und wo das sein kann." „Allerdings, doch hier kann das sein, und würde nur Dein Wille sie trennen. Schon Deiner Enkelin wegen darfst Du das nicht thu»-" „Meiner Enkelin wegen?" „Ja, Kohring; soll sie denn einmal, wenn sie so alt ist, daß sie die Sache begreifen kann, die Grabstätte ihres Vaters in der alten Familiengruft, die ihrer Mutter auf dem Kirchhof von Bodenwald suchen? — Was würde sie über solche Trennung ihrer Eltern nach dem Tode denken, welche Fragen an Euch richten?" Vergmann's ruhige Vorstellungen, denen sich die Frauen anschlössen, fanden endlich bei dem Förster so weit Gehör, daß er bis zum nächsten Morgen Bedenkzeit forderte, und der Verwalter sich erbot, seine Antwort holen zu wollen. Vergmann's kehrten bald, begleitet von Frau Albrecht, die einstweilen dem Hausstand in der Försterei vorstand, nach Vodenwald zurück, und als am nächsten Morgen der Verwalter wieder bei den Freunden erschien, die er bei der Leiche ihrer Tochter aufsuchen mußte, sagte der Förster ihm die Hand reichend, während er mit der andern auf dir regungslose Hülle seines geliebten Kindes deutete: „Bergmann, sie soll neben dem ruhen, dem seit ihrer Kindheit ihr Herz zugehört, ich bin damit einverstanden. Sage das dem Landkammerrath, und sorge in meinem Namen für das klebrige, bannt Alles rechtzeitig besorgt ist!" So ward denn Anna von Bodenwald neben ihrem Gatten beigesetzt. Ei» vierspänniger Leichenwagen hatte den kostbaren Sarg vom Buchenhof nach der alten Familiengruft, und viele Bewohner der Nachbarschaft, wie alle vom Buchenhof, gaben ihr das Geleit. An der Grenze von Bodenwald ward sie von dessen Gutsangehörigen in Empfang genommen, an deren Spitze sich der Geistliche, der sie vor wenigen Jahren getraut, befand. — Ihr Vater und Bergmann fuhren zunächst dem Sarge, ihnen schloffen sich nahe Verwandte und Bekannte und der Nechtsanwalt des Landkammerraths an, der von diese» dazu beauftragt worden. Die Frauen folgten, so lange sie vermochten, mit ihren Blicken dem stillen düstern Zug, der sich nur allzu deuilich auf dein weißen Schnee abzeichnete. Die kleine Anna, welche nichts von der traurigen Feier wußte, und nicht ahnte, daß man die irdische Hülle ihrer Mutter zur letzten Ruhestätte brachte, spielte sorglos mit ihren Schätzen, die sie auf und um ihren Tisch herum aufgehäuft hatte. Als die Wagen und auch die letzten Fußgänger ihren Augen entschwunden, sank weinend die Försterin in die Arme der treuen Freundin und ihren jungen Verwandten, und sagte mit kaum vernehmbarer Stimme: „Den Schlag werde ich nicht überwinden, ich fühle es hier —" und sie legte ihre Hand auf das Herz — „er wird der letzte Nagel zu meinem Sarge sein. Sagt aber Kohring nichts davon, ich will es ihm ebenfalls zu verheimlichen suchen. Er muß erst wieder zur Ruhe kommen, es könnte sonst zwischen ihm und dem Landkammerrath ei» Unglück geben! —" Die nächste Pflicht der Hinterbliebenen von Ludwig von Bodenwald und seiner Gattin war die Sorge für deren verwaiste Tochter, und hier trat Bergmann wiederum als Vermittler auf. Die beiden Großväter derselben hatten sich noch nicht wiedergesehen, 816 und es war von Kohrings auch wenig Aussicht vorhanden, daß es geschehen würde? Zuerst wurden die Vormünder für die kleine Anna Thusnelda von Vodenwald erwählt und bestätigt, und zwar als solche der Förster Kohring und der Verwalter Bergmann. Diese Wahl sagte aus vielen Gründen auch dem Landkammerrath zu, den: die Familien- sache mehr zu denken gab, als zu Lebzeiten seines Sohnes, daS Kind war die gesetzliche Erbin seines Vaters, und wie er mit seiner Frau und dem Nechtsbeistand der Familie besprochen, wollte er es für alle Zeiten durch eine ihr zwar gebührende Summe abfinden. Er theilte also Bergmann mit, daß die Vormünder für die Tochter seines verstorbenen Sohnes 50,000 Thaler ausgezahlt erhalten würden, von deren Zinsen ihr Unterhalt und ihre Erstehung zu bestreiten sei, und über die sie bei ihrer Mündigkeit zu verfügen habe. Alles was ihren Eltern gehört, die Einrichtung des Buchenhofs solle sie ebenfalls haben, und könnten die Vormünder nach Gutdünken darüber verfügen. Als Bergmann Kohring's diese Mittheilung machte, fuhr der Förster auf und sagte: „Ich will das Geld nicht, Bergmann, denn der Unterhalt und die Erziehung meiner Enkelin kann ich bestreiten." „Wie Du meinst, Kohring", unterbrach der Verwalter, „doch kannst Du nicht hindern, daß die Obervormundschaft es für sie annimmt, da es ihr als Erbtheil zuerkannt wird. Den alten Papieren nach gehört diese Summe jeder Tochter der jüngern Söhne des Hauses, und als solche könnte nur sie selbst es bei ihrer Mündigkeit zurückweisen. Und wie soll es mit der Einrichtung des Hauses und dem klebrigen werden?" „Wir nehmen nur das, was wir eingepackt, alles Andere mag dort bleiben, denn was soll es uns —" „So will ich Dir einen Vorschlag machen, den ich dem Landkammerrath wiederholen werde. Ich will Alles im oberen Stockwerk unterbringen lassen, wo Raum genug ist, da mag es bleiben, so lange es soll! Bist Du damit einverstanden?" „Thue, was Du willst, nur laß mich nichts mehr davon sehen, obgleich ich das Haus wohl nicht wieder betreten werde!" Als alles Geschäftliche geordnet, die Rechte der kleinen Waise gewahrt worden, war der März herangekommen. Kohring's Groll gegen den Vater seines verstorbenen Schwiegersohnes nahm nicht ab, der Anblick der kleinen Anna nährte ihn immer mehr. Das ihm mit großer Liebe anhängende Kind war seine einzige Freude, und seine einzige Beschäftigung, sobald er sich im Hause befand. Er hatte nur Augen und Ohren für sie, und nur ihre Bemerkungen vermochten auf seinem ernsten oft finsteren Gesicht ein Lächeln hervorzubringen. Darüber sah er nicht, was Frau Albrecht, die als Stütze der Förster!» bei ihnen geblieben, und Frau Bergmann, die täglich erschien, längst entdeckt, daß seine Gattin immer bleicher ward, ihre Augen immer matter blickten, und sie, die sonst so rüstig und ruhig gewesen, nur mit großer Anstrengung einen Weg in's Freie unternehmen konnte. Als eines Tages sie und Frau Albrecht mit der kleinen Anna nach dem Verwaltungshause gehen wollten und sie stillstand um Athem zu schöpfen und neue Kräfte zu sammeln, sagte ihre Nichte in bekümmertem Ton: „Tante, es geht nicht länger, ich darf es dem Onkel nicht länger verschweigen —" „Es ist durchaus nichts Schlimmes, Wilhelmine", entgegnets Frau Kohring mit schmerzlichem Lächeln, und fügte ernster hinzu: „Ich fühle weder Schmerzen noch Beschwerden, es ist nur Kummer um die Beiden, die so schnell von uns gegangen, aus dem für sie so glücklichen Leben geschieden sind, und ich denke der Frühling und der Sommer wird Heilung bringen. Sprich vor allen Dingen nicht mit dem Onkel darüber, der schon genug zu tragen hat!" Frau Kohring's Leiben aber machte bald beängstigende Fortschritte, und nahm einen immer drohenderen Charakter an. Eine Erkältung, die sie sich bei einem scharfen Nordostwind zugezogen, der zu Ende März anhaltend wehste, warf sie auf das Krankenlager, und es stellte sich ein Leiden ein, für das der Arzt keinen Namen hatte, das aber 319 Die geborgte Ananas. Eine sehr drollige Reminiscenz an die berühmte Tragödin Nachel wird in französischen Blättern wieder aufgefrischt. Die Künstlerin stand, nicht mit Unrecht, in dem Rufe, zuweilen etwas knauserig zu sein. Eines Tages gab die Phädra des Theatre franqais eines ihrer berühmten Diners, wo sich an ihrer Tafel die Elite der Kunst, der Literatur und der Aristokratie vereinten. Unter den Geladenen befanden sich der Herzog Sän Teodoro von Neapel, Prinz von Walderer, mehrere Marquis, Künstler, Scribe, Auber, Herzog von Noailles, Augier, Ponsard und andere Geistesnotabilitäten. Am Tage des Diners erschien sie in der Wohnung eines Kritikers, der ebenfalls zu den Gästen zählte, und sagte: „Lieber Freund, Sie müssen mir bei der Wahl des Dessert hilfreiche Hand leisten, mein Wagen steht vor der Thür, ich entführe Sie." Der Mann des kritischen Nichtschwertes mußte sich bequemen und der ungestümen Freundin folgen. Man fuhr in das Palais Noyal zu dem weltberühmten Delikatessen- waarenhündler Chevet. Mademoiselle Nachel wählte die schmackhaftesten Früchte, kostbare xrirnouis rc. aus. Plötzlich präsentirt ihr Chevet eine herrlich duftende Ananas. „Wünschen Madame vielleicht eine Ananas als Mittelstück einer Fruchtpyramide?" n'Irös dien! Was kostet sie?" „Siebzig Francs, Madame." Man befand sich damals im Jahre 1819, einer Epoche, wo wenig große Diners stattfanden, und die von den Antillen kommenden Ananasse waren selten. Das vermochte jedoch in den Augen der Rache! diesen exorbitanten Preis nicht zu rechtfertigen. „Siebzig Francs!" — rief sie in einer tragischen Pose — „aber das ist ja ungeheuerlich. Ich kaufe sie nicht, doch halt — wie wäre es, wenn Sie mir die Ananas borgten? Es ist immerhin ein hübscher Tafelschmuck, und nach dem Diner sende ich Ihnen die Frucht unversehrt wieder zurück." Lächelnd ging Chevet auf den originellen Vorschlag seiner berühmten Kundin ein» Der Abend kam und mit ihm das Diner, welches, wie immer, süperb war. Man trägt das Dessert auf und inmitten der Fruchtabundantia thront mit königlicher Würde die Chevetsche Ananas. Da die Gastgeberin sich wohlweislich hütete, von dieser kostbaren Frucht anzubieten, keiner der Geladenen aber so naschhaft erscheinen wollte, als Erster die Ananas anzuschneiden, so ging Alles vortrefflich und die Nachel war bei rosigster Laune. Doch die Künstlerin hatte ohne den boshaften Kritikus gerechnet. Sich zu seinem Nachbar, dem Herzog von Noailles wendend, sagte derselbe plötzlich mit halblauter Stimme: „Und die Ananas? Wäre es nicht Zeit, ihr ernstlich auf den Leib zu rücken?" „IHiIcui, Sie haben recht, mein Freund," ruft der Herzog, welchem schon lange der Mund wässerte, erhebt sich und reicht die Ananas seinem kritischen Tischnachbar, welcher alsbald unter dem beifälligem Gemurmel der gesammten Tafelrunde die herrliche Frucht kunstgerecht zu zerlegen begann. Die Nachel erbleichte» sie warf dem hämische» Kritikus einen vernichtenden Blick zu und hatte Mühe, ihre Wuth unter einem gezwungene» Lächeln zu verbergen. Die Künstlerin hat seit jenem Tage noch manches Diner gegeben, der ananasliebende Kritiker befand sich niemals mehr unter den Gästen. (Aus der griechischen Geschichtsstunde.) Hm! Ruhe! Wir waren das letzte Mal stehen geblieben — „Haberkorn, machen Sie 'mal das Fenster zu!" — bei dem Beispiele heldenmüthiger Vaterlandsvertheidigung — „ganz zu, Habsrkorn!" — der Thermopylen durch den Spartanerfürsten — „Riimplsr, ich höre Sie schon wieder brummen!" — durch Leonidas. Das Wort Thermopylen heißt, wie Sie eigentlich schon wissen sollten, auf deutsch: — „Flegeleien lieber Bretterschneider, dulde ich in meiner Stunde nicht!" — heißt §uf deutsch: „Warme Quellen!" Aisrxes war also init seinem - Heere bis an jenen berühmten Engpaß vorgerückt. Ehe es zum Treffen kam, entsandte der Perserkönig an den Lacedämonier einen Voten mit der Aufforderung: — »geben Sie 'mal den Bindfaden her» Sie kindischer Mensch dahinten, ich kann die Spielerei ' nicht langer mehr ansehen!" — mit der Aufforderung um Auslieferung der — „Regenschirme, mein lieber Nümpler, stellt man hübsch in die Ecke, wo sie nicht jeden Augen- i blick umfallen" — um Auslieferung der Waffen. Die stolze Antwort des Griechensürsten ^ war: — »Sie, Hübner, rücken Sie doch 'mal bei Seite, damit ich sehe, was Ihr Hinter- s mann für dummes Zeug treibt!" — ich wollte sagen, die Antwort war: Komm und l hol' sie. Und als man den Griechen bedeutete, die Zahl ihrer Feinde sei so groß, daß ihre Pfeile die Sonne verfinstern würden, erwiderte Leonidas verächtlich: — „Sehen ^ Sie, Nümpler, ich stecke Sie wahrhaftig zur Thüre hinaus, wenn Sie nicht aufhören, mich anzugrinsen!" — erwiderte Leonidas: Desto besser, so werden wir im Schatten fechten! Vier Tage später erfolgte der Angriff. — Auf Befehl des Perserkönigs — »Sie dahinten — schlafen Sie nicht!" — stürzte sich eine ungeheure Truppenmasse in ! den Engpaß. Heldenmüthig war die Vertheidigung von Seiten des Leonidas, — „und ! Sie sind ein rechter Esel, Meyer!" — tagelang währte der Kampf, und selbst die Kerntruppen des Perserheeres mit dem stolzen Namen: — „die Dümmsten und Faulsten sind doch immer die Unverschämtesten, Friedmann" — die Unsterblichen, selbst diese vermochten nicht, den Engpaß zu erkämpfen. Da endlich zeigt ein verrätherischer Grieche, ^ Namens — „Nümpler, Nümpler, Nümpler, Sie schreiben gewiß etwas, was nicht zur Sache gehört!" — Ephialtes, den Persern einen geheimen Pfad über das Gebirge und plötzlich — „Jeschke, was schneiden sie für Gesichter!" — plötzlich verbreitete sich unter den Spartanern der Schreckensruf: — „Wer wirst denn da mit Papierkugeln?" — der Ruf: Wir sind im Rücken angegriffen! — „Unterstehen Sie sich das noch einmal, Sie Flegel!" — Auf diese Kunde hin entlieh Leonidas seine Bundesgenossen, er selbst und seine 300 — „Schassköpfe, wie Sie, Meyer, gehören in die Kinderschule" —300 Spartaner kämpften weiter und starben den ehrenvollen Tod für — „solche Flegeleien, Haberkorn, dulde ich nicht länger!" fürs Vaterland, welchen Horaz feiert mit den bekannten Worten: — „Ich werde gleich 'mal dahinterkommen, Nümpler!" — üulos et ckc-oorum «st pro xutriu inori. Ganz Sparta bedauerte den Tod seiner Heldenschaar, aber an der Stelle jenes denkwürdigen Kampfes errichtete man ein Monument mit einer Aufschrift, welche in metrischer Uebersetzung lautet: — „Nun wird es mir aber zu arg! Ich kann nicht weiter reden, wenn ich solche Menschen vor meinen Augen Unfug treiben sehe! Nümpler, Sie verlassen sofort die Classe und wenn Sie bis zur nächsten Geschichtsstunde nicht den Inhalt der heutigen ganz so genau ausgearbeitet haben, wie ich ihn vorgetragen, ^ dann sollen Sie mal sehen, was geschieht!" (Der Gipfel der Reinlichkeit.) Wir finden im Pariser „Figaro" das folgende treffliche Zeugniß für ein Dienstmädchen: „Cölestine X. war vier volle Jahre in unserem Dienst (folgt die Aufzählung ihrer Tugenden). Für ihre Sauberkeit wird ein Beispiel genügen. Wir besitzen einen mit großer Kunstfertigkeit hergestellten mechanischen Vogel, welcher sehr schön singt und keine Nahrung zu sich nimmt, Cölestine scheuerte gleichwohl jeden Morgen den Boden seines Käfigs." (Zwischen zwei alten Wienern.) „Wer ist denn der la Noche, von dem die Zeitungen so viel daherreden?" — „Aner von die Burgschauspieler; er hat sein fünfzigjähriges Jubiläum g'feiert." — „Schau! Schau! Js mir ganz unbekannt. Seit fünfzig Jahren will i jed'n Abend ins Theater geh'n und komm wirkst net dazu." (Woher kommt das Wort Locomotive?) Von insolventen Kaufleuten; da sie keine Motive haben, in Loco zu bleiben, so suchen sie rasch fortzukommen. Auflösung des Original-Räthsels in Nr. 39: „Sternwarte." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Or. Max Hultlcr. Nr. 41 1883. zur „Äugslmrger PostMnng." Mittwoch, 23. Mai Des Jörsters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) - Frau Albrecht entfernte sich, um ihre Wünsche zu erfüllen, doch kam kein weiteres Wort über ihre Lippen; sie blickte mit gefalteten Händen und schon fast verklärten Zügen über den Garten hinweg in die schöne Gegend hinaus, die im ersten Frühlingsgrün dalag. Leise trat Frau Albrecht mit ihrer Enkelin ein, und hielt ihr diesebe entgegen. Lange betrachtete sie die Züge des Kindes, das ängstlich und traurig sie anblickte» küßte es wiederholt, sprach leise einige Worte, küßte es nochmals, und gab dann ein Zeichen es fortzuführen. Jetzt erschienen der Förster und Bergmann, der ebenfalls von dem wahrscheinlichen Ende der langjährigen Freundin gehört, und Ersterer näherte sich ihren» Stuhl. Köhring die Hand reichend, sagte sie: „Kohring, wir müssen uns trennen — vielleicht sehr bald schon — mein Herz schlägt so heftig, daß es bald stille stehen muß! — Habe Dank für Deine Liebe, die mich so glücklich gemacht — —" „Liebes, theures Weib!" brachte er nur mühsam hervor, neigte sich über sie und küßte ihr bleiches eingefallenes Gesicht. „Lebe für mich — für das Kind — wir bedürfen Deiner Liebe und Sorge — verlaß uns nicht-" „Ich habe es lange versucht, das Leben könnte noch einmal wie-er schön werden!" Ein Schauer durchbebte ihre abgeinagerte Gestalt, ihre Augen schlössen sich, doch nur einen Moment, dann öffnete sie sie wieder, reichte Bergmann's und ihrer Nichte die Hände, streckte sie darauf nach dem Gatten aus und versuchte sich aufzurichten. Er umfaßte sie schnell, sie lehnte das Haupt an seine Brust, und schloß wiederum die Augen. Dann entquoll ein tiefer Seufzer ihren Lippen, ihre Gestalt erbebte, der Förster fühlte die Hand, welche die seine hielt, kraftlos werden, das Haupt seines Weibes lehnte schwerer gegen seine Brust, und einen langen Kuß auf die feuchte Stirn drilckend, die bereits erkaltete, sprachen dann er und die Umstehenden ein leises Gebet. Darauf legte er sie sanft in die Kissen zurück, und sank, sein Gesicht in den Händen bergend, auf einen Stuhl. Die Anwesenden blickten tiefbewegt auf die bleichen, ruhigen Gesichtszüge der Geschiedenen» bis endlich die Thür geöffnet ward, und die kleine Anna auf ihren Großvater zusprang, dann aber ängstlich zurücktrat. Sie sah auf das bleiche Gesicht der so still daliegenden Großmutter, und der sie traurig Umstehenden und in lautes Weinen ausbrechend umklammerte sie den Arm des Großvaters. Frau Albrecht trat hinzu um sie fortzuführen, er aber sagte leise: „Laß sie, Wilhelmine, sie fühlt, daß sie jetzt auf der Welt nur mich allein hat", und das Kind auf seine Kniee setzend, fügte er hinzu: „Anna, Deine Großmutter ist zu Deinem Papa und Deiner Mama gegangen, u»»d Du wirst sie auf Erden nicht wiedersehen. Ich aber bleibe bei Dir, so lange Gott will!" und sie auf seine Arme nehmend, verließ er schnell mit ihr das Zimmer. 322 Während die Frauen bei der Leiche zurückblieben, folgte ihm nach einer Weile Bergmann und fand ihn in seinem Arbeitszimmer. Die kleine Anna saß auf seinen Knieen, ihr goldblondes Köpfchen lag an seiner Brust geschmiegt; mit einem Arm hatte sie den Versuch gemacht, seinen Hals zu umfassen, die andere kleine weiße Hand aber ruhte auf seiner Rechten. — XII. Drei Wochen waren seit Frau Kohring's Beerdigung, die unter allgemeiner Betheiligung der Bewohner beider Güter stattgefunden, verflossen, doch ging in der Försterei das Leben mit seinen Arbeiten und Sorgen den gewohnten Gang, und machte mit jedem neuen Tag seine Rechte geltend. Frau Albrecht nahm nunmehr die Stelle ihrer verstorbenen Tante ein; ihre kleine Nichte hatte sich ihr, die eine große Kinderfreundin war, mit vieler Liebe angeschlossen, und immer seltener ward die Frage nach ihren Eltern. Von ihrer Großmutter dagegen sprach sie oft, obgleich Frau Bergmann, für die sie ebenfalls eins lebhafte Zuneigung empfand, deren Stelle ersetzte. Ihres kleinen Pfleglings wegen beruhigt, war es jedoch Frau Albrecht, und mit ihr Vergmann's, des Försters wegen nicht, an dem sichtlich der Schmerz um den Verlust seiner Kinder und seiner Gattin nagte. Schweigend und mit düsterem Ausdruck in den plötzlich sehr gealterten Zügen, ging er so gewissenhaft wie sonst seinen vielfachen schweren Pflichten nach, wich aber so viel er konnte den treue» Freunden aus, und sprach auch mit seiner Nichte nur das Erforderliche. Gegen die kleine Anna indeß war er unverändert, denn zu Hause durfte sie nicht von seiner Seite gehen, und suchte er so viel wie möglich jeden ihrer Wünsche zu erfüllen, was sie mit dem Scharfblick eines Kindes >bald genug fühlte, und geltend zu machen wußte. Eines Abends kehrte er finsterer als sonst aus dem Walde heim, und sagte nach schweigend eingenommenem Abendessen zu seiner Nichte: „Wilhelmine, halte Alles bereit, ich will morgen zur Stadt fahren, den» ich habe mit dem Landkammerrath zu sprechen!" „In Geschäftsangelegenheiten, Onkel?" fragte Frau Albrecht, um wenn möglich ihn zu weiterer Mittheilung zu veranlassen. „In Sachen, die ihn und mich betreffen", entgegnete er mit wirklichem Nachdruck, er ging nach wenigen Augenblicken in's Freie hinaus. — — — Der Landkammerrath war in seinem Arbeitszimmer beschäftigt, seine Gemahlin in der Haushaltung thätig, denn in wenigen Tagen wollten sie sich nach Bodenwald begeben, wo sie seit mehreren Jahren nicht gewesen. Eben streckte er die Hand aus, um seinem Diener zu klingeln, der verschiedene Briefe zur Post besorgen sollte, als dieser eintrat und den Förster Kohring meldete. „Führe ihn hierher", gebot er, während ihn ein unbehagliches Gefühl beschlich, denn er fürchtete in der That, den Man wieder zu sehen, der binnen wenigen Monate» so schwere Verluste zu beklagen gehabt, und die umfangreiche Post seines Gebieters mitnehmend, entfernte sich der Diener. In der nächsten Minute standen sie sich grüßend gegenüber, und der Herr von Bodenwald senkte das Auge vor dem Blick seines langjährigen Dieners. Dies aber währte nur einen Moment, dann sagte er, ihm die Hand reichend: „Wir haben unü lange nicht gesehen, Kohring — wie viel hat sich seit dem Tage ereignet! „Sehr viel, Herr Landkammerrath", erwiderte ernst der Förster, und nahm den Stuhl, auf den dieser, welcher sich ebenfalls wieder gesetzt, deutete. „Es war ein harter Schlag für Sie, binnen so kurzer Zeit Tochter und Frau zu verlieren-" „Ja, beim Himmel! Das war es: — Härter aber noch ist es, sie durch die Schuld Anderer zu verlieren! —" 323 „Durch die Schuld Anderer?" fragte der Landkammerraih, merklich die Stirn runzelnd. -„Herr Landkaininerrath", entgegnete Kohring mit erhobener Stimme, „wäre Ludwig nicht gestorben —" „Meinen Sie meinen Sohn?» fragte der Gutsherr mit Nachdruck. „Ja, Ihren Sohn und meinen Schwiegersohn! — Hätten Sie nicht versucht feine Ehe zu trennen, so lebten er, meine Tochter und Frau noch — —» „So klagen Sie mich wohl gar als die Ursache seines und ihres Todes a>^?" „Auf diese Frage habe ich keine Antwort, Ihr Herz und Ihr Gewissen mag sie Ihnen ertheilen I» „Sie führen hier eine Sprache, Kohring, die Ihnen nicht geziemt, und die ich nur der langen Dienste wegen, die Sie mir geleistet, entschuldige!» „Das ist mir gleichgültig, Herr Landkaininerrath, die Wahrheit mußten Sie einmal aus meinem Munde hören! — Die Vergeltung für das, was Sie mir und meiner Enkelin gethan, ivird nicht ausbleiben, denn es lebt ein Gott im Himmel und der ist noch immer gerecht gewesen!" Der Landkaininerrath saß sprachlos da, noch nie hatte er Worte gleich diesen, am wenigsten aber aus dem Munde eines Untergebenen vernommen. Sein Zorn hatte dabei den höchsten Grad erreicht, denn seine Augen flammten, und seine Stirnadern schwollen bedenklich an. Kohring, der seinen Vorgesetzten besser als sonst Jemand kannte, sah dies, beachtete es aber nicht, sondern fuhr fort: „Und jetzt noch eine Mittheilung, Herr Landkammerrath l — Sie sehen mich heute für lange Zeit zum letzten Mal — mein Aufenthalt in dieser Gegend wird nur noch von kurzer Dauer sein!" „Sie wollen fort?" rief der Herr von Bodenwald, dem diese, ihn persönlich berührende Nachricht die Sprache wiedergegeben. „Das gestatte ich nicht, glauben Sie so ohne Weiteres meinen Dienst verlassen zu können?" „Ich thue es wenigstens, Herr Landkammerrath! — Sie werden leicht einen andern Förster finden, und einstweilen kann der Jägerbursche unter Bergmann's Aufsicht arbeiten! — Auf Wiedersehen somit, Herr Landkammerrath l — Wann und wo das sein wird, müssen wir Gottes Willen anheiln geben, vielleicht auch finden wir uns erst in jenem Leben wieder, wohin uns die Unsrigen vorangegangen sind." Nach diesen Worten verließ er den stumm dasitzenden Herrn von Bodenwald und dessen Haus und begab sich zu einen« Nechtsanwalt, der zugleich sein Jugendfreund war« Mit diesem sprach und arbeitete er lange, ordnete seine Vermögensverhältnisse, traf mancherlei Verabredungen und nahn» dann in herzlicher Weise von ihm Abschied. Als am Abend er sein Haus wieder erreichte, eilten ihm Bergmann's und seine Nichte entgegen, und der Verwalter sagte mit unverkennbarer Aufregung: „Kohring, ivie lange bist Du geblieben! — Wir haben Deinetwegen eine namenlose Angst gehabt-« „Angst um mich?" fragte fast verwundert der Förster. „Freilich, es ist Abend geworden, doch konnte ich das diesen Morgen nicht voraussehen. Meine Angelegenheiten aber sind geordnet», und sich an seine Nichts wendend, setzte er hinzu: „Und sobald Du den Hausstand besorgt und eingepackt hast, Wilhelmine, können wir fortgehen!" „Fortgehen?" wiederholten überrascht diese und Bergmann's. „Fort von hier?" „Ja", entgegnete er mit dumpfer Stimme, „ich muß fort, muß vergessen lernen! — Der Schmerz um die Verlorenen, die Erinnerung an sie, die hier lebhafter als an einem anderen Orte ist, würde mich sonst überwältigen, denn Niemand weiß und ahnt, was ich während dieser letzten Monate gelitten!" Die Frauen konnten sich der Thränen nicht enthalte», der Verwalter aber sagte M herzlichem, theilnehmendem Ton: „Du sollst es vorläufig bei einer Reise bewenden lassen, alter Freund — —^ „Um wieder hierher, zu denselben Menschen und in dieselben Verhältnisse zurückzukehren? — Nein, das kann ich nicht, ich muß eine andere, mir ganz fremde Umgebung haben —" „Und die kleine Anna — Ihre Nichte hier?" „Meine Enkelin nehme ich mit, und Du, Wilhelmine", wandte er sich dann an diese, „willst Du mich ebenfalls in die neue Heimath begleiten?" „Ja, Onkel", antwortete Frau Albrecht bewegt. „Kannst Du Dich aber auch entschließen, die alte aufzugeben, auf lange Zeit von ihr getrennt zu sein?" „Ja, Onkel, das kann ich, denn in der alten Heimath habe ich alles begraben, was meinem Herzen lieb und theuer gewesen!" „Kohring", sagte jetzt die Verwalterin, die noch kein Wort gesprochen sondern nur «oll Besorgnis; die leuchtenden Augen und glühenden Wangen ihres langjährigen Freundes betrachtet hatte, „fast sollte man meinen, Sie hätten bereits einen Aufenthalt, der Ihnen '»sagt, gefunden." „Das habe ich auch, Frau Bergmann." „Und wo ist er?" fragte schnell der Verwalter. „Das ist vorläufig noch mein Geheimniß, und wird es Euch noch lange bleiben, denn Ihr werdet gewiß meinen Wunsch ehren und unseren künftigen Wohnort nicht zu entdecken suchen." „Das kann aber nicht lange währen, Kohring, bedenke, wir Beide sind Vormünder Deiner Enkelin!" Bis zu ihrer Mündigkeit werde ich Sorge für sie tragen", entgegnete entschieden der Förster. „Sollte ihr oder mir etwas Menschliches begegne«, so wirst Du davon in Kenntniß gesetzt!" „Und ihr Vermögrn?" „Verwalte es, wie Du angefangen! — Ich habe es zurückgewiesen, vielleicht thut auch sie es einstmals bei ihrer Mündigkeit!" Eine längere Pause trat em, dann erhoben sich Bergmann's und der Verwalter sagte: „Kohring, wir nehmen heute noch nicht Alles, was Du uns gesagt, als beschlossen und abgemacht an, und hoffen, Du läßt morgen noch mit Dir reden!" „Nein, Bergmann, es bleibt bei dem, was ich gesagt habe!" „Und kannst Du Dich wirklich so leicht von den Gräbern der Deinen trennen?" „Von ihren Gräbern, nachdem ich mich von ihnen selbst habe trennen müssen? — Sie würden mich, wollte ich hier bleiben, bald nach sich ziehen, und ich muß der kleinen Waise wegen leben, wie ich es ihrer Mutter versprochen! — Auch weiß ich die Gräber hier in guter Hut, und die Geister der Meinigsn sind um mich, wo ich auch bin!" „Guts Nacht denn, Kohring» — —" „Gute Nacht, alter Freund", und er reichte ihm und seiner Gattin seine Hände, „gute Nacht Frau Bergmann! — Erhaltet mir, wo ich sein möge, Eure Freundschaft, ich werde Euch das treueste Andenken bewahren!" Sie drückten sich herzlich und bewegt die Hände, dann gingen Bergmann's ihrer Wohnung zu, der Förster aber in sein Zimmer, nachdem er noch vorher seine schlafende Nichte geküßt. — XIII. Die Kindheitslage von Förster Kohrings Enkelin verflossen in einem herrlichen Walde, an dessen Eingang seine Dienstwohnung lag. Zur Sommerszeit mit den Vögeln Lie in den Bäumen nisteten und sangen, mit den Eichhörnchen, die auf deren Zweige und Aestö umhersprangen; mit den schillernden Schmetterlingen und Insekten, die, wein; sie Blumen pflückte, oder Waldbeeren und Kräuter suchte, sie umflatterten, oder bei ihr im Grase krochen und an ihr vorüberschössen, und dir, wenn sie besonders schön waren, ,re zu hasche» strebte, doch nur, um sie sich genauer anzusehen und ihnen die Freiheit wieder zu geben. Aber auch zur Winterszeit hatte der Wald große Anziehungskraft für des Försters Enkelkind. Wenn da, so weit ihr Auge reichte, der Schnee den Erdboden, die Zweige der Bäume, die grünen Tannen und Gebüsche deckte, so daß sie in der hellen Dezemberoder Januarsonne glänzten und glitzerten, dann jubelte sie laut und eilte, unbekümmert um Kälte und Einsamkeit, bewundernd von Baum zu Strauch, schüttelte diese auch wohl, daß sie einen Theil ihrer Last auf sie herabfallen ließen, und lief dann lachend weiter, gefolgt von einem großen Neufundländer, den ihr der Großvater als Hüter und Gefährte gegeben. Die Waldvogel schrieen dann wohl über ihrem Kopfe, und wären mit den Eichhörnchen näher gekommen, denn sie kannten des Försters Enkelkind, das zur Winterszeit ihnen Futter brachte, allein sie fürchteten seinen Begleiter, dessen tiefes, munteres Bellen weithin hörbar war. Gefahr gab es für sie im Walde nicht, da ihr Großvater, die Forstgehülfen und Jägerburschen stets darin beschäftigt waren, und auch die Axthiebe der Holzhauer, die ringsum herrschende Stille unterbrachen. Ebensowenig kannte sie aber Furcht, denn die Bäume und Sträucher, die Rehe und Hirsche, welche sich blicken ließen, waren ihr gleich lieben alten Freunden vertraut, und von ihrem Wolf begleitet, wäre sie zu jeder Tageszeit in den Wald gegangen, um ihren Großvater aufzusuchen, oder Bestellungen für ihn auszurichten. Fast sieben Jahre hatte bereits Förster Kohring mit seiner Nichte und Enkelin im nördlichen Deutschland gelebt. Sie waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen, sein Haar merklich ergraut, seine Züge tief gefurcht, doch war ihm die stattliche, aufrechte Gestalt und auch die kräftige Gesundheit früherer Jahre geblieben. Die Zeit hatte den Schmerz um den so frühen Verlust seiner Kinder und Gattin gemildert, doch war seiner Herzensivuude der Stachel geblieben, der sich bald mehr, bald weniger geltend machte. Aus der alten Heimath und von den alten Freunden und Bekannten hatte er wahrend all' der Jahre nichts erfahren; sein Freund, der Nschtsanwalt schrieb ihm zwar bei jedem Jahreswechsel, doch wurden, wie verabredet, nur Geschäftsangelegenheiten erwähnt. Sein jetziger Aufenthalt sagte ihm zu; er hatte einen bedeutend größeren Wirkungskreis als er in Vodenwald gehabt, und war ihm dieser die beste Zerstrennng» Frau Albrecht, die sich während der verflossenen sieben Jahre kaum verändert, fühlte sich ebenfalls in der neuen Heimath wohl, in der sie gleich ihrem Onkel sich jeder Verbindung mit der alten enthalten. Sie war ihm eine treue Tochter, seiner Enkelin eine liebevolle Mutter geworden und stand mit Eifer und Umsicht seiner großen Haushaltung vor. — (Fortsetzung folgt.) T o n k i »r g. Während de Vrazza sich aufgemacht hat, um das Congo Gebiet für Frankreich zu annectiren, ist die französische Republik im Begriff, in Hinter-Asien einen Conflict aufzunehmen, dessen Tragweite noch nicht zu übersehen ist- Die allgemeine Lage scheint freilich keineswegs dafür einladend. Jules Simon bezeichnet sie in seinem neuesten Buch mit dem Worte: „keine Regierung im Innern und i>» Ausland kein Frankreich." Aber vielleicht eben weil die Republik in Europa isolirt und ohne Einfluß ist, fühlen die gegenwärtigen Machthaber das Bedürfniß, ihre Macht im fernen Osten zu heben und sich selbst im Sattel zu halten. So tragen sis denn trotz der immer bedenklicher werdenden finanziellen Lage, welche in sinkenden Einnahmen und steigenden Deficits sich kundgibt, kein Bedenken, fünf Millionen zu fordern, um Frankreichs Ansprüche i» Tonking sicher zu stellen. Daß dieser Credit bewilligt wird, ist kaum zu bezweifeln, obwohl die Masse des sranzösiichen Volkes gar nicht kriegerisch gesinnt ist und genug an der tunesischen Intervention hat, welche ihm so schwere Summen gekostet hat. Wie das Unternehmen ab- — 326 — laufen wird, ist schwer zu ermessen« Es kann gelingen, wenn China neutral bleibt, wird aber selbst in diesem Falle schwerlich wirklich greifbare materielle Bortheile bringen. Jedenfalls wird es nicht ohne Interesse sei», die dortigen Verhältnisse sich kurz zu vergegenwärtigen. Bis zum 15. Jahrhundert war Tonking Vasallenstaat China's; 1428 erreichte es unter China's Suzerainetüt und der Li-Dynastie eine Selbständigkeit, welche 300 Jahre dauerte. Im 18. Jahrhundert brachen dynastische Kämpfe aus, und einer der Prätendenten rief auf den Rath eines französischen Missionärs Ludwig's XVI. Hülfe an, die dieser durch einen Vertrag vom 28. Ncvember 1787 zusagte; als Aeguivalent war die Abtretung der Bai und Halbinsel von Turon an Frankreich zugesagt. Die Revolution verhinderte die Ausführung dieses Vertrages. 1858 führte eine Christenverfolgung in Annam zu einer französisch-spanischen Intervention, die unter Einfluß eines Bürgerkrieges mit der Eroberung der drei Südprovinzen von Cochin-China: Mytho, Saigun und Bienhoa, endete. Der Führer der Aufständischen bot sogar Frankreich das Protectorat über ganz Anna»» an, aber der französische Admiral lehnte dies ab. Der Rothe Fluß war damals noch nicht bekannt, und Niemand ahnte die Wichtigkeit, »wiche seine Entdeckung Tonking verleihen würde, indem dessen Besitz nicht nur dem Eigenthümer eine fruchtbare Provinz, sondern auch eine große Handelsstraße nach der südchinesischen Provinz Wnnan gibt, welche damals noch in den Händen von Rebellen war. Diese Entdeckung ist Jean Dupuis zu verdanken, welcher 1860 nach China kam, als der englische Admiral Hope den Jang-tse-Kiang heraufging, um die drei neuen Häfen auszuwählen, welche nach dem Vertrag von Tientsin dem fremden Handel eröffnet werden sollten. Dupuis ließ sich in dem obersten derselben, Hankau, nieder, studirte das Land und die Mittel, europäische Handelsbeziehungen auszudehnen, wofür er sein Auge besonders auf Süd-China warf. Er wußte, daß es den Franzosen mißlungen war, dorthin durch Kambodja und auf dem Me-Klong vorzudringen; er unternahm es, die Aufgabe durch den Song-Klong oder Rothen Fluß zu lösen, der in Jünnan entspringt und Tonking von Nord-Ost nach Süd- West durchzieht. Er schloß sich 1870 dem chinesischen Befehlshaber Ma an, welcher damals gegen die muselmännischen Aufständischen zu Felde lag, und führte von der Grenze von Tonking unter großen Gefahren und Mühen eine Reise aus, die ihn schließlich an den Rothen Fluß brachte, den er bis Kuen-Si, dem ersten annamitischen Posten befuhr, wo man ihn nöthigte, umzukehren. Die mögliche Verbindung aber war festgestellt, und nicht minder hatte er auf seiner Fahrt gesehen, daß das Land reich an tropischen Pro- ducten, Kohlen, Eisen, Zinn, Kupfer und Silber sei. Die Chinesen hätten sich dasselbe gern durch ihn gesichert; aber er hatte Frankreichs Interessen im Auge und ging nach Paris, um die Hülse der Regierung für seine Pläne nachzusuchen. Thiers aber hatte 1872 an andere Dinge zu denken, und lehnte ab. Dupuis rüstete auf seine Kosten ein kleines Geschwader aus, kam damit Ende dieses Jahres im Tonking-Busen an und entdeckte einen Canal, der ihn nach Hanoi, der Hauptstadt der Provinz, 30 Meilen von der See, führte. Die Ankunft dieser ersten europäischen Expedition erfüllt« die annamitischen Mandarinen mit Schrecken; sie wagten nicht, dieselben offen anzugreifen, aber verhielten sich doch feindlich, worauf Dupuis sie mit seiner kleinen Schaar angriff und in die Citadelle trieb, indem er sich der Stadt bemächtigte, deren Einwohner sich freundlich zeigten. Mit der Hüfte seiner Leute zog er dann auf dem Rothen Strome weiter nach Jünnan, wo er den ihm bekannten chinesischen General traf, der nunmehr den Aufstand unterdrückt hatte. Nach seiner Rückkehr nach Hanoi schickte er einen Vertrauten nach Saigun, um dem französischen Gouverneur klar zu machen, daß das Erscheinen einer kleinen französischen Macht hinreichen würde, um das französische Protectorat über zehn Millionen Tonlingesen aufzurichten, die das annamitische Joch haßten, aber zu schwach feien, es abzuschütteln. Die Franzosen hatten inzwischen ihren Besitz in Cochinchina durch wiederholte Annexionen erheblich ausgedehnt. Der Gouverneur Duprö sandte nun den Lieutenant Garnier nach Hanoi, welcher von der Regierung die Oeffnung des Rothen — 327 — Flusses fordern sollte. Je nach der Haltung des Hofes zu Huä sollte das Vorgehen zu einem Protectorat oder Gründung einer Colonie führen. Garnier, der das Land bereits gut kannte, erschien am 6. November 1873 mit einer kleinen Macht in Hanoi, kam sofort mit den Mandarinen in Conflict, besetzte die Stadt und nahm die Regierung des Landes mit bc!vuiid,rnswerther Energie in die Hand. Aber in einem Treffen mit Räubern fiel er frühzeitig und inzwischen war auf Andringen des Hofes von Huä von Saigun Air. Philaster gesandt, der alles rückgängig zu machen suchte, was Garnier gethan, Hanoi wurde geräumt und Dupuis gezwungen, sich zurückzuziehen. Der Vertrag vom 15. Mai 1874 anerkannte indeß die frühern Annexionen Frankreichs und beseitigte die Suzerainetät China's, indem die Unabhängigkeit des Königs von jeder fremden Macht in einer besondern Clausel ausgesprochen wurde. Annam versprach, seine auswärtige Politik nach der Frankreichs zu richten, wofür dieses ihm Schutz gegen fremde Intervention und Seeräuber zusicherte und militärische Jnstructoren, Ingenieure und Zollbeamte zu schicken versprach. Der christlichen Religion wurde volle Duldung zugesagt, drei Häfen in Tonking und der ganze Lauf des Rothen Flusses sollte dem auswärtige» Handel geöffnet sein, und in jenen Häfen französische Consuln eingesetzt werden mit Gerichtsbarkeit über alle fremden Ansiedler jeder Nation, die auch nur mit französische» Pässen im Lande reisen dürften. Dieser Vertrag, gegen den China sofort kraft seiner suzsrainen Rechte über Tonking protestirte, zeigte sich in zwei Hauptpunkten als unausführbar. Ein Mal konnte kein auswärtiger Staat zugestehen, daß seine Angehörigen, welche in einem als unabhängig anerkannten Lands wohnten, der Gerichtsbarkeit französischer Beamten unterworfen seien, und bei etwaigen schweren Anlagen zur Aburtheilung nach Frankreich geschickt werden könnten. Sodann ist aber der Rothe Fluß nicht wirklich geöffnet, weil einerseits Räuberbanden dem entgegentraten, anderseits chinesische Truppe» von Norden in Tonking einrückten, indem der Hof von Peking nicht erlauben will, daß Frankreich in einer von ihm abhängigen Provinz die große Verbindungsader zwischen Minna» und der See beherrscht; Annam aber erklärte sich außer Stande, den Vertrag gegen diese doppelten Störungen durchzuführen. Daraus ergaben sich denn fortwährende Conflicte, in deren Verlauf die französische Politik je nach den innern Strömungen wechselte. Der Gesandte der Republik in Peking, Mr. Bourröe, hat in einem Vertrage die suzerainen Rechte China's anerkannt, wie behauptet wird mit Zustimmung des Präsidenten Grövy, welcher der ganzen Unternehmung abgeneigt ist. Das gegenwärtige Ministerium aber hat die Ratifikation des Vertrages verweigert, den Gesandten abberufen und will ostensibel den Vertrag von 1874 zu voller Ausführung bringen, thatsächlich Tonking in einer oder der andern Form unter Frankreichs Botmäßigkeit bringe». Es braucht kaum gesagt zu werden, daß England bei seiner Stellung in China diesem Unternehmen eben so ungünstig ist, wie den Ansprüchen, dir Frankreich in Madagascar und . am Congo geltend machen will. (Kreuzzeitung.) Soldköruer. 0. Es ist Geduld ein rauher Strauch Voll Dornen aller Enden, Und wer ihm naht, der merkt es auch An Füßen und au Händen. Und dennoch sag' ich laß die Müh' Dich nimmermehr verdrießen, Sci's auch mit Thränen spät.und früh Ihn treulich zu beziehen. Urplötzlich wird er über Nacht Die Mühen Dir belohne», Wenn über all den Dornen lacht Ein Strauß von Dornenkrone». Wilhelm Wackernagel. 328 Miseell-n. („Oh, Abraham!") Unter diesem Titel erzählt ein Amerikanisches Blatt nachfolgende für den Charakter, wie für das Familienleben des unvergeßlichen Präsidenten Lincoln bezeichnende Anekdote: In der Nacht, die der Präsidentenmahlversammlung in Chicago vorherging, kam Lincoln erst um 11 Uhr Nachts nach Hause. Am folgenden Morgen machte Mrs. Lincoln, welche nicht eben die sanftmüthigsten Anlagen besaß, ihrem Galten sehr ernste Vorstellungen. Sie gab ihm ziemlich zu verstehen, daß ihn die Politik zu schlechten Gewohnheiten verleite, ihn bis spät in die Nacht in allerlei Wirthshäuser führe, während sie mit den Kindern allein aufbleiben müsse, und daß sie keineswegs gesonnen sei, derlei Unregelmäßigkeiten zu dulden. „Heute," schloß sie ihren Sermon, „sage ich Dir, Abraham, gehe ich punkt zehn Uhr zu Bett. Wenn Du vor dieser Zeit nach Hause kommst, dann ist's gut, wenn nicht — ich stehe nicht auf, um Dich einzulassen.« Zehn Uhr schlug es an dem betreffenden Abend, und Mrs. Lincoln ging, getreu ihrem Worte, mit den Kindern zu Bette. Etwa eine Stunde später klopfte Lincoln an das Hausthor. Er klopfte einmal, zweimal, ja sogar dreimal, ehe ein Fenster im Oberstock geöffnet wurde, und eine weibliche Nachthaube zum Vorschein kam. — „Wer ist da?" — „Ich." — «Du weißt, was ich Dir gesagt habe, Abraham!" — „Ja, aber Frau, ich habe Dir etwas ganz Besonderes mitzutheilen. Laß mich ein!" — „Ich brauche nichts zu hören. Wahrscheinlich wieder irgend ein politischer Unsinn!" — Aber, Frau, es ist sehr wichtig. Ich habe eine telegraphische Depesche erhalten, daß ich zum Präsidenten erwählt worden bin." — „Oh, Abraham!" rief nun Mrs. Lincoln im Tone der höchsten Indignation: „das ist wirklich zu arg!" Ich habe bisher nur vermuthet, daß Du Dich auswärts betrinkst, nun aber weiß ich es! Geh nur Deiner Wege und schlafe Dich dort aus, wo Du Dir Deinen Rausch angetrunken hast!" Und raffelnd ging das Fenster nieder. Zur nicht geringen Verwunderung der liebenswürdigen Frau bestättigte sich am nächsten Tage, daß der beste Anekdotenerzähler der ganzen Umgegend in der That be- rusen worden war, 40 Millionen seiner Mitbürger zu regieren. (Ein drolliger Brief) mit einer Einlage von 50 Mark ist dieser Tage an einen Berliner Nechtsanwalt von einem, seiner Clienten angekommen. Das Schreiben lautet: „Bester Herr Anwalt! Sie haben mich vor etwa 6 Monaten vertheidigt, wo ich einen Hund auf den Haussirer Wenzlaff gehetzt, den das Thier furchtbar zerrissen und ich noch gehauen haben soll. Ich konnte damals blos 10 Mark Vorschuß geben, aber Sie haben doch einen von Ihren Arbeitern hingeschickt, der seine Sache sehr gut gemacht hat, denn ich mußte selber staunen, daß ich freigesprochen wurde. Ihr Vertreter sprach für mich so schön und so merkwürdig, daß ich beinahe selber glaubte, der Wenz- laff hat Unrecht. Wenn der Herr noch lange gesprochen hätte, so wäre es beinahe dahin gekommen, daß der Hund nicht den Wenzlaff, sondern der Wenzlaff den Hund gebissen hat. Ich bedanke mich für die Freiheit, die ich Ihnen verdanke, und schicke Ihnen hier noch 50 Mk. als Lohn für die Vertheidigung, wovon Sie ja dein jungen Mann etwas abgeben können." (Aus dem Gerichtssaale.) Richter: „Ihr seit heute schon zuu sechzehnten Male wegen Taschcndiebstahls vor Gericht." — Angeklagter: „Es ist nicht meine Schuld, Gnaden Herr Gerichtshof, denn bevor man noch rechte Zeit hat zum Ehrlichwerden, sperr'n s' Einen ja schon wieder ein." (Eins nach dem andern.) Kellner: „Herr Wirth, die Gäst' halten sich auf, daß das Essen zu wenig gesalzen ist." — Wirth: „So? Na — die soll'n nur warten, bis ich mit der Rechnung komm'." (Schiefe Ansicht.) Maler: „Ja, Freund, was ist's denn mit Dir, Du hast ja gar nix mehr als Versatzzetteln!" — Schreiber: „Ja, weißt, bei der jetzigen Zeit ist's das allerbeste, man legt ftin Vermögen in Pfandbriefen an." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Nr. 42. 1883. ,ur „Äiigsimrger Pojheitima." Samstag, 26 . Mai Des Jörsters Enkelkind. « Original-Novelle von MaryDobson. (Fortsetzung.) Des Försters Enkelkind, jetzt fast zehn Jahre alt, hatte mit seinem Aufenthalt auch seinen Namen gewechselt» denn Ersterer wollte nie mehr das Wort Bodenwald hören, wie es auch nicht über seine Lippen kam. Anna führte den Namen Herfeld, galt aber im Uebrigen für das, was sie war und hatte in der neuen, ihr überaus zusagenden Heimath, nicht die geringste Erinnerung an Bodenwald, den Buchenhof und die Familie Bergmann behalten, ebenfalls war ihr ihr eigentlicher Name fremd und sie kannte sich nur als Anna Herfeld. Sie hatte sich kräftig entwickelt, und ward täglich ihrem Vater ähnlicher, eine Aehnlichkeit, die oft den Förster schmerzlich überraschte. Ihre tiefblauen Augen blickten bald ernst und sinnig, bald lebhaft und munter, je nach den Gefühlen, denen sie Ausdruck gaben; sie konnten aber auch zornig funkeln und dann glich Anna Herfeld vollkommen dem Landkammerrath von Bodenwald. Sie hatte ein charakteristisches, ein Familiengesicht, das man jedoch für den Augenblick, da es für ihre Jahre zu alt war, kaum hübsch finden konnte. Ihr goldblondes Haar legte sich in reichen Wellen um eine zu hohe weiße Stirn; ihre feingebogene Nase, wenn sie auch dem Kinserantlitz etwas Aristokratisches gab, war für dies zu groß und um den selten schön geformten Mund. lagerte «in zu ernster Zug, der selbst, wenn Anna lächelte, nicht ganz schwand. Von der Natur mit reichen Anlagen, mit einem weichen Herzen und Gemüth ausgestattet» hatte sie früh schon ein großes Verständniß für die Gefühle und Leiden Anderer. Sie wußte, daß ihres Großvaters stetem Ernst, den sie nur selten auf Augenblicke weichen sah, frühere traurige Familienereigmfse zu Grunde lagen, und kannte so viel wie erforderlich» diese auch. Ebenso wußte sie, daß ihre Tante herbe Schicksale und viel Leid erlebt, und daß Beide nicht gern auf die früheren Jahre zurückkamen, weshalb sie auch mit zunehmendem Alter nur selten der Vergangenheit erwähnte. Das Försterhaus von Vahrenwald — so hieß auch das nächste Kirchdorf — lag an einer Landstraße, welche durch den Forst führte, und hatte zu beiden Seiten verschiedene Nebengebäude. In ersterem herrschte zu jeder Tageszeit reges Treiben, wie es eine rege Haushaltung mit sich brachte, die Frau Albrecht fast den ganzen Tag in Anspruch nahm, und mit ihr, ungeachtet des langjährigen Dienstmädchens, ihre Nichte, die ihr in allen Arbeiten geschickt zur Hand ging. Die freien Nachmittagsflunden wurden zu Anna's Unterricht verwandt, die bisher noch keine Schule besucht hatte. Der Förster wollte sie deshalb weder in'S Dorf schicken, noch sie in der entfernten Stadt in Pension geben, sondern er und seine Nichte halten beschlossen, eine Erzieherin anzunehmen, die sich ihr den ganzen Tag widmen konnte. Dies war für den Winter bestimmt, während des Sommers sollte Anna sich noch ihrer Freiheit freuen. Frau Albrechts Bemühungen, um ihrer Nichte verschiedene Fertigkeiten beizubringen, waren indeß nicht ohne Erfolg geblieben. Sie hatte längst die Anfangsgründe alles Wissens, Lesen, Schreiben und Rechnen inne, und auch die Anfangsgründe aller Geschick« lichkeit, Stricken und Nähen, begriffen. Wenn auch in allem erlernten Wissen gegen andere Kinder ihres Alters und Standes zurück, hatte Anna viel aus eigener Anschauung und Beobachtung der Natur gelernt, und so glaubten denn ihr Großvater und ihre Tante, daß bei ihren glücklichen Faffungsgaben sie das bisher Versäumte leicht nachholen werde. Als eines Nachmittags — es war um die Mitte Juni — Frau Albrecht und ihre Nichte vor der Thür saßen, wie dies stets bei schönem Wetter geschah, und Letztere zum ersten Mal nach gedruckten Vorlagen geschrieben, näherte sich der Förster, eine» bereits geöffneten Brief in der Hand haltend, und- zu ihm aufblickend gewahrte Frau Albrecht eine nicht zu verkennende Erregung seiner Züge. Bei diesem Anblick, wie beim Anblick des großdn Siegels, das sich auf dem Schreiben befand, bemächtigte sich ihrer ein- sichtliche Unruhe, welche dem scharfen Auge des Försters nicht entging, welcher auf seine Hand blickend, sagte: „Dieser Brief ist von unserer Nachbarin, der Gräfin Steinhorst. Ein Bote, den ich unterwegs getroffen, hat ihn mir übergeben!" „Von der Gräfin Steinhorst?* fragte erstaunt Frau Albrecht. „Ja, und der Inhalt wird Dich eben so sehr überraschen, wie er mich überrascht hat!" antwortete der Förster, neben seiner Enkelin auf der Bank Platz nehmend. „Da bin ich neugierig, ihn zu erfahren, Onkel, denn die Gräfin Steinhorst muß eine besondere Veranlassung dazu gehabt haben, an den Förster Kohring zu schreiben!" Dieser antwortete nur durch einen bedeutungsvollen Blick und das Heft seiner Enkelin sehend, sagte er in ermunterndem Ton, während seine Züge sich etwas erheiterten: „Das hast Du recht hübsch geschrieben, Anna, die neuen Vorlagen gefallen Dir wohl? — Uebrigens sehe ich, daß Du schon sehr fleißig gewesen bist, denn da liegt ja Dein Lesebuch und Deine Tafel, auf der ein Exempel neben dem andern steht!" Das erhaltene Lob hatte auf Anna's Gesicht ein leichtes Erröthe» hervorgerufen und die Feder bei Seite legend erwiderte sie: „Ja, Großvater, ich habe auch schon gelesen und gerechnet, und will noch die neuen Handtücher nähen!" „Laß das heute, Anna", unterbrach ihre Tante. „Wir haben hier schon zwei Stunden gesessen und Du kannst zu Christine in den Garten gehen!" „Ich habe für beide eine Besorgung", sagte jetzt der Förster, und wollte sie in's Dorf schicken-" „In's Dorf? Nach Vahrenwald?" rief lebhaft Anna, welcher die Aussicht auf eine Abwechselung sehr zusagte. „Was sollen wir dort, Großvater?" Der Holzhauer Steffen hat mir gesagt, daß seine kranken Kinder kräftige Speisen genießen dürfen, und da meine ich, Ihr könntet seiner Frau Einiges zubereitet hintragen; Wilhelmine", wandte er sich dann an seine Nichte, „füge auch einige Flaschen von dein guten alten Wein hinzu, damit die arme Frau, die durch die Pflege so lange gelitten, wieder zu Kräften kommt!" Frau Albrecht entfernte sich, um in umfassender Weise den Wunsch ihres Onkels zu erfüllen, Anna aber brachte ihre verschiedenen Arbeiten in Sicherheit und eilte dann in den Garten zu Christine, welche ebenso erfreut war, über die Aussicht in's Dorf zu gehen, wo sie Bekannte hatte. Beide machten sich zum Ausgehen bereit und traten bald, nachdem Anna von ihrem Großvater und ihrer Tante Abschied genommen, mit einem größeren und kleineren Korbe, von Wolf begleitet den Weg an. Der Förster hatte unterdeß in ernstem Nachdenken dagesessen, und sich in dichte Tabakswolken gehüllt. Als seine Nichte ihren Platz wieder eingenommen, begann er» auf das Schreiben deutend: „Der Brief macht mir große Sorge, Wilhelmine! — Lies ihn mir noch einmal vor, damit wir den Inhalt überlegen und einen Entschluß fassen können!" Neugierig öffnete ihn Frau Albrecht; er war mit fester deutlicher Geschäftshand geschrieben, die nicht die schon ältere Dame verrieth, und lautete: «Herr Förster! Erlauben Sie mir hierdurch eine Anfrage. Wären Sie geneigt einen jungen Menschen, lassen Sie mich nur gleich sagen meinen Enkel, als Eleven oder Pensionär» für ein Jahr, vielleicht auch länger bei sich aufnehmen? Er ist 16 Jahre alt, hat Ostern die Schule verlassen, und ist von zarter Gesundheit, weshalb ich Beschäftigung in der freien Luft zuträglich für ihn halte. Zugleich ist es für ihn, der nach seiner Mündigkeit die Verwaltung dreier Güter antreten soll, erforderlich, daß er die nöthigen Kenntnisse dazu erlangt, und müssen sich diese auch auf das Forstsach erstrecken. Vor allen Dingen aber liegt mit bei seiner Jugend daran» ihn den Händen eines tüchtigen verständigen Mannes zu übergeben, als welcher Sie genugsam bekannt sind. Können Sie daher auf meinen Wunsch eingehen, so lassen Sie es mich morgen missen» wo ich Ihnen dann Waldemar vorstelle» und das Weitere mit Ihnen überlegen werde» Mit aller Hochachtung Eleonore Gräfin v. Steinhorst." Frau Albrechts Hand sank in den Schooß, sie blickte auf ihren Onkel, der sich und sie fast mit Tabakswolken umgeben und langsam sagte: «Nun, Wilhelmine, was meinst Du zu dem Vorschlag der Gräfin?" „Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, Onkel", entgegnete diese nachdenklich. «Wie richtig auch Alles ist, was sie schreibt, wundert es mich dennoch, daß sie, die als adelstolz bekannt ist, und für ihren Enkel gewiß «in Unterkommen in Familien ihres Standes finden könnte —" Diesen dem Förster von Vahrenwald übergeben will, nicht wahr?" ergänzte der Förster mit gerunzelter Stirn. „Nun ja, Onkel —" „Du hast nicht unrecht, Wilhelmine, und auch ich hätte es von der Gräfin kaum geglaubt. Außerdem", setzte er nach einem liefen Zuge aus seiner Pfeife hinzu, „will mir der Gedanke nicht in den Sinn» daß wir wiederum mit Adeligen in Verbindung treten, nachdem ich mit ihnen abgethan zu haben gemeint, nachdem so lange Jahre darüber hingegangen daß —" und innehaltend blies der Förster gewaltige Rauchwolken vor sich hin. Auch seine Nichte blickte schweigend in's Weite, über die ihr liegende Grasfläche hinweg, in den dichten Wald, der im saftigen Sommergrün, beleuchtet von der Nachmittagssonne vor ihnen lag. Nach längerer Pause sagte sie in herzlichem Ton: „Laß die Vergangenheit ruhen, Onkel, und wecke nicht die Todten, die so lange sanft geschlummert! — Denke nicht an jene Zeit zurück-" „Wilhelmine", stieß fast heftig Kohring hervor, „kann ich denn unterlasse», daran zu denken, wenn ich doch das verwaiste Kind um mich habe, und täglich und stündlich daran erinnert werde, was es in zarter Kindheit verloren, und verloren durch die Schuld — —" „Onkel, ich bitte Dich nochmals, sprich nicht weiter", unterbrach ihn, Thränen im Auge, feine Nichte. «Ich muß, Wilhelmine, es muß einmal wieder über meine Lippen!" fuhr hastig der Förster fort. „Nachdem sieben Jahre darüber hingegangen» daß der Adelstolz und Hochmuth eines Menschen, dreien der Meinigen das Leben gekostet, und mich gezwungen, die alte Heimath und theure Freunde zu verlassen, ich schwer, unaussprechlich schwer gelitten, und geglaubt, für alle Zeiten mit Seinesgleichen fertig zu sein, kommt plötzlich diese Gräfin Steinhorst mit ihrem Anliegen --" 332 „Schlag es ihr ab", unterbrach Frau Albrecht, „es wird sich schon ein gütiger Grund dazu finden! Thue das lieber jetzt, damit nicht später Dich der Anblick des jungen Menschen aufregt und Dir schadet." „Du hast Recht, Wilhelinine", entgegnets ruhiger der Förster und nahm das Schreiben vom Tische auf. Was kümmert uns auch der Enkel der Gräfin Stcinhorst, den ich im Leben noch nie gesehen!" und langsam den Brief entfaltend, begann er ihn noch einmal zu lesen. Seine ihn aufmerksam beobachtende Nichte gewahrte bald, daß in seinen Zügen eine Verändeung vorging; der traurig düstere Ausdruck schwand etwas« „Wilhelmine", sagte der Förster, „wir wollen noch keinen Entschluß fassen, ich will nur die Sache bis morgen überlegen." „Thue das Onkel," antwortete ruhig Frau Albrecht, „und laß uns jetzt von andern Dingen reden. Ich will die Zeitungen holen-" „Sieh einmal die Landstraße hinunter," fuhr lebhafter der Förster fort, „kommt da nicht ein Wagen durch den Wald? Wahrhaftig! und ich glaube, es sind die vier Füchse der Gräfin! Sollte sie es gar selbst schon sein?" „Unmöglich, Onkel, sie hat ja kaum den Brief geschickt!" Den habe ich gleich am Nachmittag in Empfang genommen, und sie mag Eile haben!" erwiderte Kohring und den Brief in die Brusttasche steckend, erhob er sich lind that einige Schritte um die Rasenfläche. Bald sah er, daß er sich nicht getäuscht. Der Wagen kam näher, fuhr auf den Forsthof und hielt nach wenigen Sekunden vor dem Wohnhause. Den Schlag öffnend half er der Gräfin beim Aussteigen, die ihn und seine Nichte förmlich begrüßte, während der Wagen bei Seite fuhr. Sie war eine kleine Frau von zartem Körperbau, die bereits das sechzigste Jahr überschritten, mit ernsten strengen Gesichtszügen, denen man es ansah, daß auch ihr das Leben Sorge und Kummer gebracht, ein Ausdruck, dem die kalt und gemessen blickenden hellblauen Augen nicht widersprachen. Kaum hatte sie der Höflichkeit genügt, als sie sich an Kohring wendend hastig fragte: „Wie ist es, Herr Förster, haben Sie meinen Brief gelesen, und meinen Vorschlag erwogen?" „Meine Nichte und ich haben soeben darüber gesprochen, Frau Gräfin", antwortete Kohring, sie zu der Bank führend. „Und meinen Sie darauf eingehen zu können?" „Wir haben noch keinen Entschluß gefaßt!" „So lassen Sie uns die Sache jetzt besprechen und wenn möglich abschließen", fuhr die Gräfin mit unverkennbarer Aufregung fort. „Ich habe nämlich diesen Nachmittag einen Brief von meiner Tochter bekommen, dir, was Sie wohl kaum wissen, an einen Gutsbesitzer in Schlesien verheirathet ist. Durch einen unglücklichen Sturz vom Pferds kränklich geworden, ist augenblicklich der Zustand meines Schwiegersohnes sehr bedenklich, so daß sogar die Aerzte eine Gehirnerweichung für ihn befürchten. Meine durch diese Erklärung schwer getroffene Tochter wünscht meinen baldigen Besuch, da auch um diese Zeit ihre älteste Tochter sich verheirathet, und sie sehr in Anspruch genommen wird. Es war meine Absicht, nachdem ich Waldemar untergebracht, den Winter in Schlesien zu verleben, doch hatte ich nicht daran gedacht, daß sie meiner schon so bald bedürftig sei!" „Sollte der jünge Graf Sie nicht gern begleiten wollen?" siel der Förster ein. „Das ist mir gleichgültig", entgegnete sie mit kälterer Stimme, „er muß sich darein fügen, was ich für rathsam halte. Doch ich habe Ihnen das Alles geschrieben und frage Sie nun, ob Sie meinen Enkel, wenigstens während meiner Abwesenheit hierher nehmen wollen, weil ich sonst kaum weiß, wo ich ihn unterbringen soll", und ihre Gesichtszüge nahmen einen berümmerteu Ausdruck an. (Fortsetzung folgt.) Die sixtinische Kapelle in Rom. Mit Schmerz las Einsender dieser Zeilen in Nr. 39 der „Neuen Augsburg« Zeitung" eine Notiz, datirt Nom, 12. Februar 1883 folgendes: „Wie die „Capitale" versichert, wird der einst weltberühmte Chor in der sixtinischen Kapelle immer kleiner und unbedeutender. Der ganze Chor soll nur aus wenigen Sängern dritten Ranges bestehen. Hoffentlich ist die Meldung der „Capitale" nicht buchstäblich wahr, wenn aber, so ist der schwerwiegende Inhalt obiger Zeilen der, daß die sixtinische Kapelle in Bälde aufgelöst sein dürfte. Es ist deßwegen wohl ganz und gar opportun, in kurzen bündigen Sätzen der sixtinischen Kapelle auch in diesen Blättern, welche stets für das Schöne und Edle ihre Spalten öffnen, zu gedenken. Ein doppelter Begriff -liegt in den Worten „sixtinische Kapelle". Für's erste bezeichnet man damit eine der Hauptsehenswürdigkeiten Noms im Vatikan, für's zweite wird damit die Gesangesschule selbst bezeichnet, welche feit Jahrhunderten unsterblichen Namen führt, an welcher die größten Meister gewirkt, und in welcher Compositionen zu Gehör geführt wurden, wie sonst vielleicht nirgends. Die Kapelle selbst, schlechthin auch nach dem Papst Sirius IV. (1471—1484) Sixtina genannt, wurde 1473 durch den römischen Baumeister Pintelli angelegt. Dieselbe ist ungemein reich ausgestattet und stellt ein Muster architektonischer Schönheit dar. Das Schönste in derselben ist das Fresko- Gemälde „das jüngste Gericht", von dem Maler Michael Angelo (geb. 1474, gestorben zu Rom 1504), welcher dasselbe unter dem Papste Clemens VI!. innerhalb des Zeitraumes von sieben Jahren malte. Das Bild hat die kolossale Höhe von 60 Fuß und nimmt die ganze Altarmand der Kapelle ein. In dieser Kapelle werden die unsterblichen Werte eines Palestrina, eines Allegri u. s. w. aufgeführt von der weltberühmten Sängerschule, der sixtinischen Kapelle. In Nom bestanden seit dem Papste Gregor den: Großen Sängerschulen, berühmt weit und breit, aus diesen Schulen nun wurde die sixtinische Kapelle gebildet, und war so gleichsam die Elite der Elite. Das Institut wurde gegründet 1545 unter Papst Paul III. (1534—1549), gerade in einer Zeit, in welcher der kirchliche Gesang ausarten wollte, so daß das Concil von Trient ausdrücklich befehlen mußte: „al» ooolcsiis varo urusioas aas, ubi snD ur->Äiu>, oivs cniitu lauoivuin uut impurum ali^uict mii-cmtur, nrosant.^ Palestrina selbst, welcher durch seine „nstssu Llarealli" den Ehrenamen eines Homer der älteren Kirchenmusik sich erwarb, und sich desgleichen durch seine „Impro^Lria" unsterblichen Ruhm erworben, war eine Zeit lang Vorstand der sixtinischen Kapelle, wurde aber wegen Verheirathung unter Papst Paul entlassen, später wieder aufgenommen, weil ein Palestrina nur allein der damalige Dirigent sein konnte. Die Mitglieder der Kapelle dürfen nämlich nicht verheirathet, und nicht über dreißig Jahre alt sein; sie müssen aus guter Familie stammen und dürfen noch nie gerichtlich bestraft worden sein. Alle haben priesterliche Kleidung und die Tonsur zu tragen, und müssen fünf verschiedene Prüfungen bestehen im Choral-, im Figuralgesang und im Contrapunkt. Daß sämmtliche Mitglieder sich nur aus den tüchtigsten, geschultesten Sängern rckrutiren, mag auch daraus erhellen, daß Proben nur im äußersten Nothfall gehalten werden. Die Sänger haben bei allen gottesdienstlichen Handlungen, die der Papst selbst vornimmt, den Gesang zn besorgen, und jedes: muß. demselben bei seiner Aufnahme, welche durch Abstimmung geschieht, Treue geloben. Zu dem Archiv, in welchen: sich gegen fünfhundert Gesangesstücke befinden, die sonst nirgends auf der Welt sind, hat außer dein jeweiligen Kapellmeister Niemand Zutritt, außer der heilige Vater gäbe speziell seine Erlaubniß dazu. Der letzte berühmte Direktor war Baust, der jetzige heißt, wenn wir uns nicht täuschen, Mustapha. Das Großartigste, was man in Musik und Gesang leisten kann, wird von der Kapelle aufgeführt in der heiligen Charwoche, und die Perle aller Aufführungen ist die des Miserere am heiligen Charfreitag. Dasselbe ist von Gregorio Allegri, neben Palestrina der berühmteste Componist aus der altitalienischen Schule, Hnd ist zweichörig. Dasselbe muß wirklich großartigen, gewaltigen Eindruck machen. Kaiser Leopold I. (1657—1705) erbat sich eine Abschrift, die er auch erhielt; — 334 — es wurde in Wien aufgeführt, doch lange nicht mit dem Erfolg und der Wirkung, wie zu Rom. Deshalb glaubte man, der römische Kapellmeister habe ein unechtes gesandt, und er wurde abgesetzt. Nachdem er sich gerechtfertigt, wurde er wieder aufgenommen; das echte Miserere hatte er wohl nach Wien geschickt, aber den Geist, welcher demselben innewohnt, konnte er eben nicht absenden. Der Heroe der Musik, Mozart, hörte es zweimal und schrieb es dann auswendig nieder. Im Jahre 1860 wurde es in Wien wiederholt aufgeführt und ist jetzt eine Abschrift von demseben vorhanden in der Nusisa saora bei Kühne!. Auch vom König Friedrich Wilhelm IH. von Preußen ist bekannt, daß er im Jahre 1822 in Rom die sixtinische Kapelle hörte und die Aufführungen derselben ungemein lobte. Von dem bedeutenden Musikkenner und Musiker Mendelssohn dagegen wissen wir, daß er, nachdem er die Kapelle gehört, in einem Brief an seinen Lehrer Zelter in Berlin schrieb, daß die Leistungen nicht gar so großartig seien, wie man ihm erzählt, und wie er gelesen. Betreffs dieses Urtheils dürften vielleicht die Worte hierher gesetzt werden: „äs ^ustibus non s^t ämputunäum." Hoffen wir, daß das weltberühmte Institut nicht seinen Ruhm verliert oder gar auf den Aussterbeetat gesetzt wird! Wer des Weitem sich mit der Kapelle beschäftigen will, findet hinreichenden Stoff in der „Geschichte der sixtinischen Kapelle" von Adrien de la Zage und in der „päpstlichen Süngerschule in Rom" von Eduard Schelle. Was uns -er Strumpf erzählt. Der Gebrauch der Strümpfe, wie wir sie heut' zu Tage tragen und jetzt täglich unter den fleißigen, deutschen Frauenhänden entstehen sehen, ist noch nicht so gar uralten Datums und Ursprunges. Die Alten trugen bekanntlich überhaupt keine Strümpfe; die Römer umwickelten ihre Beine mit Binden, und auch später bedienten sich ihrer vorerst nur Weiber, Kranke oder für weichlich geltende Personen. Erst im 5. und 6. Jahrhundert wurde der Gebrauch durch die Germanen ein allgemeiner, und zwar bestanden jene Strümpfe aus Leder, Tuch oder Wollenzeug, und waren mit den Hosen gleich verbunden, bis dann — erst im Jahre 1560 — durch die Schweizer gestrickte Strümpfe aufkamen. Die Königin Elisabeth von England (1556—1603), welche nicht nur, wo sich irgend eine Gelegenheit bot, die brittische Mannfactur zu fördern suchte, sondern auch außerdem eine große Vorliebe für fremde, schöne Kleidung und Moden besaß, mochte fortan gar keine Tuchstrümpfe mehr tragen, nachdem man in ihrem dritten Negierungsjahr, so bald gestrickte Strümpfe aufgekommen waren, ein Paar davon ihr überreicht hatte, so wohl war sie zufrieden mit der neuen Errungenschaft. Diese Strümpfe der Königin bestanden aus Seide, und waren in England selbst verfaßt, d. h. gestrickt worden, was als einen sehr großer Triumph der Kunst und Wissenschaft galt; die Strümpfe damaliger Zeit bestanden sämmtlich und allgemein aus Seide, Leinwand, Wolle, gezwirnter Gaze, feinerem Garn oder Tuch von allen Farben, mit Zwickeln, offenen Säumen u. s. w. Maria Etuart z. B., Elisabeth's besiegte Feindin, trug bei ihrer Hinrichtung Strümpfe von blauer Wolle mit Silber durchwebt, und darunter ein Paar weiße. Aber auch die Zeit war nicht mehr fern, wo alle mit der Hand gearbeiteten Strümpfe in den Hintergrund treten sollten, während das Tragen von Strümpfen nun allgemein gebräuchlich wurde, denn es nahete, als wichtiger Moment in der Lebensgeschichte der Strümpfe der „Strumpfwirkerstuhl" in eigener Gestalt, erfunden 1589 durch William Lee in Cambrigde, welchem dafür die Ehre zu Theil ward, nebst seinen Brüdern zu „Hoflieferanten" ernannt zu werden, d. h. sie durften die Strümpfe ihrer Majestät arbeiten. Concurrenzneid trieb sie später dann nach Frankreich; so gelangte die Strumpfwirkerei auch nach dorthin zu Anfang des 17. Jahrhunderts, während sie in Deutschland erst anno 1700 erschien, um sich dort in Erlangen, und später namentlich im sächsischen Erzgebirge heimisch zu machen. — Der Strumpfwirkerstuhl erfuhr freilich im Laufe der Zeiten mancherlei Lerände» - 333 — ungen und Verbesserungen, und das Tragen von Strümpfen ist so allgemein Brauch und Sitte, daß man fast meint, es müsse gar immer so gewesen sein, und doch hat es einst eine Zeit gegeben, in der noch nicht der Strickstrumpf der beachtenswerthe Concurrent des Strumpfwirlstuhles das rechte, echte Attribut der deutschen Hausfrau, ihr Zufluchtsort, ihr zweites Ich und schönes Vorrecht war! — Andere Zeiten, andere Sitten! Würde man doch jetzt aucy recht erstaunt drein blicken, wenn ein Paar Strumpfbänder noch ein ebenso kostbarer Gegenstand wären, wie damals, zur Zeit der Königin Elisabeth, wo das Paar oft fünf Pfund» also etwa 100 Mark, kostete! — Nein, auch das besorgt der deutsche Strickstrumpf heut' zu Tage billiger! — Klara Reichner. N h e i n f a h r t. Nun rinnen alle Quellen Gebt Ränzlein mir und Stab: Mit fröhlichen Gesellen Zieh' ich den Rhein hinab! Weiß keiner um den andern, Sind doch sich herzlich gut: Im Frühling muß man wandern, Da blüht so reich der Muth. Seht ihr das Land sich spiegeln Im Strom, der fluchend kreist? Laßt feiernd uns entsiegeln Der Rebe kühnen Geist! Stoßt an, die Jugend lebe, Die Liebe und der Wein, Durch's Blau ein Engel schwebe, Und Frühling soll es sein! Der schroffe Fels mit Schweige» Blickt nieder, burggekrünt, Doch bald mit sanftem Reigen Er sich dem Thal versöhnt. Mit bräutlichem Erschwellen Sein User küßt der Strom, Es schaut sich in die Wellen Die Stadt mit ihrem Dom. Wohl mag auf weiter Erde Manch trautes Plätzchen sein, Doch stets ich rasen iverde: Am schönsten ist's am Rhein! Mögt ihr den Borzug geben Neapel und Byzanz: - Es ist nur halbes Leben, Am Rhein nur lebt sich's ganz! Du Fei mit blonde» Haaren, Geliebtes Schifferkind, Du möchtest wohl erfahren, Wer die Geselle» sind? Die Herzen sich erweitern, Du knüpfst die Locke los; Wie freudig wollt' ich icheiter Bor deinem Zauberschloß l Wie lieblich hat die Sage Seit Alters ihn verklärt l Bis in die jüngsten Tags Hat sich fein Ruhm bewährt l Wo echtes Lied erklungen Im weiten, deutschen Land, Bon ihm hat es gesungen, Und er gibt ihm Bestand. O Lust, sich hinznwiegen Auf feuchter Wasserbahn, Wenn gold'ne Wolken fliegen Und milde Lüfte nah'n! An grünen Rebenhänge» Vorüber geht die Fahrt, Vergang'ne Zeiten dränge» Sich j» die Gegenwart. Wie Griechenlands Camöne*) An Delphi's Quell geruht, So schöpfen deutsche Söhne Aus feiner grünen Fluth: Da singt so säusle Weise Der Nixe Zaubermund, Und jeder Schmerz wird leise Und sinkt hinab zum Grund. Wie einst der kluge Hagen - Das blinkende Geichmeid', Hab' ich in schlimmen Tagen Darin versenkt mein Leid; Des Herzens Wünsche streben Zurück mir an den Rhein: Am Rheins möcht' ich leben Und auch begraben sein! Geschrieben in der Türkei im Frühlinge des Jahres 1876. Franz Wisbacher. *) Muse. M i s - s l l e,r. (I'iillö i8 mone^.) Eine humoristische Geschichte, die sich auf der tragischen Brandstätte des Berliner National-Theaters abspielte, wird in den Theaterkreisen Berlins erzählt. Als Herr Hofbuchdrucker Möser vor dem Gebäude angelangt war und in höchster Aufregung mit den Feuerwehrleuten conferirte, benutzte ein Herr die ungemein passende Gelegenheit, um sich dem Besitzer des Theaters — vorzustellen. Es war dies Herr Benno von Donat, der Direkter des National-Theaters, welcher die Bekanntschaft des Besitzers noch nicht gemacht hatte. Herr Möser, der in diesem Augenblicke wohl Anderes zu thun hatte als gesellschaftliche Artigkeiten auszutauschen» lehnte in seiner begreiflichen Irritation mit den Worten: „Ich habe keine Zeit, übrigens hätten Sie sich mir schon längst vorstellen sollen" ab." Herr v. Donat ist wirklich Stoiker eoinm il kaut, das Wort des Horaz „auixe Iioras" scheint einen „unauslöschlichen" Eindruck auf ihn gemacht zu haben. (Ein geriebener Junge.) Die „Düsseld. Volksztg." erzählt: Ein früherer Professor am Düsseldorfer Gymnasium erzählte, daß er am zweiten oder dritten Tage seines Hierseins sich im Nebel verlaufen und seine Wohnung nicht habe finden können. Er fragte deshalb einen Jungen von hier: „Kleiner, wenn Du mir zeigst, wo die Schadowstraße ist, so erhälst Du zwei und einen halben Silbergroschen." „Dann müßt ehr se mir evver vorher gebe," habe der Junge geantwortet. Seinem Wunsche sei willfahrt worden, worauf der Junge seine Kührerdienste dadurch kurz erledigte, daß er sagtet „Här, ehr steht drop!" Der Junge, der die Wahrheit gesagt hatte, sei darauf im Nebe! verschwunden. (Ein Haar im Zopf gefunden.) Der Pariser „Figaro" weiß genau Bescheid, wie die österreichische Kaiserin frisirt wird. Er erzählt, daß die Friseurin Ihrer Majestät -erst dann, wenn andere Dienerinnen bereits alle Vorarbeiten gemacht, hinzu tritt, um die Coiffure zu vollenden. Die Kaiserin hat bekanntlich sehr schönes langes Haar und da habe nun — so will das genannte Blatt erfahren haben — eine Steirerin die Haare, welche beim Auskämmen am Kamme verblieben gesammelt, zu einem Zopfe gebunden und denselben zum Preise von mehreren tausend Gulden einem reichen Engländer verkauft. Am österreichischen Hofe jedoch sei man sehr empört gewesen über diesen Mißbrauch und habe die Betreffende sofort ihres Dienstes entlassen. (Das Eldorado der Avokaten) scheint der Staat Newyork zu sein. Dort finden unter einer Bevölkerung von etwa 5 Millionen Menschen nicht iveniger als 8000 bis 10,000 Advokaten ihr tägliches Brod. In ganz England gibt eS nur 11—12,000 Advokaten. _^ (Auch ein Scheidungsgrund.) Advokat: -Sie wollen von Ihrem Manne geschieden werden — welchen Scheidungsgrund haben Sie?" — Dame: „Wissen Sie, ich kann so 'ne gute andere Partie machen." Original-Lilben-Näthsel. * Drei Silben breiten über Mausoleen Die schlanken Arme leidverkündend aus. Sie sind des Todes prunkende Trophäen Und mahnen an des Menschen letztes Hans. Du hörst in ihnen Geisterstimmen wehen. Und es ergreift dich Wehmuth, Furcht und Graus; Wo sie ihr traurig stolzes Haupt erheben, Verstummt die Lust, ersterben Krast und Leben. Drum tilg' die erste Silb' und epikurisch Lachet dir das Leben, denn ein Kunstgebild, Dem Weingott werth, erscheint, worauspurpurisch Ein Freudenborn aus tausend Ritzen quillt: Ergreif ein Trinkgesäß, sei es etrurisch, Seis vom gemeinsten Thon, und ist's gefüllt, Entleer' es, schlag die Grabgedauken nieder Und still' es aus dem Kunstgebild Dir wieder. Doch dies versiegt mit seiner Freudenqucllc Raubst Du ihm vorne nur ein Zcichcnpaar, Es wandelt sich eine in wahre Hölle Mit einem Funkensprühenden Altar. Trübscl'ge Gnomen steh'n an seiner Schwell« Und bringen Opfer dem Vulkane dar. Allein besäng ich ihre schwarze Thaten, Dieß Räthsel würd' ein Kind sogar errathen. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. zur „Äugslmrger postzeitimg." Nr. 43. Mittwoch, 30. Mai 1883. Des Försters Enkelkind. Original'Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Frau Albrecht empfand bereits die aufrichtigste Theilnahme mit der Gräfin Steinhorst und war geneigt auf ihren Wunsch einzugehen, während auch ihr Onkel für die Frau, die er ihres rastlosen Wirkens willen hochachtete, eine Art Mitleid fühlte. Seine Nichte bedeutungsvoll ansehend, erwiderte sie dies durch einen bejahenden Blick, worauf er zu der Gräfin sagte: „Wir können es ja einmal mit dem Junker versuchen, Frau Gräfin, und sehen, wie wir uns gegenseitig gefallen!" „Das freut mich, Herr Förster", erwiderte diese sichtlich erleichtert, und fügte, sich an seine Nichte wendend, hinzu: „Sind Sie auch der Ansicht, Frau Albrecht?" „Gewiß, Frau Gräfin, ich stimme mit meinem Onkel überein!" „Nun gut, so versuchen wir es, obgleich ich glaube, mein Enkel wird sich Ihre Zuneigung bald erwerben. Ünd nun noch eine Frage — eine Geschäftsfrage — wie viel Kostgeld beanspruchen Sie?" „Wie viel Kostgeld?" fragte einigermaßen überrascht der Förster, der an ein solches noch nicht gedacht. „Lassen wir das einstweilen, Frau Gräfin-" „Nein, nein", erwiderte diese schnell und ihre Wange röthete sich leicht, „habe ich es doch auch dem Professor bezahlt! — Ich werde Sie doch den Grafen Steinhorst nicht umsonst unterhalten lassen, wenn es auch kein Geheimniß geblieben, daß er der ärmste seines Namens ist." Frau Albrechts Züge verriethen eine plötzliche Besorgniß, denn auch das Gesicht des Försters röthete sich, der eben noch so wohlwollende Ausdruck desselben schwand und mit scharfer Betonung erwiderte er: „Nein, Frau Gräfin, das können Sie allerdings nicht! — Für den Grafen Steinhorst muß natürlich ein Kostgeld bezahlt werden und so sagen Sie mir, wie viel Sie dem Professorgegeben?" „Jährlich vierhundert Thaler, außer einigen Nebenausgaben", erwiderte ruhig die Gräfin, während Frau Albrecht ihren Onkel noch immer besorgt betrachtete. „Dann wollen wir die Hälfte sagen, ohne alle Nebenausgaben", fuhr nach kurzem Bedenken der Förster fort. Das Leben hier draußen im Walde ist billiger als in der Stadt, und auf einige Hülfe kann ich bei dem Junker auch wohl rechnen, indeß der Professor noch Arbeit und Mühe von ihm gehabt!" „Damit bin ich einverstanden", antwortete die Gräfin, „vorausgesetzt, daß Sie Ihre Rechnung dabei finden!" „Das lassen Sie meine Sorge sein, Frau Gräfin!" 338 „So wäre denn der Vertrag auf unbestimmte Zeit abgeschlossen, und ich werde die erforderliche Ausstattung meines Eekels schicken; wann können Sie ihn aufnehmen?", „Wann Sie wollen, Frau Gräfin!" „Schon morgen!" „Ich werde Ihnen ihn selbst zuführen!" „Weiß der Junker, daß er Steinhorst schon wieder verlassen soll?" „Ich habe es ihm diesen Morgen mitgetheilt und ihm zugleich vorgestellt, daß er sich die zur Verwaltung seiner Güter erforderlichen Kenntnisse erwerben müsse. Sein Großvater und Vater hatten das nicht gethan, und ich habe mit den Folgen schwer zu kämpfen gehabt!" Sie setzten dies Gespräch fort, indeß Frau Albrecht sich rn's Haus begab, um einige Erfrischungen zu holen. Die Gräfin nahm von dem ihr dargebotenen Wein und Kuchen und fragte nach Anna, die sie ebenfalls kannte. „Sie ist mit dem Mädchen in's Dorf gegangen", antwortete der Förster, „doch glaube ich, sie kommen zu sehen!" Wirklich kamen Beide, begleitet von dem Neufundländer, die Straße gegangen, und zwar wie sich erkennen ließ, in lebhaftem Gespräch. Der Weg über den Forsthof war bald zurückgelegt und während Christine, die Gräfin begrüßend, in's Haus ging, schritt Anna dem Platz vor der Thüre zu und begrüßte ebenfalls den ungewohnten Gast, ihren Großvater und ihre Tante. Diese erwiderten freundlich ihren Gruß, und ihr die Hand reichend, sagte die Gräfin in der ihr gewohnten schnellen und schroffen Sprachweise: „Guten Tag, mein Kind. Kennst Du mich noch?" „Gewiß", entgegnete Anna mit der ihr eigenen Unbefangenheit, ich habe Sie noch kürzlich in der Kirche gesehen!" „Da hätte ich Dich doch auch bemerken müssen!" „Ich war den Tag mit Christine gegangen, und weil wir uns verspätet, bekamen wir nur noch einen Seitenplatzl" „Auf dem Kirchenweg sollte man sich nie verspäten, mein Kind", antwortete streng die Gräfin, des Försters Enkelkind zugleich aufmerksam betrachtend. „Es kam auch nur, weil wir einer kranken Frau Wein gebracht, den ich doch nicht mit in die Kirche nehmen konnte." „Das ist allerdings wahr!" — Gewiß aber bist Du heute wieder bei Kranken gewesen, denn Du, wie Deine Begleiterin hatten Körbe-" Anna sah auf den Großvater, der sie liebevoll anblickend, sagte: „Erzähle der Frau Gräfin nur, was Du und Christine in Vahrenwald gethan-" Anna berichtete umständlich von ihrer Mission und Frau Steffens Dank und Freude über den Inhalt der Körbe und fügte schließlich hinzu: „Die armen Kinder müssen sehr krank gewesen sein, denn sie sind schrecklich bleich, und können nicht gehen noch stehen." Die Gräfin zog ihre Geldtasche hervor, nahm fünf Thaler aus derselben und sagte' sie Anna reichend: „Du gehst gewiß bald wieder zu Frau Steffen, mein Kind, dann bringe ihr auch dies Geld für ihre kranken Kinder —" „Das will ich thun, Frau Gräfin", entgegnete lebhaft des Försters Enkelkind. „Darüber wird sie sich gewiß sehr freuen, denn sie hat Christine erzählt, daß ihr Mann für die theure Medizin fast sein ganzes Geld ausgegeben." Frau Albrecht reichte ihrer Nichte jetzt ebenfalls Kuchen und Wein, die Gräfin aber sagte nach kurzer Pause: „Du wirst einen Hausgenossen bekommen, mein Kind, Morgen bringe ich meinen Enkel 339 „Anna blickte sie überrascht an, sah dann auf ihren Großvater und ihre Tante und mußte in deren Augen eine Bestätigung gelesen haben, denn sie sagte; „Ihren Enkel, Frau Gräfin? — Ist das wohl der große Junge, der mit Ihnen in der Kirche war?" Ueber die ernsten Züge des Försters und seiner Nichte huschte ein Lächeln, die Grüsin aber erwiderte ruhig: „Ja, mein Kind!" „Was soll er bei uns?" fuhr Anna unbeirrt fort. „Geht er nicht mehr in die Schule? —" „Nein, er hat sie verlassen und wird bei Deinem Großvater arbeiten." „Will er auch ein Förster werden?" „Jetzt überflcg der Gräfin Angesicht ein leises Lächeln und dann das Kind forschend und prüfend ansehend erwiderte sie: „Nein, er muß Landmann werden, denn er hat von seinem Vater drei Güter geerbt. Weil aber zu diesen große Waldungen gehören, soll er hier lernen —" , „O, ich weiß es schon", unterbrach sie Anna lebhaft, „ich weiß, was die Jägerburschen und Forstgehülfen bei meinem Großvater lernen und habe oft gesehen, —" „Du spielst wohl viel im Walde und bist dort lieber, als in der Schule?" sagte mit merklicher Betonung die Gräfin. Kohring und seine Nichte blickte,« erwartungsvoll auf Anna, welche auch sogleich mit einen« ruhigen Blick auf diese entgegnete: »Ich spiele nie im Walde, Frau Gräfin, und gehe nur dorthin, wenn es sein muß, und mein Großvater und meine Tante es wünschen. — I» einer Schule bin ich noch gar nicht gewesen-" Anna blickte rathlos auf ihren Großvater und ihre Tante, welche der Gräfin erklärte, «vie es sich mit dieser Sache verhielt und was in dieser Beziehung ihr Onkel für seine Enkelin zu thun gedachte. Nach einigen Augenblicken erhob sie sich, »vas ihren» Kutscher das Zeichen vorzufahren war. Noch einmal erklärend am folgenden Morgen mit ihrem Enkel kommen zu wollen, nahin sie von der Familie Abschied und verließ den Forsthof. Ihr nachblickend, als sie auf der Landstraße dahin fuhr, sagte Anna, den Arm um ihres Großvaters Schultern legend: „Großvater, die Frau Gräfin gefällt mir nicht, «vie ich das rvohl immer gedacht, wen» sie mir auch das Geld für Frau Steffen gegeben!" „Weshalb nicht, «nein Kind?" fragte Kohring, die Pfeife wieder zur Hand nehmend» und sah zugleich in die ernstblickenden Augen seiner Enkelin. „Sie ist gewiß recht strenge-aber ich kann das rechte Wort nicht finden-" „Gib Dir deshalb keine Mühe, Anna", entgegnete ihr Großvater und that die ersten Züge aus seiner Pfeife. „Wir werden sie den ganzen Winter nicht wiedersehen, denn sie' reist schon in diesen Tagen zu ihrer Tochter." Das freut mich aber ihres Enkels wegen. Wie heißt er?" „Sie nannte ihn Waldemar." „Es wird Waldemar bei uns gewiß besser gefallen, als in Steinhorst. — Wenn ihm drei Güter gehören, so ist er wohl sehr reich?" „Noch nicht, Kind, doch kann er, wenn er fleißig und sparsam ist, es einmal werden. Sein Vater und Großvater haben sehr viel Geld gebraucht, mehr als sie gehabt und er und seine Großmutter «nüssen das wieder bezahlen. Doch das verstehst Du noch nicht-" „Nein, Großvater", erwiderte Anna nachdenklich, das verstehe ich noch nicht. Wenn ich aber größer und älter bin-" „Ja, Kind, wenn Du größer und älter bist, wirst Du Manches sehen, hören und verstehen lernen, von dein Du jetzt keine Ahnung hast", erwiderte Kohring und that hastige Züge aus seiner Pfeife, ein sicheres Zeichen, daß schwere, traurige Gedanken sich seiner bemächtigt. — 340 XIV. Junker Walbemar war im Försterhause von Vahrenwald eingezogen und am nächsten Tage die Gräfin nach Schlesien abgereist. Seitdem waren mehrere Wochen verflossen, man hatte den neuen Hausgenossen kennen gelernt und sich an ihn gewöhnt. Seine äußere Erscheinung entsprach der Beschreibung seiner Großmutter; er war klein und schmächtig, hatte eine bleiche Gesichtsfarbe, hübsche, offene, doch kindliche Züge, braune, etwas träumerisch blickende Angen und reiches, hellbraunes Haar. Durch ein bescheidenes, aufmerksames Betragen gewann sich Waldemar bald Aller Zuneigung, wie man ihm auch mit Freundlichkeit entgegen kam. Dem Förster schloß er sich besonders an, und widmete sich den ihm neuen Arbeiten in Wald und Flur mit großem Eifer. Er und Anna standen auf geschwisterlichen, Fuße, doch blickte sie voll Anerkennung und Bewunderung zu ihm auf, denn ihr war schon klar geworden, daß er viel gelernt, und aufmerksam lauschte Sie, wenn er mit ihrem Großvater über Dinge sprach, die sie nicht verstand. An einem Sonntag Nachmittag unternahm seiner Gewohnheit gemäß, der Förster mit den Seinen, zu denen er jetzt auch den Junker zählte, einen Spaziergang durch den Wald, nachdem sie am Morgen die Kirche besucht. Die beiden Jüngsten der Gesellschaft gingen lebhaft plaudernd und von Wolf begleitet voran, während langsam die Aelteren folgten. Sie eine Weile schweigend betrachtend, sagte endlich der Förster: „Der Junker hat sich allem Anschein nach hier schnell angewöhnt und ist ein anstelliger Bursche, der sich gebrauchen läßt. Ich habe das auch der Gräfin geschrieben, deren Brief ich bereits beantwortet habe." „Sie hat offenbar das Richtige für ihren Enkel gewühlt", entgegnete Frau Albrecht. „Das hat sie ohne Zweifel, da er sich hier auch körperlich erholt. Ob aber auch wir es gethan —" fügte der Förster mit Nachdruck hinzu. — „Was meinst Du, Onkel?" fragte schnell seine Nichte. „Sieh doch nur hin", antwortete er, auf die jugendlichen Gestalten deutend, die jetzt ernst und angelegentlich sprachen. „Bis auf den Neufundländer erinnern sie mich an ein anderes Bild, das mir jetzt so oft wieder vor die Seele tritt!" Frau Albrecht blickte voll Theilnahme auf ihren Onkel, der nach kurzer Pause fortfuhr: „Noch einmal, Wilhelmine, ich weiß nicht, ob ich recht gethan, den Junker hierher zu nehmen. Wie leicht — wie leicht können sie —" „Anna ist noch ein Kind, Onkel, und der Junker nicht viel mehr", unterbrach seine Nichte. „So ging es mit Jenen auch", sagte langsam und seine Worte betonend der Förster, „bis sie älter wurden und die Liebe in die jungen Herzen einzog!" „Der Junker wird nur kurze Zeit hier bleiben —" „Dennoch müssen wir sie so viel wie eben möglich, zu trennen suche» —" „Es wird schwer halten, Onkel. Aber da kommt mir ein Gedanke! — Laß uns sobald wie möglich eine Erzieherin nehme», die sich fortwährend mit Anna beschäftigt —5 „Das sollte ja erst im Herbste geschehen", wandte der Förster ein. „Es wird Dich beruhigen, wenn wir uns schon jetzt nach einer solchen umsehen! — Fahre gleich morgen zur Stadt, zum Physikus, der einmal von einer entfernten Verwandten gesprochen, und weiß er keinen Rath, so laß uns eine Anzeige machen —" ^ „Du magst Recht haben, Wilhelmine", entgegnete nach kurzem Bedenken der Förster, j der einmal diesen Gedanken erfaßt ihn mit seiner Nichte weiter besprach, bis er beschloß, am nächsten Morgen die ersten Schritte zur Ausführung desselben zu thun. Nach manchen vergeblichen Bemühungen war endlich die Erzieherin für des Försters Enkelkind gefunden, und diese auch bereits angelangt. Sophie Dörner war die Tochter der Wittwe eines Arztes in einer mitteldeutschen Universitätsstadt, und dem Förster und seiner Nichte besonders empfohlen. Einige zwanzig 341 Jahre alt war sie, von sanftem, doch bestimmtem Charakter, und verstand es, sich Anna'S Liebe zu erwerben, in der sie eine ebenso fleißige wie begabte Schülerin fand. Nach den Unterrichtsstunden blieb dieser noch Zeit genug, sich ihrem Großvater, ihrer Tante und den häuslichen Arbeiten zu widmen und war dann Sophie Dörner Frau Albrecht eine liebe Gesellschafterin, auch sagte ihr das Leben in dem einsamen Förstcrhause zu, so daß sie sich dort bald heimisch fühlte. (Fortsetzung folgt.) Maiandacht. Es öffnet sich der Schönheit blühend Reich; Was hehr und hold, was hoch und auserlesen, Es huldigt Dir im Wettstreit aller Wesen, Du Herrliche, der nichts Erschafs'ues gleich. O laß auch uns ein Blümlein niederlegen Als Gabe Dir an des Altares Fuß! Dort blüh' es still und trag' als Liebesgras; Der Andacht heil'gen Odem Dir entgegen. . L. Der Einzug des Kaiserpaares irr Moskau. Moskau, 22. Mai. Das große Ereigniß des Tages hat sich vorschriftsmäßig und glücklich vollzogen. Das kaiserliche Paar hat seinen feierlichen Krönungseinzug in Moskau gehalten. Das Wetter war wechselnd. Die Sonne kämpfte mit den Wolken und während eines Theiles der Einzugszeit fiel ein leichter Regen. Stürmischer Jubel, alle erdenklichen Zeichen der Hingebung und Huldigung begleiteten den kaiserlichen Zug. Es war gegen Mittag, als neun Schüsse aus den auf dem Tainizki-Thurm (Tainizki-Thor am Kreml) aufgestellte» Geschützen das Signal zum Beginn des Glockengeläutes von der großen Uspenski-Kathe- drale (Kathedrale der Himmelfahrt Maria — Krönungskirche der Zaren und Begräbniß- stätte der russischen Patriarchen) gaben. Inzwischen hatten die Truppen längs den Einzugsstraßen Aufstellung genommen und sich die an dem Einzug theilnehmenden Fürstlichkeiten, Hofchargen und Deputationen in dem Petrowskipalais einaefunden. Um zwei Uhr stieg der Kaiser, der große Generalsuniform trug, zu Pferde, er ritt ein reichgeschirrtes weißes Pferd, sein Gesicht zeigte den ruhigen und etwas melancholischen Ernst, den man an ihm kennt. Als auch die Kaiserin in ihrer Prachtkarrosse Platz genommen hatte, gab der Adjutant das verabredete Zeichen — aus den gegenüber dem Petromski- Palais aufgefahrenen Geschützen werden drei Schüsse abgegeben und der Zug setzt sich in Bewegung. Was das russische Reich an Glanz und Repräsentation aufbieten kann, ist rn diesen» außerordentlichen Zuge vereiirt. Ihn eröffnete ein Polizeimeister und 12 Gendarmen paarweise zu Pferde, darauf folgte die Eskorte des Kaisers, je eine Schwadron Leibkosaken und Leibdragoner. Dann folgte das Hauptschaustück des Zuges, der sich durch die via triuinxdalio bewegte, die Deputationen der Rußland unterworfenen asiatischen Völkerschaften paarweise zu Pferde, eine wahre Völkerausstellung. Die Mannigfaltigkeit der Kostüme, die Seltsamkeit der Gestalten, ihre würdevolle und getragene Erscheinung gaben eiü Bild von unbeschreiblicher Wirkung. I» den Kreis russicher Uniformen wird man wieder zurückgerufen durch die sich anschließenden Adelsmarschälle, welche den hohen Adel Rußlands geleiten, die stolzeste Aristokratie der Welt, zum Theil prächtige und originelle Erscheinungen. Die kaiserliche Jägerei zu Fuß und der Leibjäger des Kaisers und der Oberjägermeister zu Pferde markiren einen Abschnitt und geben dem Beschauer Zeit, sich zu neuen Eindrücken zu sammeln. Denn jetzt steigert sich die Szene und man wird gewahr, daß der Mittelpunkt dieses ungeheuren Aufgebotes der Selbstherrscher, um den sich alles bewegt und auf den alles zurückführt, sich nähert. In zehn Abtheilungen zu »- 342 Pferde oder in Prachtkarrossen folgen die Krönungsoberzeremonienmeister, Zeremonien- ineisler, Kammerjunker, Kainmerherren, Hofmarschälle, die Kavaliere der fremden Prinzen, die Mitglieder des Neichsrathes und endlich der Oberhofmarschall. Die Leibschwadron des Chevaliergarderegiments der Kaiserin und die Leibschmadron des Leibgarderegiments zu Pferde ritten unmittelbar vor dem Kaiser, dem in angemessener Entfernung folgten Graf Woronzow-Daschkow, der Hausminister, der Kriegsminister und der Befehlshaber des kaiserlichen Hauptquartiers, sowie die Adjutanten vom Dienst. Das Gebrause des wildesten Hurrahschreiens kündigt das Herannahen des Kaisers an und verhallt, wie er im Zug langsam weiter reitend sich entfernt. Als Nebensonnen an diesem Himmel folgen jetzt die Großfürsten und die mit der kaiserlichen Familie verwandten, im russischen Dienst stehenden Fürsten fremder Häuser. Die Großfürsten Wladimir und Sergei sowie der Prinz Alexander Petrowitsch von Oldenburg standen in der Fronte. Unmittelbar vor dem Wagen der Kaiserin ritten die Generaladjutanten, Generale ä 1a suitö und Flügeladjutanten sowie das militärische Gefolge der fremden Prinzen. Hatte sich der Zug bis jetzt durch Würde und Pracht ausgezeichnet, so brachte die jetzt sich anschließende Abtheilung ein neues Element hinein. Der Wagen der Kaisern kommt herbei. Auf den lieblichen Zügen liegt eine gewisse Müdigkeit angedeutet, nicht desto weniger beantwortet die Monarchin mit freundlichem Verneigen die huldigenden Vernetzungen und die stürmischen Zurufe der Menge, durch welche sie passirt. Die Kaiserin sah mit ihrer Tochter, der Großfürstin Tenia, in einem vergoldeten, reichgezierten Paradewagen, dessen beide Beschläge mit großen kaiserlichen Adlern in Diamanten ausgeführt, geziert sind. Die Decke des Wagens stellt eine zusammenlaufende Guirlande dar, die mit einer reich in Rubinen und Smaragden gefaßten Krone abgeschlossen wird. Die Vorderwand und die Seiten des Wagens bestehen fast ganz aus Glas. In den Hang- riemen halten sich zwei Pagen in rothen goldgestickten Kostümen. Gezogen ward der Wagen von einem wundervollen Achtgespann von Schimmeln, neben jedem Thier ein Reitknecht; Stallmeister und Pagen, Kammerkosaken, Reitknechte beschlossen diese Abtheilung. Die Toilette der Zarin und aller Festtheilnehmerinnen ist die national-russische Hostoilette, bestehend aus dem Sarafan (Unterkleid) aus weißem Seidenstoffe mit reichen Goldstickereien im byzantinischen Styl, einem Oberkleid mit langer Schleppe aus strohgelbfarbigen Sammt mit reicher Handstickerei, Arabesken und Blumen kunstvoll in Gold ausgeführt. Das Oberkleid ist dekolletirt, der Brusteinsatz reich in Gold gestickt und mit Edelsteinen besetzt. Die weit aufgeschlitzten sog. polnischen Aermel fallen in malerischen Farben nach rückwärts. Das seingeformte Haupt der Zarin ziert ein Kakoschnik, eine Art von Diadem aus demselben Stoffe bestehend wie die Schleppe, mit Arabesken aus Edelsteinen und Perlen benäht. Diese Kopfzier wird noch durch einen langen, weiten, reich drapirten Tüllschleier gehoben. Der schlanke Hals ist durch eine reiche Niviöre in Brillanten gehoben. Die rechte Hand ist wegen der mehrfachen religiösen Zeremonien vom Handschuh entblößt. Der Kaiserin zunächst folgen in einer sechsspännigen reichvergoldeten Paradekassore die liebreizende Großfürstin Maria Pawlowna (geborene Prinzessin von Mecklenburg- Schwerin), Gemahlin des Großfürsten Wladimir, mit der geistvollen Alexandra Jossifowna, Gemahlin des Großfürsten Konstantin. Diese Galakarosse ist auf Befehl Friedrichs des Großen für die Kaiserin Katharina II. erbaut worden, ist reich vergoldet, auf den Wagenschlägen befindet sich inmitten einer Gruppe von reizvollen Amoretten der Namenszug Katharina's II. Im Innern ist der Wagen mit zarten Malereien vom Pinsel der Maler Wattau und Boucher geziert. Die nächstfolgenden Abtheilungen bildeten die Großfürstin Olga Fedorowna und die Herzogin von Edinburgh; die Herzogin Wera von Württemberg und Katharina von Oldenburg; die Prinzessin Maria von Baden und die Prinzessin Eugenia von Oldenburg, sowie die Herzogin Helene von Mecklenburg-Strelitz. Hierauf folgte die Leibschwadron des Leibgarde-Kürassier-Regiments des Kaisers und die Leibschwadron des Kürassier-Regiments der Kaiserin. Sodann kamen Staatsdamen, Kammer- 343 fräuleiii und Hofmeisterinnen der Kaiserin und der Großfürstinnen, sowie die Hofdamen der ausländischen Prinzessinnen. Den Beschluß des Zuges bilden die Leibschwadronen des Garde-Husaren- und Garde-Ulauen-Negiments. Mit der Ordnung des Zuges waren sechs Zeremonienmeister betraut, welche zur Seite desselben ritten. Um 3 Uhr erreichte die Spitze des Zuges die Stadt bei der Triumphpforte; auf kurz aufeinander gegebene Glockenzeichen vom Twerskoithurm und dem Iwan Weliki wurden 71 Salutschüsse gelöst. Hier erwartete den Kaiser Fürst Dolgoruki, der Generalgouverneur von Moskau und Oberstkrönungsmarschall, umgeben von den kaiserlichen Adjutanten. Bei der alten Triumphpsorte und beim Eingang zum Semljanoigorod (Moskau, das in konzentrischen Kreisen um seinen Mittelpunct, dem Kreml, herangewachsen ist, zerfällt in fünf Haupttheile, welche durch Mauern oder Boulevards von einander getrennt sind, einer dieser Theile heißt Semljanoigorod, so benannt nach den Erdwällen, welche Zar Michael Feodorowitsch aufführen ließ und an deren Stelle jetzt die boulevard- artige Gartenstraße die „Erdstadt" einschließt) ward der Kaiser und die Kaiserin empfangen von dem Moskauer Stadthaupte und den Stadtverordneten, sowie den Moskauer Kleinbürger- und Handwerkerämtern und Innungen. Ani Twerschen Platz stand der Adel des Gouvernements Moskau, am Wosskressenki Thor (auch Iberisches genannt, bildet von Westen her den Haupteingang zur inneren Stadt Kitaigorod) hatten die Behörden Moskaus Aufstellung genommen. Das Wosskressenski hat zwei Thorwege dicht bei einander, zwischen beiden am Fuße des Hügels der zum Krassnajaa-Platze ansteigt, steht die 1669 erbaute Kapelle der Iberischen Mutter Gottes, welche das berühmteste Heiligenbild Moskaus, das der wunder- thätigen Muttergottes enthält; es ist dies eine genaue 1648 feierlich unter Fasten und Beten angefertigte Copie des wunderthätigen Marienbildes des Iberischen Klosters auf dein Berge Athos, welche von dem Archimandriten und der Bruderschaft dem Zaren Alexis Michailowitsch verehrt wurde. (Das Bild wird fast täglich mit sechs Pferden und Livreebedienten in den Straßen Moskaus herumgefahren, um am Bette von Kranken Wunder zu verrichten oder Familienfesten durch seine Gegenwart die höchste Weihs zu geben, wofür eine Geldvergütung oft bis zu 100 Rubel erlegt wird.) An dieser Kapelle saßen der Kaiser und die Großfürsten ab, verließen die Kaiserin und die Großfürstinnen ihre Wagen, um dem wunderthätigen Bilde ihre Verehrung darzubringen. Mittlerweile machte der Zug Halt und setzte sich derselbe erst wieder in Bewegung, nachdem der Kaiser und die Großfürsten die Pferde, die Kaiserin und die Großfürstinnen die Wagen bestiegen hatten. Der feine Sprühregen, welcher während des Zuges eintrat» schlug den mächtig aufwirbelnden Staub nieder, wirkte somit wohlthätig und vermochte nicht den Eindruck des farbenprächtigen, überaus imponirend wirkenden Gesammtbildes zn beeinträchtigen. An den Hauptpunkten der fast 6 Kilometer langen, mit gelbem Kies bedeckten Triumph- straße sind Tribünen und Pavillons im allrussischen Styl errichtet, reich bemalt, mit Reichsadlern und Bannern in allen Farben geschmückt; für die Illumination und alle architektonischen Linien mit buntfarbigen Lampions ausgezeichnet. Der Zug ward von unausgesetzten brausenden Hurrahs und Hüteschwenken der loyalen Menge begleitet; sobald der Kaiser und die Kaiserin sichtbar wurden, verneigte sich das Volk bis zur Erde. 3'/^ Uhr traf der Zug am Kreml ein; am Eingang zu demselben, an dem merkwürdigsten aller Thore Moskaus, dein Spyassky oder Erlöser-Thor, war der Kaiser von dem Kommandanten von Moskau und einer glänzenden Generals- und Offizierssuite empfangen. Ueber den Zarenplatz erreichte der kaiserliche Zug die Pforte zwischen dem ^wan Welikij und der Archangelskirche. Die ersten Abtheilungen des Zuges waren ohne Aufenthalt über den Palaisplatz hin und am großen Kremlpalais vorbei gezogen und hatten den Kreml durch das Borowizki-Thor wieder verlassen. Nachdem der Kaiser und dre Kaiserin, sowie die Großfürsten und Großfürstinnen bei jener Pforte abgestiegen, betraten sie von dem heiligen Synod und der Geistlichkeit mit Kreuz und Weihwasser empfangen, die Uspenski-Kathedrale, von hier aus begaben sich die Majestäten unter grokem 344 Gefolge nach der Archangel-Kathedrale, wo sie der Erzbischof von Twer empfing. Hier küßten der Kaiser und die Kaiserin die heiligen Bilder und Reliquien und verrichteten ein Gebet an den Gräbern der alten Zaren aus dein Hause Romanow, sodann begaben sie sich unter Vorantritt des Metropoliten in die Blagowjeschtschenski-Kathedrale (Kathedrale der Verkündigung Maria), welche sie, nachdem sie auch hier den Heiligen ihre Verehrung bezeugt, unter Vorantritt der Hofgeistlichkeit und Sänger verließen, um sich über die rothe Freitreppe in das Krcmlpalais zu begeben; an dem Aufgang zur Treppe überreichte der Präsident der Krönungs-Kommission dem Kaiser Salz und Brot. Beim Eintritt in das Kremlpalais wurden 101 Schüsse gelöst uud begann gleichzeitig von allen Kirchen Glockengeläute, welches den ganzen Tag fortdauerte. Bei Beginn der Dunkelheit erstrahlte die Stadt in einem Lichtermeer, nur der Kreml blieb in Dunkel gehüllt. Das kaiserliche Paar hat sich in den Alexandrinenpalast begeben, von wo es zur Krönung nach dem Kreml zurückkehren wird. Das Gefühl hoher Befriedigung über den ungestörten glänzenden Verlauf des Einzuges ist allgemein und erhöht die Stimmung, die in den großen Volksmassen sich als eine religiös bewegte und getragene darstellt. Mit Spannung sieht man dem Krönungsmanifsste entgegen. Durch Fasten und Gebete bereitet sich das kaiserliche Paar auf die Krönung vor, während in den Straßen Moskaus ein unermeßliches Leben fluthet und die letzten Vorbereitungen zu zahllosen Festen getroffen werden. M i s s - l l e rr. (Der erste Journalist.) Wenn man sich bei der Aufsuchung des erste Journalisten nicht auf Europa beschränken will, so muß man als Vater der Journalistik einem Chinesen den Vortritt lassen, und zwar keinem geringern als dem ersten Minig- kaiscr Hung-wu, welcher im Jahre 1336 die jetzt auch in Peking erscheinende Staatszeitung Sin-Pao (Neue Nachrichten) gründete. In Europa war man bisher über den ersten Journalisten noch zweifelhaft; einige nahmen als solchen den Franzosen Theophrast Nenaudot an, der 1623 in Paris die erste regelmäßig erscheinende französische Zeitschrift „Ikouvolls oräma,i'r68 cko ckivers enckroit»" — von 1631 „Oanotts äo l?ranes" — herausgab. Diese Annahme ist jedoch ungerechtfertigt, da bereits im Jahre 1609 der Straß- bürger Johann Carolus die regelmäßig erscheinende Straßburger Zeitung in's Leben rief. Der Titel dieser nachweislich ältesten Zeitung, von welcher noch «in ganzer Jahrgang in der Heidelberger Bibliothek vorhanden ist, lautet: „Relation Allen Fürnemmen vnd ge- denkwürdigen Historien, so sich hin vnd wider im Hoch vnd Nieder Teutschland, auch in Frankreich, Italien, Schott- und Engelland, Hisspanien, Hungarn, Polen, Siebenbürgen, Wallachey, Moldaw, Türky rc. Jnn diesem 1609 Jahr verlauffen vnd zutragen möchte. Alles auf das trewlichste wie ich solche bekommen vnd zu wegen bringen mag» in Truck ververtigen will." Da dieses Blatt, das bis 1679 bestand, nachweislich das älteste ist, so kann man demnach den Deutschen Johann Carolus als den „Vater der Journalistik bezeichnen. (Ein armer Zeuge.) Obergerichtsfchreiber: „So, da sind die IVr Mark Zeugengebühr." — Zeuge: ,,J' bedank' mi schönstens, und wenn's S' halt wieder 'was brauchen, i' bin alt und kann net viel verdienen — nacha lassen Sie's mir zukommen." (Zweideutig.) Metzgermeister (in einer kleinen Universitätsstadt): „Wenn nur die langen Herbstferien nicht wären, denn wenn die Herren Professoren fort sind, das macht für mich ein paar Ochsen weniger." (Letztes Mittel.) „Jetzt will ich Euch etwas sagen. Auf allen Bällen hab' ich Euch den Carneval herumgeschleppt und nix wars. Die Pfingstfeiertage will ich noch mit Euch nach Starnberg fahren. Wenn da auch Keiner anbeißt, dann ist's 'rum." Auslösung des Original'Silbeu'Räthsels in Nr. 42: „Cypresse — Presse — E sse." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Or. Max Huttler, UnterkaktungMatl „Ängsburger Postjeitnug.- Nr. 44. Samstag, 2. Juni 1633. Des Jörsters Enkelkind. Original'Novelle von Mary Dvbson. (Fortsetzung.) Ohne irgend ein besonderes Ereigniß verfloß sämmtlichen Hausgenossen unter vielseitiger Thätigkeit die Zeit. Unmerklich verging der Sommer mit seinen langen sonnigen Tagen, mit seinem Blätter- und Blumenschmuck; der Herbst begann die herrlichen Laub- kronen des Waldes zu färben, bis sie, der Vergänglichkeit geweiht, zur Erde sanken, die Blumen des Förstergartens — Anna's Pfleglinge — vom Reif und dem herben Nordost berührt, starben und bald Wald, Flur und Garten entblättert und verödet dalag. Dann fiel der erste Schnee und wie sonst ging des Försters Enkelkind hinaus, um ihre Pfleglinge, die Eichhörnchen, die Raben, Krähen und Elstern und wer sonst sich als hungernder Gast einsund, zu versorgen. Auf diesen Wegen ward sie stets von ihrer Erzieherin begleitet, die ebenfalls Freude hatte am Wald zur Winterszeit und oft auch von Junker Waldemar, der ihr in der Sorge für die darbenden Thiere eifrig beistand. So kam das Weihnachtsfest mit seinen stillen Freuden, das jedoch, Dank dem Einfluß der beiden neuen Hausgenossen, belebter als sonst im Försterhause zu Vahren- wald begangen ward. Darauf folgte der Jahreswechsel, welcher Januarkälts und noch größere Schneemnssrn herbeiführte, nach und nach aber auch längere Tage und höhere Sonne und für die Forstleute und Holzarbeiter und auch für Junker Waldemar neue Thätigkeit brachte. Bis zum März machte sich der Winter geltend, dann begann der Schnee endlich zu schmelzen und nach kurzer Zeit sprießte das erste Grün aus der Erde hervor, und bald konnten Sophie Dörner, Anna und der Junker Waldemar Veilchen, Schneeglöckchen und andere Frühlingsblumen suchen, um die Zimmer des Forsthauses damit zu schmücken. Um die Mitte Mai langte die Gräfin Steinhorst aus Schlesien wieder an, waS sie vorher angezeigt, und schon am Tage nach ihrer Ankunft ward sie im Försterhause erwartet. Sie kam pünktlich zur festgelegten Stunde an, begrüßte voll Freude und Herzlichkeit ihren Enkel, mit gleicher Förmlichkeit Frau Albrecht, Anna und den Förster, der sie in's Wohnzimmer führend sagte: „Willkommen daheim nach langer Abwesenheit, Frau Gräfin — „Ja, nach langer Abwesenheit", erwiderte sie in zurückhaltendem Ton, „und ist mir's fast, als fei ich kaum von hier fortgewesen. Man sieht daraus wie jeder Mensch zu entbehren ist l" „Sie haben keinen frohen Winter verlebt, Frau Gräfin", bemerkte Frau Albrecht mit einem theilnehmenden Blick auf ihr bleiches Gesicht. „Das habe ich allerdinds nicht! — Wie Sie wohl aus meinen Briefen entnommen,' ist das Leiden meines Schwiegersohnes ein unheilbares geworden, obgleich er in seiner Familie verbleiben kann, und dann den Blick auf Anna richtend, fügte sie hinzu: „Mit 346 Dir, mein Kind, ist seit vergangenem Sommer eine große Veränderung vorgegangen. Die wird wohl die Erzieherin und das Lernen bewirkt haben!" Anna hatte auf diese, in schroffem Ton gesprochene Bemerkung keine Antwort, und ehe noch Frau Albrecht ihr zu Hilfe kommen konnte, fuhr die Gräfin fort: „Auch Waldemar hat sich hier vortheilhaft verändert, und ich bin Ihnen für die ihm gewidmete Sorge sehr dankbar. Er wird dadurch im Stande sein, größere» Anforderungen als bisher an ihn gemacht sind, zu genügen!" Diese bedeutungsvoll gesprochenen Worte waren nicht mißzuverstehen, dennoch sagte ihr Enkel: „Welche Anforderungen, Großmutter?" „Nun, Waldemar", entgegnete sie bestimmt, „Deine Vormünder, wie ich, finden es richtig, daß Du jetzt die Landmirthschaft praktisch erlernst, und Du wirst zu diesem Zwecke nach der Besitzung des Grafen Hohenhausen in Schlesien gehen, was ich auch Ihnen anzeigen wollte, wandte sie sich an den Förster und seine Nichte. Diese blickten sich einigermaßen überrascht an, über Waldemar's Gesicht flog ein Schatten der Enttäuschung, und Anna's Züge nahmen einen so traurigen Ausdruck an, daß man nur zu deutlich sah, wie schmerzlich sie die Mittheilung berührte. Nach einigen Minuten fragte Kohring: „Dann wird wohl der Junker uns bald verlassen, Frau Gräfin?" „Er wird in den nächsten Tagen mit Graf Hohenhausen, der nach Steinhorst kommt» abreisen, und da ich vor der langen Trennung wenigstens noch eine» Tag mit ihm allein zu sein wünsche, werde ich morgen Vormittag den Wagen schicken! — Das Geschäftliche wird ebenfalls morgen der Verwalter mit Ihnen ordnen, Herr Förster!" „Wie Sie wünschen, Frau Gräfin, es hat aber keine Eile damit!" „Doch, doch!" entgegnete sie schnell. „Ich wenigstens liebe es mit einer Sache, die gewesen, und einer Verbindung, die aufgehört, vollständig abgeschlossen zu haben!" Nach diesen Worten erhob sie sich und fügte, die Försterfamilie mit einem gemessenem Blick streifend, hinzu: „Auch unsere Verbindung, so weit sie meinen Enkel betrifft, hat aufgehört, dennoch werden wir uns, als so nahe Nachbarn gewiß recht oft wiedersehen!" Ohne eine Antwort abzuwarten, dankte die Gräfin dann nochmals für alle ihrem Enkel gewidmete Sorge, und nahm mit eine»: forschenden Blick auf Anna's trauriges Gesicht Abschied. Darauf bestieg sie den Wagen und fuhr in raschem Trabe davon» In die Kissen sich lehnend, sagte sie nach kurzem Nachdenken: „Das wäre abgemacht und nach meiner Ansicht zur gelegenen Zeit, denn Waldemar hätte kaum länger in dieser Familie bleiben können, die ihn wie einen der Ihrigen betrachtet und behandelt. Auch hat er sich ihnen schon zu sehr angeschossen, und hegt eine große Zuneigung zu des Försters Enkelkind die bei seinem und ihrem bestimmten Charakter leicht dauernd werden könnte! — Jetzt aber wird er diese brüderliche Liebe bald vergessen! Graf Hohenhausen's reizende Töchter werde» ihm ebenfalls gefallen, und eine derselben denke ich, soll einmal als Gräfin Steinhorst bei uns einziehen, womit auch die Eltern einverstanden sind! — Ein seltsames Kind übrigens, sdiese Anna Herdfeld, mit dem Gesicht, das so viel älter als sie ist, und gewiß auch mit Gefühlen, die über ihre Jahre hinausgehen, wenigstens liegt so etwas in ihren seltsamen blauen Augen!" Diese Gedanken noch weiter verfolgend, fuhr die Gräfin Steinhorst zu, der Förster, seine Nichte und Junker Waldemar besprachen die so baldige Trennung, und übersahen dabei, daß Anna das Zimmer verlassen hatte. »Das ist ein gar schnelles Ende unseres Zusammenlebens, Junker Waldemar", sagte der Förster seine Hand auf dessen Schulter legend, „und wann, und wo wir uns wiedersehen, das liegt in der Hand Dessen, der uns so unerwartet zusammengeführt!" »Sie werden mir doch gewiß erlauben, Herr Förster, von Schlesien aus an Sie zu schreiben", entgegnete der Junker mit ernstem, fast traurigem Gesicht. „Von Herzen gern, und werden Sie auch Antwort von uns erhalten, das heißt durch weine Nichte, denn, wie Sie wissen, schreibe ich nicht gern! — Und jetzt lassen Sie uns in den Wald hinausgehen. Ich möchte noch nach der jungen Buchenpflanzung sehen, die wirksam gegen das Wild geschützt werden muß." Schon zu Anfang dieses Gespräches war Anna in der Schulstube erschienen, und hatte mit Thränen in den Augen zu ihrer mit einer Vorarbeit für die Unterrichtsstunden beschäftigten Lehrerin gesagt: „Denke Dir, Sophie, Waldemar geht schon morgen von uns fort. Seine Großmutter, die soeben hier gewesen, hat Alles angeordnet!" „Das ist allerdings unerwartet", antwortete die Erzieherin, welcher die geschwisterliche Zuneigung ihrer Schülerin und deS Junkers nicht entgangen. „Als künftiger Landwirth soll er wohl noch Weiteres als bisher lernen — " „Ja, und deshalb reist er nach Schlesien", entgegnete Anna, über deren Wangen die Thänen ihren Weg fanden, „und mir wollten diesen Sommer noch so viel zusammen lesen und arbeiten! — Auch wollte er mir die Tcppichbeete anlegen, wie er sie in der Hauptstadt gesehen —" „Das kann ja auch Alles ohne den Junker geschehen", sagte die Erzieherin in ruhigem Ton. „Wir Beide wollen lesen und arbeiten, und die Teppichbeete werde ich Dir schon anlegen, wie ich es oft im Garten meiner Mutter gethan, und die Du sehen wirst, wenn Du mich diesen Sommer zu ihr begleitest!" Anna schien durch diese Zusage beruhigt, getröstet aber war sie über die so nahe Trennung von ihrem judendlichen Hausgenossen nicht, denn als sie sich zu ihren Uebungen für den folgenden Tag niedersetzte, gelangen ihr diese nicht wie sonst, und sie mußte oft imie halten um die Augen zu trocknen, die dem ersten Schmerz ihres jungen Lebens galten. — XV. Fast sechs Jahre — der Maimonat ging zu Ende — waren verflossen. Im Försterhause von Vahrenwald waren, seit Junker Waldemar es verlassen und die Veränderungen vorgegangen, welche die Zeit mit sich bringt, die uns bekannten Bewohner dieselben geblieben. Des Försters Angesicht durchzogen noch liefere Furchen, Haar und Bart waren noch mehr ergraut und seine früher ernste, oft düstere Stimmung hatte fast noch mehr zugenommen. Nur die kräftige Gesundheit war ihm geblieben, und die stattliche Gestalt mit der aufrechten Haltung, die ihm in früheren Jahren eigen gewesen. Ueber Frau Albrecht hatten die verflossenen sechs Jahre wenig vermocht; sie war nach wie vor die rührige, umsichtige Hausfrau, die jetzt an Anna eine kräftige Stütze hatte. — Christine und Wolf waren wie Frau Albrecht noch im Försterhause. Erstere arbeitete mit unermüdetem Fleiß für die Familie, der sie mit großer Anhänglichkeit zugethan war, und der noch im kräftigen Alter stehende Neufundländer war ebenso anhänglich an seine junge Herrin, wie er an das Kind gewesen, das er vor Jahren auf Schritt und Tritt begleitet. Die übrigen Hausgenossen hatten gewechselt; es waren andere Forstgehülfen und Jägerburschen gekommen, denn unter Förster Kohring seine Studien zu machen, ward von den jungen Forstleuten stets lange vorher nachgesucht. Fräulein Sophie Dörner hatte sich seit einige» Jahren schon zu ihrer Mutter zurückbegeben, doch war das freundschaftliche Verhältniß zu der Försterfamilie dasselbe geblieben, und alljährlich hatte sie seitdem einige Wochen in Vahrenwald verlebt. Mit Anna war während der sechs Jahre die merklichste Veränderung vorgegangen. Sie war zur Jungfrau herangereift und stand im 18. Lebensjahre. Hochgewachsen, war sie jedoch von kräftiger Gestalt, und ein blühendschönes Mädchen geworden, und die einst nach der Gräfin Steinhorst Meinung so alten Gesichtszüge ihrem Alter entsprechend. 348 Es wäre Niemanden eingefallen, die leichtgebogene Nase zu groß zu finden ober anders zu wünsche», und die hohe weiße Stirn harmonirte vollständig mit dem oft sinnend ernsten Ausdruck der tiefblauen Augen, deren feingezogene Brauen merklich dunkler als das goldblonde Haar waren, das in schweren Flechten den zierlichen Kopf umgab. > Der sinnende Ernst des Försters Enkelkindes war diesem mit der Zeit gekommen,' wo es für seine Familienverhältnisse größeres Verständniß erlangt, und woraus Nachdenken und Forschen gewachsen war. Auch hatte einst Anna ihren Großvater in ungewöhnlich trauriger Stimmung angetroffen, und ihre Tante, ihm tröstend und beruhigend zuredend, bei ihm. -- In lebhafter Erregung hatte sie nach der Ursache des Kummers gefragt, jedoch von ihm nur die ausweichende Antwort erhalten, die ihr mit abwehrender Hand gegeben worden: „Du wirst später Alles erfahren, Kind! — Die Zeit wird kommen, wo Du Vergangenes kennen lernen mußt, bis dahin aber frage mich, wenn Du mich liebst, nicht wieder, Du würdest mir immer nur einen großen Schmerz bereiten!" Diese Antwort war nicht darnach, Anna zu beruhigen, und sie wandte sich um Aufklärung an ihre Tante. Bei dieser aber war sie nicht glücklicher, denn auf alle ihre dringenden Fragen und Bitten hatte Frau Albrecht nur die Erwiderung: „Begnüge Dich mit Deines Großvaters Erklärung, Anna; sein Kummer und sein Schmerz ist sein Eigenthum, und ohne seine Erlaubniß werde und darf ich nie darüber sprechen! — " Mit dieser Antwort hatte sich Anna zufrieden geben müssen, ihres Großvaters Kummer und Schmerz aber dem frühen Verlust ihrer Eltern und seiner Gattin, und den möglicherweise dabei stattgehabten traurigen Ereignissen zugeschrieben. Wer jedoch diese Eltern gewesen, welche Stellung ihr Vater eingenommen, ivo ihre erste Hsimath zu suchen sei» das wußte sie nicht, hatte auch erst kürzlich darüber nachzudenken begonnen. In ihrer Erinnerung aber konnte sie weder eine Erklärung, noch einen Anhalt dazu finden, sie entsann sich nur des Försterhauses von Vahrenwald, mit seiner näheren und weiteren Umgebung, in der sie ein so frohes und glückliches Kind gewesen. In Steinhorst war während der sechs Jahre im Wesentlichen ebenfalls Alles unverändert geblieben. Die Gräfin lebte daselbst mit derselben Umgebung, und sorgte, so viel sie vermochte, ihr Vermögen wie das ihres Enkels zu vergrößern. Ihr Verkehr mit der Försterfamilie war immer seltener geworden, und seit mehreren Jahren hatten sie sich nur aus der Ferne gesehen. Junker — jetzt Graf Waldemar — war noch nicht wieder in Steinhorst gewesen. Nachdem er mehrere Jahre in Schlesien die Landwirthschaft erlernt, hatte er diese auch theoretisch studiert, und war darauf zur weiteren Ausbildung auf Reisen gegangen. Von diesen zurückgekehrt, ward er nach sechsjähriger Abwesenheit auf Steinhorst erwartet, um daselbst zum ersten Mal als Gutsherr zu erscheinen. Im Herrenhaus« waren zu längerem Besuch Frau von Stern und ihre jüngste Tochter anwesend. Ihr Gatte war im Winter seinen Leiden erlegen, und nach der langen und aufreibenden Pflege hatte sie sich zu einer Erholungsreise in die Heimath entschlossen. Graf Waldemar hatte seiner Großmutter geschrieben, daß er am Nachmittag auf der nächsten Eisenbahnstation, einer Landstadt ankommen würde, und dahin war längst ein Wagen für ihn abgegangen. Es war derselbe Kutscher, welcher ihn vor sechs Jahre» fortgefahren, und nun ungeduldig auf die schon signalisirte Ankunft des Zuges wartete. Endlich langte dieser an; Konrad richtete sein Augenmerk auf die Wagen erster Klasse, welche stets die Gräfin benutzte, sah aber Niemand aussteigen, und wollte schon rnißmuthig den Bahnhof verlassen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte und freundlich eine zwar ihm unbekannte Stimme sagte: „Konrad, Du hast sicherlich geglaubt, daß ich nicht kommen würde! — Guten Tag-« „Aber da sind Sie ja, Herr Graf!" rief sich hastig umwendend Konrad erfreut, und stand vor einem stattlichen jungen Mann, den er indeß kaum erkannt hätte. „Willkommen nach so langer Zeit-" „Ja, nach sechs Jahren!" erwiderte lebhaft der Graf. „Der Zug hatte sich verspätet, besorge daher nur mein Gepäck, damit wir nach Steinhorst kommen." „Der Wagen ist in dem Ihnen wohl bekannten Wirthshaus«, Herr Graf. Wenn Sie dorthin gehen wollen-" Graf Waldemar befolgte diesen Rath und begab sich nach dem Gasthause, wo er schon oft als Knabe gewesen. Er wurde von dem Wirth und seiner Gattin freundlich begrüßt, nahm eine kleine Erfrischung zu sich, bestieg dann den von Konrad vorgeführten Wagen und fuhr der Heimath zu, die er zum ersten Male als Mann betrat. Der Weg führte zunächst durch die Umgebung der Stadt, eine Reihe von Gärten die den Bewohnern derselben gehörten, dann durch Wiesen und Felder, an einem ansehnlichen Dorf vorüber, bis sie an eine Stelle kamen, wo er sich nach verschiedenen Richtungen theilte. Der nach Steinhorst führende ging gerade aus, rechts gelangte man nach einer Fabrikanlage, und weiter in's Land hinein, und auf die links abgehende Landstraße deutend, sagte Konrad sich seinem Herrn zuwendend: „Das ist der Weg nachVahrendwald. Der Herr Graf werden sich wohl noch erinnern." Graf Waldemar hatte längst auf diesen Weg geblickt, und welche Gedanken und Gefühle sich seiner auch bemächtigt haben mochten, er verbarg sie und antwortete ruhig: „Gewiß, Konrad! — Warst Du es nicht auch, der mich vor sechs Jahren aus dem Försterhause abholte?" „Ja, Herr Graf. Sie waren damals, als Sie von dem Förster und seiner Familie Abschied genommen, recht traurig." „Dazu hatte ich alle Ursache", entgegnete ernster der junge Gutsherr, „denn ich war von ihnen wie ein eigenes Kind gehalten!" „Aus der kleinen Anna ist ein schönes Fräulein geworden", fuhr Konrad fort. „Hast Du sie kürzlich gesehen?" fragte unbefangen sein Gebieter. „Ja, noch am Sonntag in der Kirche. Den Herrn Förster werden Sie wohl etwas gealtert finden." — Konrads Aufmerksamkeit wandte sich hier dem Wege zu, der schmal und holperig war, Graf Waldemar aber lehnte sich gegen die Kissen des Wagens, und blickte nach dem Wald hinüber, durch den er so oft an Förster Kohrings Seite gegangen, eben so oft aber mit seiner Enkelin, begleitet von dem treuen Wolf, der eine große Zuneigung zu ihm gehabt. Konrad's Stimme weckte ihn aus seinem Sinnen, und auf einen großen Sandstein zeigend, der in einiger Entfernung von der Landstraße im Felde stand, sagte er: „Hier fängt Steinhorst an, Herr Graf, und nun sind Sie auf eigenem Grund und Boden. Ich gratulire herzlich, daß Sie gesund und wohl in Ihr Vesitzthum einziehen!" „Ich danke Dir, Konrad", erwiderte gerührt der Graf, und er reichte dem langjährigen Diener die- Hand, und drückte dessen braune schwielige Rechte. „In einer halben Stunde sind wir dort", fuhr er nach kurzer Pause, während welcher er mit der Hand über die Augen gefahren, fort. „Ich habe die Pferds verschnaufen lassen, damit sie nun gehörig laufen können. Die Gutsleute sollen doch aus der Ferne hören, das; Sie da sind, denn, daß Sie heute kommen wollten, ist allgemein bekannt I" Graf Waldemar konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, zugleich bemächtigte sich aber seiner eins nie empfundene Rührung, denn ihm war noch nicht der Gedanke gekommen, daß seine Untergebenen sich über seine Ankunft freuen würden. Dieser Gedanke aber that ihm wohl, und er gelobte sich, ihnen stets ein fürsorglicher Gutsherr zu sein. Mit lautem Geräusch schlugen jetzt die Hufe von vier Pferden auf das zwar gut erhaltene, doch unebene Pflaster, und mit eben so lautem Gerassel rollte der Wagen darüber hin. Konrad erreichte seinen Zweck; die Taglöhnerfamilion eilten freundlich grüßend vor ihre Häuser, während die Kinder ihm jubelnd zuriefen, und er aus dem Wagen lehnend, Allen dankte. (Forts, folgt.) 350 Die Eröffnung der Cast-River-Brückc in New-Borr-Brooklin. Am 24, Mai wurde in der Metropolis der Neuen Welt unter entsprechenden Feierlichkeiten ein Bauwerk dem öffentlichen Verkehr übergeben, das wohl für Jahrhunderte den kommenden Geschlechtern Zeugniß geben wird von der gewaltigen Entwickelung, die der Menschengeist auf allen Gebieten der Technik in unserem erfindungsreichen Jahrhundert genommen. Wenn auch der weltenumgürtende Ocean Deutschland und Amerika von einander trennt, so dürfen wir Deutsche heute unseren Blick dennoch mit Stolz nach dem jenseitigen Gestade des atlantischen Oceans schweife» lassen und uns des Gelingens des grandiosen Bauwerks innig freuen, denn der ursprüngliche Erbauer desselben, dem es leider nicht vergönnt war, die Vollendung seines Werkes zu schauen, der aber im eigenen Sohne einen würdigen Nachfolger fand, das Werk im Geiste des Vaters zu vollenden, war ein Deutscher. Johann A. NoebIing ist sein Name, der von den in der Frühlingssonne glänzenden, an den beiden in den Himmel ragenden Pfeilern der Brücke angebrachten Messingplatten der Mit- und Nachwelt entgegenprangt, der aber auch verdient, in den Annalen der Brückenbaukunst für alle Zeiten mit ehernen Lettern ein« gegraben zu werden. Wir wollen nun versuchen, dem Leser ein möglichst getreues Bild der Brücke, wie sie sich jetzt dem Auge des Beschauers in ihrer Vollendung darbietet, zu geben. Sie beginnt, wenn man die langen Aufgänge mit in Betracht zieht, an der City Hall in Ncw-Z)ork und endigt an der Ecke von Sands- und Washington-Street in Brooklyn, nicht weit von der dortigen City Hall entfernt. Wir betreten die Brücke von der New- Jorker Auffahrt aus. In mäßiger Ansteigung erhebt sich letztere bis zu dem Ankerplatz der Kabelenden auf Franklin-Square, und geht dann immer weiter über die Dächer der Häuser hinweg bis zu den beiden je 31'/2 Fuß breiten Durchgängen in dem New-Iorker Pfeiler. Wir haben bereits 1562 Fuß zurückgelegt und befinden uns 118 Fuß über Hochwasserniveau. Sobald wir die eigentliche Hängebrücke betreten, sehen wir, daß sich dieselbe in fünf parallel laufende Avenuen theilt. Die beiden äußeren, 19 Fuß breit, bilden die Fahrstraßen für die schweren Lastwagen, Equipagen u. s. w., die beiden inneren find für noch zu bauende Pferde- resp. Drahtseilbahnen reservirt und die dazwischen liegende, etwas erhobene Avenue ist für die Fußgänger bestimmt. I» der Mitte des Flusses befinden wir uns 135 Fuß über dem Wasserspiegel des Eastrivers, und es ist keine verlorene Minute Zeit, einen Augenblick Rast zu machen, um das sich vor uns ausbreitende prachtvolle Panorama bewundernden Blicks zu betrachten und unserm Gedächtniß einzuprägen. Unter unsern Füßen schäumen die Wogen des Eastrivers dem Meere zu, auf ihm tummeln sich zahlreiche Ferryboote, die bisher den alleinigen Verkehr mit Brooklyn ermöglichten und die in ihrem schmucken weißen Anstrich einen überaus freundlichen Anblick gewähren. Längs der beiden Ufer liegen Hunderte von Segelschiffen, die die Produkte fremder Länder an die amerikanische Küste gebracht, um mit amerikanischen Erzeugnissen voll beladen nach kurzem Aufenthalt im sichern Hafen bald wieder den gefahrbringenden Ocean zu kreuzen. Vor uns, im stolzen Hafen von Nsw-Aork, liegt Governos Island, der Garnisonsort eines kleinen Detachements Vereinigter Staaten-Truppen, mit seinen in saftigem Grün prangenden, von schattigen Bäumen bestandenen Wiesen, und dort am fernen Horizont, wo die Inseln Staten-Jsland und Long-Jsland nur eine schmale Passage, die sogenannte „Narrows", gestatten, segelt eben ein stolzer Oceandampfer der lieben Heimath zu, während ein anderer im vollen Flaggenschmuck eine Anzahl Europamüder nach den gastlichen Gestaden Amerika's bringt. Wie die beiden Schiffe aneinander vorbei- passiren, erfüllen brausende Hurrahrufe die Luft, die Einen, die Brust von Hoffnung geschwellt, jauchzen ihre Freude aus, daß sie den Drangsalen der alten Welt und den Gefahren des Oceans glücklich entronnen, die Anderen, die der lange nicht gesehenen, aber nicht vergessenen Heimath einen Besuch abstatten, um im Herbste in ihr liebgewonnenes Adoptivvaterland zurückzukehren, heißen die Neuankommenden beim Eintritt in die Neue Welt herzlich willkommen. Wenden wir nun unsere Blicke rückwärts über die schier 351 endlose, vonckSonnenbrand durchglühte Häusrrwüste der zu unseren Füßen sich ausbreitenden Riesenstädte hinweg, die nur vereinzelt durch grüne Parks gleich Oasen unterbrochen wirb» so sehen wir im Hintergründe die blauen Berge des Hudsonhochlandes gleichsam aus den Fmthen des majestätischen „amerikanischen Rheins" emportauchen, gewahre» jenseits des Rorthrivers (Hudsons) auf dem New-Jerseyer Ufer die weißen, steilaüfsteigenden Palli- sadenselsen, auf deren schwindelnder Höhe, eine luftige Sommer-Villegiatur mit Aussichtsthurm thront. Das Panorama, das sich von hier aus unserem Auge darbietet, ist in der That entzückend schön, und die armen Großstätter, die durch ihren Beruf jahraus jahrein in dem monotonen Häusermeere Gothams gefangen gehalten worden, werden jetzt erstaunen über die wunderbare und eigenartige Schönheit der sie umgebenden Natur, die sie bisher kaum geahnt, geschweige denn in vollen Zügen genossen haben.Doch der Strom der geschäftig dahineilenden Fußgänger drängt uns vorwärts, wir steigen zu dem Brooklyner Pfeiler nieder, passiven durch denselben und erreichen nach einem weiteren Abstieg von 971 Fuß das Ziel unserer „Reise" (denn ein Gang über die Brücke ist eine kleine Reise): das Erde der Brücke an der Ecke der Washington- und Sandsstreet in Vrooklpn. Die Brücke erhält jedoch dann erst ihren vollen Werth, wenn nran sie mit dem Hochbahnsrfflem, wie es bereits in New-Z)ork besteht, und wie es in Kurzem auch in der frommen Schwesterstadt erstehen wird, in Verbindung^ bringt. Die Brücke bildet dann eine thatsächliche und natürliche Fortsetzung resp. Verbindung der New-Iorker Hochbahnen mit den in Brooklpn im Bau begriffenen und gestattet den Bewohnern der äußersten Nordspitze von Manhattan-Jsland, d. i. der Stadt New-Iork, in denkbar kürzester Zeit nach den kühlen Gestaden des Meeres zu gelangen, wie auch auf demselben Wege in umgekehrter Richtung die Gartenprodukte des fruchtbaren Long-Jsland in loss tliun no timo auf die New-Uorker Mürkts gebracht werden können. Es erübrigt uns nur noch, einige im Vorstehenden noch nicht enthaltene Ziffern zu geben. Das Gewicht der Centralspannung ist 6,710 To. und das praktisch noch nicht erprobte Gewicht einer von Fußgängern bevölkerten und von Wagen befahrenen Brücke wird auf 1380 To. geschützt. Die vier Kabel müßten also im Stande sein, 8120 To. zu halten. Man berechnet ihre Stärke indeß auf 43,000 To. Die Bogenweite der Hängebrücke beträgt 1595'/., Fuß. Die ganze Brücke hat indeß drei Bogen, nämlich vorn Ankerplatz in Brooklpn bis zum Pfeiler am Ufer, dann über den Eastrivsr bis zum andern Pfeiler und von da bis zum Ankerplatz auf der New-Iorker Seite. Diese Entfernung, von Ankerplatz zu Ankerplatz, beträgt 3460 Fuß, und die ganze Brücke mit den beiden steinernen Aufgängen hat eine Länge von 5989 Fuß. Die Höh; der Hängebrücke an den Thurmeinschnitten ist 118 Fuß und steigt bis zu 135 Fuß über Hochwasserniveau in der Mitte des Flusses, so daß also die größten Oceanschiffe bequem darunter durchführen können. In den vier Kabeln sind 6,928,346 Pfd. Draht enthalten. Die Stärke eines Kabels, auf 170,000 Pfd. per Quadratzoll geschützt, beträgt 24,621,780 Pfund, die der vier Kabel also 98,487,120 Pfd. Die sämmtlichen Drähte der vier Kabel schließlich haben eine Länge von 14,060 Meilen, oder mehr als die halbe Lange rund um die Erde herum! — G o l d k ö r n e r. 6. O Muth, nur Muth in jeder Lage, Wo uns ein Dornenwald mnstarrt! Die Morgenröthe besserer Tage Glüht hinter'»! Berg der Gegenwart. Langbein. 0. Wer sich ganz dem Dank entzieht, Der erniedrigt den beschenkten Freund, indem er sich erhebt. Grillparzer. Wenn man einen Einfältigen betrügt und man auf einen Frommen lügt und Feindschaft zwischen Ehlenten macht: der Dreier Arbeit der Tenjel lacht. Altes deutsches Sprichwort. Htmmelsschait in» Monat Juni. " 8 —>« Venus bewegt sich vom Widder gegen den Stier, tritt 3 Uhr Morgens über den nordöstlichen Horizont und nimmt immer noch an Helligkeit ab. Am 3. steht j sie l'/r südlich vom Mond. k Mars F läuft vom Widder gegen den Stier, geht auf zwischen 2 Uhr und 1 Uhr in NO. und ist bis Tagesanbruch genau im O. Am 2. findet man ihn 1'/," ^ nördlich vom Mond. / Jupiter 2 z nähert sich der Sonne, mit der er zuletzt auf und untergeht und s ist nur noch während der ersten Tage des Monats kurze Zeit nach Sonnenuntergang sichtbar. Saturn kommt gegen Mitte des Monates in der Morgendämmerung in NO. zum Vorschein. Er geht auf zwischen 3 Uhr 45 Min. und 2 Uhr 4 Min. früh und steht am 4. in nächster Nähe des Mondes, am 20. südlich von der Venus. Mise-ll-rr. (Eine beißende Abweisung) ist jüngst einem noch etwas sehr „jugendlichen" Liebhaber zu Theil geworden. Mademoiselle Samary die berühmte inZtznus des i Theatre Franyais, hatt« vor einigen Tagen die schriftliche Liebeserklärung eines Gymnasiasten erhalten» in welcher der glühende Jüngling sie um ihr Bild und eine postlagernd« Antwort im Bureau des Theatre Franyais anflehte. Nun ist aber die schöne Naive der Comödie Franyaise im Privatleben die Gattin eines jungen Banquiers und Mutter mehrerer rosiger Böbös. Als deshalb der Romeo der Schulbank sich im Bureau präsentirte, fand ^ er dort den folgenden charmanten Brief von dem Gemahl der Samary vor: „Mein Herr! Da meine Frau gerade im Begriffe ist, ihr Jüngstes in die Windeln zu legen — ein Mädchen theurer Herr —, so beauftragt sie mich mit der Antwort und sendet Ihnen mein Bild, das Theuerste was sie besitzt. Was nun ihre Photographie anlangt, so finden * Sie dieselbe bei Radar. Ich benachrichtige Sie, daß dieser eminente Industrielle bedeutende Vortheile einräumt, wenn man die Photographiern Hundertweise nimmt. Schließlich bemerke ich noch, daß mein Töchterchen sechs Monate alt ist, und Sie vielleicht später, die Liebe für die Mutter auf das Kind übertragend, mein Schwiegersohn werde» könnten. ! Genehmigen Sie, geehrter Herr" rc. (Amerikanisch.) In Detroit, Michigan, Nordamerika, ging kürzlich ein Mann ! spät in der Nacht nach Hause. In einer einsamen Straße glaubte er in der Dunkelheit eine sich hinter einem Hausthore versteckende Figur zu entdecken. Als er näher käm, entdeckte er in der That eine Frau, welche sich dort versteckt hatte. Er blieb stehen; die Frau aber rief ärgerlich: „Machen Sie, daß Sie fortkommen!" — „Wohnen Sie hier?" — „Ja wohl!" — „Können Sie nicht in Ihre Wohnung?" — „O ja!" — „Worauf ' warten Sie denn hier?" — Die Frau, unter ihrem Regenmantel einen kräftigen Sopha- i klopfsr hervorziehend: „Auf meinen Mann!" (Lumpenlogik.) Ein berühmter Professor der Volkswirthschaft sagt: „Arbeit ! ist Eigenthum!" Proudhon sagt: „Eigenthum ist Diebstahl!" Folglich ist Arbeit — Diebstahl. Diebstahl ist aber ein Verbrechen, das bestraft werden muß — folglich ist Arbeit ein Verbrechen, das bestraft werden muß! »Ja, Herr Graf, wenngleich Sie sehr verändert zu uns zurückkehren!" „Aber auch Sie haben sich verändert, Fräulein Herfeld", entgegnete er mit einem Blick offener Bewunderung, „doch hätte ich Sie unter Tausenden erkannt!" Diesen, beredten Blick ausweichend, entzog sie ihm zugleich ihre Hand, es erfolgt^ Line momentane Pause, — dann näherte sich der Förster und seine Nichte, welche nur zu richtig geschlossen, daß Graf Steinhorst durch den Wald gekommen sei. Dieser eilte ihnen entgegen, eine gegenseitige herzliche Begrüßung fand statt, und beide Hände beL jungen Mannes fassend, sagte Kohring mit bewegter Stimme: „Willkommen, Herr Graf, willkommen in der alten Heimaih, und Heil und Segen Ihnen zu», Antritt Ihres Erbes!" „'Nehmen Sie auch meine besten Wünsche, Herr Graf", sagte ebenfalls Frau Albrecht, „und mögen Sie sich Ihres Besitzes in Glück und Gesundheit freuen!" „Ich danke Ihnen, meine Freunde", erwiderte gerührt der junge Mann, Beider Hände in den seinen drückend, „und danke Ihnen ebenfalls, daß Sie mir einen so freundlichen Empfang zu Theil werden lassen!" „Sie haben Recht gethan uns hier im Walde zu überraschen", sagte mit beifälligem Lächeln der Förster, der gleich Frau Albrecht, seiner Enkelin Ruhe und Unbefangenheit wahrgenommen. „Wo Wolf mich aufgespürt und verrathen", entgegnete ebenfalls lächelnd der Graf. „i.Unser guter treuer Wolf" — und er streichelte den glänzend schwarzen Kopf des Neufundländers — „der während der sechs Jahre» wo ich ihn nicht gesehen, derselbe geblieben!" „Wie haben Sie Ihre Frau Großmutter gefunden?" fragte Frau Albrecht, welche die Allgewalt der Erinnerungen für den jungen Mann wie für ihre Nichte fürchtete. 363 „Meine Großmutter ist älter geworden", antwortete er mit einem ernsten Zug in seine»« eben noch so heiteren Gesicht- „Sie behauptet eS ebenfalls —" „Dem kann Niemand entgehen", sprach der Förster mit leichtem Nachdruck. „Nun Sie aber selbst da sind, könnte sie sich die erforderliche Ruhe gönnen „Das hat sie theilweise schon gethan —" „Der Besuch Ihrer Tante und Cousine ist wohl eine große Freude für sie", bemerkte Frau Albrecht. „Ja, gewiß, und Erstere hat mir versprochen, so lange wie möglich, in Steinhorst zu bleiben!" Frau Albrecht schlug vor, den Rückweg anzutreten, rvas auch sogleich geschah. Graf Waldemar ging zwischen dem Förster und seiner Nichte, an deren anderer Seite sich Anna befand. Er mußte seinen letzten Aufenthalt in Frankreich und seine Rückreise beschreiben, die der Förster, welcher schon vollständig den Ton früherer Tage wiedergefunden, noch nicht erfahren. Vor der Thür des Försterhauses angekommen, ließ Graf Waldemar seine Augeir eine Weile umherschweifen, und sagte neben Kohring auf der Bank Platz nehmend, wo er früher so oft gesessen, mit unverkennbarer Bewegung: „Wie heimisch ist eS mir hier, wo ich Alles — Alles wiederfinde, wie ich es verlassen! — Nichts ist verändert, und mir scheint fast, als hätte ich erst gestern Abschied von« Forsthof genommen!" „Nur wir Menschen haben uns verändert", entgegnete ernst der Förster, „wir haben der Zeit herhalten müssen!" „Ihnen und Frau Albrecht sieht man es kaum an —" „In unserem Alter rrrmögen ein paar Jahre nicht viel! — Mit der Jugend ist'S anders —" „Dies Gespräch ward durch ciuen lauten Ausdruck der Freude von Christine unterbrochen, «reiche von Anna, die sich in's Haus begebe««, erfahren, wer gekommen sei, vor die Thüre eilte. Sie erblickend, ging der junge Mann ihr entgegen, und sagte, ihr seine Hand reichend, in heiterein Ton: „Da ist nun der ehemalige Junker Waldemar wieder, Christiire — Erkennen Sie mich —" „Ei gewiß, Herr Graf, wie sollte ich nicht", entgegnete sie lächelnd» „obgleich Sie ei» großer und stattlicher Herr geworden sind! — Jetzt werden Sie aber rvohl nicht mehr in die Küche kommen, und sich ein Vutterbrod auf den Weg holen!" „O, das könnte doch noch einmal geschehen, Christine", erwiderte Graf Steinhorst lachend. „In meinem Alter hat man guten Appetit, und der Weg durch Feld und Wald macht hungrig. Wenn ich also einmal in der Nähe bin und Eßlust verspüre —" „Dann kommen Sie nur «vie sonst zu mir, und ich schneide Ihnen das Butterbrod genau wie vor sechs Jahren", und sichtlich erfreut, den jungen Grafen gesehen und begrüßt zu haben, ging Christine an ihre Arbeit zurück. Jetzt erschien Anna mit Wein und Kuchen und präsentirte Beides mit anmuthiger Freundlichkeit. Das schmackhafte Backwerk einen Augenblick betrachtend, rief lebhaft der junge Mann: „Sogar dieselben Kuchen finde ich hier wieder!" und sich an Anna wendend, fügte er vollkommen unbefangen in Ton und Blick hinzu: „Erinnern Sie sich noch, Fräulein Herfeld, daß wir früher den Zucker und Gewürz dazu gestoßen? — das geschah in besonders thätiger Weise zum Weihnachtsfest, wo, «vie ich mich sehr entsinne, es hier viel zu thun gab, und Christine uns aus der Küche in das Nebenzimmer verwies!" Anna, deren Züge bisher einen ruhig freundlichen Ausdruck gehabt, konnte sich des Lachens nicht enthalten, denn ihr siel ein, daß Christine damals ziemlich unsanft mit ihm verfahren war, und dies Lachen verjüngte ihre Züge so sehr, daß Graf Waldemar fast glaubte, seine ehemalige Gefährtin vor sich zu sehen. Auch der Förster und seine Nichte 364 lachten über diese Reminiscenz, und einmal das Eis gebrochen, war denn die Erinnerung mächtiger als die Sorge des Großvaters und der Tante, und Anna Herssld und Graf Waldemar plauderten bald so unbefangen wie in früheren Tagen, und Kohring und Frau Albrecht stimmten ein — die früheren Tage waren auch ihnen im Gedächtniß geblieben. — XVII. Als die Gräfin Steinhorst, ihre Tochter und Enkelin von einem Besuch aus der Umgegend heimkehrten, fragte Erstere die Vorhalle betretend, den Diener: „Ist der Herr Graf -schon hier, Johann?" „Nein, Frau Gräfin", lautete dessen Antwort. „Der Herr Graf aber hat mir gesägt, daß er jedenfalls zum Abendessen, vielleicht auch schon früher kommen würde", und sichtlich verstimmt über diese Nachricht, stieg sie, gefolgt von Frau von Stein und Fräulein Constanze, die Treppe zu den oberen Gemächern hinauf. Nach einer Weile im Wohnzimmer wieder versammelt, sagte Erstere mit unverkennbarer Erregung in Stimme und Zügen: i „Der erste Besuch bei dein Förster in Vahrenwald wäre also gemacht, und mich soll es wundern, ob er nicht wiederholt wird —" „Das werden wir bald genug erfahren", unterbrach Frau von Stein. „Die sechsjährige Korrespondenz beweist, daß Waldemar der Familie eine große Anhänglichkeit bewahrt. Und diese Anna Herfeld —" ! „Sie ist wirklich schön, Großmutter", fiel Fräulein Constanze ein, „obgleich ich sie i zu ernst und ruhig für ihre Jahre findel" „Du scheinst sie Dir sehr genau angesehen zu haben", sprach ihre Großmutter in * z verstimmtem Ton. „Anna Herfeld mit den blauen Augen und goldblonden Haaren muß es ihr angethan haben", entgegnele Frau v. Stein mit leichtem Spott, „denn sie hat auf dem Rückwege nur von ihr geredet. Das Gesicht ist mir übrigens bekannt, ich weiß nur nicht, wo ich eine auffallend« Aehnlichkeit gesehen!" Fräulein Constanze hatte sich dem Fenster zugewandt, wo die eingetretene Dämmerung ihr lebhaftes Erröthen verbarg. Nach augenblicklicher Pause erwiderte sie: ! „Mich spricht ihre ganze Erscheinung ungewöhnlich an, es liegt etwas so Edles s und Aristokratisches darin —" ! „Kind, fasele doch nicht solchen Unsinn!" sagte fast erzürnt die Gräfin. „Woher i sollte bei ihr wohl das Aristokratische kommen? — Um eins möchte ich Euch beide noch j dringend ersuchen. Legt, wenn Waldemar kommt, kein besonderes Gewicht auf seinen Besuch iiu Försterhause —" ' Rasche Hufschläge, und dann ein haltender Wagen, verkündeten die Rückkehr des ; jungen Gutsherr», der auch alsbald den Wohnsaal betrat, und die Anwesenden in freundlicher Weise begrüßte. Neben seiner Cousine Platz nehmend, erkundigte er sich nach dein Verlauf des Besuchs, worauf seine Großmutter in gleichgültigem Ton fragte: „Wie hast Du die Försterfamilie nach so langen Jahren angetroffen, Waldemar?" „Wohl und munter", erwiderte der junge Mann. „Der Förster und Frau Albrecht sind allerdings älter und aus der ehemaligen Anna ist ein Fräulein Herfeld geworden, wie Du ja aus eigener Anschauung weißt. Ich traf sie, wie ich mir gedacht, im Walde, wir waren gegenseitig sehr erfreut uns wiederzusehen und haben viel über die Vergangenheit gesprochen!" „Ich wollte, ich hätte Dich damals gleich nach Hohenhausen geschickt", bemerkte darauf die Gräfin, „es wäre Dir hier dann nicht ein Jahr verloren gegangen!" „Das Jahr ist mir kein verlorenes gewesen, Großmutter", antwortete lebhaft und mit Nachdruck Gras Waldemar, „denn das in Vahrenwald Erlernte ist mir schon vielfach zu statten gekommen. Ebenso nützlich ist mir auch jetzt des Försters erfahrener Rath in Bezug auf unsere Waldungen-^ 365 „Dessen bedarfst Du nicht", entgeznete entschieden die Gräfin. „Es hat noch nie ein Forstmann nach unsern Waldungen gesehen, die darum nicht schlechter als andere gewesen sind, und einen guten Ertrag geliefert haben!" „Dennoch ist es in Steinhagen und Schönau durchaus erforderlich", erwiderte ihr Enkel in bestimmtem Ton. „Ich will dort überhaupt die Holzungen erweitern, und Förster Kohring soll nächstens mit mir hinüberfahren um Grund und Boden zu untersuchen! —" Die Meldung des Abendessens unterbrach rechtzeitig die Unterhaltung und die kleine Gesellschaft begab sich in den Spsisesaal. Nach demselben nahmen die beiden älteren Damen die Karten zu einem Patiencespiel zur Hand, Graf Waldemar und seine Cousine aber begannen sich durch die Musik zu unterhalten, für welche Beide gleiche Begabung und Verständniß hatten. (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Ja wohl! das ewig Wirkende bewegt Uns unbegreiflich, — dieses oder jenes, Als wie von ungeiähr, zu unserm Wohl, Zum Rathe, znr Entscheidung, zum Vollbringen, Und wie getragen werden wir an's Ziel. Das Hu cmpflnden, ist das höchste Gluck, Es nicht zu sondern, ist bescheidne Pflicht, Es zu erwarten, schöner Trost im Leiden. Goethe. Man sieht nur dann, wenn man mit ruhiger Besonnenheit sieht. Die Leidenschaftslosesten waren immer die größten Menschenkenner. F. Ehrender g. Wer sich selber kennt, ist strenge gegen sich selber, Jedem Schwachen gelind und richtet ungern den Bösen. L a v a t e r. Halts Dich an's Schöne! Vom Schönen lebt das Gute im Menschen und auch seine Gesundheit. v. Fenchtersleben. Sein eig'ner Leitstern ist des Menschen Geist, Und wenn ihn dieser sührt zu hohem Ziele, So wird er mächtig mit sich reihen Viele, Gleichviel, ob man ihn tadelt oder preist. Fr. Bodenstedt. TriMsrrit; im Thale. Von K. A. Reisner Freiherrn von Lichtenstern. Im Sommer des Jahres 1879 besuchte ich von Schloß Neusath aus das nicht weit davon gelegene Trausnitz im Thale. Nie hatte ich von den landschaftlichen Nerzen dieses historisch-berühmten Ortes sprechen gehört, wie ja überhaupt der Oberpfalz in dieser Beziehung fälschlicher Weise wenig Gutes nachgerühmt wird. Um so freudiger war ich überrascht, die alte, hochinteressante Burg in so schöner, romantischer Umgebung anzutreffen. Das noch wchlerhaltene, altersgraue, massive und prächtige Castell erhebt sich kühn, dicht am Rande des hohen rechten Ufers der lebhaft vom Böhmerwalde her eilenden Pfreimbt, nicht unbedeutende Höhenzüge und große Wälder bilven seinen dunklen Hintergrund und begrenzen unweit den Blick. Trausnitz ist heute noch ein so abgelegener, nur durch schlechte Wege mit den benachbarten kleinen Dörfern verbundener Ort, daß sich bei seinem Betreten die Phantasie unwillkürlich in jene graue Vorzeit verliert, in der der Urwald bis dicht an die Burg sich erstreckte, und außer ihr vielleicht keine menschliche Behausung, ja außer den sie bewohnenden Rittern und Knechten auf weit und breit kein menschliches Wesen existirte. Vielleicht ist es aber nur treue Ueberlieferung von Mund zu Mund, wen» die heutigen Bewohner des übrigens wohl uralten Dorfes sich in solch' wildromantischer — 366 — Lage jenes Trausnit vorstellen, das Friedrich dem Schönen in für Bayern ruhmvoller, gewaltiger Zeit zu ritterlicher Haft angewiesen worden war. Die Erinnerung an diese Gefangenschaft des unglücklichen österreichischen Fürsten lebt in volksthümlichen Sagen fort. So erzählte uns der Besitzer des neben der Ritter- Burg befindlichen Gasthauses mit ernster Miene und im Tone vollster Ueberzeugung Folgendes: „Sieben Jahre schon schmachtete Friedrich im engen Thurmgelasse, sich die Zeit mit Pfeilschnitzen vertreibend. Da kam eines Tages ein Bürger von Luhe, der nach Pfreimbt gehen wollte und sich in den großen Wäldern verirrt hatte, auf die Waldblöße; er erstaunte, hier eine Burg und bayerisches Kriegsvolk anzutreffen. Von dein Letzteren erfuhr er den Namen dessen, den sie zu bewachen hatten. Man zeigte ihm den Weg längs des Wassers, der nach Pfreimbt führt, und er berichtete, dort glücklich angekommen, was ihm widerfahren war. Das traurige Loos des gefangenen Fürsten ergriff besonders den Geistlichen des Ortes mächtig, er schlug sofort den Weg zu jener Burg ein, kletterte in der Nähe derselben auf einen hohen Baum und stimmte einen Gesang an. So wurde der unglückliche Fürst auf ihn aufmerksam, ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein und erzählte ihm die traurige Mähre: Sein „Bruder" Kaiser Ludwig der Bayer halte ihn hier seit sieben Jahren in strenger Haft. Der Priester eilt zurück nach Pfreimbt, es gelingt ihm die Bürger für die Sache des Gefangenen zu gewinnen und mit vereinten Kräften rücken sie vor die Beste. Vergebens kämpfen sie mit den Bayern, es glückt ihnen nicht, sie zu überwinden und damit den Herzog zu befreien. Endlich kommen sie auf den Einfall, die Burg zu untergraben. Nun sehen die Vertheidiger ein, daß sie selbe nicht mehr länger halten können und übergeben sie ihren edelgesinnten Feinden. Aber Friedrich, der ritterliche Mann, will die Haft nicht breche». Nur von seinem „Bruder", der ihn gefangen hält, nähme er die Befreiung an. Erst auf langes Bitten und Drängen der Eroberer ver- läße er die Burg und zieht mit ihnen fort. Sie überschreiten die Pfreimbt und ersteigen die jenseitige Höhe. Dort wendet sich Friedrich um, deutet auf das Thal, das sie soeben verließen, und spricht zu seinen Begleitern die Worte: „Kinder, trauet dem Thale nit." In seiner Heimath angekommen, findet Friedrich seine treue Gattin erblindet von unablässigem Weinen um den so lange entfernt gewesenen Gemahl. Die muthigen Bürger wurden fürstlich belohnt. Sie erhielten die Wälder, die das Castell umgaben und die Friedrich von seinem „Bruder" Ludwig, mit dem er sich bald ausgesöhnt, käuflich erworben hatte, zum Geschenk. So entstand um die Burg eine Ansiedelung, die ihre Bewohner in getreuem Andenken an die Warnung des Herzogs „Trausnit im Thale" nannten, während sie das später entstandene Dorf auf der Höhe, wo der Fürst sich noch einmal nach seinem eben verlassenen Kerker umgesehen hatte, „Hohen-Trausnit" hießen. So sagt das Volk noch heute, wahrend diese Namen schon längst „von den Herren" in „Trausnitz im Thale" und „Hohen-Treswitz" umgetauft worden sind." — Soweit mein Gewährsmann. Viele Adelsgeschlechter saßen von Altersher auf der Burg. Zu Anfang unseres Jahrhunderts gehörte das Rittergut TrauSnitz im Thal dem Freiherrn Joseph von Karg- Bebenburg» k. b. Kämmerer, der mit seiner Ehegattin Maria Elisabetha, einer geborne» Neisner Freiin von Lichtenstern, das heutige Wirthshaus zum adelige» Ansitze hatte. Er baute indeß ein neues Schloß (die alte Burg war bayerisches Staatseigenthum geworden) neben der Kirche, in der das vereinigte Wappen der beiden Gatten über dem Altar an sie erinnert. Aber auch das neue Herrenhaus ist jetzt zum Schulhaus umgewandelt worden, und kein Edelgeschlecht haust mehr an dieser Stelle des sagenumwobenen Ufers der Pfreimbt. (Deutsches Adelsblatt.) 367 Der erste Felibre. (Provencalische Romanze von Ludwig Bril l-) 1 . Schritt ein schwarzgelocktcr Jüngling An den Usern der Dnrance, Schweifte, alter Zeit gedenkend, Durch die blühende Provence. Vom Adour bis zu den Alpen Sah er edle Sänger wallen, Hörte von den hohen Burgen Wundersame Lieder schallen. Und verzückt, wie einst Eäcilia. Stand der Jüngling da und lauschte, Bis der Strom der süßen Klänge Saust iin Abcndwind verrauschte. ' Trauernd lag vor seinem Blick jetzt Saugvergessen die Provence, Und mit ihm die Weiden weinte!! An den Ufern der Durancs. Und die Blüthe der Granate Schloß sich leist vor tiefem Leide, Und mit linden Thränen netzte Rosmarin die dürre Haide. 2 . Von der Haide tönte lieblich Nachtgesang der kleinen Grillen, Und aus blauer Ferne stiege» Goldumrändert die Alpillen. Langsam zog die Hserde heimwärts, Hinter ihr in weißen Locken Schritt der Hirt, voll Andacht horchend Aus den Reis der Abendglocken. Sein Gesicht, ein Buch der Weisheit, Und sein Herz, ein heilig Feuer, Seine Brust, ein Schrein voll Sagen Der Provence, die ihm theuer. Trieb die Heerde sechszig Jahrs Durch die Crau und die Camargue, ') Und nur noch eine» Wunsch kannt' er: Daß man dort zur Ruh' ihn sarge. Und der schwarzgelockte Jüngling Nahte sich dem Greis mit Zagen, Bebend klang von seiner Lippe Frommer Gruß aus alten Tagen. 3 . „Josö I" rief der Alte lächelnd, „Ist nicht niehr der munt're Knabe, Flog sonst gleich dem Sambu-Füllen, Durch die Flur im wilden Trabe. U Crau und Camargue sind große Haide« So viel wie Füllen der Wildniß. Baux: Ruine einer alten Felsensestung. Der letzte bedeutende Troubadour. Hand aus's Herz! er sah verwegen Einer Schönen in die Augen, Und nun, ein gezähmtes Äößlein, Will sein Muth nichts Rechtes taugen." „Vater Hirt! in's holde Antlitz Sah ich einen! Wundermädchen, Und sie spann mit Feenhänden Um mich gold'ne Liebsssädchen. Trotz der achtzig Jahre, Vater, Liebt ihr minder nicht die Traute, Die Provence alter Zeiten, Die ich hentt im Traum erschaute. Troubadoure zogen singend Durch die sonnigen Gefilde, Selig lauscht' ich ihren Weisen — Ach! da schwand das Tranmgcbilde." 4 . In prophetisch Schau'» versunken, Vor dem Jüngling stand der Hirte, Während geisterhaft sein Auge Nach den blauen Hohen irrte. „Dort", begann er, „ties im Felsschacht, Seit die Banx in Schutt zerstoben, Ruht in unberührter Schönheit Eine Jungfrau, traumumwoben. . Unheil schauend, saß sie lange Einsam dort in finsterm Kummer» Arnald Maraviglia sang sie Eines Tags in sel'gen Schlummer. Lächelnd in den braunen Haaren Rosmarin und Immortelle, Aus der Brust die Lilienhände, Liegt sie an gefeiter Stelle. Manchmal wandelt wohl ihr Schatten An den Ufern der Dnrance, Und dann flüstern aus den Weide» Alte Lieder der Provence. 5 . Schwieg der Hirt. Darauf der Andre: Wunderbar! und habt ihr Kunde, Wie man Weg und Eingang finde Zu Ver Maid im Felsengrunde?" Und der Alte blickt dem Frager In die dunkeln Sonnenaugen: „Nur ein Sänger reinen Herzens Mag zu solchem Gange tauge«» Doch man sagt, mit heil'aem Liede In der Heimath süßem Laute Die nur mehr erklingt in Hütten, Weckt ein Sänger einst die Traute. im Süden der Provence. Und zurück aus Mistrals Schwingen Kehrt der Geist in die Provence, Tönt das Lied der Troubadoure Pein Adour bis zur Durance" Ictzo schied mit Gruß und Segen Von dem Musensohn der Hirte, Während Jener durch die Haide Nach den fernen Höhen irrte. 6 . Aus den Schwingen heil'gcr Sehnsucht Flog der Wand'rer durch die Wüste, Bis die bleiche Baux gespenstisch Aus dem Dämmerdust ihn grüßte. Seinem Sterne fromm vertrauend, Drang er in die Felsentielen, War's ihm doch, als ob, süß lockend, Stimmen aus dem Innern riefen. Plötzlich hellte sich das Dunkel, Und vor ihm im Glorienlichte Lag die Jungfrau friedlich schlummernd, Mit dem Engelsangestchte. Ihr zu Häupten lang die Harfe, Maraviglta's Herzvertraute, Aus den gold'nen Saiten strömten Noch des Meisters Minnelaute. Sel'ge Wonncschauer zogen Durch die Brust dem Musensohne, Upd das Saitenspiel ergreifend, Hub er an in leisem Tone: 7. »Wach auf, du holdes Traut! O, nicht zu neuem Kummer Rüst dich aus sanften, Schlummer Des Sängers Klagclaut. ») Name des bcdeutendsten Felibre, starken Windes. Wach aus! der Lenz erschien, Die klaren Brünnlein rauschen, Und Nachtigallen tauschen Der Liebe Melodie'». Wach aus! am Bache fleh'» Maßliebchen, licht wie Sterne: Wir grüßten dich so gerne Zu srohem Aufersteh'»! Wach aus! Dein Troubadour Will dich zur Braut erküren Und im Triumph dich führen Durch all' die Heimathflur." 8 . Wie dem Kind, wenn lichte Träume Seine Wiege still umfächeln, Also flog der Schlummerholden Um den Mund ein süßes Lächeln. Und sie schlug die dunkeln Augen Seclenvoll empor zum Sänger, Der jahrhundertalte Zauber Hielt das schöne Kind nicht länger. Hehr und herrlich vor den, Jüngling Stand sie da im Jugendprangen, Während von den Rosenlippen Provencalcnlicder klangen. Und im Arm des Meisters Harse, Zog mit ihm sie durch die Fluren, Um sich schaarend viele Sänger, Die zum heil'gen Bunde schwuren. Felibrige sein holder Name, Stolz und Zierde der Provence, Denn die Langue d'Oc klingt wieder Von, Adour bis zur Durance. der Name eines in der Provence oft wehenden M i s e s l l s,r. (Baron Mikosch.) Professor in einer Gesellschaft: „In der That, verglichen mit früheren Jahrhunderten sind die astronomischen Errungenschaften unserer Zeit großartig zu nennen. Mit welcher erstaunlichen Genauigkeit berechnen wir z. B. die Entfernung der Sterne von unserer Erde, Neptun 600 Millionen weit, Venus 14>/z Millionen weit . « — Baron Mikosch: „Daß man waiß, wie wait die Sternen sind, ist nichts — daß man aber waiß, wie sie haißen — olle Achtung!" (Marc Twain), der bekannte amerikanische Humorist, erhielt von einem amerikanischen Würdenträger einen Brief, den zu beantworten er nicht für nöthig fand. Darauf ließ die hochgestellte Persönlichkeit dem ersten Briefs einen Bogen Papier und eine Marke folgen. Darauf erwiderte Twain per Postkarte: „Papier und Marke erhalten, bitte um Couvert." (Neise-Utensilien.) A.: „Da Sie in die Alpen reisen, so haben Sie hoffentlich nicht vergessen, ein gutes Glas mitzunehmen, man hat dann doppelten Genuß von der herrlichen Fernsicht." — B.: „Ja ein großes Glas hab' ich schon, aber wird man überall das Bier dazu kriegen können?" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Or. Max.Huttler. zur „Äugslmrger PostMung." Nr. 47. Mittwoch, 13. Juni 1883. Des Jörsters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson, (Fortsetzung.) Nur zu gern hätte Fräulein Constanze sich bei ihrem Vetter nach des Försters Enkelkind erkundigt, doch hielt der bestimmte Wunsch ihrer Großmutter sie davon zurück, dennoch nahm sie sich vor, zu geeigneter Zeit einmal der Waldfee ihm gegenüber zu erwähnen. Die beabsichtigte Fahrt nach den beiden entfernten Gütern war zum Verdruß der Gräfin von Förster Kohring und Graf Waldemar unternommen, und einige Wochen darauf vergangen, ohne daß er im Försterhause erschien. Man wunderte sich darüber nicht, es gab für ihn Abeit genug, er war so unausgesetzt thätig, daß auch seine Großmutter ihm ihre Anerkennung nicht versagen konnte, und zugleich sich freute, daß er die Försterei noch nicht wiedergesehen. Bald aber erschien er in derselben, und diesem Besuche folgten andere, und die ehemalige Gefährtin nahm unmerklich den vertraulichen Ton früherer Tage an, wo sie ein Kind und er ein kaum erwachsener Knabe gewesen, wenn sie sich auch der förmlichen Anrede bedienten. Damit aber zog die Liebe in ihre junge Herzen ein, die eigentlich nur die Fortsetzung der Zuneigung ihrer Kinderjahre, und bald dem Förster und seiner Nichte kein Geheimniß mehr war. Man ahnte sie aber auch in Steinhorst, und die Gräfin und ihre Tochter führten erbitterte Worte darüber, welche Fräulein Constanze voll inniger Theilnahme mit ihrem Vetter anhörte. Der Entschluß der Ersteren stand fest, sie wollte in ihrer Familie keine Heirath unter Rang und Stand dulden, am wenigsten aber von dem Enkel, für den sie gearbeitet und gestrebt, und bedachte dabei nicht, daß dieser Enkel der selbstständige Herr seines Schicksals war, und ihrer Einwilligung zu einer beabsichtigten Verbindung nicht bedurfte. Die Liebenden selbst aber, über deren Lippen ihre Gefühle noch keinen Ausdruck gefunden, lebten in stiller Seligkeit, im Bewußtsein und in der Ueberzeugung ihrer gegenseitigen Neigung fort, welche ihnen ihre, Blicke und eine nur ihnen verständliche Sprache verrathen, wenngleich auch der Gedanke — die Frage an sie herantrat, ob diese Liebe zu einem glücklichen, erwünschten Ziele führen werde. Graf Waldemar war entschlossen, Anna Herfeld mit Bewilligung ihres Großvaters zu seiner Gattin zu machen» alle ihm entgegentretenden Hindernisse zu beseitigen und auch die Wünsche seiner Großmutter nicht zu berücksichtigen, die stets ihren einseitigen Adelstolz geltend zu machen suchte, und deren Ansichten in dieser Beziehung weit von den feinigen abwichen. Auch Anna hatte bereits empfunden, daß die Pfade wahrer Liebe nicht immer eben seien, und war oft ernster und nachdenkender als man sie sonst gesehen. Auch sie kannte die Ansichten der adelstolzen Gräfin Steinhorst zur Genüge, die, wenn sie sich in der Kirche trafen, gleich ihrer Tochter sie stets nur hochmüthig begrüßten, während Fräu- 370 lein Constanze dies mit freundlicher Höflichkeit that. Sie hatte das tief gefühlt, und wußte sich auch die vornehme Herablassung der beiden älteren Damen zu erklären, dennoch aber vermochte ihr Herz nicht von Graf Waldemar zu lassen. Eines Nachmittags kehrte früher als sonst Förster Kohring von seinen Wegen aus dem Walde heim, und fand an dem gemahnten Platz vor der Thür nur seine Nichte. Ihr ernstes bekümmertes Gesicht gewahrend, sah er zugleich die Arbeit seiner Enkelin auf dem Tische, und fragte schnell: „Wo ist Anna, Wilhelmine?" „In den Garten gegangen, wie ich fürchte, um mir ihre Thränen zu verbergen, da sie schon den ganzen Nachmittag traurig und still gewesen ist", und Frau Albrecht stieß einen tiefen Seufzer aus. „So mag's wohl sein", erwiderte der Förster, sich neben seiner Nichte niederlassend. „Es ist Alles gekommen, wie Du befürchtet, und wir müssen etwas thun, um hier eine Veränderung zu machenI" „Welche Veränderung aber, Onkel? — Wir können doch dem Grafen nicht das Haus verschließen, obgleich das sicherlich im Sinne seiner Großmutter gehandelt wäre!" „Nein, Wilhelmine, das können wir nicht, doch muß es zu einer Entscheidung kommen, denn ich will nicht, daß das arme Kind sich härmt und grämt." „Was kann und soll jedoch geschehen?" „Anna soll fort, schon in den nächsten Tagen, und dazu ist uns der Zufall günstig. Ich habe einen Brief von Sophie Dörner in der Tasche, den ich dem Postboten abgenommen und auch schon gelesen habe. Sie ladet sie zu einem baldigen Besuche ein, da sie später mit dem schwachsinnigen jungen Mädchen, das bei ihrer Mutter ist, reisen wird! —" „Das trifft sich sehr glücklich, Onkel, denn auch ich halte Anna's Entfernung für nothwendig", entgegnete sichtlich erleichtert Frau Albrecht. Sollte sie aber auch reisen wollen? —" „Sie muß reisen, Wilhelmine, und ist auch verständig genug, es einzusehen. Vorher aber will ich ihr — es kann sogleich geschehen — die Geschichte ihrer Eltern erzählen, was schon längst meine Absicht gewesen-" „Aber Du wirst sie entbehren, Onkel-" „Ich komme dabei nicht in Betracht, Kind! — Es handelt sich hier um ihre Gesundheit und um ihr Lebensglück — auch hat der Graf sich gegen mich noch mit keinem Wort ausgesprochen, und wir wissen nicht, woran wir seinerseits sind, Ist sie fort, so wird die Sache zur Sprache und damit zur Entscheidung kommen, und — doch verliere ich hier die Zeit und das Kind sitzt im Garten und grämt sich und weint —" und sich erhebend entfernte er sich mit eiligen Schritten. Er fand seine Enkelin bald in einer Mooshütte« die einst Graf Waldemar für sie und ihre Erzieherin erbaut. Schon aus der Ferne gewahrt« er ihr ernstes, gedankenvolles Gesicht, und sah ebenfalls, daß sie, als sie seine Schritte vernahm, mit dem Taschentuch über die Augen fuhr. Ein tiefes Weh durchzog seine Brust, dies verriethen auch seine Züge als er die Hütte erreicht, aus der sie ihm entgegen trat. „Schon zu Hause, Großvater?" begann sie mit einer Stimme, welcher der sonst so heitere Klang fehlte. „Ja, mein Kind", erwiderte er mit einem forschenden Blick, der schnell das Blut in ihre Wange^ trieb. „Weshalb aber finde ich Dich hier, und nicht wie sonst bei Deiner Tante, die traurig und kummervoll vor der Thür sitzt?" „Großvater —" „Anna, «nein liebes, theures Kind", entgegnete er, sie mit seinem Arm umfassend und sah ihr voll Liebe und Zärtlichkeit in die Algen. „Du hast Kummer — den Kummer eines jungen Herzens, das zuerst die Liebe empfunden, die aber das erwünschte Ziel nicht voraussehen läßt!" 371 „Großvater — " sprach nochmals Anna und barg ihr glühendes Gesicht an seine Brust. „Laß uns einmal die Sache, der Du Dich nicht zu schämen hast, in aller Ruhe besprechen, mein Kind", fuhr mit weicher Stimme der Förster fort, und führte sie in die Hütte zurück, wo er sie neben sich auf die Bank zog. „Du liebst Graf Waldemar", — Anna erbebte an seiner Brust — „ich weiß es, Deine Tante und ich haben es vorausgesehen, er liebt Dich ebenfalls, denn auch dies haben wir durchschaut, was soll aber aus Eurer Liebe werden, wenn seine Großmutter und Familie gegen eine Verbindung mit Dir find?" Die Enkelin schwieg und der Großvater fuhr fort: „Die Gräfin ist sehr adelsstolz, Geburt und Name ist ihr durch nichts zu ersehen. Daher müssen mir ihr gegenüber unfern Stolz und unsere Selbstachtung zeigen und dazu ist erforderlich» daß Du auf einige Zeit von hier fortgehst!" „Ich, Großvater?" fragte Anna überrascht. „Ja, Kind, und durch eine glückliche Fügung läßt sich das machen. Wir haben einen Brief von Sophie Dörner bekommen, und in diesem bittet sie um Deinen baldigen Besuch. Nach meiner und Deiner Tante Ansicht reisest Du in diesen Tagen zu ihr, und erwartest dort in aller Ruhe, was hier geschieht. „Vorher aber, Anna", fuhr der Förster fort und seine Züge umdüsterten sich und seine Stimme klang tiefer als zuvor, „vorher aber sollst Du hören, was außer mir. Deiner Tante und dem Prediger von Vahrenwald Niemand weiß, noch vorerst wissen soll, die Sache betrifft Dich und —" „Und meine Eltern, Großvater?" fragte schnell seine Enkelin und blickte lebhaft zu ihm auf. „Ja, und Deine Eltern", sagte er mit einem tiefen Seufzer. „Der Zeitpunkt ist gekommen, wo ich Dir eine eingehende Mittheilung über sie nicht länger vorenthalten kann. Auch mußt Du die traurigen Schicksale erfahren, die sie Dir und mir so früh genommen, und den Tod Deiner Großmutter verursacht haben!" Der Förster hielt inne, blickte einige Sekunden in's Weite — in den Wald, der still und schweigend vor ihnen lag, während ein leichter Windzug seine hohen Laubkronen leise bewegte, und begann: „Anna, Du bist, wofür Du und auch Andere Dich immer gehalten, das einzige Kind meiner früh verstorbenen Tochter, doch hieß Dein Vater nicht Herfeld, sondern Ludwig von Bodenwald, und war der jüngste Sohn eines im-Lande reichbegüterten Majoratsherrn von altem Adel, der zugleich bei Hof und im Lande eine hohe Stellung eingenommen. Deinem Taufschein nach heißt Du Anna Thusnelda von Bodenwald, und Du bist demnach von Deines Vaters Seite dem Grafen Waldemar von Steinhorst ebenbürtig — " „Großvater —" unterbrach lebhaft Anna, welche voll Spannung zugehört hatte. Deine Mutter aber war eine Bürgerliche, und daraus ist für Dich und mich alles Unglück erwachsen", fuhr mit leisem Nachdruck der Förster fort, „doch höre nun wie das geschehen", und Anna vernahm aus dem Munde ihres Großvaters, was der Leser bereits zu Anfang und im weiteren Verlauf dieser Erzählung erfahren. Oftmals ward er von ihren theilnehmenden, oder heftigerregten zornigen Worten unterbrochen, oft auch durch die Erinnerungen, welche auf ihn einstürmten und ihn kaum Worte zur Fortsetzung seines Berichtes finden ließen. Als er ihn den Tod seiner Gattin geschildert, fügte er mit kaum vernehmbarer Stimme hinzu: „Daß meines Bleibens in Bodenwald, wo Alles mich an die Verstorbene erinnerte, nicht länger war, brauche ich Dir nicht zu sagen. Ich las von dieser Stelle, bewarb mich darum und erhielt sie schnell, und sagte der alten Heimath, wo ich so glücklich gewesen, und den Gräbern meiner Gattin und Kinder Lebewohl. Seitdem haben wir hier gelebt»" — (Forts, folgt.) 372 Ein Volksfest in Mo skan. ^Aus der Berl. Nat. Ztg.) Moskau, 3. Jmn. „Sei fröhlich, ehrliches Volk, aber bewahre die Ordnung!" Getreu dem Motto des Programms hat sich das Volksfest auf dem Chodynkafelde trotz der ungeheuren Massen, die an demselben theilnahmen, ohne unangenehme Unterbrechung heiter und maßvoll abgespielt. Ueberall, soweit wir beobachten konnten, herrschte der den Russen angeborene Sinn harmloser Vergnügtheit. Die Anordnungen und Einrichtungen für das Fest waren zum größten Theil vortrefflich; wo sie sich nicht ganz bewahrten, war man gutmüthig genug, sich den einstellenden Aerger hinwegzulachen. Das Geordnete und Gezügelte dieses Volksfestes unterscheidet es vortheilhaft von dem Tumult, in den bei der Krönung Alexander's II. die Fröhlichkeit der Massen schließlich ausartete. Damals hatten die Lieferanten mit den Beamten einen abscheulichen Plan ersonnen, um das Volk um das erwartete Vergnügen zu bringen. Da kaum der vierte Theil der versprochenen Lieferungen wirklich geleistet worden war, «rußte man daran denken, den Betrug zu verschleiern. Man gab daher das Zeichen zum Einlaß des Volkes viel früher, als es programmmäßig erfolgen sollte. Die hineinstürmende Menge bemächtigte sich schnell aller vorhandenen Vorräthe, zerschlug Stühle und Tische und hatte, als der Kaiser eintraf, das Ganze bereits in ein riesiges Trümmerfeld verwandelt. Von alledem war dieses Mal keine Rede, obwohl sich auf dem Felde gewiß eine halbe Million Menschen versammelt hatten. Nicht nur aus den entferntesten Stadttheilen Moskau's waren sie herbeigeströmt, so daß diese öde und verlassen erschienen, sondern auch das ganze Gouvernement hatte die Landleute nach der Stadt entsendet. Reisende, die am Tage des Volksfestes in Moskau eintrafen, versicherten, daß die Bewohner der Dörfer in langen Reihen zu beiden Seiten der Eisenbahn die Nacht hindurch gepilgert wären, um sich ihren Antheil an dem Vergnügen zu holen. Tausende hatten sich vom frühen Morgen an vor den Einlaßthoren ein Quartier geschaffen, sehnsüchtig des Zeichens harrend, das ihnen erlauben würde, sich nach Herzenslust auf alle erdenkliche Weise zu amüsiren. An dem Wetter hatte das Fest einen Bundesgenossen, wie er nicht bester gedacht werden konnte. Der Himmel war ununterbrochen bewölkt, die Luft frisch und kühl, wir während eines deutschen Aprils oder Septembers. Der Sonnenschein hätte die unendliche Fläche sicherlich in glühenden Sand, der Regen in einen furchtbaren Sumpf verwandelt. Das Chokynkafeld liegt an der Petersburger Chaussee neben dem Gebäude der vorjährigen Kunst- und Gewerbe-Ausstellung, gegenüber dem Petrowsky-Schloß, wo der Kaiser abgestiegen war, um in die Stadt zu ziehen, und dem Petrowsky-Park, dem Thiergarten oder Prater Moskau's, dessen Landhäuser, Alleen, Teiche die Bewohner an Sommertagen regelmäßig Hinauslocken. Gerade gegenüber dem Schlosse war der Kaiserpavillon aufgebaut, eine zierliche, aus zwei Stockwerken bestehende, reichgeschmückte Halle, auf deren oberem Balkon der Kaiser gegen Uhr erschien, um von nicht enden wollenden Hochrufen, Hüteschwenken, Kanonensalven und Orchestertuschen empfangen zu werden. Links und rechts davon lagerten sich kolossale Tribünen, die geschickt gebaut waren und der Bewegung des Einzelnen den freiesten Spielraum ließen. Auf beiden Seiten zerfielen sie in drei Abtheilungen, die der Farbe des Außenanstrichs und der Billets entsprechend als blaue, weiße und rothe zu unterscheiden waren. Die Lage des Kaiserpavillons war derartig, daß von ihm aus das Feld übersehen werden konnte, so weit das überhaupt möglich war. Aber selbst ein gutes Opernglas trug den Blick lange nicht so weit, um die Grenzen des Schauplatzes auch nur annähernd erkennen zu lassen. Was man, allerdings in großer Verkürzung, gut wahrnahm, waren die vier Theater, welche ihre Scene der kaiserlichen Loge zugewendet hatten und in deren Mitte sich das weit ausgespannte Halbrund des Circus befand. Die andere Hälfte blieb gleichfalls wieder für den Kaiser und die Zuschauer auf den Tribünen frei. Trotzdem die Breite der vier Bühnen gewiß 373 nicht geringer als die des Berliner Opernhauses war und der Circus für fünfzehn- tausend Personen Platz hatte, schrumpfte das Alles doch zur Größe eines Puppentheaters zusammen, auf dem die Schauspieler und Jongleure zu Kindermarionetten wurden. Ueber den Circus und die beiden rückwärts gelegenen Theater hinaus verschwamm das Bild für das Auge vollständig, man mußte eine halbstündige Wanderung zu Fuß durch das Menschengewühl antreten, um zu der südwestlichen Begrenzung des Platzes zu gelangen. Diese bestand aus hundert mummerirten Eiscnbahnwaggons, wie man sie für den Gütertransport braucht die zu Tempeln des Gottes Gambrinus umgewandelt waren. In einer ihrer eigenen Länge entsprechenden Distanz waren sie von einander entfernt und vom Publikum durch eine vier Fuß hohe hölzerne Galerie getrennt. Man hatte sich einen schönen Apparat ausgedacht, um das edle bereits im Februar gekaufte und dann in versiegelten Kellern verschlossen gehaltene Naß aus den Fässern in die durstigen Kehlen stießen zu lassen. Das Bier sollte in ein Eisenrohr, eben so lang wie der ganze Wagen, strömen und dann aus sieben, mit Gummiverschluß versehenen Oeffnungen in die einzelnen Kruge übergehen. Als man den Apparat am Tage vorher prüfte, fand man ihn vollendet schön, aber beim Volksfeste zeigte er sich durchweg widerspenstig, so daß man ihn beseitigen und durch gewöhnliche Krähne ersetzen mußte. Wie bei allen solche» Gelegenheiten kam auf die Unverschämten der größte Theil, mit spitzigen Ellenbogen drangen sie durch die Menge durch, den Krug leerend und wieder füllend, bis sie vergnügt wurden, der Fortsetzung dieser wohlthuenden Motion vergaßen, sich singend und gestikulirend durch die Menge eine Gasse bahnten und endlich wie nach einem rühmlichen Kampfe als Schlachtopfer zur Erde sielen. Dergleichen Scheintodte, die nur bei einem besonders wirkungsvollen Hurrahrufen ihrer Kameraden die müden Augen einen Moment öffneten, um weiter zu schnarchen, gab es eine erkleckliche Anzahl. Wirkliche Rohheiten sind aber ebensowenig vorgekommen, wie bei der Illumination am Krönungstage. Die Kosaken, die hin und her ritten, fanden, so viel wir sahen, nur einmal Gelegenheit, einzuschreiten. Als der Apparat nicht funktionirte» glaubten nämlich die durstigen Seelen, daß das Bier ihnen absichtlich vorenthalten würde, und suchten sich als Opfer ihrer Rache einen Herrn im hohen Hute aus, den sie für den Lieferanten hielten und der sich nur durch schleunige Flucht unter militärischer Deckung der ihm drohenden Lynch-Justiz entziehen konnte. Am malerischsten machte sich die Scene, als an den hundert Waggons die Neigen an die Reihe kamen, die mit Sturm genommen und dabei kläglich vergossen wurden. Wer in die sich bildenden Bierlachen nicht hineinplumpste, und mit den am Körper festklebenden Kleidern herausgezogen wurde, war glücklich, wenn er mit seinem Kruge oder mit seiner Mütze einen Tropfen auffangen konnte. Ich sah bei dieser Gelegenheit Gestalten von einer Seltsamkeit, die jeder Beschreibung spottet. Ausgerissene Aermel und Rockschöße, die durchaus beweisen wollten, daß der Schmutz der Vater aller Dinge ist, waren noch das Wenigste. Aber diese von struppigen Haaren umgebenen Gesichter mit den selig verklärten Augen, diese vorsündfluthlichen Hände, die aus einem Stück Zeitungspapier und einer unkenntlichen Masse eine Cigarrette treten, diese mit einer zolldicken Schicht Erde bedeckten Stiefel wiesen thatsächlich auf eine weit hinter uns liegende Periode der Geschichte. Die Krüge, die zur Vertheilung kamen, hatten nicht all« dieselbe Form. Einige zeigten den kaiserlichen Doppeladler als Relief auf die thönerne Masse aufgetragen, andere hatten ihn nur als eingeritzte Zeichnung. Da aber nicht für alle viermalhunderttausend Menschen in gleicher Weise gesorgt werden konnte, hatte man eine nicht unbeträchtliche Zahl derselben mit einfache» Gläsern ohne jedes weitere Abzeichen abgefunden. Im Laufe des Nachmittags verwandelten sich die braunen thönernen Töpfe in einen Handelsartikel, der aber nur schwach begehrt wurde. Von 1'/^ Rubel sank der Preis bald auf vierzig und dreißig Kopeken herab. Die am Tage darauf auf der Straße feilgehaltenen Exemplare dürften noch wohlfeiler geworden sein. Der Krug bildete mit zwei Pirogen und einer Düte Konfitüren den Inhalt einer — 374 — hölzernen Schachtel, die in einzelnen an verschiedenen Seiten des Platzes befindlichen Zelten dem Volke verabreicht wurden. Der Ansturm war so stark, daß in einer halben Stunde die Bertheilunz beendigt war. Tausende der Empfänger verließen sofort den Platz, um in ihrem Schnupftuche das willkommene Geschenk nach Hause zu tragen und dort in Ruhe zu verzehren. Die überwiegende Mehrzahl blieb jedoch zurück und suchte sich, nachdem sie sich an den allgemeinen Belustigungen und Vorstellungen sattgesehen hatte, einen Ruhesitz zu erkämpfen, so gut eS eben gehen wollte. Sitzplätze hatte man nur im Circus, dessen Reihen bis zu einer schwindelnden Höhe hinaufreichten, während vor den Theatern Alles stehen mußte. Auch sonst waren nirgends Tische und Stühle vorhanden. Man fürchtete, daß sie bei einer etwaigen Prügelei zu gefährlichen Waffen werden könnten. Allein zu einer solchen kam es nirgends, da der Schnaps in Acht erklärt war und auch in den neben dem Chodynkafelde gelegenen Buden keine Spiritussen verabfolgt werden durften. Die Herstellung der Pirogen, großer Fladen, die bald mit Teig, bald mit Fleisch gefüllt waren, war den, Moskauer Hofbäcker Filippow anvertraut worden, der aber seinen kontraktischen Verpflichtungen nicht nachkommen konnte und daher in eine hohe Konventionalstrafe verfallen wird, obwohl er seine sämmtlichen Filialen in der Stadt geschloffen und alle seine Leute Tag und Nacht nur mit der Bäckerei für das Volksfest beschäftigt hatte. Die Schwierigkeit lag aber darin, daß mit der Anfertigung dieser Pirogen erst drei Tage vorher begonnen werden durfte, damit sie nicht verderben konnten. Uebrigens schmecken sie, wenn man davon absieht, daß sie wie alles ähnliche russische Backwerk zu wenig gesalzen sind, vortrefflich. Das Einrühren des Teiges in ungeheuren Kesseln, die Füllung mit Fruchtsaft und Fleisch, das Backen in zerlassener Butter bildet eine Prozedur, die mit der größten Geschicklichkeit gemacht wurde. Sehr gut und schmackhaft waren auch die Konfitüren, welche die Firma Einem in Moskau zur vollsten Zufriedenheit der Besteller und Konsumenten geliefert hatte. In den vier Theatern wurden militärische Pantomimen, Harlekinaden, Zauber- possen und Balleis aufgeführt. Jede Vorstellung wurde nach einer Pause von zwanzig Minuten wieder von Neuem aufgenommen. Hier den Text einzelner Stücke: „Die lustige Hochzeit", dramatisches Bild in drei Akten von Suckonin, „Der schöne Frühling", Zauberpoffe in drei Bildern („Eisige Kälte", „Fest des Frühlings", „Einzug des Gottes") von Lentowsky, dem Besitzer des besuchten Sommergartens Eremitage, „Iwan Czarewitsch von Nodislawsky" und „Der russische Adler", große Kriegspantomime von Lentowski). Die letztere spielte sich vor unseren Augen als Kriegsgemälde im Kaukasus ab, bei dem mit rasselnden Kanonen, schmetternden Trompeten und Salven ein furchtbarer Lärm gemacht wurde. Nachdem sich die Akteurs ein paar Stunden lang müde gespielt hatten, zog eS die Direktion vor, den Reiz der Fabel nur noch in das Schießen zu verlegen, bis der Pulverdampf die Scene wie mit einem schweren Schleier bedeckte, so daß gar Nichts mehr zu unterscheiden war. —- Als der Kaiser im Pavillon erschienen war, begann vom Circus aus eir Festzug' der zu ihm auch wieder zurückkehrte, nachdem er an den Tribünen der weiten Bogen vorbeigegangen ivar. Die ihm zu Grunde liegende Idee war das Erscheinen des Frühlings. Den Anfang machten sechs geflügelte Herolde mit Sturmhauben und Trompeten, ihnen folgten die Personifikationen der Insekten und Getreidekäfer, dann sieben Frösche zu Pferde, eine Equipage mit Bienen, darunter die Bienenkönigin, dahinter der Wagen des russischen reichen Mika! Gelianowitsch, des Besitzers der schwarzen, den Humus darstellenden Erde, umgeben von Ameisen, als Sinnbildern des Fleißes. Ihnen schließen sich Bauern im rothen Hemd an, worauf der von Birkenzweigen und Blumen umgebene, von Schmetterlingen umflatterte Wagen des Frühlings kommt, den vier Pferde ziehen. Aus den vielen, für deutsche Leser unverständlichen und uninteressanten allegorischen Figuren heben wir nur den russischen Bacchus hervor, der auf einer von Hopfen umwundenen Troika heranzieht und von betrunkenen Knaben, Jongleurs und Bajazzos um- 375 — geben ist. Den Zug schließen eine Ziege, ein Bär und ein russischer Sängerchor. In diesem Momente sollten aus einem Luftballon, an dessen Füllung man fleißig gearbeitet hät!e, Kopftücher auf das Volk herabgeworfen werden. Allein der Ballon war unliebens- würdig genug, sich seiner Mission zu entziehen, indem er platzte und den Neugierigen das Nachsehen ließ. , » Unter den Volksbelustigungen verdienen neben den bekannten des Dauerlaufs und MastkletternS noch die vier Erzähler, die mit Anekdoten das. Volk unterhielten, ferner die Moltschanow'schen Volkssänger und die Nacumowsky'schen Chöre Erwähnung. Beim Mastklettern und Schwcbebanm hatte man Mützen, Hosen, Hemden, Stiefel, Uhren, Ketten, Harmonika's, Samoware als Preise ausgesetzt. Es war keine leichte Aufgabe diese Bäume zu erklettern, die für gewöhnliche Arme kaum zu umfassen waren. Die Meisten kamen nicht an das ersehnte Ziel und rissen beim Heruntergleiten ihre Nachfolger mit sich. Ein stämmiger Bursche der mit vieler Noth die Mastspitzr erreicht hatte, schwankte in der Qual der Wahl, wonach er greifen sollte. Lüstern schaute er eine Zeit nach dem Samowar, bis er sich endlich doch für die Harmonika entschied, auf der er gleich oben unter allgemeinem Jubel ein lustiges Stück zum Besten gab. Beim Schwebebaum bildete den Preis ein in einem Sack befindliches Ferkel, bis zu dem es jedoch auf dein zitternden Balken nur die Allerwenigsten brachten. Wer das Gleichgewicht verlor, fiel entweder in einen Nuß- oder Mehlhaufen, so daß er als Schornsteinfeger oder Müller der Gegenstand des allgemeinen Lachens wurde. Die Illumination vermochte ich, von Durst und Hunger gepenugt, wie ich war, nicht mehr abzuwarten. In den Restaurants des Pstrowsky-Parks mußte man sich als Millionär legitimiern, um von Kellnern, deren Schläfrigkeit etwas Orientalisches hatte, überhaupt berücksichtigt zu werden. Der Russe hat immer einen Vorwand zur Faulheit, wie der Deutsche zum Trinken, was sich diesmal nur schlecht miteinander vertrug. — Um fünf Uhr schien der Platz, nachdem ein Paar hunderttausend Menschen den Weg zur Stadt eingeschlagen hatten, sich geleert zu haben. Es war das aber eine Augentäuschung, der Blick des Einzelnen war nur gegen die Unzähligen, die vor den Theatern standen, im Circus saßen, an den Bierwaggons herumkletterten abgestumpft. Zu den Kanonenschlägen, Raketen und sonstigen Effekten des Feuerwerks mögen immer noch so viel Menschen auf dem Platze gewesen sein, als Königsberg oder Leipzig Einwohner besitzen. Um neun Uhr Abends begann man die zum Volksfeste errichteten Baulichkeiten mit Ausnahme des Kaiserpavillons und der Tribünen wieder einzureißen, da das Cho- dynkafeld für die am nächsten Sonnabend stattfindende Parade freigemacht werden muß. Miscells,r. (Von demungarischen Grafen Sandor) weiß das „Kl. I." eine Anekdote zu erzählen, die auch hier ihren Platz finden mag. Graf Sandor war bekanntlich allzeit zu tollen Scherzen aufgelegt und man hat von keiner einzigen Ausschreitung gehört, die dem genialen Manne mißglückt wäre. Da sitzt er eines Tages in Budapest im Kreise seiner Freunde und zecht. Draußen auf der Straße wird eben ein Mensch verhaftet, ohne daß der Grund recht ersichtlich ist. „Wer weiß," sagt einer von Sandor's Freunden, „was der aufgefressen hat!" „Ei," erwidert der Graf, „der Mann da draußen kann unschuldig sein, wie ein neugeborenes Kind." „Ohl" ertönt es im Chorus, „dann wird man nicht verhaftet!" „Das kommt darauf an," meint Graf Sandor, dem in diesem Augenblick ein närrischer Einfall durch den Kopf schießt. „Ich gehe eine Wette ein, daß ich morgen nachmittag 4 Uhr verhaftet bin, ohne auch nur das allerkleinfl? Unrecht begegnen zu haben." „Warum nicht gar!" „Wir leben ja nicht bei den Hottentotten!" „Das ist nicht möglich!" So und ähnlich machte sich der lebhafte Widerspruch vernehmbar, bis endlich nach Rede und Gegenrede eine Wette zu Stande kommt, deren Einsatz — 20 Flaschen Sekt — am nächsten Abend gemeinschaftlich getrunken werden sollte. Die Fortsetzung unserer Erzählung spielt in einem der vornehmsten Kaffee's in 376 Wien. Alle Tische sind von einem distinguirten Publikum besetzt und die geschniegelten Kellner fliegen hierhin und dorthin. Da zwängt sich durch die halbgeöffnete Thür eine Gestalt, die offenbar nicht hierher gehört. Ein Mensch in „schlotterichter" Haltung, bekleidet mit Lumpen, die Schuhe mit Bindfaden verschnürt, um die Schulter einen durchlöcherten Slowakenmantel, so schiebt sich der zoltige Bursche bis zu einem Tischchen im nächsten Winkel, blickt scheu und furchtsam um sich und kauert sich nieder. Flüsternd und ohne aufzublicken, verlangt — nein, erbittet er einen Kaffee. Wie wenn er seit vierzehn Tagen nichts warmes gegessen, stürzt er sich darüber her, ist mit gierigem Behagen wohl ein halbes Dutzend Brödchen dazu, ohne daß er auch nur für einen Augenblick sein unruhiges, wie verfolgtes Gebühren aufgegeben hätte. Fertig mit seiner Mahlzeit, flüsterte er mit zagendem Blick: „Zahlen!" Der Zählkellner, der den unsauberen und verdächtigen Gast ohnehin nicht einen Moment aus den Augen gelassen, eilt herbei. Nun dreht sich der Vagabond zur Wand, als wollte er von niemanden beobachtet werden und auch keinem ins Gesicht blicken, zerrt unterm Tisch aus den zerfetzten enganliegenden „Buchsen" eine Banknote und knittert sie verstohlen dem Oberkellner in die Hand. Dieser hat es sozusagen „am Gefühl", daß er eine Tausendguldennote zwischen den Fingern hält. Er bemeistert sein Erstaunen, setzt das stereotype Lächeln auf und hüpft mit dem üblichen „Gleich, bitte gleich!" von bannen, scheinbar um die Note am Büffet wechseln zu lassen. Scheinbar sagen wir; denn in Wirklichkeit schickte er einen dienstbaren Geist hinaus auf di? belebte Straße, um einen Sicherheitswachmann herbeirufen zu lassen. Kaum eine Minute vergeht, da steht der Mann des Gesetzes vor dem Zerlumpten; ein Blick auf das angstverzerrte Gesicht des Menschen genügt dem Polizisten, um zu wissen, daß er es hier mit einem Diebe zu thun hat. Darin bestärkt ihn auch der aus tiefster Brust hervordringende Seufzer mit dem sich sein Opfer in die schleunigst vollzogene Arretirung fügt. Vor den Polizei- kommissar geführt und um den Erwerb der namhaften Banknote befragt, gibt der Arrestant zitternd , und stammelnd zu, daß — er das Geld nicht verdient habe. Nun soll er seine Nationale angeben. „Bin ich nicht von hier, gnädiger Herr Kommissar!" „Woher also?" „Aus Ungarn!" „Und Dein Name?" „Kann ich nicht sagen!" „Kerl, antworte, wer bist Du und wie willst Du Dich ausweisen?" „Hob' ich Verwandte hier!" „Du — hier Anverwandte? Wer find diese?" „Hob' ich Schwiegersohn hier!" „Zum Teufel! Mach's kurz!" Wie heißt dieser Lump von Schwiegersohn?" „Heißt — Fürst Metternichl Bin ich — Moritz, Graf Sandor!" (Der ganze Unterschied.) Während eines häuslichen Zwistes rief die Frau ganz entrüstet aus: „Ach wüßtest Du, welch' ein Unterschied zwischen Dir ist und meinem verstorbenen Gatten!" — „O ja," erwiderte der Ehemann, „er ist jetzt selig, weil er Dir losgeworden, und ich war selig, ehe ich Dich gekriegt habe." (Trinkerlogik.) Arzt: „Wenn Sie wollen, daß Ihre Augen wieder ganz gut werden, so müssen Sie vor Allem das viele Trinken lassen!" Patient: „Dees geht net, Herr Doktor! Wegen zwei schlechte Fenster werd' i' doch net 's ganze Haus riskiren!" (Der diplomatische Frack.) Ein neugebackener Attachs bestellte sich einen Frack. Als der Schneider ihn fragte, ob der Herr ihn nach englischem, französischem oder deutschem Schnitt gemacht wolle, antwortete der von der Wichtigkeit seiner diplomatischen Bedeutung ganz erfüllte junge Mann: „Wissen Sie was? Da ich bei keiner der Großmächte anstoßen möchte, machen Sie mir ihn neutral." Original-Silben-Näthsel. * Von tausend Wünschen ohne Rast bewegt Ersehnt der Silben erste stets den Frieden; Allein er ist ihr nicht beschieden Bis man sie nicht in Beide letzte legt. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Ur. Max Hnttler. 679 „Dann werden Sie sie unfehlbar auf immer erzürnen, und das sollte mir sehr leid thu», da doch die Gräfin für Sie voll Aufopferung und Liebe gehandelt. Auch weiß ich nicht, ob unter solchen Aussichten meine Enkelin einwilligen würde, in Ihre Familie zu treten-" „Für mich existirt Nangunterschied nicht mehr, meine Familie aber hängt noch an Stand und Namen, doch würde ich Anna als meine Gattin, dieser gegenüber zu schützen wissen! —" „Das können Sie kaum, Herr Graf", entgegnete langsam das Haupt schüttelnd der Förster, „und ebenso wenig Ihrer Großmutter den Aufenthalt in Steinhorst wehren, wo sie ja doch seit so vielen Jahren, so ehrenvoll gewirkt und geschafft hat!" „Wir aber könnten uns in Schönau einrichten, denn das dortige Herrenhaus ist hübsch und geräumig." „Ich sehe, Sie haben die Sache schon reiflich überlegt." »Ja» Herr Graf, Anna liebt Sie mit aller Kraft und allein Leid der ersten Liebe«" „Herr Förster!" rief gerührt der junge Mann. „Da Sie es selbst durchschaut, darf ich Ihnen ihr Herzensgeheimniß anvertrauen.' Dennoch aber kann ich Ihnen keine Antwort auf Ihre Anfrage geben, bevor Sie nicht mit Ihrer Großmutter gesprochen, was sicherlich Sie noch nicht gethan." „Nein", erwiderte etwas kleinlaut der Graf, „obgleich sie, meine Tante und Cousine meine Liebe zu Ihrer Enkelin vermuthen, was ich gelegentliche» Bemerkungen, denen ich ein Ende machen will, entnommen. Ich kann übrigens jetzt nicht mit meiner Groß, Mutter reden, da diese und ihre Gäste an die See gereist sind." „Werden Sie bald wiederkommen?" fragte der Förster. „Das kommt wohl darauf an, wie es Ihnen in dem Badeort gefällt. Ich habe die kleine Ausflucht befürwortet, jetzt aber thut es mir leid —" «Unsere Angelegenheit eilt nicht, Herr Graf", entgegnete Kohring, dem diese Mittheilung erwünscht war, „es ist vielmehr richtig, wenn Sie noch einige Zeit zum Erwägen und Entschließen haben. Zudem sind Sie, wie Anna noch jung." „Mein Entschluß ist unabänderlich gefaßt", erwiderte lebhaft der junge Mann. „Anna hat außer mir noch einen Vormund, der ebenfalls seine Zustimmung geben muß-" „Nennen Sie ihn mir, damit ich ihn aufsuchen kann —" „Wozu, Herr Graf? — Trachten Sie erst nach dem Erforderlichsten, die Einwilligung ihrer Großmutter —" „Und falls sie mir sie nicht ertheilt —" „So werde ich um eine Unterredung mit ihr bitten —" „Sie, Herr Förster?" fragte ungläubig der junge Mann. „Meinen Sie, es würde Ihnen gelingen, ihre Vorurtheile zu besiegen?" „Sie könnte meinen Vorstellungen Gehör schenken", antwortete Kohring so bedeutungsvoll, daß Graf Waldemar ihn fragend anblickte. Nun aber lassen Sie uns nicht mehr von der Sache sprechen, sondern hören Sie meinen Vorschlag. Da Sie ebenfalls in Ihrem Herrenhause allein sind, so bleiben Sie diesen Abend bei mir. Wir wollen plaudern und Sie erzählen nur dann von Ihren Reisen —" „Mit dem größten Vergnügen, Herr Förster", entgegnete lebhafter der junge Mann. „Zwar wird mein Wagen bald kommen —" „Wir lassen hier ausspannen, Ihr Konrad findet hier Bekannte und Unterhaltung." Jetzt erschien Christine mit einer Stärkung für den Grafen, den sie durch den Garten hatte kommen sehen, und für dessen häufige Besuche sie längst den wahren Grund gefunden. Sie begrüßten sich wie immer in freundlicher Weise, der Förster bestellte für sich und seinen Gast das Abendessen und bald saßen diese bei einer guten Flasche Wein, der Christine nach einer Weile eine zweite folgen ließ, und rauchten und plauderten, bis sie das vortrefflich zubereitete Mahl meldete. — 380 Nach sechStägiger Abwesenheit kehrte Frau Albrecht von H. zurück, wo sie Anna in Schutz der Doktorin Dörner gelassen, welche erfahren, weshalb Förster Kohring ihnen so plötzlich sein Enkelkind geschickt und versprochen, falls Anna Heimweh bekommen würde, für ihre Zerstreuung und Erheiterung Sorge tragen zu wollen. Neben einander bei dem verspäteten Abendbrod sitzend, stattete Frau Albrecht ihrem Onkel von der Reise und ihrem Aufenthalt in H. Bericht ab, und mit einem merklichen Zucken um seine Mundwinkel, fragte der Förster, als sie ihrer Abreise erwähnte: «War Anna traurig als Du von ihr gingst, Wilhelmine?" „Das war sie allerdings, Onkel, doch faßte sie sich bald und trug nur auf dem Bahnhof viele Grüße für Dich und Christine auf." „Erwähnte sie auch des Grafen?" » „Nein mit keiner Silbe!" „Wie ist die Pensionärin bei Dorner's?" fuhr der Försterj nach einigen tiefen Zügen aus seiner Pfeife fort. „Sie mag in Anna's Alter sein und ist ein liebes gutes Kind, das eben niemals Zurechnungsfähig werden wird, obgleich sie in fortwährend ärztlicher Behandlung ist. Sophie und ihre Mutter, haben trotz der älteren Kammerjungfer, welche sie begleitet, viele Mühe und Arbeit von ihr!" „Woher mag das junge Mädchen sein?" „Aus dem Fürstenthum Onkel", entgegnete mit leichter Betonung Frau Albrecht. „Das ist ein eigenthümliches Begegnen, Wilhelmine! — Sie und unsere Anna aus demselben Lande —" „Ja, Onkel", fuhr bedeutungsvoll seine Nichte fort, „und sie heißt — Tusnelda von Bodenwaldl" „Thusnelda von Bodenwald?" rief sich aufrichtend und hastig die Pfeife aus dem Munde nehmend, der Förster. „Es ist wie ich Dir sage, Onkel, und sie ist Karl von Bodenwald's einzige Tochter, mithin Anna's Cousine, was aber noch Niemand von Dorner's weiß!" „Herr, Deine Wege sind wunderbar", sagte langsam der Förster, durch's offene Fenster zum Himmel aufblickend, an dem der Vollmond über dem Dunkel des Waldes stand. „Ja, des Herrn Wege sind wunderbar", wiederholte ernst Frau Albrecht, „und was mich so sehr ergriffen, ist, daß die kleine schwächliche Thusnelda bei aller Leidenschaftlichkeit ihrer reizbaren Natur schon eine große Zuneigung zu unserer Anna gefaßt, so daß sie immer in ihrer Nähe sein will!" „Wie aber benimmt Anna sich dabei?" fragte Kohring. „Spricht auch in ihr die Stimme des Blutes?" „Onkel, die muß eine gar seltsame, geheimnißvolle Macht sein, gegen die wir uns nicht zu wehren vermögen", antwortete bewegt Frau Albrecht, „denn Anna empfindet eben so viel Liebe zu dem armen Kinde, dem das Beste und Edelste fehlt, das Gott dem Menschen gegeben!" Beide versanken in längeres Schweigen, das der Förster unterbrach, indem er sagte: „Eine solche Mittheilung hätte ich nie erwartet, Wilhelmine, und dazu, nachdem ich erst vor kurzer Zeit Anna mit Ihrer Herkunft bekannt gemacht, und seitdem fast nur in den alten Erinnerungen gelebt habe!" „Anna und ich waren ebenso überrascht, als wir erfuhren, wer Sophiens und ihrer Mutter Pensionärin sei!" „Habt Ihr auch Etwas über ihre Eltern» den von Bodenwald's überhaupt gehört?" kragte widerum der Förster. „Ja, mancherlei, was Dich interessiren wird, und ich mußte Anna bewundern, die bei allen Mittheilungen der Doktorin stets ihre Ruhe bewahrt. Von der ganzen Familie leben nur noch der Landkammerrath und seine beiden Enkelinnen-" „Wie?" rief der Förster, sich wiederum hastig aufrichtend. „Sein Sohn Karl und besten Gattin — die alte gnädige Frau-" „Sind todt, Onkel, Alle todt!" — Frau von Vodenwald ist zuerst ihrem Nervenleiden erlegen; einige Jahre darauf sind kurz nach einander ihr Sohn und seine Frau an einer epidemischen Halskrankheit gestorben, die damals in D. sehr heftig aufgetreten sein soll. Sie haben nur diese schwachsinnige Tochter hinterlassen — —" „Da hat den Landkammerrath ein schweres Geschick getroffen!" sagte theilnehmend der Förster. „Denn nun stirbt mit ihm seine Linie der von Bodenwald aus, und die entfernten Verwandten treten in den Besitz der Güter!" „Der nächste Erbe ist ein junger Offizier, der in Schlesien in Garnison steht, und auch schon in Bodenwald gewesen ist!" berichtete Frau Albrecht und fügte hinzu: „Nach allen diesen Aufklärungen haben Anna und ich mehrfach überlegt, ob es richtiger sei, DornerS von ihrer nahen Verwandtschaft mit ihrer Pensionairin in Kenntniß zu setzen, doch wollte ich Dich erst fragen, Onkel-" Der Förster sann einige Sekunden nach, bevor er erwiderte: „Lassen wir das einstweilen, Wilhelmine, oder sollte wohl der Landkammerrath nach H. kommen, der dann vielleicht Anna an der Familienähnlichkeit erkennen würde?" „Nein, Onkel, der Landkammerrath kann keine so weite Reise mehr antreten, da sein Gichtleiden mit den Jahren zugenommen. Er hält sich meistens im Krankenstuhl oder Rollwagen aus!" „Im Krankenstuhl oder Rollwagen", wiederholte traurig der Förster, „und war einst ein so stattlicher und rüstiger Mann, ein Jäger, den selbst die größten Anstrengungen nicht ermüdeten! — Wo mag er wohnen?" „Er scheint sich stets in Bodenwald aufzuhalten, und ist »ach dem Tode ihrer Eltern die kleine Thusnelda bei ihm gewesen. Im nächsten Monat wird sie ihn besuchen-" „Welch' ein schweres Schicksal für ihn, der einst so stolz auf seine Söhne war, eine solchs Enkelin zu haben!" bemerkte Kohring nach längerer Pause. „Ja es ist ein schweres Schicksal, und tritt besonders hervor, wenn man unsere Anna neben ihr sieht! — der Herr hat seinem Hochmuth ein schreckliches Ende gemacht und ihn für seine Härte gegen seinen Sohn Ludwig gestraft!" — (Fortsetzung folgt.) Die Oekonomie irr der Küche. Von K. Reichn er. Motto: „Stimmungen komme!! aus dem Magen." Nicht nur der Wohlstand, sondern auch der Friede in der Familie hängt zum großen Theile von der vernünftigen und ökonomischen Leitung des Hauses ab, und da diese Leitung vorzugsweise, wenn nicht meist ausschließlich, in den Händen der Frau ruht, so ist es besonders ihre Pflicht, den ruhigen Gang des Haushalts zu fördern, durch eine weise Benutzung jedes Vortheils, um auch mit geringen Mitteln zum Ziele zu gelangen. Dazu gehört z. B. eine möglichst wohlüberlegte Taktik, zur rechten Zeit Verrathe einzukaufen und diese auch wohl zu erhalten: Ordnung hilft Haushalten! Ferner ist wohl daraus zu achten, daß bei der Zubereitung der Speisen das richtige Maaß gehalten werde — nicht zu viel und nicht zu wenig — mit einem Wort: die goldene Mittelstraße — zuviel Sparsamkeit hat schon ebenso viel Unheil angerichtet, als Verschwendung. — Im letzteren Fall verdirbt leicht Manches, im ersteren geht nebenbei das, und weit mehr noch, mit darauf, was man ersparen wollte, durch ungenießbare oder ungenügend zubereitete Kost. — Endlich sollte noch ein goldener Grundsatz jede Hausfrau leiten, nämlich der, daß das Theuerste immer das Billigste ist, das scheinbar Billige sehr oft das Theuerste, welches nicht nur das gute Gelingen der Speisen hindert, sondern auch durch größeren Bedarf den geglaubten Vortheil brach legt. — Und dabei kommen — 382 wir auf das Gebiet der Fälschungen der Lebeusmittel. — Fürwahr eine unerquickliche Perspektive, die da sich uns öffnet. Wir glauben Mehl zu kaufen, und bei angestellter Untersuchung ergibt sich, das; die Probe einen recht erheblichen Prozentsatz von Schwerspats) als Beigabe enthält, oder wir finden, daß unser so wohlfeil geglaubtes Mehl freilich nicht gefälscht, jedoch um gerade so viel Geld zu theuer gezahlt ist, als es gekostet hat, denn es wimmelt von Maden, und ist somit völlig ungenießbar. — Als Mehlprobe ist übrigens zu 'empfehlen, von jeder Sorte 20 Gramm genau abzuwiegen, jede dieser Sorten extra in eine Tasse von Porzellan zu thun und mit je 10 Gramm Wasser zu einem Teige zu vermischen. Der festeste Teig deutet auf das beste, der weichste auf das schlechteste Mehl, der Qualität nach. — „An seinen Früchten sollt Ihr es erkennen", und jedenfalls ist es besser, die Früchte dieser Proben zu erkennen, bevor man ein Gebäck verdorben hat, als wann es zu spät zum Nepariren ist. — Und nun — ein ander Bild! — Wir kaufen Gewürze, — d. h. wir glauben Zimmet, Nelken, Pfeffer, Kümmel, Muskat, Safran, Mandeln, Vanille rc. rc. zu haben, und erhalten häufig unsern Zimmet gemischt mit zu Pulver gemahlenem Cigarrenkistchenholz oder als ein Präparat von parfümirtem Sandelholz, oder er ist echt und unverfälscht, dafür aber seines eigentlichen Gewürzgehaltes schon beraubt, indem man zuvor aus seiner Rinde theilweise das ätherische Oel gezogen hat und dann den Nest verkauft, von Dem, was einstmals Zimmet hieß. — Unwillkürlich erinnert dies an jene Anekdote, von der sparsamen Wirthin, welche Zimmetstangen und Zitronenschale aus des Gastes Suppe nahm, sie sauber ableckte, und dann zu anderweitiger Benutzung aufbewahrt — und das vor seinen Augen! — Was mag nun Alles erst hinter dein Rücken der Interessenten geschehen, Dinge, „von denen Niemand nichts weiß!" — Weiter also im Text! — Unsere Nelken ergeben häufig bei der Probe ein nicht minder trübes Resultat. — 80 Prozent Baumrinde, 18 Prozent Nelken und 2 Prozent Nelkenöl ist kein glänzender Einkauf zu nennen — kein Wunder freilich — hat man doch auch dafür gesorgt, daß erst auf dem Wege der Destillation die Nelken des größten Theiles ihres Gewürz-Oeles beraubt wurden, bevor sie in den Handel kamen und wir sie in diesem wenig aromatischen Zustande, d. h. also: runzelig, schwärzlich-dunkelbraun, oft auch ohne die runden Vlüthen- kronen, zum Verbraucherhalten, während ein Druck des Fingers schon genügen sollte, der Nelke „wie sie sein soll" das ätherische Oel herauszupressen. — Mit dem Pfeffer sieht's nicht viel besser aus — kaufen wir ihn in ganzer Figur, so ist er oft so schlecht, daß er im Wasser nicht untergeht, sondern lustig obenauf schwimmt, und daß man den Mörser und das Stampfen spart, weil man ihn schon ohne Kraft» anstrengung in den bloßen Händen zu Pulver verreiben kann. — Der Kümmel ist meist schon seines besten Kümmelgchaltes beraubt, und bildete vielleicht längst schon Extract für irgend einen Liqueur, oder man hat den bereits ausgezogenen mit noch gutem vermischt, wodurch die Fälschung schwer zu erkennen ist. Nicht besser ergeht es uns bei dem Muskat. — In Form von Nüssen müssen wir gar manches wurmstichige, mißrathene Produkt mit in den Kanf nehmen, dessen Kümmer» lichkeit und Verdorbenheit durch einen äußern, erdigen Firniß, um die Oeffnungen kunstvoll zu verdecken, maskirt wird. — Mit der Muskatblüths ist's auch nicht besser bestellt, denn ihrer bemächtigt sich wiederum die habgierige Destillation, bevor man sie in den Handel kommen läßt, nachdem der Sprit sie ausgesogen. — Sehr leicht zu fälschen ist der Safran, denn seinen orangenrothen Narben (?) täuschend ähnlich sehen die Fasern von geräuchertem Rindfleisch, zerschnittene Grumet- oder Ringel» Blumen u. s. w. Zuweilen auch kommt der Safran sogar mit einem gar angenehmen Exterieur in den Handel hinein. „Schöne Safranfarbe und kräftiger Geruch" — aber das Innere — o weh — das,Interieur! — Welch' ein Unterschied! —^Er ist „beschwert", Unteröaltunggökatt »ür „Äugsburger post^eilnng." 49. Mittwoch, 20. Juni !883» Des Försters Enkelkind. Original »Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Einige Wochen nach diesem Gespräch, während welcher Graf Waldemar, der eine kleine Reise unternommen, nicht in Vahrenwald gewesen, traf ein Brief von Anna ein, den ihr Großvater zuerst las, und darauf seine Nichte in sein Zimmer rief. Als sie es betreten, sagte er auf das Schreiben deutend mit erregter Stimme: „Wilhelmine, ich fürchte der Knoten schürzt sich immer fester und wir müssen den Dingen freien Lauf lasten!" «Was meinst Du, Onkel?" fragte Frau Albrecht ihn überraschend anblickend. «Anna hat von dem Landkammerrath die Einladung bekommen, seine Enkelin, falls sie die Erlaubniß ihrer Familie dazu erhalten würde, nach Bodenwald zu begleiten!" „Das ist wahrlich wunderbar genug, Onkel", erwiderte lebhaft seine Nichte. «Wie aber wird Deine Antwort sein?" «Ich will mich dem Höchsten nicht widersetzen, Wilhelmine, dessen Werk und Fügung dies Alles so sichtlich ist, obgleich ich mir früher das Versprechen gegeben, den Land- kammerrath seine Enkelin nie sehen zu lassen." „Das wirst Du streng genommen auch nicht thun, Onkel, und somit Dein Versprechen nicht brechen —" «Nein, er begehrt nur Anna Herfeld von mir, und wir wollen ihr schreiben, der Einladung Folge zu leisten!" „Hältst Du es noch nicht für richtig, daß Anna sich Sophie und ihrer Mutter zu erkennen gibt?" Der Förster sann nach, wie er schon vor Wochen bei dieser Frage gethan, und wie damals antwortete er: „Nein, Kind, laß uns ihr vielmehr anempfehlen, ihr Geheimniß zu bewahren, was sie um so eher kann, da in Bodenwald Niemand ihren jetzigen Namen kennt. Laß uns ihr auch keinerlei Rathschläge in Bezug auf ihr Verhalten daselbst geben, sondern es ihr überlassen, den Kampf mit ihrem Großvater auszukämpfen und entweder den Weg zu seinem Herzen zu finden, oder —" „Möchtest Du das, Onkel?" fragte Frau Albrecht mit einem schnellen Blick auf seine erregten Züge. «Es möchte jetzt am Besten so sein", entgegnete der Förster mit einem tiefen Seufzer. «Er hat zwar damals meinem Herzen sehr, sehr wehe gethan, der Herr aber hat ihn im Laufe der Zeit getroffen! — Ich habe ein blühend schönes Enkelkind, das die Freude und der Stolz jeder Familie sein würde, er dagegen besitzt nur eine schwachsinnige Enkelin — sage, Wilhelmine» wessen Loos jetzt das schwerste ist?" Frau Albrecht blickte auf den stattlichen Greis, aus dessen Augen seine tiefe Bewegung sprach, und unter Thränen erwiderte sie: 386 „Onkel — mein lieber Onkel» ich wollte nur aus Deinem Munde hören, ob Du versöhnlich sein könntest, und ihm das schwere Leid vergeben, das er Dir zugefügt!" „Ich habe ihm vergeben", erwiderte mit tieferer Stimme der Förster, „und mein Weib und meine Kinder werden mir dort, wo Alles Frieden und Seligkeit ist, nicht zürnen, daß ich es gethan!" „Amen!" sprach Frau Albrecht, die Hand ihres Onkels in der ihren drückend, denn sie wußte, was die Vergebung bedeutete, die er dem Landkammerrath hatte zu Theil werden lassen. XIX. Graf Walbemar war von seiner kurzen Reise, die mehreren Ausstellungen gegolten, heimgekehrt, vor ihm aber waren die Damen in Steinhorst eingetroffen, und schon am folgenden Morgen ersuchte er seine Großmutter um eine Unterredung. Wohl wissend, was diese betreffen werde, erklärte sich sich dazu bereit, ließ ihn in ihr kleines Wohnzimmer treten, dessen Thür sie schloß, und in einem Sessel Platz nehmend, deutete sie auf einen in ihrer Nähe befindlichen Stuhl. Sich jedoch nur auf dessen Lehne stützend, begann er mit zwar erregter doch fester Stimme: „Großmutter, ich habe mit Dir über eine Sache zu sprechen, die mir sehr am Herzen liegt —" „So ist es auch wohl nur eine Herzensangelegenheit", unterbrach die Gräfin mit leichte»: Spott, „die schließlich in Deinem Alter nur natürlich wäre!" „Du hast Recht", entgegnete Graf Waldemar mit einem ruhigen entschlossenen Blick, „und ich will sogleich zur Sache kommen. Ich liebe Anna Herfeld —" „Sie ist ein schönes Mädchen geworden", erwiderte die Gräfin in unverändertem Ton. — „Das weiß ich kaum", antwortete schnell gereizt durch ihren Spott ihr Enkel. „Ich liebe sie anderer Vorzüge wegen, die sie mir schon als kleines Mädchen theuer gemacht, und habe seit Jahren die Ueberzeugung gehabt, nur an ihrer Seite »rein Lebensglück finden zu können!" „Walbemar, Du wolltest doch nicht —" fragte wie erstaunt die Gräfin. „Ich will Anna Herfelv meine Liebe erklären, und sie um ihre Hand bitten, und bin hier, mir dazu Deine Zustimmung zu holen!" Die Gräfin athmete erleichtert auf, denn sie hatte gefürchtet, daß ihr Enkel schon eine Unbesonnenheit gethan. Dennoch sagte sie in strengem Ton: „Und Du hast wirklich geglaubt, daß ich zu einer solchen Verbindung meine Zustimmung geben würde?" „Ja, Großmutter, ich habe geglaubt, Du würdest mein Lebensglück in Betracht stehen! —" „Dein Lebensglück wird nicht durch das bürgerliche Mädchen begründet, denn ist ^er erste Liebesrausch dahin, so wird es Dich gereuen, keine ebenbürtige Gattin gewählt u haben." „Nein, Großmutter, sicherlich nicht, denn Anna besitzt alle Gaben des Herzens und Geistes, die einen Mann dauernd zu fesseln vermögen!" „So denkst Du jetzt, wenn Du aber ihretwegen Dich von uns trennen müßtest, denn Du kannst uns doch nicht zumuthen, sie als Deine Gattin anzuerkennen —" „Ist sie mir vom Priester vor Gott angetraut, so muß ein Jeder sie als meine Gattin anerkennen", erwiderte in festem Ton der junge Mann. „Leider sehe ich, Waldemar", fuhr nach einer Pause die Gräfin fort, „daß Du Dich nicht überzeugen lassen willst, und ich muß Dir daher die Sache von einer andern Seile vorstellen. Ich habe Jahre lang daran gearbeitet, Deine Finanzen zu bessern " „Ich werde Dir mein ganzes Leben dafür dankbar sein, Großmutter!" rief mit tiefem Gefühl Graf Waldemar. „Davon ist nicht die Rede, sondern höre mich ruhig an. Ich habe also für Dich 387 gearbeitet und gespart, um die leichtfertige Verschwendung Deines Großvaters und VaterS in etwas gut zu machen, doch bist Du ungeachtet Deiner drei Güter kein reicher Mann, und thätest wohl, Dich nach einer reichen Gattin umzusehen, damit Dein Haus und Name wieder früheren Glanz bekommt I" „Ich bin seit meiner frühesten Jugend an Genügsamkeit und Fleiß gewöhnt, Anna ist es ebenfalls — —" „Waldemar» ich bitte Dich inständig, gib den Gedanken an diese Verbindung aufl> „Das kann ich nicht, Großmutter", entgegnete bewegt, doch entschieden ihr Enkel» „denn auch Anna liebt mich, wenngleich ich es noch nicht aus ihrem Munde vernommen. Ich habe vielmehr erst mit ihrem Großvater gesprochen, der mich dann an Dich verwiesen -" „Förster Kohring ist der Ehrenmann, für den ich ihn immer gehalten", sagte leb haft die Gräfin. „Ich will mit ihm reden, so lange aber bitte ich Dich, seine Enkelin nicht wieder zu sehen l" „Anna ist schon seit Wochen in H« bei der Mutter ihrer früheren Erzieherin, und wird dort auch noch einstweilen bleiben-" „Das ist wiederum richtig von dem Förster gehandelt", sagte voll Anerkennung die Gräfin, „und läßt mich fast annehmen, daß auch er nicht mit Deinen Plänen einver standen ist!-" „Das muß er dennoch sein, Großmutter, denn wenn Du mir Deine Zustimmung versagst, wird er Dich in dieser Angelegenheit aufsuchen —" „Sein Besuch ist mir sehr erwünscht", versetzte die Gräfin, „doch laß ihn diesen noch verschieben, da Hohenhausens jeden Tag bei uns eintreffen können!" Schon am Tage nach dieser Unterredung ritt Graf Waldemar nach Vahrenmald, um dem Förster das Resultat derselben mitzutheilen» und fand ihn mit seiner Nichte und Wolf im Wohnzimmer. Nachdem sie sich gegenseitig begrüßt, auch der Neufundländer seinen Antheil bekommen, sagte, als sie sich u», den Tisch gesetzt, Kohring: „Ist die Reise Ihrem Wunsche gemäß ausgefallen, Herr Graf, und haben Sie viel Neues gesehen?" „Ja, Herr Förster", entgegnete der junge Mann, „doch habe ich mich alles Kausens enthalten-" „Das muß ich loben", antwortete Kohring beifällig. „Versuchen Sie es auch vorläufig mit den bereits angeschafften Maschinen, und lassen Sie Andere die ersten Erfahrungen mit den neuen machen!" «Sind Sie noch immer allein in Steinhorst?" fragte Frau Albrecht, welche den Ausdruck einer merklichen Verstimmung im Gesicht ihres Gastes wahrzunehmen glaubte." „Nein, meine Großmutter, Tante und Cousiine sind zurückgekehrt. Aber auch Sie sind, seit ich Sie nicht gesehen, verreist gewesen. Wie befindet sich Fräulein Anna in H»?" „Sehr gut, Herr Graf", entgegnete Frau Albrecht. „Sie wird nächstens noch eine weitere Reise unternehmen", setzte der Förster hinzu, „und wir werden sie hier vorerst nicht wiedersehen!" Graf Waldemar blickte ihn mit unverkennbarer Enttäuschung an, er aber fuhr fort: „Sie und Fräulein Dörner werden deren Pensionärin begleiten, wozu sie von dem Großvater der Letzteren, einem Herrn von Bodenwald im Fürstenthum -- — — aufgefordert sind!" „Und Sie haben Ihre Zustimmung zu dieser Reise ertheilt?" fragte fast verstimmt der junge Mann. „Ja, denn es war meiner Enkelin höchster Wunsch, Bodemvald, so heißt die Besitzung, zu sehen", antwortete lebhaft der Förster. Frau Albrecht entfernte sich, um der Gastlichkeit Genüge zu thun, der Gras aber fragte schnell: «Herr Förster, haben Sie Ihrer Nichte unser letztes Gespräch mitgetheilt?" 38 « „Ja, mein junger Freund, denn wir haben keine Geheimnisse vor einander!" „So kann ich mich in ihrer Gegenwart wohl offen aussprechen?" „Gewiß." „Herr Förster, ich habe mit meiner Großmutter gesprochen", stieß fast hastig Gras Waldemar hervor. „Schon so bald?" fragte theilnehmend Kohring. „Und ihre Antwort?" „Sie will mir ihre Einwilligung nicht geben, ich aber werde meinen Willen durchsetzen!" — Vorläufig habe ich sie auf Ihren Besuch vorbereitet, doch läßt sie Sie bitten, diesen der Familie Hohenhausen wegen, die nach Steinhorst kommt, noch einstweilen zu verschieben!" „Das ist mir auch sehr erwünscht", antwortete der Förster, einen bedeutungsvollen Blick mit seiner Nichte wechselnd, die eben eingetreten war. „Vorher aber oder vielmehr jetzt gleich, will ich Ihnen mittheilen, was ich Ihrer Großmutter zu sagen habe, und sie vielleicht veranlassen wird, ihre Weigerung zurückzunehmen!" „Sie machen mich neugierig, Herr Förster!" sagte lebhaft der junge Mann. „Betrifft das, was ich erfahren soll, Anna?" „Ja, nur Sie allein!" „So lassen Sie mich Alles wissen", drängte Graf Waldemar, und der Förster erzählte dem aufmerksam und voll Spannung Lauschenden in kurzen Worten, was er vor Wochen seiner Enkelin im Garten mitgetheilt. Als dies geschehen, vielfach unterbrochen von den Ausrufungen des Staunens und der Ueberraschung, des Zornes und Unwillens seines Gastes, besprachen sie noch länger die traurigen Familienereignisse, bis endlich der Förster sagte: „Ich möchte auch wohl auf einige Tage nach Bodenwald reisen, denn ich habe plötzlich eine unbeschreibliche Sehnsucht nach der alten Heimath bekommen, und den Gräbern, die ich nun schon so lange nicht gesehen!" Er schwieg, und zwei große Thränen rannen an seinen gebräunten Wangen hinab in den grauen Bart, während der junge Mann und seine Nichte ihn theilnehmend betrachteten, bis Letztere sagte: „Einige Tage würden Dir kaum genügen, Onkel, denn es ist eine weite Reise HiL dahin. Wer weiß aber, was noch geschieht —" „Ich will auf alle Fälle einen längeren Urlaub nehmen und vom Oberförster Vertretung kommen lassen —" „Wie wunderbar sind doch die Wege der Vorsehung, Herr Förster", sprach sinnend Graf Waldemar, „die Ihre Enkelin zu ihrer Familie und in die erste Heimath zurückgeführt haben!" „Ja, ja", sagte ernst das Haupt wiegend Förster Kohring, „und darum will ich mich auch nicht vermessen und ihnen entgegentreten! — Wir lassen Anna ihren eigenen Weg gehen, ihr Herz, wie ihr Verstand werden ihr schon die Richtung zeigen, die sie ihrem Großvater gegenüber einzuschlagen hat!" „Davon bin ich ebenfalls überzeugt", stimmte Graf Waldemar bei, und fügte mit einem Anflug von Ungeduld hinzu: „Das Ziel meiner Wünsche aber wird noch weiter hinausgeschoben, denn wenn Hohenhausens vielleicht gar Wochen bei uns bleiben —" „Geduld, Geduld, Herr Graf", unterbrach ermuthigend Frau Albrecht. „Anna liebt Sie, wie Sie wissen, und ist Ihnen treu, in dieser Ueberzeugung können Sie wohl einige Wochen Ihres Geschickes warten. Glauben Sie mir, sie empfindet diese Trennung auch, doch weiß sie, daß sie zu ihrem Besten ist, denn die fortwährende Aufregung hätte auf die Dauer ihrer Gesundheit geschadet!" „Auch weiß sie, daß ihr Großvater hier für sie am Platze ist!" sprach mit unsicherer Stimme der Graf, „der ihr gelobt, daß sie glücklicher werden soll als einst ihre Mutter gewesen, und so Gott will, Wort halten wird." (Fortsetzung folgt.) 389 Ein Blatt für die Leserin. (Von Ernst Eckstein in der Franks. Ztg.) Unsere Frauen und Mädchen, wenn sie die Wörter „Hellas", „Alterthum", „römische Kaiserzeit" rc. aussprechen, konstruiren sich alsbald eine Welt, wie sie nie existirt hat. Mit Hülfe ihrer Schul- und Pensionats-Neminiscenzen erbauen sie sich ein Athen — von Weltweisen, wie Sokrates und Plato, von göttlichen Staatsmännern und Dichtern bevölkert — hehr, klassisch, pathetisch in jeder Linie, gleichsam eine Schachtel voll Parthenon-Giebel, Pallas-Statuen und Erechtheion-Fagaden. — Das Nom des Kaisers Augustus übertrifft an maßvoller Hoheit und selbstbewußter, glorreicher Kraftsülle noch das der Meininger. Ernste Senatoren — die alle dreinschauen, als wollten sie sich eben von der Faust eines Galliers zur größeren Ehre des römischen Namens erdolchen lasten, ohne mit der Wimper zu zucken — steigen unaufhörlich zum Kapital hinan. Schweigsame Vestalinnen wandeln im Abgangsschritte der Clara Ziegler über das Forum. Ab und zu begegnet man einem Consul, der gerade über die Parther gesiegt hat, oder dem Poeten Horaz, der, den Lorbeerkranz auf dem ergrauenden Scheitel, die Leyer unter dem Arme, von Mäcenas kommt. Die gesammte Architektur besteht wesentlich aus korinthischen Säulen, Triumphbogen und Amphitheatern. Dort — am Eingang des Circus Maximus — steht ein Prätor mit zwei Aedilen, einem Censor und einem Dictator außer Diensten in rethorisch glanzvoller Unterhaltung. Man conversirt im reinsten Ciceronianisch; unsere Damen können zwar kein Latein — aber daß Ciceronianisch ungefähr so viel bedeutet, wie stilvoll, mustergültig, und glänzend im eleganten Wurf der Perioden — das misten sie nicht nur gedächtnißmäßig, das haben sie auch mit dem Herzen gefaßt, denn das schöne feinsinnige Antlitz des Geschichtsprofeffors hat in geweihterem Lichte gestrahlt, wenn er von Cirero und der vollendeten Classicität seiner gesammelten Werke sprach. — Nichts liegt der Welt dieses Alterthums, wie es sich in den liebenswürdigen Köpfchen deutscher Frauen und Jungfrauen malt — (in den weiblichen Gehirnen viel anderer Nationalitäten malt es sich überhaupt nicht) — also: nichts liegt dieser klassischen ülorMiia ferner, als eine Verwandtschaft zur Gegenwart. Bei uns, im neunten Deeennium des neunzehnten Jahrhunderts, ist Alles Prosa, Alles Schwunglosigkeit und nüchterne Alltagsstimmung; zwischen durch blitzt hier und da wohl ein Fünkchen himmlischer Poesie — zumal in der Liebe —; aber sonst: keinerlei Analogie mit der Epoche der Toga und Tunica, kein Berührungspunkt im Sein und Empfinden. Die Würde, die Hoheit, das Getragene, das Antik-Uebermenschliche ist uns abhanden gekommen; ja, selbst die Liebe, wie viel kleiner, wie viel nippsachenartiger erscheint sie in unseren modernen Salons, als in jenen großartig disponirten Zeitläuften, da der Jüngling in schwer übersetzbaren Distichen um die Huld einer Lesbia geworben! Kann man sich einen römischen Egues, einen Sprößling uralter Senatorenfamilien, die noch mit Hannibal zu thun hatten, als komplimentirenden Modeherrn vorstellen, der seiner Auserkorenen zarte Aufmerksamkeiten sechsten und siebenten Ranges erweist, der vor Wonne erröthet, wenn er im Theater Gelegenheit findet, ihr den Zettel zu reichen, oder ihr mit dem Fächer Kühlung zuzuwehen? — Läßt sich von einer klassischen Römerin denken, daß sie im Schmuck ihrer echt antiken Schlangen-Arm- bänder und Cameenringe sich salonmäßig geziert und gelächelt, daß sie jene kleinlichen Huldigungen mit Wohlbehagen bemerkt, daß sie kokettirt habe? -- „Nein!" antwortet der Instinkt unserer schulgebildeten Frauenwelt; und, ww wollen es nur ohne Rückhalt bekennen: wir Männer fühlen in dieser Hinsicht auch zuweilen recht frauenhaft. — Es fehlt dem kurzsichtigen Auge hier nämlich das historische Fernglas. Entlegene Berge sehen wie Wolken aus, — völlig anders geartet, als die Felsenwünde und Hügelhänge, die uns unmittelbar vor dem Blick emporsteigen. Setzen wir jedoch das Teleskop einer genaueren Detailprüfung an, so gewahren wir, daß auch die vermeintlichen Wolken nichts anderes sind, als Wälder, Halden und Steinmasten. — Der Geschichtsunterricht unserer höheren Lehranstalten — dazu rechne ich natürlich die Pensionate, denn dort gedeiht ja das Höchste, die deutsche Müdchenblüthe — er leidet an » 390 dem betrübsamen Fehler, nur Knochen zu geben, aber kein Fleisch, nur Haupt- und Staatsaktionen, aber keine Kulturgeschichte. Jener Quartaner, der seinen Aufsatz mit den Worten begann: „Die alten Nomer verbrachte» ihre Zeit meistens mit Kriegführen, Ackergesetzen und Volksversammlungen" — sprach unbewußt die Verurtheilung dieser Einseitigkeit aus. In Wahrheit gilt von den meisten Geschichtsepochen die Thatsache: je genauer wir uns mit ihren Einzelheiten beschäftigen, um so geringer erscheinen die Unterschiede, die sie von der Gegenwart trennen. „I'iuo eolM ollanAa" — behauptet ein französischer Autor von den Institutionen seines eigenen Vaterlandes, — „ot plus v'est absvlument la mainö — Das läßt sich, in gewissem Sinn, auch von der Lebensphysiognomie jener Epochen aussagen, die, durch das neblige Medium zweier Jahr» lausende betrachtet, so unmodern, so fremdartig, so pathetisch erscheinen. Bleiben wir bei der Liebe! „Ein Blatt für die Leserin" hat der Verfasser dieser Zeilen die bescheidene Skizze betitelt, — und was liegt der Leserin, sei sie alt oder jung, noch unerobert oder verheirathet, näher als dies höchste Problem, daS dein weiblichen Herzen zur theoretischen Betrachtung und praktischen Lösung bestimmt ist? Die Liebe im alten Nom war durchaus kein Dialog in volltönigen Trimetern, noch weniger ein Monolog in Hexametern, sondern ganz das nämliche thöricht-süße, wonnesame Geplapper von heute, ganz die gleiche melodramatische Causerie, das Getändel mit Kleinigkeiten, das bald bewußte, bald unbewußte Hinüber und Herüber von reizvollen Tirailleur-Angriffen, wie im Ballsaal der Gegenwart. Für den ruhig überlegenden Kopf, der nicht gleich Congestionen bekömmt, wenn er die Parole „antik" hört, ist daS bis zu einem gewissen Grade ja selbstverständlich; aber daß die holdselige Comödie bis in die feinsten psychologischen Nuancen mit dem, was Amor heutzutage in Scene setzt, nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich stimmt, das frappirt vielleicht auch den Besonnenen. Ich erwähnte vorhin das galante Offeriren des Theaterzettels. — Die römischen Schriftsteller kennen derartige Aufmerksamkeiten als Introduktion zärtlicher Herzensbündnisse eben so gut, wie das Spiel mit dem kühlungwehenden Fächer. Wir wissen z. D. mit stereoskopischer Klarheit, wie es zwischen zwei jungen Leuten, die Amor sich als Opfer erlesen, bei den Vorstellungen im römischen Circus herging. Hier saßen nämlich die Damen und Herren in bunter Reihe, während im Amphitheater :c. die Damen besondere Plätze hatten. — Wenn nun so ein römischer Lieutenant oder Referendar — (das Reich der Cäsaren kannte sie so gut, wie das Reich der Dichter und Denker) — das junge Mädchen gewahrte, für die er in Minne entbrannt war, so bot er zunächst Alles auf, an ihre Seite zu kommen — eventuell durch listige Hinwegschaffung dessen, der diesen Platz bereits inne hatte. — Beim Einleiten des Gesprächs verfiel er zunächst in jene artige Allgemeinheit, die auch hierzulanhe das Erste-Walzer-Geplauder rc. charak- terisirt. — Das Wetter oder das neueste Tagesereigniß: das Unwohlsein des Premier- Ministers, den Erfolg eines sensationellen Buches, die reizende Operette (zu römisch Pantomimus genannt und allerdings nur aus Geberdenspiel und Instrumentalmusik zusammengesetzt), die Telegramme von der Neichsgrenze, wo man sich mit den Datiern -oder den Germanen herumschlug (allerdings keine elektrischen, aber doch Telegramme, Schnellbriefe, durch Couriere befördert, die nicht viel mehr Zeit brauchten, als unsere Eisenbahnzüge) —: dies Alles benutzte er als Anknüpfungspunkt, je nachdem die junge Dame nun für die römischen Offenbach schwärmte, oder mehr für die Mirza-Schaffy's, oder gar für die Staats-Jnteressen, was freilich, — ganz wie bei uns — die Ausnahme bildete. — Inzwischen begann das Wettrennen. Die vorgeführten Andalusier und Kappadocier mit den schnaubende» Nüstern und den wallenden Mähnen boten erneuten Stoff für die stockende Konversation» — In rasender Schnelligkeit sausten sie mit den zweirädrigen Rennwagen um die Spitzsäule. Der Lieutenant — bleiben wir bei dem Lieutenant — konstatirte alsbald, für wen die junge Dame Partei nahm, — für den Besitzer des Rennpferds Vastator oder für den der schmeidigen Passerina —,— und das entschied auch für ihn. Jetzt erhob sie die reizenden Händchen zum Klatschen: unverzüglich, als sei ihre Bewunderung die seine, klatschte er mit. — Nun kömmt irgend eine größere Produktion, sagen wir eine Quadrille, — denn auch Massenaufzüge fanden im Circus statt; der Staub wirbelt hoch über die Sitzreihen und fällt der jungen Dame aus's Kleid. „Erlauben Sie» gnädiges Fräulein —" .,äomina", auf lateinisch, — also Herrin, Herrscherin; die Gemahlin des Kaisers war die äornina im prägnanten Sinne!) — „erlauben Sie", flüstert der Lieutenant — und gestattet sich, mit schüchternem Finger den Staub zu beseitigen. — Ja, Ovid ertheilt den erfolgbeaierigen Jünglingen sogar den Rath, selbst dann „den Staub zu beseitigen", wenn gar keiner vorhanden ist: „Jeglichen Verwand nimm eifrig zur Galanterie!" Als weitere Ritterdienste werden erwähnt die hier folgenden hochinteressanten Punkte: Er hat sorgfältig Acht darauf, daß der hinter ihr Sitzende sie nicht mit den Knieen belästigt. Der Hintermann saß nämlich, wie aus der architektonischen Anlage des Circus hervorgeht, um eine Stufe höher. — Er rückt ihr die Polster zurecht. Er fächelt ihr Kühlung mit dem kostbaren Circusfächer. (Wer sieht nicht im Geiste den deutschen Lieutenant während der Tanzpause?) Er schiebt ihr die Fußbank unter den niedlichen Fuß, dessen Kleinheit und Anmuth im alten Rom nicht minder geschätzt und gepriesen wurde, wie heutzutage. Er lächelt, sobald sie lächelt. Er wird ernst wenn sie ernst scheint. Mit einem Worte: er macht ihr, nach allen Regeln der Ritterlichkeit, die man irrtümlicher Weise für eine Spezialität des Mittelalters auszugeben bestrebt ist, den Hof. Das wiederholt sich so einige Male während der Circussaison. Man ist sich näher gekommen — aber noch ist das entscheidende Wort nicht gefallen. Verschiedene Male hat de.r altklassische Lieutenant (tr'isiunus inilitum supornumorarills) die Geliebte in ihrer Equipage, d. h. Sänfte begrüßt, war so frei, eine Strecke weit neben dem Tragbett einherzuwaudeln, obgleich ihn die Sänftenträger mit ihrem Lauf- Tempo ab und zu außer Athem brachten. Er hat ihr sogar ein Gedicht übersandt — denn, sagt Ovid, es gibt jetzt auch hochgebildete junge Dame», die dergleichen zu schätzen wissen . . . Aber die Sache ist doch immer noch in der Schwebe. Da kommt der Sommer heran — und mit ihm die Badesaison. Wohin geht man in diesem Jahre? Nach Alsium? Nach Tibur? Nach Vajä? Ja! Am liebsten nach Bajä, dem altrömischen Ostende, Scheveningen, Dieppe und Trouville. — Kaum hat der liebende Jüngling in Erfahrung gebracht, wo er scine Septimia oder Lydia zu suchen hat, so ertheilt er alsbald seinem Burschen — dem ersten der Lsibsklaven — den Befehl, das Erforderliche für die Reise vorzubereiten. Sie fährt über Ostia zu Schisse. — Vortrefflich. Da wählt er den Landweg über die Via Appia, und trifft, vermöge der ausgezeichneten Leistungen seiner gallischen Füchse, noch einen Tag früher ein als die Geliebte. „Nein, das ist reizend!" klingt die Begrüßung beim Wiedersehen — und nun beginnt eine ungezwungenere Art des Verkehrs, die schneller zum Ziele führt. Er trägt jetzt rückhaltsloser seine Bewunderung zur Schau. „Geht sie in Purpurgewand, so preist er die Purpurgewänder." — „Geht sie im kölschen Kleid, rühmt er das kölsche Zeug." (Die kölschen Gewebe kennen auch wir, obgleich sie heutzutage nicht mehr auf der Insel Kos fabrizirt werden: wir sagen etwa Mull ober Barege.) Trügt sie das Haar aufgenestelt in einem Knoten über dem Köpfchen, so erklärt er, das allein sei oommu il kaut unter allen Frisuren. Brennt sie sich Locken, so verachtet er die Coiffüren ü, la Diana von Grund aus. Wenn sie ein Lied zur Guitarra (die Römer und Griechen sagten „Litstara") vorträgt, so erklärt er die glänzendste Diva der Siebenhügelstadt für eine Stümperin im Vergleich mit der Angebeteten. . . . So ereignet sich endlich, was er begehrt hat. Sie lispelt unter den Ahorn- bäumen des blühcnddustigen Parks ein beglückendes Ja — und ob die wonneselise 392 Phrase nun lautet: „äuloiHms Vital" oder „mein lieber, süßer Eugen!" — ob man „awo" sagt oder „ich liebe", ob man „basia," gibt oder „Küsse", ob das „tausendmal" geschieht oder „ssxvantias" — die Sache bleibt unbestreitbar die gleiche — und Vater Goethe hat Recht, wenn er die Dienste die Amor den altklassischen Triumvirn gethan, als völlig identisch bezeichnet mit dem, waS die Sehnsucht heute von ihm erwartet — nicht nur in eoseotia, sondern auch in der Form, in der Filigranarbeit des Details. Wie aber nun die Römerin liebte, nachdem der Jüngling ihr Ja gehört, wie sie schmollte und kokettirte, wie sie huldvoll und launenhaft war — das zu schildern, würde an dieser Stelle zu weit führen. Darüber läßt sich ein Buch schreiben, ein Buch. das in die große Bibliothek eingereiht werden müßte: Encyclopädie des weiblichen Herzens, herausgegeben unter Mitarbeiterschaft sämmtlicher Poeten seit David und Saloinon« — Fragmente davon vielleicht bei einer anderen Gelegenheit! «oldkSrner. Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe, Die der Mensch, der flüchtige Sohn der Stunde, Ausbaut auf dem betrüglichen Grunde? Wisse, daß man nicht gleich ein Riese heißet, Wenn man kein Zwerg mehr heißen kann. Denn wie der Jüngling in der Zukunft lebt, So lebt der Mann mit der Vergangenheit; Die Gegenwart weiß keiner recht zu leben. Rechlschaffenheit! Sie sei der feste Grund, Aus dem Du gehst und stehst; Rechlschaffenheit Schafft in Dir selbst das Rechte allezeit, Und ihre beste Segnung wird Dir kund, Strenge, die sich selbst bezwingt. Schafft im Leben, was gelingt. Treu' umfaßt sie alle drei, Lieb' und Frieden noch dabei. In Thränen ist der Mensch dem Menschen gleich; Der Starke wird des Schwachen sich erbarmen, Dem Fremdling sich der Fremdling liebend nah'»; Was sich gehaßt, wird friedlich sich umarmen, Und heißer sich, was sich geliebt, umsah'». Schiller. Passet. Grillparzer. Fr. Schlegel. E. Schulze. 8 Miseellerr. (Denksprüche von Petit-Senn.) Ein weitschweifiger Redner und de< Docht eines Lichtes verlieren ihre Klarheit je länger sie werden. — Die Liebe errichtet ein Zelt in unserem Herzen; die Freundschaft aber baut sich einen häuslichen Heerd darin. — Der gewinnreichste Handel wäre der: die Menschen zu kaufen nach dem, was sie werth find, und sie wieder zu veräußern, nach dem was sie sich schätzen. (Die gescheidten Kinder.) Vater (bei dem Abendessen): „Ihr seid schon rechte Naschmäuler! Jetzt ist den Rangen nicht einmal der Kalbsbraten mehr gut genug.' Wißt Ihr, was ich bei meinen Eltern als Nachtessen bekam?" Eine Suppe und ein aufgewärmtes Gemüse von Mittags, manchmal auch nur einen halben Schoppen Bier und ein Stück schwarzes Brod." — Kinder: „Gelt, Papa, da geht's Dir bei uns schon besser!" (Kindermund.) „Du mußt Dir hübsch Mühe geben, orthographisch zu schreiben," sagte ein Vater zu seinem Sohne. „Ach, lieber Vater, plage mich doch nicht mit der Orthographie," antwortete der Kleine, „denn darüber sind ja die Gelehrten nicht einig,". Auflösung des Original-Silben-Räthscl in Nr. 47: „Herzgrube." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Unterimktunggökatt »ur „Äugsliurger Postieilimg.- Nr. 50. ; ^s. Samstag, 23. Juni 1883. Des Försters Enkelkind. Original «Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) XX. Am Nachmittag vor ihrer Abreise nach Bodenwald finden wir Anna in ihrem Zimmer im Hause der Frau Doktor Dörner, im Begriff den letzten Brief aus H. an ihren Großvater zu schreiben. Vor ihr liegt der seinige, der ihr alle in Vahrenwald stattgehabten Ereignisse auf'3 eingehendste mitgetheilt, unk beim nochmaligen Lesen desselben flössen ihre Thränen reichlich. Endlich aber hatte sie die Stelle erreicht, wo ihre Tante im Namen ihres Großvaters geschrieben: „Sei trotz Allem ruhig, mein Enkelkind, denn ich denke durch meine Mittheilung die Gräfin dahin zu bringen, daß sie ihre Einwilligung zu Eurer Verbindung gibt. Reise ohne Sorgen mit Sophie und der kleinen Thusnelda nach Bodenwald; der Herr aber segne Deinen Einzug, und wende Alles, wie es seiner Allweisheit zufolge sein soll. Ich habe mich seinem Willen nicht widersetzt, sondern lasse Dich zu Deinem Großvater gehen, der nicht ahnt, wer in Dir sein stilles, vereinsamtes Schloß betritt!" „Ja, ich will ruhig sein", sagte jetzt entschieden Anna, „will meinem theuren, sorgenden Großvater glauben, will glauben, daß Alles gut und fröhlich endet! — Und weshalb sollte es auch nicht? — Waldemar liebt mich treu und wahr, mein Besitz ist sein höchstes Glück — ich liebe ihn ebenfalls, mein Großvater will mich ihm zur Gattir geben, und ich werde die Seinrge werden, ein sicheres seliges Gefühl sagt es mir!" Die Feder, welche sie bei Seite gelegt, wieder zur Hand nehmend, begann sie zi schreiben: „Mein theurer, lieber Großvater! Morgen, wie Dir auch schon bekannt ist, reisen wir nach Bodenwald, und ich wollt Dir noch diese Zeilen schicken, damit Du auch bis zu Ende erfährst, wie eS mir hier e; gangen ist. Sehr gut, kann ich wie immer sagen, denn Sophie und ihre Mutter hüt« und pflegen mich auf das Beste, und alle meine Sorgen — Dir ^vAßt wen und wl sie betreffen — überlasse ich Dir, wie ich soeben mir noch einmal vorgenommen, ui denke mit Ruhe an Waldemar und an die Zeit, wo wir uns wiedersehen werden. Wenngleich ich mir so oft vorgestellt, wie nothwendig mir jetzt Ruhe und' Besonne» heit ist, bemächtigt sich meiner doch eine kaum zu unterdrückende Aufregung, wenn ' Mir vorstelle, daß schon morgen Abend ich meinem Großvater gegenüberstehen werde, d — der — — aber, nein, Großvater, ich will ihm nicht mehr zürnen, und auch ni mit gehässigen Gefühlen vor ihn hintreten, sondern will ihm vergeben — das Leid vt geben, das er Dir und auch mir zugefügt! Von Bodenwald erhaltet Ihr baldigst wieder Nachricht, und werde ich Dein Rath zufolge den Brief an Deine Tante adressiren. Mein Koffer ist gepackt, auch habe ich Frau Doktor schon das Abschiedsgeschenk überreicht, die sich über das schöne Service, welches glücklich angekommen, sehr gefreut hat. — Zum weiteren Plaudern mit Euch bleibt mir keine Zeit, denn ich habe Thusnelda 'ersprochen, einige Einkäufe mit ihr zu machen, Geschenke für ihren Großvater, Herrn nd Frau Bergmann, und einigen Personen der Dienerschaft, die sie besonders liebt. Das arme, arme Kindl Sie selbst empfindet nicht, was und wie viel ihr fehlt, und ist stets heiter und guter Dinge. Aber ich höre meine kleine Cousine mit eiligen Schritten kominen und schließe daher den Brief, den ich selbst besorgen will. Nehmt meine herzlichsten Grüße und gedenkt in Liebe Eurer Anna Herfsld. Gegen Abend des folgendes Tages verließen Sophie Dörner, Anna Thusnelda und deren Pflegerin oder Kammerjungser Dorothea den Eisenbahnzug an der Station B., wo ihrer ein Wagen wartete, um sie nach Bodenwald zu bringen. Thusnelda begrüßte den Kutscher, welcher schon manches Jahr im Dienst seines Herrn gewesen, mit vieler Freude, und erkundigte sich in lebhafter Weise nach ihrem Großvater. „Der Herr Landkammerrath ist heute recht krank gewesen, gnädiges Fräulein", erwiderte Georg, das Gepäck der Reisenden in Empfang nehmend. „Ist Großpapa in seinem Zimmer geblieben?" forschte das kleine Fräulein weiter. «Ja, gnädiges Fräulein, doch meint Auaust, daß der Herr Landkammerrath diesen Abend im Saal sein werde!" Man war mittlerweile eingestiegen, Georg hatte die Koffer aufgepackt, und erkletterte dann den hohen Bock des alterthümlichen Neisewagens. Die Zügel und Peitsche ergreifend, trieb er dann die Pferde an, um noch vor vollständiger Dunkelheit Schloß Bodenwald zu erreichen. Der Weg führte zunächst durch eine ebene, fruchtbare' Gegend, dann aber begannen die Berge, und traten immer näher, bis später sich die Landstraße durch ein eriveitertes Thal hinzog, in dem das Gut Bodenwald lag. Thusnelda und ihre Kammerfrau waren hier bekannt, und Erstere unterließ nicht, ihre Begleiterinnen auf Alles aufmerksam zu machen, was sie von jeher sehenswerth oder bewunderungswürdig gefunden, was diese aber der eintretenden Dämmerung wegen kaum erkennen konnten. Während Thusnelda lebhaft und munter plauderte und sich sichtlich freute, nach längerer Abwesenheit wieder daheim zu sein, ward Anna immer stiller und schweigsamer, denn sie mußte ihres Großvaters Erzählung gedenken, und sollte so bald schon die Stätte betreten, wo die Jugend ihrer Eltern verflossen, wo sie deren und ihrer Großmutter letzte Ruhestätte zu suchen hatte. Ihr ernstes, nachdenkendes Gesicht gewahrend, sagte leise die ihr gegenübersitzende Sophie: „Schon wieder still und traurig, Anna? Und hast doch, wie Du mir gesagt, gestern an Deinen Großvater geschrieben, der Zukunft fröhlich und guten Muthes entgegensehen zu wollen?" Anna erschrack fast bei dieser Anrede und erröthete leicht, und einen dankbaren Blick auf ihre frühere Erzieherin und jetzige Freundin richtend, erwiderte sie ebenso leise: „Das thiie ich? auch, Sophie, und bin meines Geschickes wegen ohne Sorge. Ich stellte mir aber in diesem Augenblick unsere Ankunft in Bodenwald vor, das Wiedersehen zwischen Enkelin und Großvater, welch Letzteren Du ebenfalls noch nicht kennst —" „Nein, Anna, persönlich kenne ich den Herrn Landkammerrath noch nicht", entgegnete sophie Dörner, „und bin neugierig, ihn, der seiner Korrespondenz nach ein sehr kluger rnd gebildeter Mann sein muß, zu sehen. Seiner zärtlichen Sorge für seine Enkelin wegen habe ich ihn immer bewundert, die — ein trauriges Berhängniß — seine einzige . nähere Angehörige ist!" ^ Anna enthielt sich jeder Bemerkung: kannte sie doch ihren Großvater von einer anderen Seite, und wußte sie ebenfalls, daß die schwachsinnige Thusnelda von Bodenwald nicht seine einzige Verwandte war. Sie versank indeß wiederum in Nachdenken, stellte sich den Empfang in Bodenwald vor, wobei ihr plötzlich ihre Ähnlichkeit mit ihrem verstorbenen Vater, der ihr Großvater Kohring mehrfach erwähnt, einfiel. Dieser Gedanke begann sie zu beunruhigen, eine Erkennung war dadurch möglich,-da unterbrach Thusnelda, die unterdeß immer aus dem Fenster gesehen, ihr Sinnen, in dem sie hastig, wie sie stets zu reden flegle, sagte: „Anna, gleich sind wir in Bodenwald, Du kannst es, weil es ichon vunkel geworden ist, nur nicht sehen!" und ihr Gesicht an die Scheibe legend versuchte sie wiederum bekannte Gegenstände zu erspähen. Sie fuhren noch eine Weile, die Dämmerung war vollständig eingetreten, dennoch konnte Anna, welche gleich ihrer Cousine aus dem Fenster blickte, sehen, daß sie an einigen kleineren erleuchteten Häusern vorüberkamen. „Hier wohnen unsere Taglöhner", belehrte sie Thusnelda, „und nun — nun sind wir gleich bei Großpapa!" Wirklich bogen sie bald in ein weitgeöffnetes Thor, das, wie sie hörten, hinter ihnen geschlossen ward, und fuhren einen breiten, zu beiden Seiten mit hohen Pappeln besetzten Weg zum Schloß hinauf. Dann hielt der Wagen vor einer nur aus wenigen Stufen bestehenden Treppe, welche in die geräumige hell erleuchtete Vorhalle führte, wo in der hohen, geöffneten Glasthür bereits ein Diener ihrer wartete. Kaum hatte er den Wagenschlag geöffnet, als auch schon Thusnelda zur Erde sprang, und August, welchen sie seit ihrer Kindheit gekannt, mit lebhafter Freude begrüßte, indeß ihre Begleiterinnen langsamer folgten. Unterdeß war auch die Haushälterin, welche schon eine Reihe von Jahren in Schloß Bodenwald gewesen, herbeigekommen, und nachdem sie von Thusnelda mit stürmischer Zärtlichkeit war begrüßt worden, bewillkommnete sie die Fremde, welche diese ihr zuerst auf Sophie Dörner deutend vorstellte: «Frau Lindenau, dies ist Fräulein Sophie Dörner, meine Lehrerin", und sich an Anna wendend, fügte sie deren Hand ergreifend hinzu: „Und dies ist meine liebe Freundin Anna Herfeld, die ich in H. kennen gelernt, und Großpapa eingeladen hat!" Frau Lindenau, eine Dame von würdigem Aussehen, richtete einige freundliche Worte an die ihr genannte, ward aber bald durch Thusnelda unterbrochen, welche sie hastig fragte: „Wie geht es Großpapa, Frau Lindenau? — Wo ist er? Kann ich ihn sehen?" „Der Landkammerrath wird zum Abendessen im Saal sein, gnädiges Fräulein, und läßt Sie und die Damen bitten, sich vorher im Zimmer einzufinden!" „Ich soll ihn also jetzt nicht sehen?" fragte ungeduldig Thusnelda. „Nein, gnädiges Fräulein, und ich werde Ihnen und den Damen den Thee sogleich heraufschicken! — Jetzt bitte ich, mir zu folgen", wandte sie sich zu Sophie und Anna, damit ich Sie in Ihr« Zimmer führen kann!" Sie gingen in das erste Stockwerk hinauf, wo zu beiden Seiten eines geräumigen Corridors eine Anzahl Gemächer lagen, von denen jedoch wenige benutzt wurden. Aus Thusnelden's Zimmer trat ihnen Dorothea entgegen, bevor aber Erstere ihrer Pflegerin folgte, trug sie noch Frau Lindenau auf, ihre Freundin in ihrer nächsten Nähe wohnen zu lassen, was diese ihr lächelnd zusagte und ihre Begleiterinnen in die bereit gehaltenen Zimmer führte. Allein geblieben, blickte Anna m sein maum umher, der sie einstweilen beherbergen sollte. Es war ein mittelgroßes, hohes Gemach, hellerleuchtet durch zwei Wachskerzen, die in silbernen Leuchtern auf dem Sophistisch brannten, mit einer alterthümlichen Ausstattung, wie sie sie noch nie gesehen. An den mit hellen Goldtapeten bekleideten Wänden hingen Schildere!«» aus Italien, die ohne Zweifel ihr Großvater von seinen Reisen mit gebracht. Die Thür des Schlafzimmers öffnend, blickte sie auch in dies hinein und sal dort ebenso altmodische Mobilien, zu denen auch ein Bett mit dunkelgrünen, seidenen osü Vorhängen gehörte. Nachdem sie Hut und Mantel abgelegt, kehrte sie in's Wohngemach zurück, wo bald an ihre Thür geklopft ward und der Diener mit dem versprochenen Thee erschien, ihr anzeigte, daß das Abendessen um halb neun Uhr servirt sein würde und sich darauf entfernte. Im Sopha Platz nehmend, genoß sie mit Behagen die ihr angenehme Erfrischung, dachte dabei an ihren Großvater, dem sie jetzt so nahe war, und fragte sich: „Ob er mich — ob man mich überhaupt kennen wird? Auf den ersten Blick mußte die Familienähnlichkeit, welche doch Großvater Kohring hervorgehoben, so auffallend nicht sein, denn bis jetzt scheint noch Niemand sie bemerkt zu haben. Vielleicht aber werden Bergmann's und mein Großvater selbst sie entdecken und was — was wird dann daraus entstehen? Wäre es nicht richtiger gewesen, die verhängnißvolle Einladung auszuschlagen?" „Nein, nein", fuhr sie nach längerer Pause sich ermuthigend und zuversichtlich fort, „ich bin durch Gottes Fügung hier, und diesen Gedanken will ich festhalten! Wer weiß auch, was schon die nächsten Tage von Steinhorst und Dahrenwald bringen werden, und wie bald sich dort mein und Waldemar's Geschick entscheidet!" Nach einer Weile auf die Uhr blickend sah sie, daß sie auf halb acht wies, es war also keine Zeit zu verlieren, denn sie mußte nothwendig ihren Neiseanzug gegen einen andern vertauschen. Schnell nahm sie aus ihrem schon im Schlafzimmer befindlichen Koffer alles Erforderliche hervor und begab sich an ihre Toilette, und als nach einer halben Stunde sie wieder im Wohngemach erschien, war das Bild, welches der hohe Spiegel zurückgab, eine Erscheinung, auf die des Försters Enkelkind, welches zwar die Eitelkeit nicht kannte, voll Genugthuung hätte blicken können. Wie immer hatte Anna das reiche goldblonde Haar, das in lockigen Wellen ihre weiße Stirn umgab, in schweren Flechten um den Kopf geordnet; ein dunkelblauer Anzug von leichter Wolle ließ ihre Gestalt vortheilhaft hervortreten, und Hals und Handgelenke umgab eine blendendweiße Leinengarnitur, die durch eine goldene Broche und eben solche Knöpfe gehalten ward. Die ganze Erscheinung aber — hoch und stattlich — war vom Zauber holder Jugendlichkeit umflossen, und sinnend, ernst und erwartungsvoll blickten die blauen Augen dem Kommenden entgegen. (Fortsetzung folgt.) Ein Besuch bei Hay-u. (Aus de"N. Fr. Pr.) Man hat im vorigen Jahre den einhundertfünfzigsten Geburtstag Joseph Haydn's, des armen Stellmachersohnes, gefeiert, den Anlage und Fleiß zu einem der glänzendsten Sterne am Himmel der Tonkunst gemacht haben. Bei dieser Gelegenheit wäre es vielleicht angebracht gewesen, an seine Zusammenkunft mit Jffland im Jahre 1808 zu erinnern, welche eine der schönsten Episoden seines Lebens genannt werden muß. Aber, so viel bekannt, ist dies nicht geschehen. Mag daher hier eine Darstellung des Falles folgen, wie sie an der Hand der denkwürdigen, aber heute wie es scheint, vergessenen Aufzeichnungen Jffland's möglich ist. Schon im Jahre 1800, als Jffland sich zum ersten Male in Wien befand, hatte er ein inniges Verlangen getragen, den großen Mann zu sehen, dem er als Mensch und Künstler mit gleicher Liebe sich ergeben fühlte. Aber damals lebte Haydn auf dem Lande, und ihm dorthin zu folgen, gestatteten die Verhältnisse nicht. Anders fügte es sich, als Jffland acht Jahre später seinen Besuch in der Donaustadt erneuerte. Körperliche Leiden hielten zwar den edlen Greis danieder, aber, wie sichtlich er anfing, sich mehr und mehr dem Grabe zu nähern, war sein Schwächezustand doch nicht derart, daß es ihm versagt bleiben mußte, sein Haus den Freunden zu öffnen. Mit Recht durfte Jffland daher hoffen, daß diesmal dem Verlangen seines Herzens Genüge geschehen werde, und diese Hoffnung sollte ihn nicht betrügen. Es war am Vormittag des 7. September, als der berühmte Berliner Mime sich 39 ? — auf den Weg machte, die stille Gasse zu erreichen, in welcher Haydn wohnte. Der mit diese»» persönlich bekannte Vorsteher des fürstlich Eszterhazyschen Theaters zu Eisenstadt, Herr Schmid, hatte versprochen, ihn einzuführen, und schritt neben ihm. Eine heitere Sonne lächelte vom Himmel herab, und da es Marientag war, so waren die Straßen von Menschen belebt, die lachend und schwatzend sich hin und her bewegten. Nachdem sich Beide durch diesen Knäuel hindurchgewunden, machten sie endlich vor einem hellen, freundlichen Hause Halt, welches als das des Musikers das Ziel ihrer Wanderung bezeichnete. Eine sauber gekleidete Magd trat, sie zutraulich begrüßend, den Männern entgegen, deren Frage, ob ihr Herr daheim sei, dahin beantwortend, er komme soeben mit seinem Diener aus dem Garten. Es war so, da seine Füße aber den Dienst versagten, so konnte sich Haydn nur langsam fortbewegen. Inzwischen harrten Jffland und Schmid, in das Wartezimmer geführt, des Augenblicks, da es ihnen vergönnt sein sollte, vorgelassen zu werden. Die Wände eines anstoßenden Cabinets, dessen Thür offen stand, zeigten sich kostbar geziert. Kleine Tonschöpfungen Haydn's, mit eigener Hand geschrieben, bedeckten sie, jede unmuthig von einem Kranze umrahmt. Hier erblickte man auch das Bildniß des Meisters. Es stammte aus Tagen, da seine Kraft noch ungebrochen war und ihm Jugendmuth und Frische noch reichlich zur Seite standen. Gedankenvoll und wehmüthig blickte Jffland in das milde Autlitz, als die Magd mit der Meldung erschien, ihr Herr warte in dem Empfangssaals der Besucher. Haydn saß, als sie eintraten, völlig angekleidet, das Gesicht nach dem Fenster gerichtet, in einen: Sessel. In der einen Hand hielt er seinen Hut, in der andern den Krückstock und einen Blumenstrauß. Er trug ein braunes Unterkleid, einen grauen Ueberrock und eine zierlich frisirte Beutelperrücke. Sein Diener stand hinter ihm. Als er die Männer über die Schwelle schreiten sah, erhob er sich mit Hilfe des Dieners und kam ihnen, die Füße mühsam nachschleppend, einige Schritte entgegen. Dabei hielt er die Hand über die Augen. Zunächst begrüßte er Schmid, indem er ihm warm die Hand drückte; hierauf neigte sich sein Haupt mit anmuthigem Lächeln gegen Jffland, den er zu einem Sitze führte. Dann kehrte er langsam zu seinem Sessel zurück. Das Gespräch berührte zunächst gleichgültige Dinge, wobei Haydn, da ihm das Athemholen schwer wurde» nicht ohne Beschwerde sprach. Oft sah er auf die Blumen in seiner Hand, deren Duft ihn sichtlich erquickte. „Ich habe heute meine Andacht in der Natur gehalten", sagte er wehmüthig — und dabei war es, als würde seine Wimper von Thränen feucht — „Ich kann nicht anders, ich muß so thun." Hier erhob er den Blick, wie zum Gebet gestimmt, gen Himmel. Es kam dann auf die „Jahreszeiten", seine letzte größere Tonschöpsung, die Rede, an welcher er elf Monate arbeitete und die man, wenn man will, den Schwanengesang des Dichters nennen kann. Sogleich verließ ihn die bis dahin bewahrte Ruhe, und beinahe heftig rief er: „Ja, die „Jahreszeiten", die haben mir den Rest gegeben! Sie glauben nicht, wie ich mich dabei gemartert habe." Er wollte noch mehr sagen, aber er fand den Ausdruck, nach welchem er suchte, nicht sogleich und stieß, wie in Univillen darüber, den Stock auf den Boden. In diesem Augenblicke sah ihn der Diener besorgt und bittend an, wie wenn er sagen wollte: Schonet Eure Kräfte! Haydn verstand ihn sogleich und setzte gelassener hinzu: „Ja, du hast Recht. Warum soll ich mich erregen, da Alles vorbei und abgethan ist?" Dann, ganz die frühere Ruhe wieder annehmend, wendete er sich zu den Gästen mit den Worten: „Ja, es ist vorbei, wie Sie sehen, und die „Jahreszeiten" sind schulv daran. Ich habe überhaupt in meinem Leben viel und schwer arbeiten müssen. Ich hatte es nicht leicht, wahrlich nicht leicht; meine Jugend war eine sehr schwierige." Er erzählte dann, wie mühselig er sich einst durchbringen mußte, wie viele Treppen er dabei täglich auf und ab zu steigen hatte, als er noch auf dein Platze bei den Michaeln,, wohnte, und wie dadurch seine Gesundheit untergraben worden sei. „Das kommt nun nach", sagte er, auf seine Brust deutend, „und wirft mich nieder. Aber ich erliege mit Ehren, und mein Mühen und Schaffen ist nicht ohne - 398 Früchte geblieben." Dann entzog er sich diesen schmerzlichen Betrachtungen, deren Peinlichkeit für die Anwesenden er fühle» mochte, und lenkte die Unterhaltung auf das Theater. Er bedauerte sehr, durch seinen Zustand an dem Besuche desselben verhindert zu sein, und selbst den neuen Erscheinungen auf der Bühne, die ihm einst so großes Interesse einflößte» seine Theilnahme versagen zu müssen. Jfflands Wiener Gastspiel im Jahre 1800 war ihm noch so sehr gut in der Erinnerung geblieben, und mit Wohlgefallen sich derselben hingebend, benützie er die Gelegenheit, dem Künstler ein schmeichelhaftes Lob zu spenden. Auch von dem Schriftsteller Jffland sprach er, sich wohl unterrichtet zeigend, mit Anerkennung und Wärme. Dabei sah er diesen überaus freundlich an und reicht« ihm schließlich die Hand. Als dann der in dieser Weise Geehrte bat, diese Hand auf sein Herz legen zu dürfe», schloß er ihn in seine Arme und küßte ihn, Thränen der Rührung vergießend, mit Inbrunst. „ Wenn ich eine große Freude habe", sagte er weich, „dann muß ich weinen. Das will ich durchaus nicht, aber ich kann eS nicht hindern. Daran mag wohl die Schwäche des Aüers schuld sein, denn früher war es anders." Dabei entrang sich ein Seufzer seiner Brust, während das feuchte Auge sehnsüchtig durch das Fenster in die Ferne schaute. Weiter lenkte sich das Gespräch auf eine Messe Haydn's, die einige Tage vorher in Eisenstadt zur Aufführung gelangt war. Sogleich sah man ihn freudig erregt, er sprach mit Lebhaftigkeit von seiner Kirchenmusik und schien ganz und gar zu vergessen, daß er ein hinfälliger Greis war. Ohne es zu wissen, gab er Hut und Stock aus den Händen, die er mit beinahe jugendlicher Kraft hin- und herschwengte- und gcberdete sich, als ob er wieder an der Spitze des Orchesters stünde. Dabei strahlte sein Antlitz vor Wonne und er schien beglückt, den Traum einer besseren Zeit träumen zu dürfen.' Aber die Täuschung währte nicht lange. Bald mahnte es ihn, der Wirklichkeit zu gedenken, in die er gebannt war. Er nahm Hut und Stock, welche der Diener an sich genommen, von diesem zurück, schloß das Auge zur Hälfte und senkte den Blick, die Kräfte sammelnd, welche ihm noch geblieben waren, zu Boden. So verharrte er noch einige Minuten schweigend, dann nahm er das Gespräch wieder auf, gedachte der Eszterhazpschen Capelle und that Fragen nach den neuesten in Eisenstadt zur Aufführung gelangten Musiken. Vor nicht langer Zeit hatte man in Wien noch seine „Schöpfung" gegeben. Er war zugegen gewesen und hatte damals einen der schönsten Ehrentage erlebt» Als die Aufführung ungefähr bis zur Mitte des Werkes vorgeschritten war, hatte sich in dem von einem glänzenden Publikum gefüllten Saale ein leichter Zugwind bemerkbar gemacht, die Bcsorgniß weckend, daß der geliebte Greis darunter leiden könne. Dies hatte die Frauen aus den ersten Häusern Wiens bestimmt, zu seinem Schutze ihre kostbaren Shawls herzugeben, eine Handlung, welche lauten und anhaltenden Jubel weckend, ihn zum Gegenstände der zartesten Huldigungen machte. Auch hierauf kam er jetzt zu sprechen, lobte die damalige Aufführung seiner Arbeit als die beste, die er erlebt, und faltete in seliger Erinnerung die Hände. „Man hat bei jener Gelegenheit zu viel für mich gethan, zu viel! Wie hat mich dieses Volk gefeiert! O, es ist ein gutes, gutes Volk!" sagte er begeistert und von dem innigsten Dankgefühle ergriffen. Dabei klang seine Stimme beinahe stark und erglänzte das sonst matte Auge in heiligem Feuer. Jffland nahm jetzt Veranlassung, des Beifalls zu gedenken, welchen Haydn'S „Schöpfung" auch in Berlin gesunden, und erzählte dabei, daß daS Meisterwerk auch einmal zum Besten der Armen gegeben worden sei und diese Vorstellung mehr als zweitausend Thaler eingebracht habe. Sogleich horchte Haydn auf; «in Freudenstrahl flog über sein Gesicht, und er wiederholte: „Ueber zweitausend Thaler! Und für die Armen! Ueber zweitausend Thaler!" Dann fuhr er, zu dem Diener gewendet, fort: „Hörst du es wohl? Meine „Schöpfung" hat in Berlin über zweitausend Thaler eingetragen, und für die Armen. Meine Arbeit hat den Armen einen guten Tag gebracht! Das ist herrlich, das ist tröstlich!" Bei diesen Worten legte er sich ganz zurück in seinen Stuhl, bedeckte das Gesicht mit den Händen und ließ Thränen der Rührung über die Wangen 399 rollen. Als er sich wieder erhob, wendete er sich nochmals an seinen Diener, indem er sagte: „Merke es dir genau, wie viel die „Schöpfung" den Armen eingetragen, und erinnere mich daran, wenn du mich von trüben Gedanken erfüllt siehst. Das wird mich erheitern. Denn — achl — mit meinem Wirken ist es aus, und meine ganze Welt ist die Vergangenheit." Dann war es wiederum, als fühle er das Peinliche dieses Augenblickes für die Gäste und als bemühe er sich, diesen Eindruck zu verscheuchen. „Sie werden auch wohl meine Ehrenzeichen sehen wollen?" sagte er und befahl dem Diener, sie herbeizuholen. Dieser ging und brachte die Denkmünzen, welche man einst in Petersburg, Paris und London auf den großen Musiker geschlagen hatte. Haydn nahm sie in die Hand, erklärte jede einzelne und legte sie dann neben sich nieder. Die Beschäftigung hatte ihn offenbar erquickt, indem sie ihm die Zeiten seines Glanzes zurückrief. Er gestand dies auch selbst ein, indem er hinzufügte: „Wenn ich diese Münzen betrachte, so werde ich jedesmal vorübergehend wieder jung. Ich zähle daran mein Leben rückwärts und bin glücklich in der Erimerung ruhmvoller Tage." Jetzt trat eine Pause ein. Haydn schien nachzudenken, ob er nicht noch eine Pflicht gegen die Freunde habe, welche mit so herzlicher Theilnahme in sein Haus gekommen waren. Endlich erhob er das gesunkene Haupt, und wie im Gefühl, das Nichtige gefunden zu haben, sagte er: „Ich sollte Ihnen doch etwas vorspielen. Freilich ist mein Können nicht mehr bedeutend, aber »leine letzte Dichtung wenigstens sollen Sie doch hören. Ich habe sie gesetzt, als vor drei Jahren die französische Armee auf Wien mar- schirte." Er machte dann eine Bewegung,-welche auf die Absicht deutete, aufzustehen. Der Arm des Dieners unterstützte ihn dabei, aber auch Jffland und Schmid traten hinzu, erleichterten mit ihren Händen liebevoll die Schritte des Greises und geleiteten ihn so zum Pianoforte. Langsam ließen sie ihn auf den Sessel gleiten. Das Instrument, vor dem er jetzt saß, war nicht mehr das alte von Würmern zerfressene Clavier, mit dessen Tönen er einst als armer, unbekannter Musiker um Brot und Ehre warb. Es war ein schönes, kostbares Vesitzthum, das aber seinen vollen Werth erst dann erhielt, wenn sich des Meisters theure Hände darauf legten. „Das Lied, welches ich jetzt spielen will", sagte er, „heißt: Gott erhalte Franz den Kaiser!" Und als nun seine Finger die Tasten berührten, da war es, als wären sie in den Dienst eines Zauberers getreten. Wie schwach auch diese Hände waren, sie hatten immer noch Macht genug, ein Tonwunder zu bewirken, das ein unvergleichliches genannt werden durste und den Hörer in heiliger Andacht gefesselt hielt. Mit staunenerregender Kunst, wie er begonnen, spielte Haydn die Melodie zu Ende, und als er sich dann endlich, wiederum von den Anwesenden unterstützt, von seinem Sitze erhob, blieb er noch eine' Weile vor dem Pianoforte stehen, legte beide Hände darauf und sagte: „Ich spiele dieses Lied jeden Morgen, und oft, wenn unruhige Tage kamen, die mich pcinvoll erregten, habe ich Trost und Erquickung daraus genommen." Dann ließ er sich langsam zu seinem Stuhle zurückführen. Dabei neigte sich das Haupt ein wenig auf die Brust und es schien, als fühle er das Bedürfniß der Ruhe. Seine Kräfte waren jetzt offenbar erschöpft. Er schien dies auch selbst zu fühlen, denn er sagte: „Ich tauge heute nicht mehr viel. Gott sei mit Ihnen! Es gehe Ihnen gut, Adieu l" Schon vorher hatten sich die Gäste gesagt, daß es Zeit sei, zu scheiden. Der Greis hatte Alles gethan, dem Verlangen ihres Herzens zu entsprechen. Mehr von ihm zu fordern, wäre Grausamkeit gewesen und hätte beinahe als ein Versuch erscheinen müssen, die zarten Fäden, an denen dieses theure Leben hing, zu zerreißen. Der Abschied, welcher jetzt folgte, war von tiefer Bewegung begleitet und erweckte ein schmerzliches Gefühl, das durch keine Hoffnung auf Wiedersehen gemildert wurde. Haydn nahm die Umarmung der Freunde beinahe schweigend hin, und auch diese vermochten ihren Empfindungen nur wenige Worte zu leihen; aber Alle waren mächtig berührt von der Bedeutung des Augenblicks, der jeden Nerv ihres Körpers erzittern machte. Unwillk-ir-- 400 lich griff Haydn noch einmal nach dem Strauße, den seine Hand gefaßt hielt, als er die eintretenden Männer begrüßte. Davon nahm Jffland Veranlassung, die Frage zu thun, ob es ihm gestattet sei, eine Blume diesem Strauße zur bleibenden Erinnerung an diese Stunde zu entnehmen. Haydn antwortete dadurch, daß er das Gesicht ganz und gar in den Strauß sinken ließ, dessen Duft noch einmal innig und mit Wonne sog und ihn dann mit beiden Händen Jffland reichte. Noch eine Umarmung folgte, noch eine Thräne floß über die welken Wangen des Musikers, dann wendete er sich ab und rief mit dumpfer Stimme: „Lebet wohl!" Nachdenklich und ergriffen verließen die Männer das Haus. Jffland pries sich glücklich, an dem Anblicke der Sonne dieses Genius sich noch gelabt zu haben, die schon zum Untergänge neigte. Er hatte Grund dazu, denn bald sank sie hinab. Nur wenige Monate vergingen, da pochte der Tod an Haydn's Thür und führte ihn sanft zu jenen lichten Höhen, denen er ahnend längst entgegenstrebte. Sein Ende war wie eine schöne Symphonie mit leise ausklingenden Accorden, und es klang, als sangen Engel an seinem Sterbelager. Miseelilsn. (Ein raffinirter Gaunerstreich), der diesmal glücklicherweise kein Menschenleben kostete, wurde in einem Juwelierladen des Palais Royal, nicht weit von dem Prestrotschen Gewölbe begangen. Eine Dame in offenbar gesegneten Umständen betrat den Laden, verlangte Einiges zu sehen und entfernte sich, ohne etwas zu kaufen. Kaum war sie draußen, stürzte ein elegant gekleideter Herr ins Magazin und ruft ganz bestürzt: „Ich bitte Sie, machen Sie keinen Lärm; die Unglückliche kann nichts dafür, ich bringe Ihnen den Ring zurück", und dabei zeigte der Herr eine bnAus olrovaliers, die wirklich in einem der Dame gezeigten Kästchen fehlte. Der Herr erzählte nun, daß seine Gattin in Folge ihres Zustandes von einer unwiderstehlichen Lust zu stehlen beherrscht werde und daß er ihr in Folge dessen auf Schritt und Tritt nachgehen müßte, um Skandal zu vermeiden. Dabei spielte der Herr mit dem Ringe und frug, was er koste. Der Juwelier nannte einen ziemlich geringfügigen Preis, den der Herr auch erlegte und sich mit dem Ringe auch entfernte. Zwei Tage später kam dieselbe Dame, bat neuerdings, man möge ihr verschiedene Gegenstände zeigen, kramte herum und entfernte sich ebenso, ohne etwas gekauft zu haben. Die Ladenmädchen tauschten untereinander verständniß- volle Augenwinke, und als die Frau draußen war, wunderte sich Niemand, daß abermals ein Stück, diesmal kein Ring, sondern ein mit Brillanten besetztes Bracelet im Werthe von 6000 Francs, fehlte. Worüber dagegen Alles im Laden staunte, das war das Ausbleiben des zärtlichen Ehegatten, der seine wider Willen diebische Gemahlin auf Schritt und Tritt verfolgte. Er ließ sich nicht blicken und das Bracelet noch weniger. Der Juwelier war das Opfer eines Gaunerpaares geworden. (Die Dummen werden nicht alle.) In einer Zeitung wurde ein unfehlbares Mittel zur Nattenvertilgung gegen Einsendung von 3 M, empfohlen. Ein Bäuerlein, das mit diesen Nagethieren belästigt war, sandte den Betrag ein und erhielt nach einigen Tagen das gewünschte Mittel zugesandt. Wie groß aber die Enttäuschung des Bestellers, als er das ziemlich umfangreiche Packet öffnete und einen ca. 2Vz Fuß langen Knittel mit einem Zettel vorfand, auf dem die lakonischen Worte standen: „Mit diesem Knittel schlagen. Sie jede Ratte, die Sie sehen, kräftig auf den Kopf und Sie werden sofort Gelegenheit haben, die unfehlbare Wirkung unseres Mittels zu bewundern." (Eine junge Hausfrau.) „Aber liebe Frau, Du hast mir doch versprochen, ein Rebhuhn vom Markte mitzubringend Es muß doch jetzt genug geben!" — Frau: „Das schon, aber weißt Du, lieber Rudolf, ich konnte mich nicht dazu entschließen, ein todtes Rebhuhn zu kaufen." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischcn Instituts von Dr. Max Huttler. Unterkaktungsbkatt »m ^Ängslulrger Postzeitung." Nr. 51. Mittwoch, 27. Juni 1883. Des Jörsters Enkelkind. Original»Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Thusnelda erwartend war sie im Begriff, eines der auf dem Tische liegenden Bücher zu nehmen, als nach hastigem Klopfen diese ebenso hastig in's Zimmer tretend sagte: »Gut, daß Du fertig bist, Anna, Sophie ist es auch. Ich bin schon bei Großpapa gewesen, der sich sehr gefreut, mich zu sehen, und auch Euch begrüßen möchte. Wollen wir hinuntergehen?" „Ja, Thusnelda", erwiderte zögernd ihre Cousine, deren Herz und Pulse heftig zu klopfen begannen, während die Aufregung das Blut in ihre Wangen trieb. Im nächsten Moment aber war die Aufregung gewaltsam unterdrückt und im Begriff, mit sicherem Schritt das Zimmer zu verlassen, hörte sie Thusnelda sagen: »Du mußt nur nicht vor Großpapa erschrecken, Anna. Er trägt seinen grünen Schirm und auch die blaue Brille, denn wenn er sehr krank gewesen, sind immer seine Augen angegriffen, und können das helle Licht nicht vertragen!" „Er trägt einen grünen Schirm und eine blaue Brille?" wiederholte Anna mit einem Gefühl von Erleichterung, denn damit schien ihr für den Augenblick die Gefahr des Erkennens abgewandt. „Ja, das hat er schon lange gethan — aber komm zu ihm —" und Thusnelda zog sie auf den Korridor hinaus, wo schon Sophie ihnen entgegentrat. Die breite Treppe hinabgehend, standen sie bald an der Thür des Wohnzimmers, welche Auguste öffnete und sie eintreten ließ. Gleich allen übrigen Gemächern war es einfach, aber nichtsdestoweniger behaglich ausgestattet, denn Neuerungen litt einmal der Gutsherr von Bodenwald nicht. Die eine Ecke ward vollständig von einem großen Eopha eingenommen, vor dem ein kostbar eingelegter runder Tisch stand, auf welchen: eine hohe, durch einen Schirm bedeckte Lampe brannte. Für dies Alles aber hatte Anna kein Auge, sondern blickte auf den Herrn von Bodenwald, der in einem Sessel vor dem Tisch ruhete, vor ihm sämmtliche Gegenstände, welche seine Enkelin ihm mitgebracht, und die Zeitungen und die Journale, mit denen er sich am Abend zu beschäftigen pflegte. Als die Thür geöffnet ward, erhob er sich langsam, und ging ebenso langsam, doch ohne Stütze den Erwarteten einige Schritte entgegen. Er war von hoher Gestalt, die gleich Kohring's dem Alter Widerstand geleistet, doch war das meist goldblonde Haar schneeweiß geworden, und umgab in noch reicher Fülle das Gesicht, das Anna's forschendem Blick, wenngleich durch Schirm und Brille entstellt, nur zu vertraut war. Sie suchte die Aufregung, die wiederum sich ihrer zu bemächtigen begann, gewaltsam zu unterdrücken, denn sie hörte ihre Cousine sagen: 402 »Großpapa, hier bringe ich Dir Sophie Dörner und meine liebe Freundin, Anna Herfeld-" Beide standen jetzt dem Herrn von Bodenwald gegenüber, der ihnen die Hand reichend mit klangvoller Stimme freundlich sagte: „Seien Sie mir willkommen, meine Damen, und möge es Ihnen in dem stillen Bodenwald und bei einem alte», kranken Manne einige Wochen gefallen!" „Großpapa, wir werden länger bleiben", unterbrach ihn schnell seine Enkelin. „Der Professor, welcher mich behandelt, ist verreist, und kein Anderer kann mit mir die Kur gebrauchen!" „Darüber bist Du wohl kaum unzufrieden, mein Kind", erwiderte der Landkammerrath, seinen Blick, dessen Ausdruck jedoch nicht zu unterscheiden war, auf die kleine Gestalt seiner Enkelin richtend, und sich dann ihren Begleiterinnen zuwendend, fügte er hinzu: „Nehmen Sie Platz, meine Damen, und gestatten Sie mir, ein Gleiches zu thun!" Diese kamen seiner Aufforderung nach und während Anna ihren Großvater betrachtete, sagte Sophie Dörner: „Wir haben erfahren, Herr Landkannnerrath, daß Sie erst gestern sehr leidend gewesen und würde uns sehr leid thun, wenn Sie unsertwegen Ihr Zimmer verlassen!" „Ich mußte Sie doch wenigstens begrüßen", entgegnete mit gewandter Höflichkeit der Gutsherr, der sich in seinem Sessel niedergelassen, und darauf Anna anblickend, fortfuhr: „Ihnen, Fräulein Herfeld, muß ich noch meinen besonderen Dank sagen, daß Sie so freundlich auf die Wünsche meiner Enkelin eingegangen sind — —" „Herr von Bodenwald-" begann Anna, stockte aber, denn Sie meinte, dem forschenden Blicke zu begegnen. „Ebenfalls danke ich Ihrem Herrn Großvater und Ihrer Frau Tante, — Sie sehen, wie gut ich durch Thusnelda über Ihre Familie unterrichtet bin, — daß sie Sie noch auf einige Zeit entbehren wollen — —" „Mein Großvater und meine Tante bedürfen meiner augenblicklich nicht", erwideke Anna freundlich, doch im früheren Ton und heftete zugleich entschlossen ihre Augen auf die seinigen, „deshalb habe ich mir auch kein Gewissen daraus gemacht, sie noch länger allein zu lassen." „Anna's Großvater wohnt in einem großen Walde", fiel jetzt Thusnelda ein. „Sie hat mir viel davon erzählt —" „Das möchte ich morgen von Dir in meinem Zimmer hören", unterbrach mit leisem Nachdruck der Landkammerrath seine gesprächige Enkelin, und sich darauf an Sophie wendend, erkundigte er sich nach deren Mutter, während Thusnelda mit ihrer neben ihr sitzenden Freundin zu sprechen begann. Nach kurzer Weile ward das Abendessen gemeldet und zugleich öffnete der Diener die Thüren des anliegenden Speisesaals. Der Schloßherr erhob sich aus seinem Sessel, wobei sein Stock, der an diesen gelehnt, zur Erde fiel. Anna, welche gleich Sophie und Thusnelda ihren Platz verlassen, nahm ihn auf und überreichte ihn dem Landkammerrath, und ihn aus ihrer Hand nehmend, sagte derselbe in verbindlichem Tone: „Ich danke Ihnen recht sehr, mein Fräulein, und bitte Sie zugleich, mich als Ihren Führer zu Tische anzunehmen, das heißt, wenn ich Ihnen meinen linken Arm bieten darf!" Anna kam ein plötzlicher Gedanke, und diesem Worte verleihend, sagte sie mit leichtem Erröthen und einer kaum merklichen Bewegung in ihrer Stimme: „Gestatten Sie mir vielmehr Ihre Stütze zu sein, Herr Landkammerrathl — Darf ich", und schnell an seine Seite tretend, reichte sie ihm ihren rechten Arm, während sie, vielleicht sich selbst unbewußt, die Augen voll kindlichem Vertrauen zu ihm erhob. Ein freundliches Lächeln überflog des Schloßherrn ernste, gefurchte Züge, und beifällig und voll Interesse blickte er ihr entgegen. Dann legte er seine Hand auf ihre» Arm, und sagte, das Haupt leicht neigend: 406 „Ich danke Ihnen, mein Fräulein, und glaube fest, daß Sie mir eine bessere Stütze sein werden, als ich Ihnen hätte sein können", und nach diesen Worten schritten sie dem Eßzimmer zu, gefolgt von Sophie und Thusnelda, welche Erstere ihren früheren Zögling mit beifälliger Freude beobachtet hatte und noch betrachtete, als an der Tafel sie zu des Landkammerraths Rechten in unbefangener Weise auf seine Unterhaltung, ihre Belusti» gungen in Bodenwald betreffend» einging« Das Mahl verfloß in heiterer Weise, denn als feiner und gewandter Wirth wußte der Schloßherr über die Förmlichkeiten des Bekanntwerdens hinweg zu helfen. Als es beendet, führte wiederum Anna ihren Großvater in das Wohnzimmer, wo er, einen Augenblick ihre Hand in der seinen haltend, mit einem leichten Neigen des Hauptes sagte: „Nehmen Sie nochmals meinen Dank für die mir so freundlich gewährte Stütze, die ich leider, wie Sie sich auch überzeugt, nicht entbehren kann, und in meinem Alter ist auf Besserung nicht zu hoffen. Ich bin zufrieden, wenn die Schmerzen mich nicht zu sehr plagen." Nach diesen Worten ließ er sich wiederum in seinem Krankenstuhl nieder, und diesen Moment hatte sich Thusnelda ersehen, sich Anna's zu bemächtigen, die sie nach ihrer Ansicht schon zu lange entbehrt hatte, während sie es Sophien überließ, ihren Großvater zu unterhalten, was auch alsbald, und zwar sie selbst betreffend, geschah. Als nach einer halben Stunde seine Gäste wie seine Enkelin sich von dem Landkammerrath trennte», sprach er die Hoffnung aus, sie am nächsten Tag« gesund und wohl wieder zu sehen und bat erstere zugleich, da dies spät sein würde, nach eigenem Ermessen im Schlosse zu schalten und zu walten. Er fügte hinzu» daß Frau Lindenau und auch die Leute die Weisung erhalten, allen ihren Wünschen und Forderungen nachzukommen, worauf er Sophie und Anna mit einer Verbeugung und einem Händedruck, seine Enkelin aber mit einem zärtlichen Kusse entließ. — XXI. Am folgenden Morgen unternahmen Sophie Dörner, welche auch in ihren Rechten als Thusnelda's Erzieherin blieb, diese und Anna einen Gang in's Freie, um die nächste Umgebung des Herrenhauses und den Schloßgarten kennen zu lernen. Thusnelda, hier seit ihrer Kindheit bekannt, machte die Führen», doch konnte sie keine besonderen Sehenswürdigkeiten zeigen, denn wie schon vor Jahren waren die hohen, alten Bäume und Alleen und einzelnen Gruppen auf den Rasenflächen die größte Zierde des Gartens von Bodenwald, auf dessen Verschönerung der Besitzer jetzt noch weniger Werth als sonst legte, doch den langjährigen Gärtner gewähren ließ, der wie früher Gewächse, Blumen und Früchte in den Treibhäusern zog. Nachdem sie alles besichtigt und an dem schönen Sommermorgen längere Zeit nach allen Richtungen umhergewandelt waren, wobei Thusnelda es nicht unterlassen, ihre Begleiterinnen auf ihre Lieblingsplätze aufmerksam zu machen, an die für sie sich mancherlei Erinnerungen knüpften, Anna aber mit Gedanken anderer Art beschäftigt gewesen, gelangten sie an einen breiten Weg, über dem die Bäume sich zu einem Blätterdach wölbten und der zu beiden Seiten mit Tannen, Taxus und Zypressen dicht bewachsen war. Er war besonders sorgfältig gepflegt und schien seit längerer Zeit nicht betreten zu sein. Am Eingang desselben stehen bleibend, fragte Anna, an deren Arm ihre Cousine hing: „Wohin gelangen wir auf diesem Wege, Thusnelda?" „Nach dem Mausoleum", entgegnete diese ernst, wo meine Eltern, meine Großmama und viele unserer Familie beigesetzt sind. Wir wollen es einmal besehen." Auch Anna's Gesicht hatte sich bei dieser Antwort umdüstert, denn dort war ebenfalls ihrer Eltern letzte Ruhestätte, und sie hätte deren Särge zum erstenmal sehen können, ehe sie jedoch zu antworten vermochte, entgegnete Sophie Dörner, welche die Aufregung eines Besuchs im Mausoleum für ihren Zögling befürchtete: „Später, meine liebe Thusnelda, heute noch nicht. Führe uns lieber nach dem Gutshof, wo Herr und Frau Bergmann wohnen —" 404 „Wollen wir sie nicht begrüßen?" unterbrach schnell das kleine Fräulein, dessen Gedanken schon wieder eine andere Richtung genommen. Hiergegen hätte nun gern Anna Einwand erhoben, denn sie fürchtete von dieser Seite eine Entdeckung, obgleich sie am Abend vorher sich vorgenommen, einer solchen, wenn sie erfolgen würde, mit ruhiger Entschlossenheit entgegenzugehen, doch sagte Sophie: „Wenn es Dir eine so große Freude ist, sie wiederzusehen, so müssen wir sie wohl aufsuchen. Vielleicht treffen wir sie gar im Freien." — (Fortsetzung solgt.) Go»dkör««r. Ohne Glauben ist nicht Liebe, Ohne Liebe ist nicht Glauben. Willst Du Dir Dich seiber rauben, Nimm dem Herzen Lieb und Glauben. F. Horn. Stets ist die Sprache kecker als die That. Schiller.' Man kann die Erfahrung nicht früh genug machen, wie entbehrlich man in der Welt ist. Welch' wichtige Person glauben wir zu sein. Wir denken allein den Kreis zu beleben, in dem wir wirken. In unserer Abwesenheit muß, denken wir, Leben, Nahrung und Athem stocken: und die Lücke, die entsteht, wird kaum bemerkt, sie stillt sich so geschwind wieder aus, ja sie wird oft nur der Platz, wo nicht für etwas Besseres, doch für etwas Angenehmeres. Goethe. Leicht geleitet wird ein Thor» Leichter aber, wer verständig; Doch wer wenig halb gelernt nur, Ist sür Götter selbst unbändig. A. Höfer. Ueberschaue ganz das große Ganze; Kannst Du's nicht, so senke Deinen Blick. Seume. Das Kreuz im Walde. Eine Wildschützengeschichte von Friedr. Dolch. Während meiner Studienzeit besuchte ich in den Herbstferien manchmal meinen alten Onkel, den königlichen Förster Wendemann, dessen Wohnort nicht gar weit von der Residenz entfernt war. In seinem Reviere gab es auch noch ziemlich viel Wild, weil er dasselbe schonte und pflegte, mäßig schoß und die Wilderer, die sich in seinem Bezirk blicken ließen, energisch verfolgte und über die Grenzen trieb. Mein Onkel war übrigens durchaus kein finsterer griesgrämiger Gesell, sondern ein lustiger fideler Kauz; mit dem es sich vortrefflich leben ließ. Nur die Wilddiebe und Holzfrevler fürchteten und haßten ihn, weil er ihnen so scharf auf die Finger sah und durchaus nicht mit ihnen spaßte. Am liebsten war eS mir, wenn ich mit ihm draußen in Wald und Feld umher- streifen durfte, denn da ging ihm das Herz auf und manche ernste und heitere Geschichte aus dem Jägerleben hat er mir auf solchen Streifzügen erzählt. Ich lauschte auch stets mit großem Interesse seinen Erzählungen und manche von ihnen haben sich meinem Gedächtnisse so fest eingeprägt, daß es mir jetzt nach Jahren noch möglich ist, sie genau so wiederzugeben, wie er sie mir einst erzählt. Eines Abends kamen wir, nach erfolglosem Pirschgange, auf eine Waldlichtung und da wir ziemlich müde waren, beschlossen wir eins kleine Rast zu halten, ehe wir den Heimweg antraten. Wir setzten uns also unter eine dichtbelaubte Buche, zündeten unsere kurzen Jagdpfeifen an und bliesen schweigend die blauen Rauchwötkchen in die Luft. „Siehst Du dort drüben am Waldesrand das hohe, halb umgesunkene schwarze Kreuz?" frug plötzlich mein Onkel und eS konnte mir trotz der zunehmenden Dunkelheit nicht entgehen, daß sein vorher noch so heiteres Gesicht plötzlich tiefernst geworden war. „Dort steht es» neben der hohen einzelnen Tanne, die über das Dickicht emporragt!", Und er zeigte mit dem Finger nach der Richtung und sah mich an. 405 — »Ich leyr r»-', antwortete ich und richtete meine Blicke nach der Gegend, wo sich as Kreuz schwarz 'vom hellen Nachthimmel abhob. „Was ist's damit? Ist an jener Stelle vielleicht einmal ein Mord verübt worden?" „Jawohl, Junge, hast's errathen", antwortete mein Oheim. „Dort ist vor beinahe einem halben Jahrhundert ein Jäger von einem Wildschützen erschossen worden; der Mörder aber war mein eigener leiblicher Vetter und ich war Augenzeuge jener schreck« lichen That." „Ach, ist's möglich?" rief ich erregt. „Bitte, Onkel, das mußt Du mir erzählen, d. h. wenn es Dich nicht zu stark angreift." „Ja, 's ist eine traurige Geschichte", nickte ernst mein Oheim, „und sogar jetzt noch« nach so langer Zeit, stimmt es mich trübe, wenn ich an jenes Ereigniß denke. Weil wir aber doch schon einmal davon gesprochen haben, so will ich Deinen Wunsch erfüllen und Dir die Geschichte erzählen." Mein Onkel schwieg einen Augenblick, ich rückte ihm etwas näher und blickte ihm erwartungsvoll in das Gesicht. Nachdem er einige Augenblicke nachgedacht hatte, räusperte er sich und fing an: „Mein Vater war, wie Dir vielleicht bekannt sein wird, Jäger beim Baron V.» besten Gut in der Nähe des Dorfes Hohenkamm, das einige Stunden von hier entfernt ist, liegt. Die Waldungen, die zu dem Gute des Barons gehören, sind ziemlich groß und stoßen theilweise an die königlichen Forsten. Mein Vater hatte einen von den erwachsenen Söhnen seines Bruders als Gehilfen zu sich genommen, denn er wurde all- mählig alt und hinfällig und auf mich konnte er nicht rechnen, weil ich damals gerade die Forstschule besuchte. Vetter Kaspar, der neue Jagdgehilfe, war ein junger lustiger Bursche, zu allen tollen Streichen aufgelegt, aber sonst doch ein ordentlicher Mensch und, was die Hauptsache war, ein ausgezeichneter Schütze und guter Jäger. Kam ich in den Ferien nach Hause, dann begann ein lustiges Leben und Treiben, denn Vetter Kaspar und ich wurden bald die besten Freunde und wir waren fast stets beisammen. Wenn die Ferien zu Ende waren, nahm ich jedes Mal betrübt Abschied und lange noch dachte ich an die Heimath und das frische freie Leben draußen im Walde. So war ich denn wieder einmal nach Hause gekommen, hatte aber in der erstey Stunde schon zu meinem Schmerze bemerkt, daß während meiner Abwesenheit sich Vieles verändert hatte. Kaspar war ein ganz Anderer geworden; seine Lustigkeit war verschwunden und hatte einem unruhigen, hastigen, scheuen Wesen Platz gemacht. Sein Gesicht war bleich und in seinen Augen brannte ein düsteres Feuer. Auch war er wortkarg und verschlossen geworden, und so sehr ich auch in ihn drang und ihn bat, mir mitzutheilen, was ihm denn eigentlich fehle, er blieb stumm und gab keine Antwort auf meine Fragen. Von meinem Vater erfuhr ich aber, daß er eine Liebschaft mit der Tochter des Schullehrers, einem eitel», putzsüchtigen Mädchen angeknüpft und ihr auch schon öfters Geschenke gemacht habe. „Diese Liebschaft", sagte mein Vater kopfschüttelnd, „bringt ihn noch in's Verderben. Ich hab' ihm auch das gesagt, aber der Bursche ist verstockt und will nicht von ihr lasten. Von einer Heirath kann aber gar nicht die Rede sein, denn Beide haben keinen rothen Heller. Schlägt er sich aber das Mädel nicht aus dem Kopf, dann schick' ich ihn wieder heim zu seinem Vater, denn einen verliebten Jagd- Gehilfen kann ich nicht brauchen." Nach dem Abendessen nahm Kaspar seine Büchse von der Wand und fragte mich, ob ich ihn nicht begleiten wolle. Ich erhob mich, nahm ebenfalls meine Flinte und wir schritten schweigend hinaus in den Wald. Als wir eine Strecke Weges zurückgelegt hatten, wandte sich Kaspar zu mir und sagte: „Franz, hör' mich an! Ich muß bis morgen Abend dreißig Gulden haben und Du mußt mir helfen, daß ich sie bekomme. Willst Du das thun?" 406 Ich blieb erstaunt stehen und sah ihn an. „DaS ist viel Geld", antwortete ich. „Wo willst Du es denn herbekommen und was soll ich dabei thun?» „Ich muß das Geld haben, und wenn ich es stehlen sollte», stieß Kaspar hervor und seine Augen glühten. „Frage mich nicht weiter, ich könnte und dürfte Dir doch sonst nichts mehr sagen. Leihen wird mir das Geld Niemand, aber ich bekomme es dennoch, wenn Du mir beistehen willst.» „Gern", antwortete ich. Sag' mir nur, was ich thun soll.» „Drüben in den königlichen Forsten, nicht weit von der Grenze» stehen Hirsche», flüsterst« mein Vetter. „Wenn wir heut' Nacht einen schießen und ihn herüber schaffen könnten, dann wäre mir geholfen. Allein kann ich den Hirsch indeß nicht transportiren, hilfst Du mir aber dabei, dann geht es gewiß und wo wir ihn hinschaffen müssen, damit er uns abgenommen wird, weiß ich auch.» „Nein, nein, das ist zu gefährlich», rief ich erschrocken, „da könnten wir schön in Teufels Küche kommen I» „Dann bin ich verloren», sagte Kaspar tonlos. Ich befand mich wirklich in einer schlimmen Lage. Entweder gab ich nach und begleitete meinen Vetter, dann wurde ich Mitschuldiger eines Verbrechens, oder ich wies das Ansinnen zurück, nachher war mein Vetter ein verlorener Mann. Die Liebe zu ihm aber siegte endlich über alle meine Bedenklichkeiten und ich versprach, ihn bei seinem Unternehmen unterstützen zu wollen. Am andern Morgen, als sich noch kaum ein Heller Streifen im Osten zeigte, standen wir schon draußen im Walde und schlichen der Grenze und jener Gegend zu, wo sich nach Kaspar's Aussage das Hochwild aufhielt. Von Zeit zu Zeit blieben wir stehen, um zu lauschen und schlichen dann wieder vorsichtig auf kaum erkennbaren Pirschwegen weiter. Wir hatten jetzt die Grenze überschritten und die größte Vorsicht mußte deswegen angewandt werden. Im Osten wurde es auch schon immer Heller und Heller und bevor der Tag anbrach, mußten wir wieder zurück sein, entweder mit dem erlegten Hirsch, oder mit leeren Händen, wenn wir uns nicht der Gefahr aussetzen wollten, noch im letzten Augenblick gesehen und ergriffen zu werden. „Ich höre das Nudel», flüsterte mir da plötzlich mein Vetter zu und da wir gerade vor uns eine Waldlichtung hatten, — dieselbe, die Du da vor Dir siehst», unterbrach sich mein Onkel, indem er sich zu mir wandte, — „so konnte» wir das Wild, das ahnungslos über die Lichtung zog, ganz nahe zu uns heranlassen. Hinter einigen Büschen verborgen warteten wir, die Büchsen krampfhaft in den Händen haltend, auf das Näherkommen des Rudels, das aber plötzlich, hatte es nun von uns, oder von irgend etwas Anderem Witterung bekommen, stehen blieb und sich dann auf einmal seitwärts wandle. Mit einem halb unterdrückten Fluch sprang mein Vetter empor. «Jetzt brauchen wir uns nicht mehr verborgen zu halten», rief er mir zu, „wir müssen das Wild anspringen und uns dann auf unser gutes Glück verlassen, oder unser Pirschgang ist umsonst gewesen. Nimm Du jenen starken Hirsch auf's Korn, der dort, einige Schritte von dem Nudel entfernt, nachzieht, ich werde mir schon ein anderes Stück aussuchen und nun vorwärts!» Wir sprangen auf und schlichen uns, einzelne niedere Büsche und Baumstümpfe als Deckung benutzend, auf das Nudel zu und waren schon ziemlich nahe an dasselbe herangekommen, als es plötzlich, von panischem Schrecken ergriffen mit gewaltigen Sätzen dem nicht mehr fernen Dickicht zueilte. Fluchend richtete sich Kaspar aus seiner gebückten Stellung auf, riß die Büchse an die Wange und wollte abdrücken, aber in demselben Augenblick ließ er auch das Gewehr schon wieder sinken und faßte krampfhaft meinen Arm. Ich warf erschreckt einen Blick auf sei» Gesicht, es war furchtbar bleich und seine Augen starrten gerade aus, als sähen sie ein Gespenst. Jetzt hatte auch ich den Gegenstand erblickt, der ihm einen solchen Schrecken einiagte und das Blut wollte mir in den Adern erstarren, denn kaum dreißig 407 Schritte von uns entfernt, stand, die Büchse i»i Anschlag, ein Jäger hinter einer Tanne» der uns mit zornfunkelnden Blicken betrachtete. Wir waren allerdings in einer verzweifelten Lage, aber wir hatten trotzdem nicht die mindeste Lust, uns zu ergeben und da das Dickicht nicht gar zu weit entfernt war, machten mir verzweifelte Anstrengungen, um dasselbe wieder zu erreichen. Der Förster des fremden Revieres aber verstand durchaus keinen Spaß und kaum hatten wir einige Sprünge gemacht, als es auch schon krachte und die Kugel meinem Vetter den Hut vom Kopse riß. Jetzt galt es Leben gegen Leben und blitzschnell wandte sich mein Gefährte, riß die Büchse an die Wange und drückte ab. Ein furchtbarer Aufschrei vermischte sich mit dem Krachen der Büchse, der Förster ließ sein Gewehr fallen, breitete die Arme aus und stürzte vornüber auf das Gesicht. Entsetzt standen wir Beide einen Augenblick, dann aber rannten wir, wie von Furien gepeischt, in das Gebüsch und suchten unser Heil in der wildesten Flucht. „Entsetzlich", flüsterte ich, als mein Onkel, schwer athmend, einen Augenblick inne hielt. „Aber was wurde aus dem Erschossenen?" „Den fanden einige Minuten später Holzhauer, die nach ihren Arbeitsplätzen, welche sich in der Nähe befanden, gehen wollten und die Schüsse gehört hatten. Der Förster war noch nicht todt, als sie ihn fanden, sondern sogar noch vollkommen bei Besinnung und konnte auch den Männern den Name» seines Mörders, der ihm wohl bekannt war, nennen. Er hatte sich Moos in die Wunde gestopft und Pulver verschluckt, aber es war vergeblich, denn die Brust war durchschossen und auf dem Heimtransport verschied er. Die Holzhauer brachten nur mehr eine Leiche nach Hause." „Und wie erging es jenem unglücklichen junge» Mann, Deinem Vetter?" wandte ich mich aus's Neue an meinen Oheim. „Er wurde zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurtheilt", sagte der alte Mann trübe, „und kam zum Weveldt nach München. Wir besuchten ihn einmal, mein Vater und ich, da stand er in Züchtlingskleidern, schwere Ketten mit Eisenkugeln an den Füssen, hinten inr Hofe des Gefängnisses, welchen er mit noch einigen anderen Sträflingen gerade rein kehren mußte. Er sah elend aus und mir wollte fast das Herz brechen bei seinem Anblick. Nach einigen Jahren jedoch wurde seine Haft eine leichtere; der Zuchthausdirektor Weveldt gewann ihn lieb und mein Vetter mußte ihn zuletzt überall hinbegleiten» wo Scheibenschießen abgehalten wurden, denn der Direktor hatte ihn sogar zu seinem Vüchsenspanner gemacht. Zehn Jahre vergingen auf diese Weise, da wurde er plötzlich, mit noch einigen anderen Sträflingen, die sich ebenfalls gut gehalten hatten, vom Könige nicht nur be« gnadigt, sondern er erhielt sogar, da sich Weveldt für ihn verwendete, in einem fernen Bezirke die Stelle eines königlichen ForstwarteS, die er dann lange Zeit mit Ehren bekleidet hatte. „Und was ist aus jener Lehrerstochter geworden?" fragte ich nach einer Pause, während wir uns erhoben, um den Heimweg anzutreten, denn es war unterdessen völlig Nacht geworden. „Die hatte den Unglücklichen bald vergessen, der so schrecklich für seine Thorheiten büßen mußte, die er doch nur ihretwegen begangen hatte", sagte mein Onkel. „Aber so sind die Weiber! Mein armer Vetter hat auch keine mehr angeschaut und ist sein ganzes Leben lang Junggeselle geblieben. Aus dem lustigen jungen Burschen aber wurde ein finsterer mürrischer Mann, der nur selten mehr gelacht hat. — So, jetzt weißt Du die Geschichte, die sich an jenes schwarze Kreuz dort drüben knüpft und jetzt wollen wir nach Hause gehen." Das thaten wir denn auch und als ich später daheim mein Lager aufsuchte, träumte ich die ganze Nacht von jenem schrecklichen Ereigniß und dem schwarzen Kreuze draußen im Walde. Mis-ell-n. (Eine Erinnerung an Ferdinand v. S chill.) Ein interessantes Dokument aus einer denkwürdigen Zeit kam in diesen Tagen durch einen ergötzlichen Zufall in Berlin zum Vorschein und wird nunmehr an betreffender Stelle unter Glas und Nahmen feierlich aufbewahrt. Das „Dtsch. Tgbl." berichtet darüber: Der Besitzer eines beliebten Restaurant in der Friedrichstraße, bekannt als eifriger Politiker, ist, wie seinen Gästen ebenfalls nicht unbekannt ist, ein geschworener Feind der Franzosen im allgemeinen und der Napoleoniden insbesondere, und namentlich gilt ihm Napoleon I. als Erzfeind und nichtswürdigster Verderb« Deutschlands. Nun erwähnte vor einigen Tagen ein etwas «unsicherer" Gast, er sei im Besitze einer höchst interessanten Urkunde aus jener Zeit des ersten Napoleon, die einst dem Verhaßten nicht wenig Spott und Schande eingetragen haben mochte: nämlich eines alten vergilbten Zeitungsblattes des früher in Köslin herausgegebenen „Pomiiierischen Volksbl.", welches die betr. Geschichte seinen damaligen Lesern erzählte. Aufgefordert, daS interessante Blatt zur Stelle zu schaffen, warf der Besitzer desselben im Scherz die Frage auf: „Was bekomme ich dafür?" „Ich streiche Ihre Zeche, wenn Sie mir das Blatt geben!" rief im ersten Feuer der Wirth. Das willkommene Wort wurde von dem „unsicheren" Gast feierlich acceptirt, das Zeitungsblatt ward gebracht und wanderte in die Hände des beglückten Wirths. Dieser hängte es Hum ewigen Angedenken unter Glas und Nahmen am Ehrenplätze auf, und so ist jene interessante Erinnerung zu erneuter, weiterer Kenntniß gelangt. Der betreff. Zeitungsartikel erzählt, wie Ferdinand v. Schill vor her Belagerung von Kolberg von den Franzosen 4 prachtvolle schöne Pferde erbeutet hatte, welche für den Kaiser Napoleon eigens bestimmt waren. Napoleon bot ihm schriftlich pro Pferd 1000 Thlr. Vergütung, adres- firte aber den Brief „An den Räuberhauptmann Schill." Der wackere Major antwortete; „Mein Herr Bruder! Daß ich Ihnen 4 Pferde genommen, macht mir um so mehr Vergnügen, da ich aus Ihrem Briefe ersehe, daß Sie einen hohen Werth darauf setzen. Gegen die angebotenen 4000 Thlr. kann ich sie nicht zurückgeben. Wollen Sie aber die 4 Pferde, welche Sie vom Brandenburger Thor in Berlin weggestohlen haben zurückgeben, so stehen die Ihrigen unentgeltlich zu Diensten. Schill." (Amerikanisches.) Vor Kurzem wurde ein schon oft bestrafter Gewohnheits- fäufer wegen Wiederholung der alten Vergehen vor die Behörde gebracht» „In was für einem bestialischen Zustande ist er wieder betroffen worden?" redete ihn der Vorsitzende an. „Hoher Gerichtshof seien Sie nicht so strenge mit mir, diesmal habe ich einen guten Grund. Ich gehöre zum Mäßigkeitsverein," war die Antwort. — „Das ist ja eine eigenthümliche Ausrede." — „Ganz und gar nicht, sie haben mich engagirt, um als schlechtes Beispiel zu dienen." (Die gute Rede.) Lysias, ein alter griechischer Redner, gab einem Bürger, dessen Sache er vor dem Gerichtshof in Athen vertheidigen sollte, die aufgesetzte Rede vorher zu lesen. Der Client durchflog den Inhalt, that es nocheinmal, ja zum dritten Male, und sagte dann zum Anwalt: „Das erste Mal, da ich Deine Rede las, fand ich sie gut, das zweite Mal mittelmäßig und das dritte Mal schlecht." Ungesäumt entschied Lysias: „So wird sie gut sein, denn ein Mal will ich sie nur halten." (Die tröstliche W e st e n t a s ch e.) Muhme: „Aber Jaköbili, Du wirscht doch den Guide nit verlaura habe? Dei Mutta reißt Dir ja d' Ohrli vom Kopf." — Jakob: „Ja Muhme, i ha schon überall g'sucht, in alle Tascha, aba nix kann i finda." — Muhme: „Au scho im Westatäschli?" — Jakob: „Nei, da mag i net sucha, denn wenn er da nit drinne ischt, dann hab'n i ganz g'wiß verlaura." (Mitgefühl.) Dame (im zoologischen Garten zu ihren Töchtern): „Diesem armen Elephanten ist es wahrscheinlich auch nicht an der Wiege gesungen worden, daß er ^einst genöthigt sein würde, mit Kunststücken sein tägliches Brod zu verdienen!" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Dr. Max.Huttler. Nr. 52. 1883. zur ^Augsburger Pojheilnug." Samstag, 30. Juni Des Försters Enkelkind. Original »Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Die drei Damen begaben sich nach dem links vom Schlosse liegenden Gutshof, rvo vor ihnen das geräumige Haus des Verwalters Bergmann lag. Da die Leute im Feld waren, herrschte überall Ruhe, und nur das reichlich vorhandene Federvieh machte, sich durch die verschiedenartigsten Töne bemerkbar. Thusnelda machte auch hier wieder die Führerin, und nannte den Zweck eines jeden Gebäudes, bis sie sich plötzlich von Anna's Arm losriß, denn aus einer der Scheunen trat ein älterer Mann, welchem sie mit dem lebhaften Ausruf: »Da ist schon Herr Bergmann!" entgegen lief, während Sophie und Anna langsamer folgten. . Letzterer blieb dadurch Zeit genug sich zu fassen, um dem Freunde ihres Großvaters, wie verstorbenen Vaters ruhig entgegen zu treten. Sie sahen die gegenseitige Begrüßung, und wie herzlich er Thusnelda beide Hände schüttelte, dann lebhaft mit ihr sprach, und ihr endlich zu ihnen folgte. Als sie sich gegenseitig erreicht, begrüßte er auch sie mit schlichter Freundlichkeit, und setzte hinzu: »Ich habe von unserem gnädigen Fräulein gehört, daß die Damen sich hier umsehen wollen. Lassen Sie sich nicht stören, doch entschuldigen Sie, daß ich Sie nicht begleiten kann, da ich sogleich zu den Leuten reiten muß!" »Arbeiten Sie denn weit von hier?" fragte Thusnelda voll Interesse. »Ja, gnädiges Fräulein, fast eine Stunde. Sie hätten sonst wohl Lust einmal wieder auf dem Erntewagen zu fahren l" entgegnete mit gutmüthigem Lächeln der Verwalter. Eingedenk früherer Zeiten erröthete das gnädige Fräulein leicht, während Sophie und Anna ebenfalls lächelten und Erster« sagte: „Lassen Sie sich durch uns nicht aufhalten, Herr Bergmann, Fräulein Thusnelda wird uns schon führen. Sie hat dies bereits im Garten gethan —" „Es sind schöne alte Bäume darin", antwortete der Verwalter, »sonst bietet er nichts Besonderes. Der Herr Landkammerrath ist nicht für Veränderungen!" Sein Blick streifte dabei Anna, die auch ihn aufmerksam angesehen, und schon im Begriff sein Auge abzuwenden, ließ er es noch einen Moment länger auf ihrem Gesicht haften, während sie so ruhig wie möglich sagte: »Mir hat der Garten mit seinen prächtigen Bäumen und Alleen seyr gefallen, und meinem Geschmack nach könnte es bei Schloß Bodenwald kaum anders sein!" „Da mö'gen Sie recht haben, mein Fräulein, denn das Alte schickt sich am besten zum Alten, das gilt nicht allein von den Menschen, sondern auch von ihrer Umgebung", entgegnete der Vermalter sie unverwandt betrachtend« Aber, um Vergebung, Sie sind wohl die Freundin, welche unser gnädiges Fräulein in H. kennen gelernt —" „Wir haben uns allerdings in H. im Hause der Frau Doktor Dörner getroffen" entgegnete Anna, ward aber durch Thusnelda unterbrochen, welche auf Sophie deutend sagte: „Und diese Dame, Herr Bergmann, ist meine Erzieherin, Fräulein Sophie Dörner. Wir werden hier lange bleiben, so lange wenigstens, bis der Professor, der mein Arzt ist, von der Reise kommt!" Ein leises Lächeln und der Ausdruck inniger Theilnahme überflog das weiter« gebräunte Gesicht des Verwalters, der freundlich erwiderte: „Da benutzen Sie nur Ihren Aufenthalt bei uns, gnädiges Fräulein, damit die frische Luft Sie für den Winter kräftigt und stärkt! — Machen Sie auch mit den Damen die hübschen Fahrten in die Berge, Herr Großpapa hat schon befohlen, daß die Pferde jederzeit bereit stehen sollen!" Jetzt ward das Pferd des Verwalters herbeigebracht, und nochmals Anna mit prüfendem Blick betrachtend, verabschiedete er sich zugleich um es zu besteigen, und ritt, seinen Hut ziehend zum Thor hinaus, während sie auf Thusnelden's besonderen Wunsch, dem Hause zugingen, in dessen Thür schon Frau Bergmann stand. Sie hatte die Unterhaltung ihres Mannes mit den Damen, die, wie sie wußte, am Abend zuvor angekommen waren, gesehen, und wollte sie nun ebenfalls begrüßen und kennen lernen. Als sie näher kam, eilte Thusnelda in ihre Arme und ward von ihr voll Zärtlichkeit an die Brust geschlossen, darauf wurden Sophie und Anna vorgestellt. „Es wird gewiß den Damen hier still und einsam werden", sagte Frau Bergmann im Laufe des nun folgenden Gesprächs, „zumal der Herr Landkammerrath wieder so leidend ist. Aber unsere Gegend ist schön und die Berge sind nicht weit." „Wir wollen recht bald ausführen, Frau Bergmann", entschied das kleine Fräulein, und wenn Sie Lust dazu haben, so begleiten Sie uns!" „Das wird mir eine große Freude sein, gnädiges Fräulein", entgegnete sie mit einem lächelnden Blick auf Sophie, die sie als Erzieherin nennen gehört hatte. Von dieser aber ivandten sich ihre Augen auf Anna, und gleich denen ihres Mannes blieben sie einen Moment länger als erforderlich auf ihren Zügen ruhen, wandten sich dann ab, kehrten aber nochmls zu ihnen zurück, indeß sie langsam und wie einen andere» Gedanken verfolgend, fortfuhr: „Gelernt und gearbeitet wird hier wohl nicht —" „Gewiß, Frau Bergmann", versetzte etwas weniger lebhaft das kleine Fräulein, und ihre Lehrerin fügte hinzu: „Wir beschäftigen uns auch hier jeden Tag, damit Fräulein Thusnelda in Uebung bleibt!" „Das ist sehr richtig, Fräulein Dörner", antwortete die Verwalterin. Der Mensch kann nie zu viel lernen und unser gnädiges Fräulein ist noch jung." Jetzt ward ihr Haus, wie das Innere der Treibhäuser, wo die herrlichsten Gewächse und edle, reife Früchte in reichlichem Maß vorhanden waren, besichtigt, doch richteten sich Frau Bergmann's Augen immer wieder auf Anna, welche anscheinend unbefangen sich unterhielt, dennoch dies gewahrte, und überzeugt war, daß, gleich ihren Manne mit kräftigeren Augen als der Gutsherr versehen, sie wie Jener die Familienähnlichkeit entdeckt hatte. Endlich gingen sie in's Schloß zurück, wo Sophie Dörner und Thusnelda sich einige Stunden beschäftigten, Anna aber einen Brief an ihren Großvater zu schreiben begann, in welchem sie ihm ihre Reise, wie ihre Ankunft und Erlebnisse in Bodenwald schilderte. Als zur Mittagszeit der Verwalter Bergmann nach Hause kam, fragte er seien Gattin, mit einem forschenden Blick betrachtend: „Nun, Frau, die Damen vom Schlosse sind auch wohl hier gewesen — —" „Und was sagst Du zu ihnen?" unterbrach Ersterer fast ungeduldig. „Fräulein Thusnelda scheint mir dieselbe zu sein, und nützen ihr wohl alle Pro- 411 schoren der Welt nichts. Sie ist wohl in Fräulein Dorner's Händen sicher aufbewahrt und diese gewiß ebenso liebevoll wie verständig-" „Und was meinst Du zu dem Fräulein Herfeld?" fragte Bergmann noch un, geduldiger als vorher. „Das Fräulein gefällt mir ganz ausnehmend, und ich glaube laum, daß man «in schöneres Mädchen sehen kann!" entgegnete lebhaft und ihrerseits mit einem forschenden Blick seine Gattin. „Frau", sprach jetzt der Verwalter in leiserem Ton, „ist Drr an dem Fräulein Hrrfeld nichts aufgefallen? — Erinnert nicht ihr Gesicht-" „Ja, Bergmann", antwortete ernst und mit Nachdruck seine Frau, „sie hat «ine unverkennbare Ähnlichkeit mit den Bodenwald'S — —" „Das meine ich auch-„ „Dasselbe Haar, die blauen Augen und die gebogene Nase! — Es soll mich nur wundern, ob der Landkammerrath dies nicht auch bald sehen wird!" „So lange er den Schirm und die blaue Brille trägt wohl nicht", meinte nachdenklich der Verwalter. „Es kann ja auch nur eine zufällige Ähnlichkeit sein, denn ich glaube nicht, daß der alte Kohring seine Enkelin heimlich und unter anderem Namen zu ihrem Großvater gehen lassen würde, nachdem er so viele Jahre keine Nachricht von sich gegeben —" „Der Ansicht bin ich auch, doch könnte Kohring darin gesehen haben, daß Anna Thusnelda von Bodenwald als Anna Herfeld von ihrem Großvater veranlaßt worden ist hierher zu kommen", entgegnete ebenso nachdenklich Frau Bergmann. „Das wird nicht lange unentschieden bleiben", sprach lebhafter der Verwalter, „laß nur erst den Landkammerrath das Familiengesicht sehen! — Eins aber möchte ich wissen!" „Und das wäre?" fragte seine Gattin. „Ob, falls wirklich Anna Herfeld die Enkelin des alten Kohring ist, dieser sie mit ihrem wahren Namen und ihren Familienverhältnissen bekannt gemacht hat!" Wer weiß, er könnte dazu wohl besondere Gründe gehabt haben — —" „Wie dem auch sei, Frau", sprach nach kurzer Pause Bergmann, „laß uns über unsere Entdeckung, namentlich dem Landkammerrath gegenüber schweigen. Die Wege der Vorsehung sind wunderbar genug, und vielleicht gehen wir gar unerwarteten Ereignissen entgegen, doch sind wir schließlich an der Sache nicht eigentlich behelligt, und in Bezug auf seine Familienangelegenheiten ist er derselbe wie er immer gewesen!" Der Landkammerrath konnte an der Mittagstafel nicht erscheinen, denn ein neuer Gichtanfall, verbunden mit heftigen Schmerzen, hinderte ihn das Bett zu verlassen, doch ließ er seinen Gästen die Hoffnung auSsprechcn, den Abend mit ihnen zu verleben. Seine Enkelin durste um ihn sein, und wie sie sagte, ihn pflegen, den andern Damen ließ er durch sie anzeigen, daß er nach dein Mittagessen, welches altem Brauch gemäß um drei Uhr eingenommen ward, den Wagen bestellt habe, und sie ersuche, diesen zu benutzen, und eine Spazierfahrt zu unternehmen. Seinen, Wunsch ward Folge geleistet, Sophie Dörner, Anna und Thusnelda fuhren durch Gut Bodenwald, wo sie auf verschiedenen Feldern Knechte, Mägde und Taglöhner an der Arbeit beschäftigt sahen, vie Thusnelda lebhaft begrüßte. Bei einem Kreuzweg ankommend, der zur einen Seite tiefer in die Berge führte sagte Thusnelda nach dieser Richtung deutend: . „Dies ist der Weg nach dem Buchenhof, sollen wir nicht noch heute dort hinfahren?" „Es wird zu weit sein", meinte Anna, die dessenungeachtet keinen sehnlicheren Wunsch hatte, als die Stätte zu sehen, wo sie geboren worden, und ihre Eltern gelebt und gewirkt hatten. Da sie sich im offenen Wagen befanden, hatte der Kutscher diese Bemerkung gehört und sagte: „Es sind fast zwei Stunden ors zum Buchenhof. Wir müssen früh am Morgen fahren, dann läßt sich der Weg bis zur Mittagszeit schon zweimal machen!" 412 »Das wollen wir sehr bald thun, Georg", entschied Thusnelda, „ich will schon heute oder morgen mit Großpapa darüber sprechen!" „Ist es auf dem Buchenhof besonders schön?" fragte ihre Erzieherin. „Nein", antwortete schnell der Zögling, „ich mag die vielen hohen Bäume nicht,' die um das Haus herum stehen, das so dunkel und kalt ist —" „Es könnte auf dem Buchenhof schön genug sein", antwortete Georg, „wenn dort nur eine Familie wohnte, die das Haus und die Umgebung freundlich hielt. Früher soll es anders gewesen sein, da hat einer der Söhne des Herrn Landkammerrath's das Gut gehabt." „Ja, mein Onkel Ludwig, der früh gestorben ist!" unterbrach ihn Thusnelda. Den Namen ihres Vaters nennen hörend klopfte Anna's Herz schon lauter, zugleich fürchtete sie weitere Fragen und Erklärungen. Zu ihrer Erleichterung kam Bergmann herangeritten, der an ihrem Wagen haltend ein Gespräch mit ihnen begann, und ihnen einen in der Nähe befindlichen, leicht zu ersteigenden Berg bezeichnete, der nach mehreren Richtungen hin frei lag, so daß sie den Sonnenuntergang ungehindert beobachten konnten. Da ein schöner Sommerabend bevorstand, rieth Bergmann ihnen an, den Berg zu besuchen, und dem Kutscher den Weg angebend entfernte er sich grüßend, ohne Anna, tvas ihr nicht entging, wie am Morgen betrachtet zu haben. — In dem hellerleuchteten Wohnzimmer saß der Landkammerrath, so weit es seine Augen zuließen, mit den Zeitungen beschäftigt, deren täglich mehrere ankamen. Er erwartete mit einiger Ungeduld seine Gäste und Enkelin, die, obgleich es halb siebe» geschlagen, von der von ihm angeordneten Fahrt noch nicht zurückgekehrt waren. Endlich hörte er den Wagen kommen und halten und nach einer Weile traten die Erwarteten ein. Thusnelda begrüßte ihn lebhaft und mit großer Zärtlichkeit, Sophie Dörner und Anna wurden mit freundlicher Höflichkeit von ihm empfangen, und als sie, nachdem sie ebenfalls am Tische Platz genommen, sich nach seinem Befinden erkundigten und die schmerzhaften Anfälle beklagten, denen er so oft ausgesetzt war, erwiderte er mit einer ruhigen Ergebung, die Anna tief rührte: „Diese Schmerzen bringen meine Leiden mit sich, ich bin während der langen Jahre daran gewöhnt. Eine große Freude ist es mir, daß nach und nach meine Augen mir wieder das Lesen gestatten, denn es hat Zeiten gegeben, wo der Verwalter, oder auch August mir die Blätter vorgelesen!" Anna konnte sich des innigen Mitgefühls mit ihm nicht enthalten, und stellte sich zugleich ihren Großvater Kohring in seiner Rüstigkeit und Thätigkeit vor, und ein schwerer Seufzer entquoll ihrer Brust. Dem Schloßherrn entging er nicht, und durch seine blaue Brille zu ihr aufblickend, sagte er in freundlichem Ton: „Nicht wahr, mein Fräulein, davon können Sie in Ihrem Alter sich keine Vorstellung machen? — Nein, in der Jugend denkt und ahnt man nicht, wie viele Leiden und Entbehrungen das Alter mit sich bringt, zumal wenn man es allein, ganz allein verleben muß!" Er hatte diese Worte mit tiefer Empfindung gesprochen, und durch das Herz der Enkelin zuckte ein schmerzliches Weh, das ihre Züge wiederspiegelten. Der Landkammer- vath, welcher sie mit wachsendem Interesse betrachtete, ohne jedoch ihr Gesicht genau unterscheiden zu können, fuhr fort, während Thusnelda, ungeduldig über dies Gespräch, eine Handarbeit aufgenommen. „Haben Sie zu Hause noch Geschwister oder Verwandte, oder ist auch Ihr Herr Großvater, bei dem Sie, wie ich gehört, nach dem Tode ihrer Eltern gewesen, allein?" „Meine Tante ist im Hause meines Großvaters, Geschwister habe ich nie besessen", entgegnete Anna mit fester Stimme. „Mein Großvater aber ist gesund und rüstig —" „So danken Sie Gott für seine Gesundheit, ich aber wünsche, daß sie ihm noch lange, lange erhalten bleiben möge!" ^ „Ich werde ihm dies schreiben, Herr von Bodenwald", entgegnete Anna mit unverkennbarer Erregung. 413 „Sie lieben Ihren Großvater wohl sehr?" fuhr, diese gewahrend, der Landkammerrath fort. „Seit meiner frühesten Kindheit habe ich nur ihn und meine Tante gekannt und bin stets der Gegenstand seiner Liebe und Sorge gewesen!" Fräulein Thusnelda hatte zur Handarbeit nie lange Ausdauer; auch jetzt ließ sie dieselbe bald ruhen und unterbrach rechtzeitig das Gespräch, das vielleicht noch zu Aufklärungen geführt, indem sie zu ihrem Großvater tretend, sagte: „Großpapa, morgen will ich Sophie und Anna das ganze Schloß zeigen!" „Thue das, Thusnelda", antwortete der Landkammerrath, den Blick langsam von Anna abwendend, für die er eine ihm unerklärliche, aber schnell steigende Zuneigung empfand. „Wo aber willst Du den Ansang machen?" „Mit Großmama's Zimmer, wo die vielen schönen Sachen sind, die sie aus Italien mitgebracht und mir gehören, nicht wahr, Großpapa?" „Ja, mein Kind", erwiderte langsam der Schloßherr seiner Enkelin. „Ich bin Großmama's einzige Enkelin und Erbin, sagen die Leute", fuhr mit einigem Selbstgefühl das schwachsinnige junge Mädchen fort. Eine momentane Pause folgte, dann erwiderte der Landkammerrath in verändertem Ton: „Welche Leute, Thusnelda?" Die hiesigen, Großpapa, in H. habe ich nie darüber gesprochen", lautete die schnelle Antwort. „Ich denke auch", fuhr der Landkammerrath mit merklichem Nachdruck fort, „daß nachgerade Du zu vernünftig bist, um dergleichen mit den Leuten zu besprechen!" eine Erwiderung, die Sophie Dörner sich merkte, und sich vornahm, ihren Zögling nicht außer Acht zu lassen. „Meine Damen", wandte er sich dann an Sophie und Anna, „lassen Sie sich nach Belieben das Schloß zeigen, es thut mir leid, Sie nicht begleiten zu können, doch kann dies statt meiner auch Thusnelda. Sie werden zwar keine Kunstschätze finden, doch Mancherlei von Werth für eine alte Familie!" „Wir werden von Ihrer gütigen Erlaubniß Gebrauch machen, Herr Landkammert rath", entgegnete Sophie Dörner, und auf die Zeitungen blickend, die theilweise unberühr- lagen, fügte sie hinzu: „Stören wir aber jetzt nicht in Ihrer gewohnten Abendunterhaltung?" „Keineswegs, mein Fräulein, ich werde später lesen. Der Schlaf pflegt sich erst spät bei mir einzustellen, und oftmals schließe ich kaum auf einige Stunden die Augen!" (Fortsetzung folgt.) Empfindsame Briefe aus BrNckenau. Von Carl Felix. 1. Brief. Ich mußte in der Schule einmal einen Aufsatz machen über die Nützlichkeit des Eisens. Ich zerbrach mir den Kopf, zu was wohl das Eisen gebraucht werden könne, von seiner rohen Gestalt an bis zu den feinsten Erzeugnissen der Kunst und Industrie und glaube, meine Aufgabe befriedigend gelöst zu haben, denn ich bekam nicht nur Note I, sondern sogar eine Extrabelobung meines Professors. Und doch hatte ich eine Eigenschaft des Eisens vergessen, eine Eigenschaft, die vielleicht wichtiger und segcnspendender ist, als alle andern von mir ausgezählten zusammengenommen : seine blutbildende Kraft. Ich ahnte damals noch nicht, daß das Eisen ein unentbehrlicher Bestandtheil des Blutes sei, daß der Mensch, um gesund zu sein, täglich circa V»» Gramm dieses Metalls verzehren müsse, und daß der Mangel einer an und für sich verschwindend kleineren Portion eine Störung im Blut- und Ncrvenleben verursachen könne, ja daß ein paar Gran Eisen mehr oder weniger in den Adern die Ursache sein können, warum der Eine hypersentimental, der Andere das Gegentheil ist! — Von jeher war ich eine etwas exzentrisch angelegte Natur und ließ meiner Phantasie stets freien Spielraum; es ist deshalb nicht zum wundern, wenn meine spätere Erkenntniß von der Nützlichkeit des Eisens für den menschlichen Körper in meinem Geiste mitunter wunderliche und exzentrische Blüthen trieb. So bildete ich mir z. B. ein, es wachse mir nur deshalb so lang kein anständiger Bart, weil ich innerlich zu wenig Eisen habe, wenn ich auch von außen mein Kinn fleißig mit den: Rasirmesser bearbeitete 414 und eines Tages träumte ich mich, obwohl sonst ei» ganz friedliebender Mensch, in die Zeiten eine-, Nero und Caligula zurück und rechnete aus, wie viel Christen umgebracht werden müßten, um aus dem Eisengehalt ihres Blutes eiu ordentliches Schwert zu machen I Gut, daß Nero und Caligula noch keine Idee von diesen Dingen hatten, sie würden sonst eine ganze Arme« mit Schwertern aus Christen- blutcisen bewaffnet haben. Die Jahre schwanden; ich wurde größer und vernünftiger, wurde Gatte und Vater und hatte keine so mörderischen Ideen mehr; meine Phantasie lenkte in andere Bahnen ein. Mit den zunehmenden Jahren und dem zunehmende» Embonpoint aber verschwand die Sorglosigkeit der Jugend, allerlei Gebrechen, theils wahre theils eingebildete, stellten sich ein und als ich eines Tages meinen Hausarzt consultirte, sagte er ganz ernsthast: „Sie sind blutarm und nervenschwach, mein Lieber, und müssen in ein Stahlbad; am besten wird sllr Sie Brückcnau sein!" Ich machte ein bedenkliches Gesicht, denn bisher mußte ich noch nie in ein Bad, und aus der Ordinirung einer Badekur folgerte ich eine ganze Reihe bekannter und unbekannter Leiden. Ich war nur über das Eine froh, daß er mich nicht nach Neichenhall oder Merau schickte, denn in diesem Fall Hütte ich sicher zuerst mein Testament gemacht, wenn ich auch nicht viel zu tcstirc» habe! Es galt nunmehr bloß einzupacken und abzureisen. Ich hatte mich zwar anfänglich leicht in den Gedanken hineingelebt, einmal eine dreiwöchentliche Badekur durchzumachen, je näher aber der Tag der Abreise daherkam, um so schwerer wurde es mir um's Herz. Bisher hatte ich mein liebes Weib noch nie allein zurückgelassen, — diesmal mußte es aus verschiedenen Gründen sein, und wenn ich an den Abschied dachte, mußte ich alle meine Kraft zusammennehmen, um nicht zu weine»! Das kommt nur davon her, weil ich ein paar Gran Eisen zu wenig in meinem Blute habe! — Verwünschtes Eisen! — Als es an's Abschiednehmeu ging, wollte die Rührung kein Ende nehme»; es war nicht, als ob ich blos nach Brückenau, sondern als ob ich direct in's Jenseits abfahren wollte. Alle meine Bekannten und Verwandten, — lauter, wie es scheint, hypcrscntimentale Naturen, — drückten mir zitternd die Hand und weinten helle Thränen. „Nimm Dich ja recht in Acht, Felix, schone Deine Gesundheit, damit Dir Nichts passirt und Du glücklich wieder heimkommst", hieß es im Chorus. Mein liebes Weib war sehr gefaßt, aber ich merkte wohl, daß es nur mit Mühe eine äußere Ruhe zur Schau trug und dies that mir weher, als wenn es gleich den Andern sentimental gestimmt gewesen wäre. Am standhaftesten war jedenfalls meine Schwiegermutter, aber die ist eben eine durch und durch gesunde Frau und bat mindestens ein Pfund Eisen m ihrem Blute! 2. Bries. Am Morgen des 8. Juni fuhr ich ab. Lebewohl, geliebte Vaterstadt, — lebt ivohl, ihr Theure» Alle, die ich in derselben zurücklassen muß! Aus ein glückliches Wiedersehen!- Noch ein Schwenken des Hutes, — noch ein Blick auf die Thürme der Stadt, — dann hinaus, hinaus in die eben erwachende Morgenlandschast! — Meine Reise ging über Ansbach, Würzbura, Gemüiiden nach Jossa, wo die ersten einschmeichelnden „Na nu", meine Ohren ergötzten. — In Jossa erwartete mich ein feiner Landauer der Herren Zier und Wähler vom Bad Brückenau. Es war ein wundervoller Tag und die Fahrt in einer offenen Equipage durch die schöne Gegend bot eine reizende Abwechslung nach der langen Eisenbahnfahrt. Behaglich lehnte ich mich wie ein Lord in die Ecke des Wagens. Bei einer Biegung des Weges stand ein armer, zerlumpter Mann- Er grüßte mich so ehrerbietig, als ob ich der König von Bayern wäre. Obgleich er mich nicht anbettelte, merkte ich doch, daß dem guten Manne eine Gabe recht willkommen sei und ließ den Kutscher halten. „Wie geht's Euch, lieber Mann?" redete ich ihn mit dem sreundlichsten Ton, dessen meine Stimme fähig ist, an. „O, Herr, wie wird's einem alten, gebrechlichen Mann gehen? Immer noch ein bische» zu gut zum Sterben, aber viel zu schlecht zum Leben! Sie glauben wohl, Herr, ich sei schon recht, recht alt, weil ich so gebrechlich ausschaue, aber nur das Unglück hat mich so heruntergebracht." „Was ist Euch denn passirt, guter Man»? Erzählt mir kurz Eure Geschichte, — ich intcresfire mich dafür." „O Herr, was soll ich Ihnen erzählen, — ich kann nicht so mit der Sprache umgehen, ich versteht nicht, mit vornehmen Leuten zu reden. Und die vornehmen Leute wollen ja doch Nichts von Unsereins wissen, — die denken an andere Dinge." „Nicht Alle, mein Lieber, es gibt schon noch Einige, die ein Herz haben für ihre Nebenmenschen. Sagt mir also, was Eiich passirt ist." „Sie sind ein freundlicher Herr. Es sind aber nicht alle Fremden, die hierher kommen, so. Ich bettle ja Keine» an, weil ich gar nicht betteln kann und so lang es geht mir mit meiner Hände Arbeit mein Brod verdienen will. Ich bin nur srenndlich gegen Jedermann, weil man mich das von Jugend aus gelehrt hat und grüße Jeden, der mir begegnet. Da meinen denn Viele, ich wolle sie anbetteln, wenn ich den Hut herunterthue und schauen mich stolz an; das thut mir weh, wenn ich auch nur ein' armer Mann bin^ denn ich meine, einen, artigen. Gruß könnte Jeder erwidern, wenn er auch noch io vornehm ist. Der alte König Ludwig, — Gott hab' ihn selig! — war gewiß ein vornehmer Herr, aber der war leutselig, der hat mir, wenn er hieher. gekommen ist, und er war ost und gern hier in der Gegend, jedesmal auf die Schulter geklopft, und gesagt: «Nun, wie geht's Euch denn, Aller?" obgleich ich damals noch nicht alt war, und hat mir dabei ein Geldstück in die Hand gedrückt. Gott hab' ihn selig! — Später ging's mir schlecht. Es fiel mir das Heiraten ein. Ich lebte zwar recht glücklich und zufrieden init meiner Frau, aber nach dem dritten Kind wurde sie elend und krank und siechte dahin. Der Doktor meinte, eine Luftveränderung würde ihr gut thun, sie solle einige Zeit in ein wärmeres Klima, aber, Du mein Gott, wie hätten wir das thun können! Ein solches Opfer konnten wir nicht bringen, ein armer Holzfäller kaun seine Frau nicht anderswohin schicken! Ja, wenn der gute König Ludwig noch gelebt hätte, dann wäre Alles anders gekommen! Ich war bisher trotz meiner bescheidenen Verhältnisse glücklich und zufrieden, — jetzt trat bei mir ein Gefühl der Bitterkeit und Unzufriedenheit ein, ich beneidete diejenigen, die es vermochten, hieher zu reifen und sich, wenn auch für theures Geld, ihre Gesundheit zu erkaufen. Man sagt wohl immer, die Gesundheit sei mehr werth als der Reichthum, vielleicht ist'S auch wahr. Was thut denn aber der arme Tcufel, wenn er krank ist? Der Reiche kaun sein Leben manchmal noch fristen, wenn er in ein Bad oder sonstwohin reist, — der arme Teufel muß aber, so lauge er nur ein Glied rühren kann, Tag für Tag der Arbeit nachgehen, um fei» Brod zu verdienen, — der darf auf seine Gesundheit nicht acht geben, und gerade ihm ist sie am unentbehrlichsten! — Ich will Sie nicht zu lang aushalten, lieber Herr, ich habe auch nimmer viel zu sagen. Mein gutes Weib starb und kurze Zeit darauf traf mich ein Unglück, das mich unfähig machte, meine gewohnte Arbeit weiter zu verrichten. Ich konnte nur mehr einen Steinklopfer machen und hatte zu Hause drei kleine Kinder zu ernähren. Nun, meine Kinder sind jetzt so groß geworden, daß sie sich was Ordentliches verdienen könnten, wenn ich sie etwas Tüchtiges Hütte lernen lassen können, aber so geht's halt schwer! Ich will ihnen nicht auch noch zur Last fallen und da muß ich halt sortarbeiten, wenn's mir auch manchmal recht sauer wird. Nun, lang wird's nimmer dauern und wenn ich gestorben bin, dann wird sich der liebe Herrgott meiner schon erbarmen; ich glaube nicht, daß es im Himmel einen Unterschied zwischen reichen Leuten und armen Steinklopfern gibt!" „Gewiß nicht, guter Alter", erwiderte ich, „wer seine Schuldigkeit hier gethan hat, wird die Krone des Sieges empfangen und der arme, brave Taglöhnex, der immer rechtschaffen und thätig gelebt hat, kann, wenn er einmal aus's Sterbebett kommt, mit viel mehr Beruhigung und Freude aus sein kümmerliches Leben zurückblicken, als der vornehme Tagedieb, der nicht weiß, wie er die Stunden todtschlagen soll!" Es überkam mich eine ganz unendliche weiche Stimmung, — ich schämte mich fast, in einer noblen Equipage zu sitzen und drei Wochen lang auch so ein Tagedieb zu sein, während hundert und tausend Andere in Noth und Elend schmachteten. Ich reichte dem guten Alten ein Geldstück, ohne lange zu schauen, was es war, und fuhr weiter. „Gott segne Sie, lieber Herr", rief er mir nach, „Gott segne Sie tausendfach, und lasse Ihnen, wenn Sie krank sind, das Bad Brücken»» gut anschlagen!" „Danke, danke", rief ich zurück und winkle dem Kutscher schneller zu fahren, denn es hatten sich während der letzten Worte mehrere Leute nur uns versammelt und horchten neugierig zu. Wären mir heute viel solche arme Leute begegnet, dann hätte ich meinen ganzen Geldbeutel geleert, eh' ich Brückenau erreichte, so weich war ich gestimmt! — O meine Nerven, mein eifenarmes Blut! — — 3. Brief. Jetzt bin ich da! Ich athme die würzige Luft dieser himmlischen Wälder, in denen so viele traute Plätzchen unter riesigen Buchen und tausendjährigen Eichen sind, trinke auch fleißig das Stahl- wasser, welches nicht wie andere Eiscnmassen nach Tinte schmeckt, sondern feines großen Kohlensäure- gehaltes wegen, recht angenehm und erfrischend ist und begreife, warum für Viele Brückenau so große Anziehungskrast besitzt, daß sie es immer und immer wieder besuchen. Hier wirkt die Natur in ihrer vollen Reinheit und Frische belebend und kräftigend und versöhnend auf Geist und Gemüth. In diesen prächtigen Wäldern kann man stundenlang sitzen und träumen, ein Hauch des Friedens weht durch dieselben, der dem kranken Gemüth Balsam, dem verwundeten Herzen Trost verleiht. Ferne sind die künstlichen Reizmittel, welche in Lnxusbädcrn angewendet werden, um den kranken Körper und die kranke Seele über die Leiden der Gegenwart auf Augenblicke zu täuschen und die doch nur einen physischen oder moralischen Katzenjammer hinterlassen; hier ist es die Natur in ihrer Jungfräulichkeit, die iedem empfänglichen Gemüthe den Weihekuß gibt. O du herrliche, himmlische, einzige Natur! In deine» Armen wird der Mensch zum Menschen, — so lange er dich mit Liebe umfaßt, schweigen die dunkeln Leidenschaften, die der Pesthauch moderner Cultur und modernen Luxuslebens sind. Weg von jenen Plätzen, wo berauschender Sinnentaumel die Loosung des Tages ist, wo Intriguen und Falschheit herrschen,-hinein in den schönen Wald, wo Ruhe und Friede ist. — Die Kronen hundertjähriger Buchen und tausendjähriger Eichen wölben sich über Dir, ihre Blätter flüstern sich leise Liebesworte zu, die Vogel singe» jubelnd in den Zweige», die Eichhörnchen springen lustig von Ast zu Ast, — von ferne rauscht die Sinn und ihre Wellen erzählen sich plätschernd von lachenden Usern und blauen Vergißmeinnicht, — über das Kornfeld am 416 jenseitigen User weht ein leises Lüftchen und spielt kosend mit den jungen Aehren, es sieht aus, als ob Silverwökchen darüber fliegen würden, — ein würziger balsamischer Duft umfächelt Dich:- — hier kann das Herz mit sich selbst reden, und wie gut ist es, wenn man manchmal in sein eigenes Innere schaut! Im geräuschvollen Alltagsleben kommt man so selten dazu! O wer es versteht, mit seinem eigenen Herzen sich zu unterhalten, der wird gar oft und gern solch einsame Plätzchen aus» suchen, wo er ungestört ist, und dem schalen Geschwätze entfliehen, das in den Cirkel» der gebildeten oder gebildet sein wollenden Welt geführt wird. Doktor Wehner hätte für seine Badeschrist kein passenderes Motto finden können als das von ihm gewählte: ' „Stets ja gibt die stille, sanfte . Freundin, die Natur, den Frieden Uns zurück, wenn in des Lebens Stürmen sich der Geist verlor." Auch mir gibt die Natur diesen Frieden.-Weg mit Bleistift nnd Papier — — laßt mich träumen in diesen schönen Wäldern!- Mis-elleir. (Eine hübsche Anekdote) über einen Borgang, der sich vor einige» Tagen bei dem auch in Deutschland vielgenannten Maler Detaille zugetragen hat, zirkulirt zu Paris in den Künstlerateliers. Ein Kollege wollte dem erwähnten Maler in seiner Wohnung der Avenue de Villiers einen Besuch abstatten und vertrieb sich, da er jenen nicht anwesend fand, die Zeit mit Billardspielen. Da ihm die schwierigsten „Coups" gelangen, bedauerte er, seinen Freund Detaille nicht als Gegner oder doch wenigstens als Zeugen anwesend zu sehen, bis ein böser Zufall es fügte, daß der einsame Spieler ein mächtiges Loch in das Tuch des Billards stieß. Guter Rath war theuer, zumal Detaille's Ankunft sich immer mehr verzögerte, so daß die Entschuldigung wegen der Sachbeschädigung nicht ' mündlich vorgetragen werden konnte. Ein Mann von Geist, wußte sich der Besucher aber zu helfen, indem er rasch ein Blatt Papier nahm, eine Zeichnung darauf entwarf und diese als „Pflaster" für das Billard benutzte. Als Detaille nach Hause kam, war er auf's Freudigste überrascht; repräsentirte doch die Zeichnung, abgesehen von dem xretivm alkLotioms, den Werth vieler neuer Billardüberzüge. Der Besucher war kein Geringerer als Meissonier, dessen Gemälde und Skizzen mit Gold ausgewogen werden. * (Studentensprache.) Bekanntlich haben die Herrrn Studenten zuweilen ihre eigene Sprüche für sich, deren Bezeichnungen meist mehr drastisch als höflich zu sein pflegen. — So bedienen sie sich in dieser Sprache für: „Mädchen" galanterweise des Ausdruckes: „Besen", und zwar ist die Herkunft dieses Ausdruckes von einem alten Studentenstreiche abzuleiten» — Als einstmals — es ist schon lange her — die Studenten der Stadt Würzburg eine pompöse Schlittenfahrt veranstalteten, ließen sie dazu Einladungen an alle junge Damen von Würzburg ergehen, wurden jedoch abschlägig be» schieden. Darüber ergrimmt, nahm jeder Student einen Kehrbesen, bekleidete ihn mit Hut und Schleier, setzte ihn in den Schlitten, den er leitete, hinein, und so fuhr der ganze Zug durch alle Straßen der Stadt. Seit jener Revanche aber heißen alle Mädchen in der Studentensprache: „Besen!" (Gegenseitige Controlle.) Schreiber (zum Fenster hinausschauend): „Jetzt seh' ich dem Maurer da drüben schon drei Stunden zu, aber auch keinen Streich hat der Kerl seither geschasst. Jetzt möcht' ich nur auch wissen, für was solche Leute alle Samstag ihr Geld einstreichen. Maurer: jetzt guckt der Schreibersknecht scho drei g'schlagene Stund zu mir rüber und Hot in dera ganze Zeit noch koi Feder ang'regt. Jetzt möcht' i no au wissa, für was so Tagdieb ihr V'soldung ei'nemmet. (Im Diensteifer.) Gast ^zu dem dienstfertig, aber hinkend herbeikommenden Kellner, theilnehmend): Haben Sie Hühneraugen? — Kellner (zur Küche eilend): Werde sogleich nachsehen. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. der Seinestadt eine gewaltige Veränderung vorgegangen. Der Eroberer, gegen den ihr Revanche predigt und Patrioten-Vereine gründet und jeden Augenblick mit blind geladenen Pathos zu Felde zieht, der deutsche Eroberer ist wieder hier eingedrungen und hat viel weiter um sich gegriffen, als Anno 1871. Damals durste er kaum über die Vorstadt hinaus, nur bis zu den Tuilerien; heute hat er ganz Paris. . » Und das Schlimmste ist, diesmal spürt ihr den Feind nicht. Trefft ihr mit ihm zusammen, so haltet ihr ihn für euren besten Freund, küßt ihn ab, schmatzt und schnalzt mit der Zunge und preist seine Güte mit glänzenden Augen. Höchst bedenklich, lieber Freund!" Und da mich der Erschrockene aufforderte, womöglich ohne Bild zu sprechen, fuhr ich fort: „Der Feind ist das Münchener Vier ... das Vier überhaupt. . . Ihr Franzosen scheint mir in der That auf dem Wegs zu sein, ein biertrinkendes Volk zu werden und den Spruch Goethe's umzudrehen: Ein echter fränk'scher Mann mag keinen Deutschen leiden, doch ihre Biere trinkt er gern. . « Da hilft kein Leugnen, die Thatsache springt in die Augen. Vor dem Kriege versteckten sich die deutschen Vierschünken bescheiden in Seitengassen und Nebenstraßen, und wenn sie sich auf's Boulevard herauswagten, so geschah es ohne Aufsehen. Erinnerst du dich des kleinen Locales in der Ruhe d'Haute« ville, wo wir vor so und so viel Jahren — wir wollen sie lieber nicht zählen — hin und wieder unsern Durst löschten? Zwei Kämmerchen zu ebener Erde, in jedem etliche Tische aus Tannenholz, ein paar Stühle, ein lederner Divan, mehr brauchten wir nicht, um München nach Paris zu zaubern. Jetzt, wo euch alles Deutsche so verhaßt sein soll, prangen die deutschen Bierhallen mit ihren bunten Schaufenstern an allen Enden und Ecken der Weltstadt. Schlendert man an einem warmen Nachmittag die Boulevards entlang, so sieht man vor den zahllosen Kaffeehäusern und Brasserien eine beinahe ununterbrochene Doppelreihe von Tischen, hinter welchen Bier getrunken wird, fast nichts als Vier, deutsches Bier. Sollte da nicht Bismarck dahinter stecken? Bedenke, was er über die biertrinkenden Völker gesagt hat. An diesen sei Hopfen und Malz verloren. Das Bier verfettet den Körper, verschlemmt den Geist, es raubt den Gliedern und den Gedanke» die Spannkraft, die Beweglichkeit. Mich wundert, daß noch kein Franzose darauf gekommen: euer Durst ist zum Verräther an euch geworden, Bismarck hat sich mit ihm verbündet, um Paris zu verdeutschen, Frankreich auf immerdar zu lahmen. Dazu bedarf er keines Millionenheeres mehr, ein paar Dutzend Münchener Brauknechte genügen. — Doch, was meinst du? Der Nachmittag ist warm, sehr warm, wie wär's, wenn wir ein Glas Bier trinken gingen?" Ich entsinne mich nicht, daß mein Freund eine derartige Frage jemals verneint Hütte. Meinen Bemerkungen hatte er seine Zustimmung nicht ganz versagen können; er gab zu, daß das verhängnißvolle „diere äs ^Vlunioli" an immer mehr Orten zu lesen sei und auf seine Landsleute immer verführerischer wirke. Paris, klagte er, sei, wenn nicht verdeutscht, doch schon ein bischen verbayert, und in diesem Bayrisch Paris schien er Weg und Steg trefflich zu kenne», denn in halb scherzhaftem Tone erbot er sich als Führer zu einem Ausflug dahin. Es kam mir ganz wunderlich vor, daß ein Franzose den Deutschen durch das neue Bierland an der Seine geleiten sollte. 4 - Wo er mich zunächst hinbrachte, floß Spatenbräu. Man kann sich kein prunkhafter ausgestattetes Wirthshaus denken, nirgends wohnt König Gambrinus so vornehm, wie an diesem Orte. Braunes Deckgetäfel, die Wände ringsum mit Gobelin's verhüllt, geschnitzte Eichentische, Bauernstühle von gepreßtem Leder, die Fenster lauter Glasmalereien, Nürnberger Scenen, Landsknechte und Nittersleute darstellend: mit dem bayrischen Bier ist die morderne Münchener Decorationskunst, welche die Rathskeller und Trinkhallen mit mittelalterlichen Schildereien und biederen deutschen Reimlein schmückt, hier eingezogen. Deutsche Worte an die Wand zu malen, hatte man nicht gewagt, aber die französischen waren in deutschen Buchstaben hingepinselt, und das Biöre de Munich und Taverne 413 deutlich erkannt» mir schon ein so wohlthuender, vertrauter gewesen, wenn sie meine Enkelin, das Kind meines Sohnes Ludwig wäre?" Einmal diesen Gedanken gefaßt, verfolgte er ihn weiter, und das Haupt gegen die Lehne des Krankenstuhles stützend, fuhr er in seinem Selbstgespräch fort: „Dem Alter nach kann sie es sein, der Gestalt nach auch, sie hatt eine stattliche Größe, die auch den Frauen unseres Hauses eigen gewesen l — und ihr Gesicht? — Das muß ich ohne die Brille sehen — ob ich sie zu mir bitten lasse, und sie zugleich frage — aber was?" unterbrach sich der Schloßherr. „Nach ihren: Namen? — Sie heißt Anna Herfeld! — Doch könnte ich sie nach dem Namen ihres Großvaters fragen, und würde dann bald meiner Sache gewiß sein! Wenn sie aber keine Ahnung von dem hat, was hier vor langen Jahren vorgegangen, ihr Großvater ihr alles verschwiegen, mit guter Absicht verschwiegen, darf ich da seinem Willen entgegen treten, ich, der ihn, damals das Kind überlassen, es nicht einmal gesehen habe?" Nochmals sann der Landkammerrath nach, sann lange nach, und kam endlich zu dem Entschluß, an Anna Herfeld noch keinerlei Frage zu richten, sich aber zu überzeugen, ob ihre Gesichtszüge die der von Bodenwald seien. Im Begriff seinem Diener zu klingeln, um sich in das Schlafzimmer geleiten zu lassen, hielt er jedoch inne und sagte: „Wenn — wenn diese Anna Herfeld doch meine Enkelin wäre? — Wenn sie Alles wüßte, von ihrein Großvater in unsere Familiengeschichte eingeweiht, und dessen ungeachtet hier unbefangen und mit freier Stirne auftritt, voll Sorge und Aufmerksamkeit gegen mich, als habe sie von mir nur Liebe und Güte erfahren, während ich doch —" er stockte und fügte erst nach einer Weile bewegt hinzu: „Wenn Anna Herfeld» Anna Thusnelda von Bodenwald ist, so ist sie nicht mit gehässigen Gefühlen gegen mich erzogen, und hat 'vielleicht gar erst kürzlich die Geschichte ihrer Geburt erfahren. — Kohring hatte Bergmann beim Abschied gesagt, dem Kinde erst, wenn erforderlich, in späteren Jahren seinen Namen mittheilen zu wollen, wer weiß, was auch in der Familie geschehen ist, was Förster Kohring erlebt haben mag, ich will daher dem Verlauf der Dinge in Ruhe entgegensehen! — Sollten aber Bergmann's, die sie diesen Morgen gesehen, nicht vielleicht eine Familienähnlichkeit entdeckt haben? — Ich könnte sie fragen — doch nein, nein, das darf nicht geschehen! — Ich selbst muß die Entdeckung machen, und will sie baldigst machen, brauche ich mich doch meiner Enkelin, wenn sie es sein sollte, nicht zu schämen, denn Kohring hat sie in jeder Beziehung standesgemäß erzogen!" Während dieses Selbstgespräches des Landkammerrath's saß Anna in dem alter« thümlichen Sopha ihres Zimmers, das schöne Haupt ebenfalls gestützt, und sann gleich ihrem Großvater nach. Sie hatte den zweiten Abend mit ihm verlebt, und vergegenwärtigte sich ihre Unterhaltung, zu Anfang derselben seine Fragen nach ihrer Heimath und ihrer Familie. „Zunächst wird er sich nach dem Namen meines Großvaters erkundigen", sagte sie halblaut, „und was — was soll ich ihm dann antworten? — Die Wahrheit? Er wird erschrecken, und ich möchte ihm diese Aufregung ersparen, aber wie? — Wie soll ich mich ihm zu erkennen geben? — Ich glaube nicht, daß er mir zürnen wird, ohne sein Borwissen hierher gekommen zu sein, es scheint sich in seinem Herzen, ihm vielleicht noch unerklärlich» «in warmes Gefühl für mich zu regen, und gewiß bereut er längst seine Härte gegen meinen verstorbenen Vater, und nimmt sein einziges Kind mit Liebe auf, sind ihm doch für seine letzten Lebenstage nur wenig Freuden geblieben! — Meinen Gefühlen nach ist es am richtigsten, ihm meinen wahren Namen zu nennen, seinen Zorn über mich ergehen zu lassen, selbst auf die Gefahr hin, daß er mich von sich weisen sollte. Da» aber wird er nimmer thun", setzte sie zuversichtlich hinzu, „mein Herz sagt mir vielmehr, daß er mich willkommen heißen, und als seine Enkelin aufnehmen wird, es ist ja als ob ich von Gott hierhergeführt sei, um meine beiden Großväter zu versöhnen, und mir den Platz zu sichern, der mir gebührt!" — 419 — „Aber »nein Großvater Kohririg?" unterbrach sie sich, und antwortete nach einigen Sekunden: „Er denkt und glaubt, daß es so kommen rvird, obgleich er mir keinerlei Andeutung gemacht, wie ich handeln soll, er hat mir nur seinen Segen zu meinem Einzug in Schloß Bodenwald geschickt, doch hat er hinzugefügt, daß er sich der Fügung des Allweisen nicht widersetzt hab», sondern mich zu meinein Großvater ziehen lasse! — In stiller Uebereinstimmung mit ihm will ich sobald ich kann mit meinem hiesigen Großvater reden und mich ihm zu erkennen geben, vielleicht koinmt mir dabei der Zufall, vielleicht auch er selbst entgegen!* Ein leises Klopfen störte ihr Selbstgespräch. Aufspringend öffnete sie die Thür, und ließ Sophie eintreten, welche mit einem forschenden Blick und leisem Vorwurf sagte: „Noch auf, Anna, eS ist schon spät?* — Ich sah das Licht durch das Schlüsselloch schimmern, und konnte es nicht unterlassen, »»ich nach Dir umzusehen!* „Ich habe nachgedacht, Sophie*, den Arm um ihre ältere Freundin legend, welche sie zugleich in's Sopha niederzog. „Du hattest inir doch versprochen, Anna — — * „Sei ruhig, Sophie*, antwortete Anna, „die Gedanken, welche mich beschäftigte», waren keineswegs trauriger Art.* „Ueberlaß sie dennoch Deinem Großvater und Deiner Tante*, erwiderte Sophie voll Theilnahme in das Antlitz ihrer jüngeren Freundin blickend. Ein schneller Gedanke durchzuckte Anna; sollte sie sich Sophie anvertrauen, ihr Alles entdecken und mit ihr in der Sille berathen? — Sie verwarf ihn aber so schnell, denn sie mußte und wollte unabhängig handeln, und antwortete: „Du meinst, weil ich jung und unerfahren bin? — Ach, Sophie! Das Leben im Walde hat mich früh gereift, und frühzeitig habe ich im Hause meines Großvater« nachdenken gelernt! — Aber Du» weshalb bist Du noch nicht zur Ruhe?* „Dorothea hatte mich gerufen. — —* „Thusnelda ist doch nicht krank?* „Nein, sie ist nach der Anstrengung der Reise, und durch die Aufregung, in der sie hier fortwährend gelebt, nervös angegriffen, und kann nicht schlafen. Ich bin bis jetzt bei ihr gewesen, und habe ihr dir für solche Fälle bestimmte Medizin gereicht. Morgen, wenn sie ausgeschlafen, wird sie hergestellt sein, doch will ich diese Nacht in ihrem Zimmer bleiben!* „Laß mich das thun, Sophie — * „Nein, Anna, Du bist unstreitig der Ruhe ebenso sehr bedürftig wie Thusnelda, denn Deine Augen leuchten und Deine Wangen glühen. Befolge daher meinen Rath» und suche sie so schnell wie möglich-* „Das will ich auch, Sophie, sogleich — * Sich in herzlicher Weise eine gute Nacht wünschend trennten sich die Freundinnen, und während die ältere sich in das Zimmer des schwachsinnigen Zöglings zurückbegab, ging Anna in ihr Schlafzimmer, wo nach allen Aufregungen des Tages, sie bald in tiefem, sanstein Schlummer lag. — (Forts, folgt.) Bayrisch Paris. (Aus der N. Fr. Pr.) Für einen Pariser, der Vaterland und Vaterstadt liebte, war es zwar schmerzlich, wäv ich da sagte, allein die Bemerkung lag mir schon seit einigen Tagen auf der Zunge, und endlich muße sie über die Lippen. „Ja, lieber Freund*, wiederholte ich, „Paris ist jüngst von den Deutschen zum zweiten Male erobert worden.* „Und wann das, wenn man fragen darf?" „Das kann ich dir nicht genau bestimmen, eS muß aber in den letzten zwei Jahren geschehen sein; denn vor zwei Jahren war ich zum letzten Male hier, und seither ist in Nr. 53. 1883. zur „Äugsliarger Pofheitnug." Mittwoch, 4. Juli Des Jörsters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Anna hatte voll tiefem Mitgefühl auf ihren Großvater geblickt, der bei seinem Reichthum die Leiden und Entbehrungen des Alters so schwer empfinden mußte. Ihr kam ein plötzlicher Gedanke, der eben so schnell zum Entschluß, und sich ihm zuwendend, sagte sie in herzlicher Weise: „Wenn Sie mir gestatten wollen, Herr Landkammerrath» Ihnen eins dieser Blätter vorzulesen, so würde ich dies mit Vergnügen thun!" Er sah sie einige Augenblicke freundlich an, und erwiderte dann in herzlichem Ton: „Sie sind sehr gütig, liebes Fräulein, und ich würde Ihr Anerbieten mit Dank annehmen, wenn dies zugleich eine Unterhaltung für Sie und Fräulein Dörner wäret" „Das Lesen der Zeitungen ist mir seit Jahren eine gewohnte Unterhaltung, die mir zusagt!" sagte Anna und Sophie Dörner setzte hinzu: „Nehmen Sie auf mich keinerlei Rücksicht, Herr Landkammerrath, ich werde mich schon mit Thusnelda unterhalten." „Ich sehe, daß ich mich Ihnen fügen muß", erwiderte mit gewandter Höflichkeit der Schloßherr. „In dem nächsten Zimmer werden Sie Ansichten und Albums finden, die Sie vielleicht noch nicht kennen, und Ihnen daher Vergnügen gewähren werden« Befehlen Sie nur die Lampe anzuzünden!" Der Abend war in der kleinen Gesellschaft schnell und in befriedigender Weise ver- gangen, denn während nach dem Essen Sophie Dörner und der Landkammerrath sich im Schachspiel versuchten, hatte Anna sich ihrer Cousine gewidmet, und sie für die Zeit entschädigt, die sie ihres Großvaters wegen hatte entbehren müssen. Dieser, als seine Gäste und Enkelin ihn verlassen, blieb noch allein in dem Wohngemach zurück, und wer ihn in seinem Sessel ruhend gesehen, hätte ihn unfehlbar für einen ruhig Schlummernden gehalten. Dennoch schlief er nicht, sondern blickte durch die blaue Brille hindurch auf die weiche Sammetdecke, die seine Gestalt umhüllte und sann nach. Die zufälligen Worte seiner Enkelin: „Ich bin Großmama's einzige Erbin!" waren ihm während des ganzen Abend gegenwärtig gewesen, denn die schwachsinnige Thusnelda war nicht die einzige Erbin seiner verstorbenen Gattin, es gab noch eine andere, die Tochter seines jüngsten Sohnes, welche dieselben Rechte beanspruchen konnte, und deren Großvater und Vormünder diese Rechte gewiß über kurz oder lang beanspruchen werden. „Wo mögen sie sein?" fragte er sich nach einer Weile. „Wo leben und wohnen sie, nachdem Förster Kohring aus dieser Gegend verschwunden ist, denn auch Bergmann weiß nichts von seinem und des Kindes Aufenthalt? — Aber — aber, großer Himmel!" und hier richtete sich der Gutsherr hastig in seinem,Sessel auf, „stimmen nicht genau die Familienverhältnisse dieser Anna Herfrld, die ich auf Thusnelda's Wunsch eingeladen, Mit Kohring's überein? — Ist nicht auch ihr Großvater Förster? Allmächtige Vorsehung! wenn — wenn das junge Mädchen, dessen erster Anblick, ohne daß ich bis jetzt ihr Gesicht 421 Monmartre bildete, in kunstvoll verschnörkelter Fractur ausgeführt, einen leidlich reinen Accord mit den deutschen Eichentischen und Bausrnstühlen. Nachahmung deutscher Formen und Sitten war hier Alles, was man sah; deutsch war der Stoff den man genoß, deutsch das Glas, der Humpen in stark verjüngtem Maßstabe, aus dem man trank, deutsch zumal der Farbendämmer, den dir gemalten Scheiben hervorbrachten. Wie sonderbar, in diesem germanischen Halbdunkel, diesen: künstlich präparirten deutschen Kneiplicht das Pariser Leben umtreiben zu sehen! Der Zeiger der deutschen Standuhr kroch zwischen vier und fünf. Das Wirthshaus war voller Franzosen, die sich an dem bayrischen Getränke gütlich thaten. Viele hielten den Figaro oder La France oder die Nopubligus Franyaise zwischen den Fingern, und während sie vielleicht eine landesübliche Verlästeruug Deutschlands lasen, schlürften sie behaglich den Feind hinunter und schmunzelten ob seiner Frische. Und da soll sich's Einer versagen, wiederum den Goethe zu citiren: Den Teufel spürt das Völkchen nie . . .! 2 * Nachdem wir den deutschen Miniatur-Humpen etliche Male geleert, gingen wir unseres Weges weiter. Auf der Straße vor der Taverne stand ein deutscher Bierkarren, wie man deren zwischen Schwechat und Wien dutzendweise, von schweren Pinzgauern gezogen, treffen kann, und auf dem mit Normannengäulen bespannten Karren lagen schwere Fässer, und auf den Deckeln dieser Fässer war hart über dem Spundloch das merkwürdige Wörtchen Spaten brau in's Holz gebrannt. Gegenüber der Taverne aber flatterten ein breiter Streifen weißer Leininand die Schauseite eines andern Wirthshauses entlang, und auf dem Streifen stand in großen schwarzen Lettern das nicht minder verwunderliche Wörtchen: Hackerbräu. „Wie wär's, wenn wir hinübergingen?" fragte mein Pariser. Ich hütete mich meinerseits, dir Frage zu verneinen, denn eine Lieb' ist die andere werth, und bald saßen wir drüben in einem kaum minder prachtvoll ausgestatteten Raume hinter einem Hümpchen, das keinen minder freundlichen Stoff enthielt. Hier wieder lauter Franzosen, von deutschen Formen umgeben, den deutschen Feind ahnungslos in die Kehle schüttend. Man fühlt sich beinahe versucht, den bereits ausgesprochenen Argwohn, ob da nicht Bismarck dahinterstecke, für etwas mehr als ein Paradoxon zu halten, und jedenfalls soll man an warmen Nachmittagen nicht allzulang bei Hackerbräu über derlei sinnen, sonst läuft man Gefahr, an helllichtem Tage Geisterspuk zu erleben: der feiste Gambrinus, der dort über dem -Schänkburschen thront, setzt, sich dann den Kopf des deutschen Reichskanzlers auf, alle Kellner nehmen die weltbbekannte BiSmarck-Maske vor, und ein mephistophelisches Lächeln blitzt um eines jeden Mund, so oft durstige Gäste den selbstmörderischen Ruf ertönen lassen: ^Oaryoii, un lroolcl" . . . Ach, es war mir fast zu viel Deutschthum in Bayrisch Paris, zu viel jener absichtlichen, aufdringlichen Manier, welche seit einiger Zeit die Münchener Ausstattungskunst beherrscht und mit der man jetzt sogar Bierlocale unsicher macht. Gobelins und Bier- seitel, stimmt das zusammen? Deutsche Renaissance und Sauerkraut, sind das verwandte Kategorien? Braucht man stylisirte Ledersessel, um Spatenbräu zu trinken, und feines Meisten« Porcellan, um Knackwürste und Salzbretzeln zu essen? Denn auch die germanische Knackwurst und jenes eigenthümliche süddeutsche Gebäck, genannt Laugenbretzel, sind jetzt in Paris heimisch geworden und liegen in allen Bierhäusern auf allen Tischen. Nein, das Bier ist ein Plebejer und will diesen Luxus nicht. Die nackten Trinkstübchen in der Ruhe d'Hauteville waren mir lieber. „Mir auch", sagte der Freund, allein dieser falsche Prunk ist jetzt in der Mode, man thut's nicht ohne Glasmalerei und geschnitztes Eichenholz. Die schlicht eingerichteten Schänken werden immer seltener. Doch gibt es noch welche . . . wie wär's, wenn wir eine aufsuchten?" „Nicht die in der Nur de Richelieu, die Stammmutter von Bayrisch Paris, die kenn' ich! Sie liegt übrigens vortrefflich, auf beinahe klassischem Boden, dem Moliöre- Brunnen gegenüber, in der Mitte zwischen der großen National-Bibliothek und dem Thüätre Franxais, den beiden Glanzstättrn der französischen Literatur. Hütet euren berühmten Esprit, ihr alten Gallier! Der Feind hat mitten in dessen Lieblingsbezirk eine Burg eingerichtet." „Leider mehrere Burgen. Komm', eine davon will ich dir zeigen." » » Sie lag Boulevard Bonne-Nouvelle und war mit ihren Tischen aus gelb gesprenkeltem Marmor, ihren rothbraunen Lederdivan's und Sesseln aus gebogenem Holz noch elegant genug. Wenigstens verschonte man uns diesmal mit gemalten Fenstern und germanischem Kneiplicht. Nach der Straße hin war der Raum ganz Fenster, und das Pariser Licht konnte in breiten Massen einströmen. Um hineinzukommen, mußte man durch einen dichten Haufen durstiger Menschen, hindurch, die theils aus Seiteln, theils aus Krügeln tranken, ganz wie in einem Wiener Biergarten. Ein altes Ehepaar, echte Pariser Bourgeoisie, saß hinter seinem -Tischchen, und jedes der Beiden hatte einen halben Liter Vier vor sich stehen, „nn mos", wie der Franzose sagt, der auch seine Bierwörter aus dem Deutschen holt. Vor zwanzig Jahren, vor zehn, vor fünf Jahren wäre dergleichen ein unerhörtes Schauspiel gewesen. Heiliger Gambrinus, womit soll das enden, wenn schon Monsieur und Madame Prud'homme den Feind in solchen Quantitäten genießen? Hinter den ergrauten Häuptern dieser Pariser Bürgersleute erglänzten auf den hohen Scheiben große goldene Buchstaben, einerseits: Oosvenbrau, andererseits: Lalvntor 6e Anniest. Weitere Inschriften luden zum Verspeisen von Ostseehäringen, norwegischen Anschovis und Braunschweiger Würsten ein. Ostouerouts xarnio konnte man zu jeder Stunde haben, wie eine besondere Tafel vermeldete. An der Wand hinter der Comptoir- dame hing das Conterfei einer unermeßlichen Brauerei mit einem Meer von Häusern, einem Wald rauchender Schlote. Oben lief ein zierlich auf Goldgrund gemalter Putten» fries unter der Decke hin: Amorinen und das Münchener Mandel in zahllosen Exemplaren hantirten da mit Allem, was zum Bierbrauen und Biertrinken gehört, hüpften, tanzten, ritten, kutschirten, spielten mit Schläuchen, Flaschen und Zuckerhüten, mit Pferden, Ochsen und Schweinen, bürsteten, pichten, schoben die Fässer, malzten und maischten, arbeiteten mit Darrhorde, Hopfcnseiher, Braupfanne und Kühlschiff, mit Bottich, Spunde und Zapfen, entrollten in lieblichem Durcheinander ein recht anschauliches Bild von dem geheimen Thun jener neuesten Großmacht, welche deutsches Bier genannt, nicht blos Paris und nicht blos Frankreich, sondern nachgerade ganz Europa erobert hat, die halbe Welt überströmt. Sie verhehlten nichts, die rosigen Kobolde. Sie zeigten das Wo und das Wie, sie ließen die Schmiede sehen und lehrten, wie der Feind dort seine Waffen bereitete. Sie trieben ihr Wesen im hellen Sonnenlichte, zwischen 5 und 6 Uhr Nachmittags, und wenn einst die Franzosen ganz in der Gewalt des Feindes sich befinden, werde» sie wenigstens nicht klagen können, daß er sie hinterrücks überfallen. Leider, meinte der Freund, komme das viele Bier nicht allein aus München, welches in neuester Zeit Wie» und Pilsen verdrängt habe; auch Dortmund, Ulm, Nürnberg tragen zur Ueberschwemmung bei, die elsässischen und einheimischen Biere gar nicht zu rechne»; es sei beispielsweise unglaublich, wie viel Wiener Bier in Sevres bei Paris gebraut werde, und die Statistik weise nach, daß gegenwärtig Frankreich fast ebensoviel Bier erzeuge und verzehre, als Österreich. Dazu komme diese entsetzliche Einfuhr. „Ja", rief ich, «ich ahne die Zeit, wo ihr alle deutsche Biere werdet über euch kommen lassen, auch die schlechtesten und verrufensten, neben dem Münchener Bock auch die Braunschweiger Mumme, die Osnabrücker Buße, den Erfurter Schlunz, den Breslauer Schöps, den Halberstädter Muff, den Wittenberger Kater, den Kottbusar Krabbel-an-die- Wand und den Kyritzer Mord-und-Todtschlag . . . Unglücklicherweise' versteht ihr sie nicht zu behandeln. Euer Bier wird immer durch den unvermeidlichen Druckapparat aus dem Keller heraufgexumpt, und so gut es schmeckt, so stolz es glänzt, auf dem weiten 41-3 l Wege, den es vom Zapfen zum Munde machen muß, verliert es denn doch etwas von seiner Würze." „Möglich, aber wir trink-rn es auch frisch vom Fasse weg." „Wo?" „Hart nebenan." V 4- * Offen gestanden, ich hätte nicht gedacht, daß Bayrisch Paris m zwei kurzen Jahren sich dergestalt vergrößern könnte. Da lag wirklich hart an dem Löwenbräue eine Filiale der Pschorr'schen Brauerei, in welcher der braune Trank aus dem Fasse gerabewegs inS GlaS lief. Man nennt das jetzt in Paris äs-xuslation au tonnvau. Auch hier hatten mir Mühe, unterzukommen. Lauter durstige Pariser, bis weit hinaus aufs Boulevard. Die jüngsten Kammerverhandlungen waren spurlos an diesen tapferen Kehlen vorübergegangen. Vergebens hatte» verdrießliche Abgeordnete vor dem übermäßigen Biergenusse gewarnt und ihren Landsleuten weißzumachen versucht, statt Gerste und Hopfen benutze man allerhand schädliche Surrogate, als da wären Kartoffelstärke, Melasse, Glycerin, Quassia, Tauscndguldenkraut, Bittsrklee, Belladonna, Ingwer, Tollkraut und Torf, von hundert anderen Giften zu schweigen. Doch der Pariser dachte mit dem Berliner: Bange machen gilt nicht! und ging zu Pschorr oder ließ sich den Löwenbräu reichen. Nun scheinen aber die Franzosen, und das ist besonders merkwürdig, mit dem deutschen Bier auch die deutsche Gründlichkeit einzusaugen. Ich für meine Person war von unserer Studienreise schon ziemlich müde geworden und hätte am liebsten aufgehört, mein Freund aber meinte, was man einmal begonnen, müsse man auch durchführen, und Einiges wolle er mir jedenfalls noch zeigen. Wir gingen das Boulevard Saint-Denis entlang, den volksthümlicheren Geschäftsviertsl zu. Ueberall Bier und Biertrinker. Gewiß, man sieht auch Turiner Wermuth in den Gläsern funkeln, und der traditionelle Absynth mit dem unheimlichen grünen Opalglanze findet noch Tausende von Liebhabern. Allein das Hauptgetränk bleibt das Bier. Von der Madeleine bis zur Vastille eine Stunde Wegs. leuchtet es allerorten in Seiteln und Kritzeln; die Pariser Boulevards, zwischen deren Häuserreihen schon so viel Macht und Pracht sich entfaltet hat, welche so viel Weltgeschichte vorüberfluthen sahen, sie sind heute wie eine Triumphstraße des germanischen Gerstenweines. Wir bogen rechts auf das Boulevard Sebastopol ein und standen bald wieder vor einer, nein, vor zwei hart aneinanderstoßenden Tavernen mit gemalten Fenstern, wovon die eine Hackerbräu, die andere Kulmbacher Bier auSschänkte. So tritt in dem modernen Paris immer ein Bräu dem andern in die Pfanne. Die Concurrenz scheint sehr heftig zu sein. München gegen Wien, Culmbach gegen München, Spatenbräu gegen Hackerbräu und Hackerbräu gegen Löwenbräu — ein förmlicher Visrkrieg wüthet durch die Gassen der Seinestadt, und nur im Kampfe gegen die Franzosen sind alle diese Gegner einig. Ich will nicht darauf schwören, aber mir schien's wirklich manchmal, als wäre der Franzosen Witz bereits etwas träger geworden, als wären in gewissen Dingen ihre Irrthümer und Vorurtheile dergestalt ineinander verfilzt, daß kein Mensch mehr den Wirrwarr schlichten kann. Himmelweit liegt jetzt die freche Preisfrage hinter uns: „bin nllo-nunä, pout-il avoir äs I'ssxrit?" 2 * * Trotz aller Zureden ließ ich mich nicht mehr bewegen, einzutreten und den Pariser Tag durch bunte Scherben zu betrachten. Ich hatte mich an dem Luxus satt getrunken, ich sehnte mich nach einer einfachen Kneipe. Ob wohl das elsässische Bierhaus am oberen Ende des Faubourg Saint-Denis, wo wir gleichfalls einst so manchen Abend bei einem leidlichen Trunke verplaudert, noch bestand? „Gewiß," versicherte der Freund, „und ganz unverändert," Wir besteigen einen Wagen, um rascher hinzukommen. Der Ort hatte in der That sein früheres Gesicht bewabrt. Es waren die alten einfachen Lederbänke und Marmor 424 — tische, die alten kahlen, schmucklosen Wände; der Boden war wie ehedem mit gelbem Sand bestreut, und in der Ecke dort, dein Tische gegenüber, wo sonst das Dioskurenpaar Erckmann-Chatrian saß, hockten noch immer einige spießbürgerliche Gestalten und tarockten mit unerschütterlicher Stammgastruhe, als spielten sie seit zwanzig Jahren an derselben Partie. Der Ort schien von der vorbcistürmenden Zeit übersehen worden zu sein, hier hatte sich wirklich gar nichts verändert. . . Doch! Dies und das ist anders geworden. Das Bierhaus, das früher schlechthin Uransoriö hieß, nennt sich jetzt In brassiero «1o I'Lspürimoo, und man trinkt dort Revanche, In bivro cis I'blspöi'nnos. Diese patriotische Flüssigkeit mundet nicht so gut als früher das harmlose Elsässer Bier. Das Bier zur guten Hoffnung ist sogar trotz der löblichen Tendenz herzlich schlecht, namentlich wenn man kurz zuvor Hackerbrüu gekostet hat. „Wie wär's...?" fragte mein Pariser, allein ich fiel ihm ins Wort und schloß ihm den Mund. Es war mir in der That unmöglich, die Reise fortzusetzen. Wir hatten zwar nicht die Hälfte, nicht den zehnten Theil dessen gesehen, was ein gründlicher Bierforscher in Bayrisch Paris sehen müßte, doch das Wenige genügte mir. Ich staunte nur über das fabelhaft entwickelte Fassungsvermögen des Freundes. Er hatte gewaltige Fortschritte gemacht und konnte als lebendiges Beispiel dessen gelten, was Münchener Bock vermag» wenn er in die recht Kehle kommt. Der Franzose blieb so nüchtern wie eine diplomatische Depesche, indeß die Phantasie des Deutschen bereits Sprünge zu machen anfing. Ein paar Glas mehr, und ich hätte gesehen, wie die rosigen Bierkobolde ihrem Friese ent- slaiterten, die schweren Fäßer Spatcnbräu bestiegen und in allerliebster wilder Jagd durch Paris ritten, befehligt von Bismarck-Gambrinus, gefolgt von den bösen Geistern Mumme, Bluff, Schöps, Schrunz, Buße, Kater. Zu solcher Tollheit kam es zum Glücke nicht. Allein heimkehrend dachte ich ernstlich darüber nach, ob nicht dieser gesteigerte Genuß deutschen Bieres, diese Infusion eines reizenden Feindes mit der Zeit den französischen Nationalgeist umgestalten, die französische Volksseele ganz und gar aus dem Gleichgewicht bringen könnte. Die Münchener Bierschänken sind in Paris stets überfüllt, die elsässische mit dem erbärmlichen Hosfnungsbier schien mir sehr leer zu sein. Der Pariser trinkt nicht gerne matte Hoffnung aus dem elsässischen Fasse, trinkt lieber frische Verzweiflung vom bayrischen Zapfen. Hier liegt die Gefahr, nicht in den 50,000 Deutschen, die nach den Klagen der Patrioten-Liga wieder in Paris, und den 400,000, die wieder in der Provinz leben sollen. Ich fürchte, ich fürchte, die Stadt verdeutscht sich immer mehr, und einst wird kommen der Tag, wo man die Seine für einen Nebenfluß der Jsar hält und das große Paris nur noch ein Klein-München ist. Himmelsschau in» Monat Juli. —). Merkur hat am 2. seinen größten westlichen Abstand von der Sonne und ist bei günstiger Witterung am Morgenhimmel zu finden. Venus bewegt sich von den Hyaden gegen die Zwillinge, erscheint 2 Stunden vor Sonnenaufgang in NO. und erreicht am 21. ihren höchsten nördlichen Stand. Am 2. befindet sich Venus nördlich vom Mond, am 4. und 8. nördlich von Merkur, am 26. nur 10 Bogensekunden nördlich von Jupiter. Mars F geht mit Aldebaran im Stiere nach Mitternacht auf, wird am 1. Morgens 4 Uhr vom Monde bedeckt und steht am 20. nördlich von Saturn unterhalb der Hyaden. Jupiter kommt am 5. mit der Sonne zusammen und wird gegen Ende des Monates Morgenstern. - Saturn H im Stiere geht auf zwischen 2 Uhr und 12 Uhr Nachts und wird am 1. um Mitternacht vom Monde bedeckt. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. zur „Äugst! urger PostMmg." Nr. 54. Samstag, 7 . Juli 1883. Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) XXII. Thusnelda war fast hergestellt, und ließ es sich daher nicht nehmen, Sophie und Anna im Schlosse umherzuführen, wie es ihnen am Abend zuvor versprochen, und ihr Großvater es gestattete. Dieser hatte den Befehl gegeben, in sämmtlichen Zimmern die Fenster zu öffnen und die warme Sommerluft einziehen zu lassen, eine Vorsicht, die, nachdem sie so lange geschlossen gewesen, nur zu erforderlich war. Gleich den bewohnten waren die verschiedenen Räume, welche sie betraten, in alter- thümlicher aber meist kostbarer Weise ausgestattet, und die seidenen und wollenen Stoffe der Vorhänge und Mobilien auf das Sorgfältigste erhalten. Voll tiefer Empfindung, die sie jedoch sorgfältig verbarg, wanderte Anna in diesen Räumen umher; in einem großen Schlafzimmer standen vier Kinderbetten, und Thusnelda erklärte, daß sie ihrem Vater und seinen Brudern, als sie klein gewesen, gehört. „Also auch meinem Vater!* dachte Anna und betrachtete sich die kleinen Nußbaum- bettstellen mit den seidenen Decken genauer. Im nächsten Zimmer hatten die kleinen Junker gewohnt, da war noch Spielgeräth aller Art vorhanden, und kleine Tische und Stühle standen an den Wänden, als seien die Kinder erst kürzlich davon gegangen, und rührten sie nicht seit langen Jahren schon in der Familiengruft. Von dem Kinderzimmer gelangten sie in die Gemächer der Schloßherrin, in deren Einrichtung Geschmack und Luxus entfaltet war. Weiche brüsseler Teppiche deckten die Fußböden, die Wände waren mit Goldtapeten bekleidet, und kostbare Seide zu den Mobilien und Vorhängen verwendet. In den verschiedenen Glasschränken waren die Schätze verwahrt, von denen Thusnelda gesprochen, vor allen Dingen eine reiche Sammlung von Schmuckgegenständen aller Art, und Diamanten, Perlen und andere Edelsteine strahlten ihnen aus den Etuis entgegen, die sie öffnen durften, denn der Landkammerrath welcher selbst die Schlüssel dazu verwahrte, hatte sie seiner Enkelin gegeben. „Alle diese Schmucksachen bekomme ich", sagte wiederum Thusnelda, „und auch noch das, was in den Schränken ist. Großmama hat alle diese schöne Sachen gekauft, und mir gehören sie, denn ich bin ihre einzige Erbin!" Anna konnte sich nicht enthalten, die weiteren Schätze ihrer Großmutter anzusehen, und Sophie Dörner war neugierig, den Inhalt der übrigen Behälter kennen zu lernen. Dieser bestand aus einer großen Anzahl kostbarer Seidengewänder in den schönsten Farben» und der Mode früherer Zeit angemessen, und aus allen anderen Gegenständen des Nutzens und des Luxus, die Frau von Bodenivald bei ihren Lebzeiten gebraucht, aus Schätzen von Leinwand aller Art und schwerem Silbergeräth, das aber seit ihrem Tode nicht angerührt worden. Außerdem waren die Räume mit den verschiedensten Kunstschätzen geschmückt, und Bilder, Vasen und Büsten, und was sonst der Reichthum anzuschaffen vermag, in reicher Auswahl vorhanden. „Mich wundert nur, dies Alles so frisch und wohlerhalten zu sehen", sagte endlich Sophie Dörner zu Anna, welche ernst und sinnend auf alle diese Schätze schaute, die zum Theil auch ihr gehörten. — „Frau von Vodenwald ist wohl noch nicht lange todt?" entgegnete ausweichend Anna. „Großmama ist vor sechs oder sieben Ihren gestorben", berichtete Thusnelda. „Das macht die Sache erklärlich", entgegnete Sophie, und fügte zu Ersterer ge, wandt, leiser hinzu: „Schade, daß alle diese Schätze und Herrlichkeiten für ein so armes, armes Kind sind!" Anna hatte keine Erwiderung auf diese Bemerkung, mußte aber das Gesicht abwenden, denn sie fühlte das verrätherische Blut in ihre Wangen steigen. Glücklicherweise gewahrte sie in dem anstoßenden Zimmer einen Bücherschrank und darauf hindeutend, sagte sie: „Frau von Bodenwald hat offenbar auch Freude an geistiger Unterhaltung gefunden. Sieh' nur, Sophie, die reiche Sammlrng von Büchern!" Sie traten hinzu, um sich diese näher zu betrachten. Es waren die Klassiker verschiedener Sprachen, auch andere bedeutende Berfasser vertreten, und man sah es der Auswahl an, daß Frau von Bodenwald eine Dame von Bildung und Kenntnisse» gewesen. — „Sobald ich diese Bücher bekomme, will ich sie Dir schenken, Sophie", sagte Thusnelda, die Schätze der Literatur gleichgültig betrachtend. „Ich lese nicht gern, und Du kannst mir erzählen, was darin steht, denn Du wirst doch wohl immer bei mir bleiben und mit mir hier wohnen!" Ihre Begleiterin konnte sich des Lächelns nicht erwehren, sie aber fügte hinzu: „Du kannst Dich darauf verlassen, daß ich es thue, Sophie. Ich werde auch Anna Vielerlei schenken, denn ich kann doch nicht Alles allein gebrauchen!" Nach diesem wurden auch die Zimmer des ersten Stockwerks in Augenschein genommen, die sich jedoch nur durch eine besonders schöne Aussicht auszeichneten. Sie waren für Gäste und Fremde bestimmt und war in allen die Einrichtung wohlerhalten, ein Beweis, daß eine' tüchtige Hand die Oberleitung in Schloß Bodenwald führte. Da nach einer theilweis durchwachten Nacht Thusnelda der Ruhe bedürftig war, so schlug Sophie vor, sich die Räumlichkeiten des Erdgeschosses anzusehen, ein Vorschlag, mit dem auch ihr Zögling und Anna übereinstimmten. Als sie ihren Morgenanzug mit einem andern vertauscht, ging sie nach etwa einer halben Stunde in die unteren Räume des Schlaffes hinab, wohin Sophie und Thusnelda ihr so bald als möglich folgen wollten. Sie hatten schon am Morgen erfahren, daß der Landkammerrath eine gute Nacht gehabt, sich wohler als sonst fühle und beim Mittagessen erscheinen werde. Das schöne Wetter lockt« Anna in's Freie hinaus; sie trat auf die Terrasse und schritt diese langsam hinab, dabei überlegend, wie sie ihren am vorigen Abend gefaßten Entschluß ausführen könne, mochten auch die Folgen sein, welche sie wollten. Bald hatte sie ein größeres Gemach erreicht, dessen Fenster und Thüren weit geöffnet standen und hineinblickend sah sie, daß die Wände mit Familienbildern geschmückt waren. Ein langer glänzend polirter Tisch und viele an den Seiten stehende Stühle ließen schließen, daß eS bei festlichen Gelegenheiten als Saal benutzt worden sein mochte. Nasch trat sie ein, denn sie hatte noch in sämmtlichen Zimmern kein Bild der Boden- wald's gefunden und begann sich diese der Reihe nach anzusehen, überzeugt, auch dasjenige ihres verstorbenen Vaters zu erblicken. Es war dies nicht schwer, denn der Landkammerrath mit seinen Söhnen und seiner Enkelin schloffen die stattliche Reihe der von Bodenwald, denen er entstammt war, und Anna fand das Bild, das den Namen ihres Vaters trug. Es war ein schönes, jugendliches Männergesicht, dem man körperliche Schwäche und Kränklichkeit nur wenig ansah, und dem sie sprechend glich. Es war dasselbe goldblonde Haar, die tiefblauen Augen mit den dunklen Brauen, dir gebogene Nase, der schön ge- schwungene Mund — und sinnend stand Anna vor diesem Bilde, an dessen Seite daS der Gattin fehlte wie auch das ihrige, als Tochter Ludwigs von Bodenwald. Dann ging sie zu dem Portrait ihrer Großmutter; sie war eine schöne Frau mit dunklen Augen und Haaren, deren Züge aber genugsam ihren Charakter verriethen, und sich von ihr abwendend, trat Anna vor ihren Großvater. Diesem war der Sohn so ähnlich, wie sie ihrem Vater, doch hatten die Züge des Landkammerraths als sieben- zigjähriger Greis, wie sie ihn seit wenigen Tagen kannte, viel von dem Ausdruck des Stolzes und der Strenge verloren, die noch auf dem Bilde hervortrat, und daS volle weiße Haar des Schloßherrn gab diesem ebenfalls ein milderes Aussehen. Anna trat darauf nochmals vor das Bild ihres Vaters, ward aber an dem weiteren Betrachten desselben verhindert, denn sie hörte ein Geräusch, und sich umblickend, sah sis den Nollstuhl ihres Großvaters, in den Saal geschoben von einem Diener, welcher sämmtliche Thüren schließend sich sofort wieder entfernte. „Guten Morgen, Fräulein Herfeld", begann, sobald sie allein waren, der Landkammerrath, und ihm entgegen blickend sah sie, daß unter dem grünen Schirm jetzt die blaue Brille fehlte. Ucberrascht durch seine unerwartete Erscheinung stand sie «inen Augenblick sprachlos da, dann aber sich fassend» trat sie an den Wagen, und ihre schlanke Gestalt leicht neigend, erwiderte sie mit erregter Stimme: * „Guten Morgen, Herr Landkammerrath", dabei begegnete sie einem so scharfen, forschenden Blick, daß sie erröthend den ihrigen abwandte, und fast stockend hinzusetzt«: „Sie haben Ihre Zimmer heute schon früh verlassen." „Es war meine Absicht Sie und Fräulein Dörner hier bei den Familienbildern zu überraschen", antwortete der Schloßherr, dessen Augen noch immer forschend und prüfend an Anna's Zügen hefteten, „nun aber sehe ich,' daß Sie allein gekommen sind." „Fräulein Dörner ist bei Thusnelda geblieben, welche die Nacht nicht gut geschlafen." „So freut es mich, daß ich Sie wenigstens getroffen", entgegnete der Landkammerrath, sie unverwandt betrachtend, wobei seine Züge zugleich Staunen und Befriedigung verriethen. „Haben Sie sich unsere Familienbilder schon angesehen?" „Ja, Herr Landkammerrath", antwortete Anna, deren sich plötzlich ein Gefühl von Angst und Unruhe bemächtigte, das sie jedoch zu bekämpfen suchte. „Sie finden auf sämmtlichen eine stark hervortretende Familienähnlichkeit, das blonde Haar, die blauen Augen und die gebogene Nase sind von jeher Kennzeichen der von Bodenwald gewesen", fuhr mit merklicher Betonung der greise Edelmann fort. „Meine Enkelin, die Veranlassung Ihres Hierseins, weicht allerdings davon ab» doch werden Sie an anderen Frauen unserer Familie ebenfalls diese Kennzeichen finden." Anna gerirth in immer größere Befangenheit; die Augen des Landkammerrath'S ruhten immer forschender auf ihr, seine Worte waren unverkennbar mit Bezug auf sie gesprochen — er hatte sie also erkannt, wenigstens die hervortretende Familienähnlichkeit bemerk^ sollte sie ihn das erste Wort sprechen lassen, oder — Da vernahm sie, leiser als bisher ihr Großvater zu ihr geredet, die Worte, die tief und unwiderstehlich sie trafen: „Die Tochter meines Sohnes Ludwig aber, Anna Thusnelda, ist, wie ich zu meiner Freude und mit Stolz gesehen, eine echte von Bodenwald, und sie ist mir, ihrem Großvater, von Herzen willkommen." Anna kniete schon an seiner Seite, und segnend lagen seine Hände auf ihrem schönen Haupte, das sich unter Thränen der Rührung auf die Decke geneigt. Er aber richtete es auf, um es unter den wechselndsten Gefühlen zu betrachten, und drückte einen Kuß auf die weiße Stirn, die ebenfalls ein Familienzeichen der von Bodenwald war. Der Lnndkammerrath ermannte sich zuerst und ihre Hände, die jetzt weiß und zart wie die scinigen waren, ergreifend, sagte er, sie voll Liebe anblickend: „Anna, denn so muß auch ich Dich wohl nennen, wenngleich Du auch unsern Familiennamen Thusnelda führst, Dein erster Anblick hat mich wunderbar berührt und lief ergriffen, gestern Abend aber, als Ihr hinaufgegangen, habe ich noch lange über das nachgedacht, was Du mir von Deiner Familie gesagt hattest, und da ist mir die Ueberzeugung gekommen, daß Du das Kind meines Sohnes Ludwig sein müßtest. Deine Aehnlichkeit mit unserer Familie, die ich hier ohne meine Brille geprüft, hat mich in dieser Ueberzeugung bestärkt — ich fand Dich vor dem Bilde Deines Vaters —" „Großvater — mein Großvater!" dies waren die ersten Worts, welche mit kaum vernehmbarer Stimme Anna hervorbrachte. „Du hast also keinen Groll gegen mich? Bist nicht in Haß gegen mich erzogen, denn ich nehme an, Daß Du Alles — Alles weißt — —" „Ja, ich weiß Alles, Großvater", erwiderte Anna, voll kindlicher Liebe zu ihm aufblickend, „als ich Dich aber gesehen, hatte ich kein weiteres Gefühl, als daß Du der Vater meines Vater seiest, und ich Dich um seinetwillen lieben müsse!" „Dank — Dank, Du theures Kind", erwiderte bewegt der greise Schloßherr. „Erhalte mir dies Gefühl, und Du wirst die Freude, ja, die einzige wahre Freude meiner letzten Tage sein! — Dennoch möchte ich noch leben, um gut zu machen, was ich verschuldet und versäumt — möchte — aber erzähle mir Deine Lebensgeschichte bis zum Heutigen Tag. Wir sind hier ungestört, August wird Jeden, wer es auch sei, fern halten!" Anna nahm neben dem Rollwagen ihrer Großvaters Platz, und begann seine verschiedenen Fragen, ihren Großvater und ihre Tante betreffend, zu beantworten, und ihm dann, so weit es ihre Erinnerungen zuließen, aus ihrem Leben zu erzählen, indeß er mit dem größten Interesse ihren Worten lauscht. Zuerst berichtete sie von ihrer Kindheit, im Walde verlebt, gehütet von der Sorge und Liebe ihres Großvaters und ihrer Tante, und im Schutz und in der Gesellschaft ihres treuen Wolf; dann von Waldemar's Ankunft, den seine Großmutter, die Gräfin Steinhorst, ihrem Großvater auf ein Jahr übergeben, ach dessen Verlauf sie ihn unerwartet abgeholt, um ihn nach Schlesien zu schicken. (Fortsetzung solgt.) Sommerluft. O i wie so wunderherrlich ist's, An sonunerjungen Tagen In lauer Lüste vollem Strom Mit wonnigem Behagen, Der Schwalbe nach, die oben kreist, Den Leib zu baden und den Geist! Was rufst Du allen Wesen zu In Deinem Hochzeitskleids? Dringt nicht im Jubel der Accord Empor aus allem Leide: O seht! Der einst mich rief zum Sein, O seht, wie liebend denkt Er mein! u alle Fenster strömt's hinein, sie Schläfer zu erwecken, nid treibt den letzten kalten Ha Und treibt den letzten kalten Hauch nd treibt den letzten kalten inweg aus dumpfen Ecken; So komm heran zu dieser Zeit Ihr Kranken und Gesunden,, Die Lüste lind wie Balsam sind Dem Elend und den Wunden; :s bringt uns warmen Grüß der Süd Wer bleibt noch sündig stolz und kalt Bei dieser göttlichen Gewalt? Ihr sonnenklaren Räume, Und Du, der matten Augen Lust, Jungfrisches Grün der Bäume, O Welt, wie eine Braut geschmückt, Wem schlägt Dein Herz, so froh entzückt? Von, Land, wo die Orange blüht. Du Hinimcl hoch und wolkenfrei, Es möcht der Sehnsucht Flügelschlag Die reinen Seelen tragen Bon Stern zu Stern, wo endlos schön In sommeriungen Tagen Der volle Strom des Lebens fließt, Aus Gott, der Alles in sich schließt! L. v. Heemstede. 429 CchLernach und die «pringproeefsior,. Echternach ist die Stadt des großen Glaubensboten Willibrordus. Hier hat seine sterbliche Hülle in einem Marmor-Sarg geruht, bis der Dandalismus der unter General Bol- land in Echternach eingerückten französischen Truppen in der Nacht vom 7. November 1794 die Stätte entweihte. Das Grab wurde gesprengt, und die Gebeine wurden herausgerissen und zerstreut. Zweifellos reicht das Entstehen der Stadt über St. Willibrord (-st 739) zurück. Wahrscheinlich haben wir es mit einer Niederlassung der ripuarischen Franken zu thun. Schon früh begegnet uns Echternach in der Geschichte als fester Platz. 1462 wird dasselbe in einer Lirdonanz Philipp's des Guten von Burgund als eine in alter Zeit gegründete Stadt bezeichnet, die durch Mauern und Thürme, Thorburgen und Gräben sich als stark befestigt erweise. Von diesen Werken sind heute nur noch Bruch- theile der Umfassungsmauern erhalten. Die Thorburgen sind gefallen, aus den Grüben sind prächtige Promenaden entstanden. Die Stadt selbst ist inzwischen auf nahezu 5000 Seelen angewachsen. Als besonderer Industriezweig verdient die Porzellanmalerei der Gebrüder Zeus Erwähnung. Die Fabrikate gehen größtentheils nach Frankreich. Hier gelten sie als veritabler Sevres-Porzella». Echternachs Hauptsehenswürdigkeit ist die wundervolle Basilika. Der dreischiffige Bau in frühromanischem Stil zeigt eine ungemein große, aber gleichwohl sehr ansprechende Einfachheit der Formen; er datirt aus dem Jahre 1031 und ist an die Stelle einer Kirche von geringerm Umfang getreten, welche 1017 ein Raub der Flammen geworden ist» In dem Neubau hat man die frühere Holztäfelung der Decke durch ein geschmackvolles Gurtgewölbe in Stein ersetzt. 1794 wurde das Gotteshaus von der französischen Regierung als Nationalgut erklärt und schließlich unter den Hammer gebracht. Die Kirche wurde Fabrik. Die Thürme wandelte!» sich in gualmende Kamine eines Fapencc-Ofens um. Gott Lob, daß das böse Gewissen über diese Versündigung an den» Kunst- und Frommsinne unserer Vorfahren nicht zur Ruhe gekommen. Dei allmälig fast zur Ruine werdende Bau wurde der Pfarrgemeinde geschenkt. Der wieder aufblühende kirchliche Kunstsinn schuf den Willibrordus-Bau-Verein, dessen reiche Sammlungen die Mittel zu der jetzt vollendeten Restauration boten. Sie ist in allen Theilen gelungei». Die Pläne zu den baulichen Arbeiten, insbesondere auch zu den zwei prächtigen Thürmen, die das stilvolle Säulenpvrtal flankiren, sind aus der Hand des DirectorS des Germanischen 'Museums, Professor I)r. Essenwein in Nürnberg, hervorgegangen. Hclbig, ein Schüler Bethue's, hat die polpchromische Ausmalung übernommen. Der nach Darcy in Paris angefertigte Hochaltar ist eine durch Gold und Email-Schmuck mit Geschmack ausgestattete Bronzearbeit. Der trefflich ausgeführte Baldachin-Altar ist eine Schöpfung der Werkstätte von Richard Morst in Köln. Alles vereinigt sich, die Kirche zu einem wirklichen Kunstkleinod zu machen. Seitwärts der Kirche liegen die umfangreichen Gebäude des frühern Benediktiner- Klosters. Jetzt dienen sie meist Jndustriezwecken. Die am besten erhaltenen Räume werden von einen» der Miteigenthümer als Wohnung benutzt. Das prächtige Treppenhaus mit Deckenmalereien aus den» vorigen Jahrhundert und die zwei anstoßenden Säle, deren Wände noch heute mit werthvollen ledernen Goldtapeten bedeckt sind, verdienen besondere Beachtung. Ein großes Oelgemälde gibt die Medaillon-Portraits der langen Reihe der Aebte von der Zeit der Gründung an bis zur Säkularisation wieder. Von der Kloster-Bibliothek ist nur noch der Raun» vorhanden: Die werthvollen und thsilweise seltenen Bücherschätze, über 8000 Bände, sind von den Franzosen fortgeführt »vorbei». Auf dem Markte liegt die altdeutsche Dingstätte oder, wie sie in Echternach heute noch genannt wird, der „Dingstuhl": ein freier Platz, überragt von einem viereckigen Ueberbau, der durch eine Doppelreihe von Säulen getragen wird. Hier wurde in älterer Zeit, wie das der Name bekundet und eine Urkunde aus 1539 bestätigt, von den Schöffen Recht gesprochen. Gegenüber liegt das Nathhaus, ein derselben Epoche angehörender Bau, dessen crenelirter Giebel gleichfalls auf Säulen ruht. Auf dem Marktplatz herrscht 430 ein buntbewegtes Leben. Es ist Pfingstmontag, also der Vorabend der berühmten Spring« procession. Kram« und Schießbuden, Caroufsels und Seiltänzergrsellschaften, kurz, alle möglichen Belustigungen find hier unter lauter Theilnahme der entzückten Stadtjugend im Begriff, sich auf morgen zu rüsten. „Echternacher Brücke" heißt die auf preußischem Gebiet liegende Häusergruppe auf der andern Seite der Sauer. Sehr beachtenswerth ist die noch aus der Nömerzeit her- rührende, 117 Meter lange Brücke, deren massige Quadern dem Zahn der Jahrhunderte und bei so manchen Hochfluthen insbesondere der Gewalt des Elementes in einer staunen- . erregenden Art getrotzt haben. Von dieser Brücke schaute bis Ende der sechsziger Jahre das Standbild des Abtes Bertels in die kristallhelle Fluth hinab. Der große Historiker genoß bei den Echternachern ein solches Ansehen, daß sie das Standbild, um es vor der Zerstörung durch die Franzose» zu bewahren, 1794 in die Sauer vergruben. Das wieder an seinen Platz gebrachte, inzwischen aber verfallene Monument ist bis dahin noch nicht wieder ersetzt worden. Der Blick gerade ausgerichtet, fällt auf die steilen Wände des von einem reichen Sagenkreis umwobenen „Ernzer Berges". Hier schmiedete zur Zeit der Begründung der Abtei der im Volksniund heute noch fortlebende Zauberer Kitzele seine gefürchtet«» Ränke gegen die mächtigen „Glousterhäere". Im nahegelegenen „Deivel- schoart" (Teufelsspalt) hatten dämonische Unholde ihre unerreichbaren Schlupfwinkel. Daneben waren die dem Gebet gewidmete» Klausen frommer Einsiedler erstanden — alles allmälig verhallende Echos des auf diesem Boden mit besonderer Zähigkeit aus- gefochtenen Kampfes des Christenthums mit der Götterlehre der Römer und Frankens Der Berg, wenn auch nur zur Hälfte erklommen, bietet eine mehr als lohnende Aussicht. Zu Füßen die Stadt, seitwärts mit Reben bepflanzte Abhänge, im Hintergründe der Eingang zu dem mit vielem Glück erschlossenen Aesbuchthale, zur Rechten wie gegenüber waldreiche Höhen, überragt von prächtigen Felsgebilden, die einer Kette künstlich erbauter Festungswerke ähnlich sehen. In dieses wunderbare Bild vertieft, höre ich von« Thurm der Pfarrkirche her — wohl als Festgelävte zum Willibrordustag — die feierlich schönen Klänge einer tief- tönenden Glocke; wie ich später hörte, ein Geschenk des Kaisers Maximilian. 1512 hatte er in Trier den von hier nach Köln verlegten Reichstag eröffnet. Hierbei mit seinem Gefolge nach Echternach zur Verehrung des h. Srbastianus, eines der Schutzpatrone gegen die gefürchtet« Pest, gekommen, wurde er Zeuge der Springprocession. Diese geschichtliche Thatsache ist Gegenstand der Darstellung eines 1553 von unbekannter Hand gemalten Oelbildes, das, wie ich mich auf dem inzwischen angetretenen Rückgänge zur Stadt überzeugt habe, noch gegenwärtig in der Pfarrkirche sich vorfindet. An der Hauptstraße fiel mir ein im Stile der Abtei erbautes Patricierhaus auf. Ueber dem Thorweg las ich den Wahrspruch: Lola, rriisoria ouret cura, ot inviäin. Im ersten V Augenblick klingen die Worte seltsam, und doch, es ist ivahr: nur im Unglück ist man frei von Besorgniß und ohne Neider. Wie mir später mein biederer Hirschwirth erzählte, war das Haus Aesitzthum der Grafen Rieth von Dierf. Wer weiß? Vielleicht liegt in jener Devise ein Stück Familiengeschichte ausgesprochen. Es ist Pfingst-Dienstag. Schon die früheste Morgenstunde brachte in die ziemlich engen Straßen ein gewaltiges Leben. Unausgesetzt strömten große Pilgerschaaren herbei, bald Processionen, bald kleinere Gruppen — alle andachtsvoll die Willbirordus-Litanei singend oder betend. Auf meinem Wege zur Kirche stieß ich vor dem Gasthof auf einen Knäuel halbwüchsiger Burschen. Ihre anfangs nicht verstandene Frage im Ortsdialekt: „Dangt er mech, fir mat ze spränge?" vermochte ich erst nach einigem Parlamentiren zu enträthseln. Sie hatten mir richtig abgesehen, daß ich als Willibrordus-Tänzer woh! nicht qualificirt sei. Allen Nichttänzern wird Gelegenheit geboten, tanzen zu lasse««. Daher ^ die Frage: Dingt Ihr mich, um mit zu springen? Auf den, preußische» Ufer der Sauer stand gegen 8 Uhr eine unabsehbare Volksmenge. Von einer improvisirten Kanzel herab hielt ein noch jugendlicher Priester in deutscher Sprache die Festpredigt. Mit deren 431 <- Schluß vermochte ich mich aus dem sich entwickelnden Gewühls nur mit Mühe zu meinem Gasthof zu retten. Von dessen dicht besetzten Fenstern aus ließ ich das bunte Bild der sonderbaren Procession an mir vorüberziehen. Hinter dem zahlreichen Klerus, der mit einem mächtigen Männerchor die Procession eröffnend die Willibrordus-Litanei anstimmte, folgte ein verstärktes Musikcorps, welches in berauschenden Tönen den nun folgenden Springern zum Willibrordus-Tanz aufspielte. Auf die Springer folgten an 2000 Pilger, die sich auf das Beten des Rosenkranzes beschränkten. 23 Gendarmen, eine Anzahl Turner und das städtische Pompier-Corps befaßten sich mit Handhabung der Ordnung. ^ Mein Interesse galt ausschließlich den Springern. Der amtlichen Zählung zufolge waren es ihrer 9528, die alle in theilweise wildem Wogen und Drängen nach der von den verschiedenen Capellen immer wiederholten eintönigen Weise hüpften, tanzten und sprangen. Die schnelltactige Melodie nähert sich ganz dem manchem aus der Zeit der Jugendspiels wohlbekannten Liede: Abraham hat sieben Söhne, sieben Söhn' hat Abraham; Sie aßen nichts, sie tranken nichts, sie machten alle sa. Der Tradition nach sollen fünf Schritte vorwärts und drei Schritte rückwärts, oder drei Schritte vorwärts und zwei Schritte rückwärts gemacht werden. Von einem rhythmischen und gefälligen Tanze, wie er sich z. B. in Spanien auch bei religiösen Festen als Ausdruck nationaler Sitte erhalten hat, war hier nur bei verschwindend Wenigen die Rede. Bei dem großen Haufen war der Eindruck des Ordnungslosen und stellenweise förmlich Ungefälligen vorherrschend. Manchem, besonders aus dem Kreise der Jugend, las man den Schalk im Gesicht ab. Gleichwohl fehlte es auch nicht an erbauenden Momenten. Die Mehrzahl der Theilnehmer, welche nebenbei gesagt, fast ausschließlich den ländlichen Kreisen Luxemburgs, der Eifel und den Moselstrichen angehören, scheint in dem Glauben zu handeln, ein gutes Werk zu thun. Und Gutes zu wollen, ist ja an sich schon gut. Rührend war der Eindruck von so manchem alten Mütterchen, das, ungeachtet der Last der Jahre, trotz der förmlichen Glühhitze des Tages, tanzend und springend sich mit fortschleppte. Abgesehen von den verschiedenen programmmäßigen Capellen wird die Procession von einer Anzahl freiwilliger Solisten begleitet. Violin- spieler und Trommler, Trompeten und Schalmaisn sieht man in kurzen Abständen auf die Procession vertheilt; alle spielen mit bewundernswerther Ausdauer zum sogenannten Willibrordus-Tanz auf. Die sich immer wiederholende Melodie erinnert in ihrer Eintönigkeit unwillkürlich an. die Musik eines irländischen Marsches. Die Procession, deren Weg zwar nur ein Kilometer lang ist, aber doch zwei Stunden Zeit in Anspruch nimmt, endigt in der Pfarrkirche. Auch hier noch wird das Springen fortgesetzt: das rechte Seitenschiff hinauf, um den Altar herum, das linke Seitenschiff hinunter bis zum Kirchhof. Ein dreimaliges Nundspringen um das große Kirchhofskreuz beschließt den Tanz. Kaum ist die Procession zu Ende, so tritt das Volksfest in seine Rechte: eine Kirmeß ^ in großem Stil. Von der sogenannten bessern Gesellschaft des Luxemburger Ländchens hat sich ein gut Theil der eleganten Damen und Herren-Welt ein fröhliches Stelldichein ^ gegeben. Gesprungen wird auch von ihnen, allerdings erst Abends in den Räumen der ' Casino-Gesellschaft nach Straß'schen Weisen. Nachmittags vereinigt sich alles im Abtei- aarten bei Kaffee und Conzert» (Schluß folgt.) Miseellsrr. (Reicher Kindersegen.) In einer der letzten Nummern der „Estafette", einem Madrider Journal, lesen wir folgenden merkwürdigen Vorfall, den wir wir seiner Originalität wegen unseren Lesern nicht vorenthalten wollen. Jüngst kehrte nach Galizien» seinem Heimathslande, ein Greis von 93 Jahren zurück, der vor 70 Jahren nach Amerika auf die Suche nach Glücksgütern gegangen war» Er besitzt heute mit Kindern, Enkeln, und Uerenkeln die stattliche Zahl von 197 Familienmitgliedern» außerdem eine große Anzahl von Schwiegersöhnen, die sämmtlich mit ihm in seinem eigenen Dampfer nach 432 Spanien zurückgekehrt sind. Der ehrwürdige Greis nennt sich Lukas Negreiras Saez, hat Amerika in seiner ganzen Länge und Breite durchstreift und besaß zuletzt ein großes Leder- und Häutemagazin in Boston. In seinen drei Ehen, die er eingegangen war, hatte er das Glück, Vater von 37 Kindern zu werden. Seine erste Frau, eine Spanierin, schenkte ihm 11 Kinder in sieben verschiedenen Geburten; beider letzten, einem Drillinge, verstarb sie. Seine zweite Frau, mit der er 18 Jahre lebte, schenkte ihm 19 Sprößlinge in l3 Abschnitten. Zum drittenmal im Alter von 55 Jahren vermählt, wurde ihm das seltene Glück zu Theil, seine Familie noch um fernere sieben Häupter sich vermehren zu sehen; wieder befanden sich ein Paar Zwilling darunter. Der letzte Sprosse dieses ur- krüftigen Stammes sah airp 15. Juli 1864 das Licht der Welt, als sein Papa bereits 74 Jahre zählte. Der älteste Sohn ist gegenwätig 70 Jahre alt, und hat bis jetzt seinem Vater 17 Enkel geschenkt, deren ältester zur Zeit im blühenden Alter von 47 Jahren steht. Der gegenwärtige Bestand dieser seltenen Familie ist folgender: 16 Töchter, davon eine unverheirathet und sechs Wittwen; 23 Söhne, wovon sechs unver- heirathet, 13 verheirathet und vier Wittwer; 34 Enkelinen, davon neun unverheirathet, 22 verheirathet und drei Wittwen; 47 Enkel, davon 17 unverheirathet 26 verheiratet und vier Wittwer; 45 Urenkelinen, davon 2 verheirathet, und 39 Urenkel die das Eheglück noch nicht gekostet, außerdem 3 Ururenkel. Der alte Herr N. lebt äußerst mäßig, feine Mahlzeiten bestehen meistens aus Gemüse und Puris, fast ganz ohne Salz. Täglich widmet er drei Stunden dem Spaziergang und hygieinischen Uebungen. Wein und alkoholische Getränke hat er niemals genossen. Trotz seines vorgeschrittenen Alters besitzt er eine vortreffliche Gesundheit. (Bureaukra tische Grobheit.) In der jüngst erschienenen Schrift: „Die Politik Friedrich Wilhelm's IV." erzählt der Wirkt Geh. Ober-Regierungsrath Wagen«« als Beispiel, wie verknöchert die preußische Verwaltung am Schluss« der Regierung Friedrich Wilhelm's III. war, folgende kleine Geschichte aus der Zeit des Ministers v. Schuckmann. Als nämlich die Cholera zum ersten Male Preußen durchzog, erstattete eine Regierungsbehörde einen Bericht an den Minister v. Schluckmann, in welchen: eS hieß: da nun die verderbliche Seuche auch ihrem Regierungssitz sich nähere, so hätten sie beschlossen, einen dreimonatlichen Urlaub mit entsprechender Vorwegnähme ihres GehalteS zu nehmen und bäten ihre Excellenz um hochgeneigte Genehmigung. Hr. v. Schluckmann, der einen drastischen Stiel liebte, erwiderte darauf umgehend: von der Cholera hätten sie nichts zu besorgen; wenn aber wieder Vermuthen die Rinderpest ihrem Sitze sich nähern sollte, dann bäte er um schleunigen Bericht. Gleichzeitig erhielt der Präsident seinen Abschied." (Ein gemüthlicher Romanschriftsteller.) Durch ein verhängnißvolles Versehen ist neulich in einer Provinzialzeitung eine für die Redaction bestimmte Bemerkung des Nomanautors mit abgedruckt worden. Der betreffende Feuilletonroman schließt damit, daß die jugendliche Heldin in Nußdorf bei Wien das Grab in den Wellen sucht» Dieser Selbstmord ist sehr grell geschildert, und umsomehr überrascht den Leser die nun folgende nicht für seine Augen berechnete Bemerkung: „Sollte Ihnen das Schicksal der Louise zu düster erscheinen, so lassen wir sie leben; es hieße dann bei der 46. Zeile gleich: „Louise dachte noch oft an den schändlichen Streich, den ihr der blonde Doktor gespielt; aber allmählich gewann auch sie ihre Ruhe und Zufriedenheit des Herzens wieder." .... Das ist doch ein gemüthlicher Romancier, der mit sich reden lätzt! (Epidemisches.) Ein Schulivspektor kommt im Winter während der Schulzeit in ein Dorf und trifft eine große Anzahl der schulpflichtigen Jugend, welche sich auf dem Eise des Dorfteiches belustigt. „Warum seid Ihr denn nicht in der Schule, Kinder?" fragte der würdige Herr. Wie aus einem Munde schallt ihm die Antwort entgegen: „Mer dürfen nich, mer han die Masern." Für die Nedaltion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. Max Huttler. Unternuktunggökatt ,ur „Äilgsburger Postzeitung." Nr. 55. Mittwoch. 11. Juli 1883. Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Anna berichtete von der Zeit ihres Unterrichts, den ihr Sophie Dörner ertheilt und nachdem diese entlassen von den beiden Jahren, die gefolgt und unter häuslicher Thätigkeit schnell verflossen waren. Jetzt hielt sie inne» und sie forschend doch liebevoll ansehend, sagte ihr Großvater: „Hast Du mir nichts weiter zu erzählen, Anna?" Sie senkte erröthend die Augen, der Landkammerrath aber fuhr mit tieferer Stimme fort: „Kind, laß mich das Ende hinzusetzen, das nicht schwer zu errathen istl — AuS Waldemar, Deinem ehemaligen Kindheitsgenossen, ist ein Graf Steinhorst geworden, der auf seine Güter zurückgekehrt ist, meine Enkelin liebt, und den sie wieder liebt, allein seine Großmutter will keine Verbindung mit dein bürgerlichen Mädchen gestatten!" Anna war noch tiefer erröthet, blickte aber den Landkammerrath offen und zuversichtlich an und erwiderte: „Es ist wie Du sagst, Großvater, doch wird sie es dennoch thun. Großvater Kohring will ihr meinen wahren Namen nennen, und gedenkt dadurch ihre Zustimmung zu erlangen, denn ohne diese will auch er unsere Verbindung nicht gestatten!" „So stehen also die Dinge", entgegnete nachdenklich der Schloßherr, und konnte in seinen, Herzen dein Förster seinen Beifall nicht versagen. „Wie wäre es, wenn ich an die Gräfin schriebe, denn ohne ihren Enkel gibt es auf Erden wohl kein Glück für Dich?" — Anna senkte den Blick, erhob ihn aber nach einigen Sekunden wieder und sagte in bittendem Ton: „Großvater, überlasse Alles meinem Großvater Kohring, der vielleicht schon jetzt mit der Gräfin gesprochen und auf dem Wege hierher ist!" „Er will also kommen?" fragte schnell der Landkammerrath. „Er wäre gekommen, Großvater, auch wenn Du mich nicht eingeladen hättest, um meinetwillen, um mein Glück wollte er die Reise unternehmen!" „So werde ich denn auch ihn nach so langen Jahren wiedersehen!" sagte sinnend der greise Schloßherr, fügte aber alsbald lebhafter hinzu: „Anna, Du mußt hier sogleich als meine Enkelin auftrete», denn ich kann und werde nicht zugeben, daß vielleicht meine Leute Dich erkennen, und ich irgend eine Frage oder Andeutung ihrerseits erfahren müßte. Meine älteren Diener kennen die früheren Familienereignisse zur Genüge, und die jüngeren haben von ihnen davon gehört — doch genug davon! — Schreibe Deinem Großvater Kohring, was sich hier zugetragen, lade ihn wie auch Deine Tante in meinem Namen ein-" „Ich werde noch heute den Brief besorgen, Großvater", unterbrach Anna, die fast 434 zu träumen wähnte, und kaum begreifen konnte, daß ihr Geschick sich so plötzlich um» gestaltet. „Weiß Sophie Dörner, wer Du bist?" fragte der Landkammerrath nach momentanem Schweigen. „Nein, Großvater, sie weiß nur, daß ich Förster Kohring's Enkelin, Anna Herfeld, bin! — " „Jetzt muß sie wissen, daß Du auch meine Enkelin, Anna Thusnelda von Bodenwald bist!" antwortete der Landkammerrath mit einem Blick voll väterlichem Stolz und väterlicher Freude, und fügte mit weicher Stimme hinzu: „Die ich aber nur gefunden zu haben scheine, um sie schon wieder mit einem geliebten Gatten ziehen zu lasten. Doch wird das sobald noch nicht sein, Anna, und damit stimmt gewiß Dein Großvater Kohring mit mir überein, und wollen vorläufig nur an Deine Verlobung mit Graf Steinhorst denken! —" XXIII. Anna war von ihrem Großvater den Leuten der Haushaltung und des Gutes als seine Enkelin, Anna Thusnelda von Bodenwald vorgestellt worden, und Alle hatten die Weisung erhalten, in ihr die Herrin des Schlosses zu sehen. Niemand war froher über dies Ereigniß als Bergmann's, die ihr in herzlichen Worten Glück dazu wünschten, ihr aber auch die Versicherung gaben, daß sie sie schon am ersten Tage ihrer Anwesenheit erkannt hätten. Anna mußte auch ihnen, den treuen Freunden ihrer Eltern und Groß» eitern, eingehend von ihrem bisherigen Leben in Vahrenwald berichten, und mit großem Interesse hörten sie ihr zu, und freuten sich über die Aussicht, ihren alten Freund so bald und gesund und wohlbehalten wieder zu sehen. Sophie Dörner, welcher die näheren Familienverhältniste im Försterhause von Vahrenwald unbekannt geblieben, hatte diese von Anna, ehe ihr Großvater sie als seine Enkelin vorgestellt, voll Ueberraschung und Theilnahme vernommen. Auch sie hatte ihr Glück gewünscht, die ihr gebührende Stelle erlangt zu haben, und hatte scherzend hinzugefügt, daß man sie nun wohl bald als Gräfin Steinhorst begrüßen könne. Thusnelda war sehr glücklich, in Anna jetzt eine Cousine zu haben, und als scherzend ihr Großvater sagte, daß sie nun nicht mehr die einzige Erbin ihrer Großmutter sei, sondern alle vorhandene» Schätze derselben mit Anna zu theilen habe, erwiderte sie den Arm um diese schlingend, während sie sie zugleich voll zärtlicher Bewunderung betrachtete: „Großpapa, es ist genug für uns Beide da, und Anna, die so gut und so schön ist» soll vorn Allem daN Schönste und Beste haben!" Für den greisen Schloßhrrrn war ein anderes, ein nie gekanntes Leben angegangen, und rückhaltlos gab er sich der Freude über den Besitz seiner schönen Enkelin hin, die ihm die aufmerksamste Pflegerin und liebste Gesellschafterin war, und wie er zu seiner Genugthuung erfuhr, mit eben so viel Liebe, wie Bewunderung betrachtet wurde. Aber auch Anna war froher und heiterer, wie sie seit langer Zeit gewesen, denn alles Dunkel, was bisher ihr Leben getrübt, jedes Hinderniß, das ihrem Glück störend entgegen getreten, war plötzlich und unerwartet geschwunden, und allem menschlichen Ermessen nach mußte sich ihre Zukunft glücklich gestalten. Von ihrem Großvater und ihrer Tante, denen sie alle Ereignisse eingehend geschrieben, war noch keine Antwort angelangt, doch beruhigte sie sich mit dem Gedanken, daß möglicherweise Ersterer auf die entscheidende Unterredung mit der Gräfin Steinhorst zu warten haben, und sie erst nach dieser schreiben, oder gar selbst kommen würde. Während dieser Zeit hatte Anna den Buchenhof besucht, begleitet von Sophie, Thusnelda und Bergmann's. Als sie ihre erste Heimath gesehen, wo jetzt ein fremder Verwalter wohnte, waren dem Andenken ihrer Eltern ihre Thränen geflossen, und Bergmann's mußten ihr alle ihnen aus jenen Tagen erinnerlichen Ereignisse erzählen. An einem andern Morgen hatte sie sich von ihnen in das Mausoleum, wie auch 46S nach dem Friedhof des Dorfes führen lassen, und hatte die Särge ihrer Eltern und das Grab ihrer Großmutter, das sie sorgsam erhalten und gehütet gefunden, mit Blumen reichlich geschmückt. Sie schloß sich Bergmann'S überhaupt mit warmer Zuneigung und Dankbarkeit an, und diese brachten ihr die Liebe entgegen, welche sie für ihre so früh verstorbenen Eltern empfunden. So war der neunte Tag nach Absenkung des Briefes herangekommen; gegen Mittag befand sich Anna im Wohngemach, dessen Thüren bei der andauernden Septembersonne weit geöffnet standen; Sophie Dörner und Thusnelda waren mit den Unterrichtsstunden beschäftigt, und ihr Großvater, welcher wiederum einige Schmerzenstage gehabt, war mit dem Verwalter in seinem Zimmer beschäftigt. Sie hatte schon eine Welle gedankenvoll in den Garten geblickt, dessen Bäume und Stäucher der Herbst leise zu färben begann, und endlich ihren Gedanken Worte gebend, sagte sie halblaut: «Nur eine Stunde möchte ich im Försterhause bei meinem Großvater und meiner Tante sein, möchte Christine und meinen treuen lieben Wolf sehen, die Alle sich freuen würden, mich wieder in ihrer Mitte zu haben! Aber-- und hier lauschte sie aufmerksam — «war das nicht ein Posthorn? — Jetzt höre ich «S deutlich — sollten — sollten sie es sein?" und hastig das Wohngemach verlassend, eilte sie in die Vorhalle, wo sie August traf, welcher sagte: «Es ist eine Extrapost, gnädiges Fräulein, und wird entiveder hierher kommen, oder zum Herrn Verwalter fahren —* und lustig und kräftig stieß jetzt der Postillon in'S Horn, daß es weithin hörbar war. «Nein, nein, sie kommt hierher!" rief jetzt Anna mit steigender Erregung. «Aber sehen Sie, August, sie hält im Thor." Wirklich hielt der Postwagen an dein Eingangsthor, ein großer, schwarzer Hund sprang zur Erde, und mit dem Ruf: «Wolf! — Wolf! hierher!" trat sie auf die Treppe, für den Augenblick Alles um sich her vergessend, denn ihr Großvater und ihre Tante muhten in dem Wagen sein. Jetzt hatte der Neufundländer, der die ihm wohlbekannte Stimme vernommen, sie erreicht und sprang mit lautem, freudigen Bellen an sie heran, bis seine Vorderpfoten auf ihren Schultern lagen, und er ihr voll Freude und Treue in die Augen blickt«, während sie seinen glänzenden schwarzen Kopf streichelte, und ihn mit den zärtlichsten Namen benannte. Einen Moment hatte der Diener voll Rührung dieser Szene zugesehen, und war dann zu dem Landkammerrath geeilt, um ihm die Ankunft der Extrapost mitzutheilen. Bei dieser Nachricht wechselte der Schloßherr die Farbe, und die Hand, welche die Feder zur Unterschrift hielt, zitterte merklich. Doch währte dies nur eine Sekunde, dann sagte er zwar noch mit unsicherer Stimme zu dem Verwalter, welcher im Begriff war, sich zu entfernen: «Bleiben Sie, Bergmann, damit auch Sie Kohring sehen und begrüßen können, denn ohne Zweifel wird er in dem Wagen sein!" Unterdeß war die Extrapost angekommen, und Förster Kohring ausgestiegen. Anna war herzugeeilt und lag im nächsten Augenblick an ihres Großvaters Brust. Dieser drückte einen Kuß auf die Stirn des geliebten Enkelkindes, und führte es darauf in die Vorhalle, wohin ihnen Frau Albrecht, die ebenfalls ausgestiegen, folgte. «Großvater, mein lieber, theurer Großvater!" mehr vermochte Anna nicht zu sagen, blickte aber unter Thränen der Freude und Rührung in seine Augen, indeß er leise sagte: »Der Herr hat Alles gut gemacht, mein Herzenskind —" „Ja, Großvater das hat er!" entgegnete Anna und die folgenden Schritte vernehmend, entwand sie sich seinen Armen und flog ihrer Tante entgegen, die sie ebenfalls tief bewegt an ihre Brust schloß, während Anna in der freudigen Aufregung ihres Herzens das Gesicht der mütterlichen Freundin mit Küssen bedeckte. Im Begriff, sich mit ihnen in'S Wohngemach zu begeben, wandte sie das Haupt und stieß einen Laut der Ueber- 436 raschung aus, denn Graf Steinhorst, dessen Züge die tiefste Bewegung verriethen, stand vor ihr. „Anna!" rief er schnell, näher tretend, und sie vermochte nur „Waldemar!" zu erwidern, dann hielten sie sich fest umschlangen; und unter Thränen blickten der Förster und seine Nichte auf das so glückliche jugendliche Paar. Graf Steinhorst ermannte sich zuerst und sagte mit einem Blick inniger Liebe auf das schön« Mädchen, das an seiner Brust lag: »Anna, ich bin mit der Bewilligung Deines Großvaters und meiner Großmutter hier.-" „Aber mein Großvater Bodenwald, Waldemar", entgegnete Anna schnell. „So führe mich zu ihm, Geliebte, damit ich Dich endlich meine Braut nennen kann! —" Der Landkammerrath blickte erwartungsvoll nach der Thür, versuchte vergeblich die Bewegung zu unterdrücken, die sich seiner bemächtigt. Es blieb ihm auch keine Zeit dazu, denn die Thür ward geöffnet, an der Hand ihres Geliebten trat Anna ein, und sagte, sich mit ihm dem Krankenstuhl nähernd: „Großvater, hier bringe ich Dir Waldemar — Graf Steinhorst", fügte sie schnell und erröthend hinzu. „Herr von Bodenwald", begann der junge Mann, voll Theilnahme auf den greisen kranken Schloßherrn blickend. „Herr Graf", unterbrach ihn dieser mit unsicherer Stimme, „ich weiß Alles, habe Alles durch meine Enkelin erfahren, Ihr Hiersein beweist mir, daß Ihre Frau Großmutter -" „Meine Großmutter heißt Anna als Enkelin gern willkommen." „So bin ich auch damit einverstanden, daß sie die Ihre wird!" und Beider Hände ineinander fügend, umschloß er sie mit festem, warmem Druck, während seine Lippen leise Segensworte sprachen. „Anna, jetzt meine Braut", rief in lebhafter Freude Graf Waldemar, umfaßte sie noch einmal und ihre Lippen begegneten sich zum ersten Verlobungskuß. Jetzt ward nochmals die Thür geöffnet, und voll Spannung, die jeder Zug seines gefurchten Gesichtes verrieth, blickte der Landkammerrath den Eintretenden, Förster Kohring und Frau Albrecht, begleitet von dem Verwalter, der hinausgegangen war sie zu begrüßen, entgegen. Einen Augenblick sah der Förster auf die einst so stolze Gestalt des Schloßherrn von Bodenwald, der jetzt in Decken gehüllt im Krankenstuhle lag; einen Augenblick sah dieser auf den stattlichen Mann, aus dessen Augen jedoch der jahrelange Kummer sprach, dann reichten sich Beide stumm die Hände, und Jeder zerdrückte im Auge die Thräne, welche die Erinnerung an die Vergangenheit hervorgerufen. Nicht minder bewegt ward Frau Albrecht von dem Landkammerrath begrüßt der sie zwar persönlich nicht kannte, ihr jedoch für das, was sie seiner Enkelin gewesen, die größte Dankbarkeit zollte. Während dieser Begrüßung aber trat Anna mit ihrem Verlobten zu ihrem Großvater Kohring, und ihn voll kindlicher Liebe umfassend, flüsterte sie: „Habe Dank, Großvater für Alles, was Du für mich gethan!" worauf er Beide in seine Arme schloß, und mit kaum vernehmbarer Stimme sagte: „Und mit Freuden habe ich es für Dich, mein Herzenskind, gethan l — Mögt Ihr nun glücklich seii^und werden, und der Herr mir noch einige Lebensjahre vergönnen, damit ich mich Eures Glückes freuen kann!" „Und die wirst Du in unserer Mitte verleben, Großvater", rief lebhaft Graf Waldemar, „Du und die Tante, Ihr müßt fortan bei uns auf Steinhorst wohnen, denn ohne Euch kann ich mir dort den Aufenthalt nicht denken!" Jetzt sagte auch Frau Albrecht dem Brautpaar ihre Glückwünsche und darauf stellte Anna Bergmann ihren Verlobten vor. Auch dieser beglückwünschte sie in herzlicher Weise und fügte mit unsicherer Stimme hinzu: 437 „Dem Herrn sei Dank, gnädiges Fräulein, baß er mich und meine Frau diesen Tag erleben ließ, denn wer außer Ihrer Familie könnte sich wohl mehr über Ihr Glück freuen l" Es trat eine ruhigere Stimmung ein, und eben wollte der Landkammerrath seiner Enkelin auftragen, Thusnelda, ihre Erzieherin und auch Frau Bergmann holen zu lassen, als diese eintraten. Es wiederholten sich noch einmal die Vorstellungen, Begrüßungen und Glückwünsche, wobei ThuZnelda mit sichtlicher Genugthuung hörte, daß Graf Waldemar sie seine künftige Cousine nannte und sie aufforderte, später Anna in Steinhorst aufzusuchen. Da nach aller Aufregung der greise Schloßherr der Ruhe bedürftig war, so verließen ihn sämmtliche Anwesende, und während die Angekommenen ihre Zimmer aufsuchten, begaben sich die Schloßbewohner in den Wohnsaal, wo Jene sich bald wieder bei ihnen einfanden. Beim Mittagsessen, an den« auch Bergmann's Lheilnahmen, fand sich auch der Landkammerrath wieder ein; dies verlief in möglichst heiterer Stimmung, denn die früheren Erinnerungen wurden fern gehalten, und Graf Waldemar ließ sich die Unterhaltung der beiden Großvater besonders angelegen sein. (Schluß folgt.) Goldkörner. Der Mensch weint oft im Schlaf; wenn er erwacht, weiß er kaum» daß er Thränen hatte Dafür halte das Leben. Im zweiten weißt Du nicht mehr, daß Du im ersten geweint. Jea» Paul. Gott ist das Licht, das selber nie gesehen, alles sichtbar macht und sich in Farben verkleidet. Nicht Dein Auge empfindet den Strahl, aber Dein Herz dessen Wärme. Jean Paul- Das ist ein süßer Trost dem Menschenfreunde, Daß alles, was nur lange wo bestanden, Und sei's der Tod, — vom menschliche» Gefühl Stets wiederholt gefaßt und stets gemildert, Sein nnhsitfchweres längst verloren, wenig Bedeutet, ja oft schön und menschlich ist, Geschmückt mit jenen jegenjchweren Blumen, Die treu in Gott aus alle Tage streut. Leopold Scheser. Begegne jedem Bösen zart und sanft! Begegn' ihm hilfreich, denn du kannst kaum denken, Welch' schmählich Sein er trägt, wie viel er Kraft Verschwendet, um sich ausrecht in der Fülle Der Edleren zu hallen. Leopold Scheser. Hätte die Kahe Flügel, kein Sperling wäre in der Luft mehr: Hätte, was jeder wünscht, Jeder, wer hätte noch was? Herder. Echterrrach und die Spriirgprocessiorr. (Schluß.) Ueber den historischen Hintergrund der Echternacher Springprocession ist viel geschrieben worden; geschichtlich Verbürgtes liegt nicht vor. Die Forschungen sind zu den seltsamsten, manchmal geradezu abgeschmackten Erklärungsversuchen gekommen. Der 1755 gestorbene Historiker Bertholet erzählt in seiner Geschichte des Großherzogthums, bald nach St. Willibrordns Tod sei, der Legende nach, eine Viehseuche ausgebrochen, die sich in ganz tollen Springen und Capriolen geäußert habe. Zur Abwehr des Uebels habe man gelobt, tanzend und springend zum Willibrordus-Grab zu wallfahrten. Der geschichts- kundige Pros. Marx sieht die Erscheinung in seiner Geschichte des Erzstists Trier als ein Echo des 1349 aufgetauchten Flagellantenthums an. Der Tanz ist indeß schon vor den Flagellanten nachweisbar. Anderseits ist der Tanz ein lustiger Dreisprung, der den Gedanken an Büßersinn nicht aufkommen läßt. Servatius Ottler, ein Chronist der 46 « Abtei Prüm hebt 1623 die Möglichkeit hervor, daß es sich um das Ueberbleibsel eines heidnischen Brauches handele. Professor Krier, früher NeligionSlehrer in Echternach, jetzt Regens des Convicts in Luxemburg, schließt sich dieser Ansicht in seiner 1871 erschienenen Abhandlung über „die Springprocession" an. Geschichtlich steht fest, daß der Tanz als Ausdruck der Freude wie des Dankes einen Theil des heidnischen Gottesdienstes bildete. Tief eingewurzelte Bräuche vermochte auch das Christenthum nicht zu verdrängen. Darum begnügte man sich, ihnen einen christlichen Gedanken unterzuschieben. Etwas der Echter« nach» Procession Aehnliches berichtet Montalembert in den Mönchen des Abendlandes. Der h. Aldhelmus, der Begründer des Klosters Malmesbury, ein Zeitgenosse des heil. Willibrordus, wurde bei der Rückkehr von seinen Missionsreisen unter den rhytmischen Tänzen der zusammengeströmten Bevölkerung in Empfang genommen. Ganz so mag es in Echternach gehalten worden sein, wenn Willibrord von seinen vielen Bekehrungsreisen zum Pfingstfest in die Mauern der von ihm in's Leben gerufenen Abtei wieder einzog. Die Tänze, welche man bei seinen Lebzeiten zu seinem Empfange veranstaltete, hat man nach seinem Tode zu seinem Grabe als Ausdruck freudiger Verehrung fortgesetzt. In der Volks-Tradition findet diese Combination eine Unterstützung nur in so weit, als nach ihr das Entstehen der Procession jedenfalls in das Zeitalter Willibrord's zurückreicht. Im Uebrigrn habe ich bei meinen Nachfragen in den verschiedensten Bevölkerungskreisen — so weit sie sich überhaupt unterrichtet zeigten — meist den Bescheid bekommen, die Springprocession gelte als Bittgang gegen den Veitstanz oder gegen die Epilepsie. Als solcher sei er eingeführt worden zur Zeit der Veitstanz-Epidemie. Neuestens spricht sich auch Professor Marx für diese Lesart aus. Aber auch hier ist zu antworten: die Pro« crssion existirte schon vor der Veitstanz-Epidemie, die allerdings in der Mitte des 14. Jahrhunderts in Luxemburg und dessen weitester Umgebung geherrscht hat. Und dann — es liegt etwas geradezu Ungereimtes in dem Gedanken, man habe ein Uebel abwehren wollen durch Nachahmung der Zuckungen und Bewegungen der unglücklichen Kranken. Da klingt ungleich poetischer eine andere Version. Danach wäre „der lange Veit" der Schöpfer der Procession. Er lebte zu Willibrordus Zeit. Von einer Wall» fahrt in's gelobte Land kehrte er nach langer Gefangenschaft bei den Mohammedanern ohne feine inzwischen gestorbene Gattin zurück. Die Güter des Todtgeglaubten waren von den Verwandten vertheilt worden. Um deren Herausgabe abzuwehren, wurde Veit beschuldigt, seine Gattin ermordet zu haben. Das Gottesgericht entschied gegen ihn. Veit sollte am Galgen sterben. Als letzte Gnade bat er sich aus, seine aus dem Morgen- lande mitgebrachte Geige spielen zu dürfen. Veit spielte und spielte. Die Volksmenge wurde durch die Töne wie bezaubert. Mit einem Schlage sing Alles an zu tanzen Groß und Klein, Männer und Frauen, Richter und Henker, und schließlich gar Ochs und Pferd, Katz und Hund. Nichts vermochte sich dem Zauber zu entziehen. Der Spielmann verschwand. Der Tanz dauerte fort, insbesondere bei den habgierigen Verwandten Veit's. Willibrord brach den Zauber. Die von dem Uebel Befreiten erblickten in dem Vorgang einen Hähern Fingerzeig für den ungerechten Nichterspruch. Als Sühne wurde die Springprocession eingeführt. Natürlich, diese Sage ist Dichtung. Als innerlich und geschichtlich berechtigte Erklärung erübrigt eigentlich nur die Annahme, daß die Springprozession ihrem Kern nach ein in ein christliches Gewand eingekleideter heidnischer Brauch ist. Wenn Herr Professor Krier sich auf diesen Boden stellt und dabei doch für die Procession begeistert, so läßt sich das wohl nur voin Gesichtspunkt eines nicht ganz unbefangenen Local-Patrkotismus erklären. Nicht als ob allen Bräuchen der Garaus gemacht werden soll, deren Wurzeln in die Zeit des Heidenthums zurückreichen. So wird sich gewiß Niemand an der anmuthigen Christbaum-Feier stoßen, obwohl die heidnische Jul-Feier bei ihr Pathenstelle vertreten hat. Der Echternach» Springprocession läßt sich etwas Sinniges oder äußerlich Schönes beim besten Willen nicht abgewinnen, Interessant ist, daß die in Echternach jetzt noch bestehende Springprocession bis vor stark hundert Jahren auch in der gleichalterigen Abtristadt Vrüm in der Eifel genau 433 in derselben Art und Weise stattgefunden hat. Durch Decret des letzten Trierer Kurfürsten Clemens Wenzeslaus und durch Verordnung des Weihbischofs von Hontheim vom Jahre 1777 wurde für Prüm wie für Echternach „das bei den Processionen übliche Tanzen und Springen" als „unschicklich" verboten. Gleichwohl hat Echternach die Spring« procession 1802 wieder aufgenommen. In Prüm hingegen hat sich nur noch eine Bitt« procession erhalten. Der echte Frommsinn würde keine Einbuße erlitten haben, wenn man in Echternach dem Prümer Beispiele gefolgt wäre. Zweifellos würde sich die jetzige Gestalt der Procession ganz von selbst verlieren, wenn ihr geschichtlicher Hintergrund genügend bekannt wäre. Theorie und Praxis. „Was Unsinn!", sagt zum Hans der Veit, „Noch nach dem Tode fort zu leben?! Ha, dazu bin ich längst schon zu gescheidt, Aus solche Thollheit noch etwas zu geben! Ei, hin ist hin, gerade wie beim Thier, Und drum, je bälder, um so lieber mir!" Piff, paff! kracht da des Jägers Schuß, Die Kugel hatte säst des Veiten Kopf errathen, Und Veit, voll Schrecken darüber und Verdruß, Läuft zu verklagen ihn, — zum Advokaten! C. Halb eck. Mtseellen. (Eine Stunde mit einer Todten.) Im Pariser „Figaro" berichtet ein Mitarbeiter Jgnotus, hinter welchem Pseudonym sich ein Baron Patel verbirgt, unter dem spannenden Titel: „Eine Stunde mit einer Todten" über einen nur wenig bekannten Frauenorden, die „barfüssigen Klarissinnen", denen er eine unbegrenzte Bewunderung widmet. Diese Klarissen haben im Jnvalidenviertel ein Kloster, das nur 18 Nonnen und einige Laienschwestern für ihre Bedienung zählt. Vierzehn der Nonnen sind unter dreiundzwanzig Jahre alt; denn die Regel ist so streng, daß die meisten Bewohnerinnen des Hauses jung sterben. Sie tragen ein rauhes Wollkleid mit einem Strick als Gürtel, gehen das ganze Jahr barfuß auf kalten Steinböden, wärmen sich niemals an einem Feuer, da sogar der Küchenherd außerhalb des ihnen zugänglichen Bereichs liegt, essen nur einmal des Jahres, am Weihnachtstage, Fleisch und sonst nur eine geringe Gemüsesuppe, schlafen auf einem Brett, das einen Meter im Geviert hat und ein Ausstrecken der Glieder nicht gestattet, unterbrechen ihre sechsstündige Nachtruhe durch zweistündiges Gebet, knieen zehn Stunden des Tags in der Kapelle, leben von Almosen und dem Ertrag ihrer Arbeit, die sie neben den religiösen Uebungen verrichten, dürfen unter sich nur die unerläßlichsten Worte sprechen und gewöhnen sich auch diese oft dermaßen ab, daß die Äbtissin dem sie durch einen eisernen undurchsichtigen Schieber in der Wand interviewenden Jgnotus versicherte, mehr als eine ihrer Nonnen wäre heute nicht mehr im Stande, einen Satz zu bilden. Die Insassen des Klarissenklosters gehören größten- thrilS vornehmen Geschlechtern an. Sie dürfen mit der Außenwelt gar nicht mehr verkehren und sich ihren Eltern nur einmal im Jahre durch das Gitter der Kapelle aus der Ferne zeigen. Wenn eine der Nonnen stirbt, so wird sie von ihren Genossinnen in den Sarg gebettet und dieser auf die Grenze der Klausur gestellt, wo die Behörden die Todtenschau im leeren Zimmer vornehmen können. (Zur Erinnerung an Theodor Körner.) Vor 70 Jahren, nämlich am 18. Juni 1813, wurde bekanntlich Theodor Körner zu Kitzen schwer verwundet. Die den am Boden Liegenden zuerst auffand und zur Rettung des Dichters die geeigneten Schritte that, war ein lOjähriges Mädchen. Die Helferin in Todesnöthen lebt heute noch als 80jährige Frau in Grvßzschocher bei Leipzig, und zwar in kümmerlichen Ver- — 440 — hältnifsen. Schriftsteller Dr. Karl Siegen hat nun Gelegenheit genommen, von diesem Umstände den deutschen Kaiser in Kenntniß zu setzten und demselben die Bitte um Unterstützung der alten Frau — Therese Haubenreißer ist ihr Name — auszusprechen. Da« Vorgehen ist von gutem Erfolg begleitet gewesen, denn der Kaiser hat sich bewogen gefunden, der Therese Haubenreißer auf Lebenszeit eine monatliche Unterstützung auszusetzen, welche auf Veranlassung des k. preußischen Gesandten zu Dresden, Grafen von Dönhof, am 18. Juni zum erstenmale durch den Ortsgeistlichen von Großzschocher, Superintendent vr. Michael, ausbezahlt worden ist. * (Eine königliche Verordnung.) Friedrich der Große, „der alte Fritz", erhielt einmal von dem Magistrat« einer kleinen märkischen Stadt F. die unterthänige Anzeige, es habe der Tischlermeister N., wohnhaft in selbigem Orte, „Gott gelästert, den König geschmäht und den Magistrat beleidigt", weßhalb ein hoher Magistrat um gestrenge Bestrafung des Delinquenten ersuche. Die Antwort des Königs lautete folgendermaßen: „Daß der Tischler N. Gott gelästert hat, ist nur ein Beweiß, daß er ihn nicht kennt, — daß er Mich geschmäht hat, vergebe ich ihm, aber, daß er sogar den hohen Rath der Stadt F. beleidigt hat, dafür soll er — eine halbe Stunde nach Spandau." (Festung bei Berlin.) (Opernsängergeschichten.) Die „W. Abdp." schreibt: In Theaterkreisen erzählt man sich zwei unglaubliche, aber wahre Opernsängergeschichten. Ein Baritonist gerieth kürzlich bei einer Diskussion über „Faust" so sehr in Eifer, daß er behauptete, Gounod's Oper sei älter als die gleichnamige Tragödie. Kürzlich, bei einer Aufführung des „Orpheus", wurde ein Tenorist von einem Kollegen aufgefordert, nach der Loge eines hochgestellten Herrn zu blicken, da sich Gluck in derselben befinde. Der Tenorist richtete sein Opernglas, sah hin und sagte: „Nach der Photographie habe ich mir Gluck jünger vorgestellt." .... Das Alles macht wohl die Hitze! (Eine hübsche Anekdote von einem charakterfest en Politiker) erzählt der „Figaro". Es war unmittelbar nach dem Staatsstreich des Jahres 1851. Ein Republikaner, der seit 1848 einen ziemlich hohen Posten in einem Ministerium bekleidete begegnete auf der Straße einem Freunde, der in der Seinepräfektur angestellt war. „Ich habe soeben meine Demission gegeben," ruft er erregt dem Freunde zu, „ich hoffe, daß Du auch die Deinige geben wirst." Nach einer kurzen Pause der Ueber- legung antwortet der Freund höflich: „O bitte, die Deinige genügt mir!" (Amerikanisches.) In einigen Countyblättern des amerikanischen Westens fand sich vor Kurzem eine Anzeige, in welcher in pomphaften Reklamestiel die „billigste Nähmaschine der Welt" zum allerdings erstaunlich billigen Preise von 1 Mark osferirt wurde. Gar manche brave Farmersfrau, die auf den offenkundigen Schwindel hereingefallen, erhielt von dem inserirenden „Fabrikanten" — eine Nähnadel zugesandt. (Im Gebirge.) Baron: „Sagt mal, Bäuerin, wie bringt Ihr denn das Muster auf dem Kuchen so schön fertig? Ihr habt wohl ein eigenes Instrument dazu?" — Bäuerin: „O na, Herr Baron, dees macht ma mit'm Kämpe (Kamm)!" Sinngedicht. „Es bringt doch gar zu viele Müh'n, Sich Geist und Herz zu bilde», Und manches muß von dünnen zieh'n, Was lieb und werth wir hielten I" Du möchtest wohl in aller Nutz Des Lebens Weisheit kriegen? — Sahst Du beim Hobeln niemals zu, Wie da die Spähne fliegen? E. Halbeck. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. Max Huttler. »ur „Äugslmrger PostMmg." Nr. 56. Samstag, 14. Juli 1883. Des Försters Enkelkind. Original'Novelle von Mary Dobson. (Schluß.) Nach dein Mahl unternahmen Anna und ihr Großvater Kohring, mit dem sie, da er fortwährend von Bergmann's in Anspruch genommen worden, noch kein vertrautes Wort gewechselt, einen Spaziergang durch den Garten, indeß Graf Waldemar dem Laitd- kammerrath Gesellschaft leistete. Nach einigen gegenseitigen Fragen und Antworten begann sie: „Großvater, laß mich nun auch wissen, auf welche Weise Du die Einwilligung der Gräfin erlangt-" „Das ist schnell erzählt*, entgegnete Förster Kohring, sein Enkelkind, das ihm schöner und stattlicher noch als sonst erschien, voll Liebe betrachtend. „Ich wußte von Waldemar daß der Besuch sich auf einige Tage entfernt hatte, und wollte diese zur Ausführung meines Planes benutzen, als Dein Brief ankam, der, wie Du denken kannst, Deine Tante und mich mit großer Freude erfüllte, denn wir hatten kaum geglaubt, daß sich die Sache hier so schnell entscheiden würde, was jedoch für alle Theile das Wünschenswertheste war. Am folgenden Tage also fuhr ich nach Steinhorst, ward von der Gräfin angenommen, ich trug ihr mein Anliegen vor, während Frau und Fräulein von Stein sich im nächsten Zimmer befanden." „Sie ließ mich kaum ausreden, und erklärte entschieden, wenn auch nicht unfreundlich, daß ihr Enkel keinen bürgerlichen Namen in die Familie bringen dürfe, daß er diese Kindheits- und Jugenderinnerung aufgeben, und eine reiche, ebenbürtige Gattin wählen müsse! — „Frau Gräfin", entgegnete ich ihr auf diese Erklärung» „meine Enkelin würde keinen bürgerlichen Namen in Ihre Familie bringen. Sie hat besonderer Verhältnisse wegen bisher nicht den ihrigen geführt, und dieser lautet Anna Thusnelda von Bodenwald, als welche sie nebenbei ein sehr reiches Mädchen istl" „Von Bodenwald!" ertönte es von den Lippen der Damen im nächsten Zimmer, die, wie mir nicht entging, in sichtlicher Aufregung näher traten, während die Gräfin überrascht fragte: „Kennt Ihr diesen Namen?" Fräulein Constanze erröthete lebhaft, ihre Muttter jedoch erwiderte: „Ein junger Mann, den wir in Schlesien kennen gelernt, führt ihn. Er steht in k ! i in Garnison und hat sich uns zuerst auf den, Balle vorstellen lassen I" Die Gräfin sah ihre Enkelin an wie ich es gethan, und mochte ungefähr dasselbe was ich denken. Dann aber sich mir wieder zuwendend sagte sie: »Herr Förster, lassen Sie mich wissen, weshalb Ihre Enkelin bisher den Namen Herseld und nicht ihren eigenen geführt?" Ich erzählte ihr die Geschichte Deiner Eltern, wie ich sie Dir und Waldemar er- 442 zählt, und es entging mir nicht, baß die drei Damen mit der größten Aufmerksamkeit zuhörten. Als ich meinen Bericht beendet, fugte ich hinzu: „Meine Enkelin ist bei ihrem Großvater, und wird seinem Wunsch zufolge zunächst auf Schloß Bodenwald bleiben, wohin auch meine Nichte und ich in den nächsten Tagen abreisen werden!" Die Gräfin schwieg eine Weile, dann aber sagte sie: „Herr Förster, lassen Sie mir noch kurze Zeit zum Ueberlegen —" „Bis morgen werden Sie doch wohl warten können?" „Ja, bis morgen also!" Ich empfahl mich den Damen und ging zu Waldemar, mit dem ich noch wegen seiner Holzungen 'zu sprechen hatte, und theilte ihm auch meine Unterredung mit seiner Großmutter mit, und er — —" „Er wußte, daß nun Alles gut stand", unterbrach lebhaft die Stimme des Genannten, „und daß Du, meine liebe, liebe Anna doch mit der Bewilligung meiner Großmutter die Meine werden würdest?" und nach diesen Worten nahm er ihren freien Arm, denn der andere ruhte in dem ihres Großvaters. „Woher aber konntest Du das wissen, Waldemar?" fragte sie mit glücklichem Lächeln zu ihm aufblickend. „Weil ich längst das HerzenSgsheimniß meiner Cousine entdeckt, die, nebenbei gesagt, Dich liebt und bewundert —" „Mich?" fragte Anna leicht erröthend. „Ja, und weißt Du auch weshalb?" „Wie kann ich — —" „Weil Du vsm Lieutenant von Bodenwald, Deinem Better, so ähnlich bist, den sie liebt. Aber Großvater", wandte er sich an den Förster, ich komme Dir zuvor —" „Erzähle nun das Ende, mein Sohn, das Du ebenso gut weißt wie ich-" „So laß es mich hören, Waldemar", sagte Anna schnell und mit einem leichten Anflug von Ungeduld im Ton, und fröhlich lachend erwiderte Graf Steinhorst: „Das klang ja wie in alter Zeit, Anna, wo der etwas blöde und schüchterne Waldemar so gern die Wünsche und Befehle seiner weit selbständigeren Gefährtin erfüllte!" Auch Anna und der Förster lachten und Letzterer sagte: „Aber Waldemar Du wolltest — —" „Nichtig, Großvater", entgegncte munter der junge Mann, „Anna sollte wissen, wie sie nun doch zur Gräfin Steinhorst wird! — Meine Großmutter und Tante hatten lange Unterredungen, was mir nachher Constanze anvertraute, und das Ergebniß der Unterredungen war wahrscheinlich die Hoffnung, durch seine Enkelin den Landkammrrrath für die Verbindung seines Neffen mit Constanze von Stern zu stimmen. Meine Großmutter ließ mich wenigstens am Abend in ihr Zimmer kommen und theilte mir mit, daß unter den veränderten Verhältnissen sie meinem Glücke nicht entgegen sein wolle und meine Verlobung mit Anna von Vodenwald zugebe, für welche Zustimmung ich ihr sehr dankbar die Hand küßte. Zwei Tage später waren wir unterwegs hierher — —" „Und nun bin ich Deine Braut, Waldemar!" sagte voll Liebe zu ihm aufblickend Anna, und während er zärtlich seinen Namen um sie schlang, fuhr sie fort: „Es ist seltsam, daß ohne mich zu kennen, Constanze von Stern mir ihre Zuneigung zugewandt, die ich übrigens theile, wenngleich ich sie ebenfalls nur einige Male in der Kirche gesehen!" „Hoffentlich werdet Ihr Euch bei persönlicher Bekanntschaft immer besser gefallen", sagte Graf Waldemar» „denn Constanze ist mir eine sehr liebe Cousine und wird auch Deinem Großvater gefallen!" Förster Kohring kehrte mit seinen beiden Enkelkindern in's Schloß zurück, doch war im Wohnsaal, wo sie namentlich von Thusnelda mit großer Ungeduld erwartet wurden, der Landkammerrath noch nicht erschienen. Nach einer Weile ließ er Kohring zu sich bitten, und dieser leistete sogleich seiner Aufforderung Folge. Sie blieben lange beisammen, aber 443 Niemand erfuhr je, was sie gesprochen. Als aber endlich Anna voll Sorge um ihre beiden Großvater leise das Zimmer betrat, in dem schon Dämmerung herrschte, sah sie, daß beide Männer sich die Hände gereicht und Thränen über ihre Wangen Herabflossen. Einen Moment stand sie schweigend und tiefbewegt vor ihnen, dann neigte sie sich auf diese Hände herab, berührte sie mit ihren Lippen, küßte dann die Thränen von den Wangen ihrer Groszväter, und sagte nur ihnen vernehmbar: „So hat's kommen müssen!" — Ihr seid versöhnt — ich habe meinen Namen wieder, und segnend sehen meine Eltern vom Himmel auf uns herab!" Der Landkammerrath faßte die Hand seines ehemaligen Försters noch fester und jagte leise und mit tiefer Bewegung: „Haben Sie Dank, Kohring, das; Sie mir diesen Engel erzogen! — Sie wird der Trost, die Freude und der Stolz meiner letzten Tage sein!" XXIV. Länger als ein Jahr ist vergangen, und in Schloß Bodcnwald bereitete man sich zu einer Doppelhcchzeit vor. Das eine Brautpaar ist des Schloßherrn noch schöner erblühte Enkelkind, und Waldemar Graf von Stsinhorst, das zweite der Lieutenant von Bodenwald und Constanze von Stern. Der junge Majoratserbe hat seinen Abschied nehmen müssen, um sich in der Be- wirthschastung seiner Güter hineinzuarbeiten, auf Anna's Verwendung hat der Land- kammcrrath seine Verlobung mit Constanze von Stern zugegeben, die seitdem verschiedentlich auf Bodenwald gewesen, und sich die Liebe des greisen Gutsherrn und seiner Enkelin crworkem Zu der Feier sind bereits verschiedene Gäste angekommen; zuerst die beiden jungen Männer, deren Bräute in Bodenwald sind, die Gräfin Stsinhorst, welche Anna, die einige Male in Vahrenwalir gewesen, schon als Enkelin begrüßt; Fratz von Stern, die Anna mit besonderer Zuvorkommenheit behandelt, denn sie weiß, wie mächtig sie für ihre Tochter gewirkt, Förster Kohring, seine Nichts und Christine, und Sophie Dörner und Thusnelda, welche ihre Fericnreise zur Hochzeit verschoben. , Der Festtag war herangekommen, die Trauung sollte in dem großen Saal des Schlosses vollzogen werden, und dieser ist reichlich mit Grün und Blumen geschmückt. An der einen Seite war ein Altar errichtet worden und vor diesem stand der Geistliche des Dorfes, welcher die feierliche Handlung vollziehen sollte und im Kreise warteten Diejenigen, welche der feierlichen Handlung beiwohnen wollten und voll Spannung nach der Thür blickten, durch die die Brautpaars erscheinen mußten. Endlich wurden die Flüge! geöffnet, man hatte wohl. selten zwei schönere Paare an den Altar treten sehen, und der Landkammerrath konnte sich voll Genugthuung sagen, daß kau n, eine edlere Erscheinung als die seiner Enkelin den kränklichen Kranz und Schleier getragen. — , Die Trauung war vollzogen, und als Mann und Weib nahmen der Graf und die ^räsin Steinhorst, neben Herr und Frau von Bodenwald Aller Glückwünsche entgegen, tiinergnffen von der feierlichen Handlung und dem wichtigen Lebensschritt, den sie soeben gethan. Dann folgte das Hochzeitsmahl — die Abreise nach verschiedenen Richtungen — Graf Steinhorst will seine Gemahlin nach mehreren großen Siadtsn führen, deren Genüsse ihr noch neu sind, Herr von Vodenwald dagegen die Seinigs nach Schlesien, um deren ihm noch unbekannte Geschwister zu besuchen» Nach einigen Wochen kehrts das. letztere Paar von der Hochzeitsreise zurück, nach einigen Monaten das erste, das ebenfalls sich zuerst nach Bodenwald begab, denn Am ' sehnte sich ihren kranken Großvater zu begrüßen. Eine Veränderung, im Laufe des Jahres vorbereitet, war nnterdeß mit dem Aufenthalt verschiedener in diesen Blättern genannter Personen vorgegangen. Förster Kohring hatte seinen Abschied genommen, um mit seiner Nichts, Ehrisiins und Wolf nach Steinhorst zu ziehen, denn Anna konnte sich nicht entschließen flich von 444 ihnen, die ihr bisher im Leben stets nahe gewesen, zu trennen, und Graf Walbeinar, der seinen! jetzigen Großvater und seiner Tante kindlichste Liebe entgegenbrachte, stimmte mit diesem Wunsch überein. — Die alte Gräfin Steinhorst hatte nach eigener Wahl ihren dauernden Aufenthalt in Schönau genommen, und zwar mit ihrer Tochter, Frau von Stern, welche nach Ver- heirathung ihrer Tochter Constanze, das Gut in Schlesien ihrem Sohn übergeben. Der Landkammerrath, welcher seine geliebte Enkelin nur zu gern in seiner unmittelbaren Nähe gehabt, und bis an sein Lebensende behalten hätte, mußte diesem Wunsche, so schmerzlich es ihm auch war, entsagen, und sich damit begnügen, sie in der ihm unerreichbaren Entfernung als Gräfin Stsinhorst glücklich zu wissen nachdem sie ihm das Versprechen gegeben, oft, sehr oft in Bodenwald, ihrer ersten Heimath, Einkehr halten zu wollen, ein Versprechen, dem sich auch ihr Gatte anschloß. Thusnelda und Sophie Dörner hatten daselbst jetzt ihren dauernden Aufenthalt genommen, nachdem die Aerzte erklärt hatten, daß in dem geistigen Zustand der Ersteren nie eine Aenderung eintreten würde. Als ein sehr erwünschtes Geschenk hatte der Graf und die Gräfin Steinhorst dem Landkammerrath ihre Portraits von der Hochzeitsreise mitgebracht, welche genau die Größe und die kostbaren Rahmen der Familienbilder hatten und als beide ihren Platz erhielten, bemerkte Anna neben dem ihres Vaters ein anderes, das Bild einer jungen und lieblichen Frau, und unter diesem stand der Name: „Anna von Bodenwald geb. Kohring." Zunächst diesen! folgte das Bild ihrer einzigen Tochter, bezeichnet als: „Anna Thusnelda Gräfin von Steinhorst, geb. von Bodenwald." Die Reihe aber schloß das Portrait des Grasen Waldemar von Steinhorst, und auf diese Familienbilder, dir letzten seiner Kinder und Kindeskinder blickte der greise Gutsherr mit besonderer Liebe und besonderem Stolz. Goldkörner. ^ Recht ist hüben zwar, wie drüben, Aber dennoch sollst du trachten, Etg'ue Rechte mild zu übeu, Fremde Rechte streng zu achten. Leopold Sche er. Ein Thor, der klaget Slets andere an. Selbst sich anklaget Ein halb schon wsiser Mann. Richt sich, nicht andere klaget Der Weise an. . Herder. Großen Seelen ziehen die Schmerzen nach, wie den Gebirgen die Gewitter; aber au ihnen brechen sich auch die Wetter, und sio werden die Wetterscheide der Ebene unter ihnen. Jean Paul. Aus den Wolken muß es fallen, Aus der Götter Schooß dies Glück, Und der mächtigste von allen Herrschern ist der Augenblick. Schiller. Wie der Schatten früh am Morgen, Ist die Freundschaft mit dem Bösen: Stund auf Stunde nimmt nur sie ab. Aber Freundschaft mit dem Guten Wächset wie der Abendschatten, Bis des Lebens Sonne sinkt. s Herder. Eifersüchtig sind des Schicksals Mächte, Voreilig Jauchzen greift in ihre Rechte. Den Samen legen wir in ihre Hände, Ob Glück, ob Unglück ausgeht, lehrt das Ende. Schiller. Empfindsame Briefe aus Brückenau. Von Karl Felix. 4. Brief. Der schrille Klang einer Glocke weckt mich ans meinen Träumen, — es ist Mittagszeit, die schrecklichste Stunde des Tages! Ich kann inir nichts Abgeschmackteres und Zuwidereres denken, als eine rndls ck'kwte! Meine Seele dürstet nach Freiheit, ich möchte einige Wochen so ganz in stiller Nahe genießen, losgelöst von allen Fesseln, die das Leben dem Menschen nur zu ost aufbürdet und hasse den Zwang, den eine dumme Mode mir auferlegt, nicht essen zu dürfen, wann es mich freut und was mich freut, ja nicht einmal mich hinsetzen zu dürfen, wo es mich freut, sondern just da, wo es dem Kellner beliebt hat, meine Serviette hinzulegen! Eine unheimliche Stille herrscht, ein Curgast nach dem andern kommt, sagt kurz „Mahlzeit" zu feineni Nachbar und jetzt sich nieder. Die Speisen neiden aufgetragen. Statt dem Flüstern der Blätter und dem Gesang der Vogel, der mich vor wenigen Alinuten noch entzückte, höre ich jetzt nur das Klappern der Teller, das Klirren der Gläser und das Geräusch von Messern und Gabel». Es sind erst sehr wenige Curgäste hier, wir sitzen zu 13 an der Tafel! Ich habe nur links einen Nachbar, rechts sind leere Stühle. Bin ich nun der erste oder der dreizehnte? Schreckliche Frage für einen nervösen Menschen! Mein Nachbar ist eine unzugängliche Natur; er spricht fast nichts nnd wenn er etwas sagt, ist es stets irgend eine beißende Bemerkung. Er ist der personificirte Sarkasmus! Obgleich er in keiner guten Haut zu stecken scheint, so liest er doch in allen Blättern zuerst die Todesanzeigen, um zu erfahren, ob nicht Einer gestorben ist, dessen Tod ihm Aussicht auf Beförderung bietet. — Mißtrauisch blickt Eines auf das Andere und hie und da flüstert Einer dem Nachbar etwas zu, denn^laut zu reden getraut er sich in dem kleinen Saale nicht, er erschrickt vor dem Ton seiner eigenen L-timme nnd will nicht, daß der ganze Tisch weist, was er gesagt hat. Der joviale Doctor gibt sich alle Mühe, eine Unterhaltung in Fluß zu bringen, aber es gelingt ihm nicht, man kennt sich ja nur dein Namen nach und bis man sich endlich genauer kennen lernen würde, müssen die Meisten schon wieder fort und machen Andern Platz, die Dich wieder nicht kennen und mit mißtrauischen Blicken betrachten. Da fährt endlich nm halb 2 Uhr der Postomnibus vorbei. O sei mir gegrüßt, du Netlnngsengel, — vielgeliebter Dons ox maobiua! Man bekommt Zeitungen und Briefe, fliegt sie hastig durch, nnd ist aus Augenblicke sich selbst wiedergegeben. Wenn die Krachmandeln nnd ante« diluvianischen Rosinen verzehrt sind, geht der Kellner mit einem Teller unheimlich von Gast zu Gast, die Markstücke klirren und rufen Dir freudig zu: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan, der Mohr kaun gehend Doppelt schon isl's Nachmittag, wenn die schreckliche Stunde der tabks cl'llote überstanden ist, im Walde. Ich gehe auf mein Lieblingsptätzchen und ruhe aus. Horch! Was tönt da auf einmal zu mir herüber? Was sind das für Laute? Ein leises Flüstern und Zwitschern, dann ein mächtiges Brausen, — inzwischen langgezogene weiche Töne, wie von eiuer menschlichen Stimme!? — Ich nähere mich dem Orte, von wo die Töne kommen, — es ist die Cureapelle, welche morgen zum erstenmal spielen wird und eben eine Probe hält. Ich lausche, — es ist eine jchwermüthige Weise, die sie gerade spielt und «nein Herz eriüllt ein unendliches Heimweh. Unter allen schönen Künsten ist die Musik die älteste und treueste Gefährtin im menschlichen Leben. Schon im Paradiese werden sich die ersten Menschen am Gesänge der Vogel erfreut haben. Der Säugling, dessen Bewußtsein noch kaum erwacht ist, wird durch ein leises Lied feiner Mutter in sanften Schlaf gewiegt und dem müden Greise, der diese Welt verlassen hat, rufen ernste Orgelklänge noch den letzten Abschiedsgruß nach; bei den Tönen der Musik hüpfen glückliche Paare durch den erleuchteten Saal und bei den Tönen der Musik stürmt der junge Krieger begeistert in die Schlacht! Hymnen ertönen zum Lob und Preis des Unendlichen, die Cherubim singen ihr „heilig, heilig," und die Posaunen wecken die stillen Schläser zum jüngsten Gericht! Die Musik vermag Freude und Trauer, Sehnsucht und himmlischen Frieden zu schildern, sie vermag ein krankes Gemüth zu besänftigen und eine zagende Seele anzufeuern, nur ein unedles Gefühl wachzurufen, vermag sie nicht. Sie ist darum auch die keuscheste der schönen Künste! Hanslick jagt in einem Feuilleton der Neuen freien Presse: muß es doch gerade Dichter und Schriftsteller, welche ihr Leben der inhaltreichsten „Kunst, der Kunst des Wortes und Gedankens, gewidmet, tief verstimmen, wenn sie allenthalben „die Bevorzugung der Musik, dieser Kunst der schönen I »Haltlosigkeit zu erfahre» haben." Dieser Ausspruch des berühmten Musikkritikers hat mich, als ich ihn seinerzeit las, frappirt. Gerade diese sogenannte „schöne Jnhaltlosigkeit" ist es ja eben, was der Musik alle Herzen öffnet! Die Werke der Plastik können mich durch ihre Formenschönheit entzücken, aber ich muß eben einen Sinn sür Formcnschönheit haben; die Farbenpracht der Malerei und die Bilder, die sie hervorzaubert, können mich begeistern und zu Thränen rühren, — die Werke der Poesie können meinen Geist erheben und meine Seele erschüttern, aber es sind ganz bestimmte Gefühle und Empfindungen, welche diese beiden Künste hervorrufen und ich muß ^ine» gewissen Grad von Empfänglichkeit haben, um gerade in diesen, künstlich wachgerufenen Gefühlen schwelgen zu können. Die Musik dagegen ist eine Sprache, die Jeder versteht, dessen Gefühlsleben nicht völlig erstürben ist, auch wenn er nicht musikalisch gebildet ist, — sie läßt der Fantasie den sreiesten Spielraum und ist eine Jakobsleiter, 446 die vorn schmutz der Erde in die himmlischen Gefilde führt. Wo der Pinsel des Malers und die Feder des Dichters zu schwach und zu arm sind, den Gefühlen, die das Men- schcnherz bewegen, Ausdruck zu verleihen, da thut es noch eine sanfte Melodie, ein einziger sterbender Accord! Sage ich vielleicht zu viel? O dann nimm es mir nicht übel, geneigter Leser, — dann sind nur meine Nerven daran schuld! Ich wollte keinen übcrjchwänglichen Panegyrikns schreiben, aber eS empört sich mein Inneres und meine Ueberzeuaung, wenn man mir eine Inseriorität der Musik, den anderen Künsten gegenüber, einreden will^ Es ist viel leichter, ein schönes Gedicht zn machen, als ein schönes Lied zn componiren, und was der Komponist hervorbringt, das schöpft er aus seinem eigenen Innern, während dein Dichter das menschliche Leben Stoss in Hülle und Fülle bietet. „Greift nur hinein in's volle Menschenleben, „Und wo ihr's packt, da ist es int'ressant!" 5. Brief. Soeben bringr mir der Postbote eine Einladung von Paul Heinzs in Dresden zum Abonnement auf das „Teutsche Dicbterhcim". Wie eine Todinnde lasten meine gestrigen Erpectorationen auf meiner Seele! Was wird Paul Heinzs dazu sagen? Wird er mich in Zukunft nicht für einen Tnnnnkopf oder exaltirten Schwärmer halten? Werde ich in seiner Achtung nicht meilentief gesunken sein? — Doch ich tröste mich, Paul Heinze wird diese Briese schwerlich zn lesen bekommen und die Andern, welche vielleicht mitleidig über meine Anschauungen lächeln, wissen ja gar nicht, iver der „Carl Felix" eigentlich ist. Es kommt in der Welt unendlich viel darauf-an, wer etwas sagt oder thut. Sagt's z. B. der A., so hält man es snr ein geistreiches Lvmgn, sagt's aber der B., so schwört Jeder darani, es sei eine Flachheit. Auch Paul Heinze macht's in seinem Dichterhenn nicht besser und nimmt manches ziemlich werthlose Gedicht auf, wenn nur ein berühmter Name darunter steht, während er dasselbe Gedicht mit einer bethenden Kritik zurückweisen winde, wenn der Autor unbekannt ist. So war's übrigens in der Welt immer, und so wird» immer bleiben! Schon dcr Lateiner sagt: „81 clno kaeinni iäem, nvn est iüenr" und „Unoäliovi lovi, nonlioetbovi." Die Philosophen haben das Privilegium, das Dümmste zn beweisen und die Gebildeten haben das Privilegium, ungebildet zn sein! Doch zurück zn meinem lieben Brückcnan! — Ich wandle einsam am User dcr Sinn und pflücke Vergißmeinnicht und Maßliebchen. Die Töne sind verklungen, aber das Heimweh, das sie heroorgcrnscn, ist geblieben! Jst's anch noch so schön hier, so fühle ich mich doch verlassen. Schon im Paradiese sprach Gott der .Herr zn Adam: „Es ist nicht gut, daß dcr Mensch allein sei, ich will dir eine Geflihrlin geben" und schuf die Eva. Für mich braucht nicht einmal eine Eva erst geschaffen zn werden, ich Habs ja schon längst eine, — nur das; sie nicht hier ist, sondern viele Meilen von mir entfernt in meinem stillen kleinen Häuschen in Sie muß kommen, dann erst kann ich die Schönheit dieser Wälder, die Reinheit dieser Luft voll und ganz genießen, — dann werde ich jauchzen und jubeln und keine trüben und empfindsamen Gedanken werden mich mehr besclüeichen! Finit're hinaus, kleines Blätichsn, und rufe sie an meine Seite! Ich lege dem Briese die Vergißmeinnicht vom User der Sinn bei und zerpflücke die Maßliebchen, die ich vorhin gesammelt. „Sw kommt" — „sie kommt nicht" — „kommt" — „kommt nicht."-beim letzten Blättchen heißt es: „sie kommt" und jubelnd kehre ich heim! — 6. Brief. Die Physiognomie des Badeorts hat sich in den letzten Tagen mrsenilich verändert: es sind nun mehr Gäste da, die tadlo ü'IuUo findet in Folge dessen in den prächtigen Räumen des imposanten Cnrsaales statt und wer nicht daran thsilnehmen will kann jederzeit ä, In, vnrto, speisen, die Cnr- capcile spielt 3 mal täglich, es wird mnsicirt, gekegelt, tarroclt und getanzt, es werden Ausflüge gemach-, — ein heitereres Leben hat begonnen! Trotzdem kann derjenige, der die Stille und Einsamkeit sucht, stundenlang in den prächtigen Wäldcrn spazieren gehen, ohne gestört zn werden. Ich suhle bereits die gute Wirkung des rtahlwnsssrs und der vorzüglich eingerichteten Stahlbäder, maz auch dcr Dortor in * über das Brückenancr Wasser spötteln, wie er will. Doch, geneigter Leser, Du weißt ja noch nichts vom Doctor in und ich muß Dir deshalb eine kleine Episode erzählen. Es war auf der Fahrt von Jossa nach Brücken»!:. Ich ließ den Kutscher in Zeilloss halten, um ein Glas Bier zn trinken, denn ich war von der langen Fahrt an einem heißen Tage durstig geworden. Mein Kutscher war ein gesprächiger Mann, mit dem ich mich unterwegs vortrefflich unterhielt. In Zeilloss nun saß ein Herr an unserm Tisch und das Gespräch kam natürlich auch aus Brnckenan. Der Herr äußerte sich sehr geringschätzend über die Wirksamkeit der dortigen Stahlgnelle und meinte, Brnckenan sei ein recht schöner Aufenthalt snr Gesunde, jedoch keineswegs ein Bad snr wirklich .Kranke, da die dortige Quelle zn schwach sci, um irgend eine Wirkung zn erzielen. Nun war es wirklich interessant, zn hören, mit welchem Feuereifer mein Kutscher das Ärückenaner Wasser in Schutz nahm und wie cr die Argumente des fremden hü-rrn zn widerlegen suchte. Wenn er seine Gegenargumente vorgebracht hatte, kam als Schlnßbombe stets der Refrain: „König Ludwig I. hat gesagt: „in meinem Königreich gibt es nur ein Bad, und das heißt Brnckenan", woraus der fremde Hcrr regelmäßig erwiderte: „König Ludwig Hai von Bädern nichts verstanden!" Ich mischte mich nicht i» dieDiscussiou, denn ich wollte Brückeuau erst aus eigener Erfahrung kennen lernen, ehe ich sür oder wider Partei ergriff. Es iväre mir übrigens, auf Grund der chemischen Analyse, welche i» der Bndeschnst des lle.Wchner enthalten ist, sehr leicht gewesen, die Theorien des sremden Herrn zu widerlegen, denn bei denn gegenwärtigen istand der Wissenschaft ist man schon langst davon abgekommen, ans der Quantität des Eisenoxyd»!?, welches eine Quelle enthält, absolut aus deren Wirksamkeit zu schließe». (5s müssen verschiedene Faktoren znsamme nvirken. Die Quantität des Eisens, welcle das menschliche Blut benöthigt, ist so gering, das; der Gehalt des Brückenaner Wassers vollständig ausreicht. Die Wirksamkeit einer Stahlgnelle beruht nicht lediglich auf dem Eisengehalt, sondern auf den Mischungsverhältnissen der sämmtlichen festen Bestandtheile und aus dem Gehalt an freier Kohlensäure, welch' letztere die Abjorblionsfähigkcit steigert. Gerade in dieser Hinsicht ist aber das Brückenaner Wasser unschätzbar und übertrifft viele andere, stärkere Stahtguellen. Führt man dem Körper zu viel Eisen zu, so ist der Ueberschns; einfach unnütz, weil er von den innern Organen nicht absorbirt wird, oder sogar schädlich, weil er Verdauungsstörungen verursachen kann. Doch, diese Betrachtungen gehören ni - t in ein Feuilleton und ich breche deshalb ab. Als ich wieder fortgefahren war, fragte ich den um den Ruf des Bades so sehr besorgten Kutscher, wer denn der fremde Herr eigentlich gewesen sei. Er erwiderte mir: „Der Doctor von * " (einem nicht sehr weit von Brückenan entjernten Orte). Damit war mir Manches klar! Wäre in Brückenan kein Badearzt, dann würde der Herr Doctor vielleicht ganz anders gesprochen haben! Ich mußte später noch oft lachen, wenn ich an den Disput dachte. Mit dem Doctor bin ich leider nicht mehr zusammengetroffen. Ich hätte ihm gerne meine Erfahrungen und Ansichten auseinandergesetzt, ohne mich auf die Autorität König Ludwig's 1. zu stützen! Vielleicht bekommt er diese Zeilen zu lesen! 7. Brief. Nun ist's aus mit der „Empfindsamkeit" aber auch — mit den „empfindsamen Briefen"! Meine Eva ist angekommen! — Lebe wohl, geneigter Leser! Bist du nervenschwach oder blutarm, oder sehnst Du Dich »ach den Mühen und Sorgen d:S täglichen Lebens, nach den Aufregungen, die dein Berns vielleicht mit sich bringt, darnach, einige Wochen in stiller Abgeschiedenheit, in reizendem äoloe bar uioirts selig zu verträumen, so komme hicher in dieses Eldorado. In der hehren Pracht der Natur, die sich ringsum entfaltet, in diesen herrlichen Wäldern, wo unter hundertjährigen Buchen und tausendjährigen Eichen so viele traute, liebe Plätzchen winken, wird Dein Körper erstarken und Dein Gemüth sich beruhigen. Hängst Du an den eitlen Vergnügungen dieser Welt, an dem Sinnenrausch des Augenblicks, dann freilich ist Brückenan nichts für Dich, — dann gehe in eines jener modernen Lnxnsbäder, wo der äußere Glanz maßgebend ist, wo Du Jmal des Tages die Toilette wechseln mußt, um salonfähig zu sein und wo Du jalich sein mußt, um Dir aus wenige Wochen falsche Freunde zu erringen! In Brückenan herrschen noch einfachere Sitten und nur die Natur entfaltet hier ihre ganze Pracht. Diese alle und treue Freundin des Menfchen macht aber keinen Unterschied zwischen hoch und nieder, zwischen arm und reich, sie schließt Jeden mit gleicher Liebe in ihre Arme und theilt an Jeden, der ihre Reize zu würdigen versteht, die gleichen Gaben aus! (Anni. d. Red. Der Versasser vorstehende/Briefe hat sich bereit erklärt, durch Vermittlung der Redaction allen denjenigen, welche sich für einen Aufenthalt in Brückenan interessiren sollten, nähere Mittheilungen über die dortigen Verhältnisse w. zu machen.) M r s s e L L § rr. (Die S i in p e l f r a n z e n.) Als Gott das erste Menschenpaar — Erschuf vor so und so viel Jahr, — Da setzt er es in's Paradies, — Das damals an den Himmel stieß — Und sprach zu ihnen: „Lehet hier, — Da habt Ihr allerlei Gethier: — Den Löwen, Tiger und das Nind, — Und wie die Namen alle sind, — Und all' das Viehzeug, wie sich's regt, — Das Haar hinein in's Antlitz trägt, — Auf daß ein Jeder sehen kann, — Daß er gehört dem Thierreich au. — Damit man unterscheiden werd' — Den Mensch von einem Hund und Pferd, — So traget, ich macht's Euch zur Pflicht, — .Das Haar stets frei aus dem Gesicht." — Als d'rauf der liebe Gott verschwand, Eva hart an 'nein Büchlein stand. — Sie blickt hinein und sah mit Graus — Auf ihrer Stirn ein Löckchen kraus, — und eingedenk des Herren Wort — Schob heftig sie die Löcklcin fort, — Daß ihre Stirne klar und frei — Und nicht durch Haar verunziert sei. — Doch heutzutagl dn lieber Gott! — Niemand mehr kennet dein Gebot! — Den alle Eva's, groß und klein, — Zieh'n sich das Haar in's Antlitz nein! — In Löckchenform, bald g'rad, bald krumm — Im Zickzack auch, 's ist gar zu dumm —> Klebt man sich an die Stirn das Haar — Manchmal bis auf die Augen garl — Und 448 diese Haartracht nie gekannt, — Sie wird mit Stolz „Isis IianZs" genannt. — „Vangs" Jede trägt, Gott sei's geklagt. — Prinzessin so wie Küchenmagd. — Die Frau dagegen lob' ich mir, — Die als der Zierden schönste Zier, — Ihr reiches Haar in Flechten legt — Und frei aus dem Gesicht es trägt; — Die kühn des schnöden Brauches lacht — Der „Bangs", und sie mit Muth veracht't, — Die halt' ich werth, — Auf solche Frau'n — Wird stets der Mann verehrend schau'n. (Die Grazer sind loyale Unterthanen, aber schlechte Dichter.) Der Kaiser Franz Joseph bereist jetzt die Provinzen der Monarchie und kommt auch nach Graz. Zu seiner Begrüßung war nun ein Triumphbogen errichtet, auf welchem die folgende, so „sinnige" wie „formvollendete" Inschrift prangt: „Was vor sechsmallmndcrt Jahren Unsere Väter zugeschwore». Wird der Enkel stets bewahren, Sleirer's Treu' geht nicht verloren. Volkes Liebe, Volkes Treue, Das sind Habsburgs feste Mauern, Die sich häuten (?) stets auss Neue Und die ewig sollen dauern." (Enttäuschung.) „Aber liebe Schwester, Dein Unglück existirt wahrscheinlich nur in Deiner Einbildung." — „Meinst Du? Du hast einen Rath geheirathet und bist Näthin geworden, die Schwester hat einen Major geehelicht und ist Frau Majorin geworden, ich habe einen Wittwer geheirathet und glaubte Wittwe zu werden, aber wie schrecklich habe ich mich getäuscht!" (Auf dem Exerzierplatz.) Ein Unteroffizier, etwas entfernt stehend, comman- dirt: „Rechtes Bein aufwärts fü-ü-ürht!" — Ein Rekrut, nicht gut deutsch verstehend, hebt das linke Bein auf. Der Commandirende sieht in der Front zwei Beine dicht nebeneinander und ruft: „Himmelkreuzdonnerwetter, welches Rindvieh hebt da beide Beine zugleich auf?" (Jeder nach seiner Weise.) Herr: „Nun, wie urtheilen Sie über das neue Trauerspiel?" — Dame: „Ach, wir haben uns köstlich amüsirt. Ich habe so geweint!" Die Quelle -er Natur. Ich weiß eine Quelle gar köstlicher Art, Die sprudelt und schäumet in lustiger Fahrt; Sie lockt dich am Morgen zu kühlendem Bad, Sie spület von Sorgen die Stirne dir glatt. Hoch spritzt an mein Fenster das köstliche Naß. — Wen kann es noch halten im dumpfen Gelaß? Aus Straßen und Thoren in?» Freie hinein. Zu schlürfen, zu schlürfen den herrliche» Wein! Wer sollt' es nicht wissen, wie lang' es auch her: Einst floß uns die Quelle gleich wonnigem Meer, Wir sanken in Blumen, versanken im ^Uee, Der Himmel stand endlos auf endlose^ See. Dann ebbte die Woge zu Fluß und zu>Bach: Statt goldener Weile ein enges Gemach, Statt gaukelnder Falter auf blumiger Trist In modrigen Blättern die krimmelnde Schrift! Und ging der Gedanke dir Grübelndem aus, So grüble nicht weiter: nur fort aus dem Haus, Und trink' an.der Quelle der schönen Natur; Dort reist dir die Weisheit aus schwellender Flur. Und wuchsen die Sorgen dir über das Haupt, So ruhe, von rauschenden Wipfeln umlaubt, In heiliger Stille, vom Murmeln nmkost Der kühlenden Welle mit lieblichem Trost. Doch heisa, juchheisa! nun geht es hinaus, Nun jubelt es: „Ferien! die Schulen sind aus!" Nun schmetterl's im Walde so fröhlich und hell, Nun stnrmt's zu dem alten, urewigen Quell. Und wie du dich grämest und kümmerst und bangst, In zehrender Trauer, in nagender Angst, Ö steig' zn den Bergen, dort sprudelt dir hell, Jungkrästig entgegen der heilende Quell. Wann immer auf Erden dir Bitt'res geschah, So rufe die Sonne, die Sterne dir nah, Und trink' an der Quelle, die überall springt, Was Tugend und Freude des Lebens dir bringt! L. v. Heemstede» Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Hnlller. Nr. 57. 1883, »m „Äilgslmrger PostMnng." —- — « « > >- Mittwoch, 18. Juli Ein Jahr Uogenieben. Von Georg Numüller. „Ach, ich bin des Treibens müde! Was soll all' der Schmerz und Lust? Süßer Friede, Komm', ach komm' in meine Brust!" Die Abendsonne sandte ihre noch immer glühenden Strahlen auf den menschenleeren,' baumlosen Marktplatz der mitteldeutschen Stadt G. ...» als sich an einem Fenster des Eckhauses das Gesicht eines Mannes blicken ließ» der ungeduldig Jemanden zu erwarten schien. Man hätte dieses Gesicht nämlich schön nennen müssen, wenn nicht ein beständiges Zucken der Mundwinkel und stetes Aufflackern der Augen Zeugniß gegeben hätten von einem unruhigen, friedlosen Geiste, der den ganzen Menschen beherrschte. Darum konnte man auch den Pros. Paul Graf wohl für vierzigjährig halten, obwohl er erst in dem Jahre stand, das man in der Negel als Beginn des Mannesalters bezeichnet. Das „„gescheitelte lange Herabwallende Haar und ein etwas struppiger, blonder Bart, in dem sich bereits einige graue Sprößlinge zeigten, gaben Zeugniß, wie wenig deren Eigenthümer bemüht war, die Leute im Betreff seines Alters auf anders Ansichten zu bringen. Was lag ihm an der Meinung der Welt. Für ihn war die Welt todt, soweit sie nicht seine Elsa und sein Kind umfaßte. Für diese nur lebte er, ihnen gehörte seine ganze Liebe, all sein Sinnen und Trachten. Und doch brannte noch ein anderes Feuer in der Brust des Mannes — ein heißes Sehnen nach Ruhe und Friede. Doppelt empfand er diese Quak, wenn seine Lieben fern von ihn, weilten, um in milderer und reinerer Luft Erholung zu suchen. — Auch heute erschien ihn, die Welt doppelt öde, sein Dasein fried- und freudloser als je. Jetzt verließ er das Fenster und begann hastigen Schrittes in dem Zimmer auf und ab zu wandeln. Dieses, ein großes Helles Gemach, zeigte auf den ersten Blick seine Bestimmung. In der Mitte stand ein großer, eichener Schreibtisch, die Wände bedeckten Bücher und Kupferstiche, welche Begebenheiten aus der Geschichte oder Illustrationen zu deutschen Klassikern darstellten. Die Ecken zierten die Büsten unserer Geistes- herocn. Neben einer halbvollendeten Arbeit lag auf dem Schreibtische Goethe's Faust aufgeschlagen. Draußen läutete die Abendglocke und lud zum Gruße der Jungfrau ein, in der das Wort Fleisch geworden. Paul nahm das Buch zur Hand und murmelte Faust's Worte vor sich hin: Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir sehlt der Glaube, Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind Zu jener Sphäre wag' ich nicht zu streben, Woher die holde Nachricht tönt. Und doch, an diesen Klang von Jugend aus gewöhnt, Ruft er auch jetzt zurück mich in das Leben. Sonst stürzte sich der Himmelsliebe Kuß Aus mich herab in ernster Sabbathstille, Da klang so ahnungsvoll des Glockcntones Fülle. Und ein Gebet war brünstiger Genuß. *) Nachdruck ohne Erlaubniß verboten. 45b Da meldete sich statt des sehnlichst erwarteten Briefboten ein Mann, der nach sorgfältiger Erkundigung, ob er an die richtige Adresse gelangt sei, einen wohlversiegelten Brief übergab, mit der Bitte, dessen Einhändigung zu bescheinigen. Hastig erbrach Paul das Schreiben, und nachdem er einen Blick in dasselbe geworfen, händigte er die Bestätigung dem Ueberbringer ein. Dieser, ein süßlächelnder, älterer Mann mit grünlich schillernden Augen, die stets spähend umher schweiften, entfernte sich mit tiefen Bücklingen und fast vertraulichem Blinzeln, indem er baldiges Wiedersehen wünschte. Paul schloß die Thüre ab, um ungestört seinen Gedanken und Empfindungen sich hingeben zu können. Das Schreiben enthielt nämlich — die Auf- nahmsurkunde in den Bund der Freimaurer und zwar in die Loge „Zur Verbrüderung", die seit langer Zeit in der Stadt ihre Thätigkeit entfaltet hatte und in maurerischen preisen in hohem Ansehen stand. Schon vor einigen Wochen hatte Paul um Aufnahme in den Orden nachgesucht; er wollte dort den Frieden finden, den er mit dem Glauben verloren hatte. Jetzt war der erste Schritt in jene unbekannte Welt gethan, die durch Bruderliebe und echte Humanität beseligen sollte. — Und doch wogte es in der Brust des Mannes, wie wenn der eisige Föhn über die Wasser des Sees dahin wirbelt, als er jetzt den Schlüsse! zur Thüre der ersehnten Wahrheit und Bruderliebe in Händen hielt. Er dachte an die Zeit, wo seine liebe, gute Mutter ihm die Hände gefaltet und beten gelehrt hatte, an die Freudenthränen, die sie vergoß, als er zum ersten Male dem Tische des Herrn sich nähern durfte, an ihre Segensworte, die den jungen Studenten bei seinem Abschiede aus dem Vaterhause begleiteten, an den liebevollen Kuß» der ihn beglückte, wenn er am Schlüsse des Jahres ihr das Zeichen seines Fleißes und guten Betragens zeigen konnte, an das Leid, das er ihr verursacht, als er eines Abends, den Lieblingsplan der Mutter ihren geliebten Paul einst am Altare Gott das unschuldige Opfer darzubringen, jählings vernichtete — an die Zeit seiner eigenen Ruhe und des Herzensfriedens, der mir diesem jähen Schritte ihn verließ. Hatte er unrecht gethan, als er das Kleid des heiligen Venediktus ablegte, ehe die Hand des Oberhirten ihn für immer aus der Welt ausschied? Er glaubte recht zu handeln, indem er die Lehre der Kirche mit der Weisheit der Welt nicht vereinbaren konnte. Und doch war ein stilles Sehnen nach der einsamen Klosterzelle ihm geblieben, mitten in der Welt, mitten im rauhen Kampfe um Gründung einer neuen Lebensexistenz. Da hatte er seine Elsa kennen gelernt und ihr holdes Wesen, umwoben vom Zauber der Unschuld, Reinheit und Herzensgüte hatte den unruhigen Mann zum innigliebenden Gatten gemacht. Und als ihm seine Lieb' noch die kleine Lina geschenkt, da jubelte er auf in Wonne und Glück und glaubte für immer Ruhe gefunden zu haben. Allein es war nur die Ruhe vor dem Ausbruch des tobenden Gewitters. Wie der Sturm nach tagelanger Schwüle mit doppelter Heftigkeit Alles entwurzelnd über die Gefilde dahin braust und der Hagel die Hoffnung des händeringenden Landmannes vernichtet, so entfesselten sich mit doppelter Gewalt die Leidenschaften in Pauls Brust und trauernd mußte Elsa sehen, daß all' ihre Liebe nicht die Leere in der Brust ihres Mannes auszufüllen vermochte. Wenn dann, nachdem er die Nacht an seinem Arbeitstische zugebracht hatte oder ruhelos umhergeschweift war, die gerötheten Augen seines treuen Weibes schaute, dann schnürte es ihm wohl krampfhaft das Herz zusammen, dann drückte er seine Lieb an die Brust und suchte mit innigen Küssen die Spuren der Thränen zu vertilgen. In solchen Augenblicken fühlte er wieder den Zauber des hingebenden, reinen Wesens seines Weibes und er gelobte, den Dämon der Unruhe, des Ehrgeizes und Hochmuthes, der ihn stets zu neuem rast- und friedlosen Streben verführte, zu bändigen und nur seine Elsa und seinem Kinde zu leben. Was hatte ihn all sein rastloses Ringen und Streben, sein unruhiges Forschen und Haschen geholfen? Die Ruhe war dahin; die Wissenschaft, die sich so oft selbst widersprach, konnte ihm nicht den Frieden wiedergeben, den einst das Gebet über ihn ausgebreitet hatte. Und was stand vor ihm?! Konnte er zurück? Muhte er vorwärts?! — Lange, lange kämpften die Geister in der Brust des Mannes — endlich erhob er sich. Trauernd war sein Schutzengel von ihm gewichen, triumphirend herrschte jetzt der Geist, der im Paradiese unsern Stammeltern verführerisch zurief: Lritis siout Zeus, seieutos donum et mnlum. (Ihr werdet sein wie Gott, erkennend das Gute und das Böse). _Unterdessen war die leuchtende Herrscherin unserer Erde im Westen verschwunden und finsteres Gewölk lagerte über Stadt und Land, das jedem milden Lichtstreifen des Nachtgestirns den Durchbruch verwehrte. Nur die Gasflammen, die zu beide» Seiten der Straßen und an den Ecken der Häuser flackerten, erhellten nothdürftig das Dunkel. In wuchtigen Stößen warf der Sturm die schweren Gewittertropsen gegen die klirrenden Fenster, während die zuckenden Blitze, von grollendem Donner begleitet, herniederfuhren. Paul setzte sich an's offene Fenster und freute sich des Tobens der Elemente» worin sich sein innerstes Wesen abspiegelte. Die großen Wassertropfen, die der Sturm ihm in'ä Gesicht jagte, sollten ihm Erguickung und Kühlung bringen. Lange nach Mitternacht war es, als er endlich Nuhe suchte. Aber sein schweres Athmen und oftmaliges Stöhnen verriethen, daß quälende Träume ihn drückten und plagten. Er befand sich in zechender» lärmender Gesellschaft. Ein üppiges Mädchen hielt ihn umschlungen, liebkoste ihn und füllte das leere Glas mit schäumendem Wein. Lieder von Liebe und Wein durchbrausten die Halle. Plötzlich, als er gerade das sinnenbestrickende Wesen zu sich heranzog, erschien ihm das Bild seiner Elsa, bleich, abgezehrt, den Tod im Auge. Auf den Armen trug sie ein todtes Knäblein, dessen bleiches Gesichtchen seine Züge hatte. Langsamen Schrittes ging sie auf Paul zu, legte ihn, das Kind auf den Schooß, sah ihn mit bittenden Geisteraugen wie beschwörend an und verschwand. Da begannen die wein» und liebetrunkenen Zecher höhnisch lachend das so schöne, rührende Lied, welches Elsa's weiche Altstimme so oft sang, zu brüllen: Es ist bestimmt in Gottes Rath, Daß man von, Liebste», was man hat, Muß scheide»; Wiewohl doch nichts im Laus der Welt Den, Herze», ach, so sauer sälll Als Scheiden, ja Scheiden! — Und hat Dir Gott ei» Lieb beschcert, Und hältst Du sie recht innig werth, Die Deine; Es wird wohl wenig Zeit um sein, Da läßt sie Dich sogar allein, Dann weine, ja weine! — Mit jähem Aufschrei erwachte Paul, auf dessen Stirne große Angsttropfen standen' Vergebens suchte er das schreckliche Bild zu vergessen. Es beängstigte ihn, bis der neue Tag mit seinem Mühen und Schaffen den »Traum" zurückdrängte. — Noch nie vorher hatte er aber so innig und wehmüthig Schuberts schönes Lied gesungen: „Ich hab' im Traume gcivcinet, Mir träumte, Du lägest im Grab. Ich wachte auf und die Thräne Floß noch von der Wange herab." (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Wem Hoch und Niedrig gleich, gleichviel ist hart und weich, Gleichgiltig Reich und Arm, der ist in Armuth reich. So wie der Weihrauch das Leben einer Kohle erfrischt, so erfrischt das Gebet die Hoffnung des Herzens. Goethe. in jedem Aeußersten entschlossen scheint, And't unerwartet in der Brust ein Herz, spricht man des Frevels wahren Namen aus. Mancher, der i», blinden Eifer jetzt Zu jedem Aeußersten entschlossen schc Schiller. Wahrer und Phantasie-Kaffee. Von vr. I. A. Schilling. Ich muß sofort Anfangs bemerken, daß die wirklichen Kaffeebohnen die Samen des Immergrünen Kaffeebaums sind, dessen Vaterland Abyssinien ist und der dortselbst 8 bis 10 selbst 20 und 30 Fuß hoch wird. Derselbe wird in Pflanzschulen gesät und sechs Monate alt verpflanzt, nach 3 Jahren trägt er Früchte und solche unter günstigen Umständen 20 Jahre lang fort. Im Süden vom Niger bis Sierra Leone wächst er wild und an mehrern Stellen so zahlreich, daß er ganze Wälder bildet. Gebaut wird er auch im glücklichen Arabien und Jemen, im südlichen Vorder- und Hinterindien, — in Java, wohin er seit 1690 aus Arabien verpflanzt wurde in Manila, Sumatra, in West-Indien (dahin seit 1717 gekommen) in Surinam, Brasilien und auf den Südsee-Jnseln. Der Baum verlangt ein beständig warmes Klima von mindestens 18—20° Wärme, wobei das Thermometer nicht unter 1l)0 0. Wärme sinken darf. Ich sage dies, wohl Manchen schon Bekannte deshalb, weil vor nicht langer Zeit ein paar hochgestellte Damen mir auf Ehrenwort versicherten, daß drunten in der bayrischen Nheinpfalz, ganze Felder voll echte wirkliche Kaffeebohnen gebaut würden, — wie man etwa bei uns Saubohnen kaut, daß sie diese gemahlenen Bohnen mit eigenen Augen geschaut, selber daraus bereiteten, sehr wohlschmeckenden Kaffee getrunken hätten und dieser ganz gewiß ein wohlschmeckendes Getränk gewesen. Da alle meine Ueberzeugungsgründe statt die Damen zu belehren, das Gegentheil bewirkten und die Herrschaften böse wurden und mich der Rechthaberei beschuldigten, — so brach ich ab und ließ Ihnen den echten, wahren, selbst sogar in Blumentöpfen, wie auf den Feldern gezogenen, selber mit Augen geschauten Mocca. Glückliche Pfalz! Drum doppeltes „Gott erhalt's. Das Räthsel dieser Behauptung wird sich !m Verlaufe dieser Plaudereien bald lösen. — Ich will nur vorher noch einiges vom Kaffee wie solcher in den botanischen Büchern und auf Ceylon oder in Persien auf freiem Felde steht, — in Kürze berichten. Der Gebrauch des Kasfee's geht bis in die ältesten Zeiten zurück, und zwar nicht als Getränke, sondern — als Speise. Die Gallasstämme (Negervolk im südafrikanischen Tafellande) bedienten sich seiner wohl zuerst, indem sie die gerösteten Bohnen quetschten, mit Butter vermischt zu Klösen geformt aus ihren weiten Zügen als eine nahrhafte und Ausdauer verleihende Speise mit sich führten. Also leibhaftige Kaffeeknödel zur Bereicherung unserer an Klüsen nicht armen Kochbücher. — Dieses prächtige Väumchen mit seinem dunkelgrün glänzenden Laube und seinen blaßweißen wohlriechenden Blüthen trägt in Büscheln stehende Früchte, die unseren Kirschen ähnlich sehen. Das Fleisch wird abgequetscht und der Kern oder Same ist die Kaffeebohne. Zwei Bohnen zusammen bilden den Kern dieser kirschartigen Frucht. Seines Nutzens halber wurde der erst seit 400 Jahren in Arabien als allgemeines Getränk benützter Kaffee vor etwa 150 Jahren von Java aus in die holländischen Kolonien übergepflanzt. Seitdem ist er einer der größte» wenn auch jüngsten Tyrannen unserer civilisirten Gesellschaft geworden. Diese Frucht ist auch immer eine treue Begleiterin des giftigen Tabaks geblieben. Im Anfange des 17. Jahrhunderts zählte Kairo schon 1000 Kaffeehäuser. Von da aus verbreitete sich sein Genuß nach Konstantinopel von woher ihn der Gesandte Mohamed' s IV. an den Hof Ludwig XIV. brachte. Der deutsche Arzt und Reisende Nauwolf hatte in seiner „aigentlichen Beschreibung der Naiß in die Morgenländer 1582" zuerst seinen Landsleuten von diesem Getränke erzählt. In England erstand das erste Kaffeehaus in London 1652 durch einen Griechen Namens Pasqua (Viixinia Gakö Ilouso). In Deutschland breitete sich die Kaffeekneiperei trotz verschiedener Widerstände von Seite der Obrigkeiten rasch aus nachdem er von Frankreich her (erste Kaffeehäuser 1670 in Marseille, 1671 in Paris) Eingang gefunden hatte. An: Brandenburger Hof war der Kaffee schon bald nach dem Jahre 1670 bekannt. In Wien wurde das erste Kaffeehaus 1683 eröffnet, in Negensburg und Nürnberg 1686, in Hamburg 1687, in Stuttgart 1712, in Augsburg 1713, in Prag 1714 und in Berlin 1721 s. >v. Die Gefammt-Production aller Kaffee-Pflanzungen soll für das einzelne Jahr g—700 Mill. Pfund betragen. Man kann sich hieraus leicht einen Begriff machen» welch' große Anzahl von Bäumen hierzu nöthig ist, wenn man erfährt, daß in Brasilien ein Kaffeebaum nur 1'/.,—3 Pfund, in Arabien 5—6 Pfund Bohnen liefert. Daß der Kaffee nicht nur ein Luxusgenußmittel, sondern auch eine Art Nahrungsmittel sei, ist schon oben bei den Kaffeeklösen der Gallasneger angedeutet worden. — Der Kaffee enthält kaffeegerbsaures Kali-Kaffein 3—5"/,,, Legumen (Erbsenstoff) 10^, Fett 10"/o, Zucker 15"^, Salze 6"/., freies Kaffem 0,8"/,.. Durch das Rösten werden die Bohnen leichter, jedoch größer. Sie schwellen nämlich durch die Wärme an und bekommen wegen der brennölig-aromatischen Substanzen, die dabei entstehen, einen Wohlgeruch sowie etwas Bitterstoff. Je nach der Farbe des Röstens verliert der Kaffee mehr oder minder an Gewicht und gewinnt dabei an Umfang. Zum Beispiel ein rothbraun gerösteter Kaffee verliert an Gewicht 15"/„ und gewinnt an Umfang 30".',, kastanienbraun geröstet verliert er 20"/,, an Gewicht, gewinnt aber dafür 60".,, an Volumen; bei dunkelbrauner Rüstung verliert er 25"^, an Gewicht und gewinnt gleichfalls 50"/„ an Masse. Am angenehmsten ist das Aroma, wenn die Hitze nicht größer ist als hinreichend, um der Bohne eine hellbraune Farbe zu geben. Daß weiches Wasser oder der Zusatz von kohlensaurem Natron zum Wasser den Kaffee besser auszieht, kräftiger und wohlschmeckender »'.acht, ist wohl längst bekannt, aber nicht alle Kaffeebereiterinnen kennen dies offene Geheimniß. Der Kaffee wirkt ähnlich auf den Magen wie der Weingeist. Kleine Mengen regen die Verdauung an, größere verlangsamen oder unterbrechen sie. Der Kaffee kann im Magen wie im Blute ein Sparmittel werden. Außerordentlich große Portionen starken Kaffee's wirken giftig und tödtlich durch Herzlühmungsn, wie Fingerhut, Nisßwurz und dergleichen. Bei Mißbrauch des Kaffee's durch allzu häufigen Genuß großer Portionen leidet die Verdauung, das Gehirn wird gereizt, der Charakter des Menschen launenhaft. Doch entstehen auch beim Uebergcnuß von Kaffee nicht jene furchtbaren Folgen, wie nach Weingeistkneiperei, z. B. in Schnaps, wodurch häufig entzündliche Neizungen Krebsbildungen, Willenslähmung, Irrsinn, Selbstmord bedingt werden. Wichtig ist die diätistische Wirkung des Kaffee's auf unsere geistigen Thätigkeiten. Derselbe regt die Phantasie an, jedoch stetiger wie die geistigen Getränke und drängt dabei nicht das Urthcilsvermögen zurück. Im Gegentheile, die Urteilskraft wird dadurch gesteigert, die Sinneseindrücke werden schärfer, es entsteht ein gewisser Drang zu geistiger Produktivität, ein Treiben der Gedanke» und Vorstellungen, eine Beweglichkeit und Gluth in den Wünschen und Idealen, das aber weniger Neues schafft als schon das im Geist Vorhandene lebendiger gestaltet. So wird es uns nicht nur verständlich, warum wir Morgens nach dein Erwachen mit dem Reizmittel des Kaffee's unser Gehirnleben rasch in Fluß bringen und nach dem Essen es antreiben, sondern wir begreifen es auch, warum ein Magen, der mit faden, kraftlosen Speisen angefüllt, ein Gehirn, das von dünnem schlecht ersetztem Blute durchströmt wird, kurz, warum ein Bettler auch nach Kaffee verlangt und sich glücklich fühlt, wenn er Kräftigung aus der Tasse getrunken ohne dabei eine moralische Niederlage zu riskiren, wie beim Schnapsgenusse. Daß man es schon lange gefühlt und gewußt hat, daß der Kaffes nährende Eigenschaften besitzt, geht daraus hervor, daß man in dem schwäbischen Alpendorfe Genkingen 1817, in dem bekannten Hungerjahre, zum ersten Male Kaffee trank, woselbst er aus dem Luxusgetränke der Vornehmen zum Nahrungsmittel der Armen geworden ist, wie dies noch heute bei uns der Fall zu sein pflegt. Ein Kaffee, der aus gleichen Theilen Milch und Kaffeeaufguß besteht enthält sechsmal so viel Nährstoff und dreimal so viel stickstoffhaltige Bestandtheile als die gewöhnliche Bouillon. Daß durch Uebermaß — wie Alles in der Welt, — so auch der Kaffee schädlich wirken kann, bedarf keiner Erklärung. „Im rechten Maß, zur rechten Zeitk" lautet auch hier der Wahlspruch. Wenn gewisse Gelehrte den Kaffee als den Sünden- 454 Lock sür alle möglichen körperlichen, geistigen und sozialen Gebrechen anschwärzten und ihm sogar Buckel und Säbelbeine in die Schuhe schoben, so ist dies übertriebene Narrethei. Der furchtbare Tadel, den sich der Kaffee mußte schon vielfach gefallen lassen, rührt gar meist von Personen her, die aus natürlichen Körperanlagen denselben durchaus nicht vertragen und denen er darum verhaßt ist. So hatte Goethe stets Abneigung gegen Kaffee, weil er bei ihm niederschlagend und mattmachend wirkte, ihn traurig stimmte, seine Eingeweide schwächte und ihn ungeheuer beängstigte. Solche Idiosynkrasien sind jedoch nur Ausnahmen. — Der echte erste und wirkliche, gute, unverfälschte Kaffee verdient also durchaus nicht den Tadel, den er schon seit vielen Jahrzehnten erfahren mußte. Schädlich dagegen, krank und siechemachend wirkt aber der Phantasie-Kaffee, d. h.< ein Kaffee dem Namen nach, der aber mit echtem Java oder Mocca etwa soviel gemeinsam hat, wie etwa ein saurer Seewein mit echter Liebfrauenmilch oder ein österreichisch sogenanntes bayrisches mit dem Münchner Salvatorbier. Auch jene, wenn auch aus wirklichem Kaffee hergestellten Abkochungen, zu denen auf den Liter kaum zehn Bohnen gerechnet werden — der sogenannte Blümchen- Kaffee ist eine mägenverderbende Brühe. — Surrogate für den immer noch ziemlich kostspieligen Kaffee gibt eS in Unmasse und die Industrie hat redlich dafür gesorgt und thut dies täglich noch, um dem selber- wollenden Publikum ein L für ein U vorzumachen; damit dieses seine Mägen täglich bedrohe und betrüge. Ein wirkliches Surrogat für den Kaffee gibt «s nicht; ebensowenig, wie für den Wein, weil kein nachgemachter Kaffee in seiner chemischen Zusammensetzung und in seinen Bestandtheilen auch nur irgend eine Ähnlichkeit mit dem echten Kaffee besitzt. Kein Surrogat besitzt das Koffein oder einen ähnlichen Stoff, der das Wirksame und Charakteristische im Kaffee allein bildet. Während der schlechtere Theil der Armuth in Branntwein zu Grunde geht, stirbt der schwächere und bessere Theil der Armen an den Kaffee-Surrogaten, den gerösteten und gemahlenen Cichorienwurzeln, Runkelrüben, Eicheln und dergleichen. Diese Stoffe enthalten etwas Stärkmehl, Dextrin (Stärkegummi) und Zucker, ja das sogenannte Kaffeeextract ist größtentheils sogar gerösteter Zuckerrückstand (Caramel), könnte also etwas zur Ernährung beitragen, wenn derlei Surrogate nicht noch nebenbei auch Schimmel und andere Produkte fäuliger Gährung aus den Fabriken mitbrächten und nicht eine Fabrik die andere an schöner Verpackung und billigen» Material überböte. — Bekannt ist ja die Geschichte einer Niederländer Fabrik, die eine Prämie von 1000 Gulden für den Nachweis einer Fälschung anbot, während unter dem schönbedruckten Umschlage neben Cichorien pulver auch viele gemeine Torferde war. Der Nährwerth von 1 Pfund Raps-, Mohn- oder Sesamöl ist durschschnittlich zehnmal größer als der von 1 Pfund bester Cichorie und doch kostet diese annähernd halb so viel als Oel. Die Kaffee-Surrogate sind ein diätetisches und nationalökonomisches Unglück, liefern anstatt Nährstoff ein förmliches Spülwasser für Millionen Männer, Frauen und Kinder, die um gleiches Geld auch eine Mehlsuppe mit Fett, Käse oder Bohnen immer mit weit größerem Nahrungsstoffe haben könnten, wenn man es der Mühe werth erachtete, diese diätetische Lotterie wahrzunehmen, die mit ihren Nieten ganze Völker aussaugt, um mit ihren Treffern wenige Producenten zu bereichern. „Bettlerkaffer und Branntwein", sagt Doktor Sonderegger, sind die Schlüssel, die jedes Armen- und Zuchthaus öffnen, Instrumente mit denen die Negierenden den Ast absägen, auf dem sie sitzen. — Kurz und gut; fast keinem einzigen Surrogat kommt irgend etwas von der wohlthätigen Wirkung des echten Kaffee's zu. — Dagegen führen die Surrogate verschiedene Gesundheitsstörungen in ihrer Begleitung. Sodbrennen, Magen» beschwerden, Appetitlosigkeit, fortwährend saurer Geschmack im Munde, Brechreiz im nüchternen Zustande, Verstopfung und zeitweilige schmerzhafte Durchfälle, weiters Muskel- schwäche, Zittern der Hände, unruhiger Schlaf, Krämpfe, Nervenleiden, selbst Blindheit sind die Erscheinungen, welche sich beim fortgesetzten Genusse größerer Mengen von Kaffee- Surrogaten einstellen können und wirklich einstellen. „Ach warum nicht gar sofort „sterben" durch Cichorie", ruft hinter mir die Gattin des Herrn Professors. — „Ohne Eich orie hat der beste Kaffee keine Farbe. Hören Sie nur Doktor! Mein Mann schimpft immer über die Cichorie wie Sie und will durchaus nicht dulden, daß ich solche dem Kaffee zufüge; obgleich ich dies schon heimlich seit Jahren thue. Neulich hatte ich kein derartiges Surrogat zu Hause, braute den besten Kaffee der Welt ohne eines Zusatzes, da begehrte mein Gatte fürchterlich auf, über die schofle, elende, farbverdächtige Cichorienbrühe, obgleich zum ersten Male seit Jahren ich ihm einen echten puren Mocca vorsetzte. — Da haben Sie die Gewalt der „Einbildung." — . „Nun als Farbe verbesserndes Mittel will ich mir schließlich noch eine kleine Portion guten Surrogat's gefallen lassen", erwiderte ich, denn mit Damen, zumal wenn solche schön und außerdem liebenswürdig sind, läßt sich sehr schwer erfolgreich streiten. (Schluß folgt.) Natur und Gnade. Heut' in leichtein Fluge gaukelnd, Ueber blumeuschöne Flur, Heute frei in Lüsten schaukelnd Hoch im leuchtenden Azur, Morgen an der Erde kriechend Farbenblaß und flügellahm, Unter grauem Himmel steckend Und gestorben schier vor Gram. Aber aus den höchsten Kreisen, Wenn die Seele wie verzückt Stammelt des Hosanna Weisen, Dieser Erdenlust entrückt, Muß sie uuauihaltsam wieder, Nach des bitt'ren Urtcls Kraft, Zu des Staubes Kerker nieder, Der ihr so viel Leiden schafft. O Du seltsam Menschenwesen, Zwicgestaltet und zertheilt, Bon den« Uebel nie genesen, Das im Ansang Dich ereilt, Und so göttlich doch erhoben Ueber reiner Geister Schaar, Die den Ew'gen ewig loben, Selig und umwandelbar. Und so geh'» in Furcht und Hoffen Aller Menschen Tage hin; Heute von Verlust betroffen, Lockt uns morgen der Gewinn Wieder auf die alten Psade Des Verderbens immerfort, Wenn erbarmend nicht die Gnade Riese der Erlösung Wort. Diesem laßt uns immer lauschen, Wenn der Fittig müde sinkt, Wenn im Sturm die Meere rauschen Und kein Stern am Himmel blinkt; Sind die Flügel uns zerschlagen, Wieder heilt sie das Gebet: Höher wird die Gnad' uns tragen Als die höchste Sehnsucht geht. L. v. Heemsiede. Mise-llerr. (Die geizigen Ehemänner find die schlechtesten.) Welche Frau wird dieser Theorie nicht beistimme»? Daß aber ein junges Mädchen ihr Verlöbniß bricht, weil ihr Bräutigam ein ökonomischer Raucher ist, dieser Fall allerdings dürfte nicht recht glaublich erscheinen. Und doch hat er sich zugetragen. — Zwei Fraüen reisten vor einige» Wochen mit ihren Kindern, die eine mit ihrem 20jährigen Richard, die Andere mit ihrer 17jährigen Tochter Sofie von Wien nach Karlsbad. Die beiden Frauen kannten sich schon von früher, die jungen Leute haben sich jedoch erst auf der Fahrt kenne» gelernt. Unterstützt durch die Fürsorge der Mütter, hatte sich zwischen den beiden jungen Leuten bald ein Liebesverhältniß herausgebildet und es sollte dasselbe nach beendigter Kur die volle Weihe erhalten durch eine offizielle Verlobung» Darum wurde die Rückfahrt wieder in Gemeinschaft angetreten. Da ereignete sich auf einer Station, wo ein etwas längerer Aufenthalt angesagt war, ein Vorfall, der sonst kaum beachtet wird, dies- _ 456 — mal aber eine sehr ernste Wendung in dem traulichen Verhältniß herbeiführte. Da der junge Mann in der Gesellschaft der Frauen während des Fahrens nicht rauchen wollte, verließ er, kaum als der Nuf des Kondukteurs ertönte: „Zehn Minuten Aufenthalt!" das Koupee und zündete sich eine Cigarre an. Als bald hierauf wieder das Zeichen zum Einsteigen gegeben wurde, löschte er die nur bis zur Hälfte angerauchte Cigarre aus wickelte sie sorgfältig in ein Papierstück und steckte sie zu sich. Die Braut in axo hatte hierbei ihren Zukünftigen beobachtet, und von diesem Augenblicke an — erkaltete wie die Cigarre, auch ihre Zuneigung zu dem Bräutigam. Sie hatte diese Wandlungen, die in ihrem Inneren vorgegangen, vor Niemanden merken lassen; sie bewahrte das Geheimniß in sich mit aller Sorgfalt. Erst zu Hause angelangt, erklärte sie ihrer Mutter, daß sie diesen Richard nie und nimmer heirathen werde, weil er ein Geizhalz sei, denn nur ein solcher werde eine angebrannte Zigarre auslöschen und zu sich stecken. — Wenn nur die schöne Sofie nicht allzu vorschnell geurtheilt hat? Kann nicht Richard auch nur ein passionirter Raucher gewesen sein und die Cigarre ihm besonders gut geschmeckt haben? Unbedingt aber kann sich Richard gratuliren, daß er seine Braut los ist, denn mit dieser Liebe muß es nicht weit Hergewesen sein. (Die historische „Martinswand") wird durch die Eröffnung der Arlberg- bahnstrecke „Jnnsbruck-Landeck", welche am Mittwoch stattfand, allgemein zugänglich werden. Früher war es nur dem kühnen Bergsteiger vorbehalten, den Punkt zu besuchen, auf dem vor vierhundert Jahren Kaiser Mar in Gefahr schwebte. Heute ist dies anders geworden. Wie die Eisenbahn stets Kultur und Bequemlichkeit bringt, ist auch im Hinblick auf den zu erwartenden Fremdenverkehr ein bequemer Pfad in den Stein gehauen worden, und in einer halben Stunde kann man ziemlich bequem die Grotte der Martinswand, von welcher aus man die schönste Aussicht genießt, erreichen. Im Gasthof » Zur Post" in Zirl wohnt sich's gut und bequem, und mit der Eröffnung der Bahn wird der wenig bekannte Ort allmählich ein Zielpunkt des Touristenverkehrs werden. (Weibliche Aerzte.) Die Preisvertheilung an der medizinischen Schule in London hat Gelegenheit geboten, die neue Institution der weiblichen Aezte interessant zu beleuchten. Vor einigen Jahren hatte eine Anzahl Damen die Erlaubniß nachgesucht, einen medizinischen Kursus in den Spitälern hören zu dürfen, und man hatte dieses Verlangen mit. nicht allzu freundlichen Glossen begleitet. Heute gibt es an der Londoner medizinischen Schule 40 Hörerinnen der Medizin, deren Erhaltung und Studium ungefähr 3000 Pfd. St. jährlich kostet, welches Geld durch Subskriptionen und Schenkungen aufgebracht worden ist. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben bewiesen, daß Frauen sich vollkommen zur Ausübung des ärztlichen Berufes eignen und daß man sie mit Vorliebe zu Behandlung von Kindern und Personen ihres Geschlechts ruft. Namentlich in Indien sind die weiblichen Aerzte sehr gesucht, und in Bombay wurden kürzlich 40,000 Rupien votirt zur Deckung der ersten Kosten eines Etablissements für Damen, die mit einem ärztlichen Diplome versehen sind. (Die historische Windmühle bei Sanssouci) hat bei ganz ruhigem Wetter einen Flügel verloren; die anderen sind so morsch, daß sie der Sicherheit wegen entfernt werden müssen. Ob die Flügel durch neue ersetzt werden sollen, will man der Entscheidung des Kaisers Wilhelm anheimstellen, doch glaubt man nicht an Wiederherstellung der Mühle, die sich als solche nicht bewährt hat und lediglich als Reliquie zur Erinnerung an die Gerechtigkeit Berliner Richter und Friedrich des Großen gepflegt wurde. (Schlechte Zeiten.) Mann: „In dieser Zeit ist es schwer, seinen Kopf über Wasser zu halten." — „Frau: das wäre gar nicht schwer, wenn Du den Deinen nicht immer über den Maßkrug halten würdest!" (Schmeichelhaft.) „Der Pfad ist so schmal; wir müssen den Gänsemarsch »Nachen — gehen Sie voran, Fräulein Elsa." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. »ur „Ängslmrger PostMmg." Nr. 58. Samstag, 21. Juli 1663. Ein Jahr Jogenleben. Von Georg Aumüller. Zweites Kapitel. Aus vollen Athemzügen Saug ich, Natur, aus dir Ein schmerzliches Vergnügen. Wie lebet, Wie bebet, Wie strebet Das Herz in mir! Acht Tage sind verflossen. Aus einem einsamen Alpenthale wandelt um Mittag eine Frau, den Weg zur nächsten Eisenbahnstation, die sie unfern erblickt. , Vor ihr hüpft ein etwa vierjähriges Mädchen, und hascht nach den Schmetterlingen, die neckend sie umtanze». Man erkannte auf den ersten Blick Mutter und Kind. Erstere war eine mittelgroße, schlanke Gestalt, deren zarte Glieder von einem grauen, anschließenden Kleide umhüllt wurden. Das Gesicht konnte schon keinen Anspruch auf eigentliche Frauenschön- heit machen, aber aus dem großen, braunen Auge blickten so viel Güte, Liebreiz und fast mädchenhafte Schüchternheit, daß es über das ganze Wesen einen Zauber von Lieb» lichkeit verbreitete, dem Niemand zu widerstehen vermochte. Unter dem breiten, weißen Strohhute quoll eine Fülle brauner Flechten hervor. Jetzt wandte sich das Mädchen, ein liebliches blondes Kind, dessen klarem, fröhlichem Auge man es ansah, daß noch kein Frost des Lebens sich darauf herniedergesenkt hatte, zur Mutter mit der Frage, ob denn der Zug noch nicht bald komme, der den Papa bringen sollte. Als Antwort hörte man das heftige Pusten des Dampfrosses und wenige Minuten später lagen Weib und Kind in den Armen Pauls, der den ersten Feiertag aufgebrochen war, um wieder bei seinen Lieben zu weilen. Wer die Drei jetzt des Weges ziehen sah, hätte meinen können, die Welt trage keine glücklicheren Menschen. Und in der That ruhte auch der Schimmer des beglückenden Friedens auf den Gesichter». Jetzt betraten sie ein einfaches Häuschen, dessen mit Steinen beschwertes Schindeldach kaum über die fruchtbedeckte» Obstbäume hervorragte, die es von allen Seiten dem Blicke verhüllten. Auf der Schwelle empfingen Eva, die treue sorgsame Begleiterin ihrer Herrin und Agathe, die Besitzerin des kleinen Anwesens die Kommenden. Letztere, die einfache, gerade Wittwe eines VolksschullehrerS, der den Tod in der Blüthe seiner Jahre hinweggerafft hatte, bot Alles auf» ihren Gästen den Aufenthalt recht angenehm zu machen. Nun ging es an ein Fragen und Erzählen und Wünschen und Versichern, daß man glauben konnte, die Leute stünden nach jahrelanger Trennung und kurzem Wiedersehen vor einem neuen Abschiede. Die kleine Lina hatte sich an des Vaters Brust geschmiegt und schmeichelte ihm Liebesworte um Liebes- worte ab. Elsa hielt des Gatten Hand in der ihrigen und lauschte in Glück und Wonne seinen Worten. Erst als er von seiner Aufnahme in den Bund der Freimaurer sprach, senkten sich Trauerwolken auf die Stirne des liebenden Weibes aber kein Wort des Tadels kam über ihre Lippen; nur ein leises Stöhnen entrang sich ihrer Brust, als — 4S8 — Paul erzählte, er habe auf die Frage, was er über Unsterblichkeit denke, mit den Worten Göthe's geantwortet: „Das Drüben kann mich wenig kümmern, Schlügst Du erst diese Welt in Trümmern, Die andere mag darnach entstehen. Aus dieser Erde quillen meine Freuden, Und diese Sonne scheinet meinen Leiden; Kann ich mich erst von ihnen scheiden, Dann mag, was will und kann, geschehen. Davon will ich nichts weiter hären, Ob man auch künftig haßt und liebt, Und ob es auch in jenen Spähten Ein Ober oder Unten gibt." Sie hatte den Glauben ihrer Kindheit als theures Kleinod bewahrt und zweifelte nicht, baß sie auch im Jenseits ihren Paul wiedersehen und lieben dürfe. Und als ihr der Gatte versicherte, er wolle jetzt, treu dem Bunde, den er für'S ganze Leben geschlossen, seine Kraft der Erforschung und Verbreitung cher freimauerischen Grundsätze einsetzen, da war es ihr, als schleiche sich eine glatte, kalte Natter in ihr Herz, um es in langsamen Bissen zu ertödten. Doch wiederum unterdrückte das Weib die quälende Angst und flüsterte nur die Worte: „O Paul, wenn doch auch Du Ruhe finden könntest! Schone Dich, denke an Weib und Kind!" Er aber küßte ihr die Sorge hinweg und sprach von baldigem und stetem Glücke, das über sein ganzes Wesen sich werde ausbreiten und an dem sein Weib und sei» Kind sich erfreuen sollten. Kaum hatten am folgenden Tage die wogenden Nebel, welche gleich einer dichten, silberdurchwirkten Mütze die Häupter der Berge bedeckten, in dem Thale hin und her wogten und auf den Fluß und See sich herabsenkten, nach hartnäckigem Kampfe den übermächtigen Sonnenstrahlen weichen müssen, als Paul und Elsa den einsamen Pfad betraten, der sich in vielen Krümmungen zu der Höhe Hinaufwand, wo eine reizende Aussicht die Mühe des SteigenS lohnte, und der Wanderer während der Sommermonate Erquickung durch Speise und Trank fand. Es kam auch selten ein Tag, da nicht einzelne Naturfreunde oder größere Gesellschaften des herrlichen Anblicks sich erfreuten. Von dem kleinen, hölzernen Balköne des Häuschens erblickte man vor sich die ausgedehnte Fläche des See's, in dem sich die eisigen Berggipfel spiegelten. Gegen die Berge-Hin bildete der See eine Menge von Buchten und Busen. Weiter nach rechts konnte ein scharfes Auge sehen, wie er sich allmählig verengert und den Lauf und die Gestalt eines Flusses annahm, der bald in mächtigem Bogen seine schäumenden Wasser in's Thal hinab schleuderte» wo er dann gemessenen Laufes sich fortwälzte. Auf der anderen Seite vermochte der Blick nicht die Ufer zu erspähen, wo seine Wellen brandend anschlugen. Vor sich aber erblickte man in weiter Ferne die Bergketten» deren eisige Häupter hoch zum Himmel emporragten. Auf der Fläche des Sees herrschte reges Leben. Stöhnend durcheilten Dampfer die weite Fläche, während die reichbefrachteten Schiffe der Kaufleute langsamer dahinsegelnd die Waaren verschiedener Länder austauschten. Dazwischen durchkreuzten winzige Boote die Fluthen, geleitet von fröhlichen jungen Leuten, welche des heiteren WellenspielS sich erfreuten. Ernst betrachteten dieses Treiben die Berge, deren düstere Tannenwaldungen sich schwarz im Wasser wiederspiegelten und wie ein riesiger Leichenstein an der Grenze eines weiten Todtenfeldes dem übermüthigen Leben ein Llsmonto moril zuriefen. Dieser Eindruck wurde verscheucht, wenn man die überall zerstreuten grünen Matten und saftigen Triften betrachtete, von denen das Geläute weidender Heerden herüberdrang, noch oft vermischt mit einem fröhlichen Jodler, den der Senne als Gruß in's Thal sandte. — Auf der Höhe herrschte schon ziemlich reges Leben. Es war eine größere Gesellschaft von Herren und Damen aus der nächsten größeren Stadt, die am jenseitigen Ufer — 459 sich ausbreitete, herübergekommen. Unter ihnen traf Paul einen Herrn, den er in G„ dessen Vaterstadt kennen gelernt hatte. Er hieß Ernst Flemming, war der Sohn eines wohlhabenden Gastwirth's in G. und hatte sich nach Vollendung seiner medizinischen Studien in der Seegegend als praktischer Arzt niedergelassen. Nach der ersten Begrüßung und Vorstellung entspann sich bald eine lebhafte Unterhaltung, die von den Vorzügen und der Schönheit des Gebirgs- landes ausgehend, bald auf die neuesten Ereignisse unserer Literatur und des öffentlichen Lebens überging. Während die Damen sich ohne Schwierigkeiten über jedes Urtheil einigten, fühlten die Herrn starken Gegensatz ihrer Meinungen. Der weltgewandte Arzt, der von Jugend auf in und mit der Gesellschaft verkehrt hatte und Sorg' und Kummer nicht kannte, redete der materialistischen, auf Lebensgenuß bedachten Weltanschauung das Wort, während Paul, dem stets seine Bücher lieber als die Gesellschaft gewesen waren, und der sein Leben lang um des Lebens Unterhalt hatte kämpfen müssen, das Verschwinde» jedes Ideals in Wort, Bild, Streben und Leben bedauerte. Besonders erregten die alles Schamgefühl verletzenden Schilderungen weiblicher Reize, nackter Männergestalten und berückender Sinnengenüsse, die von Feder, Pinsel und Griffel verherrlicht, auf allen Bühne» als Kitzel vorgeführt und in Form von Bildern berühmter Meister in allen Städten gezeigt werden, Pauls Unwillen. Es war ihm dabei hauptsächlich um das Aergerniß zu thun, das junge Mädchen (solange sie noch jungfräuliches Schamgefühl besitzen) nehmen müssen, die man schaarenweise zu solchen Frauenfleischbänken und Männermuskelnausstellungen führt. In der größeren Zahl der sogenannten Meisterwerke sah der ernste Paul noch die schamlosesten Vorstellungen unwichtiger Götter und Menschen; Gegenstände, welche die Lust entflammen sollten und sie noch jetzt entflammen. Als der Doktor gerade wieder eine solche nach seiner Meinung mittelalterliche Ansicht lachend widerlegte, näherte sich eine Dame der Gesellschaft, die der Arzt als seine Schwester Friederike vorstellte, und welche er sogleich aufforderte, mitzukämpfen gegen Pauls veraltete, einseitige Stubengelehrsamkeit. Wie durchschauderte es aber den Professor, als er in dem schönen Mädchen die Gestalt und Züge jenes verführerischen Wesens wiederzuerkennen glaubte, das ihm den Tag vor seiner Aufnahme in den Freimaurerorden im Traume erschienen war. Unwillkürlich mußte er seine Elsa betrachten, um das Bild nicht Herr über seine Phantasie werden zu lassen. Der Aufenthalt dort aber hatte ihr ein frisches Aussehen gegeben, daß beim Anblick des lieblichen Gesichtes jeder Gedanke an den Tod verschwinden mußte. Welchen Gegensatz boten aber diese zwei Gestalten! — Es war, als wenn neben dem hohen Stengel einer Lilie, deren Blätter sich gerade zur prächtigen, dustausströmenden Blume entfalten, ein bescheidenes Vergißmeinnicht blüht, das Köpfchen kaum über die Grashalme erhebend. Die hohe Junosgesialt Friederike's, mit den großen, schwarzen ersten Augen und den üppigen tiefschwarzen Haaren, die ruhige Sicherheit konnte wohl Manchen in Zweifel lassen, ob dieser Busen schon das Jauchzen oder Wehe der ernsten Liebe gefühlt, oder ob nicht schon Hymens Band sie mit einem Manne vereinigt habe. Letztere Vermuthung mußte schwinden» wenn man Friederike's Worte lauschen konnte, dann erinnerte man sich unwillkürlich des Dichters Worte: Du bist wie eine Blume, So schön, so hold, so rein, Ich schau' Dich an, und Wehmuth Schleicht mir in's Herz hinein. Mir ist, als ob ich die Hände Aus's Haupt Dir legen soll, Betend, daß Gott Dich erhalte So schön, so rein, so hold. Dieses Gefühl des Entzückens und der Wehmuth, das bei dem Anblicke des herrlichsten Gebildes der Schöpfung, so lange es noch nicht von der Hand des gierigen Mannes entweiht ist, des guten Menschen Brust bewegt, wurde bei Paul noch erhöht, als er sah, daß Friederike, die längere Zeit in einem modernen Pensionate erzogen und 460 dann zu ihrem Bruder übergesiedelt war, in ihren Ansichten von Welt und Leben ganz mit demselben übereinstimmte. Sie verehrte die Gebilde der sogenannten Kunst als Produkte eines gottbegnadigten Geistes, und wenn man auf das Aergerniß hinwies, so entgegnete sie mit Schillers Worten: Sollt ihr zugleich den Kindern der Welt und den Frommen gefallen ? Malet die Wohltust — nur malet den Teufel dazu! Wurde man über dieses Gebiet nicht ganz einig, so war mit Ausnahme der beiden Frauen, die sich mittlerweile in das Haus begeben hatten, um für den Imbiß Sorge zu tragen, die Gesellschaft um so einiger in den Ansichten über Religion. Hatte Paul doch lange hierin Schiffbruch gelitten. Alle drei stimmten überein, daß das Volk allmählig durch Verbreitung von Wissenschaft und Bildung zur Freiheit der Vernunft erzogen werde; der Gebildete aber sich seine Religion auf gleichem Grunde selbst aufbauen sollte. Als daher Paul die Loge als Ideal alles menschlichen Strebens hinstellte, ivo an Stelle des starren Dogmenzwanges und der Eingrenzung der Konfessionen als Hauptglaubenssatz echte Menschlichkeit, Bruderliebe und freie Geistesentfaltung gelehrt werde, da erhielt er den vollsten Beifall des GeschivisterpaareS, das ihni prophezeite, er werde mit solchen Ansichten über Religion bald sich zu ihren Anschauungen von Kunst und Leben bekehren. Jetzt kamen die beiden Frauen zurück, und nachdem man ein einfaches Mahl zu sich genommen, brach man wieder in's Thal auf. Man wollte in dem benachbarten Försterhause den Kaffee nehmen und von da aus den Heimweg, den beide Familien eins Strecke gemeinsam zurücklegen konnten, antreten. Hiezu wählte man den Weg durch den schattigen Wald, der sich bis zum Fuße des Berges ausdehnte. An dessen Ausgang lag, von Bäumen und einem rauschenden Gebirgsbach fast eingeschlossen die Wohnung des Jagdaufsehers, der, wie es in dieser Gegend öfters der Fall ist, Kaffee, kalte Küche und Getränke verabreichte. Während die kleine Gesellschaft so durch die Stille des Waldes dahinschritt, über dem sich tiefer Gottesfriede ausbreitete, senkte sich auch in die Herzen der Wanderer diese Sehnsucht nach Ruhe und äußerte sich bald in dem schönen Liede: Unter allen Gipfeln Ist Ruh; In allen Wipfeln Spürest Du Kaum einen Hauch. Die Vöglein lchweigen im Walde Warte nur, balde - Ruhest Du auch. (Fortsetzung folgt.) Gol-rörner. Der größte Siunengeuuß, der gar keine Beimischung von Ekel mit sich fährt, ist, in gesundem Zustande, Ruhe nach der Arbeit. Kant. Große Eigenschaften haben auch große Laster, oder wenigstens große Fehler zu ihren Waffen trügern. Hippel. Lob befruchtet die Seele, wie den Acker Milder Regen, damit die Saat im ersten Wüchse nicht sterbe. Herder. Des Lebens Zeit ist kurz. Die Kürze schlecht verbringe», wär' zu lang. Wohl kaun die Brust den Schmerz verschlossen halten, Doch stummes Glück erträgt die Seele nicht. Meinen Wurf will ich vertreten, Aber das nicht, was er traf. -Man muß dem Vaterlands, Wie Gott dem Herrn, mit Zucht und Ordnung dienen, Durch treue Pflichterfüllung iin Gesetz. Shakespeare. Goethe. Grillparzer. Raupach. 461 Wahrer und Phantasie-Kaffee. Von Dr. I. A. Schilling. (Schluß.) Betrachten wir nun die berühmtesten unter den zur Mode gewordenen und täglich kenützten Kaffee-Surrogate. Zu den ältesten Kaffee-Surrogaten gehören unstreitig die Eicheln, die Früchte von kuovauo rodur, dann der Roggen und die C i ch o r i e n w u r z. Die Eicheln wurden nach Herodot schon von den alten Arca- dicrn verspeist und Marx hat sie zuerst als Kaffee-Surrogat benützt und angepriesen. Sie enthalten Stärkmehl, Gerbsäure, Zucker, Phosphorsauren Kalk, Kali, Spuren von Kieselsäure und Eisenoxyd, etwas ätherisches Oel und Wasser. — Das durch das Rösten der Eicheln sich bildende brenzliche Oel und die Gerbsäure sind die hauptsächlichsten wirksamen Bestandtheile des Eichelkafsce's, der bei Durchkälten der Kinder, Scropheln, immer noch seine Anwendung in der Volkskinderstube findet. Auch die bei uns allenthalben wildwachsende blaublühende Cichorie, dieser Urtypus der Kaffee-Surrogate — denn vor 30—40 Jahren hörte man beim Volke nur den Schmäheausdruck Cichorie n brühe, um damit schlechte Kaffee's zu brandmarken, — war schon den Alten bekannt und wird von Birgil, Horaz, Plinius, Halsn, und in den Schriften der Araber erwähnt. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts wurde diese rübenförmige Wurzel von OHwrimn in- t)'l)u^, als Kaffceersatz von Holland aus eingeführt und bis zum Jahre 1801 war die Zubereitung dieses Surrogats Geheimniß geblieben. Par »rentier theilte 1806 zuerst das Verfahren, Cichorienkaffee zu bereiten, mit. Es ist gut, daß dieser Ehrenmann heute nicht mehr lebt, um gesteinigt zu werden. In den Jahren 1850—1860 bestes sich die Consumtion der .Cichorie auf sechs Millionen Kilogramm. Im Jahre 1845 führte man in England 4>/,, Mill. Pfund ein, in Frankreich braucht man jährlich 12 und in dem kleinen Fabrikstaate Belgien sogar 20 Millionen Pfund. Die wirksamen Bestandtheile in der gerösteten Cichorie sind das brandige, flüchtige Oel und der bittere Stoff. In mäßiger Menge und mit gute m Kaffee gemischt ist sie der Gesundheit wahrscheinlich! nicht schädlich. Ein häufiger und stärkerer fortgesetzter Genuß aber, — wie zumal dies bei der Armuth üblich ist, — schadet sehr bedeutend dein Wohlbefinden, und das dadurch entstandene Siechthum erbt sich oft fort auf Kinder und Kindeskinder. Andere Aerzte behaupten, daß die Cichorie immer wirklich schädlich sei; — während die übrigen Kaffee-Surrogate nur unter gewissen Bedingungen die Gesundheit beeinträchtigen. Deutsch z. B. in seiner Abhandlung über die nachteiligen Wirkungen der e m p y r e n m a t i s ch e n S t o f f e, C a n- statt in seinen Jahresberichten lassen sich darüber sehr strenge aus, indem sie Sodbrennen, Magenkrämpfe, Schwindel, Einschlafen der Glieder, ja sogar den schwarzen Staar davon herleiten und lassen sich besonders derlei nachteilige Folgen bei alten Cichoriekaffeebasen, die manchmal geradezu in solchen Getränken schwelgen, nicht selten beobachten. Es ist wahr, daß eine kleine Menge gerösteter Cichorie dem Wasser eine ebenso dunkle Färbung gibt als ein guter Theil Kaffee. Ursprünglich wurde sie deshalb in den öffentlichen Kaffeehäusern nur des Gewinnstes der Ersparniß halber, — um einen gutbraunen Kaffee nachzuahmen, eingeführt, weil sie den» Getränke Farbe und Geschmack verlieh. Allmählig gewöhnte sich aber der Geschmack des Publikums an die betrügerische Mischung, manchem Gaumen mundete sie gut und endlich fanden sich zahlreiche Liebhaber an dunklem, bitteren Kaffee. Auf diese Weise wurde sogar die Bereitung des echten Kaffee's von ehrlichen Leuten verschlechtert, indem man um dunkle Farbe zu erzielen, die Kaffeebohnen allzu dunkel röstete, wodurch sowohl die Nahrhaftigkeit wie das Aroma des Kaffee's vermindert werden. — Im Ganzen und Allgemeinen ist der Cichorienkaffee ein ebenso verwerfliches Surrogat wie die übrigen, und dazu kommt noch, daß man selbst dieses schlechte und wohlfeile Fabrikat gar oft nicht einmal rein und unverfälscht auf den» Markthandel antrifft, indem noch andere Surrogate oder Ziegelmehl, Ocker, Erde, Torfpulver zugemischt werden. — 462 — Das sogenannte KölnerKafsee-Surrogat, dessen Bereitung längere Zeit unbekannt blieb und das deshalb sehr theuer verkauft wurde, wird durch Einkochen von 1 Pfund stark gerösteter Gerste mit 2 Pfund Syrup gewonnen. Die Getreidearten als Kaffee-Surrogate sind immer noch allen andern Surrogaten vorzuziehen,.da in ihren Aufgüssen außer «mpyreumatischen Stoffen noch Dextrin (Stärkegummi) vorhanden ist. Man sollte sich aber derlei Surrogate selber zubereiten, — wenn man doch durchaus sich selber betrügen will, — weil solche im Handel fast nur im ungeeigneten Zustand vorkommen und weil man sich dieselben bei nur geringer Mühe weit besser, reiner und billiger herstellen kann. Außerdem wurden und werden zu Kaffee-Surrogaten noch verwendet: Mohrrübe», die Roßkastanien, die Samen von spanischem Wirbelkraut e, geröstete Weintraubenkerne, geröstete Dattelkerne, Erdmandrln, Spargelsamen, Hagebutten, Wurzeln des Löwenzahnes, Wach- holderbeeren.T Vogelkirschen, Brodkrumen, Skorzonerwurzeln, Bucheckern, Mandeln, Mais, Hanfsamen, alle Hülsen fruchte und dergleichen. — Verschiedene Zeiten bringen immer neue Erfindungen auf diesem Gebiete. Die allerneuesten und bestempfohlensten Kaffee-Surrogate sind nun folgende: Das Kaffeepräparat der Wiener Firma Ed. Perger und Comp. Diese Firma hat ein Neichspatent und zwar unter Nr. 10519 auf seine Erfindung erhalten. — Es ist «in Destillat. Dieses wird aus dem Kaffee bereitet, wovon 100 Kilogramm Kaffee 11 Liter geben sollen. Zur Herstellung des Destillats wird der Dampf der in großen Trommeln zu röstenden Kaffeebohnen (marinirter und haverirter) in besondere Behälter geleitet und verdichtet. Dieses Product wenigstens aus Kaffeedunst hergestellt, dient zum Aromatisiren von Kaffeepräparate» und Surrogaten. Der Magdad-Kaffee, Negerkaffee, Oa.15o Kilon ist ein Kaffee- Surrogat, das aus dem zermahlenen Samen der O-rosin oriontnlis, einer in den Tropenländern häufigen Hülscnfrucht, bereitet wird. Die grünen Samen wirken als Brechmittel, — geröstet aber werden sie auch schon in Deutschland als Verfälschungsmittel des gemahlenen Kaffee's benutzt. Obgleich diesem Samen ein gewisser Nährwerth nicht abgesprochen werden kann, da sie ja fettes Oel, Pflanzenschleim, stickstoffhaltige, und stickstofffreie organische Stoffe und zwar an 18"/„ enthalten, so besitzen sie doch durchwegs kein Koffein, den eigentlichen Hauptwerthstoff des Kaffee's. Das sogenannte approbirte Kaffee-Surrogat ist ein halbverkohlter Zucker. Es wurden nämlich in Folge eines Brandes in einer Zuckerfabrik (1678) mehrere tausend Kilogramm gebrannter Zucker billig angeboten und liegt hier wahrscheinlich diese Verwendung jenes durch Brandunglück gebrannten Zuckers vor. Kaffee deN Heims v. Doyer undComp. in Nheims ist ein dem comprimirten Kaffee ähnliches Fabrikat, dem jedoch etwas Cichoriensubstanz zugesetzt ist. Die holländische Kaffee-Essenz in Pulverform soll gleichfalls gebrannter Zucker sein, stammt höchst wahrscheinlich aus vorhergenannter abgebrannter Zuckerfabrik. Döhrens patentirtes Kaffee-Surrogat ist im Wasserdampf erhitzte Getreidefrucht mit vorherigein Zusatz von doppelkohlensaurem Natron. Kaffeeersatz der Firma Leusmann und Zabel in Hanover ist ein Gemisch mehrerer Surrogate mit etwas Stärkmehlstoffen. Dieses Surrogat zeichnet sich durch sehr angenehmen Kaffeegeschmack aus und läßt auch Spuren von wirklichem Koffein wahrnehmen. Pisonis, Kaffee-Surrogat ist das trockne Extract aus gerösteter Cicho- rienwurz, zuweilen mit gebranntem Zucker vermischt. Der comprimirte und patentirteKaffee von Ruch, Chartier und Verlit (Kassel) ist ein sorgfältig gebrannter, zermahlener wirklicher Kaffee, der unter einem Drucke von mehr als 40 Atmosphären in eine den Chocoladetafeln ähnliche Form gebracht ist. (Ist eigentlich kein Surrogat, weil wahrer Kaffee.) 463 — Feigen kaffee, Fugine besteht aus getrockneten gerösteten Feigen, enthält etwa 40"/n Zuckerstoff, 54»/,. Feuchtigkeit. Der homöopatische Gesundheitskaffee von E. Kreplin besteht aus gebranntem Roggen. Der Jamaica-Kaffee soll aus verschiedenen Kaffee-Surrogaten als da sind, geröstete Hülsensamen, Eicheln, Getreidefrüchten zusammengesetzt sein. Der rheinische Frucht kaffee Buch mann's enthält hauptsächlich Lupinensamen. Und nun kommen wir zur Aufklärung des Räthsels von dem ich Eingangs gesprochen habe — von dem „Kaffeebaum" in der Rheinpfalz. Nämlich die Wolfsbohne, Lupine, — von der zwar keine in Deutschland ursprünglich einheimisch ist, welche jedoch im Großen kultivirt und zuweilen in Gärten als Zierkräuter gepflegt werden» besonders aber die gelbe Wolfsbohne (Oupinn luton), die ein sehr hübsches 1 Meter hochwerdendes Sommergewächse darstellt und mit gelben wohlriechenden Blüthen versehen ist, bietet in ihren Samenhülsen Kerne, welche den Kaffeebohnen etwas entfernt ähnlich sehen und als Kaffee vielfach benützt werden. Das Kaffee-Surrogat Behring's auch unter dem Namen Lupinen oder Kraftkaffee bekannt, besteht aus dem ganzen Samen der gelben Lupine, welche Samen durch Erweichung im Wasser zum Theil von ihrem Bitterstoffe befreit, und dann nach dem Trocknen geröstet, sind. Das Verfahren ist patentirt. Dieses Surrogat mit gleichviel Kaffee gemischt gibt ein angenehmes kräftig schmeckendes Kaffeegetränk. Die Bitterstoffe der Lupinensamen sind jedoch von narkotischer, betäubender Wirkung, jedoch in größerer Verdünnung ganz unschädlich. In diesem Krastkaffee sind die Bitterstoffe nur in sehr geringer Menge vorhanden. Die gelbblühende Lupine ist also die deutsche Kaffeebohne. Der M e l i l o t i n - K a f f e e ist eine Mischung von Kaffee — Dattelkernen und Cichorien, geröstet und gemahlen. In England soll dies Surrogat als Fälschung ver- urtheilt und der Verkauf verboten worden sein. DeutscherNatron-Kaffee von Thilo und Döhren soll geröstetes Getreidekorn und Cichorie sein, welche Mischung mit 8»/„ doppelkohlensaurein Natron vermischt ist. — Der Nations« Kaffee der französischen Armee ist ein ähnliches, aber zugleich echten gerösteten Kaffee enthaltendes Fabrikat in runden Tafeln. Der Sintenis- Mocca-Sacca-Kaffee soll ein geröstetes Gemisch aus Getreidefrucht und Matö (Paraguay-Thee) sein. Der Stragal- oder Astragal-Kaffee, auch schwedischer Kaffee, Continental- kaffee genannt, ein vortreffliches Kaffee-Surrogat, besteht aus dem gerösteten Samen der sogenannten Kaffeewicke, ^.atraxalno Iiantieus, auch Bärenschote, Traganth genannt, einer in» südlicheren Europa einheimischen, auch hie und da bei uns cultivirten Pflanze. Der Andalusische Traganth mit gelben Blüthen, ein einen Meter hoch werdender dickästiger Strauch mit citronengelben Blüthen, länglichter Hülse stumpf vierkantig platten Samenkörnern wird an verschiedenen Orten Deutschland's als Kaffeebaum gepflanzt und gepflegt und bildet eine weitere Lösung des Räthsels für unsern deutsch-bayerische» Kaffeestrauch. Der Sudan-Kaffee besteht aus dem gerösteten Samen der sogen. I'arlci» skrilcann, einer in den tropischen Ländern einheimischen Mimosenpflanze. Schließlich muß ich noch eines deutschen Kaffeestrauches erwähnen, den ich selber mit besten Erfolgen aus andere» Gründen mit ebensoviel Glück als großen Erträgnissen anbaute. Es ist dies die Sojabohne oder der Sojakaffee. Dieses Kaffee-Surrogat besteht aus den gerösteten Samen der eigentlich in dem wärmeren Asien einheimischen Papilionacee, Ool alros 8v,ja). Dieser Samen, der die Form von der kleinen gelben rundlichen Bohnenkerne besitzt, enthalten reichliches Fett. Dieses Kaffee-Surrogat ist von F. Auchmann in Marburg in Steiermark in den Handel gekommen. Ich habe diese Sojabohne der berühmten chinesisch-englischen S ojakraft-Sautze wegen angebaut. Werden ja in England alljährlich 12,000 Zentner Sojabohnen zu diesem Zwecke importirt. Dieser schöne ziemlich hoch werdende, vielästige Strauch, der durchaus keine Ähnlichkeit mit einer ander» gewöhnlichen Bohne hat, zeichnet sich durch eine ungeheure Ertragsfähigkeit (auf ein Hektar Land bei der lichtgelben mongolischen Sorte 2177 Kilo ergebend) aus, seine Samen sind sehr nahrhaft und wohlschmeckend, bilden in China und allenthalben, wo dieser Strauch angebaut wird, eine mit Recht höchst beliebte Speise, die bei keiner Mahlzeit fehlt. Keine andere Kulturpflanze producirt so hohen Nährmerth, da diese Bohnen über 34"/y stickstoffhaltige Sustanzen und über 18"/g Fett enthalten. Ueberall, wenigstens in Süddeutschland, sollte man nirgends ermangeln diese Pflanze anzubauen, da man durch sie nicht nur eine höchst-nahrhaste wohlschmeckende Kost, sondern auch ein vorzügliches Kaffee-Surrogat erhält. Die Soja wäre gewiß dir beste unserer heimischen Kaffee-Ersatz-Sträucher. — Miseelleir. (Negerschädel als — Zielscheiben!) Während des kürzlich in Nashville im Staate Tenefsee abgehaltenen Veteranen-Convents war auf der Festwiese ein Stand für Wurf-Uebungen errichtet, auf welchem mit Base-Brill-Kugeln nach Negerschädeln geworfen wurde. Die „Niggers" standen hinter einem mit Leinwand verhängten Verschlage und hatten die Köpfe durch in der Leinwand angebrachte Löcher zu stecken» um den Geschossen als Ziel zu dienen. Jeder Neger erhielt hierfür einen Tagelohn von 3 Dollars, wenn er aber von Schmerz gepeinigt, vor Beendigung des Tagewerks davonlief, nichts. Wir wissen nicht, sollen wir mehr über die Nohheit dieses widrigen Sports oder über die Unthätigkeit der Behörde, die denselben ruhig gestattete, erstaunen. (Ein Dialog auf See.) Zwei Schiffe begegnen sich in der Nordsee auf Hörweite und reden sich durchs Sprachrohr folgendermaßen an: „Wo kommst Du her." „Von Hüll." „Watt heft Du loden?" „Wull!" „Wie is de Fracht?" „Vull!" „Wie heil dat Schipp?" „John Bull." „Und de Kaptein?" „Krull." Da schreit der Fragesteller wüthend zurück: „Minsch, Du bist wul dulll" Wächterlted. Meine Heimath ist ein grauer Thurm, Der Wald umrauscht mich Tag und Nacht: Bei Frühlingsschein und Wintersturm Halt' ich für meinen Herrn die Wacht. Mein Herr lebt freudig bei Prunk und Schmaus Fern in der Stadt; aus harter Streu Beherbergt mich mein Felsenhaus, Doch meinem Herrn dien' ich getreu. Er schaut nicht den Lenz, der mit Schöpserhand Die Wälder schmückt zum Frühlingsmahl, Auch nicht den Herbst, der im Kriegsgewand Durchschreitet das trauernde Quellenthal. Er schaut nicht die Bäche silbern gehen Durch frischer Thäler grüne Bucht, Hört nicht des wilden Nordsturins Wehn, Wie Schlachtruf durch die Felsenschlncht! Er schaut nicht in dämmriger Abendzeit Die Rehlein trinken den kühlen Born, Hört nicht der Bügel Saugesstreit, Wie's trillert und pseist i» Busch und Dorn. Was der Wald sich erzählt, das weiß er nicht, Keimt nicht das Reich von Gnom und Fee, Wo tanzt der Elf bei Mondenlicht, Und die Nixe jubelt im Schiff am See. Er hört nicht der Donner Schauergruß Verhallen an der Felsenwand, Schaut nicht der Blitze Titanenfuß, Der wild zermalmt den Eichenbestand. Wohl gleicht sich alles aus Erden aus, Mit Lust das Leid, mit Schatten der Glanz; ier Fried' und Ruhe, doch Freude draus, nd überall windet Liebe den Kranz. — Drum wohn' ich so gern im grauen Thurm, Jahrein, jahraus, bei Tag und Nacht; Ob Frühlingsschein, ob Winterstnrm, Halfl ich sür meinen Herrn die Wacht! Johannes Hüll. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. ,ur „Äugsburger pojijeitmig?- Nr. 59. Mittwoch, 25. Juli 1883. Ein Jahr Uogrnirben. Von Georg Aumüller. (Fortsetzung.) Da plötzlich störte Hilferuf eines in rasender Hast dahinfliegenden Mannes Wald- ruhe und Gesang. Kaum hatte derselbe den Arzt erblickt, als er mit zum Himmel emporgehobenen Händen den Nothruf der Freimaurer ausstieß und dann wie leblos zur Erde sank. Paul und Ernst stürzten zur gleichen Zeit zu dem Hilfesuchenden, um ihn aus den Händen eines Mannes zu befreien, der sein Opfer würgte, als müsse es den letzten Athemzug aushauchen, ehe die beiden Männer herbeigeeilt kamen. Daß es diesem Manne Ernst sei, bewies sein verzerrtes, wuthentbranntes Gesicht mit den aus den Höhlen hervorquellenden Augen. Jetzt warfen sich die Beiden auf den Rasenden und es gelang ihnen nach hartein Ringen das ohnmächtige Opfer den furchtbare» Händen zu entreißen. — Während der Arzt sich mühte den Ohnmächtigen mit Hilfe der Damen, die während dieses gräßlichen Schauspieles herbeigekommen waren, in's Lebe» zurückzurufen, hielt Paul die Arme des Mannes, a» K-ss-„ Willen es nicht gefehlt hätte, daß jetzt das Blut eines gemordeten Menschen an , ..-eü Händen klebte. Der Arme, bei dem jetzt Ermattung und heftiges Zittern des ganzen Körpers an Stelle der rasenden Wuth getreten waren, machte nicht die mindeste Anstrengung, sich der fesselnden Hände zu entledigen. Auf des Arztes Zuruf, der in ihm den Jagdaufseher, einen sonst gutmüthigen, wenn auch jähzornigen Menschen erkannte, ließ Paul dessen Arme los und befragte ihn, was ihn zu so unseliger That getrieben habe. Stöhnend stieß jener, auf den Ohmächtigen zeigend, die Wort«: „Weiberverführer, Schänder meiner Ehre" auS, dann wandte er sich, ohne ein Wort zu sagen um und wankte seiner Hütte zu. Paul, der neues Unheil befürchtete, folgte ihm dorthin. Seine Besorgniß war umsonst. Nachdem der Unglückliche sich überzeugt hatte» daß seine Frau das Haus verlassen, warf er sich zur Erde, nieder und weinte und jammerte, daß sich die Steine hätten erbarmen können. Endlich, als die Thränensluth seinem itodtwunden Herzen Erleichterung verschafft hatte, erhob er sich und schritt auf Paul zu, der selbst bis zu Thränen gerührt, in einiger Entfernung den Unglücklichen bemitleidet hatte. Stillschweigend nahmen beide auf einer Bank vor dem Häuschen Platz, während zu ihren Füßen die Wasser des Baches in dumpfem Gemurmel dahinrollten, erzählten sie das alte Lied von gebrochener Treue und zerrissenen Herzen dem lauschende» Walde. Jetzt begann der Mann: „Lieber Herr, ich danke Euch von Herzen, daß Ihr mich verhindert habt, ein Mörder zu werden. Jetzt sehe ich ein, daß ich Unrecht gethan hätte, allein Zorn und Nachgier hatten mich meiner Sinne beraubt. Es hätte aber auch ein älteres und kälteres Blut als das meinige rasend werden können. Wie jeden Montag, so ging ich auch heute zu der fast drei Stunden entfernten Oberförsterei, um Bericht über meine Thätigkeit zu erstatten und neue Befehle zu erhalten. In der Regel komme ich dann vor Nacht nicht nach Hause. Heute nun begegnete mir auf halbem Wege ein Holz- 466 macher, der mir im Auftrage meines Vorgesetzten mittheilte, ich solle zu Hause bleiben, da er gegen Abend mit einer größeren Jagdgesellschaft bei mir erscheinen werde. Wie ich nun so durch den Walv dahin schritt, malte, ich mir die Freude aus, die mein Weib haben würde, wenn sie mich so bald zurücksehen werde. Ich bin nämlich erst seit einem Vierteljahre verheirathet, früher war Theres im Dienste bei dem Gutsbesitzer, den Sie vorhin gesehen haben. Der Herr kommt öfters in mein Haus, hat der Theres auch früher und noch jetzt Geschenke gemacht, allein er sagte immer, es sei nur eine kleine Erkenntlichkeit für die guten Dienste, die sie ihm und seinem Hause geleistet habe. Ich glaubte das auch und dachte nichts Schlimmes bis ich heute nach Hause kam und mich überzeugte, daß der Elende mein Weib umgarnt und freventlich in mein Lebensglück eingegriffen hat. Da ward ich von Sinnen, stürzte auf den Räuber meiner Ehre und es begann ein Nennen und Jagen auf Leben und Tod. Ohne Ihre Dazwischenkunft läge der Elende jetzt erwürgt auf der Straße. Neue hätte ich wohl auch dann keine empfunden, allein es ist so besser. Mein Weib, seine Dirne, wird wohl um Hilfe für ihren Buhlen gelaufen sein. Was jetzt kommt ist mir gleich — ich hasse die Welt und die Menschen, die mich so sehr betrogen haben. Am besten wäre für mich eine Kugel aus meiner Büchse, allein meine Mutter würde sich im Grabe umkehren, wenn sie einen Selbstmörder gebore» hätte. Vielleicht erlöst mich unser Herrgott auf andere Weise; wenn ich mein Kreuz trage brauche ich die ewige Verdammniß nicht fürchten." — Tief schnitten diese Worte Paul in's Herz. Hätte wohl auch ihn der Gedanke an feine Mutter, der Glaube seiner Kindheit und die Furcht vor ewiger Pein in ähnlicher Lage vor Verzweiflung geschützt? — Er hatte ja den Glauben verloren. Fast neidisch blickte er auf den Mann, dem sein Lebensglück geraubt worden war, und der nun Gott fein Kreuz aufopferte. Schweigend drückte er ihm die Hand und ging der Stelle zu, ws er die Gesellschaft mit dem Ohnmächtigen gelassen hatte. Dieser hatte sich mittlerweile erholt und bot lächelnd den« Ankommenden die Hände zu Gruß und Dank dar. Paul ergriff Ekel vor dem Menschen, der lächeln konnte, nachdem er der Mörder des Lebensglückes seines Nächsten geworden war. Doch der Grüßende war ja Bruder, er hatte sich durch den Nothruf zu erkennen gegeben und Paul hatte gezeigt, daß er den Bruderruf verstanden. Er beglückwünschte den Geretteten, der sich als Bruder Folger von der Loge „zur Nächstenliebe" in K. vorstellte. Dann tauschte er auch mit Bruder Flemming das brüderliche Erkennungszeichen und versprach, der kommenden Monatsloge, die nächsten Freitag stattfinden sollte, beizuwohnen. Inzwischen »var man an der Wegscheide angelangt, wo die Dame» ihrer Begleiter harrten. Staunend fah Paul, wie Friederike mit Elsa unterwegs Freundschaft geschloffen hatte, sie umarmte und zum Abschiede küßte. Paul grüßte nochmal» dann reichte er seiner Elsa den Arm und beide schlugen den nächsten Pfad zu ihrem stillen Häuschen ein. Der unschuldige Genuß der Natur war dem Professor gründlich verdorben worden. Auch Elsa, obwohl ihr gesagt worden war, der Mensch habe in einem Anfall von Raserei den Gutsbesitzer ermorden wollen, hatte nicht die vorige Heiterkeit des Gemüthes. Der Nothruf des Verfolgten und die Vertraulichkeit mit dem die drei Männer verkehrten, mußte ihr gezeigt haben, daß ein engeres Band sie umschlang. Auch Dr. Flemming hatte auf sie nicht den besten Eindruck gemacht. Selbst Friederike's Freundschaft schien ihr mehr erkünstelt als natürlich zu sein. So kamen die Gatten, jedes seinen eigenen Empfindungen und Gedanken nachhängend, in kurzer Zeit zu Hause an, wo die kleine Lina und ein erquickender Schlaf die trüben Bilder etwas verscheuchten. 467 Drittes Kapitel. „Ja, hinweg mit blindem Aberglauben! Fort mit todten Formen, leerem Wahn! Nur Vernunft und reine Menschenliebe Strebe, wer da denkt, von heute an. Die Vernunft ist Gottes Offenbarung Freiheit ist des Geistes Element, Liebe ist des Lebens schönste Krone, Die die Schranken keines Glaubens kennt. Ehrist und Jude, Heide selbst und jene, Die Geburt dem Koran unterwarf, Alle bilden eine Bruderkelte, Die kein Haß der Priester trennen darf." „Die Loge ist gedeckt" — rief der erste Aufseher, als die Thurmuhr des nahen Münsters in K. eben in wuchtigen Schlägen die neunte Abendstunde verkündet hatte. — „Nachdem die Loge nach innen und außen gehörig gedeckt ist", begann hierauf der Meister von Stuhl, „so wollen wir, meine Brüdrr, zur Eröffnung der heutigen Arbeit schreiten." Dann sprach er, während sich die Brüder erhoben folgendes Gebet: „Allmächtiger Baumeister aller Welten! Segne unsere Arbeit, die wir zu Deiner Ehre und zum Heile der Menschheit jetzt beginnen. Möge Weisheit uns leiten, Stärke uns erfüllen und Schönheit uns begeistern zum erhabenen Werke, die Menschheit zu Dir hinaufzuziehen. Alles Dunkel soll weichen, Licht werde, sei und bleibe auf unserm Stern. Vor allem aber, liebe Vrüder", fuhr er weiter, „haben wir allen Grund, dem allmächtigen Baumeister aller Welten unsern Dank darzubringen, da er auf fast wunderbare Weise unsern geliebten Bruder Folger, den ehrwürdigen Repräsentanten unserer Großloge, den mörderischen Händen eines Wahnsinnigen entrissen hat. Wir Alle wissen, was der Bund an ihm besitzt. Stolz erfüllt uns, eine solche Zierde des Maurerthums als Mitglied der Loge „zur Nächstenliebe" zu besitzen. Vereinigen sich doch in ihm die Tugenden des profanen Menschen mit den höheren des Maurers zu schönem Bunde, so daß er gewiß ohne Uebertreibung das Muster und Vorbild der Freimaurer genannt werden darf. Wer kennt nicht seine echte, reine Humanität, den Ausfluß seines liebenden Herzens, wer nicht seine wahre Frömmigkeit, die freilich nicht zwischen engen Wänden den allmächtigen Baumeister verehrt! Kaum eine Wittwe unseres Bezirkes wird sein, die nicht schon unsers Bruders wohlthätige Hand empfunden hätte. Und was that und thut er nicht Alles, in echtem Maurersinn für die Bildung der Jugend, die da bestimmt ist, einst aus dem Dunkel der Finsterniß herauszutreten und die Fackel der Ausklärung in alle Welt zu tragen! Wer weiß nicht, wie viel ihm unser blühendes Töchterinstitut verdankt, wo durch seine Mildthätigkeit Freiplätze für arme Mädchen errichtet wurden, die dereinst als Gattlnen und Mütter mitwirken werden am großen Baue der Aufklärung der Menschheit. Doch wer könnte die Verdienste des ehrwürdigen Bruders alle aufzählen! Der allmächtige Baumeister aller Welten hält sichtbar seine Hand über ihm, da er ihn aus den Händen eines i», finsteren Wahne rasenden Menschen so wunderbar errettet hat. Wir aber, meine Brüder, wollen unserer Freude hierüber Ausdruck geben, indem wir ihm den maurerischen Gruß darbringen." — Jetzt Haschten sämmtliche Anwesende in die Hände, die bis dahin in tiefem Schweigen dagesessen waren und einen sonderbaren Anblick darboten. Ueber die schwarze Kleidung war ein weißes Schurzfell gebunden, die Hände steckten in weißledernen Handschuhen, auf den» Haupte saßsein schwarzer Seidenhut und um den Hals schlang sich ein breites, blaues Band, an dem das Logenzeichen hing» Hierauf erhob sich auf des Meisters Geheiß der Bruder Redner, der zur linken des Altares saß, und begann: »Hochwürdiger Bruder Meister! Liebe Vrüder! Die Zierde des Menschen, die im Maurerthum zu ihrer Vollendung geführt werden soll, ist die helfende Nächstenliebe, die echte Bruderliebe. Daß unser Bund diese Zierde besitzt, beweisen die Brüder, welche mit Gefahr ihres eigenen Lebens auf den Nothruf des Bruders Folger den Wahn» 468 sinnigen von seinem Opfer rissen. Es sind dies Bruder Paul Graf und Bruder Flemmlnz. Wenn wir auch nicht das Vergnügen haben, Ersteren als Mirglied der Loge zur Menschenliebe den Unsern nennen zu können, so grüßen wir ihn doch als Glied der Kette, die über den ganzen Erdkreis sich erstreckt und die Herzen verbindet. Glück wünschen kann inan aber der Loge zur Eintracht, wo Brüder wohnen, die kaum dem großen Bunde einverleibt, als Lehrling die Maurertugenden eines Meisters zeigen und üben. Möge Bruder Graf überzeugt sein, daß all unsere Herzen ihm warm entgegenschlagen und daß Jeder von uns, des Geretteten Bruders eingedenk, Gut und Blut für ihn einsetzen wird, wenn die Noth es erheischt. Dir aber, geliebter Bruder Flemming, der Du in Wort und That wiederum als echter Maurer Dich stets bewährt hast, der mit dem Spitzhammer den rohen kubischen Stein bearbeitet und seine Kelle nicht ruhen läßt bei dem Ausbau des Tempels der Humanität, Dir bezeugen wir auf's Neue unsern Dank, und unsere Bruderliebe. Darum, meine lieben Brüder bringt mit mir unsern beiden Brudern den maurerischen Dank dar." — Wiederum gab die Versammlung durch dreimaliges Händeklatschen ihren Beifall zu erkennen. Nachdem hierauf die drei Gepriesenen in kurzen Worten gedankt und ebenfalls auf das Gedeihen des Maurerthums geklatscht hatten, durchklangen auf des Meisters Gebot die gezogenen Töne des Harmoniums den Saal und es wurde folgendes Lied gesungen: Dem Maurer Preis und Lob und Ruhm, Der treu im Logeuheiligthmn Der Menschheit Wurde fördernd trägt, Im Busen Bruderliebe hegt. Doch dreifach Hoch dem Mann, der wagt, Der in Gefahren nie verzagt, Der im Getümmel dieser Welt Das Maurerwort snr's höchste hält. Ihm lohne der große Weltengcist, Der lieben uns und helfen heißt- Ihm dankt der Bruder große schaar, Ein „Meister" heißt er immerdar. (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. In der Vergangenheit ist reichlicher Stoff zur Freude und Wehmuth, zur Zufriedenheit mit sich und zur Reue; da hat man mit sich, mit Anderen, mit dem Geschicke gekänipst, gesiegt und unterlegen.' was da gefunden wird, das ist wahrhaft gewesen, das ist, wenn es schmerzlich war, untilgbar, me eine Narbe, und wenn es freudig war, unentreißbar, wie ein der Seele eingewachsener Gedanke: ts ist ferner rein von der Aengstlichkeit, der Besorgnis; der Zukunft. W. v. Humboldt, Aus thränenreicher Vergangenheit wächst immer bess're Zukunft: Wir werden Keiner ohne Thränen gut. Raupach. Die Sittlichkeit allein ersetzt den Glauben nicht, Doch weh dem Glauben, den; die Sittlichkeit gebricht. Rückert. Reine, absichtslose Wohlthätigkeit ist der Hochgenuß des Daseins. Wer nicht schmeckte, hat nicht gelebt. — Benzel-Sternau. Gerechtigkeit gegen Alle bedeutet die wahre Liebe zu dem Einem. Bettina. Die Schönheit rührt, doch nur die Anmuth sieget, Und Unschuld nur behält den Preis. Seume. Einer der größten und zugleich gemeinsten Fehler der Menschen ist, daß sie glauben» andere Menschen käunten ihre Schwächen nicht, weil sie nicht davon plaudern hören, oder nichts davon gedruckt lesen. Ich glaube aber, das; die meisten Mensche» besser von sichern aekannt werden, als sie sich selbst kennen. Lichtenberg. Es gibt noch süßere Freudenthränei!, als die im Wachen — es sind die im Traume. JeanPaul. — 469 — Aus Obergünzbttrg's Umgebung. Langsam geht es aufwärts durch das grüne Thal, durch gesättigte, duftende Felder, vorüber am schnellen Büchlein, drin muntere Fischlein ihr sorgloses Spiel treiben. Doch noch hindert das Pochen einer Gypsmühle den reinen Genuß der Natur. Da schimmert durch das Gebüsch eine helle Wasserfläche, die uns durch ihre Zuflüsse einen jedenfalls kühlen Empfang ahnen läßt, falls wir den Lockungen von Sonnenschein nnd Wellenschlag folgen wollten. Darum fort! auf die stille Waldwiese, wo bescheidene Blümchen am Rande der Quellen lauschen auf den Tritt des scheuen Rehes, das soeben seine Aesung sucht. Auf dem sauften Polster des Heidekrautes geht das schlanke Thier vorwärts zu dem schwellenden Grün, das vom Himmelsthau getränkt in funkelndem Glänze schimmert. Ein froher Sängergruß schallt von den waldigen Höhen und jubelnd führt die Lerche in dem bewegten Chöre die liebliche Melodie. Plötzlich jauchzt einer aus unserer Mitte, verführt durch das wundersame Singen und Klingen — das Reh ist in dem wilden Nosengebüsche verschwunden, das den Wald umsäumt. Ein kurzer Hohlweg führt uns aufwärts durch das Fichtenholz, wo das Licht im magischen Wechselwirken mit dem Dunkel kämpft — da scheucht das Knistern dürrer Aeste einen schlafenden Hasen auf, der jetzt noch sorglos vor dem grimmen Menschenfeinde entflieht; girrend fliegen die Wildtauben in's Freie und wecken das Eichkützchen zu neuen Kletterübungsn. Bald öffnet sich der Wald und ein Hochplateau liegt vor uns, dessen höchster Punkt von dem freundlichen Weiler Eschers gekrönt wird. Die Leute schauen verwundert uns „Stadtherrn" nach, denn dem biedern Landmann fehlt hier im Allgemeinen der empfängliche Sinn für Naturschönheit wie ihm auch die Gabe des Liedes mangelt, die uns in Schnadahüpfeln des bayrischen Oberlandes entgegentritt. Dir stattlichen Bauernhöfe machen namentlich durch ihre Reinlichkeit einen guten Eindruck, sogar ein Blitzableiter ist auf einem Anwesen zu bemerken; da wird wahrscheinlich einmal aus lichten Höhen eine warnende Mahnung gekommen sein, denn zu Neuerungen, die nur einigermaßen überflüssig erscheinen, ist der Allgäuer schwer zu bewegen; da bemerkt eben der naive Mann: „Hat's bis jetzt nix braucht, na wird's so a thua." Schon sind wir auf der Höhe angelangt, die sich nahezu 870 m über den Meeresspiegel erhebt, und bemerken, daß hier Steine' zur trigonometrischen Landesvermelluna angebracht sind. Ein Allgemeiner Ruf des Staunens entfährt unsern Lippen, die wir uns absichtlich bis jetzt jedes Hinblickes enthalten hatten, um einen volleren Genuß zu haben. Die noch nicht lange emporgestiegene Sonne beleuchtete uns eine prachtvolle Landschaft. Umschlossen von blühenden Feldern und wogenden, goldene» Aehren sahen wir über dunkle Wälder und einsame Gehöfte hinüber nach den Bergen in ihrer Morgenpracht. In voller Klarheit und packender Macht heben sich die schroffen Spitzen des Wettersteines von dem klare» Himmel ab, die Schneefelder schimmern in überwältigendem Glänze, ein rosenfarbener Flor hängt an den grünen Matten und Halden des langgestreckten Grünten, eine Fülle der schönsten Wirkungen läßt das Auge nicht ermüde», das freudestrahlend den weiten Kreis durchmißt. Von den Bergei» des Bodensee'S bis hinunter in's Jnnthal, vermag der Blick zu schweisen — eine unbeschreibliche Mannigfaltigkeit von Gruppirungen, unter welchen die Zugspitze den Vorrang einnimmt, »nährend der Hochvogel mit der Daumenkette wegen seiner Nähe nicht minder »nächtig wirkt. Doch wenden wir uns nach Westen, so ist der Gegensatz der Landschaft äußerst fesselnd. Während im Süden die mächtige Naturkraft selbst durch die bunte Gestaltung der Felsgebilde den Zauber des Anblickes schafft, ist es auf den Höhen des JllerthaleS der rastlos schaffende Mensch, welcher die ansteigenden Hügel belebt. Wie es glitzert und blitzt, wie es funkelt und schimmert auf den zahllosen, glänzenden Fenstern» Regellos »«streut liegen eine unschätzbare Zahl von Häuschen zwischen den Wiesen und Wäldern ei» einziges, geordnetes Dorf ist sichtbar und wir werden lebhaft an die Sitten unsrer Vorfahren erinnert, als noch jeder freie Bauer, wie der Adeling auf seinem Hofe inmitten seiner Felder saß. Die Stadt Kempten entzieht sich unserm Blicke, Schloß Quadt, Kronburg rc. sind sichtbar. Im Norden sind zunächst die Thürme von Ottobeuren bemerklich und bei Hellem Wetter vermag man sogar die Wilhelmsburg in Ulm zu erkennen. Im Nordosten hatte uns leider der tückische Nebel die Aussicht benommen, doch eine rasche Wendung des Kopses brachte uns Ersatz genug. Noch lange weilten wir hier ooen und freuten uns des herrlichen Morgens in wunderbarer Schönheit. Ost schauten wir zurück »ach der Stätte froher Augenblicke, als wir durch Hartmannsberg unser» Abstieg nach dem hübschen Markte nahmen. Man hat uns auf einen andern Spaziergang durch die sogenannte Buchhalde nach dem „Hüttchen" aufmerksam gemacht und da wir einen hellen Abend zu erwarten hatten, so traten wir am späten Nachmittage unsere Wanderung durch das Günzthal an. Frohe Landleute belebten die Felder, welche auf schwankendem Wagen das duftige Heu. welches in dieser wasserreichen Thalsohle besonders gut gedeiht, nach Hause oder in die Feldscheunen schafften. Bald nahm uns ein junger Fichtenbestand in seinen kühlen Schatten auf, lauschige Stille umfing uns, so das; wir schweigend fortschritten und in süßem Behagen die wonnige Waldluft einsoge». Diese Ruhe bestrickt die Sinne und läßt Erinnerungen wach werden, welche im Gewühle der großen Stadt, in dem hastigen Dränge» und Kämpfen der Menschenmassen übertönt werde». Doch bald ward dieses träumerische Sinnen durch die durchbrechende Jugendlust verscheucht, jeder war durch die kurze ungestörte Rückkehr zu der eigenste» Gedankenwelt gehoben und im muntern Gespräche entwarfen wir uns ein farbenreiches Gemälde der Zukunft, bei dem e^ allerdings an dein nöthigen Schatten fehlte. Denn um diesen kümmert sich die Jugend nicht; wenn auch dem idealen Streben so manche Enttäuschungen nicht erspart bleiben können, so darf doch dieses reine Licht der Begeisterung niemals dem Dunkel der Unthätigkeit und dumpfer Resignation weichen. Da unterbrach der Wechsel der Landschaft unser Gespräch; waren wir bisher im Dunkel des Nadelholzes in einförmiger Umgebung dahingegangen auf weichem Moose, das nur manchmal vom Springkrauts überwuchert war, so schien die Sonne jetzt freundlich durch das Laubdach, vor uns erschloß sich ein freier Platz, während links sich abschüssige Erhöhungen zeigten. Ueppiger Pflanzenwuchs deckt die mit einzelnen Tannen bestandenen Hängen, welche in Folge des abstürzenden Schneewassers tiefe Rinnsale und Erdabrutschungen zeigen; ein Gangsteig schlängelt sich in sanfter Steigung zur Höhe von Freyen empor und eben entschwindet ein pürschender, stämmiger Jägersmann am Ende desselben. — Da tönte es in der Nähe geschwätzig schnell und sieh! ein murmelnder Quell eilt vom Felsen rasch in's Thal hinab. Eine sinnige Hand hat neben dem Wasserbecken und dem Gestein, welches den Namen „Neverdy" trägt, eine Nasenbank errichtet, welche uns zu einigem Verweilen verlockte. Der Trank ist gut und erfrischend. — Doch die sinkende Sonne mahnte zum Scheiden. An den Höhen entlang zog sich der Weg durch Buchen und Tannen, bald wurde ein kleiner Weiher sichtbar, der ehemalige Schloß- weiher von Liebenthann. Endlich führten uns viele Stufen aufwärts zum Hüttchen, der alten Kapelle und den Schloßruinen. Daselbst waren im 13. Jahrhunderte Volkmar und Ulrich von Liebenthann gesessen, welche die Burg an die Herzoge von Teck verkauft. Im 15. Jahrhundert ging dieselbe sammt der Freiung, dem Zoll und Zins des FleckenS Gunzelourc an den Grafen Hans Stain von Nonsberg über, der es an das Stift Kempten überließ, in Folge dessen der Ort von Kaiser Nupprecht das Marktrecht erhielt. Nur wenige Spuren der Burg sind noch aufzufinden, die Kapelle scheint noch nicht allzu lange niedergerissen zu sein. Nach dieser kurzen Umschau ließen wir uns in dem einfachen Häuschen nieder, um den sich bietenden Ausblick zu genießen. Unter uns klapperte eine Mühle, deren Rad wie mit Silber übergössen erschien; doch kein menschliches Wesen >var zu sehen und vergebens spähten wir nach einer schönen Müllerin. Zu beiden Seiten des anmuthigen Thales sind bewaldete Höhenzüge, von welchen freundliche Höfe niederschauen. Durch diese Begrenzung wird der Blick zunächst auf Obergüngburg selbst beschränkt und dadurch ein ganz hübsches Bild geschaffen. Daran schließt sich das obere Thal mit dem Schotlenwalde, bis den Horizont die Alpen abschließen. Selten bot sich unsern Augen ein farbenprächtigeres Bild als an diesem Abende. Die Beleuchtung erhöhte unzemein die Reize der Umgebung und das Farben- spiel bot einen wundersamen Anblick. Als schon leise Schatten in's Thal niedersanken und die blinkenden Wellen des Baches erbleichten, da strahlten die Berge in zauberischem Glänze. Eine Nöthe, wie sie die holde Scham auf die Wangen eines lieblichen Mädchenantlitzes senkt, fluthet in reicher Fülle um die Häupter der starren Niesen, fächerartig floß sie herab an den Schluchten, die Eisfelder leuchteten in schimmernden Farben. Doch jeden Moment schillerten die Spitzen in wechselnder Färbung, bald erschienen sie in flüssiges Gold getaucht, dann sank ein Silberschleier leise auf die verglühenden Firnen, bis zuletzt die Königin unsrer Berge, die Zugspitze, allein im matten Scheine sich über den dunklen Horizont erhob. Stumm sahen wir diesem unbeschreiblichen Schauspiele zu, bis uns ein kühler Wind auf den Gedanken der Heimkehr brachte. Mit dankbarem Gefühle schieden wir von dem schönen Waldesort. Der Bollmond stieg über den hellen Himmel herauf; es war Johannisnacht. Unsere Phantasie belebte den Hain mit lieblichen Gestalten, Elfen und Fee'», Dryaden und Faune mußten ihre Tänze und neckische Spiele uns zeigen im zitternden Lichts, das stille auf den Bäumen schlief. Die Böge! schwiegen und träumten wohl von angehörten Liedern, die sie morgen singen wollten. Da fühlten wir es wohl: „sanfte Still und Nacht Sind hold den Tönen süßer Harmonie." Und als wir aufsahen zu den lichten Sternen, die unergründlich ihre ewigen Bahnen ziehen, da füllt ein unstillbares Sehnen unsere Seele, hinaufzubringen nach den Himmelsräume», zu sehen jener Welten Harmonie» das stete Walten göttlichen Gesetzes. So verband sich der Zauber der Natur mit dem Wirken unserer Phantasie zu einem jener Eindrücke, welche wir in weihevoller Stunde empfangen und nie vergessen. Und als wir am nächsten Morgen in das Gewühl der Residenzstadt zurückkehren mußten, da gab uns einer aus unserer Wirte ein Eriunerungsblatt mit auf den Weg, das er unmittelbar nach diesem Abende flüchtig entworfen hatte. Es mag denn auch den Schluß der Mittheilung bilden. „Das Wunderbare taun den Jüngling fesseln, Wenn noch die Kindheit mit dem Ernste ringt, Der still das Knabeiffpicl zu Mauueschateu reist. Doch mächtig regt sich das Gemüth, die Seele, Es treibe» Blüthen aus dem vollen Keim Ball süßen Dustes scur'ger Farbeuglut. In seinem Innern treibt's den Jüngling, ahnend, Sich eine Welt zu bau'», die ihn befriedigt. O! pflegt dies Herz, die freie lebensnollc sogar sein Aeußcres war zu seinen Gunsten verändert. — Elsa's Gesundheit hatte sich gekräftigt, wenigstens deutete eine frischere Farbe darauf hin, allein es schien als ob aus den mädchenhafte» Augen nicht nur Innigkeit, sondern auch Schwermuth blickte. Während sie aber nach wie vor ruhig den Geschäften des Hauses und der Pflege ihres Kindes oblag, hatte sich bei Paul eine Sucht nach Zerstreuung eingrschlichen, die ihn alle Abend aus dein Hause in den Kreis seiner Bekannten trieb, welche fast ausschließlich der Loge angehörten. War nicht Gesellschaftsabend im Lügengebäude selbst, so konnte man diesen Kreis sicherlich in einem Nebenzimmer des Gasthauses zur Schwane versammelt finden, dessen Eigenthümer, der Vater von Ernst und Friederike, schon seit seinem zwanzigsten Jahre dem Bunde angehörte. Letztere ivar auf der Eltern Geheiß kürzlich nach Hause zurückgekehrt, um der kränkelnden Mutter eine Stütze zu sein. War Paul nun der Liebling seiner Freunde, die er durch unermüdete Arbeit in Schrift und Wort an sich fesselte, so konnte er als der Freund Friederike's gelten, welche sich in kleine Zuvorkommenheiten gegen ihn überbot, nichts ohne seinen Rath anfing und aufmerksam, wie ein begeisterter Schüler, seinen Worten lauschte. Welch' ein Leben war aber auch in die früher so starre Hülle eingezogen! — Nichts war mehr von dem in Weltschmerz versunkenen Pedanten zu erblicke», wenn Paul in zündender Rede die Vrüder ermähnte, nicht nachzulassen i,n Kampfe gegen den Geist der Finsterniß, der Jahrhunderte lang die Menschheit geknechtet und gemartert, der den Menschen zum Thiere erniedrigt oder ihn zum Despoten mache. Und wenn er dann lächelnd Friederike ein Gedicht überreichte, das von Liebe und Wonne überfloß, oder in einem der Tagblät.er seinen Gefühlen Ausdruck gab, da hätte wohl Niemand in ihm den ehemaligen ascetischen Klosterbruder und Weltver- ächtcr gesucht. Und doch gab es Stunden, wo der Schein von Glückseligkeit und Friede wich und er einen Blick senken konnte in seine Brust, wo es dunkler und kälter war als je. Dann schmiegte sich wohl seine Elsa an seine Brust, hob ihr bittendes Auge zu ihm auf und erinnerte ihn an die Zeiten, wo er ihr gehörte, ihr und ihrem Kinde lebte. Dann flehte sie ihn an, gerade jetzt, wo sie ein neues Geschenk seiner Liebe unter dem — 476 Herzen trage, sie nicht zu verlassen, da nur seine Liebs ihr Leben erhalten könne. Dann kam wohl auch die kleine Lina betete dem Vater ein neues Gebetlein vor, das sie von der Mutter gelernt hatte, oder bat ihn, Abends mit ihr zu spielen, und bei ihr und Mama zu bleiben. In solchen Augenblicken lebte Pauls Brust wohl von neuem auf in dem reinen Gefühle der Gattenliebe und Vatersreude, und er versprach Mutter und Kind alles, was sie begehrten; wenn aber dann, nachdem er ein paar Tage für seine Lieben gelebt hatte, Friede,ike zur Freundin kam, sich ängstlich nach seinem Befinden erkundigte und mit ihren Zauberaugen ihn bannte, da vergaß er des Versprechens und erschien Abends wieder im fröhlichen Kreise, aufmerksamer als je von Friederike mit Zeichen der ^ Freundschaft und Ergebenheit überhäuft. Dann gehörte er auch wieder der Loge und , arbeitete für dieselbe zur Freude der Meister und zum erhabenen Beispiele der Lehrlinge. ! So kam Ostern heran, und Paul, der mittlerweile in den Gesellengrad vorgerückt war, - sollte durch einstimmigen Beschluß der Meisterloge in Anbetracht seiner Verdienste um ^ den Bund zum Meister erhoben werden, obwohl seine Probezeit noch nicht zu Ende war. ! Der ersehnte Abend brach an. Unbekleidet, wie einst ein Suchender, betrat er am l Arme zweier ebenfalls zu befördernden Bruder unter dem Gesänge der Anwesenden die ! Loge. Doch waren ihm diesmal die Augen nicht verbunden, sondern er mußte rückwärts ! gehend die Schwelle des HeiligthumS überschreiten. Während die Aufzunehmenden, das ^ Gesicht stets von der Mitte des Saales abgewandt, die Loge dreimal durchwanderten, sangen die Bruder unter Begleitung des Harmoniums die letzte Strophe des „Vaterunsers 's ! der Freimaurer: O Du, der sein wird, ist und war, Beschütze Deine Maurcrschaar! Und wo ei» Bruder zweifelnd irrt, Von der Versuchung Reiz umgirrt, ! Da laß ihn fliehen bis an die Schwelle, - Wo Deines Trostes 'sehen quelle; ! Laß an des Altares Hörnern sich ihn halten, ' Hier schütze ihn der heil'gen Dreien Walten. Hier betet er mit Zuversicht: Führe uns nicht in Versuchung, Sondern erlöse uns von allen Uebeln. Hallelujah, großer Meister! " Deine ewigen Säulen stehen, Ob in Deinem weiten Reiche ! Welten untergehen. Lies gezündet steht Dein Tempel, > Reichend bis znr Sternenwand, ^ Für ihn schlagen lausend Herze», Bauet jede Bruderhand. f Leil' auch inich aus sicherem Wege s Durch der Wogen Element, Bis ich schaue T»ch als Meister ) In dem großen Orient, s Ais dereinst sich mir die Thore Oeffnen Deines Tempels Hallen, s Wo von'iiah und fern die Brüdsr Zu dem Sonnenaltar wallen. ^ (Fortsetzung folgt.) Gol-kSrerer. Der schlimmste Schritt ist, den man eingestellt; Was man nicht ausgibt, hat man nie verloren l Schiller. Das Wort sröhnt wie ein Sktav' Jeglicher Gruft, auf jedem Epitaph Lügt es Trophäen; oft schweigt^, und dem Gedächtniß Ehrwürd'ger Namen läßt es als Vermächtnis! Vergessenheit und Staub. Shakespeare. — ^77 — Der ArrferrthalL in kleinen Orten. Eine Studie von *** (Aus der Nürnb. Presse.) Es ist nicht möglich, dass Alle, die sich zu den Gebildeten rechnen, in der Residenz, ja selbst in Mittelstädten leben können. Gerade die meisten wissenschaftlich gebildeten Männer, namentlich Beamte, zwingt eme heilsame Nothwendigkeit in kleinen Städten, unbedeutenden Flecken oder gar auf stillen Dörfern zu leben; denn es soll ja auch in die kleinsten Winkel, auch in rauhe und durch die zweifelhafte Liebenswürdigkeit ihrer Bewohner verrufene Gegenden der Same der Bildung und Menschlichkeit getragen, Recht und Verwaltung nach den Gesetzen geübt. Unterricht, Tröstung und Heilung dem bedürfenden und verlangenden Volke ertheilt werden. Aber welche unendlichen Klagen über diese so klare Nothwendigkeit und in welchen Abstufungen! Am wenigsten, was hoch anzuerkennen ist, hört man bittere Unzufriedenheit von denjenigen äußern, welche in der Regel am weitesten hinausgeworfen sind: von Forstleuten, Pfarrern und Aerzten. Namentlich bei den ersteren findet man selbst in den rauhest?» Gegenden in der Regel immer frohen Muth, ein stilles Einleben in die kleinsten und ärmsten Verhältnisse, einen Mangel an Neid und Ingrimm gegen bester gestellte oder höher stehende Standesgenosse», der dem Kenner der Menschennatur eins freudige Regung ablockt. Kommt man an solchen abgelegenen Orten zu irgend einem frohen Feste solcher wetterharter und biederer Männer, so geht Einem das Herz auf und man möchte glauben, daß dieß „doch bestere Menschen seien." Auch Aerzte finden sich leicht und anspruchslos in den Aufenthalt an kleineren Orten und halten oft mit vielem Humor aus, besonders wenn die Praxis eine einträgliche ist; aber auch in ganz armen Gegenden, wo der Arzt, abgesehen von dem kargen Lohne, oft Leben und Gesundheit in seinem Berufe wagt, ist jahrelanges treues Aushalten keine Seltenheit. Nun aber zu den ewig Klagenden und Unglücklichen. Es sind die Juristen und Verwaltungsbeaiuten im engeren Sinne und namentlich deren Frauen, welche an kleinen Orten immer unzufrieden und unablässig von dem Stachel des WeiterdräugenS geplagt sind. Sind diese Klagen, diese Wünsche nicht in den meisten Fällen unbillig, könnten sich nicht die Betheiligten selbst ihr Dasein mehr verschönern? Auf die erste Frage können wir aus eigener vieljähriger Erfahrung antworten, daß gar viele dieser Klage» nach dem objektiven Bestände nicht unberechtigt sind. Solche Bemängelungen, daß man nicht die Vergnügungen und Genüsse der Großstädte genießen könne, wie Theater, Konzerte, Bälle rc. rc., sind freilich rein lächerlich; hier heißt es sich eben einfach bei dem gefallenen Loose beruhigen. Ebenso ist es wenigstens unbillig, wenn jüngere Beamte, sie mögen so talentvoll sein als sie wollen, nicht bedenkcnd die außerordentliche Konkurrenz und die geringe Zahl der höheren Stellen, sich nach vsrhältnißmüßig kurzem Aufenthalte ewig gekränkt, zurückgesetzt und unglücklich fühlen und mit fieberhafter Anstrengung aus dem N e st e weiter trachten, währsiH wir es einem älteren Herr», der drei, vier oder noch mehr Söhne heranwachsen sieht, allerdings nicht verdenken können, wenn er ängstlich einer größeren Stadt mit Bildnngsanstalten zustrebt. Und ist es denn in der That gar so arg in den Nestern? Manchmal, doch nicht i m m er. S o n st muß es freilich überall recht gemüthlich gewesen sein, denn fast in jedem Städtchen konnte man schon 1860 hören: Ja, früher, da war es hier schön, da hätten Sie da sein sollen! Oroäut ckuckssus ^ppallu! — Es gab sonst und gibt heute noch gemüthliche, gleichgiltige und bösartige Nester. In den ersten verstehen sich die Beamten unter sich ohne allen Stolz auf ein Stüfchen höher auf's beste; man sucht sowohl im Amte, als im Privntwege nur Frieden und gutes Auskommen und es pflegen Beamte, gebildete Bürger und sonstige Honoratioren einen für alle Theile erfreulichen Umgang. Ebenso kommen, was eine Hauptsache ist, die Frauen miteinander gut oder 478 doch erträglich aus; man bewegt sich zwangslos in Gesangvereinen, Harmonien und dergleichen; man macht gemeinschaftlich Ausflüge auf's Land, chuf Vergkuppen; — Pikniks und dergleichen und spricht wohl öfter das frohe Wort: „Heut ist's doch wieder recht schön gewesen!" Daß solche Orte nicht blos im Reiche der Phantasie liegen, das habe ich selbst in mehr als einem Kreise unseres engeren Vaterlandes erfahren, zwar schon vor geraumer Zeit, doch auch aus der Gegenwart vernahm ich erfreuliche Berichte, daß hier und dort die schöne alte Tradition fortgepflanzt werde. In den gleichgültigen Nestern, und das sind wohl recht viele, herrscht eine unbeschreibliche Stagnation der Affekts- und Willenskräfte, die oft unter ungünstigen Verhältnissen um so mächtiger gedeihen, allein das gesellige Leben und die Stunden, in welchen es dem Beamten und Berufsmanne jeder Art vergönnt ist, Mensch zu sein und unter Menschen zu leben, sich zu freuen und andere zu erfreuen, — gehen ihren unbeschreiblich müden Gang; alles schläft am helle» Tage wie in Dornröschens Zauberburg. Und das Alles trotz Turn«, Sing- und Lesevereinen? Ja wohl. Wo eben kein Leben, kein frischer Pulsschlag der Zeit, keine gegenseitige Neigung vorhanden ist, da kann nur das Gefühl absoluter Gleichgiltigkcit alle Kreise beherrschen; bleierne Langweile, alltägliches Gespräch füllt die langen Winterabende beim Bier, nur das edle Tarokspiel vermag eine kleine Unterhaltung zu bieten. Wehe dem Fremde», dem es im Winter zu Theil wird, eine solche Abendunterhaltung mit zu genießen. Glücklich dagegen das abgelegenste Dorf, in welchem sich einige Lehrer finde», die den Abend mit Quartetten von Silcher, Kreuzer, Methsessel rc. verschönern. Noch schlimmer freilich ist es in den bösartigen Nestern. Hier beleidigt man sich aus geringfügigem Anlasse, oft nur aus persönlicher Antipathie, man ohrAgt, man duellirt, man prügelt sich, namentlich zur Zeit von Wahlen, man vervehmt Mißliebige, setzt sich von ihnen hinweg, wirft sie hinaus. Manchmal gibt es auch herbe Parteistellungen aus folgendem Grunde. Es weiß ein hervorragendes Mitglied der Gesellschaft durch glänzenden Aufwand, Schmeicheleien, pantzm vt eiroausen in kleinem Maßstabe, lange Zeit einen großen Anhang um sich zu sammeln, während die Stolzen und Mißtrauischen ganz in den Schatten gesetzt werden, bis dann endlich durch die Alles reifende Zeit ein böser Schaden an's Licht kommt und das hervorragende Mitglied wegen Kassendefekts oder Diebstahls, durch Selbstmord oder im Zuchthause endet. Nun findet vielleicht Reinigung der Luft statt? Weit gefehlt! schlimmerer Haß und Zwiespalt als zuvor! Ein Aufenthalt an einem solchen Orte ist nun freilich arg und wer ihn Jahre hindurch getragen, dem bleibt er unvergeßlich und er trägt die Narben im Gemüth sei» Leben lang; doch zum Glücke sind ja solche Orte Ausnahmen, es ist eben einfach ein Unglück, in einen solchen Sumpf zu gerathen, und unablässiges Streben und Arbeiten herauszukommen nicht nur erklärlich, sondern eine bittere Nothwendigkeit und vom Triebe zu leben, geboten. Solche Schäden zu heilen, steht nun nicht in der Macht der Einzelnen. Hier heißt es Resignation und Forltrachten aus allen Kräften. Nur durch vollständige Erneuerung eines ganzen Personen-Status tritt manchmal Besserung ein, aber nur durch vollständige, denn bei unvollständiger treten in der Regel die neu Eintretenden die Erbschaft des Hasses und der Parteigelüste der Abtretenden frisch und fröhlich an. — Aber an solchen Orten, welche nicht an liefen moralischen Schäden, sondern mehr an Kleinlichkeiten und Schwächen leiden, könnten doch die Betheiligten selbst durch redlichen Willen eine Besserung ihres Zusammenlebens herbeiführen? Gewiß, wenn auch nicht so leicht und schnell; und doch würde sich die Wirkung schon in wenigen Jahren zeigen, wenn Manches vermieden oder gemildert würde, was wir jetzt mit dem Stückchen des Horaz nicht mit der Skorpionpeitschs des Juvenal, berühren »vollen. Es ist jetzt zum Glücke allgemein anerkannt und zwar auch unter den Beamten 479 selbst, daß ein Beamter durch seine Stellung an und für sich keinen Vorrang und keine Autorität im bürgerlichen Leben beanspruchen kann,- durch seine Kenntnisse, durch seine Humanität muß er sich Achtung und Beliebtheit verschaffen. — Polterer und aufgeblasene Menschen im Stile der Landrichter in den „Fliegenden Blättern" werden heuzutage mit gleicher Münze bezahlt. Das beste Mittel aber von Seite des Bürgers und Bauern, sich eine anständige Behandlung zu sichern, ist ruhige Höflichkeit, ohne Kriecherei und ohne Belästigung, wenn eine Zumuthung als rechtlich unstatthaft zurückgewiesen wird; es steht ja deswegen doch Jedem frei, zum Advokaten zu gehen; nur nicht damit drohen l Sehr zu vermeiden ist auch das Pochen von Seite wohlhabender Bauern, Brauer, Fabrikanten auf großen Besitz und große Steuer; namentlich die letztere wird oft bitter hervorgehoben, wenn es nicht gleich nach Wunsch geht. Darum, ihr Aufgeblasenen im Amte, deren es ja hie und da noch gibt, seid bescheiden und human; ihr Rschtssucher und Antragsteller desgleichen; und ihr Humanen, die ihr Gott Lob! die Mehrzahl bildet, laßt Euch durch keinen Unverstand, durch keine Plumpheit in Euerer lobenswerthen Führung erschüttern! Was nun Titel- und Nangsucht unter den Beamten selbst betrifft, so hat auch hier die Zeit schon wohlthätig gewirkt; konnte man noch vor 20 Jahren kaum in einer Abendgesellschaft auf dem Lande sein, ohne beständig die gebührenden Titel hin und her fliegen zu hören, so hat sich dies an den meisten Orten sehr gegeben und es genügt einmalige Nennung beim Kommen und Gehen. Mögen aber auch diejenigen, die denn gar so versessen auf den Titel sind oder gar ihr Stüfchen höher manchmal recht bösartig geltend machen, hiemir dringend ermähnt sein, endlich einmal dieses Zöpflein abzuthun und namentlich auch das Stüfchen höher zu vergessen. Leider bös versessen sind in diesem Punkte fast überall noch die Frauen. Mit Recht lacht der Franzose über unsere Frau Direktor, Frau Inspektor» Frau Bezirksarzt rc. Möchte doch endlich auch dieser lächerliche Mißbrauch aufhören; darum Ihr edlen deutschen Frauen, laßt Euch über diesen Punkt nicht länger mit Recht von dem Nachbarvolke verlachen, nennt Euch gegenseitig getrost Frau Müller und Frau Schulz« und sollte auch „Euere Waschfrau" ebenso heißen. Dies nicht etwa blos für's Land, sondern auch für die Stadt recht wohl zu beherzigen. Und an Euch, Ihr Frauen, ist es ferner, eine Quelle recht vielen Uebels versiegen zu lassen. Wir meinen die scheinbar unschuldigen abwechselnden Kränzchen oder „Visiten" mit Bewirthung im Hause. Scheinbar unschuldig sind dieselben, allein in Wirklichkeit Veranlassung zu vielen Kosten, Anlaß zur Entstehung und Verbreitung übler Nachreden und hauptsächlich sofort nach Verlassen der gastlichen Stätte zur boshaftesten Kritik über die Personen, die Bewirthung, die Toilette, die Hauseinrichtung der edlen Spenderin. Darum wochenlang« Aufregung vor dem Ereignisse der Visite im Hause der Fesl- geberin, ängstliche Revision der Vorhänge, des Fußbodens, der Möbel, Akkorde mit Bäcker und Konditor; denn Hausgebäck wagt man aus Furcht vor Mißlingen schon lange nicht mehr zu bieten, und vor Allem das fieberhafte Streben, wieder Neues und Großartiges aufzutischen, das die Anderen herabsticht. Glücklicherweise bricht die Uebertreibung der Sache die Spitze ab. Die große» Visiten kommen, namentlich durch energischen Einspruch des Gemahls, mehr und mehr ab. Möge auch dieser Zopf bald gänzlich verschwinden und da ja doch geplaudert und geklatscht werden muß, dieß auf neutralem Boden im Sommer in einer Gartenwirthschaft, im Winter in einem passenden Wirthslokale bei erheiterndem Kaffee und einfachem Gebäcke geschehen. Und nun zum Schlüsse für kleine und große Orte noch eine Mahnung. In morali- sircnden und gemüthreichen Büchern liest man gar viel über den Firniß des gesellschaftlichen Tones, über die Falschheit der Menschen bei freundlicher Außenseite; laßt, ich bitte "Euch! o laßt beides bestehen und gelten, wie eS ist. Geht nur einmal dahin, wo man sich beständig die Wahrheit sagt, wo die Geister wild auf einander platzen, wo man keine 480 Antipathie verbirgt, sich schimpft, prügelt duellirt» und ich wette, Ihr werdet Euch herz- ^ lich nach „Firniß" und „Falschheit" sehnen Daß ich die Höflichkeit nicht so weit getrieben haben will, d -ß man wirklich i m- same Menschen mit Rücksicht behandeln soll, versteht sich von selbst; allein so lange es nur auf Formen ankommt, rathe ich sogar solchen gegenüber sie nicht provozierend zu ^ verweigern. ^ Ich habe meine Erfahrungen zunächst in Süddeutschland gesammelt; sie dürften l auch anderwärts zutreffen. Es galt mir zunächst, ein Kulturbild der neuesten Zeit zu j entwerfen und ich glaube, daß sehr Viele es richtig finden werden; ich wollte aber auch l Winke zu „einem besser» Leben" geben; helfen sie Nichts, nun, so war doch meine Ab- i ficht gut. — ! Hitnmeloschau inr Monat August. —X. Venus o im Löwen verschwindet gegen Ende des Monates in den Strahlen ^ oer aufgehenden Sonne. ; Mars F erscheint um Mitternacht in NO., glänzt bei den Hörnern des Stieres ! und den Füßen der Zwillinge und hat am 29. seinen höchsten nördlichen Stand. Am s 28. befindet er sich 4 ' nördlich vom Mond. ! Jupiter -s erhebt sich gegen 2 Uhr früh über den nordöstlichen Horizont, be- ! findet sich unler Castor und Pollux und steht 5" nördlich vom Mond am 29. Von seinen Trabanten werden sichtbar verfinstert: der erste am 14. (Eintritt 2 Uhr 55 Min. Morgens): der zweite am 3. (Eintritt 4 Uhr Morgens). Saturn H geht fast gleichzeitig mit Mars in NO. auf und wird am 25. vom Monde bedeckt Abends 7 Uhr. Der Durchmesser der Kugel beträgt 10, die Durchmesser i der Ningaxen 40 und 18 Bogensckunden. s Am 10. findet ein Sternschuppenfall statt. (Loreuzistrom.) ' M L s e s l l s rr. (Bier und sein Trinken.) Der Direktor einer Münchener Brauerei sagt: ! „Es ist nicht genug gutes Bier in die Welt zu schicken, man sollte auch jeden Wirth ! und Trinker die Behandlung lehren! Wie wird aber verfahren? Wirthe verstehen >! nicht einzuschänken und " Trinker verstehen nicht zu trinken! Dem Biere muß seine ! Kohlensäure erhalten werden bis zum Munds des Trinkers. Durch die Kohlensäure f nur bekommt uns das Vier gut. Wird sie durch verkehrtes Verfahren dem Biere ent- ! zogen, so hat es einen widrigen faden Geschmack und liegt wie Blei im Magen, macht Kopflckunerzen und allerlei Uebelbefinden. Durch mehrmaliges Umgießen verflüchtigt sich auch die Kohlensäure, desgleichen auch durch Erwärmung. 1) Bedingung ist: Berührung des Vieres mit der Lust und Erwärmung zu vermeiden so viel als möglich; 2) Das ! Bierglas muß dicht unter dem Hahne gehalten werden. Verkehrt ist aber: Das Ein- ^ schänken tief unterm Hahne und Auf- und Niederfahren des Glases oder gar Luft ein- ) zuspritzen, wodurch die Kohlensäure geradezu ermordet wird; durch dergleichen Verfahren e kann Schlimmeres nnd Thörichteres dem Biere nicht angethan werden. Die meisten H Trinker, die kein Verständniß haben, wollen aber viel Schaum sehen. Wirth und Trinker ^ sagen bei viel Schaum „Das ist a Bierel!" Der Bierverständige sagt aber: „Das ist ; kein Bier!" s (Aufmunterung.) „Ihr seid doch wahrhaftig die größten Dummköpfe vom ganzen Regiment — und doch, wenn sich Einer unter Euch nur ein bischen gut hielte, so wär's kein Wunder, wenn er's bis zum Sergeanten brächte, wie ich!" (Starke Familie.) Beamter: Wie stark ist Ihre Familie? — Bauer: Wann wer zammehalte, so verhaue mers ganze Dorf! Für die Nedaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des LiterarisLen Instituts von Dr. Mar Huttler. Unterlniltnngsökatt zur „Äugst« urger postskitirug.- Nr. 61. Mittwoch, 1. August 1883. Ein Jahr Jogenledeii. Von Georg Aumüller. (Fortsetzung.) Jetzt ergriff der Meister vom Stuhl das Wort und forderte nach einigen einleitenden Worten die zu Befördernden auf, sich umzuwenden. Sie erblickten einen schwarzen leeren Sarg, dessen Deckel abgehoben war. Hinter demselben lagen Todtenköpfe und Knochen. „Geschlossen ist der Bund für's Leben", klang eS von den Lippen des Meisters, »und auch über das Leben hinaus erstreckt sich unser Bund. Der Tod schreckt den Maurer nicht ab von der Erfüllung seiner Pflichten. Bis daher habt Ihr Euch, liebe Brüder, als Maurer bewährt, bleibt standhaft bis zum Tode. Der Bund hält und beschützt Euch in allen Lagen des Lebens. Schwört noch einmal Treue, Liebe und Gehorsam dem Orden und seinen Obern!" — Mit hocherhobener Hand wiederholten die drei neuen Meister den Schwur, den sie bei der Aufnahme geleistet und verstärkten ihn durch folgenden Beisatz: »Getreu bis in den Tod wollen wir leben, streben und sterben für den Bund. Möge uns der Brüder Rache treffen, wenn wir je vom Ziele abweichen!" — Dann fuhr der Meister fort: „Treue Pflichterfüllung in jeder Lage des Lebens im Verhältniß zum Bunde und als wahre Freunde gegen unsere Brüder ist unsere Aufgabe. Wohl sollen mir des köstlichen Gutes der Gesundheit schonen und es uns zu erhalten suchen zum Werke, das wir begonnen; aber die Pflicht des Maurers steht höher als das Leben, und wenn beide in'Kampf gerathen, muß erstere dem letzteren vorangehen. Wir können Weh und Kummer hinterlassen, wenn wir von dieser Welt abtreten, aber wir Menschen sind auf dieser Erde nur eine ununterbrochene Kette von Werkzeugen in der Hand des Allmächtigen Baumeisters aller Welten. Einer steht auf den Schultern des andern, ganze Geschlechter bauen auf dem Rücken anderer auf und unsterblich pflanzt sich nach unserm Tode fort, was wir gewirkt und geschaffen. Wir alle sind nur Fortsetzer des Werkes, das vor uns begonnen, wir alle erfüllen nur weiter die Aufgabe, die andere unvollendet uns hinterlassen haben, wir alle bauen nur fort an dem Tempel der Menschheit, der nach Jahrhunderten noch nicht sich gewölbt haben wird über alle Kinder des himmlischen Vaters. Das tröste uns in strenger Erfüllung unserer Maurerpflicht, in der Stunde des Todes; das ermuthige uns zugleich, zu schaffen und zu wirken, daß wir das Unsrige beitragen zur Veredlung der Menschheit und tapfer stehen im Kampfe gegen die Macht der Finsterniß, deren Stütze ....... Priester sind, die mit ihren Märlein das ängstliche Volk bethören. Kämpft mit allen Mitteln gegen sie und ihre Lehren — Licht und Aufklärung — das sei unser Losungswort!" — Jetzt vertauschte man die Gesellenschürze mit der des Meisters, deren drei Rosen jeden Bruder an das von treulosen Gesellen vergossene Blut Hirems, des Erbauers des Salomonischen Tempels, mahnen sollen, und unter den üblichen Ceremonien und Gesängen ging die Loge zu Ende. Im anstoßenden Gesellschaftszimmer wurden nun die junge» Meister von den älteren Brüdern unter Händedruck beglückwünscht, und nachdem man sich der maurerischen Ab- 48,2 zeichen entkleidet hatte, setzte man sich nieder zum heitern Mahle. Der perlende Wein öffnete bald Herz und Mund zu fröhlichen Reden und Toasten. Auch der abwesenden Schwestern wurde gedacht und Paul war nicht der letzte, der in begeisterten Worten der Frauen Lob verkündete. Freilich dachte er nicht dabei an die stille, züchtige Elsa, sondern er erblickte die herrliche Gestalt Friederike's und träumte, in ihr Wonne verheißendes Glutauge zu blicken. Vergessen waren alle Schwüre von ewiger Liebe und Treue, verschwunden der Zauber, den früher sein Weib auf ihn geübt. Was sollten ihm die traurigen Blicke der Dulderin! Lied, Liebe und Wein führten ihn einem neuen Leben entgegen. Die Bande eines thörichten Aberglaubens lagen zerrissen zu seinen Füßen, goldene Freiheit, und bestrickender Genuß winkte ihm, und er folgte dem Rufe. Lange genug hatte er die Welt verachtet und unter der Wucht alter Vorurtheile geschmachtet,' jetzt war es Licht in ihm geworden und sein heißes Blut wollte im Strudel des Lebens Kühlung und Erquickung suchen. Der Thor, der einst Wein, Weib und Gesang verachtete, hatte dem genießenden Menschen Platz gemacht. Deshalb stimmte er mit Herz und Mund in das Lied ein: Morgen liebe, was bis heute Nie der Liebe sich gefreut I Was sich stets der Liebe freute, Liebe morgen, wie bis heutl Die Wolken fingen schon an, vom Glänze der neuauftauchenden Sonne sich zu vergolden, als die angeheitert« Gesellschaft das Logengebäude verließ. Hatte sonst oft ein bitteres Neuegefühl Pauls Brust ergriffen, wenn er nach durchwachten Nächten seiner Elsa sich nahte, so empfand er heute fast Bitterkeit und Aerger über sein Weib als er die Treppe zu seiner Wohnung Hinanstieg. Kein Wort der Entschuldigung kam über seine Lippen, als er die zarte Gestalt und das bleiche Gesicht Elsa'S erblickte, auf dem sich die Spuren vergossener Thränen nicht hatten verwischen lassen. Er wollte ja jetzt das Leben genießen, nicht in Kummer und Schmerz sein Dasein Hinfristen. Nach einigen gleichgiltigen Worten suchte er sein Zimmer auf, um dort einige Stunden der Ruhe zu pflegen. Aber Ruhe und Schlaf flohen ihn. Kaum sielen die müden Augen zu» so umgaukelten ihn die wilden Gebilde seiner aufgeregten Phantasie, er lag im schwarze» Sarg der Loge und die Brüder schlugen hohnlachend den Deckel zu; er hält Friederike's herrliche Gestalt umschlungen; aber sie entwand sich lachend seinen Armen und drohenden, haßerfüllten Blickes stand ihr Vater vor ihm; er wollte zu seiner Elsa flüchten, aber er fand nur den starren, todten Leib seines Weibes» Müder, als er sich gelegt, erhob er sich vom Lager, um durch Lektüre die düstern Bilder zu verscheuchen. Neue Bücher lagen auf seinem Schreibtische. Er nahm das erste in die Hand und las als Motto des armen Dichters Worte: „O legt nicht schlafen das Gewissen, Seid wach und seid auf Gott gestellt! Es ist ein schlechtes Ruhekissen Die Sturmeswoge dieser Welt." Vor einiger Zeit hätte Paul sicher das Buch durchgeblättert. Jetzt legte er es verächtlich beiseite. Er wollte ja ohne Gott und Gewissen in den Sturmeswogen der Welt Glück und Ruhe finden! Des deutschen Satyr's Lieder, die in neuer golbstrotzender Prachtausgabe ihr Gift bargen, taugten eher zu Pauls Stimmung und wiederholt laS er die Worte: Herz, mein Herz sei nicht beklommen, und ertrage dein Geschick, Neuer Frühling gibt zurück, Was der Winter dir genommen. Und wie viel ist dir geblieben! Und wie schön ist noch die Welt! Und mein Herz, was dir gefällt, Alles, Alles darfst du lieben! 483 -7 Das waren für Paul Worte der Erbauung und des Trostes. Hatte er ja doch in der Loge gelernt das Evangelium der Entsagung zu verwerfen und das Wort von der Freiheit des Fleisches an dessen Stelle zu setzen. Mit weniger finsterer Miene, als er gekommen, setzte er sich zu Tische, liebkoste seine kleine Lina und benachrichtigte Elsa nach eingenommenem Mahle von seinem Plane, an dem nachmittägigen Ausfluge der Bruder und Schwestern theil zu nehmen. Daß Elsa nicht dabei sein konnte, wußte er, denn seit sie sich zum zweiten Male Mutter fühlte wurde sie von öfterem Unwolsrin befallen und mied deshalb mehr als je alle Gesellschaften. Achtes Kapitel. Den schreckt nicht des Grabes Offne Nacht, nicht Erd' aus den Leichnam mit dumpfem Getöse Niedergeworfen, nicht Stille verlassener, einsanier Gräber, Noch der Verwesung Bild, wer, wenn dies alles sein wartet, Weiß, daß Gott ihn dereinst in seinen Himmel hmausrust, An dem Tage der großen Geburt in das Leben der Engel. Ueber die kahlen Stoppelfelder wehte der Herbstwind. Auch in dem baumbeschatteten Häuschen in der Nähe des Sees, das Elsa wieder bewohnte, schien das Leben ersterben zu wollen. Trotz sorgfältigster Pflege der Wittwe und des heitern Geplauders ihres Kindes wollten sich trübe Wolken, die stets das blasse Gesicht beschatteten, nicht verziehen. Ein beängstigender Husten hatte sich eingestellt und mit Bangen mußte man dem Augenblicke entgegensehen, wo sie einem zweiten Kinde das Leben geben sollte. Dazu kam das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit, das stets beengender wurde, je seltener Briese von Paul einliefen, der unter dem Vorwande dringender Arbeit in G. . . . zurückgeblieben war und die den Tag seiner Ankunft stets weiter hinausschob. Das liebende Weib erkannte die Gefahr, in der ihr Mann schwebte, und obgleich vernachlässigt und zurückgesetzt, schlug ihr Herz in gleicher Liebe für den Gatten, dem sie am Altare ewige Treue geschworen. Ohnmächtig stand sie dem hereinbrechenden Unheil gegenüber und nur der Allwissende und Allbarmherzige hörte ihr Flehen. Hatte sie doch sehen müssen, wie Paul, ihren Bitten und Thränen ausweichend, ganz nur der Loge lebte, und kaum den Abend warten konnte, der ihn zu Friederike brachte. Dort saß er singend, redend» spielend die halbe Nacht im Banne der schönen Augen, und wenn die übrigen sich entfernt hatten, so sog er von den Lippen des schönen Mädchens neue Lebenslust. Briefe, glühend voll Liebe und Sehnsucht, waren in Elsa's Hände gekommen und hatten ihr über des Gatten Thun die Augen vollends geöffnet. Sie konnte den Bann nicht brechen, sie wollte aber auch nicht Augenzeuge des Ehebruchs sein, darum hatte sie, früher als sonst, G. . . . verlassen, um in einsamer Stille der schrecklichen Zukunft entgegenzusehen. Wird Gott dem Verhörten die Augen öffnen, wird sie sein Kind, alles verzeihend, ihm in die Arme legen können? So quälte, so kümmerte sie sich und sah bange und lange jedem kommenden Tage entgegen. Wie konnte doch ein einziges Jahr so viel Unheil auf ei» schuldloses Haupt häufen, wie ihr Leben zu einem gänzlich verfehlten gestalten! Klar, rein und ruhig, wie der Spiegel des Sees, wenn kein Lufthauch die Gewässer bewegt, war ihr Herz, bis Pauls Unruhe und unstetes Haschen und Ringen es bis in die innersten Tiefen erzittern ließ. Wie konnte sie denn gerade einem solchen Manne, ihre Liebe schenken? — Doch es war Gottes Wille, er hatte sie mit dem Manne verbunden und Niemand sollte das Band zerreißen. Solch trüben Gedanken hing auch heute Elsa auf eine Ruhebank vor dem Hause sitzend nach, als sie Herrn Folger auf sich zukommen sah. Was wollte der unheimliche Mann bei ihr? Bisher war sie von seinen Besuchen verschont geblieben. Höflich grüßend erkundigte sich der Gutsbesitzer nach ihrem Befinden und fragte, ob es erlaubt sei, P latz -u nehmen, da er wichtige Nachrichten aus G. . . . bringe. Elsa geleitete ihn in ihrn einfaches Wohnzimmer und Folger begann nun: „Es ist mir, hochverehrte Frau, vo G. . . . aus ein sehr unerfreulicher und unangenehmer uftrag zu theil geworden, allein die Freundespflicht erlaubt nicht, daß ich ihn ablehne. AZudem glaube ich Ihnen noch 484 eine Gefälligkeit erweisen zu können, wenn ich die für Sie jedenfalls bittere Nachricht in etwas milderer Form, als es ein Brief zuläßt, übermittle. Wie Ihnen, verehrte Frau, vielleicht bekannt sein wird, verkehrt unser lieber Freund Paul sehr viel im Hause Flemmings und sein gegen alles Schöne sehr empfängliches Gemüth gerieth durch den steten Umgang mit Friederike, der Tochter des Hauses, in nicht geringe Aufregung. Diese steigerte sich während Ihrer Abwesenheit zu inniger Vertraulichkeit und gegenseitiger Zuneigung. So lange das Verhältniß ein harmloser Freundschaftsbund blieb, sah Herr Flemming dem Treiben der beiden ohne Einrede zu, jetzt aber, da die ganze Stadt darauf aufmerksam geworden ist, glaubt er auf Lösung oder Ehe dringen zu müssen. Leider hat es seine Schwierigkeiten, jedoch sind die Hindernisse nicht unübersteigbar, wenn von allen Seiten Ernst und guter Wille vorhanden ist. Von Trennung will weder Paul noch Friederike etwas hören. Gegen die Trauung ist die Unauflöslichkeit der Ehe der Katholiken, dabei muß ich Ihnen noch gestehen, daß Paul trotz seiner Leidenschaft immer noch in alten Vorurtheilen steckt und nicht recht an eine Scheidung von Ihnen und seinem Kinde, sowie an den Uebertritt zum Protestantismus denken will, obgleich letzteres nur Formsache wäre. Nun läßt Sie, hochverehrte Frau, Herr Flemming ersuchen, Sie möchten Ihrem Mann, der Ihnen ja doch schon lange entfernt ist und nie mehr zu Ihnen zurückkehren wird, völlig freigeben und ihm dies schriftlich anzuzeigen. Auch Ihre Freundin Friederike bittet Sir um das Gleiche." — Jetzt erhob sich flammenden Auges das tiefgekränkte Weib und ersuchte mit einer Miene der Verachtung und einem Ton, den man dem zarten Wesen nie zugetraut hätte,"Herrn Folger, seine Bemühungen einzustellen und sie nicht weiter zu belästigen. Dieser aber, als merkte er die Entrüstung und den Abscheu der beleidigten Frau nicht, suchte sie niederzuhalten, da er noch nicht zu Ende sei. Gleich als berühre sie eine giftige Natter stieß Elsa des Gutsbesitzers Hände zurück, überwand sich aber doch, ihn ausreden zu lassen. Er fuhr fort: „Sie scheinen mich, hochverehrte Frau, gänzlich zu verkennen, damit Sie aber sehen, daß ich und meine Freunde für Ihr Wohl tief bekümmert sind, so erlaube ich mir, Ihnen auf unbeschränkte Zeit mein Haus zur freien Verfügung zu stellen. Meine Therese, die Wittwe des Jagdaufsehers, die Ihnen noch im Gedächtniß sein wird, wird es sich zur Ehre rechnen, Sie zu unterhalten und zu verpflegen, so daß Sie mit Ruhe dem Kommendem entgegensehen können." — Diese Zumuthung hatte noch gesehlt. Mit einem jähen Weheruse sank das bis in das innerste Mark verletzte und beschimpfte Weib auf den Boden des Zimmers. Auf diesen Ruf eilte die brave Hausfrau herbei und suchte die Regungslose wieder zum Leben zu wecken. Folger entfernte sich mit dem Versprechen, einen Arzt zu senden. Lange trotzte die tiefe Ohnmacht allen Lebensversuchen und herzlichen Zusprächen Agathe's. Endlich schlug die Arme die Augen auf, aber nur um nach herzzerreißendem Schluchzen wieder in die Kissen des Sopha's zurückzusinken. Händeringend stand die treue Pflegerin vor der Kranken, laut aufschreiend beugte sich Lina über die leblose Mutter. Als der Arzt kam, hatten mitleidige Nachbarnfrauen den geliebten Gast in das Bett gebracht und dort ruhte nun die Dulderin, sanft und still, als habe Gott sie von ihrem Leiden erlöst. Doch die Prüfung war noch nicht überstanden. Schwache Pulsschlüge verkündeten nach langein Bemühen des Arztes, daß das Herz noch nicht zu schlagen aufgehört habe. Allmählig kehrte das Bewußtsein ivieder und die blassen Lippen öffneten sich zu innigem Gebete. „Gott, mein Gott, verlaß mich nicht", hauchte die Sterbende. „Ervarme Dich seiner, seines Kindes und meiner. Laß mich büßen für seine Sünden, doch rette ihn, rette sein Kind! Nimm mich als Opfer und das Kind in meinem Leibe, erlöse mich! Maria hilf! Amen." — Nun öffnete sie die Augen, erblickte ihr Kind, streckte die matten Arme nach ihm aus und drückte den letzten Kuh auf den unschuldigen Mund. Dann legte sie die erkaltenden Hände auf das Haupt des weinenden Lieblings und murmelte den Segenswunsch einer sterbenden Mutter. „Lina, liebe den Vater!" war ihr letztes Wort. Der würdige Pfarrer des Ortes, der herbeigeeilt war, hatte kaum die letzte Oelung gespendet, da hielt der Arzt ein todtes Knäblein in den Armen, auf dem der letzte, scheidende Blick der Mutter ruhte. — „Sie hat ausgerungen", sprach feuchten Blickes der Geistliche, „lasset uns ein Vaterunser beten." Schluchzend warfen sich die Anwesenden auf die Knie und flehten für die Seele der Dulderin, „ko^uissvat in pacv", sprach jetzt sich erhebend der Pfarrer. „Geht in die Kirche und betet, damit der letzte Wunsch der Verstorbenen erfüllt werde." Niemand wußte ihn, doch bald, während die Todtenglocke wimmerte, lag die ganze Gemeinde in brünstigem Gebete auf den Knien im Gotteshause. (Schluß folgt.) Goldkörner. Der Groschen klingt nicht, wenn er bleibt allein. Gib ihm Genossen, wird es anders sein; Willkommen ist auch einer Blume Glanz, Doch nur aus vielen windet man den Kranz. Setz einen Frosch auf goldenen Stuhl, Er springt doch wieder in den Pfuhl. Der Wagen ist zu sehr beschwert, Kein Wunder, daß er langsam fährt. Die Kränkung schmerzte: schwer war sie gewiß: Die beste Heilung aber ist: Vergiß! Nicht wo der Fluß sich raschen Laus's bewegt, Er ist am tiefsten, wo er kaum sich regt. Willkomm'ner Nachricht wünscht man schnellen Flug, Ein Unglücksbote kommt stets früh genug. Wozu das Unkraut noch beziehen? Es wird empor von selber schießen. Den ganzen Kuchen, wie gut er sei, Verdirbt ein übelriechend Ei. F. B eck. Zehn Minuten Eisenbahnfahrt. Der Zug hatte soeben London verlassen; ich saß allein in einem Coupö erster Klasse. Da öffnet sich die Thür und ein Mann springt mit dem Rufe hinein: „Wäre beinah' nicht mitgekommen, ging eben noch gutl" Ein halsbrecherisches Stück Arbeit, dachte ich, auf einen Zug zu springen, der bereits in der Fahrt begriffen ist, wenn auch in langsamer. Aber was ging's mich an. — Die Engländer haben ja ihre Schrullen. Der neue Passagier schien auch überhaupt ein gewöhnliches Exemplar der Menschheit zu sein, denn er knüpfte sofort ein Gespräch mit mir an, und das kommt in England, diesem Lande der Zugeknöpftheit, dem „Nicht« vorgestellten" gegenüber selten vor. Er renommirte mit den großen Reisen, die er gemacht habe. In Italien, Rußland, Indien, China, Timbuktu sei er gewesen, so versicherte er, den Nordpol und auch den Südpol habe er besucht. „Da kennen Sie ja so ziemlich alle Gegenden der Erde", meinte ich in ungläubigem Tone. „So verhält es sich", versicherte der Unbekannte. „Aber das genügt mir nicht. Ich muß auch den Mond kennen lernen. Niemand darf sich als einen großen Reisenden bezeichnen, der dort nicht gewesen ist." Aber außer den Nomanfiguren von Julius Verne haben nur wenige Leute diese Tour unternommen", warf ich ein, auf den vermeintlichen Scherz eingehend. „Richtig! Und doch, wie angenehm würde ein Ausflug dorthin sein, gerade jetzt, da auf dieser Erde ein so verwünschter Nebel herrscht. Hegen Sie aber gar keine Sehnsucht, eine solche Reise zu machen?" „Entschieden nein", lachte ich. „Ich möchte, ich wäre zu Hause vor meinem behaglichen Kamin, denn auch dort ist es besser als in der Nebelluft draußen." — 486 — „In der That. Der Nebel ist abscheulich. Und wie er stinkt!" Dabei öffnete er das Schiebfenster der Waggonthür, so daß der häßlich duftende Nebel eindrang. „Er ist wirklich weder für die Augen noch für die Kehle vortheilhaft", sagte ich verdrießlich. «Also . . ." „Also wären Sie mir dankbar, wenn ich Sie von dem Verweilen im Nebel be- freie? Das will ich." In seinen Augen blitzte etwas Unheimliches: er rückte mir ganr nahe und flüsterte: „Ich kann Sie vom Nebel befreien — Sie und mich selbst." Dabei knöpfte er den Nock dicht zu und streifte den Aermel desselben halb auf. s Jetzt zum erstenmale leuchtete der Gedanke in mir auf, daß der Unbekannte geistesgestört sein werde. Ich fixirte ihn. Ja, es blieb kein Zweifel übrig: der unstäte Blick, das seltsame Zucken um die Mundwinkel bestätigen es, ich war allein im Coupä mit eine»» Wahnsinnigen, wahrscheinlich mit einem entsprungenen Tollhäusler. Ich bin nicht muthlos, habe mehrere Male auf Reisen und im Kriege dem drohenden Tode fest in's Auge geblickt, aber hier überlief es mich eiskalt und der Angstschweiß perlte auf meiner Stirne. Der Unbekannte trug alle Anzeichen eines Mannes von ungewöhnlicher Körperkraft; wenn er sich auf mich stürzte, könnte ich kaum hoffen, ihn abzuwehren im Stande zu sein. Und toll war er, ganz toll! Nur ein Toller konnte in dieser Weise lachen wie er, als er mir zuraunte: „Wir werden zusammen die Reise nach dem Monde machen. Adieu, Nebel I Nun, mein Herr, sagen Sie doch dem Nebel Lebewohl I" Ich erhob mich, auf einen Kampf gefaßt. Es gebrach »lir an jeglicher Waffe, nur auf meine beiden Fäuste konnte ich zählen. Doch hoffte ich, daß wir jeden Augenblick die Station erreichen würden, woselbst auf mein Hülferufen rasch Beistand kommen mußte. Vielleicht half die Fortsetzung des Gesprächs. „Ihr Ballon", bemerkte ich, „würde in einer solchen Nacht schwerlich reisen können. Die Atmosphäre ist zu dick." „Zu dick? Glauben Sie das?" „Ja. Der Nebel ist so stark, daß wir nicht hindurchkommen würden." „Abrr es ist des Versuches werth." Er sprang auf und griff nach meiner Kehle: «Auf diese Art wollen wir anfangen. So gewinne ich Gas für die Tour. Erst tödte ich Sie, dann mich; Sie gehe» voran, ich folge." Einen lauten Schrei um Hülfe aussioßend, der aber in dem Geraffel deS Expreß- Zuges gänzlich verloren gehen mußte» rang ich verzweifelt mit dem Wahnsinnigen. Er war stark, riesig stark, aber die Angst gab mir zunächst Riesenkräfte. Einige Minuten (so kam es mir vor) währte dieser Kampf, eng umklammert drängten wir uns vor- und rückwärts im Coupe. Ich fühlte den Athem des Wahnsinnigen heiß in meinem Gesicht, ich hörte das Knirschen seiner Zähne, blickte in seine grimmig funkelnden Augen. Ein weißer Schaum trat vor seine Lippen. Endlich ließ er mich los. Da tanzten die Lichter der ersten Station vor den Fenstern vorbei — ich hatte vergessen, daß der Expreßzug hier nicht anhalte! Mich überkam es wie eine Lähmung, die Arme fielen mir schlaff am Körper herunter, und als nach kurzem Athemholen der Wahnsinnige zum zweiten Male anpackte, hatte er kaum den Widerstand zu bewältigen, wie ihn ein Kind leisten würde. Er warf mich zu Boden und kniete auf meiner Brust. , „Ich habe ein Messer", zischte er mir durch die zugekniffenen Lippen zu. „Damit können wir uns einen Weg durch den Nebel schneiden. Wir werden die Reise nach dem Monde antreten." Und Langsam suchte er in seinen Taschen nach dem Messer, Hüflos lag ich da, und nun überkam mich eine eigenthümliche Stimmung. In nächster Nähe vor einem schrecklichen Tode, ganz in der Macht des Tobsüchtigen, hatte ich doch keineswegs das Bewußtsein verloren, gewann vielmehr plötzlich meine volle Fassung und bildete so ruhig meine Gedanken, als handle es sich um eine dritte Person. Ich wunderte mich, daß der Zug so langsam ging, nur schien es, als bewege er sich nur im Schneckentempo vorwärts. Ich dachte an meine Lieben daheim, wie sie sich wundern 487 würben, wenn ich heute nicht anlange. Ich bedauerte, daß ein so schätzbares Mitglied der menschlichen Gesellschaft ein so elendes Ende finden sollte. Ich betrachtete kühl und aufmerksam die Gesichtszüge des Tollen und fand sie recht abstoßend. Sein Halstuch, blau mit weißen Punkten mißfiel mir. Auch an einen Schuhmacher dachte ich, dein ich noch eine kleine Summe schuldete, und der meine Adresse nicht kannte; es that mir leid, daß der Mann um fein Geld kommen werde. Und noch unzählige solcher Gedanken flogen mir wie Blitzesschnelle durch mein Gehirn — mir schien es, als ob eine unendliche Zeit seit meiner Niederlage verflossen sei, während in Wirklichkeit kaum eine Minute seit derselben vergangen sein mochte. Mit gemächlicher Ruhe zog endlich der Wahnsinnige ein großes Taschenmesser heraus und öffnete die lange, blanke Klinge, welche durch eine einschnappende Feder zum Feststehen im Heft gebracht wird. Ich las die Sheffielder Firma auf dem Stahl, so nahe blitzte derselbe vor meinem Gesicht. „Jetzt werde ich Ihnen den Hals abschneiden, dann geht es nach dem Monde. Aber bitte, verlassen Sie den Waggon nicht eher, bis auch ich so weit bin." „Damit ist es nichts", antwortete ich kopfschüttelnd. „Ich bin schnell. Gehe ich zuerst, so werden Sie mir schwerlich nachkommen, aber weshalb wollen Sie denn nicht vorangehen?" „Ich vorangehen?" „Nun ja, natürlich, Sie sind stark, muthig, haben ein Messer. Sie haben ja selbst erklärt, daß Sie den Weg bahnen können." „Freilich, freilich, das vergaß ich. Natürlich ich muß voran, Sie haben ganz Recht. Ich will den Weg bahnen, folgen Sie nml" Und bei diesen unerwarteten Reden überkam mich plötzlich wieder ein furchtbares Grausen vor dem schrecklichen Menschen. Im selben Moment zog er die scharfe Klinge quer über seine eigene Kehle, ein heißer Blutquell überströmte mich. . . . Das Messer fiel aus seiner Hand, er sank auf die Seite. Ich sprang auf und schrie aus dem Fenster um Hülfe. Der Zug ging bereits langsamer, die Haltestation war erreicht. Die Wunde war keine tödtliche, ja, sie hatte, wie ich später erfuhr, insofern eine gute Wirkung, als die Tobsucht des Unglücklichen in Folge des starken Blutverlustes sich milderte. Er war am selben Abend erst aus einer Heilanstalt entsprungen. Als ich auf meine Uhr blickte, fand ich zu meinem Staunen, daß die entsetzliche Fahrt, die mir eine Ewigkeit zu dauern geschienen hatte, in Wirklichkeit kaum zehn Minuten währte. Es waren die längsten zehn Minuten meines Lebens. Miseelleir. (Der kluge Kutscher.) Ein kürzlich vermähltes englisches Ehepaar von den „oberen Zehntausend" beschloß, die Hochzeitsreise zu Wagen zu machen, da dies der junge» Frau viel poetischer erschien, als auf den Allerweltswegen mit der Eisenbahn zu fahren. Um diese lästige Neugierde zu vermeiden, womit die Leute auf dem Lande und in den kleinen Städten gewöhnlich ein neuvermähltes Paar zu verfolgen pflegen, gab Sir Arthur seinem irländischen Kutscher gemessenen Befehl, Niemanden unterwegs zu erzählen, daß die Hochzeit erst eben stattgefunden habe, wobei er drohte, ihn bei Zuwiderhandeln sofort zu entlassen. Pat versprach den strengsten Gehorsam; allein schon am folgenden Morgen hatten Sir Arthur und seine junge Gemahlin die unangenehme Ueber- raschung', die ganze Bewohnerschaft des Ortes bei ihrem Erscheinen zusammenlaufen zu sehen. Die Leute im Gasthaus und auf der Straße starrten sie neugierig an, indem sie sich gegenseitig zuflüsterten: „Das sind siel das sind sie!" Am nächsten Tage spielte sich in einem anderen Orte die nämliche Scene ab. Voll Entrüstung rief Sir Arthur den Kutscher ins Zimmer, um ihm seine augenblickliche Entlassung anzukündigen, weil er ausgeplaudert habe, was er geheim halten sollte. „Was soll ich denn gesagt haben?" rief Pat zerknirscht. „Kerl", fuhr ihn sein Herr ärgerlich an, „du hast jedes- 488 Mal der ganzen Dienerschaft des Gasthofes erzählt, daß wir ein neuverheirathetes Paar sind." „O," rief Pat triumphirend, „davon habe ich kein Wort gesagt. Wenn sie mich in der Küche danach gefragt haben» erzählte ich jedesmal, Sie würden sich erst in einigen Monaten verheirathen! . . . ." Die junge Lady war einer Ohnmacht nahe, ihr Gatte aber verzieh Pat und beschloß, ihn in Zukunft lieber die Wahrheit sagen zu lassen. (Ein Droschkenkutscher, der Sänger wird), ist nichts Seltenes mehr. Aber ein Sänger der Droschkenkutscher wird ... der neuen Welt blieb es vorbehalten, dies traurige Pendant zu liefern. In Newyork hat nämlich, wie das „Berl. Tagebl." zu melden weiß, vor Kurzem ein Droschkenkutscher in einer sehr belebten Stadtgegend Aufstellung genommen, der — wie ein amerikanisches Blatt versichert, vor vier Jahren als „stur" einer Oper die Kunstfreunde Bostons und Worcesters in Ethusiasmus versetzt hatte. Der betreffende Tenorist, der übrigens ein geborener Nüsse sein soll, hat — wie es heißt — seine Stimme gänzlich eingebüßt, scheut sich aber, da er Stellungsflüchtling ist, nach seiner Heimath zuurückzukehren, und findet sich ganz gut in seine Rolle. In Amerika haben aber solche Standesveränderungen nicht viel zu sagen. Die schönen Newyorkerinen, welche die Droschke des Russen besteigen, ahnen nicht, daß der Mann auf dem Kutschbock vor mehreren Jahren die Damen Bostons als Naoul oder Manrico in Entzücken versetzt hatte. Dem Mimen flicht eben unter solchen Umständen auch die Mitwelt keine Kränze. (Wie baut man eine glückliche Heimath?) Hierzu sind sechs Dinge nöthig. Rechtschaffenheit muß der Architekt sein und Sauberkeit der Tapezierer. Das Haus muß durch Liebe erwärmt und durch Heiterkeit erleuchtet werden. Nützliche Thätig» keil muß der Ventilator sein, welcher die Atmosphäre erneut und Tag für Tag eine frische gesunde Luft herrschen läßt, während als schützende Decke über Alle» der Segen Gottes walten muß. Die Hand zur Sühne. Jede Kränkung, alle Fehle! ' „Herr! vergieb uns uns're Schulden, Wie auch wir von ganzer Seele Uni'ren Schuldiaern veraeben Reist das Korn schon in den Halmen? Hören wir die Sichel klingen? Dürfen die in Thränen säten Frohe Erntelieder singen? Aus dem göttlich hehren Munde, Lauschend dieser Himmelslehre Wird auf gold'nen Rechtes Boden Sich die Freiheit wieder heben? Darf, von L-chergen unbehelligt, Jeder seinem Glauben lebe»? Riesen wir in der Bedrängnis; So aus, tiesem Herzensgründe. Mit dem einzig Sündenlosen, Der die Zeiten hat erschaffen Kennt den Tag und keimt die Stunde; Seine Werke währen ewig, Der an s ureuz warb sestgeschlagen, Haben wir, dem Feind verzeihend, Unsrer Sünden Last getragen. Die Ihm trotzen geh'n zu 'Grunde. Sieh', o Herr! die Stürme schweigen Und die tollen Leidenschaften, — Mußten wir den Druck der Starken Und der Mächt'gen Unbill dulden, Gnädig war der Herr, gedenkend Nicht der Mengen unsrer Schulden. 4411V vtv tvt4t.1t ^,civt.11s>.tz)Nstt.ll- Lass' des Friedens Samenkörnlcin Nun in gutem Boden hasten! Herzen lenkt wie Bäche, >m Uebel uns erlösen. Der die Wird vom Uebel uns erlösen. Gnädig ist der Herr, und immer Schafft Er Gutes aus dem Bösen; Wissend, das; in jedem Kanivfe Wir den Sieg erringen müssen <4)14 vt.lt IllNIst.Il- Möchten wir im Feind den Bruder Lieber mit der Bitte grüßen: „Herr! vergieb uns uns're Schulden, Wie auch wir von ganzer Seele Unsren Schuldiger» vergeben Jede Kränkung, alle Fehle!" L. v. Heemstede. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Unterkiaktunggökntt »ur „Ängslmrger postzeitimg." Nr. 62. Samstag, 4. August 1883. Ein Jahr Jogrnleben. Von Georg Auniüller. (Schluß.) Am gleichen Tage hatten die Brüder zu G. . . . Schwesternfest. Aus dem Logen« )aale waren die hohen Säulen der Weisheit, Schönheit und Stärke entfernt, der Altar verhüllt und die dreieckigen Tische der beiden Aufseher beseitigt worden. Dafür prangten zwei Tafelreihen mit Blumenschmuck geziert im Saale und bald ließen sich die Brüder und Schwestern an demselben zu reichlichem Mahle nieder. Nach den gewöhnlichen Eröffnungsgebeten der Loge wurde folgendes Lied zum Preise der Schwestern angestimmt: Es strömt des Himmels reichster Segen Herab auf jede Maurcrbrust, Und durch der Schwesten Liebesregen Wird Gram zur Freude, Wohlthun Lust. Theilt mit den Schwestern, theure Brüder, All' euren Kummer, euren Schmerz, Ihr findet stets den Frieden wieder Im treuen Schwesternherz. Die Welt mit ihrem Trug und Lügen Mit ihrem Eigennutz und Hohn, Wem kann dies Jammerthal genügen? Nur deni profanen Erdensohn. Doch gibt's noch eine heilige Stätte In Glück und Unglück, Lust und Schmerz, Das ist in unserer Logenstätte Das treue Schwesternherz. Das Haar wird weiß, und aus den Wangen Erbleicht das jugendliche Roth, Bald kommt das Alter dann gegangen Mit seinen Mühen seiner Noth. Doch laßt die Haare nur ergrauen Von dieser Erde Harm und Schmerz, Dann erst kannst du recht sicher bauen Aus's treue Schwesternherz. Was war es doch, das Paul so sonderbar erregte, als er in den Gesang einstimmte? Saß ja doch seine Friederike neben ihm und ihre Nähe hatte bisher jeden Gram von ihm verscheucht. Und doch schnürte ein unbestimmtes, banges Gefühl ihm die Brust zusammen, daß er kaum die Wolken von seiner Stirne scheuchen konnte. Jetzt fiel des Meisters Hammer dreimal in wuchtigen Schlägen auf den Tisch, und der Bruder Redner begann: Meine lieben Brüder und Schwestern! Die besten unserer deutschen Sänger wetteiferten im Preise der Frauen, ja sie stellten Frauenliebe und Frauenlob als Maßstab der Bildung und des Charakters eines Mannes auf. Ich möchte heute nur an unsern unsterblichen Schiller erinnern: 490 „Ehret die Frauen, sie flechte» und wedelt Himmlische Rosen in's irdische Leben, Flechten der Rose beglückendes Band"', so beginnt der Sänger sein Lied von der Würde der Frauen. Wer von uns hat nicht schon sich den Duft dieser Rosen eingesogen, wer nicht Liebesglück empfunden? Kaum den Knabenschuhen entwachsen schleicht sich in unser Hrrz der Sehnsucht süßes Hoffen und es beginnt der erste» Liebe goldne Zeit, wie da der Dichter singt: Das Auge sieht den Himmel offen Es schwelgt das Herz in Seligkeit, O, daß sie ewig grünen bliebe, Die schone Zeit der sungen Liebe! Wage Niemand störende Hand an dieses Glück zu legen. Die Jahre fliehen von selbst und bald beginnt die Zeit des Ringens und Strebens für den Mann, die Sorge für Haus und Kind, für das Weib. Und welch' tiefes Wehe schnürt des Mannes Brust zusammen, wenn schwer und bang der Glocken Grabgesang den Tod der Gattin und Mutter verkündet! Doch hinweg mit solch' trüben Bildern; stehen mir ja doch mitten im Leben, blühen ja doch unsere Schwestern gleich farbenprächtigen duftigen Blumen, winkt uns ja noch immer der Becher der Lust. Ihn wollen wir ergreifen und mit gierigen Zügen leeren. Und wüßten wir, wo Einer traurig läge, wir brächten ihm diesen Freudenbecher und er müßte zu neuem Leben erwachen. Euer Amt aber, geliebte Schwestern, ist eS, zu sorgen, daß der Labetrunk im Becher nie versiege und das ewige Feuer schöner Gefühle mit heiliger Hand stets genährt werde. Denn wenn diese Quelle versiegt, wenn diese Flamme erlischt, dann dürft Ihr nicht klagen, wenn der Mann trostlos umherirrt oder an anderm Feuer sich erwärmt. Es ist sein Recht nach des Tages Mühen bei Euch Erholung und Freude zu suchen. Wollt oder könnt Ihr sie ihm nicht gewähren, dann zürnet der Schwester nicht, in deren Busen der Arme seinen Gram senkt." — Hier wurde der Redner unterbrochen. Der dienende Bruder brachte ein als sofort zu bestellendes Telegramm und übergab es dem Meister vom Stuhle. Dieser las eS und gab eS lächelnd dem Vater Friederike's, mit dem er leise einige Worte wechselte. Auch auf dessen Gesicht zeigte sich unverkennbare Freude, und nachdem auf einen Blick des Meisters der Redner mit einigen Phrasen zu Ende geeilt war, erhob sich der deputirte Meister und brachte ein dreifaches Hoch auf alle liebenden Paare aus, denen baldige Vereinigung bevorstehe. Dabei ruhten seine Augen so auffallend und zufrieden auf seiner Tochter und Paul, daß Niemand im Zweifel war, es seien günstige Nachrichten Betreff der beiden eingelaufen. Doch vergebens bat man den Meister um Aufklärung. Man brachte nur so viel aus ihm heraus, daß Bruder Folger Günstiges mitgetheilt habe. Nur Friederike gelang es, von ihrem Vater die Worte: „Sie stirbt" — zu erfahren. — Paul kam es vor, als benehme sie sich henie vor der großen Gesellschaft freier, als es einem Mädchen gezieme; aber ihre wonneverheißenden Augen, ihr Liebesgeplaudsr und der schäumende Wein, den sie ihm reichlich in das Glas goß, verscheuchten alle Grillen. Erst nach Mitternacht trennte sich die Gesellschaft und Friederike's Vater lud Paul selbst ein, seine Tochter nach Hause zu geleiten. — Die Sonne stand hoch am Himmel als Paul aufstand und zu seiner Ueber- raschung ein Telegramm auf seinem Schreibtische liegen sah. Hastig öffnete er es und las stieren Auges die Worte: „Ihre Frau todt — Beerdigung unaufschiebbar. Doktor Schuster." — Tiefaufstöhnend mußte sich der starke Mann mit beiden Händen an dein Schreibtische halten, um nicht zu Bode» zu sinken. Das also hatte gestern so große Freuds in der Loge erweckt, darum hatte Friederike sich weniger Zwang angethan, darum war sie Nachts nach Hause von ihm geleitet worden! Sich und die Welt verfluchend warf sich der gebrochene Mann, in dessen Brust die Liebe zu seinem Weibe noch nicht ganz erloschen war, auf das Bett und raste in ohnmächtiger Wuth, bis ein Thräncnstrom d^ Verzweiflung hinwegfnhrte und nur das tiefe Wehe in 491 seiner Brust zurückließ. Dann ermannte er sich, eS galt, vielleicht das liebe Gesicht »schmal zu sehen oder doch wenigstens in die Gruft hinabzublicken, in die sein Weib gesenkt werde» sollte zu ewiger Trennung. Gab es kein Wiedersehen, keine Verzeihung, wa< sei» Weib mit Groll auf ihn geschieden für immer, sollte der Mund sich nie mehr zu einem Worte der Vergebung sich öffnen? Nie mehr — sagte sich der Mann und neue Verzweiflung bemächtigte sich seiner. Endlich raffte er sich auf und wankt« nach dem Bahnhöfe. Die Leute auf der Straße blieben stehen und zeigten mit Fingern auf die zerrüttete Gestalt. Der diensthabende Beamte wies ihm mitleidig ein eigenes Coupö an, wo er während der traurigen Fahrt alleinig mit sich und seinem Schmerz war. Nach langer, wiederholt unterbrochener Fahrt, kam endlich die letzte Station. Als der in dumpfem Brüten dahinwandelnde dem Wagen entstiegen ivar, trug ihm der Wind bange, dumpfe Klänge aus dem Pfarrdorfe entgegen. Es war das Grabgeläute seines Weibes. Paul ahnte es; unwillkürlich öffneten sich die Lippen des Ungläubigen zum Todtengruße. „O Herr, gib ihr die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihr, Herr, lasse sie ruhen in Fielen«, betete zum ersten Male nach Jahren wieder Paul mit gefallenen Händen. Dann raffte er sich auf, die Glocke» mahnten zur Eile. Dort vor dem kleinen Häuschen stand der einfache Sarg, der Mutter und Kind enthielt. „O Herr gib ihr die ewige Ruhe", beteten die Leute, die aus allen Ortschaften der Umgebung gekommen waren, zum letzten Geleite. Nun stand Paul vor dem Sarge. Der Thränenquell war versiegt, nur die Bläffe des Gesichtes, die gerötheten Augen und heftiges Zittern des ganzen Leibes zeigten von den furchtbaren Qualen des Mannes. Erst als er sein mutterloses Kind an sich drückte, da verlieh ihm neuer Schauer wieder Sprache und Thränen. So stand er am Grabe und hörte die Worte des Geistlichen: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt und ich auferstehen werde am jüngsten Tage." Und als derselbe dann in rührenden Worten die Verblichene als Muster eines Weibes» einer Mutter darstellte, deren letztes Wort Liebe gewesen sei, da glaubte Paul das Wort der Vergebung von den blaffn« Lippen zu hören und im brechenden Auge die Hoffnung des Wiedersehens zu lesen. Ruhiger, als er gekommen verließ er die letzte Ruhestätte seines Weibes, nachdem er der Todten geschworen hatte, nur ihrem Andenke» und seinem Kinde zu leben. — Täglich sah man nun Paul mit der kleinen Lina am Grab« Elsa's, nicht weniger selten besuchte er den würdigen Pfarrer, in dessen Umgang allmalig der längstgesuchte Friede in sein Herz einzog. Nach G. . . . hatte er geschrieben, seinen Austritt aus der Loge erklärt und Friederike mitgetheilt, daß er in Entsagung und Reue die Verzeihung seines Weibes, Ruhe und Frieden erlangen, der Erziehung seines Kindes sein Leben widme» wolle. Zugleich richtete er an seine vorgesetzte Behörde das Gesuch um Enthebung von seiner Stelle, um sich fortan in Stille und Einsamkeit dem schriftstellerischen Berufe hinzugeben. So Mancher, der blinden Auges schon der gähnenden Tiefe des Verderbens sich nahte, wurde durch sein warnendes Wort zur Umkehr bewogen. Auf einer Tafel aber, die zwischen Blumen auf Elsa's Grabe liegt, steht folgendes Lied: Es wallt ein Licht ob dieser Welt, Das ihrer Stürme Nacht erhellt. Gleich wie dem Aug' das Morgculicht, So glänzt der Glaube dem Gemüth. Wenn der Erfahrung Bild die Brust Mit Schmerz und Wehmuth füllt lind uns des Tages Schwüle drückt, Das Herz im Glauben Trost erblickt. Und ruft aus Grabnacht bang und dumpf Der kalte Tod Triumph! Triumph! Mild strahlt von deinem Angesicht O Glaube, Licht, des Himmels Licht. Der IvdOjährige Rosenstock in Hildesheim Als alter Hildesheimer laste ich eS mir nicht nehmen, alljährlich im Junimonat unserm tausendjährigen Rasenstücke an der Chorwand des Domes einen Besuch abzustatten. Das ist die Zeit, in der er seine Blüthen treibt, die Zeit also, in welcher sein Anblick am lieblichsten und zugleich am ergreifendsten ist. Hat er dann seine glühenden Augen aufgeschlagen, so sieht er den sinnenden Beobachter so eigen an, als wollte er ihm singen und sagen von uralten, längst vergangenen Zeiten, deren Zeuge er gewesen, und als deren lebender Zeuge er jetzt noch dasteht. Begleite mich, lieber Leser, im Geiste dorthin, und laß uns dort sub rosa ein wenig plaudern! Aber da könnte mir vielleicht Jemand kommen und, von der Zweifelsucht der Gegenwart angekränkelt, über meine Worte lächeln und sagen, mit der Giltigkcit dieses Zeugnisses möchte es nicht weit her sein, Noch in der letztvergangenen Psingstwoche hat man ja von einem Hildesheimer Herrn in einem Vortrage, welchen derselbe vor dem „Historischen Verein für Niedersachsen" hielt, hören können, der Nosenstock sei nach Ansicht botanischer Autoritäten nicht älter als 300 Jahre — eine Aeußerung, welche natürlich von den Zeitungen sofort colportirt wurde. Wie erbebend ist nicht das stolze Bewußtsein, an der Hand der neuesten Forschungen veraltete Meinungen zu überfliegen und namentlich auf Sagen und Legenden des katholischen Volkes vornehm hinabzublicken? Aber sachte! So schnell ziehen wir die Segel nicht ein. Abgesehen davon, daß jener Herr keine einzige der „botanischen Autoritäten" namhaft gemacht, so sind bloße Behauptungen wohlfeil wie Brombeeren und schlagen daher bei dem Freunde der Wahrheit nicht zu Buche. Von offenbar sehr berufener Hand werden wir dagegen in einem Artikel der „Kornacker'schen Zeitung" auf eine Stimme hingewiesen, welche sich überall des besten Klanges erfreut, auf die des verstorbenen Professors Leunis nämlich, welcher das Alter des Nosenstockes auf tausend Jahre schätzte. Das Urtheil dieses allverehrten Forschers ist in diesem Falle wichtiger, als er die eigenartige Entwickelung des Stammes genau beobachtet hat. Während im Laufe der Jahrhunderte die oberen Zweige bei starkem Frostwetter zum öfteren litten, ja sogar gänzlich abstarben» erhielt der eigentliche Wurzrlstamm das Leben und trieb neue Zweige in die Höhe. Er konnte dieses seiner geschützten Loge wegen. Unter dem mittleren Altar der Domgruft kommt er aus der Erde, geht zunächst durch ein steinernes Gewölbe von 2 Fuß Höhe und 5 Fuß Breite und hierauf durch die 6 Fuß dicke Mauer der Apsis — dann erst wird er nach außen sichtbar und erhebt sich knollsnartig wenige Zoll über der Erde, um in die einzelnen Triebe überzugehen. Nein, wir beneiden die niedersächsischen Historiker um den gehörten Vortrag nicht» Wäre es nicht auch paffender gewesen, gerade den Historikern mit historischen Autoritäten und vor Allem mit historischen Thatsachen aufzuwarten? Aber gerade die geschichtlichen Zeugnisse sprechen anders. Namentlich ist da hervorzuheben, daß nach der Feuersbrunst des Jahres 1046, bei welcher jedoch die Krypta verschont blieb, Bischof Hszilo bei Gelegenheit seines Wiederaufbaues den Nosenstock als ein „merkwürdiges Denkmal der Vorzeit" ehrte und ihn schonend ummauern und aufwärts leiten ließ. Mit vollem Rechte schrieb daher Professor Cramer am Gymnasium Josephinum im dritten seiner immer seltener werdenden „Physischen Briefe" (Hildesheim 1792): „Er bleibt immer bewunderungswürdig, wenn man sein ungeheures Alter bedenkt; denn unter allen Stämmen und Stauden in ganz Europa wird es keine geben, wovon man mit so vieler Gewißheit die Jahrhunderte ihres Daseins zeigen könnte." Ich begrüßte also die Zeitungsnotiz, daß am 5. Juni die ersten Blüthen des Nosenstockes sich geöffnet, mit Freude — erscheint mir doch eine solche Nachricht viel interessanter, als ein Bulletin über den Gorilla-Affen, welchen neulich ein boshafter Berichterstatter den Berlinern in ihr Stadtwappen empfahl. Einige Zeit darauf öffnete mir der freundliche Domcustos die Pforte des Kreuzganges, und wieder einmal sah ich - 493 den allen Freund in seiner blühenden Verjüngung. Allerdings sind die Rosen daran in diesem Jahre nicht so zahlreich als sonst gewesen. Wer daher geneigt ist, in ihm eine lieu-i lum'umlis (den geheiligten Baum des alten Rom) zu erblicken, dem kann es nicht schwer werden, hier seine Phantasie auf die traurige» Zustände zu richten, denen die Hildesheimer Stadt und Diöcese verfallen sind. Der Culturkampf hat uns wahrlich nicht auf Rosen gebettet! Und wie wird es im nächsten Jahre aussehen? Wird sich uns der Spruch bewähren: Zeit. bringt Rosen? Immerhin ist die Blüthenpracht des Rasenstückes, wenn auch nicht so voll als im Vorjahre, herrlich genug, unsere Aufmerksamkeit zu fesseln und unsere Empfindung zu erwärmen. Ja, dieser Nosensiock! Man niag ihn sehen, so oft man will, man kann es nicht, ohne von ehrfurchtsvollem Schauer ergriffen zu werden. Ewiger Jugend sich erfreuend, sah er die Geschichte einer Welt auf den Flügeln der Zeit vorübereilen. Er sah die ersten Strahlen der christlichen Enadensonne das Dunkel des altgermanischen Heiden- thums durchblitzen — von jedem Tage an, als das Religuiengefäß Ludwigs des Frommen, Unser leven Frouwen Hyligthum genannt, an seinen Zweigen hängen blieb. Er sah die vielen heiligen und gottesfürchtigen Bischöfe, Priester und Laien, welche im Hildesheimer Bisthum erblühten, wie die Rosen an seinen Ranken. Aus den verheerenden Feuers- brünsten ging er, von höherer Hand beschützt, unversehrt hervor. Aus seinem Holze wurde das mit Gold, Edelsteinen und Perlen reich geschmückte Muttergottesbild geschnitzt, welches auf dem Hochaltare prangte und vor dem die Disnstmannen dem neugswählten Bilchofe huldigten. Er erlebte manchen Sturm, der über die Diöcese hintobte und manches hinwegfegte, aber dann auch wieder bessere Tage. Mehr als ein übermüthiges Haupt sah er sich in den Staub beugen und manch' ungerechtes Reich in Trümmer stürzen. Doch trotz einer mehr als tausendjährigen Vergangenheit, trotz der Last seiner Jahre lassen LebenSmulh und Lebensfreudigkeit nicht von ihm ab. Er wird nicht müde, frische Ranken zu treiben und im Schmucke junger Blüthen zu prangen. Dazu rechts und links - die üppigen Gewinde des wilden Weines, welche die Säulen des unvergleichlichen Kreuz- gangeS in seinem oberen Geschosse zum Aerger der Architekten, aber zur Freude der Maler auf das Neizenoste umkleiden — oben in der Höhe die goldene Domkuppel, an die alte Heldenzeit und den Schutz der heil. Jungfrau gemahnend — unten die Gräber der Bischöfe und Domherren, darunter so manche bekannte Namen — aus der Ferne der Gesang einer einsamen Drossel, an den dort verstummten, aber will's Gott bald wieder erschallenden Psalmengesang erinnernd; das alles wirkt geradezu überwältigend. Und damit der Leser sehe, daß man nicht gerade Hildesheimer zu sein braucht, um so zu fühlen, will ich noch, ehe wir von diesem köstlichen Plätzchen scheide», das Zeugniß eines Berliner Reisenden anführen: „Ich wüßte wenig Stellen der Erde, auf denen sich das unverwüstliche Leben der Natur schmückend, um ehrwürdiges, kunstvolles, verfallendes, steinernes Mciischeiiwerk drängt, die einen stärkeren holderen poetischen Zauber üben, als dieser Dom- und Klostergarten. Das Bild der alten trümmerhaften sarazenischen Kirche 8. Oiovrmui clojUi lWvmiri bei Palermo in seiner grünen, verwilderten, südlich üppigen Pracht, die um die trümmerhaften Kreuzgänge wuchert und, von ihnen umschlossen, dust- strömend im glühenden Lichte der Augustsonns vor mir dalag, trat mir plötzlich wieder klar vor die erinnernde Seele. Hier ist dessen poetisch-malerischer Verwandter. Aber der hoheitvolle Bau des Domes, die ernste und zierliche Anna-Kapelle, welche hier aufragen, und die deutsche traute Heimathlust, welche um diese grauen Mauern, im Laube dieser Gebüsche flüstert, sie machen ihn mir doch »och unvergleichlich lieber, als jenen ob ! auch noch so wundervollen Winkel bei der prächtigen Normannenstadt dort im Süden auf der seinen Aetnalnsel im blauen Meer." 494 Aus Monaco. Der bekannte Feuilletonist und Romanschriftsteller Hans Wachenhusen hat unter - dem Titel: „Monaco, Skizzen vom grünen Tisch und vom blauen Meer", eine Reihe - von Schilderungen über die Niviera erscheinen lassen. In diesem Büchlein finden sich interessante Mittheilungen über Vergangenheit und Gegenwart des an der ligurischen Küste t des Mittelmeeres gelegenen absoluten Fürstenthumes Monaco und seine Bewohner, sowie ' über die Spielbank Monte Carlo. Wir entnehmen dem Abschnitte über „die Engländer / am Mittelwerte" die folgende interessante Skizze: ' Wer die Niviera am meisten zu schätzen versteht, das sind die Engländer. Auch sie schicken allerdings ihre Kranke» hierher, aber lieber kommen sie schon als Gesunde I und treten in Heerden auf. ! An der ll'ublo ck'düte der Hotels Alles englisch; man dejeunirt hier auf französischem s! Boden auch nicht, man luncht, und der Hammel darf nie fehlen. Die Tafel spricht vorzugsweise, an manchen Tagen sogar ausschließlich englisch. Sie setzen Alle voraus, daß man ihre Sprache rede und ist eine der Misses sehr sprachbewandert, so bittet sie wohl bei Tische: volen-vos mo xasser In rnovou? Aber sie sind die praktischesten und verständigsten travollors aller Völker. Die übrigen Nationalitäten existiren für sie nicht. Mit unglaublich billigen Nundreisebillets für die weitesten Touren, ganze Ballen von Gepäck im Coupö mit sich schleppend, ziehen sie einzeln oder in Familien um die ganze Mittelmserküste herum. Ihre Checks nimmt jedes Hotel und in jedeni Hotel sind sie überzeugt, eine englische Colonie schon vorzufinden. Sie haben ja nur die Scholle gewechselt, die Atmosphäre ist ihnen überall englisch. Und sie reisen mit Genuß. Ein derber, unverwüstlicher Reise-Anzug fehlt Keinem, I der sich noch rüstig fühlt; man findet ihre nagelschuhige» Spuren auf den höchsten I Terrassen der Berge» wo irgend ein Nasen, wird ein ioc»t dall oder luvn tennis etablirt» für welchen letzteren selbst die Misses eine geschmacklose, aber solide Toilette mit sich ; führe». ! Pferde, Esel und Führer dienen zumeist den Engländern. Bestaubt, mit wuchtigen Knitteln in der Hand, sieht man sie Abends von ihren Land- und Bergpartien zurück- >- kehren, die Misses mit ihnen, ebenso unermüdlich, immer mit demselben unbeweglichen Rückgrat, in groben Kleidern, die kurzgeschnittenen Schlasröcken ähnlich. Zum Diner um 7 Uhr Abends erscheinen sie nach schnellem Kleiderwechsel xontlomuii und luclzUilcs und die Wirthe erschrecken über den Gebirgsappetit, den sie au die Tafel bringen. Das ist indeß mehr die mittlere, zu Hause nur wohlhabende Gesellschaftsklasse Albions, die den Continent sucht, um mit den Jahreszeiten die Stätten zu wechseln, wie der Nomade seine Weideplätze. Sie gehen im Herbste nach Biarritz, im Winter an die Niviera, im Frühjahre nach den Pyrenäen, im Sommer a» den Rhein; nur die Bestsituirten unter ihnen machen vorher noch die Saison in London mit. Die zu den oberen Zehntauiend Gehörenden oder ihnen Nahestehenden sind die Gentlemen und Lords, denen der Sport der maßgebende Wegweiser ist. Auch sie verfehlen die Niviera nicht, sie sind Mitglieder der Clubs in Nizza und geben den (nebenbei gesagt, langweiligsten) Ton an. Ihre Namen fehlen auch in keiner Saison im osiols äos ätraiiSLra in Monte Carlo und in dem Shooting-Club, dem tir nux xiZeon-, dessen anerkannteste Beschützer sie sind und in dessen stanckioaps, inatsoiw, pari? und ponIes sie das Reglement dictiren. Dieses tir anx xiAvons, das Taubenschießen, ist namentlich der Lieblingssport > der Niviera. Es existirt eines in Nizza auf dem Uferrasen auf der Promenade nach ! Villesranche, doch hat es weniger Bedeutung; das von Monte Carlo gilt den passionirten skoot rs als das Musterinstitut der ganzen Welt, dem auch die englischen und selbst das des Bois de Boulogne nicht nahe kommen. So mancher Fremde, der vom Casinoplatze auf der westlichen Seite über die Rotunde zum Ufer hinabsteigt, wird absichtslos der Zeuge dieses blutigen Vergnügens» 495 das ich unter den oft seltsamen Belustigungen unserer modernen Gesellschaft in die Kategorie der Sticrgefechte einreihen würde, dürfte ich »»ich befreundeten Fanatikern dieses Sportes gegenüber zu so engherzigem Gesichtspunkte bekennen und mich zu Denen reihen, die in England selbst schon für die Beseitigung dieses Zeitvertreibes thätig sind. Wie aller Sport nämlich, hat auch dieser seine kulturelle Bedeutung: er soll die Schußfertigkcit und Sicherheit in der Geflügeljagd ausbilden, und das ist gut, sehr gut: Wenn alles Wild, das in Wald und Fluren lebt, nur dazu geboren wird, um todtgeschossen zu werden und auf die Tafel zu kommen, so wird es gleichgiltig sein, wie es erlegt wird, und ein sicherer Schuß ist für den dem Tode Geweihten immer eine Wohlthat. Trotzdem mag es für empfindsame Gemüther etwas Beleidigendes, je nachdem sogar etwas Empörendes haben, wenn sie hier in Monte Carlo unfreiwillig vor dem tir nux pißküim stehen. Ueber den zu Füßen des Casinos sich im Halbkreise in das Meer erhebenden grünen Rasen flattert nämlich, wenn wir an die Balustrade der Rotunde treten» vor uns ein blaues Tüubchen aus dem Grase auf, eines von jenen, die wir täglich auf dem Dachgesimse des „Hotel de Paris" in langer Reihe dicht gedrängt bei- sammensitzen sehe». Ein Schuß knallt über den Plan und über das Meer. Die Taube sinkt getroffen in kaum begonnenem Fluge. Ein weißbunter Jagdhund trabt im Geschäftseifer daher, gibt dem Thierchen den Nest und trägt es zurück unter das Dach des Schweizerhäuschen zu unseren Füßen; ein Diener in kurzer Jacke kommt gelaufen, öffnet eines der fünf Kästchen, die im Halbkreis, in Entfernung von einigen Metern sich auf dem Rasen abzeichnen, klappt den Deckel wieder zu und läuft zurück. Wieder flattert aus einem dieser Kästchen eine Taube auf; wieder ein Schuß und wieder erscheint pflichteifrig der Jagdhund. So wiederholt sich das blutige Schauspiel gegen Ende der Woche den Tag hindurch, das berühmte Taubenschießcn von Monte Carlo, das Sportvergnügen des Pigeon- Shooting-Club, der seine Mitglieder, wie gesagt, unter den Cavalieren aller Welttheile zählt. Das kleine Gebäude auf der Terrasse enthält einen langen nach dem Wasser Hinausschauenden Saal, daneben den Taubenschlag, dem noch ein Reserve-Pavillon für die Unterbringung von mindestens zehn Tausend dieser Thiere dient. Strenge Gesetze liegen diesem Sport zu Grunde; dieselben schreiben Caliber und Blei vor. Es können Fremde gegen Tageskarten von 20 Francs eingeführt werden; Preise werden erschossen. Der Schütze wird aufgerufen und darf die vorgeschriebene Distanz nicht überschreiten, auch die Flinte nicht an die Schulter legen, es sei denn, er ließe der Taube Zeit zum Ausflug. Auf sein Zeichen wird eins der Kästchen, in welchem je eine Taube sich befindet, durch einen Zug geöffnet; will sie nicht auffliegen, so bellt sie der Hund heraus. Fällt die Taube getroffen über den Rand des Rasens, so ist der Schuß Null, d. h. nicht „dou". Es würde mich zu weit führen, wollte ich das Reglement hier delailliren. Der Club zählt die glänzendsten Namen, der höchste Preis beträgt 20,000 Francs. Für den zuschauenden Laien sieht die Sache sehr leicht aus, die armen Thiere, wie sie eben aus dem Kasten aufsteigen, hinwegzuschießen, die Schwierigkeit liegt aber darin, eine Serie zu treffen, und das ist auf dem grünen Plan fast so schwierig, wie oben an den grünen Tische». Die geschossenen Tauben kommen den Hospitälern zugute, und das ist nach allgemeinen Begriffen das einzige Gute an der Sache. Ob auch die Armen dieses Liliputstaates dabei zu Gaste gehen, weiß ich nicht. Mir ist, so oft ich die Niviera in der Nähe von Monaco besuchte, kein solcher hier begegnet. Man macht hier eben nur Arme und schickt sie mit einem Viaticum nach Hause. Und mit dem letzteren haben die Spielbanken seit ihrem Bestehen nie kargen dürfen, um nicht ein Proletariat um sich her zu schaffen, das sie täglich mit drohenden Fäusten umlagern würde. Man gibt den Unglücklichen, die ihre letzten Francs verspielt haben, 4S6 wenn man die Ueberzeugung hat, daß dies wirklich geschehen, und diese hat man gewöhnlich bereits ehe der Ausgeplünderte sich meldet. Man kennt die Spieler, man beobachtet sie an den Tischen, man taxirt ungefähr,' was sie gewonnen oder verloren haben, und ist anständig genug, das Reisegeld nach ihrem Verlust, »ach ihrem Stande zu bemessen. Das war auch in Deutschland so, und i» diesem nur wenige Kilonieter umfassenden souveränen Staate ist es doppelt geboten'; es müßten hier sonst im ganzen Umkreise die Bäume gefällt, das Schießpulver verboten, das Meer zugeschüttet werden, um das Paradies nicht zur Trauerstätte zu machen. Miseellen. (Der Nosenstock in Hildesheim.) An der Absis des Hildesheimer Domchores befindet sich bekanntlich ein Noscnstock, von dem die Sage geht, er sei derselbe, an welchem das Ncliquien-Kästchen hängend gefunden wurde, welcher der Hvfkaplan des gerade im Hildesheimer Walde auf der Jagd befindlichen Kaisers Ludwig des Frommen aus Vergessenheit zurückgelassen hatte. Der „Hannov. Cour." berichtet nun, der Historische Verein für Niedersachsen habe bei seiner kürzlichen Anwesenheit in Hildesheim auch den berühmten Rosenstock in Augenschein genommen, dessen Alter nach Aussage des Senators Römer daselbst, von botanischen Autoriräten auf 300 Jahre geschätzt werde. Die „Hildesh. Ztg." hebt dagegen hervor, daß der vor einigen Jahren gestorbene Professor Lr. Leunis» eine botanische Autorität ersten Ranges, das Alter des Nosenstockes auf 1000 Jahre geschätzt habe, und Bischof Hczilo, welcher im 11. Jahrhundert auf dem bischöflichen Stuhle zu Hildesheim saß, habe von dem Nosenstocke als einer altehrwürdigen Erscheinung gesprochen. (Das Kapitel der Zollkuriosa) erfährt täglich neue Bereicherungen, aber auch auf diesem Gebiete ist „Vieles schon dagewesen," und so ist die „Bresl. Ztg." in der Lage, eine zwar schon ältere, aber wenig bekannte Leistung zollwächterischen Scharfsinns mitzutheilen, die beweist, daß man an den Grenzen des deutschen Vaterkandes schon vor Jahrzehnten in Bezug auf Findigkeit unseren heutigen Zollbeamte» mindestens gleich, wenn nicht „über" war. Für das Museum, und zwar dessen anthropologische Abtheilung, einer deutschen Universität trafen an der Grenze mehrere Kisten mit Menschenschädeln ein. Unter welcher Rubrik sollte nun diese unheimliche Ladung verzollt werden. Man rieth hin und her und kam schließlich auf einen schenialcn Gedanken, der aller Noth ein Ende machte. Man verzollte die Schädel als — getragene Sachen! (Die böse Hausfrau.) In Nevada brach, nie die in S. Paulo erscheinende deutsche Zeitung „Germania" erzählt, kürzlich ein Bär in ein Haus ein. Der Hausvater war abwesend und seine Gattin glaubte, er sei es, und er komme betrunken nach Hause. Sie hielt sich nicht erst damit auf, Licht anzuzünden, sondern begann die energische Thätigkeit ihrer Zunge ohne Weiteres. Als der Bär schließlich das Haus verließ, hörte er nicht eher auf zu laufen, als bis elf Meilen zwischen ihm und dessen Bewohnerin lagen; sein Aussehen aber war derart, daß die anderen Bären ihm wochenlang aus dem Wege gingen. — Echt amerikanischer Humor! (Wie in Paris das Geschäft blüht), kennzeichnet „Figaro" durch folgenden bittern Scherz: Ein Kaufmann begegnet einem jungen Blaun, der früher bei ihm als Konnnis thätig war, und klagt über den schlechten Geschäftsgang. „Erlauben Sie," ruft der junge Mann, „bei uns blüht das Geschäft derart, daß wir Erweiterungsbauten vornehme» müssen." „In welcher Branche arbeiten Sie?" „Leihhaus." -> (Den größten Pfirsich garten der Welt) besitzt John Parnsll, ein Bruver des Führers der irischen Partei im englischen Unterhaus«. Der Garten erstreckt sich über 800 Morgen und ist mit 125,000 Pfirsichbäumen bepflanzt. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Uiiterüaktunggökatl' jur „Ärrgsburger Postjeitnng." Nr. 63. Mittwoch» 8. August 1883. „Jur Eintracht" oder „Schuld und Sühne." NacherMlt von F. Carnevllle. (Nachdruck «erböte».) I. Das reizende Luzern verlassend, wanderte ich den schönen Vierwaldstädter See entlang bis Spitzen-Eck, wo ich mit dem Nachen nach Stanzstad überfuhr und damit den romantischen Kanton Unterwalden betrat, der seiner Naturschönheiten wegen wohl eine« der anmuthigsten Kantone der Schweiz ist, und der Weg von Stanzstad über den Brünig dürfte den Wanderer genügend für die Strapazen lohnen, die er hierauf verwendet. — Die Haupt- und Nebenthäler Unterwaldens von lustigen Gebirgsbächen durchflojsen, und von prächtigen Nadelwäldern überragt, über welche hinweg man die schneeigen Gipfel der Alpen erblickt, die reizenden Ortschaften mit ihren Wiesen und Obsthainen und die schönen Seen, welche die Landschaft zieren, all' das läßt das Herz ferin aufjauchzen vor Lust auf dieser Wanderung; aber auch historische Erinnerungen erwachen hieben wer denkt nicht «n das Völklein, das hier mit voller Thatkraft für seine Unabhängigkeit stritt, wer erinnert sich nicht seiner Jugendzeit, wo ihn Schillers „Wilhelm Tell" begeisterte, wo er sich in diese Berge und Schluchten versetzte und diese starken Männer mit ihren eisernen Muskeln und dies? schönen Frauen mit ihren blonden Haaren bewunderte. — Aber in der hier folgenden Erzählung handelt es sich nicht, die Kraft und Schönheit der Bewohner zu preisen, nicht um Schilderung der Herrlichkeiten dieser Gegend, sondern wir wollen darin einfach die Geschichte zweier Länder mittheilen, die hier ihre Heimath hatten. - - Wenn man auf oben erwähnter Wanderung den Brünig herabsieigt, liegt am Fuße desselben das Dorf Lungern, und vor man an den Ort kommt, fallen dem Reisenden zwei, von schönen Wiesen umgebene, hübsch und solid gebaute Gebirgshäuser auf, die in ihrer Bauart völlig gleich unfern von einander liegen und über deren Eingangs- thüren mit großen Buchstaben die Worte „zur Eintracht" gemalt sind. Im Wirthshaus« zu Lungern kehrte ich zu und nahm, ziemlich ermüdet von meiner Fußtour neben einem geistlichen Herrn Platz, der ebenfalls als Gast anwesend war; nachdem ich einige Labung zu mir genommen und mit dem geistlichen Herrn mich unterhalten hatte, gesellte sich auch ein alter, robuster Mann zu uns, besten Anzug und Sprechart ihn als einen Unterwaldler kundgab und aus besten Leutseligkeit wir auch bald inne wurden, daß er aus Lungern gebürtig war. Ich bat ihn dann um Aufschluß wegen der Eigenthümlichkeit dieser beiden Anwesen und er antwortete: „Ja, Herr, das ist eine lange Geschichte, die ich Euch wohl erzählen will, wenn Ihr Zeit und Geduld habt sie anzuhören"; — ich bot ihm eine Cigarre an und lud ihn ein, uns nur zu erzählen, da ich mit dem geistlichen Herrn schon vorher wegen dieser originellen Aufschriften gesprochen hatte und annehmen konnte, daß er sicher»^ nicht minder neugierig war, das eigentliche Sachverhältniß kennen zu lernen. Das was uns dann der gute Alte mittheilte, will ich nun den freundlichen Leserrz im Nachfolgenden wiedererzählen und wenn es auch nicht so sehr romantisch ist, so möchte j es vielleicht doch so manches Interessante enthalten, daß es den Leser nicht gereuen > dürfte, seine Zeit hierauf verwendet zu haben; wir lassen also unseren Gewährsmann . erzählen. j „In dem, dem Dorfe zunächst liegenden der fraglichen Gebäude, welches das ältere i ist, lebte ehedem ein Mann, der in der ganzen Gegend unter dem Namen „der große ^ Nieder« bekannt war; aus einem armen Jungen ist er allmälig ein reicher Mana ge« / worden, denn er war nicht nur Oekonom, sondern befleißigte sich nebenbei auch noch einer Beschäftigung, die nicht einträglicher hätte sein können. — Er hatte nämlich in seiner , Jugend im Berner Oberland auf der anderen Seite des Brünig die Bildhauerei in Holz ' erlernt, worin er später mit den besten Meistern wetteiferte und es gelang ihm auch den > protestantischen Bernerkünstlern gegenüber, sich durch seine Erzeugnisse, die fast durchgehends ! aus kleinen Cruzifixen, Madonnen und Heiligenbildern bestanden, sich bei seinen Lanvsleuten i einen so bedeutenden Ruf zu verschaffen, daß es kaum ein Haus oder eine Hütte gab, wo man nicht ein Herrgottbild des geschickten Bildhauers fand. — Zudem lebte Nieder mit «einer Familie sehr sparsam, obgleich er nur zwei Kinder besaß. Diese Kinder waren Zivil- inge und hatten von dem Vater den Geist wie die Geschicklichkeit geerbt, und als sie älter wurden, war es schwer zu sagen, wer besser schnitzte, Vater Nieder, der braune Leo oder der blonde Seppli. Dadurch vergrößerte sich denn der Gewinn für die Familie mehr und mehr und der alte Meister Nieder hatte sehr zufrieden und glücklich leben können, wenn auf dieser Welt nicht ein Jeder mehr oder minder sein Kreuz zu tragen hätte, und dieses Kreuz wurde leider von Jahr zu Jahr drückender für ihn; — mit seiner guten Frau war er stets ein Herz und eine Seele, aber wie leider so häufig, kamen alle Sorgen und aller Kummer ihm just durch jene zu, welche seine Freude, sein Stolz und seine Hoffnung sein sollten — nämlich durch seine Kinder. Man konnte den beiden jungen Leuten nicht vorwerfen, daß sie nicht brav und arbeitsam oder unverträglich mit ihren Nachbarn waren, nein, sie waren nur unter sich stets in Streit und Hader und Niemand, der nicht Zeuge von diesen beständigen Zwistigkeiten und Gehässigkeiten dieser Geschwister gewesen, hätte geglaubt, daß diese Beiden an der Brust einer und der« ^ selben Mutter geruht hätten, und wenn es als Naturgesetz angenommen wird, daß Zwillinge nicht nur im Aeußern, sondern auch in ihren Neigungen und geistige» Eigenschaften sich ähnlich sind und daß sie eine besondere Liebe zu einander besitzen/ so hätte man allerdings glauben mögen, daß sie nicht beide von Vater Nieder stammten, da sie j in Nichts sich ähnlich waren. — Leo von brauner Hautfarbe, wie man eS häufig bei den Männern unserer Gegend findet, hatte schwarze Augen und Haare, der Kopf war dick und rund, dabei besaß er Knochen und Muskeln wie ein Niese und er hatte noch nicht das zwanzigste Lebensjahr erreicht, als schon Niemand nach Hirtenart mehr mit ihm, wenn auch nur im Spiele, kämpfen wollte. Er war stets ernst reizbar und zornig ! und wenn er einmal gegen Jemanden Haß gefaßt hatte, war er unversöhnlich. — Sein Bruder Seppli dagegen war in Allem das Gegentheil. Seine Haare blond, wie die f seiner Mutter, umgaben mit ihren Locken sein zartes Gesicht und seine schönen blauen ! Augen drückten die Sanftmuth seiner Seele aus; in Kraft und Wuchs gab er seinem Bruder durchaus nicht nach, aber in seiner Tounüre doch wohl verschieden und die jungen Mädchen wußten wohl, warum ihnen das Blut in die Wangen stieg, wenn sie ihm un- ^vermuthet begegneten und warum sie ihm wohlgefällig nachsahen, wenn sie sich von ihm unbeachtet glaubten, und außer diesen Vorzügen war er auch sanft in seinen Manieren, worin er völlig seiner Mutter glich. Er lebte mit Allen im besten Einvernehmen, nur mit Dem nicht, den er der Natur gemäß am meisten lieben sollte. Schon im zarten Alter stritten und rauften sich die beiden Brüder und zwar nicht wie gewöhnlich die Kinder in jugendlicher Lust, sondern im gegenseitigen Grimme, namentlich von Seite Leo's. — Weder die Thränen der Mutter, noch die strengen Züchtigungen des Vaters vermochten den Frieden herzustellen, im Gegentheil es schien, daß der Haselstock des — 495 — Vaters Nieder und die Vorstellungen der Mutter das Uebel nur noch vermehrten. — Noch schlimmer wurde eS, als die Brüder in ein Alter kamen, wo die Liebe in den jungen Herzen erwachte; natürlich zogen die jungen Mädchen den hübschen, sanften Seppli dem mürrischen und zänkischen Leo vor. Diesen Vorzug konnte ihm denn dieser nicht verzeihen und die schlimmste Leidenschaft, die Eifersucht, die schon die stärksten Bande der Freundschaft und Liebe zu zerreißen vermochte, setzte der Feindseligkeit der Brüder noch die Krone auf. Von da an konnten sich die Eltern zwischen ihre Söhne nicht mehr in's Mittel legen und mußten sich schließlich in ihr Unglück fügen. — „Ach", sagte einmal der alte Nieder zu seiner Frau, als er wieder argen Verdruß hatte, „ich dachte mir immer die beiden Kinder würden einst zusammen diesen schönen Hof bewohnen; — sie hätten auch hinreichend Platz, selbst wenn jeder ein Nest von Kindern hätte. Die Stallungen könnten die doppelte Zahl Vieh fassen, als wir haben und die Speicher würden dem reichsten Bauern im Entlibuch genügen; aber diese Hoffnung ist dahin, diese Jungen würden sich unter demselben Dach tödten, wenn sie nicht überwacht würden. So bleibt uns denn nur noch Eins übrig, nämlich, daß wir ein zweites Haus bauen, und damit es nicht zu neuen Händeln kommt, muß es mit diesem völlig gleich sein. Dann mag das Loos entscheiden wer von ihnen das neue Haus beziehen soll, und während wir sie auf diese Weise trennen, beugen wir vielleicht einem großen Unglücke vor. Was sagst Du zu diesem Plan?" „Wenn Du glaubst, daß wir dies in unseren alten Tagen noch unternehmen können, so wird es wohl das Beste sein", antwortete sie gutmüthig, „denn so getrennt werden sie ohne Zweifel irn besseren Einvernehmen leben, wenn wir nicht mehr bei ihnen sind und in's Mittel treten können." Nieder war gewohnt einen gefaßten Entschluß auch rasch auszuführen und setzte sich denn alsbald an's Werk. Es besaß die Mittel den Bau zu beschleunigen; die Nachbarn waren, einem alten Landesbrauch nach, auch bereit ihm während des Baues im Beischaffen des Holzes und der Steine Hilfe zu leisten und so stand das fragliche Gebäude bis zum Herbste fix und fertig da. Und damit auch der Himmel diesem Plane Gedeihen schenken möge, baten sie den ehrwürdigen Pfarrer dann das Geschäft: die Verloosung in dis Hand zu nehmen. Sie behielten sich im alten Hause nur ein Zimmer vor, um bis zu ihrem Ende darin leben zu können. Der Pfarrer entsprach bereitwilligst ihrem Ansinnen und hielt vor dem Geschäft eine so ergreifende Rede, daß die Eltern und Seppli zu Thränen gerührt wurden. An Leo waren aber die Mahnungen des würdigen Geistlichen spurlos vorübergegangen ihn beherrschte nur der eine Gedanke: wenn das Schicksal mir das neue HauS schenkt, verzichte ich gerne auf alles Urbrige. Der Pfarrer reichte ihm, als dem Netteren, den Teller auf dem die Laose lagen;' er zauderte einen Augenblick und seine Hand zitterte, als er nach einem Loose griff; als er es entfaltete, wechselte er die Gesichtsfarbe und einen Fluch ausstoßend, stampfte er mit dem Fuße auf den Boden; es war ihm das alte Haus zugefallen. Der Pfarrer wich vor Schrecken zurück als er die Wuth des Unglücklichen gewahrte. Seppli, der es vorgezogen hätte bei seinen Eltern zu bleiben, trat rasch auf Leo zu und sagte ihm die Hand bietend: „Höre, Bruder, ich habe die Absicht unserer Eltern wohl begriffen; sie haben das neue Haus gebaut in der Erwartung, daß dann Friede zwischen uns würde, wenn wir nicht mehr unter einem Dache zusammen wohnten und nichts mehr gemeinschaftlich zu besorgen hätten. Wir haben ihnen durch unsere Zwietracht schon Kummer genug bereitet und wollen ihre letzte Hoffnung nicht vernichten, nimm mein Loo», Bruder, ich trete es Dir gerne ab." Leo's Gesicht verzog sich eigenthümlich, zwei Entschlüsse schienen mächtig in ihm zu kämpfe», aber nicht lange währte dieser Kampf, wuthentbrannt schrie er: „Geh' zum Teufel mit Deinem verfluchten Loose, ich will von Dir keine Gunst!" und verließ in tzrößter Heftigkeit die Stube. Man kann sich den Schmerz der Eltern vorstellen, als sie nach so vielen Mühen, diese ihre letzte Anstrengung zur Herstellung des Friedens vereitelt sahen, denn Leo'S Charakter ließ auf diese Zurückweisung des Vorschlags seines Bruders, keine Versöhnung mehr erwarten. — Eine ganze Woche war Leo abwesend vom Hause gewesen und schien selbst die Gegend verlassen zu haben, Bei seiner endlichen Wiederkehr hatte er ein so mildes Aussehen, daß ihm gerne Alles aus dem Weg ging und sogar sein Vater vermied eine ernste Zurechtweisung. Er selbst sprach auch mit Niemanden, sondern ging schweigsam an seine Arbeit und warf nur zeitweise einen Blick voll Haß auf seinen Bruder. So konnte es nicht lange bleiben, denn dieser versteckte Zorn konnte bei der geringsten Veranlassung zum Ausbruch kommen und ein Unglück herbeiführen. Die Ältern machten denn gewissenhaft zwei Theile aus ihrer Besitzung, und da sie das Zimmer, das sie sich vorbehalten hatten, nicht länger beanspruchen wollten, bezogen sie mit Seppli das neue Haus. — Leo schien nichts weniger als böse darüber zu sein, um so mehr als ihm auch die große Wiese verblieb, die sie sich anfänglich zu ihrer eigenen Nutznießung vorbehalten hatten. — Ohngeachtet, daß Leo nunmehr ein schönes Besitzthum hatte, so pflog doch keiner seiner Nachbarn näheren Umgang mit ihm; dies würde wohl jedem Anderen unerträglich geworden sein, ihm aber schien es zu gefallen, daß er überall Furcht einflößte. Von diesem Benehmen machte er nur mit einem Kaufmann, Namens Gern« zu Sarnen eine Ausnahme, der einen sehr einträglichen Handel mit Kunstgegenständen trieb, vorzugsweise für Kirchen, und war immer einer der besten Kundschaften der Familie Nieder gewesen. Leo fuhr fort ihm seine Arbeiten zu liefern und zwar, wie Vater Nieder und Seppli erfuhren, unter dem bisherigen Preise. Um sich nun nicht den Anschein von Gewinnsucht zu geben und um anderseits nicht die Zeit mit dem Detailverkauf zu verlieren, thaten sie das Gleich«, obwohl Kaufmann Gerner» der vermöglich war, es nicht gefordert hatte. Gerner hatte eine einzige Tochter, die für die größte Schönheit im ganzen Unter- rvalden galt und die fremden Künstler, die mit ihrem Vater verkehrten, hatten bei ihren Besuchen wenig Aufmerksamkeit für die Kunstsachen und vermochten kaum die Blicke von dem schönen, blonden Mariele zu wenden, denn es war wohl kein schöneres Madonnen- »nodell zn finden; aber so getreu sie auch ihre Bilder darnach zu malen glaubten, so blieben sie damit doch weit vom Originale zurück, dieser Liebreiz und diese Anmuth vermochten sie nicht wiederzugeben. (Fortsetzung folgt.) GoldkSrner. Wenn Alle hinken auf dem gleichen» Bei», Dünkt richtig Jedem wohl sein Gang zu fein. in grünen Laub da ist der Vöael Welt; ie bau'n kein Nest im Baum, den man gefällt. Ein wackerer Soldat! Ihn lobt der Freund; , Er gälte mehr noch, lobt ihn auch der Feind. Der Apfel, den du stahlst — ein saurer Bissen I Kind, merke dir's, dich mahnte dein Gewissen. Ein Allerweltsfreund — o hüte dich! — Ist Niemand's Freund; er liebt nur sich. Spend' Allen Lob, such' Alle zu gewinnen, Du wirst der Mißgunst doch nie ganz entrinnen. Wer kaum zu schreiben noch versteht, ^ Schilt auf die Feder, daß schlecht sie geht. Was willst du deinen Rock nicht tragen? ^ Die Motten werden ihn zernagen. Horch wie die Mutter sinkt und lustig scheint, ^ , Dem Kind zu Lieb', das in der Wiege weint! F. B eck. 501 Londoner Polizei. London ist keine Stadt, es ist eine Provinz, die mit Häusern bedeckt ist, eine Wildniß von Mauerstein und Mörtel „irgendwo begrenzt durch die Ewigkeit", würde ein Uankee sagen, welcher die „dicken Worte" liebt, und sich gern eines Hagelschlages von Superlativen bedient, um dem Fremdling etwas klar und deutlich zu sagen. Wer da vermeinte, eine genaue Lrief-Adresse zu gebrauchen» so er schriebe: „Mr. John Smilh, 10 George Street, London, hätte eben so gut die Adresse: „Mr. Smith in Europa" anwenden können. Es gibt ein halbes Hundert George Street in der Themseestadt, und wenn auch das Postamt wohl eine Stichprobe nach dem sichern Smith hier und da vornehmen dürfte, so wäre doch die größer« Wahrscheinlichkeit dafür vorhanden, daß das Schreiben in das Bureau für „todte Briefe" wandern würde. In Anbetracht der ungeheuern Entfernungen wird es auch für ein unsühnbareS Vergehen gehalten, wenn Jemand ein geschäftliches Rendezvous nicht wenigstens innerhalb der akademischen Viertelstunde einhält. Ein Fremder verlöre sofort seine Kaste als Gentleman, falls er einen Engländer zur vereinbarten Stunde am vereinbarten Orte auch nur warten ließe, selbst wenn es sich dabei gar nicht um Pfunde, Shilling« und Pence handelte, sondern um die Prüfung einer Sorte Portwein oder um die Besprechung eines Hunde-Wettrennens. Wenn Heinrich Heine davor warnt, einen Poeten nach London zu schicken, so können diese Worte nur verdrießlicher Laune zugeschrieben werden. Mondschein-Elegien und Frühlings-Epopöen würden freilich einem sanftherzigen Schwaben aus „Stuckert am Neckar" in der Federpose stecken bleiben: aber gerade in London spricht das Leben, wie es an dem Auge vvrüberrollt, in Dramen und Tragödien oder in erschütternden Possen. Auch die letztem sind auf so gewaltigem Hintergründe meist an jener bedeutungsvollen Wehmuth reich, wie sie in den Aussprüchen des Hofnarren König Lear's widerklingt. Welche Welt von Gegensätzen liegt zwischen dem über alle irdische Noth erhabenen Glänze des Westends, wo das Familienleben des Adels und der Plutokratie sich nach der Etiquette regelt, wie sie unter Ludwig dem Vierzehnten, dem Prächtigen, Sitte gewesen, und zwischen jenem Elend im Ostende, wo die Armuth ihre Thränen trinkt und täglich eine Niobe inmitten einer Gruppe abgehärmter Kinder an irgend einem Prellpfeiler einer nebelverhüllten Gasse verhungert» Wohnte dem Engländer nicht ein so gründlicher Gesetzessinn inne, und folgten nicht auch die niedrigen Klaffen einem starken Triebe, wenigstens äußerlich den „Gentleman von Natur" zur Geltung zu bringen, so wäre es unerklärlich» wie es wenigen Tausend Policeman — ein halber Sicherheitswächter auf ein wohlgezähltes Mille von musculösen Briten — gelingen könnte, eine solche unermeßliche Wohnstatt vor Gewaltskrisen zu schützen. Dies fällt um so mehr in's Gewicht, da der Freiheitssinn John Bull's die Einführung einer polizeilichen WohnungS-Meldung als einen unerträglichen Eingriff in seine geheiligte Ungeschorenheit betrachten würde. Eine bescheidene Anfrage wegen frühern Wohnortes und Jahrestages seiner werthen Geburt würde bei ihm eine Antwort erfahren, i>ie sich weder in ungereimter noch gereimter Sprache drucken ließe. Da überdies der Policeman in kein Haus eindringen darf, es sei denn, er hörte den Ruf: „Hülfe! Mörder!" so sind es in der That wenige Handhaben, die ihm die Ausführung seines Berufes erleichtern. Nur die Nachtherbergen niedrigster, bedenklichster Art sind der Aufsicht unterstellt, und ebenso muß jeder Bier- oder Weinwirth alljährlich um Erneuerung seiner Concession sich vor dem Polizeirichter stellen, und er riskirt das kostspieligste Geschäft, falls irgend eine Beschwerde über üble Vorgänge in feiner Localität gegen ihn vorliegen sollte. Der wüsten Schlachten beim Gelage gäbe es indessen dennoch mehr, wenn Trinkschulven, loco contrahirt, einklagbar wären. So erklärt es sich, daß über den Schenktischen auf dem Lande, für Alle, die da kommen, erkennbar, die warnende Inschrift zu lesen steht: „?oor Oroäit is cksnä", d. h.: „Der arme Kerl Pump ist todt!" Der Engländer knöpft sich gern den Nock zu, wenn er irgendwo von einem Fremdling, der seinen Accenten nach mit dem Englischen nicht recht umzugehen weiß, plötzlich 502 angeredet wird. Dieser, der Ausländer, wiederum tritt täppisch leicht in manche Schlinge und Fährlichkeit. Die Verbrecherwelt hat ihre „Zuschlepper" überall. Man kann sich einem sehr biedermännisch aussehenden „Jehu" (dem bibelalten Erfinder der ersten Fiacres) anvertrauen, aber ahnungslos über das gaserleuchtete London hinausgefahren werden, nachdem sich schon unterwegs urplötzlich ein blinder Mitpassagier auf dem Kutsch- bock eingefunden. Der Wagen hält dann erst irgendwo fern draußen auf öder Baustelle, und ein moderner Dick Turpin macht sich an sein Geschäft. Auch hat der Räuber, der im Nebel lungert, sich längst auf den „dänischen Kuß« verlegt, welche Methode er den Matrosen abgelernt. Dieser Kuß wird in der Weise applicirt, daß dein Widersacher dir mit der Faust einen Schlag unter das Kinn versetzt, mit der linken Faust in die Rippen stößt und mit gebogenem Knie dir in das Embonpoint springt — alles s tswxo, wohl« verstanden. Kein Piedestahl hält dagegen Stand. Die Reinigung sämmtlicher Taschen ist auch wohl das Werk einer einzigen Umarmung, die dich liebevoll von jähem Sturze schützen will, nachdem ein Anderer zuvor aus purem Versehen dich mitten auf dem Trottoir über den Haufen gerannt hatte, du dankst dem edeln Unbekannten, der dich abstäubt, in freundlichster Weise, und weißt nicht, daß alle deine Werthsachen sich schon in dritter oder vierter Hand »rechts um die Ecke" befinden. Der Policeman kennt diese eigenen Manieren und hat sein Auge auf alte Bekanntschaften. Wogegen dich aber kein Policeman schützen kann, wenn du als Fremder unsicher des Weges London in der Dämmerung durchwanderst, das ist deine Geneigtheit, Unbekannte nach der Fährte zu fragen. Du könntest leicht in ein Wirrsal von Gassen, Gäßchen oder engen Corridoren gewiesen werden, wo du froh sein darfst, wenn du nur alles, was tragbar an dir, und du dich selber nicht auf immer verlierst. Ferner zahlen die Behörden für jeden todt oder lebendig aufgefischten Menschen sieben Shilling Bergelohn. Es war erstaunlich, wie rasch seitdem die Zahl jener Placate sich vermehrte, welche, an der Außenwand der Polizei- Stationen befestigt, die fettgedruckte Ueberschrift trugen: „vea,^ kounä", d. h.: „Eine Leiche aufgefunden". „Verwegene Bierreisen" in der Nähe der Themse können ja leicht mit einer Zickzackbewegung enden» wo dem verirrten Zecher plötzlich ein Menschenfreund unter die Arme greift, nahe der Stelle, wo das Wasser am tiefsten ist. Und sieben Shillings Bergelohn für einen Ertrunkenen sind ein Gegenstand für mehr Leute, als man sich träumen lassen möchte! Indessen, mit Ausnahme dieser Extempore-Zufälle, ist London bei Tag und Nacht sicher, und dazu trägt Bobby, der Policeman, das Seinige bei. Der boshafte Spitzname „Bobby" ist von „dob" abgeleitet, womit der Plebejer den „Shilling" bezeichnet, und soll so viel bedeuten, daß Bobby eben für einen Shilling zu haben sei. Der süße Pöbel, der „große Ungewaschene", hat den Wächter der öffentlichen Sicherheit noch niemals zum Gegenstände des Preisens gemacht. In der That, nicht mit Sovereigns, nur mit Shil- lingen wird Bobby's Mühsal bezahlt. „Keine Ruh' bei Tag und Nacht, und achtzehn Shillinge auf die Woche, welche sich nach jahrelangem Dienste auf fünfundzwanzig steigern können, gerade genug, um den Wolf, Hunger, von der Thüre fern zu halten. So treten ihm lausend Versuchungen nahe; denn, wenn er bei Gelegenheit nicht sehen will, kann er es zu einem wohlhabenden Manne bringen, ohne daß er den bösen Witz eines Pamphletisten wahr zu machen brauchte: „Armer Bursch! Er war drei Jahre bei der Force, hat hundert berauschte Gentlemen nach Hause gebracht und nur zwei goldene Uhren!" Der Londoner Policeman hat auch seine Heroen. Hin und wieder fehlt Einer beim Appell und fehlt für all« Zeit. Seine Uniform, wegen häßlicher Blutspuren in verborgener Spelunke umgefärbt, wandert dann nach Pettycoat-Lane, in die Judengasse, wo man ganze Ladenreihen nur mit gestohlenen seidenen Taschentüchern decorirt findet, und wird dann mit anderm alten Gewand in Niesenballen nach Californien verschifft oder zu putzsüchtigen Negerfürsten an der westafrikanischen Küste. Furchtlos wagt sich Bobby oft in einen von Wuth dampfenden dichten Menschenknäuel sich auf nichts anderes verlassend, als darauf, daß ja nicht jeder Messerstich ihn in's Herz treffen muß, und pflückt 503 sich „seinen Mann" heraus, auch wohl zwei oder drei. „Den ertappten Verbrecher", so sagt dir der Policeman, „braucht auch der Einzelne von uns nicht zu fürchten. Der ist meist feige und duckt sich sofort unter sein Schicksal, so wir ihm nur die Hand auf die Schulter legen, und er läßt sich ruhig die Schellen um die Knöchel drücken. Aber der Vagabund, der Raufer, der Todttreter aus Passion ist unberechenbar!" — Bei Nacht, oft in schauerlich öden Gassen, auf suchender Nonde, hat er auf langen Strecken keinen Bruder in der Noth, und besaß noch vor einem Jahrzehnt keinen andern Schutz, als einen blauen Frack, weiße waschlederne Handschuhe und lederbesäumten Cylinder, keine andere Waffe, als in der Hintertasche anderthalb Fuß „ungebrannter Asche". Er trug sich wie ein Gentlemen, und fand bereitwilliger» Beistand aus den Reihen des Publikums als heute, wo er seit den Fenier-Excessen militärisch gedrillt worden ist, eine Art Tunica angezogen und einen grauen Filzhelm aufgestülpt hat. Sein Dienst ist derselbe geblieben, hart, sehr hart auch bei Tage. Man braucht ihn nur auf London Bridge zu beobachten, wenn das Gewühl der Wagen, in vierfacher Reihe, hin und her fluthet, die in strenger Linie dicht hinter einander zu folgen haben, um endlosem Wirrsal vorzubeugen. Da steht Bobby, man möchte sagen in buchstäblichem Sinne als fleischgeworbener Prell- pfahl, auf Haaresbreite den wuchtigen Rädern nahe, und lenkt die rollende Völkerwanderung mit einem Wink seiner weißen Handschuhe, die er in riskanten Momenten als Signal in die Höhe streckt, ruhig und gefaßt, als stände er nicht in Gefahr, in einem Nu zermalmt zu werden. Der kärglichen Löhnung wegen recrutirt sich die Force nur langsam, oft aus jungen Burschen, die frisch vom Pfluge gekommen, und dieses Gehen und Kommen hat oft sehr rasch gewechselt; denn Viele, denen sich andere Nothbrücken des Lebens öffnen, legen den sauern und undankbaren Posten nieder. Der Magistratsrichter, falls ihm ein Jnculpat vorgeführt wird, trat überdies oft mit Vehemenz gegen den Policeman auf, wenn dieser sich etwa an einem Unschuldigen vergriffen. Der mit dem militärischen Drill eingeschlichene Hsprit äo oorpg machte danach voll Verdruß wieder das große Publikum verantwortlich. Es kam vor, daß ein College den andern bei Gericht „durchzuschwören" suchte, nach dem Grundsätze verfahrend, daß es besser sei, wenn ein Unschuldiger aus dem undankbaren Publicum verurtheilt, als daß das „Corps" wegen Fehlgriffen öffentlich blamirt werde. Jedoch innerhalb einer freien Nation schütteln sich unversöhnbar scheinende Gegensätze bald wieder zurecht. Zu jener Zeit war es, wo die Londoner Presse „Ihrer Majestät allergetreueste Polizei", beinahe continentalen Mustern aus überwundener Zeit folgend, als einen eingenisteten Feind betrachtete und die Gründung einer Art von Sicherheits-Comitö's, einer Vigilanz-Association zum Schutze des Publikums befürwortete. Das erinnerte an amerikanische Vorgänge, und solche Bilder aus „Bruder Jonathan's" Portfolio liefen „Bruder John's" Jnstinct zuwider. Man scheute vor der entfernten Möglichkeit zurück, daß, gewissen amerikanischen Städten gleich, sich schließlich auch die Polizei in Parteien spalten könnte, und Sicherheitswachmänner, Barrikaden auswerfend, einander mit sechsläufigen Colts bearbeiten oder zum Wohlbefinden einer Partei die Gurgel abschneiden könnten. Und so war Friede und Freundschaft bald wieder hergestellt. Die Londoner und die englische Polizei überhaupt ist die eines Weltreiches, in welchem die Sonne nicht untergeht. Das ist ein weiter Horizont. Eine Virtuosität in der Uebung zu arretiren kann jede Polizei erwerben. In einem Weltreiche muß sie unermeßliche Labyrinthe zu ergründen wissen, — sie hat es so zu sagen mit Clasfikern der Verbrecherwelt zu thun. „Geist fordere ich vom Dichter!" sagt Schiller. Die englische Polizei verbraucht eine große Quantität dieses selbigen Spiritus, Menschenkenntniß dazu und Nacenkenntniß in allen Couleuren. In Norddeutschland empfiehlt man zum Fortkommen auf unserm kleinen Stern, Erde geheißen, „Kopf, Genie und Ellbogen" — drei sehr schätzenswerthe Factoren ohne Zweifel. Aber Jhro britischen Majestät allergetreuester Detective würde sich weniger Erfolge erfreuen, wenn ihm nicht der tiefeingewurzelte Gesetzessinn der Nation zur Seite stände. Außerdem besitzt er ein Organ, das die höchste Cultur durchgemacht, jenes Organ, das dem zartesten aller menschlichen Sinne zur Herberge dient: eine Nase, die über sieben Meere reicht. So kann die englische Polizei vieler Hülfsmittel entrathen, die noch auf dem Festlande für unerläßlich gelten, selbst nachdem die Periode der „allgemeinen Volksanschnauzung" ein überwundener Standpunkt geworden. In England regnen keine Orden in die Knopflöcher, und für Verleitungen von Oben wie für TerrorismuS von Unten ist die Polizei des Weltreiches gleich unempfänglich. (N. Fr. Pr.) MiSe-lleir. (Einer der letzten Fürstbischöfe von Würzburg) so erzählt die „Dorf- Zeitung" — ein leutseliger Herr, traf auf der Jagd einen Knaben, der Schweine hütete, und ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein. „Wieviel Lohn bekommst Du?" fragte der hohe Herr. „Hab' halt a G'wandel und zwei paar Schuhe," antwortete der Junge. „Nicht mehr?" rief der Fürst, „schau ich bin auch ein Hirt, aber ich stelle mich doch besser, als Du." „Glaub's schon, Ihr werdet auch mehr Säu' haben," war des Knaben Antwort. Da lachte der gemüthliche Fürst und sprach zu seinem Gefolge: „Nehmt's all uotriw, meine Herren!" (Mißverstanden.) Pfarrer (sehr erstaut): „Aber Michel, was ist denn das? die Kirche ist ja ganz leer. Wo sind denn die Leute?" — Michel: „Ja nun, seh'n Se, Herr Pfarrer, Sie habn doch nach der Predigt gsagt: „Am nächsten Sonntag werde ich fortfahren", und da Hain mer halt qlobt Sie wölln a zum Schützenfeste nach München 'nein." (Gerechte Entrüstung.) Professor (seinen Hörern eine Patientin vorführend): „Meine Herren, hier haben Sie ein prächtiges Beispiel für Skrophulose. Sehen Sie diese dicke Nase, diese triefenden Augen, dies aufgedunsene Gesicht . . . ." Patientin: „Na wissen Sie Herr Professor, der Schönste sind Sie gerade auch nicht!" (Der herzensgute Mann.) Frau B.: „Nun wie geht es Ihnen denn?" — Frau L: „Es ist kaum zum Aushalten; sehen Sie mein Mann ist herzensgut, wenn er nüchtern ist» — aber er ist nie nüchtern." (Aufgeschnitten.) Ein Sportsmann versicherte, einen so schnellen Ritt gemacht zu haben, daß sein Schatten ihm nicht habe folgen können, sondern über eine halbe Stunde zurückgeblieben sei. (Zufriedenheit.) Mit nichts ist der Mensch mehr zufrieden, als mit seinem Verstände; je weniger er davon hat, desto zufriedener ist er. (Bedauerlich.) A.: „Priese gefällig?" — B.: „Nein, ich schnupfe nie." -- A.: „Schade, Sie haben doch so ein schönes Lokal dazu!" Aus einem Fremdenbuchs in der Schweiz. Ich heiße Conrad Friedrich Scherner, Ersteige Gletscher, Joche, Ferner; Keine Wand ist mir zu hoch, Zu schaurig mir kein Felsenloch. Freiheit! Du bleibst meine Gasse, Ich aber Bergfex erster Klasse' Alle Böcke möcht' ich schießen, Jede Latschen möcht ich küssen, Anfwärtssteigcn, welches Glück! Mit dem Rucksack am Genick, Mit dem Bergstock in den Händen,' Einen Juhschrei zu versenden, Dann über alle Wurzeln stolpern, Daß die Steine abwärts holpern, Fluchen, Schimpfen, Räsonniren, Dann das Gleichgewicht verlieren, Abwärts rutschen zwanzig Meter, Hinunter wie ein Donnerwetter, Ankunft unten ohne Sohlen, Da soll der Teufel Alles holen, Freiheit, Latschen, Nucksack, Joch, Aber Bergfex bleib ich doch. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Druck und Verlag de« Nr. 64. 1885 zur „Äugslmrger PostMmg." Samstag, 11. August „Jur Eintracht" oder „Schuld und Sühne." Nacherzählt von F. Carneville. (Fortsetzung.) Leo kam oft in Gerner's Haus, wobei er sich immer das Ansehen des friedliebendsten Menschen zu geben wußte. Gerner erkannte alsbald, daß diese Besuche weniger ihm als seiner Tochter galten, was ihm übrigens gar nicht unangenehm war. Leo war wohlhabend, war ein ausgezeichneter Arbeiter in seinem Fache, und wenn er auch, wie man sagte, etwas derb war, wußte man ihm eben hiezu wenigst möglich Gelegenheit geben, kurz, Gerner hatte in ihm noch nichts Uebles entdeckt, und wenn Leo um die Hand seiner Tochter angehalten hätte, würde er, vorausgesetzt, daß Mariele hiemit einverstanden gewesen wäre, nichts dagegen einzuwenden gehabt haben; — so ging die Sage. Mariele's Gedanke» stimmten aber nicht mit denen ihres Vaters überein. Dieser Leo, sagte sie sich, „ist ein Duckmäuser, selbst wenn Alles, was man von ihm sagt, nicht wahr wäre, nnch schaudert, so oft er mich anlächelt, und wahrlich lieber in ein Kloster gehen, als diesen Mann heirathen, — ja, gewiß, wenn mein Vater mich hiezu nöthigen wollte, würde ich Nonne werden!" Gerner dachte aber nicht im geringsten daran, ihr hierin irgend einen Zwang anzulegen, denn Mariele wad seine einzige Freude, sein einziges Glück auf dieser Erde, und als sie eines Tages von ihrem Vater wegen Leo aufgezogen wurde, und hreber drohte, eher den Schleier nehmen zu wollen, war Gerner rasch entschlossen seinen Verkehr nnt dem jungen Manne zu ändern und ihm zu zeigen, daß er seinen Erwartungen in dieser Beziehung entsagen müsse, er wurde auch viel weniger mittheilsam gegen ihn, und erlaubte sich sogar öfter seine Arbeiten zu tadeln, was er sonst nie gethan hatte. Dies Benehmen Gerner's erweckte die gehässigen Gesinnungen Leo's gegen seinen Bruder aus's Neue, denn durch seine Leidenschaft verblendet, schien er überzeugt sein zu dürfen, daß er diese Abweisung lediglich den Anschwärzungen Seppli's zu danken habe. Diese Annahme war aber durchaus falsch, Seppli hatte zwar jedes Zusammentreffen mit seinem Bruder bei Gerner vermieden, aber gewiß nicht in böswilliger Absicht, sondern lediglich aus Furcht, A möchte irgend eine Geringfügigkeit Anlaß geben, den Streit wieder anzufachen. Wir wissen, wie schwer das Herz eines jungen Mädchens zu ergründen ist und es darf deshalb nicht wundern, wenn Gerner nicht ahnte, was in dem seines Kindes vorging; der glückliche Seppli dagegen mißkannte es nicht. Er mußte, daß sein Bild in ihrem Herzen ebenso tief stund, als das der Jungfrau in seinem; er wußte es, wie wenn es ihm eine Stimme im Traum verkündet hätte, denn Mariele hat noch nicht im Geringsten etwas verrathen, und er selbst hatte bis jetzt nicht den Muth gehabt, sein Schicksal aus ihren Auge» zu lesen. . Aber dieser Muth kam »hm plötzlich eines Tages, als er Gerner Waaren bringen wollte, und Mariele allein zu Hause traf .... sie verständigten sich gar bald und an der Thürschwelle beim Abschiede fragte Seppli noch: „Willst Du mir auch treu bleiben, Mariele?" — »Bis zum Tode!" murmelte das junge Mädchen, „aber nicht wahr, die Welt braucht es vorerst nicht zu wissen, daß wir uns so innig lieben?" „Mein, sicherlich", antwortete freudig bewegt der glückliche Seppli, „Niemand soll es erfahren, vor nicht der Frühling kommt, ünd unsere Vater ihre Einwilligung gegeben haben." Ihre Lippen besiegelten das Versprechen, und rasch verließ er das glückliche Mädchen, auf daß sie in ihrem Geheimnisse nicht von ihrem Vater überrascht werden möchten. Während des darauffolgenden Herbstes und Winters brachte Seppli mehr Arbeiten nach Sarnen als je zuvor; aber Niemand ahnte, was sich die Blicke der beiden Liebenden sägten, während er den Neben Gerner'S ^ zuhörte, und Mariele auf der Ofenbank saß und emsig zu stricken schien. So verging die Zeit bis zum Frühling, wo endlich ein Lichtstrahl in Gerner'S Geist fiel und in seiner Ueberraschnng sagte er zu sich: „Alter Narr, der ich bin, wo habe ich denn die Zeit, über meine Augen gehabt?" Es war am Ostersonntäg Mittags, als Marie!« ihren Seppli an der Hand in'S Zimmer trat, und vor ihren Vater hintretend, zwar etwas verlegen, aber doch ohne Zagen, sprach: „Hier, Vater, ist der, den ich gewühlt habe, wenn Ihr keine Einwendung dagegen zu machen habt!" Gerner hatte zweifelsohne nichts einzuwenden, denn hiedurch erfüllte sich ein Wunsch, den er längst im Stillen genährt hatte, die Hände erhebend setzte er sie zum Zeichen seines Segens über die Häupter der Glücklichen, welche dir Arme ineinandergeschlungen vor ihm standen. — Den nächsten Sonntag wurde das Aufgebot in der Kirche zu Sarnen und Lungern verkündet; als aber vom Pfarrer in Lungern unmittelbar darauf auch das Aufgebot Leo'S erfolgte, geschah dies zur großen Ueberraschung der Anwesenden. Dies Erstaunen war auch nicht weniger in der Familie Nieder selbst» welche hievon vorher keine Silbe gewußt hatte, und es mischte sich eine gewisse Unruhe bei, denn eine Stimme sagte Jedem, daß dieser Entschluß Leo'S nicht aus Liebe, sondern aus Haß geschah. Diese Voraussetzung war auch richtig. Als Leo alle Hoffnung verloren hatte, die ' Tochter Gerner'S heiinzusühren, machte er die Bekanntschaft mit der Tochter eines reichen Bauern zu Sächseln, welche trotz des Geldes ihres Vaters und ihres Rufes einer tüchtigen Wirthschaften«, noch keinen Freier gefunden hatte, was wohl nicht allein daher kam, weil sie keine besondere Körperreize besaß, sondern zunächst wegen ihres Charakters, der mit dem Leo's viel Aehnliches hatte; selbst. Leo zögerte hiewegen einige Zeit, als ihm aber seine Mutter die Verlobung Seppli's mit der Tochter Gerner'S mittheilte, war er wüthend über diese Nachricht und eilte sogleich nach Sächseln, wo noch selben Abends seine Werbung angenommen wurde. Er gab aber weder seinen Eltern, noch sonst Jemanden hievon Kenntniß, und selbst den Pfarrer verständigte er erst Samstag Abends - behufs des Aufgebotes hievon. ' So wurden denn die beiden Söhne Nieder'Z zu gleicher Zeit getraut. Aber im ^ Hause Leo's gingen bald außergewöhnliche Dinge vor. Die Eintracht hatte ein Jahr E nicht viel überdauert gehabt, und der Himmel wollte auch nicht, daß durch die Geburt ! eines Kindes dieselbe wieder hergestellt worden wäre. Die große Sparsamkeit und i Thätigkeit Leo's hatte zwar seine Wohlhabenheit zusehends gehoben, aber Reichthum allein j schafft noch kein Glück. — Leo war jähzornig und grob wie immer; seine Frau in ihrem gleichfalls heftigen Charakter, wenngleich nicht ohne natürliche Gutheit, gab ihm in Nichts ! nach. Der geringsten Kleinigkeit halber, entstund Zank und so lebhafter Streit, daß es ^ weist zu Thätlichkeiten kam und bald verging keine Woche, daß die Frau nicht mit blauen ! Augen, der Mann nicht mit zerkraztem Gesicht einherging. In diesen ehelichen Zwist sich einmischen zu wollen, hieße zwischen Hammer und Amboß gerathen, denn dann hätten sich sicherlich die Gatten dem Eindringlinge gegenüber geeint. — Selbst der Pfarrer machte diese Erfahrung, als er eines Tages vom Vater Nieder, der vergeblich mehrere Versuche gemacht hatte, gebeten wurde, seinen Einfluß und sein Ansehen geltend machen zu wollen, .. ^ M7. — um den Friede» wieder herzustellen. Er begab sich denn zu Leo; aber es verging kaum eine halbe Stunde, als er eiligst das Haus wieder verließ und den Eltern versicherte» daß hier nichts helfen könne, er sei froh wieder heil davon gekommen zu sein und werde sich nie mehr einmischen, mögen sie sich todtschlagen; hier vermag nur die Hand des Höchsten Abhülfe zu schaffen. Welchen Contrast bot dagegen das Wohnhaus Seppli's zu Sarnen, wo er auf Bitten seines Schwiegervaters und Mariele's mit Zustimmung seiner Eltern in Gerner't. Haus sein Heim aufgeschlagen hatte. Hier schien Alles vereinigt, die Liebe, der Friede, das Glück und der Segen des Himmels. Die Schönheit Marien's hatte sich noch mehr entfaltet und wenn sie ihr reizendes Kind am Busen hielt, so gab es in der ganzer, Kunstsammlung ihres Baters keine Madonna, die in ihrer rührenden Anmuth sich mit ihr messen konnten. Auch der alte Nieder und seine Frau benutzten jede sich bietende Gelegenheit sich so oft und so lange zu Sarnen aufzuhalten, als es nur die Umstände gestatteten, dem» sie fanden hier Alles, was sie im alten Hause zu Lungern vermissen mußten, und insbesondere war es auch die Liebe zu dem Enkelein, die sie anzog. <— Leo's hatten sie sich allmählig entwöhnt, denn er vermied sie mehr und mehr und wich sogar jeder Begegnung aus, wenn es nur immer möglich war. Aber auf dieser Erde sind die Tage des Glückes leider gezählt. Dies mußten auch Seppli und Mariele erfahren, denn Vater und Mutter Nieder starben kurz auf einander, mit der sorgfältigsten Liebe der gangen Familie Seppli's bis zur letzte» Stunde gepflegt. Das junge Nieder'sche Haus in Lungern stand nun leer und nachdem sich Niemand fand, der das Anwesen kaufen oder in Pacht nehmen wollte, so sah sich Seppli wohl genöthigt mit Frau und Kind dorthin zu ziehen. Diese Uebersiedlung geschah ganz ruhig, aber nicht ohne traurige Vorahnungen.' Im Augenblick, wo Seppli in sein HauS eintrat, stand Leo auf der Thürschwell« seines Eigenthums mit boshaftem Lächeln; als er aber Mariele gewahrte, die er wohl jahrelang nicht wieder gesehen hatte, da wendete er sich rasch um und Gott mag wissen von welchen Empfindungen seine Seele bewegt war. In der ersten Zeit schien mit diesem Einzüge Seppli's auch eine günstige Veränderung im alten Hause eingetreten zu sein, denn alles Streiten, alles Geschrei und alle Prügeleien hatten aufgehört; dies war aber nur scheinbar, sein roher, zänkischer Geist hatte jetzt nur eine andere Ableitung, ein anderes Ziel gesunden, für das er nun alle seine Kräfte vereinen zu wollen schien; der alte Haß gegen seinen Bruder» dessen eheliches Glück ihm ein Dorn im Auge war, ist wieder aus's Neue erwacht, ja mächtiger als je zuvor» Die erste Gelegenheit seine bösen Absichten kund zu geben, bot sich schon im Sommer, als der Brunnen in Seppli's Anwesen versiegte und dieser sich genöthigt sah, seinen Bruder zu bitten, ihm die Mitbenützung des alten Brunnens gestatten zu wollen. Leo schlug es ihm aber kurz und grob ab, so daß Seppli gezwungen war, das nöthige Wasser für seinen Haushalt sich aus dem Dorfe beizuschasfen, was abgesehen vom Zeitaufwande auch mit Kosten verbunden war. so daß er um solchen Unannehmlichkeiten in Zukunft zu entgehen, kostspielige Arbeiten vornehmen lassen mußte, um den Brunnen tiefer zu graben. Was ihn aber am meisten betrübte war, daß er den alten Unfrieden wieder ausbrechen sah, den er mit der Zeit erloschen glaubte und mit Bedauern mußte er den Vorsatz fassen, künftighin keine Gefälligkeit seines Bruders mehr in Anspruch nehmen zu wollen. Aber bald sollte es zu neuen Zwistigkeiten kommen. Die Eltern hatten seiner Zeit die Theilung der Güter mit Hilfe einiger Freunde vorgenommen und Leo war auch bis jetzt mit seinem Antheile völlig zufrieden; plötzlich aber erhob er Streit hiewegen, indem er vorgab übervortheili worden zu sein; dann griff er auch das Ziehen der Loose an, und so entstand denn ein ebenso langwieriger als kostspieliger Prozeß, der nach einer Menge von Zwischenfällen schließlich damit endete, daß die Fertigung eines neuen S08 Theilungsplanes und nochmalige Verloosung verfügt wurde. — Leo's Absicht ist aber doch nicht ganz erreicht worden, denn das Schicksal warf ihm noch einmal das alte Haus zu und bei der neuen Theilung der Güter geschah nur eine geringe Veränderung. — So erwuchsen denn immer neue Händel, die, ganz nach Willen Leo's, das glückliche Leben Seppli's völlig untergruben. Müde dieser steten Plackereien entschlossen sich gptlich Seppli und seine Frau, deren Vater auch mittlerweile gestorben war, ihr Anwesen zu verkaufen und nach Sarnen in's Gerner'sche Haus überzusiedeln. — Kein Käufer kam jedoch nach Lungern, um das schöne Anwesen zu kaufen und so wollten sie es denn versteigern lassen. Sie erhielten hiezu auch die amtliche Genehmigung, Alles wurde geregelt und die Versteigerung endlich angekündigt. Aber am Abend vorher, wo dies geschehen sollte, Seppli und seine Familie waren bereits ausgezogen und das Haus stand leer, wurde Feuer gelegt und andern Morgens war nur mehr ein rauchender^Trümmcrhaufe» vor» Handen. — Ein Schrei der Entrüstung wiederhallte in der ganzen Gegend. Es herrschte unter der Bevölkerung über die Ursache des Brandes kein Zweifel, die allgemeine Meinung nannte unverholen Leo als Brandstifter. Ob mit Recht oder Unrecht? — — Niemand vermochte es zu beweisen und selbst wenn Beweise vorgelegen hätten, so würde Seppli niemals als Kläger gegen seinen Bruder aufgetreten sein und damit die traurigen Familienvsrhältnisse noch mehr aufgedeckt haben. So stand die Angelegenheit; acht Tags später wurden die Gründe Seppli's versteigert. Aber Niemand wollte sich in eine so gefahrvolle Nachbarschaft begeben, und so begegnete Leo keinem Bewerber und erhielt gegen ein geringes Angebot die schönen Gründe zugeschlagen. Da es zu jener Zeit in Unterwalden noch nicht üblich war, seine Häuser gegen Brandschaden zu versichern, so läßt sich leicht ermessen, welch' großer Schaden dein armen Seppli durch dieses Unglück und den geringen Erlös für seine Gründe erwachsen ist. Aber die beiden Gatten ertrugen dieses Mißgeschick ohne Murren. Sie hatten wenigstens den Trost, nicht mehr in nächster Nähe jenes Menschen zu sein, der ihr Glück und ihren Frieden auf eine so erbarmungslose Weise gestört hatte. Im klebrigen waren sie trotzdem doch nicht arm, denn Mariele's Vater katte ihnen eine ansehnliche Erbschaft hinterlassen. — „Wenn uns das Opfer, das wir bringen mußten, auch hoch zu stehen kam, so haben wir jetzt doch Nutze!" sagte eines Tages die gute Marie zu ihrem Mann, um ihn zu trösten. „Durch Arbeit und Sparsamkeit werden wir, so Gott will, dies wieder gewinnen, so daß mindestens unsere Kinder nicht mehr darunter leiden werden, und wir ? können auch mit gutem Gewissen dabei sagen, daß wir an dem uns widerfahrenen Unglück keine Schuld tragen." Seppli schien diesen Trost anzunehmen, ja er überredete ? sich selbst, daß man sich einer vollendeten Thatsache fügen müsse; aber trotz alledem nagte der Kummer innerlich fort, und wenn er diese traurigen Erinnerrngen auch während des Tages durch seine rastlose Thätigkeit verscheuchte, so traten sie um so heftiger des Nachts hervor und quälten ihn selbst in den Träumen. Ueberdies fand Leo, trotz der Entfernung, die ihn von seinem Bruder trennte, doch immer Gelegenheit ihm Sorge und Gram zu bereiten; so war allseitig bekannt, daß er hinreichende Mittel besessen ! hätte, die ersteigerten Gründe von Seppli's Anwesen gleich zu bezahlen, aber er bedung sich Fristenzahlungen, wohl nur in der Absicht dadurch Anlaß zu bekommen, seinen Bruder peinigen oder ihm schaden zu können. Da der alte Gern« keine Oekonomie betrieb, so bestund sein Anwesen nur aus dem Wohnhaus« und dem anliegenden Garten; Seppli mußte daher Grundstücke dazu erwerben und bezeichnete zu deren Bezahlung dieselben Termine, die Leo ihm bestimmte, so daß er mit diesem Gelde seinen Verbindlichkeiten nachgekommen wäre. Als jedoch die erste Rate von Leo's Schuld zahlbar war, honorirte er dieselbe nicht, sondern wußte / 599 unter allerlei Ausflüchten die Zahlung hinauszuschieben, wohl wissend, daß er damit seinem Bruder große Verlegenheiten bereitete. Seppli sah sich auch in der That hie- durch in die traurige Nothwendigkeit versetzt, ein Anlehen für die ganze Summe seiner Schuld zu machen, da ihm nun die Absicht Leo's klar wurde, und er wohl einsah, daß er nur mit großen Schwierigkeiten dessen Zahlungen werde erlangen können. (Fortsetzung folgt.) Ausstattung einer Braut Früher 1) Ein alter, harter Kasten mit selbstge- spvnnencr Leinwand, Tisch- und Bettwäsche vollgepfropft. — 2) Ein Aufsatzkasten mit Silberzeug, Firmthaler und Pathengeschenksn. — 3) Ein niit Silber beschlagenes Gebetbuch, ein Kochbuch» — 4) Bier Dutzend selbstgefertigte Hemden und 24 selbstgestrickte Strümpfe. 5) Zwei Dutzend silberne Bestecke, Tafelzinn, Kupfergeschirr, ein großer Schmalztopf und ein Faß mit Kraut. 6) Ein Hausaltar mit Vetschemel. 7) Eine goldene Hals-Kette mit ächten Perlen, ein goldenes Kreuz, goldene Ringe. 8) Zwei einfach eingerichtete Zimmer, mit Roßhaar gepolsterte Sessel u. s. w. 9) Alle Abend gemeinschaftliches Gebet vor dem Schlafengehen. 10) Wöchentlich 2 Kosttage für arme Studenten. 11) Die silberne Hochzeit naht, sie wird im Kreise ihrer fröhlichen Kinder gefeiert. 12) Die Eltern sterben in den Armen ihrer Kinder. und Jetzt. 1) Ein polirter Kommodkasten mit Atlas», Tüll- und Seidenkleider, p. Meter 50 Pf., gefüllt. — 2) Große Schachteln mit Bandeln, Federn und Blumen. — 3) Ein Photographiealbum u. Tanzkarte. 4) Sechs neue baumwollene Hemden, 6 Paar Strümpfe von einem Ausverkaufe. 5) Sechs neusilberne Bestecke, Geschirre von Blech, kupferfarbig angestrichen, einen Hafen voll Thee. 6) Eine Toilette und ein Ankleidespiegel vom Meubelverleiher. ?) Ein goldenes Collier, Bracellet vom Fünfzigpfennig-Bazar. - 8) Wohnung mit 6 Zimmern, Draperien an den Fenstern, Meubel und Fortepiano auf Abschlagszahlung, resp. Eigenthum des Tapezierers. 9) Die gnädige Frau liest leichtfertige Romane, der Herr Gemahl schläft seinen Weinrausch aus. 10) Die Frau nimmt einige Hausfreunde in Kost und Quartier. 11) Nach 6 Wochen leben Frau und Mann getrennt. 12) Den Tod der Eltern erfahren die Kinder erst aus der Zeitung. Philosophie. Ohne Ei gibt's keine Henne, Ohne Henne gibt's kein Ei. Ist das Ei ein Kind der Henne? Oder Henne Kind vom Ei? War im Anfang erst die Henne? Oder war zuerst das Ei? Deutscher Philosoph, o trenne Dich von Deiner Träumerei l Werde endlich frisch, froh, frei, Friß die Henne und das Eil (Flgde. Vl.) Mise-llen. (Der Kinder mord bei den Sakalave n.) Ein Brief des unlängst in Tamatave auf Madagaskar verstorbenen Pater Piras, welcher länger als 30 Jahre auf jener Insel zugebracht hat, behandelt die gräßliche Sitte des Kindermordes bei den Sakalave». Denselben gilt der Freitag für unglücklich, und deshalb bringen sie jedes an einem Freitag geborene Kind in den Wald, legen es dort in eine Grube und über» I lassen es seinem Schicksale. Bei andern malagassischsn Stämmen gilt ein anderer Wochen- ^ tag für uiiglückverheißrnd. Jedes an eine», Sonntag geborene Kind eines Prinzen oder einer ! Prinzessin wird ebenfalls ausgesetzt, gleichviel, ob sie schon andere Kinder haben, oder solche erwarten, oder sich keine Hoffnung mehr darauf machen können. Denn ein solches an einem „großen Tage" geborene Kind muß nach ihrem Glauben viel Glück haben und könnte, wenn es am Leben bliebe, mächtiger werden als seine Eltern. Der Aussetzung verfallen ferner alle auch an glücklichen Tagen geborene Kinder, welche irgendwie mißgestaltet sind, sowie die für unheilvoll gehaltenen Zwillinge; noch ganz kürzlich hat die Königin selbst zwei prächtige Knaben, die von ihrer Tochter geboren worden waren, inr Walde ausgesetzt. Wenn eine Frau beim Nähren ermattet, so wird der Häuptling davon in Kenntniß gesetzt und erscheint alsbald in Begleitung des Scharfrichters, der, wenn die Erzählung für richtig befunden wird, sofort das kleine Wesen umbringt, weil es undankbarerweise seine eigene Mutter todten will. Aus dein eben Gesagten folgt, ! daß, wenn eine Frau nach der Entbindung erkrankt, oder stirbt, ihr Kind als der Urheber des Todes gilt. Die grausame Justiz verlangt, daß es alsdann lebendig in>t seiner s todten Mutter begraben wird. Kommt ein Kind um Mitternacht zur Welt, und zwar ! zwischen einem Tage, der fall) (unheilvoll), und einem andern, der nicht fall) ist, so ent- ! scheidet über sein Los eine Art Gottesurtheil: man legt es auf den schmalen Pfad, auf > welchem die Ochsen ihr Gehege verlassen. Weichen die Thiere sämmtlich aus, so ist dem s Kind das Leben erhalten; berührt es aber nur ein Ochse leicht mit dem Fuße, so wird es s gelobtet. Nach Angabe von Hovas soll ein ähnlicher Gebrauch in Tananarivs herrschen. L Pater Piras hat sich vergeblich bemüht, einzelne solcher ausgesetzten Kinder, die zufällig k gesunden worden waren, zu reiten; aber nie hat sich eine Frau auch gegen hohe Belohnung dazu verstanden, eine»: solchen verworfenen Geschöpfe auch nur einmal Nahrung zu reichen. (Komische Annoncen.) In einem Baltimore-Blatt steht folgende Annonce: > „Wenn Papa besseres Betragen angeloben will, so kann er wieder zurückkehren, ohne befürchten zu müssen, zum zweiten Male davon gejagt zu werden von seiner liebenden Tochter Lizzie." . « . Einige geistreiche Anzeigen theilt auch das „Echo" mit, z. B.: „Wir freuen uns, melden zu können, daß die gestern gebrachte Notiz, der Kaufmann Andersen sei gestorben, nicht wahr ist, sondern daß er sich nur verheiratet hat." — „Gestern starb allhier Frau Anna B.; sie war Großmutter, Mutter, Gattin und Freundin aller derer» die sie kannten." — „Verlorener Hund. Dieser ist eine Hündin, hat ein !» weißes und schwarzgeflecktes Ohr, vier Füße, nußbraun, einen auf der rechten Seite mehr gepflegten Hals als auf der linken, wo er weniger gepflegt ist. Seine Grundfarbe ist braun. Diese ohne Wissen wohin verschwundene Hündin wird zur Erkenntlichkeit zurückzubringen gesucht." — „Mein geliebter Sohn ist von mir geschieden. Sanft ruhe seine Asche, die zu großen Hoffnungen berechtigte." (Obwohl alle Mädchen so sind?) Ein junger Student in U l m erhielt auf eine glühende Liebeserklärung an ein 17jährigeZ Mädchen von diesem folgendes ffotte Körbchen: Was füllt Dir ei», Du dummer Junge, Was geht mich Deine Liebe an? Schau Du zuvor in Deine Bücher, Und sieh Dir Deinen Bartwuchs an. — Du bist noch viel zu jung znm Lieben, Und ich bin viel zu alt für Dich, Verliebe Dich in Dein Examen- Arbeite und verschone mich. - Lll - (Der Henker von Spanien.) Noch vor zwanzig Jahren herrschte, wie in spanischen Blättern zu lesen ist, in Spanien der Gebrauch, daß, wenn der Scharfrichter sein Amt vollzogen hatte, er sofort von Gendarmen umgeben wurde, welche ihm Handschellen anlegten und ihn in eine Gefängnißzelle führten. Einige Stunden nachher fand sich ein Gerichtsschreiber, der von dem Gerichtsdiener begleitet wurde, in dein Gefängnisse ein. Der Scharfrichter ward vorgeladen, und nun entspann sich folgende Wechselrede: »Sie sind angeklagt, eine» Menschen getödtet haben," sagte der Gerichtsschreiber. „Ja, es ist die Wahrheit'" lautete die Antwort des Scharfrichters. „Deßhalb haben Sie diesen Mord begangen?" „Um dem Gesetze zu gehorchen und den Auftrag zu erfüllen, der mir von den Gerichten gegeben wurde." Nun wurde sofort ein Protokoll aufgenommen, von dem Scharfrichter unterzeichnet und au» folgenden Tage einem Richter zur Prüfung vorgelegt. Dieser erließ dann zu Gunsten des Scharfrichters ein Urtheil, welches ihn freisprach, worauf derselbe sogleich in Freiheit gesetzt wurde, nachdem man ihn 24 Stunden wie einen Verbrecher behandelt hatte. (Zerstreutheit auf dem Katheder.) Als Kolumbus auf seiner ersten Fahrt das Schiffsvolk unruhig werden sah, weil sich so lange kein Land zeigte, rief er diesem zu: „Verzaget nicht! In späteren Jahrhunderten wird man die Fahrt mit Dampfschiffen machen und schneller das Ziel erreichen." Dies beruhigte die Aufgeregten. — Nach einer bei Syrakus ausgsgrabenen Stcintafel, welche eine Rechnung für gelieferte Waffen erhält, war das Domoklesschwert eine echte Solingerklinge. — Als SokrateS der Giftbecher gereicht wurde, sagte er: „Hätte man mich lieber guillotonirt, es tödtet schneller als dieser Schierlingstrank und verursacht auch kein Gedärmezwicken." Und lächelnd trank er den Becher leer. — Indem Alexander der Große den gordischen Knoten zerhieb, sagte er zu seiner Umgebung: „So löst man das Geheimniß vom Ei des Kolumbus." — Tiberius aß nach jeder durchschwelgten Nacht einen stark gesalzenen holländischen Häring. (Getroffen.) Auf einer Eisenbahn in Michigan saßen guten Muthes ein jung verheirathetes Paar. Sie war etwa fünfundzwanzig Jahre alt, er war ein oder zwei Jahrs jünger. Auf einer Station stieg eine respektable Dame ein, die sich auf dem Sitze vor dem jungen Paar niederließ. Die Dame hörte bald, wie sich das junge Paar ziemlich ungenirt über ihr altmodisches Bonnet und ihr Umschlagetuch lustig machte und so drehte sie sich resolut um und sagte zu der jungen Frau: „Madame, wollen Sie so freundlich sein und Ihren Sohn bitten, doch das Fenster hinter sich zu schließen!" Der „Sohn" schloß das Fenster und beide den Mund. (Doppelte Rechnung.) In ein Gasthaus des Glatzer Gebirges traten einige Fußwanderer. „Kellner, einen Schoppen VöSlauer und einen Imbiß, ein belegtes Butterbrod oder desgleichen! — Was haben Sie!" — „Bitte meine Herrschaften," antwortete der Kellner dienstbeflissen, „ein Butterbrod mit Käs 25 Pfennig, ohne Käs 15 Pfennig, ein Butterbrod mit Schinken 90 Pfennig, ohne Schinken 20 Pfennig."' — „Na nul" unterbrach ihn ein Tourist, „zweierlei Preise für Butterbrod ohne?" — „Natürlich," erwiderte überlegen lücheld der dienstbare Geist, „der Schinken ist ja überall theurer als der Käs!" („In T ri p s tri ll",) so hört man oft scherzhaft antworten, wenn nach einem Orte gefragt wird, wo dieses oder jenes geschehen sei. Tripstrill ist aber keineswegs ein fabelhafter Ort, wie häufig angenommen wird, sondern existirt wirklich, und zwar im Altwürtembergischen, am Fuße des waldreichen Strombergcs, der das Zabergäu vom Nekargebiet scheidet. Der Ort nur aus wenigen Häusern bestehend, heißt in amtlicher Schreibart Tresfentrill. (Ein kluger Vater) versprach seinem zimperlichen Töchterchen, welches am liebsten vor dem Spiegel stand oder auf der Straße flanierte, eine hübsche Ueb erlas chung, wenn sie das Kochen lernen wolle. Als sie das Kochen gelernt hatte überraschte er sie dadurch, daß er die Köchin entließ. 512 (Altbayerische Auskunft.) Bekanntlich ist der Eintritt in die von Sr. Majestät dem König bewohnten Schlösser sehr erschwert, wenn nicht ganz unmöglich. Ein Engländer hatte sich in den Kopf gesetzt, durchaus den „Linderhof" zu sehen. Er fuhr also direkt hin und fragte stracks den dortigen Schloßverwalter, ob er ihm nicht sagen könne, wie er in das Schloß hinein käme? „Wie Sie hineinkommen," antwortete der treue Beamte, „kann ich Ihnen nicht sagen, aber wie Sie hinauskommen, das weiß ich ganz genau." ^ (Boshaft.) Frau (dir eben im Begriff ist, in's Bett zu gehen und Verschiedenes, wie Zähne, Zöpfe, Tournüre rc. ablegt): „Du, Mann, den!'Dir nur, da hab' ich heute gelesen, daß die Wilden noch immer ihre Frauen an den Meistbietenden versteigern, denn sie derselben überdrüssig sind. Gott sei Dank, daß so Etwas bei uns nicht vorkommen kann!" — Mann (mit einem Seitenblick auf seine sich zerlegende Gattin): „Da that ich mir auch recht hart mit Dir — ich müßt' Dich rein auf Abbruch versteigern!" (Eine jungv erheirathete Dame,) die nur Jnstitutsbildung genossen hat, steht mit ihrer Köchin in der Fleischbank zu Dresden, betrachtet einige ausgelegte Stücke Schweinefleisch, ohne die rechte Kennermiene zu verrathen, und fragt um den Preis. Der Metzger, ein Schlaukopf sagt: „Gutes Frau'chen, ohne Trichinen ^kostet es 4 Groschen, aber mit Trichinen 4^." — „Nun," antwortete das Dämchen, „so nehme ich zwei Pfund ohne Trichinen und eines mit." (In der Geschichtsstunde.) Lehrer: „Wann lebte Gottfried von Bouillon?" — Iakobchen (nach längerem Besinnen): „Wenn er welche hatte!" (Im Wirthshause.) „Weeßte Lehman», daß die Gläser een bestimmtes Maß halten, hat keen Zweck, so lange der Durst unmäßig sein darf!" (Was ist der Gipfel der Geduld.) Einen Kronenleuchter so lange unter einem der Gasarme zu kitzeln, bis der Direktor der Gasanstalt zu lachen anfängt» Wie ist es so schön doch im Walde, Hoch oben aus waldigen Höh'»; Zu liegen an schattiger Halde, Wie herrlich! Wie wunderschön! Ning's hör' ich die Tannen rauschen, Die Blätter und Zweige weh'n; Und stille lieg' ich zu lausche», Was flüsternd sie sich gesteh'». Ich höre die Vöglein singen, Wie fröhlich, — wie lustig das schallt! Das ist ein Singen und Klingen, Ein Hüpfen und Springen ini Wald. urrs ^taus. So lausche ich still verborgen In schattiger Einsamkeit. Mein Herz, entlastet der Sorgen,' Füllt Wonne und Seligkeit. Ja, Freunde, wie ist es im Walde So schön doch aus waldigen Höh'n! Zu liegen an schattiger Halde, Wie herrlich! Wie wunderschön! Doch hätt ich ein Fläschchen zu trinken j Bei mir, — o laßt mich's gesteh'», — Ein Vrödchen belegt mit Schinken, — Es wäre nochmal so schön. Räthsel. Mit A und e fand es an Streit Und blut'gem Kamps Gefallen, Mit E und o voll Lieblichkeit, War es beliebt bei Allen Mit E und i bald hier, bald dort Es Zwietracht hat entzündet, Mit I und i der Götter Wort Den Menschen hat's verkündet. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Hnttler. jur „Ängsluirger Poßjeitmlg." .. §?r. 65» Mittwoch, 15 . August 1883. „Zur Eintracht" oder „Schuld und Sühne." Nacherzählt von F. Carneville. (Fortsetzung.) Trotz alt' diesen Kümmernissen war Seppli doch emsig an seinen Arbeiten und suchte den Seinigen zu verbergen» welche Sorgen für die Zukunft auf ihm lasteten; aber sein gutes Weib entdeckte in ihrer Sorgsamkeit für ihn alsbald, was ihn so unbarmherzig guälte und seitdem sie ihn unglücklich wußte, hatte das Leben keinen Reiz mehr für sie. In der Stille der Nächte bat sie den lieben Gott» er möge ihnen beistehen und das Gewitter abwenden, das über ihren Häuptern stand. Seppli sagte oft, wenn er das Opfer einer neuen Falschheit seines Bruders war: „wenn ich nur einen Erdenwinkel wüßte, wo ich in Frieden leben könnte, ich würde gerne Alles verlassen und von dannen ziehen; denn wenn er auch endlich zahlt, so wird er sicherlich auf andere Mittel sinnen, mir neuen Kummer zu schassen .... und ein andermal fügte er bei: — „könnte nicht dieses Haus in der Nacht einmal von einem Brande heimgesuchr werden, wie das andere — und was wären wir dann? . . Marie wurde auf diese Rede vom größten Schrecken erfaßt und ihre kleine Hand auf seinen Mund legend, sagte sie: „Mein Gott, lieber Mann, denke doch nicht an so, Fürchterliches, oder wenn diese Gedanken nicht unterdrücken kannst, so spreche sie minde« stens nicht aus! — wenn Du Lust hast wo andershin zu ziehen «... und daß es Gottes Wille wäre, ich würde Dir ja gerne bis an's Ende der Welt folgen, wenn wir damit den Frieden uns erkaufen könnten, denn hier .... ich glaub' es selbst, werden wir ihn vergebens suchenI" Diese so liebevollen und ergebenen Worte Marien's machten sein Herz beben und erweckte Gedanken in ihm, denen er noch nie so ernstlich nachgehangen hatte; von da an kam er oft auf die zahlreichen Auswanderungen nach Amerika zu sprechen und seine Fran verrieth nun wohl, warum er an allen Nachrichten aus diesen entfernten Landen, ein so reges Interesse nahm. — Es war just die Zeit, wo das Auswanderungsfieber, das in einem großen Theile der Schweiz herrschte, auch in die stillen Thäler Unterwalden's ein« zudringen anfing. Schon mehrere Einwohner des Kanton's, von der Lust nach Veränderung und Abenteuern getrieben, hatten ihre Heimath verlassen, wo sie eine ganz er-, trägliche Existenz hatten, um den „großen See" zu überschreiten, unter welchem Aus- drucke man dem Volke die Gefahren verbergen wollte, die eine Ueberfahrt über's Meer von mehreren Monaten mit sich bringen mußte. Es ist begreiflich, daß Seppli» für den das Leben so bitter geworden war, bald auch von dem lebhasten Wunsche erfaßt wurde» sich dort eine neue Heimath zu suchen. — Tiefbetrübt sah Mariele, daß diese Gedanken täglich der Erfüllung näher kamen und daß sie wohl bald ihre, ihr so theuer gewordene Geburtsstätte, wo sie geliebt und gelitten hatte, werde verlassen müssen, um in ein fernes, unbekanntes Land zu ziehen. — Aber trotz der Thränen, die sie Nachts darüber vergossen, zeigte sie des Morgens ein heiteres Gesicht, um ihren geliebten Mann, der durch diese Erwartungen, seit einiger Zeit ivieder dem Leben geschenkt schien, nicht zu betrüben, — 51t -< den» er fühlte, dachte und lebte sozusagen jetzt nur mehr in dem Ideal, das er sich vor» Amerika geschaffen hatte. Dort wollte er seinen Kindern eine sorgenfreie Existenz gründen, dort glaubte er den Frieden, die Freude und das Glück wieder zu finden, ohne von seinen, Bruder darin gestört werden zu können; denn dieser, sein einziger Feind, den er auf Erden hatte, war dann durch den Ocean von ihm getrennt und vielleicht erwachte dann Neue über seine Lieblosigkeit in seinem Herzen. So dachte Seppli. Als er offener sein« Absicht aussprach und fein Bruder hievon Kenntniß erhielt, stieß derselbe ein grelles Gelächter aus, und er rief: „so ist es mir doch endlich gelungen, ihn zum Räumen gezwungen zu habe», nun erst werde ich wieder neu ausleben!' Obwohl diese Auslassungen allerseits als Ausflüsse eines verderbten Gemüth's erkannt wurden, so wagte doch Niemand ihn hienach zu verurtheilen, denn man fürchtete tzie Feindschaft dieses Menschen und der Brand des Hauses seines Bruders war Allen als Warnung noch wohl in Erinnerung. — Man mied daher seine Gesellschaft so viel wir möglich, unterhielt aber aus Furcht vor diesen, gefährlichen Nachbar», demungeachtet den nöthigsten Verkehr mit ihm. Leo nahm diese Stimmung sehr wohl wahr, und wenn er auch darüber zu lachen schien, so fühlte er sich doch auf's Tiefste dadurch getroffen und zog sich, nur mit seinen häuslichen Arbeiten beschäftigt, von aller Gesellschaft zurück. Aber auch in seinem Hause hatten sich, seit sein Bruder nach Sarnen zog, die Zustände verschlimmert, seine Frau sollte immer die Ausbrüche seines üblen Humor's ertragen und da Nachgiebigkeit nie ihre Sache war, folgten sich Zank, Streit und Zorn« ausbrüche fortwährend. — So ging es fort, bis sie einmal in die Worte ausbrach: „Willst Du es etwa mit nur, wie mit dem guten Seppli machen?" Nun war es aus, er schäumte vor Wuth und sie konnte nur durch die schleunigste Flucht seinem Zorne entgehen. — Dieser Borwurs ließ jedoch in seinem Herzen einen Stachel zurück, der immer tiefer drang, bis er endlich die Stimme des Gewissens wach rief, und wenn diese einmal laut wird, dann schweigt sie auch nicht mehr und selbst inmitten des lebhaftesten Treibens, schlägt sie an unser Ohr und macht uns Beben vor Schreck wie ein Donnerschlag während des Schlafes. — Ein verhärtetes Gemüth kann sich vielleicht lange sträuben gegen diese geheimnißvolle Macht, aber endlich unterliegt es doch, wenn auch bisweilen erst in. der Sterbestunde. Und so begann denn auch bei Leo diese Stimme in seinen einsamen Stunden gleich einem fernen Echo laut zu werden. Das Auswanderungsproject in Sarnen war inzwischen so weit gediehen, baß Seppli sei» Haus und seine Gründe bereits ausgeschrieben hatte; es fand-sich auch als bald ein Käufer, der ihm eine hübsche Summe hiefür bot, die ihm schon erlaubte» sich in Amerika anständig anzusiedeln. Schon waren mehrere Emigranten auf dem Wege nach Amsterdam, welche Stadt als Sammelort zur Einschiffung bestimmt war» aber Seppli konnte sich diesen nicht gleich anschließen, da er in Sarnen noch manches zu ordnen hatte. Vielleicht verzögerte er das Scheiden unwillkürlich, ohne sich selbst darüber Rechenschaft geben zu können; denn erst im entscheidenden Augenblick, sing er fast zu bereuen an> daß er sich von seinem theuern Vaterland«, von seinen blauen Bergen und seinen grünen Wiesen trennte. Marie, obwohl von bangen Ahnungen und Schinerz erfüllt, mußte ihn zuletzt mahnen, in Anbetracht, daß der bestimmte Termin zur Abfahrt des Schiffes immer näher rückte, sich zur Abreise zu rüsten; er beruhigte sie jedoch mit der Versicherung, daß sie durch rascheres Reisen, dennoch rechtzeitig eintreffen würden. Noch lag ihm ein Gedanke schwer am Herzen; es drängte ihn immer mehr, vor dem Verlassen des heimathlichen Bodens, noch einen Versuch zu machen, von seinem Bruder friedlich Abschied zu nehmen, wenn er sich auch nicht verhehlen konnte, daß dieser Besuch vielleicht alte Wunden aufreißen werde, statt solche vernarben zu lassen. Aber seine Herzensgute hatte schließlich alle Bedenken überwunden, und eines Tages war er auf dem Wege nach Lungern. Zuerst besuchte er das Grab seiner Eltern. Er hielt sich lange auf an dieser Stätte und betete mit Inbrunst, auf daß sie bei Gott, für ihn Schutz erflehen möchten zu seinem Unternehmen. Nachdem er sein Gebet vollendet, ama er, Thränen in den Augen, an seinem eingeäscherten Vesitzthum vorüber und richtete dann seine Schritte nach dem Hause seines Bruders« Leo hatte ihn gemährt, und Gott mag wissen, was in seiner Seele vorging, als er seinen Bruder am Grabe der Eltern so inbrünstig beten sah. Er wechselte die Gesichtsfarbe und seine Hand zitierte, als er nach seinem Bergstock griff. — Erstaunt fragte ihn seine Frau, wohin er noch gehen wolle, nachdem das Mittagmahl schon bereit sei. „Du kannst es mir auf die Seite stellen-, antwortete er, den Kopf zurückwendend, — „ich muh noch auf die Alp gehen, ich hätte es schier vergessen, und muß mich eilen-, worauf er rasch das Haus verlieh. — „Was mag ihm so plötzlich in den Sinn gekommen sein, und wie es schien, war er ganz erschreckt ....." murmelte sie leise» „was soll das heißen? ....." Bald sollte sie es wissen, was es bedeutete, als sie kurz darauf Seppli sah, der sich langsamen Schrittes dem Hause näherte. Sie war in der That gerührt, als sie ihn bei seinem Eintreten so blaß und niedergeschlagen sah. Nachdem er sie mit bewegter Stimme gegrüßt hatte, ließ er sich mehr auf die Bank fallen, als er sich setzte, und den Kopf in die Hand gestützt, sing er bitterlich zu weinen an. Auch Leo's Frau hinderten die Thränen, ein einzig Wort zu erwidern und es verging eine geraume Zeit, bis Seppli das Haupt erhob und nach seinem Bruder fragte. „Er ist auf die Alp gegangen! — ach, armer Seppli, mußte, es dahin kommen!" sprach sie, ihn mitleidig betrachtend. „Ja, warum mußte es so weit kommen!" entgcgnete Seppli traurig, „doch, was geschehen ist, ist geschehen ..... es thut mir unendlich leid, Leo nicht noch einmal gesehen zu haben, es ist leider ein Scheiden für immer. Sagt ihm meine Grüße und versichert ihn, daß ich keinen Groll mit mir nehme. Am Grabe unserer Eltern und un der Stätte meines abgebrannten Hauses, habe ich alle Bitterkeit abgestreift, die mich so, lange erfüllte. — Möge auch er mir verzeihen, denn auch ich mag gegen ihn gefehlt haben, und wenn meine Abreise ihm nun den Aufenthalt friedlicher machen sollt.', so möge er doch bisweilen dann auch denken, daß es nur seinetwegen geschah» daß ich mit gebrochenem Herzen meine liebe Hcimath verließ." Hierauf drückte er die Hand seiner Schwägerin, die mit großer Rührung und thränenden Auges ihn scheiden sah; er wünschte ihr noch Frieden und Gottes Segen, und verließ rasch das Haus. Am Abend desselben Tages bei heiterem Mondschein, verließ ein Wagen mit großen Kisten beladen, auf denen eine Frau mit ihren Kindern saß, das Gerner'sche Haus. II. Es war fast Mitternacht als Leo heimkehrte. Seine Frau wachte noch und saß strickend am Tische, die Augen noch feucht von Thränen. Als sie ihn fragte, ob sie noch etwas auftragen sollte, verneinte er, aber in so ruhigem und gelassenem Ton der Stimme» wie sie es nicht an thu» gewohnt war. Er blieb lange schweigend und gedankenvoll sitzen, bis seine Frau, die seine Stimmung nicht unterbrechen wollte, endlich aufstund, um sich zur Ruhe zu begeben. — „Ist er dagewesen?" fragte er noch sichtlich bewegt» -- „Ja", erwiderte sie, „er wollte nicht mit Bitterkeit in« Herzen für immer von Dir scheiden; er läßt Dich herzlichst grüßen und verließ mich, noch Gott bittend, er möge seinen Segen über uns walten lassen."-Leo neigte den Kopf auf die Brust herab und blieb lang in dieser Haltung, wie ein Mensch, der in peinlichen Gedanken versunken ist; es war gegen 2 Uhr als er die Schlafkammer betrat, um zu Bett zu gehen. — Ohngeachtet er von seinem Marsche sehr ermüdet «vor, wollte doch kein Schlaf in seine Augen kommen, so ivar er innerlich bewegt, und als er seine Frau schlafen glaubte, seufzte und ächzte er, als läge ein großer Kummer ihm am Herzen, dabei sprach er abgebrochene Worte, die seine Frau nur Iheiliveise verstand sie aber völlig beruhigten, da sie daraus seine guten Gesinnungen gegen Seppli entnehmen konnte. — Die Sonne stieg allmälig über die Berge empor und warf ihre freundlichen Strahlen in'S Thal. 816 Leo lag noch unter convulsivischen Bewegungen und mit Thränen in den Augen au seinem Lager. Seine Frau that, als gewahre sie nichts davon, in der beruhigenden Ueberzeugung, daß auf eine so heftige Krise sicherlich Ruhe eintreten werde. Als er später in die Wohnstube kam, war er ernst und gelassen, aber doch nicht frei von einiger Unruhe. Seine Frau, die sich den Schein gab, als ginge sie, ihn unbeachtet lassend, ihrer gewöhnlichen Beschäftigung nach, ließ ihn doch nicht aus den Augen, und während sie am Herde stand, sah sie wie er durch die Hinterthür aus dem Hause und nach der Brandstätte ging. Der Schutt war längst verschwunden und der Platz war zur Wiesfläche, wie ringsum. Das menschliche Herz bewahrt aber langer die Spure» unheilvoller Begebenheiten, als die Natur, in der neues Leben gar bald die Merkmale der Zerstörung verlischt. Als die Morgensuppe aufgetragen wurde, schien keines Lust zu haben davon zu genießen und Leo's Blicke richteten sich oft durch das Fenster nach der Stelle, wo das Geschäft seines Bruders stand. „Ich weiß nicht, was in mir vorgeht", hub er an, „es ist mir, als wenn rings um uns eine Einöde wäre, in der wir völlig vereinsamt stünden." „Das ist auch mir so", antwortete seine Frau, ohne die Augen zu erheben, „eine gute, freundliche Nachbarschaft wäre jedenfalls angenehm, um so mehr, wenn man im Alter vorschreitet und von lauter Nachbarn umgeben ist, denen man, gelinde gesagt, völlig gleichgültig ist „Da ist nur heute, ich weiß selbst nicht wie, ein Gedanke gekommen", unterbrach sie Leo nach einigem Ueberlegen, „sage, was hälft Du davon, wenn wir das Haus da üben wieder aufbauten? Der Brunnen wäre auch schon da." Dies wurde in einer Art gesprochen, daß seine Frau wahrlich hierüber erstaunt war, denn noch nie hatte sie ihn in so eigenthümlichem» wohlwollendem Tone sprechen hören. „Ja, wenn Du Lust dazu hast", erwiderte sie, „warum nicht, wenn wir nur —" fügte sie leise bei, „auch Kinder hätten, für die wir es verwenden könnten." „Ja, wenn wir Kinder hätten!" rief er schmerzvoll und ergriff mit inniger Theilnahme ihre Hand, was ihr schon lange nicht mehr widerfahren ist, „aber man muß sich in das Unabänderliche fügen, und zudem glaube ich immer, daß wir nicht ohne natürliche Erben sterben werden." „Was meinst Du damit?" fragte die Frau erstaunt. „Höre!" erwiderte er, die Hand über die Stirne haltend, „mir däucht, daß die Kinder Seppli's eines Tages wiederkehren werden und es wäre dann doch für mich gewissermaßen eine Pflicht, ihnen eine Unterkunft bieten zu können." „Wenn Du diesen Gedanken hegst und es für eine Pflicht hälft, so fange ohne Säumen an, Deinen Plan auszuführen. — Sie sind allerdings unsere natürlichen Erben und seit gestern, wo der gute Seppli von uns schied, fühlte ich stets eine Regung in mir, die mir sagt, daß Du Recht hast." „Seit gestern?" seufzte er, „ja, mir geht es ebenso; als ich diese armen Kinder meines Bruders von ihren Gespielen Abschied nehmen sah, empfand ich lebhaften Schmerz, fühlte aber doch zugleich eine gewisse Beruhigung, als mir dabei der Gedanke eingegeben worden zu fein schien, daß mir in dieser Welt noch etwas zu thun übrig bliebe." (Fortsetzung folgt.) GoldkSrner. Verloren dünke dir kein gutes Wort, Ob früh, ob spät, es findet guten Ort! Die Henne, die erhebt ein laut Geschrei, Sie legt nicht immer auch ein gutes Ei. Den Neid erregt, was Jedermann begehrt, Hol' Sand am Meer, es bleibt dir unverwehrt! Fnd.-. Bsck. 517 Einiges über Mönchs-Deggingen. 8. Der von Augsburg nach Nördlingen gehende oder fahrende Reisende gewahrt eins schwache Stunde von der Station Mültinge», erste vor Nördlingen, ein Conglomcrat von ansehnlichen Gebäu- lichkeiten, blendend weiß weithin sich zeigend, in deren Mitte ein ansehnlicher Thurm steht, dessen prächtiges Geläute weithin erschallt. Prächtig gelegen ist das Ganze, im Hintergrund von Wäldern umsäumt und zu seinem Fuße ein stattliches Dorf. — Ganz entschieden ist dieser Punkt eiuer der schönsten im schönen Riese und sein Name heißt seit alter Zeit Weggingen, Mönchsdeggingen, weil Mönche einstens das berühmte Kloster bewohnt haben. Statt der Mönche haben jetzt sürstliche Beamte die „Zellen", welche in moderne Gelasse umgewandelt wurden, bezogen, und nicht hört man mehr die Metten singen iin Chöre, wohl aber die guttresfenden Flintenschüsse des Forstmannes. Deggingcn war also ein Kloster und zwar ein Beuediktiuerklosler, eines der ältesten in der ganzen Gegend. — Das Stiftungsjahr selbst ist nicht ausgemacht, bestimmte Akten fehlen bis zum Jahre 1017. Die einen sagen, es sei gestiftet von Benhold, einem Reffen Otlo's, Herzogs von Sachsen, dem späteren deutschen Kaiser, andere behaupten, der Stifter sei kein anderer als Kaiser Otto >. selbst und falle das Stislungsjahr in das Jahr 955 oder 959, wieder andere lassen es von König Otto I. und Bertholt, Grasen von Alteuburg und Babenbcrg im Jahre 958 gegründet sein. Leicht ließe sich auch ein Grund für die Stiftung des Kaisers finden, es wäre vielleicht die Gründung des Klosters ox voto geschehen, oder aus Dankbarkeit für die Wohlthaten Gottes. Im Jahre 955 besiegte nämlich Otto die Ungarn in einer entscheidenden Schlacht auf den, Lechsclo bei Augsburg und wurden so die furchtbaren Feinde Deutschlands niedergeschmettert, die Feinde, welche „deutsche Einigkeit" von dazumal selbst gerufen hatten, in einer Zeit, wo der Sohn und der Schwiegersohn gegen den Vater und L-chwiegervater das Schwert zogen. Es könnte demzufolge wohl das Kloster errichtet worden sein zum Andenken au den glänzenden Sieg auf dem Lechseld. Wieder eine andere Chronik vermeldet, Stifter sei Kaiser Heinrich II. (100L—1024), und lassen wir dies dahingestellt, verwahren uns aber gegen Clanseln, wie sie einseitige Geschieht-,uacher vor ein paar Jahrzehnten fabricirten, indem sie z. B. zu Heinrich II. bemerkten „gerne" heilig genannt. Es steht solchen Schreibern ganz frei, an einen heil,gen Heinrich zu glauben oder nicht, wie es jedem Leser ihrer Makulatur freisteht, sie sür einseitige sanatijche Scribeulen zu halten. So viel ist sicher, Heinrich" II. lies; das Reich nach Innen befestigt und nach Außen gesichert zurück und zeichnete sich durch Reinheit des Wandels aus, wie noch wenige Derer, welche die Krone eines Reiches getragen. Lang sagt, Deggingen sei 1097 von Kaiser Heinrich II. dem Hochstift Bamberg als Tafelgut überwiesen, 1138 aber wieder herausgegeben worden, worauf 1101 der Klosterban begonnen, welches Datum uns als ein verspätetes erscheint. Bekanntlich wurde Bamberg 1006 von Heinrich gestiftet und erhielt sodann Deggingen oum omuibus psrtincntiis LivL allbaoroimw. Nach anderen Nachrichten aber wurde das Kloster B.unberg geschenkt im Jahre 1017 ohne weitere Angabe, wann dasselbe gegründet wurde. Um nicht mißverstanden zu werden, mag beigefügt werden, das; Heinrich das Kloster nicht als solches verschenkte und verschenken konnte, sondern er stellte dasselbe nur unter die Advokatie von Bamberg; die Besitzungen gehörten selbstverständlich dem Kloster als solchem. Von, Jahre 1138 ist eine päpstliche Bestätigung verzeichnet, während es von; nächstfolgenden Jahre heißt „Uotarinz II Uowonoruw kunclationem OcMugsuscm Liugularibus l'rivllegii» ovnkrmavit." Diesem Satze muß Einsender deswegen widersprechen, weil im Jahre 1139 Lothar II. bereits zwei Jahre zu den Todten gehörte, und Courad III. (,137—1152) Platz gemacht hatte. Dagegen stimmt das folgende Jahr von dem es heißt: „anno 1140 Inuoeon- tius secuncluo Uoiuauoruiu Uapa tuinlationem soeuuclam ab Ottons imporatoro Conti,mavit." Im Voraus bemerken wir, daß bis Ende des achtzehnten Jahrhunderts 36 Nebte aufgezeichnet sind, von welchen der dreiunddreißigste Henricus Wernherus volle 43 Jahre den Krummstab führte von 1700—1743. Von einem dieser Prälaten Friedericus wird mit einem UU. bemerkt: „Dieser vermeldete Abt Friedrich zu Kloster-Dcggingeu hat sich in einem gewissen Oiplowato Friedrich von Gottes Gnaden geschrieben." Der siebennndzwanzigste Abt Christophorus 1625 a kapa Uibuno II. (l>. ist grundfalsch und muß VIII. heißen, da Papst Urban II. bereits 1038—1099 regierte) starb >n lixikio im Kloster zum Heiligen Kreuz in Donauwürth, und war die Abtei genöthigt nach dessen Tod ohne Prälat zu sein wegen des „grausigen unmenschlichen" schwedischen Krieges. Wie ungenau die Chronik oft ist, mag der Umstand beweisen, daß eine Nachricht vom Jahre 1221 dem Abt Marguarden die Freiheit ° seitens des Bischofs Sigfried von Augsburg gibt, die Pfarrei zu Deggingen mit einem Laienpriester oder Couvcntualen versehen zu lassen, während die Reihenfolge der Aebte zur damaligen Zeit uns keinen Prälaten dieses Namens hinterlassen hatte, sondern ein Marguardus sich erst ein halbes Jahrhundert später findet. Im Jahre 1287 belehnte Bischof Arnold von Bamberg die Gebrüder von Hürnheim zu Hohcnhaus mit der Vogtei des Klosters Deggingen. Zur damaligen Zeit muß es nicht gar gut gestanden sein, denn wegen Verarmung mußte dem Kloster die Pfarrei Deggingen mit ihren Zehnten übergeben werden. Auch scheint da,»als schon der Begriff „Wucher", der in der modernen Zeit so viel bekannt und gekannt worden ist, nicht ganz im Dunkeln gelegen zu sein, weil 'von den Unteradvokaten geklagt wird, daß sie zu viel für sich genommen und gewonnen haben. Verschiedene prächtige Erlasse seitens der höchsten Behörden sind aus damaliger Zeit, dahin gehend, dem Kloster alles zurückzugeben, was ihm auf ungerechte Weise entzogen wurde. Bald verkaufte Hürnheim die Advokatie an das Kloster selbst, welche aber später wieder ausgelöst an das Haus Oettingeu überging. Die Zeit des Faustrechts war vorüber, die „kaiserlose schreckliche" Zeit 518 liegt hinter uns, K»»st »»d Wissenichast konnncn wieder in Flor ruglcich mit dem Handel, manche geistlichen Würdenträger, welche etwas zu weltlich geworden waren, sind sich wieder ihrer wahren Würde bewußt geworden, und auch unser Kloster steht Ausgangs des dreizehnten und im vierzehnten Jahrhundert angesehen und reich vor der Welt da. Theils durch Schenkung, theils durch Kauf kommt uugeiueiii viel au den Convcnt, nachdem zwischen „Obristentag und Juvocavit des Jahres 1311 Conrad von Hürnheim von. Hohen Haus alle Vogteirechtc über das Kloster, auch alle deren Leut und Güter dem Abbt und Convent mit dem Beding verkauft, daß er solche zu keiner andern Zeit nicht wieder lösen solle und wolle." Trotz dieser Bestimmung finden sich zwischen diesem Verkäufer, wie auch später zwischen dem Grasen Octlinge» und dem Abt verschiedene Nörgeleien vor. Im Jahre 1370 finden wir in der Chronik unseres Klosters einige Mißhelligkeiten verzeichnet. Leren Grund nicht angegeben, wobei uns aber der Name John Wiclifs begegnet. Wir dürfen wohl nicht annehmen, daß die Lehre dieses Vorläufers der Reformatoren in den klösterlichen Mauern Aufnahme fand, sonst wäre entschieden das Weitere bemerkt. Wie genau die Chronisten mitunter auszeichnen, kann unter anderem auch daraus erhellen, Laß einer im Jahre 1135 eine Schenkung von zwei Maller Roggen Nördliuger Mäst an das Kloster rcgistrirt hat. Um dieselbe Zeit kam durch Ausstcrbcu der alten adeligen Familie der Herren von Bollstadt dieses an das Kloster, das am Ausgauge desselben Säculums noch mehrere Schenkungen zu verzeichnen hat. „Eine grausige That ist zu vermelden vorn Jahre 1497, allwo im Kloster ein Mönch dem andern nichts weniger angetan hat, als ein Auge von den zweyen herausgestochen." Dieser grausigen That fügen wir eine weitere spätere vorn Jahre 1629 sofort bei, welche von, Auszeichncr eine „gar sehr ungristliche That" genannt wird. Es wurde nämlich in diesem Jahr, in welchem Friede- ricus Prior war, von seinem Prälaten der Bauer Michael Schiffen von Zibwangen niit einer Klingen hart verwundet, „was derselbe doch hätte sollen intermittiren", welchem Wunsche wir uns schon »ach dem Grundsatz des allgemeinen Völkerrechts anschlichen „guäle nie ei» Thier aus Scherz, denn es fühlt wie Du den Schmerz!" Im Jahre 1513 sei es am 27. März oder nach anderer Lesart am 27. Oktober brannte das Kloster ab, nur der Chor der Kirche blieb stehen; dasselbe wurde aber zwei Jahre daraus unter dem Abt Alexander wieder aufgebaut. Ein Jahr nach dem Brande ist ein großer Holzprozcß in den Akten ausgezeichnet, geführt zwischen Haus von Steiu zu Diamautstein und den, Abt von Teggingen, während wir einige Jahre darauf einen kleinen Aufruhr vulgo Empörung zwischen den Bauern des Dorfes und dem Kloster finden ohne Angabe der Veranlassung hiezu. Im Bauernkrieg, über welchen einige dc» Spruch machen „rustiea Zeus est optima. ktono er pesaims, gauclens" kam auch manche kleinere und größere Heimsuchung über unser Kloster. Nachdem im Jahre 1555 »ach langen Verhandlungen der Augsbnrger Religioussriede zu Stande gekommen war, nach welchem die Katholiken und die Anhänger der Augsbnrger Consession freie Neligions- übung haben sollten, worüber aber nach dem eingesührten Tcrritorialsystcm der betreffende Landes- snrst allein entschied, besohl Gras Ludwig von Oetiingen, der zur protestantischen Kirche übergetreten war, das Kloster und die Pfarreien seiner Grafschaft, mit protestantischen Pfarrern zu besetzen, ,,in diesem Jahr aber wurde daraus nichts", setzt der Chronist bei. Später srcilich mußte das Kloster nachgebe», Pater BlasinS war genöthigt, der Gewalt zu weichen und wir finden einen Pfarrer, der neuen Lehre angehörig, Namens Beck, während im Jahre 1565 den 17. Januar der evangelische Geistliche Thomas Ulrich Vril sich, der den 29. Oktober 1557 die Psarrc: erhalten, mit Weib und Kind wieder fortgeschafft wurde. Hiegegen finden wir 1584 in Teggingen selbst einen Superintendenten, Namens M. Liebcuhäujcr, welch' hoher Titel uns anfangs des achtzehnten Jahrhunderts noch zweimal begegnet. — Daß die Ehrenkränkungen nicht das Erzeugnis; des neunzehnte» Jahrhunderts sind, beweist der 3. Februar 1587, an welchem Tage ein Pfarrer zu Bollstadt, der schwere Injurien gegen den Herrn Prälaten und seine Crcditorcs ausgestoßcn hatte, nach „abgcschworenem großem Eidschwnre" wieder freigelassen und auf freien Fuß gesetzt worden ist. Großen Schade;; erlitt das Kloster auch 1632 in; schwedischen Kriege, jedermann floh aus demselben in der höchsten Furcht, massacrirt zu werde», es wurde alles ruinirt und die Dokumente, Bibliothek, Grund- und Tagebücher gestohlen und „zerstampft". 1688 mußte es den; französischen Marquis de Tcquierevcs (?) 500 Gulden Brandschaden „baar und ohne Abzüge" bezahle;;. Der Curiosität halber erwähnen wir eine Auszeichnung aus dein Jahre 1727. Den 6. Augnst ist des Mittags zwischen elf und zwölf Uhr zu Deggingen bei einem entstandenen Donnerwetter Stephan Fundens Auffäkucchts daselbst Hinterbliebene Wittib auf freiem Feld ohnwcit des Dorfes durch einen Donnerstrahl todt geschlagen worden. Bei der Visitation hat man an ihr gesunden, daß dieselbe bis an die Füße wie ein frischer Braten, die Füße aber, als wem; man mit zerhacklcn Schroten dareingeschossen hätte, ausgesehen haben. Unter der Regierung des Abtes Heiurich V. wurde 1736 das Ganze fast von Grund aus neu erbaut, die Kirche aber rennovirt und verbessert. Damals besaß das Kloster »och ziemlich viele Güter, welche alle sich des privilogium immunitati» erfreute» d. h. voi; allen Lasten und Beschwerden frei waren, ausgenommen, daß sie dein evangelische» Psarrmeßiuer jährlich 24 Läut-Garben reichen mußte». Durch die Säkularisation kam das Kloster 1802 an MaHerstein; die Conventualen erhielten Pension, Abt Willibald 3000 fl. und die Pfarrei Bollstadt, wo er am Ll.März 1824 mit Tod abging; das Ganze wurde in eine fürstliche Doniänenvcrwaltung umgewandelt. Wir können nicht umhin, zur Charakte- i-IS nsirimg der Zeit einen einzige» Z des Neichsdeputations-Hauplschlnsses anzuführen, nämlich 8 ^2. Nach diese», „wurden alle Güter der Stifter, Abteien und Klöster der freien und vollen Disposition der respectiven Landesfürsten, sowohl zum Behufe des Aufwandes für Gottesdienst, Unterrichts- und ändere gemeinnützige Anstalten, als znr Erleichterung ihrer Finanzen überlasse n." Werfen wir noch einen ganz kurzen Blick auf das Degginger Kloster und seine Kirche, wie beides sich heute dem Besucher reprcifentirt. Während wir manches, einst berühmte Kloster, heutzutage als Ruine oder nicht viel weniger erblicken, schaut Weggingen den Besucher freundlich an. Gut ist es erhalten, denn in seinen Räumen Hausen nicht wie in vielen andern Uhus und Nachteulen, sonder» es wohnen in den hübschen Gelassen fürstliche Beamte, es «giert dort ein Psarrhcrr und ein Lehrer hat den Katheder inne und schwingt die 0,5 Tröster als Wahrzeichen der Herrjchcrgcwalt; die anderen Gebünlichkeiten imd der Oekonomie gewidmet. Stolz steht vor uns ein siinfftückiger Thurm mit Blechkuppel versehe», auf dessen zweitem Stockwerk vier kleine aufrecht stehende Pseitec sich er» heben, je einer an einer Ecke ganz dazu angethan, den vv» ferne her kommenden Beschauer glauben zu machen, den Thurm ziere eine Altans. An dem geräumigen schönen Schiobhose befindet sich ein hübscher vierrädriger Brunnen mit pyramidalrörmigem Ausbau, gekrönt mit der Statue des heiligen Michael, der stolz den Drachen zu seineu Fübeu bekämpft, und ihn ohne Gnad und Barmherzigkeit in das Wasser des Brunnens hinabwirft. Dieser Brunnen ist auch in einer atten Chronik erwähnt mit den folgenden Zeilen: „Deggingen hat zwoi edle Kleinodien, deren Erstes ist ein Röhrenbrunnen, so in der härtisten Winterszeit nicht eingesrühret, sondern für die Inwohner hier des beßteu Wassers genug giebet. Das andere ist ein stützender Bach, welcher das Dorf durchstreichet, Menschen und Vieh erquicket und beyden wol zu statten kommt." Dieser Chronist scheint die grasten Wasserstiefel des Hahne,unann prolurt zu haben! Die Klosterkirche, welche nach der Regel geastet ist, anlangend, so befindet sich oberhalb des Westportals, das etwas an Magerkeit laborirt, die Himmelskönigin, ganz oben aber in einer Nische der Patron der Kirche, der heilige Martin,is, vom Wetter arg verwittert. In der kleine» Vorhalle ist ein Oelberg und eine Krenztragung mit Gesichtern, welche fast zu sagen scheinen: voll mo tcmgor« beziehungsweise »oli mv evntvmplsii! Oberhalb gewahren wir die Worte cksuiao 53, V. 7 „er ist aufgeopfert, denn er hat's selbst gewollt." Der erste Eindruck» den die ganze eigentliche Kirche macht, dürste der sein, daß das Ganze allzu bematt, etwas inonvton ist. Auch glauben wir bemerken zu dürfen, das; die zehn ganz einander ähnlichen Deitenaltäre etwas zu weit in das Hanptschiss heransragcn, sich also dem betreffenden Pfeiler nicht ganz accomodiren. Trotzdem macht das Ganze, besonders durch das reiche Licht, einen recht freundlichen Eindruck. Die beiden Seitenschiffe, niederer als das Hauptschiff, reichen bis an den Chor. Der Chor, dessen Altar sich aus — beziehungsweise zwischen hölzernen Säule» — erhebt, hat als Plafongemälde die Änfnahme des hl. Martmus in den Himmel. Er wird von der allerheiligsten Dreisaltigköit erwartet, umgeben von sehr vielen Engeln. 'Als Maler bekennt sich auf dem Bilde selbst B. Felix Rigl pinxir 1751 und dürste dns Bild etwas zu grell sein nach des Einsenders unmastgeblicher Ansicht. Die Chorstühle sind einfacher, aber schöner Arbeit. A„j der Evangelinmseite befinden sich „blinde" Chörle; bei», untern schaut ganz natürlich ein alter Pater heraus, die Kutte, das Auge recht schön sich präsentsten». Verunziert dürfte der Chor werden dnrch einen ziemlich umfangreichen Kasten, der allerdings in seine,» Innern eine Orgel birgt. Die Gemälde des Hauptschiffes stellen den Ban des KtosterS und der Kirche dar; eines die Ausnahme des ht. Beuedikt in den Himmel. Oben gewahren wir das Lamm, stehend auf dem'Buch, das mit sieben Siegeln versehen ist, getragen,von drei Engeln. Ju den Seitenschiffe» sind Bilder aus dem Leben und Wirken des hl. Bsnediktns angebracht. Die eigentliche Orgel ist sehr hoch cmgebrachl; unter der Orgelempore ein sehr naives Bild, „die Austreibung anS den, Tempel". Nicht zu; übersehen ist die hübsche Kanzel, gekrönt mit einem Engel, welcher die zwei vergoldeten Gesetzestafeln in den Händen hat. An, Ende des linken Seitenschiffes befindet sich ein Oelberg, der so natürlich anzuschauen ist, das; dem Beschauer leicht Thränen kommen können. In dem andern Seitenschiffe sind einige Grabinschriften in dem Pflaster angebracht, eine von einem Abte Johannes Magiins von llnterelchingen (Johannes lll.) 1625 gestorben, mit dem Schlußsatz: Vivat sctsrnum L/mbolum. Der Krenzgaiig des Klosters ist gut erhalten, in demselben sind die Bilder mehrerer Ordensmänner und eine „Geburt Christi" merkwürdig dargestellt. Die Sacristei endlich enthält fünf schön gearbeitete, aus Klosterzellen stammende, sehr geräumige eichene Küsten, leider ist der Inhalt aus Klosters- Kit nicht mehr vorhanden. Mts-ell-n. (Der Weg zur Geliebten.) Ein junger Mann ve» Middletown, der sich sterblich in die Tochter eines, auf abgelegener Farm lebenden und als eine Art Menschenfeind verschrieenen Mannes verliebt hat, fragt bei dem in Middeltown erscheinenden „Transeript" an: was er thun solle, um zu der Geliebten, deren Wohnplah er noch nie betreten habe, zu dringe», und ob es bei der Unzugänglichkeit desselben nicht das Gerathendste wäre, sich erst das Wohlwollen und die Zuneigung des gestrengen Herriz Vaters zu erwerben. Hierauf nun ertheilt der Briefkasten des „Transeript", der offener ein Interesse an der Lage des Fragestellers gewonnen, demselben folgenden wohl- erwogenen Rath: „Wir an Ihrer Stelle würden zunächst suchen, uns das Wohlwollen und die Zuneigung der gestrengen Herren Hunde des Vaters Ihrer Angebeteten zu erwerben. Ist dies einmal geschehen, dann wird ihrem Betrete» der Farm wohl kaum mehr etwas im Wege stehen." (Die folgende hübsche Mozart-Anekdote) dürfte weiteren Kreisen nicht bekannt sein. Kaiser Josef besaß eine sehr hübsche, weiche Baßstimme, für welche er hin und wieder selbst eine Kleinigkeit komponirte» Einmal aber hat er es gar mit einer großen Arie probirt und legte sie in einer der kleinen italienischen Opern ein, die auf dem Privattheater des Kaisers in Schönbrunn gewöhnlich gegeben wurden. Obwohl Niemand wissen sollte, wer die Arie komponirt, erfuhr es dennoch der Hof und so auch — Mozart. „Wie gefällt Dir die Arie, Mozart?" fragte der Monarch. „Je nun!" antwortete der kindliche, freie, heitere Komponist: „Die Arie ist wohl gut, aber der sie gemacht hat, ist doch viel besser." (Der Triumph der Vorsicht.) Aus London schreibt man folgende buchstäblich wahre Geschichte: Ein Ehepaar in Jslington leuchtet seit 50 Jahren alle Abend vorsorglich unter die Draperien des Bettes, ob sich dort nicht etwa ein Dieb versteckt halle, ohne daß ihre Furcht je Bestätigung gefunden. Vor einigen Tagen jedoch entdeckten sie wirklich einen Mann in dem Versteck und waren so erfreut, ihre Ausdauer endlich von Erfolg gekrönt zu sehen, daß sie den armen Burschen ganz freundlich hervorriefen und reich beschenkt entließen. Der Einbrecher seinerseits war so perplex, daß er erfreut Alles über sich ergehen ließ — und wahrscheinlich das Wiederkommen nicht vergessen wird. (Kanzler und Kanzlist.) Ein schlichter Bauersmann wollte sich bei BiSmarck in Varzin Rath holen. Der Kanzler hörte ihn freundlich an und gab ihm dann ebenso Bescheid. Der Bauer hatte ihn aber immer „Herr Kanzlist" angeredet. Da sagte endlich der Fürst: „Guter Mann, ich bin Kanzler." — „Nu, nu," sagte der Landmann, „was nicht ist, kann noch werden. Des Lebens Rätksel. Ost, wenn wir geh'n auf stillen Wegen Gedankenvoll beim Dämmerlicht, Tritt uns die dunkle Sphynx entgegen Mit grausig starrem Angesicht, Und tragt dem Lebe» Räthsel ab, Die Tod nur lösen kann und Grab. Hat nicht ein Gott die Welt errettet? Was liegt sie denn im Elend da, In Finsterniß und Wahn gebettet, Als wenn kein Werk des Heils geschah? Kniet nicht der Menschheit größ're Zahl Noch vor dem Fetisch oder Baal? Und an des Abgrunds Rande schreiten Die Millionen nngewarnt In Freveln, bis sie niedergleiten, Vom Netz der Würgenden umgarnt; Wo weilt der Engel, gottgesandt. Zu führen sie zum besj'ren Land? Und warum ruft nicht von den Netzen ! Der Herr der Boten Heeresschaar Dast sie die Welt in Muthe» setzen Mit Ftammenznngen ganz und gar; Daß Alles Einen Gott bekennt, Ihn ehrt und liebend Vater nennt!? O still! Dem sündigen Geschlechte Ist nicht des Höchsten Weg bekannt; Nur langsam hebt der Allgerechte Vom Ort des Fluchs die schwere Hand. Wer will bestimmen Raum und Zeit Der göttlichen Barmherzigkeit? Geh', dunkle Svhynr, geh' ein zur Rohr Und stör' des Lebens Ziele nicht! Kein eitel Grübeln! Jeder thue Im Kleinen liebreich seine Pflicht, Wo ihn der Herr hat hingestellt, So sromnit sein Thun der großen Welt. Es trägt zur Freude jede Blume, Zur Ernte jedes Körnlein bei, Bis an der Schöpfung Hciligthum Der letzte Stein vollendet sei: Wer Gottes Pläne fördern will, Der schaffe betend treu und still. L. v. Heemstede. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max. Huttler. i / j i! § ! s M „Äiigslmrger Postjeituug." 9!r« 66. Samstag, 18. August 1883. „Zur Eintracht" oder „Schuld und Sühne." Nacherzählt von F. Carneville. (Fortsetzung.) „Du hast Deinen Bruder, seine Frau und Kinder also noch gesehen?" fragte nach einer kurzen Pause Leo's Frau mit Thränen in den Augen ihren Mann. Er machte eine bejahende Bewegung mit dem Kopfe und verließ darauf die Stube, um sich an den Grabhügel zu begeben, wo Seppli den Tag vorher so andächtig gebetet hatte; er blieb lange dort knieen. Als seine Frau ihn einige Zeit betrachtet hatte, hob sie die Hände empor und rief: „o heilige Jungfrau! empfange meinen Dank, daß Du mein Gebet erhört und für mich Fürbitte eingelegt hast! Gottes Gnade hat sich sichtlich über uns ausgebreitet, gleich dem Föhne, der das Eis und den Schnee unserer Berge schmilzt; o ziehe Deine Gnade nicht von uns ab, auf daß ich jeden Tag Deinen heiligen Namen preisen kann!" Dann fiel auch sie auf die Knie und betete noch mit Inbrunst; als sie sich erhob, fühlte sie sich neugestärkt und ihre Seele war froh und heiter wie in den Tagen der Kindheit. Nach seiner Rückkunft setzte sich Leo auf die Bank am Tische. „Höre, sagte er zu seiner Frau, „ich will Dir erzählen, was mir begegnete . . . Sie setzte sich zum Zeichen ihres Einverständnisses an seine Seite. „Ich habe Dir zwar nicht viel zu sagen . . . .« begann er den Arm auf den Tisch stützend und die Hand über die Stirne legend, „und sollte mich bester auszudrücken verstehen, um Dir mitzutheilen, was mir noch wie ein Traum vorkommt ..... MS ich gestern zufällig aus dem Fenster blickte und meinen Bruder da oben betend knieen sah, erfaßte mich plötzlich eine eigene Bangigkeit, wie ich sie noch nie in meinem Leben gefühlt habe. Ich dachte wohl, daß er kommen werde um Abschied zu nehmen; aber eS wäre mir nicht möglich gewesen ihm gute Worte zu geben und doch hatte ich auch nicht den Muth ihm böse zu sagen. Das war der Grund, warum ich so rasch aufbrach, um nach unserer Alp zu gehen. Ich eilte den Berg hinauf, ohne mich nur einmal umzusehen, obwohl ich immer vermeinte eine Stimme zu hören, die mir zurief: „Kehre uml es ist zum letzte Male!" — Ich weiß nicht wie lange ich so gelaufen bin, aber als ich anhielt und mich umsah, erkannte ich, daß ich unsere Alpe bereits weit überstiegen hatt« und so erklimmte ich denn noch über Geröll und Schnee hinweg die Schwarzhornspitzr. Die Sonne war bereits zur Neige und beleuchtete nur noch die Spitzen der höchsten Berge. — Ringsum herrschte Todtenstille und ich weiß nicht wie es kam, — aber plötzlich schien es mir, die Erde habe sich in ein Leichenfeld umgewandelt und ich sei nur noch das einzige lebende Wesen darin. — Ich glaube, wenn mir in diesem Augenblick ein lebender Mensch wirklich begegnet wäre, ich würde alsbald zu mir gekommen sein und über meine Narrheit gelacht haben. — Nachdem mir aber Niemand in dieser schaurigen^ Einsamkeit sichtbar wurde, so konnte ich meiner Herzensangst nicht loS werden und ich rief: „Ja, du mußt.du mußt ihn noch einmal sehen, vor es zu spät wird!" — Und darauf stieg ich abwärts ohne Weg, der Richtung gegen Sarnen zu. — Je 522 — mehr die Nacht vorschritt, desto mehr beschleunigte ich meine Schritte und meine Angst stieg immer mehr; glücklicherweise herrschte nicht völlig« Dunkelheit, der Mond war zeitig aufgegangen und endlich sah ich Sarnen vor mir . . . ." Hier schwieg Leo und schien nachzusinnen, als wollte er sich erst dessen erinnern, was hierauf geschehen war. „Ja", nahm er dann wieder das Wort, „als ich wieder Lichter in einigen Häusern sah und aus der Ferne wieder menschliche Stimmen vernahm, kam ich wieder zu mir und wurde etwas ruhiger. Ich schämte mich auch einigermaßen über mein thörichtes Benehmen und sagte mir, daß ich doch wohl nicht zur Nachtszeit in das Haus meines Bruders auf Besuch gehen könne; es wäre ja auch andern TagS noch Zeit und daß ich vorerst mich auch vergewissern müsse, was die eigentliche Ursache seiner Besuches gewesen sei. Noch diesen Gedanken nachhängend» sah ich auf einmal eine große Zahl von Fackeln aus dem Dorfe kommen. Ich eilte gegen eine Hecke, die hart an der Straße lag, und stellte mich hinter dieselbe, um ohne gesehen zu werden, alles beobachten zu können, was hier vorging; ich gewahrte dann eine Menge von Männern, Weibern und Kindern, die einen Wagen begleiteten, der langsam einherfuhr. — Da saß Mariele, ihre zwei jüngsten Kinder auf ihrem Schooße, während die beiden anderen ihr zur Seite saßen. Mein Bruder ging in Begleitung seiner Nachbarn.-In der Nähe von mir hielt der Wagen und Seppli stieg ein, ein donnernd Vivat erscholl noch als Abschied von den Begleitern und in raschem Trabe fuhr nun das Fuhrwerk weiter. Ich werde diesen Moment niemals vergessen .... die todtblasse Frau mit ihrem Madonnengesicht und ihre weinenden Kinder ....." Hier brach Leo ab und ließ den Kopf in beide Hände fallen. „Und Du hast kein Wort mehr mit ihm gesprochen .... haben sie Dich nicht erkannt?" frug ihn seine Frau nach einigen Momenten des Stillschweigens. „Nein, er sah mich nicht und ich wäre auch nicht im Stande gewesen, mich ihm zu nähern, wenn auch die ihn umgebende Menge mich nicht daran gehindert hätte. Ich war wie gelähmt an allen Gliedern auf den» Bode» hinter der Hecke gelegen und die Leute von Sarnen waren wohl schon längst wieder daheim, als ich mich endlich zu erheben vermochte .... Ich erzähle Dir alles dies, weil es sicher gut ist, wenn wenigstens ein Angehöriges Kunde von meiner guten Absicht hat und erfährt wie sie entstund, sonst könnte der böse Geist leicht wieder die Oberhand gewinnen, wie ich leider in vergangener Nacht erfahren habe." Seine Frau sah ihn an, als wolle sie ihn hiewegen des Nähern befragen, aber sich rasch erhebend, sagt er nur: „ja, ja, so ist es; bei meiner Rückkehr gestern Nachts fühlte ich meinen Haß auf's Neue erwachen, und es bedurfte wahrlich Deiner umständlichen Erzählung, Deiner Unterredung mit meinem Bruder, daß diese Abneigung sich nicht wieder meines Herzens bemächtigte. Nun, Gottes Wille möge geschehen, aber 'Niemand soll wissen, was sich zugetragen hat." Es wurde auch wirklich Niemand weiter davon unterrichtet. Die Veränderung aber, die so plötzlich mit Leo vorgegangen, »var den Nachbarn nicht entgangen, denn von dieser Zeit an war sein Humor gut und friedlich, sowohl in wie außer dem Hause und die Ueberraschung steigerte sich noch mehr, als er mit dem Bau eines »reuen Hauses begann, und dabei dieselbe Thätigkeit entfaltete, wie ehedem sein Vater. — Natürlich wußte Niemand den nähern Grund dieser Veränderung, und wie es gewöhnlich geht, daß man dem Abwesenden die Schuld gibt, so singen auch hier die Nachbarn allmälig an sich gegenseitig zu äußern: „seht doch, wie man sich täuschen kann; wir sind doch wohl ungerecht gegen Leo gewesen und Seppli mag vielleicht nicht so schuldlos gewesen sein, wie wir uns dachten; wer weiß, welche Neckereien Leo erdulde» mußte, die wir nicht kannten, denn seit Seppli fort ist, ist er völlig umgewandelt und der friedliebendste und beste Mann geworden." 523 — Ja, in der That, Leo war in seinem Leben und Treiben nicht mehr zu kennen und man kann wirklich nur sein höchstes Bedauern ausdrücken, als er, noch ehe sein Bau vollendet war, von einem großen Unglück heimgesucht wurde. — Nicht lang« nach Seppli's Abreise nämlich wurde seine Frau krank und nach sechs Monaten, nachdem ihr, nun eine ruhige und glückliche Zukunft lächelte, raffte sie der Tod dahin. Das war denn ein fürchterlicher Schlag für Leo, der sich nun völlig vereinsamt fand, denn obwohl er nun mit seinen Nachbarn im guten Einvernehmen lebte, so war er doch mit keinem so vertraut, daß er ihm hätte sei» Herz öffnen können. Als sein Neubau vollendet war, fühlte er keine Neigung mehr sich länger mit der Bewirthschaftung seiner großen Besitzung zu befassen; er entließ fast alle seine Dienstleute und gab die entlegenen Grundstücke alle in Pacht. Auch für das neue Haus hätte er öfter schon Pächter gefunden, aber er konnte sich nicht dazu entschließen und so stand, es öde und verlasse» da. — Eine alte Magd führte seine Wirthschaft und er lebte still und traurig dahin, sogar die Holzschnitzerei, für die er sonst «ine so große Vorliebe hatte, betrieb er nicht mehr; die Winterabende verbrachte er im Lehnstuhle, peinlichen Betrachtungen sich hingebend, wobei ihm oft die Thränen über die gebräunten Wangen flösse» und er verließ, außer ßeinem Kirchgänge, nur selten das Haus. Was die Betrübniß über den Verlust seiner Frau noch vermehrte, war die volle llnkenntniß über das Schicksal seines Bruders. Alle anderen Emigranten» die zwar vor ihm abgereist waren, hatten der Einschiffung gewärtig, ihren Verwandten und Freunden bereits Nachricht zugehen lasse», aber in keinem der Briese geschah Erwähnung Seppli's und der Seinen, wohl im Glauben, daß er selbst geschrieben haben werde, was er auch seinen Freunden beim Abschiede sich versprochen, aber bisher noch nicht erfüllt hatte. Die Ursache dieses Schweigens war leider nur zu natürlich. Schon nachdem Seppli Luzern verlassen hatte, zeigte sich schon die Reise ganz anders als er sie sich gedacht hatte. Das Eisenbahnnetz war dazumal noch nicht so voll» komme» als heutzutage und war noch streckenweise unterbrochen, wie so viele Auswanderer, hatte auch er., und seine Frau geglaubt, sich von diese», oder jenem liebgewordenen Jnventarslück nicht trennen zu können, wodurch die ohnedem für die Auswanderung der ganzen Familie schon große Güterlast, noch wesentlich vermehrt wurde. In Folge dessen wurde die gleise nicht nur sehr beschwerlich» sondern auch sehr kostspielig, zudem erkrankten ihm zwei seiner Kinder und zwangen ihn schon in Basel zu einem mehrtägigen Aufenthalt. Mit Schrecken bemerkte er, daß seine Reisekaffa schon weit mehr in Anspruch genommen war, als er berechnet hatte; außerdem beunruhigte ihn auch die Befürchtung, daß er durch diese Verzögerungen zu spät eintreffen möchte und vor Frühjahr dann kein Emigrantenschiff mehr abgehen würde; diese Unruhe ließ ihm denn keine Kosten scheuen die Reise möglichst zu beschleunigen. Diese Besorgniß wurde immer größer, nachdem noch manches außer der Berechnung gelegene Hinderniß eintrat. Endlich erreichte er Amsterdam. Aber wer beschreibt seine Bestürzung, als er erfuhr, daß das Schiff mit den Auswanderern bereits abgesegelt sei. Was sollte er nun mit seiner Familie anfangen, wenn er gezwungen war in dieser fremden Stadt, wo es drei» bis viermal theurer zu leben war als in seiner Heimath, den ganzen Winter ohne Verdienst verbringen sollte? Das Kapital, das er mitgenommen, war nicht so bedeutend; denn hatte er auch sein Haus und seine Gründe ziemlich gut an den Mann gebracht, so mußte er mit dem Erlös auch alle seine Schulden decken, die er zum Ankaufe der Gründe machen mußte, und erforderte auch die Ansässigmachung in Amerika, wenn man nicht eine schon bewirthschaftete Meierei kaufen wollte, keine so große Summe, um ein Stück Land urbar zu machen, so war immerhin noch viel nöthig, um auch nur die nothwendigste Einrichtung hiezu zu treffen und den Unterhalt der Familie zu bestreiten, bis einmal die angebaute Stelle einen Ertrag abwarf. Da er aber in seine Heimath nicht zurückkehren wollte, so blieb ihm wohl nichts Anderes übrig, als sich in das Unvermeidliche zu fügen. Vor Allem mußte er sich um 524 eine Beschäftigung umsehen, um doch einigermaßen die Kosten seines nothgedrungenen Aufenthaltes damit decken zu können. — Glücklicherweise fand sich hiezu bald Gelegenheit; Seppli hatte die Bekanntschaft eines wohlwollenden Mannes gemacht, der ihm Beschäftigung in einer Zuckerfabrik anbot, was er natürlich dankbarst annahm. Er fand in einem kleinen Hause Unterkunft mit den Seinigen und sing allmälig an mit weniger Besorgniß der Zukunft entgegenzusehen. — Von den Unfällen, die ihn schon gleich bei dem Antritte seiner Auswanderung betroffen hatten, in seine Heimath zu berichten, scheute er sich, daher seine Nachbarn zu ihrem großen Befremden ohne alle Nachricht blieben. Sein Erwerb war jedoch nicht ausreichend für den Unterhalt der Familie, obwohl Mariele, die sich rasch in die Verhältnisse gefunden hatte, möglichst bemüht war, auch das Ihrige beizutragen, indem sie für die Matrosen in der Nachbarschaft nähte und wusch, was ihr doch erlaubte im Hause zu bleiben und die Kleinen zu beaufsichtigen. Aber ungeachtet aller ihrer Thätigkeit waren die Armen bei der Theuerung der Lebensbedürfnisse gleichwohl immer genöthigt, die Kassa für die Auswanderung, die sie nicht weiter in Anspruch zu nehmen sich vorgenommen hatten, anzugreifen. Man kann sich denn denken, wie der Winter mit seinen kalten Nebeln, welche in Holland um diese Jahreszeit herrschten, beitrug das Heimweh dieser armen Gebirgsländer zu vermehren. Die Unruhe, die Sorgen, die Traurigkeit steigerten sich mit jedem Tage, und wenn auch Eines dem Andern den innerlichen Kummer verbarg, so gab es doch für sie keinen frohen Augenblick mehr. Wenn die Kinder zur Ruhe gegangen waren blieben die Eltern, trotz der Ermüdung von der Arbeit, in der Dunkelheit noch bei einander am Ofen sitzen, so lange er noch einige Wärme gab und oft faßten sich dann ihre Hände, tiefe Seufzer ausstoßend. Aber keines klagte; kein Wort der Bitterkeit kam über ihre Lippen, kein Vorwurf wurde laut gegen diesen Bruder, der allein an diesem Unglücke schuld war. — Im Gegentheile, namentlich das gute, fromme Weib suchte stets ihren Mann zu trösten, ihm Muth einzuflößen, und in ihm das Vertrauen an den lieben Gott zu stärken. So verfloß der Winter mit Mühseligkeiten. — Als Vorläufer des Frühlings kamen bereits die Züge der Auswanderer an, um die Abfahrt des ersten Schiffes zu benützen. Auch Seppli traf seine Vorbereitungen und fand, daß die ihm bleibende Summe doch nicht so geschmälert worden war, daß sie nicht ihre Ansiedelung damit begründen konnten. Seine Frau dankte Gott im Stillen dafür, daß er ihre Hoffnungen nicht vereitelt hatte und vergaß über dieser Freude die Gefahren, welche die lange Ueberfahrt mit sich brachte. Auch das fortwährende Eintreffen von Emigranten trug viel dazu bei, ihren Muth zu stärken, denn sie sahen dabei, wie viele unter ihnen, die nicht das Elend zu diesem Schritte zwang, eine glückliche Zukunft sich jenseits des Oceans zu schaffen hoffen. — Nachdem das Fahrzeug noch vor Ostern unter Segel gehen sollte, so trat man mit Emsigkeit an dessen Ausrüstung. Da fühlte sich Seppli eines Tages plötzlich unwohl und obwohl er anfangs wenig darauf Acht hatte, nahm dieses Uebelbefinden immer mehr zu, bis es ihn arbeitsunfähig machte. Er suchte es anfänglich seiner Frau zu verbergen und sich selbst zu überreden, daß es bald vorübergehen werde, aber die Schmerzen vermehrten sich schließlich so, daß er bettlägerig wurde. Das war noch ein stärkerer Schlag als der, der ihn im Herbste durch seine verspätete Ankunft traf. Der Fabrikherr besorgte sogleich einen Arzt und stand auch der armen Frau großmüthigst bei; doch die ärztlichen Mittel waren ohne Erfolg und däS Uebel nahm den Charakter einer langwierigen Krankheit an. Der Arzt gab zwar noch immer die beste Hoffnung, aber vielleicht mehr aus Schonung und Mitleid, als aus Ueberzeugung. Jedenfalls mußte die Aussicht auf eine baldige Abreise aufgegeben werden, da das erste Emigrantenschisi schon in nächster Zeit in See ging. — Diesen Umstand verschwieg man Seppli auf's sorgfältigste und Mariele zeigte ihm, so viel möglich, stets eine heitere Miene. Als aber die Temperatur immer wärmer wurde, traten starke Nacht- 525 schweiße ein, die ihn bedeutend schwächten und eines Tages, als der Patient sich wvhler fühlte, als gewöhnlich, schlief er ein, den Kopf an Mariele's Brust gelehnt, um nicht mehr zu erwachen — Seppli war todt. Der Gram der armen Frau, völlig verlassen mit ihren Kindern in einer fremden Stadt, war furchtbar und doch sollte er noch nicht am Ende sein; durch einen grausamen Zufall mußte sie den Leidensbecher bis auf die Hefe leeren. Als Mariele nämlich nach der Beerdigung ihres Mannes den Rest ihrer Baarschaft zählen wollte, ivar das Geld verschwunden. Es war ihr unzweifelhaft in der Confusion, die der Tod ihres Mannes im Hause verursachte, gestohlen worden. Dieser letzte Schlag war zu niederdrückend für die ohnedem so erschöpften Kräfte der Unglücklichen. Sie wurde krank und in ihrem Leiden rief sie oft in ihrer Verzweiflung: „o Herr, warum bürdest Du mir solche Last auf, die ich nicht zu ertragen vermag l —" (Schluß folgt.) G»ldkörner. In einem Jahr willst du zum Ziele dringen? Nimm eins dazu, im zweiten wird's gelingen! Wem Gunst und Glück die Fiedel streicht, Der hebt zum Tanz die Füße leicht. Was Zivilist du Träumer nichtig nennen? Ein Scherben lehrt den Topf dich kennen. Almosen, das vom Herzen kommt, Dem Geber, wie dem Nehmer frommt. Fleiß bringt Brod, Faulheit bringt Noth. , Hans ohne Fleiß Wird selten weif'. Nimm deinen Acker wohl in Hut, Bestell' ihn gut, so trägt er gut! Frage nicht was Aud're machen, Sieh' auf deine eignen Sachen! Wenn du hörst, daß Einer klagt, Hör' auch, was der And're jagt! F. Beck. Alphabet für eine angehende Hausfrau. Beharrlichkeit und Geduld — dies Schwesterpaar erwähle Dir zu Freundinnen! oft, recht oft müssen sie Hand in Hand mit Dir gehen; sei Deine Ehe auch die glücklichste, nie wird sie Dir die Ausübung dieser Tugenden erlassen. Christlicher Sinn ist ein Talisman, den Du behüten mußt im Wellenschlag des Lebens. Bewahre ihn durch die That, dann wird auch der Freisinnigste Dir seine Achtung nicht versagen. — Wer etwas Höheres im Wesen sucht, als das Leben geben oder nehmen kann, der hat Religion. «Dienen" — lerne bei Zeiten das Weib — nach ihrer Bestimmung, denn durch Dienen allein gelangt sie endlich zum Herrschen — zu der gerechten Gewalt, wie es ihr zukommt, zu leiten den Hausstand; — die Herrschaft der Frau ist die Sanftmuth, Klugheit und Liebenswürdigkeit und je mehr eine Frau in diesem Sinne das Ansehen genießt, desto besser geht alles darin zu. Eifersucht! hüte Dich davor, sie ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft — ein Gift das an dem Mark zehrt und an sich ganz harmlose Ereignisse für Beweise halt; ein gesundes wohlgeordnetes Gemüth bewahrt das Vertrauen und gibt diesem grünäugigen Ungeheuer nicht Raum, 526 — Frohsinn und Fleiß sind meistens gepaart. Begrüße stets Deinen Gatte» beim Nachhausekommen froh und heiter, — wenngleich er auch mitunter sorgenvoll und mißmuthig scheint — diesen» stillen Zauber wird er sich nicht entziehen; ein gleichbleibender Frohsinn erheitert alle Widerwärtigkeiten des Lebens und erwacht meistens aus der Arbeit, welche das Leben süß rinv nicht zur Qual macht. Gastfreundschaft — des Hauses Ehr', die im großen Ganzen von unseren Großeltern mehr geübt wurde, als von der jetzigen Generation — weil die echte Gastfreundschaft immer mehr verschwindet, deshalb macht sich die Gesellschaft breit. Laß in Deinem jungen Haushalt die alte Sitte walten, übe Gastlichkeit, die auf geistigen Ler, kehr gerichtet ist, sie wird Dir größeren Genuß bereiten, als die Gesellschaft jemals Dir bieten könnte. Häuslichkeit! „In Deines Glückes stillen» Frieden allein nur liegt der Menschheit großes Loos!" — „Im Hciligthum der Wohnstube wird das Gleichgewicht der menschlichen Kräfte gleichsam von der Natur selbst eingelenkt, gehandhabt und gesichert", sagt Pestalozzi. Das Haus ist die Welt der Frau; ist auch der Kreis ihrer Thätigkeit beschränkter, als der des Mannes, so kann sie doch gerade hier verborgene Kräfte entfalten und alle jene eigenthümliche» Vorzüge, welche den Mann bei Beurtheilung und Fühlung so vieler Dinge Auge und Hand der Frau zu Hilfe nehmen lassen. Jugendliches Empfinden suche Dir zu erhalten, auch wenn das Silber- yaar einst Dein Matronen-Antlitz umrahmt und der Muth Dir fehlt mit Rosen es zu schmücken; dann bewahre vor dem Welken Dein Gemüth, erhalte Dir den Sinn, mit den Fröhlichen froh zu sein und ain Schönen Dich zu erfreuen. Klug und weise handeln soll die Frau — d. h. sie soll das häuslich »virth- schaftliche Leben mit geistiger Beschäftigung zu vereinigen verstehen — nicht in ersterer völlig aufgehen und mit Verachtung auf letztere blicken. Eine kluge Frau wird stets auf die Interessen ihres Mannes eingehen, auch wenn sie nicht immer seinem höhere»» Gedankenfluge zu folgen vermag. — Das menschliche Leben und Wissen bietet uns überall so viel edlen Zeitvertreib, dessen wir uns mit Recht befleiße» sollen; bei einem geregelten Hauswesen bleibt immer mehr oder weniger Zeit dafür. Liebe i»» Geben und Empfangen — ist für das Jrauenherz die Krone des Lebens! — „Sie glaubt Alles, hofft Alles, duldet Alles und überwindet Alles", — sie ist der Götterfunken, welcher die Welt befreit! „Die Liebe umfaßt des Weibes volles Leben, Sie ist ihr Lenker und ihr Himmelreich; Die sich in Demuth hingegeben, Sie dient und herrscht zugleich." Milde und Nachsicht übe gegen die Fehler anderer; — Niemand kann die geheimen oft so verworrenen Triebfedern der Handlungen anderer Menschen ergründe», die oft viel mehr das Resultat unseliger Verhältnisse, als eigenen Willens sind — deshalb noch einmal: sei streng gegen Dich selbst und nachsichtig gegen anoere. Natürlichkeit! laß Dir nicht rauben dies Vorrecht der Jugendzeit, »vo alles in uns blüht und glüht und schäumt, und »vo das Herz ohne Wissenschaft und Kunde der Welt oft so richtig weissagt — alle Culturgebilde wiegen ihren Werth nicht auf! Ordnung! — o heilige, segensreiche Himmelstochter, nicht genug kannst Du sie hegen und pflegen, aber hüte Dich vor ihrer weniger verehrten Schwester — der Pedanterie. — Ordnungsliebe, Sauberkeit, Schönheitssinn dürfen der Frau nicht einmal Pflichten, — sie müssei» ihre Naiurnothwendigkeilen sein. Pünktlichkeit geht mit der Ordnung Hand in Hand; laß sie walten in Deinen» Heim, namentlich in Bezug auf die Dienstboten — gewöhne sie und Dich an eine richtige Zeiteintheilung. N ü ck s i ch t n e h m e n, eine leider viel zu wenig geübte Tugend — wie vielen Conflicten würden »vir aus den» Wege gehen, wie viel kleine Freuden uns bereiten, wenn 527 wir uns ihrer mehr befleißigten; übe sie gegen Deine Hausgenossen, insbesondere gegen Deine» Gatten. Sparsamkeit und richtige Einteilung gehören zu den Hauptstützen des Hauswesens — selbst der erlaubte wohlthuende Luxus muß mit gewissenhafter Oekonomie zusammenhängen: „Mit Vielen', läßt sich schmausen, mit Wenigem läßt sich Hausen." Treue, halte sie hoch im Leben — sein treu in der Liebe — treu in der Freundschaft — treu in der Erfüllung Deiner Pflichten! Und wie immer sie Dir naht, nimm sie freundlich auf, verachte nicht ihr schlichtes Kleid» — „Wohl ist sie schön die bunte Zier, doch bringt sie nie den Frieden Dir." Unzufriedenheit halte fern von Dir, sie ist eine gefährliche Klippe in der Ehe und manches Glücksschiff ging daran zu Grunde. Gibst Du Dir selbst den Frieden nicht — im kurzen Erdenleben, dann leiste nur auf ihn Verzicht — die Welt wird ihn nicht geben. Vertrauen ist das Immergrün des Lebens zwischen Dir und Deinem Gatten t Nichts kann den Mann mehr freuen, nichts kann ihn mehr mit der Welt und ihren Verhältnissen aussöhnen, als wen» man ihm in seiner Familie mit ungeheucheltem Vertrauen entgegenkommt» „Geheimnisse in der Ehe" sind gefährlich; ihre Scheide bedeckt immer einen Dolch, den die Zeit endlich zieht", sagt Jean Paul. Wohlthätigkeit übe recht oft in dem Maße, wie Deine Verhältnisse es Dir gestatten, denn „Geben ist seliger als nehmen." Keineswegs blos in materiellen Schätzen wie man glaubt — nein, vorzugsweise in denen der Bildung sind die unfehlbaren Mittel gegen Noth und Elend zu finden, welche tief mit der ganzen Menschheit zusammenhängen, deshalb auch von der Gesammtheit getilgt werden müssen. Xantippe soll gut gekocht haben, im klebrigen ein zänkisches, rachsüchtiges Weib gewesen sein; laß Dir das erst ein Beispiel sein — Dein Gatte kann gegen Deine äußere Erscheinung, Deine Talente gleichgiltig werden — nie wird er sich dem Behagen eines guten Tisches und einer wohlgeordneten Häuslichkeit entziehen. — „Der Weg zum Männerherzen geht durch den Magen." Zank und Nachsucht aber laß stets Dir fernbleiben; sei nachgiebig und versöhnend, es ist zu Deinem eigenen Heil. Zartheit des Empfindens bewahre Dir bis in's hohe Alter. — Die Formen des AnstandeS sind «ine nicht zu verachtende Stütze jener gegenseitigen Achtung, auf welche ein christlicher Ehebund gegründet sein muß und mehr als die Frau gewöhnlich annimmt, wird das Ausüben ihrerseits von dem Gatten gewürdigt. Beginne Deine Ehe mit weiser Umsicht und beherzige diese Winke, damit auch Du einst sagen kannst, wie es im Quickborn heißt: „Berg auf ging's leicht, Berg ab wohl sacht, Durch manches manches Jahr; Und doch das Herz vor Lieb' noch lacht, Wie einst in: braunen Haar." Miseellen. (Wie inan unschuldig zu z w e i O h rf e i g e n kommen kan n), mußte jüngst ein kleiner Bengel in Leipzig erfahren, der eben zur Schule gehen wollte und so unvorsichtig war, vor dem Schulgebäude seinen Kameraden zuzusehen, wie sie einen Esel, der, vor einen Obstwagen gespannt, in GemütShruhe dastand, neckten. Er war so in den Anblick der „Grauen" versunken, daß er den daher kommenden Lehrer ebensowenig bemerkte, wie die Flucht seiner Kameraden. Aber plötzlich bekommt er von dem erzürnten Lehrer, der der Meinung war, einen der Bösewichter vor sich zu haben, eine schallende Ohrfeige. Bestürzt wendet er sich um, erblickt seinen Lehrer und läuft heulend in die Schule, die Treppe hinauf. Da begegnet ihm der Direktor. — „Nun, mein Junge, weßhalb weinst Du denn?" — „A . . . ch! Dr. I ... hat mir eine Ohrfeige gegeben, und ich habe doch dem Esel gar nichts gethan!" — Eine (zweite) Ohrfeige wa« die Antwort» 528 (Am Postschalter der deutschen Reich spoft.) Ein Fremder am Schalter: „Bitte um 3 Dreipfennig-, 4 Fünfpfcnnig-, 7 Zehnpfennig- und 9 Wechsel» stempel Marken L 10 Psg. und 3 ü. 1 Mark. Wollen Sie mir noch 7 Postkarten, darunter 3 internationale, ferner 3 mit Rückantwort und 1 Kursbuch, 4. Abtheilung 2 Hefte geben?" — Postbeamter: „Wünschen Sie noch etwas?" — „Rein, ich wollte Sie nur ersuchen, mir diese 6 Zwanzigpsennig- und 3 Fünfzigpfennig-Briefmarken mit in Rechnung zu nehmen und mir auf einen Hundertmarkschein herauszugeben, ich habe kein anderes Geld bei mir." — Postbeamter: „O Stephan, Dein Geschäft blüht. ES geht nichts über die gediegene Erleichterung im Verkehr." (Hier können Kalauer abgeladen werden.) Sarah Bernstein ist dem „Temps" zufolge jüngst in Montpellier, als sie in einer Pantomime auftrat, ausgepsiffen worden. Einem Privatberichte entnehmen wir, daß die geniale Künstlerin bei dieser Gelegenheit leider auch einen ernsten Unfall erlitten haben soll. Einer der Pfeifenden befand sich nämlich in der ersten Sitzreihe und pfiff so heftig, daß der dadurch entstandene Luftzug die Sarah von der Rampe bis in die dritte Koulisse schleuderte. (Ein charakteristischer Ausspruch Vroudhons.) „Wie haben Sie es angestellt, Hr. Broudhon" — sagte eines Tages Cardinal Mathieu, Erzbischof in Besan^on, zu ihm — „einer der unterrichtetsten Menschen unserer Zeit zu werden, nachdem ich Sie doch noch mit 12 Jahren in einer Elementarschule sitzen sah?" — „Hoch- würden!" antwortete der große Polemiker, „in meinem Lande spannt man 20 Ochsen vor den Pflug und ackert damit einen Felsen." (Was ist emancipirt?) Lehrer (in einem Vortrug über den Tabak): „Ja, eS hat die Unsitte des Rauchens eine solche Verbreitung erlangt, daß selbst Frauenzimmer sich nicht scheuen, Cigarren zu rauchen, allerdings nur Emancipirte. Was verstehst Du darunter: emancipirte?" Schüler (nach einigem Besinnen): „Das ist eine leichtere Sorte!" (Gut gegeben.) Ein junger Mann wurde von einem Bekannten mit den Worten in eine Gesellschaft eingeführt: „Meine Damen und Herren! Ich stelle Ihnen HerrnZk. vor, der durchaus nicht so dumm ist, wie er aussieht." „Das ist eben der Unterschied zwischen uns Beiden," versetzte sogleich der Eingeführte. (Worin gleichen die Frauen den Lichtern?) Beide wollen geputzt sein und Beide leuchten, wenn sie geputzt sind. Putzt man sie jedoch zu stark dann gehen sie oft aus. (Eine gefühlvolle Seele.) Mein Mann ist doch eine recht gefühlvolle Seele! Wenn ich draußen im Hofe eine halbe Klafter Holz hacke, setzt er sich einen halben Tag hinter den Ofen und weint, weil ich so viel arbeiten muß. — (Ein Kenner.) Vor Gericht fragt der Präsident: „Sie haben einen Fußtritt auf die Schulter erhalten, und zwar des Nachts. Wie konnten Sie den Angreifer erkennen?" — „Ich kenne den Stiefelabsatz genau, ich bin sein Schuster." (Militärische Verwarnung.) „Kommt mir der Kerl morgen wieder mit so kurzgeschorenen Haaren, so lasse ich ihn auf drei Tage in's Loch stecken!" Räthsel. Es braust ein Reiter über's Gefilde weit, Sturm ist sein Roß, und Wasser sein Panzerkleid. Daß um das Haupt ihm blauer Helmschmuck walle, Das siehst Du nicht vor finsterer Locken Schwalle. Das aber siehst Du, wie sein Auge glüht Und durchs Visir die zorn'gen Flammen sprüht; Und seiner Stimme dröhnendes Erheben Macht auch den festen Erdengrund erbeben. Auflösung des Räthsels in Nr. 64: „Ares, Eros, Eris, Iris." Wt die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des» Literarischen Instituts von 0e. Max Huttler. -4 Nr. 67 1883. „Zur Eintracht" oder „Schuld und Sühne." Nacherzählt von F. Carneville. (Schluß.) Aber das Unglück, das sein Opfer so grausam verfolgte, erregte dir Herzen Derer, die Zeuge davon waren und flößte ihnen Mitleid und Bereitwilligkeit zur Hilfe ein. — Ungeachtet aller Thätigkeit, die entfaltet wurde, hatte die Untersuchung des Raubes keinen Erfolg gehabt. Aber, wie bereits erwähnt, war die arme Mutter zum Ersatz hiefür auf ihrem Schmerzenslager von so wohlwollenden, gefühlvollen und opferwilligen Leuten umgeben, daß sie kaum in ihrer Hcimath eine bessere Hilfe hätte finden können. Als Mariele nach einigen Wochen bittern Leidens endlich wieder hinlänglich genesen war, um einen Entschluß fassen zu können, war in ihr immer mehr der Wunsch rege, wieder in ihre Berge zurückzukehren; es war allerdings nicht ohne Bitterkeit für sie, wenn sie an die Umstünde dachte, in denen sie sie öerlassen und in welchem Zustande sie wieder dahin zurückkehren sollte, und gewiß war ihr der Gedanke schmerzvoll, daß ihre Kinder dort keine andere Unterstützung zu erwarten hätten, als das öffentliche Almosen; aber, was sie auch zu erwarten hatte, sie war gleichwohl in ihrer Heimath! — Hatte sie dort auch keine Verwandten mehr, auf deren Hilfe sie rechnen durste, so fanden sich doch sicherlich unter ihren treuen Freunden noch großmüthige Herzen, die ihr ihre Hilfe nicht versagen werden. Auch ihre Freunde in Amsterdam, insbesondere der edelsinnige Fabrik- herr, die alle wohl erkannten, wie sehr ihr Herz von der Sehnsucht nach ihrem Vaterlande durchdrungen war, unterstützten diese ihre Wünsche und boten ihr großmüthigst die Mittel an, mit ihren Kindern die Reise unternehmen zu können. Mit dankerfülltem Herzen nahm sie denn endlich die Hilfe ihrer Wohlthäter an und verließ an einem schönen Commertag mit ihren Kleinen die Stadt, nachdem sie Tags vorher noch am Grabe ihres theuren Mannes, den sie so sehr liebte, mit welchem sie ihre glücklichsten Tage verlebte und dessen sterbliche Ueberreste sie leider hier im fremden Lande zurücklassen mußte, inbrünstig gebetet und auch noch des Himmels Segen auf jene Herabgerufen hatte, die ihr so liebevoll Beistand leisteten, sie trösteten und^sie dem Abgrunde des Elends entrissen hatten. — Diese lange Reife, weift zu Fuß, war eine neue ebenso harte wie schmerzvolle Probe für Marie, welche früher nie aus ihrem engen Thal« gekommen ivar, wo sie sich nur freundlichen Entgegenkommens ihrer Nachbarn zu erfreuen hatte. Von ihren vier Kindern waren nur die zwei ältesten kräftig genug, um kleine Tagemärsche machen zu können, die andern mußten meist getragen werden, wobei die neunjährige Therese sie voll Muth und Ergebung bestens unterstützte. — Ach, wie lange schien der armen Frau in den ersten Tagen der Weg, mitten durch ein flaches, einförmiges Land! — und oft, wenn sie an die Länge ihrer Wanderung und die Entfernung ihrer Heimath dachte, kam ihr die Furcht und Bangigkeit an, daß in Folge der andauernden Anstrengung ihr oder ihren Kindern ein neuer Unfall begegnen, und sie ihrer Mittel berauben könnte, bevor sie ihr Ziel erreicht hätten. 530 . — Schon die Bibel thut den Ausspruch: „Der Herr ist der Nährer der Wittwen und der Vater der Waisen", und unsere armen Reisenden konnten in der That erkennen, wie wahr diese tröstenden Worte waren — wie oft trafen sie mitleidige Fuhrleute, die ihnen erlaubten ihr Fuhrwerk zu benutzen und wie oft theilnehmends Menschen, die ihnen guten Herzens Nahrung und Obdach gaben. So durchzog denn die kleine Familie eine große Strecke des deutschen Landes und zwar rascher als sich Mariele beim Beginne der Reise gedacht hatte. Auch das Gemüth der Kinder, insbesondere Therrsen's, deren Muth sich noch keinen Augenblick verleugnete, wurde wieder heiterer, je mehr sie sich den heimathlichen Bergen näherten. Nur Mariele konnte bei dem Anblick der schneeigen Gipfel der Alpen, ungeachtet der Freude, die sie zeigte, sich doch einer gewissen Unruhe nicht erwehren. — „Was werde ich thun . . ." sprach's in ihr — „mit diesen Kindern, in einer Heimath, wo ich keine Aussicht für ihre Unterkunft habe und für mich selbst noch kein Mittel zu einem Fortkommen weiß . . . .? Wird die Barmherzigkeit der Freunde, so willfährig sie auch anfänglich geübt wird, für die Dauer nicht zur Last werden? — —" Als sie endlich an einem schönen Herbftabend die Höhen von Hauenstein erreichte, und das reizende Schweizerland zu ihren Füßen erblickte und die herrlichen Alpen in all' ihrer Pracht glühen sah, da drückte sie ihre Kinder in die Arme, kniete nieder und flehte mit Jnbrust den weiteren Beistand des Allmächtigen an, der sie bis jetzt so mildthätig beschützt hatte. So erreichte sie endlich Luzern. — Der Vierwaldstädter-See zeigte wie gewöhnlich seine azurene Fläche mit seinen herrlichen Bcrgufern und dort jenseits des Pilatus-Gebirges war ihr theures Vaterland. — Welche Erinnerungen, welche Empfindungen und Gedanken erwachten in dem Herzen der armen Frau! — — Nach einem kurzen Aufenthalt in dieser Stadt hatte Mariele schon andern Tags den nützlichen Hang des Berges erreicht, hinter dem Tarnen lag. — Unweit von der Straße stand eine alte Kapelle, welche die heilige Jungfrau mit dem Jesukind einschloß. In ihrer Kindheit hatte Mariele oft auf der steinernen Bank davor gespielt und später dort oft in der Stille der Einsamkeit ihre Andacht verrichtet; so beschleunigte sie denn auch heute ihre Schritte, um diesen Punkt zu erreichen und dort wieder ein Gebet zur heiligen Jungfrau zu senden, daß sie ihr Schutz und Hilfe augedeihsn lasten möge. — Die kleine Familie bot wohl in diesem Augenblick einen ebenso rührenden Anblick, als dir in der Kapelle. An der Brust der Mutter ruhte eingeschlummert der jüngste Knabe; der ältere, der am ganzen Wege an der Hand seiner Mutter gegangen war, pflückte jetzt Blumen, die aus dem Gemäuer wuchsen; Therese, welche ihrer jüngeren Schwester als Führerin gedient hatte, schloß diese nun in ihre Anne und kniete neben der Mutter, in tiefer Andacht betend. Tiefste Stille herrschte ringsum. Die Sonne neigte sich und warf ihre letzten Strahlen auf diese Gruppe, deren Häupter sie wie ein Heiligenschein umgab. — Inzwischen hatten auch zwei schwere Wagen auf der Straße angehalten, und der Mann, der sie führte kam auch herbei seine Andacht zu verrichten und hatte in der Nähe gehalten, von welcher Stelle er die Wittwe mit ihren Kindern gewährte und sie beobachten konnte, ohne von ihnen gesehen worden zu sein. Dieser Mann nun, dessen Haare schon grauten, obgleich seine ausgeprägten Züge nicht so alt schienen, sing beim Gewahren der Betenden plötzlich heftig zu zittern an. Sein Gesicht, welches einen gewissen Ausdruck von Traurigkeit hatte, nahm eine Todesblässe an« seine Lippen bewegten sich, als wie von einer convulsisischen Bewegung erfaßt, er faltete seine abgemagerten Hände und dicke Thränen rollten über seine Wangen. Er blieb einen Augenblick an einen Baum gelehnt als suchte er eine Stütze, dann sank er, einen Schmerzensschrei auSstoßend, zur Erde nieder. Bei dem Tone dieser Stimme fuhr Mariele erschreckt empor und nach der Stelle blickend, woher der Schrei kam, gab sie rasch ihr Kind in die Arme Therrsen's und eilte auf den Unglücklichen los; aber wer malt ihr Entsetzen, als sie die bleichen Züge ge- 531 wahrte! sie stieß einen herzzerreißenden Schrei aus und rief: „Leo! . . . o allmächtiger Gott! ..." Es war in der That Leo, der am Boden lag. Wie wir bereits gesagt haben, befand man sich im Herbste; die Ernten in den Bergen waren eingebracht. Der Sommer war schön gewesen und die Alpen hatte» viel gegeben. — Da Leo nur wenig zu seinem Haushalt bedurfte, so waren die Scheunen in seinen beiden Höfen noch reichlich angefüllt und er mußte, um Platz für die neue Ernte zu gewinnen, den Verlaus der alten Vorräthe im Großen vornehmen. Er war daher dieser Tage mit Getreide und Käse nach Stanz gefahren, von wo sie dann zu Wasser nach Luzern gebracht wurden. Mit den leere» Fuhrwerken heimkehrend, hatte er unweit der Kapelle angehalten, um dort sein Gebet zu verrichten. — Sein Herz war mehr bewegt als gewöhnlich. Die Armen, die er unterwegs begegnete, wurden reichlich bedacht und auch der Opfersiock in der Hauptkirche zu Stanz strotzte sozusagen von seinen milden Gaben. Er wußte selbst nicht woher diese Aufgeregtheit rührte; aber seine Seele war froh wie an einem Festtage und die untergehende Sonne und die Abendglocken, die aus allen Orten durch's Thal hallten, gaben ihm eine eigene melancholische Stimmung und Hiebei mußte er immer seines Bruders und seiner Familie gedenken; immer vermeinte er wieder Zeuge des rührenden Abschiedes zu sein» der zwischen Seppli und der Bevölkerung Sarnen's stattfand und ungeachtet aller Anstrengung vermochte er diese Scene nicht aus dem Gedächtnisse zu bringen. Dann gab es auch wieder Momente, wo er sich anklagte, wo er seine Handlungsweise bitter bereute und ein unwiderstehliches Bedürfniß fühlte, im Gebete Trost zu suchen. So traf sich's denn, daß er an diesem Abend, als er sich der Kapelle näherte, die Frau mit ihren Kleinen in tiefer Andacht vor dem Bilde der heiligen Jungfrau knieen sah; eine dunkle Ahnung beschlich ihn, bis ihm bei näherer Betrachtung endlich die Gewißheit wurde, daß es Mariele mit ihren Kindern war. „Allmächtiger Gott! habe Erbarmen mit mir!" rief er, am ganzen Körper schaudernd, von Gewissensbissen gepeinigt beim Anblick dieser armen Geschöpfe, deren Unglück er geschaffen hatte! wie sah diese frische und schöne Frau vor ehedem, gealtert, von Kummer geblaßt, von den Strapazen und Entbehrungen erschöpft aus! . . . und wo war sein Bruder Seppli? — und unter einem Schmerzensschrei sank er zu Boden. Als Mariele in diesem Mann ihren Schwager erkannt hatte, lief sie an die Straße, um die Kutscher zu rufen, die bei den Wagen zurückgeblieben waren. Auf ihr Rufen in ihrer Herzensangst liefen sie herbei und bebten vor Schrecken zurück, als sie Leo wie todt am Boden liegen sahen. Mariele schickte nun einen derselben gleich nach der nächsten Quelle, während die beiden andern ihren Herrn aufhoben und an die Mauer trugen, die noch von den letzten Sonnenstrahlen beleuchtet war und sein Haupt in den Schooß Marielr's legten, die am Rasen Platz genommen hatte. AIs der Mann den mit Wasser gefüllten Hut brachte» goß sie einiges auf das Gesicht des Kranken, rieb ihm Stirn und Schläfe und suchte ihm welches in den Mund zu bringen. — Nach einiger Zeit gab Leo endlich ein Lebenszeichen. Als er die Augen aufschlug, richtete er sie auf Mariele; aber seine Blicke waren irre und er war sich nicht bewußt, was er gewahrte. Die Anstrengung, die er machte, um sich zu erheben, war fruchtlos; sein Haupt fiel zurück und nach einem schweren Kampfe, drang eine Menge schwarzen Blutes aus seinem Munde. „Einen Arzt, um Himmelswillen l" rief Mariele, »das ist ein Blutsturz, ein Arzt inuß herbeigeholt werden!" Einer der Knechte lief sogleich zu den Wagen, spannte ein Pferd aus und ritt eilends nach Sarnen; aber die Entfernung war groß und es verging doch viel Zeit, selbst wenn gleich einer der beiden Aerzte des Ortes zu treffen war. Mariele gab dem Unglücklichen eine bequemere Lage, auf daß sich sein Zustand thun- lichst lindern mochte. Der Blutsturz erneuerte sich nicht. Das Einzige, was er dringlichst verlangte, war Wasser und sie bot ihm welches in ihrer hohlen Hand, worauf er die 332 ^ugen schloß und sein Haupt am Busen Derjenigen ruhen ließ, deren Existenz er vernichtet hatte. Eine klare Erinnerung schien ihn indeß zu verfolgen, denn er faltete von Zeit zu Zeit die Hände und Thränen netzten seine Augen; auch Mariele weinte bitterlich und trocknete sorgsam die gefurchten Wangen ihres Schwagers. Endlich sprach er mit schwacher und gebrochener Stimme: „O Mariele, erkennst Du die Hand Gottes? . . . Kannst Du mir verzeihen ehe ich vor seinem Nichterstuhle stehe? ... Ich habe für Dich und Deine Kinder gesorgt .... aber wo ist Seppli? ist er mir vorangegangen? . . ." „Ja, er ist todt!" erwiderte das arme Weib mit vor Thränen erstickter Stimme. Leo neigte das Haupt und schwieg im tiefen Schmerze einige Zeit, dann feine Hände auf das Herz pressend und tiefe Seufzer ausstoßend nahm er wieder das Wort: „Ach, wie das brennt und kracht hier innen! .... es wird wohl bald zu Ende sein .... sag' mir, Mariele, hat mir Seppli verziehen? .... ist es schon lange, daß er gestorben ist?" „Er hat Dir verziehen und Deiner in seinem letzten Gebete nicht vergessen!" „Dem Himmel sei Dank dafür .... und Du, Mariele, kannst auch Du mir verzeihen?" „Möge Dir Gott verzeihen, Leo, wie Seppli und ich Dir verziehen haben!" „O Gott! wie groß ist Deine Gnade! .... bete für mich, Mariele! . . ." Die Anstrengung, die er zum Sprechen machen mußte, hatte den letzten Nest seiner Kräfte erschöpft. Neuerdings guoll Blut ihm aus dein Munde, krampfhafte Zuckungen ; bewegten seinen ganzen Körper .... dann wurde er ruhiger, als habe ihn eine Ohnmacht befallen. — Als der Arzt endlich kam und Leo untersuchte, war sein Ausspruch: ^ „ich komme zu spät — er hat geendet!" Mariele mußte alle ihre Kraft anstrengen, um nach diesen ergreifenden Scenen s sich wieder zu sammeln und wendete zunächst alle Sorgfalt darauf, der sterblichen Hülle : Leo's die letzte Ehre zu erweisen, indem sie ihn zu Lungern zunächst den Gräbern feiner Eltern bestatten ließ. ! Nach der Eröffnung des Testaments, welches Leo unmittelbar nach dem Tode t seiner Frau errichtete, erfuhr Mariele, daß er sein ganzes Vermögen, mit Ausnahme ' einer frommen Stiftung, seinem Bruder Seppli oder dessen Erben vermacht hatte. : -i- * * Eine lange Zeit ist nach diesen Begebenheiten verstrichen. In den beiden vor Lungern gelegenen Höfen herrschte jetzt ein glückliches und thätiges Leben und Gottes Segen ruhte sichtlich auf deren Bewohnern. Der Eigenthümer des neuen Anwesens heißt gleichfalls Seppli; es ist der ältere Sohn Marielen's, das wahre Ebenbild seines t Vaters; er hatte ein braves, rühriges Weib und sah sich von einer munteren kleinen ^ Familie umgeben. — Die schöne Therese bewohnte das ältere Haus mit ihrem Manne, ' der durch seinen Charakter und seine Liebe ihr die glücklichsten Tage bereitete. — Die j beiden anderen Kinder Seppli's sind ebenfalls verheirathet und in der nächsten Umgebung ! ansässig. — Mariele bewohnte abwechselnd die beiden Höfe und man sah sie viel hin- j und hergehen, immer umgeben von ihren muntern, kleinen Enkeln, die mit aller Liebe i an der guten Großmutter hingen. Sie war noch eine rüstige Greisin, der aber die Zeit, ^ ungeachtet der harten Schläge, die sie betroffen hatten, nicht die Schönheit geraubt hatte, > die stets der Widerschein einer edlen, liebreichen und heitern Seele ist. ! Am Hochzeitstage, der der gleiche für die beiden ältesten Kinder war, ließ Mariele j über den Thüren der beiden Häuser, mit großen Buchstaben die noch heute sichtbare Inschrift: „zur Eintracht" setzen, um ihre Lieben daran zu mahnen, daß der böse > Geist immer sucht den Samen der Zwietracht in die Herzen der durch die Bande der Freundschaft verbundenen Menschen zu werfen und daß sie deshalb stets auf ihrer Hut ' dagegen sein sollten. Ost erzählt die gute Frau ihren aufmerksam zuhorchenden Enkelein'L i)üc> von ihrem guten Großvater und wie sehr sie ihn geliebt hatte und nicht selten weilen auch die Eltern in diesem Kreise und hören mit tiefer Bewegung diesen Erzählungen der » geliebten Mutter zu. Damit schloß der gute Mann seine Mittheilung und empfing unseren wärmsten Dank hiefür und unsere lieben Leser mögen versichert sein, daß wir mit ganz besonders regem Interesse an diesen beiden Anwesen wieder vorübergingen, in denen sich diese Erzählung hier zugetragen hat und nun mit einer gewissen Ehrfurcht diese Inschrift „zur Eintracht" lasen. Goldrörner. Arbeit Hot bittere Wurzel, aber süße Frucht, Arbeit genug wird finden, wer sie sucht. Wer Armen gibt, gibt Gott die Gabe, Almosen mindert nicht die Habe. Nicht immer geht's im raschen Laus; Gemach jährt man den Berg hinauf. Nicht alles Krumme macht man grad, Nicht ebnen läßt sich jeder Piad. Wer seine Besserung aus's Alter spart, Hat seine Sache gar schlecht verwahrt. Beten ist zu jeder Arbeit gut, Es verleiht den rechte» Sinn und Muth. F. Bcck. Das neue «chlotz des Königs von BsKM'tt» Das „Echo" bringt aus den „Dnily-News" folgende Beschreibung dieses Schlosses: König Ludwig II. von Bayern ist jüngst nach München zurückgekehrt, nachdem er die letzten vier Monate auf seinem Landsitze Neuschwanenstein zugebracht. Dies ist das neueste und prächtigste seiner zahlreichen Schlösser und kann sich hinsichtlich der Große an die Seite der berühmtesten Schlösser auf dem Festlande stellen. Neuschwanenstein steht auf dem vereinzelt dastehenden Tegelselscn, gegenüber dem wohlbekannten Hohen- schwangau, und zwei Zugbrücken verbinden es mit den Fahrstraßen auf beiden Seiten. Das Schloß hat eine Höhe von sechs Stockwerken mit reichen Verzierungen in reinem italienischen Styl und zahlreichen Altanen und Eckthürmen, die alle in massivem Granit ausgeführt sind. In der Mitte erhebt sich ein großer Wachtthurm, 360 Fuß hoch, mit zwei Veranda's nahe der Spitze, welche eine großartige Uebersicht über die bayerische» Hochlande gewähren. DaS Dach des Schlaffes ist mit Kupfer gedeckt und in diagonaler Richtung von vergoldeten Platten gekreuzt. Ein gewaltiger Hof führt zu dem prächtigen Portal, das ein Meisterstück der Steinschneidekunst ist. Die Vorderseite des rechten Flügels des Schlosses ist mit zwei 40 Fuß hohen Freskogemäldeu geschmückt, von denen das eine den hl. Georg mit dem Drachen kümpfend, das andere die hl. Jungfrau Maria mit dem Kinde, als der Beschützerin Bayerns, darstellt. Der Sockel dieses Flügels trägt einen broncenen Herold in alter Waffcnrüstung, der die bayerische Fahne hält, während die linke Seite durch einen broncenen bayerischen Löwen geschützt wird. Das Innere dieses königlichen Wohnsitzes ist mit unzähligen Standbildern und doppelten Säulen in der Weise eines genuesischen Palastes verziert und der Glanz der festlichen Räume läßt sich kaum beschreiben. Die Decken sind mit Stückarbeit überladen, die Wände mit Freskobildern von den ersten Münchener Malern verschönert. Die Gegenstände dieser Gemälde sind der Geschichte der bayerischen Könige von 1806—1867, den Vorfällen des französisch-deutschen Krieges von 1870 und 1871, an welchen bayerische Truppen theilnahmen, wie auch den letzten Musikdramen Richard Wagnsr's dem „Ring der Nibelungen" und „Parsifal" entnommen. Die Fußböden der Säle sind theils in musivischer Arbeit, theils aus verschiedenem Holz in harmonischen Mustern gearbeitet. - 534 — Die Zimmer des Königs befinden sich im sechsten, Stockwerk«, sie bestehen in einem * Arbeitszimmer, einer Bibliothek, einem Schlafzimmer und einem Empfangszimmer für die Minister. Das königliche Arbeitszimmer ist mit den Marmorbüstcn der Eltern des Königs, Richard Wagner's, des Generals v. der Tann, des Herr» v. Lutz und August Heigl's, des königlichen Privatsekrctärs geschmückt, wie auch mit einem Gemälde, das einen Auftritt aus Wagner's „Rheingold" darstellt. In diesem Zimmer erhielt der König die Nachricht von dem plötzlichen Tode seines Freundes Wagner. Das vierte und fünfte Stockwerk enthält die großen Säle, die zur Aufstellung der ausgedehnten Büchersammlung und der Waffen- und Münzensammlung bestimmt sind. Das Erdgeschoß schließt eine großartige Treppe mit goldenen Verzierungen ein. Das ganze Schloß wird mit elektrischen Lampen, Jabkochkoffkerzen auf den Höfen und Siemens- und Edison- lampen im Innern erleuchtet. Selbst die königlichen Stallungen sind mit Freskogemälden verziert, welche vorgeschichtliche Szenen dastellen. Ein breiter, ausgemauerter Fahrweg führt als einziger Zugang zu der Schloßterrasse, die an einer Seite mit einer gewaltigen, vielleicht 20 Meter hohen Böfchungsmauer gestützt ist. Seitwärts hinter dem Schlüsse, von dein aus man eine wundervolle Aussicht auf das Hochland, den Schwansee und den mit Schwänen besetzten einsamen Alpsee genießt, liegt eine tiefe Schlucht mit dem herrlichen Pöllatfall; darüber führt in schwindelnder Höhe die zierliche, eiserne Maricnbrücke und einen zauberhaften Anblick mag es wohl gewähre», wenn Wasserfall und Schlucht von elektischem Lichte widerstrahlen. Pauliuzelle. Alljährlich ergießt sich der Strom der Reisende» über die Wälder und Berge des lieblichen Thüringens, das den Wanderer ebenso sehr durch seine landschaftlichen Schönheiten, wie durch Erinnerungen aus der Sage und Geschick» lockt und fesselt. Jiiinier bequemer wird es dem durch geistige Arbeit und Slubcnlust ermatteten Städter mit Hilfe des unermüdlichin Dampfrosses gemacht, die tchönstcn Punkte der gesegneten Landschaft mit ihrer erquickenden Waldlnst zu erreichen und fast ohne Mühe, wenn auch im Flug?, die herrlichsten Punkte zu besuchen. Aber so schätzensmcrth auch gute Straßen und schnelle Dampfwagen dem eiligen Reisenden sein mögen, so entziehen sie ihm doch leicht Genüsse, welche seitwärts von der großen Heerstraße aufgesucht werden müssen, die aber eine kleine Anstrengung reich belohnen. Zu diesen vergessenen, wenn auch nicht verkannten Schönbeiten des Landes gehört das an- »nithig gelegene, von jchwarzbewaldcten Bergen eingerahmte Dorschen Pantinzelle mit seiner altehrwürdigen Klosterkirchenrüine. Wer früher zu Fuß oder zu Wage» Thüringen durchstreifte, wird schwerlich das reizende Schwarzburg oder das lieblich« Ilmenau besucht haben, ohne Pauliuzelle zu berühren. Heut zu Tage ist das meist anders, wenigstens für die Reisenden, die zu Wagen den Weg machen. Die Fahrt von Ilmenau nach Schwarzburg ist durch die Bahnstrecke von Ilmenau nach Gehren und durch eine vom letzteren Orte ausgehende von einem Omnibus befahrene Chaussee so erleichtert und verkürzt worden, das; Jedem, der PanlinzcUe nicht kennt und der Schönsürberei seines Reisehandbuches mißtraut, die Versuchung nahe tritt, die alte Klostcrruine, die unserer modernen Zivilisation so fern liegt, nnbefticht zu lasten. Ja, noch mehr! Die Kutscher, entweder aus Rücksicht für ihre Pferde oder aus anderen Gründe», bestimmen ihre Fahrgäste nach Kräften, den Weg über Pauliuzelle zu meiden und den kürzeste» Weg zwischen Ilmenau und Schwarzbnrg cinzuschtagen. So wunderbar es auch klingen mag — die edlen Rosselenker tragen in vielen Fällen den Sieg über die Absichten der Reisenden davon. Wer einige Mal bemerkt hat, in eine wie thörichte Abhängigkeit von Wirthen, Kellner», Kutschern, Führern sich ein großer Theil des reisenden Publikums begibt, wie gedankenlos es nach ihren nicht immer uneigennützigen Rathschlägen seine Neisepläne ordnet und ändert, den wird es nicht wundern, zu hören, daß alle diese Faktore dazu beigetragen haben, das reizende, romantische Pauliuzelle seines srühere» reichen Besuches zu berauben. Und doch strahlt diese entthronte Königin der Klosterruinen noch in demselben Glänze, wie in früheren Jahren! Noch heute verdient sie die Huldigung aller Derjenigen, in denen das Gefühl für die stumme Schönheit „steinerner Gedichte" nicht erloschen ist. In diesen Hallen, die trotz ihrer Zerstörung das Herz erheben und erbauen, empfinde» wir schmerzlich, daß der Protestantismus auch manche schöne Stätte des Gottesdienstes vernichtet und verloren hat. Da, wo Jahrhunderte lang sich fromme Beter wohl kaum mehr, als jetzt das kleine Tors Einwohner zählt, in einer Kirche versammelte», die eine Zierde jeder Stadt wäre, sehlt heuzutage ein Kirchlein, und eine Stunde weit müssen die Andächtigen zmn nächsten Kirchdorfe wandern I .Und doch, wie wenig Mühe und Auswand hätte dazu — 5^5 — gehört zur Zeit der Reformation und von da an, diese Perle kirchlicher Baukunst unversehrt zu erhalten!— Die prältige, im reinsten romanischen Styl gebaute Kirche, deren großartiges oben freilich offenes Mittelschiff mit seinen Stinten und Rundbogen uns Rückschlüsse auf ihren Glanz und ihre Größe gestatten, stammt anL dem Ende des elste» Jahrhunderts oder vielleicht aus dein Jahre 1106: in diesem Jahre scheint Pauline, die Stiften» des Klosters, eine Tochter des Grase» Morichv, der bei dem Kaiser Heinrich i V. ei» Hosamt begleitete, und Gemahlin eines Grafen Udalrich, vom Papste Paschntis U. in Rom selbst die Bestätigung für ihr Kloster i erlangt zu haben. Sie nnd ihr Sohn Werner, Letzterer nach einem beweglen Kriegerlebeu, haben sich in diese köstlicbe, dazumal freilich ungastliche Waldeinsamkeit zurückgezogen; um Beide schaarten sich gottergebene Männer und Franen, die wir Jene der Welt entsagten und ein Mönchs- und Nonnenkloster bildeten, das der Regel des heiligen Benedikt sich anschloß. Den ersten Abt aber erbat sich Pauline aus der Benediktinsrabtsi Hirschan in Schwaben; die Reise, welche sie dahin unternahm, brachte ihr unerwarteter Weise den Tod; sie siel vom Pjerde, brach den Arm und starb an den Folgen der Verletzung im Kloster Schwarzbach bei Würzburg am 14. März 1107. Ueber ihre Lebensfchicksale ist kaum etwas bekannt; sie machte mit ihrem Gemahl eine Wallfahrt nach Compostell-', hatte fünf Kinder, darunter drei Töchter, von denen de siingste, gleichwie die Mutter und der älteste Bruder, sich nach dem Tode ihres Gatten dem geistlichen Stande widmete. Tast die später heilig gesprochene Pauline hier begraben wurde, ist bezeugt; von ihrem Sohne ist es anzunehmen; aber keiner der wenigen Grabsteine, deren Bildwerke nnd Schrist- züge fast unkenntlich geworden sind, gehört der frommen Frau an. Leider muß unscre Bewunderung und Wißbegierde sich damit begnügen, in den todten und doch so beredten Steinen zu lesen. Bergeblich wünschten wir, von dem genialen Baumeister dieses kühnen Baues, besonders auch des erhaltenen einen Nebenportals, das uns mit seinen Fensteröffnungen darüber anschaut, wie Thcodorich's Kaiserpalast i» Navenna, zu hören, wenn wir über den weichen Rasenteppich schreiten, der jetzt die ehemaligen Fliesen ersetzt oder bedeckt — wir erkennen nur, daß er sein Vorbild jenseits der Alpen gesucht, auch das arabische Wnrseloruamcnt in dem christlichen Gotteshause nicht verschmäht hat, aber alles sichere Wissen fehlt uns; die Phantasie darf hier ungestraft ihre lustigen Schwingen entfallen. Trotzdem hier die durch ihre wissenschaftliche Arbeit anderswo weltberühmten Veiiediltincrmönche gewaltet haben, ist keine Spur ihrer Thätigkeit geblieben. Die erhaltenen Urkunden des Klosters überliefern uns nur öde Enzelheiten, Namen von Aebten, Bezeichnungen von Beamten, Schenkungen und Vertrüge. Vielleicht kommt einmal eine Zeit, da die Steine mehr verrathen — aber dann wird auch die jetzige Lrnmmerherrlichkeit in Schutt und Staub gesunken sein: wenn der alte Grundstein einst ausgedeckt wird, mögen unsere Enkel aus den darunter geborgenen Documentcn vielleicht noch Einiges erfahren, was uns unbekannt bleibt. -Zum Glück ist die Zeit noch fern; heutzutage ist die schwarzbnrg-rudolftädtische Regierung bemüht, diesen Schmuck ihren! Lande zu erhalten, der den Stürmen des Bauernkriege?-, dem Blitze nnd der Vernachlässigung getrotzt hat. Mögen wir in Thüringen die Spuren unserer großen Dichter suchen oder den Dust roman- tischer Erinnerungen athmen wollen, — Paulinzelle bietet uns Beides. Hier hat Goethe in stiller Zurückgszogenheit 1817 seinen Geburtstag begangen, um den ihm gerühmten „großartigen Anblick" zu genieße», er. bewundert die uralten Kolossal-Ziegel nnd klagt, daß „die Reformation das Banwerk m die.Wüste versetzt habe, worin es entstanden." Neummdzwanzig Jahre früher, 1738, hatte auch Schiller von dem mir jüns Stunden entfernten Rndvtstadt aus Paulinzelle besucht und seinen Namen in das lecder verloren gegangene alte Fremdenbuch eingetragen. Aber anregender noch als diese Erinnerungen wird jeden Freund der Natur nnd Kunst ein Mondjcheinabend in der Ruine stimmen; ein solcher läßt uns nur den Dichter vermissen, der, weniger kühl als Goethe, das alte Kloster und ' seine Kirche in diesem liefen Waldfricden zum Mittelpunkt seiner Dichtung macht. (Tägl. Rundschau.1 >c - Mise-rren. (Poetische Gerichtsscene.) Angeklagter kommt in den Gerichtssaal und spricht: »In diesen heiligen Hallen kennt man die Rache nicht." — Präsident: „Schweigen Siel" — Angeklagter: „Heiß mich nicht reden, heiß' mich schweigen, denn mein Geheimniß ist mir Pflicht." — Präsident: „Ihr Name?" — Angeklagter: „Name ist Schall und Rauch, ich heiße Johannes Rauch." — Präsident: „Wie alt?" — Angeklagter: „Ich bin so alt, um nie zu scherzen; zu jung, um ohne Wunsch zu sein, 38 Jahre." — Präsident: »Ihr Beruf?" — Angeklagter: „Ich hab' mein' Sach' auf Nichts gestellt, bin Schriftsteller." — Präsident: »Sie sind beschuldigt, iu der Nacht voin 14. auf 15, groben Unfug verübt zu haben." — Angeklagter: „Nacht muß es sein, wo Friedlands Stttne leuchten." — Präsident: „Bekennen Sie sich schuldig?" — Angeklagter: ! „Sonderbarer Schwärmer!" — Präsident zum Gendarm: »Da der Angeklagte die ! Achtung vor dem Gerichtshof verletzt hat, so führen Sie ihn in die Haft!" — Angeklagter: „In diesen Mauern, in diesen Hallen, will es mir keineswegs gefallen." (Schlagender Beweis) „Du Seppel, weißt Du, was der Vorsteher neulich in der Gemeindeversammlung gesagt Hai? Wir zwei wären die streitsüchtigsten und rauflustigsten Burschen im ganzen Dorfe. Heut' Abend beim Nachhansegehen von, Wirthshaus passen wir ihm auf und hauen ihn so lange, bis er einsieht, wie Unrecht er uns gethan hat." (Begründete Verinuthun g.) In einer gerichtlichen Bekanntmachung war zu lesen: „Man hat in der Elbe eine Leiche aufgefunden, ganz in Stücke zerhackt und in einen Sack genäht. - Es dürfen dies Umstände sein, welche jeden Verdacht eines Selbstmordes ausschließen." (Abgeblitzt.) „Und ich glaube einmal nicht, daß es einen Geist gibt ; was ich nicht mit Augen sehe, glaube ich nicht; was sagen Sie dazu Herr?" „Sie mögen recht haben, ich bin z. V. der Ansicht, daß Sie kein Loth Hirn im Kopse haben, denn ich sehe nichts davon." (Steigerung.) Schülerin (einen Aufsatz vorlesend): — und er siel um und war todt. — Lehrerin: Das ist kurz gefaßt, Du hattest da schon etwas hinzufügen dürfen, damit der Schluß mehr Eindruck aus den Leser macht. — Schülerin (sich verbessernd): — und er siel um und war mausetodt. (In der JnstruktionSstunde.) Feldwebel: was haben Sie zu thun, wenn Sie auf Posten stehen und den Jnspektionsoffizier kommen sehen?" — Rekrut: „Jn's Gewehr rufen." — Feldwebel: „Warum?" — Rekrut: „Damit — damit die Wachmannschaft weiß, daß sie die Karten verstecken soll." (Keine standesgemäßen Hosen.) Hans: „Mama, ich möchte auch Pumphosen haben, wie des Amtmanns Fritz; die gefallen mir so gut." — Mama: „Entsetzlich, Hans, der Sohn eines Kommerzienrathes und Pumphosen! Für dich schicken sich. nur bezahlte Hosen." (Unerwarteter Aufschluß.) Pfarrer: „Aber Buben schämt ihr euch denn nicht, auf offener Straße zu raufen? Nach euerer Aehnlichkeit scheint ihr gar Brüder zu sein! Was würden eure lieben Eltern darüber sagen, wenn sie euch sehen würden?" — Buben: „Uijeh, die raufen erst recht mit einander!" (Im WirthsHause.) Gast: „Mir scheint, Herr Wirth, der Wein ist schon gewässert." — Wirth: „Ein paar Tropfen verträgt er schon noch. Ich kann ja nicht wissen, wie viel Wasser jedem Gaste zuträglich ist." (Das richtige Thema.) Eine Frau von 60 heirathete einen jungen Mann von 25 Jahren. Der Prediger, der dies Paar trauen sollte, wählte die Textesworte: „Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was Sie thun." (Abgeblitzt.) Ein eingebildeter Geck sagte zu einem Darbierjungen: „Hast Du auch schon einen Affen rassirt?" — „Nein, mein Herr," erwiderte der Junge, „aber wenn Sie sich setzen wollen, will ich es versuchen." (Geburtsanzeige.) Einem Fleischermeister wurden Zwillinge geboren. Er meldet dies sofort seinen Eltern in folgender Weise: „In Eile thue ich Euch zu wissen, daß wir eben zwei Zwillinge bekommen haben. Das nächste Mal mehr! Euer A." (Geschmacksache.) Zwei Bauern stritten sich, was am besten schmecke« „Nu," sagte Hans, „der Kuß meiner Grete ist das Süßeste aufErden." — „Bah," rief Tösfel, „da hast Du wohl noch nie Speck und Erbsen gegessen." Räthsel. Zu dein Ersten, um zu tanzen, Eilt vergnügt die junge Welt; Auf dem Zweiten bei dem Ganzen Fiel im Waffcntanz ein Held. Auflösung des Räthsels in Nr. 66: „Das Gewitter."- Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Or. Max.Huttler. zur Nr. 68. > -rs - > Samstag, 25. August 1883. Der Schloßherr von Hnineck. Novelle von Joseph Grineau. (Nachdruck Verboten.) Schloß Haineck ist ein weit ausgedehnter, stattlicher Herrensitz. Es liegt auf einer mäßigen Hochfläche, abseits von der Verkehrstraße, von welcher eine lange und schnür» grade Allee hochschüssiger Pappeln abbiegt und nach dem Schlosse führt. Eine umfangreiche Blauer zieht sich darum und scheidet von den anschließenden Ackerfeldern Schloß und Park ab. Und eS ist dies ein prächtiger Park, voll tiefgrüner Einsamkeit und wildkrästigcr urwüchsiger Waldnatur, der unter seinen hochstämmigen grau- bemoosten Baumriesen die vollendetsten Exemplare der deutschen Waldbäume ausweist und in seinem Schatten tiefe, stille Weiher birgt, in denen sich Schilf und Binsen und überhängende Tannenzweige spiegeln. Das Schloß ist ein imposanter Prachtbau, in einem Style erbaut, der den Ueber- gang von der Renaissance zum Barockstil zeigt. Die stolze Fayade trägt reichen architektonische» Schmuck, ohne jedoch damit überladen zu sein; sie ist frei von allen den geschmacklosen Ausschreitungen, die fast als ein Charakteristicum jener Periode der Baukunst gelten. Sonnige, heitere Tage und glanzvolle Feste sind einst an Schloß Haineck vorüber gerauscht, als noch seine, stets heiterein Lebensgenüsse huldigenden Besitzer ihren festen Wohnsitz da hatten. Doch anders war es zu Beginn unserer Geschichte« Verhallt und verklungen waren die Töne, und traumhafte Stille lagerte auf dem einsamen Schlosse, in dem der gegen» wältige Besitzer, der junge Freiherr Rudolf von Haineck, der Einzige seines Stammes so selten weilte. Nur einmal im Jahre, wenn Maler Herbst mit seinem farbengesättigten Pinsel den Park streifte und den reichen Blätterschmuck in schillernde Gold- und Scharlachtinten taucht, dann erklang das Hüsthorn im weiten Schloßhofe und sein schmetternder Ruf weckte wie mit Zauberinacht ein buntbewegtes, lärmendes Treiben. ' Der Schloßherr kam dann mit einem ansehnlichen Gefolge jugendfroher Genossen, die mit ihm die Lust und Wonne des edlen Waidwerkes theilen wollten. Und wie einst in entschwundener Vergangenheit tönten die stolzen Hallen wieder von fröhlichen Klängen,' und neues, lusterfülltes Leben zog hinein! Doch nur wenige Wochen — und die lärmenden Gäste verschwanden, wie sie gekommen. Stille ward es wieder, traumhaft still! — Und langsam kam dann der Winter herangeschritten und breitete sein weißglänzendes Leichentuch über Schloß und Park, und sie ruhten versunken darin wie in tiefem märchenhaften Zauberschlaf. , Der wackere Castellan, dem der Schnee des Alters so glänzend vom Haupte leuchtete^ 538 saß dann an den langen Winterabenden behaglich in seinem großen Lehnstuhl neben dem riesigen Kachelofen und ließ sich sein Pfeifchen schmecken, während seine treue Lebensgefährtin das schnurrende Spinnrad drehte. Es war dann so überaus wohnlich und traulich in dem behaglich durchwärmten Zimmer, und die beiden kinderlosen Alten plauderten zusammen und vertieften sich in die Vergangenheit und in Erinnerungen an den guten seligen Herrn, oder sie sprachen von dem jungen Baron Rudolf und beklagten, daß der sogar selten und immer nur auf so kurze Zeit in dem Schlosse seiner Vater Einkehr hielte. Damals, als der alte Freiherr gestorben war, und Baron Nusolf, der als Offizier bei einem Reiterregiment« in der Hauptstadt stand, rasch seinen Abschied nahm, da glaubte man sicher, er werde sich nun, wie es sein Vater gewünscht auf lein schönes Familien- schloß zurückziehen und hier nach alter Väterweise seine Tage verbringen. Allein die Hoffnung zeigte sich balv als eine trügerische. Man gab sich in der Residenz alle Mühe, den glänzenden Cavalier, der der tonangebende Löwe der Salons war, festzuhalten. Und es war dies eine leichte Mühe; war es ihm doch unmöglich den Verkehr mit den flotten Kameraden zu entbehren, von einer Welt sich zu trennen, in der er eine so glänzende Rolle spielte, Gewohnheiten zu entsagen, die schon so tiefe Wurzeln n ihm gefaßt. Und er blieb, und hielt fest an seiner gewohnten Lebensweise, die für seine reich« beanlagte Natur keinen andern Zweck wußte, als die Kräfte zu zersplittern an nutzlosem Tand, das Leben zu vergeuden in leeren Nichtigkeiten. Doch machte er sich darob keine Vorwürfe. Er war ja schon zu sehr angekränkelt von der Anschauungsweise einer Gesellschaft, die so äußerst tolerant, selbst die schlimmsten Neigungen eines „Cavalier oomms i> kaut" als „noble Passionen" zu entschuldigen weiß. Anders jedoch dachte der alte, treue Diener des Hauses, dessen Erkennen ungetrübt geblieben. Er liebte seinen jungen, gnädigen Herrn von ganzem Herzen und tief bekümmerte es ihn, daß die edlen und fruchtverheißenden Blüthen, die an dem Lebensbaume desselben geprangt, von dem wilden Unkrauts böser Gewohnheiten ganz überwuchert wurden. Der Sommer war in's Land gezogen und hatte all' seinen Zauber und seine Pracht über den Park ausgegasten. Der Baron pflegte diese Zeit sonst stets in einem fashionablen Luxusbade zuzubringen; wie sehr erstaunte deshalb der Castellan, als er plötzlich einen Brief von seinem Herrn erhielt, in welchem dieser mit kurzen Worten befahl, Alles vorzubereiten, ihn in Begleitung eines alten Verwandten, des Generals von Horsten und dessen Tochter in einigen Tagen auf Schloß Haineck zu empfangen. Am bestimmten Tage wurde der Wagen zur nächsten Bahnstation geschickt, der wenige Stunden darauf mit den erwarteten Gästen rasselnd durch's Schloßthor einfuhr. Es war ein alter, hochgewachsener Herr, der zuerst ausstieg. Die stramme Haltung, der kühne, feste Blick und der stattliche graue Schnurrbart kennzeichneten den Militär, wenngleich die Kleidung eine bürgerliche war. Aber das martialische Gesicht mit den festen, wettergebräunten Zügen trug einen ungemein biederen und vertrauenerweckenden Ausdruck. Langsam sah er sich im weiten Schloßhofe um, dann flog sein Blick leuchtend, wie mit einem stummen Gruß über die lange Fensterreihe der Frontseite des Schlosses und seine Lippen murmelten endlich halblaut: „Nach vierzig Jahren wieder auf Haineckl Nach vierzig langen Jahren! Gott! welch' ein Unterschied zwischen dem Damals und Jetzt! Und was liegt Alles dazwischen! — Dich finde ich nicht mehr, alter, treuer Freund Haineck, mir den Willkommgruß zu bieten, doch dein Sohn spricht ihn mir heute." Wie verhaltene Rührung hatte es durch die Stimme des alten Herrn bei diesen Worten gezittert, und langsam fuhr er sich mit der Hand über die Augen. Plötzlich traf sein Blick den Castellan, der mit eutblöstem Haupte in ehrfurchtsvoller Haltung dastand. 839 „Ei, noch ein Bekannter aus alten Tagen!" rief der Herr lebhaft aus. „Grüß' Gott, Werner! Wie ist es Ihnen ergangen?" Und herablassend streckte er die Rechte aus, den allen Diener fröhlich zu begrüßen. „Excellenz erinnern Sie sich noch meiner?" fragte dieser, und die Freude über diese Thatsache rathete sein Antlitz. „Man wird doch seiner alten Jugendbekannten nicht vergessen", entgegnete leut« selig der General, „und zumal, wenn dieselben, wie die unsrigen, so sehr zusammengeschmolzen sind, dann freut man sich doppelt, wenn man einem begegnet." Unterdessen war der Schloßherr mit einer jungen und sehr schönen Dame näher , gekommen, der er galant den Arm geboten hatte. Sie war eine schlanke und elegante Gestalt; die frappante Familienähnlichkeit mit dem alten Herrn ließ sie sogleich als dessen Tochter erkennen. Es waren dieselben scharfgeschnittenen Züge mit dem Gepräge sicherer Festigkeit und edlen Kraftbewußtseins, dieselben klaren Augen, die so ruhig und fest bis auf den Grund der Seele zn blicken schienen. Mit Bewunderung blickten die Diener dem Paare nach, und man konnte in der That kaum ein schöneres sich denken, als die imponirende Männergestalt des Freiherrn mit dem schlanken und doch kräftigen Wüchse und die vornehme, sympathische Frauen- erscheinung, in deren Bewegungen sich Hoheit und Adel ausprägten. „Ja, vierzig Jahre sind eine lange Zeit", sagte der Castellan, nachdem die Herrschaften im Portale verschwunden waren. „Eine lange Zeit", wiederholte er sinnend, „und was machen sie für eine Veränderung! Hätt' ich doch in dem alten, grauen Herrn kaum wieder den schmucken, flotten Baron Horsten erkannt. Doch in der huldvollen Freundlichkeit ist er derselbe geblieben, die hat ihm die Zeit nicht nehmen können." „Sein Vater", erzählte er seiner Frau, „sein Vater und der Großvater unseres gnädigen Herrn waren Bruder; doch weil Baron Horsten früh elternlos geworden, ist er in Haineck mit dem seligen Herrn erzogen worden. Die beiden waren wie Brüder, ein Herz und eine Seele, und hat es daher dem seligen Herrn nicht wenig Leid gethan, als sein treuer Genosse in's Ausland ging und in britische Dienste trat. Er hat wohl oft geschrieben, wie es ihm ergehe — und es ist ihm sehr gut ergangen, hat es in seiner Cariöre zum General gebracht und eine reiche Tochter Albions geheirathet — allein nicht einmal hat er in der langen Zeit seine Heimath besucht, und jetzt kommt er endlich als alter Mann, aber der selige Herr sollte nicht mehr die Freude des Wiedersehens erleben." „Und die schöne, freundliche Dame ist seine Tochter?" sagte die Castellanin, „die wäre eine passende Gemahlin für unseren Herrn, wenn er endlich an eine Vermählung denken wollte. Dann kämen wohl auch die alten Zeiten für Schloß Haineck wieder." s »Ihr Frauensleute habt doch nichts als Heirathen im Kopf", unterbrach sie der Castellan, halb brummend, halb lachend, „doch diesmal, Alte, hast du einen Wunsch ausgesprochen, dem ich aus Herzensgründe beistimme." * Am Morgen des anderen Tages trat Baron Haineck früh hinaus in seinen Park. Er hatte die ganze Nacht hindurch fast gar nicht geschlafen, und wenn er wirklich einmal ^ die Augen geschlossen, so hatten, ihn wirre Traumbilder immer,wieder aus dem Schlummer aufgeschreckt. i Denn eine seltsame Aufregung und Unruhe hatte sich seiner bemächtigt, die sich / von dem Tage des Erscheinens seiner schönen Cousine aus England datirte. l Es war ein prächtiger Sommermorgen voll Duft und Glanz. Die Lerchen stiegen , jubelnd in das Aetherblau, und aus den Zweigen der Bäume erschallte der tausendstimmige Chor der gefiederten Sänger wie ein Lobgesang des Herrn. Auf den Rasenflächen, die in frischein Grün sich ausbreiteten, schimmerte diamantengleich der Thau, den die Strahlen der Sonne gierig aufsogen. Die rvarmgoldenen Lichttöne umflutheten die weißen Statuen, die esfectvoll im Parke aufgestellt waren, und spielten zitternd auf dem glänzenden Wasserspiegel des großen Schloßteiches, auf welchem in majestätischer Ruhe zwei stolze Schwäne ruderten. Aber die grellen Lichtreflexe thaten den müden Augen des Freiherrn wehe. Tiefer schritt er in den Park« dort, wo die dichtstehenden Waldbäume ihre mächtigen Aeste ausstreckten, da lockte so köstlicher Schatten her, dort war es so lauschig kühl und waldeinsam. Und er wandelte dahin auf thaufrischen Pfaden, als ihm plötzlich vom Rande eines kleinen Weihers ein Helles Kleid aus dem Laube entgegen leuchtete. Wer konnte das sein? Leise trat er näher. Auf einer primitiven Holzbank saß ruhig und regungslos seine schöne Cousine Edith, den Kopf an den Stamm einer hohen Tanne gelehnt, die Hände lässig im Schooße gefaltet. Der Freiherr stand still, und sein Blick ruhte voll leuchtender Bewunderung auf der ruhenden Mädchengestalt im Schatten, um deren flechtengekrönten Kops nur einige Streifleichter, die sich durch die Zweige stahlen, spielend tanzten. Sie schien ganz versenkt in den Zauber, den die Natur hier entfaltete, und ihre Sinne schienen gefesselt von dem reizenden, poesiegetränkten Waldidyll, das sich ihnen erschloß. Jenseits des hohen Staketes, welches den eigentlichen Wildpark — einen Park im Parke — umzäumte, graste friedlich ein Nudel Edelwild, und die schlanken, graziösen Thiere waren so nahe, daß man ihre schönen Augen hell glänzen sa. Oben aber in dein Blätterwerk der Bäume hielten kleine Waldvögclein zwitschernd Zwiesprache miteinander, und zwei muthwillige Eichhörnchen sprangen zierlich hüpfend von Ast zu Ast. Plötzlich wandte Edith den Kopf, und Baron Haineck trat näher. „Welche Ueberraschung, meine gnädigste Cousine", rief er mit warmem, freudigem Gruße, „ich glaubte Sie noch in tiefem Schlummer nach den Strapazen der gestrigen Reise, und statt dessen unternehmen Sie zu früher Morgenstunde schon Streifzüge durch den Park und berauben mich grausam des Vergnügens, Sie zuerst hier umher zu führen." „Es ist nicht meine Gewohnheit solche köstliche Morgen zu verschlafen", sagte Edith ruhig, „da lockt es mich hinaus in's Freie, denn zu dieser Stunde ist man mehr wie sonst empfänglich, die Schönheiten der Natur zu genießen und ruhig auf sich wirken zu lassen." „Dann finde ich wohl kaum Verzeihung, daß ich in diese weihevolle Stimmung hereinbreche", entgegnete der Freiherr. „Doch sehr freut es mich, daß Haineck soviel Gnade vor Ihren schönen Augen gefunden, daß Sie ihm einigen poetischen Reiz abzugewinnen vermögen." „Es ist schön hier", erwiderte Edith einfach, „nur nimmt es mich Wunder, daß der Eigenthümer selbst so wenig die Schönheit seines reizenden Besitzthums zu würdigen weiß und sein festes, dauerndes Heim hier nicht findet." Er zuckte die Achseln. „Wer mag sich, so lange er noch Lebenslust in sich pul- firen fühlt, in eine weltverschollene Einsamkeit begraben! Denn was nützt da alle Poesie der Natur, so ganz abgeschieden von der Gesellschaft, ist auch der schönste Flecken Erde nur eine Wüste. Da ich aber", fuhr er lachend fort, „wie meine Freunde sagen, „zum Bären" zwar einiges Talent habe, jedoch zum „Wüstenkönig" gar keines, so lebe ich lieber in der Welt, als daß ich mich hier durch Langeweile langsam tödten lasse." (Fortsetzung folgt.) 641 Zur Biographie des Ringes. Bon Klara Reichner. * Von allem äußerlichen Schmuck des Lebens — maa er so reich und glänzend als nur möglich sein — gleicht keiner wohl an Alter, und zugleich an Ticse der Bedeutung dem zuweilen ziemlich unscheinbaren Ringe. Auch der Gebrauch des Ringes ist ein so allgemeiner und beliebter von jeher gewesen, wie nickt leicht bei einem andern Zierrath es der Fall. Ob aus edelm oder uuedelem Metall geformt, ob an Fingern, Armen, Ohren, ob aus dem Kopfe, in den Haaren, an den Fußknöcheln oder Fußzehen, ja, ob sogar in der Nase getragen: er ist und bleibt ein treuer Freund und Genosse der ganzen Menichheit — antiken wie modernen — wenn er auch nicht immer und überall nach »wrgen- iändischer Sitte als Symbol der Treue betrachtet ward und wird. Der Ursprung des Ringes ist so alten Datums, daß er mit der alten Sage zusammenfällt: — die griechische Götterlehre wäre danach als die eigentliche Heimath und Wiege des Ringes zu betrachten. Als nämlich Prometheus das Feuer vom Himmel entwendet hatte, und zu seiner Strafe an einen Felsen geschmiedet worden war, suhlte endlich Zeus, der Göttervater selber, Mitleid mit dem Gefesselten, den er — dieser Regung folgend — nun zwar befreite, jedoch, zum Andenken an dessen Unthat und diese Edelthat, ihm einen Ring an den Finger steckte, den das Oberhaupt der Götter höchsteigeuhändig aus den eisernen Banden des Prometheus fertigte, und als Wahrzeichen und Zier- rath ein Stückchen von den: bewußten Felsen mit hineiusetzte. — Soweit die Sage und Mythologie der Griechen, während nach der Lesart der Juden der Ursprung des Ringes im Paradies bei Sta»:- inntter Frau Eva zu suchen wäre. Jedenfalls ist sicher, daß die Spur der ersten Ringe sich bis in's nebelgraue Alterthum zurück- verliert, und auf das Morgenland zurückzuführen ist. — Die Hebräer bedienten unter Andern: sich des Ringes schon mit Vorliebe; sie besaßen Fingerreise, aus verschiedenen: Metall gefertigt, und zu Kennzeichen verschiedener Rangklassen dienend, denn die Zahl, sowie die mehr oder mindere Kostbarkeit der Ringe, galten für die Inhaber als Beweise von größerer oder geringerer Vornehmheit. Auch Siegelringe wurden schon getragen, jedoch anderer Form als heut' zu Tage, weil man sie nicht nur mit den: Namen des Besitzers, sondern zugleich mir einen: Bibelsprüche zu versehen und sie an einen: Bande aus der Brust zu tragen pflegte, während die Frauen Reife aus Metall, Perlmutter, Elfenbein, Horn und dergleichen um Knöchel oder Oberarm als Zier benutzten. Dagegen waren die jetzt allgemeinen Ohrringe rwar schon bekannt und auch getragen bei den Juden, galten aber als Knecht- schastszeichen. Aus dem Morgenlandc kau: die Sitte Ringe zu tragen, dann zu den Griechen und durch diese zu den 'Römern — so bürgerte der Ring sich in Europa ein! — Bei den Griechen war der Ring ei» ganz besonders weihevolles Zeichen; er wurde dort zur letzten Gabe eines Sterbenden für Den, bei welchem er besonders sich die Erinnerung sichern wollte, und der Brauch reicht noch bis in die Gegenwart hinein, so schlug er Wurzel; auch zu»: Zeichen der Nachfolgerschaft ward der Ring gewählt, und in diesem Sinne als letztes Geschenk dem Betreffenden übergeben. Nicht minder geehrt wurde der Ring bei den Römern, wenn auch in anderer Weise. Bei ihnen galt zu Anfang der schlichte, eiserne Fiugerreif, so »»geziert er war, als ei» schmückendes Ehrenzeichen, das nur Ritter und Senatoren tragen durften, bis die goldenen Ringe Mode wurden, welche man als eine Art von Amtszeichen z. B. den Gesandten mit auf den Weg gab, die man in's Aus- land schickte. Allein die Zeit, in welcher der Ring eine so auserlesene Rolle spielte, verlor sich mit den: wachsenden Ueberflup der römischen Berhältuisse; der ursprüngliche Eisenreif ward nunmehr Privilegium der Plebejer, während der goldene überall unter den höheren Stände:: zu erblicken war, und auch als TapferkeitSbelohnnng für die Soldaten verwendet wurde, die ihn nicht nur au der Hand, sondern auch, wie eine Medaille, an: Brustpauzer trugen. Nach und nach wurde endlich der Gebrauch des Rings so allgemein, daß in der Kaijerzeit jeder freie Bürger das Recht hatte, ihn zu tragen. So kam es, daß die Ringe immer kostbarer wurden, und nicht nur durch Edelsteine verziert, sondern auch als Petschast dienten, indem diese Steine oft geschnitten — meist Köpfe von berühmten Personen — waren und förmliche Kunstwerke bildeten. Reiche Leute trugen damals schon viele Ringe an den Händen, ja, bisweilen zwei oder drei an jedem Finger, während sogar wohlhabende Bürger ihre „Sommer- und Winterringe" besaßen. — Daß die römischen Damen den Männern nicht nachstehen wollten, da, wo und wenn es galt, Pracht und Lurus zu entfalten, ist wohl klar, und so berichtet denn schon tadelnd der berühmte Scneka, daß die Römerinnen jener Zeit mit Ohrringen sich zu schmücken liebten, welche ganze Vermögen verschlangen. Die Ohrringe sind überhaupt von jeher mehr von Frauen als von Männern getragen worden, wenn auch — nach Plinius — in früheren Zeiten im Orient fast jeder Mann sich solcher bedient habe» soll, und wenn auch bei den Arabern die Sitte sich erhielt. Jedenfalls gab der Ohrring nicht nur den alten Römerinnen Gelegenheit, ihre Prachtliebe zu zeigen, — auch andere Frauen anderer Nationen haben ihnen nachgeeifert und thun dies zum Theil auch noch. So zum Verspiel schmücken d:e Frauen an der Küste von Malabar sich jetzt noch mit Ohrringen, von denen Jeder an — zwei Psund Gewicht hat! Weniger allgemein und beliebt als der Ohrring, ist natürlich der Nasenring geworden, welcher früher indessen größeren Beifall als gegenwärtig sich zu erfreuen hatte. Zur Zeit hat dieser sogenannte Schmuck nur noch seine Zufluchtsstätte an indische» Nasen gefunden, während er außerdem nur noch bei Gelegenheit des Zähmens wilder Thiere: Bären u. s. w. in Anwendung zu kommen pflegt. — Noch eigenthümlicher ist freilich die sonderbare Sitte, Lippen- oder gar Kinnringe zu tragen — Ersteres ist indischer, Letzteres Molukkengebrauch. Was die Arm- und Funringe anbelangt, so sind dieselben zum grünten Theil in der früheren Anordnung verschwunden. Unser heutiges Armband ist nur noch ein schwaches Ueberbleibsel von jenen einstige» Spangen und Reifen, mit denen man sich früher schmückte; — die indischen Bajaderen z. B. und auch Frauen anderer Orte, trugen alle Finger und Zehen mit Ringen überdeckt. Im Ganzen aber tritt uns doch die Wahrnehmung entgegen, daß der Ring in seiner verschiedenen Gestalt ursprünglich in eben solchem, ja noch höherem Grade das Eigenthum des Mannes gewesen, und nach und nach erst Privilegium der Frau geworden ist. — Die Egvpter benutzten goldene Ringe sogar als Münzen, während andere Völker deren von Eisen für denselben Zweck verwendeten. — Auch als Orden wurden früher goldene Ringe verwendet, so bei den Kriegern der alten berühmten afrikanischen Stadt Carthago, welche nach jedem Feldzug, au dem sie Theil genommen, von ihrem Feldherrn zum Andenken einen Ring bekamen, wie man später den Soldaten Tapserkeits- vder Erinnerungsmedaillen verlieh. — Als Hanmbal, der berühmte Feldherr der Carthager, die die Römer 216 in der Schlacht bei Caunä besiegt hatte, wurde von dem Senat zu Carthago ein ganzer Scheffel Ringe ausgeschüttet, als Symbol der Vernichtung des römischen Adels. Derselbe Hannibal trug in seinem Siegelringe Gift verborgen, als Schutz- und Erlösungsmittel etwaiger Ge- stmgenschaft; er machte auch wirklich im Jahre 183 v. Chr. seinem Leben, um sich vor schimpflicher Auslieferung an seine Feinde zu retten, mit diesem Gist ein Ende. Ein anderes Volk, die Peruaner, betrachtete Ringe wie Ordenszeichen, das heißt sonderbarerweise die Ohrringe. — Dagegen galt im Mittelalter der Ring aus edelem Metall, um Hals, Arm w er Bein, zuweilen auch um Arm und Bein, als Merkmal eines Gelübdes, das die Ritter thaten; — überhaupt war der Ring ein Symbol der Freiheit, Treue und Ehre. Unfreie dursten keine Ringe tragen — das Geschenk eines solchen seitens ihres Herrn bedeutete für sie die Freiheit. Und — sonderbarer Kontrast — während einerseits der Ring die höchsten Guter der Menschheit zu vertreten hat, diente und dient er andererseits zugleich als Zeichen von Gefangenschaft und Schande — wenigstens in seiner Form von Eisen, die doch ehedem so ehrenvoller Bedeutung — vorzüglich bei den Römern — sich erfreute. Nicht nur die Kette des Gefangenen besteht aus Eisenringen — auch der Verbrecher der Galeere ist an einen Eiseuring geschmiedet, und nach altdeutschem Brauch stand es auch den Gläubigern zu, dem Schuldner einen Ring von Eisen um den Arm zu legen, als sichtbaren Beweis von dessen Schuld und Haftbarkeit, den Jedermann erkennen konnte, damit der saumselige Zahler aus diese Weise stets ein Wahr- und Mahnzeichcn mit sich umherzutragen hatte, das er natürlich baldigst zu entfernen trachtete. Eine Art von Mischung dieser verschiedenen Bedeutungen findet sich bei dem altgermanischen Völkerstamm der Katten, welche von Jugend auf einen Eisenreis tragen mußten, bis sie durch irgend eine Heldenthat seiner sich entledigten. So war der Eiseuring für den Knaben das Natürliche, für den Jüngling ein Gegenstand, den er je eher je lieber los zu werden trachten mußte, und für den Mann ein demüthigendes Abzeichen von Unehre und Feigheit, — folglich findet man hier die verschiedenen Bedeutungen des Ringes trotz ihres anscheinenden Widerspruchs, dennoch zu einem Sinn vereinigt. Wie so es kommt, daß gerade der Ring nicht nur ein Gegenstand des Schmuckes in verschiedener Form geworden, sondern zugleich von jeher stets und überall durch eine tiefe Symbolik sich ausgezeichnet hat? Vielleicht liegt das zum Theil in seiner Form, die etwas in sich Geschlossenes, Abgeschlossenes, Vollendetes, die nicht Anfang und nicht Ende hat. Und diese geheimnißvolle, an die Ewigkeit gemahnende Form des Ringes spielt ja den Zauber ihrer Kraft bis in die grauen, schimmernden Lustgebilde der Märchen und Sagen hinein, wo der Besitz, das Geschenk, das Drehen so eines kostbaren oder gar Zauberringes bekanntlich eine große Rolle spielt; aber nicht nur Wunderdinge, auch Glück und Segen knüpfte sich oft an die Geschichte eines Ringes, der zum Familienkleiuod ward, oder sonst irgend eine tiefere Bedeutung für den Besitzer hat. Schon die alten Deutschen betrachteten den Ring als Mittel gegen allerlei Uebel des Leibes und der Seele, weil er sie durch seine Form an ein von ihnen als glückverheißend geschätztes Thier: die Schlange, erinnerte; ähnlich so war es auch bei den Juden, die in dem Ring nicht minder einen Talisman gegen Ungemach und ein Heilmittel erblickten. Die Römer gaben sehr viel darauf, Ringe von besiegten Feinden zu erhalten; so wurde z. B. der Kopf des Pompejus dem siegreichen Cäsar mit einem Siegelring im Mund Überfracht. — Bei der Investitur eines Bischofs erhält dieser vom Papste einen Ring, außer dem Hirtsn- stab, als Sinnbild, und als ehedem noch Venedig seine Dogen besaß, warf Jeder derselben am Himmelfahrtstage jeden Jahres einen Ring in's Meer, als Symbol seiner Vermählung mit dem Meere. — Die alten Skandinavier schwuren beini Ringe ihres Tempelgottes die feierlichsten Eide und gab man ehedem einem vertrauten Boten seinen Ring mit aus den Weg, so war dies ein untrügliches Zeichen für dessen Legitimation, und bei den Turnieren ward ost heiß und eifrig um den Ring einer Dame, der als Preis dem Sieger zuerkannt wurde, gestritten. Zur Zeit aber der Königin Elisabeth von England tauschten Liebende gar sonderbare Ringe aus, als Symbol der Treue, freilich nicht aus Metall bestehend, sondern nur durch ihre Form an einen Ring erinnernd, das heißt „Er" gab „Ihr" einen Ring aus Binsengeflecht, und „Sie" gab „Ihm" irgend einen Gegenstand — ein Band, ein 543 Tuch rc., das sie getragen, und welches er nun ringartig um den Hals oder das Gelenk der Hand sich schlang. Daß die Verlobung?- und Eheringe als Symbol der Liebe, Treue und der Ewigkeit meist am vierten Finger der rechten Hand getragen werden, ist ja allgemein bekannt; minder bekannt därite vielleicht das „Warum" sein- Weil nämlich beyauptet wird, daß von gerade diesem Finger eine Ad.r direkten Wegs zum Herzen sührt. — Einst bestanden die Verlobungsringe oitmals aus zwei Halsten, die bis zur Heirath von den beiden Verlobten getragen wurden, und erst bei Gelegenheit der Hochzeit zu einem ganzen Ring verbunden wurden, welchen formn die Frau zu tragen hatte; auch bestanden bei den Verlobungen die Ringe zuweilen halb aus Gold und halb aus Silber, während Eheringe häufig anstatt nur die Namen der Galten und allenfalls ein Datum innen zu tragen, wie dies jetzt der Fall ist, durch allerlei Inschriften nebst Herzen, verschlungenen Händen und dergleichen verziert waren. Noch im vorigen Jahrhundert galt der Ring als Vorrecht für die höheren Stände — jetzt hat dieses Privilegium aufgehört — wenigstens ist der Ring am Finger allgemein gebräuchlich bei allen Kulturvölkern, bei jedem Stand und Rang, ohne deshalb sei e tiefere Bedeutung zu verlieren, die er noch heut zu Tage besitzt, wie sonst kein anderer Schmuck des Menschen. Goldkörner. Es verräth kein gutes Herz, Treibst du mit dem Ernste Scherz. Leid' und meid'! Das lieble leide, das Böse meide, So wirst du siegen über beide! Geschehenes zum Besten wende, Das Schaden sich zum Nutzen ende. Die Gesunden und Kranken Haben ungleiche Gedanken! Der Kranke und der Gesunde habe» ungleiche Stunde. Gut Gewissen und armer Herd Ist mehr als alle Schätze werth. Bös' Gewisse», böser Gast, Hat nicht Ruhe hat nicht Rast. Gewonnen mit Ehr', Deß wird immer mehr. Fragen, lernen, lehren, Bringt Manchen zu Ehren. Wer in Frieden will walten, Muß leiden und stille halten. Vom Funken sängt das Feuer an, vom Feuer brennt das Haus, Versuchung ist zu böser That ein Funke; lösch' ihn aus! F. B eck. Mise-llen. („Nit luege, nit luegel") Von der Landesausstellung in Zürich wird folgende köstliche Geschichte erzählt: Ein Primarlehrer aus einem ziemlich entlegenen Dorfe hatte auch, wie viele seiner Collegen, den Weg nach Zürich genommen, um den 6 bis 10jährigen seiner Leitung anvertrauten Jüngelchen einen Begriff von der Größe, der Produktionskraft und dem Genie des Vaterlandes beizubringen. Aber leider war man spät angekommen; man hatte sich wahrscheinlich mit dem Gaffen bei den herrlichen Zuckerläden versäumt — kurz, es blieb zum Besuche der Ausstellung nur wenig Zeit mehr übrig. Um nun aber doch das Programm auszuführen, wurde die Schaar durch den Jndustriepalast geführt oder vielmehr gejagt, denn der Dorfpädagoge, die Uhr in der Hand, rief den Kindern beständig zu: „Nit luege, nit luege!" Und richtig, es gelang, man kam athemlos aus der Ausstellung heraus und noch rechtzeitig zur Bahn. Schweiß» triefend stieg die kleine Schaar ein, und tief aufathmend, stopfte sich der gewissenhafte Lekrer ein Pfeifchen. 544 (S p erl i n g s b ra t e n.) Unter der Überschrift „Sperlingsbraten" enthält die neueste Nummer der „Vogelwelt" einen sehr zu beherzigenden Aussatz. Im Anschluß an denselben wollen wir über den bereits gerichteten Sperling zwar nicht noch einmal zu Gerichte sitzen, ihn weder verdammen, noch vertheidigen, wollen aber doch seinem Nutzen — für die Küche einige Worte widmen. Dr. Schleh, eine bedeutende Kapazität in der Sperlingsfrage, giebt zwar zu, daß des Sperlings Schaden dessen Nutzen wohl übersteige, allein dies berechtige noch nicht zu einem völligen Vernichtungskriege, vielmehr sei der Versuch zu machen, den Schaden auf menschenwürdigere Art, als durch den die Landwirthschast schädigenden Ausrottungskampf zu paralpsiren. Dagegen empfehle sich eine vernünftige Kontrole über seine Vermehrung und die Neduktionsvornahme, besonders zur Zeit der Ernte, d. h. kurz vor oder nach derselben, mittelst Pulver und Blei. Aber während der Brutzeit ihn zu vernichten, sei verwerflich und nicht rationell; vielmehr müsse man, wie für Staare und Meisen an leicht zugänglichen Orten Brutkasten anlegen und die Jungen zur geeigneten Zeit ausheben. Dr. Schleh wendet sich dann an die Hausfrauen bezüglich der Zubereitung des Sperlings und möchte gern in den modernen Kochbüchern Rubriken finden über „geröstete Sperlinge, Sperlinge in Brotkrusten, Sperlingsbrüstchen mit Trüffeln, Sperlinge mit Reis u. a. in." Gekochte Sperlings geben bekanntlich eine überaus kräftige Suppe, auch gebraten oder als Ragout dienen sie als delikate Speise. So weit vr. Schleh. Sind, so müssen wir nunmehr fragen, wir denn nicht thöricht, wenn wir — die feine, wie die bürgerliche Küche, der Reiche wie der Taglöhner — dieses schätzenswerthe Naturgeschenk gleich einem Uebel noch länger verachten? Gewöhnen wir uns nur einmal daran, dann werden wir sicher den Genuß des jungen Sperlingfleisches nicht mehr meiden. Aber auch die älteren Sperlinge geben eine vorzüglich kräftige Suppe. Dabei soll sehr zu empfehlen sein, wie ein alter Spatzen- sreund wissen will, wenn man das rasche Garkochen derselben durch noch eine Messerspitze voll kalzinirte Soda unterstütze, und dann die gekochten Sperlinge wie Hülsen- srüchte durchschlage, wodurch eine feine, substanziöse, kräftige Suppe sich herstellen lasse. (Ein hübsches Künstler-Geschichtchen) wird aus Paris gemeldet. In einem der besuchtesten Cafös kam es zwischen einem Musiker und einem jungen Bankier zu einem Auftritt. Der Musiker — ein Konzert-Virtuose — sprang auf, riß sein Visitenkarten- portefeuille aus der Rocktasche und reichte dem Beleidiger eine Karte, die dieser mit großer Ruhe zu sich fleckte. Achtundvierzig Stunden später traf der Musiker den Finanzmann wieder auf der Straße. Er stürzte auf ihn zu: „Mein Herr, Sie haben mir noch nicht Genugthuung gegeben! . . ." „Im vollen Umfange entgegnets der junge Bankier; „Sie haben mir vorgestern ein Billet zu ihrem gestrigen Konzert gegeben, ich habe das Konzert besucht, Sie spielen gehört, was wollen Sie noch mehr?" Der Musiker wars dem Bankier einen wüthenden Blick zu und seinen Eifer verwünschend, der an der Verwechselung der Karten Schuld war schob er von dannen. (In der Menagerie.) Erster Schusterjunge: „Ne, nu ist er gar zu den Löwen m den Käfig gekrochen. Das ist Courage!" — Zweiter „Schusterjunge: „Ach, wa^ Courage! Hat sich was! Wenn meine Meesterin im Kasten stärke, ginge er nicht hinein.. Räthsel. (Für Lateiner.) Es flogen Silbe Eins und Zwei Geschleudert in die Weite; Nennt man die Silben Zwei und Drei, So denkt man an die Breite; Zur Höhe ragt das Ganze frei, Dem schönsten See zur Seite. Auflösung des Räthsess in Nr. 67: „Saalseid." , Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. —7 Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Nr. 69. 1883. M „Äiigsittirger postzeituirg." Mittwoch, 29. August Der Schloßherr von Dnineck. Novelle von Joseph Grinean. (Fortsetzung.) Edith sah ihren Vetter verwundert an, und leicht kräuselten sich ihre rothen, fein* geschnittenen Lippen: „Langeweile, das ist ein Wort, welches sich nur im Lexicon schlaffe* und kraftloser Naturen findet. Würde sich nicht genügende Beschäftigung hier bieten, um alle Langeweile zu verscheuchen?" „BeschäftigungI" Ter Freiherr schüttelte sich mit einer komischen Bewegung, und übermüthig erklang sein frisches Lacken. „Beschäftigung! Ich glaube, Cousinchen, Sie möchten mir die Rolle eines stillzusriedenen Krautjunkers vindiciren, der in erbaulicher Weltabaesäpedenheit mit Hacke und Spaten in der Hand seine Scholle bebaut." „Es ist nicht nöthig Hacke und Spaten in die Hand zu nehmen", entgegnete Edith ruhig; „es kommt nur darauf an, daß man seinen Platz richtig ausfüllt und in ernstem streben und nutzbringendem Wirken seine Aufgabe vollbringt." Nun, meinen Platz fülle ich ja aus", entgegnete er mit einem Anfluge von Selbst» bewußtsein. „Ich weiß, was ich als der einzige Repräsentant eines alten Stammes diesem schulde, und treu meinem Wahlspruche: vkUgsl" bin ich stets bestrebt, gewissenhaft meine Pflichten gegen die Gesellschaft zu erfüllen." Diesmal war es Edith, die über die Begriffsverwirrung ihres Vetters lachte, der in leerem, äußerem Tand seine Pflichten erkannte. Kopfschüttelnd erwiderte sie: „Unter der Gesellschaft verstehe ich nicht nur einen exclusiven Kreis hochgeborener Menschenkinder; nein, ich glaube die Gesellschaft, die unserer Hülfe am meisten bedarf, auf deren Wohl segensreich einzuwirken in unserer Macht liegt, das ist die Gesellschaft, gegen die wir Pflichten haben, und die zu vernachlässigen ein schweres Unrecht, eine Sünde ist." Baron Haineck biß sich aus die von einem hübschen, dunklen Bärtchen beschattete Oberlippe und wie verhalltener Aerger klang es durch seine Antwort, die er in etwas ironischem Tone gab: „Sie haben wunderbar ideale Ansichten vom Leben, Cousine. Schade nur, daß ich mich für diese Menschheit beglückungsvolle Ansicht absolut nicht eigene, und es auch durchaus nicht meinem Geschmack zusagt, mit meinen Bauern zu verkehren." Edith war aufgestanden, um in's Schloß zurückzukehren und ihrem Vater nach gewohnter Weise den Morgengruß zu bieten. Stumm und schweigend schritt der Freiherr neben ihr her. Er war unzufrieden mit sich, daß es ihm nie gelingen wollte, bei Edith mit dem Brillantfeuerwerk seines glänzenden Esprit Effekt zu machen, daß jede Unterhaltung mit ihr, vertieft durch ihre ernste Lebensauffassung «ine so eigene Richtung erhielt und ein« so neue Wendung nahm. Was war es doch, daß diese Cousine mit ihrer einfachen und schlichten Weise ihm, dem weltgewandten Manne den Boden des sicheren Selbstgefühles, auf dem er stets so fest gestanden, plötzlich wankend machte? 846 Wie leicht war es ihm stets gewesen ein Frauenherz zu gewinnen! Wie verheißungsvoll hatten ihm, der nicht nur für den begütertsten Edelmann des Landes, sondern auch für den schönsten Mann am Hofe galt, alle Blicke entgegsngestrahlt! Und hier diesen klaren, ruhigen Augen, die es ihm so wunderbar und eigen angethan, stand er machtlos gegenüber, und alle seine Künste versagten. „Sie ist freilich aus anderm Stoffe, wie die Anderen", sagte er sich seufzend, „aber sie ist kühl bis in's Herz hinein!" Und was war das für eine Idee, daß er hier sein Leben in tiefster Abgeschlossenheit zubringen sollte! Ja, wenn sie einwilligen wollte, ihm ganz zu gehören, dann hätten sie im Anfange hier leben wollen, nur sich und ihrem Glücke. Aber nur im Anfange, für immer ging das ja nicht, denn er müßte seine Gattin dann doch der Welt vorführen, und sie sollte sie bewundern und ihn beneiden. Doch wenn sie einwilligte; ja wenn! Dies waren die Gedanken, die den Freiherrn beschäftigten, und doch nahm Edith tieferen Antheil an ihm, als wie er ahnte. Ihr scharfer und sicherer Blick hatte ja die edlen Grundeigenschaften und Anlagen erkannt, die in seine Seele gepflanzt waren, aber es blieb ihr auch nicht verborgen, daß diese, wie Ranken, denen der Sturm die haltende Stütze entrissen, verkümmert und verwahrlost darnieder lagen. Und ernst dachte sie darüber nach, was geschehen müsse, um die schlummernden Kräfte in seiner Seele zu wecken und dieser einen neuen, kräftigen Aufschwung zu geben, der ihn erhebe aus den sumpfigen Niederungen seines Daseins zur freien Höhe eines ernsten, sittlichen Bewußtseins. Doch so sehr sie sich auch mit diesem Problem das Köpfchen zerbrach, so mußte sie doch nicht, wie sie die Lösung davon finden konnte. * * * Edith von Horsten war ein seltener Charakter. Sie war das einzige Kind ihrer Eltern gewesen, aber frühe schon hatte sie die Mutter verloren, und der General, dessen ganzes Herz an seiner Tochter hing, hatte ihr eine fast männliche Erziehung gegeben. Obgleich nun aber die Festigkeit des Wollens und besonnene Bestimmtheit des HandelnS, die sie dadurch erlangt, das Gepräge eines männlichen Charakters trugen, so hatte sie doch trotzdem Nichts eingebüßt von dem süßen und zarten Duft edler Weiblichkeit. Sie war emporgediehen in der Atmosphäre des Glaubens und der Religiosität» und in dieser Atmosphäre mußten ja alle edlen Anlagen zur schönsten und harmonischen Entfaltung gelangen. Edith's Mutter, die Tochter eines zur Mutterkirche zurückgekehrten Lord's, war von einer glühenden Begeisterung für die heilige Religion erfüllt gewesen. Diese Begeisterung und dazu einen großartigen Wohlthätigkeitssinn» dessen unablässiges Streben es war, Noth zu lindern, hatte Edith nebst anderen schönen Tugenden von ihrer Mutter ererbt. Und wie es ihr ein unabweisbares Bedürfniß war, diesem edlen Zuge ihres Herzens stets zu folgen, so hatte sie auch hier bald mit dem ihr eigenen scharfen Blick die traurigen materiellen Verhältnisse der Landbevölkerung erkannt und war mit Freuden bereit, so weit sie konnte, helfend einzugreifen. Sie berieth sich mit dem alten, würdigen Seelsorger der Gemeinde, und dieser hatte ihr hocherfreut als die Würdigsten der ihrer Unterstützung Bedürftigen, eine arme Forstlauferfamilie mit warmen Worten empfohlen. Es waren die fleißigsten und frömmsten Leute in der Gemeinde, die ihre zahlreichen Kinder in strenger Gottesfurcht erzogen, aber Krankheit war eingezogen in die sonst glückliche Hütte und hatte die brave Frau des Forstlaufers an's Schmerzenslager gefesselt und Kosten verursacht, welche zu bestreiten, das geringe Einkommen nicht ausreichte. DaS Hauswesen lag darnieder, seitdem die fleißigen Hände der Hausfrau nicht mehr 547 schafften und wirkten, und verwahrlost waren die Kinder und ohne Obhut, da der Dienst den Later tagsüber im Wald festhielt. Wenn Edith nun zu früher Morgenstunde durch die thaufrische Waldespracht wandelte, um in der kleinen Dorfkirche die heilige Messe zu hören, die sie ja nie versäumte, so unterließ sie es auch nie in die niedere, verwitterte Hütte am Waldessaum« einzukehren, wo jeder ihrer Besuche still gesegnet wurde. Sie schreckte nicht zurück vor dem Anblicke des nackten Elendes, den so viele zart besaitete Damen nicht ertragen können, und nicht hielt sie ihre feinen, weißen Hände für zu gut, den armen Kranken die niedrigsten Hülfeleistungen zu verrichten. Sie dachte ja nie an das eigene Ich, wenn es galt, für Andere zu sorgen, die ihrer Hülfe bedurften. Und die reinen Freuden, die ein schuldloses Herz am Wohlthun empfindet, gaben ihr einen inneren Frieden, der ihr ganzes Sein so wundersam durchleuchtete, und gleichkam einen stillen Glanz von ihr ausstrahlte, dessen Widerschein in das von Stürmen durchwühlte Herz des Freiherrn wie eine linde Erquickung fiel, daß ihm in ihrer Nähe ein Gefühl überkam, das er nie gekannt hatte. Nur eine Frage, die er sich immer und immer wieder vorlegte, ob auch er wohl wärniere Empfindungen, wie bloße verwandtschaftliche Gefühle in Edith's Seele geweckt habe, konnte er sich nicht beantworten; stets behandelte sie ihn mit der gleichen ruhigen Freundlichkeit und edlen Milde, der auch der leiseste Schein von Koketterie fremd war. Und sie waren viel zusammen die beiden jungen Leute. Oft musicirten sie zusammen, und der Freiherr, der eine bedeutende musikalische Begabung besaß, begleitete Edith auf dem Clavier, wenn sie mit ihrer glockenreinen Stimme, die von einer seltenen Klangschönheit war, mit seelenvollem Ausdrucke ein englisches Lied sang. Oder sie unternahmen auf des Freiherrn prächtigen Nacepferden einen Ritt, wobei sich Edith als eine so tüchtige Reiterin zeigte, daß der ehemalige Reiteroffizier die Segel vor ihr strich. Der General, der von heftigen Gichtanfällen geplagt wurde, mußte zu seinem Bedauern fast meistens das Haus hüten. So stand er denn auch jetzt wieder am Fenster und sah den Beide» nach, wie sie galoppircnd durch das Schloßthor sprengten, und mit sichtbarem Wohlgefallen folgte sein Blick dem schönen Paare. Wie weckte dieser Anblick das Gedächtniß an seine eigene Jugendzeit, wo er und des Freiherrn Vater, zwei fröhliche Genossen, voll überschäumender Jugendlust dahin gesprengt, und die Bilder der Vergangenheit stiegen herauf, golden verklärt vom Strahle der Erinnerung. „Ja, Rudolf ist das treue Abbild seines Vaters", sagte er leise zu sich. „Meine ich doch, ich sähe den Alten, der geradeso stolz, ein Bild des schönsten Ebenmaßes, zu Rosse saß. Aber mein alter Freund war thatkräftiger und entschiedener, und Rudolf kommt mir oft für einen jungen Mann in des Lebens Blüthetagen merkwürdig schlaff vor. — „Was will das heißen", fuhr er kopfschüttelnd fort, indem er finster die buschigen Brauen zusammenzog, „Alles in die Hände des Jnspectors zu legen und um die rationelle Wirthschaft sich gar nicht zu kümmern! Einen sicheren Ueberblick muß man doch stets über sein eigenes Terrain haben, aber für Rudolf scheint mir das Gebiet der Land- nnrthschaft torra inovInitu zu sein." * * * Die beiden jungen Leute jagten in scharfem Trabe dahin durch Felder und Fluren. Edith sah frischer und reizender wie je aus. Das dunkle, knappsitzende Neitcostüm hob vortheilhaft ihre Schönheit; ihre sonst etwas bleichen Wangen leuchteten in lebhaftem Jncarnat, und ihre Augen strahlten voll Jugendlust. Der Freiherr zeigte mit der Reitgerte über die wogenden Kornfelder, die sich rings in gesegneter Fülle dehnten; Alles, soweit man überschauen konnte, bis an den blauen Saum der Waldungen, gehörte zu seinem Besitz. 548 Welch' ei» weites Meer von Halme»!" sagte Edith staunend. »Hier so reicher Ueberfluß und dort unten so bittergefühlte Armuth!" Und sie deutete mit der Hand nach der zum Flusse absteigenden Thalsenkung, wo aus der feuchten Niederung ein Komplex elender, mit armseligen Strohdächern gedeckter Hütte» heraufblickte. „Haben Sir nie darüber nachgedacht, Vetter!", fuhr sie mit einem fragenden Ausblick zu diesem fort, „wie nahe die Kontraste hier liegen? Hat es Sie nie gedrängt von Ihrem Ueberflusse etwas an senrn traurigen Mangel abzutreten?" Der Freiherr runzelte die Stirn. „Sie verschwenden Ihr Mitleid an ein Volk, das es nicht verdient. Dieses Gesinde!, das nicht einmal meine Forsten respectirt, hat jedenfalls seine Nothlage selbst verschuldet." „Aber, wenn Sie die Bittstellerin machen", fuhr er mit einem warmen Blicke fort, „so will ich ja gern meinet! Jnspector anweisen, mit einer ansehnlichen Summe jenen Leuten unter die Arme zu greifen." Edith schüttelte den Kopf. „Damit ist es nicht gethan", «ntgegnete sie rasch. „Sie müssen andere Mitte! ergreifen, um die Existenz diesen Leute besser zu gestalten. Können Sie nicht diese schlechten Wohnungen verbester»? Können Sie nicht Jedem ein kleines Stück guten Feldes zur eigenen Bebauung anweisen? O, glauben Sie, dieses würde gute Früchte bringen, es würde zugleich von sittlicher Förderung auf die Armen sein, wenn dieselben Ihre liebevolle Fürsorge erkennen würden." „Ergreifen Sie diese Ausgabe!" fuhr sie dringend fort, dem Baron ihr schönes Gesicht voll zuwendend, „Wohlthäter der Menschheit zu sein, ist ja die schönste, die segensreichste Aufgabe." Mit ungewöhnlicher Wärme und Begeisterung hatte sie die letzten Wort« gesprochen, daß es den Freiherrn wie ein heimlicher Wonneschauer überkam. „Edith", sagte er plötzlich, indem er sein Pferd dicht an ihre Seite treten ließ und seinen Blick tief und voll in ihr leuchtendes Auge senkte; „Edith, es scheint der Beruf Ihres edlen Herzens zu fein, überall Noth zu lindern und Menschen glücklich zu machen« o, so wenden Sie Ihr Mitleid auch mir zu, geben Sie mir das Glück, und geben Sie Werth und Inhalt einem Leben, das ohne Ihren Besitz unnütz und verloren ist." Erregt und leidenschaftlich klangen feine Worte durch die schwüle Stille des Spätnachmittags, und mit fieberhaft gespannter Erwartung beugte er sich vor, ihre Antwort zu vernehmen. Eine dunkle Blutwelle war in ihr Antlitz gestiegen und hatte es mit glühendem Scheine überfiammt. „Halten Sie ein, Vetter", sagte sie mit bebender Stimme, die sie vergebens zu ruhiger Festigkeit zu zwingen versuchte. „Sie sind von einer großen Selbsttäuschung befangen und halten für wahr, was die Aufwallung des Augenblickes Ihnen nur vorspiegelt. Weder für Sie noch für mich könnte ein Glück daraus werden, wenn wir unser Leben aneinander ketteten. Zu weit geht unsere beiderseitige Lebensanschauung auseinander; und so wenig, wie Sie den mit Ihnen verwachsenen Gewohnheiten zu entsagen wüßten, so unmöglich wäre es mir, meiner Ueberzeugung untreu zu werden. Nie können wir uns zu einem Bunde vereinigen, der die vollkommenste Uebereinstimmung verlangt." „Edith", bat er mit tiefflehendem Tone, „stoßen Sie mich nicht zurück in die un« befriedigende Leere meines Lebens! Warum sollte mir die Liebe zu Ihnen nicht auch die Kraft geben, mich zu Ihrer idealen Weltanschauung zu erschwingen?" „Nein", entgcgnrte sie mit einem leisen Tone von Traurigkeit, „wenn nicht aus höheren Rücksichten Ihre Kraft geweckt wird, wenn Sie nicht durch ernste Pflichterfüllung Ihrem Leben Werth und Inhalt zu geben vermögen, so würden Sie durch mich vergebens diese zu gewinnen suchen, und nie würden sich unsere Seelen finden in einer gemeinsamen Aufgabe.^ «Ist das Ihr letztes Wort, Edith?" fragte er, todtbleich geivarde». „Mein letztes." Sie warfen ihre Neffe herum, riud still und schweigend ritten sie nunmehr dem nahen Schlosse zu. (Schluß folgt.) Das MKirrihaL von Lshr bis AschMenburg. Von In-. Ludwig Herrmann. I. Von Lohr bis Wert heim. Der Main beschreibt von Lohr bis Afchassenburg in vielfachen Krümmungen einen weiten Bogen. Von Lohr zieht er in südlicher Richtung gegen Wcrtheim hin, strömt dann westlich gegen Miltenberg und wendet sich dort nach Norden, um Aschaffenburg zu erreichen. Durch diese weite süd-nördUche Windung umsäumt er den Spcssart. Die Entfernung von Lohr bis Aschassenburg beträgt in der Luftlinie nur 31 Kilometer die Länge der Mainstrccke von da bis dorthin aber 110 Kilometer. Das Mainthal von Lohr bis Aschaffenburg ist reich an herrlichen Landschaftsbildern und geschichtlichen Denkwürdigkeiten und ähnelt dem Nheinthal; auch hier sind mit Neben- geländen geschmückte Berge, stattliche Fürstenschlösser, pittoreske Burgruinen, altersgraue Abteien, am Fuße der Berge idyllische Dörfchen und Siädte mit Giebeldächern, Erkern und spihbogigen Kirchen. Das Nheinthal mit seinem majestätischen Strome und seinen zackigen Schieserselsen ist großartiger, das Maiuthal aber lieblicher. Seine Bundsandsteinberge haben eine sanfte, mehr wellenförmige Physiognomie, mehr abgerundet.« Konturen. Der größte Theil des Spessarts ist mit Bundsändstein bedeckt; auf dem humusreichen Boden dieser porösen, den Einflüsse» der Luft und des Wassers leicht zugänglichen Sandsleingebilde gedeiht die Eiche vortrefflich, besonders wenn sie, wie hier, meist mit Buchen untermijcht ist. Auch die das linke Mainuser begleitenden Berge des östliche» Odenwaldes gehören meist der Buntsandstein-Formation an und sind ebenfalls schön bewaldet. Die von den Sohlen bis zu den Gipfeln herauf mit den prachtvollsten Eichen und Buchen bewachsenen Berge mit ihren mannigfach gekrümmten Seitenthäler» bilden den Hauptschmuck unseres von Poesie, Sage und Geschichte mit einem unmuthigen Schleier umwobene» Mainthales. Einen so üppigen Waldschmuck haben die Berge des Nheinthals nicht. Im Jahre 1843 wurde in Würzburg eine Main-Dampfschiffsahrts-Gesellschast gegründet, welche 8 Dampfer baute, mit denen sie den Main von Bamberg bis Mainz besuhr. Dazu wurde das Mainthal viel von Engländern und Norddeutschen besucht« Leider löste sich im Jahre 1839 diese Gesellschaft wieder auf. Durch die vor zwei Jahren erfolgte Eröffnung der in die Aschaffenburg-Würzburger Bahn einmündenden Lohr-Wertheimer Bahn ist jetzt ein Theil des Maiuthals den Vergnügungsreisenden wieder zugänglich gemacht. Die 38 Kilometer lange Lohr-Wertheimer Bahn läuft längs des rechten Mainufers hin und hat fast an allen schönen Punkten Haltestalionen. Von Lohr an ziehen hohe, von unten bis oben hinauf in dichtem Laubschmuck prangende Berge links des linken Mainufers hin, viele Seitenthäler öffnen sich, aus denen da und dort Kirchthürme hervorlugen und uns ihre Glockengrüße über den Fluß herüber zusenden. Auf dem rechten Ufer treten anfänglich die Waldberge etwas zurück. Die erste Haltestation „Nodcnbach" breiet uns ein liebliches Bild; am rechten Ufer erblicken wir das von üppigen Fluren umgebene Dorf und das schöne Schloß und Hofgut des Freiherr» von Dalberg und gegenüber am linken Ufer das Dorf Pflochsbach. Nach kurzer Fahrt erreichen wir die Station „Neustadt". Das Dorf liegt am rechten Ufer innerhalb eines Halbkreises von Bergen. Hoch empor ragen die zwei viereckigen Thürme der ehemaligen Abteikirche. Am Ufer erscheinen ohne Dachstuhl die Umfassungsmauern der durch eine Feuersbrunst in den sechziger» Jahren zerstörten weitläufigen 550 Ableigebäude. Auf einer Anhöhe schaut aus Bäumen der Thurm der Dorfkirche heraus Am jenseitigen Ufer spiegelt sich das freundliche Dörfchen „Erlbach" im Main. Die Mönche der Abtei Neustavt waren die Pioniere der Kulturentwicklung in Ostsranken. Unter den Männern, die sicy von der kakedonischen Halbinsel bis zum hl. Boni- . facius, dem Apostel der Deutschen, begaben, befand sich auch der Burkard. Dieser zog mit einigen gottbegeisterter Gehülfen nach dem heidnischen Ostfranken, um dort die Leuchte des Christenthums anzuzünden. Im Waldesdickicht des Spessarts am Lohrbache. dort, wo jetzt der „Einsiedlerhof" steht, ließ er im Jahre 732 einige Zellen bauen und begann von hier das Werk der Mission. Pipin „der Kurze" räumte sväter den Misnonairen s in von da l'/z Stunden entferntes, am Main gelegenes Jagdschloß Nohrlaha zur Wohnung ein. Bin Karl dem Großen unterstützt, erbauten sie hier im Jahre 790 die große Benediktinerabtei Neustadt. Die Mönche zoaen junge Eingeborene an sich und bildeten sie zu Lehrern aus, die sie in das Land hinausschickten, nicht nur zur Ausbreitung des Christenthums und zur Milderung der rohen heidnischen Sitten, sondern auch um das Volk zu unterrichten und um ihm Anleitung zu geben zur Urbarmachung und besseren Bebauung des Bodens. Im Jahre 1803 wurde das Kloster säkularisirt, und seine großen Güter wurden dem Fürsten Löwenstein-Weitheim-Rosenbcrg übergeben. Dieser restaurirte die schöne, im Nundbogenstyl erbaute Abteikirche und legte auch einen Park an, der sich von hier bis „Rothenfels", der dritten Station, erstreckt. Auf steilen Roth- sandsteinfelsen ragt das Schloß „Rothenfels" mit seinen Thürmen über den mit Ringmauern umgebenen Marktflecken empor und schaut hinüber nach dem am linken Ufer liegenden Dorfe „Zimmern". Die Umgegend hat eine üppige Vegetation; allenthalben grüne Wiesen, Aehrenfelder, Obstgärten, da und dort Nebengelände rc. Von hier werden viele Buntsandsteinplatten ausgeführt. Das alte Bergschloß wurde 1148 von Marquard v. Grumbach, dem Schirmvogt der Abtei Neustadt, erbaut. Da Grumbach die Mönche furchtbar tyrannisirte, belehnte das Hochstift Würzburg die Grafen von Nieneck mit Nothen- fels und der Schirmvogtci Neustadt. Im Jahre 1631 wurde die Burg von den Schweden zerstört. Von ihr ist nur noch ein viereckiger Thurm und ein Mauerfragment vorhanden. Das neue Schloß hat das Hochstift im Jahre 1751 erbaut. Bis zur neuen Gerichts- orgauisation befand sich in ihm das königlich bayerische Landgericht. — Stromabwärts nimmt die Gegend wieder mehr den ernsten Waldcharakter an. Hier wird der Pfiff und das Brausen der vorüberrollenden Lokomotive von den Bergen zurückgeworfen; mehrfache Echo's beinerkte ich auch weiter unten an Stellen, wo die Berge nahe an das Gestade traten. Wir kommen zur vierten Station Hafenlohr. Das Dorf breitet sich mit seinen Häusern am rechten Ufer aus. Als ich hier im Juni vorüberfnhr, waren alle Häuser beflaggt und mit grünen Eichlaubkränzen geschmückt. Der auf der Firmungsreise begriffene Bischof von Würzburg wurde hier erwartet. In Hafenlohr stürzt sich der Waldbach „Hafenlohr" in den Main, auf ihm wird das Holz von den Bergen herab- geflößt. Die Höhen des ernsten Hafenlohrthals tragen die schönsten Waldungen des Spessarts, den Kern der Eichenvegetation; in den Bergfalten dort gelangt die Eiche zur herrlichsten Entwickelung. Hafenlohr ist der Stapelplatz des fürstlich Löwenstein'schen Holzes. Von hier werden jährlich etwa 24,000 Stere Brennholz und viele große Eich- stümme, sogenannte Holländerstämme, zum Schiff- und Brückenbau ausgeführt. Auf dem linken Ufer wurde im Dezember 1224 eine blutige Schlacht ausgekochten zwischen dem aufständischen altfränkischen Adel einerseits und den Mannen der Bischöfe von Würzburg und Mainz andererseits. Die Leichen von 13 altfränkischen Grafen und von vielen Rittern aus den edelsten ältesten Geschlechtern bedeckten die Wahlstatt. Die Erinnerung an diese „Mordschlacht" haftet noch im Volke; in stürmischen Dezember-Nächten will man Waffengeklirr, Stöhnen und Jammertöne hören, welche der Wind über den Main herübertrage. Die fünfte Haltestation ist „Markthcidenfeld". Das Handel- und gewerbe- 551 treibende Städtchen liegt aber am linken Ufer. Eine schöne rothsandsteinerne Brücke mit sieben stattlichen Bogen führt zu ihn, hinüber. Etwas unterhalb Marktheidenscld erblicken wir bereits in der Ferne am rechten Ufer auf einem vorspringenden hohen Berge aus den Bäumen Thürme und weiße Gebäude emporragen. Dies ist die ehemalige Augustiner Propstei „Tiefenstein". Leider fährt der Eisenbahnzug an diesem schönen Punkt vorüber, ohne anzuhalten. Die Propstei- gedäude sind mit herrlichen parkartigen Anlagen umgeben, die sich bis an das Gestade hinab erstrecken. Gegenüber am linken Ufer erscheint der große Marktflecken „Lengfurt", sich anlehnend an einen ganz mit Nebengeländen bedeckten Berg. Die im Jahre 1102 gegründete Probstei wurde 1803 fäkularisirt und dem fürstlichen Hause Löwenstein-Wert- Heim-Freudenberg überlassen. Der im Jahre 1852 verstorbene kunstsinnige Fürst Carl Friedrich wandelte das Kloster in ein Schloß um und verlegte hierher seine Residenz. Er war der Schöpfer des so schöne Partieen enthaltenden Parks. Fürst Wilhelm hat ein Palais in Karlsruhe, bringt aber meist die Sommermonate in Triefenstein zu. Die hochgelegene Schstoßterrasse gewährt eine freie, herrliche Umschau. Ein Saal des Schlosses enthält interessante alle Gobelintapeten; auf den mit der Hand gefertigten Blldern (Darstellungen aus dem alten Testament) treten die Gestalten plastisch und »och immer farbenfnsch hervor. Die im Rococostyl erbaute Klosterkirche ist mit guten Al-Fresko- Deckengemälden geschmückt. Bon Lengfurt ziehen auf beiden Ufern rebengrüne Berge stundenlang stromabwärts. Auf steilen Kalksteinfelsen des linken Ufers wächst der berühmte „Kaimut", welcher in guten Jahrgängen an Blume und Feuer den spanischen Weinen ähnelt. Wir kommen nun zur sechsten Station „Trennfeld". Das Dorf liegt malerisch dicht am rechten Ufer; gegenüber am linken Ufer ragt über dem Städtchen Homburg in schwindclnver Höhe auf einem grotesken Tuffsteinfelsen das alte Bergschloß „Hohen- burg" empor. Von der karolingischen Beste steht nur noch ein Theil der Ringmauer und ein Thurmsockel; die neue Beste und die in ihr stehenden Häuser wurden vom Hochstifte Würzburg aufgeführt. In den'. Tuffsteinfelsen finden sich viele Höhlen und ladhrinthische Gänge vor. Pipin der Kurze hatte dem hl. Burkard (seit 742 Bischof von Würzburg) für seine Missionäre auch in Homburg einige Häuser eingeräumt. Auf einer Reise von Würzburg nach Homburg im Jahr 753 erkrankte Burkard und starb in einer jenen Höhlen, welche dann zu seinem Andenken in eine Kapelle umgewandelt wurde. Unterhalb Homburg wendet sich, der Main mehr nach Westen. In dem Bestreben, die ihm im Wege stehenden Hindernisse zu beseitigen, hat er dort die äußeren Bedeckungen der linksseitigen Uferhöhcu abgenagt, so daß die weiße Kalkformation zu Tage tritt, welche gegen die hellgrünen Wiesen und Nebengelände und die fernen dunkelen Waldberge grell absticht. Bei dem Dorfe „Bettiugen" am linken Ufer beginnt das badische Gebiet. Hier macht der Main eine beinahe 2 Stunden lange Krümmung, die einen schroff in die Höhe steigenden, von der Sohle bis zum Gipfel dicht bewaldeten Berg von 3 Seiten umschließt, eine Art Landzunge bildet. Den Gipfel des Berges umgibt ein ringförmiger Graben, hinter welchen, sich ein Erdmall befindet — sicher eine allemannische Grenzwehr gegen das Vordringen der Römer. Vom Volke hat sie den Namen „Wetterburg" auch „Wettenburg" erhalten. Gräben und Wälle ohne jede Spur von Mauerwerk waren für das Volk ein geheimnißvolles Räthsel, dessen Lösung die Sage übernahm: Dort oben stand ehedem eine stattliche Ritterburg, welche wegen der grausamen Behandlungen der Armen seitens der Burgfrau während eines UngewitterS unter Donner und Blitz plötzlich in die Tiefe des Berges versank. Bei dem badischen Dorfe „Eichel" vollendet der Main seine Krümmung und strömt dann in einem Bogen Wertheim zu. Auf dem rechten Ufer erstrecken sich die Weinberge bis nach Kreuzwertheim. Bettingen fast gegenüber durchbohrt ein Tunnel den im Weg stehenden Berg. Bei der bald erreichten siebenten bayerischen Station „Kreuzwertheim" geht die Bahn wieder durch einen Tunnel, gelangt, nachdem sie auf einer Brücke den Main überschritten, auf das linke, badische User — am Ende der Brücke steht der gslb- rothe Greazpfahl—, tritt sogleich wieder in einen Tunnel, der sie durch den Schloßberg führt, überschreitet auf einer Brü e die Tauber und erreicht so den auf dem linken Tauberufer liegenden Wertheimer Bahnhof. Bon Wertheini im folgenden Artikel. Himmelsscha« in» Monat September. —Merkur H hat am 11. seinen g'.ohten östlichen Abstand von der Sonne und könnte am Abendhimmel kurze Zeit beoba cstet werden. Venus tz tritt als volle Scheibe vor die Sonne und geht deßhalb mit ihr auf und unter. Mars läuft in den Zwillingen gegen den Krebs vorwärts, geht nach 11 Uhr Abends in NO. aus und ist bei Eastor und Pvllux bis Tagesanbruch zu sehen. Am 25. steht er 6" nördlich vom Monde. Jupiter bewegt sich von den Zwillingen gegen den Krebs, geht in immer früheren Morgenstunden zuletzt gegen Mitternacht aus iu NO. Am 2Ü. steht er nördlich vom Monde. Von ferne» Trabanten werden sichtbar verfinstert: der erste am 6., 13., 29.; der zweite am 4. und 29.; der dritte am 27. Saturn A geht zwischen 8 Uhr >8 Min. und 6 Uhr 15 Min. Abends auf und steht am 21. n, rdlich vom Monde. Der Durch nesjer seiner Kugel beträgt 17, der seiner Ringoxen 43 und 19 Nogenselunden. Miscellen. (Sprichwörter.) Wer den Acker zu sehr düngt, bekommt Kraut statt Knollen. Wer seinen Acker bauet, der wird Brodes die Fülle haben. Wer seinen Acker brach liegen laßt, dem läuft Schaf- und Hornvieh darüber. Wer seinen Acker mit armer Leute Schweiß will düngen, dem wird er leine Segengarben bringen. Wer seinen Acker wohl baut, genießt sein auch wohl. Wer unfruchtbaren Acker baut, vergeblich nach der Ernte schaut. Wie der Acker, so das Getreide. Wie du den Acker wirst eggen, so wirb das Getreide sich legen. Auf einen solchen Acker gehört kein anderer Pflug. (Das verdient keine andere Vehandluugsweije.) Fremde Acker pflügen. (Seine Kräfte dem eigenen Wirkungskreise zu entziehen und damit in fremde Geschäftssphären eingreifen.) Aus dem Acker ist kein besserer Mist, als der an des Herren Schuhen ist. Das ist der beste Acker, den man eigen hat. Der Acker, den man mit silbernen Scharen pflügt, trägt goldene Früchte. Der Acker ist das Heu, die Wiese der Knecht. Der Acker spürt's schon, neu» man Weißrükensamen nur darüber trägt. Ein Acker, der mit Kalk gedüngt wird macht nur alte Leute reich. Ein Acker mutz den andern austragen. (Ein Nachbar soll dem andern zum Bestellen der Saat nie zum Einräumen der Früchte den Weg über seinen Acker öffnen, wenn auf andere Weise die Ab- und Zufuhr nicht möglich ist.) Ein Acker und Pflug, ein Wasser und Krug, durstige Leute und guter Wein, soll allzeit bei einander sein. (Wanders Spr.-Lex.) (Berechtigter Wunsch.) Photograph: „Wie wünschen Sie abgenommen zu werden, Brustbild oder Kniestück?" — Bäuerin: „Wenn's sein könnt', sollt der Kopf schon aucl dabei sein!" (Musterhafte Reinlichkeit.) Vater (stolz erzählend): „Ein reinliches Kind, mein kleiner Moritz; jede Woche geb' ich ä reines Handtuch, und wenn ich's weg- nehin', ist es noch so sauber wie zuvor." Auflösung des Räthsels in Nr. 68: „Pilatus." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarijchen Instituts von vr. Max Huttler. Nr. 70. 1883. zur „Äugslmrger Pojheitnng." Samstag, 1. September Der Schloßherr von Mineck. Novelle von Joseph Grineau. (Schluß.) Tags darauf hatte der Freiherr zu Ehren eines stattlichen Zehnenders, dessen Fährte der Forstlauser entdeckt, ein Treibjagen mit seinen Leuten veranstaltet; und frühe schon war er aufgebrochen mit seinen Hunden; er fühlte sich einer aufregenden Zerstreuung so sehr bedürftig. Edith machte ihren gewohnten Kirchgang. Sie sah um einen Ton bleicher, wie gewöhnlich aus, und schärfer ausgeprägt schien der charakteristische Züg von Festigkeit, der sich um ihren Mund zog. Sie vergaß nicht auf dem Rückwege in der kleinen Hütte am Waldrand einzukehren, wo die jubelnde Begrüßung der Kinder und der freudig dankbare Blick der Kranken ihr Herz erhob. Sie setzte sich an das Bett der Kranken, in deren Zustand eine Besserung eingetreten war — Dank der wohlthätigen Fürsorge Edith's — und liebevoll und tröstend redete sie zu ihr, als es plötzlich draußen laut wurde, und der Schall von gedämpften Stimmen und Männertritten hereindrang. „Was ist das?" fragte die Kranke, die sich im Bette aufgerichtet hatte. Edith trat an das niedrige, kleine Fenster, um hinauszusehen, aber sie mußte ihre ganze Kraft zusammenraffen, um nicht zu wanken, bei dem Anblick, der sich ihr darbot. Langsam und mit verstörten Mienen näherten sich der Hütte vier Männer, die mit behutsamer Vorsicht einen scheinbar leblosen und mit Blut befleckten Menschen trugen. Da öffnete sich die Stubenthüre und laut schreiend stürzte herein ein kleiner, flachs- haariger Bube. „O Gott! sie bringen den Vater, und er ist todt; er ist todt geschossen!" „Barmherziger Gott!" rief die Kranke mit einem markerschütternden Schrei, und dann legte sich ein wohlthätiger Schleier um ihre Sinne. Ein lautes Jammergeschrei stießen die Kinder aus, als jetzt die Männer leise herein- traten und den Bewußtlosen in die anstoßende Kammer trugen, wo sie ihn vorsichtig auf das Bett legten. Leise unv ernst berichtete dann der Wildmeister Edith, daß ein unvorsichtig ab« gefeuerter Schuß des Freiherrn den armen Forstlaufer in die Brust getroffen habe und vielleicht von todtbringender Wirkung gewesen sei. „Und wo ist der Freiherr?" fragte Edith, deren Herz still zu stehen drohte. „Er ist mit Sturmeseile auf seinem schnellsten Nenner fortgeritten, um selbst so rasch als möglich ärztliche Hülfe herbei zu schaffen. Und er mußte in der That mit Sturmeseile geritten sein, denn ehe es man für möglich gehalten hätte, kam er mit dem Arzte an und sprang von dem über und über mit Schweiß bedeckten Pferde. 654 In der Hausflur trat ihnen Edith entgegen. „Lebt er noch?" rief der Freiherr mit tonloser Stimme und seltsam verstörtem Aussehen. Edith bejahte. „Gott sei Dank!" rang es sich heiß aus der Tiefe seiner Brust und still folgte er Edith und dem Arzte in die kleine Stube. Da stand er nun, und vor seinen Augen entschleierte sich nun zum ersten Mals in den düstersten Farbentönen das Bild des Jammers und menschlichen Elendes, zum ersten Male sah er die grauenerregende Gestalt des Unglückes, und sein Herz zog sich krampfhaft zusammen bei dem Anblicke eines Wehes, das durch seine Schuld hereingebrochen war. Und Edith? — Sie war überall, und hier zeigte sich erst im vollen Lichte die stille Kraft und ruhige Größe ihrer Seele. Fest und mit besonnener Ruhe stand sie inmitten dieses Jammers, der ihr doch so tief in die Seele schnitt, unermüdet helfend und tröstend. Sie war um die kranke Frau und richtete diese auf, sie beruhigte die laut weinen, den Kinder und forderte sie auf zum Gebete, sie unterstützte mit klarer Umsicht den Arzt und vollzog dessen Anordnungen, und sie träufelte milden Trost in die von den heftigsten Qualen und Selbstvorwürfen gefolterte Seele des Freiherrn. Der Arzt hatte die Wunde untersucht, und dieselbe an und für sich nicht lebens» gefährlich gesunden. Aber die Kugel mußte herausgeschnitten werden, und starkes Wund- fieber hatte sich eingestellt, das einen drohenden Charakter angenommen hatte.' -«- * * Lange, lange Tage schwebte der arme Forstlaufer in einem höchst gefährlichen Zustande, aber endlich siegte seine kräftige, unverdorbene Natur, und begann Langsam ihre Heilkraft zu üben. Es war eine schlimme Zeit gewesen für die braven Bewohner der Waldhütt«, und eine schlimme Zeit für Baron Haineck, eine Zeit voll Stunden der heftigsten Selbstanklagen und bittersten Geivissensqualcn, die seine Seele erschüttert und aufgewühlt bis in ihre Grundtiesen, aber auch voll Stunde» der stillen, inneren Einkehr bei sich, die ihn umgewandelt in einen anderen Menschen. Und als endlich der Arzt das Leben des Schwerverwundeten außer Gefahr erklärte, da war es, als ob eine drückende Zentnerlast von dem Gemüthe des Freiherrn gewälzt werde, und mit der wunderbaren Elastizität der Jugend richtete er sich wieder auf, ein neues Leben zu beginnen und die Kräfte zu üben, die so lange in ihm geschlummert und erst durch die unglückliche und doch so heilbringende Katastrophe geweckt worden waren. Niemand freute sich über die Wandlung mehr als Edith, der der Freiherr seit dem letzten verhängnißvollen Ritt mit der strengsten, gemessensten Zurückhaltung, doch zartesten Achtung gegenüber stand. „Sonderbar!" sagte sich wohl der alte General, wenn er die kühle Form des Verkehrens zwischen den beiden jungen Leuten beobachtete, „die beiden verstehen sich doch auch gar nicht, und aus meiner Lieblingsidee wird nichts. Und doch ist Rudolf ein guter Junge, und Keiner wäre »>ir als Schwiegersohn willkommener gewesen als wie der letzte Haineck." » * * Und so saßen denn die drei an einem schönen Abende schweigsam und träumerisch im Schlosse zusammen, als plötzlich der General das Schweigen unterbrach und in seiner Weise, die er gewohnt war, kurz und rasch Entschlüsse zu fassen, und auch auszuführen, jm bestimmten Tone sagte: „Edith, es ist Zeit, daß wir uns zum Rückmärsche rüsteir, für morgen habe ich unsere Abreise festgesetzt." 655 Betroffen fuhr der Freiherr bei dieser unerwarteten Mittheilung in die Höhe, und dringend bat er den General, doch noch länger unter seinem Dache zu weilen. „Nein, mein Junge", entgeguete der General entschieden, der Entschluß ist unabänderlich gefaßt. Auch sollst Du uns und der Gastfreundschaft nicht länger ein Opfer bringen, denn ich weiß recht gut, daß Du lieber Deine Zeit in einem Deiner Geschmacksrichtung mehr zusagenden Orte zubringen würdest, anstatt hier auf Haineck zu sitzen, wo Dich nur die Rücksicht für Deine Gäste festhält." „Sie irren", entgegnete der Baron ruhig, doch mit ernster Festigkeit, „ich werde Haineck nie mehr verlassen." „Nun, zu diesem Vorsätze gratulire ich Dir von Herzen!" rief treuherzig der General aus, indem er dem Freiherrn mit kräftigem Drucke die Hand schüttelte. „So gehört es sich für einen Haineck. Das Leben auf dein Lande bietet ja auch so viel Genuß, und immer mehr Reiz wirst Du ihm abzugewinnen lernen; vor Allem aber muß es von einer nutzbringenden Thätigkeit erfüllt sein, denn das ist ja der Kern des Daseins, das ohne diese nicht mehr wie eine hohle Nuß ist, mögen auch die Schalen noch so glatt und glänzend sein." „Auch ich gedenke meine alten Tage auf dem Lande- zu beschließen", fuhr nach einer kleinen Pause der General fort, nachdem er einen tüchtigen Zug aus seiner Pfeife gethan und mächtige Rauchwolken von sich blies. „Ich will deshalb gleich nach nieiner Ankunft in der Stadt Schritte zu dem Ankaufe eines kleinen Landgutes thun. Nicht wahr, Edith, damit bist Du auch einverstanden und ziehst es dem Leben in der Stadt gewiß vor." Edith fuhr in die Höhe. Wie ein Zug von Trauer und Weh war es über das schöne Gesicht gezogen, als der General so plötzlich und unerwartet die Abreise angekündigt, und dann hatte sie still und in sich gekehrt, wie versenkt in tiefes träumerisches Sinnen, dagesessen. Mit bescheidenem Tone, fast zögernd, bat sie der Freiherr, den letzten Abend noch einmal mit einem Liede zu verherrlichen, sie hatte ja seit langem nicht mehr gesungen» Sie erröthete flüchtig, doch dann setzte sie sich an's Klavier und begann lebhaft zu präludieren. Nie hatte sie mit solcher hinreißenden Wärme und Wahrheit des Gefühls gesungen, wie jetzt dieses schottische Lied, in dem das tiefe Weh des Abschiedes in so schwermuths» vollen und doch so süßen Klängen gewaltsam siuthete. Edith hatte geendet. Wie eine tiefinnerliche Gemüthsbewegung zuckte es in ihrem Antlitz, und rasch stand sie auf und trat hinaus auf den Balkon. Es war ein wunderschöner Sommerabend. Die weiche und blaue Lust war erfüllt von würzigen Waldesdüften, und zahllose Sterne flimmerten vom Himmel herab. Still und schweigend lag der Park, gehüllt in den magischen Nebelglanz des Mondes, der wiederstrahlte von den» Wasserspiegel des großen Schloßteiches und geisterbleich und gespenstisch die aufgestellten Statuen umwob. Aber das traumhafte» mondbeglänzte Naiurbild war nicht dazu angethan, weiche und träumerische Stimmungen zu verscheuchen, und Edith fühlte sich so seltsam bewegt, und eine Stimmung war plötzlich über sie gekommen, die ihrer thatkräftigen und entschlossenen Natur sonst ganz fremd war. War das wirklich eine Thräne, was so hell wie schimmernder Thau im Strahle des Mondes an ihrer Wimper glänzte und sich jetzt löste und langsam die Wange hernieder rann? — Sie hatte es nicht gehört, wie sich leise die Thüre hinter ihr geöffnet hatte. „Edith!" sagte da plötzlich eine tiefbewegte Stimme, bei deren Klang sie zusammen fuhr und sich hastig umwandte. „Bleiben Sie, Edith", bat der Freiherr, der leise hinter sie getreten war, mit ge- 556 dämpfter Stimme und flehendem Tone, „hören Sie noch einmal nur, was meine Seele mich Ihnen zu sagen drängt." Sie neigte leise das Haupt. „Edith, als Sie mir neulich die Nichtigkeit meines Lebens vorwarfen, da erkannte ich nicht die Wahrheit Ihrer Worte; war mein Sinn doch allzusehr betrübt und befangen; aber als dann durch meine Unvorsichtigkeit jenes große Unglück geschah, das Gottes Güte mir so wunderbar zum Heile gewendet und als ich mit Augen sah, was das Leben für Noth und Elend birgt, da fiel es wie ein Schleier von meinen Augen, und ich kam zur Erkenntniß und wurde mir bewußt, was für ein erbärmlicher Egoist ich bisher gewesen, wie ich das Leben vertrödelt im Jagen nach leeren Genüssen. „Aber", fuhr er mit entschlossenem Tone fort, „dahabe ich mir gelobt, ein anderes Leben aufzubauen, zu schaffen und zu wirken und den eitlen Weltsinn mit jeder Faser auszureißen. Ich will mir Ihre Achtung erringen, Edith, auf die ich jetzt freilich noch keinen Anspruch machen kann", fügte er traurig bei, „und wenn es mir gelungen ist, Ihnen die Beweise meiner geänderten Gesinnung zu geben — Edith, Sie scheiden morgen von hier, lassen Sie mir die einzige Hoffnung, daß ich dann noch einmal vor Sie treten darf mit der Frage, ob Sie die Hand mir reichen wollen zum ewigen Bunde für ein ernstes, der Pflicht geweihtes Leben." In leisem Flüstertöne, aber mit heißer Erregung hatte er diese Worts gesprochen. Nun schwieg er und eine Pause war entstanden, in der man nichts hörte als das melodische Plätschern eines Springquelles und das leise Rauschen in den Wipfeln der Bäume. „Edith, antworten Sie; wollen Sie mir diese Hoffnung morgen da lassen?" bat er noch einmal, und der Mond beleuchtete voll sein männlich schönes Gesicht, auf dem eine tiefe Bewegung zuckte. „Rudolf", sagte sie endlich, und ihre Stimme klang dabei wunderbar weich, „als ich vor Kurzem Ihre Werbung ablehnte, da geschah es mit traurigem und betrübtem Herzen, aber es mußte ja fein, weil da, wo die Lebensrichtungen so weit auseinander gingen, keine Vereinigung möglich war." „Heute, Rudolf", fuhr sie fort, und es war nicht nur der Strahl des Mondes, der ihr Gesicht so seltsam leuchten ließ, „heute sind diese Gegensätze, Gott sei Dank! gehoben und ausgeglichen durch Ihre ernste und demuthsvolle Sühne, und nicht brauch' ich zu warten auf Beweise — solch redliches Wollen genügt mir ja, es genügt, uns zu einigen zu gemeinsamem Vollbringen. „Edith!" — Es kam laut, stürmisch, jauchzend von seinen Lippen. Und „Vater gib uns Deinen Segen!" tönte es plötzlich jubelnd an das Ohr des alten General, der vor Ueberraschung und freudigem Staunen sprachlos da stand. „Meinen Segen", sagte er endlich, nachdem er sich gefaßt und gesammelt, tiefbewegt, und sein Auge glänzte feucht, „meinen Segen, ja den geb' ich Euch wit freudigem Vaterherzen, aber bittet auch vor Allem, den da Oben um den Seinen, denn nur auf dem Segen Gottes beruht ja einzig unser Glück und Heil. Das vergesset nie!" Und sie vergaßen es nicht. Sie erflehten den Segen des Herrn unablässig, und er ward ihnen in reicher Fülle. Der General aber hatte nicht nöthig gehabt, ein Landgut anzukaufen; da, wo ihm sein Lebensmorgen frisch und fonnverheißend aufgegangen war, auf Schloß Haineck neigte sich auch sein Abend, rosig angeglüht vom Strahle dankbarer pietätvoller Kindesliebe, in tiefem, süßem Frieden.; 557 Das Mairrthal von Lohr bis Aschaffenbirrg. Von 0r. Ludwig Herrmann. II. W e r t h e i m. Wertheim liegt am Einfluß der Tauber in den Main um den Fuß eines steilen Berges herum, auf welchem die Thürme einer großartigen Burgruine emporragen. Hinter diesem Berge ziehen von Osten und von Westen höhere, mit Gemälde gekrönte Berg« hin. Die Tauber theilt die Stadt in zwei durch eine Brücke verbundene Theile. Gegenüber auf dem rechten Mainufer liegt der bayerische Marktflecken Kreuzwertheim. Burg und Stadt find der Stammsitz des alten ostfränkischen Dynastengeschlechtes der Grafen von Wertheim. Urkundlich kommt zuerst im Jahre 1182 Graf Wolfram von Wertheim vor. Mit dem Tod des Grafen Michael III. im Jahre 1556 erlosch der Mannsstamm. Nun erhielt der Graf Ludwig Stollberg-Königstein, der Schwiegervater des Grafen Michael, die Grafschaft Wertheim. Durch die Vermählung seiner Tochter mit dem Grafen Ludwig von Löwenstein kam die Grafschaft in den Besitz dieses Hauses. Während des 30jährigen Krieges entstand des Glaubens halber Zwist und Fehde im Hause der Grafen. Das Haus Löwenstein-Wertheim theilte sich nun in zwei Hauptlinien, die Freudenbergische und die Nösenbergische. Die letztere wurde 1711, jene 1813 in den Fürstenstand erhoben. Die Freudenbergische Linie ist protestantisch und hat ihren Sitz in Wertheim, Kreuzwertheim und Tiefenstein, die Nösenbergische ist katholisch und residirt in dem Schlosse zu Klein-Heubach am linken Mainufcr. Die Wertheimer Schloßruine hat einen größeren Umfang, gewaltigere Massen und phantastischere Getrümmerhaufen als die Heidelberger Schloßruine, steht dieser aber an architektonischer Schönheit nach. Im Jahre 1634 wurde der ganze südliche Theil der Burg von den Kaiserlichen unter Oktavio Piccolomini in Trümmer geschossen. Die Breschen wurden nicht mehr ausgebessert, und die Grafen gaben das Bergschloß als Wohnsitz auf. Die ihrem Schicksal überlassene Burg zerfiel allmählich. Eigenthümer der Burgruine ist das fürstliche Gesammthaus Löwenstein-Wertheim. In neuerer Zeit wurde von diesem die Burgruine mit Garten-, Neben- und Gehölzanlagen umgeben, und es wurde Sorge getragen für die malerische Unterhaltung des noch stehenden Theiles. Für die Bewachung der Burg ist ein Kastellan aufgestellt, der in einem restaurirten Thurme wohnt. Der Bau der Burg gehört verschiedenen Bauperioden an, wie aus den verschiedene Baustyle ausweisenden Trümmern ersichtlich ist. Der älteste und noch ziemlich gut erhaltene Theil ist ein hoher viereckiger aus Wulstquadern erbauter Thurm von kolossaler Dicke. Er gehört dem XII. Jahrhundert an. Dies ist die Urform der Berg- schlösser jener Zeit, der alten oastra: umfangreiche, massive viereckige Thürme, zur Be- wohnung und zur Vertheidigung bestimmt. Ebenso gut erhalten wie dieser ist auf der Ostseite ein runder, ganz mit Epheu umsponnener Thurm; er hat den Namen „Zehnringthurm" erhalten, weil später rundum in das Mauerwerk 10 eiserne Ringe eingelassen wurden. Diese Ringe dienten wahrscheinlich dazu, Wollfäcke daranzuhängen zum Schutze gegen schwere Geschütze. Von dem der Tauber zugekehrten Schloßtheile, erbaut 1310 vom Grafen Rudolf, stehen noch die freundlich mit Grün durchwirkten Außenmauern mit den leeren Fensteröffnungen. Das Portal der im zierlichen Nenaissancestyl erbauten Schloßkapelle trägt die Jahreszahl 1562, von der Kapelle selbst ist nur noch der Giebel und ein Theil des Thurmes vorhanden. An einer Terrasse sah ich ein schönes gothisches Geländer. Ueber dem Burgeingang stehen zwei im Jahre 1745 erbaute Thürme, die durch Zwischengebäude miteinander verbunden sind. Sie enthalten die Archive der beiden fürstlichen Häuser. Fürstlicher Archivrath ist der rheinische Dichter Alexander Kaufmann, der Gemahl der gleichfalls auf poetischem Gebiet vortheilhaft bekannten Amara George Kaufmann. Zur Besichtigung der ganzen umfangreichen Schloßruine mit ihren vielen halbeingeflürzten Thürmen, Hallen, Ställen, Kellergewölben, Bastionen und Vormerken 558 brauchte ich über zwei Stunden. Die Aussicht von der Schloßterrasse und von den zwei gut erhaltenen Thürmen ist unbeschreiblich schön. Am Ausgang eines ganz mit Obstbäumen und Nebenterrassen bedeckten Thales mischt die Tauber ihre sanft dahingleitenden Fluthen mit denen des Mains. Dieser bildet hier eine breite Bucht, die wie ein kräuselnder See die Gestade umspült. Tief unten zieht sich die Stadt mit ihren Thürmen, Kirchen und Häusern dicht an ihrem Ufer hin. In der Ebene breiten sich Gärten mit Lusthäuschen, grüne Wiesen und wogende Kornfelder aus. Im Nordwesten erheben sich hohe Berge, die Gipfel bewaldet, die Hänge mit Traubenterrassen bebaut. Auf einem dieser Berge schaut aus den Bäumen ein Wartthurm heraus, der früher mit Wächtern besetzt war, welche das Bergschloß durch Zeichen vom Nahen eines Feindes in Kenntniß zu setzen hatten. Im Osten steigt die vom Main umgürtete düstere Wettsrburg empor. Gegenüber am rechten Mainuser erblicken wir Kreuzwertheim mit dem von Parkanlagen umgebenen fürstlichen Schlosse. Auch dort haben Bacchus und Ceres ihre Gaben verschwenderisch ausgeschüttet. Im Hintergründe taucht der dunkelbelaubte Spefsart auf und tritt da und dort bis nahe an die üppigen Fluren und Weinberge heran. Wertheim zählt 3500 Einwohner, unter diesen 2380 Protestanten. In dem rechts von der Tauber liegenden Theile sieht man viel« alte Häuser mit hohen Giebeldächern. Hier steht auch ein fürstliches Schloß, welches jetzt den Beamten des Fürsten zur Be- wohnung überlassen ist. Die im Jahre 1384 im gothischen Style erbaute Stadtkirche, jetzt protestantische Pfarrkirche, enthält viele Grabdenkmäler der Grafen von Wertheim; von diesen haben zwei großen Kunstwerth. Das eine stellt in rothem Sandstein den Grafen Johann I. (ch 1407) mit seinen beiden Frauen in Lebensgröße dar. Der Graf, eine reckenhafte Nittergestalt, im Kostüm des XV. Jahrhunderts mit Kettenpanzer, steht in der Mitte der zwei Frauen. Die Frauen sind von großer Schönheit und Anmuth und sehen einander ganz ähnlich; die eine schlägt sinnend die Augen nieder, die andere schaut zu dem Grafen empor, als ob sie sich an dem männlich schönen Antlitz ihres Gatten erfreue. Aus der ganzen Gruppe weht uns ein poetischer Hauch an, wir haben es wahrscheinlich nur mit Jdealgebilden zu thun. Die Sage, der Graf habe nach dem Tode seiner ersten vielgeliebten Gattin in Begleitung eines Knappen viele Länder durchwandert, bis er endlich eine jener ähnliche Jungfrau gefunden, schwebte wohl dem unbekannten Künstler vor. Das zweite, großartigere Denkmal aus weichem Tuffstein, im Nenaissancestyl von dem Bildhauer Johannes von Trarbach ausgeführt, stellt den Grafen Michael III. von Wertheim (ch 1556), dessen Gattin (ch 1606) und deren zweiten Gatten, den Grafen Philipp von Eberstein (ff 1589) dar. Die drei lebensgroßen Statuen stehen in drei überreich verzierten Nischen, welche durch eine auf vier Säulen ruhende Architektur gebildet werden. Oben schwebt Gott Vater und der auferstehende Christus, rechts der Glaube und Simson mit den Thorflügeln, links die Liebe und der von dem Walisisch an's Ufer geworfene Jonas. Zu den Füßen der Gräfin spielen zwei liebliche Kinder. Die drei ausdrucksvollen Köpfe sind hier wirkliche Porträts. Die Ornamentik zeugt von großer Kunstfertigkeit. Auf beiden Monumenten sind die Rüstungen, Gewänder und Wappen sehr fleißig und zierlich ausgearbeitet. Nahe bei der Kirche steht eine 1425 erbaute Kapelle, ein Muster edelster Gothik, aber im Innern durch die Umwandlung in ein Schulhaus verunstaltet. In dein Stadttheil links der Tauber sah ich viele stattliche, aus rothem Sandstein aufgeführte Gebäude, wie die katholische Kirche, das Gymnasium, das Amtshaus, die umfangreichen Gebäude des Bahnhofs der Lohr- Wertheimer und der Wertheim-Mergentheimer Bahn. Die badische Regierung hat auch hier den geistigen Interessen der Bevölkerung große Sorgfalt zugewendet; in der kleinen Stadt befinden sich ein mit guten Lehrkräften besetztes vollständiges Gymnasium, eine Gewerbeschule, eine höhere Töchterschule und mehrere vortreffliche Volksschulen. Deshalb herrscht hier durchgängig ein sehr anständiger Ton. Gegen Fremde sind die Wertheimer außerordentlich entgegenkommend und gefällig. Der Handel mit Wein, Obst, Getreide und rothen Sandsteinen ist nicht unbedeutend. Die Bevölkerung des angrenzenden Tauber- 559 — grundes ist mit Ausnahme der Dörfer „Niklashausen" und „Waldenhausen" *) katholisch und gibt bei den Wahlen meist den Ausschlag. Wer Werthem» besucht, versäume nicht, einen Ausflug zu machen nach der von» Grafen Wolfram v. Werthem» im XII. Jahrhundert gestifteten Cistercienser Abtei Bronnbach. Die Werthcim-Mergentheimer Bahn bringt ihn in 15 Alinuten dorthin^ Die im Jahre 1803 säkularisirte Abtei, jetzt eine Musterökonouiie des Fürsten von Löivenstein-Wertheim-Nosenberg, liegt wunderschön am User der Tauber. Sehr fehensmerth ist die in» byzantinischen Styl erbaute große Abteikirche mit Krypta» Kreuzgang und vielen Grabdenkmälern» *) Nur diese zwei Dörfer im Taubcrgrunde sind protestantisch. Goldkörner. Halt' dich rein, Bleib' gern allein, Mach' dich nicht gemein, Willst du in Ehren gehalten sein! Nicht alles Krumme macht man grad, Nicht ebnen läßt sich jeder Pfad. Wohl begonnen, Ist halb gewonnen. Eig'ner Herd Ist Goldes werth; Ist er auch arm, Hält er doch warm. Wer feinen Neider liebt, von Feinden Gutes spricht. Sag', ob ein Solcher nicht von Disteln Trauben bricht? Almofen reiche Zinsen trägt, Es wird im Himmel angelegt. Was hilft dir gut bedacht, Wenn's gut nicht ist gemacht. F. B e ck. Miseelilsn. (Die Stromschnellen des Niagara,) in denen der Kapitän Webb vor Kurzein verunglückte, will jetzt ein Amerikaner durchschwimmen. Er beabsichtigt zuerst einen Strohmann durch die Wasserhöhle zu schicken, um durch ihn Gelegenheit zu gewinnen, die Strömung rc. zu studiren. Vorläufig unterzieht sich der Wagehals einer Trainirung und schwimmt gegen die Fluth und in den Brandungen des Meeres. Uebrigens soll Kapitän Webb, wie jetzt verlautet, nicht der erste gewesen sein, welcher das ungeheure Wagniß unternahm, die Stromschnellen des Niagara zu durchschwimmen. Vielmehr wird erzählt, Webb habe schon drei Vorgänger gehabt. In den Vierziger- Jahren galt Dir. Füller, der Redakteur des zu Milwaukee erscheinenden „Daily Wiskonsin", als der beste und kühnste Schwimmer in der ganzen Union. Im Frühjahr 1819 besuchte er mit mehreren Freunden den Niagara, und sofort stieg in ihm der Gedanke auf, -ob es wohl möglich sei, die Wirbel am Fuße des Kataraktes zu durchschwimmen. Seine Freunde, die seine Alles in die Schanze schlagende Verwegenheit kannten, erklärten jeden derartigen Versuch für einen selbstmörderischen Frevel. Unentwegt aber richtete Füller an den Steuermann der Fähre, die den Verkehr mit dein kanadischen Ufer vermittelt, die Frage ob noch Niemand das Wagniß unternommen habe. „O, doch," antwortete der alte Charon. „Zwei englische Soldaten von Toronto." Wo gingen sie durch?" frgate Füller mit funkelnden Augen. „Dort!" erklärte der Fährmann und deutete eins Strecke stromaufwärts. Der Redakteur wandte sich an seine Freunde: „Soll sich ein Am erikaner nachsagen lassen, er habe weniger Kourage als so zwei englische Kommiß- brodschlucker l?" Ohne auf irgend einen weiteren Zuspruch zu hören, stelzte er »nit seine,» 560 — langen Beinen nach der bezeichneten Stelle hin, riß sich die Kleider vom Leibe und sprang in den Strom, der dort etwa tausend Fuß breit war. Schon in den nächsten Minuten sahen ihn seine erschrockenen Freunde mit den schäumenden Wirbel» kämpfen. Bald tauchte er auf — bald verschwand er — dann kam er abermals in die Höhe — um gleich darauf abermals unterzugehen. Aber der zähe Schwimmer hielt Stand und „faßt ihn der Strudel mit rasendem Toben — es war ihm zum Heil — er riß ihn nach oben". Halbtodt vor Ermattung erreichte der Tollkopf die kanadische Uferseite, wo ihn seine Freunde, die weiter unten die Fähre bestiegen hallen, in Empfang nahmen. Auch der Fährmann kani herbei. Mit echt amerikanischem Gleichmuth klopfte er dem keuchenden Redakteur auf die Schulter und sagte: „Habt Eure Sache gut gemacht, Sir, denn die zwei Engländer, von denen ich Euch sprach, sind unterwegs ersoffen." Ob es dieselbe Stelle der Stromschnelle war, in welcher Webb seinen Tod fand, geht aus diesem Bericht freilich nicht hervor; wahrscheinlich ist es nicht. (Splitter.) Wenn man hört, daß ein Mann eine gute Partie gemacht hat, so kann man ziemlich sicher überzeugt sein, daß die Frau eine schlechte gemacht hat. In der Krrpelte. Vollendet ist die Messe, der Priester im Talare Den beil'gcu Segen spendet, und wandelt vom Altare. Jung Walther kniet im Stahle, die Mutier ihm zur Linken r Zur letzten, tiefen Andacht die Beiden stumm versinke». Da wogt herauf zum Hase der Reiter wirr Gedränge; Es wiehern ihre Rasse, eS klirrt ihr Wehrgehäuge. Hell schmettert durch den Margen der Höruerrus zum Reiten, Und rauh zur Mahne preisend sie in die Bügel gl atm. Jung Walther sieht die Mutter erschrecken und erblassen, Er neigt sich zu ihr über, sie scheidend zu umfassen. Ihm quillt aus blankem Helme tue weiche dunkle Locke, Von Erz der schlichle Harnisch blitzt unterm Wafsenrocke; Das Schwert des todten Bakers umgürtet seine Leiche; Ans's Haupt, zur Erd' gebogen, die Matt r legt die Hände, Und senk t ihre Augen voll Wehmuth in d e seine», Es ringt ihr Mund uni's Lächeln, ihr Auge kann nur weinen. „An meiner Liebe Borne lrankst du des Lebens Morgen, Ich hab' in deine Seele mein ganzes Lei» geborgen! Mit unsichtbaren Fäden bin ich mit dir verkettet, Hab' alle meine Freuden in deine Brust gebettet! Du bist der Lenz der Rosen, die mir das Herz umflechten! Du Sonne meiner Tage, du Stern in meine» Rächten! Und nun von all' dein iet'gen, mir überbliebnen Glücke Bringt mir vielleicht ein Wandrer den Namen nur zurücke, Und nennt mir noch die Stätte, wo bleich du hingesunken, Uiid bringt i»ir eine Blume, die noch dein Blut getrunken I" — Da stillt ihr eine Thräne ani's Schwert des todten Gatten, Und aus dem Grabe steiget iei» theurer Heldmschatteu. Und all' die welke» Blumen, all' die erloschnen Sonnen Vor ihrer Seele tauchen aus der Erinnerung Bronnen. Vom Geist des Vaterlandes fühlt sie das Herz dnrchichauert, Das deutsche Weib frohlocket, ob auch die Mutter irauert. Hoch über Gram und Thränen hat sich ihr Muth geschwungen, Und eine deutsche Mutter hätt ihren Sohn umschtilngeii: „Zieh' hin, in Gottes Name», zum Sterben oder Leben! Mein Vaterland! ich hab' mich in dein Gebot ergeben! Wo wären deine Helden, wenn feig die Mütter wären? Ich will aus Gott vertrauen! Mein Auge las;' die Zähren!" Oscar v. Redwitz. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Or. Max Huttler. »m ^Ängslmrger Postzeitung." 71. Mittwoch, 5 . September 1883. Der Gpalring. Ronian aus dem Englischen von E. C. (Nachdruck derdotm.) Erstes Capitel. Es war ein regnerischer Nachmittag, mit schneidendem Märzwinde; anscheinend hatten Winter und Frühling ihre unangenehmsten Eigenschaften vereinigt; der Himmel war in einförmig Grau gekleidet, die Straßen mit Koth bedeckt, von den Thoren und den überhängenden Schildern der Geschäftshäuser tropfte der Regen und bildete kleine Tümpel in den Unebenheiten des Pflasters. Die Polizisten sahen, ungeachtet ihrer Negenmäntel, durchnäßt aus und von jedem Regenschirme der wenigen Fußgänger strömten kleine Wasserfalle hernieder. Eine junge Dame wandte sich an einer Straßenecke um und winkte dem sich nahenden Omnibus. Der Kutscher bemerkte das Zeichen und hielt an. Die junge Dame nahm den noch freien Platz in der Nähe der Thüre ein, und der Omnibus rasselte weiter. Sie war ein schlankes, hübsches Mädchen von zweiundzwanzig Jahren, mit sanften, nußbraunen Augen und hellbraunem Haar; ihre Gesichtsfarbe war blaß und die feinen Züge nicht regelmäßig genug, um Anspruch auf Schönheit machen zu können. Die heruntergehenden Linien zur Seite des Mundes, sowie das leichte Zusammenziehen der gut geformten Stirne, zeugten von Traurigkeit oder auch vielleicht Ermüdung; denn ihr Kopf sank, gleich einer mit Thau bedeckten Blume, leicht zur Seite. Ihr einfacher Anzug bestand aus einem dunkelblauen Kleide und schwarzem Hute, sowie einem großen, grau wollenen Shawl, mit dicken Fransen. Gleichgültig betrachtete sie ihre Mitreisenden, bis endlich ihre Augen auf der letzten Person ihr gegenüber haften. Dieser, ein Mann von mittlerer Statur, mit dunkelbrauner Hautfarbe und schwarzem Haare, welches in festgedrehten Locken, einem Pfropfenzieher ähnlich, um seinen Kopf hing, hatte eine schmale Adlernase, die dünnen, breiten Lippen waren fortwährend in Bewegung und seine kleinen schwarzen Augen standen auffallend nahe zusammen. Er trug keinen Bart, und doch hätte man ihn nicht glatt rasirt nennen können, da die dunkeln Stoppeln in seinem Gesichte schon mehrere Tage alt zu sein schienen. Sein brauner Ueberzieher mit Pelzkragen sah sehr abgenutzt aus und vorne hing ein Knopf ganz lose daran. An den Handschuhen blickten die Finger durch, und auch sein Hut schien bessere Zeiten gekannt zu haben. Im Ganzen machte er den Eindruck eines Landstreichers. Jetzt vertiefte sich tue Hand oes kleinen Mannes in eine Seitentasche des Rockes und holte ern Notizbuch hervor; dann suchte er von Neuem nach einem Bleistifte» und da dieser keine Spitze hatte, zog er, nachdem er sich vorher seiner Handschuhe entledigt, ein Feldmesser heraus. Die junge Dame bemerkte, daß er an dem kleinen Finger seiner nicht besonders reinlichen, braunen Hand einen anscheinend' werthvollen antiken Ring trug. Ein prachtvoller Opal bildete den Mittelpunkt desselben, und diesen umgaben mehrere kleine Edelsteine. Es war ein eigenthümlicher Ring, den man, einmal gesehen, leicht wieder erkennen konnte. Nachdem der kleine Mann in seinem Notizbuche einige Zeit herumgeblättert hatte, sing er emsig an zu schreiben, dann blickte er wieder durch das Fenster der Wagenthüre und steckte eiligst sein Buch ein. Während er damit beschäftigt war, fiel der Regenschirm, welchen er zwischen den Knieen gehalten, gegen das Kleid der jungen Dame. „Bitte sehr um Entschuldigung", sagte er mit ausländischem Accent und streckte seine Hand nach dem Schirme aus. Aber dieser hatte sich in den schweren Fransen des Shwals verwickelt. Das Mädchen bemühte sich, ihn los zu machen, aber der Mann war behender als sie, seine Hände schienen an solche gewandte, flinke Arbeit gewöhnt zu sein. Nun rief er den Condukteur, raffte seine Handschuh zusammen und stieg aus. Sie blickte ihm neugierig nach, wohin er wohl gehe. Er öffnete seinen Regenschirm nicht, sondern lief eiligst guer über die Straße und schellte an der Nebenthüre eines großen Porzellangeschäftes. Sie bemerkte nicht, ob er eingelassen wurde, denn der Omnibus rollte vorwärts, und sie verlor ihn aus dem Gesichte. Es begann dunkel zu werden; der Regen floß noch in Strömen, als der Wagen seinen Bestimmungsort erreicht hatte, und die junge Dame ausstieg. Sie mußte noch zehn Minuten zu Fuß zurücklegen und eilte durch Sturm und Regen muthig vorwärts. Ihr Weg führte sie bald in eine enge Straße an armseligen Häusern vorbei, bis sie endlich ein kleines Thor erreichte; dieses öffnend, durchschritt sie ein hübsches Gärtchen und langte dann in ihrer Wohnung an. Doch hier änderte sich plötzlich die Scene. Ein behagliches, häusliches Bild bot sich ihr dar, so recht ein Gegensatz zu dem trüben, nassen Wetter da draußen. Im Kamine flackerte ein lustiges Feuer; rothe Gardinen verhüllten die Fenster, auf dem Tische brannte die Lampe und erleuchtete das blendendweiße Damastgedeck mit dem darauf zurecht gestellten chinesischen Theeservice, während der singende Wasserkessel, das frische Brod, der Schinken, die Butter und ein Glas Johannisbeeren-Gels zur nöthigen Erfrischung einluden. Vor dem Theebrette saß eine hübsche, freundliche Dame von fünfundvierzig Jahren, mit blühender Gesichtsfarbe und noch glänzendem, üppigem Haare; in der Nähe des Kamins hatte eine jüngere Dame auf einem niedrigen Schemel Platz genommen. „Du kommst heut spät zurück, Bertha", sagte die Aeltere zu der eben Herein- tretenden. „Ja, Mama, spät und naß und müde", entgegnete Bertha. „Ich will eben hingehen und meine Sachen ablegen und Dir dann erzählen, was ich den Tag über angefangen habe. „So eile Dich, wir haben schon eine halbe Stunde mit dem Thee auf Dich gewartet. Was hast Du dort Glänzendes in den Fransen hängen?" fügte die .Mutter hinzu, als Bertha sich umwandte, um das Zimmer zu verlassen. „Etwas Glänzendes?" frug diese und untersuchte ihren Shwal. Ein Ausruf der Ueberraschung, fast des Schreckens, entschlüpfte ihr. Dort in den Fransen hing der Opalring, welchen sie an der Hand ihres Gegenübers im Omnibusse erblickt hatte» Mit großer Hast machte sie ihn los; es war unverkennbar derselbe Ring. „O Mama, was soll ich anfangen!" rief sie. Im ersten Schrecken kam eS ihr vor, als ob sie sich augenblicklich ivieder hinaus in das fürchterliche Wetter begeben müsse, um den Eigenthümer des Ringes aufzusuchen. „Ein Mann, welcher mir gegenüber im Omnibus saß, trug diesen Ring. Sein Regenschirm fiel gegen meine Kniee, ehe er aussteigen wollte, und indem er ihn nahm, muß der Ring sich in die Fransen verwickelt haben. Was soll ich nun machen?" „Du hast keine Ursache so bestürzt darüber zu fein", sagte die junge Dame, welche 563 am Kamin gesessen und die jetzt hinzutrat, um den Ring in Augenschein zu nehmen. Du wirst doch nicht deshalb des Diebstahls beschuldigt werden können." Auch die Mutter erhob sich, ganz aufgeregt über diesen merkwürdigen Zufall. „Zeige ihn mir einmal", sagte sie, „und — um's Himmelwillen, Kind, wie naß Du bist! Lause nur rasch hinaus und wechsele Deine Kleider, heute Abend kannst Du in keinem Falle mehr ausgehen." Bertha zögerte noch einige Augenblicke. „Nein, heute Abend wird es nicht mehr möglich sein. Es war ein sonderbar aussehender Mann, daß meine Neugierde erregt wurde, und ich ihm nachblickte, um zu sehen, in welches Haus er sich begebe. Vermuthlich wird es morgen auch noch früh genug sein.", „Natürlich", bestätigte Mrs. Dalton. „Jetzt gehe augenblicklich und kleide Dich um, Du wirst Dich noch zu Tode erkälten." „Ich wartete einige Zeit bei Miß Beaumont in der Hoffnung, oaß das Wetter sich aufklären würde", entgegnete Bertha, ihrer Mutter den Ring hinreichend. „Hah ich bin so naß wie eine Katze", und beim Hinauslaufen rief siel „Bitte, setze den Thee an, Mama." Als sie wieder herunterkam, war der Thee fertig; die jüngere Dame hatte mit dem Nucken gegen den Kamin Platz genommen und amüsirte sich damit, den Ring fortwährend an den Finger zu stecken und wieder auszuziehen. Sie war sehr schön; ihre Züge waren klassisch in ihrer Regelmäßigkeit; die braunen Augen, von langen Wimpern beschattet, bildeten ebenso wie die schön gezeichneten Augenbrauen einen überraschenden Contrast zu ihrem goldenen Haare; ihr blendendweißer Teint wurde noch durch die Räthe der Wangen und Lippen gehoben. Sie hatte eine große, schlanke Gestalt und ihre Bewegungen trugen den Stempel träger Anmuth, welcher mit dem ruhigen, theilnahmlosen Ausdrucke des schönen Gesichtes vollständig harmonirte. „ES scheint ein sehr werthvoller Nina zu sein", sagte Mrs. Dalton, als Bertha am Tische Platz nahm. „O, ich wollte, er wäre mein", seufzte Madelina oder Lena, wie man sie zu nennen pflegte, und von Neuein steckte sie den Ring an den Finger und betrachtete mit Bewunderung die gut geformte Hand. „Das ist ein vergeblicher Wunsch", entgegnete Bertha. „Sobald ich morgen bei Miß Paget fertig bin, werde ich zu dem Hause hingehen, wo der Mann schellte, und dort Erkundigungen einziehen. Wie froh bin ich, daß ich das doch zufällig gesehen habe." Nachdem sie ihren Hunger gestillt, betrachtete sie den Ring genauer. Um den Opal, der zuerst ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen, befanden sich fünf kleinere Steine in Form eines Hufeisens und unter diesen ein winziges goldenes Herz. Die Fassung war ein wahres Kunstwerk und dem Style nach zu urtheilen, Jahrhunderte alt. Es schien ein Familienerbstück zu sein. „Vermuthlich bilden diese Steine einen Namen", fuhr Bertha fort, „da die Wahl derselben so seltsam ist; sieh' dieser zweite ist ein Stück Jaspis. Der erste ist der Opal, dann kommt Jaspis, Diamant, Emerald*) und Saphir." „O. I. D. E. S." buchstabirte Lena. „Das ist Unsinn." „Halt", entgegnete Bertha. „Wird der Opal nicht zuweilen auch feuriger Stein genannt 2 Dann wäre der erste Buchstabe F. Ich habe es — F. I. D. E. S. — Fides, ohne Zweifel. Ich möchte wohl wetten, daß es ein Verlobungsring war." „Mir würde es sehr lieb sein, wenn Ihr Euch mit dem Thee beeiltet, Mädchen", warf Airs. Dalton dazwischen. „Der Ring ist beides, schön und interessant, aber für uns von gar keiner Bedeutung, da er aller Wahrscheinlichkeit nach zurückgefordert wird." „Wir wollen es hoffen, Mama, obgleich ich gestehe» muß, daß das Aeußere des Mannes, der ihn trug, es mir sehr fraglich erscheinen läßt, ob er auf redliche Weise in seine» Besitz gelangt ist." *) Englischer Ausdruck für Smaragv, „Wie kannst Du das wissen, Bertha?" frug ihre Mutter. „Natürlich kann ich das nicht wissen, Mama; es ist nur eine Vermuthung.« Nachdem sie endlich mit dem Theetrinken fertig waren, stellte MrS. Dalton den Zucker und Johannisbeergölä in den schweren, altmodischen Schrank und schellte dem Mädchen, um den Tisch abzutragen. Bertha ging zu ihrem Arbeitskörbchen, nahm ein Stückchen Silberpapier, wickelte den Ring hinein und legte ihn in ihre Börse. „So, da kannst du nun liegen bleiben bis morgen, wo hoffentlich dein Eigenthümer entdeckt werden wird«, sagte sie und nahm dann ihr Schreibpültchen zur Hand, da ste die Aufgaben ihrer Schülerinnen über Harmonielehre nachzusehen hatte. Lena erhob sich ebenfalls, um ihre Arbeit zu nehmen, und nun konnte man bemerken, daß sie einen mit langer Schleppe versehenen, blauseidenen Rock mit einer hübschen schwarzsammtnen Tunika trug. Als Sara die Theeserviette wegnahm, stellte Lena ein reizendes Arbeitskästchen auf den Tisch; in demselben befand sich eine kleine Spitzen« arbeit, ähnlich dem Kragen und den Manschetten, welche sie selber trug. „Bitte, räume mir ein klein wenig Platz an dieser Seite des Tisches ein, Lena; ich bin so kalt", sagte Bertha, das Schreibpültchen in der Hand haltend, während ein Frösteln durch ihre Glieder fuhr. „Meinst Du, ich wäre nicht kalt?« entgegnete ihre Schwester, ein wenig zur Seite rückend. „Bist Du heute ausgewesen?" frug Bertha, während sie sich niedersetzte. „Aus? Nein, gewiß nicht bei so kaltem, schlechtein Wetter." „Ich glaube kaum, daß eS für Dich schlechter war, als für mich." „Du vergissest den Unterschied, Bertha", schaltete Mrs. Dalton ein, indem sie das „Magazin", in welchem sie den Thee erwartend gelesen hatte, wieder zur Hand nahm. „Du weißt, daß ich Lena nicht allein ausgehen lassen kann und es war mir zu naß, um sie zu begleiten." Bertha verstand sehr wohl, was ihre Mutter mit dem „Unterschiede" meinte. Lena war sechszehn Monate älter, als sie, und von frühester Jugend an war es Bertha eingeprägt worden, daß Lena eine Schönheit sei, und sie sich in keiner Beziehung eines hübschen Aussehens rühmen könne. Oftmals in letzterer Zeit mußte Bertha im Stillen darüber nachdenken, ob sie nicht vielleicht auch hübscher und frischer aussehen würde, wenn ihr Vater noch lebte, und dadurch die Vermögensverhältntsse besser wären, und sie nicht so anstrengend zu arbeiten habe. Es war wahrlich kein Wunder, daß zuweilen ihre Wangen bleich und die Augen müde waren und wenn sie sich so ermattet fühlte, schmerzte es sie doppelt, den Vorwurf hören zu müssen, daß es ihr an Frische und Lebendigkeit fehle. Der Charakter sowohl wie die Erziehung Bertha's ließen sie meistens alle Dinge von der besten Seite auffassen, nur wenn sie sich gar so matt und abgespannt fühlte, tauchte der Gedanke, ein hartes Loos habe sie getroffen und die ältere Schwester könne wohl auch einen Theil der Arbeit übernehmen, in ihrer Seele auf; doch war sie im Allgemeinen zufrieden. Sie freute sich ihrer hübschen Heimath, wenn sie nach vollbrachtem Tagewerke dorthin zurückkehrte und obschon sie und die Ihrigen keine ausgedehnte» Bekanntschaften hatten, besaßen sie doch einige angenehme Freunde, deren Gesellschaft sie liebte. Nein, Bertha Dalton war nicht unglücklich; sie hatte das beruhigende Bewußtsein, ihre Pflicht treu zu erfüllen und kannte die Langeweile, über die Lena sich oft so bitter beklagte, gar nicht. Es konnte nicht ausbleiben, daß sie zuweilen ein Gefühl von Niedergeschlagenheit empfand; aber sie kämpfte muthig dagegen an und setzte voller Vertrauen den Weg fort, welcher ihr von der Vorsehung war bezeichnet worden; ihn willig zu verfolgen, erkannte sie als ihre heiligste Pflicht. (Fortsetzung folgt.) 565 Das Mairrthal von Lohr bis Aschaffe,rbrirg. Von vo. Ludwig Herrmann. IN. Von Wertheim nach Aschaffenburg. Die Lohr-Wertheimer Bahn endet in Wertheim. Von dort führt eine gute Landstraße längs des linken MainuferS nach der 7 Stunden entfernten Stadt Miltenberg, von wo man sich auf der Aschaffenburg-Miltenberger Bahn nach Aschaffenburg begeben kann. In Wertheim und in Miltenberg findet man gute Mieths« und Postchaisen, welche den Weg zwischen diesen beide» Städten in 3—3'/^ Stunden zurücklegen. In diesem Theil des Mainthals waltet die Romantik vor. Auf beiden Seiten erblicken wir hohe bewaldete Berge, die bald dicht an die Gestade herantreten und den Strom in ein engeres Bett pressen, bald sich wieder etwas vom Ufer entfernen. Der Main windet sich in mannigfachen Krümmungen um die Berge, fast jede Beugung bildet durch die im Vorder- wie im Hintergründe vorspringenden Berge und Felsen ein abgeschlossenes Ganze, ein neues Landschaftsbild, dessen Reiz durch die auf den Höhen auftauchenden Burgruinen aus der Feudalzeit erhöht wird. Die frühere Fahrt auf den Maindampfern bot mir Hähern Genuß als die Landfahrt; denn bei jener zogen die verschiedenen landschaftlichen oft kontrastirenden Szenerie?» wie eine Wandeldekoration vorüber und das Auge umfaßte die Einzelbilder ganz. Gleich unterhalb Weltheim steigen am linken Ufer felsige Berge, die Gipfel mit Wald bedeckt, schroff empor und lassen der Landstraße kaum genügenden Raum. Tosend umströmt-der Main einen Berg, an dessen zerklüfteten Buntsandsteinfelsen sich die Häuser des Dorfes „Bestenheid" anlehnen. Hinter diesem Berg erhebt sich ein massiver Berg, der „Sporkert", auf dessen Gipfel sich die Trümmer einer allemannischen Grenzwehr befinden. Etwas unterhalb Bestenheid am rechten Ufer erscheint an der Mündung des romantischen Spessarter Haßlochthales das freundliche Dorf Haßloch, umgeben von Reben- terrassen, auf denen ein vorzüglicher Wein wächst. Hier ergießt sich die forellenrsichs Hassel in den Main. Sie treibt zehn Mühlen und ein Hammerwerk. Gehen wir das anmuthige Haßlochthal etwa eine Stunde aufwärts, so eröffnet sich uns «in bewaldetes enges Seitenthal, eine Art von Waldschlucht, hier liegt in einem umbuschten Wiesengrunde die „Karthause Grünau", ein passender Ort für Karthäuser- Mönche, deren strenge Ordensregeln Einsamkeit in abgeschlossenen Zellen, fortwährendes Schweigen und Enthaltung von Fleischnahrung vorschreiben. Düstere Stille umlagert den einsamen Thalgrund, aber seine Waldberge athmen erfrischende Lebenslust aus. Die Gräfin Elisabeth von Hohrnlohe, geb. Gräfin von Wertheim, stiftete im Jahre 1328 dies Kloster zur Sühne; die leidenschaftliche Jägerin Hatte dort ihren Gemahl getödtet, den sie im Waldesdickicht für ein Wild gehalten. Das im Jahre 1803 aufgehobene Kloster wurde mit seinen Gütern dem Grafen Löwenstein-Wertheim-Freudenberg übergeben, das Konventsgebüude, jetzt Wohnung des Oekonomiepächters, ist noch vorhanden, aber im verfallenden Zustand, das Refektorium wurde in eine Scheuer umgewandelt, die Klosterkirche sammt den Altären und den Mönchszellen auf den Abbruch verkauft, unter freien: Himmel stehen sieben hohe mittelalterliche Leichensteine von Karthäusern — ein widerliches, mir den Waldfrieden störendes Bild! In der Umgebung sind mehrere gut angelegte kristallhelle Forellenbäche und Teiche. In neuester Zeit wurde hier eine Anstalt für künstliche Fischzucht errichtet. Die an den Mainufern sehr häufig vorkommende Flußotter (Imtrn innsor), der gefährlichste Feind der Fische, steigt die in den Strom mündende Bäche hinauf und richtet arge Verwüstungen an. Jetzt wird auf dieses Raub- thier gefahndet, sein Pelz, welcher dem des Bibers ähnelt, ist eine köstliche Beute des Jägers. In jener Gegend liegt auch der „Steckenhahn", ein steiler Berg, auf dessen Gipfel man Spuren einer allemannischen Grenzwehr sieht; sie korrespondirte mit den früher angeführten Grenzwehren. In den „Mainsagen" (gesammelt von Alexander Kauf- mann 1883) habe ich drei liebliche Gedichte von A. Kaufmann gelesen, welche Sagen aus dem Haßlochthal zum Gegenstände haben. Kehren wir wieder an die Gestade des Mains zurück! Etwa eine Stunde unter Haßloch schauen links von der Landstraße aus einem umbuschten Felsthale die Ziegeldächer des badischen Dorfes „Grünewört" heraus. Von hier zieht sich der schattige „Schenkenwald" längs des linken Ufers bis nach „Mondfeld" hinab. Dieses badische Dorf liegt dem bayerischen Marktflecken „Stadtprozelten" gegenüber. Hier strömt der Main im engern Bette. Sobald wir an dem großen bayerischen Dorfe „Faulbach" am rechten Ufer vorüber sind, erblicken wir in der Ferne die Zinnen und Thürme der Burg von Stadtprozelten. Auf einer steilen Anhöhe ragt noch immer stolz die imposante Ruine des Bergschlosses empor. Hinter der Anhöhe erheben sich die dunkeln Berge des Spessarts, und ihre Wälder ziehen sich auf beiden Seiten der Anhöhe bis an's Gestade hinab. Dicht am Ufer umlagert die Burganhöhe der alterthümliche Marktflecken Stadtprozelten, dessen Befestigungsmauern bis zum Bergschlosse hinauslaufen. Dies Bergschloß soll von König Heinrich I. erbaut worden sein. Urkundlich treten als Eigenthümer zuerst im Jahre 1260 die „Schenken von Klingenberg" auf. Nach mehrmaligem Besitzwechsel kam es 1483 an Kurmainz, welches dasselbe zur Landesfestung erhob und bedeutend erweiterte. Im Jahre 1668 wurde die Feste von Turenne zerstört. Ringmauer», Bastionen und Kellergewölbe sind ziemlich gut erhalten. Die Burg selbst zeigt noch eine Vorderseite mit einer Reihe von Fensteröffnungen. Die zwei viereckigen massiven Hauvtthürme haben eine Höhe von 70 Fuß. Von kleineren Thürmen sind noch theilweise die Umfassungsmauern vorhanden. Als König Ludwig 7. nach der Errichtung der Main-Dampfschifffahrt 1844 zum ersten Mal von Bamberg den Main hinunterfuhr, war er überrascht von der romantischen Schönheit dieser Gegend, stieg die Burg hinauf, besichtigte Alles genau und bestimmte eine nicht unbedeutende Summe aus seiner Schatulle für die Erhaltung der Burg und für die Umgebung derselben mit Anlagen. Eine halbe Stunde unter Stadtprozelten gewahren wir am Fuß des „Hochberges" das große bayerische Pfarrdorf „Dorfprozelten"; es erscheint urkundlich schon im neunten Jahrhundert. Sein Gemeindehaus war ursprünglich ein kurfürstlich Mainzisches Jagdschloß. Eine weitere halbe Stunde abwärts, in einer reizenden, auf beiden Seiten von grünen Waldungen bekränzten Landschaft liegt auf dein rechten Ufer am Abhänge des „Fechenberges" die pittoreske Ruine „Kollenburg". Am Fuße des Bergs steht einsam ein Försterhaus. Die Burg wurde 1254 von dein Ritter von Kollenbcrg erbaut, kam 1296 an die Herren von Nüdt und nach deren Aussterben 1735 an Kurmainz. Durch die Nachlässigkeit der kurfürstlichen Beamten wurde die schöne Burg allmälig eine Ruine. Abermals eine halbe Stunde abwärts von da streckt sich traulich ans rechte Ufer das Dorf „Fechenbach" hin. Dicht am Gestade liegt das Hofgut und Schloß des Freiherr» v. Bethmann aus Frankfurt a. M. Das Schloß wurde 1648 von den Herren von Rcigersberg erbaut und 1842 an Herrn von Bethmann verkauft. Dieser richtete das Schloß komfortabel ein und umgab es mit schönem Park und Garten. Für Pomo- logen vom großen Interesse ist die dortige Baumschule. Unterhalb Fechenbach erblicken wir am rechten Ufer die nahezu 90 Meter hohen Wände und Stunde langen rothen Sandsteinbrüche des Dorfes „Neistenhausen". In ihnen sind viele hundert Arbeiter beschäftigt. Diese Brüche liefern vortreffliches Baumaterial, welches nach Frankfurt, Mainz bis Koblenz hin ausgeführt wird. Hier werden Steine von colossaler Größe gebrochen, für Säulen, Palast-, Feflungs- und Brückenbauten. An den Uferbergen des Mains hatte ich schon vorher viele Bundsandsteinbrüche gesehen. Besonders häufig sind sie auf der Strecke von Stadtprozelten bis Miltenberg hin. Sie steigen die Berge hoch hinauf, oben und seitwärts umgiebt sie Wald, auf den südlichen Abhängen ziehen meist Reben» terraffen von einem Steinbruch bis zum andern hin. Die zwischen den dunkeln Bergwäldern hervorschimmernden, von der Sonne grell beleuchteten zackigen rothen Massen bieten aus der Ferne gesehen einen eigenthümlichen landschaftlichen Reiz. > 567 j > Etwas weiter unten überrascht uns am linken Ufer ein neues schönes Bild. Auf der halben Höhe des schroffen „Wanneiiberges" steigen, von Hochwald umgeben, die hohen Thürme der Burg „Freudenberg" trotzig gen Himmel; dicht am Ufer umgiebt den Fuß des Berges das badische Städtchen „Freudenberg" mit seinen alterthümlichen Gebäuden, unter denen sich ein fürstliches Schloß befindet. Die Burg wurde gegen Ende des XII. Jahrhunderts vom Hochstift Würzburg erbaut, den Grafen v. Wertheim als Lehen übergeben, aber ihnen wieder abgenommen nach dem Tode des Grafen Michael III. im Jahre 1556. Kaiser Rudolf II. sprach im Jahre 1602 Burg und Stadt dem Grafen Ludwig v. Löwenstein-Wertheim wieder zu, der dann während des 30 jährigen Krieges die Linie Löwenstein-Wertheim-Freudenberg gründete. Dieser Linie gehört die Burg noch jetzt, die Stadt aber wurde 1803 badisch. Zerstört wurde die Burg während des 30- jährigen Krieges. Der viereckige» aus riesigen Quadern erbaute, 60 Fuß hohe Wart- thnrm ist gut erhalten, ebenso ein etwas kleinerer Thurm und ein Theil der äußeren Mauern. Das Schloßthor trägt das gräfliche Wappen und die Jahreszahl 1409. Von der Schloßkapelle steht noch die Vorderseite mit der Jahreszahl 1361. Die Festungsmauern erstrecken sich den Berg hinunter und ziehen die Stadt in den Bereich der Burg- befestigung. Um Freudenberg herum ist das Klima außerordentlich mild, es reifen dort auf einem geschützten Abhang große blaue Trauben, die einen guten Nothwein geben. Etwas unterhalb Freudenberg hört das badische Gebiet auf; die Länge der Mainstrecke, in welcher das linksseitige User zu Baden gehört, beträgt 73 Kilometer. Von Freudenberg an sind wieder beide Flußufer bayrisch. Schon bei Neistenhausen wendet sich der Main mehr gegen Süden und bei Freudenberg gegen Südwesten. Auf dem linken Ufer treten die Ufer allmälig mehr und mehr zurück und lassen einer fruchtbaren Ebene Raum, während auf der rechten Seite noch der Spessart seine bewaldeten Berge und rothen Felsen bis nahe ans Gestade sendet und da und dort düstere Seitenthäler öffnet. Die erste bayerische Ortschaft auf dem linken Ufer ist der wohlhabende große Marktflecken Bürgstadt. Saatfelder, Wiesen, Obstbäume, Weingelände umgeben ihn. Bereits unter Freudenberg sah ich viele Tabaksanpflanzungen, die sich bis Bürgstadt hin erstrecken» Hier mündet die viele Mühlen treibende „Erf" in den Main. Südwestlich von Bürgstadt erhebt sich ein waldiger Berg, dessen Gipfel ein großer allemannischer Ningwall umgibt. Von Bürgstadt zieht der Main nach der eine Stunde entfernten Stadt Milten- berg und beginnt dort den nordwestlichen Lauf gegen Aschaffenburg. Als ich in diesem Sommer hier vorüberkam, war der Main außerordentlich belebt. Viele Schiffe mit Bunt» sandsteinen, Holz, Getreide befrachtet, und lange Flöße fuhren thalwärts. An das schönbewaldete Gebirg angelehnt streckt sich Miltenberg in einer einzigen weit ausgedehnten Zeile längs des linken Ufers hin, auf der Abdachung eines Berges erheben sich über der Stadt die alte epheuumrankte Miltcnburg und zwei moderne schloß- artige Villen. Von Miltenberg schlangelt sich der eine Stunde lange schattige fürstliche Park längs des Mains hin bis zum stattlichen Nesidenzschlosse des Fürsten Löwenstein- Wertheim-Noscnberg und dem Marktflecken Klein-Heubach. Gegenüber auf dem rechten Ufer liegt das Pfarrdorf Groß-Heubach, und vom Gipfel eines mit Traubenterrassen bebauten hohen Berges begrüßt uns das idyllische Franziskanerkloster „Engelsberg" mit seinem Kirchthurm und seiner 560jährigen Linde. Nun durchströmt der Main eins fruchtbare, mit vielen Dörfern und Städtchen besetzte Thalebene, rechts begleitet von den südwestlichen Ausläufern des Spessarts, links von den dichtbewaldsten Bergen des östlichen Odenwaldes. Bevor wir Aschaffenburg erreichen, kommen wir noch vor einer Burgruine vorbei; auf dem Gipfel eines rebenumkränzten Berges schaut aus Bäumen der Thurm und die Ringmauer der „Klingenburg", ehemals den „Schenken von Klingenberg und Prozelten" gehörig, freundlich heraus. Bei der Annäherung an Aschaffenburg wird das Land auf der linke» Seite allmälig flacher. Nachdem wir an dem großen Hofgut „Nilkheim" vorüber sind, bietet sich unfern Blicken das Schlußbilb des Mainthal-Panorama's dar: „Aschaffenburg und seine Umgebung." 568 Der Main strömt unter den elf stattlichen Bögen einer steinernen Brücke abwärts und umsäumt in weitbogiger Krümmung die vom rechten Ufer aufsteigenden Anhöhen. Auf diesen thront, von parkartigen Anlagen umgeben, das aus rot'hem Sandstein erbaute königliche Nesidenzschloß mit seinen fünf hohen Thürmen; am Ufer tritt dort das Urgebirg in massenhaften, klippenförmig aufsteigenden Felsbänden zu Tag, über denselben aus einem Weinberge s-iegelt sich im Main die von König Ludwig I. in antikem Style erbaute pompejanische Villa. Rechts vom Schlosse tauchen aus terrassenartigen Anhöhen aus dem Dunkel von Bäumen, die Kirchthürme und Häuser der Stadt auf. Am Südende zieht längs der Uferhügel eine Reihe schmucker Landhäuser und Gärten hin. Den Hintergrund schließen die Berge des Spessarts, aus welchen der weithin hochrothschimmernde, mit dunklem Nadelholz bewachsene Gipfel des kegelförmigen Findberges emporragt. Der Gipfel dieses Berges war mit einen, großen germanischen Ringwall umgeben, von welchem durch den Rothsandstcinbruch der größte Theil weggegraben ist. Auch hier erzählt die Sage von der „Findburg", auf welcher der 'Ritter von Helmenroth im Jahre 1005 gehaust habe. Urkundlich ist hierüber nichts vorhanden. Ebensowenig hat man Spuren von Mauerwerk gefunden. Bei dem zwei Stunden von Aschaffenburg entfernten Dorfe Soden befindet sich auf eine», steilen Berge ein großer dreifacher germanischer Ringwall. Die Sage hat hierhin die „Sodenburg" verlegt. Auch hier keine urkundliche Bestätigung und keine Spur von Mauerwerk. (Nordd. Allg. Ztg.) Miseellen. („Mesalliancen" im Thierreich.) Man schreibt der Wiener „Presse" aus Golling (Salzburg): „Der größte Jagdherr unserer Gegend ist bekanntlich der preußische Oberst-Jägermeister Fürst Heinrich ^ I. von Pleß. Nicht nur der Paß Lueg sondern das ganze Tännen-Gebirge, Steinwandseite Lueg und die vorliegenden und angrenzenden Niederjagden sind theils Eigenthum, theils Pachtung des Fürsten. Nun hat vor einigen Jahren der verstorbene König Victor Emanuel dem Fürsten eine Anzahl piemontesischer Steinböcke zum Geschenke gemacht. Die Thiere wurden ausgesetzt und, wie es scheint, haben sich die südlichen Gäste in unserem Hochgebirge ganz gut eingebürgert. Neuerdings wird über Mesalliancen berichtet, welche die Böcke mit den aus der Hochweide befindlichen Hausgaiscn eingehe». Die Sprößlinge aus dieser Paarung haben indessen mit ihren Erzeugern wenig gemein. Je älter der Bastard wird, um so mehr verliert er die Ähnlichkeit mit dem Steinböcke; insbesondere bleibt die Entwicklung des Gehörns weit zurück. Werfenweng besitzt einige dieser Bastarde, die sich allerdings durch eine gewisse Wildartigkeit auszeichnen. (Eine chronometrische Sternwarte), so berichtet das „Journal des Debüts", soll in Besan^on zu dem Zwecke erbaut werden, um den Gang des Chronometer durch mathematische Feststellung der astronomischen Zeit zu bestimmen. Man hat die Stadt Besän, on dazu gewählt, weil diese Stadt der Sitz der diesbezüglichen Fabrikationen in Frankreich ist; denn es werden daselbst täglich 1200 Chronometer verfertigt. Diese Zahl allein reicht hin, um das Interesse zu erklären, das man allgemein empfindet, an Ort und Stelle der dortigen Industrie die Mittel zu bieten, ihren Produkten dir höchstmögliche Vollendung zu geben. Die Stadt wird das Terrain hergeben und die Sternwarte erbauen, was ihr eine Ausgabe von 200,000 Franken auferlegen wird. Der Staat seinerseits wird die Instrumente, deren Werth auf 100,000 Franken veranschlagt worden sind, liefern. (Boshaft.) Frau: „Sieh' nur, Gustav, wie mein seliger Vater auf dem Bilde lächelt. Er freut sich, daß Du endlich meinen Wunsch erfüllt und mir den Brillant- schmuck gekauft hast." — Mann: „Bewahre, er lacht mich aus, weil sich so ein Esel war und das schöne Geld dafür fortgeworfen habe." Für die Redaktion verantwortlich AlphonS Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttlcr. »m „Äugslmrger postzeitnug." Nr. 72. Samstag, 8. September 1883. Der GpalrLng. Noman aus dem Englischen von E- C. (Fortsetzung.) Zweites Capitel. Mehrmals in der Woche gab Bertha Gesang- und Clavierunterricht an einer Schule, und diese Beschäftigung nahm dann fast den ganzen Tag in Anspruch; die übrige Zeit hatte sie anderweitig Stunden zu geben; doch entstand ab und zu eine kleine Lücke. Diese benutzte sie, um das Haus, an welchem sie den Mann hatte schellen sehen, aufzusuchen. Es war ihr nicht schwer, den großen Porzellanladen wieder zu finden, und da sie es am Gerathensten hielt dort zuerst Erkundigungen einzuziehen, ging sie hinein. Ein junger Mensch kam auf sie zu; sie theilte ihm ihr Vorhaben mit, ohne jedoch den verloren gegangenen Gegenstand näher zu bezeichnen. Wie sie richtig vermuthet hatte, gehörte der obere Theil des Hauses nicht dem Besitzer des Ladens, sondern war in einzelnen Abtheilungen vermiethet. Von dem jungen Manne erfuhr sie, daß augenblicklich nur eine einzelne Dame, welche vor Kurzem aus dem Auslande angekommen sei, dort wohne. Wenn also Jemand an der Thür geschellt hatte, so mußte er nothwendig diese aufgesucht haben. Er rieth Bertha daher, die Privatschelle zu ziehen und nach Mrs. Lemont zu fragen. Sie befolgte den Rath; einstämmiger, älterer Diener öffnete die Thüre und führte sie, nachdem er ihren Wunsch erfahren, die Treppe hinauf in's Wohnzimmer und bot ihr einen Stuhl mit dem Bemerken an, daß er sie seiner Herrin anmelden werde. „Mrs. Lemont wird mein Name unbekannt sein", sagte Bertha, ihm die Karte überreichend, „aber bitte theilen sie ihr mit, daß ich sie nur wenige Minuten in Anspruch nehmen werde." Bertha mußte eine Weile warten und hatte Muse, die Einrichtung des Zimmers zu besichtigen. Die Möbel waren so, wie man sie gewöhnlich in eleganten Mieth- .Wohnungen antrifft und die Gegenstände, welche zerstreut umherlagen, ließen auf luxuriöse Gewohnheiten der jetzigen Bewohner schließen. Auf dem mittleren Tische befand sich ein Strauß von seltenen Treibhauspflanzen, daneben lag ein mit Perlmutter und Gold eingelegter Operngucker und ein Fächer von Pfauenfedern. Das offenstehende Arbeitskästchen zeigte die innere, goldene Einrichtung und ein echt indischer Shawl hing nachlässig auf der Lehne eines Sessels. Der kleine, weiße Pudel, welcher Bertha mit starkem Bellen begrüßt hatte, ruhte wieder in seinem mit rother Seide verzierten Korbe und am Fenster stand ein vergoldeter Käsig mit ausländischen Vögeln. Jetzt öffnete sich die Thüre und eine reich, aber etwas auffallend gekleidete Dame trat ein; sie war noch ziemlich jung und nicht ohne bedeutende körperliche Vorzüge, obgleich der zarte Teint und das üppige, schwarze Haar den Verdacht erregten, daß hier die Kunst der Natur zu Hülfe gekommen sei. Aber der Ausdruck des Gesichtes war nicht angenehm; um die dünnen Lippen zogen sich harte Linien, und die schwarzen Augen, welche so nahe beisammen standen, hatten einen kalten Blick. Ob die Verhältnisse sie dazu veranlaßten, oder ob wirklich eine gewisse Ähnlichkeit vorhanden war, Vertha glaubte diese ganz sicher zwischen der Dame und ihrem Reisegefährten herauszufinden. Und doch, so frug sie sich selbst, welche Verwandtschaft könnte wohl möglicherweise zwischen dieser fein geputzten, schönen Dame und jener entschieden verkommenen aussehenden Persönlichkeit bestehen? Bertha nahm, der Einladung der Mrs. Lemont folgend von Neuem Platz und erzählte dann die Begebenheit des vorigen Abends, ohne jedoch auch hier den betreffenden Gegenstand näher zu bezeichnen; sie empfand unwillkürlich Mißtrauen gegen diese Frau, besonders da sie bemerkte, daß Mrs. Lemont bei der näheren Beschreibung des Mannes trotz der aufgelegten rothen Farbe sichtlich erblaßte. „Welch' merkwürdiger Zufall! Aber Sie haben sich gewiß in Ihrer Vermuthung, die beschriebene Person habe hier geschellt, geirrt. Es wurde schon dunkel, wie Sie sagen, wie leicht können Sie sich getäuscht haben. Eine derartige Persönlichkeit ist mir völlig unbekannt; auch hat gestern Nachmittag nach vier Uhr Niemand mehr hier Besuch gemacht." „Wäre es nicht möglich, daß er Jemanden von Ihrer Dienerschaft aufgesucht habe?" frug Bertha. „Das ist nicht wahrscheinlich. Wir sind erst vor Kurzem aus dem Auslande hierher gekommen; meine Leute haben gar keine Bekannte in London, aber wenn Sie es wünschen, werde ich mich darnach erkundigen." Mrs. Lemont schellte; derselbe Diener, welcher Bertha hineingeführt hatte, erschien. „Ist gestern Abend gegen sieben Uhr irgend Jemand hier gewesen, Perkins?" frug Mrs. Lemont, und Bertha glaubte sein Zeichen des Einverständnisses zwischen der Herrin und dem Diener zu bemerken. „Nein, Niemand, Madame." „Vielleicht hat Eliza die Thür geöffnet?" fuhr Mrs. Lemont fort. „Nein, Madame, das ist nicht möglich. Ich war den ganzen Nachmittag und Abend zu Hause, und Eliza oben mit ihrer Arbeit beschäftigt." „Es ist gut, Du kannst gehen", und der Mann zog sich zurück. „Sie sehen", fuhr sie gegen Bertha gewendet fort, „daß wir Nichts von der fraglichen Person wissen. Der Mann hat vielleicht irrthümlicher Weise an dieser Thüre geschellt und ist dann weiter gegangen. Hat der verloren gegangene Gegenstand hohen Werth?" „Er rst immerhin werthvoll genug, um von Demjenigen, der ihn verloren hat, schmerzlich vermißt zu werden", erwiderte Bertha fest entschlossen, sich auf nichts Näheres einzulassen; deshalb stand sie auf und empfahl sich, nachdem sie Mrs. Lemont darauf aufmerksam gemacht, daß ihre Adresse auf der Karte angegeben sei. Der scharfe Wind hatte den Sieg davon getragen und die Regenwolken weggefegt; matte Sonnenstrahlen durchdrängen die feuchte Luft; auch die Kälte hatte etwas nachgelassen. Vertha Dalton begab sich nach Beendigung ihrer Musikstunden zu der Haltestelle des Omnibus, um zu fragen, ob vielleicht Erkundigungen nach dem Ringe angestellt worden seien. Nachdem sie eine verneinende Antwort erhalten, ließ sie auch dort ihre Adresse zurück und nun blieb ihr weiter nichts übrig, als abzuwarten, ob nicht eine Anfrage in der Times erscheinen werde. Nach der Persönlichkeit des Mannes zu urtheilen, welcher mit ihr im Omnibus gefahren und der geheimnißvollen Verbindung, die ihrer festen Ueberzeugung nach zwischen ihm und der Dame bestand, erwartete Bertha nicht, daß er kommen und den Ring als sein Eigenthum beanspruchen werde und so beschloß sie, in der unbestimmten Hoffnung, eines Tages den wirkliche» Eigenthümer anzutreffen, ihn selbst zu tragen. Zu Hause angekommen, eilte Lena ihr mit einem offenen Briefe in der Hand entgegen. 571 „Wenn Du heute Morgen nur noch zehn Minuten gewartet hättest, wäre Dir schon diese angenehme Ueberraschung zu Theil geworden." „Und meinen Schülerinnen eine sehr unangenehme, indem ich sie hätte warten lassen; aber was gibt's? Wer hat geschrieben?" „Die liebe alte Lady Langley; sie ladet uns auf acht Tage zu Ende April ein. Wirst Du hingehen können?" Bertha's Miene erhellte sich. „Wie liebenswürdig von ihr, an uns zu denken!" rief sie aus. „Ja, ich glaube, ich werde gehen können. Miß Beaumont gibt dann vierzehn Tage Ferien, und ich kann meinen anderen Schülerinnen anstatt Ostern, zu dieser Zeit frei geben. Wie herrlich wird das sein!" „Sie haben jetzt gewiß schon eine Menge Bekannte in dortiger Gegend", bemerkte Lena, indem sie ihrer Schwester die Treppe hinauf folgte. „Wer weiß, was daraus entstehen wird?" Auf jeden Fall ist es für uns eine sehr angenehme Abwechselung; ich erwarte nichts Anderes", entgegnete Bertha lächelnd. „Ich glaube gern, daß Du das nicht thust", gab Lena zu. Du bist ein solch ruhiges Mäuschen, Dein Verlangen ist es nicht, eine vornehme Partie zu machen; aber ich thue das, und hier sieht man ja Niemanden." „Dann spute Dich» das Ersehnte zu Stande zu bringen", sagte Bertha lachend; „Du hast schon so lange Zeit davon gesprochen." „Gib mir nur die Gelegenheit dazu", erwiderte Lena, sich in dem Spiegel betrachtend. „Welche Schritte hast Du wegen des Ringes gethan?" frug sie, da sie bemerkte, daß Bertha ihn, nachdem sie die Hände gewaschen, wieder an den Finger steckte. Diese erzählte es ihr und fügte hinzu, daß sie jetzt den Ring tragen werde, bis der Eigenthümer gefunden sei. „Willst Du mich das nicht thun lassen, er gefällt mir außerordentlich gut?" „Nein, ich gehe mehr aus als Du, Lena", wandte Bertha ein, „und vielleicht wird er doch bald zurückgefordert. Schreibt Lady Langley noch sonst etwas in ihrem Briefe?" „Sie spricht davon, wie ihre neue Heiuiath ihr immer besser gefalle und daß sie einige recht angenehme Nachbarn habe und ihre Besitzung an den Park des Lord Alphington angrenze." „Hast Du vielleicht vor, den alten Lord Alphington zu erobern", neckte Bertha; „er ist Wittwer, wahrscheinlich noch nicht weit über siebzig Jahr« alt und unermeßlich reich, wie man sagt." „Ich bin gespannt, ob die Geschichte wahr ist", sagte Lena mit Achselzucken. „Welche Geschichte?" frug ihre Schwester, die Halskrause auf ihrem einfachen schwarzseidenen Kleide, welches sie gewöhnlich des Nachmittags trug, befestigend. „Erinnerst Du Dich nicht mehr? Man erzählte sich ja, sein zweiter Sohn hab^ sich einer unehrenhaften Handlung schuldig gemacht und sei nach Amerika gegangen. Später starb Lord Chalsont, der älteste Sohn, sammt seinen Kindern, und nun ist kein Erbe für den Titel und das Besitzthum dort." „Ja, jetzt fällt mir ein, daß ich darüber habe sprechen hören. Freue Dich, Lena, desto bessere Aussichten für Dich." „Du machst Dich immer über mich lustig, Bertha, aber warte nur, eines Tages wirst Du sehen, daß ich Jemanden erobert habe, der annehmbarer ist, als alle unsere hiesigen Bekannten", entgegnete Lena schmollend. „Du eitles Geschöpf; ich will Dir aber doch sagen, daß man Titel und Reichthum nicht alle Tage auf der Straße findet — und Du bist schon 23 Jahr« alt» Lena." „Weshalb mich immer an diese unangenehme Thatsache erinnern?" frug diese in ärgerlichem Tone. «Ich wünsche Dir von Herzen, daß Du Jemanden antriffst, den Du wahrhaft — 572 lieben und achten kannst; alle Titel der Welt können dies nicht aufwiegen", erwiderte Bertha ernst. „So denke ich nicht!" rief Lena aus. „Wenn der alte Lord Alphington mir einen Antrag machte und ein schönes Witthum bestimmte, ich würde ihn morgen am Tage heirathen." „O stille, Lena! Ich kann es nicht ertragen, solche Reden von Dir zu hören. Komm jetzt, ich bin fertig, wir wollen zu Mama hinuntergehen." Sie lief voran, als ob sie dem Anhören solcher Gesinnungen, die ihr reines, selbstloses Herz empörten, entrinnen wolle. Drittes Capitel. In einem großen Gemache, welches dem doppelten Zwecke eines Wohnzimmers und Malerateliers entsprach, faßen zwei junge Leute rauchend am glühenden Kamine. Das Zimmer besaß drei Fenster, wovon das mittlere bis hoch zur Decke hinaufreichte; der untere Theil desselben war mit einem grünen Vorhänge verdeckt. Zn nächster Nähe von diesem stand eine Staffelei mit einem unvollendeten Bilde; verschiedene Zeichnungen und Mappen waren gegen die Wand angelehnt. Auf einem Tische in der Nähe der Staffelei lagen Palette, Pinsel, Farben, überhaupt alle Utensilien eines Malers. In der andern Ecke des Zimmers herrschte etwas mehr Ordnung: dort war der Tisch mit einer grünen Tuchdecke behängen, an der einen Seite des Kamins stand ein gut gefüllter Bücherschrank und diesem gegenüber ein hübscher Schreibtisch; Flügelthüren führten zu dem anstoßenden Schlafzimmer. Die beiden Raucher ruhten in bequemen Sesseln; ihnen zur Seite stand auf einem kleinen Tischchen eine Flasche mit Gläsern und ein Cigarrenkistchen. „Das ist eine fatale Geschichte ohne Zweifel", sagte der jüngere der Beiden, ein lebhaft aussehender Bursche mit blondem Haare und lachenden, blauen Augen; die zarten Anfänge eines weichen Schnurrbartes zierten seine Oberlippe. „Sein Gefährte, den er anredete, war vielleicht sechs- oder siebenundzwanzig Jahre alt. Er hatte eine dunkele, etwas bleiche Gesichtsfarbe; das dichte, wollige Haar umgab vortheilhast die schön geformte Stirne. Seine grauen Augen hatten schwarze Wimpern, die Lippen waren, wenn auch nicht voll, so doch wohl gebildet, und die fast viereckige Form des Kinnes ließ auf Festigkeit des Willens schließen. Auch er trug einen Schnurr- bart, dieser war dicht und schwarz, wie sein Haar. Seins mittelgroße Gestalt machte den Eindruck außergewöhnlicher, durch häufige Uebung erworbener Stärke. In der Haltung des Kopfes und der.ganzen Erscheinung lag ungezwungene Selbstbeherrschung, vielleicht mit etwas Stolz gepaart. Im Ganzen war er ein schöner, stattlich aussehender Mann, der selten unbeachtet blieb. „Ja, das ist wahr, erwiderte er auf die Bemerkung seines Freundes, „und was das Schlimmste dabei ist, ich bin mir gar nicht klar, was in der Sache zu machen wäre." „Weshalb nimmst Du nicht die Hülfe eines Geheimpolizisten in Anspruch?" frug der erste Redner. „Das habe ich gethan, aber bis jetzt ist Nichts entdeckt worden. Ich weiß überhaupt nicht, 'wie ich mir den Raub erklären soll, da ich mir bewußt bin, keinen einzigen Feind auf der Welt zu besitzen. Und weshalb sollte ich auch einen solchen haben?" „Und weshalb sollte ich «inen haben?" bemerkte der jüngere Mann. „Und doch will meine Tante gar nicht sterben und mir einige tausend Pfund Sterling vererben. Wenn das nicht als Feind gehandelt ist, dann weiß ich es nicht." „Sage lieber als Freund", entgegnrte sein Gesellschafter; „denn, wenn Du rm Besitze des Geldes wärest» wie rasch würdest Du es wohl ausgegeben haben, und jetzt hast Du noch immer etwas zu erwarten. Du solltest Dir wirklich Mühe geben, mit hundert Pfund das Jahr auszukommen, Douglas." „Das hast Du gut sagen, alter Bursche, Deine sichere Einnahme beläuft sich auf wehr als zweihundert Pfund das Jahr. Ich wollte, meine Mutter hätt« mir auch so 573 viel hinterlassen, denn wenn man aus der Hand in den Mund leben muß, wie ich, und manchmal gar kein Durchkommen sieht, dann ist es wirklich sehr verführerisch, einmal über die Stränge zu schlagen, wenn man gerade bei Cassa ist. Aber was ich Dich fragen wollte, Eustacs, bist Du wirklich entschlossen, Deinen Namen zu ändern? Wirst Du von nun an nur unter dem Namen „St. Lawrence" bekannt sein?" „Ich habe nach reiflicher Ueberlegung diesen festen Entschluß gefaßt", antwortete sein Freund. Meinen wirklichen Namen werde ich erst dann annehmen, wenn mir das Recht, ihn zu führen, zuerkannt ist, und da ich jetzt vor dem großen Publikum erscheinen werde, will ich nicht fortfahren, den Namen meiner Mutter zu tragen, damit nicht möglicherweise ihr reines Andenken durch den leisesten Zweifel befleckt werde." „Hört ihr» ihr Götter!" rief Douglas mit komischem Pathos. „Sollte man nicht glauben, er habe vor, sein erstes Debüt auf deü Brettern zu machen!" (Fortsetzung folgt.) Die Nord-Paeific-Bahr» irr Nord-Amerika. Nord-Amerika steht vor der Eröffnung eines neuen, völkerverbindenden Schienenweges, welcher sich an Großartigkeit der Anlage, an kühner Ueberwindung der den Menschen von der Natur in den Weg gelegten Hindernisse und an Ausdehnung ebenbürtig der großen Eisenstraße an die Seite stellen kann, die bereis seit dem Jahre 1869 die Küste» des Atlantischen mit denen des Stillen Ozeans verbindet. Im Unterschied zu der 1869 dem Verkehr übergebenen Bahn über den amerikanischen Kontinent und einer inzwischen entstandenen Süd-Pacific-Bahn ist dje neu zu eröffnende Linie mit dem Namen Nord-Pacific-Bahn bezeichnet worden. Der Gesellschaft, welche ihren Bau unternommen, der Northern-Pacisic-Nailroad-Company, wurde mittelst Gesetz vom Jahre 1864 vom Kongreß der Bereinigten Staaten unter der Bedingung, daß sie den nordamerikanischen Nordwesten durch den Bau einer Eisenbahn der Kultur erschlösse, die Hülste alles Landes, welches auf jeder Seite einer zu bauenden Bahn in einer Breite von 20 Meilen liegt, unentgeltlich überlassen. Es ist dies die Schenkung eines TerrainS von etwa 63 Millionen preußischer Morgen, welches die Bahnverwaltung theils als Wald und Acker, theils als Wald- und Prärieland an Ansiedler verkauft, unter Gewährung leichter, über mehrere Jahre ausgedehnter Zahlungsbedingungen und außerdem eines Rabattes von 25 pCt. auf jeden in den ersten rivei Jahren nach dem Ankauft urbar gemachten Morgen. Die Anfangspunkte der Nord-Pacific-Bahn liegen unmittelbar westlich des großen nordamerikanischen Seengebietes, welches, wie bekannt, durch den Sän Lorenzofluß natürliche Verbindung mit dem Meere hat. Als diese Ausgangspunkte sind zu nennen die Städte St. Paul und Minneapolis südlich und Superior, bezüglich Dulukh mehr nördlich, und am Superiorsee gelegen, sämmtlich im Staat Minnesota. Die ebengenannten Zugangslinien vereinigen sich dann zu einem Hauptschrenenstrange, welcher Nord-Wisconsin, Zentral-Minnesota, Nord-Dacota, Montana, einen Theil von Nord-Jdaho und Oregon durchzieht. Die Bahntrace lauft zwischen dem 46. und 47. Breitengrade ist ziemlich gerader Linie nach Westen bis zu dem Nocky-Msuntains-Gebirge. Das Gebirge zwingt dann zum Ausweichen in nordwestlicher Richtung. In der Nähe des 48. Breitengrades liegt der nördlichste von der Bahn.berührte Punkt, der Oreillesse. Von hier aus verfolgt sie eine südwestliche Richtung nach dem 46. Grade hin und erreicht in Portland im Staate Oregon ihren südlichsten und zugleich ihren Endpunkt. Die geographische Breite, welche die Nord-Pacific-Bahn durchschneidet, entspricht derjenigen des südlichen Frankreichs und Oberitaliens. — Die ganze Länge vom Superiorsee bis zur westlichen Endstation beträgt 542 deutsche Meilen: man kann aber die eigentlich« Schienenlänge nur auf 490 Meilen angeben, da von dem Kolumbiathal an die Züge der Nordbahn bei Portland auf dem Geleise einer anderen Strecke, der „Oregon Nailway" und „Navigation-Company" laufen. 574 Die die Bahn umgebende Landschaft mit ihrem Naturleben wechselt in überraschender Weise vor den Augen des Beschauers. Die Städte und Ortschaften, welche sie berührt, gewähren in den meisten Fällen noch das Bild der Unfertigkeit und des schnellen hastigen Aufstrebens in dem bekannten amerikanischen Großstadtstyle. St. Paul, die eine Ausgangsstation, am Mississippi gelegen, ist etwa 30 Jahre alt und zählt gegen 50,000 Einwohner, zum größten Theil Deutsche und Skandinavier. Der Geschäftsverkehr des Städtchens ist ein sehr bedeutender, wird aber schon von der Schwesterstadt Minneapolis überflügelt, da die Fälle des Mississippi eine so bedeutende Wasserkraft bieten, daß daselbst Getreidemühlen von großer Leistungsfähigkeit entstanden sind. Im Durchschnitt liefert eine solche Mühle täglich 5000 Fässer Mehl der vorzüglichsten Qualität, das in den letzten Jahren mit 8—9 M. bezahlt wurde. Wer die Reise nach Westen vom Superiorsee aus antritt, der beginnt die Fahrt in der Stadt Superior, resp. Dulukh. Superior ist durch die zügellose Spekulation, welche dort ihr Wesen mit dem Ankauf von Grundstücken getrieben, etwas in seinem Wohlstand zurückgegangen. Ungeachtet der günstigen Lage und des vorzüglichen Naturhafens, mit welchen! sie ausgestaltet, fehlt es an kapitalbesitzenden Bauunternehmern, und so erwuchs ihr in dem benachbarten Dulukh ein gefährlicher Rivale. Dulukh ist in Folge des zunehmenden Schifffahrtverkehrs, den ihm die Verödung Superior's zuführte, an die Nord-Pacificbahn angeschlossen worden. Während der ersten hundert Meilen (englisch) durchläuft der Schienenweg eine hügelige Waldregion, die häufig durch Dörfer und Ansiedelungen unterbrochen wird. Dann überschreitet er den Ncdriver und berührt die blühende Ackerstadt Fargo. Hier beginnt eine für das Auge unabsehbare Prairie von großer Fruchtbarkeit, welche außer durch die Hauptbahn durch verschiedene Zweigbahnen dem gewinnbringenden Ackerbau erschlossen ist. Der Boden ist völlig eben, mit kurzem Gras bewachsen, Bäume sieht man nur an den Ufern der kleinen Flüsse; dagegen verleihen die zahlreich in der Landschaft zerstreut liegenden Farmen und Gehöfte den Umgebungen der Bahn ein belebtes Aussehen. Je mehr man sich dem Missouri nähert, desto hügeliger wird die Gegend; bei der etwa 10 Jahre alten Stadt Bismarck (3000 Einwohner), der Hauptstadt von Dakota, welche circa 450 Meilen vom östlichen Anfangspunkt entfernt liegt, wird der Missouri auf einer 1450 Fuß langen Stahlbrücke überschritten. Bis hierher ist die Nord-Pacific-Bahn schon mehrere Jahre im Betrieb, und war die genannte Stadt bisher Endstation. Am westlichen Ufer des Missuori liegt die mit Bismarck wetteifernde Stadt Mandan. Von hier tritt der Charakter der Landschaft in kräftigen Zügen hervor, die Ansiedelungen suchen mit Vorliebe geschützte Thäler auf, die Vegetation wird spärlich und gewinnt erst wieder ein freundlicheres Ansehen bei der Station Glendive, wo sie sich dem Aellowstonefluß nähert, dem sie 400 Meilen weit folgt, bis in der Ferne die schneebedeckten Gipfel des Felsengebirges sichtbar werden. Den ersten Ausläufer desselben durchführt der Zug in einem 3500 Fuß langen Tunnel. Dann folgt der Eisenweg in dem Eallatinthale dem Gallatinflusse bis zu dem Punkte, wo er nach seiner Vereinigung mit Madison und Jefferson den Missouri bildet, der hier zum zweiten Male mit einem kühn aufstrebenden Baue überbrückt ist. Jenseit des Missouri läuft die Bahntrace in grader Linie nach der Stadt Helena, der Hauptstadt Montanas. Hier ist das Gebirge vermittelst einer 3800 Fuß langen. Gallerie untertunnelt, dann folgt 300 englische Meilen weit in westlicher Richtung bis an den Oreillesee eine Gegend von hoher landschaftlicher Schönheit, deren Niederungen mit ertragreichem Kulturboden, deren Berghänge mit Holz bedeckt, in ihrem Schooße Minerallager bergen. Von diesem See an läuft die Bahnlinie 250 englische Meilen in der ackerreichen, gut angebauten Niederung des Kolumbiathales nach dem Staate Oregon und zieht sich an dem linken Ufer des genannten Flusses entlang, durch eine mit den Reizen pittoresker Naturschönheit ausgestattete Gebirgslandschaft bis zur Stadt Portland, der Metropole des Westens. Dann folgt sie dem Columbia 40 Meilen weit, bis auf das Gebiet von Washington, überschreitet den Fluß und läuft 575 über 100 Meilen durch dichten Nadelwald bis zu ihrem Endpunkte, Tacoma, am Paget- funde. Portland am Columbia, diese im kräftigen Aufblühen begriffene Stadt, imponirt durch die Größe und Mannigfaltigkeit des hier konzentrirten Verkehrs zwischen dem westamerikanischen Binnenland und dem Stillen Ozean. Obgleich dieser Platz noch fast 100 Meilen oberhalb der Mündung des Stromes, ist er dennoch den größten Seedampfern zugänglich, welche die Verbindung mit Sän Francisco herstellen, und die nun nach Vollendung der Bahn ohne Zweifel seinem Handel weitere Beziehungen mit Ostafien und Australien eröffnen werden. Auf der ganzen von der Nord-Pacific-Bahn durchlaufenen Strecke sind die Schönheiten der amerikanischen Gebirgslandschaft in so reichem Maße entwickelt, daß ihr Vergnügungsreisende wohl fortan vor allen anderen des »ordamerikanischen Kontinents den Vorzug geben werden. (Nordd. A. Ztg.) Das Schlagwort vorn „denkenden" Schauspieler, das in den heutigen Theaterkritiken nachgerade oft genug vorkommt, um die etwaigen naturwüchsigen Triebe unserer Schauspielkunst vollends auszurotten, wird in einem Feuilleton der „Vohemia" gebührend beleuchtet — durch einige drastische Beispiele. Der Schauspieler Wilhem Kunst war seiner Zeit namentlich als Darsteller Karl Moor's berühmt. Es vereinigten sich in diesem Manne viele äußere und geistige Vorzüge, um ihn zu einem der gefeiertsten Künstler seiner Zeit zu machen — aber auch nur so lange, als Wilhelm Kunst auf den Ruf eines „denkenden" Künstlers verzichtete. Ohne jegliche wissenschaftliche Bildung traf er das Rechte und riß das Publikum zu lautesten Bewunderung hin. Plötzlich fiel es Kunst ein, ein „denkender" Künstler werden zu wollen und — er blamirte sich! — In Augsburg war es, im Jahre 1849, wo ich Wilhelm Kunst wiedersah, als er bereits mit dem „Denken" angefangen hatte. Es war Probe von Kotzebue's „Bayard", und Wilhem Kunst fragte eifrig, ob er zum Abend nicht ein Bärenfell haben könne. „Bayard im Bärenfells" flüsterten die Schauspieler — „das ist noch nicht dagewesen!" „Wenn eines aufzutreiben ist —" stotterte verlegen der Requisiteur— „so" — — „Es muß aufgetrieben werden!" herrschte Wilhelm Kunst, — „ich brauche es nothwendig! Ohne Bärenfell keinen Bayard!" Und das Bärenfell ward aufgetrieben. Triumphirend trat der Requisiteur Abends zu Wilhelm Kunst in die Garderobe, das Bärenfell wie eine theure Reliquie an seinen Busen gedrückt. „Schön!" sagte Wilhelm Kunst, — „heben Sie's auf bls zum zweiten Akt, da werd' ich's brauchen!" Ehe der zweite Akt anging, nahm Wilhelm Kunst das Bärenfell und breitete es eigenhändig vorn an der ersten Koulisse auf den Boden. Noch immer war den Kollegen der eigentliche Zweck des Bärenfells unbekannt und erwartungsvoll standen sie in den Koulissen, aufmerksam lauschend, wie sich das Räthsel mit demselben ^ lösen werde. Endlich naht die Entwicklung: Wilhelm Kunst stellt sich dicht vor das . Bärenfell, deutet mit dem Finger darauf und spricht die Worte seiner Rolle: „Ich mag H nicht länger auf der Bärenhaut liegen!"-Eine weitere Dosis seines „ Denkens" gab er auf der Probe von „Hinko". Nach der ersten Szene des fünften Aktes hat König Wenzel die Tischglocke zu läuten, die den Pagen hereinruft. Wilhelm Kunst läutet, wendet sich aber sogleich zum auftretenden Pagen und spricht: „Kommen Sie nicht gleich auf das erste Läuten; ich mache eine Pause und läute dann zum zweiten Male — es muß dem Publikum doch anschaulich gemacht werden, daß Sie im zweiten Zimmer von hier waren, Sie hätten ja sonst die ganze vorige Szene belauschen können." Und nun ein Gegenstück zu diesem „denkenden" Künstler. Als Ludwig Devrient zum ersten Male nach Hamburg kam, um daselbst den Franz Moor als Gast zu spielen, da hatte er auf der Probe seine liebe Noth mit den» jugendlichen Darsteller des Herr- . mann, der trotz mehrfacher Wiederholung der Scenen mit Devrient Letzerem die Rolle durchaus nicht zu Dank spielen konnte. „Nein, junger Freund!" tadelte Devrient übellaunig — „so gshts nicht, das ist kein Herrmann, wie er mir paßt. Bedenken Sie doch, I der Herrmann — — das-das ist-— ein Edelmann — --ist — ein Bastard — der-der-— der-" und Devrient stotterte hin und her und suchte nach Worten für die Charakterzeichnung des Herrmann und fand sie nicht, bis er endlich ärgerlich über sich selbst und seinen mißlingenden Denkversuch und Gedankenausdruck, die Sache beim rechten Ende anpackte und ausrief: „E was! da kommen Sie 'mal her, ich will Ihnen zeigen, wie ich mir den Herrmann denke" — und nun spielte Devrient mit einer Meisterschaft, mit einer Wahrheit dem jungen Schauspieler vor, so daß derselbe keines weiteren Kommentars bedurfte, um sofort das Richtige nach dem vortrefflichen Original zu kopiren. — Je mächtiger dieses dem Schauspieler angeborene Genie zum Durchbruch kommt, um so eher ist man geneigt, ihn als „denkenden" Künstler zu bezeichne», während wirkliche Denker unter den Schauspielern nur in seltenen Fällen den Namen „Künstler" verdienen. Dem talentvollen, dem genialen Schauspieler strömen unbewußt beim Lernen der Rolle die richtigen Gedanken und Gefühle in die begeisterte Seele, und ist er erst der Worte Herr, die ihm der Dichter vorschreibt, so ist auch der Charakter der darzustellenden Person fertig gebildet, an welchem als abgerundetes Ganzes nicht mehr gerüttelt wird. Mit Sicherheit bleibt er während der Darstellung auf der Höhe der Situation, und die von dem Genie unzertrennliche» durch das schaffende Genie stets gesteigerte Geistesgegenwart läßt ihn nicht aus der Fassung kommen, auch wenn unvorhergesehene, unzuberech« nende Zufälle dem Zauber des flüchtigen Gebildes hemmend oder störend in den Weg zu treten drohen. Jener Schauspieler aber, der durch ermattendes Denken den mehr oder minder fühlbaren Mangel des genialen Schaffens ersetzen muß, der den Spiegel zu Hilfe nehmen muß, um seine Bewegungen und Gebilden dem gesprochenen Worts anzupassen, der bleibt in der Regel während der Darstellung selbst nur der Dolmetsch eines hauspackenen Verständnisses, seine Leistung bietet gewöhnlich nur eine Reihe einzelner erzwungener Aeußerlichkeiten, die den Zuschauer nicht zu erwärmen vermögen. Gol-körner. Des Menschen Gedicht Wird oft zu nicht'; Uns bleckt das Denken, Gott hat das Lenken; Wenn's Menschen greifen aus's Klügste an, Geht Gott doch oft eine andere Bahn! Das Muß ist eine harte Nuß, Sie aufzuknacken macht Aerdrnß; Doch ist's gescheh'n, ichmeckt gut der Kern; D'rum knack auch solche Nüsse gern! Hans Allerlei weiß mancherlei, Darfst ihn um Alles fragen. Aber das Rechte weiß er nicht zu sagen. Gott weiß, was gebricht, Eh' man ein Wörtlcin spricht. Laß dir genügen, Wie es Gott will fügen! Lesen und nicht versteh'» Ist ein halbes Müßiggeh'n. Wer nüt dem Kovf will oben aus, Der bringt viel Schaden und richtet nichts aus. Mancher baut ein Haus, Und muß zuerst hinaus. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler.. I Nr. 73. Mittwoch, 12. September 1483. Der Gpalrirrg. Roman aus dem Englischen von E- C. (Fortsetzung.) „Wenn mein Name überhaupt veröffentlicht wird, so bleibt sich das doch wohl gleich, ob es in einem Kataloge oder sonst wo geschieht", sagte nach einer kleinen Pause Eustace lachend. „Und darf man wohl fragen, weshalb Du den Namen St. Lawrence gewählt hast?" frug Douglas, eine neue Cigarre ansteckend. „Weil ich an den Ufern dieses Flusses aufgewachsen bin; als Knabe pflegte ich den Lauf seines Wassers zu beobachten, und schließlich setzte sich eine Art von Aberglaube bei mir fest, daß ich dieser Richtung folgen und sich östlich über das Meer hinüber mein Schicksal erfüllen müsse. Ich kannte meine Familiengeschichte damals noch nicht. Wegen diesen alten Erinnerungen, habe ich den Namen des Flusses angenommen." „Nun, es ist ein wahres Glück, daß der Fluß einen solch christlichen Namen hatte", entgegnete Douglas. — „Eustace Mississippi, Esqu. oder Eustace Polomac Esgu. würde doch komisch gelautet haben. Und Du bist nun, um von etwas Anderem zu sprechen, fest entschlossen, in allem Ernste Dich der Kunst zu widmen? Dein Muth gefällt mir. Ich fürchte, ich würde mich in Deiner Lage nicht zu einer angestrengten Thätigkeit einschließen können." „Das würde zu nichts Gutem führen; zudem ist es mir unmöglich, die Dinge leichthin und oberflächlich zu behandeln. Da ich weiß, welches Unrecht man mir zugefügt hat, und wie schwer es sein wird, den Uebelthäter zu ermitteln, so würde ich den Verstand verlieren, wenn ich nicht eine Beschäftigung hätte, der ich alle Kräfte meiner Seele widmen muß." „Sehr wahr — o Du grundgelehrtester aller Philosophen, Du hast die Tiefe der menschlichen Natur erforscht! Aber wie entdecktest Du, welche Kraft Dir zu Gebote stand? Amerika ist doch nicht das Land der schönen Künste." „Da spricht der Engländer aus Dir", entgegnete lächelnd St. Lawrence. „Du vergissest jedoch, wie viele Jahre ich auf Reisen in Europa zubrachte, und jeden Winter pflegte ich auch noch die eine oder die andere ausländische Schule zu studiren. Dann habe ich in meinen Musestunden viel gezeichnet, da mir dies Freude machte. Wie glaubst Du wohl, daß das werden wird?" frug er, mit der Cigarre nach der Staffelei hindeutend. „Ganz ausgezeichnet." Das Bild stellte eine Lichtung in einem amerikanischen Urwalde dar. DaS hohe Gras und die Stämme der Bäume, welche am Boden lagen, wurden von der Sonne beschienen. Ringsherum standen die Waldriesen, von üppigen Schlinggewächsen umgeben und mit grauem Moos bedeckt. Ein einsamer Waidmann saß auf einem kürzlich gefällten Stamme; neben ihm seine Axt und Büchse. Es war ein großartiges Gebilde. „Glücklicher Sterblicher!" rief Douglas aus, nachdem er schweigend einige Zeit weiter geraucht hatte. „Du darfst doch Deinen eigenen Ideen nach Lust und Geschmack folgen und hast nicht nothwendig, Dich nach vollblütigen, älteren Herren over geistlosen Frauen, alt und jung zu richten, welche alle ihre lieblichen Fratzen einer bewundernden Nachwelt zu hinterlassen wünschen. Auch brauchst Du nicht den dummen Mädchen der Töchterschule Unterricht zu ertheilen. Doch, nebenbei bemerkt, ich habe kürzlich in einer Schule, wo ich unterrichtete, ein- reizende kleine Musiklehrerin angetroffen", fuhr er, seine schwülstige Redeweise unterbrechend, in gewöhnlichem Tone fort. „Wirklich, St. Lawrence, noch nie in meinem Leben verspürte ich solche Neigung, mich ernstlich zu verlieben. Es ist ein so liebes, artiges Mädchen — nicht gerade eine Schönheit, aber ganz wie dazu geschaffen, einen Burschen glücklich zu machen." „Hört, hört!" rief St. Lawrence. „Schließlich werden wir Charles Douglas doch noch als ehrsamen Hausvater antreffen." „Ich glaube wirklich, daß ich vielen häuslichen Sinn besitze", erwiderte dieser. „Wenn sich doch nur irgend eine Berühmtheit oder eine moderne Schöne von mir wollte malen lassen, um meinen Naiven berühmt zn machen. Aber die kommen nicht zu mir, und ich kann doch nicht eine Frau heirathen, mit der Aussicht, daß sie sich zu Tode plagen muß. Ein solcher Unmensch ist Charles Douglas noch nicht." „Welchen Namen führt denn die unvergleichlich Liebreizende?" „Nein, zum Henker, Las ist nicht ehrlich!" rief Douglas, den Nest seiner Cigarre in's Feuer werfend, aus. „Ich werde mich wohl hüten, ihn Dir, o ruhmvoller Apollo, mitzutheilen, Du möchtest mich verdrängen. Zudem weiß ich ihn selbst nicht genau; was liegt auch daran, im Gegentheil, es ist besser so, denn es wäre mir ganz unmöglich, durch meine süßen, Honigfließenden Serenaden eine Miß Smith oder Miß James zu verherrlichen. Wer weiß, ob sie nicht auch noch einen widerwärtigen Vornamen, wie Sara oder Martha u. dergl. besitzt. Offen gestanden hatte ich schon einmal die Absicht, ihr ein Billet, welches eine Antwort erforderte, zu schreibe^ aber wahrscheinlich würde das mich auch nicht darüber aufgeklärt haben, und wenn ich nun vorziehe, sie im Geiste als reizende Amaryllis anzureden, so kümmert das ja Niemanden." „Angenommen, ich mache ausfindig, wer es ist", sagte lachend St. Lawrence. „Ein halbgeschenktes Vertrauen erweckt die Neugisrde. Was das Dich Verdrängen anbelangt, so weißt Du doch wohl, daß ich keine gefährliche Persönlichkeit bin", fügte er ernster hinzu. „Ein Mann ohne Namen darf nicht an's Heirathen denken." „Pah! Du wirst Dir einen Namen schaffen; ich wünschte nur dasselbe mit solcher Gewißheit auch von mir sagen zu können", bemerkte sein Freund. „Aber wie viel Uhr ist es? Sollen wir nicht etwas ausgehen?" „Wie Du willst." „Und dann würde ich mich an Deiner Stelle immer tüchtig umschauen, wenn ich mit anderen Menschen zusammen käme; vielleicht entdeckst Du zufällig einen Leitfaden aus diesem Labyrinth, wo Du ihn am Wenigsten erwartest. Nun komm!" Die beiden jungen Leute zogen ihre Usberröcke an, setzten die Hüte auf uns schritten rüstig in's Freie. Viertes Capitel. Die Vorbereitungen auf den baldigen Ausflug beschäftigten in angenehmster Weise Lena und Bertha Dalton. Endlich nahte der glückliche Tag, der sie den Arbeiten und Sorgen und dem einförmigen Leben in London entführen sollte; voller Jubel und Entzücken nahmen sie ihre Sitze im Eisenbahnwaggon ein; Lena träumte schon von den Eroberungen, die sie machen werde, und Bertha freute sich herzlich, liebe alte Bekannte wiederzusehen und einige Zeit ihrer schweren Pflichten entbunden zu sein. Mrs. Dalton war die Wittwe eines Marineoffiziers; Capitain Dalton hatte sich seiner Zeit durch Tapferkeit ausgezeichnet; im Krimkriege wurde er verwundet und war in Folge davon vor drei Jahren gestorben. Noch in vorgerückten Jahren schloß er diese 579 Heirath; das hübsche Gesicht und anziehende Benehmen seiner nachherigen Frau hatte ihn dazu verleitet; aber zu spät entdeckte er, daß die fesselnde Außenseite nur sehr wenig inneren Werth barg. Man konnte Mrs. Dalton nicht gerade unliebenswürdig nennen; doch war sie oberflächlich, einfältig und sehr von sich eingenommen. Diese Eigenschaften machten es ihr unmöglich, ihrem Gatten eine liebende Gefährtin oder weise Hausfrau zu sein. Jeden Pfennig, dessen sie habhaft werden konnte, benutzte sie zu ihren eigenen, unnöthigen Anschaffungen, und die häufig gemachten Schulden zerstörten manchmal den Frieden des Hauses. Glücklicherweise war Capitain Dalton ein vorsichtiger Man», er dachte an die Zukunft seiner Töchter, und bei seinem Tode besaß Mrs. Dalton eine Einnahme, welche allen ihren Bedürfnissen hätte hinreichend entsprechen müssen. Die älteste der beiden Töchter war aus einem hübschen verzärtelten Kinde zu einer schönen Jungfrau herangewachsen. Mrs. Dalton würde es entschieden in Abrede gestellt haben, daß sie ihre ältere Tochter der jüngeren vorziehe; aber sie war stolz auf Madelina; diese war in ihren Augen dazu berufen, der Familie zu Ansehen und Reichthum zu verhelfen. „Lena wird ganz gewiß eine vortheilhafte Heirath schließen", sagte die närrische Mutter, und das bildete den Endzweck bei der Erziehung Lena's. Diese begriff sehr bald die Aufgabe, welche ihr oblag, und da sie mehr Verstand und Charakterstärke als ihre Mutter besaß, so errang sie leicht die Herrschaft über dieselbe und richtete sich ihre Lebensweise ganz nach ihrem eigenen Geschmack und ohne viele Rücksichten auf andere zu nehmen, ein. Bertha war ihres Vaters Liebling gewesen; er hatte gewünscht, die Erziehung seiner Töchter selbst zu leiten; bei Lena gelang ihm dieses nicht, dagegen fand er in Bertha eine kluge gelehrige Schülerin und in seiner späteren Krankheit eine liebevolle, unermüdliche Pflegerin. Sie fühlte tief den Tod ihres Vaters. Es war ihr erster großer Kummer. Mutter und Schwester hatten ihr nie viel Gutes erwiesen; sie benutzten sie nur zu ihrer eigenen Bequemlichkeit und deshalb war sie ihnen unentbehrlich. Mrs. Dalton's Einkommen hätte ausreichen müssen, aber sie konnte ihren vielen, unnöthigen Ausgaben nicht entsagen, und so entdeckte sie nach Ablauf des ersten Jahres zu ihrem größten Schrecken, daß ihre Auslagen die Einnahme bedeutend überschritten. Aber sie fand nichts, worin sie sich einschränken könne, durchaus nichts, wie sie Lena gegenüber äußerte, und da kam ihr plötzlich eine herrliche Idee. „Bertha ist sehr musikalisch ausgebildet; sie soll Unterricht darin ertheilen", beschloß Mrs. Dalton. „Das wird doch wenigstens hundert Pfund das Jahr einbringen; die Hälfte davon reicht aus, um Lena's Rechnung bei der Kleidermacherin zu bezahlen, und mit der anderen Hälfte können wir während des Sommers einige Wochen ein Seebad besuchen. Es ist so unangenehm, in London zu bleiben, wenn Jedermann verreist, und dann später sagen zu müssen, wir sind gar nicht weg gewesen." So überlegte Mrs. Dalton und theilte Bertha ihre Entscheidung mit. Zuerst er- schrack diese, da sie nicht ganz sicher war, ob ihr Vater diese Lebensweise für sie wünschen würde. Aber gewohnt, nie und nimmer vor einer von ihr geforderten Pflicht zurückzuschrecken, gab sie ihre Einwilligung und hatte bald so viele Schülerinnen, daß ihr kaum Zeit zur nothwendigen Erholung übrig blieb. Räch einigen Monaten, als die Anstrengungen ihre Kräfte beinahe überstiegen, machte sie den Vorschlag, Lena möchte ihr ein paar Stunden abnehmen, aber diese Aeußerung rief einen solchen Sturni heftiger Vorwürfe hervor, daß sie nie mehr eine ähnliche Bemerkung wagte und sich geduldig und ergeben in ihr Schicksal fügte. „Lena muß sich gut verheirathen, und da darf ihre Schönheit nicht jedem Wind und Wetter ausgesetzt werden", erklärte Mrs. Dalton. „Du wirst hingegen auch später darauf angewiesen sein, Dir Dein Brod selbst verdienen zu müssen." Bertha entgegnete nichts auf diese letzte Behauptung, obschon sie nicht einsehen konnte, weshalb dieser Unterschied zwischen ihr und Lena durchaus bestehen solle. Den größten Kummer bereiteten ihr aber diese Heiraths-Speculationen; sie versetzten ihren jungfräulichen Stolz und ihr Zartgefühl. Gleich anderen jungen Mädchen träumte auch sie von ihrer Zukunft, aber die Ehe war in ihren Augen ein heiliger Stand, in den man ohne die stärkste und die wahrhafteste Liebe nicht eintreten dürfe. Sie würde es vorgezogen haben, bis zu ihrem Lebensende angestrengt zu arbeiten, als sich an den Meistbietenden zu verkaufen. Doch hatte sie, um allen Hader zu vermeiden, Schweigen gelernt und machte nur ab und zu eine freundliche oder scherzende Einwendung. Sir Stephan Langley, welcher ein Amt in Plymouth bekleidet hatte, war sehr befreundet mit Capitain Dalton gewesen; er schätzte die ganze Familie und war der Pathe Bertha's. Der ehrenwerthe Herr, jetzt schon ein alter Mann, hatte seine Stelle niedergelegt und eine Villa in der Nähe Lord Alphingtons bezogen. Die verstorbene Gräfin Alphington und Lady Langley waren intime Freundinnen gewesen» und Lord Alphington hatte schon lange den Wunsch geäußert, sie möchten in die dortige Gegend ziehen. Wie gewöhnlich verwandte man die größte Sorgfalt auf Lena's Toilette. „Man kann ja nicht wissen, wen ihr dort antreffen werdet", meinte Mrs. Dalton. „Und aus dem Erlös für Bertha's Stunden erhielt Lena ein neues Seidenkleid, sowie ein elegantes Morgen-Costüm und einen modernen Hut. Für Bertha wurde ein altes grauseidsnes Kleid der Mutter zurecht gemacht. Bertha empfand keinen Verdruß hierüber; sie war nicht putzsüchtig, so lange sie reinlich und nicht auffallend gekleidet war, fühlte sie sich gänzlich zufrieden gestellt. Ueber den Opalring, den Bertha noch immer trug, da der rechtmäßige Eigenthümer nicht aufgefunden worden, fand eine Erörterung statt. „Du nimmst besser den Ring nicht mit auf's Land", sagte Mrs. Dalton, Du möchtest ihn verlieren." „Das denke ich nicht, Mama", erwiderte Bertha, die Gluth des Steines an ihrem Finger beobachtend. „Ich glaube, Bertha ist abergläubisch in Betreff des Ringes", bemerkte Lena. „Nicht gerade abergläubisch", wandte ihre Schwester lächelnd ein; „aber ich muß doch gestehen, daß ich manchmal allerlei romantische Ideen damit in Zusammenhang bringe." „Auf alle Fälle ist es besser, Du nimmst ihn nicht mit. Dort auf dem Land wirst Du nichts Näheres darüber erfahre». Ich will ihn aufheben, dann ist er in Sicherheit." „Wie Du wünschest, Mama", antwortete Bertha. Und so händigte sie ihn zögernd am Morgen der Abreise ihrer Mutter mit den Worten ein: „Nimm ihn nur gut in Acht, Mama." „Natürlich, sei doch nicht so kindisch, Bertha." Die Fahrt mit der Eisenbahn dauerte nur zwei Stunden und dann nahm der Wagen des Sir Langley die beiden Reisenden in Empfang. Nach kurzer Zeit erreichten sie ihren Bestimmungsort, „Larkspur" genannt, und wurden vom Hausherrn: freundlich bewillkommnet. „Nun, Lena", sagte er, ihr beim Aussteigen helfend, „so blühend wie immer, wie >ch sehe. Ich muß unsere jungen Herrchen warnen, ihre Herzen in sicheren Gewahrsam zu nehmen. Und hier ist meine kleine Freundin Bertha! Ich bin glücklich, Dich wiederzusehen, mein Kind. Aber was ist das? Woher stammen diese bleichen Wangen? Das *>arf nicht sein, wir werden Dich so lange hier festhalten, bis Du eben so blühend aussiehst, wie Deine Schwester." Bertha lächelte und versicherte ihrem alten Freunde, daß sie ganz wohl sei. „Erinnern Sie sich nicht mehr, daß Sie mich „Mariablümchen" zu nennen pflegten? Und diese sind ja immer blaß." Sir Stephan schüttelte den Kopf, hatte aber keine Zeit, den Gegenstand weiter zu erörtern, da Lady Langley hinzutrat, um ihre Gäste zu begrüßen. Nach einer herzlichen Umarmung geleitete eine Dienerin die beiden Mädchen zu den hübschen, für sie bereitstehenden Zimmern; gleichzeitig bot sie ihre Dienste an und theilte ihnen mit, daß das Mittagessen nach Ablauf einer halben Stunde stattfinden werde. Nachdem sie die Koffer 531 hinaufbesorgt und losgeschnallt hatte, zog sie sich, da die Schwestern, welche gewohnt waren, sich gegenseitig zu helfen, ihre Dienste abgelehnt hatten, zurück. Fünftes Capitel. „Hah, wie köstlich ist das!" rief Lena aus, indem sie sich in einen Sessel warf und das elegant ausgeschmückte Zimmer betrachtete, „so wäre es gerade nach meinem Geschmacke. Sei so freundlich und packe meine Sachen aus, ich bin etwas müde. Heute Abend wird es wohl nicht nöthig sein, sich besonders zu putzen, da vermuthlich kein Fremder hier ist; mein blauseidener Rock und der weiße Musselin-Ueberivurf mit den blauen Schleifen, werden genügen. Und dann könntest Du mich wohl frisiren, Bertha, Du verstehst das so gut." Ohne jegliche Erwiderung öffnete Bertha das Koffer ihrer Schwester, und nahm die gewünschten Sachen heraus; dann packte sie für sich das bekannte schwarzseidene Kleid, welches sie mit billiger weißer Spitze etwas aufgefrischt hatte, aus. „Wenn Du wünschest, daß ich Dich frisiren soll, Lena, so mußt Du Dich beeilen. Vergiß nicht, daß Stephan strenge auf Ordnung hält. Wehe uns, wenn mir nicht fertig sind, sobald die Tischglocke läutet." „Natürlich sind wir das", entgegnete Lena aufspringend. Der Anblick des hübschen Kleides, in welchem sie gewiß recht vortheilhaft aussehen werde, hatte sie plötzlich zur Thätigkeit ermannt. „Wie langweilig von Dir, Bertha, nun hast Du schon mit Deiner Frisur begonnen, gerade da ich wünschte, daß Du die mcinige machen solltest." „Ich bin in einer Minute fertig", entgegnete diese: „ich that es nur, um Zeit zu sparen." Während sie sprach, legte sie rasch ihr Haar um den Kopf, befestigte eine Rosa- schleife darin und begann dann die üppigen Flechten ihrer Schwester in Ordnung zu bringen; es war prächtiges, seidenes Haar mit goldigem Scheine, und die Krone der reichen Flechten paßte vortrefflich zu dem schönen Antlitz. „Da, nun spute Dich, Lena", sagte Bertha, als die Glocke das erste Zeichen gab. „Ich werde in fünf Minuten fertig sein." Als sie in's Wohnzimmer eintraten, bemerkten sie, daß nur der Rektor des Dorfes und ein junger Seemann, welcher ihnen als Frank Holcroft vorgestellt wurde, zugegen waren. — „Welch dumme Gesellschaft", flüsterte Lena ihrer Schwester zu, bevor sie zu Tische gingen. Beim Diner gewann Bertha das Herz des jungen Seemannes vollständig, indem sie seinen vielen Erlebnissen aus der See mit Interesse zuhörte. Der Nector lenkte dir Unterhaltung auf Lord Alphington. „Es ist recht traurig", sagte er, „daß es sich gar nicht feststellen läßt, ob Mr. Faucourt einen rechtmäßigen Sohn hinterlassen hat; nun da Lord Chalfont und seine beiden Söhne todt sind, wird ja der Titel erlöschen." „Das war eine schmerzliche Begebenheit", bemerkt« Lady Langley „und wie ich glaube, hat Lord Alphington später herausgefunden, daß sein Sohn nicht so sehr zu tadeln war, als er Anfangs vermuthet hatte. Die arme Lady Alphington grämte sich zu Tode — Faucourt war ihr Liebling." „Ist es wahr, daß ein muthmaßlicher Erbe aufgetaucht ist?" „So glaube ich", erwiderte Lady Langley. „Aber Lord Alphington spricht nicht gerne darüber, bis die Beweise, welche der junge Mann beigebracht hat, hinlänglich geprüft sind, er fürchtete' die Enttäuschung. Ich habe großes Mitleid mit ihm; er führt ein solch einsames Leben. Einen Enkel zu haben, den er aus ganzer Seele lieben könne, würde sein Alter versüßen. Es ist eigenthümlich, daß Mr. Faucourt, wenn er überhaupt verheirathet war, nie feinem Vater hiervon Mittheilung machte. Wahrscheinlich.war seine Frau nicht ebenbürtig'. 582 man hat immer einigen Zweifel betreff seiner Verheiratung gehabt. Vermuthlich fürchtete er das Mißfallen seines Vaters noch dadurch zu steigern, und dann starb er ja so plötzlich." „Ja, der arme, junge Mann! Ich erinnere mich seiner noch so gut, solch ein hübscher liebenswürdiger Mensch, aber leider besaß er keinen moralischen Halt. Fragten Sie mich, ob ich Stodgers neulich gesehen habe, Sir Stephan? Ja, er war so eigensinnig wie immer. (Fortsetzung folgt.) «oldkSrner^ Du bist zerstreut, es schwärme» die Gedanken, Rasch sammle sie und halte sie in 'schranken! Bleibst du ihr Herr nicht, wirst du bald ihr Sklave, Und was du thust geschieht wie halb im Schlaft. Was strengen Fleiß erfordert, mache nicht zum Spiel, Und laß durch Hindernisse dich nicht schrecken; G-h' Tag für Tag, bald hast du große Strecken Zurückgelegt und siehst dich endlich froh am Ziel. Unverhofft kommt ost, Nur selten ist's was Gutes. Kommt's oder nicht, Thu' deine Pflicht! So bleibst du srohen Muthes. Scharfe Schwerter schneiden sehr, Scharfe Zungen noch viel mehr. Ist die Last zu schwer, Wird die Kraft dir versagen, Darum prüft vorher. Wie viel die Schultern tragen. Lerne mit Andern dich vergleichen, Den und Den wirst du nicht erreichen, Aber es wird in manchen Stücken Besser als Dem und Dem dir glücken. F. Beck. Das erste Vekcnnerblnt des Missionshauses in Steht. Am 20. Juli empfingen wir, berichtet der „Kleine Herz-Jesu-Bote", Organ des Missionshauses Stegl, folgende wichtige Mittheilungen aus unserer chinesischen Mission von Süd-Schantong, die am 18. Januar 1882 von den beiden ersten Missionaren unseres Hauses, Hrn. Provicar Joh. Baptist Anzer aus Pleistein, Diöcese Regensburg, und Jos. Freinademez aus Äbtey, Diöcese Bripen, betreten wurde. Die ganze Mijsson, an Größe Holland und Belgien zusammengenommen gleich, zählte damals unter 9 Mill. Heiden 158 Katholiken zu Puoli, in der äußersten Nordweststrecke der Miision. Ein gutes Jahr später aber gab es über 800 Katechumenen in allen Regierungsbezirken des großen Distriktes und waren über 1100 Heidsnkindcr in der Todesstunde getauft. Wir irren wohl kaum, wenn wir annehmen, daß diese Fortschritte es waren, welche den haß einiger sanatischer Heiden erregten und die nachstehend mitgetheilten Vorkommnisse veranlaßten Wir theilen dieselben mir nach einem Briefe des Hrn. Subdiacon Riehm, an den zuerst diese Nachrichten kamen. (Hr. Richtn, ein Kölner, langte in Begleitung des Priesters Anton Wewel aus Senden, Diöcese Münster, im Mai 1882 in Puoli an.) „Puoli, den 15. Mai 1883- Hochwürdiger Herr Rector! Geliebter Vater in Christo! Es war am Vorabend des Maimonats, als unser hochw. Herr Provikar, jetzt vielleicht schon Märtyrer, oder doch ganz gewiß Bekenner, in feierlichster Weise in unserer Kirche die Maiandacht eröffnete. Ganz besonders inständig empsahl er seine bevorstehende Abreise der allerseligsten Jnngsran und forderte die Christen auf, speciell für die Bekehrung ZautschaufS') zu beten. Am 1. Mai Morgens 5 Uhr bestieg er seinen Wagen. Als Begleitung harte der Herr Psarrvikar zwei Katechisten und seinen Fuhrmann. i) Die Mission von Süd-Schantong hat drei Fn oder Regierungsbezirke: Jentschaufn, Jtschanfn und Zautschansu; die Hauptstädte derselben heißen ebenso. Der nächste Zweck der Reise des Herrn Provikar war der Schutz und die Stärkung der Katechumncn des dortigen Bezirks, da man diese m t Gewalt hindern wollte, Christen zu werden. 583 Die Nachrichten ans Zautschaufn waren keineswezs tröstlich, sonnt der Abschied recht ernst. Einige Tage »ach der Abreise erhielten wir einen Brief vom Herrn Provikar. Er theilte uns mit, daß es wirklich nicht günstig für unsere Sache stände. Der apostolische Mann jedoch wurde nicht abgeschreckt. Etwas später theilte er uns mit, daß er am 5. Mai zur Stadt kommen würde. Unbehelligt langte Herr Provikar an, stieg in einem Wirthshause ab und besuchte am 6. Mai den Mandarin. Der Empfang war ein kurzer und nicht freundlich. Der Mandarin fragte ihn, ob er Rebellen beschützen wolle. „Durchaus nicht; ich beschütze nur Diejenigen, welche die katholische Religion annehmen wollen und daran gegen das kaiserliche Edikt gehindert werden." Der Mandarin fragte ferner, ob der Mandarin von Jangkn ein Edict zu unsern Gunsten gegeben hätte. Herr Provikar mußte dieß ver« »einen, denn der Mandarin von Jangkn ist unser Feind, wie Sie, Herr Rector, schon wissen. Darauf war die Unterredung zu Ende. Herr Provikar kehrte in sein Wirthshaus zurück und erklärte am folgenden Tage den Neugierigen den Zweck seiner Ankunft; ab und zu schickte er einen Kateehisten in's Mandarinat. Der Mandarin hatte am Schlüsse seiner Unterredung gesagt, er müsse sich zuvor mit seinen Collegen berathen; dann wollte er ihm sagen, was er zu thun hätte. In der Stadt Zaut- schanfn befindet sich nämlich ein Kriegsmandarin und ein Ober- und Unter-Civilmandarin. Am ll.Mai » nun Nachmittags erschienen Soldaten im Wirthshause und forderten den hochw. Provikar auf, schleunigst die Stadt zu verlasse». Herr Provikar besteigt seinen Wagen. Begleitet von einem jüngeren Kateehisten, Fuhrmann, Soldaten und einer ungeheuren Volsmenge fährt er nicht zur Stadt hinaus sondern zum Mandarinat. Aber hier findet er verschlossene Thüren. Nun wußte er Bescheid und schickte sich an unter derselben Begleitung die Stadt zu verlassen. Bor der Stadt beginnt nun eine traurige Katastrophe, menschlich gesprochen; im Lichte des Glaubens betrachtet, beginnt das Martyrium. Die Soldaten fchlagen zuerst den Kateehisten, dieser ergreift die Flucht; dann ziehen sie den Herrn Provikar aus dem Wagen, reißen ihm bis auf die Unterhose die Kleider vom Leibe, binden ihm die Hände auf den Nucken und ziehen ihn an einem Baume in die Höhe. Nun beginnen sie ihre Henkerarbeit und schlagen unmenschlich mit Knütt.ln auf alle Körpertheile. Als sie ihn für todt hielten, ließen sie ihn zur Erde fallen und wollten jetzt den Wagen denwliren. Der Fuhrmann jedoch erhob Einsprache, indem er sagte, es sei sein Wagen. So beschädigten die Unholde nur das Tuch, raubten aber Alles: Gepäck, Geld, Kleider, Meßsächen und gingen ihres Weges. Eine Stunde nach der Abfahrt des Herrn Provikar erscheinen im Wirthshause wieder Soldaten, geben einem Kateehisten einige Ohrfeigen und bedeuten ihm, schleunigst zu fliehen. Der alte Katcchist war eben abwesend. Ersterer nun geht zur Stadt hinaus und findet in einiger Entfernung den Herrn Provikar. Weder Herz- noch Pnlsschlag konnte er bemerken. In dieser traurigen Lage blieb er bei dem Bekenner Christi — meine Augen sülle» sich mit Thränen: — erst nach einiger Zeit überzeugte ihn ein schwacher Pnlsschlag, daß noch Leben vorhanden sei. Ein mitleidiger Heide kam eben des Weges. Beide nein nahmen die theure Bürde und trugen sie 7 Li weit. Dort erhielten sie einen Wagen sür Geld und gute Worte; auf diese Weise gelangten sie in ein 18Li von der Stadt entlegenes Dorf, wo einige Katcchnmeuen die armen Verfolgten aufnahmen. Es war schon Mitternacht. Am andern Morgen gegen 8 Uhr trank Herr Provikar etwas Thee und sprach unverständliche Worte. Um diese Zeit erschienen Leute aus dem Mandarinat mit einem Wagen. Ihr Herr, sagten sie, wüßte nichts von dem Vorgefallenen; er bedanre sehr, und lasse den Provikar bitten, in's Mandarinat zu kommen. Allein der Arme konnte den Wagen nicht besteigen. Vier Männer fasten sein Bett und tragen ihn so, während der Katechet den Wagen besteigt. Der Mandarin, welcher das Tribunal geschlossen hatte, ist derselbe, der ihn jetzt aufgenommen hat. Unser Fuhrmann ist geflohen, ebenso die Katechisten; nur jener alte nicht, welcher vielleicht in dem Augenblicke, wo ich dieses schreibe, bei dem theuren Bekenner im Mandarinat weilt. Dies erzählte ein treuer Katechist, der eben in dem besagten Dorfe predigte. Er hat den Herrn Provikar in seinem Leidensznstande gesehen und sagte, er könnte wohl schon todt sein. Somit ei» Märtyrer sür den Martyrersaal in Steyl. „kercutiam x-eetorem er vvos ckispo, geutur." i „Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe werden zerstreut werden.") Kommen Sie, hochw. Vater, uns nun in leiblicher und geistiger Weise zu Hilfe und seien Sie herzlich gegrüßt von Ihren treuen Söhnen in Christo Jesu- G. Nie h m." So Hr. Rieh»!, der damals allein in Puoli, dein Centrum der Mission, sich befand. Wir empfingen diesen Brief am 20. Juli, und sind die vier neuen Missionare am 26. Juli noch unter dem Eindrucke dieser Nachrichten abgereist. Im klebrigen haben wir von einer Veröffentlichung derselben zunächst Abstand genommen und aus eine weitere Bestätigung gewartet. Diese ist unterdessen eingetroffen und zwar durch einen Brief des Herrn Provikar selbst, der zu unserer großen Freude in dieser harten Drangsal von der göttlichen Vorsehung glücklich, wenn auch nicht ohne Verletzung, erhalte» worden ist und nun hoffentlich der Mission seine Kräfte noch lange wird widmen können. Leider hat er über den ganzen Vorfall selber nur kurze und abgebrochene Mittheilungen gemacht, da es ihn zunächst beschäftigte, aus seiner Nothlage, der argen Geldklemme, worin er sich befindet, herauszukommen. Er schreibt: . «Ich »herschicke heute den Jahresbericht. Der Schluß folgt nächstens. In Zautschaufn wurde ich geschlagen iu ockiuin religloms (d. h. aus Haß gegen die Religion.) Davon später. Heute aber etwas Nothwendigeres. Ich habe in Zautschaufn 170 Taöl's verloren, (wurden geraubt). In Zinanfn, Tschifu habe ich L-chnlden, so daß mit genauer Noth die 3000 Alk., die Sie schickten, zu deren Deckung hinreichen. Dazu habe ich täglich 70 bis 80 Personen zu ernähren, die Katechisten zu bezahle»; die Ü84 Reisen für die Besorgung der Katechumencn, dann setzt der Proceß, und — kein Geld. Ich bat N. N. aus den Knieen, mir abermals Geld zu leihen. Aber er konnte nicht. Wenn Gott jetzt nicht ein Wunder wirkt, so geht die Mission zu Grunde. Heute schicke ich ein Telegramm. Ich hoffe nach Empsang dieses Briefes haben Sie bereits die 8000 Mark abgeschickt. Aber schicken Sie sobald als möglich wieder. Erlassen Sie einen Ausruf, schicken Sie Leute zum Sammeln aus. Die 8000 Mark reichen blos sllr die augenblicklichste Noth. Kommt nicht in 1—2 Monaten Geld, so muff ich die Mission auslösen. Ach welche Schwierigkeiten! Dazu bin ich noch voll von Wunde», ganz geschwächt ob des Blutsturzes. Beten Sie, erlassen Sie einen Aufrus und kommen Sie uns doch mehr zu Hilfe. Unter den herzlichsten Grüßen Euer Hochwürden ergebenster, dankbarster I. Auzer. Auf dem Rande bemerkt dann der Herr Provikar noch mit einigen flüchtigen Zeilen: „Ich fragte meine Peiniger, warum sie mich schlügen. Wollten sie mein Geld, so sollten sie es nehmen. Sie schrieen: „Wir wollen nicht deine Habe, wir wollen dein Leben. Du bist ein Haupt der katholischen Kirche. Diese ist schlechter, als die Sekte der „weißen Seerose."") Du mußt sterben!" Ich habe sechs Kopfwunden. Mein Imker Fuß ist gebrochen. Der Rücken von den Schlägen sehr geschwollen. In Folge der Schläge überfiel mich ein Blutsturz. ..." > , , Die in den Briefen mitgetheilten Thatsachen sprechen an und für sich zu laut und eindringlich als daß wir es für nöthig hielten, noch viele Bemerkungen hinzuzufügen. Gewiß werden besonders die angeschlossenen Bitten in allen fühlende» Herzen lauten Wiederhol! finden. Daß das Missionshaus von Steyl für seine Mission in Süd-Schantong gethan hat, was es thun konnte, beweist der Umstand, daß wir in den Jahren 1882 und 1883 bereits mehr als 40,000 Mark für unsere Mission verausgabten. Möge Gott der Herr immer mehr hochherzige Seelen anregen, uns und der fernen Mission mit ihren mitdcn Gaben zu Hilse zu kommen. M i s - s l l e n. * (Ein entrüsteter Professor.) Der rühmlichst bekannte Arzt und Professor Busch (geb. 1788 zu Marburg» Professor und Direktor in Berlin) pflegte durchaus keine besondere Sorgfalt auf seine Kleidung zu verwenden. So kam es, daß man ihm zuweilen, seines schlechten unscheinbaren Rockes wegen, die nöthige Ehrerbietung vorenthielt. Nach einer solchen in Marburg einst gemachten Erfahrung, begab er sich nach Hause, zog seine besseren Kleider an, und ging dann wieder unter die Leute, wo er nun eine ganz anders Aufnahme und Begrüßung fand. Das aber war dem guten Professor, dessen Wissenschaft ein viel besseres Gewand als er selber trug, nun vollends gar nicht recht! Eilends verfügte er sich wiederum in seine vier Pfähle zurück, warf den Sonntagsrock schnell ab, und sprang wüthend mit beiden Füßen darauf umher, indem er tief entrüstet rief: „Bist Du der Professor oder bin ich's?" — (Was ist ein Reporter?) Ein nie verzagendes — nach Neuigkeiten jagendes — überall schnüffelndes — zu Hause büffelndes — wie der Blitz laufendes — sich kaum verschnaufendes — zur Redaktion eilendes — nur kurz verweilendes — Zeilen 'raus- schindendes — wieder verschwindendes — hoffnungsvoll strahlendes — rosig ausmalendes — wundervoll träumendes — Frühstück versäumendes — wenig erbauendes — Dingen nicht trauendes — viel sich erkühnendes — wenig verdienendes — würdevoll tragendes — imnier verzagendes — wieder versuchendes — morgen mehr buchendes — mühsam erwerbendes — dereinstmals sterbendes — volksaufklärendes — unterhaltend-belehrendes — nichts vergessendes — aber selbst bald vergessenes Individuum. (Umgekehrt.) Vater: „Aber Hans, Deine Noten haben sich ja wieder nicht verbessert!" — Hans: „Ja Papa, Du darfst jetzt schon ein ernstes Wort mit dem Lehrer reden, sonst macht er immer so fort." (Umschreibun g.) Angeklagter: ... „Herr Gerichtshof, das muß schon in der Familie lieg'n, denn dem Franz! (dem Erschlagenen) sei Vata is g'rad so g'storb'n word'n." (A u s n a h m s w e i s e.) „Wie siehst Du aus Schmule. — Bist ja gar nicht zu erkennen!" — „Gewaschen hab ich mer heute." H Die Sekte der „weißen Seerose" ist eine weitverzweigte chinesische Geheimverbindung, die staatlich verfolgt wird. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Angslmrg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von l)r. Max Hnttler. jur „Ängsdarger Postzeitimg." Nr. 74. Samstag, 15. September 1883. Der GpKlrrng. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Die Unterhaltung drehte sich nun um Pfarrangelegcnhcitcn, und bald darauf verließen die Damen das Eßzimmer. Bertha war glücklich, sich den Abend mit Lady Langlcy über frühere Zeiten unterhalten zu können und sang dann ihrem alten Freunde, Sir Stephan, zu Liebe eine Ballade nach der anderen; sie hatte eine hübsche Mezzo- sopranstimiiic und einen angenehmen gefühlvollen Vortrug. Lena letzte es ab zu singen; sie gab vor, zu müde zu sein. Sie spielte eine Partie Schach mit dem Rcctor, doch auch hierbei gelang es ihr nicht, ihre Langeweile zu verbergen. „Wenn sich uns hier keine andere Abwechselung bietet, so wünschte ich, wir wären zu Hause geblieben", sagte Lena zu ihrer Schwester, als sie sich zu ihren freundlichen Zimmern begaben. Diese hatten eine hübsche Aussicht auf den Garten und waren durch eine Thüre, welche die beiden Mädchen offen stehen ließen, verbunden." „O, Lena, ich finde es entzückend hier!" rief Bertha. „Aber ich will Dir etwas verrathen; nächsten Dienstag kommt Lcnord Alphington und noch eine Menge anderer Menschen hierher zum Diner; dann wirst Tu Gelegenheit haben, Deine Erobcrnngskünste zu versuchen." „An dem alten Lord Alphington? Danke schön", cntgegncte Lena; „dort ebensowenig, wie an dem jungen Holcrost." „Nein, das darfst Tu auch nicht thun, den habe ich mir auserkoren; er ist ein angenehmer junger Mensch, und ich schmeichele mir durch das Lied „schwarzäugige Snsanna" meine Eroberung besiegelt zu haben", bemerkte Bertha lachend, während sie ihre Haare herunterließ. „Wie es Dir nur einfallen konnte, dieses lächerliche, alte Lied zu singen; übersteigt meine Fassungskraft." „Sir Stephan bat darum und Papa hörte es so gerne." Leise vor sich hin singend, schickte Bertha sich an, sich zur Ruhe zu begeben. War es das Wiedersehen alter lieber Freunde, oder die Aussicht auf eine achttägige Erho- lungszcit, daß ein solch glückliches Gefühl ihr Herz durchströmte? Im Dorfe dort herrschte die Sitte, an den Sonntagmorgm über eine ganze halbe Stunde zu läuten, um alle guten Menschen znr Kirche zu rufen. Bertha, welche schon angekleidet war, öffnete ihr Fenster, um dein schönen Glockengeläute zu lauschen; nachdem sie sich eine Weile der herrlichen Morgenluft erfreut, ging sie hin und weckte ihre Schwester. „Steh' auf, Lena! beeile Dich, es ist so prächtiges Wetter." „Mich soll's nur wundern, ob es sich heute der Blühe lohnen wird, aufzustehen", sagte Lena mit lautem Gähnen. „Geh' nicht fort, Bertha; ich werde unmöglich fertig, wenn Du mir nicht hilfst," 586 Die gutmüthige Bertha willfahrte ihrem Wunsche, obschou sie einen Spaziergang durch den Garten vorgezogen haben würde. Die beiden Schwestern traten nach einiger Zeit zusammen in das Frühstückszimmcr, noch gerade zeitig genug, um dem gemeinschaftlichen Morgcngebete beizuwohnen. Später begab sich die ganze Gesellschaft zu Fuße zur Kirche, da Sir Stephan nur im äußersten Nothfalle an Sonntagen den Wagen benutzte. Der kürzeste Weg führte durch ein Gehölz, welches zum Park von Alphington gehörte. Sir Stephan zog den Arm Bcrtha's durch den seinigen und ging mit ihr voraus; die Anderen folgten in einiger ' Entfernung. „Ich wünschte mit Dir zu sprechen, liebe Bertha, und möchte Dich bitten, mir frei und offen zu erzählen, was Du zu Hause anfängst", sagte er. Bertha hatte keinen Grund dies zu verheimlichen und so beschrieb sie ihrem alten väterlichen Freunde ihre ganze Lebensweise. „Hm! Das gefällt mir nicht sehr. Das Einkommen müßte ausreichen, ohne daß Du nöthig hättest, Stunden zu geben und ich wollte wohl wetten, daß die meisten Hausarbeiten Dir ebenfalls zufallen, Du arbeitest zu angestrengt, das kann ich nicht zugeben; Du sollst Deine Munterkeit und Deine blühende Gesichtsfarbe nicht dadurch einbüßen." Bertha's Augen füllten sich mit Thränen bei der liebevollen Sprache des alten Herren. Das geringste Zeichen von Zärtlichkeit rührte sie tief. „Wirklich Sir Stephan", begann sie, aber dieser ließ sie nicht zu Worte kommen. „Nun höre, was ich Dir sagen will", fuhr er fort. „Ich habe das Recht und die Pflicht mit Dir zu sprechen, da ich Dein Pathc und ältester Freund bin. Lady Langlcy und ich haben die Sache zusammen überlegt. Wir besitzen keine Kinder und deshalb wünschen wir, daß Du als unsere Tochter bei uns bleibest, selbstverständlich nur dann, wenn Du glaubst, bei so zwei alten Leuten glücklich sein zu können." „Glücklich! O, ja, wie unendlich glücklich würde ich sein", erwiderte Bertha. „Es ist zu gütig von Ihnen und Lady Langtet) in dieser Weise meiner zu gedenken!" Tausend Dank dafür, aber ich darf Mama und Lena nicht verlassen." Die Stärke dieses Eiuwandcs kann mir nicht recht einleuchten, jedoch will ich Dir einen Vorschlag machen, Bertha. Ich weiß wohl, daß Du Deinen Schülerinnen nicht so ganz plötzlich kündigen darfst; dies würde auch Deinem Pflichtgefühle zu sehr widerstreben, aber Miß Dalton muß im Herbste mit Euch beiden Mädchen zn einem recht langen Besuche hierher zu uns kommen und dann wollen wir weiter darüber sprechen. Jetzt kein Wort mehr davon", fügte er hinzu, da er bemerkte, daß Bertha im Begriffe war, Einsprache zu erheben. Es bot sich auch in der That keine Gelegenheit mehr, die Unterhaltung fortzusetzen; sie hatten den Kirchhof bereits erreicht. Bertha konnte einen Seufzer nicht unterdrücken, als sie sich im Geiste ausmalte wie angenehm es sein müsse, in dieser reizenden Gegend bei so liebenden Menschen leben zu dürfen; aber sie unterdrückte sofort dieses Verlangen. „Ich darf es nicht wünschen, es wäre nicht recht", sagte sie bei sich. Als sie durch das Thor des Kirchhofes traten, wandte sich ein Herr, welcher bis dahin mit einem Landmanne gesprochen, um, begrüßte Sir Stephan mit herzlichein Händedrnck und Bertha durch Abnahme des Hutes. Er war von großer Statur, doch hatte er eure etwas gebeugte Haltung, welche dem Anscheine nach mehr von großer Sorge als Altersschwäche herrührte. Seine Züge besaßen eine fast weibliche Zartheit mit Ausnahme der breiten Stirne und des kräftig geformten Kinnes. Das knrzgcschnittene Haar war schneeweiß, aber der Schnnrrbart hatte noch eine bräunliche Färbung und die durchdringenden klaren Augen schienen ihr jugendliches Feuer nicht verloren zn haben. Er ging mit Sir Stephan bis zur Kirchthüre; Bertha blieb-mrnck und schloß sich Lady Langlcy, welche eben das Thor erreicht hatte, an. 587 „Das ist Lord Alphington", sagte diese; „er geht immer zu Fuß durch den Park zur Kirche und ist überhaupt iu seinem ganzen Wesen noch einfacher wie ein gewöhnlicher Landedclmann." Auf dem Rückwege begleitete Lord Alphington Lady Langley und Sir Stephan durch den Wald; die beiden Mädchen folgten mit dem jungen Holcroft. Herrlich schien die Sonne und beleuchtete das frische Grün der Bäume. Hier und dort blickten Primeln und Waldanimoncu aus dem weichen Moose hervor. „Wie prachtvoll muß der Wald nach einem Monate aussehen!" rief Bertha entzückt aus. „Der Herbst, das ist die beste Zeit", belehrte sie der Seemann; „es gibt hier eine solche Menge Nüsse, Sie müssen dann herüberkommen." Lena schlenderte einige Schritte voraus und betrachtete das stattliche Schloß, welches ab und zu, wo das Gehölz nicht allzudicht war, dem Auge sichtbar wurde. Plötzlich sprang ein Mann aus dem Gebüsche hervor; er stutzte, als er sich den beiden Damen und ihrem Begleiter gegenübersah, dann lüftete er seinen Hut, bat um Entschuldigung, sie so erschreckt zu haben und verschwand zwischen den Bäumen auf der entgegengesetzten Seite des Weges. „Was für ein unangenehm aussehender Mensch!" sagte Bertha; „ob er hier in's Dorf gehört?" „Dem Acußcrn nach zu urtheilen, schien er nicht von guter Herkunft zu sein", bemerkte Lena, vielleicht war es ein Wilddieb." „Dafür sah er nicht muthig genug aus", entgegnetc Holcroft. „O, Miß Daltou, ich muß Ihnen noch ein Abenteuer erzähle!», welches wir vorigen Winter mit einer Bande Wilddieben gehabt haben. Ich war gerade hier anwesend und in der „Procris" zurückgekehrt", fügte er gegen Bertha gewendet hinzu. So erzählten sie munter weiter auf dein Spaziergaugc, ohne zu ahnen, von welchem bedeutenden Einflüsse die Person, der sie dort begegnet, auf ihr Schicksal sein werde. Der Tag des großen Gastmahles war erschienen und mit ihm die erwarteten Gäste; Lady Langley verstand als ausgezeichnete Wirthin die Kunst, es Jedem behaglich zu machen und die Unterhaltung vor dein Stocken zu bewahren. Als man sich die selbstcrlcbteu Ereignisse und Zufälligkeiten mittheilte, sagte sie: „Meine junge Freundin Bertha Daltou hat kürzlich ein merkwürdiges Abenteuer erlebt", und nun erzählte sie die Geschichte des Ringes, wie sie sie von Bertha erfahren. „Es scheint ein ganz interessanter Ring gewesen zu sein; sagtest Du nicht, Bertha, er habe eine Devise gehabt?" „So schien es mir", erwiderte diese. In der Mitte desselben befindet sich ein schöner Opal und die Anfangsbuchstaben den kleinen Edelsteine, welche diesen einfassen, machen, wenn ich mich nicht sehr irre, den Namen „Fides" aus. Ich kann mir nicht denken, daß die Steine so auf's Geradewohl zusammengestellt seien. „Das ist ja sonderbar", bemerkte Lord Alphington, und während der noch übrigen Zeit bei Tische war er zerstreut und sprach nur dann, wenn man ihn direkt anredete. Als sich später die Herren den Damen im Wohnzimmer wieder zugesellten, nahm Lord Alphington eine Tasse Kaffee, schritt quer durch's Zimmer auf Bertha zu und setzte sich neben sie. „Darf ich fragen, ob Sie den Ring, in dessen Besitz Sie auf so eigenthümliche Weise gekommen sind, bei sich haben? frug er dann. „Ich bedauere sehr, daß dies nicht der Fall ist", erwiderte Bertha. „In London trug ich ihn in der Hoffnung, den Eigenthümer anzutreffen, fortwährend; aber als ich hierher reiste, hat man mich beredet, ihn zu Hause zu lassen." 588 Würden Sie wohl die Güte haben, mir ihn ganz genau zu beschreiben? Meine Bitte rührt nicht von bloßer Neugierde her." Bertha willfahrte gerne diesem Wunsche, doch wunderte sie sich im Stillen über das Interesse, welches der Earl daran zu nehmen schien. „Ich habe allen Grund zu glauben, dieser so merkwürdig verloren gegangene und wiedergefundene Ring ist Eigenthum meiner Familie, da man doch nicht annehmen kann, daß zwei ganz gleiche cxistiren." „Gehört er Ihnen, Lord Alphiugton? O, wie mich das freut!" rief Bertha aus; „ich bin ganz glücklich, ihn zurückerstatten zu können. Wie auffallend, daß ich hier den rechtmäßigen Eigenthümer antreffe, wo ich fast daran verzweifelte, ihn jemals zu entdecken! Dachte ich es mir doch, daß er nicht dem Manne, welcher ihn verloren hat, rechtmäßiger Weise angehören könne." „Was war das für eine Persönlichkeit?" frug Lord Alphiugton mit augenscheinlicher Unruhe. , „Ein äußerst unangenehm und gemein aussehender Mensch", cntgegnete Bertha. „Der Himmel möge mich davor bewahren, daß es derselbe ist, welcher jetzt Anspruch darauf erhebt, als mein Enkel anerkannt zu werden", sagte Lord Alphiugton mit besorgtem Blicke. „Dies werden Sie nicht zu befürchten haben, der Mann, von dem wir sprechen, ist zu alt dazu — er schien mir über vierzig Jahre zu sein." „Ah, das ist auf alle Fälle eine Erleichterung! Mein Enkel, wenn er sich wirklich als solcher herausstellt, kann höchstens scchsundzwanzig Jahre zählen. Vor achtnud- zwanzig Jahren hat mein unglücklicher Sohn England verlassen. Lady Alphiugton trug immer jenen Ring, wie es seit vielen Generationen in unserer Familie Sitte war. Als sie unsern jüngsten Sohn zum letzten Male umarmte, zog sie den Ring von: Finger und steckte denselben ihm an zum Unterpfande, daß er in Zukunft ein, seiner und ihrer würdiges Leben führen solle. Ich begreife nicht, wie er in andere Hände übergegangen sein kann, denn ich bin fest überzeugt, daß mein Sohn eher sein Leben, als den Ring geopfert hätte." Bertha hörte mit tiefem Interesse zu und sagte dann: „Der Ring ist ja von großem Werthe für Sie; ich werde ihn mir sofort schicken lassen." „Sie werden mich sehr dadurch verbinden. Aber noch ein's überrascht mich in Ihrer Erzählung", fuhr Lord Alphiugton fort, „Ihre Vermuthung nämlich, daß die Dame, bei welcher Sie Erkundigungen einzogen, mehr von dem Individuum gewußt habe, als sie sich den Anschein gab." „Ich mag ihr Unrecht thun, aber es kam mir so vor." Lord Alphiugton saß einige Zeit in Gedanken versunken da; dann begann er von Neuem: „Es ist in der That sehr merkwürdig." Plötzlich schien eine andere Erinnerung in ihm aufzutauchen, denn er frug lächelnd: „Sagten Sie nicht, daß Sie den Ring während eines gauzenMonats getragen haben?" „O, gewiß noch länger", antwortete Bertha. „Ich fand ihn ja schon Anfangs März." „Soll ich Ihnen sagen, wärmn ich lächelte; es knüpft sich eine alte Prophezeiung an das Tragen dieses Ringes, sie lautet: Diejenige, welche diesen Ring dreimal nenn Tage trägt, wird Gräfin von Alphiugton werden." „Zum Glück weiß man, daß derartige Prophezeiungen auch zuweilen nicht zutreffen", cntgegnete Bertha lachend, „sonst liefe man vielleicht Gefahr, abergläubisch zu werden." 589 Die übrige Gesellschaft nahm jetzt die Aufmerksamkeit Lord Alphingtoii's in Anspruch, aber vor seinem Weggehen kam er nochmals zu Bertha zurück und unterhielt sich mit ihr über verschiedene Gegenstände; ihr bescheidenes ungekünsteltes Wesen gefiel ihm; er bewunderte ihren Verstand, ihre reiche Begabung und Geistesbildung, welche sie unbewußt an den Tag legte; und Bertha lernte ihrerseits den alten Edelmann achten und lieben. „Sir Stephan und Lady Langley haben ihm gewiß von meinem theuern Vater erzählt und ihm dadurch auch Interesse für mich eingeflößt", dachte sie bei sich. Aber dem war nicht so. Es geschah freilich nicht selten, daß Bertha völlig unbemerkt blieb; auch von Seiten Lord Alphington's würde dies wohl der Fall gewesen sei», wenn sie nicht durch die Geschichte des Ringes zuerst seine Aufmerksamkeit erregt hätte. Doch war man einmal näher mit ihr bekannt geworden, so fühlte man sich unwillkürlich von ihrer Liebenswürdigkeit gefesselt. Lena erwarb sich Bewunderer, Bertha hingegen Freunde. Beim Abschiede trat Lord Alphingtou zn den beiden Schwestern, welche ein Duett gesungen hatten, an's Clavier und sagte freundlich: Lady Langley will mir das Vergnügen machen, mich nächsten Donnerstag zu besuchen; ich hoffe sehr, die beiden Damen werden diese Freude durch Ihre Gegenwart erhöhen." Sein Blick "schloß Lena in die Einladung mit ein, aber an -sertha wandte er sich und ihre Hand ergriff er, so daß Lena ihren Aergcr, nur so nebenbei gebeten worden zu sein, kaum unterdrücken konnte. Ein anderer Trost war ihr den Tag über auch nicht zu Theil gewordcu. Am folgenden Morgen frug Sir Stephan sie beim Frühstück, ob es ihr gelungen sei, Mr. tzartley von Beechwood cinzufangcn, er könne ihr nur dazu rathen, da er ein reicher Junggeselle sei, doch fürchte er, es werde schwer halten, ihm irgend ein Interesse, außer für .Hunde und Pferde, einzuflößen. „Desto größer ist aber auch der Triumph, eine solche Eroberung gemacht zn haben. Gelt, Lena", fuhr er unter herzlichem Lachen fort. Diese erröthete und biß sich auf die Lippen. Es hatte Lena schon oft verdrossen, daß Sir Stephan sich auf ihre Kosten amüsirte. Wenn sie auch mit gewohnter Berechnung ihren Erobernngsplan durchführte, so verletzte es sie doch sehr, ihr Verhalten so unbarmherzig an die Ocffentlichkeit gezogen zn sehen. „Ich werde meinen Zweck doch erreichen", tröstete sie sich heimlich und dann mögen sie lachen, so viel sie wollen. (Fortsetzung folgt.) G o l d k ö r n c r. Die Demuth fühlt sich arm, fühlt sich gering und schwach, lind hält von Kleinmuts! doch sich fern im Ungemach. Die wahre Demuth trägt den Starkmuth auch in sich, Sie hofft auf Gott allein; Er hilft ihr sicherlich. Wohl fühlt die Demuth arm und schwach sich allezeit, Doch Alles sie vermag in Dem, der Kraft verleiht. Das Schwere mache nicht zum Spiele, Sticht läßt sich'S mühelos bezwingen; Beharrlichkeit nur führt zum Ziele, Versuch' es neu, es wird gelingen! Vollenden und Fertigmachen Sind zwei, meist verschiedene Sachen; Mit dem Letzten gibt sich der Schüler zufrieden, Das Erste ist nur dein Meister beschicdcn. F. Beck. — 590 - Das erste Gedicht. * Es war natürlich, daß die Jubelfeier des 16. Juni 1876 die ganze Welt in Bewegung setzte. An diesem Tage hatte Pins IX., der Große, der allein von zwei- hundertundsechzig Päpsten die Jahre des heil. Petrus sah, durch dreißig Jahre die Last der dreifachen Krone getragen. Ob er auch beraubt, mißhandelt, verleumdet und verhöhnt war, wie man seit den Tagen der Martyrcrpäpste schwerlich einen Nachfolger Petri gesehen, er wurde auch von dem ganzen katholischen Erdkreis gefeiert, vielleicht wie keiner zuvor. Die Katholiken aus fünf Wclttheilcn wallten zu den Schwellen der Apostelfürsten, oder sandten Deputirte nach der ewigen Roma, dem gefangenen Papste ihre Huldigung zu bringen; sie bezeugten, wie Hüls kamp sagt, daß sie im Papste ihr wirkliches geistiges Oberhaupt und den wahrhaftigen Statthalter Christi auf Erden verehren, daß sie die Beraubung des Papstes als eine Beraubung der Kirche, daß sie die Beschränkung ihrer Unabhängigkeit als einen Eingriff in die Freiheit ihrer Gewissen, daß sie seine Verfolgung als ihre persönliche Verfolgung ansehen. Die Secundizfcier des Papstes war ein Weltfest, ein Familienfest der katholischen Kirche. Im Abend- und Morgenlande, in der alten und neuen Welt wurde es gleich festlich vorbereitet und begangen. Keine Kirche war und kein Dom, in denen nicht die Festesfreude wiederhabt hätte, und kein Stüblein und keine Hütte, in denen man nicht gebetet, gedankt und sich gefreut hätte. Die ganze Welt wurde in Bewegung gesetzt! Ja, die Welt im Großen und die Welt im Kleinen, auch die Welt der — Dichter! Kein Fest ohne Dichter. Wo immer ein Fest gefeiert wird, ein Fricdensfest, ein Jubiläum, es rühren sich Dichter und Dichterlinge sogleich. Ein Jeder möchte das Seine zur Fest- feier beitragen, sein Gedicht an der Spitze eines Wcltblattes oder doch des ersten Local- blattes gedruckt sehen, seinen Namen durch aller Leute Mund getragen und von Geschlecht zu Geschlecht fortgeerbt wissen, er möchte mit Einem Worte berühmt werden! Darum kein Fest ohne Dichter. Und so träumte und dachte ein Gymnasiast, der, obwohl noch gar nicht in der Poesie, dennoch den Pegasus bestiegen und auch das Seine, und wie er meinte, das Beste zur Secuudiz des großen Papstes Pius IX. beitragen wollte. Er meinte es gut, er war eine treue, gute Seele, er hing mit Liebe und edelster Begeisterung am gefeierten Kirchcuhaupte, und was konnte er dafür, daß es ihn nun einmal mit unwiderstehlichem Dränge zum Dichten trieb? Und wer könnte es ihm verargen, daß auch er wie alle Dichter bereits von seiner einstigen Größe und Berühmtheit träumte, daß es auch i h m vorkam, als werde sein Name einst neben den der „Lieblinge der Nation" genannt werden? So ist's noch allen Dichtern ergangen. Es war ein schöner Juni-Abend. Die Sonne stieg leuchtend über den Horizont hinunter, die Sterne grüßten zur Erde, die Blumen neigten auf Flur und im Wald zum süßen Schlummer ihr Hänptchen. Und über ihnen und unter den herrlichen Eichenriesen, auf denen noch die Vöglein ihr Abendlied sangen, schritt der junge Dichter der Stadt dein engen, hohen Hanse zu, in dem er ein Dachstüblein bewohnte. Bald wird die Avcglocke klingen, das bewußte Zeichen für die Studenten. Doch ehe sie noch klang, saß der Gymnasiast bereits am Pulte und neben ihm lag Koch's griechische Grammatik und die bekannte Geschichte von Pütz und der noch mehr bekannte Virgil. Doch diese lagen ruhig und schweigsam neben Ihm, er aber hatte heute das deutsche Lesebuch aufgeschlagen und blätterte sinnend im zweiten Theile herum. „Eine der schönsten Dich tungs- formen, vielleicht die schönste und erhabenste von allen" — also las der Studio laut aus dem Buche vor sich hin — „ist das Sonett." — „Also nehm ich das Sonett zu einem Hnldigungsgedichte", — „vierzehn Zeilen, — vier Strophe:!, — zwei vielzellige und zwei dreizcilige I alllla, II allda. III ecke, IV ecks u. s. w. Beispiel aus Göthc: „Natur und Knust, sie scheinen sich zu fliehen Und haben sich, eh' man es denkt, gefunden; Der Widerwille ist auch mir verschwunden, Und beide scheinen gleich mich anzuziehen!" Also las der Studio, dann klang die Avcgtockc und er betete heute recht innig und andächtiger als gewöhnlich und bat dringend die Mutter Maria sie möchte ihm heute auch Muse sein. —- Dann setzte er sich wieder an sein Pult, nahm Papier und Bleistift, und fing sogleich zu Denken und zu Dichten an: Schlagen — tragen — klagen — sagen — wagen — fragen. Wahren — fahren — Schaarcn — harren — offenbaren. Der Leser sieht, wie sich das Sonett entwickelt. Als der Thürmcr zum ersten Male den Hammer in Bewegung setzte und die zehnte Stunde gekommen war, da war die Stadt, ohne das; auch nur ein Bewohner von dieser Ehre träumte, um ein schönes Gedicht reicher und barg einen glücklichen Jüngling mehr in seinen alten Mauern. Das Gedicht tvar fertig, der erste Ritt auf dem Dichterroß gelungen, ein inniges Dankgebet sandte der junge Dichter aus der Tiefe seines Herzens zu den Sternen; der Silbermond sah lächelnd in's kleine Dachstüblein, wo vor'm Fenster der Dichter stand mit dem Papier in der Linken und also in seinem Glücke in die schöne Nacht deklamirte: Du hälft das Steuerruder jetzt schon während vielen Jahren; Du halst es fest in bangen, trüben, sorgenvollen Tagen. So sehr mich Meereswogen stürmisch an das Schifflein schlagen, Nicht wird es je zerschellend, berstend an die Klippen fahren. WaS hier Du, Schiffer, duldest: Alles wird einst offenbaren, Der hoch im Himmel höret Deine schmerzcnvollen Klagen. Doch nimmer wollen wir in all' den Leiden je verzagen, Wir wollen feste Liebe Dir und echte Treue wahren. In allen trüben Stunden wollen wir an Dich uns halten, Und immer stehen fest in Deinem fcstgcbauten Schiffe, Und keine Macht soll je uns wankend oder zitternd machen. O daß Du noch recht lange als der Schiffer mögest walten, Das Schifftest! wahren, retten vor dem jähen Felsenriffe Und aus der heimlich List der bösgesinntcn Höllendrachen! Als das letzte Wort verklungen war, da war er müde der Dichter, und so gern noch der alte Birgst ein wenig Unterhaltung gewünscht hätte, er warf sich auf's Lager, doch las er noch dreimal sein erstes Gedicht, ehe er das Lämpchcn erlöschen ließ. Vor Glück und Seligkeit konnte er lange nicht schlafen. Er erwog in seinem Geiste, welches Blatt die Ehre und Auszeichnung haben sollte, seine Spitze mit dem Gedichte zu schmücken. Und der Studio kam mit sich überein, sein Lcibblatt damit zu beehren und gleich morgen früh das Gedicht an die Redaktion dieses Blattes abgehen zu lassen. Dann siel er in Schlummer, und schlief so süß, wie schon lange nimmer. Und er träumte heute nicht wie sonst von Professoren und Scriptioncn und von der lieben Heimath, sondern nur von seinem Ruhme und seiner Dichtergröße. Als die goldene Eos im Osten herausfuhr, saß der Studio bereits wieder an seinem Pulte und schrieb ein Brieflein an die „voreheliche Redaktion" des Leibblattes. Da fuhr ihm ein Gedanke wie ein Blitz durch die Seele. Wenn das Gedicht eine Beleidigung, eine Injurie enthielte? — — Was dann? Dann könnte ich eingesperrt, könnte dimittirt werden. — Der junge Dichter kämpfte einen heißen, einen langen Kampf. Er erinnerte sich der vielen Eonfiseationcn der Blätter und Bestrafungen der Redakteure, wenn nun sein Gedicht so was veranlaßte? Er wußte sich nimmer zu helfen. Nathlos saß er über dem angefangenen Briefe. Da kam ihm seine Muse zu Hülfe und dictirte 592 ihm in die Feder: „Die Verantwortung könnte ich nicht übernehmen", und hicmit war er zufrieden und seine Skrupeln waren beseitigt. Dann schloß er den Brief und trug ihn mit Schnellschrittcn auf die Post. » Am Vorabende des 16. Juni erwartete er das Erstlingskind seiner Muse an der Spitze des Lcibblattcs. Bis dahin waren noch drei Tage, drei lauge, lange Tage. Die Herren Professoren waren nimmer recht zufrieden und eine Mathcmatikscription, die der junge Dichter zu machen hatte, soll gar nicht gut ausgefallen sein. Vor Glück und Freude und seliger Erwartung kannte er sich, wie man zu Lande sagt, nimmer recht aus. Als dann erst der 15. Juni kam, jener Tag, der das Lcibblatt mit dein Gedichte auf sein Zimmer bringen und des Dichters Ruhm in alle Lande verbreiten sollte: wie langsam flössen heute die Stunden hin, noch langsamer als am Tage vor der Vakanz! Der Abend kam. Der Studio sah nichts Anderes mehr vor seinen Augen als sein Huldignngsgcdicht in großen Schwabacher Lettern au der Spitze des Leibblattes. Und lange, lange dauerte es, bis endlich der Bahnzug in die Stadt hcrciupfiff, der in seinem Postwagen das geliebte, mit unaussprechlicher Sehnsucht erwartete Journal bringen sollte. Ja, diese Zeitungen! — Wie ein Liebesbote werden sie oft erwartet und ersehnt! Der Studio war, nachdem um vier Uhr die lästige Classe zu Ende war, längs des Bahndammes spazieren gegangen, um sich die Zeit zu vertreiben. Er hatte den Postwagen mit dem köstlicheil Inhalte an sich vorüberfahreu sehen, nun stürzte er heim und erwartete mit einem unaussprechlich eigenen Gefühle unten in der Stube der Hausfrau den geliebten Postboten. Er blieb länger, viel länger aus als sonst, doch er kam und schon bei der Thüre nahm der Studio die Zeitung in Empfang. — — Am Abende saß traurig, fast weinend der Dichter droben in seinem Dachstüblcin. Das böse Leibblatt hatte seines Gedichtes nicht einmal Erwähnung gethan, ein anderes viel schlechteres — wie der Studio meinte — glänzte an seiner Spitze. Er war namenlos unglücklich. Seine schönste Hoffnung war vernichtet, seinen Glücksstern hielt er für erloschen, kaum ein Todesfall hätte ihn mehr bcstürzcn können. Der arme Dichter! Doch er sollte entschädigt werden. Nach sieben Jahren schrieb er die Geschichte seines ersten Gedichtes nieder, und bei der Gelegenheit kam dieses selbst in die Zeitung. — N. II. M i s e e L l e u. (Probate Mittel gegen verschiedene Uebel.) Gegen den Katzenjammer: Man bleibt drei bis vier Tage, bevor man ihn bekommt, im Bette liegen, vermeidet den Genuß geistiger Getränke, versetzt sich durch einen heißen Thee in einen kräftigen Schweiß und wartet ruhig ab, bis das betreffende Diner oder Zechgelage vorüber ist. Dann steht mau fröhlich auf und geht an die Arbeit. Uroffaknm sst! — Sehr richtig heißt eS „Gegen die Dummheit": — „Hilft Nichts". Item: „Sich eine dauernde Gesundheit zu verschaffen": „Mau wähle ein reiches, aber durchaus gesundes Elternpaar und lasse sich von diesem gut und kräftig nähren und mit dem nöthigen Kleingeld versehen." (Von der „kleinen Excellenz".) Als der Abgeordnete Windthorst vor nicht langer Zeit seine Kur in Eins begann, trat ihm" au einem köstlichen Morgen ein Bekannter mit den Worten entgegen: „Excellenz bringen uns vortreffliches Wetter mit!" — „CentrnmSwetter!" antwortete schmunzclnd Windthorst, indem er vergnügt über die Brillengläser schielte. (Aus Kindermund.) „Taute, wenn Dir die Füße eingeschlafen sind, machst Du da auch Deine Hühneraugen zu?" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. - Druck und Verlag des, Litcrarischcn Instituts von Dr. Max Huttlcr. Unterkaktungsökatt »ur „Äugsbnrger postzeitung." Nr. 75. Mittwoch, 19. September 1883 Der Gpalring. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Bertha telegraphirte sofort ihrer Mutter und bat sie, den Ring umgehend zu schicken, da sie ihn Donnerstag Lord Alphington zu überreichen wünschte. Sir Stephan fuhr sie selbst im Jagdwagcn zur nächsten Station, und von dort aus besuchten sie eine interessante in der Nähe liegende Ruine, wo sie, wie verabredet, Lady Langley, Lena und Frank Holcroft, sowie das mitgebrachte Frühstück antreffen sollten. « Auf dem Wege zum Stationsgebäude äußerte Sir Stephan von Neuem den Wunsch, Bertha für immer zu sich zu nehmen. „Wenn Du Deine Mutter und Lena durchaus in Sicht haben mußt, so finden wir vielleicht hier in der Nähe ein hübsches Häuschen, und wer weiß, auch einen Mann für Lena." „Bitte sprechen Sie nicht so!" rief Bertha mit Thränen in den Augen aus. „Nun, wenn es Dich betrübt, Maricnblümchcn, will ich es nicht mehr thun", sagte Sir Stephan, sie mit dem früheren Lieblingsnamcn anredend» „Aber Du weißt ja, daß ich den Sachverhalt kannte, ehe Ihr Plymouth verließet und ich muß Dir sagen, Bertha, obschon es Deine Mutter betrifft, es war sehr unvernünftig von Mrs. Dalton, Lcna's Kopf mit solchen Ideen anzufüllen. Ist das Mädchen entschlossen, zu heirathen, so wird sie schon einen Gatten auftreiben, denn sie ist. schön, das läßt sich nicht leugnen. Aber ich befürchte, sie bleibt an irgend einem Taugenichtse hängen, wenn sie nicht bald zum gewünschten Ziele gelaugt. Deine Pflicht ist es, dies zu verhüten. Du hast Verstand genug, für die andere mit." Bertha seufzte. Sie wußte, wie wenig Einfluß sie auf Lena besaß und daß es ihr unmöglich war, sie von einem einmal gefaßten Vorhaben abzubringen. „Gebe Gott, daß Sie ein falscher Prophet sind", entgegnete sie: „Sie dürfen Lena nicht zu strenge beurtheilen. An Arbeit ist sie ja nie gewöhnt gewesen, dagegen immer verzärtelt und mit der größten Nachsicht behandelt worden." „Und nun betrachtet sie ihr gutes Aussehen als eine Art von Waare, die man an den Meistbietenden losschlägt. Nun, nun, ich würde meine Tochter nicht so erzogen haben, da ich die Ehe von einem anderen Gesichtspunkte betrachte. Eh, kleine Berthal Wie Du siehst, habe ich noch so alte verrottete Ansichten und vielleicht hast Du Recht, daß ich den Verhältnissen nicht genug Rechnung trage. Wir wollen nicht weiter darüber reden, sondern das Beste von der Zukunft hoffen. Darin besteht ja die wahre Weisheit, das Beste hoffen, und sein ganzes Vertrauen auf die göttliche Vorsehung setzen." Nachdem die kleine Gesellschaft die Ruine besichtigt und auf dein Nasen Platz genommen, theilte Ihnen Lady Langley nach dem Frühstücke die näheren Einzelheiten der 594 Geschichte Lord Alphington's mit. „Lady Alphington und ich besuchten dieselbe Schule und waren sehr gute Freundinnen", begann sie ihre Erzählung. „In späteren Jahren sahen wir uns sehr selten, da ich häufig mit Sir Stephan auf Reisen war; doch blieben wir in regelmäßigem Briefwechsel und so erfuhr ich, welch' großen Kummer ihr das üble Verhalten ihres jüngsten Sohnes bereite. Sie besaß nur zwei Söhne. Wie es schien, war Faucourt in einen unehrenhaften Handel beim Pferderennen verwickelt worden; indessen stellte sich später heraus, daß man seinen Namen ohne sein Wissen mißbraucht hatte. Soviel stand jedoch fest, er war in schlechte Gesellschaft gerathen, und mau hielt es deshalb für das Klügste, wenn er sich eine Zeitlang in's Ausland begebe. Er ging nach Amerika und bald darauf starb Lady Alphington; der große Schmerz hatte ihr Ende ohne Zweifel bescheinigt. Lord Chalfont, der älteste Sohn, welcher schon einige Jahre verheirathct war und zwei Söhne hatte, lebte nach dem Tode seiner Mutter meistens auf Schloß Alphington. Aber noch mehr Mißgeschick sollte folgen. Zuerst kam die Nachricht von dem plötzlichen, durch einen Unglücksfall herbeigeführten Tode Faucourt's am Scharlachfieber; die Mutter, welche sie pflegte, wurde ebenfalls davon ergriffen und in dem kurzen Zeitraume von noch nicht vierzehn Tagen lagen alle drei im Grabe. Später tauchte das Gerücht auf, Faucourt habe in Amerika eine Wittwe und einen Sohn hinterlassen, da jedoch Lord Chalfont noch lebte, so wurden die Nachforschungen wahrscheinlich nicht sehr sorglich angestellt. Noch war das Unglück nicht vollzählig. Lord Chalfont erkältete sich auf einer Reise durch die Schweiz und bekam eine Lungenentzündung. Man telegraphiere seinem Vater; dieser eilte hin, kam aber nur zeitig genug, um seinen Sohn sterben zu sehen. Seit diesem» Augenblicke ist Lord Alphington ein vereinsamter Mann. Nun ist kürzlich ein junger Mensch aus Amerika herübergekommen und gibt sich als den Enkel Lord Alphington's aus; letzterer hat die betreffenden Papiere seinem Geschäftsführer zur Untersuchung übergeben und weigert sich einstweilen noch, den jungen Mann bei sich zu sehen, bis er die feste Gewißheit hat, ihn als Erben begrüßen zu können. Natürlich wünscht er von ganzem Herzen, daß sich die Beweise als gültig herausstellen." „Welch' traurige Geschichte", sagte Bertha, die nist großer Theilnahme zugehört hatte. „Wie sehr wünsche ich dem alten Herrn, daß er seinen Enkel finde." „Ja gewiß, das würde für ihn das größte Glück sein, welches ihm jetzt noch zu Theil werden kaun", bemerkte Lady Langley. „Abgesehen davon, daß er Niemanden hat, dem er seine Zärtlichkeit zuwenden kann, ist es auch noch ein sehr melancholischer Gedanke für ihn, seinen alten, ehrenvollen Namen erlöschen zu sehen. Aber Sir Stephan ruft uns: Kommt, Kinder, wir müssen nach Hause zurückfahren." Siebentes Capitel. Der Mrs. Dalton war es nach der Abreise ihrer Töchter sehr langweilig zu Muthe; viele Abwechselung stand ihr nicht zu Gebote und ihre einzige Nachbarschaft, eine alte, taube Dame, war ganz sicher in ihren besten Jahren keine amüsante Gesellschafterin gewesen. Einsame Spaziergänge gewährten ihr auch kein Vergnügen, die Romane ermüdeten sie und so war ihre Stimmung im Allgemeinen recht verdrießlich. Nachdem der Frühstückstisch eben abgetragen worden, dachte sie darüber nach, was sie den ganzen Morgen anfangen solle, als Sara eintrat und eine Dame anmeldete. „Wer ist es, Sara?" „Das weiß ich nicht", erwiderte diese. „Sie nannte mir ihren Namen nicht; sie sei eine Wittwe." „Führe sie in's Wohnzimmer", befahl Mrs. Dalton. Bald darauf folgte sie ihr dorthin und erblickte vor sich eine ziemlich große elegant aussehende Dame in schwarzer Trauerkleidung. Ihrer Gestalt und dein unteren Theile des Gesichtes nach zu urtheilen, schien sie trotz der gelblichen Hautfarbe noch jung zu sein. 595 Sie hatte schwarze, schön gewölbte Augenbrauen, aber das Haar war schneeweiß und glatt unter die Wittwenhaube zurückgestrichen. Ein Creppschleier verhüllte ihr Gesicht; zudem trug sie eine blaue Brille. Sie verneigte sich anmuthig, als Mrs. Dalton zu ihr eintrat. Ueberrascht durch die vornehme Erscheinung, bot diese ihr einen Stuhl an. Die Fremde setzte sich in die Nähe des Arbeitstischchens mit dem Rücken gegen das Fenster, da sie, wie sie sagte, ein Augenübel habe und das grelle Licht ihr Schmerzen verursache. „Ich habe mir die Freiheit genommen, Sie aufzusuchen, um mich bei Ihnen nach einer Dienstmagd Anna Turner zu erkundigen", sagte sie, auf eine Zeitung welche sie in der Hand hielt, hinweisend. „Ich weiß wohl, daß ich verpflichtet gewesen wäre, die festgesetzte Zeit abzuwarten, aber ich bin in großer Eile, da ich im Begriffe stehe, die Stadt zu verlassen und bitte deshalb sehr um Entschuldigung." „Nach einem Mädchen wünschen Sie sich zu erkundigen?" wiederholte Miß Dalton erstaunt. „Ich fürchte sehr, daß hier ein Mißverständniß obwaltet, da ich nicht vorhabe, eine Dienerin zu entlassen." „Mrs. Dalton aus dem Gardenhouse? frug die fremde Dame, in ihr Zeitungsblatt blickend. „Der Name ist richtig, aber dies ist nicht Gardenhouse, sondern Joy-Cottage." „O, dann habe ich mich geirrt!" rief die Fremde, ohne sich jedoch von ihrem Stuhle zu erheben, aus. „Ich bedauere sehr, Sie belästigt zu haben." Seufzend drückte sie ihr Taschentuch gegen die Stirne. „Bitte, erwähnen Sie das nicht und ruhen Sie erst ein wenig aus, Sie scheinen müde zu sein." „Ja, das bin ich", bestätigte die Dame. „Ich habe mich allenthalben nach Garde- house erkundigt und dann frug ich nach Mrs. Dalton und wurde hierher gewiesen. Sie können mir vielleicht sagen, wo Gardenhouse liegt?" „Ich erinnere mich nicht, von einem solchen Wohnsitze hier in der Gegend gehört zu haben", entgegncte Mrs. Dalton. „Auch ist es mir gänzlich unbekannt, daß mein Name in der Nachbarschaft vorkommt." „Dalton oder Galton, der erste Buchstabe ist nicht deutlich zu lesen; ich frug zuerst nach einer Familie Galton, aber der Kaufmann, an den ich mich wandte, nannte mir Ihren Namen und da ich den großen Garten erblickte, so glaube ich sicher, an die richtige Adresse gelangt zu sein." „Ja, der Garten ist sehr groß", sagte die mittheilsame Mrs. Dalton, sich bereitwilligst in eine kleine Plauderei einlassend, „aber sie glauben nicht, wie kostspielig es ist, ihn im gehörigen Stande zu halten. Das Terrain würde sich freilich sehr gut zu Baustellen eignen, doch da es mein persönliches Eigenthum ist, so trenne ich mich nicht gerne davon. Die einzige Unbequemlichkeit besteht darin, daß das Haus so weit vorn Thore entfernt liegt." „Das läßt sich denken, namentlich im Winter oder bei Regenwetter, aber eS macht einen hübschen malerischen Eindruck, weil es so ganz mit Ephcu bewachsen ist." „Mrs. Dalton beschrieb nun umständlich die innere Einrichtung der Wohnung und die Fremde hörte anscheinend mit großem Interesse zu. Den früheren Faden der Unterhaltung wieder aufnehmend, sagte sie dann: „ES ist mir zu leid, daß ich mich geirrt habe, denn aus ihrem Hause würde ich mit dem größten Vertrauen eine Dienerin übernehmen"; indem sie dieses sagte, warf sie eine» bewundernden Blick im Zimmer umher. „Was für eine Plage die Dienstboten im Allgemeinen sind!" „Ja, das ist wahr", stimmte die nicht wenig geschmeichelte Mrs. Dalton bei. „Die. eine meiner Mägde ist jetzt schon über zwanzig Jahre in meinen Diensten; sie ist eine' vorzügliche Köchin und auch sehr zuverlässig, aber dabei so heftig, daß ich gar nicht 596 wage, ihr in irgend einer Weise entgegen zu treten; die jüngeren Mädchen sind heutzutage alle eitel und vergnügungssüchtig; man weiß wirklich nicht, wo das noch enden wird." „Und so nachlässig dazu", klagte die Fremde. „Haben Sie nicht auch schon in dieser Beziehung traurige Erfahrungen an den werthvollen chinesischen Sachen, welche hier stehen, gemacht?" „O, ich erlaube nie, daß eine von den Mägden diese berührt, meine jüngste Tochter staubt sie immer selbst ab." „Da haben Sie wohl recht, ich besitze eine wahre Leidenschaft für Antiquitäten; meine ganz besondere Liebhaberei sind alte Schmucksachen, ich habe einige, von denen ich Mich um keinen Preis trennen möchte." „Das begreife ich recht gut. Augenblicklich haben wir auch einen alten interessanten Ring hier, in dessen Besitz meine Tochter auf sehr merkwürdige Weise gelangt ist." „Einen alten Ring?" rief die Fremde erstaunt aus. „Würde es Ihnen nicht zu viel Mühe verursachen, mir denselben zu zeigen? Sie glauben nicht, wie vernarrt ich in solche Sachen bin und ich schmeichle mir, auch den Werth der Edelsteine richtig beurtheilen zu können." „Es macht durchaus keine Mühe", sagte Mrs. Dalton und schellte. Zur herein- tretenden Sara gewendet, fuhr sie fort: „Hier ist der Schlüssel von meinem Toiletteukasten, Du weist ja, wie er geöffnet wird. Hole mir das kleine Etui aus demselben herunter." Sara kehrte bald zurück und Mrs. Dalton zeigte der Fremden den Opalring, ohne ihn jedoch aus der Hand zu geben. „Er ist wirklich wundervoll", bestätigte die Dame; „ich würde mich fürchten, ihn zu tragen,.wenn er mir gehörte, aus Angst, ihn zu verlieren." „Aus eben diesen! Grunde habe ich auch meine Tochter veranlaßt, ihn nicht mit auf das Land zu nehmen", bemerkte freundlich Mrs. Dalton, während sie den Ring wieder in das Etui steckte und dieses auf dem Tische neben sich stehen ließ. „Ich darf sie wirklich nicht länger belästigen und danke Ihnen bestens für Ihre Gefälligkeit. Könnten Sie mir vielleicht hier in der Nähe ein Dienstboten-Bureau angeben? —" „In Portland-Town befindet sich das nächste." „Ist es nicht zu unbescheiden, wenn ich Sie bitte, mir die Adresse aufzuschreiben? Es ist mir nicht möglich, einen Namen zu behalten." „O, das will ich gerne thun", und Mrs. Dalton begab sich zu ihrem Schreibtische in der anderen Ecke des Zimmers." Die Fremde empfing die geschriebene Adresse und nahm dann unter überschweng-. lichen Dankesreden Abschied. Mrs. Dalton trug das Ningetui, welches sie auf dem kleinen Tische hatte stehen lassen, sogleich wieder hinauf und verschloß es sorgfältig. Einige Stunden später kam Bertha's Telegramm an; Mrs. Dalton holte das Etui von Neuem hervor und fand es leer. Sara hatte die fremde Dame durch den Garten bis an's Thor begleitet; sie schaute ihr kopfschüttelnd einige Augenblicke nach und kehrte dann zurück. Das ganze Haus wurde des Ringes wegen durchsucht. Mrs. Dalton behauptete, er müsse im Wohnzimmer oder auf der Treppe aus dein Etui herausgefallen sein und deshalb von Sara gefunden werden. „Immer ist doch Alles verkehrt, nur um mich zu quälen und aufzuregen. Wenn Bcrtha doch so vernünftig gewesen wäre, zu schweigen und des Ringes gar nicht zu erwähnen, würde mir dieser Verdruß erspart geblieben sein; es ist auch zu lächerlich von Bertha, bei jeder Gelegenheit darüber zu sprechen." Sara hätte beinahe ihre Entlassung aus dem Dienste erhalten, weil sie die Vermuthung anssprach, die fremde Dame habe den Ring vielleicht mitgenommen. „Solchen Unsinn behaupten zu wollen,", sagte Mrs. Dalton voller Entrüstung, „als ob ick nicht 597 im Stande wäre, den Charakter einer Dame auf den ersten Blick zu beurtheilen", und da Sara nochmals ihre feste Ueberzeugung aussprach, befahl sie ihr, den Mund zu halten. Diese gehorchte natürlich, war jedoch entschlossen, ihre Ansicht später Miß Bertha, wenn sie nach Hause zurückkomme, mitzutheilen. (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Immer zeige dir die Gnade Deines wahren Glückes Pfade; Alles, was dein Wunsch begehrt, Wird vom Himmel dann gewährt; Denn dein Herz wird fest und still, Wünsche nicht, was Gott nicht will! Kein Ding Ist so gering; Es kann dich quälen, Wird es, wenn du's bedarfst, dir fehlen. Wer das Alter nicht ehrt, Ist dks Alters nicht werth. Was nicht am Anfang ward bedacht, Wird nicht zu gutem End' gebracht. Die Welt ist wie ein Markt, hat Waaren ganze Haufen, Für Arbeit steh'n sie feil und sind um Fleiß zu kaufen. Wer gibt, noch ehe man's begehrt, Deß' Gab' ist zweier Gaben Werth. Halt' aus im Leid, halt' ein im Genuß, So linderst du Schmerz und Verdruß! Cin Tag auf einem deutschen Kriegsschiff. Von v. Henk. Ueber das Leben zur See sind bei den „Landratten" oft sehr seltsame Vorstellungen im Schwung, trotzdem die Theilnahme für Misere junge Seemacht in den letzten Jahren sehr gestiegen ist. Da wird es denn nicht ohne Interesse sein, folgende Mittheilung zu lesen, die wir in einem Aufsatz des Admirals v. Henk in der „Internationalen Revue über die gesammten Armeen und Flotten" entnehmen. Der Dienst ist für jeden Tag der Woche Vormittag und Nachmittag im Hafen und in See vorgeschrieben, jedoch steht es dem Kommandanten frei, wenn dringende Verhältnisse es erheischen, zeitweise hiervon abzuweichen. Ebenso sind für jede Stunde täglich die Exerzitien und Beschäftigungen rc. bestimmt. Wählen wir z. B. zur Schilderung einer Tageseinteilung den Freitag in See an Bord der Panzerfregatte „König Wilhelm", indem wir die Details des Schiffes voranschicken. Die Länge beträgt 109 Meter, die Breite 18 Mtr>, der mittlere Tiefgang 7,75 Mir., die Tragfähigkeit 5939 Tonnen L 1000 Kg. Die Armirung besteht aus 18 Stück 24 Cm. und 5 Stück 21 Cm. Krupp'schen Hinterladern, die Panzerstärke bis zu 26 Cm. Walzeisenplatten. Die Schraubeninaschine hat 8000 indizirte Pfcrdekräfte, welche dem Schiffe eine mittlere Fahrgeschwindigkeit von 14 Knoten (3^ geographischen Meilen pro Stunde) geben. Das Schiff ist außerdem mit einem doppelten Boden versehen, hat zu beiden Seiten bis zum Batteriedeck eine zweite Wand, so daß Armirung, Maschine und Vorräthe sich gleichsam innerhalb eines wasserdichten Einsatzes des Schiffskörpers befinden. Der Höhe nach besteht das Schiff aus drei Etagen (Decks): 1) Das Oberdeck. Aus demselben befindet sich außer den Landungsgeschützeu und Torvedomitraillensen (HotschkißkanoneiO 598 zwei 21 Cm.-Geschütze in zwei gepanzerten Halüthürmen unter der Kommandobrücke und zwei gleiche Geschütze unter der Back hinter einem Panzerschilde. Ueber dem Deck ragt die Bemastung, das Bugspriet und die Schornsteine hervor; vier Decks- resp. Torpedoboote stehen auf demselben, die übrigen hängen an Krähncn außerbords. Eine Ankerwinde, das doppelte Steuerrad, das Kartenhaus und Reservespiercn bemerkt man dort gleichzeitig; den oberen Theil der äußersten Bordwand bilden die sogenannten Finknetzkasten, in welchen die Hängematten der Mannschaft während des Tages aufbewahrt werden. 2) Das Batteriedeck. Dasselbe ist der Länge nach durch zwei gepanzerte Querwände in die Kasematte, die Vor- und Achterbattcrie eingetheilt. Die Kasematte umfaßt das Geschützemplacement, neun 24-Cm.-Stahlgcschütze auf Rahmenlafctten stehen auf jeder Seite; den Hinteren Theil der Kasematte bilden zwei Lazarethe für Friedenszwecke, während sich am Hinteren Panzerschott mitschiffs das Gefechtsrnder nebst Steuer- kompaß befindet. In dem vorderen Theil der Kasematte sind die Küche, ferner eine zweite Ankerwinde sowie Einrichtungen zum Lanzircn von Torpedos aufgestellt. Zwischen und vor den Geschützen befinden sich Tische, Bänke und Spinde für Backntensilien, Eß- geräth der Geschützmannschaften, an den Decksbalken Hängematthakcn, da die Batterie als Schlafraum für einen Theil der Mannschaft dient. Vor dem Panzerschott befinden sich die Verfingen zum Festlegen der Ankerkctten; zu beiden Seiten die Latrinen. Hinter dem Panzcrschött sind eine Anzahl Kabinen für den Stab sowie für Bureau's eingerichtet; am hintersten Ende befindet sich die Admiralkajüte nebst Schlaf- und Speisezimmer, in welchem letzteren ein 21 Cm.-Gcschütz als Heckvertheidigung aufgestellt ist. 3) Das Zwischendeck. Im hintersten Theil desselben befinden sich die Speisekammer der Offiziermesse und Badcräumc, daran schließt sich die Offiziermesse (Speisezimmer), zu deren beiden Seiten Kabinen für die Offiziere eingerichtet sind; dann folgt weiter nach vorne die Kadettenmesse an der Backbordseite, Offizierkabincn an der Steuerbordseite und der Schlaf- und Waschraum für die Kadetten mitschiffs. Unter diesen Räumen liegen die Vorraths-, Chronometer- und Jnstrumentenkammern, sowie Munitions- räumc. Der mittlere Theil des Zwischendecks dient als Schlaf- und Eßraum eines Theils der Mannschaft, sowie zur Unterbringung ihrer Kleider. Hier befinden sich auch die Arrestzellen. Unter diesen Räumen liegen Maschine, Kessel- und Kohlenbunker, welche letztere 8000 Tonnen Kohlen fassen. Im vorderen Zwischendeck sind die Kabinen der Deckoffizicre; unter demselben liegen Munitionskammern, die Wasserlast und andere Vor- rathsräume und Helegats rc. An einem Freitag Morgen dampft Se. Majestät Panzerfrcgatte „König Wilhelm" mit vier Kesseln etwa acht Knoten; das Wetter ist schön, die See ruhig, die Mitter- nachtswachc geht zu Ende. 3 Uhr 50 Minuten. „Wache und Freiwächter wecken!" ertönt das Kommando des wachthabenden Offiziers und „Wache und Freiwächter aufstehen!" repetiren die Bootsmannsmaate in die Schlasräume hinunter, mit einem langen Pfiff aus den Boot- maunspfeifen. Die Gerufenen haben zehn Minuten Zeit sich anzukleiden, ihre Hängematten zu schnüren, dieselben auf das Oberdeck zu bringen, wo sie in die Finknetzkasten verstaut werden. Punkt 4 Uhr (8 Glas) wird die neue Wache, sowie die Freiwächter, die in Musterungs-Divisionen antreten, von den Unteroffizieren namentlich verlesen, während die alte Wache sich in ihre Hängematten begibt. Nach der Musterung beginnt die Wäsche der Kleider; für jede Back (Tisch) sind ein Waschfaß und einige Pützen (Wasser- Eimer) bestimmt, welche hierzu verwendet werden. Nach Beendigung der Wäsche wird dieselbe an die dazu vorbereiteten Wäschejallen (Leinen) aufgehängt und zwar von der Steuerbordwache an der Steuerbordseite, von der Backbordwache an Backbord, das wollene Zeug unten, das leinene darüber. Zum Waschen und Aufhängen des Zeuges wird eine Stunde, und wenn gleichzeitig Hängematten oder Bezüge gewaschen werben, 1^ Stunden Zeit gegeben. Nach dem Aufhängen der Wäsche beginnt die Reinigung des Ober- und Baterie- decks mit Sand und Besen, welche unter gewöhnlichen Verhältnissen bis lU /2 Uhr beendet ist, weil das Schiff bis dahin in Ordnung und für den Tagesdienst vorbereitet sein muß. 6 Uhr 20 Minuten wird die Freiwache geweckt und zehn Minuten später deren Hängematten an Deck gebracht; eine Viertelstunde später die Hängematten der Kadeten von den dazu bestimmten Leuten in die Finknetzen verstaut. Die Zeit bis 7 Uhr wird der Mannschaft zur Selbstreinigung, von 7—7^/., Uhr zum Frühstück gegeben, dann 10 Minuten znm Anziehen der für den Tag befohlenen Kleidung gewährt. 7^/z Uhr werden die Kranken in's Lazarcth geschafft und erfolgt die ärztliche Visite. Darauf schreitet die um lp/z Uhr ausgestandene Mannschaft zum reinigen des Zwischendecks und kleidet sich nach Beendigung derselben gleichfalls vorschriftsmäßig an, resp. hängt die Wäsche auf. Um 8 Uhr wird die Flagge gehißt und von 8 Hz bis 9 Uhr ist allgemeine Reinigung der Waffen resp. Putzen des Messings rc. und nach Beendigung desselben wird das Schiff durch Aufräumen, Fegen rc. in den Zustand der höchsten Sauberkeit gebracht. Es wird Vielen unbegreiflich erscheinen, wie ein auf dem Meere schwimmendes Schiff in 24 Stunden so schmutzig werden kann, daß es täglich einer mehrstündigen Reinigung fast durch die ganze Besatzung bedarf. Um dies zu verstehen, muß man das Erzeugen von Nuß durch das Heizen der Kessel rc. und den Grad der erstrebten Reinlichkeit in's Auge fassen, wie man sich von letzterem in einem Kricgshafen täglich überzeugen kann. Wo außerdem Hunderte von Menschen auf einem so engen Raum zusammengedrängt leben, muß zur Verhütung von Krankheiten vor allen Dingen für Reinlichkeit und gute Luft Sorge getragen werden. Um 9 Uhr ist Musterung mit Handwaffen. Dieselbe ist der Appel der Land- truppen und wird dem ähnlich abgehalten. Das Resultat wird dem ersten Offizier von den betreffenden Abthcilnngs-Ofsizieren rapportirt, und dieser macht die Meldungen an den Kommandanten. Nach der Musterung erfolgt das Signal znm „Klar Schig" (Fertig zum Gefecht, Gcneralmarsch) und nachdem die einzelnen Stationen desselben vom Kommandanten inspizirt sind, wird an den Geschützen exerziert und alle Manöver dnrch- gcnommen, welche znr Einübung der einzelnen Gcfechtsmomente erforderlich sind. — Während des „Klar Schiff" übernimmt der Kommandant selbst den Befehl. Das Exerzieren dauert bis 11 ^ Uhr. Auf das Kommando „Klar Schiff" aufhören! werden die Pulverkammern geschloffen, Geschütze und Handwaffen gereinigt, die Decke gefegt und um 12 Uhr zu Mittag gepfiffen, bei gutem Wetter mit „Alle Mann", ausgenommen die Posten, Rudergänger, Maschinisten und Heizer der Wache. Die Offiziere nehmen das zweite Frühstück ei». Wenn irgend die Umstände es gestatten, erhalten die Leute lst/z Stunden Mittagsruhe und werden die Dienstfreien nicht gestört. Um 12^ Uhr erfolgt die Ablösung der Posten, um 1 Uhr die Reinigung des Eßgeschirrs und das Fegen des Decks; um IV 4 Uhr wird der Proviant und das Master vertheilt; um 1 H'„ Uhr ertönt das Kommando: „Pfeifen und Lunten aus!" Darauf werden die Decke gefegt, die Geschütze abgerieben rc. Von 2—4 Uhr exerziert die Wache mit Handwaffen resp. werden die schwachen, noch ungeübten Mannschaften am Geschütz ausgebildet, während die Freiwache unbeschäftigt bleiben darf. Die Takler bessern Schäden in der Takelage aus, schrapen Stäugcn und Spieren rc. Um 4 Uhr ist wiederum Wachwcchsel, die Mannschaft kleidet sich für die Nacht um, die Wäsche wird abgenommen, die Kleiderjollcn werden geborgen, die Decke gefegt und das Tauwcrk in Ordnung gebracht. Um 5 Uhr ist Gefechts- mnsterung, bet welcher die Geschütze nachgesehen und für die Nacht entsprechend befestigt werden, sodann die event, gewaschenen Hängematten in Bezug auf Reinlichkeit inspiziert. 600 Nach der Gefechtsmusterung wird Feucrlärin geläutet, die Mannschaft nach der Feuer- löschrolle gemustert, sämmtliche Spritzen probirt rc. Nach Beendigung der Uebungen werden Windsäcke, Decks- und andere Bezüge gewaschen, und wenn es die Witterung gestattet, dieselben zwischen den Masten aufgehängt. Zwischen 5 und 7 Uhr ist das Mittagsmahl des Kapitäns und der Offiziere; 6^/g Uhr das Abendbrot der Mannschaft und bis 7^ Uhr freie Zeit (Nauchzeit). Um 7 Uhr Wachewechscl und deren Musterung; 7^ Uhr werden die Kadettcn-Hängemattcn und um 7^ Uhr die Hängematten der Freiwache unter Deck gebracht. Um 8 Uhr ertönt das Kommando; „Pfeifen und Lunten aus, Ruhe im Schiff!" Um 9 Uhr muß das Licht in der Kadetten- und Dcckoffizier-Mcffe, um 10 Uhr das Licht in der Offizier- Messe gelöscht werden. Um 9 Uhr 10 Minuten erfolgte die Hauptronde durch den ersten Offizier, begleitet von den Offizieren und Kadetten der resp. Decks, sämmtlichen Deckoffiziercn, der Stabswache rc. Hauptzweck derselben ist die Gewißheit, daß alle nicht vorgeschriebenen Lichter und Lampen gelöscht sind, um möglichst jeder Fcucrsgesahr während der Nacht vorzubeugen. Der Zimmermann meldet den Wasscrstaud im Schiffe, der Feuerwerker die sichere Befestigung der Geschütze rc. Ist die Nonde abgemacht, so stattet der erste Offizier dem Kommandanten Rapport darüber ab und empfängt von demselben event. Befehle für die Nacht oder für den nächsten Morgen. Während der Nacht erfolgt halbstündlich eine Nonde durch die Kadetten. Bei jedem Wachwechsel während der Nacht um 8 Uhr, 12 Uhr und 4 Uhr Morgens werden auch die Rcttungsbootsmauuschaften gemustert und, die Posten an den Rettungsbojen genau instruirt. Die obige Zeiteintheilung zeigt wohl zur Genüge, daß weder die Offiziere, noch die Mannschaft viel freie Zeit übrig behalten. Die eine Wache war 16^ Stunden im Dienst, hatte 7^ Stunden Ruhe, davon nur 4 Stunden Schlaf in der Hängematte, während die andere 10 Stunden Dienst, 14 Stunden Ruhe hatte und davon 7 Stunden in der Hängematte war. Das ist wahrlich kein leichter Dienst, und er erfordert kräftige Naturen, um so mehr, als bei schlechtem Wetter die so spärlich bemessene Ruhezeit noch mehr gekürzt wird. — , M i s c e l l e n. (Sobieski's Sieg es wagen.) Die Stadt Wien schenkte 1683 dem Polen- könig Johann Sobieski einen „prachtvollen Siegcswagcn", der 3000 Dukaten gekostet haben soll. Etwa 60 Jahre später befand sich dieses Werthstück — so berichtet die Kölnische Zeitung — auf einem dem weiblichen Nachkommen des Königs gehörigen Gute in Oberschlcsien. Dort nahm es der preußische General-Lieutenant Henning Alexander v. Kleist während des ersten schlcsischeu Krieges 1742 als Beute in Beschlag und schickte es mit Erlaubniß des Königs Friedrich II. nach Pommern, wo es zu einer Kanzel für die Dorfkirche von Radsatz bei Ncustettin verarbeitet werden sollte. Das ist denn auch geschehen, und noch heutigen Tages wird aus dem Siegcswagcn Sobieski's gepredigt. Die feine Goldmalerei mit den: in mehrfachen Schildern angebrachten Namcnszuge des Polenkönigs (I. 8. II. 1?.), dem weißen Adler und vielen türkischen Trophäen (Turbanen und Hellebarden) ist noch wohl zu erkennen. In der Decke liest man die Inschrift: Ourrus triumplmim lloiinnnm Lostissiri llöAis ikoloirornna. Auf der Vorderseite ist als Besitztitel das Kleist'sche Familienwappen angeheftet. (Bedenklich.) „Hier, Fräulein Flora, bringe ich Ihnen einen kostbaren Brillantschmuck; als Gegendienst bitte ich, daß Sie öfter an Ihren aufrichtigsten Verehrer denken ..." — „O, gewiß, Herr Baron! Welchen meinen Sie?" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrnrischen Instituts von Dr. Max Hnttler. Nr. 76. 1883, zur „Äugstmrgcr Pöjheltimg." Samstag, 22. September Der Gpalring. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) AchtesCapitcl. Früh Morgens hatte es geregnet, doch als die Gesellschaft von Larkspur aufbrach, um nach Alphington-Park zu fahren, waren die Wolken verschwunden und Heller Sonnenschein an deren Stelle getreten. Eine tiefe Niedergeschlagenheit hatte sich Bcrtha's bemächtigt; der Opalring war verloren gegangen. Die heutige Post hatte ihr diese ärgerliche Nachricht mitgebracht und ihr sonst so heiteres Gemüth wurde von den Gedanken, daß sie nun anstatt dem rechtmäßigen Eigenthümer den kostbaren Ring zurückstellen zu können, sich über den, wie sie sich in ihren: Herzen sagen mußte, durch Leichtfertigkeit herbeigeführten Verlust zu entschuldigen habe, vollständig niedergedrückt. Lena war diese unangenehme Neuigkeit vollständig gleichgültig, sie wurde ja persönlich nicht davon betroffen, denn es war nicht ihre Gewohnheit, sich durch die Sorgen Anderer, in ihren: eigenen Vergnügen stören zu lassen. Mit leuchtenden Augen und blühenden Wangen ruhte sie in der Ecke des luxuriösen Wagens und überließ sich ihren Phantasien. Sie stellte sich vor, wie ihr wohl zu Muthe sein, was sie denken und thun würde, wenn sie jetzt als die verlobte Braut der Erben dieser herrlichen Besitzungen dort ihren Einzug hielt; denn ihr Gedankenflug hatte bereits diese Richtung eingeschlagen und solche Möglichkeit erwogen. Das Schloß war ein stattliches Gebäude; der Grundriß hatte die Form eines D. Zur Zeit der Regierung der Königin Elisabeth pflegten die Architekten aus Courtoisie diese Figur zu wühlen; es war aus rothem Stein gebaut und zum Theil mit Epheu bewachsen. Ueber dem mittleren Portale erhob sich ein Glockenthurm und in den beiden Flügeln, welche die Arme des Buchstabens bildeten, befanden sich an der einen Seite die Salons und an der anderen Seite die große Bibliothek. Durch die Fenster dieser Gemächer blickte man auf eine breite Grasterrasse, welche an den: ganzen Hanse vorbei- lief und nur durch die von einen: mächtigen Greifen bewachte Treppe unterbrochen wurde. In einiger Entfernung lag ein mächtiger Hochwald, an dessen Rande man einen kleinen malerischen See gewahrte. Schon lange hatten die zahlreichen Schwäne und sonstigen Wasservögel dort, ungestört durch Ruderschlüge, unter den üppigen Blattpflanzen ihr Nest gebaut. Das Innere des Gebäudes entsprach vollständig der herrlichen Außenseite. Die große Halle mit den reichgeschuitzten Panelen aus Eichenholz wurde in: Winter durch riesige Kamine erwärmt; an den Wänden befanden sich alte Rüstungen, Waffen, Hirschgeweihe und sonstige Jagdtrophäcn. In den mit Sainmctmöbeln ausgestatteten Salons hingen die ansgewähltesten Gemälde und die Wände waren mit Majolika, Sevres und chinesischen: Porzellan, sowie mit Knnstschätzen aus Marmor und Bronce verziert; eine 602 Menge Spiegel erhöhten den Effekt des Lichtes und der Entfernung. Dies war die Heimath Lord Alphingtons, und hier begrüßte er herzlich die ankommenden Gäste. Für Alle, außer Bertha, ging die Frühstücksstunde in der heitersten Stimmung vorüber. Nach derselben führte Lord Alphington sie in die Gemälde-Galerie. Diese nahm, an der Hinteren Seite des Hauses den ganzen ersten Stock ein; die breiten Fenster waren nur durch schmale Pfeiler, an denen kostbare Vasen und werthvolle Alterthümer .standen, von einander getrennt. Man hatte eine reizende Aussicht auf den hübschen mit Springbrunnen und Statuen versehenen Blumengarten. Die Galerie bestand hauptsächlich aus Familien-Portraits. Hier blickte mit finster zusammengezogenen Brauen ein geharnischter Krieger auf die Besuchenden hernieder, und dort schaute eine ehrsame Dame mit steifem Kopfputz und Reifrock aus der Leinwand heraus. Weiter unten war ein reichgekleideter Hofmann aus der Zeit Karls I., von van Dyk gemalt und neben ihm gewahrte man eine reizende Schäferin mit fliegendem Gewände und offenen Haaren, Lurch den Pinsel Sir Peter Lely's verewigt. Lord Alphington schien in außergewöhnlich heiterer Laune zu fein, er lachte herzlich über die Scherze Sir Stephan's und besprach lebhaft die Veränderungen, welche an Larkspur vorgenommen werden sollten. Auf dem Wege zur Galerie hin nahm er Bertha, deren ernstes Aussehen ihm aufgefallen war, bei Seite. „Fühlen Sie sich nicht wohl?" frug er, sie in eine der Fensternischen führend, in freundlichem Tone. „Sind Sie müde, wollen Sie sich lieber etwas ausruhen?" „O nein, danke sehr, ich bin durchaus nicht müde, aber ich habe unangenehme Nachrichten erhalten. Zu meinem größten Bedauern muß ich Ihnen sagen, daß der Ring von Neuem verloren oder, wie mir scheint, gestohlen worden ist." Ihre Lippen bebten, während sie sprach, und es kostete ihr große Anstrengung, die Thränen zu unterdrücken. „Von Neuem verloren?" rief Lord Alphington erstaunt aus. „Wie hat sich das zugetragen?" Bertha zog das Schreiben ihrer Mutter aus der Tasche hervor; dieses war wie alle Briefe der Mrs. Dalton ohne jeden Zusammenhang der Ereignisse und ohne irgend einer Interpunktion von Anfang bis zu Ende geschrieben; dazu in einer sehr unleserlichen Handschrift, und jeder Mittheilung, welche sie machte, folgten eigene Reflexionen, deren Sinn kein Mensch verstehen konnte. Um Lord Alphington die Sache einigermaßen klar zu machen, war Bertha genöthigt, einzelne Sätze herauszusuchen und zusammenzustellen. Danach schien es, daß an demselben Morgen, wo Bertha das Telegramm mit der Bitte, ihr den Ring zu senden, geschickt, eine ältere verwittwete Dame Mrs. Dalton besucht hatte, um sich nach dem Charakter einer Dienerin zu erkundigen. Vermuthlich, wenigstens kam es Bertha so vor, hatte ihre Mutter sich mit der Fremden in eine weitläufige Unterhaltung eingelassen und auch von Ringen gesprochen. Die Folge davon war, daß Mrs. Dalton Bertha's Abenteuer erzählte und den Opalring hervorholte, um ihn der Fremden zu zeigen. Diese habe ihn sehr bewundert, und dann zurückgegeben, davon sei sie fest überzeugt. Als Bertha's Telegramm angekommen, habe sie den Ring aus der Schatulle herausnehmen wollen, aber er sei fort gewesen. „Er kann nicht gestohlen worden sein", schrieb Mrs. Dalton weiter, „denn ich habe das Zimmer keinen Augenblick verlassen und mich nur einmal umgewandt, um eine Adresse zu schreiben. Zudem sah die Fremde so anständig und vornehm aus, daß man unmöglich den Verdacht hegen kann, der Ring sei von ihr genommen worden, selbst wenn sich ihr auch Gelegenheit dazu geboten hätte." Mrs. Dalton drückte tiefes Bedauern aus, versicherte aber nebenbei, daß keine Schuld sie treffe. — Natürlich, sie war ja immer ein Muster von Weisheit und aufopfernder Hcrzensgüte in ihren eigenen Augen. „Und was ist nun zu thun!" rief Benha mit einem leisen Seufzer aus. „O, es ist mir so leid!" Lady Langlcy, welche ihren Kummer bemerkte, trat zu ihnen heran. „Wahrlich hast Du von dem verloren gegangenen Ringe erzählt. Es ist recht ärgerlich, aber bitte, sagen Sie ihr, daß sie es sich nicht zu Herzen nimmt", fügte sie zu Lord Alphington gewendet, hinzu. „Das müssen Sie gewiß nicht thun", bat er freundlich; „dazu ist keine Veranlassung. Der Verlust dieser alten Familien-Reliquie ist mir freilich nicht gleichgültig, jedoch augenblicklich von weniger Bedeutung, als es früher den Anschein hatte. Ich bezweifle nicht im Mindesten, daß die Person, welche bei Mrs. Dalton war, den Ring gestohlen hat und glaube ebenfalls, daß nicht der Gcldwerth desselben die Veranlassung dazu war. Diese Ansicht gibt dem Diebstahle besondere Wichtigkeit in meinen Augen." „Daran habe ich gar nicht gedacht, aber jetzt, wo Sie mich darauf aufmerksam machen, finde auch ich es sehr auffallend", bemerkte Lady Langlcy. „Sie werden doch Schritte thun, um der Sache auf die Spur zu kommen?" „Ja, ich will sofort die Polizei davon in Kenntniß setzen. Irgend ein Geheimniß muß damit verbunden sein." „Das scheint wirklich so." „Was die wichtigere Angelegenheit betrifft, so bin ich äußerst glücklich, Ihnen sagen zu können, daß alle Zweifel gehoben sind. Heute Morgen erhielt ich einen Brief meines Rechtsanwaltes." Bertha blickte fragend aus. „Sie haben genügende Aufklärung erhalten?" sagte Lady Langlcy. „Gott sei Dank, ja", antwortete der Earl. Der junge Mann, welcher sich Scdley nennt, hat seine Papiere bei Thomson und Cratthit vorgezeigt. Diese versichern mir nun, daß sie vollständig in Ordnung seien. Es ist keine Frage mehr. Sedley ist der legitime Sohn meines Sohnes. Das einzig Fehlende ist dieser verloren gegangene Ring. Doch sind glücklicherweise die Beweise derart, daß er nicht unbedingt nöthig ist." „O, wie mich das freut", rief Bertha mit strahlenden Augen und erleichtertem Gemüthe aus. „Von ganzem Herzen gratulire ich Ihnen", sagte Lady Langlcy, ihrem alten Freunde die Hand reichend. „Dank, besten Dank, ich bin in der That zu beglückwünschen", erwiderte Lord Alphington, Bertha freundlich zulächelnd, während er die andere Dame anredete. „Sie sahen ihren Enkel noch nie?" > „Nein, aber ich hoffe und glaube, daß er ein echter Faucourt sein wird. Wie ich höre, hat er einige Jahre das Jale-Collegium besucht und ist seitdem viel auf Reisen gewesen. Das klingt doch Allen recht befriedigend." „Gewiß, außergewöhnlich gut. Ich kann es kaum erwarten, ihn zu sehen." ^ Samstag werde ich zur Stadt reisen, um das neuentdeckte Kind meines Hauses itt die Arme zu schließen. Höchst wahrscheinlich bringe ich ihn mit mir hierher zurück." „Und dann wird ein großes Freudenfest gefeiert; das gemästete Kalb muß geschlachtet werden", setzte Sir Stephan, vergnügt die Hände reibend hinzu. Er war näher getreten und hatte die letzte Aeußerung vernommen. Lord Alphington lächelte. „Ja, das ^ersteht sich, ich werde alle Nutzbaren einladen, Antheil an meinem Glücke zu nehmen." Bertha schlüpfte hinweg; sie dankte Gott im Stillen, daß ihre Nachricht weniger Kummer verursacht, als sie befürchtet hatte. Frank Holcrost war eben im Begriffe, das Takelwerk des im Hintergründe eines Gemäldes befindlichen Schiffes zu kritisircn, 604 worüber Lena so gelangweilt aussah, daß Bertha hinzutrat, um ihre Schwester von dieser Unterhaltung zu erlösen; deshalb frug sie: „Können Sie denn mit Bestimmtheit angeben, in welcher Weise man die Schiffe vor zweihundert Jahren aufzutakeln pflegte?" „Aber sehen Sie doch nur, es ist ja ganz unmöglich, jenes Bramsegel einzureffen", sagte der junge Mann herzlich froh, eine aufmerksame Znhörerin gefunden zu haben. „Ich verstehe gar nichts davon", lachte Bertha; „Sie müssen es mir zu Hause ausführlicher erklären, denn jetzt fehlt die Zeit dazu, da wir in den Garten gehen." Als sich die Gesellschaft am Nachmittage von Lord Alphington verabschiedete, steckte dieser einen Perlenring an Bertha's Finger, indem er sagte: „Wollen Sie ihn zur Erinnerung an Jemanden, der sich glücklich preisen wird, von Ihnen als Freund betrachtet zu werden, tragen?" Bertha dankte dem freundlichen, alten Herrn aus voller Seele und versicherte ihm, wie hoch sie d'as Vorrecht, welches er ihr dadurch einräume, zu schätzen wisse. „Mein sehnlichster Wunsch besteht darin, daß der verloren gegangene Ring, falls er wiedergefunden wird, später die Hand einer so liebenswürdigen, jungen Dame, wie Sie es sind, schmücken möge. Leben Sie Wohl, bis wir uns wiedersehen, hoffentlich bin ich dann im Stande, Ihnen Jemanden vorzustellen, der es besser verstehen wird, den Aufenthalt zu Alphington angenehm zu machen, als ich alter Mann dies vermag." Bertha, durch das Lob des Earls verlegen gemacht, flüsterte einige unverständliche Worte, und so schieden sie. Freitag mußten die Schwestern nach London zurückfahren, da Bertha's Musik- Stunden schon in der kommenden Woche beginnen sollten und sie noch einen freien Tag zu Hause zu haben wünschte. Neuntes Capitel. An demselben Nachmittage, an welchem Lady Langley, unter den Ruinen sitzend, einen Theil der Familiengeschichte Lord Alphington's erzählt hatte, schritt Mrs. Lemont unruhig in ihrem Wohnzimmer zu Westbourne Grove auf und ab. Sie schien in sehr aufgeregter, unbehaglicher Stimmung zu sein; von Zeit zu Zeit blieb sie plötzlich am Fenster stehen und horchte mit gespannter Aufmerksamkeit auf jeden Laut, der von der Straße zu ihr Hinaufdrang. In dem Zimmer herrschte eine große Unordnung, welche auf eine bevorstehende Abreise schließen ließ; ein Koffer stand geöffnet auf dem Boden; er enthielt die verschiedenartigsten Luxusgcgenstände, darunter auch diejenigen, welche Bertha bei ihrem Besuche dort aufgefallen waren. Mrs. Lemont mußte mit Einpacken beschäftigt gewesen sein, denn durch die halb geöffneten Flügelthüren erblickte man schon mehrere, mit dicken Kordeln versehene Kasten. Die Glocke schlug fünf Uhr, dann noch eine Viertelstunde und noch eine, und noch immer setzte Mrs. Lemont ihre ungeduldige Promenade fort. „Weshalb kommt er nicht?" murmelte sie halblaut vor sich hin. „Er versprach mir doch, heute Nachmittag hieher zu kommen und befahl mir, mich bereit zu halten, Mit ihm zu gehen, und ich bin bereit." ' -- Bei diesen Worten preßte sie die Hände gegen ihre Schläfe und seufzte tief: „Ich weiß, daß er sich nichts mehr aus mir macht —, ja, ich glaube sogar, es wäre ihm lieb, wenn er mich aus dem Wege schaffen könnte", fuhr sie in ihrem Selbstgespräche fort. „Und ich — wie ist es nur möglich, daß ich ihn noch liebe, nach all' diesen Jahren der Grausamkeit, der Vernachlässigung-und des Elendes? Ich weiß kaum ob ich ihn liebe oder hasse; er mnthct mir zu viel zu." Eine Weile lehnte sie ihre Stirne an die kalten Fensterscheiben und blickte hinaus in das rege Treiben auf der Straße. Wagen, Omnibusse und Karren rasselten unauf- hörlich vorbei; zahllose Fußgänger eilten vorüber; Alles zeigte Leben und Thätigkeit, ein greller Gegensatz zu der Einsamkeit und traurigen Leere, welche sie empfand. Endlich ward an der Hausthür geschellt. Mrs. Lcmont fuhr zusammen; rasch schritt sie zn einem Seitentische hin, anf welchem sich eine Flasche mit einigen Gläsern befand, schüttete ein Glas Wein ein und stürzte es hastig hinunter; dann ließ sie sich, als eilige Tritte anf der Treppe hörbar wurden, in einen Sessel nieder. Gleich darauf trat ein junger Mann, die Thüre hinter sich zuschlagend, ein. Mrs. Lemont erhob sich, ihn zu begrüßen, doch war von ihrer vorherigen Ungeduld nichts mehr an ihr zu bemerken. — „Du kommst spät, ich habe Dich schon einige Zeit erwartet." Er ging auf sie zu und küßte sie — dem Anscheine nach war ihnen diese Form der Begrüßung geläufig; denn nur wie eine alltägliche Gewohnheit wurde der Kuß gegeben und erwidert. Mrs. Lcmont kehrte zu ihrem Platze zurück und der Besucher setzte sich ihr gegenüber an den Tisch. „Ich sagte Dir doch, daß ich kommen würde, aber nicht zu welcher Stunde, da ich dies ja selbst nicht mit Bestimmtheit wissen konnte." Er war ein großer, breitschulteriger Mann, mit aufgedunsenem Gesichte; die stark gcröthetc Nase, sowie die entzündeten Augenlider ließen auf ein lüderlichcs Leben schließen; seine Haare hatten etwas röthliche Färbung, ebenso der lange Schnnrrbart. Von Natur aus waren seine Züge nicht häßlich aber die finster zusammengezogene Stirne, der sinnliche Ausdruck der vollen Lippen und die blutunterlaufenen Augen mit dem frechen bösen Blicke verdarben vollständig den äußeren Eindruck seiner Erscheinung. „Du hast mir nichts zu erzählen, Scdlcy?" frug Mrs. Lcmont. „Bist Du bei Thomson und Catthit gewesen und sind die Beweise in Ordnung?" „Natürlich war ich dort", erwiderte Sedley; „es erfordert einige Zeit, ehe die Papiere gründlich durchgesehen sind, aber man versprach, mir noch heute Abend Antwort zu geben. Ich weiß, daß der Inhalt der Schatulle seine volle Richtigkeit hat, diesen verfluchten Ring ausgenommen. Du weißt das ebenfalls. Ich wollte, Dein theurer Bruder hätte den Ring, als er ihn stahl, verschluckt und wäre daran erstickt." „Pierre ist Dir doch zeitweilig sehr nützlich gewesen. Und der Beweis wird nicht von dem Ringe abhängig gemacht?" „Nein, trotzdem muß ich ihn haben, es mag kosten, was es will. Gib mir die Adresse von dein Mädchen, welches hier war, um sich zu erkundigen, ob nicht Jemand etwas im Omnibusse verloren habe. Wer weiß, das könnte ja der Ring gewesen sein?" Mrs. Lemont nahm aus ihrem Schreibtische Bcrtha's Karte heraus. Ein eigenthümliches Lächeln glitt über ihr Antlitz, als sie ihrem Gefährten die Karte hinreichte. Sedley steckte sie, nachdem er gelesen, was darauf stand, in die Tasche. „Sobald es mir möglich sein wird, werde ich dort als Mr. Fauconrt meinen Besuch machen", sagte er dann. „Hätte ich damals gewußt, daß ein Ring fehlte, so würde ich Pierre's Besuch hier nicht geleugnet haben", bemerkte Mrs. Lemont. „Das glaube ich, wohl, für so närrisch halte ich Dich auch nicht", entgegnetc er rauh. „Nun wie steht es, bist Du bereit, hier weg zu gehen." „Ja, ich wünsche wahrlich nicht länger hier zn bleiben, dieser Aufenthalt ekelt mich an." „Du hast, doch auch hier Deiner tollen Verschwendungssucht Genüge leisten können; ich hoffe nicht, daß Schulden vorhanden sind", fuhr Sedley in demselben barschen Tone fort. „Nein, ich habe keine Schulden", erwiderte sie, während ihre Stirne sich röthctc; sie preßte die Lippen fest zusammen, um den aufsteigenden Aergcr zn unterdrücken. „Soweit ist denn Alles gut. Darf ich vielleicht fragen, wer das letzte Opfer 606 war", setzte er höhnisch hinzu, indem er einige kleinere Schmucksachcn, welche auf dem Tische umher lagen, in die Hand nahm und betrachtete. „Ich könnte Dir wohl dieselbe Frage vorlegen", entgcgncte sie mit flammenden Blicken. „Aber wozu sollen wir uns gegenseitig beschuldigen, ich habe Dir versprochen, Alles zu thun, was Du von mir verlangst, das genügt." „Ist heute Jemand hier gewesen?" frug Sedlcy mißtrauisch. „Perkin's hatte den Auftrag, Niemanden außer Dir einzulassen; er ist ein alter Narr, dieser Perkin's, aber ich glaube, daß man ihm ziemlich vertrauen kaun. Ah, gibt es überhaupt noch einen rechtschaffenen Menschen in dieser herzlosen Welt!" Sedley lachte sarkastisch. „Die Menschen sind rechtschaffen oder nicht, je nachdem es ihnen am Besten ia den Gram paßt." „Das ist Dein Grundsatz, mein Freund, dies weiß ich zur Genüge", entgegncte Mrs. Lemont verächtlich, „und deshalb darf es Dich nicht wundern, wenn ich Dir nicht unbedingt vertraue. Wie lange soll meine Verbannung dauern?" „Wie kann ich das sagen; zuerst muß ich Sorge tragen, selbst fest im Sattel zu sitzen. —" Mrs. Lemont heftete ihre durchbohrenden, schwarzen Augen so fest auf ihn, als ob sie sein Innerstes durchschauen wolle; er suchte ihrem Blicke auszuweichen. „Du würdest mich betrügen, wenn Du könntest, aber nimm Dich in Acht, bedenke, daß Du in meiner Gewalt bist." (Fortsetzung folgt.) Gok-körner. Die Bürde des Tages sollst du tragen, Und, drückt sie auch schwer, doch nicht verzagen; Auch hättest du wohl nicht gut gethan, Fügtest du, daß sie noch schwerer sei, Ohne Noth ein neues Gewicht ihr bei: Oft hängt sich ja Manches von selbst daran. Kein Tag sei, der dein Gewissen nicht vermehre, Doch jeder rufe dir die große Lehre, Die eine Wahrheit zu, die deinem Geist Den Frieden, den die Welt nicht kennt, verheißt. Für Vieles sei wie blind, wie taub und stumm, Sieh' nicht zur Rechten, nicht zur Linken um; Doch halte offen dir den Geistesblick Für das, was fördert dein und And'rcr Glück; So findest du.den Weg wohl, den geraden, Hin durch die Welt und bleibst auf Gottes Pfaden. Thu' recht! Vertrau' dabei auf Gott allein, Er wird dein Führer, wird dein Helfer sein! Man gab dir einen Rath; — hab' Acht, von wem er kommt, Oft räth' der Eigennutz nur, was ihm selber frommt. Der Wahrheit sei dein Wort und deine That geweiht. Sei was du scheinen willst, der Schein täuscht kurze Zcit I Die Laune macht dich heiter, gesprächig oder stumm, Sie wechselt stets die Farben und weiß doch nicht warum. Was bleibst du auf halbem Wege steh'n? Nicht rückwärts, — vorwärts mußt du sch'n Sei auch im Kleinsten treu! so förderst du dein Glück; Oft gilt, was klein dir dünkt, als groß vor Gottes Blick! F, Beck. 607 Vom alten Dessauer. Wer möchte es wohl ohne Weiteres glauben, daß der Fürst Leopold von Anhalt- Dessau, der unter dem Namen „der alte Dessauer" bekannte preußische Haudegen, in seinen spateren Lebensjahren äußerst schreckhaft, ja furchtsam war! Und doch ist dem so. Die handschriftlichen Aufzeichnungen eines Zeitgenossen aus des Firsten Umgebung geben uns hierüber wie überhaupt über manches bisher Unbekannte aus dem Privatleben desselben Aufschluß. So alterirte es den alten Gencralfeldmarschall ungemein, wenn sich Abends in seinem Zimmer etwas regte, plötzlich ein Hund anschlug oder Jemand im Zimmer etwas mit Geräusch fallen ließ. Auch war er nicht gern im Finstern, noch weniger in einer finsteren Stube. Wachte er Nachts auf uud vermochte nicht gleich wieder einzuschlafen, so rief er seinen Kammerdiener, mit dem er sich über die gleichgültigsten Sachen unterhielt. In späteren Lebensjahren ließ sich der Fürst sogar, wollte er aus seinem Zimmer in das andere gehen, von zwei Bedienten führen, wiewohl er ganz gut allein zu gehen vermochte. Mit dieser Furcht, die einen eigenthümlichen Widerspruch in dem Charakter dieses Mannes bildet, der in offener Feldschlacht dem Tode so oft und muthig in's Auge geblickt, harmonirte eine eigene Unruhe in seinem Wesen. Zeitig schon ging der Fürst zu Bett. Im Sommer oft gegen Abend. Aber kurz nach Mitternacht war er dann auch schon wieder auf und fuhr um 1 oder 2 Uhr Morgens aus. Er liebte Überraschungen. Bald galt sein plötzlicher Besuch einem säumigen Gutspächter, bald einem bei ihm in Mißkredit gekommenen Forstbeamten oder Mühlenpächter. Und wehe, wo er die Dinge nicht in Ordnung fand! Da regierte der Stock. Im Essen war der Fürst einfach und mäßig. Neckereien verschmähte er und nannte sie „Kinkerlitzchen". Auf einem Küchenzettel finden wir beispielshalbcr gebackene Froschkeulen und fabricirte Kalbsmilch mit Sauce mit Rothstift dick durchstrichen und mit den: genannten Aus-^-. druck bezeichnet. Champagner kam nur an hohen Festtagen oder Ehrentagen auf die fürstliche" Tafel, so am 12. August, dem Siegertagc von Höchstüdt, und dem von Malpaquet, am 12. September. Eine besondere Liebhaberei des Fürsten war, andere Personen zu foppen und zu necken. Namentlich hing er solchen, die er nicht leiden mochte, gern Spitznamen an. So nannte er z. B einen Beamten der Rcntkammer „die große Schatulle", einen seiner Forstbeamten „Noth- schwanz", einen Dessauer Geistlichen „Kapuziner". Hofmarschall von Schlegel war der „Krückstock", ein etwas verwachsenes älteres Hoffräulein die „Kräge" (Krähe). Sparsam wie im Essen war der Fürst auch bezüglich seiner Kleidung. Die ältesten Uniformröcke und das älteste Schuhwerk behagten ihm am besten. Im Dienst führte er in späteren Jahren ein dickes spanisches Rohr mit schwerem silbernen Knopf, außer Dienst nahm er mit einem frisch geschnittenen fingerdicken Haselstock vorlieb. Besonders interessant ist, was wir über des Fürsten Verhältniß zu seiner Gemahlin erfahren. Er nannte sie vertraulich „Wicschen" und „Ihr". Als der Fürst in guter Laune einmal Abends sümmliche Wandleuchte» im Schlosse hatte anzünden lassen, und Anna Liese ihm verdrossen bemerkte: es sei dies nicht wirthschaftlich, entgegnete der'Fürst: „Uebrigens sind das meine Sachen, Wüschen, darum müßt Ihr Euch gar nicht bekümmern." Mochte der Fürst noch so mit Arbeiten überhäuft sein, so lange seine Kinder jung waren, mußten sie sammt der Fürstin jeden Morgen in sein Zimmer kommen. Die an den Fürsten von Bernbnrg verheirathete Prinzessin Luise war seine Lieblingstochter. Als er die Nachricht von deren baldigem Ableben erhielt, marschirte er mit seinem Regiment sofort nach Bcrnburg. Nachdem er das Regiment vor dem Schlosse Aufstellung genommen, ging der Vater in den Schloßgarten, und während er bitterlich weinte, betete er: „Herr Gott, ich habe lange nichts von Dir erbeten, ich will Dir auch sobald nicht wiederkommen, aber laß nur meine geliebte Tochter wieder gesund werden." Wie bereits bemerkt, war Fürst Leopold im Essen sehr mäßig, aber alle Gerichte mußten in erster Linie gut zubereitet sein. War dies zuweilen — nach seiner Meinung und Laune — nicht der Fall, kam der Koch sehr übel an. Einem Koch, der sich bei tadelndem Vorhalt einmal zu verantworten unternahm, warf der Fürst zornentbrannt sein Messer nach. Glücklicherweise ^ verfehlte das Messer rwar sein Ziel, traf aber den gerade eintretenden Flcischermeister Brandt aus Dessau, so daß dieser stark blutete. Dieser Brandt, der selbstverständlich ein fürstliches Schmerzensgeld erhielt, war beim alten Dessauer xsrsona Zratissima, weil er guten Menschenverstand besaß und dreist und gottesfürchtig war. Mit Brandt theilte sich auch der Bäckermeister Riede in des Fürsten besondere Gunst. Das verleitete denselben einst zu einem ungeschickten Streich, den ihm der Fürst bitter entgelten ließ. Riede nämlich hatte vom Fürsten eine Anweisung auf einige Klafter Holz geschenkt erhalten. Als das Holz abgeladen wurde, ging der Fürst zufällig an des Bäckers Hause vorüber und bemerkte, daß das viel mehr sei, als es der Anweisung nach sein konnte. „Kerl!" schrie der Fürst, „wie viel Holz habe ich Dir angewiesen?" — „Ach, das war viel zu wenig", versetzte Riede, vertraulich lächelnd, „da habe ich noch ein Nullechen hinzugethan." Der Fürst schwieg, aber die Revanche blieb nicht aus. Eines Abends fuhr er an des Bäckers Hause vorüber, ließ anhalten und den Meister herausrufen. Dieser er- 608 schien sofort in Hcindsnrmcln, bloßen Füßen nnd Pantoffeln am Wagcnschlage. „Setze Dich mal zn mir", sagte der Fürst leutselig, „ich habe mit Dir ein Weniges zn plaudern." Natürlich konnte der geschmeichelte Meister dieser Einladung nicht widerstehen, und so ging's unter lustigen Reden die Straße hinab, zum Thore hinaus und bei immer rascherem Trabe der Rosse zwei Stunden weit über Land. Plötzlich ließ der Fürst halten. „So", sagte er, „ich danke Dir für Deine angenehme Unterhaltung, nun kannst Du wieder ausstcigcn." Verblüfft schaute der Bäcker drein, aber kein Sperren half. Er mußte in seiner fragwürdigen Bekleidung, im Regen und Dunkeln den weiten Weg langsam zurücktappcn und noch hinter sich herrufen hören: „Schalk, das ist für das zugesetzte Nüllcchen." Ein anderer gewaltsamer Scherz traf den Rath und die Bürgerschaft von Dessau bei Gelegenheit einer Bürgcrmcistcrwahl. Der Fürst wollte den Posten für einen seiner Günstlinge, einen Franzosen Namens Bonnsos, der in Dessau Postbeamter war, reservirt haben. Bonafos aber war höchst unbeliebt und das Resultat somit vorauszusehen. Trotzdem wurde er gewählt und zwar auf die folgende originelle Weise. Beim Wahlaktus übernahm der fürstliche Protektor selbst den Vorsitz und befahl den wählenden Nathsmitglicdern, ihre Stimmen versiegelt abzugeben. Hierauf nahm er, am Kaminfcner sitzend, Zettel für Zettel in Empfang, öffnete einen nach dem andern, las „Bonafos!" und immer wieder „Bonafos!" und konstatirte, nachdem er znm Schluß sämmtliche Stimmzettel verbrannt hatte, daß Bonafos „einstimmig" gewählt sei sich um die starren Gesichter der rcsidcnzstädtischen Nathsherrcn weiter nicht bekümmernd. — Und diesen sclbstherrscherischcn, eigenwilligen Regenten, der gefürchtet war, wagte die Dessauer Straßen- jngend, wenn er ohne Beute von der Jagd heimkehrte, lärmend anzufallen nnd mit dem spöttischen Geschrei: „Etsch, ctsch! er hat Nicht!" bis zum Schlosse zn verfolgen.Kindern war ^bci ihm eben Alles erlaubt. ^ Der Fürst starb bekanntlich am 9. April 1747, nachdem er zwei Tage vorher von einem Schlagfluß heimgesucht worden war. M i s c e l l e n. > (Woher d e r N a m e Sect?) Der Ursprung dieser mißbräuchlichen Bezeichnung sür den Champagner wird von Berliner Blättern auf niemand Geringern als auf den größten nnd genialsten Schauspieler, den Berlin jemals besessen, auf Meister Ludwig Devrient, zurückgeführt. Eines Abends nämlich, in den zwanziger Jahren, als er im Schauspielhause den Fallstaff in Shakespeares „König Heinrich IV.", eine seiner unerreichbaren Meister- schöpfungen, gespielt hatte, trat er, wie immer champagnerdurstig, in seine geliebte Stammkneipe bei Lntter und Wcgucr ein und fuhr, noch immer im Charakter und mit der Stimme Sir John's, den verdutzten Kellner an: „Gib mir ein Glas Scct, Schurke! Ist keine Tugend mehr auf Erden?" — Seit jener Stunde verstand man bei Lntter und Wcgner unter „Scct" nicht mehr den spanischen Wein, der diesen Namen führt (vino Lseco, trockener Wein, weil er aus halbtrockcnen Trauben bereitet wird), sondern Champagner. Bald hatte Berlin diesen Namen adoptirt. (Eine kleine Anekdote,) die der „B.-C." erzählt und dicscsmal den für Anekdoten immerhin seltsamen Vorzug haben soll, wahr zu sein ... Zu dein Direktor einer hiesigen höheren Lehranstalt kommt eine Frau „aus dem Volke" und sagt: Ich bin nämlich die Budikcrin Schulze und habe eine siebzehnjährige Tochter. Die hat nun seit einem halben Jahre ein Verhältniß mit dein Sekundaner Müller von Ihnen, und der Müller ist ein netter junger Btann, und ich würde nichts dagegen haben, wenn ^ er meine Tochter hcirathet. Aber man muß sich als Mutter doch vorsehen, und da komme ich zu Ihnen, um zu fragen: Was hat denn so ein Sekundaner bei Ihnen anf's Jahr? .... („Daß das Rauchen die Sehkraft b c eintr ächtigt",) meint der Hr. Direktor des Ghmnasinms, „habe ich eigentlich bisher noch nicht wahrnehmen können. Wenn ich Abends einmal einen Spaziergang vor das Thor unseres Städtchens mache, so sehen mich meine Herren Primaner, die sich hinter der Blauer eine milde Havanna genehmigen schon auf tausend Schritt." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des litterarischen Instituts von Dr. Mar Huttlcr. Unteröaktung^ökatt »m „Augsburger Postzeitimg. Nr. 77. Mittwoch, 26 . September 1883. Der OprrlrLng. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Sedlcy entfärbte sich. „Wenn die Veröffentlichung der Vergangenheit für mich gefahrbringend ist, so ist sie es für Dich nicht minder, meine Schöne", sagte er mit unsicherer Stimme. „Doch was nützt es, in diesem Tone miteinander zu sprechen, Julie. Laß mich doch nur erst festen Fuß zu Alphingtou-Park fassen, dann wird sich das Uebrige schon finden. Wie kamst Du auf den Gedanken, daß ich Dich hintergehen wollte? —" „Kenne ich Dich nicht hinlänglich!" rief Julie, ihn noch immer scharf fixircnd aus. Wieder suchte Sedlcy ihren forschenden Augen zu entgehen. „Du redest vernünftig, Julie", sagte er besänftigend. „Früher hast Du doch selbst zugegeben, daß es von großer Wichtigkeit sei, in gutem Einvernehmen mit dem Earl zu stehen und deshalb wäre es ja thöricht von mir, sofort mit alten Bekanntschaften herauszurücken. Du warst ganz mit meinem Plane einverstanden und ebenso mit dem Vorschlage, Du möchtest einstweilen von hier fortgehen und Dich an einem fremden Orte als Wittwe niederlassen; das kannst Du doch nicht leugnen?" „Nein, das thue ich auch nicht; ich bin fest entschlossen, die Rolle, welche mir zufällt, zu spielen. Lord Alphington ist alt und kränklich, wie Du sagst, er wird nicht lange mehr leben, und dann bist Du Dein eigener Herr. Ich kann warten; es wäre von keinem Vortheile für mich, Deine Aussichten zn zerstören. Nur bedenke, wenn Du der Earl bist, will ich die Gräfin von Alphington sein. Geschieht dies nicht, so weiß ich, wie ich, handeln muß. Glaubst Du, ich besäße nicht die Fähigkeit, eine Krone mit Würde und Anstand zu tragen? Bei diesen Worten erhob sie stolz den Kopf, als ob sie schon das Gewicht derselben auf ihrer Stirne fühle. „Du besitzest hinreichend Talent und Schönheit dazu", sagte er schmeichelnd. „Ich habe Dir ein hübsches Versteck unten in Snrrey einrichten lassen. Wenn Du Dich dort eine Weile ruhig verhältst, so wird Alles gut gehen. Beim Jupiter", fuhr er bemüht, die Unterhaltuug auf ein anderes Gebiet zu bringen, fort, „Alphingtou-Park ist eine herrliche Besitzung, ich hatte keine Ahnung, wie prachtvoll es sei, bis ich mich vorigen Sonntag mit eigenen Augen davon überzeugte." Julie nickte zustimmend. „Ich weiß es, ich war selbst dort." „Du?" rief Sedlcy erstaunt aus. „Ja, ich habe so verschiedene Mittel und Wege und erfahre und sehe mehr als Du zu glauben scheinst", fuhr sie mit boshaftem Lächeln über seine verdrießliche Miene fort. „Ich ging eines Tages dorthin und da ich in der Nachbarschaft erfuhr, daß man auf dein Schlosse eine Haushälterin suche, war mir dies eine erwünschte Gelegen- 610 heit; ich bot mich für die Stelle an und habe somit nicht allein daß Aeußere, sondern auch das Innere des Hauses gebührend bewundern können." Sedley stieß einen Fluch aus. „O, Du brauchst Dich nicht zu beunruhigen. Niemand wird Julie Lemont in der grauhaarigen Matrone mit dem altmodischen braunen Kleide und enganschließendem Hute vermuthet haben. Natürlich wurde Nichts aus der Stelle; das sollte es ja auch nicht." Der junge Mann schlug heftig mit der Faust auf den Tisch. „Das ist die reinste Tollheit; Du wirst noch einmal mit diesen höllischen Streichen anlaufen." „Und wenn mir ein Unglück zustoßen sollte, so wärest Du wohl sehr traurig, nicht wahr?" frug Julie spöttisch. Sedley biß sich mürrisch auf die Lippen; er begann diese Frau zu fürchten, und der Zweifel, ob er ihr doch nicht zu viel zugcmuthct, so daß sich ihre Liebe, in Folge deren er sie früher, wie er sich ausdrückte, um den Finger wickeln konnte, nun in Haß verwandelt habe, stieg in ihm auf. Und daß Julie Lemont ebenso leidenschaftlich in ihrem Hasse wie in ihrer Liebe sein könne, davon war er fest überzeugt. Er drängte sie zur Abreise, und sie, zufrieden, eine Wohnung, deren sie so herzlich müde war, verlassen zu können, packte eiligst die wenigen zerstreut umherliegenden Sachen in ihren Koffer. Der zukünftige Aufenthaltsort, den Sedley für sie gewählt, gefiel ihr. Sie hatte gewünscht in der Nähe von London zu bleiben, um immer ein wachsames Auge über ihn haben zu können. Während sie mit Packen beschäftigt war, saß er, den Ellbogen auf den Tisch und den Kopf in die Hand gestützt da und überlegte, wie er es anfangen müsse, sie für immer los zu werden; jegliches Mittel schien ihm recht. Er stand ja im Begriffe, eine neue Laufbahn zu beginnen und da mußten die Personen, welche sein früheres Leben kannten, unbedingt bei Seite geschafft werden. Dazu kamen noch die immerwährenden Angriffe auf seinen Geldbeutel; er verwünschte das Schicksal, welches ihm diese Last aufgebürdet; aber wie er sich davon befreien könne, war ihm selbst noch nicht klar. Einstweilen beschloß er, es von Julicn's Verhalten abhängig zu machen. Für die nächste Zeit befand er sich vor ihr in Sicherheit und später, so hoffte er, werde wohl ein glücklicher Zufall das herbeiführen, was zu thun er sich einstweilen noch scheute. Solcher Art waren seine Betrachtungen, während Perkin's auf Befehl der Herrin Wein und Kuchen vor ihn hinstellte. Kurze Zeit nachher fuhren sie mit Dienerschaft und Gepäck zur Eisenbahn. Zehntes Capitel. Mrs. Dalton saß in dem hübschen Wohnzimmer zu Joy Cottagc und erwartete voller Ungeduld die Ankunft ihrer Töchter. Draußen in: Garten hatte die warme Frühlingssonne eine Menge Knospen und Blüthen in's Leben gerufen, aber trotzdem zeigte Bertha's Blumenkorb die größte Vernachlässigung; Niemand dachte daran, ihn während der Abwesenheit seiner Eigenthümerin von Neuem zu füllen. Mrs. Dalton selbst war sich auch von Tag zu Tag verlassener vorgekommen, sie fühlte sich vollständig hülflos ohne Bcrtha und beschloß deshalb ganz gemüthlich bei sich, ihre jüngste Tochter, wenn Lena nächstens verreise, zu Hanse zu behalten. Es wurde Abend und noch immer waren die beiden Reisenden nicht angekommen. Mrs. Dalton blickte wohl zum zwanzigsten Male aus ihre Uhr, dann schellte sie. „Sara, wie spät ist es auf der Küchenuhr? Ich glaube, die meinigc geht nach. Ob ihnen wohl ein Unglück zugestoßen ist?" „I bewahre nein!" erwiderte Sara. „Die jungen Damen können erst nach einer Viertelstunde hier sein." 611 „Wirklich? Ist Martha auch zeitig genug gegangen, um an der Station mit Ihnen zusammen zu treffen?" „Sie ist schon seit einer halben Stunde fort, Madame." „Dann ist es gut. Sorge, daß das Wasser am Kochen bleibt, denn sie wünschen gewiß eine Tasse Kaffee zu trinken." Noch eine kurze Zeit banger Erwartung, und dann verkündete die ungestüme, laute Freude des kleinen Hofhundes Pinsch die Ankunft der jungen Damen. Dirs. Dalton eilte zur Bcwillkommnung ihrer Töchter hinaus und überstürzte sie mit unzähligen Fragen, so daß diese kaum Zeit hatten, sich ihrer Reiseeffckten zu entledigen. Wie sie sich amüsirt? Wen sie dort gesehen? Was sie die ganze Zeit hindurch angefangen? Wie ihnen der neue Wohnsitz Sir Stcphan's gefallen? Welcher Art die Nachbarn dort seien? Ob sie auch Lord Alphington gesehen? n. s. s. „Ist das Alles, was Ihr mir zu sagen habt?" frug sie, Lena bedeutungsvoll anblickend. „Ja, Mama, Alles," erwiderte diese leicht crröthend und sich mit dem Rücken gegen das Fenster niederlassend. Mrs. Dalton blickte sichtlich enttäuscht ihre Tochter an. „Es will mir dünken, Lady Langtet) hätte doch besser für Euer Vergnügen sorgen und Jemanden einladen können, dem es der Mühe werth gewesen wäre, zu sehen," sagte sie in beleidigtem Tone. „O Madame, Lady Langlcy war die Güte selbst!" rief Bertha aus. „Du hast auch gar keine Ursache, Dich zu beklagen," entgegnete ihre Schwester. „Sir Stephan und Lady Langlcy haben Dich von jeher verwöhnt, und Lord Alphington scheint dasselbe thun zu wollen." „Lord Alphington? Ihr habt ihn also gesehen?" frug Mrs. Dalton erstaunt. „Bertha sah ihn. Er hatte weder Augen noch Ohren für meine Wenigkeit." „Die Aufmerksamkeit, welche er mir schenkte, verdankte ich allein dein Ringe," erklärte Bertha. „Er gab mir diesen," fügte sie, ihrer Mutter den Perlenring zeigend, hinzu, „weil er vermuthete, den andern von mir zurücknehmen zu müssen." „Der Ring ist ganz hübsch aber meiner Meinung nach hätte er Dir ein werth- volleres Geschenk machen dürfen." „O nein, das wäre mir durchaus nicht lieb gewesen; ich fand es im Gegentheil sehr zartfühlend von ihm, ihn mir nur als Zeichen der Erinnerung zu schenken." „Bertha wird nie ihr Glück machen, wie Du siehst," sagte Lena mit verächtlichem Lachen. „Eine Neuigkeit muß ich Dir aber noch erzählen, Mama. An demselben Tage, wo wir zu Alphington-Park frühstückten, erhielt der Earl von seinem Geschäftsführer die Nachricht, daß ein junger Mann Anspruch darauf erhebe, sein Enkel — mithin Fauconrts Sohn zu sein. Die Beweise und Papiere seien alle gültig und ausreichend. Er ist also unzweifelhaft der Erbe. Sir Stephan und Lady Langlcy haben uns dringend gebeten, sie während dieses Herbstes wieder zu besuchen, und dann werden wir auf alle Fälle diese» Mr. Fauconrt kennen lernen." Mrs. Dalton nickte mit einem Lächeln der Befriedigung, jedoch verschwand dieses bald wieder und sie sagte: „Ich hoffe, daß er noch frei ist, aber wer weiß, ob er nicht schon eine Frau hat." „Das glaube ich nicht," entgegnete Lena. „Er ist mehrere Jahre auf Reisen gewesen und zudem sprach Niemand davon, daß er schon verheirathct sei." „Es wäre gewiß zu wünschen," sagte ihre Mutter, denn eine solche günstige Gelegenheit bietet sich nicht alle Tage; voraussichtlich wird er auch während dieses Sommers wenig in Gesellschaft gehen, da sie gewiß manches in Betreff der Geschäfte zu ordnen haben werden." Bertha nahm nicht Theil an dieser Unterhaltung, sondern amüsirtc sich mittler- — 612 — weile mit dem kleinen Pinsch, der sich jedes Stückchen Kuchen durch Aufrechtsitzen verdienen mußte. Den Vorschlag Sir Stephan's sie als Tochter zu adoptiren, hatte sie verschwiegen; selbst Lena wußte nichts davon. Wie sehr sie auch die Zuneigung, durch welche dieses herzliche Anerbieten hervorgerufen ward, zu schätzen mußte, so fühlte sie doch nichtsdestoweniger, daß sie es nicht annehmen dürfe und aus diesem Grunde ließ sie die Sache auf sich beruhen. Zudem wußte sie, daß die bloße Erwähnung derselben eine wahre Fluth von Vorwürfen auf sie herabziehen würde. Wenn Sir Stephan Lust hatte, die Angelegenheit von Neuem zur Sprache zu bringen, so konnte er dies ja im Herbste thun. Sie fand es rathsam, nicht darüber zu sprechen. Im Laufe des Abends erfuhr Bertha von ihrer Mutter alle Einzelheiten, wie der Ring verloren gegangen, und sie theilte ihr hingegen mit, daß Lord Alphington beschlossen habe, die Polizei davon in Kenntniß zu setzen, um Nachforschungen anzustellen. „Dann muß das ganze Hans umgekeht werden, denn ich glaube fest, er ist in eine Spalte gefallen. Mich trifft kein Tadel, Du hättest ihn in ein besseres Etui thun sollen, so wäre es nicht vorgekommen, das mußt Du doch zugeben, Bertha." Diese antwortete nichts. Was konnte jetzt alles Reden helfen, da der Ring ja doch verloren war. Der Samstag gehörte noch zu Bertha's Ferienzeit. Nach dem Mittagessen befand sie sich mit ihrer Mutter und Lena in dem geräumigen Wohnzimmer, von wo aus man den Garten sowie den Fußpfad, welcher zum Hanse hinführte, übersehen konnte. Lena hatte ihrer Gewohnheit gemäß auf einem niedrigen Sessel, mit dein Rücken gegen das Fenster gekehrt, Platz genommen, da sie fürchtete, zu viel Licht erzeuge Sommersprossen. Bertha saß mit einem Buche in der Hand da und Mrs. Dalton, wie gewöhnlich an ihrem Arbeitstischchen. Es wurde heftig am Thore geschellt; neugierig blickte Lena hinaus und sah einen jungen Btann langsam über den Pfad dem Hause zuschreiten; Sara eilte ihm, eine Karte in der Hand haltend, voraus. Lena berührte Bertha's Arm und sagte: „Bertha, bitte, sieh einmal!" Vorsichtig, um nicht selbst erblickt zu werden, schaute diese hinaus; dann begegneten ihre Augen denen der Schwester; sie hatten beide den Besucher erkannt. Zu gleicher Zeit trat Sara in's Zimmer und überreichte Lena die Karte. „Ein Herr wünscht Sie zu sprechen, Miß." Lena nahm die Karte; auf derselben befand sich ein Wappen, welches ihr in letzter Zeit sehr vertraut geworden war und der Name: „Mr. Fancourt." „Wie seltsam", rief sie, diese ihrer Mutter hinreichend, aus. Sara, sagtest Du, der Besuch gelte mir?" „Ja, Miß, er frug nach Miß Dalton, welche er in einer kleinen geschäftlichen Angelegenheit zu sprechen wünsche." „O, jetzt weiß ich es", sagte Bertha, „es wird wegen des Ringes sein." Mrs. Dalton befahl in etwas erregtem Tone: „Führe ihn hier herein, Sara." Obschon ein wenig enttäuscht bei Erwähnung des Ringes, schmeichelte ihr doch der Besuch Mr. Faucourts, in welchem sie den künftigen Carl von Alphington erblickte, in hohem Grade und als Sedley, der schon den Namen Faucourt angenommen hatte, eintrat, erwiderte sie seinen Gruß mit ihrem liebenswürdigsten Lächeln. „Wie ich höre, haben Sie nach meiner Tochter gefragt, hier sind sie beide — Miß Lena Dalton, Miß Bertha Dalton. Bitte nehmen Sie Platz." (Fortsetzung folgt.) 613 — tzSW v'-LÄ»' ML W ^ ^' v ^ -l'' '^A-- , ^ i » 6 ^ ^MPP ',! ! -m- - !- ' zl ri ^^ , .'.? -ß/ A li! : ^ '-'- ^ s,' ijtA' ' l '-'- - k ! - .' UA,i X-L' ' ^ L i-?i W« XA-M Das Niederwald-Denkmal. Die Enthnllungsfeierlichkeiten des Niederwald-Denkmals finden bekanntlich am 27. und 28. September statt. Es wird unsere Leser intcressiren, des Näheren über dieses Monument zu hören. Wo sich der Rüdesheimer Berg erhebt und weit hinausschant in's Land, des Rhemstromes Wogcngebrans belauschend, dort erhebt sich das Germania-Denkmal. Von hohem, waldnmrauschtein Hügel, an dessen Fuße die Traube reift, schaut jetzt die Germania nach jenen segensreichen Gefilden des Rhein- und Nahethales, zu deren Erhaltung in 614 dem Jahre 1870 Deutschlands Söhne nach der Grenze eilten. Dort steht das Denkmal, wie die Inschrift auf der Vorderseite sagt: „Zum Andenken an die cinmnthige siegreiche Erhebung des deutschen Volkes und an die Wiederanfrichtnng des deutschen Reiches 1870—71." Betrachten wir die Hauptdarstellungcn des Monuments und beginnen wir mit dem Postamente. Links steht der Genius des Krieges mit Schwert und Panzer und läßt durch die hocherhobene Tuba den Kriegsruf erschallen. Daran schließt sich das Nclicfbild der Mitte, die gesammte Wehrkraft des deutschen Reiches verkörpernd, geschaart um seinen königlichen Feldherrn, bereit, Gut und Blut auf dem Altare des Vaterlandes zu opfern. Rechts steht die Gestalt des Friedens mit dem Füllhorne und dem Palmzweige, so dem Gedanken Ausdruck gebend, daß es dem einmüthigcn Zusammengehen aller deutschen Fürsten und Völker gelungen, die Schrecken des Krieges oom Vatcrlande abzuwehren. Die oberen Seitenflächen des Monumentes, mit einem Lorbeer-, einem Eichen-, einem Fichten- und einem Lindenkranze geschmückt, cnthaltenaußer der eingangs erwähnten Inschrift die Namen der großen Siege und ringsum die Wappen der deutschen Staaten, überragt bon dem eisernen Kreuze und dem Reichsadler, welcher seine Flügel schirmend darüber ausbreitet. Am Fuße des breiten Sockels zeigt sich auf vorspringendem, niedrigem Postamente die sinnig komponirtc Gruppe von Rhein und Mosel. Der alte Vater Rhein überreicht der jugendlich schönen Mosel das so treu bewahrte und bewährte Wachthorn, die erweiterten Grenzmarken unseres Vaterlandes ihrem Schutze und ihrer Wachsamkeit empfehlend. Das ganze krönt das Standbild der Germania. Das Antlitz der Germania, nicht zu jugendlich, sondern dem einer reifen Franenschönhcit entsprechend, umwallt von reichem, welligen Haar, das über den Nacken fluthet, ist, wie es da so frohgemnth und gleichsam von innerer Bewegung durchglüht in der Ferne weithin über den Strom der Ströme schaut, von hinreißender Schönheit. Von dein Kopf schweift der Blick auf die übrige Gestalt. Die kräftige Brust deckt ein Brustpanzcr, auf dem der deutsche Reichsadler slachrelicf erscheint. Unterhalb des Panzers und an den entblößten Armen wird ein Kettenhemd sichtbar. Um die Schultern ist ein schwerer, vorn durch eine Agraffe zusammengehaltener Mantel geschlungen, welcher nach hinten und mehr zur Linken der Gestalt hcrabwallt und sich theilweise über den Sessel legt, rechts hingegen in Höhe der Hüften durch den mit Löwenköpfen besetzten Schwcrtgürtel aufgenommen ist und sich vorn mit dem einen Zipfel um Taille und Leib legt. Unterhalb dieser Draperic wird das zu den Füßen in breiten Falten wuchtig herab fließ ende Untergewand sichtbar. Der Mantel ist mit einer breiten Bordüre umgeben, welche durch eine Borte von kastenförmig gefaßten, zu Rosetten und Sternen vereinigten Edelsteinen nach dein äußeren Rande hin abgeschlossen wird. Das Untergewand ist mit aufsteigenden Rankcn- wcrk aus gewebeartig ziselirtem Grunde prächtig gemustert. Behufs Ausführung dieser Musterung machte Schilling, der Meister des Denkmales, vorzugsweise Studien an dem herrlichen Grabmale Kaiser Maximilians in der Hofkirchc zu Innsbruck. Es war für den Meister eine Niescnaufgabe, das gesammte Werk mit solcher Genauigkeit durchzuarbeiten und ist geradezu erstaunlich, daß dies in der kurzen Zeit von acht Jahren gelungen ist. Die Germania ist allein zehn Nieter hoch und mußte das Gußmodell derselben in fünf oder sechs Stück aufgebaut werden. In Summa wog es etwa 700 Zentner. Die riesigen Gipsmassen zu bewältigen, war ein schweres Stück Arbeit und lösten sich oft einzelne Theile los und fielen herab. So stürzte die mehrere Zentner schwere linke Hand, welche den Griff des achteinhalb Meter hohen Schwertes umfaßt, als sie noch ohne diese Unterstützung war, aus jener bedeutenden Höhe nieder, schlug den Boden des Gerüstes durch und grub sich tief in die Erde ein. Mit unermüdlicher Geduld wurde auch geändert und oft das Werk monatlanger Arbeit wieder zu Gunsten einer besseren Anordnung verworfen. Besondere Blühe verursachte die Bildung der rechten Hand, welche die Krone umfaßt; da aber der Meister unermüdlich und von peinlichster Gewissenhaftigkeit beseelt war, wurden alle Schwierigkeiten überwunden. 615 Erwähnt sei noch, daß die Kolossalfignr der Germania in der Gießerei des Hrn. v. Miller in München gegossen wurde; die vier Kränze, die Wappen, die Schrift, der Adler das eiserne Krenz und zwei Seitenstücke des Reliefs in Lanchhammer; Krieg und Friede bei Professor Lenz in Nürnberg und Rhein und Mosel nebst drei weiteren Reliefs bei Hrn. Bierling in Dresden. Am 16. September 1877 fand die Grundsteinlegung zum Denkmal statt. Kaiser Wilhelm vollzog damals den Weiheakt mit den üblichen drei Hammcrschlägen, indem er sprach: „Mit denselben Worten, mit denen mein hochseligcr Vater das Denkmal aus dem Krcnzbcrge bei Berlin weihte, weihe ich auch dieses Denkmal: den Gefallenen zum Andenken, den Lebenden zur Anerkennung, den künftigen Geschlechtern zur Nachciferung!" M i s e e l l e n. (Den hundertsten Geburtstag eines Gedichtes) feierte kürzlich die deutsche Literatur. Am 7. September 1783 übernachtete Goethe in einem einsamen Bretter- häuschcn auf dein Gickelhahn, dem höchsten Berggipfel des anmnthreichen Jlmenancr Forstes, mitten im Rauschen der Tannenwälder, in denen so oft die lustigen Fanfaren der fürstlichen Jägergesellschaft erklungen waren. An die Innenwand der kleinen Hütte, die im Jahre 1870 leider ein Raub der Flammen geworden ist, schrieb der „Wanderer", wie er sich gern zu nennen pflegte, jene innigen Verse, die sein Lebensfrennd Zelter „auf den Fittichen der Musik so lieblich beruhigend in alle Welt getragen hat." Ueber allen Gipfeln Ist Ruh, In allen Wipfeln Spürest Dn Kaum einen Hauch; Die Vögelcin schweigen im Walde. Warte nur, baldc Ruhest Dn auch. Am Vorabend seines dreinndachtzigstcn, letzten Geburtstages sagte der Dichter zu Friedrich Förster: „Alle meine Gedichte sind Gelegenheitsgedichte; sie sind durch die Wirklichkeit angeregt haben darin Grund und Boden." ... In diesen einfachen schmucklosen Versen, die zu dem Schönsten gehören, das je einen: übervollen Dichterherzen entsprungen ist, empfinden wir die Wahrheit von Gocthe's Aeußerung: die acht Zeilen fassen einen in tiefster Seele voll erlebten sehnsüchtigen Moment in einem künstlerisch vollendeten lyrischen Ausruf zusammen. Die Inschrift, die Goethe selbst wiederholt „rekognoszirte", so im Jahre 1813, und dann später ein HalbesJahr vor seinem Tode, Ende August 1831, ist inzwischen mit dem Häuschen verschwunden. Bei seinen Lebzeiten haben seine Freunde Knebel und Herder diese kopirt, und wie werth die Strophe ihn: selbst war, erhellt daraus, daß er bei seinem letzten Besuch die Blcistiftzüge derselben von dem Oberforstmcister v. Fritsch noch einmal kräftiger nachziehen ließ. Dann setzte er darunter: llsir. (ovatuu:) den 29. August 1831. Rührend ist die Schilderung dieser Wanderung, die Gocthe's Begleiter, der Berginspcktor Mahr von derselben hinterlassen hat: „Goethe überlas diese wenigen Verse", heißt es da, „und Thränen flössen über seine Wangen. Ganz langsam zog er sein Taschentuch hervor, trocknete sich die Augen und sprach in sanftem, wehmüthigen: Tone: „Ja warte nur, bald ruhest Du auch" . . . Unser profanes Seitcnftück zu Paul Gerhard's „Nun rnhcu alle Wälder" wie Friedrich Bischer bemerkt läßt übrigcus den echten Ton des Volksliedes in seiner einfachen Weise erklingen. In Kinderlicdern, die Simrock und Hoffmanu von Fallers- leben in den verschiedensten Gegenden Deutschlands nach mündlicher Ueberlieferung aufzeichneten, finden sich ganz merkwürdige Aehnlichkeiten in Stimmung und Versbau. Interessant ist auch, daß der alte griechische Elegiker Alkman ans Sardes (lebte im 7. Jahrhundert v. Chr.) ein ganz ähnliches, nur weniger jnbjektiv gewendetes Liedchen 616 hinterlassen hat. Anch die literaturgeschichtliche Fälschung hat sich an diesem vielbesprochenen lyrischen Juwel versucht. In einem Hefte „Ilmenau und seine Umgebung," dessen zweite Auflage vor Kurzem erschien, befindet sich eine phothographisch-facsimilirte Nachbildung von Goethes Inschrift (I) Dieselbe war aber bereits im Jahre 1847, wie Herr v. Löper, der gelehrte feinsinnige Goethe-Kenner, berichtet, fast unleserlich. Außerdem war die Photographie einer vom Lichte nicht beschienenen inneren Wand damals gewiß nicht möglich; ganz abgesehen davon, daß, wie neulich in der Kölnischen Zeitung (Düntzer?) darauf aufmerksam gemacht wurde, die Verse ganz anders abgetheilt waren, als sie auf diesem Photographischen Falsum zu sehen sind. Dieses sogenannte Facsimile ist, wie auch die Züge der Handschrift zeigen, ein untergeschobenes Machwerk. „Wandrers Nachtlied" wird, auch ohne daß wir die Urschrift desselben besitzen, leben, so lange Goethes Name in der Literatur genannt wird." („Ohne mich.") Professor Wollhuber schläft über der Lektüre eines interessanten wissenschaftlichen Werkes, das er Abends im Bett mit einer gewissen Regelmäßigkeit zu studiren pflegt, ein, während das Licht auf dem Nachttischchen fortbrennt. Es ist nämlich sein eigenes neuestes Buch, das er zu benutzen pflegt, um sich einzuschläfern. In Folge einer unglücklichen Bewegung des Schlafenden fängt aber die Ripsgardine des Himmelbetts Feuer und beginnt unter fürchterlichem Qualm zu verkohlen. Der Professor erwacht, springt empor und löscht den Brand durch Uebergießen mit dem Inhalt der Wasserflasche. Dann lüftet er und legt sich mit dem selbstzufriedenen Ausruf wieder zu Bette: „Da sieht man, was Geistesgegenwart und Gewandtheit bedeutet, ohne mich wäre ich jetzt erstickt!" (Ein humoristischer Schriftsteller), der hauptsächlich zu seinem eigenen Amüsement schreibt, besuchte kürzlich das Concert eines ihm befreundeten Musikers, dem nicht entgehen konnte, daß der Litcrat zu verschiedenen Malen zu kichern begann und die Stimmung gefährdete. Nach dein Konzert stellte der Musiker den Humoristen zur Rede: „Es ist wahrlich nicht schön von Dir," schloß er, „daß Du Dir mein Konzert aussuchst, um Deiner Heiterkeit freien Lauf zu lassen: Habe ich etwa jemals über Deine Schriften gelacht?" . . . Und der Humorist schlich beschämt von danuen. (Eine vergnügte Ehrenjungfrau.) Als vor nicht allzu langer Zeit auf der Balkanhalbinsel ein neuer Monarch gekrönt wurde, fragte der Haupteserhöhte leutselig eine der Ehrenjungfrauen, wie ihr denn die Krönungsfeicrlichkeiten gefielen. „Oh, Königliche Hoheit", war die Antwort der unbedachten Siebzehnjährigen, „ich amüsire mich königlich. Ich wünschte, es wäre bald wieder Krönung!" Scheidender Sommer. Der Frühling kam, es blühte der Hain Und die lustigen Vogel sangen, Und es stimmten die Herzen jubelnd ein, Und der Frühling ist weiter gegangen. Und'der Sommer kam mit seiner Pracht: Das war ein Wallen und Wogen Von goldenen Achren — doch über Nacht Ist der Sommer davon geflogen. Dann kommt der Winter mit Schnee und Eis, Der grämliche, kalte Geselle; Er nistet sich ein mit vielem Fleiß, Als wollt' er nicht von der Stelle. Das ist das Leben in raschem Gang, Das flüchtige Erdcnwallen; Der Frühling ist kurz und der Winter lang, Und — das Ende will keinem gefallen! Und der Herbst mag Frucht in Scheunen und Faß Uns mild zusammentbürmen, Er plündert den Wald in argem Spaß Und scheidet in wilden Stürmen. -Der Winter vergeht mit Schnee und Eis, Das Leben mit Thränen und Sünden, Und Lenz, den Keiner zu malen weiß, Erblühet in seligen Gründen!" Getrost, nur getrost in Sterben und Leid! Wir hören es lieblich erklingen: „Du selige, fröhliche Weihnachtszeit Kamst, göttlichen Frühling zu bringen. L. v. Hcemstedc. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Dr. Max Huttler. 5 Nr. 78. 1883. »m „Äugslinrger Pojheitimg." Samstag, 29. September Der GprrlrLng. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Nun war die Reihe des Erstaunens an Mrs. Faucourt, denn als Lena sich erhob und ihr Gesicht dem Lichte zuwandte, erkannte er in ihr sofort das schöne Mädchen, welches er durch seine plötzliche Erscheinung im Parke von Alphington so sehr erschreckt hatte. Ihr Antlitz, obschon er es nur zufällig und flüchtig gesehen, war seitdem nicht mehr aus seinen Gedanken gewichen und er betrachtete diese zweite Begegnung als ein glückliches Omen. Mit seinem Anzüge und Benehmen war eine bedeutende Veränderung vor sich gegangen, ob zum Besseren, schien sehr zweifelhaft. Die Kleider waren freilich aus dem feinsten Stoffe, Haare und Schnurrbart hatte die geschickte Hand eines Haarkünstlers zurechtgestutzt und die rothe Farbe derselben gedämpft; aber das helle Halstuch, die Korallcnknöpfe, die Blume im Knopfloch, das Angehänge der Uhrkette, die citronenfarbigcn Handschuhe, alles harmonirte nicht zusammen und war äußerst geschmacklos; sein ungeschicktes prahlerisches Wesen sowie die vergebliche Mühe, welche er sich gab, in seiner neuen Stellung behaglich zu scheinen, machten ihn geradezu widerwärtig, Er warf Lena, während er sich niedersetzte, einen frechen, bewundernden Blick zu. welcher auf Bertha's Wangen eine glühende Röche hervorrief. Lena fühlte sich nicht dadurch verletzt, sondern sank in ihren Sessel zurück; jedoch wandte sie diesmal ihr Gesicht ein wenig mehr dem Licht zu. Lena's Schönheit war weder majestätisch noch unnahbar. Wenn sie den Kopf leicht zur Seite geneigt, die Arme verschlungen da saß, glaubte man ein Bild der Sanftmut!) und feinen Grazie zu erblicken, sogar ihre Ruhe und scheinbare Gleichgültigkeit hatten etwas Anziehendes. „Ich nahm mir die Freiheit, sie zu besuchen, um mich nach einem Ringe, welcher auf seltsame Weise verloren gegangen ist, zu erkundigen", begann Faucourt. „Es wurde mir gesagt, er sei von Miß Dalton gefunden worden." Er wandte sich an Lena; doch diese entgegnete ihm: „Meine Schwester fand ihn." „O, bitte sehr um Entschuldigung! Ja, ich glaube Miß B. Dalton stand auf der Karte. Würde es Ihnen unangenehm sein, mir die Person, an deren Finger Sie den Ring sahen, näher zu schildern?" fuhr er gegen Bertha gewendet fort. „Durchaus nicht", erwiderte diese und wiederholte die Beschreibung ihres vis-ä-vis im Omnibus. „Ah, genau so, es ist wie ich vermuthete", sagte er, nachdem sie geendet. „Ich kenne den Mann. Er war früher ein — so eine Art Bedienter bei mir", setzte er stotternd hinzu. „Er hat den Ring gestohlen." „Dasselbe dachte auch Lord Alphington", bestätigte Bertha. »Sind Sie mit Lord Alphington bekannt!" rief Faucourt erstaunt aus. 613 „Meine Töchter hatten das Vergnügen, ihn während ihres Besuches bei Sir Stephan Langley kennen zu lernen", schaltete Mrs. Dalton ein. Bertha hatte sich, nachdem sie die gewünschte Auskunft gegeben, in einige Entfernung zurückgezogen; sie wollte nicht mehr sagen, als unbedingt nothwendig war, da dieser Mensch ihr einen großen Abscheu einflößte. „Ich freue mich, Ihnen gratuliren zu können, Mr. Faucourt", fuhr Mrs. Dalton fort. „Lord Alphington hat meinen Töchtern mitgetheilt, daß er seinen Enkel und Erben ausfindig gemacht habe." „Ich sah den Carl noch nicht, hörte aber viel von ihm reden." „Wenn ich recht verstanden habe, so beabsichtigte er, heute zur Stadt zu fahren", bemerkte Lena, an der Unterhaltung theilnehmend. „Das war ursprünglich seine Absicht, ich erhielt jedoch heute Morgen ein Telegramm, worin mir mitgetheilt wurde, daß unsere Zusammenkunft bis nächsten Montag aufgeschoben werden müsse", erklärte Fancourt, indem er näher auf Lena, welche er fortwährend anstarrte, zurückte. „Seine Lordschaft hatte gestern einen kleinen Anfall von Podagra." Lena begegnete seinem Blick nicht, doch wandte sie den Kopf ein wenig mehr zur Seite, damit ihr hübsches Profil zur Geltung komme. - „Es thut mir leid, Sie berauben zu müssen", wandte er sich von Neuem an Bertha, da er doch wohl fühlte, daß es einer Entschuldigung bedürfe, wenn er seinem Besuch noch in die Länge ziehe. „Aber ich fürchte, ich muß Einspruch auf den Ring erheben. Sollten Sie vielleicht vorziehen, ihn den Händen Dirs. Thomson's anzuvertrauen, so gilt mir das gleich." „Wenn es in meiner Macht stände, so würde ich das recht gerne thun", erwiderte Bertha, aber leider ist der Ring, während meine Schwester und ich auf dem Lande waren, von Neuem verloren gegangen oder vielmehr gestohlen worden." Ein Fluch schwebte auf Fauconrts Lippen, als er vernahm, daß der Ring von Neuem fort sei, aber er besann sich bei Zeiten. Die Anstrengung, welche es ihn kostete, seine gewöhnliche Redeweise zu unterdrücken, um dadurch bei seinen Zuhörerinnen keinen Anstoß zu erregen, gab seinem Benehmen etwas Gezwungenes und ging nicht unbemerkt vorüber. „Eine Dame war vorigen Mittwoch hier?" frug er mit geröthetem Antlitz. „War sie groß, mit schwarzen Haaren und dunklen Augen?" setzte er nnbcdachtsam hinzu. „Ja, sie war groß und besaß einen dunklen Teint; sie trug eine Wittwenspitze und eine blaue Brille, so daß ich die Farbe des Haares und der Augen nicht unterscheiden konnte. Eine recht gebildete, vornehme Dame", sagte Mrs. Dalton. „Zum Henker", murmelte Faucourt zwischen den Zähnen. Nachdem ihm dieser Ausruf entschlüpft, fuhr er in seiner Verlegenheit mit den Fingern durch's Haar. Bertha beobachtete ihn aufmerksam. „Glaubten Sie die betreffende Person zu kennen?" frug sie. Er schrack zusammen und erröthete von Neuem. „Ich? O, nein! Ich rieth nur auf's Geradewohl." „Wie kannst Du solchen Unsinn sprechen, meine Liebe!" redete Mrs. Dalton Bertha im vorwurfsvollen Tone an. „Es ist thöricht von Dir anzunehmen, Dir. Faucourt kenne die Person, noch ehe ich sie ihm beschrieben." „Also der Ring ist wieder verloren? Wie ärgerlich!" bemerkte Mr. Faucourt. Dabei betrachtete er die Spitzen seiner Handschuhe, als ob ihn die Lust anwandle, daran herum zu beißen. „Lord Alphington hat der Polizei davon Anzeige gemacht nnd befohlen, daß Recherchen angestellt werden", sagte Bertha, den jungen Mann scharf anblickend, ohne sich selbst Rechenschaft darüber geben zu können, warum sie dies eigentlich thue. Er suchte ihren Blicken auszuweichen, und die Hand, welche den Hut hielt, bebte sichtlich. Rasch erhob er sich von seinem Stuhle: „Nun, ich muß gestehen, es ist eine verflucht verdrießliche Geschichte für alle dabei Betheiligten. Ich bin am Wenigsten zu bedauern» da mir dadurch die Gelegenheit wurde, Ihre Bekanntschaft zu machen", fügte er mit einer Verbeugung gegen die ältere Dame und einem bedeutsamen Blicke auf Lena, welche sich ebenfalls erhoben hatte, hinzu. „Darf ich hoffen, daß Sie mir, als dem Enkel Lord Alphington's erlauben, meinen Besuch zu wiederholen?" „Wir werden jederzeit glücklich sein, Sie hier zu sehen", erwiderte Mrs. Dalton. Mr. Faucourt verabschiedete sich mit vielem Danke. „Seltsam!" rief Lena aus, als sich die Thüre hinter ihm geschlossen. „Wie wenig haben wir geahnt, wer er sei, als wir ihn im Parke von Alphington begegneten? Ich habe ihn sofort wiedererkannt. Du auch, Bertha?" „Ja", war die trockene Antwort. „Erinnerst Du Dich, Du hieltest ihn damals für einen Wilddieb." „Er war so nachlässig gekleidet, und sein plötzliches Erscheinen erschreckte mich, so daß ich wirklich nicht wußte, was ich davon denken sollte." „Daß er hierher kam, um sich wegen des Ringes zu erkundigen, war ein glücklicher Zufall. Ich möchte es fast eine Fügung von Oben nennen", sagte Mrs. Dalton. „Schon jetzt merkt man ihm an, wie sehr Lena ihm gefällt." „Ich mag ihn nicht", bekannte Bertha; „Er ist kein gebildeter Mensch und offen gestanden, traue ich ihm nicht." „Du ärgerst mich wirklich, Bertha, mit Deinen albernen Ideen", entgegnete ihre Mutter. „Er ist ein recht hübscher junger Mann und wird es noch mehr sein, wenn er'all' diese Aufregungen überstanden und in Ruhe ist. Und dann bitte ich Dich, was könnte denn da Verkehrtes sein, da der Rechsanwalt erklärt, daß Alles in Ordnung sei und Lord Alphington im Begriffe steht, ihn als Enkel anzuerkennen." „Bertha ist eifersüchtig", ergänzte Lena lachend. „Gestehe es nur ein, Schwesterchen! Es behagt Dir nicht, daß ich Gräfin von Alphington werden soll. Du albernes Ding, meinst Du ich würde mir diese herrliche Gelegenheit entschlüpfen lassen?" „O, Lena, sei auf Deiner Hut", warnte Bertha. „Es ist mir nicht möglich, zu denken, daß der Mensch, welcher uns soeben verlassen hat, ein angenehmer Gefährte durch's Leben sein könne, und wenn er zwanzigmal der Sohn eines Grafen ist." „Wo Du nur all' diese einfältigen Gedanken her hast", brummte Mrs.-Dalton. „Von mir sicher nicht, — vermuthlich von Deinem armen Vater. Es wäre geradezu undankbar gegen die Vorsehung, sein Glück so muthwillig zu verscherzen. Lena hat Gott sei Dank mehr gesunden Menschenverstand. Du wirst Dich Dein ganzes Leben hindurch abarbeiten und plagen müssen, es sei denn, daß unsere theure Lena, wenn sie sich einmal in der Stellung für die sie geboren scheint, befindet, uns nicht darben läßt, sondern hinreichend mit dem Nothwendigsten unterstützt." Das entworfme Bild war rührend und Mrs. Dalton fuhr pflichtschuldigst mit dem Taschentuche über die Augen. „Um Ein's muß ich aber bitten, Bertha," fuhr sie nach einigen Augenblicken fort; mache uns bei dem nächsten Besuche Mr. Faucourt's nur keine Schande, indem Du davon sprichst, daß Du Unterricht ertheilen mußt."' „Bertha wäre dazu fähig", sagte Leng ärgerlich, „denn ich weiß, daß Sie es Sir Stephan Langley ausführlich erzählt hat." Solche Aeußerungen waren im Stande, Bertha's rebellischen Geist wachzurufen, doch bezwäng sie sich und erwiderte nur: „Mir liegt die Versuchung nicht nahe mit Mr. Faucort zu sprechen, da er mir voll« ständig widerwärtig ist.". Der Entgegnung wurde durch die Ankunft eines neuen Besuches vorgebeugt. (Fortsetzung folgt.) 620 Auf dem hohen Schachern Ein Plätzchen weis; ich so traulich, Wie keines so wnndcrreich! Wie ist's für die Seel' so erbaulich, Und herzerhebend zugleich! Den ewigen Herrn zu loben Ermähnt es die Seele mit Macht; Das Herz erquicket dort oben Der Thäler und Berge Pracht. Und Lippen und Herz und Seele, Sie beten zusammen Ein Wort: Daß nie der Segen dir fehle, Denn gern ist inein König dort! * Ja, ein trauliches Plätzchen mit allen Reizen der Natur ausgestattet, ein Plätzchen, so herzerfrischend und herzerhebend wie wenige mehr, ist der hohe Schachen bei Partenkirchen. Früher nur geübteren Bergsteigern bekannt, hat ihn des Königs hoher, idealer Sinn für alles Natnrschöne auch den zu beschwerlichen Touren weniger fähigen und geneigten Freunden der Alpenwelt aufgeschlossen und zugänglich gemacht. Welch einen Dank sich hiedurch der edle königliche Schirmherr unserer Berge verdient hat, das wissen Diejenigen zu beurtheilen, welche bereits auf dem hohen Schachen gestanden sind und sich das prächtige Panorama beschaut haben, welches sich dort dem Auge erschließt. Es ist ein prächtiger Sommerabend. Wir haben soeben dein aus einer Anhöhe gelegenen lieblichen Kirchlein des heil. Antonius zu Partenkirchen einen Besuch abgestattet und hierauf an einem schattigen Punkte in der Nähe des Kirchleins Platz genommen. So unvergleichlich schön liegt das Partnach- und Loisachthal zu unseren Füßen. Eine feierliche Abendstille ist darüber ausgebreitet. Nur wenige Bewohner des Thales sind noch auf ihren Feldern beschäftigt, die meisten sind zu Hans und Herd heimgeeilt. In der rechten Friedensstimmung erhebt sich unser Auge und entzückt beschaut es die glänzenden Felswände des Wettersteingebirges im Süden mit den weißen Gipfeln der Zugspitze im Südwesten. Bereits hat Schnee die Gipfel der Berge bedeckt und darauf wirft die Abendsonne ihre Strahlen und überzieht wie mit Gold und Silber die Felswände des Gebirgsstockes. Auch der breite Rücken des Kramcr's im Vordergründe des prächtigen Bildes erglänzt wie in magischem Lichte. — Es ist ein schönes Stück der Erde, das unser Auge beschaut, nicht von der Phantasie des Schreibers geformt oder aus der Märchenwelt von „Tausend und Einer Nacht" entnommen, — es ist ein Bild der Wirklichkeit, es ist Wahrheit, und doch liegt wiederum so viel Poesie darin! Vor den weißen, schroffen Wänden des Wettersteingebirges und zu Füßen der mächtigen Dreithorspitzc liegt majestätisch der lange, grüne Bergrücken des Schachen mit dem Königshause vor unseren Augen. Dorthin geht morgen das Ziel unserer Wanderschaft. Die Herrlichkeiten, die uns Freundesmund so prächtig geschildert, sollen wir mit eigenen Augen sehen. So oft hört nran noch von der „guten alten Zeit" reden. Ich weiß nicht, ob Alles zu rühmen und zu preisen ist, was die gute alle Zeit hatte, jedenfalls war sie liederreicher als die heutige. Und ein solches Stück aus der liederreichen alten Zeit hat noch Partenkirchen gerettet: einen singenden Nachtwächter! In früher Morgenstunde hat er uns aus heißen Träumen geweckt, und daß der erste Gedanke beim Erwachen die „Schachenpartie" betraf, ist natürlich. Es war ein herrrlicher Morgen und die Beleuchtung der Berge mit ihren schneeigen Häuptern fast noch wundervoller als am Abende vorher. Nicht lange stand es an und wir waren reisefertig. Der Nncksack war gefüllt, Schinken, Brod und Wein bildeten seine Hanptbelastung; auch der den Bergsteigern so empfehlenswerthe Cognac ward nicht vergessen. > 621 Fröhlich ging's durch die thaufeuchten Wiesen an der Partnach hin, dem tiefen Thalcinschnitte Zu, durch welchen dieses Flüßchcn mehrere Stunden weit in sanftem Gefalle daherkommt. In einer Stunde näherten wir uns der berühmten Partnach- klamm. Schon oft haben wir sie gesehen, heute entdeckten wir wieder neue Reize. Entzückt schauten wir aus der Tiefe des Thales zn den Felswänden empor, durch die sich die Partnach wie ein dünner Wasserfaden durchschlängelt. Denn es hatte wenige Tage zuvor heftig geregnet und so war der Wasserfall, der vom rechten Felsgehänge in die Klamm hereinstürzt, heute stärker wie je zuvor und unvergleichlich schön spiegelten sich die ersten Strahlen der Sonne in den Farben des Regenbogens. Du hättest sie sehen sollen, wie die Millionen Wassertropfen — in der Höhe noch glänzende Perlen, in der Tiefe nur mehr feiner Staub — in den sieben Farben glitzerten, ein Bild so prächtig und bezaubernd, wie es eben nur die Natur malen kann. Wir stiegen sodann hinauf zur „Tcnfelsbrücke"; ein großer Stein von starker Hand weit hergcschlcppt, ward 240 Fuß hinab in die Tiefe der Klamm geschleudert, und wie ein Kanonenschuß dröhnten zur Feier des Tages die Felsen in wunderbarem Echo. Nun ging's hinauf zum lieblichen Forsthanse „Graseck", das auf grünem Nasen zanbervoll sich erhebt und verdientermaßen sich des fleißigen Zuspruches fast aller Besucher des Loisachthalcs erfreut. Nicht nur ist es die freundliche Bcwirthung mit guten Speisen und frischem Tränke, nicht nur sind es die herrlichen Geweihe von Hochwild, die uns veranlassen, das Forsthaus zu besuchen, es ist die frische, reine Berglnft, es ist die entzückende Aussicht auf die Berge und besonders den hohen Schachen, was uns dieses Stücklcin Erde so lieb macht, was Grasest solche Reize verleiht. Hier im Forsthause hat Herr Hofphotograp.h Johannes von Partenkirchen eine Station zur electro-photographischen Aufnahme von lebendein Wild (hier zunächst Rehen und Hirschen) eingerichtet. So oft sich Wild am Abhänge des Berges zeigt, kostet es nur einen leichten Druck auf ein Porzellanzäpfchen, daß sich der Apparat in Bewegung setzt und in einem Augenblicke sich öffnet und schließt. So sind in einem Momente, die Thiere photo- graphisch aufgenommen, ohne daß sie nur eine leise Ahnung hatten von den Borgängen wenige Schritte zu ihren Füßen. Bereits besitzen wir prächtige Gruppenbilder von Hirschen, von Schmalthieren, welche im Schnee Aesung suchen u. s. w. Nächstdcm gedenkt Herr Johannes auf dein 6421 Fuß hohen Krottenkopfe einen ähnlichen Apparat zur Aufnahme des Gemswildes aufstellen zn lassen. Die Bedeutung dieser Erfinduna — besonders für die Malerei — läßt sich nicht verkennen. Es hat sich jetzt schon herausgestellt, daß die Thiere, wie sie lebend aufgenommen wurden, sich in mancher Beziehung von denen unterscheiden, welche bisher die Künstler nach deren Leichen, nach der Statur d. i. nach zahmen Exemplaren u. s. f. gezeichnet haben. Doch es ist an der Zeit von Grasest und seinen Sehenswürdigkeiten zu scheiden. Der Weg führt nun ziemlich steil hinunter zur grünen Partnach und an dieser etwa dreiviertel Stunden entlang durch schattigen Wald. Zur linken Hand grüßen von steiler Höhe herab die Gehöfte von Mitter- und Hiutergrascck. Wir kommen zu den sogen, „steilen Fällen." Das sind kleine Wasserfällc, die sich terrassenförmig von schwindelnder Höhe herab in die Tiefe des Waldes stürzen, ein prächtiger Anblick in den Morgenstunden, nur darf man sich die Mühe nicht gereuen lassen, eine Strecke den beschwerlichen Pfad am tosenden Gicßbache hinanznklettern, da beim Uebergange über denselben die Acste der Bäume das großartige Schauspiel verdecken. Nun folgt stellenweise ein beschwerlicher Marsch auf steilen Wegen durch dichten Wald und grünen Wicsenplan. Froh athmeten wir auf, als wir nach zweistündigem Marsche von Grasest den „Königsweg" erreichten. Der „Königsweg" ist ein prächtiger Steig, der auf Kosten Sr. Majestät des Königs gebaut wurde und unterhalten wird und auf welchem er jährlich zweimal — an seinem hohen Geburts- und Namensfeste und wiederum Mitte September — auf 622 einem eigens construirten, zweiräbrigen, niederen Wägelchen, das mit einem Pferde bespannt ist, zum hohen Schlichen hinauffährt. Dieser sogenannte „Königssteig" nimmt zu Elmau seinen Anfang, jenem kleinen hübschen Weiler, der zwischen Partenkirchen nnd Mittenwald (näher an diesem) ein Stündchen abseits von der Poststraße so romantisch im Thale liegt. Von Elmau aus erfolgte im Jahre 1880 jener herzliche Erlaß des Königs an sein Volk aus Anlaß des Jubiläums der 700jährigcn glorreichen Regierung der Wittelsbacher. So gemüthlich geht'Z nunmehr das trefflich unterhaltene Sträßchcn hinauf; man merkt kaum, daß man einen Berg — so hoch wie der Wendelstein — zu besteigen hat. Bald eröffnet sich dem Auge ein entzückendes Panorama. An einer grünen, fast ebenen Fläche liegt malerisch die „Wetterst ein alm." Zwei größere Almhütten zur Aufnahme der Kühe bei Schneegestöber und Ungewitter liegen in Mitte des saftiggrünen Terrains. Dahinter erheben sich die steilen Stcinmassen des Wcttersteingebirges in einer Großartigkeit, die sich kaum schildern läßt. Fast Furcht und Bangen erfüllt unsere Herzen, wenn wir Hinaufschauen auf die weißen Riffe und Klippen, auf die abschüssigen Wände und Spitzen des riesenhaften Gebirgsstockes. Stein- und Sandgerölle ist im Laufe der Zeiten in die Tiefe gefahren und liegt nun in großen Massen am Fuße des Berges. Darüber hin erblicken wir stellenweise alten Schnee in schmutzigen Farben, den nur selten die Strahlen der Sonne erreichen. In mehrfachen Windungen, welche der Kenner des Berges zu vermeiden weiß, geht's nunmehr den Steig hinan. Mit jedem Schritte fast bieten sich Ueberraschungen dar. Unser Auge betrachtet verwundert prächtige Tannen, wie man sie nie in den Wäldern der Ebene findet, oft zu zwei und dreien wie aus einem Fclsgrunde gewachsen mit riescnarmigen unzähligen Aesten, die sich bis zur Erde verneigen. Bald eröffnet sich zur Rechten ein prächtiger Ausblick in's Loisachthal mit dem malerisch gelegenen Partenkirchen und Garmisch. Hier ladet eine frische Quelle zum labenden Trunke, dort hält eine romantische Felscngruppe den Blick gefangen. Es ist ein Bild voll herrlicher Scnerien, so abwechselnd, bald lieblich, bald schauerlich! Und wenn sich erst das Nainthal tief unter uns dem Auge eröffnet, da wissen wir nicht mehr, ob wir zuerst die zerrissenen colossalen Felsblöcke gleich am Abhänge des Schacheus besehen oder das darüber Hinausgelegene saftige Rain mit der herrlichen Besitzung des Herrn Hofpredigers Dr. Stöcker von Berlin in's Auge fassen und bewundern sollen. Dort ist's, als ob die Hölle in den Felsengründen geschaltet, hier als ob Engel des Himmels das friedliche Thal bebaut und bewohnt hätten. Doch alles Beschriebene bleibt hinter dem feenhaften Bilde zurück, das sich vor uns entfaltet, wenn wir den Wald verlassend in der Ferne das Königshaus erblicken. Entzückt wendet sich das Auge auf die sanft ansteigenden Höhen zur Linken, die im Monat Juni und Juli, wenn die Almrosen blühen, einen zaubervollen Anblick bieten. Das ist ein rother Teppich auf grünem Grunde, zuweilen mit weißen Steinen wie mit Perlen durchbrochen; — das ist die gütige, die schöne Natur in ihrer vollsten Prachtentfaltung; — das ist der Herr, der durch seine Blumen wie durch Engel zu uns redet, der unser Herz durch ein solch' farbenprächtiges Schauspiel mit Macht ergreifen und zu ihm erheben will. Noch wenige Schritte, und das Panorama liegt in seiner vollen Größe und Schönheit vor uns. Links, einige hundert Schritte zu unseren Füßen, liegt von Bäumen wie mit einem Kranze eingefaßt der meergrüne, stille Schachensee, an dessen Ufer sich die Stallungen des Königs befinden. Vom Schachensee hinab liegt dunkler schattiger Wald, zu tiefst das prächtige Thal der Partnach und Loisach mit den Vorbergen, in unserem Rücken der Teppich der Alpenflora und darüber hinauf die weißen, schroffen Wände des Wetterstcins. O, was ist das für eine Pracht hier in der Nähe des Königs- 623 Hauses! Hier hat seine volle Berechtigung, was der seelenvolle Dichter Wilhelm Smets singt: Welch' ein Weben, welch ein Streben, Wie durchzuckt es alle Glieder; Düfte, Farben, Töne, Lieder, Mailichfroh die Welt durchschwcben, Himmelan, zur Erde nieder: Und es steht der Mensch inmitten, Möchte Eins sich wählen gerne, Erd' und Himmel kommt geschritten, Seht, es blüht auf seinen Tritten, Seht, es schimmert in der Ferne. Und hier, wo die Natur all' ihre großartigsten Reize auf einem Punkte vereinigt hat, stehen still und einsam zwei verwitterte, winzig kleine Hütten. Der Hirte, ein alter Partenkirchner, steht freundlich grüßend vor dem Eingang der einen; auch der vielleicht fünfzehnjährige „Hirtbub" zieht sein Hütchen, um die Somincrfrischler willkommen zu heißen, die sie soweit droben in ihrer Einsamkeit aufsuchen. O wie glücklich müssen die Beiden sein! Eine Welt vor Augen, deren Schönheit auch sie zu würdigen verstehen, ferne vom Getriebe der Welt mit ihren Sorgen, bringen sie stillvergnügt in Arbeit die Tage des Sommers hin. Und schon gar hohe Besuche hat der Hirte in seiner Hütte auf der Schachenalm empfangen. Erst Heuer wieder hat Se. Majestät der König am Morgen seines hohen Geburts- und Namensfestes an die Thüre des alten Hirten geklopft. Mit freudiger Miene kam er hervor, und wie er seinen geliebten König und Nachbar sieht, der ihn, den armen Alten, zuerst aufsucht an so festlichem Tage, da rollt das Blut wie jugcndfrisch in seinen Adern, der Mund öffnet sich und so schlicht und so herzlich spricht er zum königlichen Herrn: „Herr Kini, i wünsch Eng halt alles Guts zu Engern Tag." Und der junge Hirtbub soll echt partcnkirchnerisch beigesetzt haben: ,,J' o'" (ich auch). Der König freute sich herzlich der beiden guten Leute und ihrer herzlichen Gratulation und beschenkte jeden mit einem Goldstücke. (Schluß folgt.) Goldkörner. Erst besinnen, dann beginnen, Wird erreichen, wird gewinnen. Merk', wenn du willst am Ziele sein: „Eile sehr" brach Hals und Bein, „Komm zu spät" ward ausgelacht, „Komme recht" hat's gut gemacht. In Freud und Scherz, in Leid und Schmerz Nicht' Aug' und Herz stets himmelwärts. Früh nieder und früh auf, Verlängert den Lebenslauf. Glaube nicht Alles, was Du hörst, Daß du nicht dich und And're bethörst- Rcdc wenig, Rede wahr, Zehre wenig, zahle baar, Fürchte Gott und sei verschwiegen, Was nicht dein ist, das laß' liegen! Ein gutes Wort, ein guter Spruch Lehrt mehr oft als ein ganzes Buch. F. B e ck. 624 MLscellen (Einige witzige Grobheiten von Karl Gutzkow) ans der Zeit seines Weimarer Aufenthalts werden der „Tgl. Ndsch." initgcthcilt. Eines Tages besuchte den Dichter die bekannte Schauspielerin Lia vonBulyovsky und erzählte ihm so haarsträubende und unglaubliche Begebenheiten aus ihrem Leben, daß ihn nur die einer Dame schuldige Höflichkeit zum Anhören zwang. Die Schilderung ihrer Erlebnisse wurde aber endlich so grausig, wie sie nur der ärgste Scnsationsroman enthält, und da erschien es Gutzkow doch nöthig, ihre Phantasie zu hemmen. „Verehrte Frau," sagte er lächelnd, „wie harmlos das klingt! So etwas erlebt doch ziemlich Jeder, das ist doch nichts. Ich glaubte, Sie wollten mir erzählen, die Kaiser von Marokko und Brasilien hätten sich scheiden lassen und so lange um Ihre Liebe gefleht, bis Sie Erbarmen gefühlt und Beide zugleich gcheirathet hätten." Mit ihrem schönsten Lächeln nahm die Dame diese Bemerkung auf und ließ das Thema fallen . . . Eine der „drcihundcrtundncunzig Dresdener Schriftstellerinnen," wie er zu sagen pflegte, besuchte ihn in seiner Wohnung in der Bürgerschnlstraße. Die äußerst redselige und neugierige Dame fragte das „Blau vom Himmel herunter", und Gutzkow war höflich genug, ihr jede Frage zu beantworten. Als aber das Fragen nach den gleichgültigsten Dingen gar kein Ende nahm, erhob er sich und eilte ins Nebenzimmer. Mit einer Rolle kam er zurück, überreichte sie der Dame und sagte: „Das viele Fragen, liebes Fräulein, greift Sie entschieden an. Sie werden noch heiser. Hier haben Sie fünfzig Briefbogen und fünfzig Couverts. Gehen Sie nun ins Hotel schonen Sie sich, und was Sie noch zu fragen haben, ich bitte — schriftlich. Sollten fünfzig Bogen nicht ausreichen, so schreiben Sie es nur, ich habe mehr davon." Das Fräulein verstand den Wink, empfahl sich und ließ die sämmtlichen Briefbogen leer. * (Die Herkunft eines Liedes.) Im südlichen Deutschland wird vielfach ein Lied gesungen, das also beginnt: „Und wenn ich stirb', stirb', stirb', Müssen mich zwölf Jungfern trag'n, Und dabei Zither'n schlag'n :c. :c." — Dieses Lied stammt aus Italien, von wo aus es sich — gleich manchen andern welschen Sitten und Gebräuchen — nach dem deutschen Süden Bahn gebrochen. Es war im Jahre 1418, als zu Padua ein Professor der Rechte, mit dem Namen Luigi Cortnsi, das Zeitliche segnete, ein Sonderling, welcher in seinem Testamente die Verfügung traf, daß man ihn mit fröhlicher Musikbegleitung von zwölf jungen Mädchen zu Grabe tragen lasse, und daß Niemand dabei eine Thräne weinen solle. Diesem wunderlichen Einfall entsprang dann das erwähnte Lied im Volksmund, das bis heute sich erhalten hat. — (Ans der Dorfschule.) Pfarrer (zum Schulkunden): „Nun Hans, sage mir einmal, warum dürft ihr Jungcus nicht ins Wirthshaus gehen?" — Baucrnjnnge (nach längerem Besinnen): „Damit wir nicht sehen, wie viel der Herr Lehrer trinkt." Räthsel. Was dir die erste Silbe nennt — halt' fern! Der Gute flieht es, Niemand hört es gern, Dem Funken gleiches, der, starker angefacht, Zur Flamme leicht auflodern kann mit Macht. Trug'st du's im Körbchen heim, die trefflich munden. Die beiden zweiten künden Schön'res dir: Der Garten schmnckl's als hnnderlsält'ge Zier; Du ließest es wohl oft in guten Stunden, Das Ganze ist der Name einer Frucht, »st vr.t. Die ma» umsonst in Wald und Garten sucht; Und doch, wie groß sie fei, wie winzig klein, Sie kann der Grund zu blnt'gem Zwiste fein. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Liicrarischcn Instituts von Dr. Max Huttler. Nr. 79. 1883. / zur „Äugsbilrger Postzeitirng.^ Mittwoch, 3. Oktober Der GpalrLng. Noman aus dem Englischen von E. E (Fortsetzung.) Elftes Capitel. Als Mrs. Faucourt durch das Gartenthor hinaustrat, stand er plötzlich Jemanden gegenüber, welcher Einlaß begehrte. Dieses war ein kleiner, gelenkiger Mann mit glatt rasirtem Gesichte, klugen grauen Augen, buschigen Augenbrauen und dünnen Lippen, welche sich an den Ecken etwas in die Höhe zogen, so daß er eine beständig lächelnde Physiognomie hatte. Sein Anzug bestand aus einfachem, schwarzem Tuche, welches weder sehr modern noch sehr neu war. In der Hand trug er ein blaues Taschentuch. Faucourt würde ihn nicht bemerkt haben, wenn er nicht gerade dort mit ihm zusammengetroffen wäre. Er hielt ihn für den Schreiber eines Advokaten und wunderte sich im Stillen, welche Geschäfte dieser wohl in der Villa abzumachen habe. Es entging ihm, daß der Mann mit einem scharfen durchdringenden Blicke sein ganzes Aeußere gleichsam in sich aufnahm. Faucourt hatte keine Zeit seine Aufmerksamkeit einer so unbedeutenden Persönlichkeit zuzuwenden. Seine Gedanken beschäftigten sich mit dem Hause, welches er eben verlassen und was er dort gehört und gesehen. Er war keinen Augenblick im Zweifel gewesen, daß Julie Lemont die verwittwete Dame vorgestellt und den Ring gestohlen habe. Bei diesem Gedanken knirschte er mit den Zähnen und der Entschluß, sich dieses gefährlichen Weibes, welches so enge mit seinen Angelegenheiten verknüpft war, zu entledigen, gelangte zur Reife. Er mußte sich von ihr befreien — durch welches Mittel, darüber war er mit sich selbst noch nicht im Reinen. Lena Daltou's Schönheit hatte ihn bei ihrer zufälligen Begegnung im Parke zu Alphington überrascht; nun, wo er sie wiedergesehen, war seine Leidenschaft erwacht, und er beschloß, sie für sich zn gewinnen und zu heirathen. An der Einwilligung der Mutter zweifelte er nicht; doch schien es ihm, als ob die jüngere Schwester ihm feindlich gesinnt sei. Aber was lag daran, gegen seinen entschiedenen Willen würde sie machtlos sein. Er ballte die Faust, ungeachtet der zart citronenfarbigen Handschuhe, da er in seinem Inneren schwur, alle Hindernisse, die sich ihm zur Erlangung seiner Wünsche in den Weg stellten, rücksichtslos zu zermalmen. Sara hatte das Thor noch nicht geschlossen, als der neue Besucher ankam. »Ist Ihre Herrin zn Hause, meine Liebe?" sagte der durch's Thor hinein- schlüpfende kleine Mann. „Was wünschen Sie?" frug Sara, welcher die familiäre Anrede nicht sehr gefallen schien. „Melden Sie gefälligst der Mrs. Dalton, das Mr. Riggs sie zu sprechen wünsche. — 626 — Sie wird mich nicht kennen, deshalb sagen Sie ihr, ein Auftrag Lord Mphington's führe mich hierher. Bei Erwähnung dieses Namens machte Sara einen Knix und bat Mr. Riggs, sich nach dem Hause hin zu verfügen, während sie mit ihrer Botschaft vorauseilte. „Im Auftrage Lord Alphington'ss" wiederholte Mrs. Daltou erstaunt. .„Vermuthlich ist das auch wegen dieses widerwärtigen Ringes. Ich werde den Mann wohl empfangen müssen?" wandte sie sich fragend an Bertha. „Gewiß, Mama, warum auch nicht?" „Führe ihn hier herein, Sara. O Himmel, werden wir oenn me mit dieser Geschichte zu Ende kommen! Bertha, ich wollte, Du schnittest die schweren Fransen von Deinem Shawle ab. Schließlich bringst Du noch einmal eine Börse, oder eine Uhr, oder was weiß ich, darin mit nach Hanse. Bitte treten Sie ein." Mit diesen letzten Worten erwiderte sie die höfliche Begrüßung Riggs: „Ihr Diener, meine Damen!" Und den Hut in der Hand haltend, blieb er an der Thüre stehen. — „Sie kommen im Auftrage Lord Mphington's? Bitte nehmen Sie Platz." Mr. Riggs setzte sich in der Nähe der Thüre, seinen Hut unter den Stuhl schic- Lenv, und warf rasch einen Blick im Zimmer umher, bevor er sagte: „Jawohl, Madame. Ich bin ein Geheimpolizist und hierher gekommen, um mit Ihrer gütigen Erlaubniß Erkundigungen wegen eines verloren gegangenen Ringes anzustellen." „Ich habe durchaus nichts dagegen einzuwenden", entgegncte Mrs. Daltou aufgeregt. „Doch kann ich in der That nicht sagen, ob und von wein der Ring gestohlen worden ist; ich halte dies auch gar nicht für wahrscheinlich, glaube vielmehr, daß er in eine Spalte des Bodens hineingefallen und schwerlich wieder zu finden ist, ohne das ganze Hans umzudrehen. Mr. Riggs lächelte — aber dies that er ja immer. „Wir würden wenig in Anspruch genommen werden, wenn alle die Leute, denen chr Eigenthum abhanden gekommen ist, jedesmal genau angeben könnten, wo es sich befindet. Wollen Sie gefälligst die Güte haben, mir alles dasjenige zu erzählen, was sich an dem Morgen, als der Ring verloren ging, zugetragen hat." Mrs. Dalton wurde, so oft sie diese Begebenheiten schildern mußte, immer verwirrter und unfähiger, sich genau zu erinnern, was die Fremde gesagt oder gethan hatte, doch schloß sie auch in diesem Falle mit der Versicherung, daß so eine liebenswürdige, anständige Dame unmöglich den Ring genommen haben könne. „Sah noch sonst Jemand die betreffende Person?" frug Mr. Riggs. „Nur Sara, unser Zweitmädchcn. Die Köchin war ausgegangen und Sara und ich allein zu Hause. Ich war froh, daß es nicht ein fremder Btann war; ich verbiete auch immer der Sara einen Fremden einzulassen, wenn wir allein sind." „Würden Sie mir erlauben, Madame, dem Mädchen einige Fragen vorzulegen?" „Gewiß, fragen Sie nur, so viel Sie wollen. Bertha, willst Du schellen?" > Sara erschien so schnell, daß die Vermuthung nahe lag, sie sei nicht allzuweit von Der Thüre entfernt gewesen. „Dieser gute Mann wünscht Dich Einiges zu fragen, Sara: antworte ihm so gut Du kannst", befahl Mrs. Dalton in hochmüthigem Tone, indem sie sich mit übereinander geschlagenen Armen in ihren Sessel zurücklehnte, vollständig befriedigt über die klare Auskunft, welche sie in der Altgelegenheit gegeben hatte. . Sara erinnerte sich der fremden Dame recht gut, sie sei groß, ungefähr von derselben Größe, wie Miß Lena gewesen und habe eine dunkle Gesichtsfarbe gehabt. „Eins ist mir an ihr aufgefallen; da ich hinter ihr herging, bemerkte ich, daß eine kleine chwarze Locke unter dem Hute hervorkam und vorne war der Scheitel doch ganz weiß. 627 Und da dachte ich oei mir", setzte Sara hinzu, „du hast wohl schon öfters in deinem Leben Damen gesehen, welche einen schwarzen Scheitel auf dem weisen Haare trugen, aber doch noch nie das Umgekehrte." „Du bist ein vernünftiges Mädchen", sagte Mr. Riggs, als er den verlangten Bericht gehört; „dafür wünsche ich Dir auch einen recht braven Mann." „Oho!" rief Sara, sich von Lachen schüttelnd und den Kopf in den Nacken werfend, aus. „Das. ist wieder echt, wie alle Männer sind, immer zu denken, ein Mädchen sei nur darauf aus, einen Mann zu bekommen! Man ist noch besser daran, wenn man keinen hat, es müßte denn ein sehr guter sein; so denke ich." „Entferne Dich jetzt, Sara", sagte ihre Herrin mit strafendem Blicke, und das Mädchen zog sich eiligst in die Küche zurück, um Martha alles, was sich zugetragen, mitzutheilen. „Und wollen Sie mir nun noch eine Frage erlauben? Wer war der junge Mensch, welcher in demselben Augenblicke zum Thore hinausging, als ich eintrat. Ich glaube ihn beim Thomson und Cratschit gesehen zu haben." „Jener Herr", entgegncte Dirs. Dalton, bedeutenden Nachdruck auf das Wort „Herr" legend, war Mr. Faucourt, Enkel und Erbe Lord Alphington's." „So, so, also richtig wie ich vermuthete" sagte Mr. Riggs leise kichernd. „Kennen Sie ihn schon lange? Kannten Sie ihn schon ehe er den Namen „Faucourt" führte?" „Nein", erwiderte Mrs. Dalton zurückhaltend, da ihrer Meinung nach dieser Mensch seine Befugnisse überschritt und aus bloser Neugierde Fragen stellte; „ich habe ihn früher nie gesehen, er kam hierher, um sich ebenfalls nach dem Ringe zu erkundigen." „Hm! So! er kam also deshalb hierher, wirklich, ich finde das schon ganz natürlich von ihm." Bei diesen Worten erhob sich Mr. Riggs, den Hut unter dem Stuhle hervorlangcnd. „Meinen besten Dank, Madame. Ich habe augenblicklich nichts weiter zu fragen. Schönen guten Tag, meine Damen!" und mit leichtem Kopftiickcn empfahl er sich. „Ich werde Sie bis an das Thor begleiten", sagte Bertha, ihm zur Thüre hin ausfolgend. Sie fühlte einen unwiderstehlichen Drang, diesem Mann ihren vorhin gefaßten Verdacht mitzutheilen, aber sie wagte nicht, dies in ihrer Mutter und Lena's Gegenwart zu thun. „Mir ist etwas an Mr. Faucourt aufgefallen, wovon ich Sie in Kenntniß setzen möchte", begann sie, während sie mit dein Geheimpolizisten auf das Thor zuschritt. „Wie mir schien, drückte er sich äußerst vorsichtig aus, als ich ihn frug, ob er den Menschen, welcher mit mir im Omnibus gefahren sei, kenne, und dann gab er zu, daß er früher bei ihm in Diensten gestanden. Ebenso, als meine Mama ihm von der fremden Dame erzählte, frug er augenblicklich, ob sie nicht groß und dunkel gewesen, und später, sagte er, daß er diese Aeußerung nur so auf's Geradcwohl gemacht habe. Es mag sein, daß ich ihm Unrecht thue, aber auf mich macht es den Eindruck, als ob er die Dame kenne, und deshalb hielt ich es für meine Pflicht, Ihnen dieses mitzutheilen." Vielen Dank, meine werthe junge Dame; auch der leiseste Wink kann von Nutzen sein; gerade dadurch, daß wir die kleineren verschiedenen Umstände zusammen fügen, gelangen wir endlich zur Lösung des Knotens. Empfehle mich Ihnen, Miß." Mr. Riggs entfernte sich, und Bertha kehrte mit langsamen Schritten nach dem Hause zurück. Die schmerzliche Enttäuschung, welche Lord Alphington bevorstand, stimmte sie traurig. War dieser gemeine, verkommen aussehende Mensch wirklich der von ihm so heiß ersehnte Enkel und dazu bestimmt, die Würde und Ehre dieses alten Hauses zu repräsentiren? Wie trügerisch sind die Hoffnungen der Menschen! Ach, dieser arme alte Mann, welcher jetzt noch mit Sehnsucht die Stunden zählte, bis es ihm vergönnt sein würde, dem jüngsten Sprossen der laugen Ahnenrcihe die Hand zu drücke» und ihn mit Freuden in sein Haus einzuführen! Als Mr. Riggs Joy Collage verlassen halle, nahm er sich eine Droschke und fuhr in die Nähe von Fitzroy-Square. Dort stieg er aus, entließ den Wagen und schellte an einem Hause, welches, nach dem großen Fenster auf dem ersten Stocke zu schließen, die Wohnung eines Malers war. Nachdem er auf seine Frage, ob Mr. St. Lawrence zu Hause sei, eine bejahende Antwort erhalten, klopfte er an der Thüre des Ateliers an. (Fortsetzung folgt.) Auf dem hohen Schacher». (Schluß.) Vom Schachensee und der Schachenalm heißt es noch gut eine halbe Stunde steigen bis die Umfriedung des Königshauses erreicht ist. Der Weg hat nichts Einförmiges, manch' Neues bietet sich wieder dem Blicke und ohnehin fesseln die Felswände des Wettersteines mit der Dreithorspitze fast unaufhörlich unser Auge. Den Botaniker interessirt hier besonders der Anblick der Zirbelkiefer. Ihre Wurzeln haben wie mit Armen einen Felsblock umschlungen, auf dein sich der Stamm des Baumes buchstäblich auf einem steinernen Sockel erhebt. Die Zirbelkiefer liefert prächtiges Holz zur Meubelfabrikation. Die durch königliche Gnade begründete Schnitzschnle zu Partenkirchen hat schon manchen Stamm derselben glücklich verarbeitet und wer Gelegenheit hatte, die prächtige in altdeutschem Style erbaute und eingerichtete Villa des Wiesbadener Konditors Schweißgut zu Partenkirchen sich anzusehen, der versteht den Werth der Zirbelkiefer vollends zu schätzen. Wir stehen vor dem Königs Hause, einem prächtigen, im unmuthigen Schweizer- style erbauten Schlößchen mit zierlichen Altanen und Veranden, solid aus Stein gebaut mit hölzerner Umkleidung gegen die Unbilden des Wetters. Die Lage des Hauses ist reizend, die Aussicht, besonders von der südlichen Veranda, muß entzückend sein. Aus guten Gründen ist der Besuch des Königshanscs nicht gestattet. Von den Gemächern wird ein türkischer Saal mit Vorhängen und Teppichen nach maurischen Mustern als besonders prächtig genannt. Einige Schritte vom Königshansc entfernt, am Abhänge des Hügels steht das Forsthaus mit der Wohnung des Försters, der königlichen Küche und den Zimmern für das Dienstpersonal. Eine kleine Strecke von hier erhebt sich auf einem Felsenvorsprnnge in schwindelnder Höhe ein Pavillon des Königs, welcher auch den Touristen zugänglich ist und mit Recht der schönste Punkt am hohen Schachen heißt. Das Panorama, welches sich hier mit einem Male vor dem entzückten Beschauer entfaltet, kann nicht geschildert werden. Verwundert und vor Staunen fast sprachlos weiden wir unser Auge an den nie geahnten Netzen des Rainthals oder schauen hinauf zu den Riffen und Wänden des Wettersteins, der sich hier in großartigster Pracht und fast in seiner ganzen Ausdehnung vor uns erhebt. Hier könnten wir Stunden verweilen und langsam das Nainthal mit all' seinen Schönheiten verfolgen. Wie es senkrecht hinab zu unseren Füßen liegt, von einem reizenden Flüßchen, der Partnach, durchzogen! Weiter entfernt erblicken wir im Thals zwei kleine, bläulich schimmernde Seen, die „blauen Gnmpen" genannt, eines der prächtigsten Bilder der Alpenwelt, welches schon oft photographisch aufgenommen wurde. Vor dem ersten der beiden Seen entdecken wir eine Hütte malerisch gelegen, welche Eigenthum des Münchener Turnvereins sein soll. Am Ende des Nainthales erblicken wir die grünen Matten des „Anger's", des letzten Rnhepunktes vor der Besteigung der Zugspitze. Darüber hin erhebt sich die mächtige Steinwand des Höllenferner mit seinen Schnecmassen, von der Mittagssonne herrlich beleuchtet. Hier ist des Staunens kein Ende, und wer hier zum erstenmale die Wunder der Alpenwelt sich betrachtet, wie fühlt er sein Herz gehoben, wie fühlt er sich glücklich, auf Augenblicke mag er alles Weh und alle Sorgen vergessen, die sein Herz belasten. Die Seele voll Gedanken steigen wir wieder den Schachen hinab. Wir möchten uns das Bild, das wir geschaut, tief in's Herz einprägen, um es nie wieder zu vergessen. Doch dreimal glücklich ist der, dem Gelegenheit gegeben ist, das zaubervolle Bild sich zur Nachtzeit zu beschauen. Es ist der Vorabend des 25. August. Der König ist in der Abenddämmerung zum Schachensee hinabgestiegen. Er hat sie mit Freuden gesehen, die vielen Bergfeuer, die rings auf den Höhen des Loisachthales dem König zu Lieb und Ehren angezündet wurden; er hat sie mit Staunen betrachtet, die weißen Felscolosse des Wettersteingebirges, wie sie fahles Mondlicht wundervoll übergoß. In eigenthümlichem Glänze schimmerten heute die Tannen und Kiefern. Aus dem grünen Teppich der Alpenflora traten die weißen Felssteine reizend hervor. Wie zum Gruße vor ihrem irdischen Herrn und König neigten die Blümchen das Häuptchen, und wie zum Segensgebete flüsterte es aus den Aestchen der Bäume und im Kelche der Blume. Nun steigt er wieder vom See herauf und ein überraschendes Bild ist es, das sich den Augen Sr. Majestät darbietet. Das Königshaus ist prächtig beleuchtet. Rings auf den Altanen und Veranden schimmern Hunderte von Lichtlein. Am Abhänge zu Füßen der Vordcrfronte des Hauses erglänzt des Königs Namenszng in Hellem Lichte. Die hohen Wände des Wettersteins erstrahlen in bengalischer Beleuchtung. Hier und dort flammen Raketen auf und grüne und blaue und rothe Sternlein fallen spielend zur Erde. Das ist ein eigenthümlicher Glanz, in dem nun die Tannen erstrahlen, in dem die grauen vom Blitze geknickten und der Rinde entblößten hohen Kiefern schimmern, der über Berg und Thal so zaubervoll ergossen ist. Das ist eine Sommernacht, wie sie der Tiroler Cölestin Gschwari besingt, jener jugendliche Dichter, der erst 24 Jahre alt in seiner Vaterstadt Meran den kann: geöffneten Liedermund zum Tode schloß. Die Quellen murmeln, rauschen Ein Lied vom Liebesmai, Die Edeltannen lauschen Der tiefen Melodei. Und wie die Bäume schweigen So andachtsvoll umher, Will sich darüber neigen Der Himmel sternenschwer. Als wie mit gold'nen Rosen Ein blauer Baldachin Wölbt er sich ob dem großen Altar der Erde hin. Voll rosig Heller Glnthen Lacht hehr das Himmelszelt, Als wollt' es froh verbluten Aus Liebe zu der Welt. Wir aber auf den Höhen, Umrauscht von Waldcsgrnn Der Abendlüfte Wehen, — Wir lagen auf den Knie'n. Und wie das Ave wieder Ertönt in ernstem Eher, Da schwebt der Himmel nieder, Zu ihm die Erd' empor. Das ist eine Sommernacht, wie sie eben nur auf einem hohen Schachen möglich ist. — Fast waren wir traurig, als die Zeit vorrückte und wir uns entschließen mußten, die Pracht dieser Höhen und dieses Eden wieder zu verlassen. Schnell ging's nun die Tiefe hinab und nach drei Stunden langten wir in Graseck an. Bald nach uns kamen Touristen von der Dreithorspitze und der Frauenalpe oberhalb des Schachens an, etwas später trafen einige kühne Herren ein, welche die Zugspitze besteigen und heute noch die Station Anger erreichen wollten. Oft erinnern wir uns noch mit Freuden der Schachenpartie. Denn solch ein Ausflug auf den hohen Schachen wirkt förderlich auf die Gesundheit, und solch' ein Einblick in die Schönheit und Großartigkeit der Alpenwelt erhebt Herz und Seele, erfüllt mit neuer Begeisterung für die Natur, mit neuer Lust zu Arbeit und regem Schaffen, erhöht unsere Liebe zum .Könige, dem edlen Schirmherr» unserer Berge, dem warmen Freunde des hohen Schachens. Am 19. September 1883. 630 Die Türken vor Wien.*) Gedicht von Kaoio; aus dem Kroatischen im Versmaße des Originals übersetzt von Hanns Mctzler. 1. Tetschelija schielt — der stolze Banus — Schwere Briefe aus nach allen Winden. Einen sendet er dem Erdcljitscha, Dem Beherrscher der kroat'schen Lande:') 2. „Erdcljitscha, Banus der.Kroaten! Schon ist vollgefüllt ein Jahr mit Tagen, Seit den König wir verloren haben, Aus dem eig'nen Volk den cig'ncn: *) Das vorliegende Gedicht schildert uns die Belagerung, Vertheidigung und Befreiung Wiens im Jahre 1683, deren zweihundert- jühriges Jubiläum am 12. September d. I. gefeiert wurde. Es ist einem bei dem südsla- vischcn Volke sehr beliebten Büchlein entnommen und trägt dort den Titel: „I'iema oä Leos," (Lied von Wien). In „Rar^ovor n^oäni" (Das augcucbme Zwiegespräch) — so heißt das Buch — schildert uns der Dichter die Helden und Heldenthaten seines Volkes, und zwar in der Art, daß Milo- van aus den schwarzen Bergen seinen: ehemaligen Waffenbruder Radovan diese'Thaten erzählt, rcspectivc ins Gedächtniß zurückruft. Der Dichter Andreas Kaoio-Miosio ist im dalmatinischen Dorfe Brist im Jahre 1690 geboren und als siebzigjähriger Greis im Kloster Zoastrog (ebenfalls in DaluiatieiO gestorben; er stndirte in Buda Philosophie und Theologie, trat dann in den Orden des heil. Franciscns ein, ward Lehrer der genannten Fächer, wurde Guardian und stiftete als solcher ein neues Kloster; die auf ihn gefallene Wahl zum Pro- vinzial lehnte er ab. Die Zeit, welche ihm sein Beruf übrig ließ, verwendete er auf literarische Arbesten. Von diesen ist die Abfassung des genannten Buches die wichtigste; als apostolischer Legat machte er nämlich eine Reise durch Dalmaticn, Bosnien und die Herzegowina, sammelte eine große Menge historisches Material und verarbeitete dasselbe in „Rar^ovor uAoävi!" — der süd- slavischen Jliade — durch welches er sich den Namen eines sehr bedeutenden Dichters verdient hat. ') Die Schreibweise des Originals in Bezug auf die Eigennamen ist fast ohne Ausnahine beibehalten worden. — Tetschelija — Tötöly Graf Emcrich; Erdcljitscha — Graf Erdödy. Strophen 2 bis 15 enthalten ein bcwunderungs- wertbcs Charaktergcmäldc des Rebellen Tököly. Wenn Tököly auch uicht der alleinige Anstifter des Türkenrricges war, wie der Dichter und seine Laudslcute aus Unkenntlich der Politik Ludwig's XIV. glaubten, so war er doch der Erste, welcher den Sultan auffordern ließ, auf Wien selbst loszusteuern. (S. Onno Klopp: Das Jahr 1683" p. 137). 3. Seit ein fremder König uns regieret, Dieser Leopold, der deutsche Kaiser. Sag', wohin sind uns'rc alten Rechte!? Sag', wohin der Ruhm der Ungarfürstcn! ? 4. Endlich ist es Zeit, daß wir erwachen, Daß wir unsern cig'ncn König krönen, Der mit Huld und Gnade uns regiere, Uns ein milder, treuer Vater werde. 5. Nun, so hör' den Rath des Tetschelija: Werfet ab das Joch des Wiener Kaisers; Wählet mich zu cu'rcm Herrn und König Und dann krönet mich im Dom zu Prcßburg. 6. Reichthum will ich geben euch und Schätze. Um mich sammeln meine fcur'gcn Ungarn' Will die Städte alle dann erstürmen, Alle bis nach Wien und um dasselbe. 7. Felder will ich geben euch und Wiesen, Schöne Dörfer auch und große Märkte Hohe Burgen dann und reiche Städte, Wie sie eu're Ahnen einst besaßen. 8. Aber sollt ihr mich nicht hören wollen, So ersass' ich Ungarns stolzes Banner, Werfe nieder die kroat'schen Staaten Und verwüste bis nach Laibach Alles. 9. Also, Kinder! Nicht den Kopf verlieren, Werdet Tetschelija's Unterthanen, Wie es kurze Zeit ist's her — die Ungarn- Fürsten und die Ritter all' geworden." 10. Von den Briefen, die er schreibt, den zweiten Sendet er dem Mächt'gen Türkcnkaiser: „L-ultan, Kaiser, Herr der ganzen Erde! Was ich künde ist Dir frohe Kunde. 11. Meine Ritter haben mich erkoren Und zum König mich gemacht von Ungarn. So bin ich der Feind des deutschen Kaisers, Deines größten Feindes Feind geworden. ^) 12. Und nun bitt' ich Dich, mein großer Kaiser, Sammle alle Deine starken Heere; Ich will Krieger sammeln in ganz Ungarn Und im weiten Siebenbürgcrlande. 13. Und dann wir gen Wien marschiren; Nicht gar schwer wird's sein es zu erstürmen. Deutschland, d'rauf Italien soll bezwungen, Selbst das stolze Rom soll unser werden. 14. Jetzo, Zar! ist Deine Zeit gekommen, Jctzo räche Deine Janitscharcn; Deinen Todfeind kannst Du jetzt vernichten Diesen Leopold, den deutschen Kaiser, 15. Welcher Dir so viele Qual geschaffen, Welcher Deine Janitscharcn köpfte. Nun verbeug' ich mich vor Dir zum Schlüsse, Küss' das Knie Dir und den Saum des Kleides." 16. Banus Erdcljitscha, Herr im Lande Der Kroaten, sendet die Antwort: 2 ) Tököly wurde 1676 allerdings zum Haupte der Aufständischen gewählt (O. K. p. 85), doch das türkische Königsdiplom mit Roßschwcif und Fahne erhielt er von Jbrachim Vaicha 1682. 631 Lass' vas Possenreißcn, kecker Jüngling! Noch so jung und schon so roll von Hochmuth ! ^) 17. Wir gehorchen keinem andern König, Als dem alten Leopold, dem Kaiser, Welcher — muß ich's Dir noch erst erzählen? — Uns wie seine eig'ncn Kinder liebet. 18. Nein, wir werden eher kämpfend sterben, Als zu unsrem König Dich erwählen, Fremd ist Dir ja Recht und wahrer Glaube, Ehrst Du doch wie einen Gott den Calvin." 19. Mehmcd^) aber schrieb, der mächt'ge Sultan: „Treuer Diener Tetschelija, Banus! Dreimal wird der Mond nicht wiederkehren, Bis Dir Hisse kommt von allen Seiten." 20. Was der Sultan sprach, das blieb gesprochen. Eilig fing er an sein Heer zu sammeln; Von der hohen Pforte bis gen Bagdad Nies er all' die auserlcs'nen Helden. 21. Palästina ruft er und das weite Asien, dann Rumänien, dann Bulgarien, Dann Albanien und dann Maccdonicu, Boßnicn^) auch und die Herzegowina; 22. D'rnuf die Walachei, die ganze Moldau Und die Tartarei noch bis nach Wender Lika und Slavonien und Korbawa Und zuletzt noch Cattaro und Siga. 23. Als das Heer in langen Schaarcn hinzog Durch die endlos weiten Eb'ncn Ungarns, Hätt' zu zählen es Niemand vermögen, Keiner ihm Widerstand leisten können. 24. Gegen Wien hin drängen all' die Schnaren, Lieder singen sie, die Rosse wiehern. Pascha und Vezire an der Spitze Gleichen alle giftgeschwelltcu Schlangen. 25. Vorne ritt der Großvczir, der mächt'ge Viclbcrühmte Karali Mustnpa; Ihm zunächst der Vezir — Paschn Deli- Jbrniru aus Ofen — dann die Andern. H s) Mit dieser Antwort stimmen die belobenden Anerkennungsschreiben des Kaisers Leopold des 1. an die Kroaten (O. K. p. 281). Daraus erklärt sich auch, warum der Dichter das vorliegende Gedicht in seine Sammlung aufgenommen hat. Mohammed IV. «st Es ist unrichtig „Bosnien" zu schreiben, weil das Land nicht Bozna, sondern BoSna heißt. °) Ueber Kara Mustapha (siehe Näheres O. K. p. 49.) Hier wurden sechs Strophen des Originals weggelassen, in welchen 19 Pascha aus dem Türkcnheere ausgezählt sind. 26. Ich vermag nicht Alle Dir zu nennen, Weil das Lied sein Ende nimmer fände. Jetzo aber hör', mein Kampfgenosse, ?) Hör' den Jammer und das große Elend. 27. Wo ein Türkenschwarm sein Lager aufschlägt; Ueberall ist Tod und Pest und Seuche, Krcisemnord und grnnser Mord von Kindern Doch die Jungfrau schleppen sie znin Harem. 28. Wie sie vor das schöne Wien gekommen, Hatten sie Wohl hunderttausend Sclaven, Hunderttausend and'rc waren Leichen. Also schreiben Männer, die es wissen. 29. Kurz? Zeit nachher bekam der Kaiser Leopold ein wenig freud'ges Schreiben Von dem großen Herzog von Lothringen. In dem Briefe spricht der Herzog also: 30. „Mein erlauchter, großer, mächt'gcr Kaiser! Siehst Du nicht vor Dir das ganze, starke Heer der Türken mit dem großen Feldherrn Karali Mustapa an der Spitze!? 31. Nun, so flieh' doch, edler Greis, und opf're Fruchtlos nicht das uns so theure Leben." Als der Kaiser diesen Brief gelesen, Zwang der bitt're Kummer ihn zu Thränen. 32. Jetzo ruft er Starhcmberg, den Fürsten/) Spricht zu ihm und redet männlich also: „Starhcmberg, mein Fürst, so reich an Ahnen, Doch an Treue gegen mich noch reicher! 33. Dir vertrau' ich Thron und Reich und Krone. Mein geliebtes Wien und seine Bürger Mit dein Heer — Du magst cS selber wählen — Sollst Du, wie Dein Haupt, die Stadt beschützen. 34. Ich will meine Lande all' durchwandern. Will mir alt und Jung zu Hilfe rufen. Lass' den Muth nicht sinken, feur'ger Falke, Denn es wird Dir schnelle Hilfe werden." °) 35. Als die Nacht mit ihrem Schutz gekommen, Floh aus seinem theuren Wien der Kaiser; Nahm mit sich die .Kinder und die Gatiin, Seine Diener und die treue Garde. r) Man sehe die Anmerkung zur Ansschrift. °) Feld-Zengmeistcr, später Fcld-Marschall Ernst Rüdiger Starhcmberg war Gras, nicht Fürst. Ein Kenner slavischer Verhältnisse wird dem Dichter verzeihen, daß er in diesem Punkte auch anderswo nicht ganz genau ist. ") Die Motive der Flucht sind hier und in Strophe 31 wahrhcitc-geiren dargelegt, was für die damalige Zeit sehr ausfälln In Bezug auf Strophe 34 (s. O. K. g. 328). (Fortsetzung folgt.) G o l d k 6 r n e in Vor seiner Thüre kehre Jeder rein, So werden sanver alle Straßen sein. Lieber Nein Unrecht gelitten, Als vor . - ,cht gestritten. F. Vcck. Himmelsschan im Monat Oktober. — X. Merkur L steht in der Jungfrau, kommt am 21. in die größte östliche Entfernung von der Sonne und ist um diese Zeit am Morgenhimmcl gut zu finden. Venus y wird am 27. Abendstern, geht jedoch bald nach der Sorme unter. Mars c? steht im Krebse, geht 11 Uhr Nachts in NO. auf und zeigt sich in den Morgenstunden bei der Sterngruppe der Krippe. Am 19. trifft er mit dem Jupiter, am 23 mit dem Monde zusammen. Jupiter 2 p im Krebse vor 11 Uhr Nachts am nordöstlichen Horizont sichtbar, geht zuletzt um 10 Uhr Abends auf. Am 22. ist er nördlich vom Mond. Von seinen Trabanten werden sichtbar verfinstert: der erste am 6., 13., 22., 29., 31.; der zweite am 6., 13., 31.; der dritte am 4.; der vierte am 6. und 23. Saturn H geht auf zwischen 8 Uhr und 6 Uhr Abends und steht am 18. nördlich vom Monde. Der Kugeldurchmesser beträgt 18, die Durchmesser seiner Ring- axen 45 und 19 Bogensekunden. Miscellen. (Theater-Toiletten.) Ein Schauspieler schreibt im „Berl. Tagbl.": „Man hat in der Großstadt kaum eine Ahnung davon, wie man sich in kleinen Proviuzial- städtcn zu helfen weiß, und welche Jnszeuirungs- und Kostümfrevel dem Publikum zu- gemuthet werden. Ich z. B. verdankte mein Engagement an eine pommersche Wanderbühne einzig und allein dem Besitz eines zwar einstmals „hochmodern" gewesenen Pfirsich blüthefarbenen" Sommerüberziehcrs, und als beschlossen ward, die „Räuber" aufzuführen, in welchen ich als junger Volontär höchstens einen stummen Räuber geben zu dürfen wähnte, wurde ich nicht iveuig überrascht, als der Direktor sofort erklärte: „Herr S. spielt den Kosinski, er hat einen hellen Paletot!" . . . Kosinski in einem modernen hellen Sommerüberzieher I . . . Den Damen unserer Bühne machte der „Toilleten- luxus" auch nicht viel zu schaffen. Die Direktrice war im Besitz einer „Maria Stuart"- Robe, welche sie auch in den Birch-Pfeifferschen Stücken und als Handschuhmacherin im „Pariser Leben" (!) trug. Aus guten Gründen! Sie besaß nicht viel mehr als noch einen Pelzmantel, an dem der Pelz fehlte. Was aber würden die Franzosen, die ihre Aufmerksamkeit selbst auf Format und Farbe der auf der Bühne verwendeten Briefe ausdehnen, sagen, wenn sie es erleben würden, daß — wie es bei uns in einem Städtchen an der Saale der Fall war — Merced» im „Don Carlos" dem Jnfanten im letzten Akt einen die königlichen Gemächer erschließenden Schlüssel übergibt, an welchem eine Waschklammer hing. DcrSchlüssel gehörte zum — Eiskeller des Wirthes. Man muß sich eben zu helfen wissen!.... (Kindlich.) Mutter: „ Heute, liebe Anna, ist der Geburtstag Deiner Großmutter, da mußt Du ihr Glück wünschen und den lieben Gott bitten, daß er sie noch lange erhält und recht alt werden läßt." — Anna: „Ach, liebe Mutter, ich will lieber zu Gott beten, daß er sie wieder jung werden läßt, denn alt genug ist sie schon." (Was genießt der brave Soldat im Frieden?) — Brod, Fleisch, Kartoffel. — Nun ja, das ist wohl richtig; was genießt er aber außerdem noch? Suppe, Brei. — Schafskopp! Er genießt die Zufriedenheit seiner Vorgesetzten und die Achtung der Civilpersonen. (Zweierlei.) FrauNosi: „Wiegeht's im heiligen Ehestände?" — FrauKathi: „Recht gut. Mein Mann hat g'studirt und was im Kops." — Frau Rosi: „Der meinige auch, aber nur, wenn er am Abend aus dem Wirthshause kommt." Auslösung des Räthsels in Nr. 76: „Zankapsel." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litterarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Nr. 80. 1883. zur „Ängslmrger PostMrmg." Samstag, 6. Oktober Der Opalrrng. Noman aus dem Englischen von E. C (Fortsetzung.) Von Innen wurde laut „Herein" gerufen, aber Mr. Niggs zögerte, dieser Einladung zu folgen, da er beim Oeffncn gewahrte, daß St. Lawrence sich nicht allein befand. Douglas war seiner täglichen Gewohnheit gemäß kurz vorher zu einem Plauderstündchen dorthin gekommen; denn die beiden jungen Künstler waren, trotz oder vielleicht gerade wegen der großen Verschiedenheit ihrer Charaktere sehr intime Freunde. „Treten Sie nur ein, Mr. Niggs", sagte St. Lawrence; „dieser ist mein Freund, Mr. Douglas, vor dem ich gar kein Geheimniß besitze. Sie mögen immerhin alles berichten, was Sie in Erfahrung gebracht haben. Ich hatte Dir ja mitgetheilt, Douglas, daß ich meine Angelegenheit der Polizei übergeben habe; Mr. Niggs hat nun die Aufgabe übernommen, mir zu meinem Rechte zu verhelfen, wenn dies überhaupt in der Macht des Menschen liegt. Haben Sie mir etwas Besonderes zu sagen, Niggs?" „Nein, Sir, das kann ich gerade nicht behaupten", erwiderte dieser, sich mit seinen» blauen Taschentuche durch's Gesicht fahrend, „wenigstens möchte ich nicht gerne jetzt schon etwas sagen. Aber ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, Mr. St. Lawrence." „Schon gut, Niggs. Nehmen Sie einen kleinen Cognac?" „Da habe ich nichts dagegen einzuwenden, es ist kalt draußen. Man hat mich Mit einem ähnlichen Falle beauftragt", vertraute Mr. Niggs den beiden jungen Herren an und erzählte ihnen dann die Geschichte des Opalringes. „Dalton? Was für Dalton?" frug Douglas, da Niggs inne hielt, um einen Schluck zu nehmen. „Von Joy Cottage — eine Wittwe mit zwei Töchtern, erklärte er, abermals einen Zug thuend. „Ich bin heute besonders in der Mficht hierher gekommen, Mr. St. Lawrence", fuhr der Geheimpolizist fort, „um Ihnen das Versprechen abzunehmen, daß Sie sich, was sich auch immer ereignen möge, doch in keiner Weise blosstellen wollen und gegen Niemanden ein Wort von dem, was Sie wissen, laut werden lassen. Es ist eine verwickelte Geschichte, und deshalb erheischt sie doppelt vorsichtige Behandlung. Wenn wir uns in die Karten sehen lassen, so haben wir verloren. Das mag Ihnen zu Zeiten schwer fallen, Sir, aber wenn ich Ihr Versprechen habe, so weiß ich, daß Sie es so treu wie einen Eidschwnr halten werden." St. Lawrence dachte einige Augenblicke nach, dann sagte er: „Ich sehe keinen Grund, weshalb ich mich weigern sollte, auf Ihren Wunsch einzugehen, denn ich vertraue Ihnen vollständig, sowohl wegen dessen, was ich von Ihnen gehört, als auch, was ich persönlich erfahren habe." „Vielen Dank, Sir, entgegnete Niggs, sein Glas leerend. „Wir dürfen durchaus keine Unbesonnenheit begehen. Wenn dieser junge Herr Ihr volles Vertrauen besitzt, so wird er gewiß auch bereitwillig dasselbe Versprechen ablegen." — 634 — „Ich bin taubstumm geboren, meinetwegen brauchen Sie sich keine Sorgen machen", beruhigte Douglas. „Sehr gut, Sir,", antwortete Riggs, seinen lächelnden Mund noch etwas mehr in die Breite ziehend. „Auch gewissen anderen Leuten wäre es von größerem Nutzen gewesen, staubstumm geboren zu sein. Empfehle mich Ihnen meine Herren. In einigen Tagen oder Wochen hoffe ich Ihnen etwas mehr sagen zu können, Mr. St. Lawrence. Nochmals Dank für ihre Versprechen. Bitte, bemühen Sie sich nicht, ich finde meinen Weg schon." Als sich die Thüre hinter dem Geheimpolizisten geschlossen, schritt St. Lawrence heftig erregt, im Zimmer auf und ab. „Diese Ungewißheit treibt mich noch zur Verzweiflung!« rief er aus, „und ich soll nichts thun." „Ja, es ist hart", bestätigte Douglas, „aber was man nicht kann änderen — Du kennst ja das alte Sprüchwort, Muth gefaßt, Freund! Ich wette ein Dutzend echte Havana's gegen einen alten verbrauchten Pinsel, daß schließlich doch noch Alles gut geht." „Der Himmel gebe es!" St. Lawrence setzte seinen Spaziergang durch's Zimmer noch einige Zeit fort, dann warf er sich in einen Sessel und strich sich das Haer von der Stirne. „Apropos, Douglas?" frug er nach einer Weile, „weshalb hat Dich der Name Dalton so interessirt?" „sstun, weil meine kleine Musiklehrerin so heißt; sie ist eine Miß Dalton." „Sieh da, ich glaubte, Du wolltest mir ihren Namen nicht nennen", neckteSt. Lawrence. „Das ist ja wahr; ich bin jetzt so gedankenlos damit herausgeplatzt. Joy Collage — mich wundcrts, ob das richtig ist; es klingt ganz hübsch und scheint mir ein passendes Nestchen für dieses süße Täubchen zu sein. Joy Collage, mit einem guten Atelier nach Norden, viele reiche Leute zum Portraitiren und ein liebes gutes Weib, um das Leben behaglich und angenehm zu machen. „Und ein halbes Dutzend Schreihälse und des Dokters Wagen beständig vor der Thüre und ellenlange Rechnungen zu Neujahr —" „Halt ein, ich bitte Dich. Gönne nur doch für mein Ideal zu schwärmen. Es wird ja nie etwas daraus; zwischenzeitlich wirst Du wohl hingehen und der schönen Amarillis Deine Liebe erklären und mich verdrängen." „Nein, ich bin keine verliebte Natur, mich brauchst Du in diesem Punkte nicht zu fürchten." „Was ich Dich fragen wollte, Eustace, Du gehst doch Mittwoch mit mir zum botanischen Garten? Es ist wirklich amüsant dort, und man sieht eine Menge hübscher Gesichter", sagte Douglas im Begriffe, sich zu entfernen. „Zum Henker mit dem botanischen Garten." „Nun, nun, weshalb so wüthend sein, wie ein angeschossener Bär,", beschwichtigte Douglas. „So lange Du, Eustace, St. Lawrence bist, genieße auch das Leben als solcher, und das Andere warte ruhig ab." „Wohlan! Ich gehe mit Dir", versprach Eustace. „Ich muß mich auf irgend eine Weise zerstreuen, um nicht verrückt zu werden." „O, das wirst Du nicht, so lange Du Deinen „Fides Achatns" bei Dir hast, Nun, lebe wohl, alter Bursche; wenn Du meiner bedarfst, so weißt Du, wo ich zu finden bin." Mit diesen Worten lief der wohlgcmuthe junge Portraitmaler die Treppe hinunter, St. Lawrence seinen Grübeleien überlassend. Zwölftes Capitel. Ein leichtes Unwohlsein würde Lord Alphington nicht von oer Begrüßung seines ven entdeckten Enkels zurückgehalten haben; er pflegte hänsig durch heftige Anfälle von «35 Podagra belästigt zu werden und um dem völligen Ausbruche dieses Uebels vorzubeugen, mußte er die ersten Symptome der Krankheit sofort im Keime ersticken. Aus diesem Grunde war er gezwungen, das Wiedersehen bis Montag hinauszuschieben. Sein Zustand hatte sich bis dahin gebessert, und so fuhr er nach London, wo er seine Wohnung gegen ein Uhr erreichte und den Rechtsanwalt, ihn dort erwartend, fand. Der Earl begrüßte ihn freundlich und seine Hand drückend sagte er: „Ich bin überzeugt, daß Sie mir von Herzen gratuliren, mein guter Freund. Sie wissen, was ich Alles durchgemacht habe, wie einsam und verlassen mein Leben verflossen ist, und jetzt hat mir der gütige Himmel das Glück bescheert, noch in meinen alten Tagen einen Sohn meines Hauses an's Herz drücken zu können." Mr. Thomson räusperte sich verlegen, als ob er nicht recht wisse, was er antworten solle. „Gewiß gratulire ich Ihnen, Mylotd. Mr. Sedley oder Faucourt, wie wir ihn jetzt nennen müssen, ist noch ein junger Mann, deshalb darf man wohl voraussetzen, er werde sich die Sitten und das Benehmen der Gesellschaft, mit welcher er in der Zukunft verkehren wird, aneignen. Seine mangelhafte Erziehung darf uns nicht in Erstaunen setzen." „Der Ton, mit welchem Mr. Thomson dies sagte, erweckte Lord Alphington's Besorguiß. Mangelhafte Erziehung?" wiederholte er. „Ich meine doch gehört zu haben» daß mein Enkel in dem Jale-Collcgium seine Studien absolvirte und seitdem auf Reisen gewesen ist. Er muß also doch ein gebildeter Mensch sein." Mr. Thomson hustete abermals. „Wie ich glaube, besuchte er die Anstalt und wenn ich von mangelhafter Erziehung sprach, so wollte ich damit nicht sagen, daß er gerade unwissend sei. Er schreibt einen guten Brief, aber was Sie mit Reisen bezeichnen, Mylord, möchte ich schon eher in der Welt herumbummeln nennen." „Sie erschrecken mich; ich muß aus Ihrem Benehmen schließen, daß er Ihr Mißfallen erregt hat. Bitte sprechen Sie sich aus; es ist besser, daß ich es weiß, wie sehr es mich auch betrüben mag." „In der That, Mylord, Sie fassen meine Worte ernster auf, wie ich beabsichtigte; ich weiß durchaus Nichts gegen Mr. Faucourt, kann aber nicht leugnen, daß ich mich, da ich seinen Vater kannte, sehr enttäuscht gefühlt habe. Das ist Alles, ich versichere es Ihnen." „So, ist er seinem Vater nicht ähnlich?" frug Lord Alphington, mit einem Seufzer das Porträt eines schönen, anziehenden jungen Mannes anblickend, welches im Bibliothekzimmer hing, wo sie sich befanden. „Nicht im Mindesten, vielleicht gleicht er seiner Mutter." Der Earl seufzte tief. „Seine äußere Erscheinung darf uns nicht parteiisch machen", sagte er dann. „Ich hatte so gehofft, es würde eine Aehnlichkeit vorhanden sein, aber ich lernte schon lange meinen Hoffnungen entsagen. Lassen Sie uns jetzt unsere Geschäfte abmachen, die Zeit drängt." Mr. Thomson begann nun alle die Beweise, welche ihm übergeben worden, vor Lord Alphington auszubreiten; es waren eine Menge Papiere, trotzdem las der alte Herr sie alle aufmerksam durch. „Es unterliegt keinem Zweifel, daß sie echt sind", sagte er, jedoch klang seine Stimme nicht mehr so freudig, wie bei der ersten Begrüßung des Rechtsanwaltes. „Wie sehr wünschte ich, dies alles wäre vor Jahren bekannt geworden, damit ich die Vormundschaft über den Knaben gehabt hätte! Es ist freilich jetzt nutzlos, das Vergangene zu beklagen. Der Opalring ist das einzig Fehlende", fügte er, ein Armband betrachtend, hinzu. „Sagte Ihnen Faucourt, wie er ihn verloren?" „Er sprach davon, daß er von einem Diener bestohlen worden sei", entgcgnete Mr. Thomson. Ich habe Ihrem Auftrage gemäß die Sache einem Geheimpolizisten übergeben — einem sehr gewandten Burschen, welcher schon mehrere derartige Fälle mit großem Geschick verfolgt hat. Wenn etwas herauszubringen ist, so ist Niggs der rechte Mann dazn." Lord Alphington war eben im Begriffe, zu antworten, als die Zimmcrthür geöffnet und Mr. Faucourt angemeldet wurde. Der alte Herr erhob sich hastig; seine Züge verriethen ängstliche Spannung. Eben wollte er dem Manne, welcher eintrat, entgegeneilen, doch plötzlich blieb er stehen; die Lebhaftigkeit seines Benehmens verwandelte sich in stolze Zurückhaltung und Kälte. Faucourt, dessen äußere Erscheinung dieselbe war, wie bei seinem Besuche zu Joh Cottage, näherte sich mit halb knechtischer, halb anmaßender Höflichkeit. Mr. Thomson, welcher glaubte, der Earl befinde sich im Zweifel, erhob sich ebenfalls indem er sagte: „Erlauben Sie mir, Lord Alphington, Ihnen Ihren Enkel vorzustellen." Der Earl winkte abwehrend mit der Hand. „Ich weiß schon; Sie haben mir durch die Papiere bewiesen, daß dies Faucourt's Sohn ist und als solcher werde ich ihm Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Setzen Sie sich, junger Mann", fügte er zum ersten Male diesen anredend, hinzu; er selbst nahm seinen früheren Platz wieder ein. Fancourt fühlte sich eingeschüchtert; es war ihm äußerst unbehaglich zu Muthe, dennoch versuchte er eine sorglose Miene aufzusetzen. (Fortsetzung folgt.) Rechte Blüthe. Soll Dir das Leben recht erblühen. So gieb Dich ganz in Gottes Hand; Vom Morgen- bis zum Abcndglühen Sei ihm anbetend zugewandt. Das Leben hat der Blüthen viele, Wonach die Hand begierig langt, Doch vor der Nacht hängt welk am Stiele, Was in der Frühe hell erprangt. Es liegt der Eine Ton zu Grunde Jedwedem Liede, das man sang^: Für Jeden kommt die schwere Stunde Und aller Blüthen Untergang. Ein Thor, wer au die flücht'gcu Freuden Des Lebens seine Seele hängt, Und wer die Schätze wird vergeuden, Die er im Leiden mild empfängt. Doch wer sich ganz dem Herrn ergeben, Dem gehen aus der Dornen Hanf Für dies und für ein besser Leben Die allerschönstcn Rosen auf. L. v. Heenrstcdc. Peter v. Cornelius. Am 23. September waren es hundert Jahre, daß der größte Meister der neueren deutschen Malerei in dem kunstreichen Düsseldorf das Licht der Welt erblickte. Protestantische, liberale und jüdische Blätter und Zeitschriften haben seiner an diesem Tage mit Lob gedacht; da dürfen auch wir des großen Mannes nicht vergessen, der mit seinem Bekenntniß, seinem Leben und seiner Kunst voll und ganz zu uns gehörte. — Freilich geben die Gegner sich die Mühe, das specifisch Katholische von Cornelius und seinen Werken abzustreifen und ihn, wie z. B. die „Post" es versucht, zu einem der Ihrigen zurechnen. Aber das ist Verlorne Liebesmühe! Es sind so viele kräftige Zeugnisse und auch noch so viele redende Zeugen vorhanden, welche die Katholicität des großen Mannes laut beweisen, daß die gegentheiligen Versuche elend scheitern müssen. Peter Cornelius zeigte schon als Kind große Vorliebe und ein auffallendes Talent für die Kunst. Als einst dem Knaben ein Goldstück und ein Stück Kreide zum Auswählen dargeboten wurde, griff er sogleich zur — Kreide, um damit Figuren zu zeichnen. — 637 Er erinnerte sich später selber noch dieser Scene und meinte: „Der liebe Gott hat nun einmal einen Maler aus mir machen wollen." Seine erste Ausbildung bekam er auf der Düsseldorfer Akademie. Da starb in seinen: sechzehnten Jahre der Bmer, und Peter mußte mit seiner jungen Knust die Mutter und seine Geschwister ernähren. Die Begeisterung für seine liebe Kunst und das Vertrauen auf den gütigen Himmel hielt ihn aufrecht in dieser schlimmen Zeit: „Vater im Himmel", so betete er damals, „erhöre mein Gebet. Ich stehe nicht nur eitel Geld und welkenden Lorbeer, nicht vornber- ranschcnde Freuden der Sinne sind mein Wunsch. Aber im Staube bitte ich Dich, o Herr! Laß nicht siegen den Staub über Deinen Geist! Hemme die große That nicht in ihrem Beginnen. So schufst Du dies Herz, nach himmlischen Thaten sich sehnend." Nach seiner Mutter Tod kam Cornelius nach Frankfurt a. M., von dort führte ihn die Sehnsucht nach dem gelobten Lande der Künstler, nach Italien. In Nom schloß er sich dein Kreise edler Freunde an, an deren Spitze der katholisch gewordene fromme OVerb eck stand, und die vor allem die Pflege der christlichen Kunst sich znr Lebensaufgabe gestellt hatten. Hier !m Centrum der katholischen Welt, in dem befruchtenden Kreise edler gleichgesinntcr Freunde gestaltete sich des jungen Cornelius Kunst zu der echt christlichen, christlich-katholischen, wie wir sie an seinen späteren Schöpfungen bewundern. Die Freundschaft mit dem trefflichen preußischen Gesandten, Niebnhr verschaffte ihn: 1820 die Stelle als Director der Akademie in seiner Vaterstadt. 182-1 siedelte er in gleicher Eigenschaft nach München über, wo er den grandiosen Cyclus von Bildern in Chor und Querschiff der Lndwigskirche schuf, welche den christlichen Jdcenkrcis von der Weltschöpfnng bis zum jüngsten Gericht darstellen. In: Jahre 1811 berief ihn der kunstsinnige König Friedrich Wilhelm IV. nach Berlin. Das protestantische Berlin mit den Knnstakadcmikern, deren Treiben ihn: über alles verhaßt war, sagte ihn: wenig zu, um so mehr hielt er sich an einen engeren Kreis trefflicher katholischer Freunde, und lebte im Ucbrigen unbehindert in stets frischer Jugcndbcgeistcrung seiner heiligen Kunst. Im Auftrage des Königs sollte er den Oninzn) oanto, die Fürstcngruft ausmalen; aber nur die Entwürfe zu schaffen war ihn: vergönnt. Diese jedoch sind auch für sich allein vollendete Kunstschöpfnngcn von mächtig ergreifender, erhabener Schönheit. Sie behandele!: das große christliche Epos, die Erlösung der Menschheit von der Sünde durch Christi Leben, Lehre und Tod, die Wirksamkeit seiner Kirche in der fortgesetzte:: Entsündignng der Welt, die letzten Dinge und die Auferstehung zu einen: ewigen Leben. Damit setzte er seiner Thätigkeit die Krone auf. So war von: Anfang bis zum Ende seine Kunst keusch, christlich, heilig; er hat wie ein Prediger der Wahrheit in seinen Kunstwerken seine mächtige Stimme erschalle!: lasse!:, und sie ist nicht unerhört verklungen. Jetzt gilt er als der Altmeister der wieder- erwcckten edlen deutsche!: Knifft, und alle ohne Ausnahme preisen seinen Namen. Wir freuen uns mit Recht, einen solchen Mann zu den Unserigen zählen zu können, der nicht blos in seiner Kunst, sondern in: Leben wie in: Tode christlich, treu- katholisch war. Seii: letzter höchster Trost auf dieser Welt war Christus in der heil. Communion, sein letztes Wort hieß: „Beten!" Was er im Leben gelernt und geübt, das vollführte er nun am Ende seiner Tage, die schwerste Kunst: „Selig zu sterben." Er verschied an: 6. März 1867 im hohen Alter von 81 Jahren, reich an Ruhm und Ehren bei den Menschen, an Verdienst und Gnaden, wie wir hoffen, bei Gott den: Herrn. Konnte er doch in Wahrheit von sich sagen: „Die Kunst hab' ich gcliebet, Die Kunst hab' ich geübet Mein Leben lang. Die Künste hab' ich verachtet, Nach Wahrheit stets gewuchtet — D'ruin wird mir nicht bang." Die Türken vor Wien. Gedicht von Kaoio; aus dem Kroatischen im Versmaße des Originals übersetzt von Hanns Metzle r. (Fortsetzung.) 36. Doch es fand in Wien sich ein Verräther; Dieser bringt dem Tetschclija Kunde: „Während Du das Morgenroth verschlafen. Ist Dein Feind, der Kaiser, ausgeflogen." 37. Dieser — kaum hat er das Wort vernommen — Schwingt sich auf den starken, feur'gen Renner Und verfolgt in wilder Hast den Kaiser. Jener ist jedoch schon längst geborgen. 39. Ueber grüne Hügel floh der Kaiser, Fand rm treuen Linz dann kurze Ruhe Von der Prüfung, die das Reisen brachte Vom Gebirge stürmt ein Haus' von Strolchen, 39. Nimmt ihm Alles, was von Silber glänzte, Und die gold'nen Trinkpokale alle; Nimmt, mit diesem nicht zufrieden, Selbst des Kaisers hochgeweihte Rüstung. '°) 40. Dort verlebt er cin'ae Ruhetage, Und schon kommt dem reifen Mann die Kunde: „Flieh', o Kaiser, denn es nah'n die Ungarn. Nur die Flucht kann Dir das Leben retten." 41. Als der Kaiser diesen Ruf vernommen, Stand er auf — noch vor der Morgenröthe, Floh durch Deutschland weiter, immer weiter, Wie ein scheues Wild verfolgt, bis Passau. ") 42. Und um Wien lag Sorg' und Weh' und Jammer, Alles war bis Wien dem Feind erlegen, Slädt' und Dörfer waren Ascheuhügel Und in Trümmern lagen alle Burgen. ^) 43. Wie die Wolken stieg der Rauch zum Himmel Auf dem ganzen Weg von Wien bis Ofen. Und es fand die Nacht mit ihren schwarzen Augen Jammer überall und Elend; 44. Sah zum Himmel Feucrsäulcn steigen, Rings umher ein weites Meer von Flammen, Rauch bedeckt die Stadt wie dichter Nebel, Welchen Blitze zuckend oft durchbrechen. 45. Wie die Wiener all' das Elend sehen, Wird ihr erster Muth ein bitt'rcs Klagen. Starhcmberg allein, der edle Feldherr, Bleibt ein Held uud suchet sie zu trösten. 46. „Lasst doch eure Furcht, ihr Wiener Bürger I Dieser Türke wird uns nimmer schaden: Legen wir uns all' in Gottes Hände, Leicht bezwingen wir dann unsre Feinde. ">) Die Sage von dem hier gemeldeten Uebcr- zalle ist wohl nur aus den Berichten über die gefährliche Reise entstanden. ") Der Kaiser wurde allerdings zur Weiterreise nach Passau genöthigt, aber von den Türken, nicht von den Ungarn verfolgt. ") „Asche und Leichen bezeichneten den Wea, den das Heer genommen." (O. 5k. x. 213.) 47. Denn wir kämpfen jetzt für Jesu? Christus, Fließt doch unser Blut für seine Kirche; Auch für unsern guten Herr und Kaiser, Unser Vaterland uud unsre Kinder." 48. So begann der Seinen Muth zu wachsen Daß sie furchtlos all' das Fußvolk sahen, All' die Reiter uud den Wald von Fahnen Rings um ihre theure Vaterstadt. 49. Denn so weit das Auge trägt im Kreise, Konnte es nichts And'rcs mehr erschauen Als Soldaten ohne Zahl uud Rosse, Wilde Reiter, Fahnen, hohe Zelte. 50. Da — am dreizehnten des Monats Juli — Ritten hart au Wien heran die Türke». Trotzig starrt das prächt'gc Zelt des Feldherrn In das Angesicht 0er Burg des Kaisers. 51. Kaffee trinkend schrieb er voll von Hochmuth Einen Brief dem tapf'rcn Generale Starhcmberg und seinen Wiener Bürgern. Türkisch war der Brief, daS Schmähen türkisch. 52. Christenhuud, Du Häuptling dieser Stadt, Falschen Glaubens uud von Gott verlassen! Wo Du stecken magst und Dich verbergen, Wisse, Gottes Zorn hat Dich getroffen. 53. Dich uud Deinen König — falschen Glaubens — Leopold, der Kaiser heißt von Deutschland, Welcher jetzt von Stadt zu Stadt sich flüchtet Und eutrennen will dem Zorn des Mchemed. 54. Aber hör'! Ich schwör' den hcil'gen Eid Dir: Mag er sich verstecken, wo's ihn freuet, In ocr Mphütt' oder in der Felsschlucht, Nimmer wird er meinem Schwert entkommen. 55. Dir, mein Fürst, jedoch und Deinen Bürgern Geb' ich diese väterliche Mahnung: Werfet in den Graben cu're Fahnen Und den Adler mit dem Doppelkopfe; 56. Jene Adler, die euch Unglück bringen, Müßt ihr eilig in die Tiefe senken. Habt ihr das gethan, so straf' ich milde, Wie die Mutter ihre Kinder strafet." 57. Und es las der Starhcmberg das Schreiben, Las es nochmals und begann zu lachen. Eine Antwort ward sofort gegeben: Blei und Pulver ist ihr kurzer Name. 58. Als der Großvezir solch' reden hörte, Ließ er tiefe, weite Minen graben, Pflanzt Kanonen auf mit ries'ger Ocsfnung Rings um Wien im engen Kreise. 59. Jetzt beginnt im gleichen Augenblicke Ueberall der Donner der Geschütze. Was die Höhe liebt, das stürzt zusammen, So die Thürme und die Burg des Kaisers. 60. Doch aus Wien kommt immer kräft'ge Antwort, Denn die blasse Furcht ist fortgezogen. Wien entsendet einen Feuerregen Und es sinkt gar manches Türkcnfähulcin. 61. Ilbcr diese Türken rasten niemals; Eine Mini graben sie, zur' Nachtzeit, Füllen sie mit dreifach starker Ladung In der achten Nacht vor Schluß des Monats. 62. Alle Felder in der Runde zittern Und der Donau Wasser, Baume, Steine, Wien, das starke, und die nahen Berge; Dicker Qualm erhebt sich hoch zum Himmel. 63. Jetzo stürzen wild die Janitscharen, In die Stadt hinein mit blankem Säbel. Dort erwartet sie ein graußcs Grüßen. Denn es strömt wie Regen Feuer nieder. 64. Bomben fliegen und Granaten zahllos; Und mit Blei und Pulver grüßt der Schütze, Mit Pistol und Säbel grüßt der Ritter Und der'Bürger grüßt mit Holz und Steinen. 65. Bald beginnt die Flucht der Janitscharen: Auf das Haupt geschlagen, flicht der Feinde Ordnungsloser Rest verhöhnt von dnnnen. Wien erstarkt im neuen Glück der Freiheit. 66. Doch der zweite Tag war nicht vergangen, Als der Feind drei neue Minen sprengte. Untergang der Stadt und Tod der Helden Hatten sich die Türken zugcschworcn. 67. Von der Morgenröthe bis zum Dunkel Folgte immer einem Sturm der and'rc; Endlich wirft sie General Sercuy lind verfolgt die türk'schen Janitscharen 68. Weit hinab durch Auen und durch Felder: Keiner wird geschont, gefangen Keiner. Abwärts sieht man Turkenköpfe liegen. Ehrenzeichen für die kühnen Sieger. 69. Also ging es durch den ganzen Juli; Minen legt der Feind und immer Minen Und die Janitscharen stürmen immer. In der Stadt erwacht die Noth, das Elend 70. Und mit beiden eint sich bald der Jammer, Als sie im August am vierten Tage Eine mächt'ge Mine donnern ließen; Diese riß gewaltig breite Breschen. 71. Da erst drangen ein die Janitscharen Und die Pascha und die türk'schen Sejmcn, Reiter, Fußvolk so von allen Seiten, Wie aus Bcrgcsklüften dunkle Wölfe. 72. Und ihr Schicksal? Ha! es war ein arges! Denn das deutsche Feuer brannte gräßlich. Rings um Wien da gab es Türkenlcichen! Ihre Zahl? Wer hätt' sie zählen können? 73. Wieder gibt's ein Stürmen und ein Brennen, Angriff folgt auf Angriff bis znm Dunkel. Im August war's, an dein fünften Tage (Kolowos ist unser Monatsname).") ") Es mag erlaubt sein die kroatischen Monatsnamen hier anzuführen, weil, es kaum eine andere so wenig zahlreiche Gruppe zusammengehöriger Wörter gibt, aus denen die Anschauungsweise des Volkes so deutlich erhellt: 1. 8ioeans, Jänner, ist die Zeit des Holzfällens; sieeati, hauen. 2. Veljaea, Februar, ist der sehr rauhe; vel, sehr; jaie, stark. 3. Im März, 639 — 74. Wien ist wie in einem Flammenmeere, Das die ganze Gegend übcrflnthct; Und die Pacht ist wie der Tag so helle, Und der Tag ist wie die Nacht so finster. 75. Auf der Schanze, die er schon genommen, Pflanzt der Türke seine grüne Fahne; Doch es waren schon zu viel gefallen, Und die wilde Flucht beginnt von Neuem. 76. Lcsle, der die Sieger diesmal führte, Alexander war des Fürsten Name, Warf nun bald den starren-Rest der Feinde Und verfolgte sie mit seinen Mannen. 77. Als die Deutschen wieder heimwärts zogen, Stak ein Türkenkopf an jedem Säbel, Doch den Führer hatten sie verloren. Friede deiner Seele, edler Ritter!") 76. Aber jetzt vernimm' noch größere Thaten: Dann, der General, besteigt den Rappen,, Reitet in der Nacht in's Türkenlager, Badet seine Händ' im Blut der Feinde. 79. Das geschah vom siebten auf den achten, Als die Feinde müd' und sorglos schliefen; Unversehrt entkam der Held, oer kühne, Mancher von den Türken schläft noch heute. 80. Aber wer wird solche Macht bezwingen? Wer das arme Wien noch länger schützen? Rings im Kreise stehen Tnrkenheerc Um die Stadt, wie eine große Kette. 81. Endlich rnh'n die Deutschen und die Türken. Einmal nach so langen, bösen Zeiten Müssen sie wohl essen auch und trinken Und durchdcnken all' das.große Elend.") 82 Doch schon wieder dröhnt es in der Runde, Neue Minen hat der Feind gegraben, Und das schöne Wien ist fast verloren, Seinen Fall erhoffen jetzt die Türken. ornrljalc, bekommt man bei Wiederaufnahme der Feldarbeit Schwielen ; Schwiele; (Gj. Danivio gibt in Jvorijvni etc" eine andere, wie mir scheinen will, sehr gesuchte Erklärung.) 4. Travanj, Ihpril, ist der Grasmonat; trava, Gras. 5. Im Mai, svibanj, beginnt das Heckcn- holz, svib' zu treiben. 6. Der Juni, Upanj, ist der Monat der Linde, Ii;,a. 7. Im Juli, srxanj, wird das Getreide geschnitten; srp, Sichel. 8. Im August, kotovor, führt mau das Getreide auf Wagen heim; vorili, führen; Kola, Wagen. 9. Der Name des September, rujan, ist das epitbston ornans des Weines. 10. Im Oktober, liatogcul, fallen, vaclali, die Blätter, list, von den Bäumen. 11. Der November, stu- äsn, ist der kalte Monath 12. Im Dezember, nroslnae, schimmert das Eis; xrosinutä, durchschimmern. ") Lezle — Lcslic ist bei dieser Gelegenheit nicht gefallen. ") Ein Waffenstillstand wurde nicht geschlossen. (Schluß folgt.) — 640 — M i s c e l l e n. * (Königliche Handwerker.) In der preußischen Köuigsfamilic Herrschi bekanntlich die Sitte, daß jeder Prinz irgend ein Handwerk lernt. — Auch in früheren Zeiten besaß mehr als ein Monarch die Liebhaberei, irgend ein Handwerk zn betreiben, und manch' ein hoher Herr brachte es sogar zn einer großen Fertigkeit in dessen Ausübung. Kaiser Karl V. z. B. beschäftigte sich nach seiner freiwilligen Abdankung (1556), im Kloster zu St. Just mit der Uhrmachcrci, im Auschluß an das Interesse, welches er stets schon an mechanischen Arbeiten genommen. — Czar Peter der Große trieb gar alle möglichen Handwerke, zog auch zum Entsetzen seiner Hoflcute Zähne aus, war aber vor allen Dingen Zimmcrmann; als Solcher arbeitete er auch längere Zeit, gerade so wie jeder andere Geselle, auf dem Schiffswerft zu Saardam in Holland zu seiner Ausbildung. — Der berühmte, prachtlicbcnde Kurfürst von Sachsen, August der Starke, drechselte, und der Kurfürst und Erzbischof Hermann von Köln, ebenso Landgraf Philipp tion Hessen, schnitzte allerlei Jagdgerüth für sich und seine Freunde. — Besonders eifrig betrieb auch der unglückliche König Ludwig XVI. von Frankreich ein Handwerk, und zwar das der Schlosserei! Oft arbeitete er im Schweiße seines Angesichts in seiner Schmiede, die mit allem Nöthigen ausgestattet war, wie nur je ein Schlosser von Beruf in seiner Werkstatt. Tort war er zu Hause und ein Meister, während der Thron von Frankreich zusammenbrach, im Sturze auch das Haupt der königlichen Schlosser mit fortreißend." — (Negiments-Befehl.) Bei Besichtigung der Caserneuzimmcr habe ich bemerkt, daß zur Füllung der Strohsäckc für die Mannschaft nicht genug Stroh gefaßt wird und habe ich mit dem Proviant-Amte darüber die nöthige Rücksprache genommen. Die Herren Kompagnie-Chefs werden hiemit ermächtigt, aus eigenem Kopfe so viel Stroh zn entnehmen, als sie für den Bedarf ihrer Leute für nöthig erachten, v. Lencn- mnnd, Oberst. (Unerwartete Antwort.) Feldwebel: „Herr Hanptmann, die Leute klagen in der letzten Zeit wieder häufig über zn kleine Flcischrationcn — es seien gar zn viel Knochen dabei." — Hauptmann: „Hols der Deibel mit den ewigen Klagen: Knochen! — Ich habe Knochen, Sie haben Knochen, die Kerls haben Knochen, überhaupt jeder Ochse hat Knochen." (In der Jnstruktionsstnnde.) Unteroffizier: Der Soldat hat zwei Paar Stiefel, wovon — —? Müller! Einjähriger Müller: Von Nindsleder! Unteroffizier: Ach, was die Herren Einjährigen immer gelehrt sein wollen und können die einfachsten Fragen nicht beantworten — wovon das eine Paar immer gewichst sein muß. (Maß und Stoff.) „Nun, hast schon was Gut's gelernt, mein Sohn?" fragt der Vormund sein 11 jähriges Mündel, das er beim Schneider in die Lehre gegeben hatte. „Das „Maß"-Nehmen und das „Stoff"-Holen habcn's mir beigebracht, Onkel! denn die Gesellen trinken halt nit z' wenig!" (Münchener Humor.) „Aber Du bist jetzt fein beinand! Nur d' Hosen und Stiefel sau sehr schleußig." — „Ja, mein Lieber, d' Hosen und Stiefel kannst in koan Kaffeehaus austauschen." (Ein Naturfreund auf der Pleite.) „Wie Alles so schön ist, in der freien Natur! — Die Lerchen singen, die Käfer summen, das muntere Kälblein hüpft über blumige Matten; Alles freut sich des Lebens — nur meine Gläubiger weinen!" (Bei einem Gewehrappell) hat ein biederer Littaner Rekrut sein Gewehr schlecht geputzt. Während der Lieutenant auf einen Rostflecken zeigt und fragt: „Was ist das?" antwortete er, treuherzig grinsend: „Na, Herr Laitenant, kennst nicht Rost?" Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Nr. 81. 1883. zur „Äugsimrger PHMimg." Mittwoch, 6. Oktober -- Der Gpalring. Roman aus dein Englischen von E. E. (Fortsetzung.) Lord Alphington begann in eisigem Tone: „Ich schng Ihnen diese Zusommenknnft vor, weil ich dem Worte meines Nechtsanw altes, daß die Beweise gültig seien, vertraute; ich habe die Papiere nun selbst durchgesehen und finde sie so, wie er gesagt hat. Indessen möchte ich Ihnen noch einige Fragen vorlegen." Der junge Mann machte eine tiefe Verbeugung. „Sie erinnern sich vermuthlich Ihres Vaters nicht mehr?" „Ganz und gar nicht, Mylord; er starb, als ich noch ein Kind war." „So ist es Ihnen wohl auch unbekannt, daß ich gleich nach dem Tode meines Sohnes, als ich erfuhr, er habe eine Frau und einen Sohn hinterlassen, Nachforschungen nach diesen anstellen ließ, aber ohne Erfolg. Können Sie mir hierüber Aufklärung geben? —" „Mr. Fancourt heirathete sehr bald nach seiner Ankunft in Amerika und nahm dann den Namen seiner Frau, welche Sedley hieß, an. Wie Sie in meinem Taufschein gesehen haben werden, bin ich dort unter dem Namen Sedley eingetragen. Nach seinem Tode verließ die Wittwe ihren bisherigen Aufenthaltsort und kehrte zu ihren Verwandten nach dem Norden zurück." „Sie sprechen von Ihrem Vater und Ihrer Mutter?" frug Lord Alphington in demselben kalten Tone. „Ja, gewiß, Mylord", erwiderte Fauconrt mit einem Ausluge von Verlegenheit. Der Carl legte ihm noch mehrere Fragen vor, aber in so vornehmer Zurückhaltung, beinahe Strenge, daß Mr. Thomson fast Mitleid mit dem jungen Menschen empfand. Er hatte vorausgesehen, wie bitter enttäuscht der alte Herr sein werde, aber eine solche Abneigung, wie dieser sie gegen seinen Enkel an den Tag legte, kam ihm doch unerwartet, und er bedauerte es beinahe, die Papiere in Ordnung gefunden zu haben, da er wußte, daß sich dieses Verhältniß auch im Laufe der Zeit nicht günstiger gestalten werde. Fauconrt bemerkte sofort, daß er keinen günstigen Eindruck hervorgerufen habe; dies erschreckte ihn anfangs, da es seine Berechnung zu nichte machte. Er hatte gehört, Lord Alphington sei ein alter, zuweilen recht kränklicher Mann und so glaubte er, einen schwachköpfigen Faselhans, wie er ihn im Geiste zu nennen Pflegte, anzutreffen, mit dem er schon bald fertig werden wolle. Und nun fand er anstatt dessen in ihm diesen edlen vornehmen Lord, dessen klarer Verstand und scharfes, durchdringendes Auge ihn aus der Fassung brachte. Es dauerte eine geraume Weile, ehe er seine gewöhnliche Frechheit wiedererlangte und sich mit dem Gedanken tröstete, daß es für ihn noch viel an- 642 genehmer wäre, wenn der Earl seine Gesellschaft nicht wünsche. Jedenfalls würde ihm doch eine namhafte Snmine als Jahresrente ausgeworfen werden und diese könne er dann frei und ohne jegliche Aufsicht zu seinem Vergnügen verwenden. Lord Alphington machte mittlerweile einen heißen ,Kampf mit seinem Gewissen ! durch; er war ein streng rechtlicher Mann und würde es darum für Unrecht gehalten haben, seinen Enkel die schmerzliche Enttäuschung, dem Bilde, welches er sich von ihm entworfen, nicht zu gleichen, entgelten zu lassen. Daher beschloß er, diese heftige Abneigung und das Gefühl des Mißtrauens zu überwinden und ihn vorerst persönlich einige Zeit zu prüfen, ehe er ihn verurthcile. In einem milderen Tone sagte er: . „Es wird am Besten sein, wenn Sie heute Abend bei mir speisen, wir können s dann ausführlicher unsere Pläne für die Zukunft entwerfen. Sie finden passende Ge- j mächer hier im Hause in Bereitschaft für Sie. Ich wohne fast nur zu Alphington Park, und so werden wir uns gegenseitig wenig geniren." ^ Fauconrt wollte ihn mit Dank überschütten, aber der Earl unterbrach ihn: - „Der Sohn meines Sohnes und der Erbe meines Titels wird stets dasjenige erhalten, worauf er ein Recht hat. Wenn wir uns näher kennen, wird das persönliche ! Interesse vielleicht folgen; dies hängt jedoch lediglich von Ihnen ab." Nachdem er dieses gesagt, erhob er sich zum Zeichen, daß die Unterredung beendet sei. Fauconrt verstand den Wink und erhob sich ebenfalls. Der Earl nickte herab- ? lassend mit dem Kopfe, ohne die Hand auszustrecken, und der junge Mann zog sich mit einer tiefen Verbeugung, froh, die Zusammenkunft überstanden zu haben, zurück. Laut seufzend sank Lord Alphington in seinen Sessel nieder und rief aus: , „Barmherziger Himmel, kann es möglich sein, daß dieser gemeine Emporkömmling, Fancourt's Sohn ist?" „Ihm hat die Leitung seines Vaters gefehlt", sagte Mr. Thomson entschuldigend. „Aber zählt die edle Abstammung für gar nichts, mein Freund? Ich wünschte, - o ich wünschte — doch das ist jetzt nutzlos", fuhr er sich selbst unterbrechend fort. „Es ist entsetzlich, meine schönsten Erwartungen so zu Grunde gerichtet zu sehen. Einem ^ Leben voller Glück und Zufriedenheit sah ich entgegen, anstatt dessen werde ich nun von beständiger Furcht gequält sein, dieser Mensch habe vielleicht schon, oder werde in Zu- ^ kunft noch meinen fleckenlosen Namen besudeln. Ich kann ihm nicht das Eigenschaftswort „jung" beilegen, denn sein Aeußeres verräth mir, daß er alt und erfahren in allen möglichen Lastern ist." „Sie beurtheilen ihn gewiß zu streuge", versuchte Mr. Thomson zu trösten. „Selbst angenommen, Mr. Fancourt habe früher ein wenig über die Stränge geschlagen, so kann er sich doch jetzt bessern." „Ein wenig über die Stränge geschlagen!" rief der Earl erbittert aus. „Sagen , Sie lieber ein lüderliches Leben geführt, oder ich müßte mich in seiner Physiognomie - sehr täuschen. Nach diesen Worten versank er in tiefes Schweigen und Mr. Thomson , hielt es für angemessen, sich zu entfernen. Er nahm seinen Hut und sagte: I „Sie haben keine weiteren Befehle für mich, Mylord?" ! „Augenblicklich nicht, danke Mr. Thomson", erwiderte Lord Alphington, wie aus s einem Traume erwachend. , „Ich werde Sie rufen lassen, sobald ich Ihrer bedürfen sollte." ^ Sie verabschiedeten sich mit freundlichem Händedrucke. Mr. Thomson fuhr nach Westminster und Lord Alphington blieb mit seinen trüben Gedanken allein zurück. Drcizehntes Capitel. Au einem wundervollen Maitage war große musikalische Unterhaltung im botani- i scheu Garten zu Negent's Park. Schon zeigten die Bäume ihr frisches saftiges Grün und die schönen Frühlingsblumen standen in voller Blüthe. Zwischen den reizenden — 643 — Beeten promcnirten elegante Damen in prachtvoller Toilette; andere saßen in Gruppen beisammen und lauschten der herrlichen Musik. St. Lawrence schlenderte an dem verabredeten Mittwoch Nachmittage mit seinem Freunde Douglas in diesem lebhaften Getriebe umher. Letzterer wollte nicht eingestehen, daß er dies zu seinem Vergnügen thue, sondern behauptete, für ihn sei es nur Mittel zum Zweck. „Es ist durchaus nöthig, daß ich mich bekannt mache", äußerte er gegen St. Lawrence. „Ziehe ich mich ganz von der vornehmen Welt zurück, so wird sie mich sehr rasch vergessen. Für Euch Landschaftsmaler ist das etwas ganz anderes, da gilt das Werk Alles und die Person nichts; aber ein Portraitmaler muß sich durchaus beliebt machen, dann ist das halbe Spiel gewonnen." Unter diesem Vorwande vergeudete Douglas sehr viele Zeit. Er hatte schon öfters versucht, St. Lawrence zu überreden, ihm dabei Gesellschaft zu leisten, jedoch meistens ! vergebens. In seiner jetzigen Stimmung fühlte dieser sich unfähig zur Arbeit; die Er- ! umerung an das ihm widerfahrene Unrecht wurde durch die Bemühungen, es rückgängig zu machen, immer lebendig erhalten, und diese Ungewißheit versetzte seinen feurigen Geist ! in die größte Aufregung. Ja, hätte er seinem Feinde Aug in Aug gcgcnübertreten ! dürfen, aber nun band ihn auch noch das Versprechen, sich ruhig zu verhalten und so ! konnte er weder Hand noch Fuß zu seiner Vertheidigung erheben. Fast gereute es ihn, d sich so gebunden zu haben, aber er war nicht der Mann dazu, ein gegebenes Wort ß zurückzunehmen; es blieb ihm nichts Anderes übrig, als geduldig zu warten und zu S hoffen, die Vorsehung werde den Betrüger, dessen Opfer er geworden, entlarven. ' Ueber diese Dinge nachgrübelnd, horchte er kaum auf die muntere Unterhaltung - seines Freundes, bis dieser ihn plötzlich beim Arm faßte und mit seinem Spazierstocke ! auf drei Damen, welche in einiger Entfernung saßen, hinzcigend ausrief: ! „Beim Zeus, da ist ja meine kleine Musiklehrcrin!" i „Welch' hübsches Mädchen!" sagte St. Lawrence, durch den Ausruf seines Freundes j aufmerksam gemacht. „Du gabst mir doch zu verstehen, sie sei nicht hübsch." „Die kleinere von Beide» ist Miß Dalton", entgegnete Douglas ungeduldig. „Komm, wir wollen dort herumgehen, und uns ihnen von der anderen Seite, wie zufällig, nähern; ich werde Dich vorstellen." - „Dieses sagend, drängte sich Douglas durch die Menge; St. Lawrence, überrascht von der Schönheit der einen jungen Dame, folgte ihm willig. Als sie ihrer von Neuem ansichtig wurden, stieß Douglas einen gut geheuchelten Ausruf des Er- , stannens aus, trat näher und zog seinen Hut. , „Ich bin glücklich, Sie hier zu sehen, Miß Dalton. Der Ort, wo wir uns ge- " wohnlich zu treffen pflegen, ist nicht so angenehm, als dieser." „Es freut mich, daß Sie sich auch zuweilen einen freien Tag erlauben", erwiderte Bertha mit freundlichem Lächeln, ihm ihre Hand entgegenstreckend. Der heitere junge Maler gefiel ihr und obgleich sie sehr wenig mit ihm verkehrt hatte, betrachtete sie ihn doch als Freund. Sie machte ihre Mutter und Schwester mit ihm bekannt und Douglas stellte St. Lawrence vor. Die Farbe auf Lena's Wangen vertiefte sich bei Herannahen der jungen Herren. Airs. Dalton empfing sie mit der größten Zuvorkommenheit. „Sie sehen beide recht vornehm aus", flüsterte sie Lena in einem unbewachten Augenblicke zu, „namentlich der größere, dunkle; man sollte gar nicht glauben, daß er nur ein Künstler ist." Die beiden Männer, welche bemerkten, daß ihre Gegenwart der älteren Dame an« genehm war, nahmen dort am Tische Platz. Es fehlte nicht an Stoff zur Unterhaltung. Douglas kritisirte in humoristischer Weise die Vorübergehenden und Bertha verstand es, auf seine Scherze einzugehen, obschon ihre Aeußerungen, wenn auch zutreffend, doch nie boshaft waren. Sogar Lena wurde etwas lebendiger, indem sie die Vergnügungen der 644 schönen Frühlingszeit besprach, aber mehr noch durch die augenscheinliche Bewunderung, welche sie dem jungen Landschaftsmaler einflößte. Bei einem kleinen Spaziergange durch den Garten ging St. Lawrence neben Mrs. Dalton und Lena, während Douglas und Bcrtha folgten; ebenso wurde, als die Damen es an der Zeit fanden, zurückzukehren, dieselbe Reihenfolge beobachtet, denn die beiden Freunde ließen es sich natürlich nicht nehmen, sie bis nach Joy Cottage zu begleiten. Dort am Thore verabschiedeten sie sich auf's Freundschaftlichste, nachdem St. Lawrence zuvor die Erlaubniß erbeten und erhalten hatte, an einem der nächsten Abende vorsprechen zu dürfen, um Miß i Dalton sein Skizzcnbuch aus Amerika zu zeigen. 1 „Es ist also doch dieselbe Familie, von welcher Riggs sprach", sagte Douglas. „Wie sonderbar doch manchmal die Dinge zusammentreffen." „Diese Miß Dalton ist ein wunderhübsches Mädchen. Ich meine noch nie ein Gesicht gesehen zu haben, welches mich durch seine Schönheit so überrascht hat." s „Ja, sie ist schön, das gebe ich zu, aber ich finde das geistvolle Antlitz der ^ Schwester bedeutend anziehender." „Ich bitte Dich, Freund, wo hast Du denn Deine Augen?" rief St. Lawrence aus. „Was Form und Farbe anbelangt, bin ich mit Dir gewiß einverstanden, aber aus den Augen meiner Bertha strahlt Dir der ganze Reichthum ihrer Seele entgegen. . Bertha — beim Zeus, ein reizender Name; er klingt so weich und sanft, wie das j Säuseln des Zephirs, wenn er die Blumen küßt! Ein starkes, großes Frauenzimmer j kaun unmöglich Bertha heißen." ! „Nun, alter Bursche, bist Dir wirklich schon so weit?" frug St. Lawrence, ihn > bei der Schulter fassend. Douglas lachte und seufzte gleichzeitig. „Es ist nutzlos, es kann nie etwas daraus ^ werden", entgegnete er, sich gewaltsam zusammennehmend. „Diese Mutter Dalton macht , mir den Eindruck, als ob sie sich, ehe Sie mir ihre Tochter anvertraute, vorab ganz , genau nach meinen: Einkommen erkundigen werde und was könnte ich dann antworten? ' Daß ich der glückliche Besitzer von zwei Staffeleien, eines schwarzen abgetragenen Sammt- rockes, einer Unmasse leerer Flaschen und eines halben Dutzend Meerschaumpscifen bin. s Ob ihr das hinreichend erscheine!: wird, um einen Hausstand zu gründen, befürchte ich sehr. —" ! „Weshalb gibst Du Dich denn aber auch nicht mit Eifer an die Arbeit? Du bist l ein schrecklicher Zeitverschweuder, Douglas." s „Arbeit! Zeitverschweuder!" rief Douglas aus. „Habe ich nicht diesen ganzen ^ Nachmittag gearbeitet? Trug ich doch meine eigene Persönlichkeit zur Schau, in der Er- f Wartung, daß die Leute unter einander sagen würden: „Sehen Sie dort den schöllen, ^ geistreich aussehenden jungen Mann? Das ist der berühmte Charles Douglas, von dein müssen Sie sich malen lassen." Leider Gottes befolgen die Menschen diesen guten Rath nicht." „Welches ein bedauernswerther Irrthum ihrerseits ist", fügte St. Lawrence, auf den Scherz eingehend, hinzu. „In: Grunde genommen kann ich eigentlich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob ich verliebt bin oder nicht. Wie man hört, können Verliebte von der Lust leben, dieser Fall trifft bei mir nicht zu; ich bin entsetzlich hungrig." l „Dann geht es Dir wie mir", bekannte St. Lawrence." „So vertraue Dich meiner Führung an, Du wirst es nicht bereuen. Uebrigens ^ freut es mich, daß die schwarz: Melancholie, die Du seit Deiner letzten Unterredung mit H diesem fürchterlichen Riggs an den Tag gelegt hast, Deinen Appetit doch noch nicht ganz verdorben hat; ebensowenig wie „Der Traum von schönen Frauen", welcher in s* diesen letzten Stunden Deine Miene verklärte." k „Wie Du siehst, Douglas, bin ich ein ganz prosaisch Sterblicher. Was meinen : 645 Kummer betrifft, der ist zu tief in mein Herz eingegrabeu, um Einfluß auf die Oberfläche meines gewöhnlichen Lebens auszuüben, und den anderen Punkt anlangend, kann ich Dir versichern, daß ich den Kopf noch nicht ganz verloren habe, Miß Dalton ist gebore», um in Sammt und Seide einher zu wandeln und nicht in einem Kleide von grober Wolle, wie ich es ihr nur bieten könnte." „Aber das Wollenkleid ist voraussichtlich nur für kurze Zeit und eines schönen Tages wirst Du Deine Göttin mit einem „Grand Seigneur" verheirathet finden. Beim Zeus, das ist ja eine ganz romantische Geschichte!" In dieser Weise plaudernd, erreichten sie die Restauration, wo Douglas zu speisen wünschte. Auch die Damen besprachen zwischenzeitlich die Ereignisse des Tages und die neuen Bekanntschaften, welche sie gemacht. Bertha mußte erzählen, wo sie Douglas kennen gelernt, und was sie von ihm wußte. „Wenn Miß Beaumont ihn in ihrer Schule angestellt hat, wo sie doch nicht vorsichtig genug sein kann, dann habe ich nicht nöthig, Einwendungen zu machen, falls er auch ab und zu mit seinem Freunde uns auch besuchen sollte." „Mrs. Dalton glättete und faltete in aller Gemüthsruhe ihren Mantel, während sie diesen weisen Ausspruch von sich gab. „Du scheinst auf Mr. St. Lawrence einen tiefen Eindruck gemacht zu haben, Lena. Bemerktest Du nicht, wie forschend er Dich anblickte, als er um die Erlaubniß bat, uns seine amerikanischen Zeichnungen zeigen zu dürfen. Aber ich darf Dir vertrauen, mein liebes Kind, als Bekannter ist er sehr angenehm, doch mehr kann er nicht werden." „Auf alle Fülle steht er doch himmelhoch über Mr. Fancourt", warf Bertha dazwischen. „Was liegt daran", entgegnete ihre Schwester. „Diese Ueberlegcnhcit macht ihn nicht zum Enkel Lord Alphington's." Und doch seufzte Lena bei diesen Worten. War ihr Herz wirklich berührt worden, oder warum hatten ihre Pulse bei seinem scelenvollen Blicke und dem Tone der klangvollen Stimme rascher geschlagen? Weshalb erschauderte sie, als sie ihn im Geiste mit jenem Anderen, dessen Weib zu werden sie fest entschlossen war, verglich? Sie wollte Faucourt heirathen, aber nichtsdestoweniger die Verehrung des jungen Landschaftsmalers als einen ihrer Reize schuldigen Tribut annehmen. „Ich freue mich darauf, die Zeichnungen zu sehen", sagte Bertha, „es wird mir ein wahrer Hochgenuß sein." „Nun wohl", erwiderte Lena mit einem schwachen Versuche zulächeln; „da Mama Mr. St. Lawrence doch schon in die Liste meiner Anbeter eingeschrieben hat, so magst Du das Zeichenbuch haben und ich nehme dafür den Künstler selbst." „Einverstanden!" rief Bertha fröhlich aus und mit diesem Scherze endete die Unterhaltung. (Fortsetzung folgt.) Goldkörncr. Es ist kein Hühnchen noch so klein, Es möcht' übcr's Jahr eine Henne sein. Rein und ganz, Gibt dein schlichten Kleide Glanz. Das reichste Kleid Ist oft gefüttert mit Herzeleid. Vergleichen und vertragen, Ist besser als zanken und klagen. F. Beck. 646 Die Türken vor Wie». Gedicht von Kneie; aus dem Kroatischen im Versmaße des Originals überseht von Hanns Mctzler. (Schluß.) 83. Da spricht Starhembcrg, der edle Feldherr: „Wer von euch will dein durchlauchten Herzog Von Lothringen eine Botschaft bringen? Ich verspreche hundert Goldducaten." 84. Still umstanden ihn die Helden alle; Nur der junge Georg Mikalowitsch Mit dem Muth und Herzen eines Helden Sprach zum Fürsten diese kurzen Worte:") 85. „Gib mein theurer Feldherr, mir die Botschaft, Daß ich sie dem großen Herzog bringe; Mitten schreit ich durch das Heer des Srcktan, Türkisch werd' ich reden und arabisch." 86. Als der Fürst das Wort vernommen hatte, Schrieb er — eine Thräne in Sem Auge — Einen Brief dem Herzog von Lothringen. In dem Brief aber stand geschrieben: 87. „General und mein erlauchter Herzog! Hast Du denn die Deinen ganz vergessen? Länger können wir so nimmer leben, Länger nicht die Stadt des Kaisers schützen: 88. Denn schon fünfzig lange Tage drohen Uns'rer Stadt die Türken unaufhörlich, Um von allen Seiten reißen Bomben Thürme nieder, nieder die Paläste. 89. Aus zwei Seiten gräbt der 'Türke Minen, Auf der dritten folgt ein Sturm dem andern. Meine besten Generäle fallen Und von Offizieren mancher Brave. 90. Wüßtest Du nur, mein erlauchter Herzog, Was der Feind für Teufelspferde reitet; Allzu schmal für sie wär' unser Graben, Würden sie nicht so zurückgehalten. Ll. Arg und viel hat uns der Feind geschadet, Untergräbt noch fort und fort die Mauern. Komm, so bald Du kannst mit Deinem Heere, Denn wir sind in einer bösen Lage." 92. Und es schrieb der Herzog von Lothringen: „Lass' mein General den Muth nicht sinken, Denn es geht der Festtag nicht vorüber, Eh' Dir Hülfe kommt von allen Seiten. Es ist merkwürdig, daß der Name des Kolschitzki, der nur einmal den Gang durch's Türkenlagcr machte, viel bekannter ist als der des (Südslavcn?) Mikalowitsch, welcher dieses Wagniß öfter unternahm und namentlich zur Zeit der höchsten Noth. (S. O. K., x. 240.) 93. Denn am zwölften Tage des September Hörest Trommelwirbel Du im Osten; Johann ist's der edle Polcnkönig, Mit ihm kommen drcißigtausend Krieger. 94. Wieder wirst Du Trommelwirbel hören, Wo die Sonne niedersinkt im Westen; Diesmal sind es meine cig'nen Krieger, Drcißigtausend anserles'ne Deutsche. 95. Und zum dritten Male hörst Du trommeln, Denn von Norden kommt der Baycrn- hcrzog. Dieser führt ein Heer von zwamigtausend." Also schrieb dem Starhembcrg der Herzog. 96. Kaum jedoch hat er den Brief gelesen, Als im Kreise Fels und Bäume beben. Heute ist die Türkcn-Minc stärker, Und vom Walle stürzt ein Stück zusammen. 97. Grüße breite Breschen riß sie diesmal; Eine zwanzig Klafter weite Ocffnnng Läßt die Türken ein; mit blankem Säbel Stürmen sie heran und kämpfen wüthend. 98. Tod und Teufel! alter Waffenbruder! Das war Krieg und das ein lust'ges Fechten! Fußsoldat und Reiter hauen wuchtig Und der Lanzenträger schwingt die Lanze. 99. Lange währet so das Kopfabmähen; Als die Türken jetzt ein wenig weichen, Stürzet Groß und Klein herbei zur Hülse: Weiber, Jungfrau'«, Greise, Priester, Mönche. 100. Holz und Steine fliegen auf die Türken. Frisch geschmolz'nes Blei und heißeS Wasser; Handschare schwingt man dort und hier das Messer, Auch die schwere Keule thut das Ihre. 101. Die Studenten werden alle Helden, Denn sie stürmen feurig auf die Türken; Jeder will sich einen Kopf crober'n Und die Faust im Türkcnblutc baden. 102. Diese Schlacht vcrmältc Viele mit dem Schwarzen Tode, Türken viel und Deutsche. Doch es war ihr theures Wien gerettet Und in wilder Flucht die Kchlabschneidcr. 103. Als nach langem Tag die Nacht gekommen, Steigen auf zum Himmel rothe Flammen Aus oem hohen Thurm des Heilgen Stephan. Zeichen sind es von der größten Trübsal, 104. Von der höchsten Noth der Stadt dem Herzog. Und die Bürger warten auf den Dächern Einer bald'gcn Antwort. Endlich! endlich Flammt es auf den deutschen Alpcnhöhen. 105. Bald'gcr Hülfe sind es frohe Zeichen, Und die Mahnung, treu und fest zu stehen, Wcn'ge Tage noch die Stadt zu schützen Gegen Türkcnwuth und Heidengränel. 106. Jetzt, nachdem der zwölfte Tag gekommen, Sieht das kaiserliche Heer mit Jubel Auf dem nahen Lcopoldiberge Eine Kriegerschaar in schwarzen Mänteln. 647 107. Wieder schauen sie ein Heer, ein mächt'ges, Zwanzigtausend junge kräft'ge Helden; Wie der «schüre so weiß sind ihre Mantel Führer ist der wack're Bayernherzog. 108. Und das dritte Heer, das sie erschauen, — Rettung kündend — grün ist seine Farbe, Führt der vielgerühmte Polcnkönig Johann, zubenannt der feur'ge Drache. 109. Sieh, da schimmert es im weiten Kreise Rings auf allen Bergen, allen Höhen Von Kürassen und von Kürassieren, Von den vielen Büchsen, Säbeln, Lanzen. 110. Kriegsrath hielten jetzt die Generäle. Hier der Angriffsplan, den sie beschlossen: Das Kommando auf dem rechten Flügel Soll der große Polcnkönig führen, 111. Und an seine Seite stellt der Kriegsrath Einen jungen Ritter, Sachscu's Herzog, Lawcnburg, den Drachen mit zwei Köpfen, Und den General Rabat, den Banus; 112. Endlich noch zwei vielberühmte Ritter: Einer war ein General aus Ungarn, Palst — Ritter Gunduck war der Zweite, Aus Nagusa, alten Adels Sprosse.") 113. Diese ruhmbedeckten Generäle Kämpften unter König Johann's Banner. Jeder sieht mit Lust die treuen Mannen Unermüdlich Türkenköpfe mähen. 114. Auf dem linken Flügel eommandirte Seine schwarze Schaar der große Herzog. Und es stellten sich an seine Seite Starke Löwen, Adler mit zwei Köpfen: 115. Erstlich Baden's hochbcrühmter Herzog, Dann der Leslc, zubenannt die schlänge, Ljubomirk und Merck, die Barone, Taf, der General und Kroj, der Banus. ") 116. Und die beiden Centren commaudiren Aus dem deutschen Land zwei feur'ge Drachen, Bayerns Fürst und Herzog ist der eine Und der and're ist der Sachsenherzog. 117. Diesen an die Seite stellt der Kriegsrath Eilf der besten jungen Generäle. Doch der Obcrcommandant dcS Centrums Ist der vielerfahr'ne Prinz von Waldeck. ") General der Cavnllerie später Fcldmar- schall Herzog von Sachscn-Lauenburg; Fcld- marschall-Lieutenant Graf Nabatta, General Graf Carl Palffy; General-Major Gondola. Markgraf (nicht Herzog) von Baden; Feldmarschall-Licutenant Fürst von Lubomirski; General-Major Mcrcy; Fcldmarschall-Lieute- nnnt Herzog von Croy und Feldmarschall-Lieute- nant Graf Taaffe. Kurfürst Max Einanuel von Bayern; Kurfürst Johann Georg von Sachsen, Feld- Marschall Georg Friedrich Fürst von Waldeck. 118. Jetzo zieht das Heer, das dreifach starke, Von dem Leopoloiberg zu Thale; Als sie auf das eb'ne Land gekommen, Ordnet jeder Führer seine Truppe. 119. Prinz Parel beginnt das blut'ge Schlachten, Diesem folgt sodann als Zweiter Leslc; Mit dem ganzen Flügel greift der Herzog Nun die Türken an und drängt sie rückwärts. 120. Und der große Polenkönig stürmet Mit dem rechten Flügel auf zwölf Pascha, Auf den Feldherrn Karali Mustapa, Auf die wilde Schaar der Janitscharen. 121. Und vom Centrum stürmt der Bayernherzog Wuchtig auf daS starke Türkencentrum. Heisa! Solch' ein Stürmen! So ein Schlachten! Alter Kriegsgcnoß! das heiß ich kämpfen. 122. Finster wird's vom schwarzen Pulver- dämpfe, Mächtig hallt der Donner der Kanonen, Und die weite Eb'ne schwimmt im Blute .Und es röthcn sich der Donau Wasser. 123. Also kämpft vom Morgen bis zum Mittag Christ und Heide um oes Sieges Palme. Doch zu langsam schcint's zu geh'n dem Herzog, Denn er sticht das eig'ne Pferd zu Boden, 124. Wirft sich mitten in die Rcih'n der Feinde, In oer Rechten seinen scharfen Säbel ; Muthig folget ihm sein ganzer Flügel, Und auf dieser Seite flieh'n die Feinde. 125. Bald darauf sprengt Bayerns Herzog Kühn das Türkencentrum auseinander. Doch der Polenkönig ist in Nöthen, Denn die Janitscharen fechten wüthend. 126. Und schon soll sich schmählich rückwärts zieh'n Dieser Held, der nur das Vorwärts kannte: Sich', da kommt ihm schnelle, kräft'ge Hülfe Von dem Lothringer und von dem Bayer. 127. So gecinet werfen sie die Feinde, Hau'n und morden bis zum tiefen Dunkel. Doch den Großvezir entführt sein Rappe Aus dem dichten.deutschen Lanzeuwalde. 128. Alles läßt der Feind zurück: die Zelte, Die Kanonen, Trommeln und Trompeten, Allen Proviant und selbst die Kasse, Und an den Todten fünszigtansend Krieger. 129. Auf der Flucht von einer Stadt zur andern Kommt der mächt'gc Großvezir nach Belgrad. Dort erfaßt auch ihn das böse Schicksal: Denn da ward der Kopf ihm abgeschlagen. Ende. M i s e e l l e n. („Dramatische Ohrfeigen") nntckr diesem Titel erzählt der Pariser „Radical" anläßlich einer Ohrfeige, welche dieser Tage Derembnrg, der Mitdircktor Sarah Bern- hardt's, dor der Pforte Samt Martin von dem Ex-Communarden Lisbonne erhalten hat, einige amüsante Erinnerungen an andere in der Pariser Knnstwelt ausgetheilte Ohrfeigen. Der bekannte Direktor Nestor Roqucplan erhielt eines Tages, als er sich weigerte, den Tenor Poujade Probe singen zu lassen, von dem heißblütigen Künstler eine schallende Ohrfeige, stürzte sich wüthend auf seinen Angreifer und hätte den Spender des hohen 6 ohne Zweifel erwürgt, wenn man diesen nicht noch rechtzeitig aus seinen Händen be- ' freit hätte. Pöre Billon, der ehemalige Leiter des Amdign, hatte seiner Zeit -das wenig ' beneidenswcrthe Renommee, der am meisten geohrfeigte Theaterdirektor von Paris zu ! sein. Das kam aber so. Im Jahre 1864 hatte Pöre Billion einem dramatischen Autor j die Annahme eines Manuscriptcs verweigert. Aus Rache darüber lauerte Menct häufig ! dem störrischen Direktor aus, und kaum sah Billion den rachedurstigen Schriftsteller vor sich auftauchen — pardauz, hatte er auch schon seine Ohrfeige lveg. Der unglückliche Direktor ivagte schließlich gar nicht mehr auszugehen. Die berühmten Schauspieler > Fröderik Lema'ttre und Jcnneval waren sehr generös im Austheilen von Ohrfeigen an > ihre Direktoren. Einmal maulschellirte Lemaitre Harcl, seinen Direktor an der Porte Samt Martin, und ohne das Dazwischentreten Alexandre Dumas Pore wäre es sicherlich zu einem Duell gekommen. Bei einem Gastspiel in Roucn ohrfeigte Lemaitre, der mit dem Erfolg nicht zufrieden war, am Schluß der Vorstellung den Direktor Mesurier und sandte ihm außerdem am folgenden Tage noch ein höhnisches Schreiben, worin er fünfhundert Francs mit dem Bemerken reelamirte, daß „eine authentische Ohrfeige Frkrdörik ,i Lemaitre's mindestens so viel werth sei." Mesurier strengte einen Proceß gegen den ^ Künstler an und hatte die Genugthuung, ihn zu viernndzwanzig Stunden Arrest ver- urtheilt zu sehen. Was Jcnneval betrifft, so hatte er eine so „leichte Hand," daß sein Director, sobald der Künstler nur die Angenbrannen faltete, ausrief: „Es ist gut — ich : betrachte die Ohrfeige als empfangen!" * (Die Folgen der Fremdwörter - Verfolgung.) Anno 1815 soll es in Deutschland eine Anzahl von Menschen mit so ausgiebigem Fremdwörter-Haß gegeben haben, daß sie sogar gern die fremden Eigennamen vertilgt, d. h>, wo es sich eben thun ließ, in's Deutsche übersetzt hätten. Wäre man damals jener Verdeutschung gefolgt, so würden z.V. jetzt: „Tasso: Dachs, Shakespeare: Speerschwinger, Calderon: Großkessel, Ficsko, Graf von Lavagna: Schicfcrstein, Korneille: Krähe, Racine: Wurzel, Pope: Pabst und 1/Veä§orvooä: Keilholz heißen — jedenfalls war es also doch wohl besser, daß diese Sprach-Wütheriche nicht das Feld behaupteten. (Ein Indianer-Stutzer.) Der Präsident der Vereinigten Staaten, Arthur, welcher kürzlich von seiner ausgedehnten westlichen Tour zurückgekehrt ist, hat unter seiner Korrespondenz auch eine an den „Großen Vater" von Little Chief, einem jungen Cheyenne- Häuptling, vorgefunden. Dieser schreibt ihm: „Um's Essen gebe ich Nichts (wahrscheinlich weil er Fenerwasscr genug hat), aber ich liebe es mich nobel zu kleiden, und kaufen Sie für mich daher den allerbesten weißen Hut, den Sie im Markte finden." (In einer Gerichtsverhandlung.) Dame verschämt: „Die Details, die Sie von mir verlangen, kann ich keinem anständigen Manne sagen." — Richtern „So sagen Sie mir sie ins Ohr." (Räthsel.) Sie winkt ihm — Erhält um sie an — Sie reicht ihm die HMd Er nimmt ihr Geld — und — läßt sie sitzen. mhvguZpoqroM .roq .rnopnquaH .N(Z Für die Redaktion verantwortlich: Mphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischcn Instituts von Dr. Mnx.Huttler. H» Nr. 82. Samstag, 13. Oktober 1883. Der Gpalrmg. Roman aus dein Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Vierzehntes Capitel. St. Lawrence zögerte nicht lange, sich MrZ. Dolton's Erlaubniß zu Nutze zu machen. In der folgenden Woche schon erschien er, eine wohlgcfüllte Mappe unter dem Arme tragend, zu Joy Cottage. Es war ein warmer Abend; das Bogenfenster des hübschen Wohnzimmers stand offen und der Duft des spanischen Flieder's, des Weißdorn's und anderer Frühlingsblumen strömte in's Zimmer hinein. Lena hatte, eine feine Stickerei in der. Hand haltend, am Fenster Platz genommen; sie sah in ihrem sauberen weißen Kleide wunderhübsch auS und war sich dessen vollkommen bewußt. Bcrtha dagegen schien müde zu sein; blaß und abgespannt saß sie, um ihre Augen etwas auszuruhen, in dem Schatten der Gardinen. Gerade heute hatte sie in deut Pensionate der Airs. Beanmont solchen Schülerinnen Unterricht ertheilt, denen jegliches Gehör nud Verständniß für Musik fehlte, so daß sie die Stunden als Zeitverschwcndung für beide Theile ansah, und dieser Gedanke trug wesentlich zu ihrer Abspannung bei. Mrs. Dalton lag auf dein Ruhebette mit dem Lesen eines Romans beschäftigt. Alle begrüßten, wenn auch aus verschiedenen Beweggründen, St. Lawrence auf's Freundlichste. Mrs. Dalton war über jede kleine Zerstreuung vergnügt, Lena hoffte den günstigen Eindruck, den sie früher gemacht, bei dieser Gelegenheit noch verstärken zu können, und Bcrtha freute sich, das Zeichenbuch durchblättern zu dürfen. Der junge Mann fühlte sich glücklich in Dameugesellschaft, vielleicht um so mehr, da sich ihm Verhältnisse halber selten Gelegenheit hierzu bot. Diese elegante kleine Wohnung, das herzliche Entgegenkommen der älteren Dame nud die Schönheit und Grazie wenigstens einer der Insassen entzückten ihn; er wünschte sich im Stillen Glück, die Bekanntschaft dieser Familie, wo er manche vergnügte Stunde zubringen könne, gemacht zu haben. War ihm Lena's Schönheit auch damals sofort aufgefallen, so erblickte er sie doch jetzt zu Hanse zum ersten Male in ihrer ganzen Vollkommenheit, und ihr widmete er Anfangs ausschließlich seine Aufmerksamkeit. Später, als das Zeichenbuch hervorgeholt wurde, fühlte er sich doch cntnüchtert und enttäuscht. Lena gab -war vor, die Kunst zu lieben, ganz besonders schwärme sie für Zeichnungen nach der Natur, aber St. Lawrence entdeckte sehr bald, daß sie nicht das mindeste Verständniß, und wie er stark vermuthete, auch kein wirkliches Interesse dafür habe. Eine oberflächliche, einfältige Bemerkung, nur deshalb schön zu finden, weil sie von hübschen Lippen war ausgesprochen worden, lag ihm ferne und beinahe unwillkürlich suchten seine Blicke Bertha, während ste das Buch Zusammen betrachteten. Es siel ihm auf, wie der müde Aus- 650 druck von ihrem Antlitze verschwand, ihre Farbe sich erhöhte, die Augen zu leuchten begannen und der Gedanke, das Douglas Recht und dieses Mädchen eine mehr geistige Schönheit besitze, als ihre ältere Schwester, durchkreuzte sein Gehirn. Nachdem die Zeichnungen besichtigt und die Mappe wieder geschlossen war, setzten sie sich an's offene Fenster und benutzten die lange Dämmerstunde zu einer gemüthlichen Plauderei. St. Lawrence war viel gereist und zudem ein scharfer Beobachter und so gerieth die Unterhaltung nicht iu's Stocken, sondern ein Thema nach dem anderen kam zur Sprache. Die klugen Fragen und geistreichen, bald scherzhaften, 'bald ernsten Bemerkungen Bertha's, trugen viel dazu bei, das Gespräch lebendig zu erhalten. Dirs. Dalton war zu träge, um sich an einer Unterhaltung, die für sie wenig Interesse bot, zu betheiligeu, und Lena sah die Nothwendigkeit, sich anzustrengen, nicht ein, sonst hätte sie bei dieser Gelegenheit vielleicht doch einen Versuch gemacht. Jetzt begnügte sie sich damit, liebenswürdig zuzuhören und zu lächeln — und in der That lächelte sie dem jungen Landschaftsmaler häufig und freundlich zu, fest davon überzeugt, daß sie ihn durch ihre Herablassung bis in den siebenten Himmel erhebe. Sie hatten sich in der Nähe des Bogenfensters niedergelassen und blickten hinaus in den Garten. „Wie schön die Sonne untergeht! Welch' prächtiges Farbenspiel!" rief Bertha begeistert aus. „Ich glaube, nur wenige Menschen wissen diesen Anblick gebührend zu schätzen", bemerkte St. Lawrence. „Wie viele gibt es nicht, welche anscheinend Juwelen und Blumen bewundern, sich dagegen mit Gleichgültigkeit von der Pracht des Abendhimmcls wegwenden. Betrachten Sie nur diesen Glanz edler Steine vor uns — Topas, Saphir, Chrisolith und Amcthist." „Und das Ganze zusammen ein großer Opal", ergänzte Bertha. „Du kannst nichts Audre's mehr denken, als Opale", bemerkte Lena. „Alan sprach mir von einem alten Opalringe, der auf merkwürdige Weise in Ihren Besitz gelangt und dann wieder aus ebenso räthselhafte Weise verschwunden sei", wandte sich St. Lawrence an Lena. „Es ist eigenthümlich, wie rasch sich ein Gerücht verbreitet. Ist diescsmal etwas Wahres an der Sache?" „Die Geschichte dieses langweiligen Ringes betrifft Bertha. Wir haben schon übrigens genug davon gehört; aber meine Schwester wird sie Ihnen gewiß gerne erzählen, wenn Sie es wünschen. Ich habe wirklich Nichts damit zu schaffen." St. Lawrence bat Bertha, ihm diese Begebenheit mitzutheilen, sie willfahrte seinem Wunsche und machte ihn mit ihrem Abenteuer im Omnibus, dem Besuche bei Air. Lcmont und dem darauffolgenden Verluste des Ringes während ihrer Abwesenheit, da sie gerade herausgefunden, daß er Lord Alphington gehöre, bekannt. „Die äußere Erscheinung des Mannes, welcher den Ring verloren hat, ließ Sie also vermuthen, daß er nicht der rechtmäßige Besitzer sei?" frug St. Lawrence. „Was brachte Sie auf diesen Gedanken?" Bertha beschrieb ihren Reisegefährten näher und St. Lawrence versank in tiefes Nachdenken; doch ermannte er sich bald und dankte für die Erzählung. „Das ist ein sehr merkwürdiger Vorfall; es würde mich intercssiren, wenn ich erfahren könnte, wie sich die Sache weiter entwickelt." „O, wenn sie das wünschen, so werde ich Ihnen, falls etwas Weiteres bekannt wird, gerne Mittheilung darüber machen", versprach Bertha. „Die Geschichte 'muß doch rinen Schluß erhalten, auch schon wegen der Prophczeihung, die damit verknüpft ist." „Was ist das?" frug St. Lawrence. „Nur Unsinn", wandte Airs. Dalton ein. „Blich wunderts, Bertha, wie Du solches Zeug wiederholen kannst, namentlich da Du weißt, wie unmöglich es in Deinem Falle ist." i » / i 651 t' „Gerade deshalb, weil es so gänzlich unmöglich ist, macht es mir Spaß", ent- gcgnctc sie lächelnd. „Bitte lassen Sie mich diese gänzliche Unmöglichkeit hören", bat der junge Mann. ^ „Lord Alphington ist meine Autorität. Er erzählte mir von einer alten Familien- tradition, wonach diejenige, welche den Ring dreimal sieben Tage — ich glaube, das w-l war die verzauberte Zahl — trüge, Gräfin von Alphington werden würde. Vermuthlich ^ hielt der Erfinder dieser Prophczeihnng den Ring nur für eine Damcnhand passend. , - Wie lange mag Wohl der kleine Mann ihn an seinem krancnartigen Finger getragen ' - , haben? —" Der Mensch hat, wie es scheint, einen tiefen Eindruck auf Sie gemacht", bemerkte . >' St. Lawrence, Bcrtha mit großem Interesse anblickend, gleichfalls als ob er sie in einem ^ 5 ihm ganz neuen Lichte betrachte. „Würden Sie ihn wohl wiedererkennen?" „O ja, sofort." „Es ist lächerlich, Lertha, wie Du auf die Gesichter der Leute Acht gibst; das thue ich nie. Und doch kann man nicht sagen, daß Du eine feine Beobachtungsgabe ^ hast, denn es war Dir ja nicht einmal aufgefallen, daß Mrs. Marwell vorigen Sonntag ^ ^ in der Kirche einen neuen Hut auf hatte." „Vermuthlich beobachten wir nicht alle in derselben Weise", während Bcrtha dieses sagte, verzog sich ihr Mund zu einem Lächeln. l St. Lawrence war einige Augenblicke in seine Gedanken vertieft, dann frug er, > auf jene Prophezeiung zurückkommend und Bcrtha wieder mit dem vorhin erwähnten eigenthümlichen Interesse anschauend: „Trugen Sie jenen Ring die festgesetzte Anzahl j von Tagen?" ', „O, noch viel länger; deshalb wird wohl der Zauber gebrochen sein", cntgegnete sie lachend. 4 „Es scheint wirklich, daß wir immer über diesen Ring sprechen müssen", warf Mrs. Dalton dazwischen. „Der erste Besuch Mr. Fauconrt's war auch dieses Ringes d wegen." „Mr. Fauconrt's!" rief St. Lawrence erstaunt aus. !> „Der Enkel Lord Alphington's", erklärte Mrs. Dalton. „Er ist der junge Herr, welcher jetzt als Erbe des Namens und der Besitzungen anerkannt worden ist. Wir s werden im Herbste Gelegenheit haben, ihn näher kennen zu lernen, da wir dann unsere Freunde Sir Stephan und Lady Lanblcy zu besuchen gedenken." Der Blick des jungen Mannes glitt rasch von Bcrtha zu Lena hinüber. Erstere hatte augenscheinlich Fauconrt's Namen mit der größten Gleichgültigkeit aussprcchcn hören; Lena schlug verwirrt die Augen nieder und beschäftigte sich, um ihre Verlegenheit zu verbergen, eifrigst damit, ihre Stickerei in den kleinen Arbcitskorb zurückzulegen. Die Lippe des jungen Mannes kräuselte sich; Lena bemerkte diesen leisen Ausdruck der Verachtung nicht, und selbst wenn sie ihn gesehen, würde sie ihn schwerlich richtig ge- « deutet haben. In ihrer Eitelkeit hielt sie es für selbstverständlich, daß jeder unver- hcirathcte junge Mann die Zahl ihrer Anbeter durch seine Person zu vermehren wünsche. Obschon sie fühlte, welche Macht die vollendete Erziehung und das feine höfliche Wesen, verbunden mit der geraden Treuherzigkeit, die aus den hellen, grauen Augen des jungen Mannes hervorleuchtete, auf sie ausübte, so crwägte sie in ihrem Innern doch nur, ob sie ihm erlauben solle, sich in sie zu verlieben oder nicht. Das Zwielicht war vorüber, und Mrs. Dalton befahl, die Lampe anzuzünden St. Lawrence erhob sich. ' »Ich habe ein großes Bild auf der Staffele! stehen. Sollte es Ihnen und Ihren Fräulein Töchtern Vergnügen machen, dasselbe zu sehen, so darf ich wohl um die Ehre Ihres Besuches auf meinem Atelier bitten", sagte er, der älteren Dame zürn Abschiede die Hand reichend. S52 Mrs. Dalton interessirte sich nicht sehr für Gemälde, aber jede Abwechselung kam ihr gelegen und so nahm sie die freundliche Einladung bereitwilligst auf, indem sie versprach, ihn mit Lena besuchen zu wollen. „Meine jüngste Tochter wird wohl verhindert sein, da sie zu sehr in Anspruch genommen ist", fugte sie erläuternd hinzu. Bertha's Lebhaftigkeit verschwand plötzlich und der frühere müde Blick kehrte zurück, Dem scharfen Auge des jungen Mannes entging diese Veränderung nicht. Die Ereignisse des Abends gewährten ihm reichlichen Stoff znm Nachdenken. Zu Hanse angekommen, steckte er sich eine Cigarre an, öffnete sein Fenster und blickte noch lange hinauf znm Abendhimmel, als ob er in den Sternen seine Zukunft lesen müsse. Mit den Betrachtungen des eigenen Geschickes vermischten sich die Gedanken an Diejenigen, welche er vor Kurzem verlassen hatte. Eine unerklärliche Verschiedenheit schien dort zn bestehen; Mrs. Dalton und die ältere Tochter waren elegant und modern gekleidet, die letztere führte augenscheinlich das Leben einer trägen, vornehmen Weltdame, sie bczanberte ihn trotz ihrer Schönheit nicht mehr, da er während seines Besuches ihren wahren Charakter durchschaut und dieser ihm keine Achtung einflößte. Wie kam es nun, daß die jüngere Schwester arbeiten, sogar angestrengt arbeiten mußte? Für sie intcressirte er sich seines Freundes Douglas wegen, wie er sich selber vorsagte, und nur seinetwillen verdroß ihn der Unterschied in der Lebensweise der beiden Schwestern. „Sie ist nicht allein sanft und theilnehmend, sondern auch lebhaft und gescheit", setzte er in seinen Gedanken hinzu; „die Andere ist schön, aber wenn ich mich nicht sehr täusche, uninteressant, egoistisch und 'hochmüthig. Douglas kann von Glück sagen, falls es ihm gelingen sollte, Bertha für sich zn gewinnen." Bei diesem Schlüsse angelangt, warf er mit einem halben Seufzer das Fenster zu und suchte sein Lager auf; doch die ersehnte Nahe wollte sich sobald noch nicht einstellen. Bertha hatte sich an dem Abende vortrefflich unterhalten; sie war noch selten nist einem so liebenswürdigen jungen Manne zusammen gewesen und begann zn denken, daß die gelegentlichen Besuche von St. Lawrence sehr viel zn den wenigen Vergnügen, welche ihr einförmiges Leben mit sich brachten, beitragen würden. Lena vergoß in der Einsamkeit ihres Zimmers einige bittere Thauen; sie mußte sich cingestehen, daß sie diesen Mann wahrhaft würde lieben können und wie unendlich verschieden von dem, was sie bisher erwartet, das Leben an seiner Seite sein werde; aber entschlossen wandte sie den Blick von dieser verlockenden Vision ab. Die Zähren von ihren Wimpern abtrocknend, schalt sie sich selbst eine Thörin. Sie zweifelte nicht im Mindesten an ihrer Macht, St. Lawrence zu ihren Füßen bringen zn können. „Er wird unglücklich sein, wenn ich mich mit Fanconrt verlobe", sagt sie leise vor sich hin; „aber er kann doch nicht erwarten, daß ich ernstlich an ihn denke, da er mir gar Nichts zu bieten vermag." Fast hätte sie der Vorsehung zürnen mögen, daß sie dem Manne, welchem sie unter allen den Vorzug gab, Titel und Reichthümer versagt und sie dazu vernrtheilt hatte, die Bewerbungen dieses Fanconrt, welcher ihr einen solchen Widerwillen einflößte, anzunehmen. Und dann stieg auf einmal der Zweifel in ihr auf, ob sie dieser Bewerbung überhaupt so sicher sei, als sie anfangs geglaubt, denn Mr. Fanconrt war nach seinem ersten Besuche nur noch einmal zn Joy Collage gewesen. Bei dieser Gelegenheit hatte er freilich seine Bewunderung aus eine Weise geäußert, die man bei jedem Anderen, nur nicht bei dem Erben solch' großer Besitzungen mit Abscheu zurückgewiesen haben würde; von dieser Zeit an erwartete Lena ihn täglich vergebens. Sein Nichterscheinen fing an, sie zn ärgern und zn kränken, und sie befürchtete, irgend eine hochgeborene Dame habe sie aus seiner Gunst verdrängt und Lord Alphington befürworte die standesgemäße Neigung seine» Enkels. Die Ungewißheit begünstigte Fanconrt's Werbung mehr als feine persönliche Gegenwart dies vermocht hätte. Ueber die Sorge, die schon geträmme Grafenkrone zu ver- lieren, vergaß sie die Abneigung, welche die Person selbst ihr einflößte und so wurde St. Lawrence's Bild durch ihre beliebten Träumereien von zukünftiger Pracht und Größe verdrängt. Fünfzehnte S Capitel. Fancourt's leidenschaftliche Bewunderung für Lena Dalton wurde durch dee gezwungene Trennung eher vergrößert als vermindert — ihre Sorge war daher überflüssig. Ein Brief von Julie Lemont zwang ihn,' für einige Tage die Stadt zu verlassen. Während einer späteren Unterredung mit Lord Alphington waren die Geschäfte zur vollen Zufriedenheit geordnet worden. Schöne Gemächer dienten Fanconrt als Wohnung, eine bedeutende Jahresrente wurde festgesetzt, und der Earl händigte ihm noch eine große Summe für seine augenblicklichen Bedürfnisse ein. Er konnte sein Entzücken hierüber kaum verbergen, und in demselben Maße, wie dieses zunahm, steigerte sich die Kälte in dein Benehmen Lord Alphington's. Hätte Fanconrt bei der Uebernahme des Ranges und Titels seiner Vorfahren die mindeste Erregung an den Tag gelegt, oder nur den Wunsch geäußert, mit dem alten Herrn in gutem Einverständnisse zu leben, so würde dessen Herz ihm gegenüber all- mälig erweicht worden sein, er würde Vieles verziehen haben. Aber bei seinem Enkel bemerkte er nichts als Selbstsucht und schmutzige Gelvgier. Lord Alphington kehrte bekümmert nach seinem Landsitze zurück, in dieses prachtvolle Heini, dessen Leere jioch immer nicht ausgefüllt werden sollte. Fanconrt werde natürlich eines Tages heirathen, aber welche Erwartungen durfte man an diesen Schritt knüpfen, denn ein gebildetes, sein erzogenes Mädchen würde sich schwerlich zu einer Ehe mit diesem gemeinen niedrig gesinnten Menschen entschließen können. Nein, von der Zukunft war nichts mehr zu erhoffen. „Er wird wohl", so dachte Lord Alphington, „eines Tages durch das hübsche Gesicht eines Mädchens aus geringen: Stande gefesselt und von dieser der Stellung und des Reichthums wegen gchcirathet werden." Hätte der tiefbetrnbte alte Herr gewußt, daß Fanconrt schon seine Wahl getroffen, so würde dies sein Gemüth in etwa erleichtert haben. Madeline Dalton war ihn: freilich nicht so sympathisch wie deren Schwester, aber auf alle Fälle eine schöne und elegante Erscheinung. Der Earl wanderte an dem Morgen, welcher seiner Rückkunft folgte, trostlos von einem Zimmer zum anderen; er verweilte bei jedem Andenken früherer, glücklicher Tage. Der Arbeitstisch und Stickrahmen seiner verstorbenen Gemahlin stand noch auf demselben Platze wie bei ihrer Lebzcit; er zog die Schieblade des Tisches heraus, wo ihr Fingerhut und die Scheere, welche sie zuletzt gebraucht, hatte, lagen. Ein Stück Stramin mit einer angefangenen Rosenknospe war noch aus dem Rahmen aufgespannt und ein grüner Faden hing lose daran herunter. In dem Eßzimmer betrachtete er die Portraits seiner beiden Söhne und seiner Schwiegertochter, einer jungen Dame mit einem Kinde auf dem Schooße. Das Schulzimuicr mit seinen kleinen Pickten, abgenutzten Büchern, Bällen und sonstigeil Spielsachen rief in seiner Erinnerung die lieblichen Gesichter, die munteren Stimmen und trippelnden Kinderfützchen, wodurch diese öden Räume einst belebt worden waren, wach. Wie schnell waren sie alle dahingeschwunden und hatten ihn, den alteil Mann allein zurückgelassen. Um von seinen traurigen Empfindungen nicht ganz überwältigt zu werden, befahl er, seiil Pferd vorzuführen, und ritt nach Lakspnr hinüber; bei den thcilnehmendcn Freunden hoffte er sein schweres Herz erleichtern zu können. „Ich bedaure unendlich, dies zu hören", sagte Lady Langleh, nachdem Lord Alphington die einzelnen Umstände seiner Reise ausführlich erzählt hatte, „aber wir wollen hoffen, daß Sie doch etwas zu schwarz darein sehen. Vielleicht ist Ihnen Ihr Enkel bei näherer Bekanntschaft nicht so »nangcnchm, als Sie jetzt zu glauben scheinen." 654 „Sie werden sich selbst davon überzeugen, daß ich nichts übertreibe, wenn er hierher kommt. „Er kann höchstens meine Sorge und meinen Kummer vergrößern, da ich in der beständigen Furcht leben muß, durch ihn meinen Namen geschändet zu sehen." Lady Langlcy versuchte auf alle mögliche Weise ihrem alten Freunde, dessen großen Schmerz sie vollkommen zu würdigen verstand, Trost und Muth einzusprechen. Aber ungeachtet ihrer Bemühungen, die ganze Sache von einem freundlicheren Gesichtspunkte aus darzustellen, bangte es ihr doch heimlich, denn sie kannte Lord Alphington genügend, um zu wissen, daß er sich nicht zn einem vorschnellen, schroffen Urtheile hinreißen lasse und daher hinreichenden Grund zn seiner Abneigung haben müsse. (Fortsetzung folgt.) Born Anerberg. Nickt lcicht ein Fleckchen Erde unseres gesegneten SchwabcnlandcS bietet so viel deS An- mnthig-Schönc», alS die Hochwarte deS schwäbischen Vorlandes, der sagenmnflosscne Anerbcrg. Seit Herr Hanptmann Hugo Arnold vor einigen Jahren die uralten Befestigungen dortselbst sozusagen neu entdeckt und beschrieben hat, ist das Interesse der GcschichtS- und Allcrihuins- frennde für den Anerbcrg neu belebt worden und man sieht jetzt östcr als sonst, auch weiter hcrgcrcistc Forscher dein lohnenden Ziele zustreben. Fromme Waller besteigen gerne den Berg, um im altehrlvürdigcn St. GcorgS Kirchlcin, dessen Gemäuer weithin in die Lande leuchtet, ihre Andacht zu verrichten, und auch sonst wird der Berg von Naturfreunden gerne besucht. Freilich könnte dieser Besuch ein ganz anderer, weit gröberer sein, wenn man die gebotenen Naturgcnüssc dem nur geringen Aufwand an Zeit und Geld gegenüber stellt nno bedenkt wie weit weniger lohncnoere und dann viel mühsamere Touren von Hunderten gemacht werben. Kurz und gut, der Anerbcrg verdiente ein wenig mehr die Beachtung der größcrn Touristcnwclt, deren Strom an ihm vorbciflnlhet, vielleicht weil ihm das — 4Ipba und Ome^a — der berühmte Name und vielleicht die Gunst der fashionnblen Nciseliteratur fehlt. Ein Sonnenaufgang vom Anerbcrg aus gehört zn den erhabensten Nnturgcnüsscn, nicht weniger die liebliche Rund- und Fernsicht in die majestätische Alpcnwelt, wie nordwärts weit hinab in'S Flachland, wo die Silberfäden des Lech's und der Wcrtach vom Grün der Wiesen und Wälder umsäumt sich hinschlängcln. Die alte Reichsstadt Kanfbcnren mit ihren Mauern und Thürmen liegt vor unS, in'S Thal der Wcrtach gebettet, anmnthig überragt von den stattlichen Gebäuden der Heil- und Pflcgcanstalt. Im Mindclthal desgleichen das freundliche Städtchen Mindelheim mit dem stolzen Stammsitz der Frnndsbcrge, der Mindelbnrg. Nach Hunderten zählen die Dörfer und Ortschaften, die wir mit unserm guten Rohre aus dem mosaikartigen Gewimmel von Wiese, Feld und Wald herauslesen. Den AugSburger Ulrichsthurm bringt uns dnS Fernglas heran aus dem luftigen Hintergrund, desgleichen das Ulmcr-Münstcr, Wenn die Verhältnisse günstig. Im Süden grüßen zwischen den Granitfclscn des Raulings- und Tegclbergs die herrlichen Königsbnrgcn, Neuschwanstcin das märchenhafte Schloß, Hohenschwnngan die vom Zauber geschichtlicher Erinnerungen umsponnene Burg. Weiter rechts grüßt auch noch der Fnlkenstein herüber. Im Osten streift der Blick über die Silbcrschüsseln und Becken bayerischer Seen. Vom ^fernen Watzmann bis tief hinein in'S Algäncrgcbirg blinken die Zacken und Hörner der Berg- riesen, ein herrlicher Anblick früh Morgens oder Abends, wenn die Sonne ihre ersten und letzten Strahlen entsendet und flüssiges Gold über die Bcrghäuptcr ausgicßt. Doch wir wären da bald in'S ideale Fahrwasser gerathen, was wir thunlichst vermeiden ^vollen, denn unser Aufsatz gilt ganz und gar realen Dingen. Wir möchten dein Anerbcrg, dein Kleinod deS schwäbischen Vorlandes, Freunde gewinnen vornehmlich unter der Gattung Neisc- Publikum, das mehr über ein volles HcrZ als über volle Börsen verfügt und dann eine Fußtour von etlichen Stunden eine Erguickung statt eine Last ist. Man kann dem Anerbcrg von verschiedenen Seiten Leikommen. Am Besten thut man, wenn man sich per Dampfroß nach Oberdorf begibt, sich dort in die Postchaisc setzt und sich nach Stillten kutschircn läßt. Das kostet nicht viel und man ist am westlichen Bcrgcshang. In längstens Stunden geht man von da auf den Anerbcrg hinauf spazieren. Da indeff die Gelegenheit die Post zn beuützcn im Tag nur zweimal geboten ist, ziehen es Manche vor, per peäes apostolorum dem Berge zuzustreben, waS von Bicscnhofen oder noch besser von Oberdorf aus geschehen kann. Der Weg ist beiderseits ein hübscher. In Bicscnhofen wie in Oberdorf, namentlich aber in Kanfbcnren, findet sich reichliche und billige Fahrgelegenheit. Die dortigen Lohnkutscher besitzen hübsche Vehikel, gute Pferde und was die Hauptsache, rechnen billig. ' Da es in Kausbenren selbst so manches zn sehen gibt, was dem Fremdling von Interesse 655 — wir ncimcn nur das neue NathhauS mit Lindenschmit's Wandgemälden und einem Lokal- muscnm, St. MartiuSkirche, ein prächtiger gothischer Ban, ^>t. Blasien mit seinen alldeutschen Gemälden — so empfiehlt es sich auch zuvor hier gemüthlich Station ;n machen. Singer dem Anerberg gibt es noch verschiedene Ausflüge in die nächste Umgebung, die sehr lohnen, wie z. B. zu den Römcrthürmen von Kemnath und Hclmishofcn (mit großartiger Nnndsicht) und so fort. Was die Bewirthung nur den Anerberg herum anbelangt, so kaun darüber keine Klage walten. Wie der bayerische College Peissenberg von Jahr zu Jahr mehr besucht wird, sollte auch der schwäbische Auerbcrg, der ebenso Schönes bietet, mehr besucht werden. Waldfriedeu. (Ode.) Sanft auf schwellendem Moos ruh' ich in Waldesnacht. Mächtig ragen empor Eichen und Buchen rings, behalten spendend sie wehren Mir der glühenden Sonne Strahl. Traulich murmelt der Quell. Hin über Fels und Stein Plätschert Büchlein so traut. Still in die Wellen schau Ich in süßem Vergessen, Athmend stärkenden Waldcsduft. Horch! — Waldvögelein singt. Sitzend auf grünem Ast Blickt, es staunend aus mich. Lieblich erschallt sein Lied Laut dem Schöpfer zum Lobe. Stille lausche ich andachtsvoll. Glücklich träume ich dann, kununer- und sorgenlos, steril dem bunten Gewühl, fern dem geschäst'gcn Markt Süßen Frieden im Herzen, Dort in schattiger WaldcSnacht. Fritz ClauS. Das Erdbeben von Krakatau. Das Berliner Tagblatt veröffentlicht einen vorn 30. August datirten Brief eines seit längerer Zeit inBatavia domicilirendcn Herrn. Wir entnehmen dem L-chrcibcn daS Folgende: Wir haben hier ein furchtbares Elementar-Ereigniß erlebt: ein Erdbeben. Etwa 1l2 englische Meilen von Batavia liegt die Insel Krakatau, dio schon seit 300 Jahren wegen ihrer thätigen Vulkane einen bösen Ruf hat. Nachdem die Vulkane indessen mehrere Generationen hindurch geschwiegen, begannen sie sich vor.etwa zwei Jahren wieder zu rühren. Wir suhlten hier wiederholt Erdstöße und Erderschüttcrungen. In der Stacht zum Montag (27. August) begannen die wirklichen Eruptionen. Van vier bis acht Uhr Sonntags Nachmittags hörten wir starke Detonationen, und da der Himmel sich zu gleicher Zeit umwölkte und es regnete, so hielten wir es einfach für ein Gewitter. Ich hatte am Abend Besuch und legte mich dann gegen 1l Uhr zu Bett. Kanin hatte ich eine halbe Stunde geschlafen, als ich durch einen heftigen Knall aufgeweckt wurde; erschreckt fuhr ich aus dem Bett; ich hatte die Empfindung, als ob man dicht vor meinem Fenster eine große Kanone abgefeuert hatte; ich glaubte fest an einen estraßenkampf. Ich zählte neun solcher Schläge und merkte nun erst, daß die Detonationen von einer vulkanischen Eruption herrühren müßten. Entsetzt wollte ich das Fenster aufreißen, aber die Scheiben flogen mir in's Gesicht. Das nun folgende Getöse spottet jeder Beschreibung. Alle Fenster barsten, der Kalk fiel von den Wänden, die Lampen verlöschten, daS ganze Haus Lebte. Ich tröstete die erwachten Kinder und war froh, als meine Hausgenossen heimkehrten. An Schlaf war nicht zu denken. Um 2 Uhr Nachts war daS Getöse am Furchtbarsten. Alan unterschied deutlich das Geräusch der Explosionen und dasjenige des NiederfallenS der Erd- und Lavamassen. Das Geräusch folgte einander wie der Donner dem Blitz. Gegen Morgen ging daS Getöse in ein unaufhörliches Grollen über. Das Wetter war hell und klar, es herrschte eine unerklärliche Kälte. Die gcängstigte Thierwclt geberdete sich wie wahnsinnig. Was fliegen konnte, schwirrte in der Luft umher, so daß der Himmel fast verdüstert war. Milliarden von Insekten, Ameisen, Kröten, Bienen ec. krochen aus dem heißen bebenden Boden hervor. Das Fürchterlichste war uns noch vorbehalten. Ich begab mich mit B. zur Stadt. Um nenn Uhr sing es plötzlich an finster zu werden. Wir mußten die Lampen anzünden. Stach einer halben Siunde war der Himmel pechschwarz. Eine Panik ergriff die ganze Bevölkerung. Mit polterndem Geräusch stürzten plötzlich ungeheure Aschcnmasscn hernieder, die in einem Augenblick den Boden 8 bis 4 Fuß hoch bedeckten. Alles was Beine hatte, floh. An den nach Buitenzarg abgehenden Eisenbahnzug klammerte» sich die Leute vcrzwciflungsvoll au. Die Eiugebornen flohen heulend die Berge hinauf nach dem Innern. ES herrschte schwarze Nacht. Die Lieft war zum Ersticken. Der herabfallende Schwefel entzündete sich in der Luft, blaue Flnmmchen zuckten hin und her, der Schwefel- dampf wahr fürchterlich. Die Kniee wankten uns, wir waren einer Ohmnacht nahe. Der Aschenregen dauerte bis gegen 6 Uhr Abends. Allmählig klärte sich die Liest auf, doch der gelbe Schwefcldampf verpestet noch heute die Atmosphäre. Am Montag Abend herrschte eine furchtbare Kälte, so das; wir unsere dicken Jacken hervorsuchen mußten. Wir hatten das Gefühl, als wenn wir aus dem heißesten Sommer urplötzlich iu den strengsten Winter versetzt worden wären. Batavia glich einer Wintcrlandschaft. Die Bäume, von der Hitze entlaubt und kahl, Waren mit einer grauen Masse bedeckt. Die Gefahr war vorüber, die Verwüstungen aber entsetzlich. Auf dem' Boden des MccrcS hatten sich Vulkane geöffnet und ungeheure Wassermasscn auf Batavia gewälzt. Es regnete Haifische und Krokodile.. Drei furchtbare Wogen setzten den unteren Theil von Batavia auf zwei bis zehn Minuten unter Wasser. Kleinere Dampsbootc und Schaluppen wurden mitten auf die Straße gesetzt. Telegramme melden, daß die ganze Insel Krakatnn, die so groß war wie Irland, untergegangen ist. Das Festland der Insel gegenüber ist total verwüstet. Ganze Städte, Wälder und Felder sind verschwunden. Die Zahl der verunglückten Europäer schätzt man auf 2 bis 300. M i s e e l l e n. (Eine gute Quittung.) Ein Arzt präsentirte dem Testamentsvollstrecker eines seiner verstorbenen Patienten die Rechnung und fragte: „Wünschen Sie, daß ich meine Rechnung beschwöre?" — „Nein," erwiderte der Testamentsvollstrecker, „der Tod des Verstorbenen beweist zur Genüge, daß Sie ihm ärztlichen Beistand haben ange- dcihen lassen." (Bei der Felddienstübnng.) Lieutenant: . . . „Nach welcher Himmelsgegend marschircu wir?" — Markus: „Nach Süden, Herr Lieutenant!" — Lieutenant: „Richtig! Woran erkennen Sie denn das?" — Markus: „Weils immer wärmer wird, Herr Lieutenant!" " (Naiv.) Lehrer: „Was lernen wir aus dem Gleichnisse von den sieben klugen und thörichten Jungfrauen?" — Schülerin: „Daß wir stündlich auf den Bräutigam warten sollen." (Nur praktisch.) A.: „Wie kommt es, daß Sie allein einen Maßkrug haben und alle Anderen nur Halbe?" — B.: „Das ist ganz einfach: Weil i' mi' da blos halb so oft über's schlechte Einschenken ärgern mnaß, wie die dummen Kerl da!" (Trumpf.) Herr (in einen Tramwaywagen tretend): „Ist die Arche Noah schon voll?" — Passagier: „Bis auf den Esel; wollen Sie nur hereinkommen!" Räthsel. Zwei Worte sind's, die Jeder kennt, zwei Worte nur, doch voll Gewicht; Bald ist's ein Hammer, dessen Schlag, was härter als ein Fels, zerbricht; Ein Feuer bald, das flammt und sprüht, und doch kein Haar am Haupt versehrt; Ein Lufthauch bald, gelind und saust, ein Sturmwind bald, der Cedern bricht; Ein Donner setzt, der mächtig dröhnt, und jetzt ein scharf geschliff'ncs Schwert, Das Leib und Seele scheiden kau»; verwundet's auch, es schadet nicht; Ein Regen ist's, er netzet nicht, und labt mir den, der sein begehrt; Ein Spiegel ist's, der alles zeigt, und doch bedarf kein fremdes Licht; Arznei dem Kranken, dient es auch als Speise, die Gesunde nährt; Ein Samen ist's und Frucht zugleich, du trennest Kern und Schale nicht; Ein Ganzes und vom Wechsel frei, Irägts doch ein Doppelangesicht; Dem ist es schrecklich, dcr's verschmäht; den: lieblich, der zu ihm sich kehrt; Zwei Worte nur, du horst sie gern; nun rathe, Kind, und fehle nicht I Für die Redaktion verantwortlich: AlPhonS Planer iu Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Dr. Max Hultlcr., Nr. 83. 1883. tur „Äugslmrger Pojheitimg." Mittwoch, 17. Oktober Der OpaLrirrg. Roinair aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Faucourt nahm sofort seine schöne Wohnung zu Magnus Square in Besitz. Den ersten Abend brachte er damit zu, die prächtige Einrichtung, die sein gearbeiteten Möbel, schwerseidcnen Damastvorhänge, großen Spiegel und kunstvollen Bronccstatuen, sowie die herrlichen Gemälde, welche die Wände schmückten, zu beschauen. Damit fertig, träumt er, auf einer Ottomane hingestreckt, von der brillanten Zu kauft, welche seiner harrt. Rechts neben ihm auf einem kleinen Tische steht eine kleine Schelle, er brauchte sie nur zu berühren und sofort eilen Diener herbei, um seinem leisesten Befehle zu gehorchen. Wünscht er zu reiten? Die Pferde im Stalle stehen zu seiner Verfügung. Will er ausführen, so hat er nur den Wagen zu bestimmen. IN der nächsten Londoner Saison wird er als Erbe und Enkel Lord Alphington's allenthalben empfangen werden und die schöne Madcline Dalton, um sein Glück vollständig zu machen, dann die Seinige sein. Stürmisch pochte sein Herz bei diesem Gedanken, alle Furcht war für den Augenblick verschwunden. Solcher Art waren die Reflexionen, mit denen er sich zu Bette begab, um am nächsten Morgen durch einen unerquicklichen Besuch in Gestalt eines Briefes aufgeweckt zu werden. Nachdem er denselben gelesen, sprang er mit einem Fluche in die Höhe, schellte heftig, befahl dem eintretenden Diener, ihm auf der Stelle das Frühstück zu bringen und den kleinen offenen Wagen anspannen zu lassen. Bald darauf fuhr er in raschem Trabe dem Stationsgebäude zu. Seine Abwesenheit von London dauerte ungefähr eine Woche; deshalb war es ihm auch unmöglich gewesen, seinen Besuch in Joy Collage zu wiederholen. Er kehrte Abends zur Stadt zurück. „Wo ist James?" frug Fancourt. „Zum Henker, weshalb ist er nicht hier, da er doch wußte, daß ich zurückkommen wollre"; denn nicht sein Diener, sondern ein Fremder, ein ziemlich kleiner Mann mit klugen, grauen Augen und schwarzem Haare hatte seine Neiseeffekten in Empfang genommen. „James hat plötzlich nach seiner Heiinath abreisen müssen, da sein Vater bedenklich erkrankt ist", erwiderte der neue Diener und Mr. Parker beauftragte mich, seine Stelle zu versehen." Faucourt verwünschte James nebst seinem Vater und den Haushofmeister und schloß mit der Bemerkung, es sei ihm ganz einerlei, wer ihn bediene, wenn nur seine Befehle pünktlich ausgeführt würden. „Wie heißest Du?" frug er endlich. „Mein Name ist John, Sir." „Hast Du schon früher eilten einzelnen Herrn bedient?" . 658 „O ja, Sir", entgeguete lächelnd der Mann, „schon mehrere nnd immer zur größten Zufriedenheit." „Das genügt. Hier nimm' meinen Ncbcrzichcr mit weg, nnd sage Brooks, ich wünschte in einer Stunde zu speisen." Der Diener empfahl sich mit einer tiefen Verbeugung und eilte, dem Befehle seines neuen Herrn Folge zu leisten. Mit der Zeit machte sich John ganz unentbehrlich; er schien die leisesten Wünsche Fauconrt's errathen zu können. Hatte dieser einen Brief oder sonstigen Auftrag zu besorgen, so war Niemand pünktlicher, als John. Nie vergaß er eine Bestellung, ja, er entwickelte in der Regel mehr Umsicht, als sein Herr selbst. Wenn dieser völlig berauscht und stolpernd in der Nacht nach Hanse kam — was sehr häufig geschah — immer war John znr Hand, um ihm beim Auskleiden behülflich zu sein und am nächsten Morgen erschien er wieder mit seinem gewohnten Lächeln, als ob Nichts vorgefallen sei. John verkehrte nicht viel mit den übrigen Dienstboten nnd diese hielten ihn für verschlossen, doch war er so freundlich und zuvorkommend gegen Alle, daß sie ihm unmöglich böse sein konnten, und diese Zurückhaltung schien ganz besonders Vertrauen zu erweäm, denn er wußte immer Alles, was um ihn her vorging. Sein Herr wünschte sich Glück, einen so umsichtigen Diener zu besitzen und beschloß, diesen gewandten, klugen Burschen für seine Zwecke zu benutzen und nöthigen- falls die Verschwiegenheit desselben zu erkaufen. Daher befahl er, John in Dienst zu nehmen nnd James, wenn er zurückkommen sollte, zu entlassen. Scchszehntes Capitel. Wochen vergingen. Der heiße staubige August war dem schwülen Juli und dem sonnigen Juni gefolgt. Ende Juli hatte Donglas die alte Tante, welche er so sehnlichst zu beerben wünschte, durch den Tod verloren. Seine Erwartungen wurden bedeutend übcrtroffen, da es sich herausstellte, daß die alte Dame aus Geiz so sparsam gelebt hatte. Ein Testament fand sich nicht vor und so erhielt Douglas das ganze Vermögen. Er ging zum Begräbnisse hin, kam aber schon nach zwei Tagen freudestrahlend zurück; es würde auch seinerseits Heuchelei gewesen sein, Trauer zu äußern, da er seine Verwandte kaum gekannt hatte. Zwischen der Familie Dalton und den beiden Künstlern ward ein lebhafter nnd vertrauter Umgang unterhalten. Die jungen Männer, welche herausgefunden, daß die beiden Misse's Talton vor ihrer Ucbersicdclung nach London öfters nach der Natur gezeichnet hatten, benutzten dies als Vorwand und veranlaßten deren Mutter, sie auf ihren Touren nach den hübschen Punkten der Gegend zu begleiten; zu diesen Ausflügen wurden immer die Nachmittage gewählt, an welchen Vertha frei war. Draußen in der schönen Natur verkehrten die jungen Leute ungezwungener nnd offener miteinander, als dies in der Stadt möglich gewesen wäre, und so kam es, daß die herzliche Zuneigung, welche Douglas für Bertha empfand, zu einer innigen Liebe heranwuchs, denn ihr sanfter, unverdorbener, aufrichtiger Charakter offenbarte sich den beiden Freunden von Tag zu Tag mehr. St. Lawrence hielt Lena noch immer für das hübscheste Mädchen, welches er je gesehen, aber sie besaß nebenbei auch die Fehler, welche ihm am widerwärtigsten waren. Sei es nun, daß der ländliche Hintergrund, auf welchem er sie so oft erblickte, nicht zu ihr paßte, oder machte der innere Zwiespalt sie außergewöhnlich unliebenswürdig und launisch; was es auch immerhin sein mochte, St. Lawrence fühlte sich nicht mehr zu ihr hingezogen. Ihr Lächeln hatte allen Reiz für ihn verloren, und ihre angenommene Kälte war ihm gleichgültig. Für Bertha hingegen empfand er die aufrichtigste Verehrung. „Brüderliche Zuneigung", pflegte er dieses Gefühl bei sich zu nennen. Wie 659 hätte er es auch anders bezeichnen dürfen, ohne zum treulosen Vcrräthcr an seinem Freunde zu werden. Fanconrt zählte auch zu den häufigeren Besuchern von Joy Collage,' der Zweck derselben war unverkennbar, doch halte er sich bis jetzt noch nicht erklärt. Zufällig traf er nie mit Douglas und St. Lawrence zusammen; dies mochte wohl daher kommen, das; er seine Besuche meistens bei Tage machte, — die Abende brachte er in weniger anständiger Gesellschaft zu. St. Lawrence dagegen war den ganzen Tag über fleißig an seiner Staffelet beschäftigt und konnte nur über die späteren Stunden des Nachmittags verfügen. Donglas bekannte offen, daß er Bertha's wegen hingehe und die Abends zu Hanse sei. Lord Alphington und St. Lawrence erhielten beide von Zeit zu Zeit Nachrichten von Mr. Niggs; der erstere durch seinen Rechtsanwalt und letzterer vom Geheimpolizisten selbst. Dieser drang noch fortwährend in ihn, sich ruhig zu verhalten. Bis jetzt hatte man nichts Wciter's über den Opalring in Erfahrung gebracht. „Ich hoffe und glaube, Ihre Angelegenheit in's Reine bringen zu können, aber äußerste Vorsicht ist nothwendig", schrieb Mr. Niggs in seinem letzten Briefe. St. Lawrence sah ein, daß er warten und vertrauen müsse, wenn auch gewisse Verhältnisse ihm dieses Warten qualvoll machten und ihn zeitweise die Furcht befiel, seine Pflicht nöthige ihn, die Fesseln zu brechen, die Mr. Niggs ihm angelegt, selbst auf die Gefahr- hin, persönlich Schaden dadurch zu erleiden. Durch das ererbte Vermögen stieg Douglas bedeutend in den Augen der Mrs. Dalton. Bei ihr stand es von jeher fest, daß Lena durch Heirath ihr Glück machen muffe und vermittelst einer kleinen Unterstützung von ihrer Tochter werde es für sie möglich sein, von ihrem geringen Einkommen zu leben. Aber was denn mit Bertha anfangen? Lena werde natürlich einen vornehmen Mann heirathen und dann paffe es doch nicht für die Schwägerin eines Grafen, die Mnsikstnnden weiter fortzusetzen. Diese schwierige Frage ist jetzt glücklich gelöst, da sich Douglas in Bertha verliebt hat; man muß es wirklich eine Fügung der Vorsehung nennen", vertraute Mrs. Dalton Lena an. Für ihre älteste Tochter würde sie eine solche Verbindung verschmäht haben, aber was konnte sie für Bertha mehr erwarten, als ein bescheidenes Einkommen und ein Btann von hübschem, tadellosen Aeußeren und feinem Benehmen, dessen sie sich unter ihren zukünftigen aristokratischen Verwandten nicht zn schämen brauche. Auf diese Weise regelte die kluge Mutter zu ihrer eignen Befriedigung die Zukunft der beiden Töchter. Bertha war wohl die einzige Unwissende in Betreff der Absichten von Charles Douglas. Sie mochte ihn schon früher gut leiden und nun, wo sie bekannter geworden waren, fühlte sie sich ganz behaglich in seiner Gegenwart, vielleicht etwas zu sehr behaglich, wie Douglas zuweilen befürchtete. Er hätte es liebcr gesehen, wenn sie bei seinem Erscheinen die Farbe gewechselt, oder eine leichte Verwirrung gezeigt; jedvch verzweifelte er noch nicht, Bertha fand ja Vergnügen an seiner Gesellschaft und Mrs. Dalton ermnthigte ihn, wenn auch nicht durch Worte, so doch durch mancherlei Andeutungen, welche er nicht mißverstehen konnte und dies würde sie doch nicht thun, dachte er, wenn keine Hoffnung für mich wäre. Deshalb beschloß er sich ein Herz zu fassen und seine Bewerbung zn beschleunigen. Seit Douglas durch die Vergrößerung seines Vermögens ein hcirathsfähiger Mann geworden, besuchte St. Lawrence Joy Collage nur noch bei seltener Gelegenheit. Ernährn freilich noch an den Ausflügen Theil, doch widmete er sich dann ausschließlich Mrs. Dalton und Lena und überließ Bertha feinem Freunde. Lena bemerkte diesen Wechsel mit großem Entzücken und zweifelte nicht, daß ihre Reize endlich den Sieg über dieses gefühllose Herz davongetragen; das ihrige pochte nur zn ungestüm bei dem Gedanken die einzige Liebe, welche hätte sie erwidern können, jetzt wirklich zn besitzen. Während sie glaubte, St. Lawrence sei gleichgültig gegen sie, entspann sich ein heftiger «66 Kampf in ihrer Seele; sie hätte all' ihren Ehrgeiz bet Seite werfen mögen, um aus seinem Munde das Geständniß der Liebe zu vernehmen, aber jetzt, wo sie ihn wieder zu ihren Füßen wähnte, erwachte die frühere Eitelkeit. Die Aussicht auf Rang und Reichthum verlockte sie von Neuem und der Wunsch regte sich in ihr, beide Faucourt sowohl wie St. Lawrence, zu fesseln. Mit Hülfe des ersteren wollte sie sich zu der heiß ersehnten Stellung emporschwingen und der letztere sollte in ihrer Nähe verweilen, damit sie doch wenigstens verhüten könne, daß er seine Neigung einer Anderen schenke. St. Lawrence dachte nicht im Entferntesten an die Möglichkeit, daß Lena Talton ihn liebe, da er ihr nie Veranlassung zu der Annahme gegeben hatte, daß ihn ein wärmeres Gefühl, als das der Freundschaft, beseele; er würde unglücklich gewesen sein, hätte er in ihren: Herzen lesen können. Unwissend wie er war, bestärke er sie noch in diesem Mißverständnisse, indem er ihre Zeichnungen verbesserte, beständig an ihrer Seite blieb und jeden ihrer kleinen Wünsche erfüllte, obgleich seine Gedanken anderweitig in Anspruch genommen waren. Die häufigen Zerstreuungen hätten ein selbstloseres Wesen als Lena Dalton genügend überzeugt, daß sein Herz an diesen Artigkeiten ihr gegenüber keinen Antheil nahm. Es war Douglas ausgefallen, daß sein Freund sich seit einigen Wochen in niedergeschlagener, zuweilen sogar reizbarer Stimmung befinde. Er glaubte, die Ungewißheit und das lange Warten, ehe der Betrüger, dessen Opfer er war, entlarvt sei, habe die Gesundheit von St. Lawrence untergraben und ihn: allen Frohsinn geraubt, deshalb gab er sich Mühe ihn aufzuheitern und gewaltsam zu zerstreuen. „Die ganze Angelegenheit geht mir nicht mehr so zu Herzei: wie früher", entgegnen St. Lawrence eines Tages, da Douglas ihn wieder zur Geduld ermähnt hatte. Wenn ich nicht dächte, die Gerechtigkeit erfordere es, daß der Uebclthäter die verdiente Strafe erhält, so würde ich mich für meine Person schon ganz und gerne zufrieden stellen und nach Italien oder Palestina oder sonst in irgend ein entferntes Land reisen. Selbst angenommen, schon morgen wäre die Geschichte in Ordnung, ich könnte nach wirklich nicht darüber freuen." „Warum in aller Welt, sitzest Du denn hier und schneidest Gesichter, wie eine kranke Katze? Du scheinst mir in der Stimmung Hamlet's und der Menschen überdrüssig zu sein. Weshalb verliebst Du Dich nicht?" Bein: Zeus, Dir bliebe keine Zeit übler Laune zu sein, wenn Du versuchtest, das Herz eines so süßen kleinen Wesens, wie meine Bcrtha ist, zu erringen. He, ich wollte sie wäre mein! Was meinst Du, St. Lawrence, ob ich wohl Aussichten habe?" „Um's Himmels willen, Douglas, verschone mich mit der ewigen Wiederholung desselben Thema's", rief St. Lawrence-fast ärgerlich aus, indem er sich mit dem Ellenbogen auf den Tisch stützte und das Gesicht mit der Hand verdeckte. „Wie kann ich das wissen, weshalb fragst Du sie nicht selbst?" „Weil ich fürchtete, trotz all' meiner Bemühungen ein kurzes klares „Nein" als Antwort zu erhalten", erwiderte Douglas, sich durch sein lockiges Haar fahrend. „Zudem verstehst Du augenscheinlich nicht die Art und die Weise der Kriegsführung. Hat man wohl je von eurer Festung gehört, welche durch des Feindes höfliche Einladung „Bitte, wollen Sie sich nicht ergeben?" erobert worden wäre? Und worin bestände dem: auch das Glück? Denke Dir, welche Aufregungen, welche Welt von Gefühlen man dadurch einbüßen würde. Ich glaube in der That, die Frauen nehmen deshalb eine hervorragende Stellung in der menschlichen Gesellschaft ein, weil es so äußerst schwer hält, eine von ihnen für sich zu gewinnen. Früher konnte man sich die Frau, welche man wünschte, einfach kaufen oder stehlen, wie jeden anderen Gegenstand. Aber jetzt — der Henker hole es — muß man Monate lang auf den Busch klopfen, um dann vielleicht schließlich doch noch mit einem Korbe beehrt zu werden — und das läßt sich auch in keiner Weise ändern." 661 Douglas, ich kann mir nicht denken, daß Du es ernstlich meinst, Du könntest sonst unmöglich so darüber sprechen", sagte Lawrence aufspringend. Hastig schritt er zu seinem Arbeitstische hin und begann die Farben und Pinsel zu sortiren. „Ah, ob ich es wohl ernstlich meinet" rief Douglas. „Habe ich doch, nachdem die theure alte Dame zu den clysüischen Feldern abgereist war, den Namen „Bertha Douglas" auf mein erstes RechnungSbuch geschrieben, um zu sehen, wie sich das ansnehme." „Pah!" stieß St. Lawrence ungeduldig hervor. „Ich nehme das Leben nicht so ernsthaft wie Du, alter Freund; das steckt nun einmal nicht in mir. Mir ist es geradezu unverständlich, daß Romeo sich tödtcte, selbst wenn auch Julie gestorben war; auch kann ich mir keine Vorstellung von den Gefühlen Othello'S machen, nachdem er sein Weib ermordet hatte, deßuugeachtct werde ich doch ein guter Ehemann sein — passe auf, ob es nicht wahr ist." „Wenn Du es nicht würdest — wenn Du ihr je Ursache zn einem Seufzer oder Thräne gäbest",— begann St. Lawrence heftig, während sich sein Gesicht röthete; aber mit einem tiefen Seufzer, der aus dem Innersten des Herzens emporzusteigen schien, bezwäng er seine Erregung und sagte: „Achte nicht auf meine Worte, ich befinde mich augenblicklich in einer sehr miserablen Stimmung. Wenn es nicht wegen dieses Riggs wäre, so würde ich, wie ich Dir auch schon vorhin sagte, auf Reisen gehen, je weiter, je lieber. Laß uns von etwas anderem sprechen. Was willst Du trinken? Claret ist am erfrischendsten." „Ja, Claret auf alle Fälle. Ich bin ohnehin entschlossen, dem Branntwein, den Pfeifen und allen diesen Geschichten Lebewohl zu sagen und mich anstatt dessen zu Thee und Bntter- brödchcn zu bekehren. Der Club verliert eines seiner hervorragendsten Mitglieder, aber noch größer wird das Bedauern sein, wenn St. Eustac Lawrence Esgu. ihn nicht durch seine Gegenwart beehrt." „Ich habe keinen Geschmack an dergleichen Dingen, das scheint mir nicht angeboren« zu sein; zu dem bin ich ein so trübseliger Geselle, den man am besten sich selbst überläßt. Dich werde ich sehr entbehren, Douglas, wenn Du Dich vcrheirathcst." „Mich entbehren? Aber alter Freund, Du darfst doch überzeugt sein, daß Du mir in meiner Häuslichkeit immer willkommen sein wirst", rief Douglas aus. „Ich weis; nicht, weshalb Bertha in der letzten Zeit Dir gegenüber etwas verlegen war; früher hatte sie Dich doch sehr gerne." St. Lawrence trat an's Fenster und warf es mit einem Ruck so weit auf, als möglich. „Es ist schrecklich heiß heute, wir bekommen sicher ein Gewitter." „Das wurde mich freuen", eutgegncte Douglas, nach den sich sammelnden Wolken hinanfblickend. „Gewitter reinigen die Luft." (Fortsetzung folgt.) G o l d k ö r n c r. Empfiehl deine Angelegenheiten Gott nno flehe herzlich zu Ihm, Er wolle Alles so leiten wie es für dich am besten sei. Gott hat seit Jahrhunderten und Jahrtausenden laut der Kirchcngeschichtc und der heiligen Schrift Gebete erhört und erhört sie auch heut zu Tage noch, ohne abzuwarten, was die Weisen des Tages dazu sagen würden. Der Mensch weiß nicht um was er bittet. Wir sollten um nichts beten, als Gott wolle das thun, was er als das Beste für uns erkannt. Nur wahre Frömmigkeit und Tugend machen wahrhaft glücklich, ja, sie gewähren auch unter Leiden und Trübsalen, die nie ausbleiben, noch eine Glückseligkeit, eine innere Ruhe und Zufriedenheit, die bei allen Prüfungen unzerstörbar bleibt. SaiIcr. 662 Zur Geschichte des Schachspiels. (Aus der Zeitschrift „Europa.") „Das Spiel aller Spiele" — so wird mit Recht das edle, sinnreiche Schach genannt, „die Lnst aller Denker", der „Kaiser unter den Spielen!" Seit Jahrtausenden die Freude und Erholung intelligenter Köpfe jedes Standes, gespielt von unzähligen Millionen von Pol zu Pol, die, mögen sie noch so begabt sein, dies Spiel nie auszulernen vermögen, wird es voraussichtlich noch lange sich derselben Beliebtheit erfreuen. Mit der Cnltnrgcschichte der Völker theilweise auf's Innigste verwebt, ist das herrliche Schachspiel schon unter den Sassanidcn aus Indien nach Persien verpflanzt worden. Wohl beanspruchen die Perser diese großartige Erfindung, haben auch eine ziemlich läppische Erzählung von der Gelegenheit auszuweisen, wobei der Vezir Nnshir- van's darauf verfallen sein soll. Aber diese Behauptung hat schon der große Geograph Ritter gründlich widerlegt; er weist nach, daß dieses edelste aller Spiele nuwidcrsprech- lich aus Indien stamme und sich von dort auf verschiedenen Wegen in alle Welt verbreitet habe. Sagenhaft, wenngleich sinnig, bleibt die bekannte Erzählung von dem Brahmincn Sissa oder Sissera (400 v. Chr.), der das Spiel erfand, um dem das Volk geringschätzenden König Schechram dadurch die Lehre zu versinnbildlichen, daß ein Herrscher an und für sich machtlos, nur allein durch seine Unterthanen mächtig und geschützt, ja selbst oft durch den Verlust eines einzigen Unterthan's (eines Bauern) verloren sei. Auf die bekannte Gnade, die der Priester sich erbat, ein Korn für das erste, zwei für das zweite, vier für das dritte Feld n. s. w., geh'n wir nur kurz ein und erwähnen dabei, daß das'beanspruchte Getreide einen Raum von 2200 Qnadratmcilen verlangte und zwar mit einer Lagerung des Kornes von 60 Fuß Höhe. Die Araber, welche irrig angeben, daß das Schachspiel erst 226 n. Chr. aus Eifersucht auf den König Artaxerxes erfunden sei, welcher das Brettspiel erdachte, haben ihren Namen dafür Shetrendj von den Persern überkommen. Dies Wort ist eine Entstellung von Chatnr-Anga, welches im Sanscrit ein Kriegsherr, buchstäblich ein Vier- geglicdertes bedeutet. Zu einem vollständigen Heere gehörte nämlich: Infanterie, Elephanten, Reiterei und Streitwagen. So war denn auch das Heer des Königs Porns zusammengesetzt, den Alexander der Große besiegte. In: Schachspiel.stellen nun die Bauern (nach unsrer unpassenden Benennung) das Fußvolk vor; die Läufer repräsentiren die Elephanten, die Springer vertreten die Reiterei und die Thürme die Streitwagen. Der König ist, Ivas sein Name aussagt, die Königin ist der eigentliche Feldherr. Der bei uns eingebürgerte Ausdruck Schachmatt ist dem Persischen entlehnt. Syakmat bedeutet: der König ist gefangen und todt. Der Name der Königin oder Dame ist im Persischen oder ^sr-sin (Vezir — Premierminister). Diesen entstellten lateinische Dichtungen des 12. Jahrhunderts in I^roim, woraus dann Heros, INsr^s und später Visr^s ---- Jungfrau, Dame wurden, wunderliche Umwandlung eines Diplomaten in eine Jungfrau. Unser Thurm führt bei den Orientalen den Namen Rolclr, der sich noch in: Kunst- ausdruck rochiren erhalten hat. Ilolllc ist gleich Kameel, wie denn auch noch unser Thurm bei den das Schachspiel leidenschaftlich liegenden Hindas diese Gestalt trägt und zwar mit einem darauf sitzenden Reiter. Unser Läufer ist bei den Engländern zum Bischof (bislrox), bei den Franzosen zum Narren (Ion) geworden. Wird berichtet, daß Palamedos bei der Belagerung Troja's znr Verkürzung der langen Weile das Schachspiel erfunden, so ist dies eben so unbegründet, als daß die Römer bereits das Spiel in Asien verbreitet fanden und ihr Brettspiel (luäus intronnw. oder latrnnonlorniii) eine Nachahmung desselben gewesen sei. Vielmehr haben erst die Araber dies Spiel von den Persern erlernt und den Rittern des Abendlandes mitge- 663 theilt. Ritter hat gewichtige Gründe für die Annahme, das; nicht erst Kreuzfahrer das Schach aus dem Oriente mitbrachten, vielmehr die Mauren in Spanien die eigentlichen Verbreiter waren. Das edle, königliche Schach, welches mit der Cultnrgeschichte fast aller Völker innig verwebt ist, war auch im hohen Norden früh bekannt, wie wir aus einer uns noch erhaltenen „magischen Figur", einer sogenannten „Zauberrune" schließen dürfen, welche dem Spieler, der sie, die holzgcschnitzte, in der Hand hielt, angeblich den Sieg verlieh. Daß die alten Dünen schon frühzeitig daS Schachspiel schätzten, verbürgt uns ihr Chronikant Snvrre Stnrleson, der uns ein anziehendes Erlebniß aus der Regierung des Königs Konnt vorführt. Dieser Herrscher, ein passionirtcr Vertreter des Schachs, suchte im Jahre 1028, als er mit dem König von Schweden und Norwegen Krieg führte, seinen Schwager den Jarl (Grafen) Ulfo in Roeskilde auf. Dieser bemühte sich, den königlichen Gast, welchen Nmnnth erfüllte, angenehm zu unterhalten, und als jener düster und verstört blieb, trug er ihm eine Schachpartie an, auf die Kannt einging. Eine Zeit lang blieb das Spiel unentschieden, bis der König einen schlechten Zug that und in Folge dessen einen „Springer" (rtäcinra. — Ritter) einbüßen sollte. Aber Kannt wollte den Verlust nicht verschmerzen und begehrte, indem er seinen Offizier wieder ausstellte, Gras Ulfo solle einen andern Zug thun. Der Jarl aber ein ebenso heftiger und leidenschaftlicher Mann als sein Monarch, verweigerte dies zornig, warf das Brett um und entwich aus der Halle. Da folgten ihm die entrüsteten Worte des Königs: „Ufo, Feigling, Tu fliehst?" Der Graf, auf's äußerste erbittert, kehrte nun wieder um und cntgcgncte bitter: „Im Helgaflnssc hättet Ihr Eure Flucht fortgesetzt, hätte ich Euch nicht beigestauden! Wahrlich, als die Schweden Euch auf's Haupt schlugen, wie einen Hund, da schaltet Ihr mich nicht feige!" — Darauf entwich er auf's Neue, mußte aber seine ebenso wahren als kühnen Worte wenige Tage darauf mit dem Tode büßen. Auch England kennt das edle Schachspiel schon seit länger als 700 Jahren und ist es wahrscheinlicher Weise zu Kamits Zeit vom Norden her eingeführt. Der alte Chronikant Gaimar, welcher um die Mitte des 12. Jahrhunderts seine interessanten, ciiltnrhistorisch merkwürdigen Berichte verfaßte, erzählt in seiner naiven Weise: „König Edgar sandte seinen Boten Edelwoth nach dem Schlosse des Grafen Orgar in Dcvonshirc, auf daß er sich überzeuge, ob Elstrucih, dessen Tochter, wirklich ein Wunder der Schönheit sei. Als Edelwoth anlangte, da spielle Orgar Schach, ein Spiel, daS er von den Dänen erlernt hatte. Mit ihm spielte die schöne Elstrueth; „ein schöneres Mädchen sah die Erde nie! Ob nun später der stattliche König, durch den Bericht seines Abgesandten entflammt, mit der schönen Grafentochter zwei Partien spielte, gleich jenen, die zwei moderne, vielverbrcitetc englische Stahlstiche uns schildern („(MessO und .,küntwD —: „Schah" und „Mat"), können wir leider nicht verrathen. Auch in Island blühte die Kunst des Schachspiels schon frühe. Wie uns aus dem 11. Jahrhundert berichtet wird, war es im ganzeil Volke verbreitet, das ja schon damals auf einer hohen Kulturstufe stand. Ein berühmter Skalde (Sänger), Gunlaug genannt — so erzählen die Dichter — spielte Schach mit der schönen Helge, deren Besitz ihn, einst vergönnt sein sollte. Raser, ein Kunstgenüsse, forderte, von Eifersucht entflammt, den vvn der Schönen begünstigten Sänger zum Zweikampf heraus und Beide fanden ihren Tod. M L s e e l l e;r. (Aus dem Berliner Gerichtssaale.) Weinend und händeringend betritt eine alte Matrone mit weißem Haar und durchfurchten, Gesicht die Anklagebank der zweiten Strafkammmcr des Landgerichts I.; sie macht fortwährend tiefe Knixe vor dem Präsidenten und bückt dann wieder verzweifelt den Staatsanwalt an. — Präs.: Sie sind die 73- 664 jährige Wittwe Busse? — Angekl.: Ach Du meiu JE ja, ick bin ja de Busse'n, de arme, dc unglückliche Bussen! — Präs.: Sie haben wie es scheint Ihr Leben nicht in Ehren verbracht, denn Sie sind nicht weniger als 13 Mal bestraft, und haben den größten Theil Ihres Lebens in Gefängnissen und Zuchthäusern zugebracht. Angekl.: Mein gutester Herr, dat is't ja all' eben! Wenn der liebe Gott nich will, denn kommt der Mensch aus de Verschmadderung nich mehr raus, und de Bussen war ccn Unglückskind von ganz kleen an, und se wird als Unglückskmd nu ooch ins Jras beißen! — Präs.: Ihnen scheint aber das Stehlen zur zweiten Natur geworden zu sein, denn kaum sind Sie aus dem Zuchthaus entlassen worden, da haben Sie schon wieder beim Kaufmann Ncumann gestohlen. — Angekl.: Ach bester Herr, et war ja man en Bisken Kaffee. — Präs.: Ihr „Bisken" Kasse war ein volles halbes Pfund. — Angekl.: Mein scheenster Herr Präsident, Sie sind ja so jut, schenken Se's doch ne olle Frau noch mal! So'n Bisken Lorke macht doch den Mann janz und jar nich glücklich, und Sie machen sich doch auch nischt draus, ob so'n armes, altes Huhn ins Loch jeht, aber da is es doch so kalt, und denn 73 Jahre! Nicht wahr, Sie sind so jrundjütig? — Staatsanwalt: Den Kaffee konnten Sie doch am Ende nicht auf einmal verzehren? — Angekl.: Mein schönster, süßester, junger Herr, legen Se doch en gnädiges Wort für so'n altes Reff mit ein! O JE, erbarmen Sie sich doch, ct is ja so düster in das olle Gefängniß. Um so'n Bisken Kaffee. Wenn man erst so in de Siebzig ist, denn schmachtet man ja nach'n Täsken Warmen und de olle Bnsse'n hat den Kaffee immer so jeruc gedrunken, schon wie se noch dc junge Bussen war, und so Tassener sechse, die schnabbert man ja jerne runter.... Ach JE, erbarme Dir! Mein bester Staatsanwalt, sei'n Se doch man so jut, Se sollen ooch Jlück haben for Ihr janzet Leben un de schönste Frau un de liebsten Kinder. Sei'n Se doch man so jut! — Der Staatsanwalt konnte diesen intensiven Bitten nicht widerstehen. Er beantragte wegen Entwendung von Eß- waaren nur vierzehn Tage Haft, auf welche der Gerichtshof auch erkannte. Mutter Busse knixte noch tiefer, warf dem Staatsanwalt einen regelrechten Kußfinger zu und versicherte ein Mal über das andere: „Ich hab's all' immer gesagt: Der Herr Jerichts- hof is jar nich so böse, wie er aussieht!" „Warum willst Du denn eigentlich aus meinen Diensten gehen?" — „Wenn ich es aufrichtig sagen soll, gnädiger Herr, weil ich Ihren Zorn nicht ertragen kann." — „Ach, mein Zorn! Kaum ist er da, so ist er auch schon wieder weg." — „Ja, aber — kaum ist er weg, so ist er auch schon wieder da!" (Arg verändert.) „Hcrjott, mein lieber Schulze, wie geht es Ihnen? Ich habe Sie ja so lauge nicht geseh'n .... aber nee, haben Sie sich verändert, man kennt Sie ja kaum wieder." — „Entschuldigen Sie, mein Herr, ich heiße gar nicht Schulze." — „Jroßartig, Schulze 'heeßen Sie..och nich mehr!" (S ch arfbli ck.) „ Johann, wie kauiU,M mir denn, eine Hose mit ganz zerrissenen Taschen bringen?" — „Ich dachte mir:-HM'-mZ schon der 5. und da stecken der Herr Lieutenant doch nichts mehr ein." R ii.t h s el. Einsilbig ist's und eins von den Metallen. Versetz' Buchstaben dann, das Spiet wird dir gefallen; Ein zweites Wort entsteht und wird dein Forschen lohnen; Es nennt die Hatte dir, in der die Seelen wohnen. Ein Drittes finde noch, dann ist's dir ganz gelanget!: Es schneidet scharf und lies, von kräst'ger Hand geschwungen. Auslosung des Räthsels in Nr. 82 : „Wort Gottes." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von vr. Max Huttler. Nr. 84. 1883. »m „Ängslmrger Pojheitnng? Samstag, 20. Oktober Der GpalrLng. Nonian aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Siebe nzehnrcs Capitel. Bertha Dalton litt an einem ähnlichen Gefühle tiefer Niedergeschlagenheit, wie St. Lawrence; sie verlor den Appetit, die zarte Nöthe ihrer Wangen erblaßte; keine einzige Beschäftigung machte ihr mehr Vergnügen und sie war ihrer Mutter aufrichtig dankbar, als diese den Wunsch aussprach, sie möchte nach den Ferien keine Mnsikstunden mehr ertheilen, da ihre Kraft zu erlahmen schien. Anstatt wie sonst fröhlich im Garten zu arbeiten, ging sie jetzt planlos darin umher und die Blätter ihres Buches wandte sie unbewußt und ohne gelesen zu haben um. Nur ihr Licblingsdichter interesfirte sie noch. Wurde sie gebeten zu singen, so wählte sie schwermüthige Lieder und sehr häufig fing ihre Stimme, ehe sie zu Ende war, an zu zittern, und sie brach Plötzlich ab. Ihre Mutter und Schwester waren zu sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt um diese Veränderungen wahrzunehmen. Lena, beeinflußt durch die verführerischen Bilder von Luxus und Wohlleben, welche Mrs. Dalton fortwährend vor ihren Augen entrollte, hatte, wie sie wenigstens glaubte, den Kampf mit ihrem Herzen siegreich bestanden und war jetzt entschlossen, Mr. Faucourt ihre Hand zn reichen; sie verlangte darnach, den Schritt zn thun, der sie unwiderruflich fesselte, um endlich den Preis, welcher ihr so viel kostete, davonzutragen. Ach sie fühlte sich unglücklich, denn sie war nicht thöricht und blind genug, die Mängcl des Mannes, den sie zu heirathen vorhatte, zu übersehen. Bertha sprach znm größten Mißvergnügen der Mrs. Dalton offen über die Abneigung, welche sie gegen Mr. Faucourt empfinde, und Lena mußte bei sich eingestehen, daß er, abgesehen von der Grafenkrone, ganz unausstehlich sei; aber diese glitzerte beständig vor ihren Augen. An der Einwilligung Lord Alphington's zweifelte sie nicht, da dessen einfache Lebensweise und sein schlichtes Wesen sie zur Genüge überzeugten, daß er zufrieden gestellt sein werde, wenn nur die Wahl seines Enkels auf eine gebildete Dame falle. Und indem Lena ihr hübsches Gesicht und ihre schlanke Gestalt im Spiegel betrachtete, war sie fest davon durchdrungen, diese Eigenschaft 'zu besitzen. Dem heftigen Gewittersturme der verflossenen Nacht folgte ein schöner klarer Morgen; noch besaß die Sonne nicht Kraft genug, die Regentropfen, welche sich in den Kelchen der Blumen gesammelt hatten, zu trocknen. Süßer Duft erfüllte die Luft und die Vögel zwitscherten so lustig, als ob ein zweiter Frühling angebrochen sei. „Heute wird er gewiß kommen", sagte Lena, als sie in eleganter Morgentoilette ihren gewöhnlichen Platz in der Nähe des Fensters einnahm. „Dann, mein Kind, werde ich Euch unter irgend einem Vorwande allein lassen", bemerkte die schlaue Mutter; „aber um Eines möchte ich Dich bitten, Lena. Behandle 666 ihil doch nicht so kühl, wie Dir es öfters zu thun pflegst, er hätte Dir gewiß schon einen Antrag gemacht, wenn Du ihn nicht immer in so respektvoller Ferne hieltest." „Vielen Dank für Deinen guten Rath, Mama", entgcgnete die Tochter mit matter Stimme. „Ich weiß schon, wie ich mich ihm gegenüber zu benehmen habe. Mr. Faii- court ist nicht blöde, das kann ich Dir versicheren und deshalb ist es unbedingt nothwendig,. ihn fühlen zu lassen, daß er ein wohlerzogenes Mädchen vor sich hat." „Da hast Du ganz recht, mein Schatz, doch darfst Du es mir nicht verdenken, wenn ich kaum erwarten kann, Dich diese ausgezeichnete Partie, welche sogar meine Erwartungen übertrifft, machen zu sehen." Auf Lcna's schönem Antlitze lag ein Zug tiefer Verachtung; ihr feines Gefühl sagte ihr, wie vcrabschennngswürdig die ehrgeizigen Pläne der Mutter seien und eben letzt, als sie in den sonnigen Garten hinausblickte, dachte sie bei sich, wie sehr St. Lawrence sie verachten würde, wenn er in ihrem Herzen zu lesen vermöchte. Daß er sie schon so bald durchschaut, ahnte sie nicht. Nach dem Frühstücke vernahm Bertha, welche im Garten umherwanderte, den Schall von Hnftritten und gleich darauf ließ Sara den ehrenwerthen Mr. Fancourt ein. Der Reitknecht nahm das Pferd am Zügel und sein Herr schritt, Bertha erblickend, auf diese zu. Sie empfing ihn mit einem kühlen Gruße, ohne ihren Korb loszulassen; wenn eben möglich, vermied sie es, ihm die Hand zu reichen. „Dirs. und Miß und Dalton sind zu Hause, wie ich höre." Bei sich schwur er, daß nach seiner Verhcirathung mit Lena ihre Schwester dieses ihm gegenüber so kalte, hoch- müthige Wesen büßen solle. „Ja, Sie werden sie, wie ich glaube, im Wohnzimmer antreffen", antwortete Bertha, ihm den Rücken wendend und so deutlich zn verstehen gebend, daß sie eine fernere Unterhaltung nicht wünsche. Fauconrt biß sich auf die' Lippen er schritt dein Hanse zn und hieb während des Gehens zu Bertha's größtem Verdruss« die Blätter und Blumen ab. Ehe er jedoch seine Herzcnsdame erreichte, sollte er noch einem Feinde in der Gestalt des Haushundes Pinch begegnen: dieser empfand einen großen Widerwillen gegen den ehrenwerthen Herrn und sprang bellend und die Zähne fletschend aus ihn zu. „Ruhig, Pinch, kusch dich!" sagte Sara die Hansthüre öffnend. Aber Pinch machte seinen Gefühlen Lust, indem er Mr. Fauconrt beim Treppensteigen in die Stiefel biß. „Ich begreife nicht, wie ihre Herrin ein so unausstehliches Vieh behalten kann." „Wir finden gar nicht, daß er unausstehlich ist", entgcgnete Sara, welche die Abneigung des Hundes theilte und dann rasch, ehe er Zeit znm Antworten fand die Thüre öffnete und Mr. Fauconrt anmeldete. Mrs. Dalton empfing ihn auf's Herzlichste und ging mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. „Wie freue ich mich, Sie zn sehen; ich glaubte Sie seien znr Jagd und hätten Ihre alten Freunde ganz vergessen." „Es gibt deren, welche man nie vergessen kann", antwortete er auf Lena blickend, Diese verhielt sich ziemlich kühl. Sie verstand es, wie sie auch ihrer Mutter vorhin gesagt, den Thermometer ihres Benehmens genau zu regnliren. Fauconrt nahm neben Mrs. Dalton, Lena gegenüber Platz. Sie unterhielten sich über allerlei, den Schluß der Ausstellung, die Oper und die Reisepläue für die kommenden Monate. „Im Herbste werden wir für einige Wochen Lord Alphington's Nachbaren, da wir unsere Freunde Sir Stephan und Lady Langley zu besuchen gedenken." „Ah so, ja wohl", stammelte Mr. Fauconrt verwirrt. „Es ist entsetzlich langweilig dort, ist es nicht so? Würden Sie nicht vorziehen, nach Searborongh oder Sronville oder sonst wohin zu gehen? Wie ich höre, sind diese französischen Badeorte verflucht amüsant. Ich hatte vor, für einige Wochen mich dorthin zurückzuziehen, aber ohne Ihre Gesellschaft liegt mir, auf Ehre, Nichts an der Tour." 667 „Sie verstehen zu schmeicheln", sagte Mrs. Dalton, lächelnd. „Aber eine solch' alte Frau, wie ich, wird sich hüten, diese Artigkeiten aus sich zu beziehen, wenn noch eine jüngere Dame zugegen ist." „Da haben Sie ganz recht, das wäre auch nicht sehr wahrscheinlich", gab er freimüthig zu. Er fixirte Lena bei diesen Worten so frech, das; diese ihren Abscheu kaum verbergen konnte. „Den Herren der großen Welt darf man jedoch in der Regel nicht so viel trauen", fuhr Mrs. Dalton scherzend fort: „Man weiß schon, wie selten ihnen das, was sie sagen, gemeint ist." „Beim Jupiter! In diesem Falle ist es nicht so. Sie glauben das nicht, Miß Dalton, nicht wahr?" „Woher sollte ich das wissen?" cntgcgnete Lena ausweichend. „Vermuthlich find sie alle sich ziemlich gleich." „So dürfen Sie nicht sprechen, auf Ehre nicht!" rief Fancourt eifrig aus. Wie immer, wenn er mit Lena zusammen war, fühlte er auch heute, daß er sich ihres Besitzes durchaus vergewissern müsse. Die Unterhaltung begann zu stocken. Dies geschah regelmäßig bei Faucourt's Anwesenheit, und er gestand selber ein, daß er mit Damen Nichts zu sprechen wisse. Mrs. Dalton fand endlich, er habe Lena lange genug angestarrt und sagte deshalb, als ob ihr plötzlich ciu guter Einfall gekommen: „Ich möchte wohl, wenn Sie mich gütigst entschuldigen wollen, das schöne Wetter benutzen, um eben Mrs. Barton „Guten Morgen" zu wünschen." „Soll ich Dich begleiten?" frug Lena. Jetzt, wo der vorhin geplante Moment gekommen zu sein schien, befiel sie eine unbeschreibliche Angst. „O, nein, mein Kind; Mrs. Barton ist so taub, daß es in der That zwecklos ist, wenn zwei zu gleicher Zeit bei ihr sind. Bis später", fügte sie, Fanconrt freundlich zunickend, hinzu. „Ich empfehle Lena ihrer Obhut an, bis ich zurückkomme." Sie verließ das Zimmer, und der junge Mann befand sich zum ersten Male allein mit dem Gegenstände seiner leidenschaftlichen Verehrung. Er war nicht mit der Absicht erschienen, schon jetzt einen Antrag zu machen, doch hatte er ein Geschenk in der Tasche, mittels dessen er auskundschaften wollte, welche Hoffnungen er habe. Seinen Stuhl näher zu dem ihrigen heranrückend, holte er ein feines Etui hervor und hielt es ihr geöffnet hin. „O, wie schön!" rief Lena entzückt über das prachtvolle Brillant-Armband aus. „Gefällt es Ihnen?" frug Fanconrt, sie mit kühnem bewundernden Blicke anschauend, indem er sich fo nahe zu ihr hinüberbeugte, daß sie seinen heißen Athem auf ihre Wange verspürte. „Es ist für meine zukünftige Gattin bestimmt." Lena schrack unwillkürlich zurück; aber entschlossen unterdrückte sie ihren Ekel. Mit reizend effektiven; Erstaunen rief sie aus: „Für Ihre zukünftige Gattin? O, Mr. Fancourt, wie schlau haben sie dieses Geheimniß die ganze Zeit vor uns gehütet! Darf man erfahren, wer die Dame ist?" „Wissen Sie es nicht, Madelina?" frug Fancourt, in derselben Stellung verharrend. „Ich? Wie sollte ich das wissen?" antwortete sie mit bezaubernder Einfalt. „Du bist es, Lena!" rief er, ihre Hand ergreifend und an seine Lippen führend, aus. Lena erbebte. Noch konnte sie sich zurüchiehcn. Das Etui mit seinem glitzernden Inhalte lag geöffnet auf ihren; Schooße — sollte sie ihn; sagen, er mochte es zurücknehmen, sie wolle kein Geschenk von ihm. Fanconrt bemerkte, wie sie zauderte und in; Begriffe stand, ihm ihre Hand zu entwinden, deshalb fuhr er eindringlicher fort: „Lena ich liebe Dich leidenschaftlich bis zur Raserei. Du mußt es gewußt haben;, in Deiner Macht steht es, mit mir anzufangen, was Du willst, aber beim Himmel, ich werde Dich nie aufgeben." 668 Sem Antlitz glühte, seine Stimme klang heiser vor heftiger Erregung. In diesen! Augenblicke hätte er sie eher tödten als einem Anderen überlassen können. „Was wünschest Du, das ich Dir nicht zu geben im Stande wäre?" fuhr er undeutlich und schnell fort. „Verlangst Du Reichthum? unzählige Schätze lege ich Dir zu Füßen. Sehnst Du Dich nach hoher Stellung? — auch dieser Wunsch geht in Erfüllung, denn Du wirst den Ersten des Landes zugezählt werden — sie alle durch Deine Schönheit überstrahlend." Von Neuem versuchte er sie au sich zu ziehen und diesmal widerstand sie nicht, obgleich ihr Herz stille zu stehen schien. Bis vor Kurzem hatte sie in ihren Znknnfts- träumen nie an Liebe gedacht, ja nicht einmal darnach verlangt; woher entstand denn jetzt plötzlich dieser heftige Schmerz, für immer darauf verzichten zu müssen. Es war ein reeller Tauschhandel, den dieser Mann einzugehen wünschte, sie gab ihre Schönheit und erhielt von ihm Rang und Reichthum. Als er sie nachgeben fühlte, schlang er triumphtrend seine Arme um sie und drückte leidenschaftliche Küsse auf ihre Wangen und ihren Mund. Sie ließ sich, obgleich blaß und kalt wie Eis, einen Augenblick seine stürmische Zärtlichkeit gefallen, dann entwand sie sich schaudernd seinen Liebkosungen. Ihre Lippen bebten und das Gesicht mit beiden .Händen verhüllend rief sie aus: „Sie sind zu rauh und zu dreist." „So laß mich meinen Fehler wieder gut machen", bat er das Armband aufhebend, welches zur Erde gefallen war. „Erlaube mir dieses an Deinen hübschen Arnr zu befestigen; auf Ehre, es war nicht meine Absicht, Dich zu beleidigen. Du willst doch Nicht sagen, daß ein Bursche das Mädchen, welches er liebt, nicht küssen dürfe. Und ich liebe Dich, Lena — beim Jupiter, ich liebe Dich." Wahrend er dieses sagte, sank er vor ihr auf's Knie und befestigte den kostbaren Goldreif an ihrem Arme. „Nun bist Du mein!" rief er mit flammendem Blicke aus, „mein, was immer auch kommen Möge! Lena schrack zusammen, als habe eine kalte Geisterhand sie berührt. Sollte das wohl eine Warnung gewesen sein? Wenn dem so war, so ging sie unbeachtet vorüber. „Ja", erwiderte sie leise mit stockendem Athem. Er wollte sie wieder umarmen, aber sie sprang von ihrem Sitze in die Höhe, länger konnte sie es nicht ertragen; helle Nöthe verbreitete sich über ihr Antlitz. „Bitte, gehen Sie! Sie haben mich so aufgeregt, ich möchte gerne allein sein!" rief sie abwehrend aus. „Ich soll gehen? Nun, wo Du das beglückende Wort ausgesprochen hast? Du willst mich wohl wahnsinnig machen; auf Ehre, Du brächtest das fertig." „Unsinn", entgegnete sie trocken. „Ich fühle mich nicht wohl — mein Kopf schmerzt. Sehen Sie denn nicht, daß ich unwohl bin?" „Nein, ich sehe nichts, als daß Du die schönste unter den Frauen und mein bist", sagte Faucourt, um sich dieses Umstandes von Neuem zu vergewissern. „Ja", wiederholte Lena, ermattet in ihren Stuhl zurücksinkend. „Und nun gehen Sie — Sie quälen mich." Seine Stirne zog sich finster zusammen und ein böswilliger Ausdruck erschien in seinen Augen. Er bemerkte, daß dieses Mädchen, obschon sie ihm ihr Jawort gegeben, ihn nicht liebe; aber dessen ungeachtet sollte sie die Seinigc werden. „Du führest eine seltsame Sprache, schöne Lena", sagte er bitter, seinen Platz au ihrer Seite wieder einnehmend und den Arm um ihre Taille legend. „Es ist gelinde ausgedrückt, sehr merkwürdig Jemanden, mit dem man sich eben erst verlobt hat, in dieser Weise zu behandeln — beim Henker, sehr merkwürdig." Lena's Herz klopfte stürmisch, sie vermochte kaum die Thränen zurückzudrängen. „Ich fühle mich wirklich elend, morgen wird es anders sein." 66tz - „Wünschest Du in der That, daß ich Dich verlasse und ich soll Dich dann erst morgen wiedersehen?" frug Fancourt, einigermaßen besänftigt. „Es ist eine sehr lange Verbannung", sagte sie mit einem erzwungenen Lächeln. „Du bist grausam, ich verstehe Dich nicht, auf Ehre nicht." „Ich meine, es sei doch nicht schwer zu begreifen, daß ich gerne über das Geschehene nachdenken möchte", entgegnete sie freundlicher. „Worüber nachdenken? Es ist zu spät, zurückzutreten, wenn Du dies vielleicht damit hast sagen wollen. Dein Wort ist verpfändet und glaube nur nicht, daß ich Dich je wieder frei geben werde." „Das wünsche ich auch nicht", erwiderte Lena mit festerer Stimme, als es bis jetzt der Fall gewesen. „Aber wenn Sie wollen, daß ich es nicht bereuen soll, so verlassen Sie mich jetzt." „Bis morgen denn", sagte Fanconrt, sie wiederholt umarmend. Lena duldete seine Zärtlichkeit, da sie nicht wagte, ihn noch ferner zu kränken. „Gedenke meiner, schöne Lena, so wie ich Deiner, und dann sei freundlicher gegen mich, wenn wir uns wiedersehen!" Mit diesen Worten, welcher einer Drohung ähnlich klangen entfernte er sich. (Fortsetzung folgt.) Quer durch Europa. Herbstreise eines Ermüdeten. Ko nstantinopel, 10. Oktober. Die Dircctoren der internationalen Schlafwagen-Gesellschaft, die sich das Verdienst und den Ruhm erworben hat, in Europa Bahn gebrochen zn haben, in der Vervollkommnung der Annehmlichkeiten auf langen Eiscnbahnfahrtcn, wie sie außerdem allerdings auch schon länger uns noch Nordamerika ausweist, hatten zur Eröffnung der Exprcßfahrten von Paris nach Konstantinopel mit dem neuen Wagenpark eine Anzahl von Personen zu Gast geladen, ähnlich wie es die Erbauer der Northern Pacific-Eisen- bahn in America gethan. Der mit ganz neuem Material und neuer Einrichtung ausgestattete Expreßzug ist ein rollender Gasthof größten Stils mit allen Annehmlichkeiten, die man sich nnr ausdeuten kann. Selbst Paris, das verwöhnte, hatte die Nengierde denn auch nicht bezwingen können und war am Abend des 4. Oktober zahlreich nach dein Ostbahnhofe geeilt, um den ersten wahrhaft modernen „Orient-Expreß" zu bewundern und seine erste Fahrt beginnen zn sehen. Die Reisegesellschaft bestand aus etwa 40 Personen, die sämmtlich Gäste der Schlafwagen-Gesellschaft waren. Wie die Wirthe (Oompaxnis Iritsrimbioimls äos IV NAONS-Iitzs) so war die Gesellschaft im besten Sinne international, da sie sich aus allen Nationen zusammensetzte; dein Berufe nach bestand sie aus Ministern, Diplomaten, Vorstehern von Eisenbahn-Gesellschaften, Bankinstituten, endlich Schriftstellern und zwei Damen, welch' letztere sich übrigens erst in Wien der bis dahin ausschließlich männlichen Reisegesellschaft anschlössen. Unser Zug bestand aus drei Nicseuwagen von je annähernd 14 m Länge; dazu kamen ein Gepäckwagen als erster, ein Küchcnwagen als letzter des Zuges. Von den drei großen Wagen enthielten zwei die reizend eingerichteten Wohnzimmercheu, theils für vier, theils für zwei Personen, die durch wesentlich vervollkommnete Einrichtungen in Schlafzimmer zn eben so viel Betten umgewandelt werden können; der dritte Wagen bildet einen prunkvollen Unterhaltnngs- und Speisesaal. Alle Säle, Gänge und Räume bis zu den naturgemäß kleinsten herab werden die ganze Nacht hindurch mit Gas hell erleuchtet. Die Hauptannehmlichkeit nun besteht darin, daß die Wohn- und Schlafwagen, abgesehen vor ihrer behaglichen Einrichtung, an der einen Langseite einen Gang haben, 670 auf welchem sich zwei Personen bequem ausweichen können und auf welchen von jedem der kleinen Zimmerchen eine besondere Thüre fuhrt. Ist man des Sitzcns auf den: Sopha vor seinem Schreib- und Lesctischcheu müde, so kaun man aus dem Ganqc auf und ab spazieren, seine etwa mitreisenden Bekannten besuchen, von Wagen zu Wagen wandeln, und da die Wagen alle miteinander durch gesicherte Brücken verbunden sind, in den Restaurationswagcn gehen und mit einem Bekannten ein Glas Wein trinken. Daß es in jedem Wagen ein Wasch- und Toilettczimmcr für Herren und cin's für Damen gibt, versteht sich. Durch die Einrichtung des Ganges in jedem Wagen erhalten die Wohn- und Schlaftänme, deren Thüren durchaus dicht schließen, nach einer Seite hin zweifachen Abschluß gegen außen und somit festen Schutz gegen Luftzug; ein Vorzug, der nicht hoch genug angeschlagen werden kaun. Daß jeder Zoll des Fußbodens mit warmen orientalischen Teppichen belegt ist, braucht auch eigentlich nicht erst gesagt zu werden. Unter solchen Umständen ist das Reisen ohne Aufenthalt in der That keine Anstrengung mehr, sondern eine fortgesetzte angenehme Zerstreuung, und Leute mit „Nerven", denen selbst der Schlaf nicht mehr Erholung bringen wollte, können hier wohl Heilung finden, wenn sie die wechselnden Landschaften von ganz Europa einmal von Ost nach West an ihrem Blick vorüberglcitcn lassen. Wir speisten nun allerdings nicht in Paris zu Abend, sondern in unserm Speisewagen; in ganz Paris aber hätte man uns ein feineres und reicheres Mahl nicht bereiten können. Als wir den Lärm der Boulevards etwa eine Stunde hinter uns hatten, in den traulichen bequemen Wohnzimmern uns zurecht gerichtet und gegenseitig uns einander bekannt gemacht hatten, setzten wir uns in den prachtvoll erleuchteten, mit riesigen Rosensträußen geschmückten Speiscsaal zu Tisch. Der Saal ist so eingetheilt, daß die Mitte als Gang frei bleibt, daß auf der einen Seite Tische zu je vier, auf der andern zu je zwei Gedecken aufgestellt sind. Es können ' bequem 34 Personen zugleich hier speisen. Wir waren glaube ich am ersten Tage 32. Der größte Theil der französischen Bahnstrecke war zurückgelegt, bevor die festlich.gestimmte Tischgesellschaft sich treunte und zu Bette ging, und als wir bei Straßburg über den Rhein fuhren, hatte wohl nur eiu ganz geringer Theil der Gesellschaft sich den Schlaf aus den Augen gerieben. Die meisten erwachten Wohl erst zwischen Karlsruhe und Stuttgart. Und da hatte man knapp Zeit, sich die veränderte Welt ein wenig anzusehen, sich anzukleiden, vielleicht einen Brief zu schreiben, wenn man zwischen Augsburg und München nicht zu spät kommen wollte zum gemeinsamen Frühstück. Das bayerische Land bis über die österreichische Grenze wurde meist bei Karten- und Dominospiel vertändelt, zum Gaffen blieb immer ja Gelegenheit zwischendurch, so wenn einer Karten gab oder Dominosteine kaufen mußte. Das ztvcite Abendessen täuschte uns über die Entfernung zwischen Wels und Wien hinweg; auf ungarischer Erde rollten die Wagen bereits, als wir zum zweiten Male seit Paris schlafen gingen. Zigeuner-Musik, die unterwegs in den Zug genommen worden war, weckte uns in der Gegend von Szcgedin aus dem Schlummer und spielte uns znm Frühstück bis nach Tcmesvar ihre Weisen auf. Der Nachmittag führte uns durch die malerischen Züge der südlichen Karpathenhünge hindurch, wo eine immer wieder neue landschaftliche Schönheit die vorhin gesehene überbot. Auf rumänischem Boden speisten wir Zu Abend und in Bukarest war der Zug viel zu früh morgeus schon eingelaufen, als daß die Gesellschaft hätte aus den Federn sein können. Ursprünglich war in Bukarest ein Aufenthalt von 24 Stunden geplant und darum war unser Zug statt Freitags schon Donnersstag abends von Paris abgefahren. Nun wollte es der Zufall, daß an demselben Sonntag, an welchem wir in Bukarest ankamen, das Schloß des Königs Karl in den Karpathen, Sinaja, feierlich eingeweiht wurde. Schon um die frühe Morgenstunde fuhren die Minister, die Präsidenten beider Kammern und sonstige Würdenträger hinaus und auch der „Orient Expreß" entschloß sich kurz, den Abstecher in die Karpathen an Stelle einer Besichtigung der Stadt Bukarest zu setzen. 671 Nach einer kurzen Wagenfahrt durch die rumänische Königsstadt dampften wir gemächlich durch die rumänische Ebene bis hinauf in den neuesten Karpathcnlnftcurart Sinaja. Gegen Mittag besichtigten wir das herrliche Schloß, welches uns aufs freundlichste gestattet wurde. Ja, zu unserer großen Ucberraschung und Freude ließ das Königspaar sagen, daß es uns persönlich sehen wolle. Und so verbrachten wir denn zwei Stunden als Gäste des rumänischen Königspaares in Sinaja. Es ist kaum zu schildern, mit welch vollendeter Vornehmheit und Freundlichkeit zugleich König Karl mit jedem einzelnen seiner Gäste sich zu unterhalten verstand, wie er unpassende Versuche, sich journalistisch' ausbeuten zu lassen, abwies und gegen den formlosen Zudringling selber und dessen Absichten kehrte sein interessirtcr Franzosenfreuud wollte die Skandale gegen König Alfons als harmlos und unbedeutend hinstellen und König Karls Zustimmung zu dieser Darstellung erprcsseuj, wie er stets leutselig, liebenswürdig verbindlich war und auf allen Gebieten zu Hause. Wurde ihm eilt Deutscher vorgestellt, so sprach er sofort Deutsch mit ihm. Das that auch die Königin, und dabei ereignete es sich, daß ein geborener Dentschböhiue die Frage der Königin: Sie sind ein geborener Deutscher? angesichts so vieler Franzosen nicht recht beantworten wollte. Die Königin löste ihm die Zunge sehr- geschickt mit den Worten: „Nun, Sie brauchen sich dessen nicht zu schämen!" Die Königin unterhielt sich mit allen Gästen und ganz besonders lebhaft und eingehend mit einem rheinischen Landsmanuc, dem es eine Herzensfreude ist, sagen zu dürfen, daß die deutsche Frau auf dem rumänischen Königsthrone bei aller Liebe für ihr Volk das Herz für die deutsche und rheinische Hcimath nicht verloren hat, wo ihre Wiege stand, wo sie einen Theil ihrer Erziehung genoß. Carmeu Silva, „der Wald ist ein Gedicht". Die königliche Frau hat sich ein richtiges Wort zu ihrem Dichternamcn gewählt. Diese herrlichen Wälder um Sinaja herum sind ein prächtiges Gedicht, und das Schloß, das jetzt mitten drimc vollendet steht, ist wie eine Art Musik zu diesem Gedicht. Es spiegelt den Geist der ganzen Umgebung in sich wieder. In altdeutschem Burgstil gebaut, ist es mit einem ebenso vollendeten Geschmack ausgestattet, wie es in „allen Einzelnheiten bequem und praktisch eingerichtet ist. Reich und'prächtig, aber nicht prunkvoll-aufdringlich sind die großen Em- pfangsränmc, behaglich und gemüthlich die Wohnräume. Es war eine Art Ehrgeiz unter den Zugehörigen der verschiedenen Nationen ansgebrochen, wo die Einrichtung, insbesondere die Holzarbciten angefertigt seien. Deutsche Industrie hat hier einen neuen Beweis ihres Könnens geliefert. Es ist ein Mainzer Haus, das die Einrichtung geliefert hat. In Bukarest kamen wir spät wieder an und suchten alsbald die Betten auf. Der Tag war doch etwas ermüdend gewesen, da die Wälder um Sinaja zu allzu langen Spaziergängen verleitet hatten. Zeitig morgens setzten wir über die Donau und betraten in Rustschnk das jüngste Fürstcuthum Bulgarien. Nach schneller Rundfahrt durch die recht malerische Stadt stiegen wir noch einmal in die Eisenbahn, um zuerst die öden Acker- und Wcidcflächcn, dann die äußerst formen- und farbenprächtigen Ausläufer des Balkangcbirges in Bulgarien zu durchstiegen. Welch ein Abstand gegen die reichen Gefilde Frankreichs und des Elsaß! Ein wundervoller Sonnenuntergang verklärte die Berge, als wir in Bnrna an Bord des Llohddampfers gingen, der uns in ruhiger Fahrt morgens bei Sonnenaufgang in den Bosporus einfuhr. Auf europäischer wie asiatischer Seite schlummern glänzende Villen zwischen dunklen Pinien und Cyprcssen, und eben bricht die Sonne warm durch die drohenden Wolken. Da liegt es vor uns, das ersehnte Konstautinopet. Die schimmernden Sultanspaläste, die riesigen Moscheen, das unentwirrbare und unübersehbare Gewirr der Häuser. Dazwischen auf dem Bosporus wie auf dem Goldenen Horn die Menge von Masten, Segeln und kleinen Booten, die uns förmlich umlagern, um uns an Land zu bringen: dieser Schlußeffect unserer Fahrt lahmt uns zeitweilig Bewegung, Sprechen und Denken. Paris, Konstantinopcl und was dazwischen liegt in fünf Tagen — Hans Dampf 672 ist doch der entschiedenste Fortschrittlcr unseres Jahrhunderts. Konstantinopel kann ich nicht schildern, noch die Herrlichkeiten, die uns der Sultan heute durch einen Adjutanten in seinen Palästen in Dolmabagdsche und dem alten Serail zeigen ließ. Auch die Sovhienkirche und das Janitscharenmuseum, die tanzenden und die heulenden Derwische, Skutari und die Prinzeninsel — all das, was wir theils gesehen haben, theils noch sehen sollen, gehört nicht hierher. Eins aber wollte ich: das Zwischendeck des Lloyd- dampfers, der uns von Varna hierher brachte, welches mit türkischen Auswanderern aller Classen, Altersstufen und Geschlechter vollgepfropft war — möchte ich so schildern können, wie es Andreas Achenbach malen würde, wenn er es in seinem Leben je gesehen hätte» Farbenprächtigen Schmutz gibt es doch nur im Orient. Wenn wir nun heute alle so frisch sind wie vor acht Tagen und ohne eine Spur von „Nerven" unermüdlich in Konstantinopel auf der Jagd nach Sehenswürdigkeiten sind, so danken wir das einzig den vollendeten Einrichtungen der neuen Wagen, der über alle Beschreibung vortrefflichen Verpflegung in Speise und Trank (alles eigene Regie der Gesellschaft) und, was schließlich noch mehr und dnukeswerther, der ausgezeichneten Liebenswürdigkeit und Gastfreundlichkeit unserer Wirthe, die sich ein ewiges Denkmal in der Erinnerung aller Mitreisenden gesetzt haben, dein von Paris an bei uns gewesenen Director Nagelmakers und Generalsekretär Le Chat, wie sämmtlichen Vertretern der Lompa-Auie Internationale cles JVa^ons-lits. (Köln. Ztg.) Miseellen. (Uebertrumpft.) Zwei polnische Juden sind von einem Kaufmanne gelegentlich der Leipziger Messe znm Essen eingeladen. Dem einen Juden entfällt beim Dessert der silberne Löffel; er hebt ihn auf steckt ihn aber — da es nicht bemerkt wurde — in seinen Stiefelschaft. Der andere Jude hatte dieß aber bemerkt und hätte auch gern einen silbernen Löffel. Beim Abschiede dankte er dem Gastgeber für freundliche Aufnahme und gute Bewirthung und sagte demselben, er wolle ihm noch einen kleinen Spaß machen, er sei ein Taschenspieler. Er nimmt den silbernen Löffel, steckt ihn in die Tasche seines Kaftans, klatscht in die Hände, „eins, zwei, drei" und sagt: „Jetzt ist der Löffel im Stiefel meines Kollegen." Jedermann lacht, denn der Löffel wird natürlich am bezeichneten Orte gefunden. Schmunzelnd entfernt sich der Jude mit seinem verdutzten Kollegen. (Eine Ente.) Ein Journalist trat an einen Bach und begann sich zu entkleiden. „Schwimmt bei Seite," rief eine alte Ente ihren jüngeren Schwestern zu: „Papa will haben." — (Die fünf Sinne eines Engländers) heißen: Gold, Spleen, Dampf, Beefsteak, Kontinent. (Das Stutzschwanzerl.) A.: „Entschuldigen Sie, das nette Stutzschwanzerk gehört gewiß Ihnen?" — B: „Bitte, das g'hört dem Huuderl." Fürst: „Ich habe schon sehr viele Virtuosen gesehen, sehr viele; aber Virtuos: „O, Hoheit!" — Fürst: „Aber so geschwitzt hat noch keiner, wie Sie." Räthsel» Du hörst's getrennt J»> Parlament Ton Rednern groß nnd klein' Doch uiigetrennt, Da ist's vergönnt Dem Richter nur allein. Auslosung des Räthsels in Nr. 83: „Blei. Leib. Beil." __ Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Dr. Max Huttlcr. / Nr. 85. 1883. jur „Äugsdnrger Postzeitung." Mittwoch, 24. Oktober Der Opalring. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) i Achtzehntes Capitel. Als sich die Thüre hinter Faucourt geschlossen hatte, stürzten die Thränen aus Lena's Augen hervor; mit zusammengepreßten Lippen, die Hände fest ineinander geschlungen, schritt sie hastig im Zimmer auf und ab, von Zeit zu Zeit in lautes Stöhnen ansprechend. Das höchste Ziel ihres Lebens hatte sie erreicht, und welches waren ihre ! Gefühle in diesem Augenblicke? Sie glaubte verzweifeln zu müssen. !> Erst seit kurzer Zeit drängte sich der schwärmerische, wenig einträgliche Gedanke ! an eine Heirath aus Neigung ihrem Herzen auf, um rasch wieder erstickt zu werden. § Es war nicht auffallend, daß sie ihrer Erziehung gemäß handelte. Sie wußte wie ihr Vater ein reicher Mann hätte werden können, wenn er nicht Ehre und Reinheit der Gesinnung allem Anderen vorgezogen hätte; schon von der frühesten Jugend an hörte sie ihre Mutter beständig über diese Thorheit ihres Mannes lamentiren und die Vortheile aufzählen, deren sie sich zu erfreuen haben würden, Nenn der Vater vernünftiger und mehr wie andere Menschen gehandelt hätte. Was Wunder, daß die Tochter ihren besseren Gefühlen mißtrauen lernte in der Furcht, diese möchten ihr auf dem Wege zum Glücke hinderlich sein! In dieser qualvollen Stunde, welche für sie die beglückendste hätte sein müssen, wandte sich ihr Herz mit stürmischem Verlangen St. Lawrence zu, und doch, wenn er jetzt vor sie hingetreten, um ihre Liebe gefleht und sie gebeten hätte, sein Weib, das p Weib eines armseligen, mit Noth und Sorgen kämpfenden Künstlers zu werden, würde I sie die Kraft besessen haben, um ihre glänzenden Aussichten zum Opfer zu bringen? Sie stellte sich diese Frage, und „nein, tausendmal nein", antwortete es in ihrem Innern. / Es ist so am Besten oder doch wenigstens unnütz, jetzt noch weiter darüber nachzugrübeln. / Entschlossen trocknete sie die Thränen von ihren Wangen ab. In Zukunft wollte sie nur die verführerischen Bilder des Lebens, welches sie als Gräfin von Alphington zu führen gedachte, vor ihren Blicken dulden. Getreu diesen: Vorsätze begann sie schon jetzt, sich in: Geiste mit den kostbarsten Gewändern und Juwelen geschmückt, bewundert, vergöttert und beneidet zu sehen, bis allmälig die Farbe auf ihre Wangen zurückkehrte, ihr anfangs so eiliger Schritt langsamer wurde und sie Bertha, welche aus den: Garten hereinkam, schon mit einen: Lächeln des Triumphes empfangen konnte. Als Mrs. Dalton das Hans verließ, hatte sie dieser in: Vorbeigehen eingeschärft, nicht das tsto-st-tsta zu unterbrechen, und wie wenig Gefallen Bertha auch an einen: solchen Manöver fand, so wagte sie doch nicht, den Befehl ihrer Mutter zu übertreten. Bertha war ja gewohnt, Vieles und Schmerzliches stillschweigend zu tragen, und was hätte es auch genützt, eine entgegengesetzte Ansicht zu äußern, da sie nicht die geringste Macht besaß, das zu ändern, was sie nicht billigen konnte. 674 Wie sie Fancourt raschen Schrittes, ohne sie aufzusuchen, den Garten verlassen sah und ihn mit barscher Stimme seinen Reitknecht herbei rufen hörte, tauchte die Hoffnung bei ihr auf, Lena's cdlere Gefühle hätten den Sieg davongetragen und der ehren- werthe Mr. Fanconrt sei abgewiesen worden. Sie verweilte noch einige Zeit zwischen den Blumenbeeten, um der Schwester Ruhe zu gönnen, sich nach der jedenfalls aufregenden Scene wieder zu sammeln, dann ging sie, gespannt, wie die Unterredung abgelaufen, dem Hause zu. Als Bcrtha eintrat, stand Lena in der Mitte des Zimmers mit einem stolzen, kalten Ausdrucke im Antlitze, der jede Zurechtweisung oder Theilnahme von vorn herein abzuweisen schien. Der Diamantreif funkelte an ihrem Arme. Bcrtha's erster Blick fiel darauf und ihr Muth sank. Die Annahme eines solch' wcrthvollcu Geschenkes ließ nur eine Deutung zu. Mit spöttischem Lächeln, die ernste Haltung ihrer Schu-ester beobachtend sagte Lena: „Nun, Bertha, weshalb wünschest Du mir nicht Glück?" „Ist es denn wirklich entschieden?" frug diese in besorgtem Tone. „Ja, es ist entschieden." Lena unterdrückte einen leisen Seufzer. „Ist das nicht ein prachtvolles Verlobungsgeschenk?" Sie hielt Bertha mit diesen Aorten das Armband hin. „Ja, es ist wunderschön aber, Lena, wenn ich nur auch die Gewißheit hätte, daß Du wahre Liebe für Air. Fanconrt empfindest!" „Liebe!" wiederholte ihre Schwester mit bitterem Lachen. „Man könnte fast glauben, Du seiest eine Schäferin des goldenen Mittclalters. Meinetwegen magst Du, holde Amarylli's, Deine Liebe für Dämon preisen, so viel Du immer willst, aber ich bitte Dich, versuche doch nicht, diese Idyllen in das prosaische neunzehnte Jahrhundert hinüber zu verpflanzen." Bertha blickte sie traurig an; diese leichtfertige Aeußerung verrieth ihr mehr noch als ein offenes Geständniß, welcher Schmerz das Herz Lena's erfüllte. Sie legte ihre Arme um den Hals der Schwester und küßte sie herzlich, indem sie frug: »Ist es zu spät?" „Ja, es ist zu spät, Du thörichtes Gänschen", entgegnclc diese, die Liebkosungen Bertha's abwehrend, da sie fürchtete von der eignen Rührung überwältigt zu werden. „Sieh mich doch nicht so bedauernd an; die zukünftige Gräfin von Alphington ist wahrlich kein Gegenstand des Mitleids. Dort kommt Mama, sie wird mir mit Freuden gratuliren." Mrs. Dalton schritt rasch, nicht ohne einige Besorgnis; über den Verlauf der Unterredung, den Garten Pfad entlang; sie erwartete Fanconrt noch anzutreffen und war bereit, ihm ihren mütterlichen Segen zu ertheilen. Als sie das Wohnzimmer erreichte, und die beiden Mädchen dort allein erblickte, erschrack sie heftig, aber ein Blick auf Lena's Arm machte ihrer Furcht ein Ende. „Meine liebe, theure Lena!" rief sie, auf diese zueilend und in ihre Arme schließend, aus. „Ich brauche nichts zu fragen, ich sehe schon, daß alles so ist, wie es sein sollte. Von ganzem Herzen wünsche ich Dir tausendmal Glück, mein liebes Kind." „So ist es recht, Mama", antwortete Lena mit demselben halbvcrächtlichen Lächeln, mit welchem sie auch der Schwester ihre Verlobung angezeigt hatte. „Bertha konnte es nicht über sich gewinnen, mir etwas Artiges darüber zu sagen." „Hoffentlich wird der Erfolg Deiner Schwester Dir zum Vorbilde dienen und Dich etwas Vernunft lehren", wandte sich Mrs. Dalton an ihre jüngere Tochter. Und Lena von Neuem umarmend, fuhr sie fort: „Wie glücklich hast Du mich gemacht, mein Herz! Aber weshalb ging Mr. Fan- court schon weg?" Warum hat er mich nicht abgewartet?" „Weil ich ihn fortschickte. Sei unbesorgt, er wird schon morgen wiederkommen", sagte Lena, das schwere Armband ablegend. «75 „Es soll mich einmal wundem, wann er die Hochzeit zu feiern wünscht", begann Mrs. Dalton, mit ihren eignen Gedanken beschäftigt. „Natürlich müssen Heirathsverträge und dergleichen gemacht werden, aber das wird uns doch vermuthlich nicht an dem Besuche zu Larkspur hindern. Der ehrenwcrthe Mr. Faucourt kann ja nicht wie ein gewöhnlicher Mensch schon nach einigen Wochen hcirathen. Und Dein Trousseau muß besorgt werden. Bertha, Du mußt mir das Geld geben, welches Du für das letzte Halbjahr eingenommen hast; es ist freilich nicht viel, aber etwas hilft es doch. Siehst Du jetzt l ein, wie gerechtfertigt mein Wunsch war. Du möchtest keinen Unterricht mehr ertheilen, das wäre ja höchst unpassend, wo Deine Schwester im Begriffe steht, eine so vornehme Dame zu werden, und dann noch cin's, Bertha, ich muß Dich dringend ersuchen, gegen Niemanden mehr erwähnen, daß Du je Musikstunden gegeben hast, es darf nicht bekannt werden, daß Mrs. Faucourt's Schwester genöthigt war, Unterricht zu ertheilen. Mrs. Dalton, welche während des Sprechens die Hutbänder gelöst, und den Mantel abgelegt hatte, war vollständig athcmlos. „Soll ich Deinen Hut hinauftragen, Mama?" frug Bertha, die Bemerkungen ihrer Mutter unerwidert lassend. „Bitte, sei so freundlich. Ich muß gestehen, daß ich vor lauter Entzücken ganz außer mir bin. Wenn ich an Deiner Stelle wäre, Lena, so würde ich den Wunsch äußern, die Gemächer in Magnus Squire für den Fall, daß ihr dort wohnen werdet, neu einzurichten. Wenn sie seit dem Tode der Lady Alphington vor fünf- oder sechs- > undzwanzig Jahren nicht mehr gebraucht worden sind, so müssen sie ganz verblichen und »umodern sein. Und der Familienschmuck wird doch auch neu gefaßt. Sagte Mr Faueonrt nichts darüber?" „Doch schwerlich jetzt schon, Mama", erwiderte Lena; „zudem bezweifle ich, ob , Mr. Fancourt selbst etwas darüber weiß. Der alte Lord Alphington scheint ihn in respektvoller Entfernung zu halten. Kannst Du das begreifen? diesen entzückenden Enkel?" i „Nun entzückt finde ich ihn gerade nicht", sagte Mrs. Dalton, welche Lena's ! ironische Bemerkung nicht verstand. „Man kann freilich nicht Alles zusammen haben, und es ist gut, wenn Du so denkst oder doch wenigstens so sprichst", setzte sie sich ver- t bessernd hinzu. „Ist Dir Lord Alphington damals in Lackspur nicht sehr stolz vorgekommen? —" „O nein", antwortete Bertha, welche mit einer kleinen Spitzenhaube für ihre Mutter zurückkehrte. „Er war durchaus nicht hochmüthig; bitte setze Dich, Mama, ich will sie Dir feststellen." > Mrs. Dalton, die noch fortwährend gestanden hatte, ließ sich ganz erschöpft auf s einen Stuhl nieder. l „Es überrascht mich nicht, Bertha, dieses Urtheil von Dir über Lord Alphington zu hören", entgegnete ihre Schwester. „Er schien Dich in sein Herz eingeschlossen zu haben. Der Opalring umgab Dich mit einem magischen Zauber. Aber ich werde ihn zwingen, auch mich gerne zu haben, ich weiß, daß ich es kann, wenn ich es nur will." „Natürlich wird Dir das gelingen, mein liebes Kind", stimmte Mrs. Dalton bei. Lena warf sich ermüdet anf's Sopha nieder; es war ihr zu Muthe, als ob sie nie mehr mit leichtem Herzen ihr Lieblingsplätzchen am Fenster einnehmen könne. „Mama", sagte sie nach einer Weile, den Kopf wieder erhebend, „ich will Mr. Fancourt bitten, mir gerade einen solchen Ring, wie der verloren gegangene, machen zu lassen. Es wäre nicht schwer, dem Juwelier eine genaue Zeichnung davon zu geben. Erinnerst Du Dich noch, wie ich damals, als ich ihn zuerst sah, sofort wünschte, er wäre mein. Und jetzt hätte ich das Recht ihn zu tragen." „Du kannst wohl einen ähnlichen Ring anfertigen lassen, aber es wird doch nimmer der echte sein", bemerkte Bertha, zum Fenster hinausblickend. Mir würde ein solch' nachgemachtes Ding keine Freude machen." 676 „Weshalb nicht? Die Steine sind doch jedenfalls echt." „Und der Opal bedeutet: „Treue Liebe", fügte Bertha, ohne umzuschauen, hinzu. „Hüte ihn wohl, damit er seinen feurigen Glanz nie verliert." „Man sollte wirklich glauben, Du seiest abergläubisch wegen des Ringes", erwiderte Lena errathend. „Dazu habe ich doch gewiß keine Veranlassung", antwortete ihre Schwester lächelnd. „Die Prophezeiung hat sich ja als falsch erwiesen — sonst müßte ich die zukünftige Gräfin von Alphington sein." „Du? Wie unwahrscheinlich!" rief Mrs. Daltou wegwerfend aus. „Allerdings sehr unwahrscheinlich, Mama", bestätigte Bertha ernst, und für sich setzte sie hinzu, daß Mr. Fancourt vergebens um sie würde geworben haben, wenn er auch der Erbe von zwanzig Grafschaften und der Besitzer aller Reichthümer Indiens wäre. Neunzehntes Capitel. Als Fauconrt nach seiner Verlobung mit Lena Dalton Joy Totlage verließ, hätte er dein Anscheine nach ein glücklicher Mann sein müssen; Alles, wonach er gestrebt, gehörte ihm, seine Bewerbung war mit Erfolg gekrönt worden, er hatte die Braut errungen, welche er, seinen eigenen Worten gemäß, verzweifelt liebte und zwar so verzweifelt liebte, daß er bereit war, eher Alles zu wagen, als sie zu verlieren, und doch fürchtete er sich. Die günstige Gelegenheit und seine Leidenschaft hatten ihn zu der That, deren Folgen nun auf ihm lasteten, fortgerissen. Diese Erwägungen gönnten ihm, seit er Lena verlassen, weder Ruhe noch Rast; die Anwesenheit des Reitknechtes wurde ihm unerträglich, er schickte ihn nach Hause und sprengte in wildem Trabe davon. In den alten Märchen wird erzählt, daß die bösen Geister dem Auge zuerst als unbestimmte Nebel erscheinen, woraus sich dann allmülig die Schreckensgestalt entwickelt — ganz so erging es Fauconrt. Seine düsteren verworrenen Gedanken schlugen nach und nach eine bestimmtere Richtung ein, und wie es klarer in seinem Geiste wurde, entsank ihm der Muth. Er versuchte, sich zu beruhigen, indem er sich vorspiegelte, die Umstände hätten ihn ja dazu veranlaßt; wie gerne würde er den geraden Weg des Rechtes gewandelt sein, wenn der ihn nur zu dem gewünschten Ziele geführt! Trug er die Schuld, daß dies nicht der Fall war? Eine Tücke des Schicksals warf ihn grausamer Weise dem Laster in die Arme. Er finde ja kein Vergnügen daran, Böses zu thun, — im Gegentheil es verursachte ihm geradezu Schmerz, Jemanden etwas Ucbles zuzufügen. Aber was bleibe ihm anders übrig, da man ihm im Wege stehe. Jetzt könne er in keinem Falle mehr zurücktreten. Auch das hielt er für ein böses Verhängnis;, daß er mit Lena allein geblieben und deshalb zu weit gegangen war. Er hatte sich ja nur vergewissern wollen, welche Aussichten er habe, und dann abwarten wollen, ob ihm nicht ein glücklicher Zufall zu Hülfe komme. Aber nun zwangen ihn die Verhältnisse zur dunkelen That und er konnte nicht anders, er mußte sie vollbringen. Sein Aeußeres verrieth nicht diesen inneren Sturm, als er am anderen Morgen zu Joy Cottage erschien. Er hatte eine lange zufriedenstellende Unterredung mit Mrs. Dalton, welche, obgleich er keine Versprechungen betreff des Ehekontractes machen konnte, gewillt war, dem Edelsinne Lord Alphington's in diesem Punkte zu vertrauen; später wurde Mr. Fauconrt von Lena mit holdem Lächeln empfangen. Mrs. Dalton's Schilderungen des außerordentlichen Vortheils, den diese Eroberung ihr gewähren würde, hatten Lena dermaßen beeinflußt, daß sie wenigstens äußerlich gleichmüthig erscheinen konnte. Es macht ihr Freude, verzärtelt und vergöttert zu werden; dem kleinen Umstände, daß sie den Mann, welcher im Begriffe stand, sie auf den Gipfel ihres getränintcu Glückes zu heben, nicht lieben könne, mußte sie sich fügen; es wäre ja unbescheiden gewesen, alle Wünsche befriedigen zu wollen. (Fortsetzung folgt.) Die Katastrophe auf den Sunda-Jnselu. Amsterdam, 11. Oktober. Wiewohl Sie bereits mehrfach über das furchtbare Unglück, von welchem die Bewohner der Sunda-Jnseln heimgesucht wurden, berichtet haben, mag Ihren Lesern noch einiges aus den Berichten der dieser Tage hier eingetrvffeneu indischen Blätter willkommen sein. Neben Bekanntem enthalten dieselben auch noch manche neue Einzelheiten. Zuerst möge ein aus Batavia 1. September datirter Bericht des „Javaboten" folgen. Derselbe lautet: Die Woche, welche heute zu Ende geht, ist eine der denkwürdigsten und schrecklichsten, die West-Java und Sumatra je erlebt haben. Das Hanptthor unseres Archipels, die Snndastraßc, ist durch eine heftige Eruption des Vnlcans auf der kleinen Insel Krakatoa ganz von Gestalt verändert. Verschiedene Inseln sind versunken, andere aus der Tiefe emporgestiegen, noch andere in Stücke gerissen, und die Küsten rechts und links sind durch die wilderregte See so fürchterlich heimgesucht, daß alle Städtchen und Dörfer mit ihren Einwohnern fortgeschwemmt wurden. Wo der Reisende, welcher von Südwesten aus Niedcrländisch-Judieu erreichte, früher durch die lieblichen Naturschöuhcitcn überrascht wurde, ist jetzt alles ein Bild des Todes und der Verwüstung. Alle Lencht- thürmc und sonstigen Erkennungszeichen an einem der ersten Handclswege der Welt sind vernichtet. Anjcr besteht nicht mehr, Tjiringin ist verschwunden, ebenso Telok Betoug, Merak, Karang Antoe und andere Orte, längs der Küste. Die Einwohner, Europäer und Inländer, welche sich am Sonntag Abend und in der Nacht nicht in die Berge retten konnten, wurden von den mit Blitzesschnelle hereinbrechenden Wogen erfaßt und verschlungen. Bis ganz in der Nähe von Batavia sind Menschen von der Futh hinweg- gerafft worden. Kurz, am Montag den 27. August 1883 haben West-Java und Süd- Sumatra ihre Herculaunm und Pompeji erlebt. Wir wollen hier die Ereignisse, wie sie aufeinander folgten, kurz zusammenfassen. Am Sonntag den 26. August vernahm man hier in Batavia plötzlich ein lautes Getöse, von heftigen Schüssen unterbrochen, aus Westen kommend. Jeder ahnte sofort, daß der Vulean aus Krakatoa, der nach 200jährigcm Schlafe seit den: 20 Mai d. I. fortwährend Flammen und Asche von sich gegeben hatte, hier im Spiele sei. Die Luft war bedeckt und außergewöhnlich schwül. Niemand dachte aber noch an ein Unheil, selbst nicht zu Bantong, ivo man einen ziemlich heftigen Erdstoß empfand, und die hier in Indien so seltsame Erscheinung eines Hagelschauers hatte. Als gegen 2 Uhr von hier nach Anjer um Aufschluß wegen des Getöses telcgraphirt wurde, kam die Antwort: „Hier so dunkel, daß man keine -Hand vor Augen sehen kann; Krakatoa ist ganz in Rauch gehüllt." Das war leider der letzte Bericht, den Anjcr in die Welt sandte! Am Nachmittag zwischen 4 und 5 Uhr wurde der Lärm immer stärker die Schlüge verdoppelten ihre Kraft, so daß ein inzwischen sich entladendes Gewitter ganz von dem fürchterlichen Knallen und Toben des Vnlcans übertönt wurde. Mit begreiflicher Spannung und Sorge sah man der Nacht entgegen, und kurz nach Mitternacht wurden diejenigen, die sich zur Ruhe begeben hatten, durch einen fürchterlichen Schlag geweckt, der Fenster und Thüren aufspringen und die Häuser dröhnen ließ; das Gas erlosch an vielen Stellen, und viele kleinere Gegenstände wurden durcheinander geworfen. Die Erscheinungen wiederholten sich während der ganzen Nacht, die von den Meisten durchwacht wurde. Endlich kam der Montag, und Jeder begrüßte mit Freuden das Morgenlicht. Wenige dachten wohl, daß dieser Tag eigentlich kein Tag sein würde, und daß er den Untergang von Tausenden herbeiführen würde. Die Luft war dunstig, kein Blatt, kein Halm bewegte sich, es lag eine unheilverkündende Schwüle über der Stadt; doch das Leben ging seinen gewöhnlichen Gang, Alles eilte zur Arbeit. Plötzlich um 0 Uhr etwa verfinsterte sich die Luft, eine gleichmäßig wachsende unerklärliche Finsterniß verbreitete sich ringsumher, und gegen 11 Uhr war es so dunkel, daß man nichts mehr sehen konnte und überall das Licht anzünden mußte. Die meisten Comptoire, Bureaux, Schulen rc. wurden geschlossen, und alles begab sich nach Hause. Das Getöse der Eruption dauerte immer fort, und die Dunkelheit hielt an; es fiel ein Aschenregen, und die Luft ließ am östlichen Horizont einen seltsamen mattgelbcn Rand wahrnehmen. Bald trafen auch Telegramme aus Scrang in Bantam ein, welche meldeten, daß das chinesische Lager zu Poelve Mcrak von der Hochfluth fortgerissen sei. Wie sich später herausstellte, war das ganze Etablissement zu Mcrak (große Steingrubcu) auf Bautams Nordküste vernichtet. Westlicher als Serang befand sich keine telegraphische Verbindung. Der Draht nach Auser war zerstört, ebenso der nach Tclok Betong. Was ging dort vor in der Umgebung der Sundastraßc? Niemand wußte es; aber Jeder befürchtete das Schlimmste. Um 1 Uhr wurden diejenigen, die noch in der untern Stadt geblieben waren, durch die Hochfluth überrascht. Alles ergriff die Flucht, und glücklicherweise hatten wir hier kein Menschenleben zu beklagen. Die Fluth stieg eine Elle hoch und setzte viele Kähne, ja selbst ein kleines Dampfschiff auf den Damm des Hafencanals; die Erscheinung wiederholte sich noch öfters im Laufe des Tages. Dazwischen war es empfindlich kalt geworden; das Thermometer war um fünf Grad gefallen; das Barometer schwankte den ganzen Tag. So ging der Mittag vorbei, und gegen Abend langte in rascher Folge die Hiobs- posten an, die uns die greuliche Verwüstung, durch das Erdbeben und die Hochfluth angerichtet, schilderten. Aus der ganzen Umgegend trafen Berichte ein, daß Brücken fortgerissen, Häuser eingestürzt und viele Menschen umgekommen seien. Die Nacht verging ruhig; am Dienstag vernahmen wir die gänzliche Zerstörung Unsers und der übrigen bereits genannten Ortschaften. Ganz Bantam hat den Gnadenstoß erhalten. Alles liegt unter der vulkanischen Asche begraben. Die Thiere haben kein Futter mehr. Die Eingeborenen aber sind von Fanatismus besessen, und schreiben die Ursache der Katastrophe der Behandlung ihrer Glaubensgenossen in Atchin zu. Die Europäer sind dort kaum ihres Lebens sicher. Außer diesem allgemeinen Bericht, der sich hauptsächlich auf das in Batavia Erlebte und Empfundene beschränkt, enthalten die indischen Blätter ganze Spalten voll interessanter und ergreifender Episoden über die Schicksale einzelner Personen und Familien. Einiges davon wollen wir noch wiedergeben. Von Tclok Betong kam ein Schiff mit der Nachricht, daß der Ort nicht von der Landseite zu erreichen sei. Der Controleur Bayerinck mit Frau und Kindern sind mitgekommen, mit schweren Brandwunden bedeckt. Die Bevölkerung ist sehr aufgeregt; der Controleur mußte, um nicht ermordet zu werden, versprechen, Reis zu senden. In dem Campong'schen Districte herrscht Anarchie. Die noch lebenden Europäer sind in großer Gefahr. Drei Meilen landeinwärts ist alles verwüstet; von dem herrschenden Elend kann man sich keinen Begriff machen. Man fand Tausende von Leichen ini Wasser treibend. Eine andere Nachricht lautet: „Nach Berichten von Schissen, die aus der Sundastraßc angekommen sind, trieben am Eingang der Straße so viele Leichen umher, daß ein Schiff dadurch in der Weiterfahrt behindert wurde. In Anjer waren zu wenig Hände, uin die Leichen zu begraben, so daß unerträgliche Miasmen sich verbreiteten." Officicll wird berichtet von dem Residenten von Batavia unterm 31. August: „Vorgestern Abend zu Mauk angekommen. In vielen Orten große Verwüstungen gefunden. Täglich werden die Trümmerrcste der Häuser untersucht; schon ca. 900 Leichen gefunden und begraben. Leute unwillig zur Arbeit, ohne Aufsicht aus Raub bedacht. Gänzlicher Mangel au Nahrungsmitteln." Aus Kramat wird dein „Allgm. Dagbl." geschrieben: „Einer der Ersten, welcher dem Residenten Bericht über das Unglück brachte, war- der Herr Jacob Deurwaarder. Als das Wasser stieg, sprang er in einen Wagen und fuhr im Galopp davon. Von der Flnth überholt, wurde er gegen einen Baum geschleudert, der widerstand und den: er seine Rettung zu verdanken hat." Ebenso erging es Andern. Ein vr. Dilliö von Unser lag bei dem Hereinbrechen der ersten Flnthwelle am Morgen 67S des 27. August noch zu Bett und wurde hinausgeworfen. Er fand seine Frau und sein Kind in der Küche oben auf dem Herd und flüchtete mit ihneu in die Berge. Dort wurden die Fliehenden mit glühender Äsche überschüttet. Lange irrten sie umher, und als sie endlich ein Dorf erreichten, wurden sie von den Eingeborenen vertrieben, und wollte Niemand ihnen etwas Nets oder Wasser geben. So die glaubhaften Berichte; daß auch viele Uebertreibungen mit unterlaufen, ist erklärlich. Das Tollste leistet wohl ein Korrespondent, der „Haifische und Krokodile durch die Luft fliegen" läßt. Das erinnert an Münchhäusen, wird aber sogar von großen Blättern (auch das „Berliner Tageblatt" gehört dazu) ohne Kommentar mitgetheilt. Außer dem entsetzlichen Unglück, das immerhin 20,000 Menschen das Leben gekostet haben mag, ist am meisten die bedenkliche Gesinnung der Eingeborenen zu beklagen, welche zeigen, daß es nur eines geringen Anlasses bedarf, um den Vnlcau des fanatischen Islam zu einer allgemeinen Eruption zu fuhren. Alirndglockett. Die Abcndglocken, die Abendglocken, O wie sie meine Gedanken locken Weit fort, so weit Zu der Jugendzeit. In des Walddorfs friedliche Einsamkeit. Noch blüht am Kirchlein der Weiße Flieder Die düst'ren Linden, sie grünen wieder, Und die Kindcrschaar Im blonden Haar Spielt aus den Gräbern immerdar. Sie singen stets noch die alten Sänge Die Hcimatlante, die süßen Klänge, Und seh'n den Mann Verwundert an, Den Fremdling, wie er nur weinen kann. Hier unteren Steine, dort nntcr'm Rasen Rnh'n theure Herzen, die laugst genasen Nach Sturm und Streit Von allem Leid In des Grabes stiller Vergessenheit. Mir ist's, als winkten mir liebe Hände, Als hört' ich Stimme», die ich verstände; „Kehr' ein, kehr' ein Nach Harm und Pein; Nun komm' doch, komm' doch, wir harren dein!" Die Welt, die Wüste durchirrt' ich lange, Und müde bin ich vom schweren Gange; Ein Pilger, der matt Sich gewandert hat, Grüßt sroh die Thürme der heil'gen Stadt. Die Abcndglocken, die Abendglocken, O wie sie laden, o wie sie locken! Der Tag vergeht, Die Nachtluft weht; Bald werd' ich schlafen! es ist schon spät. F. Weber. M i s c e l l e n. (Ueber die häuslichen Beschäft-igungen des himmlischen Kaisers") bringt der „North China Herald" folgende Mittheilung. Seine „Majestät" ist jetzt elf, Jahre alt und wird erst nach fünf Jahren für volljährig erklärt werden. Jetzt heißt' man ihn noch „Fo-Ieh", den Buddha-Bater, und diejenigen, die in seiner Nähe erscheinen dürfen, beten ihn als einen Gott an. Er war nicht im Purpur geboren — und das war ein Glück für ihn, denn jetzt getraut sich ihn Niemand anzurühren. Als er ein unbedeutendes Prinzchcn war, wurde er geimpft. Seine Mutter besucht ihn einmal jeden Monat und kniet vor ihm nieder, jedoch um sich unverzüglich wieder zu erheben; auch sein Batcr thut dasselbe. Acht Eunuchen bedienen ihn bei Tag und bei Nacht, während die Zahl der Diener bei besonderen festlichen Gelegenheiten zahllos ist. Der „göttliche" Knabe ist ganz allein, und die Eunuchen intcrveniren sofort, wenn er,, zu großen Appetit entwickeln sollte. Er lernt Chinesisch und Mandschn jeden Tag und zwar jede der beiden Sprachen während anderthalb Stunden. Zwei Stunden bringt er mit Ncitübungen und Bogenschießen zu und im Winter fährt er im Schlitten aus. Seine Lehrer fallen, sobald sie zu ihm treten, aus die Knie nieder, dann aber sitzen sie.. (Zas das arme Kind mit der übrigen Tageszeit anfängt, wird Niemanden mitgetheilt. 680 Er wohnt in den Gemächern seines Vorgängers und schläft in dem ungeheuren Bette, das mehrere Kaiser als Dioan benutzt haben. Die Minister machen ihm täglich ihre Aufwartung um die vierte, fünfte und sechste Stunde des Vormittags, während er in der großen Nathshalle auf seinem Throne sitzt. (Belohnte Unverschämtheit.) Ein Pariser Spezialarzt hatte — so erzählt das „Journal des Debats" — einen reichen Pastetenfabrikantcn aus Straßbnrg von einem hartnäckigen Uebel geheilt. Eines Tages meldete sich der glücklich Genesene, um dem Doktor zu danken und eine Gänselebcr-Pastete anzubieten. Der Arzt fürchtete, die Annahme des Geschenkes könnte ihn verhindern, ein hohes Honorar zu fordern, und entgegnete, er habe den Grundsatz, niemals Geschenke anzunehmen; er begnüge sich mit dem Honorar. Nun erkundigte sich der Elsässer nach dein Betrage seiner Schuld. „1200 Franken", war die Antwort. Der Besucher zog sein Messer aus der Tasche, zerschnitt die Pastete, nahm zwesi Tauseudfrankscheine heraus, die in einer silbernen Kapsel sorgfältig verschlossen waren, und bat den beschämten und ärgerlichen Mann der Wissenschaft, ihn: achthundert Franken zurückzugeben. (Das idloir xln8 nitra. der Findigkeit) hat ein Berliner fertig gebracht, welcher die „Tgl. Ndsch." um Gratis-Aufnahme folgenden Inserates angeht: „Für Raritätensammler". Bekanntlich hing der Sieg der Schlacht bei Kuncrs- dorf au einem Haar. Dieses Haar habe ich nun nach langen mühevollen Ausgrabungen auf dem genannten Schlachtfelde gefunden. Gegen Einsendung von 2000 Lstr. bin ich gern bereit, es reichen Engländern oder sonstigen Kuriositätensammlern portofrei zu überlassen. Näheres in der Exped. d. Blattes. (Eine stete, sinnige Erinnerung an den 12. September 1683) den Sieg scher den Halbmond des Islam, sind unsere „Hörnchen", die Wiener Kipfelu. — Die lautere Freude über die glückliche Bcsiegnng des Kara Mustapha gab Wiener Bäckern den Gedanken ein, den Halbmond essen zu lassen, deshalb bücken sie vom Jahre 1683 ab halbmondförmige Brode, die ihre zeitgemäße Bedeutung durch 200 Jahre noch lebendig erhalten haben. (Buchstäblich befolgt.) Herr (zu seinem Diener): „Johann, geh'zum Bahnhof, und schau', wann der letzte Zug abgeht." — (Nach zwei Stunden kehrt der Diener schweißtriefend zurück.) — Herr: „Ja, um Gottes Willen! Wo warst Du so langes" — Diener: „Ich hab' müssen höllisch lang' warten, aber jetzt ist er gerade abgefahren." (Alle Tage jünger.) „Gott, was sch'u Se aber gut aus, Herr Inspektor! Se werden wahrhaftig jeden Tag jünger!" — „„Ja! wenn das so fortgeht, werde ich mir auch nächstens meine Windeln wieder hersuchcn lassen."" (Die Wahrheit.) Unteroffizier: „Was versteht man unter Heuchelei?" — Nekrut: „Heuchelei ist-ist-wenn irgend Jemand sagen that: — er hätt'- seinen Vorgesetzten gern." _ ck! ii t h s c l. Zwei Silben zählt das Wort; mag prunkvoll sein, Was eS dir nennt, dich täusche nicht der Schein; Das Innere prüfe, ob es Tand und Spreu, Ob echtes Gold und Geistesnahrung sei. Nun aber trenne rasch das Silbcnpaar, Den Tonfall ändere; neuer Sinn ist klar; Ob» steht im Bücherschrein, ob's schmückt den Hut, Gleichviel; nur wähle stets, was schön und gut! Auflösung deZ Räthsels in Nr. 84: „Frei sprechen, Freisprechen." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischcn Instituts von Dr. Max Huttler. Nr. 86. 1883 . »ur „Äugstmrger postzeituug." Samstag, 27. Oktober Der GpnlrLng. Roman aus dcm Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Das Troussean wurde schon bald in Angriff genommen. Lena hatte ihren Verlobten gebeten, den antiken Opalring noch machen zn lassen, nnd dieser ging bereitwillig anf ihre Laune ein. Der folgende Nachmittag wurde zur Excursion festgesetzt, wo Fan- court mit dem Wagen kommen und Mrs. Dalton und Lena zum Goldarbeiter abholen solle. Bertha sehnte sich darnach, endlich einmal zu Hause zu sein. Je näher sie Fau- court kennen lernte, um so größeren Abscheu empfand sie gegen ihn. Es war ihr ein schrecklicher Gedanke, die Zukunft der Schwester, welche sie so aufrichtig liebte, seinen Händen anvertraut zu sehen, und dann ermüdete sie auch dieses unaufhörliche Sprechen über Kleider, Juwelen und Möbel, als ob außer diesem Ereignisse nichts Anderes auf der Welt mehr von Interesse sei. Die beiden Mädchen, deren Zimmer aneinander stießen, pflegten früher beim Zubettgehen über die Erlebnisse des Tages zu plaudern; aber jetzt schloß Lena unter dem Vorwande, zu schläfrig für jegliche Unterhaltung zn sein die Thüre, so daß Bertha, ausgeschlossen von dem Vertrauen ihrer Schwester, sich doppelt einsam fühlte. Allerdings wurde ihr guter Geschmack und die geschickten fleißigen Hände nichtsdestoweniger fortwährend in Anspruch genommen. Sie war herzlich froh,- einige freie Stunden zn ihrer Verfügung zu haben und setzte sich an's Klavier. Aber kaum hatte sie die ersten Akkorde angeschlagen, als Douglas eintrat. — Sie sprang auf und begrüßte ihn mit freudigem Lächeln; die Anwesenheit des Freundes war ihr in der gegenwärtigen Stimmung doppelt erwünscht. „Störe ich?" frug er, die Hand, die sie ihm entgegen streckte, ergreifend. „O nein, nicht im mindesten. Es macht mir Vergnügen, daß Sie gerade jetzt gekommen sind; ich habe hier einige neue Lieder und möchte, wenn es Ihnen recht ist, Ihre Meinung darüber hören." Es war Douglas recht, er liebte es, Bertha singen zu hören. Als sie geendet, wandte sie sich auf dem Klavierstuhlc um und unterhielt sich mit ihm über Musik. Nach einiger Zeit sagte Douglas: „Werden Sie es mir verdenken, wenn ich Sie um etwas frage, was mich dem Anscheine nach nichts angeht? " „Glauben Sie, daß ich Ihnen so leicht böse sein kann? Was ist es?" „Auf dem Wege hierher sah ich Ihre Mutter und Schwester mit Mr. Faucourt im Wagen sitzen. Hat das etwas zn bedeuten?" Douglas stellte diese Frage mit außergewöhnlichem Ernste. „Ja, sogar sehr viel. Ihnen darf ich wohl mittheilen, daß meine Schwester mit Mr. Faucourt verlobt ist." 682 „Wirklich? Also ist es so weit gekommen?" rief er in solchem Schrecken aus, daß Bertha überrascht sagte: „Sie ängstigen mich, Mr. Douglas. Was haben Sie gegen Mr. Fancourt?" „Ich kenne ihn persönlich nicht; vor einigen Wochen traf ich ihn zum ersten Male - hier und seit der Zeit traf ich ihn nicht wieder. Von Herzen wünschte ich, daß dieses sich nicht ereignet habe." Die Worte selbst beunruhigten Bertha weniger, als der Ton, in welchen: er sprach: „Sie wissen mehr, als Sie mir sagen wollen; bitte verhehlen Sie mir nichts." „Douglas erhob sich und trat an's Fenster; er schien seine Gedanken sammeln zu wollen." Seinen Platz wieder einnehmend sagte er: „Ich hätte schweigen sollen, es war thöricht von mir, denn ich darf Ihnen keine nähere Aufklärung geben, da es ein Geheimniß betrifft, welches nicht das meinige ist. Und nun habe ich Ihnen diesen Schrecken eingejagt, und Sie werden mich für einen nasenweisen Burschen halten, der sich in Sachen mischt, die ihn nichts angehen und dabei nicht mehr Verstand im Kopfe hat, als Pinch hier", fügte er, diesen bei den Ohren ziehend, hinzu. „So werde ich nicht denken, obschon ich nicht leugnen kann, daß ich sehr in Sorge bin, namentlich, weil meine Gefühle, wie ich Ihnen nur offen gestehen will, vollständig mit den Ihrigen übereinstimmen. Meine Mama und Lena darf ich ohne einen gewichtigen Grund angeben zu können, nicht warnen, Sie würden es nur als Vorurtheil meinerseits ansehen." „Nennen Sie es lieber das Erkennen Ihres reinen Herzens", erwiderte Douglas. Nach einer Pause hub er wieder an: „Wollen Sie mir versprechen, mich den Tag, an welchem diese Hochzeit stattfinden soll, frühzeitig wissen zu lassen?" „Gewiß, denn ich bin überzeugt, daß sie mich ohne wichtige Gründe nicht darum ersucht hätten. O Mr. Douglas, wie unglücklich haben Sie mich gemacht!" rief sie erregt aus, während sich ihre Augen mit Thränen füllten. „Unglücklich! Wo ich mein Leben hingeben möchte, um Sie glücklich zu machen!" betheuerte ungestüm der junge Btann. Bertha, welche, den Kopf in die Hand gestützt, sich auf's Pianino gelehnt hatte, blickte überrascht auf. „Schenken Sie meinen Worten keinen Glauben?" rief er mit einer Stimme, in welcher die ganze Zärtlichkeit seines Herzens lag, aus. „Sie bedürfen eines Beschützers; lassen Sie mich Ihr Beschützer — Ihr Gatte sein! O, Bertha, ich liebe Sie so unaussprechlich, ohne Sie gibt es für mich kein Glück auf der Welt!" „Sie lieben mich?" frug Bertha erstaunt in das lebhafte schöne Antlitz vor ihr schauend, gleichsam ob sie sich vergewissern müsse, daß sie recht gehört habe. „O wie Mich das betrübt!" „Betrübt?" wiederholte der junge Mann, indem alle Farbe von seinen Wangen wich. „Können Sie mich denn nicht ein klein wenig lieben, Bertha?" „O ja, ich babe Sie sehr gerne", betheuerte diese eifrig, da sie den Schmerz gewahrte, der ihre Worte hervorgerufen hatte, „nur nicht in dieser Weise, — nur nicht in der Weise, in der Sie meinen." „War ich zu voreilig? Würden Sie mir eine andere Antwort gegeben haben, wenn ich länger gewartet hätte? Theuerste Bertha, ich liebe Sie so innig — gibt es denn gar keine Hoffnung für mich?" „Sie schüttelte traurig den Kopf. „Es thut mir unendlich leid", sagte sie unter strömenden Thränen; „aber die Zeit kann keinen Unterschied hervorbringen. Vielleicht hätte ich dies wissen müssen, ich dachte jedoch nie daran, da ich glaubte, wir seien nur Freunde." 683 Seine Stimme zitterte: „Freunde! Könnte es wohl möglich sein, kein wärmeres Gefühl als das der Freundschaft für Sie zu empfinden, nachdem man so genau mit Ihnen bekannt geworden ist wie ich? Gönnen Sie mir Zeit —, lassen Sie mich versuchen, Ihre Liebe zu erringen, oder, verzeihen Sie mir meine Frage", fuhr er, ihre plötzliche Nöthe und bebenden Lippen bemerkend, mit bleichen Wangen fort, „ist vielleicht Jemand anders —Er beendete den Satz nicht. Ein lautes schmerzliches Stöhnen unterbrach ihn; sie bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und weinte heftig. „Vergeben Sie mir — o! vergeben Sie mir mein ungeschliffenes Benehmen!" flehte Douglas in größter Aufregung. „Um Ihnen ein Leid zu ersparen, würde ich gerne mein bestes Herzblut zum Opfer bringen und nun bereite ich Ihnen selbst noch solchen Schmerz." Aus seinen redlichen blauen Augen stürzten Thränen hervor, er verhüllte das Gesicht mit der Hand; sie sollte nicht sehen, wie sehr er litt.^ So bald er wieder Herr seiner Stimme war, fuhr er fort: „Ich hatte ein hübsches Luftschloß gebaut, aber wie bald ist es in Nichts zerronnen — doch ich will Sie nicht länger quälen, ich sehe ein, daß ich mich geirrt hatte." Bertha streckte ihm ihre Hand entgegen. „Es ist wirklich nicht aus Mangel an Achtung vor Ihnen, aber —" sie verstummte plötzlich. Eine brennende Nöthe verbreitete sich über ihr Antlitz. „Sagen Sie kein Wort weiter", bat Douglas, ihre Hand an seine Lippen führend. „Nur ich bin zu tadeln; ich hätte es wissen können. Wie bitter mich auch die Enttäuschung treffen mag, denn ich hoffte —" der Schmerz übermannte ihn von Neuem; nach einer Weile sagte er: „Bitte, betrüben Sie sich nicht meinetwegen. Darf ich hoffen, daß Sie mir das Vorrecht, ihr Bruder sein zu dürfen gewähren wollen? Des einen oder anderen Tages, wenn diese Stelle in Ihrem Herzen mir genügen kann, werde ich zurückkehren. Nie will ich wieder so vermessen sein; vertrauen Sie mir. Ich könnte es nicht ertragen von Ihnen als Fremder behandelt zu werden." „Ich vertraue Ihnen unbedingt", entgegnete Bertha, sich Mühe gebend, ihre Fassung wieder zu erlangen. „Wenn Sie in meinem Herzen lesen könnten, so würden Sie sich überzeugen, daß ich Ihnen in Allem, ohne Rückhalt vertraue. Ich bedauere so blind und mit meinen eignen Gedanken beschäftigt gewesen zu sein. Diesen Kummer hätte ich Ihnen ersparen müssen." „Beunruhigen Sie sich deshalb nicht. Es ist besser, wenigstens für mich, daß wir einander ganz verstehen. Denn sehen Sie, ich bin so ein träger, unsteter Kamerad gewesen, nicht halb gut genug für Sie, das weiß ich — doch wenn Sie mich Hütten lieben können — nun erwähnen wir es nicht weiter", brach er plötzlich mit der Hand über die Augen fahrend, ab. „Meine Liebe zu Ihnen wird mir helfen, ein besserer Mensch zu werden. Um keinen Preis in der Welt möchte ich wünschen, Sie nicht gekannt zu haben, Bertha — Sie erlauben mir doch, Sie so zu nennen. Gott segne Sie! —" Bei diesen Worten erhob er sich. Bertha weinte still vor sich hin. Noch ein tiefer, nicht zu unterdrückender Seufzer, ein herzlicher Händedrvck — ein innig zögernder Blick und er ging fort — ein Held in diesem Augenblicke. Zwanzigstes Capitel. Sobald Douglas sie verlassen hatte, stürzte Bertha die Treppe hinauf zu ihrem Zimmer, dort sank sie vor dein Bette äuf die Knie und brach in lautes Schluchzen aus. Sie war unglücklich im Innersten betroffen, in mehr als einer Hinsicht. Jetzt erinnerte sie sich der vielen kleinen Aufmerksamkeiten, welche ihr wohl die Augen in Betreff der Gefühle voir Douglas hätten öffnen müssen. Und sie mochte ihn ja so gerne leiden — wie oft hatte sie sich namentlich in letzterer Zeit ausgemalt, ivelches Glück es sein würde, 684 ihn als Bruder zu besitzen. Anstatt dessen war sie jetzt unbewußt die Ursache seines Kummers geworden, sie trieb ihn fort von hier — einen ihrer besten und theuersten Freunde. Was wird er von mir denken", stöhnte sie leise, „ob er wohl errieth, daß ich tJemauden liebe, der sich nichts aus mir macht? Und doch, er ist so gut, so edel, so alentvoll, wie könnte ich anders, als ihn lieben!" Eines tröstete sie; selbst wenn auch Douglas ihre Gefühle für seinen Freund vermuthete, er würde sie doch nicht verrathen. St. Lawrence werde nie erfahren, wie sehr sie ihn liebe, nie sie ihrer Zuneigung willen, welche sie ihm ungesucht geschenkt, verachten können; dessen war sie gewiß. Als sie etwas ruhiger wurde, stellte sie sich die Frage, ob sie wohl Douglas, wenn sie St. Lawrence nicht kennen gelernt, hinreichend geliebt haben würde, um seine Frau werden zu können. Ihr Herz antwortete: „Nein!" Zum Beschützer und Geführten durch's Leben genügte ihr der lebhafte, sorglose junge Künstler nicht, wenngleich sie sein gutmüthiges, theilnehmeudes und edles Herz vollkommen zu schätzen wußte. In Gedanken durchging sie die verflossenen Sommermonate, wo sie ganz sicher geglaubt, St. Lawrence habe ihre Gesellschaft geliebt. Wie oft hatte nicht ihr Herz bei dem beredten Blicke seiner Augen und dem zärtlichen Tone seiner Stimme heftiger ge- geschlagen! Woher war später die plötzliche Veränderung entstanden? Was hatte sie gethan? Welches war die Ursache, daß sie aus dem schönen Traume, in den sie sich fast unbewußt eingewiegt, seit einigen Wochen so schmerzlich aufgeweckt worden war? Und wenn er sich geändert hatte, sie konnte und durfte nicht versuchen, ihn zu sich zurückzuführen. Der helle Sonnenschein ihres Lebens war erloschen, ihr blieb nichts übrig, als sich zu unterwerfen und stillschweigend ihr Kreuz zu tragen. Douglas litt ja ihretwegen denselben Schmerz. Im Laufe der Zeit würden sie beide, so hoffte sie, ihren Gram überwinden, so bitter auch dieser Gedanke augenblicklich sein mochte. Die muthig entschlossene Bertha überließ sich nicht länger dieser großen Trostlosigkeit, sondern kühlte ihre brennenden Wangen und ging dann hinunter, um emsig an der Aussteuer ihrer Schwester zu arbeiten. Nachdem sie eine Zeit lang mit Nadel und Schecre beschäftigt gewesen, kehrte die äußere Ruhe zurück, doch ihr Kopf schmerzte noch sehr, und so suchte sie ihren gewohnten Zufluchtsort, den Garten auf. Es war liebliches Wetter, der Regen am Morgen hatte die Lust erfrischt und abgekühlt, zarte weiße Wölkchen schwebten am blauen Himmel, die Bäume wogten und rauschten, als ob sie Leben besäßen. Schon früher hatte Bertha ihr geheimes Leid den Rosen zugeflüstert und die Lilien in ihr Vertrauen gezogen; sie alle schienen ihr jetzt lächelnd zuzuwinken, als ob sie sagen wollten: „Komme zu uns, wir wollen Dich trösten." Pinch, welcher seinen Platz an der Hausthüre inne hatte, erhob sich, als seine junge Herrin hinaustrat und streckte die Pfoten an ihr in die Höhe, um Aufmerksamkeit zu erregen. „Armer, alter Pinch!" sagte sie, sich zu ihm niederbeugend und ihre Wange auf den glänzend schwarzen Kopf des Hundes legend. „Du mochtest ihn auch gerne leiden. Aber er macht sich nicht's aus uns, Pinch — er kommt nie mehr hierher." Mit einem tiefen Seufzer wandte sie sich zu dem Seitenwege. Hier fanden ihre Mutter nnd Lena sie, als sie nach Hause zurückkehrten. Sie waren allein, da Mr. Faucourt sie Geschäfte halber, wie sie sagten, verlassen mußte. Lena erzählte ihrer Schwester, daß sie beim Goldarbeiter gewesen, den Opal ausgesucht und dann den Ring nach ihrer Angabe bestellt hätten. Ihr Bräutigam habe ihr durchaus ein Geschenk machen wollen, ehe sie den Laden verließen, und so sei ein Schmuck von Türkisen gewählt worden. „Blau ist ja meine Lieblingsfarbe", fuhr sie fort. „Die Brautfnhrerinnen müssen auch hellblaue seidene Unterkleider und im Haare Vergißmeinnicht tragen. Glaubst Du nicht auch, daß das hübsch sein wird?" „Ja, sehr hübsch", erwiderte Bertha zerstreut, während sie dein Hause zugingen. (Fortsetzung folgt.) 685 —> Von der Eröffnung der Northern Pacisie-Bahn. (Von der Köln. Ztg. Special-Verichterstatter.) Portland, l8. September. Jegliches Ding hat ein Ende, sagt man, und eine Wnrst hat deren zwei. Die Northern Pacific-Bahn aber unterscheidet sich dadurch vou jeglichem Ding und von einer Wnrst, daß sie gar kein Ende hat, oder vielmehr bereit viele. Da ist zunächst Portland an einer breiten, 160Rm weiter unten in den Ocean führenden Wasserstraße: den: in den Columbia fallenden Willamette, der sich als das richtige Thor der neuen Wcltstraße nach dem Meere zu betrachtet. Aber der Schienenweg hat sich schon weiter den Colnmbiaflnß überspringend, bis zur Südspitze des Puget-Snnds vorgeschoben, wo Tacoma an der Commencemcnt-Bai zwischen brennenden Baumstümpfen von zukünftiger Größe und Ueberflügeluug Sau Franciscos träumt. Diese Städte aber haben alle beide vorgeschobene Posten und Mitbewerber um das, was sie den „tormiirus" nennen. Mit Portland ringt Astoria, die Pfahlstadt, 160üm tiefer, nahe bei der See liegend, um die Palme, und in Taeomas Zukunftsmusik klingt mißtönend des weiter nördlich gelegenen Seattles Bestreben hinein, zugleich das Neapel und das New-Zsork des Westens zu werden. Jetzt, ivo die Sonne des Weltverkehrs ihre ersten Strahlen über diese Gefilde von unerschöpflicher Fruchtbarkeit wirft, vermag keine Phantasie zu ermessen, bis zu welchem Grade und in welchen Ncrhälinisseu diese Ausiedlungeu sich entwickeln werden und wo die Bäume am höchsten in den Himmel hineinwachsen sotten. Wir haben in allen diesen Städten bei rauschenden Banketten sehr ernsthaft alle Gründe für die Bevorzugung einer jeden erwogen, haben mit vielem Interesse die in den Festreden aufgeführten langen statistischen Darlegungen der Quellen und Mittel des Reichthums jeder Stadt vernommen und zum Danke für die freundliche Aufnahme einer jeden versprochen, daß sie und keine andere den „törmiurm" haben sollte. Nach der langen Reise durch die eben zur Gesittung erwachenden Gefilde von Dakota und Montana trat Portland uns sehr vornehm und großstädtisch entgegen. Auf der weiten Fläche des Willamette wiegten sich stattliche Vvllschiffe, weiße, hochgethürmte Flußdampfer der Northern Pacific-Gesellschaft durchfurchten die Gewässer nach allen Richtungen, stattliche Gebäude begrenzten den Quai und aus den Nebelschleiern um die Höhen blickten herrschaftliche Villen unter dunkeln Fichtengruppen hervor.. Unmittelbar von deut Dampfboot, das uns vom Bähnzuge nach dem südlichen Ufer hinübergeführt hatte, betraten wir, teppichbelegte Treppen hinaufsteigend, prachtvoll ausgestattete Räume, die zugleich als Amtsstuben und für die Bequemlichkeit der Reisenden eingerichtet waren: das Wharf mit Toilette, Lesezimmer, bequemen Sesseln, Bedienten in Livröe und sonstigen, bei uns unbekannten Annehmlichkeiten. Vor dem Wharf hielten Tag und Nacht herrschaftliche Wagen, die uns die ganze Zeit unseres Aufenthaltes hindurch zu beliebigster Verfügung standen. Das Ansehen der Stadt war so, wie es das von Chicago und New-Iork in deren jüugern Jahren gewesen sein soll. Die Straßen im Naturzustände mit Trottoirs aus Brettern, die Hüuserflnchten schnnrgrade mit rechtwinklig einfallenden Seitenstraßen, sämmtliche Gebäude aus Holz, Trinkbudcn, Kramläden, Engrosgeschäfte, Gasthöfe und Kirchen; überall weite Thüren, große Schaufenster, Verschwendung von Gasflammen bis spät in die Nacht hinein. Im Gasthofe die übliche weite Vorhalle mit den großen Spucknäpfen und den müßig nmhcrstehcndcn Speihähncn, den: Office zur Linken und dem Lese- und Schreibtische zur Rechten, anstoßend an den Billard- und Bar-Noom einerseits und au den Restaurant gegenüber. Oben das Sprechzimmer, das Heiligthum der Ladies, den ganzen lieben langen Tag hindurch nur von wisperndem Geräusch regungsloser Gruppen erfüllt wie ein Gotteshaus, und sodann endlose Fluchten vou Gastzimmern, die außer deut stattlichen Nachtlager nur sehr dürftige Ausstattung haben. Die breiten, langen Straßen der Stadt aber laufen in Viertel von Villen und Brctterhütten aus, und schließlich in den einsamen Fichtenwald, wo sie zu Pfaden eilt- 686 schrumpfen und sich zwischen Gestrüpp und schwarzen Bauinstümpfeu verlieren. Da ist keine Promenade, die mit regelmäßigen Linien ein architektonisches Element und etwas Rahmen in die Landschaft brächte, keine Kunststraße, die zu gemüthlichem Schlendern einlüde. Kuhpfad und Eisenbahn, auf diesen beiden Gegensätzen bewegt sich der amerikanische Verkehr, und in ähnlichem Kontraste spielt das gcsammte Leben sich ab. Bei einer amerikanischen Stadt sieht man sich nicht nach alten Bauwerken interessanten Häusern, in Museen oder bei Antiquitätenhändlern um, sondern man fragt vor Allem: „was ist sie werth?" Portland hat voriges Jahr im eu c-ros-Geschäft allein 40 Millionen Dollars umgesetzt. Die ganze Stadt ist, ähnlich wie Ncw-Iork, Chicago, St. Paul, ein einziges großes Packhaus; Kisten, Säcke und Körbe häufen sich auf allen Straßen und Plätzen; man sieht im festländischen Europa gar nichts Aehnliches. lind da nur ein Lump mehr gibt als er hat, so legte Portland in seinen Empfangsfeierlichkeiten zur Eröffnung der Northern Parcisic-Bahn das Hauptgewicht auf eine Vorführung seiner natürlichen und crwcrblicheu Reichthümer. In einem laugen und lustig geschmückten Aufzuge zogen Pyramiden von Säcken duftigen Weizenmehls, „Oregons Stolz", viereckig gehauene Fichtenstämme von 50 Meter Länge, Holzblöcke von Meter Durchmesser, Salme in großen, halbdurchsichtigen Tafeln Eis eingefroren, Pelz- werk, Flachs von unglaublicher Länge, Hopfen mit fingerlangen Zäpfchen, Blöcke von Steinkohlen und was sonst die üppige Erde hier mit vollen Händen spendet, einher; dazu die verschiedenen Gewerbe, in ähnlicher Weise dargestellt wie in St. Paul — die Cigarrenarbeiter drehten ihre Stengel und warfen sie unter das Volk, die Zeitungen druckten Extrablätter, die Schmiede hämmerten einen riesengroßen Dampfkessel fertig. Eine besondere Erscheinung war eine Schaar junger Indianer, die hier zur Schule gehen und säuberlich in blaue Wolle gekleidet waren, meist kleine Kerle mit sehr kümmerlichen Untergestellen. Auch König Gambriuus, der Patron der dentsch-amcricanischen Millionäre, zog in voller Herrlichkeit einher, und ein deutscher Turnverein rief uns aus teutonischen Kehlen ein „Gut Heil" zu. Die Buchdrucker führten ein Schild mit der Inschrift: „Dcutschttmd gab uns die Buchdrnckcrkunst, Deutschland gab uns H. Billard, Billard gab uns die Eisenbahn; die Eisenbahn verbürgt uns die Zukunft." Portland hatte viel in künstlerischer und symbolischer Zier gethan; junge Mädchen stellten Karyatiden und Standbilder- dar oder symbolisirten in griechischer Gewandung irgend welche Eigenschaft, Tugend oder nützliche Idee. Und die Standbilder nickten dankbar, wenn man ihnen Beifall klatschte, und die symbolischen Eigenschaften, Tugenden oder nützlichen Ideen aßen und tranken in aller Gemüthlichkeit, wenn ihnen die Zeit lang wurde. Die zur Ehre der Theilnahme am Festzuge zugelassenen Hunde trugen das americanische National- banncr, und das dünkte Niemand eine Profanatioü, wie es vielleicht in andern Ländern der Fall gewesen sein würde, wo größere Ungleichheit der Stände vorherrscht und Hunde und Pferde eine minder bevorzugte gesellschaftliche Stellung einnehme». Nebenbei beinerkt, scheinen aber auch diese Thiere, namentlich die Pferde, infolge der ihnen zugewendeten Aufmerksamkeit viel gelehriger und aufgeweckter zu sein, als ihre gedrückten Verwandten in der alten Welt. Ein sehr interessanter Theil des Zuges endlich war die Schaar der Pioniere, Leute, die in den Vierzigern Jahren und früher diese Flußläufe hinauf in den Urwald vorgedrungen sind, als Nothhaut und Bär noch die Herren des Landes waren. Das waren Leute mit tiefgefurchteu, gebräunten Gesichtern, mit laugen weißen Haaren und Bärten, gebeugt von harter Arbeit, und Entbehrung, aber nicht gebrochen, wie ein dreifaches donnerndes Hurrah bewies, mit dem sie, beim Vorüberziehen vor uns Halt machend, den Vollender der Bahn und seine Gäste begrüßten. Uebrigcns war Portland mit mehr Geschmack und künstlerischem Sinn geschmückt und beleuchtet, als irgend eine der vorher von uns besuchten Städte, und es schien das wiederum ein Anzeichen davon zu sein, daß der Sinn für Schönheit und Reiz der äußern Form im Westen günstigere Vorbedingungen vor sich hat, als in dem ganz von nur englischem Wesen beherrschten 687 Osten. Die Flaggen, mit denen die Straßen geschmückt waren, trugen in naiver Weis in riesigen Buchstaben den Namen je eines der eingeladenen Gäste, und mancher der lehtern, dessen Licht in Europa zur Zeit nach unter dein Scheffel steht, sah mit Erstaunen und Befriedigung, zu welch' berühmtem Manne er an der Westküste America's geworden war. Vor allen Dingen aber fehlte es auch in Portland an dem großen Nedeturniere nicht, in dem alle großen Leute der Gesellschaft vor dem Publicnm eine Lanze brechen mußten. Man bewundert bei solcher Gelegenheit immer wieder in gleichem Maße die Gewandtheit und den guten Humor der Redner wie die Theilnahme und den offenen Sinn des Publicnms, das gewohnt ist, Tag für Tag öffentlichen Dingen seine Aufmerksamkeit Zu widmen. Das in einer riesigen Halle abgehaltene Nedcfcst wurde durch einen Chorgesang kleiner Mädchen und Knaben eingeleitet, die sehr sinnig in eine in die Farben des Firmaments gesetzte Nische grnppirt waren, wo die schwarzgekleideten Knaben im Hintergrund die iu verschiedene lichte Farben gekleidete Mädchenschaar wirksam hervorhoben, also daß man einen Chor seliger Geister zu sehen glaubte. In Portland's dunkeln Wäldern Bären und Elche zu schießen, hatten wir keine Zeit, Portland's schönen Damen den Hof zu machen, erlaubten uns Verhältnisse, Berufspflichten und znm Theil auch der eigene Charakter nicht. Wenn es somit dennoch einmal galt, in den zlvei Tagen unseres dortigen Aufenthalts einige Zeit nützlich todtzuschlagen, so bot sich dazu eine Gelegenheit ganz neuer Art in dem Besuche des chinesischen Viertels dar. Die Söhne des Reiches der Mitte haben sich in allen Küsten- städtcn des Westens eine Art von Klein-China eingerichtet und wohnen in Portland wie in Victoria am Puget-Sund und anderwärts meist für sich in besondern Stadtbezirken. Paläste, Villen, Gärten, Kirchen gibt es hier nicht. Gleich Muscheln, die sich dicht an Felsen oder Pfähle angesetzt haben, drängen hier kleine graue Bretterhütten mit seltsam verschrobenen und verzwickten Eingängen sich labyrinthisch aneinander. Keine Regung des Schönhcitsgefühls gibt den engen Verkaufsbuden, Barbicrstuben, Werkstätten irgend welche Zier; Armuth oder graues Nützlichkeitsprincip wehren allem, was nicht der nackten Nothdurft dient. Und um diese Wespenzclleu summen dicke, kleine, langgczopfte Kerle, ohne Bedürfnisse, ohne Weiber und ohne Humor, Tag und Nacht sich plackend und zusammenscharrend in Fabriken, in Küchen, als Holzhacker und Wäscherinnen, als Hausknechte und als Mädchen für alles. Ihre Sparpfennige schicken sie nach Hause zurück, gleich wie ihre Gebeine, wenn sie todt sind, und Raub mag es ihnen sogar scheinen, daß sie das Land, das sie nährt, düngen müssen. In Portland wohnen an 6000 dieser hinterasiatischen Brüdcr, nicht weniger als ein Viertel der ganzen Bevölkerung. Unbekannt mit der Sprache und den Gebräuchen dieser Zopfmänner, konnte ich ihnen bei der Besichtigung ihres Viertels nicht viel mehr als Aeußerlichkeiten abgucken, die nur znm größten Theil unverständlich blieben. Wir wurden zu einer Extravorstellung im chinesischen Theater geladen, wo der Lärm von Cymbeln, Castagnetten und sonstigen Marterwerkzeugen ganz ohrenzerrcißend war und ohne Unterlaß und Unterschied alle Reden und Pantomimen begleitete. Der Dialog wurde nicht gesprochen, sondern in der Fistel gekreischt, und sämmtliche Darsteller, auch die der Weiberrollen, waren männlichen Geschlechts, ein von den wenigsten meiner Genossen bemerkter Umstand, der einige in aller Heimlichkeit angebandelte Herzensgcschichtcn in grausamer Weise abschnitt. Den Vorwnrf der Aufführung bildete einer jener geschichtlichen Vorfälle aus älterer chinesischer Zeit, deren Darstellung oft mehrere Monate lang währt. Von der Darstellungswcise unserer Bühne ist die der chinesischen himmelweit verschieden; Vorhang und Coulissen haben sie nicht, und der Dialog wird durch Gesänge, durch mimische und gymnastische Einschiebsel iu mannigfacher Art unterbrochen. Uebrigens war die Pracht der mit farbiger Seide und goldgestickten Costüme selbst bei dieser armen Truppe fabelhaft. Im Ganzen fühle ich mich durchaus mit der americanischen Gesetzgebung darin einverstanden, daß man dieser chinesischen Einwanderung nach Kräften wehren soll. Wo es einen Kampf 688 mit gleichen Waffen gilt, da mag allgemeine Duldsamkeit das wirthschaftliche Gedeihen der Völker am meisten fördern. Aber hier handelt es sich um einen Wettbewerb mit Wesen von durchaus verschiedener körperlicher und geistiger Beschaffenheit und Hervor- briugungsfähigkeit. Wespen gehören, meiner Ansicht nach, nicht in einen Bienenkorb, denn die Bienen sind nebenbei Pveten, Architekten und Musiker, die Wespen aber nicht. Und so würde ich die Chinesen nicht eher zum freien Mitbewerb mit Weißen zulassen, als bis sie einen Kölner Don: gebaut, eine Shakespeare'sche Tragödie geschrieben und eine fünfte Sinfonie componirt hätten. Und damit könnte der Chronist dieses langen Zuges seine Feder in Ruhe setzen. In Portland ging die Reisegesellschaft in drei Stücke auseinander; ein Theil schlug sich seitwärts nach S. Francisco, eine andere Abtheilung blieb bei Herrn Billard zur raschen Rückfahrt nach New-Iork, und Schreiber dieses hielt sich zu einigen Dutzend americanischer Kollegen, um sich Land und Leute im Westen und längs der neuen Bahnlinie genauer anzusehen, ganz ungestört und ohne jegliche Führung und Beeinflussung. Die alte, durch Gewohnheit und gemeinsame Abenteuer eng zusammengewachsene Gesellschaft aber war zuletzt zusammen auf einer Fahrt den Columbiafluß hinunter zum Thore, das sich bei Cap Disappointment zum Stillen Ocean hin öffnet. Von dortigen Landslcuten freundlich empfangen, von einer riesigen, im Hintergründe einer Bierwirthschaft aufgebauten Schwarzwälder Orgel mit deutschen Klängen begrüßt, verbrachte die Gesellschaft den letzten Lag in gleich fröhlicher wie belehrender Unterhaltung, und° als am Abend der Dampfer mit dem mächtigen Rad am Hinterthcile ruft uns stromaufwärts rauschte, sank die Sonne genau in der Mittelachse der Flußmündung unter den Ocean und wandelte das Wasser in flüssiges Gold und die Nebel der Luft in rothe Sprühfeuer, ein großartiger, herz- befaugender Abschiedskuß der neu dem Völkervcrkehr gewonnenen Gewässer. M i s e e l l e n. (Das böse Beispiel.) In einer Gesellschaft wurde die Frage diskutirt, ob gutes oder böses Beispiel, ob Ermunterungs- oder Abschrecknngsthcorie bei der Erziehung größeren Erfolg verspreche. Eine sehr lebhafte junge Frau stimmte mit allem Nachdruck für das böse Beispiel und rief: „Alle guten Eigenschaften, die ich habe, verdanke ich nur dem Widerwillen, den mir die Fehler und üblen Gewohnheiten meiner Umgebung eingeflößt haben. Ihr Gatte, eine etwas malitiöse Natur, bemerkte hierzu: „Dann mußt Du unter Engeln aufgewachsen sein." (Washington's einziger Witz.) Der Vater des Vaterlandes war ein sehr ernster Mann, der in seinem Leben nur einen einzigen Witz gemacht haben soll. Während der Debatte nämlich im Kontinentalkongreß über die Frage der Errichtung einer Bnndes- armee, reichte ein Mitglied den Antrag ein, daß die Armee nie mehr als 3000 Mann stark sein dürfte. Daraufhin beantragte Washington, mau möge beschließen, daß keine feindliche Armee über 2000 Mann das Land betreten dürfe. Das Gelächter, welches sich darob erhob, erstickte den ersten Antrag. (Der ökonomische Johann.) „Was soll denn das bedeuten, Johann," donnert es aus der Thür, „bei dem abscheulichen Regcuwetter meine ältesten und ganz durchlöcherten Stieseln!" — „Ja, ich dachte, gnäd'gcr Herr, die guten seien für das schlechter Wetter zu schade!" (Ein kleiner Unterschied.) Wer eine glückliche Ehe führt, der hat geheirathet; wer eine unglückliche Ehe führt, der hat sich verheirathct. Auslösung des Räthsels in Nr. 85: „Einband." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Hnttler- UnterkaktungMutt »« „Äugsbnrger Postzeitung." Nr« 87. Mittwoch, 31. Oktober 1883, Allerheiligen und Allerseelen. Lursum Ooräa! Hebt die Herzen, Christen, heut' zum Himmel auf! Seht die Tausende von Brudern, Die vollbracht den Siegeslauf, Wie im weißen Lichtgewande, Rein gemacht in Christi Blut, Sie auf Himmelsblumen wallend, Singen Preis dem höchsten Gut. Seht die diamant'nen Kronen Schmücken ihr verklärtes Haupt, Und die Palmen, die sich neigen Dem, an den sie fest geglaubt. Ihrer Seele Wonuclieder Schallen voll im Himmelsraum, Denn vorüber sind die Leiden Und der Erde bitt'rer Traum. Selig ihr, ihr Freunde Gottes, Die erkämpft den höchsten Lohn, Leget eurer Liebe Bitten Auch für uns an Gottes Thron. Ach, ihr kennt der Sünde Stachel, Kennt das schwache Meuschenherz, Und habt siegend euch erschwungen Aus dein Staube himmelwärts. Strecket liebreich uns entgegen Eure treue Bruderhand, Unser Lcbensschiff lenkt vorwärts, Hin zu Sions hcil'genr Strand; Daß auch wir mit euch einst singen „Halleluja" selig dort, Wo als clv'ger König herrschet Er, das Fleisch geword'ne Wort. Aber hört auch jene Klänge, Die aus sehnsuchtsschwerer Brust Klagend aus der Tiefe dringen Fern dem Orte sel'gcr Lust. Hört der Seelen Trauerlicder, Die verbannt vom höchsten Gut Seufzend bitten um Erlösung Aus der heißen Sehnsuchtsglut. Tretet hin zum Thron des Höchsten, Er, der seine Heil'gen ehrt, Gern auf ihrer Liebe Flehen Den Verbannten Trost gewährt. Habt ja auf der armen Erde Oft gehemmt der Thränen Lauf. O, so schließt den armen Seelen Liebend bald den Himmel auf! I. K. Der OMlrrng. Roman aus dem Englischen von E. C. ' (Fortsetzung.) »Noch ein's wird Dich interessiren, Bertha", sagte Mrs. Dalton, ihrer Gewohnheit gemäß den Hut abwerfend, sobald sie das Wohnzimmer erreichten; Lena nahm ihn und trug ihn mit ihren eigenen Sachen hinauf. „Nachdem wir den Juwelier verlassen, fuhren wir, da das Wetter so herrlich war, in den Park. Ich zog es vor, zu Fuß zu gehen; deshalb verließen wir den Wagen und machten einen Spaziergang an dem Wasser entlang. Und wen glaubst Du wohl, daß wir dort in einiger Entfernung erblickten? St. Lawrence. Ich machte Mr. Fauconrt auf ihn aufmerksam, indem sie sagte: 690 „Dort ist auch Mr. St. Lawrence, der geschickte junge Künstler, von welchem wir Ihnen erzählten." Noch nie in Deinem Leben hast Du Jemand so zusammen schrecken sehen, als Mr. Fauconrt, in diesem Augenblicke. Er wurde leichenblaß und zog Lena, welche sich aus seinen Arm lehnte, förmlich rauh zur Seite. Ich glaubte zuerst, er habe aus einen Stein getreten und sich am Fuße erheblich verletzt. Dann sah ich, wie er sich scheu umblickte und St. Lawrence mit den Augen folgte. Dieser ging langsam in Gedanken verloren einher, ohne uns zu bemerken. Ich frug Mr. Fauconrt, ob er ihn schon früher gesehen. Er bejahte es; vor mehreren Jahren habe er ihn unter einem anderen Namen gekannt, und deshalb rieth er mir an, nur ja vorsichtig ihm gegenüber zu sein, auch hofft er sehr, daß dieser Mensch nicht die Gewohnheit besitze, uns zu besuchen, da es ihm widerwärtig sein würde, mit ihm zusammen zu treffen. Es thut mir leid,", fuhr Mrs. Dalton fort, „denn ich mochte St. Lawrence sehr gut leiden, aber wie Du siehst, weiß Fauconrt etwas sehr Gravirendes gegen ihn, und wo es sich nun herausstellt, daß er eine so zweifelhafte Persönlichkeit ist, kann ich ihn doch unmöglich noch ferner hier empfangen." „Ich glaube kein Wort davon, Mama!" rief Bertha entrüstet ans. „Noch nie bemerkten wir das Geringste an Mr. St. Lawrence, welches einen solchen Gedanken rechtfertigen könnte, im Gegentheil; und dann ich bitte Dich, tvas wissen wir denn eigentlich über Mr. Fancourt?" „Kind!" stieß Mrs. Dalton entsetzt über Bertha's kühne Sprache, hervor. „Natürlich wissen wir, wer er ist, das meine ich nicht", fuhr diese fort. Aber erst seit einigen Monaten wurde er als Enkel Lord Alphington's anerkannt. Und was war er früher? Welches Leben hat er geführt? Mir macht es immer den Eindruck, als ob er es nicht allzusehr liebe, über diesen Punkt zu sprechen." „Du setzest mich in Erstaunen, Bertha", erwiderte ärgerlich Mrs. Dalton, einen Fächer zur Hand nehmend, um ihren Unwillen abzukühlen. „Es ist uns bekannt, wer Mr. Fauconrt jetzt ist; sein früheres Leben geht uns nichts an. Ich begreife nicht, wie Du so rücksichtslos sein kannst, darauf anzuspielen; wäre er nicht der Enkel Lord Alphington's, so stände seine Heirath mit Lena außer aller Frage. Mr. St. Lawrence besitzt gar keine gesicherte Stellung, das ist etwas ganz anders. Man sollte wirklich glauben, Dir fehle es zuweilen an der nöthigen Vernunft. Du mußt doch einsehen, daß ich seine Besuche hier nicht länger dulden darf, da Mr. Fancourt ihm nicht zu begegnen wünscht." „Mr. St. Lawrence wird Dich wahrscheinlich nicht länger belästigen, Mama", sagte Bertha mit einem leisen Ansinge von Bitterkeit. „Er ist ja schon seit drei Wochen nicht mehr hier gewesen." „Gewiß befürchtet er, Mr. Fauconrt hier zu treffen und durch ihn bloßgestellt zu werden. So wird es sein, Bertha, das ist ja sonnenklar. Ich muß daraus bestehen, daß Du ihn, wenn Du ihm zufällig begegnen solltest, sehr kühl behandelst; ich meines- theils werde ihm bei der nächsten Gelegenheit zu verstehen geben, wie wenig wir seine ferneren Besuche wünschen." „Mama, das kann ich Dir nicht versprechen", sagte Bertha peinlich erröthend. „Es ist mir nicht möglich, etwas böses von ihm zu denken. Mr. Douglas weiß Näheres darüber." „Nun, mein Kind, ich finde es ganz vernünftig von Dir, die Ansichten von Mr. Douglas zu schätzen", gab die vorsichtige Mutter zur Antwort, „und wenn Ihr später Eure eigene Häuslichkeit besitzet, so mögt Ihr meinetwegen einladen, wen Ihr wollt. Weißt Du, was ich mir schon gedacht hatte? Daß es ganz hübsch wäre, wenn Mr. Douglas mir Joy Collage abkaufte", fuhr sie ganz aufgeheitert fort. „Ich habe ohnehin vor, mir in der Nähe von Lena's neuer Hcimath, Magnus Square, einige Zimmer zu miethen. Das Einkommen von Mr. Douglas ist so sehr bedeutend nicht, und deshalb wäre es unklug von ihm, sich gleich von vornherein in so große Ausgaben zu stürzen; dieses Haus wäre recht passend." „Ich glaube nicht, daß Mr. Douglas sich überhaupt nach einem Hause umsieht", cntgcgnetc Bertha verlegen, „da er im Begriffe steht, auf längere Zeit zn verreisen." „Zu verreisen? Ohne Dir einen Antrag gemacht zu haben!" rief Mrs. Dalton mit vor Acrger geröthetem Antlitze aus. „Ju meinem Leben habe ich nichts so unehrenhaftes gehört; er machte Dir ja auffallend den Hof. Jedoch fürchte ich, es ist Deine eigene Schuld, Bertha, Du hast Deine Schlingen schlecht gestellt." „Es fiel mir nicht ein, Schlingen zu stellen", antwortete Bertha empört. Sie wollte ihrer Mutter den Antrag, welchen Douglas ihr gemacht, sowie dessen Warnung in Bezug auf Faucourt verschweigen; letztere wäre auch ganz nutzlos gewesen. „Er darf so nicht weggehen, entschied Mrs. Dalton, nachdem sie sich in Gedanken die Sache zurccht gelegt hatte. „Ich werde ihm schreiben und ihn zum Diner einladen." „Bitte, thue das nicht, Mama", bat Bertha. Mr. Douglas und ich verstehen einander vollständig, mache Dir deshalb keine Sorgen. Wir werden nie mehr als gute Freunde sein." Wurde wohl je eine Mutter so behandelt wie ich", klagte Mrs. Dalton, ihr Battisttuch an die Augen drückend. „Da habe ich nun Tag und Nacht Pläne entworfen, ivie Ihr Euch am Behaglichsten einrichten könntet, und nun redest Du von bloßer Freundschaft. Soll mau da nicht böse werden. Ich bin überzeugt, daß es nur eine kleine Ermuthigung Deinerseits bedurft hätte, ihn zum Sprechen zu veranlassen. Und was könntest Du auch Besseres erwarten? Es ist nicht anzunehmen, daß Du gleich Deiner Schwester eine glasende Partie machen wirst, und Unterricht darfst Du unserer neuen Verwandten wegen nicht mehr ertheilen. Ich weiß in der That nicht, was ich mit Dir anfangen soll, und alles hätte sich so glücklich gestalten können!" Sie brach in Thränen aus; es war ihr schrecklich, den einen Theil ihres Planes gescheitert zu sehen. Bertha stand blaß und schweigend neben ihrer Mutter, sie kam sich fast schuldig vor, war aber fest entschlossen, nicht nachzugeben. „Acngstlge Dich nicht meiner Zukunft wegen", sagte sie endlich; „ich bedaure, nicht Deinen Wünschen gemäß handeln zu können, aber Dir zur Last fallen werde ich dennoch nicht. Sir Stephan und Lady Laugley boten mir, als wir im Frühjahre dort waren, au, als Tochter bei ihnen zn bleiben; damals lehnte ich das freundliche Anerbieten ab, weil ich glaubte, Dir unentbehrlich zn sein. Ich weiß, sie wünschen es noch immer. Sir Stephan sagte mir, er werde im Herbste mit Dir darüber sprechen." Mrs. Dalton putzte die Augen ab — ihre Stirne erheiterte sich. „Mir wäre es lieber gewesen, Dich jetzt schon in Deiner eigenen Häuslichkeit zu sehe», aber Sir Stephan und Lady Langley bewegen sich in den feinsten Gesellschaftskreisen, vielleicht bietet sich Dir dort eine günstige Gelegenheit; nur mußt Du Deine lächerlichen romantischen Ideen bei Seite lassen." Bertha gab keine Antwort, sie war froh, diesen Gegenstand fallen zu lassen. Um ferneren Erörterungen vorzubeugen, lenkte sie, die Aufmerksamkeit ihrer Mutter auf die Arbeiten, welche sie im Laufe des Nachmittags für Lena gemacht, und Airs. Dalton, in ihr Liebliugsthema, Lena's Trousfeau vertieft, vergaß für den Augenblick Mr. Douglas und ihre Enttäuschung, sowie St. Lawrence und den, in Bezug auf ihn gefaßten Vorsatz. Einundzwanzig st es Capitel. Der junge Landschaftsmaler saß an seiner Staffele!, aber obgleich er anhaltender als in den Sommermonaten zn arbeiten pflegte, war der „amerikanische Urwald" doch nicht wesentlich borangeschritten. Von Zeit zu Zeit verfiel St. Lawrence, den Pinsel in der Hand haltend, in tiefes Sinnen; dann ermannte er sich plötzlich wieder und malte emsig weiter. Doch gefiel ihm in der Regel seine Arbeit nicht und so putzte er mit 692 einer gewissen Verachtung der eigenen Unfruchtbarkeit sehr oft das, was er des Morgens gemalt hatte, wieder weg. „Es taugt nichts; mein Talent scheint mich im Stiche zu lassen", sagte er zu sich selbst, nachdem er vergeblich versucht, einen Theil des Vordergrundes zu seiner Zufriedenheit hervorzubringen. Ich muß fort von hier, ich muß aus der ganzen Geschichte heraus. Wenn etwas entdeckt worden ist, so werde ich es erfahren. Und was liegt mir überhaupt auch jetzt daran. Thor, der ich war; in ihrer Nähe zu verweilen, da ich doch wußte, daß Douglas sie liebe! O Bertha, meine Liebe, mein Alles! Keine Andere auf der ganzen Welt kann je Deine Stelle in meinem Herzen ersetzen. — Werde ich es ertragen können, wenn Deine süßen Augen mit liebendem Blicke auf einem Anderen ruhen, Deine theure Stimme einen Anderen mit dem Worte „Gatte" bezeichnet? O, ich war ein Narr! Ich vertraute meiner Kraft und wie schwach habe ich mich erwiesen. Welche öde Wüste wird mir die Welt ohne sie sein doch darf ich sie nie mehr wiedersehen!" Mit lautem Aechzen legte er seinen Arm um die Lehne des Stuhles und stützte den Kopf darauf. Er war nicht eine von jenen Naturen, deren Liebe einer Blume zu vergleichen ist, welche am Morgen blüht und in der darauf folgenden Nacht wieder verwelket; die seinige hatte mit Achtung und Theilnahme begonnen und ehe er sich dessen selbst bewußt, sein ganzes Herz in Besitz genommen. Nie, keinen einzigen Augenblick war es ihm eingefallen, als Nebenbuhler seines Freundes aufzutreten. Eher Hütte er sich das Herz aus dem Busen reisen lassen, als daß er zum Verräther an Douglas, der ihn in sein Vertrauen gezogen, geworden wäre, indem er nach dem Preis gestrebt, welchen dieser zu erringen hoffte. Als er vor einiger Zeit verlassen und trostlos in London ankam, da hatte Douglas seinem Worte geglaubt und ihm seine Freundschaft geschenkt. Er mochte leiden — tief und schmerzlich leiden, dennoch sollte keine unehrenhafte Aeußerung oder That ihn je erniedrigen. Nachdem er geraume Zeit so gesessen, erhob er sich und legte Palette und Pinsel weg. „Ich will mir ein Pferd miethen und versuchen, ob ein Spazierritt diese vergeblichen Wünsche und Sorgen zu verbannen mag. Eben hatte er seinen Rock gewechselt, als angeklopft wurde. Douglas trat in's Zimmer, warf seinen Hnt auf den Tisch und ließ sich, ohne ein Wort zu sagen, in den nächsten Sessel fallen. Er sah blaß und müde aus, als habe er die Nacht durchwacht. „Sinn, Douglas, alter Junge, was fehlt Dir?" frug St. Lawrence, die Niedergeschlagenheit des Freundes bemerkend. „Was mir fehlt! O weiter nichts, als daß ich ein Thor gewesen bin." „Wie so, was hast Du angefangen?" „Ich bin ein vollständiger Schwachkopf gewesen! Wie konnte ich mir nur einbilden, daß Bertha einem solchen wie mich lieben könne. Gestern wagte ich die verhängnisvolle Frage und erhielt einen sehr artigen — der Himmel segne sie — aber ganz entschie- derren Korb. Nun weißt Du, was mir fehlt; ich reise nach Rom oder auf die Spitze des Montblanc oder über die „dunkelblauen Gewässer" oder sonst wohin, bis ich als geheilter Mensch zurückkehren kann." „Sie wies Deinen Antrag zurück?" rief St. Lawrence, als ob er seinen Ohren nicht trauen könne. Daß die Bewerbung seines Freundes einen solchen Ausgang haben könne, war ihm nie in den Sinn gekommen. Ein Strahl der reinsten Freude durchströmte plötzlich sein Herz. Jetzt war die Wolke, welche sein Leben verfinsterte, auf einmal von ihm gewichen. Und doch hätte er sich des inneren Jubels wegen zürnen mögen. „War es auch wirklich Ihr völliger Ernst, Douglas", frug er, sobald er über seine Stimme gebieten konnte. „Ja, nur zu sehr; sie ließ mir nicht den leisesten Zweifel 693 in diesem Punkte. Es ist mir etwas Ungewöhnliches, die Nacht schlaflos zuzubringen", begann er nach einer Pause, während welcher beide sich in einem wahren Tumult von Gefühlen befanden, „aber ich habe kaum ein Auge geschlossen, und wie ich so da lag und nachgrübelte, ist mir, wie ich glaube, ein Licht aufgegangen. Mir kam nämlich die Idee, — Du mußt aber nicht glauben, als ob sie etwas Derartiges gesagt habe — daß, wenn Du dieselbe Frage gestellt hättest, die Antwort verschieden gelautet haben würde." „Ich, Du träumst wohl, Freund!" rief St. Lawrence erstaunt aus, während sich eine stammende Nöthe über sein Antlitz verbreitete und das heftige Pochen des .Herzens ihm fast Schmerzen verursachte. Als Douglas am vorhergehenden Abende Bcrtha Dalton verließ, ahnte er, wie sie auch befürchtet hatte, ihr Geheimniß und der hochherzige Entschluß, diese Beiden, welche er so innig verehrte, zusammen zu führen, erwachte in ihm. Allerdings bereitete ihm das Scheitern seiner schönsten Hoffnungen tiefen Kummer und ebenso kostete es ihn große Anstrengung, die bitteren Qualen der Eifersucht zn überwinden, aber sein edleres Gefühl trug den Sieg davon. Hatte er nicht Bertha versprochen, daß er ihr, da sie ihn nicht als Gatte wünschte, ein treuer Bruder sein wolle? Und wenn St. Lawrence und Bertha sich gegenseitig liebten, so stand es ja doch nicht in seiner Macht, sie zu trennen, selbst wenn er den Willen hierzu gehabt hätte. Deshalb zog er es vor, lieber helfend als hindernd aufzutreten und sich so eine bleibende Stelle in ihrem Herzen zu sicheren. Nachdem er sich mit diesen aufregenden Gedanken die ganze Nacht hindurch abgequält hatte, eilte er, um nicht wankend in seinem Vorsätze zu werden, schon in aller Frühe zn dem Freunde hin. „Nein, ich träumte nicht", cntgegncte er auf die Frage desselben, „und tvill Dir reinen Wein einschenken. Mir scheint, daß ich mich, wenn wir mit Bertha zusammen waren, in einem außerordentlichen Irrthume befand, indem ich mir schmeichelte, meine Gegenwart rufe ihr liebliches Erröthcn und den strahlenden Blick des Auges hervor. Jetzt sehe ich ein, wie sehr ich mich täuschte. Nun vielleicht hast Du Recht und ich tauge nicht zu einem Ehemann, aber wenn Bertha mich gewollt hätte, so würde ich, der Himmel ist mein Zeuge, versucht haben, sie glücklich zu machen. Schluchzend legte er den Kopf auf seine verschlungenen Arme nieder. „Niemand ist fester davon überzeugt, als ich, mein lieber Junge, und ich kann mir gut vorstellen, was es Dich gekostet haben muß, in dieser Weise mit mir zn sprechen. Laß uns nicht weiter darüber reden, es sei denn, daß es Dir Erleichterung verschafft. Ich war in einer verzweifelt trügen Stimmung heute und wollte deshalb einen Spazierritt machen. Komm, begleite mich; gehe nicht nach Hanse, Deinen trüben Gedanken nachhängen." „Es wird sich nicht der Mühe lohnend erwiderte Douglas den Kopf erhebend. „Nein, so mußt Du nicht sprechen. Komin mit, mir zu Liebe, wenn Du es nicht Deiner selbst wegen thun willst." „Wohlan denn", entgegnete Douglas, sich langsam erhebend, „ich kann Dich auch begleiten, mir ist Alles einerlei. Zürn Kuckuck mit der ganzen Geschichte; sie hat mir einen gehörigen Stoß versetzt, so bald werde ich ihn nicht verschmerzen." St. Lawrence legte die Hand auf die Schulter des Freundes und sagte: „Da hast Du Recht; wenn ich mich in Deine Lage denke, ich glaube ich würde es nie überwinden; aber Du besitzest mehr Elasticität in Deinem Charakter, Douglas, für Dich habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben." „Was wohl so viel heißen soll, als, ich sei ein mehr oberflächlicher Sterblicher", entgegnete Douglas mit dem Ausluge eines Lächelns. „Leider muß ich annehmen, daß auch sie so denkt." (Fortsetzung folgt.) - .s 694 Ein Besuch bei nordanrerikattischen Jesuiten. Der liberalen Münchener „Allg. Ztg." wird in einem Reiscbricfe über die Eröffnung der Northern Pacific-Eisenbahn aus der St. Jgnatins-Mission (Montana) 20. September u. a. geschrieben: „Ein herrlicher Hcrbstmorgen brach an über Feld und Wiesen, als die Professoren Zittel nnd Bryce, Dr. v. Schmiß, Herr von Bunscn, Senator Grocning, Gesandter von Eisendecher, Geheimer Rath Hofmann, Sir James Hanncn, Karl Schurz und Lieutenant Pertz auf einem großeil vierspännigen Wagen Platz nahmen, um nach dem 8—10 engl. Meilen entfernten Berg Mac Donald zu fahren, den sie zuerst zu Pferde, dann zu Fuß zu erklimmen beabsichtigten. Wir gaben ihnen zu Pferde das Geleite, bis die eigentliche Kletter- nnd Rutschpartie anfing, winkten dann unseren Freunden ein fröhliches Lebewohl zu nnd ritten nun, eine kleine Gesellschaft, nach der iin Mittelpunkte der Reservation gelegenen St. Lgnatius-Missiou, wo uns die frommen Jesnitenväter freundlich empfingen und gastlich aufnahmen. Im Vater-Superior, van Gorp, einem Belgier von Geburt, der schon seit 17 Jahren auf dieser im Jahre 1856 gegründeten Mission thätig wirkt, fanden wir einen Weltmann im vollsteil Sinne des Wortes, der es versteht, den Umständen Rechnung zu tragen. Er führte uns sofort in das MissionSkirchlein, und als er sah, daß wir beim Einkitte uns nicht mit Weihwasser besprengten, auch vor dem Altar, über dem ein großes Bild des heiligen Jgnatius hing, uns nicht bekreuzten, sondern nur durch eine Verbeugung unsere Ehrfurcht bezeigten, wußte er, was er mit scharfem Auge schon vorher erkannt hatte, daß wir Protestanten seien, und vermied mit richtigem Tacte jedes Thema, welches Veranlassung zu unliebsamen Discusionen hätte bieten können. Ein Besuch der Knabenschule, in der 50 junge Indianer in der englischen und Flathead-Sprachc, im Lesen, Rechnen und Schreiben unterrichtet wurden, war für uns vom allergrößten Interesse, und lieferte den Beweis, daß hier nicht von einer mechanischen Ablichtung die Rede war, man sich vielmehr aufrichtig bemühte, das Samenkorn des Wissens in fruchtbaren Boden zu streuen. Sämmtliche Knaben lasen gut, wenn auch mit etwas fremdartig singendem, ich möchte sagen, italienischem Accent und entwickelten besonders im Rechnen eine stauuens- werthe Fertigkeit, wobei sich allerdings die Mischlinge vor allen anderen auszeichneten. Demnächst begaben wir uns zum Essen, bei dem die beiden andern Priester, zwei Brüder Bandini, erschienen, die nnr ein furchtbares Englisch radebrechtcn, während der Vater-Superior vorzüglich deutsch, englisch und französisch sprach. Nach einem kurzen Gebete, bei dein die frommen Bäter sich bekreuzigten, wir nur die Hände falteten, wurde das Essen aufgetragen: eine Reissuppe, so dick, daß der Löffel darin stecken blieb, vorzügliches Roastbeef mit verschiedenen Gemüsen, Dessert und Thee. Die Küche und Haushaltung wird von vier Laienbrüdern besorgt, von denen zwei Deutsche sind und einer, Bruder Joseph aus Paderborn in Westfalen, schon 42 Jahre unter den „Flachköpfcn" wohnt. Während er uns nach dem Essen im Garten nmherführte, dessen Sorge ihm speciell übertragen ist, und uns mit großem Stolze die festen Kohlköpfe, den herrlichsten Blumenkohl und hoch aufgeschossenen Mais zeigte, erzählte er uns von seinen Freunden, den Indianern. Vor langen, langen Jahren hätten sie die Gewohnheit gehabt, ihren Kindern die Köpfe oben stach einzudrücken, seien aber von diesem barbarischen Gebrauche längst zurückgekommen, so daß sie ihren Namen jetzt nur mit Unrecht führten. Sie seien sanft, freundlich und harmlos und dachten nie daran, Streit mit den Weißen anzufangen. Jeder Knabe lerne jetzt auf der Mission ein Handwerk, sei es als Zimmermann, Schmied oder Müller, daneben unterrichte man alle im Gebrauche des Pfluges und bestrebe sich, sie vom Herumwandcrn zu heilen nnd zu Ackerbauern zu machen. Letzteres sei besonders schwierig, da der Boden künstlicher Bewässerung bedürfe, aber das von den Jesniten- vätern gesetzte Beispiel finde doch immer mehr Nachahmung, und mit der Zeit werde das ganze Indianer-Gebiet eines der schönsten in der Union sein. 695 In der That hatte man die Bergwasser bestens benutzt, um eine Oase in der Wüste zu schassen. Der Bach, welcher die Mission durchschneidet, setzte mehrere Mühlräder iil Bewegung, die zu einer Mahl-, Hobel- und Sägemühle gehören, und wurde sogar dienstbar gemacht, um das Geschäft des Butterns zu »errichten und die Wäsche zu besorgen. Diese praktische Art, sich die Naturkräste dienstbar zu machen, hat ihren Eindruck auf das Gemüth der Indianer nicht verfehlt und den Jesuiten das Werk der Erziehung bedeutend erleichtert. Am Nachmittage besuchten wir die von 45 Indianerinnen frequcntirte Mädchenschule, an der sieben Schwestern vom Orden der heiligeil Vorsehung, meistens Cana- dierinncn, Unterricht ertheilten, und die hier erzielten Resultate waren noch befriedigender, als bei den Knaben. Auch hier zeichneten sich die Mischlinge wieder vor den reinen Indianerinnen aus. Als wir dem Vater-Superior mittheilten, daß Karl Schurz in unserer Gesellschaft am Morgen durch die Mission gekommen sei, bedauerte er es lebhaft, daß Schurz nicht mit uns gekommen sei, damit er hier sehe, welche Früchte seine Bemühungen für die Civilisirung des Indianers getragen haben. Karl Schurz hat es als Minister Innern durchgesetzt, daß man den Vätern Jesu 6000 Dollars im Jahre (d. h. 1^0 Dollars pro Kind bis zur Zahl von 60) zu Schulzwecken unter den Flathead's bewillige, und sicherlich hat der Kongreß niemals eine bessere Geldbewilligung gemacht. Gegen Abend ritten wir nach dem Zuge Zurück, an mancher Indianer-Farm vorbei, auf der solide Blockhäuser die Stelle des (Wigwams) vertraten und die Felder wohl eingezäunt waren. Alle Indianer, denen wir begegneten, grüßten freundlich, gaben sich auch Mühe, uns Rede und Antwort zu stehen und machten einen guten Eindruck. Besonders amüsirte uns eine Familie, aus Vater, Mutter und vier Kindern bestehend, auf vier Pferden. Der Vater und die beiden Acltcstcn hatten jeder ihr Pferd, die Mutter aber trug ihr vorletztes „Pagnse" auf dem Rücken, während das letzte, ein Würmchen von kaum drei Monaten, fest in einen Tragkorb eingeschnürt am Sattelkopfe hing. — So schieden wir voll den Indianern. Wir alle gestanden uns, oaß wir auf der Flathead Reservation ein schönes Werk echt christlicher Mission gesehen hätten, und hofften, daß die Bemühungen um die Civilisirung der Indianer, wie sie hier von den Jesuiten betrieben wird, vom schönsten Erfolg begleitet sein mögen." Himmelsschan im Monat November. —Mars F ist am 1. mit der Sonne in Quadratur und verweilt von 10 Uhr Nachts bis 2 Uhr Nachmittags über dem Horizont; gegen 6 Uhr Morgens kommt Mars in den Meridian, am 20. in die Nähe des Mondes. Jupiter sz geht auf zwischen 10 Uhr und 8 Uhr Abends und bewegt sich nach dem Sternbilde des Krebses. Am 19 steht Jupiter 6° nördlich vom Monde. Von seinen Trabanten werden sichtbar verfinstert: der erste am 5., 7., 14., 21., 23., 30.; der zweite am 7., 14., 24.; der dritte am 2., 9., 16. Saturn H hat am 29. seine geringste Entfernung von der Erde, weil er an diesem Tage in Sonnenopposition tritt, und bleibt die ganze Nacht ain Himmel sichtbar. Am 2. früh 5 Uhr steht Saturn nur 3° südlich von « Rauri (Aldebaran); am 15. Abends 6 Uhr wird er vom Blonde bedeckt, ungefähr eine Stunde nach seinem Aufgange in NO. Vom 13. bis 17. findet ein Sternschuppenfall statt. (Martinistrom.) Merkur und Venus sind in diesem Monate unsichtbar. — 696 Miseellei«. * (Woher der Name „Blaustrumpf" kommt.) Lang', lang', ist's her — es war zu Ende des vorigen Jahrhunderts — als in England zuerst das jetzt so mißliebig gewordene Wort: „Blaustrumpf" auftauchte, und zwar in einer durchaus anderen Bedeutung, als die gegenwärtige, wenn der Ursprung freilich auch ein literarischer ist. Im Jahre 1781. veranstalteten mehrere englische Damen Abendgesellschaften, in denen nicht Karten gespielt, sondern durch Hinzuziehung geistreicher, litcrarisch gebildeter Männer ein anregender Kreis gebildet wurde. Besonders zeichnete sich dabei durch seine Unter- haltungsgabe ein Gelehrter aus, dessen Anwesenheit an diesen Abenden so nothwendig erschien, daß man sehr froh war, die blauen Kniestrümpfc, die er stets zu tragen pflegte, auftauchen zu sehen, während man in Folge dessen sein Ausbleiben mit den Worten bedauerte: „Wir können ohne die blauen Strumpfe Nichts anfangen!" — Diese Bemerkung führte zu dem Spitznamen: „Blaustrumpf-Klub" für die betreffende Gesellschaft, was einst Veranlassung gab, daß ein vornehmer Ausländer den Scherz für Ernst und die Benennung: „Blaustrumpf" für den rechten Namen der Gesellschaft hielt. — Von damals her ist dann die Bezeichnung „Blaustrumpf" für schöngeistige Bestrebungen, in Kraft geblieben, nur daß im Laufe der Zeit der ursprüngliche Sinn sich endlich ganz verwischte, um dem ominösen, carricirten zu weichen, namentlich wenn es gilt, über weibliche Schriftstcllerei den Stab zu brechen. — * (Leb er reime.) Die sogenannten „Leberreime" — diese bekannten zweizeiligen, deutschen Scherzgedichte — sollen ihren Ursprung iin Jahre 1750 durch Heinrich Schävius, Rector zu Thorn, gefunden haben, und waren früher bei Gastereien, namentlich nach Austragung des Hechtes, oft auch beim Kreisen des Pokals zum Gesuttdheitstrinken, sehr beliebt und gebräuchlich. Sie begannen: „Die Leber ist von einem Hecht und nicht von einem . . .", worauf der Name des Thieres folgt, auf welches der Reim gemacht werden muß. Jedes der Anwesenden mußte dann der Reihe nach einen Vers aus dem Stegreif in dieser Weise machen — zuweilen wurde auch statt des Hechts ein anderes Thier gesagt. Ein solcher alter „Lcberrcim" lautete z. B.: „Die Leber ist vom Hecht, und nicht von einer Gans; Die Magd heißt Ursula, der .Hausknecht aber Hauns!" (Das schweinerne Andenken.) Ein alter, schon pcnsionirtcr Postbote, wenn er bei seinem Landgange in einen Bauernhof kam, wo er ein geschlachtetes Schwein hängen sah, fing zn weinen und jammern an mit den Worten: „Mei liaber Herrgott, jetzt Hains mir dös Fackerl a umbracht und hab's so gern g'habt wia's no kloa war, geht, bitt' enk recht schö, gcbt's ma do no a Andenken davo'." (Der Gipfel des Geizes») Ein Redakteur in Arkansas erzählt von einem Manne, der so geizig ist, daß er durch die Nase spricht, um seine falschen Zähne zu schonen. (Vor der Parade.) .Hauptmann (einen Soldaten bemerkend, dem der zweite Knopf an seinem Waffenrocke fehlt): „Feldwebel, schreiben Sie den Mann auf! Kommt dieser verfluchte Kerl halbnackt auf die Parade!" Räthsel. Das Erste fliegt dahin geschwinder als ein Pfeil, Du hältst es nimmer auf, es kehrt zurück nicht mehr. Des Zweiten Griffe wirst du staunend bald erkennen, Betrachtest du bei Nacht der Sterne zahllos Heer; Das Ganze, sei's auch groß, vom ersten ist's ein Theil; Wenn du Geschichte lernst, hörst du gewiß es nennen. Nun rathe schnell, was ist's; die Antwort ist nicht schwer. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttlcr- Nr. 88. 1883 . »ur „Äugslmrger postzeituug." Samstag, 3. November Der Gpalrmg. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) „Das habe ich nicht damit sagen wollen, Douglas, Du weißt, daß dies meine Ansicht nicht ist. Lieber Freund, wer kennte besser wie ich Dein warmes Herz. Hast Du nicht treu zu mir gehalten in guten wie in bösen Tagen? Ich bin kein gefühlloser Grobian, Douglas! „Ich glaubte und vertraute Dir, weil ich nicht anders konnte. Wenn wir gehen sollen, so komm; hier ist es zum Ersticken heiß. Was hast Du vor?" Wahrend sie die Treppe hinuntergingen, s^te ihm St. Lawrence seinen Plan auseinander; wir wollen den Zug bis Epsom benutzen, dort die Pferde zu miethen suchen, welche wir neulich hatten und dann einen tüchtigen Ritt landeinwärts machen. Wahrend die Thiere ausruhen, können wir irgendwo zu Mittag speisen, und gegen Abend kehren wir hierher zurück." „Der Henker hole das Mittagessen!" rief Douglas verächtlich aus. „Das war früher nicht Dein Grundsatz, alter Freund. Erinnerst Du Dich des Vages, wo wir zusammen im botanischen Garten waren und Du mich später mit zum Diner schlepptest, damals sagte auch ich: „Der Henker hole das Mittagessen", gerade wie Du jetzt." „Ah, das war an dem Tage, an welchen: wir Bertha antrafen und wo Du so entzückt von Lena warst!" „Weil mich die Außenseite blendete. Dieser Schwärn: war rasch verflogen." Douglas blickte den Freund forschend an; eine Frage schwebte auf seinen Lippen, doch besann er sich eines Besseren und schritt, einen Seufzer ausdrückend, schweigend weiter. Die belebten Straßen, sowie das Eisenbahn-Conpö eigneten sich nicht zu vertraulicher Unterhaltung; daher langten die jungen Leute zu Epson: an, ohne die Angelegenheit, welche sie beide so sehr beschäftigte, weiter erörtert zu haben. Die gewünschten Pferde standen zu ihrer Verfügung, und kurze Zeit nachher führte ihr Weg sie südwärts den lieblichen Hügeln von Surrey zu. Welch' angenehmen Gegensatz bildeten die schönen Bäume und üppigen Wiesen zu der Hitze und dem Staube Londons. Alles athmete Ruhe und Frieden hier. Die Reiter, von denen jeder seine Sorge mit sich trug, empfanden schon bald, welche wunderbare Heilkraft der freien Natur inne wohnt; sie fühlten sich erleichtert und neu gestärkt. In der Nähe eines Dorfes bemerkten sie ein hübsches, von einen: kleinen Garten umgebenes und von hohen Bäumen fast ganz verborgenes Landhaus. „Das ist ein reizendes Versteck!" rief St. Lawrence ganz entzückt aus. „Ich hätte nicht übel Lust, wenn das Schlimmste eintreffen sollte, mich in eine solche unmuthige Einsiedelei zu vergraben." 698 „Doch wohl nicht allein?" frug Douglas, in welchem sich von Neuem die Eifer- sucht zu regen begann. „O, das weiß ich nicht, darüber läßt sich jetzt noch nichts bestimmen", lautete die ausweichende Antwort, um dem Freunde den Kummer zu ersparen. Während St. Lawrence noch redete, traten zwei Personen aus dem Hause heraus und schritten über den Gartenpsad dem Thore zu, eine schöne brünette, auffallend gekleidete Frau und ein ziemlich kleiner Mann mit schwarzem Haare. Letzterer machte den Eindruck eines Bedienten ohne Livr«. „Bestellen Sie ihm, er möchte sofort hierher kommen", sagte die Frau in dem Augenblicke, als die Freunde im Schritt vorüberritten. Der kleine Mann antwortete bejahend, griff an seinen Hut und schlug dann die Richtung nach dem Stationsgebäude ein. Die Dame schritt langsam dem Hanse zu. St. Lawrence und Douglas blickten sich gegenseitig überrascht an. „War das eine Täuschung?" frug ersterer. „Auch ich war anfangs erstaunt, aber wir haben uns gewiß geirrt." „So würde auch ich denken, wenn ich nicht die Vermuthung hätte, diese Frau schon früher gesehen zu haben. Ihr Gesicht ruft mir unangenehme Jngenderinnerungen u's Gedächtniß zurück. Aber es muß ein Spiel der Phantasie sein, denn die Person, auf welche ich anspielte, ist jedenfalls Tausende von Meilen von hier entfernt. „Man kann heut zu Tage nie sagen, wo sich Jemand aufhält. In wie seltsamer Weise trifft man nicht öfters mit alten Bekannten zusammen." Nach kurzem Besinnen sagte St. Lawrence: „Es würde mich nicht allzu sehr in Erstaunen setzen." „Du sollst sehen, schon in nächster Zeit wenden sich die Dinge zu Deinem Vortheil. Ein prophetischer Geist scheint über mich gekommen zu sein", setzte Douglas mit seiner früheren Lebhaftigkeit hinzu. Dann prophezeihe uns doch auch ein Cotelette und ein gutes Glas Ale", scherzte St Lawrence. „In der -Nähe jenes Kirchthurmes befindet sich ein Wirthshaus, in welchem sich die Herren, welche hier in der Gegend anlangen, zu versammeln pflegen. Dort werden wir jedenfalls eine gute Bcwirthnng antreffen." Z w ei u n d z w a uz i g st c s Capitel. Die beabsichtigte Reise nach Larkspur mußte auf unbestimmte Zeit hinaus verschoben werden. Lord Alphington schickte einen sehr liebenswürdigen Brief, worin er seiner Freude, Miß Dalton als Angehörige begrüßen zu können, Ausdruck gab und gleichzeitig die Absicht anssprach, sie so bald als möglich persönlich aufsuchen, zu wollen. Auch Sir Stephan und Lady Langley hatten sehr freundlich geschrieben, doch vermied letztere es so viel als thnnlich zu gratuliern, und verweilte dagegen länger bei den Wünschen für die Zukunft. Sir Stephan nahm sich als alter Freund der Familie die Freiheit, fünfzig Pfund Sterling, eine kleine Beisteuer zu Lena's Trousseau, einzulegen, was sehr beifällig aufgenommen wurde. Faucourt drängte daraus, den Tag der Hochzeit festzusetzen und Mrs. Dalton, äußerst zufrieden mit ihrer Umsicht, die Aussteuer so bald begonnen zu haben, erklärte sich mit seinen Wünschen einverstanden. Anfangs Oktober sollte bei einer befreundeten Familie, deren Sohn großjährig wurde, ein Ball stattfinden. Lena bestand darauf, aus Gründen, die sie geheim zu halten wünschte, diesen Ball noch vor der Hochzeit mitzumachen. Weiter hatte sie gegen die Bestimmungen ihrer Mutter nichts einzuwenden. Der glückliche Bräutigam kam täglich nach Joy Collage. Doch mußte er vor seiner Hochzeit einige gewichtige Geschäfte abmachen. „Ich werde nach Surrey fahren und dort bis zu meiner Verheirathung bleiben", theilte er seinem vertrauten Diener John während des Frühstücks mit. Nnhe ist mir unbedingt nothwendig, da ich vollständig herunter bin. „Mrs. Lemont wird erfreut sein, Sie Zu sehen, Sir", bemerkte John, „Ohne Zweifel", sagte Faucourt, nach einer Straßbnrger Pastete langend. „Es ist nicht meine Absicht, in dem Landhanse zu, wohnen, sondern ich werde mein Quartier in dem Wirthshansc Angler's Rast aufschlagen, Du begleitest mich natürlich — vielleicht bedarf ich Deiner dort. Sorge, daß meine Sachen morgen gepackt sind. Ich will im Dog-cart hinfahren, wer weiß, wozu ich ihn nöthig habe." „Zu befehlen, Sir", entgcguete der allzeit bereitwillige John. „Und noch eins. Ich nehme die Juno mit; es wäre ja möglich, daß ich Sir Trcvor Sutton's Jagd benutzen könnte." Die Juno war ein weiß und braun gesteckter Jagdhund, den Faucourt von dem Förster zu Alphington Park erhalten hatte. Sie war sehr scheu in der Gegenwart ihres neuen Herrn, da Fußtritte und Verwünschungen ihr bis dahin unbekannte Dinge gewesen. Für John zeigte sie dagegen eine große Anhänglichkeit. So oft Faucourt sich nicht bei seiner schönen Braut befand, ward er aus irgend einem geheimen Grunde von der entsetzlichsten Unruhe und Angst gepeinigt. Durch unmäßiges Trinken und Schwelgen suchte er sich dann in der Regel zu betäuben und die nervöse Abspannung, welche sich in Folge dessen einstellte, war schrecklich anzusehen. — John beobachtete seinen Herrn aufmerksam und zog seine eigenen Schlüsse. Das Verhältniß zwischen Lord Alphington und seinem Enkel wurde mit der Zeit nicht besser. Der junge Mann war einige Tage zur Hühnerjagd in Alphington Park gewesen und diese kurze Zeit hatte hingereicht, um die frühere Abneigung des Carl zu vollständigem Widerwillen heranzureifen. Schon nach Ablauf einer Woche gab er seinem Enkel ziemlich deutlich zu verstehen, daß es besser sei und einen vollständigen Bruch vcr- ! hüten werde, wenn sie beide sich so wenig wie möglich sähen. Faucourt fand ebenfalls kein Vergnügen an der Gesellschaft seines Großvaters, dessen edle Gesinnung und vornehmes Wesen ganz und gar nicht zu seiner Anschauungsweise paßten. Die ländlichen Vergnügungen sowie die Freunde des Carls sagten ihm ebenfalls nicht zu und er scheute sich nicht, offen zu erklären, daß er das dortige Leben fürchterlich langweilig finde. Wenn er später der Earl sei, so werde er einen Verwalter zu Alphington Park wohnen lassen und nur zur Jagdzeit mit seinen Freunden dorthin gehen. Diesen alten, lästigen Kerl, Sir Stephan, sammt der übrigen Sippschaft, wollte er sich dann auch schon vom Halse ! schaffen. Nach diesen Aeußerungen zu urtheilen, rief seine Verbannung von dem Laud- I sitze und dem alten Herrn nicht diese innere Unruhe hervor. Auch spielte er nicht, das ' war eins von den wenigen Lastern, welches er nicht besaß, mithin belästigten ihn weder Gläubiger noch Mahnbriefe. Die Ursache der ruhelosen Nächte und Tage mußte also anderswo zu suchen sein. Es war ein schöner Herbstabend, als Mr. Faucourt sich auf dein Wege zu einem der reizendsten Flecken in ganz Surrey befand. Die Fahrt schien jedoch wenig zu einer Erheiterung beizutragen; der herrlichen Gegend schenkte er nicht einen einzigen bewundernden Blick, sondern fuhr immer rastlos weiter wie Jemand, dessen alleiniger Zweck es ist, sein Ziel so bald als möglich zu erreichen. Mit John wechselte er kein Wort; dieser gab sich alle erdenkliche Mühe, Juno mit der für sie neuen Art der Fortbewegung auszusöhnen. Zu Angler's Rast angekommen, miethete sich Faucourt die besten Zimmer, bestellte das Mittagessen und ging dann allein zur Villa hinüber. Mit zusammengepreßten Lippen und finsterer Stirne öffnete er das Thor und schritt dem Hause zu. Mrs. Lemont schien ihn bemerkt zu haben, denn sie empfing ihn selbst an der Hausthüre. Zu ihrer größten Ueberraschung begrüßte er sie weit zärtlicher, als seit langer Zeit. 700 „Ich wußte nicht, was ich aus Deinem Briefe machen sollte", sagte sie, ihm zum Wohnzimmer voranschreitend. „Nicht? Nun jetzt bin ich selbst hier, um Dich darüber aufzuklären." Er ließ sich auf das Ruhebett in der Nähe des Fensters niederfallen. „Ich habe mich für einige Zeit drüben im Wirthshausc einguartirt, da ich total herunter bin und gepflegt zn werden wünsche." „Und deshalb kommst zn mir?" frug Julie. „Zn wein könnte ich wohl mit größerem Rechte gehen", erwiderte er mit erheuchelter Artigkeit. „Zu' Niemanden, das ist wahr. Wenn Du mich entbehrtest, so ist das nicht meine Schuld. Du hieltest es ja der Verhältnisse halber für besser, daß ich hier wohnen solle —; ich fügte mich nur Deinem Wunsche. Durch mein stilles Ausharren habe ich Opfer gebracht, zn denen nur wenige Frauen die Kraft besessen hätten. Wie lange soll es noch dauern? Wann wirst Du voraussichtlich Dein eigener Herr sein?" Sie hatte ihm gegenüber Platz genommen, um den Ausdruck seines Gesichtes beobachten zu können. Er zog sich in den Schatten der Gardine zurück, indem er sagte: „Wie kann ich das wissen. Lord Alphington ist ein kerngesunder Mann, er kann — der Henker hole es — noch lange Jahre leben. Auch will ich Dir kein Hehl daraus machen, daß er mich nicht ausstehen kann und ich in Folge dessen weit entfernt davon bin, thun zn können, was mir beliebt." „Weshalb mag er Dich nicht leiden?" frug sie ungeduldig. „Was hast Du angefangen? Wie kommt es, daß er Dich schon so bald durchschaut hat?" „Das ist nicht schön von Dir, Julie, auf Ehre nicht", cntgcgncte Fauconrt, ihren Blick vermeidend. „Du weißt ja, daß ich alles aufbiete, um unser beiderseitiges Wohl, eine glückliche Zukunft herbeizuführen. Wenn mir auch der Titel mit dem dazu gehörigen Grundbesitz gesichert ist, so hat Lord Alphington doch die Gewalt, jeden Schilling, welchen er sonst besitzt, anderweitig zu vererben und beim Jupiter, ich glaube, er thäte es, wenn ich mich gegen ihn auflehnte. Willst Du mir jetzt geduldig zuhören, ich werde Dir meinen Plan auseinandersetzen." „Habe ich Dir nicht hinlängliche Beweise von Geduld gegeben?" rief Julie, mit dem Fuße auf den Boden stampfend. „Ich bin es nachgerade müde — todtmüde, hier eingesperrt zu sein. Bis zu dieser Zeit hättest Du den Carl für Dich gewinnen müssen, ich würde es an Deiner Stelle fertig gebracht haben." „Wenn Du so todtmüde bist hier eingesperrt zu sein, wirst Du um so lieber auf meinen Vorschlag eingehen", erwiderte er, den letzten Theil ihrer Rede unbeachtet lassend. „Du kannst nicht, ohne Gefahr entdeckt zu werden, in England bleiben, und das wäre mein Ruin. Beim Henker, der Gedanke an diese Möglichkeit könnte mich schon rasend machen. Willst Du nun zu Deinen: Bruder nach Frankreich oder nach Amerika gehen? Du versprachst mir ja, Dich bis zum Tode Lord Alphington's ruhig zu verhalten." „Nein!" schrie Julie mit blitzenden Augen, während ihre ganze Gestalt vor Zorn bebte; „ich will nicht fortgehen I Ich weiß wohl, was Du vorhast. Du möchtest mich von Dir befreien, wenn Du könntest, aber das soll Dir so leicht nicht gelingen! Wie wäre es, wenn ich selbst zu Lord Alphington hinginge?" „Um als Verrückte in ein Irrenhaus gebracht zu werden?" frug Fauconrt höhnisch. „Bildest Du Dir etwa ein, er werde Deinen Worten Glauben schenken?" „Ja, das würde er", antwortete sie mit leiserer Stimme, ihren Gefährten unverwandt anblickend. „Er müßte anerkennen, daß ich die Wahrheit spräche, denn ich besitze den Ring." „Welchen Du gestohlen hast", bemerkte Fauconrt kühl und ohne das geringste Erstaunen an den Tag zu legen. „Weißt Du schon, daß diese Angelegenheit einem 701 Polizeiagenten übergeben worden ist? Wenn Dn den Ring vorzeigst, wirst Dn Dich darüber zn verantworten haben, wie er in Deine Hände gekommen ist." „Und das werde ich thun!" rief sie in größter Anfregnng aus. „Meinst Du, es läge mir etwas daran, was aus mir wird! Ich werde ihnen sagen, wer ich bin; an Dir wäre es, dies zn leugnen!" „Was ich unzweifelhaft thun würde", cntgcgnete er mürrisch. „Julie, ich bitte Dich, sei doch vernünftig, Du kannst ja nichts dadurch gewinnen, daß Du mir Schaden zufügst durchaus nichts; denn wer könnte mich zwingen, Dir Deine Jahresrente auszuzahlen. Ich will sie Dir nicht vorenthalten, obschon, beim Henker, mein Beutel gründlich von Dir und Deinem verdammten Bruder ausgequetscht wird." „Wer Dich zwingen könnte, mir die Jahresrente auszuzahlen? Dn weißt, daß Dn nicht wagen darfst, dies zu unterlassen, da Du in meiner Gewalt bist. Ich werde nicht gehen, obschon Dn es willst; ich bin des Wartens müde. Soll ich hier mein Leben vertrauern, während Du Deine Tage in Saus und Braus zubringst; o nein, glaube das nur nicht, Du hast mir vorgeschwindelt, Lord Alphington sei alt und schwach." Faucourt war kreideweiß geworden, der Kampf in seinem Innern trieb ihm den kalten Schweiß auf die Stirne. „Ist es Dein fester Entschluß, nicht fort zu gehen?" frug er mit gepreßter Stimme. „Man wird noch sicherern Gewahrsam für Widersetzlichkeit zn finden wissen, als Frankreich und Amerika." „Willst Du mir drohen? Nimm Dich in Acht!" „Das werde ich thuu'ff zischte er zwischen den Zähnen durch, als er sich von seinem Sitze erhob. Ich bleibe noch einige Tage hier im Orte, vielleicht haft Du vor meiner Abreise einen anderen Ton angeschlagen." „Nein, nein — tausendmal nein!" schrie Julie, sich ebenfalls erhebend. „Ich habe Dich gewarnt, einmal — zweimal. Nur noch kurze Zeit und ich werde handeln." „Ja, Du hast mich gewarnt", wiederholte er, seinen.Hut ergreifend. „Ich wünschte nicht mit Dir zn streiten, Julie, auf Ehre nicht; in der besten Absicht kam ich hierher." Er wich ihrem Blicke aus, während er dieses sagte und glättete mit dem Handschuhe seinen Hut. Du kamst hierher, um das zn erlangen, was Dn wünschest", cntgcgnete sie bitter. „Auch ich liebe den Zank nicht, nur wollte ich Dir zu verstehen geben, daß ich nicht bei Seite geschafft sein will. Du hast Deine Rolle zu spielen und ich die meinige. Wir haben Vieles zusammen durchgemacht, Sedley", fuhr sie im weicheren Tone fort, „weshalb sollten wir uns jetzt feindlich gegenüber stehen?" „Das hängt von Dir ab", antwonete er verdrießlich. „Ueberlege Dir meinen Vorschlag." Julie schaute ihm mit erhitzten Wangen und zusammengezogenen Augenbrauen nach. „Er sucht mir etwas zn verheimlichen", sprach sie bei sich. Plötzlich stieg ein Verdacht in ihr auf, bei dein sich ihr Herz krampfhaft zusammen zog. „Sein Diener wird wissen, wen er kennen gelernt hat und wo er zn verkehren pflegt. Ich will ihn ausfragen." „Juno scheint krank zu sein, Sir", sagte John am folgenden Tage zn seinem Herrn, „sie verschmäht ihr Fressen und läßt den Kopf so merkwürdig hängen." „Es wird nicht so schlimm sein", cntgcgnete Fanconrt sorglos. „Laß sie nur in Ruhe, ich werde selbst nach ihr sehen." John erwiderte nichts, sondern fuhr fort, die Kleider seines Herrn zurecht zu legen. Als seine Dienste nicht länger erforderlich waren, begab er sich hinunter zur Küche, steckte sich seine Pfeife an und überdachte das Erlebte. (Fortsetzung folgt.) 702 Najuvaren in Nngarn. Haben Sie schon einmal etwas von den „Heanzen" gehört? Vielleicht ja, aber auch dann nicht recht Ausführliches. Die Heanzcrei erstreckt sich durch's Oedenburgcr und Eisenburger Comitat längs der niedcrösterreichisch-steicrmärkischen Grenze von Saner- brnnn (Secseuyäd) bis Limbach (Lendoa) und hinein bis an die Gestade des Neu- siedlersces. Die Bevölkerung dieses Landstriches ist nur wenig mit Ungarn und Croatcn untermischt und besteht zum allergrößten Theil aus deutscher, unzweifelhaft bayerischer Abstammung, was sich im Dialekt, in vielen Gebräuchen und Sitten kundgibt. Merkwürdiger Weise laufen da zwei Dialekte neben einander — selbst in einem und demselben Orte — her. Der eine ist das uuverfälschcste Oberbaycrisch, fragt man einen, ob er ein Kind habe, so antwortet er: „Oan's und dös a kloan's." Der andere ist das eigentlich „Heanzisch", welches in der häufigen Anwendung das „i" als Auslaut erkennen läßt, z. B.: „Der Bni hat scho gnntt" und das „an" bei Namen: „Sanndel" Susanna, „Naundcl" Anna. Doch will ich nicht vorgreifen, sondern in geographischer Reihenfolge meinen Gegenstand behandeln. Sobald wir bei Sauerbrunn hinter Wiener Neustadt die ungarische Grenze überschritten, folgt die Station Retfalu-Siklüs der Sndbahn, die hier genannten Orte heißen auf deutsch Wicscn-Sicgleß und da wohnen die „Repetirheauzcn", so oenannt nach deren Redeweise. Die Wiesener pflanzen viel Obst, mit dem sie nach Wien oder Ocdenburg Handel treiben, auf allfallsige Fragen antworten sie: „Vo da Wiesen sama und sama, weil ma von da Wiesen sau" oder: „Auf Ocdenburg fahr i" und so gibt es noch reiche Dia- lektvarianken. Im Ganzen zählen die Deutschen der genannten beiden Comitaie eine Viertelmillion Seelen und zählen beide zusammen im Ganzen überhaupt 562,452 Einwohner, gehören also der Ausdehnung nach zu den dichtbevölkertsten Gespanschaften des Landes. Ein tüchtiges und fleißiges Volk ist dieser bajuvarischc Zweig auf fernem Boden, dem sie die edelsten Trauben und den besten Wein, den Coucurrcuten des Tokayer, den „Ruszter", und das beste Obst abgewinnen. Von ausgezeichneten Männern, welche aus „Heanzischem Boden" erwuchsen, haben wir in erster Reihe den großen Anatomen Joseph Hyrtl und den Pianokönig Franz Liszt hervorzuheben, außerdem aber nehmen Deutsche der beiden Comitate im Lande in den hervorragendsten Lebensstellungen ihren Platz ein. Einst gehörte der ganze Landstrich zur karoliugischcu Ostmark und Eisendstadt (Kis-Morton) verdankt seinen Ursprung den deutschen Rittern jener Zeit. Heute sind diese Deutschen trotz der Nähe der österreichisch-steierischen Grenze die trcuesten Söhne des Vaterlandes. Diese Erscheinung, daß der Deutsche seinem Adoptivvaterlande ein treuer Sohn ist, steht nicht vereinzelt da, wir brauchen nur auf die Vereinigten Staaten von Nordamerika hinzuweisen, deren Staaten bildendes und erhaltendes Element die Deutschen sind, welche während des Secessionskrieges der Union die größten Opfer brachten. So war es auch 1848 — 49 hier der Fall, diesseits der Donau theilten Zipscr dem Schliek'schen'Corps und jenseits der Donau Bajuvaren den Croaten „deutsche Hiebe" aus und der Günzer Honväd meinte auf Befragen „a Schwab bin i, aber an ungarischer." Wie gesagt, fleißig und genügsam ist das Volk hier, dabei aber viel beweglicher und aufgeweckter, als die steierisch-uiederösterreichischeu Nachbarn vom gleichen Stamme; das liegt aber zum großen Theil in den politischen Verhältnissen, welche in Ungarn ein unbegrenzt freies Sprechen und Schreiben gestatten, dann aber darin, daß die Leute hier, in altem Municipium seit Jahrhunderten ansässig, kleine Patricier-Republiken bilden. Eine derselben ist Ruszt mit nur 1396 Einwohnern, aber schon seit zwei Jahrhunderten 703 königliche Frcistadt und vorher bis zurück in's 14. Jahrhundert „privilegirter Markt". Hier gab es noch alten «»getheilten Familienbesitz und weist z. B. die Wählerliste für die Repräsentanz nur 97 Personen aus, dagegen aber nur etwa 60 Namen, da u. A. 10 „Schreiner", 7 „Wasch" rc. zu den Höchstbesteuerten gehören. Vermögen von 80 bis 100,000 Mark Besitz gehören nicht zu den Seltenheiten, und stehen die Leute auch nicht darauf au, ihre Producte rasch zu veräußern, sondern heben gute Jahrgänge auf. Unlängst wurden hier 1878er Weiß- und 1876er Nothwein mit 60—100 Gulden 120—200 Mark) pro Hektoliter nach Qualität bezahlt, ein altes Faß Ausbruch aber mit 240 Gulden der Hektoliter. Vorn Nothwein vorn Neusieiuerfee werden Sie auch noch nicyt viel gehört haben, aber der von Rnszt, Mörbisch, Margarethen ?c. wandert in's Ausland, wird auf Flaschen gezogen und hübsch vignettirt als theuerer Bordeaux verkauft und kann selbst vorn Kenner nur schwer unterschieden werden. Nach dieser vinologischcu Abschweifung — die aber mit zur Sache gehört — wollen wir wieder zur Charakteristik des Volkes übergehen. Da es hier unendlich reiche und leicht zugängliche Säuerlingsquellen gibt, so trinken die Leute selbst zur Arbeitszeit im Sommer Sauerwasser. Bon Montag früh bis Samstag Abend wird tüchtig gearbeitet und dann ein fröhlicher Sonntag gemacht, ohne aber dabei auszuarten. Leichte Anhei- terungen „a Dampf" und „a kloans Schwammerl", das gibt es dabei, aber ein Stockbesoffener gehört zu den Seltenheiten. Die Mädchen sitzen im Sonntagsstaat und singen im Chor Lieder, deren Text aber nicht immer harmlos ist, wie z. B. jenes „Von der Kellnerin auf der Wiener Straßen". Etwa 80,000 der Deutschen dieser beiden Comitate (Ocdenbnrg-Eisenberg) sind Protestanten Augsburger Konfession, aber Katholiken und Lutheraner, Deutsche, Magyaren und Croaten leben hier in Frieden zusammen. Raufereien kommen au Sonntagen und Kirchwcihcu nur selten vor, dagegen bilden sie in den Grenzorten an Markttagen beinahe eine Regel und zwar zwischen „Oester- rcichern" und „Ungarn", wobei aber merkwürdiger Weise beide Parteien eigentlich durch Deutsche des bayerisch-östcrrischen Stammes vertreten sind, was einen überaus komischen Eindruck.macht. In der Wirthsstubc geht es au solchen Tagen recht lustig her, „Ländler" und „Jodler" werden gesungen und geduldet, „aGstrampftes" getanzt, dann aber verirrt sich auch eine Zigeuner-Musikbaude dahin und da beginnt dann auch ein „Csördüs" in Pautalon und blauen „Janker" (Spenzer) und der anwesende Notar, Beamte oder auch Pfarrer muntert seine „Kinder" auf, ja nur den „Ungarn" hervorzukehren, da und bei den Deputirtenwahlcn gibt es zum Schluß auch Prügel. Während der Tauzpausen trennten sich beide Geschlechter, die Männer und Burschen gehen an den Schank und zur „Kcgelbudel", die Frauen und Mädchen aber thun das, was in aller Herren Länder: plaudern und „ausrichten". Die Tracht des weiblichen Geschlechtes ist hier überall dunkel, einfarbig, oft vorn .Kopf bis zur Zehe schwarz, selbst der Baudaufsatz. Wenn man an die bunte Kleidung und den Bündcraufsatz anderer Gegenden gewohnt ist, füllt dies auf. „Ich könnte noch Manches erzählen, will aber nist einer köstlichen Anecdote schließen. Wie der Leser ersah, gibt es verschiedene Gattungen „Heanzen", so heißen die Fischer am Neusicdlersec „Hechtcnheanzen", wie aber bei Forchtenstein dir „Wällischen Heanzen" entstanden sind, das sei hier erzählt. Als im Jahr? 1809 der Nicekönig von Italien Engen Beauharnais mit seinem Arinmeecorps gegen Naab zog, hatte er auch bayerische Hülfstruppcn bei sich. Dein „italienischen" Heere aber ging der Ruf vorauf, daß dasselbe selbst das Kind im Mutter- leibe nicht schone. Weiber und Kinder, Vieh und Habscligkeiten wurden geflüchtet und verborgen, Mäner und alte Frauen aber blieben zurück, um die Einguartirung zu empfangen. Nach Forchtenstein und Umgebung kamen bayerische Chevauxlegers; zwei Bauern 704 begaben sich, nachdem sie deren Pferde versorgt, auf den Boden, wo sie ein Loch in die Diele gebohrt hatten, nm zn hören und zu sehen, was da unten vorgeht. Nachdem die Chevanxleger abgepackt hatten, setzten sie sich an den Tisch in der Erwartung des Imbisses, der da kommen sollte, aber es kam eben nichts. Da warf der Eine seinen Pallasch zornig auf den Tisch und rief aus: „H ... H ......., S... kommt denn von dem Mischen Gesinde! kancr!" da stieß der eine Heanz den anderen an und meinte: „Du, Hans, das hätt i mci Lcbtag nit glaubt, daß i a wällisch versteh." Die beiden Chcvanxlegers wurden reichlich bewirthet und seither blicb's bei den „Wällischcn Hcanzen". Miscellen. (Ein salomonischer Erblasser.) Ein alter amerikanischer Farmer diktirte sein Testament. „Ich vermache meiner Frau 500 Dollars Jahreseinkommen. Haben Sie das niedergeschrieben?" — „Ja," sagte der Notar, „aber sie ist noch nicht alt und könnte sich wieder verheirathen. Was sollte dann geschehen?" , „Gut, schreiben Sie, im Falle ihrer Wiederocrhcirathung erhält sie 1000 Dollars Jahreseinkommen." — „Was, zweimal so viel?" — „Jawohl, denn wer sie heirathet, hat das viele Geld ehrlich verdient. Er wird ohnehin seine Noth mit ihr haben ..." (Die Frau des Dichters Friedrich von Schlegel,) eine Tochter des Philosophen Moses Mendelssohn, wurde einst in Berlin von einem Schöngeist beim Leinwandnähen betroffen. Er glaubte ihr vorstellen zu müssen, daß sie eine ihren: Geiste entsprechendere Beschäftigung wählen möchte. „Meinen Sie?" sagte sie lächelnd. „Ich habe immer gehört, daß zn viele Bücher in der Welt vorhanden sind, aber nie, daß es zn viele Hemden gibt." (Was ist ein musikalischer Dilettant?) In einer kleinen Gesellschaft versuchte man, die prägnanteste Erklärung für den Ausdruck „Dilettant" in: obigen Sinne zu finden. „Einer, der zu seinem Vergnügen spielt!" meinte Jemand. „Einer, der zn seinem Vergnügen spielt!" bemerkte ein Anderer mit Betonung. Er hatte das Nichtigere getroffen. (Amerikanisches.) Ein westliches Blatt in Amerika meldete dieser Tage, daß ein Knabe ohne Gehirn zur Welt gekommen sei und sich dem Umständen nach dabei ganz wohl befinde. „Es sollte uns durchaus nicht wundern," bemerkt dazu ein gegnerisches Blatt malitiös, „wenn diese Mißgeburt der jüngste Sprößling — unseres „geschätzte» Kollegen" sein würde." (Neue Todesursache.) „An welcher Krankheit ist Ihre Frau gestorben?" fragte Jemand einen Wittwer, der in der Ehe nicht glücklich war. — „Genau weiß man's nicht, vielleicht weil sie zn rasch gelebt hat." — „Wieso?" — „Bei unserer Vcr- heirathung war sie nach ihrer Aussage drei Jahre jünger, in ihren: letzte:: Stündlen: aber laut Tauf- und Todtenschein neun Jahre älter, als ich." (Höchst musikalisch.) „So, so, Sie sind auch in die Soiree zu Herrn Klinge- mann eingeladen? Versäumen Sie dieselbe ja nicht!" — „Und warum, Herr Feierte?" — „Darum, weil die Töchter des Hauses höchst musikalisch sind. Die jüngste spielt Piano, die andere singt famos und die älteste ist eine sehr reiche Wittwe." (Aus der Schule.) Lehrer: „Wie nennt man betn: Hasen die Haare, die zu beiden Seiten der Schmutze sitzen!" — Fritz: „Spürhaarc." — Lehrer: „Warum nennt man sie so?" — Fritz: „Wenn man ihn daran zieht, dann spürt er's." Auflösung des Räthsels in Nr. 87: „Zeitraum." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Nr. 89. 1883. zur Mittwoch, 7. November Der Gpalrmg. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Dr einn d z w anzi g st es Capitel. Aus Pflichtgefühl und der eigenen Ehre und Ruhe wegen hatte St. Lawrence seine Besuche zu Joy Cottage eingestellt. Jetzt unterließ er sie einstweilen noch aus Rücksicht für den Freund. Wie glücklich ihn auch der Gedanke machte, daß ihn keine Schranke mehr von Derjenigen, welche er so innigst liebte, trenne, so durfte er doch dieser Freude äußerlich keinen Ausdruck geben. Während Douglas noch unter der kärglichen Enttäuschung schmerzlich litt, hätte er doch nicht seine eigne Bewerbung beschleunigen dürfen. Douglas hatte sich entschlossen, den Winter in Rom zuzubringen und wollte sofort abreisen, um die nördlichen Städte Italiens auf dem Heimwege zu besuchen. Aber trotz seines Ungestüms, welches ihn nie ruhen ließ, bis er einen einmal gefaßten Plan auch wirklich ausgeführt, fand er es doch unmöglich, England schon so bald zu verlassen. Ein unvollendetes Portrait schickte er freilich, ohne die geringste Bezahlung für die unfertige Arbeit annehmen zu wollen, zurück und St. Lawrence hatte es übernommen, das Atelier zu vcrmicthen, und die verschiedenen Sachen, deren er nicht länger bedurfte, unterzubringen. Aber noch mancherlei erforderte seine persönliche Gegenwart, und so gingen trotz seiner Ungeduld mehrere Wochen vorüber. Dann endlich sagte er Mrs. Dalton, durch eine Karte Lebewohl, packte seine Farben und Pinsel ein, nahm zärtlichen Abschied von dem Freunde, welcher ihn bis zur Bahn begleitete und fuhr ab. Erst jetzt glaubte St. Lawrence frei handeln zu dürfen. Er legte wenig Gewicht auf die Andeutung, welche ihm Douglas in Betreff der Gefühle Bertha's gemacht hatte; jedoch, wenn wahre Liebe sie gewinnen konnte, dann mußte er siegen und wenn auch nur ein Schatten von Hoffnung für ihn vorhanden war; er wollte warten und ausharren, nichts schien ihm unmöglich, da Bertha's Liebe der Lohn sein werde. Sie würde sein kostbarster Schatz bleiben, auch dann, wenn Fortuna ihm zulächelte und sollte die Glücksgöttin zürnen, so war er bereit mit ihr vereint allen Stürmen Trotz zu bieten. Die plötzliche Abreise von Douglas versetzte Mrs. Dalton in ein Gemisch von Bedauern und Aerger; es überraschte sie, daß er England verlassen, ohne persönlichen Abschied zu nehmen, da sie doch immer in so freundschaftlichen Beziehungen gestanden und seine Karte gab ebenfalls keinen Aufschluß über dieses unverantwortliche Benehmen; dort stand nur, er beabsichtige, den Winter auf dem Festlande zuzubringen; das war alles. — „Hätte er uns nur besucht, so würde ich schon die ganze Sache in's Reine gebracht Haben", sagte sie zu Bertha. Mrs. Dalton setzte großes Vertrauen in ihre diplomatischen Kunstgriffe. 706 Bertha schwieg. Auch sie hatte gehofft, Douglas wiederzusehen, um ihn nochmals ihrer Freundschaft und des innigsten Interesses an seinem Wohlergehen zu versichern; aber da er es für besser hielt, nicht zu kommen, so konnte sie ihm nur zustimmen. Es war beschlossen worden, daß Bertha mit ihrer Mutter nach Lcna's Hochzeit den längst versprochenen Besuch zu Larkspur machen und dann voraussichtlich dort bleiben solle. Der Gedanke, London verlassen zu müssen, war wenig erfreulich für Bertha. Wäre ihr die Wahb überlassen worden, so würde sie viel lieber die frühere angestrengte Thätigkeit wieder aufgenommen haben. Ihr ständiger Aufenthalt bei Sir Stephan bedeutete so viel, als ob auf die Hoffnung, St. Lawrence je wieder zu sehen, für immer verzichten zu müssen. Dann durfte sie höchstens noch erwarten, ihn später als berühmten Künstler preisen zu hören; allerdings ein schwacher Ersatz, aber ihre Liebe machte sie nicht unglücklich, denn sie war stolz aus den Gegenstand derselben. Ihn noch einmal zu Joy Collage zu erblicken, hoffte sie schon längst nicht mehr und als er doch endlich kam, war sie mit Lena ausgegangen und ihre Mutter allein zu Hanse. St. Lawrence bemerkte sofort das veränderte Benehmen der Ptrs. Dalton und vermuthete zuerst, ihre Zurückhaltung rühre daher, daß er so lange nicht mehr dort gewesen sei. Er machte indessen keine Entschuldigung, denn welchen Grund hätte er anführen können. Mrs. Dalton's fester Entschluß, dem jungen Manne bei nächster Gelegenheit nahe zu legen, daß sie seine Besuche nicht länger dulden werde, da böse Gerüchte gegen ihn ini Umlauf seien, war schwieriger auszuführen, als sie selbst geglaubt hatte. Es lag eine gewisse Würde, fast hätte man es Hoheit nennen können, in seinem Wesen, welche sie unwillkürlich verstummen machte. Und als sie in sein schönes vornehmes Gesicht mit den ehrlichen, klarblickenden Augen schaute, wurde ihr Glaube, er habe sich je einer unehrenhaften Handlung schuldig machen können, wesentlich erschüttert. Aber Fauconrt wünschte nicht mit ihm zusammen zu treffen, das mußte maßgebend für sie sein, wie sie auch Bertha erklärt hatte. Dieser Zwiespalt war die Ursache ihrer Verlegenheit. Anfangs unterhielten sie sich über Douglas und sie konnte nicht umhin, ihr Befremden über dessen schleunige Abreise auszudrücken. St. Lawrence schloß hieraus, daß Bertha den Antrag seines Freundes geheim gehalten habe und obgleich er dies von ihr erwartete, so schätzte er sie deshalb noch höher. Auf seine Frage nach dem Befinden der jungen Damen ward ihm die Antwort sie seien zusammen ausgegangen. „Erfuhren sie schon, welches freudige Ereigniß unserer Familie bevorsteht?" frug Mrs. Dalton, eine Gelegenheit suchend, um wenigstens Faucourt's Namen in die Unterhaltung mit Anflechten zu können. .. „Ja, ich hörte es", erwiderte er ernst. „Darf ich fragen, ob der Tag der Hochzeit schon festgesetzt ist?" „Noch nicht ganz bestimmt. Sie können wohl denken, daß die Vermählung mit einem Manne von der Stellung Faucourt's außergewöhnliche Vorbereitungen erfordert." „Lord Alphington hat kürzlich einen Anfall von Podagra gehabt, und konnte uns deshalb noch nicht besuchen. Aber ich muß sagen, daß er sich sehr großmüthig benommen hat." Ueber das Gesicht des jungen Mannes flog ein Ausdruck des Mitleid's als er den Hochmuth und Triumph gewahrte, mit welchem Mrs. Dalton die Verlobung ihrer Tochter und den Namen des Carls erwähnt. Er schwieg jedoch; sie schöpfte neuen Muth und frug scheinbar unbefangen: „Sahen Sie je Air. Fauconrt?" „Mr. Fauconrt? Nie!" „O, wie mich das freut! Er muß sich also geirrt haben", rief sie erleichtert aus. „Geirrt? In wiefern?" „Eines Tages, als wir in Kensington Gardar's waren, sahen wir Sie in einiger Entfenmug. Ich machte Fauconrt aus Sie aufmerksam und er glaubte Sie schon, früher gesehen zu haben, aber unter anderm Namen und er behauptete, daß — daß —" 707 „Ich kann Ihnen die Versicherung geben, Mrs. Dalton, nie mehr in meinem Leben vorgestellt zu haben, als wozu ich ein Recht hatte", erwiderte St. Lawrence lächelnd. Da — nun war es heraus! Aber der junge Mann, von welchen! sie angenommen, er werde vor Scham und Verlegenheit, ertappt worden zu sein, in die Erde sinken, stand ruhig, sogar lächelnd vor ihr und blickte sie mit seinen klaren, durchdringenden Augen forschend an. Mrs. Dalton erröthctc verlegen. „Das habe ich auch nicht gerade sagen wollen", stotterte sie verwirrt. „Jedoch werden Sie begreifen, Mr. St. Lawrence, daß ich unter den jetzigen Verhältnissen nicht vorsichtig genug sein kann und da Mr. Faucourt glaubt —" „Ein Wort, Mrs. Dalton", unterbrach er sie. „Hat Mr. Faucourt dieses Urtheil über mich bei Ihnen hervorgerufen, oder haben Sie selbst irgend etwas in meinem Betragen bemerkt, was Sie zu dieser ungünstigen Meinung über mich veranlaßte?" „O nein, durchaus nicht!" rief die arme Dame in größter Aufregung aus. „Im Gegentheil; ich kann Ihnen versichern, nur —" „Nur Mr. Faucourt wünscht, nicht mit mir zusammen zu treffen. Ich verstehe das und seien Sie versichert, daß ich meinerseits für jetzt alles vermeiden werde, was Ihnen Unannehmlichkeiten bereiten könnte. Die Zeit wird hoffentlich nicht allzu ferne sein, wo ich Ihnen in günstigerem Lichte erscheinen werde." „Ich bedanre es unendlich —" stammelte Bkrs. Dalton. „Und dann möchte ich Ihnen noch eins sagen. „Meine Lena hat, wie ich befürchte, großen Eindruck auf Sie gemacht, aber Ihr gesundes Urtheil wird sie wohl schon darüber aufgeklärt haben, daß nie, auch wenn sie nicht verlobt wäre, etwas daraus hätte Iverden können." „In dieser Beziehung dürfen Sie ganz beruhigt sein, verehrte Mrs. Dalton", erwiderte St. Lawrence, sich erhebend, um der Unterredung ein Ende zu machen. „Ich bewundere Ihre Fräulein Tochter, mache aber keine Ansprüche auf deren besondere Gunst. Von ganzem Herzen wünschte ich, ihr zu Glück und Ansehen verhelfen zu können." Ein tiefer Ernst begleitete diese letzten Worte. Dann streckte er lächelnd Mrs. Dalton seine Hand entgegen und sagte: „Sie werden sich doch nicht weigern, mir die Hand zu drücken? —" „Seien Sie überzeugt, daß ich das Beste für Sie hoffe, Mr. St. Lawrence." Nicht allein das, was sie mitzutheilen für nöthig erachtet hatte, sondern mehr noch, die Zweifel und Befürchtungen, welche das Benehmen und die Andeutungen des jungen Mannes in ihr wachgerufen, versetzten sie in die größte Aufregung. „Sie dürfen mir nicht zürnen — ich konnte nicht anders handeln." „Gewiß nicht und wenn Sie in der Zukunft geneigt sein sollten, mir Mangel an Offenheit vorzuwerfen, so lassen Sie mich Ihnen schon jetzt die Versicherung geben, daß die Verhältnisse mich zum Schweigen nöthigrcn. Ich kann nicht handeln, wie ich gerne möchte. Sie und die Ihrigen vor allen Anderen würde ich mit Freuden in mein Vertrauen ziehen." Nachdem er dieses gesagt, schritt er, sich tief verbeugend, zur Thüre hinaus. Obgleich St. Lawrence sich scheinbar so gelassen von Mrs. Dalton verabschiedete, erfüllte doch tiefe Traurigkeit sein Herz. Eine neue Scheidewand erhob sich zwischen ihm und Bertha und wenn diese auch, wie er zuversichtlich koffte, bald wieder zusammen-, stürzen werde, so empfand er es doch schmerzlich, wieder von ihr getrennt zu sein. Der Gedanke, sie lasse sich vielleicht ebenfalls verleiten, Schlimmes von ihm zu vermachen, guälte ihn. „Nein, ich kann nicht denken, daß sie dies thun wird", tröstete er sich innerlich; »sie ist keine von denen, die vorschnell urtheilen, oder sich durch Scheiugründe beirren lassen. Auch glaube ich nicht, daß dieser saubere Wicht, den die arme thörichte Mutter mit Stolz ihren zukünftigen Schwiegersohn nennt, vielen Einfluß auf Bertha haben wird." Dann fiel ihm Lena ein. Sie mochte eitel, weltlich gesinnt und egoistisch sein, dennoch 708 entsetzte es ihn, sie geopfert zu sehen. Er hoffte frühzeitig genug sprechen und Manches, was jetzt geheimuißvoll war, aufklären zu können. Niggs schickte ihm noch immer Nachrichten, und diese schloffen meistens mit den Worten: „Halten Sie sich ruhig, sonst verderben Sie Alles." In dem letzten Briefe hatte er noch hinzugefügt: „Endlich bin ich auf der richtigen Fährte, haben Sie ein wenig länger Geduld." Es war eine schwere Aufgabe für St. Lawrence, aber er mußte sich fügen. i (Fortsetzung folgt.) ^ G o l d k ö r n e r. Träume den Traum der Jugend so schön, daß wenn du erwachest, Selbst die'Erinnerung noch liebliche Bilder dir malt! Jugend streuet die Saat, das Alter sammelt die Garben; Möge das Erntefest dir auch ein fröhliches sein! Bilde vor Allem-das Herz; in's Reich deS Wahren und Schönen Dringt dann lebendiger ein bildsam der strebende Geist! Vieles zu wissen, es kann dir nützen, doch kann cS auch schaden, Wenn du daS Viele nicht recht, oder das Rechte nicht weißt. Bitter Wohl schmecket die Wurzel des Wissens, doch glaube, die Frucht ist Süß und erquickt dich dereinst nach den bestandenen Müh'n! Nicht für die Schule allein, für'S Leben lerne; ja weiter Ueber die Erde hinaus dau're, was hier du erwarbst. Nimmst du das Schwere zu leicht, wird nimmer es gründlich dein eigen; Nimmst du das Leichte zu schwer, schaff'st die dir nutzlose Müh'». Gleiche dem Schmetterling nicht, der müßig flattert: der Biene Gleiche, die rastlos sich müht, bis sie die Zellen gefüllt. Gib und vergib! Der Arme bedarf dein, du lind'rc die Noth ihm; That man dir ttcülcs, vergib; ist es dir möglich, vergiß! Sinken lasse dich nie, und sänkest du, raffe dich neu auf! Strebst du zum Ewigen hin, wächst mit dem Muthe die Kraft. F. Beck. Weltkinder im Kloster. Vor den Kunstmuseen in Berlin steht geschrieben: ^.rtsra non oäit nisi iximrus, b. h. auf Deutsch: Die schöne Kunst hat Aller Gunst, . ' ! Wer gegen sie spricht, der kennt sie nicht. t So geht es auch mit den Orden der katholischen Kirche. Die meisten von den ^ Menschen, welche dieselben verlästern, thun es mehr aus Unverstand, als aus Bosheit, weil sie die Mönche und Nonnen nicht kennen. Wie soll auch ein Mensch, der mitten in einem protestantischen Lande geboren und erzogen ist, ein Kloster kennen lernen? In der protestantischen Schule, insbesondere im Religionsunterricht, hört er nur schimpfen auf die Papistischen Klöster, welche ihm als Brutstätten der Trägheit, Dummheit und Unsittlichkcit hingestellt werden- In seinen liberalen Zeitungen liest er die Bestätigung dieses Urtheils. Und nun erst in den Romanen — da sind ja die Klöster sammt und sonders wahre Schandhöhlcn und Mördergruben. Da der also bearbeitete Mensch nun mit seinen eigenen Augen nie ein » Kloster sehen kann, wenn ihn nicht ein sonderbarer Zufall hinführt, so stirbt er in dem » Wahne, daß die Klöster schreckliche Institute seien. Falls der Mann in den Himmel ^ kommt, so wird er höchlich die Augen aufreißen, wenn er dort die frommen Patres > trifft, welche auf ihrem Strohsack in der Mönchskutte selig entschlafen sind und nun von « Gottes Hand den Preis ihres bußfertigen Klostcrlebens empfangen. N 709 Es kommt nun aber gelegentlich doch einmal vor, daß sich ein Protestant oder ein" Nenhcide in ein Kloster verirrt, und sonderbarer oder vielmehr natürlicher Weise ändert sich dann sofort sein Urtheil, und er muß dann anerkennen, daß die Mönche, welche er getroffen hat, doch recht gute Menschen sind, ja sogar besser, als er selbst. So z. B. erzählt uns ein Hauptmann aus Straßburg, wie er mit mehreren andern Offizieren als Einquartierung in das Trappistenklostqr bei Oelenberg (Elsaß) gerathen ist. Die Schilderung des Klosters und seiner Insassen nimmt sich im Munde des Soldaten sehr niedlich aus. Ueber den Einzug ims Kloster schreibt er: Lächelnd versicherte der guartiermachende Offizier seinen jüngeren Kameraden, es bekomme Jeder eine besondere Zelle mit einem Todtcnkopf; tröstlicher klang schon die Nachricht, die Mönche hätten in: ersten Schrecken über unsere Ankunft gleich einen fetten Ochsen geschlachtet, und die besorgten berittenen Herren wurden dahin beruhigt, daß die Stallungen vorzüglich seien. Etwa eine Viertelstunde vom Orte entfernt, steigen aus dem Wiescnland die nördlichen Hänge des Dollerthalcs auf, anf deren sanftem Abfall das Kloster in fruchtbaren Banmgärten versteckt liegt. Es ist kein malerischer alterthümlicher Ban, sondern hohe langgestreckte Gebäude, im nüchternsten Stil gehalten, vereinigen sich zu einem unregelmäßigen geschlossenen Ganzen, dessen Mittelpunkt die eben so einfache Kirche bildet. Unten an der mit Kreuz und Marterwerkzeug geschmückten Mühle, die schon zum Klosterbesitz gehört, tauchen jetzt auch einige Klostcrbewohner auf, ernste Greise in braunen Kutten, die, gefeit gegen alle Zerstreuung, sich um die ihnen gewiß fremdartige militärische Erscheinung nicht kümmern, sondern eifrig weiter arbeiten. Einige Jüngere verfolgen neugierig den Zug, geben auf die Frage nach dem Eingang keine Antwort, sondern deuten nur unter freundlichen Geberden den Weg au. Mit dem ewigen Schweigen hat es also, wie es scheint, seine Nichtigkeit. Jetzt wird das hohe Eingangsthor sichtbar, über welchem anf schmuckloser Holztafel den Eintretenden die Worte des heiligen Lanrentins Justinianns grüßen: „Lolitmcko eoeli jauuo,." (Einsamkeit ist die Pforte des Himmels.) Hier werden die reisigen Gäste vom Prior, der den hochbetagicn Abt vertritt, empfangen. Die mittelhohe, etwas vorgebeugte Gestalt ist mit einem schweren, weißwollenen Gewand bekleidet, von dem eine große Kapuze auf den Rücken fällt, um den Leib windet sich ein Strick, die Füße stecken in groben Holzschnhen. Das intelligente scharf geschnittene Gesicht berührt sympathisch, in freundlichen Worten wird der Willkomm gesprochen und der Bruder Gastwart, ein überaus dienstwilliger jüngerer Mönch in braunem Gewand, übernimmt das Geleite in den Gastbau. Das ist ein langer einstöckiger Flügel, den ein Corridor durchzieht, von welchem aus rechts und links zahlreiche Thüren in die einzelnen Gaststübchen führen. Alle sind weiß getüncht, gerade groß genug für einen Mann, und enthalten außer dem bescheidenen Bett das nöthige Mobiliar. Ein einfaches Crucifix oder Marienbild schmückt die Wand, darunter hängt die Hausordnung mit der Bitte an den Fremden, die Insassen des Klosters darin nicht ohne Noth zu stören. Im Schweiße seines Angesichts rennt unser guter Mönch von Gelaß zu Gelaß, um nach den verschiedenen Bedürfnissen zu fragen; er ist für die Dauer unserer Angelegenheit von: Schweigen entbunden, nützt diese Freiheit aber nicht zu müßigem Geschwätze aus, sondern freut sich nur innig, wenn er die verschiedenen Fragen nach Einrichtungen oder Persönlichkeiten seines Klosters beantworten kann. Eine Hauptforderung des Ordens ist die Demuth und freundliche Dienstwilligkeit Anderen gegenüber, und wahrlich, dieser wenig gebildete Laienbruder ist das Ideal eines allzeit dienstwilligen Menschen. Alan spürt es ihm ordentlich an, wie er unser Dasein als eine willkommene Gelegenheit benutzt, seine Pflichten in größerem Umfang ausüben zu dürfen; mit den gleich freundlichen Geberden dient er im wahren Sinne des Wortes vom frühesten Morgen bis zum spätesten Abend. 710 — Die Glücke ruft und bald treffen sich die Klostergästc im freundlichen Speiscsaal, um gegenseitig ihre ersten Eindrücke auszutauschen. Unter der Leitung des munteren Pater Schaffner's, dessen blühende Wangen und rundliche Körperfülle selbst der harten Klosterzucht trotzen, wird das einfache aber schmackhafte Essen aufgetragen, dem die hungerigen Gäste alle Ehre anthun. An Brot, Fisch und Fleisch war kein Mangel; auch für den Durst zierten kristallhelle Wasserstaschen den Tisch. Aber eine andere Gottesgabc fehlte — der Wein. Wohl mochte Mancher Anfangs den zaghaften Trost hegen, daß dies edle Getränk etwas später, vielleicht erst zum Nachtisch, in seine Rechte treten werde; doch mußte beim Erscheinen der Aepfel und Nüsse die Täuschung weichen. Der eine oder andere besser in die Regel Eingeweihte aber behauptete, Wein dürfe eigentlich gar nicht im Kloster sein, höchstens in der Hausapotheke für die Kranken. Etliche höhere Herren endlich machten in gestrengen Worten den glücklicher Weise abwesenden qnartiermachenden Offizier dafür verantwortlich, daß er einen solch wichtigen Punkt nicht zum Voraus geregelt habe, kurz, in Scherz und Ernst wurde die leidige Situation erwogen. Am Tiefsten ging wohl die Sache einem alten Hauptmann zu Herzen, den — mit den blühenden Worten eines verstorbenen hohen Generals zu reden — die langjährige Compagniechefschaft nahe an den Rand des Stabsoffiziers gebracht hatte. Zwar glänzte das Gesicht noch im Schimmer der rosigen Jugend; aber sorgenvoll war momentan das ergraute Haupt in die Hand gestützt. Plötzlich fiel diese tapfere Rechte schwer auf den Tisch, und der gequälten Brust entquoll der Seufzer: „Ohne Wein kann ich einfach nicht existiren." Das erlösende Wort war gesprochen, allseitiger heiterer Beifall lohnte die That, und sofort wurde beschlossen, durch den Diplomaten des Stabes Verhandlungen einzuleiten, welche auch ohne Schwierigkeit besten Erfolg für die künftigen Tage hatten. — „Ohne Wein kann ich einfach nicht existiren." Wie sticht gegen diesen Spruch des Weltmannes die bedürfnißlose Lebensart der Mönche ab, über welche der Soldat schreibt: Bewachten wir als Gegensatz zu den Bedürfnissen der üppigen Wcltkindcr die Lebensweise unserer Klostcrbrüder, so müssen wir schon früh, nämlich um 2 Uhr Morgens, beginnen. Uni diese Zeit läutet der Pförtner das Hora-Glöckchen, und sofort wird's in dem gemeinsamen Schlafsaal lebendig, der vom Abt ablvärts sämmtliche 100 bis 120 Kloster-Insassen beherbergt, so weit sie nicht hohen Alters oder Krankheit halber dis- pensirt sind. Jeder hat einen besonderen Holzverschlag, worin die schmale sargartige Bcttstadt steht, welche einen hart durchstochenen, vier Finger dicken Strohsack nebst ähnlichem Kopfpolster cickhäll. Auf diesem ärmlichen Lager ruht im Ordenskleid, das er nicht ablegt, ohne Decke, Sommer und Winter, von acht Uhr Abends bis zwei Uhr Morgens der Trappist. Mit dem ersten Glockenstreich, der an Sonn- und Feiertagen schon um ein Uhr, an hohen Festtagen sogar um Mitteraacht ertönt, eilt Alles in die gänzlich schmucklose Kirche zum gemeinsamen Gebet und stiller Betrachtung. Von drei bis vier wird die Mette gesungen, worauf man sich in das Capitelzimmer begiebt. Neben der Thür steht gleichsam als Schildwache, ein aus schwarze Schieferplatte in natürlicher Größe cmgegrabenes menschliches Gerippe, und darüber die Worte: „oeckr« nuit ^sut- tztrsE (Diese Nacht vielleicht!) Einem französischen General, der nach bewegtem Leben und von ihm wissenschaftlich beschriebenen Pilgerreise» gen Rom und Jerusalem hier im Kloster Ruhe gesucht, verdankt dies ineuumtc, morl seine Entstehung. Endlang der Wände des schmucklosen Saales ziehen sich niedere Bänke, davor ärmliche Tischchen oder Pulte, die Bücher und Handschriften der Brüder enthaltend. Hier wird über eine Stunde in stiller geistlicher Lesung und Betrachtung zugebracht, und darauf von halb sechs bis sechs Uhr wieder in der Kirche die Priin gesungen. Dein folgt im Capitel die Vorlesung der heiligen Regel, wobei Jeder seine Fehler wider dieselbe offenbaren und da- 711 rüber Buße und Ermahnung annehmen muß. Jetzt wird im Schlafzimmer gereinigt, die Chorkntte ausgezogen, und um halb sieben steht alles in Holzschuhen zur Arbeit geschürzt bereit. Verwundert wird wohl mancher Leser dieser viereinhalbstündigen Morgeneintheilung gefolgt sein und sich gefragt haben: ja, wann kommt denn das Frühstück? Wortlos, nur mit Kopfschütteln würde dcxTrappist ihm diese Frage beantworten; denn ein solches kennt er nicht. Die Arbeit erfolgt entweder im Felde, wozu die ausgedehnte Landwirthschaft und der große Grundbesitz des Klosters hinreichend Gelegenheit geben, oder in den verschiedenen Werkstätten, da nach einer Hauptregel des Ordens alle Lebensbedürfnisse durch eigener Hände Arbeit beschafft werden sollen. So wird auch für alle Jahreszeiten gleiche, rein wollene Bekleidung dort selbst gewoben und die mit diesem Stoff von den Mönchen seit Wohl tausend Jahren gemachte praktische Erfahrung bestätigt vollkommen die Theorie, welche dem modernen Wollregime Proffessor Jägcr's zu Grunde liegt. Erkältungskrankheiten kommen fast gar nicht vor. Vielerlei Handwerk ist im Kloster vertreten. Mancher erlernt ein solches erst in späteren Jahren durch reinen Anschauungsunterricht bei möglichster Vermeidung aller Worte. Diese pädagogisch gewiß interessante Methode wird im Mutterkloster La Trappe besonders gepflegt. Während der Arbeitszeit, die mindestens zwei Stunden je Vor- und Nachmittags zu dauern hat, muß bei steter innerlicher Sammlung hart und streng gearbeitet werden. Alles Nöthige giebt man sich durch Zeichen, eine Art Fingersprache, zu verstehen; zuweilen klatscht der Aelteste in die Hände, was sofort die Arbeit auf eine bis zwei Minuten unterbricht, welche der stillen Unterhaltung mit Gott gewidmet sein sollen. Um nenn Uhr ruft die Glocke wieder zum Gottesdienst, dem um halb elf Uhr endlich das Mittagessen folgt. Im Küchenzettel kommt der Vcgetarianer zu seinem Recht, denn Fleisch, Butter und Eier sind ausgeschlossen. Nur Wasser und Brod, Gemüse oder Früchte, Wurzeln und Kräuter mit Salz dürfen auf den Tisch kommen, wozu in der Zeit von Ostern bis Advent etwas Milch tritt. So lange diese Mahlzeit mit sichtlichem Behagen eingenommen wird liest einer der Chorgeistlichcn oder Patres auf einer Art Kanzel sitzend aus den Kirchenvätcrn vor, zuweilen wird sie auch ähnlich wie die Arbeit durch Klingeln unterbrochen, um über den Genuß nicht die geistige Sammlung zu vergessen. Alles, was man im Speisesaal sieht, macht den Eindruck der Dürftigkeit, hölzerne Teller und Löffel nebst kleinen blechernen Näpfen. An den kahlen Wänden hängen neben wenigen kunstlosen Bildern geschriebene Sprüche, deren einige als Probe folgen mögen: „Lauter und rein sich halten, giebt mehr Kunst denn stndiren.' „Du mußt zuvor zu einen: Esel werden willst du göttliche Weisheit besitzen." „Es muß ein Mensch große Vcrschmähnng erleiden soll ihm je geistig Wohl werden." Wir könnten noch mehrere schöne Stellen aus dieser Schilderung mittheilen. Zum Beispiel sehr hübsch ist die Schilderung, wie mit Erlaubniß des Abtes die Militärmusik im Klosterhofe aufspielt und wie dem hochbetagtcn greisen Abte die Thränen über die Wangen laufen, als er ein Stück aus der Oper hört, die er als jugendlicher Musikus im Theater mitgespielt. Die Offiziere schieden voll Bewunderung für die Seelen- größc und das — Glück dieser Mönche, welche,in der Einsamkeit und Entbehrung im reichsten Maße gefunden, was die Weltkinder rHstlos erjagen, um schließlich nichts als ein Todtenhemd zu finden. 712 M i s c e l l e n. (Ein Universalgenie.) Unter allen begabten Menschen war wohl John Erichton, geboren 1551 in der Grafschaft Perth in Schottland, gestorben im Jahre 1583, der merkwürdigste. Kaum zwanzig Jahre alt, schrieb und konvcrsirtc er in Zehn verschiedenen Sprachen und zeichnete sich dabei noch in allen körperlichen Uebungen aus. Als er damals nach Paris kam, meldete ein zeitgenössischer Schriftsteller: „Hier ist ein junger Mensch angelangt, etwa Zwanzig Jahre alt, dem selbst die ersten Professoren der Akademie das Zeugniß geben, daß er in allen Wissenschaften vollkommen sei. Niemand übertrifft ihn in der Vokal- und Instrumental-Musik, und weder im Malen noch Zeichnen, im Tanzen noch Reiten hat man seines gleichen gesehen. Er weiß mit beiden .Händen zu fechten, daß ihm keiner etwas anhaben kann; in einer Entfernung von Zwanzig Fuß stürzt er auf seinen Gegner los und schlägt ihn aus dem Felde. Seine Geistesgegenwart ist unerschütterlich; er disputirtc neulich vor einem Auditorium von dreitausend Zuhörern und setzte alle durch die Richtigkeit, Gelehrsamkeit und Schärfe seiner Antworten in Erstaunen. Sein Dasein erfüllt jedermann mit panischem Schrecken, man fürchtet, daß er mit höllischen Mächten ein Bündnis abgeschlossen." — Crichton verließ nach zehnjährigem Aufenthalt Frankreichs Hauptstadt, um einer Berufung nach Mantna zu folgen, wo er der Lehrer des Sohnes des Herzogs von Gonzaga wurde. Während einer Karnevalbclustignng wurde er hier von einigen vermummten Personen mit gezücktem Degen angefallen; er schlug ihnen sämmtlich die Waffen aus der Hand und riß einem die Larve ab, worauf er zu seinem unbegrenzten Erstaunen in demselben seinen Zögling erkannte. Ehrerbietig hob er dessen Degen auf; jener aber, den Eifersucht zu dem Anfalle bewogen, war nicht im stände, Crichtons Großmuth zu würdigen und stieß ihm tückischer Weise den Degen in die Brust. So starb der seltene Mann im zweiunddreißigsten Jahre seines Lebens. (O wie entzückend!) Ja, wir leben in einer Zeit, die herrliche Früchte zeitigt. Was sagen unsre Leser und Leserinnen zu folgender Stelle aus einem modernen Roman: „Nur, wer sich bewußt geworden, daß die wirkliche Welt nicht die Erfüllung der tiefsten Sehnsucht bringt, in dessen Seele wächst der herrlichste Erfüllung in ihrem Schoße tragenden Verheißung des Frühlings gegenüber diese Sehnsucht zur schmcrzenreichsten Wehmuth. Erika war die Flnth des unausgesprochenen und vielleicht auch unaussprechlichen Empfindens bis hoch zum Halse hinaufgestiegen, sie hatte die Augen geschlossen vor all der Wonne athmenden, überströmenden Schönheit da draußen, die ihr fast zur Oual wurde." Es geht doch nichts über einen vollen und gedankenreichen Stil! (Herzog August von Sachse n-Got ha) — gestorben 1822 — bekannt dnrch seine witzigen Bemerkungen und beißenden Sathren, hatte einen neuen Rath ernannt. Als derselbe sich in seiner neuen Charge bei Hofe vorstellte, dankte ihm der Herzog recht freundlich, fügte jedoch lächelnd hinzu: „ Zum Rath habe ich Sie freilich ernannt, doch — auf Gott und nicht auf meinen Rath will ich in Zukunft bauen! (Gründlich.) Dienstmagd: „Gnä' Frau, ich bitt um ein Stück Brod, ich bin noch hungrig." — Gerichtsräthin: „Das müssen Sie mir erst beweisen." Räthsel. Laß, lieber Leser, Dir empfehlen: Mit W ein Mittel gegen Stehlen, Mit N ein Mittel znm Verkehren, Mit R ein Mittel zum Verzehren, Mit A ein Mittel für Gelähmte, Mit L ein Mittel für Vergrämte. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Nr. 90. 1883. zur „Ailgslmcger postMmg." Samstag, 10. November Der Gpalrrrig. Roman aus dcm Englischen von E. C. (Fortsetzung.) V i er un d z w a n z i g st e s Capitel. „Der Hund scheint recht elend zn sein", sagte Mr. Perkins, das Factotuin der Mrs. Leinont, zn seinem vertrauten Freunde John, als sie bei einer Bowle Punsch in der Schenkstube des Wirthshauses zusammen saßen. „Sehr elend, mich wnndcrt's, daß Air. Faucourt keinen Thierarzt kommen läßt, denn es ist ein werthvollcs Vieh." „Sie ist viel schlimmer heute", bestätigte John, den Kopf der Juno, welche zu seinen Füßen lag und ihm matt die Hand leckte, streichelnd. „Vor einigen Tagen ivar sie etwas besser. Ich sagte meinem Herrn diesen Morgen: „Wenn ich Sie wäre, Sir, so würde ich einen Thierarzt für Juno holen lassen." Gerade so waren meine Worte, Mr. Perkin's, aber er antwortete mir dasselbe, ivic eben: „Laß sie nur in Ruhe, ich glaube nickst, daß ihr etwas besonderes fehlt. Mein Herr scheint nicht viel Gefühl für ein solch' armes Thier zn besitzen. Meinen Sie das nicht auch? Sie kennen ihn ja schon viel länger als ich. Noch ein Glas Punsch, Mr. Perkin's?" „Nun, ich habe nichts dagegen einzuwenden", erwiderte dieser, sein Glas hinhaltend. „Man bekommt hier gute, unverfälschte Waare", setzte er mit den Lippen schnalzend, hinzu. „O ja, davon kann man wohl überzeugt sein, denn die Herren, welche zum Angeln in die hiesige Gegend kommen, wissen sehr genau, was gut schmeckt und ivo es zu haben ist. Aber was ich eben sagen wollte, Air. Perkin's, kennen Sie Mr. Faucourt schon lange?" „So ziemlich; nicht viel früher als Sie. Ich kam mit Mrs. Lemont von Amerika herüber. Vor einigen Jahren war ich mit einer Herrschaft dorthin gereist, aber das Land gefiel mir nicht. „Altengland für immer", ist mein Wahlsprnch und deshalb freute ich mich, zurückreisen zn können. Wir sahen den nunmehrigen Mr. Fancourt damals nicht häufig, unsere Wohnung lag über einem Porzellanladen zn Westbourne Grove — ein bedeutend lebhafterer Aufenthaltsort als dies hier ist, für meinen Geschmack." „Das mag wohl sein, Mr. Perkin's, aber auf dem Lande ist eine sehr gesunde Luft", wandte John, einen kleinen Schluck nehmend, ein. Ein aufmerksamer Beobachter Hütte bemerken können, daß er das Glas seines Gefährten stets von Neuem füllte, seines dagegen fast unberührt ließ. „Natürlich muß es dort amüsanter gewesen sein", nahm John das vorige Gespräch wieder auf, „namentlich für Jemanden, der solchen Scharfsinn besitzt, wie Sie, Mr. Perkin's. Hatte Mrs. Lemont vielen Umgang dort? Hier scheint sie nur wenig Menschen zu sehen." 714 „Nun, ich kann nicht gerade sagen, daß wir viel Gesellschaft gehabt haben", erwiderte Perkin's, der die Gewohnheit besaß, bei einem Glase Punsch besonders zutraulich zu werden. „Ihnen kann ich es wohl sagen, Sie gehören ja eigentlich mit zur Familie, aber weiter darf es nicht gehen, hören Sie, — schweigen!" Und Perkin's legte seinen Finger mit wichtiger Miene an die Nase. John nickte zum Zeichen, daß er ihn verstanden habe. „Wir sahen nicht viele Menschen dort, aber meine Herrin ging öfters aus und wurde auch zuweilen von auffallend geputzten Leuten abgeholt. Einen Herrn schien sie gerne los zu sein; ich hielt ihn für einen Verwandten von ihr." „Ah", erwiderte John gleichgültig. „Weshalb meinten Sie das?" „Er kani gewöhnlich, um Geld von ihr zu erpressen und Keiner, auch meine Herrin nicht, liebt es, wie eine Citrone ausgequetscht zu werden." „Nein, sicherlich nicht. Trinken .Sie einmal aus, Mr. Perkin's. Wollen Sie auch ein Pfeifchen dazu rauchen?" « „Nun, ich habe nichts dagegen einzuwenden", lautete die gewohnte Antwort. John bestellte frische Pfeifen und holte einen Tabakbeutel hervor. „Bedienen Sie sich, Sie werden ihn gut finden." Mit diesen Worten schob er ihn dem Freunde hin. „Was Sie für ein schlauer Beobachter sind", leitete John die Unterhaltung wieder ein, nachdem die Pfeifen angesteckt und der Rauch des duftenden Krautes in die Höhe stieg. „Sie hätten es weit bringen müssen in der Welt. So Kerls wie ich sind gut genug dazu um Kleider zu bürsten nnd Aufträge zu besorgen; aber ihre Geschicklichkeit fehlt mir vollständig. Ich möchte Sie wohl diesen Herrn beschreiben hören, das ist gewiß, als ob man ihn leibhaftig vor sich sähe." John legte den Kopf zur Seite, wie Jemand, der bereit ist, mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuzuhören. „Nun, es war ein ziemlich kleiner Kunde", begann Perkin's, welcher sich durch das Lob des Freundes nicht wenig geschmeichelt fühlte; „noch kleiner wie Sie und Sie sind schon nicht sehr groß, er hatte eine dunkle Gesichtsfarbe und schwarze Augen, die fortwährend unstät umherirrten, dazu eine Adlernase und ganz schmale Lippen; er trug keinen Bart und sah immer zerrissen nnd schäbig aus, trotzdem er all' das Geld von meiner Herrin erhielt." „Ha, Ha!" lachte John, Ihre Beschreibungen sind köstlich. Wie heißt der Herr? Ich interessire mich außerordentlich für Namen. Finden Sie nicht auch, daß der Name oft so bezeichnend für die Person ist?" „Ich weiß es nicht; den seinigcn höre ich nie. Meine Herrin nannte ihn nur Pierre und daraus schloß ich, daß er zu ihr verwandt sei. Ucbrigens scheue ich mich nicht, Ihnen noch ein merkwürdiges Ereigniß zu erzählen. Ich weiß ja, daß Sie es nicht weiter sagen werden. Eines Tages besuchte uns eine junge Dame und erkundigte sich nach diesem Pierre; sie habe etwas im Omnibus gefunden, was wahrscheinlich von ihm verloren worden sei. Meine Herrin hatte mir schon früher befohlen, für den Fall, daß Jemand nach diesem Herren fragen sollte, nie eiuzngestehen, daß er bei uns verkehre. Als sie mich nun an dem betreffenden Tage kommen ließ und frug, ob ein Herr gestern Abend bei uns gewesen sei, hielt sie den.Finger in die Höhe und blickte mich scharf an. Natürlich verneinte ich nun ausdrücklich diese Frage." „Versteht sich, Mr. Perkins, das war ganz recht! Haha, ich kann nicht umhin darüber zu staunen, wie schlau sie alles ausfindig machen. Wo mag dieser Mr. Pierre jetzt sein? Noch ein Schlückcheu, alter Freund?" „Nun, danke nichts mehr", erwiderte dieser, sein Glas ein wenig näher zur Bowle hinschiebend. „Nur noch etwas; dieser Punsch ist ja so unschuldig wie Milch." 715 „Nun meinetwegen, aber mir noch einen Tropfen!" „Wo mag er jetzt sein", hub John wieder an. „Es ist mir beinahe, als müßte ich ihn, wenn er mir begegnete, erkennen." „Das wird so leicht nicht vorkommen, denn er ist in Frankreich, wie ich sicher weiß." „So in Frankreich! Dann ist er wohl ein geborener Franzose; auch der Name läßt schon darauf schließen. Ich kenne eine Unzahl Pierre's in dem südlichen Theile Frankreichs. Sicher stammt er aus dortiger Gegend. Schreibt er häufig an Ihre Herrin?" „Ja, so oft er Geld nöthig hat. Mrs. Lemont ist jedesmal ärgerlich, wenn sie einen Brief von ihm erhält." „Sie können mir einen Gefallen erzeigen, Mr. Perkins. Bitte, stopfen Sie die Pfeife noch einmal. Wenn nächstens ein Brief von ihm ankommt, wollen Sie dann die Freundlichkeit haben, mir den ausländischen Poststempel zu notiren? Wie ich eben sagte, kenne ich eine Menge Pierre's in Frankreich und bin wirklich neugierig, ob es ein Bekannter von mir ist." „O, das will ich recht gerne thun. Für einen guten Freund, wie Sie, ist mir nichts zu viel!" rief Perkins, welcher anfing zärtlich zu werden, aus, indem er John seine Hand hinhielt, die dieser kräftig schüttelte. „Ihr Herr ist zur Stadt gefahren, nicht wahr? Wo geht er doch immer hin? Weshalb fährt er so oft heraus? Ich glaube, meine Herrin ist ein wenig eifersüchtig." „Eifersüchtig?" wiederholte John mit dem Ausdrucke höchsten Erstaunens. „Welch' sonderbarer Einfall. Wissen Sie nicht, daß Mr. Faucourt Mitglied der Anthropologie- Gesellschaft ist? Er fährt zur Stadt, um den Sitzungen beizuwohnen." „Ei, was Sie sagen. Wer hätte das denken sollen. Ich sah ihn freilich nur selten, doch hätte ich das nicht hinter ihm gesucht." „Ja, sehen Sie, jetzt ist das ganz anders, wo er zu seinem Rechte gelangte und nächstens Parlamentsmitglied werden wird", erklärte John. „Die müssen ja alle grundgelehrt sein." „Versteht sich; aber es ist Zeit, daß ich nach Hause gehe. Mrs. Lemont war heute unwohl." „So, was fehlt ihr denn?" „Nun, sie schien mir sehr matt und vollständig herunter zu sein. Mr. Faucourt besuchte sie, ehe er zur Stadt fuhr und holte dann selbst eine Flasche Arznei aus der Apotheke; bis jetzt hat es ihr noch nichts genutzt." „Es thut mir leid zu hören, daß sie unwohl ist. Wenn mein Herr morgen wieder ausfahren sollte, so werde ich zum Landhause hinkommen, und mich nach ihrem Befinden erkundigen." „Thun Sie das, alter Bursche", stotterte Perkins ziemlich unverständlich, indem er sein Glas ausschlürfte. Als er sich erhob, fand er es indessen mühsam, auf den eigenen Füßen gerade zu stehen. Auch erforderte es große Anstrengung, den Hut aufzusetzen. John kam ihm zu Hülfe; er nahm den Freund unter den Arm und verließ ihn nicht eher, bis er ihn glücklich in seinem Bette oberhalb des Stalles, welcher znr Villa gehörte, untergebracht hatte. — Beim Nachhausegehen warf er einen Blick zu den Fenstern des Hauses hinauf; in Mrs. Lemont's Zimmern brannte noch ein Licht. „Arme Frau!" seufzte John leise. Dann eilte er dem Wirthshanse zu, um bet der Ankunft seines Herrn auf dem Posten zu sein. Faucourt konnte die Trennung von Lena Dalton kaum mehr ertragen; seine Leidenschaft für sie grenzte an Wahnsinn und die Gleichgültigkeit gegen ihn, welche sie 716 so offen zur Schau trug, goß Oel in's Feuer. Es war beschlossen worden, daß sie die Hochzeitsreise nach Paris und dein südlichen Frankreich machen sollten. Während der dreimonatlichen Abwesenheit würde Magnns Sguare zu ihrem Empfange in Stand gesetzt sein. Fancourt zählte die Stunden, bis Lena die Seiuige und er fort aus England sei. Welche Gefahren bedrohten ihn noch bis dahin! Aber wenn er diese alle glücklich beseitigt und seine Plane durchgeführt habe, so wolle er, wie er sich selber vorredete, eilt anderer, besserer Mensch werden. Er fluchte dem Schicksale, welches ihn in diese Enge getrieben und dadurch zu der schändlichen That zwang. Fünfundzwanzig st es Capitel. Der Brief Faucourt's, worin er Lord Alphington seine Verlobung mit Madeline Dalton anzeigte und um dessen Einwilligung bat, rief bei seinem allen Herrn großes Erstaunen, aber auch gleichzeitig Vergnügen hervor. Eiligst ritt er zu Lady Langley hinüber, um ihr diese Neuigkeit mitzutheilen. „Vielleicht haben Sie doch noch Recht, meine liebe Lady, Langley und ich beurtheilen den jungen Mann zu scharf. Er muß doch noch etwas Gutes au sich haben, da er die Zuneigung einer Ihrer reizenden jungen Freundinnen gewonnen hat. Was mich betrifft, so muß ich gestehen, mir wäre die jüngere von Beiden lieber gewesen, freilich wird Miß Lena Dalton eher die Aufmerksamkeit eines jungen Mannes auf sich ziehen." „Es freut mich, daß Sie mit der Wahl Ihres Enkel einverstanden sind", erwiderte Lady Langley, welche durch Mrs. Dalton schon das wichtige Ereignis; erfahren hatte. „Die Dalton's sind, wenn auch nicht reich, so doch von guter Familie. Bcrtha äst eiu sehr angenehmes Mädchen, aber auch Lena nicht unliebenswürdig und meiner Ueberzeugung nach wird sie eine gute Frau für Mr. Fauconrt werden." Lady Langley konnte sich nicht entschließen, die Freude Lord Alphi'ngtou's zu trüben, indem sie ihm ihre Ansicht über Lena's Eigennutz und wie es wohl mit ihrer Liebe beschaffen sein werde, mittheilte. Der Earl blieb lauge zu Larkspur; er verehrte Lady Langley aufrichtig und fand vielen Trost in ihrer stets bereiten Theilnahme. „Das Mißfallen, welches Fauconrt mir einflößt, werde ich seiner Gattin nicht entgelten lassen, dessen kann ich Sie versichern. Sie wird alles dasjenige erhalten, was der zukünftigen Gräfin von Alphington mit Recht gebührt. Das Haus in Magnns Sguare soll dem jungeil Paare «ungereimt und ganz nach dem Geschmacke der Miß Dalton eingerichtet werden. Ich will sofort nach London reisen und ihr meine Freude Aber die Verlobung ausdrücken und dann gleichzeitig mit Thomson den Ehekontrakt besprechen. Wie mir scheint, ist es nicht nöthig, die Hochzeit noch lange hinauszuschieben." „Sie glauben nicht, wie glücklich es mich macht, Sir, die Sache in diesem Lichte auffassen zu sehen", bemerkte Lady Langley. „Ich befürchtete, Sie würden eine vornehmere Verbindung für Mr. Faucourt in Aussicht genommen haben. „Meine liebe Lady Langley, glauben Sie mir, diese Verlobung ist eine unaussprechliche Erleichterung für mich." „Wußten Sie, daß Mrs. Dalton uns mit ihren beiden Töchtern im Herbste besuchen wollte? Diese Pläne werden Wohl jetzt zu Wasser geworden sein, jedoch hoffe ich, Bcrtha später mit ihrer Mutter hier zu sehen." „So wird es wohl sein", cutgeguete lächelnd Lord Alphington. Fauconrt ist ohne Zweifel ungeduldig und ich kaun ihn deshalb nicht tadeln und werde ihm keine Schwierigkeiten in den Weg legen. Während der Hochzeitsreise des jungen Paares wird die Mutter gewiß gerne mit der jüngeren Tochter von ihrer Einladung Gebrauch machen. Ich freue mich wirklich darauf, das saufte, liebe Mädchen wieder zu sehen." Lady Langley erzählte ihm nun, wie es ihre Absicht gewesen, Bertha au Kindcs- statt anzunehmen; leider werde Mrs. Dalton sie nun nicht gerne entbehren. „Wie ist 717 es?" fuhr sie, als der Carl nach dem Hute griff, fort. „Haben Sie nichts mehr über den gestohlenen Ring in Erfahrung gebracht." „Nein, er ist noch immer nicht ermittelt worden. Wie gerne würde ich ihn der schönen Braut an den Finger stecken. Er kommt ihr ja von Rechtswegen zu. Leben Sie wohl! Ich darf Sie und Sir Stephan doch mit zu den Hochzeitsgästen rechnen." „Ganz sicher, denn da die Dalton's keine näheren Verwandten besitzen, wird wohl Sir Stephan Vaterstelle bet der Braut vertreten. Bleiben sie lange fort?" „O nein, höchstens eine Woche; länger halte ich es in der Stadt nicht aus." Er bestieg sein Pferd und ritt in heiterer Stimmung, als er sich seit der ersten Unterredung mit seinem Enkel befunden, dem Schlosse zu. Dort angekommen, schrieb er mehrere Briefe, unter anderen auch denjenigen, welcher Lena und Mrs. Dalton so sehr erfreut hatte. Sein fester Wille war es gewesen schon am folgenden Morgen nach London abzureisen, aber sein alter Feind, das Podagra, überfiel ihn während der Nacht und wollte sich diesmal nicht aus dem Felde schlagen lassen, so daß die Reise mehrere Wochen hinaus geschoben werden mußte. Mr. Thomson kam jeden Sonntag zu ihm herüber und die Vorbereitungen zur Hochzeit wurden eifrigst fortgesetzt. Als Lord Alphington endlich im Stande war, nach London zu fahren, sollte die Vermählung schon in einigen Tagen stattfinden, und er beschloß bis nach derselben in Magnns Sqnare zu verweilen. Mrs. Dalton's Glückseligkeit hatte ihren Höhepunkt erreicht, ihre sehnlichsten Wünsche gingen in Erfüllung. Schon war das Hochzeitsfrühstück bestellt, die Gäste wurden erwartet und die Koffer, welche einen Theil der Aussteuer Lcna's enthielten, standen gepackt und bereit da, nach der neuen Heimath transportirt zu werden. Lord Alphington begab sich nach seiner Ankunft in London alsbald nach Joy Collage, um der schönen Braut seinen Besuch zu machen. Als sein Wagen am Thore Vorfahr, gerieth Mrs. Dalton in die größte Verwirrung; auch Lena fühlte etwas, wie nervöse Aufregung, aber die herzliche Freundlichkeit des Carl stellte bald ihre frühere Ruhe und Fassung wieder her. Er drückte einen väterlichen Kuß auf Lena's Stirne und sie, gerührt durch seine Liebenswürdigkeit, erwiderte die Begrüßung mit so scheuer Zurückhaltung und augenblicklichem überwallendem Gefühle, daß ihrer Lieblichkeil dadurch die Krone aufgesetzt wurde. Gegen Bertha war er äußerst zuvorkommend und Mrs. Dalton schwelgte in höchster Wonne. Nachdem der Earl sich über eine Stunde vertraulich mit den Damen unterhalten hatte, sagte er zu Mrs. Dalton gewendet: „Darf ich Sie bitten mir die Zeit zu bestimmen, wann Sie mit ihren Töchtern nach Magnns Sqnare zu kommen gedenken. Madeline muß ihre zukünftige Heimath kennen lernen und an Ort und Stelle ihre Wünsche über die Veränderungen, welche dort vorgenommen werden sollen, anssprechen. Bertha wird uns mit ihrem guten Geschmacke dabei zur Seite stehen," setzte er, die jüngere Schwester freundlich anlächelnd, hinzu: „Kann ich das Vergnügen haben, Sie morgen zum Frühstück bei mir zu sehen, Mrs. Dalton?" „Es wird nur eine große Freude sein. Mr. Fancourt war heute Morgen hier, aber leider ist es mir nicht möglich, zu sagen, ob er uns dann begleiten kann." „Wenn Sie erlauben, lassen wir Fanconrt außer Frage", erwiderte der Earl. „Eine mehrstündige Trennung von Ihrem Verlobten wird Ihnen wohl nicht allzu schmerzlich sein, Miß Dalton?" Lena erröthete heftig; doch hatte ihre Verlegenheit nicht den Grund, welchen Lord Alphington anzunehmen schien. Sie fühlte sich diesem guten alten Herrn gegenüber schuldbewußt und dachte, wie sehr er sie verachten, ja sich mit Abscheu von ihr wegwenden würde, könnte er in ihrem Herzen lesen. Lena war sich, ungleich ihrer Mutter, völlig klar darüber, daß es ein höheres edleres Ziel, wonach zu trachten sie verschmäht 718 hatte, gebe und in solchen Augenblicken nannte sie sich innerlich falsch und niederträchtig. Indessen überwand sie diese geheimen Vorwürfe rasch. Der Würfel sei gefallen; sie könne nicht mehr zurücktreten, selbst wenn sie es wünsche, spiegelte sie sich vor, und Lord Alphington dürfe um keinen Preis erfahren, welch' schmähliche Rolle sie gespielt. Als der Earl sich verabschiedete, hatte sie den gewohnten Gleichmnth wieder gewonnen und konnte ihrem zukünftigen Verwandten in der liebenswürdigsten Weise Lebewohl sagen. Dieser kehrte im höchsten Grade mit der Wahl seines Enkels zufrieden, nach Magnus Square zurück. (Fortsetzung folgt.) Eine Fahrt in Acgyptcn. (Aus einem Reiseberichte.) Am 18. Januar, 11 Uhr Vormittags, landeten wir vor der Stadt Kcnnch, wohin uns eine Fülle lieblichster Bilder geleitete. — Da schaute der Flamingo herüber zur kleinen Wachtel, die lustig auf Deck spazierte, da dufteten großblattige, kastanienblüthige Ricinnshccken, da wölbten sich stolze Sykomoren über grünen Durrafeldern, da flogen im Bogen die Eimer der ununterbrochen Wasserschöpfenden, da erhoben sich malerisch die Lehmburgen der Tauben aus dem Wald des Reisigs, da flatterte und schwebte es aus Scherben und Töpfen. Zwischen breitastigen Daupalmen glänzten weiße Schechgräber, dunkle Tamariskcnschleier schwankten über glühendem Gebirgsrahmen, und Alles das wurde überspannt von des wolkenlosesten Azurs freudigster Majestät. Außerhalb Kcnneh's, umblüht von üppigstem Garten, liegt der Palast des Mudir und gleich daneben die Wappen- und fahnengcschmücktcn verschiedenen Consnlate, nmcr denen wir dasjenige mit den „wilden Männern" des deutschen Reiches stolz jubelnd begrüßten; ihm statteten wir auch einen kurzen Besuch ab, zu angenehmster Bekanntschaft. Die Stadt selbst, wichtig durch ihre Verbindung mit dem rothen Meere über Konseir, ist, obwohl eng und winklig und meist aus Lehne gebaut, vielfach interessant. An Moscheen und größeren Gebäuden fanden wir schöne Nclieffragmcntc, Architekturstücke und arabische Holzschnitzereien. Das Hauptinteresse aber erweckt die aus freier Hand reizvoll graziöse, gewandte und schnelle Herstellung der weltbekannten Filtrirkrüge. Der hier gefundene Thon ist der beste Aegyptcns. Ein einziger Acker liefert den feinen, grüngelben Stoff. Das Entnommene ersetzt die Nilanschwemmung im nächsten Jahre. An einem der nächsten Tage führte uns ein großer arabischer Kahn mit lateinischem Segel munter über den Nil, wo vorausgcsandte Esel unser warteten und uns auf schmalem Damm am linken Ufer entlang trugen, während die prächtig leuchtenden, scharf geschnittenen Berge der arabischen Wüste reichste Augenweide boten. Als wir plötzlich schwenkten, trateu die reichen Formen der libyschen Gebirge vor, und lachende, dichtbestandene Getreidefelder dämpften anf's Lieblichste die grelle Sonne. Nach einer halben Stunde ragte plötzlich mitten aus enormen Schutthaufen das mächtige, vorn Kaiser Domitian errichtete Eingangsthor zum Tempel von Dendera einsam und stolz empor. Gleich dem Obelisken von Heliopolis ist es von Wespen zu breiten und volkreichen Ansiedelungen benutzt. Ist auch der Durchgang nicht in allen Theilen erhalten, so bleibt doch leicht erkennbar, daß mehr kaiserlicher Luxus, als eigentlicher Schönheitssinn hier gewaltet hat: so sehr ist jede Handbreit Raum zu Bilderwcrkcn und Hieroglyphen in Relief benutzt worden. Der ganze Bau nämlich ist zwar nach ägyptischem Plan und Muster (es heißt sogar nach Angaben aus Cheop's Zeit) erbaut und durchgeführt, nachweislich aber erst von Tiberius und Nero vollendet worden, ja diese haben ihn sogar den Aphroditentempcl genannt. Aegyptisch würde er der Hathortempcl heißen. Der Kopf dieser Göttin nämlich schaut vom Capitäl jeder Sänke und jedes Pfeilers an jeder Seite ernst herab und ist von einem Tuche umwallt, das graziös vom 719 Obertheil der Säulen herabhängt: da aber von letzteren 24 vorhanden sind nnd an jeder Sänke vier solcher Köpfe prangen, so ist die gefeierte Göttin schon in der Borhalle, die in den Inschriften „Der große Himmelssaal" genannt wird, 96mal in großer Büste dargestellt. Diese Vorhalle aber wirkt nin so mächtiger, als man von außen, wo man anf hohem Schatte steht, auch nicht das Mindeste von solcher Höhe ahnt, als man sie, auf vielstnfiger Treppe hinabgehend, nachher innerhalb gewahrt. Ueberrascht und stumm sahen wir uns plötzlich inmitten dieser Riesensäulen, die sieben Fuß Durchmesser nnd dreinndzwanzig Fuß Umfang haben. Natürlich sind es keine Monolithen, aber die Trommclstückc sind anf das Geschickteste in Verbindung gebracht. An diese Vorhalle schließt sich der eigentliche Tempel, eiw langes Viereck mit neun verschiedenen großen Kammern an jeder Langseite und fünf an der Hinteren Schlußseite. Die mittelste von letzteren war einst das eigentliche Heiligthnm der Hathor, nnd hier hat ihr großes Bild gestanden. Vor diesem Sanctnarium ist eine noch größere, hinten geschlossene Cclla eingebaut, welche die heiligen Boote zu bergen bestimmt war. Alle diese Räume sind weit und hoch, auch ziehen sich Kryptengänge darunter hin, nnd aus zwei Seitenkammern führen Treppen auf das Dach. Das herrliche mitgenommene farbige Licht erhellte uns magisch auch den kleinsten Raum, bis zur erhabenen Decke hinan erstand jedes Bild, jedes Relief aus den: Todesschlnmmer, .Alles lebte, regte sich für uns, ja selbst in die tiefen, geheimen Gänge, in die wir uns liegend durch kleine Qeffnungcn mußten in das Dunkel ziehen lassen, begleitete uns die erleuchtende und beseelende Flamme. Alles kündet hier das Lob der Göttin Hathor, „der Königin von Teutyra", und nennen sie „Auge der Sonne", die „Herrin des Himmels", die „große Königin des goldenen Kranzes" u. s. f. Auch die pyramidalisch schräg ansteigenden Außenwände sind bis zur Krönung mit Bildwerk bedeckt. * Auf der Rückwand draußen ist Königin Kleopatra als Isis mit ihrem Sohne Cäsarion als Horns in mehr als Lebensgröße dargestellt. Im ägyptischen Museum zu Berlin findet sich ein trefflicher Abguß dieses merkwürdigen Bildes. — Drei Löwenköpfe an jeder Seite leiten den aufprasselnden Regen ab. In die Capcllcn auf dem Dache hat sich schon viel Griechisches eingeschlichcn. — Von hier erschließt sich der Betrachtung ein herrliches Feld: „die lybische Wüste in ihrer warmen, grellen Farbe tritt bis unmittelbar an Teutyra heran; dahinter steigt das rosige libysche Gebirge, im Süden scharf gezackt, auf, um sich in langer, wagerechtcr Linie gegen Nordwcst zu verlieren; im Osten und Norden grüne Felder und schlanke Palmen, bald einzeln, bald in Hainen vereinigt, dann ein Stückchen blauer Nil, rechts davon Kenneh mit seinen Windmühlen und im Hintergründe das weite Amphitheater des arabischen Gebirges. Fassen wir den Eindruck des Ganzen zusammen, so ist zu gestehen, daß wir selten in solchem Grade von der Macht und Gewalt eines Baues ergriffen waren, daß die Fremdartigkeit die Schönheit übertraf, der Schmuck aber fast übersättigte. Wir können uns des Gedankens nicht entschlagen, daß die ersten römischen Kaiser, die diesen Tempel ohne allen Glauben und jedenfalls ohne Glauben an die ägyptischen Götter, bauten, nur haben zeigen wollen, daß sie im Stande seien, mit dem Erbauer des Tempels von Karnak zu wetteifern und sie in Einzelheiten vielleicht zu übertreffen. Der Tempel von Dendera erscheint nicht als ein Heiligthnm, sondern mehr als ein Denkmal kolossaler Mittel und kolossaler Ruhmredigkeit. Ob jemals glanbeusvoller Hathordienst in ihm gefeiert worden ist? Wir zweifeln stärk daran. Wenn wir ihn gleichwohl mit dem Gefühle stummen Staunens verließen und immer wieder anschauten, den beiden kleineren, auch viel verschütteten Tempeln der „Isis" nnd der „kleinen Kindern" (.Inno nu ra? und Inuo Immun) aber nur halbe Aufmerksamkeit zuwenden konnten, so haben wir uns dessen nicht zu schämen. Das Große hat sie nicht so gut wie das Anmuthigc, und hier kam zu dem Großen noch das Hohe, llebcrraschende, Eigenartige. 720 M i s e e l l e n. (Erblichkeit des Genies.) Die Theorie, daß das Genie erblich ist, oder durch Erziehung erblich gemacht werden kann, wird von vielen Seiten behauptet, von andern wieder lebhaft bekämpft, und nach allem möchte es scheinen als ob das Bekämpfen leichter als das Behaupten wäre. Wenn Genialität überhaupt erblich wäre, wie könnten sie überhaupt Individuen besitzen, in deren Familien sich nie und in gar keiner Richtung besondere Begabung verrieth, und wie würden sie Söhne nicht haben, deren Väter reich begabt waren. Der Vater des berühmten Naturforschers Michael Faraday war ein ganz gewöhnlicher Schmied, der des Dichters Kcats ein Pfcrdchaltcr. Walter Scott, der allbclicbtc Romanschriftsteller, hatte einen Sohn, der Major in der englischen Armee war und sich rühmte seines Vaters Romane nie gelesen zu haben, und Ada, Lord Byrons Tochter, intercssirte sich viel mehr für Mathematik als für ihres Vaters Verse. — Des großen Arstronomcn Galilei Vater war ein berühmter Geigenvirtuose, der sich gar nicht darüber trösten konnte, daß sein Sohn nur ein Gelehrter geworden. Von den vielen Beispielen, die sich anführen ließen, wollen wir nur noch die Söhne des großen Earl of Chatam anführen, von denen der eine — William Pitt, mit dreiundzwanzig Jahren Premierminister von England war, während der älteste es nie zu etwas bringen konnte, und wollen nur noch fragen, wer hat Shakespeares, wer Goethes Genie geerbt? (Eine Schwalb «Urgeschichte.) In einem längere Zeit unbenutzt stehenden Güterwagen eines westprenßischen Bahnhofes hatte sich ein Schwalbenpärchcn angesiedelt und war auch lange ungestört geblieben. Eines Tages jedoch — die jungen Schwälbchen waren längst ausgekommen, doch noch nicht flügge geworden — trat eine plötzliche Störung des häuslichen Stilllebens bei der glücklichen Schwalbcnfamilie ein. Wahrscheinlich wegen vermehrten Güterverkehrs war der besagte Wagen wieder in einen Bahn- zug eingestellt und benutzt. Verschiedene Personen, Passagieren sowohl, wie dem Bahn- personal, fiel es auf, daß zwei Schwalben unermüdlich Meile auf Meile neben dein Zuge Herflügen, denselben auf den Haltstationen zirpend umkreisten, und sobald er sich wieder in Bewegung setzte, ihn abermals begleiteten. Auf der Endstation wurde der Sachvcrhalt entdeckt, die Thicrchcn wurden soviel als möglich unbehelligt gelassen, und die treuen Eltern waren mit den reiselustigen Kindern wieder vereint!" (Eine Galanterie Gellerts.) Im Jahre 1752 wurde in Leipzig von der Koch'schen Gesellschaft „Kranke Frau" zum erstenmal aufgeführt. Die Titelrolle wurde von Frau Koch so vortrefflich gegeben, daß Gellert am nächsten Morgen an Koch folgenden Brief richtete, dem ein Korb mit allerlei Erfrischungen beigegebcn war. „Hochzuver- chrendster Herr! Ich habe es gestern nicht ohne Mitleiden ansehen können, wie krank ihre Frau Liebste auf dem Theater war; und weil ich vielleicht eine Ursache ihrer Krankheit war, so halte ich's auch für meine Schuldigkeit, für ihre Wiederherstellung zu sorgen. Seyn Sie also so gütig und nöthigen Sie Ihre Frau Liebste, die Arzney einnehmen, die ich Ihr schicke, mit der ich mich selbst kurire und die gewiß besser wirken muß, als des Herrn Richards X. Medikamentum. — — Im Ernste, danken Sie ihr in meinem Namen crgebenst. Sie hat ihre Rolle vortrefflichst gemacht. — Ich bin mit einer wahren Hochachtung Ihr ergebenster Gellert." (Zur Trinkgcldcrfragc.) Gast: Ich habe drei Glas Hofbräu. — Kellner: Macht 90 Pfennige. — Gast: Geben Sie mir auf 20 Mark heraus! — Kellner: Bitte, ich kann nicht wechseln, haben Sie nicht so viel kleines Geld? — Gast: Ich habe da gerade noch 90 Pfennige. — Kellner: Dann werde ich doch lieber wechseln. Auflösung des Räthsels in Nr. 89: „Wachen. Nachen. Nachen. Aachen. Lachen." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischcn Instituts von Dr. Max Huttlcr. jm „Äugslmrger Kost^citung." 91. Mittwoch, 14 . November 1883. Der Gpalring. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Am folgenden Tage holte die Equipage Lord Alphington's die Damen gegen ein Uhr ab. Mrs. Dalton war außer sich vor Entzücken, Lena und Bcrtha hingegen, wenn auch aus verschiedenen Ursachen, ziemlich schweigsam und ernst. »Ha, wie köstlich das ist!" rief sie, sich in dem eleganten offenen Landauer zurücklehnend, aus. „Meine liebe Lena, habe ich Dir nicht immer gesagt, Du würdest noch einmal in Deinem eigenen Wagen fahren; that ich das nicht, Schatz?" „Und ich behauptete Bertha gegenüber, daß ich geboren sei, um zu Ehren und Reichthum zu gelangen, aber sie wollte mir nicht glauben." „Daß Du Deine Wünsche erreichen werdest, daran habe ich nicht gezweifelt", antwortete Bertha. „Ich äußerte nur damals, es gebe Höheres und Besseres, wonach man strebcn müsse." „Wie einfältig Du bist, Bertha — gerade wie Dein armer Vater! Glücklicherweise besitze ich wenigstens eine Tochter, die gesunden Menschenverstand hat." „Mama wir wollen uns heute nicht so über alle Maßen erfreut zeigen, bemerkte Lena ungeduldig. „Lord Alphington wird das gewiß nicht nobel finden. Bertha's Philosophie kommt ihr in dieser Beziehung gut zu Statten. Alle Herrlichkeit der Welt ist nicht im Stande, sie zu überwältigen." „Zu überwältigen wohl nicht", entgegnete Bertha lachend. „Doch mußt Du nicht glauben, daß ich es weniger liebte als Du, von Eleganz und Luxus umgeben zu sein; es gibt nur Einzelnes, welches ich noch höher schätze." Lena konnte trotz ihres Vorsatzes nicht umhin, bei der Pracht, welche sich ihren Blicken in Magnns Sqnare darbot, in laute Bewunderung auszubrcchen. Der Kontrast mit ihrer bescheidenen Wohnung in Joy Collage war freilich sehr groß und ein edleres Gemüth, als das Lena Dalton's wäre vielleicht der Versuchung unterlegen." Gepuderte Lakaien in reichen Livreen glitten geräuschlos einher gleich Maschinen, die sich mir auf Befehl ihres Herrn in Bewegung setzen. Den mit großem Anfwande gedeckten Frühstücktisch schmückten die seltensten Treibhausblnmen. Mrs. Dalton wurde mit ihren Töchtern durch eine Reihe der schönsten Gemächer geführt; die Spiegel und Vergoldungen, schwerseidencn Vorhänge und Gemälde, a, In Watteau enthüllten einen solch' außergewöhnlichen Reichthum, daß es Lena beinahe schwindelte. Wie oft hatte sie sich dieses im Geiste ausgemalt und nun, wo es in Erfn/ung gehen und sie wirklich als Herrin hier weilen, und alle diese Schätze ihr zugehören sollten, konnte sie es nicht begreifen. Wie träumend ging sie einher. „Bitte, bestimmen Sie die Farbe, welche Ihnen am liebsten ist", sagte Lord Alphington, als sie im geräumigen Wohnzimmer beisammen standen. Wie ich sehe, müssen 722 diese Gemächer von Neuem eingerichtet werden,' mau soll sofort damit beginnen. Dieses Noth paßt nicht zu ihrer hübschen Erscheinung." Das neue Interesse schien den alten Herrn um mehrere Jahre verjüngt zu haben. „Wir nannten immer „blau" die Farbe Leua's", erklärte Mrs. Dalton. „Für ein Haus in der Stadt gefällt sie mir nicht; ich würde grün, ein mattes seegrün vorziehen. Das harmonirt besser mit der reichen Vergoldung und hebt alle Gegenstände", entgegnete Lena. Sie fühlte sich bei der Besprechung dieser Einzelheiten mehr zu Hause. Bertha betheiligte sich nicht an der Unterhaltung, sondern folgte schweigend den Uebrigen und betrachtete mit Vergnügen die reichen Kunstschätzc, die allenthalben ninhcrstanden. „Diese Räume habe ich immer benutzt, wenn ich in der Stadt anwesend war und ich gedenke sie auch ferner für mich zu reserviren", sagte Lord Alphington, eine Thür öffnend, welche zu verschiedenen Zimmern an der Hinterseite des Hauses führte. Das erste derselben schien die Bibliothek zu sein. Kaum hatten sie es betreten, als Lena plötzlich errathend ausrief: „O Bertha, sieh einmal hier!" Diese blickte nach der Richtung hin, welche ihre Schwester bezeichnete und fuhr überrascht zurück. Auch sie erröthete heftig, dann wurde sie leichenblaß und ihre Augen füllten sich mit Thränen. „Was gibt's, meine Damen?" frug Lord Alphington erstaunt. „Weshalb erregt das Portrait meines unglücklichen Sohnes dieses außergewöhnliche Interesse bei Ihnen?" Lena erlangte zuerst ihre Fassung /wieder; Bertha's Herz schlug stürmisch, sie durfte es nicht wagen, zu sprechen. „O, eigentlich ist es nichts", entgegnete erstere", „aber das Portrait gleicht Jemanden, den wir kennen, so auffallend, daß wir beide darüber bestürzt waren." „Wirklich, wer könnte das sein?" frug der Earl. „Vermuthlich meint Ihr St. Lawrence", schaltete Mrs. Dalton em. „Ja, jetzt, wo ich das Bild näher anblicke, muß ich auch gestehen, daß große Aehnlichkeit vorhanden ist, namentlich in den Augen; auch der Mund und das Kinn, sogar die Farbe des Haares ist ähnlich. Aber ich fürchte, Lord Alphington wird sich nicht sehr dadurch geschmeichelt fühlen", setzte sie mit etwas verlegenem Lachen hinzu. Es ist ein junger Künstler, ein Landschaftsmaler, den wir zufällig kennen lernten. Ich war genöthigt, mir seine Besuche zu verbitten; es muß irgend ein Geheimniß über ihm schweben und Mr. Faucourt sagte mir, er wünschte nicht mit ihm zusammen zu treffen." „Ha!" stieß Lord Alphington hervor. Als er sich von der würdigen Matrone wegwandte, erblickte er im gegenüberliegenden Spiegel Bertha's Antlitz. Sie hatte sich etwas zurückgezogen. Ihre Wangen glühten und Thränen zitterten ihr in ihren Augenwimpern. Der Carl bemerkte, daß irgend etwas seinen kleinen Liebling, Bertha, traurig gestimmt habe und brachte selbst- verständnch den eben erwähnten Rainen damit in Verbindung. Gutherzig, wie er immer war, betrübte es ihn, sie unglücklich zu wissen; auch hatte er sie magerer und blasser gefunden, als da er sie zum ersten Male zu Larkspur gesehen. Er setzte kein großes Vertrauen in die Ansichten seines Enkels und daß der junge Maler dem Portrait seines Sohnes so ähnlich sei, interessirtc ihn lebhaft. Er wünschte ihn, dessen Name eine so heftige Erregung in der sanften Bertha hervorgerufen hatte, kennen zn lernen. „Ist der junge Künstler sehr talentvoll?" frug er Mrs. Dalton. „O sehr, wie ich glaube, obschon ich keine große Künstkenuerin bin." „Wollten Sie wohl die Güte haben, nur seine Adresse anzugeben? Ich wünsche, eine Landschaft für das Frühstückszimmer zu Alphington Park zu kaufen." Die gutmüthige Mrs. Dalton gab die gewünschte Auskunft mit großem Vergnügen; der Earl uotirte sie und sprach nicht weiter darüber. Bald nachher nahmen die Damen Abschied; sie bedurften einiger Stunden Ruhe, 723 UM sich auf den langersehnten Ball, welcher an demselben Abende zn Highgate stattfinden sollte, vorzubereiten. S e ch s u ndzw a u zi gstc s Capitel. Mrs. Dalton hatte sehr gehofft, auch für Mr. Faucourt eine Einladung zu dem Feste zu erhalten. „Ich bin überzeugt, Mrs. Newcoinbe wird es sich zur Ehre anrechnen, ihn bei sich zu sehen." Aber Lena wollte nichts davon hören; sie wünschte nicht mit diesem Bräutigam öffentlich zu erscheinen und war herzlich froh, ihn für die Zeit los zn sein. Der Gedanke, seine Artigkeiten vor aller Welt ertragen zu müssen, war ihr geradezu widerwärtig. „Er ist zu sehr Lebemann, um mir, wenn ich einmal seine Frau bin, mit seinen Aufmerksamkeiten lästig zu werden", vertraute sie ihrer Schwester an. „Auf alle Fälle werde ich sie dann nicht dulden und ich will die Langeweile, ihn jetzt immer um mich zu haben, nicht ausstehen, wenn ich es vermeiden kann. „O Lena, wie kannst Du so sprechen", war die vorwurfsvolle Antwort. Aber so bald Bcrtha weiter in sie drang, und ihre Befürchtungen in Betreff der Zukunft ans- sprach, wollte sie den Warnungen kein Gehör schenken. Die beiden Schwestern waren wie gewöhnlich in sehr verschiedener Toilette. Lena trug ein weißes Seidenkleid mit schönen echten Spitzen, welche noch von der Urgroßmutter Capitän Dalton's herstammten; sie hatte sich mit den Türkisen dem Geschenke Fauconrt's geschmückt und sich ebenfalls nicht geweigert, ein wundervolles Bonqnct von ihm anzunehmen. Den Kuß, mit dem er es ihr überreichte, hätte sie ihm freilich gerne erlassen. Bertha's Kleid war von weißem Mull, ihr einziger Schmuck bestand in einer dünnen goldenen Kette und einem Medaillon, welches Sir Stephan ihr zum Geburtstage geschenkt hatte. In der Hand trug sie einige hübsche eben im Garten gepflückte Nosenknospcn. Ihr liebes Gesichtchen, verklärt durch die zu erwartende Freude, bedurfte keiner wesentlichen Hülfe, um reizend auszusehen — zum wenigsten dachte so einer der dort Anwesenden, welcher mit Sehnsucht ihrer Ankunft entgegen gesehen. Während der Zeit, in welcher St. Lawrence und Donglas häufig zu Joy Collage verkehrten, waren sie auch mit den Freunden der Familie Dalton bekannt geworden und so hatten beide, da hübsche,, lebenslustige junge Leute bei solchen Gelegenheiten immer eine angenehme Zugabe sind,' eine Einladung zu dem Feste erhalten. Die Abwesenheit von Douglas wurde sehr bedauert, aber St. Lawrence stellte sich frühzeitig ein. Mrs. Newcoinbe bat ihn, ihrem Sohne beim Ordnen des Balles bchülflich zu sein und befestigte deshalb ein rothes Band in scineni Knopfloche; dies veranlaßte mehrere der Gäste, untereinander zn fragen, wer wohl jener vornehm aussehende Herr mit dem Bande der Ehrenlegion sei. (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Dunkel sind Gottes Fügungen oft, d'rum dank' es ihm freudig, Wenn dir zuweilen ein Strahl himmlischen Lichtes sie zeigt. Paart sich mit klarem Verstand die Reinheit und Güte des Herzens, Spiegelt die Seele das Bild dessen zurück, der sie schuf. Wichtiger noch als was wir erlebten, ist, wie wir's erlebten, Ob es zum Rückschritt geführt, ob es uns weiter gebracht. Kannst du nicht reisen, nicht schau'u entlegene Lander und Meere, Tröste dich: Wo du auch weilst, bist du von Wundern umringt. F. Beck. 724 Ein Spaziergang in's Höllenthal bei Partenkirchen. Zu den von Fremden meistfrequentirtcn Gebirgsorten unseres bayerischen Vaterlandes gehört unstreitig auch Partenkirchen im schönen Wcrdcnfclserlande. In der abgelaufenen Saison war der Besuch des prächtig gelegenen Marktfleckens starker als je in den Vorjahren und ein Leben und Treiben herrschte in dem sonst so einsamen und ruhigen Plätzchen, wie wir es nur in den Hauptstraßen volkreicher Städte zu beobachten gewohnt sind. Auch früher schon und lauge bevor das heutige Partenkirchen in Folge seiner unvergleichlichen Umgebung wie ein Magnet auf die Sommerfrischler und Passanten des Nordens und Südens wirkte, herrschte ein reges Leben im Thale der Partnach. Hier hatten die Römer ein befestigtes Lager, I>artainrra geheißen, und noch heute bewundert der Freund des Alterthums und alterthümlicher Neste die letzten Spuren ihres Weges in's deutsche Land. In mittelalterlichen Tagen zog eine bedcutsnde Handelsstraße an Partenkirchen vorüber. Hier hielten, wenn mit reichen Schätzen beladen die Fuggcr und Weiser aus dem Welschlande heimkehrten, sie Einkehr und Nachtlager. Jetzt sind es nicht mehr die römischen Soldaten und nicht mehr die Handelscarawancn, welche den Markt bevölkern; und nicht die Interessen der Eroberung oder des Handels und Gewinnes führen in Partenkirchen jährlich so viele Menschen zusammen, sondern die Pracht der Berge, die frische Bergcsluft, das fröhliche Bergesleben, der Reichthum an Ausflügen ist es, der uns anzieht und fast mit unwiderstehlicher Gewalt verführt dein freundlichen Gebirgsorte unseren Besuch zu machen. Wir laden heute den freundlichen Leser ein, mit uns einen Spazicrgang in's Höllenthal bei Partenkirchen zu machen. Nur wenige Fremde sind es, welche dasselbe besuchen. Wir wissen nicht, ist es schon die Furcht vor dem wilden Namen oder ein gelinder Schauder vor der Beschwerlichkeit und Gefährlichkeit des Weges, der die Touristen veranlaßt, dem Großartigsten, was die Natur im Loisachthale bietet, keine Aufmerksamkeit zu schenken und ohne Beachtung an demselben vorüber zu gehen. Indeß haben selbst schon einzelne Damen das Höllenthal besucht und sie werden bezeugen, daß sie für die Mühen und Beschwerden des Weges, die gerade nicht übermäßig groß sind, reichlich belohnt worden sind. Es war ein schöner Augustmorgen, da wir in fröhlicher Stimmung durch grünen Wiesenplan dem uralten Dorfe Hammersbach zuwanderten. Das Auge entzückte der Anblick der schneebedeckten Zugspitze, der Königin der bayerischen Alpen, immer gleich großartig und unvergleichlich schön. Unmittelbar vor uns erhob der „Daniel" sein stolzes Haupt und erweckte süße Erinnerungen an den stillen, einsamen Eibsee. Und wie die Berge in ihrer riesenhaften Gestalt und Pracht fromme Gedanken an den großen, mächtigen Schöpfer wach riefen, so waren es die wogenden Aehrcn auf den goldenen Feldern und die bunten Blümchen auf den Wiesen, war es der reiche Gottessegen rings um uns, der an einen gütigen, barmherzigen Gott der Liebe uns erinnerte. Wir erreichen das Dorf Hammersbach, benannt nach einem frischen Gießbache, an dem es gelegen ist, mit einer Kapelle und den letzten Uebcrrestcn der Grundmauern der Herren von Hammersbach. Der Weg führt nun etwa eine halbe Stunde am Wasser hin und hat bei allen Naturschönheiten, die er bietet, seine kleinen Schwierigkeiten. — Zuerst heißt es mit Blühe und Schweiß einen steilen Berg hinanklimmen, um sodann wieder bis zur Tiefe des Hammersbaches hinabsteigen zu müsse». Hier schreitet der zarte Fuß über harte spitzige Steine und über Felsgerölle dahin und dort muß er fast in Schmutz und Lehmgrnnd versinken. Und jetzt, nachdem eine gute Strecke Weges hinter uns liegt, warnt eine Tafel wegen der Gefahren der Holztrift den Weg überhaupt zu betreten! Wer diese Gefahren nicht kennt oder in frevelndem Sinne, vielleicht auf den Spruch bauend, daß „kein Unkraut verderbe", den Weg zur Triftzcit betritt, er mag sehen, wie er zurecht kommt, wenn plötzlich aufgerichtetes Scheitholz den Weg versperrt und von der Höhe deZ Berges meterlange Banmstücke in unregelmäßigen hohen Sprüngen znr Tiefe und glücklicher Weise ihm nur vor die Füße stürzen. Das ist eine Gefahr des Lebens, die man nicht gering schätzen soll. Wir passirtcn znr Mittagsstunde, als eben die Triftkncchtc am Feuer sich ihre Kartoffel brieten und ihr Muß kochten, den gefährlichen Weg. Bewunderung und Staunen erregte die wilde Schönheit des Hannnersbaches an unserer Seite. Durch mächtige Felsblöcke, welche die Unwetter von den Höhen herabgetragen, hat er sich sein Rinnsal gebahnt. Dunkle Tannen und frische Lanbholzbäume beschatten den Weg. Viele Jahre sind über sie hinwcggezogen und wilden Stürmen und tosenden Winden haben sie Stand gehalten; nicht lange mehr und auch sie müssen der Axt der Menschen des eisernen Jahrhunderts weichen. Das sind prächtige Baumgruppcn hier und dort am Abhänge des Hochwaldes, alle werth, von dem Pinsel des Males verewigt zu werden. Wir meinen öfters in einem englischen Park zu wandern. Der Weg theilt sich und links führt ein Pfad znr Maxklamm, während znr rechten Hand ein nur mit Mühe zu findender Weg in vielen Krümmungen den steilen Hochwald hinanführt. Dies ist der Weg zum Höllcuthal, schön und reizend wegen der hohen schattigen Tannen und der tiefen Stille, ringsherum, aber auch beschwerlich, eilt echter „Bcrgsteig" mit all den Reizen und Unannehmlichkeiten eines solchen. Nachdem wir eine Viertelstunde den Waldweg hinangestiegen, lichtet sich mit einem Btal das Tanuengczwcig und der Wanderer sieht die riesighohe Felswand des Wachsensteins aus dem Thalgrund zum Himmel streben. In der Btitte der senkrecht abfallenden wild-romantischen Wand führt ein grüner Streifen mäßig empor. „Meine verehrte Gesellschaft, das ist der Weg, den wir passiren müssen." — Entsetzlich, schrecklich, um Gottes willen!" Solche Aufschreie des Schreckens aus Frauenmnnd unterbrachen die einsame Stille des Waldes. Selbst die Herren schauten verwundert und ängstlich hinauf zur steilen Wand und zum erschrecklichen Wege, der an derselben hinführt. Es kostete viele gute Worte und wir bedurften fast der Beredsamkeit eines alten Feldherrn um den allseits erlöschenden Muth wieder anzufachen. Nach wenigen Minuten standen wir vor der Wand selbst. „Dieser Weg ist eigentlich kein Weg", soll irgendwo in Sachsen geschrieben stehen. Auch hier wäre eine ähnlich lautende Warnungstafel am Platze. Denn dieser Felswcg ist kein Weg für all' Diejenigen, welche fürchten müssen, vom Schwindel befallen zu werden, ist kein Weg für angeheiterte, lustige Gesellen, kein Weg für Kinder und schwache kränkliche Personen. Diesen empfiehlt es sich, den Fclspfad nicht zu versuchen, sondern von hier den fast ungefährlichen Weg in's Thal von Grainau hinabzusteigen — denn der eben zurückgelegte Waldweg läßt sich wohl aufwärts, aber schwerlich abwärts machen — wenn sie es nicht vorziehen, sich hier auf's Sandgerölle zu setzen und auf demselben geradewcgs zum Hammersbache hinabzuführen, wie es schon Bergführer und andere kühne Touristen probirt haben. Daß sie hiebet Schuhe und Hose eingebüßt haben, brauchen wir nicht zn bemerken. Wir öffnen ein Weidengitter, das znr Abschlicßnng der Herden angebracht ist, und betreten den gefurchteren Felsenpfad an der Wachsensteinwand. Er ist eine Viertelstunde lang und '/z bis gut 1 in breit, ziemlich gut erhallen — das Wasser hat nur an einzelnen Stellen den Boden am Rande gelockert und führt gleichmäßig steigend den Berg hinan. Mit jedem Schritte wird die Wand unter uns höher. Ein prächtiges Panorama erschließt sich unserem Auge. Wir genießen einen herrlichen Einblick in'S Loisachthal. Tief zu unseren Füßen wälzt sich der Hammersbach schäumend und zischend durch sein enges Felsenbett, darüber hinweg erblicken wir saftiggrünc Wiefentriftcn, umrahmt von grünem Lanbholz. An den Abhängen hinauf liegen die dunklen Wälder. Hoch oben schauen die Bergriesen mit zackigen Felskronen geschmückt in die prächtige Landschaft, iv.lche Loisach und Parrnach gleich Silberfäden durchströmen. Partenkirchcn 72 , 6 , mit seiner gothischen Pfarrkirche und seinem lieblichen St. Anton liegt herrlich an dem föhrengrünen Eckenberg (Roßwank) gelehnt vor Miseren Augen. Darüber hinaus erhebt sich der gemsenreiche Krottenkopf aus dem Kranze der ihn umgebenden Berge majestätisch zum blauen Himmel. Wenn jetzt ein Wanderer den Weg am Hammersbache bis zur Maxklamm pasfirte und in der Nähe dieser auf erhabenem Punkte seinen Blick auf die Felswand richtete, auf welcher wir in schwindelnder Höhe langsam hinziehen, er wurde staunen und erschrecken ob unseres Wagnisses. In der That ist der Anblick der Wachscnsteinwand von der Tiefe aus schrecklich. Senkrecht abstürzende Felsen von entsetzlicher Höhe unterhalb des Weges, ohne jeden Halt für den gleitenden Fuß, ohne Ranken und Gesträuch für die blutende Hand, senkrecht aufsteigende, nackte Felsen oberhalb des Weges: das ist die Wachsensteinwand von der Tiefe betrachtet! Da wäre Niemand, der bei einem Unglücksfalle zu Hülfe kommen könnte, aber tiefe Klüfte und Höhlen hat das Wasser hier und dort in den Fuß der Felsen cingegraben — schauerliche Gräber für den stürzenden Menschen! Doch ist es droben nicht gar so schrecklich und nicht an Gräber und Moderluft denkt unser Sinn, wo rings Blnmcndüfic und Lcbcnsfrische und Lebenslust. Wo ist es denn noch so schön wie hier? Dann nur mag das Herz, auch des Kühnsten, Furcht und Beklommenheit befallen, wenn ein Gewitter in's Thal zieht und er vom Höllen- thal zurückkehrend an der Wnchsensteinwand vorüber muß. Furchtbarer und schrecklicher ist ein Gewitter nirgends wie hier an der Felswand. Erschütternd rollen die Donner, leuchtend fährt der Blitz zur Tiefe, mit grimmer Faust bricht der wilde Wettersturm die Föhren und Tannen im Thalgrnndc, wie Gießbäche sausen die Wasser von den Höhen nieder, Geröll und Fclsblöcke in ihrem Sturze mitfortrcißend. Wehe dem Armen, der nun an der Wand hinschreiten soll und es sich von den Felsen herab wie ein Wasserfall über sein Haupt ergießt. Zitternd und bebend schmiegt sich der Wanderer an die Steinwand und läßt die Wasser über sich hinweg in die Tiefe stürzen. Heute war ein herrlicher Tag und wie ein großer Baldachin wölbte sich der blaue wolkenlose Himmel über den Bergen. Muthig schritten die Herren auf dem trockenen Felspfade hin — eine einzige Stangentreppe war durch tropfendes Wasser schlüpfrig — und selbst die Damen schienen nicht mehr sehr ängstlich zu sein, wenn sie auch mit großer Behutsamkeit auf den Treppenstufen, welche an steilen Hängen in den Stein gehauen sind und die ihnen der kundige Führer zeigte, ihr Füßchen sehten. Viele Jahre ist's her, da soll auch eine Königin voll Liebreiz und Anmuth im schönsten Frühling des Lebens den gefährlichen Felspfad gewandelt sein: Ihre Majestät Königin M arie von Bayern. Furchtlos schritt sie den Weg dahin, nur an zwei oder drei besonders beschwerlichen Stellen, vertraute sie sich dein Rücken eines alten Waidmann's an, der ihr Führer war und sie sicher aus der Gefahr brachte. Wie glücklich der Mann war, und wie die Berge von seinen Jodlern wiederhallten! Der gefahrvolle Pfad ist glücklich überwunden. Auf sicherem Boden schreiten wir wie über grünen Wicsenplan. Graue Felsblöcke hat der Sturm an den Weg gesetzt. Brombecrstanden halten sie mit ihren Ranken dicht umschlungen. Aus den grünen Weideplätzen zwischen den alten Steinen und dem abgestürzten Gerölle suchen sich die Lämmer ihr Futter. Den ganzen Sommer bringen die Heerden auf der Alm unter freiem Himmel zu, auch beim ärgsten Unwetter eröffnet sich ihnen kein schützendes Obdach. Selbst noch höher droben, bei der Knorrhütte, triffst du die abgehärteten Thiere. Man erzählt sich sogar von einem Touristen, der in den fünfziger Jahren beim Besteigen der Zugspitze den Schafen Salz streute und bald von einer so grüßen Menge umringt wurde, daß er sich nicht mehr vor den Thieren wehren konnte, seinen Bergstock an ihren Kopsen zerschlug und sich nur mit Mühe und Noth auf einen hohen Felsblock flüchtete; die Schafe hätten ihn förmlich zerdrückt! 727 Nach einer halben Stunde waren wir im Höllenthal. Der Weg dorthin fährte an einer frischen Quelle vorüber, die einen ersehnten Labetrunk bot, dann steil hinab Zur Brücke der Höllenthalklamm. Wer vermag das Schauspiel zu beschreiben, das sich nun vor den Augen entfaltete? Man hat schon oft zwischen den landschaftlichen Schönheiten unseres Vaterlandes Bayern und der Schweiz einen Vergleich angestellt. Die Taminaschlncht in der Ostschwciz und die Schlucht des Tricnt im Canton Wallis bieten etwas Ueberraschendes und Großartiges, wie man es kaum zu ahnen wagt. Mit beiden jedoch kann sich die Schlucht des Hammerbaches, im Höllcnthal bei Partenkirchcn messen. Nur ist letztere noch zu unbekannt, noch zu weit vom Schienenweg entfernt, noch zu schwer und zu gefahrvoll zu besuchen. Das sind vergangene Zeiten, da täglich mehrere Dutzend Bergknappen den gefahrvollen Pfad am Wachsenstcin und die Brücke der Höllenthalklamm passirten, um hoch über derselben auf Silber- und Eisenerze zu innthen. Der Bergbau im Höllcnthal rentirte sich nicht, verlassen starren die Gruben von schwindelnder .Höhe nieder, verfallen sind die Schachte, verfallen und schlecht die Wege. Es mögen nur wenige Menschen sein, welche das aufgelassene Bergwerk besucht haben. Wird doch selbst das vordere Höllcnthal so selten besehen und noch nie hat unseres Wissens die Presse darauf aufmerksam gemacht. Und doch überragt die Höllenthalklamm an Schönheit und Großartigkeit, aber auch an Fülle von wilden und schaurigen Scenerien jede andere im bayerischen Gebirge. Wir stehen auf der breiten Brücke, welche hoch über dem Hammersbach die beiden Berge verbindet. Fast erschrecken wir, da wir einen Blick in die Tiefe werfen. Wie ein dünner Silbersaden schlangelt sich der Hammersbach fast 300 Fuß unter uns zwischen dem engen Felsbctte fort. Stellenweise verschwindet er ganz unseren Blicken. Der Leser wird sich denken: „Das ist nicht anders wie bei jeder Klamm!" Aber so tiefe, schauerliche Gründe und so riesig hohe Felsmasscn, wie sie hier zu den beiden Seiten der Höllenthalklamm senkrecht zum .Himmel starren, findest du nicht leicht mehr auf der Erde. Der Name „Höllenthal" ist so passend wie kein anderer. Besonders haftet das Auge an den größeren und kleineren Wasserfallen, welche sich von verschiedenen Höhen in die Klamm stürzen. Einer von ihnen, der größte, ragt durch besondere Schönheit hervor. Wie ein starker, fnßdicker Silberstrom quillt er aus dunklem Fels- grund und schickt in raschem Sturze dem Hammersbache sein Wasser zu. Dort ragt, wie von einer überirdischen Macht hercingcsetzt, ein colossaler FclSblock aus der Klamm empor, um den sich der tosende Gießbach wie im Halbkreise wälzt und an dem er sein Zerstörnngswerk seit langer Zeit mnthwillig ausübt. (Anita, onvni lagnäsrn. Bereits hat sich eine größere Höhle im Felsgrnnde gebildet. Wenden wir unseren Blick aufwärts und staunen wir die Schncemassen des „Hölle ufern er" an, welche die Mittagssonne mit prächtigem Glänze übergießt. Seit langen Jahren liegen sie droben, die Schncemassen, im Thale zwischen den hohen Bergen, und noch niemals hat sie der Sonne erwärmender Strahl gänzlich fließen gemacht. Vielleicht, daß unermeßliche Gründe unter dem weiß schimmernden Schnee sich ausdehnen. Das Panorama auf der Brücke der Höllenthalklamm ist großartig und schaurig zugleich. Wer es liebt, die Alpcnwelt in ihrer größten Schanerlichkcit sich anzusehen und Scenerien zu erblicken, welche selbst das Herz des kühnsten Touristen erzittern und fast das Blut in seinen Adern erstarren machen, der versuche es, den schlechten und gefährlichen Weg über die Brücke (bis zum Ende des Höllenthalcs ist es eine Stunde und darüber) weiter zu verfolgen. Was sind das für Pfade, die wir von der Brücke aus hoch oben an den Fels- i hängen erblicken? Sind jemals Menschen auf ihnen gewandelt? Das sind Wege, welche ! die Jäger begehen und auf welchen die Wildschützen mit Gefahr des Lebens den Gemsen ^ nachjagen und sich Beute suchen. Du siehst, daß zur echten Gemsjagd im Hochgebirge, bei welcher nicht die Thiere von den Treibern einige Schritte vor der Büchse vorbei- 728 gejagt werden, kernfeste und geistesgegenwärtige Männer gehören — »Jäger voll Schneid" — aber nicht in Pelz eingehüllte Sonntagsjäger. So treffend lautet ein „Schnadahüpfl": „Hcrunten leicht Inga d' erfrngst Auf Henna und Hasen und Fuchs: Wo drob'n aber 's Edelweis! wachst Da taugen die Mchrcrn halt nix." Todtenstille herrscht rings im Thalc. Kein Geier steigt znm Himmel, kein Flüe- vogel setzt über den Thalgrnnd. Erstarken scheint jede Vegetation zwischen den grauen Felswänden und mit den Thieren „schweigt der Menschen laute Lust." Es regt sich hier in uns „Was dem Herzen kaum bewußt, Alte Zeiten, linde Trauer, Und es schweifen leise Schauer Wetterleuchtend durch die Brust." — So singt Eichendorff und er kennzeichnet treffend die Stimmung des Wanderers auf der Brücke der Höllenthalklamm. Der Rückweg von der Hölleuthalklamm bot keine besonderen Schwierigkeiten, auch der Felspfad an der Wachsensteinwand ward selbst von den Damen mit überraschender Courage genommen. Am Ende dieses gefährlichen Fclssteiges angelangt folgten wir dem Wege, der znr linken Hand in's Thal von G rainan führt und erreichten dieses in einer guten Stunde. Es ist ein prächtiger Spaziergang, meist durch dunklen, schattigen Wald führend, nur stellenweise etwas schmutzig und schlüpfrig. Die einzige schwierige Passage ist der sogenannte „Stangensteig", das sind 24 Treppenstufen, welche über einen Abhang steil hinabführen. Grainau ist ein anmnthigcs Dorf, prächtig im Thäte gelegen mit einer kleinen, armseligen und sehr der Restauration bedürftigen Kirche. Im Forsthause oder in der Behausung des Herrn Bcnefiziaten mag sich der Wanderer mit kühlendem Trunke stärken und sein Herz am Anblicke der Zugspitze erfreuen, die sich hier prächtiger wie anderswo vor dem Beschauer erhebt. Im Jahre 1820 wurde sie zum ersten Male bestiegen; jetzt stehen jährlich mehrere Hundert Personen — darunter auch einzelne Damen — neben dem eisernen Kreuze auf ihrem Gipfel. Ein Bergführer, Namens Koser, kann vielleicht schon im nächsten Jahre die drcihnndertste Besteigung der Zugspitze mit einen! Jubiläum begehen; Heuer war er 25 mal droben. Im milden Winter des vorigen Jahres soll sie öfters bestiegen worden sein. Die A nssicht von der Zugspitze ist großartig. Der Blick reicht von Kärnthen bis in die Schweiz, von der Donau bis an Italiens Grenze. Selbst den Einschnitt des Brennerpasses vermag das Auge Zu entdecken. In langen Reihen liegen die Tanren- kettc, das Stnbaigcbirge und die Ortlerkctte vor uns ausgebreitet. In der nächsten Umgebung liegt weißer Schnee, weiter hinab grüne Almen, dann Wiesentriften, durch welche sich die Flüßchen wie Silbcrfädeu schlangeln, sodann die weitausgedehnte oberbayerische Ebene, in welcher die blauen Seen wie große Gcnlianen erglänzen, rings um uns ein reicher Kranz von Bergen mit unzähligen Gipfeln und Zacken, über uns so nahe der wolkenlose, blaue Himmel! Bereits war es Abend geworden, da wir den Weg von Grainau nach Parten- kirchen zurücklegten. Wiederum lag ein unvergleichlicher Reiz über der Landschaft. Es ist ein Thal des Friedens und himmlischer Ruhe, durch das wir schreiten. Hier tönt noch das Posthorn, hier ist noch idyllisches Leben und Treiben zu finden, — wie lange noch? Vielleicht, daß auch hier bald der schrille Pfiff der Lokomotive anstatt des Jodlers des Alpensohnes ertönt! Aber dann ist's mit der halben Schönheit des Thales und mit der ganzen Poesie vorbei. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischcn Instituts von Dr. Max Huttlcr- »ur „Ängslmrger PostMnng." 92. Samstag, 17 . November 1883. Der Opalrrng. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Als Mrs. Daltoil St. Lawrence erblickte, fiel ihr ihre letzte Unterredung mit ihm ein, und befangen ging sie mit einer stummen Verbeugung an ihm vorüber. Er erwiderte ihren Gruß mit demselben mitleidigen Lächeln, dessen Sinn sie sich nicht zu deuten wußte. Lena blieb stehen und reichte ihm die Hand. Sie glaubte kein Wort von den Andeutungen ihres Verlobten und um St. Lawrence zu treffen, hatte sie darauf bestanden, diesem Balle beizuwohnen. Er werde sie selbstverständlich sofort um den nächsten Tanz bitten und sie erwartete, ihn in 'völliger Verzweiflung über ihre bevorstehende Vermählung zu finden und deshalb wollte sie ihm ein Andenken, vielleicht eine Rosenknospe aus ihrem Bongnct schenken; diese werde er gewiß als seinen größten Schatz aufheben und im Stillen darüber weinen. Aber zu ihrer größten Ueberraschung geschah nichts dergleichen. St. Lawrence drückte ihr freundlich die Hand ohne sie jedoch zum Tanze aufzufordern; er machte einige gleichgültige Bemerkungen, aus denen Lena sogar schließen mußte, daß ihr Erscheinen nicht die leiseste Gemüthsbewegung hervorgerufen habe, und dann wandte er sich an Bertha mit der Bitte um die nächste Quadrille. Lena fehlte es nie an Tänzern, sie war wie immer die gefeierte Schönheit der Abende und die Huldigungen, welche ihr von allen Seiten dargebracht wurden, befriedigten für den Augenblick ihre Eitelkeit und machten die herbe Enttäuschung schneller' vergessen. Mrs. Daltoil war nicht ungehalten, als sie Mr. St. Lawrence und Bertha zusammen erblickte; letztere konnte gewöhnlich nicht so viele Tänzer aufzählen als ihre Schwester, und so war nach Ansicht der Mutter dieser doch besser als gar keiner. Unter solchen Erwägungen breitete sie ihre Moire-Autikrobe aus, warf die Spitzenbärben der Haube zurück, nahm den Fächer zur Hand und saß nun in Bereitschaft, um die Gratulationen wegen der glänzenden Versorgung ihrer ältesten Tochter in Empfang zu nehmen. St. Lawrence und Bertha sprachen wenig während des ersten Tanzes; das Glück endlich wieder einmal zusammen zu sein, genügte ihnen. Wie sie dort neben ihm stand, den leisen Druck seiner Hand verspürte, und seine Augen mit zärtlichem Blicke auf ihrem Antlitze ruhen fühlte, da drängte sich ihr das beseligende Bewußtsein auf, daß sie geliebt werde, und in ihrem sanften Erröthen, den niedergeschlagenen Augen, dem leisen Beben der kleinen Hand, glaubte St. Lawrence untrügliche Zeichen zu gewahren, daß er hoffen dürfe. — „Sie geben mir auch den folgenden Walzer?" sagte er, sich zu ihr neigend, nachdem er ihre Bitte erfüllt und sie zu einem Stuhle geführt hatte. „Den nächsten wohl nicht", erwiderte Bertha lächelnd; zu gleicher Zeit schaute sie zu ihrer Mutter hinüber und. bemerkte, daß diese sie beobachte. „Glauben Sie, die „verfassungsmäßige Behörde" werde Einspruch erheben?" frug 736 er, der Richtung ihrer Augen folgend. „Dann sagen Sie mir für später einen Rund- tanz zu, Sie dürfen mir das nicht verweigern." Mit diesen bittenden Worten nahm er ihre Ballkarte und schrieb seinen Rainen hin. Bertha nickte zustimmend. Jetzt müssen Sie aber gehen", kündigte sie ihm an, die Pflicht ruft Sie." „Vorerst sagen Sie mir noch eins. Wird Fanconrt diesen Abend hierher kommen?" „Nein." Die Bemerkung, daß Lena seine Begleitung nicht gewünscht habe, schwebte ihr auf den Lippen, doch unterdrückte sie dieselbe. St. Lawrence schien ihre Gedanken errathen zu können, denn er fuhr in leisem Tone fort: „Es wird Ihnen räthselhaft erscheinen, wenn ich Ihnen versichere, wie sehr es mich freut, daß das Herz Ihrer Schwester bei dieser Verbindung nicht bethcittgt ist." „Sie erschrecken mich", erwiderte Bertha ebenso leise. „Leider kann ich dies nicht verhindern und ich darf mich augenblicklich nicht deutlicher aussprechcn. Würde es Sie persönlich betrüben, wenn sich irgend etwas ereignete, wodurch diese Verlobung abgebrochen werden müßte." „Persönlich nicht", entgegnete Bertha, noch mehr beunruhigt. „Meine frühere Abneigung gegen Mr. Fanconrt, und Sie wissen, wie heftig diese war, habe ich, wie ich Ihnen wohl eingestehen darf, bis jetzt noch nicht überwunden. Doch Sie müssen wirklich gehen. Mrs. Newcombe schaut nach Ihnen aus." „Gott sei Dank, daß Sie doch in keinem Falle darunter leiden werden", flüsterte er ihr erleichtert zu und eilte dann zur Thüre, um die angekommenen Gäste in Empfang zunehmen und ihnen ihre Plätze beim Tanze anzuweisen. Berthablieb im höchsten Grade bestürzt allein zurück. Später bat St. Lawrence auch Lena um einen Tanz, aber ihre Karte war vollständig besetzt — er empfing diese Nachricht mit Aerger erregender Gleichgültigkeit. — Bertha tanzte mehrere Male; doch noch öfter zog sie es vor, während des Tanzes plaudernd sitzen zu bleiben. Es war ihr nicht möglich, gleich Lena ohne Aufhören zu tanzen. Endlich erschien St. Lawrence und bat um den, versprochenen Walzer. In ihr besorgtes Antlitz blickend, sagte er ihr, während er den Arm um ihre Taille legte, leise: „Fassen Sie Muth-— ich hoffe, daß Alles zum Besten gereichen wird." Verschiedene deutsche Walzer, welche eigens für Liebende componirt zu sein schienen, wurden an diesem Abende gespielt. St. Lawrence und Bertha schwebten bei den herrlichen Klängen einher, Alles, außer dem Glücke des Augenblickes vergessend. „Wenn es Ihnen angenehm ist, machen wir einen kleinen Spaziergang; der Garten ist wirklich reizend im Mondenscheine. Oder fürchten Sie sich?" frug St. Lawrence. , „O nein, ich neige nicht zu Erkältungen." Als sie durch eines der großen Bogenfenster auf die Terrasse hinaustraten, nahm er einen Shawl, welcher über der Brüstung hing, ohne sich weiter zu erkundigen, wem er zugehöre, hüllte seine Tänzerin hinein und führte sie die Stiege hinunter in den Garten. Dort standen mehrere Gruppen scherzend und lachend beisammen. St. Lawrence geleitete Bertha zu dem hübschen Laubengange; hier befanden sie sich allein. Der Mond ergoß sein silbernes Licht durch die Bäume; das Murmeln der Stimmen und der Klang der Musik drang gedämpft zu ihnen hinüber. Während des Gehens unterhielten sie sich über verschiedene Gegenstände, Bertha sprach in einem fort, als ob sie befürchte, baS Gestänbntß, nach welchem sie doch so sehnlichst verlangte, zu hören. „Ich muß Ihnen noch einen merkwürdigen Zufall erzählen. Wir waren heute Morgen zu Magnus Square, Lord Alphington wünschte Lena's Ansichten in Betreff der neuen Einrichtung zu erfahren. Als wir in's Bibliothekzimmer eintraten, fuhren meine Schwester und ich überrascht zurück. Neben dem Kamine befand sich ein lebensgroßes Portrait; ich hätte es für das Ihrige gehalten, so auffallend ist die Ähnlichkeit." Bcrtha fühlte, wie der Arm, auf welchen sie sich lehnte, zusammen zuckte und mit befangener Stimme frug St. Lawrence: „So, wessen Portrait war es?" «Dasjenige seines unglücklichen Sohnes, sagte uns der Carl. Vermuthlich des jüngeren, welcher nach Amerika ging." „Wahrscheinlich", bestätigte St. Lawrence, und dann schwiegen beide eine Zeit lang. Diese Stille kam Bertha bedeutsam vor und sie suchte nach einem neuen Thema zur Unterhaltung. Jedoch war es St. Lawrence, welcher zuerst das Wort ergriff. „Sie haben gewiß gehört, welcher Art die Unterredung war, die ich mit Mrs. Dalton bei meinem letzten Besuche zu Joy Collage hatte?" „Etwas hörte ich davon, aber Mr. St. Lawrence, bitte, denken Sie nur nicht, ich habe das Mindeste von dem, was gesagt wurde, geglaubt!" . Der Ton, mit welchem sie, sich selbst unbewußt, dieses versicherte, traf das Herz ihres Zuhörers. Er blieb stehen, ergriff ihre beiden Hände und blickte ihr fragend in's Gesicht; sie bebte vor Erregung. Der Ausdruck dieser scheuen, flehenden Augen war nicht mißzuverstehen. „Bertha!" rief er, ihre Hände festhaltend und sie an seine Brust drückend aus: „Willst Du mein sein? Ist es wirklich so, soll ich glücklich werden?" „Ja", sagte sie weich — „für immer die Deinige, wenn Du willst." „O mein holdes, süßes Lieb", jubelte er voller Entzücken, als er ihre geflüsterten Worte vernahm und zog Bertha sanft zu sich heran. „Aber bedenke wohl, was Du thust", setzte er nach einem kurzen Augenblicke hinzu. „Weißt Du auch, daß es mir vielleicht nie möglich sein wird, den Namen, welcher mir rechtmäßig zukommt, anzunehmen und ich dann nicht im Stande sein werde, mich von dem bösen Verdacht zu reinigen? Und wenn ich genöthigt wäre, von hier fortzugehen, ein entmuthigtcr Mann, obschon nicht durch eigene Schuld?" „O Eustace", lispelte Bertha, den Kopf an seine Schulter lehnend, „was liegt mir daran!" „Nun, dann mag es kommen wie es will, mir gilt es gleich." Er beugte sich zu ihr nieder nnd drückte einen innigen Kuß auf ihre Lippen. Wie lange sie dort draußen verweilten, wußte Keines von Beiden; Bertha wurde sich zuerst bewußt, daß die Zeit rasch verflogen sein müsse und mahnte zum Aufbruch. Mrs. Dalton hatte ihre jüngere Tochter vermißt; das Souper war zu Ende und noch immer erschien sie nicht. „Wo in aller Welt hast Du gesteckt?" frug sie, als Bertha endlich zu ihr hintrat „nnd wie erhitzt Du bist — Du siehst ja ganz erregt aus." „Findest Du, Mama? Ist es nicht bald Zeit, nach Hause zu fahren?" „Das hängt von Lena ab, ob die damit einverstanden ist. Wenn Du auch keine Tänzer hast, so halte ich es doch nicht für nöthig, deshalb ihr Vergnügen abzukürzen. Du glaubst nicht, wie viele Glückwünsche ich heute Abend wegen ihrer baldigen Ver- heirathung in Empfang genommen habe. Es war ein wahrer Triumph." Bertha erinnerte sich der geheimnißvollen Worte ihres Bräutigams nnd ein Vorgefühl kommenden Unglücks tauchte in ihr auf. Schweigend nahm sie neben ihrer Mutter Platz und obgleich sie nicht mehr tanzte, bemerkte Mrs. Dalton doch nichts Außergewöhnliches an ihr nnd ehe Lena sich zum Fortgehen bereit erklärte, hatte sie ihre äußere Fassung ivieder erlangt. Beim Abschiede fand St. Lawrence eine passende Gelegenheit, nochmals Bcrtha's Hand zu drücken; doch begleitete er sie nicht bis zum Wagen, aus Furcht, ihr einen Tadel zuzuziehen. Er wollte selbst den ersten heftigen Vorwürfen der Mrs. Dalton 732 entgegentreten, sein Geständnis; ablegen nnd sie gleichzeitig bitten, ihr Urtheil über ihn zu ändern. Sieben unbzwan zig st es Capitel. Der Tag so voller Aufregung für Lena, voll unaussprechlichen Glückes für Bcrtha, erwies sich für John, den Vertrauensmann Faucourt's, als ein Tag größter Geschäftigkeit. Er hatte Perkin's versprochen, sich nach dem Befinden der Mrs. Lemont zu erkundigen und so bald sein Herr weggeeilten war, machte er sich auf den Weg zum Landhause hin. „Ich werde sehr spät zurückkommen", sagte Fancourt, nachdem er 4>as Pferd bestiegen. „Zu befehlen, Sir. Dann haben Sie vielleicht nichts dagegen, wenn ich mich in eigener Angelegenheit zur Stadt begebe." „Lauf meinetwegen zum Henker, nur mußt Du bei meiner Rückkunft wieder hier sein", lautete die freundliche Erwiderung. „Danke schön, Sir", sagte John mit gewohntem Lächeln. Die Hände in der Tasche schlenderte er zur Villa hin. Eliza, das Kammermädchen öffnete ihm die Thüre. „Wie geht es Ihnen, meine Liebe?" frug John. „Doch das ist wohl eine überflüssige Frage; Sie sehen so blühend und rosig aus wie das Band Ihres hübschen Morgcnhäubchens." „Ha, Mr. John, welchen Unsinn Sie reden", schmunzelte Eliza. „Wollen Sie nicht eintreten?" „Nein, jetzt nicht, ich rief nur eben an, um mich nach dlnn Befinden Ihrer Herrin zu erkundigen, Mr. Perkin's sagte gestern sie sei unwohl." „Heute geht es ihr noch viel schlechter; nach dem Frühstücke wurde sie sehr elend und bis jetzt ist es noch nicht besser mit ihr." „War der Arzt nicht hier?" „Mr. Faucourt meinte, ihr Unwohlsein sei nicht von Bedeutung." „Ah so. scann ich Ihnen etwas in London besorgen? Vielleicht einen Auftrag an den Hcrzensschatz?" „Haha, was Sie für ein Mann sind'." kicherte Eliza. Ob sie aber eine derartige Bestellung zu machen habe, blieb ungewiß, da das Zwiegespräch durch Mr. Perkin's Hinzutreten unterbrochen wurde. Eliza zog sich in's Haus zurück. Perkin's sah sehr gcheimnißvoll aus; er nahte auf den Fußspitzen und blintzelte fürchterlich mit dem linken Auge. „Ich habe ihn", flüsterte er, „er kam diesen Morgen." „Wer denn?" frug John mit vortrefflich geheucheltem Erstaunen. „Nun, ein Brief von jenem Mr. Pierre", antwortete er, vorsichtig um sich schauend. „Hier ist, was Sie gerne haben wollten." Er zog ein zerknittertes Stückchen Papier, auf welches ein Name gekritzelt war, aus der Tasche. John nahm es gleichgültig in die Hand und sagte, den Streifen einsteckend: „Ah so, der Poststempel, wie ich sehe, jetzt erinnere ich mich. Ich habe mit Bedauern gehört, daß es Ihrer Herrin heute Morgen noch nicht besser geht." „Ganz und gar nicht", entgeguete Perkin's trocken. Daß seine Mittheilung scheinbar mit so wenig Interesse aufgenommen wurde, hatte ihn verletzt. > Auf die Uhr blickend sagte John: „Ich muß mich aus den; Staube machen, ich habe mir Urlaub genommen, um zur Stadt zu fahren. Morgen gedenke ich mich wieder nach dem Befinden hier zu erkundigen." „Thun Sie das. Mr. Faucourt wollte noch heute Abend anrufen. Er müsse durchaus zur Stadt, betheuerte er meiner Herrin." „Jawohl, diese Versammlungen nehmen sehr viel Zeit in Anspruch. Leben Sie wohl und pflegen Sie sich gut; brave Leute sind selten geworden auf der Welt." „Verlassen Sie sich darauf", lachte Perkin's aus vollem Halse. „Ich werde es 733 mir an nichts fehlen lassen." Seine breite Gestalt füllte ungefähr den Thorweg aus. „Nein, nein, da sind Sie viel zn schlan zu — eh, Mr. Perkin's, guten Morgen!" John ging eiligst von danncn und sein Freund blickte ihm, vergnügt ein Liebchen pfeifend, nach. John hatte schon am frühen Morgen nach dein kranken Hunde gesehen, jetzt kehrte er znm Wirthshanse zurück und wartete eine günstige Gelegenheit, wo sich Niemand in der Nähe befand, ab; dann nahm er Jnno auf seine Arme, trug sie nach dem Stationsgebäude und fuhr mit dem ersten Zug nach London. Dort angekommen, bestieg er eine Droschke und hielt mit dem armen kranken Thiere an einem Hanse, auf welchem der Name: „Cornelius Fergns, Thierarzt" in goldenen Buchstaben zu lesen war. (Fortsetzung folgt.) Das Münchener Faust-Drama von 177», ein Tiroler Drama? (Studie von I. Sceber.) I. Es werden bald dreihundert Jahre, seitdem das erste Faust-Buch die einzelnen Sagcnzüge von Doctor Faust zu einem Ganzen vereinte. Der Frankfurter Buchdrucker Spieß veranstaltete 1587 die erste Ausgabe. Mit reißender Schnelligkeit verbreitete es sich über Deutschland und in Nachdrucken und Uebcrsctzungen über ganz Europa. Die krankhaften Ideen der Zeit fanden darin ihren Ausdruck; der Titanentrotz des Alterthums, der neuen Zeit überströmender Drang nach Erkenntniß und Genuß kamen zum Worte. Die erste Dramatisirnng der Sage ging von England aus. Der kaum 25jährige Marlowe war es, der sein Genie an dem riesenhaften Stoffe versuchte, sowohl weil er fühlte, wie viele fruchtbare dramatische Ideen darin keimten, als weil er — wie später Goethe — sich selbst, seine eigene innere Zerrissenheit in Fünftens Bilde spiegeln konnte. Marlowe's Dichtung hatte ungeheuren Erfolg; schon 1588 erschien eine englische Faust- Ballade, das Drama selbst erlebte Auflage auf Auflage, und jede neue Ausgabe erhielt mannigfache Zusätze. Durch die englischen Komödianten scheint Marlowe's Faust auf die deutsche Bühne gebracht und so der Grund znm Volksschauspiele gelegt worden zn sein. Beliebt wie kaum ein zweites Stück, ging „Faust" über alle deutschen Bühnen. Zwar wechselten im Laufe der Jahrhunderte Hülle, Ton und Farbe des Drama's; locale Beziehungen, Zusätze, Umgestaltungen nahmen überhand, aber der Kern blieb derselbe. Am tiefgreifendsten waren wohl die Veränderungen, welche der italienische Einfluß durch die Wiener Komödie in der Dramatisirnng der Faustsage hervorrief: ich meine die enge Verbindung der komischen und tragischen Scenen. „Hierdurch wurde in die alte Fanst-Komödie ein ganz neues Moment hineingetragen: der lustige in seiner Beschränktheit behagliche Hanswurst trat in einen parodiftischen Gegensatz zn dem hiinmel- anstrebendcn Faust. ... Es entstand eine Fülle von neuen Situationen, in denen Hanswurst bald seine eigene hausbackene Weisheit dem kühnen Fluge der Gedanken Fanst's entgegenstellt, bald auch auf seine Art sich mit unheimlichen Höllenmächten auseinandersetzt, mit denen er bei all' seiner Beschränktheit besser fertig wird, als der gelehrte Professor." °) So verändert fand Goethe den Sagcmtofs, den er zn seine»: großartigsten Gedichte gestaltete, und manche räthselhafte Züge seines Faust werden klar durch die Begleichung des Volksschanspieles. Diese Beziehung rechtfertigt das Interesse, das man seither der Erforschung der Pnppenspiele zugewandt hat, welche aus dein alten Volks- i) Vergleiche W. Crcizcnach, Versuch einer Geschichte des Volksschauspicles vom Doctor Faust. Holle o. d. S. 1878. L>. 44 fg. H l b. S. 108 fg. 734 schauspiele vom Doctor Faust hervorgegangen sind. Unter diesen sind wohl das Ulmer, Augsburger und Straßburgcr Puppenspiel die wichtigsten. In seinen „Schildereien aus Tirol" erwähnt Jgnaz Ziugerle ein Tiroler Faust-Drama, dessen Handschrift ans den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stammt. Weicht schon dieses Stück von dem alten Volksschauspiele bedeutend ab und zeigt es den Einfluß des Kunstdrama's, so ist dies noch mehr der Fall mit der Faust-Tragödie, mit der wir uns zu befassen haben. Auf einer Ferienreise durch das Pnsterthal kam ich in den Besitz mehrerer handschriftlichen Volksschauspiele, worunter sich neben dem Faust-Drama eine „Genovefa", ein „Samson", ein „Aegyptischer Joseph", eine „Maria Stuart", ein „Otto von Wittels- bach", eine „Nothburga" und dergleichen vorfand. Das specifisch tirolischc Interesse fand seine Rechnung in dem „Allgemeinen Landsturm in Tirol, oder: Die Flucht der Franzosen"; und damit die Würze nicht fehle, hatte sich ein Kotzebue in das Repertoire verirrt. Die Bretter, welche sonst die Welt bedeuten, waren diesmal nur von Wichtigkeit für die Bewohner eines Dörfchens, Namens St. Georgen, das nördlich von Bruncck am Eingänge des Taufererthales liegt. Der „Kachlerwirth" daselbst hatte seine Scheune als Muscutempel adaptirt, die Bauen: theilten sich in die Rollen, und die Weiber und Kinder bildeten das kritische Publikum. Noch jetzt wissen alte Leute wunderbare Mären zu erzählen von all' dem verschwundenen Zauber an Costnmen und Dekorationen, die zur Verwendung kamen. Es war die schöne Zeit, wo das Volk in Folge der feindlichen Invasionen die höchste Lebenskraft nach Außen und Innen entwickelte. Während die blutigen Schauspiele am Berg Jscl und im Her-zcn des Landes gespielt wurden, erhob und ergötzte man sich am Bühnenspiele. Wann dieses „Theater" einging, ist mir unbekannt; .sicher ist, daß 1823 hier noch gespielt wurde. Die meiste Anziehung scheint unter den „Schauspielen" die Faust-Tragödie geübt zu haben. Auf dem Umschlage des mir vorliegenden Manuskriptes' hat eine Bauernhand es nicht versäumt, die Bemerkung zu machen: „Dises ist ein schenes spihl." Das Interessanteste an diesem Faust-Drama ist aber der Umstand, daß es bis auf geringfügige Abweichungen wortwörtlich übereinstimmt mit dem sogenannten Münchener Drama des Jahres 1775, das K. Engel 1877 neu herausgab und das nun in zweiter Auflage erschienen ist. Der Autor des Münchener Drama's ist bis zum heutigen Tage unbekannt; ich hoffe aus dem mir vorliegenden Manuskripte nachweisen zu können, daß der Verfasser wahrscheinlich ein Tiroler ist. Bevor wir jedoch an die Beweisführung gehen, wird es die Leser dieses Blattes interessiren, den Inhalt unseres „Faust" kennen zu lernen. Zwanzig Jahre sind verflossen, seitdem Faust den Bund mit dem Bösen geschlossen. Er ist geehrt als mächtiger Zauberer, alle Genüsse der Welt stehen zu seiner Verfügung; er hat sie durchgekostet, aber unbefriedigt wendet er sich ab. Indessen der Teufel besteht auf seinem Schein, heute noch will die Hölle ihr Opfer haben. Faust sieht mit Entsetzen das Schreckliche seiner Lage. Noch einmal klammert er sich mit der ganzen Energie seiner Natur an's Leben an, er hofft auf Rettung und er kann gerettet werden; denn der Himmel hat ihm einen guten Engel gesandt, Jthnriel, der als treuer Diener sein Vertrauen sich erworben. Vor unseren Augen entspinnt sich der heiße Kampf um Fansten's besseren Theil, den Mephistophcles kämpft, indem er sich mit den Leidenschaften des Unglücklichen verbindet; Jthnriel, indem er sich auf die wenigen schwachen Keime des Guten stützt, die F§nst noch geblieben. Wer wird siegen? Im ersten „Auszuge" werden wir in den Palast des Zauberers geführt. Es ist °) Innsbruck, Wagner, 1877. S. 48. fg. „Johannes Faust". Ein allegorisches Drama, gedruckt 1775, ohne Angabe des Verfassers, und ein württembergischcs Textbuch desselben Drama's rc., herausgegeben von K. Engel. Zweite Auflage. Oldenburg (Schulze'sche Hosbuchhandlnng). Morgen. Faust befindet sich noch in seinen-! Schlafgemache in Unterredung mit Jthnriel, der rasch sein Vertrauter geworden. Im Vorzimmer stehen und spielen Musikanten. Faust's Kammerdiener, Wagner, geht ungeduldig auf und ab und pcrwünscht Jthuricl, „den jungen Lasten", der ihn um seines Herrn Gunst gebracht — doch sei „das Lustspiel" ohnedem zu Ende. — Während er noch raisouuirt, kommen Faust's Eltern, Theodor und Elisabeth. Die einfachen Leute haben von ihrem Sohne gehört, daß er ein großer Herr geworden, und wollen ihn noch einmal sehen. Wagner weist sie ab, hier wohne ihr Sohn nicht. — Nun wird der Komik ihr Recht. Es treten ziemlich rasch nacheinander drei prächtige Charakterfiguren auf: Dounerschlag, Spürans und Emilie, die alle Drei die Hülfe des Zauberers in Anspruch nehmen wollen. Der Erste ist ein alter Offizier, ein wahrer Eisenfresser, den die Gicht quält. Er glaubt jedoch, sein Mädchen habe ihn aus Eifersucht verhext. Wagner, der sich dem barschen Soldaten gegenüber nicht aufzublähen wagt, wie sonst, möchte auch hier seine „Wiukelhexemneisterei" treiben und windet sich nicht übel aus der Affaire, indem er unter Anderem dein Gicht- lcidenden räth, einen Monat lang kein Wort zu reden, sein Lebcnlang nie mehr zornig zu sein und so fort. Ergötzlicher wird die Scene, so bald auch Spürans auftritt. Der ist Poet und nebenbei zum so und so Welten Male Bräutigam; doch hat er einen „Natur- fehler", den der Eifersucht. Er wünschte daher von Faust die Kunst zu lernen, sich unsichtbar zu machen, um so seine Braut überall beobachten zu können. Wagner vertröstet ihn auf die nächste Woche: „Wir haben jetzt einige Regimenter Soldaten über den Hals, die sich alle an der Grenze unsichtbar machen wollen. Sobald dies geschehen, wird man an Sie denken." Spürans will sich damit zufrieden geben; da begegnete er in der Thüre seiner Braut Emilie — „einer alten Jungfer". Gegenseitige Verlegenheit!" Endlich rückt auch diese mit ihrem Anliegen heraus: „Es hat mir eine Zigeunerin in meiner Jugend die Nativität gestellt, daß ich einst die Liebste eines gekrönten Hauptes sein soll." Hierüber wünscht sie Aufklärung. Wagner weiß sich zu helfen: Spürans ist xoeta. lanroatns, somit — wenn auch „in »snsn latmonno" — ein gekröntes Haupt, die Prophezcihnng ist erfüllt. Die Beiden ergeben sich in ihr Schicksal und Wagner erhält seine „Sporteln". » Faust erscheint mit Jthnriel und weist den „Vicezanbcrer" mit den Mnükanten weg. Im folgenden Gespräche weiß der gute Engel Faust, dem an Allem ekelt, durch den Hinweis auf Gottes Barmherzigkeit mit neuer Hoffnung zu erfüllen. Schon ist er halb bereit, Jthuricl zu folgen und durch ein bußfertiges Leben seine Sünden zu sühnen, da tritt seine Geliebte, Helene, mit seinem und ihrem Sohne Eduard hemmend dazwischen. Durch ihre Thränen weiß sie ihn hinzuhalten, der gute Engel weicht für eine Zeit und der böse macht sich an Faust. Ein echter Satan, erschüttert Mephistophelcs Faust's schwache Hoffnung auf die Gnade des Himmels. Wäre Gott barmherzig, dann könnte es nicht so viel Uebel auf Erden geben. Wie er also den Menschen während des Lebens zum Narren habe, thue er es auch nach dein Tode. „Folge mir, bei uns trittst du in die feierlichen Rechte erhabener Geister: du sollst frei denken!" Unterdessen möge er noch in vollen Zügen aus dem Strome der Luft trinken und so hier und dort seinen Willen haben. — Das alte Zauberwort der Schlange von der Freiheit und dem Genusse thut wieder seine Wirkung. Der ohnedem schwankende Faust schließt sich auf's Neue dem Geiste der Finsterniß an: die erste Gnadenfrist ist verstrichen. (Schluß folgt.) Goldkörncr. Größer als die der Natur und Kaust sind die Wunder der Gnade; Fühlbar umgeben sie dich, öffnest du ihnen dein Herz. Flüchtig entschwinden der äußeren Welt buntfarbige Bilder, Aber die innere bleibt, hältst du im Geiste sie fest. F. Beck. 736 Miscelleit. (Am Hofe König Friedrich Wilhelm I.) war Schmalhans bekanntlich Küchenmeister. Der Königliche Tisch — so theilt man uns niit — kostete monatlich 1000 Thaler, eben so viel die Kellerei, die Bekleidung der Hofbcdientcn und der Mar- stall. Wenn der König Gelder auslieh, so überzeugte er sich genau, ob sie auch sicher standen und ließ sich 4 Prozent Zinsen zahlen. Auch seine Umgebung hielt der König außerordentlich zur Wirthschastlichkeit an. Die Königin erhielt jährlich nur 80,000 Thaler, wofür sie ihren Hofstaat bestreitcn, die Prinzcssincn unterhalten und selbst ihren Gemahl, sowie alle Kinder mit Kleidern und Wäsche versorgen mußte. Charakteristisch für die Sparsamkeit des Königs ist die folgende Anekdote: Am letzten Tage seines Lebens ließ sich der Monarch an ein Fenster bringen, von wo aus er seinen Marstall übersehen konnte, befahl alle seine Pferde herauszuführen und bat den anwesenden Fürsten von Dessau und Herrn v. Hacke, daß Jeder sich ein Pferd auswähle. Nachdem Beide das gethan, befahl er, daß die Bedienten den Pferden auch Reitzeug auflegten. Als aber eines der Pferde auf einer gelben Schabracke mit einem blauen Sammetsattel versehen wurde, ärgerte diese Verschwendung den König derartig, daß er empört ausrief: „Ach, wenn ich nur gesund wäre, ich wollte die Kerle derb abprügeln. Geh er doch hinunter, Herr v. Hacke, und prügle er die Schurken!" Dagegen überwies der König vor seinem Ableben 100,000 Thaler an die Berliner Armen. (Immer gerecht.) Als der berühmte Komponist Händel die Hauptprobe seines trefflichen, aber in einzelnen Theilen äußerst schwierigen Tedenms. zur Feier des Utrechter Friedens veranstaltete, rief er vor deren Beginn in dem ihn charakterisirenden Eifer: „Ein Schuft, meine Herren, wer einen Fehler macht!" Das eigene Werk aber, das er bis jetzt noch nicht so vollständig besetzt und in so vorzüglicher Durchführung gehört begeisterte ihn so, daß er am Schlüsse eines Satzes, sich selbst und die ganze Umgebung vergessend, versäumte, das Zeichen zum Beginn des folgenden Satzes zn geben. Der Vorspielcr erlaubte sich endlich, ihn daran zn erinnern. Händel fuhr aus seiner Verzückung empor und rief strahlenden Blickes: „Meine Herren, der Schuft war ich!" (Ein Stammbuchvers.) Während der WeMarschen Glanzperiode erschien ein fader livländischcr Edelmann, Namens von Goren, daselbst, um sich von den literarischen Heroen Denksprüche auszukitten. Er besuchte nacheinander Wicland, Schiller und Goethe, und der Erstere schrieb ihm auf sein dringendes Verlangen um einen Beitrag endlich die Worte ins Stammbuch: ' Die Erde ist ein Jammerthal Wieland. Schiller schrieb darunter: Von Gauklern und von Thoren Schiller. Worauf Goethe vollendete: Worunter Sie der größte sind, Mein lieber Herr von Goren. Goethe. (Bettlerlogik.) „Ach bitte, schönster Herr, schenken Sie mir etwas" — flehte jüngst eine'alte Bettlerin in kläglichem Ton — ich hatte ein blindes Kind, — das war meine einzige Stütze, --- und nun hat der arme Kleine sein Augenlicht wiederbekommen." Räthsel. Ein Wort — es zählt der Silben zwei — Gehört zur hohen Polizei; Weh' Denen, welche sich erfrechen, Wegwerfend laut von ihn: zu sprechen. Doch welche Aend'rnng tritt sofort ein, Schiebt a und e man in das Wort ein! . „Wegwerfend" es die Frau betrachtet, Wenn sie Geflügel hat geschlachtet. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Hnttlcr- Nr. 93. 1883. „Äugslmrger PostMimg." Mittwoch, 21. November Festruf am Morgen des 21« Novembers zum 25jährigen Aischofs-Inbikäum unseres Hochwnrdigsten Oberhirten Vankratrus von Dinkel. Auf! erwacht, der August« Geschlechter! Schon begrüßen mit ehernem Klänge Hell den Tag, den ersehnet wir lange, Die geweiheten Glocken vom Dom. Ihn, der Heerde getreulicheu Wächter, Preiset! Reichet Ihm grünende Palmen! Gott doch danket mit heiligen Psalmen, Der auf Pankraz ergoßen den Strom Seiner reichen unendlichen Güte! Und vereint auf Begeisterungs Schwingen Soll das Beten zum Himmel andringen: Schütz' den Hirten vor jeglicher Noth, Daß lang noch Ulrich's Erbe er hüte! Also wollen zum Dome wir wallen, Und es sollen erklingen die Hallen Von dem Danke zum ewigen Gott. Heil Pankratius! Heil! A. Plann. — 738 Der Opalririg. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Die Zeit während der Fahrt benutzte John dazu, einige Veränderungen an seiner äußeren Erscheinung vorzunehmen, so daß der Lohnkutscher ihn beim Anssteigen verdutzt anstarrte und kopfschüttelnd von bannen fuhr. Kaum hatte er die Schelle gezogen, so wurde auch schon die Thüre durch den Sohn des Arztes geöffnet. Dieser begrüßte John als alten Bekannten und führte ihn zum Studierzimmer. Mr. Fergus untersuchte den Hund sorgfältig und schüttelte ernst den Kopf. „Sie scheint etwas Schädliches gefressen zu haben, meinen Sie nicht auch? —" frug John. „Die Hündin ist vergiftet worden." John nickte. „Was hat man ihr Ihrer Meinung nach eingegeben?" Mr. Fergus untersuchte den Hund von Neuem. „Mit Bestimmtheit läßt sich das nicht feststellen, jedenfalls war es kein Arsenik." „Ich möchte das Thier hier lassen. Haben Sie Hoffnung, daß es wieder gut wirb? — „Möglich ist das allerdings, aber äußerst fraglich." „Sollte Juno nicht besser werden", sagte John mit einem bedeutsamen Blicke, „so wäre es interessant, sie zu öffnen. Verstehen Sie mich?" „Gewiß, recht gut", erwiderte Fergus, die Hand über dem von John empfangenen Trinkgelde schließend. „Ist etwas besonderes los?" „Nichts Wichtiges. Sie wissen, wo ich zu finden bin; meine Zeit ist kurz bemessen. Empfehle mich Ihnen." „Immer in voller Thätigkeit, das ist der Welt Lauf. Sie werden von mir hören. Adieu." John hatte die Straßenecke noch nicht erreicht, als ein Schuß fiel. „Arme Juno! Es ist jammerschade, sie war ein so hübsches Thier", sprach er, während er rüstig weiter ging, vor sich hin. Erst spät am Abende erreichte er Angler's Rast, aber noch viel später kehrte Mr. Faucourt von seinem Ausfluge zurück. Er schien stark getrunken zu haben und kaum auf seinem Zimmer angelangt, befahl er, ihm sofort Branntwein zu bringen. Gegen Morgen half ihm sein Diener zu Bette und bald darauf versank er in tiefen Schlaf. John wartete im Zimmer, bis das laute Schnarchen seines Herrn ihm deutlich verrieth, daß von diesem keine Störung zu befürchten sei. Dann löste er von der Uhrkette Fauconrt's einen kleinen Schlüssel vorsichtig ab und nahm diesen nebst dem kleinen Kasten aus Rosenholz, welcher auf dem Waschtische stand, mit sich auf sein Zimmer. Unterwegs murmelte er zwischen den Zähnen: „Wenn es überhaupt zu finden ist, so muß es in dieser Schatulle sein." Er öffnete das Kästchen. Dieses war im Innern in verschiedene Behälter eingetheilt; in dem einen lag eine bedeutende Summe in Silber und Gold, andere enthielten Schmucksachen von größerem und geringerem Werthe, sowie Papiere. John dnrchlas letztere. Endlich fand er jedoch, was er suchte — ein mit änem Zettel versehenes Packetchen. Der Name und Wohnort eines Apothekers, welcher darauf gestanden, war mit Tinte durchstrichen worden. Behutsam schlich er zur Küche. Dort stand eine Büchse mit Arrowroot; er schüttete einen kleinen Theil desselben in ein Glas und nahin es mit hinauf. Den Inhalt des Packetchens leerte er dann in ein Papier, faltete und siegelte dieses sorgfältig zu. Nun befeuchtete er sein Taschentuch und begann die frischere Tinte von dem Zettel abzureiben; thetlweise gelang es ihm. Er vermochte ein No . . . zu entziffern und entdeckte, daß der Name fünf oder sechs Buchstaben hatte; in der Mitte desselben glaubte er ein l, h 739 oder b zu bemerken. Mehr wagte er, aus Furcht, das Papier zu zerstören, nicht wegzuputzen. Hierauf füllte er das leer geschüttete Packetchcn mit Arrowroot und legte eS an die vorige Stelle. Dann verschloß er das Kästchen, trug es zu dem Zinimer seines Herrn zurück und befestigte den Schlüssel wieder an der Uhrkette. Jedoch war seine nächtliche Arbeit noch nicht beendet; er stieg von Neuem die Treppe hinunter, und begab sich dieses Mal zum Kaffeezimmer, wo ein Londoner Adreß- kalendcr lag. Das Verzeichniß der Apotheker aufschlagend, verfolgte er mit dem Finger den Buchstaben N. „Nolan", das muß der richtige Mann sein", sprach er leise vor sich hin, während er den Namen und Wohnort notirte. „Wir machen ja jetzt Riesenfortschritte! Sich vor Vergnügen die Hände reibend, suchte er sein Lager auf. Achtunbzwanzigstcs Capitel. Die Heimfahrt vom Balle verlief ziemlich schweigsam. Mrs. Dalton war müde und schläfrig; Lena, trotz der geernteten Schmeicheleien mürrisch und eifersüchtig und Bertha glücklich, ihren Gedanken nachhängen zu können. Obgleich Lena sich klar bewußt war, daß die Neigung, welche sie für St. Lawrence hegte, unter den jetzigen Verhältnissen Unrecht sei, traten ihr doch bei der Erinnerung an seine völlige Gleichgültigkeit Thränen in die Augen. Der Wahn, er liebe sie, war zerronnen und seine Artigkeiten gegen Bertha hatte sie mit eifersüchtiger Qual beobachtet. Noch nie in ihrem Leben stand ihr die Wahrheit, daß Stolz und Eitelkeit sowie das übermäßige Verlangen nach den irdischen Gütern keine wahre Zufriedenheit gewähren, sondern nur Falschheit und Ueberdruß im Gefolge haben, so deutlich vor der Seele. Bertha, welche nie viele Theilnahme von den Ihrigen erfahren hatte, besaß nicht die Gewohnheit, zu ihrer Mutter hinzueilen, um Freude und Leid an ihrem Herzen auszuweinen und so war es ihr — wenigstens während des ersten freudigen Erröthens über ihr neu gefundenes Glück — unmöglich, ein freiwilliges Geständniß abzulegen. Hätte Mrs. Dalton sie darum gefragt, so würde sie offen das gegebene Versprechen bekannt haben; sie war ja entschlossen fest daran zu halten und sich durch kein Hinderniß oder irgend welche Einrede beirren zu lassen. Sie hatte ihren Bräutigam gebeten, lieber einstweilen noch nichts von ihrer Verlobung zu sagen. „Nicht, als ob Mama Dir nicht gewogen wäre, Sie liebte Dich immer und wenn Mr. Fanconrt nicht länger im Wege ist, so wird schon Alles gut werden." „Das ist auch mein festes Vertrauen, liebes Herz", war seine bedeutsame Antwort gewesen. St. Lawrence kehrte zu Fuß nach Hause zurück; es war ihm so leicht zu Muthe, als ob er Flügel habe. In seiner glücklichen Stinmmng dünkte ihm Schlafen eine Unmöglichkeit zu sein. Deshalb vertauschte er seine Balltoilctte mit einem Promenaden- Anzugc, machte sich eine Tasse Kaffee znrecht, steckte seine Cigarre an und ging ungeachtet des Regens von Neuem aus, um einen längeren Spaziergang zu machen. Obschon der „amerikanische Urwald" nicht so rasch fortgeschritten, wie der Künstler Wohl wünschen mochte, so nahte er doch allmählig seiner Vollendung. Das Bild wurde wahrhaft schön, denn der junge Mann hatte als gewissenhafter Arbeiter alles, bis auf die kleinsten Einzelheiten, sorgfältig durchgeführt. Aber heute konnte er nicht malen, er versuchte es nicht einmal, sondern setzte sich an seinen Schreibtisch und theilte Bertha die Geschichte seiner Liebe vom Anfange bis zum Ende mit; er erzählte ihr, wie ihn zuerst Lena's Schönheit gefesselt, aber wie bald schon während des ersten Abends ihrer Bekanntschaft ihre edlere Natur ihn angezogen; ferner sagte er, daß er Douglas wegen versucht habe, seine Liebe in die Grenzen der 740 Freundschaft einzuzwängen und wie dieser Versuch so gänzlich mißlungen sei. Aus diesem Grunde habe er sich, um nicht Gefahr zu laufen, seine Gefühle zu verrathen, verpflichtet gefunden, sie zu meiden. Alles dieses und noch viel mehr schrieb er ihr und schloß dann mit der Bitte, ihm unbedingtes Vertrauen zu schenken selbst dann noch, wenn der Schein gegen ihn und sein Verhalten unerklärlich sei. Gegen drei Uhr hielt ein Wagen an der Thüre und die Schelle tonte durch das stille Haus. St. Lawrence achtete nicht darauf; es wohnten noch mehrere Familien dort und er empfing nur selten, Besucher. Schritte näherten sich und nachdem angeklopft worden, warf ein Diener die Thüre auf und meldete: „Lord MphingtoM" Wenn eine Bombe im Zimmer geplatzt wäre, hätte St. Lawrence nicht mehr zusammenfahren können. Die Zeichnung, welche er eben in die Mappe zurücklegen wollte, entfiel seiner zitternden Hand und einen Augenblick stand er sprachlos da. Doch bald gewann er seine Selbstbeherrschung wieder und näherte sich mit natürlichem, edlem Anstaube, um den Eintretenden zu begrüßen. „Mr. St. Lawrence, wie ich vermuthe", sagte Lord Alphington, welcher den jungen Mann aufmerksam beobachtet hatte. Dieser verbeugte sich zustimmend. „Ich hörte von ihrem Talente als Landschaftsmaler und da ich ein Gemälde für Alphington Park wünschte, nahm ich mir die Freiheit, Sie aufzusuchen." Er wandte sich dem Bilde auf der Staffelei zu, aber ein feuchter Schleier legte sich über seine Augen und verhüllten den Gegenstand, welchen er betrachten wollte. „Darf ich fragen, ob dieses schon eine Bestimmung hat?" „Einstweilen noch nicht, Mylord. Da das Bild noch nicht vollendet ist, konnte ich es nicht zur Ausstellung schicken." Der Earl nahm vor der Staffelet Platz,. Lange saß er dort in Betrachtung versunken, aber während seine Augen auf die Leinwand hinblickten, schwebten andere mannich- faltigere Bilder an seinem Geiste vorüber. Die Hand auf die Lehne eines Stuhles, gestützt, stand St. Lawrence in seiner Nähe. Unbewußt hatte er die Stellung des Portraits in der Bibliothek zu Magnns Square angenommen. Das helle Licht fiel auf sein männliches Gesicht, dessen Schönheit durch das sorglose Btalerkostüm noch hervorgehoben wurde. Als Lord Alphington von dem Gemälde aufblickte, seufzte er tief, seine Wangen rötheten sich und mit zitternder Stimme frug er: „Welche Summe verlangen Sie dafür?" „Das Bild ist zu zweihundert Pfund geschätzt, Mylord", erwiderte der junge Mann, mühsam seine Rührung unterdrückend. „Das ist gut — recht gut. Ich wünsche es zu kaufen, natürlich steht Ihnen dann Noch immer frei, es vorher auszustellen. Ich würde Ihnen ein Unrecht zufügen, wenn ich dies verhindern wollte. Jedoch Sie unterschätzen das Bild meiner Ansicht nach." Er nahm sein Notizbuch heraus, ging zum Tische hin wo das Tintenfaß stand Mtd schrieb eine Anweisung auf dreihundert Pfund, welche er St. Lawrence überreichte. „Sie sind zu gütig, Mylord", entgegnete dieser und wieder glitt derselbe unerklärliche Ausdruck tiefer Rührung über sein Antlitz. Lord Alphington winkte mit der Hand, als ob er sagen wollte: Lassen Sie es gut sein — und nahm dann in einem Sessel an der Seite des Tisches Platz. (Fortsetzung folgt.) 741 Das Münchener Faust-Drama von ein Tiroler Drama? (Studie von I. Sccber.) (Schluß.)*) II. Den zweiten Aufzug eröffnet ein Gespräch des guten und bösen Geistes. Mephistopheles erkennt seinen Feind und verräth dessen Absichten. „Wir werden aus allen Kräften gegen einander kämpfen; laß' sehen, wer siegen wird!" Damit gibt er das Signal zum bevorstehenden Kampfe um Faust's Seele. Jthuricl befiehlt ihm aber, sein Jncognito nicht zu verrathen. Mephistopheles gehorcht zwar, doch kann er sich's nicht versagen Faust vor dem neuen Diener zu warnen, er habe „ältere Rechte auf seine Freundschaft". Faust weist ihn zurück, da ergrimmt der Teufel und droht ihm. Faust sieht seinen „Freund" entlarvt als seinen größten Feind und ist nun bereit, die Gnade, welche der Himmel ihm anbietet, zu benutzen. Er dürfe auf diese hoffen, denn er habe seine Macht meistens dazu benützt, Wohlthaten zu spenden. „Wohlthaten?" spottet der Teufel. „Du — Wohlthaten? Wisse, Thörichter, daß Du lauter Unglückliche gemacht hast." Faust: „So hab' ich denn Keinen glücklich gemacht?" Mephistopheles: „Nur Einen, nämlich Deinen Feind, dem Du aus Haß Glück, Ehre, Vermögen und Alles geraubt hast." Der Teufel muß ihm die Wahrheit seiner Worte beweisen. Nacheinander führt er seine Zeugen herbei: einen Bettler, den Faust gehaßt; einen Wucherer, einen Soldaten und einen Anwalt, die durch Faust's Zauberkunst geworden, was sie sind. Mephistopheles gibt seinem Herrn bald die Gestalt eines vertrauten Dieners, bald die eines Edelmannes : und so schaut er in einen Abgrund von Verworfenheit, in ein Meer von Leidenschaften, die seine „Wohlthaten" entfesselt haben. Nur der Alte, den er zum Bettler gemacht, dankt ihm, weil er erst durch ihn zum Glücke, zur Zufriedenheit gelangt sei. Faust verzweifelt an den Menschen und an sich selbst, er wagt kaum mehr zu hoffen, weder für dieses noch für's andere Leben. Jthuriel ist unterdessen nicht unthätig gewesen. Der dritte Aufzug bringt uns zunächst wieder Faust's Eltern. Der Engel beruhigt sie, klärt sie über Faust's Zustand auf und verspricht seinen Beistand zur Rettung. Sie sollten sich jetzt zurückziehen, zur rechten Zeit werde er sie zu ihrem Sohne führen, den die Sprache des Herzens, wie er hoffe, rühren werde. Mephistopheles seinerseits sucht Faust von jedem Neucgedanken abzuhalten. Eine prächtige Tafel und schöne Mägdlein sollen Faust bethörcn. Triumphircnd spottet er des gntcn Engels, der so wenig ausgerichtet wie Gott selbst durch die Erlösung. Wagner führt die Schönen in den Saal und ist so entzückt von den „artigen Gesichtern", daß er „Monsieur Mephistopheles" ersucht, „eines unter diesen allerliebsten Kindern" auswählen zu dürfen. Faust gefällt keine; für Helena allein fühlt er Freundschaft, und Liebe für seinen Sohn, obwohl auch Hiebei sein „Herz seufzt." Wagner sorgt für Gesang, die Würze des Mahles. In diesem Momente erscheinen Faust's Eltern, geführt von Jthuricl. Mephistopheles räumt mit seinem Anhange das Feld, Faust ist allein mit seinen Eltern. Die Vorwürfe der Mutter, der Fluch des Vaters, wirken auf ihn, er stürzt zu ihren Füßen. Das Mnttcrherz wird gerührt; auch der Vater ist zur Verzeihung bereit, wenn sein Sohn Alles verläßt und ihm folgt. Faust ist dazu bereit — da führt der Unstern Mephistopheles Helena mit ihrem Sohne herbei. In rasender Leidenschaftlichkeit bestürmt sie ihn, bei ihr zu bleiben; Faust schwankt. Da zückt sie den Dolch gegen Faust's Sohn, die Drohung erschreckt ihn. Sein Vater fordert seine *) Siehe Nr. 92. Entfernung, Helena sein Bleiben: Faust ringt, Mcphistophcles siegt, Jthuricl und die beiden Alten weichen. Den vierten Aufzug eröffnet im gedruckten Stücke ein Ballet, genannt der „Zaubcrpalast der Liebe." Im Manuscript ist dies entfallen. Die Scene beginnt sogleich mit dein Erscheinen der feurigen Schrift auf dem dunklen Hintergründe: „Faust es wird Abend". Faust bebt. Jthuricl warnt ihn. „Morgen" will Faust anders werden, der Engel mahnt ihn an's Heute. Da er das harte Herz nicht erweichen kann, holt er anf's Neue die Eltern Faust's.**) Sanft und eindringlich reden die Beiden zu ihm, der Sohn wird gerührt und will ihnen folgen; auch Helena, die nun erscheint, soll mit ihm in sein väterliches Haus ziehen. Da macht anf's Neue Mcphistophcles einen Strich durch die Rechnung: er erscheint, Faust's Knaben an der Hand, und erklärt, daß die Zeit des Bundes nahezu abgelaufen, Faust könne sich ihm nicht entreißen, sein Knabe bleibe als Geisel bei ihm. Helena und Faust flehen den Teufel um Gnade an. Er bleibt unbeweglich. Die Eltern Faust's entfernen sich hoffnungslos, Faust eilt ihnen nach, sie zum Bleiben zu bewegen. Unterdessen weiß Mephistopheles Helena zu beschwatzen. Es liegt ihm daran, Faust's Vater zu beseitigen, weil er seinen Einfluß noch in letzter Stunde fürchtet. Helena soll, um dadurch, wie ihr der Teufel vormacht, Faust und sich zu retten, den Alten ermorden. Nach langein Sträuben nimmt sie den Dolch und verspricht Faust die Rettung. Im fünften Auszuge drängen sich die Ereignisse. Zwar bedarf es noch einmal der Schlangenklugheit des Mcphistophcles, um Helena zur Ausführung des Verbrechens zu bewegen. Das Hohngelächter der Hölle folgt ihrem Entschlüsse. Auch Faust gegenüber legt der Teufel die Maske ab. Offen sagt er ihm: „Wisset, Menschen, wir sind eure geschwornen Feinde; wir arbeiten nur, euch zu stürzen und euch zu Mitver- brcchern und Gefährten unserer Pein zu machen." Faust solle sich selber tödten, er solle den Giftbecher trinken, zum ersten Male den „Nektar der Hölle" kosten — sonst „reiße er ihn durch die Gemächer" gewaltsam fort. Faust verliert die Hoffnung, er hört nicht mehr auf die leise Stimme iu seinem Innern, er trinkt das Gift. -Helena vollbringt unterdessen die blutige That; sie verwundet den Alten schwer, sein Schrei dringt an Fausten's Ohr. — Helena stürzt sinnverwirrt herein, sie glanbt Faust gerettet zu haben und hört nun, daß er Gift getrunken. Da stößt auch sie sich den Dolch in die Brust. Faust's todtwundcr Vater schleppt sich, oder kriecht vielmehr herein; die Worte des Sterbenden, der seinem Sohne und seiner Mörderin vergibt und Beide auf die Gnade des Himmels verweist, dringen tief in die Herzen Beider. Die Feindesliebe des Vaters zieht Gottes Erbarmung nieder. Faust und Helena bitten reumüthig um Gnade. Der Alte stirbt, die Uhr schlägt zwölf, Faust ruft: „Gnade! Gnade!" und: „Sie fallen einander in die Arme und Alles ist unbeweglich." Mcphistophcles erscheint in fürchterlicher Gestalt, von Furien begleitet. Schon glaubt er triumphiren zu können, da tritt ihm Jthuriel's lichte Gestalt, umgeben von einer Schaar Engel, entgegen, und der Engel verkündet, daß die Barmherzigkeit Gottes die Unglücklichen gerettet habe. „Er nimmt die Reuigen in seinen väterlichen Schooß auf und stürzt euch, verfluchte Verführer, in die ewige Hölle." Mit dem Sturze des Teufels endet das Stück. Man sieht aus dieser Inhaltsangabe, daß man dem Verfasser des Drama's ein gewisses dramatisches Geschick nicht absprechen kann. Die Charaktere sind gut umschrieben, die einzelnen Scenen werden innerlich begründet und der sichtbar-unsichtbare Kampf zwischen dem guten und dem bösen Engel, läßt die Handlung nie stille stehen. Einzelne **) Im gedruckten Texte fehlt diese Andeutung. Faust's Eltern erscheinen ohne das Eingreifen des Engels. 743 Partiell — wie Fanst's Seelenkainpf, ob er seinen Eltern folgen oder bei seiner Geliebten bleiben soll — sind sogar von höchster dramatischer Kraft. Liegen die Elemente hiezn auch schon im Volksschanspiele vor, so hat hier der Dichter doch seinen besonderen Antheil. Wer ist nun der Verfasser der Münchener Drama's? o Auf dem Titelblatte des mir vorliegenden Manuscriptes steht unten: „Holt llo- i sexstus Haas, Ost/ruiAus (oio!) a. Taut'srg." Nach den gütigeil Mittheilungen des Herrn Fauster, Dechant's in Täufers (Pnsterthal), wurde unser Joseph Haas, der Sohn des Chirurgen Michael Haas in Sand, geboren am 7. Februar 1755 und starb als Chirurg von Täufers am 29. März 1815. Somit wäre Haas „in den Faust- Jahren", im zwanzigsten Jahre gewesen, als er das allegorische Faust-Drama schrieb und zu München edirte. Allein die Sache ist nicht ganz so Plan, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Einmal ist das Manuscript nicht Original, sondern Abschrift, wahrscheinlich der Münchener Vorlage. Besonders deutlich geht das aus einem sofort corrigirten Schreib- verschen im vierten Aufzuge, dritten Auftritte hervor, wo man merkt, lote der Schreiber zu früh aus der einen in die andere Zeile der Vorlage gekommen. Sodann erscheint das Manuskript gegenüber dem Drucke an ein paar Stellen gekürzt. Es wurde schon bemerkt, das; das Ballet, genannt „Der Zanberpalast der Liebe", am Beginne des vierten Auszuges (S. 48 und 49 des Druckes) in der Handschrift entfallen ist. Demgemäß entfielen auch im Pcrsouenverzeichnisse die „Tänzer und Tänzerinnen". Ebenso kennt das Manuscript nur sieben „Charaktere"; „Gräfin Schönheit- lieb, eine Kokette", und Graf Sorgenvoll, ein Günstling", fehlen, somit auch der fünfte und siebente Auftritt des zweiten Actes im Drucke. Folgt nun daraus, daß Haas nur der Abschreiber lind Vcrkürzer des Münchener Druckes war? Ich glaube nicht. — Was die Kürzungen anlangt, erklären sich dieselben ganz leicht daraus, daß das Stück zur Aufführung auf einer primitiven und beschränkten Banernbühne bestimmt war. So mußte vor Allen; das „Ballet" entfallen, dessen Darstellung scenische Apparate und geübtere Leute forderte, als die Bauernbühne zur Verfügung hatte. Das Auslässen der zwei genannten Charakterfiguren hat noch weniger aus sich. Die betreffenden Scenen find alle von; nämlichen Schlage; je nachdem sich eine Anzahl von brauchbaren Darstellern fand, konnten diese „Charaktere" vermehrt oder ! vermindert werden, ohne daß der Zusammenhang oder der Gang des Stückes in; Geringsten alterirt wurde. Darum scheint mir unsere Handschrift speciell für die Bühne in St. ! Georgen geschrieben worden zu sein. Darauf deuten auch mehrere Randbemerkungen für , die Actcurs hin, die den; Drucke fehlen, lind zwar datirt das Btannskript aus einer ! Zeit, wo das Drama bereits im Drucke erschienen war; dem; Haas wird „Chirnrgus" f genannt, was er mit zwanzig Jahren noch nicht war. Die Abschrift weist sodann auf Taufer's hin, denn der Umschlag enthält Notizen über Bewohner von Achornach (bei ^ Täufers) und Sand (in Täufers). Ebenso scheint die Orthographie, namentlich die Schreibung der Vocale, in das Taufererthal zu führen. Leider hat der Herausgeber des Münchener Druckes die Schreibweise modernisirt, so daß ein Vergleich hier nicht möglich ist. Nur ein Ausdruck ist stehen geblieben: „Schaubhütte" (zwei Mal in; dritten Aufzngc, fünfter Auftritt). Das Wort gehört in dieser Form wohl speciell Tirol au, bei Schmeller findet es sich nicht. Ein anderer.Umstand endlich scheint mir direct darauf hinzuweisen, daß mffere Handschrift nicht von; Münchener Drucke, sondern von der Originalhandschrift des Stückes abgeschrieben wurde. Es ist dies die eigenthümliche Nummerirung. Nicht die Seiten oder Blätter werden gezählt, sondern je zwölf Seiten haben ihre fortlaufende Nummer. Daß diese Zählung nicht mit den Bogen des Druckes stimmt, ist selbstverständlich; zudem wurden in Drucken bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts zu dieser Zahlung Buchstaben verwendet. Ich glaube nun, daß der Verfasser des Stückes jene Zahlen i" seinem Maunscripte verwendete, um beiläufig die Bogenzahl des Druckes voranszube- stimmen, und daß der Abschreiber diese Methode beibehalten. Wie dem auch sein mag, scheint mir die Bemerkung: ckogsptins Haas" nicht in dem Sinne eines „8vrip8ib" zu stehen, sondern den Verfasser des eigentlichen Drama's zu bezeichnen. Hätte demnach das Münchener Drama tirolischen Ursprung, dann wäre auch die Einwirkung desselben aus Zingerle's Tiroler Faust-Komödie, die schön Creizenach hervorhebt,***) selbstverständlich. *«) I. «. S. 174, 1. Goldkörncr. Pflege die Gaben, die Gott dir verliehen! Zur Ehre des Gebers Dir und Andern zum Heil nütze den köstlichen Schatz. Kannst du nicht wie die Tulpe in glänzendem Kleide dich zeigen, Spende dem Veilchen gleich still den balsamischen Duft. Was du auch unternimmst, rein sei und edel die Absicht! Irrst du im Wege vielleicht, irrst du gewiß nicht im Ziel. F. Beck. M i s e e ll e ii. (Kanzelhöflichkeit.) König Jakob I. von England verließ einst seinen gewohnten Spazierweg, um einen berühmten Prediger zu hören. Als dieser den König eintreten sah, ließ er seinen Text fallen und begann gegen das lasterhafte Fluchen loszuziehen. Der König, der wegen seines steten Fluchens berüchtigt war, fragte nach beendigter Predigt den Geistlichen, weshalb er nicht bei seinem ursprünglichen Texte geblieben sei? Der Prediger antwortete: „Da Eucre Majestät Ihren Weg der Predigt wegen verlassen haben, so konnte ich nicht weniger thun, als den meinigen verlassen, um Euer Majestät entgegenzukommen." (Der Kritiker.) Ein Violionvirtnose hatte sich erlaubt, die etwas unherbe Kritik eines Mnstkrcferentcn einer öffentlichen Antikritik zu unterziehen, — welche nicht ganz ohne Berechtigung — auf das geringe musikalische Verständniß des Kritikers hinwies. Letzterer fühlte sich dadurch tief verletzt und suchte den Violinvirtonsen auf, um ihm mitzutheilen, daß diese persönliche Beleidigung nur mit Blut abzuwaschen sei. — „Ich soll mich mit Ihnen schlagen?" rief der Geiger. „Wenn Sie mir den kleinen Finger beschädigen, bin ich rninirt, weil ich nicht mehr spielen kann. Sie können aber noch Kritiken schreiben, wenn ich Ihnen den Kopf wegschieße. (Wen sieht man als Tischgäste gern?) Mathematiker, weil sie mit Wurzeln vorlieb nehmen; ebenso Optiker, weil sie mit Linsen und einem Speck- Trumm (Spectrum) zufrieden sind. Aber Ingenieure und Jungverhetrathete hat man nicht gern, da die ersteren gleich sechs Tanten (Sextanten) mitbringen und die Letzteren iiolono vo1an8, wenigstens in den „Flitterwochen", die Schwiegermutter in's Schlepptau zu nehmen haben. (Ein kleiner Irrthum.) Ein bekannter Musiker kommt zu einer erst kürzlich vom Lande zurückgekehrten, ihm befreundeten Wiener Familie. Mit der ihn« geläufigen ausdrucksvollen Geberde überreicht er der neuen Magd seine Karte. Zu seinem Entsetzen hört er die Meldung derselben: „Bitt' Euer Gnaden, ein Stummer!" Auslösung des Räthsels in Nr. 92: „GenSdnrin-Gänscdarm." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des LiterarischcN Instituts von Dr. Max Huttler Nr. 94. 1883. »m „Äugslmrger postzeitnug." Samstag, 24. November Der OpairLng. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) „Wenn ich nicht befürchten müßte, Sie Ihrer kostbaren Zeit zu berauben, so würde ich Sie bitten, sich zu mir zu setzen und für eine halbe Stunde Geduld mit einem alten Manne, der sich mit Ihnen unterhalten möchte, zu haben." „Meine Zeit steht ganz zu Ihrer Verfügung", erwiderte St. Lawrence und ließ sich etwas zögernd und verlegen Lord Alphington gegenüber nieder. »Ihre Freundinnen, die Misses Dalton, welche mich gestern in meinem Hause besuchten, waren äußerst erstaunt über die auffallende Aehnlichkeit, die Sie mit dem Portrait meines Sohnes haben, den ich das Unglück hatte, vor längeren Jahren, als er nicht viel älter war, wie Sie jetzt sind, zu verlieren", begann der Earl. „Ich wünschte mich persönlich davon zu überzeugen und finde nun, daß diese wirklich besteht und zwar nicht allein in den Gesichtszügen, sondern auch in der Stimme und dein ganzen Wesen. Deshalb drängt sich mir die Ueberzeugung auf, daß Sie mit unserer Familie verwandt sein müssen, obgleich ich mir nicht erklären kann, von welchem Zweige derselben Sie abstammen könnten. Sie sehen nicht allein meinem Sohne so außerordentlich ähnlich, sondern haben auch das echte Faucourt's Gesicht, wie die alten Portrait's zu Alphington Park bezeugen. Ich schicke dies voraus, damit Sie nicht denken, bloße Neugierde habe mich hierher getrieben." „Das würde ich in keinem Falle gethan haben", entgegnete St. Lawrence mit einem Lächeln, welches das Herz des alten Mannes entzückte. „Miß Bertha Dalton erzählte mir gestern Abend von der aufgefundenen Aehnlichkeit." Weder das Aufleuchten der Augen, noch der weiche Ton der Stimme bei Nennung dieses Namens entging der scharfen Beobachtung des Earls. „Es ist, wie ich vermuthete — zwischen den Beiden besteht ein intimeres Verhältniß", und laut sagte er: „Darf ich fragen, wo Sie geboren sind?" „Ich bin Amerikaner von Geburt." „So, also in Amerika geboren?" Und in Gedanken setzte der Earl hinzu: „Das ist ebenfalls sehr seltsam." Der Junge Mann beeilte sich fortzufahren. „Leider muß ich befürchten, Athlord, daß Sie mich, nach der großen Liebenswürdigkeit, welche Sie mir erwiesen, sehr undankbar finden werden. Aus ganzer Seele bedauere ich, genöthigt zu sein, mich Ihnen gegenüber in so ungünstigein Lichte zeigen zu müssen. Aber gewisse Verhältnisse zwingen mich, eine Zurückhaltung zu beobachten, welche um so peinlicher für mich ist, da sie sehr leicht ein mißfälliges Urtheil von Seiten Derer, bei welchen ich vor allen Anderen in Achtung stehen möchte, herbeiführen könnte." „Werden diese Verhältnisse je eine Aenderung erfahren?" frug Lord Alphington 746 nach einer Pause. Nach seiner äußeren Haltung zu schließen, hatten die verschiedenartigsten Gefühle seinen Geist durchkreuzt. „Es ist mein sehnlichster Wunsch und heißestes Gebet, daß es so sein möge." Während der junge Mann dieses mit Nachdruck aussprach, faltete er seine Hände, stützte die Ellenbogen auf die Kniee und erhob seine Augen mit einem Blicke tiefster Verehrung, fast Zärtlichkeit zu dem Antlitze des alten Herrn empor. „Seltsam — sehr seltsam", murmelte dieser und fügte dann laut hinzu: „Ich will mich nicht in Ihr Vertrauen drängen, dazu habe ich kein Recht. Aber darf ich Sie bitten, falls Sie eines Freundes oder einer hülfreichen Hand bedürfen sollten, uin die Verschlingnngen Ihres Schicksals lösen zu helfen, nie zu vergessen, daß Sie diesen Freund immer und alle Zeit in mir finden werden, sowohl um deffentwillen, der nicht mehr ist, als auch einer Anderen wegen, für die ich die innigste Zuneigung hege?" „Ihre Güte rührt mich tief, Mylord", erwiderte St. Lawrence, ohne jedoch die letzte Andeutung des Earls verstanden zu haben. „Eins fühle ich mich jedoch meiner selbst wegen verpflichtet, Ihnen zu sagen, obgleich ich nur mein Ehrenwort als Bürge der Wahrheit anführen kann. Wenn mein vergangenes Leben vor Ihren Blicken enthüllt würde, so dürfte ich dies ohne erröthen zu müssen, geschehen lassen. Daß ich mich jetzt in dieser zweifelhaften Lage befinde, ist die Schuld Anderer, nicht meine eigene." Bet diesen Worten richtete er sich stolz in die Höhe, und aus seinen Augen brach jener ehrliche feste Blick hervor, dem gegenüber Mrs. Dalton sich öfters so kleinlich und unbedeutend vorgekommen war. „Ich glaube Ihnen unbedingt", sagte Lord Alphington, ihm die Hand reichend und mit Bewunderung den schönen, edel aussehenden jungen Mann betrachtend. „Sie müssen mich zu Alphington Park besuchen, unsere Bekanntschaft darf hiermit nicht enden." Der Earl begab sich zu seinem Wagen, erstaunt, verwirrt und im höchsten Grade tnteressirt. „Ah, wenn die Vorsehung mir diesen jungen Künstler als Enkel zugeführt hätte, wie stolz und glücklich würde ich sein." N e u uun d z w n n z t g st e S Capitel. Nach seiner Schwelgerei erwachte Fancourt in einem Zustande größter Verzagtheit und schlechtester Laune. Er verwünschte den immer gleichmüthigcn John und vergoß, noch immer nicht nüchtern einige Thränen über sein Elend. Das Frühstück schickte er unberührt hinweg und verlangte anstatt dessen Branntwein mit Sodawasser. Dann sprach er die Absicht aus, nach London zu fahren. Er konnte ohne Lena nicht mehr leben. Noch ein Tag und sie war die Seinige; in ihrer Gesellschaft glaubte er vor den Furien, welche ihn verfolgten, sicher zu sein. John war schon am frühen Morgen aufgestanden und hatte bereits einige Ausflüge in die Nachbarschaft gemacht. „Werden Sie nicht in dem Landhausc anrufen, Sir?" frug er, seinem Herrn Hut und Handschuhe hinreichend. „Wie ich höre ist Mrs. Lemont nicht wohl." Mit einem vnlkanartigen Ansbruch von Flüchen verwünschte Faucourt das Landhaus, Mrs. Lemont und John. Dann schritt er eiligst dein Stationsgebäude zu. Als sie auf dem Perron standen, befahl er seinem Diener, Alles zur Abreise bereit zu machen, da sie Morgen früh nach Magnus Sqnare zurückkehren wurden. „Es ist eine verflucht langweilige Geschichte — Lord Alphington und diese Langley's sind schon dort. Noch ein Tag und ich bin diese lästige Gesellschaft doch einstweilen los. Wo ist die Juno?" frug er, da John auf die letzte Aeußerung keine Antwort gab. „Sie war sehr schlecht, Sir, und so hielt ich es für am Besten, sie während Ihrer Abwesenheit bet Seite zu schaffen", erwiderte dieser ohne Zögern. Faucourt schimpfte ihn einen naseweisen Burschen, schien aber doch mit der Nachricht zufrieden zu sein. - 747 — Der Zug brauste heran und Fauconrt sprang in ein Coupö. Während er sich niedersetzte, stieg noch ein.Herr in denselben Wagen ein; dieser hätte, seinem Acußern nach zn urtheilen ein Minister, vielleicht auch ein Schullehrer sein können. Ohne Fau- court die geringste Aufmerksamkeit zn schenken, nahm er ein Zeitungsblatt zur Hand und begann zu lesen. Als jedoch der Zug an der Victoriastation anlangte und Fauconrt eine Droschke nahm, um nach Joy Cottage zu fahren, miethete sich der Herr ebenfalls einen Wagen und folgte ihm in einiger Entfernung. Und am Abende befand sich der Fremde auf demselben Zuge, mit welchem Fauconrt zurückkehrte. Doch dieses Mal in einem anderen Coupö. John verfolgte den Zug eine Zeit lang mit den Augen, dann schritt er auf ein in kurzer Entfernung gelegenes Haus zn. Seine Geschäfte dort nahmen ihn nur wenige Augenblicke in Anspruch, denn schon bald nachher schlug er den Weg zum Landhanse ein. Perkin's öffnete die Thüre und gleichzeitig steckte Eliza den Kopf zum Wohnzimmer hinaus. Beide sahen blaß und furchtsam aus. „O, Mr. John, ich bin Ihnen so dankbar, daß Sie gekommen sind", sagte Pcr- kin's. „Meine Herrin ist sehr krank, es muß durchaus Jemand den Doctor rufen, aber das thörichte Mädchen da ist zu bange, allein hier zu bleiben. Wollen Sie nicht hingehen, Mr. John?" „Gewiß, recht gerne, doch bin ich selbst, so eine Art von Doctor. Darf ich Ihre Herrin einmal besuchen?" „O bitte, kommen Sie herein, Mr. John!" rief Eliza, die Augen mit der Schürze abtrocknend aus. „Sie stirbt, — ich bin sicher, daß sie stirbt. Was sollen wir nun anfangen?" Stl — Machen Sie kein Geräusch, mein gutes Mädchen." Mrs. Lemont lag angekleidet auf dem Sopha; sie war mit Ausnahme eines brennend rothen Fleckens auf jeder Wange leichenblaß, der Mund verzerrt und große Schweißtropfen standen auf ihrer Stirne. „Seit dem Frühstück ist sie schon zweimal ohnmächtig geworden; sie konnte vor Uebelkeit nichts genießen." „Holen Sie sofort den Arzt, Mr. Perkin's. Ich werde bei Ihrer Herrin bleiben." Perkin's froh, der Verantwortung überhoben zn sein, schlüpfte in seinen Rock. „Geben Sie mir vorerst etwas Branntwein", bat John. Wir gaben ihr davon, da er versicherte, das würde ihr gut thun." „Haben Sie keinen anderen im Hause?" „Doch, in jenem Schranke befindet sich vermuthlich noch etwas", erwiderte Perkin's, sich im Stillen wundernd, weshalb John eine andere Flasche wünschte. Das Büffet stand offen und er nahm eine kleine Caraffe, in welcher sich noch ein kleiner Niest Branntwein vorfand, heraus. „Mr. Fauconrt sagte, dieser tauge nichts", bemerkte Perkin's, sie zögernd hinreichend. „Es ist schon gut, beeilen Sie sich nur." John begann nun die Schläfe und Hände der unglücklichen Frau mit der Flüssigkeit einzureiben. Nach und nach kehrte etwas Farbe in ihr Gesicht zurück, langsam öffnete sie die Augen und da sie John erblickte, verminderte sich der leidende Ausdruck ihres Gesichtes und sie murmelte schwach: „Verlassen Sie mich nicht, Ihnen kann ich vertrauen! Ich habe sonst Niemanden!" „Bis der Arzt kommt, werde ich bei Ihnen bleiben, Madame; versuchen Sie etwas hiervon zu nehmen." John putzte nun sorgfältig das Glas aus, welches auf dem Tische stand und schüttete den Brantwein aus der Caraffe hinein; dann hob er ihren Kopf in die Höhe und hielt ihr das Glas an die Lippen. Sie schlürfte ein wenig davon, es schien ihr gut zu thun. 748 „O, wie bin ich so krank", stöhnte sie. „Leider befürchte ich das, Madame. Können Sie sich erinnern, wie es kam, baß Sie so unwohl wurden?" „Nein. Gestern fühlte ich mich schwach und übel. Mr. Fauconrt versprach mir, ein Linderungsmittel aus der Apotheke mitzubringen. Ich habe zweimal davon genommen, befinde mich aber viel schlechter danach." Mrs. Leinont sprach wie Jemand, der in den letzten Zügen liegt. „Bitte, heben sie mich etwas mehr in die Höhe." Er willfahrte ihrem Wunsche, und Eliza schob ihr mehrere Kissen unter den Rücken, so daß sie sich in sitzender Stellung befand. „Eliza, ich würde an Ihrer Stelle eine Tasse Suppe von Arrowroot zurecht machen,' aber Sie müssen sie mit Milch kochen", setzte er mit leiserer Stimme hinzu: „Milch ist ein Gegenmittel in einigen Fällen." „Das will ich sofort thun, Mr. John", erwiderte das Mädchen. „Meine Herrin hat seit gestern Morgen nichts mehr zu sich genommen." Ueberwältigt von diesem Gedanken drückte sie ihr Taschentuch vor's Gesicht und eilte weinend zum Zimmer hinaus. John blickte um sich und bemerkte auf dem Kamingesims eine Flasche. „Ist dieses die Arznei, welche Mr. Fancourt Ihnen besorgte?" frug er, sie gegen das Licht haltend. „Ja, bitte geben Sie mir nichts mehr davon — sie macht mich schlimmer." „Ah, das wundert mich nicht! Wenn Sie erlauben, nehme ich sie mit und lasse sie umändern; diese taugt wirklich nicht für ihren Zustand. Und dann möchte ich Ihnen einen guten Rath geben", fuhr er, nahe an sie herantretend mit flüsternder Stimme fort: „Nehmen Sie nichts von dem, was Mr. Fauconrt Ihnen gibt oder anräth." Airs. Lcmont riß in wilder Angst die Augen auf; ihr leichenfarbencs Antlitz war von Furcht entstellt und sie versuchte aufzuspringen, indem sie schrie: „Barmherziger Himmel, er hat mich vergiftet!" „Weshalb glauben Sie das? Hatte er irgend einen Grund dazu?" frug John, sich Mühe gebend, seine äußere Ruhe beizubehalten, obgleich das Leiden der unglücklichen Frau ihn schmerzlich berührte. „O, ich weiß es nicht! Er befahl mir, England zu verlassen und ich wollte nicht. Ach, retten Sie mich, und Alles, was ich besitze soll Ihnen gehören!" Der Schrecken schien ihr außergewöhnliche Kraft zu verleihen. Sie umklammerte, zitternd am ganzen Körper, John's Arm, als ob sein Wille über Leben und Tod zu entscheiden habe. „Fassen Sie Muth", tröstete er, „Sie werden wieder besser. Der Arzt muß bald hier sein." Und zornig fuhr er fort: „Ich hoffe,' daß Sie es noch erleben werden, jenen Bösewicht bestraft zu sehen." „Ja, er ist ein Bösewicht! Niemand weiß das besser als ich", schluchzte die Unglückliche. „Was ist er Ihnen?" John heftete während dieser Frage seine klugen Augen forschend auf ihr Gesicht und langte mit der freien Hand nach dem Glase. Sie ließ seinen Arm fahren, bedeckte ihr Antlitz mit beiden Händen und wiegte sich hin und her. Körperlicher Schmerz und Seelenqual stritten mit dem gewaltig hervorbrechenden Willen, um die Herrschaft, sich an dein Manne, welcher sie vernichten wollte, zu rächen. „Nehmen Sie noch einen Schluck und beruhigen Sie sich." Unfähig das Glas zu halten, erhob sie den Kopf und duldete, daß John es an ihre Lippen brachte. Mit Gewalt sträubte sie sich gegen die Schwäche, welche sie von Neuem zu übermannen drohte. Eliza kehrte mit der Suppe zurück. John nahm sie an der Thüre in Empfang und sagte: „Ich habe etwas mit Ihrer Herrin zu sprechen und werde schellen, falls ich Ihrer bedürfen sollte." 749 Seine Stimme klang befehlend und Eliza, ohne selbst recht zu wissen, warum, gehorchte ihm schweigend und zog sich in die Küche zurück. Er versuchte nun die Suppe vor den Augen der Kranken, um ihr Muth zu machen und hielt ihr die Tasse hin; sie nahm einige Löffel voll zu sich. „Das wird Ihnen gut thun." (Fortsetzung folgt.) Bei den Gemsen auf dem Krottenkopf. Nicht bloß an landschaftlichen Schönheiten, von denen einige näher zu schildern wir bisher in zwei Artikeln versucht haben, an aussichtsreichen Bergen und wildromantischeil Thalgründen besitzt das Werdenfelser Land einen großen, fast unermeßlichen Reichthum, auch die Thiere der Alpcnwelt finden sich hier in zahlreichen Arten und großen Mengen vor. Beim Spaziergange iin lieblichen Thal gegen Grainau stehst Du das flüchtige Reh am Waldsanm weide». Da kannst Du beim Morgcudämmern auf dem Wege vom Kainzeubad nach Wamberg, dein höchstgelcgenen Dorfe deutscher Erde, prächtige Zehnender unter den Buchen treffen. Wer jedoch das eigentliche Hochwild der Alpen- region, die Gemsen, oder um mit den Jägern zu sprechen, die „Thiere" sehen und in ihrem ganzen Leben und Treiben beobachten will, der hat hiezu die beste Gelegenheit aus dem fünf Stunden von Parteukirchen entfernten Krottenkopf, einem imposanten Berg- kegel, der majestätisch über die ihn umgebenden Höhen 7000 Fuß hoch zum Himmel ragt. — Auf einen unfreundlichen Regentag, an dem selbst das Getriebe eines ländlichen Jahrmarktes das Herz des Sommerfrischlers nicht aufzuheitern im Stande war, folgte ein herrlicher Hcrbstmorgen. Der Entschluß, bei so prächtiger Witterung und in so wundervoller Gegend, einen Berg zu besteigen, braucht nicht erst nach langen Ueber- legnngen gefaßt zu werden, wie von selber rührt und regt sich's in den Füßen und die Hände greifen unwillkürlich nach dem Bergstöcke in der Ecke der Stube. Und so wanderten der Freund und ich um die neunte Morgenstunde an St. Anton und der eben in Restauration begriffenen Taxkapelle vorüber, den Krottenkopf zu besteigen. Wenn auch der Ausblick in's Loisachthal von der Höhe der steil hinanzichendcn Straße ein immerhin wundervoller und bezaubernder war, so ließen doch verschiedene Umstände, besonders einzelne über den Spitzen des Wetterstein's und des Kramcr's liegende Ncbelgrnppen mit ziemlicher Bestimmtheit vermuthen, daß die Fernsicht vom Krottenkopfe heute zu wünschen übrig lasse, und dies um so mehr, da es eben Tags zuvor in Strömen gegossen hatte und die Grde bis tief hinein durchfeuchtet worden war. Trotzdem ließen wir uns nicht abschrecken, weiter zu steigen, um wenigstens den Gemsen des Krottenkopfes unseren Besuch abzustatten. So erreichten wir die Esterb er galpe mit dein höchstgelegcnen Gehöfte der Gegend, reizend zwischen waldigen Bergen auf saftiggrünem Wiesenplaue erbaut, den ein forellenrciches Büchlein anmnthig durchströmt. Der Weg führt zur Rechten am Eckenberg, zur Linken an einer hohen Gecöllwand vorbei, zu deren Füßen ein mächtiger Felsblock wie von überirdischer Macht hierhergesetzt und von den Leuten die „Kanzel" genannt, den Steig begrenzt. Weiterhin kamen wir am Bette eines ausgetrockneten See's vorüber. — Hier reizte unseren Geruchsiun der betäubende Duft von nppig- wucherndem Alpenschnirtlauch. Noch einige Schritte, und wir standen vor dem sauberen, freundlichen Gehöfte selbst, das Oekonomiegut, Wirthshaus und Schule zugleich darstellt. Die beiden ersten mag der Leser vereinbar finden, doch auch das Dritte reimt sich hier zum Ganzen. Denn am Esterberg besteht eine sogenannte „Nothschule", d. h. die Kinder des Hauses eignen sich die nothwendigen Kenntnisse am heimathlichen Herde an, Liebmütterlein ist ihre Lehrerin, zur Schale ist der Weg zu wett und für junge Füßchen zu beschwerlich. Es waren recht fröhliche Kinder, die uns entgegensprangen, reinlich 750 gekleidet und mit einem Aussehen wie rothwangige Aepfel, und weil weit entfernt von den Kindern der Tiefe und des Thales, unverdorben an Leib und Seele. Man darf aber nicht glauben, es fehle den guten Leuten droben an Wissensdurst und Wissensdrang; nur der Schule und des Kirchgangs wegen hat der Esterbergcr jüngst ein Gehöfte zu Farchant, einem freundlichen Dorfe an der Loisach, erstanden, das er mit anbrechendem Winter beziehen wird und wo er seine Kinder in die Schule schicken kann. Der Weg führt nun durch grüne Wiesen an dem Trümmerhaufen eines zweiten Gehöftes, des „Hinterestcrbergs" vorüber, dann durch schattigen Wald, zuletzt eine lange Strecke an einem Berghange hin, bis er sich endlich zur linken Hand in ein liebliches Thal biegt. Die frischbeschncite Kuppe des Krottenkopfs, die wir an der Esterbergalm zum ersten Male in ihrer großartigen Majestät betrachteten, ist nun wieder sammt der Unterstandshütte auf ihrem Gipfel vor unseren Augen verschwunden. Zur Rechten des Thales streckt der „Bischof" sein kahles, felsiges Haupt in die Lüfte. Welch ejn Trümmerfeld liegt zu Füßen des mächtigen Berges, der wie ein colossales Monument, die Größe des Schöpfers zu verkünden, gen Himmel ragt! Der riesenhafte Berg bietet einen überwältigenden Anblick. Ohne jegliches grüne Gehänge, eine graue Felswand an der anderen, starrt er in die Höhe. Hier siehst Du abhängende Geröllfclder ohne jegliche Spur einer befeuchtenden Quelle oder eines grünen Gewächses. Nur die Alpen- Dohle und der Flüevogel läuft an der Steinrinnc hinan, sich seine spärliche Nahrung in den Feisrippcn zn suchen. Zur linken Hand passiren wir den Saum des mehr lieblichen Krottenkopses. Die letzten Wcttertannen, die letzten Fichten stehen am Wege, dann beginnt das Krummholz, durch das ein ziemlich beschwerlicher Weg, durch Wild und Almvieh beschädigt, den Berg hinanführt. Wir stiegen eine halbe Stunde, ohne Rast zu halten, dann aber wurde das Fläschchen mit Cognac zur Stärkung hervorgezogen und zum ersten Male Spähe nach Gemsen gehalten. In einer tiefen Thalmulde in der Gegend nach Norden sahen wir in halber Höhe des Berges die ersten Thiere. Mit freiem Auge konnten wir nicht sicher unterscheiden, ob Hirschwild oder Gemsen zwischen den Felsblöcken weiden. Vorsichtig suchten wir einen großen Fels zu erreichen, hinter den wir uns verschanzten. Hier wurde nun das scharfe Fernrohr aufgelegt und wenige Augenblicke später hatte ich einen herrlichen Bock im Glase. Es war der Wächter einer größeren Heerde, der sich mit seinen vier Füßen auf einen winzig kleinen Felsvorsprung postirt hatte und sorgfältige Umschau im Gebirge hielt. Mit Muse betrachtete ich mir das Rudel, -vielleicht zwölf oder vierzehn Stück, ohne Ausnahme erwachsene prächtige Thiere, die vorsichtig auf grünem Plane zwischen den Felsen weideten oder mehr gegen den Bischof zu im Gerölle sich Gräser und Almrausch suchten. Der Rücken der Thiere schien gedeckt zn sein, doch wäre es immerhin möglich gewesen, sie von Eschenloh her zn überraschen, ihnen auf Schußweite nahe zu kommen und das eine oder andere Thier niederzustrecken. Auch die Seiten der Thiere waren gesichert, und nach vornhin hatten sie einen ungehinderten Ausblick und Ucbcrblick über die ganze Gegend. Sicher hatten sie uns schon erspäht, ehe wir uns hinter dem Felsen postirten; doch hielten uns die Thiere wohl selbst bei unserer weiten Entfernung noch für ungefährlich, und ziemlich furchtlos, wie es schien, suchten sie sich ihre Nahrung. Indessen war doch keine Ruhe auf dem Abhänge, wo sie grasten; Alles lebte,'Alles regte sich, jeden Augenblick wären die Thiere zur Flucht bereit gewesen, wie sie sich überhaupt auch bciin Ruhen nur selten auf den Boden ausstrecken. Es hätte nur eines Pfiffes bedurft, eines lautes Schreies, und in wilder Flucht wären die Gemsen in's Gerölle und die Felsen verschwunden. Das war ein prächtiger, schwarzer Bock, der droben bei den Thieren die Wache hielt. Einzelne Minuten stand er unbeweglich auf seinem Felsen und so konnten wir prächtig die Gestalt des Thieres- beobachten. Die Gemse ist ein Wunder de r> Schöpfung. Alles an ihr ist für das Leben in den höchsten Regionen des Gebirges 751 geschaffen: Dieser kurze gedrungene und elastische Körperbau, die laugen, starke» Füßen — „Läufe" genannt —, der gestreckte Hals, das scharfe Auge, die langen, spitzen nach vorwärts gerichteten Ohren, die angelförmigcn, nach rückwärts gekrümmten Hörner. Ja, es ist etwas Wunderbares, etwas Großartiges um die Füße der Gemse. Sie sind lang und dick und Mit stahlhartcu Sehnen durchzogen. Die Hufe siud gespalten und am Rande mit einer harten Einfassung umgeben, so daß sich das Thier beim Abspringen auf einen Felsen oder beim Hinanklettern und Anfasse» von Wänden durch das Auseinanderspringen der zwei Hustheile wie mit den Spitzen zweier Bergstöcke einhacken und festklammern kann. In Folge dieser Beschaffenheit der Füße und ihres elastischen Körperbaues setzt die Gemse, ohne einen Anlauf zu nehmen, über Klüfte von 3 bis 4 m Breite, ja es sind Fälle bekannt, daß sie im Augenblicke der Gefahr selbst Breite» von 6 m sicher genommen hat. Nicht leicht ist ihr eine Tiefe zu groß; sie springt über Wände von 5 bis 6 m Höhe hinab, um sofort mit ihren dicken und festen Läufen aus einem kaun: tellergroßcu Felsvorspruugc Posten zu fassen. Und wie sind Auge und Ohr der Gemse so wundervoll construirt! Das Auge vermag die heißesten Sonnenstrahlen so gut wie das unruhige Glitzern weitgcdehnter Schneefelder zu ertragen. Und wie das Gesicht so sind auch Gehör und Geruchsinn gleich vortrefflich ausgebildet. Das Geräusch, welches ein in ziemlicher Ferne vom Felsen herabrollendes Stcinchen verursacht, läßt die Gemse nicht unbeachtet. Sie wittert den Menschen oft auf 1 und 1^ Stunden, oft ja sogar noch weiter, besonders wenn ein leiser Luftzug von ihm herzieht. Dann spitzt das Thier die Ohren, wird ängstlich und unruhig, macht sich sprungbereit. Die Gemsen merken sich jeden Weg, den sie nur einmal gegangen, keimen jeden Felsen, der ihnen sichere Deckung bietet, ja scheinen sich selbst vor einzelnen Personen, wie Hirten, weniger zu fürchten, ohne sich deshalb denselben bis auf Schußweite zu nähern, vielleicht weil sie auch unter den Hirten Männer mit der Büchse wittern. Selbst im Schlafe thun die Sinneswerkzcuge dieser Thiere ihre Schuldigkeit und auch zur Nachtzeit haben sie einen Wächter ausgestellt. Mit Recht ist deshalb die Gemse das Sinnbild der Wachsamkeit. Lange beschauten wir uns die schönen, friedlich nebeneinander weidenden Thiere. Sie waren nicht gleichfarbig, das eine nicht so dunkel gefärbt wie ein anderes. Weiße Gcmsböckc sind eine große Seltenheit und hat Schreiber dieses erst einen einzigen gesehen, der, wenn wir nicht irren, anfangs der siebsiger Jahre auf dein Miesing erlegt wurde. Nun ging's im Zickzack den Berg hinauf, an murmelnden, frischen Quellen vorbei, durch Büscheln von Almrausch, welchen der erste Schnee gebleicht, an Fclsstciner vorüber, die wie Uebcrreste einer verfallenen Burg aufeinandcrgeschichtet lagen. So gemüthlich und ungefährlich führt der Weg dahin. Doch wie ganz anders mag's nach einem Gewitter sein, wenn aus dem sanft säuselnden Büchlein ein tosender Wildbach geworden, oder im Frühjahre, wenn sich droben am Buge des Krotteukopf's, dort wo die neue Untcrkunftshntte steht, ein Schneekügclchen ablöst und hinabzurollen anfängt, allmählich größer wird, bald das ganze Schneefeld in Bewegung setzt und endlich mit donnerndem Gepolter als mächtige Lawine zu Thal fährt, daß die Bäume krachen und die Felsen beben! Fast hatten wir den Bergrücken erreicht und bogen gerade um eine Ecke, welche der Schlangenweg bildet, da tauchte in nächster Nähe von uns und noch innerhalb Schußweite ein ganzes Nudel Gemsen aus. Gemessen und langsam, ohne eine Gefahr zu ahnen — es herrschte völlige Windstille, und wir hielten uns sehr ruhig — zogen sie an uns vorüber, an der Spitze das Leitthier oder die „Vorgeis", dann folgte ein Thier dem anderen in regelrechtem Gänsemarsch. Es waren ungefähr 40 Stücke, die am Saume hinzogen. Zwei Thiere hätten wir mit Leichtigkeit erlegt, doch das dritte stand im Nu um 20 Schritte höher und nach einigen Sekunden war der ganze Zug außer Schußweite. Nur einen Moment stritten uns die Thiere, dann ging's pfeilschnell 752 in sausendem Galopp auf dem steilen Berghauge hin, bis sie endlich vielleicht 1000 Schritte von uns entfernt zwischen den Felsblöcken auf dem höchsten Grate Halt machten, nochmals in die Gegend lugten und dann eines nach dem andern hinter den Steinen verschwanden. Oben auf dem Bergrücken und eine kleine Viertelstunde vom Gipfel des Krotten- kopf's entfernt, steht die im heurigen Sommer auf Kosten des bayerischen Alpeuvereins erbaute und am 8. Juli eröffnete Unterkunftshütte. Rings um dieselbe ist Holz aufgeschichtet, mit dem sich der Tourist die Hütte erwärmen und mit Hülle des bereitliegenden Küchengeschirres Kaffee und duftende Speisen kochen kaun. Die Hütte ist mit allem Nothwendigen ausgestattet; im ersten Cabinete befinden sich Tisch und Bänke sowie ein prächtiger Kochherd; im zweiten mehrere Matratzen, auf welche er am Abend seinen müde» Körper hinstrecken mag, bis der Morgen graut und ihn einladet, vielleicht in eine wollene Schlafdecke gegen die Kälte gehüllt den Gipfel selbst zu besteigen und sich den Sonnenaufgang in seiner niegeahnten Pracht anzusehen. Im Zickzack führt der Weg von der .Hütte steil znm Gipfel des Berges empor. Endlich ist er erklommen, — welch' ein wundervoller, entzückender Anblick ist das! Dn hättest es nie geglaubt, solche Aussicht zu finden diese unzähligen prächtig beleuchteten Bergspitzen rings um Dich, diese vielen tiefblauen Seen, diese großartige Trümmerwclt zu Deinen Füßen! Was die Aussicht betrifft, steht der Krottenkopf selbst der Zugspitze wenig nach, und doch kostet derselbe nicht halb so viel Schweiß, Zeit und Aufwand wie letztere. Dein Auge sucht zu entdecken die funkelnden Kreuze des Karweudelgebirges, die lveiße Schueepyramide des Vcuediger, den colossalen Gebirgsstock des Großglockncr, die prächtige Kuppe des Wendelstein. Reizend liegt der Herzogstaud mit dein königlichen Jagdschlösse und den mächtigen Stallungen vor Deinen Augen. Aus den tiefschattigcn, ihn umgebenden Waldungen grüßt der Barmsee herauf. Du stehst den Staffclscc, den Riegsee, den Kochelscc, ja selbst den Ammer- und Würmsee vor Dir ausgebreitet. Bei reinster Luft sollen selbst die ehrwürdigen Domthürme von Freising in den Gesichtskreis treten. — (Schluß folgt.) M i s c e l l e ir. (Gutes Herz.) Mutter mehrcr unversorgter Töchter: „Ach, Herr Hanwitz, Sie glauben gar nicht, welch' gutes Herz meine Tochter Laura hat. Denken Sie, neulich bekommt unsere Hauskatze sieben allerliebste kleine Kätzchen; das eine war leider sehr schwach und krank, und da hat das gute Mädchen es mit der Flasche großgezogen!" — „Ach gnädige Frau, das ist noch gar nichts; wenn Sie wüßten, wie viele Kater ich schon mit der Flasche großgezogen habe!" (Wie, was, wo?) Junge und schöne Damen, denen ein Heirathscandidat präseutirt wird, stellen sogleich die Frage: „Wie ist er?" In den Jahren der Ueber- legung fragen sie bereits: „Was ist er?" Reif gewordene Jungfrauen aber stürzen sogleich mit der Frage vor: „Wo ist er?" (Selbstgefühl.) „Hören Sie, Schnüffler, in dieser Kriminalsache müssen Sie mit großer Umsicht rechcrchiren." — „Seien Sie unbesorgt, Herr Polizeirath. Wenn ich die Wahrheit nicht herausbekomme — nun so existirt die Wahrheit eben nicht!" (Im Erzgebirge.) Wirthin: Was wollen Sie denn essen? Tourist: Geben Sie mir das Pikanteste, was Sie haben. Wirthin: Ja 's Bekannteste bei uns sind d' Erdäpfcl. (Gesprungen.) Hausfrau: „Wo ist denn das Salzfaß?" — Köchin: „O, das ist kaput; es ist vom Knchentisch herunter gesprungen!" Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischcn Instituts von vr. Max Huttlcr. „Äugslmrger Postzeitung." Nr. 95. Mittwoch, 28. November 1883. Der Gpalrrng. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Etwas Farbe kehrte allmälig in das Gesicht der Kranken zurück, sie erhob ihre Hand und putzte sich die Schweißtropfen von der Stirne. „Sie frugen mich, was Mr. Faucourt mir ist", begann sie klarer, als sie bis jetzt gesprochen. „Er ist mein Tyrann, mein Verfolger — und ich bin seine Frau!" „Seine Frau? Um's Himmels Willen!" rief John aus, welcher vor Erstaunen beinahe die Tasse hatte fallen lassen. „Seine Frau! Dann hatte er allerdings einen Grund." „Welchen denn?" stieß sie mühsam und seinen Arm ergreifend hervor. „Sagen Sie es mir, ich will es wissen." „Sie werden es nur schon zu bald erfahren müssen und daher darf ich es Ihnen auch wohl mittheilen." Und nun erzählte John der armen Kranken mit mehr Milde, als man ihm zugetraut haben würde die Untreue ihres Gatten und wie schon nach zwei Tagen seine Vermählung mit Madcliue Dalton stattfinden solle. „Der Schurke! Ich vermuthete es; der gemeine, grausame, niederträchtige Schurke!" kreischte sie außer sich vor Wuth. „Sie hassen ihn auch, helfen Sie mir, mich zu rächen!" Mit eisernem Griffe umklammerte sie seinen Arm. „Gerade deshalb bin ich hier, um allen Denen, welchen Unrecht zugefügt worden ist, zu ihrem Rechte zu verhelfen." „Sie?" rief Mrs. Lemont, erschreckt seinen Arm fahren lassend, aus; sie wußte sich seinen veränderten Ton nicht zu erklären. „Wer sind Sie denn? Was sind Sie?" „Ich bin ein Geheimpolizist", erwiderte er ernst, seine schwarze Perrncke abnehmend. „Mein Name ist John Riggs." Mrs. Lemont stieß einen Schrei aus und warf sich ihm zu Füßen. „Gnade! Gnade! — Ich will Alles bekennen." „Es ist durchaus nicht meine Absicht, Ihnen irgend einen Schaden zuzufügen", sagte Riggs, sie vom Boden erhebend und auf's Sopha legend, „obgleich ich Ihnen zu meinem Bedauern mittheilen muß, daß Sie sich als verhaftet zu betrachten haben, und ich mache Sie darauf aufmerksam, daß alles, was Sie bekennen, als Zeugniß gegen Sie verwandt werden wird." „O, daran liegt mir nichts! Was frage ich darnach, was aus mir wird, wenn er nur die verdiente Strafe erhält! Ich will auch den Ring geben, ich habe ihn. Er sollte mir im Nothfalle als Beweis gegen ihn dienen und ich will Alles sagen, — Alles — Alles." In Ihrer fürchterlichen Aufregung hatte sie ihre Kräfte überschätzt. Mit bleichen 754 Lippen sank sie ohnmächtig in die Kissen zurück. Glücklicher Weise trat in diesem Augenblicke Perkin's mit dem Arzte in's Zimmer. „Gott sei uns gnädig!" platzte ersterer, die Veränderung an seinem Freunde John gewahrend, heraus. Dieser nahm jedoch keine Notiz von ihm, sondern wandte sich an den Arzt mit den Worten: „Darf ich Sie, ehe ich diese Dame Ihren Händen anvertraue, um eine kurze Unterredung bitten, Sir?" Hierauf öffnete Riggs das Fenster, ließ einen schrillen Pfiff ertönen und ein Polizist erschien am Garteuthor: Er winkte ihn heran, sprach leise einige Worte zu dem Manne und bat dann den Arzt, welcher mittlerweile Mrs. Lemont theilweise wieder zum Leben erweckt hatte, ihm in's Eßzimmer an der anderen Seite des Hauses zu folgen. „Ich empfehle diese unglückliche Frau Ihrer ganz besonderen Sorge. Sie haben Wohl die Güte, mich davon zu benachrichtigen, ob sie sich erholt und wann sie ohne Gefahr transportirt werden kann." „Nun, Eliza, Kind", redete er das erschreckte Mädchen an, welches in der Flur stand, „halten Sie mir den Kopf oben und Pflegen Sie Ihre Herrin gut. Sie sollen sehen, mein Freund hier", fügte er auf den Polizisten deutend, hinzu, „macht Ihnen keine große Mühe. Eh', Perkin's, ich hoffe, Sie nehmen nicht zu viel von jenem feinen Franzbranntwein. Bitten Sie den Doctor auf alle Fälle um ein Gegenmittel." Perkin's lehnte blaß und mit herabhängender Unterlippe an der Mauer. Er versuchte keine Erwiderung; alle diese Ereignisse auf einmal konnte sein verwirrtes Gehirn so rasch nicht fassen. Mit leichtem Kopfnicken verabschiedete sich Riggs und begab sich zu dem Hause des Ortsvorstehers, wo er auch schon am selben Morgen die Anzeige gemacht hatte. „Sie ist in Gefahr und wenn sie darauf besteht, ein Bekenntniß abzulegen, so muß ich den Beamten bitten, mich dorthin zu begleiten", sagte er, rasch weiter schreitend, vor sich hin. Dreißigstes Capitel. An dem Tage nach dem Ball. wurde das Frühstück ziemlich spät zu Joy Collage eingenommen. Bcrtha kam es beim Erwachen vor, als ob Alles nur ein Traum gewesen; sie konnte sich die Wirklichkeit kaum vorstellen, wie viel weniger klar begreifen. Nur die zärtlichen Worte ihres Bräutigams klangen noch in ihren Ohren wieder und erfüllten ihr Herz mit unaussprechlicher Wonne, und die waren doch, wie sie sich selber sagte, jedenfalls kein Traum. Allmählich fielen ihr seine dunkelen Andeutungen in Bezug auf Lena, und daß die Hochzeit wahrscheinlich nicht zu Stande kommen werde, ein und verursachten ihr entsetzliche Angst. Sie wußte nicht, was sie zu fürchten habe, noch von welcher Seit: der Schlag erfolgen würde. Sollte sie sich darüber freuen oder betrüben? Selbst auf diese Frage konnte sie sich keine genügende Antwort geben und Niemanden dnrfte sie ihren Zweifel offenbaren. Zn ihrer größten Freude erhielt sie am Nachmittage einen Brief von St. Law- ' rence und alle ihre Angst und Sorge war für den Augenblick verschwunden. Wie süß und angenehm war es, immer und immer wieder die Versicherungen seiner innigsten trcucsten Liebe, welchen er in den zärtlichsten Worten Ausdruck gab, lesen zu können. Die Seinige zn werden, Hand in Hand mit ihm dnrch's Leben zu gehen, mehr verlangte sie nicht. Selbst wenn er genöthigt sein sollte, England zu verlassen, welche Möglichkeit er ihr ja vorgestellt hatte, so gab es ja doch allerwärts noch Raum genug auf der Welt, um, vereint mit ihm, glücklich zu sein. Ihre Phantasie malle sich schon ein hübsches mit Neben bewachsenes Häuschen an den Ufern eines italienischen Sec's aus, wo er als Künstler hinreichenden Stoff für seinen Pinsel finden werde. Wie wollte sie sich bemühen, ihm die kleinlichen Sorge» des Lebens zu ersparen, damit er seine schöne Kunst ohne jegliche Störung fortsetzen könne! lind dieser Triumph, wenn er sich einen Ruhm erworben, was ja ganz gewiß geschehen würde! Welches Glück, ihn auch von Anderen so geehrt zu sehen, wie es ihm gebühre nnd wie sie es immer thun werde! Mit diesen Gedanken schlief sie, seinen Brief in der Hand haltend, ein. Aber im Nebenzimmer lag Eine, welche keine Ruhe finden konnte. Oefters während des verflossenen Tqges war Lena im Begriff gewesen, ihre Schwester zu fragen, was sich zwischen ihr nnd St. Lawrence zugetragen habe und immer hatte sich keine passende Gelegenheit dazu geboten. Bertha mußte ihrer Mutter während des ganzen Tages hülfrciche Hand leisten und Unruhe und Verwirrung herrschten zu Joy Cottage. Leute kamen und gingen, Befehle wurden gegeben und erhalten, die Zimmer befanden sich durch die Vorbereitungen zur Hochzeit in der größten Unordnung. Die verschiedenartigsten Commissionen mußten geschrieben, tausenderlei Kleinigkeiten besorgt werden. Sie war den Tag über sehr mißstimmt und verdrießlich gewesen und Faucourt hatte seinen vollen Antheil ihrer schlechten Laune erhalten. Noch nie war er ihr so widerwärtig erschienen und sie gab sich kaum die Mühe, ihren Abscheu zu verbergen. Ihn kümmerte Las nicht, zudem blieb er nicht lange dort, da er noch verschiedene Anordnungen treffen mußte. — Lena brütete, nachdem Ke sich zu Bette begeben, so lange über ihr wirkliches und eingebildetes Unglück nach, bis sie es nicht mehr aushalten konnte. Rasch erhob sie sich, zog ihr Morgenkleid an, nahm die Lampe und schlich leise in Bertha's Zimmer. Das Licht mit der Hand verhüllend, blieb sie stehen und betrachtete die Schlafende. Bertha's Wangen waren zart gerörhet und ein glückliches Lächeln spielte um ihre Lippen. Gewohnt, ihre Schwester als ein ihr untergeordnetes Wesen anzusehen, war es Lena nie eingefallen, daß diese ihre Rivalin werden könne. Doch als sie jetzt das verklärte Gesicht des schlafenden Mädchens näher beschaute, fiel es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen; sie mußte sich gestehen, Bertha besitze wohl die Macht, das Herz eines Mannes zu gewinnen und ihn für immer an sich zu fesseln. Leise zog sie den Brief zwischen den halbgeöffneten Fingern weg nnd las ihn — las, wie gänzlich sie sich getäuscht, wie vergeblich die Liebe gewesen, welcher sie sündhafter Weise nachgegeben, — las auch die Verurtheilung ihres falschen, ehrzeizigen Handelns. Von Gewissensbissen, nnd den widersprechendsten Leidenschaften gefoltert, stand sie da, nicht wissend, ob sie gehen oder bleiben solle, bis Bertha durch den Schein des Lichtes, oder eine Bewegung der Schwester geweckt, die Augen öffnete und entsetzt in die Höhe fnhr. „Was ist Dir, Lena? Bist Du krank?" „Krank?" erwiderte diese mit bitterem Lachen. „Nein, wie könnte ich trank sein da übermorgen der glücklichste Tag meines Lebens ist. Aber ich tonnte nicht schlafen nnd kam hierher, um Dich einiges zu fragen." „Was wünschest Du zu wissen?" frug Bertha, durch die eigenthümliche Art ihrer Schwester noch mehr beunruhigt. Erst jetzt bemerkte sie den Brief in Lena's Hand. Hastig griff sie darnach. „Tu hättest ihu nicht lesen dürfen. Er ist nicht in der Absicht geschrieben, daß Du ihn lesen solltest." „Weshalb nicht?" entgegnete Lena in demselben bitteren Tone. „Er laut« so äußerst schmeichelhaft für mich und man liebt ja Schmeicheleien, wie Du, weißt. Also Dich hat St. Lawrence diese ganze Zeit über geliebt »nd Dn wußtest es?" fuhr sie heftig fon; aller Hohn hatte sich in Zorn verwandelt. „Nein, erst gestern Abend erfuhr ich eö", sagte Bertha crröthcnd. „Schon früher gab es eine Zeit, wo ich diese Hoffnung hegte, doch als er später nicht mehr zu uns kam, glaubte ich mich getäuscht zu haben." „Und um Douglas willen blieb er fort, auch dieser liebte Dich?" O Bertha, weshalb konntest Du ihn nicht wieder liebe», warm» wolltest Dir ihn nicht heirathen?" stieß sie in wilder Erregung hervor. „Mußtest Du auch noch St. Lawrence für Dich gewinnen! Vielleicht hätte er mir doch noch dereinst seine Liebe zugewandt." 756 „Lena, bist Du wahnsinnig?" rief Bertha, mit Entsetzen die aufgeregte Schwester anstarrend, aus. „Was kann St. Lawrence und seine Liebe zu Dir sein? Nur noch wenige Stunden und Du bist das Weib eines Andern." Lena preßte ihre Hände gegen die Schläfe und fiel neben dem Bette auf die Kniee nieder. „Ja, das Weib eines Andern! Ich habe meine Wahl getroffen, nicht wahr? Uitd ich würde immer wieder von Neuem so handeln und doch liebte ich ihn die ganze Zeit hindurch. Bertha, Du darfst St. Lawrence nicht heirathen", fuhr sie stürmisch fort, „Du sollst ihn nicht heirathen. Er ist ein entehrter Mann, der sich eines angenommenen Namens bedient. Unsere Mutter wird nie ihre Einwilligung dazu geben." „Du redest über Dinge, welche Du nicht verstehst", erwiderte Bertha mit mühsam erkämpfter Ruhe. „Niemand wird das Wort Unehre auf Eustace St. Lawrence in Anwendung bringen können. Ich weiß, daß der Name, den er fuhrt, nicht sein eigner ist, aber selbst, wenn auch das Geheimniß, welches über ihm schwebt, nie aufgeklärt werden kann, so zweifle ich nicht an ihm und sollte er mich morgen auffordern, seine Frau zu werden, ich würde ihm mit dem unbedingtesten Vertrauen bis an die Grenzen der Erde folgen; aber wir denken noch nicht daran, zu heirathen", unterbrach sie sich, gewaltsam den Erguß ihres Gefühles unterdrückend. „Es ist unnöthig, Mama schon jetzt damit zu bermruhtgen." „Und ich sage Dir, Du sollst ihn nicht heirathen!" rief Lena mit immer heftigerem Ungestüm auf. „Weshalb solltest Du glücklich kmd ich so uamenlos unglücklich werden." „Lena, meine liebe Lena, Du weißt nicht, was Du sprichst", beschwichtigte Bertha, welche durch das Benehmen ihrer Schwester in immer größere Furcht gerieth. „Warum solltest Du unglücklich werden? Dn liebst Mr. Fauconrt nicht, sage es ihm, löse noch jetzt in der eilften Stunde diese verhaßte Verbindung auf. Was liegt daran, was die Welt davon denken mag! Wir verreisen dann für einige Zeit — alles wollen wir thun, was Du nur wünschest, o Lena! höre auf mich, Deines eigenen Glückes, des Friedens Deiner Seele wegen!" Während Bertha dieses sagte, nahm sie die kalten Hände der Schwester in die ihrigen, aber Lena schleuderte sie von sich. „Was willst Du für mich thun? Willst Du St. Lawrence für mich aufgeben?" „Nein", entgegnete Bertha fest, „das darfst Du nicht einmal verlangen. Ich habe ihm Treue gelobt und wenn ich mein Versprechen nicht hielte, wäre ich treulos gegen ihn und mich." „Gut denn, auch ich werde mein Wort nicht zurücknehmen." Lena's Züge verriethen hartnäckigen Stolz und tiefe Verachtung, indem sie sich von den Knieen erhob. „Glaube nicht, daß ich Dich beneide. Wenn St. Lawrence mich geliebt hätte, wie bald schon würde ich seiner überdrüssig geworden sein — ein armer Landschaftsmaler ohne Namen! Das Leben, welches ich mir erwählt, sagt mir mehr zu; es ist besser so, wie es ist. Ich glaube, ich war nicht recht bei Sinnen. Vergiß meine Reden und schlafe." Sie nahm die Lampe, stellte sie sofort wieder hin und faßte mit der Hand an die Stirne. „Mir schwindelt, ich kann nicht allein sein, laß mich hier in Deinem Zimmer bleiben." Bertha machte ihr ein Lager zurecht; sie hielt Lena für ernstlich krank und meinte, sie habe im Fieber gesprochen; deshalb machte sie sich Vorwürfe, ihr so heftig geantwortet zu haben. Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit beobachtete sie, wie ihre Schwester sich unruhig hin und her wandte und erst gegen Morgen einschlief. Für Bertha war aller Schlaf dahin, denn obschon sie annahm, daß Manches von dem, was Lena gesagt, nur eine Fieberphantasie der überreizten Nerven gewesen, so zeugte es doch von dem inneren Seeleukampfe ihrer Schwester, und der Tag, an welchem deren Schicksal für immer besiegelt werden sollte, war jetzt schon so nahe gerückt. — „Würde es nicht besser sein, Lena wäre wirklich leidend, und die Hochzeit müßte hin- 757 ausgeschoben werden?" frug sie sich selbst. War es Unrecht, dies fast zu wünschen? Gestern Abend halten die Gedanken an ihr eigenes Glück sie ganz in Anspruch genommen, jetzt kehrten die Sorgen und Befürchtungen, hervorgerufen durch das auffallende Benehmen Lena's und die dunklen Andeutungen ihres Bräutigams, in verstärktem Maße zurück. Sobald die Dämmerung begann, stand sie sachte auf, kleidete sich, ohne die Schwester zu wecken, an und setzte sich an's Fenster. Es schien trübes, unfreundliches Wetter zu sein, dichter Nebel bedeckte den Garten und verhüllte die umliegenden Gebäude. Sie wollte ihrer Mutter nichts von Lena's Zustand sagen, bis sie sich überzeugt, welche Wirkung der Schlaf auf diese ausgeübt habe. Jetzt hörte sie Sara den Frühstückstisch zurecht machen und kurze Zeit nachher vernahm sie auch schon die Schritte ihrer Mutter unten im Hause. Da öffnete Lena die Augen. Sich auf den Ellenbogen stützend, blickte sie befremdet, sich in Bertha's Zimmer zu befinden, umher. Dann erinnerte sie sich plötzlich und sagte: „Bist Du hier, Bertha; ich hatte einen bösen Traum in vergangener Nacht. Habe ich nicht schrecklichen Unsinn gesprochen?" „Wie fühlst Du Dich heute Morgen?" frug Bertha, zu ihr hintretcnd. „Geht's Dir besser? Du willst wohl hier oben frühstücken?" Lena griff diese Idee bereitwilligst auf. „Ja, sei so gut und bringe mir den Kaffee herauf. Ich bin aber wieder ganz wohl. Bitte, denke nicht mehr an das, was ich Dir sagte und sprich auch nicht mit Mama darüber. Entschuldige mich bei ihr, daß ich nicht herunterkomme, ich habe Kopfschmerzen und möchte deshalb noch etwas ruhen." „Wenn Du wirklich besser bist, so ist ja kein Grund vorhanden, Mama zu ängstigen. O Lena, wie hast Du mich erschreckt!" „Stille, wir wollen nicht weiter darüber sprechen. Sehe ich sehr krank aus?" Die dunkeln Linien unter den Augen, sowie ihre außergewöhnliche Bläffe, verriethen deutlich die stattgehabte Aufregung. „Du stehst allerdings nicht sehr blühend aus. Ich will Dir Dein Frühstück holen, Bleibe nur ruhig zu Bette, Niemand soll Dich stören." (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Wahrheit, o suche sie! Bewahre sie Auch dir! Die Lüge trübt der Seele Glanz, Wie schon ein leiser Hauch den Spiegel trübt. Der Schein, und wär' er auch des Guten selbst, Raubt mehr dir, als er gibt, verdunkelt dich; Indem du blendest, wird dein Auge blind. Ungeduld ist nicht Stärke, Geduld nicht Schwäche; vergiß nie: Größeres als die Gewalt hat die Geduld oft erreicht. Kennst du die Acolsharfe? Sie tönt beim leisesten Windhauch; So auch, leise berührt, braust die Empfindlichkeit auf. Suche den Frieden in dir, kein Sturm dann wird dich berühren, Und du stehst wie ein Fels mitten im brandenden Meer. Leihe Gehalt und Werth der kurzen Spanne des Lebens; Jeder verlor'ne Moment klagt der Verschwendung dich an. Senke dein Wollen stets in die Quelle des Guten, du machst dann All' dein Thun zum Gebet, und dein Gebet wird zur That. F. Beck. Bei den Gemsen auf der« Krottenkovf. (Schluß.) Lange haftete unser Blick auch an dem tiefen Felsenthale, das sich unmittelbar zu unseren Füßen gegen Osten ausbreitet und an Schauerlichkeit und wildromantischem Aussehen nichts zu wünschen übrig läßt. Eine öde Stille herrschte im Theile, nur zuweilen unterbrochen durch das Krächzen der Raubvogel oder durch rollende Steinchen, die unter den Füßen der flüchtigen Gemsen in Bewegung kommen und in die Tiefe stürzen. Tannen- und Laubwälder umkränzen dasselbe. Der Herbst treibt bereits sein Spiel mit den Blättern, und wie in rothem Kleide erglänzten die Zivergbuchen zwischen den dunklen, pyramidenförmigen Wettertannen, von denen ellenlange Bartflechten herabhängen, die letzte Zuflucht der Gemse-in Wintersnoth. Dort ragt ein abgestorbener, granschimmernder Gipfel aus seiner lebensfrischcn Umgebung empor; der Sturm hat ihn abgebrochen und den Stamm zerrissen, aber die munteren Aeste haben sich als selbst- ständige Bäume um den morschen Mutterstamm aufgerichtet. Es ist eigenthümlich schön auf dem Gipfel des Krottenkopf's. Wie eine große Kirche liegt die Welt, die schöne, weite Welt vor uns ausgebreitet. Die Berge bilden die mächtigen Pfeiler, auf denen das colossale Gewölbe des blauen Himmels ruht. Die Wolken sind der Weihrauch, der dem Ewigen zu Ehren aufsteigt; Stnrmgeheul ist das Orgelspiel, Donner und Winde geben das Glockengeläute, das Brausen der Wasserfälle und das Lispeln der Bäume, es ist ein ewiges Psalmcngcbct, das wiederhallt durch die Thäler, so daß, wie der Psalmist sagt, ein Abgrund dem andern zuruft. Zum Schutze gegen Frost und Winde ist auf dem Gipfel eine kleine Unterstands Hütte errichtet, in welcher prächtige, von einem Mitglied des Alpcnvercins geschenkte Karten zur Orientirnng des Touristen bereit liegen. Jn's Fremdenbuch haben sich seit Anfang Juli etwas über 200 Personen aus aller Herren Länder eingezeichnet. Die meisten derselben haben den prächtigen Bergkcgcl von Eschenloh aus bestiegen; doch auch von Partcnkirchen aus erfordert die Besteigung des Krottenkopf's nur einen einzigen Tag, selbst wenn mau den Weg durch die im heurigen Sommer eröffnete ^aukensck'lucht und den Eckcnberg nehmen wollte. Man wird nicht leicht den Berg besteigen, ohne auf Gemsen zu stoßen. Denn mit großer Sorgfalt werden die Thiere, welche in früherer Zeit durch die Vertilgnngs- sucht des Wildschützen und wohl auch durch die schwierige Unterscheidung zwischen männlichen und weiblichen Gemsen an Zahl sehr vermindert wurden, sowohl von den bayerischen wie herzoglich nassauischen Forstleuten gehegt und geschont. So sind sie im Laufe der letzten zehn Jahre wieder ziemlich zahlreich geworden, und während man selbst in Tirol mit Ausnahme des Zillerthalcs, wo sie Fürst Aucrsperg besonders pflegte, nur selten einem Rudel von 12 Stück begegnet, sind im Eschenloher, Partenkirchner und Mitten- walder Gebiet selbst Heerden von 20 und mehr Thieren keine Seltenheit mehr. Besonders zahlreich sind die Gemsen auf herzoglich nassauischem Jagdgebiete, auf der in der Nähe des Werner und der Soicnspitze gelegenen Vereinsalpe, einer vielbekannten prächtigen Berghöhe, auf welcher vor mehreren Jahren ein herzogliches Jagdschloß mit mehreren hiuzngehörigen Gebänlichkeiten durch eine Lawine verschüttet und zerstört wurde. Begreiflicher Weise läßt sich, nicht mehr wie früher von einem eigentlichen „Gemsen- jägcr" reden. Rudolf Bläst und Manuel Walcher, zwei Gemsenjäger, von denen ersterer während seines Lebens 675, letzterer 458 Gemsen schoß, gehören der Vergangenheit und dem Schweizergebirge an. Nur selten trifft es sich, daß der Jäger vom Aufsichtshaus auf dem Esterbcrg zur Lcibesnnterhaltnng sich einen Gemsbock vom Krotten- kopf herunterholt. Dann bricht er bei der ersten Morgendämmerung auf, um noch vor dem hellen Tage in's Gemsenrevier zu kommen. Genau bekannt mit den Weideplätzen und den Sulzen, (d. h. den Salzleckplätzen) der Thiere, sucht er ihnen je nach der Wndrichtnng von oben oder von der Seite beizukommcn. Ist er denselben nahe gerückt, — 759 — so postiri er sich hinter einem Felsen, um von hier Ausschau zu halten. Hat er dann Thiere erspäht, so versucht er sich ihnen auf etwa 100 Schritte zu nähern, indem er vorsichtig vorwärts geht und jedes Geräusch vermeidet. Jetzt hat er ein Thier iu Schußweite, das Gewehr wird angelegt, dann einen Moment gezielt, ein leises Knacken des Hahnes, eine secundeulange Pause, und donnernd wiederhallt der Schuß in den Bergen. Die Gemsen jagen in wilder Flucht davon, daß die Steine und Kiesel iu die Tiefe rollen, das getroffene Thier springt hoch empor. Ein kräftiger Jodler erschallt, es ist der Jäger, der freudig seiner Beute zueilt, sie ausweidet und dann zu Thal trägt. Zur Genisenjagd gehört also ein sicheres Auge und eine ruhige Hand, denn ein angeschossenes Thier ist für den Jäger so viel wie verloren, da es noch Stellen zu erreichen sucht, die dem Menschen unzugänglich sind, wo es dann verendet und eine Beute der Adler wird. ----- Mit sinkendem Tage verließen wir das Gcmsrevier wieder. Noch weideten scheulos in der Thalmulde zwischen dem Krottenkopf und dem Bischof die Gemsen, die wir beim Hinaufsteigen zuerst zu Gesicht bekommen hatten, lind selber rannten wir der flüchtigen Gemse vergleichbar den Berg hinab und nach guten zwei Stunden schon saßen wir traulich in Partenkirchen beisammen. Später einmal hatten wir in fröhlicher Gesellschaft unsere Beobachtungen iu der Welt der Gemsen mitzutheilen. Manch Abenteuer, auf der Gemsen- jagd erlebt, wurde nun am Tische erzählt, manch Jägerschwank zum Besten gegeben. Und wißt ihr auch, sprach ein alter, liebenswürdiger Herr, die Geschichte von jenem Wildschützen, der am heiligen Charfreitag auf der Gemscnjagd von einem Förster überrascht wurde. Es war droben am Karwendel. Da saß er hinter einem Felsen auf der Passe, und bekam keine Gemse, aber einen Förster z» sehen, der ihn rücklings überraschte und aufforderte, sein Gewehr abzulegen. Gemüthlich erhob sich der Wilderer, und indem er seine Waffe auslieferte, sprach er mit mahnender Stimme zum Jäger: „Aber Jaga, net amal hcunt gehst in d' Kirch'!" Es ist eiu eigenes Volk, das Volk der Berge! So nehmen wir denn hicmit Abschied von den Gemsen des Krottenkopf's und voui schönen Loisachthal überhaupt. Es ist eiu prächtiges Stück Erde, das wir mit heranrückendem Winter verlassen mußten. Geb's Gott, daß wir mit den Lerchen des Frühlings wiederkehren und einige Zeit im reizenden Partenkirchen und unter seinen lieben Bewohnern zubringen dürfen! So prächtig und wahr sang ein Verehrer der schönen Landschaft im Februar 1883: Partenkirchen! Welch Reiz liegt doch in den wenigen Silben, Immer zog's mich zu dir, du Perle der bayrischen Alpen. War es zur Zeit, wo der Lenz die ersten Knospen getrieben, War es, wenn tropische Gluth schmolz von den Bergen den Schnee, Oder wenn herbstlich gefärbt das Laub sich an Ahorn und Buchen, Oder wie jetzt, wo die Flur decket ein winterlich Kleid. Ewig bleibst du schön! Am 21. Oktober 1883. Der rechte Glaube. Wollt ihr Gutes, habt ihr auch den Frieden! Glanbenszwiste wären längst entschieden, Faßt man nur stets das Ziel in's Auge: Gottes Reich zu gründen schon hienicden. Was uuS trennt, ist sicher nicht das Wahre, Doch man kramt mit Silben, spaltet Haare, Setzet Mücken und verschluckt Kamcelc, Macht Gerades schief und trübt das Klare. Willst du prüfen, wo der rechte Glaube Sich dir nahe gleich der Friedenstaube, Hör' den Meister! Forsche nach den Früchten; Denn von Dornen liest man nicht die Träubel F. Beck. 760 Himrnelsscha» im Monat Dezember. — >. Venus 9 zeigt sich gegen Ende einige Zeit als Abendstern im SW. Mars F läuft im Löwen vorwärts, kommt 9 Uhr Abends über den nordwestlichen Horizont, erreicht schon nach 4 Uhr früh den Meridian und steht am 18. nördlich vom Monde. Jupiter H geht auf zwischen 8 Uhr und 6 Uhr Abends im Krebse und steht am 16. nördlich vom Monde. Von seinen Trabanten werden sichtbar verfinstert: der erste am 7., 8., 14., 16., 21., 23., 24., 30., 31.; der zweite am 2., 9., 16., 23., 26.; der dritte am 7., 14., 22., 29.; der vierte am 12., am 28. Saturn H geht auf zwischen 4 Uhr und 2 Uhr Nachmittags, kommt zuletzt schon 10 Uhr Abends zur Culmination und ist die ganze Nacht sichtbar. Am 13. früh 2 Uhr wird Saturn vom Monde bedeckt. Der Durchmesser der Saturn-Kugel beträgt 18, die Durchmesser der Ringaxen 46 und 20 Bogenscknnden. Mise eilen. (Heiteres Erwachen.) Ein Gymnasiallehrer, dessen Vortrage sehr gründlich, aber etwas weitläufig waren, pflegte, vielleicht im dunkeln Bewußtsein, letzterer Eigenschaft, dieselben ab und zu durch einen Witz eigener Fabrik zu würzen, und die Schüler hatten ihm bald abgemerkt, daß er es übelnahm, wenn über solche Witze nicht gelacht wurde. Eines Tages, als er eben wieder begonnen hatte vorzutragen, sagte ein Schüler leise zu seinem Nebenmann: „Du, ich schlafe ein bißchen! wenn er einen Witz macht, so gieb mir einen Stups." Und somit ergab er sich dem Schlaf eines Gerechten. Zufälligerweise würzte der Herr Professor aber heute seine Rede nicht, sondern unterbrach sie nur, um Fragen zu stellen. Als er zur Beantwortung einer solchen den Namen des selig Schlammerden anrief, gab dessen Nebenmann ihm einen heftigen Stups in die Seite. Er wurde jählings wach und brüllte los: „Ha! Ha! Ha! Ha!" (Im Lande der Mormonen), in Ütah, wollte ein Engländer einen Vorirag halten und einen dazu passenden Saal miethen. Man wies ihn an einen Mann, der im Besitz eines solchen war und sich dazu bereit erklärte. „Wie viele Familien", fragte der Reisende, „faßt der Saal?" — „Hm!" war die Antwort, „ungefähr nenn Familien." — „Was? Nicht mehr? Das wird nicht genügen. Wie viel Personen rechnet Ihr denn auf die Familie?" — „Nun, vierzig bis fünfzig natürlich." — „Ja, dann!" (Zu anspruchsvoll.) Ein Heirathsvermittler bietet einem Ehestandskandidaten eine Partie an, welche dieser ansschlägt. „Sagen Se mer doch, was machen Se für Ansprüche an e' Frau?" fragt Ersterer. „Ich will haben eine Frau," entgegnete der Andere, „erstens mit viel Geld, zweitens muß sie schön sein, drittens gebildet und viertens aus guter Familie." — „Haißt e'Geschäft," sagt der Heirathsvermittler, „wissen Se, daraus mach' ich mindestens vier Particen!" (Aus der Dorfschule.) Es ist erschrecklich, wie realistisch in dieser Zeit des Dampfes selbst die Kinder sind. Diktirt da neulich ein ehrsamer Dorfschnlmeister seinen Buben unter Anderem den Satz: „Lconidas kämvfte mit den Seinen bis zum letzten Athemzug." Und wie er die Sache nachsieht, bemerkt er zu seinem Erstaunen, daß sich Peter, des Bahnwärters Sohn, die Sache ganz anders vorgestellt hat. Der Junge hatte geschrieben: „Lconidas kämpfte mit den Seinen bis zum letzten Nbendzug." (Amtsstiel.) Auf einer Bastei war bis vor Kurzem noch folgende Weisheit zu lesen: „Den Gästen wird das Einschneiden ihrer Namen in Tische und Bänke gehorsamst untersagt; zu diesem Zwecke ist das Fremdenbuch vorhanden." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag deS Litcrarischcn Instituts von Dr. Max Huttlcr. Nr. 96. 1883. »m „Äugstzurger KojiMung." Samstag, 1. Dezember Der GpatrLng. Roman aus dem Englischen von E. E. (Fortsetzung.) Erst gegen ein Uhr, die Zeit, wo Faucourt in der Regel seinen Besuch machte, begab sich Lena hinunter. Aber es schlug eins und er erschien nicht. Stunde auf Stunde verging und er kam nicht. Weder Mrs. Dalton noch Lena fiel seine Abwesenheit, die sie dein Uebermaß der Geschäfte zuschrieben, airf. Bertha allein fand es beunruhigend. Bei jedem Geräusch fuhr sie erschreckt, von bösen Ahnungen ergriffen, zusammen. Es war ihr kaum möglich, den Befehlen ihrer Mutter die erforderliche Aufmerksamkeit zu schenken. Gegen halb zwei Uhr trat Sara in's Zimmer, wo die Damen, von dem Brautstaat umgeben, beisammen saßen und meldete, eine junge Person sei in der Küche und wünsche Miß Lena zu sprechen. „Sie ist ganz außer Fassung, will aber ihren Auftrag nur au Miß Lena selbst ausrichten." „Mich wünscht sie zu sprechen? Wie sonderbar!" Aber schon bald kehrte Lena hastig zurück und sagte: „Das ist eine seltsame Geschichte, Mama, ich verstehe sie nicht. Ihre Herrin sä sterbend und schicke deshalb nach mir, da sie mich in wichtiger Angelegenheit zu sprechen wünsche. Sie könne eher keine Ruhe finden, da sie die Dame sei, welche den Opalring besitze." „Den Opalring? Mein Himmel!" rief Mrs. Dalton aus. „Habe ich nicht immer gesagt, er würde noch einmal zum Vorschein kommen? Die arme Frau! Vermuthlich hat sie Gewissensbisse und nun, wo sie erfahren, daß der Ring Dir von Rechtsweg« zukommt, will sie ihn Dir lvahrscheinlich übergeben. Geh' zu ihr hin, mein Schatz. Wohnt sie weit von hier?" „Ja, in der Nähe von Box-Hill in Surrey." „Du lieber Himmel, wie unbequem! Ich kann unmöglich mit Dir gehen", fuhr sie verdrießlich fort. Den Hock^eitSkuchen sowie den Brautkranz und die weißen Handschuhe muß ich heute noch bestellen und gewiß kommen Sir Stephan und Lady Langley im Lause des Tages hierher; sie sind ja schon seit gestern Abend in der Stadt." „Eigentlich weiß ich nicht recht, ob ich hingehen soll oder nicht", sagte Lena; «es ist kein großes Vergnügen, eine Sterbende auszusuchen." Bertha, welche sich bis dahin schweigend verhalten hatte, kam es vor, als ob das, was fie den ganzen Tag über erwartet, hierdurch in Erfüllung gehe. „Oh, ich bitte Dich, gehe hin, — wer weiß, wieviel davon abhängt! Mama, dürfte ich Lena nicht begleiten? Ich kenne den Weg hinlänglich, da ich ja früher in bvrtiger Gegend Unterricht ertheilte. Wir wollen zusammen hinfahren, Schwester." In ihrer Erregung war sie v'on ihrem Stuhle in die Höhe gesprungen. 762 „Weshalb regst Du Dich so darüber auf? Dazu ist doch kein Grund vorhanden", eutgegnetc Lena, noch immer unentschlossen. Doch der Wunsch, in den Besitz des echten Ringes zu gelangen, trug den Sieg davon. „Nun, wenn Bertha mit Dir geht, so habe ich nichts dagegen einzuwenden: es wäre freilich jammerschade, wenn Du den Ring nicht erhieltest. Ich hoffe nur, Du nimmst ihn besser in Acht, als Bertha dies that. Was soll ich aber dein armen Mr. Fancourt sagen, wenn er hierher kommt." „Der arme Mr. Faucourt wird sich trösten müssen", erwiederte Lena mit verächtlicher Miene. „Ja, ich will hingehen, komm Bertha!" „Auf der Stelle werde ich Dir folgen; ich bin doch noch gleichzeitig mit Dir fertig", antwortete diese und begab sich zur Küche, um das Mädchen, welches noch immer weinte, näher auszufragen. Außer der bestimmteil Angabe des Wohnortes erfuhr sie auch, nichts Näheres von ihr. Mau habe ihr befohlen, Miß Dalton zu ersuchen, sie zu begleiten, gab sie an; mehr konnte oder wollte sie nicht sagen. Nachdem Bertha die alte Martha beauftragt hatte, dem Mädchen eine kleine Stärkung vorzusetzen und Sara befohlen, eine Droschke zu holen, ging sie zu Lena hiirauf. Als der Wagen an der Thüre hielt, waren die Schwestern reisefertig; sie stiegen mit der Fremden ein und fuhren eiligst zum Bahnhofsgebäude. E i n u n d d r e i ß i g st e s Capitel. Lord Alphington stand im Begriffe, nachdem er für seine Gäste Sir Stephan und Lady Langley die Equipage geordnet hatte, sich in sein Bibliothekzimmer zurückzuziehen. „Ich habe keine Lust, mich den ganzen Morgen, von meiner alten Frau, am Gängelbande herumführen zu lassen", sagte Sir Stephan, „und werde bald wieder zurück sein. Den Dalton's können wir nach dem zweiten Frühstück unseren Besuch machen. Wo steckt ihr Juwel von Enkel? Es ist doch auffallend, daß er gar nicht zum Vorschein kommt." „Ja, sehr auffallend; ich erwarte ihn schon gestern Abend. Wahrscheinlich hat er sich direct nach Joy Cottage begeben." Sir Stephan schritt, seine Gattin erwartend und ein Seemannsliedchen vor sich hiu summend, im Frühstückszimmer aus und ab. Lord Alphington schloß die Thüre. Fast beneidete er den alten Herrn seines guten Humors wegen. „Er hat aber auch nicht alles verloren gleich mir", rief der Earl schmcrzerfüllt aus, als seine Augen auf dem Portrait des Sohnes haften blieben. Der Aufenthalt in der Stadt sagte ihm nur wenig zu. Um politische Angelegen Heiken kümmerte er sich nicht mehr und die Klatschgeschichten der Clubs hatten für ihn kein Interesse. Die ländliche Ruhe stand mehr im Einklang mit seinem traurigen, durch Unglücksfälle unterjochten Geiste und der arme alte Mann fand seinen einzigen Trost darin, das Wohl seiner Untergebenen zu fördern und den Armen nach Kräften bei- zustehcn. Seiner gewohnten Ordnung gemäß, setzte er sich an den Schreibtisch, um seine Correspondenzcn zu erledigen. Hiermit fertig nahm er die „Times" zur Hand. ES war kalt draußen. Grauer Nebel lag auf der Stadt: er schauderte zusammen und rückte Näher an's Feuer. Nachdem er die Zeitung dnrchgelesen, blickte er auf die Uhr, da er Sir Stephan zurückerwartete. Anstatt seiner trat der Kellermeister ein und meldete, Mr. Thomson bitte seine Lordschaft um eine geheime Unterredung. Ueberrascht befahl Lord Alphington den Rcchtsanwalt sofort zu ihm zu führen. Dieser stürzte in solch verwirrtem Zustande in's Zimmer, als ob er eben einen derben Schlag erhalten habe. 763 „Um des Himmels willen, Thomson, was ist passirt?" rief der Carl erschreckt über das Ansschcn seines Geschäftsführers aus. „Mylord, ich weiß keine Worte zu finden, um mich Ihnen verständlich zn machen", begann Mr. Thomson, dankend den Stuhl einnehmend, welchen der Earl ihm anbot. Zu meinem größten Bedauern und meiner Schande muß ich bekennen, daß wir auf großartige Weise hintergangcn und überlistet worden sind und zwar von dem vollendetsten Böscwicht, den die Erde trägt! So etwas hat sich noch nicht ereignet seit Thomson und Cratchit eine Firma bilden — und das war zur Zeit, meines Großvaters und Mr. Cratchit Großonkels." Er hielt einen Augenblick inne, um Athem zu schöpfen. Bitte erklären Sie sich, Sie haben mir etwas Unangenehmes mitzutheilen. Reden Sie nur, ich bin auf schlimme Nachrichten gefaßt." Ja, es ist so, Mylord. Der junge Mann, welchen wir als Mr. Fauconrt empfingen, hat kein Recht auf diesen Namen; er ist ein Betrüger, ein — dem Willen nach, ein Mörder! Dem Himmel sei Dank, daß Sie nicht als Opfer seiner geheimen Ränke gefallen sind", rief Mr. Thomson, von seinen Gefühlen überwältigt, aus. Einige Augenblicke starrte ihn der Earl unverwandt an, als ob er befürchte, der gute Mann habe den Verstand verloren. „Was sagen Sie da? Höre ich recht? Wie kann das sein? Haben Sie nicht die Beweise geprüft? Sie schienen doch alle richtig zu sein, als Sie mir dieselben vorlegten." „Mylord, ich hatte sie genau untersucht; die Papiere sind alle gültig, nur wurden sie uns durch den unrechten Mann zugestellt. Es ist jetzt klar erwiesen, daß sie gestohlen waren." „Barmherziger Himmel! Wann ist dies entdeckt worden?" „Der rechtmäßige Mr. Fauconrt, welcher unter dem Namen St. Lawrence —G „St. Lawrence?" unterbrach ihn Lord Alphington. „Ist es ein Maler? Sahen Sie ihn?" „Er ist derselbe", bcstättigte Mr. Thomson, erstaunt über das ungestüme Benehmen des Earl. — Ich habe ihn noch nicht gesehen." „Aber ich; erst gestern sah ich ihn. Er ist das Bild meines verlorenen Sohnes. O Gott, was gäbe ich darum, daß dies wahr sei. Jedoch war er noch zu verwirrt, um alle die Veränderungen welche diese Entdeckung mit sich brachte, vollständig begreifen zu können. „Erzählen Sie mir die einzelnen Umstände", sagte er nach einem kurzen Schweigen, welches Mr. Thomson nicht zu unterbrechen wagte. „Erzählen Sie mir Alles, was Sie wissen." „Wie es scheint, war St. Lawrence, ich darf ihn wohl einstweilen noch mit dem Rainen, welchen er sich selbst beigelegt hat, bezeichnen — in der Absicht von Amerika hierher gereist, um Ihnen die Beweise seines Gcburtsrechtes vorzulegen. Unterwegs wurde ihm die Schatulle, welche dieselben enthielt, durch einen kleinen Franzosen, Pierre Lemout, auf Anstiften Scdlcy's gestohlen. St. Lawrence setzte gleich nach seiner Ankunft sofort die Polizei .in Kenntniß und ein gewandter Geheimpolizist verfolgte die Sache. Als Sie die Anzeige von dem verloren gegangenen Ringe machten, glaubte man, dieser geringere Dicbstahl werde zur Aufdeckung des größeren beitragen und vertraute die beiden Fälle demselben Manne an. Diese Vermuthung hat sich als richtig herausgestellt — die ganze Geschichte ist vermittelst des Ringes an's Tageslicht gekommen." „Aber als Sedleh Ihnen die Beweise überbrachte und öffentlich den Namen Fan- court annahm, mußte St. Lawrence doch wissen, wer der Dieb sei", wandte Lord Alp- hington ei». „Gewiß wußte er das, Mylord, aber wie hätte er beweisen können, daß er bc- stohlcn worden sei, daß er überhaupt je diese Papiere besessen habe? Die beiden junge» Leute sind Vettern im gleichen Alter und auf denselben Namen „Eustace Sedley" getauft. Ich weiß nicht, ob es Ihnen bekannt ist, daß Mr. Faucourt in Amerika nach seiner Berheirathnng den Namen seiner Frau führte; aus welchem Grunde er dies that, wird man wohl jetzt nicht mehr in Erfahrung bringen können." „Ich errathe ihn", sagte der Earl seufzend. „Bitte, fahren Sie fort." „In Folge dessen hieß also auch der Sohn Eustace Sedley. Der Mensch, welcher uus diesen schändlichen Streich gespielt hat, ist der Sohn eines Bruders von Mr. Fau- court's Gattin." „Woher wissen Sie dies Alles?" frug der alte Herr, sich noch immer fürchtend, dem Gehörten Glauben zu schenken." Riggs, der Geheimpolizist, welchem, wie ich eben erwähne, beide Sachen übergeben worden waren, verkleidete sich und bestach den Diener Sedlcy's, dessen Stelle er übernahm", fuhr Mr. Thomson in seinem Berichte weiter fort. „Wie Sie sehen, Mylord, wußte Riggs ziemlich genau, mit welchem Manne er beginnen müsse und er hatte ebenfalls den schlauen Verdacht, daß der Bursche, welchen Miß Bertha Dalton als den Eigenthümer des Ringes beschrieben, auch den größeren Dicbstahl verübt haben müsse. Deshalb versuchte er, Näheres über ihn in Erfahrung zu bringen und hierzu benutzte er den Diener der Mrs. Sedley. „Mrs. Sedley? Von wem sprechen Sie nun?" „Von der Frau dieses Sedley, Mylord; er heirathete eine hübsche Französin, Julie Lemont, Schwester dieses Pierre, welcher zur besseren Aufklärung des Falles viel beitrug, indem er zuerst den Opnlring stahl und denselben dann wieder verlor." „Verheirathet?" stieß Lord Alphington entsetzt hervor. „Und das hübsche Mädchen Hjiß Dalton sollte geopfert werden!" „St. Lawrence und Riggs waren übereingekommen, wenn die Verhaftung nicht frühzeitig genug erfolgen könnte, gemeinsam aufzutreten und wenigstens das Aufschieben der Hochzeit zu veranlassen. Mr. St. Lawrence wußte nicht, daß sein Vetter verheirathet sei, sonst würde er die Verlobung mit Miß Dalton sofort rückgängig gemacht haben; aber wie ich Ihnen sagte, Mylord, hörte Riggs durch den Diener der MrS. Sedley, wo jener Pierre sich aufhalte. Die Polizeibehörde telegraphirte nach Frankreich, Lemont wurde verhaftet und hat schon seinen Antheil an dem Diebstahlc eingestanden. Nun kommt noch der schlimmste Theil meines Berichtes. — Diese Mrs. Sedley ist eine leichtfertige Person ohne alle Grundsätze; jedoch unterliegt es keinem Zweifel, daß sie bei diesem Bösewicht von Gatten ein jammervolles Leben geführt haben muß. Als Sedley Miß Dalton zuerst erblickte, verliebte er sich, wie es scheint, in sie, und beschloß daher, fein Weib bei Seite zu schaffen, um sie heirathen zu können. Zuerst versuchte er es, sie zu überreden, das Land zu verlassen, und da sie sich entschieden weigerte dies zu thun, vergiftete er sie." „Er vergiftete sie?" wiederholte Lord Alphington, auf's Tiefste erschüttert. „Darüber herrscht gar kein Zweifel mehr. Riggs verhütete das Gelingen dieses Berbrechens. Sedley hatte die Wirkung des Giftes an seinem Jagdhunde versucht und da Riggs etwas Derartiges vermuthete, brachte er den Hund zu einem Thierarzte; dort wurde er getödtet, untersucht und das Gift constatirt. Die Flasche Medizin sowie der Branntwein, welchen Sedley seiner Frau gab, enthielten dasselbe Gift. Es gibt für den Elenden keine Ausflucht und Rettung inehr. Gestern Abend wurde er wegen Betruges und Vergiftungsversuches auf der Eisenbahnstation verhaftet und befindet sich nun in sicherem Gewahrsam." (Fortsetzung folgt.) 765 Die Gymnastik oder Körperbewegungen. Von vr. I. A. Schilling. * Bor vierzig Jahren, als ich schon daran war, zmn Gymnasium meiner bischöflichen Vaterstadt „aufzusteigen", dachte man noch kaum an Gymnastik selber. Niemand hat uns auch gesagt, daß Gymnasium eigentlich ein Institut sei, in welchem nach dem Muster der alten Griechen, von denen wir doch den Namen entlehnten, eigentlich die Pflege des Körpers znr Bildung, Schönheit und Stärkung des Leibes gepflegt werden sollte. Wir hätten auch kaum Etwas von der Kalokagathta der Athener d. i. der körperlichen und geistigen Schönheit der Gricchenjnnglinge gewußt, wenn nicht Halm's griechisches Ucbersctzungsbuch einen ähnlichen Sah gebracht hätte. — „Die Quelle und Wurzel der Kalokagathic ist die Erziehung", lautete der erste Satz in genanntem Buche. Uns war das Gymnasium nicht der lichtvolle Spielplatz zur Körperübuug, sondern ein massiv viereckiges, dreistöckiges, dunkles Quaderstein-Gebäude, in dem uns die Herren Professoren das -r nrc» ^ rc. eintrichterten oder uns mit den Dietrichen der mathematischen Wissenschaften d. i. den Ziffern » b a rc. die pythagoräischen uud andern Euclid'schen Lehrsätze in's jugendliche Gehirn einzubohren sich bemühten. Und die Reden des Demosthcnes und des alten Homers Jlias, wie schwer wurden sie unter Seufzern verdolmetscht in harkgcbrochencin Deutsch, wenn wir von dem lichtblauen, hellenischen Himmel träumend in unserer finsteren Schnl- stube den dumpfen Odem der nachbarlichen „Fcuergasse" ciuschlürfteu. — OI hätte ein Lucian oder Solon unser „Gymnasium" sehen können! — Welch' ein Pcnthatloul — Als wir noch jünger waren und noch die Elementarschule besuchten, thaten wir uns mit der wirklichen Gymnastik schon leichter, ohne das Wort noch gekannt oder verstanden zu haben. Die mit Kastanienbäumcn besetzten Hügel hinter unserer Schule am I.. berge waren unser Lieblingstummelplatz und ohne noch etwas von der Gesundheitslehre des Apostels und Natnrarztes Rikli zu wissen, der im Barfußgchcn mit Recht viel Gutes findet und ohne den Fechtlchrer und Poeten Peter Henrik Ltugg auch nur dem Namen nach zu kennen, übten wir uns viermal des Tages inr Springen, Klettern, Wcttlauf, Ringen und dergleichen Künsten. Nicht selten freilich aus Kosten der Kleider! Wohl war dies keine regelrechte Gymnastik, — doch war sie wohlthuend und gesund zugleich. Und heimlicherweise, wenn Eltern und Verwandte ferne waren, übten wir uns auch im Barfnßlanfen und trugen die mit einer Schnur zusammengebundene Stiefel um den Hals, über beide Achseln geschlungen. In der Nähe unserer heimathlichen Herbergen zogen wir heimlich dies Schuhwerk wieder an den Leib, damit die durchaus mit solchem Gangwerke nicht einverstandenen Herrn und Frauen Eltern unser vorheriges Thun nicht entdeckten. An den Abenden führten wir um einen freistehenden Häufcrstock, dessen vier Ecken von einem Strumpfwirker, Schreiner, Feilcnhauer und Schiffer bewohnt waren, das Nachlauf- und Ver- stcckenspiel auf, wobei es vieler Gewandtheit der Füße bedurfte, um nicht ertappt zu werden. Wir aber liefen und schrieen und rannten jubelnd ohne Unterlaß. — Der alte Strumpfer schimpfte über den Lärm, wie ein invalider Profose und der schwindsüchtige, bucklige Schreiner verfolgte uns manchmal mit dein Maßstabe. — Hätten wir damals schon gewußt, daß der Hellene seine Götter die Freunde des Spieles nannte, wir hätten diesen griesgrämigen Spielfeindcn gewaltig die Meinung gesagt. - - Wir waren damals gesunde, frische, wenn auch mitunter noch kleine Knirpse, jedoch sind auch manche der damals laufenden und springenden Jnngcns geistig und körperlich große Männer, manche helle Lichter in Kirche und Staat geworden. Wir waren stolze, lateinische Geier. Da klopfte es eines Nachmittags an der Thüre unseres Schulzimmers. Der Pedell mit seinem grauen Schnurrbarte, — ein gewesener Wachtmeister — trat herein und rief: „Heute Abend um 5 Uhr wird geturnt!" — „Geturnt!" — welch' neues, welch' ein vielsagendes Wort, das uns seine 766 Bewegung auf der Wiese ii» Eichenwäldchen neben dem schönen Flnßnfcr in Aussicht stellte! - Es war ein schöner Iunitag! Das „Turnen" der Studenten war für die Bewohner meiner Vaterstadt damals eine neue Erfindung gewesen. — Ich ließ mir aber, noch bevor ich den Marsch nach dem eine halbe Stunde von meiner Wohnung entfernten, mit allen Reizen der jugendlichen Phantasie reichlich ausgestatteten, Turnplatz antrat, noch etwas an meinen Stiefeln ausbessern. — „Mein alter Schuster sagte: „Aha! heute geht's ja zum ersten Male zum „Turniere!"? Ja zum „Turniere", sagte ich, harrend der in Reparatur befindlichen Stiefel und der Turnicrkünste, die da kommen sollten. — Mir war fast ein wenig bange! Und unsere Bürgerschaft, wenigstens ein guter Theil derselben, hielt Turnier und Turnen für gleichbedeutend. Meine selige Großmutter aber behauptete, dies wäre wieder so eine neue Erfindung, um die Beinkleider unter besseren Ausreden, — gleichsam officiell würde man heut sagen, — zerreißen zu können. Der Turnplatz war erreicht, blank und nackt und ohne jedwelchc Vorrichtung. Die schon früher Angekommenen lagen singend und johlend im Grase. Wir wurden nun klassenwcise in Reih' und Glied auf dem schönen Plane aufgestellt und wie angehende Soldaten hin und her gejagt; rechtsum, linksnm! u. s. w. — Den Herrn Turnmeister spielte unser Pedell — von der schlimmen Jugend „Pudel" genannt. Dann brach ein Donnerwetter los. Durchnäßt bis auf die Haut kamen wir nach Hause. Dennoch war es da draußen recht schön gewesen, wenn auch die besorgten Mütter zankten ob der „dummen Prinzipien", die man jetzt auf den Schulen einführe, — die durchnäßten Kleider beklagten und H ollerth ec kochten, damit der junge Student von seinem ersten Turniere keinen Katarrh davon trüge. — Es war 20 bis 22 Jahre später. — In München hatten insbesondere viele meiner Bekannten aus den Künstler-, Studenten- und dergleichen Kreisen sich vielfach mit der Jahn'schen Turukunst beschäftigt und gingen daran, Vereine zu gründen. Die Debatten spielten im grünen Hofe! Als ich im Jahre 1861 für das Abendblatt der „Neuen Münchner" Zeitung unter der verantwortlichen Redaktion meines Landmauncs I. N. Vogel eine Studie über das „Ideal der körp erlichen Bew egun gen oder der Gymnastik der Hellen en" geschrieben hatte, da glaubte man der leibhaftige „Gottseibeiuns" wäre los. Man witterte manches Aufwieglischc, Feindliche in der Turncrei und der Wahlspruch „frisch, froh, fromm und frei" und die Erziclung körperlicher Jugendkraft war Vielen ein Dorn im Auge. Man hätte fast meinen können, ein hinterm Ofen hockender Krüppel wäre mehr werth wie zwei thatkräftige, muskelgeübtc Turner. Wieder sind mehr als 20 Jahre verstrichen. Wer heute die Zeitungsberichte über Tnruerfahrten, Turnerfeste, Tnrnerwettspiele, Turnerbälle u. s. w. liest, wird in dem Glänze der Turnerei von heute sich kaum mehr ein Bild von ehedem zu machen im Stande sein. Vor 40 Jahren hieß es: Vorwärts, rechtsum 1, 2, 3! — kehrt euch! rückwärts 4, 5, 6 bis 21, 22! — Vor 20 Jahren galten schon die für gymnastische Künstler, welche ein paar Arm- ober Kniewellen nach einander am Recke oder ein paar breite Sprünge am Barren ordentlich zu Stande brachten. Heute glaubt man bei den Turnproduktionen ein Steinschleudern, Wettsprünge, Klettern und dergleichen oft eine Abtheilung der indianischen Drachentruppe vor sich zu haben, die auf freistehenden und frcibalancircnden Leitern Serenaden, Flöten und Walzer geigen u. s. w. — Manche um des lieben Geldes oder Brodes halber sich produzirenden Acquilibristen müssen hinter vielen unserer Turnerhelden von heute zurückstehen. — Und auch ein 767 Herzog Christoph würde jetzt seines Gleichen iin Steinwcrfcn finden. — Das müßte gerade nicht sein und die Hellenen führten auch keine halsbrecherischen Kunststücke anf in ihrem Pentathlon. Aber Schaden bringen solche Leibesübungen für Den, der dazu gewüthet und geeignet ist, sicher nicht. Bedenken wir nur welch' hohen Segen und Nutzen der gliedergewandte, kühne und unerschrockene Steiger der Feuerwehr bringen kann und in Nothfällen wirklich bringt! Kühnheit und geistige Fassung müssen die Begleiterinnen derlei Turncr-Knnststücke sein, das Vertrauen auf diese gelenke Kraft ist zu gar Vielem und in manchen Gefahren gut und nütze. „Der junge Mann soll und mutz sich körperlich üben, er muß turnen'', — ist ein heute Gottlob! allerwärts anerkannter pädagogischer Grundsatz, damit „in der schönen Form die schöne Seele" die Kalogathia d. i. die Güte und Schönheit der klassischen Alten sich voll und ganz zu entwickeln im Stande sei. Darum betete auch der Spartaner znm Zeus: „Gib uns zum Guten das Schöne d. i> znr geistigen, idealen Schönheit das körperliche Wohlbefinden!" — und der Bittende ward erhört vom mächtigen Gotte. — Man glaube aber ja nicht, daß die Tnrnerei oder Gymnastik erst eine Erfindung der klassischen Völker gewesen. Die Gymnastik d. i. die Nebnngcn des Körpers und zwar sowohl die, welche dazu bestimmt sind, den Körper abzuhärten und vor Krankheiten zu schützen, wie auch die, wodurch man körperliche Leiden zu heben suchte, sind so aIt, als das Menschengeschlecht mit all seinen Gebrechen des Körpers selber. Die Hauptbchandlnng der Krankheiten, welche bei den früheren, noch im Naturzustände lebenden Menschen nicht so complizirt und intensiv wie heute waren, bestand in einer mehr äußerlichen wie dies heute noch bei den Negern an der Goldküste und anderer Nationen der Fall ist. Hat man ja auch bei uns in der jüngsten Zeit wieder znr sogenannten Massage d. i. der alten Muskelknctnng, Klopfung und dergleichen gegriffen und hicdnrch vielfach die schönsten Heilungen erzielt. So bedienten sich schon die Inder und Aegypter, die vorzugsweise ersten Kulturvölker des Alterthums der mechanischen Einwirkungen — einer Art Massage bei Krankheiten. Von den Acgyptcrn empfingen die Griechen ihre Cultur und bei diesen erreichte die Gymnastik ihren Glanzpunkt. Die griechischen Gymnasien waren genaue.Kenner des menschlichen Körperbaues. Von diesen „Gymnasiasten" ließ man sich ebensowohl von Krankheiten heilen, wie sich körperlich ausbilden und vor Kranksein bewahren. Schon Hippocrates, der Altvater der rationellen .Heilkunde, sgwie G a l c n u s (im zweiten Jahrhundert nach Christus) schrieb sogar eine Abhandlung über den diätetischen Nutzen der Körperbewegungen. Bei den Römern war es Aselcpiades, 100 vor Christus, welcher der gymnastischen Heilkunde eine bestimmte Grundlage gab, anf welcher Arown, Lingg und Andere weiterbantcn. Später war es Celsus, der mit Feuereifer die Gymnastik vom diätetisch heilenden Standpunkte aus empfahl. Mercnrialis Sydcn- ham im 17., Füller, Fissot im 18. Jahrhunderte, waren es, welche der Gymnastik wieder ihr volles Recht in der Heilkunde einräumten. — Die Gymnastik in ihrer Blüthezeit war nicht nur die wahrste Erzieherin, sondern anch der beste Arzt und die sicherste Bcwahrerin vor Krankheiten, ebenso das einzige und einfachste Mittel, Körper und G e i st gleichmä ß i g gesund zu erhalten. Die Vorbeugung vor Krankheiten d. h. deren Verhütung, die zehnmal einfacher und leichter ist als die Heilung wirklich vorhandener Leiden — bildet aber nicht nur den Hanptbcstandtheil der modernen Heilkunde in der sogenannten Hygieine, sondern 'wird auch vorzugsweise die Heilkunde der Zukunft sein. Schon Hnfeland 768 sagt in seiner Macrobiotik d. h. in der Kunst lange zu leben: „Wenn ich daS Natürliche (Physische) am Menschen beobachte, so behauptet Friedrich der Große, so kömmt es mir vor, als hätte uns die Natur mehr Zu Postillon' s als Ansitzenden Gelehrten geschaffen." — Dieser Ausspruch ist vollkommen wahr. Mechanische Arbeit ist aber eine der besten Körperbewegungen. Allzu oft aber findet der Mensch in der körperlichen Arbeit viel zu wenig Genuß und im Genusse allzn- tvcnig Arbeit. (Schluß folgt.) M i s e e H e 11. (Von der verschwenderischen Pracht,) welche am Hofe König Friedrich des Ersten herrschte, erhält man einen ungefähren Begriff, wenn man dem Bericht folgt über die Feierlichkeiten, welche am Berliner Hofe stattfanden, als der König im Mai 1700 seine Tochter mit dem Erbprinzen von Hessen verheiratete. Einen Mvuat fast dauerten die Hoffestc. Alle Kleider, welche dazu getragen wurden, waren aus Frankreich, die Tonkünstler, Sänger und Schauspieler aus Wien, Paris und Dresden verschrieben. Der Anzug der Braut kostete vier Millionen Thaler und wog einen Zentner, weßhalb sechs Kammerfränlein, die noch voll zwei Endelknaben unterstützt wurden, die Schleppe tragen mußten. Die Tafel, an welcher der Hof speiste, ward mit 500 Gerichten besetzt, und diese Besetzung geschah in einer halben Stunde, während welcher Zeit der Küchenmeister noch 86 andere Tafeln zn versorgen hatte, denn an so vieleil Tischen speisten die Gäste. Bei solcher Wirthschaft waren Steuern auf Steuern unvermeidlich. Blau besteuerte schließlich sogar die Perücken. Jeder Perückenträger mußte je nach Beschaffenheit der Perücke 6— 25 pCt. Steinpel zahlen. Ein Franzose hatte diese Abgabe gepachtet, und nicht selten kam es vor, daß Jemand auf der Straße angehalten und erst die Perücke, welche er trug, auf den Stempel geprüft wurde. Damals standen die Grafen Wartenberg, Wartenslebcn und Wittgcnstein an der Spitze des Staatswesens und im Stillen sagten die Brandenburger, mit Bezug auf die gleichen Allfangsbuchstaben dieser drei Namen: „Uns drückt ein dreifaches Weh!" (Ein Dokument fürstlicher Zechkunst.) Der Kurfürst Christian II. von Sachsen, ein gewaltiger Zecher, hatte den Herzog Heinrich von Braunschweig nach Gommern zum Trinkkampf eingeladen, war aber von diesem überwunden worden. Darüber berichtete ein Zettel, den man noch bis zum Anfang dieses Jahrhunderts an der Wand der kurfürstlichen Trinkstube in Gommern über den zum Gelage benutzten Tisch sah, in folgender Weise: „Anno 1605, den 6. Septem., haben allhier zu Gommern die Meißner zum Beschluß den Braunschweigischen entlaufen müssen und ihnen Keines mehr Bescheid thun können. Zur Wahrheit bezeuge ich Untengesctztcr mit meiner eignen Hand suff dato wie oben stehet. Henricns Julius, Hertzog zn Brannschweig und Lüneburg." („Endlich.") B. hatte seine Frau durch den Tod verloren, und sah dadurch einen buchstäblichen dreißigjährigen Krieg beendet. Am Tage nach der Beerdigung begegnet er einem lieben Freund, der außer anderen guten Eigenschaften auch die besaß, daß er bisweilen Verse machte. „Höre, guter Freund, du könntest mir irgend einen hübschen Vers, ein Epigramm, eine Strophe machen, um sie aus das Denkmal zu schreiben, welches ich meiner Frau setzen will." — „Nichts leichter als dies," sagte der Freund. „In solchem Fall, wie im vorliegenden, ist die kürzeste Inschrift stets die beste. Das Denkmal erhalte die Inschrift: ,Eudlickst." (Der sparsame Patriot.) Rentier A: Hatten Sie anläßlich des National- festes Ihr Hans auch beflaggt, Herr Doktor? Doktor B: Ei natürlich — ich ließ aus diesem Grunde meine — Wetterfahne neu lackircn. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag t«K Liternrischen Instituts von Dr. Max Hnttlcr. Nr. 97. 1883. tur „Augsliirrger PostMnng." Mittwoch, 5. Dezeiuber Der Gpalring. Roman aus dnn Englischen von C. E. (Fortsetzung.) Lord Alphington erhob sich aus seinem Sessel und trat an's Fenster; er war erregter, als er dem Rechtsanwalte zu zeigen wünschte; einestheils war es das Gefühl der Freude, diesen Menschen, der ihm so widerwärtig gewesen, von seinem Lebenspfad entfernt zu wissen und an dessen Stelle jenen Anderen, für welchen er schon jetzt ein so warmes Interesse fühlte, als Enkel begrüßen zu dürfen, aber auf der anderen Seite flößten ihm die schändlichen Verbrechen, welche dieser Mann, der für kurze Zeit seinen Nacken geführt, begangen hatte, ein unbeschreibliches Entsetzen ein und mit tiefem Mitleide gedachte er des unglücklichen Mädchens und ihrer so übel angebrachten Zuneigung für diesen Elenden. „Es wird ihr das Herz brechen, wie wird sie es ertragen können", und daun- wandten sich seine Gedanken der jüngeren Schwester zu und die Vermuthung, daß eine zärtliche Neigung zwischen ihr und St. Lawrence bestehe, tauchte wieder in ihm auf. „Wie wunderbar sich zuweilen die Ereignisse gestalten", setzte er seine Betrachtungen fort. — „Hätte nicht dieser Bursche zufällig den Ring in Bertha's Shawl verwickelt, so wäre das abscheuliche Complot nicht entdeckt worden und mein nobler Junge nie im Stande gewesen, sein Eigenthum zu beanspruchen. Gott segne ihn!" Er kehrte an's Fenster zurück und nahm seinen Sitz Mr. Thomson gegenüber wieder ein. „Ist Hoffnung für die Wiederherstellung dieser armen Person, Sedlcy's Frau, vorhanden?" „Wie ich glaube, ist sie noch nicht ganz aufgegeben." „Und der Opalring? Weiß man, wo er hingekommen ist? — Wer hatte ihn das zweite Mal gestohlen?" „Mrs. Scdley ahnte, da Miß Bertha Dalton sie besuchte, wo er zu finden sei, und bemächtigte sich seiner, um ihn nöthigenfalls als Beweis gegen ihren Gatten verwenden zu können. Dem Anscheine nach drohte sie ihm hiermit. Sie hat ein aufrichtiges Geständniß abgelegt. Der Ring befindet sich in den Händen der Polizei und wird Ihnen jedenfalls zurückerstattet werden." „Es freut mich, daß er wieder in den Besitz der Familie kommt. Aber noch eins ist mir unklar. Ich erhielt nie befriedigende Aufklärung von diesem Menschen Sedley, weshalb die Beweise nicht viel früher eingebracht wurden und warum man mir nicht vor Jahren mitgetheilt hat, daß mein Sohn einen legitimen Erben hinterlassen habe. Jetzt wundert es mich nicht, daß er mir diese Frage nicht genügend beantworten konnte. Können Sie es vielleicht?" „Nein, Mylord; ich habe Mr. St. Lawrence —^Mr. Faucourt, wie wir ihn wohl nennen müssen, weder gesehen noch schriftlich mit ihm verkehrt. Niggs kam heute 780 Morgen mit der Nachricht der Entlarvung und Verhaftung zu mir und so eilte ich auf der Stelle hierher." „Ich bin Ihnen sehr verbunden", sagte der Earl, dann frug er weiter: „So wissen Sie auch wahrscheinlich nicht, weshalb mein Enkel sich St. Lawrence nannte?" „Mylord, ich weiß durchaus nichts über ihn", lautete die vorsichtige Antwort des Nechtsanwaltes. Dieser schien zu befürchten, er könne von Neuem hintergangen werden. Darf ich bitten, mich jetzt für den Fall, daß Sie keine weiteren Befehle haben, zu entlassen, da ich Jemanden in einer wichtigen Sache sprechen muß." „Lassen Sie sich nicht stören; augenblicklich ist ja weiter nichts zu besorgen. Ich werde meinen Enkel aufsuchen und Ihnen dann fernere Mittheilung machen." „Es ist mir unendlich leid, Mylord, Sie so unbedachtsamer Weise zu diesem groben Irrthum verleitet zu haben. Von Herzen hoffe ich, daß Sie mir verzeihen werden." „Gewiß — gewiß", entgegnete Lord Alphington ihm die Hand reichend. „Ich bin äußerst dankbar, daß dieses ruchlose Complot aufgedeckt worden ist, ehe neue Verwickelungen stattfinden. Guten Morgen!" Sobald der Nechtsanwalt sich empfohlen, ließ der Earl Sir Stephan zu sich bitten. Die beiden alten Herren blieben über eine Stunde im Bibliothekzimmer zusammen, -dann wurde der Brougham angespannt und Sir Stephan fuhr nach Joy Collage. Ihm war der Auftrag geworden, die peinliche Nachricht in der schonendsten Weise dort mitzutheilen. Zweiunddreißigstes Capitel. Mrs. Dalton hatte den Besuch Sir Stephan's und Lady Langley's erwartet; dennoch wunderte es sie nicht, ersteren allein cmssteigen zu sehen. Sie wußte, daß Lady Langley die seltene Gelegenheit, wo sie in der Stadt verweilte zu ihren vielen Einkäufen benutzte und war im Grunde genommen nicht ungehalten, das Wiedersehen mit dieser Dame bis nach der Hochzeit, wenn alle Erörterungen nutzlos seien, aufgeschoben zu wissen. Auch das ernste Gesicht des alten Herrn verursachte ihr keinen Schrecken. Sie war davon überzeugt, daß ihr zukünftiger Schwiegersohn weder ein Liebling der Langley's, noch Lord Alphington's sei und so vermuthete sie, Sir Stephan werde nur höchst ungern die Vaterrolle übernehmen und Lena diesem Bräutigam übergeben. Mrs. Dalton saß auf ihrem gewohnten Platze und Sir Stephan ihr gegenüber. Nun, wo sie ihn näher betrachtete, fand sie etwas Fremdes in dem Wesen des ritterlichen alten Herrn, welches sie stutzig machte. Sollte er vielleicht gekommen sein, nm ihr, wie auch schon bei früheren Gelegenheiten, eine Strafpredigt zu halten. Es wurde ihr schwer, eine gleichgültige Unterhaltung zu beginnen, denn jedes Thema kam ihr ver- hängnißvoll vor. Auch Sir Stephan befand sich wohl zum ersten Male- in seinen: Leben in großer Verlegenheit. Endlich begann er: „Leider bin ich genöthigt, eine Mittheilung zu machen, welche Ihnen großen Kummer bereiten wird, und doch muß es geschehen. Meine liebe Mrs. Dalton, von Herzen wünsche ich, daß Madelina's Gefühle keinen Antheil an dieser Verbindung haben. Noch gestern, als wir zur Stadt kamen, hätte ich viel darum gegeben, das Gegentheil annehmen zu dürfen." „Was gibt es, Sir Stephan? Was wollen Sie damit sagen?" rief die arme Dame in größter Angst aus. „Hat Lord Alphington seine Einwilligung zurückgezogen, oder ist Mr. Faucourt — nein, er denkt nicht daran, wortbrüchig zu werden, — er liebt Lena zu sehr." Ihre Stimme zitterte und Sir Stephan bemitleidete sie aufrichtig, obschon er nie große Achtung für die Wittwe seines Freundes empfunden hatte. „Wenn die Verlobung abgebrochen werden muß, so ist dies nicht die Schuld Lord Alphington's; das kann ich Ihnen versichern. Ich stellte die Frage in Betreff der Gefühle Lena's nur deshalb, weil wir hoffen müssen, daß die Trennung von ihrem 781 Verlobten, welche unbedingt nothwendig geworden ist, ihr nicht allzu großen Schmerz bereiten möge." „Trennung — nothwendig?" stieß Mrs. Dalton mühsam hervor. „Was soll das Alles bedeuten, Sir Stephan?" „Der Mensch, welcher sich Faucourt nannte, ist als gemeiner Betrüger entlarvt worden und gar nicht der Enkel Lord Alphington's." Ein leiser Schrei entfuhr Mrs. Dalton. „Wie? Mr. Faucourt wäre nicht Mr. Faucourt? O, der Bösewicht, hierher zu kommen und meiner armen Lena einen Antrag zu machen. Was sollen wir nun anfangen, und das Hochzeits-Frühstück ist schon bestellt." Sie rang fassungslos die Hände. Auf eine solche Nachricht war sie nicht vorbereitet und einem Anderen als Sir Stephan würde sie nicht geglaubt haben; aber sie kannte ihn hinreichend, um zu wissen, daß nur ein wichtiger Grund ihn zu dieser Mittheilung veraillaßt habe'. „Es ist Ihnen nicht unbekannt, wie wenig Lady Langley und ich mit dieser Verlobung einverstanden waren. Die arme Lena ist wirklich in eine äußerst unangenehme Lage gerathen, doch hoffe ich, daß sie, wenn sie ruhiger geworden, froh sein wird, noch frühzeitig genug den Sachverhalt erfahren zu haben, denn dieser Schurke heißt Scdley und ist ein vcrheirathcter Mann." Entsetzt fuhr Mrs. Dalton in die Höhe. „O wie schrecklich, schrecklich! Mein armes, theures Kind — das genügt, um sie zu tödten! Mir konnte es schon den Verstand rauben." Nur der heilsame Respekt, den sie vor Sir Stephan hatte, bewahrte sie vor einer Ohnmacht. Gewaltsam das laute Stöhnen unterdrückend, preßte sie ihr Taschentuch vor's Gesicht. Sir Stephan blickte sie theilnahmsvoll an; aber was hätte er ihr zu ihrem Troste sagen oder thun können? In seinem innersten Herzen bedauerte er es nicht, daß die Verbindung aufgelöst wurde, so peinlich auch die Ursache sein mochte. „Aber Lord Alphington glaubte, Mr. Faucourt — oder wer er immer sein mag — sei sein Enkel", sagte Mrs. Dalton, endlich ihr Taschentuch sinken lassend. „Ja gewiß, und es hat ihn Ueberwindung genug gekostet, dies zu thun; erst heute Morgen erfuhr er, daß der Taugenichts dem wirklichen Erben die Papiere gestohlen hatte! —" Je mehr Mrs. Dalton die ganze Angelegenheit begriff um so trauriger wurde sie. Ihre Thränen flössen unaufhörlich; die ganze herrliche Zukunft löste sich also in Nichts auf. Was würden ihre Bekannten dazu sagen? Was aus Lena werden? Sie konnte es nicht ertragen, es war zu hart. Sir Stephan suchte sie von der Betrachtung ihres übergroßen Kummers abzulenken, indem er sagte: „Sie kennen den echten Mr. Faucourt ebenfalls." Mrs. Dalton antwortete nichts; nun wo ihre Hoffnungen auf so grausame Weise vernichtet worden waren, interessirte sie nichts mehr auf der Welt. „Bisher führte er den Namen St. Lawrence", erzählte Sir Stephan weiter. „St. Lawrence!" rief Mrs. Dalton mit erneuerter Lebhaftigkeit und gerötheten Wangen aus. „Wird denn Jeder etwas anders? Woher weiß man das? Ist es auch ganz gewiß wahr, Sir Stephan?" „Ja, dieses Mal kann kein Irrthum obwalten." Der alte Herr konnte sich den plötzlichen Wechsel in ihrem Benehmen nicht erklären. „Nun, St. Lawrence hat mir gleich gut gefallen. Ich sagte ja immer, daß er etwas Vornehmes an sich habe. Vielleicht ist es trotz alledem nicht so sehr schlimm", fuhr sie, ihre Thränen trocknend, fort, als sei ihr plötzlich ein guter Einfall gekommen. Ueber das Gesicht Sir Stephan's glitt ein spöttisches Lächeln. „Die Frau ist verrückt". 782 dachte er bei sich. Mrs. Dalton, welche dieses Lächeln als eine Zustimmung zu ihren eigenen Gedanken ansah, wurde zutraulich und sagte, die Falten ihres Kleides in Ordnung bringend: „Ihnen, Sir Stephan, als alten Freund der Familie darf ich wohl verrathen, daß meiner festen Ueberzeugung nach Mr. St. Lawrence in Lena verliebt ist. Er wollte es freilich nicht eingestehen, als ich mit ihm darüber sprach — ich hielt es für nothwendig, ihn in dieser Beziehung zu warnen — aber damals konnte er ja selbstverständlich nicht daran denken, ihr einen Antrag zu machen. Jetzt ist das etwas ganz anderes und das Troussean ist schon fertig und Alles ist bereit/' Sir Stephan frug sich im Stillen, ob er wohl während seines ganzen Lebens eine so einfältige Person wie Mrs. Dalton angetroffen habe. Ihre grenzenlose Thorheit entwaffnete ihn beinahe. Obschon er es eigentlich überflüssig hielt, ernstlich auf diesen Gegenstand einzugehen^ konnte er ihre Aeußerung doch nicht stillschweigend vorübergehen lassen. „Die Empfindungen von St. Lawrence sind mir vollständig fremd. Ich begreife, daß die zukünftige Stellung eine größere Anziehungskraft für Lena besaß als dieser Sedley; in diesen: Falle ist es ja schon gut, sie wird dann um so weniger Kummer haben aber es würde mir doch leid thun, von einem Mädchen glauben zu müssen, daß man sie einen: Federballe gleich von den: Einen zum Andern Hinüberwerfen könne." Obschon Mrs. Dalton fühlte, daß seine Worte eine Zurechtweisung enthielten, war es ihr doch unverständlich, wodurch sie diese hervorgerufen habe. Wieder vergoß sie einige Thränen und sagte dann: „Lena liebte ihn ja gar nicht, deshalb kann davon keine Rede sein. Können Sie denn nicht einsehen, welch' gutes Arrangement das wäre — alles könnte so vorangehen, als ob nichts vorgefallen sei." „Machen Sie denn meinetwegen ein solches Arrangement", fuhr Sir Stephan, sich zornig von seinen: Stuhle erhebend, heraus. „Wenn dies das Ende der Geschichte sein soll, so ist meine Theilnahme total überflüssig. Verhcirathen Sie Lena nur an den jetzigen Mr. Faucourt, aber das versichere ich Ihnen, ich will nichts damit zu schaffen haben und verzichte auf die Ehre, Vaterstelle bei ihr zu vertreten. Schonen guten Morgen! Der kleinen Bertha meinen besten Gruß: je eher sie unter diese«: Verhältnissen nach Larkspur übersiedelt, um so besser für sie." Mit diese:: Worten schritt der alte Seemann grimmig von bannen und ließ Mrs. Dalton in voller Verzweiflung zurück. Lena's glänzende Zukunft war vernichtet. Sir- Stephan in: Aerger fortgegangen, warum, wußte sie selbst nicht, viellcich: war auch Lord Alphington ungehalten, gerade als ob sie sich etwas habe zu Schulden kommen lassen. Sir Stephan hatte den Menschen, welcher sich Faucourt nannte, einen Betrüger und Taugenichts gescholten und auch gesagt, er sei von vornherein gegen diese Verbindung gewesen und jetzt war er zornig, daß Lena ihn nicht liebte. „Das ist doch zu unvernünftig", überlegte Mrs. Dalton bei sich „Lena sollte ja den Enkel Lord Alphington's heirathen, und wo es sich nun herausgestellt hat, daß der wirkliche Enkel eine viel angenehmere Persönlichkeit ist, so ist das nur um so besser für Lena. Sie vermochte nicht einzusehen, was man dagegen einwenden könne. Ihr Kopf schwindelte; es kam ihr vor, als ob Alles in größter Verwirrung und sie dazu berufen fei, Ordnung zu schaffen. Dreiunddreißigstes Capitel. Auf dem Bahnhöfe in Surreh angekommen, führte Eliza die beiden jungen Damen verborgene Seitcnpfade entlang dem Landhause zu. Trüber Nebel verhüllte die Landschaft; von Wald und Wiesen war die sommerliche Pracht gewichen. 78ö „Ich wollte, wir wären nicht hierher gegangen; sagte Lena schaudernd, „es ist zu unangenehm." Bertha antwortete nichts, sie war zn sehr mit ihren Vermuthungen über das Resultat dieser Reise beschäftigt. Bald erreichten sie die Villa. Durch die Fenster des Speisezimmers erblickten sie einen Polizisten, welcher behaglich seine Pfeife rauchte. Wie es schien, hatte Perkin's nach ihnen ausgespäht, denn noch ehe sie anklopfen konnten, wurde schon die Thüre geöffnet. Er führte die beide» Damen in's Ansprnchziinmer, während Eliza hinaufging, um Mrs. Lcmont von ihrer Ankunft zn benachrichtigen. Schon bald kehrte das Mädchen zurück und meldete, ihre Herrin wünsche die Misses Dalton bei sich zn sehen. Lena ging vorauf und Bertha folgte ihr mit bebenden Knieen. Sie wurden in ein Schlafzimmer geführt; neben dem Bette, auf welchem die Kranke lag, stand eine gutmüthig aussehende Matrone mit sauberer weißer Haube und Schurze. Die vicrnnd- zwanzigstündigc Krankheit sowie die marternde Scclcngual hatten eine traurige Verwüstung bei Julie Lcmont angerichtet. Ihre bleichen Wangen waren eingefallen, die Augen sahen ungewöhnlich groß und geisterhaft und der Mund verzerrt und trocken aus. AIs Bertha eintrat, leuchtete der Ausdruck des Wiedcrerkennens in ihrem Gesichte auf und sie sagte mit schwacher kaum vernehmlicher Stimme: „Ab, wir haben uns schon früher gesehen. Erinnern Sie sich?" Bertha würde in dem fahlen Leichengcsichte vor ihr nicht die schöne glänzende Erscheinung von Westbourne Grove wiedererkannt haben, hätte sie nicht deren Namen gehört und gewußt, in welch' naher Beziehung sie zu dein Ringe stehe. „Ja, ich erinnere mich. Es thut mir leid, Sie so krank zn sehen", setzte sie thcil- nchmend hinzu. Mrs. Lcmont wandte sich zu der Wärterin: „Verlassen Sie uns! — Es ist keine Gefahr vorhanden, daß ich entfliehen werde." Ein gespcnstcrhaftes Lächeln begleitete diese Worte. „Ich wünsche mit den jungen Damen allein zu sprechen." „Sie leidet an plötzlichen Ohnmachten", sagte die Frau zögernd. Der Doktor befahl mir, sie keinen Augenblick zu verlassen." „Wenn Sie sich in das Nebenzimmer begeben wollen, so werde ich Sie rufen, falls es nöthig sein sollte", bemerkte Bertha, und die Wärterin, welcher der Blick und das Wesen Bertha's Vertrauen einflößte, erwiderte: „Jawohl, Miß; ich werde in das gegenüberliegende Cabinet gehen; dort kann ich nicht hören, was gesprochen wird. Wenn Sie meiner bedürfen, so bitte ich nur die Schelle zu ziehen." Zufrieden mit dieser Einrichtung zog sie sich zurück. (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Jugend ist die Zeit der Saat, Merk' cS dir bei Zeiten! Bald heran das Alter naht, Rasch die Jahre gleiten. Lass' nicht öde, dürr und brach Ruhen deinen Acker, Geh' der Arbeit emsig nach, Schaff' und pflüge wacker! Jugend ist die Zeit der Saat, Alter sammelt Garben; Höre d'rnm auf guten Rath, Willst du einst nicht darben! Fr. Beck. 784 Die Gymnastik oder Körperbewegungen. Von vr. I. A. Schilling. (Schluß.) Wer mit dcn Muskeln gearbeitet hat d. h. gymnastisch thätig war, der setze sich ruhig hin und gebe mit einem angenehmen Lesestoffe seinem Gehirne eine milde Bewegung. Wer nur. mit einzelnen Muskeln arbeitete z. B. schreibend, der übe mit Sorgfalt die müssig gewesenen. Wer mit dem Gehirne thätig gewesen, der rege seine Muskeln an, turne oder marschire im Freien. Alle Körpertheilc, welche gymnastisch geübt werden, erstarken dabei, so der fechtende Arm, der gehende Fuß (des Postboten). Auch selbst die Haare werden durch das häufige Kämmen gymnastisch geübt und ihr Wuchs gekräftigt, ebenso die Zähne durch das Kauen. Das Gehen ist eine der einfachsten und in der Regel am wenigsten beschwerliche gymnastische Uebung. „Vieles ginge besser, wenn mau mehr ginge", sagt Seume mit vollem Rechte. Darum ist auch die Wanderschaft sehr gesund. Nicht aber das Wandern beim Wagcnsitzeu und Fahren von Wirthshaus zu Wirthshaus, sondern das wirkliche Marschiren. „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, dcn schickt er in die weite Welt." — Der Schwächling, der im Freien sich bewegt wird älter als der Kraftmensch in der Gefangenschaft und wäre diese sogar fürstlich. Thatsache ist, daß Landpostboten und Briefträger viel länger gesund bleiben und viel später Pension brauchen wie die im Büreau arbeitenden höheren Postbeamten. Abgesehen von den militärischen, politischen und ökonomischen Vortheilen, welche es hat, über ein paar geübte Beine zu verfügen, ist richtige Gymnastik die körperliche Ergänzung zu jedem einzelnen Berufe, gleichsam die Versöhnung zwischen Leib und Seele, die fröhliche Erzieherin zur sittlichen Freiheit, zum raschen festen Willeusimpulse, der uns über dcn Büchern und dem Papiere, — uns Kriechern auf der Brust so oft verloren geht. Tausend schiefe Gedanken und krumme Gefühle verschwinden, wenn die Nerven eine reelle Aufgabe in der Bewegungsmaschine übernehmen und die giftigen Auswurfsstoffe des Körpers an die freie Luft hinausgearbeitet werden. Ja! Die Gymnastik ist auch ein gutes Vorbcngungsmittel gegen seelische Krankheiten und Gebrechen, Laster und Verbrechen. In dieser Beziehung sagt Martin Luther so schön: „Es ist von den Alten sehr wohl bedacht und geordnet, daß sich die Leute üben und was Ehrliches und Nützliches vorhaben. Die Bewegungen, Nittcrspicle,- das Fechten, Ringen, Laufen u. s. w., dazu noch die Musika vertreiben die Sorge des Herzens und melancholische Gedanken und des Teufels Anfechtung, machen die Leute gelinder und sanftmüthigcr, sittsamer und vernünftiger, zu Allein geschickt und allcwcil fröhlich. Aber auch feine Gliedmasscn erzeugt das Körperspicl und erhält gesund im Springen und Laufen rc. Die endliche Ursache ist auch, daß man bei solcher Leibesübung nicht auf Schwelgen, Unzucht, Spielen, Saufen und anderen Unfug gerathet!" So der ehemalige Augustinermönch von Wittenberg. Hier gilt auch des Dichters Satz: „Von der Stirne heiß, — rinnen muß der Scbweiß, — soll das Werk den Meister loben!" — Die Gymnastik oder das Turnen beschleunigt den Stoffwechsel nach allen Seiten und setzt durch Ableitung nach Außen den inneren Gehirnreiz herab, klärt so den Verstand, beruhigt das Gemüth und befördert oft den gesunden Schlaf. Besonders wird der Schweiß der Arbeit — und Körper- arbeit ist ja auch Gymnastik — zum wirklichen Bade der Wiedergeburt und Erneuerung des Menschen, aus welchem auch Jeder sittlich besser emporsteigt. Ein Mensch ohne Körperbewegung ist ein Leib ohne Arm und Beine, ein Held vielleicht, aber stellenweise verwundet und verstümmelt. Alan kann besonders in unserer Zeit der Bequemlichkeit Männer nicht genug unterstützen, welche die Gymnastik oder Turnerci Pflegen und *o die Unbill des Culturlebcus und der Stubcnarbeit kühnen. — 785 „Doch der Segen kommt von Oben" d. h. der Kopf muß dabei sein, denn man leistet weder den Turnern, noch der übrigen Menschheit einen Dienst, wenn man alles über einen Leisten schlägt, Jeglichem jede Turnübung zumuthct, den Lungen- und Herzkranken mit Dauerlänfen zu Tode hetzt, bei Vielen den Geschmack für einfache, gesunde Uebungen vernachlässigt und dafür das Wohlgefallen an Schaustücken großzieht, die von jeher weder sehr dauerhafte noch sehr große Männer gebildet haben. Mein berühmter Lehrer Op pölzer in Wien machte uns oft aufmerksam, daß Leute mit beginnenden Herz- und Lungenleideu durch Turnerei wesentlich beschädigt und oft unheilbar werden. — Wie es aber eine Gymnastik unserer Glieder gibt, so gibt es auch eine Gymnastik der Lungen. Singen und Trompetenblasen sind solche gymnastische Büttel für Erweiterung unserer Brust. Auch bei der musischen Bildung der Griechen spielte neben der Gymnastik die Musik bei dem Turnspiel eine bedeutende Rolle. Wo des Jünglings Kraft und deS Liedes Freude erglühte im V o l k s g e s a n g e, da konnte sich auch die Seele frei entfalten. Der Gesang hat schon Millionen Menschen erfreut und den Sänger selbst gekräftigt. Aber gesund müssen die Organe sein, sonst ist eine allzu energische Gymnastik der Lungen vom Uebel. Gar mancher Jüngling ging schon an mißverstandener Lungen- gymnastik mittelst Blasinstrumente zu Grunde. — Für Lnngenschwache bleibt immer noch das unschädlichste Blasiustrumeut die — Violine oder das Clavier. Die deutsche Tnrnknnst unserer Tage ist sich ihrer Ziele bewußt, sie ist einfacher, planmäßiger, dadurch schöner und was die Hauptsache ist, viel zugänglicher geworden. Gebe Gott! daß es ihr gelinge, aus schulpflichtigen und aus alten ausgekehrten und ungelehrten Maschilienrädcrn wieder ganze Menschen zu erziehen mit Augen znm Sehen, Köpfen zum Denken und Gliedern für den eigenen Gebrauch. Die Gymnastik ist unstreitig ein Mittel zur Lebcnsverlängerung, weil sie ja gesund erhält. Scrofulose, Hypochondrie und Hysterie, Fcttleibtgkc-it und beginnende Muskclschwäche finden in den Turnübungen bessere Heilmittel als in den „lateinischen .Küchen", wie Paracelsus die Apotheken nennt. Unzuträglich aber ist die Gymnastik für Kinder unter 6 Jahren und Greise über 60 Jahren. In Land- und Dorfschulen sollten Hirtenknaben und Kinder, welche Stunden weit nach Hanse zu gehen haben oder neben magerer Kost und schlechter Ernährung daheim noch mit Feldarbeit geplagt sind, nicht noch mit dem Turnen belästiget werden. Sie turnen ohnedies genug. Durch das richtige Turnen wird aber auch eine heilsame Abhärtung erzielt, so daß gar viele Katarrhe, Nheumen verhindert und Rüstigkeit und Jngcndkcaft bis in's späte Alter bewahrt bleiben. Einfache und lebensfrische Gymnastik liegt aber in gar vielen, wahrhaft guten Kinderspielen, so im Ball-, Lauf-, Hupf-, Ring-, Fang-, Reigenspiel. Das Spiel ist aber -die Welt des Kindes. Und im naturgemäßen Spiele liegt ebensoviel Gesundheit wie Freude. Die wahre Turnerci ist also nicht nur eine Arbeit für die Glieder und Muskeln, sondern auch Kopf und Geist sollen dabei nicht leer ausgehen. Zu der körperlichen Frische kommt dann auch die Heiterkeit des Gemüthes, das Fröhlichsein, — zur Fröhlichkeit des Herzens und zur gesunden Frische des Körpers gesellt sich dann ein gegen den Schöpfer dankbares Frommscin. — Echte Frische, Fröhlichkeit und Frommheit macht sich aber immer frei in allen Gefahren und Nöthen und erringt die goldene, wahre Freiheit durch Sclbsterkenntniß, Selbstbeherrschung und Selbst- kraft. „Selbst ist der Mann!" — Darum sei es gesegnet das vierfache I', wo es mit Muth, Kraft und Verstand das Schiboleth der Thatkraft bildet. — Offen bleibe aber stets der deutschen kernigen Jugend der Weg und die Gelegenheit zur wahren und rechten Gymnastik d. h. zur Mark und Herz stärkenden Turnerei. Fort mit dem dagegen zeternden Philisterthum! — 766 „Bahnsrei! für Uebung der Kraft zur Stärkung des Blutes uud der Nerven! — Möchte Jeder bedenken, daß nur in der Bewegung das volle, frische Leben liegt. Ruhe ist Tod. Darum ein dreifach „Gut Heil" der Bewegung schaffenden Turn er ei! — M i s e e l l e n. (Die gefeierte Sängerin Marietta Alboni) war auch wegen ihrer Kaltblütigkeit und ihres Muthes berühmt. Gelegentlich eines ersten Gastspiels in Trieft kam ihr, wie Schorer's „Familienb." erzählt, zu Ohren, daß mau sie auspfeifen wolle. Sie ermittelte bald die Anstifter und wo sie zu finden waren, legte Mänucrklcidung an, wobei ihre kräftige hohe Gestalt und ihre kurzen Locken eine Entdeckung des eigentlichen Geschlechtes so ziemlich ausschlössen, und begab sich in das Kaffeehaus, wo die Verschworenen ihren Sitz hatten. Dieselben waren gerade in voller Berathung. Die Sängerin hörte eine Weile zu und wandte sich dann mit den Worten an den Rädelsführer: „Mir scheint, daß Sie Jemand einen Streich zu spielen beabsichtigen. Dergleichen ist auch meine Passion; es würde mich daher freuen, wenn Sie mir gestatten wollten, mich an dem Unternehmen zu bctheiligen." — „Mit Vergnügen," lautete die Antwort. „Es soll heute Abend eine Sängerin ansgepsiffcn werden." — „So so. Was hat sie denn verbrochen?" --- „O nichts weiter, als daß sie in Wien und München gesungen und sich — eine Italienerin — von den Deutschen hat fetiren lassen; dafür wollen wir sie jetzt ein wenig strafen." — „Das finde ich vollkommen in Ordnung und bin daher durchaus der'Jhrige; bestimmen Sie nur, was mir zu thun obliegt." — „Nehmen Sie hier dieses Pfeifchen. Auf ein Zeichen, welches nach der Arie der „Rosine" gegeben werden wird, geht der Lärm an, in den Sie blos einzustimmen brauchen." — „Was bestens geschehen soll," versicherte die Alboni und versenkte das kleine Instrument in die Tasche.' Am Abend war das Theater bis zur Decke hinauf gefüllt. „Der Barbier von Sevilla" wurde gegeben. Die Antrittsgesänge Almaviva's und Figaro's, beides Lieblinge des Publikums, fanden großen Beifall. Dann erschien Rosine, die Alboni, auf der Szene. In dem Moment, wo sie den Vormund anredete, begann schon, ohne das Signal abzuwarten, ein Theil der Verschworenen mit dem Skandal. Die Sängerin verzog keine Miene, sie trat nur hart vor die Lampen und sagte, das Pfeifchen, welches mit einem Bande an ihrem Hals befestigt war, zeigend, schelmisch: „Meine Herren, ich glaube, Sie waren etwas voreilig: wir wollen ja erst, nachdem ich meine Arie gesungen, mit dem Anspseifen beginnen." Eine Todtenstillc entstand, dann durchbrauste plötzlich donnernder Applaus, von den Verschworenen selbst ausgehend, den Saal. Die Alboni hatte gesiegt, sie wurde au dem Abend clfmal gerufen und mit Stränßchen und Kränzen überschüttet. (Eine gute Vorbereitung.) ^Denken Sie nur, Herr Spitzig, jetzt lernt mein Sohn auf der Hochschule auch noch das Fechten!" — „So, so, das ist vielleicht eine sehr gute Vorbereitung für später!" Räthsel. Mit e ist es das Königshnus In einem Lande, das durchaus Das Element vor allen nennt Sein eigentliches Element, Drin mancher schon das Wort mit a In dessen Elemente sah. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischcn Instituts von Dr. Max Huttler- Unter^aktlmgsökatt ,ur „Ängsluirger Postzeitnug.- 93. Samstag, 8. December 1383. Der Opalring. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) „Sie sind Madeline Dalton?" frug Mrs. Lemont, ihre hohlen Augen von Bertha auf Leim richtend. „Treten Sie näher, damit ich Sie besser sehen kann." Lena gehorchte, nicht wenig beunruhigt über den seltsamen Ton der Frau, von welcher sie nur Entschuldigungen und demüthige Bitten erwartet hatte. Die Kranke erhob sich mit der größten Anstrengung und Lena's Handgelenk umfassend, schaute sie ihr ernst und prüfend in's Gesicht. „So! Dieses ist also die hübsche Larve, welche mir meines Gatten Liebe geraubt und ihn zum Verbrecher gemacht hat!" Lena erblaßte, sie entwand sich Juliens Griff und stürzte zu ihrer Schwester hin. „Sie ist wahnsinnig! Hilf mir, Bertha!" flehte sie. Diese war ebenfalls bei dem Gehörten bleich geworden." „Nein, ich bin nicht wahnsinnig, legen Sie nur Ihre Hand auf meine Stirne — sie ist kalt, mein Puls schlägt langsam — sehr langsam. Ich bin nicht wahnsinnig. Meine flLorte sind Wahrheit. Der Mann, welchen Sie morgen zu heirathen gedachten, ist mein Gatte. Um Ihnen dieses zu sagen, ließ ich Sie hierher kommen." Sie sprach auffallend ruhig; ihr Zorn war verraucht und jetzt schlug ihr Puls, wie sie auch sagte, sehr langsam. Lena wankte und sank neben dein Bette in einen Stuhl. „Barmherziger Himmel, soll ich das glauben?" „Ja, Sie müssen das glauben und noch mehr", fuhr Mrs. Lemont fort. „Blicken Sie her und betrachten Sie diese bleichen, eingefallenen Wangen, diese abgemagerten Hände. Noch vor wenigen Tagen war ich so gesund und kräftig wie Sie. Er wollte, ich solle morgen todt sein und ohne die Dazwischenkunft des Geheimpolizisten wäre ich es gewesen." Mit weit geöffneten Augen starrte Lena die Sprechende, deren Worte sie nicht fassen konnte, an. „Meinen Sie Mr. Faucourt?" frug Bertha näher tretend. ?,Jch spreche von Eustace Sedley — von ihm, den Sie als Mr. Faucourt kennen. Er hat mich vergiftet — mich — seine Frau, um Sie zu heirathen!" Dabei deutete sie auf Lena hin. Endlich schien diese die ganze schreckliche Wahrheit zu begreifen. Mit einem lauten Schrei verhüllte sie ihr Gesicht mit den Händen und karierte in dem Stuhle nieder. Die Wärterin, welche den Aufschrei vernommen halte, erschien an der Thüre. „Gehen Sie!" befahl Mrs. Lemont, mit der Hand winkend. „Wir bedürfen Ihrer nicht." „Was wollte Sie bannt sagen: ihn, den Sie als Mr. Fancourt kennen", frug Bertha, an allen Gliedern zitternd. Mrs. Lemont rang nach Luft. „O Himmel gib mir Kraft — nur noch etwas Kraft, um Alles sagen zu können! Geben Sie nur einen Löffel Arznei", bat sie, auf die Flasche zeigend, welche auf dem Tische stand. Bertha schüttete einen Löffel voll in ein Glas und hielt es ihr hin, dann befeuchtete sie das Taschentuch mit Ean de Cologne und kühlte die Schläfe der unglücklichen Frau. Diese blickte sie dankbar an und sagte mit Thränen in den Augen: „Sie sind gut und liebenswürdig, aber ich bin eine gottlose Person und nicht Werth, von Ihnen berührt zu werden." „Davon weiß ich nichts", entgcgncte Bertha freundlich. „Sollten Sie gottlos gewesen sein, so bedaure ich Sie um so mehr." Mrs. Lemont seufzte tief. Vielleicht stieg mit diesem Seufzer der Rette ein FleheU um Barmherzigkeit gegen Himmel empor. Sie blickte Lena an und frug: „Liebte sie ihn sehr?" Bertha zögerte diese Frage zu beantworten, aber Lena, welche sie vernommen, fuhr mit sprühenden Blicken und vor Aufregung zitternd, in die Höhe. All' die Abneigung und der Widerwille, welchen der Mann, den sie zu hcirathen versprochen, ihr einflößte, brach sich gewaltsam Bahn in den Worten: „Ich ihn lieben? Nie — nie liebte ich ihn, ich hasse ihn, den Bösewicht — dieses Scheusal!" Mrs. Lemont blickte sie an und ein Ausdruck der Verachtung oder vielmehr befriedigter Rache entstellte ihr bleiches Gesicht. „Dann sind Sie eine noch erbärmlichere Person als ich. Sie würden Sedley geheirathet haben, weil Sie ihn für den Erben eines Grafentitcls hielten. Als ich mich mit ihm vermählte, liebte ich ihn und blieb seitdem trotz Armuth und Laster an seiner Seite. O Himmel, was habe ich nicht Alles erduldet! Und jetzt muß ich sterben — sterben durch seine Hand!" Krampfhaftes Schluchzen erstickte ihre Stimme, wild griff sie in der Luft umher und fiel dann todtenblaß in die Kissen zurück. Bertha sprang zur Schelle und Lena stürzte, während die Wärterin eintrat, zur Thüre hinaus. „Ist sie todt?" frug Bertha ängstlich. „Nein, Miß, nur ohnmächtig. Aber es ist besser, wenn auch Sie sich entfernen, damit Mrs. Lemont, wenn sie zu sich kommt, Niemand außer mir um sich sieht." „Kann ich Ihnen helfen?" „Danke sehr, Miß, ich werde schon allein fertig." . Da ihr Beistand abgelehnt wurde, verließ Bertha ebenfalls das Zimmer und suchte ihre Schwester auf. Sie fand diese auf dem Boden liegend und den Kopf in die Kissen des Ruhebettes verborgen. Heftiges Stöhnen erschütterte ihre ganze Gestalt. Bertha ließ sich neben Lena nieder, umschlang sie mit den Armen und versuchte sie aufzuheben. Allmälig gab diese den zärtlichen Bemühungen ihrer Schwester nach. Ihr leidenschaftliches Weinen verlor sich langsam und die Bitten und Ueberredungskünstc Bertha's stellten einigermaßen ihre Ruhe wieder her. „Glaubst Du, daß es wahr ist", sagte sie, ihr feuchtes Antlitz erhebend und Bertha mit flehender Gebcrde anblickend, als ob sie in ihrem Antlitze die Widerlegung der schrecklichen Mittheilung lesen müsse. „O ich sehe Dir an, Du glaubst es. Der Gatte einer Anderen — ein Mörder — und seine Lippen haben die meinigen berührt!" Schaudernd verbarg sie ihr Gesicht an der Schulter der Schwester. Diese versuchte sie zu trösten. „Ja, es ist fürchterlich. Aber meine liebe Lena, Du mußt doch dankbar sein, daß diese Entdeckung noch vor dem morgigen Tage gemacht wurde." „Morgen!" wiederholte Lena erbebend, „ja morgen glaubte ich mein Verlangen nach Reichthum und Vornehmheit stillen zu können; anstatt dessen bin ich nun die Zielscheibe des Spottes, man wird mit Fingern auf mich zeigen. O Bertha, ich kann eS nicht ertragen! Ich kann nicht nach Hause zurückkehren! Ich kann Niemanden mehr in's Gesicht schauen!" „Theure Lena, fasse Muth. Was liegt an den Bemerkungen einiger thörichten Menschen? Alle Diejenigen, welche es gut mit Dir meinen, werden sich über Deine Errettung von diesem Böscwichte freuen. Wenn Du Mr. Faucourt geliebt hättest, so würden wir Dein zerstörtes Lebensglück zu beklagen haben, aber Du liebtest ihn ja nie — dem Himmel sei Dank dafür jetzt!" . „lind Du glaubst, ich habe diese Strafe verdient", rief Lena, den stützenden Arm ' ihrer Schwester von sich werfend und aufspringend. „Das habe ich nicht gesagt", entgegnete Bertha besänftigend. „Hättest Du es gethan, so würdest Du nur die Wahrheit geredet haben", bekannte Lena, ihr Haar, welches in Unordnung war, zurückstreichend. „Nannte mich nicht jenes Geschöpf da oben eine noch erbärmlichere Person, als sie es sei? Bin ich denn die Einzige, welche Reichthum und Rang der Wahrheit vorzog, daß ich jetzt an den Schandpfahl gestellt und mit Steinen geworfen werden soll — ich, der von Jugend auf beigebracht wurde, nur Bewunderung und Verehrung zu erwarten Eine schöne Lehre — findest Du nicht auch? — Und wie herrlich ist sie in Erfüllung gegangen!" Wieder brach sie in Thränen aus, umklammerte ihren Hals und blickte wild umher, als ob sie ein Mittel suche, dieser schrecklichen Lage zu entrinnen. Bertha's Herz blutete für die Schwester, doch nahm sie sich mit Gewalt zusammen und sagte mit fester Stimme: „Gib Dir Mühe, Dich zu beruhigen, wir müssen nach Hause zurückkehren; je eher je lieber. Unser verlängertes Hierbleiben kaun zu nichts führen." „Zu nichts!" schluchzte Lena. „Zu nichts, ob wir bleiben oder gehen! Zu nichts mehr für mich auf der ganzen weiten Welt." „Stille", flüsterte Bertha, „ich höre Schritte." Es war die Krankenpflegerin; sie öffnete leise die Thüre und Bertha ging zu ihr hin. Eliza ist oben und so wollte ich Ihnen eben mittheilen, daß Mrs. Lemont wieder zu sich gekommen ist." „Besten Dank, ich würde, ehe ich das Haus verlassen hätte, mich vorher nach ihrem Befinden erkundigt haben. Hofft der Arzt, sie völlig wieder herstellen zu können?" „Er glaubt es, doch dürfe sie sich nicht aufregen. Es ist aber keine Kleinigkeit, eine Kranke, die so viel auf dem Herzen hat, ruhig zu halten. Sie tobte so schrecklich und wünschte, durchaus Miß Dalton zu sprechen, daß wir ihr nachgeben und zu Ihnen hinschicken mußten. „Die arme, liebe junge Dame scheint sehr angegriffen zu sein", fuhr sie zu Lena hinübcrblickend fort. „Wünschen Sie ein Brausepulver oder sonst etwas?" Nein, danke sehr. Die Unterredung hat meine Schwester aufgeregt, aber wir kehren jetzt gleich nach Hause zurück." „Ja, laßt uns gehen", sagte Lena, sich Mühe gebend, durch kein äußeres Zeichen den inneren Sturm zu verrathen. „Komm, Bertha!" Mit Freuden benutzte diese die Gelegenheit, Lena von dort wegzubringen. Sie wünschte der Wärterin guten Abend, und athmete freier, als sich das Thor hinter ihnen geschlossen. Es war ein trauriger Weg bis zum Bahnhöfe hin. Der Nebel hatte sich verdichtet und die Dunkelheit begann. Bertha wagte nicht, ihre Schwester anzureden, aus Furcht, deren erzwungene Ruhe von Neuem zu erschüttern und Lena schritt mit zu- 7S0 sammengepreßten Lippen und dick geschwollenen Augenlidern an Bertha's Seite. Glücklicherweise brauchten sie nicht lange auf die Ankunft des Zuges zu warten und die Unruhe und das Mcnschengetümmel halfen Lena besser als alles andere, ihre Selbstbeherrschung wieder zu erlangen. „Ich werde Dir durch Sara Feuer anmachen lassen, Schatz", sagte Bertha, als der Wagen am Thore hielt. „Gehe Du nur ruhig auf Dein Zimmer ich will inzwischen mit Mama darüber sprechen." Obgleich Lena dankbar die liebende Fürsorge der Schwester anerkannte, antwortete sie nichts, sondern begab sich sofort hinauf und Bertha bereitete sich auf eine peinliche Scene mit ihrer Mutter vor, da sie nicht ahnen konnte, was sich während ihrer Abwesenheit dort zugetragen hatte. (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Eile mit Weile! Geschäftige Hast Mehret dir selber und Andern die Last! Frommt es zuweilen, so hemme den Tritt, Gilt es zu eilen, beflüg'lc den Schritt! Hast du gepflogen verständigen Rath, Sei nicht verdrossen, nicht säumig zur That! Irrlicht täuschet, sieh' dich vor! Lockt mit falschem Blinken, Führt dich hin zu Sumpf und Moor, Wo du Wirst versinken! Irrlicht schweifet hin und her, Kommt zum Ziele nimmer; Folg' nicht jedes Flattergeist's Trügerischem Schimmer! Kauf nicht zu theuer auf dem Markt der Welt! Gar Vieles ist zur Lockung hingestellt; Hier winkt der Sinne Lust, ihr flüchtig Glück, Dort reizt ein gold'ner Flittertand den Blick; Bald bietet man Wohlleben und Genuß, Bald Ruhm und Ehre, Reichthun?, Ueberfluß. Kennst Du den Preis? Es ist dein froher Muth, Für den die Welt dir reicht ein nichtig Gut; Für Freuden ohne Dauer, eitlen Schein Sollst du der Seele Frieden tauschen ein? O hüte dich! Noch steht bei dir die Wahl; Hast du gekauft, bleibt dir der Reue Qual. Betrog'ncr Thor, du hast's zu spät bedachte Der theure Preis, er hat dich arm gemacht! F. Beck. Der Niagara. Das ebenso verwegene als zwecklose Unternehmen, dem Capitän Webb jüngst zum Opfer gefallen, hat unwillkürlich die Blicke der neuen und der alten Welt auf jenen Riesenstrom mit seinen Alles vernichtenden Wassermassen und mit seinen Alles verschlingenden Wasserfallen gelenkt. In Webb tritt jener- schrankenlose, herausfordernde Unternehmungssinn hervor, wie man ihn bei den Anglo-Amerikanern häufig als etwas Großes und Nachahmungswerthes gepiesen hat. Wir entnehmen einem interessanten Werke von Benedict Henri Nevoil: „l-'^-Mviiguo äu Uorä", Einiges über den Niagara, seine Fälle, die Kraft seiner Strudel, wie die Angaben der Schicksale der Vorgänger des Capitäns Webb. Gewöhnlich wählen die Reisenden, die den Riesenstrom sehen wollen, den Abendzug, der gegen 11 Uhr Abends von New-Iork abgeht; es geschieht das im 791 Einverständnis; der Eisenbahnverwaltung und der Hotelbesitzer, welche die Gäste erwarten, damit sich dieselbe» bei ihnen von den Anstrengungen der weiten Reite erholen. Blau speist zur Nacht und schläft unter dem Lärm eines dumpfen Geräusches, das einer fernen aber ununterbrochenen Kanonade gleicht, ein. Wer nicht zu den absoluten Langschläfern gehört, erwacht schon mit Tagesanbruch und läßt sich den Weg weisen, der zu den Wasserfallen führt. Der Leser kann trocknen Fußes dem Führer folgen, der ihn sicher wie kein Anderer zu jenem berühmten Weltwunder führt. Die Niagarafülle sind in ihrer Weise das, was der Himalaya unter den Gebirgsketten ist. Auch können weder die Katarakte des Zambese, noch der Anfsprung von Wagogo im Centrum Afrika's mit den Fällen des Niagara verglichen werden; die ein Wundergebilde pittoresker Schönheit jener großartigen Natur sind. Unbestreitbar haben andere Wasserfalle eine größere Höhe und verlieren sich in tiefere Abgründe, aber in keinem Lande der Welt kann man ein so weites Wasserbecken finden, das sich in ein so weit ausgedehntes Bett hinabstürzt. Es sind das in der That vier innere Meere, die in Folge eines steilen Abhanges sich im Vorübereilen in einen ebenso weiten Abgrund stürzen. Das Territorium, auf welchem diese Wasserstuthcn Hansen, welche diese Seen ernähren, ist so groß, wie ein Contincnt, und man weiß, daß fast alle Ströme, welche den ersten See anfülle», ihr Bett über 2000 Meter Entfernung von diesem inneren Meere haben. Dieser Riesen-Wasserfall, der sich wie ein weißes Tuch ausbreitet, füllt iin Halbkreis in ein tiefes Bassin, und würde nichts gewinnen, wenn er auch von einer größeren Hohe herabstürzte. Dieselbe beträgt übrigens 1654 Fuß auf der amerikanischen und 1095 Fuß auf der canadischen Seite, was den Fall zu einem der allergrößten macht. Den einzigen Vorwarf, den man gegen den Niagara erhebt, ist der, daß seine Umgebungen in keinem Verhältniß zu der majestätischen Größe des Falles selber stehen. Seinen ganz eigenthümlichen Charakter erhält der Fall dadurch, daß das Wasser im Sturze selbst nicht weiter gebrochen wird, so daß es unterhalb des Falles aus hinlänglicher Entfernung den wunderbaren Anblick zweier ungeheuerer senkrechter Wasserwände darbietet. Unmittelbar am Abstürze des Falles liegt eine schmale Insel, Goats-Jsland (Ziegcninsel), die in einer Länge von beinahe 1000 englischen Fuß den Strom und zugleich den Wasscrfall in zwei ungleiche Theile scheidet, deren größerer auf der linken Seite gegen Canada hin eine Breite von mehr als 600 Meter in gerader Linie hat, während der Sturz des Wassers selbst in einem gegen diese Linie sehr concaven Bogen erfolgt, wovon dieser Theil des Falles der Hnfeisenfall (Ilorssssios) genannt wird. Der dem rechten Ufer ungehörige Theil hat eine Breite von 370 Meter. Die Fallhöhe betrügt bei diesem 44 Bieter, bei dem anderen 52 Meter, eine Differenz, die sich daher erklärt, daß der Zug des Stromes oberhalb des Falles auf den schmaleren Theil gerichtet ist und so das Niveau des Wassers auf dieser Seite erhöht wird. Der Sturz der beiden mächtigen Wasscrmassen (man schätzt sie auf 15 Millionen Knbiksnß in der Minute), aus solcher Höhe bietet ein Schauspiel dar, dem durchaus kein anderes zu vergleichen ist, und das durch keine Schilderung würdig darzustellen ist. Der Donner des Sturzes wird bei günstigem Winde über 9 deutsche Meilen weit in Toronto am Ontariosec gehört. Da, wo die Ufer näher zusammentreten, hat man eine Hängebrücke mit einer Spannung von 266 Bieter und 77 Meter über den; Wasserspiegel erbaut; es ist dies eins der kühnsten Bauwerke aller Zeiten. Sie wird von vier Drahttauen getragen, die zwei je über zwei steinerne Thürme gespannt und 8 bis 10 Meter in massives Mauerwcrk eingelassen sind. Jedes der vier großen Taue hat 10 Zoll Durchmesser und besteht aus 3640 Drähten. Neben diesen ungeheuerlichen Dingen sieht man hin und wieder weiß gestrichene Pachthänser mit grünen Jalousien, und Kirchen mit Glockenthürmen, die nicht für den Baumeister sprechen. Geschmacklose Manufactoreien und Mühlen ohne allen künstlerischen Werth. Nur ganz vereinzelt steht man Bäume; und die wenigen, die an den Ufern des Katarakts stehen, wurden von Menschenhänden aus Liebe zur Natur oder aus Speenlation, die 792 Scenerie zu heben, gepflanzt. So gleicht der Niagara einem Prachtjuwcl, das in Eisen gefaßt ist; das Juwel ist leuchtend und prachtvoll, aber die Fassung hat nichts Reizvolles. Der Eindruck der Besucher des Niagara ist von verschiedener Art; der Eine wundert sich über die imposante Wasserinasse, der Andere über seine grünlich silberartige Färbung, ein Dritter exstasirt sich über den Nebel, oder vielmehr über den Wasserstaub, der das Ganze umgibt, ein Vierter verstopft sich die Ohren, um den tobenden Lärm des Katarakts nicht zu hören. Die Thatsache ist, daß Alle gegenüber einem solchen, vollständig unerwarteten Anblick erstarrt sind. Man kann stundenlang dort verweilen, angenommen, daß die Vermicthcr der Plätze, die Photographen und die Spcculanten es gestatten, selbst wenn man den Platz sehr theuer bezahlt; indeß ist es schwer, sich selbst eine vollständige Rechenschaft über die Aufregung, die man empfindet, abzulegen. Auch wenn man Alles auf's Genaueste in Augenschein genommen und untersucht hat, was am Niagara zu sehen ist, hat man doch keine Vorstellung von dieser wunderbaren Natur. Das gewagteste und kühnste Unternehmen des Touristen ist das Hinabsteigen auf der Treppe von Bamcll, um unter die Tafclplatte des Felsens zu kommen und sich bis unter das Hufeisen, soweit als es gestattet ist, zu wagen. Um diese Promenade zu unternehmen, verleiht man an die Reisenden Kantschukmäntcl, oder geölte Leiuwandröcke, und fügt diesen Kostümen eine Art eiserner Pantoffel hinzu, die so gearbeitet sind, daß man auf dem Felsen, oder dem Eise nicht ausgleiteu kaun; alsdann kann man, in Begleitung von Führern, sich bis unter den Fall hinabwagen. Kaum hat mau den Punkt erreicht, o rieselt das Wasser von allen Seiten, mau fühlt sich vollständig wie unter einer Douche. Das Costüm, obwohl man es sozusagen „undurchdringlich" nennt, schützt durchaus nicht. Zu dieser naßkalten Empfindung tritt noch eine Art mhsteriöser Nebel hinzu, der den Besucher umfängt, und fernerhin die völlige Betäubung seines Gehörs durch das Brausen der Katarakte. In dem Maße, als mau nun unter dem kalksteinartigen Gewölbe, über das- sich die Fluthen des Niagara stürzen, vorkragt, begreift und erfaßt man die Erhabenheit dieses Anblicks. Sehr bald aber muß man sich, schon auf der Hälfte des Weges, zurückziehen; denn die Gewalt des Windes ist so groß, daß man unfehlbar von ihm mit fortgerissen würde; man sagt, daß man hier oft die Empfindung hat, als erhielte man einen Fanstschlag, der einen schwanken macht. Das Alles verhindert aber nicht, daß man doch immer noch vorwärts dringt — denn um des armseligen Ruhmes willen setzt Mancher sein Leben daran, nur später von seinen halsbrecherischen Erlebnissen zu erzählen. Kehrt man zurück zum Hufeisen, so kann man die Art des Felsens untersuchen, der aus weißem Schwefel und Kalkstein gemischt ist. Gleichzeitig findet man inmitten dieser chaotischen Schmelzung weiße Quarzmasscu, die wie Zucker aussehen, und Sclenit, oder krystallisirten Gips, welcher dem Asbest sehr ähnlich sieht, nur viel grauer ist. Einzelne Farrcnkräuter wachsen zwischen den Spalten des Felsens; der Tourist pflückt hier und da auch einige Stengclchcu Kresse; es würde aber einige Monate dauern, ehe er eine ausreichende Quantität gefunden, um ein Salatgericht daraus zu bereiten. Das Moos bedeckt alle Wände des Felsens; es ist so fein und so zart, daß die Damen sich für diesen, von der Natur so sorgfältig gewebten Sammet ganz besonders intercssircn. Kaum ist man aus dem Abgrund, in welchem man sein Leben riskirt hat, herausgetreten und die Treppe emporgestiegen, sich dadurch bedeutend ruhiger fühlend, so lenkt sich der Blick noch einmal nach dem berauschenden Katarakte zurück; aber die zwingende Nothwendigkeit, so schnell als möglich die Kleider zu wechseln, aus Furcht vor einem schlimmen Katarrh, überwiegt die Neugierde; man eilt vorwärts. Bei dem Heraustreten aus der Hütte, ftvo die Metamorphose der Herren und Damen stattgefunden, ist man von zahlreichen Handelsleuten umringt, welche ihre geschmacklosen indischen Raritäten zum Kauf anbieten: Mocassins, Arbeitstaschen nnd andere Dinge, die mit Glasperlen verziert sind; gewöhnlich werden diese wenig reizvollen Gegenstände verschmäht, die nicht einmal den Vorzug haben, von echten Rothhäuten fabricirt 793 zu sein. Man überschreitet jene schon erwähnte Brücke, die über den Fluß geschlagen ist, von dem man nicht weiß, von wo er herkommt, und erklettert die Treppe des Thurmes „Prinz von Wales", welcher erst vor Kurzem constrnirt, und von dein znkünftigen Erben der Krone Englands, dem zu Ehren er erbaut, eingewciht wurde. Auf der Plattform dieses kühnen Holzgebäudes angekommen, begreift der fremde Besucher, daß der amerikanische Gentleman keine schlechte Speculatton damit ausführte, daß er sie nach dem königlichen Prinzen benannte. In der That ist die Aussicht, die man von diesem Punkte aus hat, einzig in ihrer Art, wenn auch betäubcud im vollsten Sinne des Wortes. Unten fließt der Strom des Niagara, der einem Meere im wildesten Aufruhr gleicht; links erhebt sich die Ziegeuinscl mit den drei Schwestern; iu der Mitte ein wenig weiter sieht man die grünen Ufer der Roseninsel, „Groß-Jsland"; fern am Horizont die bewaldete .Hügelkette von „Nasq-Jsland". Die Stromschnellen breiten sich unterhalb des Katarakts, eine Strecke aufwärts gegen den Strom aus, und ihrc'Strömnng ist so übermächtig, so voll schäumender Bewegung, daß man glaubt, eine ganze Heerde von Lachsen zu sehen, die sich dort ergötzen und in diesem weiten Strom herumbalgen. Die Wasser flimmern in metallischem Glänze und fallen in Tausenden von Funken zurück. Von Zeit zu Zeit sieht man Alles von der Gewalt der Wellen fortgeschleudert, die auch ganze Bäume entwurzeln, sie aus den: Boden, der sie aufkeimen sah, Herausreißend; sie gleichen niedergeworfenen Niesen, die mit der Macht des Todes kämpfen, oder den Schlangen, deren Windungen nicht mächtig genug sind, der Gewalt des Stromes zu widerstehen und der sie dennoch mit sich fortreißt. Je näher die entwurzelten Bäume dem Katarakte kommen, desto schneller wird ihr Lauf; endlich hat der Baumstamm das letzte Hinderniß der Stromschnellen besiegt und wird von der unwiderstehlichen Gewalt des Wasserfalls fortgerissen; er muß sich dieser gigantischen Masse ergeben und verschwindet in dem Wasserwirbcl, der ihn in Atome zermalmt hat, um nie mehr auf der Oberfläche zu erscheinen, oder er wird im Abgrunde durch die Getvalt des Wassers zurückgehalten. Ein absonderliches Experiment wurde vor ungefähr 30 Jahren mit den Stromschnellen des Niagara gemacht. Man brachte den Stumpf eines alten ausgedienten Seeschiffes dahin und besetzte es mit zwei vom Notz befallenen Kühen einem schwindsüchtigen Pferde und 20 Enten. Es handelte sich darum, zu wissen, ob der Abgrund einige Trümmerstncke des Schiffbruchs an's Licht bringen würde. Sobald man die Schiffstauc, welche das Wrack festhielten, durchschnitten hatte, sah man dasselbe, durch die Wasscrwirbel bald rechts, bald links fortgerissen, dann znr Ruhe kommend, seinen Weg fortsetzen. So gelangte es in das Niveau des Katarakts, fiel, fortgezogen von den Wellen, und verschwand im Augenblick. Alle diejenigen, welche diesen Kampf der Elemente mit der Beute, die man ihnen dargeboten, verfolgten, suchten mit den Augen über den Wasserwirbeln des Falls die Planken des Schiffes oder die armen Opfer, die man an seinem Bord eingeschifft hatte. Nichts zeigte sich: Alles war in diesem unergründlichen Trichter verschwunden. Die Journale der Vereinigten Staaten beschäftigten sich lange mit diesem Ereigniß, das über 5000 Zuschauer aus allen Winkeln des Landes herbeigezogen hatte. Vor einigen Jahren ereignete es sich, daß man in der Nähe von Wirlpool den Leichnam von Franz Abott, einem Eremiten der Insel Linie, fand. Es war ein Amalgam von znsainmcugeknetetem Fleisch; man hatte Mühe, ihn zu erkennen, als man ihn mit der Harpune erfaßte, um ihn an's Ufer zu ziehen. Den treuen Hund dieses armen Teufels, der seit dem Tode seines. Herrn winselnd einher lief, hatte man mitgenommen; als derselbe die unförmlichen Ueberreste sah, warf er sich über sie und bedeckte sie, denn er erkannte trotzdem in denselben seinen ehemaligen Herrn. 794 M i s e e H e n« (Einige kleine Malicen aus der Musikhistorie.) Einst schickte der Komponist Adam zu Ander, sich von ihm die Partitur seiner ersten Oper „Losonr wiiitrriis" ausbittend, die zu ihrer Zeit ein fürchterliches Fiasko gemacht hatte. Ander überreicht das Buch persönlich und entschuldigt sich wegen seiner verschiedenen Mangel. „Maöstro, gerade deßwegen wünsche ich ja Ihr Werk", erwiderte Adam. „Meine Schüler überkommt oft eine Stunde der Entmuthigung und Verzweiflung, wenn ich ihnen dann Ihre Partitur vorlege, empfinden sie deutlich, „was selbst ein Ander für schlechtes Zeug geschrieben," nnd getrost blicken sie wieder in ihre eigene Zukunft." — „Kennen Sie mich denn gar nicht mehr? Ich bin ja . . ." rief ein reifender Komponist einem schon gereiften in einer Versammlung zu. „Sie haben sich seit unserer letzten Begegnung dermaßen mit Ruhm bedeckt, daß ein Wiedererkennen schwer möglich", erwiderte der Jnterpcllirte, der bei derselben Gelegenheit einem anderen Genossen, den er besser fand, als Fama von ihm berichtete, zum Abschied sagte: „Es war mir eine angenehme Enttäuschung, Sie persönlich kennen gelernt zu haben." — Als Goldniark, der Komponist der „Königin von Saba" durch eine Suite zuerst sich bekannt machte, reiste er nach allen Städten, wo sie aufgeführt wurde, um feinen jungen Ruhm in vollen Zügen einznathmen. Der Cellist Popper kehrte einst nach ihm in demselben Hotel ein und fügte dein „Karl Goldmark aus Wien" ironisch die Worte bei „nebst Suite". — Borton, mtter Chcrubini's Direktorial Professor am Konservatorium und bekannt als etwas saumselig, war gestorben. Als sich sein Leichenkondukt etwas verspätete, sagte der griesgrämige Cherubim zu seinem Nachbar: „Der Mann kommt doch immer zu spät." * (Ein fataler Irrthum) passirte einmal bei dem Besitzer eines großen Weinbergs, welcher zum Fest der Weinlese eine große Anzahl von Gästen geladen hatte. Er war nämlich auf die Idee gekommen, acht Schilder mit Buchstaben anfertigen zu lassen, die von 4 Mädchen und 4 Knaben getragen wurden; nachdem die acht Kinder einen wohleinstndirtcn Tanz aufgeführt hatten, mußten sie eine malerische Gruppe um den würdigen Weinbcrgbcsitzcr bilden, während ihre acht Schilder mit den Buchstaben: „W, E, I, N" und: „L, E, S, E" versehen, das Wort: „Weinlese" zusammenstellten. Alles war sorgfältig geprobt worden, nnd der große Augenblick, wo das feierliche Tableau stattfinden sollte, nahte. Freudestrahlend steht der Festgeber da, während die jugendlichen Tänzer mit ihren großen Schildern sich um ihn schaaren. Aber — o weh — was erblickten die belustigten Gäste? — Statt: Wein-Lese — das Wort: „Wein-Esel!" — Einsetzt gewahrt er auch den Mittelpunkt der verunglückten Gruppe, nnd mit rascher Geistesgegenwart ertheilte er pianmLiino den Tänzern, welche nicht am rechten Platz gewesen waren, einen Rüffel; darauf erfolgt eine neue Gruppe, die kleinen Tänzer hielten ihre mit Wein gefüllten Becher hoch, und präseniirtcn abermals ihre Schilder dem nicht minder ergötzten Publikum, denn — v Unglück — was zeigen dieselben dies Mal? — „Esel-Wein!" — (Die Macht der Gewohnheit.) Die junge gnädige Fran hat in liebenswürdiger Laune ihrer Jungfer, der das Schreiben nicht gut von der Hand geht, einen Brief an ihren Kvnsin aufgesetzt und liest ihr denselben vor. Fehlt noch irgend etwas, Minna?" — „Nur die Entschuldigung wegen schlechten Schreibens nnd orthographischer Fehler." (Gastfreundlich.) Wirth (vor der Hausthür stehend, erblickt einen anfahrenden Wagen) : Wenn der nur nicht bei mir einkehrt — sonst b'stellt er mir am End' das Ganscl vor der Nasen weg, das ich mir gerade hab' braten lassen! Auslösung des Räthsels iu Nr. 97: „Walfisch, welsisch." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischeu Instituts von 4>r. Max Huttlcr. Nr. SS. „Äugslmrger Postzeitung." Mittwoch, 12. December 1883. Der OpalrLng. Nomnn aus dein Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Vierunddrcitzigstes Capitel. An den» vorhergehenden Tage, da Lena und Bertha Mrs. Lemont besuchten, erhielt St. Lawrence einen Brief von dein Geheimpolizisten. Eine große Last wurde da- durch von seiner Seele genommen, denn dieser theilte ihm mit, daß Alles zeitig genug enthüllt sein werde, um die Heirath zu hintertreiben. Wie aber die Zeit verstrich Stunde auf Stunde vorüber eilte, kehrte seine Besorgniß in vergrößertem Maße zurück. Wenn er heute Abend keine bestimmte Nachricht von Niggs erhielt, so wollte er, selbst auf die Gefahr hin als Betrüger gebraudmarkt zu werden morgen in aller Frühe Lord Alphiugton aufsuchen um eine Blosstcllung an" Altare selbst zu verhüten. Er fand weder Ruhe noch Rast und schrit im Zimmer aus und ab, auf jeden Laut horchend, er versuchte zu lesen, konnte aber unmöglich seine Gedanken sammeln. Endlich zwischen zehn und eilf Uhr ward hastig an der Hausglocke gezogen und Mr. Riggs stürzte die Treppe hinauf iu's Zimmer. „Alles in Ordnung, Sir! Wir haben ihn erwischt!" „Also wirklich?" frug St. Lawrence aufspringend. „Ist es ganz bestimmt wahr; ich könnte eine fernere Ungewißheit nicht mehr ertragen", fügte er nach Athem ringend hinzu. — Mr. Niggs nährn seinen Hut ab und putzte sich mit dem Taschentuchs über den kahlen Schädel, indem er sagte: „Freilich es ist eine wahre Wohlthat, diese verfluchte Perrücke los zu sein. Sie frugen, ob es ganz bestimmt wahr sei. Ich sage Ihnen, wir haben ihn festgenagelt! Der Fang ging herrlich von Statten! Den Verhaftungsbefehl in der Tasche empfingen wir ihn, als er das Coupö verließ. Einer von unseren Leuten war ihm den ganzen Tag über gefolgt, ich fürchtete, er würde den Braten riechen und sich aus dem Staube machen. Aber er dachte nicht daran. Beim Henker, Sir, es war das schönste Stück Arbeit, welches ich seit langer Zeit unternommen habe! Lassen Sie mich auf Ihre Gesundheit trinken, Mr. Faucourt und dann mache ich mich schleunigst weg." St. Lawrence, den die endliche Befreiung von seiner Sorge und Ungewißheit ganz betäubte, holte eine Flasche Cognac und schenkte Mr. Niggs ein Glas ein. „Auf Ihre Gesundheit, Sir, wünsche noch viele und glückliche Tage!" und ehe St. Lawrence antworten konnte, war der Geheimpolizist wieder verschwunden. „Dem Himmel sei Dank!" rief jetzt der junge Mann aus tiefsten: Herzen aus. Das Zimmer wurde ihm zu klein, dieser beschränkte Raum konnte seine Seligkeit nicht fassen; deshalb ergriff er seinen Hut, warf den Mantel über die Schulter und schlug mechanisch den Weg nach Joh Cottage ein. Er hatte nicht vor, dort einzutreten, da er es Andern überlassen durfte, geeignete Maßregeln zu treffen, um Lena zu retten, 796 und ehe er sich um Bertha unter seinem rechtmäßigen Namen bewerben konnte, mußte noch mancherlei geordnet werden. Aber sein verliebtes Herz drängte ihn doch wenigstens, ihre Nähe aufzusuchen und jene neidischen Mauern zu betrachten, die sie seinen Blicken verbargen. Ob sie wohl jetzt in diesem Augenblicke auch liebend seiner gedachtet Er pflückte eine Epheuranke, welche am Thorpfeilcr hing und drückte sie an seine Lippen. — Vielleicht hatte beim Vorübergehen ihre Wange oder ihr Kleid sie gestreift: „Meine Bertha, mein süßes Kleinod!" flüsterte er halblaut vor sich hin. „Du liebtest mich, Du schenktest Dich mir, als ich noch arm und unbekannt war — nun kann ich Dich mit Glück und Reichthum umgeben — Dein ganzes Leben soll gleich einem schönen Sommertage dahinfließen!" Noch eine Weile überließ er sich den beseligenden Schwärmereien eines Verliebten, dann setzte er seinen Spaziergang fort, stundenlang, bis endlich die Ruhe des Geistes durch Müdigkeit wieder hergestellt wurde. Als er am andern Morgen erwachte und zu dem Bewußtsein gelangte, daß es kein Traum, sondern Wirklichkeit sei, drang ein Strom von Freude in seine Seele ein; er hätte laut aufjauchzen und Jedem sein Glück mittheilen mögen. Es wurde ihm schwer, sich ruhig zu verhalten, obgleich er fühlte, daß es nicht an ihm sei, den ersten Schritt zu thun; er mußte, so gut es ging, geduldig abwarten, welchen Lauf die Dinge jetzt nehmen würden. Gegen drei Uhr erhielt er ein Billet von Lord Alphington, worin dieser ihn bat, zu ihm nach Magnus Square zu kommen. Nun endlich fühlte er sich in völliger Sicherheit. Der Earl empfing ihn in dem Bibliothekzimmer, wo das Portrait von Enstace Faucourt, seinem Vater, hing. Kaum hatte sich die Thüre hinter ihm geschlossen, so eilte der alte Herr, keines Wortes fähig, auf ihn zu, legte den Arm um den Hals seines Enkels und schluchzte laut. Auch Enstace war auf das Tiefste ergriffen und küßte zärtlich die Hand seines Großvaters. „Gott segne Dich, mein lieber Junge!" brachte dieser endlich mühsam hervor, dann legte er die Hand auf die Schulter des jungen Mannes und hielt ihn auf Armeslänge von sich. „Ja die Aehnlichkeit ist sogar noch größer, als ich Anfangs glaubte: jedoch ist mehr Kraft, mehr Selbstvertrauen in Deinen: Gesichte. Ich hoffe zu Gott, daß Dir eine glücklichere Zukunft bevorstehen wird. Und nun setze Dich, Enstace, wir haben viel miteinander zu sprechen." Es folgte ein langes Zwiegespräch, welches beide gleichmäßig interessirte. Als Antwort auf die Frage Lord Alphington's, weshalb die Beweise nicht früher eingebracht worden seien, entgegnete Eustace, daß er keine bestimmte Auskunft geben könne, da seine Mutter ihn nicht darüber aufgeklärt habe. In Folge einiger Andeutungen, welche freilich von seinem Vetter Sedley ausgegangen seien, habe er sich gescheut, die Frage der Legitimität in Anregung zu bringen. „Wahrscheinlich verletzte es meine Mutter, wie ich jetzt glaube, die keine Ahnung davon hatte, daß mein Vater seine Heirath geheim gehalten habe, von den Verwandten ihres Gatten nicht anerkannt zu werden. Sie hielt strenge an einem einmal gefaßten Vorurtheile fest; zudem war sie durch und durch Republikanerin. Vermuthlich befürchtete sie, meine englischen Verwandten würden mich ihr entreißen und in einer von der ihrigen verschiedenen Sphäre erziehen lassen. Jedoch verwandte sie die größte Sorgfalt auf meine Erziehung, jedenfalls in dein Gedanken an die Zukunft. Nachdem ich meine Studien beendet, schickte sie mich mehrere Jahre auf Reisen. Ich kehrte nach Amerika zurück, als ich erfuhr, daß sie leidend sei und einige Tage später starb sie in meinen Armen. Als meine Mutter ihr Ende nahen fühlte, sprach sie zum ersten Male mit mir über die Familie meines Vaters und händigte mir die Schatulle mit den Beweisen ein; jedoch verpflichtete sie »sich, diese nicht eher zu öffnen, bis ich in England angekommen, und dann Ihnen den Inhalt sofort zu übergeben. Wie ich während 797 einer Krankheit beraubt wurde, ist Ihnen schon bekannt. Leniont pflegte mich unverdrossen; damals hielt ich es für Humanität seinerseits und belohnte ihn nach bestem Vermögen. Jetzt hat es sich allerdings herausgestellt, daß er ein anderes Motiv hatte." „Kanntest Du diesen Lemont schon früher?" frug Lord Alphington. „Nein, ich sah ihn zuerst an Bord -— seinen Namen hörte ich auch dort nicht, da er auf dem Schiffe nur Pierre genannt wurde. Aber als Bertha Dalton ihn nur beschrieb, erkannte ich den Menschen sofort wieder." „Sagtest Du nicht, Du habest erst durch Riggs erfahren, daß Dein Vetter ver- heirathet sei?" „Ja, ich wußte nichts davon. Der Julie Lemont erinnere ich mich — sie war Gouvernante bei einer Familie, welche in derselben Stadt wohnte wie wir. Damals hielt ich sie für ein dreistes, leichtfertiges Mädchen. Mein Taugenichts von Vetter versuchte es, um seine eigenen Intriguen zu verdecken, meinen Namen mit dem ihrigen in Verbindung zu bringen. Dies war die erste Veranlassung unseres Zerwürfnisses. Erst kürzlich erfuhr ich, daß er sie geheirathet habe." Von der Vergangenheit ging das Gespräch allmählich auf die Gegenwart und Zukunft über und Eustace, welcher vor seinem Großvater kein Geheimniß zu haben wünschte, setzte ihn von seiner Verlobung mit Bertha Dalton in Kenntniß. Lächelnd sagte der alte Herr: „Ja, ja, ich hatte schon so etwas errathen. Du darfst meiner völligen Einwilligung und meines eingetheilten Beifalles versichert sein. Sie ist ein reizendes Mädchen und mein besonderer Liebling, trotzdem ihre Schwester so schön ist. Arme Madcline", fuhr er mitleidig fort. „Jetzt wird sie schon die Vereitelung ihrer Hoffnungen erfahren haben. Sir Stephan Langley ist hingefahren, um Airs. Dalton die unangenehme Nachricht zu überbringen. Es wird sie tief erschüttern." „Ha, das arme Mädchen!" St. Lawrence war im Begriffe hinzuzufügen, es sei eine gerechte Strafe für sie; doch unterließ er diese Bemerkung. Wie wenig Achtung er auch für Lena haben mochte, so wollte er sie doch nicht in den Augen Lord Alp- hington's heruntersetzen. Es wurde Abend, ehe dieser seinen«, neu entdeckten Enkel erlaubte, ihn zu verlassen, und dann auch nur aus dem Grunde, weil er sich denken konnte, mit welcher Sehnsucht der junge Mann darnach verlangte, seine Verlobte wiederzusehen. „Ich will Dich nicht länger von Bertha zurüaHalten, denn obschon alt und grau, habe ich doch noch nicht ganz vergessen, wie es der Jugend zu Muthe ist. Aber morgen zum Frühstücke erwarte ich Dich hier und dann können wir unsere Pläne für die Zukunft entwerfen." So schieden Großvater und Enkel, gegenseitig entzückt von einander. Lord Alphington kam es vor, als ob ihm sein längst verstorbener Sohn wiedergcschenkt sei und St. Lawrence pries sich glücklich, in Demjenigen, welcher von nun an Vaterstelle bei ihm vertrat, Jemanden gefunden zu haben, der seiner Achtung und Liebe so vollkommen würdig war. (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Neid ist häßlich, abschcu werth. Neid am eig'ncn Glücke zehrt; Während er nach fremdem schielt, Das er nimmermehr erzielt, Wird das seine schwinden. Liebcleer ist Neid und arm, Schafft sich selber Qual und Harm, Neid verbittert jede Lust; Lass' ihn nie in deiner Brust Eine Stelle finden! I. B iUk. 798 Fahnen und Wappen der Handwerker, Künstler und einiger anderen Stände, nebst deren Schutzheiligen nnd Fahnenfarben. Jedes einzelne Handwerk verehrt bekanntlich einen Heiligen als seinen Patron und Fürbitter bei dem großen Meister aller Handwerke. In früheren Zeiten, als das Handwerk in seinen Zünften und Gilden starke Verbände auswies, hochaiigcsehen war und in der Gemeinde wie selbst im politischen Leben eine große Rolle spielte, — man denke mir an die Kämpfe der flandrischen Städte mit den französischen Bedrückern — da waren auch die Patrone des Handwerks ebenso bekannt wie seine Embleme, Wappen und Fahnen, kurz wie seine ganze Organisation, Gliederung u. s. w. Und was vom Handwerk galt, das galt auch von vielen anderen Ständen, die uns in corporativer, fester Gliederung entgegentreten und Respect einstoßen. Dann kam eine Zeit, in der Alles, was nach dem Mittelalter „roch", verspottet, bekämpft, verworfen wurde. Es war das die Zeit, die in Deutschland mit der „großen Reformation" einzog, und die mit dem 30jährigen Kriege über Deutschland die Zerstörung alles Bestehenden, den Gräucl der Verwüstung brachte. Was die „Reformation" in ihren religiösen, socialen, staatlichen wie communalen Nachwirkungen etwa noch bestehen ließ, damit räumte dann die „Aufklärung" auf, die mit dem Zeitalter Lndwig's XIV. aus Frankreich herüberkam, Alles zersetzte, nnd die dann in der mit allen Schrecken nnd Verbrechen auftretenden großen französischen Revolution von 1784 geradezu das Princip formulirte: „mit allem Ucberliefcrten muß gebrochen und aufgeräumt werden!" So wurden die corporativen Verbände des Handwerks wie auch anderer Stände in den letzten drei bis vier Jahrhunderten mehr und mehr geschwächt und endlich zu Grabe getragen. Endlich erkannte man, daß es nicht mehr so weiter gehe, und so hat man denn die Reform des Handwerks wie den Wiederaufbau der Staat und Gesellschaft überhaupt erhaltenden Stände in die Hand genommen, und man wird hoffentlich trotz allem Spotten nnd Widerstreben des regierenden Zeitgeistes nicht ruhen, bis dieser Wiederaufbau vollendet ist. So sehr aber wurde die Kenntniß von den großen Schöpfungen des „Mittelalters" in den Köpfen ausgetilgt, daß die Meisten auch nicht einmal mehr die äußeren Zeichen des Handwerks nnd anderer Stände zn nennen wissen, geschweige daß sie Etwas von der Geschichte jener Schöpfungen kennen. Als eine Anregung zu Weiterem, insbesondere zu Vortrügen in Handwerker- und anderen Vereinen, möchten wir deshalb, nach dem „Echo d. G.", eine kurze Zusammenstellung der Fahnen und Wappen rc. wie der Schutzpatrone der Handwerke und einiger anderen Stände hier folgen lassen. Aerzte und Apotheker. Patrone: St. Cosmas und Damian (zwei Brüder, Aerzte, tragen Arzneigläser, starben zu Anfang des 4. Jahrhunderts als Märtyrer). Im Felde eine goldene Salbenbüchse. Fahne blau und gold. Bäcker. Im blauen Felde eine silberne Brctzel. Patronin: St. Elisabeth von Thüringen, die Brodspenderin; sie trägt Brod in einem Korbe und einen Krug mit Wein. Fahne blau und silber. Brauer. Im goldenen Felde einen umgekehrten goldenen Kübel und darunter gesteckt drei goldene Schöpfstötze. Patron: St. Florian, der Abwcnder von Feuersgefahr; er schüttet aus einem Gefäße Wasser in's Feuer, weil er sich erboten, freiwillig durch's Wasser zn gehen. Fahne roth und gelb. Buchbinder. Im grünen Felde eine goldene Buchbinderpresse, ein Buch und eine Brieftasche. Patron: St. Ludwig IX. von Frankreich, der Bücherfreund; hält Lilien- scepter und Dornenkrone, starb 1270. Fahne grau nnd gold. Buchdrucker. Im silbernen Felde ein schwarzer, goldgekrönter, springender Löwe, der in seinen beiden Vorderpranken zwei aufeinander reibende Buchdrnckerballen hält. Patronin: Katharina von Alexandrien, die Schriftgelehrte. Fahne schwarz und silber. Buchhändler. Im silber- und goldgetheilten Felde einen rothen Krebs. Patron: 799 St. Bonifatins, Erzbischof, mit einem von einem Schwerte durchstochenen Buche. Fahne silber, roth und gold. Dachdecker. Im rothen Felde silberne Werkzeuge. Patron: St. Naphael der schützende Erzengel. Fahne roth und silber. Drechsler. Im blauen Felde silberne KMnstdrchcreien und zwei gekreuzte Drch- mcisicl. Patron: St. Erasmus, Bischof unter Diocletian; er halt eine Winde in der Hand, um anzudeuten, daß ihm die Eingeweide aus dein Leibe gewunden wurden. Fahne blau und silber. Färber. Im blau und pupurgctheiltcn Schilde eine goldene Mange. Patron: der 'Apostel St. Simon, eines Purpnrfärbers Sohn. Fahne getheilt, oben blau und Purpur, unten pnrpnr und blau. Feilen Hauer. Im grünen Felde drei eiserne Feilen. Patron: St. Thcodo- sius, der in Eisen Geschlagene. Fahne grün und schwarz. Fischer. Im silbernen Felde drei naturfarbene, ineinander geschlungene Fische, darunter ein Krebs. Patrone: St. Bcnno und Mauritius, denen Fische verlorene Kirchen- schlnssel wiederbrachten. Fahne grün und silber. Flaschner. (Spengler und Plättner.) Im grünen Felde eine silberne Ritterrüstung, oder auch ein goldener oder silberner Helm, ihr Meisterstück. Patron: St. Wilhelm der Große, der die Rüstung nie ablegte. Fahne grün und silber. Fuhrleute und Kutscher. Im blauen Felde auf grünem Boden ein goldener Wagen. Patron: St. Laüo, der einen Todtgcsahrcnen wieder belebte, oder, da dieser Heilige minder bekannt ist, Patronin: St. Katharina von Alcxandric», mit einem zerbrochenen, mit Messern besetzten Rade, welches der Blitz zerschmetterte, als sie gerädert werden sollte. Fahne blau und grün. Gärtner. Im silbernen Felde ein grüner Baum mit entblößten Wurzeln. Patronin: St. Dorothea, sie trügt Blumen, Rosen und Früchte, weil Engel vor ihrem Tode, den sie als Heimgang zu ihrem Bräutigam bezeichnet hatte, mit Blumenkränzen erschienen. Fahne grün und silber. Gastwirthe. Im rothen Felde ein silberner Pokal, daneben silberne Brode; darüber in Silber Sonne, Mond und Sterne. Patron: St. Goar, der die Reisenden umsonst beherbergte (worin die Gastwirthc freilich ihrem Patron nicht nachfolgen können). Fahne roth und silber, weil sie rothen und weißen Wein schlucken. Gerber. Im rothen Felde zwei silberne Schabeisen. Patron: St. Bartholomäus mit dem Messer und seiner abgeschundenen .Haut. Fahne roth und silber. Glaser. Im silbernen Felde ein gothisches Doppelfenster mit blauen Rund- scheiben, darunter Lineal und Diamant. Patron: St. Scrapion, der aus einem Fenster Gestürzte. Fahne blau und silber. Gold- und Silb er schmiede. Im blauen Felde einen silbernen Ehrenpokal, zu beiden Seiten goldene Ringe. Patron: St. Eligius, der Goldschmied. Fahne gold, blau und silber. Gürtler. Im blauen Felde eine goldene Gürtelspange. Patronin: St. Agatha, deren Gürtel die Henker nicht von ihrem Leibe zu entfernen vermochten. Fahne blau und gold. Hafner (Töpfer). Im goldenen Felde ein rother Hafen. Patron: St. Goar, Priester und Eremit zu Trier um 580. Drei Hündinnen gaben ihm ihre Milch, womit er die ihn Gefangennehmenden tränkte; ein Teufel sitzt auf seiner Schulter; er hält einen Topf in seiner Hand. Fahne roth und gold. H orndrehe r. Im grünen Felde ein silbernes Büffelhorn. Patron: St. Hnbertus, der Jagdfreund, zwei Pfeile haltend; neben ihm steht ein Hirsch, welcher zwischen dem Geweih ein Crucifix trägt, durch dessen Anblick er auf der Jagd bekanntlich bekehrt wurde. Fahne grün und silber. 800 Huf- und Waffenschmiede. Im schwarzen Felde ein silbernes Hufeisen. Patron: St. Eligins der Schmied. Fahne schwarz und weiß. Hutmacher. Im blauen Felde ein schwarzer Hut. Patron: St. Jakob, der Pilger im Pilgcrkleidc, die Pilgermuschcl auf der Brust oder am Hute, mit Schwert oder Pilgerstab. Fahne blau und schwarz. Kammmacher. Im rothen Felde ein verzierter goldener Kamm alter Form. Patronin: St. Magdalena, die Erfinderin des Kammes, mit einer Salbbüchse, zuweilen in ihr langes Haupthaar gehüllt, kniet unter dem Kreuze Jesu. Fahne roth und gold. Kupferschmiede. Im blauen Felde ein purpurfarbiges Gefäß, von zwei goldenen Greifen bewacht. Patron: St. Eulogius, der mit kupferner Lanze Gctödtetc. Fahne blau, gold, Purpur. Kürschner. Im purpurrothen Felde ein schräglicgendcr Hcrmelinstrcifcn. Patron: St. Johannes der Täufer im Gewände aus Thicrfcllcn, oft mit struppigem Haupthaar (als Zeichen der Bußübung), trägt das Lamm Gottes und ein Krcuzpanicr. Fahne purpur mit aufgestreuten Hermelinflockcn. Lebküchner. Im blauen Felde einen Naturfarben gemalten weißen und einen braunen Lebkuchen. Patronin: die allersüßcste Jungfrau Maria mit dein allersüßcstcn Kindlcin. Fahne purpur und silber. Maler. Im silbernen Felde das Bild der hl. Jungfrau. Patron: St. Lucas, der erste Maler; er malt vor einer Staffele!. Fahne regenbogenfarbig gestreift. Maurer. (Siehe Steinmetzen.) Messerschmiede. Im rothen Felde drei silberne Dolche über Kreuz durch eine goldene Krone gesteckt. Patron: St. Moritz, der ritterliche Held, ein Thcbancr. Fahne roth und gelb. Metzger. Im purpurnen Felde ein goldener Ochse und ein naturfarbencs Beil. Patron: St. Mathias, der mit dem Beil Ermordete, und St. Lucas neben dem apokalyptischen Thiere, dem Ochsen. Fahne purpur und gold. Müller. Im blauen Felde ein silbernes Mühlrad. Patronin: St. Christinn, die mit einem Mühlstein als Kragen um den Hals in's Wasser Gestürzte und von einen: Engel Gerettete. Fahne blau und silber. Radier und Nagelschmiede. Im silbernen Felde ein purpurnes Herz, in welches drei Nägcl gesteckt sind. Patronin: St. Helena, welche Christi Kreuz sammt den Nägcln auffand, mit denen der Heiland gekreuzigt wurde; sie trägt das Kreuz Christi und die Nägcl. Fahne silber, purpur, silber. Optiker. Im silbernen Felde ein grünes Brcnuglas und eine blaue Brille. Patron: St. Fridolin, der erste Brillenträger. Fahne grün und silber. Perrückenmacher und Friseure. Im silbernen Felde ein weiblicher Kopf nut Locken. Patronin: St. Magdalena, welche lange Haare hatte. Fahne purpur und silber. Porzellanmaler. Im silbernen Felde ein halb roth, halb blaues Wappen- schildchen. Patron: St. Lucas. Fahne roth, silber, blau. Nothgießer. In: rothen Felde eine goldene Glocke. Patronin: St. Agatha, die auf den Gießhütten um Abwendung der Fencrsgcfahr angerufen wird. Fahne roth nnd gold. Sattler. Im silbernen Felde ein purpurner Sattel mit Goldeinfassnng. Patron: St. Georg, der tapfere Ritter, der fest !m Sattel Sitzende. Fahne silber, purpur, gold. Schauspieler. Im silbernen Felde eine tragische und eine komische Maske oder zwei gekreuzte Dolche. Patron: St. Genesius, der früher Histrione war, aber unter dem Völklein der Theater wenig Verehrer finden dürfte. Fahne purpur und silber. Seiler. Im grünen Felde drei goldene Seidcwinden oder Spindeln. Patronin: St. Anna, welche die Bußstricke und Geißeln einführte. Fahne grün und gold. Schlosser. Im silbernen Felde zwei gekreuzte Schlüssel, darüber und darunter Vorlegeschlösse!. Patron: St. Petrus, der die Himinelsschlüssel hält, bejahrt, mit starker Tonsur oder ganz kahlen: Scheitel, einige Schlüssel in der Hand, zuweilen mit zwei Schlüsseln. Fahne schwarz und silber. Schornsteinfeger, Essenkehrer. Im silbernen Felde zwei gekreuzte Besen, darüber eine Rußscharre. Patron: St. Florian, der Feuerlöscher. Fahne ganz schwarz. Schmiede. (Siehe Gold-, Huf-, Waffen- und Nagclschmiede.) Schneider. Im grünen Felde ein Schneider-Fingerhnt und eine Schncidcr- Schcere, stahlfarben. Patron: St. Johannes der Täufer, weil er wahrscheinlich seinen Rock aus Kameelgarn selbst gemacht hat. Fahne grün und blau. Schreiner oder Tischler. Im silbernen Felde eine Säge und ein Hobel. Patron: St. Rochus, der Kunsttischler und Pilger, am linken Schenkel eine Pestbeule, einen Hund neben sich, Pestkranke heilend. Fahne blau und silber. Schü tzen, Armbrnst- und Büchsensch üHeu. Im goldenen Felde ein schwarzer Reichsadler. Patron: St. Sebastian; er leidet, nackt an einen Baum oder Pfahl gebunden, von vielen Pfeilen durchbohrt, den Märtyrertod. Fahne schwarz und gold. Schuh- und Stiefelmacher. Im goldenen Felde einen schwarzen Schuh und einen Stiefel. Patrone: St. Krispin und St. Krispiniauns, mit Schnhmachcr-Gcräth, weil sie als Missionäre in Gallien ihren Unterhalt durch Schnhemachen verdienen mußten. Fahne schwarz und gold. Seifensieder und Licht zieh er. In: blauen Felde ein Pfund silberner Kerzen. Patronin: St. Maria di Monte, welche strenge ihren Rittern und Dienstlcntcn Waschungen anbefahl, während heute „die Ritter von: Geiste" oft recht ungewaschene Männer sind. Steinn: eben und Maurer. Im blauen Felde goldene Manrcrwerkzcngc, Zirkel, Kelle, Richtschnur und Winkelmaß. Patron: St. Stephanns, der mit unbehauenen Steinen gesteinigt wurde. Auch St. Rcinhold, ein Mönch in Köln, mit einen: Hammer in der Hand. Fahne blau und gold. Teppichweber. Im goldenen Felde ein farbiggcstrcifter Teppich. Patron: St. Paulus, der auch ein Teppichweber war, mit den: Schwert, auch zwei Schwerter vor sich haltend, wo das zweite dann als das Schwert des Geistes zu deuten ist. Fahne gold und buntfarbig. Tuchmacher, Wollen web er. Im rothen Felde zwei goldene Tuchweber- schiffe in's Andreaskreuz gelegt. Patron: St. Martin, der seinen Tnchmautcl mit dem Schwerte theilte und die Hälfte einen: nackten Bettler gab, und St. Severns von Ra- vcnna, der ein Wollcnwebcr war. Fahne roth und gold. Tuch fürber, Tuchwalker. (Siehe Walkmüller.) Tünch er. In: blauen Felde zwei goldene in's Andreaskreuz gelegte Borstenpinsel. Patron: St. Antonins, dessen Attribut die Borsten liefert, mit dem ägyptischen Kreuz (1Y und der Bcttlcrglocke, von Teufeln versucht, ein Schwein neben sich. Fahw blau und gold. Uhrmacher. Im rothen Felde ein großes silbernes Zifferblatt mit goldener' Zeigern. Patron: St. Petrus mit dem Hahne, dem Uhrweckcr. Fahne roth und silber Wagner, Stellmacher, Radmachcr. Im blauen Felde ein goldenes Rad Patronin: St. Katharina, mit den: Rade gemartert. Fahne blau und gold. Wachsbleicher, Wa ch s st o ck- u n d W a ch s l i ch t in ache r. Im blauen Feld ein goldener Bienenstock. Patron: St. .Ambrosins, Erzbischof von Mailand, Kirchen lehrer, auf dessen Gesicht, als er noch Knabe war, einmal ein Bienenschwarm sich nieder ließ; er hat einen Bienenkorb znr Seite und eine Geißel in der Hand, weil er den» Kaiser Theodosius den Eintritt in die Kirche verwehrte. Fahne blau mit goldene' Biegen bestreut. 802 Walk müllcr und Tuchfärber. Im silbernen Felde eine aufwärts blaue Hand. Patron: St. Jakob der Kleine, der mit einer Tuchwalkcrstange Erschlagene; er hat znr Seite den einem großen Geigenbogen ähnlichen Walkerbanm. Fahne blau und silber. Weber. Im grünen Felde ein goldenes Weberschiffchen. Patronin: St. Atha- nasia, die Weberin mit dein Stern aus der Brust; auch galten Krispinus und Kris- pinianns als Patrone. Fahne grün und gold. Wein Händler und Weinschänken. Im purpurnen Felde ein Faß, worauf ein silberner Pokal steht oder ein Bacchus reitet. Patron: St. Urbanns, an dessen Todestag es Wein regnete. Fahne Purpur und sicher. Zimmerleute. Im goldenen Felde stahlblaue Handwcrksgeräthe. Patron: St. Joseph, der Zimmermann, bei dem der Heiland in die Lehre ging. Er hält einen Lilienstab, zuweilen auch eine Säge. Fahne blau und gold. Zinn gieß er. Im silbernen Felde eine blaue Kanne. Patron: St. Karolus Magnns, der den Dom zu Aachen mit Zinn (?) decken ließ. Fahne blau und filber. M i s c e ll e n. (Die schönste Hand.) Kürzlich unterhielten sich zwei junge, liebenswürdige Damen über das, was die Schönheit einer Hand ausmache. In ihren Ansichten darüber ebenso verschieden wie in der Form des schönen Gliedes, von dcßen Vorzügen sie sprachen, beschlossen sie, einem Greise, der zufällig dazu kam, die Frage zur Entscheidung vorzulegen. Jede der Damen Zeigte ihm ihre Hand. Beide erfassend, blickte er eine Zeit lang auf sie, als ob er sie genau betrachte. Endlich sagte er: „Ich gebe es auf; die Frage ist zu schwer für mich; doch fragen Sie die Armen, und sie werden Ihnen sagen, daß die schönste Hand in der Welt jene sei, die Almosen spendet." (Der andere Mensch.) Ein Herr, der die schlimme Gewohnheit hatte, nicht nur einen, sondern sogar zwei Schnäpse auf einmal zu bestellen, befragt, warum er solches thäte, meinte: „Ja, das hat seine ganz eigenthümliche Bcwandtniß: Sehen Sie, meine Herren, wenn ich einen Schnaps trinke, so werde ich ein ganz anderer Mensch, und meine Herren, ich sehe nicht ein, warum der andere Mensch nicht auch einen Schnaps haben soll, was ich zu beachten bitte." (Ein schlechter Witz.) Prinz Ludwig von Baden kam in diesem Sommer auf einer Fußwanderung durch den Schwarzwald auch nach Sommerau. Obgleich es im Juli war, pfiff doch ein schneidend kalter Wind über die Höhen, so daß der Prinz sich im Zimmer behaglich fühlte. „Wie kommt denn dieser Ort zu dem Namen Sommerau?" fragte der im strengsten Inkognito reisende Fürstcnsohn. — „Nun sehen Sie," antwortete der gemüthliche Oberländer, „weil es hier im Winter kalt ist und im Sommer an" (auch). — (Aerztliches Zeugniß.) Ein gutes Seitenstück zu dem von Fritz Reuter erwähnten Zeugniß: „Ich bescheinige, daß P. X Prügel erhalten hat, und sie haben ihm nichts geschadet" — bildet das unlängst von einem Wiener Arzt ausgestellte, das wie folgt lautete: „Die Kopfverletzung ist eigentlich eine schwere: da aber .der Verletzte fleißig kalte Umschlüge gemacht hat, kann ich sie nur als eine leichte klassifizieren. (Aus der Schule.) Lehrer (der eine Aufgabe an die Tafel geschrieben): „Wer von Euch trifft mir diese Ausgabe?" Martin (indem er seine Mütze gegen die Tafel wirft): „Ich, Herr Lehrer." (Bettlerpraxis.) „Vcrgclt's Gott, Ew. Gnaden für die schöne Hosen, aber ragen kann ich se nct, die verderbet' mir mein Geschäft; kein Mensch thät mir was gebenl" Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litterarischen Instituts von Dr. Max Huttler. UnterkaktimgMntt »ur ^Ängsliiirger Postzeilmig." Nr. 100. Samstag, 15. December 1883. Der Gpalririg. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Fünfunddreitz igstes Eapiret. Bertha raffte all' ihren Muth zusammen, um der armen Mutter die schreckliche Nachricht mitzutheilen. Sie war daher nicht wenig erstaunt, Mrs. Dalton ganz vergnügt anzmreffen, obgleich sie bereits von Allem in Kenntniß gesetzt war. Die Zeit, welche ihr nach dem Besuche Sir Stephan's bis zur Zurückkauft ihrer Töchter blieb, hatte sie zu reiflichem Nachdenken benutzt und sich die ganze Angelegenheit gemüthlich nach ihrem Geschmacke zurccht gelegt. „Die Hochzeit brauchte nur einige Wochen hinausgeschoben zu werden", meinte sie. „Es ist wirklich eine Fügung der Vorsehung, das; Alles so gekommen. Bei dem ersten Mr. Faucourt wäre Lena als vernünftiges Mädchen genöthigt gewesen, die Mängel ihres Gatten zu übersehen, aber jetzt ist an dem Manne selbst ebenso wenig auszusetzen wie an seiner Stellung und beides vereinigt ist natürlich vorzuziehen." Und dann besann sie sich auf die Entschnldignngsgrnnde, w^he sie ihren Bekannten über die Verzögerung der Hochzeit und den Wechsel des Bräutigams anführen könne. Freilich war es ein wenig beschämend, eingcstehcn zu müssen, daß der frühere Schwiegersohn, mit dem sie so paradirt, ein Betrüger sei, aber ihren intimsten Freunden konnte sie ja anvertrauen, wie sie im letzten Momente entdeckt, daß ihre theure Lena St. Lawrence liebe — dadurch wäre ja Alles entschuldigt. Schade, daß sie es nicht schon erfahren, ehe sie das Frühstück bestellt und nun fing sie an auszurechnen, wie lange sich wohl der Hochzeitsknchcn aufheben lasse und ob er nicht schließlich doch noch demselben Zwecke dienen könne. Von diesen Entschließungen sagte sie jedoch Bertha nichts, da es fraglich erschien, wie die sie aufnehmen werde. „Bertha hat so sonderbare Ideen", sagte sie bei sich und deshalb gab sie ihrer Tochter nur durch Andeutungen zu verstehen, daß sie eine wunderbare Entdeckung gemacht und Alles in Nichtigkeit sei. „Du wirst nie errathen, wer der richtige Erbe ist; ich will rasch hinaufgehen und es Lena sagen. Wie glücklich wird sie darüber sein!" Sie eilte aus dem Zimmer, ohne Bertha's Warnung zu beachten, daß Lena sehr angegriffen sei. „Ich weiß schon, mein Kind", erwiderte sie vergnügt nickend, „das wird schon bald vorübergehen." Und fort war sie. Bertha, welche nicht im mindesten verstand, worauf ihre Mutter anspielte, blieb bestürzt allein. Nach nicht allzu langer Zeit kam Mrs. Dalton fassungslos und ganz verwirrt die Treppe herunter und rief: „Was fehlt nur der Lena? Ich glaubte, meine Neuigkeit werde sie vollständig wiederherstellen nud glücklich machen; anstatt dessen sitzt sie wie eine Statue vor dem Feuer und sagt kein Wort. Ich weis; nicht einmal, ob sie mich wirklich verstanden hat. Willst Du nicht zu ihr hingehen, Bertha; vielleicht spricht sie mit Dir." Bertha stürzte hinauf und fand ihre Schwester, einem Marmorbilde ähnlich, am Kamin sitzen. Sie kniete vor ihr nieder und ihr in's Gesicht blickend, gewahrte sie den Ausdruck solch' grenzenloser Verzweiflung, daß sie entsetzt zurückfuhr. Sie ergriff die kalte Hand der Schwester und sagte: „Meine liebe Lena, ich weiß, wie hart der Schlag ist, der Dich getroffen, aber ich bitte Dich, suche Dich zu beruhigen, der Mensch ist nicht werth, daß Du Dich so härmst." Noch immer sprach Lena nicht; Bertha's Liebkosungen und Bitten waren vergeblich, sie erhielt keine Antwort. Die alte Martha erschien mit einer Tasse Thee und einem Kuchen, den sie eigens für ihre jungen Damen gebacken. Da sie kein Mittagessen gehabt, gab sich Bertha alle erdenkliche Mühe, Lena zu bereden, etwas zu sich zu nehmen. — Diese schüttelte den Kopf, sie konnte nicht schlucken. Nur eine Tasse Thee trank sie und ließ sich dann von ihrer Schwester und Martha zu Bette bringen. Tiefsenfzend legte sie ihren Kopf auf's Kissen und wandte das Gesicht der Wand zu. Bertha setzte sich an den Kamin; sie wollte Lena nicht allein lassen, ogleich noch Vieles zu besorgen war. Die geladenen Gäste mußten znrückbestellt und die Vorbereitungen Zur Hochzeit gänzlich beseitigt werden, damit morgen nichts mehr dem Auge der Schwester begegne. Ungefähr eine Stunde saß sie dort, als sie das Herannahen eines Besuchers zu vernehmen glaubte. Ihre Gedanken hatten sich natürlich mit St. Lawrence beschäftigt, sie sehnte sich nach ihm, sie verlangte darnach, ihm Alles anzuvertrauen, sie bedurfte seines Rathes, seiner kräftigen Stütze. Die feste Zuversicht tröstete sie, daß ihre Mutter jetzt St. Lawrence, den sie ja immer gern gehabt, willig aufnehmen werde, da der angebliche Mr. Fanconrt entlarvt war. Sie wird nichts mehr von dem glauben, was dieser Schurke gegen ihn geäußert hat, und später können wir noch alle miteinander glücklich werden, wenn die arme Lena den ersten Schrecken überwunden und eingesehen hat, welchem Unglück sie entronnen. Auf Reichthum braucht wohl keiner von uns zu rechnen, aber was liegt daran?" Diese Träumereien wurden durch Martha unterbrochen, welche ihr mit geheimnißvoller Miene zuflüsterte: „In dem Eßzimmer ist Jemand, der Sie zu sprechen wünscht, liebe Miß Bertha. Bitte, gehen Sie, ich bleibe so lang bei Miß Lena." Bertha eilte mit klopfendem Herzen die Stiegen hinunter. Um das Eßzimmer zu erreichen, mußte sie dnrch's Frühstückzimmcr gehen — dort blieb sie stehen, sie ward verlegen und schämte sich, St. Lawrence ihre Freude über sein Erscheinen zu zeigen. Hatte sie ihn doch seit dem Tage, wo sie ihm ihre Treue gelobt, nicht mehr wieder gesehen. Sie zögerte noch einige Augenblicke, um ihr stürmisches Herz znr Ruhe zu bringen. Aber das Ohr eines liebenden ist scharf. St. Lawrence hatte ihren leichten Schritt, vielleicht sogar den leisen Seufzer vernommen und ehe sie selbst recht wußte, wie es geschehen, fand sie sich in seinen Armen wieder. „Mein liebes, süßes Herzt" sagte er zärtlich. „Ist es nicht traurig, daß ich Dich nicht auffordern darf, Theil an meinem Glücke zu nehmen, tvcil ich weiß, welcher Art Deine Gefühle in Betreff der armen Lena sind?" „So hast Du schon gehört, was sich ereignet hat?" frug Bertha sich sanft von ihm losmachend. ^Gehört?" lautete seine erstaunte Frage. „Ja, ich meine, ob Du schon weißt, daß der Mensch, welcher sich Fanconrt 805 nannte, ein Schwindler oder noch etwas Schlimmeres ist. Sir Stephan Langlcy war hier und theilte es der Mama mit." „Ist das Alles, Bertha? Sagte Sir Stephan nichts weiter?" frug er lächelnd in ihr besorgtes Antlitz blickend. „Noch mehr?" rief sie erschreckt aus. „Gibt es noch mehr zu hören?" „Schaue mich an, Gcliebtestc! Schau mich an! Sehe ich wohl aus, als ob das „Mehr" so sehr schrecklich und erregend sei." Bei diesen Worten zog er sie von Neuem in seine Arme. Bertha erhob die Augen zum Gesichte ihres Bräutigams. Lebhaftes Noth verbreitete sich über ihre Wangen, indem sie eifrigst sagte: „Es ist etwas, was Dich persönlich betrifft. Das Geheimniß, wovon Du mir sagtest, ist es zu Ende?" „Ja, mein holdes Lieb, für immer und ewig zu Ende. Erzählte Sir Stephan Deiner Mutter nicht, daß Lord Alphington den wirklichen Erben aufgefunden habe?" „Ich weiß es nicht, Mama sagte mir nichts davon; wahrscheinlich hat sie es nicht verstanden." „Und doch ist es nicht schwer zu begreifen. Eustace Sedley ist mein Vetter. Den Zufall, daß er meinen Namen trägt, in gleichem Alter mit mir ist, und' meine Vergangenheit kennt, benutzte er dazu, sich unrechtmäßiger Weise meine Rechte anzueignen. Dein alter Bekannter aus dem Omnibusse stahl mir aus seine Veranlassung die Beweise meiner Geburt, welche ich mit nach England gebracht hatte. Und nun ist es Eustace Fanconrt, der Dich bittet, das Versprechen zu erneuern, welches Du Eustace St. Lawrence gegeben hast; er ist zu Dir gekommen, um den Schwur de^Treue zu wiederholen, den Du von dein armen Landschaftsmaler in Empfang genommen." Bertha schaute ihren Verlobten groß an und erbleichte. Er führte sie zu einem Stuhle, kniete vor ihr nieder und ergriff ihre beiden Hände: „Meine theuerste Bertha, was ist Dir? Was befürchtest Du?" Aber statt aller Antwort lehnte sie den Kopf an seine Schulter und brach in Thränen aus. Die vielen und heftigen Gemüthsbewegungen der letzten vierundzwanzig Stunden, waren zu viel für sie gewesen und nun verließ sie die Kraft, bei diesem plötzlichen unerwarteten Glück. Ihres Geliebten wegen freute sie sich, dem Einflüsse, den diese Veränderung auf sie ausüben werde, schenkte sie keinen Gedanken. St. Lawrence suchte sie mit den zärtlichsten Worten zu beruhigen und stellte ihr vor, wie freudig Lord Alphington sie in seinen: Hause willkommen heiße. Dann malte er ihr aus, wie sie beide vereint Alles aufbieten wollten, ihm sein Alter zu versüßen, bis Bertha aufblickte und ihn durch die Thränen anlächelte. Allmählich tauchte eine Erinnerung nach der anderen in ihrem Geiste auf. Purpurröthe stieg bis zu ihrer Stirn hinauf und ihr Antlitz an seine Brust verbergend, rief sie aus: „Und ich erzählte Dir die Prophczeihnng über den Ring! Aber ich ahnte dies wirklich nicht!" „Nein, das thatest Du nicht; aber ich wußte es", erwiderte er lächelnd. „Damals hatte ich freilich nicht die leiseste Hoffnung, daß sie je in Erfüllung gehen werde, denn ich wähnte, Du würdest Douglas glücklich machen und nicht mich." Sie waren so sehr mit sich beschäftigt, daß sie die sich nahenden Fußtritte überhörten, und ehe Bertha antworten konnte, wurde die Thüre geöffnet und Mrs. Dalton erschien in derselben. Ein Ausruf der Bestürzung entfuhr ihr, als sie St. Lawrence Hand in Hand mit Bertha da sitzen sah, Ersterer erhob sich und ging ihr entgegen, da sie wie versteinert stehen blieb. „Darf ich hoffen, daß das strenge Verbot aufgehoben ist, Dirs. Dalton? Wollen Sie mir zur Versöhnung die Hand reichen und eine Bitte, die ich an Sie richten werde, günstig aufnehmen?" „O, Mr. St. Lawrence — Mr. Faucourt meine ich — wie freue ich mich für Sie", antwortete die verwirrte Dame, endlich ihrer Sprache wieder mächtig. „Ich habe Sie immer gern gehabt und Mr. Fancourt — d. h. Mr. Scdley nie. Die arme, theure Lena, es ist eine wahre Erlösung für sie. Vermuthlich theilten Sie es eben Bertha mit." „Ja, sie wußte noch nicht, wie schmählich Sedlcy mich hintcrgangen. Habe ich Sie recht verstanden? Sieht Miß Dalton die Auflösung ihrer Verlobung von diesem Gesichtspunkte an? Diese Nachricht freut mich von Herzen." „Das glaube ich Ihnen gern", bestätigte Mrs. Dalton und ließ sich auf den Stuhl, von welchem Bertha sich erhoben, nieder. „Sie werden Lena leider für heute Abend entschuldigen müssen, da sie sehr angegriffen ist und sich zur Ruhe begeben hat." „Eustace bat, Miß Dalton seinetwegen nicht stören zu wollen — es befremdete ihn, wie man annehmen könne, er wünsche sie zu sprechen. Bertha benutzte diese Gelegenheit und schlüpfte aus dem Zimmer. Ihre Mutter fühlte sich durch den kühlen Ton des jungen Mannes einigermaßen entnüchtcrt. Sie hatte erwartet, ihn bei dem Gedanken, Lena sei wieder frei, außer sich vor Entzücken zu finden. Unbehaglich und nicht recht wissend, was sie sagen solle, begann sie ihrer Gewohnheit gemäß die Falten des Kleides glatt zu streichen. „Es war meine Absicht, Sie heute um eine Unterredung zu bitten, Mrs. Dalton", hub St. Lawrence, vor ihr stehen bleibend, an. „Jetzt kommt es", dachte sie, ihre Hände auf dem Schooße faltend und sich räuspernd, um mit geziemender Würde zuhören zu können. „Ich liebe Ihre Tochter schon lange", fuhr er fort, für den Augenblick vollständig vergessend, daß außer Bertha noch sonst Jemand auf der Welt sei, „und ich bin stolz darauf, sagen zu können, daß ich die Versicherung ihrer Gegenliebe erhalten habe. Ihrer Zustimmung bedarf es noch, um mich zum glücklichsten der Menschen zu machen. Lord Alphington kennt und billigt meine Wahl." „Diese Mittheilung, Mr. St. Lawrence — Mr. Fancourt meine ich, macht mich äußerst glücklich, doch bin ich erstaunt zu hören, daß Sie von meiner Tochter das Geständniß der Gegenliebe schon in Empfang genommen haben und — und — wäre es nicht besser, noch einige Tage zu warten? Sie ist vielleicht kaum darauf vorbereitet — so plötzlich, wissen Sie." Erröthcnd hielt sie inne. Die Nachricht, St. Lawrence sei zu Titel und Reichthum gelangt, war von Lena nicht so freudig aufgenommen worden, wie ihre Mutter es erwartet — vielmehr hatte sie wie ein Bild der Verzweiflung ausgesehen und da St. Lawrence schon heute auf eine Antwort drängte, so war es fraglich, wie Lena seine Werbung aufnehmen werde. „Sie müssen es der Ungeduld eines Liebenden verzeihen, verehrte Frau", erwiderte er lächelnd. „Wie hätte ich von Bertha fern bleiben können und zugeben, daß sie von Andern erfuhr, was sich ereignete." Mrs. Dalton blickte ihn abermals verwirrt an. „Es ist sehr freundlich von Ihnen, an Bertha zu denken. Sie ist ein liebes, gutes Mädchen, obschon sie ihrer Schwester nicht gleicht." „Nein, Gott sei Dank nicht", war das heimliche Stoßgebet und laut fuhr er fort: „So habe ich also Ihre Einwilligung. Sie wollen mich zu Ihrem Sohne annehmen und alle Zweifel sind gehoben?" „Zweifel? O, deren gibt es keine mehr. Meiner Ueberzeugung nach hätte es gar nicht besser kommen können. Nicht wahr, Sie finden doch auch, daß die Hochzeit nicht lange aufgeschoben zu werden braucht!" „Gewiß, weshalb sollte es nöthig sein. Nehmen Sie meinen besten Dank, verehrte Mrs. Dalton. Lord Alphington bat mich, Ihnen zu sagen, er werde Sie noch 807 Vor seiner Abreise besuchen. Ich soll ihn nach Alphington Park begleiten, hoffe jedoch, daß unser Aufenthalt in London noch um einige Tage verlängert wird." Er reichte Mrs. Dalton die Hand und da Bertha nicht mehr erschien, empfahl er sich mit dein Bemerken, daß er Morgen früh wieder vorsprechen werde. (Schluß folgt.) Der deutsche Wandertrieb. An der Hand der Geschichte und ihrer geistigen Erzeugnisse läßt sich der Nachweis führen, daß fast alle Nationen eine Wanderperiode hinter sich haben, bevor sie sich auf der Scholle niederlassen, auf welcher sie ihrer geschichtlichen Entwickelung ent- gegengereift. So hat die griechische Geschichte ihre dorische Wanderung, so beginnt die römische Geschichte mit den Irrfahrten des Acueas, dem Gegenstück der Abenteuer des Odhsscus; so stehen an der Schwelle der Geschichte des heiligen Volkes die vierzig Jahre der Wanderung in der Wüste und selbst in den Geschichten der ostasiatischcn Völker kommen in den Jngcndepochcn Jahre der Wanderung, wie bei den einzelnen Menschen, beispielsweise Arndt, Iahn, Senme Stein, Herder n> A. —; aber ein derartiges Jahrhunderte langes Wandern, wie bei den germanischen Völkcrstämmcn, so daß die halbe Welt dadurch erschüttert wird, treffen wir nirgends mehr an. Es hängt dies zusammen mit dem innerlichen Wanderzngc, der das tiefiuuerste Wesen unseres Volkes ausmacht. Er wird bei Vielen zur Flucht in die Stille und aus der Dampswolken-Atmo- sphäre heraus, um reine Lnfr zu athmen und an dem grünen Kleide der Natur das Auge bei ungetrübterem Sonnenlichte zu weiden. Er regt sich bei den fröhlichen Tnrnfahrtcn der Jugend; er regt sich bei dem poetischen Zngastcgehen des Studenten von Familie zu Familie, von Onkel zu Onkel; er thut sich kund in den frohen Liedern des Wanderburschen mit dem Stäbe in der Hand und in dem Jubel der heimziehenden Scholaren, wenn die großen Ferien beginnen. Das innerlich Treibende bei all' diesen Erscheinungen ist, wenn auch oft unbewußt, die deutsche Wanderlust und die Romantik deutscher Naturliebe. Wer hat sich nicht gefreut an der Verherrlichung dieser großartigen Wanderzügc in der Frilhjofssage, die der Schwede Tcgner so wunderschön poetisch bearbeitet und der deutsche Mohnickc so schön in unsere Muttersprache übertragen hat! Das Meer ist des Witingcr's wahre, dauernde Hcimath, das Meerschiff sein fortbranscnder Drache. Es schwimmt in angeborener germanischer Wanderlust des Wikinger auf dem blauen, schäumenden Meere hahiu, von Küste zu Küste. Immer muß es von ihm heißen: „Hin zu den blauen Meercswogcn, aia, auf, mein Drache gut! Bade Dir die Brust, die schwarze, wieder in der salz'gen Flulh! Schwing' die Flügel in den Wolken, zischend reiß die Wellen auf! Flieg', so weit die Dlerne leiten, als Dich trägt der Wogen Lauf! Laß' mich hören Sturmesbransen, Donncrschall sei meine Lust; Wenn Getöse mich umlärmet, bann ist's still in meiner Brust!" Diese Wanderlust ist auch zum Theile mit der Schlüssel, welcher uns so manche der seltsamen und folgenreichen Ereignisse und Institutionen des mittelalterlichen Lebens erschließt. Die immer neuen Nömerznge der deutschen Kaiser in's Land, wo die Citronen blühen; die Wanderfahrten der Hansa bis zu Tieflands fernen Küsten; die wunderbaren, Jahrhunderte lang andauernden Pilgcrzüge der Kreuzfahrer in das heilige Land mit seinen denkwürdigen Stätten, und als Kehrseite dieser großartigen Gcrmanenzüge alle die „fahrenden" Leute des Mittelaltcrs: fahrende Ritter, fahrende Mönche, fahrende Sänger, Schüler, Gauner, die das Land vagabundirend durchschwärmten, bis herab zum Till Enlcnspiegcl und all' den Handwerksbnrscheu, die ordnungsmäßig nach den Regeln der Zunft eine Zeit laug wandern mußten: es hat das im tiefsten Grunde alles seine Entstehung und findet seine Erklärung in dem Wandertriebe des deutschen Geistes, der auch dem Repräsentanten deuischcu Volksthums, dem hehrcu Siegfried, iunewohnte, und von dem der Dichter sagt: „Wollt rosten nicht in VatcrS Hn»S, Wollt wandern in alle Welt hinaus!" Wer aber die Poesie des Reifens und Wandcrns genießen will, der darf sich nicht dein Dampfroß anvertrauen, der muß im eigentlichsten Sinne des Wortes wandern, und zwar womöglich allein. Nicht dem Touristen modernen Zuschnitts, nur dem schlichten Wanderer nach altdeutschem Branche erschließt sich die Wnnderwclt draußen; nur ihm pochen Andacht und Liebe bei seinem Wandern an's Herz, in ihrer stillen Weise, bis sich's erschließt und bis die Liebe überfließt von lautem, jubelndem Preise. Man kann nur von Herzen wünschen, daß alles Wandern ein deutsches Wandern seilt möge, ein Wandern, verklärt durch deutsche Gemüthsticsc, die in aller Naturschönheit nur den Saum des Kleides des Schöpfers bewundert, des Schöpfers, aus dessen Odem hcrströmt die reinste und ursprünglichste Fülle aller Poesie. Möge allen, Jungen und Alten, auch Denen, die mit vollen Masten in den Ocean schifften und auf mühsam gerettetem Boot dem Hafen zusteuern, der Quellpnnkt deutschen Gemüthslebcns im Innern frisch und gesund bleiben, aus dem der beseligende Schnsuchtstrieb in die Ferne immer neue Nahrung zieht. Und welches Wandern ist wohl das schönste und beliebteste? — Offenbar das Wandern zur lieben Heimath, wenn man wiederkehrt aus der Fremde, „das Haar bestäubt und das Antlitz verbrannt." „Es ist so schön, wenn vom fernen Strande Die Bahnen fuhren znni Hcimathlnndc, Wo der Rauch aufsteigt am cig'ncn Herd, lind die Kindheitswclt Dir ist ewig Werth." l)r. D. Ueber die Himmclserschcimmgcii am 27., 28. und 29. November läßt sich der Göttingcr Professor Klinkerfueß im „Hannovcr'schcn Kurier" folgendermaßen aus: Die wahrscheinlichste Erklärung schien mir die durch ein Zodiakallicht, das heißt durch eine im Welträume schwebende Wolke von Meteorsteinen, gleichsam von Weltcnstanb zu sein, der, von der Sonne erleuchtet, durch einen gewissen Gesammteffckt uns sichtbar wird, ganz so, wie es bei dem Zimmcrstaube der Fall ist. Verschiedene Wahrnehmungen, die auf der hiesigen Sternwarte gemacht worden sind, haben mich noch in meiner Ansicht bestärkt. Zwar ist das Zodiakallicht oder Thierkreislicht (so genannt, weil es im Zodiakus oder Thicrkrcis erscheint) im November gewöhnlich nur am Morgcnhimmcl sichtbar, aber im December auch schon am Abcndhimmcl und erscheint nicht selten um diese Jahreszeit, nachdem es am Abendhimmcl sich gezeigt hat, in der Frühe auch am Morgenhimmcl, wie auch dies mal; der Monat December stand ja schon vor der Thür. In der Regel ist das Zodiakal- licht bei uns weißlich, aber der vor etwa zwei Jahren verstorbene Professor Heiß, der die darauf bezügliche Literatur gründlich kannte, bemerkte schon, es solle zuweilen auch gelblich und bei sehr klarer Luft sogar röthlich sein. Westphal, der in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts das Thierkrcislicht in Aegypten oft beobachtet hat, sagt davon, es habe dort immer das Aussehen eines entfernten Brandes. Das in Rede stehende Phänomen war diesmal von anderen merkwürdigen Erscheinungen begleitet, welche ganz geeignet sind, der vorhergehenden Erklärung einen festen Halt zu geben. Auffallend war da zunächst, daß während eines großen Theils der Nacht über den Himmel sich ein matter Lichtschimmer ausbreitete, von der Art, wie er schon im Kosmos erwähnt, am häufigsten aber in Verbindung mit Stcrnschnnppenfällen bemerkt wird, wie beispielsweise bei dem großen Sternschnuppenfall in der Nacht vom 13. auf den 14. November 1866, ebenso bei dem vom 27. November 1872, der bekanntlich durch den 809 Kometen von Biela veranlaßt wurde. Bei der ersteren Gelegenheit war es Professor Borgen, welcher anf die sonderbare Helligkeit des ganzen Himinelsgrnndes bei völliger Abwesenheit von Mondschein nnd Dämmcrnng anfmerksam machte. In der Beziehung war mir aber die größte Ueberraschung für die Nenjahrsnacht von 1872/73 aufbewahrt. Auch in dieser war ein solches Dämmerlicht über den ganzen Himmel verbreitet, und ich sah mich deshalb zu der Bemerkung veranlaßt: „Da sollte man ja wohl einen Sternschnnppcnfall erwarten", aber ein solcher schien nicht kommen zu wollen; weiteres Warten wurde als hoffnungslos aufgegeben. Man kann sich also meine Ucber- raschung denken, als mir ein Herr, dem ich noch gar keine Mittheilung von meiner Wahrnehmung gemacht hatte, erzählte, er sei des Morgens mit seiner Gattin von einer Feier zurückgekehrt und aus dem Wagen heraus sei um 6 Uhr ein Sternschnnppenfall zu beobachten gewesen, der an Glanz nnd Fülle dem vom 27. November 1872 kaum nachgegeben habe, aber von kürzerer Dauer gewesen sei. Aus den Antworten anf meine Fragen ging noch unzweideutig hervor, daß der sogenannte Radiant oder Ansstrahlungs- punkt im Sternbilde des großen Hundes gelegen haben müsse. In der That ist zwischen den Stenuen ä nnd - Oauis inagoris ein solcher Punkt bekannt. Das eben erwähnte Zusammentreffen von Hellem Himmclshintcrgrnnde mit Stcrn- schnuppenfällen kann aber gar nicht befremden. Denn nicht jedes Theilchcn Wcltenstaub (denen man ein durchschnittliches Gewicht von 8 § zuzuschreiben geneigt ist) gcräth in die Atmosphäre der Erde, wird glühend nnd also sclbstlenchtend, d. h. zur Sternschnuppe. Die weit größere Mehrzahl kommt der Erde nur nahe, aber nicht mit ihr in Berührung und verursacht, von der Sonne beschienen, einen Lichtschein, vergleichbar, wie gesagt, den Stanbthcilchcn, die in einem Zimmer schweben. So ist wahrscheinlich auch das Zodiakallicht, wenigstens in seinen Grnndzügen, wie ich demnächst ausführlicher nachzuweisen gedenke. Daß unser Phänomen gerade in die Tage fiel, in denen die Erde durch die Bahn des Kometen von Biela hindurchgeht oder ihr sehr nahe ist, erregte gleich anfangs meine Aufmerksamkeit. Damit dies Aehnliches verursacht, wie die beobachtete Erscheinung ist durchaus nicht erforderlich, daß der Komet selbst in der Nähe sei, es genügt vielmehr vollständig eine dichte Staubwolke in dem von dem Kometen bekanntlich gebildeten Sternschnnppen-Ning. Auch diesmal ist hier wieder das erwähnte diffuse Licht des Himmelshintergrnndcs aufgefallen. Sowie die Erde nnd die Stanbmasse sich von einander entfernen, mnß die erleuchtete Fläche kleiner werden, zugleich aber auch schärfer begrenzt, nnd sie muß in den ersten Tagen einem Punkte zustreben, der, eine Beziehung zum Kometen von Biela vorausgesetzt, wiederum l> Osntauri an der südlichen Halbkugel sein müßte. Es ist nun anf der Göttingcr Sternwarte folgende wcrkwürdige, vollkommen zu verbürgende Wahrnehmung gemacht worden. In der Nacht vom 29. anf den 30. November gegen 11^ Uhr bemerkte der Kalkulator Hcidorn nnd anf dessen absichtlich allgemein gehaltene Frage, ob nichts Auffallendes am Himmel zu sehen sei, auch die Praktikanten der Astronomie, die Herren Wickmann und von Glünicr, im Süd- westen ein etwa 20" hohes matt leuchtendes Segment, durch welches Sterne hindurch zu sehen waren nnd das nach der Versicherung der Beobachter eine gewöhnliche Wolke oder Trübung nicht gewesen ist. In der Nähe stehen die Sterne st nnd g Osti. Daß dieses Segment eine schon weit nach Süden fortgeschrittene Metcorwolkc gewesen sei, ist leider nicht festzustellen. Erst am 2. d. M. erfuhr ich, daß das sogenannte Abend- und Morgenroth auch in England, in der Schweiz nnd sogar in Rom aufgefallen ist. Unter solchen Umständen ist es kaum noch möglich, die kosmische Natur des Phänomens in Abrede stellen zu wollen. 810 M i s e e l l e n. (Als eine der größten Jagdmerkwürdigkeitcn) wird erzählt, daß der Oberförster Wallot zu Meschede ein ti» Frühjahr dieses Jahres gefangenes junges Wildschwein (Frischling) aufgezogen und gezähmt hat, so daß es seinen Herrn bei den Spazier- gängen jetzt wie ein Hund begleitet. Mit dem Hühnerhunde seines Herrn hat es ganz intime Freundschaft geschlossen, da derselbe es bei den Ansgängcn, als es noch ganz klein war, sorgfältig hütete und gegen jeden Angriff zu schützen pflegte. Beide weichen einander auf den Wegen nicht von der Seite. (Ein unerwartetes Impromptu.) Professor der Magic: „Meine Herrschaften, Sie sehen, der Thaler ist fort. Nun werde ich ihn sogleich wieder herbeischaffen. Heda, Sie biederer Landbewohner, greifen Sie doch einmal in Ihre Rocktasche! Ich wette, daß sie den Thaler haben." — Bauer: „Nein, ich hab' nur 27^ Neugroschen l Da sind sie!" — Professor: „Das ist nicht möglich! Einen Thaler müssen Sie haben!" — Bauer: „Freilich war's ein Thaler, was mir vorhin der Herr heimlich in die Tasche gesteckt hat. Aber ich hab' mir unterdessen ein Glas Bier davon gekauft." (Anzüglich.) Der Graf von Girardin „stotterte etwas bedenklich mit den Augen", oder nms gradeheraus zu sagen: er schielte entsetzlich. In einer Hofgesellschaft näherte er sich einst dem Fürsten Talleyrand und fragte mit zutraulicher Aufdringlichkeit: „Nun, mein Fürst, wie gehen die Geschäfte?" „Wie Sie sehen, Herr Graf — schief!" entgcgnete mit „penetranter" Höflichkeit der berühmte Diplomat. (In einer Gesellschaft) überkommt den kleinen Fritz der Schlaf, er reißt sein Mänlchcn auf, so weit er kann, und gähnt den Anwesenden ins Gesicht. Seine junge Mama ist ganz entsetzt über diese Ungezogenheit ihres Erstlings und ruft in verweisendem Tone: „Aber Fritz, so gähnt man doch nicht vor allen Leuten!" Worauf Fritz wißbegierig erwidert: „Und wie gähnt man denn, Mama?" (Kinder und Narren.) Man fragt den kleinen Oscar nach dem Bräutigam seiner reizenden — neunzehnjährigen Schwester. „Wie alt ist er?" — „Ich weiß es nicht." — „Aber doch! Ist er jung?" -- „Ich glaube wohl — er hat noch keine Haare." (Etwas Nettes!) In einer Berl. Ztg. findet sich eine Anzeige, welche lautet: „Ein netter Wirth mit nettem Geschäft und nettem Vermögen sucht eine nette Frau, die entweder Fi,- Bab-, Jean- oder Nannctte heißen muß." (Zureichender Grund.) „Wie, Nachbarin, am hellen Tage in den Federn? Sind Sie krank?" — „Ach nein, aber ich muß das Bett hüten." — „Mein Gott, warum denn?" — „Weil es mein Mann sonst in's Pfandhans trägt." N ii t Das Erste seht man oft dem Haupt Und auch dem Fuße vor, Wenn uus der Sturm die Mühe raubt, Wenn sich der Strumpf verlor. DaS Zweite seht Dir oft als Gast Des Abends vor der Wirth, Doch halte Maß, damit zur Last Dir nicht der Maßkrug wird. Zumal die Juge Mit Hals und l Nothwendig Doch Damen — s e l. Das Ganze eilt schon früh am Tag Einher mit schnellem Schritt, Es führt zu Stich und Schnitt und Schlag Die schärfsten Waffen mit. Auch lenkt es au der Nase Dich, Wohin cS ihm beliebt, Indeß es Dir ein säuberlich, Gefällig Ausseh'u gibt. ! hält ihm gern >pen Stich, ist's den alten Herrn, fürchterlich. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von l)r. Max Huttler. Nr. 101. 1883 . tunnsökttl »ur „Ältgsl!arger Postzeitnng." Mittwoch, 19. December Der Gpalring. Roman aus dem Englischen von E. C. (Schluß.) Sechsunddrcißigstes Capitel. Mrs. Dalton begab sich zu Lena's Zimmer; Bertha war dort. Als sie ihre Mutter erblickte, sprang sie von dem niedrigen Stuhl, auf welchem sie an dem Kamin gesessen, in die Höhe und fiel ihr um den Hals. „Eustace hat Dir alles gesagt, Mama, nicht wahr?" flüsterte sie. „Bitte, verzeihe mir, daß ich Dir unsere Verlobung verheimlichte, es sollte ja nur für einige Tage sein! —" „Deine Verlobung? Kind, wovon sprichst Du eigentlich? Hast Du den Verstand verloren?" „So hat er es Dir nicht mitgetheilt?" frug Bertha, indem sie ihre Arme loslöste und die Mutter forschend anblickte. Das glücklich erröthende Gesicht ihrer Tochter, sowie der Gedanke an die trauliche Stellung, in welcher sie diese mit St. Lawrence angetroffen, machte sie stutzig. Sie rief sich ihre Unterredung mit dem jungen Manne in's Gedächtniß zurück und da fiel ihr ein, daß er Lena's Namen gar nicht genannt habe. Aber noch immer sträubte sie sich dagegen. „Du, Bertha?" sagte sie mit bebender Stimme und auf einen Stuhl sinkend — „Du Gräfin von Alphington? Das ist unmöglich!" „O stille, Mama", warnte Bertha, nach dem Bette hindeutend, wo ihre Schwester lag. „Lies diesen Bries — er wird Dir Alles erklären." Sie zog das Schreiben ihres Bräutigams aus der Tasche und reichte es der Mutter. Lena wandte den Kopf unruhig zur Seite und stöhnte leise. — Bertha eilte zu ihr hin. „Mein Kopf", hauchte sie, ihre Hand gegen die Stirne pressend. Diese glühte fieberhaft und das Athmen schien ihr Mühe zu verursachen. Mrs. Dalton hatte endlich eingesehen, in welch' großem Irrthum sie befangen gewesen war, obgleich sie den Brief noch nicht zu Ende gelesen. Ihrer Meinung nach waren Beide, Eustace sowohl wie Bertha zu tadeln, da es viel besser gewesen, wenn die ganze Sache den von ihr geplanten Verlauf genommen hätte. „Nun muß wieder eine neue Aussteuer angefertigt werden", klagte sie. Aber Bertha, die zukünftige Gräfin, wurde sofort eine ganz andere Persönlichkeit in den Augen der Mrs. Dalton als die Musiklehrerin Bertha, die folgsame Tochter, welcher sie die Hauptsorge des Haushalts aufgebürdet. Und obschon sie ihrem Aerger Luft machte, daß die Menschen nie die Dinge von der vernünftigen Seite, d. h. von der Seite auffaßten wie sie, würde sie sich doch mit der größten Bereitwilligkeit in ein 812 weitläufiges Gespräch über die Aussichten Bertha's eingelassen haben, hätte diese sie nicht der Schwester wegen unterbrochen. Lena war wirklich krank. Am folgenden Morgen mußte der Arzt gerufen werden. Man befürchtete eine Gehirnentzündung und die äußerste Ruhe wurde angeordnet. Anstatt der Hochzcitsfestlichkeiten sah man ein stilles Haus und ernstlich besorgte Gesichter. Lord Alphington, Sir Stephan und Lady Langtet) schoben ihre Abreise auf, bis Lena außer Gefahr war. Jedwede Aufmerksamkeit, welche Theilnahme und Freundschaft nur ersinnen konnte, wurde der unglücklichen Patientin zu Theil. Krank zu werden war das Vernünftigste, was Lena thun konnte; denn dadurch wurde alles Mißfallen in Bedauern umgewandelt. Bertha wachte beständig an dem Bette der Schwester. Die täglichen Besuche des Geliebten waren ihr einziger Trost. Vor der Genesung Lena's wollte sie kein Wort über die Hochzeit hören und Eustace achtete ihr Zartgefühl und drang nicht weiter in sie. Während des folgenden Monates fand die gerichtliche Untersuchung gegen Sedlcy und die beiden Lemont's statt — denn Mrs. Leinont starb nicht, blieb aber für immer kränklich. Es war eine unangenehme Zeit für Alle. Eustace konnte die Verwandtschaft nicht vergessen und besuchte seinen Vetter mehrere Male im Gefängnisse. Lord Alphington berührte es peinlich, seinen Namen mit dieser Angelegenheit in Verbindung gebracht zu sehen; allein der Gerechtigkeit mußte freier Lauf gelassen werden. Sedley wurde zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurthcilt; er vernahm diesen Spruch mit derselben finstern Miene, welche er seit seiner Verhaftung beständig zeigte. Mrs. Sedley, die auf Veranlassung ihres Mannes gehandelt, ward freigesprochen und Mr. Pierre Lemont erhielt sieben Jahre Zuchthaus. Er flehte laut um Gnade; wie es schien, hatte er geglaubt, durch ein offenes Geständnis; der Strafe entgehen zu können. Er habe den Opalring nur deshalb, aus der Schatulle genommen, um ein Mittel ii; Händen zu haben, wodurch er Sedlcy zwingen könne, ihm die versprochene Jahresrente auszuzahlen. Er würde noch Manches aus dessen früherem Leben an's Licht gezogen haben, wenn der Gerichtshof dieses geduldet hätte. Sein hartes Schicksal laut beweinend, wurde er hinweggeführt, nachdem er zuvor seiner Schwester versichert, daß er sich ihrer nach Ablauf der sieben Jahre erinnern werde. Als Mrs. Sedley aus der Haft entlassen war, suchte St. Lawrence sie auf, um ihr seine Hülfe anzubieten. Sie hatte viel gesündigt, aber auch schwer gebüßt und die Leiden schienen sie auf einen besseren Weg geführt zu haben. Sie drückte den Wunsch aus, in ihr Vaterland zurückzukehren, um dort ein zurückgezogenes Leben zu führen. Damit ihr dieses möglich sei, setzte St. Lawrence mit Genehmigung Lord Alphington's eine kleine jährliche Rente für sie fest und schon bald nach der Gerichtsverhandlung reiste sie ab. Lena Daltou erholte sich langsam, aber ihre Schönheit war dahin. Sie hatte ihre frischen Farben verloren und dunkle Linien zogen sich unter den Augen hin. Das kurz abgeschnittene Haar kleidete ihr schlecht und es war sehr zweifelhaft, ob sie je wieder im Stande sein werde, sich mit einer Krone goldener Flechten zu schmücken. Bleich und muthlos schlich sie umher, ein Schatten ihres fcühreren Ichs. Der Arzt rieth Luftveränderung und für den Winter ein südlicheres Klima an. Mrs. Daltou war herzlich froh, den vielen Fragen und Beileidsbezeugungen ihrer sogenannten „Freunde" entrinnen zu können. Deshalb wurde bestimmt, Joy Cottage zu schließen und nebst der alten Martha nach Italien überzusiedeln. Bertha bot sich au, sie zu begleiten, denn sie sah zoraus, daß Lena sich, allein mit der Mutter, unmöglich kräftigen und beruhigen werde, da diese sie fortwährend mit ihren Klagen, um nicht Vorwürfen zu sagen, plagte. Aber nicht allein Eustace, sondern auch Lord Alphington und die Langley's legten entschiedenen Protest dagegen ein, so daß Bertha genöthigt war, nachzugeben. Zufällig suchte die Tochter eines benachbarten Geistlichen eine Stelle als Gesell- 813 schafterin. Cate Medhurst war ein Liebling der Laby Langley und diese wünschte schon lange für das junge Mädchen eine passende Gelegenheit, um sich weiter auszubilden. Deshalb kam sie auf die vorzügliche Idee, Cate Medhurst könne Mrs. Daltou und Lena nach Rom begleiten. Sie war ein durchaus verständiges und gebildetes Mädchen, dazu sehr lebhaft und entschieden, so daß sie unfehlbar von wohlthuendem Einflüsse auf Lena sein werde. Dieser Vorschlag gefiel allen Bctheiligten. Cate Medhurst willigte unter der Bedingung ein, daß sie keinerlei Auslagen habe und mit zur Familie rechne und Mrs. Dalton freute sich, wieder Jemanden um sich zu haben, dem sie alle Arbeiten und Beschwerden aufbürden könne. Bcrtha's Hochzeit fand an dem Tage vor der Abreise ihrer Mutter und Schwester statt. Man hatte ihrem ganz besonderen Wunsche willfahrt, in aller Stille zu heirathen und keine großartigen Festlichkeiten zu begehen, welche die Vergangenheit zu sehr in's Gedächtniß rufen würden. Als sie nach der Trauung nach Hause zurückkehrten, steckte Lord Alphingtou den Opalring an den Finger der Braut und sagte: „Die Prophczeihung ist in Erfüllung gegangen und nie kann der Ring die Hand einer Frau zieren, die würdiger wäre, Gräfin von Alphington zu werden." »Ich hoffe zu Gott, daß mir dieser Titel für viele, viele Jahre noch nicht zukommt", erwiderte Bertha, seine Hand ehrfurchtsvoll mit ihren Lippen berührend. „Alles zu seiner Zeit, mein liebes Kind. Wenn es der Wille der Vorsehung ist, mich noch für einige Jahre am Leben zu erhalten, so wird mich dies um so mehr freuen, da ich dann Zeuge Eures Glückes sein darf." Bei diesen Worten nahm er die Hand seines Enkels und vereinigte sie mit der Bertha's. Dann segnete er beide aus vollem Herzen. Sir Stephan Langley räusperte sich und schien eine Minute lang etwas im Auge zu haben. Er liebte Bertha Fancourt, wie wir sie jetzt nennen müssen, als ob sie seine eigene Tochter wäre. Air. und Mrs. Faucourt begaben sich nach der kurzen Hochzeitsreise zu ihrem Großvater nach Alphington Park, um die Weihnachtszeit bei ihm zuzubringen. Später nahmen sie ihren Wohnsitz auf einem andern Gute des Earls, bis Magnus Sguare zu ihrem Empfange eingerichtet war. Wenn Jemand dort Einlaß wünschte, so begegnete er einem alten Bekannten. Pcrkin's war auf Veranlassung Riggs als Portier dort angestellt worden; es ist nn- nöthig hinzuzufügen, daß er diesen Posten mit großen: Selbstgefühl versah. In seinen Augen war Riggs ein ganz außergewöhnlicher Mensch, dem er keinen Groll nachtragen durfte; aber er hatte durch ihn eine gute Lehre erhalten und war in Zukunft vorsichtig und vermied es, bei einen: Glase Punsch offenherzig zu werde». Der ehrenwerthe Mr. Faucourt war noch nicht mit seiner Gemahlin in der Stadt angekommen, als interessante Neuigkeiten aus Rom anlangten. Douglas hatte beiden, Eustace sowohl wie Bertha, seine herzlichste,: Glückwünsche übersandt und aus den folgenden Briefen ersahen sie, daß sein früherer frischer Humor wiedergekehrt war. Nun, so schrieb er, wolle er sie mit einer Nachricht überraschen. Er werde sich nächstens verheiraten. Zuerst habe ihn Cate Medhurst durch ihre scheinbare Aehnlichkeit mit Bertha angezogen, aber schon bald sei sie ihn: ihrer selbst wegen lieb und theuer geworden. Während des Winters habe er sehr fleißig gearbeitet und viel Geld verdient. Daß seine Braut kein Vermögen besitze, mache also kein Hinderniß aus. „Sie ist ihr eigenes Gewicht in Gold werth", .betheuerte der begeisterte Bäutigam. Miß Medhurst werde mit Mrs. Dalton uud Lena nach England zurückreisen und er dorthin folgen, wo sie Alle hoffentlich ein freudiges Wiedersehen erwarte. 814 „O wie schön!" rief Bertha aus. „Das allein fehlte noch, um mein Glück vollkommen zu machen." „Wie eifersüchtig ich damals war", sagte Eustace, seine Frau zärtlich umarmend, „als ich fürchtete, die Prophezeihuug werde sich nicht bewahrheiten. Doch nun hat sich Alles zum Besten gewendet. Douglas scheint die rechte Frau gefunden zu haben und meine Bertha trägt den Opalring!" Goldkörner. Aller Anfang sei mit Gott! Fleh' um seinen Segen! Schon auf halbem Wege dann Kommt er dir entgegen. Doch er thut dies, merk' es wohl! Nur bei guten Dingen; Nur dem guten Vorsatz schenkt Gott auch das Gelingen. Fühlst du dich auf rechter Bahn, Lcg's in Gottes Hände! Frisch gewagt ist halb gethan, Und er führt's zu Ende! Beherrsche deine Zunge! Sei bereit Zum Reden wie zum Schweigen, wenn es Zeit; Gar Manchen hat in großes Leid gebracht, Was er zur Unzeit sprach und unbedacht. Denk' nicht beim Sprechen erst; es bringt dir Schmach, Hinkt der Gedanke deinem Worte nach. Du gleichst dem Schützen sonst, der Pfeile viel Abschießt, bevor er noch gewahrt das Ziel. Blick in dein Jun'res, ob es hell und klar, Dann sprich, was löblich, heilsam, gut und wahr! Christ zu sein, o freue dich! Solltest nie vergessen, Welche hohe Würde Dir Gott hat zugemessen! Darfst als Kind im Vaterhaus Dich getrost bekennen Und der Auscrwähltcn Schaar Mitgenoß dich nennen! Darfst es, wenn in Wahrheit du Zeigest durch dein Leben, Daß du grünst als frischer Zweig An dein Stock der Reben. Große Rechte wurden dir, Doch auch schwere Pflichten; Und ob du sie treu erfüllt, Wird der Herr einst richten! F. Bcck. Das Wiener Kaffeehaus. Es ist für Geist und Seele des Menschen vom Heil, wenn er sich zuweilen — den alltäglichen Sorgm und Angelegenheiten entfliehend — mit einem jener ewigen Probleme beschäftigt, deren Lösung schon die besten Köpfe, wenn auch bisher vergebens, angestrengt hat. Mit diesein alten Erfahrnngssatze mag es entschuldigt sein, daß ich in weihevollen Stunden darüber nachdenke, schreibt Ferd. Groß im „Deutschen .Heim", worin Reiz und Anziehungskraft des Wiener Kaffeehauses liegen. O, der Gegenstand ist ein üefernster, er gehört mit zur Cultnrgeschichte der Gegenwart, und nur oberflächliche Betrachter können ihn, wie es landläufig heißt, auf die leichte Achsel nehmen. Wer den 815 Dingen nicht auf den Grund geht, wird in seiner Urtheilslosigkcit Gast- und Kaffeehaus in einen Topf werfen mid letzteres hinwieder, ob es nun in Wien oder in Potsdam liegt, für ein und dieselbe Sache erklären. Leute, die so wenig Einsicht zeigen, verdienen gar nicht, das; man sich mit ihnen in eine Discnssion einläßt. Ja freilich — ein Local, in dem man Bockbier, eines, in dem man Rheinwein, und eines, in dem man schwarzen Kaffee einschänkt, ist dasselbe — der Unternehmer will seine Waare verkaufen, seine Kunden finden sich ein, das ist immer das Gleiche! Wer solche Schlußfolgerungen zieht, ist ein Barbar, den ich bitte, diese Zeilen nicht zu lesen. Ihn zu bekehren, wäre ein wenig schwer. Machen Sie einem taub Geborenen die Gewalt einer Bcethov'schen Sonate begreiflich! Zeigen Sie einem Blinden eine Rafael'sche Madonna! Also wer selbst die eingehendste Monographie des Wiener Kaffeehauses schriebe, der durfte sich, wenn er nicht ein mehrbändiges Werk pnbliciren wollte, gar nicht darauf einlassen, die inneren Unterschiede zwischen dem Kaffeehause und allen anderen Verkaufsstellen von Speisen und Getränken zu erörtern. Jn's Gasthaus geht man, um zu essen oder zu trinken, in's Kaffeehaus dagegen — ja, du lieber Himmel, wie soll Einer auf eng zugemessenem Raume sagen, wozu man in's Kaffeehaus geht? Wozu man nicht hingeht, ist leichter zu erklären: um Kaffee zu trinken, um Hunger oder Durst zu löschen, Wie sehr ich mit dieser Behauptung Recht habe, geht schon daraus hervor, daß in einzelnen Wiener Kaffeehäusern fast gar nichts „genommen" wird. Es gibt mindestens ein Dutzend, in denen man die Gäste selten etwas verzehren sieht: dabei halten die Leute sich halbe Tage lang daselbst auf, thun, als ob sie zu Hause wären, und mit besonderer Verehrung werden die Stammgäste behandelt, die sich nur zum Mittagessen entfernen, denen es aber nicht im Traum einfällt, eine Zeche zu machen. Nun sollte man glauben, daß die Eigenthümer solcher Localc endlich der öffentlichen Wohlthätigkeit zur Last fallen müssen; in Wirklichkeit werden sie in der Regel sehr reich und ziehen sich noch bei voller Rüstigkeit in ein wohlbestalltes Privatleben zurück. Das ist eines der Räthsel des Wicnerthums. . . . Also, der Kaffee lockt wahrlich nicht in's Kaffeehaus. Man könnte ihn zu Hause, im Kreise der Familie oder im Restaurant trinken. Aber nein, zu Hanse behagt dem richtigen Wiener der leibhaftige Mokka nicht. Auch in den Conditorcicn bekommt mau Kaffee — es soll einmal Jemand ernstlich einem Wiener den Antrag stellen, seine „Melange" beim Zuckerbäcker zu trinken, er würde sich die größten Unannehmlichkeiten zuziehen! Nebenbei bemerkt, ist das, was in einzelnen Kaffeehäusern als Mokka verabreicht wird, ein Höllcngebräu, aber das thut nichts; der gewohnte Gast kommt doch täglich um dieselbe Stunde, setzt sich auf denselben Stuhl, raisonnirt über den Inhalt seiner Tasse oder seines Glases, und wenn er im Sommer in die Berge geht, denkt er manchmal mit tiefen Seufzern an die geliebte Stätte, wo der Tabakqualm emporsieht zur Decke und man Stunden lang warten muß, bis die Zeitung, die man verlangt hat, „frei" ist. . . . In München geht eine Sage um, daß manche Säuglinge nicht bei Milch, sondern bei „Hosbräu" aufgezogen werden. In Wien sollen Kinder bald nach der Geburt in's Kaffeehans gebracht werden, um sich frühzeitig an die Atmosphäre desselben zu gewöhnen. Nur so ist es erklärlich, daß in Wien immer neues Kaffeehans-Pnblicnm in geradezu verblüffender Weise aus der Erde wächst. In dem Momente, als ein Kaffeehaus eröffnet wird. hat es auch schon Besucher; woher diese kommen, hat noch Niemand ergründet. Es ist eben, wie gesagt, bei dem Wiener Kaffeehanswcsen viel Mystisches in; Spiele. Man bedenke nur, welcher geheimnißvolle Zug darin liegt, daß man ein Kaffeehans blos zweimal zu besuchen braucht, um von den Marqueurs erkannt zu sein. Der Marqueur ist eine ganz andere Menschcngaitung als sein Verwandter, der Gasthaus-Kellner. Dieser sieht Jemanden wochenlang, ohne zu wissen, wer er ist. Aber Du frühstückst Sonntag und Montag in einem Kaffeehause, und am Dienstag ist das Jncognito schon gelüftet, der Zahlmarqucur nennt Dich beim Namen, und zum Beweise, daß er noch mehr über Dich weiß, gibt er Dir den ent- — 81 b sprechenden Titel: „Herr von*, wenn Du Kaufmann, Banquier, Borscnbesucher, Schauspieler, Photograph, — „Herr Doctor", wenn Du Journalist, Advokat, Arzt, Privat- gelehrter bist. Wenn er sich im Unklaren über Deine Beschäftigung befindet, dann zieht er den „Herrn Doctor" vor, namentlich wenn Du Augengläser trägst. Dabei ist zu bemerken, daß es specielle Kaffcchaus-Doctoren gibt, welche den Marqueurs imponiren, und von denen man in dem ganzen Local nur im Flüstertöne scheuer Verehrung spricht. Dieser Doctor gehört ebenfalls zu den gchcimnißvollen Seiten des Wiener Kaffeehauses. Man denkt da manchmal geradezu an die „vierte Tinicnsion". ... Er schreibt im Kaffeehause, empfängt dort Besuche und zeigt den Marqueurs in verschiedenen großen Blättern anonyme Artikel, die er verfaßt hat. Leider zahlt namentlich die „Times" so unpünktlich, daß er die verschiedenen „Schwarzen", „Capucincr" und „mehr" weiß, die er tagsüber zu sich nimmt — er muß sich für die geistige Arbeit anregen — längere Perioden hindurch unbezahlt läßt. In der Regel macht er der Kaffeehaus-Cassiererin achtungsvoll den Hof. Diese, die, Inaus a, non Inaeoäo, ihren Titel führt, weil sie nichts eincassirt, ist meistens schwärmerisch angelegt und interessirt sich für den „Doctor", dem man die besondere Begabung schon an den langen Haaren ansieht. Ist die Kassiererin eines der Elemente, welche die Anziehungskraft des Wiener Kaffeehauses erklären? Vielleicht und vielleicht auch nicht. Die meisten Gäste werfen der Kassiererin wohl einen flüchtigen Gruß oder Blick zu, aber nur vereinzelte Besucher fassen längere Zeit Posto vor der „Credenz". Man behauptet — aber es ist durch nichts erwiesen —, daß Kaffeehaus-Cassicrerinncn von der „Credenz" weg „ihr Glück" gemacht haben. Aus meiner Praxis kenne ich eine Mutter, die ein Kaffeehaus führte und ihre sechs Töchtern abwcchseud den Casscdicust versehen ließ. Da saßen sie nun, die Früchte einer liebevollen Ehe und producirten sich in weiblichen Handarbeiten, abwechselnd etwas strickend, häkelnd und eine „Melange", einen „Kümmel mit Rum" oder Aehnliches verbuchend. Die jüngste Tochter hatte die Strickwuth; sie strickte unerschütterlich, aber immer einen Strumpf, der zur Farbe ihrer Toilette paßte, im Frühling in der Regel einen blauen — es war zu poetisch! Leider blieben sie Alle unvcrheirathet und sind deshalb später nach Graz übersiedelt. . . . Also, die Eiumengnng holder Weiblichkeit gibt keine genügende Motivirnng für die Beliebtheit des Wiener Kaffeehauses. Jst's die treffliche Bedienung? Allerdings darf der Wiener Marqueur als ein Muster gelten; der norddeutsche ist indolent, er thut gewissenhaft seine Pflicht, aber nicht um ein Jota mehr; der Pariser ist anmaßend, voll frecher Witze, er macht über den Gast, der ihm nicht gefüllt, mit lauter Stimme Bemerkungen. Der Wiener Marqueur tritt zu dem Gaste in ein Herzensverhältniß. Er lauscht ihm ab, wie er den Kaffee gern trinkt: mehr schwarz, keine „Haut", etwas „Schlagobers", in einer Thcctasse. Man sagt ihm das ein einziges Mal, und er behält es im Gedächtniß für die Dauer eines Menschenlebens; man bleibt ein halbes Jahr lang aus, man kommt wieder, und er weiß es noch immer; mehr schwarz, keine „Haut", etwas „Schlagobers", in einer Theetasse. . . . Man bestellt eine Zeitung, und er bringt die übrigen, die mit der bestellten irgendwie harmo- niren. Der eine Gast ist konservativ, der andere liberal, der eine lacht gern, der andere will sich belehren — das Alles hat der Marqueur sehr bald weg, und der Demokrat darf darüber beruhigt sein, daß ihm nicht die Lcctüre einer feudalen Zeitung wird zn- gcmuthet werden. Gewisse Plätze werden für gewisse Gäste reservirt, und zwar mit Anwendung aller erdenklichen Kuusttitclchen, um Unberufene von dem Heiligthume fern zu halten. Ein bekannter Cafvtier in der Leopoldstadt ließ es sich, als er schon ein sehr reicher Mann war, nicht nehmen, mit seiner Serviette den eintretenden Gästen den Staub von den Schuhen zu wischen. Jeder hat eben seine Passion. . . . Aus einem Wiener Gasthanse wird man unter Umständen hinausgeworfen; aus einem Kaffeehause nie. Da herrscht sogar gegen Diejenigen Höflichkeit, die dem Unternehmer nie etwas zu verdienen geben. Stört ein Marqncnr einen der Gratisclientcn in seiner Gemächlichkeit, 817 so wird dieser unangenehm; er gibt hier und da seinen Ueberrock oder seinen Regenschirm in Aufbewahrung, und wehe dem Kaffeehause, wenn irgend ein Verstoß vorkommt. So macht die Bedienung den Kaffeehauszauber aus? Nur zum Theile, denn diese herrscht auch dort, wo — keine Regel ohne Ausnahme — der Dienst Manches zu wünschen übrig läßt. Ein Königreich für einen zureichenden Grund! Wie kommt es, daß man in Wien ein lustiges nächtliches Beisammensein erst dann für etwas Vollkommenes hält, wenn mau zur Krönung des Gebäudes in einem Kaffeehause war? daß sogar die Wienerinnen solche Kaffeehausabschlüsse über Alles lieben? daß man nach Soireen und Bällen noch ein Viertelstündchcu im Kaffeehause verbringt? Fragen, Fragen und keine Antwort. Wo ist der Oedipus, um deffen Willen die Kaffeehaussphiux sieb in den Abgrund stürzt? Leute, die in ihrem bequemen Heim mit aller Behaglichkeit Karten spielen könnten, thun das principiell nur im Kaffeehause. „Der Henker weiß: wärmn?" wie es in „Blaubart" heißt. Dieselben Franc», die ihren Männern sonst nicht die geringste Freiheit gewähren, finden es natürlich, daß Letztere etliche Stunden in einem Kaffeehause verbringen. Vor der Allmacht dieses Wortes beugen sie ihr Knie. Der Mann muß thun, was die Frau will, aber der Kaffechausbesuch ist sein geheiligtes Recht. Dagegen kommt nicht einmal weibliche Autorität auf. Man kann auch im Gasthause spielen, aber das schmeckt lange nicht so gut. Auch herrscht im Gasthause nicht so bedingungslos wie in dem Kaffeehause der Gebrauch, in Hemdsärmelu zu tarockeu. Was aber ein „Jud", in Hemdsärmelu gemacht, au intimem Reiz in sich hat — das läßt sich ahnen, fühlen, jedoch nimmermehr beschreiben. Sogar das „Kibitzen" ist nur in: Kaffeehause angenehm. Im Cafö W. sah ich Jahre lang einen beliebten Sänger mit seinen ständigen Partnern Piguet spielen. Auch ein ständiger „Kibitz" war da. In der Regel — wir Alle wissen ein Lied davon zu singen — ist der „Kibitz" eines der schrecklichsten Geschöpfe auf Erden. Speciell der hier in Rede stehende Vertreter dieser Mcnscheugattung benahm sich so bescheiden und gesittet, daß er gern gesehen war. Er mengte sich nie in das Spiel, verfolgte aber dessen Verlauf mit gespanntester Aufmerksamkeit. Eines Tages wollte der Säuger ihn für seine bewiesene Discrction auszeichnen und fragte ihn um Rath: „Was soll ich jetzt ausspielen?" — „Entschuldigen Sie", antwortete Jener verschämt, „ich kaun nicht Piguet spielen." . . . Vielleicht hat das Wiener Kaffeehaus seine Zaubcrmacht den: Unistande zu verdanken, daß es au Lesestoff geradezu Unglaubliches bietet. Alan kann Tage lang Zeitungen verschlingen, und der Marqueur schleppt noch immer neue herbei. In den kleinsten Vorstadt-Kaffeehäusern verlangen Gäste wie etwas Selbstverständliches die „Revue de deux Mondes" oder das Meycr'schc Eonversationslexicon — es wird noch so weit kommen, daß man bestellen wird: „Einen Thee mit Ruhm und „Schopenhauer's Welt als Wille und Vorstellung." Es ist erstaunlich, wie viel Lcctüre einzelne Menschen vertragen. Ich habe schwächliche Leute dreißig Zeitungen nacheinander lesen gesehen. . . . Also die Menge des angehäuften Lesestoffes wäre eine Erklärung. Oder ist diese in den Bequemlichkeiten zu suchen, welche das Wiener Kaffeehaus bietet? Man kaun dort Briefe schreiben und sich welche dahin adressiren lassen; man kann dort ungestört sein Nach- mittagschläfchcn machen und sich, im Falle besonderer Protection, zum Abendessen etwas zubereiten lassen. Club und häuslicher Herd, Rendezvousplatz und Kauzlei, das Alles und noch mehr ist im Wiener Kaffeehause zu finden, natürlich nur für den Stammgast, der nebenbei im Zahlmarquenr auch eine immer disponible Quelle für Darlehen findet. Zahlmarqncurs und Schneider borgen immer. . . . Also Erklärungen genug, und doch keine erschöpfende. Die Wiener Kaffeehäuser sind in Deutschland imitirt worden. Ich habe diese Imitationen in Berlin, Köln, Frankfurt, Mainz u. s. w. stndirt mit heißem Bemühen und bin zur Erkenntniß gelangt, daß das Wiener Kaffeehaus am Wiener Erdboden haftet. Exportirt, gemahnt es an die norddeutschen Komiker, die wienerisch 818 zu reden glauben, wenn sie möglichst oft „holtcr" sagen. . . . Wir nähern uns dem Osten, und vielleicht documentirt unsere Verwandtschaft mit dem Orient sich in der Art unserer Kaffeehäuser. Wir machen es wie die Araber und Türken, die beim schwarzen Kaffee, den Tschibnk im Munde, sitzen und träumen oder einem Märchenerzähler lauschen. Der Märchenerzähler ist für uns der Stammgastcollege, der das Neueste berichtet, was sich in der Welt begeben hat. Nirgends lassen die Zeitereignisse sich bequemer erörtern, als im Kaffeehause. Man gcräth in eine interessante Discnssion, in die sich zuweilen ein Fremder mengt — mit der höfllichcn Bitte, ihn zu entschuldigen — ein uns bisher persönlich Unbekannter, der bis dahin lange Zeit täglich in unserer Nähe saß, ohne den Mund zu öffnen. ... Ich will nicht ausführlich werden, sonst müßte ich die Species aufzählen: das Militär-Kaffeehaus, in welchem jeder Civillist über die Achsel angesehen wird; das Medicincr-Kaffcehaus, bei dessen Zahlmarquenr Dutzende Hyrtl's verpfändet sind u. s. w. Meine Absicht war, zu ergründen, was den unsagbaren Zauber des Wiener Kaffeehauses ausmacht. Vergebliches Vorhaben! Ich fürchte, daß ich in die Grube fahren werde, ohne eine Antwort zu wissen, auk die Frage, die ich hier aufgeworfen. M i s c e l l e i«. (Die Frau Professorin.) Eine junge Engländerin, Miß Alice Gardncr, Verfasserin einer Broschüre: „Die Ansicht des Kaisers Julian über das Christenthum," ist zum Professor der Geschichte am Bedford-Kollcgium in London ernannt worden. Zwanzig Profcssnrs-Kandidatcn die sich um die Stelle beworben, wußten der jungen Dame weichen. (Wiener Hausherrnlogik.) Miether: „Aber einiger Höflichkeit dürften Sie sich schon gegen Ihre Parteien befleißigen." — Hausherr: „Was Höflichkeit? Dös brancht's bei mir nöt; — dös is überhaupt blos au Artigkeit von mir, wenn i mit Jhna höflich bin." (Für Advokaten.) Einer der farbigen Advokaten, die in Brcnham, Texas, praktizieren, machte die Beobachtung, daß viele seiner weißen Kollegen Glatzen haben und ließ sich, um auch seiner Person ein so würdiges Air zu verleihen den Schädel rasiren. (Eine verunglückte Mahnung.) Landrath: „Ihr seid sonderbare Leute, warum sträubt Ihr Euch noch immer hartnäckig gegen die Anordnungen der Regierung? Ihr könnt fest versichert sein, dieselbe will ja doch stets nur Euer Bestes.' — Antwort: „Ei, ja, das ist's grad, Herr Landrath, das wolle mer ja grad nit hergebe." Die Gelehrten und das Wunder. „Wunder geziemt Gott nicht; denn er darf die Natur nicht verändern, Sonst corrigirt er sich selbst, weil die Natur er gemacht!" So der Gelehrte; doch schlagt ihm der Blitz in die Bücher und Schriften, Nnst er: „Es ist kein Gott! weil er kein Wunder hier wirkt!" Zeigst du die Wunder des Herrn, dann bläht er sich auf wie ein Trnthahn; MIeS, was er nicht gesch'n, darf auch geschehen nicht sein. Laß ihn nur schwätzen! . Der Herr regiert doch Himmel und Erde: Aber er sieht mit Geduld, wie sich entwickelt die Saat. Weizen und Distel gedeihen bei Regen und Sonne des Himmels; Aber wenn reif ist die Saat, wirft er die Distel ins Fcn'r. Fragt da wohl an demüthig der Herr bei den hohen Gelehrten, Ob'er bewegen sich darf, ihnen zu sperre» das Maul?! Niedel. Auslösung des Räthsels in Nr. 100: „Barbier." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Liternrischen Instituts von vr. Max Huttler. Nr. 102. 1883 , M „Äugslmrger Pojheitimg." Samstag, 22. December M e L h rr n ch 1 s - I L e d. Wcihnachtskerzenschein Glänzt in's Herz hinein — Warme Wcihnachtslnst Pacht an nns're Brust; Dach wer glücklich ist Nnr zu leicht vergißt, Daß nicht alle Welt Dieses Licht erhellt. Und weil's frommer Branch, Daß der Armen anch Liebreich wird gedacht, Jetzt, wo Alles lacht, Drmn vergesset nicht, Daß kein frohes Licht Hin zu Denen scheint, Deren Auge weint! — Auch zu ihnen geht, Die Ihr trauern seht — Wißt auch sie sind arm, Lichtlos ist ihr Harm. Spendet Kcrzcnschein In ihr Herz hinein, Denkt der Armen All', Ihrer Erdenqual, Daß durch jede Brust Ziehe Weihnachtslust. Und im Erdenlauf Blickt hinauf, hinauf, — Daß für Euch und Alle Frieden von dort walle, Daß sich Aller Armen Wolle Gott erbarmen, Und des Christkinds Schwingen Jedem Freude bringen! — Klara Reichner. Der Taimeirbanili. Ein Weihnachtsmärchen von Klara Reichner. Der Tannenbanm stand draußen im Walde, im grünen Walde, der dann gelb i.nd endlich weiß wurde. Das heißt, dort wurzelte der Tannenbanm, dort war er zu Hause, doch die Heimath ist meist erst eine schöne Sache, wenn man keine mehr besitzt, und so ging es auch dem Tannenbanm. „Hier geht man zu Grunde!" murrte er. Alles ist so eng, so klein, gar keine Abwechslung!" „Freue Dich doch Deines Lebens im heimathlichen Boden!" lehrte die goldene Sonne, mahnte der silberne Mond, predigten die schimmernden Sterne, doch der Tannen- baum verstand sie nicht. „Dtan muß doch seine Freiheit haben!" meinte er. „Und die ist nur in der Welt zu finden. Ich bin so anders wie die Andern! Höher hinauf geht mein Ziel!" Was und wo aber eigentlich die Welt und diese Freiheit ivar, das wußte er selber nicht genau, und er vergaß, daß seine schönste, seine beste Welt und Hcimath draußen im stillen Walde sei. So gar still war der Wald freilich auch nicht immer! Manch' zierlich Reh huschte dnrch's Gezweig, wohl manches nmnterc Häslein ließ sich blicken, und die vielen, vielen Vögcl, die dort wohnten! Und zuweilen kamen auch fremde Wandervögcl, kamen auch fröhliche und traurige, lustige und einsame Menschen in den Wald. Aber das war dem Tanncnbanm mit der Zeit Alles nicht genug! Er wollte Wechsel haben — gerade wie die Menschen — der arme Thor! Und glaubte doch, er sei so anders wie die Andern! So versäumte er die schöne, heimathliche Gegenwart und sehnte sich hinaus. — Wohin? „Wohin zieht Ihr?" fragte er die Wolken. Sie aber gaben keine Antwort; sie schwebten viel zu hoch, hoch oben über ihm und Allem. Sie wußten Nichts vom Sehnen, den: thörichten, eines so kleinen Nadelbaums auf Erden. „Wo kommt Ihr her?" fragte er die fremden Vogel und was sich sonst noch blicken ließ. „Kommt Ihr aus der Welt, wo die Freiheit wohnt?" „Ja", sprach ein naseweiser Spatz. „Aber da ist nicht viel zu holen; da hackt man Dich zu Holz!" Dem Bänmlein schandert's, daß es förmlich Nadelweh bekam. Zu Holz gehackt! Das klang nicht vielversprechend, im Grunde aber glaubte doch der Baum, daß dies ihm nicht geschehen könnte. Er wollte ja höher, so hoch hinaus! Und er war so anders, so ganz anders wie die anderen Bäume, meinte er; — und was man wünscht, das glaubt man gern und meint man auch zu können. Und da kam einmal ein Tag, da ward sein Wunsch erfüllt! Das ist nicht immer gut, doch der Tannenbanm meinte, es sei der glücklichste Tag in seinem ganzen Leben, denn nun sollte er ja in die Welt! — Der erste Schmerz geschah ihm freilich jetzt! Ein Schlag, daß er zu Boden stürzte, und nun war er von der heimathlichen Erde abgetrennt — das schmerzt doch ein wenig. — Aber jetzt war's zn spät, und er überwand den Schlag, oder — er glaubte wenigstens, daß er es that. Sein Liebltngs- wunsch war ja erfüllt — er sollte fort — hinaus — fort in die Welt! Was für ein Glück! — Schon die Reise, die er nun zn Wagen mit manchem andern grünen Nadelbaum zn machen hatte, war so lustig! Was sah man Alles, wieviel Neues, Ungeahntes und auch Schönes, und als man endlich in die große Stadt kam, meinte der Baum, nun sei er in der Welt! Und jetzt begann er sich auch wieder mit seiner Zukunft zn beschäftigen. „Was wohl nun mit mir geschieht?" fragte er sich. „Ob ich auch so aufgestellt werde, wie die großen Baume hier in den Straßen, unter denen die Kinder jubeln und spielen, oder ob ich gar hoch hinauf anf'S Dach komme, fast so hoch bis znm Himmel, wie der kleine Tannenbanm dort oben auf dem Hanse, der so hübsch und stattlich mit bunten Bändern aufgeputzt ist? Wie stolz er dasteht, und wie lustig seine bunten Bänder im Winde flattern! Ob wohl der Baum da oben festwächst? —" Armer Tannenbanm! Was wußte er davon, daß der stolze Baum da droben auf dem Dache nicht viel länger auf dem hohen, luft'gen Sitze thronen werde, als der Richtspruch und der Richtschmaus dauern, die er feiern hilft, um dann den Weg alles Irdischen zn wandeln — hin zn Staub und Asche! Wohin überkam nun unser Tannenbaum? Das werden wir gleich sehen! Er kam mit all' den andern Bäumen in einen großen Hofraum, wo sie alle abgeladen und anfgespeichcrr wurden. Mancher erhielt sogar ein hölzernes, künstliches Fußgcstell, statt seiner alten Wnrzelfüße, so daß er wieder auf eigenen Füßen stehen konnte, Andere aber — und darunter auch unser Tannenbaum, lagen am Boden durcheinander, gerade wie sie der Zufall hatte hinfallen lassen. 821 „Ist das mein Schicksal?" fragte sich der Baum etwas bestürzt, dein die Sache viel zu langsam ging. „Ist Alles schon zu Ende? Soll das hier meine Zukunft sein? Bin ich darum so anders wie die Andern? — Da war es ja im Wald noch besser — in der .heimath!" Und der Baum begann nachdenklich zn werden. Warum? Weil er enttäuscht war, und ein unbestimmtes Gefühl empfand, das er sonst noch nie gekannt, — es war daÄ Heimweh nach der wahren Heimath! Ach wo war sie? Ferne! ferne! Verloren! Und er hatte doch so hoch hinauf, so weit hinaus gewollt! Es ist nicht nur der Baum, dem es so geht. Wer lebt, der hofft indessen, und darum hoffte auch der Baum, gerade wie die Menschen, denn noch fühlte er ja das Leben in sich strömen, und darum hoffte er, wenn er auch durchaus nicht wußte, worauf er eigentlich denn hoffte. Und nun kam das Christfest. Auch in den großen Hofranm, wo die Bäume lagen, kam es, und da erst recht, denn dahin kamen ja die vielen Leute, die Christbäume holen wollten für den Weihnachtstisch; doch der Baum verstand das nicht, wie hätte er es sollen? — aber eine Ahnung wie von etwas Wunderbarem, das kommen würde, durchzuckte ihn. Und nun schlug auch seine Stunde! Endlich — endlich kam sie! Er fühlte sich erfaßt und fortgetragen. Wohin kam er wohl jetzt — wohin? Mau trug ihn vorbei an vielen, großen Häusern, wo schon die ersten Kerzen der brennenden Christbäume durch die Fenster schimmerten. War das eine Pracht! Den Tannenbaum durchschanerte es seltsam, wie bange Wonne. War das auch sein Loos? Da sah er drinnen grüne, frische Waldbäume, geschmückt mit Gold und Silber und reich behängt mit buntem, glänzendem Schmuck, wie in eine Fluth von Licht getaucht, zn sich hinansschimmcrn. Gott, war das schön und herrlich! Sie schienen ihm zn winken, ihn zn grüßen! Sie wuchsen wohl da fest, und wurzelten in jenen großen, schönen Häusern, und alle Tage spielten dann die Kinder unter ihren immergrünen, gold- und silbcrbcladencu Zweigen, an denen rothe Aepfel und schimmernde Nüsse hingen, und die Kinder jubelten so hell, wie er es jetzt bis hinaus auf die Straße hören konnte, und Alt und Jung erfreute sich daran! Und er war ja noch ganz anders als die Andern. Was konnte erst mit ihm geschehen? Doch gewiß etwas Besonderes! ganz Besonderes! Vielleicht kam er geschmückt und leuchtend oben, hoch oben auf ein Haus, wie jener kleine Baum, den er gesehen, nur, viel höher und viel schöner noch, und strahlend hell von vielen, vielen Kerzen, wie die Bäume drinnen in den Zimmern? Ach, wie sehnt er sich so hoch hinauf, zum Himmel hoch, bis in die Wolken, die so hoch und stolz über ihm dahinzogen! Ja, er wollte hoch hinaus, der kleine Baum, der gar nicht war wie alle Andern, und doch so thöricht war, so klein, wie all' die Andern! Wo kam er hin? Er kannte nicht den Ort, wo man ihn niederlegte und dann aufstellte. Es war fast wie im Walde dort, so still so weißverschncit, so friedlich. — Halb heimathlich, halb traurig wehte es ihn an. Wo war er denn? Sollte er nun geschmückt werden und Licht ausströmen? War das hier die Welt, die Freiheit, die er suchte?" Armer Baum! Wo wohnt die Freiheit? Doch nicht in der Welt, ivic Du es glaubst? Es war so still und dunkel — es wurde ihm so sonderbar zn Muth! Da — plötzlich — was war das? Es flammte auf, es blitzte, leuchtete um ihn herum von vielen hellen Kerzen, und ringsum schimmerts grün und freundlich aus dem Schnee, und was so leuchtet, war er selber, er allein, doch Niemand freute sich darüber! Nicht einmal er 822 selbst! denn seine Strahlen warfen ja ihr Licht auf einen Grabhügel und auf die dunkle Gestalt, die dicht daneben lehnte. Es war ein Mensch, — ein einsamer Mensch, in dessen Auge es nicht minder glänzte, als in des Baumes Zweigen. „Nimm hin das Licht, das ich im Leben Dir versagte", flüsterte der Mann am Grabe. „Als ich die Welt, die Freiheit wählte, gingst Du von mir, meine Heimath, mein Alles. Und nun bin ich allein und heimathlos — entwurzelt, wie der sonst so immergrüne Baum, der Dir heut' leuchten soll!" Und er sah zur Erde nieder und zum Himmel auf, wo unser Aller Heimath ist. „Gewiß wir sehen uns wieder dort in der ewigen Heimath, wo allein die Freiheit wohnt. Durch Finsterniß und Erdenstaub zum ewigen Licht!" Und sonderbar! Der Baum verstand, was'der Mensch, der einsame, dort sagte, und durch die Kerzen schicn's mit Flammenschrift zu schimmern: „Warum opfert ihr den Todten? Hättet Ihr es ihnen lieber Doch im Leben schon geboten!" «nd er dachte nicht mehr an sich selber, der Tannenbaum, der auch gemeint hatte, anders zu sein, als wie die Andern. Die Kerzen brannten nieder, und der Mann am Grabe denkt darüber nach, daß der Tod wohl nicht die schlimmste Trennung ist — das Leben trennt noch schlimmer. Darüber denkt er nach und vergißt dabei die Gegenwart, und darüber verlöschen nun die Lichter, und es wird finster, ganz finster um ihn her. „Herr bleibe bei mir, denn es will Abend werden!" Doch das Licht des Christbaums auf dem Grabe brannte weiter und leuchtete den Pfad des Einsamen voran, seinem irrenden Fuß die Spur zu weisen, und er fand sie — hin zu den Armen und Elenden, denen kein Licht am Weihnachtsabend leuchten wollte durch die Dunkelheit. — Und der Tannenbanm? — Der wußte jetzt, was Heimath ist, und daß die Freiheit nicht in dieser Welt zu finden ist, und daß man doch ist wie die Andern, wenn man's auch nicht glauben will; — er fühlt, daß auch er bald Frieden finden wird, und daß er hoch gestiegen war, viel höher als der Baum da droben auf dem Hause, und als die dort in den großen Häusern. Er wußte -auch jetzt, daß er sterben mußte und vergehen, ferne von der Heimath, aus der er sich einst fortgesehnt, und die er nun verloren, — er wußte aber jetzt auch, daß der Himmel Aller Heimath ist auf Erden, und das Christkind huschte leise durch die Zweige und segnete den stillen Ort, wo Jene schlummern, die erst das rechte Christfest feiern. — Womit Du sündigst, damit rvirst Du gestraft. Aus dem Englischen der Mrs. Mary Cccil Hay, übersetzt von Alice Salzbrnnn. (Nachdruck dcrdoten.) Das unbewohnte Landhaus war von einer reizenden Landschaft umgeben, aber dennoch hätte ich mir keinen Begriff von einem so verödeten, gespensterhaften unheimlichen Wohnsitz machen können, bevor ich es gesehen. Ich hatte Schloßruinen gesehen, und war durch manchen verwilderten, vernachlässigten und vergessenen Park gegangen, aber hier schien die Vereinsamung und Verödung anderer Art zu sein. Ich sagte das dem Pfarrer, welcher mich um das Haus herum führte und mir die Ueberreste vergangener Schönheit zeigte, die sogar unter dem Mehlthau des langsamen Verfalles noch »sichtbar war. „Ja, Sie müssen dieses Haus nicht mit eigentlichen Ruinen vergleichen," sagte er, „nicht etwa mit der malerischen alten Abtei, welche Sie in unserer Nachbarschaft gesehen haben. Dieses Gebäude bröckelt nicht unter den langsamen Schlägen der Zeit. Das — 823 Haus steht hier eingerichtet und verschönert — das klingt absurd, nicht wahr? — für seinen Bewohner, einen feinen, luxuriösen Bewohner, aber über den schönen, dauerhaften Wohnsitz würde die Vereinsamung und Verlassenheit verhängt, wenn Sie es so nennen wollen. Jetzt fällt die Besitzung als herrenloses Gut der Krone zu." Ich sah hinauf zu den zerbrochenen, mit dickem Staub und Spinncnwcben bedeckten F nstern und dann auf die stillen, nnbctrctcnen Windungen des Parkes. „Ich könnte glauben," sagte ich, „daß möglicherweise ein Fluch auf dieses Hans gefallen ist." „Im westlichen Flügel," sagte der Pfarrer, indem er meine Bemerkung unbeantwortet ließ, „ist eine Thür, welche ich mit einiger Gcschicklichkeit und Kraftanstrengnng öffnen kann. Möchten Sie das Haus von innen sehen? So weit Sie können, meine ich, denn die Thüre führt nur zu drei Zimmern." Ich folgte ihm langsam. Eigentlich wollte ich das Hans nicht betreten; und obgleich meine Ncngierde zu stark war, um mich zu weigern, wünschte ich, daß der gütige alte Pfarrer den Vorschlag nicht gemacht hätte. Ich sah mich vergeblich nach einer Thüre um, als wir den westlichen Flügel erreichten. In der langen Reihe zerbrochener Fenster sah man nur an einer Stelle eine Menge dichter Epheurankcn, ein riesiger Auswuchs auf der Mauer. Der Pfarrer zog die Ranken mit der Krücke seines Spazicr- stockes auseinander. „Der Eschen wuchert so üppig über den Steinstnfen," sagte er, „daß ich fürchte, Sie werden nicht hinaufsteigen können. Sehen Sie, die Thüre ist auf ersten Stock, und wir können sie nur erreichen, wenn wir diese verborgene Treppe hinaufsteigen." „Ich komme hinauf," sagte ich. '„Man kann hier sicher über den Eschen klettern: aber, bitte, reichen Sie mir Ihre Hand." Das Hinaufsteigen war wirklich schwierig, sogar gefährlich, denn die Stufen waren an vielen Stellen zerbröckelt; aber endlich erreichten wir die Thüre; der Pfarrer streckte seinen Arm durch das zerbrochene Holzgctäfcl, zog innen den Riegel zurück und öffnete. „Ich sah nie ein Herrenhaus mit einem so seltsamen Eingang," sagte ich, jedoch der Pfarrer ging weiter und hörte meine Worte vielleicht nicht. Die Thür führte in ein kleines Vorzimmer, so klein, das; ein Schlafsophn, ein Tisch, ein Stuhl mit verblichenen Büchern es ganz ausfüllten. Der Pfarrer öffnete eine zweite Thüre gegenüber derjenigen, durch welche wir eingetreten, und ich folgte ihm in ein großes luftiges Schlafzimmer; die schweren Damastvorhünge des Bettes mochten einst von brillanter Scharlachfarbe gewesen sein, aber sie waren jetzt in ein Gelbbraun verblichen; sie hingen in Fetzen an den Stellen, wo die Hände des Bewohners sie zurückgezogen oder aufgehoben hatten und waren von oben bis nuten von Myriaden Motten durchlöchert. In diesem Zimmer sah ich einen Eßtisch, wcrthvolle, hübsche Zicrathe und Bücher, und die Wände waren von so schönen, gnterhaltenen Gemälden bedeckt, daß dieselben der alten wurmstichigen Möbel zu spotten schienen. „Schönere Gemälde als diese sind sogar nicht in der Gcmäldegalleric," sagte ich zu dem Pfarrer, als er eine andere wieder unserem Eingang gegenüber befindliche Thüre ausschloß. „Nein; es sind die schönsten, welche aus der Gallcrie ausgewählt wurden; in diesem Zimmer sind die ausgezeichnetsten Portraits. Kommen Sie." Er hatte die Thür gcöffntet und schob die schwere, faltenreiche Draperie derselben bei Seite; ich betrat ein Zimmer, dessen Größe und Form diejenige des Schlafzimmers war, dessen Einrichtung jedoch ein Wohnzimmer, eine Bibliothek und einen Mnsiksaal Alles in Einem zeigte. Trotz des Zahns der Zeit sah ich die Schönheit und den Luxus der Einrichtung, sowie eine Seltsamkeit, als ob hundert Geschmacksrich- timgeil thätig gewesen wären, oder vielleicht ein von Jahr zn Jahr ruhelos veränderter Geschmack. „Dies sind die besten Familicnportraits," sagte der Pfarrer, auf die mit Bildern oehangcncn Wände deutend, „eigentlich sollte ich sagen, die Portraits aus der neuesten Zeit. Die Ritter und Damen früherer Jahrhunderte hängen unten in einer langen, modrigen Gallcrie. Diese Portraits stammen aus über hundert Jahren vor dem Tode des letzten Bewohners dieser Räume. Bitte, betrachten Sie dieses Gemälde; es ist der letzte Sgnire." Das Bild, welches der Pfarrer mir zeigte, war kleiner als die anderen und vielleicht noch schöner, obgleich die Schönheit nicht selten unter diesen stolzen, ruhigen Gesichtern war. Es stellte einen jungen Mann von drei- oder viernndzwanzig Jahren in Hofklcidung dar: ein Gesicht von merkwürdiger, obgleich etwas weiblicher Schönheit, aber es war von ausgezeichneter Feinheit und deutete klar auf eine hohe Geburt und Herkunft; sogar als der Pfarrer seine Meinung ausgesprochen, konnte ich keinen Stolz in diesen schönen, furchtlosen Augen und keine Anmaßung in den edlen, kühngcschwnngencn Lippen sehen. „Ich sah nie ein schöneres Gesicht," sagte ich ganz leise, obgleich ich nicht wußte, warum ich flüsterte. „Und er war der letzte Sgnire? Er war also nie vcrheirathct?" „Nein." „Starb er jung?" „N'--ein." „Wollen Sie mir seine Geschichte erzählen?" „Hier nicht," sagte der Pfarrer und ging sogleich zu anderen Portraits, von denen er etwas hastig sprach. Auch in diesem Zimmer befanden sich zwei Thüren einander gegenüber, wie in den beiden ersten Stuben der Reihenfolge, und hier hingen vor beiden Thüren die faltenreichen Sammctgardincn. Der Pfarrer schob dieselben bei Seite und zeigte mir, daß die unserem Eingang gegenüber stehende Thüre verschlossen, und daß der Schlüssel abgezogen war. „Ich sagte Ihnen, wir würden nnr in drei Zimmer gelangen können," sagte er, „und jetzt haben Sie wohl Alles gesehen, was ich Ihnen zeigen kann." „Aber ehe wir zurückgehen," bat ich dringend, indem ich mich auf einen verblichenen Sessel vor dem Portrait des letzten Sguires setzte, „erzählen Sie mir die Geschichte dieses verödeten Ortes." „Ich will Ihnen dieselbe auf dem Heimwege erzählen," antwortete der Pfarrer. Als er jedoch sah, wie müde ich war, und daß wir wirklich ausruhen mußten, nahm er einen Stuhl, schlug den dicken Staub und die Spinnweben etwas ab, setzte sich und begann die Erzählung in einem leisen, unruhigen Ton, welcher mich bald so nervös machte, daß ich fast fürchtete mich umzusehen. „Lndolph Warwick erbte als sehr junger Mann seines Vaters Bcsitzthnm; er war sehr schön, wie Sie hier sehen, und hoch- müthig; sein Stolz war leicht verletzt und trotz seines feinen Wesens unbeugsam. Daß solch' ein Alaun, ein reicher Grundbesitzer von vornehmer Geburt und so gebildet wie wenige Landedellente seiner Zeit, ein Liebling in jedem Londoner Salon wurde, ist sicherlich nicht erstaunlich; und daß solch' ein Mann, geschickt in allen ritterlichen Beschäftigungen und freigicbig bei seinem Reichthum, ein bevorzugter Gast in jedem ländlichen Herrenhaus unserer Grafschaft wurde, ist ebenfalls nicht erstaunlich. In der Frcndc über seine glänzende linterhaltuugsgabe bemerkten Wenige die Abwesenheit einer edclmüthigcn Sympathie oder die kalte Gleichgültigkeit gegen diejenigen, welche dem magischen Kreise der feinsten und ausgezeichnetsten Gesellschaft nicht angehörten. Wenige sahen bei der Bewunderung seiner regelmäßigen schönen Züge, daß der hohe, kühne Ge- sichtsansdruck nnr ein kalter, grausamer Stolz war. Er bewohnte diesen Landsitz jeden 825 Sommer, während ungefähr acht Wochen, hatte dann das Hans voll Gäste und zeigte eine verschwenderische Pracht. Außer diesen Sommerbesuchen genoß er ein angenehmes Leben in seinem schönen Londoner Hanse, in seinem schottischen Jagdschloß, im Anstand oder als Gast anderer Landedcllente. Er war der Zielpunkt der Blicke und Gedanken der Mütter, das Ideal ihrer Töchter und der anerkannte Liebling der Gesellschaft. Eines Tages, als Sir Lndolph sich mit einem Schwärm fröhlicher, vornehmer Gäste hier aufhielt, versuchten ein paar Strolche einen Einbruch in sein Hans. Ich glaube, der Sgnire selbst entdeckte es; jedenfalls wurden sie überrascht, ehe sie noch in das Hans eingedrungen waren, und nur ein kleiner Knabe, welchen die Schurken durch ein erbrochenes Gitterfenster geschoben, damit er ihnen die Thüre öffne, wurde gefangen. Dieser Knabe war das einzige Kind einer Frau, der ruhigen, einsamen Bewohnerin eines kleinen Häuschens, welches ihr, wie mau sagte, von dem verstorbenen Sgnire geschenkt worden war. Sie war eine Spanierin, eine schöne, schwarzäugige Frau, mit dunklem klaren Teint, und obgleich sie so nahe dem reichen Manne lebte, welcher sie aus ihrer fernen Heimath hinweggelockt hatte, hatte man nie gehört, daß sie seinen Namen erwähnte; das stille, zurückgezogene Leben dieser Frau concentrirte sich in demjenigen ihres Kindes. Als sie hörte, daß der Sgnire ihren Knaben eingesperrt habe und die Polizeibeamten holen lasse, kam sie zum ersten Mal in das Landhaus, seitdem des Sguire's Vater sich stolz von ihren Bitten hinwcggewendct. Mit brennenden Thränen sagte sie dem jungen Sgnire, daß er sich ihres Knaben erbarmen solle, weil derselbe sein Bruder, seines Vaters rechtmäßiger Sohn sei. Er lächelte in seiner schönen, kalten Weise und rieth ihr ruhig, wenn sie lüge, so solle sie nicht zu ihrer eigenen Schande lügen. Sie zeigte ihm ihren in Spanien ausgestellten Trauschein und sagte, der katholische Bischof in unserer Nachbarstadt könne die Echtheit desselben bestätigen. Er antwortete ihr lachend, die' katholische Trauung sei ungültig im protestantischen England. Als die Polizisten kamen und den Knaben hinwegführten, welcher seine Arme nach der Mutter ausstreckte, stand sie mit bleichen, festgcschlossencn Lippen im großen Vestibül dieses Hauses und folgte ihrem Kinde nicht einmal mit den Augen, denn sie sah unverwandt in das schöne Gesicht des jungen Sgnire. Ihr Knabe, ein hübsches, schüchternes Kind von kaum zwölf Jahren, wurde vor die Richter gestellt und erzählte sein Erlebnis; i,nter vielen Thränen. Er ging am vorhergehenden Abend ruhig nach Hause, als zivei Männer ihm nach kamen und mit ihm gingen. Sie sprachen viel mit einander, obgleich gar nicht mit ihm; aber als er am Schlagbanm die Landstraße verlassen und den Feldweg nach Hanse einschlagen wollte, baten sie ihn, noch etwas weiter mit ihnen zu gehen nnkl versprachen ihm ein Geschenk für seine Mutter. Er ging weiter — eine lange Strecke, glaubte er, — und dann führten sie ihn in ein leeres Banernhans, schlössen die Thüre und behielten ihn dort, bis es ganz dunkel war. Sie trugen ihn bis zum Herrenhaus, denn er hätte den Weg im Dunkeln nicht finden können; sie schoben ihn durch eine kleine zerbrochene Fensterscheibe und befahlen ihm, eine Thüre, welche er dicht neben dem Fenster finden würde, aufzuriegeln; sonst müsse er dort immer im Dunkeln bleiben. Das war Alles, was der Knabe erzählte; man sah deutlich, wie sehr er durch die Drohungen der beiden Böscwichte geängstigt worden war. Ich glaube, einer der Richter sagte, die entsetzliche Furcht, welche der Knabe ausgestanden habe, sei eine hinreichende Strafe für ihn gewesen; aber man lächelte verächtlich über diese Idee. Das Kind wurde zur Einzelnhaft auf zivei Jahre vernrtheilt — ja, obgleich die schöne Spanierin vor dem Sgnire auf ihren Knieen lag und ihn bei dem Andenken an seine Eltern und bei seiner Hoffnung aus Gottes Gnade um Erbarmen anflehte. Ehe die Strafzeit halb verflossen war, ließ der Arzt den Knaben in das Hospital bringen. „Dieser einsame Kerker ist sehr verderblich für einen schwächlichen, wachsenden Jungen," sagte er mit ernstem Kopfschüttclu, „wenn er nicht stirbt, wird er für den Rest seines Lebens unheilbar blödsinnig sein." Dieses schlimmere Schicksal blieb ihm erspart, er starb; die Nachricht gab seiner Mutter den Todesstoß und ihr Geist wurde nmnachtct; sie schleppte sich mühsam zum Herrenhaus und verlangte den Sgnirc zu sprechen. Als seine Diener es ihm sagten, lächelte er in seiner ruhigen Weise. „Gebt ihr dieses Geld," sagte er, „weiter ist Nichts nöthig für solche Weiber." Sie blickte geistesabwesend auf die angebotene Summe, dann trat sie einige Schritte zurück, erhob die Hände feierlich gen Himmel und rief das Gericht Gottes auf den Herrn des Hauses herab; sie flehte, daß die Strafe, welche er über ihren Sohn verhängt, ihn heimsuchen möge. Und der in seinem Kreise stets geschmeichelte, gefeierte Herr dieses Hauses sah aus dem Fenster und lächelte über diesen Auftritt der armen Verzweifelten. Sie starb einige Monate darauf. Fünf Jahre vergingen, und Ludolph Warwick führte noch sein luxuriöses, glänzendes Leben, geschmeichelt, bewundert und überall gesucht. Er beging keinen der Fehltritte seines leichtfertigen, genußsüchtigen, aber warmherzigen Vaters, sondern lebte nur in stolzer, kalter, mitleidloser Selbstbefriedigung. Aber als diese fünf Jahre vergangen waren, kam er einmal unerwartet und ganz allein in seinem Londoner Hanse an. Er fuhr am Morgen nach seiner Ankunft in einem Miethwagen aus, und sein Gesicht war von einem weißseidenen großen Halstuch Halb bedeckt; nach einer langen geheimen Unterredung mit einem berühmten Arzt, kehrte er zurück und befahl, daß sein Haus wieder abgeschlossen werde, da er auf das Land reise. Er kam sogleich hierher, und ehe er seinen Ucbcrrock und das weiße verhüllende Tuch abgelegt, rief er vier alte Diener zu sich, welche während seiner ganzen Lebenszeit hier gewohnt hatten. Sie kamen in dieses Zimmer, und er stand dort am Kamin und sprach mit halb abgewandtem Gesicht zu ihnen. Sie waren über seine unerwartete, alleinige Ankunft sehr erstaunt gewesen, denn er pflegte stets mit Equipage und Dienern zu kommen, nachdem alle Zimmer des Hauses für ihn und die Gäste, welche mit ihm oder bald nach ihm kamen, bereit standen. Aber welch' eine viel größere Uebcrraschung erwartete sie! (Schluß folgt.) Goldkörner. Flieh' Musst gang! Uuthütigkeit erschlafft lind »nicht dich muthlos; Arbeit stählt die Kraft. Dir wird durch sie, was du vermagst, bewußt; Leicht wird die Bürde, und die Müh' zur Lust! Gehorche willig, Kind! Gehorsam ist Der Keim, aus dem dir jede Tugend sprießt, Der in sich birgt sie alle im Verein! Du bist ein Pslänzlcin noch, gar schwach und klein, Das sich nicht schützen kaun, das treu gehegt, Von seiner Eltern Sorge wird gepflegt, Gleichwie ein Gärtner schirmt vor Frost und Wind Die Lcuzeskindcr, die ihm theuer sind. Begreifst du auch noch nicht, wie und warum Die Hand dich hält und führt, gehorche stumm! Wie hart dir das Gebot auch scheinen mag, O glaube, kommen wird die Zeit, der Tag, Wo du erkennen wirst, daß nie die Liebe ließ Von dir, ob sie dich thun, ob lassen hieß! F. Beck. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Nr. 103. 1883. postMuilg Montag, 24. December Immer — nimmer! Weihnnchts-Erinnerung einer Uhr von Klnra Reichner. „So stand die Uhr in Lust und Leid, Bei Todtenklag und KindstnufSfrcud'; Was dort im Lauf der Zeit geschehen, Die Uhr hat es mit angesehen! In jedem Wechsel fort und fort, Die Gleiche stets mit gleichem Wort: Immer — nimmer! Immer — nimmer!" Longfellow. Weihnachtsabend war's. Im Zimmer war es still und dämmerig; nur zwei Wesen weilten darin, welche Spuren von Leben verriethen: eine alte Frau und eine alte Uhr. Die alte Frau saß auf einem großen Sorgenstuhl, aber es war ein weichgepolsterter Sorgenstuhl; die alte Uhr stand in der Ecke, so fest stand sie auf ihren beiden Säulen, als ob sie nicht schon viele, viele Jahre durchwandert hätte, Tag für Tag, Stunde nur Stunde, Minute für Minute. In Freud' und Leid Vergeht die Zeit! Die alte Frau wußte das auch recht gut, denn oft nickte sie der alten Freundin in der Ecke zu, als wollte sie sagen: „Ja! du und ich! Wir Zweien haben schon manche Stunde, gute und auch trübe, mitsammen durchgemacht. Wie viele Stunden werden wir wohl noch beisammen bleiben?" „Immer — nimmer! Immer — nimmer!" tönte es aus der Ecke zurück. Und die alte Frau nickte wieder, weil sie ganz gut verstand, was die Uhr damit sagen wollte. Früher hatte sie es nicht so gut verstanden. Weihnachtsabend war's, und ein Jeder weiß es, was das für ein Abend ist, was für ein gesegneter, ein schöner Abend für die ganze Christenheit auf Erden. Die Dämmerstunde war gekommen — da war's lebendig überall — auch in der stillen Stube bei der alten Frau. Draußen auf den Gassen mehrte sich das Laufen und der Lärm, und wer noch keinen Weihnachtsbaum im Hause hatte, nahm ihn geschwind jetzt mit unterwegs. Es kommt ja nur ein Mal der schönste Tag vom ganzen Jahr! Drinnen bei der alten Frau ward's auch lebendig. Allerlei Gestalten, allerlei Bilder tauchten auf — buntfarbige und auch recht graue. Helle, lichte, — Andere in Nebelschleier eingehüllt, und mancher Weihnachtsbaum verflossener Jahre streckte die stacheligen, lichtstrahlenden Zweige in's dämmernde Zimmer hinein. „Immer — nimmer! Immer — nimmer!" — 828 — sagte die alte Uhr in der Ecke, und sie hatte auch ganz Recht. Immer — nimmer kamen sie wieder, dieser Tag, diese Bäume! Der erste, allererste Weihnachtsbaum! An den freilich konnte die alte Frau sich gar nicht mehr erinnern, das wird ein Jeder gerne glauben, da war die alte Frau ja noch ein kleines, kleines Kind, wenn man auch kaum meinen sollte, daß so alte Leute auch einmal so klein und jung gewesen, nun man sie so fix und fertig alt sieht. Aber später hat man es ihr oft erzählt, wie sie dem ersten Christbaum zugejauchzt, und so verlangend die kleinen Aermchen nach ihm ausgebreitet — dem Licht entgegen. Und die Jahre kamen und vergingen! Licht und lichter ward es auch in der kleinen Mcnschenseele, und der grüne, lichterglünzende Baum kam Jahr für Jahr in's Haus, und stets mit ininierglcichcni Jubel wurde er begrüßt. „Ich habe dich so schrecklich lieb!" Das war der höchste Ausruf von Wonne, den das kleine Mädchen damals kannte, und darum sagte sie es auch, wie oft, mit dankerfülltem, kleinem Herzen zu der guten Mutter, die damals noch lächelnd neben dem grünen Baume stand. „Ja — wie lieb denn?" -- „O so hoch — so hoch wie unser Christbaum, nein, noch viel höher — so hoch, — bis zum Himmel hinauf!" „Immer — nimmer, immer — nimmer!" tönte es leise aus der dunkeln Ecke, und die alte Frau verstand es wieder, denn sie wußte, daß auch diese Zeit zu Ende ging, und daß sie später — wie oft — in jugendlichem Unbedacht die beste aller Mütter wie sehr gekränkt! Und die Jahre gingen weiter, und das Leben auch, so pfeilgeschwind und doch so hübsch allmählig, daß man es kaum merkte, wenigstens nicht eher, als bis die Gegenwart vorüber und die Zeit entflohen war, die so rasch und treulos davoneilte, wie alles Andere sonst, was irdisch ist. Doch die alte Uhr war desto treuer als die Zeit, welcher sie diente, und treuer als das Glück und als die Menschen! Oftmals war sie auch eine gar treue Warnerin gewesen, wenn ihr Pendel so stillgeschäftig sich hin- und hcrbewegte, und der Zeiger so unerbittlich weiter rückic, von Stunde zu Stunde. Immer neue Minuten folgten ja den abgelaufenen, doch nimmer waren es dieselben — immer andere, und nimmer kamen sie wieder die verflossenen — nimmer. Das predigt die Uhr mit ihrem steten, stetigen: „Immer -- nimmer, immer — nimmer!" nur daß die alte Frau es nicht so gut zu hören verstanden, einst, als sie noch jung gewesen! Die frohe Kinderzeit verflog — es kamen andere Tage, andere Zeiten, doch auch sie waren gut und schön und glücklich, voll von Spnncuschcin und Liebe! — Wohl mahnte die alte Uhr und predigte Vergänglichkeit, doch Niemand achtete auf sie, wenn sie erzählte, daß Lieb' und Jugendzeit und Glück verwehen, wie ein Blatt im Winde! Wer mag an Sturm und trübe Wetterwolken und au graue Nebel glauben, wenn am blauen, heiteren Himmel die helle, goldene Sonne lacht? Und die jugcndfrischc Rose und die bräutlich-grnuc Myrthc wanden sich znm Kranz die Braut zu schmücken, die glückliche, die hoffnungsreiche, überreiche Braut! Freundlich zu nickte sie der alten Uhr, der treuen Freundin ihrer Kinderzeit und Mädcheujahrc, deren rastlosen Pendel- und Stundcnschlag sie — ach so oft gelauscht, voll Lust und Ungeduld und Freude. „Immer — nimmer, immer — nimmer!" sagte die Uhr, und ihr klang es wie ein Gruß. Ja, das war es auch, doch durch den Gruß klang es wie eine ernste Freundes-Stimme: „Für immer gehst du, und wie es war ivird's nimmer!" Und es ward auch nicht mehr so. Der Schritt aus dem Elternhaus war der in's Leben, und das Leben will gezahlt sein — Jeder muß es zahlen — früher oder später. 829 Wohl schielte noch der Sonnenschein auf grünen Blättern, doch hier und da begann das Laub sich gelb zu färben und dürres Reisig sich zu zeigen, aus dem kein Grün meh7 sprossen wollte. Ist die kurze Blüthcnpracht des Frühlings um, so folgen ihm des Jahres andere Zeiten — so will's Natur und Leben. Engel der Freude und der Trauer zogen ein und aus, und die alte Uhr nahm ihren Theil an Allem. „Immer — nimmer," sagte sie, „immer — nimmer!" und das klang wie ein Gebet. So zogen die Jahre wie die Wolken droben am Himmel, sichtbar, immer nahe, und doch fern und wechselnd, und mit ihnen zog die Jugend, zog gar Manches, das nicht wiederkehrte, zog ein Christfest nach dem andern Jahr für Jahr, als wie ein Zeitmesser für Glück und Leid. Gar treu sind seine grünen Boten, mit ihren immergrünen Blättern, aber diese Blätter sind Nadeln, und Nadeln haben ihren Stachel. Wo sind sie hin, sie Alle, auf die einst der helle Kerzenschein die frohen Weih- nachtsstrahlcn warf — wohin? Erloschen ist ihr Licht, nur das Gedächtniß stirbt nicht. Das lebt immergrün im Herzen. „Immer — nimmer, immer — nimmer!" sagte traurig die alte Uhr, die immer dieselbe geblieben war, ob auch alles Andere sich geändert hatte. Und nun war's Winter, schuec-weißer, kalter Winter, und wieder war's Weihnachten, und das Haar der Frau, die einst ein frühlingsfrisches Kind gewesen, war auch weiß geworden, doch kalt war's nicht im Herzen drinnen, o nein, recht warm sogar und auch recht Hoffnungsgrün — wie Veilchen unter Schnee. Wohl fühlte sie den Winter und die Einsamkeit, die alte, stille Frau, doch eine treue Freundin war ja bei ihr: die alte Uhr, und jetzt verstand sie ja weit besser, was die Uhr erzählte. Von alter Zeit, von schönen, frohen Stunden sprach sie, so gut wie von den traurigen und ernsten. Sie lächelte mit ihr und weinte, sie klagte, tröstete. „Immer — nimmer, immer — nimmer!" lehrte sie, und die alte Frau wußte nun, daß Alles ein Ende hat und daß doch die Hoffnung den Menschen von der Wiege bis znm Grab als gute Fee geleitet. Weihnachtsabend war's. Im Zimmer war es still und dämmerig; nur zwei Wesen weilten ja darin, die Spuren von Leben verriethen: eine alte Frau und eine alte Uhr. Der alten Frau war's wehmüthig zu Sinn — die alten Zeiten wurden am Christabend so neu, und sie war so allein. Ach! Wo waren sie Alle? Wo? Die Eltern, Geschwister, Kinder, Gatte, Freunde! die einst das Christfest mit gefeiert, mitsammen unter dem grünen, immergrünen Tannen- banm? Wie hatte da der Lichterglauz gestrahlt! Und nun? Zerstreut! Sie Alle, Alle durch das Leben, durch den Tod, verweht die frohen, hellen Weihnachtstage, längst verweht. Und die alte Uhr stand in der Ecke, so fest auf ihren beiden Säulen, als wenn sie nicht schon viele, viele Jahre durchwandert hätte, Tag für Tag, Stunde uin Stunde Minute für Minute. „Immer — nimmer, immer — nimmer!" sprach sie unerschütterlich. Und die alte Frau verstand sie gut, und fühlte aus den dürren Reisern frischen Frühling sprossen, der unvergänglich, unverwelklich war, so unvergänglich, wie die Uhr der Ewigkeit, die auch in jeder Spanne Zeit uns mahnt, daß Alle, die das Leben einst zerstreut, ein schöneres Christfest wieder eint, dort oben, wo sie sich alle wiederfinden, znm ewigen Wiedersehen, das kein Tod und keine Trennung stört! — „Immer dort — doch nimmer hier sagt die alte Uhr. — Fröhliche Weihnachten allen Einsamen! Womit Du sündigst, damit wirst Du gestraft. AuS dem Englischen der Mrs. Mary Cecil Hay, übersetzt von Alice Salzbrunn (Schluß.) Er sagte ihnen, daß alle seine Diener entlassen werden sollten, ausgenommen sie selbst; daß Jeder von ihnen, der eine Einwendung dagegen mache oder ihm in seinen Befehlen nicht unbedingt gehorchen wolle sogleich sein Haus verlassen könne, bevor er weiter zu ihnen spreche; aber wenn sie bleiben wollten, müßten sie ihm schwören, seinen Anordnungen strengen Gehorsam zu leisten. Er sagte ihnen, daß nie wieder Gäste im Hanse sein und ihre Dienste erfordern würden; und daß außer ihren eigenen Schlafstuben und der Küche nur diese drei Zimmer des Hauses bewohnt werden würden. Er sagte ihnen, daß er von diesem Tage an keinen Menschen besuchen oder bei sich sehen walle; und indem er ihnen eine geladene Doppelpistolc zeigte, sagte er, die erste Kugel sei für denjenigen, welcher bei ihm einzudringen oder in sein Gesicht zu sehen wage, und die zweite sei dann für ihn selbst. Er sprach seinen Vorsatz aus, in diesen drei Zimmern einsän: zu leben, Thüren, durch welche kein Spüherauge dringen und Schlösser, welche keine Hand außer der seinigeu ausschließen könne, machen zu lassen. Seine übrigen Befehle wolle er schriftlich nach der Entlassung seiner Dienerschaft geben. So begann er sogleich dieses Leben der furchtbaren, leidensvollen Einsamkeit; und obgleich von dem Tage an Niemand zu dem jungen Sqnire drang, und er sein Geheimniß Niemanden erzählt hatte, war es bekannt, — man flüsterte von -Entsetzen durchscheuert davon — daß eine schleichende Krankheit an seinen: Leben nagte und zuerst die Schönheit seines Gesichts zerstörte, auf welche er so empfindsam stolz gewesen. Jahr auf Jahr verging sein Leben in furchtbarer Einöde. In diesen Zimmern sammelte er Alles, was er konnte, um solch ein Leben erträglich zu machen; er ließ sich die aus- crwählt schönsten Gemälde der Londoner Bildergallerie kommen, um sie an seine Wände zu hängen. Wenn er diese Glocke zog, fand der alte Bediente seine geschriebenen Befehle unter dieser verschlossenen Thüre durchgeschoben; wenn er die Glocke in: Schlafzimmer gezogen hatte, schloß er sich in dieses Wohnzimmer ein, und der Bediente konnte das Schlafzimmer aufräumen, die Teller und Tassen wegräumen (der Sqnire hatte während seiner Mahlzeiten nie eine Aufwartung) und das Kaminfener anzünden. Wurde die Glocke in: Vorzimmer gezogen, so beeilte sich der Bediente, welcher dieses Wohnzimmer in Ordnung zu bringen hatte, mit seiner Arbeit, weil er wußte, daß sein Herr unterdessen in: kleinen Vorzimmer eingeschlossen saß. Denn er ging nie aus jener Thüre in den Park hinunter, (obgleich er die Steintreppe zu diesen: Zweck machen ließ) bis sein ganzer Haushalt und das ganze Dorf schon stundenlang in: Bette lag. Nur in: tiefen Dunkel der Nacht wagte er sich hinaus und Niemand hat ihn je auf diesen Gängen gesehen. In dieser schrecklichen Einsamkeit, in welcher er keines Menschen Angesicht sah, keines Menschen Stimme hörte, sich seinen Dienern nie zeigte und kein Wort zu ihnen sprach, verlebte der Sqnire fast zwanzig Jahre. Stellen Sie sich solche Einsamkeit und solches Leiden während einer Woche vor — während eines Jahres, und dann während zwanzig Jahren! Aber um die Schwere der Heimsuchung für ihn zu verstehen, müssen Sie sein bis dahin geführtes Leben bedenken, die an den höchsten Grad der Feinheit gewöhnte, hochmüthigc Natur des Mannes und seine intensive Empfindlichkeit gegen jeden physischen Schmerz und gegen jede Beschwerde. Bedenkt man das und die Last des zu bewahrenden Geheimnisses, während die Welt der Neugierigen, welche ihren Gefeierten vermißte, nach der Ursache seines lebendigen Todes fragte, so kann man sich die gräßlichen, fast unerträglichen Leiden dieser zwanzig Jahre vorstellen. Endlich kau: eine Zeit, in welcher die Mahlzeiten kaun: berührt waren; und dann wurden keine geschriebenen Befehle mehr unter die verhangene Thüre gelegt, bis der alte Diener der nur diese Geschichte erzählte, einen Zettel fand, daß er den Pfarrer rufen sollte. 831 Der Pfarrer war damals ein alter Mann, so alt wie ich jetzt bin; er kam nnd kniete betend in diesem Zimmer neben dem geschlossenen Sammctoorhang. Er wußte, daß die Thüre zum Schlafzimmer des Sgnire offen stand, aber er war gebeten worden, hinter diesem Vorhang zu bleiben, und er wollte ohne Aufforderung keinen Schritt näher treten. Voll heiligem Ernst betete er mit lauter Stimme und brachte dem reuigen Sünder die Botschaft oom Erbarmen des allmächtigen Gottes und vom ewigen Leben. Am nächsten Tage kam der Pfarrer wieder, aber diesmal waren die Thüren vcr- schlossen, weil er nicht gerufen worden war, und kein Zeichen kam von innen, daß seine Bitte um Einlaß gehört wurde. An demselben Abend ließen die angstvollen Diener ihn wieder holen, Sie konnten keinen Laut im Zimmer ihres Herrn hören und hatten nun seit zwei Tagen keine Speise hineinbringen dürfen. „Ihr sollt den Arzt holen lassen," sagte der Pfarrer, „er und ich werden uns Eingang verschaffen nnd ihm Hülfe bringen, wenn wir können. Ihr Alle sollt Euer heiliges Versprechen halten." Das Schloß der ersten Thür» wurde mit großer Schwierigkeit erbrochen; der Arzt und der Geistliche traten leise ein. Die Thüre, welche in das Schlafzimmer führt, war hinter dem Vorhang angelehnt, und als sie hineingingen, sahen sie mit einem Blick die Lösung dieses grauenhaften Geheimnisses. Der Sgnire lag angekleidet auf dem Bett; die steifen Finger seiner abgezehrten rechten Hand hielten das geöffnete Gebetbuch, seine Linke war nach dem Bettvorhang ausgestreckt, als habe er denselben zuziehen wollen, wie sein Ende gekommen war. Auf einem Tischchen neben seinem Bett lag die geladene Pistole; er war vor dem Selbstmord bewahrt geblieben, obgleich die Versuchung in seiner Lage manchmal groß gewesen sein mochte. In Einsamkeit, Schmerz und Leid hatte er seine Befreiung erwartet. Der Arzt bedeckte das einst in seiner Schönheit so stolze Gesicht, damit der grauenvolle Anblick keine anderen Augen verletze, und das geschah auch nicht. Die zuverlässigen alten Diener befolgten sogar jetzt die Befehle ihres Herrn. Seit beinah zwanzig Jahren hatten sie bei ihm gewohnt und nie seine Züge gesehen; und als sie an diesem Tage Zutritt zu seinem Zimmer hatten, hielten sie treulich ihr Versprechen und ließen die weiche, weiße Hülle auf dem Gesicht, welches sie in seiner Zerstörung nicht wieder erkannt haben würden. „Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher;" Das ist die Geschichte. Ich wünschte sie Ihnen nicht in diesen Räumen zu erzählen. Kein Wunder, daß Sie bleich und erschüttert sind. Kommen Sie, wir wollen weggehen." G o l d k ö r » e r. Demuth lehrt Bescheidenheit, Gleich dem Veilchen, das verborgen Blüht nnd süße Düfte haucht. Demuth wahrt des Herzens Frieden, Macht erträglich jedes Loos, Läßt uns immerdar erkennen, Daß noch Schlimm'rcs wir verdient. Selbsterkenntnis; führt zur Demuth, Ist zu ihr der sich'rc Pfad; Mit vcrbund'nen Augen wandelt Hoffahrt, bis sie strauchelnd fällt. F. Beck. 892 Die vier Cnltnrnationen. In seiner interessanten Schrift „Chrouos oder Lebensbeschreibung der Mutter Erde" London, Trübner) Seite 275 u. ff., gibt der geistvolle Amerikaner Wallace Wood, eine vergleichende Schilderung des Charakters der vier großen, an der Spitze der Zivilisation niarschirenden Knltnrnationen, welche zwar, wie alle solche Schilderungen, nicht von Einscitigkeitcn frei ist, aber dennoch verdienen dürfte, allgemeiner bekannt zu werden. Man werfe, so sagt derselbe, einen Blick auf eine Karte der Erde, und man wird in dem kleinen Winkel im Norden Enropa's den geistigen Mittelpunkt der Welt erblicken. Paris, London und Berlin bilden die dreifache Sonne, von welcher das Licht der Wissenschaft und Kunst ausstrahlt. Die über den Erdboden zerstreute menschliche Race kann als eine Art lebendigen Nicsenleibs betrachtet werden, dessen Gehirn oder Seele gewissermaßen durch jenen dreifachen Mittelpunkt gebildet wird. Bedenke dieses, junger Amerikaner, wenn Du Deine .Hochzeitsreise antrittst. Die Mammuthhühle ist ohne Zweifel das größte Naturwunder der Welt, und das S)o- Samitho-Thal das zweitgrößte. Aber befriedigte Nengier ist kein intelektneller oder moralischer Gewinn; diesen mußt Du an seiner Quelle aufsuchen. — — England, Frankreich und Deutschland stellen in jenem Riesenlcib gewissermaßen die drei Eigenschaften von Muskel, Herz und Gehirn, oder von Wollen, Fühlen und Denken vor. Die englische Nace ist durch eine lange Reihe von Umständen zu einer vorzugsweise» Ausbildung der Kraft oder That geführt worden. Ihre Industrie, ihr Handel, ihr Colonialwesen, ihr Maschinenbau bezeugen dieses ebenso, wie ihre leidenschaftliche Liebe zu Jagd und zu körperlichen Uebungen oder ihre Achtung vor dem Starken und ihre Verachtung des Schwachen — die Nahrung des Engländers besteht hauptsächlich in Rostbecf und Käse. — Die Natur des Franzosen ist die Folge einer während Jahrhunderte ungczähmtcn Gcfühls-Erregnng, eine Verehrung des Schönen, des Zarten, des Wahren, allerdings gewürzt durch eine kleine Zuthat niedrigerer Leidenschaften. Es ist eine Nace von Künstlern und Liebhabern, welche von Kaffee, Wein und gewürzten Brühen lebt. — Der Deutsche neigt weder znr Empfindsamkeit (?), noch zur That, um so mehr dagegen znr Nachdenklichkeit. Er hat ein starkes mit Gedanken angefülltes Vordcrhaupt. Er macht Diktionäre, erfindet philosophische Systeme und schreibt dicke Bände voll trockener oder staubiger Wissenschaft. Den Engländer nennt er einen Materialisten, den Franzosen ein verwöhntes Kind. Ihm ist es einerlei, was er ißt. (?) Mit einem Wort: der Deutsche weiß Alles, der Franzose fühlt Alles, der Engländer thut Alles. Gehst Du nach London, so zeige vor allen Dingen im Umgang mit Engländern Männlichkeit und Uncrschrockenheit. — — Jenseits des Kanals betrage Dich, als ob Du immer in Damengesellschaft wärest. Sei artig, höflich, freundlich, füttere die kleinen Vögel in den Parks, lobe die Kinder und spreche mit Achtung von Malerei und Theater. In Deutschland kannst Du Dich betragen, wie Du willst. Es ist das einzige Land der Welt, wo geistige Freiheit herrscht und wo persönliche Eigenthümlichkeit nicht lächerlich oder das Leben gar unmöglich macht. Mail wird nicht als ein Narr oder Pedant angesehen, wenn man sieben lebende Sprachen spricht; und wenn Du in einem Eisenbahnwagen ein griechisches Gedicht oder ein wissenschaftliches Buch in der Hand hast, so brauchst Du Dich nicht zu schämen und läufst mcht Gefahr, ein mitleidiges Lächeln oder ein gegenseitiges Augenzwinkern Deiner Mitreisenden hervorzurufen. Ueber seine eigene Nation oder die Amerikaner spricht sich der Verfasser nicht direkt aus, sondern läßt für sich einen verstorbenen Konservativen aus der alten Schule reden, welcher allerdings zumeist die Schattenseiten des amerikanischen Charakters hervorhebt. Bei aller Anerkennung der Großthaten der amerikanischen Nation als solcher, nennt er den Amerikaner selbst anspruchsvoll, gewissenlos und oberflächlich. Er kennt weder ruhigen Lebensgenuß, noch Liebe, noch Beschaulichkeit, sondern nur ein rastloses Jagen 833 nach seinem Ziele. Der amerikanische Schuljunge ist wie ein Hund an der Koppel. Er hat keinen Begriff davon, daß Lebe», Gesundheit und Verstand ihm für noch etwas Anderes gegeben sein könnten, als um Geld und Ansehen zu erwerben. Er ist der älteste Jüngling, der die Welt kennt und wird nicht selten ein alter Mann, mit bartlosem Gesicht, ehe er noch aus der Jugendzeit heraus ist. Kaum aus der Schule entlassen, beginnt für ihn bereits der wüthende Kampf um das Dasein. Mit den nationalen Stichwörtern: „Drauf los!" und „Scharf ausgesehen!" in seinem Munde strengt er jede Faser seines Leibes und Geistes an, um sein Leben zu machen, bis ihm die beleidigte Natur endlich ein Halt! zuruft. Er gleicht einem Wanderer, welcher, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, den kürzesten Weg wählt, wenn er auch durch gefährliche Abgründe und über steile Berge führt, während ein bequemer Umweg langsam, aber sicher ihn zu demselben Ziele geführt haben würde. Der Eine erreicht das Ziel, wenn auch nicht ohne Schaden für sich selbst, der Andere geht auf dem Wege zu Grunde. Aber das Leben Beider ist arm an Freude und Schönheit. M i s e e l l e n. * (Ein Nosenblatt als Dolmetscher.) Ein hübsche Geschichte, bei der ein Nosenblatt den Ansschlag gab, erzählt man sich von einem berühmten, deutschen Gelehrten. Derselbe wünschte Mitglied einer gelehrten Gesellschaft zu werden, deren Statuten vor Allem als Haupt-Paragraph den Mitgliedern Folgendes geboten: „Viel denken, wenig schreiben, möglichst wenig reden!" Unglücklicherweise aber war die vorgeschriebene Zahl von Mitgliedern bereits erreicht, folglich znr Zeit keine Aussicht auf Beitritt vorhanden. Wie aber dem geachteten Gelehrten dies auf zarte Weise kundgeben? Um den Unannehmlichkeiten einer Auseinandersetzung zu entgehen, außerdem aber auch getreu dem Hauptparagraphen des Vereins: möglichst wenig zu sprechen, ließ der Vorstand während einer Versammlung, welcher der Gelehrte als Gast beiwohnte, vor Letzteren ein Gefäß mit Wasser stellen, so voll, daß ein einziger Tropfen mehr schon genügen konnte, um es überfließen zu machen. Der gelehrte Doctor begriff diesen stummen Wink durch die Blume, und ergab sich bereits in sein Schicksal, auf die Erfüllung seines Lieblingswunsches Verzicht leisten zu müssen, als er plötzlich auf dem Boden zu seinen Füßen ein abgesallencs Nosenblatt gewahrte. Diesen Zufall benutzend, um die Blumcnsprache des Präsidenten in ähnlicher Weise fortzusetzen, nahm er das federleichte Blättchen, und that es mit großer Vorsicht auf das vor ihm stehende Wasser. Er wollte damit ausdrücken, daß trotz der Vollzähligkeit des Vereins vielleicht doch noch für ihn ein Plätzchen sich finden lassen werde, ohne Schaden für denselben, ähnlich wie das Nosenblatt doch auch noch auf dem vollgefüllten Wassergefäß Raum gefunden, ohne daß dies Letztere überfloß. Die Folge dieser Zeichensprache war, daß sämmtliche Mitglieder aus Bewunderung über diesen guten Einfall, einstimmig in den gelehrten Verein ihn nun doch noch aufnahmen, und das Alles wegen eines kleinen Roscnblättchcns, das zufällig am Boden lag! Wie man oft Inserate stylisirt, zeigt anf's Neue folgende Sammlung in der „Germania": „Ein Mädchen von 5 Wochen wünscht eine Mutter an Kindesstatt abzugeben." (Jntelligcnzblatt.) — „Drei doppelte Buchhalter für erste Häuser sucht der Vorstand des Handlungscommis-Vcreins." (Nat.-Ztg.) — „Ich suche solide tüchtige Handschuhmacher und zahle pro Dutzend 1—2 Mark. F. Friede!, Handschuh-Fabrikant." (Schles. Zig.) — „Der Unterzeichnete bringt zur Anzeige, daß unter Heutigem Vormittags 10 Uhr der Hund des Lohnkntschcrs Andres, welcher Rattenfänger nicht nur einmal, sondern mehrere Tage ohne Marke und Manlkorb herumläuft, ohne sich darum zu kümmern und höhnisch dazu lacht, wenn derselbe gewarnt wird. Joseph Hörner, Polizeisoldat." (Bayer. Vztg.) — „Am 7. März, zu meinem Geburtstage, 7^ Uhr entriß nur der Tod zum zweiten Male meine innige, theure und gewiß von Jedermann 834 geliebte Gattin. F. W." (Leipz. Tagbl.) — „Steckbrieflich verfolgt wird Joh. Miller, der seinen Vater erschlug, um ihu zu berauben uud danu heirathcn zu können." (Frank. Kur.) — „Die Dame, welche vorigen Montag den Manschcttcnknopf suchte, ist gefunden worden und ist abzuholen. Grimmastcig 9." (Leipz. T.) — Durch die „Kobl. Ztg." wird für einen „älteren jungen Mann Nachhilfe in der Religion gesucht". — „Ein dreijähriger Esel, wegen seiner Frömmigkeit auch für den Umgang mit Kindern passend, ist zu verkaufen." (Amtsblatt für Rügen.) — „Zu verkaufen sind zwei gut melkende Ziegen, Kaprellgasse Nr. 9 und nur Nachmittags von 3 Uhr an zusprechen." (Leipz. T.) * (Napoleon als Ehcstifter.) Napoleon I. Kaiser der Franzosen, hatte die Liebhaberei, für sein Leben gern Heirathcn zu stiften, das heißt, er, der Nichts ohne Gewalt zu thun pflegte, verband damit die Absicht, seinem durch die vielen Kriege, die er führte, entvölkerten Lande auf diese Weise wieder aufzuhelfen. So ließ er arme Mädchen ausstatten, damit sie einen Gatten fanden, und wenn einer seiner Soldaten heirathcn wollte, unterstützte er ihn durch die Verleihung irgend einer Stellung oder einer Beförderung. Leider aber nahm diese Liebhaberei zugleich den Charakter eines sehr unliebsamen Zwanges an, indem.der Kaiser oft auch Diejenigen nicht unbehelligt ließ, die seine Vermittlung gar nicht wünschten. Auf diese Weise verhcirathete er seinen früheren Adjutanten, späteren Grafen und Generalpostdirektor, Lavalette mit Mademoiselle Beau- harnais, einer Nichte der Kaiserin Zoscphinc, indem er ihn zu einer Spazierfahrt aufforderte, und bei dieser Gelegenheit ihn in das Kloster führte, wo das junge Mädchen erzogen wurde, um den beiden höchst Erstaunten die Neuigkeit mitzutheilen, daß sie sich als Verlobte zu betrachten hätten, die in 8 Tagen getraut werden würden. Auch General Vertier, ein Adjutant des Kaisers, ward auf ähnliche Manier vcrhcirathet, trotzdem er eine Andere liebte. Der Glücksstern Napoleons bewährte sich übrigens auch hierbei, denn in den meisten Fällen gestalteten sich diese erzwungenen Ehen glücklich. (Mißgunst.) Mr. Watson, ein in ganz London bekannter reicher Geizhals, lag im Sterben. Als er das Herannahen des Todes fühlte, bat er einen Freund, der ihn pflegte, ein Schubfach zu öffnen uud ein altes Hemd heraus zu nehmen, damit er es anziehen könne. Auf die Frage, weshalb er jetzt noch die Wäsche wechseln wolle antwortete er: Man hat mir gesagt, daß das Hemd in welchem ich sterbe, der Leichen- wascherin zufällt und dafür ist jenes alte gut genug. (Aus dem Kolleg.) Ein Prinz Casimir Kotschuboni besucht in Leipzig der Neugierde halber anatomische Vorlesungen. Der zerstreute Professor legt ihm eine Frage Betreff eines Nervs vor. Prinz sehr verlegen — endlich bewußt: „Herr Professor, ich bin der Erbprinz Casimir Kotschuboi." — „Ja, dann können Sie es freilich nicht wissen l" Räthsel. In der Hcimath erkennst Dn's, unscheinbar, klein; J>N Vaterland wird es mächtiger sein. In Flammenschrift sah es Dein Auge schon; Dir steckt's in den Adern, Deutschlands Sohn, Und hörst Du den Klang von der Wacht am Rhein, Da zieht es mit Andacht ins Herz hinein. In der Stadt — da findest's in jedem Haus; Auf dem Lande — grüßt's Dich im Blumenstrauß. Es kommt zu Dir in der FrühlingSpracht, Du hörst es in klarer Stcrnennacht. Und selbst Leim Kaiser, der Heldengestalt, Siehst Du es herrschen in Allgewalt. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von vr. Max Huttler- Nr. 104. 1883. „Äugsliirrger pojhettimg." Samstag, 29. December Dir Wasserkur. „Ist das Essen bereit, Johann?" „Ja, gnädiger Herr!" „So laß anrichten!" Kanin war der Diener zur Thüre hinaus, da trat der Arzt des Sprechers, Or. Faust, in's Zimmer, und Bankier Goldschmidt rief ihm freundlich entgegen: „Gut, daß Sie kommen, ich hätte sonst allein speisen müssen; jetzt hoffe ich, sind Sie mein Gast." „Bedauere sehr, bin für heute Mittag leider schon versagt!" „Das ist schade — für mich und für Sie! Ich habe etwas Auserlesenes; eine Schnepfe, einen Seekrcbs und fünfzig Stück Austern!" „Ei der Tausend! Leckerbissen, wie bei einem Krösus!" „Nicht wahr, ein seltenes Kleeblatt zusammen! Schade, daß Sie gerade heute versagt sind!" „Ei nun, man könnte — —" „Sobald als möglich eine Wiederholung veranstalten! Nun,sdas soll, lieber Freund, später geschehen, und ich werde Sie dann früh genug benachrichtigen." „Ich könnte wohl auch gleich —" „Hier bleiben? Aber Sie sind ja versagt!" „Bei der Madame Mühler; dieser wäre es vielleicht lieb, wenn ich absagte." „Wenn Sie das thun wollren, so wäre es mir schon angenehm." „O, Ich verliere hoffentlich nichts dabei!" „Bei mir dürften Sie aber wahrscheinlich kaum satt werden, weil nur auf eine Person gerechnet ist." „Satt würde ich auch bei Frau Mühler nicht, so viel weiß ich schon — nur der Nachtisch ist dort reichlich. Abgemacht, ich bleibe hier." „Wie Sie wollen; Sie wissen, mit meinen Freunden theile ich gern." „O, es handelt sich bei mir nicht um das Essen, weit mehr fesselt mich Ihre interessante und geistvolle Unterhaltung — aber können wir nicht gleich beginnen? — Patienten erwarten mich noch." „Gedulden Sie sich nur einen Augenblick. Sie sehen, es wird schon angerichtet." Ueber den geringen Umfang der Schüsseln, die Johann auftrug, erschrack jedoch der Doctor nicht wenig. Er sann nun nach, ob das Mißverhältniß zwischen seinem riesenhaften Appetite und den zwerghafteu Portionen nicht auf irgend eine Weise auszugleichen sei. . . . Ja, so mußte es gehen. Er wandte sich mit besorgter Theilnahme zum Bankier. „Ihnen fehlt doch nichts, lieber Freund? Sie sehen schlecht aus." „Durchaus nicht. Ich habe mich noch nie so wohl befunden." „Der Schein trügt oft! Spüren Sie denn keine Müdigkeit?" „Freilich wohl, aber ich bin auch heute schon -wei Stunden 'eritten!" 836 „Das würde einen gesunden, kräftigen Mann in Ihren Jahren nicht so anstrengen." „Meinen Sie?" „Erlauben Sie doch, Ihren Puls — — hm, hm, — — sehr aufgeregt; Ihre Zunge — — sehr belegt! Ihr Magen scheint nicht in Ordnung zu sein — " „Ich habe Hunger, wie ein Wolf!" „Falscher Appetit! Sie würden nicht zwei Bissen hinunterbringen." „Das wollen wir doch probiren I" „Bei Leibe nicht! nicht einen einzigen Bissen nehmen Sie! Es scheint eine bedeutende .Krankheit im Anzüge vor deren Ausbruch nur die strengste Maßhaltung in Speise und Trank Sie schützen kann." „Glauben Sie wirklich, Doctor?" „Es ist, wie ich sage, der Krankheitsstoff hat sich angesammelt. Wir müssen ihn fortzuschaffen suchen, bevor er sich auf einzelne Theile wirft." „Wodurch aber?" „Auf hydropathischem Wege, den uns schon der alte Pindar angedeutet hat, indem er sagte, das Wasser sei das Beste. . . . Johann, schnell an den Brunnen, die Karaffe dort voll Wasser." „Was soll aber aus der Schnepfe, dem Seekrebs und den Austern werden?" „Gesellschaft angenehme Gesellschaft ist freilich beim Essen die beste Würze, was aucb die alten Griechen und Römer schon anerkannten. Aber Ihre Gesundheit, liebster Freund, Ihre Gesundheit geht mir über Alles. Thut mir sehr leid, daß ich nun allein speisen muß!" Herr Goldschmidt ließ nun geduldig über sich ergehen, was der Doctor anordnete. Auf dem Sopha ward ein Bett gemacht, der „Kranke" mußte sich niederlegen, Johann bekam den Auftrag, seinem Herrn alle zehn Minuten ein großes Glas Wasser einzuschenken und darauf zu achten, daß er es bis zum letzten Tropfen ausklinke. Nachdem dann der Doctor Faust der Madame Mähler hatte sagen lassen, daß er bet einem Patienten aufgehalten werde und sie ihn erst zum Nachtessen erwarten dürfe, setzte der Schalk sich behaglich zum Essen nieder. Die Speisen waren vortrefflich und unser Doctor durfte sich rühmen, ein Kenner zu sein. Er pries den Wohlgeschmack und die Zartheit der Austern. Mit stillem Neide sah der Kranke zu, wie mit lüsternem Munde fein Gast nun , auch den köstlichen Seekrebs verzehrte und als jetzt die Schnepfe an die Reihe kam, stieß der Patient die herzbrechendsten Seufzer aus. „Wie ist es? Was macht der Magen?" fragte Doctor Faust theiluehmend. „Ach, ich bin so hungrig!" seufzte der Kranke. „Einbildung! Wenn Sie essen wollten, würden Sie sogleich der schlimmsten Folgen iuue werden, die Ihr Leben in Gefahr brächten." „Versuchen wir es mit einigen Austern." „Unter keiner Bedingung; den kleinsten Bissen darf ich Ihnen als Arzt nicht gestatten. Wenn Sie gegen meinen Rath handeln, dann machen Sie sich auf das Schlimmste gefaßt! - " Während dieser Rede bewegten sich die Kinnladen des Doctors mit wachsender Geschwindigkeit: ein Stück Schnepfe nach dem anderen verschwand. Als sie ganz vertilgt war, wischte er sich in aller Ruhe den Mund ab, nahm seinen Hut, empfahl dein Kranken noch einmal, die Wassercur fleißig fortzusetzen und ging, nachdem er sich höflich verabschiedet hatte. „Hat der Doctor gar nichts übrig gelassen? Sieh' einmal nach, Johann!" „Doch, die Schnepfenknocheu und die Schalen des Krebses; die kann man aber nicht essen!" erwiderte dieser trocken. Der Kranke suchte seinen Verdruß durch ein weiteres Glas Wasser hinuuterzu- spülen. Nachdem er noch einige Zeit auf seinem unbequemen Lager in trüben Gedanken LR»; — 837 — zugebracht, ließ sich Assessor Vogelfang zum Besuche anmelden. Dieser wunderte sich, Herrn Goldschmidt krank zu finden. „Du warst ja gestern noch ganz wohl. Wie kommt denn das?" „Es ist erst heute, vor ungefähr einer Stunde, gar plötzlich gekommen." „So gar schlimm wird es doch nicht sein, da Du, wie ich mit großem Vergnügen sehe, eben noch zu Mittag gespeist hast." „Gott bewahre! Nichts als Wasser habe ich geschluckt; wenn ein Beduine in der Wüste Sahara so viel von diesem nassen Stoffe zu sich genommen hätte, als ich, so brauchte er in Bagdad erst wieder zu trinken, wenn ihn sein Weg dorthin führte." „Aber wer hat denn hier gespeist?" „Doctor Faust, welcher, während er mir die Wassercur anordnete, an dem für mich hergerichteten Mahle — fünfzig Austern, einem Seekrcbs und einer Schnepfe, sich gütlich that. —" Bei diesen Worten brach der Assessor in ei« schallendes Gelächter aus, das gar kein Ende zu nehmen schien. Der Bankier sah ihn ganz verblüfft an und fragte nach dem Grunde. „Also Du warst es, der sich voll dem Doktor so anführen ließ? Nun, das ist ein köstlicher Witz. Aber für so dumm, mit Erlaubniß zu reden, hätte ich Dich doch nicht gehalten." „Nicht? Zum Tausend, was habe ich denn gethan?" „Dich nur anführen lassen! Ich war diesen Mittag bei Frau Mähler und da hörte ich kurz vor meinem Weggänge die ganze Geschichte aus dem Munde des Doctor^ selb st." „Meine Kraukheitsgeschichte?" „Deinen Namen nannte er nicht; er sagte nur, es habe ihn Jemand auf Austern, eine Schnepfe und einer Seekrebs zu Gaste geladen, und weil er nun diese drei Sachen gern allein habe verspeisen wollen, so habe er seinem Wirth eingeredet, daß er krank sei, und dieser habe sich wirklich mit einer Menge Brunnenwasser abspeisen lassen. Ist das nicht allerliebst?" „Niederträchtig ist es", rief der Bankier und sprang dann von seinem Krankenlager auf. „Der Doctor Faust ist ein —" „Fuchs!" siel der Assessor rasch ein, „denn er hat Dich auf eine komische, schlaue Weise gelehrt: „Wer sich zum Schaf macht, den fressen dte Wölfe." Goldkörner. Prüfe, ob die Absicht rein Auch bei solchen Thaten, Wo dn Lob nnd Menschengnnst Nimmer wirst entrathcn. Arge Täuschung kann zu leicht Beim Entschlüsse walten, Denn des Herzens Käminerlein Birgt gar viele Falten. Dünn versteckt sich deinem Blick Gern die Eigenliebe, Während du zu folgen meinst. Einen: edlen Triebe. Hast du sie entdeckt, so sei öess'rer That beflissen; Wenig nützt dir Menschenlob, Straft dich dein Gewissen! F. Beck. 838 Hiiiiniclsschinr im Monat Januar. — X. Merkur L nn Stier kommt am 4. in größte östliche Entfernung von - der Sonne, wird jedoch wegen seines tiefen, südlichen Standes schwer zu finden sein. Venus 9 im Wassermann nimmt immer mehr an Glanz zu und nähert sich der Sonne. Sie bleibt nach Sonncnnntcrgang noch ungefähr 2 Stunden in SW. sichtbar. Am 30 steht sie 5 Grad südlich oom Blond. Mars F rückgängig im Löwen geht gegen 7 Uhr Abends in NO. auf und zeigt sich bis Tagesanbruch bei Rcgnlns, am 1-1. gegen 9 Grad nördlich oom Mond. Jupiter ?! in der Wage tritt am 20. znr Sonne in Opposition, geht deßhalb bei ihrem Untergang auf, bei ihrem Anfgaug unter und ist 6 Grad nördlich oom Mond am 15. Saturn H rückgängig im Stier geht unter zwischen 5 Uhr und 8 Uhr Früh. Antangs des Monates kommt er in Erdnähe und erscheint seine Kugel am größten. Der Durchmesser der Kugel betrügt 18, die Durchmesser seiner Ringe 11 und 19 Bogenseknndcn. Der Komet, welcher am 2 Sept. in Amerika entdeckt wurde, erreicht gegen Mitte des Monates seine größte Helligkeit, da sie 180 mal so groß ist als zur Zeit seiner Auffindung. Alan findet den Kometen im Sternbildc der Fische und wird das Auffinden auch dem unbewafsncten Auge um so leichter gelingen, als dieses Sternbild bei Anbrnch der Nacht nicht weit oom Meridian in SSW. steht, also in bedeutender Höhe über dein Horizont sich befindet. In den letzten Tagen des Monates entschwindet er im Sternbilde des Wallfisches unserer Hemisphäre. M i s c e l l e n. (Seltsame Anerkennung.) Auf der jüngsten Berliner Kunstausstellung steht ein Bankier oor dem lebensgroßen Porträt seiner bildhäßlichcn Gattin, welches von einem unserer Meister mst genialem Realismus auf die Leinwand gezaubert worden. Ein Freund des Kunstmäcens bricht, neben diesem stehend, in die bewundernden Worte aus: „Aber wahrhaftig, Ihre Gattin, wie sie leibt und lebt — als ob sie aus dem Nahmen steigen wollte!" — „Um Gottes willen, lassen Sie sie drin — was soll ich mit zweien?!" ruft der Bankier erschreckend; dann aber fügt er mit Resignation hinzu: „Das heißt, Sie haben recht — das Bild ist von einer wahrhaft schmerzlichen Achnlichkeit!" (Schweizer Miliz.) Bei dem letzten Truppenzusammenznge fragte ein Haupt- mann einen Kanonier aus dem Kanton Appcnzell in der Theoricstnnde, aus welchen Bestandtheilen das Pulver zusammengesetzt sei. — Keine Antwort. — „Nun Meier, aus welchen Bestandtheilen besteht das Pulver, ich verlange eine bestimmte Antwort." — Tiefes Schweigen. — „Wenn Ihr nicht auf der Stelle antwortet, so bekommt Ihr Arrest." — „Herr Hauptmä, das mag sie jo nöt Verträge asä z'thohnd, wänn ich das scho nöl wäß; mir zwee machcd z'sämmä doch kä's." (Das lohnt sich nicht der Mühe, böse zu werden, wenn ich das schon nicht weiß, wir zwei zusammen fabrizircn doch keines.) (Ein eigenthümliches Kommando) war noch am Beginn unseres Jahrhunderts in der portugiesischen Armee üblich. Bevor der Befehl zur Attake gegeben wurde, erfolgte das Kommando: „Dem Feinde böse Miene gemacht." Die Soldaten runzelten auf dieses Gebot hin die Stirn. Sodann kommandirte der Offizier: „Sehr böse!" und suchte selbst seinem Gesicht einen möglichst zornigen Ausdruck zu geben. Die Soldaten ahmten das Beispiel ihres Vorgesetzten nach und schnitten gleichfalls schreckliche Grimassen. . _ Auflösung des Räthsels in Nr. 103: Der Buchstabe „A". Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Liternrischeu Instituts von Dr. Max Huttlcr. Unterhaltungsblatt zur „Augsburger Poſtʒeitung“. №. 1. Dienſtag, den 2. Januar1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas & Grabberr in Augsburg (Vorbesiꜩer Dr. Max Huttler). Neues Jahr. Singet, ſingt ein neues Lied, Singet es dem Herrn, Sein das Jahr, das von uns ſchied, Reihend Stern an Stern! Neues Licht und neuer Strahl Glänʒt am ʒeitenthor, Huld und Gnaden ohne ʒahl Quellen'raus hervor. Stimmet wie ʒu Engel Sang Hoch und hehr den Muth! Vor der ʒukunſt ſteht nicht bang, Der ſie lenkt, iſt gut! Gottes Reich, der Seinen Glück, Steht uns noch bevor, Blicket ʒweifelnd nicht ʒurück, Hoffend ſtrebt empor! — Auf verwegener Bahn. Kriminalnovelle von Guſtav Höcker. — [Nachdruck verboten] Es war am 21. Auguſt Abends gegen 10 Uhr. Kein Mondſtrahl ſtahl ſich hinter deu bewölkten Himmel hervor. Um ſo glänʒender hoben ſich in der Dunkelheit ʒu beiden Seiten des breiten Stromes, welcher die Hauptſtadt in ʒwei Hälften theilt, die langen geraden Feuerlinien unʒähliger Gaslaternen ab. Ueber die Waſſerfläche drang ein heiſerer, unheimlicher Ton. Er war einem Hilfeſchrei ähnlich, noch beſſer ließ er ſich mit dem nervenʒerreißenden Geräuſch vergleichen, welches durch das Rücken eines größeren Möbels verurſacht wird, nur daß man ſich hier den Schall vertauſendfacht denken mußte. Der Ton wurde durch die Dampfpfeife eines Kellendampfers hervorgebracht, welcher eine lange Reihe ʒillen oder Frachtkähne ſtromaufwärts ſchleppte, und es war das gewöhnliche Signal für andere Fahrʒeuge, den Weg freiʒuhalten. Der Dampfer bedurfte ʒu feiner Vorwärtsbewegung weder der Schraube noch der Schaufelräder. Eine endloſe eiſerne Kette, welche auf dem Grunde des Stromes lag, lief über das Schiff hinweg, und indem ſie ſich um ʒwei auf dem Deck angebrachte Walʒen oder Trommeln wickelte, die von der Maſchine gedreht wurden, ʒog ſich daran das Fahrʒeug mit ſeinem langen Gefolge vorwärts. Vorn und hinten Schiffsraum hinaus, der vordere nahm die Kette auf, ragte je ein mit Rollen verſehener Ausleger über den der hintere gab ſie, nachdem ſie um die Trommeln ge⸗ laufen war, dem Strome wieder ʒurück. Plötʒlich ließ der Mann, welcher in der Nähe des vorderen Auslegers ſtand, einen Ruf ertönen, ergriff eine der langen Hakenſtangen und ſchob ſie mit haſtigen Bewegungen nach dem Waſſer hinab. Der Kapitän auf der Brücke glaubte, irgend ein kleines, unvorſichtiges Fahrʒeug ſei in Gefahr, von dem Dampfer überrannt ʒu werden. Mit einem Fluche gab er durch das Sprach⸗ dohr das ʒeichen ʒum Stoppen in den Maſchinenraum hinab. Das Raſſeln der Maſchine, das dumpfe Rollen der Kette ſchwieg. Die Vermuthung des Kapitäns be⸗ ſtätigte ſich jedoch nicht. Der Mann am Ausleger hatte m Scheine der Signallaterne, der auf dem Waſſer ʒitterte, bemerkt, wie mit der Kette ein dunkler Gegenftand emporkam, und darin einen menſchlichen Körper erkannt. Nur mit Hilfe einiger Schiffsleute, die ebenfalls mit Hakenſtangen ʒugriffen, konnte der unheimliche Fund von der Kette befreit und an Bord geʒogen werden Es war der Leichnam einer Frau, der noch nicht lange, vielleicht kaum eine Stunde, in dem Wellengrabe gelegen haben mochte, und wer weiß, wo und wann er demſelben entriſſen worden wäre, hätte ſich nicht das ungewöhnlich lange ſtarke Haar in die Glieder der Kette verwickelt Wäre der Dampfer nur eine Sekunde ſpäter ʒum Stillſtand gekommen, ſo würde die Reibung der Kelle an der Rolle des Auslegers die Strähne des Haares wie Spinnweben ʒerriſſen und dem Strome ſeine Beute ʒurückgegeben haben. Auf Befehl des Kapitäns beſtiegen ſofort ʒwei ſeiner Leute das Boot, um auf der nächſten Poliʒeiſtation von dem Funde Anʒeige ʒu machen. Die Mannſchaft hatte ſich anfangs um die Leiche gedrängt, da ihr aber der Anblick Ertrunkener nichts Ungewohntes war, ſo war ihre Neugier bald befriedigt, und unbeachtet lag der dunkle, regungsloſe Körper ʒwiſchen Theertonnen und ʒuſammengerollten Ankertauen auf dem Vorderdeck. Als aber nach einer halben Stunde ein Kommiſſar mit mehreren Schutʒleuten an Bord erſchien, war Jeder begierig ʒu hören, wie die allwiſſende Poliʒei ſich ʒu dem Falle ſtellen werde, und dicht ſchaarte ſich Alles bis ʒum letʒten Schiffsjungen hinab wieder um den graufigen Fund, der mit raſch herbeigeholten Laternen von allen Seiten beleuchtet wurde. — 2 — Die Todte war ſehr einfach gekleidet, doch ließen mancherlei Merkmale erkennen, daß ſie den reicheren Ständen angehörte. Ihr aufgelöſt um die Schultern hängendes, langes, ſtarkes Haar ʒeigte noch nicht den Silberſchein des Alters, aber die Ʒüge und Runʒeln des Geſichts wieſen ſie hart an den Ausgang der Fünfʒig. „Aus Liebesgram iſt die ſchwerlich ins Waſſer geſprungen,“ bemerkte ein älterer Matroſe, der mit großer Seelenruhe ſeinen Stummel rauchte. Seine Genoſſen lachten roh. „Geſprungen?“ nahm der Kommiſſar das Wort auf, der eben das Licht der Laterne auf den Hals der Leiche hatte fallen laſſen und mit großer Aufmerkſamkeit hinſaß, „die Frau iſt weder ins Waſſer geſprungen, noch iſt ſie überhaupt ertrunken.“ Erwartungsvolles Schweigen folgte dieſer überraſchenden Eröffnung und die ʒu hinterſt Stehenden machten lange Hälſe. „Dieſe Frau war ſchon todt, ehe nur eine Welle ſie naß machte,“ fuhr der Kommiſſar fort, „man hat ſie ʒuerſt von hinten erwürgt und dann ins Waſſer geworfen. Ich kenne dieſes ʒeichen,“ fügte er hinʒu, indem er auf eine kreisförmige, blutunterlaufene Furche in der Mitte des Halſes deutete,„man nennt es die Strangulationsmarke.“ Daß man es mit keinem Selbſtmorde oder Unfalle, ſondern mit dem ſcheußlichen Verbrechen eines Dritten ʒu thun habe, brachte eine allgemeine Bewegung hervor. Die Männer drängten ſich näher heran, um die Spur des Verbrechens ſelbſt ʒu ſehen, und wichen dann um ſo weiter ʒurück, als möchten ſie mit der Sache nichts mehr ʒu thun haben. Das Wort„Raubmord“ wurde hier und da laut, aber der Kommiſſar ſchüttelte ungläubig den Kopf; er hatte in der einʒigen Taſche des Kleides unter dem durchweichten weißen Schnupftuche, das mit einem R. geʒeichnet war, ein ſehr niedliches Damenportemonnaie gefunden, welches ʒur Aufbewahrung einer größeren Summe als der darin enthaltenen wenigen Markſtücke und einiger Nickelmünʒen abſolut nicht geeignet war; auch trug die Ermordete mehrere, offenbar ſehr werthvolle Ringe an den Fingern und um den Nacken eine ſchwergoldene Kette, die ſich ʒwiſchen den Bruſtknöpfen des Kleides verlor. An den Enden der Kette, die der Poliʒeikommiſſar vollends hervorʒog, war ein ʒiemlich großes, goldenes Medaillon befeſtigt. Das Vorhandenſein aller dieſer Gegenſtände bot keinen Anhalt, daß es ſich um einen Raubmord handeln könne. „Kennt vielleicht Jemand ʒufällig die Frau?“ wandte ſich der Kommiſſar an ſeine Unterbeamten. Nein, Niemand erinnerte ſich, ſie vorher unter den Hunderttauſenden dieſer Stadt geſehen ʒu haben. „Iſt Ihnen auch Niemand bekannt, der dieſem Herrn ähnlich ſieht?“ frug der Kommiſſar und ließ das Medaillon, welches er der Leiche abgenommen und geöffnet hatte, die Runde machen. Es war der photographiſche Porträtkopf eines Offiʒiers, der in den vierʒiger Jahren ſtehen mochte und Majorsepauletten trug. Ein dicker Poliʒeiwachtmeiſter betrachtete das Bild mit beſonderem Intereſſe, bald brachte er es dicht ans Auge, bald hielt er es weit davon ab, wobei er mit der anderen Hand fortwährend die Spiꜩen ſeines gewaltigen grauen Schnurrbartes drehte. „Will mich hängen laſſen, wenn ich den Mann nicht bekannt habe,“ unterbrauch er endlich die erwartungsvolle Stille. Er war Compagnie-Chef in dem Bataillon, bei dem ſch ſtand, mag ſo an etwa ʒwanʒig Jährchen her ſen. Später wurde er mit dem ganʒen Regiment von hier ins Reichsland hinverſetʒt. War ein Hitʒkopf! Da hat ihn etwa vor ein Dutʒend Jahren der Teufel wieder einmal hierher geführt, auf Urlaub, glaub' ich, und da gabs irgend einen böſen Handel mit einem Andern, ein Piſtolenduell, wobei er erſchoſſen wurde. Je länger ich das Bild anſehe, deſto gewiſſer wird mir's, daß er's iſt; aber auf ſeinen Namen kann ich mich nicht mehr beſinnen.“ Der Poliʒeikommiſſar hatte am Fundorte der Leiche nichts mehr ʒu thun, als ein Protokoll aufʒunehmen, welches er vom Kapitän des Dampfers und den bei der Auffiſchung ʒunächſt betheiligten Leuten unterʒeichnen ließ. Dann wurde der Körper ins Boot gebracht und mit den Poliʒeibeamten ans Ufer gerudert, wo bereits ʒwei Träger mit einem Korbe warteten, um die unheimliche Laſt nach der Leichenſchauhalle ʒu tragen, begleitet von einer neugierigen, unterwegs fortwährend anſchwellenden Menge. Inʒwiſchen nahm an Bord des Dampfers die Kette mit dumpfem Geräuſch ihre Arbeit wieder auf, die Eiſenglieder, woran noch Strähne des langen Frauenhaares hingen, rollten über die Trommeln hinweg, um ſich hinter dem Schiffe an derſelben Stelle, wo ſie den Fund emporgebracht hatten, wieder in die Tiefe ʒu verſenken, und der Dampfer ʒog mit ſeinem durch die Nacht ſprühenden Funkenſchwarm wieder ſeine Bahn dahin. (Fortsetʒung folgt.) Die neue Kreis⸗ undStadt⸗Bibliothek in Augsburg. (Hieʒu die Bilder auf Seite 4 und 5 nach Photographien von Hof-Photograph Fritʒ Höfle in Augsburg.) Vor ein paar Wochen wurde die neue Augsburger Kreis⸗ und Stadtbibliothek ihrer Beſtimmung übergeben. Einige Mittheilungen über die bisherige Geſchichte derſelben und über den jeꜩigen Neubau, welche wir der „Belletriſtiſchen Beilage ʒur Augsb. Abendʒtg.“ entnehmen, dürften nicht ohne Intereſſe ſein. Die Kreis⸗ und Stadtbibliothek ʒu Augsburg hat ein mehr als dreihundertjähriges Alter hinter ſich, indem ihre Gründung in das Jahr 1537 fällt. Sie birgt einen großen, werthvollen Bücherſchatʒ von mehr als 200,000 Bänden und beſteht großentheils aus den beſten Büchern der alten Kloſterbibliotheken, die der Rath der Stadt ʒur damaligen ʒeit aus den leerſtehenden Klöſtern, welche nach Einführung der Reformation von der katholiſchen Geiſtlichkeit und den Mönchen verlaſſen worden waren, ſammeln und ordnen und in dem von ſeinen bisherigen Bewohnern aufgegebenen Dominikaner⸗Kloſter aufſtellen ließ. Joh. Heinr. Held wurde der erſte Bibliothekar und erhielt aus der Stadtkaſſe jährlich 50 Goldgulden, um durch Anſchaffung neuer Bücher die Sammlung fortgeſetʒt ʒu bereichern. Schon nach wenigen Jahren ʒeigten ſich daher die Räumlichkeiten als ungenügend und es wurde für die„Liberey“ das Ballhaus bei St. Anna beſtimmt, welches Gebäude der Rath für Granvella, erſten Geheimen Rath des Kaiſers KarlV., Biſchof von Arras, auf ſeinen Wunſch in nächſter Nähe des ehemaligen Karmelitenkloſters und nunmehrigen St. Anna⸗Gymnaſiums, 1548, ʒum Ballſchlagen hatte herſtellen laſſen. Aus verſchiedenen Gründen verʒögerte ſich der beabſichtigte Umʒug, bis 1561 das ſchadhaft gewordene Ballhaus abgebrochen und auf - 3 - demſelhen Plaꜩe für die Bücherſammlung ein eigenes Haus in gleicher Größe gebaut wurde, Eine Inſchrift an der Südſeite des Gebäudes beſagt: Bibliothecam hanc S. P. Q. Augustanus bonarum artium studiis et doctorum hominum usui exstruxit MDLXII. 1568 wurde das neue Gebäude beʒogen. Die Bibliothek wurde von gelehrten Männern aus weiter Ferne ſo ſtark benüꜩt, daß der Rath ʒu ihrer Schonung 1617 die Anordnung treffen mußte, daß nur mit Wiſſen der BibliothekDeputirten ein Buch ausgefolgt werden dürfe, denn manches Werk war verloren gegangen. Einer hohen Anerkennung ihres Werthes erfreute ſich die Bibliothek durch Papſt Pius VI., welcher ſie am 4. Mai 1782 beſuchte und die ſeltenen Werke eingehend beſichtigte. Dieſer Beſuch iſt auf einer Marmortafel verewigt. Gelegentlich der Einverleibung der ehedem reichsunmittelbaren Stadt ʒur Krone Bayerns im Jahre 1806 kam ein Theil des Bücherſchatʒes, darunter wohl die werthvollſten Sachen, nach München, doch ſind immerhin noch ſeltene Werke und Handſchriften im Beſitʒ der Augsburger Bibliothek, um welche ſie manche andere große Bibliothek beneiden könnte, und die heute noch einen Anʒiehungspunkt für die wiſſenſchaftliche Welt bilden. Durch Ʒuſchüſſe aus Stadt⸗ und Kreismitteln wird für die Evidenthaltung der Bibliothek geſorgt, wenn auch nur in beſcheidenem Maße. Das Gebäude nun, in welchem ſich die Kreis⸗ und Stadtbibliothek ſeit mehr als 300 Jahren befand, wurde vor drei Jahren vom Staate angekauft, um es abbrechen ʒu laſſen und an ſeiner Stelle einen Erweiterungsbau für das proteſt. St. Anna⸗Gymnaſium ausʒuführen. In Folge deſſen machte ſich für die Stadtgemeinde die Nothwendigkeit geltend, für andere Bibliothekräume Sorge ʒu tragen. Dies ſollte in erſter Linie durch Adaptirung eines urſprünglich ʒu Kloſterʒwecken dienenden, ſpäter als Kaſerne(Kreuʒkaſerne) verwendeten Gebäudes, des ehemaligen ſogen. Prälatenbaues der Auguſtiner-Chorherren, geſchehen, welches Projekt auf ca. 180,000 Mark Koſten veranſchlagt war. Angeſichts dieſer bedeutenden Summe drängte ſich jedoch die Frage auf, ob es ſich denn wirklich lohne, ein altes Gebäude ʒu Bibliothekʒwecken ʒu adaptiren, da die ʒu adaptirenden Räume in Folge ihrer Höhe von ʒirka 3½ Meter, wollte man die mitunter ſehr gefährliche Benutʒung der Bücherleitern vermeiden, viel todten Raum aufwieſen. Es wurde deßhalb vom ſtädti— ſchen Baubureau ein Neubauprojekt ausgearbeitet, das einſchließlich der inneren Einrichtung einen Koſtenaufwand von 230,000 Mark erforderte. Aber auch dieſes Projekt erfuhr eine weitere Umarbeitung, da erſtens der Wunſch ausgeſprochen wurde, das Aeußere monumentaler ʒu geſtalten und auch dem Treppenhauſe eine reichere architektoniſche Ausſchmückung angedeihen ʒu laſſen, ʒweitens auf eine eventuelle ſpätere Unterbringung des ſtädtiſchen Archivs, das ſich gegenwärtig in einem gemietheten Gebäude befindet, Rückſicht ʒu nehmen. Leꜩterer Punkt führte auf eine Vergrößerung des Projektes, und ſo entſtand, nachdem der Verfaſſer des Projekts, Herr Baurath Steinhäuſſer mit dem Bibliothekar Herrn Dr. Rueß mehrere neuere Bibliotheken in Augenſchein genommen hatte, das ʒur Ausführung gelangte Projekt, wofür die ſtädtiſchen Kollegien 269,000 Mark genehmigten. Als Bauplatʒ für das neue Bibliothekgebäude wurde ein ſtädtiſches Grundſtück in der Schäʒlerſtraße gewählt, gegenüber dem Stadtpflegerangerſchulhauſe, in der Nähe des Juſtiʒpalaſtes und des prächtigen Stadttheaters. Die Längsaxe des Gebäudes geht von Süden nach Norden, die Hauptfront iſt gegen Oſten gerichtet. Sie ſteht ʒirka 12 Meter von der vorbeiführenden Straße ʒurück. Das Gebäude enthält ein hochgelegenes Kellergeſchoß, ein Erdgeſchoß und ʒwei Obergeſchoſſe. Im Kellergeſchoß, deſſen Fußboden ſich ʒirka 1 Meter unter dem äußeren Terrain befindet, ſind eine Hausmeiſter-Wohnung ſowie die Räume für die Heiʒung, außerdem Magaʒine für ʒeitungsdoubletten ꝛc. untergebracht, während das Erdgeſchoß, deſſen Fußboden in guter Manneshöhe über dem äußeren Terrain liegt, die ſämmtlichen Verwaltungs⸗Räume und theilweiſe Bücherſammlungen enthält. Die beiden oberen Geſchoſſe ſind durch ʒwiſchenböden in vier Stockwerke getheilt und umfaſſen lediglich Büchermagaʒins⸗Räume. Tritt man durch das in der Mitte der Längsfront befindliche Portal in das Innere des Gebäudes, ſo hat man ʒunächſt die bis in das ʒweite Hauptgeſchoß führende dreiarmige Haupttreppe vor ſich. Links finden ſich die Verwaltungsräume, und ʒwar links diejenigen für die Bibliothek, während die rechtsſeitigen für die Archivverwaltung reſervirt ſind. Die Verwaltungsräume für die Bibliothek umfaſſen ʒunächſt ein unmittelbar neben dem Eingang gelegenes Dienerʒimmer, ſodann Katalogʒimmer, welches jeder Bibliotheklbeſucher betreten muß, ehe er in den Leſeſaal und in das Arbeitsʒimmer des Bibliothekars gelangt, und dn gewiſſermaßen ʒugleich das Kontrolʒimmer iſt. Der Leſeſaal befindet ſich gegen Oſten. Derſelbe hat eine Länge von 12,0 und eine Breite von 6,2 Meter und enthaͤlt drei ʒweiſeitige Leſetiſche, an denen ſich 24 Sitʒplätʒe für Leſende befinden. Die weitere Ausſtattung des Leſeʒimmers beſteht aus ʒwei Schränken für Lexikalien, Atlanten ꝛc., ſowie einem Tiſch für ʒeitungen, ʒeitſchriften u. dgl. Das Arbeitsʒimmer des Bibliothekars wie das Leſeʒimmer ʒeichnen ſich ſowohl durch gute Beleuchtung wie außerordentlich behagliche Einrichtung aus und es muß ein wahres Vergnügen ſein, darin ſchaffen und ſtudiren ʒu können, beſonders in dem gegen den v. Schnurbein'ſchen Park gelegenen Arbeitsʒimmer des Bibliothekars, Hiſtorienmaler Andreus Mayr †. in welches als einʒiges Weltgetöſe höchſtens im Sommer Finkenſchlag und Droſſelſang dringen dürfte. Unmittelbar an das ʒimmer des Bibliothekars ſtößt ein Büchermagaʒinsraum, der durch eine ʒwiſchendecke in ʒwei Ge— ſchoſſe getheilt iſt, die unter ſich durch eine gußeiſerne Wendeltreppe verbunden ſind. In der ſüdweſtlichen Ecke des Gebäudes liegt ʒwiſchen maſſiven Mauern eine bequem angelegte Nebentreppe, welche die Verbindung mit dem Kellergeſchoß, mit den ſämmtlichen Büchermagaʒinen und mit dem Dachraum vermittelt. Dieſe Nebentreppe hat ſich bereits beim Einräumen der Bücher als äußerſt praktiſch erwieſen, da die Haupttreppe hierbei noch nicht in Verwendung kommen konnte. Auch auf der anderen, nördlichen Seite des Gebäudes befindet ſich eine ſolche Nebentreppe und ein ʒweigeſchoſſiger Magaʒinsraum für Archivakten. Sonſt iſt bei den Verwaltungsräumen in dieſem Theil des Gebäudes eine etwas andere Eintheilung als bei der Bibliothekverwaltung getroffen. Gegen Weſten befindet ſich ein kleineres ʒimmer, das Solchen ʒum Arbeiten eingeräumt wird, die ſich Speʒialſtudien in der Bibliothek oder im Archiv widmen. Die Lage dieſes Tuskulums iſt noch weltvergeſſener, als die des Leſe- und Bibliothekarʒimmers, und es iſt mit ſeiner uralten bequemen Möblirung und den beiden aus dem Sternwartenthurm der alten Bibliothek ſtammenden Rieſengloben recht eigentlich ein Studirʒimmer. Der geräumige, 7,85 Meter lange und 7,00 Meter tiefe Saal daneben hat als Archivkanʒlei ʒu dienen, an welche gegen Oſten das Arbeitsʒimmer des Archivars ſtößt. Die anderen ʒwei gegen Oſten gelegenen ʒimmer ſind vorläufig für andere ʒwecke reſervirt. Die Eintheilung des Gebäudes für Bibliothek- und Archibʒwecke iſt überhaupt ſo gedacht, daß jede Verwaltung und jede Magaʒinirung vollſtändig für ſich getrennt beſtehen kann, und es iſt eine Theilung ſowohl in horiʒontaler als vertikaler Weiſe möglich.(Gegenwärtig iſt die horiʒontale Theilung durchgeführt, um eine ungleichmäßige Belaſtung der einen Gebäudehälfte gegenüber der andern ʒu vermeiden, und weil über die Unterbringung des Archivs noch keine Entſcheidung getroffen iſt.) Das Kellergeſchoß kann ſowohl vom Haupttreppenhauſe wie vom Hofraum aus und durch die beiden Nebentreppen betreten werden. Die hier befindliche Hausmeiſterwohnung umfaßt 3 ʒimmer, Vorplatʒ, Küche und ʒubehör. In den eigentlichen Bücherräumen, den beiden in je 2 ʒwiſchenſtockwerke getheilten Hauptgeſchoſſen, nimmt den Mitteltrakt eines jeden der letʒteren ein größerer Saal von 8,8 Meter Länge und 6,2 Meter Tiefe ein. Jeder Neue Kreis- und Stadt-Bibliothek Augsburg. — 5 — dieſer beiden Säle iſt durch Thüren mit den angrenʒenden Magaʒinsräumen verbunden und dient ʒur Aufnahme der werthvolleren Bibliothekſchäꜩe, der Incunabeln, Kupferſtiche ꝛc, die ʒum Theil in Schaukäſten ſichtbar gemacht ſind. Eine Gallerie in jedem Saale dient ſowohl ʒur Aufnahme von Büchergeſtellen, wie ʒur Verbindung der Ʒwiſchengeſchoſſe. Die Büchergeſtelle in den Magaʒinsräumen ſtehen in einer Axenentfernung von 2 Metern von einander, was für die ganʒe Anlage des Projektes maßgebend war. Die niedrigen Ʒwiſchengeſchoſſe wurden deshalb gewählt, um durch Anwendung niedriger Bücherrepoſitorien eine bequeme Handhabung der Einſtellung und Entnahme der Bücher unter Wegfall jeder Benutʒung von Leitern erʒielen ʒu können. Wie bei der geſammten übrigen Einrichtung, ſind auch beʒüglich der Repoſitorien die einfachſten und ʒweckmäßigſten Vorbilder genommen und dadurch die brauchbarſten Ergebniſſe erʒielt worden. Die eigenartige, aber höchſt einfache Lagerungsweiſe, Verſtellbarkeit der Bücherbretter, ermöglicht in der That eine ganʒ außerordentlich leichte Ein- und Umſtellung der Bücher, ohne daß ſelbſt bei ſchwer belaſteten Brettern ein Gehilfe nöthig wäre. Ʒur Anwendung gelangt iſt das patentirte Syſtem der Herren Stadtbauinſpektor Wolf und Stadtbibliothekar Dr. Ebrard in Frankfurt a. M. Treppenhaus der neuen Kreis- und Stadt-Bibliothek in Augsburg. — 6 — Dasſelbe geſtattet mit den einfachſten Mitteln, auf Grund des alten Ʒahnleiſtenſyſtems, aber in umgekehrter Anwedung, die leichteſte Verſtellbarkeit der Bücherbreltter, an welchen beſonders geformte ʒapfen befeſtigt ſind, die ſich in den Ʒahnleiſten leicht auf und ab bewegen laſſen. Der weitere Vortheil iſt aber der einer vermehrten Raumgewinnung. Im Ganʒen ſind in der neuen Bibliothek an Repoſitorienflächen(in der Anſicht) 1719 Quadratmeter vorhanden. Außexdem ſind die Kellermagaʒine belegt mit Doubletten, Ʒeitungen und dergl. Eine hübſche Einrichtung iſt ferner die Anbringung von ſpielend leicht ʒu handhabenden Klapptiſchchen an den Seitenwänden der Büchergeſtelle, auf welchen die Bücher behufs kurʒer Muſterung ihres Inhalts oder auch vor der Einordnung bei Umſtellungen ꝛc. niedergelegt werden können. Leer ſteht noch der Erdgeſchoßraum rechts(der für die Archivverwaltung in Ausſicht genommen iſt, vgl. oben), das geſammte ʒweite Hauptgeſchoß mit ʒwiſchenſtock und der Dachraum. Ueber bauliche Einʒelheiten möge folgendes bemerkt ſein. Den erſten Anforderungen an einen ſolchen Bau, nämlich möglichſte Feuerſicherheit, ausreichende Lichtʒufuhr ꝛc., wurde, ſoweit nur immer möglich, Rechnung getragen. Jedes der Hauptgeſchoſſe iſt in ſich durch maſſive Decken in Eiſenkonſtruktion mit Betongewölben abgeſchloſſen. In den Verwaltungsräumen ſind die Deckengewölbe durch Gypsdielen und Mörtelverkleidung verdeckt. Die geſammte Eiſenkonſtruktion iſt auf 3380 ʒentner im Gewicht veranſchlagt und wurde von der Maſchinenbauaktiengeſellſchaft Nürnberg als der Mindeſtfordernden geliefert und koſtete einſchließlich der Nebentreppenanlagen und der Saalgallerie 32,576 Mark. Dex Dachſtuhl iſt vollſtändig freitragend konſtruirt und der als Speicher vorgeſehene Dachraum deßhalb durch keine Stütʒen beengt. Das Dach iſt mit ʒinkblech nach dem Leiſtenſyſtem eingedeckt. ʒur Abhaltung der Feuchtigkeit von den Kellergeſchoßräumen wurden in den Fundamentmauern, die an ſich ſchon in ʒementbeton ausgeführt ſind, unter der Fußbodenhöhe Blei⸗Iſolirplatten eingelegt, außerdem wurde rings um das Gebäude ein Traufpflaſter aus Asphaltbelag hergeſtellt. Die Holʒfußböden in der Hausmeiſterwohnung beſtehen aus in Asphalt gelegten Buchenriemen, die übrigen Kellerräume haben des Lichtes wegen einen Bodenbelag von Solnhofer Platten. In den Verwaltungsräumen ſind die Fußböden aus eichenen Riemen gebildet(im Leſeſaal mit Linoleum belegt). Alle Büchermagaʒinsräume haben nach den Treppen ʒu feuexrſichere Thürabſchlüſſe. Außer den von Föhrenholʒ hergeſtellten Fenſtern in den Verwaltungsräumen beſtehen alle anderen Fenſter aus Schmiedeeiſen. Alle ſind mit großen Lüftungsflügeln verſehen, ſodaß im Verein mit den einʒelnen bis über das Dach reichenden Ventilationsſchächten eine ausreichende Ventilation aller Räume erreicht wird. Geheiʒt, und ʒwar durch Niederdruckdampfheiʒung, können vorläufig nur die Wohn- und Bureauräume werden, doch kann dieſe Heiʒung mit Leichtigkeit in allen anderen Räumlichkeiten eingeführt werden. Selbſtverſtändlich iſt auch Waſſerleitung vorhanden. Die Länge des Gebäudes beträgt etwas über 50 Meter, die überbaute Fläche 824 Quadratmeter, die Höhe von der Terrainoberfläche bis ʒur Hauptgeſimsoberkante 19,1 Meter. Für das Aeußere des Gebäudes gelangte der Putʒbau in Anwendung, weil derſelbe hier doch einmal landesüblich iſt und Hauſtein die Koſten ʒu ſehr erhöht hätte. Letʒteres Material, und ʒwar Granit, ſowie Pappenheimer Marmor, kam nur für einige Sockel, Geſimſe und Baluſtraden ʒur Anwendung. Im Uebrigen iſt das Gebäude im Barockſtil aufgeführt, ʒeigt im Aeußeren wie am Treppenhauſe einen monumentalen Charakter und macht durch ſeine Verhältniſſe wie die gewählte Architektur einen imponirenden Eindruck. Das Treppenhaus, das der Eintretende ſofort vor Augen hat, wirkt namentlich vortheilhaft durch die gewählte Säulenſtellung und die dasſelbe flankirenden, flott entworfenen Karyatidenpaare(von einem trefflichen Augsburger Künſtler, Herrn Böhe im). Dadurch, daß eine Einfriedung in der feſtgeſetʒten Vorgartenlinie vermieden iſt und lediglich der rückwärtige Hofraum durch ein Gitter abgeſchloſſen wurde, tritt die Façade noch mächtiger hervor. Vor derſelben wird ſpäter ein Blumenparterre hergeſtellt, ſeitlich aber ſollen die ſchon beſtehenden Anlagen in der Weiſe umgeſtaltet werden, daß ſie vorn ebenfalls flach und hinten dichter gehalten werden, was die Wirkung des mächtigen Baues ſicher nicht beeinträchtigen wird. So vereinigt ſich alles, um das neue Werk ʒu einem ebenſo äſthetiſch anſehnlichen und wirkungsvollen wie praktiſch brauchbaren ʒu ſtempeln, ſodaß die Kreishauptſtadt Augsburg auf dieſe ihre neueſte Errungenſchaft mit gerechtem Stolʒ hinweiſen darf. Andreas Mayr, Hiſtorienmaler von Unterthingau im Algäu. Eine Skiʒʒe ſeines Lebens und ſeiner Werke. (Hieʒu das Bild Seite 3.) Am 12. November 1893 ſtarb ʒu Unterthingau (Marktflecken imB.⸗A. Oberdorf) ein Mann, in deſſen Hinſcheiden Kunſt und Kirche einen großen Verluſt erlitten. In Andreas Mayr, Hiſtorienmaler, ſchied ein eben ſo edler, treuer, kindlich frommer Sohn der Kirche wie echt chriſtlicher, tüchtiger Jünger der heiligen Kunſt aus dieſem Leben. Ein Sonntag war's, der Tag des Herrn, dem er ſo treu und freudig gedient, das Schutʒfeſt Mariens, deren Bild er ſo oft, ſo gern, ſo lieblich mit Stift und Pinſel dargeſtellt, da er in ſeinem trauten Heim, von deſſen Wand eines ſeiner lieblichen Bilder: „Maria mit dem Jeſuskinde“ den Wanderer grüßt, im Atelier, dem Raume ſeines langjährigen, fleißigen, frommen, ſchönen Schaffens, das Bild eines wie im Tode verklärten Künſtlers und Dulders, als eigenthümlich ſchöne Leiche lag. Geboren am 30. November 1820, am Tage des heil. Andreas, ʒu Unterthingau im ſchönen Algäu, der Heimath ſo vieler Künſtler und Denker, wo die nahe großartige Bergwelt der Alpen den Menſchen leichter und ſchneller als ſonſtwo über das Niveau des Gewöhnlichen erhebt, als Sohn des Ʒimmermeiſters Franʒ X. Mayr, wetteiferte Andreas bald mit ſeinem älteren Bruder Ulrich an Kunſtſinn und Kunſtfertigkeit. Während jedoch letʒterer Vorliebe für plaſtiſche Bildwerke ʒeigte— er fertigte unter Anderm für die heimathliche Pfarrkirche herrliche Apoſtelſtatuen— neigte ſich Andreas der edlen Malkunſt ʒu. Schon als Knabe von ʒehn Jahren ʒeichnete und malte er Porträts. Einmal hatte der damalige Herr Lehrer an der großen Schultafel ſelbſt Gelegenheit, die Porträtähnlichkeit einer Kopfʒeichnung ʒu bewundern, und doch war das nur eine leicht und ſchnell hingeworfene Skiʒʒe des kleinen Andreas. Nach Entlaſſung aus der Volksſchule ſeines Heimathortes übergab ihn ſein Vater, der — das Talent ſeines Sohnes erkannte, im 14. Lebensjahre dem Hiſtorienmaler Lochbühler in Wertach ʒur Vorbildung für ſeinen Künſtlerberuf. Der reichbegabte, eifrige Schüler machte ſehr raſche Fortſchritte in der edlen Malkunſt und malte bis ʒum Jahre 1839 in Kempten und Kaufbeuren Porträts, ʒugleich ʒur Uebung der erlernten Kunſt wie ʒur Beſchaffung der nöthigen Geldmittel, um die Akademie beʒiehen ʒu können. Im Jahre 1845 ſah er dieſen ſeinen ſehnlichſten Wunſch verwirklicht. Die Akademie ʒu München ſtand damals unter der Leitung des Profeſſors Schlotthauer.— Heß, Ʒimmermann, Schraudolph, Cornelius, Eberhard blühten damals an der jungen, von König Ludwig I. Auguſtus, dem erhabenen Kunſtmäcen, errichteten k. Akademie für bildende Künſte als Meiſter. Kaulbach, Fiſcher, Claudi, Kaſpar, ſowie der noch nicht ſo lange verſtorbene letʒte dieſer Kunſtgenoſſen aus dem Algäu: Bentele, waren Mitſchüler unſeres Künſtlers. Im Jahre 1846 ſchon wurde der ſtrebſame Jünger der Kunſt Andreas Mayr durch Profeſſor Heß, deſſen beſonderer Gunſt und Werthſchätʒung er ſich erfreute, dem Profeſſor Schraudolph empfohlen, dem damals von König Ludwig I. die Ausſchmückung des Domes ʒu Speyer mit Freskogemälden übertragen wurde. Da nur die beſten Kräfte der Akademie für dieſes wahrhaft königliche Werk Verwendung fanden, ſo iſt dieſe Empfehlung allein wohl genügend, des jungen Künſtlers Talent und akademiſche Bildung, nicht minder ſeinen liebenswürdigen Charakter ʒu beweiſen. Im Jahre 1847 wurde A. Mayr bereits mit der ſelbſtändigen Ausführung des erſten großen Hauptbildes im Speyrer Dome: „Der Tod Mariens“, betraut. Der junge Künſtler ʒeigte ſich ſeiner Aufgabe vollauf gewachſen und rechtfertigte glänʒend das in ſeine Kraft geſetʒte Vertrauen ſeines Meiſters. Ein ʒweites Hauptbild: „Der Einʒug des hl. Bernardus in Speyer“, im linken Seitenchore desſelben Domes gelang ihm gleichfalls vortrefflich. Das dritte Hauptbild war: „Die Enthauptung des hl. Papſtes Stephanus“ im rechten Seitenchor. Im Langhauſe des Speyrer Domes ſind ſeine Hauptbilder: „Die Geburt Chriſti“, eines der ſchönſten Gemälde des Domes. „Die hl. Familie“. „Die Flucht nach Aegypten“. „Die Opferung Mariens.“ „Die Weisſagung des Propheten Iſaias an König Achaʒ.“ „Noah's Dankopfer.“ Außer dieſen größeren Werken ʒieren noch mehrere einʒelne Figuren die bilderreichen Wände des farbenprächtigen Domes, in dem alſo allein acht große Gemälde von unſeres Künſtlers Hand ſeinen Ruhm verkünden, an einer der denkwürdigſten Stätten des deutſchen Reiches der Nachwelt überliefern. Bis ʒum Jahre 1853 malte Andreas Mayr im Speyrer Kaiſerdom, als der einʒige Hiſtorienmaler außer Schraudolph, der von Anfang bis ʒu Ende bei der ebenſo ehrenvollen als ſchwierigen und langwierigen Arbeit ausharrte, hochgeachtet und geliebt von ſeinem Meiſter. Von Speyer ʒurückgekehrt, wartete ſeiner neue Anerkennung ſeiner künſtleriſchen Vervollkommnung, neuer ehrenvoller Auftrag, der den Ruf unſeres ſchwäbiſchen Landsmannes über die Grenʒen des deutſchen Vaterlandes hinaus— nach England, trug. In München wurde ihm nämlich von Herrn Profeſſor Heß, Direktor der kgl. Glasmalerei, unter Leitung des Herrn Inſpektors Ainmüller Entwurf und ʒeichnung von ſechs Cartons für Glasgemälde in die St. Pauls⸗ Kirche ʒu Cambridge in England übertragen. In denPinſel in herrlicher Geſtaltung und Farbengebung dar: „Abrahams Opfer.“ „Die Bußpredigt des Johannes in der Wüſte.“ „Petrus, Johannes und der Lahmgeborene an der Tempelpforte ʒu Jeruſalem.“ „Paulus vor König Agrippa.“ „Stephanus und Laurentius.“ Nach Vollendung dieſer Arbeit malte er ein Freskobild „Die Krönung Mariä“ und „Die vier Evangeliſten“ in ſeiner Heimathkirche ʒu Unterthingau. Dort baute er ſich im Jahre 1862 ein Atelier und ließ ſich bleibend nieder, allein der heiligen Kunſt im Dienſte Gottes und der Kirche lebend. Ferner lieferte ſeine kunſtfertige Hand ein Altarbild: „St. Georg“ in die Kirche ʒu Bodelsberg, ein Hochaltarbild: „St. Blaſius“ in die Kirche ʒu Vorderburg, ein Seitenaltarbild: „St. Sebaſtian“ und ein Chorbild: „Die Kreuʒigung des heil. Andreas“ nach Frankenried, „Die Kreuʒigung Chriſti“ in die proteſtantiſche Kirche ʒu Memmingen, drei Altarbilder und ein Freskobild in den Chor ʒu Benningen, ʒwei Faſtenbilder nach Buchenberg, drei Altarbilder nach Oberbechingen, drei Altarbilder(Hochaltarbild: „Der hl. Dominikus empfängt aus den Händen Mariens den hl. Roſenkranʒ“, SeitenAltarbilder: „St. Antonius“ und „Der Engliſche Gruß“), drei Faſtenbilder ſowie einen Kreuʒweg in die Pfarrkirche ʒu Unterthingau, ein Freskobild in den Chor ʒu Hohenfurch, drei Altar⸗ und drei Oberbilder in die Kirche ʒu Bertoldshofen, drei Altarbilder nach Burk, drei Altarbilder und ʒwei weitere: „St. Wendelinus“ und„St. Aloyſius“, in die Kirche ʒu Oberbeuren, ʒwei Seitenaltarbilder in die Curatie-Kirche ʒu Hochgreuth, Pfarrei Betʒigau, bei Kempten („Mariä Heimſuchung“ und „St. Wendelinus?“). Dieſe letʒteren ʒwei Gemälde, ſowie jene ʒu Unterthingau, die Hauptaltarbilder in den Kapellen der Filialen Schweinlang und Weſtenried, Pfarrei Unterthingau („Tod des heil. Joſeph“ und „Der heil. Antonius empfängt das Jeſuskind aus den Händen Mariens“) ſind dem Schreiber dieſer ʒeilen aus eigener Anſchauung bekannt, die anderen meiſt nur nach Skiʒʒen. Da der uneigennüꜩige, freigebige Künſtler die oft ſehr ſchön, ähnlich fertigen Kunſtwerken ausgeführten, gemalten Skiʒʒen regelmäßig den Beſtellern der Originalgemälde ſchenkte, ſind dieſe Skiʒʒen leider ſelten ʒu ſehen. Beſonders erbauend und feſſelnd wirkt auf ein frommes Gemüth die Darſtellung der allerſeligſten Jungfrau und Gottesmutter Maria, wie ſie der kindlich fromme, reine Sinn, die kunſtfertige, feine Hand des echt chriſtlichen Malers in dem Bilde „Mariä Heimſuchung“ in Hochgreuth und in einem kleineren Bilde „Maria mit dem Jeſuskinde“(im Beſiꜩ der ehem. Haushälterin Frl. Johanna Obexweiler), wie auch ſonſt oft geſchaffen. Mag auch manch kritiſches Auge die Madonnen unſeres Künſtlers etwas ʒu kindlich, ʒu jugendlich finden, ʒum Nachtheil gereicht dieſer kindlich-jungfräuliche, ungemein holdſelige, oft wahrhaft himmliſche, heilige Ausdruck in dem Antliꜩ der Gottesmutter gewiß weder ihrem Bilde noch dem Beſchauer. Wollte der Künſtler, wie von ihm ſelbſt erklärt, durch die jugendliche Form, den kindlichen Geſichtsausdruck kindlich unſchuldige jungfräuliche Reinheit ausdrücken, ſo kann man kaum leugnen, daß ihm dies meiſt ausgeʒeichnet gelungen, iſt. Gewiß regt manche Madonna eines Raphael und anderer Künſtler mit berühmten Namen weniger ʒur Andacht, weniger ʒur Ehrfurcht und Achtung vor der jungfräulichen Würde der Gottesmutter an, als jene des Andreas Mayr. Ja, der Schreiber dieſer Zeilen ſelbſt hat ſchon über eines der beſten und berühmteſten Werke eines Correggio beʒüglich ſeiner Madonna in dem vom natürlichen, ſinnlichen und rünſtleriſch⸗ techniſchen Geſichtspunkte aus prachtvollen Bilde „Die heilige Nacht“ ein ſo bedenkliches Urtheil aus Volksmund gehört(yox populi, vox Dei!), daß er ohne Bedenken ein ſonſt noch ſo beſcheidenes Bild des edlen, chriſtlichen Algäuer Künſtlers für eine Kirche vorʒiehen und das andere in eine Gemäldegallerie verweiſen würde. Iſt doch ſo manches ſog. Heiligenbild für Künſtleraugen an Genuß, für fromme und reine Augen ſelbſt in Kirchen ein Aergerniß. Das Hauptaltarbild der Filialkapelle ʒu Schweinlang, Pfarrei Unterthingau, war eines der leꜩten Werke unſeres Kunſtlers. Auge und Hand des Malers waren nicht mehr ſo ſicher als in beſſeren Tagen. Den „Tod des heil. Joſeph“ ſtellt das ſchöne Bild dar. Schreiber dieſes Berichtes war Zeuge, mit welch ängſtlicher Sorgfalt, welch peinlicher Gewiſſenhaftigkeit, welch ſteter Unʒufriedenheit mit dem eigenen Können und Schaffen, welch edler Uneigennüꜩigkeit der gute, beſcheidene Andreas Mayr an dieſem wie an anderen Gemälden arbeitete und verbeſſerte und vervollkommnete, ſo lange er ſie nur auf der Slaffelei in ſeinem Atelier ʒurückbehalten konnte. Man mußie ihm oft die Bilder faſt mit Gewalt entführen. Freilich ging wohl auch ſtets ein Stück ſeines eigenen Selbſt mit den Bildern fort; dieſe frommen, von tiefer, edler Frömmigkeit durchgeiſtigten, ʒur Frömmigkeit erbauenden Gemälde begreift man nur in ihrem vollen Werthe aus dem in ſie verwobenen kindlich⸗frommen, reinen Charakter des Künſtlers ſelbſt. Wer ihn arbeiten ſah im Atelier, wer ihn beten ſah in der Kirche, wer ihn gar als Dulder kennen lernte auf dem Krankenlager, der mußte ihn lieb gewinnen, mußte ihn achten, ja bewundern. Der in geſunden Tagen eben ſo fröhliche als fromme, ſo beſcheidene, heitere, freundliche, kurʒ durch und durch liebens⸗ und achtungswürdige Künſtler wurde während ʒweier Jahre noch ſchwer auf ſeinen echten, reinen Goldgehalt geprüft. Wiederholte Schlaganfälle raubten ihm die Sprache und den freien Gebrauch der ſonſt ſo ſchaffensfreudigen Glieder, ſchwächten endlich auch das Gedächtniß. Schwermüthig mochte wohl und ſchmerʒlich ſo manchesmal ſein umflorter Blick von ſeinem Krankenlager an der Stätte ſeines früheren vieljährigen freudigen, fleißigen, künſtleriſchen Schaffens, in ſeinem Atelier, auf den ſkiʒʒenbedeckten Wänden ruhen, die ihn an ſchönere, beſſere, lang vergangene Zeiten mahnten. Doch wie als Künſtler, war er auch als chriſtlicher Dulder wahrhaft groß, wirklich bewundernswerth in ſeiner kindlichen, gottergebenen, ſeltenen Frömmigkeit. Wohl entbehrte er nicht treuer, fürſorgender, liebevoller Pflege, obwohl er wie ſein guter, im Jahre 1885 ihm vorangegangener ehem. Mitſchüler, Freund und Nachbar von Obergünʒburg, Johannes Kaſpar, unverehelicht geblieben war, um ſeine ganʒe reine Liebe der chriſtlichen, heiligen Kunſt ʒu weihen; doch mochte er in ſeiner langen, bangen Leidensʒeit, ʒur ſchmerʒlichſten Unthätigkeit verurtheilt, oft nach jenem Troſte ſeufʒen, den Johannes Kaſpar während 10jährigen Leidens doch genoß nach dem Tode ſeiner Schweſter und ſo ſchön beſchrieb in den Worten: „Nun ſtehe ich allein da; doch nein! Meine erſte Liebe, die ſchon früh erkorene Braut, die Himmelstochter, die heilige Kunſt, ſie iſt mir treu geblieben. Sie iſt es, die mich in meiner Einſamkeit unterhält, Kurʒweil ſchafft, mich tröſtet, mich das leibliche Elend vergeſſen läßt oder es doch weniger fühlbar macht; die ein ſchon faſt erſtorbenes Gebein wieder belebt. Sie tritt immer mit neuen Reiʒen geſchmückt vor die Augen meiner Seele und feſſelt mich hienieden noch durch den Anblick in ihrer unverwelklichen Schöne. Mit ihr lebe und ſterbe ich.“*) Doch, konnte den edlen Dulder künſtleriſches Schaffen neuer Werke ʒur Ehre Gottes und ʒum Frommen ſeiner Geſchöpfe wie ʒur Freude der Freunde der Kunſt wie des Künſtlers nicht mehr tröſten, der Gedanke an das bereits Geſchaffene und deſſen Segen mußte ihn bei aller Beſcheidenheit bei jedem Blick ſeiner mattgewordenen Augen auf ſeines Ateliers und Krankenʒimmers Wände erfreuen. Als der Zeichner dieſes beſcheidenen Lebensbildes am Lager des Dulders einſt ſpät Abends ſtand, da kamen ihm beim Anblick des leidenden Künſtlers unwillkürlich die ſinnigen, frommen Verſe der ehrwürdigen Dienerin Gottes M. Crescentia von Kaufbeuren in den Sinn: Ich muß es bekennen, Gott hobelt mich ſehr, Er ſchneidet und ſticht mich, doch fällt's mir nicht ſchwer. Wilift wiſſen, warum denn?Ich, halte dafür, Golt ſchniꜩe ſo gern einen Engel aus mir. Die Verſe lagen ihrem Sinne und Geiſte nach auch in den gottergebenen Zügen dieſes Dulderbildes ausgeprägt. Andreas Mayr machte ſeinem hl. Patron in der Liebe ʒum Kreuʒe Ehre. Ein Jahr darauf ſtand der Berichterſtatter wieder Nachts in jenem Atelier — am Sarge des Verblichenen. Als die Decke weggehoben ward — da ʒeigte ſich das Antlitʒ der Leiche ſo vergeiſtigt, ſo eigenthümlich ſchön — es war der vierte Tag nach dem Tode — ſo anʒiehend, ſo eines chriſtlichen, frommen Künſtlers im Tode noch würdig, daß der göttliche Zweck des Leidens an dieſem herrlichen edlen Ebenbilde Gottes erfüllt ſchien. Have pia anima candida! Leitershofen, am Vorabend von St. Andreas. L. Boſch, Pfarrer, ehem. Benefiʒiat in Unterthingau. *) S. Geſchichte der Pfarrei Obergünʒburg von Fr. X. Gutbrod. Kempten. Joſ. Köſel.(Johannes Kaspar.) Schachaufgabe Schwarʒ Weiß. Weiß ʒieht an und ſetʒt in 2 Zügen matt „Augsburger Poſtzeitung“. №. 2. Freitag, den 5. Januar 1894 Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literariſchen Inſtituts von Haas & Grabherr in Augsburg (Vorbeſitzer Dr. Max Huttler). Auf verwegener Bahn. Kriminalnovelle von Guſtav Höcker. (Fortſetzung.) In einer der am Stromufer gelegenen Vorſtädte ſtand in noch wenig angebauter Gegend ein ſchmuckes einſtöckiges Gebäude, hinter welchem ſich eine weite Gartenanlage mit Gewächshäuſern ausdehnte. Neben den Häuſern führte eine Gitterpforte in den Garten und über derſelben erhob ſich in einem Halbbogen ein blechernes Schild mit der Aufſchrift: „Kunſtund Handelsgärtnerei von Eduard Ritter.“ Etwa eine Stunde vor der eben erzahlten Begebenheit ſaß in einem Parterrezimmer des Hauſes der ſogenannte Gärtner an einem einfachen hölzernen Tiſche beim Scheine der Lampe und las mit lauter, eintöniger Stimme aus einem methodiſtiſchen Andachtsbuche vor. Der Zuhörer war ſeine im Bett liegende Frau, welche ſeit einigen Tagen an Magenkrämpfen litt, einem alten, von Zeit zu Zeit wiederkehrenden Uebel. Schlicht wie das ganze Zimmer, deſſen einziger Schmuck das lithographirte Bildniß John Wesleh's, des Gründers der Methodiſtengemeinde, bildete, war auch die äußere Erſcheinung des in den vierziger Jahres ſtehenden Ehepaares. Während der Gärtner in ſeiner Vorleſung eine Pauſe eintreten ließ, ſchlug die alte Schwarzwälder Uhr neun, was in ihrer Sprache ſo viel wie viertelzehn hieß, da ſie mit großer Punktlichkeit ſtels eine Viertelſtunde nachging und in dieſer berechtigten Eigenthümlichkeit von ihren Beſitzern auch nicht verkümmert wurde. „Wo nur Anna heute mit Frau Rollenſtein bleibt!“ ſagte Frau Ritter.„Die Abendgottesdienſte gehen lange vor neun zu Ende und von unſerer Kapelle bis hierher braucht man keine Viertelſtunde.“ „Anna freilich nicht und wir beide auch nicht!“ entgegnete der Mann, „aber die alte Dame, die am Krückſtock gehen muß.“ „Man ſoll nicht über die Gebrechen anderer ſpotten!“ uuterbrach ihn die Frau ſtreng. „Das iſt Sünde!“ „Aber, Sophie, das habe ich ja gar nicht gethan,“ verwahrte ſich Ritter in ſauft beſchwichtigendem Tone, „ich habe nur —“ „Wenn wir in unſer Inneres ſchauen,“ eiferte ſie weiter,„ſo finden wir da viel ſchlimmere Gebrechen, die des Krückſtocks bedürfen. Leider ſehe ich Jemand ſeit einigen Tagen auch an ſolch' einem inneren Krückſtocke gehen.“ „Meine Schweſter Anna?“ frug der Gärtner. „Wen könnte ich denn ſonſt meinen? Du freilich merkſt nichts, denn Du ſiehſt das Mädchen mit andern Augen an, als ich.“ Das war allerdings der Fall. Unſer Gärtner, der jüngſte unter ſechs Brüdern, war eben der Schule entwachſen geweſen, als ihm das einzige Schweſterchen beſcheert worden war. Er hatte ſie gepflegt, gewartet, ihre erſten Schritte geleitet, und als in ſpäteren Jahren ihm ſeine Verhältniſſe geſtatteten, ſie bei ſich aufzunehmen, räumte er ihr in ſeinem Herzen neben dem Platze einer Schweſter zugleich denjenigen einer Tochter ein, zumal er ſelbſt keine Kinder beſaß. Seine Frau empfand es mit Bitterkeit, daß ihr das Mutterglück verſagt war, ſie konnte in der erwachſenen Schwägerin keinen Erſatz erblicken; die Selbſtſtändigkeit und Energie des Charakters, die ſich in Anna herausgebildet hatten, während ſie draußen in der Welt ſich ihr eigenes Brod erworben, ſtießen Frau Ritter ab; ſie ſchätzte Demuth und Unterwürfigkeit höher, beſonders bei einer Perſon, die das Brod ihres Mannes aß. Daß Anna ſich im Geſchäfte ſehr nützlich machte, betrachtete die Schwägerin als eine ſelbſtverſtändliche Pflicht; daß das nicht unbegabte Mädchen einen gewiſſen Anſpruch auf „Bildung“ beſitzen wollte, auf welche der Bruder ſtolz war, erregte den Neid der einfachen Frau, die über die Durchſchnittsbildung der Volksſchule nie hinausgeſtrebt hatte. — „Was iſt's denn, Sophie, was Du gegen Anna vorzubringen haſt?“ frug Ritter. „Was ſoll ich denn nicht merken?“ „Daß ſie ſeit einigen Tagen vergeßlich, zerſtreut und geiſtesabweſend iſt,“ antwortete die Frau.„Sie träumt mit offenen Augen am helllichten Tage. Ich, die ich jetzt an's Bett gefeſſelt bin und Anna nur während der Mahlzeiten und abends ſehe, habe das bereits herausgefunden, — und Du, der Du ſie täglich im Geſchäft um Dich haſt, ſcheinſt wie mit Blindheit geſchlagen.“ „Ich habe nicht darauf acht gegeben,“ entſchuldigte ſich Ritter achſelzuckend. „Dann iſt es Dir wohl noch gar nicht aufgefallen,“ frug die Frau ſpöttiſch, „daß ſie plötzlich ihr Haar anders trägt und den ſchlichten glatten Scheitel mit der neueſten Modethorheit vertauſcht hat?“ „O ja, das habe ich wohl bemerkt,“ ſagte der Gärtner.„Sie hat ſich vorn über die Stirn das Haar — 10 — kurz abgeſchnitten und nach dem Geſicht herabgekämmt, was man, glaub' ich, Ponyfranſen nennt. Mir gefällt das ſehr. Es ſteht ihr ſo gut zu Geſicht. Ich hab' mich darüber gefreut und hätte ſie beinahe nicht wiedererkaunt.“ Eben wollte die Frau erwidern, da hörte man draußen das Gitterthor auf⸗ und wieder zuſchließen. „Das iſt Anna!“ ſagte Frau Ritter auflauſchend. „Aber allein? Wenn ſie Frau Rollenſtein mitgebracht hätte, müßte man doch auch die Hausthür ſchließen und in dem Flur das Aufſetzen ihres Krückſtocks hören. Man hat es doch bisher ſtets durch die dünne Ziegelwand hindurch gehört.“ Der Eintritt in die Gärtnerwohnung geſchah nämlich, wie wir hier erläutern müſſen, durch die Gartenpforte und eine Seitenthür des Hauſes, während der Treppenflur, welche zu der im erſten Stock befindlichen Wohnung Frau Rolleuſteins, der Beſitzerin des Hauſes und des Gartengrundſtücks, führte, von dem Parterregeſchoß durch eine Mauer geſchieden und nur durch die vordere Hausthür zugänglich war, durch welche außer der alten Dame Niemand ein⸗ und ausging. Auna trat in's Zimmer, ein Gebetbuch in der Hand, und bot Bruder und Schwägerin den üblichen Gruß. Der Lenz der Jugend war auf ihrem Antlitz bereits verblüht, aber ſie beſaß jene intereſſanten, frauenhaften Züge, die bei manchen Brünetten von geſetztem Alter noch immer feſſeln, und jenes große ſchwarze, feurige Auge, deſſen Glanz ſich belebend dem Antlitz mitgelheilt. Dazu kam die üppige dunkle Haarfülle, die ſie ſeit neueſter Zeit ſo kokett zu tragen wußte, und die volle und dabei doch ſchlank gewachſene Geſtalt. „Haſt Du denn Frau Rollenſtein nicht mitgebracht?“ frug Frau Ritter unruhig. „Frau Rollenſtein? Ach je, Frau Rollenſtein!“ entfuhr es den Lippen des Mädchens, als beſänne ſie ſich jetzt erſt, wobei ſie die Hand vor die Stirn hielt und, wie aus einem Traume erwachend, rings um ſich blickte. Die Gärtnersfrau warf ihrem Manne einen bedeutſamen Blick zu, als wollte ſie ſagen: „Da haſt Du nun ſelbſt eine Probe von ihrer Vergeßlichkeit und Träumerei.“ „Frau Rollenſtein hat den Weg ja ſchon oft allein gemacht, wenn ihr, wie heute, abgehalten waret, die Abendandacht zu beſuchen, und ich bei einem meiner Oheime zu Beſuch weilte,“ ſagte Anna ſich raſch tröſtend. Aber gerade jetzt, wo ſie von ſchwerer Krankheit geneſen iſt, hätteſt Du die alte Dame unter keinen Umſtänden allein gehen laſſen ſollen,“ warf ihr die Schwägerin vor, „und nun gar heute, wo es draußen ſo finſter iſt! Und dazu der einſame Weg am Stromufer, wo die Laternen ſo dünn ſtehen, daß es eine wahre Schaude für die Stadt iſt, die ſo große Summen für Luxusanlagen zum Fenſter hinauswirft, für die Beleuchtung eines Wegs aber, der zu einer Methodiſtenkapelle führt, kein Geld hat. Wenn der alten Dame nun unterwegs irgend ein Strolch begegnete?“ „Warum ſollte ihr denn Jemand etwas anhaben?“ wandte Anna ein. „Warum? Trägt ſie nicht koſtbare Ringe? Kann nicht die ſchwere goldene Erbstette, an der ſich das Medaillon befindet, das Auge irgend eines Gauners lüſtern machen? So etwas funkelt auch im Dunkeln. O Gott, wenn der Frau etwas geſchehen wäre! Es gefiel mir ſchon nicht, als ſie letzthin das Medaillon verloren hatte. Wenn das nur kein ſchlimmes Vorzeichen iſt! dachte ich bei mir. Ich hatte eine Baſe, die verlor auch ihr Medaillon mit dem Bilde ihres verſtorbenen Mannes, das ſie ſonſt ſo ängſtlich hütete. Wenige Tage ſpäter gerieth ſie unter die Hufe durchgehender Pferde und blieb auf der Stelle todt. Ihr Seliger hatte ſie nachgezogen.“ „Wenn's der ſelige Herr Rollenſtein damit ſo eilig gehabt hätte,“ verſetzte Anna lächelnd,„ſo würde er ſich nicht ſchon ein Dutzend Jahre oder noch länger Zeit damit genommen haben. Als ich übrigens ſo glücklich war, das verlorene Medaillon im Garten zu finden, konnte ich der Verſuchung nicht widerſtehen, es zu öffnen. Das Bild darin iſt gar nicht dasjenige ihres verſtorbenen Gemahls, den das große Oelgemälde oben in Frau Rollenſteins Wohnung mit ſo ſprechender Aehnlichkeit darſtellen ſoll, ſondern es iſt die Photographie eines Offiziers.“ „So?“ ſagte Frau Ritter, ihre Ueberraſchung über einen ſo lange mit ſich herumgetragenen Irrthum verbergend, während der Gärtner ſeine Schweſter mit offenem Munde anſah. „Du mußt aber doch wiſſen, wo Du unſere alte Dame gelaſſen haſt?“ inquirirte Sophie weiter, deren Unruhe fortwährend wuchs. „Als die Andacht zu Ende war und ich mich mit Frau Rollenſtein noch nicht weit von der Kapelle entfernt hatte, wurde ſie von einem älteren Herrn angeredet, welcher der Andacht ebenfalls beigewohnt hatte,“ erzählte Anna.„Liebes Kind,“ ſagte der Herr zu mir, „bitte, laſſen Sie uns ein paar Augenblicke allein, ich habe etwas mit der Dame zu beſprechen.“ Ich ging voraus, blieb mitunter ſtehen, um zu warten, und da ſie nicht kam, ging ich langſam nach Hauſe —“ „Ohne wieder an Frau Rollenſtein zu denken!“ ergäuzte Sophie ſchnippiſch. „Haſt Du den alten Herrn ſchon früher in unſeren Gottkesdienſten geſehen?“ „Nein, aber er war derſelbe,“ antwortete Anna, „der ſchon vorgeſtern hier war und mit Frau Rollenſlein ſprechen wollte. Du haſt ihn ja auch geſehen,“ wandte ſie ſich an ihren Bruder. „Ich erinnere mich genau,“ nickte dieſer, „als wir ihm ſagten, daß die alte Dame keine Beſuche annehme, übergab er Dir ſeine Viſitenkarte und bat Dich, ſie Frau Rollenſtein zu überbringen und ihr zu ſagen, er laſſe ſie in einer ſehr dringenden Angelegenheit um eine kurze Unterredung erſuchen.“ „Wie heißt der Herr?“ frug Sophie neugierig ihre Schwägerin. „Ich weiß es nicht,“ verſetzte Anna. „Haſt Du denn ſeinen Namen nicht auf der Viſiten„ karte geleſen?“ „O ja, aber ich habe ihn mir nicht gemerkt.“ Natürlich — vergeſſen, verträumt!“ höhnte Sophie und warf ihrem Manne wieder, wie vorhin, einen bedeutſamen Blick zu. „Gabſt Du die Karte ab, Anna?“ „Ja.“ „Und nahm Frau Rollenſtein den Beſuch des alten Herrn an? „Nein,“ verſetzte Anna kurz. „Sie wurde ſogar ſehr aufgebracht,“ ergänzte der Gärtner,„als ſie den Namen las, er ſei von allen 11 Menschen unter der Sonne der letzte, dem sie ihre Thür öffnen werde, ließ sie ihm sagen, er solle sich zum Kuckuck scheeren und sich nicht einfallen lassen, ein zweites Mal zu kommen. Und noch viel stärkere Ausdrücke gebrauchte sie, nicht wahr, Annas" Es war dem Mädchen offenbar nicht lieb, daß ihr harmloser Bruder die unwilligen Worte der alten Frau wiederholte, denn sie ward sich jetzt erst bewußt, einen Fehler begangen zu haben, dem so schroff Abgewiesenen nun doch zu der früher vergebens erstrebten Unterredung behilflich gewesen zu sein. Von dieser Seite faßte denn auch Sophie die Sache sogleich auf. „O, Du unvorsichtiges Mädchen!" rief sie in bitterem Vorwurf, „das begreift ja ein Kind, daß sich der alte Herr nur in die Abendandacht eingeschlichen hat, nm Frau Nollenstein dort aufzusuchen und sich auf dem Nachhauseweg an sie heranzumachen. Du wußtest, daß sie sich den zudringlichen Menschen durchaus vom Halse halten wollte, und läßt ihn dennoch mit ihr allein!" „Ei! was gehen mich schließlich Frau Nollensteins Angelegenheiten an!" entgegnete Anna mürrisch, indem sie ihren Hut auf den Tisch warf. „Glaubst Du, sie wird es ruhig hinnehmen, daß Du ihr diesen Streich gespielt hast?" schalt Sophie weiter. „Du kennst ihren nachtragenden Charakter, Du weißt, wie schwer sie etwas verzeiht." „Ich fürchte mich vor ihrem Strafgericht nicht im mindesten," lachte Anna verächtlich, heftig an ihren Handschuhen zerrend. „Du nicht, nein," rief Frau Ritter, „aber wir. Dein Bruder und ich, wir werden dafür zu büßen haben. Sie wird den demnächst ablaufenden Pachtkontrakt nicht wieder erneuern, und dafür dürfen wir uns dann bei Dir bedanken." „Das wird sie bleiben lassen," versetzte Anna, „denn so gutmüthige Pächter, die für ihr schweres Geld sich von ihr auch zu allerlei und unterthänigcn Diensten gebrauchen lassen, findet sie gewiß nicht wieder. Höchstens wird sie Euch im Pachte steigern; das hat sie aber bisher bei jedem neuen Pachtabschlusse gethan, denn ihre Habsucht und ihr Geiz —" „Bst!" zischte Sophie mit erhobenem Finger, als könnte die Abwesende es hören. „Ja wohl, ihre Habsucht und ihr Geiz schreien zum Himmel," fuhr Anna, durch die Reden ihrer Schwägerin schon längst gereizt, nur noch lauter und heftiger fort. „Es ist eine Sünde und Schande! Auf eine Million schätzt man das Vermögen dieser Fran, sie könnte in einem Vierspänner fahren, statt an ihrem Stock einher- zuhinken, hält sich aber nicht einmal ein Dienstmädchen, ißt sich nicht ordentlich satt, gönnt Anderen kgum —" „Bst!" wiederholte Sophie mit aus den Höhlen quellenden Augen und beugte sich wüthend gegen die Schwägerin vor. „Bst!" sekundirte ihr jetzt auch Ritter, von der Furcht seiner Frau angesteckt. Aber schwerlich würde Anna sich dadurch im Fluß ihrer Rede haben aufhalten lassen, wenn nicht ein von draußen wahrnehmbares Geräusch, welchem Bruder und Schwägerin plötzlich lauschten, auch ihre Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätte. An der vorderen Hausthür, die zu Frau Rollen- stein's Wohnung führte, ließ sich nämlich das bekanute Knarren des Schlüssels hören. Es wurde auf- und wieder zugeschlossen, dann vernahm man in dem Hausflur schlürfende Schritte und unterschied bei jedem zweiten Schritt deutlich das Aufsetzen des Krückstocks. „Tapp! tapp!" schleppte es darauf langsam die hölzerne Treppe hinauf und endlich hinkte es, gerade über den Köpfen der Lauschenden, im oberen Zimmer herum. „Gott sei Dank, sie ist da!" unterbrach Fran Ritter, wie von einem schweren Alp befreit, das herrschende Schweigen, worauf Anna, ebenfalls erleichtert anfathmend, mit einem sehr kurzen „Gute Nacht" sich in ihr anstoßendes Gemach zurückzog und auch der Gärtner, nachdem er die Lampe ausgelöscht, die nächtliche Ruhe aufsuchte. „Gebe nur Gott," flüsterte Sophie, „daß sie im Vorübergehen die Schimpfreden Deiner Schwester nicht gehört hat, die Fensterläden sind gar so dünn!" „Und ihr Gehör ist gar fein!" dachte Ritter, sagte aber nichts. Hierüber hätte sich das Ehepaar beruhigen können, wohl klang es um diese Zeit in den Ohren der alten Dame, aber es waren die Wellen, die darin flüsterten, die Ohren waren für immer taub und das ungeschmeichclte Charakterbild, welches Anna mit harten Strichen von ihr entwarf, war ihr Nekrolog gewesen. * » * (Fortsetzung folgt.) Die Hand. Von Maximilian Dursch. lNachdruck vnroiM'l Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte der Hand. Was wir sind, was wir besitzen, verdanken wir ihr. Was ist aller menschliche Scharfsinn, aller Erfindungsgeist, was der mächtigste Wille ohne die Hand s Sie ist das vollkommenste Glied unseres Körpers, das, ausgerüstet mit mannigfachen, vorzüglichen Eigenschaften, ebenso leicht die gewaltigsten Aufgaben menschlichen Strebens, wie die geringsten Verrichtungen kunstreicher Geschicklichkeit vollbringt. Mit Recht nennt sie Herder daS „Werkzeug eines immerwährenden Tastend nach neuen, klaren Ideen". Die Hände entsprechen durchaus den Geistesgaben, der Intelligenz des Menschen, und darauf hat bereits Aristoteles, der größte Gelehrte und Beobachter aller Zeiten, hingewiesen, indem er sagte: „Der Mensch hat Hände, weil ex das weiseste Geschöpf ist." Wie viele vorzügliche Eigenschaften vereinigt die Hand in sich I Welche Kraft, welche Gewandtheit, welche Zartheit wiederum vermag sie in ihren Handlungen zu entwickeln! Reizbar und feinfühlig, leitet sie ihre Bewegungen mit der größten Sicherheit, mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit, Mannigfaltigkeit und Eleganz. Und wie schön und zweckentsprechend ist sie gebildet, wie kunstvoll das Gefüge ihrer Knochen und Sehnen, wie verwickelt und doch dem Willen stets dienstbar der Mechanismus der Muskeln, und wie reich vertheilt in ihr sind die nahrungspendeuden Blutgefäße und die tastenden Nerven! Was wir sind, waS wir haben, das erwarb uns die Hand. Seht ihr jene Kornfelder, wie sie, wind- bewegt, ihre goldenen Wellen schlagen? Der Hand des 12 Landmannes verdanken wir sie. Jene Heerden auf grüner Trift — was wären sie uns, könnten wir ihr Fleisch und ihre Milch nicht zur Nahrung, ihre Haut nicht zum Schutze unserer Füße, ihre Knochen nicht zu Werkzeugen aller Art verwenden? Aber das vermögen wir nur durch die Hand. Unsere Kleidung ist ihr Werk. Sie schuf aus dem Flachs das blendende Linnen, sie wob aus der Wolle das warme Tuch, aus dem Gespinst der Raupe die schimmernde Seide. Die Hütten der Armen und die Paläste der Fürsten, die prachtvollen Dome und himmelanstrebenden Thürme — wer baut sie denn anders als der Fleiß geschickter Hände? Auf eisernen Pfaden braust das Dampfroß einher, die volkreichsten Städte, die einsamsten Dörfer verbindend; hoch durch die Lüfte von Land zu Land trägt der Zauberdraht unser Wort. Das sind die Werke der Hand. Selbst das Meer macht sie uns Unterthan. Stolze Schiffe mit werthvollen Ladungen führt sie durch seine Wasscrwüste und aus seinen Tiefen holt sie die kostbarsten Schätze. Und was wären Kunst und Wissenschaft ohne sie? Großes danken wir ihr. Zum Götterbilde gestaltet die Hand des Meisters den Marmorblock. Auf die todte Leinwand zaubert der Pinsel in der Hand des Malers das blühende Leben, die Schönheit, die prangende Welt. Eine Fülle stnnberauschender Melodien entlockt des Künstlers Hand jenem Gebilde, das so seelenvoll weint und klagt, jubelt und jauchzt. Und welches Wissen, welche Gelehrsamkeit ist in unzähligen Büchern niedergelegt von der Hand geistreicher Männer! Aber allerdings, „was Hände bauen, können Hände stürzen". Verwirrung, Verderben, Unheil, Noth und Tod — zwei winzige Hände können sie schaffen, wenn sie sich ausstrecken nach dem Hab und Gut des Andern, wenn sie sich mit Blut beflecken. Die furchtbarste Geißel der Menschheit, der Krieg, ist ein Werk der Hand. Unbarmherzig mordet sie das blühende, kraftvolle Leben; Städte sinken durch sie in den Staub und Paläste zertrümmert sie. Nicht Tugend schont sie und Recht; an das Schöne und Edle, an das Hohe und Heilige wagt sie sich frevelnd heran. — Die Bedeutung der Hand ist ausgedrückt in vielen Sprichwörtern alten, zum Theil biblischen Ursprungs, und die geflügelten Worte, die sich aus die Hand beziehen, lassen die Hochschätzung dieses Gliedes erkennen. „Eine Hand wäscht die andere", — „Hand muß Hand wahren" — „In Hand und Halter geben" — „Um die Hand anhalten" — „Die linke Hand soll nicht wissen, was die rechte thut" — „Aergert dich deine Hand, so haue sie ab!" — Ja, wir übertragen sogar die Eigenschaften einer Person auf ihre Hand und sprechen von einer milden, barmherzigen, von einer grausamen und mächtigen, von einer lieben Hand. Wir sagen, „die Hände sind ihm gebunden", oder „seine Hand reicht weit". — Die Hand hat auch eine eigene, sehr verständliche Sprache, durch die sie alle Regungen der Seele, alle Gefühle des Herzens auszudrücken vermag. Vor Freude oder Staunen schlägt man die Hände zusammen; in banger Furcht, in Schmerz und Verzweiflung ringt man sie; im Zorne ballt man sie zur Faust; drohend, warnend erhebt man ihren Finger. Beim Gruße wie beim Abschied reicht man sich die Hand; Freunden winken wir mit ihr, lästige Menschen weisen wir ab. Und welch bekedte Spräche führt die Liebe durch sie! Ein sanfter Druck von ihr, ja schon die leiseste Berührung verräth uns die Gefühle im fremden Busen. „Was die Lippe nicht zu sagen wagt, die Hand bringt es zum Ausdruck." Gedenken wir des Händedrucks der Liebe, des zarten Spieles geheimen Drucks und Gegendrucks! — Wer hat nicht schon in Stunden der Leiden die Wohlthat eines teilnehmenden Händedrucks empfunden? Und wie vermag der warme Händedruck der Mitfreude ein Herzensglück noch zu erhöhen! — Ja, eine liebe Hand kann gar Vieles ausdrücken, — sie kann mit uns weinen, uns trösten, mit uns glücklich sein! Nach der Art seines Händedrucks kann man auf das Innere des Menschen schließen, denn wie wir die Hand geben, so denken, fühlen, so sind wir. Liegt es doch so nahe, daß der volle, warme Händedruck ein warmfühlendes Herz, ein feuriges, heißes Temperament kennzeichnet, daß ein schwacher, lauer oder kalter auf das Gegentheil hinweist. Man achte einmal darauf, wie leicht und lose manche Menschen ihre kühlen Finger in unsere Hand legen, — nein, das bekundet kein herzliches „Willkommen", kein warmes „Lebewohl", kein hoffnungsfrohes „Auf Wiedersehen!"*) Nicht unerwähnt bleiben darf die Gelberden- und Zeichensprache. Auch sie ist das Verdienst der Hand. Aber durch sie spricht nicht das Herz, sondern der Verstand, sprechen nicht Gefühle, sondern Gedanken. Bei der Geberdensprache ist die Hand für den Taubstummen Zunge und Gehör. Wie viele Unglückliche sind durch sie einem Zustande entzogen, der an die Natur des Thieres grenzt! — Bei allem Hohen und Heiligen, das uns bewegt und erfüllt, gebrauchen wir die Hand. Zum feierlichen Eidschwur erheben wir sie, und mit einem Handschlag verpfänden wir unsere Ehre. In Liebe, Dankbarkeit und Verehrung küssen wir die Hand, die uns Gutes erweist. Innig und warm drücken wir die Freundeshand, wenn wir den heiligen Bund der Treue schließen, und das Zusammenlegen der Hände einigt zwei Menschen für Leben und Ewigkeit. Sanft ruht die Hand auf unserm Haupte, wenn ein liebreicher Mund Worte des Segens, Worte des Trostes spricht. Im tiefsten Weh sind es die Hände, die wir flehend zum Himmel emporheben, und wiederum im höchsten Glück, da falten wir sie zu inbrünstigem Gebet. — Aus dem Baue, dem ganzen organischen Gefüge der Hand geht ihre größte Zweckmäßigkeit für alle nur möglichen Verrichtungen hervor. Die geringfügigste Thätigkeit der Hand, das kleinste Zeichen mit dem Finger läßt eine große Menge von Muskeln in Wirksamkeit, ebenso viele aber wieder außer Wirksamkeit treten. Die Einen spannen an, die Andern erschlaffen, immer aber werden sie mit der größten Sicherheit und Genauigkeit geleitet, und geradezu bewunderungswürdig ist die Thätigkeit der kleineren Muskeln in der Handfläche und zwischen den Knochen der Mittelhand, welche an die nahen Enden der Fingerknochen angefügt sind. Mit diesem feinen Muskelapparate erhalten die Finger eine erstaunliche Beweglichkeit, die auch in Bezug auf Zartheit und Feinheit in der Ausführung nichts zu wünschen übrig läßt. Es sind dies vorzugsweise die Organe, denen die Musiker ihre Fertigkeit im Spielen musikalischer Instrumente zu danken haben. Die Hand würde aber ihre Verrichtungen in dem ihr angewiesenen großen L *) M. Polchau. 13 -<.1 L i Umfange nicht auszuführen vermögen, das Gefüge der Knochen, Bänder, Muskeln, Gefäße und Nerven würde den Einflüssen äußerer Gewalt bald unterliegen, wenn die Handflächen, die inneren Seiten der Finger und ihre Spitzen nicht durch fleischige Kissen, durch nachgiebige starke Wülste, die zugleich die Apparate zur Ausübung des Tastsinnes bilden, vor Gefahren geschützt würden. Diese Kissen bilden in der Hohlhand mit Hilfe eines quer über die Hand gehenden, kräftig wirkenden Muskels nicht nur eine natürliche Vorrichtung zum Wasserschöpfen, den Becher des Diogenes, sondern an den Enden der Finger auch die vorzüglichste Einrichtung zum Tasten. Mittels dieser prallen, elastischen Wulst des Fingers ist der Mensch befähigt, bewunderungswürdig fein zu fühlen. Mit ihm fühlt der Arzt den Arterienpuls. Kein anderes Organ ist dazu so vollkommen geeignet, wie der Finger, und selbst die feinfühlige Zunge vermag wegen der Weichheit ihres Gefüges den Pulsschlag im Handgelenk nicht zu erfassen. Gleichsam als zweite Hand oder mindestens als Gehilfe der größern kann der Daumen angesehen werden. Denn vermöge einer Anhäufung von Muskeln, welche den Ballen des Daumens bilden, besitzt er eine Beweglichkeit, eine Geschicklichkeit und Kraft, die ihn nicht nur zum unentbehrlichen Mithelfer der Hand, zu ihrem wichtigsten Gliede macht, sondern ihn auch zu zahllosen selbst- ständigen Leistungen befähigt. Am Ende der zehn Finger befinden sich, schildartig, die Nägel. Sie sind nicht nur der unentbehrliche Schutz der Fingerspitzen, sondern auch eine herrliche Zierde der Hand; nichts verunstaltet letztere mehr als bis auf das Fleisch kurz abgebissene Nägel; pfui! Betrachtet man Größe, Form und Farbe der Hände eines jeden Einzelnen, erinnert man sich des Gefühles bei der Berührung einer fremden Hand, so muß man gestehen, daß die Verschiedenheit sehr groß ist. Da findet man breite und plumpe, schmale und schlanke, feste und zarte Hände; es gibt weiche und rauhe, schwache, aber auch kraftvolle Hände; Alabasterhände gibt es, deren Marmorkühle uns durchschauert, und Hände, weiß wie Blüthenschnee, deren Berührung wohlthut, bis ins innerste Herz. Unangenehm weiche Hände findet man, und solche, denen wir es ansehen und anfühlen, daß sie niederen Leidenschaften fröhnen. Jedem verständlich, tragen die Einen das Merkmal körperlicher Gesundheit zur Schau, während Andere, bleich und durchsichtig, verrathen, wie oft sie auf einem kranken Herzen geruht. Es gibt endlich Hände, die von Fleiß und emsiger Wirthschaftlichkeit sprechen, während uns andere schließen lassen, daß sie wohl mit Rosen zu tändeln und anmuthig den Fächer zu bewegen wissen, aber niemals des Hauses Leitung sicher zu führen und segensreich zu walten. Die Schönheit der Hand schätzen manche Leute höher, als die des Gesichtes, und Viele beurtheilen den Menschen nach seiner Hand. Und vielleicht nicht mit Unrecht. Eine Gabe aus schöner Hand — ist sie uns nicht doppelt angeuehm, und wird sie uns nicht zum Ekel, wenn sie aus einer häßlichen Hand kommt? Darum sollen die Hände immer sorgfältig gehalten werden; verständige Pflege läßt selbst Unvollkommenheiten in Form oder Größe minder bemerkbar werden. Eine schöne Hand ist um so höher zu schätzen, als ihre Schönheit bis in's hohe Alter sich erhält. Für den Künstler ist es eine der schwersten Aufgaben, eine Hand bis in alle ihre feinsten Nuancen und Linien wahrheitsgetreu darzustellen. Ein berühmter Maler äußerte einst, es sei leichter für ihn, eine vollständige Landschaft auf die Leinwand zu schaffen, als eine einzige tadellos ausgeführte Menschenhand. Manches Gemälde wäre ein Meisterwerk zu nennen, wenn nicht die Unnatürlichkeit der Form oder Haltung der Hände, die Häßlichkeit der Finger oder der Nägel zu störend wirkte. Auch die gebildeten Völker des Alterthums wußten die hohe Bedeutung der Hände nicht nur wegen ihrer Eigenschaft als unumgänglich nothwendige Kunstgehilfen der Seele zu schätzen, sondern sie bewunderten auch an ihnen die Schönheit der Formen und bemühten sich in Folge dessen, den Händen die größte Pflege angedeihen zu lassen. Alle Völker des Orients, namentlich aber die in den Harem eingeschlossenen Schönen, welchen der Putz und die Schmückung des Körpers als die alleinige Lebensaufgabe galt, waren eifrig darauf bedacht, die Hand sorgfältig zu Pflegen und ihre natürliche Schönheit zu erhalten und zu erhöhen. Wir wissen dies z. B. von den Indern, die sich überhaupt ein feines Gefühl für Schönheit und Ebenmaß angeeignet hatten. Sie hielten eine kleine, schlanke Hand für eine Bedingung jeder Schönheit, und man wird nicht fehl gehen, wenn man annimmt, daß die Ringe von den Indern ursprünglich zu dem Zwecke erfunden worden waren, um die Finger durch fortgesetzten sanften Druck, durch eine schützende Decke schlank und zart zu erhalten. Die Sorgfalt, die Schönheit der Hände zu bewahren und die Finger mit Ringen zu schmücken, lebt auch bei den Orientalen der Gegenwart noch fort, und namentlich sind es die Hindu, welche im Ebenmaß und in der Niedlichkeit der Hände ihr höchstes Ideal sehen. „Die Hände der Hindu", sagt ein berühmter Orientreisender, „sind zart gebaut und gleichen einer feinen Weiberhand, daher auch die Griffe der indischen Säbel für die meisten europäischen Fäuste zu klein sind." Bei den schönheitsliebenden und hochgebildeten Griechen wurden solche Hände für vollkommen gehalten, die mäßig voll waren und bei denen sich über den Knöcheln der Finger kaum merklich gesenkte Grübchen, die mehr wie sanfte Beschattungen bemerkbar waren, vorfanden. Die Finger mußten lang und zart sein und sich unvermerkt abrunden. Die Römer kamen in diesem Geschmack mit den Griechen überein und theilten der Minerva die schönste Hand, der jugendlichsten aller schönen Göttinnen aber, der Diana, die schönsten Finger zu. Auch unsere Vorfahren stellten dieselben Forderungen an die Hand. Sie fanden das Ideal derselben in der Weiße und Weichheit der Haut, in der Kleinheit und der länglichen schmalen Form, sowie in laugen, geraden Fingern mit spitzem Ende und glänzenden, rosenfarbenen Nägeln. — Wie die Pflege der Hand überhaupt, so fand insbesondere die Pflege der Fingernägel bei den Römern die höchste Beachtung. Namentlich hielten sich die vornehmen Damen, welche in ihren Toilettenzimmern ein Heer von Dienerinnen um sich versammelten, zur Pflege der Nägel kunstgeübte Sklavinnen, die sich zum Putzen und Glätten derselben statt einer Scheere kleiner silberner Zangen und feiner Messerchen bedienten, aber auch häufig Gebrauch von allerlei Säften, Kräutern und mineralischen Pulvern machten, um die rauhen Unebenheiten und Neben- 14 auswüchse der Nägel abzuglätten und zu entfernen. Erst dann hatte der Nagel unter der geschickten Hand der Sklavin seine vollkommene Schönheit erreicht, wenn er, regelmäßig beschnitten und rein abgeglättet, in sanfter Fleischfärbung erglänzte. Vielleicht noch mehr als heutzutage beachtete man vor zwei Jahrtausenden schon, daß zu den Bewegungen der Hand, wodurch sich der Mensch klar und verständlich machen, seine Empfindungen so schön und ausdrucksvoll darlegen kann, auch schöne Finger und ein wohlgepflegter Nagel erforderlich seien. Und in der That, zu keiner Zeit hat man es besser verstanden, die Hand als ein Werkzeug des Ausdrucks zu gebrauchen, wie im Alterthum. Namentlich waren es die Nömer, welche beim Sprechen lebhaft gestikulirten und das Verständniß der Rede durch häufige und geschickte Bewegungen mit Händen und Füßen vermittelten. Diese Geberdensprache gewann noch an Bedeutung, als man anfing, die Haud- bewegnugen in bestimmte Regeln der Kunst zu bringen. Es entstand so die Cheironomie oder die Kunst, mit den Armen, Händen und Fingern regelmäßige Biegungen, Wendungen und Geberden hervorzubringen. Sie wurde gleichsam als eine Vorbereitungslehre zur nachahmenden Tanzkunst angesehen, bei der es im Alterthum weniger auf die Gelenkigkeit der Füße, als auf die ausdrucksvolle Beweglichkeit der Hände und Finger ankam, so daß der sachverständige Ovid nicht die Füße, sondern nur biegsame Hände als Erforderniß zum guten Tanze angibt. Wie der Taubstumme die Hand zur Dolmetscherin seiner Empfindungen macht, so verstanden es namentlich auch die orientalischen Haremsdamen, nicht minder aber die Römerinnen, durch die Sprache der Finger Mittheilungen irgend welcher Art an die richtige Adresse zu bringen. Die Finger aber, welche eine so beredte Sprache führten, mußten sich selbstverständlich auch durch Schönheit und Ebenmaß, durch Zierlichkeit und glänzende Fleischfärbung der Nägel auszeichnen. Unsere Schauspieler, ja auch die Kanzclredner verdanken ihre Erfolge wesentlich den maßvollen, schönen und ausdrucksvollen Bewegungen der Hände, und auch die Maler haben es verstanden, auf ihren Bildern die Sprache der Hände zum Ausdruck gelangen zu lassen. Dem Alterthume entstammt auch die Kußhand. Sie ist religiösen Ursprungs und diente anfangs nur als Ausdruck der Gottesverchrung. Später, zumal in der römischen Kaiserzeit, ward ihr Gebrauch allgemeiner. Otho wendete als Kaiserkaudidat Kußhändchen dem Volke gegenüber an, um ihm zu schmeicheln; Nero lehnte einen Ehrenkranz für sein Zitherspiel ab, indem er dem versammelten Publikum eine Verbeugung machte und Kußhündchen zuwarf. Ueberhaupt dankte der Schauspieler, wenn man ihm Beifall klatschte, durch Kußhändchen, und der Bettler suchte dadurch die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden zu erwecken. — Wenden wir uns nun zum Schlüsse der Chirognomie zu, der Lehre von der Beschaffenheit der Hand und ihrer Gestalt als ein Ganzes, die besonders von dem Kapitän d'Arpentigny in den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts in ein System gebracht wurde. Henri Delaage weist in seiner „kerksotionnemsut xl^sigus äs Irr raes IrurnLivs« nach, daß die Körpergestalt das Nelicfbild des moralischen und geistigen Wesens des Menschen sei; die Gedanken und Empfindungen verleihen der Gesichtsbildung ihren Ausdruck, bringen ihn entweder dem Thiere näher oder verschönern ihn durch poetischen Hauch. Die Hand ist ebenso eine Physiognomie wie das Gesicht; eine schöne Hand ist ein von der Natur mitgegebener Empfehlungsbrief, aber während Gesicht und Gehirn unter den gestaltenden Einflüssen der Vergangenheit und Gegenwart sich heransformen, soll die Hand das Buch der Zukunft sein. Die Hände sind das lebende Wappen, das ein Kind wie eine Erbschaft in die Welt mitbringt; sie sind daS Kennzeichen der Nasse. Die Hände aristokratischer Familien sind wesentlich verschieden von denen der Bürger oder der unteren Volksklassen; schöne Hände, die durch edle Form, durch wunderbar feines, bläulich und scharf durch die elfenbeinfarbene Haut hindurchleuchtendcs Geäder, sowie durch rosige, gewölbte, lange Nägel entzücken, sind wie Adelsbriefe, die von einer Reihe edler Vorfahren Zeugniß ablegen. — Thackeray hebt hervor, daß es vor allen anderen Gliedmaßen die Hände seien, welche durch die Art der Beschäftigung am meisten in ihrer Formation beeinflußt und bestimmt werden. Eduard Reich bemerkt, daß die Bedeutung der Hände für das Seelenleben immer größer wird, je höher die Stufe organischer und socialer Entwicklung des Menschen ist. Merkwürdig aber sei es, daß die Intelligenz nicht so großen Einfluß auf die Verfeinerung der Hände ausübt, als das Gefühlsleben, und je höher dieses in guter oder böser Richtung potenziert ist, desto feiner organisirt sehen wir die Hände. Viele der größten Geister besaßen Hände, die einem Landsknechte des Mittelalters Ehre gemacht hätten, während Menschen mit höchst entwickeltem Gefühlsleben meistens vergeistigte, ätherisch schöne Hände auszuweisen haben. d'Arpentigny theilt die Handformen in sieben Kategorien: elementare, schanfelähnliche, künstlerische, nützliche, philosophische, seelische und gemischte. Die elementare Hand zeigt eine sehr niedrige Stufe der Civilisation an; ihr Handteller ist mächtig groß, dick und hart, die Finger klotzig, ungelenk; „eL ist die Hand der gröbsten Arbeit, ihr Inhaber kann sein Glück namentlich im Kriege als tüchtiger Dreinschlägcr machen." Die schanfelförmige Hand zeigt einem Grabscheit ähnliche erste Fingerglieder. Leute mit solchen Händen sind außerordentlich thätig, in steter Bewegung, im Frieden tüchtige Handwerker oder Anhänger leichter Liebhabereien, im Kriege muntere Soldaten; Billardspieler von Profession; die Tanzbodenkönige, Fechtmeister und dergleichen haben fast immer Schaufelhände. — Die künstlerische Hand hat im ersten Gliede ziemlich starke Finger, die mehr oder minder kegelförmig spitz zulaufen; der Daumen ist klein, der Handteller gut entwickelt. Menschen mit solchen Händen suchen alles Schöne nur in der Gestalt, ziehen das Schöne dem Nützlichen, die Form dem inneren Wesen vor. Enthusiastische Schwärmgeister, auch Abenteurer, Glücksjäger, von ihrer Verschmitztheit lebende Personen besitzen fast ausnahmslos derartige Hände. — Die nützliche Hand ist von mittlerer Größe, hat plumps- Finger mit vierkantigem Endgliede, großen Daumen mit stark entwickelter Wurzel. „Dies ist die Hand der Mehrzahl der Industriellen und Bourgeois", die das Bequeme an Stelle des Schönen setzen, — der Menschheit nützliche Leute, die Eisen- und Pferdebahnen anlegen, sich mehr bequem als elegant kleiden, für welche Liebe und Ehe häufig nur ein materielles Geschäft sind. — Die philosophische Hand hat einen ziemlich großen, elastischen Handteller, starke Fingergelenke, einen großen Daumen. Eine solche, 4 L/- - 0 15 von allen anderen am leichtesten zu unterscheidende Hand besitzen die Grübler in wissenschaftlichen Dingen, die Forscher. Die seelische Hand ist ohne Zweifel die schönste und auch seltenste: die aristokratische Hand. Sie ist im Verhältnisse zur Körpergröße klein und fein, der Handteller mittlerer Größe, die Finger gelenkig, die Fingergelenke wellig und schlank. Sie ist das Anzeichen elegant harmonischer Bewegungen, der Sitten der besten Gesellschaft, — aber Zur Arbeit ungeeignet, befähigt sie nur zu einem Leben gleich dem der Böge! unter dem Himmel oder der Lilien auf dem Felde. Eine solche Hand ist das Entzücken der Frauen. — Die gemischte Hand, welche überaus häufig vorkommt, läßt sich in keine dieser Kategorien einreihen, sondern zeigt Kennzeichen aus ihnen allen gemischt. Kleine Daumen zeigen einen Gefühlsmenschen an, der mehr dem Impulse als der kalten ruhigen Ueber- legung folgt. Auch die Fingcrnägel haben ihre Bedeutung. Lang geformte Nagel kennzeichnen eine gesunde Natur und einen mißtrauischen Charakter; lange und breite Nägel verrathen Leichtsinn und Verschwendung, ebenso kleine, halbkreisförmige; kleine, runde Nägel bezeichnen einen zornigen verdrießlichen Menschen; kleine, eingebogene Nägel lassen auf Ehrgeiz und Hoffart schließen; flache auf Uu- offenheit und Falschheit; dicke, fleischige auf Trägheit und rohe Sinnlichkeit, während endlich schön gezeichnete, mandelförmige Nägel einen vornehmen Charakter, Stolz und Idealismus kennzeichnen. Um nun zu prüfen, ob und wie viel Wahres in Obigem enthalten sei, ist das einfachste Mittel, an der Hand der Selbsterkenntnis; feine eigene zn studieren oder die Hände von Freunden und Bekannten darauf hin zu untersuchen. Zu einem sicheren Erfolge ist aber Erfahrung und reiche Kenntniß des Lebens erforderlich. Ebenso wie gebildete Leute an Phrenologic glauben, ist dies auch mit der Chirognomie der Fall; oftmals macht mau bei Anwendung ihrer Lehren erstaunliche Entdeckungen, oftmals aber kommt man auch in die Lage, auf sich selbst einen Vergleich aus dem Thierreiche anzuwenden. Wie immer, liegt auch hier die Wahrheit in der Mitte und thut die Phantasie ein klebriges. -- Münchens Bierbrauereien. München steht in Bezug auf eigenen Vielverbrauch und in Bezug auf Güte und Weltruf seines Gebräues unter allen biererzeugendcn Großstädten der Erde zweifellos in erster Linie. Viele, so schreibt die „K. Z.", unter den dreißig jetzigen Brannbierbrauereien Münchens haben eine mchrhnndertjährige, in ihrer Art nicht uninteressante Geschichte, wie denn z. V. am 27. September 1889 vom kgl. Hofbräuhaus und dieses Jahr von der Eberl - Faber - Brauerei der Jahrestag des 300jährigen Bestehens festlich begangen worden ist. Daran, daß, abgesehen von der eigenen Brauerei im Hause, das Brauwesen bis zum 11. und 12. Jahrhundert fast ausschließlich und auch seitdem noch vielfach in den Klöstern betrieben wurde, erinnern die Augnstincrbrauerei und die die Salvatorbrauerei der alten Paulaner Mönche weiter cnltivirende Zacherlbrauerei, während der Francis- caner- oder Leistbräu blos die Zufälligkeit des Namens mit der Brauthätigkeit der Frait^scanermönche gemeinsam hat. Obwohl nicht alle Brauer dies gelten lasten wollen, ist es doch zweifellos, daß die bayerische Bier- Industrie ihre Blüthe theilweise der mittelalterlich strengen, die Verwendung aller andern Grundstoffe als Malz, Hopfen und Wasser mit hoher Strafe belegenden Gesetzgebung, sowie dem durch das staatliche Hofbräuhaus gegebenen guten Vorbild verdankt. Unter allen biererzeugenden Ländern steht Deutschland in erster Linie (innerhalb Deutschlands wiederum Bayern und innerhalb Bayerns die Stadt München); demnächst kommen in der Reihenfolge England, Nordamerika, Oesterreich-Ungarn, Belgien und Frankreich. Auf dem europäischen Continent galten bis vor Kurzem und gelten noch vielfach heute die beiden Münchener Niesenbraueien „Zum Löwenbräu" (Actiengcscllschaft) und „Zum Spaten" (Privatbesitz der Gebrüder Anton, Johann und Karl Sedlmayr) in Anbetracht ihrer ungeheuren Biererzeugung als die größten. Bei vollem Betrieb geht aus jeder dieser beiden Brauereien täglich eine Viermenge hervor, die für eine halbe Million Seidel Bier ausreicht. Dabei sei bemerkt, daß jedwede das fertige Bier berechnende Statistik auch für Bayern blos auf Schätzung beruhen kann, während wegen der staatlichen Malzbesteuerung die Statistik des von den einzelnen Brauereien verbrauchten Malzes, wie sie in Bayern alljährlich am 1. Juli veröffentlicht wird, sehr genau ist. Bei der Umrechnung des verbrauchten Malzes in fertiges Bier läßt die bayerische Regierung auf je 100 Hektoliter Malz 220 Hektoliter Bier entfallen, während in Wahrheit bei dem jetzt üblichen Münchener Brauverfahren blos etwa 205 bis 206 Hektoliter Bier herauskommen. Nun sind 1892 in München 2,954,798 Hektoliter Braunbier gebraut worden, wovon die größere Hälfte mit 1,586,505 Hektoliter an Ort und Stelle aus- gctrunken, die kleinere dagegen mit 1,372,260 Hektoliter in den eisgekühlten eigenen Waggons der Großbrauereien (Spatenbräu besitzt deren allein gegen 150) nach allen Himmelsrichtungen versandt wurde. Jener vielleicht 1000 Waggons umfassende und ausschließlich der Bier- ansfuhr dienende Wagenpark, wie er sich dem mit der Eisenbahn Ankommenden als das Erste darstellt, waS er von München erblickt, gehört entschieden mit zu den Sehenswürdigkeiten der süddeutschen Großstadt. Von sämmtlichen 30 Brannbierbrauereien Münchens sind im Sndjahre 1892/93 1,346,606 Hektoliter Malz verbraucht worden, wovon auf die beiden größten Anlagen (Löwcubräu und Spatenbräu) je fast eine Viertclmillion Hektoliter, auf die kleinste dagegen blos 68 Hektoliter entfallen. Die Reihenfolge der bekannteren Brauereien ist nach dem Malzverbranch von 1892/93: Löwcubräu, Spatenbräu, Leistbräu (auch Franciscaner-Bräu genannt), Pschorrbräu, Augustinerbräu, Bürgerliches Brauhaus, Hackerbräu, Zacherlbrän, Hofbräu, Kochclbräu, Münchner Kindl, Eberlbrüu u. s. w. Aeußerst feine, für den Nicht- fachmann ganz unwesentliche Unterschiede abgerechnet, wird in allen Münchener Sudhäusern genau nach dem gleichen, von altersher empirisch festgestellten Recept ge- brant.' Die Theorie namentlich deS Gährungsproccsses, die von dem jetzt verstorbenen, um Münchens Brauwesen hochverdienten Commcrcienrath Gabriel Sedlmayr aus England auf bayerischen Boden verpflanzt wurde, hat weniger an der Beschaffenheit des Bieres geändert, als daß sie durch Verbesserung der gewaltigen maschinellen Anlagen den Betrieb im Großen erleichterte und auch 16' wohl eine größere Gleichförmigkeit des Fabrikats ermöglichte. DaS Münchener Bier ist gegen frühere Zeiten andauernd etwas stärker geworden. Auch sind, seit der Staat Ende der sechziger Jahre aufgehört hat, je nach dem Marktwerth von Malz und Hopfen den BierpreiS festzustellen, die früheren Unterschiede zwischen leichterem Winter- und schwererem Sommerbier mehr und mehr verwischt worden. Letzteres wird jetzt während des ganzen Jahres verzapft, während zwei untereinander sehr ähnliche, eigentlich blos durch den Namen verschiedene Münchener Specialitäten, nämlich das schwere Salvator- und das süßliche Bockbier, alter Sitte und Geschmacksrichtung entsprechend, blos im Frühjahr zu haben sind. Während die oft gehörte Behauptung, als ob das in Berlin oder Köln znm Ausschank gelangende Münchener Exportbier oder das zum Versandt in die Tropenländer bestimmte pasteurisirte Flaschenbier stärker als das in München verzapfte eingesotten sei, von den Münchener Brauern bestritten wird, verhält sich allerdings der Exiract- gehalt des schweren und süßen Bockbieres zu demjenigen des gewöhnlichen wie 20 zu 14. Wer die Räume dieser oder jener Münchener Groß- braucrei durchwandert, wird zuerst auf die wohlgelüfteten Lagerräume stoßen, wo der zur Bewahrung seines Aromas in luftdichten eisernen Cylindern eingepreßte bayerische oder böhmische Hopfen und die aus dem Boden aufgeschichtete deutsche oder ungarische Gerste, die, damit der sogen, schwarze Wurm (ein Rüsselkäfer) sie nicht frißt, des öfteren umgeschaufelt werden muß, der Verwendung harren. Große Sorgfalt wird der-Noinigung der Gerste und der Entfernung der kleineren, einen gleichförmigen Keimungsproceß verhindernden Körner zugewandt. Ungeheure Bottiche aus Eiseu oder Stein und Cement dienen dem zweitägigen Aufquellen der mit Wasser vermengten Gerste, während eingepumpte Luft durch Hin- und Herschieben des Kornes eine Beseitigung des etwa noch vorhandenen Schmutzes bewirkt. Man glaubt sich in das kühle Labyrinth einer geradezu ungeheuerlichen Anlage von unterirdischen Kirchcugrüften versetzt, wenn man zu jenen weißgetünchten, mit Lithographensteinen belegten endlosen Kellergewölben — bei Spatenbräu umfassen diese Malztennen 12,500 Quadratmeter — her- niedersteigt, wo die etwa alle acht Stunden, unter der Beleuchtung des elektrischen Lichtes, umgeschaufelte Gerste bei niederer Temperatur (während der heißesten Sommerzeit wird kein Malz bereitet) ihren acht- bis neuntägigen Keimproceß durchmacht. Wer brauen will, darf vor schroffen Temperaturwechseln keine Angst haben, denn nun geht es zur zweistöckigen Malzdarre, deren Fußboden aus feinem, von unten her die Hitze durchtastendem Draht besteht, und wo jetzt ein sehr verwickelter Mechanismus das Umwenden der 24 Stunden im obern und ebenso lange im heißern untern Stock verweilenden Gerste besorgt. Früher aber und jetzt noch in kleinen Brauereien mußte Menschenhand bei 70° R (also blos 10 oder hier im hochgelegenen München 9° unter dem Siedepunkt des Wassers) die letztgenannte Arbeit verrichten. Die geröstete Gerste, die nunmehr Malz heißt, wird in fein erdachten Maschinen von den unten im Keller herangekeimten Wurzelfasern befreit, die dem Bier einen unangenehmen Geschmack geben würden, und lagert dann vor der Benutzung, in Säcke verpackt, wenigstens einige Wochen lang, damit aus der Luft wieder etwas Feuchtigkeit aufgesogen werden kaun. Kurz vor dem Sudverfahren wird das Malz in der Weise zerquetscht, daß, während der Kern zu staubigem Mehl zerfällt, die später als Filtrirmittel dienende Hülse des Gerstenkorns möglichst unzerrisscu bleibt. Die Sudwerke sind allerdings während des Winters stärker als im Sommer. In den Gährkellern, wo das Thermometer etwa 6 bis 8° ü, über Null zeigt, wird als weißgelbliche, einem Mehlteig gleichende Masse die Hefe zugesetzt. Acht oder zehu Tage währt es, bis das Einsinken des Schaumes und die Klärung der Masse das Ende der Gührung ankündigt und das Bier seinen Weg zu noch kühleren Kellern (im Sommer zeigt dort das Thermometer gewöhnlich */z Grad über Null) in die je 30—50 Hektoliter enthaltenden Lagerfäffer nimmt. Zwei Monate genügen vollauf zur Ablagerung, und das meiste Münchener Bier dürste etwa in zwei- bis dreimonatlichem Alter getrunken werden. Bei längerem Lagern verliert sich der hier beliebte ganz leicht süßliche Geschmack. Die so überaus ergiebige unter dem Namen „Malzaufschlag" bekannte bayerische Bicrstcuer wird auf eine ebenso einfache wie sinnreiche Weise festgestellt. Bei jenen Maschinen, die das Brechen des Malzes besorgen, befindet sich ein selbstregistrirender, mit amtlichen Siegeln versehener Apparat, an dem die Beamten, sei es täglich, sei es wöchentlich, die Menge des gcschrotencn Rohmaterials ablesen. Während früher in den großen Münchener Brauereien, ähnlich wie dies noch jetzt auf dem Lande der Fall ist, mit Natureis gekühlt wurde, hat die Rücksicht auf Ranmersparniß immer mehr Zur Kälte-Erzeugung durch Dampfmaschinen geführt. --SrNZ-S-.--- ALLesLSll. Bei der Wahrsagerin. „Wenn ich Ihnen die Geheimnisse Ihrer Vergangenheit und Zukunft enthüllen soll, haben Sie fünf Mark zu zahlen, mein Herr." „Hier sind sie. Und damit ich an die Enthüllungen meiner Zukunft glauben kann, erzählen Sie mir etwas aus meiner Vergangenheit." „Nichts leichter als das. Sie sind in Ihrer Ehe unglücklich gewesen." „Ich war nie verheirathet." „Hm. Sie haben von falschen Freunden zu leiden gehabt." „Meine Freunde sind erprobt." „Hm. Man kann sich irren. Sie sind ein Vielgereister." „Mein weitester Ausflug hat sich bis znm nächsten Dorfe erstreckt." „Er, da muß ich doch Ihre Hand genauer ansch'n. So — gleich kann ich besser darin lesen. Nun hab' ich's. Sie haben einen Geldverlust erfahren." — „Ganz recht; die fünf Mark, die Sie mir soeben abgenommen haben." --SW2SS-..- Homonym. Von einem Volk ich mich AlS Gott verehren ließ, Mein Ansch'n längst entwich, Weil mich daS Volk verstieß. Ich bin nicht recht gescheidt, Erdulde Spötterei'», Kommst du zu später Zeit, Lass' ich dich nicht herein. Lr. Auslösung der Schachaufgabe in Nr. 1: Weiß. Schwarz. 1. <14 und 2. 0 entsprechend resp. lli : bü -j-. ---EZH-- 3 . 1894 . „Augsburger Postzeitung". Dienstag, den 9. Januar Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Znstirnts von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbesitzer Dr. Max Huttler). Auf verwegener ZZahn. Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Elegant möblirt, aber durchaus nicht mit Luxus überladen, war das Zimmer, in welchem eine junge 20 jährige Dame vor dem Trumeauspiegel stand. Zum Ausgehen angekleidet, warf sie eben einen letzten prüfenden Blick hinein. Ihr Wuchs war hoch und schlank, aber von einem solch wunderbaren Ebenmaße, daß sich die Größe ihrer Figur nur bestimmen ließ, wenn andere, neben ihr stehende Personen Gelegenheit zu einem Vergleiche boten. Ihr reiches Haar schimmerte wie Gold, ohne dazu erst der Mithilfe der Sonnenstrahlen zu bedürfen; es fiel in kleinen natürlichen Löckchen auf die Stirn und war im Nacken einfach zu einem griechischen Knoten verschlungen. In dem schönen, milden Antlitz strahlten ein Paar große, tiefblaue Augen, wie zwei Sterne. Ihr beabsichtigter Ausgang sollte einem Einkaufe für den heutigen Nachtisch gelten, und eben stand sie im Begriff, sich für diesen Zweck mit einem zierlich geflochtenen Körbchen zu versehen, als Martha, das Dienstmädchen, eintrat. „Ihr Herr Vater läßt Sie bitten," meldete diese ihrer Herrin, „heute Vormittag zu Hause zu bleiben; er habe mit Ihnen zu sprechen. „Gut", sagte Siglinde kaum hörbar, während sich das Mädchen wieder entfernte. Sie war betroffen. Daß der Vater, dieser mit pedantischer Strenge sich an die Geschäftsstunden bindende Kaufmann, während der Comptoirzeit seine Fa- milienwohnung betrat, war etwas ganz Ungewöhnliches, ja Unerhörtes. Siglinde erinnerte sich nur eines einzigen derartigen Ausnahmefalles; als er bei dem Tode der Mutter heraufgeholt worden war. Sie machte sich daher auf etwas sehr Ernstes gefaßt. Schon seit Jahr und Tag hatte sie ihm einen schweren Kummer angemerkt, jein Haar war in dieser Zeit gebleicht, sein Gesicht sehr gealtert. Aber sie hatte nicht gewagt eine Frage an ihn zu richten, denn sie glaubte, ihre Schwester Erika sei die Ursache seines Kummers, und dieser Name durfte in Gegenwart des Vaters nie ausgesprochen werden. Erika, acht Jahre älter als Siglinde, war von bodenlosem Leichtsinn gewesen. Alle auf ihre Erziehung verwenvete Sorgfalt hatte nichts genützt. Als größeres Schulmädchen bereits eine Schönheit und vollendete Coquette, gab sie sich Rendezvous mit verliebten milch- bärtigen Gymnasiasten und machte dem makellosen Rufe der Familie Unehre. Nachdem sie der Schule entwachsen, brachte der Vater sie in einem strengen Erziehungsinstitute in Brüffel unter. Von dort entfloh sie, und bald erfuhr man, daß sie sich einer wandernden Sängergesellschaft angeschlossen hatte. Ihre schöne Stimme bahnte ihr später den Weg zur Bühne; dann war sie nach Amerika gegangen, und seitdem hatte man bis zum heutigen Tage nichts mehr über sie gehört. Den Leichtsinn hätte der Vater ihr vielleicht noch verziehen, daß sie damit .aber zugleich eine herzlose Gleichgiltigkeit gegen ihre Familie verband, nach welcher sie nie wieder gefragt hatte, und daß darüber das zärtlich liebende Herz der Mutter brach —, das vermochte ihr der Vater niemals zu verzeihen. Er hatte sich gänzlich von der entarteten Tochter losgesagt, hatte ihren Namen aus seinem Gedächtniß gestrichen, als ob er sie niemals besessen, und mit der Zeit war über dem Grabe in seinem Herzen Gras gewachsen. Und nun? Hatte dieses Grab sich vielleicht wieder geöffnet? Hatten sich im Vater bei seinem zunehmenden Alter Regungen der Sehnsucht nach dem verlorenen Kinde eingestellt? Waren harte Schicksalsprüfungen über Erika hereingebrochen, vor deren erschütternder Tragik die Eisrinde um das väterliche Herz zu schmelzen begann? War wohl gar eine jähe Katastrophe eingetreten, welche den schleichenden Gram des alten Mannes bis zu jener fieberhaften Aufregung, die Siglinde seit einigen Tagen an ihm wahrgenommen, gesteigert hatte? Während Siglinde, den Kopf in die Hand gestützt, noch mit diesen Gedanken beschäftigt war, trat Schönaich, ihr Vater, selbst ein. Kummer und Sorge hatten tiefe Falten in sein Antlitz gegraben, sein Haar war ergraut und sein Kinnbart schneeweiß, aber in seiner aufrechten Haltung und in seinen Bewegungen verrieth sich noch ungebrochene Kraft. „Ich sehe Dir's an, Siglinde", begann er, nachdem er eine Weile schweigend auf- und abgegangen war, „daß Du auf eine ernste Nachricht vorbereitet bist." „Mir ahnt, daß sich etwas mit Erika —" Sie hatte den Muth gefunden, diesen Namen übn ihre Lippen zu bringen. Aus dem Kopfschüttcln des Vaters und mehr noch aus dem eisigen Lächeln, wovon jenes begleitet war, merkte sie sogleich, daß ihre Vermuthungen sich auf einer falschen Fährte bewegt hatten. Er rückte sich einen Stuhl zurecht, ließ sich darauf nieder und begann von Neuem: „Du hast einen starken Geist, Siglinde. Ich kann mir daher alle weitläufigen Auseinandersetzungen ersparen. Heute noch, und zwar so bald wie möglich, mußt Du Deine Sachen packen. Ich begleite Dich nach dem Gute Nottenbach, zu Deiner Freundin Helene Steinau, und kehre dann wieder zurück. Du bleibst bis auf Weiteres dort. Von diesen trauten Räumen hier, wo Du geboren und aufgewachsen bist, nimm Abschied, Du wirst sie wahrscheinlich nie wiedersehen." — Siglinde fühlte sich von dieser Eröffnung wie von einem Donnerschlage berührt, denn Schreckliches mußte sich im Hintergründe derselben bergen. Aber sie faßte sich, um das berechtigte Vertrauen des Vaters in ihre starkgeistige Natur nicht zu täuschen. „Du kennst die Einschränkungen," fuhr Schönaich fort, „die ich allmählich in unserem Haushalte eintreten ließ, und hast mich darin in opferwilliger Weise unterstützt, Du hast auf die meisten der gewohnten Vergnügungen verzichtet, hast Dich schon seit langem mit nur einem Dienstmädchen behalfen und die Hauptlast des Haushaltes auf Dich genommen, ohne nur zu fragen, weßhalb. Du hast vielleicht geglaubt, es sei eine plötzliche grillenhafte Laune Deines reichen Vaters, sich einer engherzigen Sparsamkeit zu befleißigen. Das war es aber nicht, sondern es war ein eiserner Zwang. Ich habe ohne mein Verschulden schwere geschäftliche Verluste erlitten, ein Schlag traf mich nach dem andern. Ich habe Dir's bis zur letzten Stunde verheimlicht, jetzt aber mußt Du es erfahren, daß ich unmittelbar vor dem Bankerott stehe. Meine Hauptgläubiger haben mir eine Gnadenfrist von wenigen Tagen gegeben, weil ich mich noch an eine schwache Hoffnung auf Rettung klammerte. Die Hoffnung hat getrogen, die Frist ist verstrichen. Zu jeder Stunde kann dieses Haus unter Siegel gelegt werden. Du sollst nicht Augenzcu- gin von dem kläglichen Zusammenbruche werden, deßhalb bringe ich Dich heute noch mit einem der nächsten Eiscn- bahnzüge zu Deiner Freundin, die von unserer Ankunft bereits unterrichtet ist." Von allen Empfindungen, welche diese ganz unerwartete Hiobsnachricht in dem jungen Mädchen wachrief, war keine so stark, als das schmerzliche Mitleid mit dem geliebten Vater, den nach den harten Schicksalsprüfungen, die sein Familienleben heimgesucht, nun, da sein Haupt ergraut war, auch noch das bittere Loos der Verarmung treffen sollte, und das sogar unter Umständen, die ihn bei seinem strengen Ehrbegriff und seinem Nedlichkeits- gefühl sein Unglück nur um so tiefer empfinden lassen mußten. Siglindes nächster Gedanke war, ob wirklich keine Hilfe, keine Rettung möglich sei? Und da tauchte unwillkürlich eine lebhafte Erinnerung an ihre Kinderzeit in ihr auf. Sie sah sich mit ihrer älteren Schwester Erika in einem großen, schönen Garten, der weit draußen in einer Vorstadt lag. Dort hatte sie sich oft umherge- tummelt unter den Augen einer Frau, die an einem Krückstock ging. Diese Frau, welcher der Garten gehörte, war ihre Tante, die Schwester der verstorbenen Mutter. Seit ihrem achten Jahre etwa hatte Siglinde den Garten nicht wieder betreten und die Tante nicht mehr gesehen; es war zwischen sie und dem Vater ein dunkles Zer- würfniß getreten und hatte die Familie entzweit, aber nie war sich Siglinde darüber klar geworden. Doch wußte sie, daß die Tante reich, steinreich war und noch lebte. Wenn Jemand helfen konnte, so war sie es. „Vater", begann Siglinde, wie aus einem Traum erwachend, „verzeihe mir, wenn ich Dir in meiner Unwissenheit einen Rath zu geben wage, den vielleicht Dein Stolz verwerfen muß. Ich weiß nicht, was zwischen Dir und Tante Rollenstein einst vorgegangen ist, aber in einer Lage, wie die Deinige, würde die Schwester meiner Mutter Dir vielleicht ihre Hilfe nicht versagen." Schönaich zuckte zusammen, wie von etwas Giftigem berührt, und seine Stirn legte sich in finstere Falten. „Es wäre ein Verbrechen, wenn ein Mann in meiner Lage auch noch stolz sein wollte," entgegnete er. „Eben die Tante war jene letzte schwache Hoffnung, an der ich mich festzuhalten versuchte. Ich machte den bitteren Gang zu ihr, aber sie nahm meinen Besuch gar nicht an. Dennoch ließ ich mich durch diese Zurückweisung nicht abschrecken, sondern wußte sie außerhalb ihres Hauses zu treffen. Sie mußte mich anhören; ich gestand ihr meine verzweifelte Lage, nannte ihr die Summe, mit der ich mein leckgewordenes Schiff wieder flott machen könne, und bat sie um ihre Hilfe, nicht meinetwegen, sondern um der Ehre des Namens wegen, den ihre todte Schwester getragen hatte. Mit Hohngelächter wies sie mich abl" „O, welche Härte des Herzens I" rief Siglinde, das Gesicht in den Händen bergend." — „Ich will", versetzte Schönaich bitter, „Dir erzählen, was es zwischen ihr und mir einst gegeben hat, — und darnach wirst Du bemessen können, welche Ueberwindung dazu gehörte, mich ihr jetzt als Bittender zu nahen . . . Sie hatte in ihrer Jugend ein Verhältniß mit einem Leutnant v. Harnisch. Aber Beide waren arm, und ein Leutnant, der selbst nichts besitzt, kann kein Mädchen ohne Vermögen zur Gattin nehmen. Die Tante war es, welche die Hoffnungslosigkeit dieser Liebe zuerst einsah, denn als ein alternder Junggeselle, ein Millionär, von ihrer blendenden Schönheit bestochen, ihr seine Hand anbot, griff sie zu, ohne sich lange zu besinnen. Auch der Leutnant wußte sich zu trösten; er heirathete ein Mädchen, deren Vermögen zu einem standesgemäßen Leben ausreichte. Bei Beiden hatte also die Vernunft gesiegt, aber die Herzen schien dies nicht getrennt zu haben, wenigstens ging Harnisch im Hause seiner ersten Geliebten aus und ein, bis er mit seinem Regiment nach Elsaß versetzt wurde. Als vor zwölf Jahren der alte Rollenstein starb, wollte Harnisch, der inzwischen Wittwer geworden war, die Tante heirathen, und er kam hierher, um die Sache persönlich zu betreiben. Seine Bewerbung fand bei der ehemal'gen Geliebten eine sehr willige Aufnahme. „Alte Liebe rostet nicht," sagt das Sprichwort, er durfte noch immer als ein schöner Mann gelten, war auch inzwischen zum Major avanciert und der Titel „Frau Majorin v. Harnisch" mochte dem Ohre der Tante nicht wenig schmeicheln. Als die Heirath eine beschlossene Sache war, warnte ich die Tante ernstlich vor diesem Schritte. Sie hatte damals bereits die Mitte der Vierzig überschritten, von ihrer ehemaligen Schönheit war längst die letzte Spur verweht, und seit sie in Folge eines Hüft- leidens operirt worden war, hatte sie einen hinkenden Gang und mußte am Stocke gehen. In der besten und wohlmeinenvsten Absicht von der Welt und in der schallendsten Weise stellte ich ihr dies vor und versuchte sie zu überzeugen, daß der Major v. Harnisch bei seinem Eheantrage gewiß von ganz anderen Beweggründen geleitet werde, als das Ideal seiner Jugend als Gattin heimzuführen. Dunkle Gerüchte, die mir über seinen Straßburger Aufenthalt schon früher zu Ohren gekommen waren, hatten mich veranlaßt, an zuverlässiger Quelle Erkundigungen einzuziehen, und da hatte ich denn erfahren, daß er schlimmen Leidenschaften huldigte und daß er das ganze Vermögen seiner verstorbenen Frau im Hazardspiel vergeudet hatte. Nichts konnte klarer sein, als daß er sich nun in die Arme der früheren Geliebten retten wollte, um sich an ihrem Reichthum zu erholen. Meine Offenheit in Bezug auf ihre geschwundenen Jugendreize nahm mir die Tante sehr übel; meine Mittheilungen über das sittenlose Leben des Majors glaubte sie mir einfach nicht. Sie warf mir vor, daß ich mich nur durch die schmutzigste Selbstsucht zu solchen Verleumdungen habe hinreißen lassen, um die Heirath zu hintertreiben. Die Tante muß den Inhalt dieser Unterredung dem Major mitgetheilt und dabei mein abfälliges Urtheil über seinen Lebenswandel in dem gehässigsten Lichte dargestellt haben. Er suchte mich am nächsten Abend in einer öffentlichen Gesellschaft auf und schlug mir Mit der Reitpeitsche ins Gesicht, daß ich blutüberströmt und bewußtlos zu Boden stürzte. Ich konnte mich mit den Striemen in meinem Gesicht mit Ehren nicht mehr auf der Straße, nicht mehr in meinem Comptoir sehen lassen, wenn ich nichts als ein gerichtliches Strafurtheil gegen meinen Beleidiger als Sühne auszuweisen gehabt hätte. Als ehemaliger Reserveoffizier wußte ich, was ich zu thun hatte. Ich forderte den Major auf Pistolen. Er zielte nach meiner Stirn und streifte mir nur das Haar, ich zielte nach seinem linken Arm und traf sein Herz." Das also war es, was die beiden Familien entzweit hatte, und jetzt konnte sich Siglinde erklären, weß- halb der Vater einst viele Monate lang abwesend war und weßhalb sie aus der Schule genommen und lange Zeit hindurch zu Hause durch Privat- lehrer unterrichtet worden war. „Vater!" sagte Siglinde, „ich verstehe jetzt die Demüthigung, welcher Du Dich als Hilfesuchender bei der Tante ausgesetzt hast. Ich habe keinen Antheil an dem, was ihre Rachsucht gegen Dich erweckt hat, ich bin an jenen Ereignissen unschuldig und ich weiß, daß sie mich in den Tagen meiner Kindheit gern gehabt hat. Vielleicht gelingt mir, was Dir nicht gelang. Ich will zu ihr eilen, ich will sie auf meinen Knieen anflehen, Dich zu retten." „Ich danke Dir, geliebtes Kind," entgegnete Schön- aich mit einem warmen Blick auf seine Tochter. „Aber Du kennst das steinerne Herz dieser Frau schlecht, Du selbst bist ein Werkzeug ihrer Rache an mir." „Ich?" frug Siglinde mit ungläubigem Erstaunen. „Höre nur, Du wirst mich gleich verstehen. Der alte Rollenstein hat ein Testament hinterlassen, wonach sein Vermögen nach dem Tode seiner Wittwe entweder nur an die nächsten Blutsverwandten übergehen darf oder der Stadt zu gemeinnützigen Zwecken anheimfällt. Fremde Personen können nichts erben, wobei der Testa- tor jedenfalls an Harnisch gedacht hat, auf den er eifersüchtig war und dessen Besuch in seinem Hause er sehr ungern sah. Da Nollenstein keine näheren Verwandten mehr besaß, so waren unter den nächsten Blutsverwandten nur Du und Erika zu verstehen, und in diesem Sinne hatte denn auch die Tante in ihrem eigenen Testamente verfügt. Als Erika aus dem Pensionat entfloh und zum Theater ging, wurde sie natürlich aus der Erbfolge ausgeschlossen. Du wurdest nun Universal- Erbin und — Du bist es noch bis zu dieser Stunde." „Wie?" rief Siglinde, „selbst nach jenem Familien- zerwürfniß sollte diese Bestimmung unverändert aufrecht geblieben sein?" „Unverändert allerdings nicht," erwiderte Schönaich mit einem sarkastischen Lächeln, „sondern Du bist an gewisse Bedingungen gebunden, durch welche sie die von ihrem Gemahl ihr auferlegte Beschränkung, daß Fremde nichts erben dürfen, geschickt zu umgehen versucht. Der Major v. Harnisch hat nämlich einen Sohn hinterlassen, und nur unter der Bedingung, daß Du diesen Sohn heirathest —" Er hielt inne. Warum war Siglinde plötzlich so bleich geworden? Es war wohl nur ein täuschendes Spiel des Sonnenlichtes auf ihrem Antlitze, hervorgerufen durch die veränderte Haltung ihres Hauptes. „Nur unter der Bedingung, daß Du den jungen Harnisch heirathest, wirst Du Erbin; weigerst Du Dich, so tritt die andere Bestimmung in Kraft, wonach das ganze Vermögen der Stadt zufällt. Der Hauptzweck, den die Tante dabei verfolgt, ist offenbar der, durch diese Heirath dereinst dem jungen Harnisch ihren Reichthum in die Hand zu spielen, welchen mit ihr selbst zu genießen dem Vater nicht vergönnt war. Dabei schlägt sie uns zugleich ein Schnippchen, indem sie Deiner freien Selbstbestimmung Fesseln anzulegen und Dir als Gatten den Sohn eines Mannes aufzudrängen versucht, der mich thäilich mißhandelt hat. Ich habe Dir von dieser Erbschaftsaugelcgenhcit nie etwas gesagt, um Dich nicht unnütz aufzuregen." „Wo ist dieser Sohn des Majors?" frug das junge Mädchen. „Kennst Du ihn?" „Ich habe ihn nie gesehen," antwortete Schönaich. „Er ist in Straßburg aufgewachsen. Beim Tode seines Vaters mag er etwa dreizehn Jahre alt gewesen sein, folglich wäre .er jctz fünfundzwanzig. Ich hörte, die Tante habe ihn zu sich nehmen wollen, doch kam ihr ein in New-Zjork lebender Bruder des Majors zuvor." „So lebt er also in New-Iork?" „Bis vor Kurzem, ja", nickte der Vater, und zog aus der Tasche einen Brief, den er entfaltete, während Frnnz Lonn. 20 Siglinde ihm dabei mit einer gewissen scheuen Spannung zusah. „Es ist noch keine vierzehn Tage her, da erhielt ich von ihm diese Zeilen, die er mir von London aus unterm 10. August schreibt. Der Brief hat jetzt kein thatsächliches Interesse mehr, doch will ich Dir ihn vorlesen." Siglinde verfügt habe, wenn dieselbe mir ihre Hand zum Ehebund reiche. Eine kürzlich von Frau Rollenstein empfangene Depesche, worin sie mir ihre schwere Erkrankung meldet und die Befürchtung ihres nahen Todes ausspricht, mahnte mich, daß die Entscheidung § über meine Zukunft vielleicht nahe sei und meine per- Ein gefährliches Kpiel — „Ich bitte Dich darum," sagte Siglinde. ^ sönliche Anwesenheit dort wünschenswerth erscheinen lassen „Geehrter Herri" las Schönaich, während Siglinde > könne. In Folge dessen benutzte ich den ersten von mit vorgebeugtem Antlitz an seiner Lippe hing. „Schon ! New-Iork abgehenden Dampfer, und hier, in London vor Jahren hat Ihre Schwägerin, Frau Nollenstein, ^ angelangt, erlaube ich mir, Sie und Ihre Fräulein mir die Mittheilung zukommen lassen, daß sie über ihre § Tochter auf meinen '.Besuch vorzubereiten. Wenn Sie Hinterlassenschaft zu Gunsten Ihrer Fräuleins Tochter > das Vergangene vergessen können, so kann ich es auch. 21 Die Kinder stehen außerhalb der Ereignisse, die ihre Vater verfeindeten. Ueber das Berechtigte oder Unberechtigte einer Beleidigung, wie mein Vater sie Ihnen zufügte, maße ich mir kein Urtheil an und für seinen Tod kann ich Sie nicht verantwortlich machen, denn Sie thaten nur, was die Vertheidigung Ihrer Ehre erfor- hätte ich ihm nur antworten können: Meine Schwägerin befindet sich, wie ich zufällig durch meinen Hausarzt erfuhr, bereits wieder auf dem Wege der Genesung." „Aber angenommen, sie wäre ihrer Krankheit erlegen?" forschte Siglinde. „Wie würde dann Deine Antwort gelautet haben?" MDWW Die Katastrophe. derte und was ich im ähnlichen Falle selbst thun würde. Genehmigen Sie u. s. w. Jesko v. Harnisch." „Was hast Du auf diesen Brief geantwortet, Vater?" frug Siglinde. „Hätte sHarnisch mir seine Adresse angegeben, so Schönaich seufzte tief auf. „Das stand bei Dir, Siglinde, nicht bei mir." „So will ich Dir sagen, Vater, was Du ihm mit meinem vollen Einverständnisse hättest zur Antwort geben können: Es ist mein Wunsch, daß meine Tochter Siglinde sich der testamentarischen Bestimmung ihrer Tante 22 unterwirft, und da meine Wünsche stets auch die ihrigen gewesen sind, so kann ich mich für ihren kindlichen Gehorsam verbürgen." Marmorblässe bedeckte das Antlitz des jungen Mädchens, während sie diese Worte sprach, und ihre bebende Stimme stockte zuweilen, aber um ihren Mund lag der Zug fester Entschlossenheil. (Fortsetzung folgt.) -»-sSSWi-S-- In allerliebster Gesellschaft. Eine Humoreske von Element Kleeberger. - - (Nachdruck verboten.) i. Erst vor einigen Tagen ist meine liebe Base nach München gezogen. Ihr war's drauß' auf dem abgelegenen Schlosse, seit der Gatte das Zeitliche gesegnet, nicht mehr heimisch. Auch ein Hauptgrund des Abzuges war die Sorge für die Fortbildung ihres Söhnchens. Es ist ja das Einzige. Zwar hatte bis jetzt eine treffliche Gouvernante die Erziehung übernommen und der kleine Karl war auch, wie die Mama im. verzeihlichen mütterlichen Stolze mir öfters versicherte, wohlerzogen, sittig, wie kaum ein Stadtbube, doch er streifte das neunte Jahr, da dürfte am Ende eine weibliche Erziehung nicht vollständig mehr genügen und einen Hofmeister für den „Schloßprinzen", wie ihn scherzweise lieb Mütterchen auch nannte, konnte die Base auf die Dauer nicht finden. Schon den ersten Sonntag kam sie mit ihrem Herzensjungen zu uns. Ich schlug einen Spazierweg zum Klein- hesseloher See und durch den prächtigen Wald zum Au- meister vor. Einverstanden. Aber als wir durch das Hofgartenthor schritten und meine Base die Menge Cafs-Güste sah, stieß ich auf ein unüberwindliches Hinderniß. „Ei, wie ist's so schön hier, Vetter, wollenem nicht auch ein Schälchen trinken," sagte sie und meine Frau, eben auch keine Freundin langgedehnter F-ußpartieen, ac- compagnirte. Also überstimmt. Meiner Fremden gefiel hier das Leben. Die elegante ! Welt, die ringsherum an den kleinen Tischchen im neuesten Frühlingsprunke saß oder durch die Baumreihe wallte, war ein ungewohntes Augenspiel, das ihr angenehm die Zeit vertändelte. Indeß wie ich litt. Nach einer langen, mürrischnassen Woche der erste lachende Maientag, so inbrünstig erwartet, so ausfluglockend. Mir brannte es unter der Sohle — und ich bin angeschmiedet, ein anderer Prometheus, wenn auch nicht am kaukasischen Felsen, so doch am durchlöcherten Buchs meines Sessels. Von den Theatinern schlug es fünf Uhr. Netto drei Stunden Sitzung. Länger hielt ich's nimmer aus. 's war gewiß artig, charmant, und mein Lehrer Knigge, der strengste Lebensumgang-Pädagog, hätte mir ein Compliment gemacht, weil ich bislang nicht zum Gehen drängte. Nun probirte ich's, erst durch die Blume: „Am wunderschönen Maientag, Wo Baum und Blumen treiben, Das wären Leut' vom seltenen Schlag, Die trotzdem sitzen bleiben." Die Frauen achteten kaum darauf, also die Blume war zu versteckt, zu veilchenartig bescheiden, zu wenig penetrant, eine andere Gattung: Jasmini — „Der wundervolle Maientag wird es uns sicher," fuhr ich fort, „wenn wir ihn einmal per Sonntagslokomotiv drauß' auf dem Lande aufsuchen, tüchtig eintränken, weil wir seine erste Einladung so on nehmen und lieber aus der kleinen Tasse das alltägliche Bohnenbouguet schlürfen, als aus seiner weitkreisenden Bowle den duftenden Frühlingstrank. Die Base lächelte — das war Alles. Nun aber griff ich nach einem Büschen von Aller- mannsharnisch und Knoblauch, bestaubte ihn noch mit Patschuli; um die Wirkung zu erhöhen, band ich noch eine Stechpalme bei, prosiatuiu 68t; „die Todsünde," sprach ich, „so der hinübernimmt zu den Pforten Sankt Peters, der nicht wenigstens den Abend noch andächtig durch die neuerstandene Natur pilgert, möchte ich nicht auf mein Gewissen laden." Dieser Odem drang zu vehement durch die Nasenflügel. „Nun denn," sagte die Base zu ihrem Prinzen, der schon lange ungeduldig auf dem Stuhle hin- und hcr- schaukelte, „hör' mal, Karlchen, Du kannst ja dem Vetter- Gesellschaft leisten. Wir bleiben noch ein Stündchen und gehen dann nach Hause. Es ist so heiß und schwül unter der Sonne. Karlchen hörte wohl, jedoch plötzlich blieb er wie festgeriegelt auf seinem Sessel haften. „Hast Du mich verstanden, Karl, Du sollst dem Vetter Gesellschaft leisten." „Aber ich mag nicht dem Vetter Gesellschaft leisten, ich möcht' mit Euch aus der Trambahn fahren," erwiderte der Prinz. „Junge, nicht doch, wir fahren ja gar nicht. Wir gehen. Sei gut, Junge, und geh' mit dem Vetter." „Nein, und ich weiß schon, Ihr fahrt, hab's vorhin gehört, wie Du's der Base zugeflüstert hast. Ich weiß, Du fahrst immer und ich möcht' auch fahren, und ich geh' einmal nicht mit dem Vetter — und ich mag einmal nicht sein Gesellschafter sein — und nein, ich mag nicht." Ich muß gestehen, ich hatte mir von dem gepriesenen Schloßprinzchen eine andere Redensart erwartet. Uebrigens ist es ohnehin wunderlich, mir den Herzensjungen förmlich als Gesellschafter aufzudrängen, wußte denn meine Base, ob mir damit ein Gefallen erwiesen? Jedenfalls meinte sie das, denn sie bat, ja nicht in Uebel zu nehmen, daß ich allein gehen müßte. „Nicht im Geringsten," entgegnete ich, innigst froh, ohne ihren durch vorige Reminiscenz mir ganz unsympathisch gewordenen Prinzen meine Wanderung beginnen zu können. Ich war noch nicht bis zum Tempel des Hofgartens gekommen, hörte ich hinter mir rufen: „Halt, Vetter, halt, ich geh' mit." „So, das ist schön, Karl, was verschafft mir das überraschende Vergnügen?" „Mama hat gesagt, Du führst mich in den Paradies- Garten und dort gibt's Schaukel und Karoussel und türkische Musik und feine Pavcsen und —" Ich unterbrach ihn, das Vergnügungs-Menü hatte mir zu viel Gänge: „Ei, was Deine Mama nicht alles weiß." „Ja, die Base hat ihr's gesagt." „Nun, wir werden ja sehen." Schweigsam gingen wir dann nebeneinander. Ich wählte beflissentlich nicht den Weg nächst des Kanals, der uns rectement in's Paradies gebracht hätte, drückte mich vielmehr in einen der Labyrinth-Gänge und schon 23 sind wir in einer ziemlichen Entfernung glücklich an den tzimmelspforten vorbeigesteuert. Mir ist's wahrlich nicht zu thun, bei einer Pavesenpartie, und hingen die goldenen Giselafransen noch so einladend herab, meinen Abend hinzuschlachten. Leider erscholl auf einmal schmetterndes Tschindaradada und hui! — einem hungernden Reh gleich brach mein Freund durch Gebüsch querfeldein der Sirenenfanfare zu. Jetzt ist er im Paradies verschwunden. Mir war das höchst peinlich. Mußte natürlich dem Wilde nach und da ich mir die Freiheit des kürzesten Weges, wie mein lieber Freund, für den das Betretungs- verbot ein überwundener Polizeiparagraph war, nicht erlauben durfte, ging's eine erkleckliche Zeit her, bis ich im irdischen Eden des englischen Gartens eintreten konnte. „Siehst so weit vornehm aus, Vetterchen," bemerkte ich. „Dort, — dort," und er deutete auf die Schaukel, „die bösen . . . bösen — es stieß ihn, als bearbeiteten seinen Rücken die gebogenen Hörner eines heimathlichen Bockes, „dort . . . die . . . ungezogenen . . . Bu . . . ben . . haben . . . mich" — ein neuer Kataract von Schmerzesnaß und ein abermaliges, gräuliches Plärren erstickten seine Rhapsodien. Wirklich, mir that der Junge leid. Mit einem martialischen Blick maß ich den Schauplatz der Niederlage meines Freundes. Das machte aber auf seine Feinde, die sich lustig fortschaukelten, nicht den geringsten Eindruck. „Recht ist ihm g'scheh'n," riefen einige, als gerade Mtramare. BUM, Ich suchte Karl, und traf ihn, nicht weit weg von dem Kindcrbelustigungsvlatze. Er kam auf mich zu - allein in welchem Zustande? Unsäglich. Von seinem Florentinerhütchen, das er heute zum ersten Male auf seinem Scalp getragen und nun in der zitternden Linken hielt, hing das rothseidene Band in zwei Fetzen herab, der silberne Anker, das Matrosenemblem, war verloren, die Hutscheibe eingetrieben und zeigte gegen die linke Seite hin einen weitklaffenden Leck. Des Prinzen Mähne: er trug streng nach dem Bazar auf der Stirne abgeschnittenes, nach rückwärts aber gerippt niederfallendes Haar, stand jäh, wie die Nadeln der Kleopatra, zu Berg. Aus den Augen quollen Zährenbäche hinab über die Backen, wovon die eine wie in Zinzolin getaucht hochroth schimmerte. die dichtbesetzte Muschel von den Lüften herab auf den Schwerpunkt nieder sich schwang, „warum hat er zuvor die kleinen Maderln hcrausschmeiß'n woll'n". „Was, Karl?" „Ja, damit er 'ncn besser'» Platz 'kriagt hätt'!" „'s ist nicht wahr, Vetter! nein, nein, nicht wahr." „Net wahr? Du Lugenbeut'l, Du verlog'ner, wart', wir sän glei' wieder da und trischak'n Di' no a mal, nachher dagibt's g'wiß, Du Lug'nbeut'l, Du miserabliger." Ich verstand nicht mehr Alles, denn die eigenartige, wie ein großer Perpendikel sich hin und her schwingende Rednerbühne, von der bald vom linken, bald vom rechten Luftschnitt die ^parlamentarischen Ergüsse herabkamen, rranchirte mir immer im unteren Bogenschwung, als wäre ein Gedankenstrich inzwischen — den so wichtigen 24 Zusammenhang unbarmherzig entzwei. Allein fest stand, besser das Feld räumen, als einer zusehends stärker werdenden Allianz von Feinden ohne Noth die Spitze bieten, zumal nicht zu unterschätzende EinmischungsSymptome auch bei größeren Leuten hervortraten. Wenigstens auf einem Seitentische in meiner Nachbarschaft waren mehrere Recken aufgestanden, die offenbar zum Geblüte der Luftredner gehörten und — je nachdem — mich L In Oarolus trischakt hätten. Einer dieser Poly- pheme ging nun auch richtig auf mich los; er klopfte mir ziemlich stark wohlmeinend das Schulterblatt. „Ich rath' Ihnen — nichts für ungut, Herr Nachbar, ich rath' Ihnen —" und dabei wurde sein Fingerspiel auf meiner Epaulette-Fläche immer munterer, „nichts für ungut, nehmen's z'Haus' Ihr g'schmach's Buberl zwischen die Beine und laffen's — no, Sie wissen's schon — wohin ich mein' — den Ochsenfiesel — aber: pfuit, pfuit, ordentlich d'raufpfeifen. Ich hab's g'seh'n, ich sag' Ihnen, der Kerl hat's weidlich verdient. Nichts für ungut, aber wenn er mein thät' g'hör'n, Ihr Bua — maus- — maustodt thät' ich ihn schlag'n." Ich bedankte mich, nicht ohne Verlegenheit, für den gutmeinenden, herzlichen Rath und betheuerte, daß ich gewissenhaft Alles besorgen werde. Kaum hörte mein Junge dieses furchtbare Wort, schrie er gottlästerlich, so zwar, daß ich nolsns volsns ihm bemerken mußte, ich dächte an eine so grausame Zucht nicht, weiß ich ja, daß Hinfür mein kleiner Vetter ein braver Knabe sein werde. Lächelnd durch die feuchten Aeuglein versprach mir's mein Gesellschafter. (Fortsetzung folgt.) Zu unseren Bildern. Franz Dann. Franz Bonn (v. Muis) wurde g«boren in München am 30. Juli 1830 als der Sohn eines Oberrechnungsrathes. Er oblag in seiner Vaterstadt humanistischen und akademischen Studien und trat 1857 in den Dienst der reinen Justiz. Vierzehn Jahre lang hatte er Hiebei in verschiedenen Provinzial- städten Gelegenheit, sich mit dem Pulsschlag des Volkslebens vertraut zu machen, und seine Lieder zeigen, wie aufmerksam er demselben lauschte. Das Jahr 1872 führte ihn als Staatsanwalr an das k. Oberlandesgericht München. Neun Jahre verharrte er in dieser Stellung und trat dann mit 1. Januar 1881 in den Dienst des Fürsten von Thurn und Taxis als Präsident der Tomänenkammer und Direktor des Civilcollegialgerichts II. Instanz in Regensburg. Unser Dichter gewann durch den i persönlichen Umgang niit Deutiger und Redwitz die entscheidende Bestimmung. Der junge Poet wollte Romantiker sein und klassisch dichten. Aus dieser Zeit stammt die lyrische Dichtung „Wolfrum" (1854) und das kleine Epos „Schott von Grünstein" (1855). Unter dem Pseudonym Frhr. v. Rachwitz veröffentlichte er sodann in den „Fliegenden Blättern" die „Lavagluthen", eine Art ltteratur-historischer Komödie, deren Pointe direkt gegen die Nachzügler Jung-Deutschlands gerichtet war. In der Folgezeit hat Freiherr v. Rachwitz seinen Domino vertauscht und sich in den jovialen Herrn „v. Miris" verwandelt. Dieser Herr „v. Miris" ist seitdem in ganz Deutschland populär geworden, zunächst als Mitarbeiter der „Fliegenden Blätter" und der „Münchener Bilderbogen", dann aber auch durch eine ganze Reihe höchst launiger Büchlein in Vers und Prosa. Gleichzeitig kultivirte Bonn mit glücklichem Erfolg das Gebiet der Jugendliteratur (hauptsächlich in den Jugendblättern von Jsabella Braun). Von den neueren dramatischen Arbeiten des Dichters erwähnen wir das Singspiel „Mozart", sowie die Schauspiele für die Jugend „Die hl. Cäcilia" und „St. Elisabeth" (1890). Das Beste, was er als Epiker geleistet, ist sein Gedicht „Jacopone" (1889). In den letzten Jahren hat sich Bonn's Neigung wiederum der heiteren Muse zugewandt („Franz der Streber", „Von mir is's"). Aus der allerjüngsten Zeit stammt der bei I. Habbel in Regensburg (1891) erschienene Band Gedichte: „Für Herz und Haus". Ein gefährliche» Spiel — Die Katastrophe. Die Tischdecke hat es ihnen angethan, den kleinen, unerfahrenen Vierfüßlern. Mußte sie doch stets so verführerisch baumeln, wenn sie unter dem Tische sich neckten und mit ihrem Körper das Ende berührten I Wie oft mag es ein einzelner der drei Hunde versucht haben, ein Stück derselben zum eigenen Spielbedarf abzureißen. Aber der solide Stoff hat den Zähnen stets genügend Widerstand geleistet. Endlich versuchen sie es mit v,weinten Kräften, sich in den Besitz der ganzen Decke zu setzen, deren Enden sie so oft angezogen. Und es glückt. Langsam gibt sie nach, und das spornt den Eifer der kleinen Unholde noch mehr an. Da — ein Ruck, und die Gesellschaft liegt auf dem Rücken, bedeckt von den Trümmern des „Theeservices, das eben für den Gebrauch der Familie auf den Tisch gestellt worden war. Die Hündin, die anfänglich sich an den Anstrengungen ihrer Sprößlinge ergötzt, steht mit Schrecken auf diese Szene. Ob sie wohl um die Jungen besorgt ist, da sie aus eigener Erfahrung die klatschenden Folgen solch übermüthigen Gebahrens kennt? Miramare. Unweit Trieft erhebt sich, an der felsigen Meeresküste nahe der Südbahnstation Grignano gelegen, das kaiserliche Lustschloß Miramare. Eine breite Marmortreppe führt vom Meere zum Garten und Schlosse empor. Das Auge wird entzückt durch die herrlichen Park-Anlagen, deren immergrüne Bäume und Büsche den Unterschied zwischen Sommer und Winter fast zur Lüge machen. Weißblühende Laurentius, buntblättertger Anbutus, zartrothes Haidekraut und blaßblauer Rosmarin von Manneshöhe, golden schimmernder Lorbeer, weißknospige Myrten vermischen hier ihre Blätter und Blürhen zu einem dichten, duftigen Dach, während großblüthiges Immergrün den Boden mit einem blauen Teppich bedeckt. Hier finden wir Cedern vom Libanon, Föhren aus Australien, Cacteen vom Atlas. Das Schloß wird nach der Meercsseite von einer Terrasse umgeben, von wo aus man einen herrlichen Ausblick auf den Meeresspiegel hat. Miramare ist Schöpfung und ehemaliger Wohnsitz des Erzherzogs Maximilian, des unglücklichen Kaisers von Mexico. Allerlei. Gemüthlich. Kaufmann (der Nachts heimkehrend, einen Einbrecher an seinem Geldschrank findet): „Sie, verderben Sie mir das Schloß nicht, hier ist der Schlüssel .... d'rin is nischt!" Der Toast des Referendars. „Unbesoldet, wie ich mich habe, ergreife ich das Wort, in der Hoffnung, daß Sie wenigstens meinem Toaste nicht jeden Gehalt absprechen werden. . . ." Jagdglück. Sonntagsjäger fder endlich einmal einen Hasen geschossen hat): „Gott, es wird doch nicht am End' was Anderes sein!" Der Philosoph. Taschendieb (nachdem er das dritte leere Portemonnaie erwischt hat): „Fürwahr, auch ein Zeichen der Zeit!" -—. Nikder-Hlät-sel. i— U/WgM Hm.. / ^L4. 1894 - „Nugsburger PostMung". Ireklag, den 12. Januar Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Auf verwegener Wahn. Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) „Du bist mein braves, großherziges, edeldenkendes Kind!" sagte Schönaich tief bewegt. „In Deinem Alter hat man Ideale und selbst der Besitz einer Million kann keinen Ersatz bieten für die Freiheit der Herzenswahl, aber ich wußte im voraus, daß Du zur Rettung Deines Vaters selbst dieses größte aller Opfer willig dargebracht hättest." Schönaich hatte sich erhoben und drückte seine Tochter zärtlich an seine Brust. „Beiläufig gesagt, ist der junge Harnisch einer schweren Gefahr entgangen," erinnerte er sich plötzlich, indem er in seiner Tasche suchte und die neueste Zeitung zum Vorschein brachte. „Der Dampfer, mit dem er England verließ, ist zwischen Dover und Calais mit einem anderen zusammengestoßen und versunken. Viele Menschen haben dabei ihr Leben eingebüßt. Die Katastrophe hat am 12. ds. Mts. stattgefunden und heute bringt die Zeitung die amtliche Liste der Geretteten." Bet diesen Worten reichte er der Tochter das Blatt hin und deutete auf den betreffenden Artikel. Neugierig überflog Siglinde den ausführlichen Bericht über den Unglücksfall; er schloß mit der namentlichen Aufführung derjenigen Passagiere, welche dem Tode glücklich entgangen waren, und unter diesen laS sie auch den Namen Jesko von Harnisch aus New-Iork. Es geschah zufällig, daß sie einen Blick auf den nächstfolgenden Artikel der Zeitung warf, doch wurde ihr Auge sogleich durch einen gesperrt gedruckten Namen gefesselt; in fieberischer Hast glitt es über die Zeilen, während das Blatt in ihrer Hand heftiger und heftiger zitterte; aus dem ganzen Inhalt vermochte sie nur eine einzige, furchtbare Thatsache klar zu erfassen, alles Andere, was noch daran und darum war, taumelte an ihrem Geiste wie irre, durcheinander geworfene Bilder vorüber. Bleich und entsetzt in den Stuhl zurücksinkend und die Hand, welche das Zeitnngsblatt hielt, wie gelähmt herabfallen lassend, rief sie: „Hast Du das gelesen, Vater?" „Was?" frug dieser, über den aufgeregten Zustand seiner Tochter ebenso beunruhigt wie erstaunt. „Den Artikel, der unter der Ucberschrift „Lokalsachen" unmittelbar hinter der Dampferkatastrophe folgt?" Schönaich schüttelte den Kopf. „Ich lese den lokalen Theil der Zeitung nicht," entgegnete er, nähertretend. „O, mein Gott!" brachte Siglinde gepreßt hervor, während sie sich aufrichtete und die Zeitung wieder vor's Auge hielt. „Höre mir zu, Vater I" Langsam, um das vorhin Unverstandene jetzt nachzuholen, las sie nun Folgendes vor: „Der weibliche Leichnam, welcher vorgestern Abend mit den deutlich erkennbaren Spuren vorhergegangener Ermordung von einem Kettendampfer aufgefischt wurde, ist als derjenige der in der Noscnstraße wohnenden ver- wittweten Rentiere Nollenstein rekognoscirt worden." „Barmherziger Himmel!" rief Schönaich. „Und vorgestern Abend? Vorgestern? Das ist nicht möglich!" „So steht es hier, und der Bericht trügt das heutige Datum. „Lies weiter, Kind, lies weiter!" Siglinde fuhr fort: „Das der Ermordeten zugehörige Haus wird außer ihr nur noch von dem Kunst- und Handelsgäriner Ritter, der das Gartengrundstück von ihr gepachtet hat, seiner Ehefrau und seiner Schwester bewohnt. Abends kurz vor 10 Uhr, fast um dieselbe Zeit, wo die Leiche aus dem Wasser gezogen wurde, hörten dieselben das Haus ausschließen und glaubten an dem hinkenden, von einem Krückstock unterstützten Gange des Ankömmlings, welcher sich die Treppe hinauf in die im ersten Stock belcgene Wohnung begab, Frau Nollenstein zu erkennen. Als sich dieselbe am andern Tags um die Stunde, wo sie einen Spaziergang durch den Garten zu machen pflegt, nicht zeigte, wollte Ritter nachsehen, ob der kürzlich erst von schwerer Krankheit erstandenen alten Dame vielleicht etwas fehle. Zu seincmEr- staunen fand er die von der Straße aus zu ihrer Wohnung führende Hausthür, die man doch am Abend vorher wieder hatte zuschließen hören, unverschlossen. Auch die Zimmerthür war offen, die Bewohnerin selbst in keinem der Zimmer zu sehen. Dennoch fand sich in einer Ecke ihr Stock, ohne den sie nicht zu gehen vermag, an einem anderen Orte stand die kleine Handlaterne, welche sie bei ihren Abendausgängen bei sich zu tragen pflegte und beim Betreten ihres Hauses anzündete, und an Sekretär und Kommoden steckten die Schlüssel, von denen sie sich nie trennte. Alle Schubkästen waren herausgezogen und offenbar durchwühlt, sämmtliche Möbelüberzüge und auch Bett und Matratzen aufgetrennt, überall herrschte eine Zerstörung, als wäre die ganze 26 Wohnung nach verborgenen Schätzen durchsucht worden. Als Ritter in größter Bestürzung zu seiner Familie zurückgekehrt, kam ihm seine Schwester schon mit der Zeitung entgegen, welche den Fund der weiblichen Wasserleiche meldete und deren AeußereS und Kleidung genau beschrieb. Namentlich führte die Erwähnung eines Medaillons au goldener Kette auf die Befürchtung, die Aufgefundene könne Frau Rollenstetn sein, was denn auch Ritter beim ersten Anblick der Todten in der Leichenschauhalle sofort bestätigt fand. Wie wir schon in der kurzen Notiz unseres gestrigen Blattes mittheilten, ist die unglückliche Frau von mörderischer Hand erwürgt und hierauf in den Fluß geworfen worden, in welchem sie vom Orte der That aus von den Wellen stromabwärts getrieben worden ist, bis sie von der Kette an den Haaren erfaßt und an Bord des Schleppdampfers gezogen wurde." „Nach Aussage des Gerichtsarztes," fuhr Siglinde im Lesen fort, „kann die Leiche kaum eine Stunde im Wasser gelegen haben. Offenbar hat ihr der Mörder Schlüssel, Handlaterne und Stock vorher abgenommen, um sich derselben zur Ausführung seines weiteren Planes zu bedienen, und bei seiner Ankunft im Hause seines Opfers dessen Gang geschickt nachgeahmt, um die Mitbewohner des Hauses zu täuschen. Wahrscheinlich war das Wiederschließen der Hausthür nur ein Scheinmanöver, um beim späteren Verlassen des Hauses, was wohl in den Strümpfen geschehen sein dürfte, jedes Geräusch zu vermeiden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Verbrecher mit den Gewohnheiten seines Opfers wie auch mit der Lokalität des Hauses genau vertraut gewesen ist. Ob man Vermuthungen über seine Persönlichkeit hat oder derselben schon auf der Spur ist, vermögen wir bei der vorsichtigen Zurückhaltung, welche die Kriminalpolizei über diesen geheimnißvollen Mord bewahrt, nicht zu sagen." Mit bebender Stimme und zuweilen innehaltend, hatte Siglinde den Bericht vorgelesen. Als sie zu Ende war, vermochte sie die Thränen nicht länger zurückzuhalten, denn so sehr auch das Andenken der hartherzigen alten Frau getrübt war, so war es doch Siglindens Tante, der todten Mutter Schwester, die ein so schreckliches Ende hatte finden müssen. Schönaich stand bleich und mit gerungenen Händen da. Sein Blick war wie geistesabwesend. „Vorgestern Abend!" murmelte er unter fortwährendem Kopfschütteln, als könne er es nicht begreifen, — „vorgestern Abend!" Plötzlich erinnerte sich Siglinde wieder der verzweifelten Lage ihres Vaters, die sie auf einen Augenblick vergessen hatte, des Testaments und des jungen Harnisch. Ihre eigenen Worte, mit denen sie vorhin dem Vater ihre kindliche Opferwilligkeit betheuert hatte, und die nun doch zur Wahrheit werden, die in ihrer ganzen ernsten Tragweite erprobt werden sollten, kamen ihr wieder ins Gedächtniß. Sie preßte krampfhaft beide Hände an's Herz, als wollte sie dessen ungestümes Klopsen zum Schweigen bringen; sie nahm Abschied von einem lieben Bilde, das sie darin bewahrte, und ein schöner Traum, der ihre Seele ausgefüllt, sank dahin vor dem eisernen Gebote der Pflicht. „Vater!" rief sie, ihr Antlitz an seiner Brust bergend, „nun nimm mich beim Worte! Du bist gerettet!" . . . Dennoch reiste Schönaich mit seiner Tochter um die Mittagsstunde nach dem Gute Nottenbach ab, da die neue Lage der Dinge die Schritte seiner Gläubiger vorläufig doch nicht aufzuhalten vermochte. * * * (Fortsetzung folgt.) - >-«, » > - . - In nUerliebster Gesellschaft. Eine Humoreske von Element Kleeberger. (Fortsetzung.) II. Wir hatten das Paradies verlassen und schritten still selbander. Mein Vetterlein schmiegte sich wie ein frommes Lämmchen an meine Seite. Er hatte mittlerweile den vielen Thau von seinen Augäpfeln gewischt und mit der Hand die sträubenden Haarbesen wieder auf die Stirne gestrichen. Das Hutbändchen befestigte ich so gut es ging an der Wandung des kostbaren Strohs, und den Spalt am Rande der Scheibe drückte ich thunlichst zusammen. Halbwegs konnte sich der Schloßprinz wieder sehen lassen. Ich gab ihm dann einige heilsame Lehren und sie schienen mit andächtigem Ohr entgegengenommen zu werden. „Du kennst, mein lieber Vetter," sagte ich zu ihm, „das schöne Lied: „Der Wiederhast — im Eichen- thal — hallt's nach so lang, — so lang". Und was hallt es lang? Die freudigen Worte, die lieben, die in den Eichenwald hineingesungen werden, und wie meinst Du, wenn unfreundliche, unliebe Worte hineiNgerufen würden, daß die Antwort hieße?" — „Grob", erwiderte Karl; „ebenso grob als man selber ist — o, das haben wir oft zu Hanse in unserem Forst getrieben." „Also siehst Du, bist Du freundlich, sind's auch die Andern, bist Du aber rauh, grob, wirst Du in der Welt ohne Kniffe und Schläge nicht durchkommen." „O," meinte Karl, „— o — zum Lachen, wär' nur die Mama und die Gouvernante dagewesen." „Warum?" „O, die ungezogenen Buben — eine wahre Freud' hätt's sein müssen — wären ordentlich hergerupft worden. Ha, ha, wie zogen die bösen Nachbarsbuben die Beine hinauf, wenn sie von Mama und der Gouvernante an den Schmalzfedern weidlich hergerissen wurden." Demzufolge war ich ein Prediger in der Wüste, meine Salbung fiel auf steriles Land. Wir kamen nach Brunnthal. Ich hatte hier ohnedies im Kurhaus zu thun. Ein auswärtiger Freund ersuchte mich, ihm den Prospekt zu besorgen. Denselben wollte ich nun im Bureau abholen. Ich hieß Karl an der Schwelle zum Haupteingang des Kurgebäudes warten. Als ich bei einem der Bediensteten mein Anliegen vorbrachte, führte mich dieser sogleich zur Besitzerin des Bades, zur Frau Hofrath. Die Dame bat mich, Platz zu nehmen. Freundlichst setzte sie mir Alles und Jedes auseinander: HauS- und Kurgebrauch, Tisch- und Zimmertaxe, Bedienung und Entlohnung. Mit unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit führte sie mich dann durch die hallenden Corridore ihrer Anstalt, und ich muß gestehen, waS ich hier sah, war jegliches so komfortable, so praktisch, so säuberlich, daß man förmlich — Gott verzeih' mir den Frevel — sich den schönsten Gelenkrheumatismus wünschen könnte. Die Frau Hofrath wollte sogar, nur damit ich eine kleine Idee von Temperaturerwärmung erhielte, eine heiße Metallader anzapfen, ich aber — in mir 27 arbeitete eS ohnedies schon, meines harrenden Prinzen gedenkend, siedend heiß — lehnte die Freundlichkeit dankend ab. Wir schritten wieder zurück zum Empfangssalon. Gerade stand ich im Begriff, mich zu empfehlen, da schlug auf einmal Spektakel, Rumor, Tumult an unser Ohr. Was ist das zu unseren Füßen ? Was weinen die Kinder, was raisonniren Damen und Herren? Wir eilen zum Fenster, von wo aus der ganze Nestaurationsgarten übersehen werden konnte. Der Lärm wuchs. Die Kaffeegäste fuhren vom Sessel auf und am Ufer des durch den Garten laufenden Büchleins entsteht ein Knäuel von jungen und alten, großen und kleinen Menschen, der unentwirrbar scheint. Mitten d'rin, gewissermaßen die Spule, steht ein Bube, von einer dienenden Nymphe krampfhaft gehalten. Die Spule will entgleiten. „Sonst Nichts mehr", ruft die Vergewaltigerin, „zahlen, tpem gehörst Du, zahlen!" Und wie ein Echo — man weiß ja, daß das Wort „Zahlen" eines der wirkungsvollsten im deutschen Sprachbuch ist — scholl eS durch Busch und Baum, von den Bänken und Tischen, bald wie im lachenden Jux, bald wie im donnernden Ernst: „Zahlen! Zahlen!" Von der Musikanten-Bühne herab schmetterte schon zum wiederholten Male das Piston und erdröhnte der Aufruf: „Der Eigenthümer des Knaben möge sich doch endlich gefälligst melden." Ein gewisses unabtreibbares Gefühl sagte mir: „DaS ist Karl!" — Um des Himmels willen, was hat der Teufelsjunge schon wieder angestellt. Ich bog mich über die Brüstung des Fensters. „Ein ungezogener Bengel", bemerkte die Frau Hofrath mir gegenüber, „ein eigensinniger. Er gibt absolut keine Antwort. Er meint wohl, auf diese Weise kommt er mit der Zeche durch. Jemandem im Garten muß das Früchtchen doch gehören." „Am Ende ist der Knabe taubstumm," warf ich Mitleidig ein. „Möglich, aber kaum wahrscheinlich. Doch da werden wir bald Gewißheit haben." Die Frau neigte sich nun weit über das Fensterbrett, unter der Nische stand Johann, ihm befahl sie, den Knaben herauszubringen. Johann war eine musculöse Gestalt, sein Ami das eines Badedicners. Er hatte schon größere Lasten gefaßt, als die des klebrigen Buben, obschon sich dieser wie ein Aal bald nach oben, bald nach unten schlangelte. In den nächsten Minuten schon ließ er sein zappelndes Fischlein auf das Parqnet seiner Herrin nieder. Hintendrein kam die Amazone, kollernd vor Wuth, ihrer Stimme kaum mächtig. Endlich erfuhren wir, was der Bösewicht angestellt. Er hat die kleinen Mädchen, die im Büchlein ihre blecheruen Kühne schwimmen ließen, in's Wasser stoßen wollen, und .... „Nein, 's ist kein Wort wahr, sie lügt", heulte der Verbrecher, „hab' ... nur ... so — so ... gethan, als wenn ... war nur ein ... „Spassetchen" ergänzte die Hofräthin, und mir sich zuwendend, äußerte sie: „Sehen Sie, mein Hcxr, er ist nicht stumm. Ich war bescheiden in der Fensternische zurückgeblieben, meine Gründe bestimmten mich dazu. „Nein," entgegnete ich, auf die gottesjämmerliche Gestalt das Auge werfend, „er ist nicht stumm." O ich wußte das im Moment, als ihn der Badeherkules hereinbrachte, es war ja leibhaftig mein Freund, mein Vetter, mein Gesellschafter, der Schloßprtnz. Allein kaum vernahm Karl meine Stimme, die, obwohl im rauhen Baß erschollen, für ihn die hellste Engelsstimme war, stürzte er auf mich, umklammerte meine Knie, drückte, preßte meine Hände, küßte sie und schaute so mitleideinflößenden, so zerknirschten Blickes, einen ganzen Park von Barmherzigkeit herausfordernd, auf zu mir. Lächerlich, und ich ärgerte mich darob, diese Nührscene stimmte mich um, machte mich weich, ich griff hinab und kam mir im Moment wirklich wie der biblische Vater vor, der seinen verlorenen Sohn zu sich verzeihend emporzog und an's entgegenschlagende Herz drückte. Langsam erhob sich der Reumüthige, jedoch meine beiden Hände gab er nicht los, krampfhafter hielt er sie und scheu und wirr ließ er die flimmernden Stern- lein seiner Augen bald auf zu mir schillern, bald zum Kaffeefrüulein, das vor Freude hochbusig aufathmend — denn sie hatte in meiner Person die Verkörperung ihres quittmachcnden Guthabens erblickt — ihm knapp an der Ferse stand. „Nein, nein," flüsterte das kleine arme Sünderchen, „nein, Du laßt mich nicht einsperren, und die da — die — die will mich einsperren lassen, und unten der dicke grobe Mann will mich auch einsperren lassen — in's tiefste Loch — wo — so hat er gesagt — wo Hund' und Katzen sich gute Nacht geben und einen langsam die Ratten auffressen, wenn nicht Alles bis auf den letzten Pfennig bezahlt wird." Demnach war also die Neue vor der Furcht der Strafe, leine selbstthätige, sondern eine Reue zweiter Klaffe; mich machte das verschnupft, indeß mehr noch das Wort: „wenn nicht Alles bezahlt wird." Wer sollte zahlen — natürlich ich, — warum ließ ich das Kind — würde sicher die Frau Base im Regreß- falle gesagt haben — so ganz ohne Aufsicht. Ich hätte das snkant tsrrtdls in der Mitte vor Zorn abbrechen können, doch „tapfer ist der Löwenfieger, doch tapfrer, wer sich selbst bezwäng", ich simulirte eine klassische Ruhe, beschwichtigte Karl und lächelnd sagte ich zu der in trutziger Ungeduld und kopfschüttelnd dastehenden Gläubigen«: „Fräulein, belästigen wir Ihre Herrin nicht länger, lassen Sie das unsere Sache sein, ich meine, Ihre Rechnung werden wir auch noch erschwingen können." Sodann verabschiedete ich mich von der Frau Hofrath in verbindlichster Form, um Entschuldigung ob dieser unliebsamen Scene bittend. Die ihrerseits erhob lächelnd und bedeutsam, wie drohend, den kleinen Finger, als wollte sie sagen: „Du bist ein schwaches Papachen." Ich merkte, eine gewisse Verlegenheit beengte ihr Wesen, denn sie konnte unmöglich vergessen haben, daß der Bengl und das Früchtchen gerade keine besondere Decoration für mein „Söhnchen" war. Mit der Hebe war ich bald fertig. Dank äs lrruit xonr uns tasss sacke! Sie hatte nämlich auf einer großen Platte eben sechs Tassen mit Kuchen servieren wollen, Karl kam ihr in dem Moment, als ein Herr ihn wegen seiner Splisset- chen ein bischen anzureden wünschte, rückwärts Zwischen die Füße. Platte, Tassen, Kuchen, Kaffee, Milch, Zucker natürlich purzelte auf den Asphalt nieder. Nun, Porzellan ist nicht von Eisen und der Kuchen nicht aus Stein, auch Milch und Kaffee nicht compakt genug, einen solchen Salto aushalten zu können, — daher gab es eine Rechnung — und mit der Bezahlung war die Sache friedlich beglichen. 28 III. Ich verließ die Hallen Aeskulaps, wohlweislich nicht durch das große Eingangsthor, sondern wir drückten uns durch ein hinteres Seitenthürchen, denn das Publicum, das die erste Scene des Einacters gesehen, schien sich darauf zu steifen, auch den Schluß zu genießen, so dicht stand es auf dem Chamotteparquet vor den Fenstern der vordern Front. Jedoch kaum hatte ich die Wasserheil- Anstalt mit meinem Liebling, in der wir eine ebenso unfreiwillige als kostbare Douche genommen, im Rücken, so gtng's auch schon in schärfster Tonart über Karl her. „Karl," sagte ich, „Du bist ein ganz heilloser Mensch, mit Dir kann man kaum einige Augenblicke gehen, ohne nicht in das peinlichste Malheur zu gerathen, ich werde Deiner Mutter energisch in das Gewissen reden, Du mußt anders werden, in der Stadt kann man keine so ungezügelten Buben brauchen. Du bleibst nun bei mir, gehst mir nicht mehr von der Seite. Ich werde trachten, Dich sobald wie möglich nach Hause zu bringen. Von der Jsarbrücke werden wir bis zum Bahnhof fahren, und von da weg weißt Du ohnedieß nach Hause." — „Juche! Fahren! Das ist g'scheidt, ja vom Bahnhof weiß ich ganz gut heim, — fahren! Juche!" — das war die einzige Erwiderung. Statt Zerknirschung ein Juhschrei. Der Mensch schien, wenn eine gute Wirkung zu erhoffen sein sollte, unaufschiebbar handgreiflich behandelt werden zu müssen, woran eS zweifelsohne lieb Mama und gut Gouvernante bis jetzt ermangeln ließen. Wir stiegen langsam den Bogenhauser Steig empor, kamen an der Damenburg des Mnximiliansstifts v rbei und schwenkten in die Anlagen ein. Der linde Abend hatte eine ungewöhnliche Menge von Passanten auf die schönen Höhen gelockt. Es war auch prächtig. Der weiße und rothe Dorn blühte, die Dolden waren aufgesprungen und sandten ihren süßen Hauch durch die Lüste, in saftigstem Grün breiteten sich die Wiesen aus und kunterbunt webten die Maien- blümlein ihr liebliches Dessin hinein. Die Wässerlein quollen lustig aus dem Gestein und aus dem feuchten Hange und ringelten sich in den kieselhcllen Bettchen, kindlich plaudernd und plätschernd, noch einige übermüthige Cadenzen wagend, hinab in den Alpenstrom. Die Schmetterlinge, die wie im Kreisel einander nachtanzten, dachten noch lange nicht daran, ihren Cotillon aufzugeben, noch weniger aber war das beschwingte Orchester, das durch die überzweigtcn hohlen Gassen strich, und aus dem dieser oder jener Solist auf wiegendem Ast seine Arie sang, bei der letzten Programm- Nummer angekommen. O welch frische Lust auf Baum und Pfad, wie durchdrängt sie frohmüthig Jung und Alt, und unwillkürlich mahnt es uns zum Danke, nicht allein gegen den himmlischen Schöpfer, der diese an- muthende Idylle so herrlich gedeihen ließ, sondern auch gegen den irdischen, den unvergeßlichen König Max, der sie geschaffen. Es versteht sich von selbst, daß die Anlagen zumeist dem Schutze des Publicums anvertraut sind, die Lustwandelnden behüten sie, und wehe dem, der sich erdreisten wollte, auch nur ein Zweiglein zu brechen. Ich blieb mit Karl in der Nähe eines kleinen Gehölzes stehen. Von hier aus ging der Blick frei gegen die im Südosten sich verlierende Bergkette. Sie starrte theilwetse noch in Schnee und Eis, nur einige Borwände hatten ihr blaudnftendes Gewand angethan. Ich machte meinen jungen Freund auf dieses entzückend schöne Bild aufmerksam, benannte ihm die Häupter und versprach, wenn er recht brav und sittig werde, seiner Mama und mir Freuds mache, eine Hochtour hinauf. Um die Umrisse besser zu unterscheiden, holte ich meinen Feldstecher hervor, und während ich noch versunken in dem niemals sattgesehenen Bilde schwelgte, kommt aus den Bosquets gesprungen, freudig einen mächtigen Zweig schwingend, — Karl. „Da schau, Onkel," rief er, „da schau, den, da schau, den bring' ich der Mama." „Karl, in drei Teufels Namen," fuhr ich den Schrecklichen, jedoch mehr in zischendem, als lautem Tone, an, „auf der Stelle den Ast weg, her zu mir, — gutwillig, sag' ich, nun, wird's was?" Doch Karl folgte nicht, er lief ungefähr zwanzig Schritte vor meinen Füßen dahin, den über und über im rothen Schmucke blühenden Schleh wie eine Siegestrophäe emporhalteud. „Ein gut gezogenes Kind," diese und andere Glossen mußte ich von Leuten, die hinter mir ihre Promenade machten, als Dessert zu meinem Zorn hinabschlucken. Da marschirte ein Gendarm auf mich zu. „Gehört der Junge Ihnen?" fragte er. „Für den Augenblick leider." „Nun, so darf ich um Ihren Namen bitten. Sie wissen, nach Paragraph —" „Ich weiß, ich weiß, aber ich bitte" — es umklammerte uns ein immer größer werdender Menschenring — „ich bitte, machen Sie kein Aufsehen, ich werde mich morgen bei der königlichen Polizcidircction stellen." Ich wollte dem strammen Hüter des Gesetzes meine Karte geben, leider fand ich sie nicht. Einer aus der Ansammlung, der. mich, ich weiß nicht woher, kannte, leistete für meine Person Bürgschaft, und da der grüne Waffcnmann aus mir unbekannten Gründen dieselbe annahm, war die Sache hiemit abgethan, sonst hätte ich am Ende noch in einer weiteren allerliebsten Gesellschaft durch die menschenstrotzenden Alleen zum Tempel der heiligen Hermandad wallen müssen. (Fortsetzung folgt.) --- Logogryph. Eins ragt himmelan und weist Wie da schafft des Menschen Geist. Füg' als Zwei ein Zeichen d'ran, Jetzt beim Mahl siehst Du den Mann. Einen Kopf nun für Eins, Zwei, Jetzt, ihr Händler, kommt herbei. Seht, die Eins ist gut besucht, Eurer wartet gold'ne Frucht. Markt und Straßen, welck Gewühl! Lust und Gold ist Aller Ziel. Und die Zwei, ein Jeder kennt Sie als nützlich Instrument. Auslösung des Homonyms in Nr. 2: Thor. Auslösung des Bildcr-NciMels in Nr. 3: Gute Lehren kann Niemand entbehren. ^L5. 1894. „Augsburger postzeitung". Dienstag, den 16. Januar Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas K- E> WM! lMLE? LMZ LÄ-'^ --S77 WGEE MM 34 I- Direktor der preußischen Kunstsammlungen Geheimrath Robert Dohme; am 14. Nov. in Frankfurt a. M. der Kammersänger Theodor Wachtel; am 4. Dez. der englische Naturforscher Professor Tyndall; am 6. Dez. in Frankfurt a. M. der Maler Karl Theodor Neiffen- stein; am 12. Dez. in Berlin der Orientalist Professor Dr. von der Gabelentz; am 18. Dez. in Frankfurt a. M. der Schauspieler Paul Zademack; und am 23. Dez. der englische Ingenieur Sir George Elliot. ^ - Höchstädt. (Hiezu das Bild Seite 3ö) Anderthalb Stunden unterhalb Dillingen liegt am linken Donauufer in ebener Lage die Stadt Höchstädt. Auf der Erhöhung, die sich aus der Ebene von Höchstädt erhebt und auf der noch heute das k. Schloß steht, scheint in alter Zeit ein Castell gestanden zu haben zu Schutz und Schirm der Ansiedler in der nächsten Umgebung, welche, wie das Castell, zum Reiche gehörte und von diesem allmälig zum Hauptgut der staufischen Kaiser gezogen wurde. Darum fiel Burg und Stadt Höchstädt mit dem Tode Konradins im Jahre 1266 wie fast alle Güter desselben an Herzog Ludwig von Bayern. Die erhöhte Lage des Castells — „hohe Stätte", — gab der Oertlichkeit den Namen, daher „Hohstetin", „Hohstat", „Hohestet", „Höstettin", „Höchsteten", wie der Ort im Mittelalter hieß, bis in der Neuzeit der Name Höchstädt stetig blieb. Zum Erstenmale erscheint Höchstädt in der Geschichte im Jahre 1081. Eine blutige Schlacht führt es in die Geschichte ein. Es war die jammervolle Zeit, da die Mißregierung des lasterhaften Heinrich IV. das Reich zerriß und der bessere Theil der Nation durch Gegenkönige das Joch des Tyrannen brechen wollte. Das Heer des Gegen- , königs Hermann von Luxemburg und des Herzogs Wels von Bayern stieß am 11. August 1081 bei Hohstetin plötzlich auf das Heer des Kaisers Heinrich IV. und seiner Verbündeten, Herzog Friedrichs von Schwaben und des bayerischen Pfalzgrafen Kuno. Es kam zum Kampfe, in welchem Heinrichs Heer vollständig geschlagen wurde und Pfalzgraf Kuno umkam. Zur Zeit, als Höchstädt zum Reiche gehörte, erhielt auch Kloster Neichenau durch Schenkungen der Kaiser hier mehrere Güter, die im 13. Jahrhundert durch Kauf an's Kloster Kaisersheim kamen. Auch die Grafen von Dillingen, deren Gebiet Höchstädt ganz umschloß, besaßen Güter im Orte und seiner nächsten Umgebung, darum finden wir im 12. und 13. Jahrhundert in Höchstädt nicht nur ritterliche Dienstmänner des Reiches, sondern auch Reichenau'sche und Dillingen'sche Vasallen, d. h. Ritter, welche in und um Höchstädt Güter vom Reiche oder von Reichenau und von den Grafen von Dillingen zu Lehen trugen. Im 12. Jahrhundert nennen die Urkunden die Ritter Marquard, Sigfrid und Ulrich von Hohestet. Im Jahre 1270 schenkte ein Ritter Wernher auf seinem Schlosse zu Hohstet einen Hof zu Mörslingen an's Kloster Kaisersheim. Obwohl Ritter Wernher Dienstmann des Reiches war, so trug er doch auch gräflich Dillingen'sche Güter vom Bischof Hartmann zu Lehen und kämpfte im Jahre 1270 für den Bischof gegen Herzog Ludwig von Bayern. Da Herzog Ludwig sich bald nach diesem Kampfe gegen Bischof Hartmann in Besitz von Burg und Stadt Höchstädt als Erbe Konradins setzte, war es mit der Herrlichkeit der Reichsritter in Höchstädt vorbei. Schloß und Stadt wurden bayerisch. Schon anno 1280 bestand nach dem bayerischen Saalbuch das herzogliche Amt in Höchstädt. Das Nittergeschlecht von Höchstädt scheint sehr zahlreich und weitverzweigt gewesen zu sein. Schon Mitte des 13. Jahrhunderts zogen sich mehrere dieses Geschlechtes in die Städte, wie Donauwörth und Nördlingen, und nahmen dort das Bürgerrecht an. Noch mehr war dies der Fall, als die bayerische Herrschaft zwischen 1270 bis 1280 sie aus Höchstädt vertrieb. Aus den Rittern von Hohesteten wurden städtische Patrizier, deren Geschlecht in mehreren Städten durch das ganze Mittelalter blühte. Unter der bayerischen Herrschaft fiel Höchstädt in Folge der häufigen Landestheilungen der bayerischen Herzoge bald an diese, bald an jene Linie. Bei der Theilung von 1329 kam „Hochstet diu purch und stat" an Kaiser Ludwig, der anno 1342 Höchstädt „Ordnungen für Handel und Wandel, Maß und Gewicht" gab. Vom Jahre 1477 bis 1503 gehörte Höchstädt zu Bayern - Landshut. Die Geldnoth zwang jedoch die bayerischen Herzoge, auch Höchstädt häufig zu verpfänden. Schon Ludwig der Bayer verpfändete es anno 1322 an die Grafen Johann und Ulrich von Helffenstein. Im Jahre 1353 war Herzog Friedrich von Teck Pfandinhaber des Landgerichts Höchstädt und blieb es bis 1382, in welchem Jahre er als Mitstifter des Spitals von Höchstädt erscheint. Sogar der Graf von Württemberg hatte die Herrschaft von 1383 bis 1405 im Pfandbesitze. Als Ludwig der Bärtige sie im Jahre 1405 ausgelöst hatte, scheint die Herrschaft im unmittelbar bayerischen Besitze geblieben zu sein, bis im Jahre 1505 die sogenannte „junge Pfalz" mit der Hauptstadt Neuburg für die Söhne Rupprechts von der Pfalz errichtet wurde, zu welcher das ganze Amt Höchstädt geschlagen wurde. Höchstädt war nun Pfalz-neuburgisch und blieb es bis 1777. Im Jahre 1545 erwarb die Stadt gegen Erlegung von 2000 Gulden von der geldnothigen Regierung in Neuburg die niedere Gerichtsbarkeit in der Stadt und im Burgfrieden. (Schluß folgt.) -^S-888-S-- Goldköruer. Man verzeiht leichter unangenehme Fehler als unbequeme Tugenden. K. Könnten die Großen donnern Wie Jupiter, der Gott hätt' keine Ruh; Denn jeder kleine, winz'ge Richter braucht' Den Himmel nur zum donnern, nichts als donnern, O gnadenreicher Himmel! Shakespeare. -SLöScS- Germanisches Gericht. (Hiezu das Bild Seite 33.) Karl der Große, das Urbild eines kraftvollen, weisen Herrschers, hatte, nachdem er mit dem Schwerte in der Hand die Grenzen seines großen Reiches gezogen, seine ganze Kraft und Sorge der Ordnung der inneren Zustände desselben zugewandt. Schule, Wissenschaft und Kunst zu heben, war sein unermüdliches Bestreben, ganz besondere Aufmerksamkeit aber schenkte er, in richtiger Würdigung ihrer schwerwiegenden Bedeutung für das Wohl des Ganzen, der Rechtspflege. Er hatte keine leichte Arbeit. Jede der vielen Völkerschaften, die er unter seiner Krone vereinigt hatte, hing fest an ihren 35 angestammten Rechtssatzungen, und diese waren den > nißvolle Runenschrift eingeritzt ist, stehen sich der Beklagte Charaktereigenthümlichkeiten der einzelnen Stämme so innig angepaßt, daß sie nicht ohne weiteres umgestoßen werden durften. Aber aus dem guten Boden alten Rechts war im Laufe der Jahre so mancher giftige Pilz aufgeschossen, und ganz besonders der verheerende Strom der großen Völkerwanderung hatte einen für Mißbrauche und Anmaßungen recht fruchtbaren Boden angeschwemmt. Das fcst- gewucherte Unkraut auszuroden und einen sicheren Mittelpunkt zu schaffen, ohne das Nechtsgefühl der verschiedenen Stämme zu verletzen, war die Aufgabe des großen Frankenkönigs. Als Grundlage für sein Staatswesen schuf er eine einheitliche Eintheil- ung des Reichs in Bezirke, Gaue genannt, und diese Gaue theilte er wiederum in kleinere Bezirke, die Hundertschaften. Letzteren setzte er denCentgrafen als Haupt vor, während in den Gauen der Gaugraf oder auf kirchlichem Gebiet der Bischof, beide von ihm ernannt und eingesetzt, das Regiment führten. Die Amtsführung dieser Beamten kontrollierte Karl durch seine Sendboten, Königsboten, 1111881 rs^ii genannt, die er von Zeit zu Zeit durch das ganzeReich sandte. Dies eKönigsboten vertraten auch die Gaugrafen, welche der Kriegsdienst oft lange Zeit von zu Hause fernhielt, als Richter in wichtigen Fällen. Solche Fülle wurden meist auf dem sogen. „großen echten Ding", einer Nathsversamm- lung,bei der allefreien Leute der Grafschaft s« - Stadtpfarrkirchr in Höchltiidl. erscheinen mußten,und Original-Ausnahme von Gustav Baader Photograph inKrmnbach, sVervielsältigungsrcchi vorbehalicn.I das,Gerüst^, denNoth- mit seinem Eideshelfer und die Sippe des Klägers gegenüber. Die Klage geht auf Mord, der Körper des Erschlagenen liegt, von dem unfreien Knecht gestützt, in der Mitte der Malstatt. Hinter dem steinernen Gerichtstische hat der Sendbote des Königs Platz genommen, ihm zur Rechten und zur Linken die beiden Schöffen, im Rathe bewährte und ehrenhafte Männer des Gaues, die dem Richter zur Auffindung gerechten Urtheils behülflich sein sollen. Nachdem der Richter mit dem Stab auf den Tisch geschlagen, Stille geboten und den Gerichtsfrieden gebannt hat, beginnt die Verhandlung. DerBruderdesGe- mordeten,der,in seinen Mantel gehüllt, auf den Speer gestützt, zu Füßen des Todten steht, erhebt die Anklage. Zürnend und grollend bringt er die Beschuldigung vor, und nichts vergißt er, was den Thäter belasten und dessen Schuld erweisen könnte. Bittere Feindschaft hatte schon lange geherrscht zwischen dem Beschuldigten und demErmordeten. Einst gute Freunde und treue Waffengenossen, hatten sie sich beim Spiele entzweit und waren zu verschiedenen Malen mit harten Worten aneinander- gerathen. Ja einmal schon hatten sie zum Schwert gegriffen,und nur dem Einspringen der Genossen war es zu verdanken, daß kein Blut geflossen.Von der Jagd nach Hause reitend, hatte der Bruder die dreimal im Jahre abgehalten wurde, verhandelt. Außer diesen regelmäßigen Versammlungen fand noch bei besonderen Veranlassungen, die eine Verzögerung nicht zuließen, ein „außerordentliches Ding" statt. Es ist eine germanische Gerichtssitzung, die unser Bild vorführt, ein „außerordentliches Ding." Unter der mächtigen Eiche, dem uralten Versammlungsplatz des Gaues, den noch aus heidnischer Vorzeit her der Pferdeschädel, das Opfer OdinsZ, des Welten- ordners, ziert, haben sich Richter und Parteien zusammengefunden, um Recht zu sprechen und Recht zu empfangen. Umschlossen vom Kreise der Malsteine, in welche geheimes Odin — oberster Gott der Germanen. schrei des Gemordeten, im Walde gehört, und als er hinzueilte, den Beklagten mit blutigem Schwert allein an der Seite des Sterbenden gefunden. Bei seinen Waffen schwört dies der Kläger und fügt, das blitzende Auge auf den Beschuldigten gerichtet, hinzu, daß ihn nur der Gehorsam gegen des Kaisers Verbot abgehalten habe, das zu thun, was seine Altvordern in solchem Falle gethan hätten, mit dem Schwert die Unthat zu sühnen, Blutrache zu üben an dem schändlichen Uebelthäter. Der Kläger schweigt, und mit ernstem Worte gemahnt der Königsbote den Beklagten, sich von der Anschuldigung zu reinigen. Unbedeckten Hauptes, mit den 36 Flammen des Unmuths auf dem Gesichte tritt der vor. Er leugnet nichts von dem, was sein Ankläger gesagt, aber er legt die Hand auf seine Klinge und schwört, daß sie makellos sei, unbesudelt von des Todten Blut. Er erzählt, wie auch er den Hilferuf des Erschlagenen vernommen, herbeigeeilt sei, dem Bedrängten beizuspringen, nach seiner Ehrenpflicht. Den habe er in hartem Kampfe getroffen mit einem fremden Manne, und bevor noch ein Dazwischeneilen möglich gewesen, sei jener unter den Streichen des Fremden erlegen. Wie sie aneinander gerathen, sei ihm unbekannt, aber im Anblick des Gefallenen habe er Streit und Zwist vergessen und sei wuthentbrannt auf den Mörder eingedrungen. Er ruft das Blut, das noch an der Klinge klebt, zum Zeugen an, daß er des Freundes Fall gesühnt und den Gaudieb so gezeichnet habe, daß er wohl nicht mehr weit gekommen sein dürfte. Die finsteren Blicke und die trostlose Traurigkeit des greisen Vaters, der Gemahlin und Kinder des Gemordeten haben sich während dieser Erzählung allmählig verloren. Wenn das wahr ist, was der Beschuldigte vorbringt, so haben sie wenigstens den Trost, den geliebten Todten nicht von Freundeshand erschlagen und sein Blut gesühnt zu wissen. Nur der Bruder steht noch in düsterem Sinnen da. Wenn er der Rede des von ihm Bezichtigten glaubt, so hat er falsche Klage erhoben j und Tapferkeit und Treue mit schmählicher Verdächtigung ' vergolten. Die Worte des Beklagten haben mächtig auf ihn gewirkt, der Zornesrausch ist verflogen, und jetzt erst bedenkt er, daß es ein ehrlicher Recke, den kein Makel befleckte, ist, den er des feigen Meuchelmordes geziehen. Nun spricht der Alte und heischt vom Richter die Bahr- probe. Das ist das rechte Wort, das den Bann dumpfen Zweifels bricht. Mit stummem Kopfnicken dankt der Beschuldigte dem weisen Alten. Nachdem er seine Aussagen nochmals beschworen und sein Eidhelfer seine Glaubhaftigkeit bezeugt, tritt er dicht an den Erschlagenen heran. Aller Augen sind gespannt auf den Todten gerichtet, denn: „Das ist ein großes Wunder, oftmals es noch geschieht, Wenn man den Mordbefleckten bei dem Todten steht, So bluten dem die Wunden . . ." berichtet das Nibelungenlied, und so war auch der feste Glaube der Germanen. Aber die Todes-Wunde verändert sich nicht. Das erstarrte Blut beginnt nicht zu fließen, selbst da der Beschuldigte seine Rechte auf die Wunde legt. Da zögert der Bote des Königs nicht länger. Er erhebt sich und spricht den Beschuldigten von der Anklage frei: „Kann jemand anders sagen, der spreche ohne meinen Zorn!" Die Schöffen schlagen an ihre Waffen und geben befriedigt ihre Zustimmung. Der Bruder des Todten aber reicht dem Gereinigten die Hand, und dessen kräftiges Einschlagen beweist, daß die Klage keine Feindschaft hinterlassen, und daß die Beiden eins sind, des Todten Sühne zu vollenden. Der Richter legt den Stab nieder, das Gericht ist „aufgeschlagen", das „Ding" geschlossen! -- — Her Winter im Walde. (Zu unserem Bild Seite 31.) „Im Wald und auf der Haide, da such' ich meine Freude!" heißt es in einem bekannten Liede — und mit Recht! Ein Gang durch den grünen Tann zur Sommerszeit, wenn die Sonne glühende Hitze spendet und der Vöglein Lied erschallt, hat er dich nicht schon erquickt? Doch auch im Winter bietet der Wald des Schönen viel. Schneedecke breitet sich über Moos und Wurzel und weißglitzernd und schimmernd hängt es an Ast und Strauch! Futter suchend ziehen Hirsche und Rehe durch's stille Gehege! Verstummt ist die murmelnde Quelle, unter eisiger Hülle schlafen des Baches Wellen! Stille ringsum, an des Waldes herrliche Winterpracht mahnender Friede! -—i««»—-- Allerlei. In einer der neueren Nummern der Münchener „Fliegenden Blätter" findet sich von dem bekannten Dichter v. Miris (F. Bonn) nachstehendes reizende Gedicht: Hu üs stöole. Unbehaglicher im Ganzen Wird es täglich auf der Welt. Von zu vielen Menschenpflanzen Ist der Garten vollgestellt! Eine macht der andern streitig Grund und Boden, Luft und Licht, Sich zu schaden gegenseitig Wird der Selbsterhaltung Pflicht. Als noch still bei Unschliltkerzen Abends die Familie saß, Und die Lichtputzscheer' mit Scherzen Zu gebrauchen nicht vergaß, Spärlich war, wie in den Zimmern, Die Beleuchtung auch der Stadt, Aber ohne vieles Kümmern Aß man sich behaglich satt. Trottoir mit spitzen Steinen Noch als gutes Pflaster galt, In geselligen Vereinen Freut' sich harmlos Jung und Alt. In den Sitten, in der Mode Herrschte schlichte Einfachheit; Auch zur Krankheit und zum Tode Ließen sich die Menschen Zeit. Von Poeten und Gelehrten ^ Ward Reklame noch verschmäht. Leichter war's berühmt zu werden, Sei's als Denker, als Poet. Wenig' helle Geisteslichter Leuchteten von Haus zu Haus — Sechzehntauscnd deutsche Dichter Weist der neu'ste „Kürschner" aus! Was du heute auch ersonnen, Gestern fiel's schon Andern ein. Was du heut' mit Glanz begonnen, Morgen wird's veraltet sein. Unerquicklich ist das Leben, Nur ein ruheloser Kampf, Wüstes Hasten, rastlos' Streben — Elektrizität und Dampf! Damals heimliches Behagen, Reizende Gemüthlichkeit — Heute rings ein wildes Jagen Auf dem Feuerroß der Zeit! Ausbruchdrobend grollt der Krater — Wahrlich! Wenn die Wahl wär' mein, Möcht' mein eig'ner Urgroßvater Lieber ich gewesen sein! -- Milder-Nätyset. 4 « MX M 55 6 . Ireitag, den 19. Januar 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbesiher vr. Max Huttler). Auf verwegener Mhn, Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Inzwischen war die Stunde, auf welche ihre Vorladung lautete, bereits überschritten, und als eben ein vornehm gekleideter Herr mit feinem schwarzen Schnurr- bart und goldener Brille, eine Aktenmappe unter dem Arme, aus einer der Thüren trat, faßte sie endlich Muth und wendete sich an ihn mit der Frage, ob er ihr nicht sagen könne, wo . . . Plötzlich erstarb ihr die Rede auf ven Lippen, als sie ihn näher ins Auge faßte. Hier an diesem Orte sollte sie dem Antlitz wieder begegnen, das sie sich so oft höher schlagenden Herzens in ihrer Erinnerung vergegenwärtigt hatte. An diesen Mann, gerade an diesen, sollte sie mit der Frage herantreten, welche sie selbst Menschen gegenüber, die ihr gänzlich gleichgültig waren, kaum über die schüchterne Lippe gebracht hatte? Schon der Gedanke, an diesem Orte, wo Alles sich mit Armcnsündermienen anblickte, von ihm gesehen und erkannt zu werden, jagte ihr die heiße Scham- röthe in die Wangen. Sie war ein paar Schritte zurückgeprallt, dann wandte sie sich um und entfloh wie ein aufgejagtes Neh. Wie an den Boden gewurzelt, blickte er der rasch Verschwindenden nach. War sie es oder war sie es nicht? Nur eine Einzige kannte er mit solch' gold- schimmerndem Haar und von so unvergleichlicher Gestalt, — aber um den schwarzen Schleier zu durch- dringen, der ihr Antlitz verhüllte, dazu hatte der kurze Augenblick nicht hingereicht. Er schüttelte den Kopf: „Nein, nein," murmelte er, „es war eine Täuschung. Welchen Grund hätte sie gehabt, vor mir zu fliehen?" Dann verließ er langsamen Schrittes und in sich gekehrt wie ein Träumender das Gerichtsgebäude. Sig- linde hatte ihre Flucht durch mehrere sich kreuzende Korridore fortgesetzt. Als sie einen Blick auf die Inschrift der Thüre warf, vor welcher sie endlich Halt gemacht hatte, um Athem zu schöpfen, zeigte es sich, daß der Zufall sie gerade vor das so lange vergebens gesuchte Zimmer des Untersuchungsrichters geführt hatte, dessen Namen ihre Vorladung trug. Jetzt, wo sie ihrer ganzen Fassung bedurfte, fand sie dieselbe auch wieder. So trat sie denn ein. Nach girier Stunde kam sie tief gebeugt wieder heraus. Es stand schlimm um den Vater! Sie durste nicht thatlos die Dinge herankommen lassen, es mußte etwas geschehen, es galt einen Kampf gegen die zermalmende Gewalt der unglücklichen Umstände, die sich gegen ihn verschworen hatten, um ihn schuldig erscheinen zu lassen. Was aber konnte sie, das schwache Mädchen, thun? Wer gab ihr einen guten Rath in ihrer Verlassenheit? Sie eilte zu einer befreundeten Familie; es sei Niemand zu Hause, hieß es da. Als ihr bei einer zweiten Familie dieselbe Abfertigung zu Theil wurde, da wußte sie, woran sie war, nnd erkannte ihre neue Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft, in welcher für die Tochter eines Mörders und bankerotten Kaufmanns kein Platz mehr war. Aber den einzigen Rath, den Andere ihr hätten geben können, fand sie selbst; sie konnte sich nur an einen tüchtigen Advokaten wenden. Und da kam ihr unwillkürlich der Name Doktor Volkmar ins Gedächtniß, ein viel genannter noch junger Nechtsgelehrter, dessen außerordentlicher Ruf als Vertheidiger auch schon zu ihren Ohren gedrungen war. Er hatte, selbst in den verzweifeltsten Fällen, der Staatsanwaltschaft schon oft die Palme des Sieges wieder aus der Hand gerungen. Mit dem Scharfsinn des Juristen vereinigte er eine hinreißende Beredsamkeit. Vor der Gewalt seiner Rede stürzten die festgefügtesten Anklagen wie Kartenhäuser über den Haufen; wo der Gegner eine schwache Seite zeigte, da brach er eine Bresche und drang mit einem Alles niederwerfenden Ungestüm vorwärts; er wußte aber auch — und darin wurzelte das eigentliche Geheimniß seiner Kraft — die Herzen bis in ihre innersten Fasern zu ergreifen und zu erschüttern und auf Schöffen und Geschworene zu wirken, daß ihnen der Schweiß der Gewissensangst auf die Stirne trat. Mehr als eine dieser gewaltigen Reden, die von den Zeitungen stets in ihrem ganzen Umfange wiedergegeben wurden, hatte Siglinde mit Bewunderung gelesen, und vor Kurzem erst hatte dieser geniale Vertheidiger die Unschuld einer achtzigjährigen Dame, welche wegen Unterschlagung bereits zu Gefängniß verurtheilt worden war, an den Tag gebracht und der Greisin Freiheit und Ehre zurückgegeben. Zu diesem Herrn Doktor Volkmar lenkte denn auch Siglinde mit neuer Hoffnung im Herzen ihre Schritte. Es war am Morgen des zweiten Tages nach der Verhaftung ihres Vaters, als sie in das Bureau des Nechts- anwalts trat. Sie mußte im Vorzimmer, wo ein halbes Dutzend 30 Schreiber an ihren Pulten arbeiteten, warten, da Doctor Volkuiar in seinem anstoßenden Kabinet gerade mit einem Clienten beschäftigt war. Inzwischen bot man der jungen Dame einen Stuhl an, auf welchem sie mit klopfendem Herzen Platz nahm. Während die Schreiber ihre Federn über das Papier rascheln ließen, fiel unter ihnen in längeren Zwischenpausen zuweilen ein halblautes, abgebrochenes Wort, das sich noch auf eine vorhergegangene, durch Siglinden's Eintritt gestörte Unterhaltung zu beziehen schien. „Also genau auf dieselbe Welses" sagte Einer. „Ganz genau so," nickte ein Anderer, der sehr lang und hager war. „Erwürgt von hintenher?" frug ein Zweiter. Der Hagere, an den die Fragen gerichtet wurden, antwortete durch ein stummes Nicken. Siglinde wußte nicht, wohin sie vor Verwirrung blicken sollte. Offenbar schien von dem Morde an ihrer Tante die Rede zu sein. Das Gespräch der jungen Leute, die nicht ahnten, wen sie vor sich hatten, konnte höchst peinlich für sie werden. „In einem Gebüsches" erkundigte sich ein Dritter. „Im Kastanieuwäldchen," gab der Hagere zur Auskunft. Das junge Mädchen athmete auf. Die zuletzt vernommenen Reden schienen sich doch wohl auf irgend einen anderen Fall zu beziehen. Soeben öffnete sich die Thür des Kabinets; ein Herr trat heraus und verabschiedete sich mit einer Verbeugung von dem Rechts- gclehrten, welcher, ohne selbst sichtbar zu werden, ihn bis an die Thür begleitet hatte und dieselbe eben wieder zuziehen wollte. „Bitte!" lud einer der Schreiber Siglinde mit einer Handbewegung nach der Thür ein. Sie erhob sich, trat ein und stand plötzlich wie festgebannt, denn sie blickte wieder in dasselbe Gesicht mit dem feinen schwarzen Schnurrbart und der goldenen Brille, vor welchem sie gestern im Gerichtsgebäude die Flucht ergriffen hatte. Sie zögerte, sie kämpfte mit sich selbst, während ihr Antlitz unter dem Schutze des Schleiers purpurn erglühte. „Sei es denn!" ermannte sie sich endlich und schlug entschlossen die dunkle Hülle zurück. „Siglinde!" entfuhr es den Lippen des Anwalts. Sein etwas bleiches Gesicht nahm unter dem Eindrucke der Ucberraschung eine lebhaftere Färbung an, aus seinen klaren, schönen grauen Augen schössen Blitze der Freude. „Verzeihen Sie diese unehrerbietige Vertraulichkeit, mein Fräulein," fügte er hinzu, ihr die Hand entgegenstreckend. „Daß sie mir in der ersten angenehmen Ucberraschung entschlüpfte, dürfte kaum als Entschuldigung gelten, daß aber jener schöne Name der einzige ist, unter welchem ich Sie kenne, wird mir hoffentlich als mildernder Umstand angerechnet werden." „Ich weiß es erst seit wenigen Augenblicken," antwortete Siglinde, „daß mein fremder Retter und der berühmte Nechtsgelehrte, dem mein jetziger Besuch gilt, eine und dieselbe Person sind. Unter verhängnißvollen Umstünden prägten Sie sich meinen Vornamen ein, wie hätte ich damals ahnen können, daß eine noch viel traurigere Veranlassung Ihnen zu meinem Zunamen verhelfen werde s Wenn ich Ihnen denselben nenne, werden Sie auch alles Uebrige wissen. Ich bin die Tochter des unglücklichen Schönaich, der im Verdachte des . . Sie kam nicht weiter, ein Würgen in ihrer Kehle erstickte jedes weitere Wort. Sie war einem Wetn- krampfe nahe, aber sie gebot den Thränen und biß die Lippen fest aufeinander. Doktor Volkmar wußte genug. Sein Antlitz blieb unbeweglich. Er ergriff sie sanft bei der Hand, führte sie nach einem Sessel, nahm ihr gegenüber selbst Platz und sagte dann, ihr Anliegen ahnend: „Darf ich hoffen, daß Sie gekommen sind, um meinen juristischen Rath zu hören, vielleicht mir die Vertheidigung Ihres Vaters anzuvertrauen s" Siglinde nickte ihm mit einem schmerzlichen Lächeln zu, worin sich zugleich Dankbarkeit ausdrückte, daß er ihr die Nothwendigkeit, ihre Bitte erst aussprechen zu müssen, in zart zuvorkomuiender Weise erspart hatte. „Herr Doktor!" begann sie dann in feierlichem Tone, „ich glaube an die Unschuld meines Vaters, wie an Gott. Er ist einer solchen That unfähig; selbst wenn noch viel mehr als sein materielles Wohl und Wehe auf dem Spiele gestanden, selbst wenn es sich um Leben oder Tod gehandelt hätte, würde er zurückgeschreckt sein, seine Zuflucht zu einem verbrecherischen Mittel zu nehmen." „Sie stehen mit dieser Ansicht nicht allein," erwiederte der Nechtsanwalt, „ich habe angesehene Leute, die Ihren Vater schon lange kennen, Aehnliches behaupten hören." „Durch mich erfuhr er die Kunde von dem Morde zuerst," fuhr Siglinde fort, „ich las sie ihm aus der Zeitung vor. Man muß, wie ich, seinen Schreck, sein Entsetzen gesehen haben, um zu wissen, daß die Nachricht ihn mit der ganzen Gewalt einer furchtbaren, unerwarteten Neuigkeit ergriff. Und daß er nie Talent zu einem Schauspieler hatte, weiß Niemand so gut, wie ich, die ich von meiner Kindheit an ihn kenne. Und so etwas, wie die Verstellungskunst, lernt sich auch nicht plötzlich. „Ist Ihnen das gegen Ihren Vater vorliegende Strafmaterial bekannt?" frug der Nechtsgelehrte. „Nur zum Theil." „ES ist nöthig, daß wir uns über Alles aussprechen, selbst über das Peinlichste. Darf ich Ihnen sagen, wie sich nach den mir zugänglichen Quellen in den Gerichtsstuben der Fall darstellt?" „Sprechen Sie, ohne mich zu schonen, Herr Doktor. Es wäre Feigheit von mir, wollte tch mein Auge vor der Gefahr verschließen." Der Anwalt gab nun Siglinde einen klaren, umfassenden Ueberblick über alle jene gegen ihren Vater zeugenden Indizien, wie wir sie zu Anfang dieses Kapitels zusammengefaßt haben. Mit einer Ruhe und Fassung, die Volkmar nur bewundern konnte, hatte das junge Mädchen zugehört und dabei leise mit dem Kopfe genickt. Dann sagte sie: „Das ist noch nicht Alles. Aus gewissen Fragen, die gestern der Untersuchungsrichter an mich richtete, geht hervor, daß noch ein neues Moment hinzugekommen ist. Man hat im Nachlaß meiner Tante deren Testament gefunden. Ich bin darin als Universalerbtn ernannt, wenn ich . . ." Sie stockte endlich nicht ohne Selbstüberwindung: „Wenn tch eine gewisse Bedingung erfülle." „Und diese Bedingung ist?" „Daß ich die Gattin eines Mannes werde, den tch 31 noch nie gesehen habe," fügte Siglinde hinzu. Sie hatte die Augen zu Boden gesenkt und fühlte den heißen 'Hauch, der ihr dabei verrätherisch über daS Antlitz lief. „Diese Verbindung konnte aber meinem Vater nur dann ein RettungsMittel werden, wenn durch den Tod meiner Tante die Erbschaft flüssig wurde, und so schiebt man jetzt meinem Vater auch noch das Motiv unter, daß er —" „Diesen Tod gewaltsam herbeigeführt habe," ergänzte der Rechtsgelehrte, „um sich durch die Heirath seiner Tochter zu helfen?" „So ist es. Nur möchte ich wissen, wozu dann mein Vater noch den Versuch gemacht haben sollte, die Tante nach an ihr vollbrachtem Morde zu berauben. Was er der Todten hätte nehmen können, hätte er ja nur seiner eigenen Tochter entwendet, die deren Erbin war!" „Dieser Widerspruch wird keinen Staatsanwalt und keinen Richter in Verlegenheit bringen," bemerkte Doktor Volkmar mit einem leisen Lächeln, „sie würden Ihnen 'antworten: Ihr Vater habe sich, da eine Heirath sich nicht von heute auf morgen vollziehen läßt, zunächst aus der allerschlimmsten Noth helfen, habe seinem Falliment vorbeugen wollen oder auch sich für den immerhin möglichen Fall, daß die Tante inzwischen das Testament geändert haben könnte, durch einen Griff in ihre Schätze sicher stellen wollen." „Ja ja," seufzte das Mädchen, „das läßt sich allerdings geltend machen. Es kommt zu dem Allem noch hinzu, daß meine Tante vor Kurzem lebensgefährlich erkrankt und somit Hoffnung auf meinen baldigen Antritt ihres Erbes vorhanden war. Ihre unerwartete Wiedergenesung könnte, nach richterlicher Auffassung, für meinen Vater nur ein Grund mehr gewesen sein, das Ereigniß, vor welchem ihre kräftige Natur Halt machte, auf gewaltsamem Wege herbeizuführen." Auf Volkmar's Ersuchen, ihn vertrauensvoll in die Familienverhältnisse einzuweihen, die er zur Beurtheilung der Situation kennen müsse, erzählte ihm Siglinde Alles ausführlich, was sie vor wenigen Tagen durch ihren Vater erfahren hatte, von dem Zerwürfniß zwischen ihm und der Tante angefangen, bis zu dem Briefe, womit der Sohn des Majors von London aus seine Ankunft ankündigte. Der Anwalt war Siglindens Mittheilung mit großer Aufmerksamkeit gefolgt. „Hat Ihr Vater diesen Brief zustimmend beantwortet," frug er nach einer Pause, „so daß Herr v. Harnisch sich auf Ihre Hand Hoffnung machen durfte?" „Nein, Herr v. Harnisch hatte keine Adresse angegeben, weil er fast unmittelbar seinem Briefe folgte. Auf der Ueberfahrt von Dover nach Calais ist das Schiff, auf welchem er sich befand, in Folge Zusammenstoßes mit einem andern zu Grunde gegangen, doch las ich seinen Namen in der Liste der Geretteten." „Ich kann mir denken, daß Sie, um Ihren Vater vor dem Ruin zu bewahren, in die Verbindung mit dem Sohne seines ehemaligen Gegners eingewilligt hätten," bemerkte Volkmar, wobei Siglinden ein leises Beben seiner Stimme nicht entging. „Ich erklärte mich allerdings zu diesem Opfer bereit," antwortete sie kaum hörbar, wieder, wie vorhin, erröthend zu Boden blickend. „Inzwischen hat sich Herr v. Harnisch Ihnen noch nicht vorgestellt?" fragte der Anwalt. „Meine Dienerin theilte mir mit, es fei vorgestern Nachmittag, nachdem ich mit meinem Vater nach Gut Nottenbach abgereist war, ein Herr dagewesen. Ich vermuthe, daß es Herr v. Harnisch war." „Und seitdem hat er nichts wieder von sich hören lassen?" „Nein. Er dürfte inzwischen von dem schrecklichen Ereignisse, an welchem man meinem Vater eine so blutige Schuld vorwirft, gehört haben und wird natürlich die Tochter eines Mörders als Gattin verwerfen." Doktor Volkmar blickte nachdenkend vor sich hin. Dann stand er auf, nahm einige Zeitungen aus einer Mappe und blätterte darin. „Der Zusammenstoß der beiden Dampfer hat am 12. d. Mts. stattgefunden," bemerkte er aus einer Zeitung aufblickend. „Zwischen dieser Katastrophe und Herrn v. Harnischs vermuthlichem Besuche liegen elf Tage. Von Calais hierher braucht man doch höchstens 48 Stunden. Was hat er in jener Zeit getrieben?" Die letztere Frage hatte der Advokat murmelnd gesprochen, wie an sich selbst gerichtet. (Fortsetzung folgt.) ---Ss-Ar-ss-- In allerliebster Gesellschaft. Eins Humoreske von Element Kleeberger. (Fortsetzung.) Mein Freund Karl stand ungefähr zwanzig Schritte von dieser Scene entfernt. Halb und halb schien er sich bewußt, um was es sich handelte. Ich befahl ihm, herbeizukommen. Er blieb hartnäckig stehen. „Herr Gendarm," rief ich nun, denselben ver- ständnißtnnig anblickend, mit forcirter Stimme, „ziehen Sie den Säbel und hauen Sie den Taugenichts sofort zusammen — wenn er nicht auf der Stelle —" Der Renitent ließ mich nicht ausreden, er kam herangeschlichen, denn er sah das rothe Aermeltnch des Gewaltigen bereits hinab gegen den Säbelkorb streifen. Brav Büblein, wie ein Schläge fürchtendes Windspiel kam es fast gekrochen, jedoch krämpfig den Zweig festhaltend. In dem Momente aber, als der Bewaffnete seine Hand an's Schwert legte, entfiel dem zu Tode erschrockenen Frevler das oorxus äelioti — ich ließ es liegen und empfahl mich mit meinem Gesellschafter in Eilschritten, denn unser neues Schauspiel hatte ein nichts weniger als dankbares Publicum. Um schneller zu entrinnen, bogen wir in die Fahrstraße ein, jedoch auch hier gab es Spaziergänger genug, und hie uud da konnte mit bester Vorsicht ein kleines Anrempeln nicht vermieden werden. So zehn Minuten sausten wir dahin, dort, wo von der Straße weg es wieder hineinführt zu den schlängeln- den Fußpfaden, stießen wir auf einen mir sehr befreundeten jungen Doctor. Ich hatte mit demselben vor einigen Jahren eine hochinteressante Dolomitenfahrt gemacht, und das lange Zusammenwandern brachte uns auch in der Stadt näher. „Um alle Welt, Herr Compagnon," rief er mir schon von weitem entgegen, „Sie jagen — welche Verantwortung — Ihrem Stammhalter die schönste Luftröhrenschwindsucht an den Hals. Ein so galoppirendes Lustwandeln ist im höchsten Grade polizeiwidrig. WaS ist's denn? Haben Sie den heutigen Abendspaziergang in Accord? Terminversäumniß? — 32 Nein straf' mich der Orkus, wenn'S nicht so ist — Ihr Gesicht glüht auf den Jsargrund nieder wie der purpurne Rosengarten auf den Bozner Boden. — Ei, Ihr Kleiner, der schnauft ja wie ein zu Tod gehetztes Böcklein. Hetzt er Dich, Dein Papa?" sagte er dann, sich gutmüthig an Karl wendend, „ssinxsr iäsin" —, und Karl Machte eine so weinerliche Fratze, zum Steinerweichen, und nickte unaufhörlich mit dem Kopfe, es siel ihm aber nicht ein, sein Hütchen, wie es doch die erste Anstandslehre erfordert, grüßend zu lüpfen. Ich nahm es ihm ab, doch der Neisefreund bat, das erhitzte Haupt nicht den kühlen Luftstrichen auszusetzen. Eine sanfte Ironie, denn die Lüfte waren lau und lind, und ich behielt deßhalb das Hütchen um so vorsätzlicher in der Hand. Die Zeitungen meldeten gerade die schrecklichen Verheerungen, die der Karneidbach im Eggenthal angerichtet, und daß der Wirth in Birchabruck, dem Mittelpunkt des Thales, dadurch ein ruinirter Mann geworden wäre. Wir kannten ihn gut, waren bei ihm bestens aufgehoben und bedauerten herzlich das Unglück. Unsere Reise-Erinnerungen verwickelten uns in ein immer lebhafter werdendes Geplauder. Karl wollte auch sein Vergnügen haben, und er hat es auch gefunden. Nämlich mein lieber Doctor ist nicht nur ein hochgelahrtes Haus, Philosoph onra suinwa lanäs, sondern auch eine hochgewachsene Stange. Seine Gewohnheit war, im Gesprüchseifer die beiden Aermel in die Hüfte zu stützen. Wenn er nun auf einem etwas erhöhten Punkte stand, so blickte für den, der zu ihm emporschaute, durch die offenen inneren Armwickel das blaue Auge des Himmels heraus. Diese lachenden Ziele waren für Karl, der zu Hause auf Alles und Jedes geworfen, und oft mit virtuoser Sicherheit durch die Guckerlfenster des heimathlichen Erkers seinen Ball gesendet, zu verführerisch. Er schlich sich abseits in das tiefer gelegene Gehölz, und richtig schwirrte alsbald ein rundes Steinchen durch die Arm- spreize, aber so frei, daß kein Fältchen des Rockes gestreift wurde. Der Philosoph sah das Geschoß wohl vor sich hin und hinaus in die Wiese fliegen, indeß er achtete nicht besonders darauf, doch da nach einer kurzen Pause, und zwar von der anderen Hüftseite weg, wieder ein Kiesclchen schwirrte, drehte er etwas das Haupt, gleichwohl ließ er sich in seinem Thema und in seiner Stellung nicht beirren. Da flog abermals ein Steinchen, und weil der Doctor zufällig den Arm straff an sich zog, blieb es innerhalb des Armwickels stecken. Also der Punkt geschossen und getroffen. Karl jauchzte, wie der Zieler an der Scheibe. Ich aber eilte auf den ungerathenen Schützen zu, unbarmherzig wollte ich ein paar Schellen fliegen lassen. Karl war nicht der Junge, der sich gutwillig hinstellte, um dankbar sein Tractement in Empfang zu nehmen, im Gegentheil, er machte sich den Jux, mit mir „fang' das Männchen" zu spielen, dazu mußte die lange Stange des Doctors das Object bilden, denn rund um ihn herum ging die Jagd. Der Doctor bat, doch gütigst seine Person außer Betracht zu lassen. „Nicht weiter mehr aufregen, bitte ich, — aus Ihrem hoffnungsvollen Jungen wird unzweifelhaft noch 'was recht Tüchtiges werden, — wenn die Schweizer wieder einmal einen Teil brauchen, sofort offeriren Sie das Söhnchen, es hat dHs berufenste Talent dazu " Ich verbiß meinen Unmuth, war ich doch dem Schloßbengel gegenüber die reinste Ohnmacht. Meine Entschuldigungen wollten kein Ende nehmen, der Reise- freund aber meinte, ja er bat mich, doch seinethalben den Knaben nicht allzustark mit dem schon von Horaz so trefflich besungenen davulus bekannt zu machen. Der Ton, den mein sonst so gutmüthiger Doctor an- schug, hatte etwas Beimischung von Lauge und aufrichtigem Bedauern. Wir schieden, das war mir klar, nicht so freundlich wie wir uns trafen, und der Gedanke, daß wir in den heurigen Ferien selbander abermals eine Lustwanderung machen sollten, ward nicht mehr fort- gesponnen. Es that mir ordentlich weh uw meinen lieben Neisefreund, ich mußte auf ihn verzichten, das alles wegen meines allerliebsten Gesellschafters. IV. Nun nahm ich den Burschen wieder auf die Seite. „Gräßlicher Mensch", knirschte ich, „hat Dir Deine Gouvernante gar keinen Schliff beigebracht? Du bist ja der vollkommenste Hottentott, ein Bauernbengel der ersten Sorte und ich muß mich geniren, mit Dir überhaupt noch einige Schritte weiter zu gehen. Bei meiner ausgedehnten Bekanntschaft bringst Du mich in den Geruch, den ungehobeltsten aller Buben in Besitz zu haben. Danke für die Ehre. Doch wenigstens auf dem Weg, den Du mit mir noch gehst, will ich, daß Du eine Idee von Anstand zeigst. Merk' Dir, wenn ich grüße, läss'st Du nicht, wie bisher, Deinen Deckel auf Deiner Bürste, sondern nimmst ihn ab, und bleib' ich stehen, so bleibst Du auch stehen und verneigst Dich und bedeckst Dich erst dann wieder, wenn man Dir's erlaubt. Bursche, ich rath' Dir, folge, folge, sonst — nehm' ich Dich bei Deinen Schmalzfedern und ziehe solange daran, bis sie mir in der Hand bleiben. Verstanden?" Mein Freund erwiderte keine Silbe und ging knickend, den Kopf vorgehängt und niedergeschlagen das Auge, wie um die Suche nach dem Himmelsschlüssel, neben mir her. War das Demuth, Heuchelei oder endlich einmal thätige Neue? Wir kamen glücklich ohne neuen Unfall zu der Baumgruppe, die, vorgeschoben bis zum Hang, so zu sagen den aus der Stadt ziehenden Luftkneipern die Honneurs macht. Unten über die Grabenbrücke seh' ich eben jetzt einen mir nur zu gut bekannten Herrn schreiten. Seiner Korpulenz Tritte waren heute besonders langsam, zögernd, fast suchend, als ob sie die neue Schotterschichte sondiren und über einige kantige Kiesel sich Hinwegheben wollten. Ein kleiner Wehestand an der großen Zehe mochte etwa zu dieser Vorsicht mahnen. Die arme Korpulenz, der zu Hause die schönste Carroffe und zwei prächtige Rappen zur Verfügung standen, mußte gehen, der Leibarzt befahl es — und der Patient folgte. Ich war erst vorgestern bei ihm, einer Wohnung halber. Er besaß nämlich in einem der neuen Stadttheile mehrere Häuser und in einem davon wollte ich gern meinen Familiensitz aufschlagen. Es wäre fürwahr ein trauliches Heim gewesen, luftig, sonnig, weiten Blickes über Wiesengrund zu Bayerns Alpenwand; es handelte sich nur noch um ein Oefchen, das er in ein kleines, doch zum einsamen Schaffen und Lernen so recht geeignetes Zimmer nicht will setzen lassen. „Zu umständlich", sagte er mir am Freitag, „soll am Montag wieder kommen, weil wir doch 33 — ruhige Inwohner wären, würde er sehen, was sich thun läßt." Die Entscheidung war also morgen, indeß in unserm Familienrath ward bereits beschlossen, daß wir allenfalls die Herstellungskosten selber übernehmen wollten, so magnetisch zog's uns in sein Haus. In meiner Angst, der hoffentliche Hausherr möchte Mich stellen und Karl, die ewige Unruhe, könnte einen unliebsamen, folgeschweren Eindruck auf die ruheliebende Corpulenz machen, drückte ich mich, den Knaben fester zu mir ziehend, in's Gebüsch. Hier glaubte ich mich befreit von einer Dakapo-Scene L In Coloß von Rohdus. Seine Hausherrlichkeit geruhten jetzt eben am Gasteig, am Fuße des Llonts kiauo Halt zu machen, die kleinen Augenrädchen drehten sich etwas zaghaft empor zur Höhe, nun umspannte das klumpige Händchen kräftiger die australische Olive, ein Stecken stark genug, ein noch größeres Volumen zu stützen, und vorwärts: Auf zur Fahrt! Das Gewicht zog ziemlich hinab, die gleißende Stirne und das Wogen des Brustkorbs bewies, daß der Mann noch lange hin hatte, um in die Zunft der ehrsamen Bergfexen aufgenommen werden zu können. Einige Mal blieb er stehen und wischte sich mit seinem blendend weißen Sacktuch das purpurne Glacis seines Hauptes, dann stieg er wieder weiter, jedoch seine Blicke flimmerten gleich Irrlichtern umher; wie, wollte er etwa eine oa8U oder Unterkunftshütte erspähen? Er hielt wieder Rast, seine fetten Gesichtspolster öffneten sich, und aus einer Scharte seiner Zahnpallisade schoß es heraus, zweifellos ein kleines Complimentchen über den genialen Ingenieur, der die steile Bergstraße ohne Serpentinen angelegt. Endlich ging's wieder aufwärts, tapfer aufwärts, aber abermals auf that sich sein Mund, weit, sehr weit, hai- artig, und sog und sog den gerade über den Hang harmlos hinubstreichenden Flug Mailüftchen schockweise ein. Wahrhaftig, noch einige solcher Jonaszüge und das Oxygen, das doch für das Universum berechnet war, würde von ihm bis auf das letzte Theilchen aufgepumpt worden sein. Obwohl er nun längst seinen Fuß auf den Nacken des Berges gestellt, schritt er nicht vorwärts, ja doch gottlob. Mir ward schon etwas schwül, er möchte am Ende gar die linke Schulter vornehmen und auf der Bank neben uns Platz suchen, es pochte wirklich an meine Rippen und froh war ich, als der Herzhammer seine Arbeit aussetzte; — da — welcher Gedanke hat dem Mann den Kopf gedreht? oder ist Karlchcn, dem das Mäuschenstille halten schon lange zuwider geworden, in der Freude der Erlösung zu rasch aufgesprungen — da kehrt er sich um, der Kies knirscht unter seinem Absatz, er sieht die Bank und schnurgerade geht's auf das neue Ziel los. „Sie haben sich hier ein recht einladendes Plätzchen heansgcsucht", sagte er dann und ließ sich langsam in dem andern Eckchen nieder. Ich erhob mich, grüßte verbindlichst, auch Karl zog seinen Florentiner und verneigte sich ehrerbietigst. „Du bist einmal ein charmanter Knabe, schön, mein junger Freund: Mit dem Hut in der Hand — kommt man durch's ganze Land", dann wendete er sich zu mir: „Ihr Jüngster?" „Der Jüngste und Aelteste", antwortete ich, natürlich doppelsinnig, wie ein delphisches Orakel. „Aso nur Einen?" „Zu dienen, Herr Rath;" muß nebenbei bemerken, mein präsumtiver Hausherr war nicht nur vielfacher Hausherr, sondern auch vielfacher Rath: Verwaltungs-, Distrikts-, Pflegschaft-, Armen-, auch gewesener Stadtrath, kurzum Universalrath. „Ein Kind, ein Schreckens-Kind," lächelte er. „Ja, ja, im wahrsten Sinne des Wortes, ja nur zu wahr." „Nun, nun, nicht gleich so voller Angst, der Knabe sieht gesund und wohl aus, wie selten ein Stadtkind, strotzend wie eine aufgesprungene Pfingstrose. Alle Sprichwörter hinken. Der da," dabei tätschelte er Karl's Schulterblatt, „hat seinen 100jährigen Geburtstag verbrieft in der Tasche. So, mein junger Freund, so setze Dich, ich habe ja gesehen, wie Du ein gut gezogener, überaus höflicher Knabe bist. Komm', bedecke Dich, setze Dich." Wirklich, Karl war zu artig, als daß ich nicht gern sein Väterlein spielen wollte, um so mehr die hausherr- liche Sympathie für ihn eine nicht zu unterschätzende Reverenz für meinen morgigen endgiltigen Wohnungsgang sein konnte. „Karl," sagte ich nun zu dem Jungen, der noch immer tief geneigt vor Seiner Hausherrltchkeit stand, „der Herr Rath haben's erlaubt; komm', bedecke Dich, setze Dich" — aus Artigkeit und Speculation nämlich hatte ich wieder Platz genommen. Wer sich nicht bedeckte, nicht sich setzte, war Karl. Dessen Höflichkeit war in den Comparativ übergegangen, denn er neigte sich zusehends tiefer, und schon war sein Kompliment bei der Kniescheibe angelangt, dabei ließ er die Arme wie Dreschflegel hängen. Ein kleines Bläschen des Unmuths flatterte bereits über meiner Stirne; das Bläschen wuchs, wurde zum Wölklein, zur Wolke, zu mehreren Wolken, sie drängten sich so masstg, so eng am glühenden Horizont der Hirnschale zusammen — nach den atmosphärischen Gesetzen mußt es alle Augenblicke niederhageln. „Karl," rief ich, „Karl, Du belästigst den Herrn, den Kopf in die Höh', bedeck' Dich, setz' Dich." Er bedeckte sich nicht, er setzte sich nicht, und statt den Kopf aufzurichten, ließ er ihn sinken, das Kompliment hatte den Superlativ erreicht, — sinken schier in den Schooß des ihn unwillig von sich schiebenden Hausherrn. Blitz, Krach, Hagel — das Gewitter ging los. Ich sprang auf, nahm den Burschen beim Kragen, wollte den Kopf mit Gewalt in die Höhe bringen, der Renitent drückte seine Mähne hinab und ich hatte factisch nur den Kragen der Jacke in der Hand; bei dieser unsäglichen Procedur geschah es aber, daß ich den widerspänstigen Burschen zu weit gegen die große Zehe des hausherrlichen Pedals vordrängte. O der Ton, der jetzt dem unglücklichen Besitzer des Tonwerks entfuhr; er gellte mir an's Ohr wie eine Applicatur-Saite, die eben abgesprungen. Ich entschuldigte mich, nein, ich wollte mich entschuldigen, ich sagte immer und immer: „Es thut mir leid, Herr Rath, recht leid, unendlich leid, Herr Rath können es mir glauben, müssen mir's glauben, wie unsäglich leid es mir thut." „Und mir, mir," antwortete der Herr Rath, nachdem er sich von seinem Wehdam ein bischen erholt hatte, „mir thnt's noch leid... der... er" — in seinem Zorn und Hohn gebrauchte er offenbar absichtlich eine ungrammatische Steigerungsform; der schneidende Accent, mit dem er das letzte Wort markirte, wies znr Genüge darauf hin, — „und ich bedanke mich recht schön," — 34 setzte er dazu, «wenn Sie glauben, wein Bein sei ein Blitzableiter für die väterliche Wuth." „Herr Rath," entgcgnete ich rasch, „Sie denken etwa, dieser Satan sei mein Sohn, — nein, Gott bewahre mich vor diesem Ausbund." Wie mich jetzt der Mann fixirtc, wie er mich verächtlich anstarrte, vom Kopf bis zum Fuß maß. Wohin classificirte er mich; eine ganze Wagenreihe von wilden Thieren mußte an seinem Geiste vorbeigefahren sein, aber eine Art, Bestie, die, wenn das Junge ihr unliebsam wird, dasselbe verlängnet, davon hat nicht einmal irgend ein Explicator berichtet. Der hoffentliche Hausherr faßte fester den wuchtigen Silberknopf seiner Olive, richtete sich an ihm auf, knappte einige Schritte, dann blieb er abermals stehen; „also." sagte er, sarkastisch lächelnd und auf Karl deutend, „also ein Findelkind. — Uebrigens brauchen Sie sich morgen nicht mehr zu mir zu bemühen."-Bild!- V. „Bild!" sagte ich vorher; was war da ein schönes, ergötzliches Genrebild, ein lustiger Defregger-Ball auf der Alm, eine wonneselige Grützner-Weinprobe im Kloster- keller im Gegensatz zu dem, welches sich jetzt vor mir aufgerollt. Das ist: Max, hautdurchschauernd, herz- zerschneideud, unglückbrütend L 1a. Kindsmörderin, das ist die Glocke von Huasca, des spanischen Malers, der gleich Krautköpfen die Köpfe der Enthaupteten vor der Klosterpforte aufhäufte. Während nämlich der verstoßene Hausherr seine letzten, denkwürdigen Worte ans- gestossen, war Karl durchgebrannt, hinab den Berg, an der Jsarbrücke vorbei, dem Damme zu, auf ihm, nein, unten am Nasen, wo der schneegeschwollene Alpenstrom anbrandete, weiter. Ich hatte einmal die Verantwortung, Karl wohlbehalten seiner Mama abzuliefern, übernommen, daher blieb mir nichts anders übrig, als dem Ausreißer auf der Fährte zu bleiben. Was waren meine Sorgen um den Knaben bis jetzt? — Jux, Spaß, nichts. Ein Scheibchen Krenn beim Osterschmanse, ein graues Härchen im schwarzen Vollbart, ein Secündchen Wachen bei durchschlafender Rächt. O Base, o Mutter, o Gouvernante, löst mich ab. Ich schärfte meinen Blick. Warum bin ich nicht Argus, der Huudertüugige, nicht Lynkeus, der über die Ecke sah, und selber wär' ich er: der Balg war nicht zu bewachen. Bald sah ich ihn, bald nicht, bald stand er auf dem Damme, bald unten am Nasen. Ich lief und konnte ihn nicht erreichen, denn ein entsprungenes Fohlen, wie das meinige, hat andere Läufer, als der, dem bereits der Jahre Blei an den Knieen hängt. Da hör' ich einen Mark und Bein durchschneidenden Schrei. Es ist Karl's Stimme. Wo ist er? Ich laufe dem Schalle zu; athemlos die Hände ringend steh' ich vor dem rauschenden Strom. Gott, wo ist Karl? am Ende!-Mir wurde warm im Gehirn, heiß, so heiß, so glühend heiß — am Ende? — — und nicht anders ist's, kann — kann nicht anders fein — es muß so sein — muß — wo wär' er denn? — er ist fortgerissen, — ertrunken. Ich ging hinab den Nasen, vorsichtig bis zur Brandung. Nichts, als das jagende Wasser, die Wogen, die übereinander stürzend einander begruben. O Mutter, so haben sie auch Deinen Sohn begraben, Deinen einzigen Sohn, Dein anderes Leben. Ein Schwerer Reiter und sein Mädchen standen hinter mir. In meinem Schrecken hörte ich sie nicht kommen. — „Laßt's gut sein, Herr," sagte der Reiter, und sein Mädchen setzte dazu: „o das Leben ist so schön! net wahr, Gustl? so schön, o ich möcht' noch hundert Jahre über den jüngsten Tag hinaus leben mit meinem Gustl." „So ist's," pflichtete der Netter bei — „und warum gleich wegen jedem Pfifferling in's Wasser springen? Was ist Ihnen denn über die Leber 'krochen?" Ich schaute das Paar wie versteinert an. „Ah, sind S' g'scheidt und froh, und sind S' dankbar, wenn der alte Knochenhauer recht lang net kommt; und ein Fischfressen abgeben wollen, dies, meiner See?, wär' mir das Allerallerletzte. Geh'n S' weiter und sind S' wieder fidel." „Und mi' freut mein ganzer Ausgaug net, wenn ich in Ihr verzweifeltes Gesicht seh'," untersuchte die Julie ihren Romeo. „Ich bin sehr verbunden," entgcgnete ich, „und wahrhaftig, ich bin der Verzweiflung nahe. Denken Sie, mir ist gerade mein Bub' — ich sah ihn bis zu dieser Stelle laufen — ertrunken." „DaS ist, teufelneun, natürlich eine andere Nummer," bemerkte der Reitersmann. „Wie sah er denn aus? — Einen Matrofenhut?" »Ja —" „Einen zerrissenen Matrosenkragen?" „Ja." „Und so einen Matrosenspenser?" „Ja." „Und rothe Strümpf'?" „Ja, — um des Himmelswillen —" „Und schwarzlackirte — aber über und über koth- saftige Halbstiefel?" ^ »Ja, ja — schnell — um Gotteswillen, haben Sie ihn hineinfallen sehen?" — „Nein, das zwar nicht, aber da steht er hinter der dicken Pappel —" „Und so oft Sie," ergänzte jetzt die Schwere Neiters- braut, „in d' Näh' kamen, ist der Spitzbub' immer rund herum g'schlichen, daß Sie ihn haben nicht sehen -können." Im nächsten Moment waren der Soldat und die Seinige Karl's habhaft. Der „Schwere" zog den Buben an den Löffeln, die Alliirte nahm ihren Entout- cas beim Krrauf und begrüßte mit dem keineswegs schwachen Stock ein um das andere Mal den katzen- ähnlich emporgezogenen Buckel des Ungezogenen, und unter Fortsetzung dieser Darreichungen brachten sie mir den wie ein zur Schlachtbank gezerrtes Ferkel schreienden Gesellschafter. „Herr," sagte der entrüstete Soldat, „soll ich diesen Erzgauner recht hertrischaken, nein, so seinen Vater in Angst setzen, und uns auch, denn wir haben gemeint, Sie wollten sich ersäufen." „Wie — dieser Gedanke!" „Ja — so is," betheuerte Julie, „und wir sind g'rad so g'laufen, daß wir noch recht 'kommen sind, und der Mein' hat schon ang'fangt d' Säb'lgurt abzuschnallen — wär' Ihnen «achg'sprungen — o der hätt' Sie net ersäufen lassen. Ich kenn' den Mein'n." Ich dankte gerührt, doch für den ersten Augenblick war es mir gewiß nicht um eine weitere Züchtigung zu thun. Ich war todfroh, den fatalen Jungen wieder 35 — gesund vor mir zu sehen. Den Schweren Neitersmann aber, meinen ficherlichen Lebensretter, bat ich, auf mein Wohl mit seiner gefühlvollen Herzallerliebsten ein paar Extra-Steine zu trinken, und drückte in Gestalt eines blinkenden Zweimarkstückes die Quasi-Rettungs-Medaille in die bieder dargebotene Hand. Es bedarf wohl keiner wetteren Erklärung, daß unsere Scene allmählig ein ganz anständiges Contingent Zuschauer ansammelte. Ich zog daher vor, Nomeo und Julie alleinig auf der Bühne lassend, mich mit meinem Freund zwischen die Coulissen, heißt das, in ein enges Seitengäßchen zu drücken, um von da aus auf Umwegen die Neichenbach - Brücke zu erreichen. Als wir in ein ziemlich abgelegenes Gewinkel kamen, konnte ich nicht umhin, meine beiden Hände auszustrecken, um den Ohren des Jungen eine energische Visite zu machen. Aber in demselben Augenblick, als ich aufzog, fing der Schreckliche zu schreien an, wie wenn er ein Messer an der Gurgel hätte. Mit krampfhafter Festigkeit und den Boden stampfend deckte er sich die Gehörmuscheln zu, und es war absolut unmöglich, anzukommen, dabei heulte er unaufhörlich: „anh, auh — und ich sag's schon meiner Mama, auh — und kein Mensch — auh, auh — hat's Recht — auh, anh, auh — kein Mensch — auh!" — Ich mußte von der weiteren Vollstreckung ablassen, denn es pfiffen von einem Dachstübchen herab die zurückgeschobenen Läden und krächzte eine Stimme: „Ihm," hieß es, „ihm soll man die Schmalzfedern aufziehen, ihm, weil er's nicht erwarten kann, bis er mit seinem Buben nach Haus kommt." Natürlich räumte ich im Eilschritte das Feld, nicht aber ohne vorher einen geringschätzenden Blick auf die Nachtenle zu werfen. Da kam ich recht, Himmel, dieses Lexikon von dillots äoux die fetzenweise, wie vom Sturme weggefegtes Laub, niederwirbelten, und bald darauf hörte ich nachbarliche Fenster sich öffnen, und nun ist's schon kein Lexikon mehr, sondern eine ganz respektable Bibliothek, die mir nachgeschleudert wurde. Mein Rückzug aber glich einer Flucht, einer vollendeten Deroute, die mich in eine Sackgasse, wo eingeschlossen die Bora am ergiebigsten wirken konnte, trieb. Durch einen freien Hausgang schimmerte Lichtung. Es war ein Durchhaus. Gott sei Dank, wir standen wieder in den Anlage». Hier trocknete ich meine Stirue, lange, lang, und dann schritt ich, meinen Liebsten am Acrmel, schleunigst der Neichenbach-Brücke zu. Karl trabte trutzig neben mir. Ein ganzer Felsblock, ja der ganze Wendelstein mitsammt seinem Haus und seiner Kathedrale wälzte sich, als wir uns der Müllerstraße näherten, meiner gepreßten Brust ab. Die Möglichkeit, das Nesthäkchen bald dem besorgten Mntterlein wieder zuführen zu können, wuchs ja von Schritt zu Schritt. Der Centralbahnhof, in dessen Umkreis die Base wohnte, war nun vermittelst der Trambahn in einigen Minuten zu erreichen. Eben fuhr der Wagen der Haltestelle zu, jedoch seine Tour giug zur Jsarbrücke, die meine, entgegengesetzt, zum „Stachus". „Magst Du fahren mit mir bis zum Bahnhof, Karl?" frug ich im gütigen Tone. Er antwortete nicht, sondern sprang davon, hinüber über den Brei der Straße, fort im Galopp auf den Wagen zu, und war auch schon darin entschwunden. Durch eben diesen aufgelösten Macadam stürzte ich, k keine Lache, keinen See, keinen Oker scheuend, dem Burschen nach. Ich winkte dem Conducteur vergebens. Soweit geht doch die Rücksicht nicht, daß für den Ein» zelnen Alle warten sollen. Der Wagen fuhr sein Geleise. Mit einer derben Verwünschung zwischen den Zähnen und einem um so tieferen Seufzer zog ich mich aus der braunen Sulze Zurück, und im Laufschritt, so zwar, daß mir die Hüfte stach, verfolgte ich die Arche. Auf der Jsarbrücke, dachte ich, werde ich den gottlosen Rangen jedenfalls wieder treffen, und in dieser Hoffnung kürzte ich meinen ohnedies langsamer werdenden Gang noch um einige Tempi. Endlich langte ich beim Brückenkopf an. Das Wasser wehte eine fröstelnde Brise mir an die schweißtriefende Stirne, an Kehle und Hals. In der Mitte der Brüstung steht ein Haufe Buben; die Passage sperrend, gaudirten sie sich an der wilden Wellen- jagd. Ein Gendarm schreitet auf die Bande los und verscheucht sie. Ich frug den Sicherer der Ordnung, ob er nicht einen so und so aussehenden kleinen Burschen hätte vorher aussteigen sehen. Er bejahte es, hinzufügend, daß das junge Herr» chen aber einem älteren Herrn — er kenne ihn, es sei ein Hauptmann a. D. — sich anschließend nach dem Ostbahnhof weiter gefahren sei. Ich schüttelte den Kopf, dann stand ich wie versteinert. Der Gendarm errieth augenblicklich meine Be» stürzung. „Der junge Herr," sagte er tröstend, „kommt wohlbehalten an, er ist in guter Gesellschaft; der Herr Hauptmann logirt in der Nähe des Bahnhofs." Nun war mir's klar, wie das Herrchen zur Weiterfahrt kam. Der Herr Hauptmann a. D. war augenscheinlich mit ihm eingestiegen und gab dem Villete austheilenden Conducteur als Reiseziel Ostbahnhof au. Da Karl weder den Globus der Stadt und noch weniger die Weltgcgend-Bahnhöfe kannte, so genügte ihm das Wort „Bahnhof" vollends, um in guter Gesellschaft seiner vermeintlichen Heimath entgcgeuzurollen. Aber — aber — verliefe er sich, irrte er umher, das Gewiukel der Vorstadt durchheulend, und ergriffen sie ihn zur späten Nacht als herrenloses Gut, als wohnungS- loscs Individuum, denn ich muthmaßte, daß der Schloßprinz weder seine Hausnummer noch die Straße wußte, und Mama kaum noch Zeit gefunden haben wird, ihre» Einzug in die Residenz der Polizei anzumelden — barmherziger Gott, eine Nacht in den Katakomben der heiligen Hcrmandad brächte ihn in Fraisen, in Epilepsie, den Tod. Und ich, wenn ich zu seiner Mutter träte, ohne ihn, und sie mir zuriefe: „Wo ist Dein Vetter Karl?" mir müßte es werden, wie einstens Kain, als der Herr ihm zugerufen: „Wo ist Dein Bruder Abel?" Ich eile über die Brücke, lasse mein Auge hinab- schießen in die Au —: „ein Pferd, ein Pferd, mein Königreich für 'n Pferd," so rief in seiner höchsten Verzweiflung einst der englische Richard, und ich rufe in der nämlichen Verzweiflung: „Eine Droschke, eine Droschke, meinen Beutel für eine Droschke t" (Fortsetzung folgt.) 36 ALLexLer. Der „Haupttreffer". Eine in Wien sehr bekannte Familie ist in der letzten Zeit von einem tragischen Geschicke betroffen worden. In der Praterstraße wohnt Prokurist Theodor St. mit seiner aus vier Personen bestehenden Familie. Herr St., welcher der Bruder eines seither verstorbenen Wiener Cafetiers ist, lebte in den besten materiellen Verhältnissen, da ihm ein ziemlich bedeutendes Einkommen gestattete, nicht nur für seine Familie zu sorgen, sondern auch noch Ersparnisse zurückzulegen. Trotzdem war der Mann unzufrieden. Er äußerte immer die Befürchtung, seine Familie werde darben müssen, wenn ihm etwas widerfahre, und nur ein großes Vermögen könne vor einer solch' traurigen Zukunft schützen. Dieses Vermögen suchte sich Herr St. durch den Ankauf von Loosen und Promessen zu verschaffen. Seine Ersparnisse legte er ausschließlich in Loosen an und außerdem kaufte er zu jeder größeren Ziehung eine Promeffe. Einmal hatte er mit einem Kommunalloose hart an den Haupttreffer gestreift und seither lebte St. in der festen Ueberzeugung, daß er noch einmal das große Loos ziehen werde. Unlängst fuhr er Morgens von Baden, wo seine Familie zum Sommeraufenthalte weilte, ins Geschäft. Dort angelangt, nahm er die Zeitung zur Hand und durchsing den geschäftlichen Theil. Plötzlich sahen die andern Beamten den Prokuristen erblassen und mit zitternder Hand etwas in der Tischlade suchen. Es war das Verzeichniß der ihm gehörigen Loose. Nach einer Weile sprang er auf und rief jubelnd: „Meine Herren! Ich habe den Haupttreffer der Bodenkreditloofe gemacht! Entschuldigen Sie mich beim Chef, aber ich muß sofort nach Hause zu meiner Frau." In größter Aufregung fuhr Herr St. nach Baden, wo ihn seine Frau, erstaunt über sein unerwartetes Erscheinen, empfing. Freudig erzählte er ihr von feinem Glücke und wies zur Bekräftigung die Zeitung vor. Die Frau laS die Nummer, dann sagte sie: „Ja, hast Du denn auch ungarische Bodenkreditloofe?" Der Mann starrte die Frau bestürzt an, riß ihr das Blatt aus der Hand und nachdem er gelesen, sank er bewußtlos auf ein Fauteuil. Er hatte in seinem Glücke nicht bemerkt, daß eS sich hier um die Ziehung ungarischer Bodenkreditloofe handelte, während er nur solche österreichischer Papiere besaß. Die Erkenntniß des Irrthums hatte eine furchtbare Wirkung auf den Unglücklichen geübt. Die ganze Lebensfreudigkeit schien geschwunden und alle Tröstungen seiner Frau halfen nichts. Dann schlug die Stimmung plötzlich um. Herr St. kam eines TagS fröhlich nach Hause und bestellte bei seiner Gattin ein feines Souper, da Gäste kämen. Als es Abend wurde, erschien Niemand und St. wußte gar nicht, daß er etwas Diesbezügliches gesagt habe. In den nächsten Tagen machte er sich durch größere ganz überflüssige Geldausgaben bemerkbar und sprach stets von Millionen. Er bildete sich ein, alle Taschen voll Millionen zu haben, und beschenkte alle Leute reichlich. Der Arme ist jetzt reich und im Wahnsinn hat er das Glück gefunden, dem er so unvernünftig nachgejagt hatte. Herr St. ist gegenwärtig in einer Privat-Heilanstalt untergebracht; die Aerzte haben jedoch nur geringe Hoffnung auf seine Wiederherstellung. » Ein Phantast. Bummel: „Kennst Du den Gerichtsvollzieher Schnüffel?" — Stummel: „Ja, leider. Warum?" — Bummel: „Der Mann hat seinen Beruf verfehlt, der hätte sollen Dichter werden. Die Phantasie, die der hat. Du hast keine Ahnung. Denke nur, gestern war er bei mir und da hat der Phantast, so wahr ich lebe, an meiner Kette — eine Uhr vermuthet." - I >*>- An das Ar»«eußerz. Ein wundersames Räthsel ist das Herz, Daran ich glaub' wie an ein fromm' Orakel; Sein Zauber rührt, und wärst du kalt wie Erz, ES ist ein Edelstein ohn' allen Makel! Ein freudiges Geheimniß birgt'S in sich, So hoch und hehr, daß man eS nie begreifet, Und Frucht erzeugt es, schön und minniglich, So wie sie sonst auf Erden nimmer reifet. Bewährt es stets sich edel, treu und rein, Den wunderbarsten Segen schließt es ein; Es ist ein Quell, an dem man ewig trinket, Deß' reiner Bronnen nie im Schlamm versinket. Ihm gab der güt'ge Gott den eig'nen Geist, Mit göttlichem Gewinn an Lieb' und Stärke; So schafft eS nun die überird'schen Werke, Die seine Huld allein den Menschen weist. An seiner Gnade trinken alle Seelen, Der Bettler wie der König froh beglückt; Mit ihnen kann eS Seligkeit vermählen, Und ohne Ende werden sie entzückt. Wo Sündenschuld des Menschen Geist entstellt, DeS Lasters trübe Gährung in der Welt» Da weiß das Herz die Rettung ihm zu finden Und ihm Erlösung freudig zu verkünden. Dies große Räthsel, such' eS nie zu lösen, Den zarten Schleier hebe nie empor! Denn solchen Reichthums sinnig frommes Wesen, Es beut sich nicht der Menschen Aug' und Ohr. Willst du ergründen, was noch unergründet In ungemcss'ner Tiefe ruhend liegt, Was den allein, der jenes Glück empfindet, In unbegreiflich hoher Art berückt? Wo kalt Verstand, wo Forschung an ihm grübelt, An jenem Quell, der aus der Gottheit fließt, Die Gotteöpracht der Zweifel da verübelt, Den Zauber bannt, der sich um sie ergießt. Nicht McnschenwciShcit mag den Werth erhöhen, Womit das Herz von höchster Hand begabt; Sie kann wohl etwas, alles nicht erspähen, Der Glaube ist's, der hier allein sich labt! So frevle nie am Herzen; denn die Sünde, Die an dem Herzen frevelnd sich verging, Verschalt mit einer eisig starren Rinde Der Liebe Gut, das es vow Herrn empfing. WaS sich so mild, so liebend dir gegeben, Du sollst es freudig auf den Thron erheben! Es sendet das Gemeine erdenwärts Und strebt zu Gott, es ist das Frauenherz! L. L ---SV-r'-Se—>- Telegramm-Räthsel. Die Striche sind durch Vokale, die Punkte durch Konsonanten zu ersetzen: Auflösung des Logoaryphs in Nr. 4: Esse, Esser, Messe, Messer. Auflösung des Bilder-Räthsels in Nr. 5: Zwei tragen Freud und Leid besser als nur Einer. M „Nugsburger Postzeitung". 7. Dienstag, den 23. Januar 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabderr in Augsburg (Vorbesttzer Dr. Max Huttlcr). Auf Verwegener Wahn. Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Siglinde glaubte zu beobachten, daß irgend ein plötzlicher Argwohn in Volkmar aufgestiegen sei, wagte aber keine Bemerkung zu machen. Es war ein längeres Schweigen eingetreten, welches der Rechtsgelehrte endlich unterbrach, indem er sagte: „Zunächst werde ich selbst ein wenig Untersuchungsrichter und Kriminalpolizei spielen. Diese Nachhilfe wird nöthig sein, denn das Gericht wird mit dem vorliegenden Thatbestände die Untersuchung als abgeschlossen betrachten und auf seinen Lorbeeren ausruhen. Zudem hat man bereits mit dem neuen Morde alle Hände voll zu thun." „Ein neuer Mord?" frug Siglinde, wobei ihr die vorhin vernommenen Reden der Schreiber wieder einfielen. „Davon weiß ich noch nichts." Doktor Volkmar reichte ihr eine auf dem Pulte liegende Zeitung und deutete mit dem Finger auf die betreffende Notiz. Wie Siglinde daraus erfuhr, war gestern früh sechs Uhr in dem sogenannten Kastanien- wäldchen, welches unweit eines öffentlichen Conzert- gartens lag, der vollständig entkleidete Leichnam eines Mannes aufgefunden worden. Der Tod war, genau wie bei der kurz vorher begangenen Mordthat, durch Erwürgung von fremder Hand erfolgt, die ihr Opfer hinterrücks angegriffen hatte, und mochte, wie die ge- richtsärztliche Untersuchung festgestellt hatte, etwa sieben bis acht Stunden vor der Auffindung eingetreten sein. Wer der Ermordete sei, hatte man bis jetzt noch nicht ermitteln können, da sich nirgends eine Spur von einem der Kleidungsstücke, die er getragen, vorfand. Das einzige Kennzeichen war eine kürzlich erst geheilte Wunde auf dem oberen Theile des rechten Schulterblattes, welche von einem heftigen Schlage mit einem kantigen, wahrscheinlich hölzernen Instrumente herzurühren schien. Kopfschüttelnd und unter einem tiefen Seufzer gab Siglinde das Zeitungsblatt zurück. „Die genaue Uebereinstimmung der Todcsart in diesem wie in dem vorhergegangenen Falle könnte auffallend erscheinen," bemerkte der Anwalt. „Ließe sich daraus schließen, daß der Mörder jenes unbekannten Mannes auch Ihre Tante erwürgt habe, so wäre dies ein günstiges Moment für Ihren Vater, welcher um die Zeit, wo dieser zweite Mord begangen wurde, bereits verhaftet war. Doch glaube ich an keinen Zusammenhang ; der zweite Thäter hat dem ersten nur in der Wahl des Mittels nachgeahmt, so etwas kommt oft vor, ein Verbrechen hat immer etwas Ansteckendes. Im Uebrigen, Fräulein Siglinde — Fräulein Schönaich," verbesserte er sich . . . „Nennen Sie mich getrost beim Vornamen," bat das junge Mädchen, „wenn ich Ihnen damit eine besondere Gunst erwiese, so besäßen gerade Sie ein altes Anrecht darauf." „Ich danke Ihnen, Fräulein Siglinde," erwiederte er erfreut. „Ich wollte sagen, daß die Sache Ihres Vaters von heute an die meinige ist. Was das Gericht als Jndicien auffaßt und durch die schwarze Brille ansieht, das habe ich mich gewöhnt, zunächst für. das Zusammentreffen unglücklicher Zufälle zu nehmen und durch die Loupe zu betrachten. Schon oft bin ich dadurch zu vorher ungeahnten Resultaten gelangt und nicht selten kam es vor, daß statt des Untersuchungsgefangenen ein ganz Anderer auf der Anklagebank Platz nahm. Für Eines verbürge ich mich im voraus: an Ihrem Vater soll kein Justizmord verübt werden. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort!" Siglinde hatte sich während seiner Rede erhoben, ergriff die Hand, die sich ihr mannhaft entgegenstreckte, und verabschiedete sich mit dankerfülltem Herzen. Oft genug hatten die vier Wände dieses Arbeitszimmers ihren Bewohner in tiefen Gedanken versunken gesehen, aber als Träumender sahen sie ihn heute zum ersten Male. Jawohl, der schneidige Jurist träumte: Er versetzte sich um ein Jahr zurück, wo er auf einer Reise im Hochgebirge an einem nebeligen Abende einer Gesellschaft von Herren und Damen begegnet war, die sich in großer Bestürzung befanden. Sie hatte soeben die Entdeckung gemacht, daß eines der Ihrigen, eine junge Dame, fehle. Volkmar kannte Niemand unter den Ausflüglern, die sich in einer der Pensionen des im Theile liegenden Städtchens wohl auch nur zufällig aus verschiedenen Gegenden Deutschlands zusammengefunden hatten, doch wurde fein mit überlegener Geistesgegenwart gegebener Rath dankbar angenommen und ohne Verzug ausgeführt. Während einer der Herren mit den ermüdeten Damen den Nachhauseweg fortsetzte, kehrten die übrigen wieder um. Einer blieb auf dem Hauptwege, die andern schlugen nach und nach die von demselben sich abzweigenden Nebenpfade ein und jeder rief 38 von Zeit zu Zeit mit lauter Stimme den Namen der Vermißten. Bald tönten nach verschiedensten Richtungen hin die Rufe: „Siglinde!" Auch Volkmar befand sich unter den Suchenden. Wohl eine Stunde lang hatte er, immer höher und höher steigend, und durch geisterhaft ihn umwallende Nebelwände schreitend, vergebens seine Rufe ertönen lassen, als er eine schwache Antwort vernahm. Mit doppelter Eile bewegte er sich vorwärts und näher und näher kam die Stimme seinem von Zeit zu Zeit wiederholten Rufe: „Siglinde!" bis er einer dunkeln Gestalt ansichtig wurde, die auf einem am Wege liegenden Felsstück saß. Es war die Vermißte. Volkmar erklärte mit wenigen Worten sein Erscheinen an diesem Orte und Siglinde erzählte ihm, wie sie plötzlich einen werthvollen Schmuck vermißt und sich, um diesen zu suchen, von der übrigen Gesellschaft getrennt habe. Während sie zurückging, war sie in Folge des zunehmenden Nebels von dem mehrfach durchkreuzten Hauptpfade abgeirrt, und bei dem Versuche, die Wand des Hohlweges zu erklettern, um sich zu orientieren, habe sie sich den Fuß verrenkt. Wohl war in einiger Entfernung ein schwacher Lichtschein bemerkbar geworden, welcher die Nähe einer menschlichen Wohnung ankündigte, aber ihr Hilferuf verhallte ungehört, mit Mühe nur hatte sie sich bis zu der Stelle geschleppt, wo ihr der fremde Netter erschienen war; weiterzugehen machte der schmerzende Fuß unmöglich. Trotz ihrer anfänglichen Einwendung mußte sie das Anerbieten Volkmars, sie bis zu dem vermutheten Hause zu tragen, dessen Richtung sie sich genau gemerkt hatte, annehmen. Er hob sie auf seine kräftigen Arme, hüllte sie in seinen Ueberzieher und erreichte mit seiner süßen Bürde, dem aus dem Pebel auftauchenden Lichte folgend, bald ein kleines Bauerngehöft, das sich den späten Wanderern gastfreundlich öffnete. Was der schmelzende Wohllaut der Stimme und die schlanken Formen der Gestalt in der Dunkelheit nur ahnen ließen, das fand Volkmar noch weit übertroffen, als das hell lodernde Herdfeuer Sigkindens jugendfrisches schönes Antlitz beleuchtete, sich in ihren großen blauen Engelsaugen spiegelte und das wunderbare Gold ihres Haares beschien. Volkmar machte es seinem durchfrorenen Schützling auf einem alten Lehnstuhle in der Nähe des wärmenden Feuers bequem; die Bäuerin mußte Leinwandzeug Herbeibringen, welches Volkmar in schmale Streifen riß, um Siglindens Fuß kunstgerecht zu verbinden. Sie sträubte sich zwar anfangs, aber er redete ihr so ernst und energisch zu und traf dabei seine Vorbereitungen mit einer Sicherheit, daß sie ihn für einen Arzt hielt und ihm endlich den kleinen alabasterweißen Fuß mit dem starkgeschwollenen Knöchel willig überlieferte. So legte er dem kranken Gliede nach allen Regeln der Chirurgie den Verband an; er hatte sich diese Fertigkeit im Feldzuge 1870 erworben, welchen er, damals eben angehender Student, als freiwilliger Krankenpfleger mitmachte. Während Siglinde einen von der Bäuerin rasch bereiteten Kaffee zu sich nahm, spannte der Bauer sein Wägelchen ein. In schützende Decken gehüllt, legte die Gerettete an Volkmar's Seite die Fahrt nach dem Städtchen zurück und freudig wurde sie im Pensionshause begrüßt, nachdem von den jungen Männern, die sich an ihrer Aufsuchung betheiligt hatten, einer nach dem andern unverrichteter Sache zurückgekehrt war. Siglinde war von Glückwünschenden so umdrängt und namentlich von der um ihre Gesundheit besorgten Familie, welcher sie sich von Hause aus für diese Sommerreise angeschlossen hatte, so in Anspruch genommen, daß Volkmar sich überflüssig vorkam. Er wollte den Schein vermeiden, als sei ihm darum zu thun, nun auch den allgemeinen Dank der Gesellschaft einzuheimsen, nachdem unterwegs bereits das junge Mädchen ihrer Dankbarkeit in rührenden Worten Ausdruck gegeben hatte. So stahl er sich unbemerkt davon, er hatte ohnehin mit einem Freunde auf morgen in einem andern Theile des Gebirges brieflich ein Rendezvous verabredet, und benutzte noch den letzten Eisenbahnzug zur Weiterfahrt. Je rascher ihn derselbe von dem Schauplatze seines heutigen Erlebnisses entführte, desto mehr bereute er, sich von der Nähe des schönen Mädchens freiwillig verbannt zu haben. Er glaubte sie, während er sich dem Haibschlummer überließ, noch immer durch den Nebel zu tragen und hatte fortwährend das Gefühl, als hielte ihr Arm seinen Nacken umschlungen, als spüre er den süßen Druck ihrer weichen, schmiegsamen Glieder. Wer und woher sie war, wußte er ebensowenig, wie sie dieß von ihm wußte; beide waren unter Umständen zusammengetroffen, die sich für eine ceremonielle gegenseitige Vorstellung nicht eigneten, und beim traulichen Geplauder in der Bauernhütte und während der Heimfahrt hatten sie vergessen, das Versäumte nachzuholen. Am anderen Tage erschien dem Nechtsge- lehrten das Erlebte wie ein Traum, bald aber gestaltete es sich zu einem festen Punkt seiner Erinnerung, es wurde sein Lieblingsgedanke, und die Frage, ob ihn das Leben wohl wieder mit der goldhaarigen, liebreizenden Siglinde zusammenführen werde, beschäftigte ihn mehr, als er sich selbst gestehen mochte. Ein Mal sah er sie im Theater, freudig überrascht erwiederte sie seinen Gruß von weitem, aber beim Hinausgehen aus dem überfüllten Hause gelang es ihm nicht, sie unter der drängenden Menge zu finden. Die Wahrscheinlichkeit, daß sie in der gleichen Stadt wohnte, war mit dieser flüchtigen Begegnung allerdings gegeben, aber die Frage, wer sie war, hatte erst heute eine ebenso unerwartete als betrübende Lösung gefunden. Ihr Besuch hatte in Volkmar ein Gefühl zurückgelassen, als dürfe er sie nun nie wieder verlieren. Würde er, wenn es ihm nicht gelang, ihren Vater von der Blutschuld zu reinigen, wohl der Gesellschaft trotzen und die Tochter des Gebrandmarkten mit seinem Namen decken? Ja, das würde er! Würde aber das hoheits- volle Mädchen, die ihr grausames Geschick mit so viel Würde trug, je einwilligen, die Seinige zu werden, wenn jener entehrende Fleck auf ihrer Familie haften blieb? Nein, das würde sie nicht! War aber denn nicht dem scharfblickenden Juristen während des Gesprächs mit ihr plötzlich ein Strahl der Hoffnung, eine Art Offenbarung aufgegangen, daß ein Anderer der Mörder sein könnte? Allerdings hatte außer Schönaich noch eine ganz bestimmte Persönlichkeit ein gewichtiges Interesse an Frau Rollenstein's Tode haben müssen, und das war Siglindens designierter Bräutigam, jener Jeseo von Harnisch. Er war über das Weltmeer herübergekommen in der bestimmten Erwartung, die alte Frau nicht mehr am Leben zu finden und die Erbin ihrer Million zum Traualtar zu führen. Statt dessen fand er eine Wieder- genesene, die nur das Grab von ihrem Mammon zu trennen vermochte. Konnte ihn diese furchtbare Enttäuschung nicht zu einem verzweifelten Verbrechen hin- 39 reißen, für dessen Ausführung er sich die günstige Gelegenheit, der alten Dame an einem bestimmten Abende nach dem Methodistengottesdienste sicher zu begegnen, zu Nutze machte, nachdem jener Andere, dem man die That zuschrieb, vielleicht eben harmlos von ihr gegangen war? Daß der Heirathskandidat Schönaich's und seiner Tochter Jawort noch nicht hatte, war kein Grund, ihn vor einer so furchtbaren That zurückschrecken zu lassen, denn leicht konnte er nach seiner Ankunft die stadtkundige verzweifelte Finanzlage des Vaters erfahren und sich daraus den Schluß gebildet haben, daß unter solchen Umständen die Tochter sicher nach der Million und dem damit verbundenen Anhängsel greifen werde. Offenbar hatte er sich schon mehrere Tage hier in der Stadt aufgehalten, ehe er sich im Schönaich'scken Hause einfand. War er denn so wenig neugierig die Millioncnbraut von Angesicht zu Angesicht zu sehen? Oder war es ihm das Großherzog Ernst Kndmig von Hcstcn und seine Wort gegönnt habe, weiter nichts. Pfui über solche Schwäche! Pfui!" * * * Doktor Volkmar hatte seiner schönen Clientin versprochen, er werde, unabhängig von dem Gange der gerichtlichen Untersuchung, den Spuren des Verbrechens auf eigene Faust nachgehen, und er säumte nicht mit der Ausführung. War Sigliudens Vater unschuldig und ein Anderer der Mörder, so mußte bei diesem dieselbe genaue Kenntniß der Wohnung und Gepflogenheiten seines Opfers vorausgesetzt werden, wie bei Schön- aich. Daher lenkte der Rcchtsgelehrte am Nachmittag seine Schritte nach der Rosenstraße, um die Hausgenossen Frau Nollenstein's über deren Bekanntenkreis zu son- diren. Er verfuhr dabei mit großer Vorsicht. Als er, langsam dahinschlendernd, das Gartengrundstück erreichte und in demselben Leute beschäftigt sah, die ihn beob- tzvM H, MW ' - MWU Prinzessin Pikloria von Snrhscn-Totiurg-Golha. Wichtigste, zunächst das Hinderniß wegzuräumen, welches unerwartet zwischen die Braut und die Million getreten war? „Aber," fügte Volkmar dieser Reflexion hinzu, indem er plötzlich den Kops schüttelte und die Hand auf's Herz legte, „hat denn ein Mensch, der die Katastrophe eines Schiffsuntergangs durchmacht, nicht das Recht, Nerven zu besitzen und in Folge der ausgestandenen Angst und Aufregung in eine Krankheit zu verfallen, die ihn einige Tage in Calais zurückhält? Da bildete ich mir nun ein, daß der spitzfindige Jurist aus mir spräche, und am Ende ist es weiter nichts, als die Scheelsucht des mißvergnügten Liebhabers, welche mich die schmachvollsten Verdächtigungen auf jenen Herrn von Harnisch häufen läßt. Und warum? Weil das Mädchen, welches ich gern selbst besitzen möchte, in aufopfernder Kindesliebe für ihren Vater bereit war, jenen zu Heimchen. Es ist ganz gemeine Eifersucht, der ich da das achten konnten, gab er sich den Anschein, als führe ihn der Zufall hierher. Er studierte das bogenförmige Schild, auf welchem sich die „Kunst- und Handelsgürtncrei von Eduard Ritter" empfahl, las dann auch die Inschrift zweier Porzellanplatten, die links und rechts des Eingangs angebracht waren und die pomphaften Worte enthielten: „ImFlisli sxolmii Iisrs" und „I^i on parltz tran^a-is," trat endlich ein, die Pforte hinter sich bedächtig wieder schließend. Die Hände auf dem Rücken, schritt er langsam den breiten Weg dahin, wobei er von Zeit zu Zeit stehen blieb, um mit jenem Behagen, womit man sich einem Naturgenusse hingibt, links und rechts die langen Reihen blumiger Beete zu überblicken und mit erhobener Nase den Duft einzusaugen. So näherte er sich zwei Frauen, welche an einem Beete mit dem Ausstechen von Blumen beschäftigt waren, um sie in Töpfe zu setzen. Es war während der letzten Tage 40 in den Zeitungen so viel die Rede von der Gärtnerfamilie gewesen, welche im Gefolge der Mordaffaire ein gewisses öffentliches Interesse erregte, daß Volkmar in den beiden Frauen leicht Frau Ritter und ihre Schwägerin errieth. Er grüßte höflich und erkundigte sich nach verschiedenen Pflanzen, die er zu kaufen wünsche. „Ein prächtiges Grundstück!" bemerkte er dann, sich umblickend. „Ihr Eigenthum?" „Nein, wir sind nur Pächter," antwortete Frau Ritter. „Und wer ist der Besitzer?" Nur mit ärgerlichem Widerstreben sprach die Gärtnersfrau den Namen Rollenstein aus. „Ah, das ist ja wohl die Dame, die so schrecklich ermordet worden ist?" rief Volkmar scheinbar überrascht und warf einen Blick nach den Fenstern des Hauses empor. „Da hat es in diesen Tagen gewiß nicht an Neugierigen gefehlt," fuhr Volkmar fort, „die Sie mit Fragen über die Mordgeschichte belästigt haben?" „Ja, und wie es scheint, sind diese Belästigungen noch nicht zu Ende," nahm Anna ihrer Schwägerin mit einem feindseligen Blicke auf den Besucher die Antwort ab. Schlechter hätte sich Volkmar bei ihr gar nicht einführen können, als damit, daß er die Rede auf dieses Ereigniß brachte, an welchem die Schwägerin ihr alle Schuld beimaß; diese hatte ihr geradezu vorgeworfen, sie habe Frau Rollenstein auf dem Gewissen, weil sie dieselbe mit dem Mörder allein gelassen hatte. Daß sie (Frau Ritter) ihren ehrlichen Namen in Verbindung mit jener blutigen That in den Zeitungen lesen mußte, erschien ihr wie eine öffentliche Schande, wofür Anna natürlich ebenfalls von ihr verantwortlich gemacht wurde. Der Rechtsgelehrte that, als habe er die Malice überhört, denn einige der ausgegrabenen Topfpflanzen schienen plötzlich sein ganzes Interesse in Anspruch zu nehmen. „Das ist, was ich längst gesucht habe, setzen Sie mir alle sechs Stück bei Seite. — Wie ich am Thore draußen las," fügte er nach einer kurzen Pause hinzu, „wird hier Englisch und Französisch gesprochen. Bei dem starken Fremdenverkehr in hiesiger Stadt ist das ein nicht zu unterschätzender Vortheil, worin es kaum einer Ihrer Konkurrenten Ihnen wird gleichthun können." Er hoffte, der Gärtnersfrau damit etwas Angenehmes gesagt zu haben. Diese aber nahm die Bemerkung mit einem verächtlichen Lächeln auf. „Wer ist denn dieser Sprachkundige? Gewiß Ihr Gemahl?" frug er, indem er sich nach der anderen Seite des Gartens umdrehte, wo Ritter mit einigen Gehilfen arbeitete. „Nein," sagte die Frau frostig und deutete nachlässig auf Anna, „hier meine Schwägerin besorgt das Parliren." „Ah! Sie, mein Fräulein?" wandte Volkmar sich mit einer respektvollen Neigung des Hauptes an das Mädchen. „Sprechen Sie diese beiden Sprachen perfekt?" „Wenn man sich längere Zeit in England und Frankreich aufgehalten hat, so versteht sich das von selbst!" erwiederte Anna hochmüthig. „Ja," setzte Frau Ritter hinzu, „freilich nur in dienender Stellung bei fremden Herrschaften, in London als Bonne, in Paris als Zofe." Für diese Erläuterung empfing sie von Anna einen bitterbösen Blick, den aber Volkmar nicht zu bemerken schien, denn seine ganze Aufmerksamkeit war wieder von einigen Topfpflanzen gefangen genommen, die er nach einander an seine Nase brachte. „Es wird vielmehr behauptet," sagte er mit einer leichten Wendung des Hauptes nach dem Hause, „der alte Schönaich sei unschuldig, die ihn genau kennen wollen, schwören darauf, daß er einer solchen That nicht fähig sei, und meinen, es könne auch ein Anderer, der im Hause der alten Dame genau Bescheid gewußt habe, das Verbrechen begangen haben." „Da wüßte ich wirklich Niemanden," versetzte Frau Ritter mit einem kurzen Auflachen. „Empfing denn die alte Dame keine Besuche?" frug Volkmar, immer noch an den Blumen riechend. „Stand sie mit gar Niemand im Verkehr?" Frau Ritter schüttelte entschieden den Kopf und sagte in abweisendem Tone: „Mit Niemandem, außer mit uns." „Aber zu Ihnen kommen doch sehr viele Leute," fuhr der Rechtsanwalt fort, „da könnte wohl einmal ein böser Mensch unter dem Vorwande, hier Einkäufe zu machen, Jemanden von Ihnen über Frau Rollenstein ausgeforscht haben. Es gibt Leute, die sich so schlau darauf verstehen, Einem ganz unter der Hand und nebenher Alles zu entlocken, was sie wissen wollen, daß man's selber gar nicht merkt." „Meinen Sie?" frug die Gärtnersfrau mit leisem Höhne. „Davon ist mir nichts bewußt." Mittlerweile hatte Ritter sich genähert, um den Kunden, den er mit seiner Frau unterhandeln sah, zu begrüßen. Volkmar zeigte ihm die Pflanzen, die er bereits gekauft hatte, erkundigte sich über die Behandlungsweise derselben und gab Andeutungen, daß seine Kauflust noch nicht befriedigt sei. „Wir sprachen eben über die bcdauernswcrthe alte Dame," bemerkte er wie beiläufig und mit einer kurzen Bewegung des Zeigefingers nach der verwaisten Wohnung hinauf, „wie es scheint, war sie menschenscheu, da sie sich von der Außenwelt so abgesperrt hielt. Gab es denn außer Ihnen wirklich gar keine Menschenseele, die sich um sie gekümmert hätte?" „Keine auf der weiten Gotteswelt," antwortete der Gärtner fast feierlich. „Niemand frug nach ihr und sie frug auch nach Niemandem." „Na, na!" versetzte Frau Ritter mit einer abwehrenden Handbewegung gegen ihren Mann, „das wäre doch zu viel behauptet. Einige Bekannte hat sie schon gehabt. Ließ sie nicht sogar ein Zimmer in Bereitschaft setzen für eine Dame, die sie von auswärts erwartete? Auch in Amerika muß sie Bekannte gehabt haben, denn als sie so schwer krank lag, hast Du selbst ihr zweimal zwei Depeschen, die nach New-Iork gingen, aufs Telegraphenamt besorgen müssen." „Nun ja," gab der Gärtner zu, „aber Amerika ist weit von hier!" (Fortsetzung folgt.) -- I*. Hieronymus Gratzmüller 0. 8. L., StiftSprior und k. geistl. Rath in Augsburg, geboren am 19. Januar 1824 zu München, seit dem Jahre 1846 dem Benediktinerstift St. Stephan dahier angehörig, hat mit dem 19. ds. Mts. sein 70. Lebensjahr erreicht. Sechsunddreißig Jahre hindurch leitete er das „Institut für höhere Bildung" bei St. Stephan, im Volksmunde als das „adelige Institut" bekannt. Welche Summe von Mühe, Geduld und Opfersinn zu einer solchen Aufgabe gehört, weiß der zu würdigen, der das Wort „erziehen" schon praktisch kennen gelernt hat. Diese Thatsache allein schon würde ein ehrendes Gedenken seiner Thätigkeit an diesem bedeutsamen Lebens- Abschnitte rechtfertigen. Gratzmüller war jedoch auch auf einem anderen Gebiete hervorragend thätig und diese Thätigkeit hat seinen Namen bekannt gemacht weit über unsere vaterländischen Grenzen hinaus. In München hatte unser bayerischer Landsmann Gabelsberger seine Stenographie erfunden und eben sein großes Werk „Die deutsche Redezeichenkunst" herausgegeben, als Gratzmüller sich ihm zugesellte, zuerst als begeisterter Schüler, dann als treuer Helfer im Lehren, alsbald auch als persönlicher Freund. Den Werth der Stenographie vollauf erfassend, trat er sofort mit aller Energie, mit der ganzen Kraft eines reichen Geistes für die Verbreitung derselben ein. Die erste Frucht dieses Wirkens war Einführung derselben an der Studienanstalt St. Stephan dahier am 1. November 1848, zu einer Zeit, wo man anderwärts noch nicht an solches dachte. Die Eröffnung dieses Unterrichts geschah auf Veranlassung Gratz- müllers durch Gabelsberger selbst. Nahezu 40 Jahre wirkte Gratzmüller als erster staatlich geprüfter Lehrer der Stenographie an der erwähnten Anstalt in Augsburg. Als Gabelsberger im Jahre 1849 starb, war Gratzmüller berufen, ihm als Lehrer der Stenographie an der Universität München zu folgen, der Wille seines Abtes hielt ihn jedoch hier zurück. Das hinderte jedoch Gratzmüller nicht, sich in die ersten Reihen derer zu stellen, die das Werk Gabels- bergers fortzubauen sich gelobt. Er nahm an allen hervorragenden Versammlungen thätigen Antheil, und als im Jahre 1852 beschlossen wurde, einen Preis für ein einheitliches Lehrbuch der Stenographie Gabelsbergers auszusetzen, da war es Gratzmüller, der aus diesem Wettbewerb als Sieger hervorging. Sein Lehrbuch, unter dem Namen „Preisschrift" bekannt und 1853 zum erstenmal erschienen, hat feinen Namen hinausgetragen über der Heimath Grenzen, es ist — in mehr als 40 Auflagen bis jetzt erschienen — Tausenden der Führer zur Kenntniß der Stenographie geworden. Im Jahre 1856 gründete Gratzmüller den Gabelsberger - Stenographenverein Augsburg, der seit langem der weitaus größte aller Gabelsberger-Vereine ist und im Sinne und Geiste seines Gründers wirkt. Groß ist daher insbesondere die Freude der Angehörigen dieses Vereins, Herrn Prior Gratzmüller zum erreichten siebzigsten Lebensjahre gratuliren zu können. Gratzmüller gründete auch die stenographische Monatschrift dieses Vereins, die „Monatblätter", welche sich heute noch großer Beliebtheit erfreuen. Im Jahre 1870 ließ er eine Uebertragung von „Thomas a Kempis' Nachfolge Christi" erscheinen, welche wiederholte Auflage erlebte. Der 10. August 1890 fand Gratzmüller anläßlich der Enthüllung des Gabelsberger-Denk- mals zu München in Mitte der stenographischen Welt, denn um jene Zeit fand nicht nur der Allgemeine deutsche Stenographentag, sondern auch derJnter- nationale Stenographencongreß daselbst statt. Vor einer solchen internationalen Zuhörerschaft, darunter noch manch ehrwürdiges Haupt aus Gabelsbergers Zeit, hielt Gratzmüller am Morgen jenes Tages am Grabe Gabelsbergers eine tiefempfundene Gedächtnißrede, ausklingend in die Mahnung, fortan treu und unentwegt die Kunst zu pflegen. Die Rede und dieMahnung andiesem geweihten Orte fand Anklang und Wiederhabt bei allen Hörern. Wenn die Wichtigkeit der Erfindung Gabelsbergers für unser öffentliches Leben — insbesondere auch für die Publizistik — heute allgemein anerkannt werden muß, wenn sie als eine der besten geistigen Errungenschaften, als eine Helferin aller Wissenschaften erscheint, so muß Dank und Ehre den Männern gezollt werden, die uns dieses schöne Werk in seiner Einheit und Reinheit erhalten haben. — Im Jahre 1880 stiftete Gratzmüller eine Jahresmesse für Gabelsberger, welche alljährlich am 4. Januar in der Kapelle des Mutterhauses der barmherzigen Schwestern dahier abgehalten wird. So stand er in jeder Richtung in vorderster Reihe, wenn es galt, die von ihm vertretene und als gemeinnützig erkannte Sache zu fördern und deren Erfinder zu ehren, ausgehend von der Ueberzeugung, daß gründliche Kenntniß der Stenographie nicht lediglich ein ideales Gut, sondern ein sehr praktisch nützliches Gut ist, welches sehr Vielen schon zu besserem Fortkommen und zu einer sicheren Existenz verholfen. Slistsprior r. Hieronymus Gratzmüller 0. 8. L 42 Die ganze Gabelsberger'sche Schule wird daher am 19. Januar ds. Js. ihres Altmeisters Gratzmüller ehrend gedenken und alle, welche inner- und außerhalb der stenographischen Kreise stehen und den auch persönlich äußerst liebenswürdigen Herrn Prior kennen lernten, von besten Wünschen für ihn erfüllt sein. Schon im voraus wurde diesem Geburtsfeste von Allerhöchster Stelle die Weihe gegeben, indem Se. Kgl. Hoheit der Prinz-Negent ihn durch Verleihung des Titels und Ranges eines königl. geistl. Rathes auszeichnete, ein Beleg dafür, daß Allerhöchsten Ortes das stille, aber fruchtbare Wirken Gratzmüllers anerkannt ist. Wir freuen uns darob aufrichtigst, insbesondere auch darüber, daß wir Herrn Prior Gratzmüller so lange in unserer Mitte haben, daß er ein Angehöriger unserer Stadt ist (man verzeihe uns diesen Ausbruch unseres Lokalpatriotismus), und daß hier durch seine Thätigkeit so viel für Verbreitung einer guten Sache geschehen ist. Möge Herrn Prior und kgl. geistl. Rath Gratzmüller noch ein langer, ungetrübter Lebensabend beschicken sein! —SÄWkS- * Höchstädt. (Schluß.) (Hiezu das Bild Seite 43) Die alte Stadt Höchstädt bildete eine eigene Pfarrei und hatte eine der HI. Jungfrau Maria geweihte Pfarrkirche, deren Patronatrecht das Kloster Reichenau bis zum Jahre 1356 besaß. Mit dem Kirchensatz, den das ehrwürdige Bodensee-Kloster besaß, war der Großzehnt im Pfarrsprengel Höchstädt verbunden. All dies verkaufte das Kloster im genannten Jahre um 300 Pfd. Heller an den reichen Ulmer Bürger Heinrich v. Roth, dessen Familie nun auf die Pfarrei präsentirte. Ein Glied dieser Ulmer Patrizier-Familie, Johannes v. Roth, war im Jahre 1358 Pfarrer in Höchstädt und bezog als Einkommen 12 Malter Korn, den kleinen Zehnt und Opfer- gefälle. Im nämlichen Jahre noch aber stiftete Heinrich v. Roth und sein Sohn, der Pfarrer Johannes v. Roth, in der St. Nikolaus-Kapelle, die nahe bei der Pfarrkirche in der Altstadt stand, eine Frühmesse mit der Auflage, daß der Pfarrer einen „Gesellpriester" (Kaplan) zu sich in Kost nehmen, dafür aber statt der 12 Malter Roggen den großen Zehnt der Pfarrei beziehen solle. So blieb es bis 1451. Da stiftete der Pfarrer in der Altstadt, Peter Schaflitzel, und die Kirchenpfleger mit zwei Höfen in Deisenhofen in der St. Nikolaus- Kapelle ein Benefizium, dessen Inhaber wöchentlich wenigstens fünfmal „Morgens sobald man die Thore anschließe" in der Kapelle, an Sonn- und Feiertagen aber in der Pfarrkirche unter dem Amt die hl. Messe lesen und dem Pfarrer und „seinem Gesellen" in geistlichen Sachen „behalfen sein" mußte. Cardinalbischof Peter bestätigte diese Stiftung anno 1452. In alter Zeit reichte die Pfarrei Steinheim bis an den Westrand der alten Stadt Höchstädt. Ueber diesen Rand hinaus bildete sich vom 13. Jahrhundert an eine neue Ansiedelung, die sich rasch entwickelte. So entstand eine Neustadt Höchstädt, auch Neu-Höchstädt genannt. In dieser Neustadt bestand schon im Jahre 1382 eine eigene Pfarrkirche, deren Patronat dem Kloster Reichenbach in der Oberpfalz zustand, weil die Neustadt im Pfarrsprengel Steinheim entstanden war, das zu jenem Kloster gehörte. Dieses Kloster besetzte die Pfarrei der Neustadt sogar eine Zeit lang mit seinen Conven- tualen. Einer derselben, Kunrat der Ratzenberger, war im Jahre 1384 Pfarrer zu Höchstädt. Die Neustadt hatte schon im 14. Jahrhundert die Altstadt an Bedeutung weit überflügelt, so daß diese als offene Vorstadt erschien. Die Neustadt war mit Mauern umgeben und enthielt den Haupttheil der Bevölkerung. Dafür zeugt, daß allein in der Zeit von 1372 bis 1452 in der Neustadt acht Benefizien meist von den Bürgern gestiftet wurden. Ueber sämmtliche Benefizien hatte der Rath das Ernennungs- und Kloster Reichenbach das Präsentationsrecht. Auch die Pfarrei der Neustadt brachte der Rath bald an sich und erwarb im Jahre 1544 auch das Patronatrecht über die Pfarrei der Altstadt sammt dem Benefizium St. Nikolaus. Im Jahre 1542 zwang Pfalzgraf Otto Heinrich sein ganzes Land Pfalz-Neuburg, also auch die Stadt Höchstädt, protestantisch zu werden. Der nun lutherisch gewordene Magistrat ging nun übel mit den geistlichen Pfründen, Stiftungen und Kirchengütern um. Die Pfarrei der Altstadt wurde aufgehoben und mit jener der Neustadt vereinigt. Alle Benefizien und ihre Güter zog der Magistrat ein, verkaufte dieselben und verwendete sie zu weltlichen Zwecken oder zum Spital, das im Jahre 1387 von einigen wohlthätigen Bürgern und dem Herzog Friedrich von Teck gestiftet worden. Im Jahre 1557 wurde sogar die Pfarrkirche der Altstadt und die Nikolauskapelle abgebrochen. Als im Jahre 1614 Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm sein Land wieder zur katholischen Kirche zurückführte, stieß er gerade in Höchstädt auf den heftigsten Widerstand, weil die Anhänger des Lutherthums in der alten Pfalz- gräfin-Mutter, einer unbiegsamen, eifrigen Protestantin, die im Schloß zu Höchstädt ihren Wittwensitz hatte, festen Rückhalt hatten. Acht Jahre lang scheiterten alle Bemühungen des eifrigen katholischen Pfalzgrafen, für den katholischen Cultus wenigstens die Spitalkirche zu bekommen, an der lutherischen Zähigkeit und Ausdauer seiner „gnädigsten geliebten Frau Mutter." Als er im Jahre 1624 dem Rath befahl, die Spitalkirche für die katholische Religionsübung einzuräumen, befahl die Pfalzgräfin dem Rath auf's Bestimmteste, nicht das Geringste einzugehen. Ihrem Sohne, dem Pfalzgrafen, drohte sie, lieber Höchstädt zu verlassen, als die katholische Religion in der Spitalkirche zu dulden. Diesmal gab jedoch der Pfalzgraf nicht mehr nach. Er bat den Bischof, einen katholischen Priester auf Sonntag nach dem Dreifaltigkeitsfest nach Höchstädt zu senden, welcher die Einführung der katholischen Religion in der Spitalkapelle vornahm. Am 23. Juni kam der Stadtpfarrer Sixtus Bischer von Dillingen, hielt in der Spitalkirche den katholischen Gottesdienst und führte den Priester Georg Pistorius als ersten katholischen Pfarrer nach dem Lutherthum in Höchstädt ein. Am nämlichen Tage ließ der Pfalzgraf durch seinen Kanzler seiner Frau Mutter, der Herzogin Anna, die Versicherung geben, daß, so lange sie lebe, in der Pfarrkirche und in der Hofkapelle die lutherische Religionsübung unangefochten bleibe und Niemand zur katholischen Neligionsübung gezwungen werde. So hielt es der Pfalzgraf bis zum Tode seiner Mutter. Als sie aber anno 1632 gestorben war, ließ er die Prädikanten aus Höchstädt schaffen, die Pfarrkirche dem katholischen Cultus zurückgeben und verlangte im 43 Jahre 1634, daß Rath und Bürgerschaft wieder katholisch werden. Die wollten nichts davon wissen. In der Hoffnung, daß die kaiserliche Macht, welche eben die Donau heraufzog, eine schwere Niederlage erleiden werde, gebrauchten sie allerlei Ausflüchte. „Das Spiel ist noch nicht aus", sagten vorlaute Rathsglieder. Nach dem glänzenden Siege der Kaiserlichen bei Nördlingen mußte sich auch der „steiflutherische" Rath zur Umkehr bequemen, aber nur langsam und schwer vollzog sich die Rückkehr Höchstädts zur Kirche. Erst als um die Mitte des 17. Jahrhunderts ein neues Geschlecht an Stelle des alten getreten war, war die Rückkehr zur Kirche auch innerlich vollzogen. * In Folge der Aufhebung der alten Benefizien war nach Wiederherstellung der katholischen Religion der Priestermangel sehr fühlbar; darum stiftete der Rath im Jahre 1720 das Benefizium St. Veit, dessen Inhaber In allerliebster Gesellschaft. Eine Humoreske von Element Kleeberg er. (Fortsetzung.) VI. Langsam zu den Lüften hinauf, die Rosenheimer Straße empor, fuhr ein Nachfolger des roß- und fahr- kundigen Ajax. Ich stürze auf ihn zu, reiße den Schlag seiner Kalesche auf und befehle: „Ostbahnhof und retour Central- Staatsbahnhof, aber rafcy." Die Ueberrumpelung ging so rapid schnell, daß der Epigone kaum Zeit hatte, den Kragen zu drehen und seinen Gast zu sehen. Er ließ also seinen Bucephalus halten und erschien am Wagenschlag. „Ja, was ist's," fuhr ich ihn unwillig an, „habt Ihr mich nicht verstanden? Halten auch noch." 's. H » - 52.2 Schloß tzöchftädl. Original-Ausnahme von Gustav Baader, Photograph in Krumbach. sBervielsaltigungSrecht vorbehalten.; den Stadtpfarrer im Beichtsitzen, Predigen rc. unterstützen sollte. Im Mittelalter entstand in der alten Stadt ein Frauenkloster, genannt die „Klause", das später die Regel des hl. Augustin annahm. In der Reformation wurde dieses Kloster aufgehoben und seine Güter eingezogen. Auch ein Kapuzincr-Hospitium war im Jahre 1740 auf der Höhe der Stadt erstanden, erlag aber schon nach 62 Jahren der Säcularisation. Sonst fühlte Höchstüdt im Jahre 1803 wenig von den revolutionären Wirkungen und Umgestaltungen der Säcularisation, da ihr die Reformation zum Säcularisiren nichts mehr übrig gelassen hatte und Stadt und Amt Höchstüdt schon seit 535 Jahren dem bayerischen Scepter unterworfen waren. (Aus „Bisthum Augsburg III. 660—680 von Dr. v. Steichele.) -»S-SW-S,- „So hitzig," antwortete der Roßlenker, „geht's g'rad' net, und damit Sie's gleich wissen, können S' gleich wieder aussteigen auch, ich bin schon bestellt. Muß 'n Passagier abholen, der kommt mit 'n Blitzzug." Bei dem Wort „Blitzzug" blitzte es mir durch's Gehirn. — Treff' ich den Jungen, will ich — und im Coupä wird mir der Gesellschafter nicht durchbrennen können — mit dieser Expreßgelegenheit nach Hause. „Brav, mein Lieber," antwortete ich, die wohlklingendsten Register meines Stimmkastens aufziehend, „brav, das lob' ich mir, und wenn ich wieder einmal für eine Tagesrundfahrt einen Kutscher brauch', keinen andern als Euch würd' ich engagiren, brav, da ist ein Verlaß. Ich will aussteigen, gleich aussteigen, wenn Ihr so wollt, doch da Euer Thierchen ohnedieß zum Ostbahnhof trabt, könnte es mit Eurer Erlaubniß — ich bin ja ein ganz schmaler Mensch — mich mitnehmen." 44 Ich machte wirklich Miene aufzustehen, der Brave jedoch gestattete es nicht: „ein gutes Wort findet guten Ort, — und eine gute Cigarre ist eine beliebte Waare — und extra noch eine Mark in die Tatze — da nicht gefällig sein, wär' nicht am Platze." Die Peitsche knallte, der Gaul zog aus. Lustig trabten die Hufe und alsbald standen wir vor dem immer noch vergebens auf seine Zukunft harrenden Bahnhof der Ostmetropolis. Der Telamonier sprang von seinem Bock und öffnete, sein attisches Profil nun in der freundlichsten Fayade gebend, den Wagenschlag. „Bald wieder die Ehr', gnä Herr," mit diesem klassischen Reim entließ er mich aus seinem Gehäuse. Natürlich war mein Erstes, schnurstracks auf den Tramwagen loszuschreiten. Gerne gab mir der Kondukteur Auskunft. Ein Bübchen, ja wohl, mit einem defekten Matrosenhut sei mitgefahren, und hinter einem Herrn, „ich hab' geglaubt, es wär'der Vater," — hätte er den Weg über den Orleansplatz eingeschlagen. „So, recht schön," antwortete ich, verbindlichst dankend. Ich ließ meinem Unmuth die Zügel nicht schießen, denn statt des: „so, recht schön," wär' mir die Zunge mit einem ganz anderen Herzenserguß durchge- brannt. Ich wollte mich bemeistern, kühl werden. Es ist einmal so im Leben, wenn man in der Tinte sitzt, kommt es auf eine größere oder kleinere Alizarin-Tonne nicht mehr an. Regen einen im ersten Momente Lappalien oft ungebührlich auf, sind wir ernsten, wirklichen Schicksalsschlägen gegenüber, denen mit festem Auge in die düstere Tafel gesehen werden muß, standhafter, ruhiger, kälter. Ich nahm mir vor, ein Philosoph zu sein nach dem Horaz'schen Recept: „Nil nämiraii", ein Stoiker ü tu Cato, nur mit besserer Konsequenz, denn was soll's, wenn dieser sich doch wegen ein bischen Meinungsabweichungen, so er mit seinem ehemaligen Freund Cäsar hatte, das Herz durchbohrte? Mit gefrorenem Blut und eisiger Ruhe, nonchalant bis zum Exceß, wollte ich die neuen Dinge heranrücken lassen. Ich bummelte dem Orleansplatz zu, die Arme auf dem Rücken verschränkt, so ein Gefühl himmlischer Wurstigkeit wandelte mich an, ich lächelte über mich, über meinen Aerger, über meine Lage, ich fand sie sogar amüsant, über die Alltagsleisten hinaus, piquant. Find' ich den Burschen, recht, — find' ich ihn nicht, auch recht. Ich thue meine Schuldigkeit und damit basta. Um meiner frohmüthigen Visage noch einen behaglicheren Ton geben zu wollen, steckte ich ihr eine „Braun", nämlich so heißt die renommirte Firma meines Leiblieferanten, Reichenbachstraße Nr. 36, in's Zahngehege. Ich hatte kein Streichhölzchen — was macht's — ich rauche kalt. So schlenderte ich gemüthlich, schwankenden Gangs, wie ein eben von seiner langen Kamerunfahrt an's Land gestiegener Bootsmann, hinab den Seitenweg. Bald sah ich einen Herrn, quer über der Straße, der gerade die Asche von seinem Schnuller abstreifte. Auf diesen ging ich zu, bat um Feuer, doch im Moment, als ich meiner „Sansibar" das Köpfchen abbeißen wollte, schob sich von rückwärts ein Aermel herein, an dem Aermel befand sich eine gestreckte Hand, und diese Hand griff nach meiner Afrikanertn, und klapps ist sie auch schon enthauptet. — „Entschuldige —und abbeißen auch noch, wie vandalisch," mit dieser Rüge überreichte, seine Guillotine einsteckend, ein alter Spezi mir die Enthauptete wieder. Ich zündete an und empfahl mich dankend bei dem Feuerspender. Mein Spezi aber war ganz frappirt, mich einmal in seiner Zone zu sehen. Er hatte nämlich, seitdem er a. D. war, sich hinter der maximilianischen Akropolis niedergelassen, währenddem mein Himmelsstrich über dem Scheitel der Bavaria niederging. Ostend und Westend, wie soll man da zusammenkommen? (Schluß folgr.) -—«-v-r—- Winter. Hat man Dir nicht erzählet Dereinst von einer Maid, Die sich einem Ritter vermählet, Der sie vom Zauber befreit? Auf einem hohen Schlosse Im Schlaf die Jungfrau lag, Mit Pferden, Hund und Trosse Schlief sie viel Jahr und Tag. Da kam ein edler Recke, Der brach sich offene Bahn, Und sprach am Dornverstecke Als wüthiger Freier an. Hei! welch ein Helles Klingen, Die Schläfer sind erwacht, Heil welch ein tolles Springen, Im Schloß wird Hochzeit gemacht. Die Jungfrau ist die Erde, Sie ruht im Flockenkleid, Und harrt mit stummer Geberde Des Ritters, der sie freit. Es ragen die Tannen dunkel, Sie halten ihr treue Wacht, Auf ihrem Haupt als Gesunkel Glitzert der Sonne Pracht. Es sausen darüber die Winde, Sie fahren ihr lustig in's Haar, Sie reißen dem schlummernden Kinde Am silbernen Brauttalar. Und klingt in den frostigen Räumen Der Schlitten Schellengeklirr, Dann muß sie spinnen und träumen In bunter Bilder Gewirr. Dornröschen, warte nur, balde Naht Dein Befreier, Dein Held, Sein Weckruf erschallet im Walde, Hallt wieder vom Berg und im Feld. Dann gehet ein Jubiliren Weit durch das einsame Land, Muß alles sich schmücken und zieren Mit Schleifen und Federn und Band. Wer nahm doch die schneeige Decke, Wer brachte das bräutliche Kleid? Der Frühling kam wieder, der Recke, Und hat um die Erde gefreit. Adolph Müller. -«Wies- Großhcrzog Ernst Ludwig von Hessen und dessen Kraut. (Zu unserem Bild Seite 39.) Das jüngste Brautpaar aus fürstlichem Geblüte sind der Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und Prinzessin Victoria von Sachsen-Coburg-Gotha, die sich am 9. Januar in Gotha verlobten. Großherzog Ernst Ludwig ist zu Darmstadt am 25. November 1868 geboren und seinem Vater in der Regierung am 13. März 1892 gefolgt. Prinzessin Victoria ist auf Malta am 25. November 1876 geboren; der Vater der Braut, Herzog Alfred von Sachsen-Coburg-Gotha, und die Mutter des Bräutigams, Prinzessin Alice von Großbritannien, waren Geschwister; das neue Braulpaar ist also Cousin und Cousine. Die ält-ste Schwester der Braut, Prinzessin Maria, hat sich bekanntlich im vorigen Jahre mit dem Prinzen Ferdinand von Rumänien ver- hcirathet. 8. Ireitag, den 26. Januar 1894,' Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttlcr). Auf verwegener Wahn. Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Der Advokat hatte während Frau Ritter's Rede, durch welche sie sich mit ihrer früheren Behauptung in entschiedenen Widerspruch setzte, nicht wenig die Ohren gespitzt. Die Hoffnung, aus diesen vorsichtigen Leuten etwas herauszubringen, war ihm bereits geschwunden. Jetzt ging ihm plötzlich die Erkenntniß auf, daß dieser verschlossenen Frau die Oppositionslust gegen ihren Ehegemahl die schweigsame Zunge löste. Er versuchte daher weiter zu experimentieren und wiederholte, sich diesmal an den Gärtner wendend, was er schon vorhin gegen dessen Frau geäußert hatte, daß nämlich Schönaich vielleicht unschuldig sei; die Unnahbarkeit Frau Rollenstein's schließe ja die Möglichkeit nicht aus, daß Jemand, der vielleicht schon längst mit dem Plane des Verbrechens umgegangen sei, sich unter der Maske eines Käufers hier eingeschlichen und durch geschickt gestellte Fragen die Gelegenheiten zur Ausführung seines mörderischen Vorhabens ausgekundschaftet habe. Herr Ritter schüttelte mit überlegenem Lächeln das Haupt. — „Wir sprechen mit unseren Kunden nicht mehr, als was zum Geschäft gehört," entgegnete er. „Hihi!" kicherte die Gärtnersfrau mit einem bös- haften Seitenblick auf Anna. „Wir sind nicht die Leute," fuhr Ritter fort, „die sich aushorchen und übertölpeln lassen. Die selige Frau Nollenstein haben wir immer hoch geehrt, und weil wir wußten, daß ihr nichts verhaßter war, als in der Leute Mund zu kommen, so haben wir — weder meine Frau, noch ich, noch meine Schwester, die hier steht — auch niemals geduldet, daß ihre Person in's Gespräch gezogen wurde." „Na, ich habe doch wahrhaftig auch noch Ohren und Augen!" lehnte sich Frau Ritter, die Arme in die Seiten stemmend, gegen die Behauptung ihres Eheherrn auf. „Verstehe ich mich auch nicht auf's Kauderwälsch, wie Deine hochgelehrte Schwester, so merkte ich doch, wovon die Rede war. Er stellte mit bezauberndem Lächeln allerlei leicht hingeworfene Fragen und sie antwortete auf jede derselben, und dabei blickten Beide fortwährend nach Frau Rollenstein's Fenstern. Und als diese dann selbst herabkam, um ihren gewohnten Spa- ziergang durch den Garten zu machen, da hat er die alte Dame fast mit den Augen verschlungen! Ich glaube ja nicht, daß sich dahinter eine schlimme Absicht versteckte, denn darnach sah mir der Mann nicht aus, wenn Du aber sagst, daß unsere Kunden sich mit uns nur über Geschäftliches und nicht auch über andere Dinge, für welche Neugierige sich interessiren, unterhalten können, so hättest Du Deine Schwester davon ausnehmen sollen." Volkmar bückte sich uach dem Beete herab und schien den eben vernommenen Worten wenig Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei entging ihm nicht, wie Anna plötzlich blntroth geworden war. „Wovon sprichst Du denn eigentlich?" frug mit einem Schafsgesicht der Gärtner seine Frau. „Wer hat denn gefragt und wer hat geantwortet?" „Du wirst Dich wohl noch auf den fremden Herrn erinnern können," sagte sie, „der in der Woche vor dem Morde hier war —" „Der sich die Fächerpalme bei Seite stellen ließ?" „Ja, und sich nicht wieder hat blicken lassen. Er kaufte ein Bouqnet und wählte die Blumen dazu mit Deiner Schwester selbst aus. Erst sprach er deutsch, aber da ich mir in der Nähe zu schaffen machte und ihm im Wege zu sein schien, so fing er englisch an, und englisch war's, denn es kam das Wort „las" öfter vor, und so viel verstehe ich auch davon." „Meine gute Frau, müssen Sie wissen, ist nämlich ein wenig mißtrauisch," wandte der Gärtner sich lächelnd an Volkmar. „Wenn in Gegenwart meiner Frau meine Schwester mit Jemand englisch oder französisch spricht, fuhr der Gärtner zu Volkmar gewandt fort, so denkt sie gleich, es geht über sie her oder es wird irgend eine Verschwörung gesponnen. — Was hast Du denn damals mit dem Engländer gesprochen, Anna? Besinne Dich einmal und sag's uns, damit Sophie sich beruhigt." Anna warf den Kopf in den Nacken. „Wie soll ich mir von jedem Herrn, der hier Blumeneinkäufe macht, merken können, was er mit mir spricht?" entgegnete sie trotzig. „Oh, oh!" höhnte Frau Ritter, „wenn Einem Jemand so gleichgültig ist, daß man nicht mehr weiß, was man mit ihm gesprochen hat, so geht man nicht nachher herum wie ein Traumbuch und macht sich auch noch Ponyfransen! Anna lachte laut auf, aber es war ein gezwungenes 46 Lachen, und dabei glühte ihr Antlitz wie Purpur. Sie warf einen raschen Blick auf den fremden Käufer, und als sie seinem scharf forschenden Auge unter der goldenen Brille begegnete, wandte sie sich mit einer unwilligen Bewegung ab und machte sich in einem andern Theile des Gartens zu schaffen. Volkmar hatte sich den Anschein gegeben, als nähme er von diesem kleinen Familienstreite keine Notiz, und die Gärtnersfrau hatte in ihrem gehässigen Eifer gegen ihre Schwägerin seine Gegenwart fast vergessen. Er ließ sich jetzt von Ritter in die Gewächshäuser führen, kaufte noch einige kostbare Zimmerpflanzen, bezahlte seine Rechnung mit klingender Münze und verhieß seine baldige Wiederkehr, da er mancherlei seltene Gewächse gesehen habe, die er ebenfalls zu besitzen wünsche. Um durch Nennung seines Namens und Standes sich bei den Gärtnerslenten nicht verdächtig zu machen, nannte er die Adresse eines ihm befreundeten Kaufmanns, an welchen die heutigen Einkäufe zu schicken seien. Er war mit dem Resultate seiner Nekognoszirung über Erwarten zufrieden. Die Thatsache, daß ein Fremder kurze Zeit vor der Ermordung Frau Rollenstein's sich angelegentlich über dieselbe erkundigt hatte, stand fest. Dieser Fremde hatte die gewünschte Auskunft nicht bei der älteren Frau gesucht, sondern diese umgangen und sich an das weniger erfahrene Mädchen gewendet und dieß offenbar mit allen Künsten der Galanterie umstrickt, um zu seinem Ziele zu gelangen. Der Umstand, daß er englisch sprach, weckte in dem Juristen den bereits niedergekämpften Argwohn gegen Jesko von Harnisch auf's Neue. Von dem Mädchen selbst Näheres über die Persönlichkeit jenes Bouguetkäufers und über die Fragen, welche dieser an sie gerichtet hatte, zu erfahren, schien dem Rechtsgelehrien hoffnungslos, dazu war sie ihm gleich von Anfang an zu animos entgegengetreten, und daß er nachher den für sie so peinlichen Gesprächsgegenstand angeregt hatte, konnte sie nur noch unversöhnlicher gegen ihn stimmen. Auch wiesen die hämischen Anspielungen Frau Nitter's und Anna's wiederholtes Errathen darauf hin, daß ihr der „Engländer" ein tieferes Interesse eingeflößt haben mußte; um so weniger würde sie sich bewegen lassen, den Inhalt ihrer Unterhaltung mit ihm profanen Ohren preiszugeben. Aber es war schon ein großer Gewinn für Volkmar, daß er in Frau Ritter Anna's natürliche Feindin erkannte und zugleich auch das Mittel gefunden hatte, aus dieser Alles herauszubringen. Er brauchte das, was er wissen wollte, zwischen ihr und ihrem Manne nur zu einer Streitfrage zu machen, um der sonst so verschlossenen Frau selbst das tiefste Geheimniß zu entlocken. — Als Siglinde sich von dem Rechtsgelehrten nach Hause begab, war ihr Muth von neuem belebt, die Sache ihres Vaters ruhte nicht mehr auf den Schultern eines schwachen Mädchens, sondern sie war jetzt den besten, erprobtesten Händen anvertraut. Die Lage des Vaters glich derjenigen eines Schwerkranken, und Siglinde fühlte jene Erleichterung, die das Eingreifen eines geschickten Arztes und sein beruhigender Zuspruch gewährt. Aber das menschliche Gemüth, welches unter dem Druck einer Hangen Entscheidung steht, ist einem schroffen Wechsel zwischen Hoffnung und Zweifel unterworfen, und als Siglinde wieder in ihrer Wohnung angelangt war, machte ihre gehobene Stimmung dem früheren Kleinmuth Platz. Die Gestalt des Vaters wandelte nicht mehr durch diese Räume, in denen Siglinde selbst nur als geduldeter Gast weilte: er war daraus geschwunden, wie ein Todter, den man nach dem Kirchhofe getragen hat, und wie die Todten niemals wiederkehren, so benahm ihr die erschreckende Aehnlichkeit dieses Vergleiches und die sie umgebende Leere auch die Hoffnung, den unglücklichen, alten Mann jemals der Freiheit wieder zurückgegeben zu sehen. Hatte Doktor Volkmar etwas Anderes thun können, als ihr Trost und Muth zuzusprechen? Glich er, der Jurist, hierin nicht auch wieder dem Arzte, welcher den Angehörigen eines hoffnungslos Erkrankten bis zum letzten Augenblicke schonend verschweigt, daß eine Rettung unmöglich ist! Und gerade er, der ihr einst in Nacht und Nebel als Netter erschienen war, der sich mit so zarter Sorgfalt ihrer angenommen hatte, — er wäre wohl der Letzte gewesen, ihr eine schreckliche Wahrheit, die ihr das Herz brechen mußte, in's Gesicht zu sagen. Wie er mit feinfühliger Hand ihr die Verbände um den verletzten Fuß gelegt hatte, daß sie die Berührung der schmerzhaften Stelle kaum gemerkt hatte, so zart schonend war er jetzt auch mit der blutenden Wunde ihres Herzens umgegangen, — und zwar um so schonender, je unheilbarer sie ihm erscheinen mochte. Der schmerzliche, kummervolle Zug, der sich um ihre Lippen gelegt hatte, während sie dasaß und sich diesen trüben Gedanken hingab, wich allmählich einem freundlicheren Ausdruck, ja ihr Mund begann zu lächeln, ihr Auge blickte träumerisch. In jenem raschen Uebergange der Stimmungen, wie er kindlich reinen Naturen eigen ist, hatte sie sich in jene Stunde zurückversetzt, wo er sie, die Verirrte, aufgefunden, und wie ein hilfloses Kind sicheren Schrittes nach der Bauernhütte getragen hatte; noch jetzt begann ihr das Herz höher zu schlagen in der Erinnerung an den Augenblick wo sie sich aus dem Dunkel der Nacht in die blendende Helle des Herdfeuers versetzt sah und sich nach dem ersten verstohlenen Blick, den sie auf ihren Beschützer warf, von dem Eindruck des Bedeutenden und Ueberlegenen, der sich in jedem seiner Züge wie in seiner ganzen Erscheinung aussprach, überwältigt fühlte. Sie hatte es gleich damals geahnt, daß sie es mit einem Manne zu thun habe, dessen Wirken in hervorragender Weise dem geistigen Gebiete angehöre und der vielleicht einen berühmten Namen trug, aber sie hatte sich nicht träumen lassen, daß er der vielgenannte Rechtsgelehrte sei, dessen schlagfertige Rede die Gerichtssäle ihrer Heimathsstadt beherrschte. Nie mehr war sein Bild aus ihrem Herzen gewkchen; ihn wiederzusehen, war seitdem das Ziel ihrer stillen Sehnsucht geblieben, und oft hatte sie sich jene angstvolle Stunde, wo sie sich in hilfloser Verlassenheit den Schrecken der dunklen Nebelnacht preisgegeben sah, wieder zurückgewünscht, nur um ihrem Netter noch einmal ins Antlitz blicken, ihm noch einmal ihren Dank stammeln zu können. Unwillkürlich schrak sie zusammen, als die Thür sich öffnete und Martha in's Zimmer trat, eine Visitenkarte zwischen den Fingern haltend. „Der Herr wünscht Ihnen seine Aufwartung zu machen," sagte das Mädchen, die Karte überreichend. „Jesco von Harnisch," laS Siglinde. Das war ein rauhes Erwachen aus ihren glückseligen Träumereien, welche sie auf Augenblicke all ihr Unglück hatten vergessen lassen. Vor diesem Besuche 47 hatte sie sich schon längst gefürchtet. Wie ein Reif im Frühling, der Knospen und Blüthen abtödtet, war ihr dieser Name auf's Herz gefallen, als sie ihn zum ersten Male von den Lippen ihres Vaters hörte. Und nun war der Mann selbst erschienen und seine Anwesenheit mußte zu Erörterungen führen, die ihr, dem alleinstehenden Mädchen, peinlich waren. »Ich lasse Herrn von Harnisch bitten," sagte sie unter einem bangen Seufzer zu Martha, sich in's Unvermeidliche fügend. Herr von Harnisch trat ein. Er war unleugbar eine schöne Erscheinung, hoch und schlank gewachsen, mit dunklem Vollbart. Sein tiefbraunes Auge hatte etwas Faszinirendes, was auf viele Frauen einen unwiderstehlichen Zauber ausübt, von dem sich jedoch das lautere, reine und keusche Wesen Siglindens abgestoßen fühlte. Der Besucher vermochte eine angenehme Ueberraschnng, welche die berückende Schönheit des jungen Mädchens auf ihn hervorbrachte, nicht zu verbergen. „Sie finden mich allein, Herr von Harnisch, und unter sehr unglücklichen Umständen," sagte Siglinde, nachdem er ihr gegenüber Platz genommen hatte. „Es bedarf keines Wortes, Fräulein Schönaich," entgegnete er in rücksichtsvollem Tone und mit einer sanft abwehrenden Bewegung seiner Hand, „ich. kenne Alles aus den hiesigen Zeitungen." „Ich bedaure," bemerkte Siglinde, „daß Sie sich bereits ein Mal vergeblich hierher bemüht haben." Da der Besucher sie fragend anblickte, so fügte sie hinzu: „Vor einigen Tagen, während ich gerade verreist war." „Nein, mein Fräulein," versetzte Harnisch, „ich betrete dieses Haus zum ersten Male." „Wirklich?" frug Siglinde überrascht. „Mein Mädchen erzählte mir nach meiner Rückkunft, es sei ein fremder Herr dagewesen, und die Beschreibung, die sie mir von ihm gab, stimmt mit Ihrer Persönlichkeit überein." Herr von Harnisch schüttelte deu Kopf. „Allerdings bin ich schon vor fünf Tagen hier angekommen. Ich hielt es jedoch für passend, die erste aufregende Gemüthsstimmung, in welche die Ereignisse Sie versetzt haben mußten, vorübergehen zu lassen, ehe ich mich Ihnen vorstellte, was meinen späten Besuch hoffentlich entschuldigen wird." Siglinde scheute den Augenblick, wo er auf den Kernpunkt feines Besuches zu sprechen kommen werde, und suchte denselben durch Nebendinge hinauszuschieben. Daher sagte sie: „Auf Ihrer Ueberfahrt von England nach Calais sind Sie einer schweren Lebensgefahr entgangen. Ich las den Zusammenstoß der beiden Dampfer in der Zeitung und fand Ihren Namen in der Liste der Geretteten. Gestatten Sie mir, Sie zu beglückwünschen." Harnisch verneigte sich dankend. „Ja," nickte er, „die Elemente schienen sich gegen mich verschworen zu haben. Das unfreiwillige kalte Bad in dem tückischen Kanal hatte mir zudem ein Fieber zugezogen, welches mich acht Tage laug in Calais zurückhielt. Auf meiner Weiterreise drohte mir in dem Hotel, wo ich übernachtete, auch noch Feuersgefahr," fügte er lächelnd hinzu. „Der Kellner, der mir in mein Zimmer hinauslenchtete, kam mit dem Lichte dem Vorhang zu nahe, dieser sing sogleich Feuer, welches sich rasch verbreitete und zu einem so gründlichen Zimmerbrande anwuchs, daß die Feuerwehr herbeigerufen werden mußte." „Wann übernachteten Sie in Köln?" frug Siglinde. Der Gefragte mochte dies für müßige Neugier halten, aber es lag ein tiefer Grund vor. Sie hatte Doktor Volkmars furchtbaren Argwohn gegen Harnisch sehr wohl durchschaut. Herr von Harnisch zählte an den Fingern. „ES war in der Nacht vorn 21. zum 22.," gab er zur Antwort. Damit war Volkmar mit seinem Verdachte geschlagen, denn gerade in dieser Nacht ist Tante Nollenstein ermordet worden. Es trat jetzt eine Pause ein. Vergebens suchte Siglinde nach einem neuen Anknüpfungspunkte, um der gefürchteten Gesprächswendung auszuweichen. Harnisch ließ jenes verlegene Näuspern hören, womit man sich auf eine wichtige Rede vorbereitet. Siglinde wußte vor Beklommenheit nicht, wohin sie blicken sollte. „Ich darf wohl annehmen, Fräulein Schönaich," begann er, „daß Ihr Herr Vater Sie über den Zweck meines Besuches bereits unterrichtet hat." „Allerdings," antwortete Siglinde, ihre Geistesgegenwart zusammenraffend, aber seitdem hat, wie Sie wissen, die Sachlage eine unerwartete Wendung genommen, und ich glaube, daß damit auch der Zweck Ihres Besuches hinfällig geworden ist." „Wie darf ich das verstehen?" frug er etwas stutzig. „Daß wir gegenseitig vergessen können, was einst zwischen unsern Vätern vorgefallen ist, finde ich begreiflich. Daß Sie aber die Tochter eines Mannes, welcher unter dem Verdachte des Mordes verhaftet ist, noch zur Gattin begehren können, glaube ich nicht." Der Ausdruck befremdeter Enttäuschung in seinem Gesicht sagte ihr, wie sehr sie sich in ihrem Glauben irrte. „Ich zweifle ernstlich an seiner Schuld," entgegnete er im Tone fester Ueberzeugung. „Der Vater einer solchen Tochter kann unmöglich ein Mörder sein; dafür werde ich meine Hand in's Feuer legen. Aber selbst das Unwahrscheinliche, das Unmögliche, er sei schuldig, angenommen, so würde mich dies keinen Augenblick abschrecken können, um Ihre Hand zu werben, öcnn diese Hand ist rein von Blut und an die Theorie der Vererbung habe ich niemals geglaubt. Ich würde Ihnen mit Freuden meinen Namen geben, ich würde Ihnen die Welt, die Sie in thörichtem Vornrtheil ansstößt, ersetzen, und der verlassenen Tochter eines Unglücklichen Stab und Stütze sein." Siglinde würde diese Worte geglaubt haben, wenn sie aus Volkmar's Munde gekommen wären. Harnisch gegenüber aber mußte sie an die Million denken, womit der Besitz ihrer Hand eine so edle Selbstverleugnung belohnen würde. Sie wurde ihrer peinlichen Lage mehr und mehr Herr und fand den Muth ihm Alles zu sagen, was sie ihm sagen mußte. „Wodurch Hütte ich ein so großes Opfer verdient?" frug sie. „Was könnte mir einen so hohen Platz in Ihrer Meinung über mich verschafft haben? Sie kennen mich noch nicht, sondern sehen mich heute zum ersten Male. Sie haben Jahre vergehen lassen, ohne sich um das Mädchen zu bekümmern, mit deren Hand —" „Eine so reiche Erbschaft verbunden ist, wollen Sie sagen," nahm er ihr das Wort von der zögernden Lippe. „Sie wollen mir vorwerfen, daß ich erst den Zeitpunkt 48 habe herankommen lassen, wo die Erbschaft zum Abfallen reif war. Sie haben Recht, Fräulein Schönaich, mir dies vorzuhalten. Ich will offen sein. Ich nahm mir Zeit, ich hegte gegen Sie jenes Vorurtheil, welches man gegen Personen zu haben pflegt, an die man, ohne sie nur zu kennen, durch Zwang, durch grillenhafte Testa- mentsbestimmungen gebunden werden soll. Da wittert man irgend eine Schattenseite und der nächste und natürlichste Zweifel ist der, ob das Glück, welches einem Geld und Gut in den Schooß wirft, in seiner Verschwendung so weit gehen sollte, auch noch Schönheit, Jugend und Liebenswürdigkeit hinzuzufügen. Auch ich zweifle an der Vollkommenheit meines Glückes. Ich will nicht leugnen, daß ich den Weg über das Meer, ja selbst noch den Gang nach diesem Hause mit dem Vorurtheil eines Verkauften angetreten habe, — aber ich bin auf's Angenehmste enttäuscht, denn ihr erster Anblick — ich gestehe es unumwunden — hat mich gründlich bekehrt!" „Dennoch muß ich mich von Ihrem Edelmuthe, mir selbst als der Tochter eines Mörders die Hand reichen zu wollen, leider beschämen lassen," entgegnete Siglinde. „Allerdings war ich bereit, die Ehe einzugehen; da mein Herz dabei nicht in Frage kam, so konnten mich natürlich nur äußere Beweggründe zu einem solchen Entschlüsse bestimmen." „Das finde ich ganz unbegreiflich," gab Herr von Harnisch zu, sehr gespannt auf das Weitere. (Fortsetzung folgt.) -IWU-»- In allerliebster Gesellschaft. Eine Humoreske von Element Kleeberg er. (Schluß.) Mein Freund war eine ausnehmend weiche Seele, er stellt sich, seit ihm Muße geworben, der ausübenden, allgemeinen Wohlthätigkeit zur Verfügung. Er war ein Apostel der Humanitas, ihr Obersamaritan, ihr Sprecher, ihr Sammler, darum dieser Dolch durch sein Herz, als er sah, wie ein Cigarrenspitzchen auf so himmelschreiende Weise zu Grunde gehen sollte, dieser Meilenstiefel-Tritt über den Platz, dieser plötzliche Hebelgriff. „Aber," sagte ich zu ihm — „Nichts aber", schnitt er ab, „nichts, mein Lieber. Weiß, was Du einwenden willst, käm' auf ein Spitz- chen nicht an, da kleidet man kein Heidenkind, ja wenn jedes Blatt, jed' Gräslein, jedes Steinchen, der Tropfen, der Strahl so sagen würde, wo wären da Habanakisten, die Prärien, der Chimborazo, das Stille Meer und die glühende Sonne. Freund, der Champagner und Bock, ein ungestilltes Sehnen blieb's, wenn jede Perle und jedes Hopsenzäpfchen renitent wäre. Doch, wie kommst Du denn eigentlich in meine Hemisphäre?" fragte er dann nach einer kleinen Pause, mir gleichsam Zeit lassend, mich von seiner Strafpredigt zu erholen; „Du, dem doch an der andern Halbscheibe der Stadt der Wigwam liegt. Vielleicht, ja ich hab's, recht hast, es logirt sich schöner, billiger, gesunder auf dem Hochplateau, als unten in der Jsargrube. Du willst also Nechts-Jsarathenienserwerden?" „Wer sagt Dir denn, daß ich hier außen —" „Halt ein — nicht noch einmal das unglückseligste Wort, das Dir je über die Zunge gerumpelt. Hier außen! Irorribilo äiatu! Du hast's gesprochen. Lernst 6t vmissuin volut irrsvooabils verbum — sagt unser Horaz, den wir auf der gemeinschaftlichen Bank trakttrt haben. — Ja. Du hast's gesprochen, und unwiderruflich ist das einmal gesprochene Wort, aber ich will mildernde Umstände zubilligen — ohne Ueberlegung. Hier außen. Ha, ha, ha — als ob der große Puls der Stadt an der großen Zehe schlüge. Wohin ziehen sich die Adern und Venen Monacos? Hinauf zum Herzen, und dies ist der Hosbräuhauskeller, der Obertempel des Gambrinus. Hier ist die Aorte, das wahre Leben, Hoch und Nieder, Klein und Groß saugt in langen Zügen aus seinem Quell. Die ächte Intelligenz in Politik und Wissenschaft, in Kunst und Gewerbe, selbst in der Theologie, thront nur hier. Das lebendige Wort ist's, das bei breitem Stein alle Phasen des Denkens in gemüthlichster Form offen legt, darum diese nie endenden Karawanen, zu denen die nach der Kaaba Mekka's kaum der Schatten einer Wallfahrt sind." Wir waren bislang auf einem Fleck stehen geblieben. Mein Spezi bot sich an, mich auf meiner Wallfahrt, denn natürlich sei doch der „rothe Tempel" mein eigentliches Ziel, zu begleiten. Ich sagte zu. „Kann ich doch bei dieser Gelegenheit den Fortschritt der Bauten und etwa auch", fügte ich gleichgiltig bei, „meinen Buben wieder finden." „Deinen Buben?" „Der mir in der Neichenbachstraße durchgebrannt und per Trambahn hieher kutschirt ist." Der Spezi blieb wieder stehen und schaut mich lange an. Ich benutzte diesen Umstand, von einem mir eben entgegenkommenden Herrn Feuer zu erbitten, scheint's, über die hofbräuhausliche Preisrede hatte ich vergessen, weiter zu rauchen. Ich zündete gemächlich an und dankte höflichst, den Herrn noch fragend, wo er sein so famos riechendes Kräutlein kaufe. Es entstand da eine längere Discussion; er bezog sein Rauchzeug tausendweise, mehrere theilten sich darein, und wenn ich von der Gesellschaft sein wollte, würde er mich mit Vergnügen bedenken. Ich benamste ihm dann meine Sorte, die nicht minder hochfein wäre, und erlaubte mir, einige rauchende Ningelein unter seine behutsam prüfenden Nüstern hintänzeln zu lassen. Wir wechselten hernach unsere Karten und Cigarren und verabschiedeten uns freundlichst. „Hör' einmal", sagte nun mein Spezi, „Deine Fisch- blütigkeit ist classisch. Nun komm, ich helf' Dir Deinen Buben suchen." „Nur nichts überhudeln, man wird den Deserteur schon irgendwo aufgreifen, da ist mir nicht bange." „Aber mir." Er schlug ein rascheres Tempo an. Wohl oder übel, ich mußte mit ihm Schritt halten. „Eine Schlappe, wirklich," fuhr er fort, „wenn die Polizei ihn aufgriffe und ihn ausschellen ließe." „Ha, ha, ha, die Unkosten." „Du lachst dabei? Nein, nein, nein, das ist das Wenigste, das Meiste ist die Volksstimme, die Dich ver- urtheilt. Nichts für ungut, ich meine, Du bist halt ein bischen zu streng, wenn ich Kinder hätte, ein Wink, ein Blick, Schläge helfen nichts, nichts, und unsere Kinder sind auch keine Hunde, und die schlechteste Erzieherin ist die Peitsche. Da gibt's so Altweiber-Sprüche: Wo nicht herrscht der Ochsenziemer, Wird die Jugend immer schlimmer! Ich aber sage: Immer schlimmer, immer dümmer Macht des Vaters Ochsenziemer. 49 Ich für meinen Theil würde Eltern, die nach diesem Recept erziehen, unverweigerlich unter Staatscuratel stellen." „Gut." „Wo kommt da die Pietät, wo die Liebe zu den Eltern hin? — wo —" „Sehr gut!" „Wohin die Achtung vor den Mitmenschen? Die Humanitas ist ein schaler Begciff —" „Noch besser." „Eine tsrru iuooAnita,, eine kata ivor§auu im Mond." „Ausgezeichnet." „Ein leeres viersilbiges Wort." „Nicht zu widerstreiten: Hu ... mu .. nl.. tos." „Wenn man — darf ich's sagen? — seine eigenen Kinder so — so — so miserabel unliebenswürdig behandelt." „Zart, sehr zart — doch darf ich bitten, stehen zu bleiben, ich weiß nicht, wie Du Dir während des Sturmschritts nicht Knöchel und Lunge auskegelst. Hab' schon vom Zuhören Seitenstechen. Uebrigens muß ich Dir leider bekennen, daß Du kaum mehr aus einem alten Saulus einen jungen Paulus machen wirst." „Leider, leider —Er blieb stehen. „Und sag', hast Du schon einmal gesehen, daß ein Adler sein Junges hat fallen lassen? „Nein." „Ein Löwe sein Kleines gebeutelt?" „Nein." „Ein Tiger sein Kätzchen bei den Ohren genommen?" „Nie." „Daß ein Krokodil von ihren sechzig Eiern auch nur ein einziges verletzt hätte?" „In meinem Leben nie —" „Und Du! — Du! —" Ein heulendes Geschrei schnitt jetzt unbarmherzig den Text durch. „Das ist das Trompetcn-Solo unseres Jungen," fiel ich ein. „Ich kenne das, Instrument." Ungefähr zwanzig Schritte von uns hatte sich ein Hanfe Menschen angesammelt, aus der Mitte heraus kam das Geflenne. „Dein Junge!" — Weiteres bedurfte der Ober- samaritan nicht. In menschenfreundlichstem Laufschritt marschirte er dem Appell des Aermsten zu. Langsam trat ich nach, blieb aber wohlweislich plötzlich stehen, denn die langgestreckten Finger Karl's und die verächtlichen Blicke seiner Umgebung wiesen mir eine vorsichtige Reserve an. Ich hatte mich mit dem Gedanken getragen, Karl würde mir, sobald er meiner ansichtig, zu Tode froh entgegeuspringen, nun bemerkte ich das purste Gegentheil. Er scheute zurück. Der Menschenfreund machte sich in seine nächste Nähe, bearbeitete ihn, brachte ihn zum Stehen, garantirte, daß keine Strixen für die Flucht in Aussicht ständen, daß Alles verziehen sei, das Bübchen solle nur getrost zu mir zurückkehren. Doch 's Bübchen ist eigensinnig, um keinen Preis näherte es sich, mit meinem Freund will's gehen, nimmermehr mit mir. Es lasse sich nicht wieder bei den Ohren nehmen und die Haare «Meißen, und zu Tod schinden. Ein allgemeiner beileidsvoller Unwillens-Ausbrnch begleitete den schluchzenden Märtyrer. Nun trat ich selber in den Ring und befahl Karl, auf der Stelle mir zu folgen. Der Bube versteckte sich jedoch hinter meinem Spezi und heulte noch fürchterlicher. Das Publikum vermehrte sich und auch die Komplimente, die mein Ohr umschmeichelten. „O Väter gibt's, Rabenväter, Schindersknechte l Wenn unsereins einem ungezogenen Racker eine Dacht! gibt — da hast Du's — kommt gleich die Polizei wegen Kindermißhandlung; aber die gnädigen Herren-" „Ja Bauer, das ist 'was Anderes," mengte sich eine demokratische Stimme in's Concert, „die dürfen mit der Cigarr' im Maul ihre Kinder umbringen." „Und nachher," meinte eine ehrwürdige Matrone, „nachher können s' ihnen net g'nua lernen, und sperren s' ein und lassen s' Hunger leiden, daß d' Nippen krachen, und unter die Ersten müssen s' kommen, denen ihre Kinder", — „wenn's gleich um keinen Pfennig Hirn haben," pfefferte abermals der Demokratische darein, — „nur damit man glauben soll", fuhr eine andere, ziemlich bissig aussehende Dame weiter und fixirte mich vom Hut bis zum Stiefel, „g'scheidte Eltern, g'scheidte Kinder". Mein Spezi, dem sonst das Mundwerk unvergleichlich arbeitete, stand sprachlos. Auch er betrachtete mich, doch barmherzigeren Blickes, wie wenn's ihm auf der Zunge läge: „Hörst Du! Hörst Du! Volksmund, Gottesmund", und im Geiste schien er mir die zweiundsechzig unverletzten Krokodils-Eier noch ganz brutwarm Präsentiren zu wollen. „Es bleibt nichts anderes übrig", sagte ich endlich, meinem Freund auf die Schulter klopfend, „Du fährst mit dem Jungen per Expreßzng nach Hause." „Wie, ich?" „Zu seiner Mutter — bemerke nebenbei, daß ich nicht die Ehre habe, der Schöpfer dieses Marterkinbes zu sein." „Wie? was?" „Nur jetzt — bitte — nur jetzt keine Details —" „Aber ich kenne —" „Ich werde Dich meiner Base durch Vermittlung ihres Hausherrn, der nämlich Fernsprechstcll-Besitzer ist, telephonisch vorstellen. — Keine Einwendung — nichts, nichts, mein Lieber, Du bist das, der Verfechter der Menschlichkeit, Deinen rührenden Humanitätsprinzipien schuldig. Oder nicht, mein Obersamaritan? — Hier ist Raum für Deine Tugend." Und mein Freund konnte sich nicht selber verneinen. Er legte seine Hand in die des Bübchens und schritt mit ihm zum Bahnhof. In ziemlicher Entfernung ich ihnen nach. — Der Zug rollt herein und rollt wieder ab. Ich besorgte unterdessen die Vorstellung. Ich bin während dieser Zeit mit meinem braven Menschenfreund nicht mehr so recht in Allianz, den Spezicharakter habe ich ganz eingebüßt. Er scheint mir seine Expreßreise dick angekreidet zu haben; gleichfalls brach meine Base jeden Verkehr mit mir ab. Es thut mir leid, wer weiß, wie ihr Söhnchen mich schwarz gemalt hat. Nun, da sie auch hier noch eine eifrige Leserin Ihres Blattes ist, mag sie entnehmen, was ich ausgestanden mit meinem „allerliebsten Gesellschafter." --*- i » -« » - 50 Die Massai. Wir haben die — jetzt noch sehr zweifelhafte — Ehre, die so sehr gefürchteten Massai in Deutsch- Ost afrtka zu unsern „deutschen Brudern" zu zählen; und da dieses Volk, wie deutsche und englische Forscher berichten, ein ganz „eigenthümliches und merkwürdiges" ist, und selbst Msgr. Le Roh schreibt:*) das Volk der Massai verdiene eine eingehende Beschreibung: so wollen wir uns mit demselben auch etwas näher, als es bisher geschehen ist, befassen. Das Land der Massai hat den bedeutenden Umfang von 150,000 Quadratkilometer. Es beginnt im Norden Deutsch-Ostafrika's am 1. südlichen Breitegrad, am Ostuser des Victoria Nyanza-See's, wo die Grenze Deutsch-Ostafrika's ist, und reicht bis zum 5. Breitegrad hinab. Seine Ausdehnung von Osten nach Westen ist verschieden — etwa 15—25 deutsche Meilen (?). Die Massai sind einst vom Gebiete des obern Nil — an der Ostseite des Victoria Nyanza — herabgekommen, und gehören also zu den sogenannten „nilotischen" Völkern. Nach dem apostolischen Vicar Le Roy besteht das Massai-Volk aus zwei großen Familien: aus den eigentlichen Massai und aus den Kiwawi, welch letztere das Hochgebirg Leikipia zwischen dem Berge Kenia und dem Baringosee bewohnen und vom Nomadenleben zum seßhaften Leben übergegangen sind. Nach Karl Peters gehören die zahlreichen Bewohner des Ostabhanges vom Kilima-Ndjaro, die seßhaften W a r a m b o (mit ihren 30,000 Kriegern), auch zu den Massai, welche demnach aus drei großen Familien beständen. Die eigentlichen Massai wohnen im West- und Nordgebiete des Kilima-Ndjaro, ziehen aber weit gen Süden hinab. Sie sind in verschiedene Clane getheilt, welche ihre Abzeichen auf den Kriegsschilden haben. Jeder Clan hat seinen Namen. Die Regierung ist patriarchalisch. Sie sollen aber auch einen gemeinsamen Häuptling haben. Der gegenwärtige — Mbatian — ist ein hochbetagter Greis und steht bei dem Volke in hohen Ehren. Mbatian gilt dem Volke als ein mächtiger Zauberer, der durch seinen Stab allein seine große Viehheerde so beherrscht, daß er keiner Hirten bedarf; der Stab braucht nur vor der Heerde hergetragcn zu werden. Der „große und reiche Alte" wohnt am Nordabhang des Kilima-Ndjaro. Die Massai nennen seinen Namen hundert Mal des Tages; und bei ihrem Kriegsgesang heißt stets der „Kehrvers": „Wir bitten . Gott und Mbatian l" Mbatian wohnt an der Nordseite des Kilama-Ndjaro, den die Massai Dany Ebor, d. i. „Weiß-Berg" (Llont blano), nennen — aber auch Engadi, Engai, d. i. „Gottesberg". Die Massai sind ein Hirtenvolk und treiben weder Ackerbau noch Gewerbe und Handel. Allerdings sind sie gefürchtete Krieger, aber sie ziehen nicht aus, um Sklaven zu erbeuten, sondern Vieh. Zur Würde eines Clan- Häuptlings berechtigt weniger das Erbrecht, als Verstand, Muth, Reichthum und auch medicinische Kenntniß, sowie die Kunst das Wetter zu prophezeien. Dieses Hirteu- *) In: »Lu Xtllvm-dkcharo. ttkrtgns orientals.« Msgr. Le Roy war eine Reihe von Jahren Missionär im apostolischen Vicariat zu Sansibar, und ist nun apostolischer Vicar von Gabun in Westasrika. leben ist nicht, wie Manche glauben, ein Faulenzerleben, da gibt es viele und schwere Arbeiten und harte Tage. Nur die ältern Männer sind weniger geplagt. Sie haben hauptsächlich für das Auffinden neuer Weideplätze zu sorgen. Ihrer Abstammung nach sollen die Massai, wie auch ihre Körpergestalt und ihre Sprache andeuten, verwandt sein mit einigen Völkern am obern Nil, etwa mit den Latika und Bari. Da sie aber seit Jahrhunderten schon ein für sich abgeschlossenes Volksleben geführt, so sind sie zu einem eigenartigen Volke geworden. Ihre Hautfarbe ist schokoladebraun. Obgleich als Kinder „triefäugig und schmutzig," entwickeln sie sich zu einem schönen Menschenschlag, der von dem Neger- typus nichts an sich hat. Msgr. Le Roy schildert sie mit den Warten: „Die jungen Männer von 17 bis 30 Jahren sind das wahre Bild eines wilden Kriegers. Sie haben (messen) meist 6 Fuß — und manche mehr; ihre Glieder sind von einem vorzüglichen Ebenmaß; ihre Muskeln wie von Stahl; ihre Haltung ebenso kühn als edel. Dazu haben sie eine prächtige, fließende Sprache und ein Geberdenspiel, um das sie mancher Redner beneiden könnte. Ihre Haare sind lang und geordnet. Der Kopf ist bei manchen rund, bei manchen oval; die Nase gerade und gut entwickelt (!), die Lippen sind oft schmal; die Züge von jenen der Negerrasse ganz verschieden; die Kinnbacken aber treten vor und die Augen stehen etwas schief, wie bei den Mongolen." — Ihre Kleidung verfertigen sie aus Ochsenhäuten, welche derart gegerbt sind, daß sie so biegsam sind wie grobes Tuch. Sie schmücken sich mit Glasperlen und in überladener Weise mit Draht-, Eisen- und Metallringen. Große Metallringe umgeben wie ein Schilddach den Hals, und die ungeheuer breit durchlöcherten Ohren sind mit erstaunlich schweren Gehängen belastet. Der Metallschmuck eines Massai hat, ohne Gewand und Perlen, ein Gewicht von mindestens 12 Kilogramm; das gilt besonders von den Frauen, die sehr anständig bedeckt sind. Eine Besonderheit der Massai ist auch, daß sie nicht nackren Fußes gehen, wie die Neger, sondern Sandalen tragen. Zur Massai-Toilctte gehört besonders noch rother Ocker, eine weiße Farbe, Butter und Fett. Den Bart lieben die Massai nicht; denn sie rasiren sich, oder rupfen die Haare aus. — Ihr Hausgerüth besteht aus verschiedenen Schüsseln, Schalen und Töpfen. Auch verfertigen sie Säcke, Schläuche, Zeltdecken und hübsche Zaumzeuge. Ihre Nahrung ist sehr kräftig, denn es fehlt ihnen nicht an Milch, Butter und Fleisch. (Von Sitten und Gebräuchen.) Der Massai ist stolz. Kein Mann trägt je Etwas; selbst die Kuhhaut, die er fortzubringen hat, schleift er. Denn das Tragen ist eines Mannes unwürdig; das gehört dem Esel. Darum verachtet er auch die Träger der Karawanen und beehrt sie mit dem Namen Esel. — Die Geburt eines Kindes wird nicht festlich begangen; ein Knabe ist beliebter als ein Mädchen; denn ein Knabe kann einst Kühe rauben; ein Mädchen sie nur melken. Kinderword scheint bei ihnen nicht gebräuchlich, nur bei krüppelhaften Kindern mag er vorkommen. Zarte Pflege wird den Kleinen nicht zugewendet. Der Säugling wird alsbald in einen Sack gesteckt, den diL Mutter aus dem Rücken trägt. Sobald das Kind gehen, oder gar erst kriechen kann, wird es so viel als sich selbst überlassen. Gebadet oder gewaschen wird es nie, nur gut gefüttert. Später 51 macht sich der Knabe Bogen und Pfeil und wird Htrrsn- bube. Nun beginnt zunächst seine kriegerische Selbstbildung, nach den Mustern, die er bei den Erwachsenen gesehen. Hat der Knabe das 15. oder 16. Lebensjahr erreicht, so wird er der Beschneidung unterworfen. Dieser Act soll aber einen religiösen Charakter nicht haben. Dies erscheint uns zweifelhaft, wenn dabei auch keine religiösen Ceremonien vorkommen. Es ist immerhin ein noch abrahamitischer religiöser Ausfluß; vielleicht den heutigen Massai unbekannt (?). Wenn dieser Act keine religiöse Bedeutung hat, so bezeichnet er einen socialen Wendc- punkt im Lebensgang des jungen Massai: wir meinen die Einleitung in's mannhafte Alter der Krieger, das mit dem 17. Lebensjahre beginnt; dabei konnte die Beschneidung doch auch einen religiösen Charakter haben und eine Art Weihe für die neue Lebeusperiode bedeuten. Nach der Beschneidung wird der Jüngling von seinem Vater mit Schild und Lanze ausgerüstet. Die Schilde tragen in rother, schwarzer und weißer Farbe die Abzeichen der Clane; die Lanze, prachtvoll, massiv aus Eisen, blinkt wie Silber. Dazu gehören noch die Kriegs- keule und das lange Kricgsmesser. Nun wird der angehende Krieger Mitglied des Kraal, der eigens für die jungen Mannsleute bestimmt ist, die hier bis zu ihrer Verheirathung gemeinsam leben und einer strengen Ordnung unterworfen sind. Ihre Kost besteht aus Milch, Fleisch und Blut; Pflanzenkost dürfen sie durchaus nicht genießen, auch keine berauschenden Getränke, und dürfen keinen Gebrauch vom Tabak machen. Hier ist die militärische Schule mit ihren technischen und taktischen Lehren, und praktischen Uebungen, wobei die wie fliegenden Eilmärsche, schlauen Scheinangriffe und wilden Erstürmungen eine große Rolle spielen; natürlich fehlen auch die Kricgsgesäuge und KriegStänze nicht. Was das BInitrinkcn anbelangt, so wird das warme Blut unmittelbar aus den Adern eines Ochsen genommen. DaS ist ihr LiebliugStrank (I). Medicinisch interessant dürfte es sein, daß dieser Lebensabschnitt mit einer MilchlH^beginnt; die jungen Leute leben nämlich von nichts, als von Milch, so lange sie es aushalten können. — Die jungen Krieger wühlen sich einen General und einen Redner. Ist ein Beutezug beschlossen, so gehen ihm voraus Tänze, Fest- schmaus und Gebete. Die Krieger sind derart ausgerüstet und fürchterlich hergerichtet, daß oft ein einziger genügt, die feindlichen Neger in die Flucht zu treiben. Es ist nur gut, daß die Massai keine Feuerwaffen besitzen und vor denselben eine höllische Furcht haben. Wenn sie einmal geworfen sind, so ist es ein Spaß, sie laufen zu sehen: Schild, Lanze, Keule, Kopfputz und Mantel (er ist weiß) werfen sie dann von sich und behalten überhaupt nichts mehr an sich, als die Sandalen. Was den Viehraub betrifft, so meinen sie wirklich, sie seien damit im Recht. Sie sagen nämlich: Gott habe ihren Vatern alles Vieh zur Hut übergeben, und da die Heerde endlich zu groß geworden, hätten sie einige Stücke den Nachbarstämmen überlassen; und so seien es nur die Nachkommen dieser geliehenen Kühe, von denen sie, die Massai, wieder an sich zu bringen suchten. Von den „Nachbarstämmen" aber haben sie einen ungeheuern geographischen Begriff. Was den sittlichen Zustand der Massai betrifft, so haben die jungen Männer vor der Heirath — gewöhnlich von 17—30 Jahren inclusive — eine solche sittliche Freiheit, daß man sie geradezu unsittlich nennen kann. Wenn der Krieger sich ausgetobt hat, wird er bedächtig und heirathet. Nach der Anzahl seiner Kühe nimmt er ein, zwei oder drei Weiber. Nun ist ihm erlaubt, auch Pflanzenkost zu genießen und Tabak zu rauchen und zu kauen. Die alten Männer schnupfen und haben ganz sonderbar geformte Dosen, welche sie an einer Halsschnur tragen. Die verheiratheten Männer werden friedfertig, wissen mit Anstand sich zu benehmen, zählen zu den Rathshcrrcn — und lassen das Honigbier sich gut schmecken. Was nun die Religion der Massai betrifft, so glauben sie an einen persönlichen Gott, den sie Ngai heißen; eigentlich Gar, das N ist Präfix und bedeutet „ein" — der (Gott). Sie kennen die Begriffe: gut und bös, glauben an die Hilfe Gottes, an die Kraft des Gebetes und des Opfers, und an das Fortbestehen der Seele nach dem Tode; auch glauben sie an die Nothwendigkeit der Sühne. Wenn Jemand gestorben ist, darf man seinen Namen nicht mehr nennen, damit der Geist nicht zurückkehrt und als Gespenst einhergeht. Ihre Glaubenslehren sind wenig entwickelt. Ihre Gebete und Opfer gelten wohl nur der Bitte, nicht dem Danke, und sind zumeist auf materielle Dinge gerichtet und auf Abwendung von Ungemach und Unglück. Sie haben eine Art Priester, denen sie außerordentliche Kräfte zuschreiben, und die sie sehr hochachten. Begreiflich sind sie, wie dergleichen Völker, auch sehr abergläubisch. So darf z. B. die Kuh nur zur Nachtzeit gemolken und die Milch durchaus nicht gesotten werden. Fetischhütten haben sie nicht, wohl auch keine Götzenbilder, auch keine Amulette, und an einen Teufel scheinen sie auch nicht zu glauben. Ueber ihren moralischen Zustand läßt sich nicht viel sagen. Sie lieben die Kinder und beten besonders um eine zahlreiche Nachkommenschaft. Die Jugend begegnet den Alten mit großer Ehrfurcht (und bet uns Christen?!). Au Streitigkeiten fehlt es begreiflich bei ihnen auch nicht. Wenn aber dabei ein Todesfall eintritt, so wird er als ein Unfall aufgefaßt und hat die That keine Strafe zur Folge; der Meuchelmord dagegen wird sehr streng bestraft. Die verstorbenen Kinder werden im Lager oder im Zelte begraben. Ein altmystischer, wenig bekannter Gebrauch ist es, daß die Massai beim Tode eines Erwachsenen eine Reinigung des Kraals durch das Eingeweide eines zu opfernden Ochsen vornehmen. Die Leiche wird unter einem Baume (ebenfalls mystisch) in sitzender Lage in eine seichte Grube gesenkt und mit Steinen und Kräutern bedeckt. Neben den Todten wird eine Schale Milch gestellt, und dann — „überläßt man alles Uebrige den Hyänen in der folgenden Nacht(!)". Was die Bekehrungsfrage dieses merkwürdigen Völkchens betrifft, so meint Msgr. Le Roy: „Es ist ein wahres Glück, daß dieses wilde Kriegervolk nicht den Islam angenommen hat; denn wenn sich dessen Fanatismus noch in seine Adern ergösse, so würden sie unbändig sein. Und so sei doch die Hoffnung nicht ganz ausgeschlossen, daß sie dereinst die besänftigende Lehre Christi annehmen. ll. 0. -- 52 Allerlei. Zur Hygiene des Cigarrenrauchens. Wie der B. Landesbote erfährt, haben auf Anregung der Fabrikinspektion die badischen Verwaltungsbehörden die Cigarrenfabriken veranlaßt, in die Fabrikordnnng eine Bestimmung aufzunehmen, welche dem Arbeiter das Benutzen des Mundspeichels beim Abschließen der Spitze der Cigarre untersagt. Der größte Theil der Raucher erfährt bei dieser Gelegenheit vermuthlich zum ersten Male, daß es bei der Herstellung des Glimmstengels, den er so behaglich zwischen den Lippen hält, nicht ganz appetitlich zugegangen sein könne. Um der Cigarre die haltbare Form zu geben und insbesondere das Aufblättern des Deckblattes zu verhindern, wird dieses beim Abschluß mit Kleister fixirt. Dabei haben viele Arbeiter die Gewohnheit, mit Speichel nachzuhelfen, auch die überflüssigen Tabaktheilchen abzubeißen und die Spitze des zu bedeckenden „Wickels", welche durch das Trocknen in einer Form hart geworden, zur leichteren Bearbeitung im Munde aufzuweichen. Den größten Nachtheil dieser Arbeitsmethode hat der Arbeiter selbst. Durch das beständige Belecken der Tabakblätter und des Kleisters ist er der Gefahr chronischer Nikotinvergiftung in hohem Grade ausgesetzt; Verdauung?- und Cirkulationsstörungen kommen auch gerade bei Cigarrenarbeitern, bei sonst günstigen hygienischen Verhältnissen der Fabrikräume, sehr häufig vor. Für den Raucher ist die geschilderte Methode, auch abgesehen von der Möglichkeit einer Uebertragnng von Jnfektions- keimen durch die Cigarre, jedenfalls nicht appetitlich, und wenn auch das Köpfchen der Cigarre vor dem Rauchen abgeschnitten wird, so bleibt doch noch Kleister genug übrig, der von der Schnittfläche sich unmittelbar dem Munde mittheilt. Die erwähnte Verordnung der badischen Bezirksämter ist aus diesen Gründen gewiß freudig zu begrüßen; ob sie aber den beabsichtigten Erfolg in größerer Ausdehnung erreichen wird, erscheint sehr zweifelhaft. Die gerügte Methode ist der Bequemlichkeit und dem Bedürfniß nach rascher Arbeit entsprungen; der Lohn des Cigarrenmachers berechnet sich nach der gelieferten Stückzahl, und das Aufgeben der alten Methode würde eine Kürzung seines Lohnes bedeuten. Viel einfacher und sicherer wäre es, wenn man bei Herstellung der Cigarre von der Anwendung eines Klebemittels ganz absehen könnte, wenn die Fabrikation sich entschließen könnte, zu einer andern als der jetzt üblichen Form des Abschlusses überzugehen, welche den Kleister überhaupt überflüssig macht. Ein derartiger Versuch ist von einer Heidelberger Fabrik gemacht worden und hat auch den Beifall des badischen Fabrik- Jnspectors gefunden; in dieser Fabrik wird das überschüssige Deckblatt nicht ganz abgeschnitten, sondern umgelegt und mit einem feinen Gummiring an der Cigarre festgehalten. Dadurch ist dem Arbeiter jeder Anlaß genommen, mit dem Munde zu arbeiten, dagegen ist die Zeitersparniß nicht gering, so daß die Mehrkosten für Verwendung der Gummiringe nahezu vollständig ausgewogen werden. Die Cigarre ist appetitlich, sie bleibt fest und reinlich beim Rauchen, ihr Geschmack wird durch nichts beeinträchtigt. Dem Arbeiter ist nicht nur seine Arbeit erleichtert, er ist auch der Gefahr der Nikotinvergiftung entrückt. * Ein Arbeiter- oder vielmehr Gesellentag besonderer Art wird dieses Jahr in Nantes sich versammeln. ES ist der mittelalterliche Gesellenbund (sowx3All0llll3§s), der den seit 1886 zwischen seinen drei Zweigen geschlossenen Frieden besiegeln und die Erneuerung der alten Einrichtung vervollständigen soll. Die 6owx3.§llonna.§s ist eine Fortsetzung der mittelalterlichen Bruderschaften der Handwerker, besonders der viel reisenden Bauhnndwerker, und hat sich dann auf andere Gewerbe verpflanzt. Es gilt hauptsächlich, dem wandernden Gesellen überall Schutz und Arbeit, ein Heim (die Herberge) zu sichern. Der Gesellenbund hat einen gewissen religiösen Charakter beibehalten, die Mitglieder müssen nach Sainte-Baume (bei Marseille) wallfahrten und dort Stab mrd Bänder weihen lassen. Die Trennung in drei Zweige wurde durch verschiedene Ursachen herbeigeführt, dann aber mit Fabeln umgeben. Die Trennung sollte beim Bau des Tempels Salomonis stattgefunden haben, indem zwei Arbeiter, die Meister Jacques und Soubise, eigene Verbünde stifteten; die Kinder des Meisters Jacques klagten Soubise an, ihren Vater ermordet zu haben. Daher Streit und Kampf jedesmal, wenn Mitglieder der Verbände zusammentrafen. Der Hauptstamm sah Salomon und Hierum als Stifter an. Seit Jahrzehnten haben reichgewordene Compagnons für Aussöhnung und Erneuerung des Bundes gearbeitet und geschrieben. (George Sand erhielt von einem seiner Mitglieder, Agricol Perdiguier, die Aufschlüsse für ihren „OowxaAllon äu tour äs dralles".) Seit 1886 fanden Versammlungen statt und wurden die Kämpfe eingestellt, die Verbände der einzelnen Städte gründeten Anstalten zur fachlichen Ausbildung der Mitglieder u. s. w. Der Gesellenbund zeichnet sich durch festes, unverbrüchliches Zusammenhalten seiner Mitglieder aus, die durchweg zuverlässige Männer und geschickte Arbeiter sind. Ein früherer Kompagnon, der als reicher Brodherr in Orlsans starb, sicherte dem Bund ein Vermächtniß von zwei Millionen. Auch andere Schenkungen fehlen nicht. Es darf hervorgehoben werden, daß die vorschriftsmäßige Reise durch Frankreich (lour äs Kranes) Elsaß, Lothringen und Flandern ausschließt, daß also diese nicht als zu Frankreich gehörig angesehen werden. Dort hav,.^r.Bund nie Herbergen und Verbände gehabt. * Guter Rath. Doctor: „Es ist zum Verrücktwerden, nicht einen Hasen hab' ich bis jetzt umbringen können." — Förster: „Verschreiben Sie den Hasen 'was, Herr Doctor!" -^SSWS-- Räthsel. 1 19 7 17 2 19 16 7 eine freie Reichsstadt des Mittelalters, 19 13 7 1 t6 13 ein Königreich, 7 16 19 5 13 1 19 eine Stadt in Schlesien, 17 5 10 14 13 4 5 11 9 5 19 18 5 13 1 13 18 ein Offizier, 2 16 9 13 4 9 17 9 eine Stadt in Italien, 19 16 19 13 4 5 ein Aktenstück, 16 5 17 9 4 5 13 22 von Regenten bewohnt, 17 14 5 18 22 5 13 4 9 5 13 17 18 ein heidnischer Kultus, 5 17 10 9 12 14 ein Bewohner des Nordens, 16 5 1 11 15 ein Torf am Fuße des St. Gotthard. Die Anfangsbuchstaben von oben nach unten und die Endbuchstaben von unten nach oben gelesen, nennen die älteste katholische Zeitung Deutschlands. Auslösung des Telegramm-Räthsels in Nr. 6: Lass' sie kritteln, lass' sie lachen Schließ' voll Gleichmuts» deine Ohken; Wer es allen recht will machen, Geht zuletzt sich selbst verloren! --AMZS-- 9. 1894 . „Augsburger Postzeitung". Dienstag, den 30. Januar Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas volle Thatsache, daß die Tante auf ihrem Krankenlager sie ihrer Stimme beraubte: mit ihrem Rücktritt von der Bühne war der Stern erblichen, der bisher über dem Lpernunternehmen ihres Gemahls geleuchtet hatte, der schwache Besuch der Vorstellungen trug nicht mehr die Kosten ein und in kurzer Zeit war Jmhoff ein ruinirter Mann. Er versuchte sein Glück nun wieder als Schauspieler, aber wie er früher in diesem seinem ursprünglichen Berufe niemals Erfolg gehabt hatte, so sah er sich auch jetzt wieder in die ganze Misere zurückgeschleu- dert, welche an den kleinen Wanderbühnen Nordamerikas noch viel jämmerlicher ist, als hier in Deutschland. Seine Lage wurde immer tröst- und hoffnungsloser. An ihren Vater wollte sich Frau Jmhoff nicht wenden, lieber entschloß sie sich zu dem verzweifelten Schritte, ihre Tante um Hilfe anzugehen. Ihre Ehe verheimlichend, schrieb sie u»ter ihrem Mädchennamen, den sie auch als Sängerin beibehalten hatte, an Frau Rollenstein einen zerknirschten Brief, worin sie ihre Reue über ihr vergangenes Leben ausdrückte und sich zu jeder Buße bereit erklärte. Die Tante war nicht unerbittlich, sie stellte ihrer Nichte die Bedingung, Methodist!» zu werden, und lud sie ein, zu ihr zu kommen, damit sie sich von ihrer Buße und Besserung selbst überzeuge. Die Nichte sollte, wenn sie diese Probe bestand, bei der Tante eine Heimstätte finden und auch in deren Testamente bedacht werden. Dem Briefe Frau Rollenstcin's lag eine namhafte Geldunterstützug bei, von welcher zugleich die Reise nach Europa bestritten werden konnte ..." Das war ohne Zweifel der Besuch, dachte Volkmar, den die alte Dame erwartete und für welchen sie, wie die Frau Ritter hatte sagen hören, ein Zimmer in Bereitschaft setzte. Auch in diesem Punkte herrschte also, wie schon hinsichtlich der beiden Depeschen, volle Uebereinstimmung zwischen Harnisch's Mittheilungen und dem, was die Gärtncrsfrau sich hatte entschlüpfen lassen. Siglindens Betrachtungen waren anderer Art: sie erwog die Frage, ob dem überraschenden Zuvorkommen, welches die sonst so harte Tante gegen Erika bezeigte, nur das Bedürfniß zu Grunde lag, für den Abend ihres Lebens eine Pflegerin um sich zu haben, die in einem sklavischen Abhängigkeitsverhältnisse zu ihr stand, oder ob sie sich mehr von dem rachsüchtigen Wunsche leiten ließ, ihrem tiefgehaßten Schwager, dessen Unversöhnlich- keit gegen die verstoßene Tochter sie kannte, durch die Aufnahme derselben ein Aergerniß zu bereiten. Vielleicht traf Beides zu. Während dieser Gedankengänge seiner beiden Zuhörer fuhr Harnisch ununterbrochen fort: „Frau Jmhoff schwankte, was sie thun solle. Nahm sie das Anerbieten an, so war nur ihr geholfen, nicht aber ihrem Gatten, von welchem sie sich trennen mußte. Die Aussicht auf ein Erbtheil war wohl für Beide verlockend, lag aber in ungewisser Ferne. Dieser Unentschlossenheit wurde jedoch ein Ende gemacht, als bald nach jenem Briefe das Telegramm anlangte, worin die plötzlich erkrankte Tante mittheilte, sie fühle ihr Ende nahe, und Erika aufforderte, sofort abzureisen. Jetzt gab es kein Zaudern mehr, auch war keine Zeit zu verlieren. Die Möglichkeit, von der Tante etwas zu erben, war in unmittelbare Nähe gerückt; mit dem nächsten Dampfer reiste Frau Jmhoff ab, und ihr Gemahl begleitete sie, vielleicht aus Mißtrauen, daß die designirte Erbin, einmal durch das Weltmeer von ihm getrennt, nicht wieder zu ihm zurückkehren möchte. Das war der Anlaß zu der Reise, während welcher ich Ihre Frau Schwester kennen lernte. Ganz zufällig traf ich mit ihr und ihrem Gemahl, nachdem wir uns in London getrennt hatten, auch auf dem „)1orninA-8ta,r" wieder zusammen, ver uns nach Calais bringen sollte." Diese Worte waren mit einem unheilverkündenden Ernst gesprochen. Wie von einer inneren Bewegung ergriffen, erhob sich Harnisch von seinem Stuhle und machte, die Arme über der Brust verschränkt und das Antlitz zur Erde gebeugt, einige Gänge durch das Zimmer. Kaum hatte Siglinde vernommen, daß ihre Schwester sich auf dem unglücklichen Dampfer befunden habe, den eine so schreckliche Katastrophe ereilte, als sich ihrer eine namenlose Angst bemächtigte. Ehe sie den Muth fand, sich über Erika's Schicksal durch eine entschlossene Frage Gewißheit zu verschaffen, suchte sie sich in die Erinnerung zu rufen, ob die Rettungsliste auch den Namen Jmhoff enthalten habe; aber vergebens strengte sie ihr Gedächtniß an. Der Name war ihr fremd gewesen und würde sich ihr, selbst wenn sie ihn gelesen hätte, ebensowenig eingeprägt haben, wie irgend ein anderer. Sie vermochte diese entsetzliche Ungewißheit nicht länger zu ertragen. „Herr von Harnisch!" sagte Siglinde mit bebender Stimme, indem sie aufstand und sich mit der Rechten auf die Lehne des Fauteuils stützte, „was ist aus meiner Schwester geworden? Schonen Sie mich nicht, sondern sagen Sie mir die Wahrheit! Oh, ich ahne das Schlimmste! Ich lese es in Ihrer Miene, — ich hatte schon vorhin den Eindruck, als trügen Sie sich mit einer für mich niederschmetternden Mittheilung. Reden Siel Bitte, reden Sie!" Doktor Volkmar, dem ebenfalls nichts Gutes ahnte, wollte auf Siglinde zueilen, um ihr Worte der Beruhigung und der Theilnahme zu sagen, aber er trat verstimmt wieder zurück, denn Harnisch kam ihm zuvor, indem er, sich schon als Siglindens natürlicher Beschützer und Tröster fühlend, ihre Hand ergriff. „Mein liebes Fräulein," sagte er in bittend beschwichtigendem Tone, „leider muß ich Sie auf eine Trauerkunde vorbereiten." Ein schmerzliches Stöhnen entwand sich Siglindens Brust. „Warum sagten Sie es mir nicht schon vorgestern?" „Ich fühlte nicht den Muth dazu, auch widerstrebte es meinem Gefühle, mich bei Ihnen als Hiobsbote einzuführen." „Meine arme Schwester ist ertrunken, — nicht wahr?" frug Siglinde zögernd und mit dem Weinen kämpfend. „Leider ist es so, wie Sie fürchten." „Wissen Sie es ganz sicher?" drang Siglinde in ihn, sich an einen Strohhalm von Hoffnung klammernd. „Könnte sie nicht gerettet sein, vielleicht noch mit Andern, die man ebenfalls ertrunken glaubt? O, bitte, erzählen Sie mir, wie das Schreckliche sich zutrug. Wohl las ich den Hergang in der Zeitung, aber ohne die Aufmerksamkeit, die ich dem traurigen Ereignisse geschenkt haben würde, wenn ich gewußt hätte, wie nahe mein Herz daran betheiligt war." „Die Katastrophe vollzog sich mit erschreckender Schnelligkeit," berichtete der Amerikaner in tiefem, gedämpftem Tone. „Es herrschte ein fast undurchdringlicher Nebel. Da ertönte ein gewaltiges Krachen. Unser Schiff war von dem französischen Dampfer „Sirene" gerade in der Mitte getroffen. Fünf Minuten nach dem Zusammenstoße sank es und zwar so rasch, daß die drei Boote der „Sirene" von den 160 Passagieren des „LlorninA-star"' nicht den vierten Theil zu retten vermochten. Zwar hatte unser Schiff auch drei Boote herabgelassen, aber ehe diese noch bestiegen werden konnten, kenterte das eine derselben, während die beiden andern so schnell abtrieben, daß sie von Niemand erreicht werden konnten. Was nicht von der „Sirene" aufgenommen wurde, ist ertrunken, darüber herrscht leider nicht der mindeste Zweifel, denn stundenlang noch wurde die Wasserfläche ringsumher abgesucht, jedoch ohne Erfolg. Wir waren im Ganzen 31 Gerettete und wurden nach Calais gebracht. Aber Ihre Frau Schwester, nach welcher zu forschen mein Erstes war, befand sich nicht darunter." MGUK Auf dem Naubzuge MU UM ZWM WN In stillen Thränen ergoß sich Siglindens Schmerz. > Hatte die Ungleichartigkeit des Alters und der 1 Charakteranlagen auch stets eine Scheidewand zwischen ; den beiden Schwestern gebildet, war Siglinde auch noch ein Kind gewesen, als Erika das elterliche Haus verließ, so hatte sie doch nie aufgehört, die Entfernte, Verschollene als ihre Schwester zu lieben und ihrer wehmüthig zu gedenken. Die nie erloschene Hoffnung, sie dennoch einst als Wiedergefundene in ihre Arme zu schließen, war mit der Kunde von ihrem Tode für immer dahin; das unnatürliche Ende, das Erika gesunden, die harten Schicksalsprüfungen, welche ihre letzten Lebensjahre verdüstert hatten, drückten den Stachel des Schmerzes nur um so tiefer in Siglindens Herz. Sie ließ sich von Harnisch, der ihr die letzte Kunde von der Verstorbenen gebracht, während der letzten Stunden ihres Lebens mit ihr verkehrt hatte, genau beschreiben, wie Erika ausgesehen, wie ihre Stimme geklungen, welche Kleidung sie getragen hatte, um sich das Bild fest einzuprägen und es wie eine heilige Reliquie in ihrer Erinnerung zu bewahren. ! Ein langes tiefes Schweigen war eingetreten. Weder Volkmar noch Harnisch hätten gewagt, dasselbe zu unterbrechen. Als Siglinde ihre Fassung wiederfand, ward sie sich erst bewußt, daß während der ganzen Zeit Harnisch ihre Hand in der seinigen gehalten hatte. Sie erkannte sehr wohl, daß dieser sich ein Recht herausgenommen hatte, welches Volkmar zwang, bei Seite zu stehen und Trost und Zuspruch dem scheinbar Bevorzugten zu überlassen. Sie erschrak, und einen Blick auf den Anwalt werfend, entzog sie dem Amerikaner rasch die Hand. ^ (Fortsetzung folgt.) Der berühmte Z . . . Es war im Jahre 1875, als ich mich mit meinem Roman „Unglückliche Liebe" um einen Preis der Akademie bewarb. Aber was nützt es, lieber Leser, Dir diesen Titel zu nennen. Er ist Dir ohne Zweifel unbekannt, denn die große Mehrzahl der Exemplare desselben ruht ungestört auf den Regalen der Buchhandlung, und das Werk hat auch nicht den geringsten Preis gewonnen. „Sie sind gar zu moralisch", sagte mir der Verleger, der das Buch übrigens auf meine Kosten hatte drucken lassen. Ironie des Schicksals! Der Areopag der Vierzig verwarf mein Buch, weil einige Szenen darin zu „gewagt" seien. Wer soll daraus klug werden! Und dieser doppelte Mißerfolg hatte nicht einmal die gute Wirkung, mich von weiteren Produktionen abzuschrecken, obgleich ich es meiner „Unglücklichen Liebe" verdanke, mich einmal in meinem Leben lächerlich gemacht zu haben. Ich will hoffen, daß es das einzige Mal war. Die Sache verhielt sich folgendermaßen: Ich war jung, denn ich zählte nicht viel mehr als zwanzig Jahre, und unerfahren, denn nachdem ich die Naivetät gehabt, einen Roman auf meine Kosten drucken zu lassen, hinterlegte ich drei Exemplare desselben bei dem Sekretär der Akademie, ohne irgend welche Schritte zu seiner Empfehlung zu thun, nur im Vertrauen auf seinen inneren Werth. Eine alte Tante, der ich meine ehrgeizigen Pläne mittheilte, sagte mir: „Mein lieber Neffe, ich kenne einen Akademiker, den berühmten Z . . . Schicke ihm einen Band Deines Romans mit einer Widmung. Ich werde mit ihm von Dir sprechen,' denn ich treffe > ihn wenigstens einmal in der Woche in der Welt, in 1 der man dintrt." Am folgenden Morgen befand sich mein Band in den Händen des berühmten Z . . . Jetzt ist er todt, aber wie man sehen wird, ist er nicht an der Lektüre meines Romans gestorben. Der 'Sommer verging, und ich reiste nach Burgund ab. Ich sehnte mich nach Landluft, nach den Meinigen und nach „Ersparnissen." Das Druckenlassen meines Werkes hatte meine Kasse erschöpft In unsern Zeiten sind es nicht mehr die Schriftsteller, welche die Verleger ruiniren. Oh, dieser „Selbstverlag"! Diese Erfindung ist fataler für den Geldbeutel, als die Roulette. Im Coupö der Eisenbahn ward mir eine der süßesten Freuden zu Theil, die mir die Literatur bescheert hat. Leider war sie nur von kurzer Dauer, aber was thut's. Bis auf diesen Tag kann ich nicht ohne Bewegung an diese unschuldige und — flüchtige Jugenderinnerung denken. , Wir waren drei im Coups: erstens ich; dann ein Mann von etwa sechzig Jahren, klein von Wuchs, roth von Angesicht, kahlköpfig und — sonderbar in seinem Alter — nickt dekorirt. Er mochte Verstand besitzen, jedenfalls verbarg er ihn unter einem schwerfälligen Aeußern. Seine Kleidung verrieth wenig Rücksicht auf die Forderungen der Mode. Die junge Dame, welche ihn begleitete, ohne Zweifel seine Tochter, schien mir eine vornehme Persönlichkeit, denn sie trug jeidene Strümpfe. Ich habe seitdem, auf meine Kosten, gelernt, daß man auf seidene Strümpfe kein Gewicht legen darf; aber diese Geschichte trug sich zu vor zwölf Jahren, und ich war damals jung. Uebrigens, wenn die Unbekannte Holzschuhe angehabt, nur ein Auge und einen Buckel gehabt hätte, es wäre mir in dem Augenblicke gleichgiltig gewesen. Denn nicht auf ihr weilten meine freudestrahlenden Blicke, sondern auf dem Buche, das sie las; ein Buch in einem lachsfarbenen Umschlage, den ich auf einen Kilometer Entfernung erkannt Hütte. Gerechter Himmel! Es war mein Buch! Jedermann kann die Druckerpresse ins Stöhnest bringen. Wer macht sich heutzutage nicht das vorzügliche Vergnügen, seinen Namen in einem Ladenfenster zwischen Octave Feuillet und Balzac prangen zu sehen? Aber sich lesen sehen! Welche Wonne! Kleopatra selbst hat trotz aller Raffinirtheit im Genießen die Art des Genusses nicht entdeckt, und ich bedaure sie deshalb, denn ich habe diese Seligkeit einmal in meinem Leben genossen; ja, leider nur einmal! „Also du", dachte ich, „du liebes, gesegnetes Wesen, du hast mein Buch gekauft! Es sind meine Gedanken, die du denkst, meine Empfindungen, die du empfindest, meine Worte, die deine rosigen, hübschen Lippen in leise Bewegung setzen." Aber ach, was mußte ich erblicken? Diese rosigen Lippen öffneten sich allerdings, aber — um zu gähnen! Gewiß ist sie, der Abreise wegen, sehr früh aufgestanden, suchte ich mir einzureden. Ihre Augen schlössen sich, das zarte Kinn sank auf ihre Brust, die fein behandschuhten Hände ließen mein Buch los, und es sank — auf den Teppich. Nun, es ist doch keine Schande, einem hübschen Mäochen zu Füßen zu fallen, besonders zu solchen Füßchen in seidenen Strümpfen. Sie regte sich nicht. Ihr Schlaf war gesund, prima 59 Sorte, ausdauernd. Vielleicht war das eine Familien- eigenthümlichkeit, denn der Vater schlief schon lange, ganz ohne die „Unglückliche Liebe" gelesen zu haben. Dieser Gedanke war sehr beruhigend. Ach, meine Freude war von kurzer Dauer gewesen! Sie hatte das Buch nicht gekauft, denn auf der ersten Seite fand ich diese Zeilen von meiner eigenen Hand geschrieben: „Dem Herrn Z . . ., Mitglied der Akademie von Frankreich. „Erlauben Sie, hochverehrter Meister, einem Unbekannten, Ihnen seine Huldigung durch die Zusendung dieses bescheidenen Buches darzubringen, als Zeichen seiner ehrerbietigen Bewunderung Ihres hohen Talents." Aber wie! Welche Freude! Dieser apoplektische, nachlässig gekleidete Schläfer war der berühmte Z . . .! Er hatte mein Werk seiner Beachtung gewürdigt, da er es auf die Reise mitgenommen hatte. Er hatte seinem Kinde erlaubt, vielleicht gar gerathen, es zu lesen. Nun brauchte ich nur dieses glückliche Zusammentreffen auszunutzen. Noch sechs Stunden lang würde ich die Gesellschaft des berühmten Mannes genießen. Das war mehr als genug, um mir seine Gunst zu sichern, welche, nach der Ansicht meiner Tante, die der 39 Andern nach sich ziehen würde. Und es war mir ja auch nicht verboten, vermittelst seiner Tochter auf ihn einzuwirken. Das hieß, auf einem Umwege an sein Ziel gelangen, aber auf welch einem niedlichen Umwege. Man denke sich eine reizende, recht muthwillig aussehende Brünette, mit blitzenden Augen und kirsch- rothen Lippen und einem Wüchse, der jeden Maler begeistern würde. Aber in diesem Augenblicke galt es nicht, sich zu verlieben, sondern an mein Buch zu denken. Das Uebrige würde sich später dann schon finden. Armes Buch! Bis jetzt war es noch nicht einmal aufgeschnitten, und wenn es so weiter ging, hatte es wenig Aussicht, aufgeschnitten zu werden. Da ich nichts Besseres zu thun hatte, zog ich mein Messer aus der Tasche und machte mich an die Arbeit. Das Knistern des Papiers weckte meine Nachbarin auf, die etwas erstaunt schien über meine Beschäftigung. — „Mein Herr..." begann sie, die Hand nach ihrem Eigenthum ausstreckend. „Mademoiselle," antwortete ich, „erlauben Sie mir, Ihnen eine Arbeit zu ersparen. Ich werde in fünf Minuten fertig sein." Sie dankte mir mit einem Lächeln. Welche reizenden Zähnchen I Was konnte die Akademie mir Aehnliches bieten? Ich sah, daß sie mich mit Wohlgefallen betrachtete. Der Augenblick, den Angriff zu beginnen, war gekommen. Ich machte ein so schelmisches Gesicht, wie ich nur konnte, und sagte: „Uebrigens habe ich ein gutes Recht dazu." „Ein gutes Recht," wiederholte sie, mich mit ihren großen Augen anblickend, und ein niedliches Grübchen erschien auf ihrem Gesichtchen. „Jawohl! Erlauben Sie mir, mich Ihnen vorzustellen. Ich bin der bescheidene und unbekannte Verfasser dieses Buches." Sie nahm das Buch und las neugierig das plebejische Pseudonym auf dem Deckel. Sorgloses Kind! Sie hatte angefangen, meine „Unglückliche Liebe" zu lesen, ohne sich zu kümmern, wer sie geschrieben hatte. Ich konnte sogar bemerken, daß der banale Name „ Pierre Lejeune" ihr Interesse für mich abkühlte. Mit etwas verächtlichem Tonfalle sagte sie: „Also Sie sind ein Schriftsteller?" „Ich habe diese Ehre, mein gnädiges Fräulein, denn ich zweifle nicht daran, daß das in Ihren Augen für eine Ehre gilt. Sie kennen gewiß die meisten litterarischen Größen unserer Zeit?" „Ja, einige von ihnen besuchen uns, aber meistens nur die Alten." „Der Papa bewacht sein Töchterchen sorgfältig," dachte ich, und sagte: „Sie lesen gewiß sehr viel?" „Oh ja, sehr viel, im Sommer, auf dem Lande. Im Winter habe ich keine Zeit dazu." Ich drückte durch eine Geste aus, daß ich das sehr natürlich fände. In ihrem Alter, bei ihrer Schönheit machte sie selbstverständlich sehr viele Gesellschaften mit. Dann fragte ich, der mir am Herzen liegenden Hauptsache eingedenk: „Glauben Sie, daß Ihr Herr Vater mir die Ehre erweisen würde, diesen bescheidenen Versuch anzusehen? Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie wichtig mir sein Urtheil wäre, denn ..." „Das ist nicht mein Vater, sondern mein Onkel. Sie kennen ihn?" „Seinen Ruf, gewiß. Welch ein Talent!" Sie nickte zustimmend. Dann sagte sie leise: „Zum Unglück fängt er an, altersschwach zu werden; seine Arbeit ist sehr angreifend. Die Saison in diesem Jahre war sehr ermüdend; mehrere große Diners jede Woche. Die Uikolaikirche zu Hamburg. MV 60 Unter uns gesagt, ich finde, daß man von meinem alten Onkel zu viel verlangt." „Ja, das ist einmal das Schicksal der großen Männer. Aber jetzt wird er sich erholen. Sie gehen doch wohl aufs Land?" „Glauben Sie, daß das Leben im Schloß eine Erholung ist? In Burgund hören die Diners nicht auf." „Wie, Sie reisen auch nach Burgund?" „Ja, nach Chambrive." „Zu der Herzogin? Werden Sie lange da bleiben?" „Den ganzen Herbst. Kennen Sie Chambrive?" „Ich habe früher dieses herrliche Schloß besucht. Was würden Sie wohl sagen, gnädiges Fräulein, wenn Sie mich eines Tages dort ankommen sähen?" Sie schien erstaunt und betrachtete mich mit prüfenden Blicken, als wolle sie ergründen, ob ich im Ernst gesprochen. (Schluß folgt.) -S-iSMS—- Zu unseren Bildern. Das Jüngste. Der Storch war in's Haus gekommen und hatte den Kinderchen ein allerliebstes kleines Brüderlein gebracht. Jetzt ruht es in der Wiege, in sanfte, weiche Kissen gebettet und schläft. Die Mutter hat für kurze Zeit das Zimmer verlassen und diese Gelegenheit benützen die Kinder, das Brüderchen einmal fti sehen. Leise kommen sie heran; Mariechen hebt das Tuch, das schützend über des jungen Weltbürgers Köpfchen ausgebreitet ist. Da liegt es nun, das herzige Wesen, einem schlummernden Engel gleich. Neugierig betrachten die Kinder das schlafende Brüderchen und heimliche stille Freude glänzt aus ihren Augen. Auf dem Daukzuge. Reineke ist ein gar arger Dieb und Räuber. Das sagt uns schon die Strophe des bekannten Liedes: „Fuchs, du hast die Gans gestohlen I" Aber nicht bloß auf Gänse und Hühner und sonstiges Geflügel hat es Meister Reineke abgesehen, er verachtet auch so ein Häslein nickt. Abend ist's geworden und Lampe hat sich im Schnee soeben ein Nachtlager zurechtgerichtet. Das Häs- lein ahnt nicht, daß der Feind in der Nähe. Leise kommt er über die Schneedecke herübergeschlichen, Fuchs der Schlaue, Listige; schon hat sein Auge das Opfer erspäht. Ob sein Raubzug auch von Erfolg begleitet sein wird? Die Mkolaikirche zu Hamburg in ihrem jetzigen Zustande. Dem großen Stadtbrande in Hamburg, der vom 5. bis 8. Mai 1842 einen großen Theil der Stadt in Asche legte, ist auch die alte Nikolaikirche zum Opfer gefallen. Während schon in den angrenzenden Straßen ein unabsehbares Feuermeer Tod und Verderben brachte, wurde in der Kirche noch Gottesdienst gehalten. Um 12 Uhr Mittags am ersten schrecklichen Tage war der Gottesdienst beendet, um 1 Uhr begannen einzelne Flammen am Thurme emporzuzüngeln und in wenigen Stunden lagen Thurm und Kirche in Asche. Ihre damalige Gestalt hatte sie seit 1658, und ihr Thurm zeigte die ansehnliche Höhe von 400 Fuß und war von dem massiven Mauerwerk an ganz mit Kupfer gedeckt. In seiner Laterne hing ein schönes, holländisches Glockenspiel, welches moraens um 6 und mittags um 1 Uhr eine halbe Stunde lang Chorälc spielte. Am fraglichen Tage begann der Thurm sich selbst sein Schwanenlied zu singen. Sein herrliches Glockenspiel, man weiß nicht, ob durch die Hitze oder eine andere Kraft in Bewegung gesetzt, begann zu tönen, doch nicht einer seiner gewohnten Choräle, sondern eine Melodie voll wilden Schmerzes, voll herzzerreißenden Webes erklang über die brennende Stadt hinweg. Schon um 3 Uhr nachmittags hatte das Feuer den ganzen Thurm ergriffen, gegen 5 Uhr wankte die Spitze und wenige Minuten darauf stürzte sie, zum Theil die Häuser der Geistlichen zertrümmernd, zum Theil in das Innere der Kirche sich senkend. Die Kirche brannte vollständig nieder, erstand aber wieder in der neuen Gestalt, in welcher sie sich auf unserem Bilde präsenttrt. Allerlei. George Eliiot. Als ein Opfer der Influenza verschied am Weihnachtsabend 1893 in England ein Mann, der wie wenige von sich rühmen konnte, daß er alles, was er errungen, seiner eigenen Thatkraft verdanke, ein sslk-waäs man im vollsten und besten Sinne des Worts, Sir George Elliot, der ehemalige Kohlen- träger, der sich bis zum Bergwerkbesitzer und Baronet aufgeschwungen. Am 18. Juni 1815, dem Tage der Schlacht von Belle-Alliance, als Sohn eines armen Kohlen- arbeiters in Durham geboren, begann er seine Lebensthätigkeit frühzeitig in dem väterlichen Berufe. Von Stufe zu Stufe es durch Fleiß und geistige Regsamkeit so weit bringend, wie die Verhältnisse es gestatteten, versäumte er es dabei mcht, sich Kenntnisse der mannigfachsten Art anzueignen. Des strebsamen jungen Bergmannes nahm sich ein Ingenieur, Spopwish, an, der ihn auf seinem Bureau und bei Vermessungsarbeiten beschäftigte. Gleichwohl kehrte Elliot im Jahre 1830 zu seinem früheren Berufe zurück, in dem er jetzt in rascher Folge zum Vormann und Obersteiger aufstieg. Im Jahre 1840 war bereits der intelligente Obersteiger mit Hilfe befreundeter Kapitalisten Grubenbesitzer geworden, und jetzt häufte sich Erfolg bei ihm auf Erfolg. Der glückliche Unternehmer legte im Jahre 1851 die Stelle des Obersteigers nieder und trat als technischer Direktor an die Spitze der ausgedehnten Kohlenwerke des Marquis von Londonderry, im Jahre 1863 kaufte er das Bergwerk, in dem er 35 Jahre zuvor seine Thätigkeit als armer Häuer begonnen, und im Jahre 1874 wurde er zum Baronet ernannt. Bekannt ist seine Theilnahme an der Legung des ersten transatlantischen Kabels, ebenso seine schriftstellerische Thätigkeit, die er unter anderem durch die sensationelle Schrift „Wie lange reicht unser Kohlenvorrath?" bethätigte. Politisch gehörte Elliot zu der Torypartei, die er mehrfach im Parlamente vertrat. Himmelsschau im Monat Februar. —X. Merkur L ist gegen Ende des Monates als Abendstern gut sichtbar in WSW. Venus ? verläßt anfangs nach 7 Uhr abds. den Horizont im S. und wird gegen Ende Morgenstern. Am 7. steht er in der Nähe des Mondes. Mars im Skorpion und Schützen geht zwischen 5 U. und 4 U. morgs. auf und befindet sich am 1. in der Nähe des Mondes. Jupiter im Stier erreicht-bereits 6 U. abds. die höchste Höhe und geht zwischen 3 U. und 1 U. früh unter. Am 13. ist er nahe beim Mond. Saturn geht auf zwischen 11 U. 54 M. und 10 U. 2 M. nachts und kommt am 24. in die Nähe des Mondes. Nikder-Näthsel. zm 10. Ireitag, den 2. Februar 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen ZnstitutS von HaaL L Grabhcrr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler). Auf Verwegener Wahn. Kriminalnovclle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Siglinde hatte über ihrem Schmerze alles Andere vergessen. Erst jetzt fiel ihr ein, zu fragen: „Ist der Gatte meiner Schwester auch ertrunken?" „Nein," gab Harnisch zur Antwort, und ein seltsames Lächeln spielte um seinen Mund. „Jmhoff hat sich gerettet. Ich selbst sprach ihn auf der „Sirene", welche uns nach Calais brachte. Ich bin ihm hier begegnet, obwohl er mich nicht bemerkte, und nach der Beschreibung Ihrer Dienerin war er jener Fremde, der zu Ihnen wollte, während Sie abwesend waren. Und dennoch steht sein Name nicht auf der Liste der Geretteten verzeichnet," fügte Harnisch mit Betonung hinzu. „Wahrscheinlich ist bei der Aufstellung der Liste ein Versehen unterlaufen," meinte Doktor Volkmar, „oder der Name ist in der Zeitung, in welcher Sie das Ver- zeichniß nachgelesen haben, durch die Unachtsamkeit des Setzers weggelassen worden." Herr von Harnisch schüttelte sehr entschieden den Kopf. „Ich habe die Liste in französischen und deutschen Zeitungen gelesen," entgegnete er, „und überall fehlte der Name Jmhoff. Dennoch zählte ich stets einunddreißig Namen. Es kann sonach keinem Zweifel unterliegen, daß Jmhoff einen falschen Namen statt des seinigen angegeben hat, vielleicht denjenigen eines Ertrunkenen, um unter der falschen Maske —" „Um unter der falschen Maske . wiederholte Siglinde gespannt, da Harnisch zögerte. „Ein Verbrechen zu begehen," ergänzte dieser. „Der Gatte meiner Schwester?" frug Siglinde betroffen. „Der Gatte Ihrer Schwester," nickte Harnisch. „Wenn Ihren Herrn Vater sein unbescholtener Name nicht schützte, einer Blutthat beschuldigt zu werden, — mit welchem Rechte sollte Jmhoff über den Verdacht eines Verbrechens erhaben sein." „Die Vergangenheit Jmhoff's ist durchaus nicht fleckenlos," fuhr Herr von Harnisch fort. „Einer meiner Mitpassagiere, ein sehr glaubwürdiger Mann, der ihn kannte, erzählte mir während der Ueberfahrt von Ncw- Jork, daß Jmhoff in früheren Jahren Pächter einer Spielhölle in Sän Francisco gewesen sei. Wer die amerikanischen Verhältnisse kennt, der weiß, daß eine solche Carriere eine Hochschule der Verbrechen ist." Siglinde schauerte zusammen bei dem Gedanken, daß ihre Schwester an der Seite eines solchen Mannes gelebt haben sollte, über dessen Vergangenheit und Charakter sie sich vielleicht durch eine gefällige Außenseite hatte täuschen lassen. „In Ihrer Gegenwart war es," fuhr Harnischen Siglinde fort, „wo mich zum ersten Male der Gedanke eines schweren Verdachts gegen Jmhoff durchzuckte; seitdem ist in zwei schlaflos verbrachten Nächten dieser Verdacht fast bis zur Gewißheit gewachsen." Es trat eine Pause ein, während welcher der Rechtsgelehrte einige Male mit lebhaften Schritten das Zimmer durchmaß. „Geben Sie zu, Fräulein Schönaich," nahm endlich Harnisch wieder das Wort, „daß Ihre Schwester Tante Nollenstein's Gewohnheit, ihr Geld in den verschiedensten Verstecken ihrer Wohnung aufzubewahren, gekannt habe?" „Gewiß," antwortete Siglinde; „es war von dieser Seltsamkeit der Tante in unserer Familie oft genug die Rede. Aber warum fragen Sie mich dies?" „Um die Möglichkeit festzustellen," versetzte der Amerikaner, „daß Ihre Schwester ihrem Gatten in gelegentlichem Gespräch diesen Umstand mitgetheilt haben könnte, ehe dieser selbst sich träumen ließ, daß er je in Versuchung gerathen werde, davon Nutzen zu ziehen." Erstaunt heftete sich Siglindens Blick auf Harnisch's Lippen, ohne daß dieser weitergesprochen Hütte. Offenbar wollte er, wie es dem Nechtsgelehrten schien, nicht recht mit der Sprache heraus, getraute sich nicht, das bisher nur dunkel Angedeutete in schonungsloser Klarheit auszuführen, aus Furcht, Siglindens Gefühle zu verletzen, indem er den Verdacht einer mörderischen That zwar von ihrem Vater nahm, aber nur, um ihn auf die Schulter ihres Schwagers zu wälzen. Er warf dem Doktor einen Blick zu, als wolle er sagen: Helfen Sie mir, Sie wissen ja gewiß, was ich meine. Dieser nickte ihm verständnißvoll-zu und ergriff statt des Amerikaners das Wort: „Gestatten Sie mir," wandte er sich an Siglinde, „daß ich mit dem kalten Blute des Advokaten die Schlußfolgerung ziehe, auf welche Herrn von Harnisch's Vermuthung und Beobachtungen hinauslaufen. Stellen Sie sich Jmhoff's Lage vor: Seine Existenz ist vernichtet, — da winkt seiner Frau eine Erbschaft in Deutschland, — auf dem Wege dahin ertrinkt die Frau und mit ihr 62 sind seine Zukunftshoffnungen ebenfalls im Meere begraben. Aber ein Mann, der schon ein Mal in einer kalifornischen Spielhölle zu Hause war, weiß das Glück -zu zwingen und schreckt vor nichts zurück. Aus dem harmlosen Geplauder seiner Frau über Jugend und Heimath kennt er die Schrulle Ihrer Tante, ihre Schätze in ihrer Wohnung aufzubewahren, — darauf gründet er seinen Plan, sich durch Raub und Mord zu ertrotzen, was ihm, so nahe schon dem Reiseziele, das neidische Geschick entzog. Die Umstände begünstigen ihn — in der Heimath seiner Frau weiß Niemand, daß er deren in alle Verhältnisse eingeweihter Gatte war, und um zur größeren Sicherheit seine Person gänzlich aus der Welt verschwinden zu lassen und für ertrunken zu gelten, gibt er einen falschen Namen an, ein Beweis, daß er schon bei seiner Landung in Calais mit seinem Entschlüsse im Reinen gewesen ist." Siglinde hatte, während sie zuhörte, bald den Sprechenden, bald Harnisch angeblickt und gesehen, wie der letztere dem Advokaten bei jedem Satze beistimmend zunickte. „Sie vermuthen also, Herr Doktor," frug sie, „daß der Gatte meiner Schwester —" „Der Mörder Ihrer Tante sein könne?" vollendete Volkmar. „Ja!" „Ich selbst hätte meine Gedanken nicht klarer aus- sprechen können," antwortete Harnisch auf einen fragenden Blick Siglindens, „als Herr Doktor Volkmar es eben gethan hat." „Das Glück, welches wir ja oft auf der Seite des Verbrechers finden, begünstigte den kühnen Plan," fügte der Nechtsgelehrte hinzu. „Jmhoff erspähte in der Nähe der Methodistenkapelle die Gelegenheit, sein mörderisches Vorhaben auszuführen, — da findet er sein Opfer im Gespräch mit Ihrem Vater; — als dieser sich entfernt hat, schreitet er zur That, und der Verdacht derselben fällt auf einen Unschuldigen." „Und glauben Sie, Herr Doktor," frug Siglinde, „daß durch dieses neue Moment, welches wir Herrn von Harnisch verdanken, mein unglücklicher Vater entlassen werden kann?" „Ja, ich glaube es!" sagte Volkmar bestimmt und ein aus tiefster Brust kommendes Aufathmen der Erleichterung war Siglindens Antwort. Der Rechtsgelehrte würde in seiner schönen Klientin keine so bestimmte Hoffnung erweckt haben, wenn Harnisch's Aussagen sein einziger Haltepunkt gewesen wären, obwohl ihre außerordentliche Wichtigkeit und Tragweite nicht unterschätzt werden durften. Allein Volkmar wußte mehr als Harnisch und Siglinde, er besaß einen Schlüssel zu dem Geheimniß, welches noch über dem Verbrechen schwebte, er vermuthete, daß Jmhoff in jenem englisch sprechenden Bouquetkäufer gefunden sei, welcher die Schwester Ritters über Frau Nollenstein ausgeforscht und sich dadurch verdächtig gemacht hatte. Doch behielt er dies für sich, denn es war sein Schachzug, Niemandem in seine geheimen Minengänge Einblick zu gestatten, selbst denjenigen nicht, in deren Interesse sie angelegt waren. „Es wäre vielleicht nicht überflüssig," wandte er sich in leicht hingeworfenem Tone an den Amerikaner, „wenn Sie Jmhoff's Aeußeres beschreiben." „Betrachten Sie mich, Herr Doktor," gab Harnisch zur Antwort, „so haben Sie ungefähr Jmhoff's Signalement, allerdings nur in allgemeinen Zügen." „Sie werden in dem Prozesse eine wichtige Zeugenrolle spielen," fuhr Volkmar fort. „Nur fürchte ich, daß Sie als Schiffbrüchiger, der nur das nackte Leben gerettet hat, nicht mit den Legitimationen versehen sein werden, durch welche Sie sich über Ihre Persönlichkeit ausweisen müssen, um unseren Gerichten als einwands- freier Zeuge zu gelten." „Glücklicher Weise ist es mir gelungen," versetzte Herr von Harnisch, „einen kleinen Handkoffer mit mir in das Boot zu retten, in welchem sich alle meine wichtigen Dokumente befanden. Da ich sogar mit sämmtlichen Papieren ausgerüstet bin, welche ein deutsches Standesamt zur Vornahme einer Trauung verlangt," fügte er lächelnd hinzu, so dürfte ich dem Gerichte gegenüber kaum in Verlegenheit kommen." Volkmar warf einen Seitenblick auf Siglinde; diese war jedoch in so tiefes Nachsinnen verloren, daß sie die Anspielung Harnisch's gänzlich überhört zu haben schien. „Ich kann mir nicht helfen," verlieh sie jetzt ihren Gedanken Worte, „ich muß mir die beiden, so unmittelbar aufeinander gefolgten Mordthaten immer im Zusammenhang denken, obwohl es mir an einer Erklärung fehlt. Glauben Sie auch jetzt noch nicht an einen Zusammenhang, Herr Doktor?" „Von welchem zweiten Morde sprechen Sie, Fräulein Schönaich?" frug Harnisch. „Von dem in dem sogenannten Kastanienwäldchen, welcher ganz auf die gleiche Weise wie derjenige an meiner Tante begangen worden ist." „Ah! ganz recht," entsann sich der Amerikaner, „ich las davon in den Zeitungen." „Nach den Eröffnungen, welche Herr von Harnisch uns heute gemacht hat," erwiederte Volkmar auf Siglindens Frage, „wäre ein Zusammenhang allerdings denkbar." Während er sich mit der Hand über die hohe Stirn fuhr, als wolle er den Gedanken erst in sich zur Klarheit kommen lassen, ruhten die Blicke der beiden Anderen erwartungsvoll auf ihm. „Vielleicht war der Ermordete einer der geretteten Mitpassagiere Jmhoff's," führte Volkmar aus, „der ihm hier in den Weg lief und durch welchen er sein Inkognito gefährdet glaubte. Um sich von dem Unbequemen zu befreien, schaffte er ihn bei günstiger Gelegenheit einfach bei Seite." Weder dem Rechtsanwalt noch Siglinden war es entgangen, daß bei diesen Worten sich über Harnisch's Gesicht plötzlich leichenhafte Blässe verbreitet hatte. Er war sich dessen bewußt, und indem er zu fühlen schien, daß er darüber eine Erklärung schuldig sei, sagte er lächelnd: „Sie mögen mich für schwach halten, aber bei dem Gedanken, daß das gleiche Schicksal auch mich hätte treffen können, der ich von allen Mitpassagieren Jmhoff's wohl der ihm gefährlichste bin, überlief mich ein Schauder." „Hat denn übrigens die Kriminalpolizet noch nichts über diesen zweiten Mord herausgebracht?" fuhr Herr von Harnisch fort. „Ich weiß darüber nicht mehr, als was in den Zeitungen steht," versetzte der Nechtsgelehrte. „Es hat sich Jemand gemeldet, der in jener Nacht einen Mann mit einem Bündel unter dem Arme, in welchem sich die Kleider des Ermordeten befunden haben könnten, von dem Kastanienwäldchen hat herkommen und den Weg nach dem nahen Stromufer einschlagen sehen. Einige Verdächtigscheinende, die getragene Männerkleider und — 63 Uhren versetzt und verkauft haben, find verhaftet, aber auch schon wieder in Freiheit gesetzt worden." Der Amerikaner erhob sich, da eine gewisse Unruhe im anstoßenden Bureau verrieth, daß bereits neue Klienten warteten. „Ich danke Ihnen, Herr von Harnisch, für die wichtigen Aufschlüsse, welche Sie uns gegeben haben und die Ihrem Scharfsinn alle Ehre wachen," sagte Volkmar beim Abschiede. „Im Uebrigen brauche ich wohl nicht erst hinzuzufügen," wandte er sich zugleich mit an Sig- linde, „daß Alles, was wir heute verhandelt haben, streng unter uns bleiben muß." Während Harnisch sich mit einer Verbeugung gegen den Rechtsgelehrten und Stglinde verabschiedete, war die Letztere ebenfalls aufgestanden, um dem Beispiele des Amerikaners zu folgen. „Fräulein Siglinde," sagte Volkmar, als beide allein waren, in warmem Tone und drückte ihr die Hand, „lassen Sie mich jetzt nachholen, daß ich an dem unglücklichen Schicksale Ihrer Frau Schwester und an Ihrem Schmerze den innigsten Antheil nehme. Ich fand vorhin nur keine Gelegenheit, Ihnen dies zu erkennen zu geben, da Herr v. Harnisch es als ein Vorrecht für sich selbst in Anspruch nahm." Siglinde errieth leicht, was er damit meinte. „Ich kann nicht in Abrede stellen," anwortete sie, die Augen zu Boden gesenkt, „daß der unschätzbare Dienst, welchen Herr v. Harnisch der Sache meines armen Vaters leistet, ihm Vorrechte erwirbt, denn ich habe ihm als Preis für die Rettung meines Vaters meine Hand zugesagt." „Es ist Ihnen dies wohl nicht schwer geworden?" frug Volkmar im Tone eines leisen Vorwurfs, während ein Zug bitteren Schmerzes sich um seinen Mund legte. „Für meinen Vater ist mir kein Opfer zu groß," entgegnete Siglinde, „unterschätzen Sie aber das Wort Opfer nicht, denn indem ich ein solches bringe, gebiete ich meinem Herzen ein schmerzliches Schweigen." Sie hatte das Auge zu ihm erhoben und in ihrem Blicke, über den sich schnell wieder die langen schwarzen Wimpern senkten, lag das süßeste Geständniß und zugleich die schmerzlichste Entsagung. „SiglindeI" rief Volkmar feurig und mit mühsam gedämpfter Stimme, „sollte ich Sie recht verstanden haben? Sie rauben mir in demselben Augenblicke den Himmel, wo Sie mir ihn ausschließen." „O! erschweren Sie mir mein Opfer nicht noch mehr!" bat das schöne Mädchen, während eine dunkle Nöthe sich bis unter das Gold ihrer Haare ergoß, „und lassen Sie hiervon zwischen uns nie wieder die Rede sein. Leben Sie wohl!" Er drückte ihre kleine Hand an sein Herz und preßte einen heißen Kuß darauf. Erst als einer der Schreiber ihm einen neuen Klienten meldete, bemerkte er, daß er allein war, und schien auS einem tiefen Traume zu erwachen. * * (Fortsetzung folgt.) Gol-Körirrr. Verwandte Seelen knüpft der Augenblick DeS ersten Sehens mit diamantenen Banden. Shakespeare. Der berühmte Z.... (Schluß.) „Wenn es auch nur wäre," fuhr ich fort, „um zu erfahren, was Sie von meinem Buche denken, und ob Sie die Güte gehabt haben werden, nachdem Sie es gelesen, Ihrem Herrn Onkel ein freundliches Wort darüber zu sagen." Sie brach in ein reizendes, wohllautendes, entzückendes Lachen aus. Nein, wie war sie hübsch! „Sie scherzen!" sagte sie endlich. „Mir wird Ihr Besuch wohl nicht gelten." „Warum nicht? Nun, Sie werden schon sehen. Ueberlassen Sie das mir und versprechen Sie mir nur, daß Sie bis dahin den nicht vergessen werden, der ewig an ihre entzückende Anmuth und Schönheit denken wird." — Sie war zu klug, um nicht zu merken, daß meine Worte aufrichtig gemeint waren, nicht dumm genug, um sich zu ärgern, denn trotz der Kühnheit meiner Sieden war meine ganze Haltung sehr ehrerbietig. Daß sie übrigens das Kokettiren meisterhaft verstand, sah ich wohl« In dieser Kunst konnte ich von ihr lernen. Bald amü- sirten wir uns so prächtig zusammen, daß ich die Akademie und die Akademiker, selbst den, der da so laut in seiner Ecke schnarchte, völlig vergessen hatte. Wir plauderten von tausenderlei Dingen, von Paris und von Burgund; von den Theatern und von der Jagd; von der Herzogin von Champrive, die sie sehr genau zu kennen schien, aber über die sie mit vornehmer Zurückhaltung sprach. Endlich wagte ich mit der Kühnheit meiner zwanzig Jahre, sie nach ihrem Namen zu fragen. Sie antwortete mit entzückender Naivetät: „Felicie Legerot." „Ihr Herr Onkel ist also nicht ein Bruder Ihres Herrn Vaters," bemerkte ich, „da Sie nicht seinen Namen tragen?" Was soll ich weiter sagen? Diese Reise glich einem köstlichen Traum. In Tonnerre, wo der Zug um die Frühstückszeit hielt, hatte ich die Ehre, sie an das Büffet zu begleiten, denn der berühmte Z . . . klagte über furchtbare Migräne und wollte nicht aussteigen. Der Vortreffliche! Ich bediente seine Nichte mit einem Eifer, als sei sie eine Königin. Als ich in Dijon ausstieg — meine Reisegefährten fuhren noch weiter bis Beaune —, hatte ich allerdings für meine literarische Zukunft nicht viel gewonnen; aber mit dem Siege, den ich im Herzen der schönen Felicie errungen, durfte ich wohl zufrieden sein. In dem 4100 Meter langen Tunnel von Blaisy hatte ich ihre kleinen, in stark parfümirtem Ziegenleder steckenden Händchen mit tausend Küssen bedeckt und ihr mit leidenschaftlichem Händedruck ein „Auf baldiges Wiedersehen!" zugeflüstert. „Aber das ist unmöglich!" hatte sie ohne Zorn erwiedert. „Nein, machen Sie keinen Versuch, mich wiederzusehen, Herr Lejeune." Jetzt war die Reihe zu lachen an mir. „Aber haben Sie denn nicht errathen, daß Lejeune nur mein Schriftstellername ist?" . Darauf hatte ich meine Lippen ihrem rosigen, kleinen Ohre genähert^ vielleicht etwas näher, als es die Etikette erlaubte, und hatte meiner Nachbarin den Titel und den stolzen Namen, die ich von meinen Ahnen geerbt, anvertraut. Unter andern Umständen wäre Felicies Ant- I Wort meinem Schriftstellerstolz kränkend erschienen. --SÄNNST- 64 „Ich habe schon lange gedacht, daß Sie nicht wie ein Schriftsteller aussehen," hatte sie gesagt. . Endlich war der Onkel aufgewacht. Aber aus einem mir unverständlichen Grunde hatte seine Nichte sich geweigert, mich ihm förmlich vorzustellen, und es war mir sogar so vorgekommen, als wundere sie sich sehr darüber, daß ich es durchaus wollte. Da dieser berühmte Z ... ein sehr einfacher, über die dummen Vorurtheile der Etikette erhabener Mann zu sein schien, hgtte ich mich, als der Zug anhielt, genähert und gesagt: „Atem Herr und theurer Meister, ich habe es nicht gewagt, den Schlaf eines Mannes von Ihrer Geistesgröße zu stören. Erlauben Sie mir nun, Ihnen meinen lebhaften Wunsch, bald bei der Herzogin Ihnen vorgestellt zu werden, auszusprechen. Sie ahnen nicht, daß Sie einen Bittsteller vor sich sehen." Er schien im höchsten Grade erstaunt, antwortete aber in sehr gemüthlicher Weise, ohne sich viel darum zu kümmern, ob er mich verstanden: „Mein Herr, wenn Ihre Bitte etwas betrifft, das zu meinem Fach gehört, so können Sie auf mich rechnen." Wir hatten uns dann mit einem herzhaften Hände- drucke getrennt. Es wird meinen Lesern gleichgiltig sein, wie ich es zu Wege brachte, in der folgenden Woche bei der Herzogin von Champrive eingeführt zu werden, die mich mit der ihr eigenen Liebenswürdigkeit zum Frühstück einlud. Alle Welt kennt ja, wenigstens der Beschreibung nach, das herrliche, im reinsten Renaissancestil gebaute, noch wohlerhaltene Schloß von Champrive. Die Herzogin, eine majestätische Blondine nahe den Vierzigen, brauchte, um ihr Alter zu vergessen, nur ihren Anbetern zu glauben und in ihren Spiegel zu blicken, zwei Dinge, die sie auch noch heute gern thut. Was mich anbetrifft, so dachte ich zu viel an Felicie, um die Reize einer andern Dame zu beachten. Aber wie groß war meine Enttäuschung, als wir zu Tische gebeten wurden, und ich unter den Gästen weder sie, noch ihren Onkel vorfand. Was war denn vorgefallen? Felicie hatte mir doch gesagt, daß sie den ganzen Herbst bei der Herzogin zubringen werde. Eine Pause im Gespräche benutzend, sagte ich: „Ihr berühmter Freund Z . . . hat Sie schon verlassen, Frau Herzogin? Ich hoffte, ihn hier zu treffen." „Er ist in diesem Jahre nicht zu uns gekommen. Sie kennen ihn?" „Gerade genug, um ihm ein Buch zu widmen, welches ..." „Ach ja, eben fällt es mir ein. Sie sind ja Schriftsteller. Mein Freund Z ... hat mir ihr Buch geliehen, es mir als das Werk eines Landsmannes empfohlen. Ich habe es gelesen. Es ist charmant." Arme Frau! Gott verzeihe ihr die Lüge! Aber in dem Augenblick beachtete ich diese kaum. „Wie? Herr Z ... ist nicht gekommen? Ich habe doch die Reise mit ihm gemacht. Er und seine Nichte hatten die Absicht, Sie zu besuchen." „Seine Nichte?" „Ja, Frau Herzogin. Sie liebt Sie sehr. Eine reizende, ausgezeichnete junge Dame." „Eine Nichte von Z . . .! Wissen Sie ihren Namen?" „Mademoiselle Felicie Legerot." Die Herzogin warf mir einen niederschmetternden Blick zu. Der Herzog betrachtete mich verstohlen mit einer ganz possierlichen Miene. Zufällig siel mein Blick auf das Gesicht des Haushofmeisters, der sich gerade mir gegenüber befand, und ich las auf dem Antlitze dieses Würdenträgers einen Ausdruck so tiefer Bestürzung, daß ich wohl merkte, ich hätte einen furchtbaren und unverbesserlichen Schnitzer gemacht; unverbesserlich, da ich nicht die leiseste Ahnung hatte, worin ich gefehlt. Es entstand eine Pause, dann fing man an, von andern Dingen zu reden. Im ersten Augenblick war ich entschlossen, meinen Mund nicht mehr aufzuthun, auch zum Essen nicht, denn mein Appetit war völlig verschwunden. Wenn es von meinem Willen abgehangen hätte, wäre jetzt ein Feuer im Schlosse ausgebrochen, damit ich in dem Tumulte unbemerkt hätte davonlaufen können. Aber Flucht war unmöglich. Ich mußte das Ende der Mahlzeit abwarten und mich stellen, als fände ich die Unterhaltung unendlich angenehm. Ich durfte mich in den Saal begeben und aus den Händen dieser stolzen Juno eine Tasse Kaffee annehmen. Sie um etwas Zucker zu bitten, wagte ich nicht, aus Angst, noch einmal ihren verächtlichen Blicken zu begegnen. Endlich kam die letzte Prüfung. Man bot einigen Pariser Gästen und mir an, das Schloß zu besehen. Nach diesem Rund- gange hoffte ich, nach meinem Wagen fragen zu dürfen, um zu meinen Penaten zurückzukehren. Vielleicht würde früher oder später irgend ein Zufall offenbaren, welchen Mißgriff ich begangen. Er ließ nicht lange auf sich warten, dieser Zufall! Als wir in die Küchenräume hinabstiegen, ich an der Seite der Herzogin (man wird mich nie glauben machen, daß sie das nicht absichtlich eingerichtet hatte), wen erblickte ich da in dem riesigen, gewölbten, von Pfeilern getragenen Raume, der wie eine Krypta aussah? Wen sah ich in einer weißen Jacke, einer weißen Schürze, einer weißen Mütze an dem riesigen Herde? Keinen Andern als meinen berühmten Z . . ., den Akademiker, noch röther, nockf dicker aussehend, als im Eisenbahnconps, aber diesmal nicht schlafend, sondern einen Aspic von Geflügel zum Diner garnirrnd. Und wen sah ich durch eine andere Thür Hereintreten, mit einer koketten weißen Schürze angethan, eine Theemaschine in den Händen, die sie wohl mit kochendem Wasser füllen wollte? O du meine Güte! Felicie Legerot in eigener Person! Diese junge Unbekannte, die ich in Tonnerre so eifrig bedient hatte, deren Hände ich mit so unbesonnener Leidenschaft in dem Tunnel von Blaisy geküßt hatte, war die Kammerjungfer der Herzogin. Und mein vermeintlicher berühmter Z . . . war der Küchenchef, dessen Werke ich eben verspeist hatte. Und die „Unglückliche Liebe", die Ursache all dieser Verwirrung, hatte Felicie heimlich aus dem Zimmer ihrer Herrin genommen. Seht, junge Schriftsteller, was aus den Büchern wird, die Ihr der großen Welt darbringt! Wir Drei, Felicie, ihr Onkel und ich, müssen sehr komisch ausgesehen haben, als wir uns erkannten, denn die Herzogin brach, trotz all ihrer Würde, in ein solches Gelächter aus, daß sie sich an einen der Pfeiler stützen mußte. Felicie, das freche Geschöpf, flüchtete ins Nebenzimmer, und dort hörte ich sie so unsinnig lachen, daß ich meinte, sie werde ihren Geist aufgeben. Zwölf Jahre sind seitdem vergangen, aber in Champrive hat Niemand mich wiedergesehen. In Paris bin 65 ich der Herzogin ein paar Mal in Gesellschaft begegnet, aber ich hoffe, daß sie mich nicht erkannt hat. Jedenfalls, wenn es der Fall war, war es nicht durch meine Schuld. -.^SSWSS-- Die Parität in der Reichsstadt Augsburg. —(Nachdruck verboten ) B.. H. Seit dem gewaltthätigen Sturze des Kammerpräsidenten Slavada und des Burggrafen Martiniz am 23. Mai 1618 aus dem Schloßfenster zu Prag in den achtzig Fuß tiefen Graben waren kaum 14 Jahre verflossen, und sie genügten, einen großen Theil des deutschen Reiches, noch vor hundert Jahren die Wohnstätte eines in allen Zweigen der Gesittung sich auszeichnenden Volkes, in eine Wüste zu verwandeln. In den durch die Hufe der Schlachtrosse zerstampften Getreidefeldern und in den durch verwilderte Kriegshorden der Stöcke beraubten Weinbergen wucherte nichts als Unkraut, und Brandreste in Mauertrümmern bezeichneten die Stelle, wo vormals der Sandmann und der Weingärtner hausten. Schlösser und Abteien waren nur Ruinen und die Kunst- und Bücherschätze, die ihre Säle bargen, waren verbrannt oder verschleppt. Auf den verödeten Landstraßen bewegte sich kein Lastwagen, denn es gab keinen Handel, und kein Wanderer, der sein Leben schätzte, wagte sich vor das Thor der Stadt. Hundertköpfige Haufen unglücklicher Menschen schwärmten durch geistliche und fürstliche Gebiete, mit Betteln und Stehlen oder als Räuber und Mordbrenner ihr elendes Dasein fristend. Nicht minder trostlos sah es in vielen Städten aus. Belagerungen im Wetteifer mit Seuchen und Hunger vernichteten eine blühende Einwohnerschaft und brachten die Ueberlebendcn an den Bettelstab, und es lösten sich alle Bande der Ordnung. Häufig stritt der Bürger gegen den Bürger, denn alle erfaßte Mißtrauen, Neid und Verfolgungssucht, erzeugt durch die kirchlichen Wirren und genährt von jeder Partei, welche gerade zur Herrschaft gelangte. Jetzt wälzte sich das unheilvolle Gewitter vom Norden her über die Donau und im April 1632 kündete sich der Ausbruch des Sturmes über der Reichsstadt Augsburg an. Binnen drei Jahren fiel ihm das Leben des vierten Theils der Bürgerschaft zum Opfer, die Armuth ging nur an wenigen Häusern vorüber und 8 Millionen Gulden verschlang die sogenannte Schwedenzeit aus den öffentlichen Kassen. Allenthalben wuchs die Noth und der Jammer in's Grenzenlose und eine jede Partei im Lande sehnte sich nach Ruhe. Gerne bot Kaiser Ferdinand III., seit 1637 des Reiches Oberhaupt, die Hand znr Versöhnung, allein er vermochte Frankreich und Schweden dafür nicht zu gewinnen. In gleicher Weise verlief erfolglos der 1640 nach Negeusburg einberufene Reichstag. Auf demselben kam zum Erstenmale die Parität für Augsburg zur Sprache. Dr. jur. Johann David Herwart, ein Patrizier und vormals Stadtvogt, von der evangelischen Bürgerschaft auf ihre Kosten dorthin abgeschickt, brachte 36 Grava- miua und Wünsche mit, darunter das Verlangen: „es sollte aller Billigkeit nach der Rath und die Stadtämter, der große Rath und das Stadtgericht nebst der Kanzlei halbiert werden." Der vom Geheimen Rath 1636 als Stadtkanzler angenommene Dr. jnr. Leuxelring bestritt bei den Stünden die Nothwendigkeit und Zweckmäßigkeit einer solchen Theilung und diese kamen wegen der höchst wichtigen Angelegenheiten des ganzen Reiches nicht dazu, mit den Bedürfnissen einer einzigen Stadt sich zu befassen. Der vorsichtige und unermüdliche Anwalt Herwart gab jedoch eine sxaoiss trurti zu den Akten, welche der Rath mit keiner Gegendeduction beantwortete, worüber dann Leuxelring, die Bedeutung des Schrittes seines Gegners wohl erkennend, nach HauS schrieb: „ich sorge, es werde große Diffikultäten geben." Ehe das Jahr 1641 zu Ende ging, gelang es dem Kaiser, die Kronen Frankreich und Schweden zu bestimmen, auf Friedenspräliminarien zu Hamburg sich einzulassen, welche 1644 zu den allgemeinen Friedensunterhandlungen zu Münster und Osnabrück führten. Leider tobte dessenungeachtet der Krieg fort, der noch zweimal über Augsburg großes Unglück brachte. Im September 1646 rückte die schwedisch-französische Armee vor die Reichsstadt und beschoß sie von Osten und Westen neunzehn Tage lang, und 1647 verwüstete ein Streifkorps derselben Heerführer die ganze Umgegend. In Münster, wo der Kaiser mit den fremden Mächten tagte, und in Osnabrück, wo die kaiserlichen, reichsständischen und schwedischen Gesandten, jedoch in steter Verbindung mit den Potentaten, berathschlagten, spielten nicht ohne Einfluß des wechselnden Kriegsglücks die augsburgischen Verhältnisse keine untergeordnete Rolle. Aus den Beredungen mit mehreren Ständen und Gesandten glaubte Or. Herwart auf einen günstigen Verlauf seiner durch 478 Unterschriften der ansehnlichsten evangelischen Bürger unterstützten Bestrebungen hoffen zu dürfen. Er sah Kursachsen und Brandenburg an seiner Seite, die Schweden sagten ihm zu, von der Parität sich nicht abwendig machen zu lassen, und einige Fürsten weigerten sich, den Or. Leuxelring als den Prokurator des Raths anzuerkennen, er führe nur für die Katholiken das Wort, es sei aber Augsburg eine evangelische Stadt, in welcher, wie ihnen glaubhaft berichtet worden, 1635 unter 16,432 Männern, Weibern und Kindern 12,017 Evangelische und nur 4415 Katholiken sich befanden und nach der Zählung am 25. August 1637 von 4453 Bürgern im Alter von 16 bis 60 Jahren 2989 der evangelischen und 1464 der katholischen Kirche angehörten, ein Verhältniß, das noch jetzt bestehe, denn am 3. August 1645 zählte man 19,960 Personen, worunter 4987 wehrhafte Männer, welche 13,790 bezw. 3368 evangelisch und 6170 bezw. 1619 katholisch seien. Um so überraschender wirkte daher die Rede des Frankfurter Nathsconsulenten Dr. Zacharias Stenglin, der gleichzeitig die evangelische Partei Augsburgs in der Conferenz durch Vollmacht vertrat: „dieselbe habe die Parität in kolitiois nie besessen, suche sie auch nicht, mit Ausnahme „etlicher gewisser Partikuliers", weil sie für andere Reichsstädte ein großes Präjudicium verursachen würde, ihr Petitum gehe nur auf die Restitution der Zustände, wie solche vor der Reformation 1629 durch Ferdinand II. bestanden hatten." Dieser Vertrag machte mehrere Stände schwankend, und wenngleich Herwart sogleich, im März 1647, eine Widerlegung einreichte, so war nicht sie die Ursache, daß die kaiserlichen Commissäre sich erstmals den Evangelischen günstiger zeigten, sondern der Abfall des Kurfürsten Maximilian von Ferdinand III. und dir Eroberung von Bregenz durch die Schweden. Geängstigt durch Frankreichs gesteigerte Forderungen, gab Wien durch feine Bevollmächtigten in Münster zu erkennen: „die evangelischen Bürgerschaften in den Städten Augsburg, Viberach, 66 Dinkelsbühl und Navensburg könnten nicht allein in LoolssiLstisis in den Stand von 1624 völlig restituirt, sondern auch rntiöns kolitisorum munsrnrn st äi§ni- tatunr in die Parität eingesetzt werden." Daß binnen drei'Monaten diese ausfallende Sinnesänderung in das Gegentheil umschlagen konnte, befremdete weniger, als daß am 4. Juli Kurbrandenburg und etliche evangelische Gesandte mit dem kaiserlichen Rathe Grafen v. Trauttmansdorff zu Osnabrück sich vernehmen ließen, „die Parität sei eine unthunliche Sache, an ihr zerschlage sich das ganze Friedenswerk". Heftig protestirte dagegen der Lindauer Abgesandte Dr. Valentin Heyder Namens der Evangelischen Augsburgs: „die Restitution ohne Parität habe keinen Halt, die Bürgerschaften wixtas rslixionig kommen zu keiner Einigkeit, hingegen xotsn- tius, äiAuitalis st auotoritatis asHualis xartiviputio sei die watsr souooräias zwischen beiden Theilen, ein rechtes ^.sguilibrium für Fried'und Einigkeit." Herwart aber sah ein, daß im gegenwärtigen Augenblick nichts zu machen sei, denn Bayern gab die Neutralität auf und näherte sich wieder dem Kaiser, weßhalb er rieth, vorerst nicht weiter zu verhandeln. Die Betheiligten bemühten sich im Geheimen unablässig, Bundesgenossen zu gewinnen, während länger als ein halbes Jahr die Conferenzen mit anderen Gegenständen sich beschäftigten, so daß die Städte besorgten, ihre Angelegenheiten möchten bei dem Friedenstraktate völlig unberücksichtigt bleiben. Wie erstaunten daher ihre Vertreter, als am 11. März 1648 ohne vorausgegangene Ankündigung die kaiserlichen Commissäre in der Sitzung einen Entwurf über die Restitution für die bereits genannten vier Reichsstädte und in sxsois über die Parität in Augsburg vorlasen. Dr. Heyder erbat sich sofort eine Frist für seine Bedenken gegen den Vortrag aus, die ihm durch Vermittelung von Sachsen-Altenburg, Braunschweig und der Schweden auf ein paar Tage verwilligt wurde. Ihm erschien nämlich als unannehmbar, daß vorgeschlagen wurde, der geheime oder engere Rath bestehe aus 7 Mitgliedern, 4 Katholiken und 3 Evangelischen, was dem Grundsätze der karitus zuwiderlaufe, und schriftlich und mündlich bekämpfte er diesen Passus. Er richtete jedoch nichts aus. Die Commissäre lehnten jegliche Abänderung des Projektes ab, „weil kaiserliche Majestät eher Leib, Gut und Blut aufsetzen wollen^ als sich noch weiter treiben zu lassen", denn die Evangelischen bekämen nicht nur mehr Rechte, als sie jemals besaßen, sondern es werden auch alle Hauptfragen durch den Senat erledigt, in welchem die Stimmen unter den beiden Religionen eben so gleich vertheilt seien, wie „beim ^.srario und ^.rinainsntario (Zeughaus), worauf der nsivus rsixnbliorrs bestehe", auch müßten die Katholiken, weil in der Minderzahl, „etwas mehr Handhabe und die Llajora bekommen, um nicht von dem anderen Theile verdrungen zu werden." Graf von Lamberg kam bet der Unterredung in eine solche Aufregung, daß er unwillig ausrief: „es ist eine Schande, so in sie zu dringen, gleich als wenn Bauren traktirten." Diese Vorgänge hätten jedoch den vr. Heyder nicht bestimmt, vom Platz zu weichen, wäre er nicht allmälig ganz allein in der Opposition gestanden, denn Niemand wagte es, wegen der strittigen einzigen Rathsstelle das Friedenswerk auf's Neue in's Stocken zu bringen, wenn nicht gar über den Haufen zu werfen. So wurde endlich am 24. März allseitig ein Schlußprotokoll unterzeichnet, und was dadurch in Münster vereinbart worden war, billigte Osnabrück. Am 24. Oktober 1648 erfolgte daselbst die Auswechslung der gefertigten, unterschriebenen und besiegelten Friedensinstrumente. Damit endete auch der schreckliche Krieg, welcher vor 30 Jahren gerade in der Stadt entbrannt war, in welcher der schwedische Heerführer Graf Königsmark mit seinem fliegenden Corps durch die Ueberrumpelung der Kleinseite von Prag die letzte glänzende That in dem blutigen Trauerspiele ausführte. Am 1. November 1648, vier Tage nach dem Ableben des um die evangelische Sache seiner Vaterstadt hochverdienten Johann David Herwart, traf die Nachricht über den Abschluß des Friedens in Augsburg ein. Der in lateinischer Sprache abgefaßte Vertrag setzte für die Reichsstädte Augsburg, Biberach, Dinkelsbühl und Regensburg in Kirchen- und Schulsachen den Besitz nach dem Stande vom 1. Januar 1624 fest, führte im weltlichen Regiments die Parität ein und enthielt in deutscher Ueber- sctznng wörtlich die nachfolgende Bestimmung: „Was insbesondere die Reichsstadt Augsburg anbelangt, sind 7 Senatoren des geheimen Raths aus den Geschlcchterfamilicn zu wählen, wovon 2 die Präsidenten des Staates, Stadtpfleger genannt, sind, der Eine ein Katholik (0.), der Andere ein dem augs- burgischen Glaubensbekenntnisse Angehöriger (H.. 0.); die übrigen 5 Nathsstcllen sind mit 3 0. und mit 2 H.. 0. zu besetzen. Die Senatoren des kleinen Raths wie auch die Syndici, die Beisitzer des Stadtgerichts und alle Beamte (otLeialss) sollen in gleicher Zahl einer der beiden Religionen sein. Der Nent- und Säckelmeister seien eS 3, wovon zwei der einen und der dritte der anderen Religion angehöre, und zwar so, daß im ersten Jahre 2 0. und 1 0. und im anderen Jahre 2 0. und 1 0. die Stellen bekleiden und in gleicher Weise wechselnd alljährlich. Die Zeughaus-Aufseher, gleichfalls 3, lösen sich in derselben Ordnung ab. Solches ist auch der Fall bei den Steuer-, Proviant-, Bau- und anderen Aemtern (olüsia), welche von je 3 Personen versehen werden, dergestalt, wenn in einem Jahre 2 Aemter — wie das Rentmeister-, Proviant- und Bau-Amt — 2 0. und 1 0. innehaben, eben selbigen Jahres 2 andere Aemter — wie Aufseher des Zeughauses und der Steuern — 2 H.. 0. und 1 0. übertragen werden, künftigen Jahres aber bei diesen Aemtern anstatt 2 0. nun 2 H.. 0. und für 1 0. dann 1 0. zu wählen sind. Aemter, welche gebräuchlich einem Mann allein anvertraut werden, sollen nach Erforderniß der Sache entweder ein oder mehrere Jahre unter den 0. und H.. 0. Bürgern umgewechselt werden, ganz in der Weise wie bei den von 3 Personen verwalteten Aemtern so eben gesagt wurde ...... Kein Theil darf aber die in seiner Religion liegende Macht zur Unterdrückung des anderen Theiles mißbrauchen oder mittelbar oder unmittelbar mit einer größeren Zahl die Würden der Stadtpfleger, des Raths oder aller sonstigen Aemter verstärken; was hierin wann immer oder auf welche Art geschehen sollte, sei null und nichtig." Jetzt ruhte das Schwert, dagegen arbeiteten emsig viele Federn für und wider die neuen Zustände. Es war eine besondere Erekutions-Kommisston eingesetzt, um die Friedens-Bestimmungen in's Leben zu bringen, und die Aufgabe hiezu fiel den schwäbischen kreisausschreibenden Fürsten, dem Herzog Eberhard von Württemberg und dem / 67 Bischof Johann Franz in Konstanz, zu, welche ihre Sub» delegirten hiefür bevollmächtigten und denen im Nothfalle der Arm des benachbarten Bayern zu Gebote stehen sollte. Um all das kümmerte sich der Rath in Augsburg nichts in der Erwartung neuer politischer Wirren, welche den Boden wieder befestigen würden, den er unter den Füßen wanken fühlte. Davon machten die Herren auf dem Nathhause lediglich kein Geheimniß, nicht einmal dem Kaiser gegenüber. Sie vergaßen sich soweit, an die Majestät zu schreiben: „ein der bisherigen Verfassung unbekanntes Prinzip weder anzuerkennen noch einzuführen, daher die Seelen verderbliche Parität, weil doch an dem Bestand des Friedens zu zweifeln sei, niemals zugegeben werde, denn eine derartige Religionsgleichheit in weltlichen Dingen habe im Normaljahr 1624 niemals bestanden." Als daher die Subdelegirten am 19. Dezember in der Stadt eintrafen, ließ sie der Rath unbeachtet, ungeachtet sie ihm ohne Verzug ihre Ankunft förmlich anzeigten und etliche Tausend evangelische Bürger ihnen jubelnd entgegen gegangen waren. Erst die Mahnung Ferdinands III., „dem Lostrumönto xavis nachzukommen und dem ausgegangenen Edikte sich zu bequemen", bewirkte den feierlichen Empfang der Gesandten am 26. Januar 1649. Allerdings war dabei keine Rede von der Eröffnung von Verhandlungen, allein die Bevollmächtigten hatten doch so viel erreicht, daß sie mit dem Domkapitel, den Geistlichen und Klöstern, sowie mit den Vertretern der milden Stiftungen und Wohlthätigkeitsanstalten den Besitzstand für die Kirchen und Schulen vom 1. Januar 1624 aufnehmen konnten, wobei es freilich an Protestationen und Einreden mancher Art nicht fehlte. Nun sollte die Frage der Parität in Angriff genommen werden, und dabei wußte Dr. Leuxel- ring eine solche Menge von Bedenken und Zweifeln über den Begriff „Aemter" und „Dienste" vorzutragen, daß der Rath beschloß, in so lange auf nichts sich einzulassen, bis aus Wien eine Entscheidung erfolgt sein werde. Es wurde nämlich dorthin berichtet: „Bei der Aemtervertheilung xaritatis oausa, besteht eine ungleiche Meinung. Unter „anderen Aemtern und Diensten" will der evangelische Ausschuß alle und jede, auch die geringsten Dienste und Dienstlein, die in der Zahl auf Hunderte hinauslaufen, sogar die Karrenzicher, Stubenheizer, Bürstenbinder, Kamin- kehrer u. dergl., verstanden haben, solche in die Parität ziehen und den halben Theil Katholische, so derselben zur Zeit genießen, luotuoso ab larnantudili exomplo Karbon verstoßen; wir hingegen verstehen diese munara xudlicm nur auf diese und zwar unterschiedliche Aemter, die den Obrigkeits- und Raths-Personen in ziemlich starker Anzahl anvertraut sind. Dieser Verstand soll um so mehr Platz greifen, als die Parität, welche in dieser Stadt soll iutroäuoirt werden, im ganzen Reich nit Herkommens, niemals gehört, ganz ungebührlich, oäiosu, daher in all- weg zu restrivAiran (einzuschränken) und nit zu axtsu- äiran (auszudehnen) ist." Der Ausschuß war nicht geneigt, dem einseitigen Ausspruche über den Sinn eines Friedens-Artikels sich unterzuordnen, weßhalb er die noch in Münster versammelten Fürsten und Stände anrief, die Exccution beschleunigen zu lassen. Der Rath wünschte jedoch nicht die Einmischung Bayerns in diesen Streitfall, der er dadurch zu begegnen hoffte, daß er nach München in ähnlicher Weise wie nach Wien berichtete, mit der Versicherung, er beabsichtige keineswegs die Verzögerung der Verhandlungen. Kurfürst Maximilian, über die Umtriebe auf dem Rathhause wohl unterrichtet, ließ eine sehr ungnädige Antwort abgehen, deren Schlußsatz feinen Unwillen kräftig ausdrückte: „Obwohl ihr anregt, daß ihr Unser wegen euer hitzigen und unbescheidenen Anzüg beschehenes Nesentiment zu Verhütung Oblsos mit Stillschweigen übergehen wollt, so können Wir Uns jedoch damit nicht begnügen, sondern Wir sind von euch einer mehreren und gebührenden Satisfaktion gewärtig und versehen Uns beneben, ihr werdet denjenigen passtonirten Concipisten, welche eine so spitzige und unverschämte Feder führen, auch solche sogar in den letzteren Schreiben nicht gar moderiren können, eine mehrere und bessere Diskretion injugiren. Wir hätten auch wohl Ursache gehabt, euch mit einigem Schreiben oder Antwort nimmer zu würdigen, wie Wir dann Bedenken tragen. Unsere Registratur mit dergleichen LoartsAuen entehre» zu lassen, derowegen Wir befohlen, euch solche iv Original! zu remittiern." Den hohen Herrn noch mehr zu reizen, wagte Niemand, denn er hatte in der Stadt 1226 Mann Infanterie liegen und es war kein Geheimniß, daß die Subdelegirten des Wohlwollens des Commandanten Obersten Freiherr« von der Nöres in hohem Grade sich erfreuten. Auch aus der kaiserlichen Kanzlei lief ein ernstlicher Befehl ein, „aller unzulässigen, im Friedensschlüsse verbotenen und zu böser Konsequenz gereichenden Einreden und Exceptionell sich zu mäßigen". Es war demnach hohe Zeit, wieder einzulenken und die militärische Exekution abzuhalten, welche auch der evangelische Ausschuß nicht beabsichtigte. Aus diesem Grunde und eingedenk der in dem Frieden angedrohten Folgen allzuweit gehender Ansprüche trat er um so lieber von einigen Forderungen zurück, als der wegen fortgesetzter Nabulistereien bei den Bürgern der Augsburger Konfession verhaßte Stadtkanzler Dr. Leuxelring die erbetene Entlassungssignatur vom Rathe erhalten hatte. Anstandslos vollzog sich jetzt die Mehrung der Geschlechter durch einige evangelische Familien, man verständigte sich über die Art der Besetzung der Kanzleiämter und der niederen Dienste, und ohne Aufregung in der Bürgerschaft gingen die Wahlen von statten, eine zeitraubende Arbeit, da bei 700 Personen ausgelesen werden mußten, denn auch die Stadthandwerker, die Waaren- schauer und das Personal auf den Bestandgütern fiel in den Kreis der Parität. Die Beseitigung etlicher Anstünde blieb einer späteren Zeit vorbehalten. Am 11. März 1649 wurde unter der Leitung der beiden Stadtpsleger David Weiser der Aeltere, 0., und Leonhard Weiß, 0., die erste Nathssitzung nach der neuen Ordnung gehalten, welche Verfassung ohne Unterbrechung genau 157 Jahre in Kraft blieb, bis zum 3. März 1806, dem Tage des Ueberganges der Reichsstadt an die Krone Bayern. Am 9. April verließen die letzten Kommissare Augsburg. In den evangelischen Kirchen wurde am 8. August 1650 das erste Friedens- und Dankfest begangen, das sich jährlich wiederholte und allmälig zu einem gemüthlichen allgemeinen Frcudentag der ganzen Bürgerschaft sich gestaltete, weßhalb auch die bayerische Landesdirektion von Schwaben mittels Neskriptö vom 18. Juli 1806 „das Toleranz- und Friedenssest" für die Zukunft beibehielt. Wie ließ sich nun die xaritag in xolitieis an? Die fremdartige, ebenso sehnlichst begehrte, wie leiden» 68 schaftlich bekämpfte Schöpfung erfüllte weder beim Eintritt in das praktische Leben, noch während ihres andert- halbhrmdertjährigen Bestandes die Prophezeiung des Dr. Heyder aus Lindau, welcher in ihr die Mutter der Eintracht erblickte. Freilich verlangte Niemand von ihr mit einem Zauberschlage den friedlichen Ausgleich aller Gegensätze, und man wunderte sich nicht, daß die aus den einflußreichen Stellen verdrängten Patrizier der Neuerung abhold waren und die in städtischen Diensten um ein leicht verdientes Brod gebrachten Bürger grollten, allein mit dem Absterben der einen Generation vererbten sich auf die nachfolgende alle Beschwerden und Unznträglich- keiten, ja sie vermehrten sich sogar in mitunter wundersamen Formen. Und dabei wirkten verschiedene Ursachen mit. (Schluß folgt.) -«-k-v-I-a-- Allerlei. Ist die Zunahme der Nervosität ein charak-, teristisches Zeichen unserer Zeit? Ueber diese Frage sprach kürzlich der berühmte Nervenarzt Pros. Wilhelm Erb bei der diesjährigen Stiftungsfeier der Universität Heidelberg. Da das Nervensystem, so führte der Professor, der „Frkf.Ztg." zufolge, aus, die Grundlage der gesummten Lebensthätigkeit darstellt, so ist eS natürlich, daß alle Ereignisse des Lebens es berühren müssen, und es konnte nicht ausbleiben, daß die großen Umwälzungen im politischen und wirthschaftlichen, im sozialen und religiösen Leben, im wissenschaftlichen und künstlerischen Streben einen starken Einfluß auf das Gemüths- und Geistesleben der Menschen üben mußten. Die intensivsten und verbrettetsten Gruppen der Nervosität sind die Hysterie, welche auch unter den männlichen Individuen im Zunehmen begriffen ist, die Hypochondrie, und vor Allem die Neurasthenie. Eine organische oder anatomische Veränderung des Nervensystems ist bei diesen Krankheitszuständen nicht nachweisbar, sie stellen eine Abnormität dar, bei den beiden ersten Formen eine solche des Gemüthslebens, bei der Neurasthenie eine solche der Hirnarbeit. Die Neurasthenie, mit der sich Professor Erb eingehend beschäftigte, stellt er als eine besonders den gebildeten Klassen anhaftende Krankheit dar, entsprungen einer Ueberan- strengung bei geistiger Arbeit. Mit der Entwicklung der Kultur in unserem Jahrhundert sind auch die Bedürfnisse der Menschen außergewöhnlich gestiegen und der Kampf ums Dasein erfordert die äußerste Entfaltung der Kräfte. So tritt eine Ueberbürdung des Geistes schon in der Mittelschule ein und wird noch gesteigert durch die Lehrmethode einer mehr philologisch als pädagogisch gebildeten Lehrerschaft; dabei ist die zum Ausruhen des Geistes und zur Entwickelung der körperlichen Gesundheit nöthige Zeit viel zu kurz bemessen. Die Jugend wird frühzeitig schon den Genüssen des gesellschaftlichen Lebens zugeführt, und diese bekomme immer mehr den Charakter einer Ueberreizung des Nervensystems. Die Dichtkunst ist crassem Materialismus verfallen, die Musik ist überlaut geworden, selbst die Malerei schreckt nicht davor zurück, die häßlichsten Seiten des Menschenlebens uns unversöhnt vor Augen zu führen. Die Beschäftigung mit der Wissenschaft ist aufreibend geworden durch deren Verzweigung in Spezialitäten. Der Handeltreibende und Industrielle ist den wechselvollsten Erregungen und Erschütterungen ausgesetzt. Zu den Aufregungen des Berufs kommen noch die Hast des Lebens, die Ruhelosigkeit. besonders des Reifens, hinzu, und vor Altem sind die weitesten Schichten der Bevölkerung erfaßt von den Politischen, sozialen, religiösen Kämpfen, welche sich, wie das übertriebene Vereinsleben, bis in die kleinsten Gemeinschaften fortsetzen. Alle diese Aufregungen müssen verletzend auf den menschlichen Geist wirken, und da unser viclberufcncs firr äs srsels so überreich an diesen „Psychischen Träumen" ist, so unterliegt es keinem Zweifel, daß die Zunahme der Neurasthenie eine Folge des modernen Lebens ist, wenn auch die Nothwendigkeit einer von den Eltern ererbten Disposition, die sogenannte neuropathische Belastung, zum Zustandekommen der Neurasthenie nicht geleugnet werden kann. Trotz alledem glaubt Professor Erb nicht, daß der Wunsch aufkomme, zur Lebensweise unserer Großcltern zurückzukehren; er sieht auch nicht zu schwarz in die Zukunft, als ob ein Niedergang unserer Nation zu befürchten sei. Die Jndu- stricbevölkeruug erscheint ihm durch ihre Arbeitsart und Lebensweise, sowie durch politische Aufregungen ebenfalls von der Nervosität ersaßt, dagegen sieht er in der ländlichen Bevölkerung und dem Mittelstände den Boden, von dem aus der heutigen Gesellschaft immer wieder neue Kraft zugeführt werden muß. Vor Allem aber sei es nöthig, daß eine besondere Hygiene des Nervensystems sich entwickele, welche in erster Linie die Erziehung der Jugend ins Auge fasse. Ich gkattöe. Du tröstest Dich? so frug mich jüngst ein Spötter, Du tröstest Dich, wie ist es möglich doch? Dein liebstes Kind, Dein Stolz und Deine Freude, Es ward des kalten, starren Todes Beute; Und Du, Du lebest noch? Ich lebe noch, ich tröste mich, ich glaube, Sein letzter Gruß, er galt auf ewig nicht. Ein Engel, wartet er jetzt seiner Lieben, Die noch in diesem Jammerthal hienieden, Sie cinzusühr'n zum Himrnelölicht. Leb' wohl, leb' wohl, mein süßes Kind, ich hoffe Auf nahes Wiederseh'n in bess'rcr Welt. WaS, mir verborgen noch, Dein Auge schaut, Was über jenem Sterncuhimmel blaut, O sag' der Mutter, wie es Dir gefällt! Logogryph. Du findest mich bei Baum und Strauch, Zuweilen dann im Gasthaus auch. Und bist Tu klug, weißt Tu auch dann, Daß ich fünf Köpfe tragen kaun. Fünfmal verschieden ist mein Sinn: Bold zieh' ich über'm Wasser hin, Bald drück' ich Deinen Rücken nieder, Bald auch lab' ich die müden Glieder, Bald bin der Eile ich verwandt, Bald reicht der Wirth mir froh die Hand. Auflösung des Nätbsels in Nr. 8: Augsburg Ungarn Gruenan Sekondclieutel-ant Brindisi Urkunde Residenz Goetzendienst Eskimo Ncalp Augsburger Postzeitung- -- 11 . 1894. „Augsburger PostMung". Dienstag,, den 6. Februar Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas So Grabherr in Augsburg lVorbesitzer Dr. Max Huttler). Auf verwegener Mahn. Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Als Doktor Volkmar es übernahm, in dem bevorstehenden Kriminalprozesse gegen Schönaich dessen Vertheidigung zu führen, hatte er sich nicht von seinem juristischen Ehrgeize leiten lassen, sondern die Person Sig- lindens stand dabei im Vordergründe; ihr Unglück rührte ihn, der flammende Eifer beseelte ihn, für das liebliche Kind, welches er als theuerstes Bild seiner Erinnerungen im Herzen getragen, seine ganze Kraft einzusetzen, und über dem Allem schwebte die Hoffnung, sich als Preis für die glückliche Lösung seiner Aufgabe ihre Hand zu gewinnen. Nun hatte er hören müssen, daß ein Anderer nicht nur um diesen Preis warb, sondern auch die Zusage desselben erhalten hatte. Mit rückhaltloser Offenheit hatte ihm dies Siglinde gestanden. Welch' unerschütterliches Vertrauen mußte sie in Volkmars Hochherzigkeit setzen, um trotz dieses Bekenntnisses sicher zu sein, daß sein Eifer für die Sache ihres Vaters nicht erkalten werde. In diesem Vertrauen sollte sich Siglinde nicht getäuscht sehen, sie sollte erkennen, wie rein und selbstlos er sie liebte, indem er mit Aufbietung seiner ganzen Energie an der übernommenen Aufgabe weiterarbeitete, ohne sich dadurch entmuthigen zu lassen, daß nur bittere Entsagung sein Lohn sein werde. Sein nächstes Augenmerk mußte darauf gerichtet sein, zu ermitteln, ob die äußere Erscheinung jenes Kunden, der sich unter verdächtigen Umständen von Anna Ritter ein Bouquet hatte binden lassen, mit dem Signalement Jmhoff's übereinstimmte, für welches ihm Herr von Harnisch in seiner eigenen Persönlichkeit gewisse Anhaltspunkte gegeben hatte. Er machte daher den Gärtnersleuten in der Rosen- straße abermals einen Besuch. Er fand Ritter allein- im Garten arbeitend; bald jedoch gesellte sich auch dessen Frau hinzu, denn sie hatte den Herrn, der sich bei seinem vorigen Besuch als ein hochschätzbarer Kunde eingeführt, von Weitem erkannt und begrüßte ihn mit so großer Zuvorkommenheit, als das ihr eigenthümliche frostige Wesen überhaupt zuließ. Volkmar machte wieder einige namhafte Einkäufe, während ihn das Ehepaar durch verschiedene Gewächshäuser begleitete, wobei nur von gleichgültigen Dingen gesprochen wurde. „A — propos," frug Volkmar, vor einer Gruppe Palmen stehend, „ist der „Engländer" noch nicht wiedergekommen, der sich die Fächerpalme hat bei Seite stellen lassen?" „Nein, der hat sich noch nicht wieder blicken lassen," antwortete Frau Ritter mit einem bitteren Zuge um den Mund. „Vielleicht erinnert er sich gelegentlich seines Einkaufs," bemerkte Volkmar. „Sollte er aber nicht wiederkommen, so nehme ich Ihnen die Palme ab." Es war dies die unverfänglichste Art, sich über Wiederkehr oder Wegbleiben des Engländers eine Kontrole zu verschaffen. „Wie sah er denn übrigens aus?" frug Volkmar unbefangen. „Wär er groß oder klein? Blond oder schwarz?" Absichtlich hatte er die Frage an den Gärtner gerichtet, denn wenn dieser versagte, so hatte er, wie er aus Erfahrung wußte, in dessen oppositionslustiger Frau eine gute Reserve. „Er war klein und rothhaarig," antwortete Ritter zerstreut, ins Leere starrend. „Ei! wo Du nur wieder ein Mal Deine Gedanken hast," lachte die Gärtnersfrau auf. „Da machst Du dem Geschmack Deiner Schwester ein schlechtes Kompliment, vor der nur hoch und schlank gewachsene Männer mit schwarzem Haar und Vollbart und mit dunklen, feurigen Augen Gnade finden." „Ach, ja!" gab, sich korrigirend, der Gärtner zu, „ich habe den Engländer mit dem Andern verwechselt, der den Lorbeerbaum einhandelte und ebenfalls noch wiederkommen soll." Hatte Volkmar auf seine Frage auch keine direkte Antwort erhalten, so durfte er doch mit Sicherheit annehmen, daß die von Frau Ritter entworfene Schilderung der Jdealgestalten ihrer Schwägerin dem Porträt des Engländers entsprach. Da die allgemeinen Kennzeichen mit Jmhoff's äußerer Erscheinung, für welche die Aehnlichkeit mit Harnisch maßgebend war, übereinstimmten, so fühlte Volkmar sich von der erhaltenen Auskunft befriedigt. „Ich bedaure, Ihr Fräulein Schwester nicht anwesend zu finden," wandte er sich, auf die oben Erwähnte zurückkommend, an den Gärtner. „Hoffentlich ist sie wohl und munter?" Er sagte dies in einem Ton, wie ihn nur die lebhafteste Theilnahme und das freundlichste Interesse an der genannten Person eingeben konnte, und hoffte da- durch die schcelsüchtige Schwägerin wieder zu kleinen gehässigen Indiskretionen zu reizen. „Danke der gütigen Nachfrage/' antwortete Ritter geschmeichelt. „Sie ist, Gott sei Dank, wohlauf. Hat gerade einige Geschäftsgänge in der Stadt zu besorgen." Frau Ritter lachte höhnisch. „Die Geschäftsgänge sind in der letzteren Zeit sehr häufig geworden," warf sie ein. „Seit sie die Ponyfransen trägt, hat sie allerlei in der Stadt zu thun und geht nur noch in ihrem besten Sonntagsstaate aus, nachdem sie sich vorher zehnmal im Spiegel besehen hat." „Ei, Du mein Himmel!" versetzte der Gärtner entschuldigend, „laß vem Mädchen doch ihre kleinen Eitelkeiten. Sie will sich ein Bischen sehen lassen." „Oder sich im Englischen vervollkommnen," verbesserte Frau Ritter boshaft. „Haha!" fügte Sophie mit gehobener Stimme hinzu, „Anna würde uns ganz gewiß sagen können, wohin wir die Fächcrpalmen zu schicken hätten!" Der Gärtner ward hochroth im Gesicht. „Schäme Dich, Sophie, meiner Schwester so etwas nachzusagen," verwies er der Frau mit zürnender Sanftmuth, „Anna wird sich nie herabwürdigen, die Wohnung eines Herrn zu betreten!" „Das will ich auch nicht gesagt haben," entgegnete Sophie spöttisch, „es gibt ja andere Orte, Promenaden, Kaffeegärten und dergleichen, wo man Herzensergieß- ungen austauschen kann " . r . Doktor Volkmar bezahlte seine Einkäufe, gab die frühere Adresse an, an welche sie abzuliefern waren, und schied mit dem Versprechen, bald wiederzukommen. Wenn der von Haß und Mißtrauen geschärfte weibliche Scharsblick der Gärtnersfrau nicht trog, so hatte sich also zwischen Anna und dem Engländer, der nun mit der Person Jmhoff's identisch erschien, ein Verhältniß angesponnen. Warum setzte er diese Tändelei fort? Gehörte er zu Jenen, die ohne Frauen nicht leben können, und war ihm Anna ein willkommenes Liebesabenteuer? Oder fürchtete er, mit ihr zu brechen, fürchtete er die Rache des feurigen Mädchens, welches ebenso leidenschaftlich hassen als lieben konnte? War sie in sein Verbrechen etwa eingeweiht? Nein, das glaubte Volkmar nicht. Sie war nur ein willenloses Werkzeug gewesen; der hübsche gewandte Mann hatte schnell und leicht das Herz der Heirathslustigen gewonnen und ihre Zunge entsiegelt, — das war Alles. Vielleicht wünschte er nur die über sie erlangte Macht zu benutzen, um sich an gefährlicher Stelle eine zuverlässige Freundin zu erhalten, durch welche er über die Vorgänge im Hause der Ermordeten fortdauernd unterrichtet blieb, und die ihn vielleicht vor drohender Gefahr warnen konnte, indem er sie geschickt auszuforschen verstand.- Bei alledem aber ließ sich schwer erklären, was den muthmaßlichen Mörder so lange in dieser Stadt festhalten konnte, die doch für ihn ein so heißer Boden war. Der Zweck seiner entsetzlichen That war verfehlt; er hatte bei seinem Opfer nicht die erhofften Schätze gefunden. Sann er etwa auf neue Verbrechen? Was hatte er nach vollbrachtem Morde bei Schönaich gewollt? Warum war er nicht wiedergekommen? Fürchtete er in diesem Hause Herrn von Harnisch zu begegnen? Doch all diese Fragen waren jetzt nur nebensächlicher Natur; zunächst kam es darauf an, die ungreifbare Schattengestalt Jmhoff's mit fester Hand zu fassen. Wie war ihm beizukommen, ohne daß die amtlichen Sicherheitsorgane in Bewegung gesetzt werden mußten, welche durch rücksichtsloses, rauhes Eingreifen leicht mehr verderben als nützen konnten? Nein, noch war er nicht reif für die Staatsanwaltschaft; ihn für diese zuzurichten, ihn als entscheidenden Trumpf in Schönaich's Prozesse ausspielen zu können, war Volkmar's Aufgabe. Wo der Mörder sich vielleicht am sichersten glaubte, sah Volkmar seine schwache Stelle: in Anna Ritter. Sie war die Schlinge, in der er gefangen werden mußte, und um die Wege hierzu zu ebnen, war es nöthig, sich darüber Gewißheit zu verschaffen, ob das Liebesverhältniß wirklich bestand, welches Frau Ritter argwöhnte. Wenn Beide sich heimlich Rendezvous gaben, so mußten sie sich über Ort und Zeit verständigen. Das konnte durch Verabredung von einer Zusammenkunft zur andern geschehen; verfehlten sie sich aber einmal, so war der Kontakt zwischen ihnen aufgehoben, und für solche Fälle mußten sie über ein Verbindungsmittel verfügen, um den Faden wieder anzuknüpfen. Das war durch Briefe möglich, aber eine solche Korrespondenz wäre jedenfalls dem Argusauge Frau Ritters nicht entgangen. Wo derartige Hindernisse obwalten, sind Bestellungen in öffentlichen Blättern, unter verstohlenen Chiffren mas- kirt, ein beliebtes und einfaches Auskunftsmittel. Vielleicht traf dies auch hier zu. Volkmar erinnerte sich, in der Hand des Gärtners, als er denselben begrüßte, den „Generalanzeiger" gesehen zu haben, das in keinem Hause fehlende Hauptannoncenblatt der Stadt, die Börse des Klatsches, der Vcrcinigungspunkt aller Privatinter- essen, welche durch Druckerschwärze sich dem Auge zu Präsentiren trachteten, das nach ihnen suchte. Auch Volkmar hielt dieses Blatt, bekam es aber selten zu Gesicht, da es meist nur unter seinem Bureaupersonal zirkulirte. Heute ließ er es sich sofort geben, um die beliebte, den Annoncentheil beschließende Rubrik zu studiren, in welcher sich allerlei delikate persönliche Verhältnisse wieder- spiegelten. Da warnte ein Mann vor seiner Frau, die auf seinen Namen Schulden machte. — Der „wohlbekannte Herr," welcher einen neuen Hut an sich genommen und dafür seine eigene schäbige Kopfbedeckung zurückgelassen hatte, wurde zum sofortigen Umtausch aufgefordert, widrigenfalls man seinen Namen der Oeffent- lichkeit zu übergeben drohte. Frau X. nahm die Beleidigung znrück, die sie gegen Herrn I. ausgesprochen hatte. — Dem dicken August brachten seine Freunde zu seinem heutigen Geburtstage ein donnerndes Hoch, daß die ganze Schloßstraße wackelte. — „Ein Brief liegt postlagernd bereit unter der angegebenen Adresse," verständigte „Amanda E . . ." einen unbenannten, sehnsüchtig harrenden Verehrer. Eine Einladung zu einem Stelldichein befand sich heute aber nicht unter diesen interessanten Inseraten. Während das zuletzt gelesene derselben: „Ein Brief liegt postlagernd bereit," dem Rechtsgelehrten fortwährend noch wie eine Melodie, die man trotz ihrer Abgeschmacktheit nicht los werden kann, in den Ohren summte, begab er sich auf den Weg nach dem nahen Hauptpostamte, um ein wichtiges Schreiben aufzugeben, dessen Besorgung er aus besonderen Gründen keinem seiner Leute vertrauen wollte. Als er in den weiten, von einem geschäftigen Publikum belebten Hallen an dem großen Schalterfenster 71 vorüberkam, welches eine Überschrift als Ausgabestelle für postlagernde Briefe bezeichnete, mußte er unwillkürlich daran denken, daß auch Amanda's Brief hier bereit liege. Aber das Lächeln, welches diesen müßigen Gedanken begleitet hatte, verschwand plötzlich und sinnend blieb er vor dem Schalter stehen. Wie es häufig zu geschehen pflegt, daß ein unbedeutender äußerer Anlaß wie mit einem Zauberschlage eine Jdeenverkettung hervorruft, auf welche das tiefste logische Nachdenken nicht führen würde, so hatte Amanda's Brief und der Schalter für postlagernd anlangende Sendungen plötzlich auf einen verwandten Gedanken geleitet. Er frug sich, ob nicht Jmhoff oder seine Frau in New-Aork Freunde oder Bekannte zurückgelassen haben sollten, die ihnen aus irgend einem Anlaß schreiben könnten. Wenn Beide für diesen Fall Vorsorge getroffen hatten, so konnten sie sich die Mittheilungen ihrer Correspondenzen nur postlagernd bestellt haben, denn Jmhoff für seine Person wäre nicht in der Lage gewesen, sich Briefe unter ihrem Fraueunamen in die Wohnung ihrer Tante bringen zu lassen, da sie derselben ihre Heirath verschwiegen hatte, Ein solcher Brief, gleichviel, ob an Jmhoff oder an seine Frau gerichtet, konnte Beziehungen erschließen, die demNechtsgelehrten vielleicht wichtiges Material lieferten. Obwohl er zweifelte, daß Jmhoff, wenn er postlagernde Correspondenzen zu erwarten hatte, dieselben noch nicht abgeholt haben sollte, trat er dennoch an den Schalter heran und frug, ob vielleicht Briefe für Herrn oder Frau Jmhoff da seien. Der Beamte griff in eines der nach dem Alphabet geordneten Fächer, nahm einen Stoß Briefe heraus und ließ dieselben mit gewandtem Fingergriff Revue passiren, warf dabei zwei bei Seite und reichte diese, nachdem er die übrigen wieder in das Fach zurückgelegt hatte, dem Nechtsgelehrten mit den Worten dar: „An Frau Erika Jmhoff." Volkmar betrachtete die Briefe. Die Adresse beider zeigte die gleiche Handschrift, der Poststempel war London und beinahe drei Wochen alt, der eine Brief war nur einen Tag später als der andere aufgegeben worden. Jmhoff selbst hatte also keine Briefe zu erwarten und wußte wohl auch nicht um die Correspondenz seiner Frau, sonst würde er längst schon nachgefragt haben, und bei dieser Gelegenheit würden ihm auch die beiden Briefe an die letztere ausgehändigt worden sein. Volkmar fühlte sich nicht berufen, die Briefe an sich zu nehmen, aber als die nächste Verwandte der verstorbenen 'Adressatin besaß Siglinde Anspruch darauf. Er gab sie dem Postbeamten zurück mit dem Bemerken, daß er vorläufig nur habe nachfragen wollen und daß die Dame, welche das Recht zur Erhebung der Briefe habe, selbst kommen werde. Adolf K'Arronge. In sein Bureau zurückgekehrt, unterrichtete er durch einige Zeilen Siglinde sogleich von seinem Funde auf dem Postamte und bat sie, die beiden Briefe persönlich abzuholen und ihm von deren Inhalte, falls derselbe für die schwebende Frage von Bedeutung sei, Mittheilung zu machen. Em Tag nach dem andern verging jedoch, ohne daß Siglinde auch nur ein Lebenszeichen von sich gegeben hätte, und so nahm er an, daß die Briefe ohne Wichtigkeit gewesen seien. Inzwischen studirte Volkmar jeden Morgen den „Generalanzeiger", wobei ihm eines Tages in der bewußten Rubrik folgende Zeilen in die Augen fielen: „LrnAdt. — Gestern vergeblich gewartet! — 6 Uhr Kleist-Breitestraße." war ein englisches Wort und hieß zu deutsch „Ritter." Das war sehr vorsichtig, aber für einen argwöhnischen Advokaten, wie Volkmar, verdächtig genug, denn er bezog das maskirende Wort sogleich auf Anna Ritter. Kleist-Breite- straße war eine Ecke, an welcher sich, wie Volkmar sich erinnerte, eine Haltestelle der Pferdeeisenbahn befand. Da als Zeit der Zusammenkunft schlechthin nur diesechste Stunde angegeben war, so ließ sich annehmen, daß diese Bezeichnung für den Tag galt, an dem der Generalanzeiger erschien, im vorliegenden Falle also für den heutigen. Befand sich Volkmar auf der richtigen Fährte, hatte er wirklich die vermuthete Geheimcorrespon- denz entdeckt, so war die größte Vorsicht geboten, um in den Beiden keinen Argwohn zu erwecken. Daher hielt er es auch nicht für gerathen, in der Expedition des Blattes nach dem Aufgeber des Inserats Erkundigungen einzuziehen, von denen er sich ohnehin keinen Erfolg versprach, da zu derartigen diskreten Geschäften doch in den meisten Fällen sogenannte Dienstmänner als Mittelspersonen verwendet zu werden pflegen. Ebenso gewagt schien es ihm, sich persönlich an dem Orte des Stelldicheins blicken zu lassen, denn leicht konnte ihn Anna wiedererkennen, und war er ihr bis jetzt auch als harmlos, vielleicht als ein neugieriger Schwätzer erschienen, so konnte sie doch leicht auf den mißtrauischen Gedanken kommen, daß diese Begegnung kein Zufall sei, und ihm war alsdann das Spiel verdorben. Volkmar griff daher zu einem anderen Auskunftsmittel. Er begab sich zwischen der sechsten und siebenten Stunde in die Gärtnerei, und wie er vorausgesehen hatte, erfuhr er auf sein Befragen nach Anna, daß diese nicht zu Hause sei. ! Diese Abwesenheit um dieselbe Zeit, welche im Jn- j serate als Stunde des Rendezvous angegeben war, konnte ! sozusagen als Probe gelten, daß Volkmar's Rechnung 72 stimmte, und daß er Anna's Jucognito unter der Firma „ivmAlit" wirklich entdeckt hatte. War hierüber -noch ein Zweifel zulässig, so wurde dieser gelöst, als einige Tage später der Generalanzeiger unter derselben Chiffre abermals eine Bestellung zu einer Zusammenkunft brachte und Bolkmar sich auch diesmal von Anna's Abwesenheit um die bestimmte Stunde bei ihren Verwandten persönlich überzeugte. „Xnixlrt" — Dringend! — 4 Uhr. — Königs- Platz-Johannesstraße," hatte dieser Avis gelautet und Volkmar hatte sich auf dem Rückwege von der Gärtnerei vergewissert, daß auch diese Straßenecke, wie die vorige, ein Hauptplatz der Pferdeeisenbahn war, woraus sich schließen ließ, daß Beide vom Orte des Zusammentreffens aus gemeinsam Excursionen machten, um sich an einem geeigneten Ziele derselben, wo sie ungestört waren, gegenseitig auszusprechen. Bald, nachdem Volkmar von diesem Gange zurückgekehrt war, erschien Siglinde bei ihm. Seit er ihr jene Zeilen wegen der beiden postlagernden Briefe geschrieben, waren fast vierzehn Tage vergangen. Er erschrak über ihren Anblick. „Was ist Ihnen, Fräulein Siglinde?" frug er- betroffen. „Sie sehen bleich und angegriffen aus!" „Ich war krank," gab sie zur Antwort, „der Arzt § befürchtete ein Nervenfieber, aber Dank meiner kräftigen Natur ging diese Gefahr vorüber." „Ich beglückwünsche Sie von ganzem Herzen zu Ihrer Wiedergenesung," sagte Volkmar mit warmer Theilnahme. „Ein Wunder ist es nicht, daß so harte Lebensprüfungen, wie sie Schlag auf Schlag das Schicksal über Sie verhängt hat, endlich selbst die festeste Gesundheit erschüttern." „Als ich Ihre freundlichen Zeilen erhielt, war ich bereits bettlägerig," erzählte Siglinde. „Erst gestern war es mir gestattet, wieder auszugehen. Mein erster Gang war nach dem Postamte, wo ich die beiden Briefe an meine Schwester erhob." „Nun, und ist der Inhalt von Wichtigkeit?" frug der Advokat gespannt. „Für die Sache meines Vaters wohl kaum, für mich persönlich aber um so mehr. Ich nahm an, daß die Ehe meiner Schwester kinderlos geblieben sei; aus diesen Briefen geht aber hervor, daß ein dreijähriges Töchterchen vorhanden ist, welches die Eltern mit nach Europa gebracht und, da es ihnen hier begreiflicher Weise im Wege gewesen wäre, in London bei einer Dame in Pension gegeben haben. Von dieser Dame, die sich Frau Webster nennt, sind die beiden Briefe. In dem ersten, der von dem gleichen Tage datirt, wo meine arme Schwester ertrank, schreibt Frau Webster, daß das Kind in der vergangenen Nacht erkrankt sei, und daß der Arzt befürchte, es könne sich Diphtheritis einstellen. In dem zweiten Briefe, der am Tage darauf geschrieben wurde, theilt Frau Webster mit, es sei bei Jenny — so heißt das Kind — unerwartet eine wesentliche Besserung eingetreten, welche baldige Genesung hoffen lasse. Wenn sich das Befinden der Kleinen nicht verschlimmert, werde kein weiterer Brief folgen. Da seitdem mehrere Wochen vergangen sind und nur diese beiden Briefe da waren, so darf ich um die Gesundheit meiner kleinen, mutterlosen Nichte wohl unbesorgt sein. Der Gatte meiner Schwester — nur mit Widerstreben nenne ich ihn so — scheint keine Kenntniß davon gehabt zu haben, daß Erika für unvorhergesehene Fälle Frau Webster vorsorglich eine vorläufige Adresse zurückließ, sonst würde er doch schon längst selbst auf der Post nachgefragt haben. „Der Meinung bin ich ebenfalls," nickte Volkmar, „was mir aber am meisten auffällt, ist, daß Herr von Harnisch des Kindes mit keiner Silbe Erwähnung gethan hat. Unmöglich kann ihm doch während der langen Seereise und bei seinem vertrauten Verkehr mit Ihrer Frau Schwester entgangen sein, daß sie ein Töchterchen bei sich hatte." „Das war auch mir räthselhaft," entgegnete Siglinde, „und deßhalb schickte ich gestern, nachdem ich von dem Inhalte der Briefe Kenntniß genommen, mein Mädchen sogleich nach seinem Hotel und ließ ihn um seinen baldigen Besuch bitten. Er kam noch an demselben Vormittage." „Sie sprachen ihn also bereits darüber?" frug der Rechtsgelehrte aufmerksam. „Nun, und wie erklärte er jenen seltsamen Widerspruch?" „Allerdings habe er um das Kind gewußt, gestand er mir. Er ist im Ungewissen gewesen, ob das Kind sich auch mit auf dem „NominA-star« befunden, habe dies aber als selbstverständlich angenommen, und da er es mit der Mutter ertrunken glaubte, habe er dasselbe lieber gar nicht erwähnt, um meinen Schmerz nicht zu vermehren." „Auch nach meinem Gefühle war dies das einzig Nichtige, was er unter den obwaltenden Verhältnissen thun konnte," sagte Volkmar mit zustimmendem Kopfnicken. „Es ist mein fester Entschluß," fuhr Siglinde fort, „das Töchterchen meiner Schwester als das theuerste Andenken an die arme Unglückliche zu mir zu nehmen. In längstens acht Tagen hoffe ich wieder so weit gekräftigt zu sein, um die Reise nach London wagen zu können und das kleine unschuldige Wesen abzuholen." „Weiß Herr von Harnisch um Ihre Absicht?" frug Volkmar. „Ich habe ihm kein Hehl daraus gemacht," antwortete Siglinde; „sollte es zwischen ihm und mir zum Eheschluß kommen, sagte ich ihm, so werde er sich neben der Million meiner Tante auch die ihm vielleicht weniger angenehme Mitgift eines fremden Kindes gefallen lassen müssen." „Und wie nahm er diese Eröffnung auf?" „Er erklärte sich mit Freuden bereit, Jenny an Kindesstatt zu adoptiren ..." (Fortsetzung folgt.) -»—j—v-i—- Scheidensgkocke. Klagend schallt die Scheidensglocke In mein stilles, kleines Zimmer, Sagt mir, daß ein Herz verlassen Gottes schöne Welt für immer. War's ein Herz, das schmerzbeladen Gerne heim zum Frieden ging, Oder war's ein Herz, das ängstlich An des Lebens Gütern hing? Beiden wünsch' ich jene Ruhe, Die auf Erden niemals ist, Die nur wohnt in Himmelsauen, Wo uns Gottes Antlitz grüßt. Max Malber. - ^ s^WMF ^ W W T KGi Ä H" : xX MM ^ ^ MML ^ - Schwarz und Weitz. Nach dcm Gemälde von E. Jeanmatre. 74 Gebrtmaschinen der Tibeter. (Hiezu die Bilder auf Seite 74 und 75 ) Im Süden des großen Hochlandes von Hinteraßen, zwischen dem Himalayagebiet, dem Küen-lün und dem chinesischen Alpenlande liegt Tibet. Die auf etwa sechs Millionen Seelen zu schätzende Bevölkerung dieses 30,654 Quadratmeilen umfassenden Gebietes setzt sich aus den Tibetern und verschiedenen andern mongolischen Völkern, aus Türken, Kirgisen, Mohammedanern, Chinesen und Jndiern zusammen. Der eigentliche Tibeter bekennt sich zu einer Abart der buddhistischen Glaubenslehre, zu dem Lamaismus. Lama, d. h. einer, der keinen über sich hat, ist der stolze Titel, den sich die Priester und namentlich die Klosteräbte der Tibeter, Mongolen und Kalmücken beigelegt haben, dessen vollgültige Anerkennung die zahllehnen, der allein die guten Götter gnädig zu stimmen, die bösen Geister zu versöhnen und zu bändigen, Krankheit und Siechthum zu bannen, die Zukunft vorauszusehen und zu gestalten versteht. Der Lama kennt seine Leute; er hängt seinen Gewaltthätigkeiten und Ausschweifungen das Mäntelchen der Heiligkeit um und ist sicher, seinen Tribut unangefochten erheben zu können. Opfer und Gebet sind der Weg zur Gnade der Götter und Geister, in der Hand der Priester liegt die Ueber- mittlung. Der wackere Lama hat das Gelübde abgelegt, nur von Almosen zu leben, und es wird ihm Niemand nachreden können, daß er dieses Gelöbniß nicht treulich erfülle. Er sammelt gewissenhaft sein Almosen an Geist, an Körper und an Gut; daß die frommen Gläubigen ihn mit ihren Gaben überladen, ist fürwahr nicht seincSchuld. MW 4 «^ Gcbelmaschinen der Tibeter: losen Vertreter des geistlichen Standes eifersüchtig überwachen. Der Lama ist der alleinige Inhaber und Lehrer der Weisheit, in seinen Glaubenssätzen liegt der Grund aller Wissenschaft. Mit der buddhistischen Heiligenlehre hat der Lamaismus die Verehrung zahlreicher Götter und Geister guter und schlimmer Art verbunden und damit seinen Priestern, den Vermittlern zwischen den übersinnlichen Wesen und dem Menschen, eine Macht verliehen, deren Einfluß sich kein Gläubiger zu entziehen vermag. Mit fanatischem Eifer verfolgt der Lama jeden Abtrünnigen, durch geschickte Gaukeleien weiß er die Gläubigen anzufeuern und zu blinder Verehrung hinzureißen. Der Tibeter, dessen Hauptcharakterzüge kriechende Unterwürfigkeit gegen den Mächtigen und rohe Gewaltthätigkeit gegen den Schwachen bilden, ist nicht der Mann dazu, sich wider den aufzu- Tempelvorhalle mit Gebetcylindern. ! Neben den Opfern und Almosen nimmt das Gebet die wichtigste Stelle ein. Es übt eine mächtige Wirkung, eine geradezu magische Gewalt auf die Gottheiten aus, vorausgesetzt, daß es in richtiger Form dargebracht wird. Ja, die richtige Form! wer hilft da aus der Noth? Wer anders als der gelehrte Lama, der sein ganzes Leben dem Dienste der Götter geweiht, der den Geschmack der Geister erforscht hat. Will man sich nicht der Gefahr aussetzen, statt Segen Fluch herabzubeten, was bei der Empfindlichkeit der Gottheiten durch einen kleinen Verstoß gegen das Ceremoniell geschehen kann, so muß man sich unter den bewährten Beistand des erfahrenen Lama begeben. Thut mon dieß, so kann der erwünschte Erfolg nicht ausbleiben, vorausgesetzt daß derselbe nicht durch eigene Unachtsamkeit verscherzt wird. Der Lama ist keinesfalls an einem etwaigen Mißerfolg schuld, denn sein Rath ent- 75 springt der direkten Eingebung der Götter, mit welchen er fortgesetzt in innigstem Rapport steht. Diesen Rapport unterhält er durch ununterbrochenes Beten. Da nun aber diese Gegenleistung für die Gnade und die Gewogenheit der Ueber- und Unterirdischen vom Standpunkt der Bequemlichkeit aus betrachtet — und der heilige Lama ist durchaus nicht abgeneigt, die Berechtigung dieses Standpunkts anzuerkennen — trotz gewohnheitsmäßiger Ausübung ein mühseliges Stück Arbeit bleibt, so ist der weise Priester auf ein äußerst sinnreiches Aushilfsmittel verfallen, auf die Gebetmaschinen. Der Gottheit, so sagt der erleuchtete Lama, kommt es im Grunde genommen nur darauf an, daß man ihr durch Darbringung der vorschriftsmäßigen Gebetsformel seine Verehrung erweist. Ob sich nun diese Verehrung durchBewegung derLip- pen oder durch einen mechanischen Ersatz dieser Bewegung dokumen- tirt,ist denUnsterblichen einerlei. Ja, die Göttlichen werden diesen Ersatz sogar mit ganz besonderem Wohlgefallen begrüßen, da ein Mechanismus in der kor- rektenWiederholung des Gebets unstreitig um ein Bedeutendes mehr zu leisten vermag als ein Paar Meuschenlip- pen. Die Gläubigen lauschen andachtsvoll der Botschaft des heiligen Mannes. Die Lehre muß den Göttern wohlgefällig sein, da sie dem Munde des Gerechten gestatten, sie zu verkünden. Gut! Der Lama geht ans Werk. Er schnitzt die Gebetsformel: Ow, muui packms! chum! (Das Kleinod im Lotus, Amen!) in Holzblöcke ein und druckt dasselbe mittels dieser „Holzschnitte" und rother Farbe unzähligemal auf lange Papierstreifen ab. Diese wickelt er sodann um eine enge Röhre und überzieht, wenn der Wickel die genügende Stärke erreicht hat, denselben mit einer Hülle von Leder, Holz oder Metall. Nun wird noch eine Achse mit hölzernem Griff in die ! Röhre gesteckt, ein kleines Gewicht an den Cylinder gehängt und die Maschine, von den Tibetern Gesetzesoder Religionsrad (1«osto8irllor) genannt, ist zum Gebrauche fertig. Der Beter hat nur den Gebetcylinder durch eine leichte Handbewegung in Drehung zu erhalten, um den geehrten Gottheiten die wohlgefällige Formel myriadenmal vorzubeten, denn jede Umdrehung der Walze befördert den ganzen in derselben aufgespeicherten Gebetsvorrath an deren geschätzte Adresse. Es ist bei dieser frommen Verrichtung nur auf zwei Dinge zu Gebelmaschinen der Tibeler: Gcbetmühle. achten: erstens darf die Drehung nur von rechts nach links erfolgen und zweitens muß solange gedreht werden, bis die angeflehte Gottheit befriedigt ist. Die entgegengesetzte Umdrehung würde den Segen in Fluch verwandeln, das zu frühzeitige Einstellen des Gebets hätte den Zorn der Götter, die Nichterfüllung der Wünsche des Beters zur Folge. Der letztere hat nun allerdings keine Kontrolle dafür, ob er den Göttern Genüge gethan, bevor ihn der Erfolg dafür belehrt, der kluge Lama jedoch und sein vortrefflichis Instrument sind für alle Fälle gegen den Vorwurf des Betrugs und der Untaug- lichkeit gesichert. Diese einfachste Art der Gebetmaschinen erfreut sich im Lande Tibet großer Beliebtheit und allgemeiner Verbreitung. Jeder gläubige Lamait führt wo er steht und geht das fromme Werkzeug mit sich und sorgt so seinestheils dafür, daß es den Göttern nicht an der schuldigen Verehrung und den braven Priestern nie am nöthigen Absatz fehlt. Besonders vorsichtige Leute ziehen den eben beschriebenen einfachen die doppelten Bet- maschinen vor, die aus zwei Cylindern bestehen, von welchen der kleinere mitGebetzetteln für die guten,der größere mit solchen für die bösen Geister angefüllt sind. „Dem Teufel muß man zwei Lichter anzünden", das Sprichwort steht auch bei den Tibetern in Achtung, wie man sieht. Außer diesenTaschen- exemplaren trifft man in den Tempeln der Lamaiten eine Menge größerer Gebetcyliuder von halber Mannshöhe bis zu 3 Meter Höhe an. Sie stehen mit ihren Achsensenkrechtzwischen zwei Querbalken und werden entweder direkt mit der Hand oder vermittelst einer Kurbel mit Transmission in Bewegung gesetzt. Diese Maschinen zeigen theils dieselbe Einrichtung wie die kleinen, theils sind sie so konstruirt, daß zwei in einiger Entfernung von einander angebrachte Walzen durch einen langen Papierstreifen verbunden sind, der sich beim Drehen von der einen Rolle auf die andere aufwickelt. Häufig sind an diesen großen Cylindern kurze Stäbchen angebracht, welche bei jeder Umdrehung an kleine Glocken anschlagen und so die Aufmerksamkeit der Götter in äußerst zweckmäßiger Weise auf den frommen Beter lenken. So raffinirt und leistungsfähig diese Maschinerien zur massenhaften Verrichtung des Gebets durch Handbetrieb sind, der Tibeter hat sich nicht mit ihnen begnügt. Wenn 76 es ihm seine Mittel erlauben, setzt er seine Gebetcylinder mit einem Wind- oder Wasserrade in Verbindung und läßt durch dieses sinnreiche Mühlwerk den Verkehr mit den Göttern in der bequemsten und ausgiebigsten Weise besorgen. In beschaulicher Ruhe sieht der Glückliche auf das Werk der willig frohnenden Naturkräfte, die da den Weizen seiner irdischen und himmlischen Seligkeit mahlen und ihn in den friedlichen Schlummer des Gerechten klappern. Um den Gläubigen noch weitere Gelegenheit zu geben, seine Andacht zu verrichten, sind an den Straßen hohe Säulen aufgestellt, an welchen kleine, mit der Gebetsformel beschriebene Räder angebracht sind. Außer diesen Säulen findet man, meist in der Nähe von Quellen und kleineren Kapellen, riesige Stangen, welche an ihrer Spitze breite Papierlampions und darunter lange schmale Flaggen aus weißem mit der Gebetsformel bemaltem Baumwollstoff tragen, die fortwährend vom Winde bewegt Tag und Nacht für das Wohl der braven Tibeter beten. .-Ss-A-8-e-- Zu unseren Bildern. Adolf L'Arronge kennt wohl jeder Theaterbesucher. „Mein Leopold", „Hasemann's Töchter", „Doctor Klaus" rc. find Repertoirestücke aller guten Bübnen. Und doch war L'Arronge ursprünglich nicht zum Dramatiker bestimmt. Sein Vater war der Theaterdirektor und Schauspieler E. Th. L'Arronge in Hamburg. Derselbe schickte seinen am 8. März 1838 geborenen Sohn auf das Leipziger Konservatorium, und Adolf war so glücklich, alsbald als Theater- Capellmeister in Köln, Königsberg, Würzburg, Stuttgart u'w. sein Können verwerthen zu dürfen. 1866 übernahm er die Direktion der Kroll'schen Oper in Berlin und schrieb hier seine erste Posse „Das große Loos". L'Arronge leitete auch eine Zeit lang die „Berliner Gerichtszeitung", zog dann nachmals nach Breslau und lebt seit 1878 in Berlin. Von seinen zahlreichen Theaterstücken ist das Volksstück „Mein Leopold" das bekannteste. Schwarz und Weiß. Der schwarze Geselle auf unserm Bilde, der junge Kaminfeger, ist doch ein recht übermüthiger Bursche. Der Konditor- lehrling mit der frischgebackenen Torte scheint ihm just zu gelegener Zeit in die Quere gekommen zu sein! Was thut der Spaßvogel nicht? Schnell fährt er mit dem rußigen Finger in das süße Gebäckwerk; der propre Junge mit dem Milchgesicht ist darob nicht wenig erbost; fast möchte er dem Bösewicht Eins versetzen! Wie der „Kameruner" lachen kann, während der „Weiße" schier Thränen vergießen will ob der erlittenen Unbill. - Allerlei. Ueber die Behandlung der Seekrankheit giebt die soeben zur Ausgabe gelangte Sanitätsordnung für die deutsche Kriegsmarine folgende Vorschriften: „In den meisten Fällen wird die Seekrankheit allmählich durch Gewöhnung überwunden, bei schwächlicher Körperanlage und bei vorhandenen Organleiden des Magens können jedoch durch schwere Verdauungsstörungen und das heftige unstillbare Erbrechen bedenkliche Zustände herbeigeführt werden. Zur Vorbeugung empfiehlt sich der anhaltende Aufenthalt auf Oberdeck, besonders mitschiffs, und die fortgesetzte Thätigkeit in frischer Luft unter Anspannung der Willenskraft, auch der Genuß von kleinen Mengen leicht verdaulicher Nahrungsmittel und von Alkohol ist trotz des bestehenden Widerwillens zweckmäßig. In schweren Fällen ist die Rückenlage am besten in der Hängematte und bei geschlossenen Augen dienlich, bis größere Gewöhnung oder mäßigere Bewegung des Schiffes eingetreten ist. Gegen das anhaltende heftige Erbrechen erweisen sich Eis, geeiste Getränke (Selterswasser mit Kognak) und narkotische Mittel als zweckdienlich." * Gladstone ist stets stolz auf seine rein schottische Abstammung gewesen. Aber selbst seinen eifrigsten Verehrern war es neu, daß der greise Staatsmann von niemand Geringerem abstammt, als von dem von Macbeth ermordeten schottischen König Duncan. Die Kunde kommt von dem schottischen Städtchen Dingwall, dem Geburtsort der Mutter Gladstones, das den Premier zum Ehrenbürger ernannt hat. Gladstone stammt nämlich nur mütterlicherseits von Duncan. Die Hochlandfamilie Robertson — die Gladstone's waren eine Unterlandfamilie — ist eigentlich der Clan Donachie und dieser stammt von Duncan, durch den Sohn des letzten keltischen Earls von Atholl. Der Dingwaller Genealoge sagt sogar, daß Gladstone nicht nur von der älteren Linie der schottischen Monarchen, sondern von den berühmtesten und mächtigsten alten keltischen Fürsten, den Lords von Kintail und Eilean Douan, seine Herkunft ableiten könne. * Die Kaiserin von China hat eine lang andauernde Krankheit überstanden, dabei wurde sie von nicht weniger als 423 Aerzten behandelt, welche, wie das Pekinger Amtsblatt berichtet; mit reichen Geschenken bedacht wurden. Diese Krankheit der Kaiserin rief bei den Alt-Chinesen Aussprüche des blödesten Aberglaubens hervor. Sie behaupteten nämlich: „Die lange Dauer der Krankheit Ihrer Majestät der Kaiserin habe die Eisenbahn verschuldet, deren „Rauch und Lärm die Götter höchst unangenehm berühre." Diesem Aberglauben trat nun ein Regierungs-Erlaß entgegen, darinnen wohl dem Buddha Wisch nu für die Genesung der Kaiserin gedankt, zugleich aber auch ausgesprochen ist, — „daß die Fortschritte der Wissenschaft dem Wohle des Reiches keineswegs zum Schaden gereichen." --«-v-cs- Schachaufgabe. Von I. Plachutta. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 4. Zuge matt. Auflösung des Bilder-Rätbsels in Nr. 9: » Folterkammer. Auflösung des Logvgryphs in Nr. 10: Ast, Mast, Last, Last, Rast, Hast, Gast. -—-i-888-i—-- 12. Ireilag, den 9. Februar L894ä Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg (Vorbegtzer vr. Max Huttlcr). Auf verwegener ISahn. Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Etwa acht Tage nach diesem Besuche SIglindens hatte diese sich von Volkmar verabschiedet und die Reise nach London angetreten, um ihre kleine Nichte abzuholen. Herr von Harnisch war wiederholt dagewesen, ohne den viel beschäftigten Advokaten zu Hause zu treffen, doch stellte sich, als dieser ihn deshalb endlich in feinem Hotel aufsuchte, heraus, daß er nichts Besonderes auf dem Herzen hatte, sondern nur ungeduldig war, zu erfahren, ob Volkmar auf Grund des ihm an die Hand gegebenen Materials schon Resultate erzielt habe. Der Nechts- gelehrte, welcher, wie wir wissen, Niemanden in seine Karten blicken ließ, antwortete ausweichend und wies darauf hin, daß bis zur nächsten Schwurgerichtsperiode, wo der Proceß Schönaich zur Verhandlung kommen sollte, noch vollauf Zeit sei. Inzwischen ließ er sich keine Nummer des Generalanzeigers entgehen, denn so bald die bekannte Chiffre wieder darin erscheinen werde, wollte er einen entscheidenden Schritt thun. Es war in der Geheimcorrcspondenz eine auffallend lange Pause eingetreten und bereits begann dieselbe dem Advokaten peinlich zu werden, als endlich, kaum acht Tage nach Sig- lindens Abreise, das ersehnte Stichwort wieder vor Volkmar's suchendem Auge auftauchte. Der geheimnißvolle Avis, der sich an diese Losung schloß, lautete diesmal folgendermaßen: ' „Bin wieder zurück. Alles gut. — 2 Uhr, Kleist- Breitestraße." Also eine Abwesenheit war die Ursache der langen Pause gewesen; da zu vermuthen stand, daß die Parole „Lui^stt" beiden Interessenten als gegenseitiges Erkennungszeichen diente, so blieb die Frage offen, wer der anwesend gewesene Theil war, ob Anna oder ihr Galan. Doch dies war für den Augenblick von untergeordneter Bedeutung. Volkmar sandte einen seiner Schreiber in Siglinden's Wohnung und ließ deren Dienerin, Martha, die ihre Herrin nicht auf der Reise begleitet hatte, zu sich bitten. Das Mädchen kam gleichzeitig mit dem zurückkehrenden Boten. Sie wußte, daß Doktor Volkmar die Sache ihres unglücklichen Herrn führte, und dachte sich, daß sie irgend eine damit zusammenhängende wichtige Frage beantworten sollte. „Gewiß erinnern Sie sich noch des fremden Herrn," redete der Advokat sie an, „welcher an dem Tage, wo Herr Schönaich verhaftet wurde, diesen hat sprechen wollen, aber nicht mehr zu Hause antraf." Martha bejahte sehr bestimmt. „Glauben Sie, daß Sie ihn sogleich wiedererkennen würden, wenn Sie ihm auf der Straße begegneten?" „Ei, ganz sicher, Herr Justizrath," nickte Martha, „ja sogar unter tausend Anderen. Wenn ich mit Jemand nur ein einziges Mal gesprochen habe, weiß ich so genau, wie er aussieht, daß ich ihn malen könnte." „Um so besser," bemerkte der Advokat. „Nun geben Sie Acht, was ich Ihnen sagen werde. An der Ecke der Kleist- und Breitestraße befindet sich eine Haltestelle der Pferdccifenbahn. Dorthin begeben Sie sich heute Nachmittag Punkt 2 Uhr, aber keine Minute später. Um diese Zeit werden sich an dieser Ecke ein Herr und eine Dame treffen und wahrscheinlich den nächsten Pferdebahnwagen besteigen. Ueberzeugen Sie sich genau, ob der Herr jener Fremde ist, der ..." „An jenem Unglückstage zu Herrn Schönaich wollte," ergänzte das Mädchen verständnißvoll. „Ganz recht. Damit Sie Ihrer Sache auch sicher sind und Zeit haben, sich den Herrn ordentlich anzusehen, steigen Sie ebenfalls in den Wagen und fahren so weit mit, als Sie es für nöthig halten, um sich gründlich zu überzeugen." „Und die Dame, die mit dem Herrn zusammentreffen wird?" frug Martha, „ist sie groß oder klein?" „Die Dame," antwortete Volkmar, „ist in Ihrer Größe, schlank gewachsen, ohne mager zu sein, nicht mehr ganz jung, aber immerhin hübsch. Ihr Gesicht ist, was man pikant nennt." „Ich verstehe." „Sie hat große, feurige, schwarze Augen und ebenso dunkles Haar, welches sie auf der Stirne genau so trägt, wie Sie das Ihrige. Beobachten Sie das Paar während der Fahrt, lassen Sie sich aber ja nichts davon merken und zeigen Sie namentlich dem Herrn Ihr Gesicht so wenig wie möglich, denn es wäre fatal, wenn er Sie wiedererkennt. Also vorsichtig! hören Sie?" „Seien der Herr Justizrath nur ganz unbesorgt. Wir sind nicht aus Dummsdorf!" entgegnete das Mädchen mit der Keckheit, welche das Bewußtsein einer wichtigen Mission verleiht, und dabei schien, nach ihrem neckischen Mienenspiele zu schließen, plötzlich ein schlauer Einfall in ihr aufgeblitzt zu sein. 78 „Es versteht sich von selbst, daß Sie mit Niemand über die Sache sprechen, sondern das strengste Geheimniß bewahren," fügte der Advokat mit einem so durchbohrenden Blicke auf das Mädchen hinzu, daß dasselbe unwillkürlich einen Schritt zurücktrat und die Hand betheuernd auf's Herz legte. „Sobald Sie Ihren Auftrag ausgeführt haben, kommen Sie wieder zu mir, um mir darüber zu berichten." Nachdem Martha, ganz von der hohen Bedeutung ihrer Mission erfüllt, sich mit einem tiefen Knix empfohlen hatte, gab Volkmar seinen Schreibern Auftrag, ihm das Mädchen, sobald es sich wieder einfinden werde, sogleich zu melden. Um die Nachmittagsstunde, wo er Martha jeden Augenblick von ihrem Unternehmen zurückerwarten durfte, begann sich Volkmar's eine prickelnde Unruhe zu bemächtigen. Von den Lippen eines einfachen Dienstboten sollte er nun hören, ob feine Combinationen richtig waren, ob jener schattenhafte Doppelgänger, nämlich der „Engländer" Anna's und der fremde Besucher Schönaich's, hinter welchem sich nach Harnisch's Ueberzeugung Jmhoff verbarg, sich wirklich als eine und dieselbe Person ausweisen würde, und ob er sich nicht überhaupt durch ein Spiel des Zufalles hatte täuschen lassen, indem er das englische Wort im Generalanzeiger für Anna Nitter's anglisierten Namen hielt und dem Umstände, daß deren zweimalige Abwesenheit sich mit der Stunde des Stelldicheins deckte, allzu großes Gewicht beigelegt hatte. Seine Unruhe nahm derart überhand, daß er keine Aufmerksamkeit mehr für seine Arbeit hatte, sondern oft aufstand, um einige Schritte durch's Zimmer zu machen oder an's Fenster zu treten und an die Scheiben zu trommeln. Da sah er plötzlich draußen eine Droschke vorfahren; neben dem Kutscher auf dem Bock befand sich einNeise- korb, aus dem Innern stieg eine Dame, in welcher er, so rasch und schemenhaft auch ihre Gestalt vor seinem Blicke aufgetaucht und wieder verschwunden war, dennoch Siglinde zu erkennen glaubte. Die Droschke wartete; offenbar kam Siglinde unmittelbar von der Reise und wollte auf dem Wege vom Bahnhöfe nach ihrer Wohnung bet Volkmar vorsprechen. Er ging ihr entgegen, und kaum hatte er die Thür des Vorzimmers geöffnet, als er Siglinde in bestaubter Neisekleidung vor sich sah. Herzlich von ihm Willkommnet, trat sie in das Sprechzimmer. In ihren Mienen drückte sich große Niedergeschlagenheit aus. „Sie kommen, wie es scheint, allein zurück? Ohne das Kind Ihrer Schwester?" frug Volkmar. „Ist der Kleinen etwas zugestoßen?" „Sie ist spurlos verschwunden!" war Siglindens überraschende Antwort. „Verschwunden?!" wiederholte der Rechtsgelehrte erstaunt und betroffen. „Wann ist das geschehen?" „Drei Tage vor meiner Ankunft in London," antwortete Siglinde. „Hat Frau Webster, welcher das Kind anvertraut war, auf Sie den Eindruck einer rechtlichen Person gemacht?" erkundigte sich Volkmar. „In jeder Hinsicht. Ich fand sie noch ganz unter dem Eindrucke des Schreckens und der Bestürzung." „In welchen Beziehungen stand sie zu Ihrer Schwester? War ihr Jenny durch Jmhoff oder durch Ihre Frau Schwester übergeben worden?" „Frau Webster hatte in der Zeitung annoncirt, daß sie ein Kind in Pflege zu nehmen wünsche. Darauf hin meldete sich meine Schwester und vertraute ihr Jenny an. Bei diesem Besuche befand sie sich in Begleitung Jmhoff's. Als sie dann noch einmal kam, um von ihrem Töchterchen Abschied zu nehmen, befand sie sich allein. Bei dieser Gelegenheit trug sie Frau Webster auf, ihr etwaige briefliche Mittheilungen über das Kind vorläufig postlagernd zu machen." „Und auf welche Weise verschwand Jenny ?" forschte der Rechtsgelehrte weiter. „Frau Webster ist eine Witwe, die in ziemlich dürftigen Verhältnissen, zum Theil von Ztmmervermiethcn lebt," erzählte Siglinde. „Eines der Zimmer stand gerade leer und in Folge der an der Hausthüre angehefteten Vermiethungsanzeige fand sich eine Dame ein, miethete ein Zimmer und bezog es noch an demselben Tage. Die Dame war sehr anständig gekleidet und von freundlichem, einnehmendem Wesen; sie zahlte eine halbe Monatsmiethe voraus, daher Frau Webster sich darüber, daß sie kein Gepäck mit sich führte, sondern dasselbe erst erwartete, nicht beunruhigte. Vom ersten Augenblicke an schien die neue Mietherin großes Wohlgefallen an Jenny gefunden zu haben, sie liebkoste das Kind, brachte ihm von ihrem Ausgange kleine Geschenks mit, behielt es stundenlang auf ihrem Zimmer, um mit ihm zu plaudern, und hatte sich schnell auch die Zuneigung des Kindes erworben. Am zweiten Tage bat sie sich von Frau Webster die Erlaubniß aus, Jenny in eine nahegelegene Konditorei zu führen. Frau Webster fand darin nichts Unrechtes, kleidete Jenny an und blickte wohlgefällig dem fröhlich an der Hand der Dame hüpfenden Kinde nach, bis sie Beide in die Konditorei treten sah . . . Die Dame ist mit Jenny nicht wieder zurückgekehrt. In der Konditorei haben sich Beide eine Viertelstunde aufgehalten, und man hat nur noch gesehen, daß die Dame beim Verlassen des Lokals draußen ein vorüberfahrendes Cab anrief, dasselbe mit der Kleinen bestieg und rasch davonfuhr." „Alle polizeilichen Recherchen sind bis jetzt erfolglos geblieben," fuhr Siglinde fort. „Man sagte auf dem Polizeioffice, daß mein längeres Verweilen überflüssig sei, und gab mir die Zusicherung, mich sofort telegraphisch zu benachrichtigen, sobald sich nur eine Spur des Kindes oder seiner Entführerin finden würde." „Haben Sie sich das Aeußere der Dame beschreiben lassen?" frug Volkmar. „Frau Webster hielt sie für eine Ausländerin, da sie das Englische mit fremdem Accent sprach," antwortete Siglinde. „Von Gestalt war sie —" An der Thür des Sprechzimmers wurde ein Klopfen hörbar; ein Schreiber streckte seinen Kopf herein. „Wenn es Ihnen gefällig wäre, Herr Doktor," sagte er. Martha war also zurückgekehrt. Volkmar fühlte sich wie zwischen zwei Kreuzfeuern. Siglinde merkte ihm an, daß er sich in großer Unruhe befand, und ersuchte ihn, sich durch ihre Anwesenheit von seinen Geschäften nicht abhalten zu lassen. Mit der Bitte, ihn auf einige Augenblicke zu entschuldigen, begab er sich ins Bureau. Aber die Erwartete sah er nicht. Eine elegant gekleidete Dame saß da, das Antlitz unter dem hochfeinen Sommerhütchen dicht verschleiert. Sie erhob sich und ging auf ihn zu. „Nicht wahr," redete sie ihn an, „der Herr Justizrath kennen mich selbst nicht wieder?" 79 Dabei schob sie den Schleier zurück und überrascht blickte Volkmar in das lächelnde Gesicht Martha's. „Um mich unkenntlich zu machen," fügte sie hinzu, „habe ich Schleier und Kleider aus der Garderobe meines gnädigen Fräuleins entlehnt." „Nun, und was haben Sie mir zu berichten?" frug er leise und führte sie bei Seite. „Die Dame haben mir der Herr Justizrath so genau beschrieben, daß ich sie sogleich erkannte," begann Martha flüsternd. „Gekleidet war sie in —" „Die Kleidung interessirt mich nicht," entgegnete ungeduldig der Advokat. „Der Herr, welcher bei ihr war, ist die Hauptsache." „Der Herr war nicht jener Fremde." „Wie? Nicht jener Fremde, den Sie in Abwesenheit Ihrer Herrschaft empfingen?" „Nein, er war es nicht," wiederholte Martha und schüttelte mit einem über alle Zweifel erhabenen Lächeln den Kopf. „Dann haben Sie sich geirrt, Kind!" behauptete Volkmar, der an seine furchtbare Selbsttäuschung noch immer nicht glauben wollte. „Nein, Herr Justizrath, ich habe mich nicht geirrt, denn es war Herr von Harnisch." „Unmöglich I" rief Volkmar, wie von einem elektrischen Schlage getroffen. „Der Begleiter der Dame, die Sie mir beschrieben haben, war Herr von Harnisch, den ich sehr genau kenne," wiederholte Martha, jedes ihrer geflüsterten Worte betonend. „Wissen Sie genau, daß er zu der Dame gehörte und nicht etwa zufällig mit ihr in denselben Pferdeeisenbahnwagen gestiegen ist?" „Wenn die Beiden nicht miteinander einverstanden waren, Herr Justizrath, so will ich mir den Kopf abschlagen lassen! Sie sprachen während der Fahrt nicht viel zusammen, aber man merkte leicht, daß sie sich viel zu sagen hatten. Herr von Harnisch richtete dann und wann eine Frage an seine Begleiterin, worauf diese meist nur durch ein Nicken oder Schütteln mit dem Kopfe antwortete, und dann sah er sie mit einem so gespannten Blicke an, als wollte er das Uebrige aus ihrer Miene sangen. Ganz gewiß hatte ihm die Dame etwas Wichtiges zu erzählen, wovon sie ihm unterwegs nur zu naschen gab." „Haben Sie von dem kargen Gespräch dann und wann ein Wort verstanden?" „Nein, denn es war nicht deutsch, was sie sprachen. Vor einem Kaffeegarten, weil draußen in der Vorstadt, stiegen beide aus, und ich sah sie hineingehen. Ich fuhr noch ein Stück weiter und kehrte dann mit dem nächsten Wagen zurück." „Sind Sie gewiß, daß Herr von Harnisch Sie nicht erkannt hat?" „Erkannt hat er mich auf keinen Fall, denn erstens war der Wagen zu sehr besetzt, als daß er mich besonders beachtet hätte, und zweitens schützte mich meine Verkleidung und der doppelt zusammengelegte Schleier vor dem Erkennen." „Ich danke Ihnen vorläufig," sagte Volkmar. „Uebri- gens ist die Besitzerin dieser Verkleidung von ihrer Reise zurückgekehrt." Das Mädchen wurde feuerroth und warf einen angstvollen Blick auf die Kleidung, die sie unrechtmäßig trug. „Du meine Güte," stammelte sie, „wie werde ich nur in die Wohnung kommen, ohne daß mich das gnädige Fräulein sieht!" „Dazu haben Sie noch Zeit, denn Ihre Herrin befindet sich eben noch in meinem Sprechzimmer," versetzte der Advokat. „Eilen Sie also, ihr zuvorzukommen; verrathen Sie ihr aber um Gotteswillen keine Silbe von Ihrem heutigen Abenteuer auf der Pferdeeisenbahn!" Hören Sie?" „O Herr Justizrath!" betheuerte Martha mit gefalteten Händen und wie um Gnade flehend, „ich werde stumm sein wie ein Grab!" Der Boden brannte ihr unter den Füßen, und so eilig, als die Höflichkeit es gestattete, verabschiedete sie sich. Das diensteifrige Mädchen hatte sich mit ihrer wohlgemeinten Maskerade selbst eine Falle gestellt, die den Advokaten mehr als die feierlichsten Schwüre ihrer Schweigsamkeit gegen ihre Herrin versicherte und ihm ein augenblickliches Lächeln abnöthigte. Dann kehrte er zu seiner Besucherin zurück, ohne auch nur durch eine Miene zu verraihen, was in ihm vorging und von welchem überraschend neuen Gesichtspunkte er die Dinge, die Siglinden so nahe angingen, in den wenigen Minuten feiner Abwesenheit betrachten gelernt hatte. „Verzeihen Sie diese Störung, Fräulein Siglinde", sagte er, ihr gegenüber ruhig wieder Platz nehmend. „Wir waren unterbrochen worden, als Sie mir eben die Persönlichkeit jener Fremden, die mit Ihrer kleinen Nichte verschwand, näher bezeichnen wollten. Sie war nach ihrer Aussprache des Englischen zu schließen eine Ausländerin; von Gestalt —" „Von Gestalt war sie etwas kleiner als ich," nahm Siglinde ihre Rede wieder auf, „der Wuchs schlank, dabei aber voll; sie war über die erste Jugendblüthe hinaus, hatte aber jene frauenhaften interessanten Züge, die man bei Mädchen in den höheren Zwanzigern oft antrifft und welche durch ein dunkles, glühendes Auge noch gehoben wurden. Das sehr reiche schwarze Haar trug sie vorn in Stirnlocken." ' Unwillkürlich hatte Volkmar diese Personalbeschreibung mit einem zustimmenden Kopfnicken begleitet, denn dieselbe wies Zug für Zug auf Anna Ritter hin, deren Signalement er selbst erst heute Siglindens Dienerin gegeben. Er hätte Siglinden, als sie ihn bekümmert verließ, durch die trostreiche Zusicherung aufrichten können, daß er ihrer kleinen Nichte bereits auf der Spur sei und sie in nicht ferner Zeit in ihre Arme zu legen hoffe, er hätte ihr noch vieles Andere sagen können, was ihr höchstes Erstaunen erregt haben würde, — er hätte ihr auch sagen können, wie ein einziges Wort Martha's, ein einziger Name, den sie ausgesprochen, ihm ein unerhörtes Jntriguenspiel, ein teuflisches Truggewcbc enthüllt hatte, daß ihm selbst davon noch schwindelte, — er hätte durch wenig Worte sie mit Staunen und Schauder, mit Hoffnung und Freude erfüllen können, aber er wollte und durfte sie nicht mit erdrückenden Geheimnissen belasten, die sie genöthigt hätten, bei einer etwaigen Begegnung mit Herrn von Harnisch sich in ihrem Benehmen einen Zwang aufzuerlegen, der diesem geriebensten aller Gauner gewiß aufgefallen wäre. . . . Nach Siglindens Entfernung schritt Volkmar eine geraume Weile in seinem Zimmer auf und ab, bald mit räschen, heftigen Schritten, bald langsam, bald stehen blet- 60 bend. Dann öffnete er eine Zigarrenkiste, entnahm derselben eine Havannah, zündete sie an und blickte, mit dem Rücken gegen sein Pult gelehnt und die Beine über einander gekreuzt, sinnend den bläulichen Nanchwölkchen nach, welche sein Mund in die Lust hauchte. Als das Aroma der Cigarre in das anstoßende Bureau drang, schnupperten die Schreiber und blickten einander bedeutungsvoll an. Einer nach dem anderen schlich sich an die Thür, um durch das Schlüsselloch hindurch den rauchenden Nechtsanwalt an seinem Pulte lehnen zu sehen. Für gewöhnlich gönnte er sich während der Geschäftszeit den Genuß einer Cigarre nicht; wenn es aber geschah und der Duft des aromatischen Krautes sich in die Nasen der Schreiber einschmeichelte, so wußten diese schon, daß ein verwickelter Fall die Gedanken ihres Herrn beschäftigte und daß er auf einen „Coup" sann, der Denjenigen, welchen er traf, sicher zerschmetterte. Gegen Abend machte Volkmar einen Spaziergang nach dem bekannten Garten in der Nosenstraße. Er fand das Gärtnerpaar im Wohnzimmer, von den Mühen des Tages ausruhend. Sein Besuch galt der Fächer- palme, nach welcher der „Engländer" noch immer nicht gefragt hatte. Er kaufte sie und erkundigte sich im Laufe des Gesprächs wie gewöhnlich nach Fräulein Anna's Befinden. „Ich treffe es immer so unglücklich, daß sie nicht da ist," fügte er hinzu. „Heute hätte ich sie gern gefragt, warum sie vorigen Dienstag, als sie mir in der Stadt begegnete, so stolz an mir vorüberging, ohne meinen höflichen Gruß zu erwidern." „Vorigen Dienstag?" wiederholte Ritter. Da kann sie Ihnen unmöglich begegnet sein. Sie haben eine Andere für meine Schwester gehalten, denn am Dienstag war sie noch nicht von ihrer Reise zurück." „So? War Fräulein Anna verreist?" warf Volkmar hin. „Hihi!" ließ Frau Ritter ihr schadenfrohes, dem Advokaten stets verheißungsvoll klingendes Lachen vernehmen, welches.auf einen tückischen Hinterhalt deutete. Als fühle er sich aber davor heute sicher, warf der Gatte ihr einen geringschätzigen Seitenblick zu und fuhr ruhig fort: „Sie war, wie jedes Jahr um diese Zeit, zur Kirchweih bei meinem ältesten Bruder, der zehn Meilen von hier in einem Landstädtchen ein kleines Gut hat. Dort bleibt sie gewöhnlich eine bis zwei Wochen." Frau Ritter besaß die Fähigkeit, einen Aergcr über ihre Schwägerin lange mit sich herumzutragen, um ihn bei einer Gelegenheit Plötzlich zur Sprache zu bringen, wo es ihrem Manne am unangenehmsten war. So auch jetzt. „Ja, wer's nicht besser wüßte!" kicherte sie. „Deine Schwester wird sich diesmal wohl in vornehmerer Weise amüsirt haben, als bei Kirchweihkuchen. Ich traute der Sache nicht und schrieb an Deinen Bruder. Seine Antwort trage ich schon ein paar Tage lang mit mir in der Kleidertasche herum. Anna hat sich gar nicht bei ihm blicken lassen." Der Gärtner war wie vom Donner gerührt. Volkmar machte dem ehelichen Zwist ein vorläufiges Ende, indem er das Geld für die Fncherpalme auf den Tisch zählte und sich empfahl. Als er durch die Gitterpforte schritt, begegnete ihm eine elegant gekleidete Dame. Es war Anna, die jetzt erst von ihrem Rendezvous zurückkehrte. Volkmar zog artig grüßend seinen Hut. Sie dankte ihm mit einem verächtlichen Kopfnicken. Er wußte, daß sie ihn haßte, weil er einst Zeuge ihrer Demüthigung durch ihre hämische Schwägerin gewesen war und sogar die unmittelbare Veranlassung dazu gegeben hatte. Und dennoch bedurfte ex ihrer jetzt, dennoch gab es augenblichlich keine Person, die ihm so nöthig gewesen wäre, wie sie. Aber er hatte das Mittel, die Stolze zu zähmen, die ihm Feindselige sich willfährig zu machen, bereits gefunden, und ihre ungnädige Erwiderung seines zuvorkommenden Grußes entlockte seinen Lippen ein siegreiches Lächeln. * * * (Fortsetzung folgt.) --^- 1 - - Die Parität in der Reichsstadt Augsburg. (Schluß.) Die wichtigste Ursache war, daß der Argwohn unter den Bürgern, in Nachtheil versetzt zu werden, niemals verstummte. Die Schuld daran lag an den fast jährlich wiederkehrenden Wahlen für die Staatsämter und zur Besetzung der Stadtdienste. Diese bildeten das Tagesgespräch unter den Geschlechtern und den Kaufleuten in ihren Gesellschaftsstuben, wie unter den Meistern in den Zunfthäusern, und beschäftigten noch lebhafter die Gemüther der Familien, der Werkstätten und des offenen MarkteS. Aber Niemand fragte dabei nach der Tüchtigkeit und Brauchbarkeit der zu erkiesenden Männer, sondern die allgemeine Sorge drehte sich lediglich um die Prüfung, ob es keiner Partei an genügenden Mitgliedern zum Vorschlagen fehle. Bei dem durch die ganze Bürgerschaft gehenden Riß reichte keine Hand herüber oder hinüber, eine etwaige Lücke auszufüllen, das kirchliche Bekenntniß blieb allein ausschlaggebend, mochte dabei dem Staate gedient sein oder nicht. Ein solcher leidiger, Neid, Mißtrauen und andere niedere Leidenschaften erzeugender Zustand führte fortwährend daS große Wort auf den Bierbänken, das sich meist auf das Gebiet der Kirche selbst, deren Einrichtungen und ihre Diener verirrte, was blutige Streitigkeiten nach sich zog, daher der Rath wiederholt unter Androhung der Strafe des „Gewölbes" einschärfte: „deS ungeschicktenDisputierens, Schändens und Schmähens von Neligionssachen in den Wirthshäusern sich zu enthalten." Eine schlimmere Folge war jedoch, wenn auf der einen oder anderen Seite ein Vortheil winkte, daß aus schnödem Eigennutze nicht selten der Uebertritt zu der anderen Confession angestrebt wurde. Zwar hielt eine jede Kirche eigene „Aufpasser" und der Kurfürst von Bayern sowie das markgräfliche Oberamt Burgau besondere „Re- ligions-Agenten" mit der Aufgabe, das Verführen gemeiner Leute aus ihrem Lager in das andere zu verhindern, allein der Rath billigte diese dem westfälischen Frieden und dem Nürnberger Rezesse zuwiderlaufende Gewissensbeschränkung nicht. Er ermächtigte deßhalb einen evangelischen und einen katholischen Bürgermeister, dem sich meldenden Konvertiten einen „Schutzbrief" auszuhändigen, kraft dessen er vor allen Belästigungen sicher gestellt wurde. Dieses Verfahren erzeugte zahlreiche Conflicte, verbitterte die Familienglieder und machte in der Regel die amtirenden Herren zu Gegnern. Die vielen Uebel vermehrten sich dadurch um ein weiteres. 81 Nichts fand sich in der gespaltenen Stadt, geeignet, die Versöhnung anzubahnen und zu bewerkstelligen, denn das ganze öffentliche und bürgerliche Leben war so eingerichtet, daß eine gegenseitige Berührung als kein Bedürfniß empfunden wurde. Die Zünfte besaßen eine katholische und eine evangelische Herberge, und wollten die Meister und Gesellen in der freien Luft sich erholen, so wanderten sie entweder gegen den Lech, wo sie bei dem katholischen Stadtjäger einkehrten, oder sie besuchten den evangelischen Stadtjäger auf der Wertachseite; doch gab es auch ein neutrales Gebiet bei dem Paritätswirth in der unteren Stadt. Der biedere Bürger konnte in der Atmosphäre seiner Confession die Pfeife rauchen, indem 4 katholische und ebensoviele evangelische Kaffeehäuser ihn einluden; um die Leinwand oder den Wollenzeug nach seinem kirchlichen Bekenntnisse untrüglich kaufen zu können, waren in dem Weberhause evangelische und katholische Verkaufsgewölbe eingerichtet, und in der Metzg ging man nicht fehl, wenn man ein Nippenstück 0. oder einen Schlachtbraten ^1. 0. begehrte und sich an die Verkäuferin mit oder ohne Haube wandte, denn ein protestantisches Mädchen trug niemals die bayerische d. h. katholische Ntegelhaube. Die gleiche Sorgfalt der Väter der Stadt für strenge Beachtung der Parität zeigte sich auch bei den Sicherheitsorganen. Genau nach der Religion halbirt waren die Stadtgardisten unter dem Befehle eines katholischen und eines evangelischen Lieutenants und in diesem Verhältnisse bezogen sie die Wachen, damit ein unter dem Thore angehaltener Vagant oder ein betrunkener Nachtschwärmer stets von einem Soldaten seiner Confession auf die Polizeistation transportirt werden konnte. Und empfindliche Buße ereilte den Trabanten, welcher einen nicht seiner Kirche angehörenden Bürger auf das Nathhaus vorlud. Endlich wurden die Verstorbenen nicht vergessen, indem man sie in kirchlich getrennten Friedhöfen zur letzten Ruhe bettete. In Zweifelsfällcn entschied über den Ort des Begräbnisses die Religion des jeweiligen Bürgermeisters. Ein Senatsdekret vom 26. Februar 1750 bestimmte nämlich: „Die todten Körper aufgefundener unbekannter Personen sind in demjenigen Gottesacker zu bestatten, welcher Kirche der Bürgermeister angehört, dem die Anzeige gemacht worden war." Diese und alle ähnlichen Vorgänge und Einrichtungen stellten sich dem Bürger als den naturgemäßen Ausfluß eines durch Gesetz sanktionirten Prinzips dar, worin er so wenig etwas Außerordentliches fand, daß er sogar solche Vorfälle und Zustünde vertheidigte, die den Sar- kasmus eines in die Denkweise der Bevölkerung nicht Eingeweihten reizen mußten. Als der katholische Nachfolger des gestorbenen evangelischen Handwerkdieners auf dem Webcrhaus in der Amtsstube ein Weihbrunnkesfelcin aufhing, zeigte der Dc- putatus H.. 6. dem Rathe „den aasura in kxpooausto xrrklioo parrtaetioo xlaris in anciitum als große Unruhe erzeugende Neuerung" 1758 an und seine confes- sionsverwandten Mitbürger belobten den Mann ob solchen Eifers. Bei dem beklagenswerthen Webertumult 1766 gegen den evangelischen Fabrikanten Schüle führte dessen Anwalt als großes Gravamen auf, daß „der Paritätsverfassung s ätametro zuwider" ein katholischer Weber die ostindtschen Cottons nach ihrer Qualität begutachtet hatte, worauf der Rath die bürgermeisteramtliche Anordnung außer Wirksamkeit setzte und eine vepulatio utriusgns reli§ioni3 zur Prüfung der ausländischen Waare ernannte. Das Musikorchester in den evangelischen Kirchen verwendete bei den Aufführungen alle Instrumente mit Ausnahme der Violine, weil der helle Ton der Violinquinte, also die L-Saite, einen katholischen Klang hatte. Geräuschlos und zur Zufriedenheit der Einwohnerschaft kam bei der Bäckerzunft die weltliche ParitaS zum Durchbruch. Die katholischen Mitglieder bauten vor dem Wertachbruckerthor die Stallungcn für ihre Schweine und die evangelischen Meister beherbergten ihre Borstenthiere außerhalb des Jakoberthors, und Niemand nahm daran ein Aergerniß, daß die Thüren mit 0. und H. 6. bezeichnet waren. Schließlich sei noch eine Scene erwähnt, vor welcher merkwürdiger Weise der Vorhang erst sich niederließ, als schon 10 Jahre lang die Karitas in xolitiois der Vergessenheit anheimgefallen war. In der paritätischen St. Jakobspfründe wurde die gemeinschaftliche Wohnstube mit Kerzen erleuchtet, woraus ein die idyllische Ruhe der Pfründner schwer schädigendes Zerwürfniß erwuchs. Die Insassen durften nämlich die Lichterstumpen unter sich vertheilen zur Verwendung in ihren Kammern, und dieses erzeugte den bedauerlichen Hader, welche Stumpen als evangelische und welche als katholische anzusehen seien, eine Streitfrage, welche in Güte die Verwaltung nicht zum Austrag zu bringen vermochte. Die Stiftungspfleger entschieden deßhalb am 4. Oktober 1816 durch förmlichen Beschluß: „um den bisherigen Zänkereien wegen der sog. katholischen und evangelischen Stumpen ein Ende zu machen, soll künftig keine Kerze, sondern paritätisch untheilbares Oel gebrannt werden." Mittlerweile hatten die Bürger insgesammt das Friedensfest in dem Bewußtsein begangen, daß nur sie miteinander die Gemeinde Augsburg bilden. --»-i V i - - Wie mau alt und wie alt man wird! Ein Kapitel über das Alter von Klara Reichn er. (Nachdruck Verbote».) „Unser Leben währet 70, wenn's hoch kommt, sind's 80 l" — Vom „Alter" zu reden, ist eigentlich jawohl ein verbotener Gegenstand? — Alt werden — ü 1g. kontiern-! — Aber alt sein, — altern gar? — Lorrour! — Schwamm drüber! — Speciell das schönere, aber schwächere Geschlecht soll — man sagt es — die liebenswürdige Schwäche haben, zuweilen in Collision mit dem eisernen Bestand des Taufscheins zu gerathen, — allerdings um so verzeihlicher, als weibliche Anmuth bekanntlich keinen Kalender besitzt. — Manche historische oder historisch gewordene Frau hat den Nnuenzeichen der Zeit zu trotzen, ihrer eigenen Jahrgänge zu spotten gewußt, so manche Künstlerin des Lebens und der Bühne scheint die ewige Jugend in Pacht, scheint ein giltig bleibendes Schönheits-Abonne- ment genommen zu haben! — Von der in Bezug auf unverwüstliche Körper- und Geistesreize sprichwörtlich gewordenen französischen Aspasia: Ninon de Lenclos, geboren 1616 zu Paris, erzählt man, daß sie im Groß- und Urgroßmutter-Alter noch Männern, die ihre Enkel 82 sein konnten, den Kopf verdrehte, und Josephine Bona- parie, Napoleons I. erste Gemahlin, soll — über fünfzig — kurz vor ihrem Tode so bezaubernd jung gewesen sein, resp. ausgesehen haben, daß sie der schöne Czar Alexander von Rußland entzückt „eine zweite Ninon" hieß. — Auch die liebreizende Gräfin Potacka, deren Porträt noch jetzt eine Zierde in der Bilder-Gallerie historischer Schönheiten bildet, konnte im Matronenalter von 60 Jahren getrost mit den jüngsten Beautös concurriren, wofür die beste Quittung die unabgekühlte Bewunderung ihrer zahlreichen Verehrer war. Mag man also immerhin mit dem weisen Salomo von gewissen Jahren sagen: „sie gefallen mir nicht, da sich krümmen die Starken und die Gesichter finster werden, da alle Lust vergeht und Alles eitel ist!" — so hat es doch zu allen Zeiten Beispiele von Exempeln schon gegeben, daß die schöne Sage vom „Jungbrunn" trotzdem kein leerer Wahn und das Herz an keinen Taufschein gebunden ist! — Aus diesem einleuchtenden Grunde soll auch König Georg III. von England (1760—1620) auf seine Frage, gestellt an eine hochbetagte Hospitalin: „wann denn eigentlich die Frauen aufhören zu lieben?" die prompte Erwiderung erhalten haben: „Ja, da müssen Ew. Majestät eine Aeltere fragen I" Und der gleichen Maxime folgte so manche andere Lebens-Veteranin, so mancher altehrwürdige Veteran!— Der Herzog von Richelieu vermählte sich zum dritten Male im 84. Blüthenjahre seines Erdenwallens, nachdem lange vor ihm ein Tiroler Baron Barravicino de Capellis, der 1270 mit 104 Jahren starb, bereits bewiesen, daß Alter nicht vor Thorheit schützt, das heißt gleichfalls im 84. Jahre sogar seine vierte bessere Hälfte sich erkor, während der venetianische Konsul in Smyrna, Franz Gongo, es bis zu 112 Jahren und 5 Frauen brachte und bet seinem 1702 erfolgten Tode nicht weniger als — 49 Kinder hinterlassen haben soll! — Im Jahre 1733 entschlossen in Norwegen von sieben noch ledigen Hundertjährigen drei Paare sich, Pool kesium in den heiligen Ehestand zu treten. — Im gleichen, dem vorigen Jahrhundert erwählte die Polin Margarethe Krusiowna mit 94 Sommern als dritten Gatten sich den um elf Jahre ältern Kaspar Haykolt und beglückte ihn 14 Jahre noch durch ihre Gegenwart, da sie mit 108 Jahren 1763 das Zeitliche segnete. — In unserem eigenen Säculum aber heirathete 1843 zu Luzern der Schweizer Violinist Piu eine „erst" 62jährige Wittib, als hoffnungsvoller Wittwer, der 25 Enkel und — 106 Jahre schon besaß, und in Moskau soll zu ungefähr derselben Zeit eine Russin von 168 Jahren gelebt haben, welche die Courage hatte, in ihrem 122. Lebensjahre noch den fünften Mann zu nehmen. — Daß jedoch diese und andere Beispiele verspäteter Heirathscaudidaten keineswegs nur Zeiten angehören, die vergangen sind, hat jüngst in la Kalla Italic,, ein „junges" Ehepaar bewiesen, als nämlich zu Proforte der Gutsbesitzer Rubianco, ein rüstiger Greis von 90 Jahren, eine 86jährige Signorina heimführte. — Man sieht: „Die Liebe altert nicht, — nein, nein! Ist und bleibt Sonnenschein!" — Nicht nur Schönheit und Liebe indessen, sondern auch Geist und Kraft schlugen gar häufig dem grämlichen Alter ein Schnippchen! Dieses kalt acLowpli haben nicht allein die biblischen Methusalems bewiesen! — Der weise weiße Nestor des klassischen Alterthums lebt eigentlich ja heute noch als sprichwörtliche Nedefigur; — dem unsterblichen Tragödien-Dichter der Antike: Sophokles, blieb die Muse bis in sein jugendliches Alter hold und treu, und zwei andere alte Griechen, der ernsthafte wie der lachende Philosoph: Pythagoras und Demokrit, wurden alt und grau bei ihrem probaten VerjüngungsMittel: außen Oel und innen Honig. — Der hl. Hieronymus, der große Kirchenlehrer des 4. Jahrhunderts, wurde alt und blieb jung bei einsiedlerischer Ascese und der gewiß nicht lucullischen Ernährung von Wasser, Brod und Salat, und der gelehrte englische Mönch des Mittelalters: Baco oder Bacon, erreichte nicht weil, sondern obgleich man ihn „Oootor mirakilig" hieß, sein hohes Alter bei wissenschaftlichen Studien und physikalischen Experimenten. — Der „Zwölfnnzen-Mann" aber, der edle Venetianer und Mäßigkeits-Apostel Ludovico Coruaro (geb. 1466), brachte es fertig, fast 100 Jahre zu werden, durch die exemplarische Hungerkur von 12 Unzen pro Tag, hauptsächlich aus „Panatella" — venetianischer Semmelsuppe — bestehend, nachdem er als 40jähriger Prasser und Schlemmer für so incurabel schon gegolten, daß man keine Unze mehr für sein Leben gegeben hätte, während er noch heute im Gedächtniß aller Fastenkünstler, sowie in der alten Bilder-Gallerie des Palazzo Pitti lebt, verewigt als Neunzigjähriger von seinem berühmten Zeitgenossen und Mers-Concurrentm, dem damals 80jährigen Tizian, der gleichfalls bis auf Hundert kam. Auch die Neuzeit besitzt ihre menschlichen Antiquitäten, die nicht veralteten, das heißt nicht nur ein hohes, sondern — was mehr sagen will — ein glückliches Alter erreichten. — Selbst große Denker, Staatsund Schlachtcnlenker, wie: Newton, Franklin, Alexander von Humboldt, Fürst Metternich, Lord Palmerston, Wellington, Moltke, Kaiser Wilhelm und viele Andere, nahmen tapfer den Kampf mit dem größten und ge- fürchtetsten aller Menschen - Eroberer auf, und blieben Sieger in demselben. Mehr aber noch will es bedeuten, wenn sogar jene Kämpfer um's Dasein dem Alter Concessionen abringen, denen eS geht wie der — Nachtlampe: „criüa inLörvienäo ccmsumor" — ich verzehre, indem ich Andern diene, — die Jünger Aescnlaps! — In England starb 1658 mit 80 Jahren der berühmte Anatomie-Professor vr. William Harvey, als wahrer Jüngling gegen seine 18 Landsleute und Collegen spätem Datums, die — nach dem Jahresbericht des chirurgischen Kollegiums von 1845 — damals zusammen die hübsche Summe von 1714 Jahren repräsentirten, was durchschnittlich 951/z pro ineäioo betrug. — In Wahrheit zählte der Senior dieses ärztlichen Patriarchen-Konsortiums: John Volger, eigentlich für sich allein 111 Jahre, der nachfolgende Alters-Präses, I. Corridge, 108, und der Dritte im Bunde der Aeltesten, William Pearry, netto 100 Jahre. — Auch der sogenannte „Krüuterdoctor" Morris Thurston zu Exeter starb 1844 in seinem 108. Jahre — als berühmter Naturheil-Arzt, der noch zwei Monate vor seinem Ende wacker drauf los kurirte. — Ein französischer renommirter Medicus: Dr. Grandison (gestorben 1846), hielt es bis zu 92 Jahren hier auf Erden aus, obgleich seine Hauptspecialitüt das menschliche Nerven- System war. — Selbst deutschen Aerzten passirt es zuweilen, ausnahmsweise hoch die steile Jakobsleiter des Alters zu erklimmen! — „Der alte Heim", eine der populärsten Persönlichkeiten von Alt-Berlin, der neben seiner honorirten Praxis noch jährlich 3—4000 Menschen gratis behandelte, gelangte trotzdem nahe an die Neunzig, 63 der Medicinalrath Hagen zu Königsberg i. Pr. aber feierte am hl. Weihnachtsabend 1849 seinen 100. Geburtstag, ohne an's Sterben zu denken. Werfen wir nun die wichtige Frage auf: wie und durch welche Mittel oder Geheimmittel man sich wohl am besten conservirt, so sind bis heutigen Tags darüber leider die Gelehrten nicht recht einig, ausgenommen, daß Gelehrsamkeit selbst das beste Medicament sein soll für die Kunst: alt zu werden. Ein Blick in's Conservations-, xaräon! — Conversations-Lexicon beweist allerdings die erfreuliche Thatsache, daß Denken und Dichten jung zu erhalten scheint; im Uebrigcn gilt Mäßigkeit als die erste Alterspflicht! Lrooooli, 2ooooIi 6 ^esta, arrläa!" („Hoheit, Kohl, Holzpantoffeln und etwas auf dem Kopfe!") gab ein lOOjähriger Mann aus dem Volke, ein Italiener- greis, dem Großherzog Leopold von Toscana zur Antwort, als dieser ihn nach dem Geheimniß seiner unver- welklichen Jugendfrische fragte. — Der französische Schriftsteller Fontenelle dagegen, der 1757 fast lOOjährig starb, soll durch seine alljährliche sommerliche Erdbeerkur verjüngt sich haben, während der Gras von St.-Germain, gest. 1759, es gar — nach seiner eigenen Behauptung wenigstens — bis auf 350 Jahre gebracht haben will, mit Hilfe seines sogen. „Lebensverläugerungs-Thees l" — Die einfachste Conserve für Jugendfrische dürfte aber wohl unstreitig jener spanische Kaufmann erfunden haben, der 1847 zu Madrid mit 103 Jahren und der kühnen Behauptung sein Leben beschloß: „er verdanke seine Elasticität und Munterkeit allein dem glücklichen Umstände, daß er seit 86 Jahren täglich 4 Stunden — die Zeitungen gelesen hätte!" — l?rol>aturu osb! — Auch die Schicksalsfrage: „wo denn eigentlich die meisten und seltensten Altersfrüchte condensirt werden?" ist schon häufig ventilirt worden. — Im Allgemeinen gelten die kältern, nördlicher gelegenen Gegenden Europa's, besonders Großbritannien, Skandinavien, Rußland, als die wohlwollendsten Gönner und Freunde hohen Menschen - Alters. — So soll in Rußland, authentischministerieller Statistik zufolge, z. B. der Jahrgang 1840 mit 479 Glücklichen von 105 Jahren und darüber gesegnet gewesen sein, — darunter zwei AlterS-Veteranen von 145 Jahren. — Auch in Schweden können Leute von 100—120 Jahren keinen Anspruch darauf erheben, besondere Raritäten vorzustellen, in Norwegen aber sollen 100jährige Männer vorkommen, deren Piedcstal noch so beneidenswerth gelenkig ist, daß sie sogar ein Tänzchen wagen dürfen. — Aehnliches erzählt man von der irischen Gräfin Desmond, die nach dem 100. Geburtstag noch am Tanze sich betheiligte und um ihrem heitern, unternehmungslustigen Temperamente ihr „verfrühtes" Ende zuzuschreiben hatte, indem sie anno 1609 mit 145 Jahren vom — Apfelbaume stürzte, dessen Früchte sie eigenhändig brechen wollte! Trotzdem produciren auch heiße, südliche Gegenden zuweilen seltene Altersblüthcn. — Brasilien z. B. zeitigt Hundertjährige und darüber, und im Lande der Chinesen, dem Eldorado des Alters, wo man den Jubilaren Ehrenpforten errichtet und eigene Gesetze zur Ehrung derselben besitzt, ergab eine Alterszählung, die der Beherrscher aller Zöpfe im himmlischen Reiche der Mitte 1784 or- donnirte, das schöne Resultat von 192 Menschen, die 5 Generationen er- und überlebt hatten. — Wer aber gern besonders alt werden oder besondere Methusalems bewundern will, der muß nach Berber in Perfien seine Schritte lenken, wo dauerhaft-ausdauernde Erdenpilger von 100 Jahren gar nichts zu bedeuten haben, Zwei- hundertjährige aber gar nicht einmal eine Kuriosität sei» sollen. — Auch der heitere Himmel Griechenlands war von jeher bekannt und renommirt dafür, so Manchem ein paar Dutzend Jährchen über den gewöhnlichen Etat noch zuzugeben, — ebenso fern im Süd das schöne Spanien, wo die heiße Sonne manchen Neunzig- oder Hundertjährigen mit den schattigen Kastanien um die Wette reift und von kühnen alten Jünglingen erzählt wird, die mit 80 Jahren noch gar grimme Bärenjäger sind, ohne daß man befürchten müßte: diese „Jagdgeschichte" binde einem einen Bären auf! — Natürlich will die „§ranäs vation" um keinen Preis zurückstehen, sondern behauptet, daß selbst gegenwärtig Frankreich noch durch über 200 Hundertjährige — 145 Frauen und 64 Männer — excellire, folglich sogar dem gesegneten Jahrgang 1886 „über" sei, allwo der amtliche AuSweis nur 191 geliefert habe. Allerdings dürfte ein großes Fragezeichen hier sehr am Platze sein, denn in Wahrheit schrumpften diese 191 von 1886 bei etwas näherer Betrachtung auf 80 dazumal zusammen, worunter über die Hälfte — die „bessere Hälfte" war. — Jedenfalls ein Unicum in oen Annalen der Geschichte, daß sich Frauen — „älter" machen. — Sehen wir uns schließlich mit berechtigter Wißbegier nach dem historischen „Alters-Präsidenten" christlicher Zeitrechnung um, dessen Personalien der Mit- und Nachwelt überliefert wurden, so ist wohl als der Nestor aller Nestoren der Amerikaner G. T. Rowley zu betrachten, der zu Anfang der fünfziger Jahre mit seinen 187 Lenzen noch fröhlich und vom Tod vergessen in diesem Jammerthals weilte, als Sieger über seine beide« früheren „Concurrenten", den Schotten Kentigern und den Ungarn Petracz Ezarten, die „nur" 185 Jahre alt wurden. Ein höheres Resultat wird auch der „Congreß der Greise", der voriges Jahr im Trocadero zu Paris tagte, trotz Prämien und Preisen kaum ergeben haben! --- Brm Schlangen lind wilden Thieren am Congo Md in Indien. . 0. Was die Europäer und besonders unsere Missionäre von den Reptilien und wildem Gethier in tropischen Ländern alles auszustehen haben, darüber wurde in diesem Blatte schon berichtet (namentlich in „Die afrikanischen Plagen"). Welche Gefahren überhaupt diese Bestien für den Menschen haben, dafür wollen wir im Nachstehenden zwei neue interessante Belege bringen. I. Eine angenehme Gesellschaft. Nach den doppelt heißen Tagcsmühen hatte ?. Garmyn, Missionär auf der Station „Berghe Samt Marie" (belg. Congogcbiet) sich zur Ruhe begeben. Er schlief allein in einer Kammer. Plötzlich stieß er den Angstruf aus: „Hier sind Schlangen!"-Eine angenehme Gesellschaft. Seine Brüder, in einem anderen Schlasgemach, hörten den Angstruf, und man entgegnete ihm: „Bah, das sind Enten, die eine Nachtpromenade machen." — „Was, Enten? Ich werde doch das Schnattern der Enten vom Zischen einer Schlange unterscheiden können!" — „Nun, dann ist es das Huhn." — „Ich sage Ihnen, das ist eine Schlange!" — „Gut, dann stehen Sie auf und zünden eine Kerze an — und sehen 'mal nach." — „Sie haben gut reden; wenn ich nun aus Versehen auf das Thier trete? Kommen Sie und leuchten Sie durch das Fenster herein." Das geschah, k. Garmyn entfernte alsdann sein Mosquito-Netz vom Gesicht und sah in allen Winkeln nach dem Eindringling sich um, aber er entdeckte nichts. Endlich wagte er es, die Thüre zu öffnen, und nun begann ein allgemeines Suchen. „Horcht, ich höre sie," rief Einer, und alle hörten nun das charakteristische Zischen der Schlange. Alles Suchen war jedoch vergebens. Die Jagd wurde aufgegeben und k. Garmyn nahm ein Nachtlager auf einem Halbsopha im Eßzimmer. Am folgenden Morgen begab sich Garmyn auf die Antilopenjagd. Da kam k. Ballus in eine an das Schlafgemach k. Garmyn'S anstoßende Kammer und sah, auf dem Stroh träge ausgestreckt, eine arms dicke, schwarze — giftige Schlange, die offenbar eine gute Mahlzeit verdaute. Eilig holte der Pater eine Flinte und erschoß den Unhold; dabei ging der Körper fast in zwei Theile, und k. Baltus sah mit Staunen gelbes Blut aus der Schußöffnung fließen. „Welch' eine seltsame Naturerscheinung!" Auf den Schuß hin war ein Negerknabe hcrbei- gesprungen, und dieser schleppte die todte Schlange in's Freie. Als er von dem „gelben" Blut der Schlange hörte, lachte er schalkhaft über die „seltsame Naturerscheinung" und erklärte: „Ei, Pater, das ist nicht Blut; der Schlingel hat Eier gefressen!" (und der Schuß hatte ein Ei zerquetscht) „sieh' nur!" Mit diesen Worten packte er die Schlange beim Schwanz, fuhr mit der Hand über den Leib hin und zerdrückte acht Eier, die noch unversehrt im Bauche des Thieres lagen. Nicht weit von der Schlange lag ein todtes Huhn, vom Schlangenbiß getödtet, während es über seinen Gern brütete. Ganz glücklich über den Fang, zog der Negcrjunge der Schlange die Haut ab, um das Fleisch, das die Neger sehr lieben, zu kochen. Diese Schlange gehörte zu den gefährlichen — schwarzen. — Die Schlangen sind in diesem Misssons- gebiete sehr häufig. So stieß man bei dem Bau des Schwesternhauses auf eine Boa, die vier Meter lang war. Sie wurde erlegt und ihre Haut für das Museum in Scheut aufbewahrt. Das war nun noch ein harmloser Vorfall; ganz anders, schrecklich ist der folgende Beleg. II. Die Opfer der Schlangen und wilden Thiere in Indien. Im britischen Vorderindien wurden, laut amtlichen Jahresberichtes, im Jahre 1892 — in einem Jahre also — nicht weniger als 19,025 Menschen und 81,000 Stück Vieh von Schlangen getödtet. Im Jahre 1891 waren ihnen 21,389 Menschen zum Opfer gefallen. Und von den wilden Thieren wurden im Jahre 1892 auch 2963 Menschen zerrissen. Die Regierung läßt eS ihrerseits nicht an Bemühungen fehlen, diese furchtbare Landesplage auszurotten. So wurden in demselben Jahre 85,000 Schlangen getödtet und als Prämien dafür 9700 Rupien bezahlt. ——— - A L L e r k e i. DieBrautwerber des Landvolkes inMasnren, die namentlich im Herbste nach der Ernte mit Aufträgen oft überhäuft sind, erfreuen sich größter Volksthümlichkeit. Ihre Geschäfte pflegen sie an den Sonntagen zu erledigen. Sie erscheinen im höchsten Staat, suchen sich im Garten einen Kohlkopf und steigen zu Pferde, um das Haus auszusuchen, in welchem ihr Werbetalcnt entfaltet werden soll. Unterwegs läßt der Freiwerber den Kohlkopf von seinem Pferde anfressen und betritt nun erst das Haus der ihm von dem Liebhaber bezeichneten Schönen, wo sein Erscheinen meist freudiges Erstaunen hervorruft. Bald nach der Begrüßung knüpft er ein Gespräch an, um in dessen Verlaufe auf den angefressenen Kohlkopf mit den Worten hinzuweisen: „Es ist eine Ziege in unserem Garten gewesen und hat diesen Kohlkopf angefressen, nun habe ich sie gespürt bis hierher und will sie jetzt sehen." — Sobald diese Worte gesprochen sind, lächeln Alle: wissen sie doch, um was es sich handelt. Die bewußte Dorfschöne verschwindet plötzlich, wirft sich in Gala und wird dann wieder herbeigeholt. Die Scherze über den beschädigten Kohlkopf werden jetzt wieder aufgewärmt. Nimmt sie dann den ihr überreichten Kohlkopf entgegen, so ist die Werbung als angenommen zu betrachten und die Hochzeit wird alsbald bestimmt. Während des Aktes der Trauung muß dann die Braut ihrem Ehcliebsten auf den Fuß treten und beim Knieen auf seinem Rock sich niederlassen, auch wohl beim Zusammenlegen der Hände ihre Hände nach oben bringen, dann hat sie während der Ehe das Regiment, welches sonst dem Bräutigam, wenn er ihren Versuchen zuvorzukommen weiß, unfehlbar anheimfällt. --L-LiWS-- Schachaufgabe. Von Konrad Bayer (Olmütz). Schwarz. 3M Weiß zieht an und setzt in 4 Zügen matt. Lösung der Schachaufgabe in Nr. 11 Weiß. 1. T. 82 87 ; L. T. -44-84 3. S. 82-64 4. S. 04-86 resp. 83 Matt oder 1. . . . . . r l l . 2. L. 87-85: 3. S. 85-67 ch 4. S. 82-84 Matt. Schwarz. L. 84-87 : L. oder S. 84 beliebig. L. 84-85 S. 03-85 : 5k. 86—87 ^L13. 1894 . „Augsburger Post;ritung". Dimstag, den 13. Februar Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesttzer vr. Max Huttler). Auf verwegener Mahn. Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Ein paar Tage nach den zuletzt geschilderten Vorgängen finden wir Siglinde und Herrn von Harnisch im Sprechzimmer des Advokaten. Die Einladung zu dieser Verhandlung und noch mehr der Gegenstand, welcher besprochen werden sollte, hatte Beide überrascht. Volkmar hatte nämlich einen Ehevertrag entworfen, welcher ihre beiderseitigen Rechte regeln sollte. Er fühle die Verpflichtung, hatte er der erstaunten Siglinde Tags zuvor eröffnet, ihre Zukunft und ihre Million für den Fall ihrer Verheirathung mit Herrn von Harnisch schon jetzt sicher zu stellen oder doch wenigstens eine vorläufige Einigung darüber zu erzielen. Herr von Harnisch besitze ihr bindendes Versprechen, ihn durch ihre Hand belohnen zu wollen, wenn er im Stande sei, zur Freisprechung ihres Vaters beizutragen. Es sei kaum noch zweifelhaft, daß die von ihm produzirten und scharfsinnig combinir- ten Verdachtsmomente gegen Jmhoff dem Prozesse eine Wendung geben würden, die ihn den beneidenswerthen Preis gewinnen lassen werde. So lange er diesen aber noch nicht gepflückt habe, werde er bescheiden sein. Man müsse dies benutzen. Namentlich handle es sich darum, für die Zukunft Jenny's zu sorgen, da doch die Möglichkeit immerhin nicht ausgeschlossen sei, daß das Kind eines Tages wieder zum Vorschein kommen werde. Harnisch habe sich bereit erklärt, das Kind zu adoptiren, und man müsse ihn, ehe diese warme Herzenswallung sich vielleicht wieder abkühle, rasch beim Worte nehmen und Siglin- dens Nichte unter den Schutz des Ehevertrags stellen. Namentlich diese letztere Rücksicht war es, durch die Siglinde sich bestimmen ließ, auf Volkmar's Verlangen einzugehen, gegen welches sie sich anfangs gesträubt hatte. Eine solche Verhandlung, wie die bevorstehende, widerstrebte ihrem Zartgefühl, und so lange das Schicksal ihres Vaters noch ungewiß war, hätte sie sich diesen peinlichen Akt gern erspart. Aber auch ihr Herz fühlte sich von dem Ansinnen Volkmar's verwundet. Nur mit heimlichem Grauen dachte sie daran, daß die Befreiung ihres Vaters sie an einen Mann kette, den sie nicht liebte und an dessen Seite sie nie glücklich werden konnte. Dem gegenüber that es ihr weh, daß Volkmar, der Gegenstand ihres schmerzlichen Verzichts, es so eilig hatte, dieser traurigen Fessel eine gesetzmäßige Form zu geben, und daß er ihr diese Nothwendigkeit in so kaltblütiger geschäftsmäßiger Weise vorstellte, als hätte sie ihm niemals mit einem Worte verrathen, was er ihrem Herzen war. Indessen — sie fügte sich seinem Rathe, auf den sie ein unerschütterliches Vertrauen setzte; vielleicht auch leiteten ihn noch tiefere Beweggründe, die er ihr verschwieg, denn es war ihrem weiblichen Scharfblicke nicht entgangen, daß in seinem Wesen plötzlich etwas Geheimnißvolles, Näthselhaftes lag. Auch Herrn von Harnisch war die Einladung des Advokaten überraschend gekommen, aber seine Ueberrasch- ung war eine angenehme, denn diese Vorsorge deutete auf einen seinen Hoffnungen günstigen Ausgang des Prozesses hin, über den sich Volkmar sonst nur mit großer Reserve äußerte. So hatte er sich denn in dem angenehmen Vorgefühle, welches der in der Ferne winkende Besitz der schönen Erbin von einer Million hervorruft, mit Siglinde zu der Verhandlung zusammengefunden, und die letztere verlief zu seiner vollen Zufriedenheit; sogar auf seinen Vorschlag, den künftigen Wohnort in Amerika zu wählen, war Siglinde, auf Volkmar's Zureden, eingegangen; sie glaubte dem Letzteren selbst einen Gefallen zu erweisen, wenn sie sich in eine so weite Ferne zurückzog und damit seinem Gesichtskreise auf Nimmerwiedersehen entrückt wurde, denn sonst würde er dem Wunsche Harnisch's eher Widerstand entgegengesetzt haben, anstatt ihn zu befürworten. Vielleicht ahnte Volkmar, was in Siglinde vorging, als sie sich mit einem Blicke, in welchem etwas wie eine leise, vorwurfsvolle Anklage lag, von ihm verabschiedete, ohne den Druck seiner Hand zu erwidern. Sicher ahnte dagegen aber Herr v. Harnisch' nicht, daß ! der Rechtsgelehrte, dem er beim Gehen so warm die ! Hand schüttelte, ihn schon seit mehreren Tagen durch zwei ebenso wachsame als schlaue Privatdetektivs beobachten ließ, die ihm, wenn er die Stadt verlassen hätte, bis an's Ende der Welt gefolgt wären. . . . Frauen haben ein aufmerksames Auge für die Außenseite der Dinge. Siglinde kannte jeden Winkel, jedes Stück Möbel in Volkmar's' Sprechzimmer. Umsomehr war ihr heute eine Veränderung aufgefallen. Das Zimmer besaß zwei Thüren: die eine bildete den Ausgang nach dem großen Bureau, in welchem die Schreiber saßen, die andere führte in entgegengesetzter Richtung nach Volkmar's Wohnräumen. Es war Siglindcn nicht 86 entgangen, daß diese letztere Thür heute entfernt und durch ! eine bis zum Fußboden Herabreichende geschlossene Portiere ersetzt war. Da der Advokat seine beiden Klienten wahrend der Verhandlung so plazirt hatte, daß Beide der verhangenen Thür den Rücken zuwenden mußten, so blieb es von diesen unbemerkt, daß die Portiere sich zuweilen bewegte, ja, daß in der Mitte, wo sie sich theilte, dann und wann ein Paar Augen zum Vorschein kamen und wieder verschwanden. Als Siglinde und Harnisch sich entfernt hatten, ging Volkmar auf die Portiere zu, schob sie zurück und blieb auf der Schwelle stehen. Das Zimmer war ein kleiner, mit ziemlicher Eleganz ausgestatteter Salon. Auf einem Fauteuil saß eine weibliche Gestalt, den Ellbogen auf ein danebenstehendes Marmortischchen und die Stirn in die Hand gestützt. Ihre Lippen waren zusammengepreßt, ihre Augen starrten mit wildem Ausdruck vor sich hin; ihr Antlitz brannte in dunkler Gluth, unter welcher in mühsam verhaltenem Zorne daS Blut kochte. Dieses regungslose düstere Bild stand in grellem Kontrast zu der heiteren Umgebung, denn ein grünender und blühender Hain kostbarer Blattpflanzen, die theils auf Blumentischen standen, theils terrassenförmig aufsteigende Gruppen bildeten, füllte fast den ganzen kleinen Raum aus. Obwohl die finster Brütende diesen Ort vorher noch nie betreten-hatte, so sah sie sich hier doch unter lauter alten Bekannten: alle diese lieblichen Kinder Flora's stammten aus Ritters Gewächshäusern, wo der Rechtsgclehrte sie bei seinen verschiedenen Besuchen selbst ausgewählt hatte, und der fremde Gast, der sich hier in so heimischer Umgebung wiederfand, war Niemand anders, als — Anna Ritter. Sie hatte sich in Folge einer schriftlichen Ladung des ihr nur dem Namen nach bekannten Advokaten, der ihr in einer Erbschaftsangelcgenheit eine wichtige Mittheilung zu machen habe, pünktlich um die festgesetzte Stunde eingefunden, und maßlos war ihr Erstaunen gewesen, als sie in dem berühmten Nechtsgelehrten jenen Gartenbesucher wieder erkannte, dessen zudringliche Neugier ihr einst eine so peinliche Stunde bereitet, und dem sie erst vor einigen Tagen durch die kühle Aufnahme seines Grußes zu erkennen gegeben hatte, wie wenig sie ihm das vergessen konnte. Der Einladung eines Advokaten folgt Niemand gern, die Verheißung einer Erbschaft aber ist ein unwiderstehliches Anziehungsmittel und dieser List hatte sich Volkmar bedient, um sicher zu sein, daß Anna nicht versäumen werde, sich um die bestimmte Zeit bei ihm einzufinden. Er hatte sich hierin auch nicht verrechnet und klärte sie sofort über die Täuschung auf, die er sich mit ihr erlaubt hatte. Es sei dies nur geschehen, um ihr über eine noch viel schlimmere Täuschung, deren sich ein Unwürdiger an ihren zartesten Gefühlen, an ihrem vertrauenden Herzen schuldig gemacht habe, die Augen zu öffnen. Sie habe sich durch die gefälligen Manieren, durck die blendende Außenseite und wohl auch durch die Liebesschwüre eines Mannes bestechen lassen, der ihrer nur als Mittel für seine selbstsüchtigen Zwecke bedurft habe und sie fallen lassen werde, sobald er sein Ziel erreicht habe. Dieses Ziel sei eine Heirath mit einer jungen Dame, welcher ein großes Vermögen in Aussicht stehe. Noch in dieser Stunde werde sich Anna von der Wahrheit dieser Behauptungen überzeugen, — was sie aber auch als unsichtbare Ohrenzeugin hören möge, wie schwer es ihr auch werden möge, den Allsbruch ihrer empörten Gefühle zurückzudrängen, so solle sie sich doch ja zu keinen Unvorsichtigkeiten hinreißen lassen, sondern sich ganz ruhig verhalten, denn noch sei es nicht an der Zeit, jenem falschen Mann die Maske vom Gesicht zu reißen. Anna war anfangs sehr verschnupft darüber, daß der Rechtsanwalt sie unter einem falschen Vorwand zu sich gelockt hatte; bei der Erwähnung ihres Liebesverhältnisses zeigte sie sich sehr beleidigt; die Hindeutung, daß sie betrogen und hintergangen sei, nahm sie mit einem überlegenen, ungläubigen Lächeln aus; die Eröffnung aber, daß sie noch in dieser Stunde von der Treulosigkeit ihres Liebhabers überführt werden sollte, wandelte ihren Trotz in Bestürzung um und in sehr herabgestimmtem Tone versprach sie dem Rechtsgelehrten, seiner Anweisung genau nachzukommen. Sie hielt Wort und verrieth sich durch keinen Laut, während sie hinter der Portiere den Verhandlungen lauschte. Wenn sie den Geliebten in den Armen einer Anderen überrascht hätte und beide Küsse und Liebesschwüre hätte austauschen sehen, so würde ihr dies keinen überzeugenderen Beweis seines treulosen Verraths beizubringen vermocht haben, als es diese trockene Verhandlung über den Ehevertrag that. Diese ganze Verhandlung, die Siglinden so viel Herzeleid verursacht hatte, war weiter nichts, als eine von Volkmar geschickt in Scene gesetzte Comödie, und Anna war das dazu geladene Publikum. Volkmar rechnete auf die Leidenschaftlichkeit dieses verrathenen Mädchens, er wollte ihre Eifersucht, er wollte die ganze Gluth rache- dürstenden Hasses, dessen ein betrogenes Weib fähig ist, in ihr entfachen, um ihr die Zunge zu lösen und über den Mann, von dem sie sich verrathen sah, Alles zu erfahren, was sie über ihn sagen konnte. Daß sein Experiment gelungen war, erkannte er bei dem ersten Blick, als er hinter die Portiere trat und Anna in ihrer Vernichtung und so ganz ihrer stummen brütenden Wuth hingegeben wiederfand, daß sie sein Eintreten gar nicht bemerkte und erst bei seiner Anrede wie aus einem furchtbaren Traume emporsuhr. „Sie werden jetzt die Ueberzeugung gewonnen haben," sagte der Anwalt, „daß ein herz- und gewissenloser Betrüger sein Spiel mit Ihnen getrieben hat." „Wenn Sie ihn als solchen kennen, wie vermögen Sie es dann zu verantworten, Fräulein Schönaich zu einem Ehevertrage mit ihm die Hand zu bieten?" erwiderte Anna trotzig. „Hml vielleicht bezahlt er Sie dafür, daß Sie ihn von mir befreien. Vielleicht haben Sie mich mit seinem Wissen und Willen hier lauschen lassen und sind von ihm beauftragt, mit mir ein Arrangement zu treffen und mich abzufinden. Woher wüßten Sie sonst um mein Verhältniß mit ihm?" Volkmar ließ sich durch diese Anklage nicht aus seiner Ruhe bringen. Er fand es natürlich, daß die Bitterkeit, von welcher Anna's Gemüth übervoll war, sich zugleich auch gegen ihn entlud, der ihr diese schmachvolle Stunde bereitet hatte. „Woher ich Ihr Verhältniß mit ihm kenne?" frug er. „O, der Generalanzeiger ist ein gar plauderhafter Geselle. Für das englische Wort „LrnAstt" das deutsche Wort Ritter zu finden, ist keine allzu große Kunst. Und die Pferdebahnen sind ein beliebter Vereinigungspunkt für Liebende." 4 s > 87 Anna blickte den Sprecher erstaunt an. „Wenn Sie so allwissend sind," entgegnete sie nach kurzem Schweigen, „was könnte ich Ihnen dann noch zu sagen haben ?" „O, gar Vieles. Sie könnten mir z. B. von Ihrer kürzlichen Reise nach London erzählen." Anna schrak zusammen. „Können Sie mir sagen," fuhr Volkmar fort, „wohin Sie die kleine Jenny gebracht haben, nachdem Sie das Kind seiner Pflegerin, Frau Webster, entführten." „Ha! er hat mich doppelt verrathen!" rief Anna, deren Antlitz todtenbleich geworden war. „Er hat mich zu einer strafbaren Handlung verleitet, durch die ich in seine Hand gegeben bin!" „Ich will es Ihrer begreiflichen Aufregung zu Gute halten," sagte der Rechtsgelehrte, „daß Sie mich in dem Verdachte haben, im Einverständnisse mit einem ausgemachten Schurken und zugleich in dessen Interesse zu handeln. Ich verzeihe Ihnen diesen unwürdigenVorwurf. Sie befinden sich indessen auf einer ganz falschen Fährte. Blicken Sie um sich. Erkennen Sie diese schönen Gewächse, womit ich meinen Salon geziert habe? Ich kaufte sie nach und nach im Garten Ihres Bruders, und fast bei jedem neuen Einkaufe, den ich dort machte, erfuhr ich von Ihrer Schwägerin etwas Neues über Sie, woraus ich meine Schlüsse bildete. Sie sind durchaus nicht in der Hand jenes Mannes, der Ihnen Liebe geheuchelt hat. — Sie sind in meiner Hand und diese Hand soll Ihnen eine schützende Freundeshand sein, wenn Sie sie vertrauensvoll ergreifen." Er streckte ihr seine Hand entgegen. Sie blickte ihn ängstlich forschend an. Es lag eine so schöne männliche Offenheit in seinem Antlitz und so mitleidsvolle Theilnahme in seinem Blick. Sie fühlte sich so verrathen und verlassen, so hilflos und bedrängt, daß ihr zu Muthe war, als könnte sie nicht länger leben, wenn es keine Menschenseele gab, der sie noch Vertrauen schenken konnte. Sie nahm die Hand, die sich ihr entgegenstreckte, und brach in krampfhaftes Weinen aus. „Ich will Sie ein wenig allein lassen und dann wieder kommen," sagte Volkmar im Tone zarter Schonung. „Nein, bitte, bleiben Sie da," schluchzte Anna; „Ihre Gegenwart beruhigt mich." Er blieb und ließ Anna ausweinen. „Was kann ich thun?" frug sie, nachdem sie ihre Thränen getrocknet hatte. „Was verlangen Sie von mir?" „Ich habe weiter keinen Wunsck," erwiderte Volkmar, „als daß Sie mir alle meine Fragen der strengen Wahrheit gemäß beantworten." „Ich will es," erklärte sie in betheuerndem Tone. „Fragen Siel" „Sie haben ein unverdorbenes Herz," begann der Giovanni palestrina. Anwalt von Neuem, „und da möchte ich denn zunächst wissen, wodurch Sie sich von jenem Manne bewegen lassen konnten, eine so bedenkliche Mission, wie die Entführung der kleinen Jenny, auf sich zu nehmen." „Alle Opfer, die ich diesem Manne brachte," antwortete Anna, „glaubte ich meinem künftigen Gatten zu bringen, denn er hat mir hoch und heilig die Ehe versprochen." „Er sei bereits verheirathet gewesen," fuhr Anna fort, „erzählte mir Herr von Harnisch, von seiner Frau aber, die ihm die Treue gebrochen, geschieden. Jenny sei Beider Kind, das an ihm mit der zärtlichsten Liebe hänge, durch die grausame Mutter ihm aber entrissen worden sei. Er wisse jedoch, wo sie dasselbe in London untergebracht habe und vor ihm verborgen halte. Wenn ich es übernehmen wollte, Jenny zu entführen, so würde ich ihre Seele retten, denn die Mutter würde das Mädchen zu einem lasterhaften Lebenswandel erziehen. So ließ ich mich also zu dem kühnen Unternehmen bewegen, denn ich glaubte ein gutes Werk zu thun. Der empfangenen Weisung folgend, brachte ich das Kind in Paris unter, was mir nicht schwer wurde, denn ich besitze dort von meinem früheren Pariser Aufenthalte her eine Bekannte, welche das Kind auf meine Bitte gern in Pflege nahm." „Und bei derselben befindet sich Jenny noch?" „Ja." „Haben Sie mit Ihrer Bekannten früher in Briefwechsel gestanden, so daß sie Ihre Handschrift kennt?" „Wir haben uns sehr häufig geschrieben," nickte Anna. „Würden Sie wohl ein paar Zeilen an Ihre Freundin niederschreiben, worin Sie dieselbe ersuchen, dem Ueberbringer des Briefes das Kind zu übergeben?" „Sehr gern," antwortete Anna, und zum Zeichen, daß sie auf der Stelle dazu bereit sei, begann sie ihre Handschuhe auszuziehen. Volkmar holte das nöthige Schreibmnterial herbei und Anna schrieb den Brief, den sie ihm dann nebst dem Couvert mit der genauen Adresse ihrer Freundin überreichte. Volkmar überlas beides und dankte. „Erfuhren Sie in London nicht von Frau Webster den Familiennamen Jenny's?" erkundigte er sich. „Nein; ich frug überhaupt nicht darnach, sondern nahm selbstverständlich an, daß sie Petersen heiße, wie ihr Vater, denn unter diesem Namen hat er sich bei mir eingeführt, während ich ihn heute „von Harnisch" nennen hörte." Volkmar hatte während des bisherigen Gespräches meist am Fenster gelehnt. Er ließ sich jetzt Anna gegenüber auf einem Fauteuil nieder und begann auf's Neue: „Die Vorgeschichte Ihrer Bekanntschaft mit ihm 4 - 88 - glaube ich bereits zu kennen, indem ich wohl annehmen darf, daß Ihre Frau Schwägerin sie damals ziemlich richtig erzählt hat: er kam, um ein Bouquet zu kaufen, und mährend Sie mit der Zusammenstellung desselben beschäftigt waren, wußte er sich Ihnen durch seine angenehmen Manieren liebenswürdig zu machen." Anna bejahte. „Auf welche Weise setzte er aber nun die mit Ihnen geknüpfte Bekanntschaft fort?" „Er erschien Tags darauf in der Abendandacht unserer Gemeinde, nahm neben mir Platz, da gerade ein solcher frei war, und bat um die Erlaubniß, mein Gesangbuch mitbenutzen zu dürfen, weil er keines hatte. Im Laufe des Abends gab er mir zu verstehen, daß er nur wegen mir gekommen sei und sich auch zur nächsten Andacht wieder ein- finden werde." „Begleitete er Sie nicht auf dem Nachhausewege?" „Nein, denn Frau Rollenstein ging mit mir; auch war der sonst nur wenig begangene Weg gerade sehr belebt, da eine in der Nähe ausgebrochene Feuersbrunst viele Menschen herbeigelockt hatte. Wie er versprochen, stellte er sich in der nüchstenAbend- Andacht wieder ein. Diesmal war neben mir kein Platz frei, doch konnten wir einander im Auge behalten, beim Hinausgehen hielt er sich in meiner Nähe; draußen war er mir plötzlich entschwunden. Der Abend war sehr dunkel; ih glaubte, er sei voraus und war ungeduldig, vorwärts zu kommen. Aber gerade heute ging Frau Rollenstein noch langsamer als sonst. Da holte uns Schön- aich ein, und während er mit Frau Nollenstein sprach, eilte ich voraus, in der Hoffnung, Petersen zu treffen. Ich fand ihn jedoch nicht und ging, von Zeit zu Zeit vergeblich auf Frau Rollcnstcin wartend, langsam nach Hause. In der Zwischenzeit geschah das Schreckliche. Frau Nollenstein wurde von Schönaich ermordet und ich werde mir Zeit meines Lebens zum Vorwurf machen, daß ich einer Liebeständelei wegen die alte Frau im Stiche ließ und sie in Folge Hand des Mörders überlieferte „Im Gegentheil! wünschen Sie sich Glück dazu- denn wenn Sie bei Frau Nollenstein geblieben wären, so wären Sie unfehlbar als erstes Opfer des Mörders gefallen," erklärte Volkmar, welcher dem eben vernommenen Berichte mit der schärfsten Aufmerksamkeit gefolgt war. Anna erwiderte nichts. Sie war bei Volkmar's Worten, die ihr die eigene Gefahr, an welche sie nie gedacht, so plötzlich vor Augen führten, zusammengebebt und bleich geworden. Uerstotzen. Nach dein.' Gemäli dessen gewissermaßen der Eine große, fast feierliche Pause trat ein, die Anna nicht zu unterbrechen wagte, denn sie sah den Rechtsgelehrten in tiefes Sinnen verloren, worüber er ihre Gegenwart gänzlich vergessen zu haben schien. Endlich frug er: „Wann und wo trafen Sie nachher mit Petersen wieder zusammen?" 89 „Etwa vier Tage später. Es war eine rein zufällige Begegnung. Ich befand mich auf dem Wege zur städtischen Sparkasse, wo ich Geld stehen hatte und Zinsen in Empfang nehmen wollte. Da trafen wir auf der Straße zusammen. Er begleitete mich zur Sparbank, wartete unten auf mich und lud mich dann zu einem !»! )emc Gemälde von Dieff.enbacher. Spaziergange ein. Auf diesem Wege erklärte er mir seine Liebe und wir besprachen uns über die Orte, wo wir uns treffen wollten, verabredeten für unvorhergesehene oder dringende Fälle auch die Chiffre einer Korrespondenz im Generalanzeiger." „Gab er Ihnen keine Adresse an," frug Volkmar, „unter welcher Sie ihm hätten auch schreiben können?" — „Nein," antwortete Anna mit einem bitteren Lächeln. „O, mein Gottl ich vertraute ihm blindlings! Er hatte mir ja feierlich versprochen, mich binnen Kurzem zu heirathen. Mein Vertrauen ging noch weiter. Er befand sich in Geldverlegenheit, da er sein in Amerika angelegtes Kapital augenblicklich nicht flüssig machen könne. Ich besaß ein kleines Vermögen; theils stammte es aus einer Erbschaft von meiner verstorbenen Großtante, theils waren es die zurückgelegten Ersparnisse aus meiner früherenConditionszeit im Auslande. Das habe ich ihm nach und nach fast gänzlich geopfert und auch die Reise nach London und Paris habe ich davon bestricken." „Aha!" machteVolkmar. „Die Sparbank also war das Motiv zur Fortsetzung dieses Verhältnisses gewesen." Zugleich aber mußte er staunen, welche Macht ein Mann, dem ein bestechendes Aeußere, gewandte, einnehmende Manieren und ein hoher Grad von Keckheit zur Seite stehen, über ein weibliches Herz zu gewinnen vermag, und wie dieses verstandesrcife Mädchen, welches bei Jenny's Entführung doch so große Klugheit bewiesen hatte, von der Liebe so vollständig mit Blindheit geschlagen werden konnte, daß sie einem Schurken, der ihr nicht einmal sagte, wo er wohnte, so unbegrenztes Vertrauen schenkte! „Sie werden an dem Bösewicht,derSieso schändlich hinter's Licht geführt hat, eine furcht- bareGenuglhuung erleben," sagte der Rechtsgelehrte, „das kann ich Ihnen mit großer Sicherheit prophezeien. Sie wissen gar nicht, von welcher schwerwiegenden Bedeutung die Mittheilungen sind, die Sie mir soeben gemacht haben. Lassen Sie mich indessen noch einmal auf Ihr erstes Bekanntwerden mit Petersen zurückkommen. Was sprach er mit Ihnen, als Sie ihm das Bouquet zurecht machten? Er lenkte das Gespräch auf Frau Rollenstein, die ja auch selbst im Garten erschien; nicht wahr?" ,Ja/ antwortete Anna unbefangen. (Fortsetzung folgt.) 9 « Der „Funkeusonntag" — auch Totensonntag. Von I. G. Fußenecker. --—- ^Nachdruck verboten.; „Das ist mir eine frembte Mär', Von wannen knmmt dieselbe' her?" (Alte Frankenchronik.) Zu den uralten, merkwürdigen festlichen Gebräuchen im Volksleben gehört auch der Funken- oderTodten- sonntag: „äis8 ckoeorura", er wird in manchen Ländern auch „Brandsonntag", „Brandfest" genannt („Oonaiinsa. brrrnckonuin"), in Frankreich „1s jour cls8 brLnäon8" u. s. w. Der Gebrauch dieses „Festes" besteht darin, daß am ersten Sonntag in der hl. Fastenzeit, an „Jnvocavit", oder am vierten Sonntag, „Lätare", vor den Dörfern, in Gebirgslündern auf den Bergen ein mächtiges Feuer angezündet wird, wozu man nicht selten eine ganze Klafter Holz verwendet, wie z. B. im oberen Algäu, in Vorarlberg, in der Schweiz u. s. w. Das An den Funkensonntag knüpft sich manch heiteres, aber auch sehr trauriges Geschichtchen und — nicht wenig Aberglauben. Letzteres ist jedoch heutzutage weniger der Fall. Man hat die religiöse Bedeutung dieser festlichen Volkssitte verloren und damit schwand auch der Aberglaube, wenn auch nicht gänzlich und überall. „Von wannen kommt nun die fremde Mär" und was ist ihr Begehr — ihre alte Bedeutung? Die Antwort ist nicht so leicht; die Schriften und Werke, die dergleichen Fragen beantworten, haben mein altes Wissen um kein Jota bereichert. So muß ich mich denn an meine alte Mappe halten, da finde ich Einschlägiges — einst slavischen Chroniken entnommen; daraus ergibt sich Folgendes. Die alten heidnischen Slaven begannen das Jahr um jene Zeit, in welcher bei der späteren christlichen Zeitrechnung der Sonntag Lätare eintrat, also Anfang März. Nun aber begannen diese Heiden ihr Neujahr nicht . 7^7 ^1-. X D a^s Grab Feuer wird Abends nach dem Gebetläuten angezündet. In früheren Zeiten wurde bei diesem Feuer gebetet für die „armen Seelen". Charakteristisch sind: die brennenden Funkenringe und die eßbaren Funkenringe dieses „Brandfcstes". Es handelt sich nämlich darum, nicht nur hohe Flammen zu gewinnen, sondern besonders ein möglichst starkes Funken sprühen. Das Letztere wird nun einestheils dadurch erzielt, daß man die brennenden Fackeln heftig schwingt, anderntheils dadurch, daß man einen brennenden Holzreif, den „Funkenring", im Kreis herum schleudert. An manchen Orten ist damit noch ein Mittel verbunden, nämlich das Funkenschlagen; man schlägt nämlich gewaltig in's Feuer, in den brennenden Holzstoß hinein und peitscht so die Funken heraus. Der eßbare Funkenring, das ist eine Art großer mürber Brezeln, welche am Funkenfeste die Mädchen ihrem Bräutigam oder „lieben Bekannten" spendiren müssen. In den Familien gibt es „Funken kücheln" oder „Funkenkrapfen", wie es in der Nheinpfalz heißt, wo der Funkensonntag auch noch heimisch ist. Ma riens. etwa nur „mit Saus und Schmaus und eitel Lustbarkeit", sondern mit einem Act frommer, tiefernster Pietät, nämlich mit einer Todtenfeier; sie weihten den ersten Tag des Jahres der Erinnerung an ihre Verstorbenen. An diesem Tage zog die Gemeinde in Prozession unter Voraustragung einer Statue, welche ihren „Gott des Todes", Llororva, benannt (der Name erinnert an das lntein. inor8 — Tod), darstellte, singend und betend und mit brennenden „blumengeschmückten" Fackeln (wie heute noch im nördlichen und östlichen Frankreich am „Brandsonntag") hinaus vor die Ortschaft, zur Stätte, wo die Leichen ihrer Verstorbenen verbrannt wurden — und ein großes Feuer aufloderte. Das Feuer war den alten Heidenvölkern ein mystischer und heiliger Gegenstand. Und schon bei dem ersten Menschengeschlecht gab es ein „Brandopfer" (Kain und Abel). Und Gott (ckM — Jehova) erschien dem Moses im brennenden Dornbusch. Auch diese Heiden trachteten, recht hohe Flammen und ein reiches Funkensprühen zu erzielen. Hier wurde ebenfalls gesungen, gebetet und dann geopfert. 91 Konnten die auflodernden Flammen nicht die Flamme der Liebe symbolisiren, welche die Lebenden ihren Todten entgegenbrachten; nicht das mächtige, goldene Erstrahlen des Feuers das glückselige Befinden der verstorbenen „Reinen" (Seligen) andeuten?! Und das Funkensprühen, das gleichsam gewaltsam hervorbricht, nicht den Trauerschmerz sym- bolisiren, der sich aus der Seele Tiefe emporringt, Stoßseufzern gleich, und Bittgebete mit Opfergaben darbringt?! Es wurden Früchte und Getränke geopfert. Dieses Todtenfest der Heiden hatte unzweifelhaft einen doppelten Charakter: es galt nämlich sowohl denjenigen Verstorbenen, welche als „Reine" — Selige — an einem Wonneort (Paradies, Himmel) sich befinden, als denjenigen, welche als Büßende noch an einem „Reinigungsorte" — Purgatorium, Fegfeuer — weilten. So war dieses Todtenfest gleichsam eine Vereinigung jener Feste, — wenn der Vergleich gestattet ist, die wir an „Allerheiligen" und „Allerseelen" feiern. Es ist mehr als nur merkwürdig, daß die uralten „Ein; Richter, der da Alles steht und aufschreibt, Der hält Gericht im tiefen Echoe) der Erde." „Der Sünder („Böse?") büßt, der Uebelthäter leidet, So lange als besteht ein Gott, der richtet." Unter dem Büßen des noch mit Sünden — mit „Bösem" Behafteten ist wohl der Reinigungsort zu verstehen und unter dem Leiden des Uebelthäters das „immerwährende" — ewige Leiden im Tartarus — gleich der Hölle. Bei unsern heidnischen Vorfahren, den Germanen, die aus dem alten Parsenlande oder aus Indien (Hindureich) stammten, hieß der Todtenrichter, Sprecher in Todtenheim — „Nonäon" — liiunä. Von ihm heißt es in der Edda — der „Bibel" der heidnischen Germanen: Er sei der Gin-König (Gin-Geister), Todtenfürst, welcher die „Erlösungszahl" des Ausgangs berechnet, und daß "Ifiunä einst kommen („wiederkommen!") werde — von dannen — wo er aufschreibt — im Weltalter- schluß („I gchänr röfi") u. s. w. Die alten Heidenvölker glaubten auch an ein „Glüh- 4 ^ Ms?-- Thal Josaphat. Völker schon an ein Jenseits — und an Belohnung und Bestrafung und Reinigung in einer andern Welt glaubten. So wissen wir z. B., um nur an Eines zu erinnern, aus den religiösen Schriften der Aegypter (als den ältesten — uns bekannten Schriften aller Völker), daß diese Heiden an ein Todtenreich mit einem Todtenrichter Rad am ent — glaubten. „Nadament sieht Alles und schreibt alle guten und bösen Thaten der Sterblichen auf", heißt es. Aus diesem Radament wurde bei den Hellenen — oder Griechen — der Todtenrichter Amenthes. Als die Griechen mit den Aegyptiern in enge Verbindung kamen, nahmen sie auch ihre religiösen Anschauungen auf. Sie gestalteten sie allerdings nach ihrer eigenthümlichen — individuellen Weise; dennoch aber erscheint im Griechischen Manches aus der ägyptischen Glaubenslehre fast wortwörtlich. So heißt es z. B. in Bezug auf den Todtenrichter bei dem griechischen, dramatischen Dichter Aischylos (Aeschylos): Wasser", an einen Feuer strom, der Phlegaton, Acheron und Marstrom benannt; durch diesen Feuerstrom, der auch einen Feuerwasserfall hat, müssen die Seelen der Verstorbenen, als durch ihr Purgatorium — Fegfeuer. Unwillkürlich wird man da erinnert an die Stelle im ersten Briefe des Apostels Paulus an die Corinther — Kp. III, 13: „Jedermanns Werk wird offenbar werden, denn der Tag des Herrn wird es zeigen, weil es im Feuer enthüllt wird; und Jedermanns Werk, wie es sei, wird das Feuer erproben." Das sind keine „Märchen" oder „Erdichtungen", wie die „Weisen der Aufklärung" und oberflächliche Mythologen spöttisch glauben machen wollen. Aus der Mythologie — der heidnischen Religionslehre, so märchenhaft und mißgestaltet sie auch immerhin sein mag, blitzen immer noch die, wenn auch gebrochenen, Strahlen — unverwüstliche Wahrheiten einer einstmal bestandenen, allgemeinen Urreligion hervor. Klar ausgeprägt und auf wirklich erstaunliche Weise an die christliche Lehre erinnernd ist der Glaube an Jenseits, an Himmel (Elyfium) Neinigungsort und Hölle (Tartarus) in den Schriften Platon' s. Davon — nur Weniges. „Das, was einem jeden Menschen schon auf Erden für das vollbrachte Gute oder Böse zutheil wurde, ist an Größe und Zahl nichts im Vergleich mit dem, was jeden von beiden nach dem Tode erwartet. (!)" Bezüglich des Neinigungsortes heißt es: „Die Strafe der Genugthuung im Neinigungsorte besteht hauptsächlich darin, daß der Einzelne für das Unrecht, das er jemals verübt hat, — und gegen wie Viele er es übte, der Reihe nach Buße thut — und zwar zehnmal (!) für jedes einzelne Unrecht." So — Platon*). Ich bemerke zur Zehnzahl, daß dieselbe nach den ältesten Neligionslehren schon zur Zeit Abrahams zu den mystischen Todtenzahlcn gehörte und Zehn die Lösung (Buße) der Schuld bedeutete. Aus dieser Zehnt stammt auch unser deutscher Zehent — Lösc- pflicht (die seit 1848 „abgelöst"). So befremdet es uns also nicht, wenn auch die heidnischen Slaven einen ähnlichen religiösen Glauben und demgemäß ihr Todtenfest hatten. Die Slaven werden allerdings, als sie Christen geworden, ihren alten Tag noch beibehalten haben, und so fiel ihr Todtenfest aus den Sonntag Lätare. Wir Christen haben es am Allerseelentag, und der Funkensonntag kann bei uns nimmer die Bedeutung eines Todtenfestes haben. — Eigenthümlich ist es, daß an einzelnen Orten nur — und namentlich bei den Calvinern in der Schweiz — das Funkenfest an Lätare stattfindet, während es an den meisten andern Orten am Sonntage Invocavit abgehalten wird. Als ein Gedächtnißtag für die Verstorbenen, bezw. für die armen Seelen, eignete sich nach unserer Meinung die kirchliche Lection — Psalm 91—15 — besser, wo der Psalmist den „Herrn" sagen läßt: „Er ruft zu mir und ich erhöre ihn, ich steh' ihm bei in der Trübsal rc." Zum Schluß will ich noch bemerken, daß über den Funkensonntag auch die Meinung existirt: mit dem Feuer und Funkenschlagen habe man den „Blitz des Donar" (des germanischen Heidengottes Thor) symbolisiren wollen, welcher „den Winter besiegt." Das kann allerdings bei einzelnen Stämmen, namentlich in nördlichen Ländern, der Fall gewesen sein. Indeß scheint mir diese Meinung nur von denjenigen vertreten zu sein, welche — ganz irriger Weise — in der ganzen Mythologie und den alten Religionen nichts Weiteres als nur eine „Naturvergötterung" gelten lassen wollen — und die Spreu von dem Weizen nicht zu scheiden vermögen. Bevor man zu einer Naturvergötterung gelangen konnte, mußte man doch einen Begriff von Gott, von einem übersinnlichen allmächtigen Wesen haben, dessen Macht und Kraft die Natur mit ihren verschiedenen Kräften erzeugt — geschaffen. Beharren wir also bei unserer Anschauung, so wie in religiöser Beziehung überhaupt, so im Besondern in Hinsicht auf den Funken- — oder Todtensonntag. *) Denjenigen, die Näheres hierüber erfahren möchten, empfehle ich das nur 15 Blätter umfassende, aber für die Sache vortreffliche und in seiner Art einzig dastehende Schriftchen: „Was sagt Platon vom Jenseits". Des Philosophen Lehre von den „Letzten Dingen." Aus Citaten Platonischer Schriften in deutscher Uebersetzung zusammengestellt von Dr. Joseph Murr. Innsbruck 1891, im Verlag der Veretns- buchhandlung. D. V. -- Zu unseren Bildern. palestrina. Am 2. Februar l. Js. waren es 300 Jahre, daß der große Meister der Kirchenmusik, Palestrina, zu Grabe getragen wurde. Des Künstlers wirklicher Name heißt Giovanni Pierluigi. In Palestrina, dem crten Präneste, vier Stunden von Rom, war seine Wiege gestanden. Um 1524 hat er dort das Licht der Welt erblickt. Früh zeigte sich die schöne Stimme und das musikalische Talent des Knaben, was seine armen Eltern bestimmte, ihn für die Musik ausbilden zu lassen. So kam der junge Giovanni in die Sängerschule, die einst Papst Julius II. gestiftet hatte, und unter die Leitung des Claudius Goudimel. 1551 wurde Palestrina selbst Lehrer an der Kapelle Giulia, erst Sangmeister der Knaben, dann Kapellmeister zu St. Peter im Vatikan, um einige Jahre später aus eine Berufung Julius III. diese Stelle mit der eines Sängers der päpstlichen Kapelle zu vertauschen. Papst Paul IV. entließ, streng aus die Beschlüsse Conzils von Trient haltend, die verheiratheten Sänger. Dies traf auch Palestrina, der sich, als er Kapellmeister geworden war, vermählt hatte. Eine ergreifende Komposition für die Passionswoche „Jmproperia" lenkte aller Blicke auf den Tonmeister, dem indessen die Stelle eines Kapellmeisters ani Lateran zugefallen war. Nach den Beschlüssen des Conzils von Trient sollte eine vollständige Reform der Kirchenmusik durchgeführt werden. Palestrina bekam den Auftrag, in einer Probemesse eine neue, zur Andacht stimmende Musik nach den Absichten des Conzils zu setzen und er that es. Er schuf den neuen weihevollen Kirchenstil in seiner Llissa xaxas Naroolli, der dritten der drei Probemessen, die er einr-ichte. Pius IV., Paul's IV. Nachfolger, verglich, als er am Fronleichnamsfeste 1565 zum ersten Male das Werk hörte, die Klänge desselben mit den Tönen, die Johannes in der Offenbarung im himmlischen Jerusalem vernommen. Palestrina wurde nun Kapellmeister an S. Maria Maggiore, 1565 Tonsetzer der päpstlichen Kapelle, 1571 wieder „Kapellmeister an St. Peter im Vatikan." Als solcher componirte er noch Psalmen, dann die berühmten 29 Motetten aus dem Hohen Liede. Palestrina ist der Schöpfer des katholischen Kirchenstils in d>r Musik. In seinen 13 Bänden Messen hat er die heilige Tonkunst, wie sie im Dienste des Cultus der katholischen Kirche steht, festgelegt. Nerstosien. Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu und wem sie just passieret, bricht' sie das Herz entzwei. Auch die Osterhofbauernnanni hat das nun an sich erfahren müssen. In mächtig aufloderndem Zorn jagt der alte, geldstolze Bauer sein einziges Kind von Haus und Hof, blos weil die Liebe desselben auf einen zwar treuen und braven, aber armen Burschen gefallen ist. Das begütigende Zureden der Mutter hilft nichts, der starre Eisenkopf des Bauers duldet keinen Widerspruch, und solange der Vater lebt, darf das Kind den Fuß nicht mehr auf den heimathlichen Boden setzen. Dilder aus Palästina. Grab Mariens. — Wenn man von Jerusalem aus den Garten Gethsemane und den Oelberg besucht und den steilen Pfad zur Thalsohle hinunter gestiegen ist, hat man den Weg nach der nahen Kirche mit dem Mariengrab, wohin der Legende zufolge die Apostel den Leichnam der Maria trugen und bestatteten, und wo die Gottesmutter bis zu ihrer Himmelfahrt ruhte. Von der Kirche ragt nur die Vorballe aus dem Boden. Eine große Marmortr.ppe führt innerhalb des Portals in die Tiefe. Am Fuße der 47 Treppenstufen ist die eigentliche Kirche. In dem längern Arm des Kirchenschiffs, das am Boden und an den Wänden meist noch den gewachsenen Fels zeigt, steht der Sarg Mariä, allein anstatt des Felsengrabs, welches früher hier zu sehen gewesen sein soll, ist das Grab nur ein hoher Sarkophag in einer kleinen viereckigen Kapelle, welche an diejenige in der Grabeskirche erinnert. ThalJosaPhat. — Das Thal Kidron oder Josaphat beginnt nördlich von Jerusalem, verläuft etwa eine starke halbe Wegstunde gegen Osten, biegt dann scharf gegen Süden ab und fließt am Fuße des Morta zwischen diesem und dem Oelberge hin. Die Abhänge des Thales sind heutzutage mit Schutt bedeckt, allein noch immer stell genug, um das Ersteigen zu erschweren. «U 14. Areitag, den 16. Februar Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Gralrherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Auf verwegener Wahn. Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) »Da er Sie am andern Abend in der Methodisten- Kapclle aufsuchte, so mußte er natürlich von Ihnen gehört haben, daß Sie dort zu treffen sind," forschte Volk- mar weiter. „Gewiß, nachdem er von mir vernommen hatte, daß Frau Höllenstein eine regelmäßige Bcsnchcrin der Andachten sei und daß ich sie begleite." „Kam es bei dem Hin- und Hcrplaudern über die Seltsamkeiten der alten Dame nicht zur Sprache, daß dieselbe sehr geizig sei, so geizig, daß sie, trotz ihres großen Reichthums, nicht einmal ein Dienstmädchen halte?" „Ja, das sagte ich ihm." „Lenkte sich das Gespräch nicht auch auf die von ihr allein bewohnten Räume —" „Ja." „Daß z. B. den Zugang zu der Wohnung ein abgeschlossenes, von dem übrigen Theile des Gebäudes, getrenntes Treppenhaus bilde?" „Auch davon war die Rede," bestätigte Anna, erstaunt, daß der Advokat die Einzelheiten jener Unterhaltung so genau errieth. „Wußte er Ihnen nicht auch zu entlocken," frug Volkmar weiter, „daß Frau Nollcnstein Abends beim Nachhausekommcu sich mittelst ihrer Handlaterne selbst die Treppe hinaufleuchtete und daß sie bei ihren Ausgängen ihre sämmtlichen Schlüssel mitzunehmen pflegte?" „Mein Gott, ja!" rief Anna stutzig. „Ich würde zum Schluß noch fragen, ob er sich auch über die Zuverlässigkeit des Gerüchts zu vergewissern suchte, daß Frau Nollenstein ihr Geld in der Wohnung versteckt halte, aber —" „Nein, das frug er mich nicht," warf Anna dazwischen. „Aber das war ihm bereits vorher bekannt," vollendete der Nechtsgelehrte wie im Selbstgespräch. Anna war aufgesprungen. Ein Schauder ging durch ihren erbebenden Körper. Sie schloß ein paar Sekunden lang die Augen, wie vor einer schrecklichen Vision. Volkmar blickte sie fest an und sagte, indem er den Zeigefinger emporhob, in bedeutungsvoll mahnendem Tone: „Was wir miteinander jetzt gesprochen haben, bleibt tiefes Geheimniß zwischen uns. Verstehen Sie?" Noch vermochte Anna nicht zu sprechen. Sie preßte die Hände auf die Brust und antwortete nur durch ein stummes, lebhaftes Kopfnicken. „Herr Doktor I" begann sie endlich, während es in ihren Augen aufleuchtete. „Sie sprachen vorhin von einer furchtbaren Genugthuung, die mir bevorstünde. Ich ahne jetzt, was Sie mit dem Worte furchtbar gemeint haben. Der Mörder Frau Nollcustcin's heißt nicht Schönaichl O, wie hat mein thörichtes Herz mich verblendet!" Der Advokat schwieg. Anna wollte sich verabschieden. „Noch einen Augenblick," bat Volkmar. Nach einigem Nachdenken fügte er hinzu: „Tranen Sie sich die allerdings fast übermenschliche Selbstverleugnung zu, Ihre Rolle als Petersen's Geliebte uöthigenfalls noch ein paar Tage lang weiter zu spielen? Fühlen Sie die Kraft in sich, ihm ein lächelndes Gesicht zu zeigcu, Ihre empörten Gefühle zu verleugnen, Ihren Abscheu zu unterdrücken?" Anna zögerte. „Noch wiegt er sich in voller Sicherheit," fuhr Volkmar fort. „Es ist Alles daran gelegen, ihn für eine kurze Frist in diesem glücklichen Wahne zu erhalten, um ihm dann um so überraschender die Schlinge über den Kopf zu werfen. Brechen Sie aber das Verhältniß mit ihm jetzt kurzer Hand ab, so wäre das eine sehr deutliche Warnung für ihn, auf seiner Hut zu sein." Anna schwankte nun keinen Augenblick mehr. „Ja, ich will mich überwinden," rief sie mit wildern Haß in ihren flammenden Augen und mit dem Hcldcnnmthe des tödtlich gekränkten Weibes, dem zur Kühlung seiner glühenden Rache kein Opfer zu groß ist, „ich fühle mich stark genug, ihn zu täuschen; ich will ihn um keinen freundlichen Blick, um kein zärtliches Wort verkürzen, und wenn es sein müßte, will ich ihm sogar die blutbefleckte Mörderhand küssen. Ja, das will ich!" Mit diesem heroischen Versprechen schied Anna von dem Nechtsgelehrten..... Von welcher Seite Volkmar die überraschenden Aufklärungen, welche ihm im Anschlüsse an die Ergebnisse der letzten Tage diese Stunde gebracht hatte, auch betrachten mochte, so schienen dieselben doch in unlösbarem Widerspruch zu der Thatsache zu stehen, daß Harnisch in jener Nacht, wo Frau Rollenstein ermordet worden war, nach- gcwicsenermaßen in einem Hotel in Köln übernachtet hatte. Hier war offenbar eine Täuschung im Spiele, so schwer sich dieselbe auch enträthseln ließ. Harnisch war, wie Volkmar gleich zu Anfang geargwöhnt hatte, Frau Rollen- 94 stein's Mörder. Er hatte die alte Frau beseitigt, um sich an der Hand ihrer Erbin den Weg zu ihrer Million zu bahnen. Als er durch Siglindens Weigerung, eine Erbschaft anzutreten, auf welcher die Blutschuld ihres Vaters ruhen sollte, seinen Plan gefährdet sah, ersann er sich jenes Märchen, welches die ganze Schwere des Verdachtes auf Jmhoff wälzte. Unzweifelhaft aber hatte er diese letztere Nothwendigkeit schon früher in's Auge gefaßt und Jmhoff im Kastanienwäldcheu ermordet, denn die Todten können nicht reden. Daß Jmhoff der Fremde gewesen sei, den Martha in Abwesenheit ihrer Herrschaft empfing, bezweifelte Volkmar nicht; wahrscheinlich hatte er Schönaich die Kunde vom Tode Erika's überbringen wollen. Er hatte sich seitdem nicht wieder gezeigt, denn noch an demselben Abend fiel er als Opfer von Harnisch's Würgerhand. Um jede Nachforschung nach den Personalien der Leiche unmöglich zu machen, entkleidete der Mörder dieselbe. In seinem teuflisch berechneten Plane hatte er aber das Kind Jmhoff's und Erika's vergessen. Als Siglinde ihm die beiden Briefe Frau Webster's zeigte und ihm erklärte, daß sie Jenny zu sich nehmen werde, war sein Entschluß schnell gefaßt. Unmöglich hätte selbst dieser hartgesottene Verbrecher ein Kind um sich dulden können, dessen Anblick ihn täglich an den hingcmordeten Vater desselben mahnen mußte. Er ließ Jenny entführen und zeigte sich, während dies geschah, absichtlich öfter im Bureau des Advokaten, um seine Anwesenheit in der Stadt zu kon- statircn. Das waren die Hauptzüge, in welchen sich dem Nechts- gelehrten diese Verkettung von Mord und Trug darstellte. Aber seinem im Labyrinthe des Verbrechens geschulten Auge wollte sich blitzartig ein noch tieferer Blick eröffnen, vorläufig nur im grauen Dämmerschcine einer fast verwegenen Ahnung. Um dieser tief verborgenen Spur nachzugehen, begab er sich noch am Abend desselben Tages, wo er Anna's Geständnisse vernommen hatte, auf eine gehcimnißvolle Reise, ohne zu hinterlassen, wohtn ihn dieselbe führe. * H * Acht Tage später erhielt Siglinde von Doktor Volkmar ein Billet, worin er sie bat, ihm um eine bestimmte Stunde ihren Besuch zu schenken, mit dem Hinzufügen, daß er ihr eine wichtige Mittheilung zu machen habe. Siglinde wußte, daß er verreist war, und hatte mit fieberhafter Ungeduld seine Rückkehr erwartet, denn in der Zwischenzeit war etwas geschehen, dessen weittragende Bedeutung von der Nachricht, welche der Anwalt des Vaters für sie bereit halten mochte, kaum überboten werden konnte. Wahrscheinlich hatte er auch bereits Kenntniß davon und wollte nun mit ihr darüber sprechen, daher sie sich auch durchaus auf keine Neuigkeit gefaßt machte. Als sie in's Zimmer trat, saßen bereits zwei Männer da, allem Anschein nach ebenfalls Klienten, welche darauf warteten, zur Konsultation vorgelassen zu werden. Sie wollte daher bescheiden zurücktreten, wurde aber von einem der Schreiber sogleich in's Sprechzimmer geführt, wo Volkmar sie auf's Herzlichste empfing. „Darf ich annehmen, daß Ihnen das Neueste bereits bekannt ist?" frug Siglinde sogleich nach der ersten Begrüßung. „Wissen Sie schon, daß ich von Jmhoff einen Brief erhalten habe, worin er sich des Mordes an meiner Tante für schuldig bekennt? Da er seine Absicht nicht erreicht habe, fügte er diesem Bekenntniß hinzu, so wolle er nicht, daß ein Unschuldiger an seiner Stelle zur Verantwortung gezogen werde. Man möge sich nicht erst Mühe geben, nach ihm zu forschen, denn wenn diese Zeilen in meine Hände kämen, habe er bereits die Stadt verlassen, um irgendwo sein aussichtsloses, elendes Lebm in einem Strome zu begraben. Das ist der Inhalt des Briefes, den ich aber nicht mitbringen konnte, weil ich ihn sofort dem Staatsanwalte übergeben habe." Mit unbeweglicher Miene hatte Doktor Volkmar zugehört. „Ich habe den Brief vor zwei Stunden bereits gelesen," erwiderte er ruhig. „Hat der Staatsanwalt Sie rufen lassen?" „Nein, ich ging zu ihm, um einen Verhastsbefehl gegen Jmhoff zu erwirken, was ich auch erreicht habe." „Einen Verhastsbefehl gegen einen Todten?" frug Siglinde befremdet. „Ich werde ihn auferstehen lassen," versetzte der Nechtsgelehrte, „und Sie selbst werden ihn noch heute, noch in dieser Stunde von Angesicht zu Angesicht sehen." Mit heftiger Bewegung preßte die erstaunte Siglinde die Hände aneinander und schüttelte in stummer Überraschung den Kopf. „Ich habe Ihnen von meiner Reise ein Geschenk mitgebracht," lenkte Volkmar von dem Gesprächsgegenstande ab, während ein glückliches Lächeln um seine Lippen schwebte, „es ist eine Gabe, an die sich Freude und Schmerz zugleich knüpfen. Bitte, treten Sie ein, Fräulein Siglinde." Mit diesen Worten schob er die Portiere zurück, welche, noch nicht wieder durch die Thüre ersetzt, in den kleinen Salon führte. Hier wartete Volkmar's Haushälterin, mit einem Kinde an der Hand, welches in der Umgebung dieses grünenden und blühenden Zimmergartens selbst wie eine duftende Blume erschien. Es war ein dreijähriges Mädchen in einem hellblauen Kleidchen mit ebensolchen Schleifen auf den Achseln und einer blauseidencn Schärpe um die Hüften. Um den weißen Hals schwang sich eine doppelte Korallen- kette, von der ein goldenes Kreuz herabhing. Lange dunkle Locken umrahmten das liebliche Gesichtchen, aus welchem ein Paar sanfter, brauner Augen hervorschimmerten. Wer konnte dieses Kind sein, wenn Volkmar von einem Geschenk gesprochen hatte und die schönen, braunen Augen wie die dunkle Lockenfülle Siglindcn auf den ersten Blick das Bild ihrer Schwester Erika in die Erinnerung zurückriefen? Was Siglindcn die ahnungsvolle Stimme ihres Innern auf die Frage antwortete, wurde durch Volkmar nur bestätigt, indem er ihr das kleine Mädchen mit den Worten zuführte: „Sieh, Jenny, das hier ist Deine Tante Siglinde, Du wirst sie lieb haben, denn sie hat Dich auch sehr lieb." Eine Weile war Siglinde starr und sprachlos geblieben; nun aber wich die Ueberraschnng mächtigeren Gefühlen, sie stürzte auf das Kind zu, riß es in ihre Arme, drückte es an ihr Herz und ließ dem unaufhaltsamen Strome ihrer Thränen freien Lauf. Dieses lebendige Andenken an ihre Schwester rief auf's Neue den ganzen Schmerz um die Todte in ihr wach und war ihr zugleich ein beseligender Trost, ein süßes Vermächtniß, in welchem die Unglückliche, die auf dem Meeresgrunde ruhte, weiter lebte. Ergriffen blickte der Nechtsgelehrte auf die stumme Szene, die von keiner Frage Siglindens, wie er den 95 Aufenthalt des geraubten Kindes entdeckt habe, unterbrochen wurde. Da hörte man durch die leichte Portiere hindurch im anstoßenden Sprechzimmer die Thüre aufgehen und die Schritte eines Eingetretenen, welcher, das Zimmer leer findend, unschlüssig stehen blieb. Volkmar warf noch einen Blick voll schmerzlichen Mitleids auf Jenny, fuhr sich mit der Hand nach den Augen und hielt dieselben ein paar Sekunden lang bedeckt. Dann begab er sich in sein Sprechzimmer. Siglinde hörte ihn mit seinem Besucher reden und erkannte an der Stimme Herrn von Harnisch. Aus den begrüßenden Worten entnahm sie, daß dieser auf Volk- mar's Einladung erschienen war. AIs Jenny Harnisch's Stimme vernommen, hatte sie plötzlich hoch aufgehorcht und ihr Antlitz ängstlich in Siglindens Schooß verborgen. „Ich beglückwünsche Sie", sagte Volkmar, „unsere Sache kommt jetzt in Fluß. Ihre Vermuthungen scheinen sich glänzend bestätigen zu wollen; der Staatsanwaltschaft liegt ein Brief Jmhoff's vor, worin der lebensmüde Mörder seine Schuld bekennt. Damit sind jedoch die Neuigkeiten, die ich für Sie habe, noch nicht erschöpft, denn auch eine Ueberraschung anderer Art steht Ihnen bevor." Während seiner letzten Worte hatte sich der Advokat der Portiere genähert und winkte Siglindcn, mit der kleinen Jenny hereinzukommen. Das Kind wollte jedoch nicht von der Stelle. Es begann laut zu weinen. „Was ist das?" frug Harnisch stutzig. „Sind Ihre Nerven gegen das Weinen eines Kindes so empfindlich?" lächelte der Advokat. „Wahrhaftig, Sie sind ganz blaß geworden!" Siglinde hatte ihre widerstrebende Nichte durch Liebkosungen beschwichtigt und trat jetzt, mit der Kleinen auf dem Arme, hinter der Portiere hervor. Kaum hatte Jenny Herrn von Harnisch erblickt, als der Nuf: „Papa!" ihren Lippen entglitt. In dem Tone ihrer Stimme, in dem Blicke, womit sie den Genannten ansah, lag eine Scheu, wie Kinder sie vor strengen Vatern fühlen, bei welchen die Zucht- ruthe die Stelle der Liebe vertritt. Nasch hatte das Kind sein Gesicht wieder abgewandt und sich ängstlich an Siglinde geschmiegt. Diese fühlte das Zittern des kleinen Körpers, den beschleunigten Schlag des angsterfüllten Herzchens. Sie wußte nicht, was sie denken sollte, als sie von den Lippen der Kleinen jenen vertrauten, in unmittelbarer Beziehung zu Harnisch gebrauchten Namen vernommen hatte und den also Angeredeten vor dem Anblicke des Kindes zurücktaumeln sah, als hätte ihn eine Dolchspitze berührt. Nur Volkmar war ruhig geblieben. „Bringen Sie Jenny fort," befahl er der Haushälterin, die noch im anstoßenden Zimmer verweilte. Sie nahm das Kind von Siglindens Armen und entfernte sich damit. (Fortsetzung folgt.) GoldkSvner. Verschiebe nichts, mein säumig Herz, Aus eine bcss're Zeit! Auf Zeitverlust folgt Neu' und Schmerz, Auf Trägheit Traurigkeit. Geibel. ---8LSSSLS—-- Die Vorläufer des Telegraphen. Von Don Josaphet. lNachdruil vkrbotcn.z Glaubwürdige Geschichtschreiber versichern, daß die Fernschreibekuust oder Tclegraphie bereits im Alterthum bekannt war, und alle Umstände berechtigen uns, dieser Ansicht beizustimmen. Wenn wir die häufigen Kriege und Fehden, in welche die Alten verwickelt waren, sowie die Unsicherheit und Langsamkeit der Mittheilungen durch Boten und Läufer bedenken, so werden uns die Bestrebungen, jede wichtige Nachricht sicherer und in kürzerer Zeit zu befördern, sehr leicht erklärlich. Natürlich konnte bei der einfachen Technik der Alten die Tclegraphie sich anfangs nur auf leicht in der Ferne wahrnehmbare Zeichen beschränken, über deren Bedeutung vorher eine Ucbereinknnft getroffen war. Dies war die sogenannte Signalknnst, aus welcher sich all- mälig im Lause der Zeiten die eigentliche Tclegraphie erst entwickelte. Phönizier, Syrier, Hebräer und Griechen kannten ohne Zweifel diese Art der Fernschreibcknnst und bereits Aeschylos, der griechische Tragiker (525—450 v. Chr.) erwähnt in seinem Agamemnon der optischen Tclegraphie durch Signale. Klytümnestra erfuhr durch Signalfcuer den Fall Troja's (1184 v. Chr.) in Kleinasien, während sie in Mykenä (Griechenland) weilte, und die betreffenden Verse lauten: Cbor. Und welcher Bote flog so flügelschncll? Klytämnestra. Vulkan, der bis von Jda'S Gipfel her Glanzstrahlend Fackel stets an Fackel zünd't — Ein wandernd Feuer. Vom Jda leuchtet eS Bis an des Hermes Hügel an dem See. Den dritten Strahl nahm Athos' Gipfel auf Und sprüht ihn über'n Rücken Hellcspont's Schön flammend wie der Sonne Morgcnglanz Bis zu MckistnS' Wache. Da sie's sah, Verschlummerte sie nicht die Botenpflicht. Fern über des Euripus Wirbel hin Trug dann die Flamme Botschaft zu der Hut MczanienS; die zündete ein Feu'r Argiv'scher Reiser an; — die hohe Flamme Wallt über des AcsopuS Eb'ncn hin Hell wie der Mondstrahl — und entlockte CythercnS Hügel eine Wechselsiamme. Weit über den Gorgop'schen Spiezclsee Glänzt sie und mahnt die Hüter Acgipkankt'ö Der Botenpflicht: mit ungcschwachtee Kraft Entzündet sie ein hcllcö Feuer, und Alsbald erglänzt der große Flammcnbart Und strahlet über des Saronischcn Vorbergcs Spitze, weit hinüber bis Sie allerletzt die Hügel dieser Stadt Erreicht; — und so trug Jda'S Tochterflamine Die Kunde unter der Atriscn Dach. So hatt' es eure Königin geordnet, so Erfüllten meine Wächter ihre Pflicht. Dies möge nur als Beispiel dienen, wie die Alten sich auch ohne den heutigen Telegraphen ganz gut behülfen haben und wie Athen und Sparta ihren Bundesgenossen, Jerusalem seinen Brudern auf den Höhen des galilüischeil Gebirges, der König von Damaskus dem Herrscher Jsrael's in Thirza oder Samaria Mittheilungen wachen konnten. Später meldet der Geschichtschreiber Scxtus Julius Africanus, Christ aus Emmans in Palästina (232 n. Chr.), von einer Vorrichtung, welche es ermöglichte, bestimmte Befehle auf große Distanzen zu signalisireu. Auf jeder der beiden Stationen befindet sich ein mit Wasser ge- 96 fülltes Gefäß von gleicher Höhe und gleichem Durchmesser. Auf der Oberfläche schwimmt eine hölzerne Scheibe, in die ein vertikaler Stab befestigt ist, an welchem eine bestimmte Anzahl von Nummern, z. B. 25, verzeichnet sind; das Niveau ist so gestellt, daß sämmtliche Nummern über den Rand des Gefäßes hinausragen. Sobald man nun durch Signalfeuer oder durch eine Gruppe von Fackeln das Zeichen gibt, wird in beiden Gefäßen zu gleicher Zeit das Wasser abgelassen und zwar von der signalisirenden Station so weit, bis die gewünschte Nummer auf dem Stäbe in der schwimmenden Scheibe, welche je nach der Menge des abfließenden Wassers sinkt, mit dem Rande des Gefäßes gleichsteht, was dann selbstverständlich auch auf der andern Station der Fall sein muß. Auf ein gegebenes Zeichen nun werden die Gefäße wieder geschlossen, die bezeichnete Nummer, die einen bestimmten Befehl ausdrückte, wird abgelesen und danach gehandelt. Endlich spricht auch der Grieche Polybios (ch 122 v. Chr.) von einer Art Fackelschrift, um in weiten Entfernungen zu korrespondiern. Er theilt das Alphabet in drei Theile, jeden zu acht Buchstaben, welche er durch ebenso viele Fackeln bezeichnet und ausdrückt. Jede Station hat auch drei Abtheilungen, rechts, links und die dritte in der Btitte. Eine bis acht Fackeln rechts bedeuten die ersten acht Buchstaben, eine gleiche Zahl Fackeln in der Mitte die folgenden, acht Fackeln links die letzten acht Buchstaben des Alphabets. Auf der beobachtenden Station sind auf diese drei Punkte horizontale Röhren gerichtet, während die signalisirende Station an anderer Stelle durch eine bestimmte Zahl von Fackeln andeutet, ob der Buchstabe rechts, links oder in der Mitte zu suchen sei. Sinnreich war dieser Vorschlag allerdings — aber äußerst umständlich. Das mochte der brave Theoretiker Polybios selbst einsehen, denn er brachte später eine Verbesserung in Vorschlag, die aber um nichts praktischer war. Uebrigeus ist er der letzte Schriftsteller der älteren Periode, welcher diesen Gegenstand berührt. Von da bis zum Jahre 1553 findet sich eine bedeutende Lücke in der Geschichte der Telcgraphie. Wohl blieb dem Mittelalter bei den zahlreichen Kriegen und Streitigkeiten zwischen Fürsten, Adel und Bürgern, bei den alle Aufmerksamkeit auf sich lenkenden Krcuzzügen u. s. f. nicht Muße genug, diesen Zweig der Wissenschaft und Praxis weiter zu vervollkommnen und zu pflegen, und erst der italienische Arzt Hi-ronymus Car- danns (ch 1576 zu Rom) aus Pavia, welcher auch zuerst die Masern und den Flecktyphus untersucht hat, erwähnt in seinem Werke Os sudiilitate (1553) eine Methode, um mit einer belagerten Festung zu korrespondiren — denn die Päpste damaliger Zeit fochten manchen Strauß — welche übrigens der Fackelschrift des Polybios sehr ähnlich ist. Im Jahre 1617 schlug Keßler vor, in einer Tonne Feuer anzuzünden, dieses bald mit einem Brette zu verdecken, bald wieder sichtbar werden zu lassen, und so durch die Anzahl der Verdcckungcn eine Art von Schriftsprache zu bilden. 1663 verspricht ein Marquis von Worcester in England eine Korrespondenz zwischen zwei Orten einzuleiten, wenn die Entfernung noch gestattet, schwarz und weiß von einander zu unterscheiden. 16 84 besprach Robert Hook in der Londoner Societät eine Methode, um mittelst geometrischer, aus aneinander gelegten Linealen gebildeter Figuren auf beträchtliche Distanzen zu telegraphiren. Erst 100 Jahre später (1785) erschien das erste ausführliche Werk über Telegraphier Bergsträsser's „Fünf Sendungen über Synthematographie". Er selbst telegraphirte zuerst von Hanau nach Philippsburg in Baden. Im Jahre 1792 überraschte Claude Chappe mit einer neuen Erfindung Frankreich und die damalige gebildete Welt — sein System war folgendes: Auf einem weithin sichtbaren Orte, einem Thurm, Hügel oder dem Dache eines Hauses, wurde eine starke, hohe Stange lothrecht befestigt, die einen ungefähr meterlangen Querbalken trug, so daß das Ganze einem 1 sehr ähnlich sah, da an den beiden Enden des beweglichen Querbalkens zwei ebenfalls bewegliche kurze Arme angebracht waren. Die vielfachen Winkel, die durch die Stellung des Querbalkens zum Stamm und durch diejenige der kurzen Arme zum Querbalken sich bildeten, ließen unzählige Combinationen zu. Die Balken wurden durch Ziehen von Stricken in Bewegung gesetzt, und wenn man schnell nach einander signalisirte, so bot der Chappe'sche Telegraph während der Manipulation ein interessantes, stets wechselndes Schauspiel. Die erste derartige Tele- graphenliuie reichte von Paris bis Lille und die Kosten der Herstellung beliefen sich auf 100,000 Livres; die erste Nachricht aber, die der neue Telegraph meldete, war die der Eroberung von Condä a. d. Scheide im Oktober 1792. Das war Claude Chappe's Triumph. Doch trotz seiner genialen Erfindung endete er seine Tage in Dürftigkeit — sein optischer Telegraph hatte sich bald überlebt und die Fernschreibekunst trat in eine neue Phase. Elektrizität war das Zauberwort, das mit einem Schlage alle bisherigen Telegraphen-Systeme verdrängte und sie zu Versuchen stempelte, für welche der Sohn des 19. Jahrhunderts nur ein Lächeln der Ueberlegenheit hat. Franklin dachte sich schon die Elektrizität als Beförderin von Nachrichten, doch der Ruhm, seine Ideen praktisch zu verwerthen, war unserm erfindungsreichen Jahrhundert vorbehalten. Sömmering mit seinem elektrischen Telegraphen (1809), Gauß und Weber in Eöt- tingen mit dem elektromagnetischen Telegraphen (1833), Wheatstone, Hughes, Dumoulin, d'Arlincourt, Lenoir, Sortais, Morse, Caselli schließen die lange Reihe jener genialen Geister, welche die Welten miteinander verbanden und so großartig vollendeten, was die Alten so bescheiden begonnen. Neues aus Sibirien?) Die „sibirischen Briefe", welche dem Folgenden zu Grund liegen, sind, ehe sie zu einem Buch vereinigt wurden, zuerst in der deutschen „St. Petersburger Ztg." erschienen. Sie stammen aus der Feder eines Deutsch- russen, welcher, ein hervorragender Geologe, sich eine Reihe von Jahren in amtlicher Eigenschaft in Jrkntsk, nahe dem Baikalsee, aufgehalten und von dort aus weite Strecken des ungeheuren Landes durchforscht hat. Eine geologische Reise nach China unterbrach seine Wirksamkeit in Sibirien. Jetzt ist er wieder dorthin zurückgekehrt. *) Sibirische Briefe. Von O. O. Eingeführt von P. v. Kügelgen. Leipzig, bei Dmickcr und Hnmblot 1894. — 97 Die Anonymität, in welche er sich hüllt, erscheint insofern eigenthümlich, als sie den russischen Behörden gegenüber sich doch wirkungslos zeigen dürfte. Schon aus dem Inhalte der Briefe muß man in Petersburg den Verfasser derselben feststellen können. Es müssen also irgend welche Gründe besonderer Art sein, welche ihn hindern, jetzt schon mit seinem Namen hervorzutreten. Aber die Briefe bedürfen auch nicht der Deckung durch irgend einen bestimmten Namen; aus ihrem Inhalte schon ersehen wir, daß der Verfasser ein, nicht nur fachmännisch, gründlich gebildeter Mann, ein ebenso aufrichtiger als freimüthiger russischer Patriot und ein gemüthvoller, wohlmeinender Mensch ist. Für einen größeren Leserkreis wird das Buch dadurch, daß die Briefform der einzelnen Berichte unverändert beibehalten worden ist, allerdings mit einem manchmal etwas beschwerlichen Ballast beladen. Aeußerungen über Frau und Kinder, trauliche Plaudereien mit den in der Heimath zurückgelassenen Lieben haben ja gewiß für den betreffenden Kreis selbst etwas Herzerquickendes, und das um so mehr, da die Briefe ja nicht auf einmal, sondern in längeren Zwischenräumen eintreffen. Erscheinen letztere aber in ein Buch zusammengefaßt, das seines sachlichen Inhalts willen im Zusammenhang gelesen sein will, so wirken jene Ergießungen und Redewendungen'rein persönlichprivaten Inhalts störend und ermüdend, wenn sie häufig einen breiten Raum einnehmen; es erscheint dann manche gewiß herzlich gemeinte Wendung süßlich und manierirt, wenn auch ein und das andere Mal eine Beimischung persönlicher Beziehungen in die sachlichen Erörterungen den letzteren ein wohlthuendes Licht aufsetzen mag. In dieser Hinsicht allerdings könnten die „sibirischen Briefe" eine etwas eingreifendere Bearbeitung ertragen, ohne dadurch zu verlieren. Der Verfasser traf mit Frau und Kind Mitte Oktober 1888 in der ostsibirischen Hauptstadt Jrkutsk am Ufer der Angara, einem Ausflüsse des Baikaisces und dem größten Nebenflüsse des Jenissei, ein. Die Stadt, in bergiger Gegend gelegen, befand sich vor fünf Jahren noch in sehr primitivem Zustande; von .einer großen, etwa zehn Jahre früher stattgesundenen Feuersbrunst her lagen noch viele Baustellen wüst. Den sibirischen Winter lernten die Ankömmlinge alsbald kennen; Angara und Baikalsee bedecken sich allerdings erst gegen Weihnachten mit Eis, aber strenger Frost tritt schon im frühen Herbste ein, und während dieser Zeit bilden die erwähnten Gewässer riesige Dampf- und Wolkenbchälter, welche die ganze Gegend Tag aus, Tag ein in Nebel hüllen. Der eigentliche Winter dagegen, bei meist nur sehr geringem Schucefall, ist von ganz wunderbarer Klarheit, die Luft durchsichtiges Glas, der Himmel prächtiges Lazurgewölbe, ganz italienisch, die hartgefrorene Erde klingendes Metall. Die Sonne funkelt, als wolle sie Melonen reifen, begnügt sich aber, täglich den Nachts etwa gefallenen Schnee wegzuschmelzen, der sich dann Abends in solides Eis verwandelt. Die Kälte betrug um die Jahreswende zwischen 25 und 40 Grad. Außer Thee und Sterlet, von welchem letzteren das Pfund 30 Pfennige kostet, sind Lebensrnittel und alle anderen Bedürfnisse überaus theuer. Ein eßbarer Apfel kostet 45 Pf. bis 1 Mk. 10 Pf., ein Häring ist ein fast unerschwinglicher Leckerbissen. Die Milch wird im Winter gefroren zu Markt gebracht und stückweise verkaufn Von den Forschungsreisen, welche der Verfasser im folgenden Sommer unternahm, schildert derselbe einen Ausflug nach dem westlichen Ufer des Baikalsee's, also in ein Jrkutsk benachbartes Gebiet. Aber der Weg führte in die gebirgige Taiga, den sibirischen Urwald, wo man nur bewaffnet reisen kann, um auf Begegnungen mit dem Herrn des Landes, dem schwarzen Bären, gefaßt zu sein, und wo die unbändigte Natur dem Eindringling die denkbar größten Schwierigkeiten bereitet. Im dichten Schatten des Waldes verwandelt sich der Boden der flacheren Thalhänge und der Thalsohlen in einen tückischen Moosschwamm oder in gefährlichen, von ellenhohem Gras überwachsenen Sumpf. Wasserlöcher, schlüpfrige Felsblöcke, glitschriges Moos machen jeden Schritt für Mann und Pferd gefährlich, während im Sonnenschein Myriaden blutgieriger Mücken über beide herfallen. Unter diesen Umständen brauchte unser Reisender mit seiner Begleitung 3 Tage, um nach achttägigen Anstrengungen die zuletzt noch übrige Strecke von 12 Werst bis zu einer bestimmten Uferstelle des Baikalsee's zurückzulegen. Hier genoß er allerdings einen von ihm geradezu als hinreißend geschilderten Ausblick auf den großen See, dessen bergige Inseln und das am Südufer aufragende Sajangebirge; um aber von dem Gipfel der Anhöhe nach dem ganz nahe, am Fuße derselben, dicht am See gelegenen Dörfchen zu gelangen, war nochmaliges Uebernachten in einer steilen Bergschlucht erforderlich, und dann währte daS gefährliche Abwärtsklettern nochmals bis Mittag. Zkber nicht nur der wilde Zustand des Landes abseits von den großen Verkehrswegen, welche indessen ihrerseits selbst noch das Meiste zu wünschen lassen, legt den Forschungsreisenden schwere Hindernisse in den Weg, das Klima vielmehr beeinträchtigt solche Unternehmungen fast noch stärker, indem es ihre Möglichkeit auf einen kurzen Zeitraum einschränkt. Der sehr kalte Winter beginnt auch im südlichen Ostsibirien schon Ende Oktober/ über 10 Grad Kälte erhebt sich von da an das Thermometer nie; um so häufiger und andauernder sinkt eS bis auf 35 und 40 Grad; 20 Grad Kälte im Schatten sind auch im Februar noch die Regel. Im April sprengen Angara und Baikalsee ihre Eisdecke, und im Mai hüllen Wiesen und Felder sich fast über Nacht in frisches Grün. Dabei sind Mai und Juni bei zunehmender Wärme meist trocken, und im Juni sind, während die Tageshitze bis zum 15. August wächst, auch die Nächte häufig warm. Dafür sind diese Monate die Saison der für Sibirien so charakteristischen großen und gefährlichen Waldbrände. Juli und August sind Negcnmonate, und schon im letzteren beginnen die Nachtfröste. A)er September hat, bei milder Temperatur und klarem Himmel, die angenehmsten, aber leider eben schon recht kurzen Tage mit empfindlich kalten Nächten. An mineralischen Schätzen ist Sibirien reich. So stellte unser Geologe im Sommer 1889 im Bezirke Jrkutsk das Vorhandensein eines kolossalen Steinkohlenlagers fest, welches für die künftige sibirische Eisenbahn einst von größter Bedeutung sein wird. Auf der diesen Untersuchungen gewidmeten Exkursion und beim Besuche der großen Baikalscc-Jusel Olchon lernte unser Geologe auch das Volk der Burjaten oder Buräten kennen, welche in Transbaikalien großcniheils den Grunvstock der Bevölkerung bilden, dabei freilich nicht viel über 300,000 Köpfe zählen. Sie sind Buddhisten, und ihre zahlreichen Götzen und Hausgötter bilden, auf Kommode und Tischchen als Nippsachen aufgestellt, den Hauptschmuck ihrer Wobn- 98 ungen. Die menschenfreundlichen Lehren Buddha's haben aber bei ihnen einen steinigen Boden gefunden; die Burjaten sind ein mürrisches, unliebenswürdiges Volk. Ackerbau gestattet das Klima nur stellenweise, Viehzucht, Jagd und Fischfang müssen daher hauptsächlich den Lebcns- bedarf liefern. Sicht man von der malerischen Insel Olchon ab, in deren Fclsgesiade der See durch Auswaschung einen wcitnmher als Heiligthum verehrten Buddhatempel „gebaut" hat, so trägt das von den Burjaten bewohnte Land größteuthcils den trostlos öden und langweiligen Charakter der Salzsteppe. Wie der Boden, so die Bevölkerung. Im Sommer 1890 besuchte der Verfasser ein Salz- hüttenwerk und verschiedene Goldwäschereien im Lena- Gebiete;^ vorher aber erhielt er noch den Besuch eines Kollegen, welcher zwei Jahre als Beamter im Amur- gebiet gedient hatte und von dort zurückkehrte, nachdem die nähere Kenntniß dieses so viel gerühmten und in Rußland eine Zeit lang als Eldorado ausposaunten Landes alle seine Illusionen zerstört und ihm die trostloseste Enttäuschung bereitet hatte. Dasselbe liegt zwar dem nördlichen Japan nahe genug, aber während dort selbst im Herbste milde Luft, warme Sonne, grüne Matten, fruchtbare Thäler Herz und Augen erquicken, liegt hier Schnee auf den Berghängen, und schneidend kalte Nordostwinde machen den Aufenthalt im Freien unraihsam; die traurige Oede nordischer Natur lagert, einen kleinen südlichen Landstrich ausgenommen, auf dem ganzen Gebiete. Der Grund dieses Gegensatzes liegt in der Unzugänglichkeit deS Amurgebietes für alle warmen, befruchtenden Luftströmungen; dasselbe stellt ein großes Kältebasstn dar von unglaublicher Oede, denn auch der so viel gerühmte unvergleichliche Wildreichthum besteht nur in der Phantasie. Der Verkehr, auch auf den Wasserstraßen, ist in der traurigsten Verfassung. Eine ausführliche Schilderung widmet der Verfasser den Goldwäschereien am Witim, dem östlichen Nebenflüsse der oberen Lena. Win begleiten ihn auf seinem Boote die Lena hinab, den durch die Goldfeifen schmutzig gefärbten Witim hinauf. Schon auf dem von ihm in Witimsk bestiegenen Dampfer macht sich die Nähe der Goldregionen im Gesichisausdruck, den Mienen, dem Wesen, den Reden der Mitreisenden bcmerkltch. Das Goldfieber grassirte noch stark, und die ganze Unterhaltung drehte sich nur um das gelbe Metall. Die Goldwäschereien erklärt der Verfasser für daS größte Unglück Sibiriens. Die einzelnen Alltheile, deren jeder 215—530 Meter breit und 5,3 Kilometer lang ist, werden von goldgie- rigcn Unternehmern ausgebeutet, welche das durch guten Wald und Wiescnboden ausgezeichnete Land, dessen Alibau sich wohl verlohnen würde, rücksichtslos verwüsten. Die Goldseifen liegen an Berghängen mit stürmisch vom Gebirge herabkommendcn Bächen, welche das Gold mit sich führen und unten ablagern. Mit der Zeit haben diese Gewässer über das edle Metall eine mehr oder weniger dicke Decke von Lehm, Kies und Sand gewoben, welche „Torf" genannt wird; unter ihr, oft wenige Zoll, oft viele Meter tief, befinden sich die Gold enthaltenden Flnßablagerungen, eben die Goldseifen. Werden aus 165 Kilogramm Sand rc. gegen 300 Gramm Gold gewonnen, so gilt dies schon als ein sehr günstiges Verhältniß. Die Arbeiter sind im Ganzen so schlecht bezahlt, daß man ihnen, um allzu systematischen Dieb- stahl zu verhüten, zufällig von ihnen gefundene größere Stücke Goldes jetzt gewohnheitsmäßig überläßt und besonders abkaust, da solche sonst mit Sicherheit ihren Weg zu den überall lauernden chinesischen Aufkäufern finden würden. Im Allgemeinen wird der Abbau der Seifen und die Goldwäsche noch in sehr primitiver Weise betrieben. Früher wurden zu den Arbeiten hauptsächlich solche entlaufene und wieder eingesungene Sträflinge verwendet, welche ihren Namen und ihre Herkunft vergessen zu haben behaupten — eine Kategorie von sibirischen Simulanten, über welche auch Kennan berichtet hat; — sie wurden als Vagabunden verurtheilt und zur Arbeit vermicthet. Seit jedoch Massen von Verbrechern nach der Insel Sachalin gebracht werden, hat sich dies geändert. Jetzt findet man in den Goldwäschereien fast nur noch „freie" Arbeiter aus allen Enden des russischen Neichs, Nationalrusscn, Deutsche, Polen, Baschkiren, Juden und namentlich viele Jakntcn und Tungusen, meist unglückliche Opfer der Auswanderungsagenten, welche das Goldfieber trefflich auszubeuten wußten, wie denn überhaupt das sibirische Auswanderungswescn vor fünf Jahren noch jeder staatlichen Organisation entbehrte. Lange Zeit noch war es den Arbeitern verboten, Familie zu haben, sodaß sich zu dem Elende noch die grauenhafteste Unsittlichkeit gesellte. Als der Verfasser jene Gegenden besuchte, herrschte dazu noch, namentlich in den kleinen Goldwäschereien, das schamloseste Trucksystem; die Arbeiter mußten alle ihre Bedürfnisse den Magazinen der Besitzer entnehmen, welche oft mehr von diesem Geschäfte, als vom Eoldgcwinn lebten. Das Beamtcnpcrsoual der Wäschereien setzt sich meist auch aus minderwerthigen Leuten zusammen. Sind sie gut bezahlt, so stillen Wein und Karten ihre freien Stunden aus, die minder gut gestellten helfen sich mit der Fabrikation falschen Goldes oder mit falschen Wagen. Der Verfasser hat selbst derartige Fälle mit festgestellt. Auch der Schmuggel, namentlich von Branntwein, florirt in den Goldbezirkeu. Längs der Straßen aber, wenn man den Ausdruck überhaupt von sibirischen Wegen gebrauchen darf, welche von und zu den Goldwäschereien führen, lauern von Strecke zu Strecke, wie sprungbereite Raubthiere, höhlcuartigc Schuapskucipcn, mit einer Garnison von Dirnen. Mancher Arbeiter, dem es wirklich gelungen, sich eine Summe, unter den schwersten Entbehrungen, zu erübrigen, ist, auf dem Wege nach der Heimath begriffen, in ihnen verschwunden; weit abwärts wurde dann wohl nach Tagen oder Wochen ein nackter Leichnam von der Lena ans Ufer geschwemmt. Ein trauriges Bild entwirft der Verfasser von den hygienischen Zuständen in Sibirien. Wir heben aus dem betreffenden Abschnitte nur die weiteren Kreisen bisher wohl nirgends bekannt gewesene Thatsache hervor, daß, schon lange bevor Dr. Edward Jenner in England die erste Schutzpockenimpfung versuchte (1796), diese im östlichen Sibirien geübt wurde. Die Kamtschadalen machten schon iui sechzehnten Jahrhundert den Kindern bei eintretender Pockencpidemie mit scharfer Fischgräte einen Riß mitten in das Gesicht und übertrugen in diesen die Pockenlymphe eines Blatternkranken. Trotzdem raffte die Seuche ganze Stämme dahin. Eine grauenhafte Ergänzung dieser Mittheilungen findet sich in dem Büchlein „Aus dem modernen Rußland" von Bernhard Stern, Berlin, bei S. Cronbach, in dem Kapitel „Die Aussätzigen von Jakutsk." Von ganz besonderem Interesse ist, daß der Ver- 99 > fasser, welcher selbst erklärt, von Kennans Büchern über Sibirien nur das in Rußland nicht verbotene „Zeltleben in Sibirien" gelesen zu haben, dessen Darstellungen vom sibirischen Gefängnißwesen seinerseits sachlich durchaus bestätigt, wogegen er die entgegengesetzten Schilderungen eines Engländers Mndt für ebenso oberflächlich wie unzutreffend erklärt. Dieser Mr. Windt unternahm gleich nach dem letzten Gefängnißkougreß in Petersburg im Auftrage der russischen Regierung eine Reise durch Sibirien, um die dortigen Gefängnisse kennen zu lernen und Kennau's Darstellungen zu widerlegen. Letzteres that er denn auch, aber, wie unser Verfasser nachweist, ohne die Gefängnisse, auf welche es zunächst ankam, die „Sammelrefervoire" für die Transporte in Tomsk und Tjumen, auch nur gesehen zu haben. Die dort herrschende unglaubliche Ueberfüllnng und der geradezu mörderische Einfluß derselben auf die Gesundheit der Gefangenen, die haarsträubenden Zustände in den dortigen Gefängnißspitälern sind dem Zeugnisse unseres Autors zufolge von Kennan durchaus zutreffend geschildert worden. Dagegen stellt jener den Etappeugefängnissen ein günstigeres Zeugniß aus; allerdings erklärt er die Reglements derselben für geradezu grausam; aber es komme dabei viel auf die verständige oder unverständige Ausführung derselben durch die Kommandanten an. Bis ins Jakutenland und in die trostlose, steinige Tundra (die endlosen Sumpf- und Mooswüsten des Nordens, führt uns der Verfasser und läßt uns einen Blick in die eigenartigen Branche und Anschauungen des dortigen Volkes thun. Wir wenden uns indessen zum Schlüsse lieber seinem Urtheil über den Sibirier im Allgemeinen zu. Dasselbe lautet nicht günstig. Bestehen für die Landwirthschaft auch einigermaßen günstige Verhältnisse im Gouvernement TouiSk, so liegen dieselben in dem von Jrkutsk und den übrigen um so mehr im Argen. Mehr als 8 bis 10 Rubel Reingewinn wirft dem Bauern eine Dessjatine Landes (etwa 1 Hektar) nicht ab. Der Mangel an guten und schnellen Verkehrsmitteln, das Klima rc. kommt dabei freilich sehr in Betracht; im Lenagcbiete z. B. können die Feldarbeiten der Ueber- fchwemmungen wegen oft erst im Mai begonnen werden, und Ende Juli stellen sich bereits Nachtfröste ein. Aber das größte Uebel sind doch die Stumpfheit, die Trägheit, die Trunksucht des Bauern, sowie das hierauf fußende Treiben der Kulaks, d. h. der ländlichen Wucherer, und das Fehlen jedes intelligente» Elements auf dem Lande. Für die Volksbildung ist nur dem Namen nach gesorgt, und in Schulbezirken von der Ausdehnung eines Königreichs sind verabschiedete Lieutenants, gewesene Accisc- beamte, Kauzleischreiber und dergl. als Schuliuspcktoren angestellt. Aehnlich, oder vielmehr noch schlimmer, steht es mit der Besetzung der Lehrerstcllen. Die Inhaber derselben leben unter dem rein materiellen Landvolke in der tiefsten Verachtung. Und die Mittel, mit welchen man von Petersburg aus dem Uebel steuern möchte, sind verkehrt. Da räth man zum Beispiel, den Landban durch Einführung des russischen Gemeindecigcnthums zu heben, als ob damit nicht der letzte Sporn zur Thätigkeit im sibirischen, Bauern beseitigt würde. Helfen kann nur die Weckung des moralischen Volksbcwußtseins und die Eisenbahn. Inzwischen wird freilich noch viel Wasser die Lena und den Jenissei hinablaufen, und dann kann die eigentliche Kulturarbeit erst beginnen. Welche Zeit ihre Durchführung in dem so ungeheuer ausgedehnten Lande beanspruchen wird, wenn alles glatt geht, läßt sich auch nicht annähernd absehen. Der Verfasser schließt, indem er uns seine Berufung zur Theilnahme an jener bereits erwähnten wissenschaftlichen Expedition nach China mittheilt. Möchte er auch die Ergebnisse dieser bald in die Oeffentlichkeit gelangen lassen! Man „reist" gern in so angenehmer Gesellschaft. -»-SWMS--- ALLSSLsT. Aus der Zeit der Kämpfe Oesterreichs mit dem Bergvolks in den Bocche dt Cattaro veröffentlicht ein Kriegsberichterstatter von damals im „Pester Lloyd" allerlei Erinnerungen: An einem nebeligen Dezembertage erschien der Pope von Morinje im Gebäude des Bczirks- hanptmanns, wo der kommandircnde General Graf Auersperg wohnte, und bat, zu diesem geführt zu werden. Der General empfing den Ankömmling in gewohnter Liebenswürdigkeit, war aber nicht wenig betreten, als der hochwürdige Herr nach einigen einleitenden Sätzen in die Tiefen seines schäbigen geistlichen Kleides langte, um daraus sein zu einem Bündel verschlungenes rothes Sacktuch hervorzuholen, das er mit großer Wichtigkeit auf dem Tisch ausbreitete. Den General befiel ein Grausen, als sein Blick auf den Inhalt fiel. Sechs abgeschnittene Menschcnnasen lagen da als Trophäen eines Kampfes, welchen Tags vorher die Männer von Morinje gegen einen Haufen Krivoschianer ausgesuchten hatten. Wie die meisten an der Küste gelegenen Orte, so war auch Morinje treu geblieben. Ueberdies lebten die Bewohner von Morinje mit den Krtvoschianern wegen irgend eines früheren Zwischenfalles in Blutfehde. Um die Treue und Tapferkeit seiner Gemeinde anschaulich zu beweisen, war jetzt der Pope mit einem Fischerboote nach Cattaro hinübergefahren, um dem General die landesüblichen Siegeszeichen huldigend auf den grünen Konferenztisch zu schütten. Der General hätte den frommen Diener Gottes am liebsten mitsammt seinen Trophäen zur Thür hinauswerfen lassen. Allein — am nächsten Tage wären die Morinjcsen und ihre Nachbarn zu den Aufständisch» übergegangen. Graf AuerSperg war daher so klug, die Pfarrkinder des braven Popen wegen ihrer Treue und Tapferkeit zu belohnen. Ueberdies gab er dem Manne zehn Dukaten aus dem Dispositionsfonds des Stabsquartiers. Um den Werth der Trophäen ins rechte Licht zu setzen, wies der Pope grinsend auf drei Nasen hin, an denen auch die Oberlippe mit kräftigem, schwarzem Schnurrbarte hing. „Die Nasen", erklärte der Pope, „haben also nicht jungen bartlosen Leuten, sondern gereiften starken Männern gehört, die zu überwinden eine besondere Tapferkeit erforderte." Früher war es hier wie in der Herzegowina, in Montenegro und in Albanien gebräuchlich, den Besiegten die Köpfe abzuschneiden. Dieser Branch hatte aber mancherlei Nachtheile im Gefolge. Die Leute hielten sich im Kampfe mit dem Abschneiden der Köpfe zu lange auf. Auch verursachte das Mitschleppen solcher etwas umfangreicher Siegeszeichen vielerlei Beschwerlichkeiten im Gefechte und auf dem Marsche. Daher verfügte Fürst Danilo während des Krieges gegen die Türken im Jahre 1858, daß die Köpfe der verwundeten oder gctödtetcn Türken nicht mehr abzuschneiden seien. Für eine abgelieferte Nase werde in Zukunft derselbe Preis gezahlt werden. 100 PapierinKoreaist einer der wichtigsten Handelsartikel dieses Landes: freilich nicht sowohl der dünne Stoff, den wir so heißen, sondern vielmehr dicke Platten, die geradezu für Alles gebraucht werden. Die Fenster bestehen aus mit Oel getränktem Papier, das in hölzerne Rahmen gespannt ist; statt der Teppiche und Matten breitet man Papier auf den Fußböden aus; ebenso be- nützt man das Papier zu Laternen von jeder Größe, zu —Labakbeuteln und Fächern. Wenn es regnet, so stülpt der Koreaner über seinen gewöhnlichen Hut einen zweiten kegelförmigen aus Oelpapier und legt einen Regenmantel um, selbstverständlich aus Oelpapier. Koffer und Büchsen aller Art macht man aus dickem steifem Papier. Alan kann sich bei solch mannigfaltiger Verwendung denken, welche große Massen von Papier hergestellt werden müssen, und Papier ist auch das einzige Erzengniß Koreas, das in großen Mengen nach China ausgeführt wird. Die Herstellung ist eine sehr einfache. Bei der Stadt Söul am Flusse steht eine Hütte neben der andern, worin Papier gemacht wird. Papier und Lumpen werden zuerst in Bottichen durch fließendes Wasser dnrchgewaschcn, dann in langen hölzernen Trögen von Männern mit bloßen Füßen zu Brei zermalmt. Dann bringt man den Brei in große hölzerne Behälter mit lauem Wasser und trägt ihn hier auf Bambusmattcn gleichmäßig auf, diese trocknet man in der Sonne, bis sie hart sind. Dann schneidet man die Bögen in Streifen und behandelt diese wieder, wie das erstemal, nur gibt man zu dem Wasser diesesmal Samen und Wurzelstück einer Pflanze, die „Takpool", d. h. Stärkeholz, heißt. Dadurch wird das Wasser schleimig, und das Papier erhält seinen Ton und seine Haltbarkeit. Nun trocknet man die Bögen wieder und klopft sie auf Granitplatten mit hölzernen Schlegeln, bis sie die gewünschte Dünne oder, wenn man mehrere über einander gelegt hat, die verlangte Dicke haben. Dann werden sie noch weiter getrocknet und wandern dann zusammengefaltet in die Vorraths- kammer. 10 bis 11 Arbeiter fertigen am Tag 250 solche Bögen, 4' Fuß lang und drei Fuß breit, ein Bogen kostet an Ort und Stelle 250 Kash oder 23 Pfg. Früher wurde in Deutschland auf ähnliche Weise Papier hergestellt, das sog. Büttenpapier, es fand aber nicht die vielfache Verwendung, wie bei den Bewohnern Koreas, die darin ganz besonders erfinderisch sind. -k- Des Zauberers Rache. Ein Ungar, der der Vorstellung eines amerikanischen Zauberkünstlers beigewohnt hatte, sprach nach Beendigung derselben im Cafv laut und heftig gegen den Künstler und meinte, die ungarischen Zauberkünstler seien viel bedeutender. Der Amerikaner, der zufällig zugegen war, verständigte sich schnell mit dem Kellner, trat dann zu dem Ungarn und sagte: „Ich bin der Zauberer, von dem Sie eben sprechen. Sie halten mich für unbedeutender, als die ungarischen Taschenspieler, weil ich weniger durch die Hand, als durch Benutzung der wunderbaren Kräfte der Natur zu wirken versuche. Aber ich kann, wenn ich will, viel größere Tricks ausführen, als einer der jetzt lebenden Kollegen, ich kann das Unmögliche wahr machen. So z. B. werde ich Ihnen sogleich, ohne alle Vorbereitung, eine Ohrfeige geben, und der hinter Ihnen sitzende Kellner soll vor Schmerz laut aufschreien, während Sie selbst nichts davon empfinden!" — „Das wollen wir sehen?" erwiederte der erstaunte Ungar. Als er und der Kellner sich vorschriftsmäßig placirt halten, machte der Amerikaner die Umstehenden noch einmal darauf aufmerksam, daß er durchaus nicht vorbereitet sei, und versetzte hierauf dem Ungarn eine derbe Ohrfeige. Sogleich sprang der Kellner hinter ihm aus, hielt sich die Backe und schrie laut vor Schmerz. Der Ungar aber sprang ebenfalls sogleich auf und rief freudigen Tones der Gesellschaft zu: „Hob' ich gleich g'sagt, daß Zauberer nix versteht! Hob' ich Ohrfeigen auch g'spürt!" Ein soeben bei Trewendt in Breslau erschienenes Buch „Der Sprachwart" von Theodor von Sosnosky liest unter Anderm verschiedenen älteren und neueren Dichtern und Schriftstellern den Text. Wobei wir indessen als mildernden Umstand betonen, daß künstlerische Phantasie allzu leicht über die Schranken gemessenen Erwägens, die der Sprachphilister ängstlich innehält, hinüberträgt. Aber was zu arg ist, ist zu arg. Da heißt es: „Er war wie eine vereiste Flamme geworben." (Alfred Friedmann.) Der Untersberg lag ihm gegenüber wie ein Haufen Nichts, wie der Schatten einer Leiche. (Wilbranöt.) Der Mond, der bleiche Scelcnhirt, trieb seine Schafe vor sich her (Alfred Fricdmanu). Das größte Sündenregister aber haben selbstverständlich die Jüugstdeutschen; so sagt Hcrrmami Bahr in seiner „Guten Schule": „Strauchelnder Athem", „sich sträubendes Mark", „ein steil schreiender Held", „das freche Näschen, das mit dem Gesicht nicht gleichen Schritt halten wollte, sondern eigensinnig seine eigenen Pfade seitwärts trabte" u. dgl. m. Schachaufgabe. Von H. und E. Bellmann. Schwarz. Weiß zieht an und setzt niit dem 2. Zuge matt. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 12: Weiß. Schwarz. 1. T. S5 —65 66 — 65 2. T. 05 —§5 05-64 3. S. M —63 s- K. L4 —V4 4. T. §5-1)5 -j- Matt. HL15. 1894. „Augsburgrr Postzeitung". Dienstag, den 20. Februar Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Lerlag des Literarischen Instituts vou Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Map Huttler). Auf verwegener Wahn. Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Volkmar trat an sein Schreibpult: „Herr Jmhoff", sagte er mit scharfer Betonung dieses Namens — Siglinde, der die Situation noch immer nicht klar war, blickte entsetzt um sich, als glaubte sie, der eben Genannte sei, unbemerkt von ihr, eingetreten. Als sie aber das Auge des Advokaten fest und unverwandt auf Herrn von Harnisch gerichtet sah, als sie erkannte, daß nur ihm und keinem Andern die Anrede gelten könne, stieß sie einen Schrei aus und flüchtete sich, wie vor einem Gespenst, an Volkmar's Seite. „Herr Jmhoff," nahm dieser die unterbrochene Rede wieder auf: „Ihr Spiel ist ausl Das letzte Stichwort Ihrer vortrefflich gespielten Rolle hat Ihr eigenes Kind gesprochen, und wie dies manchem anderen Schauspieler vor dem Falle des Vorhanges passirt, müssen Sie die Schlußszene den Statisten überlassen." Er drückte an den auf seinem Pulte angebrachten Knopf eines elektrischen Glockenzuges und aus dem anderen Bureau antwortete sofort der schrille Ton der Klingel. Jmhoff war, einem Marmorbilde gleich, starr und regungslos auf derselben Stelle stehen geblieben. Jetzt sah er sich mit den Blicken einer wilden Bestie nach einem Gegenstände um, womit er den Advokaten, der ihn so schlau umgarnt hatte, zerschmettern konnte. Einen Stuhl ergreifend und denselben hoch in den Händen schwingend, stürzte er auf Volkmar zu. Mit blitzartiger Entschlossenheit sprang Siglinde dazwischen und stellte sich vor den Advokaten, ihn mit ihrem Körper schützend. In demselben Augenblicke sah aber auch Jmhoff in Volkmar's über Siglindens Kopf erhobener Hand einen Revolver blitzen, und wie gelähmt von dem Anblick der Waffe, deren sechsfache Mündung gegen seine Stirn gerichtet war, ließ er den Stuhl zu Boden fallen. Zugleich waren die beiden Männer eingetreten, die Siglinde schon bei ihrer Ankunft hatte im Vorzimmer sitzen sehen. Es waren zwei geheime Criminalpolizisten, und während sie über den entlarvten Verbrecher herfielen, um ihn zu fesseln, drängte Volkmar Siglinde sanft hinaus und geleitete sie in seine Wohnräume. Als er unmittelbar darauf in sein Sprechzimmer zurückkehrte, war dasselbe leer. Auf der Straße draußen ließ sich ein scharfer Pfiff Vernehmen, welcher eine bereits in der Nähe haltende Droschke herbeirief. Volkmar hörte, wie seine Schreiber im vorderen Bureau die Fenster aufrissen, um den Gefangenen von seinen beiden handfesten Begleitern in den Wagen drängen zu sehen, wie der letztere dann davon rollte, wie die Fenster sich wieder schlössen und wie die Schreiber den Vorgang murmelnd unter sich besprachen. Nach einer Weile trat Siglindens Gestalt hinter der Portiere hervor. Sie sah noch bleich und verstört aus von der aufregenden Szene, die sie erlebt hatte, und während sie nür durch ein stummes Kopfschütteln auszudrücken vermochte, wie unbegreiflich ihr Alles erschien, verweilte ihr großes, erstauntes Auge fragend auf Volkmar's Antlitz wie auf einer räthselhaften Sphinx. Der Anwalt führte sie nach einem Sessel, und nachdem er ihr gegenüber selbst Platz genommen, begann er: „Fräulein Siglinde, ich habe Ihnen viel verschwiegen, um die Unruhe Ihres Gemüthes, das zwischen Furcht und Hoffnung schwebte, nicht noch zu vermehren. Sie mußten den Eindruck gewinnen, als ob ich mich in der Angelegenheit Ihres Vaters unthätig verhalte und den Schwerpunkt meiner Aufgabe in meine rhetorischen Künste vor dem Schwurgerichtshofe zu verlegen gedenke. Aber vom ersten Tage an, wo ich die Sache Ihres Vaters zur meinigen machte, griff ich handelnd ein, und von diesem Tage an hatte ich auch schon Geheimnisse vor Ihnen. Mit diesen soll es nun zwischen uns zu Ende sein, und Alles, was ich weiß, dürfen auch Sie setzt erfahren." Volkmar erzählte nun seiner lautlos lauschenden Zuhörerin, wie er seine Forschungen in der Nitter'schen Gärtnerei begonnen, wie sein Verdacht sich gleich auf den Käufer der Blumenbouquets gelenkt, wie er in demselben nach Harnisch's überraschenden Aufschlüssen Jmhoff vermuthet habe, aber im weiteren Verlaufe seiner Ermittelungen zu dem unerwarteten Resultat gelangt sei, daß Anna's verdächtiger Courmacher Harnisch selbst war. Dann gestand er, wie die Siglinden so peinliche Verhandlung über den Ehevertrag nur ein Experiment gewesen sei, um Anna Ritter der Unterhandlung als unsichlbare Ohrenzeugin beiwohnen zu lassen und so ihr Verhältniß zu Harnisch aufzuklären. Volkmar berichtete, wie vollständig ihm Alles gelungen war, wie Anna sich nicht nur zu der Entführung Jenny's bekannt habe, sondern durch die ihr vorgelegten 102 Fragen Volkmar's bis zu jenen Enthüllungen fortgeschritten war, die es außer Zweifel stellten, daß alle bei der Ermordung Frau Rollenstein's in Betracht kommenden Umstände einen mindestens gleich schweren Verdacht gegen Harnisch begründeten, wie gegen Siglindens Vater. „Nur der nicht umzustoßende Alibibeweis, daß Harnisch zur Zeit der That in einem Kölner Hotel als Nachtgast geweilt hatte," fuhr Volkmar fort, „war ein Stein des Anstoßes. Da aber Anna Ritter ihn an demselben Abende in der Methodistenversammlung gesehen hatte, so konnte der Kölner Hotelgast natürlich Harnisch gar nicht gewesen sein. Wie er Ihnen selbst erzählte, hatte er sich nach seinem kalten Bade im Oanal Llanests ein Fieber zugezogen und sich in Calais in einem Hospitale einige Tage verpflegen lassen. Dort mußte ich Zuverlässiges über ihn erfahren können — und dorthin ging meine Reise, mit welcher ich zugleich den Zweck verknüpfte, bei meiner Rückkehr über Paris Jenny abzuholen. Es wurde mir in Calais nicht schwer, das Hospital zu ermitteln, wo am 12. August, dem Tage der Dampfer-Katastrophe, einer der Passagiere, welche durch die „Sirene" gerettet und nach Calais gebracht worden waren, Aufnahme gefunden hatte. Wirklich hatte dort Herr v. Harnisch acht Tage lang krank gelegen, aber nicht an einem Fieber. . . . Der Arzt, der ihn behandelte, und die Krankenwärterin, die ihn gepflegt hatte, erinnerten sich ihres Patienten noch sehr genau. Als er vom sinkenden Dampfer in's Boot sprang, war er mit der Schulter gegen den Rand desselben geschlagen und hatte sich am rechten Schulterblatt verletzt. Vielleicht wird es Ihnen noch im Gedächtniß sein, Fräulein Siglinde, daß der Leichnam jenes Unbekannten, den man im Kastanienwäldchen erwürgt fand, auf dem oberen Theile des rechten Schulterblattes eine erst kürzlich geheilte Wunde auswies, welche von einem hölzernen kantigen Instrumente herzurühren schien. Die Gerichtsärzte nahmen an, der Ermordete müsse kurz zuvor einen schweren Fall auf der Treppe gethan und sich beim Aufschlagen auf die Kante einer Stufe die Wunde am Schulterblatt zugezogen haben. Setzen wir nun statt eines Sturzes auf der Treppe jenen ungeschickten Sprung vom Schiffe, und statt der Stufenkante den Bord oder Rand des Bootes, so haben wir die allein richtige Erklärung für jene Wunde des Ermordeten, und das geheimnißvolle Dunkel, welches seine Persönlichkeit bis jetzt umgeben hat, lichtet sich mit einem Male! Dieser Mann war Herr von Harnisch — der wirkliche Herr v. Harnisch, und Derjenige, welchem wir diesen Namen bisher fälschlich beigelegt haben, heißt Jmhoff." „Großer Gott! Ermordet!" entfuhr es den Lippen der entsetzten Zuhörerin. „O, der Unglückliche, der Arme!" „Herr von Harnisch ist am 20. August aus dem Spital entlassen worden und wahrscheinlich über Köln, den geradesten Weg, hierher gereist. Es wird also seine Nichtigkeit haben, daß er in dem Kölner Hotel übernachtet hat, und eben so wahrscheinlich ist es, daß es, nach seiner Ankunft hier, einer seiner ersten Wege war, sich Ihnen und Ihrem Vater vorzustellen. Er traf Sie beide nicht mehr an — er und kein Anderer war der Fremde, mit dem Martha gesprochen hat. Er kam nicht wieder und konnte nicht wieder kommen, weil er am Abend desselben Tages erdrosselt wurde, und wer konnte der Mörder sein? Doch nur Derjenige, welcher' seinen Namen annahm und sich unter diesem bei Ihnen einführte. Und warum that er das? Offenbar besaß er Kenntniß von der Angelegenheit, die Herrn v. Harnisch nach Europa geführt hatte, denn es ist durchaus nichts Unwahrscheinliches, daß zwischen Beiden während der gemeinschaftlichen Seereise ein engerer Anschluß, ein vertraulicher Verkehr entstanden war. Wenn ich auch Jmhoff kaum zutraue, daß er sich über den Reisezweck seiner Frau ausgesprochen hat, so war Harnisch vielleicht um so weniger verschlossen. Im gelegentlichen Gespräch konnte er leicht den Namen unserer Stadt und den Namen Rollenstein haben fallen lassen. Das war genug, um Jmhoff's Interesse und Neugierde wachzurufen und seine ganze Kunst im Ausforschen Anderer in Bewegung zu setzen. So lernte er Harnisch's Beziehungen zu Frau Rollenstein kennen, so erfuhr er, daß die Schwester Erika's Anwartschaft auf das Erbe der Schwererkrankten besaß, wenn sie einwilligte, Harnisch's Gattin zu werden. Als er nun Ihre Tante ermordet hatte, ohne die gehofften Schätze gefunden zu haben, gerieth er auf den kühnen, aber ziemlich naheliegenden Gedanken, in der Rolle Harnisch's als Ihr Bewerber aufzutreten, und deshalb mußte dieser als Opfer fallen. Daß aber der Mann, auf welchen sich der ganze, schwerwiegende Verdacht des an Frau Rollenstein verübten Mordes wälzte, gerade Ihr Vater war, gestaltete sich für den Pseudo- Harnisch zu einem unheilvollen Verhängniß, da er Sie entschlossen fand, die Erbschaft abzulehnen. Als Sie aber für die Freisprechung Ihres Vaters Ihre Hand als Preis aussetzten und damit zugleick die Million der Erblasserin, da beschloß er, va, stangua zu spielen, um die Entlastung Ihres Vaters herbeizuführen, und denunzierte sich selbst als den Mörder." „O, dann ist ja Alles Lug und Trug!" rief Siglinde plötzlich von einem Gedanken erfaßt, „und man darf keinem seiner Worte glauben. Dann ist vielleicht auch meine Schwester Erika gar nicht ertrunken und weilt noch unter den Lebenden!" „Diese Hoffnung kann ich leider nicht theilen," erwiderte Volkmar ernst. „Gerade in diesem Punkte hat er ganz gewiß die volle Wahrheit gesagt. In seiner Selbstanklage, in der Angabe seines richtigen Namens Jmhoff, in der Klarlegung aller Verhältnisse, in denen seine und Ihrer Schwester Vergangenheit wurzelt, in 1 der Motivierung der Mordthat durch den Tod seiner Frau, — der ihm die letzte Aussicht aus Besserung seiner, jetzt nur um so verzweifelter gewordenen Lage raubte, — darin und in noch manchen anderen Umständen, die er als begünstigende Momente seiner That anführte, liegt eben die ganze Kühnheit seiner Berechnung, durch die Wahrheit Ihren Vater zu entlasten. Er durfte das schon wagen. War er doch als Jmhoff aus der Welt verschwunden und in das schützende Jncognito des Herrn von Harnisch geschlüpft! Mit großer Geistesgegenwart wußte er dessen verfehlten Besuch bei Ihnen zu benutzen, um diesen, mit dem er eine oberflächliche äußere Aehn- lichkeit besaß, als Jmhoff erscheinen zu lassen und dadurch die handgreifliche Individualität des Mörders auf die Bildfläche zu bringen. Mit dem Briefe an den Staatsanwalt wollte er dem Gange des Prozesses einen Drücker geben, wollte er einen materiellen Untergrund für die Zeugenaussagen gewinnen, die er bei der Gerichtsverhandlung in der Rolle Harnisch's vorbringen mußte, und mir eine wirksame Vertheidigungswaffe zu Gunsten Ihres Vaters in die Hand spielen. Dank dem 108 > Ergebnisse meiner Nachforschungen in Calais und den wuchtigen Argumenten, die sich daran gliedern, gelang es mir, Jmhoff's Verhaftung zu erwirken. Vorläufig steht er unter der Anklage, Herrn v. Harnisch ermordet zu haben, aber auch den Mord an Ihrer Tante wird er nicht abschütteln können. Kein Schwurgericht kann und wird Ihren Vater als Thäter verurtheilen, wenn es die Wahl hat zwischen einem in Ehren grau gewordenen, wenn auch in seinen kaufmännischen Unternehmungen zuletzt vom Glück verlassenen Manne — und einem Andern, der sich einen falschen Namenbeigelegt und den wirklichen Träger desselben meuchlings ermordet hat. Hoffen Sie nicht, Fräulein Siglinde, daß Ihre arme Schwester von den Todten auferstehen werde, aber hoffen Sie darauf, daß Ihr Vater, vollkommen gereinigt von der ihm aufgebürdeten Schuld, Ihnen wiedergegeben wird. Wenn ich Ihnen das sage, so dürfen Sie es ruhig glauben!" Er legte die Hand auf sein Herz, und das offene zuversichtliche Lächeln, womit erSiglinde anblickte, erfüllte diese mit einem beseligenden Muthe. „Und das Glück, meinen greisenVater wieder in meine Arme schließen zu dürfen, verdanke ich Ihnen," sagte sie mit den Thränen eines überwältigenden Dankbarkeitsgefühls in den schönen blauen Augen, „verdanke ich Ihrem geheimnißvollen Walten, Ihrem rastlosen Forschen und Wirken, Ihrer aufopfernden Regsamkeit. O, welcher Lohu wäre groß genug, um Ihnen das Alles zu vergelten?" „Siglinde!" rief Volkmar, rasch auf sie zutretend, „bei diesem Rechtsfalle hat auch mein Herz mitgearbeitet und an dieses trete ich meinen Anspruch auf den Lohn ab. Seien Sie selbst der Preis, der mein bescheidenes Werk über sein Verdienst hinaus krönt I Lassen Sie es, wenn Ihr Vater als freier Mann wieder zu Ihnen zurückkehrt, seine erste Handlung sein, daß er dem längst geschlossenen Bunde unserer Herzen seinen Segen gibt!" Zwischen Himmel und Erde. Eine sanfte Nöthe — für Volkmar das Morgenroth süßer Gewährung — bedeckte Siglindens Antlitz, über welches noch die schimmernden Thränen rannen, und ohne ein Wort zu sagen, sank sie an seine Brust. Wieder fühlte er nun die schmiegsame Gestalt in seinen Armen, wie damals, als er sie durch Nacht und Nebel getragen hatte, — aber jetzt gehörte sie sein, er durfte sie liebend au sein stürmisch klopfendes Herz pressen und seinen Mund auf ihre Lippen drücken. * * * Die Schwurgerichtssession begann mit zwei sensationellen Kriminalfül- en, wie sie selbst in dieser großen Stadt lange nicht erlebt worden waren. Der innere Zusammenhang, in welchem beide zu einander standen, erhöhte noch das allgemeine Interesse. Der Leser erräth leicht, daß es sich um die Mord- prozesse Schönaich und Jmhoff handelt. Obgleich die Anklage gegen den Letzteren jüngeren Datums war, so gelangte sie doch zuerst zur Verhandlung, weil das Verbrechen, dessen Jmhoff angeklagt war — die Ermordung Harnisch's — die Voraussetzung für die wichtigsten Gesichtspunkte bildete, unter welchen dieMordaffaireNol- lenstein - Schönaich beurtheilt werden mußte. Nach Jmhoff's Verhaftung war das von ihm bewohnte Hotelzimmer sofort einer gerichtlichen Untersuchung unterzogen worden. Man hatte einen ledernen Handkoffer mit einer in denDeckel eingelassenenMessingplatte gefunden, auf welcher ein Ritterharnisch eingravirt war. In dem Koffer befanden sich eine Anzahl Schriftstücke, die sämmtlich Harnisch's Eigenthum gewesen waren, auf seinen Namen lautende Legitimationspapiere und verschiedene, seine New-Iorker Adresse tragende Briefe. (Schluß folgt.) 104 Das Tagebuch der Prinzessin Therese im Temsile. Skizze von E. Vely. Ein neues Buch. Es trägt auf dem Titelblatt das bourbonische Wappen, die Krone und den Königsmantel mit den goldenen Linien im blauen Felde — und es hat das Wort Dantes als Motto: „Du siehst, ich bin eine, die weint", an der Spitze. Was es enthält, sind die authentischen Aufzeichnungen der Tochter Ludwigs XVI. und Marie Antoinettens über die Gefangenschaft der Ihrigen im Tcmple „seit dem 10. August 1792 bis zum Tode ihres Bruders am 9. Juni 1795." Aus dem Nachlaß des Grafen von Chambord zu Frohsdorf ist dieses werthvolle Manuscript in den Besitz der Herzogin von Madrid, seiner Nichte, gekommen, die es der Oeffentlichkeit übergab. (Paris, Librairie Jelon.) DasOriginalmanuscript umfaßt 35 Seiten groben Papiers, der Umschlag besteht aus einem gleichen Blatt und trägt die Bezeichnung: „Näinoirs äorit par Naris-1tisr68s- Oüai'Ioitö äs Brunos 8Ur lg, ouptivits äs8 prine68 6b prin068368 868 PU1'6nt8." In der Orthographie jener Zeit und mit den Flüchiigkeitsfehlern, welche die junge Prinzessin gemacht, sind diese schlichten Aufzeichnungen wiedergegeben und bilden so eins der rührendsten und erschütterndsten Blätter der Geschichte jener Tage und der unglückseligen Menschen, welche für die Sünden einer Reihe von Vorgängern büßen mußten. „In den unregelmäßigen Zügen der Schrift glaubt man noch das Zittern der kalten, kleinen Hand und das beschleunigte Klopfen des Herzens zu sehen," sagt der Herausgeber. Die Enkelin Maria Theresia's war beinahe fünfzehn Jahre alt, als sie ihre Eltern aus dem Glanz der Königsschlösser von Versailles und der Tuilerien in den Temple, das finstere Gefängniß, begleitete. Diese alte Burg der Tempelritter war 1222 erbaut, diente eine Zeit lang als Schatzhaus der Könige von Frankreich und war später in den Besitz der Johanniter übergegangen. Mit hohen, finstern Thürmen, feuchtkalten Mauern, engen Gelassen war der Temple an sich ein unbehaglicher Aufenthalt — und lange Jahre mußte das heranblühende Mädchen darin zubringen, oft ohne Feuer und Licht, mit nackten Füßen unter dem zu kurz gewordenen Kleide; das Lager bestand aus einer Holzpritsche mit grobem Strohsack, und die von Spinnen verdunkelten Fenster ließen kaum den Tagesschein herein. Eindringlicher aber als jede äußere Schilderung sprechen die Aufzeichnungen selber — kaum eine Klage taucht zwischen den Zeilen auf und nie eine Verwünschung. Sie berichtet nur Thatsachen, kindlich unbehilflich oft sogar, aber darum um so tiefer zu Herzen gehend. Die jugendliche Schreiberin beginnt: „Der König, mein Vater, kam mit seiner Familie am Montag den 13. August um 7 Uhr abends im Temple an." Dieser Familienkreis bestand aus der Königin, der Prinzessin, für die als Rufname Therese galt, dem Prinzen Louis Charles und der Schwester des Königs, Prinzessin Elisabeth. Der kleine Dauphin war ein zarter Knabe mit großen, sanften Augen. Ein Bild von la Röche aus seiner Zeit stellt ihn unter einem Baldachin auf der Schloßterrasse von Versailles, mit Ordensstern, Band und Schärpe geschmückt, dar; neben ihm auf einem Tabouret auf liliengeschmücktem Kissen liegt der Degen, zu seinen Füßen ein Globus, Fahne und Trommel. Die „Madame Noyale", Marie Therese Charlotte, zeigt große Aehnlichkeit mit einem Jugendbilde ihrer schönen Mutter, der österreichischen Kaiserstochter, die mandelförmig geschnittenen großen Augen, die gebogene Nase, den kleinen Mund, reiches, gelocktes Haar. In ihren Denkwürdigkeiten fährt sie fort: „Den folgenden Tag verbrachten wir alle zusammen. Mein Vater lehrte meinen Bruder Geographie, meine Mutter nahm Geschichte mit ihm durch und ließ ihn Verse lernen, meine Tante lehrte ihn rechnen. Mein Vater hatte glücklicherweise eine Bibliothek gefunden, die ihn beschäftigte, meine Mutter stickte. Die Gemeindebeamten waren sehr zudringlich und hatten wenig Respect vor meinem Vater; es war immer einer da, der ihn beobachtete." Eine kleine Anzahl von Getreuen, welche die Königsfamilie begleitet hatten, darunter die Prinzessin Lamballe und Herren und Damen des Hofstaats, wurden durch einen Erlaß der Gcmeindebehörde zum Verlassen des Temple gezwungen. Ludwig XVI. bewohnte zuerst ein oberes Thurmgemach, die Königin mit dem siebenjährigen Dauphin ein darunter gelegenes, die Schwester Ludwigs, Madame Elisabeth, und die kleine Prinzessin waren durch einen Nebenraum, in welchem sich ein Gemeindcbeamter und eine Schildwache b.fanden, von einander getrennt. Die erste Zeit im Temple war aber für die Gefangenen noch immer die beste, nach und nach wurde ihnen jede Freiheit des Verkehrs mit einander beschränkt, jedes Zerstreuungsmittel und der Genuß der frischen Luft verboten. Am erstauntesten ist die kleine Prinzessin, die in der erstickenden Luft der Etiquette aufgewachsen, über die Art, wie man mit ihnen umgeht: „Mein Vater wurde nicht mehr als König behandelt. Man hatte keinen Respect vor ihm; nannte ihn nicht mehr Tire oder Majestät, sondern Monsieur oder Louis. Die Beamten saßen immer in seinem Zimmer und hatten ihre Hüte auf. Sie nahmen meinem Vater seinen Degen und durchsuchten seine Taschen.... Der Garten war stets voller Arbeiter, die meinen Vater oft beschimpften; einer war darunter, der sich rühmte, meiner Mutter mit seinen Werkzeugen den Kopf abschlagen zu wollen Päthion sdamals Bürgermeister von Parisj ließ ihn verhaften." In der Nacht des 3. September hatte Marie Antoinette vor den sie erschreckenden Klängen des Generalmarsches nicht geschlafen, der Tag brachte noch größeres Entsetzen: „Um 3 Uhr hörten wir schreckliches Geschrei. Mein Vater ging vom Tisch und spielte Triktrak mit meiner Mutter. Der Polizist benahm sich gut und schloß Thür und Fenster und zog die Vorhänge vor. Dann kamen mehrere Gemeindebeamte und Officiere von der Garde; die letzteren wollten, daß sich mein Vater am Fenster zeige, die ersteren widersetzten sich. Mein Vater fragte, was vorginge, und ein junger Officier antwortete: „Na, Monsieur, weil sie es wissen wollen — man will Ihnen den Kopf der Frau von Lamballe zeigen." Meine Mutter erstarrte vor Schreck, die Gemeindebeamten schalten den Officier, aber mein Vater entschuldigte ihn mit seiner gewöhnlichen Güte, indem er sagte, es wäre sein Fehler und nicht der des Officiers, der ihm nur geantwortet hätte. Der Lärm dauerte bis 5 Uhr. Wir erfuhren später, daß das Volk die Thüren hatte erbrechen wollen und daß die Gemeindebeamten es daran verhinderten, indem sie eine dreifarbige Schärpe hinaushängten und 105 sechs von den Mördern erlaubten, den Kopf der Frau von Lamballe um den Thurm zu tragen; den Körper, den sie herumschleifen wollten, hatten sie an der Pforte liegen lassen müssen." Auch ein paar menschliche Züge verzeichnet die junge Gefangene: „Wir hatten zwei Polizisten, welche die Leiden meines Vaters zu lindern suchten, Mitgefühl zeigten und ihm Hoffnung machten. Ich glaube, sie sind todt. Es war auch eine Schildwache da, die des Abends mit meiner lauf der Gefangenen wird alsdann genau beschrieben: „Mein Vater stand um sieben Uhr auf, betete bis acht, hierauf kleidete er sich mit meinem Bruder bis um neun Uhr an, dann kamen sie zu meiner Mutter zum Frühstück. Nach dem Frühstück ging mein Vater mit meinem Bruder hinunter und gab ihm bis elf Uhr Stunden, dann spielte mein Bruder bis Mittag, worauf wir alle spazieren gingen, gleichviel, welches Wetter es war, weil die Wache, die um diese Zeit aufzog, meinen Vater sehen wollte, um sich zu vergewissern, daß er im Temple war. AM WWW UM Vorbereitung zur Vorstellung. Tante eine Unterhaltung durch das Schlüsselloch führte. Dieser Unglückliche weinte die ganze Zeit, die er im Temple war. Ich weiß nicht, was aus, ihm geworden ist. Möge ihn der Himmel belohnt haben für seine treue Anhänglichkeit an seinen König." Im Oktober nahm man den Gefangenen Federn, Tinte, Papier und Bleistifte; nur der Königin und der Prinzessin Therese war es gelungen, einiges davon zu verbergen. Mitten in der Nacht fanden oft Durchsuchungen der Räume, ja der Betten statt. Der Tages- Nach einem Gemälde von S. Dahl. Der Spaziergang dauerte zwei Stunden, dann aßen wir. Nach dem Essen spielten mein Vater und meine Mutter zusammen Triktrak oder Piket. Um vier Uhr nahm meine Mutter meinen Bruder mit sich, weil mein Vater gewöhnlich schlief. Um sechs Uhr kam mein Bruder wieder herunter, mein Vater ließ ihn lernen und spielen bis zum Abendbrod. Um neun Uhr, nach dem Nachtessen, kleidete meine Mutter meinen Bruder pünktlich aus und brachte ihn zu Bett. Wir gingen dann hinauf, mein Vater legte sich nicht vor elf Uhr nieder. Meine Mutter führte fast 106 das gleiche Leben, sie stickte viel. Meine Tante betete oft im Lauf des Tages, sagte die vorgeschriebenen täglichen Uebungen her, las viel in Erbauungsbüchern und gab sich langen geistlichen Betrachtungen hin. Sie hielt wie mein Vater die bestimmten kirchlichen Festtage. Am Tage Allerheiligen kam der Convent zum ersten Male, um meinen Vater zu sehen. Die Mitglieder fragten ihn, ob er keine Klage zu führen habe. Er sagte nein, er sei zufrieden, wenn er mit seiner Familie sein könne. Einen Tag später kam Drouai (Drouet) noch einmal allein und fragte, ob wir nichts zu klagen hätten, meine Mutter sagte nein." Dies stolze Nein behielt Marie Antoinette während der ganzen Zeit ihrer Gefangenschaft — nur als ihr Knabe heftig am Fieber erkrankte, kam ihr der Hilferuf und die Bitte um ärztliche Pflege über die Lippen. Am 11. Dezember beunruhigte der Trommelklang und die Ankunft der Garde die Bewohner des Temple wieder — König Ludwig wurde zum Verhör vor den Convent geholt. Seine Familie wußte nicht, wohin er geführt wurde, und hörte erst um 11 Uhr, als er zurückkam, was vorgegangen war; die arme Gattin durfte ihn aber nicht sehen. „Wir erfuhren von dem über meinen Vater verhängten Todesurtheil Sonntag den 20. (Januar) durch die Ausrufer. Um sieben Uhr abends benachrichtigte man uns, daß uns ein Decret des Convents erlaube, zu meinem Vater hinunterzugehen. Wir eilten zu ihm und fanden ihn sehr verändert; er weinte über unsern Schmerz, aber nicht um seinen Tod. Er erzählte meiner Mutter von seinem Proceß und entschuldigte die Schurken, die ihn tödten ließen. Meinem Bruder gab er fromme Vorschriften und befahl ihm, denen zu verzeihen, die seinen Tod veranlaßten. Er gab meinem Bruder und mir seinen Segen. Meine Mutter wünschte dringend, daß wir die Nacht mit meinem Vater zubrächten; er verweigerte es, weil er der Ruhe bedürfe. Meine Mutter bat dringend, wenigstens am folgenden Morgen wieder kommen zu dürfen, mein Vater gestand es ihr zu; aber als wir fortgegangen waren, verlangte er von den Garden, daß wir nicht wieder herunterkämen, weil ihm das zu viel Schmerz bereite. Er war dann mit seinem Beichtvater zusammen, legte sich um Mitternacht nieder, schlief bis vier Uhr und wurde durch die Trommeln geweckt." Der Trommelschlag spielte eine grausame Rolle beim Leben und Sterben des unglücklichen Königspaares. Um sechs Uhr wurde aus der Wohnung der Frauen ein Gebetbuch zur letzten Messe geholt. „Wir hatten immer noch die Hoffnung hinunter zu dürfen, bis das Freudengeschrei der erregten Bevölkerung uns davon Zeugniß gab, daß das Verbrechen begangen war." Die Wittwe des Hingerichteten Königs stieg nicht mehr in den Garten hinunter, weil sie an der Thür des Verstorbenen vorbei mußte, fortan schöpften die Gefangenen Luft auf der Höhe des Thurmes. Einige Monate später kam der Befehl, Marie Antoinette von dem Sohne zu trennen. „Mein Bruder stieß ein lautes Geschrei aus und warf sich in die Arme meiner Mutter; er bat, daß er nicht von ihr getrennt würde. Meine Mutter war empört über den grausamen Befehl und wollte meinen Bruder nicht hergeben, sie vertheidigte das Bett, in dem er lag, gegen die Beamten. Eine Stunde verging mit Reden, Beleidigungen, Drohungen der Polizisten, mit Widerstand und Thränen von uns allen. Endlich willigte meine Mutter ein, ihren Sohn herzugeben. Wir ließen ihn aufstehen, und nachdem er angezogen war, gab ihn meine Mutter in die Hände der Wächter, ihn mit ihren Thränen badend, als hätte sie vorher gewußt, daß sie ihn in Zukunft nicht wiedersehen würde. Der arme Kleine umarmte uns alle zärtlich und ging weinend mit den Leuten davon." Zum Wächter für das unglücklichste aller Kinder wurde der berüchtigte Schuster Simon gemacht. „Mein Bruder stieg alle Tage auf den Thurm und die einzige Freude meiner Mutter war, ihn von weitem durch ein kleines Fenster vorübergehen zu sehen; sie blieb ganze Stunden an demselben, um den Augenblick zu erspähen, da sie ihr geliebtes Kind sehen konnte . . . Simon mißhandelte meinen Bruder sehr, weil er über die Trennung von uns weinte; das eingeschüchterte Kind wagte keine Thräne mehr zu vergießen." Ein dem Buche beigefügtes Bild zeigt Marie An' toinette zu jener Zeit, Trauer um den Gatten tragend- Die schönen Züge sind von Schmerz Versteint, medusen- haft. Es ist nach einer Gouache von Kucharski wiedergegeben. Am 2. August 2 Uhr morgens brachte man Marie Antoinette den Befehl zur Abführung nach der Conciergerie; auch ihr sollte nun der Proceß gemacht werden. „Meine Mutter hörte den Befehl ohne Bcwegung; meine Tante und ich baten, daß wir meiner Mutter folgen dürften, aber weil der Erlaß nichts darüber enthielt, verweigerte man es. Bleine Mutter packte ihre Sachen, die Polizisten verließen sie nicht, sie war gezwungen, sich vor ihnen anzukleiden .... Sie ließen ihr nur ein Taschentuch und ein Flacon, weil sie fürchteten, daß ihr schlecht würde. Meine Mutter wurde abgeführt, nachdem sie mich umarmt und mir befohlen hatte, Muth zu haben und Sorge für die Gesundheit meiner Tante zu tragen. Ich antwortete meiner Mutter nichts, überzeugt, daß ich sie zum letzten Male sah. Beim Hinausgehen stieß meine Mutter mit dem Kopf an das Gitter, das sie nicht für so niedrig gehalten." Das stolze Haupt, das in Jugendlust mit Blumen und Juwelen geschmückt war und das später eine Krone getragen! Am 16. Oktober 1793 wurde Marie Antoinette hingerichtet, zu den im Temple Gebliebenen drang keine Kunde davon. „Meine Tante und ich wußten nichts von dem Tode meiner Mutter. Und in dem unseligen Zweifel über ihr Schicksal bin ich anderthalb Jahr geblieben, dann erst vernahm ich das Unglück und den Tod meiner tugendhaften, erlauchten Mutter. Zuweilen bekamen wir Nachrichten von den Polizisten über meinen Bruder. Simon ließ ihn unter den Fenstern singen, damit er von den Wächtern gehört wurde, und veranlaßte ihn, schreckliche Verwünschungen gegen Gott, seine Familie und die Aristokraten auszustoßen." Der Winter verging ruhig, heißt es dann weiter in dieser einfachsten und rührendsten aller Leidensgeschichten, wir hatten viele Nachforschungsbesuche, aber man gab uns Holz. Dann aber hatte man den Schuster Simon zum Gemeindebeamten befördert und der arme Waisenknabe blieb ohne jede Gesellschaft im Temple zurück. Die Schwester ist erbittert über diese Grausamkeit: „Unerhörte Barbarei, ein Kind von acht Jahren allein in seinem Zimmer hinter Schloß und Riegel zu lassen, 107 ' ohne ein anderes Hilfsmittel als einen mangelhaften I war, denn er selber hatte nicht die Kraft dazu; Wanzen Glockenzug, den er niemals zog, weil er lieber entbehrte, I und Flöhe bedeckten seine Wäsche und ihn. Das Fenster MWD K« «M LWZ KS a-- . «M als etwas von seinen Peinigern zu verlangen. Er hatte wurde nie geöffnet, und man konnte es in seinem Zimmer ein Bett, das seit sechs Monaten nicht gemacht worden vor verdorbenerLuft nicht aushalten. Simon war von Natur 108 auS unsauber und träge, sonst würde er mehr Sorgfalt für seine eigene Person gehabt haben. Zuweilen gab man ihm kein Licht, dann verging der Unglückliche fast vor Angst, aber er verlangte nichts." (Schluß folgt.) --SLN8-S- Zu unseren Bildern. Zwischen Himmel und Erde. Hoch über der Menschen Wohnungen waltet der Thürmer seines AmteS. Dort waltet auch des Thürmers Töchterlein — Margaretha — ein Mädchen schlichten Sinnes und mildthätigen Herzens. Die Vöglein, die um den Tburm flattern, sie kennen sie alle, denn sie ist ihre Freundin! Alltäglich steigt sie empor zum Glockenstuhle, wo die mächtige Glocke hängt und bringt den Thieren labenden Trank. Da kommen sie hereingeflogen durch den weiten Fensterbogen, um aus der vollen Schale zu nippen. Zwischen Himmel und Erde auch, nicht bloß unten, wo sonst die Menschen wohnen, schlägt den Seglern der Lüfte ein fühlendes Herz in Margarethe, des Thürmers Töchterlein. Vorbereitung zur Vorstellung. Im Dorfe gibt's heute große Vorstellung. Der gelb und blau angestrichene „Zigeunerwagen", wie ihn die Schuljugend nannte, hatte ein Hunde- und Affentheater mitgebracht! Auf 4 Uhr hatte der alte Zigeuner, als er Mittags trommelnd das Dorf durchzog, die große Vorstellung anberaumt. Wir sehen den Mann eben, wie er beschäftigt ist, seine vierfüßigen Künstler für den Beginn der Production in das passende „künstlerische Costüm" zu stecken. Mit der Garderobe ist es freilich nicht weit her; aber die Pudel sehen dock, in diese bunten Fetzen gekleidet, reckt drollig aus. Die beiden sich zankenden Affen scheinen den alten dort auf der Bank, die zum Theil bereits in großer Toilette, viel Spaß zu machen. Auch die jungen Hündchen in der Kiste haben daran ihre Freude und gucken neugierig herüber. Der Zigeuner aber macht ein gar griesgrämiges Gesicht und wird am Er0e noch mit dem Stocke kommen! Dildrr aus Palästina. Das nördliche Ufer des Todten Meeres. Das nördliche Ufer des Todten Meeres ist mit Gestrüpp und Buschwerk bewachsen; man bemerkt nur wenige Böge! in demselben. Das höhere Ufergelände besteht aus nackten, kahlen, in seltsamen Formen zerrissenen mergeligen Erdwänden, die häufig so unterwaschen sind, daß man sie wegen des drohenden Einsturzes nicht betreten darf und in deren Mergel man oft Salzkrusten und Schwefelknollen findet. Der nördliche Theil des Seebettes, welches man sich als eine von dem See ausgefüllte Erdspalte denken muß, zeigt die größten Tiefen (bis zu 399 Meter). —iWU—- Allerlei. Eine reizende Satire auf die von uns seiner Zeit erwähnte „Ochsenmaulsalatfabrikantentochter", d. h. auf die Titelsucht mancher Sterblichen, geht der „Straß- bürger Post" von einem hervorragenden, bis in die ältesten Urkunden hinaufreichenden „Genealogieforscherssohne" in Folgendem zu: Straßburg i. E., zur Zeit der sauren Gurken. Um die berühmte ,!OchsenmauIfabrikanten- tochter", welche jetzt durch Ihre Spalten spukt, ein für alle Male zur Ruhe kommen zu lassen, gestatte ich mir, Ihnen und allen, die es interessirt, einiges aus den Familienverhältnissen der jungen Dame zur geneigten Kenntniß zu bringen. Eulalia — so ist ihr Name — ist seit kurzem mit einem „umklappbaren Krankenstuhlagenten" verlobt. Letzterer stammt aus der selbstver- - stündlich überaus glücklichen Ehe zwischen einer „Kinderwagenfabrikantenwittwe mit klemmsicheren Verdeckgelenken" und einem „elektrischen Glühlampen-Depositeur mit pa- tentirter Ausschaltungsvorrichtung." Eulalias Schwester, on Beruf „Luftschifferin mit Fallschirmabsturz", ist verehelicht mit einem „feuer- und lebensgefährlichen Versicherungsbeamten von vierteljährlicher Prämienzahlung." Die Verlobungsfeier Eulalias beehrten natürlich mit ihrer Anwesenheit ihre dicke Busenfreundin, die „lebensgroße Prortraitmalerin in Oel," und ihre beiden Onkel, der „ärztlich vielgeprüfte Schwedische Heilgymnastiker" aus Kyritz und „der garantirt wasserdichte Tuchfabrikant" aus Luckenwalde, auch fehlte nicht des Letzteren Tochter, die „Gattin eines über dem Meeresspiegel 1000 Meter hohen Schwarzwaldhoteliers," mit ihrem Schwager, dem „anerkannt leistungsfähigeu Vertreter einer geruchlosen Zimmerklosetfabrik." — Soviel für heute! Sollte jedoch jemand den Ochsenmaulsalat noch weiter gesponnen wünschen, so steht gern zu Diensten Euer Gnaden ganz ergebener „Virrisus." (Das Heirathsalter groß erMänner.) Shakespeare heirathete Anna Hathaway, als er 18 Jahre alt war. Friedrich der Große führte die Prinzessin Elisabeth von Braunschweig mit 21 Jahren zum Altar. Wilhelm von Humboldt führte im 24. Jahre Karoline von Dach- röden heim. Mozart und Walter Scott waren 25 Jahre alt; Ersterer heirathete die reizende Konstanze Weber, Letzterer reichte Fräulein Charlotte Margarethe Carpenter die Hand. Dante ging seine zweite Ehe mit der Floren- tinerin Gemma Donati in seinem 26. Jahre ein. In dem gleichen Alter heirathete Johann Heinrich Voß seines Freundes Schwester Ernestine Boie. Napoleon und Byron zählten 27 Jahre, als Ersterer die schöne Wittwe Josephine Beauharnais, Letzterer die reiche Erbin Anna Elisabeth Milbank heimführte. Der schwedische Naturforscher Linus heirathete im 27. Lebensjahre; Herder war 29 Jahre, Robert Burns 30 Jahre alt. Schiller verehelichte sich mit Charlotte von Lengefeld in seinem 31. Jahre, Wie- land in seinem 32. Jahre; Milton, der Dichter des „Verlorenen Paradieses," begann seine unglückliche Ehe im 35. Jahre; Bürger führte seine geliebte und heiß- ersehnte Molly im 36. Jahre heim. Lessing heirathete mit 37 Jahren, Luther mit 42 und Buffon mit 55 Jahren. Goethe ehelichte mit 57 Jahren Christiane Vul- pius. Klopstock endlich ging, nachdem er seine so frühzeitig verstorbene Meta 33 Jahre betrauert hatte, im 67. Jahre seine zweite Ehe mit der verwittweten Johanna von Windheim ein. -—r«»!—- Zzitder-Wätysel. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 14: Weiß. Schwarz. D. H2 - 07! (Schwarz beliebig.) I M „Augsburger Post;eitung7. M 16. Ireitag, den 23. Februar 1894» ??ür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer Vr. Max Huttler). Auf verwegener Mahn, Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Schluß.) Zu der schwurgerichtlichen Verhandlung gegen Jm- hoff waren von auswärts mehrere Zeugen herbeigezogen worden: der Hospitalarzt und eine Krankenwärterin aus Calais, der Zimmerkellner aus dem Kölner Hotel, in welchem Harnisch übernachtet hatte, und Frau Webster aus London. Aus den Fremdenlisten war leicht das hiesige Gasthaus zu ermitteln gewesen, in welchem Harnisch abgestiegen war und zwei Tage verweilt hatte. Es war der „Europäische Hof". Von dem Personal desselben waren der Hausknecht und das Zimmermädchen als Zeugen geladen. Der französische Arzt aus Calais, welcher Harnisch im Hospital behandelt hatte, konstatirte, daß dessen beim Sprunge in's Boot entstandene Wunde nach Lage und Beschaffenheit genau mit dem Befunde des Protokolls übereinstimme, welches über die gerichtsärztliche Obduktion der im Kastanienwätdchen gefundenen Leiche aufgenommen worden war. In Uebereinstimmung mit der Krankenwärterin, welche den Schiffbrüchigen gepflegt hatte, erklärte der Arzt auf's Bestimmteste, daß der Angeklagte, Jmhoff, nicht der Patient gewesen sei, sondern nur eine oberflächliche Ähnlichkeit mit demselben besitze. Auch dem Zimmerkellner aus Köln sowie dem Hausknecht und dem Zimmermädchen des „Europäischen Hofes" war Jmhoff fremd, dagegen wurde er von Frau Webster aus London mit aller Bestimmtheit als der Vater Jenny's wiedererkannt, der in Begleitung seiner Frau gekommen war, um ihr das Kind in Pflege zu geben, und sich selbst unter dem Namen Jmhoff vorgestellt hatte. Ein sehr verhängnißvolles Jndicium gegen den Angeklagten bildete auch der Ritterharnisch auf dem Messingschilde des in seinem Besitz gefundenen Handkoffers, welches den letzteren leicht kenntlich machte. Die französische Krankenpflegerin hatte diesen, von seinem Eigenthümer mit in's Boot geretteten Koffer selbst in Verwahrung gehabt; der Hausknecht des Europäischen Hofes hatte ihn bei Harnisch's Ankunft und Abreise in der Hand getragen; das Zimmermädchen hatte ihn beim Aufräumen gesehen und sich das Wappen sogar näher betrachtet. Aber noch ein weiteres, schwer belastendes Moment sollte sich an den Koffer knüpfen. Die Verhandlung kam am ersten Tage nicht zum Abschluß; die am andern Morgen erscheinenden Blätter brachten über den Verlauf dieses Kriminalprozesses bereits sehr ausführliche Berichte, welche von allen Schichten der Bevölkerung heißhungrig verschlungen wurden. Der darin beschriebene Handkoffer führte einen neuen Zeugen herbei. Es war der Portier des Nordbahnhofs, welchem sich der Koffer mit dem Ritterharnisch lebhaft in's Gedächtniß geprägt hatte, denn er war wegen dieses Gepäckstücks vor einigen Wochen mit einem Fremden in Streit gerathen. Ein Herr, welcher mit dem nachmittags 6 Uhr abgehenden Zuge reisen wollte, aber zu spät gekommen war, hatte ihm diesen Koffer mit der Weisung übergeben, denselben bis zum nächsten Zuge, der um Mitternacht abging, aufzubewahren. Um diese Stunde war aber, statt des Eigen- thümers, ein anderer Herr gekommen, um den Koffer in Empfang zu nehmen. Der Portier pflegte sich seine Leute gut zu merken, und da er etwas argwöhnisch war und zu jenen Beamten gehörte, die dem Publikum gern kleine Schwierigkeiten machen, so wollte er den Koffer nicht abliefern, mußte sich aber zuletzt doch fügen, denn der Herr legitimierte seine Berechtigung zur Empfangnahme des Gepäckstücks durch Vorzeigung der numerierten Contremarke, welche der Portier dem zuerst Gekommenen eingehändigt hatte. Bei der Gereiztheit des Fremden und der Grobheit des Portiers war es zu einer sehr erregten Szene gekommen, und dem Letzteren stand daher das Aussehen seines Gegners um so frischer in der Erinnerung. Er erkannte ihn jetzt in Jmhoff sofort mit der größten Bestimmtheit wieder. Auch der Tag, an welchem sich jener Vorfall ereignete, ließ sich feststellen: Der Portier hatte an diesem Abende nicht den Dienst gehabt, sondern war für seinen Kollegen eingetreten, dessen Frau im Sterben lag. Das war am 23. August gewesen. An diesem Nachmittage war, wie die Nechnungsbücher des „Europäischen Hofes" nachwiesen, Harnisch wieder abgereist; der Hausknecht, welcher die Droschke besorgt und den Handkoffer hinabgetragen hatte, wußte sich zu erinn»rn, den Hotelgast in seinem Zimmer im Gespräch mit einem fremden Herrn gefunden zu haben, welcher dann ebenfalls mit in die Droschke gestiegen war. Er hatte diesen Fremden nicht besonders beachtet, doch erinnerte er sich, daß derselbe ebenso schwarzes Haar und schwarzen Vollbart gehabt hatte, wie Harnisch. Sehr wahrscheinlich war es Jmhoff gewesen. Von dem im Kastanienwäldchen gefundenen Leichnam hatte das Gericht mehrere Photographien aufnehmen lassen: eine derselben war ein fast in Lebensgröße ausgeführtes Brustbild, welches deutlich alle Züge deS Gesichtes wiedergab, und in dem letzteren erkannten alle mit Harnisch in Berührung gekommenen Zeugen denselben wieder. Am 23. August hatte Harnisch bei Schönaich vorgesprochen und war von Martha, in Abwesenheit ihrer Herrschaft, empfangen worden. Seine genaue Erkundigung, wo sich die Letztere aushalte und wo Gut Rottenbach liege, deutete darauf hin, daß er Schönaich und seiner Tochter hatte nachreisen wollen. Dorf und Gut Rottenbach waren mit der Eisenbahn nur vom Nordbahnhofe aus zu erreichen, sodaß Ziel und Zweck der beabsichtigten Reise ziemlich klar erschienen. In der sechsten Abendstunde hatte Harnisch, zu spät zum Zuge kommend, dem Portier des Nordbahnhofes den Koffer übergeben; um Mitternacht war der letztere durch Jmhoff, der sich im Besitze der Marke befand, zurückgefordert worden. In der Zwischenzeit, und zwar nach gerichtsärztlichem Gutachten zwischen 10 und 11 Uhr, war Harnisch in dem auf dem Wege zum Nordbahnhofe liegenden Kastanien- wäldchen erdrosselt worden. Der Jndicienbeweis stellte unzweifelhaft fest, daß Jmhoff sein Mörder war. Gestützt auf die im Koffer seines Opfers vorgefundenen Legitimationspapiere und begünstigt durch eine gewisse Ähnlichkeit mit der Person des Erdrosselten, hatte Jmhoff sich für Harnisch ausgegeben, und da er sich unter diesem Namen bei Siglinden einführte und in alle jene Beziehungen eintrat, in welche Harnisch selbst durch Frau Rollenstein's Testament zu der eventuellen Erbin der Million gestellt war, so war hiemit auch das Motiv zu Harnisch's Beseitigung klar genug gegeben. Der Angeklagte, welcher zwar hartnäckig leugnete, sich aber dadurch nur in um so größere Widersprüche verwickelte, wurde von den Geschworenen für schuldig befunden und von dem Gerichtshöfe zum Tode verurtheilt. Die Argumente, welche Jmhoff's Vertheidiger geltend gemacht hatte, um seinen Clienten des gleichen Verbrechens an Frau Rollenstein zu entlasten und dasselbe an Schönaich haften zu lassen, wußte Volkmar, als die Anklage gegen diesen zur Verhandlung kam, zu entkräften. Er wies mit unangreifbarer logischer Schärfe nach, wie die beiden Verbrechen unter sich im engsten Zusammenhange standen und wie die gleiche Hand, welche die mörderische That an Harnisch begangen, zuvor schon ihr Würgerwerk an Frau Rollenstein vollbracht hatte. Das ganze Arsenal seiner Beweisgründe gegen Jmhoff, welche er ebenso unermüdlich wie schlau gesammelt hatte, führte er in so scharfer Beleuchtung vor, daß kein wesentlicher Punkt im Dunkeln blieb und ein Motiv sich naturgemäß an das andere reihte, wie die Glieder einer Kette. Mit der ganzen überzeugenden und packenden Gewalt seiner Rede trat er für Schvnaich's Unschuld ein. Dieser war nicht der Mann, der die Ehre seiner wankenden Firma durch einen Mord an der Schwester seiner verstorbenen. Gattin zu retten suchte. Nur das verhängnißvolle Spiel des Zufalles hatte ihn gerade um dieselbe Stunde an denselben Ort geführt, wo ein anderer bereits der Gelegenheit wartete, nm den wohlvor- bereiteten Mord an Frau Nollenstein zur Ausführung zu bringen, und sicher werde es Niemand mit ruhigem Gewissen auf sich nehmen, auf diesen Zufall jetzt noch alle die Verdachtsmomente zu begründen, die gegen Schönaich vorgebracht waren, — jetzt noch auf das Haupt des greisen Mannes, der wohl durch unverschuldete Unglücksfülle um sein Vermögen gekommen war, aber niemals eine ehrlose Handlung begangen hatte, die furchtbare Blutthat zu wälzen, wo sich mit erdrückender Schwere die Schuldbeweise gegen einen ehemaligen kalifornischen Spielhöllenpächter, einen entlarvten Betrüger und zum Tode verurteilten Mörder wendeten. Unter lautlosem Schweigen der überfüllten Tribünen verkündete am Schluß der Verhandlung der Vorsitzende des Gerichtshofes Schönaich'S Freisprechung, und Volk- mar selbst führte seinen greisen Clienten in die Arme seiner Tochter. . . . * * » Am Abende vor der Vollstreckung des Todesurtheils bekannte sich Jmhoff freiwillig zu beiden Mordthaten. Sein Geständniß über die Ermordung Frau Rollenstein's enthielt nichts Neues, sondern deckte sich vollständig mit jener Selbstdenunziatton, durch welche er Sigltndens Vater hatte entlasten wollen. Auch Alles, was er damals nur in die Form von Vermuthungen gekleidet hatte, war thatsächliche Wahrheit gewesen. Was seine Beziehungen zu Harnisch betraf, so war er mit diesem während der Seereise allerdings in vertrauten Verkehr getreten und hatte dabei dessen Lebens- verhältniffe ziemlich genau kennen gelernt. Ueber ihre beiderseitigen Neisezwecke war es jedoch zu keinem vertraulichen Austausch gekommen. Harnisch hatte nur Andeutungen gegeben, daß er hierher reise, um sich zu ver- heirathen; seine künftige Gattin kenne er eben so wenig, wie sie ihn; die Heirath gründe sich auf eine Testamentsbestimmung: schlage das Mädchen seine Hand aus, so würde ihr eine reiche Erbschaft verloren gehen. Das war Alles, was Jmhoff über Harnisch's Chancen wußte. Als Jmhoff nach der Ermordung Frau Rollenstein's in deren Wohnung vergebens nach Geld gesucht hatte und deren Papiere durchwühlte, theils in der Hoffnung, auf leicht umsetzbare Geldwerthe zu stoßen, theils um Erika's Briefe wieder in seine Hand zu bekommen, fand er das Testament, welches ihm in Harnisch's Heiraths- Angelegenheit einen überraschenden Einblick eröffnete. Irgend ein Gedanke, sich die erlangte Kenntniß zu Nutze zu machen, kam bei ihm zwar nicht zur Reife, doch trat bei dieser Gelegenheit seine Reisebekanntschaft wieder in den Vordergrund, und da er nur noch über wenig Geldmittel verfügte, so wollte er versuchen, von Harnisch ein Darlehen zu erlangen. Er wußte, daß derselbe in Calais ein Hospital aufgesucht hatte, ohne jedoch die Natur seines Leidens zu kennen. Auf Harnisch's Ankunft wartend, kontrollierte er die täglich in der Zeitung erscheinende Fremdenliste der hiesigen Hotels und las schon wenige Tage nach der Ermordung Frau Rollenstein's Harnisch's Namen in dem Fremdenverzeichniß des „Europäischen Hofes." Als er ihn dort aufsuchte, fand er ihn eben im Begriff, wieder abzureisen. Er war sehr eilig, den Zug noch zu erreichen, und die Droschke wartete bereits unten. Jmhoff begleitete ihn daher zum Bahnhöfe, um unterwegs sein Anliegen anzubringen. Harnisch schlug es unter lebhaftem Bedauern ab; er sei selbst sehr knapp bei Kasse und müsse erst nach New-Uork um neue Wechsel schreiben. Als Beide am Bahnhöfe ankamen, war der Zug bereits abgegangen. Harnisch wollte nicht noch ein Mal hier übernachten, sondern beschloß, mit dem 12 Uhr-Zuge zu reisen, und übergab dem Portier seinen Handkoffer. In der Zwischenzeit 111 i < >- i wollte Jmhoff ihm Gesellschaft leisten, und auf seinen Vorschlag verbrachten Beide die Stunden in einem nahe gelegenen Concertgarten. Dort erzählte Harnisch ihm, daß er erst gestern Abend hier angekommen sei, daß er vorgestern in Köln übernachtet habe, wobei er ausführlich von dem Zimmerbrand berichtete, daß er sich heute seiner künftigen Braut und deren Vater habe vorstellen wollen, dieselben aber nicht mehr angetroffen habe und ihnen nun nachreisen wolle, da ihm das Dienstmädchen gesagt habe, der Tag ihrer Rückkunft sei sehr ungewiß. Von Frau Rollenstein's Ermordung schien er nichts zu wissen; wahrscheinlich wollte er sich erst Gewißheit verschaffen, ob die ihm bestimmte Braut, deren Vater er von London aus seinen Besuch angekündigt hatte, seine Bewerbung annehmen werde, ehe er sich um etwas anderes kümmerte. Daher hatte er es wohl auch mit seiner Reise so eilig. Während dieses Gespräches war eS, wo Jmhoff den plötzlichen Entschluß faßte, Harnisch aus dem Wege zu räumen und sich unter dessen Namen selbst bei Sig- linde und deren Vater einzuführen. Das „Kastanienwäldchen", durch welches er mit Harnisch, der Concertmusik nachgehend, hierher gelangt war, schien ihm ganz der geeignete Ort zur Ausführung feines Vorhabens. Als er auf Befragen von Harnisch erfuhr, daß derselbe bei Schönaich's weder eine Karte zurückgelassen, noch dem Dienstmädchen seinen Namen genannt hatte, schwand sein letztes Bedenken. Das Uebrige mußte er seinem guten Glück überlassen. Das Wagniß war gefährlich, — aber der Preis war eine Million! Auf dem Rückwege zum Bahnhof fiel er in dem einsamen Kastanienwäldchen plötzlich über seinen ahnungslosen Begleiter her, dem er an Körperkraft weit überlegen war, erwürgte ihn, wie er Frau Nollenstein erwürgt hatte, schleppte ihn in ein dichtes Gebüsch, entkleidete dort die Leiche gänzlich, um jede Nachforschung nach der Persönlichkeit des Ermordeten abzuschneiden, entleerte alle Taschen und trug die in ein Bündel zusammengeschnürten Kleider nach dem nahen Strome, wo er sie mit einem daran befestigten schweren Steine versenkte. Dann ging er nach dem Bahnhöfe und erzwäng sich mittelst der Kontremarke, die er in Harnisch's Portemonnaie gefunden, die Herausgabe des Handkoffers, welcher zwar nur wenig Geld, aber alle wichtigen Papiere enthielt, deren er bedürfte, um sich aller Orten als Jesco von Harnisch legitimieren zu können. Das war das Geständniß des Doppelmörders, welcher angesichts des unvermeidlichen Todes das Bedürfniß gefühlt hatte, sein Gewissen zu erleichtern. Als er am nächsten Morgen zur Richtstätte abgeführt werden sollte, fand man ihn erhängt in seinem Kerker. * Selten hat ein Vater sein Kind mit dankbareren Gefühlen und heißeren Segenswünschen dem erwählten Gatten vereint, als Schönaich, indem er die Hand seiner Tochter in diejenige Volkmar's legte, der ihm Ehre und Leben gerettet; selten verband sich in solchem Maße im Herzen eines Weibes mit den zarten Regungen für den Geliebten zugleich die Hochachtung vor dem Manne, wie im Herzen Siglindens . . . Da in Frau Rollenstein's Testamente Siglindens Enterbung nur für den Fall ausgesprochen war, daß sie sich der Heirath mit Herrn von Harnisch widersetzte, diese Verbindung aber an Ereignissen scheiterte, an denen sie keine Schuld trug, so wurde ihr die Erbschaft vom Gerichte zugesprochen. Sie folgte nicht nur der Stimme ihres eigenen Herzens, sondern auch dem Wunsche ihres mit äußeren Glücksgütern schon reichlich gesegneten Gatten, indem sie die ihr zugefallene Million mit ihrer kleinen Nichte Jenny theilte und aus ihrem eigenen Antheil die Gläubiger ihres Vaters befriedigte. Volkmar adoptierte Jenny und löschte damit den gebrandmarkten Namen, den sie trug, aus ihrem Leben. Skglinde dachte oft über das Loos nach, welches ihrer Schwester Erika an der Seite eines Mannes geblüht haben konnte, der die Fähigkeit zu dem furchtbarsten aller Verbrechen in sich getragen hatte. Wie schwer mochte sie in solcher Ehe die Verirrungen ihrer Jugend gebüßt haben? Seitdem Siglinde auf der Zeugenbank der Gerichtsverhandlung gegen Jmhoff beigewohnt und mit eigenen Augen gesehen hatte, welche unverdiente Theilnahme die zahlreich erschienene Damenwelt dem schönen Mörder entgegenbrachte, wußte sie sich zu erklären, wie auch ihre Schwester sich durch das blendende Aeußere dieses Mannes über dessen Charakter hatte hinwegtäuschen lassen können. Was aber wäre wohl Anna Ritters Schicksal gewesen, wenn Jmhoff es an der Zeit gefunden hätte, sich ihrer zu entledigen, da er doch fürchten mußte, daß die Rache des getäuschten Mädchens ihm gefährlich werden konnte. In solchem Falle würde die Würgerhand sicher auch vor einem dritten Opfer nicht zurückgeschreckt sein! Von Siglinden erhielt Anna das kleine Kapital zurückerstattet, das ihr nach und nach von Jmhoff abgelockt worden war, und Volkmar gründete ihr ein Ladengeschäft, welches ihr eine selbstständige Existenz sicherte und sie der Machtsphäre ihrer unduldsamen Schwägerin entrückte. — Martha fand für die treue Anhänglichkeit, die sie ihrer jungen Herrin im Unglück bewiesen, den besten Lohn in der Stellung im Hause des jungen Ehepaares, wo sie wie ein Glied der Familie gehalten und behandelt wurde . . . „Als ich rathlos und von der Welt verlassen zum erstenmale zu Dir kam," sagte Sigliude am Hochzeitstage zu ihrem Gatten, während sie zärtlich ihre Hände um seinen Hals faltete, „und aus Deinem Munde den Ruf: Siglinde! vernahm, da war mir's plötzlich wieder wie damals, wo dieser Ruf durch Nacht und Nebel, Rettung verheißend, an mein Ohr tönte. Ich nahm es wieder für ein gutes Vorzeichen und habe mich nicht getäuscht." -- Das Tagebuch der Prinzessin Therese im Teuchle. Skizze von E. Vely. (Schluß.) Am 9. Mai 1794, als die beiden Prinzessinnen sich eben niederlegen wollten, rasselten die Schlösser an ihrer Thür und man klopfte: „Bürgerin, komm' herunter! Und meine Nichte? Damit wird man sich später beschäftigen! Meine Tante umarmte mich und sagte, sie käme wieder herauf. Nein Bürgerin, du kommst nicht wieder herauf, nimm deine Mütze und folge uns! 112 Sie überhäuften meine Tante mit Beschimpfungen, sie erlitt sie mit Geduld, nahm ihre Mütze, umarmte mich und empfahl mir Muth und Gottvertrauen." Am folgenden Tage wurde Madame Elisabeth hingerichtet; sie war 30 Jahre alt; mild und fromm und ergeben, glich sie in ihrem Aeußern ihrem unglücklichen Bruder. Der allein gebliebenen Prinzessin Therese wurde ebenfalls nichts über das Schicksal ihrer Tante mitgetheilt, vergebens fragte sie nach ihr und nach ihrer Mutter. Einmal trat ein Mann in ihr Zimmer, den sie für Robes- pierre hielt; er betrachtete sie frech, sah die Bücher an und ging wieder. Nachdem Madame Elisabeth als letztes Opfer auf dem Schaffst gefallen war, schienen die „Kinder Frankreichs" im Temple ganz vergessen zu sein — weder Paris, noch Frankreich, noch die Verwandten in Oesterreich wollten wissen, daß hinter den grauen Mauern zwei junge Geschöpfe elternlos und heimathlos schmachteten. Eine kleine Schrift machte endlich darauf aufmerksam: „Ein Wort für zwei Individuen, an die Niemand denkt und an die doch einmal gedacht werden muß." Wohl in Folge dessen erschienen Barras und Del- Mas, die Machthaber nach dem 9. Thermidor, im Temple und sahen sich die Königswaisen an; Laurent, der Com- missar des Konvents, befahl, daß man den kleinen Louis Charles besser behandle. Er ließ ihm ein anderes Bett und Bäder geben. Aber die heißerbetenen Nachrichten über ihre Angehörigen wurden der Prinzessin Therese verweigert. Das Comite der „Allgemeinen Sicherheit" beschloß, der „Tochter Louis Capets" eine Frau zur Gesellschaft zu geben. Eine Freiwillige meldete sich zu diesem Posten, die Bürgerin Chanterenne, Madeleine Hilaire la Rochette. Die Erkundigungen, die über sie eingezogen wurden, ergaben, daß „sie ein sanftes Wesen habe, französisch, italienisch und deutsch spräche, und daß man nicht an ihrem Biirgersinn zweifle". Sie zählte 30 Jahre und trat am 16. Juni 1795 bei der vereinsamten Prinzessin ein. Natürlich hatte das innigste Mitleid mit der Waise des Temple Frau v. Chanterenne bewogen, den Schritt zu thun — die Prinzessin Therese schloß sich sofort in inniger Zuneigung an die Gefährtin an. Der Dauphin erkrankte ernstlich, und nun wurden ihm Aerzte geschickt, aber keine Kunst konnte ihn mehr retten. „Er verging wie ein Greis aus Lebensschwäche." Am 9. Juni 1795 um 3 Uhr starb er ohne Todeskampf, zehn Jahre und zwei Monate alt. Die Prinzessin Therese schreibt über seinen Tod: „Es ist nicht wahr, daß er durch die Commune vergiftet worden ist; das Gift, das seine Tage verkürzt hat, war einzig die Unsauberkeit, in der er ein Jahr lang gelebt hat, und die Härte, die man gegen ihn angewandt hat." Und sie schließt: „So war das Leben meiner tugendhaften und unglücklichen Verwandten während der letzten Jahre ihres erlauchten Daseins. Ich bezeuge, daß dieses Memorandum die Wahrheit enthält. Marie Therese Charlotte. Geschrieben im Thurm des Temple am 14. Oct." Im Herbst desselben Jahres wurden mit Oesterreich Verhandlungen angeknüpft über die Auslieferung von französischen Gefangenen gegen die Prinzessin, und am 18. Dezember verließ sie nach schwerem Abschied von Frau M Chgnterenne den Temple am Arme des Ministers Benezech. Sie drückte dabei ihr Memorandum heimlich in die Hände der Freundin — der Kaiser von Oesterreich hatte zur Bedingung gemacht, daß Niemand seine Verwandte begleite, der im Temple bei ihr gewesen war. In ausführlichen Briefen schildert die Prinzessin ihre Reise bis nach Basel, wo am 26. Dezember 1795 die Auslieferung stattfand, ihrer „theuren Renate, der Vielgeliebten einer unglücklichen Verbannten". Nach all den Erlebnissen der Schreckenszeit fühlt sie sich wieder glücklich, als Prinzessin unterwegs erkannt und behandelt zu werden. Der Prinz von Gavre und Baron von Degel- mann kamen als Abgesandte des Kaisers, und mit der Unterzeichnung eines Schriftstücks war dieses Kapitel der Leidensgeschichte der Tochter Marie Antoinettens geschlossen. Die Acte heißt: „Ich Unterzeichneter erkläre, gehorsam den Befehlen Sr. Majestät des Kaisers, von Herrn Bacher, dem zu diesem Zwecke abgeordneten französischen Gesandten, die Prinzessin Marie Therese Charlotte (Naäams 1a krin- 0688 S), Tochter Sr. Majestät des Königs Louis XVI., empfangen zu haben." Das Memorandum aus dem Temple ging noch einmal in die Hände der Prinzessin zurück, als sie nach ihrer Vermählung mit ihrem Vetter, dem Herzog von Angoulsme, in Mitau lebte. Sie ließ eine Abschrift davon nehmen, die durch eine Jndiscretion der Fran von Soucy in die Oeffentlichkeit drang; mit vielen Entstellungen und Zusätzen ist die einfache Erzählung von Zeitgenossen benutzt. Das Original kam wieder in den Besitz der Frau von Chanterenne und blieb in ihrer Familie, bis ihr Enkel es dem Herzog von Chambord, dem Erben der ehemaligen Madame Noyale, zustellte. , Nur eine Station ist allerdings der Temple für Therese, die spätere Herzogin von AngoulZme, auf dem Leidenswege ihres Lebens gewesen. Die auf Anlaß der Herzogin von Madrid von Gabriel de Saint-Victor dem Tagebuch beigegebenen Erläuterungen sagen von der Waise aus dem Temple: „Im Schissbruch ihres Lebens wird sie bis zum Ende die traurige Gestalt in's Gedächtniß rufen, die sich an die Barke Dante's klammerte und ihm antwortete, als er nach ihrem Namen fragte: Veäi, osto soo uu vsts xiau§6." -- Plauderei über Kunst und Kunstgeschichte mit besonderer Berücksichtigung der Architektur und Plastik.*) Von Max Fürst. War es mir schon einmal gegönnt, als Maler über Malerei aus der Schule zu schwätzen, so erkühne ich mich heute, einige geschliffene und auch ungeschliffene Steine zu bieten, die ich aus kunstgeschichtlichen Betrachtungen mir gebrochen habe. Dieselben stilvoll zusammenzufügen, wird mir freilich nicht gelingen, doch hoffe ich immerhin jene Baulinie einzuhalten, welche den üblichen gesellschaftlichen Vorschriften entspricht und keine Behörde veranlassen wird, mir mein — freilich ohne jeden Befähigungsnachweis geübtes — Handwerk zu legen. Wenn zunächst meine Grundlegung etwas breit und feierlich sich gestaltet, so bedingt dieses ja die Sitte, die beim Beginne aller *) Vertrag, gehalten in München in der Abendversammlung des Historischen BereinS von Oberbayern am 19. Januar (Car- ncvalSmonat) 1894. I 113 < 7 >. baulichen Unternehmungen allerorts mehr oder minder beobachtet wird. DaS Großartigste und Gewaltigste von allem Sichtbaren ist bekanntlich das Weltgebäude selbst. Die architektonischen Theile dieses Ganzen läßt uns der Welten- baumeister über und um uns schauen. Am nächtlichen Himmels-Gewölbe erkennen wir die erste und älteste Chaussee, die Milchstraße, in deren voraussichtlich normalspurigen Geleisen der Fuhrmann, das bekannte Sternbild, seit ungezählten Jahren sich bewegt. Unser Planet selbst weist auf grandiose Architekturzeugen, die schon bestanden, ehe eine Menschenhand zum Richtscheit, zu Kelle und Mörtel griff. Ich erinnere nur an die vielen naturgewaltigen Labyrinthe, an die am Eingang in den atlantischen Ocean aufragenden Säulen des Herkules, sowie an das eiserne Thor an der Donau. Lange vor.dem Menschen entwickelten bereits andere Geschöpfe rege Baulust und Thätigkeit. Als die ersten luftigen Hochbauten erschienen die Nester der Böge!, den Wasserbau pflegte in sorgfältiger Weise der Biber, den Bergbau eine gewisse Wespenart; die kleine, emsige Künstlerin, welche den klösterlichen Zellen- bau übte, die Biene, soll nicht vergessen sein. Rhythmus und Harmonie wird in der edleren Baukunst vor Allem gefordert, deßhalb konnte Professor M. Carriere, den ich in meiner Jugend zu hören die Ehre hatte, einmal in wonnig warmer Begeisterung die Architektur nicht ganz mit Unrecht als „gefrorene Musik" bezeichnen. Wir Hörer, damals etwas unverfrorene Jungen, zogen aus dieser Bezeichnung die nöthige Logik und glaubten, die das Leben versüßende Musik sofort als „geschmolzene Architektur" bezeichnen zu dürfen. Daß in der Plastik hin und wieder etwas von eingefrorener Musik sich befindet, bezeugten im Alterthume jene im Nillande aufragenden Memnonskolosse, welche nach den Aussagen feinhöriger alter Touristen beim erwärmenden Strahl der Morgensonne wirklich liebliche Töne von sich gegeben haben sollen. Doch weg vom Ungewissen! Gar keinen Zweifel gibt es, wenn wir sagen, daß wohl zur frühesten menschlichen Thätigkeit der Ackerbau gezählt werden muß. Und um nun die Früchte dieses Baues mit Behagen und Dank genießen zu können, erwies es sich alsbald nöthig, ein gar einfach schlichtes Ding zu bauen, welches für alle Zeiten unzertrennlich und unentbehrlich der Menschheit werden mußte. Ich meine: den Herd. Leibliche und geistige Bedürfnisse sind es gewesen, welche diesen Bau hervorriefen, denn in der Frühgeschichte aller Völker ist ja Herd und Altar dasselbe. So tief ist die Begeisterung, das Verlangen nach solchem Banwerk in die Menschenbrust gelegt, daß wohl in den fernsten Tagen noch, zunächst die jungen Leute, mag ihnen auch sonst jedes Interesse und Verständniß für Architektur mangeln, stets rührig bestrebt sein werden, einen eigenen Herd sich zu bauen. Die Wichtigkeit der Baukunst dürfte durch diesen Hinweis wohl am besten nachgewiesen sein. Betrachten wir nun Architektur und Plastik nach den Entwicklungsstufen der Nationen. — Selbst auf die Gefahr hin, einigen pyramidalen Unsinn zu reden, will ich bei den Aegyptern anfangen. Die Verdienste der alten ägyptischen Flußbauämter sind bekanntlich so groß, daß sie heute noch nicht «uf's Trockene gesetzt erscheinen. Wenn die Aegypter die Arbeit des Suez-Kanales den Kindern des 19. Jahrhunderts überlassen haben, so war wohl der Umstand schuld, daß dieselben damals die technische Einrichtung von Actien noch nicht kannten, obwohl ihnen der stete Anblick des Stekgens und Fallens des Nilwassers Anregung genug geboten hätte, auch nach dieser Seite hin erfinderisch sich zu erweisen. In Folge solch' tadelnswerther Nichtbeachtung ist es daher leicht erklärlich, daß die großartigen Ziegeleien des Pharaonenlandes, trotzdem Hebräer in riesiger Zahl daran betheiligt waren, niemals zur Höhe heutiger Actienziegeleien sich aufschwingen konnten. Als Jsarmoränenschlamm und Haidekraut noch die Stelle deckte, auf der heute der Münchener Karolinenplatz zu schauen ist, da galten als ausschließlich ägyptische Specialität die bekannten Obelisken. Einer der berühmtesten darunter, der nach seinem Falle zu Alexandrien einen gar weiten Transport sich gefallen lassen mußte, ist, wie männiglich bekannt, die „Nadel der Kleo- patra" benannt worden. Ob diese „Nadel" schon Dienste geleistet, als es der üppigen Kleopatra gelang, die Herren Julius Cäsar und Antonius einzufädeln, wissen wir nicht zu sagen. Wir wollen uns darüber auch nicht den Kopf zerbrechen, denn Aegypten ist ja bekanntlich das Land der Räthsel und der Sphinxe, und nicht Jedermanns Sache ist es, ein Oedipus zu sein. Die alte Welt und ihre Werke kennen gleich mir die meisten Menschen nur aus Bildern. Da haben wir denn erst vor einigen Jahren hier im Glaspalaste aus dem Gemälde von Nochcgrosse „Das Ende Babels" in Erfahrung bringen können, daß in Babylon ganz besonders die Fleisch buden von einem kolossalen Umfange gewesen sein müssen. Waren die Dinge wirklich so, dann dürfte es uns nicht wundern, wenn es einem kommenden Forscher und Archäologen noch gelingen sollte, die Ur- paragraphen einer „I-sxHeinze" in Keilschrift aus dem wüsten Schütte — den wir wohlweislich nicht weiter berühren — herauszuwühlen. Die Erben ägyptischer Kunst waren bekanntlich Pe- lasger, dann Griechen. Die Kunst der letzteren wird allgemein so gelobt und gefeiert, daß ich mir hier schon erlauben darf, als Unikum eine entgegengesetzte Stimme zu Worte kommen zu lassen. Ein leider früh verstorbener, hochbegabter, nur etwas leidenschaftlich angelegter Archäo- lvge, Julius Braun, der, nebenbei bemerkt, schon 35 Jahre vor Schliemann den Spaten zur Hand nahm, den Hügel Hissarlik als Stätte von Troja bezeichnete, sprach nie in Hieroglyphen, wenn es galt, den Griechen eines zu versetzen. Seiner Meinung nach haben eben jonische Sardellenfischer und dorische Sauhirten das seltene Schwein (vul^o Glück) gehabt, die ägyptischen Architekturerfolge vollständig ausnützen zu können. Schlau wie immer, so meinte Braun, hätten die Griechen u. a. das ägyptische Lotoskapitäl einfach um ein gutes Stück oben abgekappt und wären so höchst billig zu dem Ruhme gekommen, Erfinder des gerühmten dorischen Säulensystems. zu sein. Es dürfte nicht Wunder nehmen, wenn ob solcher Verdächtigung des hellenischen Kunstvermögens der bekannten Diana vonEphesus die Milch der frommen Denkungsart sauer, oder wenn Hephästos, der Vater der Bildhauer, dem boshaften Nörgler etwas unsanft auf die Finger klopfen würde. Was Dr. Braun so hämisch von den Griechen sagte, könnte mit ungleich größerem Rechte von den Römern behauptet werden, denn die rauhen Söhne des Romulus sind — soweit sie noch ohne 114 hellenische Knnsteinflüsse bauten — über die mamer- tinischen Gefängnisse und die Oloaoa Nuximu nicht weit hinausgekommen. Ein Hineinfallen in die letztere konnte im späteren Norn übrigens mit Leichtigkeit quitt gemacht werden, da ja die vielen Bäder und Thermen, welche in allen Stadttheilen entstanden, es ermöglichten, alsbald wieder makel- und fleckenlos unter den Mitbürgern zu erscheinen. Man wird leicht begreifen, warum auch in den großen Städten der Gegenwart die Dringlichkeit der Errichtung von Bädern und Waschanstalten so häufig Betonung findet. Der übernommene künstlerische Nachlaß Griechenlands zeigt sich in Rom am deutlichsten in der immensen Zahl antiker Statuen, welche die vielen Museen bergen. Bekanntlich hat Schiller im Hinblick auf die Antiken einmal gesagt, daß dieselben den Wandalen Stein seien. Zu gewissen Zeiten find sie übrigens auch den Römern nichts anderes gewesen. Man denke doch an jenen Hagel prächtiger Statuen, den im Jahre 537 die bedrängten Römer und Byzantiner von der Höhe des Hadrianeums auf die stürmenden Gothen niedergleiten ließen. Damals flog ja auch unser werthvoller „Barberinischer Faun" gar unsanft auf die Köpfe der Stürmenden, um einige von diesen zu unfreiwilligen Genossen seines immerdauernden Schlafes zu erküren. Daß die Antiken bei solcher Verwerthung und Behandlung selbst oft Köpfe, Arme und Beine einbüßten, ist sehr erklärlich, und es hatte daher In der Renaissance, als man förmlich nach Antiken schürfte, mancher Bildhauer vollauf zu thun, dieser oder jener antiken Gottheit wieder auf die Beine zu helfen. Die ehrenwerthen Olympier konnten sich wirklich gratuliren zu den chirurgischen und orthopädischen Erfolgen, die da an ihren ewig jungen Leibern von geschickten Menschenhänden nicht selten erzielt worden sind. Manchmal fielen die neugeschaffenen Glieder so gediegen aus, daß auch der ursprüngliche Schöpfer des Werkes dieselben wohl kaum besser hätte herstellen können. Hat man sich z. B. doch sehr lange besonnen, ob man nach verspäteter Auffindung der wirklichen Beine des Farnesischen Herkules diesem dieselben zustellen solle oder nicht. Waren ja die von Guglielmo della Porta inzwischen gefertigten Ersatzfüße so ausgezeichnet gerathen, daß, wenn Herkules selbst zu bestimmen gehabt, er hinsichtlich der Wahl vor einen neuen schwierigen Scheideweg sich gestellt gesehen hätte. (Fortsetzung folgt.) -— - Die Kapuziner in Lindan. Es war vor etwas mehr als einem Jahre, da wurde mir einmal in Bregenz ein Marienbild gezeigt, das sich auf ein Kapuzinerkloster in Lindau bezog. Derjenige, der mir das gar nicht üble Bild zeigte, fragte mich, ob ich denn etwas darüber wüßte. Ihm sei die Sache ziemlich neu. Ich wußte damals nur, daß an der Achbrücke ein Kapuzinerklösterchen gestanden war, das gelegentlich der Belagerung Lindaus durch die Schweden zerstört worden war. Was ich nun weiters fand, ist der Inhalt der folgenden Abhandlung, wobei ich gleich anfüge, daß meine Hauptquelle die von Pater Romuald bearbeitete und in Kempten 1747 herausgekommene Geschichte der Kapuzinerprovinz von Vorder-Oesterreich ist. Benützt ist weiter „Lindau vor Altem und Jetzt" von Boulan. In Lindau hatte mit dem Jahre 1524 die Reformation begonnen und sich rasch immer weiter ausgebreitet. Schon 1530 hatte Lindau mit Constanz, Straßburg und Memmingen beim Reichstag zu Augsburg eine besondere Confession: die 4 Städte-Confesfion, übergeben. Katholisch blieb nur das Stift und seine Angehörigen. WaS Wunder, wenn Stift und Stadt gar häufig in allerhand Streitigkeiten verwickelt wurden. Da gab es auf einmal im Jahr 1626 Streit bei der Bürgerschaft. Der protestantische Bürgermeister Müller wollte sein Haus an den katholischen Grafen Fugger verkaufen, was ihm vom Magistratus nicht zugelassen wurde, ebenso wollte der ehrsame Rath die Privatbeichte einführen — das führte zu argen Händeln selbst in der Kirche. Die Sachs ging für die Stadt schlimm aus, denn 1628 wurden Graf Hugo v. Montfort u. der Bischof von Constanz nach Lindau als Exekutions-Commission geschickt mit allerhand Aufträgen, von denen uns zwei zunächst in» teressiren. Einmal wurde eine kaiserl. Strafgarnison in die Stadt gelegt, und dann sollte die Commission weiters allen möglichen Fleiß anwenden, daß die §rntrs3 rainores Orä.L.krauoisoi wieder zu dem Gotteshaus u.Einkommen gelangen, so ihnen anno 1528 entzogen worden sein solle, sie in ihrem Ordensberuf und katholischen Exerzitiis unturbirt zulassen. Der kaiserliche Erlaß datierte vom 16. Febr. 1628. Schon 1624 war eine kaiserl. Commission erschienen und hatte Ansprüche auf das alte Barfüßer-Kloster erhoben, um dasselbe den Kapuzinern zu übergeben. I« selben Jahre hatte nämlich die Fürstäbtissin Maria Christina beschlossen, geistliche Männer in die Stadt einzuführen, damit dadurch das Stift und seine Diener, sowie andere Katholiken in der Stadt der hl. Dienste derselben genießen könnten. Die Väter der Kapuzinerprovinz, denen die Sache einleuchtete, brachten im Verein mit anderen einflußreichen Männern die Angelegenheit vor den Kaiser und berief die Kommandantschaft der oben erwähnten Strafgarnison eine Kapuzinerkolonie nach Lindau als nothwendig für die Ausübung der Dienste der Religion. Obigem nach scheint man dabei zuerst an das alte Barfüßer-Kloster gedacht zu haben. Pater Romuald erzählt indessen, daß ein Lindauer Bürger, der vom Protestantismus zum Katholizismus übergetreten war und deswegen viel zu leiden hatte, sein Haus den Katholiken zum Kauf angeboten habe, um fortzuziehen. Indessen ging es hier wie bei dem Müller'schen Verkauf. Man wollte denselben von gemeiner Stadt Satzung wegen nicht zulassen und suchte sich mit Aufbietung aller Kräfte zu widersetzen. Beiderseits wurde die Sache vor den Kaiser Ferdinand II. gebracht, welcher den Deutschherrn-Erz-Komthur von Altshansen Joh. Jakob Freiherrn v. Stein als Commissär beorderte. Dieser wickelte die Sache zu Gunsten der Kapuziner ab und gab dem Rath davon Bescheid, der sofort neuerdings protestirte. Der Kaiser, sehr aufgebracht, instruirte den Cowmiffär noch knapper unter Androhung kaiserlicher Strenge und stellte zudem den Freiherr von Raitnan zu Höfen als Sachwalter im erwähnten Anwesenskauf auf. Da bewilligten die Lindauer den Verkauf, und nach Romuald 1630, nach Boulan schon 1629 und zwar am 28. April mußten sie den „Spectacul" erleben, daß die kaiserliche Commission von Bregenz her mit großer Anzahl Volks, geistlichen und weltlichen Personen, zum Stadtthor herein und durch die Stadt in die „Jn- r- L15 sul" zog. Ein großes Kreuz wurde von 32 Mann in weißen Hemden — werden wohl Alben und Chorröcke gewesen sein — getragen und in der Jnsul bei Andreas Eggers Torckel mit großer Feierlichkeit aufgerichtet. Es wurde der Grundstein gelegt, eine Kapelle gebaut, nach weiteren Vereinbarungen mit den Lindauern das aufgeführte Haus bezogen und mit den geistlichen Exercitien begonnen. Unterm 20. Oktober 1630 nahm der Kaiser das Kloster und seine Insassen in seinen speziellen Schutz und bedrohte Zuwiderhandelnde mit der schweren Geldstrafe von 30 Gulden. Bald aber fanden die Kapuziner den Platz selbst nicht mehr geeignet, hauptsächlich mit Rücksicht auf die andersgläubige Nachbarschaft, weshalb sie beschlossen, sich außerhalb der Stadt anzukaufen d. h. ihr bisheriges Anwesen gegen ein außerhalb der Stadt gelegenes zu vertauschen. Diesem Haustansch, dem der Erzkomthur beigestimmt hatte, widersetzte sich der Magistrat sofort wieder mit ganzer Kraft. Erst dem an Stelle des Erzkomthurs zugezogenen Juristen Albert Eberhard gelang es, die Liudauer durch Vorführung aller Gründe umzustimmen. Jetzt errichteten die Kapuziner vor der Stadt im sog. heil. Gut ein neues Gotteshaus und nahmen den Bau eines Wohnhauses ernstlich in Angriff. Als die Arbeit schon ihrer Vollendung entgegen sah, wurden sie durch die Ankunft einer schwedischen Heeresabtheilung auf die unangenehmste Weise gestört. Als Gustav Horn mit seinem Heer heranmar- schirte, erschienen plötzlich im Oktober 1633 schwedische Reiter vor der Stadt, machten die erste Schildwacht nieder und hätten den damaligen Kommandanten Oberst König, der bei den Kapuzinern die Messe hörte, beinahe gefangen. Er wurde aber rechtzeitig von dem damaligen Gastwirth zur Taube Namens Graf gewarnt und entkam glücklich nach Lindau. In Folge davon ließ der Kommandant, auch von der Erwägung ausgehend, der Feind möchte zur Eroberung der Stadt hier einen Stützpunkt finden, — wie richtig seine Ansicht war, werden wir später noch bewiesen sehen,—dieKirche untergraben und alle nächstgelegenen Häuser verbrennen. Die Stadt mußte den Kapuzinern eine Wohnung innerhalb ihrer Mauern einräumen. Nachdem die Schweden aber wieder abgezogen und die Gefahr beseitigt war, verlangten die Kapuziner ihr altes Eigenthum wieder und wandten zur Wiederherstellung des Gotteshauses alle Mühe auf. Nun war gerade eine furchtbare Theuerung, derartig, daß die Menschen Gras aßen, aus Eicheln, gemengt mit Staub u.Grüsch auch Linsenmehl wurde Brod gemacht; Hunde, die beim Wasenmeister geholt und als Delikatessen verspeist wurden, und Katzen galten als Wildpret. Seuchen und Krankheiten rafften aus dem Stadtgebiet an 800 Menschen weg. Dazu kamen fortwährende Kriegsstenern, so daß die Patres der Provinz zur Wiederherstellung von Küche und Kloster Zuschuß gewähren mußten. Dabei dachten sie aber schon an einen dritten größeren Platz und bezeichneten hiefür die Nähe des kaiserl. od. städt. Zeughauses als passend. Zu dem Zweck sandten sie 2 Patres der Provinz zu Kaiser Ferdinand III. als Vertreter, die mit Empfehlungs-undVefürwortungsschreiben einiger hoher Herren versehen waren. Sie entledigten sich ihres Auftrages mit großer Geschicklichkeit. Der Kaiser gewährte in seinem Eifer für den Katholizismus ihren Wunsch und stellte mittels kaiserlichen Diploms den schon erwähnten Freiherr« von Stein als Commissär auf. Er hatte den Auftrag, die Stadt dafür zu gewinnen, einen in jeder Beziehung geeigneten Platz in der Stadt zur Errichtung eines Kapuziner-Klosters abzugeben. Die Kapuziner seien Willens, Niemand lästig zu fallen. In einem Schreiben vom 4. November 1638 suchte er dies mittels eines in den schmeichelhaftesten Worten abgefaßten Schreibens beim Lindauer Magistrat durchzusetzen. Der Commissär verwandte alle Sorgfalt auf die Durchführung der kaiserlichen Absicht und zog noch den Obersten eines schwäb. Kreis-Negiments, Ferdinand von Handel, bei. Der Lindauer Rath ging aber hierauf nicht ein, suchte vielmehr die Sache ohne Rücksicht auf den Kaiser zu verhindern, so daß schließlich der Erzkomthur jede Hoffnung auf günstigen Ausgang aufgab und den Patres hievon Mittheilung machte. Diese sahen ein, daß sie nichts ausrichten, am Ende nur das bisher Besessene auch noch verlieren würden, und verwandten wieder alles auf Wiederherstellung von Kloster und Kirche außerhalb der Stadt. Da legte sich die Fürfläbtissin in's Mittel und wünschte, daß die Kapuziner in die Stadt übersiedeln möchten, aber die Lindauer protestierten wieder und wollten die Kapuziner aus der Stadt ausgeschlossen wissen. (22. Mai 1640.) Nun wandte sich die Aebtissin an den Kaiser, und dieser beauftragte jetzt den neuernannten Gouverneur Max Willibald Truchseß Grafen von Wolf- egg, Sorge zutragen, daß den Kapuzinern innerhalb der Stadt ein Haus fundiert würde und die Patres in ruhigem Besitz desselben bleiben könnten. Die Kapuziner selbst aber vertrauten auf das kaiserliche Reskrjpt und den Schutz des Gouverneurs und führten den Ausbau ihres angefangenen Klosters fast seiner Vollendung entgegen. Da ertönte neuerdings Waffeulärm. Da und dort herumschweifende Truppenabtheilungen der Schweden ließen sich sehen und die Patres mußten 1647 von ihrem Werke abstehen, da Wrangel am 4. Jan. dieses Jahres die Belagerung Lindaus in der Hoffnung, die Lindauer würden aus Freundschaft wegen der gemeinsamen Religion keine, so hartnäckige Vertheidigung leisten, begann. Der sehr rührige und heldenhafte Gouverneur machte, unterstützt von dem ihm beigegebenen Oberstlieutenant Baron von Crivelli, diese Hoffnung glänzend z' Schanden. Er zwang durch seine Autorität die Bürger zu ihrer Pflicht und vereitelte durch seine Kriegsfertigkeit die Eroberung. Zweifelsohne war Graf Wolfegg dazu bestimmt, der Siegeslausbahn Wrangels ein Ziel zu setzen, und sein seltenes Glück bewirkte, daß sowohl der Anfang als der weitere Verlauf des Wrangel voraussichtlich günstigen Jahres sich ungünstig gestaltete, so daß der ^Schwede mit Schimpf und Schande abziehen und dem Feinde Stadt und Siegcspalme lassen mußte. Wrangel hatte 3 Batterien aufgeworfen und das Schänzlin an der Brücke vergeblich gestürmt. Eine Batterie von 9 schweren und leichten Geschützen und 1 schweren Mörser war im Kapuziner-Kloster etabliert worden. Das Klösterlcin war wiederum auf Befehl des Kommandanten gänzlich zerstört und verbrannt worden, k. Romuald weiß zwar, daß ein Lindauer Bürger in die Kirche die Brandfackel warf, ohne daß er hiezu Befehl erhalten hatte. Ueber die Wirkung der Geschosse erzählt k. Romuald, daß die Kugeln hauptsächlich dem Stift gegolten, trotz Correktur aber ihr Ziel nicht erreicht hätten. Sie schlugen in die 116 Kirche (Stefanskirche) und Häuser der Lutheraner und richteten dort ungeheueren Schaden an. Wetters erzählt er folgende Episode: Es war im Gasthof z. Krone eine kathol. Köchin, welche einstens ihre Herrin verwundert fragte, warum alle Kugeln, auch diejenigen, welche direkt auf die kath. Kirche gerichtet waren, diese nicht beschädigten, aber umso verderblicher gegen die Kirche und die Häuser der Lutheraner wirkten. Die Dienerin antwortete ihr: Das ist nicht zum Verwundern. Der kathol. Kirche kann aus dem Grunde nichts Widriges zustoßen, weil die Kapuziner und die Katholiken dort vor dem Allerheiligsten Tag und Nacht auf den Knien lägen und in größter Inbrunst zu Gott beteten. Nachdem die Frau dies gehört hatte, beauftragte sie ihre Köchin, den Kapuzinern ein sehr reichliches Almosen zu bringen und dieselben in ihrem Namen zu bitten, auch für sie und ihr Haus das Allerheiligste anzuflehen. Die Kapuziner sandten Gruß und Dank zurück und versprachen nach ihrer Intention zu Gott zu beten. Und siehe da, fürderhin stieß diesen Häusem kein Unheil mehr zu. Nach Aufhebung der Belagerung stellte man die Ruinen und Befestigungen wieder her, und auch die Kapuziner waren nicht müßig, ihr Areal zu reinigen, die verbrannte Kirche wieder aufzubauen und den Garten anzupflanzen. Doch oh weh! im Jahre 1649 wurden im westfälischen Religionsfrieden katholikenfeindliche Bestimmungen veröffentlicht, in Folge deren die religiösen Verhältnisse auf den Standpunkt zurückgeführt wurden, in welchem sie sich am 1. Januar 1624 befunden hatten. Die Lindauer zeigten sich zur Annahme und Danach- handlung dieser Artikel mehr als willfährig und verkündeten den Kapuzinern durch Notar und Zeugen am 17.Nov. 1648 in Uebereinstimmung mit diesen Beschlüssen die Ausweisung. Darüber entstand ein heftiger Streit, ob die Kapuziner diesem Friedens-Artikel unterworfen wären. Wiederum verwenden sich die Landkommentur von Altshausen und die Patres der Provinz beim Kaiser, der am 26. Febr. 1649 schreibt, die Kapuziner auch fernerhin zu belassen. Ebenso protestiert wiederum die Aebtissin, die die Kapuziner wieder als Beichtväters des Stiftes haben will. Hitzig wird hüben und drüben von Rechtskundigen beider Confesfionen gestritten, die Entscheidung des Streites wird katholischen und lutherischen Schiedsrichtern überlassen. ?. Nomuald gibt selbst zu, daß die ersteren ihrer Aufgabe sich nicht gewachsen zeigten und sich die Sache nicht angelegen sein ließen, und so wurde die Sache gegen die Kapuziner entschieden. Diese packten ihre Habe zusammen, nachdem ihnen die Stadt den Kaufpreis für ihre Güter abgelöst hatte, schüttelten den Staub Lindaus von ihren Füßen und verließen die Stadt. Vorher hatten sie sich noch das kaiserliche Dekret erwirkt, ihr Exerzitium beim Stift ausüben zu dürfen, so oft sie von der Fürstäbtissin für geistliche Funktionen begehrt würden. Ihr Abzug war für alle Zukunft merkwürdig. Als die Nachricht von ihrer Ausweisung zu den Ohren der lutherischen Frau des Bürgermeisters Habisreutinger drang, rief diese hochentzückt aus: „Wann und wie bald wird sich diese hocherfreuliche Neuerung vollziehen, daß diese bebarteten Menschen aus der Stadt hinausgeworfen werden. Sobald dies geschehen wird, werde ich im Uebermaß der Freude sterben.* Gesagt, geschehen! Die Rache Gottes machte diese Prophezeiung zur Wahrheit! Sobald die kaiserliche Garnison die Stadt verließ (September 1649), entfernten sich mit ihr die Kapuziner. Unter anderweitigen Zuschauern befand sich auch obenerwähnte Frau, die beim Anblick der in die Verbannung ziehenden Kapuziner in einen Lachkrampf verfiel, durch dessen Heftigkeit sie eine Frühgeburt machte und den Geist aufgab. Dieses traurige Ereigniß überstieg das Uebermaß der Freude, und die Lindauer Bürger hoben sogar das Recht, daß die Kapuziner das Damenstift betreten dürften, so oft sie für geistliche Verrichtungen dort benöthigt seien, auf und wollten sie für immer aus der Stadt verbannt wissen. Ohne jegliche Rücksichtnahme auf den auf eine Beschwerdeschrist der Fürstäbtissin unterm 14. Dezember 1649 erfolgten kaiserlichen Erlaß verboten sie den Eintritt. Die Stadt hatte vorher dem Kaiser durch Dr. Valentin Heider Bericht erstatten müssen. Dieser vertrat auch die Stadt bei einer Zusammenkunft in Nürnberg, -deren Bestimmungen durch die kurfürstl. Mainzische Kanzlei am 31. Jan. 1650 gesetzmäßig veröffentlicht wurden. In Folge dieser Publikation wurde den Kapuzinern das freie Recht, das Damenstift zu besuchen, eingeräumt, aber sofort stemmten sich die Lindauer mit aller Macht dagegen und verboten durch öffentlichen Anschlag an den Thoren der Stadt den Kapuzinern den Eintritt auf das Strengste. Obwohl Heider selbst zu einem Vergleich rieth, ein neues kaiserliches Reskript die Kapuziner nicht zu behelligen und den Beschluß ungiltig zu erklären erschien, legten sie dem allem keinen Werth bei, verharrten in ihrer Hartnäckigkeit und erneuerten vielmehr das Verbot, das sie hätten aufheben sollen. Sogar im Stift beabsichtigten sie durch dies Vorgehen die katholische Religion allmählich auszurotten. Da legte sich das Stift wieder in's Mittel, die Neichs-Nitterschaft verwandte sich beim Kaiser, ersteres appellirte zugleich, und nun sandte der Kaiser ein sehr scharf gehaltenes Mandat und lehrte die Lindauer unter Androhung der kaiserlichen Acht und anderer Strafen, den kaiserlichen Adler fürchten und ihm gehorchen. Seit dieser Zeit ward den Kapuzinern der Zutritt zum Lindauer Damenstift gewährt und bestätigt, und sie bedienten sich dessen bis zur Säkularisation des Stiftes 1802. Von da an pastorierte Stiftsvikar Stäudelin als erster Pfarrer die ehemalige Stiftskirche als Pfarrkirche. LI. L. v. L. Zahlenräthsel. 1 4 8 8 eine deutsche Stadt, 2 8 3 7 8 ein gewaltiges Gebirge, 3 4 8 Fluß in Osteuropa, 4 1 mächtiger Strom, 5 6 2 3 7 Stadt in Hannover, 6 2 8 8 2 eine Insel in fernen Meeren, eine Stadt in Ostindien und in einem kleinen deutschen Fürstenthum, 7 6 4 8 englisches Städtchen, berühmt durch seine Schule, 8 2 1 Nebenfluß eines großen europäischen Stromes, 3 2 8 Fluß in Nordamerika und Stadt in Palästina, 7 5 7 8 5 Stadt in Ostfrieölanv. Die Anfangsbuchstaben der gefundenen Wörter bezeichnen einen beliebten Badeort. Auflösung des Bilder-Räthsels in Nr. 15: „Was du thun willst, thue bald.* --EZ8—— i ^L17. 1894 . „Augsburger PostMung". Dienstag, den 27. Februar Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Mach Jerusalem. .Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem.' Luc. 18,31. In den Gärten Jericho's Schon die rothen Rosen blühten, In des Jordans heil'gem Schooß Abendwolken sanft verglühten, Als Dein Herr auf ernstem Gang Gen Jerusalem kam geschritten, Seine Jünger zagend bang Folgten ihm mit scheuen Tritten. Leise winkt er sie heran, Seufzte wie im Sterbetone: Blutig ist bald meine Bahn Und das Kreuz wird mir zum Throne. Doch die Zwölfe sind gar still, Sie versteh'n nicht seine Sorgen, Was der hohe Meister will, Blieb dem Schüler oft verborgen. Ach, sie waren ihm so fern, Keiner hat ihn ganz verstanden, Hörten wohl vom Reiche gern, Aber nicht von Tod und Banden. Sie entzückt das eine Wort: Meine Macht wird euch belassen. Doch das and're treibt sie fort: Wer mich liebt, der soll sich hassen. Nach Jerusalem hinauf Will auch Dich der Heiland führen, Seine schwere Leidenstauf' Sollst auch Du tiefinnig spüren Und in seiner Kreuzesnacht Als des Dulders Freund Dich zeigen, In der Trübsal dunklen Schacht Selbstlos mit dem Meister steigen. „Nach Jerusalem hinauf", In die Seele muß ich's schreiben Und in des Berufes Lauf Oftmals sinnend stehen bleiben, Bis der Streit von ehedem Sich gelöst in mildes Tragen, Weil ich nach Jerusalem Wandere in den Fastentagen. Adolph Müller. Wohlthun trügt Zinsen. Nach dcm Amerikanischen der Mary Cecil Hay, erzählt von Alice Salzbrunn. —INachbruck verboten.! Der Nachmittags-Unterricht war vorüber. In der Dämmerung hatten der kleine Alex und ich Verstecken gespielt. Schließlich hatte Alex sehr scharfsinnig ein Versteck aufgefunden, war in meine Arme gesprungen, hatte meinen Hals umschlungen, mit seinen großen Augen dicht in die meinen gesehen und entzückt gelacht. „Was für Spaß wir haben, Aloisia, nicht wahr?" sagte er. Obgleich er mich mit meinem Vornamen anredete, und ich, seine Gouvernante, diese Vertraulichkeit hätte verbieten sollen, lachte ich nur glücklich über ihn. Kein Wunder, daß ich so leichtherzig war, wie das Kind. Ich hatte eine einsame ungeliebte Kindheit verlebt, und im Gegensatze zu mancher traurig alleinstehenden Gouvernante war mein Leben jetzt das freudenreichste, welches ich kannte. Täglich saß ich in dem angenehmen schönen Zimmer, welches Herr Drummond zür Unterrichtsstube seines Sohnes bestimmt hatte, hielt den kleinen mutterlosen Knaben auf meinem Schoße und dachte darüber nach, wie gütig, wie liebevoll mir jeder begegnete, wie wolkenlos mein Leben, wie unbeschwert von Leid und Sorge mein Herz sei. So oft und solange ich darüber nachdachte, war das Wunder immer da; es wurde nur noch größer, als andere Segnungen folgten. Ich wußte suchen, dankbarer und ernster zu sein; denn ich mußte, daß trotz meiner Jugend ein großes Vertrauen in mich gesetzt wurde, daß Gedankenlosigkeit manchmal meine Pflichterfüllung hinderte und alle meine Schwächen sanft geduldig und großmüthig ertragen wurden. „Ist das nicht Papas Klingeln?" fragte Alex, nachdem er unentschlossen sein Köpfchen von meiner Schulter erhoben hatte. „Geh' sieh' nach," antwortete ich und setzte ihn gleichzeitig auf den Fußboden. „Suche der erste an der Thüre zu sein, im Falle er eS ist." Aber ich wußte, daß er es nicht war; ich kannte Norbert Wedderburns Klingeln so gut, wie ich dasjenige des Martin Drummond kannte. Auf die Stimmen im Hausflur lauschend, hörte ich Alex etwas schmollend fragen: „Warum soll ich weggehen, Norbert? Warum darf ich nicht mit Dir hineingehen?" 118 Ich versuchte es nicht, Norberts geflüsterte Antwort zu verstehen, sondern ich horchte, wie die Kinderfüße langsam die Treppe hinaufgingen und wendete mich nicht vorn Kaminfeuer um, obschon ich wußte, daß Norbert das Zimmer betreten hatte und dicht hinter mir auf dem Kaminteppich stand. Jedoch, da er nicht sprach, wendete ich mich um und fragte, wo Alex sei. „Ich schickte ihn auf einige Minuten in das Kinderzimmer, Fräulein Kerr, weil ich Sie allein sprechen wollte," sagte Norbert, und seine sanfte Stimme klang leiser als gewöhnlich. „Warum?" Ich hatte alles aus seinem Gesichte gelesen; ich verstand sogar das Zittern der Hände, welche er auf die Lehne des Stuhles neben dem meinigen gelegt, aber er konnte das nickt bei meiner kurzen Frage vermuthen. „Ich wollte Sie noch einmal fragen, wie ich Sie vor einem Jahre gefragt, ob Hoffnung für mich da ist?" „Hoffnung für Sie?" Unruhig wiederholte ich seine Worte; ich wußte, nicht, was ich sonst sagen sollte, als er inne hielt. Er fuhr fort; „Ich weiß, Sie sagten, daß Sie überzeugt wären, Sie konnten mir nie ein anderes Gefühl geben, als das der Freundschaft, aber ich war damit nicht zufrieden und werde mit dieser Antwort nicht zufrieden sein, bis Sie mir sagen, daß die von mir gesuchte Liebe einem anderen gehört. Bis Sie mir das sagen, wird mein Herz trotz Ihrer Kälte hoffen, und ich arbeite so emsig, so froh in dieser Hoffnung! Wenn Sie mir sagen, daß Ihre Liebe einem andern gehört, wird mich alle Hoffnung verlassen und meine unsterbliche Liebe wird mein lebenlanges Geheimniß bleiben, ohne ein geflüstertes Wort." „Still, Norbert," sagte ich und legte meine Hände auf die seinen, denn wir waren Freunde seit der Kindheit, „es wird nicht lebenlang so sein. In ihrem treuen, ernsten Leben wird eines Tages eine andere Liebe erblühen und es doppelt glücklich machen." „Meinen Sie, meine Liebe zu Ihnen werde nie erwidert werden?" fragte er langsam voll Traurigkeit. „Bevor der Sommer vorüber ist, Norbert," sagte ich, während mir heiße Nöthe in's Gesicht stieg, „werde ich Herrn Drummond heirathen." Ich sah den Schmerz in seinen Augen und zuckenden Lippen; ich sah, wie seine Finger die Stullehne umklammerten, dann trübten sich meine Augen und ich sah nichts mehr. Nach ein paar Minuten des Stillschweigens ergriff Norbert sanft meine Hand. „Ich errieth dies nicht, Aloisia," sagte er mit leiser, zitternder Stimme, „gewiß hätte ich es sehen können, aber vermuthlich erfüllte mich meine eigene Liebe sosehr, daß ich nicht an die Liebe anderer dachte. Ich kann Ihre Thränen nicht sehen, obgleich sie für mich vergossen werden. Es gibt Augenblicke, in welchen ein Mann kein Mitleid ertragen kann, sogar nicht von den ihm theuersten Personen. Ach, hätte ich dieß errathen oder davon gehört, so wäre Ihnen und mir dieses Gespräch erspart geblieben! Aber lassen Sie es gut sein, Aloisia, in einer Stunde werden diese Minuten aus Ihrem Leben verschwunden sein; denn Herr Drummond wird heimkommen und das Haus wird licht und sonnig für Sie sein — was er für Sie sein wird, will ich mir lieber nicht vorstellen. Und in einer Stunde werde ich diese verlorene Hoffnung draußen in der freudlosen, leeren Welt überwinden." „O Norbert," schluchzte ich, „dies ist Ihnen nicht ähnlich." „Ich wollte nicht murren," sagte er sanfter, „die Worte kamen unwillkürlich über meine Lippen. Aber je weiter ich in die Welt hinausgehe, desto leichter wird es mir werden, diesen herben, tiefen Schmerz zu ertragen." „Aber Norbert," sagte ich mit mühsamer Fassung, „Sie wollen doch nicht das Geschäftshaus verlassen, in welchem Sie so hochgeschätzt werden? Herr Drummond sagt, daß die Stockeseys von Ihnen mit dem höchsten Lobe sprechen, Sie den anderen Comptoiristen vorziehen. Er sagt, wenn er einen solchen Buchhalter in seinem Comptoir hätte, so würde er ihn zu schätzen wissen. Sie werden Edinburgh nicht verlassen, Norbert?" „Nein," antwortete er, und strengte sich ebenfalls an, ruhig zu sprechen, „ich will bleiben, arbeiten und sparen, und in sechs oder sieben Jahren werde ich vielleicht genug haben, um im Auslande Theilhaber der Firma zu werden. In Valparaiso mag Vermögen und Vergessenheit leichter zu erlangen sein. Ich will hier weiterarbeiten, indem ich diesen Zweck im Auge behalte." „Aber die dortige Theilhaberstelle ist jetzt frei geworden. Sie erzählten es mir." „Ja," antwortete er traurig, „aber ich bin noch nicht dazu bereit. Ich habe noch nicht die zweitausend Pfund erspart, welche dort zur Einlage nöthig sind; aber ich kann warten. Unsere Lebenswege werden jetzt völlig getrennt sein, Aloisia, damit mein Herz nicht im Leiden bricht. Ich werde in der Stadt weiterarbeiten, und wenn ich noch an Ihr friedliches, wolkenloses Leben hier denke, wird mich der Gedanke trösten, nicht ent- muthigen. Aber meine Besuche in Schrayden sind heule vorüber, Aloisia; ich darf nicht wieder hieherkommen, wo ich oft so glücklich war. Die lichte, sonnige Atmosphäre würde mich zu meiner Aufgabe der Vergessenheit untüchtig machen." „Aber, Norbert," bat ich, „Herr Drummond hat es gerne, daß Sie nach Schrayden kommen, Alex ist Ihnen sehr gut, und ich —" „Ist er mir gut?" unterbrach Norbert mich, „das freut mich. Leben Sie wohl, meine verlorene Liebe, leben Sie wohl." „Er hielt meine Hände eine lange Minute fest, aber ich hatte vergeblich versucht, die Abschiedsworte aus- znsprechen, als er verschwunden war. „Norbert, Norbert!" rief Alex und eilte die Treppe hinunter, als Norbert durch den Hausflur ging, „warte auf mich!" Darauf sah ich die beiden zusammen über den Rasenplatz gehen und dachte müßig und traurig darüber nach, ob ich sie je wieder zusammen sehen würde. Als jedoch das Kind von dem Gärtnerhäuscheu zurückkehrte, saß es triumphirend auf der Schulter seines Vaters und mein ganzes Herz schlug diesen beiden entgegen. „Warum begrüßen Sie mich mit einem so nachdenklichen Gesichtchen?" fragte Martin und hielt mich auf Armeslänge von sich entfernt, während seine dunkeln Augen in die meinen schauten. „Ich kann solchen wehmüthigen Mund nicht küssen, wenn Sie mich auch dazu auffordern würden." „Gehen Sie sogleich in das Speisezimmer, Martin," sagte ich ausweichend, „Frau Kynaston muß schon eine halbe Stunde gewartet haben." Frau Kynaston war eine entfernte ältere Verwandte 119 von Martin und wollte bis zu unserer Heirath im > „Alex und ich haben um 2 Uhr gegessen, als Frau Hause bleiben. Kynaston ihr Gabelfrühstück beendet hatte," sagte ich ruhig. „Und das Warten verstimmt ihr sonst engelgutes ^ „Schon wieder?" fragte er, „dann will ich jetzt gar Gemüth, nicht wahr, Kleine? Aber ihr Warten ist mir nicht zum Essen gehen. Warum haben Sie es gethan?" KAM MM! gleichgiltig, wenn ich bei meinem Bräutchen bin. Kom- j „Wir waren auf den Bergen herumgestreift und men Sie." ! hungrig zurückgekommen; deshalb wünschten wir unser Er bot mir seinen Arm mit so ernster Würde, daß ! Mittagessen und wollten abends hübsch zusammen Thee ich unwillkürlich lachen mußte. l trinken." Nie letzte» Augenblicke christlicher Märtyrer 120 „Sehr wohl," sagte Martin, jetzt wieder fröhlich wie gewöhlich. „Bitte, bestellen Sie den Thee um 8 Uhr, und ich werde hier sein. Tante Kyn schläft so ruhig nach ihrem späten Diner, daß sie uns dankbar ist, wenn wir sie ungestört lassen. Erwarten Sie mich pünktlich. Ah, der traurige Gesichtsausdruck ist ganz verschwunden" — und lächelnd schloß er mich in seine Arme. Auf der schneeweißen Tischdecke stand das Thee- geräth; die Lampe war angezündet und die dunkelrothen Vorhänge verhüllten das große Bogenfenster. Vor dem flammenden Kaminfeuer ruhte Martin in dem großen Armsessel, welchen er angeblich für Alex in dieser Zimmer hatte bringen lassen. Mein bequemer Sessel stand dicht nebendemseinigen, aber ich saß nicht dort, sondern brachte ungewöhnlich lange bei der Bereitung des Thees zu; ich wollte sprechen, ehe Alex in das Zimmer kommen würde,aber ich wußte nicht wie. „Einen Theelöffel voll für jeden von uns und einen obendrein sind nur vier," sagte Martin, indem er den Kopf umwendete, „Sie hatten Zeit, vierzig hineinzuthun. Sie gehen immer weg, wenn wir einige angenehme Minuten haben könnten. Kommen Sie her, mein Herzlieb." „In einem Augenblick, Martin." „Sogar ein Augenblick ist zu kostbar, um versäumt zu werden," sagte er, stand hastig auf und wendete dem Feuer den Rücken, indem er mich beobachtete. Kommen Sie jetzt hierher." „Ich muß einge- machteReineclauden für Alex aus dem Keller heraufholen lassen, weil ich sie ihm versprochen habe," sagte ich. Als ich aber hierauf zum Glockenzuge gehen wollte, umschlang er mich und hielt mich fest. In seinen starken Armen fühlte ich mich so klein, so hiflos und so glücklich l Ich dachte, ich könnte jetzt sagen, was ich ihm sehnsüchtig zu sagen wünschte; aber als er mich dann so innig ansah, fand ich nicht den Muth, und wendete mein erglühtes Gesicht weg. Wie stark er warl Ich glaubte, daß ihm unmöglich etwas fehlschlagen könne, was er erreichen wollte. Wie herzinnig liebte ich ihn! Bei diesem Gedanken trat die Erinnerung an Norberts geduldige Hoffnungslosigkeit noch klarer vor mich und wieder versuchte ich zu sprechen. „Martin " „Reineclauden, wie?" lächelte er, „mag Alex sich selbst wegen seiner Süßigkeiten bemühen." „Martin, lassen Sie mich los. Ich wollte — Ihnen von — von einem Anliegen sagen." „Mir?" fragte Martin, und seine Augen blickten voll unaussprechlicher Liebe und Zärtlichkeit in die meinen. „Wollen Sie mich endlich um etwas bitten, mein stolzes, süßes Bräutchen?" „Ja." Ich konnte kein Wort mehr sagen, weil die große Stärke und die noch größere Zärtlichkeit seiner Liebe mich scheuundschüchtern machte, wie eS oft geschah. „Sage es mir jetzt," flüsterte er und strich das Haar sanft aus meinem heißen Gesicht. Aber ich konnte noch nicht sprechen. „Mein geliebtes, kleines Mädchen," sagte er „welche Bitte es auch sein mag, sie ist bewilligt. Ich kann Sie nicht in meinem Arme zittern fühlen. Ich kann keine Thränen in den geliebten Augen sehen. Sprechen Sie jetzt oder nicht, wie Sie wollen; aber von diesem Augenblicke an seien Sie versichert, daß die Bitte gewährt ist, was es auch sein mag. Ich kann die Bewilligung nicht zurückhalten, so gerne ich Sie bitten hören möchte. Mein Herzlieb, alles, was ich habe, gehört Ihnen. Meine ganze Kraft steht Ihnen zu Diensten. Verfügen Sie über mich und mein Eigenthum, wie und wann Sie wollen. Ah, Alex, da bist du! Wir wollten gerade klingeln, um dich holen zu lassen — oder wegen Reine-clauden — ich vergesse, was es war. Sieh mal, was für rothe Backen Aloifia hat!" „Vermuthlich hast du dicht am Feuer gestanden, Aloisia?" fragte das Kind nachdenklich. „Ja, sie hat dicht an der Gluth gestanden," sagte Martin Drummond, weshalb meine Verwirrung stieg. „Sagten Sie, daß der Thee schon fertig ist, Fräulein Kerr, oder daß Sie zuerst mit mir etwas besprechen wollten?" „Der Thee ist schon lange fertig," sagte ich, ohne 1 , Pfarrkirche Wrrlingen. Original-Aufnahme van G.Baab er, Photograph in Krumbach. fVervielsiiltigungSreiht vorbehalten,; H» I» »> ißMM'Z ! ' - ' ... 121 seine Worte zu beachten; „er ist sehr stark, die zweite Tasse wird dann nicht schmecken." „Dann wollen wir die zweite auslasten, nur die erste und die dritte trinken," antwortete Martin ebenso ruhig. „Alex, wir vergessen immer die Naschereien, wenn du nicht da bist. Ich mache mir nichts aus denselben, nnr manchmal bewegt mich Aloisia, sie zu versuchen. Klingle jetzt und lasse die Reineclauden-Marmelade bringen." „Du wirst keine bekommen, Papa," sagte der Knabe lachend, indem er zum Klingelzug lief, „weil du sagst, du machst dir nichts aus Süßigkeiten." „Aloisia," flüsterte Herr Drummond, indem er seine Theetasse nahm. „Sie haben mir ihr Anliegen noch nicht gesagt. Versprechen Sie mir, es nach dem Thee zu thun, sonst halte ich mich nicht in den Schranken vor dem kleinen Jungen." Gefühl der Furcht und des Schmerzes läßt mich ahnen, daß Sie beim Schritthalten mit mir ermüden würden." Wie lebhaft erinnerte ich mich dieser Worte in den Jahren, welche folgen sollten! (Fortsetzung folgt.) -- Plauderei über Kunst und Kunstgeschichte mit besonderer Berücksichtigung der Architektur und Plastik. Von Max Fürst. (Fortsetzung.) Das merkwürdigste antike Gebilde, welches die Sammlungen des Vatikan beherbergen, dürfte die Gruppe des Laokoon sein, welche bekanntlich der scharfsinnige Les- sing als Markstein gewählt hat, um die Grenzen zwischen MM Kchlotz Wertingen. Original-Aufnahme v n Gustav Bader, Photograph in Krumdach. (Vervielfältigungsrechl vorbehalten.) „Ja, ich will nach dem Thee mit Ihnen sprechen," sagte ich, meinen ganzen Muth zusammennehmend. „Ich danke Ihnen, Theuerste," flüsterte er ernst, aber in der nächsten Secunde wendete er sich mit seinem schelmischen Blicke zu seinem Söhnchen. „Ich habe Fräulein Kerr soeben gebeten, dir nicht so viele Wünsche zu erfüllen. Sie verwöhnt dich schrecklich. Warum thut sie das?" „Sie sagte einmal, weil ich so klein bin," antwortete das Kind, indem es auf seinen Sitz kletterte. „O, ich begreife das. Sie ist nicht groß," sagte Martin neckend, „also muß sie ebenso verwöhnt werden, wie du. Ich wünsche, Sie wären etwas größer, Aloisia." „Warum?" „Ich habe die Kraft, auf dem harten, rauhen Pfade zu wandeln, aber mir ist, als ob ihre kleinen Füße nicht immer neben mir bleiben könnten. Ein unbezwingliches bildender Kunst und Poesie festzusetzen. Das berühmte plastische Werk mußte übrigens schon mehrfach herhalten, die verschiedenartigsten Gedanken zu illustriren. Hat doch erst kürzlich ein deutschfeindlich gesinnter italienischer Politiker die Laokoongruppe als die Allegorie des Dreibundes bezeichnet. Da umsichtige Gesinnungsgenossen desselben Polemikers bekanntlich schon einmal eine Karte herstellen ließen, welche Italiens Zukunftsgrenze am Brenner markirt, so ist sehr zu befürchten, daß die gegenwärtig bei uns unternommene Erforschung und Feststellung des römischen Limes, an welcher der erste Vorstand des Historischen Vereins für Oberbayern, Herr General K. Popp, hervorragenden Antheil hat, schließlich noch dazu führt, daß einige heißblütige Jrredentisten gleich die alte römische Reichslinie zur Grenze des heutigen Italien machen möchten. Allzu besorgt brauchten wir übrigens deßhalb nicht zu sein, denn drüben über den Alpen versteht man 122 schließlich doch am besten das Wort: tarnpi pa.88g.ti! — Was nach dem Zurücktreten der römischen Weltmacht in künstlerischer Hinsicht Byzanz geschaffen hat, kann man heute noch am besten in Navenna sehen; es müssen Einen auf den dortigen Straßen nur die vielen Fechter nicht geuiren, von denen ja bekanntlich schon einer genügt hat, um unserem wackeren Landsmann Bacher! das künstlerische Interesse und poetische Empfinden für immer zu verleiden. — Man hat lange Zeit gebraucht, bis es den Kunsthistorikern gelungen ist, Byzantinisches und Romanisches zu unterscheiden und gebührend auseinander zu halten. Aber noch immer gibt es Leute und Bücher, welche diese nöthige Unterscheidung völlig ignoriren, ja es hat hin und wieder sogar den Anschein, als ob der Byzantinismus überhaupt nicht zu den verflossenen Stil- und Umgangsformen gerechnet werden dürfe. Es ist nur Schade, daß die sogenannten „Buckelquadern", die doch hier so nützlich und dienlich wären, einfach des kunstwissenschaftlichen Principes wegen, nicht den byzantinischen Ziergliedern beigezählt werden können. Gehen wir weiter! „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust," hat einmal ein bedeutender Dichter gesungen. Zwei Seelen im Gewände der Architektur zu einer stauncnerregenden Einheit geführt zu haben, ist jener merkwürdigen Stilform gelungen, welche wir seltsamerweise die „gothische" nennen. Nie hat sich Städtekraft und Bürgerstolz kenntlicher gezeigt, als in den mittelalterlichen Werken der Gothik. Und wiederum: Nie hat der Geist hingebungs- fähiger, geheimnißvoller Weltentrückung sinnigeren Ausdruck gefunden, als im Gewände dieses Stiles. Wir variiren nur ein anderes Dichterwort, wenn wir — auf kunstgeschichtlicher Basis uns bewegend — sagen: „Die Gothik ist des Glaubens liebstes Kind." — Das schrille Geklingel unserer Schellenkappe verstummt vor der Eigenart dieses Stiles, erst die weltgewandte Renaissance mit ihren zahlreichen legitimen und illegitimen Sprossen läßt es wieder ertönen. Als das antike Alterthum in der Renaissance aus seinem Grabe erstand, da mag den bisherigen Stilformen gar bange um's Herz geworden sein, denn in einem wahren Freudentaumel spannte sich alsbald die ganze Welt an den Triumphwagen der neuen Herrscherin. Die höchsten Herren der Erde, Kaiser und Päpste, waren stolz darauf, der eleganten Dame Renaissance die Schleppe tragen zu dürfen. Um ihre Gunst sich zu sichern, schreckte man vor keinem Unternehmen zurück. Wie man weiland der üppigen Herodias das Haupt des Täufers Johannes auf einer Schüssel entgegenbrachte, so brachte man alsbald in Rom die heiligsten und ehrwürdigsten Gebäude der Christenheit der neuen Kunstrichtung als kostbares Opfer dar. Förmliche Verhaftsbefehle wurden von geistlicher und weltlicher Obrigkeit gegen die früheren Stile erlassen; fast überall kündete man ihnen den „Dienst", man scheute sich nicht, zunächst die Gothik gar hart anzulassen und, wo es nur immer ging, ihr alle „Nippen" einzustoßen. Je höher gestellt, je reicher man war, um so hartherziger verfuhr man mit der Geächteten. Klingt es auch sonderbar, so kann doch auch in der Kunstgeschichte, wenigstens in Bezug auf Bewahrung werthvoller Denkmäler, von einem „Segen der Armuth" gesprochen werden, denn einzig die Fittiche der Armuth waren es, welche in einzelnen Gegenden die Werke der Väter vor dem Untergänge zu schützen vermochten. — Wenn je eine Stilform es verstanden hat, bei den Menschen sich einzuschmeicheln, so hat dieses das Weltkind Renaissance verstanden. Auf die übersinnlichen Bahnen der Mystik nie sich einlassend, hat es dafür mit seinen sichtbaren Reizen zu keiner Zeit gekargt uno vor allem dem klugen Programmsatz gehul- diget: „Wer Vieles bringt, wird Manchem etwas bringen." Wie die Renaissance in ihrem Formenconcert eine gar reichhaltige Abwechslung bot, so waren auch die damaligen Künstler höcbst vielseitig veranlagt. Wahrscheinlich stammt schon aus jener Zeit die heute noch hie und da gehörte lobende Bezeichnung: „ein Tausendskünstler". So ein Tausendskünstler war z. B. Leonardo da Vinci. Hätte er, der im Refectorium des Klosters S. Maria della Grazie zu Mailand in seinem „Abendmahl" den heiligen Gral in unerreicht dastehender Kunstweise gefeiert, in unseren Tagen gelebt, das Wohlwollen Richard Wagners würde ihn wahrscheinlich nach Bnyreuth zur Herstellung der Parcival-Decorationen gerufen haben, denn L. da Vinci war bekanntlich auch ein höchst vorzüglicher Maschinist und Theatermaler im Dienste Ludwigs XII. von Frankreich. , Es scheint, daß in Italien im 15. und 16. Jahrhundert ein Mann, der nur einen Kunstzweig allein vertrat, darob sich fast geniren mußte. Hat doch Michel Angela, der sich allerdings nie im Leben Zeit nahm, nachsichtig und liebenswürdig zu sein, den braven Pietro Perugino, der ausschließlich nur ein wackerer, biederer Heiligenmaler war, einmal in höcbst wegwerfender Weise als einen Kunsttölpel bezeichnet. M. Angelo hatte freilich das stolze Bewußtsein, nicht nur Herrscher auf dem Gebiete aller bildenden Künste, sondern auch auf jenem der Dichtung zu sein. Seine Sonette haben einen gar wunderbaren, gewaltigen Klang. Der titanische Mann, der die Kuppel von St. Peter aufgethürmt, die Wölbung der Sixtina bemalt, die Festungswerke von Florenz gebaut, den grandiosen „Moses" gemeißelt, griff nie in seinem Leben etwas mit Sammthandschuhen an. Daß er sich daher, wie man so zu sagen pflegt, öfters auch arg verhauen hat, kann nicht Wunder nehmen. Er hat sich auch im buchstäblichen Sinne einige Male verhauen, denn man zeigt in Italien mehrere unvollendete Statuen, an denen seine wuchtige Hand den Meißel allzu tief getrieben, zu viel Steinhülle hinweggesprengt hat, um das Bildwerk noch einer lohnenden Vollendung entgegenführen zu können. Man erzählt, daß der von gewaltigem Schaffensdrang beseelte Meister öfters auch nachts in seiner Werkstätte weilte, wo ihm einzig eine ähnlich einer Mütze an und über seinem Haupte befestigte schlichte Oel-Lampe das nöthigste Licht zum Schaffen lieh. Im hellen Zeitalter der elektrischen Bogen- und Stangen-Lampen dünkt es wohl Manchem ein höchst glücklich überwundener Standpunkt, den eigenen Kopf als Lichtträger gebrauchen zu müssen. Die Natur des zu bearbeitenden Materiales muß es wohl mit sich bringen, daß die Architekten und Bildhauer in der Regel viel fester und energischer aufzutreten wissen, als die Maler, deren geschmeidige Arbeitsmittel ja auch von der zartesten Damenhand gehandhabt werden können. Am meisten hat sich — wie wir dieses schon durchleuchten ließen — das Selbstgefühl, die Energie der Artisten in Italien zur Zeit der Renaissance zu entfalten vermocht; damals waren ja die Künstler die Helden des 123 Tages, und viel, sehr viel durften dieselben dort sich erlauben. Hätten in Italien Richter und Polizei immer so prompt gearbeitet, wie dieses in Deutschland von je her der Fall gewesen ist, die Kunstgeschichte hätte vielleicht manch' berühmten Namen nicht zu verzeichnen, zum Mindesten hätte die freie Arbeitszeit mancher Kunst- beflissenen recht häufig eine unliebsame, gesetzliche Schmäle- rung erfahren. Sind wir doch froh, daß man einem Benvenuto Cellini, einem Salvator Rosa und noch manch' Anderen so viel durch die Finger gesehen! Daß den Künstlern trotzdem nicht allzu wohl wurde, dafür sorgte schon damals der collegiale Geist. Gegen die Zerwürfnisse und Handgreiflichkeiten damaliger italienischer Meister sind die Streitigkeiten heutiger Pariser und Münchener Künstler die reinsten Geßner'schen Idyllen. Am unbehaglichsten muß es in dieser Hinsicht im 15. und 16. Jahrhundert im schönen Florenz zugegangen sein, wo, gewissermaßen als Schlußstein einer Wert in gen. Wenn es auch abseits der großen Verkehrsadern liegt, so verdient es doch auch wegen der Rührigkeit seiner Bewohner Berücksichtigung. Das Städtchen ist schon sehr alt und war früher in den Händen vieler Theilhaber. Nach einer BestätigungsUrkunde von Bischof Walther in Augsburg sollen die Brüder Wilhelm und Arnold von Biberbach im Jahre 1145 das Augustiner-Nonnenkloster Weyhenberg gestiftet haben. Die Schirmvogtei haftete damals auf der Burg Hohenreichen. Das Kloster wurde 1448 wieder aufgehoben und die Besitzungen desselben dem Spitale in Dillingen einverleibt. (Vom Maier- und Reutenhof in Wertingen bezog dieses Spital noch lange Gilten und Zehnten.) Die Herrschaft Wertingen mit Hohenreichen kam als ein Erbe des Hohenstaufen Conradin an dessen Onkel Herzog Ludwig den Strengen von Bayern, indem in dessen Sal- buch vom Jahre 1275 darüber Erwähnung geschieht. 1279 erhielt ein Hildebrandt von Druisheim Hohenreichen als MMM Hl'üisM MMi uil sWZM WWW ' IWw'PUl, K, 7,' E WAL Das österreichische Hospiz in Jerusalem. Unterredung zwischen den städtischen Baumeistern, der hochberühmte Herr Brunelleschi einmal von seinen Fachgenossen die stattliche Rathhaustreppe herabgeworfen worden ist. Boshafte Florentiner, welche den also Beförderten am nächsten Tage begrüßten, sollen die neue Art von „Steinmetzzeichen" bewundert haben, welche Signor Brunelleschi an Stirne und Nase zur Schau trug. — Merkwürdigerweise sind seit jener Zeit die alten — nur für die Steine berechneten — Steinmetzzeichen, ohne die man sich im Mittelalter kein Denkmal und keine Bauhütte denken konnte, vollständig aus der Mode gekommen. (Schluß folgt.) -—- Stadt Wertingen (mit Ansichten des früheren Schlosses, worin sich jetzt das kgl. Bezirksamt und das kgl. Amtsgericht befindet und der Pfarrkirche auf Seile 120 und 121). W. Nordwestlich unserer Kreishauptstadt Augsburg, 5 Stunden nur von derselben entfernt, liegt im freundlichen und fruchtbaren unteren Zusamthale das Städtchen Lehen. Die Truchsessen von Reichen verkauften ihr Besitz- thum 1348 an den Augsburger Bürger Johann Langen- mantel, welcher in der Stadt Wertingen ein Schloß erbaute. (Das neuere Schloß, d. i. der vordere Theil, steht erst seit 1654 und ist an das andere angebaut.) Nachdem in den Fehden jener Zeit Wertingen zweimal (1388 und 1462) abgebrannt worden war, verkauften die Langen- mantel 1467 die Stadt und Herrschaft an den Erbmarschall Mang zu Hohenreichen. Dieser erste alleinige Herr von Wertingen verlegte 1557 seinen Wohnsitz von der Burg Hohenreichen nach Wertingen, wonach das Schloß in Hohenreichen einging und Anfang dieses Jahrhunderts ganz abgetragen wurde. Die Truchsessen von Reichen schrieben sich, nachdem sie die Grafschaft erlangt hatten, Marschälle von Pappenheim. Zu jener Zeit war Wertingen in eine innere und äußere Herrschaft abgetheilt. Zur inneren gehörte die Stadt Wertingen mit den drei Ortschaften Gott- mannshofen, Geratshofen und Reatshofen, zur äußeren: Hohenreichen, Frauenstetten, Wortelstetten, Asbach, Possenried, Neuweiler, Hinterried, Neuschenau und Hirschbach. 124 Mit Franz Adam von Pappenheim starb 1700 diese Wertinger Linie der Erbmarschälle von Pappenheim aus und Bayern zog das Lehen ein. Dieser letzte Pappenheim liegt in der Kirche zu Gottmannshofen begraben. 1704 wurde Wertingen vom Reiche eingezogen und Fürst Lob- kowitz damit belehnt, der es aber nur bis 1714 innehatte, wonach von Bayern die zwei schwäbischen Kabinetsherr- schaften Wertingen und Hohenreichen gebildet wurden. 1799 wurden beide Herrschaften der allgemeinen Staatsverwaltung einverleibt. Wertingen war früher befestigt; es hatte drei Thorthürme und Ringmauern, wovon noch Neste vorhanden sind. Wann die Pfarrkirche erbaut wurde, ist nicht zu ermitteln; dieselbe wurde 1646 durch die Schweden nebst einem Thurme zerstört, nachher aber wieder hergestellt. Die Thürme, welche mit einem gemauerten Kranze umgeben sind, sind einzig in ihrer Art und soll einer römischen Ursprunges sein. An der Pfarrkirche befinden sich noch alte Grabdenkmäler aus Stein gehauen; insbesondere ist das an der Ostseite angebrachte sehenswerth. Zweimal wurde Wertingen auch von den Franzosen heimgesucht, und 1805 fiel hier zwischen diesen und den Österreichern ein Treffen zum Nachtheile der letztern vor. -—i-v-»—- Zu unseren Bildern. Die letzten Augenblicke christlicher Märtyrer. Unter den römischen Kaisern, welche die Christen ihres Glaubens wegen verfolgten» war es besonders Diokletian (284 bis 305), der den Christen am längsten und heftigsten nachstellte. Das Papstbuch erwähnt, daß es im Jahre 304 während eines einzigen Monates in den verschiedenen Provinzen des römischen Reiches 17,000 Märtyrer gegeben habe. Auch unter Kaiser Nero schon hatten die Christen Unsägliches zu dulden. Theils kreuzigte man sie, theils ließ man sie, in Thierfelle eingenäht, von Hunden zerfleischen, theils wurden sie, in brennbare Stoffe eingehüllt, Nachts als Fackeln in den kaiserlichen Gärten verbrannt. Eine tiefergreifende Scene stellt uns der Künstler auf unseren: Bilde vor Augen: den Abschied der zum Tode verurtheilten Christen, welchen der Priester soeben die Absolution spendet. Dildrr aus Palästina. Das österreichische Hospiz. Unter den neuen Privat- gebäuden in Jerusalem macht das neue österreichische Hosvn einen freundlichen Eindruck und bildet einen wohlthuenden Gegensatz zu den vielen Spuren des Zerfalles und den Haufen von Trümmern und Schutt in der heiligen Stadt. Eine breite Doppeltreppe führt zu demselben empor. Einen hübschen Anblick gewährt die blumengeschmückte Terrasse. Im oberen Stocke befinden sich die Fürstengemächer. —««« 4 -—- Allerlei. Ländliche Wegweiser-Dichtung. Wenn man den Weg Leipheim—Langenau zu Fuß zurücklegt, kommt man über den Ort Niedheim. Will man von hier aus den näheren Weg nach Langenau einschlagen, so muß man den Fußweg über das „Ried" oder „Moos" gehen. In einer Seitengasse in Riedheim nun, ein Häuschen oberhalb der Mühle, steht ein Wegweiser, der auf seiner mühl- radförmigen Tafel folgende Inschrift trägt, die bei der Art ihrer Fassung trotz ihres Ernstes sehr komisch berührt: Nicht dort, wo das Mühlrad brauset, Geht der Pfad nach Langenau, Sondern da lauf' sanft im Frieden Durch's Moos unter'm Himmelsblau. Wandle nie den Weg zu spat, Noch betrunken diesen Pfad. Nach Langenau. Kasernenhofblüthe. „Kerl, mach' doch nicht so ein jämmerliches Gesicht, wie eine Siegesgöttin, die einen Civilisten heirathen solll" -- ~ 's Aug'nmaaß. Beim alt'n Lehra, Mahr Bastl, Da ham die Buam g'rad' Zeich'nlehr' Und fleißi' draht a unsa Wastl Figur'n schiach und krumm und quer. Und Strich'ln macht dös Büawei mehra, Von dena is koa oanz'ga grad; Z'letzt gront halt do' der guate Lehra: Wo denn der Bua sei' Aug'nmaaß hat! Der Bua moant d'rauf: „Herr Lehra Mahr, An Aug'nmaaß? — Dös sakrisch Ding Is g'wiß do a nöt gar so deier! Glei' kaaf i 's bei der Krämer in." F. Weiß (W'stein). -- Himmelsschau im Monat März. —X. Merkur verschwindet schon nach den ersten Tagen als Abendstern am westlichen Horizont. Venus § taucht als Morgenstern aus den Strahlen der Sonne auf und wird schnell Heller. Mars im Schützen geht auf zwischen 4 U. 21 M. und 3 U. 38 M. früh und steht am 2. in der Nähe des Mondes. Jupiter 2 t geht schon nach Mitternacht unter und befindet sich am 12. nahe beim Mond. Saturn H steht in der Jungfrau links von der Spika und ist bis 9 U. 30 M. vorm. sichtbar. Am 23. steht er in der Nähe des Mondes. In den ersten Tagen des Monates ist das Zodiakal- licht sichtbar. --SÄWMS- Schachaufgabe. Von P. Bernhard (Augsburg). Schwarz. Mat in 4 Zügen. Auflösung des Zahlenräthsels in Nr. 16: Bonn, Anden, Don, Ob, Stade, Tanna, Eton, Nab, Dan, Esens. Bad Ost ende. -- M 16. Irertaz, den 2. März Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Borbesttzer Dr. Max Huttler). Wohlthun trägt Zinsen. Nach dem Amerikanischen der Mary Ereil Hat), erzählt Lon Alice Salzbrunn. (Fortsetzung.) „Nun, Alex," sagte Martin und hob das Kind von seinem Knie herunter, als wir Thee getrunken hatten und am Kamin saßen, „geh, sage der Tante gute Nacht. Melde ihr, daß ich in einer Viertelstunde komme, um eine Partie Sechsundsechzig mit ihr beim Thee zn spielen und daß Aloisia uns etwas vorspielen wird. Erzähle nicht, daß wir hier schon Thee getrunken haben, sonst denkt sie, wir schätzen ihre Gesellschaft nicht. Bleibe bei ihr, bis Louis und ich kommen." Ein sonderbares Stillschweigen herrschte im Zimmer, nachdem das Kind weggegangen war. Martin saß im Lehustuhl, blickte mit halbgeschlossenen Augen in das Feuer und ein Lächeln spielte um seine Lippen, als er auf meine Worte wartete, während einer langen Pause stand ich ganz still an den Kaminsims gelehnt. Dann ging ich unruhig durch das Zimmer. Er rief mich sogleich zurück. Froh wendete ich mich augenblicklich um, blieb hinter seinem Stuhle stehen und stützte mich leicht auf die Lehne desselben. „Martin," begann ich sehr leise, „bitte vergessen Sie, daß Sie meinen Wunsch bewilligt haben, und hören Sie zuerst, was es ist." Er sah sich nicht nach mir um, aber seine noch auf das Feuer gerichteten Augen waren voll stummer Liebe und Sehnsucht, und mit seiner rechten Hand bedeckte er meine Finger, welche auf seiner linken Schulter ruhten. „Martin, ich habe oft gesehen, wie sehr eS Ihnen widerstrebt, jemand nur einen Augenblick Schmerz zu bereiten, und wie Sie alles aufbieten möchten, um es zn verhindern, oder -im Leid zu trösten. Wenn Sie einen Schmerz, welchen ich verursacht habe, vermindern könnten, würden Sie dazu bereit sein?" Seine Finger umschlossen die meinen fester, aber er antwortete nicht. „Martin," fuhr ich mit stark erschütterter Stimme fort, „denken Sie, ich liebte Sie so zärtlich, wie ich es thue, und erführe plötzlich, daß Sie meine Liebe nicht begehren, daß Sie dieselbe nie geahnt, weil Sie seit langer Zeit eine andere ebenso treu und innig geliebt haben. Glauben Sie, daß ich dann weggehen wollen würde, um Ihr frohes Gesicht nicht mehr zu sehen, während in meinem Herzen der Jammer der Einsamkeit wäre? Daß ich ein neues Leben anfangen wollen würde, wo ich meinen grausamen Schmerz vielleicht durch beständige Arbeit lindern könnte? Gewiß, ich würde das wünschen, und Martin, vielleicht würden Sie ebenso denken, wenn Sie eine ungeahnte, unerwiderte Liebe gefunden hätten." „Ich kann es nicht sagen, meine Louis," antwortete er mit tiefem, unbewußtem Mitleide in seiner Stimme, „ich wage es nicht, mir solchen Schmerz vorzustellen." Mein Herz schlug schneller. Ich brauchte ihn nicht mehr zu fragen, weil ich in seinen Mienen las und seine Stimme hörte. „Martin," sagte ich — da er in das Feuer blickte, konnte er nicht sehen, wie die Nöthe in meine Wangen stieg — „die StockesehS verlangen zweitausend Pfund als Geschäftseinlage von dem neuen Theilhaber, welcher nach Valparaiso gehen soll. Zweitausend Pfund ist viel, nicht wahr?" „Nicht für solche Theilhaberschaft, meine Liebe." „Ist es nicht viel?" wiederholte ich traurig. „Ich wünsche, Norbert Wedderburn hätte zweitausend Pfund." „Warum?" rief Martin aufschreckend. „Will er dorthin ziehen?" „Ja." Das war alles, was ich sagen könnte, obgleich ich das folgende Stillschweigen zu brechen suchte. Erst nach einer langen Pause konnte ich reden. „In einem neuen Leben, Martin," begann ich endlich, „würde er vielleicht den alten Schmerz vergessen. In einer neuen Welt würde er ein anderes Glück suchen. Aber Sie wissen, daß er arm ist und das Geld nicht erlangen kann; er ist stolz und empfindsam, deshalb — deshalb wollte ich — Sie um Hilfe bitten." Endlich wendete Martin sich um und sah mir in das Gesicht; gleichzeitig zog er meine Hand an sich. „Wenn er diesen Schmerz zu tragen hat," flüstert: er voll tiefem Mitleid, „soll ihm keine Hilfe, welche ich geben kann, vorenthalten werden. Keine Gabe von mir kann zu groß sein, weil das Kleinod, welches er zu gewinnen suchte, mein ist. In meiner Dankbarkeit fühle ich, als ob er alles andere nehmen möge, weil er mir das läßt. Meine süße Aloisia, wie forschend Sie mich ansehen! Ich sprach ins blaue hinein, nicht wahr? Ja, ich muß soviel behalten, um daS Leben meines Weibchens angenehm machen zu können. Bei meinen Worten dachte ich nur an mich selbst, dachte, wie werthlos mein Vermögen im Vergleich zu dem von ihm ersehnten, mir geschenkten Gut. Schließen Sie die Augen, meine Theuerste! Wenn ich in ihre Tiefen blicke, die Liebe darin lese und mir darstelle, was mein Leben ohne diese Liebe sein würde, ist der Gedanke niederdrückender, als es die Armuth für mich sein könnte. Sie wissen, daß Ihre Bitte bewilligt ist; Sie müssen es gewußt haben, ehe Sie den Wunsch aussprachen; aber vertrauen Sie mir auch ferner. Alles soll geschehen, wie Sie es gethan haben würden. Er soll nur erfahren, daß die Stockeseys ihn ohne Vermögen für diese wichtige Stellung wählen. Er soll nie wissen, wie und von wem ihm geholfen wurde. Sagen Sie nur, daß Sie mir vertrauen." Als ich ihm mit einem geflüsterten Wort geantwortet hatte,, neigte er sich zu mir und küßte zärtlich meine Wangen. II. Wir waren an diesem Tage fünf Jahre verheirathet — fünf glückliche, wolkenlose Jahre; ich stand im Mor- gensonnenschein am offenen Fenster und wartete, daß Martin aus dem Park zum Frühstück komme. Ich fühlte, daß die Segnungen in diesen Jahren meiner Ehe mich zur demüthigen, tiefen Dankbarkeit bewegten. Wie schön mein Daheim war! Dieses große, prächtige Hans hatte ich als Gouvernante vor sechs Jahren mit scheuer Ehrfurcht betreten — es war mir unaussprechlich theuer geworden! „Mögen wir diesen Tag noch nach vielen Jahren glücklich miteinander verleben, Frauchen!" rief Martins Stimme, und er selbst sprang durch das Fenster herein. „Ich wünschte dir das bei Tagesanbruch, aber du schliefst und hörtest mich nicht. Nun erzähle mir den ganzen Gang deiner Gedanken, welche ich so plötzlich unterbrochen habe." „Ich horchte auf deine Schritte, Martin." „Mit bestem Erfolg. Und woran dachtest du?" Natürlich sagte ich es ihm. Es wäre mir unmöglich gewesen, seinem liebenden Herzen und seinen forschenden Augen etwas zu verbergen. „Meine geliebte Frau", sagte er zärtlich und in seinen Augen strahlte die Zufriedenheit, „dieser Gedanke beschäftigte mich heute früh; es ist ein natürlicher an meinem glücklichen Hochzeitstag. Manchmal denke ich, weil mein Glück viel größer ist, als ich es verdiene, kann es nicht andauern; aber heute habe ich gefühlt, daß dies nur eine undankbare Idee ist. Immer eifriger will ich danach streben, durch mein Glück und meinen Reichthum andere glücklich zn machen. Mit deiner lieben Hilfe wird mir das leicht. Wie lange wir die Macht dazu besitzen mögen, es wird stets eines unserer besten Werke sein, nicht wahr, Geliebte? Ah, die Frühstücksglocke! Warum find die Kleinen nicht zu sehen? Das ist eine Seltenheit." »Ja," sagte ich lachend bei dem Gedanken, wie schnell sie stets herbeiliefen, wenn „Papa" kam, „sie warten am Gartenthor auf dich, Martin. Dn mußt verstohlen über eine Mauer geklettert sein, weil du ihnen entgangen bist und mich hier überrascht hast." „Ich bin nicht im Park gewesen; ich war nur in der Haushälterwohnung und sprach mit Morris. Der arme Mensch! Seine ganzen Ersparnisse sind verloren, weil Lirlleys Bankhaus die Zahlungen eingestellt hat. Was fiir fürchterliche Zeiten das sind! Obgleich ich wünsche, jeder wäre nach seinen Verlusten so wohlgemuth wie Morris. Er wollte sein Lebenlang nur Haushälter sein, wenn er auch von seinen Zinsen hätte leben können. Deshalb sagte ich ihm, wann er bei uns bleiben will — was immer seine Absicht gewesen zu sein scheint — nud wieder zu sparen anfängt, so werden wir seine Ersparnisse jedes Jahr verdoppeln. Willigst du ein? Wie kannst du lachen, bei einer solch ernsten Frage? Als ob ich je etwas thue, ohne dich zurathe zu ziehen! Komm, mein Herzlieb, wir wollen zusammen die Kinder holen." In der Nähe des Gartenthores sahen wir die Kinder Alex, ein großer, lebhafter Junge von eilf Jahren, stand draußen auf der Landstraße und strengte seine Augen an, um den Papa in der Ferne zu entdecken. Eva und Käthe standen dicht am Thore, weil es ihnen verboten war, hinauszugehen; sie riefen Alex aufgeregt zu, er solle „Hurrah" schreien, wenn er den Papa sähe. „Mach doch schnell, daß du ihn siehst!" fügte Käth- chen hinzu, und ihre winzigen Füßchen tanzten unruhig auf dem Kieswege. In diesem Augenblick kam Papa von hinten leise zu ihr und hob sie auf seinem Arme empor. Darauf erschallte ein so herzliches Frenden- geschrei, daß mir die großen Thränen in die Augen traten und ich den Morgengrnß der Gürtnerfrau nicht erwidern konnte, als Martin ein paar freundliche Worte mit ihr sprach. „Aloisia," sagte Martin, welcher sich gewiß über mein Schweigen wunderte, Lauster meinen Hochzeitsgeschenken habe ich dir heute noch etwas zu Zeigen; aber wir wollen es lassen, bis diese kleine Gesellschaft weggehen wird. Es ist ein Brief, erräthst du von wem?" „Ich weiß es nicht, Martin; hat Herr Wedderbnrn zum zweitenmal an dich geschrieben?" . „Nein, meine Liebe," antwortete er, „aber dennoch habe ich einen Brief von Wedderbnrn in der Tasche. Stockesey schickte denselben mir zu Lesen. Die beiden alten Stockeseys hatten trübe Befürchtungen, aber sie kommen prächtig durch die ungünstigen Zeiten; hauptsächlich verdanken sie es dem Wedderbnrn, zn welchem sie unerschütterliches Vertrauen haben." „Er erzielt wunderbare Erfolge in ihren ausländischen Geschäftsverbindungen?" „Ja, wirklich wunderbare." „Und doch scheint sich ihr Geschäft nicht sehr zu erweitern, nicht wahr, Martin? Es kommt dem deinigeu nicht gleich." „Nein, wenigstens jetzt nicht. Die StockesehS sind keine kühnen Unternehmer, aber für sie steht nichts zu befürchten. Zwar sage ich immer, sie sollten wie ich mit den Banqnieren Graham Comp. in Verbindung treten, weil ich ein so festes Vertrauen auf dieses Bankhaus habe. Graham reiste heute nach London; deshalb halb werde ich früher als gewöhnlich nach Hause kommen; ich hätte sonst heute nachmittags eine wichtige Besprechung mit Graham gehabt." „Die Bankherrn scheinen gleich dir und den Stockeseys ohne Schwierigkeit durch dieses fürchterliche Jahr zu kommen." „Bis jetzt, Gott sei Dank! sind wir alle sicher durchgekommen; aber es ist ein fürchterliches Jahr, wie du sagst, meine Liebe. Gestern sprach ich einen alten Bekannten, welcher fünfunddreißigtausend Pfund besaß; er erhielt ein Telegramm aus seinem Geschäftshause 127 und kehrte gestern abends nach London zurück mit dem Bewußtsein, daß ihm kein Pfund gehöre." „O, Martin, wie jammervoll!" „Ja, weine Theuerste," sagte er, als wir in das Frühstückzimmer traten. Nach dem Frühstück las er mir Norberts Brief vor und dann war es Zeit für ihn zu gehen. „Lebt wohl, Kinder!" sagte er und mußte es wiederholen, als sie sich zum Abschiedskuß zu ihm drängten. „Kommt heute abends um sechs Uhr in das Speisezimmer herunter, denn wir werden den Hochzeitstag mit verschiedenen Spielen feiern. Sorge aufmerksam für die Kleinen, Alex, und für Mama. Lebe wohl, lieber Junge." Dann sagte Martin auch mir Lebewohl; und seitdem habe ich mich jahrelang erinnert, wie zärtlich er aussah, als er meinen Kopf an seine Schulter drückte, wie in alter Zeit, und flüsterte: „Geliebte, wenn nicht alle unsere Abende so vollkommen glücklich wären, möchte ich sagen, dieser soll der glücklichste von allen sein." (Fortsetzung folgt.) - l O »H» V - fi - - ' Der Traum.*) - kNachdruck verholen.; In jener Schaar unzählbarer Genien, die Jupiter für seine Menschen erschaffen hatte, um durch sie die kurze Zeit ihres mühseligen Lebens zu beglücken und zu vergnügen, war auch der dunkle Schlaf. „Was soll ich", sprach er, da er seine Gestalt ansah, „unter meinen glänzenden, gefälligen Brüdern? Welches traurige Ansehen habe ich im Chöre der Scherze, der Freuden und aller Gaukeleien Amors? Mag es sein, daß ich den Unglücklichen erwünscht bin, denen ich die Last ihrer Sorgen entnehme und sie mit milder Vergessenheit tränke. Mag es sein, daß ich dem Müden gefällig komme, den ich doch auch nur zu mühseliger, neuer Arbeit stärke. Aber denen, die nie ermüden, die von keiner Sorge des Elends wissen, denen ich immer nur den Kreis ihrer Freuden störe?" „Du irrst", sprach der Vater der Genien und Menschen, „in Deiner dunkeln Gestalt wirst Du aller Welt der liebste Genius werden. Denn glaubst Du nicht, daß auch Scherze und Freuden ermüden?" „Aber auch Du", fuhr er fort, „sollst nicht ohne Vergnügungen sein, ja in ihnen oft das ganze Heer Deiner Brüder übertreffen." Mit diesen Worten reichte er ihm das silbergraue Horn anmuthiger Träume. „Aus ihm", sprach er, „schütte Deine Schlummerkörner aus, und die glückliche Welt sowohl als die unglückliche wird Dich über alle Deine Brüder wünschen und lieben. Die Hoffnungen, Scherze und Freuden, die in ihm (im Traume) liegen, sind von Deinen Schwestern, den Grazien, mit Zauberischer Hand von unsern seligsten Fluren gesammelt. Der ätherische Thau, der auf ihnen glänzet, wird einen jeden, den Du zu beglücken gedenkest, mit seinem Wunsche beglücken. Aus dem Chöre der blühendsten Scherze und Freuden wird man fröhlich in Deine Arme eilen, Dichter werden Dich besingen und in ihren Gesängen dem Zauber Deiner Kunst nachbuhlen, selbst die Unschuld wird Dich wünschen, und Du wirst auf ihren Augen hangen, ein süßer, beseligender Gott." *) Vortvag, gehalten im kath. kaufm. Verein „Lätitia" in Augsburg am 13. Febr. 1894 von Adolph Müller, Sladtkaplcm bei St. Ulrich. Die Klage des Schlafs verwandelte sich in triumphi- renden Dank und ihm ward die schönste der Grazien, die Traumgöttin Pasithca, vermählet. In dieser geistvollen, mythologischen Dichtung hat uns Herder ein annoch dunkles Gebiet mit der Strahlen- soune der Poesie beleuchtet, das Gebiet des Schlafes und des Traumes. Und nicht nur die Dichter haben seit grauen Tagen die hohe Traumgewalt besungen, jeder Mensch kann von Träumen erzählen, alle schauen neugierigen Auges hinein oder hinüber in die so fremde und doch so nahe gerückte Traumsphäre. Bis jetzt aber ist das Traumproblem noch nicht gelöst und dieses Seeleuräthsel nach jeder Seite hin entwirret; es wird auch nie geschehen. Wir vermögen ja nicht einmal das Leben uns zu erklären, das uns doch die tägliche Erfahrung überall zeigt, wir kommen in Verlegenheit, wenn wir nach dem Wesen der Seele gefragt werden, obwohl sie unser eigenstes Selbst bildet und das Princip unseres Denkens und Handelns ist. Odysseus sah die Schatten aus der Unterwelt an sich vorüber wandeln, mit sehnender Geberde streckte er die Hände nach dem Nebelbilde der ihm nahenden Mutter aus, aber das Schemen entschwand, er langte in leere Lust: so geht es uns mit den Bildern des Traumes. Wir vermögen sie nicht zu haschen und zu fangen, sie kommen und gehen, Kobolde, die uns necken, Genien, die uns beglücken; woher sie kommen und wohin sie wandern, darüber aber haben wohl viele Häupter nachgegrübelt. Die ärztliche Wissenschaft erklärt sich die Träume einfach und natürlich auf Grund ihrer Theorie vom Schlafe. Der Schlaf, sagt der Arzt, hat körperliche Ursachen. Das Gehirn arbeitet unablässig, und die in ihm wie Straßen zusammenlaufenden Nerven bringen stets dazu neue Stoffe. Aber allmählich wird das Gehirn müde, und auch die Nervenstraßen können nicht mehr oder nur mit Mühe Dienste leisten. Für das Gehirn kommt gegen Abend das Bedürfniß der Ruhe, es muß, ebenso wie die Nerven, seine Boten und Ordonnanzen,neue Ernährungsflüssigkeit in sich aufnehmen und eine Zeit lang gleichsam für sich selber sorgen. Die herabgesetzte Thätigkeit des Gehirns pflanzt sich auch über auf das Nervensystem. Die Empfindungsnerven werden schwächer, der Hebemuskel des obern Augenlides versagt seine Wirkung, Sinneseindrücke kommen immer weniger zur Beachtung, die Vorstellungen verringern sich, wir verfallen in jenen Zustand, den wir Schlaf nennen. DaS Selbstbewußtsein ist aufgehoben und das Gehirn für eine Zeit in tiefer, ihm und dem ganzen vom Gehirne beherrschten Organismus nothwendiger Nnhe. Dieser Zustand dauert ungefähr zwei Stunden und heißt Tiesschlaf. Haben aber die Nervenstraßen ihre nöthige Kraft und die für sie erforderliche Nahrung empfangen, so beginnen sie alsbald ihre Thätigkeit, d. h. sie leiten dem noch ruhenden Gehirne wieder die Empfindungen zu und vermitteln den Verkehr mit der Außenwelt; im Hauptquartiere aber, im Gehirne, ist fast alles noch im Schlummer, besonders der Chef des Quartiers, die Seele, ist bewußtlos. Die Nerven bringen jedoch unablässig Depeschen und Nachrichten, namentlich viele gegen Morgen, wenn die allgemeine Erfrischung der Nerven nahezu vollendet ist. Im bunten Wirrwarr geht es nun im Gehirne hin und her, die Seele vermag die zugeführteu Bilder noch nicht zu unterscheiden und einzuordnen, mit andern Worten: es entstehen die Träume. Sie währen so lange,., bis auch 128 das Gehirn wieder sich regt und der Seele als Organ zur Verfügung stehet. Die Seele erlangt hiedurch ihr Selbstbewußtsein, und die geordneteLebensthätigkeitbeginnet aufs Neue. In früheren Zeiten, als die ärztliche Wissenschaft auf ihrer heutigen Höhe noch nicht war, wurden die Träume auch von Aerzten, wie Hippokrates und Galenns, auf Gott zurückgeführt. Bei den alten griechischen Philosophen lassen sich besonders zwei Richtungen in der Erklärung der Traumbilder unterscheiden. Die älteren suchten die Ursache der Träume außer dem Träumenden. Sie kennen zwar nicht personificierte Träume, wie ihre Dichter, z. B. Homer, welcher sie als ein Geschlecht von Wesen bezeichnet, die in der Gegend von Sonnenuntergang ihren Platz haben, aber sie sahen sie doch als außerhalb des Träumers stehende Erscheinungen an. Bald jedoch ist auch schon bei den alten Philosophen das Bestreben bemerkbar, in der Erklärung des Traumes die eigene, schaffende Thätigkeit der Seele mit in Rechnung zu ziehen. Es mag davon besonders der Philosoph Aristoteles erwähnt werden, auf dessen Psychologie (Seelenlehre) vielfach die mittelalterliche Scholastik weiterbaute. Aristoteles sucht den Grund und die Entstehung der Träume in der Natur des menschlichen Geistes. Er leitet die Traumbilder her von den durch äußere Eindrücke oder auch durch die innere Herzthätigkeit im Schlafe fortgesetzten Bewegungen im Innern des Menschen. Auch die prophetische Kraft des Traumes suchte er natürlich zn erklären, ohne sich aller auch übernatürlichen Ursachen dafür zu entschlagen. Die Kirchenvater, welche des Traumes meist in der biblischen Auslegung erwähnen, lassen ihn vom Logos, von Gottes Hauch beeinflußt werden. Unter den neueren Philosophen wurde der Traum ganz verschieden aufgefaßt. Der Materialismus und Nationalismus, der den Geist und sein Leben zu einem Produkte der körperlichen Thätigkeit macht, muß natürlich auch den Traum lediglich auf diesem Boden stehend erklären. Während aber die modernen Philosophen, welche die eigene Vernunft als einzige Führerin in den Gebieten des Geistes anerkennen, dem Traume theils wenig wissenschaftliche Bedeutung bemessen, theils ihn nur wegen seiner weltgeschichtlichen Macht in der Vergangenheit und dem immerhin Näthsclhaften seiner Erscheinung besprechen, haben doch auch unter den Philosophen unserer Zeit manche dem Traum eine bedeutsame Stelle zuerkannt. Die Gläubigen unter ihnen, wie Schubert, Justinus Kerner, der in seinem Hause die Seherin von Prcvorst, eine Somnambule, lange beobachtete, und andere aus der romantischen Schule, setzten die Träume außerhalb der Reihe der natürlichen und an die allgemeinen Gesetze gebundenen Ereignisse. Nach Schubert, einem persönlich sehr frommen Manne, kehrt im Traumzustande des Menschen die wegen der Erbschnld gestörte Ordnung zurück. Der Zwiespalt in unserer Natur, den wir im wachen Zustande so oft wahrnehmen, das Weinen im innern Menschen, indeß der äußere Mensch sich allen Genüssen hingiebt, das Gefühl der Leere nach fröhlich durchschwärmten Stunden, eine unwiderstehliche Schwer- muth, Thränen ohne Ursache — dies alles ist einmal nach dem Tode ganz aufgehoben. Im Jenseits wird die Seele zu ewiger Liebe mit Gott vereinigt. Aber dem gottergebenen Gemüthe lösen sich die Fesseln der Seele, meint Schubert, oft noch während des jetzigen Daseins. Während des Traumes nämlich eröffnet sich der Seele Hohes und Niedriges, Vergangenheit und Zukunft in lieblicher Bildersprache, und sie blickt in eins reinere geistige Region. Das kommende ewige Einssein mit Gott werde dem Gemüthe schon hier angedeutet im magischen Dunkel der Träume. Du Prcl, der vornehmste Vertreter der heutigen Philosophie der Mystik und ein hoch wissenschaftlicher Mann, findet die Aufgabe der Philosophie darin, daß sie sich dem bisher noch nicht verwertheten Theile unseres Daseins zuwendet, dem Schlafznstande. Aus der Erforschung der im Traume, und besonders im künstlichen, gesteigerten Traume, im Somnambulismus, hervortretenden Erscheinungen solle man zur Einsicht kommen, daß nicht auf das Diesseits ein Jenseits folge, sondern Diesseits und Jenseits etwas Gleichzeitiges sind; die Seele habe zwei Seiten, eine Seite ist im wachen Leben sichtbar, die andere tauche auf im Schlafen, ähnlich wie die Sterne zu glänzen anfangen, wenn die Sonne untergeht, obschon sie auch schon am Tage den Himmel schmücken. Nach der Ansicht Du Prel's taucht also im Traume vor der Seele eine neue. über den wachen Sinnen liegende Welt auf; diese unterliegt nicht mehr den Beschränkungen von Raum und Zeit und vermag sogar in Verkehr mit andern Seelen zu treten; während die Seele im wachen Zustande sich des Gehirns als ihres Organes im Verkehr mit der Außenwelt bedienet, stellt sich ihr im Schlafzustande ein anderes Organ zur Verfügung, das Gangliengcflechte, welches die modernen Mysterio- sophen geradezu als Traumorgan bezeichnen. Die Ganglien sind ein im Unterleib nahe der Herzgrube verlaufendes Nervengeflechte und bilden das Organ des vegetativen Lebens, d. h. jener Lebensthätigkeit, die unabhängig von unserm Willen ist, wie Herzschlag, Verdauung, Stoffausscheidung. Mittels dieses Organes nun soll die träumende Seele sich mit der Außenwelt verbinden und daher rühre es, wenn von Somnambulen bisweilen gesagt ist, daß sie aus einem aus den Magen gelegten Buche gelesen haben. Gemeinsam allen medicinischen und philosophischen Traum-Erklärungen ist sicher Folgendes: Während das Tagleben ein Leben des Geistes ist und fortwährend nach der Außenwelt strebt und sich offenbart, ist das Nachtleben ein Leben des Leibes, des dunkel-sühlen- den und -ahnenden Gemüthes, ein in sich gekehrtes Leben, ein inneres Aufwachen der Seele. Es sammelt sich im Schlafe der ganze Lebensproceß nicht wie am Tage im Gehirne, sondern in der Brust und Bauchhöhle. Wenn wir diesen Umstand fest im Auge behalten, dann können wir uns auch die Traumbilder und ihre Ursachen im Folgenden leichter erklären. Es ist schon oft die Frage aufgeworfen worden, ob mit jedem Schlafe auch Träume verbunden sind. Die Einen bejahen sie und sagen, die wahrsten Träume hätten wir im tiefsten Schlafe, und wir könnten uns nur darum ihrer nicht mehr erinnern, weil wir nicht mit Bewußtsein geträumt haben. Andere verneinen jedoch die Frage, wenngleich sie zugeben, daß durch die Seele auch im Schlafe Vorstellungen gehen können, deren wir uns nur im Wachen nicht mehr erinnern. Wie der Schlaf, so hat auch der Traum seine Zeitabschnitte. Jene Träume, welche beim Einschlafen uns beschäftigen, sind noch die 129 sogenannten verworrenen Träume. Ein Theil unserer Lebensthätigkeit ist bereits lahmgelegt, die Augen schon halb geschlossen, die Zunge wird bald ihren Dienst versagen. In diesem Zustande entstehen nun in uns die ersten Traumgebilde. Aber die halbwache Vernunft hat immer noch die Kraft, sie zu controliren und in ihrer Lächerlichkeit zu begreifen. Die Zunge vermag wenigstens zu lallen, und wir geben auf gestellte Fragen jene drolligen Antworten, welche unsere Umgebung zu der Ansicht bringen: Er träumt schon. Ist jedoch tiefer Schlaf, Vollschlaf über uns gekommen, dann sind wir reizlos, wir hören und sehen nicht mehr. Die Träume verdichten sich zu festen Gebilden, und nahe tritt uns der Freund, der den Menschen durch's ganze Leben begleitet. „Aus dem Gesänge der Bögel," schreibt Albert Sterner in seinem Buche: „Das Leben des Traumes", „aus den buntschillernden Farben der Wiesengewächse, aus Sträuchern und Hecken, aus fröhlichem Jagen und Kameradengebalg webt dann der Traum dem Knaben seine köstlichen Freuden zur Nacht. Wenn aber der Knabe groß geworden, ein Jüngling stattlich und schön sich erhebt, Römer- und Griechen-Jdeale nacheifernd und bestaunend, eigene Lebenszukunst, duftige Auen sich malend: so nimmt auch dies der Traum in seine Pinsel auf, und schöner denn in Wirklichkeit zaubert er Freundschaft und blühende Sehnsucht in seinen Paradiesen vor. Mit gleicher Beharrlichkeit, wiewohl ernster geworden, folgt er dem Manne. Hier hat er nicht Spiele, nicht Blumen zu malen, hier malt er die Kämpfe. Bald führt er den Mann in bräunende Felsen, bald stellt er ihn mitten in Krieg und Kanonen und hilft ihm die Tapferkeit schüren in Muskel und Arm. Und die Greise und Greisinnen liebt er gar sehr und folgt ihrem Winter muthig und unverzagt; denn je ärmer das Leben im Greise an Frische und Farbe sich gestaltet, desto reichlicher schmückt es der Traum mit der Erinnerung fröhlicher Bilder. Der Kindheit liebliche Spur, des Jünglings Sehnen und Lieben, des Mannes Geistes- und Vaterglück malt er dem Greise, und wie oft sieht sich die Matrone im Traum in der Schöne der Jugend, die lieblichen Locken goldig herabfallend, in den Locken den Brautkranz, und dann — wer wehrt es dem Traume! — iumitten der Gäste beim Tran-Altar die eigenen Söhne und Töchter als Zeugen der Hochzeit." (Fortsetzung folgt.) ---- Plauderei über Kunst uud Kunstgeschichte mit besonderer Berücksichtigung der Architektur und Plastik. Von Max Fürst. (Schluß.) Die Spätrenaissance gefiel sich besonders bei ihren Gebilden der Plastik darin, die Formen stark aufzubauschen und zu übertreiben. Das Uebertreiben einer Sache ist jedoch kein ausschließliches Neservatrecht der Spätrenaissauce. Mehr, als Bildhauer uud Architekten es je vermögen, belieben vor allem die Herren von der Feder nicht selten sehr stark zu übertreiben. Den Uebertreibungen, welche die Plastik der Renaissance sich zu Schulden kommen ließ, lieh wohl die damals herrschende Neigung, jede Idee, jeden abstrakten Begriff personificiren Zu wollen, gewissermaßen einigen Vorschub. Ueber die zahllosen Allegorien in der bildenden Kunst dürfte überhaupt ein eigenes Lexikon geschrieben werden, um den vielen Mißverständnissen, die da ermöglicht sind, einen Riegel zu schieben. Beim Beschauen solcher Figuren reicht gar häufig der Verstand der Verständigen ebensowenig wie die Einfalt eines kindlichen Gemüthes aus, um über Sinn und Bedeutung derselben in's Reine zu kommen. Wer kennt denn z. B., ohne zuvor eine Aufklärung erhalten zu haben, die allegorischen Gestalten auf dem Münzgebüude der bayerischen Hauptstadt? — Der witzige Moriz v. Schwind hatte ganz recht, als er bei Aufstellung jener rätselhaften Figuren meinte, ein einziges Dnkatenmännchen hätte genügt, um dem Volke das Münz- gebäude viel deutlicher und kenntlicher zu machen. — Bei den schönen vier Gestalten, welche über den alten Portalen unserer k. Residenz lagern, steht es doch wenigstens — freilich schwer sichtbar — lateinisch angeschrieben, daß man die vier Kardinaltugenden zu schauen die Ehre habe. Ohne das Gewahrwerden der inhaltsschweren Worte blieben die vier Damen wohl auch von den Meisten unerkannt. Hab' ich doch einmal einen schlichten, aber sehr klugen Mann aus der Provinz, dem ich die Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt zu zeigen hatte, rathen lassen, was denn die vier allegorischen Frauen da ober den Portalen zu bedeuten haben. Nach einigem Schauen meinte der wackere Landsmann, es müßten wohl die vier Hauptstämme Bayerns sein. Das Steuerruder der Pru- dentia deutete er auf die Mainschifffahrt der Franken, den mächtigen Prügel in Händen der Fortitndo aber getrost als Attribut des bayerischen Stammes. Das letztere Symbol schien dem guten Manne ganz selbstverständlich, ihn hätte es nicht im mindesten genirt; aber das genirte ihn schließlich gewaltig, daß er bei seinem Rathen so gar weit fehlgeschossen habe. — Daß übrigens auch modern allegorische Schöpfungen nicht leichter zu verstehen sind, als die alten, kann man in nächster Nähe der erwähnten Nesidenzthore, an der neuen Mittelgruppe der Feldherrnhalle, gewahren. Was hier die Volksseele schon alles herausgefunden und nicht herausgefunden, wäre wohl der Betonung werth, aber rein des lieben Friedens wegen, den ja die eine Figur des besagten Denkmales vorstellen soll, unterlassen wir es, darüber zu reden. Haben wir doch einmal an einem Kloster- kirchenportal eine Figur gesehen, welche eine Goldmünze an die geschlossenen Lippen drückte. Diese Allegorie verstanden wir sofort dahin, daß das „Schweigen" hin und wieder als eine der werthvollsten Eigenschaften zu preisen sei. — Das üppigste Kind, welches die Renaissance erzeugt und großgezogen hat, ist, wie Jedermann weiß, das Rokoko. Wir kennen keine Stilform, welche den breiten Massen des Volkes so sympathisch und zusagend erscheint, wie diese. Ganz besonders darf solches auch im Hinblicke auf unser bayerisches Landvolk gesagt werden. Würde bei Erbauung von Dorfkirchen zunächst der Wille deS Volkes maßgebend sein, wir sind überzeugt, daß zumeist nur Rokoko-Kirchen erstünden. Das lichte, freundliche Wesen dieser Stilart, die leuchtendes Gold uud heitere Farben nie verschmäht, hat wie es scheint, gerade für den Landmann etwas Herz- erhebendes. Frage man doch einen Bauern, welche Kirche ihm in seiner Nachbarschaft am besten gefallet Hat er die Auswahl, er wird sicherlich den Preisspruch einem Renaissance- oder Nokokobau zuertheilen. Vielleicht 130 hat der Ueberschnß an vielen nicht gelungenen, modern- gothischen Landkirchen etwas unverschuldet, daß den enttäuschten Leuten die Bauweise des vorletzten und letzten Jahrhunderts in um so freundlicherem Lichte erscheinen will. Der kluge Laudmaun rächt sich daher auch oft durch sehr treffende Bemerkungen, wenn er mißlungenen Neuerungen gegenübersteht. So hat sich z. B. der Bauer im Chicmgau, um nur eines zu erwähnen, für allzu mager und dürftig gerathene neue gothische Altäre einen gar köstlichen technischen Ausdruck zurechtgelegt; er heißt dieselben e:nfach:Latten- oderStangen- Altärc. — Die abfällige Aeußerung läßt genugsam erkennen, daß auch für Pfahlbauten bei den heutigen Chiemsecanwohnern keine Sympathien mehr zu erwecken wären. Unser Bauer ist somit, wie man ihn doch vielfach als solchen zu verschreien Pflegt, kein Zopf, mit welchem Namen ja bekanntlich eine weitere Art von Architektur- uud Kuustform belegt worden ist. Der „Zopf" hat es bekanntlich übernommen, die bisher wenig berücksichtigten Nückfatzaden und Hinterfronten ebenfalls würdig zu schmücken; er hat dieses mit so hingebender, fast peinlicher Gewissenhaftigkeit gethan, daß die undankbare Menschheit ihn dafür mit dem Begriffe „Pedant" so enge verfocht, daß es wahrlich nicht leicht ist, heute die Beiden von einander zu unterscheiden. Das Zopfwesen hat mit dem schon erwähnten Byzantinischen Stil insoferne eine gewisse Verwandtschaft, als eben beide zu den lebens- zähesten Dingen auf Erden gehören. Früher — noch vor dem Jahre 1848 — meinte man, daß der Zopfstil ganz besonders für die Ausschmückung von Burcauräumcn sich eigne, da aber diese in der Regel äußerst kahl und frostig aussehen und eingerichtet scheinen, so ist es doch wohl mehr der Empirestil, der in den Amtslokalen seinen Einfluß behauptet und geltend macht. Dieser höfische Empirestil, meist kreideweiß wie ein unbeschriebenes Blatt, mit seinen lichtglasirten Oefen und hell lackirten Thüren, lebte mehrere Jahre in morganatischer Ehe mit der sogenannten Bieder maierzeit, mit welcher ja auch unsere Herren Großvater noch enge verwandtschaftliche Beziehungen unterhalten haben. Was nun die jüngste Zeit in Architektur und Plastik alles geleistet, was sie zum Bauen alles sich dienstbar macht, sehen wir ja Tag für Tag. Manches Haus besteht bald mehr aus Eisen als aus Stein, und sollten solche Häuser je drohen, auseinanderzufalten, so braucht man, um gründlich zu helfen, ganz einfach nur einige Magnete in den Spcicherräumen anbringen, und das Gebäude wird sich auf der Höhe der Zeit erhalten, wie weiland Freiherr von Münchhausen mittelst seines Zopfes selbst aus dem Sumpfe sich gezogen hat. — Für erwähnenswerth halten wir hier noch die Merkwürdigkeit, daß man in Amerika bereits schon ein kleines Haus theilwcise aus Aluminium hergestellt hat. Die klugen Leute dort haben somit thatsächlich die Quintessenz aus dem Lehm, aus dem man sonst Ziegel zum Bau der Häuser brannte, zu ziehen gewußt. — Gefährlich sind gegenwärtig zunächst nur wehr die Glashäuser. „Die darin sitzen", heißt es, „sollen nicht mit Steinen werfen", was den Herren von der Kunstgenossenschaft, die in München den Glaspalast inne haben, zur ganz besonderen Berücksichtigung empfohlen sein dürfte. — Zu den billigsten Gebäuden gehören die Luftschlösser, die von unternehmungslustigen Leuten besonders in der Gegenwart wieder viel gebaut werden; allerdings ist durch den Bau derselben auch schon Mancher zu Grunde gegangen. Im Allgemeinen hatte man früher nur in der Jugend an Herstellung derselben das meiste Interesse; ich Zweifle jedoch nicht, daß z. B. in St. Petersburg auch ältere und hochgestellte Leute eine kindische Freude hätten, wenn zunächst einmal die Dardauellen-Schlösser als Lustschlösser erklärt werden würden. Wenn wir in der gesummten Baukunst nun etwas näher auf Details sehen, so ist es zunächst außerordentlich merkwürdig, zu gewahren, wie auch die Architektur dem Systeme gewisser Naturforscher Rechnung trügt und die schlagendsten Beweise für eine embryonische Entwicklung zu höher gestaltetem kraftvollen Leben zu erbringen vermag. Es ist geradezu unbegreiflich, wie jene Gelehrten, welche den Ausbau der Descendenzlehre besorgten, die mächtige Unterstützung, die die Architektur ihren Theorien darbietet, bisher so völlig ignorieren konnten. Wir wissen doch, daß unter den Ornamenttheilen des frühen jonischen Stiles ganz besonders der Eierstab eine ansehnliche Rolls spielt. In der mittelalterlich romanischen Periode ist der Fortschritt bereits stark fühlbar, da hier schon das Schuppen-Ornament, das denn doch die Saurier voraussetzt, zur Verwendung gelangt. Zu einer charakteristischen Bezeichnung, die derselben Periode angehört, zählt auch der technische Ausdruck Gräte. Von den vielen Krabben der gothischen Stilform, die fast zahllos an allen Fialen und Wimbergen sich festgesetzt haben, will ich nicht näher reden. Hinzuweisen habe ich dafür besonders auf das vielbenützte Fischblasen-Ornament, das zumeist in den schlanken Fenstern bis zu den Netzgswölben hinaufreicht und Ichthyologen und Architekten in gleicher Weise interessieren dürfte. Auch die sogenannten Nasen fallen in diese Stilperiode; allerdings ist es hier nicht nothwendig, ausschließlich an eine gewisse Gattung der Weißfische zn denken, denn es gibt auch im ideellen Sinne kleine und große Nasen, die, ohne baß man einen Conflikt mit dem katholischen Kirchcngebote zn fürchten braucht, auch in der Fastenzeit neben und mit Fleischspeisen genossen werden dürfen, — wenn sie von oben kommen, sogar genossen werden müssen. Wer weiters die sogenannten Wasser- oder Dachspeier der gothischen Periode durchmustert, wird gar nicht lange brauchen, um die unzweifel- haftenBrüdcrund Schwestern desUrvogels(Li'LliMvxtsr^L) herauszufinden. Die spätere Gothik zeigt bereits einen riesigen Fortschritt, indem sie in einzelnen technischen Ausdrücken schon der vorhandenen Säugethiere gedenkt und u. A. den „Eselsrückeu", zur allgemeinen Kenntniß bringt. Ein noch imposanteres Wort kennt dann am Schlüsse der Stilartcn die Spätrcnaissance, die ja die sogenannten Ochsenaugenfenster sehen läßt und somit die respektablen Vertreter eines Geschlechtes bekundet, die, wenn richtig gemästet, in den Cnliurländern der alten und neuen Welt der denkbar größten Entwicklung sich zu erfreuen vermögen. Aehnlich wie die fossile und nicht fossile Fauna in der Architektur eine bedeutende Rolle spielt, so thut dieses nicht minder auch die Flora. Auch hier kann ein scharfsehendes Auge den glcichanfsteigenden Entwicklungsgang leicht wahrnehmen. Von der Verwendung der Lotos- und Wasserpflanzen bei den Aegyptern, der Palmetten bei den Griechen, der Pinicnzapfcn bei den Römern, des fetten Kleeblattes bei den Gothikcru, bis zur förmlichen Ausleerung eines vollständigenHerbarinms in der üPpigenNenais- 131 fance ließe sich gar Vieles erzählen. — Zu betonen, daß die Architektur außerdem mit dem Mineralreiche die aller- inttmsten Beziehungen unterhält, ist wohl nicht mehr nöthig, es hieße dieses wahrlich „offene Thüren einrennen". Der Architektur kann man, ohne rühm- und lobrediger Sucht geziehen zu werden, sorglos und mit bestem Gewissen in's momuuentale Stammbuch schreiben: „lo saxalo-inuntur." Zu den elegantesten steinernen Gliedern hervorragender Bauten gehören bekanntlich die Säulen. Daß es aber nicht absolut nöthig ist, die Säulen immer nur in Beziehung zu einem Bau zu denken, beweist uns die antike römische Trajanssäule eben so gilt wie unsere alten einheimischen Stundensäulen an den Staatsstraßen. — Man liebte es zu allen Zeiten, große geschichtliche Personen im Bildnisse auf hohe Postamente oder mächtige Ehrensäulen zu stellen; die genannte Trajanssäule ist ja ein sichtlicher Beleg hiefür. Merkwürdiger als dieses ist es, daß sehr bescheidene und überaus demüthige Leute schon auf den Einfall gekommen sind, sich bei Lebzeiten selbst auf Säulen zu stellen, wie frühchristliche ägyptische Legenden uns zu erzählen wissen. Das Umstürzen berühmter Säulen haben hinwieder heilige und auch unhcilige Personen schon mehrmals sich angelegen sein lassen. Innerhalb des weiten Zeitraumes, in dem Karl der Große die Irwin- und der Pariser Maler Conrbet die Vendome-Säule umwarf, ist schon so manche Säule, auf der sich gefeierte Größen für immer sicher gestellt glaubten, zu traurigem Falls gekommen. Wenn man im Alterthum verdiente Personen ganz besonders auszeichnen wollte, so begnügte man sich mit einer Säule nicht allein, sondern errichtete gleich einen ganzen Triumphbogen. Diese waren denn meistens mit weitansholeuden pompösen Inschriften Versehen. Daher mag es kommen, daß später auch andere öffentliche Gebäude, galten sie nun heiligen oder profanen Zwecken, meist monumentale In- und Aufschriften über ihren Portalen erhielten. Dieselben sind meistens sehr feierlicher, ja hochernstcr Natur. So eine bleibende Inschrift zu machen, ist keine leichte Sache, und Philologen und Historiker zerbrechen sich gar oft die Köpfe, bis sie etwas Geeignetes gefunden haben. Als es einmal in einer größeren Stadt um eine passende monumentale Aufschrift über dem Thore eiues Standesamtes (Abtheilung für Tranungs- sachen) sich handelte, da meinte ein verheirathetcr Professor, der riesig für Dante schwärmte, nichts Besseres vorschlagen zn können, als die gewaltigen, vielsagenden Worte: „Laßt, die ihr eingeht, jede Hoffnung fahren." Wenn wir nun noch kurz auf einzelne wichtige bauliche Werke näher eingehen, so erlaubt es die gemessene Zeit nur mit dem Höchsten, mit den Thürmen, uns zu befassen. In den Kindcrjahren — ich weiß nicht, ob eS Anderen auch so gegangen — haben mich vor allen Bauten die Thürme am meisten inicressirt. Als ich als Knabe zum ersten Male nach München kam, war es einer meiner ersten Wünsche, den chinesischen Thurm im englischen Garten zu sehen. Der Anblick desselben war — nebenbei bemerkt — eine der ersten Enttäuschungen, die ich in meinem Leben erlebte. Eine anS München gebürtige Dienstmagd, die wir daheim hatten, hatte mir nämlich ein Stück ihrer Sympathie für besagten Thurm, unter dem ja zeitweilig Militärmusik spielt, beigebracht. Daß die Begeisterung unserer Dienerin eigentlich nicht dem alten Holzban galt, konnte ich als unerfahrener Knabe ja nicht erwägen; damals wußte ich ebensowenig das geheimnißvolle Sprich» Wort „es sind Schindeln am Dache" zu deuten. — Wo» her der Wind weht, konnte im alten Griechenland übrigens schon jeder Junge wissen, wenn anders der in Athen sich befindende achteckige „Thurm der Winde" als Urahne aller meteorologischen Bcobachtnngsstationen betrachtet werden darf. Daß man mit Thurmbanten nicht immer Glück hatte, sagt nnS schon die Geschichte von Babel. Selbst das schaffensfreudige Mittelalter ist bei seinen Thurmbanten meistens stecken geblieben, wir dürfen daher annehmen, daß der Ausdruck „thurmhohe Freundschaft", den ein berühmter Staatsmann einmal gebraucht hat, schon vor etlichen Jahrhunderten mit gemischten Gefühlen ans- gcnvmMLN worden wäre. Der erwähnte Staatsmann hat sich übrigens in umsichtigster Weise um die höchst werthvolle Einrichtung eines der wichtigsten Thürme Deutschlands, des Juliusthurmes in Spandau, bekanntlich sehr verdient gemacht. Die schlanksten Thürme, die es gibt, besitzt, wie Jedermann weiß, der Orient. Man heißt dieselben Minarets. Wenn heute noch an unserem Türkengraben oder Lilicn- berg, wie es einstmals der Fall war, Türken wohnen würden, der Thurm der neuen St. Aunakirche am Lehel würde von denselben wohl niemals für ein Minaret gehalten werden. Gleich vielen Thürmen haben auch viele Thurm- baumeister kein rechtes Glück gehabt. Als in München der bei der St. Michaelskirchs im Jahre 1590 begonnene Thurm alsbald sich senkte und dröhnend zusammenstürzte, hatte sein Architekt, Wolfgaug Müller, auf Herzog Wilhelm des Frommen Geheiß die Ehre, 6 Tage bei Wasser und Brod im Falkeuthmme brummen zu dürfen. — Daß auch der Thurmbaumeister Eiffcl in Paris eingesperrt worden, ist bekannt, allerdings war daran nicht sein Eisenthurm schuld, sondern ein gewisser amerikanischer Kanal, dessen Schleusen nicht einmal geöffnet zu werden brauchten, um im eleganten Paris dennoch eine Menge von Unrath hiu- wegzuspüleu. — Recht schlimm ist es seiner Zeit auch in Nom dem berühmten Bildhauer und Architekten Bernini ergangen, als er auf die Farads des antiken Pantheon zwei kleine Thürme setzte, welche zunächst der findige Volksmund, dann aber auch die gestrenge Kunstgeschichte mit dem nichts weniger als schmeichelhaften Namen „die Eselsohren des Bernini" belegte. Den unglücklichsten, ich darf wohl sagen, den dümmsten Thurmbanmeister aller Zeiten hat übrigens in unseren Tagen der bekannte Lichter Ibsen in seinem Schauspiel „Baumeister Solucß" erfunden: einen Mann nämlich, der auf Geheiß seiner verrückten Geliebten von der Höhe seines Bauwerkes zu deren Füßen sich niederwirft, um auö sehr naheliegenden Gründen dort liegen zu bleiben. Wenn wir eben einiger Thiirmbaumeistcr Mißgeschicke erwähnt haben, so wollen wir nicht verhehlen, daß auch andere Baumeister, die nicht Thürme bauten, hin und wieder ungeschicktes, seltsames Zeug gemacht haben. Wer heute Karlsruhe besucht, wird staunen, alle die dortigen Kirchen in hellenischen oder antik-römischen Formen, den Bahnhof und das Hoftheater aber im romanischen Baustile aufgeführt zu sehen. — Es ist dieses doch wirklich „klassisch"! — In Bayern wollte man vor etwa 40 Jahren bekanntlich einen neuen Baustil erfinden. Erster Erfolg war, daß ein Laie sehr selten die Bestimmung eines solch' neuen Gebäudes zu erkennen vermochte. Hat — 132 doch thatsächlich einmal ein Fremder, als er Abends in der Münchener Maximiliansstraße spazieren ging, das kgl. Regicrungsgebüude mit seinen erhellten hohen Fenstern, welche die Etagendurchzüge leicht erkennen lassen, für eine Spinufabrik gehalten und sich — bis die nöthige Aufklärung kam — höchlichst gewundert, solch' ein industrielles Etablissement an dieser Straße zu treffen. Um nun nicht verdächtigt zu werden, immer nur zu nörgeln, wollen wir gerne der Freude Ausdruck geben, wenn ein Gebäude, sei es alt oder jung, eine ganz besondere Anerkennung verdient und auch findet. In diesem Sinne hat wohl noch nie ein Bau eigenartigeres Lob und eine so tugendfördernde Bestimmung zugewiesen erhalten, als Münchens altes Sendlingerthor, das der scl. Mayer v. Mayerfels bekanntlich einmal in einer Magistrats- fitznng als das „Schamtuch" der Sendlingerstraße bezeichnete, um durch solches Prädikat die Wegnahme des besagten Thores unmöglich zu machen. Eigenthümlich erscheint diese Bezeichnung immerhin, da doch das Sendlingerthor gerade jene Straße deckt, in der die meisten Bekleidungskünstler ihre Waaren feil halten und die Trot- toirs nicht selten mit Herren- und Kuaben-Anzügen förmlich garnirt erscheinen. Wenn man diesen Ueberschnß menschlicher Hüllen einerseits und v. Mayerfels' Bezeichnung des Sendlingerthores anderseits betrachtet, fühlte man sich bald versucht, den bekannten Grafen Oerindur um freundliche Erklärung dieses Zwiespalts zu ersuchen. Einer stark entwickelten Bildersprache haben die Werke der Architektur und Plastik häufig schon Stoss geboten. Ich erinnere nur an die morgenländische Poesie, die gefeierten Personen nicht selten schon Gebäudenamen in ehrender Weise beigelegt hat. Unsere prosaische Zeit huldigt dieser Sitte weniger, doch kann man hie und da von einem „eckigen" Menschen, dann und wann auch von einem „gemüthlichen" oder „fidelen Haus" reden hören, ohne bei letzterem an ein wirkliches Manergefüge denken zu dürfen. Unangenehm ist es, wenn ein Mensch sehr „parterre" wird, aber eine prächtige Eigenschaft, besonders für Hausfrauen, ist es, „häuslich" zu sein. Aehnlich wie im Alterthume werden manche Kunstwerke auch bei uns heute noch besungen. Man denke nur an den vor etlichen Jahren hier thätigen „Spottvogel im Glaspalast". Die Künstler haben aber an diesen Liedern nicht immer so viel Freude, wie sie seiner Zeit der gefeierte Bildhauer Alexander Papenhoven hatte, als auf eine von ihm gemeißelte Venus der Dichter Kleist den etwas überschwünglichen, holperigen Vers machte: Sieh' Papenhovcnö Meisterstück, der schönen Venus in'S Gesicht! Sieh' an den Mund des Mannorbilds! Man sieht die Stimm' und hört sie nicht! Eine gesehene, aber nicht gehörte Stimme hatte wohl auch das am häufigsten besungene plastische Gebilde Griechenlands, Myron's berühmte „Kuh", über die nicht weniger als 36 Epigramme gemacht worden sind. Die meisten derselben gehörten jedoch gleich der Kuh zn den Wiederkäuern. Nach einer der erhaltenen Mittheilungen war das gehörnte Thier mit strotzendem Euter dargestellt. Ob Myron in seinem Werke das Idol Jener zeigen wollte, die nach der Meinung Schillers in Kunst und Wissenschaft nur die tüchtige Kuh ersehen, welche sie mit Butter versorgt, darüber schweigt die Geschichte. Ob, da wir gerade beim wirklichen oder vermeintlichen Nutzvieh angelangt sind, der „farnesische Stier" auch jemals entsprechendes Dichterlob gefunden hat, weiß man eben so wenig; ganz sicher ist nur das eine, daß zu allen Zeiten, öffentlich und heimlich, die meisten Anbeter und Verehrer das bekannte „goldene Kalb" gefunden hat. Von berühmten Thiergebilden des Alterthums ist hier noch das hölzerne Pferd zu erwähnen, welches den neugierigen Trojanern bekanntlich sehr unangenehm geworden ist. Die Nace dieses Holzpferdcs hat sich im Laufe der Jahre so degenerirt, daß dieselbe heute nur mehr in den Kinderstuben Dienste leisten kann. — Pferde, welche ob des Zmücklegens einer ganz außerordentlichen Distanz genannt zu werden verdienen, sind die vier ehernen Rosse des Lysippus an der Fagade der Markuskirche in Venedig; dieselben sind nämlich von Chios über Nom nach Kon- stantinopcl, dann nach Venedig, unter Napoleon 1. nach Paris und schließlich, ohne Schaden genommen zu haben, wieder nach Venedig zurückgekommen. Ein antikes Roß, das zwar uicht so weit herumgekommen, dafür aber auf seinem Standorte gar Vielerlei erlebt und gesehen hat, ist jenes, welches Kaiser Mure Aurel auf dem Capitolsplatz der ewigen Noma reitet. Wäre es nicht aus Erz, gar oft hätte es Gelegenheit zum Schenwerden gehabt, besonders in den Tagen des X. Jahrhunderts, in denen, wie Grc- gorovins zu erzählen weiß, der römische Pöbel es mehrmals liebte, mißliebige Personen einfach an dem Hals des Pferdes aufzuknüpfen und hängen zu lassen. Daß das erwähnte antike Denkmal heute noch vorhanden ist, dankt man dem mittelalterlichen Irrthume, der dargestellte Reiter sei Kaiser Konstantin. Die Römer haben ja bekanntlich für ihre alten Denkmale nicht immer die nöthige Hochschätzung an den Tag gelegt; was nicht zerstört werden konnte, hatte meist die seltsamsten Wandlungen zu erdulden. Eine der merkwürdigsten Metamorphosen, die je ein Bau erlebt, erlitt wohl Kaiser Hadrians Grabmal, indem es zn einer mittelalterlichen Festung geworden ist. Viel häufiger ist es, daß Festungen zu Grabmälern werden; die Franzosen z. B. glauben nun einmal fest und steif, daß Metz, wenn auch nicht für die Knochen, so doch für die Ehre des Generals Bazaine zum Grabmal geworden sei. Daß heidnische Tempel in christliche Kirchen, Kirchen in Profangcbäude, Burgen in Klöster, Klöster in Kasernen, fürstliche Lustschlösser sogar in Gefängnisse umgewandelt worden sind, davon weiß man ja in allen Ländern zu erzählen. Seltsam ist es freilich, wenn, wie es hie und da vorkömmt, noch alte Denksteine über den Portalen an der früheren Bestimmung des Gebäudes festhalten, wie dieses z. B. an einer Strafanstalt an der Salzach bislang der Fall war, wo dem unfreiwillig Eintretenden in Marmorschrift der herzliche Wunsch entgegenleuchtete, innerhalb dieser Mauern (die ursprünglich den Salzburger Landesherren als Lustschloß dienten) doch Freude und Erholung in reichlichster Fülle zu finden. — — Das letzterwähnte Vorkommniß legt mir dem beunruhigenden Gedanken nahe, ob nicht auch zwischen dem, was ich in der Ueberschrift meines Vortrages angekündigt, und dem, was ich geboten habe, ein ähnlich fatales Miß- verhältniß obwaltet. Es dürfte daher Zeit zum Schlüsse sein, auf daß nicht die Augenlider meiner verehrten Zuhörer etwa Anschluß an die Eigenschaften des „Senkbleies" suchen. Ueberdies möchte ich, da ich heute nun einmal als Werkmann, als Maurer, mich gerirt habe, auch darin den letzteren gleichen, daß ich das Stunden- zeichen zum Arbeitsschluß nicht übersehe,- was ja — seit Bestehen der Welt — ächten Maurern und Zimmerlcnten uoch niemals passirt sein soll. ^L19. 1894. „Augsburger Postzeitung". Dimstag, den 6. März Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Berlag des Literariichen Instituts von Haas >L Grabhcrr in Augsburg (Vorbesitzcr vr. Max Huttler). Wohlthnn trägt Zinsen. Nach dem Amerikanischen der Mary Cecil Hay, erzählt von Alice Salzbrunn. (Fortsetzung.) III. Ich wartete mit dem Essen auf Martin. Es hatte schon acht geschlagen, und er war noch nicht gekommen. Ich konnte mich nicht erinnern, daß er sich je vorher so verspätet hatte. Und gerade heute abends? Auch hatte er gesagt, er werde früh zurückkommen, und ich war gewohnt, mich auf jedes seiner Worte unbedingt zu verlassen. Die Kinderfrau hatte die Kinder geholt, um sie zu Bette zu bringen; sie kamen ungern von ihrem Warteposten am Gartenthore. „Warum kommt er denn nicht, Mama?" fragte Käthchen, indem sie ihre Wange an die meine schmiegte. „Ist etwas geschehen?" „Ach nein, Kind," antwortete ich. Ihre Worte verletzten mich mehr, als ich sagen konnte. „Geh in das Schlafzimmer und sei nicht unartig. Papa wird bald hier sein." Ich wußte, daß meine Stimme hart klang, aber mein Kuß war dafür doppelt zärtlich, und ich würde die Kleinen bei mir behalten haben, aber die Kinderfrau wollte es nicht zugeben. Sie sagte, die Ruhe würde mir wohlthun; ich glaubte das auch, aber ich hatte keine Ruhe. Ich ging hinunter bis zum Parkthor, saß dort und suchte zu verbergen, wie ängstlich und unruhig ich war. Endlich kam der alte Haushälter mir nach, und die unzufriedenen Thränen traten mir in die Augen. Warum wollte er mir sagen, daß das Essen bereit stehe oder verdorben sei, oder was sonst? Was lag mir daran, solange Martin nicht da war? „Wenn Sie es mir erlauben wollen, gnädige Frau," sagte er leise, wie zu einer Kranken, „so will ich in das Comptoir gehen und den Herrn bitten, sich zu beeilen." Ich blickte ihn an und nickte lächelnd, aber ich traute mir nicht zu sprechen. Ich war Morris für den Vorschlag dankbar, obgleich ich fühlte, es könnte Martin vielleicht nicht recht sein, dort aufgesucht zu werden — wenn alles gut war. Ich sah dem alten Morris nach, als er sich durch die breite Allee des Parkes entfernte; dann wartete ich wieder mit einiger Erleichterung. Die gütige alte Kinderfrau kam mehrmals und suchte mich zur Rückkehr in das Haus zu bewegen, aber ich wollte davon nichts hören. Meine Dienstmädchen brachten mir ein Tnch und ein Fußkissen und ich sah ihnen an, daß sie sich über mein Aussehen entsetzten. Endlich kehrte Morris zurück; ich erinnere mich, daß die Hofuhr eilf schlug, als die Gärtnersfrau ihm das Parkthor schon, ehe er es erreichte, öffnete. „Nun?" rief ich ihm entgegen und blickte mit starren bangen Augen in die seinen. „Was ist's?" Und ich hob meine gefalteten Hände. „Herr Drummond war nicht in seinem Comptoir, gnädige Frau, ich fand es verschlossen; aber ich ging in die Wohnung zweier Comp- toiristen. Sie sagten, der Herr müsse schlimme Nachrichten erhalten haben, denn er sei mit dem Schnellzuge nach London gefahren; es blieb ihm keine Zeit zum Schreiben und er verbot, die erschreckende Nachricht hie- her zu schicken. Sie sagten, dem Bankhause Graham u. C. sei ein Unglück zugestoßen, gnädige Frau, und der Herr wolle Herrn Graham in London sprechen; .aber ich konnte nichts Bestimmtes erfahren. Der Hauptbuchhalter fuhr mit dem Herrn und sagte den Comptoiristen, er könne ihn nicht allein reisen lassen, weil er so leidend aussah." Das waren die letzten Worte welche ich hörte. Ich weiß, daß noch viele Worte der Theilnahme und Er- muthigung gesprochen wurden, aber ich hörte keines derselben. Daß Martin plötzlich wegen Geschäftsangelegeuheiten nach London reiste, war nichts Wichtiges; daß uns ein großer Verlust drohte, war ebenfalls nichts Wichtiges; aber die Worte: „weil er so leidend aussah", hatten das Schlagen meines Herzens gehemmt. Martin leidend und ich nicht bei ihm! Martin krank in weiter Ferne von mir! Martin hatte Kummer und verbarg diesen Kummer vor mir, um mein Glück nicht zu stören! Eine plötzliche starre Kälte kam in meine Glieder. Einige Augenblicke kämpfte ich gegen eine Ohnmacht, dann sank ich in die Bewußtlosigkeit, welche viele Wochen dauerte. Sogar jetzt noch zittert meine Feder beim Schreiben von jener Zeit und von dem Leide, welches sie gebracht hatte. In der Angst und Trübsal jener ersten Nacht wurde mein Söhnchen geboren, und während das,Kind an Lebensschwäche hinsiechte, lag die Mutter bewußtlos von diesem und allem anderen Leid; ich empfand nur einen großen schmerzenden Mangel und einen großen überwältigenden Durst. Als des Kindes schwacher, keuchender Athem still stand und sein Gesichtchen zum erstenmale ruhig und schmerzlos dalag, trug man den kleinen Martin an die Seite seines Vaters in das soeben erst geschlossene Grabgewölbe. Monatelang dachten meine Pfleger, es müsse zum drittenmale geöffnet werden. Die beiden kleinen Mädchen wurden schon als Waisen angesehen und von gütigen, mitleidigen Freunden liebevoll aufgenommen. Alex wollte nicht weggehen. Damals wußte ich nicht, daß der Knabe fast immer bei mir war. Er betrauerte den Tod seines Vaters so sehr, wie Kinder selten trauern; aber er dachte stets an des Vaters letzte Worte und erfüllte die ihm ahnungslos ertheilte Aufgabe so brav und zärtlich, wie er konnte. Endlich im Frühlingsanfang brachte Alex meine Töchterchen zu mir zurück und führte sie und mich mit leisen Schritten und thränen- trüben Augen zu der neuen Grabstätte neben der Kirche, in welcher Martin und ich getraut worden waren. In der Kirche sah ich über Martins Sitz eine marmorne Gedenktafel, errichtet von einem Nachbar, welcher gleich vielen anderen guten Grund zur Dankbarkeit und Liebe hatte. Ich konnte die Buchstaben durch meine Thränen nicht lesen, deshalb verbarg ich mein Gesicht und ließ ihnen freien Lauf. Dann versuchte ich es wieder. Zwei Zeilen standen unter dem Namen, und endlich las ich die Worte: „Besser ist mir das Gesetz Deines Mundes, als tausend Stück Goldes und Silbers." Ps. 118, 72. Ich glaubte die traute Stimme zu hören, welche so wahrhaft und ernst diese Worte aussprechen könnte. Ich dachte, wie er in Wahrheit den Verlust der „viel tausend Stück Gold und Silber" edel ertragen und Gottes Gesetz rein und mit Geduld gehalten haben würde, wenn Gott es nicht anders beschlossen gehabt hätte. Außer diesem Bibelspruch konnte ich keine anderen Worte mehr lesen. Ich wußte, daß das Datum des Todestages darunter stand — das Datum unseres Hochzeitstages. An jenem Abende war mein Gatte in einem Londoner Hotel plötzlich am Gehirnschlag gestorben; niemand war bei ihm gewesen, außer dem ruinirten Banquier, welcher ihm die erschütternde Mittheilung gemacht hatte und nach Afrika entflohen war. Als ich den geliebten Namen zu lesen versuchte, während meine Kleinen in der wiederhabenden Kirche laut schluchzten, verlor ich wieder das Bewußtsein. Die gutherzige Kinderfrau nahm mich in ihre Arme und trug mich wie ein Kind nach Hause, wohin ich zum letztenmale zurückkehrte. Ich verließ das Haus nicht wieder, bis ich für immer wegzog. Jetzt hielt ich mich für stark und hatte den ernsten Willen, das vor mir liegende Leben der Armuth zu beginnen. Ich will möglichst wenig von den folgenden drei Jahren sagen. Es war ein langer harter Kampf um die nothwendigsten Lebensbedürfnisse. Wir arbeiteten gemeinschaftlich, die Kinderfrau und ich — jetzt nicht mehr Herrin und Dienerin, obwohl sie sich noch immer so zu mir verhielt, sondern Genossinnen in jeder Weise. Unsere Nadeln wurden von früh bis spät gebraucht, wenn wir Näharbeit hatten. Die treue Hanne stand sehr früh auf und besorgte alle Hausarbeit, ehe sie mich und die Kinder weckte. Ich bat sie, daß ich ihr auch dabei helfen dürfe, aber sie antwortete: „Fast die halbe Nacht liegen Sie schlaflos, und Ihre müden Finger sind heiß und unruhig; deshalb müssen Sie den Schlaf in den Morgenstunden genießen. Wenn Sie, wie ich, abends gleich einschlafen könnten, so wäre es etwas anderes. Aber Sie dürfen sich nicht krank machen, was sollte sonst aus ; uns werden? Ihre kleinen Finger sind die schnellsten und geschicktesten und arbeiten sich ohnehin müde. Also reden Sie nicht mehr davon." Da ich sah, daß sie ihren Willen in dieser Beziehung behauptete, blieb ich mit noch größerem Fleiße bei den Arbeiten, welche ich besser verstand als sie. Während ich an der Näherei saß, unterrichtete ich meine kleinen Mädchen. Alex machte seine Schularbeiten gewöhnlich allein in seiner Schlafkammer und bat mich nur manchmal um eine Erklärung. Er fürchtete immer, mir eine Mühe zu machen, wenn er sie mir möglicherweise ersparen konnte. Manchmal dachte ich, es wäre besser gewesen, wenn wir in Edinburg geblieben wären, wo ich als wissenschaftliche Lehrerin Geld hätte verdienen können, wie es ein Jahr vor meiner Verheirathung so leicht und angenehm geschehen war. Jedoch dieser Gedanke verschwand immer schnell und kam nur, wenn ich mich sehr ermüdet fühlte. Ich wußte, daß ich es nicht ertragen hätte, in den Häusern von Martins Freunden zu unterrichten. Dagegen hatte ich hier zwar schwerere Arbeit, aber niemand kannte uns, niemand konnte uns bemitleiden oder verachten oder herablassend beschützen (das letztere erschien mir ebenso fürchterlich, obgleich es unrecht von mir war); hier, in Londons Volksmenge, hatten unsere schottischen Freunde uns aus den Augen verloren. (Schluß folgt.) -—- Der Traum. Von Adolph Müller. (Fortsetzung.) Wir sind fast überrascht über diese blumenreiche, poetische Sprache eines Philosophen. Aber das sind die Worte der nämlichen Seelenkraft, die im Traume auch ihre höchste Gewalt entfaltet, es sind die Worte des Vorstellungsvermögens, der Phantasie. Diese Seelenkraft nehmen wir in uns schon im Wachen wahr. Wie trägt sie den von der Heimath Fernen mit Windeseile zu Vater und Mutter,. welche Luftgespinnste zaubert sie uns vor bei Verrichtungen, welche wenig Denken erfordern, auf einsamen Wegen, in stillen Stunden. Aber aus diesen wachen Träumen schreckt uns immer wieder die unerbittlich auftretende Vernunft, selbst Dichter und Künstler müssen die Gebilde ihrer leichtbeschwingten Phantasie den Gesetzen des Verstandes unterwerfen und den Edelfalken zähmen durch scharfe Zucht. Aber im Schlafe wird die Phantasie zur freien, alles besiegenden und beherrschenden Göttin, Denkkraft, Vernunft, Willen, die Empfindung durch die äußeren Sinne, mit einem Worte, das „Jchbewußtseiu" verfällt. Der Schlafende kommt sich vor, als sehe er sich wie auf einer Schaubühne thätig, er kann sagen: das bin ich, und doch widerspricht diesem Urtheile seine ganze innere Stimmung. Im Traume sind mir willenlos und müssen die verschiedentlichsten Wandlungen durchmachen, daher wir stets besser sagen: es hat mir geträumt, statt: ich habe geträumt. All' unsere geistige Stärke verschmilzt gleichsam mit der allein regsamen Phantasie; ihr dienen die Nervenreize und Gemüthsstimmungen; Gedächtniß und Zukunftsbeurtheilung lassen sich von ihr Gesetze geben. Das erhebt sie zu einer eminenten Kraft, und sie ist es nun, welche über alle Bilder der Traumwelt ihren Lebenshauch ausgießt und zauberisch das als lebendige Gestalt erblicken läßt, was in Wirklichkeit nur als flüchtiger Bilderschatten an uns vorbeizieht. Die Phantasie, dieser im Leibesinncrn während des Schlafes wache Künstler 135 und versteckte Poet, ist im Traume schon aus sich selbst leicht im Stande, ein Gebilde uns vorzumalen. Mehrentheils aber empfängt die Phantasie vom bestimmten, auf sie einwirkenden Einflüssen ihren Stoff, den sie dann, wie der Künstler den rohen Marmor, nach ihrer Art umbildet und verarbeitet. Die Phantasie symbolisirt vor Allem im Traume, d. h. sie zeigt alles in Bildern, Gestalten, Handlungen. Sie verfährt so auch vielfach im wachen Zustande. Wenn wir das Wort „Baum" aussprechen, da tritt vor unser Geistesauge sogleich das Bild eines Baumes, entweder eines frei erdachten oder eines uns schon bekannten, vor dem Hause, im Garten u. s. w. stehenden Baumes. Sagen wir aber z. B. „ich habe Angst", so stellen wir uns dabei nichts weiter vor. Das Tagesdenken kann Begriffe bilden, die Nachtphantasie kann nur in der Bildersprache zu uns reden, d. h. der Traum symbolisirt. Aus denTraum- symbolen läßt sich daher im Allgemeinen ein Rückschluß machen aufdas „Woher" der Träume. In ein festes, geordnetes Gefüge, in eine auch noch so vervielfältigte Schablone können die Träume nicht gebracht werden. DieFac- toren der Traumbildung sind zu mannichfache. Vor Allem wäre auf das Geschlecht Rücksicht zu nehmen. Das weibliche Geschlecht hat vermöge seiner größeren Reizbarkeit und seiner rascher verlaufenden Einbildungskraft öfter Träume als das männliche. Frauen verstehen es darum auch besser, etwaigeTraumbildcr durch die eigene Phantasie zu ergänzen, weßhalb ihre Traum-Erzählungen mit Vorsicht zu hören sind. Aber außerdem haben auch Alter, Beruf, Religionsbekenntniß, Nationalität einen großen Einfluß auf die Traumgestaltung. Es sei aber doch versucht, wenigstens im großen Ganzen die Entstehung der Träume zu erklären. Die Phantasie kann zum Träumen angeregt werden durch Vorgänge innerhalb unser selbst. Wir haben uns beim oder vor dem Einschlafen mit irgend einem Gegenstände beschäftigt, der in uns eine Denkbewegung verursachte. Diese wirkt noch fort im Schlafe, ist aber gleichsam um- woben von den Gespinnsten der schöpferischen Phantasie. Wir halten lange Reden, die Worte entströmen wie ein Gießbach dem Munde; wir schwätzen ganz unsinnige Dinge, freuen uns aber doch über unsere Redegewandtheit. Die meiste Anregung und den ihr passendsten Stoff empfängt jedoch die Traum-Phantasie durch die verschiedenen Nervenreize. In diesen Träumen zeigt sich auch die Macht des Traumes, in das verborgene Innere des Körpers, z. B. in den Magen, hineinzuschauen und seine Entdeckungen dann durch Sinnbilder zu offenbaren. Wir athmen z. B. "im Schlafe und die Lungenflügel heben sich langsam auf und nieder. Das zeigt nun die Traum-Phantasie dadurch an, daß sie uns fliegen läßt über Thal und Hügel, daß sie uns auf schnellen Rossen dahinträgt. Das Fliegen ist äußerliches Symbol für das langsamere oder kürzere Auf- und Niedergehen der Lungenflügel. Der Mund ist im Schlafe trocken geworden und es entstehet in uns der Durstreiz. Die Traum-Phantasie wird alsbald durststillende Getränke vor uns herzaubern, fast nie Wasser, meistens feurigen Wein, den wir im lustigen Gelage trinken, oder schäumendes Bier im kühlen Schatten. „Es legt sich," sagt Scherner, „die Seele gleichsam wohlig in die ganze innere Plastik des Leibes, und die Phantasie spiegelt dann in ihren Symbolen das wieder, was die Seele als Abnormität, Unregelmäßigkeit dort bemerkt." Vielfach sind die Sinnesträume. Schon Eingangs war erwähnt, daß die äußeren Sinne kurze Zeit nach dem Einschlafen schon wieder empfindlich werden für die Außenwelt und ihre Eindrücke dem Gehirne mittheilen. Hier aber ruht noch die Vernunftthätigkeit, die Phantasie jedoch versteht es, die Sinneswahrnehmungen in ihren Dienst zu bringen. Merkwürdige Träume weiß sie insbesondere aus den vom Ohre herrührendenEmpfin- dungen zu gestalten. Das Regengeplätscher an unsern Fensterläden vermag die Phantasie in uns zur Vorstellung einer großenlleber- schwemmung zu machen; die Morgenglocke kann in uns das Bild einer großen Pro- cession malen, welche unter mächtig erschallendem Geläute an dem Hause vorbeizieht. Ebenso eigenthümlich ist die Symbolik bei Träumen, die durch Haut- gefühls-Empfindungen erregt wurden. Jemand hatte zum Beispiel während des Traumes einen Strohhalm zwischen den Zehen des Fußes; hiedurch empfand der Fuß einen widrigen Kitzel. Das alles symbolisirte nun der Traum folgendermaßen: der Halm ward zum spitzen Pfahle, der widrige Kitzel wurde in wilden Räubern zur Darstellung gebracht, welche auf den Schlafenden zusprangen. Das ganz natürliche Hautgefühl, das der Strohhalm verursachte, begründete folgenden Traum: dem Schlafenden träumt, er sei von Räubern überfallen worden (widriger Kitzel), welche ihn auf den Rücken legen (Lage im Schlafe) und ihm zwischen die Zehen einen Pfahl schlagen (Halm). Es ist selbstverständlich, daß auch die Stimmungen, mit denen wir einschlafen, und sie Affecte, die sich mit uns zur Ruhe legen, stark die Phantasie im Träumen beeinflussen. Eine heitere Gemüthsstimmung kann die Ursache werden zu den lieblichsten Bildern: General Hans Herzog. 136 wir »windeln dann durch blühende Gärten, überall sehen wir festlich gekleidete Menschen, sanfte Musik ertönet. Solche Träume trifft der Seelsorger am Krankenbette frommer oder mit ihrem Gott ausgesöhnter Menschen, die das Sterben als eine freundliche Einladung in die oberen Hütten mit Sehnsucht erwarten. Eine trübe Nachricht oder üble Laune verwebt die Symbolik des Traumes zu einem Leichenzuge, zu schwarzem Gewölke; schlafen mir mit einem Zorne oder Grolle ein, namentlich mußte er unterdrückt werden, dann befinden wir uns mit Dolch und Gewehr bewaffnet im Traume den Urhebern unseres Grolles gegenüber. Die auffallendsten Träume sind die sog. Ahnungsträume, d. h. jene Träume, in denen der Mensch entweder krankhafte Zustände seines Leibes vorauserkennt oder Ereignisse sieht, die an geliebten Personen sich in der Ferne vollziehen, oder es schaut die Seele zukünftige Dinge in Bildern. Solche Träume begegnen zwar gerne einem skeptischen Lächeln, sind aber doch zu häufig im Menschenleben schon dagewesen, als daß sie einfach sich wegläugnen lassen. Wohl jeder kann darüber aus eigener Erfahrung reden. Erst jüngst erzählte mir ein junger Herr, ihm habe kurz vor Ausbruch einer schweren Krankheit geträumt, sein Bruder gehe mit einem Messer auf ihn zu, um ihn zu erstechen. Der Traum hat dadurch den kranken Zustand symbolisirt, den die Seele im Innern des Leibes schon wochenlang wahrnahm. Dieser Fall führt uns gleich zur Besprechung des sogen. Heiltraumes. Im ganzen Alterthum gab es gewisse Tempel, wo Kranke eine Nacht schliefen, um sich von der Gottheit im Traume das Heilmittel für ihre Krankheit sagen zu lassen. Die alten Aerzte hielten viel auf die Träume, und Hippokrates rathet in einer Schrift den Aerzten an, ihre Kranken nicht bloß nach dem Allgemeinbefinden, nach dem Pulsschlag, nach dem Appetit, sondern auch nach ihren Träumen zu fragen. Da man wahrgenommen hatte, daß gewisse Kräuter, Dämpfe u. s. w. auf die Traumgestaltung besonders einwirkten, so stellten die Priester geradezu eine Traum-Apotheke her, eine Aufzeichnung von pflanzlichen Stoffen, welche bei bestimmten Krankheiten vor dem Schlafe einzunehmen waren. Auch schrieb man die im Traume gemachten Heilerfahrungen auf. Dies ist vielleicht der Anfang der späteren Traum-Bücher. Den Heilschlaf kannte auch der mittelalterliche, mit Unrecht als Quacksalber verschrieene Bombastus Paracelsus. Im vorigen Jahrhundert erlebte er durch Mesmer in Paris eine neue Auflage, und gegenwärtig ist der Somnambulismus, der künstliche Schlaf und künstliche Traum zu Heilzwecken, ein Gegenstand des Studiums sehr ernster und wissenschaftlicher Männer. Ihren Höhepunkt erreichen aber die Träume in der schon erwähnten Traumahnung. Ehe wir ihre Erklärung versuchen, 'will ich, von den vielen in Büchern und Zeitschriften erzählten Traum-Erscheinungen absehend, nur solche Beispiele anführen, welche ich gelegentlich bei der Lectüre aus eigener Kenntniß in Erfahrung brachte. Der bekannte Jugendschriftsteller Christoph Schund erzählt in seinen „Erinnerungen aus meinem Leben" Folgendes: „Um das Fest der heil. drei Könige 1734 träumte mir (Schund befand sich zu dieser Zeit auf dem Gymnasium zu Dillingen), ich wandle durch eine der düstersten Straßen meiner Vaterstadt Dinkelsbühl. Einer meiner liebsten Jugendfreunde begegnete mir im Traume und sprach zu mir: „Dein Vater ist sehr krank." Ich erwachte und war sehr betrübt. — Ich schlief wieder ein. Da sah ich im Traume zwei Geistliche, die mir als unsere Hausfreunde wohl bekannt waren, in schwarzen Mänteln, die sie bei gewöhnlichen Besuchen nicht trugen, in unser Haus hineingehen. Ich erwachte wieder — noch bekümmerter. — Ich schlief nochmal ein. Da sah ich im Traume eine Todtenbahre aus dem Hause hinaustragen. Geistliche und angesehene Herren begleiteten sie, eine Menge Volkes erfüllte die Straße. Trauergesänge und Posaunen erschollen. Ich erwachte noch betrübter und blieb es den ganzen Tag. Nach ein paar Tagen kam einer meiner Mitstudirenden und sagte: „Der Herr Professor läßt Sie rufen." — „Nun," rief ich, „ist es gewiß, mein Vater ist gestorben." Der Professor fragte: „Haben Sie schon lange keinen Brief mehr von Hause erhalten? Der Herr Pfarrer von Thannhausen i. 3k. hat mir geschrieben, Ihr Vater sei sehr krank geworden." — Ich sprach: „Sagen Sie es nur gerade heraus — mein Vater ist gestorben." Nach einigem Zögern sprach er endlich: „Er ist gestorben." — Ich brach in Thränen aus, er aber tröstete mich sehr liebreich." — Ein ganz ähnlicher Traumfall ereignete sich Mitte unseres Jahrhunderts im Clerikal-Seminar zu Eichstätt unter dem Regens Dr. Ernst. Herrn St. in Augsburg träumte es einst, er habe von dem berühmten Arzte Dr. N. in München einen Geldbrief erhalten. Andern Morgens wird ihm wirklich von seiner Hausfrau ein solcher von jenem Arzte überbrückst. Besonders der Traum Christoph Schmid's ist eine wirkliche, äußerlich - nicht beeinflußte Traumahnung. Wie können solche entstehen? Die Ahnungen im Traume beruhen auf der Fähigkeit des Geistes, sich in Raum und Zeit auszuspannen und auszustrahlen. Jeder Liebestrahl aus dem Mutterherzen folgt unzerrisfen dem Sohne in ferne Welttheile, in Schlachten und auf Reisen, und der lebendige Einstrahl des Muttergemüths in das des fernen Sohnes thut sich mitten durch alle Tagesanstrengung und Geschäfte im Gemüthe des Sohnes selber kund, indem er in ihm Sehnsucht, wehmüthige Erinnerung, Vorwürfe oft ganz plötzlich erweckt. Wenn aber schon im wachen Zustande die Bewegungen des Gemüthes solche Macht, haben, dann ist das im Schlafe noch eher der Fall, wo alle Kräfte der Seele und Empfindungen der Sinne nicht nach außen zerstreut, sondern nach innen concentrirt und verdichtet sind. In den Ahnungsträumen spannt und weitet und dehnt sich das Gemüth nach dem geliebten Objecte: nach dem Kinde, der Mutter, aus und wird zugleich angezogen von dem geliebten Objecte selbst. Das Hinstreben auf der einen, das Angezogenwerden von der andern Seite erzeugt nun einen die Seelen verbindenden Gemüthsstrom. Wird dieser Strom von Seiten des anziehenden Objectes durch gewaltige Veränderung dieses selbst irritirt, aufgeregt, so können im verbundenen Gemüthe symbolische Traume bilder den Grund der Jrritirung, der Erschütterung des Lebensstromes anzeigen. In dem Traume Christoph Schmid's wurde der zwischen Vater und Kind hin- und herschwingende Gemüthsstrom durch die Krankheit und den Tod des Vaters, als des anziehenden Objectes, irritirt und dies durch die Aussage des Jugendfreundes: „Dein Vater ist krank," durch die beiden Geistlichen in schwarzen Mänteln, durch die Todtenbahre vom Traume symbolisch dargestellt. (Schluß folgt.) — 138 — Die Exhumirung Napoleons I. auf St. Helena. (Hiczu das Bild Seite 139.) Die Vergeltung in der Geschichte oder sagen wir besser die Versöhnung geschichtlicher Kontraste bleibt im Schicksale großer Persönlichkeiten nicht lange aus: Na- Dampfer „Northumberland" nach dem unwirthlichen St. Helena zu strenger, nicht gerade immer anständiger Gefangenschaft. Das ist die Aversseiie des Schicksals eines Napoleon. Und die Reversseite s Im Jahre 1840 holte dasselbe „königliche" Frankreich die Leiche des anno 1821 gestorbenen geächteten Kaisers aus dem armseligen Grabe Im Garten Gethsemane. "SE MW Mir, WWW MM WWD Am Ufer des Jordan. Poleon I. wich dem Ansturm der Alliirten, die den Frieden Europas auf ihre Fahnen geschrieben, er wollte dem wieder „königlich" gewordenen Frankreich den Rücken kehren und fliehen, auf seinen Kopf setzte der neue Bourbon einen hohenAPreis, da nahm ihn das angerufene groß- I wüthige England in sichere Hut und führte ihn auf dem j und geleitete sie mit unermeßlichem Pompe wie die Hülle eines Nationalheros in den hohen Dom der Invaliden zu Paris, in eine wahrhaft kaiserliche Gruft. Und englische Kanonen donnerten Beifall von den schwarzen Felsen St. Helenas. So wie unser Bild es zeigt, sahen um Mittag des 139 15. Oktober 1840 die französischen und englischen Offi- fiziere und Kommissare, die mit hierher gekommenen einstigen Getreuen des verbannten Kaisers, welche bis zum Tode ihres vergötterten Herrn alle Bitterkeiten des Lebens auf der Insel getheilt, das wohlcrhaltene Antlitz dessen wieder, vor dem einst der Erdkreis gezittert und der gleich Attila und gleich Alexander dem Großen eine Schicksalsmission erfüllt hatte, die ihn und sein Gedächtniß theils der glühendsten Begeisterung, theils dem Haß und gerechten Tadel anheimgab. Man hatte, als Napoleon gestorben, nicht die zu einer regelrechten Ein- balsamirung nöthigen Mittel zur Hand gehabt. Es ist viel zu wenig bekannt, wie schauerlich damals die Lebensverhältnisse auf dem unwirthlichen Eiland waren, wo Napoleon seine Tage beschloß, viel zu wenig auch kennt und verachtet man die ausgesucht kleinliche Art, mit der Hudson Löwe, der ungebildete englische Gouverneur, sein „Opfer" behandelte, entgegen der nobleren Bestimmung der Alliirten. Napoleon wollte nach den Ufern der Seine überführt werden: daß dies nicht gleich geschehen konnte, machen die politischen Verhältnisse Frankreichs begreiflich. Aber daß man es seinen Leidensgefährten verbot, sein Herz mit nach Europa zu nehmen und es seiner Wittwe zu bringen, das war schnöde und herzlos, weil gehässig und widernatürlich. - Um dreiviertel auf ein Uhr Mittags am 15. Oktober 1840 schritt man unter feierlicher Sprnnung aller Anwesenden zur Oeffnung des nächtlich erhobenen, in einem Holzsarg ruhenden bleiernen Sarges. In demselben fand man einen dritten Sarg von Acajouholz, vollkommen erhalten. Als auch dieser ausgeschraubt war, erblickte man einen Sarg von Weißblech. Es war der letzte. Man hob den Deckel: eine formlose Masse bot sich den Augen dar, nur die Stiefel ragten hervor und aus ihnen, da die Nähte gesprungen, die völlig erhaltenen Zehen. Jene Masse war die Seiden- watte, womit der Deckel ausgeschlagen gewesen, und die auf den Leichnam gesunken war. Doctor Guillard rollte sie langsam auf — und „da lag der große Mann, vollkommen unverwest, auf den ersten Blick erkenntlich". So lautet kurz der Bericht. Napoleon trug die Oberstennniform der Gardejägcr. Der Körper war ganz so gestreckt, wie man ihn vor neunzehn Jahren in den Sarg gelegt. Das etwas erhobene Haupt ruhte auf einem Kissen; die Kopfhaut war hart und fest; die Augäpfel hatten wenig von ihrem Umfang verloren und an den geschlossenen Augenlidern sah man noch die Wimpern. Nur die Nasenflügel hatten, jedoch unmerklich, gelitten. Die Wangen fühtlcn sich weich und geschmeidig an und zeigten eine weiße Farbe. Das Kinn war etwas bläulich, da der Napoleon I. im Sarge. Bart um etwa eine halbe Linie gewachsen. Das Kinn hatte aber die dem Antlitze des Kaisers so eigenthümliche Bildung gewahrt. Die Hände waren biegsam, ohne jede Veränderung, genau wie im Leben. Auch die vom Gewände bedeckten Gliedmaßen schienen im Ganzen ihre Form behalten zu haben. Doctor Guillard drückte den rechten Arm und fand ihn fest, wenig an Umfang geschwunden. Brust und Bauch waren eingesunken. Die Uniform hatte wenig von der Frische der grünen und rothen Farben verloren, die goldeneKrone des Offiziers-Kreuzes der Ehrenlegion hatte ihren vollen Glanz bewahrt. Ueber dem Schenkel lag der so bekannte Hut Napoleons. Die silbernen Vasen mit dem Herzen und den Eingeweiden, welche zwischen beiden Füßen niedergestellt waren, konnten nicht genauer untersucht werden, da sie zu fest mit den angrenzenden Theilen des Körpers zusammenhingen. So waren die sterblichen Ueberreste des großen Todten beschaffen, über alle Erwartung erhalten, allem Anscheine nach mumien- ähnlich ausgetrocknet. Die Festigkeit des Mauerwerks der Gruft und der luftdichte Verschluß der Särge hatten die Verwesung verhindert. Nach einigen Minuten ward der Sarg wieder verschlossen, und tief ergriffen von dem geschauten Bilde geleiteten die Zeugen dieses Schauspiels den Cäsar des neunzehnten Jahrhunderts zum Schiffe des französischen Vaterlandes. „Ich wünsche, daß meine Asche an den Ufern der Seine begraben werde, inmitten des französischen Volkes, das ich so innig geliebt habe!" Nun ging dieses Testament des sterbenden Napoleon in Erfüllung. Der ritterliche Sohn des Franzosenkönigs selber, Prinz Joinville, hatte den großen Kaiser zurückgeholt in die Mitte seines Volkes, und, es ist Thatsache, ganz Europa, das einst Napoleon I. gehaßt, jubelte freudig Beifall dieser That versöhnender Menschlichkeit! Trefflich schilderte der große Historiker Jgnaz von Döllinger einst die Gestalt Napoleons, den er selbst als Gymnasiast gesehen. „In Würz- burg gehörte ich zu den neugierigen Jungen, die Napoleon auf Schritt und Tritt verfolgten, als er die äußeren Befestigungen besichtigte, und noch sehe ich ihn in seinem grünen Rocke, den dreieckigen Hut auf dem Kopfe, sein scharf geschnittenes, dunkelfarbiges Gesicht, er erschien mir — wie ein Mann aus Bronze." Dr. Gustav A. Müller. Goldkörner. Du braucbst nur mit den Wällen zu geh'n, Das Heulen wirst du von selbst versteh'n. —... K. 140 Das Glück. „Im Glück nicht stolz sein Und im Leid nicht klagen." Das Glück des Menschen, was ist es eigentlich? Dem einen ist es Hof und Haus, dem andern Geld und Gut, dem dritten Schönheit; dieser erblickt es in Ruhm und Ehren,jener in stiller, menschenferner Einsamkeit, ein weiterer in Glanz, Kleiderpracht und üppigem Leben, und diesem ist die Gattin, jenem die Mutter oder Kind, Bruder, Schwester der Inbegriff seines Glückes. Und ist eins von all dem Genannten das wahrhaftige Glück? Das irdische Glück — ja! Irdisch — vergänglich; Haus und Hof kann Feuer oder Wasserfluth über Nacht zerstören, Geld und Gut diebische Hand rauben, Schönheit eine tückische Krankheit für immer vernichten, Ruhm und Ehre zerstiebt, und andere tauchen auf, die noch berühmter, noch mehr geehrt werden wie wir. Die Einsamkeit stimmt traurig und weckt Sehnsucht nach Welt, Leben und Menschen; üppiges Nichtsthun macht den Körper siech, den Geist schwach und stumpf, und alle, alle, die wir lieben, kann in einer kurzen Stunde der Tod uns grausam entreißen. Ist das Glück? Nein, denn das wahrhaftige Glück ist ewig, unvergänglich. Der Friede mit sich selbst, das Bewußtsein, Gutes gewollt, gethan zu haben, der Glaube an ein höheres Himmelswalten, an ein Wesen, das gerecht und barmherzig uns alle regiert, der Glaube an Gott und seine Gesetze, die Ueberzeugung, daß nach dem Erdendasein das ewige Leben folgt — das ist das Glück. Die Thränen Armer zu trocknen, Kranke und Unglückliche zu trösten, das Wohlergehen derer, die das Schicksal in unsere Nähe gestellt hat, höher zu halten, als unser eigenes, für andere nur zu schaffen, nur zu leben und zu streben, das ist wahrhaftiges Himmelsglück, das nie vergeht. Denn ewig wird es Nothleidende und Gramerfüllte geben, die wir mit Wort und That emporrichten können; immer werden wir einen Wirkungskreis finden, dem wir selbstlos unsere Kräfte weihen können; oft und oft wird die Versuchung an uns herantreten, um uns die Sünde ins Herz zu pflanzen und den Glauben an Gott und seine Güte zu rauben. Da heißt es stark sein, muthig und tapfer kämpfen, die Sünde und das Laster verachten, und der Geist der Finsterniß wird uns verlassen. Das Herz aber fühlt süßen Frieden, und das Herz, das sich nicht an irdische Güter hängt und Höherem, Besserem lebt, ist wahrhaft glücklich. -->sv-v-cs—-- Zu unseren Bildern. General Hans Herzog. Die Schweiz beklagt den Verlust des am 27. Januar in seiner Vaterstadt Aarau verstorbenen, hochverdienten und allgemein beliebten Generals Hans Herzog. Im Jahr 1840 war derselbe zum Lieutenant der Artillerie ernannt worden. Nach einigen Jahren Dienst bei seiner Waffe rückte er 1844 zum Oberlieutenant, 1846 zum Hauptmann, 1850 zum Major im Artilleriestab und 1855 zum Oberstlieutenant vor. Als er im Jahre 1860 vom Bundesrathe zum Obersten ernannt wurde, ward mit dieser Ernennung gleichzeitig auch die Wahl als Inspektor der Artillerie verbunden, und noch im gleichen Jahre wurde Oberst Herzog in ehrenvoller Mission nach England entsendet. In dieser Eigenschaft als Inspektor der Artillerie verblieb er bis zum Inkrafttreten der neuen Militärorganisation von 1874, wo Herzog vom Bundesrathe neuerdings als Waffen- chef an die Spitze der Artillerie gestellt wurde, eine Stellung, in der er bis zu seinem Tode verblieb. Als Inspektor und Waffenchef der Artillerie hat er seine Waffe auf eine Höhe gebracht, daß sie den besten Artillerien Europas an die Seite gestellt werden durfte. Welch hohes Vertrauen die Schweizerbehörden in seine Fähigkeiten setzten, beweist seine Ernennung zum Oberbefehlshaber der schweizerischen Armee bei der Grenz- besetzung im deutsch-französischen Krieg 1870/71, wo General Herzog seiner schwierigen Aufgabe mit großer Umsicht oblag, so daß ihm damals und öfters Auszeichnungen zu theil wurden. General Herzog befand sich auch unter der bundesräthlichen Abordnung, die im letzten Mai das deutsche Kaiserpaar in Luzern begrüßte, bei welchem Anlaß Kaiser Wilhelm sich wiederholt mit ihm unterhielt. Der Kaiser hat denn auch sein herz- licbes Beileid am Verluste des auch in ganz Deutschland hochgeschätzten Schweizer Generals ausgedrückt. Schneewittchen und die 7 Zwerge. Gewiß kennst Du, lieber Leser, das Märchen von Schneewittchen, dem Königstöchterlein, so weiß wie Schnee, so roth wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz. Das Mägdelein, das die böse Stiefmutter umbringen lassen wollte, hatte sich im Walde verirrt und ist in das Häuschen der 7 Zwerge gerathen. Als diese von ihrer Tagesarbeit heim kamen, da fanden sie Sckneewittchen in dem Bette schlafend. Die Zwerge schrieen vor Bewunderung, holten ihre Lichtlein und beleuchteten Schneewittchen. „Ei Du mein Gottl" riefen sie, „wie ist das Kind so schön!" und hatten so große Freude, daß sie es nicht aufweckten, sondern im Bette fortschlafen ließen. Dildrr aus NalSstina. Gethsemane. — Der Garten von Gethsemane liegt am Fuße des Oelbergs, jenseits des Baches Kidron. Er wird von hohen Mauern umgeben und ist nur klein, aber sein Boden ist reich mit Blumenbeeten geschmückt, denen ein Franziskaner die zärtlichste Pflege angedeihen läßt. Die uralten Olivenbäume, die hier stehen, sollen jene sein, unter deren Laubwerk der Heiland den schwersten Seelenkampf ausgestanden hat. Sie können wohl so alt nicht sein, aber es ist durchaus gestattet, sie für die nächsten Nachfolger derjenigen Bäume zu halten, welche zur Zeit der Kreuzigung Christi hier standen. Die Tradition, welche diese Stätte für den Garten erklärt, in den sich Jesus besonders gern mit seinen Jüngern zurückzog, läßt sich wenigstens bis ins 4. Jahrhundert verfolgen. — AmUferdesJordan. Jordan, („der Herabeilende") ist in jeder Hinsicht einer der interessantesten Flüsse unserer Erde. Seine Quellen liegen am Fuße des Hennon in einer Höhe von 520 Meter über dem Meere. Seine Wassermasse ist nicht unbedeutend, und doch ist der Jordan nirgends schiffbar, sah niemals an seinen Ufern eine Stadt, welche sich in seinen Wellen spiegelt, beschreibt zahllose Windungen, Krümmungen und Wasserfälle und endet, nachdem er einen kleineren und größeren See durchlaufen, im Todten Meere. Der Oberlauf des Jordan bis zum See Merom führt durch wildes Sumpfdickicht von Papyrusstauden, Rohr- und Wasserpflanzen, die festeren Niederungen des Ufers im Westen und Norden dienen den nomadischen Beduinen zu Weidegründen. — -—i-öWi—- Wikder-Wäthser. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 17: Weiß. Schwarz. K. k3-s2 K. ä4-e4 (od. s4) Sp. s8-ä6 K. o4—cl4 K. o2-ä l K. ä4—ä3 T b5-cl5 mat. -- -m Augsburger Postzeitung 'I «! 2V. Areitag, den 9. März 189H l?ür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Wohlthun trägt Zinsen. Nach dem Amerikanischen der Mary Cecil Hay, erzählt von Alice Salzbrunn. (Schluß.) IV. Es war ein nebeliger, trüber November-Morgen. Hanne war ausgegangen, um ein paar von mir fertig gemachte Kinderkleider abzuliefern, und hatte die beiden Kleinen mitgenommen. Alex wollte mich nicht allein lassen, deshalb brachten wir diese stille Stunde zusammen bei seinen Schulbüchern zu. „Ich lerne viel besser unter deiner Anleitung, Mama," sagte er unwillkürlich, als wir neben einander saßen, „aber", fügte er hastig hinzu, „es ist auch nicht sehr schwer, wenn ich allein bin, und du hast ohnehin viel zu thun." „Ich wünsche viel zu thun zu haben, Alex," sagte ich mit sehnsüchtiger Sorge, „damit ich eine genügende Einnahme erziele und dich in eine höhere Lehranstalt schicken könnte, wie es geschehen wäre, wenn dein Vater noch lebte." „O, Mama, mühe dich deshalb nicht!" rief er, indem er seine Arme um meinen Hals schlang und mich küßte, „das geht selbstverständlich nicht; es würde mich elend machen, wenn du deshalb noch anstrengender arbeiten solltest. Du weißt, neulich las ich, daß viele gute Männer, welche berühmt wurden, ihre hervorragenden Eigenschaften den Lehren ihrer Mutter verdankten. Ich werde darnach streben, brav und tüchtig zu sein, den Lehren und dem Beispiele meiner Mutter zu folgen und der Erinnerung an meinen Vater!" Ich konnte sein ernstes Gesicht nur an das meine drücken und beten, daß mir die Erziehung, trotz meiner Schwäche gelingen möge. „Ah, wer ist da?" Der Briefträger! Wie dumm, daß ich beim Klopfen erschrak!" sagte Alex und ging, um die Thüre zu öffnen. Inzwischen saß ich mit müßigen Händen und fliegendem Athem da. „Hast dn zwei Pence, Mama?" fragte Alex zurückkommend, „dieser Brief an dich ist von Shrayden nachgesandt worden, deshalb sind zwei Penze zu zahlen." „Ich kann nicht bezahlen, Alex," sagte ich leise und zog mich zurück. „Sage ihm, oaß ich es nicht kann. Wird er den Brief hier lassen? Morgen können wir bezahlen." Der Knabe giug an die Thüre, aber der Briefträger durfte den Brief nicht ohne das Postgeld abgeben und wollte morgen wieder anfragen. O, die heiße Schamröthe stieg mir in das Gesicht! „Mache dir nichts daraus, Mama," sagte Alex und setzte sich wieder an seine Bücher. „Es ist nicht der Rede werth. Der Brief bleibt dir ja sicher, und Hanne wird heute Geld mitbringen. Du wolltest mich überhören. Denke nicht mehr an den Briefträger." Nur halb verstand ich, was er hersagte; meine Gedanken schweiften in die Vergangenheit zurück. Wie wenig hatte ich alles, was früher mein gewesen war, zu schätzen gewußt! Wie anders würde ich fühlen, wenn mir der Wohlstand jetzt wiedergegeben wäre! Jetzt war ich so heruntergekommen, daß ich meine Armuth vor Fremden eingestehen mußte. Ich glaube, dieses niederdrückende Gefühl können sich diejenigen nicht vorstellen, welche es nicht selbst erfahren haben. Es mag unrecht von mir gewesen sein, aber es war damals sehr schwer zu tragen. Den Blick in unsern Erdeuschmerzen Verbängt der Nebcl trüb und dicht; Waö uns erscheint wie Trauerkerzcn, Mag sein der Himmelslampen Licht. So lauteten die ersten Worte, welche ich deutlich von meinem Knaben hörte, und ich vermag nicht zu schildern, wie sie augenblicklich meine aufrührerischen Gedanken beschwichtigten. „Ich weiß, daß du dieses Gedicht liebst, Mama," sagte Alex, „du hast es früher einmal geäußert zu Hause zu — meinem Vater," — das Kind konnte das Wort nicht ohne Beben erwähnen, — „ich hatte es in meinem Buche bezeichnet. Es freut mich, daß ich es lernte, da wir beide allein sind." „Du wirst nicht mehr an die zwei Pence denken, nicht wahr?" Ich sagte, daß ich nicht daran denken wolle und bemühte mich, es nicht zu thun; aber der eine Vers, welcher mich aus trübem Sinnen geweckt hatte, schwebte mir immer vor. Am nächsten Morgen brachte Hanne mir den Brief; sein Inhalt war folgender: „Hochverehrte Frau Drummond! Obgleich ich weiß, daß Sie Shrayden, wahrscheinlich auch Schottland verlassen haben, muß ich meinen Brief dorthin adressieren, und vertraue auf die Findigkeit der Postbeamten, während ich selbst alles thue, um Ihren Aufenthalt zu entdecken. Wenn dieser Brief Sie erreicht, bitte, geben Sie mir in einer Zeile Erlanbniß, Sie zu besuchen. Zu dieser Bitte veranlaßt mich nicht nur die alte Freundschaft, sondern ich kann mich meines leicht und schnell erworbenen Vermögens nicht erfreuen, bis ich die seit Jahren ersehnte Befriedigung habe, an Herrn Drummonds Sohn die Summe zurückzuzahlen, welche sein Vater mir mit so großem Edelmuthe geliehen, ohne mich wissen zu lassen, wer der Geber war. Die Erinnerung an seine und Ihre unausgesprochene Güte war für mich eine so hilfreiche Wohlthat als das Geld seilst. Ich wünsche Ihnen meinen Dank auszusprechen und wünsche Alex die edle That zu erzählen, da ich weiß, daß Sie und sein Vater ihm nichts davon gesagt haben. Bitte, legen Sie Ihre Adresse in das eingeschlossene Couvert und gestatten Sie den Besuch des (fiten Freundes, zu welchem Ihr Gatte so gut und großmüthig war. Verehruugsvoll Ihr treu ergebener Norbert Wcdderburn." Er wußte, daß er mich am besten bewegen könnte, indem er das Geld als eine an Martins Sohn abzutragende Schuld erwähnte. Jedoch die Summe, welche vor langer Zeit Norberts Selbstständigkeit begründet hatte, war kein Darlehen, sondern ein bereitwilliges Geschenk gewesen, und deshalb — es mochte elender Stolz von mir sein — konnte ich nicht an ihn schreiben. Obwohl ich nicht schrieb, klopfte Norbert, ehe eine Woche vergangen war, an unsere kleine Küchenthüre. Hanne, welche sich seiner gut erinnerte, führte ihn mit einem strahlenden Lächeln auf ihrem Gesichte zu mir herein. Ich konnte zu seiner Begrüßung nicht aufstehen, so heftig zitterte ich; denn ich war schwach und sein Anblick rief mir die ganze Vergangenheit lebhaft zurück. „Das ist Alex, nicht wahr?" fragte Norbert, seinen Blick hastig von meinem Gesichts abwendend, „der kleine Alex, in Gelehrsamkeit vertieft, und das sind —" Er neigte den Kopf und liebkoste Käthchen, um seine Bewegung zu verbergen. Er blieb den ganzen Abend bei uns. Sein Gesicht war bronzefarben, traurig geworden und früh gealtert; dennoch las ich in seinen Zügen dieselbe Geduld und Gewissenhaftigkeit, welche ihm unsere Zuneigung erworben hatten, als er ein schüchterner, arbeitsamer Buchhalter der Firma war, an deren Spitze er jetzt stand. Ehe er wegging, sprach er lange mit mir allein; er sagte mir noch dringender, als in seinem Briese, aus welchem Grunde er uns aufgesucht hatte. „Nein, nein, Norbert," antwortete ich auf seine entschlossenen, dankbaren Worte, „bitte, verlangen Sie das nicht von mir; ich kann meines Mannes Geschenk nicht zurücknehmen." „Wenn Sie das thäten, Aloisia," erwiderte er lächelnd, „so würden Sie alles nehmen, was ich besitze und was ich bin. Seine Hilfe machte mich zu dem Manne, der ich jetzt bin. Ich könnte Sie nicht bitten, das zurückzunehmen, denn ich kaun es ihm oder seinen Angehörigen nie vergelten. Aber Jahr auf Jahr habe ich den Gewinn zurückgelegt, welchen jenes Geld gebracht hat. Sie verstehen nicht, was ich damit meine; aber es gehört Alex." „Norbert, wenn die zweitausend Pfund Ihnen nicht geschenkt worden wären, so würden dieselben gleich dem übrigen Vermögen verloren sein. Sie vergessen das." „Nein, ich vergesse das nicht," antwortete er sanft, „aber das Geld wurde verschenkt, als kein Gedanke an den Verlust, und die Zinsen hoch waren. Nur durch Herrn Drummonds Edelmuth wurde es nicht verloren, sondern für Alex bewahrt. Alex darf nicht länger hier bleiben, Aloisia. Der elte Herr Stockesey starb vor einigen Tagen und hatte mich vorher gebeten, an seiner Stelle Alex' Vormund zu werden. Wollen Sie mit ihm nach Edinburg ziehen, wo ich ein Haus für ihn eingerichtet habe? Ich nannte es Shrayden-Villa; es ist nur eine halbe Stunde von meiner Wohnung in der Stadt entfernt, jedoch steht es am Wiesenweg, weil Sie und er die ländliche Aussicht und den Waldesduft von alters- her liebten, und in der Nähe befindet sich die Knaben- Lehranstalt, in welche sein Vater ihn zu schicken beabsichtigte. Aloisia, wollen Sie mit ihm kommen? Ich mutzte mich feinen Anordnungen fügen. Ich hatte keinen Rathgeber außer ihm. Seit meiner Kindheit fehlten mir Verwandte, und die alte Frau Kynaston, Martins einzige mir bekannte Verwandte, war schon drei Jahre todt. So brachte er uns alle nach Schott- land zurück in das hübsche Landhaus, welchem er den Namen unserer alten Heimath gegeben. Hier lebten wir in ruhiger Zufriedenheit; ich unterrichtete Eva und Käthchen wie bisher, Hanne verwöhnte sie wie bisher. Alex ging jetzt täglich in das Gymnasium und machte so rasche Fortschritte, daß seine Kenntnisse die meinigcn bald überflügelten. Einige Monate vergingen. Norbert, Alex's Vormund, handelte immer, als ob er sein Schuldner sei und besuchte uns täglich. Er war uns allein ein lieber Freund geworden, und als er eines Tages sagte, daß er auf vierzehn Tage verreiste, machte uns diese Nachricht betrübt. Wie lauge uns diese vierzehn Tage dauerten! Ich weiß noch sehr gut, daß die Kinder zuerst die Tage, dann die Stunden bis zu seiner Rückkehr zählten, und er es gern mit ihnen that. Ehe der letzte Tag gezählt war, überraschte uns Norbert. „Freut ihr euch wirklich über meine Ankunft, liebe Kinder?" fragte er unnöthig, als sie ihm eutgegcn- sprangen. „Mich freut es sehr, euch wiederzusehen. Ich blieb keine vollen vierzehn Tage aus. Freut Mama sich auch über meinen Besuch, Eva?" Erfreut blickte ich zu ihm auf und sagte, daß er immer willkommen sei, aber als seine Augen in die meinen sahen, stieg langsam eine heiße Nöthe in mein Gesicht und meine Rede stockte. „Frage Mama, ob wir in das Kindertheater gehen dürfen, Käthchen," flüsterte Norbert, indem er den Blick abwandte. „Kannst du heute nachmittags mitkommen, Alex?" Selbstverständlich konnte Alex mitkommen, und selbstverständlich waren die Kinder entzückt. Ich sah ihnen beim Weggehen ebenfalls mit glücklicher Miene nach, aber in meinem stillen Haus allein geblieben, fühlte ich mich verlassener als je seit meinem traurigen Schicksalswechsel. Wiederholt flüsterte ich Martins Namen, was ich oft in meiner großen Sehnsucht nach ihm that; alte Erinnerungen überflutheten mich und ich schluchzte bitterlich aus Herzensgrund. Endlich erschöpft von dem unaufhaltsamen Schmerz, lag ich auf dem Sofa, mit dem Gesichte in das Kissen verborgen, schlief ein und erwachte nicht, bis ich die fröhlichen Kinderstimmen im Hausflur hörte. Sie stürzten in das Zimmer, um mir die wunderbaren Abenteuer des ,Gestiefelten Katers' zn erzählen, und verglichen die Vühnenaufführung mit dem 143 Märchen, welches sie oft von ihrer Mutter gehört. Was für einen Lärm sie am Theetifch machten! ES war Norberts Schuld, sagte ich, als ich Ruhe und Ordnung vergeblich herzustellen versuchte; während ich es aus- sprach, dankte ich ihm in meinem Herzen, weil er diese Veränderung in mein stilles Heim gebracht. Die Kinder hatten uns den Gute-Nacht-Kuß gegeben und waren zu Bette gegangen, auch Alex zuletzt. Norbert stand auf, um wegzugehen, wie er es immer that, wenn sie ihm gute Nacht gesagt hatten. „Also verwöhne ich die Kleinen?" fragte er in Bezug auf meine scherzhaften Worte zu ihnen, ehe sie das Zimmer verlassen hatten; er blieb vor mir stehen und blickte ernst fragend zu mir herab. „Sie sind sehr, sehr gut zu ihnen," antwortete ich, „natürlich meinte ich nur das." „Unmöglich könnte ich anders sein," sagte er sanft. „Wissen Sie, warum, Aloisia?" „Warum?" „Weil ich diese Kinder liebe und sonst niemand zu lieben gehabt habe — ausgenommen ihre Mutter." „Norbert," sagte ich mit thränenfeuchtem Blick, „Sie lieben die Kleinen mit derselben Liebe wie einst mich. Gewiß werden meine Kinder ihr Lebenlang gleich mir Ihre Neigung werthschätzen. „Nein, nicht mit derselben Liebe," sagte er leise und voll Innigkeit, als habe er es schon lange anszu- sprechen gewünscht, „auch im Zusammensein mit den Kindern seufzt mein Herz in sehnsüchtiger Einsamkeit, welche . ich in Ihrer lieben Gegenwart nie empfinde, Aloisia." „Ihr Leben ist für so viele segensreich, daß Sie sich nicht einsam fühlen sollten, Norbert," sagte ich. Aber er wendete nur die Augen weg und neigte die Stirn auf seine Hände, welche verschlungen auf dem Kamin sims ruhten. „Wie können Sie über Vereinsamung klagen, da so viele Sie lieben, Norbert?" Ich war aufgestanden und hatte die Frage ernst ausgesprochen, während ich neben ihm stand. „Weil ich nicht anders kann; seit Jahren lebt in meinem Herzen eine Sehnsucht, welche nur Eine stillen könnte. Im Vereine mit meiner ersten einzigen Geliebten würde es keine Einsamkeit mehr für mich geben; durch Ihre Kleinen würde ich Freude und Lebensglück haben — wie andere Familienväter." Er schluchzte fast bei diesen Worten und hatte sein Gesicht noch verborgen. ^ Seine starke, treue Liebe erschütterte mich, ich legte , meine Hand sanft auf seinen Arm und sagte: l „Norbert, bedenken Sie, was ich Ihnen vor Jahren / gesagt habe, und daß meine erste Liebe dem Todten ^ gehört. — Sind Sie dennoch überzeugt, daß Sie mit mir glücklicher sein würden als jetzt? „Geliebte, willst du mir vertrauen und zu mir kommen?" Er stand mit ausgestreckten Armen vor mir, zog mich an seine Brust und beantwortete meine Frage in freudigem Ton: „Du machst mich glücklicher als ich sonst auf Erden sein könntet" » » Wie sich die Kinder über sein glückstrahlendes Gesicht wunderten, als er in ihr Schlafzimmer ging, um ihnen nochmals gute Nacht zu sagen! Sie konnten nicht errathen, warum es ein zärtlicherer Gute-Nacht-Kuß war als gewöhnlich, und warum er solange bei ihnen verweilte. — Heute abends, da ich diese lieben Erinnerungen aufschreibe, hat er noch zwei Mündchen mehr zu küssen, als damals; aber seine eigenen geliebten Kleinen küßt er nicht zärtlicher und liebevoller wie Eva und Käthe, und seiner treuesten Fürsorge und größten Berücksichtigung erfreut, sich Martins Sohn. Derselbe ist jetzt ein großer, breitschulteriger Student, seiner Mutter stets zärtlich ergeben, und stets in Gedanken, Worten und Thaten wahrhaft dankbar gegen den Mann, welcher ihm so edel und Weise den Vater ersetzt hat. -—so-M-rs--»- AnS der „ewige» Noma". * Von einem in Rom lebenden Deutschen ist UNS über die Schlußfeier des Bischofsjubiläums Leo'S XIII. eine Schilderung zugekommen, die wir den Lesern nachträglich mittheilen zu sollen glauben, obschon wir über die Feierlichkeit bereits einen Bericht gegeben haben. Unser Landsmann schreibt: Einen Tag aus dem päpstlichenNom möchte ich die gestrige (18. Februar) erhebende glanzvolle Feier nennen, womit das Festjahr des goldenen BischofsjnbiläumS des hl. Vaters in würdigster Weise seinen Abschluß fand. Der fremde Pilger brauchte nicht erst lange nach dem Wege zu suchen, der nach dem Niesendom der Christenheit führt; die endlose Wagenkette wies ihm von selber die Richtung. Bereits vom frühesten Morgen an hatten sich die Pilger ihre Plätze gesichert; das Comits hatte alle Vorkehrungen getroffen, damit die vielen Tausende ohne Unordnung und ohne zu großes Gedränge sich aufstellten. Es waren große Tribünen errichtet,. andere Plätze wie der Gang durch's Langschiff durch Barriüren geschieden, Billete von verschiedener Farbe für die einzelnen Zugänge ausgegeben. Wieviele anwesend waren, läßt sich nicht leicht angeben, die Schätzung von 40,000 wird wohl zu wenig sein. Der gewaltige Platz von St. Peter war durch eine Doppelkette italienischer Infanterie, welche sich von der einen Seite der Colonnaden bis zur audern ausdehnte, abgesperrt, nur einige schmale Oeffnnngen blieben für die Passierenden übrig. Diese Vorsichtsmaßregel, welche vom Comits erbeten war, erwies sich als durchaus zweckmäßig. Interessant war der Anblick der harrenden Menge, unter welcher italienische Landleute besonders zahlreich waren, die wohl zum ersten Mal nach Rom gekommen. Die Palastgarde bildete durch das Langschiff Spalier, außerdem sorgte die päpstliche Gendarmerie in ihrer malerischen Galauniform, der gewaltigen Bärenmntzs und den hohen Stulpenstiefeln über den weißen Beinkleidern, für Aufrechthaltnng der Ordnung. Endlich nach langem Harren verkündete das Schmettern der Trompeten das Nahen des Jubilars, bald aber war der Schall der Musik verschlungen von dem brausenden Jubelruf, der an den hohen Gewölben wie eine Niesenwoge sich brach. Unter Vorantritt der Nobelgarden, eines zahlreichen Klerns, des Collegiums der Cardinäle zeigte sich hoch auf dem Trag- sessel (der Lsäia Aestatoria) die Gestalt des hl. Vaters Mit der Mitra und dem Meßgewands bekleidet, den malerischen Eindruck vollendeten noch die Schweizergarde mit ihren Hellebarden und Flambergen, die zwei großen Wedel aus Pfauenfedern, die zu beiden Seiten des Thronsessels getragen wurden, die spanischen Kostüme der Kammerherren. Das Antlitz des hl. Vaters ist ganz vergeistigt, 144 eS scheint blutleer zu sein, dagegen leuchten die Augen noch frisch. Auf dem Altar über der Ooukessiv (Grab des Apostelfürsten) las dann der Papst die heil. Messe mit großer Assistenz, während der Sängerchor ausgewählte Motetten sang. Während der heil. Wandlung erscholl von der Kuppel herab, während eine weihevolle Stille herrschte, eine eigens hiefür componirte Melodie, welche auf silbernen Trompeten vorgetragen wurde. Das Tedeum nach der heil. Messe wurde abwechselnd vom Klerus und Volke gesungen. Dann folgte der feierlichste und ergreifendste Moment. In feierlichem Zuge wurde der heil. Vater wiederum auf der Loäia vor die Schranken, welche den Zugang zur Oonkassio gegen das Langschiff hin abgrenzen, getragen, die Tiara auf dem Haupte und mit dem weißen Pluviale angethan, während Mitglieder des Domkapitels von St. Peter den Baldachin trugen. Hier ertheilte der Nachfolger des Apostels in feierlicher Weise den Segen; kaum war der heil. Akt vorüber, so brach der Jubel auf's Neue aus, als der heil. Vater die lange Reihe seiner Kinder hindurch getragen wurde. Man sah es ihm an, wie wohlthuend seinem Herzen diese Kundgebung war; wiederholt erhob er sich von der Lsäia, um stehend die Tausende zu segnen. Und wie er so hochaufgerichtet mit der Tiara und den hohenpriesterlichen Gewändern bekleidet einher- zuschweben schien über den Köpfen der gedrängten Menge, da schien er nicht mehr der 84jährige Greis zu sein, da kam er dem Gläubigen vor als der lebenskräftige Repräsentant der ewig jungen, nie alternden GotteSkirche. Bei hereinbrechender Nacht war Illumination. Märchenhaft war namentlich der Anblick des St. Petersplatzes. Tausende von Lämpchen umsäumten die Umrisse der Fatzade, die Colonnaden zogen sich wie ein Feuerreifen rings um den stillen, ernsten Obelisken und die geschwätzigen plätschernden Springbrunnen, während vom klaren Himmel der Vollmond sein Silberlicht hernieder- strahlte. Der ganze Lor§o (Stadttheil am rechten Tiber- Ufer) war durch zahllose Lampions geschmückt, auch die andern Stadttheile zeigten rege Theilnahme an der Beleuchtung, nur die neuen Straßen Jungitaliens bildeten vielfach eine Ausnahme. Es hat sich gezeigt, daß die Römer doch noch ihren eigentlichen Souverän nicht vergessen haben. -bL W i * ——— Der Traum. Von Adolph Müller. (Schluß.) Anders erklärt solche Träume E. Lassaulx in seiner Schrift: „Die prophetische Kraft der menschlichen Seele". Nach ihm gibt es nie einen Zufall; für Lassaulx ist der Zufall nur der Nothbehelf der Unwissenheit; L. schließt sich darum der Ansicht des großen Philosophen Bacon an, welcher die Erklärung der Traumnhnungen in die Worte zusammenfaßt: „Die natürliche Weissagung, die ihren Grund in der innern Kraft der Seele hat, ist doppelter Art: sie ist theils eine der Seele als solcher angeborne, theils durch höhere Einflüsse bewirkt. Die der Seele als solcher angeborne prophetische Kraft gründet sich darauf, daß die Seele, wenn sie in sich selbst gesammelt und nicht in die sinnlichen Organe ausgegossen ist, gemäß ihrer göttlichen Wesenheit eine gewisse Vor- empfindung des Zukünftigen hat, welche sich besonders in Träumen, in ekstatischen Zuständen und in der Nähe des Todes zeigt, seltener im wachen Zustande und bet gesundem, kräftigem Körper. Die Weissagung aber durch höheren Einfluß gründet sich darauf, daß die Seele wie ein Spiegel eine gewisse, sekundäre Erleuchtung von dem Vorwissen Gottes und der Geister aufnimmt; vorheriges Fasten und Entsagung ziehen die Seele vom Körper ab und machen sie für göttliche Eingebung empfänglicher." In erhöhtem Maße vermag der Geist des Menschen, wenn der Mensch dem Tode nahe ist, auf einen Schlafenden durch Traumerscheinung einzuwirken. Dem Philosophen Schopenhauer erzählte der Aufseher des jüdischen Hospitals in Frankfurt a. M., daß öfter Verwandte von Verstorbenen kämen mit der Versicherung, die letzteren seien ihnen im Traume erschienen. Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß abgeschiedene Seelen zum Zwecke der Fürbitte, oder um Gottes Macht zu verkündigen, gerade in dem für ihr Erscheinen günstigsten Schlafzustand sich uns zeigen. Da aber solche Traumerscheinungen schon in das übernatürliche Gebiet des Jenseits hinüber- ragen und ohne göttlichen Willen nicht eintreten, so müssen wir nun die Frage stellen: Wie steht es mit Träumen, die auf Gottes Geheiß und Willen zurückgeleitet werden? Hat Gott auch der Träume sich schon bedient, um sein Reich auf Erden zu verbreiten und die einzelne Seele zu führen? Die ganze heilige Schrift gibt uns die Antwort auf diese Frage. Sie fordert, wenngleich die herrschende psychologische Richtung die Wahrheit auch der biblischen Träume nicht zugibt, Anerkennung solcher Träume, in denen Gott persönlich oder durch Geister mit dem Menschen in einen Verkehr tritt. Zwar sind, wie wir schon sagten, die Traumbilder mehr in das Nebeldunkel deS vegetativen, thierischen Leibeslebens hinein- gemalt, und die Schrift kennt auch trügerische Träume gar wohl. „Wo viele Träume sind, da sind auch viele Nichtigkeiten und Worte," mahnt der Prediger, und der Siracide klagt: „Wie wer einen Schatten erfaßt und Wind nachläuft, so der, welcher sich an Träume hält." Aber dieser Charakter des Traumes hat doch auch seine Kehrseite: er kann Bereich und Mittel eines Verkehrs Gottes mit dem Menschen zu besonderen Zwecken werden. In der hl. Schrift läßt Gott durch Träume in den Seelen Bußgestnnungen erweckt werden, wie Eliu bet Job 33, 15 f. einen solchen Traum beschreibt: „Im Traume, nächtlichem Gesichte, wenn tiefer Schlaf auf die Leute fällt, im Schlummer auf dem Lager, da deckt Gott auf das Ohr der Leute und drückt seiner Mahnung das Siegel auf." Auch seinen Willen offenbart Gott häufig durch Träume, deren die Schrift eine große Menge erzählt; ich erinnere nur an den Engel, welcher zu Joseph, dem Gemahle Mariens, im Traume kam. Wie tief haben auch die gottgefügten Träume Pharaos und ihre Deutung durch den ägyptischen Joseph in die Geschichte und Geschicke Israels eingegriffen. Im neuen Bunde, im Reiche der Gnade, haben die Träume, die von Gott gesandt waren, nicht aufgehört. Von Jesus Christus wird nie berichtet, daß er geträumt habe, vielleicht weil seine Seele immer in Gott ruhte und in Gott gesammelt war und sie daher nicht erst einer solchen Ruhe während des Schlaflebens bedurfte. Aber in der Geschichte der Heiligen und besonders begnadeten Seelen sind bis auf unsere Zeit merkwürdige Träume vorgekommen. Und wenn Gott sich der Träume bediente, um dadurch auf die Geschicke seines Reiches auf Erden, seiner Kirche, eines Volkes 145 — einzuwirken, warum soll es nicht möglich sein, daß Gott auch in solcher Weise in das Leben des Einzelnen bisweilen Hineintritt. Zwar sind wir auf die gewöhnlichen Wege der Gnade hingewiesen, und es sind gewiß gott- gefügte Traumerscheinungen nicht etwas Alltägliches, aber die Gnade geht oft wunderliche Wege. Die Seele ist mit Christo verbunden, wie die Nebe mit dem Wetnstocke; kann sie nicht im Zustande des Schlafes, wo sie in sich selbst eingekehrt und nach innen erschlossen ist, besondere Führungen und Trostbilder erfahren? Christoph Schmid leitet den in der Jugend erlebten Traum auf Gottes Vorsehung zurück. „Menschen von starken Nerven erfahren nichts dergleichen", schreibt er, „bei Menschen aber, die zarte, sehr reizbare Nerven haben, und denen eine solche plötzliche Trauernachricht höchst lebensgefährlich werden könnte, sind solche von Gottes gütiger Vorsehung verhängte Vorbereitungen nichts Seltenes." Vielleicht sind auch die lieblichen Träume der Sterbenden nicht immer blos auf die allmähliche Loslösung der Seele zurückzuführen, sondern auch auf die Nähe dessen, der gesagt hat: „Wenn ich euch die Wohnung im Vatcrhause bereitet habe, dann komme ich Wieder nnd hole euch, damit auch ihr seid, wo ich bin." Die Traumbilder haben aber nicht blos bestimmte geschichtliche Persönlichkeiten beeinflußt, die gesammte Menschheit hat seit alten Zeiten auf Träume gemerkt und sie gedeutet. Der Traumbücher haben wir bereits beim Heilschlafs erwähnt. Vielleicht hatte man ursprünglich nur die in den Traumsymbolen angekündigten Heilmittel zusammengestellt. Aber schon im 5. Jahrhundert vor Christus werden auch andere Träume, unter deren geheimnißvollem Banne einmal die unteren Volkskreise standen, nach bestimmten Regeln ausgelegt. Man sammelte die in ein System gebrachten Traumauslegungen, und so entstand bereits im Alterthum eine ziemlich umfangreiche Literatur, aus der uns aber nur mehr des Artemidorus fünf Bücher über Traumdeutung fragmentarisch erhalten blieben. Von den Chaldäern und Aegyptern kam die Traumdeutekunst auf die Griechen und Römer. Nicht blos zahlreiche Traumzusammenstellungen gab es schon in frühesten Zeiten; auch Personen, welche die Traumdeutekunst verstanden, treten in der Geschichte der alten Völker besonders im Orient auf. Sie boten bei öffentlichen Märkten ihre Kunst an. Die Propheten mußten die Jsraeliten oft warnen vor den heidnischen Traumauslegern, und die heilige Schrift läßt erkennen, daß die Kunst, Träume zu deuten, eine göttliche Gnade fei. Die Traumdeuterei erhielt sich aber durch alle Jahrhunderte, und unsere Traumbücher, die im Buchhandel immer noch gut gehen, sind wohl ein buntes Mischmasch aus den antiken Sammlungen, den Schriften der mittelalterlichen Doktoren und den im Volke fortlebenden Traditionen. Und sind auch die Traumdeuter als Kunstklasse ausgestorben, so sucht heute selbst mancher Gebildete aus den Traumreden kranker Frauenspersonen, welche die Gabe des Hellsehens (olairvoxnnes) besitzen, sich Rath und Auskunft. ES gibt nämlich in Wahrheit traumhafte Zustände von Personen, in denen sie Aussagen machen über ihre innere Leibesbeschaffenheit, Stand und Namen von fremden Personen angeben, verschlossene Briefe lesen. Diese über das Gewöhnliche hinausgehenden Eigenschaften solcher Menschen gehören zur Nachtseite des Lebens. Die auch im Menschen vorhandenen thierischen Instinkte, das Wittern der drohenden Gefahr, das Auffinden zweckmäßiger Heilmittel, das Streben nach Selbsterhaltung verweben sich mit dem höheren Seelen- vermögen, und das Sonnennervengeflecht in der Magengegend, die schon früher genannten Ganglien, wird zum Organ, mit dem solche Leute sehen, hören, ja in viel weitere Kreise zu schauen vermögen, als es im wachen Zustande möglich ist. Es beruht aber dieses Hellsehen auf einem krankhaften Nerven-System und bildet — unsere Zeit will daran allerdings nicht glauben — gar oft die Basis für dämonische Erscheinungen. Der Unglaube in den höheren Schichten der Gesellschaft nimmt eben zu solch grellen Reizen seine Zuflucht, um das sehnsuchtsvolle Ringen der Menschenbrust nach einer höheren geistigen Welt zu befriedigen, statt zum einfachen, ungeschminkten Evangelium und zur Einfalt der Kirchcn- lehre zurückzukehren. Darum sind auch die Traumbücher immer noch sehr im Schwünge. Wir wissen, wie Träume entstehen. Wenn uns in den Traumbüchern nun bestimmte Traumvorstellungen angeführt werden, welche einer ebenso bestimmten Zukünftigkeit entsprechen sollen, so wird hier die Ursache mit der Wirkung verwechselt. Das Wetter wird nicht deßwegen gut, weil mein Barometer steigt, sondern weil das Wetter schön wird, steigt mein Barometer. So sind die Träume ebenfalls nur die Wirkungen der bereits vorhergehenden Thatsachen. Feuerflammen sollen Glück und Gesundheit bedeuten, wir wissen aber, daß in Folge unserer innern, gesunden Leibesbeschaffenheit die Phantasie hell und lustig flackernde Flammen vormalet; ein Leichenzug, das Sinnbild des Todes, der Verwesung, im Traume verrathet blos die in unserem Leibe während des Schlafes vor sich gehenden Verwesungsprocesse. Wirkliche Vorahnungsträume sind ebenso selten als die schweren Geschicke selten sind, die das Gemüth in seinen Tiefen erschüttern können. Zudem sind solche Träume immer klar und deutlich und hüllen sich meist nicht in räthselhafte Symbole. Auch ist nicht jeder Mensch, wie das Chr. Schmid bei seinem Traume sagte, geeigenschaftet für solche Träume. Sie sind unter dem Gesichtspunkte der göttlichen Provi- denz und höheren Zulassung aufzufassen und dienen nicht der Neugierde, sondern andern Zwecken. Dies gilt namentlich auch von den Todtenerscheinungen im Traume Viele Erscheinungen überdies, welche übernatürlich uns vorkommen, lassen sich erklären aus den in der Menschenseele von Natur aus liegenden Kräften und Gaben. — Wir haben im Bisherigen immer noch von Träumen geredet, in denen eS bei der bloßen Vorstellung bleibt. Es kann aber die Traumphantasie so mächtig werden, daß sie auch die Bewegungsnerven zu unwillkürlichen Handlungen, zum Sprechen, Gehen u. s. w. antreibt. Das ist indeß schon eine Uebermacht, welche oft auf schweren Störungen des Nervensystems beruht. Das Sprechen im Traume ist ein unartikulirtes Lallen, der Kranke thut Schreie, spricht einzelne kurzlautende Worte. Wer wirklich -im Vollschlafe träumt, antwortet niemals auf gestellte Fragen. Der Träumende spricht aber nicht blos, er agirt mit Händen und Füßen, er verläßt sein Lager und geht seiner Tagesbeschäftigung nach. Wir haben das düstere Bild der Mondsucht, des Nacht- wandelns vor uns. Der Mond hat bei diesem Traum- waudelu nur so weit einen Einfluß, als sein Licht auf die Gesichtsnerven einwirkt, so daß der Schlafende in die Tranmphantasie geräth, als sei es Heller Tag und er müsse seiner Beschäftigung nachgehen. Er steht auf und thut nun im Tramiiwcihn vieles, was ein Wachender sich nicht getrauen würde. Die Augen sind geschlossen, aber statt der Sehkraft hat der Nachtwandler ein hochentwickeltes Hantgefühl. Gefahren fürchtet er nicht, weil er willenlos handelt. Indeß werden in diesem Traum- zustande nur Erscheinungen auftreten, welche aus dem Tagesberufe in den Traum verwoben wurden. Der Professor entnimmt seiner Bibliothek Bücher und liest darin, der Bauer vermeint über seine Wiesen zu gehen, wahrend er den Hof durchschreitet, die Magd hantirt vermeintlich in ihrer Küche. Die Bedauexnswerthen erwachen meist, wenn der Traum seine Höhe erreicht hat. Sie befinden sich dann in großer Aufregung, kennen sich in dem Dunkel nicht aus, wo sie sind, und lasten ängstlich nach festen Gegenständen, um sich zu orientiren. So schilderte mir ein Geistlicher diesen Zustand, welcher früher selbst mondsüchtig gewesen ist. Mit dem normalen Erwachen entschwinden auch die nebelhaften Traumbilder der Nacht und freudig begrüßt der Mensch wieder das Licht des Tages, den goldenen Morgen. Schon kurz vor dem Erwachen aber hat sich im Traum die Denkkraft und die Vernunftthätigkeit gezeigt. Im dritten Stadium des Schlafes, in der Vorbereitung zum Erwachen, erhebt sich öfter nämlich unser vernünftiges Jchbewußtsein gegenüber den allzu kühnen, ungereimten Phantasiegebilden. Dazu gehören namentlich die Erinnerungsträume aus der Jugend. Wir verweilen in der Schule und sehen deutlich den lange verstorbenen, alten Lehrer, aber wir sind erwachsen und finden uns gar nicht zurecht in der kleinen Schulbank. Ein anderer soll ein Mathematikexamen machen und sagt sich dabei selbst, daß ihm das unmöglich fei, weil er die Formeln längst vergessen hat. Ja, im Traum wissen wir auf einmal, daß wir träumen. Dieses Vernunftlicht nun, welches wie eine Sonne in das Traumdunkel hinein- strahlt, kommt allmählich zu immer größerer Herrschaft, bis irgend ein zufälliges Geräusch, ein plötzliches Zusammensinken der Traumbilder u. a. m. den Bann aufhebt und wir mit dem wieder geschenkten Selbstbewußtsein sagen: Mir hat geträumt. So groß nun die Bedeutung des Traumes in der Weltgeschichte wie im Leben des Einzelnen ist, so wenig hat doch die Menschheit aus den Träumen eigentlich neue Wahrheiten gelernt oder auf Grund von Träumen irgend ein Räthsel des Lebens gelöst. Auch sind wir für das, was wir im Traumzustande beginnen und sagen, vor Gott und unserm Gewissen nicht verantwortlich, es müßte denn ein Traum absichtlich durch irgend welche Mittel verursacht worden sein. Aber wir dürfen ebenso wenig einen Lohn erhoffen für etwaiges im Traume vollbrachte Gute. Der Traum und unser Verhalten in demselben kann höchstens ein Gradmesser sein für unsere sittliche Festigkeit im wachen Leben. Gerne haben die Dichter den Traum in ihren Dramen verwerthet und ihn oft ganz in seiner gigantischen Kraft wirken lassen. In neuester Zeit hat Gerhard Hauptmann in „Hannele's Himmelfahrt" uns lauter Traumbilder auf die Bühne gebracht, während Shakespeare schon früher die Träume zu dramatischen Helfem machte. In der Lyrik ist ebenfalls viel vom Traume die Rede, aber das ist mehr jener wache Traum der Phantasie, der als guter Genius uns durchs Leben geleitet und mit seinen freundlichen Bildern über die Dornen und Stacheln glücklich den Menschen hinwegbringt. Immer muß das wache Leben der Schauplatz bleiben, auf dem wir mit den Talenten wuchern und zu jenen Fernen hineilen, die im Traume wie aus einer andern Welt manchem schon in die Seele leuchteten. Nur was wir im Lichte gewirkt und erworben haben, gehört uns an. Die Traumerscheinungen selbst sind aber ein Beweis für die in uns ruhenden Geisteskräfte, welche unabhängig vom Gehirn fortdauern auch im Schlafe. Sie bestätigen das Wort eines Arztes, der nach einer Besprechung verschiedener, außergewöhnlicher Seelenzustände schreibt^: Wenn uns schon die Nachtseite des menschlichen Lebens so wunderbare Erscheinungen zeigt, welche Aufklärung müßte erst die Lichtseite desselben gewähren, wenn es uns vergönnt wäre, den Geist, ungcfesselt von den irdischen Banden, in seiner vollen Freiheit zu betrachten, wie er klar erkennt, was das irdische Gefühl nur in lieblichen Bildern der plastischen Phantasie anschaut; wie vor seinem unsterblichen Auge die Wahrheit heraustagt mit dem Antlitz der ewigen Gottheit, deren Wesenheit zu begreifen die irdische Vernunft zu beschränkt ist, die nur ein frommes Gemüth träumend ahnt und in festem Glauben tief anbetend verehrt. -- Erst Kuhhirt — dann General. Von K. Reichner. - MMru« vttbsliii.1 „Und wrr's zum Korporal erst hat gebracht, Der steht auf der Leiter zur höchsten Macht." („Wallenstein'S Lager.") Nicht weit von Delbrück in Westfalen befindet sich der „Sporkhof", ein kleines, bescheidenes Bauerngut, in welchem einst anuo 1600 die Wiege eines Mannes stand, dessen Name später im Soldatenleben und Treiben des 30jährigen Krieges (1618—49) viel genannt ward: Johann Spork! Dort in dem unansehnlichen, hölzernen, von Eichenbäumen umgebenen Vaterhause wuchs der junge muthige Bursche auf, der weder lesen noch schreiben konnte und dessen Beschäftigung darin bestand, seines Vaters Vieh zu hüten, bis er es eines schönen Tages nicht mehr daheim aushielt, sondern — dem verführerischen Lockruf bayerischer Werber folgend — heimlich Heimath und Familie, Haus und Hof verließ, um als Soldat in ein bayerisch-lignistisches Dragoner-Regiment zu treten und die Schlacht am Weißen Berge mitzumachen. Trieb doch, außer heißem Thatendrang und der kriegerischen Zeitbewegung, den jungen, kräftigen Menschen noch etwas Anderes als Unzufriedenheit mit den engen häuslichen Verhältnissen, der einförmigen Abhängigkeit, hinaus in's wilde Leben: eine unglückliche Liebe nämlich zu Nachbars Grethe, einem hübschen Bauernmädchen der — oder vielmehr deren Eltern — der Johann Spork nicht gut genug war. Draußen in der Fremde glückte es ihm desto schneller. Nachdem er während der Jahre 1620—1633 schon zum Rittmeister hinaufgearbeitet sich hatte, erhielt er ein eigenes Regiment und machte bald überall in deutschen Landen durch tollkühne, verwegene Reiter- und andere Stücklein von sich reden, denn die wunderbare Geschwindigkeit und unerschrockene Tapferkeit seiner Reiterschaar war so beispiellos und verblüffend, daß schon ihr bloßes Nahen genügte, Tausende in höchsten Schrecken zu versetzen. Dadurch erklärt sich auch das sonst unbegreiflich erscheinende Factum, wie es ihm im Jahre 1636 möglich 147 wurde, mit nur 8l) Mann einen Angriff auf 600, die zufällig in den Weg ihm kamen, zu wagen und zu gewinnen, wobei viele Gefangene und 400 gesattelte Pferde ihm in die Hände fielen. Seine Feinde zu zählen, fiel Spork niemals ein! Noch unglaublicher klingt deßhalb die Thatsache, daß ein paar Jahre später er mit derselben Tollkühnheit und keiner größeren Neiterschaar ein fliegendes Corps von zwei Regimentern zu Pferde, drei Regimentern zu Fuß und einem Regiment Dragoner — zusammen mehr als 5000 Mann — überfiel, blindlings seiner Tapferkeit und seinem Glücksstern vertrauend, und wirklich glückte ihm der tolle Streich! Eine Standarte und 300 Pferde wurden erbeutet, 50 der Feinde gefangen, 100 getödtet. Freilich erhielt Spork bei diesem hitzigen Gefecht einen Denkzettel für's ganze Leben: eine böse Schußwunde am linken Auge nämlich, die lange ihm zu schaffen machte und eine bleibende Verunstaltung in seinem Gesichte als Andenken zurückließ! Nachdem Spork im treuen Dienst der Neichspartei während des ganzen dreißigjährigen Krieges sich ausgezeichnet und bis zum Oberst seiner fliegenden Neiterschaar im bayerischen Werth'schen Negimente, einer Art von Frei- Corps, es gebracht, trat er kurz vor Beendigung des Krieges in das kaiserliche Heer, wo er zum General ernannt ward und erst recht zu Ehren kam, besonders als seine Neiterschaaren1664 den Sieg des österreichischen Heeres über die Türken in der großen Schlacht bei St. Eotthard, trotz der großen Uebermacht des Feindes (250,000 Türken gegen 37,000 Kaiserliche iucl. Hilfstruppen!), entschieden. Als die türkische Streitmacht auf die deutschen Truppen eindrang, soll Spork mit entblößtem Haupt vom Pferd gesprungen sein, um — vor seinen Regimentern nieder- knieend — laut zu beten: „Allmächtiger Generalissimus dort oben, willst Du heute uns, Deinen christgläubigen Kindern, nicht helfen, so hilf nur wenigstens den Türkenhunden nicht, und wir wollen schon mit ihnen fertig werden!" Und er wurde mit ihnen fertig! Der Kaiser aber erhob den früheren westfälischen Kuhhirten zum Neichsgrafen und machte ihm reiche Besitzungen in Böhmen zum Geschenke. Da nun der neue Graf, dessen Wappen aus einem abgesäbelten Türkenkopf bestand, bekanntlich nicht einmal schreiben konnte, so lernte er wenigstens jetzt seinen Namen kritzeln und unterzeichnete fortan: „Spork — Graf", indem er die Bemerkung: daß man eigentlich doch umgekehrt „Graf Spork" sage, auf gut plattdeutsch durch die schlagende Erklärung widerlegte: „Ei watl ick was eher Spork aes Graf!" (Ei was! ich war eher Spork als Graf!") Im Jahre 1670 zum Feldmarschall ernannt, holte Spork als schon Siebenzigjähriger neue Siege und neue Lorbeeren sich in Ungarn, am Rhein gegen Turenne usw., und als endlich bei zunehmendem Alter er den Dienst guittiren und von seiner geliebten Kavallerie Abschied nehmen mußte, die ihm so an's Herz gewachsen war, wie er ihr, da — weinte er, der eisenfeste alte Haudegen, weinte heiße Thränen, und so innig hing das Heer an seinem greisen Feldherrn, daß Alle wie ein Mann sich in Bewegung setzten, um, als zum letzten Male er grüßend ihnen zuwinkte, das Ehrengeleit ihm zu geben. Graf Johann von Spork zog für den Rest seines Lebens auf sein Schloß in Böhmen: „Herman-Mestiz" sich zurück als ein — noch dazu für damalige Zeitverhült- nisse — sehr reicher Mann, indem er, der einstige Kuhhirt, Eigenthümer von 7 Herrschaften mit ausgedehntem Grundbesitz und einem Jahreseinkommen von 50,000 Neichsthalern (150,000 Mark) war! Spork war zweimal verheirathet: in erster Ehe mit einem reichen hessischen Freifräulein, Anna Margaretha von Anfingen, die — nach dem Brauche jener Zeiten — muthig und getreu ihm in's wildbewegte Gewühl des Lagerlebens folgte, und später, nach ihrem Tode, als Sechzigjähriger mit dem mecklenburgischen Freifräulein Eleonore Marie Katharina von Ftneck, aus gleichfalls altadeltgem Geschlecht. Trotzdem vergaß er seine erste Liebe nicht! Als seine kriegerischen Züge ihn 1674 nach Westfalen, seiner Hei- math, führten, besuchte er, der niemals seiner niedrigen Geburt sich schämte, auch sein Vaterhaus, den „Spork- Hof", um ein paar Stunden dort bei den Seinen zu verleben. Als er, der berühmte Mann und hohe Krieger, mit glänzendem Gefolge angeritten kam, ward er an der Thür des elterlichen Hauses von einem seiner Brüder und dessen Familie empfangen und bewillkommnet, und damals soll's gewesen sein, daß er die hübsche Grethe wieder sehen wollte, die — nun längst eine alte runzelige Bäuerin geworden — in der üblichen Landestracht dortiger Gegend vor dem einst so schnöde abgewiesenen und dann so hoch gestiegenen Liebhaber erschien. „Grethcheu, wer es geahnt hätte," sprach dieser scherzend in Anspielung darauf mit gut westfälischem Dialekt, als er ihr kräftig die Hand zur Begrüßung schüttelte. «Ja Johanuchenl Wer das gewußt hätte!" erwiderte lächelnd das einst so schöne Gretchen, das auch nicht auf den Kopf und Mund gefallen war. Ehe Johann Spork die alte Heimath wiederum verließ, erwirkte er vom Fürstbischof von Paderborn, daß die Bewohner seiner Geburtsstätte fortan von Leibeigenschaft, Schätzung und Abgabe befreit wurden. Er starb im Jahre 1679, fast 80 Jahre alt, und heute noch leben in Oesterreich Nachkommen von ihm, der es aus eigener Kraft vom Kuhhirten bis zu den höchsten kriegerischen Ehren und Würden brachte, als echte Illustration jener kriegerischen, buntbewegten Zeit, von welcher Schiller in seinem „Wollenstem" sagt: „Und wer's zum Korporal erst hat gebracht, Der steht auf der Leiter zur höchsten Macht." Ein Schwabe über Kamerun. Herr Rudolf Betz, Ncichsschullehrer in Kamerun (Bonebela), der gegenwärtig einen halbjährigen Urlaub in der lieben Heimath zubringt und auf einige Tage auch seine Jugend- und Studienfreunde in Nottweil besuchte, hat einem Freunde des „Schwarzwälder Boten" eine Schilderung über die Verhältnisse und seine Wirksamkeit in Kamerun gegeben, aus der wir folgendes entnehmen : Die Duallastadt, in der sich seine Schule befindet, liegt 45 Kilometer vom Meer am Kamerunfluß, der dort die respektable Breite von 7 Kilometer erreicht, und ist 3 Stunden von der andern Duallastadt entfernt, wo sein Kollege Christaller den BaculuS schwingt und wo das Gouvernement seinen Sitz hat, wie auch der Ober- häuptling King Bell. Unter etwa viertausend Bewohnern ist Betz der einzige Weiße, wie auch sein Schulhaus das einzige nach europäischer Art hergestellte Gebäude am Platze ist, da die Dualla in Hütten wohnen. Das Schulhaus selbst ist einstöckig, die Zimmer aus praktischen 148 Gründen Hochparterre. Als Schulzimmer fungiert des besseren Luftzutritts halber — die Temperatur steigt in Bonebela von einem Minimum von etwa 20 Grad Celsius bis auf 40 Grad — die Veranda. Dort sitzen täglich von 7—12 Uhr 40—50 halbnackte Schwarze, die wie der ganze Duallastamm überhaupt gutmüthig und dabei sehr intelligent sind. Die Disziplin wacht fast gar keine Schwierigkeiten; faule oder nachlässige Kameraden pflegen sogar ab und zu zu besserer Wrckuug ihres Lerntriebs von ihren eifrigeren Mitschülern nach der Schule durchgeprügelt zu werden, Während des Urlaubs des Herrn Betz besorgt ein begabter, tüchtiger Häuptlingssohn im Alter von 15 Jahren die Stellvertretung. Schulzwang gibts nicht. Die Schüler sind meist Heiden und gehören durch" weg den vermöglicheren Familien an, da die minder gut situirten Väter ihre Kinder brauchen und auf ihre Handelsreisen in das Innere Afrikas mitnehmen; die Dualla sind nämlich ganz praktische, tüchtige Händler und Kaufleute. Bis zum fünften Jahr gehen sie nackt, später tragen sie als einzige Kleidung ein um den Körper geschlungenes farbiges, wohl auch seidenes Tuch, das jedoch bei beiden Geschlechtern Beine und Oberkörper frei läßt. Die Weiber werden gekauft und zwar schon in einem Alter von zwei Jahren; maßgebend für die Höhe des Preises ist der Rang oder das Ansehen, in welchem der künftige Schwiegervater steht. Je mehr Weiber, desto angesehener der Mann; der Häuptling hat daher am meisten Weiber. Bleibt eine Frau kinderlos, so kann sie der Mann wieder heimschicken und den Kaufpreis zurückverlangen; je mehr Kinder, desto besser. King Beils Familie (Kinder und Enkel) soll etwa 200 Köpfe stark sein. Etwas ganz Merkwürdiges und ein Beweis der hohen Intelligenz dieses Stammes ist die Geheimsprache der Dualla, die sog. Trommelsprache, die aber nur die Vornehmeren verstehen und die sie Weißen gegenüber gern als Aequivalent für die ihnen fehlende Schrift bezeichnen. Als Instrument dient ein ausgehöhltes cylin- drisches Holzstück von etwa 60 Ctm. Länge, das an seinem Boden etwas dicker ist und daher dort einen dumpferen Klang gibt. Das Verhältniß des oben erzeugten Tones zu dem unten erzeugten ist etwa das einer Quarte. Dieses Instrument wird nun mit etwa 2 Holzstäben angeschlagen. Dabei bedeutet jeder Ton oder doch jede Tonfigur einen vollständigen Gedanken — Duallismen, wenn wir so sagen können, nur daß die ganze Sprache durch solche Tonfiguren dargestellt werden kann. Eben dieselben Ausdrücke können jedoch auch Mündlich gegeben werden. Das ganze Sprachmaterial besteht hier einzig und allein in den vier Silben to Zu io ku. Je nachdem diese gemischt werden und je nachdem die eine höher oder tiefer im Ton gesprochen wird, ändern sich Sinn und Bedeutung. Die Verschiedenheit in der Tonhöhe entspricht dabei ganz derjenigen auf der Trommel, besteht also stets in etwa einer Quarte. Herr Vetz ist wohl der einzige Europäer, der nicht nur die eigentliche Duallasprache, sondern auch diese Trommelsprache beherrscht; denn so sehr es die gutmüthigen Dualla belustigt, wenn ein Fremder diesen oder jenen harmlosen Ausdruck in der Trommelsprache versteht oder sich desselben am Ende gar bedient, so eifersüchtig wachen sie darüber, daß er keine Kenntniß bekomme von dem auf Götzendienst oder Krieg Bezüglichen. Die auf dem beschriebenen Holzchlinder erzeugten Töne oder Tonfiguren werden, da die Trommelsprache fast nur bei Nacht zu ihrer praktischen Verwendung kommt, etwa 1 Kilometer weit gehört und immer vom nächsten Trommelmann weitergegeben. Das ersetzt dann den Dualla vollständig die Zeitung. Gelernt wird diese Sprache erst im Alter von 18—20 Jahren. --^SSWS-.- Allerlei. Die Zeichensprache der Falschspieler. Ich verfüge zwar nicht über die persönlichen Erfahrungen des von Ihnen citirten Herrn aus der „Kreuzztg." über die Gepflogenheiten der Falschspieler, aber nichtsdestoweniger kann ich einige „Enthüllungen" über die bei den Falschspielern übliche Zeichensprache machen. Kein Geringerer als Dickens hat schon vor einigen Jahrzehnten in der englischen Zeitschrift „/tll tlls 'X'sa.r rouuä" einige Geheimnisse der „Ritter vom Treff-Buben" aufgedeckt: Der Falschspieler hat in der Regel einen Genossen, der sich am Spiel nicht betheiligt, aber in scheinbar harmloser Weise hinter des Gegners Stuhl Aufstellung nimmt. Schaut er seinen Genossen an, so bedeutet das, daß dessen Gegner einen König hat; er schaut auf des Gegners Hand, dies bedeutet eine Dame; auf den Einsatz, dies bedeutet einen Buben; nach der gegenüberliegenden Seite, ein Aß. Zu derselben Zeit ,da er den Werth der Karten verräth, gibt er auch die Reihenfolge an. Der Mund leicht offen bezeichnet Herz (Coeur), geschlossen Carreau; die obere Lippe leicht über die untere gezogen, Kreuz (Treff), die untere Lippe leicht über die obere gezogen, Schippen (Pique). Wenn also der Gehilfe z. B. die Dame, den Buben und Herz-Aß anzuzeigen hat, so blickt er der Reihe nach auf des Gegners Hand, den Einsatz und nach der gegenüberliegenden Seite und hält dabei immerdar seinen Mund leicht geöffnet. — Daß es hierbei alle möglichen Variationen gibt, versteht sich von selbst. --L-MSS--— Königszug. muß ihr den man weih täg der schö sprö rauch lich früh gleicht heit weis nen streu'« ihr gan sein die werth be weih'n zeS le zu lie um ben sein ihrer Auslösung des Bilder-Räthsels in Nr.lS: M e d i c a m e n t e. 21 . 1894. „Augsburger Postzritung". Dienstag, den 13. März Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Berlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). Die Tochter des Hauses. Erzählung von C. Borges. —^Nachdruck verboten.) Erstes Capitel. Hell leuchtete der Mond über der kleinen, von Wald und Bergen eng umschlossenen Gebtrgsstadt. Es war ein kalter, frostiger Winterabend, und ein scharfer Wind strich schneidend durch das stille Thal hin, den frisch gefallenen Schnee fußhoch aufthürmend. Auf den Dächern oder an den kahlen Zweigen der Bäume schimmerten die weißen Kiystalle, hin und wieder schwirrte eine Eule krächzend mit langsamem, schwerem Fluge durch die blätterlosen Gipfel. Doch so sehr draußen der Sturm auch heulte und tobte und mit wilder Gewalt die Bäume peitschte, so daß sie ächzend und stöhnend gegen die hell erleuchteten Fenster eines stattlichen Hauses schlugen, so merkte man in dem behaglich durchwärmten Gemache nichts von der schneidenden Kälte dieses rauhen, stürmischen Dezemberabends. Auf einem niederen Tabouret saß die Herrin des Hauses, die schon seit Jahren verwittwete Frau von Soden. Obgleich schon in der Mitte der Vierziger, war sie immerhin noch eine imposante, stattliche Erscheinung mit tiefblauen, seelenvollen Augen und blühendem Antlitz, in dem aber ein gewisser Zug auf nicht allzu große Charakterstärke schließen ließ. — Sie trug noch immer tiefe Trauer, denn obgleich ihr Gatte schon seit sechs Jahren durch den unerbittlichen Tod von ihr gerissen war, konnte sie sich doch nicht entschließen, die schwarze Kleidung abzulegen. Durch ihre feinen, weißen Finger flogen ruhelos die klirrenden Nadeln eines Strickzeuges; nur ab und zu, wenn der Wind so heftig die Fenster rüttelte, schaute sie auf, rückte dann wohl ihren Stuhl dem Feuer näher und fuhr emsig in ihrer Arbeit fort. Ihr gegenüber, in die weichen Polster eines bequemen Sessels gelehnt, saß sinnend und regungslos ein junges Mädchen. Ihre in einander gelegten Hände ruhten müßig im Sckwoße, die dunkelbraunen Augen blickten träumend ins Leere, und die sonst so rosig angehauchten Wangen waren auffallend bleich. Das üppige, kastanienbraune Haar schmiegte sich in schweren Flechten fest um das Haupt und bedeckte in kleinen Ringeln fast die Hälfte der Stirn, doch die fest aufeinander gepreßten, schmalen Lippen zeugten unverkennbar von großer Willenskraft. „Du bist heute so schweigsam und so unthätig, Barbara," begann endlich die ältere Dame. „Ja, Tantchen, ich weiß es — aber ich bin nicht wie Du; ich kann nicht arbeiten, wenn ich so viel zu denken habe." „Was ist Dir denn eigentlich? Hast Du Sorgen? Das scheint mir doch kaum möglich! Willst Du es mir denn nicht sagen und Dein Herz ausschütten? Schon seit einigen Tagen habe ich bemerkt, daß etwas auf Deiner Seele lastet — habe ich Recht?" „Es ist morgen mein Geburtstag, Tante Agnes." „Das weiß ich! Glaubst Du etwa, ich könnte das vergessen, mein Kind?" „O nein, Tantchen, Du nicht, — ich weiß, Du denkst viel an micb und bist immer so gut und freundlich gegen mich gewesen — aber die Anderen — werden sie wohl an mich denken?" „Deshalb machst Du Dir Sorge, mein Kind, kümmert es Dich, ob „die Andern" an Dich denken oder nicht?" fragte die Tante mit leisem Vorwurf. „Ja, aber noch mehr; — es kann und darf nicht länger so weiter gehen." „Was meinst Du? Ich verstehe Dich nicht." Ein leichter Schatten des Unmuths und der Furcht lagerte sich auf Frau von Südens wohlwollendem Antlitz. „Ich will's Dir sagen," versetzte Barbara, doch gleich hielt sie inne, setzte sich auf einen niederen Schemel zu Füßen der Tante und schaute sie mit ihren dunklen Augen flehend an. — Sie war gerade keine auffallende Schönheit, doch das fein geschnittene Gcsicht- chen war heute auffallend bleich und um die Mundwinkel zuckte es bedenklich. Und doch war Barbara von Garkau der Sonnenstrahl des Hauses, durch ihre gewinnende Freundlichkeit und Offenheit schon von Kindheit an der allgemeine Liebling. „Nun, Tantchen, heute will ich Dir sagen, was mir fast das Herz abdrückt," begann sie, ihr Haupt in die Hände der Tante bergend. „Es ist kaum anzunehmen, daß in dem ganzen weiten Weltall irgend ein Kind gefunden werden könnte, welches sich in einer so eigenthümlichen Stellung befindet, wie ich. — Ich habe einen Vater, eine Stiefmutter, eine Schwester und zwei kleine Brüder, und habe noch nie in meinem Leben irgend ein Glied meiner Angehörigen gesehen. — Du hast mir erzählt, daß mein Vater mich einst besucht hat, als ich kaum fünf Jahre zählte. Er wird gewiß 150 nur sehr kurze Zeit hier gewesen sein und keinen Eindruck auf mich gemacht haben, denn ich entsinne mich seiner gar nicht. Von meiner eigenen Mutter weiß ich gar Nichts, denn Du willst mir ja nie von ihr erzählen. Du sagst mir, daß, wenn ich zwanzig Jahre alt bin, ich in Besitz eines bedeutenden Vermögens und eines prächtigen Landhauses gelangen werde. Morgen werde ich neunzehn Jahre alt, also im Verlauf eines Jahres bin ich eine reiche Erbin! — Was wird dann geschehen? Wird dann mein Vater kommen und mich in sein Haus aufnehmen? Sich, liebe Tante, Du bist sehr, sehr gut gegen mich gewesen; meine eigene Mutter hätte mich nicht liebevoller hegen und Pflegen, mich nicht sorgfältiger erziehen können, wie Du es so gewissenhaft gethan hast. Für all Deine Liebe bin ich Dir sehr dankbar, das weißt Du, nicht wahr? — und ich liebe Dich aufrichtig dafür," sie legte schmeichelnd ihren Arm um den Hals der Tante, „aber trotzdem hat mein Vater kein Recht, mich von sich fern zu halten, wie er es bisher gethan hat wenn er nicht einen Grund — einen triftigen, guten Grund hat, der sein schroffes Benehmen gegen mich entschuldigt," fügte sie mit bebender Stimme hinzu. „Aber Du weißt doch, mein Kind, daß Deine arme Mutter gerade an dem Tage starb, als Du geboren wurdest; und Dein Vater liebte sie so innig, daß er fürchtete, Dein Anblick würde ihn stets an seinen Verlust erinnern." „Oh, ja, das weiß ich, das hast Du mir oft gesagt Aber verzeihe mir, Tantchen, ich glaube es nicht. Als mein Vater vor ungefähr zwölf Jahren wieder hei- rathete, mußte er solche Gefühle beherrschen, sonst hätte er keine zweite Gattin erwählt." „Nun, er heirathete hauptsächlich deßhalb noch einmal, weil er für seinen Titel und seine Güter einen Sohn und Erben wünschte. Das Andenken an Deine Mutter ist damit aber nicht verloren gegangen." „Ja, aber warum denn vernachlässigt mich mein Vater so?" „Du solltest nicht so von Deinem Vater sprechen," ermähnte die Tante. „Von meinem Vater? Hat er wie ein Vater gegen mich gehandelt?" „Er hat stets hinreichend Geld für Deine Erziehung geschickt, das mußt Du anerkennen." „Geld? ja, das weiß ich. — Aber was ist Geld im Vergleich zu der väterlichen Liebe, die er mir schuldete? Bah! daran liegt mir nichts!" „Nun, warte ab, Barbara. Im nächsten Jahre, wenn Du 20 Jahre alt bist, wird er Dich besuchen, und wer weiß, vielleicht — —" „Nein, liebe Tante," unterbrach das junge Mädchen, „so lange warte ich nicht." „Was willst Du thun? Was hast Du vor?" fragte die Tante sichtlich erschreckt. „Bis jetzt weiß ich eS noch nicht; ich habe noch keinen festen Plan gefaßt. Aber ehe ich meinen Entschluß ausführen kann, muß ich die einfache Wahrheit wissen. Sieh nicht so erschreckt drein, liebe Tante, wenn Du sie mir nicht sagen willst, so schreibe ich noch heute an meinen Vater und frage ihn ganz offen. Aber es ist besser, Du gibst nach und sagst mir Alles, was Du weißt." Die arme Frau von Soden! Der gerechtfertigte Wunsch ihrer Nichte brachte sie in nicht geringe Verlegenheit, und hilfesuchend blickte sie bittend in das erregte Antlitz des jungen Mädchens. Sie hatte längst gefürchtet, daß dieser Augenblick kommen und Barbara auf Klarlegung der Verhältnisse dringen würde, und sich im Stillen gewundert, daß dieser gefürchtete Zeitpunkt bis jetzt hinausgeschoben war. In ihrer Charakterschwäche versuchte'sie auch heute mit einer Mittheilung zu zögern, die ihr geliebtes Kind schmerzlich berühren mußte. „Ein anderes Mal, Barbara," tröstete sie, „ich verspreche Dir, daß ich Dir bald alles sagen will, was ich weiß. Siehe, es ist bald Zeit zum Abendessen, — der Thee wird gleich hereingebracht werden." „Nein, Tante, ich warte nicht länger; ich kann nicht warten, ich habe einen ganz besonderen Grund. Du weißt auch, der Thee wird kaum in einer halben Stunde hereingebracht." Wie gewöhnlich, mußte auch heute die gute Tante dem stärkeren Willen der Nichte nachgeben, und nachdem sie einige Male schwer geseufzt hatte, begann sie: „Du hättest Deine Mutter kennen müssen, mein liebes Kind; doch Du hast ja keine Ahnung davon, wie sie aussah, und Du gleichst ihr durchaus nicht. Sie hatte Helles, lockiges Haar, rosig angehauchte Wangen, und ihre großen, blauen Augen lachten schelmisch und in froher Lebenslust. Ich werde nie den Abend vergessen, als ich sie zum ersten Male auf einem Balle traf, dessen Glanz- und Mittelpunkt sie bildete. Mein Bruder Gottfried — Dein Vater — sah sie, und wir wunderten uns gar nicht darüber, daß er nur für sie Auge und Ohr hatte; waren wir doch selbst von ihrer Schönheit und Anmuth begeistert. — Bald war das junge Paar verlobt, und wir waren Alle glücklich darüber. — Nora Settier — so hieß Deine Mutter — lebte mit einer Tante, einer Wittwe, in einer kleinen Villa, in einem ziemlich entlegenen Stadttheil, von den Zinsen des Capitals, welches ihr Gatte bei seinem Tode ihr ausgesetzt hatte. Gottfried war zu glücklich, um sich nach den Familienverhältnissen seiner Braut zu erkundigen und Niemand von uns schöpfte auch nur den geringsten Argwohn. Ich erinnerte mich zwar später, daß ich Nora einst bitterlich weinend fand; ein anderes Mal, als ich sie besuchte, hörte ich vor der Thür, wie sie schluchzend ausrief: „Ich kann es nicht länger ertragen — ich muß es ihm sagen", doch wußte ich nicht, was ihre Worte bedeuten konnten." „Endlich kam der Hochzeitstag. Nora sah in ihrem schweren, weißseidenen Kleide, mit Myrten und Schleier geschmückt, wirklich bezaubernd aus, obwohl ihre Augen vom Weinen roth umrandet waren. Gleich nach der Feier begaben sich die Neuvermählten auf eine längere Hochzeitsreise ins Ausland. — Ich habe Nora nicht wiedergesehen. — Da geschah das Unglaubliche. Frau Settler — Noras Tante — war plötzlich mit Hinterlassung einer bedeutenden Schuldenlast spurlos verschwunden. Allzu spät machte jetzt erst die Polizei die Entdeckung, daß die Entflohene mit einer gefährlichen Abenteurerin und Gaunerin identisch sei, auf die schon lange in verschiedenen Städten gefahndet, die aber bis jetzt noch immer den Händen der Gerechtigkeit glücklich entkommen war. In der abgelegenen Villa war eine Spielhölle errichtet, und Frau Settler verstand es, durch falsches Spiel bedeutende Summen denen abzunehmen, » « 15,1 die in ihre Netze verboten worden, « -h' gegangen waren. Nora war streng Gottfried von der schmachvollen Erwerbsquelle zu sprechen, und leider hatte sie nicht den pflichtmüßigen Muth, trotzdem zu reden." Barbara war aschfahl geworden. Regungslos hingen ihre Blicke an den Lippen ihrer Tante, und langsam rann Thräne auf Thräne über ihre bleichen Wangen hernieder. „Und mein Vater? — was sagte er, als er erfuhr, daß der Name meiner Mutter nicht fleckenlos sei?" hauchte Barbara. „Ich weiß es nicht; ich wagte nie, ihn darnach zu fragen. Er blieb mit seiner jungen Gattin im fernen Lande und kehrte nicht nach dem Adlerhorst, dem Stammsitz seiner Ahnen, zurück. Er lebte bald hier, bald dorr, und einst, als er sich kurze Zeit am Bodensee aufhielt, reiste meine Mutter hin, um ihn zur Rückkehr zu bewegen. Sie erzählte mir später, daß das junge Paar ein unglückliches, ruheloses Leben führe. Nora sehe bleich und krank aus und scheine vor ihrem Gatten sich in scheuer Furcht zurückzuziehen. Auch Dein Vater schien nicht froh und glücklich zu sein; er hatte seiner Gattin vergeben, aber das frühere Vertrauen konnte nicht wieder hergestellt werden, obgleich er sie innig liebte. „Wenige Monate später erfuhr ich, daßDu geboren warst und Deine arme Mutter ihr traurigesDasein beendet hatte. Darauf kam Dein Vater zu mir und brachte Dich mit der Wärterin. — Fast hätte ich ihn nicht wieder erkannt, so verändert sah er aus. Sorge und Gram, vielleicht auch Gewissensbisse hatten mit ehernem Griffel ihm tiefe Furchen durchs Antlitz gezogen, und zahlreiche Silberfäden durchzogen sein dunkles, gelocktes Haar. Anfänglich war er sehr schweigsam, dann aber schüttete er mir sein ganzes Herz aus. Er gestand mir, daß er durch sein liebloses Benehmen das sichtliche Hinwelken seiner Gattin verschuldet habe. Er hatte sie innig geliebt, sich aber nicht überwinden können, ihr diese Liebe zu zeigen, wiewohl er wußte, wie sehr sie sich nach einem einzigen, liebevollen Blick sehnte. Erst als sie im Sterben lag. hatte er ihr Alles verziehen, und in seinen Armen hauchte sie den letzten Athem aus. Er glaubte, der stolze Name der Freiherren von Garkau sei durch diese Verbindung in den Staub gezogen, und erst jahrelang nach dem Tode konnte er sich entschließen, nach dem Adlerhorst, seinem Stammschlosse, zurückzukehren!" Frau von Soden hielt inne. Liebkosend glitten ihre Finger über das Haupt des leise weinenden Mädchens, das noch immer still zu ihren Füßen saß. E „Mein Bruder konnte nicht den Anblick seines Kindes ertragen. Er glaubte, durch sein liebloses Benehmen den frühen Tod der Mutter verursacht zu haben, und ließ Dich fortan unter meiner Obhut. Ich war sehr glücklich darüber, denn mein Herz blutete noch um den Verlust meines eigenen, einzigen Kindes, und jetzt fand ich Ersatz. Dann reiste Dein Vater wieder in der Welt umher. Als Du fünf Jahre alt warst, kam er wieder, doch nur auf wenige Stunden. Wir kamen überein, daß Du hier bleiben solltest. AIs Du herangewachsen warst, bat ich ihn oft, entweder hierher zu kommen oder Dich nach dem Adlerhorst zu nehmen, aber dazu kann er sich nicht entschließen. Ich kenne wohl den Grund — er fürchtet, durch Dich an Nora erinnert zu werden, und schwach, wie er ist, schiebt er _gern diesen Augenblick so lange wie möglich hinaus. Du weißt, Barbara, Charakterschwäche ist ein Grundzug in der Garkau'- schen Familie, und ich weiß nicht, woher Du die starke Willenskraft hast; jedenfalls von Deiner Mutter." „Gleiche ich jetzt meiner Mutter,Tante Agnes?" fragte das junge Mädchen, nachdem es die Thränen getrocknet hatte. „Nein, mein Kind, durchaus nicht. Aber dennoch würde ich Dich sofort als Noras Kind wieder erkennen. Du hast dieselbe melodische, weiche Stimme, dasselbe heitere, silberhelle Lachen, welches uns Alle am ersten Abend so sehr entzückte. Nora war so lebensfroh und heiter, so ganz verschieden von uns, die wir auf dem Adlerhorst ein einsames, zurückgezogenes Leben geführt hatten." Tante Agnes schwieg. Barbara blickte starr vor sich nieder, ihr Antlitz war bleich und traurig. Endlich stand sie auf. „Ich danke Dir, Tante Agnes, und ich freue mich, daß ich jetzt Alles weiß. Von nun an betrachte ich das schroffe Benehmen meines Vaters gegen mich im anderen Lichte. Jetzt verstehe ich, warum er mich zeitlebens vernachlässigt hat, aber ich halte es doch nicht für rechtlich." Dann umarmte sie innig ihre Tante, küßte sie und verließ das Zimmer. — AIs sie. später ihren gewöhnlichen Platz am Theetisch wieder einnahm, war sie ruhig und gefaßt, und ihre Wangen zeigten wieder den früheren rosigen Schimmer. Nur noch einmal kam sie auf die erste Unterhaltung zurück, als sie fragte: „Noch eins ist mir unklar, liebe Tante. Woher kommt das Vermögen, welches ich im nächsten Jahr erlange' soll? Bis jetzt hatte ich geglaubt, es sei ein Erbth^ meiner Mutter; doch da es ein Irrthum ist, muß ich doch wissen, wem ich es zu danken habe." Ih'l reuzweg mit dem Loes Iiomo-(Pilatus-)Bogen. 152 „Ein alter, excentrischer Großonkel hat es Dir testamentarisch vermacht, Barbara. Ihm mißfiel die lange Abwesenheit Deines Vaters von seiner Heimath, noch mehr aber, daß er Dich nicht bei sich haben wollte. Um Dich einigermaßen schadlos zu halten, machte er sein Testament zu Deinen Gunsten." „Ah, so ist es. Ja, ich entsinne mich. Du hast es mir gewiß schon gesagt, aber ich dachte nicht mehr daran. — Mein Vater heirathete wieder vor zwölf Jahren, meine kleine Schwester Eveline ist jetzt elf Jahre alt," flüsterte sie dann im leisen Selbstgespräch, und wieder trat wider Willen eine Thräne in ihr großes, dunkles Auge. Als Barbara am nächsten Morgen das Frühstückszimmer betrat, fiel ihr erster Blick auf einen kleinen Seitentisch, der mit zahlreichen Briefen, mit kleineren und größeren Packeten bedeckt war. In der ungewissen Furcht und Hoffnung, ob „die Andern" — wie sie stets ihre Verwandten auf dem Adlerhorst zu nennen pflegte — sich ihres Geburtstages erinnert hätten, trat sie näher. Aber nein, ein einziger Blick hatte sie überzeugt, es war kein Brief mit der festen, steifen Handschrift des Vaters darunter. — Die wenigen Zeilen, die der Freiherr v. Garkau seinem ältesten Kinde ab und zu schrieb, waren stets so kühl gehalten, athmeten so wenig Liebe, daß Barbara oft darüber empört gewesen war und nur auf den strengen Befehl der Tante sich zu der Ueber- schrift: „Mein lieber Vater" oder zu der Unterschrift: „Deine Dich liebende Tochter" bequemte. Jetzt konnte sie ihrem Vater nicht mehr zürnen; sie fühlte nur Mitleid, inniges, tiefes Mitleid mit ihm. Sein alter, angeerbter Familienstolz war durch die Verbindung mit einer Frau, deren Name nicht fleckenlos war, gedemüthigt worden, und diese Frau war ihre eigene Mutter. Sie hatte in der Nacht nicht schlafen können, hatte sich unruhig in den weichen Kissen gewälzt und erst gegen Morgen emen kurzen Schlummer gefunden, der noch durch unruhige Träume gestört ward. Doch als sie jetzt die Briefe öffnete und von Nah und Fern so viele Beweise der Liebe und Freundschaft vorfand, erheiterte sich ihr trübes Auge und ihre Wangen färbten sich freudig. (Fortsetzung folgt.) --SL88WS- Lunchenschiilen. X Ein eigenartiges Schulinstitut findet sich in England: das der sogen. Lumpenschulen. Ueber Entstehung und Einrichtung derselben berichtet die „Rhein.- Westf. Schulzeitung": Der eigentliche Gründer dieser Schulen ist ein armer Schuhmacher John Pounds in Portsmouth, der die armen, auf die Bahn des Lasters gedrängten Kinder um sich vereinigte, sie nährte und unterrichtete. Nach ihm hat dann der bekannte Philanthrop Graf Shaftesbury diese Anstalten über ganz Europa ausgebreitet. Gegenüber den früheren Grundsätzen: „Man muß das Uebel mit der Wurzel ausreißen" unter der Regierung Georgs II. wurde noch ein Knabe von zwölf und ein Mädchen von elf Jahren zum Tode durch den Strang verurtheilt und hingerichtet — heißt es jetzt: „Verhinderung ist besser als Heilung." Eine, wenn auch kleine Anzahl der Kleinen wird durch diese Schulen dem Verderben entrissen. Ohne Schuhe, ohne Strümpfe und Mützen finden wir ganze Haufen solcher Kinder in den Straßen der Hauptstadt Englands: nach den Tönen einer Drehorgel arrangiren sie einen Ball, führen einen eigenartigen Tanz auf und erregen sowie auch durch die Grazie ihrer Bewegungen und die oft auftretende Schönheit ihrer Gesichtszüge die Aufmerksamkeit manchen Zuschauers. Im Winter, wenn es nichts zu stehlen und zu betteln gibt, suchen diese beklagenswerthen Wesen ihre Zuflucht in den Lodginghäusern, auch hier von Stehlen und Betteln ihr Dasein fristend. Hier in diesen Lodginghäusern, den Brutstätten des Lasters, werden die Kleinen von den sogen. Diebszüchtern gewerbsmäßig zum Stehlen ausgebildet. Sind die Kinder in den Diebeskünsten weit genug vorgeschritten, so beginnt das Handwerk auf der Straße, anfangs von ihren Lehrern noch überwacht; kein Wunder, daß alle edlen Gefühle erstickt sind. So werden diese Kleinen von der frühesten Jugend an auf die Bahn des Lasters gedrängt und planmäßig zum Verderben erzogen, wenn nicht ein barmherziger Konstabler diese Wesen der Lumpenschule zuführt. Die geeignetste Zeit hiezu ist der Winter in seinen kalten Tagen. Die nackten Füße der Kleinen sind roth geschwollen, mit Frostbeulen und Wunden bedeckt. Eine dünne abgetragene Jacke ist alles, was ihre Brust schützt, ein vor Hunger abgemagertes Gesicht lugt unter den wüsten, wirren Haaren hervor. Bald füllen sich die eingefallenen Backen; jeden Morgen oder Abend ein Bad und die kräftige Kost thun wunderbare Wirkung. Der Segen dieser aus milden Gaben unterhaltenen Schulen beruht darin, daß hier die Kinder nicht bloß unterrichtet, sondern auch gepflegt und genährt werden. Ein Lehrer dieser Schulen erklärte: „Unsere Grützensuppe hat eine wunderbare Wirkung auf die armen Kinder: ohne sie hätten wir unsere Schulen längst schließen müssen." In einer dieser Londoner Lumpenschulen wurden innerhalb der letzten zehn Jahre über 4000 Kinder unterrichtet und erzogen. Durch die Gründung dieser Schulen hat die Zahl der jugendlichen Verbrecher in England bedeutend abgenommen, auch der Prozentsatz der Todesfälle hat sich vermindert. Die meisten dieser Kinder haben weder Eltern, noch Geschwister, noch Freunde; sie wissen selbst nicht, welcher Konfession sie angehören. In diesen Schulen wird nun irgend ein Handwerk von den Kleinen gelernt; so werden sie später zu ehrlichen, broderwerbenden Arbeitern. Wohlthuend berührt es, wenn man hört, daß wohlhabende frühere Lumpenschüler bei ihren Festlichkeiten mit dankbarer Liebe die Wohlthäter preisen, welche sie ihrem Elend entrissen haben. Gewiß ein schönes und verdienstliches Werk, diese Kinder dem moralischen und physischen Elend zu entreißen; zu bedauern ist nur, daß, nach den obigen Mittheilungen zu schließen, die konfessionelle Erziehung der Kinder ganz außer Acht gelassen zu werden scheint. Hätten wir doch einen Dom Bosco auch für England! --sso-v-cs— Goldkörner. Um die Wahrheit ist es Großes, Großes ist es um die Liebe — Kinder sind sie gleichen Schoßes, Gleicher Wurzel edle Triebe .... Wenn's auch nicht geschrieben stände Bei St. Paulus schon, — es bliebe Doch Gesetzes Füll und Ende: Wahrheit wirken in der Liebe. Kreiten. - "L M«« WM 'M^ L'.'.w WWW KWU M» W» /^' >»i- A. Ludwig., Die kleine Großmama WW NWlLÄ KSM z. ^ ' NM >H!'!"W- .^ WW ÄKWA OH-KLß WWW W!ZZZW WW >'W"">X MZ> WE 154 Binswangen. (Hiezu die Bilder auf Seite 154 und 155 ) Eine Stunde westlich von Wertingen liegt am Anfang des Donauriedes in sumpfiger Umgebung, — worauf schon der Ortsname deutet, — das Dorf Binswangen (Berghalde zwischen binsenreichem sumpfigem Terrain). Die griechische Goldmünze und die zwei Regenbogenschüsselein, die man im Jahre 1822 auf den Feldern fand, stellen es außer Zweifel, daß schon die Römer auf dieser Stätte geweilt und später Ansiedler jener altgermanischen Völker sich hier seßhaft gemacht, deren Münzen die sogenannten Regenbogenschüsselein waren (Sueben, Gothen, Alamanen rc.). Binswangen lag im Bereiche der alten Markgrafschaft Burgau und war schon im eilften Jahrhundert eine Zugehörde der markgräflichen Schirmburg Weiden, welche Burgau'sche Dienstmänner, die Ritter vonWelden, zuLehen trugen. Als mit dem Tode des Ritters Ulrich v. Weiden die mark- gräflich Burgau'schen Lehengüter zu Binswangen, 2 Höfe und 4 Hofstätten oderSölden, an dieMarkgrafen Heim- sielen, belehnte imJahre 1275 Herzog Philipp vonKärnten, welcher sich unter Protest des rechtmäßigen Markgrafen Heinrich den Titel eines Markgrafen wahrscheinlich angemaßt hatte, seinenNotarRudolf und dessen Frau Jrmengard mit den markgräflichen Gütern in Binswangen. DenStreit zwischenPhi- lipp von Körnten und Heinrich von Burgau entschieden die kaiserlichen Neichsvögte zu Augsburg im Jahre 1289 zu Gunsten des ersteren, und da mittlerweile der Notar Rudolf Stadtschreiber in Augsburg geworden war, ließ sich Markgraf Heinrich zum Vergleich herbei und bestätigte als „rechter Herr" von Binswangen dem Stadtschreiber Rudolf und seiner Frau den Lehenbesitz der 2 Höfe und 4 Sölden von Binswangen. (Lluntia S. 45 und 46.) Nach Rudolf's Tod kamen die Burgau'schen Lehengüter in Binswangen anno 1304 durch Kauf an's Domkapitel, was die nunmehrigen Inhaber der Markgrafschaft, die Herzoge von Oesterreich, bestätigten. Kaiser Ludwig IV. erklärte diese Lehengüter im Jahre 1331 als volles Eigenthum des Domkapitels mit der Auflage eines Jahrtags für Herzog Ludwig den Aelteren. Das Domkapitel hatte in Binswangen auch den Großzehnt (wahrscheinlich mit dem Kauf von 1304) erworben und brachte bald noch zwei andere Güter in Binswangen in seinen Besitz, so daß es hier im Jahre 1492 bereits 8 Feuerstätten hatte. Selbstverständlich besaßen außer dem Domkapitel noch andere Herren Güter in Binswangen als Burgau'sche Lehen So besaß Kloster Weihenberg im 12. Jahrhundert 1 Hof in Binswangen, wozu im Jahre 1297 noch eine Sölde und eine Wiese durch Schenkung des Ulrich v. Ellerbach kam und im Jahre 1358 ein Hofgut dem Kloster von Ulrich Bannwolf zugestiftet wurde. Das Geschlecht dieser Bannwolfe besaß viele Güter in Binswangen. Vom Ende des 13. Jahrhunderts an saßen die Bannwolfe in Binswangen und gaben ohne Zweifel der Burg an der Berghalde ihre Entstehung. Einige Güter im Dorf gehörten zur Burg Zusamegg. Der Hauptbesitz jedoch bestand im „Kirchensatz, Vogtei, Dorfrecht, Ehehaften, 3 Höfe, Holzmarken und 2 bayer. lehenbare Hqlbhöfe"; er blieb bis zum Jahre 1300 bei der Markgrafschaft. In diesem Jahre aber verkaufte Markgraf Heinrich V. von Burgau diese Güter an die Edlen Heinrich und Conrad von Ramschwag. Ihr Nachkomme Hans von Ramschwag erbte im Jahre 1329 die Burg Kem- nath, welche von seiner Schwestertochter Guta dem Burkhart vonEller- bach, Pfandinhaber der Markgrafschaft Burgau angeheirathet wurde. Dieser übertrug nun die Burgau'sche Oberlehensherrlichkeit über Binswangen auf die Beste Kemnath (bei Kaufbeuren), welche bald durch Heirath an die Edlen von Benzenau kam. Kraft ihrer oberherrlichen Rechte hatte Anna von Ellerbach im Jahre 1376 mit den Gütern in Binswangen die reichen Augsburger Bürger Heinrich und Conrad Bitschlin belehnt, von welchen es bald an die Patrizier Fendtkam. J.J.1412 verkauften Florian und Anton „die Fenden" ihre Lehengüter in Binswangen um 800 fl. rhn. an den edlen Bürger Hartmann Langen mantel in Augsburg. Die v. Benzenau ertheilten kraft ihrer oberlehensherrlichen Rechte dem Langenmantel die Belehnung. Fortan hatten die Langenmantel den Hauptantheil an Binswangen mit Kirchensatz, Vogtei und Dorfrecht als niedere Obrigkeit 158 Jahre lang, während das Obereigenthumsrecht den Herren von Benzenau zustand. Im Jahre 1422 besaßen die von Langenmantel in Binswangen 14 Feuerstellen. Im Jahre 1551 verkauften die von Benzenau das Schloß Kemnath mit dem Obereigenthumsrecht über Binswangen um 40,000 fl. an das Stift Kempten, und 19 Jahre später - anno 1570 — verkaufte auch Anna v. Langenmantel ihre Güter in Binswangen mit Gericht, Vogtei, Kirchenlehen und Burgstall um 10,725 fl. an den Augsburgischen Feldhauptmann L. Schertlin, welchen das Stift Kempten damit belehnte. ->«»» u Stratze in Dinsrvangrn mit Pfarrkirche. Original-Aufnahme von G. Bader, Photograph in Krumbach. fVervielsältigungSrecht vorbehalten.f 7 ^^ Als im Jahre 1635 Conrad Schertlin ohne männliche Erben starb, zog Stift Kempten das Lehen Bins- wangen als Heimgefallen ganz an sich. Dagegen prote- stirte aber Hans Christoph von Knöringen und forderte als Gemahl einer Tochter Albrechts v. Schertlin den Lehenbesitz von Binswangen. Die Burgau'schen Beamten halfen ihm und vertrieben die Kempten'schen Beamten, aus Binswangen. Nach langem Streit verglich man sich und Stift Kempten übergab den Edlen von Knöringen Binswangen als ein Kempten'sches „Mannslehen". Im Jahre 1769 nach dem Tode Alexander Johann Jakobs von Knöringen fiel das Lehen Binswangen an dasStift Kempten heim, das nun ohne Widerspruch davon Besitz ergriff und einen Obervogt nach Binswangen setzte. Sieben Jahre früher erschoß der lüderliche Bruder Alexanders von Knöringen,der fünfund- dreißigjährige Junker Johann von Knöringen, auf dem Gottesacker zu Binswangen den Obervogt Molitor in Folge eines Wortwechsels im Wirthshause. DerMör- der floh dann in die Schweiz und blieb verschollen. Neben der Ortsherrschaft Stift Kempten und dem Domkapitel'- schen Besitz hatten im Jahre 1492 auch das Kloster St. Katharina inBinswangen Feuerstätten, am Ende des vorigen Jahrhunderts das Sternkloster in Augsburg 1 Sölde, St. Georg 1 Sölde, das Hochstift einen Bauernhof und die Vicarier zu St. Moriz in Augsburg 3 Feuerstätten und 4 Güter. Die Güter vesKlosters Weihenberg wurden bei Aufhebung desselbenimJahre1448 dem Dillinger Spital zugetheilt. Früher hatte auch das Kloster Kaisersheim einen Hof in Binswangen. G Multergollcs-Kapellc bei Dinswangen. Origtnal-AufnahMk vonG.Baader, Photograph in Krumbach. lBervietfältigungsr-cht vorbehalten.! bühl" (wo eine Linde stand) an die Burgau'schen Beamten ausliefern. Die niedere Gerichtsbarkeit stand der Ortsherrschaft zu und wurde vom Obervogt mit einem Dorfgericht, bestehend aus 12 Männern, ausgeübt. Diesen Zuständen machte im Jahre 1803 die Säcularisation ein Ende und steckte die 7 geistlichen Herrschaften von Binswangen in den großen bayerischen Sack. Am Ende des vorigen Jahrhunderts zählte Binswangen 900 Einwohner, darunter 327 Juden; im Jahre 1829 aber 617 Christen und 359 Juden. Wann die Juden sich hier angesiedelt, darüber weiß auch Pfarrer Walter in seiner Chronik keinen Aufschluß zu geben. Zum erstenmale wird ihrer in den Akten imJahre 1650 erwähnt. Im Jahre 1672 hatten sie 12 Häuser inne und vermehrten sich nun so stark, daß sie im Jahre 1683 schon 22 Häuser besaßen und Pfarrer Sutor eine Beschwerdeschrift wegen Ueber- handnahme der Judenschaft ans Ordinariat richtete. Die dem hl. Nikolaus geweihte Pfarrkirche wurde im Jahre 1739 vom Domkapitel als Großzehntherr vollständig neu gebaut, aber erst am 4. Juni 1780 vom Weihbischof v. Un- gelter eingeweiht. — Heute zählt die Pfarrei Binswangen ca. 880 Seelen. Am nordöstlichen Ende des Pfarrdorfes Binswangen liegt mitten im Gottesacker eine der seligsten Jungfrau Maria geweihte größere Kapelle. Dieselbe fällt besondersauf durch ihre außergewöhnliche Bauart. Sie ist in Form eines Kreuzes, in dessen Mitte sich eine Rotunda erhebt, gebaut, hat zwei Thürmchen und gereicht, von hohen Linden umgeben, dem Orte und der Gegend zur Zierde. Sämmtliche Unterthanen in Binswangen waren steuerbar zur freien Reichsritterschaft des Kantons Donau und hatten ihre Steuer nach Ulm einzuliefern. Das Zollhaus im Dorf war Burgauisch und auch die „Male- fiz-Gerechtigkeit", wie man die oberste Strafgewalt geschmackvoll nannte, gehörte zu Burgau. Die Knörin- gen'schen und Kempten'schen Beamten im Orte durften zwar einen Verbrecher greifen und einkerkern, aber nach 3 Tagen mußten sie ihn auf dem sogenannten „Linden- Von der ehemals Knöringischen Ortsherrschaft zu ihrer Begräbnißstätte erbaut, finden sich in derselben verschiedene Grabdenkmäler mit zum Theil in lateinischer, zum Theil in deutscher Sprache gefertigten Inschriften und Wappen verschiedener Adelsfamilien aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Ehedem wurde jeden Abend durch die Kuppel bis an die oberste Laterne hinauf ein Licht gezogen, damit es den etwa im weiten Donauried Verirrten den rechten Weg weise. 156 Im Jahre 1808 wäre sie bald der Säcularisation zum Opfer gefallen. Von dem schonungslos vorgehenden Administrator für entbehrlich erklärt, wurde sie auf Abbruch versteigert. Die Ortseinwohner, welche von jeher mit Liebe an diesem Kirchlein hingen, kauften dasselbe vom Fiskus um 349 Gulden, und so blieb es erhalten und ist, seit mehr als 200 Jahren Sitz der Skapulier- Bruderschaft, noch heute eine Stätte des Gebetes, besonders der Privatandacht und der Verehrung der seligsten Jungfrau Maria. -—«-8X8-«—- Die reichste Frau der Welt. Wer da glaubt, daß die reichste Frau der Welt, Mrs. Hetty Green, in einem stolzen Palaste wohnt, Equipagen und Dienerschaft hat, der irrt. Hetty Green, die Besitzerin eines Vermögens von 60 Millionen Dollars, wohnt in einem „Boarding-House", einem ganz gewöhnlichen Logir- und Kosthause in der Stadt Brooklyn, der Schwesterstadt von Newyork, und zwar in der Pierre- pont-Street Nr. 89, und zahlt sieben Dollars wöchentlich für Kost und Wohnung. Sie ist geizig über alle Maßen und dies ist auch der Grund, warum sie sich von ihrem Gatten trennte, der ein tonangebender Club- man in Newyork ist. Sie kleidet sich derart bescheiden, daß man glaubt, eine ärmliche Frau vor sich zu haben, und da flickt sie so lange an ihren Kleidern herum, als es eben geht, nur um die Anschaffung neuer Toilettegegenstände zu ersparen. Was sie an beweglichem Gut hat, das trägt sie in dem schwarzen Sack herum, der sie nie verläßt. Das ist ein Gebetbuch, ein Batistsacktuch und ein Lorgnon. Sie ißt in der Küche und will nur die einfachsten Mahlzeiten. Sie ist überaus fromm und von den hundert Kirchen Brooklyns besucht sie jeden Tag eine andere. Sie ist derart mißtrauisch, daß sie mit keinem Menschen verkehrt, denn sie glaubt, alle Leute, die sich ihr nähern, thun dies nur um ihres Geldes willen. Sie hat einen Sohn, der mit der Tochter eines Millionärs verheirathet ist, und ihre Schwiegertochter macht den größten Aufwand, den man sich nur denken kann. „Die Zeiten sind zu hart," sagt Hetty Green, wenn man sie über ihre Lebensweise zur Rede stellt, „und ich muß für meine Verwandten sparen!" In Brooklyn kennt die Frau mit dem schwarzen Sack jedes Kind, aber kein Mensch hatte eine Ahnung, daß die bescheidene Spazier- gängerin und Mietherin in einem der einfachsten Boarding- häuser die Besitzerin von 60 Millionen ist. Erst der „World", die bedeutendste Zeitung Newyorks, enthüllte das Geheimniß und eines Tages wurde Newyork von der Nachricht überrascht, wer eigentlich die schlichte Hetty Green aus Brooklyn sei. Frau Green ist gegenwärtig 58 Jahre alt und ihr Vermögen stammt von ihrem Vater Robinson, der sich in Neu-England angesiedelt hat und dessen Ländereien kolossalen Werth erhielten. Ihre ganze Verwandtschaft ist so reich und in jeder Familie findet sich ein so geiziges, rigoroses Subject, wie es Frau Hetty Green ist. Auch eine Tochter besitzt die Frau, Sylvia mit Namen, die von einem einzigen Verwandten 5 Millionen geerbt hat! Nur mit vieler Mühe veranlaßte man das Mädchen, das gleich fromm ist, wie die Mutter, in die Gesellschaft zu gehen, doch nur ein einziges Mal erschien sie daselbst, um sich sofort voll Abscheu von der Frivolität der Großen abzuwenden. Frau Green führt ein Buch, in dem jeder Cent verzeichnet ist, und als sie noch mit ihren Verwandten lebte, verlangte sie, daß jedes einzelne Familien- mitglied gleichfalls Buch führen müsse. Als einst das Ausgabenbuch ihres Sohnes um 10 Cents nicht stimmte, drohte sie, ihn zu enterben. In Verwahrung der Bank, in der sich ihr Vermögen befindet, liegt auch der Schmuck Hetty Green's, ein nach unzähligen Millionen zu be- werthender Schatz — alter Schmuck aller Art, welcher der Frau durch Erbschaft zufiel. Das Zimmer, das sie in dem Boarding-House, einem der schmutzigsten der Gegend, bewohnt, ist ein Loch von der Ausdehnung von neun englischen Quadratfuß, so eng, daß sie dort nicht essen kann und in die Küche gehen muß, um ihre Mahlzeit einzunehmen. In der Küche wäscht sie auch ihre Wäsche und hängt sie zum Trocknen über dem Waschtische aus, zu welchem Zwecke sie sich mehrere Stricke darüber anbringen ließ. Der Geiz der Frau grenzt an Wahnsinn und ist vielleicht Wahnsinn, der sich vererbt zu haben scheint, denn ihre Tochter Sylvia faselt gleichfalls stets davon, daß sie einst arm im Asyle werde sterben müssen und daher zu größter Sparsamkeit gezwungen sei. ->»- -t- »-- Zu unseren Bildern Dildrr au» Palästina. Kreuzweg mit demHooo llomo-Bogen. Unweit des Aufstieges zur türkischen Kaserne beginnt die Via äotoroea, der Schmerzensweg, auf welchem der Heiland das Kreuz bis nach Golgatha getragen haben soll. An der Kreuzung der zum Herodesthore führenden Gasse befindet sich das Kloster der lateinischen Zionsschwestern. Hier schwingt sich ein Thorbogen über die Straße, den man den Leos bomo-Bogen oder Bogen des Pilatus nennt, wo letzterer Jesum der Menge gezeigt und ausgerufen haben soll: „Lvos bomo l Sehet, welch ein Mensch!" Daneben ist ein einfaches Kirchlein in den Felsen eingehauen. Die kleine Großmama. Lischen spielt heute Großmama. Dort im hohen Lehnstuhle pflegt sie immer zu sitzen, die gute Frau, um beim Schälchen Kaffee den Neuigkeiten zu lauschen, die Großpapa ihr vorliest. Lischen hat Großmütterchens Kleid angelegt, das weiße Häubchen auf den Kopf gesetzt, den Zwicker auf das Naschen geklemmt und sieht nun schier so aus, wie Großmama selbst. Auch das Strickzeug darf nicht fehlen und für einen Fußschemel sorgt soeben Brüderchen. Nun ist die Großmama fertig und Lischen weiß sich in ihre Stelle gut zu finden. Arithmogryph. Mein 1—7 merk, das Ganze Ist eine allbekannte Pflanze. 1 2 3 4 5 ist sehr schlau, 7 6 5 liegt auf der Au', Doch nur bei Winters Sturmgebraus; 7 6 dient dir oft zum Schmaus. 5 3 4 2 4, noch zum Schluß, Bekleidet öfters deinen Fuß. Auflösung des Königszuges in Nr. 20: Die Weisheit gleicht der schönen Spröden, Man muß ihr täglich Weihrauch streu'n, Ihr früh sein ganzes Leben weih'n, Um ihrer Liebe werth zu sein. (Götter.) - ^- 5 -, 22. Ireitag, den 16 . März 1894Z Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Litcrarischeu Znstiluts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Vorbelitzcr Dr. Max Huttler). Nie Tochter des Hauses. Erzählung von C. Borges. (Fortsetzung.) Mit dem neuen Morgen hatte auch der heulende Wind sich gelegt, und hell schien die Sonne über die weite, schimmernde Schneefläche. Dicht vor dem Fenster, fast auf jedem Zweig und Ast deS großen Kirschbaumes, saß ein Sperling und schaute mit seinen klugen, kleinen Augen ins Fenster hinein und wartete auf den gewohnten Morgentmbiß. Krächzende Naben und hungrige Drosseln hüpften auf dem schneebedeckten Nasen, und ein Nothkehlchen wartete ungeduldig und flog von einem entblätterten Rosenstrauch zum andern. Auf der Zinne des Daches saßen die Staare und schlugen mit den schweren, schwarzen Flügeln, um die Dohlen zu verscheuchen, die ihnen den Platz streitig zu machen drohten. „Fräulein Barbara füttert die Böge! allzu sehr," pflegte der Gärtnerbursche oft zu sagen, „und zum Dank verderben sie im Frühling die Saat und naschen die Kirschen von den Bäumen." Dessen ungeachtet kam er jetzt mit einem groben Besen, fegte den Schnee beiseite, daß ein großer, freier Platz gesäubert wurde, auf dem die gefiederten Gäste sich zwitschernd niederließen. „Was willst Du heute thun?" fragte die Tante, als beide Damen das Frühstück beendet hatten. Barbara schaute zum Fenster hinaus. „Du willst doch hoffentlich nicht ausgehen?" fuhr sie ängstlich fort, ohne die Antwort abgewartet zu haben. „Gewiß, Tantchen, das war gerade meine Absicht. Es ist ein herrlicher Tag! Sieh doch, wie der Schnee glitzert und schimmert, der Wind hat sich gelegt, ein weiter Spaziergang wird mir gut thun!" „Aber der Schnee liegt fußhoch auf der Landstraßei" „Ach, der Schnee soll mich^nicht hindern! Du weißt, ich gehe so gern durch den Schnee. Ich wollte heute nach Woltersdorf, denn ich habe Ilona versprochen, sie zu besuchen und ein wenig die kranke Freundin aufzuheitern, die sie seit einigen Tagen bei sich hat." „Welche Freundin, Barbara?" „Es ist ein strebsames, braves Mädchen, das leider sehr kränklich ist; da hat Ilona ihre Eltern gebeten, sie zu Pflegen, bis sie wieder stark und kräftig ist. Sie ist Erzieherin und muß für den Unterhalt ihrer alten Mutter sorgen. Ilona sagte mir, es sei ganz traurig, wenn sie von ihrer trostlosen Lage erzählte. Endlich ist es ihr jetzt gelungen, weit von hier eine angemessene Stellung zu finden, wo sie ein so gutes Gehalt bekommt, daß sie den Lebensabend ihrer alten Mutter bedeutend erleichtern kann, nur muß sie warten, bis sie stark nnd kräftig genug ist." „Wie heißt sie?" „Wettern — Magdalene Wettern." Endlich war das Frühstück beendet. Barbara zerschnitt einen Teller voll Brod in kleine Stückchen, um den ungeduldig umherflatternden Vöglein das Mal zu bereiten. „So. Tantchen, jetzt hülle Dich in einen warmen Shawl," scherzte sie, als sie die Thür der Terrasse öffnete und die kalte, frische Winterluft in das behaglich durchwärmte Zimmer strömte.— Die kleinen, munteren Gäste flogen zwitschernd auf einen nahen Baum, um gleich darauf in Schnuren das ihnen hingestreute Futter aufzupicken. Es war ein lieblicher Anblick. Die unmuthige Gestalt des jungen Mädchens, in einem einfachen, dunkeln Wollcnkleide, stand inmitten der Vogelschaar, von der einige so gezähmt waren, daß sie das Futter aus der Hand ihrer Beschützerin pickten. Kurze Zeit später betrat sie, in einen warmen Pelzmantel gehüllt, wieder das Speisezimmer, in dem Frau von Soden, in ihrem HaushaltnngSbnch vertieft, behaglich am warmen Ofen saß. „Erwarte mich nicht zum Mittagessen," bat sie, „ich werde in Woltersdorf jedenfalls länger bleiben." „Wie Du willst, mein Kind, nur verspäte Dich nicht; eS dunkelt so früh, und ich ängstige mich um Dich, wenn Du so lange fortbleibst." „Um vier Uhr werde ich zurück sein, dann ist eS noch nicht dunkel, denn die Luft ist so hell und klar!" Barbara hielt Wort. Zur festgesetzten Stunde erschien sie im Boudoir ihrer Tante und setzte sich auf ihren Licblingsplatz, auf den niederen Schemel, ihr Haupt in den Schooß der Tante bergend. Sie war heute ungewöhnlich still, und ein tiefernster Ausdruck spiegelte sich in ihren Zügen. Kurz und einsilbig beantwortete sie alle Fragen der Tante, die dann endlich den Versuch, eine Unterhaltung anzuregen, aufgab und emsig weiter strickte. Endlich schlug Barbara die Augen auf, und mit leise bebender Stimme begann sie: „Ich habe Dir etwas zu sagen, Tante Agnes. 158 F Jetzt habe ich einen festen Entschluß gefaßt und weiß, was ich zu thun habe." „Was willst Du thun? Was meinst Du?" fragte die Tante und ließ vor Schreck die Maschen von den Nadeln gleiten. „Du weißt, ich war in Woltersdorf. — Ich er« zählte Dir doch von der erkrankten Erzieherin, Magda- lene Wettern. Weißt Du, wo sie eine Stellung angenommen hat? — Sobald sie wohl genug ist, geht sie nach dem Adlerhorst, zu dem Freiherr« von Garkau, um dort Eveline, Edmund und Alex zu unterrichten" „Barbara! Woher weißt Du das? Wer sagte es Dir? Es ist unmöglich!" „Sie sagte eS mir selbst; ich war ja heute selbst bei ihr. Ach! sie sieht so entsetzlich elend und angegriffen aus, ist so abgemagert und schwach, und dabei hustet sie fortwährend. Ilonas Mutter erzählte mir, daß Fräulein Wettern zu schwach sei, um jetzt im Winter arbeiten zu können, aber dennoch wird sie schon am nächsten Mitlwoch im Adlerhorst erwartet; sie hat also kaum sauf Tage, um sich zu kräftigen." Barbara schwieg; ernst schaute sie in das Antlitz ihrer Tante. „Das arme Mädchen! Was ist da zu thun?" sagte die Tante teilnehmend. „Taute Agnes, wenn der Arzt ihr morgen sagt, daß sie sich schonen soll und den Winter nicht arbeiten darf, dann-dann bin ich entschlossen, für sie die Stelle anzunehmen!" Frau v. Soden blickte in sprachlosem Erstaunen auf ihre Nichte herab. Das Strickzeug entglitt ihren zitternden Fingern und fiel klirrend zu Boden. „Barbara!" stöhnte sie endlich. „Ja, Tautchen — halte mich nicht zurück, es ist mein fester Entschluß. Ich werde als Erzieherin das Haus meines Vaters betreten. — Du sagst mir ja selbst, daß ich meiner Mutter gar nicht ähnlich sehe; es ist also keine Gefahr, daß mein Vater mich erkennen wird, und ich werde mich daher ganz sicher fühlen. — Wir haben heute die Sache reiflich überlegt, Ilona, Magda Wettern und ich. Die arme Kranke ist sehr froh und dankbar, daß ihr noch eine längere Ruhe- und Erhol- ungSzeit gegönnt wird, und daß ich das Gehalt ihrer hilfsbedürftigen Mutter zukommen lassen will. Ja, ich will Dir Alles sagen, liebe Tante. — Fräulein Wettern hat bereits heute schon dem Freiherrn geschrieben, daß eine Freundin —, Fräulein Morden — wie ich mich dort nennen werde, sie solange vertreten will, bis ihre Gesundheit sich gekräftigt hat! Mache doch nicht etn so ängstliches Gesicht, mein liebes Tantchen, — es wird für mich sehr gut sein. Wie oft faßte ich einen Plan nach dem andern, um die Meinen kennen zu lernen, konnte aber nie zu einem Entschluß kommen. Jetzt werde ich sie Alle kennen lernen, und es soll mein Hauptstrebcn sein, daß sie mich Alle lieb gewinnen, ehe sie ahnen, wer ich bin. Gestern Abend sagte ich Dir ja, daß es so nicht länger angeht; ich sehne mich zu sehr nach meinen unbekannten Geschwistern." Sie stand auf, schlang ihre beiden Arme um den Hals der Tante und fuhr schmeichelnd fort: „Tantchen, ich habe Dich immer so herzlich geliebt, Du weißt es, und Du zweifelst doch nicht daran, nicht wahr? Aber ich muß Dich kurze Zeit verlassen, denn mein Herz zieht mich mit aller Gewalt zu meinem Vater!" Die arme gute Tante! Was sollte sie weiter thun, als nachgeben, noch dazu, da sie im Herzen davon überzeugt war, daß der Plan nicht verwerflich war. Hatte sie sich doch schon so oft dem stärkeren Willen der Nichte beugen müssen, als dieselbe noch ein ganz kleines Kind war; und nach kurzem Widerstreben hatte Barbara auch heute die gewünschte Einwilligung. II. Capitel. Schloß Adlerhorst, der Stammsitz der Freiherren von Garkau, lag auf einer kleinen Anhöhe in einer wildromantischen Gegend. Von uralten, hohen Bäumen, meistens dunklen Tannen oder stattlichen Buchen, umgeben, ragten kaum die Zinnen und Thürme des Daches über die Gipfel empor und bargen das stolze Gebäude vor den Blicken der Außenwelt. Barbara hatte eine weite, beschwerliche Reise zurückgelegt, und ihr unruhiges Herz klopfte zum Zerspringen, als sie auf dem Bahnsteig den für sie harrenden Wagen bestieg und die feurigen Rosse sie blitzesschnell ihrem Ziele entgegen- führten. — „Edmund — Alex! wo seid ihr? Wollt ihr denn heute nicht zu mir kommen und mich in meinem neuen Kleide sehen? Ihr wißt, wir gehen gleich ins Concert, wo seid ihr denn eigentlich?" Frau von Garkau öffnete mit diesen Worten die Thür des Schulzimmers, ohne eS zu betreten. „Sie sind im Kinderzimmer, Mama," versetzte schüchtern ein feines Sümmchen, und ein schwaches, zartes Mädchen erhob sich aus einem Sessel in der Nähe des Ofens. „Darf ich zu Dir kommen?" „Eveline, was machst Du hier allein, mein Kind, warum sind die Lampen noch nicht angezündet? Fräulein Morden wird gleich- hier sein! Geh' nach dem Kinderzimmer und sage Gretchen, die Lampe hereinzubringen, und dann schicke mir die Knaben." Sie schien die letzte Frage der Kleinen, „darf ich kommen?" gar nicht gehört zu haben, aber Eveline verstand ihre Mutter zu gut. Schweigend gehorchte sie. Freifrau von Garkau liebte ihre beiden gesunden, rothwangigen Knaben viel mehr, als ihr bleiches, unansehnliches ältestes Töchterchen. Nicht, daß sie herz- oder lieblos gegen sie gewesen wäre, jedoch aus dem großen Füllhorn der mütterlichen Liebe fiel doch nur der geringste Theil auf Eveline herab, die trotz ihrer Jugend es zeitweise bitter empfand. Der Vater liebte seine drei Kinder gleich. Jedoch oft finster und verschlossen, war ihm das fröhliche, muntere Spiel, das heitere, sorglose Lachen der Kleinen oft zuwider, und mißmuthig pflegte er sich dann in sein Arbeitszimmer zurückzuziehen. Als die Lampen angezündet waren, nahm Eveline ihr Märchenbuch — ihr steter, treuer Freund in der Einsamkeit — und vertiefte sich bald in die Seiten, ohne das Rollen des Wagens zu hören, der jetzt vor dem Portal des Schlosses hielt. Erst als die Thür geöffnet wurde und Gretchen, das alte, erfahrene Kindermädchen, mit den Worten: „Hier ist Fräulein Morden, Eveline. — Die gnädige Frau wird sogleich kommen," eine fremde Dame einließ, sprang die Kleine auf und trat scheu und verlegen einen Schritt zurück. „Willst Du mir nicht die Hand geben?" fragte Barbara und streckte ihrem Schwesterchen die Hand ent- 1S9 gegen, doch ihre Stimme zitterte so sehr, daß sie kaum die Worte hervorbringen konnte. Ein Glück, daß nur das Kind gegenwärtig war, dem die Erregung der neuen Gouvernante vollständig entging, sich aber freute, daß sie jetzt in den Arm genommen und herzlich geküßt wurde. Barbara näherte sich dem Feuer, noch immer das Händchen der Kleinen festhaltend, und zitternd vor Kälte und Aufregung entledigte sie sich ihres Mantels, zog langsam ihre Handschuhe aus, um Zeit zu gewinnen, ihre Selbstbeherrschung wieder zu erlangen. Eveline beobachtete jede ihrer Bewegungen, dann überwand sie ihre natürliche Schüchternheit und schmiegte sich an die Fremde. „War es sehr kalt auf der Reife?" fragte die Kleine, die jetzt glaubte, das peinliche Schweigen unterbrechen zu müssen. „Ja, sehr kalt; aber ich werde hier bald warm werden. Welch' ein schönes Zimmer! Ist dieses das Schulzimmer, Eveline ? — so heißt Du doch, nicht wahr?" Barbara erinnerte sich Plötzlich, daß sie sich durch Nennung des Namens bald berathen habe, und dunkle Nöthe färbte ihre Wangen. „Ja, so heiße ich," antwortete die Kleine. „Eveline Laura, gerade wie Mama." „Wie heißen denn Deine Brüder?" „Einer heißt Edmund, er ist fast neun Jahre alt, aber groß und kräftig für fein Alter. Papa will ihn bald in eine Erziehungsanstalt schicken, aber Mama will sich nicht von ihm trennen. Alex ist noch klein, noch nicht sechs Jahre alt," plauderte das Kind weiter, ohne zu ahnen, daß ihre Znhörerin ganz genau von den Verhältnissen unterrichtet war. „Und dann hatten wir noch eine kleine Schwester Anna, doch die hat der liebe Gott als Englein in den Himmel genommen." „Wo sind denn Deine Brüder?" „Sie sind bei Mama in ihrem Boudoir. Sie sind oft des Abends bei ihr." „Warum bist Du denn nicht dort?" «Ich?" fragte verwundert das Kind. „Mama wünscht es nicht, — ich bin ja auch nur ein Mädchen." Es lag etwas so Trauriges in dem Tone der Kleinen, daß Barbara unwillkürlich ihren Arm ausstreckte und sie fest an sich zog. „Fräulein Morden," fragte sie leise und schaute fast ängstlich in die dunkeln, freundlichen Augen der neuen Erzieherin, „warum mögen die Leute die Mädchen nicht so gern leiden, als wie die Knaben?" „Einige Leute haben Mädchen viel lieber, Eveline, I, Ä, „Ist das wahr? — ist das wirklich wahr? Ich glaubte, Niemand liebte Mädchen!" „Es ist wirklich wahr," versetzte Barbara feierlich. Offen gesagt, hatte sie in ihrem kurzen Leben noch nicht viele Knaben kennen gelernt, und ihre Anschauungen waren daher ein wenig beschränkt. Die Freundinnen oder Spielgefährtinnen ihrer Kindheit hatten entweder gar keine Brüder gehabt, oder sie war nicht mit ihnen in Berührung gekommen; auch konnte sie den flehenden Blicken ihrer kleinen Schwester nicht widerstehen und gab ihr deßhalb gern die Versicherung, daß sie Mädchen vorziehe. Eveline schlang ihre Arme um Barbaras Hals und küßte sie; ihre Schüchternheit war in diesem Augenblicke vollständig vergessen. Es war das erste Herz, welches Barbara gewonnen hatte. In diesem Augenblick öffnete sich die Thür und Frcm von Garkau mit ihren beiden wilden Knaben trat in das Schulzimmer. Barbara stand auf, ihre Glieder bebten; ihr Herz schlug laut und hörbar. — Sie stand zum ersten Male ihrer Stiefmutter gegenüber; würde sie ihr — der armen, unbedeutenden Erzieherin — ein freundliches Wort zum Willkommen entgegenbringen? Ja, trotz vieler schwachen Seiten behandelte die stolze Herrin des Hauses ihre Untergebenen mit herzgewinnender Milde und Freundlichkeit. So reichte sie auch heute ihrer unbekannten Stieftochter die Hand zum Gruße entgegen und hieß sie mit freundlichen, wohlwollenden Worten willkommen. „Hier sind meine Knaben," fuhr sie dann fort, „hoffentlich werden sie brav und folgsam sein und Ihnen nur Freude machen. Dies ist Edmund, der älteste, ein prächtiger, starker Knabe, nicht wahr? Jedoch wollte es in letzter Zeit mit seinen Schularbeiten nicht recht gehen, Sie werden ihn deßhalb streng halten müssen. Alex wird Ihnen noch nicht viele Last machen, denn er bleibt größtentheils noch im Kinderzimmer, wiewohl es doch Zeit wird, daß er langsam mit dem Lesen anfängt. — Leider kann Gretchcn, die Kinderfrau, ihm noch uichi einmal die Buchstaben beibringen; sie ist zu alt, aber eine ehrliche, treue Seele, auf die ich mich vollständig verlassen kann. Eveline brauche ich Ihnen wohl nicht erst vorstellen; ich sehe, Sie habe» bereits Freundschaft mit ihr geschlossen. — War es Ihnen sehr kalt auf der Reise?" „Ja," versetzte Barbara einfach und freute sich, daß ihre Stiefmutter gleich fortfuhr: „Wie geht es dem armen Fräulein Wettern? Ist sie sehr krank? Ich bedanre so sehr, daß sie nicht kommen konnte, denn Gräfin Wertfcldt hatte sie mir warm empfohlen. Sie soll eine vorzügliche Erzieherin sein und ganz besonders Knaben zu behandeln wissen!", „Ja, das ist sie," gab Barbara zu, da sie aber sehr wenig von ihren Fähigkeiten wußte, berichtete sie von dem schwächlichen Gesundheitszustand und fuhr unbefangen fort: „Sie sieht sehr leidend aus, obgleich sie hofft, in kurzer Zeit völlig hergestellt zu sein. Nach Aussage deS Arztes bedarf sie längere Zeit der größten Ruhe und Pflege; dennoch hatte sie vor, selbst hierher zu kommen, und nur der Gedanke, daß sie ernstlich erkranken möchte, hielt sie von ihrem Vorhaben ab." „Sie müßte für den Winter nach dem Süden gehen, vielleicht nach der Schweiz oder Italien. —» Eveline, geh' und bitte Gleichen, hierher zu kommen^ sie soll mix meine Handschuhe zuknöpfen." „Kann ich Ihnen helfen?" fragte Barbara bescheiden, und obgleich ihre Finger vor Erregung noch zitterten, hatte sie bald die langen Handschuhe geschickt zugeknöpft. „Sie find noch immer kalt, Fräulein Morden. Eveline soll Ihnen Ihr Zimmer zeigen, ich habe dort ein gutes Feuer machen lassen. Packen Sie Ihren Koffer jetzt nicht aus; Gleichen kann Ihnen helfen, sobald die Kleinen znr Ruhe gebracht sind. Sogleich wird daS 160 Abendessen gebracht werden; Sie müssen nach Ihrer weiten Reise recht hungrig und durstig sein. Doch nun ist es höchste Zeit für mich. Gute Nacht l" Sie reichte Barbara die Hand, küßte die Kinder und wandte sich der Thüre zu; doch die Knaben ließen die Mutter nicht los. „Wollt Ihr mich bis an den Wagen begleiten?" fragte sie, und alle Drei verließen das Schulzimmer. „Darf ich Ihnen Ihr Zimmer zeigen?" schlug Eveline vor, dann erfaßte sie die Hand der Erzieherin und führte sie über den langen Korridor, Barbara lehnte über das Treppengeländer und schaute unten in die geräumige Halle, die hell erleuchtet war. Dort standen die beiden Knaben, von denen die Mutter noch einmal zärtlichen Abschied genommen hatte; ein Diener legte ihr den weichen Pelzmantel um die Schulter, dann stellte er sich dienstbereit an die Thür. Jetzt öffnete sich eine andere Thür. Die hohe, stattliche Gestalt des Schloßherrn erschien in der Halle, doch so sehr Barbara sich auch bemühte, das Antlitz ihres Vaters zu sehen, es wollte ihr nicht gelingen; nur die Spitze seines Hutes und der breite Pelzkragen seines Ueber- rockes waren sichtbar. „Wir werden zu spät kommen, Eveline, wo bist Du so lange gewesen?" „Ich sprach mit Fräulein Morden, der neuen Gouvernante. Sie kam vor kaum einer halben Stunde an." „Ach so, ich dachte nicht mehr daran. Sie muß eine kalte, beschwerliche Reise gehabt haben; hoffentlich findet sie das Schulzimmer behaglich durchwärmt. Sind wir jetzt fertig?" Endlich hatte Barbara die Stimme ihres Vaters gehört. Sie merkte kaum, daß Eveline, die noch immer ihre Hand hielt, sie jetzt in ihr Zimmer führte, aber sie erschrak, als sie ihr Spiegelbild sah, so leichenblaß hatte sie noch niemals ausgesehen. — In späteren Tagen konnte sie sich nicht mehr erinnern, wie sie die ersten Stunden im Hause ihres Vaters zugebracht hatte, denn wirr wie im Traume jagten sich die Gedanken. Sie wußte nur, daß sie noch lange am Abend, in tiefes Sinnen versunken, starr und regungslos in ihrem Zimmer gesessen hatte, ohne sich entschließen zu können, ihr Lager aufzusuchen. Müde, wie sie war, war sie zu erregt, um ihre Augen im sanften Schlummer zu schließen. Noch saß sie da, als schon der Wagen vor dem Portal hielt, und sie wußte, daß ihr Vater und ihre Stiefmutter wieder daheim waren. Sollte sie die Wahrheit bekennen, daß sie unter fremdem Namen den Einzug erzwungen hatte? Doch schon im nächsten Augenblick verwarf sie den kaum aufkeimenden Gedanken, — erst wollte sie die Herzen gewinnen, dann sich zu erkennen geben. Dann gedachte sie der guten Tante Agnes, die mit Thränen in den Augen von ihr Abschied genommen und ihr noch besorgt zugeflüstert hatte: „Ich hoffe, Du findest wenigstens ein gutes, warmes Bett; — in vornehmen Häusern fragt man nicht viel darnach, ob es den armen Gouvernanten behaglich gemacht wird oder nicht." Unwillkürlich mußte sie bei dieser Erinnerung herzlich lachen; sie legte sich in ihr weiches, warmes Bett und war schon nach wenigen Minuten eingeschlafen. Sie war seit ihrer allerfrühesten Kindheit die erste Nacht jn ihres Vaters Hause. Als Barbara am nächsten Morgen erwachte, war momentan die Furcht und Besorgniß des vorherigen Abends gänzlich verschwunden; sie kleidete sich schnell an, denn schon hatte sich Eveline eingestellt, um sie in das Frühstückszimmer zu geleiten. Und dennoch, als sie jetzt an der Hand des Kindes die breite Marmortreppe hinabstieg, erbebte sie; denn sie wußte, daß sie im nächsten Augenblick ihrem Vater gegenüber stehen würde. Eveline öffnete die Thür. Oben am Tische saß die Herrin, mit dem Durchlesen der soeben angekommenen Briefe beschäftigt, hinter ihr, am Ofen, stand der Freiherr, das Antlitz hinter einer großen Zeitung verborgen. „Ah' Fräulein Morden! Haben Sie die erste Nacht unter fremdem Dache gut geschlafen? — Gottfried, hier ist Fräulein Morden, — unsere neue Gouvernante." Der Freiherr legte die Zeitung nieder und reichte der neuen Hausbewohnerin die Hand zum Gruße. „Willkommen, Fräulein Morden. Hoffentlich hat Ihnen gestern die weite, kalte Reise nicht geschadet. — ES ist auch ungewöhnlich kalt in diesem Winter." Er sah bei diesen Worten Barbara an, die unter seinem Blick so heftig erröthete, daß sie nicht wagte, die Augen aufzuschlagen. Zitternd trat sie hinzu und legte ihre bebenden Finger in die dargereichte Hand deS Vaters, doch konnte sie kein Wort hervorbringen, so fest schien ihr die Kehle zugeschnürt. „Das arme Kind ist schüchtern," dachte der Schloßherr mitleidig und nahm seine Zeitung wieder zur Hand. „Es wird ihr gewiß schwer werden, unter Fremden zu leben." „Hier ist Ihr Platz, Fräulein Morden, dicht an Evelines Seite. Wünschen Sie Kaffee oder Cacao?" „Ich bitte um Kaffee", versetzte Barbara kaum hörbar. So leise auch die Worte gesprochen wurden, dem scharfen Ohr des Vaters waren sie nicht entgangen. Er blickte sie durchdringend an — hatte der Ton ihrer Stimme vielleicht eine kaum vernarbte Wunde seines Herzens berührt? Jetzt stürzten die wilden Knaben in das Zimmer, scherzend und plaudernd machten sie Pläne für den neuen Tag. (Fortsetzung folgt.) ---SLWkS---— Abbazia. Jetzt, wo der Besuch der kaiserlichen Familie in Abbazia in nächster Aussicht steht, werden genauere Mittheilungen über diesen Curort willkommen sein. Vor zehn Jahren noch war Abbazia den Jn- und Ausländern ebenso bekannt wie ein Dorf in Spanten — heute gehört es zu den Weltcurorten. Dies Aufblühen des istrianischen Dörfchens wurde selbstverständlich durch das glückliche Zusammentreffen einer Reihe von günstigen Factoren bedingt. Dahin gehört zunächst die herrliche Lage am Quarnero, der zum Golf von Fiume gehört. Fiume, das Emporium des ungarischen Handels und die zweite Seestadt der österreich-ungarischen Monarchie, ist von hier in 60 Minuten zu Wagen und in 40 Minuten mit stündlich verkehrendem Local-Dampfer zu erreichen. Lang hingestreckt auf einer in den Quarnero Hinausreichenden Landzunge liegt Abbazia am Fuße der mächtigen Kalksteinmassen des Karstgebirges, welches hier im Monte Maggiore die Höhe von 1400 Metern erreicht. Die Abhänge des Gebirges schmücken weite Lorbeerhaine, wie ich sie in solcher Pracht und Ausdehnung in Italien und Südfrankreich nicht gesehen habe. Ganze Lorbeer- Lauben wölben sich über die gut gepflegten und äußerst bequemen Wege, eine wahre Wohlthat in der warmen Jahreszeit. Von diesen Abhängen aus hat man auf Abbazia und den in allen Farben spielenden Qnarnero eine zauberisch schöne Aussicht, welche in den Wintermonaten durch die mit Schnee bedeckten, in der Sonne glitzernden Gipfel der fernen Dinarischen Alpen eine wirkungsvolle Grenze findet. Die geschützte Lage am Fuße des Monte Maggiore und die Nähe der See, welche gewaltige Wärmemengen aufnimmt und sie langsam wieder abgibt, bewirken Abbazia's mildes Klima und rufen eine durchaus südliche Vegetation von Lorbeerhainen, Oliven- und Feigen-Bäumen, Edelkastanien und vielen exotischen, hier im Freien gut gedeihenden Pflanzen hervor. Schnee fällt höchst selten. Unter all' den bekannten österreichischen klimatischen Curorten ist Abbazia bei weitem der wärmste. Auch den Vergleich mit der französischitalienischen Riviera braucht unser Ort nicht zu scheuen, da die mittlere Winter-Temperatur in Abbazia 9° 56" Cels., in Nizza, Cannes und Sän Nemo 11° 5" bezw. 11° 77" und 12° 69" Cels. beträgt. In einer Hinsicht übertrifft Abbazia die Orte der Riviera, nämlich durch den höher» Feuchtigkeitsgehalt der Luft, so daß z. B7 Halskranke sich hier wohler befinden als z. B. in dem heißen, trockenen Mentone. Obwohl Abbazia durch wuchtige Bergmassen geschützt ist, kann doch von einer völligen Windlofigkeit keine Rede sein. Das ist eben so wenig an der Riviera der Fall. Ueberhaupt ist völliger Windschutz an Orten unserer Breite, namentlich noch, wenn sie an der See liegen, nur eine schöne Sage. Bora und Levautina, Scirocco und Tramon- tana sind die hauptsächlich hier wehenden Winde. Indessen habe ich seit Mitte October keinen Tag bemerkt, an dem man wegen zu heftigen Windes nicht ausgehen konnte, was mir in Sän Nemo ein scharfer Ostwind manchmal unmöglich machte. Die gefürchtete Bora kommt nach Abbazia in sehr geschwächter Form, während Fiume und Trieft von den Verheerungen tobender Bora-Stürme ein Liebchen zu singen wissen. Der Haupiwind ist der Scirocco, welcher den Quarnero aufwühlen und Wogen- berge gegen die klippige Küste und darüber in die Park- Anlagen schleudern kann. Bezeichnend für das hiesige Klima ist noch der im Winter bisweilen eintretende plötzliche Witterungswechsel. Heute ist schönes, warmes Wetter; morgen regnet es in Strömen, ohne großen Temperaturunterschied allerdings, und dabei sieht man heute nicht die geringsten Vorboten der Aenderung. Einen derartigen plötzlichen Umschwung habe ich jedoch innerhalb fünf Monaten nur vielleicht vier Mal beobachtet. Ein Mann von weitem Blick und praktischer Tüchtigkeit wurde der Begründer des Curortes: Friedrich Schüler, General-Director derOesterreichischenSüdbahn, hat Abbazia „entdeckt" und mit rastloser Energie aus dem istrischen Fischerdorfe einen hervorragenden Bade- und klimatischen Cur-Ort geschaffen. Abbazia's schönster Weg, die vorn Oesterreichischen Touristm-Club — welcher auch um die Hebung unseres Ortes sich sehr verdient gemacht hat — angelegte Promenade längs des Meeres, führt in einem großen Theile den Namen „Friedrich-Schüler-Strandweg". — 1882 faßte die Südbahn hier Fuß; rasch folgten Erunderwerbungen in großem Maßstabe, und trotz der vielen Schwierigkeiten — besonders der Beschaffung eines guten Trinkwassers — wurde der Curort Abbazia am 27. März 1884 eröffnet, er wird demnächst also seinen zehnten Geburtstag feiern. In dieser Zeit ist eine Reihe prächtiger Hotels und Villen entstanden. Diejenigen, welche der Südbahn gehören, sind mit allem Comfort ausgestattet, mit Gas, ausgezeichnetem Leitungswasser und vorzüglichen Heizvorrichtungen (sehr wesentlich im Süden) auf's beste versehen. Danach sind allerdings auch die Preise. Ueberhaupt ist Abbazia kein billiger Platz; namentlich kosten die Wohnungen ein Heidengeld. Während man in Sän Nemo eine geräumige Villa mit großem Garten für 6000 Frcs. auf sechs bis acht Monate haben kann, bezahlt man hier 10- bis 12,000 Frcs. Die Nachfrage- nach Wohnungen ist eben größer als das Angebot: von Mitte Februar an beginnt es so recht sich hier zu beleben, und nach wenigen Wochen ist Abbazia bis auf das letzte Eckchen mit Fremden gefüllt. Wer heute käme, müßte, glaube ich, entweder draußen campiren oder wieder umkehren. Zu den sogen. Südbahu-Anstalten gehören auch die beiden Villen Angiolina und Amalia, welche der kaiserlichen Familie demnächst als Wohnung dienen sollen. Die Angiolina ist verhältnißmäßig klein und stammt noch aus früherer Zeit; die Amalia dagegen ist ein neues, mächtiges Gebäude in hoher Lage, zu dem eine prächtige Steintreppe mit vergoldetem Geländer führt. Unmittelbar an die Angiolina stößt der herrliche, immergrüne^ Park mit seinen exotischen Pflanzengestalten, seinen prachtvollen Ausblicken und seinen tiefumschatteten, vielverschlungenen Wegen. Außer den der Südbahn gehörenden Hotels besteht noch eine ganze Anzahl mehr oder weniger feiner Pensionen, so daß man, wenn man zur rechten Zeit kommt nach der Beschaffenheit seines Geldbeutels wühlen kann' Seit dem Bestehen des Curortes hatte sich Abbazia der Sympathie verschiedener Mitglieder des österreichischen Kaiserhauses, namentlich des Kronprinzen Rudolph und seiner Gemahlin Stephanie, zu erfreuen, welche noch jedes Jahr einige Wochen hier zugebracht hat. Was natürlicher, als daß die österreichische Gesellschaft aufmerksam auf das Dörfchen an der Adria wurde und das von oben gegebene Beispiel nachahmte! Die inländische Aristokratie hat hier eine Anzahl hübscher Villen gebaut (Keglevich-Kesselstatt, Esterhazy usw.) und strömt jeden Winter, namentlich nach Beendigung des Faschings, schaarenweise herbei. Von Ausländern sieht man hauptsächlich Polen, Russen, Serben und vereinzelt Deutsche und Italiener. Grund für diese Erscheinung ist offenbar die Bequemlichkeit, mit welcher die erwähnten Völker nach Abbazia gelangen können, für Kranke eventuell von unschätzbarem Werth. Ohne Zweifel wird die Reise der kaiserlichen Familie dazu beitragen, daß in den nächsten Jahren Deutschland ein größeres Contingent stellen wird. Die Bevölkerung von Abbazia und Umgegend ist eine ethnographische Musterkarte. Schon vor Jahren hat man in der nördlichen Quarnero-Gegend 13 verschiedene ethnographische Nuancen festgestellt. Deutsche und Italiener, Croaten und Slowenen, Dalmatiner, Tschitschen sind vertreten. Auf verhältnißmäßig kleinem Raum herrscht ein Sprachenrcichthum, der einer Sprachenverwirrung ähnlich 162 ficht. Charakteristisch sind die Mischungen: so spricht man kroatisch mit italienischen Endungen, italienisch mit kroatischen Endungen und Flexionen usw. Der Fremde kommt mit Deutsch gut an; versteht er Italienisch, um so besser. Die Leute sind ehrlich, arbeitsam und nüchtern. Auf dem Lande gibt eS wenige und dabei schlechte Wirthshäuser, für die Fremden, welche Ausflüge machen, ein recht fühlbarer Nebelstand. Wie alle Slaven, lieben sie Gesang und Musik; meistens sind es träumerische, schwer- müthige Weisen. Ihre Geistesanlagen sind nicht besonders zu rühmen, genauere Kenner der Bevölkerung stellen sie in dieser Beziehung sogar ziemlich tief. Aberglaube ist nicht selten, was durch die noch in jüngster Zeit erfolgte Verbrennung eines „Wehrwolfes" auf dem Friedhofe von Abbazia seine grelle Beleuchtung fand. Schifffahrt und Fischfang sind die Erwerbszweige; sie haben an der Küste einen gewissen Wohlstand bewirkt. Die ackerbautreibende Bevölkerung des Gebirges ist dagegen sehr arm, da der lehmige Boden des Karstes in den höhern Strichen wenig abwirft. Elende Hütten, häßliche, aber starkknochige Weiber mit gewichtigen Lasten auf dem Nucken, unglaublich zerlumpte Buben, welche Schafe hüten, und kümmerlich genährte Esel bilden die Staffage der dortigen Landschaft. Die Bewohner der Küste sind durchgängig schlanke, kräftig gebaute Gestalten, namentlich findet man hübsche, frisch aussehende Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts. Die üble Landessitte indessen, alle Lasten, auch die schwerern, auf dem Nücken zu transportiren, hat manchen Körper vor der Zeit geknickt. Nationaltrachten haben sich nur im Gebirge erhalten, an der Küste ist völlig damit aufgeräumt worden. Dem Bekenntniß nach sind die Bewohner römisch-katholisch und zwar ziemlich gute Katholiken. Der Name Abbazia ist gleichbedeutend mit italienisch Lddaäia. (Abtei) und erinnert daran, daß einst hier eine Benedictiner-Abtei stand, welche im Mittelalter blühte, von der aber nur noch eine kleine Kirche und ein ärmliches Pfarrhlnls als Neste entschwundener Größe vorhanden sind. Die Frauen und die Farben. Plauderei von Klara Neichner. - lNochdnick vkkboitN.I Die Frauen sind das farbige Element des Lebens, dem ja sie erst Glanz und Heiterkeit verleihen — wetteifernd mit den Blumen — durch den bunten, reizvollen Wechsel der Farbe! Und doch ist dies nicht immer so gewesen! Es gab Zeiten — lang, lang ist's freilich her — wo noch die Männer farbenprächtig mit den Frauen concurrirten. In der Urzeit freilich waren Farben im Norden weder bei Mann noch Weib beliebt, bis fränkischer Einfluß sich geltend machte; — höchstens Frauen und Kinder trugen sonst bei besonders festlichen Gelegenheiten blau, roth oder braun. Das farblose Schwarz aber war in alter Zeit schon Trauerfarbe, das fleckenlose Weiß dagegen die Tracht der Priesterinnen. Eigentlich spielte die Farbe erst im Mittelalter ihre große Rolle! Nicht nur, daß der Ritter die Farbe seiner Dame trug, diese mußte auch — wollte sie nach damaligen Begriffen für eine Schönheit gelten — in Bezug auf Farben die vorgeschriebenen Gesetze erfüllen. Stirn und Ohr weiß, die Zähne schneeweiß, das Kinn weiß wie Alabaster, die Wangen zart und blühend, der kleine Mund wie ein lichter Rubin oder rother denn eine Rose. Brauen und Wimpern braun, die Haare goldfarben und glänzend wie gesponnenes Gold, die Augen nicht mehr wie früher blau, sondern: „Zwei Aeuglcin brann nach Falkenart, darin das Weiße sich nicht spart!" Auch die Farbe der Kleidung mußte mit dem Aeußern Harmoniken! Damals bereits pflegten die Damen sehr wählerisch zu sein und ihre Gewänder so zu tragen, wie sie am besten stimmten mit der Farbe ihres Haares, ihrer Augen, des Gesichtes usw. Im Allgemeinen aber gab eS noch nicht viel zu wählen, da jeder Stoff und jedes Kleidungsstück nur seine einzige Färbung hatte. Doch half man sich dadurch, daß man die verschiedenen Gewänder, die gleichzeitig getragen wurden, von verschiedener Farbe, zuweilen auch mit andersfarbigem Futter fertigte. Grau, Braun und Violett trugen namentlich die unteren Stände; Grau diente aber auch nebst Schwarz als Abzeichen der Trauer; — die allerbelicbteste und vornehmste Farbe des Mittclalters war Scharlach! Späterhin geriethen die mittelalterlichen Farben sogar in bedeuiungsvolle allegorische Beziehungen zur Liebe! Mit gewissen Farben verband eine gewisse Bedeutung sich, — auch für die Kleidung! Es entstand also eine Art von Farbensprache. Grün war als Hoffnnngssymbol der Liebe Anfang, Noth die brennende Liebe, Grau die trauernde, ganz unglückliche Liebe dagegen Schwarz, als „des Leides Anfang und der Freude Ende". Treue Liebe trug sich blau, Gelb oder Gold bedeuteten Gewährung der Liebe, weßhalb auch „Fran Minne" selber ein golden oder feuerrothes Kleid trügt, während „Frau Treue" sich in Blau, „Frau Liebe" aber in Grün kleidet. Bunt jedoch bedeutete Falschheit und Unbeständigkeit. Im 15. Jahrhundert wurde großer Farbenluxus getrieben, — schillernd in allen Ncgenbogenfarben zugleich an der gleichen Person. Die Frauen aber wußten von dieser Geschmacklosigkeit sich fern zu halten, wenn sie auch lebhaften Farben sich durchaus nicht abhold zeigten; doch behandelten sie dieselben mit mehr Harmonie und Symmetrie, — entsprechend vertheilt auf die verschiedenen Stücke der Kleidung, auf Besatz und Futter, anstatt — nach der haarsträubenden Mode-Thorheit des sogenannten „Ni-pai-ti" der Männer — die ganze Figur bunt in zwei Hälften zu theilen! Dafür verlangte das folgende Jahrhundert der Reformation desto größere Einfachheit durch dunkle, schlichte, knappe Tracht, — auch bei den Frauen, bis im 17. der Einfluß Frankreichs den Ernst der Farbe wiederum in heitern Glanz verwandelte, ja in ein Uebermaß sogar von Prunk der-Färbung, — voran Blau und Roth mit möglichst vielem Gold als Licblingsfarben. Die geschmacklose »Zopfzeit" des vorigen Jahrhunderts brachte im Gegensatz hiezu wohl zartere, blässere Farben in Mode, doch herrschten unbestimmte Mischfarben und fahle, buntgeblümte Muster vor; erst die große französische Revolution von 1789 schuf bessere Zeiten für die Farbe, anfangs freilich durch Farblosigkeit! Das Weiß der modern gewordenen griechisch-antiken Tracht und allenfalls ganz blaß angehauchte Färbungen kamen zur Herrschaft, dann kehrte mit unserm eigenen Jahrhundert die Farbe allmälig zurück, indem die Damen 1810 begannen, zur weihen Tunica die Schuhe, Handschuhe, Hüte, Hauben und Federn farbig zu tragen; Gürtel und Besatz folgten bald und endlich die ganze Kleidung — allerdings einfarbig nur einstweilen, bis jener bunte Wechsel in Farbe und Färbung eintrat, den wir noch jetzt besitzen, zur beliebigen Wahl und Auswahl des schönen Geschlechts, das fortan das Haupt-Privilegium auf Alles, was farbig heißt, erhielt! Trotzdem haben, was diese Wahl der Farben und Lieblingsfarben anbetrifft, sehr hervorragende männliche Stimmen sich bereits erhoben, um gewisse Lehren und Gesetze darüber aufzustellen, — ja der berühmte französische Romanschriftsteller Balzac wollte geradezu den weiblichen Charakter danach beurtheilt wissen! — Frauen, welche orange- oder sonstige gelbfarbige, säst- oder zeisiggrüne, amaranth- oder granatfarbige Kleider mit Vorliebe tragen, sollen nach seiner Behauptung keine sehr friedfertige Gesinnung, die Liebhaberinnen des schreienden Roth dagegen etwas Lärmendes, Auffallendes besitzen; denen, die Violett vorzugsweise lieben, soll — so sagt er — nicht recht zu trauen sein, die aber, welche gern das düstere Schwarz tragen, müssen — meint er — auch gern traurige Gedanken hegen, wie Dunkelgekleidete überhaupt nach seiner Ansicht im Allgemeinen weder sehr geselliger Natur, noch munterer Laune sein können. Weiß indessen sei nicht nur die farblose Farbe der Unschuld, sondern außerdem beliebt bei gefallsüchtigen Damen ohne festen, bestimmten Charakter; Grau jedoch und Lila bedeuten bei ihmUcber- gangsfarben für Frauen in gewissem Alter, zugleich also soviel wies Verzichtleistung, Resignation! Besonders empfiehlt Balzac die Frauen in Rosa und verwandter Farbe, als heiter, liebenswürdig, geistvoll, lebensfroh und umgänglich, und verherrlicht vor Allem die in Blau! Himmelblau gilt bei ihm nämlich für die Hnuptfarbe der — äußerlich wie innerlich — schönen Frauen; die, deren Lieblingsfarbe sie ist, sollen meist sanft und nachdenklich sein, kurz: die „Blaueu" sind — ob jung, ob alt — in seinen Augen eigentlich die Perlen aller Frauen! Zum Glück gibt dieser kühne Deuter weiblicher Lieb- ltngsfarben selber zu, daß „Irren menschlich sei", und überdies ist er Franzose, folglich trifft das, was er sagt, ja selbstverständlich nicht unsere deutschen Frauen und Farben! -- Bei de« blinden Schwestern von St. Paul in Paris. Die Zeitschrift für Verbesserung des Looses der Blinden, der Blindenfreund, welche der verdiente Direktor der Dürener Provincial-Blindenanstalt herausgibt, bringt einen Aussatz über den in der Ueberschrift angedeuteten hochinteressanten Gegenstand, dem wir Folgendes entnehmen: Weitab von dem großen Verkehr der Weltstadt, in der Nue Denfert-Nocherau, gegenüber dem Observatorium, wo das Auge der Gelehrten mit Hülfe kunstreicher Instrumente bis zu den fernsten Gestirnen dringt, liegt ein stilles Haus, dessen Bewohnern nicht ein Mal ein Strahl unseres Tagesgestirnes leuchtet; es ist die Anstalt der blinden Schwestern von St. Paul, sich so nennend nach ihrem Patron, dem Apostel Paulus, der zu Damaskus das Augenlicht vorübergehend verlor und dadurch das Glanbenslicht gewann. Aeußerlich macht die Anstalt den Eindruck einer alten, vornehmen Patricier- Wohnung, deren Haupträume durch Mauer und Thor von der Straße getrennt sind. Und in der That hat hier vor 60 Jahren ein weltberühmter Mann gewohnt, der Schriftsteller und Staatsmann Chateaubriand, der hier in Muße lebend einige seiner besten Werke verfaßte. Mehrere Erinnerungszeichen seines hiesigen Waltens werden noch in der Anstalt vorgezeigt und geben dem Hause eine gewisse klassische Weihe. Wenn ich dir in meinem letzten Briefe sagte, der moderne Geist sei noch nicht in dieses weltverborgene Asyl eingedrungen, so muß ich das heute widerrufen; in Wirklichkeit hat dieser Geist, und zwar in Fleisch und Bein, mit Gewalt und Getöse hier seinen Einzug gehalten. Im Jahre 1871 sind nämlich die Communisten, die in dem abgelegenen Hause Jesuiten vermutheten, hier eingebrochen und haben, als sie die gesuchten „Bösewichter" nicht fanden, in ihrer Wuth alles zerstört: Möbel, Thüren, Fenster und besonders die Gefäße und Bilder der Kapelle. Doch genug von der Vergangenheit! Laß uns eintreten! Eine freundliche Schwester führt uns ins Parloir. Hier zieht unsere Blicke zunächst eine große, dunkele Büste auf sich, die Büste des frühern, verdienten AnstaltsGeistlichen Zuge, der von den Communisten ins Gefängniß geschleppt wurde, weil — weil er kein Jesuit war. Daneben hängt unter Glas und Rahmen ein buntfarbiger Kranz von Eichenblättern, die oourcmns viviyus, der von den Vertretern der republicanischeu Regierung der Anstalt verliehen wurde, ein Zeichen, daß auch die Feinde des Klosterwesens dem menschenfreundlichen Wirken der frommen Schwestern Anerkennung zollen. Noch mehr wird ein anderes Mobiliarstück des Sprechzimmers in die Augen stechen, ein großer Tisch, der mit weiblichen Handarbeiten, Teppichen, Bürsten und Besen bedeckt ist. Ja, in allen Räumen wird von den Blinden fleißig gearbeitet, in den Werkstätten für Bürsten-, Flecht- und Strick-Arbeiten, in der Küche, im Wasch- raume und in dem großen Garten mit Gemüsefeldern und Baum-Alleen. In lctzterm sehen wir blinde Nonnen mit feintastender Hand aus dem Gemüse das Unkraut jäten, und nahe dabei tummelt sich unter Aufsicht einer Schwester eine Schaar kleiner, blinder Mädchen auf dem Rasen; einige tasten im Grase umher und suchen nach Blumen, andere binden die gepflückten Blumen, sie nach Geruch und Gestalt ordnend, zu duftenden Kränzen und schmücken damit eine Statue des Erzengels Naphael, deS Arztes des blinden Tobias. Die regste Thätigkeit aber herrscht in der Relief-Druckerei; dort werden Bücher und Noten in Braille gedruckt für die Anstalt und für die ganze Welt; auch du erhältst ja monatlich eine Probe der Arbeit der blinden Schwestern, die Zeitschrift Louis Braille nämlich, die hier gedruckt wird. Die Vorsteherin der Druckerei, die von fünf blinden Gehülfinnen unterstützt wird, ist eine kleine, rührige blinde Nonne, die mit großer Umsicht und Hingebung die Arbeiten leitet und unablässig neue Einrichtungen und Verbesserungen trifft. Wenn wir die Räume durchwandern, so wird unser Auge angenehm berührt durch die große Sauberkeit und Ordnung, die überall herrschen. Ich glaube nicht, daß im ganzen Hause ein Stäubchen zu entdecken ist, daS der putzenden Hand der Blinden entgangen wäre. Bescheidene Schmnckgegenstände erhöhen den freundlichen Eindruck der hellen Zimmer; an den Fenstern blühen duftende Blumen in Töpfen, die Wände zieren religiöse Statuetten und Bilder, und aus den Ecken und Nischen ranken Guirlanden von Blättern und Blumen, welche die Schwestern in ihrer Muße mit kunstgeübteu Fingern ohne Hülfe deS Auges anfertigten. Und wie die Räume, so auch die Bewohnerinnen. In einfachen, saubern Klei» 164 dern, deren schwarze Farbe durch eine weiße Garnirung erleuchtet wird, gehen Alle, Sehende wie Blinde, Vorgesetzte wie Zöglinge, geräuschlos ihrer Beschäftigung nach und verrathen durch ihren immer gleichen heitern Gesichtsausdruck, daß gottergebene Zufriedenheit in ihren Herzen wohnt. Als ich in Begleitung der sehenden Vorsteherin in die unterste Schulklasse eintrat, trippelten Zwei blinde Kinder, im Alter von 4—6 Jahren, haschend auf die Vorsteherin zu und schmiegten sich zutraulich an sie an; diese aber hob die Kleinen auf ihre Arme und herzte und liebkoste sie, wie eine Mutter. Dabei strahlte ihr Angesicht von Glück und Wonne und zeugte von der durch die Religion verklärten Liebe, die sie ihren armen Schutzbefohlenen zuwendet. Es ist nicht der niedrige Mammon und auch nicht allein das fühlende Menschcn- herz, das diese Frauen zu ihren Werken treibt, sondern es kommt dazu die mächtigste Stimmung der Menschenseele, die religiöse Begeisterung, welche die Schwestern erfüllt und mit Freude dem Dienste der Elenden sich hingeben läßt. Bei ihrer Einkleidung legen die blinden sowohl als die sehenden Schwestern von St. Paul öffentlich vor dem Altar in der Kirche das feierliche Gclöbniß ab, sich ganz den Blinden zu weihen und alle Pflichten zu erfüllen, welche deren Erziehung erfordert. Dann werden sie mit dem Ordensgewand bekleidet, und man gibt ihnen eine Kerze in die Hand mit den Worten: „Empfanget dieses irdische Licht als Zeichen des Gnaden- Lichtes, das euch immerdar leuchten möge." Im Kloster sind zunächst 67 Ordensschwestern, fast eben so viele blinde als sehende, die den Hausdienst, sowie die Pflege und Erziehung der Blinden besorgen. Dann gibt es etwa 40 Blinde im Alter von 4—16 Jahren, die in den gebräuchlichen Schulfächern und Handarbeiten unterrichtet werden. Die Knaben bleiben in der Anstalt bis zum 9. oder 10. Lebensjahre, wo sie in eine andere Blinden-Austalt übertreten, während die Mädchen dauernd im Kloster verweilen und, wenn sie dazu Beruf haben, auch den Ordens-Schleier empfangen können. Auch nehmen die Schwestern erwachsene blinde Damen in Pension, von denen jede ihr besonderes Zimmer bewohnt. Es wird alle Sorge aufgewandt, um diesen Vereinsamten durch Lectüre, Musik, Unterhaltungen und BeschäftigungendasLebenso angenehm als möglich zu machen. So arbeitet die Genossenschaft der blinden Schwestern von St. Paul in ihrer Weise getreulich mit an der Verbesserung des Looses der lichtlosen Menschheit und füllt gewiß eine Lücke aus in dem weit verzweigten System der Blinden-Fürsorge; wenn sie auch ihre Schutzbefohlenen Meistens nicht zum freien Wirken in der Welt befähigt, so bietet sich doch allen allein stehenden blinden Mädchen ein freundliches Asyl, wo dieselben betend und arbeitend glücklich werden können. Blinde Mädchen sind nun einmal zur freien Selbstständigkeit selten geeignet. Ich schied von den frommen Frauen bewegten Herzens, und noch häufig stellen sich meinem Geiste die rührenden und erbauenden Scenen und Bilder vor, die ich in jenem ' stillen, idyllischen Heim inmitten der geräuschvollen Weltstadt sah. --- Goldkörner. Zwar ist Vollkommenheit ein Ziel, das stets entweicht, Doch soll eS auch erstrebt nur werden, nicht erreicht. Rückert. ---ss-v-cs^'- A L L S L L b?. Den Locken Jean Paul's unter dem Mikroskop widmet der Roman-Schriftsteller Nosenthal-Bonin folgende heitere Reminiscenz: „Meine Mutter besaß eine Locke Jean Paul's, eine unzweifelhaft echte, der Dichter hatte sie mit einem eigenhändigen Briefe ihrer Mutter übersandte Diese Locke wurde in unserer Familie hoch und heilig gehalten. Als ich später Physiologie studirte und ein Mikroskop bekam, untersuchte ich alles Mögliche im Hause. Ich stahl mir ein Haar von der geheiligten Locke, legte es unter das Glas und entdeckte, daß es ein Hundehaar war; das dritte, vierte und fünfte Haar, welches ich untersuchte, zeigte dasselbe Resultat. Ich suchte mir jetzt noch mehr von Jean Paul's Locken zu verschaffen. Das war zu jener Zeit in Berlin nicht schwer. Lndmilla v. Assing, die bekannte Nichte Varnhagen's, besaß ein derartig urkundlich echtes Heiligthum, ferner eine Verwandte der Heuriette Herz, — ich glaubte, sie hieß Flora Philippi — als Erbstück von jener her. Das mikroskopische Untersuchnngs-Resultat war das gleiche wie bet der Jean Paul-Locke meiner Mutter. Es waren Pudelhaare. Ich kam nun zu folgender Erklärung dieses Wunders: Jean Paul wurde, wie bekannt, bestürmt, überschwemmt mit Bitten um Locken von seinem Dichterhaupte. Dieses war frühzeitig schon so kahl, daß die Stirne ohne Hinderniß hinten in den Rockkragen überging und nur zur Seite noch einige sorgfältig bewahrte Locken von der ehemaligen Pracht seines Hauptschmuckes übrig waren. Hätte Jean Paul nur den hundertsten Theil seiner Verehrer und Verehrerinnen, die flehentlich um Locken seines Dichterhauptes baten, zufrieden stellen wollen, würde er bald keine Spur mehr von Haar besessen haben und hätte wie ein armer Landurapn jeden Nachwuchs sofort abmähen müssen. Jean Paul aber hatte ein weiches Herz, war ein galanter Mann und sein Haar war röthlich, das seines Pudels auch. An Mikroskopie dachte damals noch Niemand, und so mag der geniale Schriftsteller in seiner Verzweiflung auf den Gedanken gekommen sein, hier und da seinen Pudel zur Aushülse bei dem großen Lockenbegehr für sich eintreten zu lassen. Vielleicht reizte auch den großen Humoristen die Vorstellung, daß die hübschen Locken seines muntern „Patos" jetzt eine solche Anbetung genössen und von schönen Damen und sentimental schmachtenden Herren an die Lippen gedrückt, auf Atlaskiffen unter Glas aufbewahrt und in kostbaren Albums, mit getrockneten Veilchen umrahmt, aufbewahrt würden." ---SWWS-- Logogryph. Was dich bewegt und vorwärts treibt, Dir vor dein Thun und Lassen schreibt, Das nenn' ich dir, doch liest du mich Mit o, schaff' Kleidung ich für dich, Und liest du wieder mich mit e, Dann siehst du mich in Fluß und See. Auflösung des Arlthmogrypbs in Nr. 21: Fuchsie, Fuchs, EiS, Ei» Schuh. --- äL23. „Nugsburger Postzeitung". Dienstag, den 20. März 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Die Tochter des Hauses. Erzählung von C- Borges. (Fortsetzung.) Barbara sprach nur wenig; alle an sie gerichtete Fragen beantwortete sie kurz und einsilbig, denn bei jedem Wort fühlte sie die Blicke ihres Vaters auf sich ruhen, und sie wagte noch immer nicht, ihn anzusehen. „Sie ist allzu ängstlich, doch scheint sie aus sehr guter Familie und kaum zur Gouvernante geboren", dachte der Freiherr; endlich redete er sie an: „Mir kommt Ihre Stimme so sehr bekannt vor, Fräulein Morden, haben Sie sich früher schon in dieser Gegend aufgehalten oder habe ich Sie schon früher gesehen?" Das war eine verfängliche Frage — sie umging daher die zweite und antwortete nur: „Ich bin noch nie in dieser Gegend gewesen." Es war ihr eine große Beruhigung, daß sie damit der Wahrheit getreu bleiben konnte, denn sie wußte, daß ihr Vater sich mit seiner ersten Gattin im Auslande aufgehalten hatte, und dort ward sie geboren. Glücklicher Weise stellte ihr Vater keine weitere Frage, beendete sein Frühstück und griff dann wieder zu seiner Zeitung. Jetzt, da er sich wieder in die Lectüre vertieft hatte, wagte Barbara, genau das ernste Antlitz zu betrachten. Sie sah vor sich die edlen, aristokratischen Züge des Vaters, seine hohe, gewölbte Stirn und sein stark ergrautes Haar. Der untere Theil des Gesichtes wurde durch einen dichten Vollbart umrahmt; aber dennoch war unverkennbar ein bekannter Zug darin zu finden, der sie an Tante Agnes erinnerte. Als er jetzt sein Auge erhob, um einige Worte an seine Gattin zu richten, erschrak sie über den tief traurigen Ausdruck in seinen Zügen. „Wenn ich nur die Wunden heilen könnte, die meine Mutter ihm geschlagen hat, aber ich muß geduldig sein und darf mich nicht verrathen." Sie war so sehr in ihren schmerzlichen Gedanken versunken, daß sie heftig erröthete, als ihre Stiefmutter sie anredete. Die Kinder hatten schon gebeten, ins Freie gehen zu dürfen, doch die Mutter schüttelte energisch das Haupt. „Es geht nicht; der Schnee liegt zu hoch, Ihr könntet Euch erkälten. Auch glaube ich nicht, daß Fräulein Morden Lust hat, mit Euch hinaus zu gehen." „Fräulein Morden!" riefen drei helle Kinderstimmen, „bitte, sagen Sie, daß es draußen schön ist. Es ist so herrlich im Schnee; wir spielen dort so gern!" Barbara blickte fragend ihre Stiefmutter an. „Wenn Sie glauben, daß es den Kindern nicht schadet, so gehe ich gern mit. Es ist ein frischer klarer Morgen, und ich gehe gern in den Schnee." „Hörst Du wohl, Mama, dürfen wir jetzt gehen?" „Na, so geht nur, aber höchstens eine Stunde. Eveline, geh' und sage Gleichen, daß sie Euch die dicksten Stiefel anzieht und Euch warm einhüllt." Im Augenblick hatten die Kleinen das Zimmer verlassen und stürmten jubelnd die Treppe hinauf. „Es ist gut, daß wir hier wenigstens ein wenig Ruhe haben," bemerkte der Hausherr. „Die Knaben machen oft wirklich zu vielen Lärm, Eveline." Seine Gattin blickte auf, doch sie unterdrückte die scharfe Entgegnung, die sie auf der Zunge hatte, und zu Barbara gewendet, sagte sie: „Lassen Sie die Kinder nicht zu lange draußen, Fräulein Morden, und wenn Sie wieder hereinkommen, will ich mit Ihnen im Schulzimmer den Unterrichtsplan besprechen." Barbara versprach es, dann eilte sie fast so schnell wie die Kinder die Treppe hinan. Sie freute sich, endlich ins Freie zu kommen, um dort, wie in ihrer Hcimath, sich im Schnee tummeln zu können. „Meine armen kleinen Vögel", dachte sie, „ob Tante Agnes sie wohl füttert? Ich hatte sie so sehr darum gebeten. — Hier werde ich es wohl noch nicht thun dürfen." Noch nie hatten die Kleinen so herrlich im Schnee gespielt wie heute. Sie liefen um die Wette, spielten mit Schneebällen, machten einen riesigen Schneemann, so daß die Kleinen von ihrer neuen Gouvernante ganz entzückt waren. Sie konnte ebenso schnell laufen, wie Edmund, so hoch werfen wie Onkel Arthur, und als der kleine Alex gefallen war, nahm sie ihn auf die Schulter und lief mit ihm so schnell durch den Garten, wie ihre Füße sie nur tragen konnten. — Das war eine Gouvernante, wie sie die Kinder in ihren besten Erwartungen kaum erhofft hatten! Als kaum eine Stunde vergangen war, kehrte die kleine Gesellschaft mit hochrothen Wangen und leuchtenden Augen lachend und scherzend ins Schloß zurück. „Oh Mama, das war herrlich! Fräulein Morden 168 kann ebenso gut laufen und spielen wie Onkel Arthur", jubelten die Kinder. „So, kann sie das? Jetzt geht zu Gleichen und laßt Euch helfen, die durchnäßten Mantel und Stiefel abnehmen. — Wollen Sie zu mir in das Schulzimmer kommen, wenn Sie Ihre Kleider gewechselt haben?" wandte sie sich an Barbara. „Ich werde sogleich bereit sein, Frau v. Garkau." Ihre Wangen glühten vom Laufen in der frischen Winterluft, die dunkelbraunen Augen leuchteten freudig. Sie schüttelte den Schnee aus ihren dicken Flechten, die von dem Glanz der Sonne wie mit einem goldigen Schein umgeben waren. „Welch' ein liebliches Mädchen!" dachte die Stiefmutter, als sie ihr nachschaute. „Ich will nur hoffen, daß mein Vetter Arthur Dornburg ihr nicht zu tief ins Auge schaut, wenn er in der nächsten Woche zu uns kommt. — Ha, mir kommt ein glücklicher Gedanke! Ich will für dieselbe Zeit Olga Rosen einladen; die beiden haben sich gern, und da Olga kürzlich geerbt hat, so wäre das eine gute Partie. Arthur muß eine reiche Gattin wählen!" Drittes Capitel. Glücklicher Weise hatte Barbara eine vorzügliche Erziehung genossen und ihre Kenntnisse waren so bedeutend, daß sie den vielen Anforderungen, die an sie gestellt wurden, vollkommen gerecht werden konnte. Nur um Edmund schien Frau v. Garkau besorgt. Er sollte in wenigen Monaten das Gymnasium besuchen, und sein Wissen war bis jetzt noch ziemlich mangelhaft. Evelinens Fortschritte schienen ihr kaum der Bedeutung werth. Und doch hatte Barbara schon während der ersten Unterrichtsstunden erkannt, daß dem schüchternen, schwächlichen Mädchen bedeutend größere Geistesgaben verliehen waren, als dem jüngeren Bruder, der nicht einmal durch angestrengten Fleiß diesen Mangel zu ersetzen suchte. Der Freiherr blieb der neuen Gouvernante gegenüber gleichmäßig freundlich, aber zurückhaltend. Er schien sich an den Ton ihrer Stimme gewöhnt zu haben, und nur wenn ihr heiteres, silberhelles Lachen an sein Ohr drang, zuckte er jäh zusammen, und sein ernst- trauriges Antlitz wurde noch bleicher. Den größten Theil des Tages verbrachte er in seinem Arbeitszimmer, um hier durch angestrengte Thätigkeit Ruhe und Vergessenheit zu finden. Als er vor zwölf Jahren eine neue Herrin in das Schloß seiner Vüter einführte, war es der jungen Gattin wohl bewußt, daß der finstere Sonderling ihr nicht die volle Liebe eines jungen Herzens entgegenbrachte, denn noch immer hing sein Herz an seiner ersten Gattin, deren frühen Tod er durch seine Lieblosigkeit verschuldet zu haben glaubte. Die junge, lebensfrohe Gattin hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den ernsten, verschlossenen Mann mit seinem tief-traurigen Antlitz wieder aufzuheitern und ihm seinen Verlust zu ersetzen. — Es war ihr nicht gelungen. — Die arme Frau! Sie fühlte sich bitter enttäuscht und ward fast eifersüchtig auf die so früh Dahingeschiedene, deren trauriges, kurzes Leben ihr nicht unbekannt war. Nach besten Kräften hatte sie den Gatten zu überreden gesucht, Barbara zu sich zu nehmen, oder sie wenigstens zu besuchen; er hatte nicht gewollt. - Da j hatte sie dann selbst ihrer unbekannten, damals noch ' nicht achtjährigen Stieftochter einen Brief geschrieben, den das Kind auch mit Hilfe der Tante beantwortet hatte. — Dieser Brief lag wohlverwahrt mit den wenigen, die sie von ihrem Vater erhalten hatte, in ihrem Schreibpulte. Frau von Garkau hatte nur wenige Freunde. Sie wußte selbst nicht, wie es gekommen war, daß die neue Gouvernante mit ihrem ehrlichen, offenen Wesen und herzgewinnender Freundlichkeit schon nach wenigen Tagen ihr ganzes Vertrauen gewonnen hatte. — Schon oft, wenn die Stunden beendet, kam sie zu einem traulichen Plauderstündchen ins Schulzimmer, und mehr als einmal hatte sie von ihrer entfernten, unbekannten Stieftochter erzählt, die nach dem letzten Willen eines alten, excentrischen Oheims im nächsten Jahre zu einem bedeutenden Vermögen gelangen sollte. „Ich hoffe, im nächsten Jahre, wenn sie zwanzig Jahre alt ist, wird mein Gatte erlauben, daß sie hierher kommt," hatte sie damals seufzend hinzugefügt, denn sie hatte um diese Gunst schon so oft gebeten, und jedesmal war der finstere Blick des Gatten drohender geworden. Auch heute kam die Schloßherrin, jedoch später wie gewöhnlich, ins Schulzimmer. Sie sah bleich und angegriffen aus; ihr Kopf schmerzte, ihre Augen brannten. Die Kinder, die gerade nach dem Kinderzimmer geschickt wurden, kehrten auf der Schwelle wieder um, und der kleine Alex sprang jubelnd auf den Schooß der Mutter. „Quäle die Mama heute nicht," gebot Barbara sanft, „geh' zu Gleichen!" Das Kind gehorchte augenblicklich. Die Mutter hatte sich oft gewundert, wie folgsam die Kinder der neuen Gouvernante waren. Nur Eveline blieb einen Augenblick stehen, doch auf Barbaras Wink entfernte sie sich gleich. „Das Licht blendet; mein Kopf schmerzt," stöhnte die Freifrau. Barbara holte den Lichtschirm, schob einen bequemen Sessel für die Stiefmutter zurecht, stellte einen niederen Schemel für die Füße bereit und wartete geduldig, bis sich die sichtliche Erregung ein wenig gelegt hatte. Es dauerte auch nicht lange, so wußte Barbara, daß ihr Vater jetzt mit allem Ernst darauf drang, seinen Sohn Edmund zu Ostern in eine Erziehungsanstalt zu geben, und daß die Mutter sich geweigert hatte, sich von ihm zu trennen. — Es war eigenthümlich, daß sich das Herz der Stiefmutter sympathisch zu Barbara hingezogen fühlte, und zum ersten Male erzählte sie ihr auch heute von Nora, ihrer eigenen Mutter. Barbara beugte sich tief über eine kleine Arbeit, um die aufsteigende Nöthe in ihrem Antlitz zu verbergen; doch kein nachtheiliges Wort kam über die Lippen der Erzählerin, die nur beklagte, daß es ihr nicht gelingen wolle, so wie die erste Gattin, die Liebe des finsteren Schloßherrn zu gewinnen. „Ich weiß nicht, warum ich gerade Ihnen mein Herz ausschütte, Fräulein Morden," sagte sie dann, „aber ich weiß, daß ich Ihnen vertrauen kann, das sehe ich in Ihrem Antlitz, und es thut mir so wohl, daß Sie so geduldig meine Klagen anhören." Zwei Tage später hatte endlich der lang erwartete Arthur Dornburg seine Ankunft gemeldet. Die Kinder frohlockten; auch Barbara hatte längst entdeckt, daß er der ausgesprochene Liebling des ganzen Hauses war. Die Freifrau liebte ihn, selbst das Antlitz des finstern Haus- W»R »MW D!MZ > AN - D WMZ! W« Christi Dornenkrönu^g «MH l!ülI!lliI!!'.Ä ANAWUm MWMMM K7. ZUW ÄZM> ME'r ''UM EV WWZ M' -,! VWG UM MIM MMK »M 8M-U ^^W-KLäLiüLS 168 Herrn erhellte sich, als die Ankunft des lieben Gastes unwiderruflich gemeldet ward. Barbara hatte in den letzten Tagen schon so viel von ihm reden hören, daß er ihr gar nicht fremd war. Er war der Vetter der Freifrau und Oberst eines Regiments in der nahe gelegenen Garnison. Er war ohne Vermögen und nur auf seine Gage angewiesen; seine Cousine war darum stets darauf bedacht, ihn mit den reichsten jungen Damen der Umgegend zusammen zu bringen. Doch so sehr der Oberst auch bei seinen Kameraden beliebt, von den Kindern fast vergöttert wurde, bei dem schönen Geschlecht hatte er keine Lorbeeren gesammelt. Dies hatte die Freifrau gegen Barbara offen ausgesprochen, zugleich hinzugefügt, daß die reizende Olga Rosen, die ebenfalls erwartet wurde und jetzt in den Besitz eines bedeutenden Vermögens gelangt sei, gewiß einen guten Eindruck auf den Vetter machen würde. Barbara lächelte. Die innersten Gedanken der Freifrau lagen wie ein aufgeschlagenes Buch vor ihr. Sie wollte ihr einen Wink geben, der sie daran erinnern sollte, daß sie ja nur eine arme Erzieherin sei, die in respektvoller Entfernung bleiben und den Weg ihres Vetters nicht zu kreuzen habe. Späterhin wurde noch ein anderer Gast, Graf Udo von Eckernstein, erwartet, doch dieser wurde kaum erwähnt; die Freifrau glaubte zweifellos, daß hier eine Warnung der Gouvernante gegenüber nicht am Platze sei. „Fräulein Morden, Mama läßt bitten, in den Salon zu kommen; sie möchte gern ein Duett mit ihnen singen," berichtete Eveline, die leise das Schulzimmer betreten hatte. „Gut — ich will kommen." Die Kleine eilte davon und Barbara mußte jetzt wirklich lachen. „Wird sie wohl morgen mit mir singen wollen, wenn der allgemein beliebte Vetter Arthur hier ist?" dachte sie bei sich selbst, „und werde ich ihn auch für so vollkommen halten wie all' die andern? O, mein armes Herz, fei auf Deiner Hut! eine arme Gouvernante darf ja kaum ihre Augen erheben. Aber — wie konnte ich das nur vergessen — ich bin ja auch eine Erbin! Haha! wenn meine Stiefmutter nur wüßte, wer ich wäre." Mit heiterem Antlitz und freudig glänzenden Augen sang sie mit ihrer wohlgeschulten melodischen Stimme ein Lied nach dem andern und übte mit der Stiefmutter manches Duett ein. Der Schloßherr lehnte in seinem Armstuhl. Mehr als einmal ruhte sein Auge mit Wohlgefallen auf dem jugendlich 'frischen Antlitz seines eigenen Kindes, dessen Stimme ihn so harmonisch berührte. „Welch' ein glückliches, reizendes Gesicht! Wie schade, daß sie nicht immer bei uns bleibt! Wer weiß, ob Fräulein Wettern so gut wie sie mit den Kindern umzugehen versteht!" dachte er dann. — — — — — — — — — — Dämmerung war eingetreten. Im behaglich durchwärmten Speisezimmer saß Freifrau von Garkau, ihr gegenüber der soeben angekommene Vetter Arthur Dornburg. „Na, dies ist 'mal wieder ein Sonnenblick in meinem Leben, Eveline, es athmet hier bei Dir die rechte Heimaths- luft; ich bin so gerne hier und seit meinem letzten Besuch ist schon geraume Zeit verflossen." Oberst Dornburg schob mit diesen Worten seine Tasse zurück und streckte behaglich seine Glieder. „Nun, was hat sich denn hier Neues zugetragen?" fuhr er heiter plaudernd fort. „Gottfried hat sich gewiß, wie gewöhnlich, in seinem Arbeitszimmer unter seinen Büchern vergraben! Hast Du mir nicht von seiner neuen Gouvernante geschrieben? Hoffentlich ist sie nicht so hartherzig und erlaubt mir ab und zu einen Besuch im Schulzimmer! Fräulein Müller war früher ganz entsetzlich böse, wenn ich mich dort nur blicken ließ." „Fräulein Morden ist durchaus nicht mit Fräulein Müller zu vergleichen, lieber Arthur," versicherte die Cousine. „Sie ist jung und lebenslustig, die Kinder schwärmen für sie; aber leider wird sie nur wenige Monate bei uns bleiben." „Wie kommt das?" „Wir hatten eine andere Dame engagirt, Fräulein Wettern, die mir besonders warm für die Erziehung der Knaben empfohlen wurde. Doch sie wurde krank und sandte Fräulein Morden in Vertretung." „Wie sieht sie aus? ist sie jung und hübsch, oder alt und häßlich!" „Ich finde sie ganz hübsch, wiewohl ich mir eigentlich über die Begriffe von Schönheit kein Urtheil anmaße! sie hat jedoch rothes Haar." „Ganz mein Geschmack," scherzte Arthur. „Wirklich? Ich glaubte, Du bewundertest hellblondes Haar und Wasserblaue Augen!" „Zu Zeiten auch!" „Dann wirst Du Dich freuen, daß ich Olga Rosen eingeladen habe! Wir erwarten sie noch heute Abend!,, Der Offizier schaute einen Augenblick ernst seine Cousine an, dann lachte er hell auf. „Also dahinaus geht's, meine liebe Eveline. Haha! ich weiß jetzt Bescheid! Paß auf, ich will Dir all' Deine geheimsten Gedanken sagen: Fräulein Rosen ist jung, liebenswürdig, schön, sie ist eine reiche Erbin — —" „Nun, das ist doch kein Uebelstand, Arthur," unterbrach die Freifran gereizt. „Durchaus nicht! Es würde aber doch höchst fatal sein, wenn ich mich anstatt in Fräulein Rosen in die rothhaarige Gouvernante verliebte. — Leugne es nicht, Eveline, Du siehst, es gelingt Dir nie, Deine Gedanken zu verbergen, ich lese sie, wie aus einem offenen Buche. Doch sei nicht böse und mache Dir meinethalben keine Sorgen, ich bin nun einmal ein alter Junggeselle und werde es bleiben bis an mein Lebensende!" „Aber bedenke Deine Carriere, Du mußt heirathen, wenn Du als Offizier standesgemäß leben willst." „Bah! ich nehme meinen Abschied und wandere aus. In Amerika oder in Australien fange ich dann ein ruhiges Leben als ehrbarer, biederer Landmann an; — ich würde nie eine reiche Erbin ihres Geldes willen nehmen! — Halloh! was ist denn da draußen für ein Lärm?" „Es sind nur die Kinder, die heute mit Fräulein Morden in der Halle spielen. Da es den ganzen Tag regnet, können sie nicht in den Garten und baten mich, dort ihre Spiele treiben zu dürfen." „Das ist ja herrlich! ein gutes Spiel gibt erst den rechten Appetit zum Abendessen," und ehe die Freifrau es hindern konnte, hatte Arthur die Thüre geöffnet und stand in der Halle. „Onkel Arthur! Onkel Arthur!" jubelten drei helle Kinderstimmen und umringten den Neuangekommenen. „Halloh, Kinder, was macht Ihr hier für einen Lärm!" „Oh, Onkel Arthur, wir haben so vielen Spaß. — Wir spielen Blindkuh, und Fräulein Morden muß uns greifen! Komm, spiele mit uns!" „Von Herzen gern, Kinder. Aber zuerst müßt Ihr mich Fräulein Morden vorstellen; — sie könnte mich sonst greifen, und wüßte dann nicht, wer ich bin." Oberst Dornburg schritt auf Barbara zu, die schnell die Binde von den Augen gerissen hatte. Er sah vor sich ein schlankes Mädchen, mit edlen aristokratischen Zügen, vom Spiel geratheten Wangen, und die dunklen Augensterne leuchteten in feurigem Glänze. Die dicken kastanienbraunen Flechten, die sonst fest um den Kopf geschmiegt waren, wie es sich einer ehrbaren Gouvernante geziemte, hatten sich vom Spiel gelöst und hingen in schweren Ringeln über Hals und Schulter. Er sah sie bewundernd an, dann wandte er sich an Eve- line, die noch immer seine Hand nicht losgelassen hatte. „Jetzt mußt Du mich in allerForm vorstellen. — Fräulein Morden", fuhr er dann fort, als das Kind beharrlich schwieg, „ich muß mich selber vorstellen, wie ich merke. Ich bin Arthur Dornburg, Ihr ganz gehorsamster Diener, — Ihren Namen kenne ich schon." BarbarasWangen färbten sich dunkler. „Wollen Sie mir nicht die Hand reichen, ehe das Spiel fortgesetzt wird?" fragte er dann heiter. Barbara konnte nicht widerstehen, sein offenes, ehrliches Wesen gefiel ihr, und freudig reichte sie ihm die Hand. Jetzt fing das Spiel von Neuem an; es wurde gescherzt und gelacht, und Arthur sah mehr als einmal in das freudig erregte Antlitz der Gouvernante, die eben so viel Freude an diesem harmlosen Spiel zu haben schien, wie die Kinder selbst. Endlich sank sie auf einen Stuhl, um sich auszuruhen, und Arthur fand auch, daß er zu müde war. um weiter zu spielen. Er setzte sich ihr zur Seite, doch damit waren die Kinder durchaus nicht zufrieden. 170 „Oh, Onkel Arthur, warum bist Du so gleich müde?" „Ich bin nicht mehr so jung wie Du bist, Edmund, und ich habe heute schon eine weite Reise gemacht." „Fräulein Morden kann uns so reizende Geschichten erzählen, von Elfen und Feen, und tausend schöne Märchen," berichteten die Kinder. „Kann sie das wirklich? Darf ich denn auch wohl kommen und zuhören? ich höre so gern Geschichten. Frage sie doch, Eveline, vielleicht erlaubt sie es mir." „Oh ja — ja, komm nur," riefen die drei Kinder. „Er darf doch kommen, nicht wahr, Fräulein Morden?" Der Officier schaute lächelnd auf Barbara. Er ahnte, daß die Frage der Kinder sie in nicht geringe Verlegenheit setzte. „Fürchten Sie nichts, Fräulein Morden," sagte er schnell, „ohne Ihre Erlaubniß will ich nicht kommen. — Wie ist es denn mit Gespenstergeschichten, kann Fräulein Morden die auch erzählen?" wandte er sich dann an die Kinder. „O, sie versuchte es einmal", erwiderte Edmund mit wichtiger Miene, „aber wir fürchteten uns gar nicht. Du kannst sie uns viel besser erzählen, so schrecklich—" „Arthur,Arthur! wo bist Du? ich höre den Wagen rollen, Fräu- leinRosen wird sogleich hier sein," ertönte plötzlich die Stimme der Freifrau in der geöffneten Thür. Als sie die kleine Gruppe in der Halle erblickte, verfinsterten sich ihre Züge. Oberst Dornburg saß neben der Gouvernante, Edmund auf seinen Knieen und Alex auf Barbaras Schooß. Eveline stand im Hintergrund und schmiegte ihren Arm um den Hals der geliebten Erzieherin. Es war ein lieblicher Anblick, aber er reizte die Freifrau. „Olga wird sogleich hier sein, Arthur," fuhr sie deshalb erregt fort, „wenn es Dir möglich ist, Dich von den lästigen Kindern loszureißen , hilfst Du mir vielleicht sie zu empfangen. — Fräulein Morden, es ist jetzt Zeit, daß Sie sich mit den Kindern in das Schulzimmer zurückziehen!" Barbara erröthete heftig; noch nie zuvor hatte die Freifrau in diesem befehlend herrischen Tone mit ihr gesprochen. Doch sie erwiderte nichts; sie erinnerte sich, daß sie ja nur die arme Gouvernante war, die schweigend gehorchen mußte. „Adieu, Fräulein Morden. Wir müssen bald noch einmal Blindkuh spielen," rief der Oberst und reichte ihr zum Abschied die Hand, die er leise drückte. (Fortsetzung folgt.) --SSWN-S-.. Goldkörner. Wer kann alles, was er will? Wer nur will, was er kann! k. Joseph Weiher, Wächter am heil. Grab, ein bayerischer Landsmann. (Mit Bild.) —s. Alljährlich am Charfreitag wird in sämmtlichen Pfarrkirchen der Diöcese Augsburg das Opfer für die sogenannten Väter oder Wächter am hl. Grabe zu Jerusalem eingesammelt. Möge es uns gestattet sein, dem freundlichen Leser einiges über die Aufgabe derselben zu erzählen und im Besonderen auf einen bayerischen Landsmann aufmerksam zu machen, der das erhabene Amt eines Wächters am hl. Grabe schon seit Jahren versieht. Bereits im Jahre 1219, also 10 Jahre nach Stiftung seines Ordens, kam der hl. Franziskus mit 12 Gefährten in's hl. Land, doch schon nach wenigen Jahren wurden sämmtliche Patres in der Kirche des hl. Grabes von einer grausamen Horde der Charesmier niedergemacht, im Jahre 1291 traf die Väter in Akkon das nämliche Schicksal. Diese und ähnliche schwere Prüfungen vermochten übrigens die tapferen Söhne des hl. Franziskus nicht zu entmuthigen, schon wenige Jahre später finden wir wieder andere Väter wachend und betend am hl. Grabe. Und so ist es bis heute geblieben, wenn auch leider die Franziskaner im Laufe der Jahrhunderte namentlich durch Geld und Trug der Griechen manche hl. Stätten ganz verloren haben, an andern ein Miteigenthumsrecht zugestehen mußten. Das Hauptkloster des Ordens im hl. Lande ist St. Salvator in Jerusalem, ein weit ausgedehnter Bau, gleichsam eine Stadt im Kleinen, vorsorglich von einer Mauer umgeben. Mehr als 10 Zisternen sorgen dafür, daß die ehrwürdigen Väter und sonstigen Inwohner des Klosters keinen Durst zu leiden brauchen, sie füllen sich zur Regenzeit mit dem Wasser, das aus den Höfen und von mehreren Terrassen in dieselben hinabgeleitet wird. Dieses Zisternenwasser ist übrigens gar nicht schlecht und oft frischer als das Quellwasser des hl. Landes. St. Salvator schließt außer den Zellen für die Mönche ferner in sich eine stattliche Bibliothek als geistliche Werkstätte, dann Werkstätten für Schreiner, Schlosser, Schmiede, Nudelfabrikation rc., eine Dampfmühle und eine große Bäckerei; hier wie in andern Häusern des Ordens wird die christliche Liebe in ausgedehntem Maße geübt und wandern allwöchentlich Hunderte von Brodlaiben in die Hände der Armen. Es ist ein interessantes Schauspiel, wenn nach der Ernte die Landleute mit ihren schwerbeladenen Eseln und Kameelen im Klosterhof erscheinen, um ihr überschüssiges Getreide an das Kloster zu verkaufen. Das Hauptkloster St. Salvator hat in Jerusalem eine Filiale, nämlich das Kloster am hl. Grabe, welches jenen Franziskanern zum Aufenthalte dient, welche die r. Joseph Weiher. Wächter am heiligen Grab in Jerusalem. 171 Wache am hl. Grabe haben. Es ist an die hl. Grab- kirche angebaut und besitzt keinen andern Ausgang, als durch diese Kirche, so daß, wenn die Türken dieselbe geschlossen haben, auch die Wächter am hl. Grabe eingeschlossen sind. Das Essen, mit Ausnahme des Kaffee's, wird ihnen jeden Tag von St. Salvator aus gebracht und durch eine kleine Oeffnung gereicht. Das Klösterlein selbst ist armselig und dabei, weil es tief in den Boden eingebaut ist, ziemlich ungesund. Bis vor wenigen Jahren befand sich über demselben ein türkischer — Pferdestall, dessen Unrath zuweilen seinen Weg bis in die Zellen der Franziskaner fand. Kaiser Franz Joseph von Oesterreich, der große Wohlthäter des hl. Landes, machte diesem halten, die jeden Nachmittag unter Gebet und Gesang sich zu sämmtlichen heiligen Orten der Grabkirche bewegt. Dazu kommt der Beichtstuhl und andere Verrichtungen. Der Dienst eines Wächters am hl. Grabe ist anstrengend, unter Umständen sogar gefährlich wegen der fanatischen Griechen und Türken, der Aufenthalt im hl. Grabkloster ungesund; deshalb muß kein Franziskaner länger als ununterbrochen drei Monate darin verweilen und kehren die meisten wieder gern nach St. Salvator zurück. Man hat aber auch Beispiele, daß einzelne fromme Mönche fast ihre ganze Ordenszeit daselbst zugebracht haben. Eben jetzt befindet sich dort ein Sohn des hl. Franziskus — wir dürfen ihn mit Stolz unsern Landsmann nennen — Eingang in die Heil. Grab-Kirche. Heiliges Grab. Mi H SS» M «M WWW WWWWKüW WWM MMW - -"»I'L.UU, BÄ?' -itÄü-W MM schmählichen Zustande ein Ende, indem er den Pferdestall ankaufen und an seiner Stelle eine Terrasse errichten ließ. Eine andere Terrasse, die sich über dem Klösterlein erhebt, war früher der einzige Ort, wo sich die Wächter am hl. Grabe im Freien bewegen und wieder etwas frische Lust schöpfen durften. Gegenwärtig ist es nicht mehr so streng und verläßt wohl zuweilen ein Pater seine Zelle auf einige Stunden, um eine Wallfahrt nach Bethlehem, dem Oelberg oder sonst einem hl. Orte zu machen, oder mit Pilger-Landsleuten, die gerade in Jerusalem weilen, sich abzugeben. Aufgabe der Wächter am hl. Grabe ist es, den Chor zu besorgen, der schon vor Mitternacht beginnt, die verschiedenen Gottesdienste am hl. Grab und den andern Sanktuarien, dann die feierliche Prozession abzu- hochverehrt von all seinen Ordensgenossen, der nun schon 12 Jahre das erhabene Amt eines Wächters am hl. Grabe versieht; es ist dies Pater Joseph Weiher, gebürtig von Niedhof, einer Filiale der an der Ostseite des Auer- berges sich weithinstreckenden Pfarrgemeinde Bernbeuren. Schon als Student machte er eine Pilgerreise in's hl. Land, und damals erwachte in ihm die Sehnsucht, Wächter am hl. Grabe zu werden. Er nahm zum zweiten Male, diesmal auf immer für diese Welt, Abschied von Vaterland und Angehörigen, vollendete seine Studien in Bethlehem, das Noviziat in Nazareth, feierte am Dreifaltigkeitssonntag 1881 seine Primiz in der hl. Grabkirche und trat dann alsbald in das Klöstcrlein am hl. Grabe ein, wo er wohl bis zum Tode ausharren wird. Ein Jerusalemspilger, der vor drei Jahren gestorben ist, hat 172 mir wiederholt versichert, Pater Joseph werde noch ein berühmter Mann, weil er es solange aushalte als Wächter am hl. Grabe; ich kann wohl versichern, daß der demüthige Ordensmann nach nichts weniger strebt, als nach Berühmtheit; konnte ihn doch der liebenswürdige Pater Vikar nur in Kraft des Gehorsams bewegen, sein Bild beim Photographen in Jerusalem machen zu lassen. Sein einziger Ruhm ist es, Tag für Tag an jenen hl. Stätten zu beten, wo der Heiland gelitten und gestorben, wo er nach kurzer Grabesruhe wieder erstanden und den hl. Frauen erschienen ist, sein sehnliches Verlangen, in unmittelbarer Nähe des Hügels Calvaria dereinst sterben zu dürfen. Möge dieser Augenblick für Pater Joseph noch recht ferne sein, möge er noch recht viel Jahre seines hl. Amtes walten und an der heiligsten Stätte der Welt beten für seine bayerischen und deutschen Landsleute l Es sei schließlich gestattet, ein schönes Wort des sel. Alban Stolz anzuführen: „Manche fromme Mönche haben sich hier schon so sehr in ein gottseliges Sinnen und Sein eingelebt, daß sie viele Jahre lang niemals die hl. Grabkirche mehr verließen. Wer die Welt und Sinnlichkeit gründlich unter den Füßen hat und wahrhaft in Christus sein Leben und seine Welt gefunden, dem wird der lange Aufenthalt in der hl. Grabkirche zu einem Aufenthalt bei Christus sich gestalten und ihm die Langeweile verschwinden gleich dem Seligen in der Ewigkeit." -«S-SNUH«- Zu unseren Bildern Christi pornenkrönnng. Die hl. Cha: Woche ist besonders dem Leiden und Sterben unseres Heilandes geweiht. Wir wandeln im Geiste mit Jesu den Weg des Kreuzes und ergehen uns in frommen Betrachtungen über all das, was Jesus für uns gelitten. Eines der fünf schmerzhaften Geheimnisse ist es, was auf unserem Bilde dargestellt ist, die Dornenkrönung Christi. Bei Math. 27, 27 ff. leten wir hierüber: „Dann nahmen die Soldaten des Landpflegers Jesum in das Richthaus und versammelten die game Schaar um ihn her. Sie zogen ihn aus, und legten ihm einen Purpurmantel an, flockten eine Krone von Tornen, setzten sie auf sein Haupt und gaben ihm ein Rohr in seine Rechte, fielen vor ihm nieder, verspotteten ihn und sprachen: Sei gegrüßt, König der Juden!" — Pietü. Von einer Anzahl hervorragender Künstler der bildenden Kunst und der Malerei besitzen wir Werke, welche unter dem Namen PielL (Frömmigkeit, Barmherzigkeit) bekannt und hochgeschätzt sind. In der bildenden Kunst ist es meist die Darstellung der Maria mit dem Leichnam Christi im Schooße. Die berühmteste aus der klassischen Zeit ist die überlebensgroße Gruppe von Michelangelo in der Peterskirche zu Rom. Unter den Malern haben besonders G. Bellini und van Dyck das Motiv der Pietä behandelt. In neuerer Zeit hat Rietschel u. A. eine Abweichung von dem überlieferten Typus insoferne versucht, indem sie die Maria an der Seite des Leichnam's Christi knieend, oder den Leichnam Christi umarmend darstellen. — Hilder aus Palästina. Die Kirche des heiligen Grabes. Sonnet von Dr. L. Lang. O heilig Haus, um das die Völker rangen, Wie sie um keins auf Erden je gerungen, Gebenedeit von Millionen Zungen, Von heißen Wünschen sehnsuchtsvoll umfangen! Dir gilt der Christen glühendes Verlangen, In dir zu knie'n zu frommen Huldigungen, Das Grab zu schau'n, dem sich der Herr entrungen, Von welchem aus das Heil der Welt gegangen Und wer dich sah, der scheidet dann in Trauer; War's uns're Sünde nicht, die in die Schauer Des Todes hat den Gottessohn getrieben? Doch Freude auch erblüht in deinen Hallen: Das Grab des Herrn verbürgt den Himmel Allen. Die Ihm sich weih'n in Glauben, Hoffen, Lieben. Allerlei. Von einem „Währungswunder" wird der „Franks. Ztg." aus Waverly in Iowa geschrieben: Im fernen Südwesten an dem Grenzflüsse Rio Grande liegt die amerikanische Stadt El Paso, der mexikanischen Stadt Juarez gegenüber. Beide sind durch eine Brücke verbunden. In El Paso ist der amerikanische Silber-Dollar selbstverständlich 100 Cents werth, der mexikanische aber nur 85 Cents. In Juarez herrscht das umgekehrte Verhältniß. Leider ist in beiden Städten das Kleingeld fast so rar wie in Italien. Wenn nun ein Mann in El Paso am Morgen einen Schnaps für 15 Cents trinkt und einen Silber-Dollar in Zahlung giebt, so erhält er einen mexikanischen Dollar heraus. Der Mann geht dann Geschäfte halber nach Juarez, jenseits des Flusses, und. ist unterdessen wieder durstig geworden. Er tritt in eine mexikanische Wirthschaft, trinkt einen mexikanischen Schnaps für 15 Cents, zahlt mit seinem mexikanischen Dollar und erhält einen amerikanischen Dollar heraus. Jetzt hat er für 30 Cents Schnaps getrunken und noch keinen Cent seines Vermögens verloren. Für feuchtfröhliche Menschen ist die Gegend ein Paradies, ein Silber-Dollar und gesunde Beine genügen, um in äulai susiilo zu leben, nur darf man hüben und drüben jedesmal nickt mehr vertrinken, als der Währungsunterschied zwischen dem amerikanischen und dem mexikanischen Dollar beträgt. -- Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt. Auslösung des Logogryphs in Nr. 22: Wille, Wolle, Welle. 34 . Ireitag, den 23. März 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Max Huttler). C h a v f Le r t a g. Hier hangest Du, auch meine Sünden Trägt Gottes Sohn am Kreuzesholz, Der Leiden Tiefen zu ergründen Vermagst Du nimmer, Menschenstolz! Die Welt erbebt, in seinen Grüften Ist schauernd selbst der Tod erwacht, Es geht der Schmerz durch Fels und Klüften, Und auf der Erde wird es Nacht. Um Golgatha ist's still geworden. Der grimme Feind schlich scheu davon. „Der ist ein Gott am Kreuze dorten!" Ruft zeugend auch des Heiden Sohn. Dräut nun ein ewiges Verderben, Bleibt immer diese Todesnacht? Mein Heiland neigt das Haupt zum Sterben, Alleluja, er hat's vollbracht! Adolph Müller. Die Tochter des Hauses. Erzählung von C. Borges. (Fortsetzung.) Viertes Capitel. Tage waren vergangen. Barbara hatte weder den jungen Osficier, noch Fräulein Rosen gesehen, denn wenn Gesellschaft im Schlosse war, mußte die Gouvernante im Schulzimmer bleiben. Da pochte es an die Thür. „Ich bin's, darf ich hereinkommen?" fragte leise eine geheimnihvolle Flüsterstimme. „Es ist Onkel Arthur," erklärte Eveline. Die drei Kleinen saßen wie gewöhnlich um Barbara v geschaart, die aus einem Märchenbuche vorlas. Wieder ertönte das Klopfen. „Herein!" rief Barbara. „Habt Ihr hier ein Plätzchen für mich, Kinder?" fragte scherzend der Oberst. „Ja — ja!" ertönte es aus drei hellen Kehlen, und jauchzend sprangen die Kinder auf, den geliebten Onkel in ihre Mitte ziehend. „Fräulein Morden", begann er, als er das Buch in Barbaras Hand sah, „lesen Sie weiter, bitte. Ich höre gern Geschichten und wollte mich hier amüsiren. Unten ist's entsetzlich langweilig. Herr von Garkau sieht kaum von seiner Zeitung auf, und Fräulein Rosen unterrichtet meine gute Cousine über die neueste Mode. Das konnte ich nicht länger ertragen und flüchtete mich hierher zu Ihnen." „Erzähle uns eine Gespenstergeschichte, aber so schrecklich, wie Du sie nur weißt. Fräulein Morden fürchtet sich nicht so, wie früher Fräulein Müller", baten die Kinder. „Wirklich nicht?" scherzte er mit einem bedeutungsvollen Blick auf Barbara. „Dann kann ich ja wohl die schaurigsten erzählen, die ich weiß. — Für diese kleinen Trabanten ist nichts haarsträubend genug, das weiß ich aus Erfahrung." Er setzte sich in einen Sessel, gerade Barbara gegenüber, die beiden Knaben auf seinen Knieen schaukelnd. Er war ein vorzüglicher Erzähler, der es wohl verstand, seine Zuhörer in Spannung zu halten. Die Kinder lauschten athemlos seiner sclbsterdachten Gespenstergeschichte, die er in den grellsten Farben ausmalte. Doch lange konnte die kleine Schaar nicht still sitzen, und Onkel Arthur, der der Anstifter aller erdenklichen Spiele war, freute sich, wenn es recht lustig und toll im Schulzimmer herging. Die Zeit war ihm hier so schnell verflogen, daß er momentan erschrak, als plötzlich die Thür sich öffnete und seine Cousine mit Fräulein Rosen aus der Schwelle erschien. „Nun, hat man je in der Welt einen solchen Lärm gehört!" schalt die Freifrau mit finstern Blicken, doch unwillkürlich flog ein Lächeln über ihr Antlitz, als sie die Situation überschaute. Die Kleinen spielten ein ganz neues Spiel; Onkel Arthurs höchsteigene Erfindung, auf die er nicht wenig stolz war. — Der Tisch war bei Seite geschoben. Onkel Arthur kauerte auf Händen und Füßen darunter; er stellte einen bissigen Hund dar, der am Tischfuß angebunden war. Knurrend und bellend versuchte er die Kinder zu erhäschen, die sich in wilden Sprüngen dem Tische näherten und jedesmal laut aufjauchzten, wenn sie glücklich entwischt waren. Barbara hatte sich entschieden geweigert, an diesem wilden Spiel theilzunehmen, aber sie freute sich über das Vergnügen der Kleinen und lachte herzlich mit. 174 „Fräulein Morden I wie können Sie einen solchen Spektakel hier dulden!" Es lag etwas in dem Tone der Stiefmutter, was Barbara sogleich wieder an ihre untergebene Stellung erinnerte. Sie hatte in diesem Augenblick ganz vergessen, daß sie ja nur die arme Gouvernante war, die nicht in harmloser Weiss mit dem jungen Ossicier lachen und scherzen durfte. Fräulein Rosen, ein zierliches, junges Mädchen mit hellblonden, krausen Haaren und unschuldig blickenden Wasserblauen Augen, stand in sprachlosem Erstaunen wie angewurzelt da. Sie hatte selbst keine kleineren Geschwister und zweifellos seit ihrer Kindheit nicht mehr mit Kindern gespielt, daher konnte sie sich auch in daS Spiel der Kinder nicht hineindenken. Sie hatten so behaglich plaudernd im Salon gesessen, daß es ihr unbegreiflich schien, als der Oberst aufstand und die Gesellschaft der kleinen, unruhigen Kinder vorzog. Sie warf einen langen, prüfenden Blick auf Barbara, die sich errathend erhoben hatte. „Ah! rothes Haart sie kann mir nicht schaden", dachte sie bei sich selbst. Der Oberst war blitzesschnell unter seinem Tisch hervorgekommen, und ehe die Freifrau wußte, wie ihr geschah, drückte er sie mit sanfter Gewalt in einen bequemen Sessel am Ofen, rückte einen anderen für Fräulein Rosen herbei, und auf einen Win? waren Barbara und die Kinder im Halbkreis umher gruppirt. „Na, Du bist wirklich erfindungsreich, Arthur," sagte sie, jetzt schon ein wenig besänftigt, „aber begreifen kann ich es doch nicht, daß Du das Schulzimmer unserem behaglichen Salon vorziehst." „Und die lärmenden Kinder Deiner und Fräulein Rosen's liebenswürdiger Gesellschaft", ergänzte Arthur erheitert. „Ich gestehe, Eveline, es zeugt von meinem unverzeihlich schlechten Geschmack. Aber ich dachte, Ihr hättet heule genug von mir gehabt, und — verzeihet meine Einbildung, es ist eben meine schwache Seite — die Kinder sollen von meinem Hiersein doch auch Profitiren. Sieh' doch nur an, habe ich sie nicht gut amüsirt?" Die Freifrau blickte in die vom Spiel hoch ge- röthcten Wangen und in die freudestrahlenden Augen ihrer Lieblinge, die den stets zum heiteren Spiel bereiten Onkel wie einen verzauberten Prinzen aus dem Märchen- Luche betrachteten. „Ihr Alle verwöhnt mir die Kinder," schalt sie lachend. „Erzähle uns noch eine Gespenstergeschichte." rief Edmund. „Mama, er weiß so viele schaurig schöne Geschichten, die alle wahr sind." „So, wirklich? Weißt Du denn nicht, daß Ge- spenster-Eeschichten nur erdacht sind, Edmund? Aber zuerst wollte ich mit Dir über einen Brief sprechen, Arthur, den ich soeben bekommen habe. Olga und ich kamen gerade deshalb hierher. Da fällt mir ein, Olga, daß ich Dir unsere neue Gouvernante noch nicht vorgestellt habe. Fräulein Morden — Fräulein Rosen!" Die beiden jungen Damen verneigten sich. — Die elegante Haltung, überhaupt das ganze unleugbar hübsche Aeußere Olgas verfehlte nicht den günstigsten Eindruck auf Barbara und dennoch lag etwas in ihrem Wesen, in ihrem Antlitz, was ihr nicht gefiel. — Sie warf einen flüchtigen Seitenblick auf den Oberst, der den Brief seiner Cousine las und dachte bei sich selbst: „Wird er die Wünsche und Hoffnungen erfüllen, die meine Stiefmutter in ihn setzt, und Fräulein Rosen zur Gattin wählen?" „Nun, Eveline, was wünschst Du denn, daß ich thun soll?" fragte er, den Brief zurückreichend. „Du weißt, ich bin kein Spielverderber und komme immer in der Absicht hierher, mich den verschiedensten Situationen anzupassen. Befiehl also über mich; ich, Dein ganz gehorsamer Diener, will jedem Deiner Winke Folge leisten." „Fräulein Morden könnte uns gut helfen, wenn sie wollte," sagte die Freifrau, einen vielsagenden Blick auf Barbara werfend. „Gewiß will ich helfen, — von Herzen gern. Um was handelt es sich, Frau von Garkau?" „Lesen Sie diesen Brief!" Es war eine Bitte von Gräfin Wertfeldt, zur bevorstehenden Verlobungsfeierlichkeit der ältesten Tochter ein altdeutsches Quartett aufzuführen. „Die Gräfin ist mir eng befreundet und ich mag ihr diese Bitte nicht gern absagen, denn es wird von allen Gasten erwartet, daß sie nach Kräften zur Unterhaltung beitragen," erklärte die Freifrau. „Es werden Tableaux gestellt, kleine Lustspiele aufgeführt und viel musicirt. — Zum Glück kommt morgen Graf Udo von Eckernstein; er singt Baß; — Du, Arthur, hast einen vorzüglichen Tenor. Ich finge Sopran, es fehlt uns also nur der Alt. Wollen Sie diese Stimme übernehmen, Fräulein Morden?" „O ja! Von Herzen gern. Ich bin Ihnen sogar aufrichtig dankbar, daß Sie mich auffordern." „Das ist gut und wäre also zur Zufriedenheit abgemacht. Kommen Sie nach dem Abendessen — um neun Uhr — in den Salon, dann können wir ein wenig üben. Olga, ich fürchte, Du wirst zuhören müssen, — es ist doch schade, daß Du nicht musikalisch bist, — hoffentlich wird es Dir nicht allzu langweilig." Fräulein Rosen lächelte und versicherte, daß es ihr Freude mache, zuzuhören, jedoch der mißmuthige Blick strafte ihre Worte Lügen. Als der Oberst am Abend in den Salon trat, fand er seine Cousine bei der Durchsuchung der Noten. „Warum lächelst Du, Arthur?" fragte sie ihn, „hast Du etwas Belustigendes gehört?" „Gerade nichts Besonderes, Eveline. Aber ich will's nur gestehen; — ich lachte über Dich. — Du hast mich verschiedentlich gewarnt, Fräulein Mordens Gesellschaft zu meiden, und jetzt arrangirst Du selbst eine ganz allerliebste Zusammenkunft. Wenn ich mich jetzt in sie verliebe, so trägst Du allein die Schuld, nur oköra oorwinv!" Die Freifrau lächelte gezwungen; es schien ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen zu fallen, daß sie übereilt gehandelt habe. „Ich kann mir nicht denken, daß Dir Fräulein Morden gefährlich werden könnte, so lange Olga hier ist. Vergleiche doch die Beiden miteinander." „Das habe ich ja bereits gethan und dabei die Entdeckung gemacht, daß die gute Olga recht reizbar und herrschsüctig sein kann. Das sind nun eben Eigenschaften, die für einen so demüthigen, geduldigen Mann, wie ich einer bin, höchst gefährlich, zum Mindesten unerträglich werden können." „Rothhaarige Menschen sind häufig hitzig und streitsüchtig!" „Wird von Fräulein Morden gesprochen?" lispelte 175 hämisch Olga Rosen, die soeben das Zimmer betrat und die letzten Worte gehört hatte. „Nothhaarige Menschen sind in der Regel höchst unangenehm und oft hinterlistig." Dann erzählte sie eine Menge kleine Anecdoten, die ihren Ausspruch beweisen sollten. Inzwischen war Barbara in ihrem Zimmer. Sie sang fröhlich eine Opernarie und ließ es ruhig geschehen, daß Eveline ihr an der Toilette behülflich war. „So, nun kannst Du mir mein Armband zumachen; nimm Dich aber in Acht, daß Du das Schlößchen nicht zerbrichst!" Es war ein einfacher, goldener Reif, der in großen Buchstaben ihren Namen eingravirt trug. „Bar—ba—ra," buchstabirte die Kleine, den Reif langsam herumdrehend. „Heißen Sie so, Fräulein Morden?" „Ja, mein Kind, das ist mein Name." „Sonderbar! das ist auch der Name meiner ältesten Schwester; Sie wissen doch, sie ist so weit von hier fort, und ich habe sie noch gar nicht gesehen." „Ja, ich weiß es!" Dann schloß sie das Kind in die Arme und flüsterte ihr leise zu: „Möchtest Du Deine Schwester gern sehen, Eveline?" „O ja, sehr gern. Mama sagt, sie soll im nächsten Jahre zu uns kommen. Ach! ich möchte, sie würde uns dann so lieb haben, wie Sie uns haben, liebes Fräulein Morden." Die Kleine hatte bei diesen letzten Worten ihre Aermchen um den Hals der Gouvernante geschmiegt und küßte sie herzlich. Barbaras Augen füllten sich mit Thränen. „So, das ist genug, Du kleiner Liebling," lächelte sie, sich aus den Armen des Kindes befreiend. „Jetzt ist es Zeit für mich, es hat 9 Uhr geschlagen und Mama wird böse, wenn ich nicht pünktlich bin. Du mußt auch jetzt zu Bette gehen." Die Kleine gehorchte augenblicklich; Barbara trat in den Salon. Die Freifrau, die die letzten neckischen Worte ihres Vetters nicht vergessen hatte, begrüßte sie mit kühler Zurückhaltung. Doch kaum hatte sie einige Lieder mit ihr gesungen, so vergaß sie selbst, daß es ja nur die arme Gouvernante war, und plauderte mit ihr in ihrer ungezwungenen, herzgewinnenden Weise. — Der Schloßherr saß schweigend in seinem Armstuhl; das Buch war längst seinen Händen entfallen; seine Augen hingen unverwandt an den jugendlich frischen Zügen der Gouvernante, zu der er sich unwiderstehlich hingezogen fühlte. Nur Olga Rosen blickte finster drein. Anfänglich hatte sie dem Gesänge geduldig zugehört, jedoch, da sie wenig Verständniß dafür hatte, gähnte sie bald und zog sich schmollend anit einem Buche zurück. Barbara sang, begleitete die Lieder der Freifrau, plauderte, lachte und scherzte so heiter und unbefangen, daß sie selbst ihre Stellung wieder vergaß und auch von Niemanvem daran erinnert wurde. Als der Oberst sich am Abend zur Ruhe legte, spiegelte ihm ein neckischer Traum immer wieder die dunkelbraunen Augensterne vor, die ihn in eine neue Welt, — eine Welt voll Glück und Liebe, versetzten.- Für Olga Rosen war die Bitte der Gräfin Wert- feldt zur unerträglichen Qual geworden. Selbst wenig Sinn für Gesang und Musik, wollte sie wohl geduldig ein einzelnes Lied anhören, aber mehrere Abende hintereinander den verschiedensten Uebungen beiwohnen zu müssen, war doch mehr, als sie ertragen konnte. — Als Graf Udo von Eckernstein erschien, wurde die Sache noch schlimmer. Er war ein leidenschaftlicher Musikfreund, der über einen ganzen Schatz von Balladen, Liedern und Arien zu verfügen hatte. Zwar versuchte Olga, ihn durch feurige Unterhaltung zu fesseln. Sie redete von Politik, von Jagden, Hunden und Pferden, — alles vergeblich! Sobald Barbara kam, griff er zu den Noten, wählte die schönsten Lieder, da seine Stimme mit der ihrigen so gut harmonirte. Nach kaum drei Tagen war der stolze Graf Fräulein Mordens ganz ergebener Sclave. Die Freifrau erzitterte bei dieser Entdeckung. Was würden die hochgeborenen, gräflichen Eltern sagen, wenn der einzige Sohn Udo die schlichte Erzieherin als Gattin heimzuführen gedachte! Es gereichte ihr daher zur großen Beruhigung, daß Barbara ihn in keiner Weise zu seinen Huldigungen er- muthigte und gleichmäßig kühl und zurückhaltend gegen ihn blieb. Aber sie beobachtete ihn scharf. Kein Wort, welches er an die Erzieherin richtete, kein Blick entging ihr, ja, sie verfolgte jede seiner Bewegungen mit gespannter, ungetheilter Aufmerksamkeit, daß sie sogar ihren Vetter Arthur darüber vergaß, dessen Blicke leidenschaftlich und bewundernd an dem jungen Mädchen hingen. Es war ihr eine Erleichterung, als Olga ihr plötzlich erklärte, zurückkehren zu müssen. Die junge Dame fühlte sich zu wenig heimisch in diesem musikalischen Kreise, und es war so schwer gewesen, für ihre Unterhaltung zu sorgen. Endlich war der lang erwartete Festtag herbeigekommen. Barbara stand allein in ihrem Zimmer; die kleine Eveline, die sonst so gern bei der Toilette geholfen hatte, lag in glühender Fieberhitze in ihrem Bettchen. „Eine heftige Erkältung — sie leidet häufig daran —- die bei ihrer schwächlichen Gesundheit oft ungewöhnlich stark auftritt", erklärte die Freifrau und beunruhigte sich durchaus nicht. Auch der sonst so muntere kleine Alex war heute ungewöhnlich still gewesen, klagte über Müdigkeit und schlief bereits fest und ruhig. Barbara vermißte ihr Schwesterchen und konnte sich nicht so leicht über deren Zustand beruhigen. Noch vor wenigen Minuten hatte sie vor dem Bettchen gestanden, doch halb wachend, halb schlafend hatte sich das glühende Köpfchen in den weichen Kissen nmhergcwälzt und dann über Kopf- und Halsschmerz geklagt. „Ich will sofort zurückkehren, wie der Gesang beendet ist, und nicht bis zum Abendessen bleiben," dachte sie, als sie in ihr Zimmer zurückkehrte. Auch die Freifrau betrat das Schlafzimmer. „Sie hat sich erkältet — sie ist dann immer sehr unruhig," dachte sie, dann ging sie zu Alex, der ruhig, zwar mit fieberhaft glühenden Wangen, in seinem Bettchen lag und schlief. Gerade als Barbara ihr Zimmer verlassen wollte, kam Gleichen und brachte einen prachtvollen Zweig frischer, weißer Rosenknospen mit dunkelgrünen Blättern und Orangenblüthen. „Herr Oberst Dornburg schickt diese Blumen mit der Bitte, sie an diesem Festabend Zu tragen. Die gnädige Frau hat ganz dieselben bekommen," berichtete sie. Eine freudige Nöthe färbte Barbara's Wangen. „O, wie schön, wie herrlich, Gleichen. Gewiß, ich will sie gern tragen; woher hat er sie bekommen? Sie sind doch nicht von hier, aus dem Treibhaus?" „O nein! Sie sind soeben mit einem reitenden Boten von der Station gebracht; er hat sie aus der Residenz kommen lassen," versicherte das Mädchen. „Darf ich Ihnen helfen? Die gnädige Frau ist schon fertig, und der Wagen steht schon vor der Thür." Mit geschickten Fingern waren die Blumen bald geordnet und Barbara eilte die Treppe hinunter. In der Halle stand Graf Eckernstein. Seine Augen hingen voll Bewunderung an der lieblichen Gestalt, die flüchtig und leicht wie eine Gazelle an ihm vorbeihuschte, ohne den dargebotenen Arm zu bemerken. — Oberst Dornburg, dem der Blick nicht entgangen war, konnte sich eines spöttischen Lächelns nicht erwehren, doch Barbara kam auf ihn zu und reichte ihm mit leuchtenden Augen die Hand. „O, Oberst Dornburg, wie danke ich Ihnen für die schönen Blumen; ich freute mich, daß Sie meiner gedachten." Es lag so viel bezaubernde Anmuth in diesen wenigen Worten, daß Arthurs Herz höher schlug. „Ich freue mich, daß sie Ihnen gefallen. Meine Cousine ist auch mit den ihrigen zufrieden und das macht mich stolz auf meine Wahl. — Da Sie und Eveliue die einzigen Damen sind, die heute singen, so glaubte ich auch, dieselben Blumen geben zu dürfen." Ein dankerfüllter Blick lohnte ihn tausendfach; er führte Barbara zu dem Wagen, in dem die Freifrau bereits wartete. Selbst der finstere Schloßherr hatte sich überwunden und sein Arbeitszimmer verlassen, um an der bevorstehenden Festlichkeit theilzunehmen Der Empfangsaal der Gräfin Wertfeld war dicht gedrängt von Gästen. Von Nah und Fern waren Freunde und Verwandte herbeigeeilt, um dem jungen Brautpaare ihre Glück- und Segenswünsche darzubringen. Barbara schien zerstreut. Die Gedanken jagten sich in ihrem Hirn, und schmerzlich zuckte es um ihre Mundwinkel, als sie der kleinen Eveline gedachte, die sie in glühender Fieberhitze verlassen hatte. Das wohl einstudirte Quartett war eine der ersten Aufführungen und der Erfolg ein großartiger. Die wohl- geschulten Stimmen harmonirten so vortrefflich, daß selbst der Freiherr laut seinen Beifall äußerte — eine Anerkennung, die seitens des finsteren Sonderlings noch nicht gezollt war. Nach Schluß des Quartetts schlich Barbara unbemerkt durch eine Seitenthür, und ohne die weiteren Aufführungen abzuwarten, eilte sie davon, erreichte flüchtigen Fußes den Adlerhorst und stand bald am Lager ihres erkrankten Schwesterchens. Fünftes Capitel. „Wollen gnädige Frau in Eoeline's Schlafzimmer kommen? Fräulein Morden läßt darum bitten." „Eveline? was ist mit ihr, Gleichen?" „Sie scheint sehr krank zu sein. Fräulein Morden sagt, der Arzt müsse geholt werden, gnädige Frau." Gleichen sah sehr bleich und angsterfüllt aus, als sie diese Bestellung ausrichtete. „Ich k^mme sogleich," versetzte die Freifrau. — Erst seit kurzer Zeit war sie zurückgekehrt; die Aufführungen und später das Souper hatten lange gedauert. An Eveline hatte sie kaum gedacht; sie hatte nicht einmal das Zimmer des Kindes betreten, die Gouvernante war ja bei ihr und die Kleine war also in guten Händen. Trotzdem konnte sie ihr Gewissen nicht zum Schweigen bringen. Schnell kleidete sie sich an und eilte in das Krankenzimmer, in dem Barbara sie auf der Schwelle erwartete. „ DerZustand hat sich Verschlimmert, Frau von Garkau." Beide näherten sich dem Bette. Dort lag das arme Kind und wälzte sich stöhnend umher. Die Wangen waren hoch geröthet; die Augen glänzten im Fieber. Als die Mutter sich über sie beugte, jammerte sie: „Oh, mein Hals — mein Hals." „Warum hat man mich nicht eher gerufen?" fragte die Mutter streng und blickte vorwurfsvoll bald Barbara, bald Gretchen an. „Hat sie die ganze Nacht in diesem Zustande gelegen? „Oh, nein, gnädige Frau," versicherte die alte, treue Magd, „ich war so oft hier, und das Kind schlief. Fräulein Morden hat sie erst vor einigen Minuten in diesem Zustande gefunden." Frau von Earkau blickte Barbara an. „Ja," beantwortete diese die unausgesprochene Frage, „ich war oft hier, aber Eveline schlief, und wiewohl unruhig, hoffte ich doch auf Besserung, wenn sie erwachte. Kaum vor zehn Minuten traf ich sie in diesem Zustande." Frau von Garkau kniete neben dem Bettchen und preßte ihre kalte Hand auf die brennende Stirn des kranken Kindes. „Gvi, mein Liebling, sage Mama, was Dir fehlt," flüsterte sie ihr so liebevoll zu, wie es das Kind wohl noch nie von der Mutter gehört haben mochte. Das Kind öffnete seine Augen und lächelte matt. Barbaras Augen füllten sich unwillkürlich mit Thränen, sie verstand, wie sehr das Herz des Kindes sich nach der Liebe der Mutter sehnte. „Mein Kopf, — mein Hals," stöhnte das Kind. „Was mag ihr nur fehlen, Gleichen?" Frau von Garkau hatte in der Krankenpflege wenig Erfahrung. Die Kinder waren bis jetzt immer kräftig und gesund gewesen. — Gleichen stand sprachlos; sie war alt, hatte die Kinder stets gewissenhaft beaufsichtigt, aber sie war keine gute Krankenwärterin. Barbaras scharfer Blick erkannte sogleich die Ursache des heftigen Fiebers. Schnell entblößte sie die Brust der Kleinen und fand, was sie befürchtete: das Kind war über und über mit feurig rothen Flecken bedeckt. — Sie zeigte dieselben ihrer Stiefmutter. „Ich halte es für gut, wenn der Arzt'so bald wie möglich gerufen wird, Frau von Garkau," sagte sie ganz bestimmt, „Eveline scheint Scharlachfieber zu haben. — Ich hatte es selbst in meinen Kinderjahren, fürchte daher keine Ansteckung — Gleichen sagt mir, die Krankheit soll unten im Dorfe herrschen; viele Kinder sind schon davon befallen." „Scharlach?!" ächzte die Freifrau und wurde leichenblaß, „und Alex — — ist er auch krank? Ich muß sofort zu ihm!" Sie erhob sich, und vor Schreck gelähmt, würde sie ohnmächtig zusammengebrochen sein, wenn Barbara sie nicht mit starken Armen aufgefangen und sanft auf ein Ruhebett niedergelegt hätte. Gleichen eilte mit kaltem Wasser herbei. „Laß nur, Gleichen, kümmere Dich nicht um mich, gehe nach den Kindern," hauchte die Freifrau matt. Gretchen blickte erst Fräulein Morden an, die gerade einem reitenden Boten den Befehl gab, schnell den Arzt zu holen; auf ihren Wink entfernte sie sich und ging nach Eveline, die jetzt ruhiger geworden war. — Jetzt war Barbara fest entschlossen, die Stellung als älteste Tochter des Hauses einzunehmen, die ihr rechtmäßig zukam. L77 „Liebe Frau von Garkau," sagte sie daher besänftigend, „beruhigen Sie sich. Vielleicht tritt die Krankheit nicht heftig auf, und die Kinder sind ja kräftig und gesund, sie werden sie schon überstehen." " Sie hatte leise ihren Arm um den Hals der Stiefmutter gelegt, und diese Berührung schien wohlthuend auf sie einzuwirken. Sie trocknete ihre Thränen, trank das dargereichte Wasser und richtete sich wieder auf. Als Barbara sah, daß sie sich erholt hatte, wollte sie zu Eveline zurückkehren, doch die Freifrau hielt sie fest, und — zum ersten Male in ihrem Leben — drückte sie ihre Stieftochter fest an sich und küßte sie. Barbara erwiderte die Liebkosung und: „Gewonnen — wieder ein Herz gewonnen!" jubelte sie in ihrem Inneren. (Fortsetzung folgt.) --SS88NS—- Agnes Bernauer, der Engel von Augsburg. Vaterländisches Trauerspiel von Martin Greif?) Eine moderne Dichtcrrichtung hatte in ihrer dramatischen Behandlung in der Weise des klassischen Heidenthums dem Weibe Unehre angethan und es von dem erhöhten Podium wieder herabgestoßen, den ihm das Christenthum angewiesen. Denn wie durch Eva der Sündenfall geschah, der die Erbsünde brachte, so kam die Erlösung aus derselben durch die heilige Jungfrau, die den Gottessohn gebar. Der zweite Akt des göttlichen Weltschöpfungsplanes war vollbracht, wonach das Universum eine Kirche Christi werden soll. Das Reich Gottes, nämlich die Gnade und die Wahrheit, waren zur Welt gekommen, die sündige, abgefallene Menschheit mit ihrem Schöpfer versöhnt worden und dieses geheimnißvolle Wunder wurde nach dem uncrforschlichen, von Ewigkeit an vorgesehenen Nathschluß Gottes durch eine aus dem Geist des Glaubens empfangene und wiederempfangende unbefleckte Gottesmagd bewirkt. Aus der Menschenmutter war eine Gottesmutter geworden; der Name Eva war durch Umstellung des Sinnes und der Buchstaben nun in Ave verwandelt worden, und Ave Maria! stimmte die erlöste Menschheit an, die durch die Fleischwerdung des Wortes, das von Anbeginn bei Gott und das Gott selbst war, nun aus Kindern ihres Vaters im Himmel bestehen sollte. So kam es, das; die christliche Weltanschauung aus Dankbarkeit für die „Mutter voller Gnaden" dem reinen Weib überhaupt eine Ehrenstellung anwies, und im Volksund Meistergesang ertönten zu seinem Preise die kindlichen, frommen und inbrünstigen symbolischen Lyraklänge. Erst der naturalistischen Weltanschauung in ihrer ganzen Stufenleiter vom verschwommenen Deismus, Pantheismus, Nationalismus rc> bis herab zum nackten Atheismus und materialistischen Positivismus war es vorbehalten, das Weib in der DarstcllungSwciss zu entweihen und zu einem Instrument des Sinnenrausches und der Lüstefröhnung herabzusetzen. Das gefallene Grcthchen, die sentimentale, mit dem Feuer spielende Lotte oder Emilia fingen an, typische deutsche Frauengestalten zu werden, die durch die Hauptmann und Ibsen und ihre Vorgänger zahlreiche, bis zur Karikatur verzerrte Nachahmungen fanden. Nicht als ob einzelnen dieser Figuren die Berechtigung zur dichterischen Bildung abgesprochen werden sollte — sie stammen aus dem profanen Haufen und ergötzen ihn wieder — aber sie bleiben die Symptome cin.es sittlichen und künstlerischen Verfalls. Es leben auch noch edle Urbilder in der Frauenwelt, und wenn sie in erhebender Weise durch die Muse unsern Augen und unsern Herzen menschlich näher gebracht werden, so wird damit ein Wiederaufblühen des guten Geschmacks und der reinen Empfindung geboren. Einen solchen Markstein der Umkehr und gleichzeitigen Erhebung hat Martin Greif wiederum mit seinem neuesten, obengenannten Werk gesetzt. Auf dem dunklen Grund der Geschichte hebt sich, umwoben von der weihenden Sage, wie eine Engelsgestalt oder Lichterscheinung das Bild der schönen und frommen Agnes Bernauer, der Baderstochter und Gemahlin des Herzogs Albrecht III., ab und tritt uns hier, durch Thalia's Kunst zum Leben erweckt, in realistischer Naturtreue entgegen; denn der Eindruck des Ueberirdischen, den es hervorruft, kommt nur von den Strahlen des Glaubens und der Vergeistigung, von denen es umleuchtet ist und die, einen Anklang und Widerschein findend in verwandten Seelen, diese zur Theilnahme, zum Mitempfinden mit dem traurigen Schicksal fortreißen, das, in diesem Falle des Dichters Wort zur Wahrheit machend, den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt. Die architektonische Ausgestaltung des Trauerspiels ist mustergültig und könnte selbst von den Stagiriten nicht bemängelt werden. Im ersten Akt wird zusammengedrängt und durch die Handlung selbst ohne viele Deklamation die Exposition gegeben, die uns rasch aufklärt über die Gründe des Zusammenstoßes, den das Verhängntß brütet. Georg von Gundelfingen, der Hofmeister des regierenden Herzogs Ernst, ist auf dem Schlosse in Straubing angelangt und verkündet auf der Galerie daselbst dem Vice- dom und dem Rath Aichstätter, daß sein Herr seinen Sohn, den Herzog Albrecht, zu seiner Vertretung eingesetzt habe. Der erste Redner hat die Handlung eingeleitet, die beiden andern fühlen sich durch die Mittheilung verletzt und beeinträchtigt; persönliche Beweggründe einer alten Feindschaft treten hinzu und so wird durch sie nach dem Abtreten des Hofmeisters sofort das Gegenspiel angesponnen. Wir erfahren noch, daß der junge Herzog, der nun in Straubing Hof halten soll, mit einer Tochter des Grafen von Württemberg durch seine Schwester Beatrix versprochen war, daß er, obgleich schon seit Jahren mündig, stets bedacht aus seinen Ruf blieb, in ernstem Kampfe wie auf Turnieren, jedoch im Uebrigen sich wenig Sorge und Arbeit machte und sich meistens auf seinem Schlosse Vohbnrg dem Waidwerk und der Sangcskunst ergab, und daß er, ein Fraucnlob seiner Zeit, von Blume zu Blume schwärmte. Die zweite Szene führt uns auf den Perlachplatz in Augsburg in ein Volksgedräuge, wie wir es aus dem Coriolau oder Kaufmann von Venedig kennen. Die entzückende Gestalt der holdseligen Agnes, begleitet von ihrer Wärterin Afra, tritt auf und wird überall mit dem Rufe „der Engel von Augsburg" begrüßt. Ein kurzer Dialog mit dem Patrizierssohn Rem findet statt, aus dem wir ersehen, daß sein zudringliches Werben von Agnes energisch abgewiesen wurde, weßhalb er im Hasse gegen sie auflodert und auf Rache sinnend die alte Wahrsagerin, Mutter Lintrud, zu ihrer Ausführung anspornt. Dann beginnt das eigentliche Drama in einer überaus anmnthig dargestellten ersten Begegnung der beiden Hauptpersonen Agnes und Albrecht. Sie hatten sich schon früher einmal auf einem Turnier gesehen. Der erste Eindruck war beiderseitig ein zündender gewesen, wie er nur hervorgerufen werden kann, wenn in der verhängnißvollen Stunde des Gestirnes Macht den Menschen ereilt. Nun kommt es zu 2 ) Leipzig. C. F. AinclaugS Verlag. 1894. Erklärungen und stillen Geständnissen, aus denen man die Herzen schlagen hört und die emporflammende Liebe zu einander aufsteigen sieht. Agnes hat aber schon beim Turnier den Prinzen in Albrecht erkannt an den lichten Farben, die er trug, die an's Himmelszelt gemahnen. Jetzt erblickt sie den Verlobungsring an seinem Finger und stellt dem ungestümen Flehen die entschiedenen Worte gegenüber: „Nie anders würd' ich je die Eure werden, Denn als vor Gott Euch angetraute Gattin." Schweren Herzens scheiden sie von einander, indem er fühlt, daß er ihr, die ihm keine Hoffnung gewähren kann, gehorchen muß, weil ihr Geschick ihm höher steht als seines. „Ob's glücklich oder leidvoll enden werde," — das will ihr die Zauberin sagen, die sich hinzugedrängt hat und ihr diese Worte in's Ohr flüstert. Der zweite Akt führt uns zuerst nach Vohburg, wo Albrecht vom Fieber heftig ergriffen worden war und nach jeder neuen Kunde von der Holden schmachtet. Einen Trost bringt ihm die Nachricht, daß Agnes in ihrem Kämmerlein allabendlich das Lied gesungen, das er gedichtet und ihr gegeben hat. Auch er greift zur Laute und stimmt die erste Strophe an: „Ich grüße Dich, Maria, Dich, Du Magd des Herrn, O Mutter voller Gnaden! Du gleichst im Thau dem Morgenstern, Wenn Thränen mich beladen. Ich grüße Dich herzinniglich, Maria dort, ich grüße Dich!" Dieses Weihelied des Glaubens und der Andacht wird nun zum leitenden Faden des Hauptspicls, der trotz aller Ränke des Gegenspiels sich durch die ganze Handlung zieht, bis er schließlich in einer versöhnenden und erhebenden Weise den tragischen Conflict löst, der durch die tragische Schuld geschürzt werden sollte. Der Oheim Albrechts, der Herzog Wilhelm, erscheint in Vohburg und bringt Albrecht die Nachricht, daß seine Braut mit einem Liebhaber entflohen und das Gelöbniß damit gelöst sei. Nun ist die ganze Situation mit einem Schlage geändert, und der Oheim, sowie der Rathgeber Albrechts, der Dechant Johann Prunner vom Kloster Jndersdorf, werden bewogen, nach Augsburg zu gehen, um die Badertochter, deren Ruf von Schönheit und Ziichtigkeit auch zu ihnen gedrungen war, zu prüfen. Inzwischen hatte Agnes dem Verlangen nicht widerstehen können, bevor sie ihren Entschluß, in ein Kloster zu gehen, ausführt, ihr mögliches Schicksal zu erfahren. Wie einst Lconora von Gloster durch die Hexe Grete Jordan die Geister beschwören ließ, um den Schleier der Zukunft zu lüften, wie sie dabei vom Gegenspiel der Jork und Buckingham, die sie dazu hatten verleiten lassen, belauscht ward und wie sie dadurch in ihr Verderben ihren Gemahl, den Herzog Humphrei, den Neichsprotcctor unter Heinrich VI., mit hinabzog, so läßt nun auch Agnes von der Mutter Lintrud die Zauberkugel enthüllen, auf der die Dämonen der Finsterniß eine Vision erscheinen lassen, welche zum Orakelspruch wird: „Ein junges Weib mit langem, gold'nem Haar, Im Staat der Fürstin, den Geinahl zur Seite, Von vielem Volk umringt und froh umjubelt- Das bist Du selbst! . . .." und später: „Nach kurzer Frist wirb Euer Glück zu Wasser —" Auch hier hatte ein Führer des Gegenspiels, Nein, der ihr zuerst die Hexe auf den Hals geschickt, um sie zu verderben, die Beschwörung belauscht. Es kommt in der Wohnung des Baders zu einer stürmischen Scene; nachdem die Werbung Nems noch einmal zurückgewiesen wird, droht er, sie wegen Zauberei anzuklagen. Agnes gesteht ihrem entsetzten Vater den begangenen Fehltritt. Denn das Befragen und Sicheinlassen mit der Hexerei war nach der allgemeinen damals herrschenden sittlichen Auffassung eine Todsünde, die mit dem peinlichen Verfahren verfolgt wurde. Die Schuld war da; der unabwendbare Zusammenstoß wurde vorläufig noch hingehalten, indem die dramatische Entwicklung weiter geführt wird, um in wechselnden Aspekten zu ihrem Höhepunkt zu gelangen. Der Herzog Wilhelm und der Dechant erscheinen, haben zuvor ein Zwiegespräch mit dem Vater der Agnes, dem biedern Bader Caspar Bernauer, dann mit dieser selbst. Beide sind entzückt über die Sittsamkeit und Anmuth, wie über die bescheidene Festigkeit der Agnes. Albrecht folgt mit Jörg, dem Ziehbruder der Agnes, und wirbt nun selbst beim Bader um die Hand seiner Tochter. Der Ohm mahnt nur Albrecht, die Zustimmung vom Vater zuvor einzuholen, aber der treue Dechant willigt ein, den Ehebund alsbald einzusegnen, damit Albrecht seine von Gefahren umgebene Braut schützen könne. Der Vater der Agnes gibt seine Einwilligung und segnet das Paar. Der dritte Akt führt uns nach Vohburg zn dem Augenblicke, da die Trauung stattgefunden. Das junge Paar steht auf dem Gipfel seines Glückes, dem AgneS noch dadurch eine besondere Weihe verleiht, indem sie ihrer Gewohnheit gemäß eine Gruppe von Siechen und Armen labt und tröstet und mit demüthigen Gebcrden Speise und Trank austheilt. Der Dechant hat ihr vorher mit seinem Segen ein elfenbeinernes Kruzifix als Gabe deS Oheims Wilhelm übergeben: „ES möge lehren Euch, Geduldig jede Schickung zu kesteh'n, Im Glück gelassen, herzhaft in der Noth, Getreu dein Herrn im Leben und im Tod." Plötzlich ertönt ein Hornruf von der Zinne herab. Der Vicedom von Straubing erscheint vor Albrecht, auf dessen Wink rasch ein Vorhang vor dem Armendienst seiner Gemahlin niedergelassen und das Orgelspiel verstummt war, und verkündet diesem, daß sein Vater beschlossen habe, ihn mit einer Tochter aus dem reichen Hause Braunschweig zu vermählen. Als Albrecht ihm die Antwort ertheilt, dem Herzog seine entschiedene Weigerung zu melden, poltert der Vicedom mit der Anzeige hervor, daß zum Hofe die Kunde gedrungen sei, Albrecht wohne nicht mehr allein in Vohburg, und tritt mit einer förmlichen Verbeugung, aber inneren Drohung ab. — Das war der Hochzeitstag! Vor Agnes wird diese neue Wendung verborgen gehalten. „Der Sturm zieht auf und sendet seine Boten . . Die zweite Scene spielt sich in München ab. Der Herzog Ernst ist tief entrüstet über die Vorgänge in Vohburg, die ihm der Vicedom in gehässiger Uebertreibung mittheilt. Alle seine Vorurtheile empören sich in ihm und alle Hoffnungen einer direkten Erbsolgeschaft seines Stammes werden erschüttert. Er folgt allen Eingebungen in bester Absicht, um seinen Sohn aus den vermeintlich unwürdigen Banden des Weibes zu erlösen, und willigt endlich in einen schändlichen Plan, den der Vicedom erdacht hat. Ein Preisturnier in Regensburg wird ausgeschrieben, und Albrecht, der dem langvermißten Schall der schmetternden Drommete folgen wird, soll nach dem Turniergesetz dann ausgeschlossen werden, weil er „schimpflich in Unehe lebt". Um diesen Makel zu tilgen, werde er ge- zwungen, so kalkulirt Man, das Verhältniß zu lösen. — Die dritte Scene spielt auf dem Turnierplatz in Regensburg und bringt eine Reihe von handelnden Vorgängen zur Aufführung, die an Großartigkeit der Effekte und an Eklat der Erscheinungen von keiner Shakespeare'schen Schöpfung übertroffen wird. Die Motive sind in die Augen springend, die Wirkungen erschütternd; die Spannung wächst bis zur Fieberhitze. Die hohe Gestalt Albrechts in voller Rüstung, umgeben von Rittern und Knappen, jubelnd begrüßt vom Volk, tritt auf; sein Kampfroß wird ihm nachgefühlt. Ihm brennt das Herz vor Eifer, „ . . . . mit vollem Stoß Den Widerpart zu heben aus dem Sattel, Und zu »erstechen manchen guten Speer." Turniervögte verweigern ihm den Eintritt in die Bahn mit vorgehaltenen Stäben. Erstaunt und ihnen seinen Schild entgegen haltend ruft Albrecht aus: „Was kommt Euch an? Kennt Ihr nicht diesen Schild, Den gold'nen Leu im weiß und blauen Feld? . . und als seine Ritter ihm sagen, daß sein Wappen herabgethan ist, das er nach dem Brauch gesandt hatte, und die Schranke sich von innen schließt: „Was geht hier vor? Wer wagt es, diesen Schimpf Mir, einem WiltelSbaSer, anzuthun, Als wär' ich ein um Raub verschmier Ritter, Und nicht ein Fürst, der Kriegeslorbeer pflückte Und Bayerns Namen in die Feinde trug!" Seine Ritter fchaaren sich um ihn, die Schwerter werden entblößt, das Volk durchbricht die Schranken. Der Vice- dom gebietet Ruhe; der Herzog Ernst befiehlt von der Tribüne herab, die Anklage und ihren Beweis zu verlesen. Rcm berichtet, daß die, mit der Albrecht in Unehe lebt, von einer Hexe unterrichtet, sich auf's Bezaubern legte, um durch Liebestränke Albrecht in den Bann zu bekommen. Der Vater klagt: „Entwürdigt hast Du Dick und Deinen Stamm, Indem Du dieser Dirne Dich ergabst —" Albrecht fällt mit gewaltiger Stimme ein: „Und so erklär' ich denn vor Jedermann, Daß, die zu Vohburg mir zur Seite lebt, Mein ehrlich mir vor Gott getrautes Weib." Und als der Vicedom, die Wetterführung des Verfahrens andeutend, zum Herzog Ernst gewandt die Worte spricht: „Ihr seht nun selbst, daß ihn das Weib bezaubcrt —" da schwillt der Unmuth das Herz Albrechts an, und er erklärt, seine Vermählte nach Straubing führen zu wollen, „Wo sie mit mir das Schloß bewohnen wird, Der gleichen Ehren theiihast, wie ich selbst." Das Volk und ein Theil der Ritter rufen: „Hoch lebe Albrecht und sein Eh'gemahl!" Der Herzog Ernst aber bricht in die prophetischen Worte aus: „Weh' ihr, wenn sie es wagt, an seiner Seite als Herzogin in Straubing einzuziehent" — Das Unheil ist im Lauf und nicht mehr aufzuhalten. Der 4. Akt beginnt wirklich mit dem Einzug des Paares in Straubing unter unermeßlichem Volksjubel. Albrecht wird durch einen Boten des Herzogs Heinrich zu dringenden Geschäften abberufen. Wir sehen zitternd, wie die Katastrophe näher rückt. Während des Gottesdienstes bei den Karmelitern erscheint in dem leeren Kreuzgang ein Engel und legt auf eine noch freie Grab- stelle eine Lilie. Agnes kommt mit Afra aus der Kirche, findet die Lilie — „Wie frischgefall'ner Schnee so rein und weiß, Seltsam! Dort liegt sie, wo zu ruh'n ich wünsche." Im Hintergründe wird sie belauscht vom Herzog Ernst, vom Vicedom begleitet, der hervortritt und sie selbst in's Gebet nimmt: „Du hast an meinem Sohn Dich schwer versündigt; er ist behext." Da der Herzog durch ihre unmuthige Erscheinung überrascht wird, fürchtet er nun selbst dem Bann des Zaubers zu erliegen, der den Sohn bethört hat. Auf einen Wink des Vicedoms erscheinen dessen Räthe mit Häschern und Schergen. Der Herzog überantwortet Agnes dem Gericht und verläßt die Scene, um sich zum Begräbniß des über Nacht verstorbenen Herzogs Wilhelm zu begeben. Mit dem Tode des „treuen Ohms" war auch die letzte Aussicht auf Hilfe für AgneS verschwunden. Sie ist den Feinden ausgeliefert; denn ihr Albrecht ist weggelockt, und die treuen Ritter, deren Schutz er sie anvertraut hatte, wurden vom Vicedom niedergemacht. Die 3. Scene führt uns in die Gerichtsverhandlung im Schlosse zu Straubing. Nem erscheint als Ankläger. Ein zu ihren Gunsten aussagender Zeuge wird gewaltsam entfernt. Sie kann es nicht leugnen, daß sie sich in einer schwachen Stunde verleiten ließ, sich wahrsagen zu lassen; alle Zauberei erklärt sie für Verleumdung. Der Vicedom stellt ihr die Frage, ob sie gutwillig den Herzog verlassen und in's Kloster gehen wolle. Sie antwortet: „Ich habe Treue meinem Herrn gelobt Am Traualtar und werde sie ihm halten!" Veim Zählen der Stimmen des Urtheilsspruches ergeben sich sechs schwarze und sechs weiße Kugeln. Der Vtce- dom als Vorsitzender wirft eine schwarze in die Urne; damit ist Agnes schuldig des Todes befunden. Sie wird dem Henker und dessen Schergen übergeben. Im 5. Akt finden wir Agnes im Kerker vor einem Marienbilde knieend. Sie singt das fromme Lied, daS zum Preis der Gottesmutter ihr Albrecht einst geschaffen und das sie zur Zeit ihrer aufkeimenden Liebe so Wonne» voll auf ihrer Kammer gesungen, mit dem Schlußvers: „Ich grüße Dich, Maria, Dich, wo ich auch bin, Du Königin der Milde! Ich weiß, mein Ruf dringt zu Dir hin, Knie ich vor Deinem Bilde. Ich grüße Dich herzinniglich, Maria dort, ich grüße Dich!" Dann naht ein Priester, lind Gott ist nun zugegen. Der treue Dechant von Jndersdorf, der sie getraut, reicht ihr mit dem Kreuz, das ihr einst der Herzog Wilhelm zur Morgengabe sandte und vor dem sie täglich gebetet, die himmlische Tröstung, welche allein Rettung bringt, wenn alle irdische Hilfe verloren ist, und die selbst den Tod überwindet. Das Kreuz küssend, erklärt sie: „In ihm nur leb' ich und ihm nur sterb' ich, Der Herr ist meine einzige Zuversicht." Wer ganz sich seinem Schutze hingegeben, der fürchtet nichts auf dieser Erde mehr. Noch einmal will die irdische Hoffnung aus dem Boden hervorsteigen, indem durch gesprengte Thüren Jörg und Afra herbeieilen, die das Volk aufgewiegelt haben, um einen verzweifelten Rettungsversuch zu wagen. Aber sie widersteht der Versuchung: Gericht Gottes, dir hab' ich mich übergeben! Ihretwegen soll kein Blut fließen. Sie hat mit dem Leben abgeschlossen. Als Afra in sie drängt mit dem Hinweis, daß die Zeit entfliehe, antwortet sie mit den erhabenen Worten: „Ich bin — der Zeit voraus — in ihrem Laufe!" — und sinkt zu festem Schlafe wieder auf das Strohlager zurück, während ihre angeblichen Netter in acherontischem Donner eines nahen Gewitters verschwinden. Ja,' sie war der Zeit in ihrem Lauf vorausgeeilt. Sie hatte durch die Kraft des Glaubens und durch die Stärke der Religion das Zeitliche schon auf Erden überwunden, und den heiligen Märtyrer» 180 gleich, stand sie mit geistigem Auge bereits vor der Erfüllung des Glaubens, vor der Seelen Seligkeit. Sie erleidet den Tod wie eine Christin: Tod, wo ist dein Stachel; Hölle, wo ist dein Sieg? — Nach der Anschauung der Antike wäre nun eigentlich die Katastrophe beendet, welche den Knoten des Geschicks gelösct hat. Nem und der Vicedom sind ihr ebenfalls zum Opfer gefallen. Höchstens wäre noch ein Straf- und Racheakt oder ebenfalls ein gewaltsames Ende des Herzogs Albrecht zu erwarten gewesen. Eine solche Lösung aber lag der Absicht des Dichters fern. Mit der Opferung der Helden können zwar im sittlichen Bewußtsein die verwickelten Pfade des Verhängnisses geebnet, die eigene Schuld kann gesühnt werden. Aber für uns folgt nach dem Tode ein neues Leben, und wie die Seele durch den Glauben unsterblich wird, so werden die Handlungen unsterblich durch den Nachruhm und die Nachwirkung. Agnes hat ein Vermächtniß hinterlassen an Albrecht, in dem es zunächst heißt, daß sie die Schickung, die ihr von oben gesandt wurde, standhaft ertragen wird und daß sie dankbar des Glückes eingedenk bleibe, das ihr zugewendet wurde durch seine Liebe. Dieses Bekenntniß entspricht durchaus ihrer Aussage vor Gericht: „Ich folgte Albrecht nur um seinetwillen, Denn daß ich nicht dem Glück entgegenfahre, Das sagte mir die Stimme in der Brust; Doch glaubt, hätt' ich es noch einmal zu thun, Ich würde gleichwohl keinen andern wühlen." Dann legt sie ihm die Bitte an das Herz, daß er seinem Vater nimmermehr entgelten lasse, was er, verführt durch andere, ihr angethan. Er soll denen, die er zu schirmen berufen ist, nicht Unheil anthun durch einen Bürgerkrieg, sondern, der Selbstsucht ledig, dem Volke allein seine Zukunft weihen. Diese Botschaft des Friedens und der Versöhnung wird dem nach Straubing zurückkehrenden Albrecht unmittelbar nach der Trauerbotschaft übergeben: „Die Sonne ist erloschen! Agnes todt! Ertränkt vom mörderischen Vicedom!" Der Nachezug, den die Geschichte nun folgen läßt, wird durch die liosntia. xoötian zusammengezogen in ein rächendes Gelöbniß, das aber der Dechant von Jnders- dorf mit dem Vermächtniß der Agnes in die richtige Bahn lenkt: „Denn war es auch ein himmelschreiend Unrecht, Das sie erlitt, so ward durch ihren Tod Des Krieges Geißel unserm Volk erspart, Für dessen Heil als Opfer sie gestorben." Albrecht blickt verzückt zum Himmel zu der seligen Gestalt, die ihm das Vermächtniß der Versöhnung hinterlassen und nur vom lichten Gewölk umgeben um Gewährung bittet: „Sie winkt mir mit der Palme in der Hand Und weist empor, wo ihren Lohn sie fand! Stets höher auf entschwindet sie dem Blick, Zur Glorie ward ihr irdisch Mißgeschick, Und wie vom Licht die Wolken aufgezehrt, Fühlt sich das Herz der Rache abgekehrt. Wohlan, ich will befolgen ihr Geheiß Und zeigen, daß ich zu vergeben weiß." Die Versöhnung mit dem Vater erfolgt sofort. Albrecht wird ein Wohlthäter seines Volkes und legt den Grund zu seiner späteren Größe. Der nach eigenem Eiugeständ- niß durch falschen Rath und weltliche Vorurtheile be- thörte Herzog Ernst läßt über dem Grabe der Agnes eine Sühnkapelle bauen, die sein ewiges Heil verbürgen soll. Später aber wurde ihre Asche bei den Karmelitern beigesetzt, wo sie ahnungsvoll sich selbst die Ruhestatt ausgesucht hatte. So endet das Leben und Wirken, das Glück, die Schuld, die Buße der blondgelockten Agnes Bernauer, des Engels von Augsburg, der uns durch des Dichters Vermittlung zeigt, wie irdische Liebe zur himmlischen erblühen kaun. Wir aber, ergriffen und erhoben durch die Betrachtung eines solchen Schicksals, sinken in das Knie und stimmen an ihr letzt' Ave Marie! ---S-MSS-- Himmelsschau im Monat April. —X. Merkur 8 entfernt sich am 11. am weitesten westwärts von der Sonne und kann in der Morgendämmerung gesehen werden. Venus tz ist Morgenstern und geht auf zwischen 4 U. 16 M. und 3 U. 30 M. Früh. Mars F im Steinbock ist Morgenstern und geht auf zwischen 3 U. 38 M. und 2 U. 33 M. Jupiter sj. steht am Abendhimmel und geht zwischen 11 U. und 10 U. unter. Saturn H kommt am 12. in Opposition mit der Sonne, in Erdnähe und strahlt in größtem Glänze. Saturn ist die ganze Nacht sichtbar und erreicht gegen Mitternacht seine größte Höhe über dem Horizont. In die Nähe des Mondes kommen am 2. Venus; am 4. Merkur (vom C bedeckt um Mitternacht); am 9. Jupiter; am 19. Saturn; am 29. Mars. -o--- GotdkSrrrer. So Viel in Gott, ebensoviel ist man im Frieden — so viel aber außer Gott, ebensoviel ist man außer dem Frieden. Tauler. Im Kampf mit Gefahr Erhebt sich, wie machtvoll zur Sonne der Aar, Der Geist aus kerkernden Schranken Zu Göttergedaukcn. Matthisson. Kreuztied.^ Heil'ges Kreuz! Sei hochverehrt! Hartes Nuh'bett meines Herrn! Einstmals sch'n wir Dich verkläret, Strahlend gleich dem Morgenstern. Sei mit Mund und Herz verehret, Krcuzstamm Christi, meines Herrn! Heil'ges Kreuz! Sei uns're Fahne In dem Kampf, in jeder Noth! Die uns wecke, die uns mahne. Treu zu sein bis in den Tod! Sei mit Mund und Herz verehret, Kreuzstamm Christi, meines Herrn! Eines sei uns noch gewähret: Ruft uns einst der Ruf des Herrn, Sei im Sterben noch verehret. Leucht uns als ein Morgenstern! Sei mit Mund und Herz verehret, Kreuzstamm Christi, meines Herrn! *) Dieses Lied wird in sehr vielen Gegenden des oberbayerischen Gebirges am Charsreitag Abends in der Kirche mit einer Andacht gesungen, daß der fromme Eindruck dieses einfachen Gesanges manches unserer beliebten modernen sogenannten „Oratorien" in den Schatten stellt. Der Einsender -x-. „Augsburger Postzeitung". ^L25 Dienstag, den 27. März 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Fri'ck in Augsburg. Track und Berlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesrtzcr vr. Max Huttler). Astern. Jst's nicht Frühlingsahnen, Das uns leis umweht? Auf den sonnigen Planen Liebliches Grün ersteht. Durch die dämmernden Lande Gehet ein altes Lied, Und dem beengenden Bande Jeder Keim nun entflieht. Herz, Du wartest schon lange, Ob Dein Frühling auch naht Und aus Kummer und Dränge Dir erscheinet ein Pfad. Frühling will es nun werden, Ostern läuten sie ein, Soll's nur Dir auf der Erden, Dir nicht österlich sein? Heut' vom Erlösergrabe Wehet herüber ein Hauch; Glauben, Glauben nur habe, Und Du spürest ihn auch. Adolph Müller. -— Die Tochter des Hauses. Erzählung von C- Borges. (Fortsetzung.) Die Nachricht von der Erkrankung der Kinder verbreitete sich mit Blitzesschnelle im ganzen Schlosse und erfüllte jedes Gemüth mit Furcht und Schrecken. Oberst Dornburg und Graf von Eckernstein zogen es vor, unter diesen Umständen schleunigst abzureisen. Der Arzt konnte nur Barbaras Aussage bestätigen. Es unterlag keinem Zweifel, die Kinder hatten alle drei das Scharlachfieber, denn auch Edmund hatte es viel bequemer gefunden, im Bette zu liegen und sich bei seinen Kopfschmerzen hätscheln und pflegen zu lassen, als im einsamen Schulzimmer allein bei einem Märchenbuche zu sitzen. Eveline war sehr krank; für die beiden Knaben war noch kein Grund zur Besorgniß vorhanden. „Fräulein Morden, wollen Sie nicht lieber abreisen? Wir dürfen Sie hier der Gefahr der Ansteckung nicht aussetzen," hatte der Schloßherr in seiner ernsten Freundlichkeit der Gouvernante vorgeschlagen, und erstaunte über den energischen Ton, als sie entgegnete: „Nein, Herr v. Garkau. Um keinen Preis der Welt würde ich jetzt das Schloß verlassen!" Die Freifrau war nur mit Mühe zu bewegen, einen Augenblick von Alex' Bett zu weichen, um ihrem Vetter „Lebe wohl" zu sagen, der noch immer gehofft hatte, einen Blick von Barbara zu erhäschen — allein vergebens. „Liebe Eveline," sagte er theilnehmend, als er die bleichen Wangen und die tiefbeschatteten Augen seiner Cousine sah, „wenn Du Dich jetzt am ersten Tage schon so aufregst, so wirst Du die Pflege nicht lange aushalten und selbst krank werden!" „Oh nein!" versetzte sie mit bebenden Lippen, „Fräulein Morden sorgt für mich. Ich wüßte nicht, was wir jetzt ohne sie machen sollten, denn auf Gleichen kann ich mich in Krankheitsfällen nicht verlassen sie ist zu alt. Es thut mir so leid, daß Du so schnell fort willst, aber-" „Ich freue mich, daß ich weiß, Du und die Kinder seid in treuen, sicheren Händen," unterbrach er. „Eveline, ich muß gestehen, Du hast einen Edelstein in Deiner Gouvernante gefunden, — sie ist treu wie Gold. Wenn sie nur nicht auch krank wird. Ich weiß, daß sie das Scharlachfieber schon gehabt hat, und hoffe daher, daß sie gegen Ansteckung gesichert ist." Trotzdem ihre eigene Sorge alle Gedanken einnahm, bemerkte die Freifrau doch den leuchtenden Blick im Auge des Vetters, als er von der Erzieherin sprach. Er bemerkte das Erstaunen, zuckte lächelnd die Achseln und fuhr unbeirrt fort: „Ja, Eveline, trotz aller Deiner Warnungen ist mein Herz doch so thöricht gewesen, sich ganz sterblich zu verlieben. Es ist das erste Mal in meinem Leben, daß ich ein offenes Auge hatte, und ich sage Dir, Niemand anders als Barbara Morden soll meine Gattin werden, oder — ich sterbe als alter, verbitterter Junggeselle. — Ich weiß, es würde heute ganz unnütz sein, darauf bestehen zu wollen, sie zu sehen und ihr meine Liebe offen auszusprechen, aber — —" „Sie würde um keinen Preis das Krankenzimmer 182 verlassen. Die arme Eveline fängt laut an zu weinen, wenn sie einen Augenblick von ihrem Bette weicht." „Ich weiß es; Gottfried hat es mir gesagt. — Du hältst mich gewiß für thöricht, Eveline, aber ich gestehe Dir, Fräulein Morden hat mich vom ersten Augenblick an unwiderstehlich angezogen. Ich — — aber nein, ich will Dich heute mit meinen Liebes-Nhapsodien nicht belästigen, dafür ist jetzt nicht die rechte Zeit. — Sage mir nur, daß Du mir nicht zürnst, Eveline. Wir sind ja immer gute Freunde gewesen — und die Kinder halten mich auch gern." Die Stimme des jungen Mannes zitterte, als er der drei Kleinen gedachte, die er zu so manchen tollen Spielen verleitet hatte, und die jetzt so jäh auf das Krankenlager geworfen waren. Die arme Mutter brach bei dieser sichtlichen Erregung in Thränen aus, doch Arthur schlang seinen Arm um sie und tröstete sie. „Beruhige Dich, Eveline, es wird noch Alles gut werden. Sieh hier, — willst Du Barbara dies Briefchen geben? Es mag lange währen, bis ich sie wiedersehe, und sie soll doch wenigstens wissen, daß ich sie liebe. Und nun, Gott schütze Euch Alle, Dich, Barbara und die Kinder I Behalte guten Muth, die Kleinen sind ja sonst immer gesund gewesen; sie werden hoffentlich auch diesen Feind überwinden. — Du zürnst mir doch nicht, nicht wahr? Gottfried hat mir versprochen, mich täglich zu benachrichtigen, wie es hier geht, dann sehen wir uns hoffentlich bald in glücklicheren Tagen wieder." Frau von Garkau trocknete ihre Thränen und versuchte zu lächeln. „Du bist thöricht, Arthur, wirklich ganz thöricht! Wie willst Du's denn anfangen, um mit einer Gattin standesgemäß zu leben? Ohne Vermögen, nur auf Deine Gage angewiesen, ist das kauoi denkbar. Aber zürnen kann ich Dir darum doch nicht! Ich sollte Dich freilich nicht in Deinem Vorhaben bestärken, aber dennoch verspreche ich Dir, das Briefchen richtig abzuliefern, obgleich ich dabei gegen mein Gefühl handle. Was würde aber geschehen, wenn sie Deine Hand verweigern sollte; ich würde es nicht ertragen können, wenn Du unglücklich würdest, — Graf Eckernstein —" „Ich weiß, was Du sagen willst, glaubst Du denn, ich sei blind gegen die Aufmerksamkeiten gewesen, die er ihr zollte? Er ist gewiß ein guter, ehrlicher Mensch, und kein Wort zu seinen Ungunsten soll über meine Lippen kommen, aber dennoch, ich kann ihn mir nicht als Bar- bara's Gatten denken! Sie ist nicht ein Mädchen, das sich durch Titel oder Rang blenden ließe. Der Himmel schütze sie. Wenn sie ihn aufrichtig liebt — nun — so möge sie glücklich mit ihm sein, selbst wenn mein kurzer Liebestraum auch elendiglich Schiffbruch darunter litt. Doch nun genug, leb' wohl, Eveline!" Oberst Dornburg hatte das Schloß verlassen. Noch einen langen schmerzlichen Blick warf er nach den dicht verhangenen Fenstern im oberen Stockwerk, hinter welchen er wußte, daß Barbara treue Krankenwacht hielt, dann trat er seufzend seine Rückreise an. Die Freifrau übergab sogleich, ihrem Versprechen gemäß, Barbara das Briefchen. Jedoch Eveline, die nur aus der Hand ihrer geliebten Erzieherin die Arznei nehmen wollte, nahm sie so sehr in Anspruch, daß sie, ohne es weiter zu beachten, und ohne die Aufschrift zu lesen, die Zeilen in Evelines Geschichtenbuch auf einem Seitentische legte. Verarme, enttäuschte Oberst! Täglich und stündlich wartete er auf Antwort und seine Unruhe wurde immer unerträglicher. Er konnte ja nicht ahnen, daß um die übergroße Sorge für die Kinder das Briefchen vollständig vergessen und noch ungelesen in Evelinens Geschichtenbuch lag! So vergingen Tage und Wochen in banger Angst und Sorge. Bleich, abgehärmt, aber thränenlos ging die geängstete Mutter von einem Liebling zum anderen. Sie selbst war keine gute Pflegerin, und bewundernd folgten ihre Blicke Barbara, die die kleinen Leidenden mit unermüdlicher Liebe hegte und pflegte. Täglich setzte sie größeres Vertrauen in die Gouvernante, die ihr jetzt eine treue Freundin geworden war, und befolgte sogar ihren Rath, sich Ruhe und Schlaf zu gönnen, wenn der Zustand der Kinder erträglich war. Barbara selbst schien mit übernatürlichen Kräften begabt zu sein. Es waren ja ihre eigenen lieben Geschwister, die sie pflegte, und dieser eine Gedanke verscheuchte alle Müdigkeit, machte jede Anstrengung leicht. Der Arzt hatte längst gerathen, eine erprobte Krankenwärterin aus der nahgelegenen Stadt kommen zu lassen, doch dieser Vorschlag war von Barbara energisch verworfen worden. — Dem Schloßherrn waren diese traurigen Wochen zum Segen geworden, denn jetzt erst, in den Tagen der Noth, brach die Liebe zur Gattin und zu den Kindern, die so lange in seinem Herzen geschlummert hatte, sich völlig Bahn. Gemeinsame Sorge, gemeinsames Gebet zur Erhaltung der Kinder hatten die Gatten fester vereint, als gemeinsames Glück es vermocht hatte. Barbara merkte es und sie freute sich. Ja, noch mehr, das Herz der Mutter schlug jetzt ebenso sehr in banger Sorge um ihr Töchterchen, sie liebte es mit derselben Innigkeit, wie die beiden Knaben. Endlich hatte das Fieber seinen Höhepunkt erreicht; für Eveline war die gefürchtete Krisis gekommen. Das Kind wälzte sich in wilden Fieberphantasien in ihren Kissen und erkannte nicht einmal ihre treue Pflegerin, die keinen Augenblick von ihrer Seite wich. Endlich, gegen Morgen, fiel sie in einen ruhigen Schlummer, und freudestrahlend erklärte der Doctor die Gefahr für überwunden. Das war ein Sonnenblick; Jedes athmete erleichtert auf. Doch ach, bald sollte die kurze Freude getrübt werden. Der Zustand der beiden Knaben wurde gegen Abend höchst bedenklich! Niemand wagte das Krankenzimmer zu verlassen, selbst der Arzt blieb, um mit aller ihm zu Gebote stehenden Macht dem Tode seine Beute zu entreißen, der schon seine knöcherne Hand ausstreckte, um die zarten Knospen grausam zu knicken. Eveline schlief ruhig der Genesung entgegen; sie hatte keine Ahnung, daß ihre kleinen Bruder mit dem Tode kämpften. Der Schloßherr war vollständig gebrochen. Es war ihm unerträglich, allein in seinem Zimmer zu bleiben; regungslos stand er über Edmunds Bett gebeugt, jeden Augenblick den letzten Athemzug erwartend. Der Arzt und Barbara kämpften gemeinschaftlich, um dem Todesengel, der schon seine schwarzen Schwingen ausgebreitet hatte, Schritt für Schritt entgegen zu treten. Endlich konnte es der Vater hier nicht länger ertragen, 183 er verließ das Zimmer, doch an der Thür stand er still und winkte Barbara. „Kommen Sie zu mir, Fräulein Morden, und sagen Sie mir, wenn — —" Er konnte nicht weiter sprechen, doch Barbara verstand ihn und flüsterte ihm zu: „Ja!" Ein heißes, unwiderstehliches Verlangen wurde in ihrem Herzen rege, sich schon jetzt in seine Arme zu werfen und ihn zu trösten. Doch es war keine Zeit dazu; sie mußte zu ihren Brüdern zurück, die mit dem Tode kämpften. — Allein ging der bekümmerte Vater in sein Arbeitszimmer, um hier einsam die Todesnachricht zu erwarten. Es war bitter kalt; schon lange war das Feuer erloschen, aber er merkte es nicht. In tiefen Gedanken versunken saß er da und stützte sein sorgenschweres Haupt. Warum konnte er auch gerade jetzt in diesen Trauertagen den Gedanken an seine vernachlässigte Tochter nicht aus seinem Sinne bannen? Er gedachte an Nora, seine erste, heißgeliebte Gattin — an seine Lieblosigkeit, die ihn nicht vergeben und vergessen ließ. Er sah sie sterbend in seinen Armen, hörte das leise Wimmern des kleinen, hilflosen Wesens, welches sie ihm als Unterpfand ihrer Liebe gelassen hatte! Er schlug mit der Hand gegen die Stirn! — Dann stand ihm das Bild seines kleinen, sterbenden Edmund vor Augen. Er war ja der Sohn und Erbe, nach dem er sich so sehr gesehnt hatte, der Sohn seiner Gattin, der er so wenig Liebe entgegen gebracht, aber deren treues Herz er erst jetzt erkannt hatte. Mit einem leisen Angstschrei fiel sein Haupt auf den Tisch. Mußte er die Hingabe seiner beiden Söhne nicht als gerechte Strafe für die Verbannung seiner ältesten Tochter hinnehmen? Er stöhnte laut. In diesen schmerzlichen Gedanken versunken, hörte er nicht den leisen Schritt auf der Treppe, hörte nicht das Klopfen an der Thür, erst als Barbara leise öffnete und jetzt vor ihm stand, blickte er auf. — Sein Blick war durch Thränen verschleiert, er sah nicht ihr freudig aufleuchtendes Antlitz; er wußte ja, daß sie ihm die Todesnachricht überbrachte. „Sagen Sie es mir nur, Fräulein Morden, ich kann's ertragen." „Aber das ist es ja nicht", rief sie mit vor Freude bebender Stimme, „sie sind besser — — sie sind beide besser. — Edmund wurde bald ruhiger, nachdem Sie fort waren; jetzt ist auch Alex außer Gefahr! Beide schlafen, und der Arzt hofft, daß sie bald genesen werden. Das war > zu viel. Die Freude nach diesem Schmerz war mehr, wie der erregte Vater ertragen konnte; er bedeckte sein Antlitz mit den Händen und weinte laut. Jetzt konnte auch Barbara nicht länger an sich halten, sie kniete an seiner Seite und schlang beide Arme um seinen Hals. „Vater! lieber Vater! weine nicht," flehte sie und versuchte seine Hände vom Gesicht zu entfernen. Er hörte die seltsamen Worte und blickte verwundert und erschreckt auf. War es denn nur eine Sinnestäuschung, ein Spiel seiner wild erregten Phantasie, die ihm in den letzten Stunden so lebhaft die Erinnerung an seine vernachlässigte älteste Tochter vorgegaukelt hatte? — Es war ja nur Fräulein Morden, die Erzieherin seiner Kinder, die an seiner Seite kniete. Hastig trocknete er seine Thränen und schaute in das bleiche Gefichtchen, das sich so fest an ihn schmiegte. „Habe ich Sie erschreckt; — war ich zu erregt, Fräulein Morden? Verzeihen Sie mir, aber die Nachricht kam so unerwartet." Seine Stimme zitterte; nur mühsam konnte er die Worte hervorbringen. „Sie sind so gut gegen uns Alle gewesen", fuhr er dann tief bewegt fort. „Ich weiß nicht, was wir in dieser schrecklichen Zeit ohne Sie hätten anfangen sollen!" „Gut — gut?" wiederholte Barbara leidenschaftlich. „Oh, mein Vater! verstehst Du mich denn noch nicht? ich bin Barbara — Deine älteste Tochter Barbara!" „Barbara?!" stammelte er und wurde leichenblaß. „Ja, ich bin Barbara! Sieh, hier ist ein Brief, den ich heute von Tante Agnes bekommen habe, und hier sind die Briefe, die Du mir früher geschrieben hast!" Er nahm sie mechanisch in seine zitternden Hände, doch er konnte sie nicht halten, — sie fielen zur Erde. Er zweifelte nicht, sein eigenes Herz sprach laut und deutlich; er schloß sie in seine Arme und schaute lange und innig in die dunkeln, freudestrahlenden Augen. »Ah, jetzt verstehe ich es auch endlich", murmelte er dann, als er sie wieder und wieder geküßt hatte. „Es war die bekannte Stimme — die leichten, zierlichen Bewegungen — ganz wie Deine arme Mutter! Aber Du siehst ihr sonst gar nicht gleich, und dennoch fand ich einen Zug in Dir, der mich mit unwiderstehlicher Gewalt anzog. Mein Kind, ich bin Dir kein guter Vater gewesen — ich habe nicht verdient, was Du an uns gethan hast. Vergib mir, Barbara." Statt aller Antwort hielt Barbara ihren Vater innig umschlungen, ihr Haupt sank auf seine Schulter, und Freudenthrünen netzten ihre Wangen. „Vater — lieber Vater — ich habe Dir nichts zu vergeben", schluchzte sie. „Tante Agnes hat mir alles von meiner Mutter erzählt, und ich — — ich wollte nur sühnen, was sie Dir gethan hat." „Wie edel, wie hochherzig, nachdem ich Dich so vernachlässigt habe. Aber in Zukunft soll es anders werden. Er wollte sie nicht mehr aus seinen Armen loslassen und drückte sie leidenschaftlich an sich. „Nun erzähle mir, wie Du hierher kamst, Barbara", bat er, als er sich beruhigt hatte. „Was wußtest Du von unserer erkrankten Gouvernante?" Barbara erzählte Alles. „Ich fürchte, Tante Agnes ließ Dich nicht gern hieher kommen," meinte er, als sie geendet hatte. „Vor einigen Tagen bekam ich einen Brief von ihr, der mir so gereizt schien, daß ich die Ursache nicht erklären konnte. Aber jetzt verstehe ich ihn." „Die gute, liebe Tante! Ja, sie sah es sehr ungern und wollte mir den Plan absolut ausreden. — Aber," fügte sie mit schelmischem Lächeln hinzu, „ich habe immer meinen Willen durchgesetzt — sie hat mich ein wenig verwöhnt." „Dein Wille hat jetzt glänzend über mich und über uns Alle gesiegt! Was würden wir ohne Dich angefangen haben, Barbara? Du hast meiner Frau, meinen Kindern wie ein guter Engel treulich zur Seite gestanden!" 184 „Vater, sind sie nicht meine Geschwister? Oh, wenn Du gewußt hättest, wie sehr ich mich nach Euch gesehnt Habei Und — meine Stiefmutter ist immer gütig gegen mich gewesen, ich liebe sie, und sie liebt mich auch. Willst Du ihr sagen, wer ich bin? Vielleicht wird sie mir zürnen, daß ich mich unter falschem Namen hier eingeschlichen habe. Aber ich bin ja Dein Kind, und sie liebt Dich; um Deinetwillen wird sie mir nicht zürnen." „Eveline l Ja, sie liebt mich; in Zukunft will ich ihre Liebe zu verdienen suchen — und Deine auch", fügte er seufzend hinzu. * * * Der Morgen dämmerte, als Barbara das Arbeitszimmer ihres Vaters verließ. Sie eilte in das Kinderzimmer. Alle drei Kinder schliefen ruhig und athmeten gleichmäßig; selbst Gleichen, die Wache halten wollte, war sanft eingeschlummert. Ihr Herz strömte über vor Freude und Dank; in ihrem Zimmer war es ihr zu eng, sie eilte in den weiten schneebedeckten Garten und beruhigte ihr aufgeregtes Gemüth in der frischen, kalten Morgenluft. Die Thür des Wohnzimmers stand offen; sie hörte ihren Vater mit der Stiefmutter reden; wie würde sie seine Enthüllungen aufnehmen? Sie hatte unter falschem Namen sich Einlaß erzwungen, und das war Betrug, so harmlos er auch an und für sich war, aber würde die Stiefmutter ihn vergeben? Ihr Herz klopfte, als nach wenigen Minuten ihr Vater ihren Namen rief, und schüchtern und mit bleichem Antlitz betrat sie das Gemach. Die Stiefmutter stand mit ausgebreiteten Armen und drückte sie fest an sich. „Also Du bist wirklich Barbara?" rief sie ihr jubelnd entgegen, „Gott segne Dich, mein Kind, und lohne Dir alles Gute, was Du an uns gethan hast! Oh, wenn ich noch daran denke, mit welchem Vorurtheil ich anfänglich Deine Ankunft hier befürchtete! Vergib mir, Barbara, ich wußte nicht, was wir mit Dir gewinnen würden I Oh I wie werden sich die Kinder freuen, wenn sie hören, daß ihre geliebte Gouvernante jetzt ihre Schwester ist!" „Zürnst Du mir auch nicht, daß ich Euch betrogen habe?" fragte Barbara schüchtern. „Ich sollte Dir zürnen? Dir, die Du in dieser schweren Zeit so viel für uns gethan hast, und noch dazu jetzt, da Gott der Herr mir meine Kinder wieder geschenkt hat? Nein, Barbara, ich zürne Dir nicht!" Und innig umarmten sich die beiden Damen, während der Vater, von Dank und Freude erfüllt, tief bewegt seine Augen gen Himmel schlug. (Schluß folgt.) --S-W8NS- Don Bosco in England. p Angeregt durch einen interessanten Artikel über die sogenannten Lumpenschulen in London (Unterhaltungsblatt Nr. 21), der mit dem Ausruf schließt: „Hätten wir doch auch einen Don Bosco für England!" erlaube ich mir die Notiz: Er ist ja schon dort eingebürgert. Seine Salesianer wirken seit mehreren Jahren sin London, und am 13. Oktober 1893 haben sie in der Vorstadt Battcrsea, dem Ort ihrer ersten Niederlassung, ein herrliches Fest gefeiert. Wo einst, am linken Ufer der Themse, der Garten des Sir Thomas Morus sich befand, da erhebt sich heute eine stattliche Herz-Jesu-Kirche. Zweitausend, meist arme Katholiken bilden die Gemeinde; sie haben schwere Tage gekannt und mußten, um ihren religiösen Pflichten nachzukommen, große Opfer bringen. Einige Jahre vor der Niederlassung der Salesianer hatte eine fromme Dame der Vorstadt B. das Geschenk einer Nothkirche gemacht, die aber im vorigen Jahre abgetragen werden mußte. Dieselbe Dame wird es wohl auch gewesen sein, welcher London später die Salesianer verdankte. Sie kam nämlich mit seltener Ausdauer immer und immer wieder zu Don Bosco mit dem Ansuchen, er möge sein Institut auch nach England verpflanzen. Trotz der riesigen Zunahme seiner geistlichen Familie konnte er die Bitte nicht gewähren, da von zu vielen Seiten das gleiche Ansinnen an ihn gestellt wurde. Sie ließ aber nicht nach und fragte ihn eines Tages, ob er denn unter keiner Bedingung ihr Hoffnung gebe, und er, vielleicht in der Meinung, sich hiemit Ruhe zu verschaffen, erwiderte: „Nur des heiligen Vaters Wunsch oder Befehl könnte mich bestimmen." Sofort machte sich die Dame auf den Weg nach Rom, wo sie bald das ersehnte Ziel erreichte. Binnen Kurzem ließen sich mehrere Salesianer unter sehr bescheidenen Verhältnissen in London nieder. Man konnte, da die Gesellschaft Mitglieder aus aller Herren Ländern ausweist, eine Wahl treffen unter Italienern, Jrländern und Engländern, um den dortigen Katholiken gerecht zu werden. Gar rasch faßte die Anstalt Wurzel und entfaltete sich in erfreulichster Weise. Der beste Beweis hiefür ist die neue Kirche, deren Einweihung Veranlassung gab zu großen, herrlichen Kundgebungen katholischen Lebens. Ueber 8 Tage dauerten die Feste, Predigten, Conferenzen u. s. w. unter der Theilnahme eines zahlreichen Publikums, das von nah und fern herbeigekommen war, Arme und Reiche, Vornehme und Geringe, Katholiken und Protestanten, einheimische und auswärtige geistliche Würdenträger. Von der Gesellschaft der Sale- siancr hatte sich vor Allem Don Michael Rua, der würdige Nachfolger des Don Bosco, eingefunden, und außer ihm mehrere Obere von verschiedenen italienischen und französischen Häusern, zur besondern Freude überdies der Vorstand der patagonischen Mission, Bischof Don Cagliero. Von englischen Prälaten nennen wir Msgr. Butt, Bischof von Southwark, in dessen Diözese die Salesianer gehören, und Se. Eminenz Cardinal Vaughan, Erzbischof von Westminster. Die Consecration nahm auf Wunsch des leidenden Msgr. Butt Bischof Cagliero vor. Es muß die ganze Feier eine wahrhaft erhebende gewesen sein; doch ginge es zu weit, sie hier mit ihren Einzelheiten zu bringen; zum Schluß nur noch den Wunsch: Die Engländer haben ihren Don Bosco; wird die Reihe nicht an uns kommen? Goldkörnrr. Wer weiß, was rechte Hand, was linke sei, Dem stehet auch die Wahl des Guten stet. Tadle nie was Gott gemacht, Ew'ge Weisheit hat's erdacht, Ew'ge Allmacht bracht's Herfür, Ew'ge Liebe gab es Dir. K. 4 > 185 Auferstehung. Der Winter ging vorüber, und es ziehet Wie Gottes Engel auf der Lüfte Schwingen Der Frühling ein; es geht wie selig Singen Durch die Natur, und Alles sprießt und blühet. Als wie ein Lied zu Gottes Lob und Preise Zieht's in die Brust, zieht's durch der Erde Weiten Und nun ein Klang, ein Helles Glockenläuten Von Dorf und Stadt durchhallt die Luft im Kreise Und: Ostern ist! so bringt es frohe Kunde Der Menschenbrust; es geht von Mund zu Munde Der Freudenruf; er hallt von Land zu Landen Ja, Ostern ist's. Im holden Frühlmgsweben Bricht aus dem Grabe selbst ein neues Leben. Die Gruft ist leer: Der Herr ist auferstanden! GWD 186 Die fünf Finger. OO Wer erinnerte sich nicht aus seiner Kinderzeit des Märleins von den fünf Fingern? Nicht jeder aber wird dabei des Geheimnisses gedenken, daß dieses Kindermärchen das letzte Ueberbleibsel ist eines alten Glaubens, der in den indischen Gesetzbüchern nicht minder wie in den germanischen sich vernehmen läßt und die Vorstellung bildet, daß jeder Finger einer anderen Gottheit heilig ist. Das deutsche Recht gab jedem Finger eine besondere Beziehung zur Gottheit und dementsprechend ein verschiedenes Wergeid. Nach dem Alemanennrecht büßte derjenige, welcher seinem Gegner den Daumen abhieb, gleich viel wie der, welcher den kleinen Finger beschädigte, nämlich mit 12 Schillingen, ähnlich wie im genannten Märchen diese beiden Finger in der Werthschätzung sich gleichstehen; wer den Zeigefinger abhieb, wurde mit 10, wer den Mittelfinger: mit 6, wer den Ringfinger: mit 8 Schillingen bestraft. Der Daumen war der besondere Liebling der Gottheit. Den Raum zwischen ihm und dem Zeigefinger nannte man die Wotansspanne, Wotan war der Gott des Glückes und des Glücksspieles. Daher „hält man Einem", dem man das Spielglück zuwenden will, den „Daumen", und der Aberglaube will, daß man für den gleichen Erfolg sich den Daumen eines gehenkten Diebes verschaffe. Gewaltthat heißt: „Einem den Daumen auf's Auge setzen." Als der Schuster von Lauingen sich zum Zweikampf mit einem Niesen stellen sollte, gelobte er es damit, daß er statt des Handschlages den Daumen aus seiner Hand hergab und nach dem siegreichen Kampfe für seine Vaterstadt das Recht erbat, mit rothem Wachse siegeln zu dürfen. Auch im Hexenwesen spielt der Daumen eine Rolle. Betrügerische Wirthe und Krämer müssen nach ihrem Tode umgehen und ihren Daumen aus- schreien; er heißt deshalb „Kaufleutefinger", das damit gezählte Geld „Daumenkraut." Des Daumens Nachbar wird in einem Rechte der „Schußfinger", der „Bogenspanner" genannt, der die Pfeile von des Bogens Sehne schnellt. Er ist der weisende, Zeigefinger. Seine zahlreichen Spottnamen erinnern an seine sinnliche Naschhaftigkeit; er erscheint auch als der Dieb in allen Spielsprüchen. Der Mittelfinger hat seiner Länge und Größe wegen die meisten Namen; er gilt als Schnapp- hahn, der alles vorwegnimmt, als ein überall sich einmengender Hauskobold. Er heißt nur der „helle Finger", gegenüber dem goldhellen Ringfinger und dem alles in Gold verwandelnden Daumen. Höchst bedeutungsvoll ist der Goldfinger. Den Ring trägt der Mensch an dem vierten Finger, der heißt der „Herzfinger", sagt Geiler von Kaisersberg, und ein Zeitgenosse von ihm: „Und wird der Brautring an den vierten Finger gesteckt, von welchem die Adern zum Herzen gehen, anzuzeigen, daß die Lieb' soll herzlich sein." Altnordisch wird er „Brautfinger", „Goldenringer", „Goldinger" genannt, nicht bloß weil er den Ring trägt, sondern weil er der Freudebringer ist. Er ist nicht minder der Arzneikundige; schon Plinius heißt ihn ,,«U§itu8 insätons"; er legt im Märchen den Daumen in's Bett, deckt ihn zu, thut ihm Zucker in den Brei und gibt ihm die Krankensuppe. Er erprobt auch die Reinheit beim Gottesurtheil der Feuerprobe, daher: „Sich die Finger verbrennen." Der kleine Finger, der „in das Ohr grübelt", ist ein Ohrenbläser und Angeber; wie er bei Gericht alles angibt, so bringt er im Hause allen Geschwistern ihre Unart aus, und der Vater behauptet dann: der kleine Finger habe ihm alles gesagt. Ehedem hatte er ein heiliges Amt; man malte und ölte Runen auf seinen Nagel und las die Zukunft daraus, und noch Geiler von Kaisersberg eiferte gegen das Beschreiben und Beschauen der Fingernägel: „Wie geht's zu mit den Wahrsagern, die wahrsagen und gestohlen Gut durch Gesicht wiederum bringen? Sie machen Gesichte auf ein Nagel, salben den mit Oel und muß eine Jungfrau, ein Kind, das lauter ist und rein und unverfleckt, sein, und das muß in den Nagel sehen und sagen, was es in dem Nagel sieht." Aus diesem festen Glauben an die Geheimkraft der fünf Finger läßt sich der deutsche Gerichtsbrauch des sogen. Kesselfanges begreifen. Wir heute nehmen die Phrase „sich die Finger verbrennen" als uneigentlich und mildern sie noch durch die neuere: „die gebratenen Kastanien aus dem Feuer holen." Allein das Alterthum machte vollen Ernst und erprobte die Schuld und Unschuld, indem es verlangte daß der Bezichtigte, um seine Reinheit zu bewähren, die grünen Loossteine aus dem siedenden Kessel heraushole. -—I-M,-—- Allerlei. Mit den „kleinen Pariser Gewerben" beschäftigt sich ein neu erschienenes Buch von Guy Tomel, „sh,6 i>L8 än pavs Uria-isisn" betitelt. Die Darstellung geht aus von der „Vier-Sous-Herberge" in der Rue Saint-Denis, unweit der Seine. Sie zeigt sich äußerlich als ein altes Haus, das sich in nichts von seinen Nachbarn unterscheidet, inwendig aber zeichnet sie sich durch eine ungewöhnliche Bauart aus. Das Gebäude reicht mit mehreren festgcmauertcn Kellerstockwcrken tief in den Boden hinein; ebenso viele Stockwerke erheben sich über der Erde, nur durch enge Wendeltreppen mit einander verbunden. Oben und unten, im Schooße der Erde und unter dem Dache, wimmelt es hier zwischen Mitternacht und 6 Uhr Morgens von Leuten jeden Alters und jeden Standes, die obdachlos sind und für 4 Sous das Recht erwerben, auf dem Boden gelagert, längs der Tische und auf den Bänken Nachtruhe zu halten. Sie bekommen obendrein einen Teller warme Suppe, für weitere 10 Centimes einen zweiten, für 15 Centimes Brod und Käse, für 20 Centimes ein Glas Wein. Regelmäßige Gäste der „MaisonFradin" sind die „Bagotiers", deren Zahl sich in Paris auf über tausend beläuft. Diese Leute haben ihren Standplatz an den Bahnhöfen und verkehrsreichen Plätzen, ihr Geschäft ist es, den Fahr- gästen der Droschken die Koffer ins Haus zu tragen. Häufig stehen sie mit den Kutschern im Einvernehmen, welche ihnen mit der Peitsche ein Signal geben, ob der Bestimmungsort der Reisenden weit oder nahe gelegen ist. Uebersteigt die Entfernung 2 Kilometer nicht, so läuft der Bagotier der Droschke nach. Man rechnet auf sechs oder acht Fälle einen einzigen, wo der Reisende die Dienste des Bagotiers annimmt und durchschnittlich einen Franken zahlt. — Die Pariser armen Teufel haben im Kampf ums Dasein noch viel sonderbarere Erwerbszweige ausgeklügelt. Da ist z. B. die Rattenfängerei mit abgerichteten Hunden in den unterirdischen Stadtgräben, besonders in der Nähe der Seine. Zur Zeit der Belagerung von Paris war der Absatz an Ratten ziemlich bedeutend, und der Preis für fette Exemplare § ^MWWÄWED^ MWM MMl WSL ^MWW WME '-DMWWM - -L.EM MWMMM M 'AiMWÄ-'M »MZ K/HW^^N L «L ^ r-MI!M8k«AW> WÄM-^ ' ^ -K MWM 8^5^e "' WMW ß'DGM iMMMO WMLM -ZWMMMlEW ^ -M L-s. ^«UMW WM»lUNZ! Abend. Wand'rer folgt im Abendlichte Rubesam der Sonne Lauf, Da, im hehren Ferngesichte, Steigt die Heimath vor ihm auf, Wie er einstmals sie verlassen, Als er noch ein Jüngling kaum, Wie ihm, ohne zu verblassen, Oft ihr Bild erscheint im Traum. Martin Greif. 188 stieg bis auf drei und vier Franken. Heute hat der Eifer der Rattenfänger etwas nachgelassen, da sich für dieses Gericht nicht mehr genug Liebhaber finden. Ferner verdienen die Schutzengel (^n§e-6Äräi6N8) besondere Erwähnung. Sie halten sich in gewissen Kneipen auf, die besonders von Gewohnheitstrinkern besucht werden. Ihr Beruf besteht darin, die Betrunkenen unter ihren Schutz zu nehmen und nach Hause zu bringen. Das Amt ist schwieriger, als man glaubt; denn es gilt, den Besinnungslosen nötigenfalls auf die Schultern zu nehmen und zu Hause ins Bett zu schaffen. Zu den erforderlichen Eigenschaften eines guten „Schutzengels" gehören in erster Linie körperliche Stärke, Nüchternheit, Charakterfestigkeit und Ehrlichkeit. Der „Auge-Gardien", der sein Geschäft versteht, darf nicht gestatten, daß sein Schutzbefohlener mit einem Passanten Streit anfängt oder Hand an sich selbst legt, darf auch seine Freigebigkeit nicht mißbrauchen, um so mehr, als man ihn am nächsten Tage des Diebstahls beschuldigen würde. Kurz, er ist für das Wohl und Wehe seines Klienten verantwortlich, bis dieser in Morpheus' Armen liegt. Dafür erhält der „Schutzengel" am nächsten Tage ein „Trinkgeld", zum Mindesten zehn Sous; Gewohnheitssäufer haben ein Abonnement, das zum voraus bezahlt wird. — Geht man an den Seine-Quais spazieren, so sieht man auf dem Flusse häufig Kähne mit kleinen Kajüten, die als Inschrift das Wort „Tvndeur" tragen. Man wird bald gewahr, daß die Besitzer der schwimmenden Kasten Hundescheerer sind, welche sich der großen und kleinen Köter mit geschickter Hand annehmen. Es werden da die Haare nach allen Regeln der Kunst gestutzt, die Thiere werden gebadet und gewaschen, mit oder ohne Anwendung von Insektenpulver. Das Verfahren kostet 3 bis 6 Franken, ein geschickter Hundefriseur verdient durchschnittlich zehn Franken den Tag. * Eine heitere Operation. Ein Chirurg in einem bekannten Pariser Hospital hatte kürzlich einen jedenfalls einzig in seiner Art dastehenden Fall zu behandeln. Ein Bauer war zu ihm gekommen mit der bestimmten Versicherung, er habe eine Schlange im Leibe; es sei schon einige Monate her, daß er sie, als sie noch ganz klein war, aus Versehen verschluckt habe. Heftiger Durst habe ihn damals veranlaßt, von dem Wasser eines Waldbachs zu trinken, und hierbei sei die Schlange mit in den Mund gelangt und auch sofort verschluckt worden. Seit der Zeit habe er keine ruhige Stunde mehr, er spüre ordentlich, wie das Thier von Tag zu Tag größer werde, bald sitze die Schlange in der Speise-Röhre, bald unten im Darm und kein Arzt habe ihm bis jetzt helfen können. Gutwillig ginge die Schlange nicht heraus — nun wohl, so wolle er sich denn einer Operation unterwerfen, möge daraus werden, was wolle. Der Chirurg, ein kluger Kopf, hatte sich bald davon überzeugt, daß alles nur auf Einbildung beruhe, er sah aber auch ein, daß der eingebildete Kranke bisher von seinen Aerzten thatsächlich falsch behandelt worden sei, insofern nämlich, als dieselben sich erlaubt hatten, den Bauern eines Besseren belehren zu wollen. Unser Chirurg ging also auf alles ein, die Operation wurde vorbereitet, der Kranke ausgestreckt von den Gehilfen festgehalten und ihm befohlen, ganz ruhig dazuliegen. Der Chirurg führte nun einen langen, ganz oberflächlichen Schnitt in der Magengegend aus, der die Haut nur ritzte, aber durch etwas Lammblut, welches der Chirurg in einem verborgen gehaltenen Schwämmchen bereitgehalten hatte, das Aussehen eines tiefen Schnittes erhielt. Gleichzeitig langte der Chirurg eine Schlange aus dem Aermel hervor und rief aus: „Gottlob, die Sache ist gut abgelaufen, hier ist der Störenfried." Man reichte die Schlange dem Bauern, nachdem man seine Wunde wohl verbunden hatte, und natürlich war derselbe hocherfreut und dankte dem Retter aus der Noth aufs herzlichste. Seine gute Laune und seine Gesundheit schienen auf dem besten Wege zu sein, in den Zustand vor seiner Krankheit zurückzukehren, als sich plötzlich eine düstere Melancholie des Armen bemächtigte. Eines Tages erschien er abermals bei dem Chirurgen: „Ach, mein Herr, mein Herr —," stöhnte er. — „Nun, was giebt's, mein Lieber?" fragte der Chirurg. „Um Gottes Willen — denken Sie, die Schlange, wenn sie Junge gehabt hätte!" — Einen Augenblick war der Arzt betroffen. Dann aber entgegnete er ruhig: „Aber ich bitte Sie, sie war ja männlichen Geschlechts!" Und der Kranke ward und blieb gesund von dieser Stunde an. Auch eine Wette. „Wetten Sie, meine Herren," sagte ein Janker an der Gasthoftafel, „daß ich Ihnen etwas zeigen kann, was niemals vorher gesehen wurde und keine lebende Kreatur jemals wieder sehen wird?" Die Wetten wurden gesetzt. Der Jankee nahm eine Nuß von der Fruchtschüssel, knackte sie auf und faßte den Kern zwischen Daumen und Zeigefinger. „Nun," rief er, „ich denke, Niemand von Ihnen hat diesen Kern vorher gesehen und ich denke" — dabei aß er den Kern auf — „Niemand wird ihn wiedersehen! Bitte, laden Sie ab!" ««« 4 —-- Ouadralriithset. In die Felder obenstebenden Quadrates sind die Buchstaben ^^^8888Ll888008.8.8. derart einzutragen, daß die Wagerechten und senkrechten Reihen gleichlautend bedeuten: 1. ein Gewand, 2. arabischer Name, 3. kirchliches Straf- mittel, 4. weiblicher Vorname. Lösung der Schachaufgabe in Nr. 23: Weiß. Scbwan. 1. S. 85 64 K. 84 85 2. S 04-86 s K. 85-04 >4-- l O oder K. 84-83 2 S. 04-82 -s beliebig 3. L. 04—83 matt 1. oder 05-84 2. D. 118-81 beliebig 3. S. 04 82 matt 1. oder 84-83 2. L. 04 85 (83) usw. M „Augsburger Postzeitung". 26. Ireitag. den 30. März L8S4Z Wr die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Die Tochter des Hanfes. Erzählung von C. Borges. (Schluß.) Sechstes Capitel. Wochen waren vergangen. Ungewöhnlich früh war der Winter gewichen, und das frische, erste Grün des kommenden Frühlings sproßte lustig auf Wiesen und Feldern. Die Kinder waren genesen und standen jetzt nach langer, schwerer Krankheit am Fenster und sahen dem munteren Spiel der Sperlinge zu, die, von Barbara täglich gefüttert, schaarenweise sich eingefunden hatten. Frau v. Garkaus Herz strömte über von Glück und Dankbarkeit. Sie sah ihre kleinen Lieblinge sich täglich kräftigen, sogar Eveline, die früher so bleich und schwächlich gewesen war, schien nach der überstnndenen Krankheit gesund und stark zu werden, wie die Brüder. Noch mehr aber, — sie hatte die Liebe ihres Gatten gewonnen, der jetzt eifrig bemüht war, seine frühere Kälte durch verdoppelte Aufmerksamkeit zu sühnen. Die Freude der Kinder, als ihnen begreiflich gemacht wurde, daß Fräulein Morden nur ein angenommener Name, in Wirklichkeit aber die geliebte Gouvernante ihre Schwester Barbara sei, kannte keine Grenzen. Es däuchte ihnen fast so unglaublich, wie ein schönes Märchen aus ihrem Geschichtenbuche. Eveline wollte kaum von ihrer Seite weichen. Das Kind fühlte sich jetzt so froh und glücklich, wie noch nie in ihrem Leben. Sie war dem Grabe so nahe gewesen, daß jetzt, nachdem sie neu dem Leben und ihren Eltern wiedergeschenkt war, das Herz der Mutter mit derselben Liebe an der Tochter, wie an den Söhnen hing. Auch hatte Barbara in schonender Weise den Eltern angedeutet, wie tief das kleine Herz die Zurücksetzung gegen die Brüder gefühlt hatte. Barbara selbst war der Liebling der ganzen Familie. „Ihr verwöhnt mich alle ganz schrecklich," pflegte sie oft lächelnd zu bemerken, wenn sie sah, wie ein Jedes bemüht war, ihr einen Wunsch von den Augen abzulesen. Nur Tante Agnes war unzufrieden. Sie schrieb ihrer Nichte einen Klagebrief nach dem anderen und flehte inständig, zu ihr zurückzukommen, so daß Barbara ihr endlich einen längeren Besuch mit Eveline in Aussicht stellte. Von Oberst Dornburg wurde wenig gesprochen. Sein Brief lag noch unberührt und uneröffnet in Eve- ltne's Geschichtenbuch. Als die Kleinen außer Gefahr waren, hatte er in herzlichen Worten seiner Cousine seine Freude ausgedrückt. Dann hatte die kleine Eveline ihm die wunderbare Neuigkeit über Barbara mitgetheilt; er hatte dem Kinde geantwortet, gewiß nur, um ihm Freude zu machen, aber kein freundliches Wort, kein Gruß für Barbara war in seinen Zeilen zu finden. Frau von Garkau zweifelte nicht daran, daß Barbara den Brief gelesen und längst beantwortet habe, und schloß aus dem zurückhaltenden Wesen des Vetters, daß die Antwort zu seinen Ungunsten ausgefallen sein mußte, besonders, da er seinen Besuch auf dem Adlerhorst nicht wiederholte. Sie wagte jedoch nicht, offen mit der Stieftochter über den Vetter zu reden, sie ahnte auch nicht, wie sehr sich dieselbe nach Nachricht von ihm sehnte. Tadelte er sie, daß sie sich durch Betrug in das Haus ihres Vaters eingeschlichen hatte? Dieser Gedanke warf einen trüben Schatten in ihr glückliches Leben. So waren wieder Wochen vergangen. Da kam ganz unerwartet Graf Udo von Eckernstein. Er sehnte sich nach Veränderung, nach den heiteren, lustigen Kindern, sagte er, und wollte hier einige Zeit in diesem gastfreien Hause zubringen. Die Eltern merkten jedoch bald, daß Barbara allein der Anziehungspunkt war, die aber seine zahllosen Aufmerksamkeiten gar nicht zu beachten schien. Am selben Tage kam ein Brief von Onkel Arthur. Er wollte eine längere Urlaubsreife antreten und von seiner Cousine Abschied nehmen. „Das geht nicht an! Das dulden wir nicht! DaS ist zu arg!" riefen die Kinder im Chor. „Wasd Onkel Arthur will fort, ohne uns zu besuchen! Das ist unerhört!" Die Kinder wurden so aufgeregt, gaben in den lebhaftesten Ausdrücken ihre Entrüstung kund, daß der Vater, um sie zu beruhigen, den Vorschlag machte, dem Onkel eine Bittschrift zu schicken, die von Allen unterschrieben werden sollte. — Stürmischer Beifall lohnte diesen trefflichen Gedanken. „Jeder soll unterschreiben", jubelte Edmund, in die Hände klatschend. „Du, Mama und Barbara. Aber was sollen wir mit Alex machend Er kann seinen Namen noch nicht schreiben!" „Oh, damit werden wir schon fertig", entschied der Vater. Schnell wurde Mamas Briefmappe geholt, und 190 nach dem Dictat der Kleinen, die zahllose Gründe angaben, daß der Onkel unbedingt zu ihnen kommen müsse, schon um Eveltne wiederzusehen, deren Haar nach der Krankheit kurz abgeschnitten sei, wurde der Brief geschrieben. Eveline und Edmund unterschrieben zuerst, da nahm Alex die Feder und machte drei Kreuze, hinter denen die Mutter seinen Namen schrieb. Er hatte in seinem Eifer natürlich zu viel Tinte genommen, und große Flecke waren nicht vermieden. Dann unterzeichneten Vater und Mutter, zuletzt Barbara. Eveline ließ es sich nicht nehmen, selbst die Adresse zu schreiben, und eigenhändig warf sie den Brief in den Postbeutel. Jetzt mußte der Onkel kommen. In freudiger Erregung eilten sie am folgenden Morgen in das Frühstückszimmer und waren schmerzlich enttäuscht, zwischen den angekommenen Briefen nicht die erwartete Antwort zu finden. Sie wollten oder konnten es kaum begreifen, daß der Onkel erst selbst heute den Brief bekommen haben und daß die Antwort erst morgen kommen würde. Doch so lange sollte ihre Geduld nicht auf die Probe gestellt werden. „Ich komme heute Nachmittag!" so lautete ein Telegramm, welches bald darauf Jubel und Freude hervorrief. Nur Graf von Eckernstein schien mißvergnügt. Er erblickte in dem jungen Offizier einen gefährlichen Rivalen, und da Barbara nur wenig Hoffnung in ihm erweckte, ihn zu neuen Huldigungen durchaus nicht er- muthigte, sah er dem neuen Besuche nur ungern entgegen. Oberst Dornburgs Entschluß, gar nicht mehr nach dem Adlerhorst zurückzukehren, wurde durch Barbaras Unterschrift vollständig umgestoßen; jetzt konnte er kaum die Zeit abwarten, bis er wieder in diesem fröhlichen Kreise, inmitten der jubelnden Kinderschaar war. Alle erwarteten ihn auf dem Bahnsteig. Die Kinder jauchzten vor Freude, zogen Barbara herbei, die er jetzt als ihre Schwester begrüßen sollte. Er streckte ihr die Hand entgegen. Doch das junge Mädchen legte nur schüchtern ihre zitternde Hand hinein, die sie gleich wieder entzog. Purpurgluth wechselte mit tiefer Blässe in ihrem Antlitz, und schweigsam hielt sie sich mit Eveline im Hintergrund. Der Oberst blickte vorwurfsvoll zu ihr hin, doch da sie stets vermied, ihn anzusehen, deutete er ihr scheues Benehmen falsch. „Graf Eckernstein! ich hätte fern bleiben sollen", dachte er bei sich selbst, und finster grollend setzte er seinen Weg nach dem Schlosse hin fort. Barbara fühlte sich tief unglücklich. Sie konnte kaum auf das fröhliche Geplauder ihres Schwesterchens hören; dachte sie doch nur an den schweigsamen Offizier, der jetzt keinen Blick mehr für sie hatte. War sie Schuld daran? Zürnte er ihr, daß sie sich unter fremdem Namen — durch Betrug also — in das Haus ihres Vaters gedrängt hatte? Nach dem Abendessen ging sie hinaus ins Freie. Sie wollte allein sein, um ihr aufgeregtes Herz zu beruhigen. Doch ach, da stand schon wieder der Graf an ihrer Seite, der sie wie ein Schatten verfolgte. Sie hörte kaum, was er sagte. Ihre Gedanken weilten ja nur bei ihm, der, wie sie fürchtete, durch ihre Schuld so ernst, schweigsam und traurig war. Da stand der Graf Plötzlich still; er erwartete augenscheinlich die Antwort auf eine Frage, die sie vollständig überhört hatte. „Ja! — nein!" antwortete sie verwirrt. Er erfaßte ihre Hand und drückte sie leidenschaftlich an seine Lippen. Sie entzog ihm dieselbe entrüstet. Verzeihen Sie, Herr Graf, ich beachtete Ihre Frage nicht!" sagte sie erbebend. „Ich hatte Sie gebeten, meine Gattin zu werden, Barbara", wiederholte er mit glühender Leidenschaft. „Oh! das thut mir leid — wirklich sehr leid. Aber es ist unmöglich! Ich — — liebe sie nicht — kann Sie nie lieben." Sie stieß die Worte mühsam, fast heiser hervor. „Ich will ja auch noch warten; — ich will geduldig ausharren, bis Sie gelernt haben, mich ein wenig zu lieben. Sehen Sie, Barbara, ich liebte sie schon lange, ehe ich Ihren wirklichen Namen kannte. Wäre die Krankheit der Kinder nicht so plötzlich hereingebrochen, so hätte ich Ihnen schon früher mein Herz ausgeschüttet. Glauben Sie nicht, daß ich jetzt um Ihre Hand bitte, weil ich weiß, daß Sie die Tochter des Freiherr« sind, nein, wären Sie noch die einfache Gouvernante, so würde ich es auch gethan haben." „Ich glaube es Ihnen, Herr Graf, aber — es kann nicht sein! Verzeihen Sie, wenn ich falsche Hoffnungen in Ihnen erweckte, — eS lag nicht in meiner Absicht!" " Sie erhob ihr bleiches, thränenfeuchtes Antlitz zu ihm empor, und diesem flehenden Blick konnte er nicht widerstehen. „Sie haben nichts gethan, um wich zu diesem Schritt zu ermuthigen", gestand er offen, „aber ich konnte die Hoffnung nicht so leicht aufgeben. Jetzt erst glaube ich Sie zu verstehen-Sie lieben einen Anderen! — Wer es auch sei, der Himmel segne Sie." Barbara antwortete nicht; eine verräterische Nöthe färbte plötzlich ihre bleichen Wangen. „Ich verlasse jetzt den Adlerhorst, um nie wieder zurückzukehren", fuhr der Graf mit erzwungener Ruhe fort, „leben Sie wohl — seien Sie glücklich", er ergriff ihre Hand, preßte sie noch einmal an seine Lippen, dann eilte er davon, ohne einen weiteren Blick auf sie zu werfen. Mittlerweile ging der Obersts in heftiger Erregung auf und ab. Endlich blieb er vor seiner Cousine stehen. „Nein, Eveline", stieß er mühsam hervor, „für mich ist keine Hoffnung mehr. Sie hat meinen Brief gar nicht einmal beantwortet. Du sagst mir, daß Du fest überzeugt bist, ihn ihr gegeben zu haben. Aber selbst, wenn Du Dich irrst, wenn er durch irgend einen Zufall, ohne daß Du Dich dessen erinnerst, verloren gegangen ist, so könnte ich doch jetzt mich ihr nicht mehr nähern, hast Du ihr nicht oft genug gesagt, daß ich nur eine reiche Gattin wählen müsse? Biete ich ihr jetzt Hand und Herz an, so könnte sie leicht denken, daß ich Deinen Rath befolge. Jedoch für mich ist sie verloren! Sieh dorthin, dort geht sie an der Seite des Grafen; ist er nicht allein in der Absicht gekommen, sie als Gattin heimzuführen?" Er deutete mit der Hand nach der Richtung, wo Barbara an der Seite des Grafen stand. „Er ist so stolz auf seine Ahnen; die reiche Tochter des Freiherr» von Garkau, die noch dazu nach dem Willen eines alten, excentrischen Onkels eine reiche Erbin ist, wird von seinen hochgräflichen Eltern gewiß mit 191 offenen Armen empfangen werden," fuhr er bitter fort. „Aber er ist ein guter ehrlicher Mensch; ich kenne ihn wie einen Bruder, und er wird sie glücklich machen. Ich hätte nicht hieher kommen sollen, aber ich folgte nicht der Stimme meines Herzens, die mich laut genug warnte. Hätte ich aber geahnt, den Grafen hier anzutreffen, so würde mich keine Macht der Welt dazu bewogen haben. — Na, Eveline, sieh nicht so traurig drein, ich werde auch diesen Schlag ertragen lernen, selbst wenn es lange währt, bis die tiefen Wunden heilen. Ich bleibe ein alter Junggeselle, der einsam und verzweifelt in fremden Landen sein Leben vertrauern will." Als Barbara gleich darauf ihrer Stiefmutter Gute Nacht wünschte, flüsterte ihr diese in's Ohr: »Ist Alles abgemacht, mein Kind? Sollen wir Dich schon bald wieder verlieren, nachdem wir Dich erst seit so wenigen Wochen gefunden haben?" „Nein," versetzte Barbara und schlug verwirrt die Augen zu Boden, „nicht, wenn Du Deine Worte mit Graf Eckernstein in Beziehung bringst. Ich habe seinen Antrag abgelehnt." „Warum? er ist herzensgut und meint es aufrichtig!" „Mag sein, aber — — ich liebe ihn nicht." Dann eilte sie hinaus, verschloß die Thür ihres Zimmers und weinte bitterlich, als ob ihr das Herz brechen wollte. Am nächsten Morgen ging sie früh in den Park. Zu ihrem Erstaunen fand sie ihr Schwesterchen schon auf ihrem Lieblingsplätzchen, die eifrig in ihrem Märchenbuchs las. „Sieh, Barbara, was ich hier gefunden habe," rief die Kleine und hüpfte ihr entgegen. „Dieser Brief lag in meinem Buch; er ist für Dich!" Barbara nahm ihn; er war an „Fräulein Morden" gerichtet. Das war ja seine Handschrift! Da-wie Schuppen fiel es plötzlich von ihren Augen — sie gedachte des Briefes, den ihr die Stiefmutter vor Monaten an Evelines Krankenbett gereicht, den sie aber, da das Kind ihrer bedurfte, ungelesen in ein Buch gelegt, ihn dann vollständig vergessen hatte. Es waren nur wenige Zeilen: „Geliebte Barbara! Ich habe meine Cousine gebeten, Ihnen diese Zeilen zu geben; aber ehe ich abreise, muß ich Ihnen bekennen, wie sehr ich Sie liebe. Geliebte! mein ganzes Sein und Denken gehört Ihnen; machen Sie mich zum Glücklichsten aller Menschen und werden meine Gattin. — Antworten Sie mir; schreiben Sie mir nur wenige Zeilen, damit ich weiß, ob ich hoffen darf; wenn nicht — nun — so werden Sie mich nie wiedersehen. Gott segne Sie. Arthur Dornburg." Barbara hatte längst die Zeilen gelesen; — sie las sie wieder und wieder, bis Freudenthränen ihre Augen netzten, und sie nicht mehr sehen konnte» dann eilte sie davon, sie mußte allein sein, und hier drückte sie ihren kleinen Schatz an ihre Lippen. Jetzt verstand sie, warum Onkel Arthur „so langweilig geworden war und nicht mehr spielen wollte", wie die Kinder sich beklagten.- Es war ein heißer Nachmittag. Frau von Garkau schlug einen Spaziergang in ein nahes Wäldchen vor, und da die Wege dort nur sehr schmal waren, wußte sie es geschickt einzurichten, daß sie mit den Ktndem voranging und Arthur mit Barbara folgten. Vorher hatte sie ihm leise zugeflüstert: „Sie hat die Hand des Grafen ausgeschlagen, Arthur; also guten Muth, Du hast noch Hoffnung." Doch der Oberst hatte nur traurig sein Haupt geschüttelt; er gedachte des unbeantworteten Briefes. Aber dennoch schlug sein Herz laut und unruhig, als er jetzt nach langen Monaten allein an ihrer Seite ging. Sie erreichten eine kleine Anhöhe. Ein schmaler Fußsteig schlängelte sich den Abhang hinab, um unten zu einer Leinen Quelle zu führen, neben welcher eine Nasenbank freundlich zur Ruhe winkte. „Lassen Sie uns hinunter gehen", bat Barbara mit zitternder Stimme. „Ich bin müde, und dort können wir ausruhen." Er folgte ihr schweigend. Wie im Traume umfangen lauschte er auf die plätschernden, traumhaften Melodien der krystallenen Quelle; vor seinem seelischen Auge stand die liebliche Mädchengestalt die mit leuchtenden Augen und freudig gerötheten Wangen so munter mit den Kleinen im Schulzimmer gespielt hatte. Er erschrak, als eine kleine Hand jetzt leise seinen Arm berührte und Barbara leichenblaß ihre Augen bittend zu ihm erhob. „Herr Oberst," flüsterte sie, vor Erregung bebend, „erst heute habe ich diesen Brief gelesen." Sie reichte ihm den Brief. Erstaunt, verwirrt nahm er das Papier; er schien kaum den Sinn ihrer Worte zu verstehen, bis er es entfaltete und seine eigene Handschrift erkannte. Da leuchtete es wie Heller Sonnenschein in seinem Antlitz. Mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit blickte er auf das Mädchen herab, das an allen Gliedern bebend auf der Rasenbank saß. „Barbara!" rief er und erfaßte ihre beiden Hände, „was meinen Sie? was bedeuten Ihre Worte?" Mit zu Boden gerichtetem Blick wiederholte sie: „Ich las ihn erst heute. Meien Stiefmutter gab ihn mir, als die Kinder sehr krank waren. Ich ahnte nicht, wer ihn geschrieben hatte, legte ihn in ein Buch und-habe ihn vergessen. — Eveline fand ihn heute Morgen." Sie hatte leise gesprochen, aber der Oberst hatte jede Silbe verstanden. Jetzt wußte er, warum der Brief unbeantwortet geblieben war. „Und wenn Sie ihn gelesen hätten, welche Antwort hätten Sie mir gegeben?" „Barbara", fuhr er fort, als das junge Mädchen errathend schwieg. „Sage mir, Geliebte, ob ich für's Leben Dein treuer Beschützer sein.darf! Aber jetzt ist's ganz anders!-Damals warst Du nur eine arme Gouvernante, — — jetzt die Tochter des Freiherr» und eine reiche Erbin l — — Ich kenne meine Cousine zu genau, hat sie Dir nicht oft genug gesagt, daß ich nur eine reiche Gattin nehmen müsse? Hat sie nicht absichtlich die kleine Olga Rosen nach dem Adlerhorst kommen lassen? Du verstandest es dazumal, ich sah es Dir an den Augen an. Aber ich liebte Dich immer; sage mir, willst Du meine Gattin werden?" Sie ließ es ruhig geschehen, daß er ihre beiden Hände erfaßte und sie langsam an sich zog, bis ihr Köpfchen auf seinen Schultern ruhte. „Ich kann es kaum fassen; — ich bin so glücklich, daß-" Er ließ sie nicht ausreden. Jubelnd zog er sie 192 an seine Brust und erstickte ihre Worte Mit einem innigen Kusse. „Geliebte! noch vor einer Stunde hätte ich es für unmöglich gehalten, daß dieser Tag der glücklichste meines Lebens werden sollte! Ach! ich fühlte mich so namenlos unglücklich; mein Dasein fing an, mir unerträglich zu werden, und nur Dein Name unter dem Briefe der Kinder veranlaßte mich, hieher zu kommen. Als ich da aber den Grafen Eckernstein an Deiner Seite sah-" „Sprich heute nicht von ihm, Arthur; ich bin heute zu glücklich! Der arme Graf, er hielt gestern um meine Hand an!" „Ich weiß es; Eveline hat es mir gesagt, und das war mir ein neuer Hoffnungsstrahl. Aber es thut Mir doch herzlich leid; er ist ein guter Mensch!" „Ja, aber-ich liebte ihn nicht." „Liebst Du denn mich? liebst Du mich ein ganz klein wenig? Sage es mir, Barbara, meine einzige Geliebte, laß mich die Worte hören, die ich so oft von Deinen Lippen geträumt habe. Es sind nur vier kleine Worte. Sage: „Arthur, ich liebe Dich!" Barbara that es. Wieder zog der Oberst sie fest an sich und küßte sie. Gerade in diesem Augenblick erschien oben auf der Anhöhe eine kleine Gestalt. Es war Edmund, der bei diesem unerwarteten Anblick» so schnell ihn seine Füße tragen konnten, zu seiner Mutter zurücklief. „Mama", rief er ihr entgegen, „Onkel Arthur und Barbara haben sich geküßt. Ich Habs es gesehen!" Die Mutter ließ ihr Buch fallen. „Es ist wahr, es ist wirklich wahr, Mama", dann fügte er schelmisch hinzu: „will Onkel Arthur Barbara heirathen?" „Was hattest Du dort oben auf der Anhöhe zu thun, Edmund? Hatte ich nicht gesagt, ihr Kiuder solltet hier bei mir bleiben!" sagte die Mutter in strengem Ton. „Will er sie wirklich heirathen, Mama? Bitte sage es mir", flehte Edmund. „Mein liebes Kind, wie kann ich das wissen, aber ich hoffe es. Wie sind denn solche Gedanken in Deinen Kopf gekommen?" „Gretchen hats mir gesagt", gestand der Knabe. „Kleiner Schelm", flüsterte die Mutter, dann befahl sie ihm, mit Alex und Eveline nach dem Schlosse zu gehen und sich von Gretchen zu Bette bringen zu lassen. „Erst muß ich es Evy und Alex erzählen", jubelte er und rannte fort. Als die Dämmerung eingetreten war, dachten die Liebenden endlich an die Heimkehr. Die Stiefmutter erwartete sie oben auf der Anhöhe. Aber ehe sie Worte fanden, ihr langes Ausbleiben zu entschuldigen, breitete Frau von Garkau ihre Arme aus, küßte das erröthende Mädchen und flüsterte ihm Glück- und Segenswünsche zu. „Nichts auf der ganzen Welt hätte mich glücklicher Machen können, als dieser Augenblick. Sagt mir nichts — ich weiß Alles! Wundert Ihr Euch darüber? Eure freudigen Gesichter sprechen deutlich genug. Aber Eins will ich Euch sagen: Wenn sich Liebende in einer Schlucht küssen, so sollten sie zuerst ihren Blick auf die Anhöhe werfen, um sich zu überzeugen, ob keine Zuschauer da sind!" Dann erzählte sie von der Entdeckung, die Edmund vor etwa einer halben Stunde gemacht hatte. Niemals hatte eine Verlobung größere Freude bereitet, als diese, besonders unter den Kindern, Onkel Arthur war wieder der heitere, lustige Spielkamerad von ehedem, der jetzt, zu jedem ausgelassenen Spiel bereit, sich munter mit den Kleinen herumtummelte. Der sonst so finstere Schloßherr war wie umgewandelt. Er freute sich, seine älteste Tochter mit einem Manne zu verbinden, dem er vertraute und den er hoch schätzte. Die Stiefmutter konnte nicht laut genug ihre Freude ausdrücken. Sie war glücklicher als wie je feit den Jahren ihrer Verheirathung. Ihr Gatte, der, seitdem Barbara bet ihm war, seiner ersten Gattin nur noch in stiller Wehmuth gedachte, überhäufte sie jetzt mit zahllosen Aufmerksamkeiten und bemühte sich, durch verdoppelte Liebe das Versäumte zu entschädigen. Nur die arme, gute Tante Agnes wollte sich nicht trösten lassen. Sie kam selbst nach dem Adlerhorst, um wenigstens ihre Nichte noch kurze Zeit zu haben. Doch allmählich wurde es ihr klar, daß früher oder später Barbara doch geheirathet haben würde, und eine Trennung somit nicht allzu fern gewesen war. Und Barbara? Täglich erkannte sie mehr und mehr, wie warm die Herzen für sie schlugen, deren Liebe sie vor wenigen Monaten erringen wollte. Ja noch mehr! ein anderes Herz, dessen Liebe das Glück ihres Lebens ausmachte, schlug so heiß und so innig für sie und belohnte sie reichlich für manche bittere Enttäuschung ihrer Jugendzeit. Präsident Schulze. Eisenbahn-Humoreske von Karl Zastrow. —^ lNachdru« verbotm.I „Nun adieu auf drei Wochen, Bureandunst und Actenschwall, Rücksprache mit übelgelaunten Decernenten und Zurechtweisungdn in dieser und jener Stilart! Jetzt heißt's Mensch sein und sich erinnern, daß die Natur auch für unsereinen da ist. Schade, daß es nur drei Wochen sind. Sechse hätten's auch gethan. Nun aber los! Du lieber Gott! Man hat sich's sauer genug verdient." Mit diesen Worten hatte der Eisenbahn-Secretär Schulze den Pferdebahnwagen bestiegen, der ihn nach dem Bahnhöfe bringen sollte. Er wollte zu seiner Erholung in die Tiroler Alpen reisen und dabei Dresden, Prag, Brunn und Wien mitnehmen, alles in drei Wochen. Als er auf dem Bahnhöfe eintraf, stand der. Zug schon bereit. Er winkte dem Schaffner zu, gab ihm eine Cigarre und sagte, indem er seinen Freifahrtschein vorwies: „Hier, Schaffner! Freifahrtschein. Coupieren Sie nur hier draußen gleich. Da drin vor dem hochgeneigten Publiko will ich das nicht." „Ja wohl! Ist auch recht so!" nickte der Fahr- beamte, indem er mit der Zange in das Papier kniff. Schulze stieg ein und unterzog zunächst seine Reisegefährten einer Musterung. Da war zunächst ein korpulenter Viehhändler, welcher mit seiner nicht minder stattlichen Ehehälfte nach Marienbad reiste, und ein blasser ungefähr 30 Jahre alter Herr mit einem dünnen blonden Schnurrbart und einer Schmißnarbe auf der Wange. 193 „Die Billets, meine Herrschaften!" trat der Schaffner an das Coups. Während die Reisegefährten ihre Fahrkarten überreichten, schnarrte Schulze im Tone eines Großmoguls aus der Ecke: „Vereinskarte Nummer 450!" Der Schaffner legte die Rechte an die Mütze und verneigte sich ungefähr in der Weise, wie ein Lieutenant seinen Bataillons-Commandeur grüßt. Als die Billets coupiert waren, sagte er devot: „Wollen der Herr Präsident nicht ein Coups erster Klasse? Es sind einige leer." „Danke, danke, Schaffner," lehnte Schulze ab, „ich sitze schon gut." Der Schaffner schloß die Thür. Schulze überflog verstohlen die Gesichter seiner Coupsgenossen und hatte die Genugthuung, einen „respectartigen Anstrich" wahrzunehmen. Er brannte sich eine Cigarre an, und behaglich den Ningelwolken nachblickend, stellte er philosophische Betrachtungen über das Reiseleben an, in Folge deren er zu dem Schluß gelangte, daß es nichts Schöneres gebe, denn als Präsident zu reisen, ohne es zu sein und ohne Fahrgeld dafür ausgeben zu müssen. Der Musensohn mit der Narbe auf der Wange blinzelte einigemale zu dem „Herrn Präsidenten", dem er sich ebenbürtig fühlen mochte, hinüber. Er hätte wohl gern ein Gespräch angeknüpft, mochte sich aber nicht recht trauen. Schulze war von stattlicher Figur. Seine scharfen dunklen Augen, der schwarze, von einigen Silberfäden durchzogene Vollbart verliehen ihm Würde und Höhe genug, um die Vertraulichkeit fern zu halten. Auf Station Dobrilugk, wo der Zug einen längeren Aufenthalt hat, stieg der Narbige aus und nahm den Schaffner bei Seite: „Sagen Sie mal, Schaffner, wer ist der Herr mit dem schwarzen Vollbart, den Sie vorhin Herr Präsident titulierten?" „Der? Ei, das ist ja der Präsident der Marienburg-Mlawkaer Eisenbahn, Geheimer Ober-Negierungs- rath Schulze!" — „A — a — a — ah?" — „Ja — a — a! Bedeutender Mann! Reist im Auftrage Seiner Excellenz zur Ministerial-Beamten- Conferenz nach — nach — nach Wien, glaub' ich." Das feine Gehör Schulze's hatte ihm kein Wort dieses Gespräches verloren gehen lassen. Er lachte stillvergnügt vor sich hin: „Prachtkerl, dieser Schaffner! Da steht man wieder mal recht deutlich, daß so ein alter Soldat, den das Leben geschult hat, doch die gediegenste Auffassung unserer bahnamtlichen Verhältnisse besitzt. Schade, daß ich nicht in der That Präsident bin. Würde den Mann sofort zum Zugführer ernennen. Thut nichts, spielen kann ich den Präsidenten schon. Hei! das soll ein Spaß werden!" — „Schönes Reisewetter, Herr Präsident!" hörte er sich in diesem Augenblick angeredet. Es war der blasse Herr mit der Narbe. „Ja wohl. Das Wetter läßt nichts zu wünschen übrig," bestätigte er. „Gestatten der Herr Präsident, daß ich mich vorstelle? Mein Name ist Müller, Assessor Müller, auch Verwaltungsbeamter." „Sehr verbunden. Geheime Ober-Regierungsrath Schulze aus Marienburg." „Der Herr Geheimer Ober-Regiemngsrath reisen in dienstlicher Mission?" „Allerdings. Sehr wichtige Angelegenheit. Aber tiefes politisches Geheimniß." „I, was Sie sagen? Nun, ich habe dieses Alles von vornherein vermuthet." „Und Sie, Herr Assessor, reisen zu Ihrem Vergnügen?" „Nicht ganz. Ich will allerdings in Dresden und Umgegend mich einige Tage aufhalten, reise aber im Grunde genommen meinem neuen Wirkungskreise entgegen . . . Eisenbahn-Directionsbezirk F . . ." Ueber das Antlitz des Pseudo-Präsidenten glitt ein Zug von Unbehagen. Aber er faßte sich bald. So ein junger Eisenbahn-Novize, der frisch von der Hochschule kommt, hat noch keine Idee vom Eisenbahnwesen. Man kann ihm ein prachtvolles Bärenfell umhängen. Er erwiderte also ohne jede Spur von Betroffenheit: „Nah! verstehe. Jura und Cameralia studiert- Staatsexamen mit Glanz absolviert und nun als Hilfsarbeiter zur Eisenbahn-Direction F . . . Gratuliere von Herzen. Kommen da in sehr angenehme Verhältnisse." Der Herr Assessor war dem Herrn Präsidenten für seinen Glückwunsch sehr dankbar. Als er dann aber das Gespräch auf die schöne goldene Studienzeit brachte und von Colleg und Mensur sprach, schwieg unser Präsident aus naheliegenden Gründen mäuschenstill, gab auch durch seine würdevolle Haltung zu verstehen, daß er über das Leben und Treiben eines flotten Bruder Studio ziemlich erhaben sei. So traf man endlich in der sächsischen Hauptstadt ein, wo man sich trennte. Der Herr Präsident ließ sich jedoch das Versprechen geben, daß der Herr Assessor ihn bei einem etwaigen Bereisen der west- preußischen Bahnen in Marienburg besuchen werde. Im Stillen wünschte er jedoch den Reisegefährten zu allen Teufeln. Freund Müller hatte ihm zuletzt gar nicht mehr recht zusagen wollen mit seinem überlegenen Lächeln und dem gelegentlich hervortretenden ironischen Gesichtsausdruck. Im Verkehr mit den gemüthlichen Dresdnern hatte unser Schulze leichtes Spiel. Sie glaubten es ihm, wenn er sich bei Helbigs als Präsident Schulze vorstellte oder sich als solcher in das Logis-Fremdenbuch einschrieb. Je mehr er sich übrigens in die Präsidenten- rolle einlebte, desto besser glückte alles, und als er auf dem böhmischen Bahnhöfe in gewohnter Weise seine Karte zum Coupieren übergab und dabei dem Schaffner zuraunte: „Ich bin also auf alle Fälle der Präsident Schulze von der Marienburg-Mlawkaer Eisenbahn," da zwinkerte der freundliche Sachse ihm verständniß- innig zu und sagte bewundernd: „Sie sain ä Mords- kärl!" , Es wächst der Mensch mit seinen höheren Zwecken. Auf der Grenzstation war nach erfolgter Vidierung der Fahrkarte der „Mordskärl" bereits so frech geworden, daß er freundlich herablassend den Zugführer zu sich heranwinkte und ihm vertraulich eröffnete, wie er, der Präsident der Marienburg-Mlawkaer Eisenbahn, Schulze mit Namen, in geheimer eisenbahnpolitischer Misston gen Wien dampfe, und es sich empfehle, das Fahr- beamtenpersonal hiervon in geeigneter Weise zu verständigen, damit die in solchen Fällen üblichen Dehors nicht 194 ganz außer Acht gelassen würden, Vereinskarte auch ohne jedesmaliges Ansagen respectirt würde u. s. w. Der Zugführer schüttelte zwar ganz still für sich den Kopf — nichtsdestoweniger ging alles vortrefflich. Der Herr Präsident hatte ein Coups für sich ganz allein. Niemand störte ihn und als er einmal ausstieg, anscheinend, um sich durch einen Trunk zu stärken, wartete der Zug geduldig eine halbe Minute über die vorgeschriebene Zeit und fuhr erst weiter, als der Herr Präsident mit der Hand abwinkte, zum Zeichen, daß er hier die Tour unterbreche. Es war ein Hauptspaß, und Schulze kam aus dem Kichern nicht mehr heraus. Er befand sich in Brünn, und als ihm beim Verlassen des Bahnhofes ein alter Invalide, von der imponierenden Majestät seiner Gesichtszüge hingerissen, eine militärische Ehrenbezeigung erweist, kommt ihm ein glorioser Gedanke: „Wer weiß, welchem alten ^pensionierten General ich ähnlich sehe! Werde mal den Spielberg in Augenschein nehmen und mich dieserhalb mit dem Commandanten in Verbindung setzen. Das Zeug dazu hat man ja." Gedacht, gethan. Schulze steigt hinauf, läßt sich gebührendermaßen anmelden und stellt sich mit der ganzen Würde seines Standes vor. Die Aufnahme läßt nichts zu wünschen übrig. Der maßgebende Offizier, welcher ihn für einen ehemaligen Garde-Major hält, zeigt ihm bereitwillig alles Sehenswerthe und findet an dem alten Degen, der mit so tiefem Verständniß über Exercier- Reglement und Strategie zu schwatzen weiß, so großes Wohlgefallen, daß er ihn zum Diner einladet und ein paar Flaschen Vöslauer opfert. In höchst animierter Stimmung kehrt Schulze Mittags in der 12. Stunde nach dem Bahnhöfe zurück und steigt in den nach Wien bestimmten Zug. Als der Schaffner billetheischend zum Coupä hereinguckt, sagt Schulze in sehr pikiertem Tone: „Ich muß mich sehr wundern, daß ungeachtet meiner wiederholten Vorstellungen die Fahrbeamten über meine Person noch immer im Unklaren sind. Zum letzten Mal also: Präsident Schulze von der Marienburg-Mlawkaer Eisenbahn! verstanden?" Der verblüffte Schaffner wirft die Thüre ins Schloß und verschwindet. Ein alter, ehrwürdig aussehender Herr reicht dem hohen Mitpassagier seine goldene Dose und sagt: „Der Herr Präsident werden sich noch über manches Andere bei uns wundern. Oesterreich ist eben nicht Nord-Deutschland." Man unterhält sich, bis auf der nächsten Station während des Haltens des Zuges der Schaffner den Kopf zum Coupsfenster hereinsteckt mit den Worten: „Herr Präsident! Wollen's net so gut sein und a mal aussteigen?" „Aussteigen? Was fällt Ihnen denn ein? Was soll ich denn draußen?" „Herr Präsident sollen nur über etwas Auskunft geben!" „Dummheit! Wer etwas von mir will, kann hereinkommen!" Als aber der Schaffner sich mit einem sarkastischen „Schön, Herr Präsident!" zurückziehen will, schickt er sich schleunigst zum Verlassen des Coups's an, wobei er anstandshalber im donnernden Tone rüst: „Ich werde Veranlassung nehmen, bei Ihrem Ministerium wegen dieses Zeichens mangelnder Intelligenz vorstellig zu werden. Ich bin auf allen Bahnen des Deutschen Vereins gefahren, aber wie man hier die Oberbeamten behandelt, das übersteigt alle Begriffe!" „Na, machen's ka G'schichten, Herr Präsident,* versetzt der Stationsvorsteher ganz unverfroren, „zeigen'S Ihr Koart und dann fahren's, wohin's Gott verlangt. Was sein muß, muß sein. Darin kann unser Ministerium auch nichts ändern." Schulze sah es ein. Er winkte also den inzwischen herbeigeeilten Zugführer bei Seite und hielt ihm seinen Freifahrtschein derartig unter die Nase, daß sein Subaltern- Titel nicht gerade auf den ersten Blick zu sehen war. Der Zug-Präsident aber wollte überhaupt nichts weiter sehen. Er machte eine abwehrende Bewegung mit der Rechten und rief unwirsch: „Na, was wollen's denn mit dem Papier auf uns'rer Bahn? Das Hot für uns überhaupt nichts zu bedeuten!" — „Was? nichts zu bedeuten? Ist der Schein nicht richtig?" „Das ist eine Karte von der Oesterreichischen Staats- bahn." „Was? Ich bin doch in Brünn nicht etwa in einen falschen Zug eingestiegen? Nach Wien 11 Uhr 50 Minuten!" „Na, wenn Sie Präsident von der Marienburg- Mlawkaer Eisenbahn sind, dann müssen Sie doch wissen, daß 11 Uhr 50 Minuten zwei Züge von Brünn nach Wien gehen, einer mit der Staatsbahn und einer mit der Nordbahn. Für die Staatsbahn haben Sie den Schein, und mit der Nordbahn sind Sie gefahren." „Wollen's zahlen?" fragt der Stationsvorstehr naiv, „kommen's mit. Sie können's später reklamieren." „Zahlen müssen's!" entscheidet der Zugführer, «und dann können Sie auf Ihren Posten nach Brünn zurückfahren und mit der Staatsbahn reisen." Während der Stationschef ihn an den Billetschalter weist, fährt der Zug mit den lachenden Reisegefährten, welche Alles mit angehört haben, davon. Nun saß Schulze fest an der kleinen Haltestelle und blickte wehmüthig zu den dicken Rauchwolken empor, die aus einem in nicht allzu großer Ferne gelegenen Ofen einer Ziegelbrennerei hervorschossen. Diese und einige Bahnbaracken, welche sich um das Herrenhaus gruppierten, schienen in Verbindung mit dem ebenso unscheinbaren Stationshäuschen das einzige Leben inmitten dieser Einöde von Kartoffel- und Runkelrüben- feldern. Der Stationschef steht, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, auf dem Perron und spricht mit einem Beamten in dunkelgrüner Uniform, welcher von Zeit zu Zeit einen prüfenden Blick auf den mißmuthig Auf- und Abwandelnden wirft. „Scheint so ein Stück Feldpolizist zu sein, was man bei uns zu Hause Gendarm nennt," denkt Schulze und wirft einen zerschmetternden Blick auf den Grünen. Da hört er, wie dieser halblaut sagt: „I glaub', 's ist doch der Präsident." Und damit lüftet er unterwürfig den Hut und fährt laut mit freundlichem Grinsen fort: „Der Herr Präsident haben Unglück gehabt? Nu — hier gibt's nichts. Wenn Herr Präsident aber in's Dorf hinabgehen — es ist eine halbe Stunde — ich geh' auch hin, — da ist ein gutes Wirthshaus, und da treffen Sie auch Gesellschaft; den Herr Bürgermeister von Lundenburg, der zur Jagd hier ist. Das ist ein gar fideles Haus. Da werden Sie Freude haben!" Der Stationschef rieth auch zum Besuch des Wirthshauses. Etwas Besseres gäb's hier herum nicht, n. f. w. Schulze sah ein, daß er in seiner gegenwärtigen Lage nichts Besseres thun könne, als den wohlgemeinten Rath zu befolgen, und so saß er denn bald in der verräucherten Gaststube des Dorfwirthshauses und ließ dem biederen Feldpolizisten ein Wachholderschnäpslein nach dem anderen einschenken. Der also Tractierte ließ eS sich schmecken, warf mit der Anrede „Herr Präsident!" wacker um sich, und entfernte sich nur hin und wieder auf ein Biertelstündchen, um nach dem Herrn Bürgermeister auszuschauen. Endlich traf dieser, ein gutwüthig blickender alter Herr, mit kurzgeschorenem schlohweißem Haar und Bart, ein, reichte Schulze beide Hände und freute sich sehr, einen so „hochberühmten Präsidenten von auswärts" kennen zu lernen. Er erzählte von seinen heutigen Jagderlebnissen und kramte dabei ein so prächtiges Jägerlatein aus, daß Schulze wahrhaft gerührt wurde. In der That stimmte die treuherzige Einfalt der beiden Oesterreicher ihn ganz behaglich, und er hatte nur noch das einzige Bestreben, diesen biederen Leuten gegenüber den Präsidenten noch einmal recht gründlich herauszubeißen, ehe er ihn für immer ablegte. Und das that er nun auch. Schier ins Ungeheuerliche gingen die Aufschneidereien, welche er den begeisternd zuhörenden Zechgenossen zumuthete. Nunmehr war er nicht allein ein hochgestellter westpreuhischer Eisenbahndirektor, sondern er besaß auch ausgedehnte Güterkomplcxe von mehreren Tausend Morgen Land in Nussisch-Polen, und außerdem eine Glashütte, in welcher über 500 Arbeiter beschäftigt würden. Eine ihm ausschließlich gehörige Zweigbahn, über 100 Werst lang, führe nach den veschiedenen, unter seiner Gerichtsbarkeit stehenden Ortschaften und verinteressiere sich hundertfach. Seine Revenüen beltefen sich auf anderthalb Millionen jährlich u. f. w. Schulze amüsierte sich hierbei vortrefflich, und das Beste war, daß die Präsidentenrolle ihn außer dem Bischen Wachholderschnaps nichts kostete. Denn die drei Flaschen Sekt, welche er behufs besserer Begründung seiner Mittheilungen vorfahren lassen wollte, waren auf zwei Meilen im Umkreise nicht zu haben, und den einzigen Wein, der zu haben war, lieferte der Bürgermeister, welcher nicht zugeben wollte, daß der russische Grundbesitz über den österreichischen triumphiere. Man trank, spielte Billard und unterhielt sich vortrefflich bis tief in die Nacht hinein. Es wurde beschlossen, daß man, mit Ausnahme des Wachmannes, „im Krug" übernachten und morgen mit dem ersten Zug weiter fahren wolle. Der Wirth gab seine beiden Staatszimmer her, und Schulze erfreute sich trotz der Aufregungen dieses Tages einer ungestörten Nachtruhe. Als er dann in der Früh Arm in Arm mit dem stadtväter- lichen Freunde nach dem Bahnhöfe schritt, sah er mit heimlichem Entzücken, wie sein Ruf als bewährter west- preußischer Eisenbahnpräsident über Nacht wieder ins Gleichgewicht gekommen war. Der Zug hielt. Stationschef und Zugführer begrüßten die Ankömmlinge mit der äußersten Höflichkeit. Der Schaffner stand mit abgezogener Mütze neben einem Coups erster Klasse, in welches der „Herr Präsident" mit vielen Bücklingen hin- eingeprotzt wurde; dann nahm der Bürgermeister neben ihm Platz und fort ging es dem freundlichen Lundenburg entgegen, wo man gemeinsam dinieren und sodann Ausflüge in die Umgebung unternehmen wollte. Die Wahrheit zu gestehen, war unser lustiger Eisen- bahnsecretär hiermit nicht ganz einverstanden. Er wäre am liebsten direct nach Wien gefahren, da er mit seiner Zeit haushalten mußte und noch gar viel auf der Tour, die er sich vorgenommen, abzuthun war. Allein er mochte sich dem freundschaftlichen Wohlwollen nicht entziehen, mit dem der Herr Bürgermeister, der doch nun einmal Gefallen an ihm gefunden hatte, ihn umgab, zumal der brave Stadtvater hatte durchblicken lassen, daß die Lundenburger von ihrer Ankunft unterrichtet seien und jedenfalls für einen würdigen Empfang Sorge getragen hätten. Guten Leuten mit bescheidener Selbstsucht ihre Freude zuverderben, dazu war Schulze nicht der Mann. (Schluß folgt.) -"-SSHk-W-.. - Allerlei. Ein selb sterl ebtes Beispiel von Lynchjustiz erzählt der amerikanische Jurist Chittenden in seinen vor kurzem veröffentlichten Lebenserinnerungen. Bald nach Eröffnung der Pacisicbahn erfuhr Chittenden auf der Fahrt nach Sän Francisco, daß ein von seine» Verfolgern eingeholter Mörder sich im Zuge befände und in Evanston, dem Ort seines letzten Mordes, der Lynchjustiz übergeben werden sollte. Es war am Nachmittag, als der Zug in den Bahnhof von Evanston einlief, zwischen zwei Reihen kräftiger Männer. Sobald der Zug hielt, stiegen sechs von ihnen in den Wagen ein, in welchem sich der Mörder befand, und rissen ihn mit solcher Gewalt heraus, daß er den Sitz, an welchem er mit Ketten befestigt war, mit sich schleppte. Als er hiervon befreit war, warf man die Schlinge eines Lasso lose um seinen Hals, während das Ende eng um seine Brust und feine Arme geschlungen wurde. Inzwischen hatte ein Wachtposten von der Lokomotive Besitz ergriffen und den Reisenden wurde angekündigt, daß der Zug seine Fahrt nicht eher fortsetzen würde, als bis dem Mörder Gerechtigkeit geschehen sei. So folgten denn die Reisenden diesem und feinen „Richtern" nach einem Platz, der von einem hohe» Gehege umgeben und zum Rtchtplatz ausersehen war. In der Mitte stand ein Baum, über dessen niedrigste» Zweig zwei an einander befestigte Lassos geworfen wurden. Der Mörder mußte sich auf einen Stuhl setzen, die Schlinge schwebte über seinem Haupte. Mit den Reisenden und dem Zugpersonal wohnten im ganzen etwa dreihundert Personen diesem Volksgerichte bei. Dann trat ein Bewohner von Evanston vor und richtete an den Verbrecher, der ein Mexikaner war, in einer längeren Ansprache, in der die Reihe seiner Schandthaten aufgezählt wurde, die Frage, ob er noch irgend etwas zu sagen habe. Um der über ihm schwebenden Lassoschlinge zu entgehen, bot der Mexikaner seinen Richtern zuerst 6000, dann 10000 Pesos an und schließlich 10000 Dollars. Es war Alles umsonst. Indem Derjenige, welcher die Ansprache an ihn gehalten hatte, auf einen in weiter Ferne heran- rollenden Zug zeigte, sagte er: „Siehst Du jenen Zng? Wenn Du noch eine Botschaft zurücklassen oder an Gott 186 ein Gebet richten willst, beeile Dich. Denn wenn jener Zug zur Einfahrt in den Bahnhof pfeift, ist Dein letzter Augenblick gekommen." Es war, wie der amerikanische Jurist schreibt, eine überaus eindrucksvolle Szene. Im Hintergrund der weiten Ebene die hohen Berge und über alles ausgebreitet der friedliche Glanz der Abendsonne. Auf ein Zeichen des Führers ergriffen dann viele Hände das freie Ende des Lasso. „Leute," sagte nun jener, „man soll nicht von uns sagen können, daß wir diesem Verbrecher keine Möglichkeit ließen, ein besserer Mensch zu werden. Wir kennen seine Vergangenheit. Ueberall streckte er seine Hand nach fremdem Eigenthum aus. Niemals hat er einen Dollar verdient, niemals etwas bezahlt. Keine Indianerin war vor ihm sicher, niemand, von dem er wußte, daß er Geld besaß. Wir wissen, daß er zwanzig feige Mordthaten begangen hat. Wenn sich hier jedoch in der-Menge auch nur eine einzige Person befindet, die bezeugen kann, daß dieser Ramon jemals eine gute Handlung vollbrachte, oder die auch nur der Meinung ist, daß er in Zukunft einer solchen fähig sein könnte, so möge sie sprechen. Dem Verbrecher soll dann wenigstens eine Frist bewilligt werden." Ringsum Schweigen. „Wir haben noch eine andere Regel," fuhr der Sprecher dann fort. „Wenn von zwanzig der Anwesenden ein einziger eine Aufschiebung der Urtheilsvollstreckung befürworten sollte, so muß dieselbe aufgeschoben werden. Diejenigen, welche dafür sind, wögen die rechte Hand emporheben. Auch die Reisenden und das Zugpersonal sind dazu berechtigt." — „Aber keine Hand erhob sich," schreibt Chittenden. „Ich hielt es freilich für meine Pflicht, für das Gesetz einzutreten, aber es war mir, als ob ein Hundertpfund-Gewicht meinen Arm niederhielte. Und immer näher brauste der Zug heran. Wir hielten unseren Athem an — da ertönte der Pfiff der Lokomotive. Dann ein kurzer Kampf des Mörders, und nach wenigen Minuten war Alles vorbei." — „Freunde," sagte der Sprecher, indem er sich an die Reisenden wandte, „ihr habt gesehen, wie wir diesen Mann gerichtet haben. Wir, die wir an diesem Ort leben, müssen unser Eigenthum und unser Leben vertheidigen und bitten euch um keine Gunst. Wir lieben ein solches Geschäft nicht, aber es ist unvermeidlich. Wir bitten euch jedoch, nichts von dem, was ihr soeben erlebt habt, den Zeitungen zu melden. Sie würden uns einen Schwärm Berichterstatter auf den Hals schicken, die schlimmer sind, als Mordindianer. Einige von ihnen würden Ramon, den Pferdedieb und Mörder, zu einem Märtyrer stempeln." Das Lynchgericht hatte im ganzen eine Stunde gedauert, und erst als es beendet war, konnte der Zug der Pacific-Bahn seine Fahrt nach dem Westen fortsetzen. * Scharfrichter zu Doktoren befördert. Ein schwäbischer Chronist erzählt folgende Geschichte, die lebhaft an die Zeiten des römischen Cäsarenthums erinnert. Im Jahre 1680 ereignete es sich, daß Kaiser Ferdinand von Nürtingen aus nach Stuttgart geritten kam, gerade zur selben Zeit, als zwei Missethäter zum Tode geführt wurden. Am „Käse" sah der Kaiser Ferdinand der Hinrichtung zu, an der sogenannten Hauptstatt, nämlich vor dem Hauptstätter Thor, wo das Enthaupten anfangs zu ebener Erde vorgenommen wurde, bis man 1581 hierzu eine anderthalb Fuß hohe, kreisrunde Mauer, deren innerer Raum mit Erde ausgefüllt war, errichtete, die einem Laib „Käse" in der That nicht unähnlich war und deßhalb im Volksmund diese Benennung — auf Schwäbisch „Käs" — erhielt. In Stuttgart versahen damals vier Brüder, Markus, Jakob, Andreas und Johann Bickel das Scharfrichteramt. Die beiden ältesten Bruder Bickel, nun, Markus und Jakob, hatten bei dieser Gelegenheit ihr Amt mit solchem Austande, solcher Kunstfertigkeit und „Accurateste", auch „sonder Plagh für den armten Sünder verricht", daß der enthusiasmirte Kaiser ihnen die Doktorwürde verlieh, wodurch sie berechtigt wurden, als Aerzte zu praktiziren und allerlei äußere Leibesschäden zu heilen nach ihrem „bestlichen Wissen." Von da an schrieben sich die beiden Bickel Doktoren. Sie werden wohl die einzigen Scharfrichter unter der Sonne gewesen sein, welche je diesen Titel führen durften, obgleich, — wie der Chronist meint — die Nachrichter am ehesten dieses Ehrendiplom verdienten, weil ihre Heilkuren zum sichersten Resultat führen. Boshaft. Dichterling: „Denken Sie sich mein Entsetzen! Ich komm' gestern Abend nach Hause, und da ist mein kleiner Junge von drei Jahren gerade damit beschäftigt, meine Gedichte in kleine Stücke zu schneiden!" — Kritiker: „Nicht möglich!.... Kann denn der Kleine schon lesen!" - - — Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 2. Zuge matt. Auflösung des Quadraträthsels in Nr. 25: L 0 S 8 0 L L L S L H 8 8 8 X L , 27 . 1894 . ,Nein, Kind, weil ich weiß, daß nur ein zwingender Grund Sie dazu veranlassen konnte und daß Sie schon selber sprechen werden, wenn Sie es für nöthig halten." „Ich bin nur bis an den Rhein gekommen," fuhr Armgard leise fort, „wollte in Köln meine alte Freundin Adelheid von Roding, welche dort an einen Bankier verheirathet ist, besuchen und verlebte acht glückliche Tage in ihrem Hause, als plötzlich ein Mann mir begegnete, den ich niemals wieder zu sehen gehofft. — Bei einem Ausfluge in die Umgegend Kölns trat mir Julius Steindorf entgegen." „Großer Gott!" rief Hanna, erschreckt zusammenfahrend. „Erkannte er Sie? — War er allein?" „Ja, er erkannte mich auf der Stelle und besaß noch immer die alte studentische Unverfrorenheit früherer Jahre, indem er sich mir als Wittwer und Vater eines siebenjährigen Töchterchens vorstellte, den das Heimweh nach Deutschland zurückgeführt habe. Meine Freunde glaubten mir einen Gefallen zu erzeigen, als sie ihn einluden, sich unserer Gesellschaft anzuschließen." „Er nahm die Einladung an?" „Natürlich that er das und wich nicht von meiner Seite. Sein Löchterchen hatte er bei sich, ein bildschönes Kind, das Ebenbild der Mutter, welches bereits gut dressiert schien, da es sich wie eine Klette an mich hing. Als er von meinen Neiseplänen hörte, beredete er meine Freundin, mich zu begleiten und ihn zu unserm Reisemarschall zu ernennen. Da machte ich kurzen Prozeß, packte meinen Koffer und reiste nach Hause. That ich recht daran, Tante Hanna?" Diese blickte sie prüfend an und horchte dann erschreckt auf einige Stimmen, die sich dem Garten näherten. „Das scheint Herr Reinhardt zu sein, liebes Kind," wandte sie sich leise zu Armgard, „ich weiß, daß Sie nicht mit ihm sympathisieren —" „Mit dem rücksichtslosen Maler, — nein, Tante Hanna, — ihn möchte ich am wenigsten jetzt sehen." Sie ergriff bei diesen Worten ihren Sonnenschirm und verschwand durch die Glasthür, welche von der Veranda in'S Haus führte. Der Maler Reinhardt, ein Mann schon nahe den Sechzigern, war eine stadtbekannte Persönlichkeit, eine lange, etwas schlotterige Gestalt mit einem bedeutenden Kopfe, welchen ein Wald von grauen Haaren wild und verworren umwogte, ein berühmter Künstler, doch gefürchtet ob seiner grenzenlosen Rücksichtslosigkeit. Er gehörte Tante Hanna's Whtstklub an, verehrte die alte Jungfer sehr hoch und freute sich über ihre schlagfertigen Antworten, wie er überhaupt derbe Zurechtweisungen liebte. „Wenn ich's mir nicht gedacht!" schrie er ihr lachend entgegen, indem er einen jungen Mann trotz seines Protestes durch die Pforte schob, „da sitzt die Allerwcltstante in der göttlichen Ruhe ihres Tusculums und kneipt behaglich Natur. — Ist das nicht eine vollendete Sybarite, diese alte Jungfer von fünfundsiebenzig Jahren, die da einherschreitet mit ungebeugtem Rücken und klaren Augen wie eine zwanzigjährige Braut! Der Tausend ja, wer sich in solchen Düften und in solchem Sonnengold baden kann, soll wohl die ewige Jugend bewahren! — Was, Freund Leonhard? — Im Vertrauen gesagt," setzte er mit etwas gedämpfter Stimme und schlaublinzelnden Augen hinzu, „das Hauptrecept ihrer Jugendlichkeit besteht darin, daß meine kleine Freundin stets ihr Herz unter Verschluß gehalten und sich damit begnügt hat, für Andere den Brautkranz zu winden." Tante Hanna's freundliches Gesicht hatte sich bei den unzarten Neckereien des Malers um keinen Schatten verändert. Sie war den Herren entgegengegangen und zuckte nur lächelnd die Schultern, den verlegenen Gruß des hübschen jungen Mannes, der seiner Kleidung nach offenbar ein Landwirth war, artig erwidernd. (Fortsetzung solgt.) - Kief. Von Don Josaphet. ^ ^Nachdruck verboten^ Bei jedem Volke findet man je nach Anlage und Neigung gewisse Wörter, die so verbreitet sind und denen der Volksgebrauch eine solche mannigfaltige Bedeutung und Vielseitigkeit des Begriffs beigelegt hat, daß man gewissermaßen daraus einen Schluß auf den Charakter der Nation ziehen kann. Das „Araiiäiosö" des Spaniers beansprucht denselben ausschließlichen Platz, den der napoli- tanische Lazzaroni dem „lar nisnta" einräumt. In Frankreich kehren die Ausdrücke „Ehre, Vergnügen, Mode, Geist, guter Geschmack" in jedem Gespräch wieder, — das französische Volk ist eben leichtlebig, huldigt dem Tagesgeschmack und der Mode, hat aber unbestreitbar „ösprit" und eine gewisse persönliche Tapferkeit. In Italien, wo die Kunst alles durchdrungen hat, hören wir die Schlagwörte'r „Erhabenheit, Empfindung, Formenschönheit" ; das magische Wort des handeltreibenden und praktischen Engländers ist „ooralortastls" und „nützlich". Nützlich — das ist die Quintessenz jeder politischen Beredsamkeit, nützlich — das Endresultat ihrer Philosophie seit Jeremias Bentham's Zeit (ff 1832, Begründer des 199 Militarismus), nützlich — das letzte Wort und die Moral ihrer Regierung. Was nun die Anhänger des Islams anbetrifft, so begeisterte sie in ihren Kämpfen zur kühnsten Todesverachtung? Es war die Aussicht auf das sehr materielle Paradies, das der Prophet ihnen in den glühendsten !-- ; i-- ! MB iDWWW DSU Äü ! LL'^i Musik im Kloster. ist seit den Tagen ihrer Herrschaft bis zu den jetzigen. Farben geschildert hatte. Und um schon hier auf der Zeiten des Verfalls der Materialismus oder besser der Erde einen Vorgeschmack dieses sehr wenig idealen Auf- Sensualismus ihre herrschende Leidenschaft gewesen. Mas ! enthalts 'zu 'genießen, bevölkerten sie die Harems mit 200 reizenden Odalisken und schleppten die armen Besiegten in die traurigste Sclaverei, verdammten sie zum mühseligsten Leben, während sie selbst in üppigster Ruhe die Früchte dieser Blühen und Qualen genossen. Aus dieser übertriebenen Werthschätzung der irdischen Glückseligkeit erklärt sich leicht der Umstand, daß bei den Anhängern des Propheten mit dem Wort „Natur" derselbe erhabene Begriff verbunden ist, wie mit dem Worte „Geist" bei den christlichen Völkern und besonders der deutschen Nation, der „Nation der Denker", welche weniger der irdischen, als der Sonne der Intelligenz huldigt. Wie die Perser und Araber, so sind auch die Türken Sensualistcn, aber rhr Sensualismus ist ruhig, indolent, träge. Der Araber reitet zehn Meilen weit, wenn ein Vergnügen ihn lockt; der Türke, ein ebenso großer Verehrer der Freude, wird nie dem Vergnügen nachjagen, er läßt es an sich herankommen, er verlangt, daß es ihn aufsucht. Wenn diese Forderung ihn auch theuer zu stehen kommt, so fühlt er sich reichlich dadurch belohnt, daß er seine Trägheit und seinen Stolz, den er für Würde hält, befriedigt hat. Man wird nie finden, daß ein Türke tanzt, singt oder ein Instrument spielt, er würde sich in seinen eigenen Augen dadurch herabwürdigen; aber seine Leidenschaft ist es, Andere tanzen und singen zu sehen: nach seiner Meinung ermüdet das nicht und bietet denselben Reiz. — Nur im Kriege scheut der Türke keine Anstrengung, keine Ermüdung; bei dem Worte „Kampf" schießen die sonst halb geschlossenen Augen feurige Blitze, der Zorn treibt das Blut rascher durch die Adern, sein Ungestüm erinnert an den edlen Wüstenkönig. Da indessen die Kunst des Mordens an sich eine Arbeit ist und das Kriegshandwerk sich immer mehr ausbildet und vervollkommnet, so wird er trotz seiner Wuth einem geschickt manövrirenden Feinde nicht lange Widerstand leisten. Hat Allah ihm das Leben erhalten, so fällt er in sein altes Phlegma zurück und vergißt die erlittene Enttäuschung bei den Freuden des Harems; griechische Tänzer, walachische Musikanten, böhmische Sänger, arabische Märchenerzähler, jüdische Taschenspieler und kosmopolitische Magier bieten Alles auf, die finstere Miene des Gebieters zu erheitern, seinen Lippen ein Lächeln zu entlocken. Es gibt in der türkischen Sprache einen Ausdruck, der diese Passivität, diesen indolenten, zur Betrachtung neigenden Charakter vortrefflich wiedergibt, auf das genaueste bezeichnet, es ist das Wort Kisf. Es ist unmöglich, dasselbe zu übersetzen, da sein Sinn ebenso unbestimmbar ist, wie der Geist, den es bezeichnet. Seine Bedeutung ist aber gleichsam unerschöpflich, denn dieses eine Wort entspricht Allem, was wir durch die Wörter „Gesundheit, Vergnügen, Ruhe, Glück, Erholung, Gemüthlichkeit, Phlegma, Zerstreuung, Laune" auszudrücken pflegen. Die Türken sagen: „Wie steht's mit dem Kisf?" wie wir fragen: „Wie steht's mit der Gesundheit?" — „Bist Du im Kisf?" hat denselben Sinn, wie bei uns die Frage: „Bist Du guter Laune?" — Kisf ist die Seele der türkischen Sprache I Besuchst Du einen vornehmen Türken zur Zeit der Siesta, so geben die Diener mit vielsagender Miene die Auskunft, daß Du warten mußt, denn der Effcndi hält sein Kisf. Dieselbe Antwort wird Dir zu Theil, wenn der Herr, mit dem Du geschäftlich sprechen willst, im Harem mit seinen Kindern spielt oder sich in seinem Kiosk damit unterhält, durch ein Fernrohr die Schiffe zu beobachten, welche den Bosporus passiven. Und hättest Du ihm auch die wichtigste Sache mitzutheilen, es wäre unmöglich den Effendi zu stören, denn „er hält sein Kies!" Nur eins ist im Stande, das Kisf des Türken zu unterbrechen, und das ist die Stimme des Muezzin, der vom Minaret die Stunde des Gebetes ausruft. Mit stillem Behagen das Nargileh rauchen, eine Landpartie machen, ein Diner im Grünen improvisiren, ^aoui-t (saure Milch) essen, eine schöne Aussicht betrachten, das azurne Blau des Himmels und das unendliche Meer bewundern, nachdenklich mit den Händen auf dem Rücken spazieren gehen, gnädig zu den Worten lächeln, die den Lippen eines Erzählers entschlüpfen, auf dem Lager ruhend den graziösen Bewegungen einer Tänzerin mit den Augen folgen, sich im Kalk von den Wogen schaukeln lassen — Alles das nennt man in der Türkei „Kisf". Der Sultan huldigt dem Kisf in seinem zauberischen Palaste an den unvergleichlichen Ufern des Bosporus, und das geheimnißvolle Schweigen, das rings in der Nähe des kaiserlichen Kiosk herrscht, kündigt den Vorübergehenden an, daß der Sultan sich von seinen Regierungssorgen erholt. Als gute und getreue Unterthanen ver- i neigen sie sich und flehen Allah an, das Kisf ihres j Gebieters zu schützen, damit er nicht auf die Idee komme, das ihrige zu stören. Wie in Paris das Vergnügen jeden Gedanken beherrscht, so in Constantinopel das Kisf; aber die Freuden der Türken sind ebenso passiv, indolent, gemessen, wie die der Franzosen geräuschvoll, thätig und ermüdend. Während die Letzter» den Philosophenspruch „idls ,Er trumpfte den unzarten Maler mit seinem Heirathsprojekt wenigstens recht derb ab," bemerkte Armgard. „Ihr Igel scheint sich auf seine Rücksichtslosigkeiten etwas einzubilden, Tante Hanna; es ist eine billige Kunst, sich auf Anderer Kosten gehen und seinem Spotte die Zügel schießen zu lassen." „O, er verträgt auch eine derbe Abfertigung und ist im innersten Herzen aufrichtig gut," vertheidigte Hanna den alten Freund. „Glauben Sie mir, daß Herr Marbach keinen besseren Freund und Rathgeber sich erwählen konnte. — Und nun, mein theures Kind, hoffe ich, daß Sie keine übereilte Handlung, welche Sie mit dem Preis Ihres ganzen Lebensglücks bezahlen müßten, begehen werden, sondern lieber unvermählt bleiben, als sich, einer kostbaren Waare gleich, zur Spekulation der Habsucht und Berechnung herabwürdigen lassen. Hier müssen Vernunft und weiblicher Stolz in ihre Rechte treten, um das rebellische Herz sowohl als die beleidigte Eitelkeit zum Schweigen zu bringen und zu besiegen." Hanna schwieg, während das junge Mädchen ihr die Hand drückte und in den braunen Augen desselben eine fast demüthige Zärtlichkeit glänzte. Nach der Kirche hatte Armgard Holten mit Tante Hanna gespeist und sie dann trotz aller Einreden mit nach ihrem Gute Edenheim, das zwei Stunden von dem Städtchen entfernt war, entführt, um Pfingsten bei ihr zu verleben. „Wie kann ich mein kleines Heim verlassen?" hatte Hanna geklagt, „Life ist fort, meine Rosen werden verwelken, Mignon wird umkommen —" „Ihr kleines Heim steht unter dem Schutze der ganzen Stadt," hatte Armgard entschieden, „es werden sich hundert Wächter für das Haus, zweihundert Hände zum Beziehen der Rosen finden, und was Mignon anbetrifft, so nehmen wir sie einfach mit." Nach dieser Entscheidung hatte Tante Hanna die Waffen strecken müssen, und fröhlich lachend kutschierten sie bald nach Mittag aus dem Städtchen in das wonnigste Pfingstwetter hinaus. Kerzengerade saß die Greisin neben ihrer jungen Freundin, welche nachlässig im Fond der eleganten Equipage lehnte und nicht müde wurde, von dem langen Schweif ihrer Verehrer zu plaudern, welchen sie nach der Kirche gezogen hatte. „Sie müssen die große Auswahl zugestehen, Tante Hanna!" bemerkte sie ganz ernsthaft, „die Herren wurden urplötzlich fromm, maßen sich aber doch zuweilen mit Blicken des Hasses und der Eifersucht." „Herr Julius Steindorf wird sich ärgern, diese günstige Gelegenheit versäumt zu haben," versetzte Hanna ruhig. „Ja, er hätte jedenfalls sein Töchterlein mir aufgebürdet," erwiderte Armgard nachdenklich, „hm, Tante, Sie können ruhig sein, zur Stiefmutter eines solchen Kindes tauge ich nicht, schon dieser Gedanke ist hinreichend, mich gegen jegliche Gefahr zu wappnen." Hanna blickte sie forschend an und freute sich im Stillen, die alte Armgard wieder zu finden. Sie wünschte ihr alles Glück der Erde, und deshalb jenen Steindorf in's Pfefferland oder nach Amerika zurück. Heiter angeregt kamen sie nach Edenheim, das in der That ein prächtiges Besitzthum war, wohl geeignet, Liebhaber in Schaaren herbeizuziehen. Die Herrin dieses stolzen Ritterguts wurde von ihren Leuten und allen Gutsangehörigen angebetet, obwohl sie Milde mit Strenge zu paaren und das Ganze am Schnürchen zu leiten verstand. Sie war heute so munter und gut gelaunt, daß es Allen auffiel und auch die Tante ein wenig stutzig machte. Sollte diese Fröhlichkeit nur eine Maske sein, um ihr Sand in die Augen zu streuen? Konnte die stolze, energische Armgard, deren scharfer Verstand und praktische Umsicht ihr die Anerkennung und Hochachtung der einsichtsvollsten Landwirthe erworben, im Punkte des Herzens so schwach sein, um einem unwürdigen Glücksritter zum Opfer zu fallen? Sollte der Ausspruch: „Schwachheit, dein Name ist Weib!" sich bei ihr, dieser männlich starken Seele, so verhängnißvoll erfüllen? Hanna seufzte leise und beschloß, sie aufmerksam zu beobachten, da ihr der Gedanke wie ein Alp auf die Seele gefallen war. „Nun gebe der Himmel seinen Segen, daß wir wenigstens heute allein bleiben," sagte Armgard, die Tante nach der Nosenlaube führend, wo die Haushälterin, Mamsell Evers, den Kaffee servierte. (Fortsetzung folgt.) 216 Wir bitten allerunterthänigst. Eure Majestät! Historische Anekdote. Es war im Jänner des Jahres 1833 an einem der Donnerstage, an denen Kaiser Franz der Erste vom frühen Morgen an öffentliche Audienz ertheilte. Fast dreihundert Menschen hatten sich eingefunden, die in Abtheilungen in den Audienzsaal eingelassen wurden. Die vorletzte Abtheilung war eben eingetreten, die letzte, aus dreißig Personen bestehend, wartete noch im Vorzimmer, in dem ein Trabant und der Thürhüter Wache hielten. Die Aengstlichen unter den Anwesenden blickten unverwandt nach der hohen Saalthür und bangten vor dem Augenblick, in dem sie sich auch vor ihnen aufthun würde. Sie hielten ihre Bittschriften krampfhaft fest und wagten kaum zu athmen. Andere waren ganz unbefangen, fühlten sich wohl und glücklich im Hause ihres Kaisers und freudig bewegt durch den Gedanken an seine Nähe. Sie verehrten, sie liebten ihn; den gütigen und gerechten Monarchen zu fürchten hatten sie keine Ursache. Wieder Andere, zuversichtlich und keck, gaben sich das Ansehen von Leuten, denen Nichts imponirt und die so gut wie daheim sind im Audienzsaale. Vielmals schon abschlägig beschieden, kamen sie immer wieder und brachten ihr Gesuch in neuer Fassung vor. Da war eine Mutter mit zwei Töchtern, da war ein ehemaliger Hoflakai, da waren einige „Bürgerwaisen", lauter Menschen, die nur sparsam hauszuhalten brauchten, um sorgenlos leben, nur zu arbeiten brauchten, um behaglich leben zu können. In einer Gruppe standen einige Beamte und Angehörige des Lehrkörpers beisammen. Graue oder kahle Herren mit verwitterten, kummervollen Gesichtern, in „wie neu" geputzten oder wirklich neuen Cravatten und Handschuhen, zu der feierlichen Gelegenheit Gott weiß mit wie schweren Opfern angeschafft. Ihre sorgfältig gebürsteten Fräcke waren fadenscheinig, altmodisch — wahre Legenden! Sie erzählten von längst verrauschten Jugendtagen, von glänzenden Doctor-Promotionen, bei denen unter ihrer linken Brusttasche ein hoffnungstrunkenes Männerherz geklopft hatte. Sie erzählten von einem Myrten- sträußlein, mit dem sie einst geschmückt, von Weihrauchwolken, von denen sie am Traualtäre umflogen und um- duftet worden waren. Auch zu Friedhöfen waren manche von ihnen hingetragen, waren angepreßt worden an arme, einfache Särge, in denen sie lag, die Jahrzehnte ihrer gepflegt hatte wie des Familienkleinods, kein Fleckchen, kein Makel- chen an ihnen geduldet. Eine andere Gruppe wurde von drei Personen gebildet, einem alten Militär in der grauen Pensionsuniform mit dem Campagnekreuze und dem russischen Wladimir- Orden auf der Brust, einer blaffen Frau in ärmlicher Kleidung und einem schönen sechsjährigen Knäblein. Mit glänzenden Augen blickte es zu dem Alten empor, hob sich auf die Spitzen der Füßchen, zupfte ihn am Aermel und ermüdete nicht, ihm seine Bewunderung auszudrücken: „Du bist aber heute schön, Großvater! Weil wir beim Kaiser sind, nicht wahr? Wenn der Kaiser Deine Orden sieht, der wird schauen!" Der Greis verbiß die Schmerzen, die seine gichtischen Beine ihm bei der geringsten Bewegung verursachten, beugte sich auf den Stock gestützt nieder und ermähnte das Kind zur Ruhe. Die junge Frau schien von Allem, was um sie her vorging, Nichts zu hören, noch zu sehen. Sie stand mit herabhängenden Armen und verschränkten Fingern regungslos, schmerz- und traumverloren, so recht wie Eine, die all' ihr Glück und allen Lebensmuth begraben hat. Ein paar alte Damen, das siebzigjährige Fräulein Thekla von Sorgenhausen und ihre um zehn Jahre jüngere Nichte Erwine, standen neben ihr und blickten oft wohlwollend auf sie und das Kind. Aber nur flüchtig, denn sie waren jetzt zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um Anderen dauerndes Interesse schenken zu können, sie bebten und bangten in eigener Angelegenheit. Beide waren sehr klein und hatten kleine, zarte Bewegungen und die feinsten Manieren, die man sich denken kann. Sie sahen so recht nach Persönchen aus, die nicht gewöhnt sind, ihre eigenen Interessen zu vertreten. Keiner von ihnen gelang es, die Aufregung, in der sie sich befanden, zu verbergen, aber das Höhere von Aengstlich- keit leistete doch die Nichte. Ihre Zähne klapperten, sie zitterte zum Erbarmen und lehnte sich an die Tante, wie ein frierendes Vögelchen. Ihr chronisch geschwollenes Gesicht, ihre Nase überzog sich allmählich mit kreidiger Blässe, während die eingefallenen Wangen der wüthigen Tante immer dunkler flammten und glühten. „Die erste Audienz in unserem ganzen Leben, Tante," — „Die erste Audienz, Erwine," flüsterten die Damen und waren ganz erschrocken über die Kühnheit, mit der sie es gewagt hatten, ihre Stimmen hier an dieser Stelle, wenn auch noch so leise, zu erheben, um einander diese Mittheilung zu machen. Von nun an wurden sie auch wieder stumm, die alten Fräulein. Um ihnen anzusehen, daß sie das waren, brauchte man nicht eben ein großer Menschenkenner sein. Es sprach sich in ihrem ganzen Wesen und Gehaben aus. In dieser Weise unbeholfen und schüchtern ist nicht bald eine Frau. Und welche Unschuld blickte Einen aus den alten Gesichtern an! Unschuld, ja, macht Euch nur lustig. Die reinste Kinderunschuld kann hervorgucken aus den tiefen Falten eines Greisenangesichts, aus halb blind gewordenen Greisenaugen. Die Damen waren in Seide gekleidet, die Aeltere von ihnen in Schwarz, die Jüngere in ein hellfarbiges Soiräekleid, ein Garderobestück aus dem Nachlaß der seligen Mutter, die bessere Tage gekannt hatte, als ihre Tochter. Wer gesagt hätte, diese Kleider sind von Anno Eins, der wäre ein unverschämter Complimentenschneider gewesen. Nun ging eine Bewegung durch die ganze Gesellschaft. Die beiden Thüren des Audienzsaales waren zugleich geöffnet worden, die Entlassenen verließen, die Wartenden betraten ihn. Er war von mittlerer Größe, mit einem rothsammtenen Baldachin versehen. Französische Gobelins von größter Schönheit schmückten seine Wände. Der dienstthuende Kämmerer ordnete die Bittsteller in zwei Halbkreise. Die Damen v. Sorgenhausen, die in ihrer Bescheidenheit Jedem, der ihn haben wollte, den Vortritt gelassen hatten, kamen zu allerletzt zu stehen, und es war ihnen recht, ach — lieb sogar. So war ihnen Zeit gegönnt, sich zu fassen und bis zu einem gewissen Grade an den Gedanken zu gewöhnen, daß sie sich in einem und demselben Raume mit Sr. Majestät ihrem Kaiser befanden. Er stand mit dem Rücken gegen eines der Fenster, von denen die Sage ging, sie seien so genau in die Nahmen gefaßt und von so eigenthümlicher Dichtigkeit, daß man in der Burg kein Wagen- 217 gerassel vernahm. Seine Haare schimmerten wie Schnee. Seine Gestalt war in den letzten Jahren immer hagerer, sein Gesicht immer schmäler geworden, aber die Augen hatten sich nicht verändert und ihren freundlichen und tiefen Blick, ihren milden Glanz und ihre sanfte blaue Farbe erhalten. Er trug die Uniform seines Tiroler- Jäger-Negiments, den grauen Frack mit grünen Aufschlägen, die engen Beinkleider und hohe Stiefel. Ein stattliches Ehepaar aus Graz, offen und ehrlich dreinschauende Leute, ein Müllermeister mit seiner Müllermeisterin, waren die Ersten, die er ansprach. Sie kamen um zu danken, sie hatten einen Prozeß gegen das Aerar gewonnen und schrieben diesen glücklichen Ausgang einzig und allein einem Machtspruch Seiner Majestät zu. „Da haben S' Unrecht," sagte der Kaiser. „G'wonnen hätten S' auf alle Fäll', nur langsamer gegangen wär's ohne meiner." „Geruhen Eure Majestät, mein unterthänigstes Gesuch nicht aus Allerhöchst Ihren Händen zu geben. Geruhen Eure Majestät, es bei sich zu behalten." Der Kaiser willfahrte diesem Wunsch und wurde nun von jedem der nachfolgenden Bittsteller angefleht: „Behalten Eure Majestät mein Bittgesuch bei sich, geben es nicht aus den Händen." lind der Kaiser erfüllte die Bitten Aller und muthete den Schößen seines Fracks eine Aufnahmsfähigkeit zu, die bis zu den äußersten Grenzen des Möglichen ging. (Schluß folgt.) --— Goldköruer. Unsere Ehre steigt, sowie unser Hochmuth sinkt; wo die Prahlerei aufhört, da fängt die wahre Würde an. Edward Aoung. . 1 ALM UUMW UM Ursderg. Westseite. Original-Ausnahme von Gustav Bader, Photograph in Krumbaih. sVervielsiiltigungsrcchtTvorbehalten.s Noch Einige hatten zu danken, dann Einer zu bitten: ein Küster, eine sonderbar verkrümmte Gestalt in weißer Weste und weißer Cravatte. Er war im Begriff, eine Liebesheirath zu schließen, und bat um eine Zulage für seine „eine Hofcharge bekleidende" Braut. „Was ist sie denn?" fragte der Kaiser etwas erstaunt. „Hofwäscherin, Majestät, in der Hofküche angestellt. Eine von den Personen, die mit Reinhaltung des Fußbodens der kaiserlich-königlichen Hofküche betraut sind. Eine Pragerin, eine schöne Person, Eure Majestät!" „Aha, und da haben S' schon den Bräutigamsstaat ang'legt. Meinetwegen hätten Sie nicht gebraucht solche Umständ' zu machen," versetzte der Kaiser, nahm die Bittschrift, die der kleine Bucklige ihm mit einer an- muthig gerundeten Armbewegung darbot, und wollte sie dem Kammerherrn reichen. Aber das Männlein rief: n r s b e r g. (Mit Bild.)' Blickt man von der Höhe von Thannhausen ins liebliche Mindelthal, so fällt das Auge auf einen mächtigen Thurm, der am Fuße des jenseitigen Bergrückens sich erhebt, an welchem sich die Straße nach Krumbach empor- windet. Der Thurm ragt aus einem stattlichen Bauwerke empor. Es ist Ursberg, das alte Prämonstratenser- oder Norbertiner-Reichskloster. Thurm und Bau sind die ehrwürdigen Ueberreste einer 700jährigen Geschichte. Könnten diese Steine reden — sie wüßten vieles zu erzählen von der Herrlichkeit des alten Neichsstiftes. Da sie es aber nicht können, so wollen wir es thun und den Lesern das Wichtigste aus der Geschichte Ursbergs mittheilen. Vor 800 Jahren herrschten über die waldbedeckte Gegend die mächtigen Grafen von Schwabeck. Werinher 218 von Schwabeck hatte auf dem Schloßberge (heute Michelsberg) von Ursberg eine Burg und nannte sich hiernach im Jahre 1042 auch in einer Urkunde „Werinher von Ursberg". Wenige Ansiedelungen unterbrachen damals die dichten Wälder, in welchen noch der Ur oder Auerochse hauste, welchem Ursberg offenbar seinen Namen verdankt. Mitten im Gebiet der Schwabecker war aber in Mitte des 11. Jahrhunderts ein anderes Edelgeschlecht emporgekommen, dessen Burg auf dem Berge sich erhob, auf dem heute das Dörfchen Burk liegt — die Grafen von Balzhausen. Schon zu Lebzeiten Werinhers von Schwabeck, der die Burg in Ursberg besaß, blühten die Grafen Conrad und Schwigger von Balzhausen. Und da Schwigger von Balzhausen Bertha, die einzige Tockiter des Grafen Adelgoz von Schwabeck, des Bruders des kinderlosen Werinher, im Jahre 1058 heirathete, so erbte er durch diese Heirath die ganze ^Grafschaft Schwabeck mit Ursberg seiner Reise nach Rom in diesem Jahre selbst nach Ursberg, nahm am 11. November in Gegenwart Werinhers und seiner jungfräulichen Schwestern Schwinhild und Gisela feierlich Besitz von Ursberg. Als ersten Propst seiner geistlichen Söhne, die in die neuen Klostermauern eingezogen waren, setzte er Ulrich ein. Unter seiner tüchtigen Leitung erfreute sich das neue Norbertiner-Kloster bald eines so guten Rufes, daß die Gründer des Klosters Noggenburg, die Grafen Conrad, Berchtold und Siegfried von Marstetten, im Jahre 1126 Ursberger Mönche für ihre Stiftung verlangten und Bischof Otto von Freising die neugegründetcn Klöster Neustift und Schäftlarn gleichfalls den Mönchen von Ursberg übergab. Ermuntert durch dieses rasche Aufblühen des Klosters Ursberg, stifteten Werinher's Schwestern Schwinhild auf dem Burgberge von Balzhausen (zu Burk) ein Frauenkloster nach der Regelndes hl. Norbert und Gisela ein Frauenkloster Der zerstörte Liebesbrief. Nach einem Gemälde von M. Stocks. MWZL M'.1 MM und nannte sich nach dem Tode seines kinderlosen Bruders Conrad fortan Graf von Schwabeck und Balzhausen. Schwiggers Sohn Adelgoz hatte drei gottesfürchtige Kinder, Werinher, Schwinhild und Gisela. Sie lebten auf ihrer Hauptburg auf dem hohen Berge von Burk bei Balzhausen am Anfang des 12. Jahrhunderts — in jener großen Zeit, in welcher die Begeisterung für die Kreuzzüge im deutschen Adel einen hochherzigen Sinn und Eifer für christliche Cultur entflammt hatte, der sich am liebsten in der Stiftung von Klöstern bethätigte. Von diesem hochherzigen Geiste, diesem frommen Opfersinn waren auch die drei edlen Geschwister auf der Grafenburg von Balzhausen beseelt. Graf Werinher errichtete im Jahre 1119 am Fuße des Schloßberges zu Ursberg ein Kloster, das er dem neugestifteten Orden des damals lebenden hl. Norbert im Jahre 1125 übergab und den hl. Aposteln Petrus und Johannes weihte. Der hl. Norbert kam auf zu Edelstetten nach der Regel des heiligen Augustinus. Bischof Hermann von Augsburg bestätigte das Nor- bertiner- (auch Prämonstratenser-Moster Ursberg im Jahre 1130 und zeichnete es mit vielen Privilegien aus. Viele reiche Adelige der Umgebung vermachten dem Kloster der frommen Mönche ansehnliche Güter und stifteten in ihrer Kirche Jahrtage, so daß die Bestätigungs-Bulle des Papstes Jnnocenz III. vom Jahre 1209 bereits eine stattliche Reihe von Gütern im Mindel-, Günz- und Kammel- Thale dem Kloster Verbriefen konnte. Werinher, der Stifter, freute sich des Aufblühens und hohen Ansehens seines Klosters nicht lange. Er starb im Jahre 1135 eines seligen Todes und wurde in der Stiftskirche zu Ursberg begraben. Nach seinem Tode begannen allerlei Drangsale das neue Kloster heimzusuchen. Im Jahre 1142 brannte es vollständig ab. Als mit dem Tode des letzten Grafen von Schwabeck und Balzhausen, des Schirmvogtes Adelgoz, im Jahre 1162 dieses mächtige Geschlecht erlosch, verlor Ursberg seine beste Slützc. Die sich jetzt seine Schützer nannten — sie waren oft seine ärgsten Bedränger. Nach dem Aussterben jener Grafen zogen die Kaiser die Grafschaft Schwabcck und Balzhausen an sich und gaben dem Kloster Urs- bcrg oft gewalt- thäüge Ritter als Schutz- und Schirwvögte, welche das Kloster hart bedrängten und brandschatzten. Der schlimmste dieser Vögle war Ritter Berchtold von Riffen, dem KaiserPhilippdie „Klostervogtei" von Ursberg um 200 Mark verpfändet hatte. Dieser wilde Degen waltete feiner Schutz- Vogtei schlecht. Er behandelte das Kloster und seine Güter wie sein Eigenthum und übte eine so unertrüglicheTy- rannei, daß die Mönche nur mit Hilfe desPapstcs seiner los wurden. Sie kauften sich den seltsamen „Schutzvogt" mit schwerem Geld vom Hals. — Im Jahre 1224, zwei Jahr chevor der berühmte «Conrad von -Lichtenau, der die Ursbcrger Chronik schrieb, Prior wurde, brannte das Kloster zum zwei- 220 tenmal ab. Tüchtige Vorstände brachten es bald wieder empor, bis es ein Verschwender, der Prior Ulrich Sekler, in der Mitte des 15. Jahrhunderts an den Rand des Abgrundes brachte. Kein schwäbisches Reichskloster ist im Laufe der Jahrhunderte von so vielen Drangsalen heimgesucht worden, wie Ursberg. Hatte es sich von einem Schlage erholt, so warf es ein anderes Unglück wieder darnieder. Seine Glanzperiode feierte das Reichsstift unter dem tüchtigen Abt Wilhelm Sartor aus Thannhausen, welcher von 1407 bis 1447 regierte. Er stand bei Papst und Kaiser in hohem Ansehen. — Auf dem Concil zu Constanz erhielt er vom Papst Martin die Pontification, d. h. das Recht, Jnful und Stab zu tragen. Den Kaiser Sigismund begleitete er einmal nach Italien, ein andermal nach Böhmen zum Krieg gegen die Hussiten, gegen welche er sehr häufig gepredigt haben soll. Die lange Abwesenheit des Abtes gefiel den Klosterherren nicht. Sie wählten im Jahre 1436, wahrscheinlich gegen den Willen des Abtes Wilhelm, den Balthasar von Seebach zu ihrem Abt. Ursberg hatte also von 1436—1447 zwei Aebte, den fast immer abwesenden Wilhelm und den Eindringling Balthasar. Als Wilhelm 1447 starb, wurde Balthasar ein rechtmäßiger Abt, starb aber schon nach zwei Jahren, 1449. Ihm folgte Abt Jodoc Seitz aus dem Kloster Roggenburg. Die Wahl eines Auswärtigen verdroß einige Conventherren. Ulrich Sekler, ein hochmüthiger Mann, der selbst nach der Abtwürde strebte, verhetzte sie soweit, daß sie den tüchtigen Abt Jodoc für abgesetzt erklärten. Als sich die Mehrheit nicht um diese „Absetzung" kümmerte, rächte sich Ulrich Sekler dadurch, daß er es 1458 dahin brachte, daß Kaiser Friedrich die Schutzvogtei über Ursberg von der Stadt Ulm auf den Ritter Bero von Rechberg, einen verschwenderischen und gewaltthätigen Mann, um 5000 fl. übertrug. Sekler machte nun dem guten Abte Jodoc das Leben so sauer, daß er freiwillig abdankte und nach Augsburg ging, wo er 1461 Weihbischof wurde. Nun riß Ulrich Sekler mit Hilfe des neuen Schutzvogtes Bero von Rechberg die Abtwürde an sich, die er 10 Jahre lang, 1459—1469, entwürdigte. Was seine trefflichen Vorgänger erworben und geschaffen, verschleuderte dieser leichtsinnige Verschwender. Um seiner Bauwuth, Prachtliebe und Genußlust zu fröhnen, verkaufte er eine Menge Güter um wahre Spottpreise und brachte so das Stift an den Rand des Verderbens. Der Schutzvogt Bero von Rechberg kam häufig von seinem Schloß Neuburg a. d. K. mit zahlreichem Anhang ins Kloster herüber und zechte mehrere Tage, so lang, bis das ganze Kloster ausgefressen war. Endlich erhörte man die Klagen und Bitten der 10 Jahre lang tyrannisirten Klosterherren. Abt Sekler wurde 1469 abgesetzt und ihm die Pfarrei Langenhaslach angewiesen, wo er 1472 plötzlich starb. (Schluß folgt.) -»—i—V-I—»- Zu unseren Bildern Der zerstörte Ktebeslirief. Was die Katzen nicht mitunter Unheil anstiften können! Das gnädige Fräulein hat heute in einem zärtlichen Liebes- briefchen ihren Gefühlen Ausdruck verliehen. Im schönen Monat Mai, wo alle Knospen springen, da ist auch in ihrem Herzen die Liebe aufgegangen! Schwarz auf Weiß soll es der Geliebte ersehen, daß sie „Sein Auf ewig" ist. Dort auf dem Tische liegt die erst frischgeschriebene Urkunde über die Gefühle eines liebenden Mädchenherzes. Da kommen die beiden Kätzlein, scherzen und balgen sich herum, daß es eine Lust ist. Was scheren sich die Losen auch um so ein Tintenfaß. Klapp's isl's geschehen, das Tintenfaß umgeworfen und die Bescheerung ist da! In schwarzen Büchlein gießt sich die Tinte über das Liebesbriefchen I Das mag nun eine schöne Geschichte werden, ihr bösen Mizzi, wann Fräulein Tini hinter euren losen Streich kömmt! Zum Zahnarzt. Der Steffelbauer hat Zahnweh'. Lange schon wurde er von den fürchterlichsten Schmerzen geplagt! doch Alle Mittel, die ihm sein Nachbar, der Schmid, der in diesen Dingen etwas bewandert ist, angerathen, haben nichts geholfen. Selbst die alte Hühnerliesel, die schon vielen Leuten den Zahnschmerz durch „Sympathie" vertrieben, konnte beim Steffelbauer nichts ausrichten. Das vermaledeite Zahnweh wurde im Gegentheil immer ärger, so, daß es der Steffelbauer schließlich nicht mehr aushalten konnte. So entschloß er sich denn zum äußersten Mittel, einen Gang zum Zahnarzt zu machen, um des Plagegeistes ein für alle Mal ledig zu werden. Dr. Meyer versteht sich auf sein Fack wie Keiner, und so ist also zu hoffen, daß auch der Steffelbauer, der soeben im Begriffe ist, feine Ankunft durch einen kräftigen Zug an der Glocke zur Wohnung des Arztes anzumelden, von dem leidigen Uebel des Zahnschmerzes befreit wird. — Allerlei. Eine Familie von Geizhälsen. Der Urgroßvater Koloman Rüst ola hatte sich durch den Handel mit Sardinen und Südfrüchten ein hübsches Vermögen erworben, das immer mehr anwuchs, weil sich der Mann kaum das Nöthigste für seinen Lebensunterhalt gönnte und bis an sein Ende in einer dunklen Kammer in der Westbahnstraße logirte. Der Großvater Robert Rustola setzte den Handel mit nicht so lucrativem Resultate fort, vermehrte jedoch das Vermögen beträchtlich durch seinen Geiz, denn er ging in Lumpen daher und soll sich nicht gescheut haben, milde Gaben anzunehmen. Der Vater Anton Rustola besaß in Wien drei Häuser, domicilirte in Graz, wo er mit monatlichen 75 fl. sein Auslangen für sich, seine Frau und seinen Sohn Franz fand, dem er nahezu 200,000 fl. hinterließ. Ueber die Lebensweise des Sohnes, sobald er zu Vermögen gelangte, ist Nichts bekannt geworden. In Folge schlechter Ernährung in seinen Kinderjahren war Franz Rustola von schwächlicher Constitution und starb schon im 28. Lebensjahre. Das Vermögen ging an einen Verwandten, einen Peter Rustola, über, welcher übrigens der geizigen ! Familie alle Ehre machte. Er starb vor einigen Wochen I in Görz in der Wohnung eines Schuhmachers, der seinen Aftermiether in recht dürftigen Verhältnissen wähnte und ihm eine Dachkammer billigst überlassen hatte. Nun ist diese Familie der Geizhälse ausgestorben, und es werden Erben für das ungefähr auf 300,000 fl. angewachsene Vermögen gesucht. Nitder-Käthser. ^L30. Areitag, den 13. April 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS „Ach, Monsieur, die Hilfe, um welche ich bitten möchte, steht ganz in Eurer Gnaden Macht." — „Da sind Wir doch begierig, diese Bitte zu vernehmen", sagte lachend Daquin. — „Ich möchte Monsieur bitten, zu erwirken, daß ich Sr. Majestät unserem großen Könige zur Ader lassen darf." — Erschreckend prallte Daquin zurück und stotterte: „Herr, sind Sie verrückt?! Oder — oder sind Sie gar das unglückliche Werkzeug einer meuchlerischen Verschwörung?" — Erbleichend vor Schrecken rief Tartö: „Um Gotteswillen! was denken Euer Gnaden?! Ich bin die unschuldigste Kreatur von der Welt! Ich bin, das darf ich wohl ohne Selbstüberhebung sagen, der geschickteste Aderlasser von Paris. Wenn ich nun Sr. Majestät zur Ader lassen dürfte, dann, Monsieur — dann wäre mir geholfen." „Ich verstehe l Der Plan ist tief und hoch angelegt, aber — tollkühn! Und dann — selbst wenn der König einen Aderlaß nöthig hätte, so wäre ja dafür sein Leibchirurg Msgr. Maröchal da." „Q Monsieur vermögen mit Ihrem bekannten großen Geiste und mächtigen Einfluß auf Seine Majestät die fraglichen Hindernisse leicht zu beseitigen. Auch appellire ich an Euer Gnaden edles, großmüthiges Herz. Es ist ja bekannt, daß Monsieur ein so Mildreicher Wohlthäter der Armen ist. Da habe ich nun zur Gewährung meiner Bitte ein kleines Opfer für die Armen — fünfzehn- tausend Livres — mitgebracht, die ich Monsieur zur freien Verfügung stellen möchte." — „Das ist Alles schön und gut. Es ist wahr; man appellirt nicht leicht vergebens an mein Herz; es ist zu weich. Ich möchte gerne allen Menschen helfen; allein in Ihrem Falle, mein Lieber, sehe ich nicht ein, wie mir das möglich werden könnte. Zwei Hindernisse, wie bereits angedeutet, stehen im Wege: die volle Gesundheit des Königs und eventuell der Leibchirurg." Daquin schreitet nachsinnend durch's Zimmer. Tartö: „Monsieur! könnten Sie bei Seiner Majestät, etwa nicht einen prophylaktischen Aderlaß" — „Parbleul" siel Daquin ins Wort, „das ist ein genialer Einfall." Nach einigen! Nachdenken fuhr Daquin fort: „Meister Tartö, nun haben Wir es; das heißt — in tlis8i; ob Wir das Problem auch in xraxi zu lösen vermögen werden, ist wohl noch fraglich. Indeß Wir werden es sofort versuchen." „Zweifle nicht am Gelingen, Monsieur." „Nun muß ich den Frühbesuch beim Könige abstatten. Wo sind Sie abgestiegen?" „„Im Cafö le Noy."" „Halten Sie sich zur Stelle." Man trennte sich, wohl zufrieden auf beiden Seiten. * vr. Daquin erschien zum „pstit lovsr" (kleiner Frühbesuch) bei König Ludwig XIV., welcher seinen ersten Leibarzt Zutraulich mit den Worten begrüßte: „Guten Morgen, mein lieber Daquin! — Was soll das? Sie sehen ja aus wie ein Leichenbitter! Woher diese traurige Miene? Kommen Sie vielleicht von meinem armen Herrn von Reims?" „„Das nicht, Majestät; aber ich habe erfahren, daß es sehr schlimm mit dem liebenswürdigen Herrn Prälaten steht. Es ist für den Arzt sehr schmerzlich, wenn er bedenkt, daß Herr von Reims von diesem gefährlichen Schlaganfall verschont geblieben wäre, wenn man ihm prophylaktisch zur Ader gelassen hätte."" „Meinen Sie?" „„Ganz gewiß, Majestät."" „Sagen Sie mir doch, Daquin, welches sind die Ursachen eines Schlaganfalles?" — „„Sire! Diese sind zahlreich, da es verschiedene Arten von Apoplexie gibt. Da haben wir einen Schleimschlag; der verläuft in der 227 Regel tödtlich; — den Blutschlag, von welchem Mon- seigneur de Reims betroffen. Er hatte zu viel des zähen und dicken Blutes."" König Ludwig hält dem Leibarzte den rechten Vorderarm hin: „Wie finden Sie meinen Puls?" — Daquin, denselben befühlend: „„Sire, der Puls ist etwas erregt."" „Nun, das mag nichts zu bedeuten haben", erwiderte König Ludwig. Da traten Hofcavaliere ein, und Daquin zog sich vor dem Könige verneigend zurück. Er begab sich, wie gewöhnlich, zu Frau von Montespan, der (bekannten) „Freundin" des Königs. Nach der üblichen Begrüßung sprach er hastig und gleichsam erregt: „Frau Marquise! ich komme soeben von Seiner Majestät-" Frau v. Montespan, inS Wort fallend: „Nov Oisul Sie erschrecken mich, Monsieur Daquin; der König ist doch nicht erkrankt?" „„Dies nicht; der König befindet sich nur zu wohl — das heißt augenblicklich."" „Ich verstehe Sie nicht, und Sie steigern meine Beängstigung." „„Ich muß Ihnen gestehen, daß der Schlaganfall, der den Herrn Prälaten de Reims getroffen, im Hinblick auf das körperliche Befinden Seiner Majestät mir einige Befürchtung verursacht. Der Puls des Königs hat mir heute nicht gefallen. Es ist etwas zu viel des Blutes vorhanden. Der König genießt zu viel Geflügel und Wildpret. Vorgestern haben Seine Majestät, nachdem Sie beim Souper dem Schwarzwild und dem Fasanen stark zugesprochen, noch drei Schnepfen verspeist."" „Was ist da zu thun?" „„Frau Marquise! Wenn man dem Herrn von Reims zur Ader gelassen hätte —"" „Ich verstehe, Daquin, der König muß zur Ader lassen." Bei diesen Worten trat eben König Ludwig bei Fr. v. Montespan ein — zum Morgenbesuche. Er hatte die letzten Worte vernommen und sprach: „Wie! ich muß zur Ader lassen? — Frau v. Montespan, ein Ludwig XIV. muß niemals!" — „„Majestät, es können Umstände eintreten, in denen auch ein König Ludwig handeln muß — nach fremdem Willen oder Wunsche, zumal, wenn er fein Volk liebt, wie Seine Majestät, und danach trachtet, ihm sein kostbares, unersetzliches Leben zu erhalten!"" „Ich begreife. Ihr sprächet vom Falle des Prälaten und meinem etwas erregten Pulse." „„So ist es, Majestät,"" sagte Daquin. — „Nun, ich habe mir die Sache auch überlegt, und um Sie zu beruhigen, will ich einen kleinen Aderlaß nehmen und zwar hier bei Ihnen und — sofort. Lassen Sie meinen Leibchirurgen Marechal kommen." — „„Sire, erlauben mir eine Meinung der Vorsicht auszusprechen. Herr Mars- chal ist unzweifelhaft der vorzüglichste Chirurg des Königreichs; allein er hat eine etwas schwere Hand, und da Euer Majestät nur einen sehr kleinen Aderlaß nöthig haben, so möchte ich bezweifeln, daß Herr Marschal in diesem Falle sicher zweckdienlich sei. Uebrigens befindet sich Herr Marschal eben bei Herrn de Reims. Es weilt aber jetzt der Chirurg Magister du Tarts aus Paris hier, der mit wunderbarer Kunst zur Ader läßt."" „Nun wohlan, so lasse man ihn kommen", sprach der König.-Es währte nicht lange und Meister du Tarts erschien und vollbrachte seine „große" That. Nachdem der „prophylaktische" Aderlaß geschehen, sagte Ludwig XIV. zu seinem Leibarzte Daquin: „Sie haben recht; Meister du Tarts läßt mit viel mehr Leichtigkeit zur Ader als Herr Marschal." — — — Einige Tage später las man auf einem prächtigen Schild in der Straße des Bourdonnais: „Meister du Tarts, Leibchirurg des Königs." Die „Namenreparatur war in ausgezeichneter Weise gelungen. DaS Geschichtchen aber könnte man auch betiteln: Was kann man doch nicht Alles fertig bringen, Wenn klug die Worte sind und — prächtig klinge«! — --S8WLS--- Der Kukuk steht beim Volke schon seit jeher nicht in besonderer Achtung. Heißt man doch Einen, den man nicht sehen mag: „Geh' zum Kukuk!" oder „Hol' dich der Kukuk!" Wenn der Spatz mit dem stechen Gassenbuben verglichen wird, so spielt der Kukuk die Rolle des heimathlosen Tagediebes. Er legt sein Ei nicht vor die Thüre eines andern Vogels» damit dieser sich des Eies erbarme, sondern er legt sein Ei direkt in daS Nest anderer Vogel, und sollte kein Platz mehr dafür darin sein, so wirst er ein oder zwei andere Nesteier hinaus. Das sieht den schlechten Dirnen ähnlich, welche ihre Kinder Anderen vor die Thüre setzen, um sich so der Last und Plage der Erziehung zu entziehen. Der kleine Kukuk ist viel größer und gefräßiger als die Nest- vögel, und doch, welche Sorgfalt verwenden seine Zieheltern auf ihn, den Eindringling, gegen dessen Einquartierung sie sich im Anfang mit dem Aufgebot aller Kraft wehrten! Diese scheinbar liederliche Kukukseigenschaft erscheint in ganz anderem Lichte, wenn man die tiefsinnige und treffende Erklärung des Jesuiten und bekannten Naturforschers ?. Wasmann in den „Stimmen aus Maria-Laach" liest. Sie verdient es, zu allgemeiner Kenntniß des Volkes gebracht zu werden. Hören wir die Lösung des Räthsels des Kukukseies: „Forschen wir nun nach der tieferen Ursache, wetz- halb der Kukuk durch seinen Instinkt zum Schmarotzer- leben vermflagt ist. Altum (ein berühmter Kenner unserer Vogelwelt, ein geistlicher Professor an einer westfälischen Forstschule) hat schon vor vielen Jahren in vortrefflicher Weise auf das Gesetz aufmerksam gemacht, das dem Brut- parasitismus des Kukuks zu Grunde liegt. (Altum, Der Vogel u. s. Leben, 5. Aufl., S. 180 ff.) Der Beruf des Kukuks ist es, ein Vertilger der haarigen Raupen zu sein, die wegen ihrer Brennhaare von anderen Vögeln entweder gar nicht oder nur ausnahmsweise gefressen werden. Der Kukuk verzehrt dieses Ungeziefer mit außerordentlichem Appetit und ohne Nachtheile für seine Gesundheit. Die behaarten Raupen des Prozessionsspinners und des Kiefernspinners, der Nonne, des Weidenspin- ners und des Schwammspinners zeigen aber die auffallende Erscheinung, daß sie in manchen Jahren stellenweise in ungeheuren Massen erscheinen; dann kommt ein verheerender Raupenfraß, wie ihn die Nonne wiederum in den letzten Jahren verursacht hat. Es sind gleichsam Polizeistationen, die auf das haarige Raupengefindel ein wachsames Auge haben und es unter normalen Verhältnissen auch in den gebührenden Schranken zu halten vermögen. Tritt aber irgendwo eine Massenvermehrung jener Raupen ein, dann genügt die Polizei nicht mehr, es müssen Truppen verschiedener Waffengattungen mobil gemacht und an die bedrohten Punkte gesandt werden. Eine dieser Truppen sind die Schaaren der Kukuke, die sich nach den Naupenherden zusammenziehen und dort wochenlang verweilen müssen, um etwas Ergiebiges auszurichten. Die „Raupenmonate", in denen der Raupenfraß stattfindet, sind aber gerade zugleich die Brutmonate der Vögel. 228 Wäre der Kukuk gleich anderen Bügeln an die Wiege seiner Jungen gefesselt, so könnte er dem Aufgebote zur Landcsvertheidigung nicht Folge leisten, er müßte zu Hause bleiben und für seine Familie sorgen. Wie kann er aber vom Nestbau, vom Brüt- und Fütterungsgeschäfte entbunden werden, ohne daß sein Geschlecht ausstirbt? Nur dadurch, daß er seine Eier fremden Vögeln in Pflege gibt, daß er ein Schmarotzer wird." Wir können also das Räthsel des Kuknkseies nicht lösen, ohne an die Weisheit deS göttlichen Schöpfers zu glauben. Darum schließt auch k. WaSmann seine interes- sante Artikelserie über den Kukuk mit Recht mit folgenden Worten: „Je tiefer wir eindringen in die Geheimnisse, mögen sie nun in der Vogelwelt oder Jnsektenwelt, in einem Ameisenhaufen oder im tiefen Meeresgrunde sich abspielen, desto klarer erkennen wir, daß die Weisheit und Allmacht des Schöpfers durch die Ergebnisse der modernen Naturforschung verherrlicht wird." Allerlei. Von russischen Postverhältnissen plaudert die „Now. Wremja": Das Postwesen im Innern des Reiches steckt ja bekanntlich noch in den Kinderschuhen, was sowohl auf die riesigen-Entfernungen als auf die Spärlichkeit der Eisenbahnverbindungen zurückzuführen ist. Es gibt daher bei uns Städte, die geographisch kaum 400 Werst von einander entfernt sind, postalisch jedoch weiter als Kiew und unser liebes Toulon. Von einem solche Städte- paare können wir absonderliche Dinge berichten. Einer unserer Freunde wohnt in Kiew und hat einen beständigen Geschäftsverkehr mit einigen Personen, die in der Nähe von Rowno, Gouvernement Wolhynien, sechs Werst von der Station Rowno, leben. Der Postverkehr mit diesen Geschäftsfreunden ist, wie unser Freund schreibt, nur durch eingeschriebene Sendungen möglich; alle ordinären Briefschaften gehen einfach auf dem Wege zwischen diesen beiden Punkten spurlos verloren — das ist schon seit Jahren hier zu Lande so der Brauch. Unser Freund beendet seine Korrespondenz gewöhnlich um 5 Uhr Nachmittags, um welche Stunde das Hauptpostamt in Kiew bereits geschlossen ist. Er gibt daher die Sendung in dem Haupt- Telegraphenamt auf. Dieses pflegt alle eingeschriebenen Briefschaften zweimal täglich, um 12 und um 4 Uhr Nachmittags, auf daS Haupt-Postamt zu senden, obgleich diese Stunden durchaus nicht der Abgangszeit der Postzüge entsprechen. Vielleicht wirkt die Erledigung vor dem Frühstück und Mittag förderlich auf die Verdauung der Telegraphenbeamten. Wenn nun also unser Freund seinen Korrespondenten in Rowno einen eingeschriebenen Brief zuschickt, so nimmt dieses Ereigniß folgenden Verlauf: Am Montag um 5 Uhr Nachmittags schickt er die Briefschaften ins Telegraphenamt; am Dienstag um 12 Uhr Mittags werden sie dem Hauptpostamt übersandt, am Mittwoch um 9 Uhr Morgens gehen sie mit dem Postzuge der Süd-West-Bahn nach Rowno ab, wo sie um 12 Uhr Nachts eintreffen. Am Donnerstag findet in Rowno die Sonderung der Briefschaften statt, die angesichts des spärlichen Beamtenpersonals nicht früber vorgenommen werden kann. Am Freitag um 1 Uhr Nachmittags wird aus der Stadt Rowno die Anweisung des Postamtes der 6 Werst entfernten Gemeindeverwaltung des Dorfes Rowno zugesandt, und am Sonnabend 5 Uhr Nachmittags befindet sich die Nachricht, daß ein Brief für ihn angekommen sei, glücklich in den Händen des Adressaten. Am Sonntag findet im Postamts keine Ausgabe von Briefschaften statt, der Adressat wartet also bis zum Montag und begiebt sich dann nach Rowno, um gegen Vorzeigung der Anweisung den Brief in Empfang zu nehmen. Die Entfernung zwischen Kiew und Rowno beträgt 366 Werst (389 Kilometer). In der Zeit, die der Brief braucht, um von Kiew nach Rowno zu kommen, kann der Absender ganz bequem von Kiew nach Toulon reisen, dort auf dem Platze vor dem „Hotel de Ville" einige Male „Vivs 1a Iftmueo" schreien und dann gemüthlich heimkehren; wollte er aber zu Haufe eine Antwort aus Rowno vorfinden, so könnte er noch einen Abstecher nach Paris machen und sich dort in Muße Alles genau ansehen. -- Goldene Zukunft. O Deutschland, du Land der Dichter und Denker, Was birgst du mitunter für heillose Stänker! Da sind es die Herr'n Sozialdemokratin, Die wissen am besten, wo saftige Braten; Du brauchst nur zu lauschen d-m öden Geschrei Wie köstlich das Leben im Zukunftsstaat sei. Doch „Michel", der dumme, der kaun's nicht begreifen, Was längst von den Dächern die Spatzen schon Pfeifen, Daß Rettung allein nur möglich noch sei In den offenen Armen der rolhen Partei. D'rein kannst, wie ein Kindlein, ein müdes, dich schmiegen' Und daß du wohl schlummerst, so wird man dich wiegen. Zu bald aber wirst aus dem Schlaf du erwachen, Die klugen Genossen den „Gimpel" verlachen, Das „unnütze" Denken, das Manchen verdorben, Das können die Herren ja selber besorgen. Sie wollen nur Arbeit der kräftigen Hände, Und kannst du nicht weiter, so warte aus'S Ende. Doch hör'! Auf den Himmel darfst nimmer du hoffen, Denn der sieht, nach Heine, den — Spatzen nur offen. K ö n i g s z », g. a u i r a Q SS <: u u b I S k 2 m s s t 1 V 0 i s l s r a ll a s Auslösung des Logogrpphs in Nr. 28: Wieland. Wien. Wein. L ed. Newa. Indien. Lawine. Wand. Wind. Linde. Auflösung des Bilder-Nätbsels in Nr. 29: Nach der Arbeit das Vergnügen. M „Augsburger Postzeitung". ^L31 Dienstag, den 17. April 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Berlag des Literarischen Instituts von Haas 8. Was die Verkehrsverhältnisse anbetrifft, so gibt es in Belgien eine Privatbahngesellschaft, die Sociötö Generale, und die Staatsbahn. Ihre durchschnittliche Fahrgeschwindigkeit ist nicht größer wie bei uns, wohl aber sind die Preise infolge ihrer gegenseitigen Concurrenz billiger als bei uns. So würde die Fahrt auf einer Strecke wie z. B. von Augsburg nach München in Belgien für zweite Classe höchstens 1 Mk. 80 Pfg. kosten, während bei uns die Staatsbahnverwaltung sich nicht scheut, den Geldbeutel um 3—4 Mk. zu erleichtern. Dafür stehen aber die Wagen bedeutend hinter den unseligen zurück. In der zweiten Classe finden wir nur eine ganz dünne, braune Polsterung ohne jegliche Arm- und Kopflehne; ja sogar die sonst allgemein übliche Hängematte für das Gepäck existirt nur in der Phantasie des Passagiers: das Gepäck wandert unter den Sitz. Während die erste Classe ungefähr den Comfort unserer zweiten erreicht, ist die dritte vollends nur zu Volksstudien geeignet. Was uns aber wieder mit diesen prekären Verhältnissen etwas versöhnt, ist der angenehme Gebrauch, nicht von den Schaffnern in die einzelnen Coupes eingewiesen, bezw. eingepfercht zu werden und damit Gefahr zu laufen, eine unangenehme Reisegesellschaft zu erhalten. In Belgien kann sich jeder Reisende selbst sein Plätzchen und seine Gesellschaft suchen, mit der er fahren will; nur muß er auch selber dafür sorgen, daß er zur rechten Zeit wieder aus dem Wagen herauskommt. Der Deutsche, der Belgien betritt, wird, nachdem er sich am schönen Rhein Geist und Herz erquickt, die Route über Köln—Aachen—Verviers wählen, da diese Linie landschaftlich die schönste und anregendste ist. Steile 241 Berge wechseln mit tiefen Thälern, üppig belaubte Felswände mit hübschen Gartenanlagen; hier zeigen industrielle Anlagen vom Gewerbfleiß der Bewohner, dort sieht man wogende Felder und einsame Bauernhöfe. Von Köln bis Lüttich wird der Reisende in der Regel in einer Tour fahren, nachdem er sich noch in Verviers der — human geübten — Zollvisitation unterzogen und in der dortigen Bahnhofrestauration zum Abschied von Deutschland ein Glas Münchener Bier geleistet hat. Nach einer 3- bis 4stündigen Fahrt befinden wir uns in Lüttich. Schon der erste Eindruck, den wir bei der Einfahrt in die Bahnhofhalle gewinnen, ist ein hervorragender. Auf der einen Seite des Bahnhofs erheben sich malerisch waldreiche Hügel, bis oben mit Häusern bedeckt — eine kleine Schweizerlandschaft —, auf der anderen eröffnet sich der Einblick in die Stadt durch die breite Rue des Guillemins. In Bezug auf Schönheit der Lage ist Lüttich allen anderen Städten des Belgierreiches weit überlegen. Ist auch Lüttich eigentlich Fabrikstadt, so sieht man doch innerhalb des Stadtrayons nichts von jenen langen Ungethümen, Fabrikschlote genannt, welche bei uns oft genug nicht blos das Weichbild der Städte verunzieren, sondern Mitten in denselben ihr Rauch und Asche speiendes Haupt erheben. Der schönste Platz in Lüttich ist der unmittelbar an die Bahnhofstraße sich anschließende Square d'Avroy, eine Anlage mit exotischen Bäumen und Pflanzen und hübschen Springbrunnen. In ihrer unmittelbaren Nähe fließt der Hauptarm der Maas, der auf der einen Seite durch den Boulevard Fröre-Orban und auf der anderen durch den zoologischen Garten und den Parc Public eingedämmt wird. An Kirchen ist Lüttich nicht besonders reich; die hervorragendsten sind die St. Paulskirche, welche auch die bischöfliche Cathedrale bildet, sowie die etwas südlicher gelegene St. Jakobskirche, erstere im Jahre 968 durch den Bischof Heraklius, letztere 1016 durch den Bischof Balderich II. gegründet. Ihnen schließt sich noch als besonders sehenswerth die in einfachen, ernsten und doch großartigen Verhältnissen gebaute St. Martinskirche an, welche einige hübsche Glasgemülde aus dem 16. Jahrhundert enthält. Nördlich vom Justizpalaste, einem gothischen, mit Renaissance-Formen vermischten Monumentalbau, erhebt sich, die Stadt mächtig überragend, die weithin sichtbare Citadelle, zu welcher ein bequemer Fußweg in einer kleinen halben Stunde von der Rue Hors-Chäteau hinanführt. Während wir zu unseren Füßen wie auf einem Teppich ausgebreitet die Stadt liegen sehen, erweitert sich unser Blick von da in die gewerbreichen Thäler der Maas, Ourthe und Weser; südlich schweift unser Auge bis zu den Ardennen, nördlich bis zum Petersberg bei Maastricht und in die limburgische Ebene hinein. Eine andere, nicht minder lohnende Aussicht bietet sich von der Höhe des Fort de la Chartreuse aus, zu welchem man die von der Mitte der Stadt ausgehende und der Rue Gretry entlang fahrende Straßenbahn passend benützen kann. Noch empfiehlt sich von Lüttich aus der Besuch des nahe gelegenen Seraing, welches durch das von John Cockerill 1817 gegründete Fabriketablissement einen über Europa hinausgehenden Ruf erlangt hat. Seine Werkstätten bedecken einer Flächenraum von mehr als 100 Hektar und beschäftigen gegen 10,000 Arbeiter, für welche durch ein eigenes Krankenhaus, sowie durch andere humanitäre Einrichtungen, wie Spar- und Pensionskassen, Fabrikschulen usw., zweckdienlich gesorgt ist. (F. f.) Unter den Palmen der Sahara. (Vertrag, gehalten im kath. kaufmännischen Verein „Lätitta" von Theodor Habicher.) —^(Nachdruck »»bot«».) Im letzten Drittel meiner sturmbewegten Dienstzeit wurde mir ein großes Vergnügen zutheil. Es wurden mehrere Officiere, die dem Lnrsau ä'Lrgcha in Am- Sefra zugetheilt sind, bestimmt, einen wissenschaftlichen Ausflug nach der in der Sahara liegenden kleinen Oase „Figuig" zu unternehmen. Zu ihrer Bedeckung erhielten sie mehrere Spahis und Legionäre mit, sämmtliche zu Pferde und bis auf die Zähne bewaffnet. Glücklicherweise fragte man eines schönen Morgens nach einem Volontär, der mit geometrischen Instrumenten umgehen könne und zugleich die Stelle eines Courrier versehen wolle. Ich meldete mich und wurde angenommen. Meine Freude, endlich einmal die Wüste sehen zu können, war natürlich groß. Erst am Ued-Termel gewann ich eine wirkliche Vorstellung von der afrikanischen Wüste. Es würde zu weit führen, wenn ich auch nur annähernd ein Bild von meinen Beobachtungen und Erfahrungen geben wollte, die ich im sehr interessanten Atlasgebirge gemacht habe. Ich übergehe A'i'n-Sefra mit seinen maurischen Ruinen und optischen Telegraphen-Stationen, ebenso die angrenzenden Hochebenen mit ihren Salzseen und die Nomaden mit ihren zahllosen Heerden, um uns mit einemmale an den Djebel-Kegli zu versetzen, von dessen Höhe das Auge zum erstenmale die Wüste erblickt. Wie vor zwei Jahrtausenden die römischen Legionen und vor nunmehr sechs Dezennien die französischen Regimenter unter Führung des Herzogs von Aumale aufschrien: »Das Meer, das Meerl", so erging es auch mir beim ersten überraschenden Anblick von jener Höhe. Der gleiche Ruf erschallte in unserer friedlichen Karawane, und in der That hatte vor uns die Wüste den Anschein des Meeres, in welcher die dunklen Flecken der Oasen als so viele Inseln im weiten Ocean sich darstellten. Diese Inseln der Wüste bieten den Hauptreiz, und zwar lediglich, weil sie Menschen beherbergen. Die Wüste selbst ist großartig, feierlich, bewältigend; im Grunde aber ist sie dem Menschen feindlich. Darum fühlt sich der Reisende, welcher einige Tage lang in derselben herum- gewandert, so gewaltig von jenen Flecken angezogen, wo grünes Laub sich zeigt, wo das Leben sich regt und wo Menschen wohnen. Je schwieriger aber die Lebensverhältnisse sind, je drückender das Klima ist, desto bewunderns- werther erscheint der Mensch, welcher gegen alles anzukämpfen wagt. Unter dem heißen Himmelsstrich der Sahara ist eins vor allem unentbehrlich — Wasser. An das Vorhandensein dieses Elementes ist alles Gedeihen gebunden. Die Dattelpalme zumal ist dessen vor allen übrigen Pflanzen bedürftig. Nach dem arabischen Sprichwort gedeiht die Palme nur, wenn sie ihr Haupt in Feuer und ihren Fuß in Wasser badet. An die Palme knüpft sich die Existenz der Familie, der Gemeinde, des ganzen Stammes. Von dem Ertrage des Pnlmenbaumes, des Bruders des Menschen nach der orientalischen Legende (die Legende der Mohammedaner aus der Wüste über die Erschaffung der Erde ist im Ganzen mit der Erzählung der Bibel übereinstimmend, mit Ausnahme, daß am sechsten Tage Gott nicht allein den Menschen, sondern auch den Dattelbaum schuf, weil derselbe der Bruder des Menschen sein soll), wird das Leben von ganzen Völkerschaften erhalten. Da- 242 her die Sorgfalt, mit welcher die Palme in der Wüste gepflegt wird, daher der große Werth, den man auf gute Bewässerung legt. Im Südwesten von Dschenien-bu-Rezk, am Fuße des Djebel - Kegli, werden ganz einfach die Wasser des Gebirges bei ihrem Austritt aus den Klüften und Schluchten abgefaßt, kanalisirt und soviel Dattelpflanzungen angelegt, als der Bach speisen kann. Im Innern der Wüste geschieht die Bewässerung mittelst artesischer Brunnen oder durch Graben von großen Löchern (Bir) in den den Sand. Der Tourist, der diese Regionen besuchen will, muß. sich mit allem Nöthigen versehen, selbst mit Wasser. Zwar hat die französische Regierung in Ued-Termel mehrere artesische Brunnen graben und um dieselben ein Bordsch oder Fort erbauen lassen, in welchem Reisende unterkommen können. In manchen Bezirken nennt man auch diese befestigten Orte Karawanserai oder Karawanenherberge. Der erste Abschnitt der Sahara, den wir bereisten, war zum Theil steppenartig überwachsen, einförmig für den Reisenden, interessant für den Naturforscher. Die Hauptmasse des Bodens ist zwar aus Sand gebildet, jedoch nicht ganz lose. Die Oberfläche ist mit einer mehrere Centimeter dicken GypSkruste überzogen, die pflasterähnlich zersprungen ist. Trotz seines Gypsüberzuges ist das Wüsten- plateau doch nicht öde. Zwischen den Sprüngen und Rissen jener harten Kruste guckt da und dort eine Pflanze hervor. Meist sieht man nur steifes, ginsterartiges Gebüsch mit hartem Laub, welches nichtsdestoweniger den Kameelen, Schafen und Ziegen willkommen ist. Bisweilen zeigt sich auch zwischen den Steinen jene den Pilgern so willkommene sogenannte „Rose von Jericho", deren Blätter nach der Blüthe zusammenschrumpfen, aber dann wieder mehr oder weniger sich aufthun, wenn man sie in's Wasser stellt. Um die größeren Sträuche, welche den Flugsand aufhalten, bilden sich dann oft Erhebungen bis zu einem Meter Höhe, welche der Zufluchtsort für manche Thiere der Wüste werden. Besonders die Springmäuse, mehrere Eidechsen und vor allem die mit Recht gefürchtete gehörnte Natter halten sich hier auf. Sobald die heiße Jahreszeit zu Ende geht, bedecken sich die alten Flußbette und Vertiefungen, wo die Feuchtigkeit sich länger erhält, mit einem grünen Nasen. Dieser Wintervegetation ziehen nun die Nomaden nach; zu ihr steigen sie alljährlich von den Plateaux des Atlas mit ihren zahllosen Heerden hernieder, um einige Monate lang ihre Zelte dort aufzuschlagen, bis der Frühling sie wieder in'S Gebirge ruft. Auf dem Atlas, wo sie nur den Sommer zubringen, ist es zu kalt, als daß die Leute ohne festen Wohnsitz es dort lauge aushalten könnten. Da wir gerade zu Beginn des Winters dort anlangten, so hatten wir Gelegenheit, die Nomaden mit ihren Kameel-, Schaf- und Ziegenheerden Hinabziehen zu sehen. Meistens sind diese Heerden der Sorge einiger Knaben überlassen, die mit ihren mageren Hunden auf's Gerathewohl dahinziehen, aber selbst im Winter oft weite Strecken zurücklegen müssen, um ihr Vieh zu tränken. Einem solchen Hirtenbuben, der mich lebhaft an die biblische Erzählung von Jakob erinnerte, wie er die Schafe LabanS hütete, begegneten wir eine Tagreise südlich von Ued-Termel. Er kam uns freundlich entgegen und erkundigte sich nach den Neuigkeiten im Gebirge und der Stadt Arn-Sefra und bot uns einen Becher voll Wüstenmilch an, die an Güte und Reichhaltigkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Wir gaben ihm als Belohnung für seine Gefälligkeit etwas Tuchan (Tabak), den er mit vielen Dank- gesprächen annahm. Auch an wilden Thieren fehlt eS in der Wüste nicht ganz. Wir sahen häufig ganze Ketten von Kangars, eine besondere Art Rebhühner, vor uns auffliegen. Auch Heerden von Gazellen, die zierlichsten aller Thiere, sahen wir mehrmals in der Ferne verschwinden. Spuren von Straußen begegnet man vielfach; auch sind Stücke von ihren Eierschalen nicht selten. Die größeren Raubthiere hatten sich bereits in ihre Winterquartiere zurückgezogen, so daß wir sie nicht zu Gesicht bekamen. Figuig — das Endziel unserer Reise — ist kein Ort oder eine Stadt nach europäischen Begriffen, sondern eine drei bis vier Stunden im Umfange haltende, sehr fruchtbare Oase mit zehn Ksors, die alle befestigt sind, ferner je von einem Marabut selbständig verwaltet werden und deren Bewohner in Folge ihres streitsüchtigen Charakters fast fortwährend in Feindseligkeiten mit den auswärtigen Ortschaften leben. Obwohl die gegen 25,000 Palmen besitzende Oase keinen regelmäßigen Tribut zahlt, erkennt sie doch die Oberhoheit des Sultans von Marokko namens Muley- Hassan an, und obwohl nur einen guten Tagemarsch von der französisch-algerischen Südwestgrenze gelegen, war es bisher außer dem kühnen Forscher G. Nohlfs, der sie auf einer Forschungsreise 1882 durchzog, nur wenigen Europäern möglich, sie selbst zu besuchen. Das Wasser, welches die unter dem 32° nördlicher Breite und 23° östlicher Länge liegende Oase speist, steigt aus der Tiefe in artesischen Brunnen herauf, wodurch eine besondere Art von Bewässerung und ein eigenthümlicher Palmenbau entsteht. Diese Brunnen bestehen seit uralten Zeiten. Das Graben eines solchen in einem Lande, wo alle technischen Hilfsmittel fehlen, ist kein kleines Unternehmen. Es gibt aber unter den Arabern eine eigene Nasse, die dasselbe gewerbsmäßig betreibt. Kein Wunder also, daß das Brunnengraben in einem solchen Lande und bei einem so abergläubischen Volke mit großer Feierlichkeit begangen wird. Ist nämlich alles bis zur letzten Operation fertig, so steigt der Marabut (eingeborener Priester) hinab, nachdem zuvor viele Beschwörungsformeln und Gebete gemurmelt wurden. Er durchbohrt die leichte Gypsdecke und läßt sich mit aller Geschwindigkeit wieder emporziehen. Das heißt bei den Arabern «den Felsen anschlagen". Das Wasser folgt mit reißender Gewalt, und ein neuer Brunnen ist wieder hergestellt. Der nunmehrige General Negrier ließ bei Sidi- Scheik einen eingefallenen Brunnen von den Spahis und Legionären in zwei Tagen unter Zuhilfenahme zweier Oraner Bohrmaschinen graben. Ein ergiebiger Brunnen sprudelte, 2000 Liter Wasser per Minute gebend, aus dem verlassenen Schacht. Dieses Ereigniß erregte den Jubel der ganzen Oasenbevölkerung und war von ergreifenden Scenen begleitet. Die. Eingeborenen eilten in Menge herbei und stürzten sich über den gesegneten Quell, der aus den dunklen Tiefen der Erde heraufgeholt worden. Die Mütter badeten ihre Kinder darin, der alte Scheik von Stdi-Scheik konnte beim Anblick des Wassers, das seiner Familie und der Oase seiner Väter das Leben wiedergab, seine Rührung nicht bewältigen; er sank auf die Knie, und mit Thränen in den Augen erhob er die Hände zu einem Dankgebet. Durch diese Begünstigung wurde die Ueberlegenheit 243 der Rumi (Europäer) von den Eingeborenen ohne Widerspruch anerkannt. Die Figuiganer und ihre Nachbarn sind echte Berber und als solche weiß- und schwarzhaarig wie die Südeuropäer. Eines jedoch fiel mir auf, nämlich die sehr gestreckte Form ihres Kopfes, es sind wahre Langköpfe. Das Gesicht ist nicht eckig, sondern schmal, die Zähne flehen senkrecht und sind wie bei all diesen Völkern wunderschön und sehr weiß. Ihr Körper ist schlank, sehnig und einer großen Ausdauer fähig. Wunderbar muß namentlich die Ausdauer ihrer Lungen sein, denn so schnell wir auch von Zeit zu Zeit auf ebenem und hartem Boden dahin- sprengten, so sind sie uns doch immer gefolgt und fanden noch Zeit, wenn hin und wieder eine seltene Pflanze sich zeigte, sie für unsere Officiere zu sammeln. Fetten Leuten begegneten wir durchaus nicht, mit Ausnahme einiger Caids, die keine Berber, sondern von echtem arabischem Stamme sind; Manche behaupteten sogar, sie seien vom Stamme der Koreischiten, d. h. Nachkommen des Propheten. Der Kalif, welcher von unserer Ankunft von Dschenien- bu-Rezk aus unterrichtet worden war, kam uns bis Mliha- fiafi entgegen, und zwar in Begleitung von einem halben Dutzend Caids (Bürgermeister), mehreren Kadis oder Richtern und einer Anzahl von Gums (Leibwache). Er trug einen braunen Burnus (Mantel) mit breiten Aufschlägen, auf welchen das Wappen seiner Familie in Gold und Silber gestickt war. Im Gürtel trug er werthvolle Pistolen mit schönen damascirten Verzierungen. An der linken Seite hing vom Sattel ein Pantherfell hernieder, wahrscheinlich eine Trophäe aus seinen jüngeren Jahren. Er ritt ein munteres Füllen, dessen Mähne und Schwanz geschoren waren. Es ist Brauch unter den arabischen Großen, den Pferden während mehrerer Jahre die Mähne zu scheeren, damit sie nachher um so üppiger wachse. So ritten wir eine Zeit lang über die Saudhügel hinweg, bis wir plötzlich hinter einer Düne Figuig, die Hauptstadt und Residenz des Kalifen, mit ihren Hunderten von kleinen Kuppeln vor uns hatten. So oft wir einer ebenen Fläche zwischen zwei Dünenzügen begegneten, wurde dieselbe zu einer Fantasia oder Neiterparade benützt, wobei die Gums Gelegenheit fanden, ihre und ihrer Pferde Ge- schicklichkeit zu zeigen. Als ein besonderes Kunststück gilt eS, sein Gewehr im gestreckten Galopp auf ein bestimmtes Ziel abzufeuern. Als wir uns der die Oase umgebenden zwei Meter hohen, crenelirten und von Thürmen flankirten Wallmauer näherten, klang gerade von den Minarets der mit dem Halbmonde geschmückten Moschee der Ruf zum Gebete. Die einfache Melodie des „^.IlaUu airdarl«, d. i. „Gott ist groß", welche wir im Norden des 390,000 Quadrat- Kilometer Flächeninhalt betragenden Reiches Algier so oft gleichgiltig angehört hatten, erfüllte uns hier unter den Palmen der Sahara mit tiefer Andacht. Sobald dieser Ton erschallt, steht wie durch Zauberei, das geschäftige Treiben des islamitischen Orients und Occidents still. Jedermann wendet sich nach Osten, um sein Gebet zu sprechen, und bleibt, bis dasselbe beendet ist, theilnahms- los für Alles, was um ihn her geschieht. Als der Ruf zum Gebete erklang, wollte eine große Karawane gerade In das Thor von Figuig einziehen. Kaum hatte der Führer derselben den ersten Ton des Gebetsrufers - Muezzin genannt — vernommen, als er von seinem Rosse sprang und sich behend nach Osten wandte. Alle seine Reisegefährten folgten seinem Beispiele, um nach vollendeter Andacht ihre Kameele von Neuem zu besteigen und jauchzend in die Oase einzuziehen. (Schluß folgt.) -«. e s - - Die „Donauregulierung am Eisernen Thor", welche in den letzten Tagen wiederholt erwähnt wurde, bezweckte die Herstellung von Schifffahrtskanälen in den Felsenbänken, welche innerhalb der etwa 120 Kilometer langen Klissura, also der Donaustrecke von Alt-Moldowa bis zum Eisernen Thor, 7 Klmtr. unterhalb Orsova, in verschiedenen Gruppen die Donau quer durchsetzen und dadurch die sogenannten „Donaukatarakte" hervorgerufen haben. Diese Felsenbänke treten bei niedrigem Wasserstand theils bis zur Oberfläche des Wassers, theils sogar über dieselbe hinaus. Die tieferen Rinnsale zwischen ihnen dienten als Fahrstraße, doch war eL immer gefahrvoll, hindurchzukommen, bei Niedrigwasser aber gar nicht möglich. Die großartigste der Felsenbänke bildet das geschichtlich denkwürdige Eiserne Thor unterhalb Orsova und gleichzeitig eine SchifffahrtSgrenze, da unterhalb der Strom von Turn-Severin bis zum Schwarzen Meere für tiefgehende Schiffe frei ist. Der großartig gewachsene Seeverkehr bis Galatz und Braila, bis wohin Seeschiffe mit sieben Meter Tiefgang gelangen, machte eS wünschenswerth, auch Ungarn an diesen Seeverkehr anzuschließen, was nur nach Beseitigung der SchifffahrtS- htndernisse in der Donau erreichbar war. Diese Erwägungen veranlaßten den früh verstorbenen ungarischen Handelsminister Baross de Beluß, d'e Donauregulirung auf Kosten der ungarischen Regierung ins Werk zu setzen, als deren geistiger Urheber er anzusehen ist. Die technische Ausführung übernahm die Maschinenfabrik G. Luther in Braunschweig durch ihren Inhaber Herrn H. Luther. Eine eingehende Beschreibung mit zahlreichen Abbildungen enthält die Wochenschrift „Prometheus", welcher auch die nachstehenden Angaben entnommen sind. Die Donauregulirung umfaßte das Aussprengen von Schifffahrtskanälen unter Wasser bet Stenka, Kozla-Dojke, Jzlas-Tachtalia und Jucz, sie sollten 60 Meter Sohlen- breite und 2 Meter Tiefe unter Null des Pegels von Orsova erhalten. Unterhalb Tachtalia war ferner von der in die Donau vorspringenden Bergnase des Greben eine Strecke, etwa 400 000 Kubikmeter Felsen ausmachend, abzusprengen und unterhalb desselben ein etwa 7 Kilo- meter langer Steindamm in der Donau zur Verengung des Flußbettes und Aufstauung des Wasserspiegels anzuschütten. Die großartigste und schwierigste Aufgabe erwuchs am Eisernen Thor. Dort sollte am südlichen Ufer der Donau ein Kanal von 80 Meter Sohlenbreite und 2 Meter Tiefe durch das Felsengewirre im Strombett hergestellt werden; dazu waren Seitendämme von zusammen etwa fünf Kilometer Länge anzuschütten, von denen der im Strome liegende Damm 6, der am Ufer liegende 4 Meter Kronenbreite erhalten sollte. Dadurch, daß man diese Dämme zuerst herstellte und aus dem durch sie eingeschlossenen Becken das Wasser auspumpte, konnte hier das Ausbrechen des Gesteins zu Tage, also nicht unter Wasser ausgeführt werden. Im Laufe der Arbeit selbst aber wuchsen die Pläne, als sich am unerwartet schnellen Fortschreiten derselben der Blick über die Tragweite des Unternehmens erweiterte 244 Noch bevor der Kanal am Eisernen Thor vollendet war, wurde seine Vertiefung um 1 Meter angeordnet und später auch Auftrag ertheilt, eine Fortsetzung desselben in gleicher Breite und Tiefe bis Orsova herzustellen, so daß also die hier an die Donau herantretende ungarische Eisenbahn an den erweiterten Schiffsverkehr für tiefer» gehende Schiffe mit den Seehäfen der unteren Donau angeschlossen ist. Der Kanal am Eisernen Thor allein machte das Ausbrechen von 107 000 Kubikmeter Felsen nothwendig, die andern Kanüle, mit Ausschluß desjenigen, der Orsova mit dem Eisernen Thor verbindet, erfordern das Sprengen unter Wasser und Herausschaffen von etwa 450 000 Kubikmeter Felsen; die Dammschüttungen aber verschlingen 1 400 000 Kubikmeter Steine. Diese Riesenarbeit fand ihre feierliche Eröffnung am 16. September 1890 und soll vertragsmäßig am 31. Dezember 1895 beendet sein. Wenn man bedenkt, daß die Stromgeschwindigkeit an den Stellen, an denen die Sprengungen auszuführen sind, bis zu 4,5 Meter in der Sekunde beträgt und daß das Wasser der Donau oft in wenigen Tagen um 2, in wenigen Wochen sogar um 5 Meter steigt, so daß zeitweise Sprengungen bei 7 Meter Wassertiefe auszuführen waren, und daß unter diesen außerordentlich schwierigen Verhältnissen, unter denen bisher noch nie Sprengungen ausgeführt wurden, alle bis dahin gebräuchlichen Maschinen zum Herstellen der Bohrlöcher versagten, so wird man den Leistungen des Herrn Luther die höchste Anerkennung zollen müssen. Er mußte neue Maschinen erfinden und bauen. Die im Nheinstrom unterhalb Bingen arbeitenden sogenannten Taucherschiffe waren, abgesehen von ihrer zu geringen Leistungsfähigkeit, in der Donau unverwendbar. Und Herr Luther löste diese Aufgabe! Aber welch zähe Ausdauer, wie viel technisches Geschick und was für Nerven von Stahl gehörten dazu, um gegen alle die sich aufthürmenden Schwierigkeiten anzukämpfen und sie glücklich zu überwinden. Davon nur einige Beispiele: Zum Abspalten flacher Gesteinsschichten von der Flußsohle dient ein Fallmeißel von 200 Zentner Gewicht, der nach Art eines Rammbären gehoben wird und aus 8 Meter Höhe herabfällt. Die ersten dieser aus Schottland bezogenen Meißel zerbrachen nach 80 bis 100 Schlägen in ihrer Längenmitte; damit waren nicht nur 6000 M. verloren, es dauerte auch Wochen, bevor ein Ersatzmeißel ankam. Dieses Zerbrechen wiederholte sich bei mehreren Meißeln von tadelloser Beschaffenheit. Wo lag die Ursache des frühzeitigen Zerbrechens, wie war ihr abzuhelfen? Heute verwendet Herr Luther Meißel, die 120 000 Schläge aushalten! Wie sie hergestellt werden, ist sein Geheimniß, nur so viel wissen wir, daß sie in Deutschland gefertigt werden. Eine andere Schwierigkeit bot die Herstellung eines elektrischen Zünders zum Entzünden der Dynamitsprengladungen in den Bohrlöchern unter Wasser. Es war geboten, die sofort nach ihrer Herstellung geladenen Bohrlöcher gruppenweise zu sprengen, was zuweilen erst nach mehreren Tagen, geschehen kann. Die Zünder müssen also unter einem Wasserdruck von 7 Meter 5 Tage lang ihre Zündfähigkeit unbedingt behalten. Denn nicht entzündete Minen können später beim Herausheben des Gesteins durch die Bagger durch ihre nachträgliche Explosion viel Unheil anrichten, wie es leider auch vorgekommen ist. Einen solchen Zünder aber gab es nicht, nnd als es auch der österreichischen Genietruppe nicht gelang, ihn herzustellen, hat sich Herr Luther daran gemacht und — erreicht, was er wollte. Erwähnt sei noch, daß beim Absprengen des Greben die Minen mit 12000 Kilogramm Dynamit geladen werden. Doch genug. Das Riesenwerk ist jetzt so weit gediehen, daß der Kanal am Eisernen Thor dem Verkehr übergeben werden kann, sobald das Oeffnen seiner Sperr- dämme angeordnet wird. Dann strömen die Fluthen der Donau dahin über ein Bett, das Tausende fleißiger Hände gegraben und auf dem nach menschlichem Ermessen nie wieder eines Menschen Fuß wandeln wird. WaS einst die Römer planten und nicht auszuführen vermochten, das haben deutsche Hände in kurzer Spanne Zeit zur That gemacht. Aus allen Ländern der Welt kommen heut die Techniker zum Eisernen Thor, um die dort thätigen Maschinen und ihre Arbeit zu studiren: denn hier geht Alles ins Riesenhafte, wie es noch nie und nirgend gesehen, sowohl die Maschinen, wie ihre Leistungen. Heben doch die Bagger in achtzehn Arbeitsstunden (in der Dunkelheit wird bei elektrischem Licht gearbeitet, das jedes Spreng- und Baggerschiff sich selbst erzeugt) 300 bis 400 Kubikmeter zersprengten Gesteins von dem Strombett herauf. Die heimkehrenden Techniker aber berichten von einer Großthat deutscher Geisteskraft und deutschen Fleißes. --- GoL-KSrner. Oft noch mit Schnee im Angesicht, Blicken schon Blumen in's Tageslicht, Alan meint, es wären dw groben Arten, Aber die duftigen sind's, die zarten. Der liebt viel nicht, der es spricht, Viel nur liebt, wer viel erduldet; Liebe, die dcS Lcid's gebricht, Noch der Liebe Thaten schuldet. I. Fastenrath. --SSMSS-.--— Schachaufgabe. Von H. v. Gottschall. Schwarz. ^ L v v L ^ o 'S Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt. Auflösung des KönigSzugeS in Nr. 30: Zweifel und Mißtrauen morden die Liebe. -- 33 . 1894 . „Nugsburger Postzeitung". Dinstag, den 24. April Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Max Huttler). Tante Kanna's Geheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) Wirklich näherten sich jetzt einige höhere Gerichtsund Polizeibeamte, welche eifrig mit Marbach und Warneck sprachen. Schutzleute mußten die Menge zum Verlassen des Gartens auffordern, das auch ohne Widerspruch geschah. Nun erst wollte man, da es mittlerweile tagte, an die Oeffnung des Möbels gehen. „Der Secretär ist offen!" rief der Polizei-Com- missar, welcher mit einem seiner eigenen Schlüssel pro- birte. Man blickte sich betreten an, worauf der Beamte den Inhalt des Möbels zu prüfen begann. „Nr. 1 Schmuckstücke, welche nur als Andenken einen Werth zu haben scheinen," sagte er, einige Gegenstände kleinen Fächern entnehmend. „Sonst dergleichen, wie es scheint, nicht vorhanden. „Das ist undenkbar, Herr Kommissar!" rief der alte Maler erregt. „Sie wissen, ich gehöre zu ihrem intimen Freundeskreise und habe häufig genug einen Blick in dieses Möbel hineinwerfen dürfen. Tante Hanna besitzt seltene Schmuckstücke, deren Diamanten- Werth ein kleines Vermögen bildet und die sie längst, wie sie mir oft gesagt, veräußert hätte, um unterschiedliche Thränen mit dem Gelde zu trocknen, wenn sie nicht edle Herzen, die sie ohne ihr besonderes Verdienst dadurch hätten ehren und auszeichnen wollen, zu tief verletzen und kränken würde. — Suchen Sie nur genau nach, es muß sich jedenfalls noch finden. Marien Sie, Herr Kommissar, jetzt bin ich orientirt, in diesem großen Schubkasten hier rechts unten müssen die Werthsachen liegen." Der Beamte zog den bezeichneten Kasten auf, er war bis auf ein alterthümliches Armband mit Rubinen und einige Ringe, welche darin umherlagen, völlig leer. „Der Teufel auch!" rief Reinhardt bestürzt, „das sieht ja genau nach einem Raub aus, da die ordnungsliebende Tante Hanna dergleichen Dinge nicht so wüst umherliegen ließ." „Ich fürchte jetzt selber, daß die Geschichte darnach aussieht," sagte der Kommissar, die Gerichtsherren anblickend, welche ebenfalls sehr bestürzt zu sein schienen und ihn erregt aufforderten, die Untersuchung fortzusetzen, während der Amerikaner suchend durch den Garten schritt. „Hier links befanden sich ihre Werthpapiere, dort oben ihr baares Geld," fuhr Reinhardt hastig fort. Die Werthpapiere waren vollständig vorhanden, das baare Geld war verschwunden. Tiefe Stille herrschte unter den Anwesenden, während der Kommissar noch sämmtliche Behälter untersuchte, und auch das kleinste Fach nicht vergaß. — Es fand sich in der That nichts weiter vor. „Nun, meine Herren?" fragte Warneck, welcher seinen Rundgang durch den Garten vollendet hatte und nun hinzutrat, erwartungsvoll. „Es liegt hier offenbar ein Raub vor," sprach der Kommissar mit fester Stimme. „Somit ein Raubmord!" ergänzte Warneck bestimmt. Alle blickten ihn entsetzt, ja sogar mißtrauisch an. „Dieser Herr wird recht behalten," nahm Doctor Peters jetzt das Wort, „ich selber war über die Natur der schweren Verwundung in Zweifel, — nun bin ich überzeugt. Die Unglückliche wird von dem Gewitter geweckt und von dem Diebe, als sie sich im Schreck bemerklich gemacht, mit jenem Todtschläger ermordet worden sein. Vielleicht wird der Unhold niemals entdeckt werden, da ich leider Gottes befürchten muß, daß Tante Hanna wohl am Leben, aber geistig todt bleiben wird." „Oh, das wäre ja gräßlich!" rief der alte Maler, die Hand über die Augen legend, um die hervorquellenden Thränen zu verbergen. „Da nun nicht anzunehmen ist, daß die Greisin den Mörder in der Nacht gesehen hat," bemerkte der Kommissar, „so kann uns nach dieser Seite hin ihr Zustand nicht weiter beirren. Ich möchte die Herren nur um strengste Geheimhaltung des hier Verhandelten bitten, weil dies das Gelingen aller in der Sache nothwendigen Schritte bedingt. Kann ich auf Ihr Ehrenwort rechnen?" Die beiden Freunde, sowie Reinhardt und der Arzt versprachen es mit Handschlag und Wort, während die Herren Vom Gerichte zum „Bau" gehörten, wie der Maler mit einem gewaltsamen Anlauf zu seinem gewohnten Humor bemerkte. Das alte Möbel wurde, nachdem es so gut als möglich geschlossen worden, durch herbeigerufene Feuerwehrmänner nach der Polizei geschafft, ebenso die anderen geretteten Sachen, um kein vorlautes Gerede zu veranlassen. Dann begaben sich die Herren in sehr ernster Stimmung nach Hause, die beiden Freunde aber nach . dem Gasthof, wohin sie ihre Pferde wieder zurückgeschickt hatten, um nach einem Imbiß eiligst nach Noten- hof zurückzukehren. — Am nächsten Morgen ritt Marbach nach Edenheim, um Armgard Holten von dem schrecklichen Ereigniß der letzten Nacht so schonend als möglich in Kenntniß zu setzen. Das junge Mädchen hörte ihm wie erstarrt zu, obwohl sie das Unglück nur dem verhängnißvollcn Blitzstrahl, nicht aber einem Verbrechen zuschrieb, da sie von vem Verdacht eines solchen keine Ahnung hatte. Allerdings hatte der Blitz ja das Häuschen eingeschert, doch die alte Dame keineswegs getroffen, da auch nicht die geringste Spur des elektrischen Funkens an ihr zu entdecken gewesen war. „Oh, hätte ich die gute Tante Hanna doch überredet, gleich hier zu bleiben," klagte Armgard, in Thränen ausbrcchend, „wie furchtbar lastet dieses Versäumniß auf mir." „Ich bitte Sie aufrichtig, mein gnädiges Fräulein, sich doch keiner unnützen und völlig unverdienten Selbstquälerei hinzugeben," tröstete Marbach die Fassungslose. „Ja, ich bin, wenn anders meine Menschenkenntnis; mich nicht im Stich läßt, davon übGzcugt, daß die alte Dame ihrem Entschluß, heimzukehren, ebenfalls treu geblieben wäre, und sich nicht von Ihnen zum Bleiben Hütte überreden lassen." „Sie mögen recht haben, Herr Marbach," erwiderte Armgard nach einer kleinen Pause, ihre Thränen trocknend, „und die Gute lebt ja auch noch, wir dürfen also trotz ihres hohen Alters die Hoffnung noch immer festhalten. — Die Aerzte geben sie doch noch nicht auf?" „O nein, sie hoffen sie am Leben zu erhalten, fürchten aber eine dauernde Geistesschwäche." „Das wäre entsetzlich und schlimmer noch als der TodI" rief Armgard zusammenschauernd, „die Aermste, sie befindet sich doch in guten Händen?" „In den besten, wie der Arzt versichert, meine Gnädige. — Man scheint in der Liebe und Treue um diese alte Dame buchstäblich zu wetteifern, alle Häuser und Herzen sind geöffnet. Ein beneidenswerther Lebensabend !" „Allerdings," stimuue Armgard bei, „nur wenige Auserwählte hienieden dürfen sich eines solchen Lebensabends rühmen, der jedoch auch ein so vollständig verdienter ist. Tante Hanna ist eine alte Jungfer, aber sie giebt uns das leuchtende Beispiel der Selbstlosigkeit und Hingebung, wie Gattin und Mutter beides nicht erhabener bewahrheiten können. Ihre Familie umfaßt diese ganze Gegend, und Sie dürfen überzeugt sein, daß sowohl in jedem Palaste wie in jeder Hütte die Klage um Tante Hanna eine ebenso allgemeine als aufrichtige sein wird. Wenn irgend eine auf der Welt das gehässige Vorurtheil gegen den sogenannten Altjuugfern- stand bannen müßte, dann dürfte es unsere Tante Hanna sein." Marbach erhob sich jetzt, um sich zu empfehlen. „Ich fahre nach der Stadt," sagte er, „und werde mich zugleich nach dem Befinden Ihrer alten Freundin erkundigen, mein gnädiges Fräulein l — Wenn Sie es wünschen —" „Ich wünsche noch eins, was mir unklar geblieben, zu wissen, Herr MarbachI" unterbrach ihn Armgard hastig, „wie hat man Tante Hanna gefunden und wer hat sie gerettet?" Der junge Mann erröthete wie ein Schulknabe und blickte verlegen vor sich hin. „Mein Freund Warneck und ich," begann er endlich zögernd, „ritten gestern Nachmittag nach der Stadt, wo wir uns im Kreise alter und neuer Freunde verspäteten. Als wir nach Mitternacht heimkehrten, schlug gerade vor uns der Blitz in jenes Häuschen ein, das mir bereits durch meinen Freund Reinhardt .bekannt geworden. Ungewiß, ob die alte Dame bei Ihnen, mein gnädiges Fräulein, sich noch befinde oder bereits zurückgekehrt und alsdann in Gefahr sei, zu verbrennen, drangen wir in's Haus und fanden sie endlich bewußtlos vor ihrem Bette liegen. Ihre Rettung war für uns weder mit großer Mühe noch Gefahr verbunden, Gott sei Dank waren auch bald Aerzte zur Stelle, welche sie in ihre Obhut nahmen." „Sie haben also die Gute gerettet!" rief Armgard, ihm tiefbewegt beide Hände entgegenstreckend, welche er verwirrt ergriff und an seine Lippen führte. „Und sie sagten mir kein Wort davon, wollten sich meinem Dank entziehen. Diese That wird Ihnen unvergessen bleiben." „Sie überschätzen dieselbe, meine Gnädige!" wehrte Marbach fast ängstlich ab. „Verdient die einfachste Menschenpflicht einen solchen Dank? Gott gebe nur, daß es den Aerzten gelingen möge, ihr geistiges Leben zu retten, denn sonst wäre meine That allzu gering und besser unterblieben." „Hoffen wir es, Herr Marbach," sagte Armgard wehmüthig. „Doch — sagten Sie nicht vorhin, daß Sie nach der Stadt fahren?" „Ja, mein gnädiges Fräulein." „Haben Sie einen Platz für mich übrig?" „Ich fahre selber, benutze den Vordersitz meines kleinen Jagdwagens, wenn Sie sich mir anvertrauen wollen?" „Gewiß, ich bin Ihnen dankbar dafür, Herr Marbach. Ich möchte zu Tante Hanna, man wird mich doch zu ihr lassen?" „Oh sicherlich. — Sie erlauben, daß ich vorfahren lasse?" „Ich bin in fünf Minuten zu DienstenI" Mamsell Evers gerieth ganz außer sich, als Armgard ihr die Mittheilung über Tante Hanna machte. „Und nun wollen Sie auch fort, Fräulein I" schluchzte sie, „und mich arme Kreatur mit meinem Schmerz und dem amerikanischen Ding allein lassen!" Armgard schrak zusammen, da sie über das schreckliche Ereignis; die kranke Lotta vergessen hatte. „Ich bringe eine Wärterin aus der Stadt mit, liebe Evers," beruhigte sie die aufgeregte Mamsell. „Kann die Kleine doch nicht auf die Straße setzen. Es ist eine unangenehme Geschichte mit diesem Kinde, man kann aus dem Zustande desselben nicht recht klug werden." „Ja, es ist ein kluges Ding," zeterte die Evers, „das man sich nicht rasch genug vom Halse schaffen kann. Na, Fräulein, bleiben Sie nur nicht zu lange weg, Herr Marbach wartet unten schon auf Sie." Die Mamsell schaute den Davonfahrenden eine Weile nach und nickte dann energisch vor sich hin, wobei sie mit der Rechten nach ihrer Gewohnheit eine weg- 247 werfende Bewegung machte, welche diesmal Herrn Julius Steindorf und seiner Lotta galt. Der kleine elegante Jagdwagen von Rotenhof erregte seiner beiden Insassen halber eine Art Aufsehen in der Stadt, besonders unter der gebildeten Bevölkerung. Man blickte verdutzt hin und zog den Hut, die Damen grüßten und steckten die Köpfe zusammen, während in Armgard's Augen eine stille Genugthuung aufleuchtete. Diese Fahrt mußte unbedingt jenes ärgerliche Gerücht, das sie und Julius Steindorf zusammen nannte, mit einem Schlage verstummen lassen. Lieber mochte man an eine Verbindung mit Mcnbach glauben, eine solche konnte sie wenigstens nicht in ihren eigenen Augen erniedrigen. Mochte der kluge Herr Julius sie auch durch die' aufgezwungene Pflege seines Töchterleins zu compromittiren und dadurch an sich zu ketten suchen, so entwand sie ihm doch in dieser Stunde einen Haupttrumpf, indem sie der öffentlichen Meinung ein neues Räthsel aufgab. Sie fuhren an der Brandstätte vorüber, wo nur schwarze Mauerreste noch emporragten. Gestern noch bot das allerliebste Häuschen ein trauliches Heim stiller Zufriedenheit, selbstgenügsamenGlücks, unter dessem Dache unzähligen Hülfsbedürftigen aller Klassen Rath, Trost und Hülfe gespendet worden war. TanteHanna's frischer und fröhlicher Geist war um- nachtet, vielleicht gar — entsetzlicher Gedanke — zum Blödsinn verurtheilt, ihr Heim vernichtet, während ihre geliebten Rosen abgebrochen und zertreten auf dem Erdboden lagen, ein Bild trostloserZerstörung, welche das Unheil dieser Nacht verschuldet. Ueber Armgard's Wangen tropften Thränen bei diesem grauenvollen Anblick. „ Soll ich Sie gleich zu der Kranken fahren, gnädiges Fräulein?" fragte Marbach endlich leise. „Nein, wenn ich bitten darf, zuerst zu meinem alten Hausarzt, Dr. Peters, der an der neuen Promenade wohnt." Es lag ihr daran, gesehen zu werden. Der Arzt war nicht mehr daheim, sie blieb deßhalb bei der alten Frau Doctorin, mit welcher sie zusammen Tante Hanna besuchen wollte, und bat Marbach, sie hier, wenn er heimfahren wollte, wieder abzuholen, was derselbe mit sichtlicher Freude versprach. „In zwei Stunden etwa?" fragte er, und Armgard nickte zustimmend. Die alte Frau Doctorin, welche mit ihrer verstorbenen Mutter einst sehr befreundet gewesen, blickte ihr forschend in die Augen und meinte dann, daß der junge Besitzer von Rotenhof einen sehr guten Eindruck mache und sicherlich eine vielumworbene Partie sein werde, wozu Armgard ein nachdenkliches Gesicht machte, ihn lobte und sehr zerstreut schien, was die alte Dame, welche Armgard besonders lieb hatte, mit sichtlicher Befriedigung zu bemerken schien. Dann aber drehte sich die Unterhaltung einzig um Professor vr. F. F. v. Funk. die arme Tante Hanna, und Armgard bedauerte es, daß der Doctor sie nicht selber in sein Haus genommen, wo die Gute doch jedenfalls am besten aufgehoben gewesen sei. „Er hat's ja wollen, meine Beste!" rief die Doctorin, und auch ich hätt's so gern gesehen, aber es war nicht möglich, Ruhmnnn's, zu denen man sie in der Eile zunächst geschafft, dazu zu bestimmen. Sie ist ja auch dort gut aufgehoben, es hätte Tante Hanna eben ein Jeder gern genommen." Unter diesem Gespräch hatte sich die alte Dame, da Armgard jede Erfrischung ganz energisch sich verbeten, zum Ausgehen gerüstet, worauf Beide das Haus verließen. Sie wurden, bis sie zu ihrer Kranken gelangten, noch vielfach durch Bekannte aufgehalten, erreichten aber doch endlich das Nuhmann'sche Haus und standen nach wenigen Minuten am Bett der Unglücklichen, welche in ihrer Unbe- weglichkeit, ihrer starren Apathie schon mehr einer Leiche glich. Ihr Gesicht war so weiß wie die Binde, welche um ihre Stirn gelegt war, und die weitgeöffneten Augen blickten mit blödem Ausdruck in's Leere. „O, das ist entsetzlich!" flüsterte Armgard, faffungs-los in Thränen ausbrechend, „und keine Hoffnung auf eine Aenderung dieses Zustandes, der schlimmer ist als der Tod?" „Keine als durch ein göttliches Wunder, mein liebesFräulein," sprach der Doctor, welcher leise eingetreten war. „Glauben Sie mir," fuhr er flüsternd fort, „daß ich nur mit Widerstreben auf ihre leibliche Genesung hoffe, weil der Tod hier in der That eine Wohlthat wäre." „Und was kann die Ursache dieser Geisteslähmung sein, lieber Doctor?" fragte Armgard, sich gewaltsam fassend. „Unzweifelhaft eine tieferliegende Verletzung des Gehirns, welche sozusagen die directe Leitung der seeli- schenThätigkeit unterbrochen hat. Wir vermochten die Ursache, ohne das Leben der Kranken zu gefährden, nicht anders festzustellen, als durch die Wirkung, welche nur darauf zurückzuführen ist." Armgard beugte sich über Tante Hanna, sah ihr in die Augen und nannte mit zärtlichem Tone ihren Namen. Doch nicht der leiseste Ausdruck oder die kleinste Regung deutete auf ein Empfinden oder Erkennen hin; das Leben pulsirte noch in diesem Körper, weiter nichts. Das junge Mädchen küßte sie zärtlich und verließ dann schweigend mit der alten Doctorin das Krankenzimmer. Der Arzt folgte ihnen. (Fortsetzung folgt.) -i- Goldkörncr. Die Tugend ist die Mutter des Glücks; wer die Tochter haben will, halte es mir der Mutter. WM MZ» ^ M MW WMH/Ä TM MÄ/L W*-..'< .!-.>!-! WW WLÄ >S-!-- -^-r^ WW^>' WE «MM WW ^2 rr » >6 <2 rr 7? ^ r: r- -2 «-» n s c- Lv « ^-. G Z- 2 >s ^ L sr >b r-> S ^ r: -- rr o ^) --» ^> L>KAAi-26-ö?O sM^- V- o <->-> « ^c> >i< ^ >ro G ^ L. *Z .5 Z ^-RKT^Nt^NN' WM d«WW! ^ Ew« -Ä! ZM DMI 7^/'^ MMW . ,»s <"°sSD:'j ^rSMDWÄH^U --M ^WK! 250 Kloster Wald. (Mit Bild.) O Wenn der Wanderer das freundliche mittlere Günz- oder Jllerthal durchwandert, erblickt er in der Nähe von Memmingen auf ziemlich hoher Lage das schöne Kloster und Erziehungs - Institut Kloster Wald — ^ Stunde nördlich von dem ehemals hochberühmten Benediktiner- Kloster Ottobeuren, 1J/z Stunden östlich von der Stadt Memmingen gelegen. Kloster Wald wird wohl mit Recht ein „Sion" genannt; es bildet das Klostergebäude ein für sich abgeschlossenes Viereck; seine Lage ist eine prachtvolle zu nennen. Jsolirt thront das Kloster auf dem Berge, an dessen Fuß die westliche Günz durch üppige Wiesen und Felder sich schlängest; in geringer Entfernung ist es gegen Norden, Osten und Süden von schönen Fichten-, Birken- und Buchenwäldern umsäumt; gegen Westenaberist freie Aussicht; in letzteren Jahren eröffnete die Axt des Waldmanncs auch die fernste Aussicht in das Günzthal. Eine wahrhaft entzückende Fernsicht ist namentlich am Morgen: gegen Süden bildet den Hintergrund eine lange Kette der Allgäuer und Tiroler Alpen, gegen Norden reiht sich im östlichen Günzthal Dorf an Dorf mit dem alten Nömer- thurme zuSchönegg und mit dem Schlosse des Fürsten Fugger zu Babenhansen; gegen Westen erblickt dasAuge eine große Menge von Ortschaften, Weilern und Einöden des Jllcr- thales mit den Schlössern Kronburg, Zeil, Eroldsheim und Eisenburg. Den Hintergrund dieses schönen Panoramas bilden die württcmbergischen Bergesrcihen, aus deren bewaldeten Höhen freundliche Kirchen mit ihren Thürmen und Ortschaften hervorschauen und bei schöner Morgenbeleuchtung ihre schimmernden Fenster gleichsam als Morgengrüße zu uns herübersenden. Kein Wunder also, wenn in Kloster Wald, diesem herrlichen Sion, wo ein kleiner Theil des Himmels sich auf die Erde herabgelassen zu haben scheint, — das Herz so leicht zu Gott sich erhebt. Fern vorn Gewühle der geräuschvollen Welt, hoch erhoben in stiller Einsamkeit fühlt sich das Gemüth, das für Naturschönheiten ein wenig noch empfänglich ist, ganz in gehobener Stimmung zum Lobe Gottes. Die Geschichte von Kloster Wald ist schon ziemlich alt. Zum Entstehen deS F-rauenklosters Wald war im Jahre 1681 die erste Anstalt getroffen. Maria Mahr, eine fromme Jungfrau vom nahegelegenen Westerheim, hatte sich mit einer kleinen Gesellschaft ihres Geschlechtes durch eine einfache Verlobung zu einem vollkommenen Leben verbunden, und hegte die Absicht, wenn es thunlich wäre, die Anfängerin eines kleinen F-rauenklosters unter der Regel des hl. Benedikt in dieser Gegend zu werden. Das nahe Benediktiner- Neichsstift Ottobeuren willfuhr ihrem frommen Wunsche, und da sie zu „Wald", nicht weit von der uralten St. Max-Kapelle, zu ihrem neuen Ordenshause den Platz wählte, so war an sie das daselbst gelegene Haus sammt Zugehör — es war das Haus, das ehedem ein Waldbruder oder Eremite bewohnte, an einem kleinen Weiher gelegen — als frei, ledig und unbesteuerbar nicht nur für 1000 Gulden erlassen, sondern man verringerte nachmals den Kaufschilling sogar um 150 Gulden nnd behielt sich bloß das Recht vor, wenn die fromme Stiftungsabsicht nicht sollte durchgesetzt werden, gegen Hinausgabe des be- mcldeten Kaufschillings Alles wieder an sich zu ziehen. Es sammelten sich nun bei der neuen Stifterin Maria Mahr so viele Liebhaberinnen des von der Welt abgesonderten geistlichen Lebens, daß das neu angekaufte Häuschen bei der St. Max-Kapelle dieselben kaum mehr faßte. Man entschloß sich, an dem.nämltchen Platze eine geräumigere Wohnung zu errichten — im Jahre 1684, zu welchem Ende der damalige Prior in Ottobeuren, k. Albert Kretz, die armen Jungfrauen mit einem Sammlungsoder Bittschreiben um freiwillige Beitrüge an wohlthätige Menschen versehen hatte. Der Neichsprälat Aemilian von Jrsee, der hiezu geladen und gebeten war, legte den ersten Stein zu diesem und gegenwärtigem Kloster, dessen Aufführung der Benediktiner-Pater Lampert Kathan von Ottobeuren, der in der Baukunst sehr erfahren war, leitete und besorgte. Der damalige Abt Benedikt hielt dabei eine passende Rede über das einsame geistliche Leben und las bei St. Max die hl. Messe; dies geschah am 11. April 1685. Das neue Kloster blühte sehr; immer fand es Zuwachs. Im Jahre 1706 starb daselbst den 6. März im Rufe der Heiligkeit Anna Maria Stedelin, eine jener frommen Frauen, welche, ohne sich bisher an eine bestimmte Ordensregel oder an feierliche Gelübde gebunden zu haben, daselbst friedlich beisammenlebten. Die Verstorbene wurde auf dem Gottesacker zu Ottobeuren begraben und vom damaligen Pfarrvikar Gordian Scherrichmit einer Leichenrede beehrt. Da Kloster Wald wegen der großen Zahl von Mitgliedern oft große Noth litt, so nahm sich desselben Kloster Wald. Original-Aufnahme von G. Bader. Photograph in Krumbach. fVervielfältigungsrecht vorbehalten.) IIS > » k .MM. WWW T- 251 das unweit von Salzburg gelegene Frauenstift Non- nenberg mit Rath und That an. Am 18. Dezember 1706 traf eine weibliche Deputation des Benediktinerstiftes Nonnenberg, nämlich die Frauen M. Cäcilia Schaf- männin und M. Scholastika Schrotterin mit dem Auftrag der Frau Äbtissin M. Anna Ernestine, einer gebornen Gräfin von Thun, in Wald ein, nahm dasselbe in Augenschein und als eine Nonnenbergische Kolonie in Besitz. Die bisherigen Bewohnerinnen von Wald traten in den Benediktiner-Orden und verblieben daselbst. So war M. Anna Ernestine von Thun die Stifterin der Benediktinerinnen zu Kloster Wald. Das Reichsstift Ottobeuren, welches fromme Anstalten zu befördern suchte, ließ diese neue Besitzergreifung ohne Widerrede geschehen, nahm aber zugleich den nöthigen Bedacht für Aufrechthaltung seiner landesherrlichen Gerechtsame, welche schon im Jahre 1700 etwas gefährdet zu werden schienen. Im neuen Kloster lebte Alles friedlich beisammen. Wie es aber unter der Sonne nichts Vollkommenes gibt, und wie aller Friede seine Unruhe, alle Freude ihr Leid hat, so sollte auch dieses friedliche Kloster seine Leiden erhalten. Im Jahre 1800 hatte Wald von einer zahlreichen feindlichen Truppe mehrere schreckensvolle Tage durchzumachen. Das hochgelegene und hochgebaute Kloster Wald, welches gegen die Abendseite einen freien und weiten Prospekt machte, lud die bei Hawangen und Uugerhausen gelagerten feindlichen Franzosen auf einen Besuch ein, den man sich auch den 16. Mai, beiläufig 1000 Mann an der Zahl, obwohl auf eine sehr unhöfliche Weise, gefallen lassen mußte. Die Franzosen drangen mit Gewalt in das Kloster, spalteten mit Aexten die Thüren, erbrachen die Kästen, raubten den Vorrath an Leinwand, zerschnitten die Betten, nahmen im Kloster und dem angelegenen Oekonomiehof, was ihnen beliebte, hieben 16 Schafen die Füße ab, beluden die zubereiteten Wagen mit ihrer Beute und zogen zu ihren Waffengefährten zurück. Zum Glücke waren die armen, frommen Klosterbewohnerinnen sammt ihrem Beichtvater noch rechtzeitig nach Ottobeuren entkommen, wo sie anfangs der Kanzler von Weckbecker in seinem Hause aufnahm, dann aber beim Anwachsen einer noch größeren Gefahr in der Klosterabtei Aufnahme fanden. In der Abtei wurde ihnen der philosophische Hörsaal als Speisezimmer und der Schlafsaal der Studenten, welche Ottobeuren verlassen hatten, zur nächtlichen Ruhe eingeräumt. — Zur Zeit der allgemeinen Klösteraufhebung im Anfange unseres Jahrhunderts, wo so viel vernichtet wurde, wurde auch Wald säkularisirt. Unter Thränen und Jammern wurden die armen Benediktinerinnen, darunter mehrere alte und kranke Schwestern, in die Welt hinausgestoßen. Unendlich schmerzlich war der Abschied von der geheiligten Stätte, wo so viel Gutes gethan, so reichliches Almosen an Arme der ganzen Umgegend verabreicht worden. Das Kloster steht heute noch im gesegneten Andenken. Im Jahre 1804 kam das Kloster um einen Spottpreis in den Besitz der protestantischen Familie v. Schütz aus Memmingen, in deren Händen es blieb bis zum September 1865, von da aber durch Kaufvertrag an das Englische Fräulein-Institut Mindelheim überging. Handwerksleute von allen Professionen mußten sogleich berufen werden, um die ruinösen Klosterräumlichkeiten für ein Pensionat einzurichten. Fast 10 Monate dauerten die Restaurationsarbeiten, bis am 21. Juni 1866 ein feierlicher Weiheakt des Klosters und des Bet- saales vorgenommen wurde. Dieser Tag war ein wahrer Jubeltag für das neuerstandene Maid. Die Zöglinge von Mindelheim in Begleitung sämmtlicher Lehrerinnen trafen auf dekorirten Wagen zum Feste ein. Feierlich rührend ertönten nun wieder zum ersten Male die über ein halbes Jahrhundert verstummten Glöcklein Kloster Walds. Der hochw. Pater Prior von Ottobeuren, Philipp Er am er, nahm die kirchliche Benediktion vor und brachte das Opfer der hl. Messe dar — in einem eigens hiezu hergerichteten Betsaale. Ach, wie ergreifend war das Geläute bei der hl. Wandlung I Bei der hl. Kommunion empfingen die anwesenden Mitglieder des Instituts die hl. Kommunion, und ein feierliches Tedeum schloß den Gottesdienst. Die dem Kloster auf der Nordseite angebaute Kirche konnte erst nach vollendeter Restauration am 21. April 1868 feierlich eingeweiht werden. Auch dieser Tag war ein Freudenfest für Kloster Wald. Der hochw. Herr Dekan Kleinhans von Mindelheim hatte nach einer rührenden Ansprache die Weihe der Kirche vorgenommen und das Amt gehalten. Wohl kein Auge blieb ohne Thränen. Das Innere der Kirche, das bisher als Wagenremise und zur Aufbewahrung des Holzes verwendet ward, wurde wieder zur Würde eines Gotteshauses erhoben. Das Innere der Kirche — 105 Fuß lang, 45 Fuß breit und sehr hoch, — ist mit einem schönen Hochaltar, in welchem die hl. Mutter Anna — als Patronin dieser Kirche — in schönem Schnitzwerke (von Bildhauer Nehm in München) sich befindet, (jetzt ein prächtiges Gemälde der hl. Anna von Kunstmaler Merkle in Augsburg) und mit zwei hübschen Seitenaltären geschmückt, deren rechter der Mutter Gottes, deren linker dem heiligen Anton von Padua geweiht ist. Der Mutter Gottes- Altar, in welchem der hl. Leib der hl. Martyrin Viktoria ruht, ist mit dem Englischen Gruß-Gemälde (von Riedmüller in München), und der St. Antonius - Altar, in welchem die Häupter der hl. Märtyrer Clemens und Luius — geschmackvoll gefaßt — ruhen, ist mit einem wunder- lieblichen Bilde des hl. Antonius (ebenfalls von Ried- müller) geschmückt. Dem Haupteingange gegenüber führt eine Thüre in die sehr schöne und geräumige Gruft, die Begräbnißstätte der früheren Benediktinerinnen, welche auf abgegebenes Gutachten des Bezirksarztes und mit Erlaubniß des bischöflichen Ordinariats als Begräbnißstätte der Engl. Jnstituts-Mitglieder benutzt wird. Zwei große Emporen dienen und zwar die untere den Englischen Fräulein und Schwestern zu ihren Chorgebeten, die obere den Zöglingen zu ihren Andachten. Eine sehr niedliche und geschmackvolle Kanzel dient zur Verkündigung des göttlichen Wortes. An Werk-, Sonn- und Feiertagen wird regelmäßig Gottesdienst gehalten (an ersteren Tagen um 7 Uhr, an letzteren um 8 Uhr), dem auch die nahgelegenen Filialisten von Eggisried und Stephansried beiwohnen. Die Kirche, obwohl einfach gemalt und eingerichtet, ist so freundlich und einladend, zum Gebete und zur Andacht stimmend, daß schon viele Besucher in die Worte ausbrachen: „Ach, da könnte ich auch gut beten," oder: „Da möchte ich auch weilen und Gott dienen." Der Zweck des Instituts ist die Erziehung der weiblichen Jugend. (Gegenwärtig bilden 12 Fräulein und 13 Schwestern die Familie.) Sämmtliche Lehrfächer sind mit vorzüglichen Lehrkräften besetzt. Daß das Institut seinen schönen Zweck erfüllt, daß es mit Segen wirkt und die Erwartungen der Eltern rechtfertigt, die demselben ihr 252 Theuerstes anvertrauen, beweisen einestheils die glänzenden Prüfungen aus den einzelnen Lehrfächern, andern- theils die Zufriedenheit und die Freude der Eltern während des Aufenthaltes ihrer Kinder im elterlichen Hause während der Ferienzeit. Das ganze Lehrpersonal weiht sich mit aufopfernder Liebe und Sorgfalt seinem ebenso wichtigen als schwierigen Berufe. Ein erfreuliches Zeugniß hiefür ist, daß sämmtliche Zöglinge in dankbarer Anerkennung dessen ihren Lehrerinnen auch mit aller Liebe und Anhänglichkeit zugethan sind. Unvergeßlich ist Kloster Wald Jenen, die schon als Zöglinge hier waren; fast alljährlich kommen sie auf ein paar Tage hierher auf Besuch. Der Eindruck, den Kloster Wald auf sie gemacht, sagen sie, ist unauslöschlich. Zum Schlüsse sei noch gestattet, über die klimatischen Verhältnisse des Instituts eine Bemerkung bekannt zu geben. Die hohe und von Wäldern umgebene Lage ist eine sehr milde, gesunde. Stets ist man im Genusse einer frischen, stärkenden, reinen Luft. Zeugniß hiefür gibt das gesunde, blühende Aussehen der Zöglinge und der Umstand, daß im Laufe der Jahre nicht ein einziger, auch nur einigermaßen Bedenken erregender Krankheitsfall vorkam. Für geistige und leibliche Bedürfnisse der Zöglinge ist auf's Beste Vorsorge getroffen. Bezüglich der letzteren bietet das Erforderliche theils die große Oekonomie des Hauses, theils wird dasselbe von Ottobeuren oder Mem- mingen oder selbst von Mindelheim ohne Schwierigkeit herbeigeschafft. So kann man sich nicht leicht eine Stätte denken, die für die Zwecke eines Erziehungs- und Unterrichts- Jnstituts mehr alle erforderlichen Eigenschaften darböte, als dieses stille, vom Geräusche der Welt abgeschiedene, herrliche Kloster. Möge es unter Gottes Segen und Schutz stets blühen zu seiner Ehre und zum Nutzen und Frommen der weiblichen Jugend, der Familien und der menschlichen Gesellschaft! -S-8WSS- (Zu unserem Bild Seite 247.) vr. Franz Mauer v. Funk, Professor an der Universität zu Tübingen, wurde am 12. Okt. 1840 geboren zu Abtsgmünd in Württemberg. Er empfing von 1850—1859 seine Gymnafialbildung in Ellwangen, studierte von 1859—63 in Tübingen Philosophie, Theologie und Staatswissenschaften, trat im Herbst 1863 in's Priesterseminar in Rot- tenburg und wurde 1864 ordinirt. Nachdem er ein Jahr in Waldsee in der Seelsorge gewirkt, begab er sich zur Fortsetzung seiner philosophischen und nationalökonomischen Studien nach Paris. Nach neunmonatlichem Aufenthalt daselbst wurde er Repetent am Wilhelmsstift in Tübingen. Als Professor vr. von Hefele im Jahre 1869 zum Bischof von Rottenburg gewählt wurde, hatte er dessen Lehrstuhl zu übernehmen, und er las demgemäß fortan Kirchengerichte, Patrologie und Kunstarchäologie, zunächst in seiner bisherigen Stellung, seit 1870 als außerordentlicher, seit 1875 als ordentlicher Professor. Im Jahre 1890 erhielt er das Ehrenritterkreuz des Ordens der Württembergischen Krone, mit dem der persönliche Adel verknüpft ist. Im Jahre 1892/93 verwaltete er das Rektoramt der Universität Tübingen. Seine Schriften sind außer zahlreichen Abhandlungen und Untersuchungen in der Tübinger Zeitschrift für die gesummten Staatswissenschaften, der Theologischen Quartalschrift, derenMitredacteur er seit 1875 ist, dem Historischen Jahrbuch der Görresgesellschaft und verschiedenen anderen Zeitschriften folgende: Zins und Wucher, eine moraltheologische Abhandlung, 1868; Geschichte des kirchlichen Zinsverbotes, 1876; Oxora xatrum axostolioorum, 2 Bde., 1878-81, Bd. I. in 2. Aufl. 1887; die Echtheit der gnatianischen Briefe aufs Neue vertheidigt, 1883; Lehrbuch der irchengeschichte, 1886, 2. Auflage 1890; vootrina äuoäsoim axogtotoruw, 1887; die katholische Landcsuniversttät Ellwangen und ihre Verlegung nach Tübingen, 1889; die Apostolischen Con- ; stitutionen, eine literarhistorische Untersuchung, 1891. Allerlei. Ein Schlaumeier. Der kleine Emil sals er seine Schwester mit einem schönen Apfel in's Zimmer treten siehtj: „Komm', Elli, wir spielen Adam und Eval" — Elli: „Ja, wie denn?!" — Emil: „Nun, Du versuchst mich mit dem Apfel, und ich esse ihn!" Erklärlich. Erster Protz: „Warum spielt Ihre Tochter z. B. nie Wagner?" — Zweiter Protz: „Nu, sie wird doch nicht was Anderes spielen, wenn Sie was Selbstkomponirtes spielen kann. Jeder ist sich doch selbst der Nächste!" * Berechtigte Frage. A szu dem Vater eines stark „verhauenen" Studentenj: „Sagen Sie, lieber Freund, wieviel geben Sie Ihrem Sohne eigentlich Nadelgeld?" -SS8XNS- Fodtenktage um Zs. W. Weöer. Ja, trau're an des greisen Dichters Bahre — Des Sanges gold'nes Diadem gewunden Er hat um Deine Stirn in Himmelsstunden. O, Deutschland, sein Andenken wohl bewahre! Die frömmsten, treu'sten Geister um Dich schaare. Aus ihnen ist er Einer, der in Wunden Dein Bestes sucht' und d'rin sein Glück gefunden. So, deutsche Jugend, Deiner Straßen fahre! Ja, fromm war er in den „Marienrosen" Und treu im höchsten Ideal sein „Goliath", Die „Lieder" innig Herz und Geist umkosen. Verklärt wird bleiben seine heil'ge Grabstatt Im „ew'gen Licht von Dreizehnlinden", tosen Auch Stürme. Sieh', wie er gekämpft, gesiegt hat! -—-- Himmelsschau im Monat Mai. —Merkur ist nicht sichtbar. Venus ? steht am 9. im Aequator, geht auf zwischen 3 U. 30 M. und 2 U. 44 M. und erreicht 9 U. vorm. ihre größte Höhe. Mars ^ im Wassermann geht auf zwischen 2 U. 33 M. und 1 !I. 21 M. früh und durchschreitet den Meridian bereits um 7 U. morgs. Jupiter geht in der Abenddämmerung unter. Saturn H ist fast die ganze Nacht sichtbar und verläßt gegen 4 U. früh den westlichen Horizont. In der Nähe des Mondes befinden sich am 4. Merkur, am 7. Jupiter, am 16. Saturn; Venus wird am 1., Mars am 28. vom Blonde bedeckt. - - Milder-KätHser. HL34. Areitag, den 27. April 1894. Kür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). Tanke Sanna's Geheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) „Wie geht's mit Ihrer kleinen Patientin, Fräulein Holten? fragte der Doctor rasch. „Muß ich hinauskommen?" „Wenn Sie können, bitte ich darum, lieber Doctor. Ich möchte überhaupt eine Wärterin für die Kleine haben, da ich sie nun einmal —" „Am Halse habe," ergänzte der Arzt, als sie zögerte. „Ich besorge Ihnen eine barmherzige Schwester, mein liebes Fräulein l — werde sie Ihnen selber bringen." „Herzlichen Dank!" Der Doctor ging zu der Kranken zurück, die beiden Damen verabschiedeten sich im Hause und gingen dann fort, um nach der furchtbaren Erschütterung sich durch einen Spaziergang erst wieder zu beruhigen. Ohne Verabredung, wie unter einem gemeinschaftlichen Zwange schlugen sie den Weg ein, welcher aus dem Thore nach der Brandstätte führte. Dieselbe wurde von einer Feuerwehrwache behütet, da mit der Ausräumung des Schuttes des zweiten Feiertags halber erst am nächsten Lage begonnen werden konnte. Stumm wanderten die beiden Damen, welche von der Wache die Erlaubniß dazu erhalten hatten, durch den Garten, welcher überall die Spuren jenes nächtlichen Ereignisses trug. Sie wagten kein Wort zu sprechen vor tiefer schmerzlicher Erregung, und setzten sich einen Augenblick in die Laube, welche sich am Ende des Obst- und Gemüsegartens befand. „Nun wird Ihnen das kranke Kind auch recht lästig werden, Fräulein Armgard I" begann die Doctorin nach einer Weile. DaS junge Mädchen starrte sie, wie aus einem Traume erwachend, fast erschreckt an. „Lieber Gott! werden Sie nur nicht krank von dieser furchtbaren Aufregung, mein Kindl" fuhr die alte Dame, ihre Hand ergreifend, bekümmert fort. „Wir müssen uns Alle in das Unabänderliche fügen. — Ich sprach von dem kranken Kinde, das Herr Steindorf Ihnen aufgedrängt hat —" „Es war nicht krank, als er mich darum ersuchte," fiel Armgard hastig ein. „Mag sein, Kind, — wenn er Ihnen nun die Kleind läßt und ohne den Ballast nach Amerika Zurückkehrt?" Armgard sah sie erstaunt an und schüttelte dann den Kopf. „Weßhalb halten Sie Herrn Steindorf für schlecht» Frau Doctorin?" fragte sie langsam. „Hat er diese Meinung nicht schon vor Jahren gerechtfertigt?" „Nein, er konnte nichts dafür, daß seine Liebe einer Andern gehörte. Das Herz läßt sich nicht zwingen." „Nun, vielleicht ist sein Herz gefügiger geworden und läßt sich vom Verstände leiten. — Lassen wir ihn, Fräulein Armgard, und kommen Sie rasch mit mir hinweg von dieser Stätte jammervoller Verwüstung." Sie wollten die Laube verlassen, als Armgard, deren Blick am Boden wurzelte, sich rasch bückte, um einen in die vom Regen aufgeweichte Erde tief eingetretenen glänzenden Gegenstand zu betrachten. Sie nahm ein Stückchen, um denselben an die Oberfläche zu bringen» und hob ihn dann auf. Es war ein großer goldener Manschcttenknopf mit einem Monogramm. „W. P." las Armgard. „Hm, der ist in voriger Nacht im Gedränge verloren worden," bemerkte die Doctorin, „mein Mann kann den Knopf der Polizei einliefern, dann wird sich wohl der Eigenthümer dazu finden." In diesem Augenblick näherten sich Schritte. „Ach, Herr Marbach!" rief Armgard, „und auch Sie, Herr Warneck, guten Morgen! — Wollen Sie sich die Unglücksstätte ansehen?" Die Herren grüßten und wurden von ihr der Doctorin vorgestellt. „Es sieht sehr traurig aus," sagte Marbach, „und greift einem odentlich an's Herz, wenn man sich das kleine reizende, so überaus poetische Heim der alten Dame in's Gedächtniß zurückruft." „Sie scheinen da etwas gefunden zu haben, mein Fräulein," schaltete Warneck ein, der als Amerikaner nur auf das Praktische sein Auge gerichtet und sofort den Manschettenknopf in Armgard's Hand gesehen hatte. »Ja, sehen Sie, der Knopf ist von einem Herrn hier verloren und in den weichen Erdboden getreten worden," sagte sie, ihm denselben hinreichend. Warneck betrachtete ihn von allen Seiten, zog dann sein Taschentuch heraus, um die Erdspnren zu tilgen und den Stempel zu erforschen. „Was wollen Sie mit diesem Funde beginnen, mein gnädiges Fräulein?" fragte er zögernd. 254 „Mein Mann soll den Knopf der Polizei einliefern," bemerkte die Doctorin, den Amerikaner etwas verwundert betrachtend, „der Eigenthümer wird ihn dann wohl zurückerhalten." „Gewiß," sagte Warncck, „aber versäumen Sie es nicht, meine Damen." „Nun, wenn Sie so besorgt darum sind," erwiderte Armgard, „dann übernehmen Sie es selber, Herr Warneck." „Ich gehe doch zur Polizei, meine Gnädige," nahm Marbach, welcher einen Blick seines Freundes aufgefangen, rasch das Wort, „wenn Sie mir den Fund anvertrauen wollen —" „Mit Vergnügen," fiel Armgard ebenfalls verwundert ein, „wäre dieser traurige Ort zum Scherzen geeignet, dann könnte man beinahe fürchten, als ob Sie uns vor der Aneignung fremden Eigenthums bewahren möchten." „Ja," meinte Warneck trocken, „es sieht beinahe so aus, mein Fräulein! — Dieses Monogramm hier interessirt mich indeß nur ein wenig, und da ich, wie Sie wissen, mich so wie so mit der Polizei hier befreunden muß, so bin ich in der That auf den Eigenthümer des Knopfes neugierig." „Ach, wegen jenes Herrn, der —" -Ja, mein Fräulein, jenes Herrn William Prien, meines lieben Freundes, den ich wie eine Stecknadel suche," fiel Warneck ruhig ein. „Es kann ja auch ein Anderer sein, wie viele Menschen mit dem Monogramm W. P. giebts nicht in der Welt." „Es giebt hier in unserer Stadt sogar einen mir sehr nahestehenden Herrn mit diesen beiden Buchstaben," sagte die Doctorin, „meinen eigenen Mann, welcher den Namen Walter Peters führt, dem dieser Knopf aber nicht gehört. Sie sehen nur daran, wie leicht die Anfangsbuchstaben irre führen." „O gewiß, Frau Doctorin, gebe ich das zu," versetzte Warneck, „gönnen Sie mir deßungeachtet die kleine Hoffnung, meinen lieben Flüchtling hier wieder zu finden." Die Damen ließen ihm gern die Hoffnung und damit den Knopf, worauf sie gemeinschaftlich in die Stadt zurückkehrten. Bei dem Hause der Doctorin trennten sie sich mit der Verabredung, sobald als möglich nach Hause zn fahren, worauf die beiden Herren langsam weiterschritten. „Glaubst Du wirklich an dieses Monogramm?" fragte Marbach nach einer Weile. „Ich möchte darauf schwören, daß der Knopf meinem theuren Prien gehört, dieser also in jener Laube anwesend war." Marbach blieb überrascht stehen. „Woher hast Du diese Ueberzeugung so rasch gewonnen?" Warneck schritt langsam weiter. „Nur kein unuöthiges Aufsehen machen, alter Junge," erwiderte er ruhig. „Warten wir damit bis zum Gasthof." Sie kehrten rasch dorthin zurück. Als sie sich in einem Zimmer unter vier Augen befanden, zog Warneck den Knopf hervor. „Besieh' ihn Dir genau," sagte er, Marbach denselben hinreichend. „Untersuche jede Fläche und merke Dir den Stempel. Hast Du?" „Es scheint ein englischer Stempel zu sein," bemerkte Marbach. Warneck nahm den Knopf, um ihn noch einmal zu untersuchen. „Natürlich," sagte er dann, „besieh' ihn, bitte, recht genau." „Ist bereits geschehen, — eS ist ein Stern mit der englischen Umschrift: Ao1ä-rvü§Irt: — also Goldge- gewicht — und dem Namen Finch." „Gut, das Monogramm auch gesehen?" „Versteht sich, es sind doch die Buchstaben —" Er hatte den Knopf umgewandt und starrte darauf hin. „Zum Henker," brummte er, „hier stehen ja die Buchstaben O. W." „H.11 ri^stt:, olä bo^! — Otto Warneck, mein Monogramm, und hier ist der gefundene ganz gleiche Knopf, nur mit anderen Buchstaben versehen. Der Goldschmied Finch, von welchem ich meine Knöpfe gekauft habe, hat unzweifelhaft auch diesen Knopf mit W. P. in seinem Laden gehabt, weil sein Name und Stempel auf demselben sich befindet. Dieser Finch aber wohnt in Chicago." Marbach blickte den Freund erregt an, er war ganz blaß geworden. „Das läßt allerdings darauf schließen —" „Daß William Prien auf der Brandstätte gewesen ist und diesen Knopf verloren hat," ergänzte Warneck. Leide blickten sich an, wie von dem gleichen Gedanken erfaßt. „Hältst Du diesen Menschen eines blutigen Verbrechens fähig?" fragte Marbach leise. „Wenn er durch die Umstände dazu gezwungen wird, — ja!" erwiderte Warncck fest. „Sollte er es gewußt haben, daß die alte Dame vom Hause abwesend war?" „Weßhalb nicht, vielleicht hat er sie wegfahren sehen und sich dann näher nach ihr erkundigt. Jedenfalls glaubte er mit der alten Person leicht fertig zu werden. Das Gewitter kam feinern Plane mächtig zu Hülfe und ohne diesen Knopf wäre jeder Verdacht gegen ihn unmöglich gewesen." „Woher aber sollte dieser fremde Mensch es erfahren haben, daß die Tante Hanna just eine bedeutende Summe im Hause hatte?" fragte Marbach kopfschüttelnd. „Wie es auch sehr leichtsinnig erscheinen könnte, weßhalb sie dieselbe nicht mit hinaus nach Edenheim genommen." „Ja, das sind Fragen, welche uns die Alte leider niemals wird beantworten können," versetzte Marbach. „Vielleicht ist sie just um des Geldes willen in ihr Haus zurückgekehrt, wer kann's wissen. Was die Kenntniß unseres W. P. anbetrifft so kann derselbe ganz zufällig davon erfahren haben. Das wird oft von Dienern und Boten ganz arglos erzählt, fei es im Wirthshause, sei es auf der Straße. Ein solcher Geselle hat seine Ohren und eine rasche Auffassung." „Seine Frau soll also aus dieser Gegend stammen?" „Sie hat es mir oft erzählt und dabei den Namen des Fräuleins Holten als den ihrer Freundin genannt." „Und sie ist erst kürzlich gestorben?" fragte Marbach nachdenklich. „Im Dezember vorigen Jahres; die Sorgen mögen sie umgebracht haben, da Mr. Prien sein Gehalt zu verspielen pflegte." 255 „Die unglückliche Frau; sie hinterließ doch keine Kinder?" »Ich glaube, es muß noch ein Kind vorhanden gewesen sein," erwiderte Warneck, „ob Knabe oder Mädchen, weiß ich nicht, da es irgendwo in einer Pension war. Ich erinnere mich, daß sie mir einmal von ihren todten Kindern erzählte, welche sie glücklich pries, da dieselben mit einem solchen Vater doch elend geworden wären." „Das klingt von einer Mutter entsetzlich." „Mag sein, lieber Freund, aber recht hatte sie doch, die arme Frau. Ich denke mir, daß die Zukunft und das Glück der Kinder von der Lebensstellung und dem Charakter des Vaters hauptsächlich abhängen, daß der Mann die Familie hebt oder herabzieht, und eine Hei- rath in solchen Fällen, die leider nur allzu häufig sind, allemal den Kindern zum Fluch wird. An Bildung waren diese beiden Menschen sich ja gleich, denn sonst ist die Kluft noch tiefer. Es ist eine Schmach, daß die meisten Menschen so kopflos in die Ehe springen, ohne sich klar zu machen, daß eine solche Kette an Gewicht zunimmt und zur unerträglichen Folter werden kann. — Doch zum Henker mit dem Philosophiren," unterbrach er sich lachend, „bin ja ganz vom Wege abgewichen. Wird wohl das Beste sein, jetzt gleich mit einem gewiegten Crimiualbeamten in Verbindung zu treten." „Laß uns doch zu dem Commissar gehen, welcher das Möbel auf der Brandstätte untersuchte," meinte Marbach. „Gut, ihm werde ich die ganze Sache übertragen, — er wird den Fingerzeig freudig begrüßen." „Und dann?" fragte Marbach zögernd, „willst Du mit mir zurückfahren nach Notenhof?" „Nein, mein Junge, Du hast schon die nöthige Fracht. — Ich fuhr, wie Du weißt, mit einem Landmann hierher, weil ich die Unthätigkeit nicht ertragen kann, und werde heute Abend oder morgen früh, wie es paßt, mit ihm zurückfahren. Mach' Dir um mich keine Sorge, mein Junge." Er klingelte, um ein Frühstück zu bestellen, worauf sich beide Herren, nachdem sie dasselbe eingenommen, zur Polizei begaben, um Rücksprache mit jenem Commissar zu halten. Der Beamte hörte aufmerksam die Geschichte des Amerikaners an. „Und Sie haben die Ueberzeugung, daß dieser Mr. Prien, welcher mit Ihrem Vermögen durchgegangen ist, sich hierher gewandt hat?" fragte er, als Warneck geendet. „Die Ueberzeugung habe ich allerdings, Herr Commissar," versetzte Warneck, „ja sogar die Gewißheit, daß derselbe im Garten des vom Blitze eingeäscherten Hauses gewesen ist." Das Gesicht des Beamten zeigte den Ausdruck höchster Ueberraschung und Spannung. „Dieser goldene Manschettenknopf ist heute von Fräulein Holten dort im Garten gesunden worden," fuhr Warneck rasch fort, „bitte Monogramm und Stempel genau zu betrachten." „Sie glauben, daß diese Buchstaben den Beweis für Ihre Behauptung liefern?" fragte der Commissar achselzuckend. „Zum Theil allerdings, William Prien, das stimmt, und der Stempel erst recht. Vergleichen Sie denselben gefälligst mit meinen Knöpfen, Herr Commissar! — Habe ich die Dinger bei Finch in Chicago gekauft und von ihm stammt auch dieser gefundene Knopf, oder ich will verdammt sein zur — zur —" Er konnte nicht gleich das schlimmste Loos finden, im Stillen aber meinte er — zur Heirath. Der Commissar verglich die Knöpfe und nickte erregt. „Das sieht allerdings so aus," sagte er dann, „bitte, Herr Warneck, geben Sie mir gefälligst eine genaue Personalbeschreibung jenes Menschen." „Na, ex ist groß und schön gewachsen, Hände und Füße klein, meiner Ansicht nach viel zu klein für die Figur —" „Aber doch groß genug, um Dein Geld zu packen und damit durchzugehen," bemerkte Marbach, vor dessen innerem Auge sich seltsamerweise eine bestimmte Gestalt entwickelte. „^.11 riecht, olci ioo^l —Haare blond, dito Bart, Augen — meiner Treu, weiß nicht genau, welche Farbe sie haben, nehmen wir grau an, — Blick scharf, braucht keine Brille, — Nase fein gebogen, mit einem Wort, ein verdammt hübscher Kerl, in den alle Weiber vernarrt waren." „Besondere Kennzeichen?" fragte der Beamte, ohne eine Miene zu verziehen. „Denken Sie recht scharf darüber nach, weil hierauf besonders vigilirt werde» muß." — Warneck dachte nach. „Der ganze Kerl steht leibhaftig vor mir," sagte er endlich, „aber ich wüßte wirklich nicht, seinem äußeren Menschen einen Makel anzuhängen. Eines hat er freilich, was aber der Bart verdeckt: zwischen Kinn und Unterlippe eine rothe Linie, als ob er einen scharfen Peitschenhieb erhalten hätte. Er zeigte mir dieselbe einmal und sagte, daß sie von dem Mesferschnitt eines Indianers, in dessen Hände er gerathen, herrühre. Der Kerl habe ihn scalpiren wollen, wogegen er sich so übermenschlich gewehrt, daß er nur diesen Schnitt, dessen feine Narbe gar nicht verblassen wolle, davongetragen habe. In seiner grenzenlosen Eitelkeit hat er alles Mögliche angestellt, um das rothe Merkmal zu vertilgen, weil der Kinnbart viel älter mache, wie er behauptete." „Wollen hoffen, daß es ihm bis heute noch nicht gelungen ist," versetzte der Commissar zufrieden lächelnd. „Da wir den Mann UW also mit der Katastrophe in voriger Nacht direct in Verbindung bringen müssen," fuhr der Commissar fort, „so habe ich unter allen Umständen auf strikte Verschwiegenheit Ihrerseits, meine Herren, zu rechnen, indem wir es jedenfalls mit einem geriebenen Burschen zu thun haben. Ihre erste Aufgabe, Herr Warneck, besteht nun darin, auf einige Zeit aus dieser Gegend zu verschwinden, denn wenn er sich hier aufgehalten hat, weiß er auch bestimmt Ihre Anwesenheit sowie den Zweck Ihres Hierseins." „Und wird jetzt schon eben deßhalb über alle Berge sein!" rief Warneck. „Vielleicht, — vielleicht auch nicht, — es ist eben in dieser Geschichte noch Vieles dunkel." «Zum Exempel, weßhalb dieser Mensch mit einem Vermögen in der Tasche einen neuen Diebstahl begehen sollte?" schaltete Marbach ein. „O, das läßt sich ja leicht erklären," sagte der Beamte, „hat ihn doch Herr Warneck als Spieler be- 256 zeichnet. Ein solcher geht keiner derartigen Gelegenheit aus dem Wege, um das Seine los zu werden." „Den Henker auch!" rief Warneck erschreckt, „wie konnte ich das nur vergessen. Sie haben recht, Herr Commissar, mein Geld ist längst zum Teufel, hätte mir die Reise ersparen und drüben bleiben können." „Bah, Dir ist doch auch an der Bestrafung des Schurken gelegen, alter Freund," meinte Marbach, den Arm um seine Schulter legend. „Und dann — schlägst Du unser Wiedersehen so gering an?" „Nein, nein, — er wäre ja ohne mich auch unerkannt und frei aus diesem schandvollen Verbrechen entkommen." „Ja, meine Herren, so ist es, und nun lassen Sie uns ohne Abschweifung bei der Sache bleiben. Ich wiederhole also, Herr Warneck, daß Sie unbedingt auf eine Weile verschwinden müssen." „Meinetwegen, vielleicht treffe ich ihn unterwegs, will die Augen schon offen halten." »Ihr Freund muß über Ihre Reise stets auf dem Laufenden erhalten werden." „Das ist selbstverständlich, mittlerweile thun Sie das Ihrige, Herr Commissar." „Versteht sich, werde ihm meine besten Kräfte auf die Fährte setzen." Die beiden Herren schüttelten dem Beamten die Hand und gingen. „Willst Du lieber sofort mit nach Notenhof zurück?" fragte Marbach den Freund. „Wenn Du mich placiren kannst —" „Gewiß, es geht ganz gut. Du willst doch erst morgen reisen?" „Ja, ich gehe in die Berge und telegraphire von Station zu Station. — Will deßhalb heute noch mit Dir beisammen bleiben." Nach einer halben Stunde fuhren sie bet dem Doc- tor vor, um Fräulein Holten abzuholen. » ^ -i- (Fortsetzung folgt.) . — . - Unter den Palmen der Sahara. (Vortrug, gehalten im kath. kaufmännischen Verein „Lätitia" von Theodor Habich er.) (Schluß.) Als wir die freundliche Oase Figuig betraten, war es finstere Nacht. Nur wenige Menschen waren zu sehen, während die spärlich erleuchteten Kaffeehäuser von Besuchern wimmelten. Nachdem wir im Hauptksor „Snaga" Besitz von den uns durch den Kalifen angewiesenen Hallen genommen, die Feldbetten aufgeschlagen, sowie die auf der Reise gesammelten Mineralien und Pflanzen ausgebreitet hatten, traten wir in das am Hammau-arbi gelegene, reputirlichst aussehende maurische Kaffeehaus und ließen uns zwischen Hunderten von Süd-Marokkanern in einer wahrhaft betäubenden Atmosphäre nieder. Die Menschen, die Lichter, die Kasseetöpfe, die Becken mit den Kohlen zum Pfeifenanzünden, die Teppiche und die Kleider der Figuiganer, kurz alles, jedes strömte einen solchen Qualm aus, daß wir auf die Märchen eines Roman- erzählers im wahrsten Sinne des Wortes „athcmlos" lauschen mußten. Hätten wir nicht selbst geraucht, so würden wir es nicht fünf Minuten lang in dieser Räucherkammer ausgehalten haben. Die Geschichte des Roman- erzählers war derartig, daß ich dieselbe unmöglich nacherzählen kann. Als drei Frauenzimmer der verworfensten Art das Kaffeehaus betraten, um die Gäste mit einer Tanzvorstellung zu unterhalten, verließen wir das Lokal, und auf dem Heimwege athmeten wir mit wahrem Entzücken die reine Nachtluft. Als wir am folgenden Morgen — ziemlich spät — aus sanftem Schlummer erwachten, hatte der Kalif schon für unser leibliches Wohlsein gesorgt. Es erschien eine Ordonnanz — ein echter und unverfälschter Sohn der Sahara — und meldete, daß das Frühstück bereit sei. Die französischen Offiziere, äußerst joviale Herren, erlaubten auch uns, das Frühstück gemeinsam zu verzehren, das aus Scharba oder arabischer Suppe (ein kräftiges Hammel-ConsommZ mit Brocken von Leber, Fleisch, trockenen Früchten und Rosinen), zweitens aus einem Eierkuchen, einer Anzahl gebratener Hühner und endlich dem Nationalgericht, dem Kuskus oder Gerstenbrei, bestand, dem wir alle Ehre anthaten. Der Kalif hatte Platz neben uns genommen; zu unserem Erstaunen weigerte er sich aber, irgend etwas zu genießen, wiewohl es nicht Freitag, sondern Montag war. Unser Wirth war nämlich ein Puritaner aus der echten Secte der Wüste, und als solcher fastete er nicht allein den Freitag, sondern auch den Montag. Wie ich nachher ans guter Quelle erfuhr, soll er sogar recht aufrichtig in seinen religiösen Handlungen sein und nicht bloß dem Scheine zulieb heilig thun, wie dies zuweilen in Afrika geschieht. Der echte mohammedanische Puritaner hingegen ißt und trinkt nicht nur nichts, sondern raucht auch nicht am Festtage. Ueberhaupt soll ihm nichts über die Lippen kommen, von Sonnen-Auf- bis Sonnenuntergang. Nach Tisch besuchten wir den Stadtplatz, wo gerade großer Araber-Jahrmarkt stattfand. Der Platz ist groß, jedoch sandig, und wird von regelmäßig gepflanzten, schattigen Palmenalleen eingefaßt, durch deren Fächerwedel maurische Bauten aus gelbem Sandstein schimmern. Dichtes Strauchwerk umrahmt den Hauptplatz in buntem Schmuck, und eine Niesenpalme, dergleichen ich nie wieder gesehen habe, überragt die Dächer der höchsten Bauten. Auf diesem Platze wogt ein so buntes Treiben, baß man sich stundenlang mit bloßem Zuschauen vortrefflich unterhalten kann. Neben dem in Hellem Anzüge flankenden Süd-Oranesen wandelt ein gravitätischer, buntgekletdeter Maure. Diesem folgen ein Paar Tafileter Kaufleute, deren scharf beobachtende Augen und listige Züge sie als Abkömmlinge Israels auf den ersten Blick verrathen. Neben diesen „Vätern des Handels" schlendert ein reicher Araber, welcher an jedem Arme eine Haremsdame mit langen, schwarzblauen Locken führt und sich weigert, mehreren marokkanischen Offizieren Platz zu machen, die sich auf dem Marktplatze in mehr bequemer als regelmäßiger Uniform ergehen. Nicht uninteressant war auch der Verkanss- platz für die Kameele. Wir sahen dort schönes Vieh, unter anderem kolossale Kameelstiere in vortrefflichem Zustande und zu verhältnismäßig hohen Preisen, bis zu 500 Franken. Die Weibchen sind zur Hälfte billiger. Auch Esel wurden angeboten von jener kleinen, hellgrauen, aber nicht sehr ausdauernden Rasse, wie sie in den Oasen einheimisch ist. In den Buden war inländisches, meist wollenes, theils grobes, theils auch sehr feines Gewebe ausgestellt, auch Getreide, besonders Gerste, und mancher- 257 lei Gewürze wurden feilgeboten, sowie auch Tabak und Massen von Dattelkörnern, die als Heilmittel für die Kameele verwendet werden. In diesem bunten Getriebe spielen die Eselsjungen mit ihren flinken Grauthierchen, die Kameeltreiber und Ausrufer eine große Rolle. Das Geschrei der letzteren klingt ohrenzerreißend und ist dennoch, wenn man den Inhalt desselben versteht, voll von jener Poesie, welche die Gottheit diesem Wolke zum Ersatz für die meisten anderen Güter des Lebens als unverwüstliches Eigenthum beschert hat. Da hört man statt: „Kauft Datteln!" „Die Datteln von Figuig sind besser als Mandeln!", oder: „O wie süß ist das kleine Söhnchen der schlanken Palme!" Der Citronenhändler schreit: „Gott mache sie leicht (zu verkaufen), o Citronen!" Die wohlfeilen Kerne der Wassermelonen werden ausgeboten mit dem Rufe: „O Tröster der Nothleidenden, o Kerne!" Der Orangenverkäufer schreit: „Honig, o Orangen, Honig!" Die schönste Anpreisung seiner Waare braucht wohl der Nosenhändler, denn derselbe ruft: „Die Rose war ein Dorn, der Schweiß des Propheten benetzte ihn, und ihm entwuchs die Rose!" Die Wasserträger preisen die Billigkeit ihrer Waare mit dem Rufe: „O, möge Gott Ersatz geben!" In der That bedürfen diese armen Menschen gar sehr eines Ersatzes von oben, denn sie bekommen für einen Ziegenschlauch voll Wasser, den sie auf den Eseln, Kameelen oder den eigenen Schultern oft sehr weit herbeiholen müssen, nicht mehr als nach deutschem Gelde höchstens 5 Pfennige. Bei den meisten öffentlichen Brunnen wird gleich bei Grabung eines solchen eine Schule gestiftet, in der die mohammedanischen Kinder für wöchentlich 10 Pfennige im Koran lesen, Schreiben und ein wenig Rechnen lernen. Gedenke ich jetzt meines Besuches in derselben, so ersteht vor meinem geistigen Auge ein überaus anmnthigcs Bild, und ich bedaure dann, kein Maler zu sein. Wie gerne würde ich die Gruppe, die so lebhaft sich meiner Erinnerung eingeprägt hat, auf die Leinwand zaubern. Eine der Treppen, die in die Medressa führen, hinansteigend, blieben wir auf der letzten Stufe derselben stehen. Dieser Theil des alten, von Ephen umrankten Gebäudes diente als Schnlranm; aus Schilf geflochtene Matten bedeckten den Fußboden, auf einem Polster ruhte in bequemer Stellung ein silberbärtiger Schcch-Msid, d. h. Lehrer, dessen ehrwürdiges Haupt ein blüthenweißer Turban zierte. Dieses Haupt war tief auf die Brust geneigt, und schwere, regelmäßige Athemzüge verriethen den ruhigen Schlummer, welcher den Greis übermannt hatte. Das Buch, welches vor dem schlafenden Oasen- Professor lag, mochte eben erst seiner Hand entglitten sein. Um ihn herum hockte die Schuljugend, lauter in zartem Alter stehende Knaben. Wir wußten zuerst nicht, wie wir uns die Ilnbc- weglichkeit, in welcher die Gruppe verharrte, deuten sollten. Fast undenkbar schien es uns, daß die schwarzäugigen kleinen Buben, welche dort so mäuschenstill kauerten, Fletsch und Bein hätten. Eine so schweigsame Schuljugend hätten wir bei diesem lebhaften, heißblütigen Volke nicht vorausgesetzt, es lag etwas ungemein Rührendes im Anblick des schlummernden Greises und der Kinder, die so zartsinnig seinen Schlummer behüteten. Ob nicht vielleicht die Furcht vor einer Strafe dahintersteckte? Doch die Gruppe ward lebendig — bei unserem Erscheinen wandten sich die dunklen, blitzenden Augen uns zu. Jedes Augenpaar hatte den Ausdruck kindlicher Neugierde, das dort aber schaute, den ernsten Charakter des kleinen Buben verkündend, sogleich wieder in das Buch, in welchem es studirte, jenes blickte ängstlich und scheu auf den Lehrer und dann zu uns herüber, gleichsam bittend, wir möchten den Schlummer des Greises nicht stören; die meisten Blicke jedoch funkelten in jugendlichem Uebermuth. Zwei tiefschwarze, mächtige Sterne, die einem allerliebsten kleinen Burschen angehörten, zogen uns besonders an; welch' eine reizende Schelmerei lag in diesem Kinderblick! Wir waren damals noch übermüthige Geschöpfe und konnten dem Dränge nicht widerstehen, dem Araberknaben zuzunicken und blitzschnell ihm ein Knßhändchen zuzuwerfen, ein Manöver, welches von dem kleinen Burschen lächelnd als eine Freundschaftsbezeigung, die es ja auch sein sollte, aufgenommen und mit großer Schlagfertigkeit erwidert wurde. Das kleine Volk kicherte leise, doch gleich darauf lagerte auf's Neue unverwüstlicher, uns mit unwiderstehlicher Komik berührender Ernst über der Gruppe, und die von Afrika's Sonne gebräunten Hündchen winkten uns zu, uns zu entfernen, pantomimisch andeutend, daß unser weiteres Verweilen die Siesta ihres Mentors gefährden könnte. Wir folgten dem Winke, eine herzige, sonnige Erinnerung mit uns nehmend. Und als wir, im Hinabsteigen begriffen, noch einmal umschauten, da gewahrten wir, wie das plötzlich durch die Bogenfenster hereinfluthende Sonnenlicht die Gruppe mit einem goldigen Schleier umwob, Alter und Jugend mit seinen Strahlen umfassend. Wir begaben uns dann zur Feste Snaga zurück auf der mit Palmen bestandenen Chaussee, welche direkt zur größten Moschee der Oase führt. Dort konnten wir etwas bewundern, was man in Europa nicht alle Tage sieht — das mohammedanische Gotteshaus, den Tempel derJsla- miten. Man darf jedoch keinen Prachtbau erwarten. Zur Aufführung eines solchen hatte die arabische Bevölkerung von Stadt und Land kein Geld und — keine Lust. Was braucht der Araber des unstäten Nomadenlebens ein Gotteshaus? Unter freiem Himmel verrichtet er sein Gebet, des Morgens, wenn die Sonne den Horizont purpurn färbt, und des Abends, wenn sie dem Untergang sich neigt. Unter welchem Himmelsstrich er sich auch befindet, stets weiß er, auch ohne Kompaß, sehr genau die Richtung, in welcher die Stadt der Städte, die Stadt des Weltalls, Mekka, liegt, wo wohlbehütet von finsteren Derwischen unter einem schweren Steine die heilige Kaaba ruht, der er täglich einige Dutzend höchst devote Verbeugungen zu machen hat; und geht ihm in der Einsamkeit der Wüste das Wasser aus zu den vorgeschriebenen Waschungen, so gießt er, neben seinem verwunderten Kameele knieend, Körbe glühenden Sandstaubes aus über Haupt und Hand. Mit fünf blinkenden Kuppeln, von einem niedrigen Mauer-Viereck getragen, an das sich vorne ein runder, nicht allzuhoher Thurm anlehnt, tritt die Moschee in die Erscheinung. Der Thurm, einem oben und unten gleich- weiten Fabrikschornstein vergleichbar, dessen Schlot von einem Helm bedeckt wird, trügt an der Krone eine enge Galerie, die mittels einer durch schießschartenähnliche Fensterchen erhellten Wendeltreppe erklommen wird. Auch die Fenster der eigentlichen Kirche, vom Boden aus nicht erreichbar, sind nicht übermäßig groß, doch mit kunstvoller Glasmalerei versehen. Jede Kuppel, sowie der Thurm- helm trügt einen vergoldeten Halbmond. Das einfache, aller Ornamentik entbehrende Mauerwerk ist weiß getüncht und äußerst sauber gehalten. Der Eintritt in das Heilig- 258 thum ist dem „Gianr", d. i. Nicht-Mohammedaner, besonders wenn er noch dazu französischer Fremdenlegionär ist, auf das Strengste verboten. Ein mit einem Geleitsbrief des Mulcy Taieb von Marokko versehener Offizier derselben Truppe aber macht z. B. in diesem Verbot schon eine Ausnahme und darf sich die Geschichte da drinnen ansehen, ohne Gefahr zu laufen, von einer fanatischen Menge in Stücke gerissen zu werden. Ucbrigens ist der religiöse Fanatismus bei den am Nordrand der Sahara lebenden Araberstämmcn nicht nur zu einer Blüthe gestiegen, wie bei den nordalgerischcn Mohammedanern, unter denen ich Jahre lang gelebt, sondern es macht sich auch in ihrem Glaubenseiscr eine allgemeine Lauheit bemerkbar. Gleich wollen wir im Weiterschreiten die Probe für die Wahrheit dieser Behauptung machen. — Genau wie uns Christen, so ist es auch dem Muselmann eine heilige Pflicht, zu gewissen Tageszeiten Herz und Hand zum Himmel zu erheben und dem Vater dort droben, von dem alles Gute ausgeht, zu danken und ihn zu loben. Wenn Christen sich dieser Pflicht entledigen wollen, so nehmen sie meist ängstlich Rücksicht auf die Situation, in welcher sie sich gerade befinden, und gewahren sie, daß die Aufmerksamkeit Anderer auf ihre Handlungen gerichtet ist, so glauben sie, von falscher Scham beredet, durch ein kurzes Stoßgebet für dieses Mal ihre Schuldigkeit gethan zu haben. Anders der strenggläubige Muselmann. Er erläßt sich die für seine Gebetsübungen vorgeschriebenen Ceremonien unter keinen Umständen, mag er nun der Tafel eines Fürsten beiwohnen oder daheim sitzen unter dem Schatten seiner Palmen. Und bei ihm geht's nicht mit einem bloßen Händefalten ab. Geht die Sonne auf oder unter, stets, an jedem Orte, holt er seinen Gebet-Teppich hervor und murmelt die Koransprüche, jetzt leicht vornübergebeugt mit auf der Brust gekreuzten Armen, dann nicder- knicend mit erhobenen Händen, dann wieder das Gesicht bergend in den Staub. Der Muselmann, der echte, kennt keine Scham, wenn es gilt, Zeugniß abzulegen für seinen Glauben. In der Stunde des Gebetes vergißt er die Welt um sich her, vergißt er Glück, und selbst angesichts der drohendsten Gefahr weicht er kein Jota ab von den Geboten, die der große Prophet ihm hinterließ. - Der Araber, soweit er mit den Franzosen in Berührung gekommen und von ihnen gelernt hat, wie's heutzutage die vielgerühmten Christen machen, hat viel von seiner Streng- glänbigkeit verloren. Treten wir ein in jene Boutique, die den hochtönenden Namen „Cafä Maure" trägt. Die beiden Holzbänke längs den Wänden sind dicht besetzt mit bärtigen Arabern, gehüllt in weiße und braune Burnusse, die spitzige Kapuze anf dem Kopfe. Sie waren in eifriges Gespräch verwickelt, ehe sie unsern Eintritt bemerkten; jetzt sind sie urplötzlich stumm geworden. Unbeweglich hält die Rechte das niedliche Kaffeeschälchen, in dem der duftende Mokka erkaltet. Unbeweglich auch ruht die nachlässige Linke unter dem kameelhaarenen Gewände, unbeweglich sind Kopf und Füße. Schössen nicht Zornesblitze aus den schwarzfunkelnden Augen, man sollte glauben, die ganze Gesellschaft dort sei eine aus Stein gemeißelte Koboldenschaar. Unwillig nur reicht uns der Wirth den braunen Göttertrank. Hastig schlürfen wir ihn. Da ertönen plötzlich dumpf die Klänge des Metallbeckens, deutlich vernehmen wir den langgezogenen Ruf des Jmams, der zum Gebete ruft. Werden sie jetzt niederstürzen und, der Anwesenheit der Fremden nicht achtend, die Knie beugen zum Gebet? — Alles bleibt still. Schon verklingt vom Thurme des Priesters dreimaliger Mahnruf, und noch stets hält die Rechte unbeweglich die Porzellanschale — „Reform- Muselmann". — Mag sich aber immerhin der Araber Algiers klassificiren lassen in Reform- und strenggläubige Mohammedaner, ein festes, unlösliches Band umschlingt sie alle gemeinsam: der Haß gegen den fremden Eroberer, den Unterdrücker, und der Haß gegen die Hebräer. In seinem Herzen nährt der Araber die zuversichtliche Hoffnung auf den Tag, an welchem an der Spitze seiner Schaaren der Rache-Engel erscheinen und das fremde weiße Gezücht hinausjagen wird aus dem Lande seiner Väter mit flammendem Schwerte. Der Glaube an das Erscheinen des Tages der Rache sinkt mit ihm in's Grab. Aber ehe er stirbt, pflanzt der Greis ein grünendes Hoffnungsreis in das Herz des Sohnes, und der harrt nun an des Vaters Statt im gläubigen Vertrauen auf Allah, der immer hilft, wenn groß die Noth. Bis dahin führt er schweigend seine Heerde über die magere Trift, ruht aus unter seinem niedrigen Zeltdache und freut sich der Freiheit in der unendlichen Wüste. Nur an den Markttagen zeigt er sich auf feurigem Rosse oder bescheidenem Esclcin in der Franzoscn-Stadt, Mundvorrath umzutauschen gegen ein paar feiste Hammel. Doch noch nie hat der freie Sohn der Wüste sich dazu erniedrigt, Sklavendienste zu verrichten. Er duldet den fremden Herrn, aber er dient ihm nicht. So war der Abend gekommen, wir befanden uns wieder im Castcll „Snaga" und es wurden die Vorbereitungen zum Diner getroffen. Auch der Kalis fand sich wieder ein und nahm neben uns Platz. Das Essen war womöglich noch reichhaltiger als beim Frühstück. Nach der Erfahrung, die ich beim Morgenimbiß gemacht, mußte ich annehmen, daß unser Wirth sich bloß aus Höflichkeit zu uns gesetzt; diesmal sollte ich mich aber getäuscht haben, denn wenn die Nacht noch nicht eingetreten, so war doch die Sonne untergegangen. Dies wußte der Kalif sehr wohl, und da sein Appetit wahrscheinlich nicht gering war, so hatte er es so eingerichtet, daß anf die Minute servirt wurde. Und in der That leistete er diesmal sein Gehöriges, nicht jedoch ohne sein arabisches Experiment gemacht zu haben, welches darin bestand, zwei Fäden von verschiedener Farbe, einen rothen und einen blauen, gegen das Licht zu halten. Erkennt man die Farbe nicht mehr, so ist der Fasttag vorüber, und ebenso beginnt er morgens, wenn man die zwei Farben genau unterscheidet. Nach dem Dessert, welches aus herrlichen Pasteken oder Wassermelonen bestand, wurde uns der Kawna (Kaffee) servirt. Derselbe war von vortrefflicher Qualität. Nach mehrtägigem Aufenthalt in Fignig wurde endlich die Stunde der Abreise bestimmt. Wir schlössen uns einer Karawane an, die demselben Weg folgte. Es war in jeder Beziehung viel interessanter, in solcher Gesellschaft zu reisen, und so zogen wir denn nach einem herzlichen Abschiede vom Kalifen und seinen Leuten mit einer Karawane von ungefähr hundert Kameelen und etwa dreißig Kameelsührern (aoArars) weiter. Schon am ersten Tag verließen wir das Gebiet der Dünen und betraten wieder das Plateau. Für die Kameel- treiber ist dies eine willkommene Abwechslung, indem sie dann der Nothwendigkeit enthoben sind, Futtervorräthe für ihre Lastthiere mitzunehmen, weil sie hier hinlängliches Gesträuch als Ersatz finden. 259 Wenn man aus einem Dünenzug heraus auf das Plateau tritt, ist es auffallend, wie urplötzlich eine unbegreifliche Aufregung die Thiere erfaßt und sie nach allen Richtungen rennen, die einen nach rechts, die andern nach links. Diese Erscheinung findet sogleich ihre Erklärung: Der Appetit ist es, der sie zu einem beliebigen Strauch, gewöhnlich einem Thymian oder Drynbusch, hinzieht, den sie aus weiter Ferne erblickt haben, und auf den sie nun begierig losrennen. Nach einer Weile wird es ruhiger in der Zunft, und wenn sie dann alle zusammen auf einer Düne entlang ziehen, ihre Führer hinterdrein, und diese ihre Lieder anstimmen, so übt das einen seltsamen, ergreifenden Eindruck. Dieser Gesang lautet äußerst traurig und erinnert, wenn auch ganz verschieden von unseren europäischen Weisen, doch an eine gewisse melodischeOrdnung. Bon nicht geringem Interesse war auch das Nachtlager. Nicht immer traf es sich, daß wir zur rechten Zeit den Brunnen erreichen konnten und so kamen wir mehrmals in den Fall, am ersten besten Platz unser Lager aufzuschlagen. In der Regel sucht man sich einen Ort, wo etwas Gesträuch vorhanden ist, um damit Feuer machen zu können. Sofort luden wir unsere Kameele ab und machten uns an das Improvisiern einer Küche vermittelst einer kleinen Grube in den Sand. Die Beduinen thaten desgleichen, und nachdem sie ihren Kameclen das Knieband an einen Vorderfuß angelegt, überließen sie diese sich selbst. Es sucht sich jede Abtheilung, gewöhnlich aus sechs oder sieben Personen bestehend, ein eigenes Plätzchen zur Bereitung ihres Mahles. Dieses ist natürlich sehr einfach. Außer den Datteln, von denen man auch den Tag über genießt, führt jede Gruppe etwas Mehl mit sich zu den Galetten oder Kuchen, deren Zubereitung höchst pittoresk ist und nach der Tradition schon zu den Zeiten der Mutter Sarah dieselbe gewesen. Man nimmt einen kleinen, gewöhnlich nicht allzu sauberen Teppich, breitet ihn neben dem Feuer aus, schüttet etwas von dem Mehl darauf, knetet es, setzt etwas Schaffett und ein wenig Piment hinzu und drückt es dann zu einem Kuchen breit. Indessen ist das Holz abgebrannt; man macht eine Grube in den Sand, schiebt einen Theil der Kohlen hinein, legt den Kuchen darauf, überdeckt ihn mit den Nest derselben, häuft Sand darüber, steckt einen Zweig oder ein Palmblatt auf das Ganze und läßt so den Kuchen ungefähr eine halbe Stunde backen, während welcher Zeit man seine Andacht verrichtet und nachher sich nach orientalischer Weise Geschichten erzählt. Die Grube wird dann geöffnet, und das Mahl ist bereitet; dazu gibt es als Würze einen Trunk Wasser, das, wenn die Schläuche neu sind, einen nichts weniger als angenehmen Theergcschmack hat. So wenig Ansprüche man in solchen Fällen zu machen geneigt ist, so kann man doch mit dem besten Willen kein Wohlgefallen an dieser Küche finden, wenn alles, Suppe, Fleisch und Kaffee, nach Theer schmeckt. Trotzdem die Reise und der Aufenthalt unter den Palmen der Sahara uns viele genußreiche Stunden verschafft hatte, so war ich doch herzlich froh, besonders aber unsere Offiziere, als am vierten Tage unserer Rückreise die fahle Wintersonne die Minarets von unserer Garnisonsstadt Äm-Sefra im gold'nen Schimmer erblicken ließ und unseren von den Excursionen ziemlich ermüdeten Gliedern nach glücklich vollendeter militärischer Mission wieder mehrere Wochen Ruhe in Aussicht standen. ^ > j » ^ . - >- > Ei» Zagdünsflug nach Amerika. Im vorigen Sommer machten die Herren Premierlieutenants Dietrich und Fritz Freiherr v. Feilitzsch vom 4. Chevaulegers-Ncgiment in Augsburg eine Reise nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika, die neben der Besichtigung der hauptsächlichsten Sehenswürdigkeiten und der Chicagoer Ausstellung namentlich den Zweck hatte, im Herbst in Montana und Wyomiug auf einige Wochen dem Waidwerk obzuliegen. An dieser Partie, die finanziell gegen eine sehr namhafte Beisteuer von einem Münchener Herrn geleitet wurde, nahmen noch einige andere Herren Theil, darunter ein Graf Zeppelin aus Württemberg und der Rittmeister Graf Blücher vom preußischen Garde- Kürassier-Negiment. Wie schon früher über seinen Jagd- Ausflug nach Norwegen, so hielt auch über dieses Unternehmen der inzwischen zum Rittmeister beförderte Herr Baron v. Feilitzsch in der Section Augsburg des Alpen- Vereins einen Vortrag, der dem ungewöhnlich zahlreichen Auditorium eine natnrwahre und lebhafte Vorstellung von dem Jagdleben vermittelte, wie eS die Herren im fernen Westen Nordamerikas führten, und zugleich eine treffliche Schilderung einiger der dortigen Sehenswürdigkeiten wie der allgemeinen Verhältnisse darbot, welche Darstellungen um so unmittelbarer und anziehender wirkten, als der Herr Vortragende augenscheinlich nur Selbst- erlebtes und Selbstempfundenes schilderte. Die „A. Abendztg." berichtet hierüber: Die Augsburger Herren reisten am 20. Juni mit dem Dampfer „Havel" von Bremen nach New-Iork ab und trafen später in Chicago mit der übrigen Jagdgesellschaft zusammen. Nach Besichtigung der Ausstellung, des Niagarafalls und anderer Sehenswürdigkeiten erfolgte die Eisenbahnreise nach dem Westen zunächst bis in das Territorium Arizona, wo den berühmten Colorado-Kannons, den bis 2000 Meter tiefen, geologisch hochinteressanten und ein farbenprächtiges Felsenchaos bildenden Niesen- einschnitten des Coloradostromes ein mehrtägiger Besuch abgestattet wurde. An Ort und Stelle ausgeführte prächtige Aquarelle kamen bei der Schilderung dieser eigenartigen Fclscnlandschaft der Vorstellung der Zuhörer sehr erwünscht zu Hilfe. Die Eisenbahnreise ging dann weiter westwärts bis nach los Angelas, der seit der Eröffnung der Eisenbahn rasch anwachsenden ältesten Stadt Kaliforniens, und hierauf nordwärts nach Sän Francisco, wobei unterwegs ein Abstecher nach dem berühmten Aose- mitethal in der Sierra Nevada gemacht wurde. Der Herr Vortragende fand, daß gegenüber unseren herrlichen Alpen der Eindruck dieser vielgerühmten Landschaft weit hinter den Erwartungen zurückbleibt und es sich eigentlich nicht gelohnt hätte, mit 189 Mark Extrakosten und bei einer Hitze von 126° Fahrenheit (42° Nsaumur) den Ausflug dorthin zu unternehmen. Doch war es immerhin interessant, die wahre Naturwunder bildenden Mammuthbäume (Loquoja, oder WöllinAtoniL §i§ant6L und Le^uoja. somporvirans) im Mariposahain zu sehen, welche mehrere Tausend Jahre alten Baumriescn ihre Kronen bis über 80 Meter hoch in die Lüfte erheben und Stämme bis zu 10 Meter Durchmesser haben. Mehrere dieser Bäume wurden von den Reisenden theils photographirt, theils aquarcllirt. An Wild wurden hauptsächlich kalifornische Schopfmachtclu, Hasen, Prairie-Eulen und Prairie-Hunde beobachtet. In Sän Francisco wurden einige Wochen in deutscher Gesellschaft verbracht, dann ging es mit dreißig- ! ständiger Eisenbahnfahrt nordwärts der Sierra Nevada 260 entlang nach der Stadt Portland im Norden des Staates Oregon, und von da nach Newport an der Küste des stillen Ozeans, von wo aus in zwei Gesellschaften getrennt der erste Jagdausflug in richtiges Urwaldgelände erfolgte, der reich an ganz ungewöhnlichen Strapazen, aber gering an Jagdbeute war. Kalte Biwaks an spärlichem Lagerfeuer trugen nicht gerade zur Erhöhung des Vergnügens bei, und wenn die Jäger von dem Ertrag ihrer Büchse hätten leben sollen, wären sie verhungert. Die erwarteten Heerden von Elchs und Virginiahirschen wurden vergeblich gesucht, dagegen boten die Flüsse und Bäche zum Glück zahlreiche und schöne Forellen und Krebse zum Lebensunterhalt. Freiherr v. Fcilitzsch erlegte indessen mit sicherem Kugelschuß einen Seeadler von 205 Ceniimeter Flügel- weite. Nach der Rückkehr nach Portland, wo die Jagdgesellschaft den Sedantng feierte, und auf ihrer Reise nach Wyoming und Montana wurden die Herren in jeder Stadt interviewt und die Zeitungen brachten die ergötzlichsten Berichte über sie. Einige davon gab der Herr Vortragende unter stürmischer Heiterkeit seiner Zuhörer zum Besten. Ein Blatt imponirte seinen Lesern mit der Artikelüberschrift: „Zwei wirkliche, lebendige deutsche Grafen sind in unserer Stadt"; ein anderes wußte zu melden, daß der eine dieser Grafen ein Enkel des berühmten Feldmarschalls Blücher vulZo „Marschall Vorwärts" sei, die „Oregon- Staatszeilung" aber hatte gar herausgebracht, daß die deutschen Herren gekommen seien, den wildgrimmigen Grizly- Bären zu erlegen, „um sein Fell späteren Generationen als Erbstück glorreicher Ahnen zu hinterlassen". Im Territorium Wyoming besuchten die Reisenden zunächst den interessanten Aellowstone-Nationalpark mit seinen zahlreichen heißen Spnngqucllen (Geisern) und eigenartigen landschaftlichen Schönheiten, der, dreimal größer als das Königreich Sachsen, eine dauernde Schonstätte für alles Wild, auch Naubthiere, bildet und daher ungemein wildreich ist. Hier leben auch noch einige Hundert Büffel, die letzten Ueberreste der Hunderttausende, die noch vor 20 Jahren den amerikanischen Westen bevölkerten, außerdem finden sich Tausende von Wapiti- und Virginiahirschen, Antilopen und Moosthieren (amerikanischen Elchen), ferner graue, braune und schwarze Bären, Puma (Silberlöwen), Luchse, Wölfe, aber wenig Füchse, zahlloses Wassergeflügel. Das Wild ist ungemein vertraut, und es gelang Herrn Baron v. Fcilitzsch sogar, einen hinter dem Neisewagen herschnürenden Wolf zu überlisten und auf 6—8 Schritte Entfernung zu Photographiren. Der Wildschutz wird im Jellowstonepark unnachsichtlich streng gehandhabt, und beim Betreten des Parkes werden alle Gewehre, sogar Revolver, versiegelt. Trotzdem aber zwei Eskadrons Kavallerie patrouilliren, wird, namentlich an den Grenzen, doch viel gewildert. Mitte September begann die eigentliche große Jagdpartie, und zwar von der Station Livingstone im Staate Montana aus. Wie in Oregon theilte sich die Jagdgesellschaft in zwei Partien, die vom 20.—25. Oktober in Livingstone wieder zusammentreffen wollten. Jede Partie bestand aus vier Herren mit einem Trapper als Führer, einem Packer und vierzehn Pferden, die theils gekauft, theils gemiethet werden mußten. Die Jagdgebiete lagen zehn bis zwölf Tagereisen auseinander. Von dem nun folgenden mehrwöchentlichen Lagerlcben und der Art der Jagdausübnng entwarf der Herr Vortragende eine Reihe höchst anschaulicher Bilder, aber trotz aller Mühseligkeiten und Strapazen war auch hier seiner Partei das Jagdglück nicht hold, weil es eben an Wild fehlte. Der Unternehmer hatte es augenscheinlich an der richtigen Orientirung fehlen lassen und der führende Trapper war ein fauler Bursche, der nicht das geringste Interesse zeigte, die Herren zum Schuß kommen zu lassen, dafür aber im Zelt beim Essen und Trinken um so leistungsfähiger war. Auch war die Witterung die denkbar ungünstigste, und tagelang konnten die Jäger wegen Schneegestöber ihre Zelte nicht verlassen. Die Jagdpartie wurde deßhalb abgekürzt und Frhr. v. Feilitzsch versuchte sein Glück allein, indem er sich einem Jagdzuge nach Canada anschloß, wo er u. A. einen Deerbock (Virginiahirsch), Puma und Prairie- wolf zur Strecke brachte. Der andere Theil der Jagdgesellschaft hatte bessere Jagdgründe getroffen. Im Vergleich zu seiner früheren Jagdpartie nach Norwegen fand der Herr Vortragende, daß der Wildreichthum dort eben so gering war, wie in Nordamerika, in Norwegen waren aber die eingeborenen Jäger zuvorkommender und eS gab in den vorhandenen Blockhäusern bessere Unterkunft. Die körperlichen Anstrengungen waren in Norwegen fast noch größer. Nach der Rückkehr aus Canada besichtigte Herr Baron v. Feilitzsch noch das berühmte Schlachtfeld von Gettysburg in Pennsylvanien und reiste dann nach Ncw- Aork, wo er auf der deutschen Gesandtschaft die Nachricht von seiner Beförderung zum Rittmeister vorfand. Auf der Rückreise besuchte er noch London und Paris und traf Mitte Dezember v. I. wieder wohlbehalten in der Heimath ein. Der hochinteressante Vortrag fand den lebhaftesten Beifall. --SÄ8W-S--- GotdkSrnev. Wer sich allein für klug hält — Muß allein zu Grunde gehen. Der Tod ist rettende Genesung, — Der finst're Durchgang nur vom Licht zu hellcrm Licht. In And'rer Glück sein etg'neö finden, Ist edler Seelen Seligkeit; Doch selbst der Andern Wohlfahrt gründen, Zu frohem Dank ihr Herz entzünden, Ist göttliche Zufriedenheit. --8SWLS-.-- Kreuz-RätHfek. 1 3 ein altberühmt Geschlecht, Von einer Krone Glanz umflosscn, 2 4 hat oft unö schlecht und recht Der Vorzeit Wunder aufgeschlossen, 3 4 zeigt oft sich als Tyrann, Doch sollst du nicht zu sehr ihm dienen» 1 4 thut gern der kühne Mann Und der Bequeme fährt in ihnen. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 32: Weiß. Schwarz. 1. S. ^.6-67 K. V4-65 : 2. S. 67-85 beliebig 3. V3-V4 (D. - M) Matt oder 1. : : : . l : l §5-L4: 2. D. Ü2-Ü4 : Matt. Auflösung deS Bilder-Näthsels in Nr. 33: Wiener Walzer. ---HZWS-- AnteWltung zur „Augsburger Post;eitung". 35. Dinstag, den 1. Mai 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Berlag des Literarischen Instituts von Haas r. Franz Hitzr. Der Doctor blickte ihn ganz entsetzt an und meinte nach einer Weile: „Das wäre ja in unserer Stadt und Umgegend ein recht herrliches Leben alsdann. — Zum Henker noch einmal, ich danke dafür, so unversehens einige Kugeln hinterrücks in den Pelz zu bekommen. Es sieht freilich ganz darnach aus, obgleich ich nicht recht begreife, was der Mord hier für einen Zweck gehabt. Bei unserer Tante Hanna war's doch ein regelrechter Raubmord, — aber hier —" Er schüttelte den Kopf und reichte dem jungen Gutsbesitzer, der kein Wort darauf erwiderte und nur die Achseln zuckte, die Hand zum Abschied. „Ich fahre Sie selber zurück nach der Stadt, Herr Doctor!" sagte Marbach, „ich werde dem Gericht gleich oie nöthige Anzeige machen." „Ja, das ist allerdings nothwendig, — wo wollen Sie Ihren Freund begraben lassen?" „Er soll hier auf meinem Grund und Boden schlafen, — will den armen Kerl wenigstens in meiner Nähe behalten. — Ob Fräulein Holten wohl dem Vater der Kleinen die nöthige Mittheilung zukommen lassen kann?" setzte er etwas zögernd hinzu. „Ja, hab' mit ihr darüber schon gesprochen," erwiderte der Arzt achsel- zuckend, „ist eine vertrackte Geschichte, da der Herr Steindorf seine Adresse nicht hinterlassen hat. Er wollte ja nach der Residenz, wie Fräulein Hollen glaubt, aber ihn dort aufzufinden, wird nicht gut möglich sein." „Es müßte dann vielleicht die dortige Polizei benachrichtigt oder ein darauf bezüglicher Aufruf an verschiedene große Zeitungen gesandt werden." „ Das läßt sich hören, Herr Marbach!" rief der Doctor, „können, wenn Sie wollen, in Edenheim vorfahren und Fräulein Holten diesenVorschlag machen. Eine recht fatale Geschichte für die Arme, welche ganz und gar aus ihrem gewohnten Geleise dadurch gekommen ist." Der Wagen war mittlerweile vorgefahren und die beiden Herren fuhren davon. Armgard Holten war mit Allem einverstanden. Sie dankte dem jungen Nachbar und bat ihn, das Weitere zu veranlassen, auch das Nöthige für das Be- gräbniß der Kleinen zu besorgen. Das sonst so ernste, in allen Dingen ruhige, junge Mädchen, welches selbst bei Tante Hanna's Schicksal ihre Fassung bewahrt hatte, konnte jenen traurigen Auftrag kaum hervorbringen und kämpfte sichtlich mit seinen Thränen. Marbach schwang sich plötzlich auf den Wagen, und fuhr so jäh und rasch davon, daß der alte Arzt, welcher sich noch nicht niedergelassen, mit einem leisen Fluch zurücksank und sich erschreckt festhielt. „Was haben Sie denn nur so plötzlich, Herr Marbach?" schrie er unwillig, „wollen die Pferde durchgehen?" „Es schien eben, als ob sie Lust dazu hätten," erwiderte der junge Mann, sich verlegen umwendend. „Entschuldigen Sie, Herr Doctor, thut mir aufrichtig leid, daß Sie davon alterirt worden sind." „Ei was, ich Hütte nur einfach hinabstürzen uno 264 dcn Hals brechen können," brummte der Alte, sich den Hut gerade rückend. „Mich dauert die kleine Holten, fürchte wirklich, daß sie ernstlich krank davon wird. Was der vertrackte Steindorf hier in der Heimath zu suchen hat? — Hätte drüben bleiben können, dann wäre das Alles nicht passirt." Marbach sah ihn überrascht an und blickte dann nachdenklich in die Ferne. „Merkwürdig," sagte er endlich, „daß Fräulein Holten sich viel mehr aus dem allerdings sehr traurigen Ende dieses fremden Kindes zu machen scheint, als aus dem schrecklichen Schicksal der ihr doch so sehr befreundeten Tante Hanna." „Na, das ist immerhin aus verschiedenen Gründen erklärlich, junger Herr!" versetzte der-Doctor, ihn forschend anblickend. „Zuerst ist Tante Hanna sehr alt und dieses Kind natürlich sehr jung, zwei krasse Gegensätze, welche zu Gunsten der Kleinen bedeutend in die Waage fallen. Sodann, und das denke ich mir als die Hauptursache, war das Kind ihrem Schutze anvertraut, während Tante Hanna selbstständig zurück in ihr Verderben rannte. Eine solche Schutzbefohlene ist immerhin eine Gewisfenssache und tritt dann zum Ueberfluß noch der Umstand hinzu, daß es just das einzige Kind einer alten, vielleicht noch immer nicht ganz eingerosteten Liebe ist —" Bei diesen Worten des alten Arztes gab Marbach den Pferden einen so heftigen Schlag, daß sie sich bäumten und dann im Galopp fortstürmten. Er vermochte die feurigen Thiere kaum zu bändigen und mußte seine ganze Kraft aufbieten, um die Herrschaft wieder zu erlangen. Der Doctor saß ganz ruhig. Er lächelte still vor sich hin und rauchte unbekümmert seine Cigarre. Als die Pferde wieder ruhig forttrabten, sagte er: „Das scheinen empfindliche Schwerenöther zu sein, müssen die Peitsche bei ihnen schonen, wie mich dünkt." „Ja, sie wissen genau, wenn sie ungerecht bestraft werden," bekannte Marbach lächelnd, „und das war in der That vorhin der Fall." Wieder lächelte der Doctor eigenthümlich vor sich hin, er wußte ja, weßhalb es geschehen. (Fortsetzung wtgl.) --ssWSes- Goldkörner. Ein heit'rer Geist, ein froher Sinn — Sie sind der Menschheit beste Gabe. — Und wird die Weisheit früh du Gutsverwalterin, So reicht der Verrath bis zum Grabe. G. C. Ps.ffel. -- Luftspiegelungen. Von M. Dursch-Nebenan. (Nachdruck verboten.) Ein blauer Sommerhimmel wölbt sich über Siziliens lieblichen Gestaden. Die Luft ist rein und unbewegt, und des Meeres Wogen dehnen sich spiegelglatt. Da zeigt sich dem Wanderer auf Neggios Höhen ein wundersames Bild. Wie durch Zaubermacht hervorgerufen, erscheinen über der Fläche des Wassers prachtvolle Marmorschlösser mit Balkönen und Fenstern, mit üppigen Gärten und schäumenden Springbrunnen, hohe Thürme schweben über der Fluth, Kirchen und Prozessionen, Soldaten in blitzenden Waffen, Rosse und Reiter. Sie ziehen vorüber, still und lautlos, und an ihre Stelle treten Wiesen und Triften mit weidenden Heerden; verfallene Paläste mit Säulen und Bogen, Cedernhaine und dunkle Fichtenwälder. Auch sie ziehen stU in der Ferne vorbei, und neue Bilder entzücken das Auge durch ihren Märchenzauber, durch ihre lebensvolle Farbenpracht. Aber tiefer und tiefer senkt sich die Sonne, und mit einemmale verschwinden die Wunderdinge, wie von unsichtbarer Hand hinweggehoben. Diese herrliche Erscheinung ist bekanntlich eine Folge der Strahlenbrechung, vermöge deren wir ja auch das Bild der aufgehenden Gestirne erblicken, wenn sie noch nicht einmal den Himmelsrand berühren. Diese Abspiegelung ferner Gegenden in der Luft tritt besonders ein, wenn sich über großen Flächen des Landes oder des Meeres eine außerordentlich ruhige Luftschichte befindet, so daß die nach Sonnenaufgang erwärmten und daher verdünnten unteren Luftschichten nur sehr allmälig mit den oberen dichteren sich mischen. Man kann diese Erscheinungen namentlich in Aegypten und Ungarn, sowie über den Sandwüsten Persicns und der Tatarei beobachten. Ueber dem Meere werden zuweilen doppelte oder mehrfache Bilder von Schiffen in weiter Ferne abgespiegelt, und zwar zu einer Zeit, wo sich die Fahrzeuge wegen der Krümmung der Erde noch außer Sicht befinden. Hierin haben all die mannigfachen Sagen von Gespenster- und Todtenschiffen, hat die Märe vom „Fliegenden Holländer" ihren Ursprung; hierauf gründete sich auch die so wunderbar scheinende Ankündigung kommender Fahrzeuge durch bekannte Leuchtthurmwärter, die nichts weiter als das Ergebniß täglicher Beobachtung war. Häufig gewahrt man auch die Bilder ferner, in Folge der Erdkrümmung unter dem Gesichtskreise liegender Seestädte so nahe und deutlich in der Luft abgespiegelt, daß man selbst Flaggen und einzelne Fischerboote zu unterscheiden vermag. Prächtige Erscheinungen haben auch Luftschiffer beobachtet, wenn sie in jenen einsamen Räumen segelten, die keines Adlers Fittig mehr durchrauscht. Nicht selten sahen sie über sich das Meer, über dem sie schwebten, abgebildet — das Meer mit all seinen Schiffen und Barken, deren Masten freilich nach unten, deren Kiele nach oben gerichtet waren. Oder sie erblickten, wenn ihnen gegenüber plötzlich die Sonne hervortrat, auf den Wolken das genaue Bild ihres Ballons, umschlossen von einem prachtvollen Bande verschiedenfarbig leuchtender Kreise. Solche Erscheinungen der Strahlenbrechung zeigen sich übrigens auch auf hohen Gebirgen; so im bekannten Brockengespenste oder in der Abspiegelung von Bergsteigern und ihren Gerüthen. Von einer merkwürdigen Lufterscheinung berichtet der Engländer Clarke. An einem herrlichen Abende des Sommers 1743 bemerkten Spaziergänger in der Nähe Souther- fells flüchtig dahinjagende Rosse, verfolgt von einem Mann und einem Hunde. Die Gestalten eilten mit überraschender Schnelligkeit den steilen Berg hinauf, bis sie oben plötzlich verschwanden. Am andern Morgen bestiegen die Zuschauer die Anhöhe, fest überzeugt, im Abgrunde die zerschmetterten Körper zu finden, aber wie erstaunten sie, als sie weder die geringste Spur von Menschen und Pferden, noch auch im Grase den leisesten Eindruck eines Hufes wahrzunehmen vermochten. Luftspiegelungen waren auch den früheren Zeiten nicht unbekannt. MM4 ^MM WMM ^?-> < B^E-Z !»A WZGÄsÄ'W MME M?;: "MWZ ^ ' MK '§6niogj,8k>.Anoes otaä gniävig anäsnäurn xrowxtl bezeichnet, und beeilen uns, in das Centrum Belgiens, in das kornreiche Brabant, zu gelangen. Wir passiren das geschichtlich denkwürdige Landen, bekannt durch Philipp von Landen (ch 640), den Majordomus des Königs Dagobert I. von Austrasien, und durchqueren hernach die Ebene von Neerwinden, auf welcher die Franzosen unter dem Marschall von Luxemburg 1693 die Engländer unter dem König Wilhelm III. von Oranien besiegten, hundert Jahre später aber unter ihrem General Dumouriez selbst den Oesterreichern unterlagen. Nach zweistündiger Fahrt erreichen wir Löwen, eine Stadt von nahezu 40,000 Einwohnern, welche aber leider von ihrem alten Glänze als ehemalige Hauptstadt des Herzogthums Brabant wenig mehr gerettet hat. Ein Gang durch die Nue de la Station führt uns direct in den Mittelpunkt der Stadt, zur Grande Place, auf welcher sich das Rathhaus in verschwenderisch reichem, spätgothischem Stile erhebt. Sein Erbauer war der berühmte Matthäus de Layens, »Maurermeister der Stadt und des Weichbildes", wie er genannt wird. Das Gebäude erhebt sich in drei glänzend ornamenttrten Stockwerken, welche ein hohes mit Maßwerkbrüstung verziertes Dach abschließt. Oben steigen 6 schlanke, achteckige Thürmchen empor, welche ein neuerer Kunstkritiker wegen der Zierlichkeit und Feinheit der Ausführung als Muster plastischer Filigran-Arbeit bezeichnet. Dem Rathhaus gegenüber ist die mächtige, fünfschisfige St. Peterskirche, im 15. Jahrhundert erbaut, welche auf den Beschauer einen monumentalen Eindruck ausübt. Bemerkenswerth sind besonders das große, aus Holz geschnitzte Hauptportal und einige schöne Gemälde aus der Schule des Hans Memling (1430 bis 1495), welche sich durch gute Zeichnung und klare Farbentönung auszeichnen. Auch der Chor-Umgang mit dem Kapellenkranz, sowie die im nördlichen Querschiffe aufgestellte Orgel verdienen Beachtung. Südlich von der Peterskirche liegt die Universität, welcher Löwen neben den großen Wirkereien seine Berühmtheit im Mittelalter verdankt. 1317 als Zunfthaus und Waarendepot der Webergilde erbaut, wurde das Gebäude 1679 der Universität überlassen und legt noch heutzutage, trotzdem es im Innern durch Einbauten nicht glücklich verändert wurde, ein schönes Zeugniß für den Geschmack und den Reichthum seiner Gründer ab. Jahrhunderte lang galt die Universität, welche Herzog Johann IV. von Brabant im Jahre 1426 gegründet hatte, als die erste in Europa. Nach chronistischen Angaben soll zur Zeit des Justus Lipsius (-st 1606) die Zahl der Studenten über 6000 betragen haben. Auch heutzutage nimmt die Universität keinen unbedeutenden Rang unter den Hochschulen des Landes ein, zumal sie jetzt unter der Leitung der Jesuiten einen wirksamen Gegenpol gegen die Freimaurer-Universität in Brüssel bildet. Nicht weit davon entfernt ist das Zunfthaus der Brauer (rnaison ciss brassours) und die St. Gertrudenkirche, welche sich rühmen kann, außer einigen hübschen Neliefbildern das schönste Chorgcstühle Belgiens zu besitzen. Sonst bietet diese stille Stadt, welche nur mehr der Schatten ihrer früheren Größe ist, nichts besonders Sehenswerthes mehr, weßwegen wir weitereilen und den freundlichen Leser bitten, uns nach Brüssel zu begleiten. Wer Brüssel zum ersten Male in einer schönen Sommernacht betritt, auf den wird eS einen eigenthümlichen Zauber ausüben. Die Straßen alle festlich beleuchtet von tausend und abertausend Flammen, belebt von einer wogenden Menge, für welche es keine Nacht zu geben scheint; die Läden geöffnet mit allen ihren Luxuswaaren, die auch dem raffinirtesten Geschmacke Rechnung tragen; die Cafes besetzt bis mitten in die Fahrstraße hinein — man werkt, daß man in keiner deutschen — fast möchte ich sagen — in einer französischen Stadt sich befindet. Brüssel liegt zum Theile auf einer Anhöhe, zum Theile in einer Ebene und besteht aus der höher gelegenen, durch das Quartier Leopold erweiterten oberen und aus der unteren Stadt, welch letztere von mehreren überwölbten Armen der Senne und einigen Kanälen durchschnitten wird. Während die obere Stadt fast ausschließlich von der feineren Welt, der Geld-, Geburts- und Kunst-Aristokratie, bevölkert wird, concentrirt sich das Erwerbsleben in dem unteren Theile, dessen Festungswälle in den letzten Jahrzehnten schönen und schattenreichen Boulevards weichen mußten. Die Einwohnerzahl hat sich seit den letzten zwanzig Jahren bedeutend vermehrt, so daß Brüssel einschließlich der Vorstädte Schaerbeek, Jxelles, Anderlecht, Lacken u. f. w. nahezu eine halbe Million erreicht, wenn nicht überschreitet. Die Wanderung in die Stadt dürfte den Nordbahnhof als den zweckmäßigsten Ausgangspunkt haben, denn einerseits hat man dabei die ganze Stadt vor sich, anderseits nehmen hier die Hauptstraßen (Boulevard du Jardin Botanique mit seinem Anschluß an die Nue Royale und Boulevard du Nord mit der Fortsetzung im Boulevard Anspach) ihren Anfang. Gleich östlich oom Nordbahnhof, der von Coppens im Renaissancestil erbaut wurde, befindet sich das große städtische Spital, l'Hopital de St.-Jean, das für 400 Kranke Raum bietet und in Bezug auf seine innere Einrichtung mit jedem Krankenhause anderer Weltstädte in Wettstreit treten kann. Ihm gegenüber ziehen sich die Hügel des botanischen Gartens hin, dessen gewaltige Treibhäuser den Besuch eines jeden Blumenfreundes verdienen. Besondere Erwähnung verdient das große Palmenhaus, sowie die das Hauptbassin umgebende Herr- 275 liche Bosquetgärtnerei. Ein Viaduct führt in die breite und lange Rue Royale, in welcher sich das administrative und diplomatische Leben des Staates vollzieht. Schon von ferne ist die das Häusermeer weit überragende Congreßsäule sichtbar, welche zur Erinnerung an die Bestätigung der Verfassung und die Erwählung des Prinzen Leopold von Sachsen-Coburg zum Könige der Belgier im Jahre 1831 errichtet wurde. Es ist eine 45 Meter hohe dorische Säule, oben gekrönt durch eine 4 Meter hohe Statue des Regenten. An ihrem Sockel sind die Namen der 237 Mitglieder des Congresses, sowie der provisorischen Regierung von 1830 auf Marmorplatten angebracht. Von der oberen Gallerie, zu welcher im Inneren eine bequeme Treppe hinaufführt, bietet sich ein überraschender Blick über die Stadt. Nicht weit davon entfernt liegt das Palais de la Nation, ein massiger, ursprünglich für den Rath von Brabant bestimmter Bau aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts, in welchem von 1817 bis 1830 die niederländischen Generalstaaten ihre Sitzungen hielten, während es seit dieser Zeit der Volksvertretung als Parlamentshaus eingeräumt ist. Eine Meisterschöpfung in seiner Art ist der große städtische Park, in dessen schattigen Alleen einst die Herzoge von Brabant lustwandelten. Mit seinen Marmorfontänen und Steinbalustraden, seinen Bassins und Statuetten, unter welchen einige hohen künstlerischen Werth beanspruchen, erinnert er entfernt an den Luxem- bourg-Garten in Paris. Wie dieser, so ist auch er an Sommertagen der Sammelpunkt der eleganten Welt, welche unter den Klängen einer Militärmusik und dem Plätschern der Springbrunnen sich hier ihr Rendezvous gibt. Ein großer Steinbau, Vauxhall genannt, bietet an Regentagen Zuflucht und enthält einen prächtigen Concertsaal, in welchem die königl. Theaterkapelle öfters classische Musikaufführungen veranstaltet. Leider war auch der Park schon Schauplatz blutiger Kämpfe. Bei dem Aufstande im Jahre 1830 bot er den Insurgenten unter der Führung des späteren Ministerpräsidenten Rogier einen festen Stützpunkt, von dem aus sie den niederländischen Truppen unter dem Prinzen Friedrich energischen Widerstand entgegensetzten. Auch im vorigen Jahre, als die Wogen der Revolution bis an die Residenz schlugen und der König zu seinem Schutze „nach berühmten Mustern" Kanonen vor seinem Palais auffahren ließ, bildete der Park ein vielumstrittcnes Object zwischen den Aufständischen und den regierungstreuen Truppen. Für gewöhnlich befindet sich der königliche Hof nicht in Brüssel, sondern in dem nahegelegenen Laeken, das nach dem Brande, dem vor einigen Jahren ein großer Theil des Schlosses zum Opfer gefallen, wieder neu und herrlich erstanden ist. In unmittelbarer Nähe des Parks und der Residenz befindet sich auch die größte Kunstgallerie Brüssels, die sogenanute Ecole des Beaux Arts. Vier Mächtige korinthische Säulen zieren den Eingang des antik gehaltenen Gebäudes, über welchem sich die allegorischen Figuren der Musik, Architektur, Sculptur und Malerei erheben. Während das Erdgeschoß, das die ganze Höhe des Gebäudes einnimmt, die Vildhauerarbeiten enthält, ist der obere Stock für die Gemäldegallerie bestimmt. Allerdings vermochte die Skulptur in den Niederlanden nicht zu hervorragender Bedeutung zu gelangen oder zu jener Höhe emporzusteigen, zu welcher sich die Malerei am Ausgange des Mittelalters emporgeschwungen hat. Doch finden sich allenthalben gute Werke, denen originelle Auffassung und feine Empfindung nicht abzusprechen ist. Zu dem Besten, das die Ecole an plastischen Werken besitzt, gehört Bour-i's „gefesselter Prometheus", Geefs' „gefallener Engel", die beiden Marmorbüsten Kessel's, Christus und die Jungfrau Maria darstellend, und einige kleinere Genrestücke, wie Scpers' „junger Neapolitaner, auf der Nauglia spielend," u. a. Viel höher ist die Bedeutung Belgiens auf dem Gebiete der Malerei; hier haben die niederländischen Schulen dcS 15. und 17. Jahrhunderts einen Ruf sich erworben, der weit die geographischen Grenzen ihres Vaterlandes überschreitet und nicht geringer ist, als der Ruf der Malerei in Deutschland zu den besten Zeiten eines Dürer, Holbeiv u. s. w. Nur wenige Länder können in dieser Hinsicht den Niederlanden gleichberechtigt an die Seite treten, kein Land aber, mit Ausnahme Italiens, das hier die erste Stelle einnimmt, hat sie überflügelt. Wie der schon genannte Guicciardini berichtet, gab es bereits am Ende des 14. Jahrhunderts in den größeren Städten geschlossene Malergilden, welche nicht blos mit Bücher- und Glasmalerei, sondern auch mit Tafelmalerei sich befaßten. Die eigentliche Blüthe des Kunstlebens begann aber erst um die Wende des 15. Jahrhunderts, als die beide» Brüder Hubert und Jan van Eyck (ersterer 1366—1426, letzterer 1386 — 1440) der Malerei ihrer Zeit eine Höhe der Vollendung anwiesen, welche auf Jahrhunderte nachhielt und neue Bahnen der Entwickelung eröffnete. In diesen beiden Meistern, welchen auch das Verdienst gebührt, die Technik der Oelmalerei gefördert zu haben, brach sich zum ersten Male das Streben nach freierer, naturgemäßer Darstellung durch, weswegen ihre Figuren mit vollendeter Feinheit und Kraft des Colorits zugleich Naturwahrheit und dramatische Belebtheit verbinden. Wer der größere der Beiden gewesen ist, läßt sich aus ihren Werken schwer entscheiden, doch besitzen wir das Zeugniß des einen Bruders, der, sei es aus Bescheidenheit, sei es aus Ueberzeugung, sein Urtheil auf einem Altarbilde der St. Bavo-Kirche in Gent mit den Worten ausspricht: Huiosrtus — major guo nemo rexsrtus. Diesem Künstler-Brüderpaar folgte ihr berühmter Schüler Hans Memling (1430—1495), der „Lyriker der Malerei", der den Höhepunkt der Eyck'schen Schule bezeichnet. Klare Färbung, richtige Zeichnung und scharfe Naturbeobachtung sind die Vorzüge, welche seine Bilder auszeichnen. Unter den späteren Künstlern der altflandrischen Schule, Dierick Bouts, Lucas van Leiden, Gerard David u. s. w., beginnt sich schon allmählig der Einfluß der italienischen Renaissance geltend zu machen, welcher gänzlich die Maler des 16. Jahrhunderts sich nicht entziehen konnten. Es wiegt das Streben nach classischen Formen vor, die Originalität und natürliche Ungezwungenheit, die auf den Bildern der ersten Kunstperiode sich zeigte, verschwindet und macht einer nur auf äußeren Prunk berechneten Technik Platz. Die bekanntesten Künstler dieser Zeit sind Bernhard van Orley (1488—1542), Franz FloriS (eigentlich Frans de Vriendt, 1520—1570) und die Familie Brueghel in ihren drei Vertretern, dem Vater Peter Brueghel (1520—1669), genannt Bauernbrueghel wegen seiner Vorliebe für Bauernscenen, und den Söhnen Peter (1564—1637) und Jan (1568—1625), von denen ersterer wegen seiner Specialität, immer schauerliche und schreckhafte Sujets zu wählen, den Namen Höllenbrueghel, letzterer wegen seiner beliebten Darstellung von Sammtkleidern den Namen Sammtbrneghel erhielt. 276 Gegen diese Richtung, welche sich in einer überströmenden Fülle von Einzelheiten ohne Rücksicht auf die Harmonie des Ganzen verlor, erhob sich um die Wende des 17. Jahrhunderts eine Opposition, welche der niederländischen Kunst neue Kraft und frisches Leben einhauchte. Der 80jührige Kampf der Holländer gegen die spanische Tyrannei war vorbei, sie hatten ihre politische Freiheit sich erkämpft und wie auf nationalem, so auch auf künstlerischem Gebiete neue Bahnen gefunden. Hatte sich bis dahin die Musische und holländische Malerei in gleichen Geleisen bewegt, so trat am Beginne des so fruchtbaren 17. Jahrhunderts die Trennung ein in die südliche spanische Schule mit ihrem Hauptvertreter Rubens und in die holländische mit Nembrandt. Die gleichmäßige Betonung des Colorits blieb zwar stets beiden Richtungen gemeinsam, stofflich aber gehen sie weit auseinander. Die flandrische Schule, deren Hauptsitz das katholische Brabant war, neigte sich zur historischen Malerei hin, welche sie hauptsächlich im Dienste der Kirche verwerthete, die holländische Schule aber inaugurirte die Periode der sogenannten Genremalerei. Während erstere sowohl in der Wahl der Gegenstände, wie in der Art der idealen Auffassung und Darstellung mehr an italienische Muster sich anlehnte, ging letztere nicht unbeeinflußt von der politischen Entwicklung des Landes ihre eigenen Bahnen und stellte als das Haupterforderniß der Malerei natürliche Wahrheit und Treue hin, welche überall, und sei es auch auf Kosten des ästhetischen Geschmackes, festgehalten werden müsse. Der bedeutendste und fruchtbarste Vertreter der Musischen Schule war Peter Paul Rubens (1577—1640), wohl einer der größten Künstler der Weltgeschichte. Seine Bilder — man zählt deren gegen 1000 — sind bisweilen von ganz colossalen Dimensionen. Die große Nubensgallerie im Louvre in Paris enthält 21 Colossalgemälde von feiner Hand. Wenn wir auch annehmen, daß bei einem großen Theile seiner Bilder auch nur die Gedanken und die Gruppirung, sowie die ersten Striche von seiner Hand sind, das Uebrige aber Werk seiner «Ahüler, so ist doch die Schaffenskraft des Meisters als Ane fast übermenschliche zu betrachten. In seinen Bildern herrschen vielfach italienische Anklänge vor; so erinnert seine Kreuzabnahme im Dome zu Antwerpen an Daniel von Volterra, seine Taufe Christi an Michelangelo, seine Communion des hl. Franziskus an Carracci. Die älteren Gemälde, in welchen sich Rubens noch weise Mäßigung aufzuerlegen wußte, werden im Allgemeinen als seine besseren betrachtet, so z. B. seine „Dreieinigkeit" und „die heilige Familie mit dem Papagei" im Museum zu Antwerpen, während in seinen späteren zu sehr das Streben, durch äußeren Glanz zu bestechen, hervortritt. Auch streift er in der Darstellung von gewaltigen Gestalten, heftig bewegten Menschen u. f. w. oft an das Realistische. Sein bester Schüler war Anton van Dyck (1599—1641), dessen Talent sich hauptsächlich in der Porträtmalerei zeigte. Im Gegensatz hiezu verlegte sich der nicht minder bedeutende David Tcniers „der Bambocciadenmaler" (1610—1690) auf die Darstellungen aus dem gemeinen Leben. Kirmessen, Bauernscenen, Soldatenstücke voll von Leben waren seine Lieblingsgegenstände. Ein feines Cabinetstück dieser Art ist die in der oben genannten öools befindliche „große Kirmeß". Einem Meteore gleich leuchtete in der niederländischen Schule die Gestalt Nembrandts auf (1609—1669). Wenn auch seine Richtung durchwegs realistisch ist, versteht er es doch, durch Hervorhebung des Geistigen und Gemütvollen, sowie durch feine Abwägung der Farben mächtig zu ergreifen. Während die Musische Schule ihr Hauptaugenmerk auf die Jdealisirung und richtige Verteilung der Gestalten richtete, finden wir bei Nembrandt auch in den „Massengemälden" keine feststehende Gruppirung; ihm galt es vor allem durch Beleuchtnngseffecte, die sich vom Helldunkel oft bis in's Unklare verlieren, den Beschauer zu fesseln. Seine Sujets sind die verschiedensten. Neben vielen sog. Regenten- oder Bürgermeisterstücken finden wir Landschaften, biblische Scenen, Portraits, auch viele „Stillleben"; überall aber herrschen reiche Farbenpoeste und ein wunderbares Wechselspiel der Beleuchtung. Seine zahlreichen Schüler entlehnten vielfach vom Meister nur die äußere Technik der Farben, ohne zugleich seinen Geist zu haben oder auch nur entfernt zu erreichen. Zwar findet sich immer noch manches Gute, doch bezeichnet diese Periode bereits die Däcadence der niederländischen Malerei. Die Schulen des 18. Jahrhunderts bewegen sich im Jdeen- kreise ihrer Vorgänger, sie gleichen aber nach dem Urtheil eines modernen Aesthetikers „einer Symphonie, in welcher sich noch ab und zu hübsche Melodiecn zeigen, aber ohne innere Klarheit und Harmonie". In der neueren holländischen Malerei, welche lange Zeit dem französischen Klassizismus huldigte, tritt die historische Malerei fast ganz zurück; ihr eigentliches Gebiet ist neben der Darstellung von Landschafts- und Marinestücken das Genre, wobei das sog. „Freilicht" ausgedehnte Verwendung findet. (F.f.) An Arphons Maria Aatisöonne.*) Zur Erinnerung an seine wunderbare Bekehrung und zum Decennium seines Todes in St. Johann bei Jerusalem am 6. Mai 1884. „15t soiont, yuia proxlivt» kuorit in mollio soruiv." .Und sie sollen wissen, daß ein Prophet ist in ihrer Mitte.- Ezcchiel, 2, S. Des Glaubens bar und in die Wett verloren Und für die Wahrheit Lästerung im Mnnde, So gehst Du weg aus Deiner Freunde Runde, Nnr bleibst Du Jude, wie Du stets geschworen. Doch sieb, Dir schlägt die Auferstehnngsstunde! Aus Millionen bist nnr Du erkoren, Und, einen Sanlus, hat Dich neugeboren Der Unbefleckten unsagbare Kunde! In's Knie gesunken weinst Du Freudenthränen, Auch Deines Volks Bekehrung ist Dein Sehne», Doch taub ist es beim Rufe des Propheten! Ein Christenherz wird immerdar entzücken Was Du geschaut in jenen Augenblicken, Ihm geben Kraft im Glauben, Dulden, Beten! Traunstein. H. Wnsnrr, Benef. *) Am nächsten 6. Mai wirken es zehn Jahre, daß der am 20. Januar 1842 in der Pfarrkirche Laut' Lnärea, «teils §ratts in Rom durch ein Wunder vom Judenthum plötzlich zum katholischen Glauben bekehrte Alphons Maria Natisbonne als heiligmäßiger Priester zu St. Johann bei Jerusalem aus diescin Leben geschieden ist. Der hochbegnadigte Mann muß jedem Katholiken denkwürdig und theuer bleiben. Nicht Wenige werden sich schon gestärkt haben im Glauben durch Erwägung des an ihm geschehenen Wunders, das, nach allen Seiten hin durchdacht, jedem Versuche einer Erklärung aus natürlichen Ursachen hartnäckig widersteht. Das fünfzigjährige Jubiläum seiner wunderbaren Bekehrung wurde zwar in Nom mit der gleichzeitigen Krönung des Erscheinungsbildes durch das Vatikanische Kapitel am 17. Januar 1892 feierlich begangen, ist aber diesseits der Alpen, wenigstens bei uns in Deutschland, so ziemlich unbeachtet geblieben. 1894. AnteMtimB zm „Nugsburger Postzeitung". är37. Diustag, den 8. Mai Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Berlag des Literarischen Instituts vou Haas L Grabherrin Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttlcr). Tante Kanna's Geheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) Steindorf war nach Edenheim gefahren und von Armgard mit schmerzlicher Ueberraschung begrüßt worden. Nachdem er ihr in leisen, abgebrochenen Worten mitgetheilt, wie und wo er die schreckliche Nachricht empfangen, bat er, ihn zu seinem Kinde zu führen, was Armgard selber übernahm. Außer sich vor Schmerz beim Anblick der kleinen Leiche, stürzte der Bedauernswerthe an dem Lager derselben nieder und drückte sein von Thränen überström- tes Gesicht auf die erstarrten Händchen. Er sprach kein Wort, aber seine tiefe Verzweiflung drückte sich nur zu deutlich in der konvulsivischen Erschütterung aus, welche die kräftige Gestalt durchzuckte. Armgard empfand bei diesem jammervollen Anblick die innigste Theilnahme, welche sich in einem Thränen- strom kund gab. Wie hatte sie sich vor diesem Augenblick gefürchtet, wie gebangt vor den anklagenden Augen des unglücklichen Vaters, der sein Kind vertrauensvoll ihrem Schutze übergeben hatte. Und sie war doch ganz schuldlos an dem grausigen Ereignißl Als sie sich leise entfernen wollte, erhob sich Steindorf, sie mit einem flehenden Blick zurückhaltend. „Armgard!" sprach er leise, „darf ich hier an dieser für mich so heiligen Stelle, angesichts meines todten Kindes, eine Bitte an Sie richten?" Er streckte ihr die Hand entgegen, in welche sie, erbleichend näher tretend, zögernd und zitternd die ihrige legte. „Fürchten Sie nichts Ungehöriges," fuhr er mit gedämpfter Stimme bewegt fort, „dieser letzte Schlag hat mich beinahe tödtlich getroffen. Nur Ihre Verzeihung erflehe ich jetzt, Vergebung für den Schmerz jener Stunden, in denen ich einst das edelste Herz zertrat." „Ich vergab Ihnen längst," entgegnete Armgard mühsam. „Tausend Dank für dieses Wort, das mir Trost in meinem Leid gewährt. O, Armgard, Sie sind gerächt worden, hundertfältig gerächt, heute aber hat dieses letzte Kind meine Schuld gesühnt." Er drückte einen Kuß auf ihre Hand und verhüllte dann wieder die Leiche mit zärtlicher Sorgfalt. Schweigend, im tiefsten Herzen erschüttert, begab sich die junge Gutsherrin mit ihrem Gast in's Wohnzimmer, wo er sich mit einer stummen Verbeugung von ihr verabschieden wollte. „Nein, so dürfen Sie nicht von mir gehen, Herr Steindorf, sprach sie hastig, „auch ich habe Ihre Vergebung nöthig, weil Sie Ihr Kind in meine Obhut gegeben —" „O, reden Sie nicht weiter, Fräulein Armgard," unterbrach er sie bittend, „halten Sie mich für so ungerecht, Ihnen auch nur die leiseste Schuld eines Unglücks aufzubürden, das außer jeder menschlichen Berechnung lag? Ich begreife überhaupt nicht, wie man zu der ungeheuerlichen Annahme eines Verbrechens gekommen ist." Er hatte sich bei diesen Worten auf eine einladende Handbewegung Armgard's hin in einen Sessel niedergelassen. „Ich dächte doch, daß diese Annahme sehr gerechtfertigt wäre," erwiderte sie, „denn welcher Mann könnte so gewissenlos sein, ohne irgend welche Veranlassung mehrere Schüsse nacheinander abzugeben, nachdem er durch Aufschrei sich vergewissert hätte, daß er Menschen getroffen? Ich bin überzeugt, daß der Unselige vier Mal geschossen hat, da drei Kugeln tödtlich getroffen, die eine aber, und zwar die erste, welche mir oder Herrn Marbach gegolten, an uns vorbeipfiff. Weßhnlb gab der Schütze die tödtlichen Kugeln auf den Wagen ab, wo Marbach's amerikanischer Frennd sich mit Ihrer kleinen Lotta unterhielt?" „O nein, nein!" rief Steindorf mit entsetztem Blick, „er wird sich das schuldlose Kind unmöglich zur Zielscheibe genommen haben." „Das glaubt man auch nicht, weil die Kleine von der großen, breitschulterigen Figur des Amerikaners ganz verdeckt war und sich erst im letzten Moment erhoben haben muß. Nein, ein Verbrechen kann leider nicht bezweifelt werden." „Und hat man keinen Verdacht, wer dieser Thäter sein kann?" „Ich glaube nicht, die Herren vom Gericht waren heute Mittag hier und fuhren dann nach Notenhof. Soviel ich ihren Worten entnehmen konnte, schienen sie die feste Ueberzeugung eines überlegten Verbrechens nicht insgesammt zu theilen, während die Leichenbesichtigung meines alten Hausarztes — Sie kennen Doctor Peters ja von früher — das Verbrechen, wie er mir sagte, gar nicht zweifelhaft läßt. Gott gebe, daß der Mörder bald entdeckt werde." „Das ist mir ziemlich gleichgültig," bemerkte Stein- dorf trübe, „da er mein todtes Kind nicht wieder lebendig machen kann. Und nun will ich Sie nicht länger stören, Fräulein Armgard," setzte er, sich erhebend, hinzu, „nur noch eine Frage: wie stcht's mit dem Begräbniß meiner Kleinen?" „Herr Marbach wird die Anordnung desselben auf meine Bitte bereits besorgt haben —" „Ich möchte diesem Herrn nicht gern etwas schulden," fiel Steindorf düster ein, „Sie werden das begreifen, meine Gnädige, obgleich nun nichts mehr daran zu ändern ist. Vergeben Sie mir den neuen Kummer, den meine Heimkehr Ihnen zugefügt," fuhr er nach einer Weile mit weicher, zum Herzen dringender Stimme fort, „es ist wohl Ihnen gegenüber mein Verhängniß. Mir war es drüben oft, als verfolge mich Ihr Fluch —" Armgard bebte zusammen und schüttelte heftig den Kopf. „Von mir dürfen Sie solche theatralische Anwandlungen nicht voraussetzen, Herr Steindorf I" sagte sie fast drohend. „Eher doch hätten Sie an den Gram und die Verlassenheit Ihrer alten Eltern denken sollen." „Ich wiegte mein Gewissen ein mit der trügerischen Hoffnung, daß Armgard Holten ihnen eine Tochter sein werde. Doch Verzeihung, wir Männer sind insgesammt Egoisten, welche ihre Fehler und ihre Schuld gar zu gern auf andere Schultern abladen. Ich werde nach dem Begräbniß eine Zeit lang mich draußen in der Welt zu beruhigen suchen. Darf ich von Ihnen als Freund scheiden, Armgard?" Sie reichte ihm die Hand und neigte wortlos den Kopf. „Sie wollen für immer scheiden?" fragte sie, ihm die Hand, welche er fest umschlungen hielt, hastig entziehend. „Darf ich denn wirklich wiederkommen?" Sie antwortete nicht, sah ihn auch nicht an. Schweigend wandte er sich nach einer Weile und verließ das Zimmer. Sie hörte ihn das Haus verlassen und nach seinem Kutscher rufen, doch rührte sie sich nicht von der Stelle. Eine plötzliche Lähmung schien sie ergriffen zu haben. Dann war's ihr, als befinde sie sich auf einem wogenden Meere und würde von den Wellen hin- und hergeworfcn, die furchtbaren Gemüthserschütterungen hatten diese starke Natur gebrochen. Als Mamsell Evers das Wohnzimmer betrat, um ihr Fräulein zu suchen, fand sie dasselbe bewußtlos am Boden. Das ganze Haus gerieth in Aufruhr. Ein Wagen fuhr im Galopp nach der Stadt, um den Doctor zu holen. — Als dieser erschien, lag Armgard im Fieber und phantasirte heftig. Er hatte eine Krankenpflegerin gleich mitgebracht und schüttelte bedenklich den Kopf. „Herr Steindorf war also hier," wiederholte er auf den Bericht der Mamsell. „Und gleich nachher kam dieser böse Anfall?" „Ja, Herr Doctor! — Ich trat gleich nachher, als er Weggefahren war, in's Wohnzimmer und fand das Fräulein ohnmächtig auf dem Fußboden liegen." Der alte Arzt blickte sie forschend an. Die Mamsell war schon bei Armgard's Eltern auf dem Gute und jener auch bei ihnen Hausarzt gewesen. Beide kannten sich also schon seit vielen Jahren, die jetzige Herrin seit ihrer Kindheit, sie waren somit auch mit ihrer Vergangenheit vertraut. „War er lange bei ihr?" fragte der Doctor. „Erst eine Weile bei dem todten Kinde und dann im Wohnzimmer. Was sie mit einander gesprochen haben, weiß ich natürlich nicht, aber gut hat's ihr nicht gethan." „Das weiß der Himmel," brummte der Arzt und blickte dann eine Weile stumm zum Fenster hinaus. „Es ist eine gottlose Geschichte, daß dieses Kind hier just sterben mußte," begann er von Neuem, „wenn Fräulein Holten wieder gesund ist, können wir noch was erleben, Mamsell Evers!" „Ja, das fürchte ich jetzt selber," seufzte die Wirth- schafterin, „wollte Gott, der Störenfried wäre mit seinem Kinde in Amerika geblieben." „Wünscht' ich selber, da nichts Gutes dabei herauskommen kann. Na, vorerst liegt sie fest und sicher. Passen Sie mir auf, Mamsell Evers, daß kein Unberufener das Krankenzimmer betritt. Auch muß die Leiche in's Verwalterhaus hinüber gebracht werden, damit keine Störung, kein lautes Geräusch unsere Kranke erregt. Ich werde die Pflegerin selber noch einmal in- struiren." * * Die bezahlte Antwort des Kabel-Telegramms aus Chicago, welche an den Maler Reinhardt einlief, lautete: „Mr. Hilbrecht schwer krank, Sohn will versuchen, Auftrag auszuführen." - Der Maler hatte noch ein nettes Sümmchen nachzuzahlen und fluchte über den Einfall. Er fuhr trotz alledem mit der Antwort selber nach Notenhof hinaus. „Ja, das ist allerdings weggeworfenes Geld," meinte Marbach, „ich kenne den jungen Hilbrecht, er ist ein Stock-Amerikaner, für welchen jede Minute Geld bedeutet. Der rührt keinen Finger ohne Aussicht auf Verdienst. Ob ich selbst hinübergehe?" „Was gewinnen Sie dadurch, gar nichts," erwiderte Reinhardt, „ein Brief thäte just das Nämliche. Da jedoch kein Bild von dem Rüuberhauptmann existirt, so könnte einzig und allein ein geriebener Detectiv, der jenen Prien von Angesicht zu Angesicht kennt, hier nützen. Unsere Criminalpolizei wird sicherlich keine Nasenspitze von ihm entdecken. Wenn ich Ihnen deshalb rathen soll, mein lieber Marbach, und zwar als aufrichtiger Freund, dann überlassen Sie der Polizei alles Weitere und schließen Sie für Ihre Person mit diesem Telegramm die Acten." „Der Gedanke, dieses blutige Räthsel niemals lösen zu können, ist ein zu entsetzlicher für mich!" rief Marbach in stillem Grimm auf- und abschreitend. „Wissen Sie, daß jener Mensch, der sich William Prien nennt, ein ganz besonderes Kennzeichen besitzt?" setzte er plötzlich, vor dem Maler stehen bleibend, erregt hinzu. „Und das wäre?" „Einen blutigrothen Strich zwischen Kinn und Mund, den er durch einen blonden Bart versteckt." Marbach hielt inne und blickte wie erstarrt vor sich hin, als erhöbe sich vor seinem innern Blick ein Schreckbild. „Ein Muttermal vermuthlich," bemerkte Reinhardt. „Nein," fuhr Marbach fort, „der rothe Strich rührt von einem Jndiancrmesser her, dessen Scalpir- ungsversuch er sich widersetzt haben soll. So hat er - Z 7 Y - Photographie-Verlag der Photographischen Union m München. -KZWM M H MIM 8 MWN SHiMW -UM W?»; -MrS WM WdchWW MM GWM- ^MOM MAmM? !tzDA Nach der Taufe. Nach dem Gemälde von F. Schmid-Breitenbach. 280 nämlich meinem Freunde erzählt. Uebrigens habe ich Ihnen wohl noch gar nicht mitgetheilt, daß Mr. Prien ein auffällig schöner Mann von hoher, prächtiger Körpergestalt, ganz besonders kleinen Händen und Füßen, mit einem Wort ein germanisch-blonder Recke sein soll, dessen unglückliche Frau drüben im letzten Dezember gestorben ist. Von mehreren Kindern, welche ebenfalls gestorben sind, hat er ein einziges nur behalten, mein Freund wußte nicht, ob es ein Knabe oder Mädchen, da dasselbe in der Pension erzogen worden ist. Diese Personalbeschreibung paßt freilich auch auf Andere, zum Exempel, wie mir eben einfällt, auch auf diesen Herrn Steindorf." Marbach hatte den letzten Satz im gleichgültigsten Tone, ohne den Maler dabei anzusehen gesprochen. denkt denn auch daran?" versetzte Marbach, „aber Vieles würde dadurch in die rechte Beleuchtung kommen. Der Schuß zum Exempel, der mir galt, — er mußte unzweifelhaft durch Feindschaft gelenkt worden sein. Wir beide, mein Freund und ich, waren dem mörderischen Schützen zuviel in der Welt. Liegt in dieser Behauptung keine Logik?" „Freilich — freilich, aber hüten wir uns doch, einen solchen ungeheuerlichen Gedanken laut werden zu lassen, mein bester Marbach, der Tod des Kindes wäre sein bester Schild." „Er könnte sich ja leicht durch das Fehlen jenes Kennzeichens reinigen," meinte Marbach, den eine fieberhafte Unruhe zu erfüllen schien. „Bedenken Sie, Rein- WWU MW M« »WM WM AM W-SL WM Tanzende Derwische. Eine augenblickliche Stille trat ein, — als er sich wieder zu Reinhardt umwandte, sah er diesen mit erblaßtem Gesicht unbeweglich vor sich Hinstarren. Dann begegneten sich ihre Blicke mit einem festen Ausdruck. „Hat die Polizei eine solche Personalbeschreibung erhalten?" fragte Reinhardt. „Allerdings, bis auf den rothen Strich. — Ich glaube, daß Herrn Steindorf ein zierlicher Schnurrbart auch sehr verjüngen würde." Der Maler erhob sich rasch und schüttelte sich, wie von einem plötzlichen Grauen ergriffen. „Nein, nein, das wäre zu gräßlich," sagte er, „denken Sie an das erschossene Kind!" „Ein furchtbarer Zufall, keine Absichtlichkeit, wer hardt, wenn es diesem unheimlichen Menschen glückte, Fräulein Holten zu heirathen." Der Maler sah ihn nachdenklich an. „Na, wir können's nicht hindern —" „Vielleicht doch," knirschte Marbach mit einem wahrhaft ingrimmigen Lächeln. „Irgend eine gute Freundin müßte Ortrud spielen und der leichtgläubigen Elsa von Brabant etwas Mißtrauen gegen ihren blondbärtigen Lohengrin in's Ohr träufeln. Zum Exempel, weßhalb er den häßlichen Kinnbart, der ihn ganz entschieden älter macht und sogar seiner Schönheit Eintrag thut, sich habe wachsen lassen? — Wenn Elsa darauf bestände, ihn ohne denselben zu sehen —" „Ja, wenn, mein Lieber!" rief Reinhardt, laut 281 lachend, „wenn Armgard Holten zu der Sorte dieser Elsa's gehörte! — Aber dergleichen ist bei ihr undenkbar, eine Ortrud fände bei ihr keinen fruchtbaren Boden. Uebrigens," setzte er sehr ernst hinzu, „ist Ihr Verdacht auch im Grunde so ungeheuerlich, daß derselbe, wie ich fürchte, Ihrer Abneigung gegen Steindorf zumeist wohl entspringt. Nehmen Sie sich in Acht, lieber Marbach, mit solchen Gedanken ist nicht zu scherzen." „Mögen recht haben, alter Freund," sagte der junge Mann mit einem kräftigen Händedruck, „ich fühle starke Abneigung gegen jenen Mann, das ist wahr, habe aber auch die Ueberzeugung, daß er mein Tod- Reinhardt legte dem Erregten die Hand auf die Schulter und sah ihm besorgt in die Augen. „Scheinen meiner Treu auch zu fiebern, lieber Junge!" sagte er theilnehmend, „die teuflische Geschichte bringt ja das solideste Gehirn aus Rand und Band. Nun lassen Sie sich mal etwas sagen, Marbach! — Wenn Armgard Holten so bodenlos charakterschwach sein sollte, diesen Steindorf zu heirathen, dann hat sie ihr Schicksal verdient, denn des Menschen Charakter ist sein Schicksal und umgekehrt. Was mich nun anbetrifft, so glaube ich nicht daran, sondern halte sie für ein con- scquentes Frauenzimmer, das wohl augenblicklich unter so aufregenden Umständen den Kopf verlieren kann, ihn Hrulcnde Derwische. MMMM V - AM« .»EN-'MÄÄ KMMBK MM NSW E» MM feind ist und mich herzlich gern aus dem Wege räumen möchte, falls er damit sein "väterliches Gut wieder gewinnen könnte. Wissen Sie^ es schon, daß Fräulein Holten plötzlich erkrankt ist?" „Nein, - das sagen Sie mir erst jetzt?" „Ich erfuhr es zufällig durch meinen Verwalter. Der Arzt fürchtet ein Nervenfieber, jetzt wird sich Steindorf wohl der Herrschaft dort bemächtigen. Nun, was kümmert's mich, vorerst wird die Hochzeit doch nicht stattfinden können, oder er müßie sich mit ihr auf dem Krankenbette trauen lassen, da sie ihm, wie alle Welt glaubt, eine derartige Genugthuung des todten Kindes halber nun einmal schuldig sein soll. Ist das auch Ihre Meinung, bester Freund?" aber auch zur rechten Stunde wiederfinden wird. Einstweilen ist sie unter der Obhut des Doctor Peters und der alten Mamsell Evers, und diese beiden werden den Patron wohl vonihremKrankenzimmer fern zuhaltenwiffen." Marbach's Gesicht hatte sich bei diesen Worten des Malers erhellt, er drückte ihm stumm die Hand und fragte nach einer Weile: „Wie mag es der alten Tante Hanna ergehen?" „Na, die Aerzte hoffen sie am Leben zu erhalten, wollen sie aber, wenn ihr Zustand es erlaubt, in's Krankenhaus bringen lassen, um sie genauer beobachten und vielleicht noch einer Operation unterziehen zu können Schade, daß sich das Gehirn der Alten verschoben ha ich glaube die Aerzte haben Lust, mal hineinzuschauen. 282 „Das wäre ja barbarisch bei dem hohen Alter der Greisin!" rief Marbach entsetzt, eine Trepanation jedenfalls gleichbedeutend mit dem Tod!" Reinhardt zuckte die Achseln. „Ist die Unglückliche denn nicht lebendig todt? Würde sie selber, wenn sie Von ihrem Zustande eine Ahnung haben könnte, nicht selber auf eine solche Operation drängen? Ich halte diesen allerletzten Versuch sogar für geboten. Und nun kommen Sie, junger Mann, ich habe die größte Lust, einen Spaziergang durch Ihre Felder in Ihrer Gesellschaft zu machen und) mir bei dieser Gelegenheit auch die Mordstätte anzusehen." Sie hatten bereits ein gutes Frühstück zu sich genommen und verließen das Herrenhaus. „Wollen wir nicht lieber reiten?" fragte Marbach, „es ist ein tüchtiges Ende bis nach der Schlucht." „Nein, ich bin ein schlechter Reiter, aber ein famoser Fußgänger, und der Weg thut Ihnen augenblicklich auch gewiß gut." „Meinetwegen," sagte Marbach, und beide schritten nun tüchtig aus. Das Wetter war köstlich, die Sonne stand hoch am blauen Firmament. Alles grünte, blühte und duftete ringsum in der Natur. Nach einer Stunde schon hatten sie auf geradem Wege den Hohlweg erreicht. Sie standen an der Krümmung, wo das blutige Drama so schnell und überraschend sich abgespielt. „Hier also war's?" fragte Reinhardt. „Ja, hier ging ich mit Fräulein Holten, dort stand der Wagen, vor welchem mein Freund mit dem Kinde plauderte, gerade vor'm Schuß, wie Sie zugeben müssen." Er deutete dabei nach der waldigen Höhe hinauf. „Dieser Hohlweg ist aber auch für solche Ueber- fälle wie geschaffen," meinte der Maler, „so ein Schin- derhannes, der ein sicheres Auge und eine feste Hand besitzt, findet dort oben ein prächtiges Versteck und kann ungehindert wegknallen, was ihm beliebt. Zum Henker, das erweckt doch ein verdammt gruseliges Gefühl in einem, wenn man hier urplötzlich so unversehens weggeputzt würde." „Das wird sich heute nicht wiederholen," bemerkte Marbach bestimmt. „Und weßhalb nicht? — Kann es nicht auch einer jener unheimlichen Gesellen gethan haben, die zu Zeiten j eine unbezwingliche Mordlust in sich spüren, welche sie um jeden Preis befriedigen müssen? Die menschliche Gesellschaft birgt viele unheimliche und räthselhafte Elemente in sich —" „Gewiß, alter Freund!" fiel Marbach ungeduldig ein, „man würde sich zu Tode entsetzen, wenn die Masken plötzlich gelüstet würden. Trotzalledem aber fühle auch ich plötzlich eine unwiderstehliche Lust in mir, einmal wieder jene Höhen zu besteigen. Sie begleiten wich doch?" Reinhardt blickte ihn unzufrieden von der Seite an, da er nicht die mindeste Lust zu dieser Besteigung hatte. Doch meinte er unwirsch, daß er sich zu der Strapaze verstehen wolle. „Wenn der neue Schinderhannes mich dort oben todtschießt," setzte er desperat hinzu, „vermache ich mein Geld dem Herrn Steindorf." Marbach lachte gezwungen und schritt rasch voran, bis sie an die Schlucht gelangten, von wo ein schmaler, ziemlich steiler Pfad hinaufführte. „Den sogenannten Diebsweg sollen wir hinan?" rief der Maler erschrocken, „nein, mein Sohn, dann folge ich nicht." „Bah, das sieht nur von unten so aus, — sind Sie denselben niemals gewandelt?" „In meiner Jugend, als ich noch wie eine Gemse kletterte, jetzt aber — na, — versuchen wir's noch mal, es kann nicht mehr als den Hals kosten." Schweigend schritten Beide bergan, Marbach mit festem Fuß in der Mitte des steilen Pfades, während Reinhardt sich klüglich zwischen den Büschen und Sträuchern, welche ihm den nöthigen Anhalt gaben, Hinaufwand. Sie hatten beinahe die Höhe schon erreicht, als der Maler ein „Halloh!" ausstieß. „Nun?" fragte Marbach, stehen bleibend, „was giebt's denn?" „Etwas Blankes — Goldenes, — sehen Sie nur, ein hübsches Ding, das ein Tourist verloren hat, ein Manschettenknopf." Marbach griff so hastig darnach, daß er einige Schritte zurückrutschte und sich an einem Busch festhalten mußte. „Da haben wir die Gewißheit," sagte er triumphirend, „kommen Sie rasch, bester Freund, daß wir die Höhe und damit den sicheren Boden erreichen, dann sollen Sie Weiteres hören." Sie stiegen jetzt schweigend hinauf und standen endlich auf einer breiten Felsplatte, welche sie nach beiden Seiten hin in Wald und Gestrüpp verlor. (Fortsetzung folgt.) GotdkSrner. Zu des Verstandes und Witzes Umgehung Ist nichts geschickter als Augenverdrehung. Bodenstedt. — Buxheim. (Hiezu das Bild Seite 283 ) ^Nachdruck verboten ) Eine Stunde westlich von Memmingen liegt am Nordende eines kräftigen Tannenwaldes, der „Hart" genannt, da wo die Memminger Ebene zum Jllerthal abfällt, das Pfarrdorf Buxheim, dem die noch erhaltenen Klostergebäude der alten ehrwürdigen Karthause ein stattliches Aussehen geben. Buxheim ist die Heimstätte an der gekrümmten, gebogenen Nach*), war schon in der Karolinger'schen Kaiscrzeit eine Zugehörde des Bisthums Augsburg und gehörte zur alten Mark Heimertingen. Nach den Hunnenstürmen siedelten sich hier von Augsburg aus Kanoniker an. Es entstand ein Chorherren- oder Canonikatstist, dessen Vorsteher den Titel Probst führte und vorn Augs- burger Domkapitel ernannt wurde. Die gemeinsam lebenden Mitglieder versahen die Pfarrei Buxheim und die Nachbarschaft, und genossen die Kirchengüter und den Zehnten als bischöfliches Lehen. Herr v. Raiser meint, der Schirmvogt der bischöfl. Kirche Augsburg, Herzog Wels VI., der sich viel in Memmingen aufhielt, habe zum Schutze des Canonikatstiftes Buxheim und der bischöfl. Güter in der Umgebung, da wo jetzt das Dörfchen Westerhart steht, die Burg Alt- *) Bekanntlich führt eine Menge kleiner Flüsse des schwäbischen Oberlandes den Namen Ach oder Nach. Das Wort — entstanden aus dem altdeutschen „Aha" — Flüßchen, bedeutet und bezeichnet stets einen kleinen Flutz. 283 Hahn gebaut, die noch im 16. Jahrhundert in Urkunden vorkommt, aber wahrscheinlich schon in den vielen Kämpfen und Fehden Weiss zerstört wurde. Im Jahre 1217 lebte Probst Albert von Buxheim, Anno 1266 Siegfried v. Donnersberg als Probst von Buxheim. Um dieselbe Zeit — im 13. Jahrhundert besaßen aber auch die Grafen von Württemberg Gröningen Güter in Buxheim. (Baumann, Geschichte des Allgäu S. 423). Nach Braun (Hist.-top. Beschreibung S. 553) waren am Ende des 14. Jahrhunderts die Herren von Jsenburg Inhaber der Gerichtsbarkeit von Buxheim. Der größte Theil der Ortsgüter war aber ohne Zweifel im Besitz des Canonikatstiftes, wel- chemBischofBurkhard im Jahre 1398 die Pfarrei Buxheim einverleibte. Bald darauf, Anno 1402, übergab der letzte Propst von Buxheim, Heinrich v. Ellenbach mit Einwilligung des Bischofs und desDom- kapitels die Propstei Buxheim mit allen Gütern an die Karthäuser von Christgarten (im Ries). Der damalige Prior Johann von Christgarten übernahm nach der Uebergabsurkunde vom22.Januar1402 die Propstei Buxheim mit allen Gebäuden undZugehör,diePfar- rei, das Dorf Buxheim undAlthain (das heutige Westerhart) mit allen Gütern und Rechten. Die Propstei wurde nun in einKart- Häuser-Kloster umgewandelt. Um das Kloster von allem Einfluß der Laien zu befreien, löste Prior Johann die Gerichtsbarkeit der Herren von Jsenburg über Buxheim mit Geld ab. Der Rath von Memmingen übernahm den „Schutz" des neuen Klosters „zur Ehre der Magd Christi als Hausmutter des Gotteshauses zu Buxheim", wie es in der Urkunde heißt. Als aber 120 Jahre später die Memminger „Schutzvögte" zwinglianisch wurden, ging das Schutzrecht über Buxheim an Oesterreich über. Das Kloster mußte fortan an die kaiserliche Landvogtei in Schwaben 5 fl. Schutz- und Schirmgeld entrichten. Die Karthäuser richteten nun die alten Propstei- Gebäude nach den Anforderungen ihrer Ordensregel ein. Sie wohnten in abgesonderten Zellen, d. i. kleinen Häuschen, welche an die inneren Umfassungsmauern im Gevierte angebaut waren, wie man sie heute in Buxheim, namentlich an der Südseite des Klosters noch sieht. Die Pfarrei Buxheim mußte das Kloster mit einem Weltgeistlichen besetzen. Im Jahre 1478 war Conrad Huetter Pfarrer von Buxheim. Die ununterbrochene Reihe der Pfarrer von Buxheim beginnt nach unseren Quellen erst mit der'Neige des 16. Jahrhunderts. Nach Math. Jelin's Tod im Jahre 1591 erhielt Joh. Baumeister (1591—1617) die Pfarrei. Ihm folgten Jakob Größer (1617—1620) und Hieronymus Meßner (1620—1639). Unter Pfarrer Meß- ner kamen die Drangsale des Schwedenkrieges. Im Pestjahre 1635 starben so viele Leute, daß ein Gottesacker vor dem Dorfe angelegt werden mußte. Nach demKrieg blieb dieser Gottesacker wieder „öde" und unbenützt. Die Mauer zerfiel, wurde aber im Jahre 1694 unter PfarrerJohannFranz Christa (1667 bis 1700) wieder aufgebaut und der Gottesacker aufs Neue eingeweiht. Als der Pfarrer Anno 1639 mitten im Schwedenkrieg gestorben war, wurde die Pfarrei durch dieKart- häuser k. Basilius Huber und dann 1>. Joseph Maria Schem- mel versehen. Im Jahre 1661 erhielt der Weltpriester Gg. Deffner die Pfarrei, „kündigte" sie aber schon 1662, worauf Gg.Preisinger'(1665) und Franz Christa folgten. Unter Pfarrer Simon Hölzle (1700 bis 1740) wurde im Jahre 1726 die alte Pfarrkirche abgebrochen und neu erbaut. Nach Pfarrer Hölzle's Tod-verwalteten J.Schillinger (1740—1754), Georg Anton Vogt (1754—1771) und Michael Fech (1771 —1805) das Pfarramt. Im Todesjahr des Pfarrers Fech Anno 1805 wurde das Karthäuser-Kloster aufgehoben und Buxheim mit Westerhart dem Grafen von Ostheim zugetheilt, der im nämlichen Jahre den Gallus Bader (1805—1820) und Anno 1820 den Anton Benedikt Frik (1820—1844) als Pfarrer präsentirte. Nach dem kinderlosen Tode des Grafen von Ostheim erhielt dessen Erbe im Jahre 1830 Graf Friedrich von Waldbott-Bassenheim Dorf und Kloster Buxheim sammt seiner Klosterbibliothek und dem präch- Kuxhelm: Schloß und Kloster. Original-Aufnahme von Gustav Bader. Photograph in Krumbach. ^Vervielfältigungsrecht vorbehalten,) 284 igen einzigartigen Kirchen-Chorgestühle, das in allen einzelnen Theilen ein wahres Meisterstück der Kunstfertigkeit in der Holzschnitzerei und Bildhauerarbeit ist. In den 70 Jahren waren alle diese reichen Kunstschätze, die ein beredtes Zeugniß für die Kunstsinnigkeit und den Kunstfleiß der Karthäusermönche sind, noch erhalten; seitdem soll Vieles „unter den Hammer" gekommen und ins Ausland gewandert sein. Noch steht das zum gräflichen Schloß umgewandelte Klostergebäude mit mehreren Karthäuserzellen. An Stelle der Stillen Karthäuser ist der Lärm und das geschäftige Treiben des vollen Lebens eingezogen, aber es ist, als ob das ernste und düstere Gebäude mit seinen mönchischen nun modernisirten Zellengebäuden an dem modernen Aufputz keinen Gefallen fände Und melancholisch seiner frommernsten Vergangenheit gedenke. Nach Aufhebung des Bassenheim'schen Herrschaftsgerichts im Jahre 1848 wurde Buxheim dem kgl. Landgerichte Memmingen zugetheilt. Heute zählt die Pfarrei ca. 580 Seelen. -- Zu unseren Bildern Nach der Taufe. Der junge Weltbürger ist soeben in die Zahl der Christen aufgenommen worden. Das Tauswasser ist über seinen Scheitel geflossen und der Taufpathe hat für ihn das Glaubensbekenntniß abgelegt und ist jetzt neugierig, die Gesichtszüge des Täuflings eingehender besehen zu können. Dies ist um so leichter, als die Trägerin des Kindes sich nach Lüftung des Schleiers eben über das Wohlbefinden des kleinen Weltbürgers vergewissert. Die ganze Darstellung ist lebenswahr und bis in's Detail naturgetreu. Besonders ist auch der Altar und dessen figürlicher Theil mit größter Sorgfalt von dem berühmten Maler behandelt, der das Gemälde geschaffen, nach welchem unser Bild gezeichnet ist. Der Künstler hat sich mit diesem Werke neuen Lorbeer errungen. _ Tanzende und heulende Derwische. Derwische heißen bekanntlich die muhamedanischen Mönche. Im Allgemeinen wohnen sie vereinigt in Klöstern; einige sind auch verheiralhet und dürfen dann außer dem Kloster wohnen, müssen aber wöchentlich einige Nächte im Kloster schlafen. Sie fasten, kasteien sich, üben strenge Gebräuche, führen gewisse religiöse Tänze auf, deren Hauptschwierigkeit in einem oft stundenlangen, meist aber 5—7 Minuten anhaltenden Drehen genau auf einer Stelle, erst mit auf der Brust gekreuzten, dann über den Kopf gehobenen Armen, wobei ihr weiter, gelöster Rock einen Kreis um sie bildet, besteht, worauf sie besinnungslos niederfallen. Es sind das die tanzenden Derwische. Aehnltches gilt von den heulenden Derwischen, nur daß diese die Sache noch viel toller treiben. Die Derwische sind durch das ganze türkische Reich verbreitet und stehen beim Volk in hohem Ansehen. -»—i——- Allerlei. Ein merkwürdiges Wasserthier. Der Pater de Breest von der Gesellschaft der algerischen Weißen Väter hat, wie wir der „Kreuzzeitung" entnehmen, an den Bischof Livinhac einen Brief geschrieben, worin er ein merkwürdiges Wasserthier des Tanganyika beschreibt, das viele Ähnlichkeit hat mit dem von Sckwein- furth in seinem Buche „Im Herzen von Afrika" geschilderten Lepidosiren. Der Missionar de Breest schreibt: Eines Tages, als die Frauen mit dem Einernten von Reis beschäftigt waren, hörte man den Schreckensschrei: „Nguema, Nguema" (Krokodil), und alle flohen mit größter Eile dahin. Das vermeintliche Krokodil war aber ein anderes fremdartiges Thier, halb Reptil, halb Fisch, das mit der Geschwindigkeit eines Pfeiles unsere Sammel- körbe übersprungen hatte. Das merkwürdige Geschöpf bleibt stundenlang unbeweglich unter dem Wasser liegen; wenn es aber in seiner Ruhe gestört wird, schwingt es sich mit Hilfe seines Schwanzes mit unglaublicher Geschwindigkeit in die Höhe. Seine Sprünge haben, soweit ich es feststellen konnte, eine Weite von 15—20 Schritten, dann bleibt es wieder still liegen; verfolgt, macht es immer von neuem solche mächtige Sprünge. Seine Sinne scheinen nicht recht ausgebildet zu sein, wenn man in Betracht zieht, wie leicht man an es herankommen kann. Eines Tages war ich nur noch 50 Centimeter von einem dieser großen Reptile entfernt; ich rief einem Kinde zu,, es solle mir eine Lanze holen. Als das Kind nach etwa zwanzig Minuten damit zurückkam, war das häßliche Geschöpf schon im Reisfelde verschwunden. Doch war es mir gelungen, in den Besitz von zwei Exemplaren zu gelangen, welche die Kinder mit einer Hacke mitten in einer Pfütze erschlagen hatten; das Weibchen maß 1,10 Meter, das Männchen nur 93 Centimeter in der Länge; wie bei den Fischen ist der Körper mit Schuppen bedeckt, doch sind diese mit einer klebrigen Schicht überzogen; man entdeckte daher die Schuppen erst beim Zerlegen. Das Thier hat weder Flossen wie die Fische, noch Patten wie die Reptile, an Stelle der Patten finden sich zwei Paar Anhängsel, wie Rattenschwänze, verkümmert und langgedehnt, die vorderen waren 24, die Hinteren 19 Centimeter lang. Bei dem männlichen Thiere sind diese Auswüchse nach innen mit einer Art kurzer, fetter Flosse versehen. Gleich den Reptilien hat das Geschöpf Lungen, obwohl es beinahe niemals aus dem Wasser geht, auch kann es sich der Auswüchse nicht zur Fortbewegung bedienen. Außerdem hat es, wie die Fische, Kiemen mit vier Ausläufern. Eine dicke Flosse am Ende des Rückgrates umgibt den Schwanz und preßt ihn buchstäblich zusammen, indem sie sich nach unten wendet. Der Rachen, der von mittlerer Größe ist, hat zwei Reihen einer knochigen Masse, welche die Stelle der Zähne vertritt. Nach den Angaben der Eingeborenen kann das Thier mit einem Biß einen Finger, ja eine ganze Hand abbeißen; es scheint indessen nur ein Pflanzenfresser zu sein; denn ich fand in seinem großen Magen mit zwei Abtheilungen eine beträchtliche Menge von Reis- stengeln, die noch mit ihren Aehren versehen waren, wonach es scheint, daß es seine Nahrung ungekaut verschluckt. Das Thier, das die hiesigen Eingeborenen Sembe oder Sompe nennen, ist ein Gegenstand des Schreckens für sie, sie haben einen instinctiven Widerwillen dagegen; um keinen Preis würden sie es anrühren, auch nicht mit einer Fingerspitze. Dagegen waren einige Wabembe sehr zufrieden, von dem Fleische des Thieres einige Stücke ihrer mageren Suppe hinzufügen zu können, sie erklärten, es schmecke vorzüglich. Die Eier, welche ich zu beiden Seiten des Rückens aufgehängt fand, befanden sich in einer Art langen klebrigen Beutels und waren von außerordentlicher Menge. Die Kinder haben mir mehrere Tausend Larven gezeigt, die denen der Pythone ähnlich sind, und versicherten, es seien kleine Sembe. Was ihre Angaben zu bestätigen scheint, ist der Umstand, daß der Sembe, dem ich mich so sehr nähern konnte, von mehreren Hundert solcher virosiorosirvö, wie sie sie nennen, umgeben war. Der Sembe legt sich einige Fuß tief in den Schlamm, dort liegt er, bis die Regenzeit ihn aus seinem schlafartigen Zustande erweckt. --KMN- HL38. Kreitag, den 11. Mai 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Znstiruts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler). Tanke Lanna's Oeßeimniß. Original-Noman von E. von Linden. (Fortsetzung.) „Dieser Knopf mit dem Monogramm W. P. gehört zu einem gleichen, den Fräulein Holten auf der Brandstätte oder vielmehr in dem Garten der alten Tante Hanna gefunden hat," begann Marbach. „Mein Freund Warncck besäst ein ganz ähnliches Paar mit dem eigenen Monogramm und erklärte, daß diese Knöpfe bei einem Juwelier in Chicago gekauft wären." „W. P., also —« „William Prien, stimmt famos, wie?" „Dann wäre dieser Mensch auch an Tante Hanna's Geschick, betheiligt!" rief Reinhardt kopfschüttelnd, „das schießt aber doch wohl über's Ziel hinaus." Marbach schwieg einen Augenblick unschlüssig. „Der Schurke hängt allerdings mit dem tragischen Geschick jener Bedauernswerthen eng zusammen," versetzte er endlich zögernd. „Ich habe freilich mein Wort gegeben, die Sache geheim zu halten, kann Ihnen gegenüber aber eine Ausnahme machen, weil Sie bei der Durchsuchung des Möbels zugegen waren, somit halb und halb zu den Eingeweihten gehören. Es wurde doch von meinem Freunde zuerst das Wort „Raubmord" ausgesprochen." „Ja, ja, ich weiß, —hilf, Himmel, nun wird's mir klar, der schändliche Verbrecher hat die Greisin beraubt und ermordet, wie er's mit Ihrem Freunde Warueck gethan. — Hatte das Unthier denn noch nicht genug an dem amerikanischen Raube?" „Er ist ja ein leidenschaftlicher Spieler," sagte Marbach, „und wird wohl den ganzen Raub schon in dieser Weise verloren, sich deshalb nach neuen Mitteln umgeschaut haben. Hier aber tritt uns wieder ein neues Räthsel entgegen. Woher kannte er die alte Tante Hanna und -das Innere ihres Hauses? Und wie konnte er wissen, in welchem Möbel sie ihr Geld bewahrte?" „Nun, mein Freund, die Räumlichkeiten müssen die Diebe meistens von außen studiren, das war also bei Tante Hanna'S kleinem Hause eben kein Kunststück. Wir können auch nicht wissen, wie viele Kisten und Kasten er vorher geöffnet hat, bevor er das Rechte getroffen, da nur wenige Sachen gerettet worden sind. — Darüber wollen wir uns also nicht weiter die Köpfe zerbrechen, da die Thatsache so ziemlich feststehen wird, daß dieselbe Hand beide Verbrechen begangen hat. O, könnte man diesen Mordbuben mit dem blutigen Strich, der ihn wie von höherer Hand gezeichnet erscheinen läßt, doch packen, um ihn der verdienten Strafe zu überliefern." „Das ist auch mein sehnlichster Wunsch," sprach Marbach, den Knopf sorgsam in Papier wickelnd und in die Tasche steckend. „Kommen Sie, alter Freund, wir wollen noch den Platz uns ansehen, von wo der Geselle die Mordkugeln hinabgesandt hat." Er schritt wieder voran und der Maler folgte ihm schweigend, zuweilen spähende Blicke umherwerfend, als fürchte er irgend etwas Ungeheuerliches. „Warten Sie hier ein wenig, lieber Reinhardt!" bat Marbach, nachdem sie eine lange Strecke auf einem der schmalen Fußwege zurückgelegt hatten. „Es muß dort hinunter sein, sehen Sie nur, wie hier das Gestrüpp niedergetreten, die Büsche geknickt, vielfach sogar abgeschnitten sind. Der Abhang ist ziemlich steil und nicht ganz ungefährlich, weshalb ich hier erst allein sondiren will." Er drängte sich bei diesen Worten bereits vorsichtig durch das Buschwerk, welches ihn überall wie mit Fang- armen packte und festhielt. „Nehmen Sie Ihren guten Rock in Achtl" schrie ihm Reinhardt nach, „Sie kommen sonst in Fetzen zurück." „Ja, es ist eine vertrackte Arbeit," erwiderte Marbach, „aber es führt nun einmal kein anderer Weg nach Küßnacht." Er rang sich glücklich durch, wenn auch mit einigen Rissen an den Händen, wobei ihm der Einfall, seine Jagdmütze aufgesetzt zu haben, jetzt trefflich zu statten kam. „Aha, hier wird er gestanden haben," sagte er halblaut, als er eines freiliegenden Felsstückes ansichtig wurde, das für den Auslug in's Thal, sowie für einen Schützen auf dem Anstand wie geschaffen schien. „Daß die Polizei sich diesen Platz noch nicht in Augenschein —" Er brach erschreckt ab und stieß einen Ausruf höchster Ueberraschung aus, als sein Blick auf einen Mann fiel, der, den linken Arm um eine Fichte geschlungen, ihn ruhig ansah. „Guten Tag, Herr Marbach!" sagte derselbe jetzt mit einer tiefen, gemüthlichen Baßstimme, „wollen Sie sich auch mal diesen Schützenplatz ansehen? Kann mir denken, daß es für Sie doppelt interessant ist, weil Sie sozusagen direkt dabei betheiligt gewesen sind." 286 Marbach sah den Mann, der ihn so vertraulich anredete, mißtrauisch an. Es war eine untersetzte, behäbige Gestalt mit treuherzigen Zügen, ungefähr vierzig Jahre alt. „Sie kennen mich?" fragte er langsam. „O freilich, wer sollte den neuen Besitzer von Noten- hof nicht kennen? — Ich bin meines Zeichens ein Maurer- Polier und räumte die Trümmer von Tante Hanna's Haus mit auf, wobei ich mir die rechte Hand verletzt habe. Da ich nun doch nicht arbeiten kann, so bin ich hier herausgebummelt, um mir das Jagdrevier des Freischützen anzusehen." „Ach so," erwiderte Marbach beruhigt, „haben Sie beim Aufräumen der Trümmer noch etwas gefunden?" „Nein, der Blitz hat Alles verzehrt. — Aber hier muß der Musje Freischütz doch wohl gestanden haben, Herr Marbach I" „Gewiß, man sieht's an dem geknickten Buschwerk. Oder rührt es vielleicht von Ihnen her?" „Na, mag wohl auch etwas abgebrochen haben, der Weg war aber schon gebahnt. Möcht' die Canaille wohl kennen." „Ich ebenfalls," sagte Marbach, sich forschend vorbeugend und in die Tiefe blickend, „der Kerl hat ein sicheres Auge und eine vortreffliche Waffe gehabt. Es heißt was, bis dort hinunter einen solchen mörderischen Treffer zu machen. Wenn er nur hier eine Spur hinterlassen hätte." „Glauben Sie denn, wir sind die Ersten hier gewesen, Herr Marbach? — Unsere Criminalpolizei ist ganz vortrefflich, ich kenne einen Geheimen, der in Berlin am Platze wäre, aber sein Commissar läßt ihn nicht locker. Na, der wird hier längst schon oben gewesen sein, und wenn der Mordgeselle sich nicht bei Zeiten unsichtbar gemacht hat, dann packt er ihn, darauf können Sie sich verlassen. Er ist auch der Mann, ihn nach Amerika zu verfolgen." Marbach blickte ihn überrascht an, hatte der Geheime schon geplaudert? „Meint Ihr Freund vielleicht, daß er über's Meer entfliehen wird?" fragte er rasch. „Ach, das weiß ich nicht, der ist in solchen Dingen stumm wie das Grab. Ich meinte nur so im Allgemeinen." „Wie heißt dieser Geheime?" „Ja, wissen Sie, Herr Marbach," erwiderte der Polier, sich verlegen die Nase reibend, „das darf ich Ihnen nicht sagen. Ich kriegte es so per Zufall heraus und mußte ihm die Hand darauf geben, es nicht zu verrathen." „Das ist etwas Anderes," sagte Marbach, „sein Wort muß man unter allen Umstünden halten." Er nickte ihm freundlich zu und schickte sich an, den Rückweg anzutreten. „Na, dann will ich man auch gehen," sagte der Polier, „hier oben über'n Berg genirt Sie meine Gesellschaft wohl nicht, Herr Marbach!" „Nein, mein Lieber, auch nicht unten im Thal, weshalb sollte denn Ihre Begleitung mich geniren?" Sie drängten sich durch das Buschwerk wieder hinauf, wo Reinhardt ungeduldig hin und her ging. „Wen bringen Sie denn da, Marbach? — Zum Henker, das ist ja der Polier Schulze! — Was haben Sie denn da unten gemacht?" „Herrje, was sollt' ich wohl da unten gemacht haben, Herr Reinhardt!" meinte der Polier mit einem breiten Lachen. „Wollt' nur mal sehen, wo der famose Freischütz gestanden hat, und ob die böse Geschichte nicht vielleicht doch nur ein unglückliches Versehen gewesen ist. Ich weiß, daß sich schon mancher Sonntagsjäger hier oben verirrt und nach Wild ausgeschaut hat. Dachte einen Nehbock zu schießen und traf seinen eigenen Hund. Es ist wirklich und wahr passirt. So traf ich hier am ersten Pfingstmorgen, just an dieser Stelle hier, den Herrn Steindorf, wissen Sie, der eben jetzt aus Amerika zurückgekehrt ist und sich damals, es mögen wohl schon an die zehn Jahre her sein, zwei schöne Güter verscherzt hat, nämlich Rotenhof, was das Ihrige nun ja ist, Herr Marbach, und vordem seinem Vater gehörte, und das schöne Edenheim mitsammt der hübschen Braut. Na, ich war doch Geselle und arbeitete just damals an einem neuen Stallgebäude in Edenheim, kannte auch die junge Dame, mit welcher er auf und davon ging und sein schönes Erbe und seine armen, alten Eltern im Stich ließ. Aber so viel ist gewiß, sie war nicht halb so hübsch wie Fräulein Holten, mein Geschmack wär' die nicht gewesen, — aber die Geschmäcke sind nun einmal verschieden, was, Herr Reinhardt?" Reinhardt lachte fröhlich auf. „Das versteht sich, Schulze, wär' auch sonst ein Unglück für die Menschheit. — Also Herr Steindorf wollt' sich hier wohl sein Rotenhof betrachten?" „Ja, das mochte wohl so sein, ich kannt' ihn gleich wieder und er war auch ganz nett, gar nicht stolz, fing von selbst an, mit mir zu sprechen, obschon er sich natürlich von wegen meiner nicht gut erinnern that, was ja auch nichts machte. Er meinte, daß es in Amerika viel schöner wär', aber daß er doch wahrscheinlich, sich hier ankaufen wollte —" „Ah!" Machte Marbach unwillkürlich. „Lieber Gott, ob er nun noch die Lust dazu hat, nachdem sein kleines Mädchen todt ist, wird wohl die Frage sein," meinte Schulze. „Ich gab ihm so um den Busch herum zu verstehen, daß Fräulein Holten ja noch ledig wär' und Edenheim jetzt noch besser im Stande sein sollt' als früher. Na, da sah er mich groß an und sagte, daß er dazumal noch ein rechter Kindskopf gewesen wär', der sein Glück mit Füßen von sich gestoßen hätt' und so dergleichen. Ei, sagte ich dann ganz dreist zu ihm, Sie sind ja doch ein verflucht hübscher Herr, und alte Liebe rostet nicht." „Hätt' Sie nie für einen Kuppler gehalten, Schulze," polterte der Maler zornig dazwischen, „wollten sich wohl den Pelz dabei verdienen." Der Polier lachte verlegen. „Nee, nee, Herr Reinhardt, zu solcher Sorte gehöre ich nicht, und kommt ja auch gar nichts auf meinen Schnack an. Aber das muß wahr sein, daß Herr Steindorf ein forscher Kerl ist und daß er sich drüben mit den Indianern höllisch herumgeschlagen hat." Marbach, welcher einige Schritte vorangegangen war, wandte'sich hastig um. „Woher wissen Sie denn das?" fragte er, ihn forschend anblickend. „Na, es war merkwürdig genug, und er wollte es auch durchaus nicht wahr haben, aber gesehen hab' ich's doch ganz genau. Sehen Sie, meine Herren, wir gingen hier quer durch, weil Herr Steindorf einen Platz aufsuchen wollte, wo er als Knabe viel herum gespielt hatte, 287 wie er sagte. Da kamen wir an die Tannen, die drüben wieder recht dicht stehen, und wie er mit seinem feinen Zeug hindurch will, bleibt ihm der Hut hängen. Ich greife darnach, er auch, und dabei kommt sein Bart in Carambolage mit den Tannenstacheln. Er kam ordentlich in Wuth und Angst, ich aber meinte, nur immer ruhig Blut, junger Herr, und mach' ihm sachte den Kinnbart los. Dabei sah ich etwas Rothes und glaubte, daß er sich schon blutig gerissen hätte, — aber es war oder schien nur eine Narbe zu sein, was er sicherlich bei den Nothhäuten sich weggeholt hat. Ich sagte es ihm auch dreisteweg, weil ich das für keine Schande hielt. Da kam ich aber schön an, glaubte wahrhaftig, er wollte mir an den Kopf springen. Sagte, das sei dummes Zeug, er habe sich beim Nasiren geschnitten, ich sollte dergleichen Schnickschnack nicht herumtragen. Wissen Sie, meine Herren," setzte er pfiffig blinzelnd hinzu, „er war immer eitel auf seine Schönheit, und das hat sich auch noch immer nicht gegeben." Marbach hatte bei der naiven Erzählung des Poliers den Maler mit einem gewissen Triumph angesehen, und dieser war tief erblaßt. „Es ist jedenfalls nur ein kleiner Nasirschnitt gewesen," bemerkte Marbach gleichgiltig. „Na, aber ein ganz gehöriger," behauptete Schulze, „eine lange rothe Narbe quer zwischen Mund und Kinn, — gewiß soll es Fräulein Holten nicht wissen, meint wohl, es schadet seiner Schönheit, ja, ja, die liebe Eitelkeit l" „Dann sagen Sie auch nur nichts mehr davon an Andere," rieth ihm Marbach lächelnd, jetzt eiligst, als brenne ihm der Boden unter den Füßen, weiter- schreitend. Plötzlich blieb er stehen. „Was riecht denn hier so brenzlich? Sie haben doch keine brennende Cigarre fortgeworfen?" wandte er sich an Schulze, der umherschnuppernd die Nase hochhob. „I, wie soll? ich denn, Herr Marbach! Werde mich doch hüten, die ausgedörrten Tannen in Brand zu setzen. Aber wahr ist's, es riecht hier ordentlich schwef- lich, nicht wahr, Herr Reinhardt?" „Kann auch vom Thal heraufsteigen und so in der Luft haften," meinte dieser naserümpfend. Er war bei diesen Worten dicht hinter Marbach getreten, um denselben zum Weitergehen anzutreiben, als plötzlich eine kurze, aber heftige Detonation die Luft erschütterte und die beiden Freunde mit einem sAufschrei niederstürzten. Der Polier, dem ein starker Baumast das Gesicht verwundet hatte, stand aufrecht, vor Schmerz, Schreck und Entsetzen ganz betäubt. Endlich aber erholte er sich, wischte sich das Blut aus dem Gesicht, ohne den Vorgang begreifen zu können, und bückte sich zu den wie leblos daliegenden Herren nieder. Waren sie todt? „Mein himmlischer Vater, das ist zn schrecklich," jammerte er außer sich, als er sah, daß sie von Blut überströmt waren und fürchterlich zugerichtet sein mußten. Was sollte der arme Schulze hier oben doch nur beginnen? Woher schnelle Hilfe nehmen, wenn sie am Ende noch lebten? Da hörte er eilige Schritte sich nahen und athmete erleichtert auf, wobei er seine eigene Blessur ganz vergaß und sich mit dem bunten Taschentuch mechanisch das Blut abwischte. Jetzt wurden zwei Jäger sichtbar, der Förster und sein Jagdgehilfe, welche im Laufschritt daherkamen. „Was ist hier geschehen?" fragte der Förster athem- los. „Woher kam der Knall, den wir gehört haben?" „Weiß ich's denn? — Bin ja selbst verwundet worden, die ganze Gegend hier ist verhext." „Alle Wetter, wie sind die zugerichtet!" rief der Gehilfe erschrocken, „das kann nur von einer Explosion herrühren. Am Ende haben sie Dynamit bei sich gehabt —" „Dummes Zeug," unterbrach ihn der Förster, „dies ist ja Herr Marbach auf Notenhof. Schnell, Taschentücher her, sie verbluten sich sonst." Der Förster nahm den Verwundeten die Tücher aus den Taschen und brachte mit Zuhülfenahme des seinigen wie desjenigen des Jägers einen dürftigen Nothverband zu Stande. „So," fuhr er, sich aufrichtend, fort, „Ihr Riß im Gesicht, mein Lieber, wird wohl nicht gefährlich sein. Begleiten Sie meinen Gehülfen nach dem Forsthause, um Hülfe zu holen, vor allen Dingen eine Bahre, Wenzel," wandte er sich an den Jäger, „der Knecht kann mitkommen. — Die Minna könnte nach Notenhof sich aufmachen, damit sie von dort einen Arzt aus der Stadt holt, der alsdann direct nach dem Forsthause fahren muß. Haben Sie Alles kapirt, Wenzel?" „Ja, Herr Förster, weiß Bescheid, kommen Sie, Mann!" Er winkte Schulze, der willig folgte, obgleich er empfindliche Schmerzen an seinen Gesichtswundcn zu haben schien. Der Forstgehülfe schritt kräftig aus und so erreichten sie bald ihr Ziel und kehrten ebenso rasch mit dem Knechte und zwei Bahren an den Unglücksort zurück. Als die Verwundeten aufgehoben wurden, stöhnten sie plötzlich laut auf, was den Förster mit stiller Befriedigung erfüllte und Schulze seine Schmerzen vergessen ließ. Da der Förster selber Hand mit anlegte, so ging der schwierige Transport rascher und glücklicher von statten, als man gefürchtet, und die Verwundeten lagen so gut als möglich gebettet, als Doctor Peters erschien. Der Wagen, welcher von Notenhof abgeschickt worden, war ihm zum Glück unterwegs begegnet, da er nach Edenheim fuhr. Er sagte kein Wort zu der grausamen Bescheerung, konnte aber ein Erschrecken nicht unterdrücken und schien das Resultat der Untersuchung sehr bedenklich zu finden. Marbach hatte eine schwere Wunde am Hinterkopf und eine Zerschmetterung des linken Arms davongetragen, während dem alten Reinhardt die rechte Gesichtshälfte verbrannt und die Schulter zerrissen worden war. „Das sind ja wahrhaft mörderische Wunden," begann der Doctor endlich , nachdem er mit dem Verbinden fertig war, „Reinhardt wird wohl nach Notenhof transportirt werden können, mit Marbach wäre das aber ein Risiko —" „Dann bleibt er natürlich hier, Herr Doctor!" unterbrach ihn der Förster. „Wäre mir lieb, werde für die Krankenpflege sorgen und einen tüchtigen Heilgehilfen mitbringen. Muß heute noch einmal herauskommen, weil der Arm mir schwere Sorge macht." „Wird er durchkommen, Herr Doctor?" Dieser zuckte die Achseln. „Er lebt ja noch, und so lange dürfen wir auch hoffen. Habe meine Vorschriften auf diesem Zettek rrotirt, werden sich genau darnach richten müssen. Mein armer, alter Reinhardt wird auch tüchtig leiden, verdammte Geschichte, wenn wir ihm das Auge nur retten. Erzählen Sie mir doch jetzt, wie es eigentlich zugegangen, Herr Förster!" „Das wird der Mann mit dem blutigen Gesicht am besten berichten können, Herr Doctor," erwiderte der Förster, „es ist eine räthselhafte Geschichte, diese Gegend wird ja unheimlich verrufen." Sie traten vor die Thür, wo Schulze auf der Bank mit einer Waschschüssel saß und sich das Gesicht kühlte. — „Na, Freund Schulze, lassen Sie den Riß erst Mal beschauen, und dann erzählen Sie mir die Geschichte," sprach der Doctor, zu ihm tretend. „Sieh, das ist gottlob nicht gefährlich, ein Stückchen Fleisch ist drauf gegangen und dann der kleine Aderlaß. Hier hängt der ganze Fetzen noch, nun passen Sie auf." Er zog Heftpflaster aus seiner Verbandtasche und klebte den abgerissenen Fetzen Fleisch damit fest. „So, Mann, nun wird's schon anheilen. Erzählen Sie mir von Anfang an, wie das Schreckliche denn eigentlich passiren konnte." Schulze erzählte so ausführlich als möglich, und der Doctor hörte aufmerksam zu. „Da wird so ein Teufelsbraten von Junge zum Spaß irgend ein Geschoß mit einer Zündschnur gelegt und diese aus Spielerei angesteckt haben!" rief er in Hellem Zorn, „könnte man dem Racker doch auf die Spur kommen. Sie können mit mir nach Hause fahren. Schulze. — Werde sofort bei der Polizei die Anzeige machen, Sie müssen natürlich als Hauptzeuge dabeisein. Man wird nachgerade ängstlich dabei, sich irgendwo noch hinauszuwagen, wenn man am hellen Tage nicht mehr sicher ist, todtgeschossen oder von einem sonstigen Sprenggeschoß getroffen zu werden. Adieu, Herr Förster," setzte der Doctor hinzu, „es bleibt dabei, ich komme heute, mit dem nöthigen Rüstzeug versehen, noch einmal wieder." * * * (Fortsetzung folgt.) -- Zur Weltausstellung in AntkmM. Von Dr. Joseph Schiesl. (Fortsetzung.) Nach diesem kunsthistorischen Excurse, der uns einen Ueberblick über die Entwickelung der niederländischen Kunst und ihrer Vertreter gegeben, wird es genügen, bei den einzelnen Sammlungen, denen wir noch auf unserer Reise durch Belgien begegnen, auf die hervorragendsten Werke aufmerksam zu machen. So finden wir in der oben- genannten ssols außer einigen sehr guten italienischen Gemälden besonders hübsche Po^Ms bon Rubens, Karl de Cordes und seine Frau darstellend, ferner überlebensgroße Bildnisse des Erzherzogs Albrecht und der Jnfantin Jsabella, dann die bekannte Madonna mit dem Kinde vor der Nosenstaude u. a. Zu dem Schönsten zählt auch das Flügelbild „Die Geschichte der heiligen Anna" von Quinten Massys, das früher in der Peterskirche zu Löwen seine Aufstellung gefunden, aber später um 200,000 Frs. für das Museum angekauft wurde. Im Ganzen enthält die Gallerte gegen 500 Gemälde, die in zwölf Sälen untergebracht sind. Dem Museum schräg gegenüber befindet sich das Palais des Prinzen von Arenberg, früher die Wohnung des Grafen Egmont, der im Jahre 1568 gemeinsam mit dem Grafen Hoorn hingerichtet wurde. Zu ihren Ehren wurde in Mitten von herrlichen Anlagen ein großes Denkmal errichtet, welches die Freiheitskämpfer in dem Augenblicke darstellt, wo sie brüderlich sich umarmend zum Tode gehen. Neben dem früheren, jetzt als Gefängniß dienenden Carmelitenkloster (leg xsbibs Oarnreg) stand das gräflich Kuhlenburg'sche Haus, bekannt durch die Unterzeichnung der Bittschrift, welche 300 belgische Edelleute in gemeinsamem Aufzuge zur Statthalterin Margaretha von Parma brachten, um von ihr die Aufhebung der verhaßten Neligionsedikte zu erlangen. Bet dieser Gelegenheit hörten sie, wie ein Günstling, der Graf Barlaimont, der Fürstin das Wort in die Ohren raunte: „Nnärrins, os n'esb gu'uu tag äs §usux", welch' letzteres Wort die Bittsteller sofort aufgriffen und zu ihrem Parteinamen erhoben. Noch am selben Abende durchzogen sie die Stadt als Bettler, mit einem Bettelsack umgürtet und einen hölzernen Napf in der Hand, aus welchem sie auf den guten Erfolg ihrer Bestrebungen tranken. So ist der Name „Geusen" historisch geworden. Den südlichen Abschluß der an die rus ro^als anstoßenden rus äs rsAsnss bildet der mächtige Justizpalast. Nicht mit Unrecht hat man ihn, auch abgesehen von den enormen Kosten, die 60 Millionen Francs betrugen, den größten Monumentalbau unseres Jahrhunderts genannt, da er an Grundfläche sogar den Petersdom in Rom übertrifft. Soviel sich aus dem mächtigen, jedoch nicht harmonisch durchgeführten Bauwerke ersehen läßt, wollte der Meister assyrische oder ägyptische Ideen darin zum Ausdrucke bringen und durch die colossalen Dimensionen und die Masse des verwendeten Materials eine Gesammtwirkung hervorrufen. Da er jedoch wohl wußte, daß durch die mehr gewaltigen als ästhetisch schönen Formen eine eigentlich künstlerische Befriedigung im Beschauer nicht erzielt werden kann, so gedachte er durch griechisch-römische Architcctursormen, die er im Einzelnen, wie in den Gesimsen, den Capitälen und der Cannellir- ung der Säulen u. s. w., anbrachte, den Bau zu erleichtern und ihm den Eindruck des Plumpen oder Massigen zu benehmen. Doch ist ihm seine Absicht nicht gelungen. Von den 27 großen Sitzungssälen, die der Palast enthält, ist der weitaus größte und schönste die salls ä'assisssg oder der Schwurgerichtshof. Prächtige Stückarbeiten und die überlebensgroßen Bildnisse der beiden Majestäten schmücken diesen Saal, dessen gewaltige Fenster schwere goldgestickte Vorhänge zieren. Eine mächtige Kuppel, nahezu 100 ru hoch, wölbt sich über der Vorhalle, der sogenannten sails äss pas-psräus, welche in ihrer Größe und Ausschmückung mehr einem Dome gleicht, als dem Atrium eines profanen Hauses. Diese Halle dient als Wandelgang für Advokaten und Klienten, die sich zwischen den Sitzungen hier besprechen, und dabei mag sich wohl mancher Spitzbube, dessen Handwerk ihn nicht gerade in Fürsteuhäuser führt, über die Pracht gewundert haben, mit welcher man ihm zu Ehren einen solchen Monumentalbau geschaffen hat. Eine breite, zur Zeit der Nationalfeste äußerst belebte Straße führt längs des Justizgebäudes zum sogenannten Halerthor, einem alten festungs- ähnlichen Gebäude, das, früher Vertheidigungszwecken dienend, nun zu einem Nationalmuseum verwandelt worden ist. Es enthält eine sehr reichhaltige Sammlung von Waffen und Alterthümern aller Art; neben ägyp- 289 tischen Mumien und römischen Marmormosaiken sehen wir hier hübsche Neliquarien aus dem 12. Jahrhundert, alte korinthische Gefäße und panathenäische Amphoren neben etruskischen Bronzen, Modelle von modernen Kriegsschiffen neben Feldschlangen und Gewehren aller Art. Leider ist die Besichtigung durch die ungünstige Beleuchtung sehr erschwert und der Reisende genöthigt, gerade die schönsten und hellsten Tage zu seinem Besuche zu verwenden. Um nun auch den Kirchen, an welchen Brüssel allerdings nicht besonders reich ist, die verdiente Beachtung zu schenken, so wird der Reisende vor allem die herrliche, im Centrum der Stadt gelegene Kathedrale St.- Gudule besuchen, deren Thürme ihm von weitem schon ihren Gruß entbieten. In der Blüthezeit der Gothik erbaut, wirkt sie auf den Beschauer durch ihre edlen Formen und stimmt ihn zur Andacht. Man sagt häufig, das belgische Volk sei wenig zur Frömmigkeit angelegt — hier habe ich mich vom Gegentheil überzeugt. Während bei uns dem Volke so ziemlich das Bewußtsein entschwunden ist, daß es auch außerhalb des Gottesdienstes die Kirche besuchen soll und kaun, sind die belgischen Gotteshäuser auch an den Nachmittagen von einer ziemlich zahlreichen Beterschaar besucht. Und nicht blos alte Mütterlein sind es, auch junge Leute beiderlei Geschlechtes, die ihr Herz hierherführt, um sich Trost und Erquicknng zu holen. So war der Eindruck, den ich beim Betreten der herrlichen Kathedrale empfunden, ein doppelter. Nicht minder war ich entzückt von den schönen Schnitzereien, welche an den Beichtstühlen wie an der Kanzel angebracht waren. Zwei Laubgänge, aus in einander geschlungenen Eichen und Palmen gebildet, in deren Zweigen Thiere aller Art sich bewegen, führen zur Kanzel, welche auf dem Rücken der beiden Stammelten: ruht. Während rückwärts sich die Schlange emporwindet und Maria, mit der Sternenkrone auf dem Haupte, ihr den Kops zertritt, zeigt sich in der Mitte das Bild des gekreuzigten Heilandes, auf das Wort der heiligen Schrift hindeutend: ^esrinr orusilixunr xra,säisuwN8. Ihren größten Ruhm auf dem Gebiete der Kunst aber verdankt die Kathedrale den Glasgemälden, von denen die schönsten in der nördlichen Seitenkapelle, der sdnpslls äu sb. Lucraiuoiit äss miruslss sich befinden. Ihren Namen hat diese Kapelle von einigen wunderbaren Hostien, welche dort aufbewahrt werden, nachdem sie einst von Juden gestohlen und in der Synagoge mit Schusterpfriemen zerstochen worden waren. Zur Verehrung dieser Hostien stifteten die 5 mächtigsten Fürsten Europas: König Ludwig von Ungarn, Franz I. von Frankreich, Johann III. von Portugal, Ferdinand I. von Deutschland und Kaiser Karl V., die hier befindlichen Glasfenster, welche unten die Bildnisse ihrer Stifter tragen. In der südlichen Kapelle, der sduxslls äs notrs Hains, welche gleichfalls treffliche Glasmalereien aus dem 17. Jahrhundert enthält, ist ein Marmormonnment des Grafen Friedrich von Mc- rode, der beim Aufstande des Jahres 1830 für sein Vaterland gefallen. An seinem Grabdenkmal steht die Devise seines Lebens: „klus ä'tionirsnr gus ä'donnsurs«. Nicht weit entfernt sind die Marienkirchen dlobrs Dorns äss viotoirss, auch Notrs Darne äu sadlon genannt, welche 1304 von der Schützeuzunft gegründet wurde, und Notrs Da-ms äs In sdaxslls. In ersterer befinden sich die Monumente des Lyrikers Jean Baptiste Rousseau (1' 1741 in der Verbannung zu Brüssel) und des Grafen Flaminius Garnier, des bekannten Sekretärs des Herzogs von Parma, in einer Seitenkapelle auch die alte Be- gräbnißstätte des Geschlechtes der Thurn und Taxis. Einer der merkwürdigsten Plätze nicht blos Brüssels, sondern überhaupt der Welt ist der große Marktplatz, welcher aus der einen Seite vom Nathhause, auf der anderen von den sogenannten Zunfthäusern mit ihren prächtig vergoldeten Faxaden flankirt wird. Schon das Nathhaus mit seinem reichen gothischen Stile und seinem himmelanstrebenden minaretartigen Thurme, seinen Spitz- bogenfenstern und den zierlichen Erkerthürmchen erweckt eine ganz mittelalterliche Welt in unserem Geiste, der sich nichts Ungereimteres denken kann, als etwa ein modernes „Standesamt" in diesen Prachthallen, in denen die Blüthe der belgischen Ritterschaft, die Vertreter der Stadt und freien Zünfte ihre Berathungen hielten. Auch traurige Erinnerungen knüpfen sich an dieses Gebäude. Hier war es, wo die beiden Grafen Egmont und Hoorne ihr Todesurtheil vernahmen und den Gang zum Schaffst antreten mußten. Ob wohl die Geschichte dadurch nicht um einen Justizmord reicher geworden ist? Andere Gedanken kamen mir beim Betreten des großen Festsaals, dessen Langseiten noch von einer wohladjustirten Batterie Champagnerflaschen garnirt waren, als den stummen Zeugen, daß auch die Brüsseler Nathsherren Horazischer Lebensweisheit nicht unzugänglich seien. Daneben enthält das Gebäude noch andere Säle von hervorragender Schönheit, wie die in venetianischem Genre gehaltene solls än son- 8öi1 oowinunal, die salls ä'ottsnts, äss iuaria§s8 u. s. w. Dem Nathhaus gegenüber steht das sog. Brodhaus (lra-IIs au xoin), das als ehemaliger Regierungssitz auch den Namen innison äu rot führt. In seinem reichen Stile, der allerdings schon manche Anklänge an die Renaissance erkennen läßt, schließt es mit den anstoßenden Zunfthäusern dieses mittelalterliche Stimmungsbild trefflich ab. Letztere bildeten ehedem den Centralpunkt der Interessen der einzelnen Stände, die sich dort versammelten, um über ihre gemeinsamen Angelegenheiten zu verhandeln. So besaßen die Metzger, die Bräuer, die Schiffer, die Bogenschützen, die Zimmerleute, die Schneider usw. ihre eigenen Gildenhüuser, welche mit den ihnen eigenthümlichen Emblemen geschmückt waren und noch heutzutage Zeugniß ablegen für die Bedeutung und den Reichthum des mittelalterlichen Handwerks. Im Gegensatze hiezu zeigt uns die große Galerie St. Hubert, eine prächtige glasbcdeckte Kaufhalle, die Erzeugnisse der modernen Industrie, welche allerdings an Feinheit und Mannigfaltigkeit die Handarbeit übertrifft, aber auch derselben den goldenen Boden, auf dem sie bislang geruht, entzogen hat. Noch erübrigt uns ein Gang durch die belebteste Straße Brüssels, den Boulevard Anspach, so benannt zum Andenken an einen früheren Bürgermeister, dem die Stadt ihre eigentliche Blüthe und ihren Aufschwung verdankt. In diesem Vcrkehrsccntrum erhebt sich die nach französischem Muster erbaute Börse, ein prächtiger Ban mit einer reich geschmückten Faxade von acht korinthischen Säulen, dessen großartige Verhältnisse und fast übertriebener Reichthum einen grellen Gegensatz bilden zu der Noth, in welcher sich ein großer Theil der belgischen Bevölkerung, besonders der Arbeiterwelt, befindet. Ist ein Vergleich Brüssels mit anderen Städten erlaubt, so möchten wir es an Schönheit der Gebäude und Straßen noch am ehesten mit München vergleichen, das allerdings wiederum in Hinsicht seiner Lebensgewohnheiten 290 und der Art und Weise des Verkehrs gänzlich mit jenem contrastirt. Jedenfalls aber wird derjenige, der Brüssel besucht, nicht mit weniger Befriedigung an die dort verlebten Tage zurückdenken, als derjenige, den seine Schritte zur Bavaria und den Franenthürmen — und nicht zuletzt auch zum Hofbräuhause führen. (Fortsetzung folgt.) --sr-v-es—-- Ein nruer Apostel der Aussätzigen aus dem Vencdl'ctiuer-Ordrn. (Von k. M. K., Archivar im Benedictinerstifte Raigern.) Wen erinnert nicht diese Aufschrift schon an den heldenmüthigen Apostel Pater Damian, der sich im Dienste für diese Unglücklichen geopfert und zum Märtyrer geworden ist? Eines gleich heldenmüthigen Apostels der christlichen Liebe kann sich auch der Benedictinerorden in der Gegenwart rühmen. Es ist dies Dom Sauton, Mönch von Ligugs in Frankreich. Eine kurze Notiz über denselben in der Augsburger Postztg. Nr. 44 vom 22. Februar d. I. berichtete unlängst: „D. S., ein Mönch des Benedictinerordens, der medicinische Studien durchgemacht hat, ist von der französischen Regierung beauftragt worden, Untersuchungen über den Aussatz in Scandinavien, Finnland, der Türkei, Kleinasien, Griechenland und Aegypten anzustellen. Nach Beendigung derselben soll er nach Paris zurückkehren und die von ihm niedergelegten Resultate dem Professor Pasteur überliefern, damit dieser, wenn möglich, ein Heilmittel gegen die Krankheit auffinde." — Die Ehre unseres Ordens, sowie die Gerechtigkeit, dem hochw. Herrn Sauton gegenüber erfordert eine Berichtigung und Ergänzung dieser Notiz, zu der wir einen längeren Artikel des „Lullsiin äs 1'^88Sointion äs Lainb-ÜIartin" (herausgegeben von der Benedictinerabtei in Ligugs) im Januarhefte 1894, Seite 35 und folgende, benützen, der sich wieder auf einen in der Revue Gsnsrale von Brüssel vom 1. December 1893 unter der Rubrik „Guussris soisubiLius" von Abbs Lefebure geschriebenen Artikel beruft. Der junge, damals vierzehnjährige Joseph Sauton sah im Verlaufe des Krieges 1870 mit Bewunderung, wie sich sein Vater, ein ausgezeichneter Katholik, vr. Sauton, ganz der leiblichen und geistigen Pflege der armen Verwundeten hingab, und half ihm hierbei emsig damals schon im väterlichen Hause, das zu einem Spitale eingerichtet worden war. Sein Entschluß stand fest, auch er wollte Mediciuer werden, um sich ganz der leidenden Menschheit widmen zu können. Er studirte mit bestem Erfolge Medicin und fand dann Verwendung als Assistenzarzt in einem Pariser Hospitale. Im Jahre 1884 erkannte der junge Doctor plötzlich, welch' höheren Werth und welch' schönere Aufgabe der Arzt der Seelen habe, und entschloß sich, die Heilung der leiblich Kranken zugleich mit der der leidenden Seelen zu seiner Lebensaufgabe zu machen — der Mediciner wurde Mönch. Zehn Jahre lang widmete er alle seine Seelenkräfte dem Gebete, der Betrachtung und der Vorbereitung für feinen ihm von Gott gesetzten Beruf. Am Vorabende seiner feierlichen Profeß sprach sein Oberer zu ihm: „Der Mönch ist ein Diener der Kirche, Sie werden Ihr Doctordiplom dem Dienste der Kirche opfern." Im Verlaufe der Jahre erkannte Sauton fortan seine Kräfte wachsen, seinen Beruf sich stärken, seine Projecte immer klarer werden. Als Religiöse, Priester und Mediciner widmete Dr. Sauton oder Dom Sauton, wie er fortan hieß, sein Studium und seine Liebe immer mehr einer der schrecklichsten Krankheiten, die die Menschheit verheeren, dem Aussatze. Bei all' dem wollte er aber Mönch bleiben und seine ganze Kraft auf den Gehorsam stützen. Und in der That, die Ermuthigung seitens aller seiner Oberen und der Gehorsam gegen sie lieferten ihm hinreichende Bürgschaft dafttr, daß Alles gut von Statten gehen werde. „Das Werk des Aussätzigen", sagt er selbst, „ist ein Act deS Glaubens, ein Act des Gehorsams." Endlich legte sein Abt den ganzen Plan deS Mönch- Doctors dem Papste vor, und Leo XIII. segnete das Werk und dessen Unternehmer; er sprach ihm Muth zu und ertheilte ihm ein apostolisches Jndult als Mönch- Missionar, der jedoch stets dem Abte von Ligugs unterstehen soll ssrvatis rnormstieus xrolssmonis vinoulis st xrivilsAÜs. Bald hierauf empfahl ihn auch ein Breve der Propaganda an alle Bischöfe und apostolischen Vicare. Die gleichen Dispensen und Empfehlungen erhielt auch Dom Sautons Bruder, der Abbs Carl Sauton, Vicaire von Nogent le Natron, der sich an demselben Werke betheiligen wollte. Nachdem so die religiöse Seite seiner Mission gesichert war, mußte Dom Sauton auch die Menschliche Seite sichern. Von vielen Seiten wurden ihm öffentliche Unterstützungen zugesichert, warme Anempfehlungen gab ihm der Präsident der medicinischen Akademie und mehrere Mitglieder derselben. Der bekannte Dr. Pasteur schrieb am 3. Mai 1893: „Ich bin voll Bewunderung über die Opferwilligkeit und Hingabe des Dr. Sauton; eine Unterredung mit ihm hat mich davon überzeugt, daß dieser junge Doctor ganz gut unterrichtet und festen Willens ist, sich einer fast heiligen Mission zu widmen; ich spreche hier gerne meinen innigen Wunsch aus, es möchten diesem beherzten Missionär alle möglichen Erleichterungen zu Theil werden!" Bald hierauf erhielt Dom Sauton auch von der französischen Regierung eine formelle schriftliche Unterstützung für seine wissenschaftliche Mission, wodurch ihm freundliche Aufnahme und der Schutz der auswärtigen Mächte gesichert wurde. Alle diese Ehrungen waren wohl nützlich und werthvoll, aber die schlimmste aller Schwierigkeiten, die Geldfrage, wurde nun dringend. Das Werk christlicher Liebe, das der Missionär unternehmen wollte, mußte nothwendig große Kosten verursachen: Der Gelehrte benöthigte für sich ein tragbares Laboratorium für Mikroskopie und Bacteriologie, abgesehen vom Gepäcke und den Medica- menten. Auf der Insel der Aussätzigen, zu Molokai, wo sich Dom Sauton und sein Bruder niederlassen wollten, mußten überdies beide im Vireine mit den Nachfolgern ?. Damian's Alles aufbieten, um ein Hospital und ein Versuchslaboratorium einrichten zu können. Beide Brüder waren gerne bereit zu Kosten für ihre Person, aber unmöglich war es ihnen, Alles zu bestreiten aus eigenem Gelde. Sie riefen daher die christliche Nächstenliebe an, um ihnen beizustehen. Leider ist es nur zu bekannt, wie solche Bitten im Allgemeinen Aufnahme finden, da man da stets arm und überbürdet zu sein vorgiebt. Einiges Almosen erhielten sie doch; überdies wiegt bei derartig großartigen Unternehmungen der Muth das Geld auf, und diesen besaßen sie. Hiervon gab Dom Sauton gleich einen Beleg ab, als er am 8. August 1893 seine Reise nach Norwegen antrat, wiewohl er kaum den vierten Theil der nothwendigen Kosten noch beisammen hatte. 291 Er hätte als Reisebegleiter und Dolmetsch einen alten Missionär aus Finmarck mitnehmen sollen, allein seine geringen Mittel erlaubten dies nicht, und er reiste ganz allein ab. Am 13. August v. I. kam er nach Christiania, wo ihn der apostolische Vicar v'ou Norwegen, Msgr. Fallize, mit offenen Armen aufnahm und ihm alle Vollmachten der apostolischen Missionäre verlieh. Am 19. August schiffte er sich von Christiania nach Bergen über, wo er fünfzehn Tage bei den dortigen Aussätzigen zubrachte. Seinem Neifcprogramme gemäß wollte er hierauf die gefährlichen Küsten der Loffoden-Jnseln besuchen, sodann Vesteraalen und die trostlosen Gegenden von Lapp- land und Finmarck. Fünfzehn Tage nach erfolgter Durchforschung Finmarks verließ er am 29. September Hammer- fest, die nördlichste Stadt der Welt, überall als Priester und Benedictiner von Ligugs auftretend; auch las er an allen Sonntagen in den katholischen Missionsstationen das Hochamt. Alle Zeitungen des Landes brachten Notizen von ihm als einem vorn Papste autorisirten Bene- dictiner-Mönch, und alle Localblätter meldeten von seiner Ankunft wie von seiner Abreise. Am 12. October kehrte Dom Sauton in mehr civilisirte Gegenden zurück, durchzog gegen Norden Schweden und begab sich nach Stockholm, wo er mit N. P. Moro, früherm Almosenier am schwedischen Hofe, nun Prior der Barnabiten zu Paris, zusammentraf, der gerade damals in Stockholm eine Reihe von Conferenzen hielt und unserm Reisenden zu dessen großer Freude erneute Beweise seiner väterlichen Zuneigung gab. Auch Msgr. Bitter, der apostolische Vicar von Schweden, nahm den Doclor der Aussätzigen, den er den „Apostel der Liebe" nannte, mit großer Herzlichkeit auf. Aber Dom Sauton mußte nun darauf bedacht sein, sich Erfahrungen in der Cur zu sammeln. Hohe und schätzbare Sympathien für ihn waren erwacht, und die norwegische Regierung sandte ihm ein königliches Decret zu, unterzeichnet im Ministerrathe vom 8. November, durch das gnädigst entschieden war, daß es dem Doctor Sauton gestattet sei, die Aussätzigen im Königreiche zu behandeln mit all den Rechtsverbindlichkeiten und Verpflichtungen, wie sie norwegische Doctoren besitzen. Gleichzeitig traf die Regierung mit Dr. Kamin, dem Direclor der Aussätzigen-Anstalt zu Molde, ein Ucbereinkommen, das dem französischen Doctor die Krankcnsäle und alle Erleichterungen für seine Arbeiten zur Verfügung stellte. Diese Begünstigungen seitens einer lutherischen Regierung und die öffentliche Stellung, die dem Mönchdoctor während seines Aufenthaltes in Norwegen zugewiesen wurde, sind umso höher anzuschlagen, als vr. Sauton in dem Berichte an den König und den Ministerrath ausdrücklich „katholischer Priester und Benedictinermönch" genannt wird. Es ist dies gewiß ein würdiger und weiser Act der Toleranz, der dem scandinavischen Reiche alle Ehre macht. Diese osficielle Anstellung an der Aussätzigen-Anstalt in Molde legte unserem Mitbruder die Verpflichtung auf, sein wissenschaftliches, medicinisches Material zu erneuern und zu ergänzen, weshalb er sich nach Frankreich begeben mußte. Am 26. November verließ er Christiania mit einer osficiellen, sehr lobenden Bescheinigung von Msgr. Fallize über seine in Norwegen gemachten Studien an den Aussätzigen. Auf seiner Rückreise zog er sein Mönchsgewand wieder an und kam bald glücklich in seinem Kloster St.-Martin in Ltgugä au. Dom Sauton beansprucht keineswegs den Ruhm, neue Entdeckungen gemacht oder geheime Mittel und Versuche gebraucht zu haben. Er befolgte bei der Behandlung der so schrecklichen Krankheit des Aussatzes bisher eine sehr weise Methode; denn die bisherigen Mittel gegen dieselbe sind noch sehr schwach und ungewiß. Es handelt sich darum, eine heilbringende Behandlung zu finden. Gebe Gott, daß seine Arbeiten von günstigem Erfolge begleitet sein möchten! Die aufopfernde Liebe ?. Damians war zweifelsohne eine heroische und aller Bewunderung werth. Alles Lobes Werth sind ferner die Verdienste einer alten Christin, Miß Kate Marsden mit Namen, die sich demselben Liebeswerke widmete; mit Recht bewundert man die Missionäre, die in Molokai, Mandalay, in Japan und sonstwo sich der Obsorge um die Aussätzigen widmen. Sie Alle opfern ihr Leben und bringen den armen, von aller Welt Verlassenen die Tröstungen des Himmels. Aber all diese Hingabe, diese Opfer der Missionäre sind theilweise noch unfruchtbar und kommen nur Wenigen zu Gute. Wie viele Tausende von Aussätzigen in Rußland, der Türkei, in Birmanien, in China und Japan rc. sind noch hilflos! Dom Sauton will nun all diese Hingabe fruchtbar machen und es den katholischen Missionären ermöglichen, Körper und Geist der armen Aussätzigen zugleich zu heilen. Eine Beschreibung dieser Krankheit, ohnehin aus den Schilderungen ?. Damians theilweise bekannt, sei uns hier erspart. Dom Sauton ist Priester und Arzt. Nicht ohne Rührung kann man nachfolgenden Auszug aus einem seiner Briefe lesen, den er Ende September mitten aus Lappland absandte: „Was ich beabsichtige," schreibt er, „ist:' das Loos und die Lebensbedingungen dieser Unglücklichen zu verbessern; abgeschlossen in den Anstalten für sie, sind sie auch abgeschlossen unter einander, nur das Unglück vereinigt sie, denn jeder trägt an sich das Siegel der Trauer und gar hünfig das der Verzweiflung; sie scheinen sich Einer vor dem Andern zu schämen. Ich will ihre Herzen erwärmen, ihren Muth stählen, in ihre traurige Existenz einen Strahl des Lichtes und der Hoffnung bringen; ich will ihnen zeigen, daß sie nicht mehr verlassen sind. Diese moralische Behandlung soll Hand in Hand gehen mit rationeller, heilkräftiger Behandlung ihrer Krankheit... . Letzthin besuchte ich ein armes aussätziges Weib; sie selbst glaubte für mich ein Gegenstand des Schreckens zu sein, das sah ich ihr an; sie fragte mich, wie ich mich für sie interessiren könne, da ich ihre Sprache gar nicht verstehe; ich fragte sie ruhig aus, sagte ihr tröstende Worte, sie lächelte und öffnete ihre großen Augen; Bewegung, Furcht und Ueberraschung las ich in ihrem Blicke. Alles scheint für sie ein Traum zu sein, sie begann zu hoffen." Wie der h. Martin, Bischof von Tours, durch einen Kuß — so erzählt die Legende — einen Aussätzigen heilte, so versucht es nun einer seiner Söhne aus dem diesem Heiligen geweihten Kloster zu Ligugs, sich dem Dienste dieser Unglücklichen zu opfern, so erwachen die alten mo- nastischeu Traditionen. Dom Santon hat allerdings schon auch bittere Erfahrungen gemacht; allein kein großes, Gott wohlgefälliges Werk bleibt ohne diese. Zurückgekehrt vor Kurzem in seine Zelle zu Ligugö, nimmt er wieder seinen Platz im Chor ein und schöpft neue Kräfte für sein Werk im Gebete. Seine Mitbrüder achten ihn und sind glücklich, ihn wieder in ihrer Mitte zu haben. Doch wird sein Aufenthalt hier nur ein kurzer sein. Wie der letzte Bericht von Ligugs lautet, reist Dom Sauton dem- nächst nach Paris ab, um hier seine letzten Vorbereitungen für seine Liebesmission zu treffen uud seinen Bruder abzuholen. Ueber Dom Sautons weitere Schicksale und die seiner Mission hoffen wir unseren Lesern seiner Zeit wieder Mittheilungen bringen zu können. -"-S^k-LS--.- ALLevLer. Die großen Fasten von sechs Wochen, die in Rußland dem fürchterlichen Rausch der Butterwoche folgen, bekommen vielleicht am besten den Aerzten. Nach ihnen ist die Nachfrage um diese Zeit — vor Kurzem hat sie ihren Anfang genommen — ungewöhnlich stark. In der ersten Woche haben sie wirklich ernsthaft damit zu thun, die zahllosen kranken Magen, die sich während der Butterwoche übergessen und übertrunken haben, in feste Behandlung zu nehmen und den Besitzer wieder in einen gewissen Normalzustand zu versetzen. Nachher aber muß ihr Wissen, wenn sie anders sich auf ihre Patienten verstehen, einem allgemeinen menschenfreundlichen Wohlwollen weichen. Auch der Russe von heute thut sich etwas darauf zu gute, „nach Kräften" die nicht allzu leichten Satzungen seiner Kirche zu befolgen. Nach Kräften — denn der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Uud dieses schwache Fleisch hat eine unbezwingbare Sehnsucht nach festem, gutem Fleisch und nach jenem gebrannten Wässerchen, das der Russe Wotka nenut. Der Arzt wird herbeigeholt. Er untersucht den Kranken mit rühmlicher Gewissenhaftigkeit und sagt dann mit tiefernstem Gesicht: „Iwan Jwanitsch, ich weiß, Sie sind ein guter Christ. Ich habe das immer an Ihnen geachtet, und es wäre verächtlich, wenn Sie nicht fasten wollten. Aber es giebt Ausnahmen, Iwan Jwanitsch, wo der Mensch sich schonen muß, damit er später die heiligen Gebräuche der Kirche um so besser erfüllen kann. Wollen Sie sich dem Tode in die Arme stürzen? Nein, das dürfen Sie nicht. Sie sind elend, Iwan Jwanitsch; ich verordne Ihnen, ich befehle Ihnen, Sie müssen drei Tage hindurch Fleisch essen und Stärkendes dazu trinken, Portwein oder so etwas. Nach drei Tagen werde ich Sie wieder besuchen. Iwan Jwanitsch sieht den Doktor mit einem dankbaren Seufzer an und händigt ihm einen Rothen (Zehnrubelschein) ein. Dann theilt er seiner Familie die betrübsame Thatsache mit und läßt sich ein Filet und eine Flasche „Gereinigten" bringen. So stärkt er seinen Magen uud hält sein Gewissen rein. Die Wan-Stämme in Birma — so berichtet der „Globus" — sind uns jetzt durch I. G. Scott bekannt geworden, der über die bei ihnen in ganz außergewöhnlichem Maße gebräuchliche Kopfjägerei viel zu erzählen weiß. Sie wohnen östlich vom Salwin in West-Manglun im Gebiete der Schau und werden in zahme, die ihr Haar lang wachsen lassen, und wilde, die es abschneiden, geschieden. Die Dörfer der wilden sind durch gute Straßen mit einander verbunden; die Leute sind vortreffliche Ackerbauer und umgänglich. Aber Trunkenheit, Unsauberkeit, das Verzehren von Hunden und vor Allem Kopfjägern sind bei ihnen herrschend. An jedem Ende des Dorfes steht eine Neisschnapsbrennerei, der tüchtig zugesprochen wird; auch ißt man Opium, raucht es aber nur selten. Der Zugang zu den Dörfern wird stets durch eine Allee von Schädeln eröffnet, die auf Pfühle gesteckt sind. Das ärmste Dorf zeigt deren mindestens ein Dutzend; die reicheren schmücken aber den Zugang mit hundert und mehr Menschenschädeln. Alljährlich zur Zeit der Ernten werden Schädel geopfert, am liebsten diejenigen von hervorragenden Leuten oder Fremdlingen, und die Gemeinden, welche solche Schädel nicht durch Mord erlangen können, suchen sie zu kaufen. Die frischen Köpfe werden in Körben an Bäumen aufgehängt, wo sie bleichen; dann erst wird der Schädel feierlich in der Allee aufgestellt. Eine Priesterkaste besteht bei den Wan nicht. Scott meint, daß er und seine Geführten die ersten Fremden waren, die dem blutdürstigen Volke keinen Schädcltribut leisteten. -- Dem verewigte» Sänger des Ave Maria nnd der Dreizeßukinden. Wonnig weiches LenzeSweben webt und waltet in der Runde Stuf den sonnig liebten Hohen, in des Thales grünem Grunde. Horch, aus fernen Sachsengauen dröhnt so dumpf die Trauerkunde: „Todt und stumm ruht unser Sänger mit dem liederreichen Munde." Sangst so süß die Himmclsgrüße, die von Engels Lippen klangen; Priesest hoch des Kreuzes Helden, die zu deutschen Forsten drangen; NordlandSvclk undNordlandSbilderD-iner Meisterhand gelangen: Doch Wer zählt die Licdcrströme, welche Teinem Quell entsprangen? Goß die Bosheit neuer Heiden aus des leeren Witzes Schale Wider Gott und Seine Kirche uud des Jenseits Ideale: GeisteSmäebiig, wortgewali-g saugst Du, herrlicher Westseite, Und Dein Saug erklang wie Glocken bei des Festtags Purpurflrahle Christenglaube, Eottesliekc rauscht aus Deiner Weserwelle; Deutsches Wesen, ehrlich, männlich, klingt in Deinen Saiten helle; Wer hat so wie Du geschildert deutschen Volkes Segensguelle, Treuer Kirche Mutlersorgcn und Kultur der Klosterzelle? Eichenlaub und Lorbeerblätter wirbeln mit des Herbstes Winden. Unverwclklich uud unsterblich blühen Deine Dreizehnlinden. Leuchtend wird Dein Name prangen, wenn im Flug die Jahre schwinden; Dankbar wird die späte Nachwelt Licht bei Dir und Wonne finden. In der Ostern Gnadcntagen schiedest Du von unsern Auen. „Sei ihm mildreich, höchster Richter!" fleht dieLi-be voll Vertrauen. „Laß ihn, der von Dir gesungen, reinste Königin der Franc», Ewig Jubellicder singen, selig Deinen Jesus schauen!" N. a. D. (Overpfalz), am 16. April 1591. Oautor Llarianns. ---S8WSS-«-- AriLHurogriixh. 1 2 3 4 5 6 7 ist Ein wildes Thier, wie ihr wohl wißt. 3 4 5 1 ein edler Stein, 4 2 6 1 und 2 ist klein, ES ruht verborgen tief im Meer, Doch unsre Damen lieben's sehr. 3 2 und 1 wird viel gebraucht, Manch' Speise wird hineingetaucht, 5 7 2 1 2 heißt manche Dame, 1 2 und 3 ist ein Männernamc, 5 1 3 2 ist ein Gewächs Und Zwei nennt man 4 5 5 6. (L. L.) Auflösung des Bilder-NSthsels in Nr. 35: Spielhagen. - » 4 » v > I >- 39 . 1894 . „Nugsburger PostMung". Divslag, den 15. Mai ssür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Berlag des ^iterariichen Initiluts von Haas L Grabherr in Augsburg lBorbeflyer vr. Mar Huttler). Pfingsten. Durch Garten und Wald ein Geheimniß geht, Was rauscht in den alten Bäumen? Die Amsel schlägt, der Südwind weht, Wie ist den grünenden Räumen? Der Sommer nahet mit Macht, mit Macht, Die Würzen duften und triefen, Die letzten Kinder sind heute erwacht, Daß sie zum Fest nicht verschliefen. Die Erde schauet in stillem Glück Auf all' dies Leben und Prangen, Du aber stehst noch schmollend zurück, Dein Eis ist noch nicht zergangen? Komm, Geist der Pfingsten, in solch' ein Herz, Laß es am Lichte erwärmen, Gieß Deinen Segen mild niederwärts. Hilf, Tröster, Vater der Armen. Adolph Mül cr. -- Tante Kanna's Geheimnis;. -Original-Roman von E. von Linden. (Aoriseyung.) Wochen waren seit diesem zweiten Ereigniß, das nicht allein die Stadt und Umgegend, sondern durch die Presse alle Welt in Aufregung und Verwunderung gesetzt hatte, vergangen, und noch war es nicht gelungen, dieses sowohl als die Mordschüsse im .Hohlwege aufzuklären, oder irgend eine Spur der Thäter zu entdecken. Wenigstens verlautete nicht das Geringste darüber in der Oeffentlichkeit. Während Warneck und die kleine- Lotta längst im Schooß der Erde ruhten, Ersterer nach Marbach's Willen im Park von Notenhof, Letztere auf dem Friedhof der Stadt, lagen die beiden im Gebirge Verwunderen noch immer zwischen Tod und Leben, da auch Reinhardts Zustand sich wider Erwarten sehr ernst und bedenklich gestaltet hatte. Marbach's linker Arm war abgenommen worden, während die Wunde am Hinterkopfe einen noch gefährlicheren Charakter angenommen hatte und seine Wiederherstellung geradezu in Frage stellte. Er lag noch imunr in Fieberphantasien und erging sich in wilden Drohungen und Anklagen gegen einen Feind dessen Namen er niemals aussprach. , „Ganz natürlich," sagte der Doctor, „die unheimlichen Ereignisse, welche sich ja förmlich aufeinander gehäuft haben, mischen sich doch in seine F-ieberträume und wälzen sich wirr und toll in seinem Gehirn umher. Wenn wir das Fieber nur erst gebannt Hütten." „Ja, das bringt ihn ganz herab," erwiderte der Heilgehülfe. „Es ist merkwürdig, daß er fortwährend von einem blutigen Jndianerschnitt phantasirt, darum dreht sich alles Ändere wie um ein Centrum." „Lieber Gott, das ist ja ganz erklärlich, wenn nur die vertrackte Wunde im Gesicht süße, so aber wälzt cr den Kopf umher und vereitelt jede Hoffnung. Es wird doch nöthig sein, ihn auf irgend eine Art festzuschnallen." „Habe auch darüber nachgedacht, Herr Doctor, — wie wär's zum Exempel mit einem Verbandschutz?" „Sie meinen eine Vorrichtung, welche das Verschieben desselben verhindert?" „Ganz recht —" „Ich will mit einem Bandagisten darüber reden," sagte der Doctor zustimmend. „Mit dem armen Herrn Reinhardt in Rotenhof habe ich immerhin leichtere Arbeit, da er fieberfrei ist, aber, seltsam genug, auch von einem blutigen Schnitt faselt. Reden kann er Gott sei Dank noch nicht, weil er den Mund nicht regen kann, das eine Auge geht auch wohl zum Teufel, aber Papier und Bleistift mußte ich ihm in die Hand geben, und da kritzelte er richtig tolles Zeug hin von einem blutigen Schnitt, woran man den Mörder erkennen könne, und dabei einen Namen, — Gott steh' mir bet — ich sollte diesen Zettel dem Criminal-Commissar Frenzel geben." „Wollen Sie denn das nicht, Herr Doctor?" fragte der Heilgehilfe erstaunt, „ich thät's doch, da es nicht schaden kann." Dem alten Arzt schien die ein wenig zudringliche Klugheit dieses Handlangers der Medicin nicht angenehm zu sein. Er zuckte spöttisch die Achseln und ging, um nach Rotenhof zu fahren, wo Reinhardt auf dem Schmerzenslager sich befand und sich ohnmächtig gegen sein Geschick aufzulehnen suchte. Doctor Peters fand ihn in heftiger Ungeduld seiner harrend. Die Schulterwunde verheilte gut, aber die 294 Brandwunden schienen don einer giftigen Substanz herzurühren und deßhalb der ärztlichen Kunst noch immer zu spotten. Der Kranke reichte dem Arzt sogleich einen Zettel entgegen, den dieser nahm und überflog. „Haben Sie's dem Kommissar gegeben, Doctor?" las er. „Ja, er wollte sich's überlegen," beantwortete dieser die Frage. Das rechte Auge des Malers, welches unter dem Verbände, der beinahe das ganze Gesicht bedeckte, unheimlich heroorlugte, starrte den Doctor an. Dann schrieb er wieder: „Ist Marbach todt? „Nein, aber schwer verwundet," antwortete der Arzt. „Er fiebert noch immer und phantasirt stark." Reinhardt seufzte tief. Er ließ sich ruhig verbinden und stöhnte nicht einmal dabei. Auch hier war ein Heilgehilfe anwesend, der die Pflege ganz allein leitete und besorgte. Der Maler schrieb alsdann einen Zettel mit der Frage, ob Fräulein Holten noch krank und Steindorf dort anwesend sei? „Sie ist wieder besser und ergeht sich bereits in freier Luft. Steindorf war während ihrer Krankheit dort anwesend, jetzt aber nicht mehr, ich und Mamsell Evers hielten ihn vom Krankenzimmer fern. Fräulein Armgard weiß noch nichts von dem neuen Attentat, doch kann ich grüßen." Der Maler nickte mühsam und schrieb auf's Neue: „Obwohl sie mich nicht recht leiden konnte, so möchte ich doch um ihren Besuch bitten." „Dazu ist sie noch nicht kräftig genug, mein alter Freund, wiü's aber bestellen. Ich fahre jetzt noch in Edenheim vor. Ueber Steindorf beunruhigen Sie sich nicht, der geht wahrscheinlich bald nach Amerika zurück." Dieser Trost schien indeß bei dem Kranken die beabsichtigte Wirkung nicht zu haben. Er rollte das eine Auge in wahrhaft erschreckender Weise und schrieb mit erregt zitternder Hand: „Schicken Sie mir um gottes- willen den Commissar Frenzel her. Ich muß eine Aussage machen. Wax er denn überhaupt noch nicht hier?" „Freilich, alter Freund, aber Sie waren doch ganz unfähig zu einer Aussage, was der Polier Schulze auch hinreichend schon besorgt hat." Reinhardt ballte vor Ungeduld die Hand und schrieb dann mit großen Buchstaben: „Schulze soll dem Commissar von der rothen Schnittnarbe erzählen." „Gut, gut, ich will Alles ausrichten," beruhigte ihn der Doctor, den diese fixe Idee des Kranken sehr bedenklich stimmte. Er ging, dem Gehülfen einen Wink gebend, ihm zu folgen. „Die fixe Idee des alten Herrn wurzelt in einer rothen Narbe," flüsterte er ihm draußen zu, „das Gehirn muß also doch gelitten haben." „Ja, der Sprengstoff muß unbedingt eine giftige Beimischung gehabt haben, — die Hülse ist ja gefunden worden." „Ich weiß, meine Herren Kollegen bezweifeln das Gift, und sie mögen recht haben, weil wir sonst sofort eine Blutvergiftung gehabt hätten. Mag aber sonst etwas dazwischen gewesen sein, was auf das Gehirn eingewirkt hat. Na, suchen Sie ihn nur zu beruhigen, das ist vorerst die Hauptsache." Auf dem Wege nach Edenheim wollte ihm die seltsame Uebereinstimmung der beiden Verwundeten in Betreff der rothen Scbnittnarbe gar nicht aus dem Sinne. Sollte diese Idee wirklich einen ernsten Hintergrund haben und er verpflichtet sein, dem Kriminal-Kommissar darüber zu berichten? Ja, wenn der Name Steindorf nicht so widersinnig hineingeflochten wäre, — hiermit würde er sich ja unsterblich lächerlich machen. Was gingen den Commissar die verrückten Phantasien seiner Kranken an? Er könnte es ihm ja immerhin als Kurio- sum mittheilen. Mit diesem Entschlüsse fuhr er vor die Freitreppe des Herrenhauses von Edenheim, wo ihm Mamsell Evers mit einem umwölkten Gesicht entgegentrat. „Nun, was giebt's?" fragte er, sie forschend anblickend. Die alte Wirthschaften« schluckte erst einige Male, als ob ihr etwas Ungehöriges im Halse stecke, und erwiderte dann leise: „Was soll's geben, Herr Doctor, — jedenfalls eine Hochzeit." Er sah sie erschreckt an. „Ist er wieder hier?" „Mit ihr im Garten, ich hab' von meinem Fenster aus genug gesehen. O, daß der wieder heimkehren mußte —" „Ja, und daß die Kleine unter ihrem Schutze todt- gcschossen wurde," brumm'e der Arzt, „dergleichen giebt bei Gefühlsmenschen den Ausschlag. Ihm konnte, so hart es klingen mag, nichts Besseres passiren, um Eden- heim zu bekommen, da die Frau ihm jedenfalls Nebensache ist. Wollen Sie mich auch einmal mit eigenen Augen aus Ihrem Fenster observiren lassen, Mamsell Evers?" „Gern, Herr Doctor, aber nehmen Sie sich in Acht, daß man Sie nicht bemerkt, er würde es mir bös ankreiden. Wenn er erst die Macht hat, wird auch meine Zeit hier um sein." Sie wischte sich mit der Küchenschürze die Augen und stieg eiligst vor ihm die Treppe hinauf. Doctor Peters folgte ebenso rasch, da ihn jene Nachricht merkwürdig erregt hatte. Ohne Aufsehen erreichten sie die Stube der Mamsell, welche im Seitengiebel des Herrenhauses lag und eine unbeschränkte Aussicht auf diese Seite des Gartens und auf den Park besaß. Doctor Peters setzte seine Brille auf und übersah, einen Schritt vom Fenster entfernt, das Terrain. Er schüttelte hohnvoll lächelnd den Kopf, blickte dann noch einmal hin und lachte laut auf. „Das ist ja der leibhaftige Marschall Vorwärts!" brummte er, „hätt's von der aber doch nicht gedacht. — Da kenne Einer die Weiber aus. — Was soll man dazu sagen, Mamsell Evers, alte Liebe scheint bei Euch Frauen nie einzurosten, und ob sie diesen nimmt oder einen Andern, bleibt sich am Ende gleich." „Nein, nein, Herr Doctor, das bleibt sich nicht gleich," schluchzte die Wirthschafterin, „ich kann ihr diese Schwäche nie vergeben. Dieser Mensch, der sie vor zehn Jahren dem Gespötte preisgab —" „Ach, Unsinn, sie hat die Heirath mit der Andern damals ja selbst bei den Alten durchgesetzt," fiel der Doctor ärgerlich ein. „Weil sie ein solch' Herze und grundgütiges Wesen ist. Ich weiß es besser, was sie gelitten hat über die 295 beiden falschen Geschöpfe. Und wenn ich's nun mit ansehen muß, wie sie blindlings in ihr Unglück hineinrennt und sich doch von diesem gleißnerischen Judas —" „Na, na, so schlimm wird er denn doch wohl nicht sein, obwohl ich keine Sympathie für ihn habe und meine Hochachtung für Fräulein Armgard Holten bedeutend schwindet." „Ach. liebster Doctor," sprach Mamsell Evers, „wenn Tante Hanna gesund und ihr zur Seite wäre, könnte es nicht geschehen. Sie würde ihm den Sieg' schon aus der Hand winden." „Ja, das ist ein Unglück, meine Liebe! Ich wollte dem Fräulein eigentlich mittheilen, daß unsere Hanna morgen am Kopf operirt werden soll. Unter diesen Umständen wird sie wenig Interesse augenblicklich dafür haben, also wollen wir es ihr verschweigen." „Gewiß, ich mag Tante Hanna's Namen nicht in Gegenwart dieses Menschen aussprechen," sprach die Mamsell, mit der geballten Hand gegen das Fenster drohend, „sie konnte ihn nickt ausstehen. — Aber, Herr Doctor, ist die Operation sehr gefährlich? — Wenn sie nun daran stirbt?" „Das müssen wir bei jeder anderen Operation auch ris- kiren, so ist sie auch nur lebendig todt. Na, Mamsell Evers, ich will die Rückkehr des erlauchten Paares lieber nicht abwarten, sondern gleich abfahren," setzte er spottend hinzu. „Gott befohlen, meine Beste." Er schüttelte ihr die Hand und verließ die Stube, während Mamsell Evers sich rasch die Augen wusch, um die Spur der Thränen zu tilgen. Es hatte sich in der That ein seltsames Verhältniß zwischen der jungen Gulsherrin und ihrem einstigen Verlobten gebildet, seitdem das schreckliche Ereignis; im Hohlwege vor ihren Augen sich zugetragen und sie sich in einem krankhaft gesteigerten Wahn die indirekte Schuld daran zugemessen hatte, mindestens in so fern es den Tod der kleinen Lotta bedarf. Während ihrer Krankheit war Steindorf sofort in Edenheim erschienen, was auch ein Jeder wegen des Begräbnisses seines Kindes für selbstverständlich hatte halten müssen. Daß der junge Herr indessen auch nach demselben auf dem Gute erschien und bei Kleinem anfing, den Gebieter herauszukehren, ja sich sogar in der Nähe einquartierte, um stets bei der Hand zu sein, die Interessen der erkrankten Gutsherrin wahrzunehmen, das erfüllte nicht nur den Verwalter und die Mamsell Evers, sondern alle Untergebenen des Gutes mit stillem Groll, obgleich es Niemand wagte, ihm offen entgegenzutreten. Wußte man es doch nicht genau, wie Fräulein Holten mit ihm stand, und ob er nicht im Geheimen schon mit ihr verlobt war. Wenn Mamsell Evers ihm trotzalledem häufig genug ihr unverhohlenes Erstaunen über seine Anwesenheit und seine unbefugte Einmischung kundgegeben hatte, so wußte sie sich doch im Innern sagen, daß dieser Mann unmöglich so auftreten könnte, wenn Fräulein Armgard ihm nicht in irgend einer Weise das Recht dazu gegeben hätte. Und doch irrte sie sich hierin, wie wir wissen; Steindorf handelte einzig nach einem bestimmten Plan und setzte in richtiger Erkenntniß des weiblichen Charakters mit voller Bestimmtheit den Schluß vovnrs, daß Armgard Holten ihn noch immer liebe und es nur eines kühnen Zugreifens von seiner Seite bedürfe, um sie die Seine zu nennen. Warum wäre sie denn sonst nach ihrem ersten Zusammentreffen am Rhein vor ihm geflohen? Sie kannte ihre Schwäche und schämte sich derselben. Steindorf folgte ihr deshalb auf dem Fuße, um das heiße Eisen sofort zu schmieden. Er war freilich ein eingefleischter Egoist, hatte aber seine kleine Lotta zärtlich geliebt, weßhalb der Schmerz um ihren grausamen Tod auch sicherlich ein aufrichtiger war. Aber da sie doch nun einmal nicht wieder in's Leben zurückzurufen war, so wollte er aus ihrem Tode auch für sich den größtmöglichen Vortheil ziehen undArm- gard's Seelenzustand so rasch als möglich zu verwerthen suchen. Er war ein Mann der That, der nicht lange zu erwägen und zu bedenken pflegte, und dem auch in dieser Sache der Zufall trefflich zu Hülse kam, indem derselbe die seinen Plänen wirklich gefährliche Tante Hanna, die Einzige, welche Einfluß auf Armgard Holten besaß, des Denkvermögens beraubt hatte. Von der bevorstehenden Operation derselben hatte er noch gar nichts vernommen, da Doctor Peters ihm soviel als möglich aus dem Wege ging und er auch meistens sich in Edenhcim, wo man ebenfalls nichts davon erfuhr, aufhielt. Als der alte Arzt heute aus dem Stubenfcnster der Mamsell Evers blickte, sah er Julius Stcindorf mit der Gulsherrin Arm in Arm langsam dem Parke, zuwandeln. Steindorf beugte sich zu ihr nieder und schien in eindringlichster Weise mit ihr zu reden. Armgard ging gesenkten Hauptes wie ein willenloses Opferlamm neben ihm, bis sie hinter den Bäumen des Parks verschwunden waren. Wie war es dem glatten Steindorf so rasch gelungen, ein solches Mädchen wie Armgard Holten trotz der ihn schwer anklagenden Vergangenheit auf's Neue für sich zu gewinnen? Seit einigen Tagen erst hatte sie das Krankenzimmer mit den Wohnrüumen wieder vertauscht und die Pflegerin entlassen, weil der Arzt sie für hinreichend Herzogin Max Einanncl ch. 296 genesen erklärte, um sich auf kurze Zeit der frischen und sonnigen Luft schon zu erfreuen. Jetzt ließ sich auch Stcindorf sogleich bei ihr anmelden, um ihr seine Glückwünsche zur Genesung nus- zuspcechen und sich auch zugleich wegen seiner Eigenmächtigkeit, mit welcher er in ihrem Namen die Zügel der Regierung ergriffen, zu entschuldigen. „Sie sind krank geworden, theure Armgard!" sagte er, „und ich'allein in meiner grenzenlosen Selbstsucht, welche Ihnen die arme kleine Lotta aufbürdete, trage die indirekte Schuld an dieser Krankheit. — Nein, reden Sie nichts dagegen, Sie sind die Selbstlosigkeit in Person, ich weiß es doch am besten, aber Gott hat mich hart gestraft, daß ich in meiner Verblendung heimkehre, ja, es sogar wagte, Ihnen gegenüber zu treten. Nun wohl, ich kann dafür keine Verzeihung verlangen, hätte auch meinen Entschluß, sogleich nach Lottas Begrübniß abzureisen und nach Amerika zurückzukehren, unbedingt ausgeführt, wenn nicht Ihre Erkrankung mir die heilige Pflicht auferlegt mindestens in dieser Zeit über Ihr Hab und Gut zu wachen. Und nun bin ich gekommen, um Abschied von Ihnen zu nehmen, gnädiges Fräulein I" setzte er nach einer kleinen Pause mit gesenkter Stimme hinzu, „dem gütigen Gott dankend, daß er Ihr Leben behütet und mir zu der alten Schuld nicht eine neue, schwerere noch aufgebürdet hat." Herr Julius Steindorf war ein ganz vortrefflicher Comödiant, und wenn Doctor Peters eine Ahnung davon gehabt, hätte er sicherlich diese aufregende Scene für seine Ncconvalescentin um jeden Preis zu verhindern gesucht. — Von der Krankheit körperlich geschwächt, seelisch leidend und sich diesem verführerisch schönen Manne gegenüber durch den Tod seines einzigen Kindes schwer verpflichtet fühlend, mochte sie auch für Liebe halten, was im Grunde vielleicht nur Schwäche und ein krankhafter Wahn war. „Wohin gehen Sie?" fragte sie leise. „Nach Amerika zurück, vielleicht auch nach einem andern Welttheil, — ich bin ein Heimathloser auf Erden geworden, seitdem der Tod alle Familienbande hüben und drüben zerrissen hat." „Sie haben in Amerika Freunde und Bekannte." „Was man so nennt, — ja, — Fräulein Arm- gard! — Doch wird drüben mich Niemand vermissen, — keine Seele nach mir fragen, weil die Freundschaft sich nur so lange zu bewähren pflegt, als das materielle Interesse andauert, welches dieselbe geknüpft. Ich habe dort keine Liebe zurückgelassen, und was ich mit her- übernahm —" Er brach ab, beugte sich hastig über ihre Hand, welche er an seine Lippen zog, flüsterte kaum hörbar: „Leben Sie wohl und recht — recht glücklich!" und wollte sich rasch entfernen. „Nein!" rief sie fast leidenschaftlich, „gehen Sie so nicht von mir, Herr Steindorf I — Heimathlos und freudlos, sagten Sie nicht so? — Und das einzige Wesen, welches Sie liebte, durch meine Schuld — gemordet! Begreifen Sie, wie ich diesen Gedanken ertragen soll?" .Er kehrte zu ihr zurück, seltsam blaß und zitternd. „Sie sind ein Engel an Güte, Armgard!" sagte er halblaut, „fürchten Sie doch nicht, von mir verkannt zu werden oder einen ungerechten Vorwurf zu hören. Weßhalb diese Selbstquälerei? — Mag die Welt darüber urtheilen wie sie will, mein Herz spricht Sie frei von jeglicher Schuld, selbst von dem kleinsten indirektesten Versehen. O, mein Gott!" setzte er in aus- brechender Verzweiflung hinzu, „wie gern ich hier bliebe, kann ich nicht aussprcchen —" „Nun, dann bleiben Sie, mein Freund," fiel Armgard ein, „wer treibt Sie fort?" „Die Bosheit der Menschen man sagt bereits, daß ich Ihre Arglosigkeit ausbeute, meine Hand nach der rcicyen Erbin ausstrecke. — Das treibt mich fort. Und Sie dürfen mich nicht zurückhalten, Fräulein Armgard." Sie schwieg eine Weile, ihn unruhig anblickend. Jener Abend bei Tante Hanna, wo der Maler Reinhardt von ihm so Häßliches, sie tief Beschämendes berichtet, kam ihr in die Erinnerung zurück. Sollte der Maler, der ihr stets unsympathisch gewesen, die Wahrheit gesprochen oder ihn geflissentlich verleumdet haben? — Wer ihr darüber Aufklärung hätte geben können. Wie im Fluge jagten diese Gedanken durch ihr Gehirn, und seltsam — auch Tante Hanna's Liebes- und Leidensgeschichte tauchte in den Hauptmomenten dazwischen auf. „Worüber grübeln Sie so plötzlich?" fragte Steindorf, ihren unruhig-forschenden Blick bemerkend, endlich verwundert. Armgard schämte sich ihres Mißtrauens, zumal sie sich entsann, daß Reinhardt mit der Steindorf'schen Familie in früheren Jahren schon verfeindet gewesen war. War denn der arme Julius nicht damals noch so blutjung und zu der Verlobung mit ihr, der unschönen Erbin, von vornherein bestimmt gewesen? — Konnte er denn dafür, daß sein Herz ihrer schönen Cousine zuflog, und war es nicht die Schuld seiner Eltern ganz allein, daß der Arme jetzt heimathlos und verlassen war? — Armgard war also bereits so weit, seine Untreue und Falschheit zu entschuldigen und ihn als das Opfer väterlicher Despotie hinzustellen. „Ich grüble nach, weshalb die Menschen eine so große Lust zur Verleumdung besitzen," erwiderte sie deshalb traurig, „und kann es nicht begreifen, weßhalb ein Mann, der sich seiner lauteren Absichten bewußt ist, dieser Verleumdung weichen soll." „Das heißt mit andern Worten, daß ich derselben trotzen und Hierbleiben soll?" fragte Steindorf, sie fest anblickend. Sie senkte die Augen und wieder kam die Unruhe über sie, welche ihr einen physischen Schmerz in der Brust verursachte. Sie zitterte vor seinem Blick, wie das Vöglein vor dem bezaubernden Blick der Schlange, und hätte entfliehen mögen, um sich vor ihm zu schützen. Es war der innere Jnstinct der reinen Mädchenseele, welche, wie Gleichen, die Nähe des Mephisto, des unreinen Lügengeistes, ahnte. „Sie antworten mir nicht, Armgard?" fuhr Steindorf nach einer kleinen Pause leise fort, „wünschen Sie, daß ich gehe?" „Nein, bleiben Sie hier!" stieß sie fast gewaltsam hervor, sich fest aufrichtend, als wolle sie allen unheimlichen Empfindungen Trotz bieten. „Ich will der Welt zeigen, daß ich ihre Verleumdungen verachte und kein unlauterer Gedanke zwischen Ihnen und mir besteht. Sie dürfen nicht von hier fortgehen, mein Freund, bis Sie einen festen Plan für Ihre Zukunft gefaßt und — 297 Am Dache. Ihren Frieden, den Lotta mit in die Gruft genommen, wieder errungen haben." Steindorf küßte ihre Hände und gelobte treue Freundschaft. Sie sah seinen Triumphblick nicht und wiegte sich in dem Wahne, das; zwischen ihr und Julius Steindorf von nun an eine reine Freundschaft wie zwi- schenMännern bestehen könne. Der Schlaue ließ sie in dem „tollen" Wahn, wie er es imJnuern verächtlich nannte, er nährte denselben bis zur gelegenen Stunde, wenn das Korn reif zur Ernte war, wie er meinte. Das neue Attentat im Gebirge, dem Marbach und Reinhardt zum Opfer gefallen, erfuhr Armgard auf des Arztes Befehl noch immer nicht, sah sie doch noch keinen andern Be kannten bei sich als Steindorf, den neuen Herrn von Edenheim, wie die Gutsleute ihn heimlich mit stillem Groll und erklärlicher Furcht nannten. Heute nun, als DoctorPeters und Mamsell Evers das junge Paar im Garten belauscht hatten, schien das Korn für Herrn Julius reif zur Ern'e zu sein. Armgard machte zum ersten Male einen or- demlichen, Spa- ziergang im Garten, bei welchem der junge Herr natürlich den Begleiter abgab. Erbot ihr seinenArm an, den sie anfangs mit scheuer Befangenheit ablehnte, bis ihre Schwäche sie endlich dazu zwang. „Sehen Sie, theure Freundin, daß die Frau der Stütze doch bedarf?" scherzte Steindorf, ihren Arm durch den seinigen ziehend. Armgard fühlte, wie ihr bei dieser Berührung alles Blut gewaltsam zum Herzen drang. — War das wirklich die alte Liebe, welche unter der Asche der Vergangenheit heiß wieder aufloderte? (Forts, folgt.) Klausen in Tirol. Zu den zahlreichen hübschen Punkten, welche mit der Brennerbahn so bequem zu erreichen sind, gehört nicht in letzter Linie der Ort Klausen (525 Meter Meereshöhe). Noä hat ihn zwar in einer seiner Schriften ein finsteres Nest genannt, aber wir meinen, sehr mit Unrecht. Breite Straßen und Boulevards darf man dort freilich nicht suchen, so wenig als in vielen anderen stark besuchten Tiroler Orten, aber dafür hat man dort noch ein gutes Stück Originalität vor sich. " Hat man die in freundlicher Thalweitung gelegene Bischofs- f stadt Brixen passirt, so rücken die beiderseitigen Wände des Porphyrgebirges, durch das sich der wilde Eisack seinen Weg gebahnt, immer näher zusammen. Eine Wendung der Bahn und wir sehen hoch oben kühn auf einem Felsen thronend (686 Meter Meereshöhe) das Kloster Säben, das alte Sabione, einst der Bischofssitz, bevor er nach Brixen verlegt wurde. Zu Füßen dieser klösterlichen Hochwarte, in welcher seit einigen Jahren großartige Bauten ausgeführt werden, um den Nonnen einen gegen neugierige Blicke gesicherten Garten zu schaffen, — liegt, von einem hochragenden Nömerthurme slankirt und überaus malerisch das alte Klausen, dessen Situation es leicht ersichtlich macht, daß es einst sehr geeignet war, eine Thalsperre im Kriegsgetümmel zu bilden. Manch blutige Kämpfe haben sich in vergangenen Zeiten hier abgespielt, um diesen Schlüssel zum weiteren Vordringen nach Süd oder Nord in die Hände zu bekommen. Heute ist Klausen ein gar friedliches Städtchen, freilich auch nicht mehr so lebhaft als einst, wo noch nicht das Dampfroß Menschen und Güter im Fluge vorbei- führte. Dafür ist es ein trautes Plätzchen geworden für Solche, die in Ruhe die Natur und ihre Schönheit genießen und dabei auch für des Leibes Nothdurft gut gesorgt wissen wollen. Die reiche Ausbeute reizender Landschaftsmotive mag es wohl 299 -->s verursacht haben, daß Klausen auch von Malern, namentlich Münchnern, seit Jahren zahlreich besucht war. Ein Aufenthalt in Klausen ist zu jeder Jahreszeit empfehlens- werth. Der Eisack, welcher viel kaltes Gletscherwasser führt, trägt zur Kühlung des Thales beträchtlich bei, so daß selbst im Hochsommer die Temperatur eine relativ mäßige ist. Dazu wirkt an den Nachmittagen ein angenehmer Luftstrich (die Ora des Gardasees) erfrischend; gegen Norden ist das Thal durch Lagerung der Berge vor rauhen Winden geschützt. Der Winter ist meistens mild; in normalen Jahren ist die niedrigste Temperatur —8°k. Für Brustleivende dürfte Klausen im Vorfrühlung vielleicht ebenso günstige Bedingungen bieten, als das neuerdings vielbesuchte Bozen, in dem uns Heuer der entsetzliche Staub den Aufenthalt verleidet hat. Rings im Umkreise findet sich auf den Höhen eine große ^ Anzahl von reizenden Punkten, welche ^in 1—2 Stunden zu erreichen sind und die herrlichsten Ausblicke, namentlich auf die Dolomitgruppen des Gröd- ner Thales, Langkofel, Geißlerspitze, Schlern usw. bieten. Unter den höheren Aussichtswarten der Umgebung ist es besonders die Kassianspitze, deren Besteigung ohne Gefahr und Schwierigkeit mit Uebcrnachten im Unterkunftshause am Latzfonser Kreuz überaus lohnend ist. Freunden der Kunst bietet der von der Königin Anna von Spanien 1699 gestiftete Kirchenschatz mit seinen werthvollen Bildern und prächtigen Kirchengeräthen, das Schloß Velthurns des Fürsten Liechtenstein mit seinen wundervollen Nenaissance-Vertäfelungen usw. viel Interessantes. not 1du8t — möchten wir die ange- - " — nehmen Erinnerungen an Klausen nicht abschließen, ohne eines - - - - -eben so interessanten, als, um den Spruch eines lustigen Reisegenossen — --^ gebrauchen, „nahrhaften" und echt tirolerischen Gasthauses zu gedenken, das uns ebenso durch die Eigenthümlichkeit seines Baues überrascht, als durch ausgezeichnete Küche und Keller bei billigen Preisen imponirt hat. Es ist das Gasthaus zum „Weißen Lamm" des Hrn. Gg. Kantioler, ein sehr altes Haus mit einem großen Flötz im Parterre, von wo eine etwas dunkle Stiege in die Gasilocale des ersten Stockes führt. Die Stiege mündet auf einen sehr geräumigen Vorplatz, an den sich ohne Abschluß ein alter Saal mit einer Galerie aus Stein anschließt, ein in feiner Art einziger Typus der alttirolerischen Halle. Das Ganze wirkt, wenn man's zum ersten Male sieht, geradezu frappant. Daneben liegt die sehr geräumige Gaststube, in welcher uns sofort eine Anzahl in Kreide trefflich ausgeführter Portraits in die Augen fallen. Goethe und Simrock haben auf ihrer Reise nach Italien in diesem gastlichen Hause gewohnt, was mit Jahrzahl und Jahrtag unter ihren Portraits vermerkt ist. Daneben findet sich das Bild Steubs, des begeisterten Schildercrs Tyrols, Defreggers u. A. Zwei Gärten an und in der Nähe des Hauses gewähren schattigen Aufenthalt und jenseits des Eisacks, gar lieblich von einem Nadel- und Kastanienwald umsäumt, liegt, 10 Minuten vom Städtchen entfernt, das auch zum „Weißen Lamm" gehörige Landhaus „die Gamp" mit Fremdenwohnungen und schattigen Spaziergängen. Item: dem Schreiber dieses und seinen Begleitern hat es in Klausen sehr wohl gefallen. Mit Bildern des interessanten alten Saales im „Weißen Lamm" und des malerischen Ortes, die wir dieser Skizze beifügen, hoffen wir unsere Leser zu erfreuen. LUISE Zu unseren Ällder». Herzogin Max Emanuri -j-. Am letzten Sonntag wurde Albs durch die Nachricht vom Ableben I. k. H. der Herzogin Amalie, der Gemahlin des vor Jahresfrist verstorbenen Herzogs Max Emanuei in Bayern, überrascht. Kaum 2 Tage vor dem Ableben drang die erste Kunde von einer ernsten Erkrankung der hohen Frau in die Oeffentltchkeit. Eine ganze Reihe von Leiden, die dem Körper der hohen Entschlafenen in den letzten Tagen anhaftete, hat das rasche, tragische Ableben bewirkt. Zu einem länger bestehenden Herzleiden gesellte sich eine Halsentzündung, ein akuter Darmkatarrh und die Ansänge einer eiterigen Bauchfellentzündung. Die verstorbene Herzogin war geboren am 23. Oktober 1848 als das vierte Kind des 188i verstorbenen Prinz-n August von Sachsen-Coburg-Cohary, und vermählte sich am 20. September 1875 zu Ebenthal mit weiland Herzog Max Emanuel; seit 12. Juni 1893 ist sie Wittwe. Am Hache. Hinter dem Garten neben dem Hause schlangelt sich ein Bächlein durch den Wiesengrund; Schilfrohr und Gesträuch wächst an seinem Rande und Wasserblumen mit breiten Blättern und gelben Blüthen wiegen sich auf seiner Oberfläche. Mit klein Lischen ist heute die Schwester dorthin gekommen, um Wasser 300 zu bolen. Eine Schaar junger Entlein tummelt sich eben im Bache herum, und es ist eine Freude, dem Nahrung suchenden Völkchen zuzusehen. Lischen hat von Mütterlein ein Stück Butterbrod erha ten und auch die Lvierchen sollen davon ihren Theil bekommen. Eine Hand voll Brocken, von der Schwester Hand in s Wasser geworfen — wie sie da herbeigeschwommen kommen, die Entlein, und gierig nach der Beute schnappen! LiSchcn's Butterbrod schmeckt aber auch so gut, und Mütterlein wird gewiß nicht zürnen, wenn Lischen der flaumbedeckten, noch kaum gefiederten Schaar von seiner Gabe etwas zu Gute kommen läßt. -S-SSLLS- Ueber deu Flug des Menschen hielt Professor Dr. Müllenhof im wissenschaftlichen Theater der Urania .zu Berlin einen interessanten Vortrag, dem wir nach dem „Reichsanzeiger" Folgendes entnehmen: Zunächst sprach der Vortragende über das schon seit den ältesten Zeiten erkennbare Streben der Menschen, den Flug der Vogel nachzuahmen, und lieferte durch Abbildungen, die bis in das dritte Jahrtausend vor Christi Geburt zurückreichten, den Beweis, daß diesen Bestrebungen von jeher das größte Interesse entgegengebracht worden ist. Längere Zeit verweilte der Redner bei den in Bild und Wort genauer dargestellten bcachtcnswerthen Versuchen Leonardo da Vincis, des großen Gelehrten, der wissenschaftlich'ernstlich bemüht war, Vas Problem zu lösen, und über 100 sich auf den Flug der Vögcl beziehende und eben so viele Flugapparate darstellende Zeichnungen hinterlassen hat, die zum Theil eine auffallende Aehnlichkeit mit den modernen Bildern erkennen lassen. Mit der Absicht, als Flügel nicht nur die Arme gelten zu lassen, sondern auch die Beine zu ihrer Unterstützung mit zu verwenden, und mit Verwandlung des Flügclschlags in eine drehende Bewegung der Flügel ging er schon damals weil über die bloße gedankenlose Nachahmung der Natur hinaus. Wenn seine Fliegcversnche auch erfolglos blieben, so sind sie doch geeignet, noch heute unsere beifällige Bewunderung zu erregen wegen der Folgerichtigkeit seiner Anschauungen, die hauptsächlich nur deßhalb keinen Erfolg habe» konnten, weil er auf die Beobachtung des Vogclflugs mit bloßem Auge angewiesen war und diese Beobachtungen stets unzuverlässig und unvollständig sein mußten. Immerhin muß er als der erste Erfinder des Fallschirms bezeichnet werden, der hundert Jahre nach seinem Tode, im Jahre 1617, in Italien zum zweiten Mal und 1784 durch Leuormant zum dritten Mal erfunden wurde und erst in diesem Jahrhundert durch die sinnreiche Erfindung eines Engländers in Form eines umgekehrten Regenschirms mit einer für die Einweichung der Luft am oberen Ende angebrachten Oesfnung eine das unbequeme Pendeln vermeidende Gestalt bekommen hat. Eine vollkommenere Beobachtung des Vogelflugs wurde durch zwei in neuerer Zeit in Anwendung gebrachte Methoden, die chro- uographische und die photographische, erzielt. Marey ließ einen Bussard und eine Taube mit einem von ihnen getragenen Apparat fliegen, der so construirt war, daß in Punkten sich alle Bewegungen und Flügelschläge des Vogels markirtcn. Diese Methode wurde vervollständigt durch die Photographie, die seil der Erfindung der Trockenplatten im Jahre 1871 durch einen englischen Arzt auch zur Darstellung der schnellsten Bewegungen eines fliegenden oder laufenden Thieres gebracht werden konnte und durch Ottomar Anschütz bekanntlich ihre größte Vervollkommnung erfuhr, die es Bkarey ermöglichte, eine von ihm als synoptisches Tableau bezeichnete Darstellung anzufertigen, wobei durch gleichzeitiges Photographircn von drei Seiten es gelungen ^ ist, den Flug der Möue und anderer Vögel in seiner ganzen Technik auf das Genaueste bildlich zu fixircn. An nach diesen Bildern aus Wachs gearbeiteten und in den Schnell- schcr von Anschütz gebrachten Modellen hat man erkannt, daß man bis dahin sich über die Technik des Fliegcns nach den Beobachtungen mit dem bloßen Auge ganz falsche Vorstellungen gemacht hatte. In der zweiten Abtheilung seines Vortrags erklärte der Redner die nun gewonnenen Resultate. Eingehend wurden die Hauptgesetze des Fluges klar- gelcgt, die Größe der Flügelflächen und ihr Verhältniß zur Größe und zum Gewicht der Thiere, die Aehnlichkeit der Flugthiere unter einander, ihr Verhalten zum Winde und die Größe des Kraftaufwandes beim Fluge von Thieren verschiedener Größe besprochen. Endlich wurde zum Schluß die von Otto Lilienthal zuerst in einem Garten aus der Höhe von —1 Meter, dann in Steglitz von einem 10 Meter hohen Thurm und jetzt in den 20—30 Meter hohen und sehr wohl dazu geeigneten Rhinowcr Bergen bei Neustadt a. D. angestellten Fliegcversnche geschildert. Unter Gefahren mancherlei Art ist es dem Forscher, der Zeichnung, Construction und Fliegevcrsuche in höchst praktischer Weise stets mit einander zu vereinigen sucht, nach und nach gelungen, Strecken von 250—300 Meter in freiem Fluge zurückzulegen. -»—- Allerlei. In der sozialistischen „Maizeitung" singt ein Dichter „das Freiheitslied, das echte, soziale" in folgenden Tönen: „Auf daß es euch den harten Kampf ve schöne: Prolet n, singt's — ob man euch fürder hetze, Ob man euch drangsalirt durch Hungcrlöhne, An euren Knochen Spieß und Säbel wetze." Ist das nicht ein bischen viel? * An das „Messer ohne Griff mit fehlender Klinge" erinnert folgende Meldung des „W. T. B." aus Mantua vom 1. d. M : „Heute wurde in dem Eingangsthor des hiesigen Casino's eine Bombe gefunden. Dieselbe hatte weder eine Lunte, noch enthielt sie, wie die Untersuchung später ergab, einen Explosivstoff." Wenn's hilft. Eine Dame kommt eiligen Schrittes zu einem Arzt. „Herr Doctor, mein Mann hat sich erkältet. Nasch etwas gegen das Reißen, es muß ein rheumatischer Anfall sein." —' „So, so," meint der Arzt und verschreibt etwas; dann sagt er: „Nasch in die Apotheke und rasch einreihen! Hilft es, so kommen Sie schleunigst und sagen es mir; ich leide selbst am Reißen." -X- Annehmlichkeit. Hauswirthin sdie ein Zimmer vermiethen willsj: „Und daß ich's nicht vergesse, mein Herr, kein Klavier ist im ganzen Haus!" --S--8SS-S-.- ZSikder-Hlätyser. vr-—» " ^L40. 18942 „Augsburger Postzeitung". Ireitag, den 18 . Mai Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Litcrarischen Znstituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesiher vr. Max Huttler). Tante Kamm's Geheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) Sie wußte das beklemmende Gefühl nicht zu deuten, das sie zu ihm hindrängte und dann wieder in Furcht und Widerstreben abstieß. Schwer athmend, wollte sie sprechen, ihn bitten, sie in's Haus zurückzuführen, — und vermochte doch keinen Laut hervorzubringen, da ihr die Kehle wie zugeschnürt war. Sie fühlte sich in ihrer Schwäche so willenlos, daß sie hätte aufschreien mögen vor Zorn über die eigene Hülflosigkeit. Unwillkürlich drängte sich in. diesem Augenblick das ernste, offene Gesicht des jetzigen Besitzers von Rotenhof vor ihren inneren Blick, und es war ihr, als müsse sie sich zu ihm flüchten oder auch vor Scham in die Erde versinken. Da tönte die melodisch-schöne Stimme des Mannes, den sie einst so leidenschaftlich geliebt, dicht an ihrem Ohr, der wehmüthig verschleierte Klang derselben, durch welchen eine tiefe Trauer sich hörbar machte, drang unwiderstehlich in ihr Herz, der berauschende Zauber seiner unmittelbaren Nähe schien sie mit einem unentrinnbaren Netz zu umgeben, und entsetzt fühlte sie ihr Loos besiegelt. Wie er ihren hilflosen Zustand geschickt benutzte, sich zärtlich vor den Augen der Gutsangehörigen zu ihr niederbeugte und sie dann in den Park führte, um das letzte bindende Wort ihr abzuschmeicheln! Sie war jetzt, jedem fremden Blick entzogen, allein mit ihm und zitterte an seinem Arme wie ein gefangenes Wägelchen. Dort stand noch eine der alten Bänke wie einst vor zehn Jahren. Steindorf führte sie mit raffinirter Ueberlegung nach derselben hin, und nöthigte sie, sich hier auszuruhen. Er wußte genau, was er that, war dies doch dieselbe Holzbank, auf der er dem Kinde als Primaner eine Liebeserklärung gemacht und sich vermessen hatte, um ihretwillen mit der ganzen Welt sich zu duelliren. Diese Bank war nie erneuert, doch stets in ihrer alten Form und Farbe erhalten, während überall sonst eiserne Bänke angebrckcht worden waren. Der schlaue Steindorf hatte dies längst bemerkt und als stille Pflege der Erinnerung auch ganz richtig gedeutet, — er kannte das Frauenherz genau und lächelte spöttisch, wenn man von einer consequenten Festigkeit und männlichen Kraft desselben sprach. „Das echte Frauenherz hält selbst die unwürdigste Liebe noch fest und ist derselben für immer verfallen, darin ist es konsequent," pflegte er dazu zu sagen, „Ausnahmen giebt es nicht." Und hier schien sein frivoler Ausspruch wieder recht zu behalten, wie er triumphirend überzeugt sein durfte. — „Der Weg hat Sie angestrengt, theure Armgard," sagte er, ihr besorgt in die Augen blickend, „Sie sehen angegriffen aus. — Ach, diese BankI" setzte er plötzlich erregt hinzu, „ist es wirklich noch dieselbe, wo wir als Kinder so — glücklich waren?" „Es ist dieselbe," erwiderte Armgard mühsam, „Sie haben recht, wir waren glückliche, aber recht unerfahrene Kinder." „Die Erfahrung pflegt keine strenge Lehrmeistern: zu sein, mir ist sie es nie in der That gewesen. O, Armgard, kennen Sie Neue? — Nein, Sie haben ja kein verlorenes Glück zu beweinen, kein Unrecht zu bereuen. Jene Episode meines Lebens, an welche diese Bank mich gerade jetzt recht grausam erinnert, war für Sie nur eine kindische Thorheit und zog um Ihr Leben keinen verhängnißvollen Kreis. Wie hätten Sie mich sonst kampflos aufgeben können?" Armgard blickte ihn mit stillem Vorwurf an und wollte sich erheben. Sie fühlte, daß er sie mit Vorbedacht nach diesem Platz geleitet hatte, und ihr Stolz bäumte sich noch einmal gegen diesen Mann auf, der sie mit jenen Künsten noch einmal umstrickte, an denen einst ihr Lebensglück zu Grunde gegangen war. Der Warnruf des alten Reinhardt drang ihr höhnend in's Ohr, aber es war zu spät, die Todtenhand seines Kindes hatte gewaltsam das Band wieder geknüpft, gegen daS ihr Stolz sich ohnmächtig erwies. Steindorf ließ sie nicht mehr frei. Schmeichelnd zog er die Widerstrebende auf die Bank zurück und glitt auf seine Kniee nieder, sie mit den süßesten Tönen der Liebe anflehend, die furchtbaren zehn Jahre aus ihrem Leben zu tilgen und dort wieder anzuknüpfen, wovon diese Bank so stumm und doch so beredt zu erzählen wußte. „O Geliebte, stoße mich nicht von Dir," schloß er im Tone tiefsten und wahrsten Schmerzes. „Lasse mich nicht trostlos hinausziehen, nachdem der Tod mir Alles geraubt. Lotta kniet neben mir und bittet für ihren unglücklichen Vater. Glaube an meine Liebe, Theuerste, 302 welche den Weg wieder zurückgefunden hat zu ihrem ursprünglichen Heim." Armgard war so völlig verwirrt und betäubt, daß sie halb ohnmächtig sich ihrem Geschick ergab und, von Schwäche übermannt, Lotta im Sterbehemd mit der Wunde in der Stirn zu sehen vermeinte. Sie hörte, wie von einem peinlichen Traum umfangen, die Versicherungen seiner Liebe und Dankbarkeit, duldete mit jenem seltsam körperlichen Schmerz im Herzen seine Küsse und erhob sich endlich mechanisch, um sich von ihm in's Haus zurückgeleiten zu lassen. Ob und was sie ihm geantwortet, das wußte sie nicht zu sagen, konnte sich dessen auch niemals wieder erinnern, nur so viel empfand sie, daß ihre Leute sie scheu und besorgt anblickten, als ob man sie eines Verbrechens beschuldige, und daß Mamsell EverS sich mit der weißen Schürze über die Augen fuhr, als ob sie über sie weine. „Darf ich Karten drucken lassen und unsere Verlobung bekannt wachen?" fragte Steindorf, als sie in ihrem Wohnzimmer an seiner Seite erst zum rechten Bewußtsein dessen gelangte, was soeben geschehen war. Erschreckt blickte sie ihn an. „Jetzt schon? — Ruht Ihre Lotta ein Jahr im Grabe? — Nein, lassen Sie mir noch Zeit, ich fühle mich so schwach, — die Welt würde uns Beide verurteilen, und sie hätte ein Recht dazu." „Die Welt ist grausam, Geliebte, und nur die Liebe vermag ihr Trotz zu bieten. Lotta würde für mich bitten, ja, sie würde Dir sagen: laß ihn nicht von Dir, den armen, einsamen Vater, sondern schließe sofort das Band, welches ihm eine Heimath und ein liebendes Herz giebt." „Nein, nein, nicht so bald schon," wehrte sie angstvoll ab, „sei barmherzig, Julius, gönne mir Zeit, gesund zu werden." „Weßhalb sollen wir noch warten, mein Lieb?" schmeichelte er, den Arm um sie schlingend, mit zärtlicher Stimme, „jeder Tag nutzlosen Harrens und Bangens beraubt unser Glück. Sind wir nicht Beide frei und unabhängig? — Brauchen wir uns dem Urtheil der Welt zu beugen? — O, gieb mir das öffentliche Recht, Dein natürlicher Beschützer und Berather -u sein. Nicht wahr, Du willst es, ich darf laut mein Glück verkünden, o, sage es, Geliebte, daß es Dein Wille ist." Weßhalb sollte sie sich noch länger gegen das Unabänderliche sträuben? Zischelte die Verleumdung nicht längst und hatte ihren Namen mit ihm in Verbindung gebracht? Konnte sie jetzt noch denselben anders reinigen als durch eine Heirath mit dem Manne, den sie einst geliebt hatte? — Sie neigte deshalb müde und resignirt das Haupt und bat ihn leise, sie nun allein zn lassen. Steindorf küßte sie zärtlich, drückte ihre Hände an sein Herz und ging mit triumphirender Miene hinaus. ES hätte ihn vielleicht doch unangenhm berührt, wenn er gesehen, wie verzweiflungsvoll sie die Hände rang und wie starr und unheimlich ihre Augen auf die Thür sich richteten, als diese sich öffnete und Mamsell Evers eintrat. „Haben Sie Befehle für mich, Fräulein?" fragte die Alte, sich langsam dem Tische nähernd. Armgard schüttelte den Kopf und öffnete die Lippen, brachte aber keinen Laut hervor. „Ach, lieber Himmel, wenn ich's mir nicht gedacht habet" rief die Mamsell in einem bei ihr ganz ungewöhnlich weinerlichen Tons, „nun sind Sie richtig wieder krank geworden, und der letzte Betrug kann ärger werden als der erste." Armgard starrte sie mit weit geöffneten Augen, als sähe sie etwas Furchtbares, an, und hauchte leise, mit sichtlicher Anstrengung: „Welcher Betrug?" „Ach Gott, ich meine nur so, von wegen Ihrem Nückfall. Kommen Sie nur rasch in's Bett, liebes Fräulein, ich will die Medicin und auch den Doctor holen lassen. Er war vorhin erst hier." „Ja, ich fühle mich krank, gute Evers!" erwiderte Armgard leise, „nur eins möchte ich noch sagen, daß ich — daß ich — mich verlobt habe." Sie hatte bei diesen Worten ihr Gesicht abgewandt und bebte wie im Fieber. Dann suchte sie sich zu erheben, wobei die Mamsell sie schweigend unterstützte. Auch ihr schien der Schreck über diese Mittheilung in alle Glieder gefahren zu sein, da sie auffällig zitterte. Als sie ihre Herrin entkleidete, da diese schwach und willenlos wie ein Kind war und durchaus nicht den Eindruck einer glücklichen Braut machte, hielt sie sich als ihre alte Dienerin, welche sie schon als Kind gepflegt und geliebt hatte, für verpflichtet, sie zu fragen, ob Herr Steindorf, welcher doch jedenfalls der Verlobte sei, nach wie vor auch jetzt noch täglich nach Edenheim kommen werde. „Ich meinte, es dürfte sich für den Bräutigam des Fräuleins doch nun nicht mehr schicken," setzte sie resolut hinzu. Armgard sah sie mit dem Ausdruck tiefer Müdigkeit und Nathlosigkeit an. „Ich weiß es nicht, gute Evers," sagte sie matt, „er wird es schon wissen. Erzürnt ihn nicht, denn ich" — sie seufzte tief auf — „ich kann Euch nicht beistehen." Plötzlich schlang sie beide Arme um den Hals der alten, tief erschütterten Mamsell und brach in ein unaufhaltsames Weinen aus. Die Alte hielt ganz still, aus ihren Augen rannen ebenfalls die Thränen, und sie dann wie ein Kind streichelnd und beruhigend, meinte sie, daß diese ganze Verlobungsgeschichte ihr wie ein Traum vorkomme, aus welchem sie vor der Hochzeit wohl wieder zur rechten Zeit erwachen werde. „Nein, nein!" fuhr Armgard empor, „sage das nicht, gute Evers, es ist mein freier Wille, hörst Du? — und nun will ich schlafen, meine Nerven sind noch so schwach, das ist alles. Ich bin sehr glücklich, und — und —" Sie brach ab und strich sich über die Stirn, als müsse sie ihre Gedanken zusammenhalten. „Ach ja, das war's, — wir werden bald Hochzeit machen, weißt Du, in aller Stille, und dann eine Reise, — ich muß fort, andere Luft athmen, hier ersticke ich. Geh' jetzt, meine Liebe, laß den Doctor nur fortbleiben, ich will schlafen." Sie hatte sich niedergelegt und das Gesicht abgewendet. Mamsell Evers ging leise hinaus. Draußen ballte sie beide Hände vor Schmerz und Zorn. Sie sollte ihr Fräulein nicht kennen? — O, 303 eine Komödie konnte die arme Seele ihr nicht vormachen. Unglücklich war sie, ganz elend in ihrem Herzen, weil der Schurke, der falsche Abenteurer, ihre Schwäche benutzt und sie überrumpelt, ihr das Jawort abgezwungen hatte. Sein Kind, diese kleine dressirte Comödiantin, hatte noch im Grabe ihm geholfen, das reiche Erbe an sich zu reißen. Und sie, die alte Ebers, konnte nichts dabei thun, das Spinnennetz zu zerreißen und die giftige Kreuzspinne zu zertreten. Es war schrecklich, aber die alte, treue Dienerin wünschte jetzt, daß ihre Herrin wieder erkranken möge, um hinter ärztlichen Befehl sich verschanzen und den verhaßten Bräutigam an der Schwelle des Krankenzimmers abfertigen zu können. -i- * Die Operation der alten Tante Hanna war trotz mehrfacher Bedenken der Aerzte, welche noch immer in der Mehrzahl gegen die Ansicht Doctor Peters' gestimmt hatten, endlich doch beschlossen und durch letzteren ausgeführt worden. Dieselbe war vollständig geglückt, die Diagnose des alten erfahrenen Arztes also für richtig befunden worden. Es hatte sich durch den furchtbaren Schlag, welcher die Kopfwunde verursacht, eine Verletzung des großen Gehirns herausgestellt. Die Denk- und Willensthätigkeit war gehemmt und wie die Störung eines elektrischen Stromes jäh unterbrochen worden. Ein winziger Knochensplitter hatte dies bewirkt und genau den Sitz jener geheimnißvollen Gehirnthätigkeit getroffen. Die ganze Stadt nahm lebhaften Antheil an dem Erfolg der Operation, obgleich die Aerzte nach derselben noch durchaus nicht für einen Erfolg oder gar für das Leben der Greisin sich verbürgen konnten. Einstweilen war sie im Krankenhause unter sorgsamster Pflege und ärztlicher Aufsicht am besten aufgehoben. Doctor Peters brachte die Nachricht hinaus nach Edenheim. Er war erschreckt über das Aussehen der Gutsherrin, welche durchaus nicht leidender als vorher sein wollte und seine Mittheilung über Tante Hanna mit stiller Freude vernahm. „Wird sie ihre alte Denkkraft wieder erlangen?" fragte sie mit sichtlicher Spannung. „Das ist freilich nicht mit Bestimmtheit zu beantworten, liebes Fräulein! — Ebensowenig die Frage, ob wir sie überhaupt am Leben erhalten. Einstweilen jedoch hoffen wir es stark, und wenn sich auch nicht sofort die Spuren eines geistigen Verständnisses zeigen, da wir das wunderbar geheimnißvolle Uhrwerk in seinem geistigen Räderwerk wohl niemals ganz ergründen werden, und ein einziges Stiftchen — um bei dem Gleichniß zu bleiben — vielleicht just fehlt oder verschoben worden ist, so halten wir doch die Hoffnung fest, die alte Tante Hanna wieder zu einem, wenn auch nur halbwegs menschenwürdigen Dasein zurückzuführen. Armgard seufzte, und der freudige Schimmer in ihren Augen erlosch wieder, was der alte Arzt sehr wohl bemerkte. „Ich werde Ihnen wieder etwas verschreiben, Fräulein Holten," fuhr Doctor Peters nach einer Pause fort, „Sie sind kränker, als Sie glauben, und mit der Genesung hat's leider Gottes auch wieder gute Wege. Was haben Sie denn um Alles in der Welt nur angestellt, um wieder so jämmerlich auszusehen und meiner ärztlichen Kunst ein Schnippchen zu schlagen?" Armgard's bleiche Wangen rötheten sich leicht. Sie rang sichtlich mit einem Entschlüsse und sagte endlich in einem halb schamvollen, halb trotzigen Tone: „Ach, Doctor, schelten Sie nicht, ich habe mich verlobt." „So, so, nun, das war ja vorherzusehen," erwiderte der Arzt mit einem Lächeln, welches sie mehr peinigte, als ein hartes Wort. „Na, ich gratnlire, mein Fräulein! — Die Verlobungsanzeige wird übrigens Wenige überraschen, da sich Herr Julius Steindorf ja bereits als Herr und Gebieter hier während Ihrer Krankheit installirt hatte." „Es geschah auf meine Bitte, Herr Doctor!" sprach Armgard, sich jäh aufrichtend. Sie erröthete bei dieser Unwahrheit und sank wie gebrochen an Geist und Körper zurück. „Schon gut, liebes Fräulein, geht mich wie auch die übrige Welt nichts an. Bin freilich ein alter Freund Ihres Hauses und darf mir schon ein Wörtchen herausnehmen, zumal auch als Ihr Arzt. Als solcher kann ich die seelischen Aufregungen, in welche Ihr Verlobter Sie zu früh hineingezogen hat, durchaus nicht billigen, er hätte so große Eile nicht damit zu haben brauchen, kam nach Ihrer völligen Genesung immer früh genug. Soll ich Ihr Arzt noch weiter bleiben?" „O, Herr Doctor!" rief Armgard, ihm tiefbewegt die Hand entgegenstreckend. „Gut, dann müssen Sie hübsch gehorsam sein und sich ganz ruhig verhalten. Am liebsten wieder in'S Bett mit einer Wache vor dem Schlafzimmer." Sie nickte mit einer Art Erleichterung. „Es ist selbstverständlich, daß Ihr Verlobter sich jetzt fern hält," fuhr Doctor Peters ruhig fort. „Möchte in Ihrem Interesse auch rathen, ihm bis zur Hochzeit, an welche bei Ihrem leidenden Zustande doch vorerst nicht zu denken ist, die Ober-Aufsicht wieder abzunehmen; vielleicht hat Herr Steindorf in dieser Hinsicht amerikanische Begriffe, welche für unsere Welt hier Anstoß erregen würden. Die Freundschaft, welche mich mit Ihren seligen Eltern verband, legt mir die doppelte Pflicht auf, Ihnen diesen Rath zu geben." „Ich danke Ihnen, lieber Doctor, versetzte Arm- gard leise, „seien Sie überzeugt, daß ich nach dieser Seite hin die Ehre meines Hauses aufrecht halten werde." „Gut, ich schicke Ihnen jetzt gleich Mamsell Ebers, der ich meine Vorschriften ertheilen werde." Der Doctor ging, und Armgard drückte sich, fieberhaft zusammenschauernd, in die Ecke des Sophas. Alle möglichen Gedanken und Erinnerungen durchflogen ihr Gehirn, und mitten in diesen Wirrwarr hinein drang die Stimme der alten Tante Hanna, welche dicht neben ihr zu sitzen schien und ihr ihre Geschichte wieder erzählte. — Lasse Dich nicht von der Schönheit umgarnen, sie ist nicht echt, sondern nur eine Maske. — Verkaufe Dich auch nicht, vergiß es nie, daß Du ein reiches Mädchen und deßhalb eine begehrte Waare bist. — O, der schlaue Herr Julius kann Dein Geld gebrauchen, es ist ihm drüben nicht geglückt, und nun will er die Närrin mit dem vielen Gelde heirathen, die reiche Erbin, welche zehn lange Jahre auf ihn gewartet hat. Sie ist nicht schön, diese Närrin, aber vergoldet, und das genügt. Der liebe, schöne Papa konnte drüben stolze Ladies heirathen, aber er liebte nun einmal nur die gute Tante Armgard, die so reich und eine gutmüthige Närrin war.- 804 Entsetzt fuhr Armgard empor und starrte wild um sich. Hatte sie nicht erst Tante Hanna gesprochen und zuletzt gar die todte Lotta? — „O, mein Gott, behüte mich vor Wahnsinn!" flüsterte sie angstvoll, „errette mich vor meinen eigenen Gedanken." Dann horchte sie plötzlich auf. Draußen im Corri- dor erklang es wie ein Wortwechsel. Sie konnte jetzt deutlich die Stimmen unterscheiden, — es waren der Docror und Steindorf. Gewiß verlangte der letztere in seiner gebieterischen Weise, zu ihr gelassen zu werden, wogegen der Arzt kalt und energisch protestirte. Sie erhob sich geräuschlos, trotz ihrer Schwäche wie von einer Feder emporgeschnellt, und begab sich in das daranstoßende Cabinet, von wo sie ungesehen und angehört ihr Schlafzimmer erreichte. Mit bebender Hand den Riegel vorschiebend, da die Mamsell durch ihr An- kleidecabinet zu ihr gelangen konnte, schwankte sie nach ihrem Bett und sank halb ohnmächtig darauf nieder. Sie fühlte sich hier wie geborgen und dankte im Innern dem alten Doctor, der sie mit seinem lauten Protest rechtzeitig gewarnt hatte, daß sie sich zurückziehen konnte. Als in diesem Augenblick die Evers athemlos durch die Thür des Cabinets eintrat, sah sie, daß diese bei ihrem Anblick wie erlöst aufathmete. „Wer lärmt so ungebührlich im Korridor?" fragte sie matt. „Herr Steindorf behauptet, Sie wären nicht krank, liebes Fräulein, der Doctor wolle Sie nur dazu machen." „Geh, und '.sage, daß ich sehr leidend und nicht im Stande fei, ihn zu empfangen," flüsterte Armgard mühsam. Mamsell Evers ließ sich das nicht zweimal sagen. Sie ging wieder denselben Weg zurück nach dem Corri- dor und sah den Doctor dort mit sehr finsterm Gesicht allein stehen. „Ist er fort?" fragte sie ihn leise. Der alte Herr lachte grimmig in sich hinein und deutete hohnvoll auf die Thür des Wohnzimmers. „Der läßt sich nicht abspeisen und zeigt ihr schon jetzt, wer He'r im Hause ist. -- Thörichtes Frauenzimmer l" Doctor Peters ging nach diesen halblaut gesprochenen Worten rasch fort, während Mamsell Evers die Lippen energisch zusammenpreßte, und dann ohne Zögern jene Thür öffnete. Mit unwilligem Erstaunen sah sie, daß Steindorf das Schreibcabinet ihrer Herrin geöffnet hatte und ohne Weiteres bis zum zweiten Zimmer vorgedrungen war. Sie ging ihm nach und richtete ihre Botschaft unerschrocken aus. Steindorf blickte sie stirnrnnzelnd an. „Hat meine Braut, Ihre Gebieterin, Ihnen dieß persönlich aufgetragen?" fragte er kurz. „Ich würde den Befehl sonst nicht ausgerichtet haben," lautete die Antwort. „Das Fräulein ist sehr leidend, und hat sich zu Bett begeben müssen." Er schritt in's Cabinet zurück und warf einige Zeilen in französischer Sprache auf ein Blatt Papier, das er in ein Couvert schob und mit der Aufschrift versah. „Geben Sie dieß dem gnädigen Fräulein!" befahl er, auf das Briefchen deutend. Ohne Gruß schritt er dann hinaus, und Mamsell Evers hörte, wie er das Haus verließ. „Gott gnade uns Allen, wenn der die Gewalt hier erst hat," seufzte die Alte kummervoll, indem sie mechanisch die elegante Handschrift ansah und dann mit dem Brief zu ihrer Herrin sich begab. „Der Doctor hat einen langen Disput mit dem jungen Herrn gehabt," sagte sie, den Brief übergebend, „er setzte doch feinen Willen durch." „Wer? Der Doctor?" „Gott bewahre, nicht er, sondern der künftige Herr von Edenheim, dessen Brief ich dem Fräulein gebracht und der schon durch alle Zimmer drang, um Sie zu sehen und zu sprechen. Meine Botschaft von Ihnen erreichte es nur mit Mühe, ihn zu veranlassen, sich zu entfernen." Armgard sah auf den Brief und dann auf die alte Wirthschafterin. Ihr Stolz bäumte sich bei den Worten derselben auf und sie fühlte die Erniedrigung, welche für sie in der Respektlosigkeit lag, mit welcher man ihres Verlobten erwähnte. Durfte sie das dulden, da sie doch einmal den verhängnißvollen Schritt gethan und es kein „Zurück" mehr für sie geben konnte? Und war sie es ihm nicht schuldig, unbeirrt bei ihm auszuharren, nachdem ihm das Liebste entrissen war und alle Welt sich urplötzlich veranlaßt sah, Steine auf ihn zu werfen? War er nicht seines Erbes beraubt, ein unglücklicher Mann, zu welchem sie allein, kraft der Vergangenheit, gehörte? Sie richtete sich mühsam auf und sagte in einem so scharfen Tone, wie Mamsell Evers ihn nie von ihr vernommen: „Sie scheinen ganz zu vergessen, daß Sie von meinem Verlobten sprechen, Evers, ich dulde einen solchen Ton nicht, und ersuche Sie, der übrigen Dienerschaft es einzuprägen, daß man in Herrn Steindorf den künftigen Gebieter zu ehren hat. Wem das nicht zusagt, der möge sich bei Zeiten nach einem anderen Dienst umsehen." Das ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, und Mamsell Evers war auch eine Weile ganz sprachlos. Wenn Armgard so redete, dann mußte sie den Verlobten ja wirklich lieben, Zumal sie die alte, treue Dienerin zum ersten Male wie eine Fremde, wie jede andere beliebige Magd behandelte. Nun gut, das durfte sie sich nicht schon jetzt gefallen lassen, da ihres Bleibens in Edenheim nach der Hochzeit doch nicht länger sein konnte. „Da ist es wohl besser, daß ich gleich heute mein Bündel schnüre, Fräulein," sagte sie mit einer Stimme, als sei ihr die Kehle zugeschnürt. „Herr Steindorf, das fühle ich, kann mich nicht leiden, und würde mir nachher doch gleich den Laufpaß geben. Da ist's besser, ich gehe freiwillig." Armgard antwortete nicht, sondern wandte ihr Gesicht nach der andern Seite. „Ich darf Ihnen hier wohl gleich Adieu sagen, Fräulein!" fuhr die Mamsell zögernd fort. „Kannst Du's über Dein Herz bringen, Evers, dann geh'!" Mehr sagte sie nicht, aber es war übergenug für die alte, treue Seele, die schluchzend auf die Kniee sank und Armgards Hand mit Thränen benetzte. „Du närrische Alte!" fuhr Armgard, mit ihrer tiefen Bewegung kämpfcnd, fort, „kannst Du denn überhaupt fern von Edenheim und Deiner verhätschelten Armgard leben?" 305 „Nein, ach nein," meinte die Mamsell, „ich würde bald genug daran sterben. Fürchte ja auch nur, daß wein Herzblatt nicht so glücklich wird, wie ich's wünsche, und wie sie es verdient. Mag der junge Herr mich behandeln wie er will, es soll mir gleich sein, wenn er nur seine Frau recht lieb haben wird." „Das wird er ganz bestimmt, und mir zu Liebe wird er auch Dich gut behandeln, EverS!" „Nun, dann bin ich zufrieden, wenn nur Sie ganz glücklich sind, meine liebe, liebe Herrin." „Steh' auf, Evers, und setze Dich hier dicht her zu mir. — So, Du bist die Einzige, der ich vertrauen kann, ich muß mit Dir plaudern, wenn mir's im Gehirn nicht wirr werden soll. Sieh', Liebe, der arme Steindorf ist im Grunde schlimm behandelt worden, man hat ihn seines Erbes beraubt —" „Nein, Fräulein, das ist nicht so —" „Schon gut, Evers, unterbrich mich nicht, ich weiß, was Du sagen willst, die Sache an und für sich bleibt doch dieselbe. Wenn sein Vater vernünftig gewesen wäre, dann hätte er ihn hier behalten, und das schöne Gut wäre nicht verschleudert worden. Es war nicht recht von meinem Vater, daß er dieses zugelassen, er mußte einschreiten, es war seine Pflicht als Freund und Nachbar, und weil er solches versäumt, ist jene Pflicht auf mich übergegangen." Die Wirtschafterin sah sie hier so erstaunt und verständnißlos an, daß Armgard einen Augenblick verstummte. „Nun freilich," fuhr sie dann langsam fort, „kann man bei Leuten Deines Schlages, liebe Evers, ein so feines Gefühl für Ehre und Pflicht nicht erwarten; ich aber besitze dasselbe in einem besonders peinlich ausgebildeten Grade, weßhalb ich nach reiflicher Ueberlegnng den besten Ausweg in einer Verbindung gewählt, die unsere Eltern ja vorher schon bestimmt hatten." „Ja," sprach die Evers ruhig, „und nun wischen Sie Alles, was dazwischen liegt, wie mit einem Schwämme weg." „Ganz recht, mit dem Schwämme der Vergessenheit," bestätigte Armgard, wehmüthig lächelnd. „Das wäre also der eine Grund meiner Verlobung, gute Evers! — Der zweite und nicht der geringste ist das schreckliche Schicksal, welches den armen Steindorf durch den Tod seines letzten Kindes so jäh getroffen. — Es hat mich tiefer bewegt, als die Welt es geahnt, da er die Kleine meinem Schutze übergeben, und ich es war, welche gegen Deinen Einspruch, gute Evers, die ver- hängnißvolle Spazierfahrt mit derselben unternahm." „Aber Sie hätten ja auch selber dabei verunglücken können, mein liebes Fräulein," wandte die Mamsell kopfschüttelnd ein. „Allerdings, doch kaun diese Möglichkeit meine Schuld nicht verringern, fuhr Armgard seufzend fort, „es war auch mein Verhängniß, da ohne diesen grauenhaften Zufall —" Sie brach ab und wandte die Augen seitwärts, weil sie die alte Evers nicht noch tiefer in ihr von Angst, Scham, Zweifel und Unwillen gemartertes Herz blicken lassen mochte. „Steindorf ist durch meine Schuld ein einsamer, verlassener Mann geworden," setzte sie nach einer Weile mühsam hinzu, „deßhalb, liebe Evers, bin ich verpflichtet, ihm durch meine Hand einen Ersatz zu geben —" „Auch durch ihr Herz?" unterbrach die Alte sie ernst. — „Ja, Du neugierige Person, auch durch mein Herz, weil ihm das gehört hat, so lange ich denken kann. Und nun geh', Evers, sprich mir aber nicht wieder davon, mich zu verlassen. Ich bin müde und will versuchen einzuschlafen." Die Mamsell ging, im Innern überzeugt, daß ihr Herzblatt sich um einiger wunderlicher Grillen halber für ihr ganzes Leben unglücklich zu machen im Begriff stehe. — Wenn doch die Tante Hanna erst wieder gesund wäre und ihr noch bei Zeiten den Kopf zurecht setzen könnte! — Armgard öffnete das Briefchen des Bräutigams und las: „Theuerste! Man will mich nicht zu Dir lassen, und ich bin ganz kopflos vor Sehnsucht nach Dir. Hast Du befohlen, mich abzuweisen? Ich kann und mag es nicht glauben, daß Du auf's Neue krank geworden bist, daß wieder fremde Menschen sich zwischen uns drängen, unsere Herzen von einander entfernen sollen. Morgen Vormittag bin ich wieder hier und flehe Dich an, mir Deinen Anblick zu gönnen. Sei nicht grausam gegen den Verlassenen, der nichts aus Erden mehr fürchtet, als Dich zu verlieren. O wärest Du erst mein, ganz mein, um mit mir hinauszufliegen in die weite, weite Welt, wo Neid und Mißgunst uns nichts mehr anhaben können. Werde gesund, o, werde gesund, Geliebte, für Deinen Julius." Ein seltsames Gefühl durchzog beim Lesen dieser Zeilen ihr Herz. So hatte noch niemals ein Mann zu ihr geredet, und sie hätte kein Weib und jener Mann nicht der Traum ihrer ersten Jugend sein müssen, wenn dieser glühende Erguß sie nicht berauscht haben würde wie starker Wein. Sie las die Zeilen noch einmal und verbarg dieselben dann, als ob ihr Besitz ein Verbrechen für sie sei. War dieses berauschende Gefühl, das ihre Pulse rascher schlagen, ihr Blut wie einen Feuerstrom zum Herzen jagen ließ, wirklich jene Liebe, von welcher sie damals geträumt hatte? — Sie barg das erglühende Antlitz in die Kissen und weinte dann plötzlich im heißen Schmerze, daß ihr die stolze Energie, das Selbstbewußtsein und die Kraft der muthig errungenen Herzensruhe durch die Macht der Umstände und ihre körperliche wie seelische Schwäche so unheilvoll abhanden gekommen waren, daß sie sich dem Verhängniß unrettbar überliefert hatte. Liebte sie diesen Mann, der eine unheimliche Macht über sie gewonnen, wirklich noch immer? — Sie wußte sich selber keine Antwort darauf zu geben, da sie abwechselnd von unbezwinglichem Widerwillen und von Sehnsucht erfüllt sich von ihm abgestoßen und wieder zu ihm hingezogen fühlte. Es war die Gewalt der sinnlichen Schönheit, vor welcher Tante Hanna sie in ihrer Liebes - und Lebensgeschichte so eindringlich gewarnt hatte. (Fortsetzung folgt.) —--- Die Warrmdi und die Moridberge der Alten?) Von Dr. Oskar Vaumann. In den letzten Augusttagen 1892 stand ich mit meiner Expedition an der äußersten Grenze von Ussui, *) Wir entnehmen diese hochinteressanten Mittheilungen dein soeben erschienenen Werke von Dr. Oskar Baumann: einer Landschaft, die sich westlich vorn Victoria-Nyansa ausdehnt. Bisher hatten Stanleys und Spekcs Aufnahmen, sowie die Erkundigungen, die wir bei Eingeborenen einzogen, uns Anhaltspunkte für unsere Reiseroute geboten. Ueber Ussui hinaus lag jedoch Urundi, ein Land, mit dem keinerlei Verkehr bestand und über das nur dunkle Gerüchte ins Ausland drangen. Dieselben meldeten von blutgierigen, kriegerischen Völkern, die allen Fremden bitter abgeneigt seien, und von ihrem Könige Mwesi, der irgendwo an unbekanntem Orte throne. Ueber das Land selbst war jedoch so gut wie nichts zu erfahren. Selbst im Massailand, wo wir ebenfalls wochenlang gänzlich unerforschte Striche durchzogen, konnten wir von Nomaden Nachrichten über den Weg erhalten; diesmal tappten wir völlig im Dunkeln, betraten eine terra, inoo§inta, im buchstäblichen Sinne des Wortes, ein Land, in dem der Kompaß uns als einziger Leitstern diente. In den Morgenstunden des 5. September erreichten wir das Ufer eines breiten Flusses, der seine graubraunen Wogen zwischen hohen, von üppiger Vegetation gekrönten Ufern dahin wälzte. Mit Bewegung blickte ich in die Fluthen dieses Stromes, aus welchen steile Granitriffe hervorragten; war es doch der Quellfluß des Nil, hier Nuvuvu, später Kagera genannt, bildete er doch die Westgrenze von Ussui gegen jenes rüthselhafte Urundi, in welches wir nun eindringen sollten! Doch das Leben des Reisenden gewährt keine Frist zu langen Betrachtungen; schon hatte mein Karawanen- führer Mkamba den primitiven Einbaum, der als Fähre dient, in Beschlag genommen, und mit kräftigen Stößen und Nuderschlägen beförderten-die Wassui-Fährleute die ersten Soldaten aus linke Ufer. Hinter der Karawane, die sich am Ufer niederließ und allmählich übergeführt wurde, sammelten sich Hunderte von Wassui und bedeckten, dicht gedrängt, als schwarze bewegliche Masse mit blitzenden Speeren die Hügelhänge und das Ufer. Auf der Felsinsel im Flusse hockten zahlreiche Eingeborene, gleich Affen saßen sie auf Baumstämmen, die in den Fluß hinausragten, ja sie schwammen trotz der vielen Krokodile darin herum, um das Schauspiel unseres Uebergangcs zu genießen. Mit dieser Bewegung am rechten stand die Ruhe am linken Ufer in grellem Widersprüche. Wußten die Warundi etwa nicht, daß wir kamen, oder brüteten sie abseits Arges? Sollten die vielen Tage des Friedens, die wir genossen, nun wirklich ein Ende haben und wir wieder den blutigen Kämpfen entgegengehen? Die Askari am linken Ufer schienen Aehnliches zu vermuthen, sie hatten Wachen ausgestellt, und Mkambas hohe Gestalt tauchte auf dem Gipfel eines Termitenhügels auf, unbeweglich in die Ferne spähend. Plötzlich — ich befand mich gerade im Kanu — ertönte aus dem Dickicht des Ufers von Urundi ein langgezogenes Jauchzen, und wie durch Zauberschlag tauchten zahlreiche dunkle Gestalten mit langen Stäben, aber ohne „Durch Ma ssailand zur Nilquelle. Reisen und Forschungen dcrMassai-Expedition des Deutschen Antisklaverei-ComitSs in den Jahren 1891 bis 1893." 386 S. mit 27 Vollbildern und 101 Text-Illustrationen in Heliogravüre, Lichtdruck und Autotypie nach Photographiern und Skizzen des Verfassers von Rud. Bacher und Ludwig Hans Fischer in Wien und einer Originalkarte in 1: 1,800,000. Preis geheftet 14 Mark, eleg. geb. mit Lederrücken 16 Mark. Berlin, Verlag von Dietrich Reimer (Hoefer und Vohsen). Waffen auf. Im Gänsemarsch kamen sie, Laub und ihre Stäbe schwingend, an, kräftige Gestalten mit originellen Haartouren und braun und grau gemusterten zipfeiförmigen Ueberwürfen aus Nindenzeug, das von nun an das einzige Bekleidungsmaterial bildete. Auf der Höhe der Rampe stellten sie sich in zwei oder drei Reihen an und führten jenen merkwürdigen Tanz auf, den ich dann noch unzähligcmale sehen sollte, ohne daß er seinen Reiz für mich verlor. Derselbe wird weder von Trommeln, noch von Gesang, noch von irgend einem Instrument begleitet. Den Takt giebt einfach der Tanzschritt, der durch mehr oder weniger kräftige Tritte bezeichnet ist. Unter Leitung eines Vortänzers führen die Massen mit unglaublicher Gleichmäßigkeit und Geschick- lichkeit diese Täuze auf, daß der Boden dröhnt und mächtige Staubwolken die Tänzer umhüllen. Mit hocherhobenen Armen schwingen sie zierlich ihre Stäbe und Laub, schreiten vor- und rückwärts, führen hohe gleichzeitige Sprünge aus und fallen dabei niemals aus dem Takt, der durch die Fußsohle gegeben wird. Dabei verleugnet der Tanz keineswegs das Gepräge einer kraftvollen Anmuth, besonders die Vortänzer könnten es i» kühnen und doch eleganten Sprüngen mit jedem Ballettänzer aufnehmen. Für einen alten Unteroffizier müßte der Tanz der Warundi geradezu ein Labsal sein, denn was ist der schneidigste Parademarsch gegen diese kompli- zirten, fortwährend wechselnden und doch unglaublich taktfest ausgeführten Tanzschritte! Zum Schlüsse stimmten Alle wieder das eigenthümliche Jauchzen oder, besser gesagt, Jodeln in der Fistel an, rissen Blätter von den Bäumen und streuten dieselben kniend vor mir aus. Während die Karawane übersetzte und wir am Ufer Lager schlugen, kamen immer neue Schaaren von Tänzern, und die früheren lagerten in malerischen Gruppen auf der Uferrampe. Es war ein großartiges Schauspiel. Am rechten Ufer standen Kopf an Kopf die Wassui, in dicht gedrängten Massen die Hügel bedeckend, am linken trampelten, jauchzten und klatschten Hunderte von Tänzern in der grellen Sonne, einer Bande Wahnsinniger gleichend. Bei den Wassui sah man noch einzelne Fetzen Baumwollzeug, einige Glasperlen, die äußersten Vorposten der Alles umfassenden europäischen Industrie, hier nichts dergleichen; Kleidung und Schmuck war echtes, unverfälschtes Afrika. Erst gegen Abend verzogen sich die Menschenmengen, und eS erschienen die Aeltesten der Gegend, um mir ein laub- bckränztcs Schaf und eine Sorghum-Aehre als Friedcns- zeichen zu überbringen. Am 6. September verließen wir den von leichten Morgennebeln überlagerten Nil und traten in welliges Grasland ein, dessen zahlreiche kleine Thäler von Papyrus erfüllt und von felsigen Thalstufen unterbrochen sind, über welche das klare Wasser der Bäche rieselt. Fast kein Baum oder Strauch ist auf den thcilweise verbrannten Grasseldern sichtbar, und die Dörfer mit ihren Bananen- hainen und den glänzendblättrigen Ficusbäumen, die Rindenstoff, theilweise auch Brennholz liefern, heben sich gleich dunkelgrünen Inseln von den gelbbraunen Flächen ab. Dieses Alpenland, welches unter gewöhnlichen Umstünden Wohl recht ruhig dalag, glich nun einem gestörten Ameisenhaufen. Von allen Seiten eilten dunkle Gestalten auf den schmalen Pfaden der Hänge oder querfeldein auf uns zu, während von den entfernten Dörfern Horn- stöße ertönten, unser Kommen anzeigend. 307 Vor den Hüttenkomplexen standen die alten Leute, knieten bei unserem Herannahen nieder, klatschten und reichten mir Grasbündel unter allerlei schönen Redensarten, die ich noch unzähligemale hören sollte. In langen Reihen, mit Stäben und ausgebreiteten Armen kamen die Krieger laufend herbei, traten längs unseres Pfades an und führten ihren Tanz auf, worauf sie uns mit jubelndem Geschrei vorliefen und von neuem zu tanzen begannen. Einige Leute hatten sich als eine Art Festordner aufgeworfen und hieben tüchtig in die nachdrängende Masse ein. Denn alle diese Menschen blieben keineswegs bei ihren Dörfern zurück, sondern zogen lachend und jubelnd hinter uns her. Von einer Anhöhe zurückblickend, sah ich bald Tausende von braunen, wildbewegten, in der Sonnengluth glänzenden Leibern mit geschwungenen Stäben und Laubzweigen, einer Bacchantenschaar gleichend. Den ungeheuren Lärm übertönten Rufe wie „Nrvsoi Ilrunäi!" (Beherrscher Urundis) „Vilielco visirnu!" (Großer König) und „lull IVustutu" (Wir sind Sklaven), die mein Dolmetsch mir übersetzte und die mich schließen ließen, daß die Begeisterung der Warundi einen besonderen Grund haben müsse. Bei der allgemeinen Raserei war es nicht so leicht, diesen zu erfahren, und erst nach einigen Tagen brachten meine Leute das Richtige heraus. Die Warundi waren nämlich sonst von einem Herrschergeschlecht regiert worden, welches seine Abkunft vom Mond (mvvssi) herleitete und dessen Königstitel „Al-rveoi" war. Der letzte Mwesi, Namens Makisavo (das Bleichgesicht), war seit Langem verschollen, lebte aber der Tradition nach im Monde fort und wurde vom Norden her erwartet. Als nun plötzlich ein weißer Mensch vom Norden ins Land kam, sahen sie in ihm den ersehnten Herrscher, den Mwest Makisavo. Dagegen war nichts zu machen; eine Schaar wahnsinniger Fanatiker ist bekanntlich Vernunftgründen nicht zugänglich, ich war und blieb für sie der Mwesi, und derart zum König von Urundi befördert, blieb mir nichts Anderes übrig, als meine Würde mit möglichem Anstand zu tragen. Anfangs machte mir die Sache übrigens viel Spaß, die topographische Aufnahme war allerdings durch den unaufhörlichen ohrenzerreißenden Lärm erschwert, aber das Schauspiel dieses großartigen afrikanischen Volkslebens bot doch das höchste Interesse. Besonders im Lager entwickelten sich förmliche Tauzfcste. In weitem Kreise kauerten und standen die Volksmengen um einen freien Platz, auf welchem die Tänze stattfanden. In der Rechten den langen Stab, in der Linken Laub haltend, führten die Krieger der einzelnen Gegenden nach einander die schwierigsten „Pas" auf. Ost hatten sich die jungen Leute desselben Ortes mit gleichartigem Nindenzeug bekleidet, ja eine Gruppe, die mir dnrch besondere Geschicklichkeit auffiel und von einem jungen, prachtvoll gebauten Krieger geführt wurde, trug schneeweiß bemalte Lederschürze. Komisch war eine Anzahl nackter Knaben, die jedesmal mitzutanzen versuchten, darunter oft kleine Bengel, die kaum die Beine heben konu- E ten. Diese durften Fehler im Tanze machen; doch wehe dem erwachsenen Tänzer, der nur den geringsten für Nicht-Warundi kaum wahrnehmbaren Fehltritt machte; er wurde mit Hohngeschrei verjagt und konnte froh sein, wenn er ohne Prügel davonkam. ^ Nach den Männern traten die Weiber an, die ver- heiratheten mit aschgrauer Kleidung, die Kinder auf dem Rücken, die ledigen mit Lendenschürzen, kleine Mädchen nackt. Sie stellten sich im Halbkreise auf, dessen Mitte zwei schön gewachsene Mädchen einnahmen, die mit ausgebreiteten Armen, begleitet von Händeklatschen und angenehm weichem Gesang, einen reizenden Tanz im spanischen Fandango-Stil aufführten. Nichts als die unmuthigen Bewegungen der Arme erinnert hier an den obscönen „Bauchtanz" der Orientalen und vieler Negerstämme, bei welchem die Tänzerin fast unbeweglich steht. Hier wird jedoch regelrecht mit den Beinen, und zwar mit einer Kühnheit und Anmuth getanzt, um welche jede Ballerina die schwarzbraune Kollegin beneiden' könnte. Der wohlklingende wechselvolle Gesang der sanften Frauenstimmen und der Anblick dieser schlanken Wesen, welche mit ständigem Lächeln jene kunstvollen Tänze aufführten, gaben ein Schauspiel von eigenthümlichem Zauber. Auf das Schöne folgte das Groteske in Gestalt einiger alten Weiber, die mit „süßem" Grinsen zum Halloh der Träger ihre runzeligen Glieder verrenkten. Um Nahrungsmittel brauchten wir hier nicht zn sorgen; der Wunsch, etwas zu kaufen, wurde gar nicht begriffen, denn dem Mwesi gehört eben Alles, was im Lande ist, er nimmt sich, was ihm beliebt, und was er nicht nehmen kann, wird ihm lastenweise von allen Seiten angebracht. Großhörnige Rinder, Ziegen und Schafe, Unmengen von Bananen und Hülscnfrüchten, zahlreiche Krüge mit Hirsebier kamen fortwährend, ohne daß irgend Jemand etwas dafür verlangte oder erbat. Selbst die unvermeidliche Bettelei der Neger verstummte dem Mwest gegenüber. Das Land behielt stets den Charakter eines grasigen, von engen Papyrusthälchen durchzogenen Berglaudes. Manchmal hat man eine breite Senkung zu überschreiten, die stets versumpft und mit verfilzter, schwimmender Grasvegetation bedeckt ist, in welche man leicht einsinkt. Die Warundi häuften hier Bündel von Gras auf, um uns das Ucberschreiten zu erleichtern. In dieser Gegend lebt auch ein den Pygmäen verwandter Stamm der Watwa, der in ärmlichen Grashütten wohnt. Wir durchzogen die reichbewohnten Distrikte von Gntaha und Mukivuye und erreichten am 10. September Jntaganda, eine Landschaft am rechten Ufer des breiten Thales, welches der Papyrusreiche Akanyaru-Fluß durchströmt. Dieser gab Veranlassung zur Entstehung der Sage vom Nyansa ya Akanyaxu, dem Alexandra-See Stanleys. Jenseits tauchten hohe grasige Berge mit den dunklen Punkten der Siedlungen auf; es war Ruanda, das rüth- selhafte Königreich, in welchem weiße Neger vermuthet wurden, jenes Fabelland, von dem viele Reisende gehört, das aber noch keiner betreten hatte. Mein Wunsch, die Nilqucllfrage endgültig zu lösen, hielt mich davon ab, eine nähere Erforschung dieses Landes vorzunehmen, jedenfalls wollte ich es jedoch besuchen und beschloß daher, am nächsten Tage den Akanyaru zu übersetzen. In Ruanda fanden wir gute, wenn auch weniger begeisterte Aufnahme als in Urundi und durchzogen den südlichen Theil des bergigen Landes, daS reich bebaut und von künstlichen Bewässerungskanälen durchzogen ist. Wir sahen zwar keine weißen Neger, aber äußerst lichtfarbige hamitische Watusfi, die fast europäische Gesichtsbildung besitzen. 308 — An der Grenze von Ruanda stiegen wir über steile Hänge wieder nach dem Akanyaru ab. In den Schluchten rauschten Gewässer, die von Schirm-Akazien und Laubbäumen eingesäumt waren. Solche bezeichneten auch den Lauf des Akanyaru, der hier als vielgewundener, reißender Bergstrom gegen Nordost floß. Während wir den Fluß durchwateten, sammelten sich jenseits riesige Menschenmengen an, das „Oansu rnrvawi" erscholl, Alles jubelte, tanzte, klatschte und tobte wie wahnsinnig im Kreise herum — kurz, wir waren wieder in Urundi. In den nächsten Tagen durchzogen wir die Distrikte Mugitiva und Nustga. Das Land steigt immer höher an und erhebt sich zu bedeutender Seehöhe. Grasige, langgezogene Bergrücken fallen in steilen Hängen zu den meist sumpfigen Thälern ab. Im Südwesten taucht allmählich eine hohe waldige Kette auf, in der ich die Wasserscheide gegen den Tanganyika vermuthete. Die zahlreichen Gewässer bildeten die hintersten Wasser des Nil, dessen Quelle wir uns immer mehr näherten. Die bananen- reichen Dörfer waren von Feldern umgeben, in welchen besonders eine vorzügliche Erbsenart gedieh, auf den Wiesen weideten zahlreiche Rinder mit ungeheurem Gehörn. Der Fanatismus der Waruudi erreichte hier seinen Höhepunkt. Ungeheure Volksmassen kamen von allen Seiten angezogen und wälzten sich gleich einem Strome hinter uns her. Andere Schaaren zogen voraus, gleich einem Heuschreckenschwarme über Alles im Lande herfallend. Sie rissen Vorräthe und Hausgeräth aus den Hütten, die Felder waren in wenig Minuten kahl, ganze Heerden von Rindern wurden mitgetrieben und von meinem rasenden Gefolge oft buchstäblich in Stücke zerrissen. Die ungeheuren Pombemassen, die sich in den Dörfern fanden, trugen ebenfalls nicht zur Beruhigung der Gemüther bei. Die Bewohner der Ortschaften ließen sich nicht immer ruhig ausplündern, es fanden blutige Gefechte vor der Karawane statt, bei welchen Leute schwer verwundet, Mehrere sogar erschlagen wurden. Aber sobald ich mich näherte, legten beide Theile die Waffen nieder, warfen sich buchstäblich unter die Hufe meines Neitesels und riefen ihr „Oausu rrnvami!" Die tollste Raserei entwickelte sich überhaupt in unmittelbarer Nähe meiner Person. Männer, Weiber und Kinder drängten mit fürchterlichem Geschrei und fanatisch verzerrten Zügen auf mich ein, denn einen Mwesi gesehen oder gar berührt zu haben, galt als das höchste Glück. Kurbatschhiebe und selbst Kolbenschläge der Askari waren völlig wirkungslos, mit blutüberströmten Gesichtern kehrten die Gezüchtigten sofort wieder und heulten knieend ihr „6-ansa mrvuini t" Der fortwährende Anblick sieser aneinandergcpreßten schwarzen Leiber, das Getöse, welches die Luft erschüttern machte, und der Wahnsinn, der aus dem ganzen Treiben sprach, machten auf mich den tiefsten Eindruck. Ich rechne es mir zur Ehre an, in jenen Stunden die topographische Aufnahme auch nicht eine Minute unterbrochen zu haben. Wenn mir das überhaupt möglich war, so verdanke ich dies nur meinen braven schwarzen Soldaten, die dieser Volksmasse gegenüber ihr kaltes Blut behielten. Natürlich wendete sich die Wuth der Leute oft gegen sie, wollten sie die Warundi doch von ihrem Mwami abhalten. So kam es, daß am 17. September die Soldaten erst durch Stockhiebe, dann durch Bisse und sogar Messerstiche verwundet wurden. Als einem jungen Ma« Nyema-Ruga-Nuga gar die Unterlippe abgebissen wurde, war es kein Wunder, daß er Feuer gab. Wie es in solchen Fällen zu gehen pflegt, krachten gleich mehrere Schüsse, und bevor mein sofort gegebener Pfiff zum „Feuer einstellen" sich Geltung verschaffte, bedeckten zu meinem tiefen Bedauern etwa dreißig Warundi todt und schwer verwundet den Boden. Eine Todtenstille trat ein, und wir erwarteten nun, den längst gefürchteten Umschlag der Stimmung eintreten zu sehen. Aber nichts dergleichen geschah, ein gellender Freudentriller einer hohen Frauenstimme unterbrach das Schweigen, das „Ounsu rnrvumi" erscholl wieder aus tausend Kehlen, die Krieger tanzten wenige Schritte von den Leichen ihrer Landsleute, und in das Aechzen der Sterbenden mischte sich der Jubelgesang der Weiber. Es war ein schreckliches Bild. Obwohl ich mich selbst und in Anbetracht der Umstände auch die Askari von jeder Schuld freisprechen mußte, rief ich doch im Lager die Aeltesten der Gegend zusammen und erklärte mich bereit, das in Afrika in solchen Fällen übliche Blutgeld zu zahlen. Aber sie hielten das für einen Scherz. „Der Mwesi", sagten sie, „thut und läßt, was er will, schlägt todt, wen er will, ja, ein Mwesi, der keine Leute todtschlügt, wäre gar kein richtiger Mwesi." Im Lager war natürlich lebhafte Bewegung. Die Volksmengen, welche uns begleiteten, lagerten meist etwas abseits und äfften Nachts die Rufe unserer Wachtposten nach. Zu mir kamen fortwährend Leute mit Geschenken, kamen Zauberer mit weiß bemalten Gesichtern, eine Klapper schwingend und mit künstlich heiserer Stimme Beschwörungen murmelnd, ja, es kamen Leute, welche selbst meinem Esel Geschenke an Vieh und Pombe anboten und sich um sein Wasser, als eine kostbare Medizin, schlugen. Einmal brachte man mir einen uralten weißhaarigen Mann und fragte mich, ob ich ihn kenne. Ich bedauerte, nicht die Ehre zu haben, worauf der Alte meinte, ich habe ihn wohl vergessen, er aber erinnere sich noch genau daran, mich schon früher als Mwesi gesehen zu haben. Am 19. September verfolgten wir den Nuvuvu-Nil aufwärts. Nach einigen Stunden erreichten wir eine Stelle, wo das Thal sich gabelt und zwei kleine, kaum einen halben Meter breite Rinnsale sich einen. Wir erstiegen eine grasige Höhe zwischen den beiden Quellschluchten und lagerten im kleinen Watussidorf Uuyange. Unser Gefolge an Warundi hatte stark abgenommen, denn merkwürdigerweise gilt diese Stelle ihnen als heilig und wird mit abergläubischer Scheu betrachtet, da hier einst die verstorbenen Mwesi begraben wurden. In einem dunklen Hain, dem Wuruhukiro, unweit des linken Quellrinnsals, ruhten die Träger der Königsleiche; die Bestattung fand dann auf dem Gipfel des Ganso Kulu, eines hohen Grasberges, statt. In den Bergwäldern irren, nach dem Glauben der Warundi, heute noch die Geister der verstorbenen Mwesi, nach welchen das Gebirge Missosi ya Mwesi genannt wird. Dieser Name, welcher, wörtlich übersetzt, „Mondberge" heißt, überraschte mich aufs höchste, denn wen würde er hier, an der Quelle des Nil, nicht unwillkürlich an die Mondberge der Alten erinnern, welche das räthselhafte Haupt des Nil beschatteten? -EZS-- 1«7 „Nugsburger Postzritung". / 41 Diuslag, den 22. Mai 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck nnd Berlaa des Literarischen Inüilnls von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbesitzer vr. Max Huttlerl. Tante Kaniia's Heheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) Wieder waren vierzehn Tage verflossen. Armgard Holten hatte sich von ihrem Nückfall erholt, mährend Leonhard Marbach sich noch immer unter dem Dache des Försterhanses befand, der Maler Reinhardt dagegen nach seiner Wohnung in der Stadt gebracht worden war. Letzterer war allerdings nach ärztlichem Ausspruch außer Gefahr, aber noch lange nicht hergestellt. Die Schulterwunde heilte gut, mit dem Gesicht aber stand es noch schlecht genug, da er große Schmerzen zu ertragen, nicht zu sprechen vermochte und außerdem die furchtbare Gewißheit hatte, das rechte Auge zu verlieren. Dieses entsetzliche Geschick erregte ihn bis zur Wuth, und er ruhte nicht, bis er es bei Doctor Peters durchgesetzt, mit dem Criminal-Commissar jetzt, wenn auch schriftlich, da ihm jedes Wort schreckliche Schmerzen verursachte, reden zu dürfen. „Der Doctor hielt mich für verrückt und hat mich mit seiner Weigerung, Sie zu mir zu bescheiden, auch halb dazu gemacht," schrieb Reinhardt, als der Kommissar neben ihm saß. „Lesen Sie dieß gefälligst." Er überreichte ihm einen zusammengefalteten Bogen, den der Beamte rasch entfaltete und überflog. „Sie haben dieß selber geschrieben, Herr Reinhardt?" Der Maler nickte. „Der zweite Manschettenknopf ist hiernach also auch gefunden worden," fuhr der Commissar, die Lectüre fortsetzend, überrascht auf, „und zwar an dem Aufstieg zur Berghohe. Und — was zum Henker haben Sie hier geschrieben?" Er sah den Maler erschreckt und mißtrauisch an. Hatte der Doctor recht gehabt mit seiner Behauptung, daß jenes abscheuliche Attentat sein logisches Denken verwirrt und ihn mit einer fixen Idee erfüllt haben müsse? — Reinhardt schrieb mit einer ungeduldigen Bewegung: „Ich habe die nackte Wahrheit erzählt, wenn Sie es nicht glauben, nehmen Sie den Polier Schulze darüber in's Verhör." Der Commissar nickte nachdenklich und faltete den Bogen zusammen. „Ich darf ihn doch behalten?" Natürlich durfte er das. „Haben Sie den zweiten Knopf?" „Der muß sich in Marbach's Taschen finden," schrieb der Maler. „Packen Sie den Halunken, Herr Commissar, — der M-mn mit dem rothen Strich hat auch uns beide, meinen Freund und mich, so zugerichtet. " „Wir packen ihn ganz bestimmt, lieber Herr Reinhardt!" beruhigte der Commissar den Aufgeregten. „Ich werde ihm einige Spürer auf die Ferse setzen." Er reichte ihm die Hand, wünschte ihm gute Besserung und schritt nach der Thür. „Apropos," wandte er sich hier gleichgültig zu dem Maler um, „hat der Doctor Ihnen von der Verlobung des Herrn Steindorf - mit Fräulein Holten zu Edenheim erzählt?" Reinhardt schüttelte den Kopf und schrieb etwas nieder, was er dem Beamten, der wieder zu ihm trat, hinreichte. Dieser las: „Die hatte er mit seinem todten Kinde schon an der Angel. Wohl bekomm's ihr! — Ich würde ihr'S gönnen, wenn er nicht zwischen Mund und Kinn zu interessant wäre. Wo ist denn Herr Julius? Bei ihr in Edenheim?" Der Commissar lachte. „D'as würde sich jetzt nicht mehr schicken," sagte er in einem humoristischen Tone, „Herr Julius ist auf Reisen gegangen. Wohin? das weiß kein Mensch, wir aber werden's herausspüren. Soll ich Ihren Freund Marbach grüßen? es geht bergab mit ihm, wie ich höre." „Jener macht Hochzeit, und er sollte sterben?" schrieb Reinhardt mit zitternder Hand, „das kann Gott nicht zulassen." „Nein, das hoffe ich auch; halten Sie sich nur ruhig, damit Sie wieder gesund werden. Der alten Hanna geht's auch schon besser. Sie wissen doch, daß sie operirt worden ist?" Der Maler nickte. „Hoffe viel von ihrem zurückkehrenden Erinnerungsvermögen," fuhr der Commissar fort, „es geht natürlich langsam damit, doch stellt sich schon, je weiter die Heilung fortschreitet, eine erfreuliche Zunahme des erwachenden Verständnisses ein, just wie bei ganz kleinen Kindern. Vielleicht rettet Doctor Peters auch Ihre Sehkraft, Herr Reinhardt!" Dieser schüttelte traurig lächelnd den Kopf, wenn man ein solches Verzerren der einen Gesichtshälfte ein 310 Lächeln nennen konnte, und der Kommissar empfahl sich. — Er kehrte eiligst anstatt nach dem Polizeigebäude nach seiner Wohnung zurück, wo er sofort nach einem Herrn Wolfius sandte, welcher auch nach wenigen Minuten erschien. Dieser Mann machte den Eindruck eines Handwerkers, sowohl in seiner Haltung und seinen Manieren, wie in der Kleidung; alles war schlicht und einfach, aber höchst sauber an ihm. „Haben Sie eine Spur, Wolfius?" fragte der Kommissar halblaut. „Mr. Prien ist und bleibt eine mystische Person, Herr Kommissar," versetzte der Gefragte ebenso leise. „Möchte Sie wohl um einen unbestimmten Urlaub ersuchen." „Wollte es gerade vorschlagen, mein Lieber, und Ihnen mittheilen, daß der zweite Manschettenknopf des werthen Herrn in der Gegend des Thatortes gefunden ist. Er hat offenbar Unglück mit dem Verlieren oder muß lächerlich sorglos sein. Und nun noch eine überraschende Entdeckung, welche unser Polier Schulze gemacht hat." Wolfius horchte auf und runzelte die Stirn. „Schulze ist ein Schwätzer, man kann auf seine Aussagen nicht viel geben," sagte er achselzuckend. „Die Sache kommt mir allerdings auch ein wenig romantisch vor, sie betrifft nämlich den heimgekehrten Herrn Julius Stcindorf, welcher nach Schulze's Behauptung den bewußten rothen Strich besitzen soll." „Weiß denn der Schwätzer von der Bedeutung dieses Kennzeichens, Herr Kommissar?" „Gott bewahre, er hat doch die beiden Herren Marbach und Reinhardt oben im Gebirge getroffen, wobei er diesen Umstand gesprächsweise erwähnt haben soll. Da ich nun in der That ein wenig zweifelhaft darüber bin, ob die ganze Erzählung nicht vielleicht eine Hallucination des Malers ist, hervorgerufen durch das abscheuliche Attentat und dessen Folgen, so möchte ich Ihnen anheimgeben, den Polier selber mal vorsichtig darüber auszuforschen." „Das werde ich sogleich besorgen, Herr Kommissar," nahm Wolfius das Wort, „und Ihnen Bericht abstatten. Ich dürfte dann doch sofort abreisen?" „Ja, haben Sie Reisegeld? — Nehmen Sie lieber eine Summe für Extra-Ausgaben." Er öffnete seinen Schreibtisch und überreichte ihm einige Banknoten, welche Wolfius unbesehen in seine Brieftasche legte. „Sie sind über Ihre Reise-Route schon im Klaren?" fuhr der Kommissar fort. „Dann hätte ich den Müsse schon beim Kragen", versetzte der Detectiv achselzuckend. „Sie kennen mich, Herr Kommissar, und wissen, daß ich nicht unnölhig Geld ausgebe, hier aber —" „Schon gut, lieber Wolfius, Sie haben mein ganzes Vertrauen, unterrichten Sie mich von Zeit zu Zeit über Ihren Aufenthalt, es könnte sich hier etwas ereignen, was Ihre Weiterreise vielleicht unnöthig machen würde." „Soll prompt geschehen, Herr Kommissar!" Wolfius ging. Er sah sehr finster aus, als er die Straße wieder betrat, und murmelte eine Verwünschung in den Bart, welche den Polier betraf, der soeben vergnügt pfeifend um eine Ecke bog. „Sieh' da, Schulze, wenn man den Wolf nennt, kommt er gerannt. Komm', alter Freund, haben uns lange nicht gesehen, wollen ein Gläschen mit einander trinken." „Na, den Wolf könntest Du schon eher vorstellen, mein Junge," meinte der Polier, ihn verschmitzt anblinzelnd, „hast denn wirklich an mich gedacht?" „Versteht sich, bist doch beim Attentat im Gebirge ein Hauptheld gewesen?" „Ein schöner Held, der mit einem blauen Auge davon gekommen ist. Habt Ihr denn noch immer keine Ahnung von dem Attentäter?" „Still," gebot der Detectiv mit einer so herrischen Geberde, daß Schulze erschreckt zurückfuhr. „Du bist ein unverbesserlicher Schwätzer, aber gnade Dir Gott, wenn Du jemals von mir sprichst." „Bist ja ein wahrer Wärwolf," grollte der Polier, „will mein Bier lieber allein trinken. Bin ein ehrlicher Kerl, dem die Polizei nichts anhaben kann. Gott befohlen, Herr Wolfius!" „Dummes Zeug, komm' mit, ich bin heut' verdammt schlechter Laune und muß mich ein halbes Stündchen unterhalten. Na, altes Haus, nimm's nicht übel." Wolfius hatte bei diesen Worten seinen Arm ergriffen und ihn halb gewaltsam fortgezogen. „Laß man, ich geh' schon freiwillig, hätt' bald wieder ein Verbrechen geschwatzt. Sage lieber gar nichts mehr in Deiner hohen Gegenwart." Sie gingen schweigenv durch die Straße. Wolfius ärgerte sich, einen großen Fehler begangen und den Freund sozusagen mundtodt gemacht zu haben. Er dachte darüber nach, ihn wieder vollständig zu versöhnen. „Herr Marbach wird wohl daraufgehen," begann er nach einer Weile, „thut mir leid um den armen, jungen Mann." Sckulze stieß einen grunzenden Ton aus. „Wir können auch einmal hier bet Nobbing einkehren," setzte Wolfius hinzu, „eine Flasche Wein mit einem kleinen Imbiß wirst Du nicht verschmähen, Alter, und da ich in einer Stunde abreise „Ach, Du willst reisen? — Na, denn man zu," sagte Schulze, seinen Groll bet der Aussicht auf den Wein vergessend, „wenn ich man fein genug für Rob- bing bin —" ..Unsinn, nur immer 'rein ins Vergnügen!" rief der Detectiv, „wir haben Moses und die Propheten in der Tasche, das genügt." Nobbing war ein respektabler Weinkeller für Kaufleute, Studenten und den sonstigen mohlsituirten Mittelstand, wohin der Polier Schulze seinen Fuß nicht zu setzen gewagt hätte. So aber folgte er, wenn auch ziemlich schüchtern, seinem Freunde, dessen sicheres Auftreten er im Stillen bewunderte. Dieser fahrte ihn in ein kleines Separat-Cabinet und ließ so nobel auftischen, daß Schulze ganz gerührt wurde und ihm wiederholt die Hand drückte. Er stieß mit ihm an und wurde wieder gesprächig, worauf er sofoit von seinem Lieblingsthema, dem Attentat, erzählte. „War denn der Herr Steindorf nicht auch dabei?" fragte Wolfius, „ich meine doch, seinen Namen dabei gehört zu haben." „I bewahre, der war nicht zugegen, den hatte ich am Pfingstmorgen früh, so um viere, schon dort oben getroffen und den beiden Herren davon erzählt." 311 „Siehst Du, mein Junge, so entstehen Gerüchte aus halben Worten und Aeußerungen," sagte Wolfius lächelnd, „man erzählte mir, daß jener Steindorf ebenfalls von der Explosion getroffen und am Kinn verwundet worden sei. — Auf Dein Wohl!" setzte er hinzu, ihm sein Glas entgegenhaltend. Schulze stieß kräftig mit ihm an und leerte das seine mit einem verklärten Gesicht. Dann nickte er dem Freunde vergnügt zu. „Das ist spaßhaft, weißt Du, — diese Wunde am Kinn ist richtig, aber man blos ein Bischen alt, wcil's schon lange eine Narbe geworden ist." „Ach, was Du sagst, woher weift Du denn das, alter Schwede?" Schulze erzählte nun ziemlich umständlich, woher er diese Wissenschaft habe, und lachte dann unbändig darüber. „Na, es kann dem Herrn am Ende nicht ganz lieb sein, in diese Geschichte mit hineingezogen zu werden," Unterwegs traf er den Landbricfträger. „Sie wissen wohl nicht, Herr Wolfius, ob Herr Marbach schon wieder in Rotenhof ist?" „Nein, mein Lieber, der liegt noch todkrank oben im Försterhause." „Aber Herr Reinhardt, Sie wissen wohl, der Maler?" „Der ist wieder in seiner Wohnung hier in der Stadt." „Daß Dich, nun haben sie mir die Briefe für ihn richtig wieder mitgegeben," knurrte der alte Briefträger, „es ist doch die Möglichkeit! Muß auch ein Pocket für ihn mitschleppen. Will man lieber gleich in die Post zurück." „Wollen Sie's mir anvertrauen? Ich muß gleich nach dem Bahnhöfe und komme am Hause des Malers vorbei." Der Briefträger griff in seine Umhängetasche und zog eiu Päckchen zusnmmengebündener Briefe hervor. -SS», Prinzessin Alix von Hrssen und Grosisiirst-Thronfolger Uirotat Alexandrowitsch von pusilnnd. bemerkte Wolfius nach einer Weile, „könnte die Sache auch verdunkeln. Sprich lieber nicht weiter darüber, Schulze, mit diesem Herrn Steindorf soll nicht zu spaßen sein." „O, ich will mich hüten, mein Junge, weiß wohl, daß mit solchen Herren nicht gut Kirschen essen ist." „Zumal er nächstens die Herrin von Edenheim heirathen und bei Marbach's Tode voraussichtlich auch wieder in den Besitz von Notenhof kommen wird. Es wäre unklug, einen solchen Mann zu beleidigen." „Gewiß, gewiß, null mir nicht den Mund damit verbrennen." Wolfins sah nach seiner Uhr. „Es wird jetzt leider Zeit für mich, muß noch erst nach Hause und dann im Sturmschritt nach dem Bahnhöfe." Er winkte dem Kellner, zahlte und verließ mit dem animirten Polier das Lokal, um sich auf der Straße sofort mit einem kräftigen Händedruck von ihm zu trennen. „Nee, das ist für Edenheim," brummte er, nachdenklich vor sich hinblickend, „will doch lieber selbst zu Herrn Reinhardt gehen," setzte er dann seufzend hinzu, „es ist mir freilich aus dem Kehr, aber doch immer noch näher als nach der Post. Nehmen Sie's nicht übel, Herr Wolfius, es köniu' mir eine Nase, und das eine gehörige, einbringen." „Haben ganz recht," sagte Wolfius beistimmend, „die Pflicht geht über Alles, mein lieber Herr Fischer." Er schritt eiligst weiter, während auch der Briefträger seinen Weg rasch fortsetzte. — Das Gesicht des Detectivs hatte sich merkwürdig erhellt. Er war ein findiger Kopf, aber auch seine Augen waren sehr scharf und findig, und diese hatten mit einem Blick eine sehr wichtige Entdeckung gemacht. Wolfius hatte den obersten Brief des Päckchens für Edenheim, welcher in eleganter Handschrift die Adresse des Frauleins Armgard Holten trug, aufmerksam betrachtet, absonderlich aber den scharf ausgeprägten Aufgabestempel der Poststation, welcher den 312 Namen einer kleinen hannoveeschen Stadt trug. Die Adresse dieses Briefes war durchweg mit lateinischen Buchstaben geschrieben und trug einen' fremdländischen Anstrich. Der schlaue Detcctiv zweifelte keinen Augenblick daran, wer diese Adresse geschrieben. Mit langen Schritten eilte er jetzt zu dem Kommissar, welcher nicht mehr daheim war, aber die Nachricht hinterlassen hatte, daß er im Polizei-Gebäude zu sprechen sei. Wolfius sah nach der Uhr, er hatte keine Minute mehr zu verlieren, da er noch seine Reiseiasche aus der eigenen Wohnung holen mußte. Er besann sich kurz, riß ein Blatt Papier aus seiner Brieftasche und schrieb mit Bleistift darauf: „Habe keine Zeit mehr zur persönlichen Aussprache, bitte Schulze nicht mehr auszuforschen, ist geschehen, zweifelhaftes Resultat, will sehen, was daraus zu machen ist. — Gebe bald ausführliche Nachricht. W." Diesen Zettel steckte, er in ein kleines Couvert, von welchen er stets eine Anzahl bei sich führte, adressirte es und gab es dem Mädchen mit der dringenden Aufforderung, das Bricfchen sofort ihrem Herrn zu senden. Dann eilte er im Fluge davon, holte die Reisetasche und kam just in der letzten Minute auf dem Bahnhof an, wo der Zug bereits zur Abfahrt bereit stand und nach wenigen Minuten auch mit ihm davonbrauste. Mittlerweile war ein Herr am Polizeigebäude vor- gcfahren, welcher den Herrn Criminal-Commissar zu sprechen wünschte. Er wurde vorgelassen und stellte sich dem Kommissar als Wr. John Hilbrecht aus Chicago vor. „Ein gewisser Air. Marbach telegraphirte vor einigen Wochen an meinen Vater," fuhr der junge Amerikaner dann fort, „wir sollten ihm einen Detcctiv schicken, welcher den durchgebrannten Schuft, den William Prien, persönlich gekannt. Blein Vater war krank und ein Detcctiv nicht aufzutreiben, weil der einzige, der ihn kannte, just von einem Spitzbuben todtgeschossen war. llovs, ich hasse diesen Prien, Sir, er hat den ehrlichen Mr. Warneck um die Ecke gebracht; ^vail, sag' ich zu meinem Vater, ich gehe selbst hinüber, macht mir Spaß, dem Kerl den Strick zu drehen, und da bin ich, Sirl" Der Kommissar war über den ungenirten Mr. Aankce ebenso sehr überrascht als erfreut. Er schüttelte ihm die Hand und lobte seinen raschen Entschluß, der an lineigennützigkeit seinesgleichen suche. 8ir!" rief Mr. John, behaglich lachend, „nix dergleichen. Ich hasse den feinen Schuft mit der hübschen Fratze, weil er mir ein wunderhübsches Frauenzimmer weggeknpert hat, und er war verheirathet. — Lioäclarn, — meine Braut, Sirl" Er war bei den letzten Worten wieder ernst geworden und schlug erbost mit der Faust auf den Tisch. „Wo ist Mr. Prien?" setzte er dann hinzu. „Ja, wenn wir das wüßten, Mr. HilbrechtI" erwiderte der Kommissar achselzuckend. „Der Bursche ist im Grunde hier noch gar richt aufgetaucht, wenigstens nicht unter seinem rechten Namen." „Würde sich auch hüten, Sirl Aber woher muth- maßen Sie denn —" Der Kommissar schloß seinen Schreibtisch auf und nahm den Manschettcnknopf heraus. „Dieser Knopf ist gefunden worden," sprach der Kommissar, „Herr Warneck hat denselben für das Eigenthum jenes Mr. Prien erklärt." Hilbrecht nahm den Knopf und besah ihn aufmerksam von allen Seiten. „las," sagte er mit Bestimmtheit, „der Knopf gehört ihm. — Ich war auf dem Gut des Mr. Marbach, der im fremden Hause todkrank liegt, was bedeutet das Alles, Sir?" „Ich will Ihnen in aller Kürze mittheilen, Mr. Hilbrecht, was wir in der letzten Zeit, also genau seit dem Abend vor Pfingsten, an unheimlichen Ereignissen hier erlebt haben, ohne daß es uns möglich gewesen, dem Attentäter auf die Spur zu kommen. Daß die Schandthaten von einer und derselben Persönlichkeit verübt worden sind, steht für mich außer allem Zweifel, und zwar ist es dieser geheimnißvolle Mr. Prien, den Niemand hier in der Stadt oder Umgegend gesehen oder beherbergt haben will." (Fortsetzung folgt.) t-SM-t—-- Wie lange vermag der Mensch zu hungern?^ Diese interessante Frage ist durch das aufregende Ereigniß vom Lurloche wieder actuell geworden. Man hat schon viel über sie geschrieben und docirt, allein die Grenze, bis zu welcher ein Mensch den Hunger ertragen konnte, verrückte sich immer wieder, und an Stelle der äußersten Annahme traten noch Ueberbietungen. Welches Aufsehen war es seinerzeit, als Dr.Tanner die vierzigtägige Hungercur durchzumachen begann, und wie wurde die Wissenschaft davon beherrscht, als er sie zu Ende geführt hatte! Und doch überboten ihn im Jahre 1886 die beiden Italiener Stefano Merlatti und Signor Succi, die beiden berühmtesten Hungerleider der Gegenwart. Ersterer nahm fünfzig Tage hindurch keine Nahrung zu sich, Letzterer gab die Fastenzeit nach 41 Tagen auf, wiederholte jedoch das Experiment in London, wo er im Aquarium Westminster 52 Tage fasten wollte, die Probe jedoch nach 44tägiger Dauer wegen Entkräftung aufgeben mußte. Allerdings waren das Hungerkünstler. In diesem Worte liegt die Bedeutung ihrer Versuche. Sie fasteten unter vorher selbst bestimmten Umständen, unter Beobachtung einer gewissen körperlichen Diät, nach den Regeln eines gewissen Trainings. Anders aber steht der Fall, wenn man wider seinen Willen zum Hunger verurtheilt ist, wenn die Möglichkeit mangelt, Speise zu sich nehmen zu können, und wenn nicht alle Umstände vorhanden sind, die das Hungern zu einem Sport, sondern zu einer der traurigsten Nothwendigkeiten machen. Mit solchen Fällen hat sich denn auch die Wissenschaft viel ernster beschäftigt, als mit den Hungerkunststückchen, und einer unserer hervorragendsten Physiologen hat seine Beobachtungen bereits vor Jahren in einem interessanten Artikel niedergelegt. — Danach ergeben beglaubigte Fälle, in welchen beim Menschen der Erschöpfungstod durch das Fehlen jeglicher Nahrung herbeigeführt wurde, eine mittlere Hungerfrist von acht Tagen für den erwachsenen Menschen. Der mit seinen Söhnen im Thurm der Gualandi dem Hungertode preisgegebene Graf Ugolino Gherardesca, dessen entsetzliches Ende Dante in der „Oi- vina. ooruiusäia" behandelt, starb, nachdem er alle seine Söhne hatte hinsterben gesehen, in acht Tagen. Allein in vereinzelten Fällen sind beim Menschen viel längere Hungerperiodcn beobachtet worden. Im „Kours ci'^nutorvis rasäleulö" in Paris vom Jahre 313 1804 berichtet der berühmte Arzt Portal über die Ver- schüttung von Arbeitern in einem kalten, feuchten Steinbruch, aus welchem dieselben nach vierzehn Tagen noch lebend, mit kleinem, schwachem Puls und sehr gesunkener Körpertemperatur, herausgezogen und gerettet wurden. Einige besondere Momente sind aber auf die Dauer, während welcher der Mensch den Hunger ertragen kann, von größtem Einflüsse. Er kann viel länger ausgehalten werden, wenn nicht zugleich auch der Durst mitertragen werden muß, sondern Wasser für den Genuß vorhanden ist. Dann haben auch Körperruhe, der geistige und physische Zustand ein gewichtiges Wort mitzureden. In einerNummer des Hufeland'schen „Journals der praktischen Heilkunde" aus dem Jahre 1811 ist beglaubigt mitgetheilt, daß im März 1809 sieben Männer siebzehn Tage hindurch auf ein Sträfling, der alle Speisen zurückwies und bloß Wasser trank, erst nach 63 Tagen. Dieselben Beobachtungen haben Schmidt und Bischof gemacht, die auch große Erfahrungen über den Einfluß der körperlichen Ruhe beim Hungern machten. Mehr aber noch als die Körperruhe vermag, wie schon bemerkt, die abnorme physische oder geistige Beschaffenheit des Hungernden. Nach einer Mittheilung der „Ilistoirs da l'Uea- äöwie des 8oisnes8 1769" wurde ein pensionirter Offizier, der früher wegen seines edlen Charakters, seiner umfassenden Bildung und seines außerordentlich starken Gedächtnisses geschätzt und beliebt war, wegen einer geringfügigen Geistesstörung auf die Festung Saumur gebracht. Dem Commandanten schien der Zustand des Offiziers II II » «II , > 'S-^7, ikÄS'I MM Der Jungfernsprung zu Kandsberg. einer Eisscholle in der Ostsee umhertrieben und nichts als geschmolzenes Meerwasser zu sich nahmen, bis sie endlich von Inselbewohnern lebendig geborgen werden konnten. Daß der Hungertod durch Waffergenuß oft bedeutend hinausgeschoben werden könne, weist auch Haller nach, der in seinen „Elementen der Physiologie" eine ganze Reihe von Hungerfällen beim Menschen, bis zu 28tägiger Dauer reichend, mittheilt. Chossat erhärtete diese Thatsache durch Versuche an Kaninchen, und Tiedemann erzählt in seinem grundlegenden Werke „Physiologie des Menschen", daß er bei Melancholikern, welche keine Speisen, sondern nur Wasser, zu dem auch viele Irrsinnige bei Verweigerung der Aufnahme fester Nahrung greifen, genossen, eine mittlere Lebensdauer von 44*/g Tagen constatirt habe. Ja, zu Toulouse starb im Jahre 1831 so wenig gefährlich, daß er ihm gestattete, in der Stadt umherzugehen. Hiebei erfuhr er, daß ihn seine Familie vernachlässige. Das veranlaßte ihn, sofort nach seiner Heimath abzureisen, wo er aber festgenommen wurde, um wieder nach Saumur gebracht zu werden. Als man ihn nunmehr dort festhielt, verfiel er in Wahnsinn und verweigerte die Nahrungsaufnahme. Volle 16 Tage nahm der Offizier nicht die geringste feste Speise zu sich, doch am fünften Tage forderte er Branntwein. Man gab ihm Anisette, er verzehrte denselben in drei Tagen und verlangte darauf nochmals denselben Ligueur. Von der ihm nun zugemessenen Nation schüttete er in jedes Glas Wasser, das er trank, drei Tropfen und reichte damit bis zum 39. Tage aus, bis zu welchem er im Ganzen 58^/z große Kannen Wasser getrunken hatte. Am 39. Tage hörte er auch zu trinken auf und nahm nun ganze acht Tage hindurch absolut nichts zu sich. An diesem Tage trat zufällig ein junges Mädchen bei ihm ein Er sah, daß es ein Stück mit Käse belegtes Brod in der Hand trage, und dieses weckte seinen Appetit derart, daß er zu essen verlangte. Man gab ihm Suppe, etwas Reisschleim und allmälig wieder die gewöhnliche Kost. Er wurde heiterer, kam zu Sinnen, und man glaubte ihn bereits geheilt. Als er jedoch wieder zu normalen Kräften gelangt war, verfiel er auf's Neue in Wahnsinn und starb. Gewiß ein ganz außerordentlicher Fall, der die Widerstandsfähigkeit des Menschen gegen den Hunger illustrirt. Zum Schlüsse sei, abgesehen von der sensationellen Gruben- katastrophe von Przibram im Jahre 1892, bei welcher von den 70 Geretteten der größere Theil 9 bis 11 Tage lang ohne Licht und Nahrung begraben war, noch ein Fall erwähnt, der bedeutendstes Aufsehen erregte: die Ver- schüttung der drei Bergarbeiter Jacob Schatek, Franz Makrlik und Heinrich Horak, welche am 4. Juli 1892 in der Emeran-Zeche bei Bilin lebendig begraben wurden und erst nach 17 Tagen, nachdem man sie schon längst für todt gehalten, gerettet werden konnten. Man fand sie zusammengekauert, hilflos, zum Skelett abgemagert, aber noch athmend und lebend vor. Außer zwei Einkreuzer- semmeln hatten die Unglücklichen keine Nahrung bei sich gehabt. Vorn Hunger gepeinigt, verzehrten sie den Leibriemen Schateks, zwei lederne Tabaksbeutel und ein Pfeifenrohr, das sie in drei Stücke getheilt hatten. Nur Makrlik behielt seine Geistesgegenwart. Er allein holte zwei- bis viermal im Tag von einer 80 Meter entfernten Stelle für seine Kameraden und sich. Wasser, das den Hunger ein wenig milderte. Zuletzt mußte aber der Held alle seine Willenskraft aufbieten, um den Gang noch machen zu können. Trotzdem hätten die Leute ärztlicher Ansicht nach noch drei bis fünf Tage gelebt, ehe sie, wenn man nicht zu ihnen gelangt wäre, der Erschöpfung erlegen wären. Wunderbar sind die Kräfte der Natur. Sie hat den Organismus des Menschen, wenn es gilt, unabwendbarer Nothwendigkeit sich zu fügen, mit eiserner Zähigkeit und Widerstandskraft ausgerüstet und ihn zum Kampfe mit dem Schicksale befähigt. Angenehmer aber ist es jedenfalls, nicht aus eine solche Probe gestellt zu werden; es dürfte sich so Mancher dafür bedanken, zu wissen, wie viele Tage es ihm möglich gewesen, zu hungern. -—- Zu unseren Bildern. Prinzessin Atix von Hessen und Großfürst-Thronfolger Uirolai Alexandrowitfch von Rußland. Seit über fünf Jahren, seit jenem Tage, an welchem der Prinz das zwanzigste Lebensjahr überschritt und an welchem alter Gewohnheit zufolge die Verlobung der russischen Thronfolger prvklamirt wird, ist seine Verlobung in den Zeitungen aller Länder wie nickt minder in den politischen und gesell- sckastlichen Kreisen derselben immer und immer wieder der Gegenstand eingehender, langer Verhandlungen gewesen. Mit Dutzenden von Prinzessinnen, mit deutschen, griechischen, dänischen, montenegrinischen, orleanistischen, hat man ihn verlobt, immer neue Projekte tauchten auf, immer neue Namen wurden genannt, und hatte ein Leitartikel schreiber einmal- absolut keinen Stoff mehr für seine politischen „Entrefilets", so brachte er flugs irgend eine von ihm erdachte abermalige Verlobung des zukünftigen russischen Kaisers zur Sprache und knüpfte daran allerhand weise Erörterungen über die fernere Gestaltung der mit besonderer Vorliebe damit in Zusammenhang gebrachten „allgemeinen politischen Lage". Dieses Thema ist nun endgültig und glücklicherweise — wie vie'e Leser der Tageszeitungen sagen werden — abgethan: am 20. April hat in Koburg die feierliche Verlobung des Großfürsten Nicolai Alexandrowitfch mit der Prinzessin Alix von Hessen stattgefunden, eine deutsche Fürstin wird also dereinst aus dem Throne der Romanows sitzen und, wie wir hinzufügen können, eine eben so schöne wie liebenswürdige Fürstin. Prinzessin Alix — dem ersten Vornamen schließen sich noch Victoria Helena Luise Beatrix an — ist als jüngste Schwester des jetzt regierenden Großherzogs Ernst Ludwig von Hessen am 6. Juni 1872 in Darmstadt geboren worden. Sie genoß seitens ihrer Eltern und namentlich seitens ihrer edlen Mutter Alice die sorgfältigste Erziehung, welche am Hofe der Königin Victoria von England, der Großmutter der Prinzessin, vollendet wurde. Der Großfürst-Thronfolger, am 18. Mai 1868 in Petersburg geboren, vollendete vorgestern sein 26. Lebensjahr; von seinen Eltern, die, wie man weiß, das innigste und glücklichste Familienleben führen, wurde er lange Zeit hindurch den Zerstreuungen der höfischen Welt ferngehalten und dann auf eine Reise um die Erde gesandt. Allen Verlobungsplänen, die sein Vater mit ihm hatte, ging der Großfürst aus dem Wege, allerdings war die Auswahl keine große, denn Kaiser Alexander III. wünschte nicht, daß die einstige russische Kaiserin eine andersgläubige Prinzessin sei und erst vor ihrer Vermählung zur griechisch-orthodoxen Kirche übertreten müsse, er wollte gleich eine im Schooße ter „rechtgläubigen" Kirche erzogene Prinzessin als Gemahlin für seinen Sohn haben. Deßhalb ließ er die drei Töchter des Fürsten von Montenegro nach Petersburg kommen und ihnen daselbst die sorgfältigste und kostspieligste Erziehung zu Theil werden; aber der Großfürst verzichtete auf die Montenegrinerinnen und machte es mit den griechischen und dänischen Prinzessinnen, die darauf in Vorschlag kamen, nicht anders, bis er jetzt endlich die richtige Lebensgefährtin gefunden hat. Der Jungfernsprung zu Kandsderg a. K. Im April 1633 kam General Torstenson vor die Thore der Stadt Landsberg und verlangte ihre Uebergabe. Ungeachtet die Bürger der Unterstützung kaiserlicher Truppen entbehrten, entschlossen sie sich dennoch zur Gegenwehr, bielten ein fünftägiges Feuer aus und brachten durck Ausfälle dem Feinde nicht unerheblichen Schaden bei. — Endlich, nachdem bereits Bresche geschossen und der Pulvervorrath der Stadt erschöpft war, entschloß sich die Stadt zur Uebergabe. Noch ehe aber die Kapitulationspunkte festgestellt waren, drangen die Schweden Nachts in die Stadt und erfüllten sie mit den Greueln des Mordes und der Plünderung. Bei dieser Gelegenheit war es, daß mehrere Frauen und Jungfrauen Landsbergs, deren Namen das pfarrliche Todtenbuch erhalten hat, sich vor den nacheilenden Feinden die Mauern hinabstürzten, um auf solche Weise der Entehrung zu entgehen. Noch heute wird die Stelle, an welcher sich die heldenmüthigen Frauen den Tod gegeben, vom Volke der „Jungfernsprung" geheißen. Die Namen der Frauen und Jungfrauen, welche bei der Plünderung der Stadt durch Torstenson getödtet wurden, und welche das pfarramtliche Todtenbuch aufführt, sind folgende: 1. Frau Ketzin, 2. Regina Kleinin, 3. Frau Dauscherin, 4. u. 5. Barbara Gremerin mit ihrer älteren Tochter, 6 u. 7. Maria Stadtpfeiferin mit ihrer Tochter, 8. Maria Auerin, 9 Maria Jägerin (virZo eastissima xroxter virKinitatem liorribiliter inactata), 10. u. 11. Maria Prcnzin mit ihrer Tochter, 12. Wittwe Katharina Schottin, 13. u. 14. zwei kleine Mädchen, 15. eine Austräglerin mit ihrer Tochter, 16. Stadtzieglerin Lother mit ihren Töchtern, 17. Maria Lengfeldnerin, 18. eine Frau Schmid, 19. Frau Pössenmeierin, 20. Anna Doltzin, 21. Corona Weierin, 22. Apollonia Ulrichin, 23. Justin« Weißin, 24. Margaretha Christeinerin, 25. Anna Fleischnitzin, 26. Anna Wiedemannin, 27. Marg. Wörlin, 28. Apollonia Jegerin, 29. Apollonia Gumposchin, 30. Euphrosina Gaiin, 31. Maria Weixin, 32. Von einer gewissen Stoffel ist gesagt, daß sie von den Schweden getödtet und in der Muttergotteskirche (Pfarrkirche) neben dem Muttergottesbilde zerstückelt worden sei. (Oesissa a. 8nsois in tsinplo L. N. V. juxta iinag'ius transssota.*) Der neueste Dacillus. Bacillenwuth ist selbst in die stille Klosterzelle gedrungen. Einer der hochw. Patres beschäftigt sich schon seit langer Zeit *) Allweiter Lib. XVIII §27 f. 289 sagt: »kusllasaliguas <1s alto xrasoixisntss (s manidus Iiostiuin) svassrs.« (Einige Mädchen, welche sich von der Höhe herabstürzten, sind dadurch den Händen der Feinde entronnen.) Der neueste DaelUus. Nach einem Originalgemälbe von S. Th. Nauecker. Photographie lin Verlage von Franz Hanfst a en gl, Kunstverlag, A. D. in Miinchen. W E Ks^k?- KWW UWE 7OV' NKW KO»tz VE' MN t 316 mit rmktoskvpischen Untersuchungen, ohne daß es ihm gelungen wäre, .ine neue Entdeckung zu machen. Er ist von seinem Mißgeschick wenig erbaut und wird in die höchste Aufregung versetzt, als ihm ein anderer Ordensmann mittheilt, er habe nun einen neuen Bacillus entdeckt und ihn regelrecht unter das Vergrößerungsglas gebracht. Ob der neueste Bacillus irgend ein kleines Thier oder ein minimaler Theil der Prise ist, die einer der zuschauenden Patres seinem Riechorgan zuführen will, ist auf dem Bilde leider nicht zu unterscheiden. Jedenfalls kann man sich an der sorgfältigen Ausführung der Details und an der vorzüglichen Zeichnung erfreuen, die Rauecker geliefert hat. - Allerlei. Ein socialistischer Mönch. Am 16. April haben die Trappisten auf dem Oelenberg bei Mülhausen im Elsaß einen ihrer Mitbrüder begraben, einen alten Mann von 78 Jahren, einfach und arm, wie es die strenge Regel vorschreibt, und doch hat der Mann mehr für seine Mitmenschen gethan, als Mancher, der in der Welt glänzt und Titel und Orden trägt. Von dem Manne nur ein paar Zeilen. In der Welt hieß er Alois von Bostel und stammte aus vornehmer westfälischer Familie, die zu Bocholt ansässig war, wo Alois 1816 geboren wurde. Zum Glanz und Reichthum der Familie kam eine glänzende Begabung; dem Jüngling stand in der That die Welt offen, kein nothwendiges Mittel fehlte, um jede Stellung mit Erfolg anzustreben. Da ging Alois von Bostel in's Seminar und wurde katholischer Geistlicher. Der junge Priester war der Schwestcrfohn des Kardinals von Diepenbrock, Fürstbischofs von Breslau. Diepenbrock war ein ganz ausgezeichneter Bischof, und, was nicht jedem Bischof zu Theil wird, er besaß in hohem Grade das Ohr seines Königs, Friedrich Wilhelms IV. von Preußen. Es wäre dem jungen Bostel ein leichtes gewesen, in der Diöcese des Onkels geistliche Carriäre zu machen. Er ließ aber den Onkel in Breslau und blieb in der Heimathsdiöcese Münster einfacher Pastorationsgeistlicher, wie andere auch. Diepenbrock starb. Pfarrer Alois von Bostel war bereits 42 Jahre alt geworden. Da verließ er Welt und Heimath. Auf dem Oelenberg trat er im Jahre 1858 in den strengsten aller Orden, um alles abzulegen, was an weltliche Ehre und irdischen Besitz erinnert, und die eigene edle Person in Buße und Schweigen zu begraben. Bald sollte indeß der neue Name des Ordensmannes, Fulgentius, bekannter werden, als der des westfälischen Edelmannes Alois von Bostel. Ill Fulgentius — der „Leuchtende" würde es auf deutsch heißen — wurde „Beichtvater der Fremden", d. h. der Geistlichen und Laien männlichen Geschlechtes, welche das Kloster Oelenberg besuchten. Wer selbst dort war, weiß, daß kein Tag vergeht, ohne daß „Fremde" kommen; neben Hunderten von Geistlichen Männer aus allen Lebensstellungen : Jünglinge in Bernfszweifeln, junge Männer, die nach der Zeit des Sturmes und Dranges wieder ihren Frieden mit Golt machen wollen, auch Geheimkatholiken aus der vornehmeren Gesellschaft und Beamtenwelt, die daheim nicht beichten mögen. Für sie alle war der Fulgentius ein überaus milder, freundlicher und dabei eifriger Berather und Seelsorger, und wer einmal dagewesen, kam immer wieder, so daß der gute Pater täglich von dem kleinen Oratorium aus stundenlang daran arbeitete, Gott zu versöhnen und der Welt den Frieden zu geben. Auch brieflich war er in letzterem Sinne vielfach thätig, und Hunderte, die ihren Beruf gefunden, ihren Seelenfrieden wiedererlangt, von Lebensüberdruß und Verzweiflung geheilt, zu ihrer Pflicht und damit zu ihrem Lebensglück wiedergekommen, mußten, nach der Ursache so günstiger Fügung gefragt, den Namen des ?. Fulgentius nennen. Mit Recht schreibt das „MülhauserVolksblatt": „k. Fulgentius wird nicht so bald vergessen werden, besonders nicht von jenen unzähligen Seelen (nota. staiis, es sind ausschließlich „Männerseelen", da Frauen im Kloster keinen Zutritt haben), die er im Beichtstuhl von Oelenberg so wunderbar zu trösten und zu einem tugendhaften Leben anzuleiten gewußt hat." Jetzt ruht der edle Greis auf dem Trappistenfriedhof zu Oelenberg, ohne Sarg der Mutter Erde übergeben, wie es die Regel vorschreibt, im glatt geebneten Grab. Nur ein Holzkreuzchen, nicht 20 Pfennig werth, weist die Stätte, wo der westfälische Edelmann seinen Lebensweg vollendet, in freiwilliger Armuth und langer Buße für sich selbst, in unermüdlichem Wohlthun und Sorgen für die höchsten Anliegen seiner Neben- menschen. * - Eine hübsche Stilblüthe zeitigte einer der höchsten geistlichen Würdenträger in Berlin bei Gelegenheit der Konferenz der Jungfrauenvereinsvorstände. Bei einer an den Gang der Jünger nach Emmaus anschließenden Nutzbetrachtung kam er zu dem Schluß: „Wer einen Spaziergang in's Grüne ohne Gott macht, läuft in's Blaue." Polizeiverordnung. Mit anbrechender Dunkelheit hat fortan jedes Fuhrwerk eine Laterne zu brennen. Die Dunkelheit tritt ein, wenn die Straßenlaternen angezündet werden. —«-8Ü84—-- Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt. (Wir bitten, bei dieser Aufgabe nicht gleich ein Versehen des Setzers zu vermuthen, wenn auch dem geübten Löser die Lösung eigenartige Schwierigkeiten bereitet. Weiß verbirgt durch ein sehr feines Scheinmauöver die von ihm befolgte Idee!) Auflösung des Arithmogryphs in Nr. 38: Leopard, Opal, Perle, Oel, Adele, Leo, Alce, Paar. Auslösung des Bilder-Räthsels in Nr. 39: Frauen kann man überreden, nie überzeugen. .- -- HL4S. -» „Augsburger PostMungv. Ireitag, den 25. Mai 18SH Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarilchen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler). Tante Kanna's Geheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) Der Commtssar erzählte jetzt vsn dem Blitzstrahl/ welcher das Haus der alten Tante Hanna eingeäschert, und dem seltsamen Befund dex Greisin, sowie ihrer Beraubung durch fremde Hand; von den tödtlichen Schüssen im Hohlwege, durch welche zwei Menschenleben vernichtet worden und ein drittes nur durch ein Wunder dem sicheren Tode entgangen war, und schloß mit dem ebenso unheimlichen Attentat oben im Gebirge, welches wiederum zwei Opfer gekostet habe, von welchen das eine wahrscheinlich dem Tode verfallen, das andere halbblind bleiben werde. „Ooääaml" rief der Amerikaner, sich erregt erhebend, „und der Hund sollte lebendig davon kommen? — Er ist hier im Ort gewesen und keiner weiß von ihm? — Den hätten wir drüben schon gepackt und gelyncht. — Gar keine Spur von ihm als diese Knöpfe? — Ich kalkulire, daß er den zweiten in der Westentasche getragen hat, weil Mr. Prien zu sehr Dandy war, um verschiedene Knöpfe zu nehmen. Gar keine andere Spur, Sir?" Dem Kommissar wurde in diesem Augenblick von einem Schutzmann ein Brief überreicht. Er riß das Couvert auf und überflog die mit Bleistift geschriebenen Zeilen. „Keine Antwort nöthig," sagte er, worauf sich der Schutzmann zurückzog. „Dies Briefchen kommt von meinem geschicktesten Detectiv," fuhr er rasch fort, „er ist auf der Suche nach Mr. Prien, und wenn einer, so findet er den Patron. — Haben Sie schon ein Unterkommen, Mr. Hilbrecht?" „Im Kronprinzen wohne ich." „Gut, ich erwarte bald Nachrichten von meinem Detectiv —" „Wo ist er?" fragte Hilbrecht ungestüm, „ich will hin zu ihm, ohne mich kann er nichts anfangen, weil er den olä ido^ nicht kennt." „Wo er ist, oder welche Reiseroute er eingeschlagen hat, kann ich Ihnen leider nicht sagen," erwiderte der Commtssar bedauernd. „Es ist auch besser, daß er allein seiner Spur folgt, da Sie von jenem Prien gesehen und erkannt werden könnten, was seine Ergreifung vielleicht ganz unmöglich machen würde. Besser, Sie halten sich hier ruhig im Hintergrund, Mr. Hilbrecht, bis mein Detectiv geschrieben hat." „Das wird mir verdammt schwer fallen," meinte der Amerikaner, „ich kann nicht faulenzen. Vielleicht ist der Schuft auch noch hier, und wenn ich ihm be- gegnen sollte —" „Dann halten Sie ihn fest, wie?" „Lzf ckovs, ich halt' ihn fest, er soll mir nicht entkommen." Der Kommissar betrachtete ihn nachdenklich. „Wollen Sie mich zu Mr. Marbach begleitend" fragte er plötzlich. „0 ^88, 8ir, mein Wagen, der mich hierhergefahren, hält noch vor der Thür." „Vortrefflich, dann kann's gleich losgehen." Er klingelte und gab dem eintretenden Schutzmanne einige Befehle, worauf sie das Gebäude verließen und der Wagen mit ihnen davonrollte. Der Kommissar ließ bei der Brandstätte halten, um Mr. Hilbrecht einige Erklärungen über den Fundort deS einen Manschettenknopfes zu geben, und zeigte ihm dann später, als sie durch den Hohlweg fuhren, die Stelle, wo Warneck und das kleine Mädchen erschossen worden waren. „Ja, zu schießen versteht er," sagte Hilbrecht, bewundernd nach der Höhe, von wo die Schüsse gefallen waren, hinaufschauend. „Trifft den Vogel im Fluge und hat, glaub' ich, noch nicht ein einziges Mal sein Ziel verfehlt." „Hat wohl den amerikanischen Krieg mitgemacht?" fragte der Kommissar. „0 no, war viel zu jung dazu, höchstens zehn Jahre drüben gewesen." „Kannten Sie seine Frau, Mr. Hilbrecht?" „O ^68, eine Lady vom Kopf bis zu den Füßen, — früher eine Schönheit gewesen, früh Ruine geworden, ihr Mann war ein Schurke gegen sie, verspielte Alles und hinterging sie. Er hat sie umgebracht durch Schlechtigkeit. Starb im letzten December, arme Frau!" „Der Kerl muß ein Unikum an Niederträchtigkeit sein," bemerkte der Kommissar, „dabei schlau und feingebildet, ein Apoll an Schönheit, ich bin wirklich recht begierig darauf, die Bekanntschaft dieses Mr. Prien zu machen." „Armer Mr. Warneck," brummte Hilbrecht, „war 818 ein so wackerer Mann, — und tapfer, sag' ich Ihnen, tapfer und umthig, ein Herz wie Gold. Gnade Gott, wenn mir sein Mörder zwischen die Finger geräth." „Sie dürfen ihm nicht ein Haar krümmen, Mr. Hilbrecht!" rief der Kommissar beinahe ängstlich, „der ist für etwas Besseres aufgespart." „Versteht sich, Sir! — aber halten werde ich ihn, und wenn ich mit ihm auf Leben und Tod kämpfen muß." „Dann sind Sie mein Mann! — Kutscher!" rief der Kommissar, „Sie können langsam weiter fahren und nach dem Försterhause einbiegen, wir machen den Weg über's Gebirge." Sie waren ausgestiegen, und der Wagen fuhr weiter, während sie jenen steilen Pfad bestiegen, um oben die interessanten Punkte in Augenschein zu nehmen. Als sie sich dem Platze der Explosion näherten, sah der Kommissar dort den Förster mit einer Dame stehen, in welcher er zn seiner Ueberraschung Fräulein Holten erkannte. Sie kannte ihn nicht, erwiderte jedoch freundlich seinen ehrerbietigen Gruß und horchte auf, als der Beamte dem ihm bekannten Förster den Amerikaner vorstellte. „Mr. Marbach hat an meinen Vater telegraphirt, welcher just krank liegt," sagte Hilbrecht. „Ich war heute Morgen schon in Rotenhof, wo man mir sagte, daß Mr. Marbach wohl sterben müsse und nichts weiter von sich wisse. So kam ich gar nicht her und ging zur Polizei, und nun wollen wir ihn doch mal sehen. Ich kenne Mr. Prien, ist ein großer Gentleman und noch größerer Schuft." Der Förster schüttelte verwundert den Kopf über die wunderliche Ausdrucksweise des Fremden, dessen Vater ein Deutscher, die Mutter aber Amerikanerin war, und der nun beide Sprachen oft durcheinander mengte, die Sätze aber noch häufiger verdrehte. „Ich kenne Ihren Mr. Prien nicht," versetzte der Förster ruhig. „Nein, Herr Hilbrecht, er kennt den Gentleman nicht," nahm der Kommissar rasch das Wort, „lassen wir ihn bei Seite. Sie erlauben doch, Herr Förster, daß wir Herrn Marbach besuchen?" Dieser zuckte die Achseln und meinte, daß es heute wohl nicht gut für den Kranken sei, der sich übrigens ein klein wenig besser befinde, weil das Fieber bedeutend nachgelassen. „Das Fräulein hier hat schon mit ihm geredet, und ich fürchte, es hat ihm nicht gut gethan," setzte er hinzu. „Es ist nicht meine Schuld, Herr Förster!" sagte Armgard mit leicht geröthetem Antlitz. „Herr Marbach hatte dringend nach mir verlangt, und ich kam, obgleich ich mich nicht ganz wohl fühlte, weil Dr. Peters mich darum bat. Hätte ich gewußt, daß er das Verlangen jedenfalls nur in seiner Fieber-Phantasie gestellt und die seltsamsten Reden, wahrhaft tolle Bitten an mich richten würde, ich wäre sicherlich nicht gekommen. Der Arme erregt meine ganze Theilnahme, und ich würde es für sehr grausam halten, ihn ferner mit Unterredungen zu quälen." „Sie wissen doch, mein gnädiges Fräulein, daß ihn ein bübisches Attentat so schändlich zugerichtet hat?" fragte der Kommissar. „Ich habe es erst jetzt durch den Herrn Doctor Peters, der auch ihn und den Maler Reinhardt behandelt, erfahren." „Ja, es sind schlimme Dinge hier seit Pfingsten geschehen," fuhr der Kommissar fort, „bei denen sich unabweislich die Vermuthung aufdrängt, daß eine und dieselbe Hand sie verübt hat. Würden Sie es mir nicht als müßige Neugierde auslegen, meine Gnädige, wenn ich die Bitte wagte, mir einiges von jenen fieber- tollen Reden des Kranken mitzutheilen?" Armgard erröthete auf's Neue und versetzte dann zögernd: „Es schien sich Alles um eine rothe Narbe bei ihm zu drehen, welche ihn zu den tollsten Zumutungen an mich veranlaßte. Mir wurde himmelangst dabei." Der Kommissar verbeugte sich dankend, da er sich das Uebrige sehr wohl denken konnte. Jedenfalls hatte Marbach sie gebeten, ihren Verlobten zum Abschneiden seines Kinnbarts zu veranlassen, um sich von dem Vorhandensein einer rothen Narbe zn überzeugen. Eine Zumuthung allerdings, welche die junge Dame ebenso empören, als ihr die Gewißheit geben mußte, daß man sie zu einem phantasirenden Fieberkranken geführt habe. Er verabschiedete sich mit seinem Begleiter, der von jenem rothen Strich des Mr. Prien keine Ahnung zu haben schien, von Fräulein Holten und dem Förster, da er fester als je entschlossen war, den kranken Marbach zu besuchen. Im Försterhanse wurde ihnen der Bescheid, daß der Kranke sehr aufgeregt und der Doctor, welcher bei ihm sei, einen fremden Besuch sicherlich nicht wieder gestatten werde. „Gehen Sie hinein und melden Sie dem Herrn Doctor, daß der Kommissar Frenzel ihn zu sprechen wünsche." Man brachte ihm den Bescheid, in's Krankenzimmer einzutreten. „Da sind Sie endlich, Herr Kommissar!" rief Marbach ihm mit matter Stimme entgegen. „Ueberzeugen Sie sich, daß ich fieberfrei bin und ganz klar venke. Es wird mit mir wohl bald zu Ende sein, möchte aber vorher noch das Schrecklichste verhüten. Fräulein Holten hält mein Wort für tolle Fieberphantasien, Sie darf jedoch jenen Menschen nicht heirathen. Sie müssen dagegen einschreiten, Herr Kommissar, er ist der Mann mit dem rothen Strich." „Ich weiß es, Herr Marbach," beruhigte ihn der Kommissar, während der Doctor ihn achselzuckend anblickte. „Mein Ehrenwort darauf, daß wir ihn packen, den famosen Mr. Prien, wir kennen ihn jetzt, und zum Ueberfluß ist heute auch Noch Mr. Hilbrecht aus Chicago hier eingetroffen." Marbach wollte sich überrascht aufrichten, siel aber sofort kraftlos zurück. „Sieh, sieh," sagte Doctor Peters erstaunt, „wir wollen unsere Kraft messen, das ist ja kein schlechtes Zeichen." „Ist Mr. Hilbrecht Vater gekommen?" fragte Marbach leise. „Nein, der Sohn, ich hab' ihn mitgebracht, Sie kennen ihn doch, Herr Marbach, wollen Sie ihn sehen?" Der Kranke nickte, worauf der Kommissar hinausging und mit Mr. Hilbrecht zurückkehrte. „Olä bc>^, — Mr. Marbach, da bin ich selber, John Hilbrecht, meiner Mutter Sohn!" sagte der Amen- 319 kaner, die durchsichtig bleiche Hand des Kranken, welche auf der Decke lag, sanft erfassend. „Hab' mich auf das Telegramm hin nicht lang besonnen, den Schuft von Prien mit einzufangen." „Ich danke Ihnen, Mr. Hilbrecht," erwiderte Mar- bach mit einem matten Lächeln, „nun kann ich ruhig sterben, weil die Hochzeit nicht stattfinden wird." „Hm, hm," machte der Doctor besorgt, da er dies wiederum für eine Phantasie des Kranken hielt, und auch Mr. Hilbrecht zog ein sehr erstauntes Gesicht. „Ich weiß Alles durch Ihren Freund, den Herrn Reinhardt," sagte der Commissar, „Sie können sich auf uns verlassen, Herr Marbach." „Mein armer Reinhardt," flüsterte der Kranke, „wird er nicht bald gesund sein, Herr Doctor?" „Wir haben ihn bald herausgeflickt," beruhigte ihn der Arzt, „nur jetzt keine Aufregung mehr, meine Herren, ich kann sonst für nichts einstehen." Der Commissar schien in den Augen des Kranken Angst und Unruhe zu lesen; der unglückliche junge Mann erregte seine ganze Theilnahme. Er beugte sich zu ihm nieder und sagte leise: „Ich habe dem Mörder einen geschickten Jäger auf die Fährte gesetzt, da ich dem Polier Schulze glaube. Die Hochzeit wird nicht stattfinden, das kann ich Ihnen versprechen." Marbach lächelte matt und drückte ihm dankbar die Hand. „Nicht wahr, Mr. Hilbrecht, Sie bleiben hier, bis Sie den Vogel im Garn haben?" fragte er leise. „Versteht sich, Mr. Marbach, werden Sie nur bald gesund, damit Sie ihn selber darin zappeln sehen, in der Schlinge nämlich, worin ihm unweigerlich der Hals zugeschnürt wird. 6ioc>ä olä Ko/I" Er streichelte ihm mitleidig, wie einem kranken Kinde, die Hand und folgte dem Commissar, welcher die Thür bereits geöffnet hatte.- Tante Hanna saß in einem freundlichen Zimmer des Krankenhauses, wo sie selbstverständlich als Privatkranke behandelt wurde. Man hatte einen großen, bequemen Lehnstuhl an's offene Fenster gerückt, wo ihr noch immer etwas starrer Blick auf einen Garten fiel, dessen duftiger Blumenflor sie erfreuen und beleben sollte. Nach und nach kam in der That ein anderer Ausdruck in ihre Augen, halb überrascht und erstaunt, halb erfreut. Sie strich sich über die Stirn und lächelte still beglückt, waren die Blumen doch immer ihre Lieblinge gewesen, deren Pflege ihr besonders am Herzen gelegen. Und heute war sie zum ersten Male im Stande gewesen, das Bett zu verlassen, woran die hilflose Schwäche sie bislang gefesselt hielt. Die Greisin hatte allerdings schon vorher einige hoffnungsreiche Zeichen des erwachenden Bewußtseins für ihre Umgebung gehabt, weßhalb Doctor Peters auf den Anblick des blühenden Gartens sein besonderes Augenmerk richtete und, neben ihr stehend, sie unablässig beobachtete. „Ihre Rosen waren doch schöner noch als diese, Tante Hanna!" sagte er plötzlich, auf den Garten hin- ausdeutend. Sie wandte langsam den Kopf und sah ihn mit einem gespannten Ausdruck an. „Meine Rosen!" erwiderte sie, wieder hinaus- blickend, „ja, aber sie gehörten meiner Mutter." Sie war mit ihrer erwachten Erinnerung in der Kindheit, im Elternhause, aber es war immerhin schon ein Resultat, welches er langsam weiter führen mußte. — „Freilich," fuhr er ruhig fort, „Ihre Mutter hatte sehr schöne Rosen, aber die Ihrigen, Tante Hanna, waren weit prächtiger noch, schade, daß die Leute sie so schmählich niedergetreten haben, als der Blitz Ihre kleine Villa einäscherte." Wieder wandte sie ihm das Gesicht zu und sah ihn prüfend an. „Meine Rosen," wiederholte sie, sich über die Stirn streichend, „der Blitz — meine Mutter —" Sie brach ängstlich ab, die Gedanken verwirrten und peinigten sie offenbar. Er ließ sie jetzt in Ruhe und sah gespannt hinab in den Garten, durch dessen Pforte in diesem Augenblick eine Dame getreten war, welche langsam, den kleinen Strohhut in der Hand, durch einen der zierlich geharkten Wege wandelte. ES war Armgard Holten, welche auf des Doctors Bitte gekommen war, um zn erproben, ob der Anblick ihre? einstigen Lieblings nicht die Gegenwart bei ihr zu erwecken vermöge. Die Unglückliche blickte jetzt wieder mit unruhig umherirrenden Augen über den Garten hin. Die noch immer halbgefesselte Denkkraft rang mächtig nach Befreiung und trieb ihr den Angstschweiß auf die bleiche Stirne. Jetzt fiel ihr Blick auf die weibliche Gestalt, welche genau jenen hellen Anzug trug, den sie nach ihrer Heimkehr von der Rheinreise bei ihrem Pfingst- gruß getragen und in welchem Tante Hanna sie so gern hatte sehen mögen. Dem guten Doctor klopfte doch ein wenig das Herz, als er bemerkte, wie Tante Hanna's Augen sich immer starrer auf Armgard richteten, wie sie sich erheben wollte und seufzend zurücksank, dann die Hände nach ihr ausstreckte und sich immer weiter vorbog, bis sie plötzlich, als Armgard näher gekommen war und ebenfalls lächelnd die Hände zu ihr erhob, einen Schrei ausstieß und in Thränen ausbrach. Doctor Peters winkte jetzt eifrig, heraufzukommen, und Armgard flog in's Haus, die Treppe hinauf, um im nächsten Augenblick vor Tante Hanna zu knieen. „Dieses Experiment war gut," murmelte der Arzt, sich vergnügt die Hände reibend. „Die Thränen sind unbezahlbar." „Liebe, liebste Tante Hanna!" rief Armgard, sie mit beiden Armen umschlingend und mühsam ihre Thränen zurückdrängend, „wie freue ich mich, Sie wiederzusehen; nicht wahr, Sie haben Ihre Armgard nicht vergessen?" Sie sah bei diesen Worten mit zärtlicher Besorgniß und tiefer Erregung in das blasse Gesicht der Greisin und trocknete mit ihrem Tuch die Thränen von den welken Wangen. „Armgard, ein schöner Name," sagte Tante Hanna leise, sie unverwandt anblickend, „ich liebte einst diesen Namen. Bist Du Armgard? —" „Tante Hanna, besinnen Sie sich doch," mischte sich hier der Doctor ruhig ein, „Fräulein Armgard Holten auf Edenheim ist diese junge Dame, und wenn ich mich nicht irre, war sie stets Ihr besonderer Liebling." Ein freudiges Aufleuchten glitt über das Gesicht der Kranken. Sie lächelte sie an und strich ihr sanft über die Stirn. „Mein Liebling," sagte sie zärtlich, „ich weiß jetzt, daß Du es bist. — habe nur Geduld. eS ist mir oft 320 so dunkel hier in der Stirn," — sie deutete geheimnißvoll darauf — „und dann möchte ich etwas festhalten und kann eS doch nicht, das macht mir große Pein. Jetzt weiß ich aber, daß Du Armgard bist, es ist hier gerade hell." „Und nun kennen Sie auch mich, Tante Hanna," sprach der Arzt, sie fest anblickend. „Halten Sie Ihre Gedanken recht beieinander, dann wird's schon gehen, und Sie werden auch Ihren alten Doctor Peters wiedererkennen." „Ja, ja," erwiderte sie nach einer Pause, „ich kenne Doctor Peters, — aber meine Armgard doch noch besser. Ist dies mein Zimmer?" „Nein, Tantchen, Sie waren ja lange krank," sagte Armgard, den Doctor fragend anblickend. „Natürlich waren Sie krank, kleine Tante," nahm jener rasch das Wort, „haben Sie es ganz vergessen, daß der Blitz in Ihr Haus fuhr, dasselbe in Brand steckte und Sie sich bei dem Fall aus dem Bette den Kopf verletzten? Da haben wir Sie natürlich in ein fremdes Haus bringen müssen, und das hielt schwer, weil sich Hunderte um die gute Tante Hanna rissen." Sie hatte aufmerksam zugehört und eine immer ängstlichere Miene angenommen. Zuletzt sahen ihre Augen ganz starr wieder vor sich, so daß der Doctor sich erschreckt zu ihr niederbeugte, da er fürchtete, sie in den alten Zustand versinken zu sehen." „Der Blitz," murmelte sie plötzlich, „ich sah ihn ganz deutlich — halt — er trug — er nahm etwas ab, ich sah sein Gesicht — nun wird's wieder dunkel, ich kannte ihn, — ach, mein Kopf schmerzt so schrecklich, — ich seh' ihn jetzt nicht mehr, nur noch den Blitzstrahl." Die Greisin stöhnte tief und schloß die Augen. Armgard blickte den Doctor an, der ganz bleich und erregt aussah. „Sie hat noch Fieber," flüsterte sie traurig. „Nein, nein, nur still, lassen wir sie jetzt ruhen, sie wird einschlafen." Wirklich hörten sie es bald an ihren regelmäßigen Athemzügen, daß sie schlummerte. — Sie gingen beide geräuschlos zurück, während die Wärterin wieder ihren gewohnten Platz bei der Kranken einnahm. Schweigend schritt der Doctor neben Armgard, um sie hinauszubegleiten. „Glauben Sie wirklich an eine volle Genesung der Armen, lieber Doctor?" fragte sie, ihm Zum Abschied die Hand reichend. „Ganz bestimmt, mein Fräulein!" erwiderte er, ihre Hand fest in der seinen haltend, „Sie haben sich doch selber davon überzeugt, wie die Erinnerung in ihr erwachte. Haben Sie aber auch darauf geachtet, wie die Erinnerung an jene Gewitternacht in ihr Bewußtsein zurückkehrte?" „O gewiß, es war ja, als ob sie an eine Erscheinung erinnert worden wäre." „Allerdings, aber an eine ihr bekannte Erscheinung, welche irgend eine Verkleidung an sich gehabt. — Ich hoffe, daß sich dieses Räthsel bald lösen wird, da die Arme jetzt nur noch mit der Verdunkelung ihrer Denk- kraft zu kämpfen hat, das Licht bereits mit sichtlicher Angst festzuhalten sucht." (Fortsetzung folgt.) -'-«W8-S-- „Alt-Anltverflen" auf -er AntwerMer Ausstellung. U Antwerpen, 15. Mai. Im wohlthuenden Gegensatze zu dem in den verschiedenen „orientalischen Vierteln" der Ausstellung sich breit machenden wirklichen und moralischen Schmutze umfängt den Besucher von Alt-Antwerpen sofort der Eindruck niederländischer Sauberkeit, Gediegenheit und Gemüthlichkeit. Wer in Begleitung von Frau und Kind die Ausstellung besucht, der darf unter keinen Umständen das arabische, algerische, tunesische oder marokkanische Viertel besichtigen; aber auch wer als Mann allein zur Ausstellung kommt, der wird gut daran thun, wenn er den ganzen orientalischen Kram von Anfang an „links liegen läßt" und dafür desto mehr Zeit auf den Besuch von Alt-Antwerpen verwendet. Wer diesen Rath befolgt, der wird nichts verlieren und sehr viel gewinnen. Man macht sich gar keinen Begriff von der ungeheuren Anziehungskraft, welche dieses Alt-Antwerpen auf Jedermann ausübt, der ein Auge für künstlerische Schönheit, Geschmack und Verständniß für historische Ueberlieferung und Sinn für echte, unverfälschte Gemüthlichkeit besitzt. Einer von unseren Bekannten war zu viertägigem Besuch der Ausstellung aus Deutschland nach Antwerpen gekommen. Als wir ihn am Abende des vierten Tages trafen und ihn fragten, was er Alles gesehen, rief er aus: „Ich bin in der ganzen Zeit nicht aus Alt-Antwerpen herausgekommen, und wenn ich noch acht Tage hier bleiben könnte, so würde ich sie auch noch auf Alt-Antwerpen verwenden!" Was ist denn eigentlich dieses Alt-Ant- werpen? hören wir da erstaunt den einen und anderen Leser fragen. Wir wollen versuchen, diese sehr natürliche und naheliegende Frage so kurz und treffend als möglich zu beantworten: Alt-Antwerpen ist die von dem Baumeister Frans Van Kuyck entworfene und unter seiner Oberleitung ausgeführte getreue Nachbildung eines Ant- werpeuer Stadtviertels aus dem Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts. Nicht eine Nachbildung ,,sn miniaturs", wie man sie schon öfters gesehen hat, sondern in natürlicher Größe, mit wirklichen, bewohnbaren Häusern, mehreren Straßen und Gassen, einem großen Nathhausplatze und einigen hundert Einwohnern in der Tracht des 16. Jahrhunderts. Der Leser wird höchlichst erstaunt sein, wenn wir ihm mittheilen, daß dieses ganze Stadtviertel innerhalb weniger Monate mit einem Kosten- aufwande von nur 300,000 Frcs. erbaut wurde. Wer das nicht weiß und zum ersten Male durch die wunderbar gelungene Nachbildung des im Jahre 1515 erbauten Kipdorpthores Alt-Antwerpen betritt, der wird sicher glauben, sich in einer wirklichen, durch irgend ein Zauberwerk unverändert erhalten gebliebenen, mittelalterlichen Stadt zu befinden. Das Mauerwerk der Häuser sieht aus, als habe es schon seit hundert Jahren den Unbilden der nordischen Witterung Trotz geboten, die äußeren Holzverkleidungen scheinen von jahrzehntelangem Wechsel von Sonnenschein und Regen ihre Wetterbraune Farbe erhalten zu haben, Thüren, Fenstergitter, Hausschilder und innere Einrichtung der Häuser passen bis in die kleinsten Einzelheiten zum Ganzen. Erst wenn man mit dem Stock gegen das alte Gemäuer klopft, merkt man an dem hohlen Tone, daß es nicht echt, sondern aus Stoff, einer besonderen Art von HartgypS, hergestellt ist. Die Täuschung wurde aber eine so vollkommene, weil man durch Ab- k k - 321 güsse von wirklichem, altem Gemäuer Formen herstellte, aus denen die zu den Bauten verwendeten Blöcke gegossen wurden; auch die an den Bauwerken zur Verwendung gekommene Bildhauerarbeit wurde auf gleiche Weise hergestellt, und durch geschickte Uebermalung wußte man den Anschein hohen Alters hervorzubringen. Wenn man zum Kipdorperthor hereinkommt, dann führt geradeaus eine Straße zum Rathhausplatz, während sich links eine engere, überaus malerische Gasse zur alten Börse hinzieht. Zum Rathhausplatz gehend, kommen wir am Hospiz vorbei, welches durch den Begijnhof von der Kirche getrennt ist, einem Meisterwerke altgothischer Baukunst, in deren Innern! sich u. A. ein herrlicher, holzgeschnitzter Altar und eine äußerst werthvolle Orgel befinden; Gottesdienst darf in der Kirche nicht abgehalten werden. Der Chor der Kirche, an dessen Außenseite nach damaliger Sitte ein Kalvarienberg angemalt ist, grenzt an den Rathhausplatz, zu dessen hervorragendsten Gebäulichkeiten das alte Rathhaus, ein von vier Eckthürmchen überragter, schloßartiger Bau, ferner das mit verschwenderischer Pracht gebaute und eingerichtete Schöffenhaus, die alte Schwimmhalle und das Theater mit seiner nach dem Platze hin offenen Bühne gehören. Die übrigen Gebäude sind Patrizier- und Bürgerhäuser, alle genau nach alten Plänen oder Gemälden wiederaufgebaut. In den Erdgeschossen der Häuser von Alt-Antwerpen befinden sich Lüden, Werkstätten, Wirthschaften u. s. w., während die Stockwerke an reiche Ant- werpener Familien verbiethet sind. In den Wirthschaften trinkt man aus wunderlich geformten Thonkrügen ein nach mittelalterlicher Art gebrautes Bier, auch kann man daselbst viel sonderbar zubereitete Speisen und Wurstwaaren essen, die dem Gaste auf riesigen Zinnschüsseln vorgesetzt werden. So streng ist die historische Treue durchgeführt, daß man in keiner einzigen Wirthschaft Streichhölzchen findet, sondern überall auf den Tischen brennende Wachskerzen zum Anzünden der Thonpfeifen. Auf dem großen Theater werden zweimal wöchentlich und in dem unter der Schranne befindlichen Marionettentheater täglich Vorstellungen gegeben. Großartige Costümfeste, Turniere, Einzüge von Nhetorikerkammern u. s. w. werden mehrmals im Lauf des Sommers mit besonderem Prunk in Alt-Antwerpen abgehalten werden. Für Ihre Augsburger Leser mag es von Interesse sein, daß die Laternen, Ampeln u. s. w., welche zur Beleuchtung dienen, in zahlreichen alterthümlichen zeitgenössischen Typen von der Firma F. X. Küster er in Augsburg auf Bestellung des Comites geliefert worden sind. * - Vom Hose Nafiolcon's III. Paris, 20. Mai. Der „Figaro" theilt heute einige Briefe mit, die Octave Feuillet im Jahre 1862 an seine Frau geschrieben. Der Verfasser des „Lloimienr äs Larnors" stand bekanntlich in hoher Gunst bei Napoleon HI. und bei der Kaiserin Eugenie. Er gehörte zum vertrauten Freundeskreise des kaiserlichen Paares. Die vom „Figaro" veröffentlichten Briefe schildern das intime Leben des kaiserlichen Hofes, wie es der Dichter beim Verweilen in den Tuilerien und in Fontainebleau mitgemacht. Die Schilderung ist im liebenswürdigen Plaudertone gehalten; die blutigen Nebel der Geschichte zerstreuen sich auf einen Augenblick vor den Worten des charmanten Erzählers, und man blickt in ein höfisches Idyll voll Heiterkeit und Anmuth. Die Publikation des „Figaro" hängt möglicherweise auch mit dem neuen Napoleon-Kultus zusammen; die geheimnißvollen Regisseure desselben wollen vielleicht, nachdem so viel von dem großen Ohm die Rede gewesen, nunmehr auch den Neffen in einer sympathischen Beleuchtung zeigen. Immerhin wird man mit Interesse ein Bruchstück aus dieser Korrespondenz lesen. Zwei der Briefe erzählen von Ausflügen, die unter der Führung der Kaiserin nach den Felsen im Walde von Fontainebleau unternommen wurden. Bei der ersten Expedition war es sehr lustig zugegangen, doch hatte es keine besonderen Abenteuer gegeben. „Freilich", so schreibt Feuillet, „hatte dieser erste Ausflug einige verstauchte und vertretene Füße zur Folge, über die man sich zwar nicht zu beklagen wagte, die aber allgemein den Wunsch nach Vertagung jedes analogen Festes hervorriefen. Die Kaiserin aber wurde von ihren Nichten gequält, sie solle doch eine abermalige Expedition veranlassen, und das that sie denn auch eines Tages. Es hatte den ganzen Morgen geregnet, und als man in die Wagen stieg, sah der Himmel furchtbar bedrohlich aus. Aber was thut das? Ihre kaiserliche Majestät schreckt vor nichts zurück. Sie wirft sogar einen tragischen Blick auf Diejenigen, welche aussehen, als bedauerten sie, daß die Wagen nicht geschlossen seien. Man fährt ab. Ich saß auf der ersten Bank des zweiten Wagens, neben den Damen Nebel und Le Breton. Auch war der italienische Botschafter Nigra mit von der Partie, und für den Abend wurden der englische Botschafter und der Minister des Auswärtigen, Lord Stanley zum Diner erwartet, dessen Beginn auf ein Viertel vor Sieben angesetzt war. Der Himmel wurde immer schwärzer, und nachdem die Spazierfahrt bereits länger als eine Stunde gedauert hatte, begannen wir uns mit der Hoffnung zu schmeicheln, daß die Kaiserin, die in eine Unterhaltung mit Nigra vertieft war, die Felsen vergessen habe, um so mehr, als die zu einer Kletterpartie nöthige Zeit uns zu mangeln schien. Während wir uns so unsern Illusionen hingeben, beginnt der Regen in Strömen niederzuziehen. Wir spannen unsere großen Regenschirme auf und befinden uns da drunter recht gemüthlich. Bald hält der Wagen der Kaiserin unter einem dichtbelaubten Baume still, um einen Schutz vor dem Regen zu suchen. Die Kaiserin ruft zu uns hinüber: „Glauben Sie, daß das noch lange dauern wird?" Man schüttelt bedenklich den Kopf, um anzudeuten, daß die Situation wenig Aussicht auf Besserung gewähre. Madame Le Breton zieht ihre Uhr und bemerkt schüchtern: „Ich möchte Ihrer Majestät zu bedenken geben, daß es fünf Uhr ist, daß wir eine Stunde gebraucht haben, um hierherzukommen, und daß das Diner für dreiviertel auf Sieben angesetzt ist." Worauf die Kaiserin unverzüglich aus dem Wagen steigt: „Wir haben also keine Zeit zu verlieren, setzen wir uns in Marsch." Und man setzt sich in Marsch nach den Felsen hin und schaut die arme Madame Le Breton an, welche die Katastrophe nur beschleunigt hat. „Es gießt. Die Regenschirme bleiben in den Wagen zurück, und die Kletterei beginnt über die triefenden Felsen, das hohe Gras und das vom Regen durchtränkte Gebüsch.' In wenigen Minuten haben die Anzüge und die Kleider kein menschliches Aussehen mehr. Die Hüte sind in Dachtraufen verwandelt, an den Schuhen klebt der Schlamm, die Handschuhe werden zu Marmelade 322 aufgeweicht. Man klettert immer weiter. Der italienische Botschafter geht ernst hinterdrein mit seinem schönen schwarzen Hut, den der Regen mit feuchtem Glanz überzieht. Trotz des Gusses ist es drückend heiß, der Schweiß tropft von unserer Stirne um die Wette mit den Gewässern des Himmels. Ich schwimme in meinen Schuhen, und während ich der schönen Kaiserin die Hand zur Stütze reiche, bin ich ein wenig versucht, sie nicht so schön wie gewöhnlich zu finden. In einem unbeschreiblichen Zustand kommen wir nach dreiviertelstündiger Felsen- besteigung zu den Wagen zurück. Man dreht die Kissen um, die sich in Waschbecken verwandelt haben, man hüllt sich, dampfend vor Nässe und Schweiß, in die dicken Winterüberzieher, und man kehrt gegen sieben Uhr in's Palais zurück, um sich in große Toilette zu werfen zu Ehren der Engländer. Ich habe einige Zeit dazu ge- Das kleinkalibrige Gewehr, seine Schießleistnngen und der kugelsichere Dowe'sche Panzer. I. Das kleinkalibrige Gewehr. Die vor Kurzem vor höheren Offizieren in Berlin stattgehabten Schicßproben mit dem deutschen Militärgewehr gegen den kugelsicheren Dowe'schen Panzer lenken die Aufmerksamkeit insofern auf die Beschaffenheit und Leistungsfähigkeit des modernen kleinkalibrigen Gewehres, als die Frage entsteht, in welchem Grade eine Benutzung des Dowe'schen Panzers gegen die Wirkungen der modernen Feuerwaffen schützen kann, und ob die Einführung desselben in die Armee angezeigt erscheint. Um hierüber zu einem Urtheil zu gelangen, ist sowohl eine genaue Kenntniß des Gewehrs und seiner ballistischen Leistungen, was Treffsicherheit, Schußweite und Durchschlagskraft anlangt, als auch eine Kenntniß des Dowe'schen Panzers in Bezug auf seine Leistungsfähigkeit in erster Linie erforderlich. Diesem Zwecke sollen die nachstehenden, durch Zeichnungen erläuterten Ausführungen dienen. !! i!» ! i !! !! -_ »bis! braucht, weiß der Himmel, und es war nicht leicht, aus den Kleidern herauszukommen, die fest am Körper klebten, sowie aus den zusammengeschrumpften Schuhen. Ich habe mich vom Kopf bis zu den Füßen abgerieben, als wenn ich aus einer Douche käme, und dann bin ich in die erleuchteten Salons hinabgestiegen. Bald nach mir ist die Kaiserin angekommen, lächelnd und blendend schön, mit Schleppe und Diamanten. Sie saß bei Tische zwischen Lord Stanley, der ein stämmiger blonder Mylord ist, und dem Botschafter Lord Lyons und schien beide Herren durch ihre Liebenswürdigkeit hoch zu entzücken." -- Goldköruer. Der allein besitzt die Musen, Der sie trägt im warmen Busen, Dem Wandalen sind sie Stein. Schiller. » I > , « l ^ - Das kleinkalibrige Gewehr, mit welchem die deutsche Armee bewaffnet ist (M. 88), ist bekanntlich ein Mehrlader mit einem Kaliber von 7,9 nun. Eine Abbildung des geöffneten Schloßtheils finden unsere Leser oben rechts in beistehender Zeichnung, zu deren Erläuterung in dem Lande der allgemeinen Wehrpflicht kaum etwas hinzuzufügen ist. Die Kammer ist geöffnet und zurückgezogen, der in den Kasten eingesetzte, fünf Metallpatronen enthaltende Patronenrahmen, aus welchem durch einen von unten drückenden Hebel die Patronen nach oben gehoben werden, so daß die oberste Patrone vor die Hintere Lauföffnung zu liegen kommt und nur durch Vorschieben der Kammer einfach in den Lauf geführt werden kann, ist deutlich erkennbar. Einen solchen Patronenrahmen in beinahe natürlicher Größe findet der Leser ganz links auf der Zeichnung, und rechts daneben eine scharfe Patrone im Längendurchschnitt. DaS 31,6 wm lange und 8 mm starke Geschoß hat bekanntlich einen Stahlmantel, der die Führung in den Zügen übernimmt und dem 14'/, Ar schweren Geschoß seine Gestalt sichert; der Kern ist aus gepreßtem Hartblei. Mit seinem Hinteren Theil ist das Geschoß in die verengerte metallene Patronenhülse gepreßt, die in ihrem langen weiteren Theil mit 2^/« Ar rauchfchwachem 323 » nitrirten Gewchrblättchenpulver gefüllt ist und am Boden mit einem von außen aufgesetzten Zündhütchen versehen, das durch das Vorschnellen des Schlagstiftcs entzündet wird und die Pulverladung zur Explosion bringt. Das Pulver verleiht dem Geschoß eine Anfangsgeschwindigkeit von 620 m in der ersten Sekunde. Infolge dieser äußerst hohen Geschwindigkeit, die durch den kleinen Querschnitt (8 nun) des verhältnismäßig schweren Geschosses begünstigt wird, hat die Flugbahn desselben eine so sehr gestreckte flache Bogengestalt, daß beim Liegendschießen selbst auf 500 m Entfernung sie in ihren höchsten Punkten sich nicht über Manneshöhe über den Erdboden erhebt. Die Skizze im unteren Theile der Zeichnung, bei welcher selbstverständlich Länge und Höhe nicht in demselben Maßstabe gehalten sein konnte, veranschaulicht deutlich den sog. „bestrichenen Raum", der für das deutsche Militärgewehr sich beim Schießen gegen einzeln stehende Infanteristen auf 500 m, gegen Reiter auf 600 m erstreckt. Das französische Gewehr wie namentlich das vorige deutsche Militärgewehr (M. 1871/84) werden bedeutend übertreffen. (Siehe die Skizze.) Die Erhebung des Geschosses über die Visirlinie beim Schuß auf 500 m beträgt nämlich beim neuen Gewehr auf 100 m nur 80 om, auf 200 m nur 140, auf 300 m nur 150, auf 400 m nur 110, auf 450 m nur 60 ew. Die Gesammtschußweite, auf welche nian durch das Gewehr (natür- Den Geschossen des neuen kleinkalibrigen Gewehres gegenüber gewähren auf 100 m Entfernung Deckung nur noch Erdwälle von mindestens 75—100 om Stärke, Baumstämme über 80 om, Eisenplatten über 10 mm Dicke und Backstcinmaucrn von über l'/z Stein Stärke. Bei mehrfachem Aufircffcn der kleinen Gewcbrgeschosse auf dieselbe Stelle gewähren aber auch mittelstarke Mauern keinen Schutz mehr, da sie dann doch durchschlagen werden. Ja, es ist vorgekommen, daß man mittelstarke freistehende Mauern durch Gcwchrsalvcnfeucr niedergelegt hat. So beschoß kürzlich in Zwickau auf eine Entfernung von 300 m eine Abtheilung von 12 Scbützcn eine 2 Tage vorher massiv aufgeführte Mauer in Höhe von 2'/^ m und etwa 41 em Stärke. Nach der neunten Salve war das Ziel zerstört, daß es für eine Truppcnabtheilung kein Schutz und kein Hinderniß mehr gewesen wäre. In unserer bcisteheudcn Zeichnung ist die Wirkung der Durchschlagskraft der Geschosse gegen Holz und Eisen zeichnerisch dargestellt, wobei zu beachten ist, daß die das Durchschießen von Holz verdeutlichende Skizze des Raumes wegen nur in '/« natür- i chcr Größe ausgeführt werden konnte, während (bis auf die Ansichtszcichuung des Dowe'schen Panzers) die anderen Skizzen in voller natürlicher Größe gehalten sind. Der von dem Schneidermeister Dowe (früher in Mannheim, jetzt in Berlin bezw. mit seinem Panzer auf einer Tournee SLSM»W!WWVS«M!« L /7Z -t lich drwch Zufallstreffer) noch einen Menschen zu tödten vermag, beträgt 4000 m (4 km), also über eine halbe deutsche Meile! Bei der bedeutenden Fluggeschwindigkeit des Geschosses, seinem kleinen Querschnitt und im Verhältniß hierzu großen Gewicht ist selbstverständlich die Durchschlagskraft desselben auf alle praktisch überhaupt in Betracht kommenden Entfernungen eine bedeutende. Hieraus folgt weiter, daß die Erfindung eines Schutzmittels gegen die Geschosse, wie ein solches in dem gegenwärtig öffentlich vorgeführten und von den maßgebendsten militärischen Autoritäten durch mehrfache Beschießung geprüften Dowe'schen Panzer jetzt geschaffen sein soll, unter Umständen von hoher militärischer Bedeutung ist, sowohl was die Kriegsausrüstung der Armeen, als auch die Gestaltung der zukünftigen Schlachten anbetrifft. II. Der Dowe'schc Panzer. In den über die öffentlichen Vorführungen des Dowe'schen Panzers berichtenden Zeitungsreferatcn ist die absolute Kugelsicherheit des Panzers als zwar überraschendes, aber durch die Thatsachen erwiesenes Ergebniß dargestellt Worden. Schreiber dieses hat den ÄeschießungSproben, denen der Panzer in öffentlicher wie in Separatvorstellung vor höheren Officieren mehrfach unterworfen worden ist, wiederholt persönlich, auch in separater Vorstellung, beigewohnt und darf sich als Fachmann (Officier) wohl ein Urtheil erlauben. Zur Begründung muß zunächst auf die Durchschlagskraft der kleinkalibrigen Geschosse eingegangen werden. nach Hamburg, sowie London, Petersburg und weiter begriffen) erfundene kugelsichere Panzer ist nun vor Kurzem in Gegenwart von höheren Officieren durch Unterofficiere mit den mitgebrachten echten Patronen aus einem Militärgewehr auf kürzeste Distanz (15 Schritt) beschossen worden und hat sich in seiner als kugelsicher bezeichneten Fläche thatsächlich als rindn rchschießbar erwiesen. Schreiber dieses hat Versuchen Wiederholt (auch in Separatvorstellung) beigewohnt, jede Möglichkeit eines Betruges, der etwa durch untergeschobene falsche Patronen, verkleinerte Pulvcrladung derselben u. s. w. hätte versucht werden können, war durch die beobachteten Vorsichtsmaßregeln (versiegelte Patroncn-Pakcte aus amtlicher Werk- stätte, Laden des Gewehres und Beaufsichtigung desselben durch active Officiere u. s. w.) vollkommen ausgeschlossen, so daß an der Kugclsicherheil der betreffenden Panzerfläche nicht mehr zu zweifeln ist. Der sogenannte „Panzer" stellt sich nun, wie ihn die Skizze unten rechts in unserer Zeichnung in Vorderansicht wicdcrgicbt, als ein dunkelblaues, tuchübcrzogenes, auf der Innenseite weiß- gefüttertes Bruststück dar, das bei den Versuchen vermittels eines Bandes um Hals und Achsel umgcbängt wurde. Die von Dowe als kugelsicher bezeichnete und allein beschossene Fläche von ungefähr 25 om Breite und 30 om Höhe ist in unserer Skizze punktirt dargestellt. Die Dicke des „Panzers" ist in diesem mittleren Theile etwa 6 om. Hinten fühlt sich derselbe härter an als vorn und läßt eine viereckige Form des gchcimnißvollen Panzerstücks erkennen. Auf der Vorderseite ist 924 er auf etwa 3—4 em Tiefe gepolstert, so baß man von vorn mit den Fingern in die Schußlöcher des Oberzeugs und der Polsterung hineingreifen, die Art deS als Geheimniß des Erfinders gehüteten Panzerstücks nicht durch Fühlen erkennen kann. Die Polsterung besteht aus Tuch- und Sackleincnüberzug, Leder und Werg, ihre Zusammensetzung ist nach Angabe des Erfinders vollkommen belanglos, da sie nur dem Zweck der Geheimhaltung der Erfindung dient. Einen Querschnitt durch den Panzer findet der Leser unten links auf der Zeichnung in natürlicher Größe. Um nun zu einem Urtheil über den Werth der Panzerung zu gelangen, ist Folgendes zu beachten: Kugelsicher dem modernen klcinkalibrigen Gewehrgcschoß gegenüber ist nur das erwähnte kleinere mittlere Stück der Panzerfläche. Bei allen Beschießungen des Panzers hat sich dieselbe nur auf diesen Theil erstreckt, und bei den öffentlichen Vorführungen wird von der sicheren Hand des Kunstschützen-Kapitäns Martin Frank nur daö rothe Aß einer stets vor die Mitte des kugelsicheren Theiles gehaltenen Karte getroffen. Bei einem Gesaimntgewicht des Apparats von etwa 8 Pfund weiß man nicht genau, welches Nettogewicht auf das Panzerstück entfällt, man kann also kaum genaue zahlenmäßig zutreffende Schlüsse auf die Schwere größerer, einzelne Körpertheile oder gar den ganzen Körper eines Soldaten schützender Panzerungen ziehen. Das eine steht jedoch von vornherein fest, daß eine Panzerung in ähnlichem Umfange wie der Kürassierharuisch ausgeschlossen ist, da der Mann, Reiter sowohl wie Infanterist, zu sehr belastet würde. Aus der Deformirung der vom Verfasser persönlich untersuchten Geschoßsplitter, die dem Polster der Panzerung entnommen worden, sowie aus der Häufigkeit der Beschießung des Panzers auf ein und denselben Punkt, geht hervor, daß der Panzer eine jeden Eindruck vermeidende gleichsam stablitz arte Masse sein muß. Der Geschoßmantel zersplitterte in längliche, vielfach verbogene Streifen, das Blei deformirte sich und erreichte durch den Anprall ersichtlich in kleinerem Umfange Schmelztemperatur, die Stauchung der Geschosse war bedeutend. Die Vermuthung, daß es sich bei dem Panzer um eine federnde Widerstandskraft handle, ist danach abzuweisen. Alle Versuche, durch Federkraft, durch dicke, aus Spiralen von bestem Klavierdraht hergestellte Panzerung, dem kleinkalibrigen Geschoß den Durchgang zu wehren, sind thatsächlich fehlgeschlagen, wie Verfasser an durchschossenenPanzerungs- proben dieser Art gesehen hat. Die Härte und Starrheit der geheimnißvollen (?) Panzer- masse läßt bei ihrem Gewicht also als praktisch brauchbar vielleicht eine Verwendung zu kleinen Schutzschilden zu. Können diese so leicht hergestellt werden, daß sie mit dem Tornister des Mannes verbunden werden, so könnten sie als jederzeit i'm Gelände aufstellbare Deckung und Gewehrauflage beim Liegendschießen dienen. Größere Körperthcile zu bekleiden, erscheint ausgeschlossen. Vielleicht blüht dem Panzermittel eine Zukunft im Festungskriege an Stelle von Faschinen, Sandsäcken, Schanzkörben u. dgl. Ferner zu flüchsigcr Feldbefestigung, an Bord von Schiffen zum Schutz der Mann'chaften auf Deck und in den Marsen der Gefechtsmasten und an ähnlichen Orten. Im Fcldkriege aber dürfte sie, wenn überhaupt, nur in oben angedeuteter Meise verwendbar sein, und da die Herstellung ausreichender Deckungen viel Zeit in Anspruch nimmt, wird die Vertheidigung naturgemäß den größten Nutzen aus solchen Feldbefestigungen ziehen; doch auch wo beim Angriff das Schanzzeug wcrthvolle Dienste zur Festhaltung und Verstärkung gewonnener Abschnitte leisten kann, möchte der Panzer verwendbar sein, denn nach Anficht unseres Exercierreglcmcnts dürfte das heutige Jmanteriegefecht Stunden überdauern. Angesichts der oben erörterten Beschaffenheit des Dowe- schen Panzers ist jedoch die Frage berechtigt, ob seine Schutzwirkungen nicht eben so gut durch einfache Benutzung von kleinen Nickelstahl-Panzerschilden, die um nichts schwerer, steifer oder unhandlicher als der geheimnißvolle kugelsichere Panzer des Mannheimer Schneidermeisters sein brauchen, erreicht werden können. Verfasser möchte dies glauben, und vielleicht stehen die entscheidenden militärischen Autoritäten dieser Auffassung nicht fern, wie aus der Zurückhaltung derselben nach dem geschehenen Probeschicßen hervorgeht. ---SW8WS-"- Himmelsschau im Monat Juni. —X. Merkur L ist in der zweiten Hälfte des Monates am weitesten östlich von der Sonne entfernt und als Abendstern dicht über dem westlichen Horizont für das unbewaffnete Auge sichtbar. Er geht 1 Std. 45 M. nach der Sonne unter. Venus § geht als Morgenstern etwa 2 Stunden vor der Sonne auf. Mars in den Fischen wird allmälig Heller und geht auf zwischen 1 U. 21 M. und 11 U. 58 M. nachts. Saturn H, noch der hellste Planet, steht nördlich von der Spika und geht anfangs um 2 U., zuletzt um 12 U. nachts aus. In der Nähe des Mondes befinden sich am 4. Merkur, am 12. Saturn, am 26. Mars, am 30. Venus. Zum Kyzährigen Kriester-Iuöikänm dis Hochlvürdige», Hochverehrten Herrn Pfarrers n. bisch, geistl. Rates in Minil-lkieim am 21. Mai 1894. Schon zweiundneunzig Lenze sah'st Du zreh'n Auf Deinem hochbeglückten Erdenpfade; Dich beugten nicht des Lebens Sorg' und Müh'n; Gott schützte Dieb mit seiner Huld und Gnade. D'rum sei der erste Dank dem Herrn gebracht, Des Vateraug' Dich stets so treu bewacht. Und beute, da in Deinem Pr'esterlauf Der Jahre sechzig Dir so schön verflossen, Da schauen Tausende zum Himmel auf, Die Deines Wrltens geist'gc Frucht genossen, Und fei'rlich steigt aus frommer Beter Chor Ein heißes Fleh'n für Dich zu Gott empor. Wer zählt die edlen Körner jener Saat, Die Du gestreut in's weiche Herz der Jugend? Wer zählt die Mützen, die in Wort und That Geopfert Tu zur Pflanzung wahrer Tugend? Es steht geschrieben dorr am Himmelszelt, Was Du erstrebt, gewirkt in dieser Welt. Und all die Tausende, die Du befreit Von schwerer Sündenlast, die sie bedrücket, Die Du gestärkt zum Heißen Lebensstreit Mit Himmclsbrot, das alle reich beglücket: Sie reichen Lieb- und Dankesblüten dar Voll Jubel Dir am festlichen Altar. Sich, hochverehrter, edler Jubelgreis! Wir alle, arm und reich und hoch und nieder, Steh'n heut' vor Dir voll Lob und Preis, Und dort im Himmel tönen Freudenlieder Von sel'gen Geistern, die durch Dein Bemüh'» Als Himmelsblumen dort so herrlich blüh'n. Was sollen wir zum Jubelfeste weih'n, DaS würdig wäre, Dich getreu zu ehren? Nur Segenswünsche, kräftig, fromm und rein» Kann unsre warme Liebe Dir bescheren, Nur Dankesperlen in Dein Silberhaar Bringt unser Herz voll tiefer Rührung dar. So träufle denn hernieder aus den Höh'n Des Gnadentaues kräft'ger, reicher Segen, Daß lang wir noch Dein edles Walten seh'n Und neue Kraft Dir blüh' auf Deinen Wegen, Bis einst Dein Geist an Gottes ew'gem Thron' Genießet Deines Wirkens reichsten Lohn! Leonhard Seivokd>i pc»s BrzirlshauMhrer. ^ > <>- AnteWttimgsvlatt zm „Augsburger Postzeitung". 43 Dinstag, den 29. Mai 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas sl Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Map Huttler). k t Tante Kanna's Keheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) „Das ist wahr, Herr Doctor," erwiderte Armgard lebhaft, „dieses Ringen und Kämpfen war erschütternd anzusehen. Sie erinnerte sich eines Gesichts, und bevor sie die Erinnerung daran ganz erfaßt, wurde es wieder dunkel in ihr. Sollte es aber nicht dennoch nur eine Fieber-Vision sein? — Wie könnte ein Mensch in jener Nachtsich in ihrem Zimmer befunden haben? Vielleicht war's ein lebhafter Traum, welcher sich in ihrem Gehirn festgesetzt und jetzt erst wieder lebendig in ihr wird." „Möglich, mein Fräulein," sagte der Doctor, sie zerstreut anblickend, „eS sind eben jetzt nur Muthmaßungen, welche uns neue Räthsel des Geistes aufgeben. Apropos," setzte er rasch hinzu, „ist es wahr, daß Ihr Aufgebot bereits erfolgt ist, Fräulein Holten?" Sie blickte zu Boden und antwortete erst nach einer Weile: „Ist meine Verlobung oder mein Aufgebot etwa ein Verbrechen, Herr Doctor?" „Bitte um Verzeihung, mein Fräulein, so war's doch nicht gemeint," sprach der Doctor ernst, „mich wundert nur die Ueberstürzung, welche sonst Ihrem Charakter so fremd ist." „Nun, lieber Doctor, ich habe mich doch lange genug auf meine Verheirathung besonnen, — daß man mich in diesem Punkte schwerlich einer Ueberstürzung zeihen kann." Sie drückte ihm die Hand, machte einen vergeblichen Versuch zu lächeln und entfernte sich eiligst. Doctor Peters blickte ihr mit finster zusammengezogenen Brauen nach und stieß ein halblautes Wort hervor, das just nicht schmeichelhaft klang. In diesem Augenblick schritt der Polizeicommissar Frenzel rasch auf ihn zu, streckte ihm die Hand zum Gruß entgegen und fragte beinahe athemlos: „War Fräulein Holten bei Tante Hanna?" „Ja, versuchte ein Experiment, das mich außerordentlich befriedigt hat." „Hab's mir gedacht. — Wissen Sie, ob sie gleich nach Hause fährt, Herr Doctor?" „Weiß nicht, ist immerhin möglich, was haben Sie denn, Herr Kommissar?" „Wir sind dem Verbrecher auf der Spur, ein unvorsichtiges Wort kann ihn warnen. Wenn Fräulein Holten ihrem Verlobten über diesen Krankenbesuch schreibt, dann wäre Tante Hanna's fortschreitende Genesung kein Geheimniß mehr, was wir doch im Interesse unserer Nachforschungen bislang treu bewahrt haben. — Man muß ihr klaren Wein einschenken und ihr die Zurückhaltung, selbst ihrem Verlobten gegenüber, zur strengsten Pflicht machen." „Ich verstehe, Herr Commissar," sprach der Doctor nachdenklich, „und Ihr Verdacht scheint auch guten Grund zu haben, wenigstens was Tante Hanna's Verletzung anbetrifft. Sie sprach bereits von einem bekannten Gesicht, das sie in jener Gewitternacht gesehen, und das etwas abgenommen, also irgend eine Mas- kirung beseitigt habe. Soll ich Fräulein Holten darüber aufklären?" „Ach, Sie wollen mir wirklich den Gefallen thun, Herr Doctor, und jetzt gleich zu ihr gehen? — Ich mochte Sie kaum darum bitten." „Ja, so etwas wittert man doch gleich heraus, mein Bester! — Sie sehen, ich bin schon mit Hut und Stock bewaffnet. — Kommen Sie nur; haben Sie sonst noch etwas auf dem Herzen?" Sie schritten eiligst dahin und der Commissar bat ihn noch, sich so wegelängs bei ihr zu erkundigen, ob sie sich hier oder auswärts trauen lassen wolle. „Jnteressirt Sie das so besonders?" fragte der Doctor, stehen bleibend und ihn fest'anblickend. „Mich interessirt Alles, Herr Doctor," erwiderte der Beamte lächelnd, auch die Trauung eines solchen begehrenswerthen Goldfisches, welcher dem schönen flatterhaften Julius so mühelos in's Netz gelaufen ist." „Ja, es ist haarsträubend," brummte der Doctor, hastig weiterstrebend, „aber ich sagte es gleich, daß sein Töchterchen ihm sehr gelegen verunglückt sei. Die Todte hat die Kette geschmiedet für die stolze, thörichte Armgard Holten." „Sie glauben also nicht an die Macht der alten Liebe?" „Larifari, — der wäre ein Mädchen von solchem Kaliber sicherlich nicht erlegen. Die Geschichte kommt mir ordentlich unheimlich vor; dieser Mensch muß ein Hexenmeister sein oder ihr einen Liebestram bereitet haben." „Und das behauptet eine ärztliche Autorität," sagte der Commissar belustigt. „Bah, mein bester Herr Doctor, wir Menschen haben alle eine schwache Seite, und die 326 Weiber durch die Bank zwei. — Fräulein Holten wird keine Ausnahme von dieser Regel machen, mag sie sonst auch ihre speciellen Tugenden besitzen. Daß der Tod des ihrem Schutze anvertrauten Kindes einen außerordentlichen Eindruck auf ihr Gemüth hervorgebracht, mag seine Richtigkeit haben, im Ganzen genommen aber wird die alte Liebe doch den Löwenantheil an dieser raschen Verlobung beanspruchen. — So, weiter will ich Sie lieber nicht begleiten, das Fräulein möchte Wunders glauben, was wir für Geheimnisse hätten, Herr Doctor." Er grüßte höflich und schlug eine andere Straße ein, während Doctor Peters sehr nachdenklich, da ihn das Benehmen des Kommissars stutzig machte, dem Markte zuschritt, wo sich Armgard Holten's stattliches Haus befand. Armgard's Wagen hielt bereits vor der Thür. Sie selber saß zur Heimfahrt fertig vor ihrem Schreibtisch, den Kopf in die Hand gestützt auf einen Brief niederstarrend, dessen Adresse ihre Handschrift trug und an den Verlobten gerichtet war. Noch hielt ihre Rechte die Feder, mit welcher sie jetzt mechanisch auf einem weißen Bogen kritzelte. Sie erröthete, als ihr Auge sich fester auf das Geschriebene heftete und einen Namen las, mit welchem sich ihre Gedanken in den letzten Tagen mehr als mit Julius Steindorf beschäftigt hatten. Der Name Leonhard Marbach stand auf dem Papier, unbewußt hatte ihre Hand denselben niedergeschrieben, weil sie das Bild des todkranken Mannes nicht aus der Seele los werden konnte. Fortwährend sah sie sein flehendes Auge auf sich gerichtet, hörte seine Bitte: „Heirathen Sie Ihren Verlobten nicht, bevor er Ihren Wunsch, den Kinnbart glatt wegrasiren zu lassen, erfüllt hat. Wenn Sie zwischen Mund und Kinn einen rothen Strich erblicken, dann sagen Sie es dem Criminal- Commissar Frenzel, und Sie sind vor dem Schrecklichsten bewahrt." Diese wahnsinnigen Worte hatte er noch zweimal mit schwindender Kraft, zuletzt mit kaum verstänvlicher Stimme an sie gerichtet, und sie hatte es ihm gelobt, um ihn zu beruhigen und aus der aufregenden Nähe des Fieberkranken zu kommen. Wie kam es nur, daß sie seitdem stets an den Unglücklichen hatte denken müssen, daß seine Fieberphantasie, denn für etwas anderes konnte sie jene Bitte nicht halten, fortwährend in ihr wiederhallte und alle anderen Gedanken zu verdrängen drohte? — War es vielleicht die Ueberzeugung, welche sich ihr an seinem Lager hatte aufdrängen müssen, daß er sie liebte und seine Träume und Phantasien sich stets mit ihr beschäftigten? Sie hätte am Ende kein Weib sein , müssen, um bei solcher Erkenntniß ganz gleichgültig zu : bleiben. - „Gott steh' mir bei, daß ich nicht auch wahnsinnig werde," flüsterte sie, den Bogen mit Marbach's Namen in den Schreibtisch werfend und diesen verschließend, „aber gleichviel," setzte sie mit entschlossener Miene hinzu, „möge er es seltsam von mir finden, ich werde ihn dennoch darum ersuchen, jenen Bartschmuck am Kinn zu entfernen, weil derselbe mir häßlich erscheint. So will ich die Bitte des Unglücklichen erfüllen und mein gegebenes Wort halten." Die Frau ihres Hausverwalters erschien, um ihr zu melden, daß der Wagen schon eine ganze Weile auf das Fräulein warte. Sie hatte diesen bequemen Posten einem alten verheiratheten Dienerpaar, das bereits ihren Eltern lange Jahre treu gedient, nicht nur als eine Belohnung, sondern als pflichtschuldige Versorgung-verliehen. — „Ich komme schon, liebe Lorenz," sagte Armgard, sich müde erhebend. „Fräulein sind doch noch recht schwach," meinte die alte Frau bekümmert, „sollten lieber ein Gläschen Wein trinken." „Ha, es ist wahr, ich fühle mich zuweilen sterbens- müde, als ob ich wieder krank würde. Eine Luftveränderung wird mir gut thun, ich denke, später eine Zeit lang im Süden zu bleiben. Doctor Peters —" „Ja, der ist damit einverstanden," tönte die Stimme des Genannten von der offenen Thür her. „Ich traf keine lebende Seele, um mich anzumelden, meine Gnädigste, und mußte Sie deshalb nolans volanZ überfallen." Die alte Frau Lorenz verließ das Zimmer, und Doctor Peters trat näher. „Ich muß Sie nämlich noch einmal sprechen, liebes Fräulein," fuhr er rasch fort, „und befürchtete schon, zu spät zu kommen. Sieh, da liegt ein Brief an Ihren Verlobten ja bereit zur Abfahrt," setzte er, auf den Schreibtisch deutend, ungenirt hinzu. „Haben Sie in demselben etwas von Tante Hanna geschrieben?" „Nein," erwiderte Armgard befremdet. „Na, das freut mich, weil ich die Bitte vergaß, keinem Menschen, wer immer es auch sei, von der voraussichtlichen Genesung der alten Dame nur das Geringste mitzutheilen." Armgard schüttelte verwundert den Kopf. „Das begreife ich nicht, Herr Doctor! -- Sie thun ja, als ob es sich hier ebenfalls um ein Verbrechen handele." „So ist es auch, meine Gnädige," versetzte der Doctor sehr ernst, „um meiner Bitte Nachdruck zu geben, muß ich mich wohl dazu bequemen, Ihnen ein Geheimniß anzuvertrauen, dessen strengste Bewahrung ich Ihnen zur Pflicht mache." Er erzählte jetzt von dem bis zur Gewißheit gesteigerten Verdacht eines Verbrechens, das in der Gewitternacht gegen das Leben und Eigenthum der Greisin begangen worden, und daß durch mehrere Fundstücke, sowie durch Verkettung unheimlicher Umstände sich der überzeugende Beweis ergeben, daß auch dieses Verbrechen durch dieselbe Person verübt sein müsse, welche die tödtlichen Schüsse im Hohlwege und das Attentat oben in den Bergen auf dem Gewissen habe, daß dieß Alles aber als strenges Geheimniß bewahrt werden müsse, besonders auch die erhoffte Wiederherstellung der alten Tante Hanna, welche unstreitig den Verbrecher in jener Nacht gesehen habe." „Ach, darauf deuteten am Ende ihre sonderbaren Reden hin," fiel Armgard, welche mit starrem Entsetzen zugehört hatte, überrascht ein. „Wissen Sie, Herr Doctor, sie sprach doch von einem Jemand, den sie gesehen, der etwas abgenommen —" „Natürlich irgend eine Maskirung, da er sich unbeachtet wähnte," ergänzte der Doctor. „Ja, ja, aber, — sagte sie nicht auch, daß sie ihn erkannt habe?" „Allerdings, doch haben wir das wohl auf Rechnung der Gedanken-Lücken zu setzen. Ich sehe keine Möglichkeit für diese Behauptung. Lassen wir das jetzt, Ein Kabelrunk. Nach einem Originalgemälde von^.P. Felgentreff Photographie im Verlage von Franz Hansstaengl, Kunstverlag, A. 8., in München. - 328 - und versprechen Sie mir, damit der Verbrecher nicht gewarnt werde, Tante Hanna's Genesung als Geheimniß zu bewahren." „Das verspreche ich Ihnen, lieber Doctor, keine Menschenseele, wer immer es auch sei und wie nahe mir dieselbe stehe, soll etwas darüber durch mich erfahren." „Ich danke Ihnen, mein Fräulein! Es muß uns doch Alles daran liegen, den Buben, der so viel Unheil angerichtet, unschädlich zu machen, da sich Niemand vor seiner Tücke sicher fühlen kann. Und wenn Herr Stein- dorf auch wohl der Mann ist, ein Geheimniß zu bewahren, ja, wenn ihn der Tod seines Kindes vielleicht doppelt antreiben müßte, den Ruchlosen zu entdecken, so halte ich es doch für besser, daß die Sache unter uns bleibt." „Sie haben ganz recht," sagte Armgard, „er braucht es nicht zu erfahren, da Tante Hanna ihm überhaupt nicht sympathisch ist." „Dann will ich mich empfehlen, da Ihr Wagen nun lange genug gewartet hat, liebes Fräulein." „Oder vielmehr mein Kutscher und die armen Pferde," bemerkte Armgard, wehmüthig lächelnd. „Gott mit Ihnen, Herr Doctor! Fahren Sie denn heute nicht in's Forsthaus zu Ihrem Kranken?" „Ich fahre gegen Abend hinaus. Der arme Kerl macht mir große Sorge, ja, er thut mir in der Seele leid, und ich könnte den ruchlosen Banditen hängen sehen, der so kaltblütig mit Menschenleben gespielt." „Haben Sie wirklich gar keine Hoffnung mehr, Herr Doctor?" „Na, so lange das Leben noch pulsirt, muß auch der Arzt hoffen. Könnte ich ihm nur die innere Ruhe geben, aber er quält sich fortwährend mit fixen Ideen, welche sich um einen rothen Strich und — verzeihen Sie, Fräulein Armgard — um Ihre Hochzeit drehen. Seltsam genug zermarterte sich der alte Reinhardt auch mit dem vertrackten rothen Strich, den er jetzt, Gott sei Dank, zu vergessen haben scheint." „Er ist wieder besser?" „Hm, genesen noch nicht, aber doch mit vollen Segeln auf der Fahrt zur Genesung. Er ist sehr entstellt, doch haben wir, was ich nicht zu hoffen wagte, seine Augen gerettet. Wird immerhin noch wochenlang an den Folgen der Verletzungen leiden müssen. Ich muß ihm stets von Ihnen und Ihrer Verlobung erzählen. Gestern fragte er mich, wann Ihre Hochzeit sein werde, er wolle sich die Trauung ansehen." Armgard war sehr blaß geworden, sie erinnerte sich jenes Pfingst-Abends und seiner Erzählung bei Tante Hanna. „Grüßen Sie Herrn Reinhardt von mir," sprach sie etwas gepreßt, „versichern Sie ihn meiner aufrichtigsten Theilnahme und theilen Sie ihm mit, daß meine Hochzeit sofort dem Aufgebot folgen, aber nicht hier, sondern der Trauer halber in aller Stille auswärts stattfinden werde. Der Ort sei noch nicht fest bestimmt." „Und weßhalb denn auswärts?" fragte Doctor Peters erstaunt. „Steindorf wünscht es," versetzte sie, seinem Blicke ausweichend, „und mir selber ist es, aufrichtig gestanden, auch am liebsten, da ich es nur zu gut weiß, wie hart ich von der Welt verurtheilt werde." „Sie meinen von der kleinen Welt unseres Städtchens," sagte der Doctor, sie nachdenklich anblickend, „das wird Ihren Verlobten doch nicht weiter beirren oder geniren können. Ich glaube, mein Fräulein, daß die Welt Ihre Beweggründe sehr falsch beurtheilt." „Und Sie haben recht, lieber Doctor!" rief Armgard mit einer ungewöhnlichen Heftigkeit, „o, Sie wissen nicht, wie dankbar ich Ihnen für diesen Glauben bin." Sie drückte seine Hand, ergriff hastig ihren Sonnenschirm und wollte gehen. Der Doctor hielt sie zurück. „Lassen Sie Kutscher und Pferde noch einige Minuten warten, mein theures Fräulein," sagte er bewegt. „Ich war seit vielen Jahren nicht blos der Arzt, sondern auch der Freund Ihrer Eltern, welche mir ein freies Wort nicht übel nahmen. So erlauben Sie mir das auch heute. — Ich bin ein alter Mann und darf Ihnen sagen, daß Sie einer Nachtwandlerin gleichen, welche mit geschlossenen Augen an einem Abgrund dahin wandelt. Als Freund und Arzt warne ich Sie vor dem jähen Sturz, der Sie unrettbar zerschmettern wird. In Ucberhastung wie eine Fieberkranke schließen Sie den wichtigsten Bund Ihres Lebens, worauf Sie zehn Jahre sich besonnen haben." „Ist dieser Zeitraum noch nicht lang genug gewesen?" unterbrach Armgard ihn schwerathmend. „O, ich denke, es haben sich ehrenwerthe Männer genug um Sie beworbeu, denen Sie Ihre kostbare Freiheit nicht opfern wollten. Nun gut, ich habe kein Urtheil darüber, möchte aber als Freund Ihre Hand ergreifen und mit mahnendem Zuruf Ihr rechtzeitiges Erwachen bewerkstelligen." „Und ich danke Ihnen für den Glauben an mich, an meine besonderen Beweggründe," sagte Armgard, ihm mit einem schmerzlichen Blick ihre Hand entziehend. „Nun, den Dank beanspruche ich auch noch!" rief der Doctor achselzuckend, „was kann denn das weiter für Ihr Glück bedeuten, wenn ich auch den festen Glauben hege, daß Sie nur einzig um eines Wahnes willen sich verlobt haben. Ja, ja, ich wiederhole es, um eines unseligen Wahnes willen, mein armes Kind, wollen Sie sich selber für's ganze Leben elend machen. Denn ist es nicht ein Wahn, daß Sie, wenn auch nur indirekt, den Tod jenes Kindes verschuldet haben? War es etwa eine Leichtfertigkeit, mit der im Grunde ganz gesunden Kleinen eine Spazierfahrt zu machen? Wollten Sie dieselbe irgend einer Gefahr leichtsinnig damit aussetzen? — Konnten nicht auch Sie von dem Mordgeschoß getroffen werden? — Wo in aller Welt liegt auch nur der geringste Grund vor, sich selbst deßhalb als Sühnopfer darzubringen?" „Er hatte das Kind meinem Schutze anvertraut, und ich erzwäng die Fahrt sozusagen von meiner alten Evers," versetzte Armgard mit versagender Stimme, „mußte ich dem vereinsamten Manne nicht einen Ersatz für den großen Verlust bieten?" „Ja, Fräulein Armgard, die Sache ist auch soweit in der Ordnung, wenn Sie den vereinsamten Mann lieben. — Ist das aber nicht ^r Fall, — und ich wenigstens glaube dies sehr fest, da^n konnten Sie mit ihm Ihr Hab und Gut theilen, was immerhin das kleinste Sühnopfer Ihrerseits gewesen wäre, während Sie jetzt Ihr ganzes Glück drangeben, um diesen — Herrn, der seinen Vortheil unv Ihre augenblickliche Schwäche sehr rasch zu benutzen verstanden, zu entschädigen. — Nun, mein Kind!" setzte er, sie liebevoll an- «e- t- < - 329 blickend, mit bewegter Stimme hinzu, „verzeihen Sie dem alten, rücksichtslosen Manne, der es Ihren seligen Eltern schuldig zu sein glaubt, Sie nicht ungewarnt vor dem letzten verhängnißvollen Schritt zu lassen." „Es ist zu spät," sprach Armgard, „aber ich danke Ihnen trotz alledem, mein väterlicher Freund." „Nein, noch nicht zu spät," beharrte der Dootor, ihre Hände ergreifend, „noch warten Standesamt und Altar des letzten bindenden Wortes. Machen Sie sich frei, liebe Armgard, versuchen Sie es, Ihr Verlöbniß, das nur einzig unter dem Druck jenes Ereignisses geschlossen worden, zu lösen. Wollen Sie mir die Vollmacht dazu geben?" Armgard schwankte sichtlich, sie rang mit sich selber, mit ihrem Stolz, ihrem Gefühl für den Verlobten, das doch nur im Mitleid gipfelte. „Wir sind schon aufgeboten," sagte sie endlich, „und — er liebt mich —" „Sind Sie davon so fest überzeugt, Fräulein Armgard? Möchten Sie diese Liebe nicht mal auf die Probe stellen?" „Sie martern mich, Herr Doctor!" „Nein, mein Kind, ich wünsche Sie zu heilen, da Sie krank, tief seelenlcidend sind. Mit sich selbst und der eigenen Kraft im Zwiespalt, aus dem Frieden Ihres Innern gewaltsam geschleudert, verzweifeln Sie an dem eigenen Charakter, dessen harmonische Abgeschlossenheit Ihnen den festen Halt im Leben gab, welchen wir Alle stets bewundert. Raffen Sie sich auf, Fräulein Holten, denn ich sage Ihnen, daß Sie an Ihrer Selbstachtung einbüßen, wenn Sie diesen Mann heirathen. Ernennen Sie mich zu Ihrem Vormund," setzte der Doctor dringend hinzu, „Sie bedürfen eines solchen in deni Zustand hilfloser Schwäche, worin Sie sich seit jener Katastrophe befinden. Er soll Ihnen mindestens Zeit lassen zur Selbstprüfung, zum ruhigen Nachdenken, weil ich es schmählich von ihm finde, als Mann von Ehre sowohl wie als trauernder Vater, der soeben erst sein einziges Kind begraben, mit solch' ungestümer, ja der Sitte und dem Anstand hohnsprechender Hast auf eine Heirath mit Ihnen zu dringen." „O, mein Gott, wie recht haben Sie," stöhnte Armgard, in einen Sessel sinkend und beide Hände vor's Gesicht pressend. Dann richtete sie sich entschlossen auf, ihre Augen leuchteten fieberhaft, sie war leichenblaß bis auf die Lippen. „Ich wollte Sie schon bitten, mein Trauzeuge zu sein, Herr Doctor!" sprach sie mit unnatürlich hart- klingender Stimme, „konnte es aber bis zur Stunde nicht über die Lippen bringen. — Jetzt bitte ich um Ihren Beistand als Vormund, da ich mich ihm gegenüber willenlos fühle." „So»ist's gut, Kind, — er wird mich als Vormund nicht anerkennen, aber das schadet nichts, wenn Sie mir nur, da Sie mündig sind, die genügende Vollmacht zum Handeln geben. — Bitte, mein Kind, geben Sie mir das schriftlich, — seine Adresse lese ich hier —" „Sie können das Couvert mitnehmen, Herr Doctor, da der Brief nach unserer Unterredung keine Bedeutung mehr hat," sprach Armgard, sich mit einer sonderbaren Ruhe vor ihrem Schreibtisch niederlassend, den sie ausschloß, um einen Bogen Papier und ihr Siegel herauszunehmen. Der alte Doctor beobachtete mit wachsendem Erstaunen, wie sie mit fester Hand die Vollmacht schrieb, dann ein Wachslicht anzündete und ihr Siegel im feinsten rothen Lack sehr sorgsam neben ihren Namen setzte, (zortsetzunz sotgi.) . — —^KX8!I— Zeugnisse der Geschichte für die Wahrheit der heiligen Schrift. (Hiezu die Bilder auf Seite 330 und 331.) lNachd.uck verboten.I Durch die Encyclica: „krovittentissimuZ Osus" vom 18. November 1893 hat Papst Leo XIII. der Bibliologie eine neue, das ganze Leben und Wirken der katholischen Geistlichkeit beeinflussende Stellung angewiesen. Wie das Brevier, sei auch die heilige Schrift der stete Begleiter jedes Klerikers, der als Seelsorger nach dem Willen des heiligen Vaters an Stelle natürlicher Beredsamkeit nur die Worte der Bibel, welche „der Ausfluß der göttlichen Offenbarung" ist, im Munde führen und als Theologe die heilige Schrift, „diese mächtige Stütze des wahren Fortschrittes und der Wissenschaft", als den Gegenstand seines Hanptstudiums betrachten soll. Diese neue, von unserem glorreichen Papst angeordnete Aera des Bibelstudiums fordert aber, daß alle, die sich demselben widmen, und das ist ja der gesammte Klerus der über den Erdkreis verbreiteten katholischen Kirche, die dazu nothwendigen Hülfsmittel ergreifen und benützen. Und ein solches prächtiges, in seiner Art unübertreffliches Enchiridion ist die im Verlag Friedrich Pfeilstücker in Berlin erschienene Illustrierte Bibel, aus welcher die sämmtlichen diesem Artikel bei- gegebenen Illustrationen entnommen sind, nach der Ueber- setzung Dr. I. Fr. von Allioli's. Außer 45 Lichtdruckbildern nach Schöpfungen großer Meister enthält sie über tausend authentische Abbildungen von Landschaften, Orten, Pflanzen, Thieren, Alterthümern, Münzen, Hieroglyphen und Keilinschriften, sowie Pläne, Karten und Grundrisse, welche nach den besten Quellen in muster- giltiger Weise hergestellt worden sind. In den letzten hundert Jahren ist der Boden des heiligen Landes und der übrigen biblischen Länder der Gegenstand vieler Forschungen und Untersuchungen seitens verschiedener Nationen gewesen. Die Ergebnisse dieser Forschungen sind nicht nur für den Archäologen von Fach und den Gebildeten überhaupt, sondern auch für jeden Christen von größtem Interesse, denn wirkungsvoller als mündliche und schriftliche Ueberlieferungen bezeugen diese in Stein und Erz gemeißelten Denkmäler einer uralten Vergangenheit die Wahrheit biblischer Berichte. Die Resultate dieser wissenschaftlichen Arbeiten sind in der Pfeil- stücker'schen heiligen Schrift mit erstaunlichem Fleiß 'und größter Gewissenhaftigkeit zusammengetragen und dem Leser durch die Illustration veranschaulicht. Wir erwähnen noch, daß die Bilder der Stätten, wo der göttliche Welterlöser lebte, nach im heiligen Lande aufgenommenen Photographien angefertigt wurden. Da fesselt zum Beispiel das Auge des Theologen eine Abbildung: „Mumie und Statue Ramses' II., des „Pharao der Bedrückung"." — Diese Mumie wurde von Professor Brugsch im Jahre 1881 in der Nähe der uralten Königsstadt Theben ausgegraben. Sie war in der geräumigen Familiengruft der Ammonischen Priester- / 330 könige untergebracht. Heute befindet sie sich im ägyptischen Museum von Bulak-Kairo. Von den zahlreichen Abbildungen der Jnschriften- Funde fesselt ihn besonders die Siegessäule Mesa's, die Mesa über seinen Abfall von Ahab, über die Streifzüge und Städte-Eroberungen, die er dem Abfall folgen ließ, über das Herannahen des israelitischen Königs, ferner, wie dieser dann eine Stadt nördlich von Dibon begründet MMW -SÄ -> WMAN MM WMs MMM ° MAMW ^ M ° .W jjiilüiiniilt KAM WM 7." WW ILM Mumie und Stalue Uamses' II. im Jahre 1868 bei Dibon gefunden wurde. Dieser Denkstein ist aus schwarzem Basalt gearbeitet und gilt als eines der wichtigsten auf altägyptischem Boden gefundenen Denkmäler. In moabitischer Sprache mit altsemitischen Buchstaben berichtet die Inschrift des Königs habe und (so sagt der König) „durch die Hand des Gottes Kamos von seinem Angesicht vertrieben worden" sei. Auch berichtet der Stein von gleichzeitiger Besiegung der Edo- miter. Wenn er liest, wie die Juden Frohndienste leisten 331 -Ä s O > mußten beim Bau der großen Pyramiden, dieser über- wälligenden Symbole irdischer Gewalt und Kraft, so empfindet er den Wunsch, einiges über die Art des Pyra- midenbaues und die Beschaffenheit des Materials zu erfahren. Auch diesem Wunsche kommt die Illustrierte heilige Schrift entgegen. Da sieht er einen egyptischen Ziegelstein mit oem Stempel Namses' II., über dessen Mumie wir oben geschrieben haben. Dieser Stein befindet sich im ägyptischen Museum zu Berlin; er ist aus Nilschlamm und Stroh geformt und stammt aus der Zeit des Aufenthaltes der Juden in Aegypten. Wenn er das Grabmal des Cyrus betrachtet, wie es noch heute zu Parsargada steht, so taucht die Zeit der alten Perserkönige vor seinem Geiste auf, und wenn er die Opferstätte des Elias auf dem Karmel im Bilde dargestellt sieht, wie sie heute noch vorhanden ist, oder die Ueberreste der salomonischen Tempelmauern, aufge- ' tt» <' .1 > FA .dk . - ^ i Siegessäule des Königs Mesa. nommen nach einer Photographie, erblickt, so belebt sich seine Phantasie mit Gestalten und Bildern aus der Zeit, der sein Studium gilt, und sie begleiten ihn wie treue, unentbehrliche Freunde auf seinen oft beschwerlichen Wanderungen durch archäologische und hagiographische Gebiete. Das beste Lob, welches man zugleich als schönste Empfehlung der Fr. Pfeilstücker'schen Bibel zollen kann, Altägyptischer Ziegelstein. liegt in der Mittheilung, daß Se. Heiligkeit Papst Leo XIII. dem rührigen Verleger mittels Schreibens seine huldvollste Anerkennung ausgesprochen und zugleich eine goldene Denkmünze übersenden ließ. Diese „Illustrierte Bibel" ist aber auch für das katholische Volk ein wahrer Hausschatz, indem sie allen streng kirchlichen Anforderungen und Bedingungen, unter denen ein katholischer Laie eine Ausgabe der heiligen Schrift benutzen darf, vollständig entspricht. Sie bringt 1. den ganzen, vollständigen Bibeltext Grabmal des Cyrus. nach der vorn heiligen Stuhle in Nom approbierten und von zahlreichen Bischöfen auf das entschiedenste empfohlenen Uebersetzung von Or. Joseph Franz von Allioli, welche nach der Vulgata angefertigt ist. 2. Sie ist mit den kirchlich geforderten und kirchlich approbierten Anmerkungen der Volksausgabe von Allioli versehen. 3. Sie hat die Gutheißung und Approbation des hochwürdigsten Herrn Fürstbischofs von Breslau, in dessen Sprengel Berlin liegt; zudem ist ihre Herstellung stetig durch die von dem genannten hochwürdigsten Bischof bestimmten Geistlichen und Gelehrten überwacht worden. Daraus folgt, daß nach dieser Seite hin die Pfeilstücker'sche Bibel jede Empfehlung verdient. So kann man ohne Uebertreibung behaupten, daß sich diese Bilderbibel nicht allein als ein willkommenes Hilfsbuch, als archäologisches Vademecum für den hochwürdigen katholischen Klerus vortrefflich eignet, sondern daß sie auch in allen katholischen Häusern Aufnahme finden und wie ein werthvolles Familiengut gehalten werden wird! Die Pfeilstücker'sche Ausgabe der heiligen Schrift ist, wie noch erwähnt werden muß, die einzige, die nach den Gesichtspunkten, welche die päpstliche En- cyklika aufstellt, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschungen dem gläubigen Bibelleser durch Illustration vor Augen führt. In richtiger Würdigung der Bedeutung dieser Bilder sind dieselben bis jetzt schon zu Bibelausgaben in französischer, spanischer, holländischer, dänischer, schwedischer, finnischer und polnischer Sprache benutzt worden; ja, das kleine und arme Volk der Slowenen, dessen gesammte Litteratur kaum 10 Bücher zählt, wird bald die Bibel in seiner Sprache mit den Pfeilstücker'schen Bildern sein eigen nennen können. Es giebt wohl kein passenderes und schöneres Geschenk für Hochzeit, Jubiläum und Weihnachten, als diese „Illustrierte heilige Schrift"! Der Verleger Friedrich Pfeilstücker in Berlin ist gern bereit, Jedem, der sich für die geschilderte Ausgabe der heiligen Schrift interessiert — und welcher Katholik wird das nicht thun — einen ausführlichen illustrierten Prospekt über das Werk kostenfrei zu übersenden. Die Preise sind folgende: 1) Die ganze heilige Schrift: gebunden in Halbleder mit Broncever- goldung und Rothschnitt 30 Mk., in Halbleder mit Gold- 332 schnitt 33 Mk., in Halbleder mit echter Vergoldung und Goldschnitt 36 Mk., in Kalbleder mit echter Vergoldung und Goldschnitt 48 Mk., in Schweinsleder mit echter Vergoldung und Goldschnitt 66 Mk. 2) Das Neue Testament: gebunden in Leinen mit Brouzevergoldung und Rothschnitt 8,50 Mk., in Leinen mit Goldschnitt 10 Mk., in Halbleder mit echter Vergoldung und Goldschnitt 15 Mk., in Kalbleder mit echter Vergoldung und Goldschnitt 25 Mk., in Schweinsleder mit echter Vergoldung und Goldschnitt 40 Mark. Für diejenigen, deren Geldbeutel die Bezahlung des ganzen Betrages auf einmal nicht zuläßt, sei bemerkt, daß Pfcilstückers Bibel auch gegen monatliche oder vierteljährliche Ratenzahlungen oder auch allmählich in zusammen 42 Heften zu 50 Pf. durch jede Buchhandlung oder auch direkt von der Verlagsbuchhandlung bezogen werden kann. — - Ein Kadetrunk. (Zu unterem BUd Seite 327.) Das war eine mühsame Wanderung heute. In der Hitze des Sommernachmittags nicht gerade zum Vergnügen in den Bergen umherstolpern zu müssen ist eine schwere Ausgabe besonders für den, der an der Bergquelle mehr die poetische Seite kennt, als den praktischen Nutzen des Wassers. Wie einladend winkt da das freundliche Gasthaus, in dem der Wanderer zu seiner großen Freude vernimmt, daß eben frisch angestochen wurde. Ein prüfender Blick auf das volle Glas hat das bestätigt. Hei, wie das schmeckte! Der dienstbare Geist ist auch ordentlich erfreut über das Wohlbehagen, das sich auf dem Antlitz des Gastes nach dem ersten kräftigen Zuge ausprägt. Freilich mag das Vergnügen noch die Aussicht erhöhen, daß es noch lange nicht das letzte Glas ist, um das der Fremde heute die Biervorräthe des Wirthes verringern wird. Pros't! -S-KWcS- Allerlei. Die englische Monatschrift „The new Neview" veröffentlicht bisher unbekannte „Memoiren", die über das Leben und Treiben am Hofe des spanischen Königs Ferdinand VII. neues Licht verbreiten. Die „Nation" giebt aus diesen Erinnerungen folgende anschauliche Schilderung wieder: Ferdinand, der Gemahl der späteren Königin-Regentin Christine, hatte bekanntlich durch eine pragmatische Sanktion im Jahre 1830 — kurz vor der Geburt der späteren Königin Jsabella — die Ansprüche weiblicher Nachkommen auf den spanischen Thron sicher gestellt und dadurch zugleich die Erbansprüche seines Bruders Don Carlos zerstört.,. Als nun wenige Jahre später der König in eine schwere Krankheit verfiel, suchte die carlistische Partei, an deren Intriguen sich auch der Premierminister Calomarde betheiligte, den todkranken König zu bewegen, von der pragmatischen Sanktion zurückzutreten. Die „Memoiren" erzählen nun weiter Folgendes: Die Carlisten hatten keinen Augenblick mehr zu verlieren; Calomarde setzte das Papier, durch welches die Tochter des Königs von der Thronfolge ausgeschlossen werden sollte, auf und erlangte ohne große Schwierigkeiten die Unterschrift des todkranken Königs. Die Königin Christine, durch Nachtwachen geschwächt, entmuthigt, verlassen, von Feinden umgeben, hatte nicht die Kraft, dem Komplott Widerstand zu leisten. Die in der Form eines Kodizills verfaßte Urkunde war kaum unterzeichnet, als Ferdinand in einen starrkrampfartigen Schlaf verfiel. Man nahm an, er sei todt, und Calomarde erklärte öffentlich, daß er es sei. Der französische Gesandte sandte die Nachricht nach Paris, und Christine dachte daran, zu fliehen! Ihre Sachen wurden thatsächlich schon gepackt. Don Carlos benahm sich als König. Die Höflinge begrüßten ihn mit dem Titel Majestät, das Volk sammelte sich um den Palast, bereit, dem neuen Herrscher zu huldigen. Da ereignete sich etwas völlig Unerwartetes. Die ältere Schwester der Königin Christine, die Jnfantin Carlotta, Gemahlin eines jüngeren Bruders des Königs, des Jnfanten Franz de Paula, erschien plötzlich auf der Bildfläche. Donna Carlotta hatte seiner Zeit die Heirath ihrer Schwester Christine mit dem König Ferdinand vermittelt und auch bei dem Zustandekommen der pragmatischen Sanktion ihre Hände im Spiele gehabt. Jetzt kam sie wie ein Wirbelwind in den Palast des sterbenden Königs. Sie hatte in ihrer Residenz, tief im Innern von Andalusien, erfahren, was vorging: die Krankheit des Königs, sein vermuthliches Ende, die Intriguen der Carlisten, ihrer Schwester verzweifelte politische Lage und die mutmaßliche Zerstörung ihres eigenen Werkes. Ohne Zeit zu verlieren, hatte sie anspannen lassen und kam nun in fliegender Hast, entschlossen um jeden Preis ihrer Nichte Jsabella die Krone zu retten. Die erste Person, auf welche sie im Palast stieß, war kein Anderer, als Calomarde selbst. Es kam zu einer heftigen Auseinandersetzung in der Galerie des königlichen Schlosses. Calomarde versuchte, die Jnfantin am Weitergehen zu hindern. Die Jnfantin überhäufte ihn mit Vorwürfen. Als aber Alles nichts half, schrie sie außer sich vor Wuth den Premierminister an: „Ah, Sie wollen mir den Eintritt verweigern!" und damit gab sie ihm eine schallende Ohrfeige. Der Minister war einen Augenblick starr vor Verwunderung, dann aber verbeugte er sich und sagte gezwungen lächelnd: Zlanoa stlaneas no otksnäair ssnoru: (Weiße Hände beleidigen nicht, Senora!) karo (aber sie treffen), antwortete die Jnfantin, und damit eilte sie in das Gemach des Königs. Hier fand sie ihre Schwester Christine, die völlig den Kopf verloren hatte, unfähig, einen Entschluß zu fassen. Sie redete sie auf italienisch an: Voi siate nun ra^ing, äi ooinrll6<1ia>l (Du bist eine Theaterkönigin!) Und ohne ihrer Schwester weiter Beachtung zu schenken, schreitet die Jnfantin auf das Bett zu, wo der König ausgestreckt liegt, faßt ihn an dem Arm, schüttelt ihn und ruft: „Fernando, Fernando, antwortet mir!" Der König öffnet die Augen und stiert umher. Sobald die Jnfantin dies bemerkt, zieht sie ihn aus dem Bette, stellt ihn auf seine Füße, richtet ihn auf, führt ihn ans Fenster, reiht dieses auf und schreit, indem sie den beinahe leblosen Körper dem erstaunten Volke zeigt, mit lauter Stimme: Gutes Volk, sieh her, Dein König ist nicht todt! Die aufregende Scene, deren Einzelheiten früher niemals bekannt geworden sind, wenn gleich Calomardes Antwort auf die Ohrfeige durch die weiße Hand der Jnfantin Carlotta Berühmtheit erlangt hat und in L-panien sprichwörtlich wurde, drehte die Dinge um, wie man einen Handschuh umkehrt. Ferdinand, ins Leben zurückgerufen, erfuhr, was vorgefallen war, und wurde von rasender Wuth gegen den Premierminister und gegen seinen Bruder Don Carlos erfüllt. Diese Wuth stellte ihn soweit wieder her, daß er seinen Willen kund thun konnte, und er lebte noch gerade lange genug, um die Urkunde, die ihm von Calomarde abgeschwindelt war, zu zerreißen, ein neues Ministerium zu ernennen und seine Gattin Christine zur Regentin zu machen. So wurde durch die „rnunos plunoas" einer thatkräftigen Frau dem Schicksal des spanischen Volkes und des spanischen Herrscherhauses eine entscheidende Wendung gegeben. -» 4^« t >» - 4) zsr -V PostMung". ^L44. Ircitag, den 1. Juni ^ - 1864» <> / «c- - Mr die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in AnaSburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Tante Kanna's Geheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) War diese plötzliche Ruhe eine erkünstelte oder ein neues krankhaftes Symptom? Diese Frage hatte vom psychologischen Standpunkte aus ein großes Interesse für den Arzt, und sein scharfes Auge ruhte prüfend auf dem feinen Profil, das wie aus Marmor gemeißelt erschien, der schöngeformten, etwas großen Hand, welche jetzt keine Spur der vorherigen Erregung, nicht das leiseste Zittern mehr zeigte. Sie reichte ihm den Bogen Papier, — rasch überflog sein Blick das Geschriebene. Er wunderte sich über den klaren, knappen Gedankengang, mit welchem sie ihm ihre Vollmacht ertheilte, mit Herrn Julius Steindorf dahin zu verhandeln, daß die Heirath ihres leidenden Zustandes halber auf eine unbestimmte Zeit hinausgeschoben werde, damit beide Theile die nöthige Frist zur Sclbstprüfnng hätten und eine kindische Ueberstürznng bei einem so hochheiligen Schritte ausgeschlossen bliebe. Sie wünsche diese Frist in völliger Trennung von ihm zu verleben und wäre, falls Herr Steindorf unter diesen Verhältnissen auf einer Aufhebung der Verlobung bestände, zu jedem Opfer, was ihr Vermögen anbelange, bereit. — Herr Doctor Peters habe nach dieser Richtung hin die unumschränkteste Vollmacht znm Handeln von ihr erhalten. „An und für sich betrachtet," bemerkte der Doctor, den Bogen zusammenfaltend und sorgsam in seine Brieftasche legend, „wäre dieß jetzt eigentlich die Domäne Ihres Sachwalters. Doch hoffe auch ich als Ihr aufrichtiger Freund Ihr Glück in einer Weise zu fördern, daß Sie die so vollständig abhanden gekommene Harmonie Ihres Wesens wiederfinden. Und die Adresse dort darf ich auch mitnehmen?" Armgard schnitt das Couvert auf, zog den Brief an ihren Verlobten hervor und warf denselben in den Schreibtisch. Dann überreichte sie das Couvert dem Arzte, verschloß den Tisch und erhob sich, um Schirm und Handschuhe wieder zu nehmen. „Ich habe lange auf mich warteu lassen, mein alter Conrad wird eingeschlafen und die Pferde ungeduldig geworden sein," sprach sie ruhig mit einem schattenhaften Lächeln. „Kommen Sie, lieber Doctor, ich muß jetzt fort." „Täusche ich mich, Fräulein Armgard, oder sind Sie wirklich ruhiger geworden?" Doctor Peters sah ihr bei diesen Worten forschend in die Augen. „Ich bin's in der That, — weiß ich doch, daß das Wohl und Wehe meiner Zukunft in Ihren Händen jetzt ruht, mein väterlicher Freund, und daß ein treues, aufrichtiges Herz mich nicht verkennt. Haben Sie Dank dafür, daß Sie die Qual jener tödtlichen Ruhelosigkeit von meiner Seele genommen." Sie drückte' ihm krampfhaft die Hand und eilte hinaus, während der alte Herr langsam folgte und noch eine Weile dem Wagen nachfolgte, bis er um eine Ecke verschwunden war. * * * Herr Julius Steindorf flanirte mittlerweile in der romantischen Gegend des haunoverschen Leinethals umher, genoß die Reize der Natur, sowie die einer wohl- besetzien Tafel in den besten Hotels, da es ihm an guten Banknoten nicht mangelte, und trug viel mehr den wohlsituirten Lebemann und glücklichen Besitzer einer reichen Braut als den trauernden Vater zur Schau. Er besuchte auch die Universitätsstadt Göttingen wo er einst studirt, vermied es aber, alte Freunde und Bekannte aufzustöbern, indem er sich damit begnügte, das studentische Treiben zu beobachten und die Zeit todtzuschlagen. Hier wollte ihn Doctor Peters treffen, weil Steindorf seiner Braut diese Stadt für ihr Antwortschreiben bezeichnet hatte. Man sagte dem Doctor im Hotel, daß Herr Steindorf einen Ausflug nach Mariaspriug, einem reizenden Vergnügungspunkt der Umgegend, unternommen habe. Dem alten Arzte, der hier ebenfalls studirt, ging das Herz auf beim Anblick der E rinncrungsstätte seiner schönsten Jahre, doch durfte er nicht rechts noch links schauen, da seine Mission diesem Manne gegenüber eine äußerst schwierige war. So rüstete er sich denn zur Mensur, wie er sich sagte, um einem Kampf auf Leben und Tod entgegenzugehen. Herr Steindorf saß behaglich vor einer Flasche Wein und einem guten Imbiß, als Dr. Peters, den Hut lüftend, auf ihn zutrat. DaS scharfe Auge des alten Herrn bemerkte es sehr wohl, daß sich Steindorf's Gesicht bei seinem Anblick verfinsterte und ein stechender Blick wie ein Fragezeichen ihn traf. 334 „Ich habe Sie bereits in Ihrem Hotel gesucht, Herr Steindorf l" nahm der Doctor nach der ersten Begrüßung sofort das Wort, „und darf mit Ihrer Erlaubniß wohl gleich losschießen, das heißt auf den Hauptzweck meines Hierseins kommen." Julius Steiudorf sah ihn befremdend an und verbeugte sich zustimmend. „Ich komme nämlich im Auftrage Ihrer Braut," fuhr Dr. Peters rasch fort, „und muß Ihnen von vornherein bemerken, daß dieser Auftrag sehr heikler Natur ist, weßhalb ich bitte, sich nicht zu Ungehörigkeiten gegen Mich fortreißen zu lassen. Sie werden sich jedenfalls erinnern, daß ich bereits Hausarzt bei den seligen Eltern des Fräuleins gewesen bin, demnach in ihrem Haufe eine Art Vertrauensstellung einnehme." Wieder verbeugte sich Steindorf schweigend, ohne dem Doctor auch nur eine Linie breit entgegen zu kommen. Der alte Herr räusperie sich und fuhr dann nach kurzem Nachdenken wieder fort: „Also, um es kurz zu machen, Fräulein Armgard Holten, deren Arzt ich ja auch jüngst nach der beklagenswerthen Katastrophe gewesen, ist noch sehr leidend, das heißt körperlich leidlich gesund, während ihr Seelenzustand die sorgsamste Berücksichtigung erfordert. Die Nebcrstnrzung des Aufgebots nach der kurzen Verlobung hat alle Welt, mich aber ganz besonders in Erstaunen gesetzt, weßhalb die ärztliche Pflicht mir gebietet, Protest dagegen einzulegen." „Ah!" machte Steindorf, das Glas, welches er soeben zum Munde führen wollte, rasch niedersetzend und den Doctor erwartungsvoll anblickend. „Ich habe Ihrer Braut davon Mittheilung gemacht, und sie mußte mir einräumen, daß ihr jetziger Seelenzustand ein zu qualvoller ist, um ihre körperliche Gesundheit nicht über kurz oder lang gänzlich zu untergraben. Die blutige Katastrophe hat sie seelisch derartig aus dem Gleichgewicht gebracht, daß ich es ebenso wenig fasse, weßhalb Sie nicht mindestens das übliche Trauerjahr um Ihr Tochterchen innegehalten, als daß Fräulein Holten sich Ihrem Wunsche oder Willen hierin so apathisch hat unterordnen können." „Sind Sie zu Ende?" fragte Steindorf, als der Doctor schwieg. „Bewahre, wir sind ja erst am Anfang, doch dürfte ich immerhin eine Antwort von Ihnen erwarten." „Die soll Ihnen werden, mein Herr Doctor! Bevor ich indeß weiter mit Ihnen rede, werden Sie mir hoffentlich irgend eine Vollmacht von meiner Braut, welche Sie zu solcher Rederei mir gegenüber berechtigt, vorzeigen können." „Versteht sich, das ist ganz in der Ordnung," erwiderte Dr. Peters, bedächtig seine Brieftasche hervorziehend und derselben den zusammengefalteten Bogen entnehmend. Er bemerkte dabei sehr wohl die nervöse Unruhe in den Augen seines Gegners, den diese Umständlichkeit in eine stille Wuth versetzte. Der Doctor war boshaft genug, sich darüber zu freuen. „Bitte, lesen Sie, Herr Steindorf!" Dieser nahm den Bogen und überflog ihn hastig, wobei seine Augen einen immer starreren Ausdruck annahmen. Plötzlich ballte er das Papier zusammen und warf es mit einem kurzen, verächtlichen Auflachen auf den Tisch. „Was hat man Ihnen dafür gezahlt oder versprochen, um dieses Kunststück fertig zu bringen?" fragte er, mit einer verächtlichen Bewegung sich erhebend. „Weßhalb haben Sie meine Braut nicht gleich der Sicherheit halber in eine Heilanstalt gebracht? Oder glauben Sie wirklich, mich mit einer solchen groben Spiegelfechterei täuschen, meine Braut mir abwendig, das bereits erfolgte Aufgebot rückgängig machen zu können? — Oho, mein Herr Doctor, Sie sollen mich kennen lernen, da meine Braut ganz offenbar unter dem Einflüsse Ihres ärztlichen Zwanges hat handeln müssen. Ich Ihrer Vollmacht mich beugen, mit Ihnen um mein gutes Recht, um mein Glück feilschen? — Niemals! Ich bin Mannes genug, Ihnen und der ganzen Welt den Handschuh hinzuwerfen, melden Sie das Ihren eigentlichen Auftraggebern." „Sie täuschen sich ganz gewaltig, mein lieber Herr!" versetzte der Doctor, ruhig den zerknüllten Bogen wieder glättend, „es läge sicherlich in Ihrem Vortheil, sich mit mir zu verständigen, da Fräulein Holten Sie durchaus nicht liebt?" „Das hat sie Ihnen gesagt?" „Steht denn das nicht deutlich genug zwischen diesen von ihrer Hand niedergeschriebenen Zeilen? — Das müßte denn doch ein Blinder sehen, daß die Hand nicht dabei gezittert, das Herz sich also durchaus nicht erregt hat. Doch, wie Sie wollen, mein werther Herr! — Nur soviel sei noch gesagt, daß diese Vollmacht sofort nach meiner Heimkehr gesetzliche Kraft erhalten wird. Sie können in diesem Augenblick noch Ihre Forderung nach Belieben aufstellen, später wird man Sie als Fremden behandeln. Daß Ihre Liebe für Fräulein Armgard so groß ist, um einen verzweifelten Schritt zu befürchten, glaube ich nicht, mein bester Herr Steindorf, also —" „Genug, Herr Doctor!" unterbrach ihn jener mit einer theatralischen Bewegung, „wir sind jetzt mit einander fertig, doch sollen Sie bald genug wieder von mir hören." Ohne Gruß eilte er mit großen Schritten fort, und kurz darauf hörte der Doctor von eigem Kellner, daß der Herr, welcher zu Pferde gekommen, soeben im Galopp davongespreugt fei. Dr. Peters ließ sich Bier bringen und lächelte still vor sich hin. Die alten Zeiten stiegen vor ihm auf, seine Jugend, die schönen Tage akademischer Freiheit, welche ihn hier in dem lieblichen Mariaspring so oft gesehen, bis er plötzlich erschreckt sich wieder auf die Gegenwart besann. „Donner und — nun setzt sich der heillose Mensch auf die Bahn und saust vor mir nach Edenhcim zurück, um die Arme wieder zu umgarnen." Er bezahlte eiligst, ließ seinen Wagen anspannen und fuhr nach Göttingen zurück. Nichtig, Herr Steindorf war mit dem gerade zur Abfahrt bereitstellenden Zuge schon nach der Heimath zurückgefahren, und Doctor Peters hatte einstweilen das Nachsehen. Er speiste dann mit großer Gemnthsruhe, weil der nächste Zug erst nach zwei Stunden von Frankfurt kam, und überlegte dabei, wie er dem Einflüsse des Sappermcnters bei der bedauernswerthen Armgard Holten begegnen könne, als plötzlich die Thür des Speisezimmers heftig aufgestoßen wurde und ein junger, ziemlich auffällig gekleideter Mann mit einem breitrandigen Strohhut auf dem knrzgeschorenen Kopf in großer Erregung hereinstürmte. 335 Der junge Mann, welcher den Ausländer stark zur Schau trug, ließ sich eiligst an der langen Tafel, wo nur wenige Herren speisten, nieder, schlug mit seinem Stock auf den Tisch und befahl dem herbeieilenden Kellner im brüsken Tone, ihm rasch das Beste, was in Küche und Keller vorhanden, herbeizuschaffen. Er warf dabei eine Doppelkrone auf den Tisch und fuchtelte ungeduldig mit dem goldbeknopften Stock umher, als Hütte er die größte Lust, die ganze Gesellschaft durchzu- hauen. „Warum auch nicht?" murmelte Dr. Peters, dem dieser Gedanke gekommen, „der Bursche scheint ja Geld genug zu haben. Wo in aller Welt ist mir dieses Gesicht — ach, das ist ja Mr. Janker, den ich droben im Försterhause mit dem Commissar traf; wo hatte ich denn nur meine Angen? Ob er mich nicht wiedererkennt?" Des Fremden Augen sielen in demselben Moment auf den Doctor und nahmen einen forschenden Ausdruck an. Der alte Herr verbeugte sich lächelnd. „Ich denke, wir sollten uns kennen," sagte er. „Calculire auch so," erwiderte Mr. Hilbrecht, „sind vielleicht der alte Doctor, welcher den armen Mr. Mar- bach heraus- oder hineinflickt, meine in die Erde, ha, ha, hal" Der Doctor verbeugte sich und lachte mit. Einem solchen Burschen etwas übel zu nehmen, — lächerlich. „Ja, ich bin Or. Peters," sagte er, „und Sie sind doch herüber gekommen, um den Schinderhannes mit einsangen zu helfen, der unsern armen Marbach so schändlich zugerichtet hat?" „Und den guten Jungen, den Mr. Warneck, um die Ecke gebracht hat, ^ss, 8ir, will den Schuft von William Prien einsangen, so wahr ich mich John Hilbrecht nenne. Hätte ich nur meinen Revolver bei mir gehabt, er wäre schon jetzt ein todter Mann gewesen." Der Doctor sah ihn ganz verblüfft an, hatte er's mit einem Betrunkenen oder Verrückten zu thun? „Wer wäre denn eigentlich von Ihnen mit dem Revolver befördert worden, Mr. Hilbrecht?" fragte er, ihn prüfend anblickend. „Mr. Prien, wer anders denn?" — Komme mit dem Zuge an, hab' die Kreuz und Quer nach einem Mr. Eckert gesucht, kann ihn nicht finden. Schlechte Polizeiwirthschaft, bzr llovs, wäre drüben schon längst eingesungen." „Wer ist Mr. Eckert?" „Detectiv, schreibt seine Adresse an den Mister vom Criminnl, — und ich reise hin, um Mr. Prien's Persönlichkeit festzustellen. — Keine Spur von einem Detectiv." „Er wird sich als solcher auch nicht declarirt haben, Mr. Hilbrecktl" sprach der Doctor, sich Kaffee bestellend und eine Cigarre anzündend. „Vielleicht hat er sich einen anderen Namen beigelegt. — Wie sind Sie denn eigentlich hierher gerathen?" „War da in einem Harzneste, weiß nicht mehr den Namen, fragte nach meinem Mann und erhielt eine Beschreibung, welche genau auf Mr. William Prien paßt. ^.11 riAbt, sage ich, und fahre nun von Ort zu Ort, verfolge wie ein Indianer die Spur und komme hierher. Als ich aussteige, will just ein anderer Zug abfahren, und wer springt in ein Coups? Mr. Prien. Ich wie der Blitz hinterher, — da saust der Zug fort und ich hab' das Nachsehen. Weiß aber nun, daß er hier ist, soll mir nicht entwischen, der olä bozr!" „Versteh' ich recht, so haben Sie den Menschen gesehen, den man in Verdacht hat, den Herrn Warneck erschossen zu haben," sagte der Doctor, nun selber ganz erregt. Der Amerikaner nickte. „Den Henker auch," fuhr vr. Peters fort, „daun müßte man ja sogleich hinterdrein. Hat der Bursche Sie gesehen und erkannt?" „Glaub' nicht, — schaute weder rechts noch links, schien es höllisch eilig zu haben. Müssen noch über zwei Stunden hier warten, oder Extrazug bezahlen. Wollen Sie mithalten, Sir?" „Was? ich einen Extrazug bezahlen?" rief der alte Herr ganz entsetzt, „das sollte mir einfallen, da eS mir im Grunde gleichgültig ist, ob der Mörder geköpft wird oder nicht." „Hckl ritz-Irt!" stimmte Mr. Hilbrecht, ihm zunickend, bei, „ist ganz vernünftig von Ihnen, Sir! — Ich aber will ihn hängen sehen, das will ich!" Er bekräftigte diesen Entschluß mit einem Faust- schlag auf den Tisch, welcher alles darauf Befindliche in's Schwanken brachte. „Guten Tag, Herr Doctor!" Mit diesem Gruß trat im selben Augenblick ein einfach, aber sehr anständig gekleideter Tourist, welcher seit einigen Minuten der Unterhaltung am Tisch mir sichtlichem Interesse gefolgt war, näher. Dr. Peters blickte den Herrn überrascht an und nickte dann freundlich. „Guten Tag, mein lieber Wolfius! — Was haben Sie denn hier in Göttiugen zu thun? Wollen Sie Umversitäts-Stndien machen?" „Herr Doctor haben immer einen Witz für mich in Bereitschaft," erwiderte Wolfius, dessen geheime Detectiv-Funciion der alte Herr nicht kannt", indem er ihn für einen gewöhnlichen Agenten hielt. „Ich habe einen Auftrag für Herrn Julius Steiudorf, den ich hier in Göttingen treffen sollte. Sie haben ihn wohl nicht gesehen, Herr Doctor?" „Herrn Steiudorf? — Gewiß habe ich ihn gesehen und auch gesprochen. Er ist jedoch mit dem vorigen Zuge nach Moorkirch zurückgefahren." „Ach, das ist schade," sagte Wolfius im bedauernden Tone, „hätte ihn so gern gesprochen, er sollte nämlich, wie es heißt, sich hier bei uns in der Nähe ankaufen wollen, und da habe ich ein prachtvolles Gut für ihn in Vorschlag. — Halb und halb ist mir die Geschichte auch nicht recht glaublich, da er mit seiner Braut ja das schönste Gut der Welt, das schuldenfreie Edenheim, erhält." „Allerdings," meinte der Doctor, „es müßte denn sein, daß er sich von der Frau unabhängig machen und ein eigenes Besitzthum dagegen in die Waagschale werfen will. Da könnte er am Ende nächstens sein väterliches Gut Noienhof zurückkaufen, da der arme Marbach wohl sterben wird." „Ach, was Sie sagen, Herr Doctor! — Er muß wirklich sterben?" rief Wolfius mit ungeheuchelter Theilnahme. „Der prächtige, junge Herr, wie mir das leid thut. Wenn man doch den Thäter packen könnte, wel- 336 cher die ganze Gegend unsicher macht und so viele Schandthaten auf dem Gewissen hat. Ich könnte den Verruchten mit kaltem Blute köpfen sehen." „Wollen ihn schon packen," sprach jetzt der Amerikaner, ingrimmig ausspuckend, dazwischen. „Kenne den Burschen wie meinen Augapfel, — ist mir diesmal entwischt, aber ich stelle ihn wieder, oder ich will verdammt sein." „Sie haben den wirklichen Mörder gesehen?" fragte Wolfius, dem eine leichte Nöthe als einziges Zeichen der Erregung in's Gesicht gestiegen war, mit halblauter Stimme. „^68, den wirklichen Mr. Prien, um desscntwillen ich von Amerika herüber gekommen bin." „Dann sollten Sie lieber etwas leiser sprechen," Meinte Wolfius, „der Bursche könnte Freunde haben, welche ihn warnen. Weßhalb haben Sie ihn denn nicht gepackt, und wo ist er geblieben?" „Konnte ich vielleicht hinter'm Zuge herlaufen, der ihn nach Moorkirch entführte? Dort treffe ich ihn, will seine Spur schon wiederfinden, hab' eine feine Nase darin. Brauche den deutschen Detectiv nicht, der sich irgendwo verkrochen hat." (Fortsetzung folgt.) -»-I-*-«—-- Passionsssiiel in Waal bei Bnchloe. * Es ist vielleicht nicht allgemein bekannt, daß die Darstellungen des Leidens und Sterbens des göttlichen Heilandes in Bayern oberstbehördlicher Genehmigung unterworfen sind, und dennoch ist es interessant, das zu wissen. Ich weiß nicht, welche Motive für diese Einschränkung maßgebend waren, aber ich bin der Meinung, daß eine solche Einschränkung, wenn der StaatSregierung an der Heilighaltung der Religion und dessen, was damit zusammenhängt, aufrichtig gelegen ist, das einzige Mittel ist, eine ärgernißerregende Prosanirung des heiligen Dramas hinianzuhalten. Es fehlt bekanntlich nicht an Solchen, welche die dramatische Darstellung der Passion des Herrn überhaupt nicht als zulässig erklären, eine Ansicht, über deren Stichhaltigkeit eine Untersuchung anzustellen ich mich nicht für berufen halte; wieder Andere sagen, einzig allein Oberammergau sei dazu berufen, die Passion würdig darzustellen, ein Standpunkt, der schon ein allgemeinerer genannt werden darf; mir aber erscheint zunächst als Haupterforderniß, daß bei derartigen Schaustellungen die Unternehmer sich wenn nicht von religiösen, so doch zum Allermindesten von idealen Absichten leiten lassen und jedes Spckulationsgclüste ausgeschlossen bleibe, was man ja auch bei den Oberammergauern gelten lassen kann, insoferne man den abfallenden Gewinn lediglich als nothwendiges Acquivalent für den großen Aufwand an Zeit und Kosten betrachtet. Wenn nun der Theaterverein in Waal sowohl die ministerielle als die oberhirtliche Genehmigung für Aufführung der Passion in seinem, für das profane Schauspiel wenigstens recht hübsch und zweckmäßig eingerichteten, im Jahre 1886 an Stelle des abgebrannten neu erstandenen Schauspielhause erlangt, so darf man wohl voraussetzen, daß an den betreffenden hohen Stellen die Intentionen dieses Vereins als löbliche erkannt worden und daß man sich von dem Vereine versah, daß er bestrebt sein werde, seine sich gestellte Aufgabe in würdiger, der Heiligkeit des Gegenstandes entsprechender Weise zu lösen. Daß löbliche Intentionen vorherrschen, geht wohl schon aus dem Umstände hervor, daß die ausschließlich dem Erwerbsstande angehörigen Darsteller auf jede persönliche Entlohnung verzichten und daS Neinerträgntß dem Kirchenrestaurationsfonds zufließen soll. Daß das Bestreben nach Würdigkeit vorhanden ist, diesen Eindruck machte mir trotz der nicht zu übersehenden kleinen Mängel, die zum größten Theile in der etwas übereilten Einstndirung und Vorbereitung begründet sind, die erste Aufführung ganz entschieden. Mit allzuhohen Ansprüchen darf man freilich nicht nach Waal kommen, vor Allem muß man verzichten, Vergleiche mit Oberammergau zu ziehen. Das ist schon aus dem Grunde unzulässig, weil die einmal vorhandene Bühne total verschieden ist von jener dort. Der großen Vortheile, welche die Freilichtbühne sowohl in Bezug auf Erzeugung von Stimmung als in Bezug auf perspektivische Wirkung vor dem geschlossenen, künstlich erhellten Theater voraus hat, sind die in Waal von vornherein verlustig. Kleine Verstöße und Mängel, welche in Oberammergau, weil der Beschauer weit weggerückt ist, kaum beachtet werden, fallen hier schon als sehr störende auf, was ich ebenso den Darstellern als den Zuschauern zu beherzigen geben möchte, letzter», um sie zu bestimmen, bei ihrer Kritik nicht das unerläßliche Wohlwollen vermissen zu lassen, dessen ja auch ich mich bei Betrachtung des Waaler Passionsspieles befleißigte. Wer mit einem gewissen Wohlwollen nach Waal kommt, der wird dasselbe gewiß nicht unbefriedigt verlassen. Dazu kommt noch, daß der Flecken an sich schon gelegentlich einmal eines Besuches werth ist. In einem grünen und, wie mir geschienen, auch fruchtbaren, durch viele Ortschaften belebten Thale gelegen, mit weithin sichtbarer Kirche und stattlichem Schlosse, dieses dem fürstlichen Hause von der Lehen gehörig, bietet derselbe mit seinen freundlichen, zwischen Gärten zerstreuten Häusern einen anmuthigen, idyllischen Anblick. Wer die langgestreckte, von der klaren, frischen Singold durchrieselte Hauptstraße entlang wandelt, kann mit einiger Phantasie sogar eine Aehnlichkeit mit der Hauptstraße in Oberammergau herausfinden, wenn er nicht an den dortigen malerischen Aufputz der Häuser denkt. Die mitten im Flecken liegende Kirche, vom Thurme abgesehen ein rein gothischer Bau, bietet zwar kein archäologisches oder besonderes künstle- risches Interesse, weist aber einen recht hübschen Schmuck an der Neuzeit entstammenden gothischen Altären und Glasgemälden auf. Das fürstliche Schloß macht auch in der Nähe gesehen einen stattlichen und trotz oder vielleicht wegen seiner einfachen Architektur auch vornehmen Eindruck. Der dasselbe umgebende stattliche Park, hinten durch eine schattige Kastanien-Allee begrenzt, von welcher aus ein prächtiger Ausblick auf die Gebirgskette, ist eines Fürstensitzes würdig. Das Theater liegt vor dem Orte draußen, der Weg dorthin führt vorüber an dem stark übertäubten Schloßkeller, an heißen Sommertagen bei frischem Trnnke wohl ein recht angenehmer Aufenthalt. Das Theater erinnert einigermaßen an jenes im Schießgraben zu Augsburg, nur ist es etwas größer und weist einen Vorbau und Unterbau aus Backsteinen auf. Beim Eintritte gemahnt sofort ein am Vorhänge angebrachtes, mit weißem Linnen drapirtes Kreuz an den Zweck, welchem das Haus zur Zeit dient. Es ist daS Erstemal, daß darin Passion gespielt wird, obwohl akten- mäßig Nachweisbar in Waal schon Passionsvorstellmigen stattgefunden haben in den Jahren 1815, 1828, 1849, » > 337 » 1875 und 1883. Daß die ersten Theatervorstellungen, welche unter Anleitung des Pfarrers v. Langen mantel schon Ende des vorigen Jahrhunderts in Waal stattgefunden, auch der Darstellung der Leidensgeschichte des Heilands gewidmet waren, ist mit Sicherheit anzunehmen. Als Grundlage für die diesjährigen Passionsdarstellungen, welche am Sonntag 20. Mai ihren Anfang genommen, wurde der ältere vorhandene Text genommen. Der Umstand, daß dieser gerade nicht zu den besten gehört, sowie der weitere, daß bei der Neubearbeitung vielfach über den biblischen Nahmen hinausgegangen wurde, daß überdies mehrere Hände an dem Ganzen herum- modelten, weil die erste Bearbeitung seitens der kirchlichen Behörden beanstandet werden mußte, war für das Ganze natürlich nicht von Vortheil. Die die einzelnen Szenen einleitenden Prologe hat Herr Präpa- randenlehrer Otto Kaufmann in Landsberg verfaßt. Besonderer Schwung und Glätte ist diesen Versen nicht nachzurühmen, aber sie sind dem Verständniß des Volkes angemessen und halten sich genau an die biblische Darstellung. Da sie zudem von Frln. Anna Huber und Frln. Hilfslchrerin Viktoria Kollmann mit großem Verständniß und gutabgepaßter Klangwirkung vorgetragen wurden, so verfehlten sie nicht, Stimmung und Eindruck zu machen. Die Chöre wurden entlehnt von Heinrich Fidelis Müller, Dechant in Amöneburg. Dieselben, in Verbindung mit lebenden Bildern schon unzähligemal aufgeführt, haben längst glänzend Probe bestanden. Sie erzielen ob ihrer äußerst gelungenen Harmonisirung, selbst mit wenigen Kräften vorgetragen, eine prächtige Klangwirkung, dabei sind sie, ohne geradezu einen kirchlichen Charakter zu haben, dem Texte genau angepaßt. Da sie zum Auswendiglernen ursprünglich nicht bestimmt waren und ziemlich geschulte Kräfte voraussetzen, so mag Herr Lehrer Lohmer ein schönes Stück Arbeit bei der Ein- studirung aufgewandt haben, denn die Chöre gingen, ob- schon bezüglich einer feineren Nuancirnug noch Manches geschehen kann, mit einer Sicherheit, die wir in demselben Maße auch der übrigen Ausführung gewünscht hätten. Gekleidet sind die Mitglieder des Chores, wie in Oberammergau, in griechisches Gewand, und ihr Auftreten ist ein würdiges, gemessenes. Trotz der erwähnten Müngel ist das Szenarium derart, daß, wenn Alles sicher klappt, was ja uach ein paar vorläufig noch als Proben zu betrachtenden Vorstellungen der Fall sein wird, recht wohl eine eben so dramatische wie erbauliche Wirkung möglich ist. Besonderes Augenmerk hat die Regie noch auf die Ensembles zu richten. Vor Allem müssen die Gruppenbil- dungen noch natürlicher, ungezwungener werden, was auf der kleinen Bühne allerdings seine Schwierigkeiten hat. Was in dieser Beziehung aber geleistet werden kann, das haben uns die Kraiburger gezeigt. Daß denen in Waal das Komödie-Spielen nichts Freuides ist, das läßt sich aus den Leistungen der meist auftretenden Schauspieler wohl erkennen. Man sieht da Verständniß für den Text, ziemlich routinirte Bewegung und bei Manchen sogar ein recht schönes Sichhineinleben in die Rolle. Es zeigte sich das selbst noch bei Jenen, die mit dem Memoriern noch nicht fertig geworden zu sein scheinen, wie beispielsweise beim Darsteller des Kaiphas, der übrigens merkwürdigerweise auch die größte Rolle hat. Eingeleitet wird die Vorstellung durch ein Präludium auf dem Harmonium, das auch zur Begleitung der Chöre dient, und dessen Klänge auch die kurzen Pausen auszufüllen haben. Gespielt wird es von Herrn Lehrer Lohmer. Alsdann folgt ein Vorspiel, uns vorführend, wie Papst Stephan I. in den Katakomben die Gläubigen zum Martyrium ermuntert, hinweisend auf den Kreuzestod des Erlösers, eine Szene, die nicht ganz ungeeignet ist, auf das kommende erhabene Drama den Sinn hinzulenken. An das Geschaute anknüpfend, weist der Prolog auf Golgatha hin, die Zuschauer ermahnend, nicht zum Vergnügen, sondern der Erbauung halber die Szenen aus der Passionsgeschichte zu schauen. Die erste derselben ist die Berathschlagung des Synedriums über die Habhaftmachnng des verhaßten „Nazareners". Da es hier sehr lebhaft zugeht und die priesterlichen Räthe ihrem Haß in den kräftigsten Tönen und Ausdrücken Lust machen, was sich ja bei größerer Entfernung der Bühne von den Zuhörern sehr gut machen würde, hier aber mehr den Anstrich des Spektakelhnften annimmt, so gelangt man nicht so recht in Stimmung. Diese kommt erst bei dem lebenden Bilde, darstellend das hl. Abendmahl, welches, ohne Uebertreibung gesagt, wunderschön gestellt ist, selbstredend unter Anwendung künstlicher Beleuchtungscffekte. Eigentlich handelnd tritt Jesus zuerst auf dem Oelberge auf. Und ich muß sagen, daß schon die äußere Erscheinung mich sofort gefesselt hat. Der Darsteller, Herr Posthalter Paul Stark, nebenbei bemerkt eine vortheilhaftere Gestalt als Hr. Mair in Oberammergau, versteht es, mit einer schlichten Würde und erhabenen Ruhe aufzutreten, die nicht leicht angelernt werden kann, sondern aus der Individualität selbst hervorgehen muß. Dabei spricht er mit edlem, nie in's Theatralische verfallendem Pathos. Und so wie er uns hier zum Erstenmale entgegengetreten, so hat er sich gehalten bis zum Schlüsse. Man darf mir glauben, mit solch einem „Christus" dürften auch die Oberammergauer sich sehen lassen. Den Vorgang auf dem Oelberge muß ich überhaupt als den gelungensten der ganzen Ausführung bezeichnen. Er würde noch mehr gewinnen, wenn der Engel mit dem Kelche nicht unmittelbar aus den Soffitten käme, was zu sehr au den mechanischen — überdieß nicht ganz geräuschlosen — Vorgang erinnert. Es folgen nun die Hin- und Herführnngen des gefangenen Heilandes vor das Synedrium, Pilatus, Herodes und wiederum Pilatus, die, so nothwendig sie auch zur ganzen Sache gehören, doch den Fluß des Dramas hemmen. Ein erhebender Nnhepunkt dazwischen war das Bild von der Dornenkrönung. Jene Scenen, in welchen Judas handelnd auftrat, waren dramatisch am belebtesten, da der Darsteller derselben, Hr. Knappich, mit großer Lebhaftigkeit agierte. Er hat mir wenigstens mehr imponirt, als sein Collega von Oberammergau. Der Austritt vor dem Gcrichtshause des Pilatus mit der Verurtheilung wurde recht lebhaft gegeben. An die imposante Massenwtrkung von Oberammergau, das Großartigste der ganzen dortigen Passionsdarstcllung, durfte man dabei freilich nicht denken. Hr. Baudrexl, Vorstand des Theatervereins, seines Zeichens Mctzgermeister, war ein stattlicher Pilatus. Die Rolle schreibt ihm so ziemlich ein polterndes Auftreten zu. Das, was dort von ihm verlangt wird, zu moderiren, sei ihm an's Herz gelegt. Auf dem Kreuzwege begegnet uns zum ersten Male die Mutter des Herrn, hier eine edle Erscheinung, wiedergegeben durch Frln. Thekla Würstle. Sie findet sich in den tragischen Ton, wie ich das bei Volksbühnen noch nie gefunden. Was oben vou dem Christusdarsteller mit Bezug auf Oberammergau 338 gesagt wurde, mag auch von ihr gelten. Die Kreuzigungsgruppe entbehrt eines wirksamen, malerischen Hintergrundes, war aber im Uebrigen von großer Würbe und Wirkung. Die Kreuzabnahme erfolgte in derselben Weise wie in Oberammergau, macht aber wegen zu großer Nähe der Bühne nicht den Eindruck wie dort. Den Schluß bildet die Auferstehung und als Apotheose die Verklärung des Auferstandenen mit Schlußchor, ein erhebender Abschluß. Wer, wie schon gesagt, mit Wohlwollen nach Waal geht, der wird wie ich am Abende bei der Heimfahrt (billige Fahrgelegenheit ist nämlich gegeben, obschon man auf dem näheren, aber durch keine Tafel angezeigten Fußwege ebenso schnell den Weg zwischen Buchloe und Waal macht) nicht ohne Befriedigung auf den traulichen Flecken zurückblicken, und wenn ihm dabei auch die Kette der Allgäuer Alpen nicht in so herrlicher Beleuchtung den Abschiedsgruß winkt, wie mir. Mögen diese Zeilen dazu beitragen, recht Viele nach Waal zu führen. Verdienen thun es die biederen Schwaben dort immerhin. A. Planer. -- Die AirMrtrger Weber zn Reichsstadt Zeiten. (Nachdruck verboten.) A. II. Ucbcreinstimmeud mit anderen Chronisten berichtet Paul von Stellen in seiner Geschichte der Heil. Nöm. Neichs Freyen Stadt Augsburg: „Anno 055 wurde die Stadt Augsburg von den Hnngarn hart gcängstiget, dann sie belagerten schon wirklich die Stadt, als ihnen König Otto mit einer gar nicht sehr großen Armee schnell über den Hals gekommen und sie den 10. August auf dem Lechfeld in einem hitzigen Treffen überwunden. Zu diesem Sieg solle der Heil. Udalrich durch sein Gebet und Aufmunterung zum Streit, durch seinen Muth und Tapferkeit gar vieles beigetragen haben. Sonderlich haben auch die Augsburger in diesem Treffen sich hervorgethan» dahero Otto den Webern den Schild, welchen sie von einem Huugarischen Heerführer erbeutet, zum Zunft-Wappen gegeben." Geschichtlich ist diese Darstellung nicht unanfechtbar. Allerdings hatte schon Karl der Große (ft 81-1) aus seinen Meierhöfen durch Leibeigene alles, was zum täglichen Leben nöthig war, anfertigen lassen, nur das Spinnen und Weben blieb ausschließlich die Arbeit des weiblichen Geschlechts. Einhundert Jahre später beschäftigten die Bischöfe und die königlichen Vögte in gleicher Weise an ihren Sitzen die Hörigen, unter denen bereits auch Weber sich befanden. Diese Leute arbeiteten jedoch blos für ihren Gebieter, der ihnen das erforderliche Rohmaterial nebst dem nöthigen Werkzeug gab und für ihren Lebensunterhalt sorgte, daher sie nicht als Handwerker in dem Sinne erscheinen, als wollten sie mit den sich angeeigneten gewerblichen Fertigkeiten dem gemeinsamen Bedürfnisse dienen, sei es vereinzelt, sei es in irgend welcher Vereinigung unter sich. So mögen auch die Verhältnisse in Augsburg gewesen sein, als die Hunnen den Lech überschritten und vom 7. bis 9. August 955 die Stadt hart bedrängten. Bischof Ulrich rief zur Vertheidigung alle Männer, freie und hörige, herbei, und als König Otto mit seinem Heer sich näherte, stieß der Landvogt mit dem ganzen Hansen zu demselben, und am 10. August floh Attila mit dem Nest seiner Barbaren über den Lech zurück. Der heilige Ulrich nahm an der Schlacht persönlich nicht Theil, daß aber bei dem heftigen Ringen um den Sieg unter seinen und des Vogts Dienstlenten die Weber sich besonders auszeichneten und daß ihnen der Schild eines erschlagenen Anführers der wilden Horden zur Beute geworden war, hat an sich nichts Unwahrscheinliches. Gänzlich unmöglich ist aber die Erzählung von der Verleihung der Trophäe als „Zunft-Wappenschild", denn sie setzt dabei bürgerliche Verhältnisse voraus, welche erst 3- bis 400 Jahre später eintraten. Wann und unter welchen Umständen die Weber mit dem roth und gelb qnadrirten Wappen begnadigt worden waren, muß bei dem Mangel urkundlicher Nachweise eine offene Frage bleiben. Mit dem Eintritts Augsburgs in die Reihe der freien Städte des Reichs entwandten sich die Gewerbe der lästigen Fessel der Leibeigenschaft, und keines nahm so rasch an Umfang zn, als das der Weber. Auf goldenem Boden arbeitete der Webstnhl und der lohnende Verdienst lockte viele Weber aus dem offenen Lande hinter die schützende Mauer. Unter den Hereingezogenen befand sich 1367 Hans Fugger aus Graben, einem Dorfe aus dem Lechfeld, und sein Name wurde in der Geschichte der Gewerbe der glänzendste, da er durch außerordentliche Ereignisse einen europäischen Ruf erlangte und seine Träger Zn einem sprichwörtlich gewordenen Reichthum kamen, wobei allerdings der Betrieb des Bergbaues auch mitgewirkt hatte. Hans Fnggers Sohn erwarb 1370 durch Verheirathnng daZ Bürgerrecht, wurde in den Rath gewühlt und hinterließ in Folge glücklich geführten Lein- wandhandcls 1409 den Kindern das beträchtliche Vermögen von 3000 Gulden. Der Sohn Jakob, gleichfalls ein Weber, besaß ein Haus am Eöggingcrthore. Schon die nächste Generation hatte sich so emporgearbeitet, daß sie mit den hervorragendsten Familien eheliche Verbindungen einging. Ungeachtet aber Kaiser Friedrich III. die Fugger durch das Wappen mit den zwei Lilien geschmückt und Kaiser Maximilian I. demselben 1530 die Grafenkrone aufgesetzt hatte, ließen Raimund und Anton 1533 in die Geschlechtersiube ihrer Vaterstadt sich aufnehmen. Solange das Haus Fugger aus dem engen Kreise der Werlstäite zu einer politischen Macht sich ausdehnte, erfuhren die Weber mit den anderen bedeutenderen Gewerben wiederholt einen gewaltigen Umschwung in dem Verhältnisse zu der Gemeinde. Die im 13. Jahrhundert in Italien aufgetauchten Gedanken über eine christliche Negimcntsordnimg überflutheten ganz Deutschland und nährten einen Lieblingswunsch der ihrer Kraft bewußt gewordenen Handwerker, weil ihr Endziel in der Vertreibung der Geschlechter aus dem alleinigen Besitze der Negierungsgewalt gipfelte. In Augsburg wagte die Bewegung 1303 den ersten Ansturm, der abgeschlagen wurde. Der Mißerfolg entmuthigte die Gewerbe nicht, er machte sie nur vorsichtiger, und geleitet von den zahlreichen Webern, die durch den Verkehr mit der Schweiz längst für die Neuerungen schwärmten, trafen sie bei ihren geheimen Versammlungen in der außerhalb des Sträf- fmgerthors gelegenen St. Jakobskapelle, weshalb man die Häupter des Bundes gemeinhin die Jakobiten hieß, alle Maßregeln mit solcher Umsicht, daß sie erst mit der gereiften That der Bürgerschaft bekannt wurden. Als daher am 21. Oktober 1368 mit Tagesanbruch die Handwerker in Waffen auf die Sammelplätze eilten und die Sturmglocke läutete, vermutheten die Nathsherren einen in der Stadt ausgebrochenen Brand oder eine von -» 33S außen her drohende Gefahr, und unbehelligt von der versammelten Volksmenge erreichten sie das Nathhaus. Groß war jedoch jetzt das Erstaunen der Geschlechter, als sechs Bürger mit dem Weber Haus Weiß, auch Wizzig genannt, an der Spitze in die Amtsstube traten und dieser die Anrede hielt, die Herren hätten für Leben und Eigenthum nichts zu besorgen, wenn sie ihnen als den Vertretern der Gemeinde das Regiment überlieferten. Ein Widerstand war unmöglich, und ohne blutigen Kamps hatte das demokratische Element gesiegt. Es behauptete 180 Jahre lang den Platz. Ohne Verzug wurden alle Bürger mit Ausnahme der Geschlechter in 17 Zünfte eingetheilt, und nach den Kaufleuten nahmen die Weber die erste Stelle ein. Der Zunftmeister Hans Wizzig trat in den Rath ein, er bekleidete das wichtige Amt eines Steuerherru und leistete bis 1383 bald als Altrath, bald als Baumeister der Stadt gute Dienste. Kurz nach der Verfassungsänderung war er einer großen Gefahr entgangen. Otto von Schwey- uingen, über die Neuerung erbost, wich aus der Stadt, schädigte sie in hohem Grade und wurde endlich mit seinen Gesellen gefangen. Um diese Zeit besuchte Wizzig mit feinem Schwager und dem Weber Ungeheuer einen Markt in Bayern, und auf dem Heimweg sielen sie bei Friedberg in die Hände des Anhangs Schweyningeus, welcher sie zu dessen Befreiung auswechseln zu können hoffte. Glücklicher Weise machte Herzog Stefan von Bayern die drei Augsbnrger ledig, sonst hätte sie daS gleiche Loos getroffen, wie den gefangenen Ritter, welchen der Rath als Friedensbrccher in Stiefeln und Sporen köpfen ließ. Den zweiten Rang unter den Zünften durften die Weber nicht blos wegen der großen Zahl ihrer Meister beanspruchen, sondern auch wegen der Vortrefflichkeit ihrer Waaren, welche weithin eines guten Rufes sich erfreuten. Deshalb und weil das Gewerbe dem gemeinen Nutzen sehr förderlich war, schon 1320 bildete das tslo- uönlli äo xaiiuis linsis — Abgabe von leinenem Tuch — einen großen Einnahmeposten, unterstützte es der Rath kräftigst. Er sorgte für Maugen und Walken und beauftragte den Bürgermeister, sobald die Weber mit der Barchet ausführen, ein Feld bereit zu halten, auf welches kein Vieh getrieben werden durfte, denn vor 1416 gab es noch keine ständige Bleiche. Das Hauptverdienst an dem Aufblühen des Handwerks konnten aber feine Vorsteher, die Zunftmeister mit den Zwölfern, sich selbst zuschreiben. Nachdem sie 1389 von Konrad und Ulrich Jlsuug um 7000 Gulden ein Gebäude gekauft und solches mit einem Aufwand von 121 Pfund Pfennig zum Zunfthaus eingerichtet hatten, riefen sie daselbst die „Erschau" ins Leben. Diesem Gerichte.mußte ein jeder Weber seine Arbeit zur Prüfung vorlegen, und fanden die Stimmirmeistsr sie völlig tadellos, so befestigten sie daran ein durch das Stadtwappen ausgezeichnetes Bleisiegel. Die Gewissenhaftigkeit der Vertrauensmänner verschaffte den auf solche Weise gestempelten Waaren in der Handelswelt ein solches Ansehen, daß sie ohne weitere Untersuchung der Käufer auf Faüenzahl und Länge von Hand zu Hand gingen, in das Ausland und über das Meer wanderten und im Tauschverkehrc das Geld ersetzten. Ein so werthvollcr Kredit durfte daher nicht angetastet werden, weshalb der Versuch, die Schau zu täuschen, als todeswürdigeS Verbrechen beurtheilt wurde. Hans Stopfer, welcher 1531 einige Weber verführte, die Schaumeister zu hintergehen, sollte demgemäß enthauptet werden, und nur wegen seiner frommen Kinder wurde er auf deren Kosten zu ewigem Gefängnisse begnadigt. Geblendet durch einzelne glückliche Erfolge, drängten sich stets viele Bürger und zugewanderte Gesellen in die Zunft, denen die Aufnahme nicht erschwert war, wenn sie die Heirath mit einer Mciflers-Wiitwe oder -Tochter beabsichtigten. Ein solcher außergewöhnlicher Zuwachs mußte Bedenken erregen, zeitigte aber keine vernünftige Abwchrmaßregel. Bei der 1536 vorgenommenen Zählnug fanden sich in allen 17 Zünften 3804 Meister, darunter bei den Webern 1513, demnach seit 1466 eine Steigerung über das Doppelte. 1612 umfaßte die Weberznnft an Meistern, deren Weibern, Kindern, Knappen und Ehe- halten 16,932 Köpfe, was den dritten Theil der ganzen Einwohnerschaft überstieg. Das Jahr darauf arbeiteten mehr als 2000 Meister mit 4500 Gesellen auf 3409 Webstühlen und legten 480,000 Stücke der Schau vor. Daß unter dieser Menge immer mitunter Leute waren, denen die genügende mechanische Fertigkeit und ein ausreichendes Betriebskapital fehlte und denen wegen schlimmer Charaktereigenschaften besser die Zunftstube verschlossen geblieben wäre, ist nicht befremdend. Ebensowenig, daß Geschäftsstockungen, rasches Steigen der Rohprodukte und der nothwendigsten Lebensrnittel, Kriegsgefahren und der Ausbruch pestartiger Seuchen sofort zahlreiche Familien in diesem Kreise brodlos machten, und weil von den Behörden, für jedes Unglück haftbar erklärt, nicht alsbald Hülfe geleistet werden konnte, so ließen sich die Unzufriedenen zu thörichten, die öffentliche Ruhe bisweilen gefährdenden Handlungen hinreißen. Bei derartigen Vorgängen spielte aber auch kecke Selbsthülfe und gewaltthätiger Trotz gegen obrigkeitliche Anordnungen eine Hauptrolle. Die Chroniken erzählen davon manche Beispiele: „^.nno v. 1388 zerstörten die Weber des Bischofs Pfalz mit der Dcchanei und sein Münzhaus auf dem Perlach, weil er bei Füssen ihre Waaren hatte hiuwcg- nehmeu lassen. „1398 am St. Aegiditag griffen die Weber mit den Schuhmachern, Schüfflcrn, Schmieden und Bäckern das Rathhans au und erzwängen die Aufhebung des Wein- und Bier-Ungclds; wurde bald wieder eingeführt. „1466 gab es die gleichen Händel, und die Städte Conftanz, Nürnberg und Ulm brachten zwischen dem Rath und den 749 Webermeistern einen Vergleich zu Stande. „1491 wegen der aus Preußen eingeführten Tücher entstanden große Unruhen, welche der Rath bewältigte, und er ließ dem Weber Matthäus Sunderer als dem Rädelsführer den Kopf abschlagen. „1513. Der Aufstand der Niederländer gegen Spanien und die Wirren in Italien trieben die Baum- wollpreise auf eine unerschwingliche Höhe, wodurch so viele Weber verarmten, daß sie vorzogen, fremde Kriegsdienste anzunehmen und ihre Familien den Bcttelherren daheim aufzuhalsen. „1569 wurde die Noth so groß, daß 1700 ver- bürgerte HauSarme, davon ein Drittel aus der Weberzunft, vom Almosen lebten. „1524 predigte der Minoritcnmöuch Johann Schilling in der Barfüßerkirche über die Lukas-Evangelien, und bei dem Kapitel 3 Vers 7 „ihr -Otterngezücht n. f. >m" wagte er so derbe Anspielungen auf die regierenden Herren, daß sie für gut hielten, in Uebereinstimmung — 340 mit dem Provinzial, den Klosterpater zum freiwilligen Abzug zu bestimmen. Kaum war er aus dem Thore, so rottete sich sein Anhang, wohl 1800 Köpfe stark, zusammen und begehrte mit den Waffen in der Hand seine Zurückberufung. Der Rath willigte ein, falls der Aufenthaltsort bekannt würde. Schon am dritten Tage, den 9. August, brachte ein Weber den Schilling zurück. Die Anstifter der Rebellion sollten jedoch nicht durchschlüpfen. Den beiden Webern Hans Kagen und Hans Speisser schlug auf dem Fischmarkte der Nachrichter die Köpfe ab, und man läutete dazu nicht die Sturmglocke, was als Strafverschärfung galt." Rühmend muß andererseits erwähnt werden, daß an den Ungerechtigkeiten des Bürgermeisters Ulrich Schwarz kein Weber sich betheiligt hatte, im Gegentheil erduldete der Weberzunftmeister Haus Weher mancherlei Verfolgung, weil er als Steuerherr den eigennützigen Plänen des Tyrannen kühn entgegentrat. Und als die Stadt 1480 die Bürger gegen den Bischof Friedrich Grafen von Zollern aufbot, zogen die Weber unter ihrer Fahne mit 323 Mann und 21 Pferden in das Feld. Ueber die Unruhen von 1762 bis 1794 wird später die Rede sein, es mögen aber hier drei Bilder aus dem Gesellschaftsleben einen Platz finden, nämlich die Tänzel- woche, der Blaumontag und die Meistersänger. Die bei allen Zünften übliche Tänzelwoche benutzten die Weber zu einem pompösen Aufzug durch die Stadt, welcher in sechs Gruppen das Andenken an die Geschichte des Handwerks bei der Bürgerschaft auffrischen sollte. Einer jeden Abtheilung schritten Musiker oder Trommler und Pfeifer voran, und Knappen in roth und gelben Kleidern mit gleichfarbigen Duseggen (Säbeln) gingen zur Seite. Zuerst kamen Knaben, die Stadtpyr und zwei Adler tragend, der Hauptmann mit dem Spontan (Halbpiquet) und zwischen zwei Feldwebeln ein weißgekleideter Knabe, einen Lorbeerkranz haltend. Sodann folgten acht Altgesellen in rothen Kleidern mit Hut und Federn, in ihrer Mitte die Träger der Willkomm (Pokale) der beiden Laden, die vier Bnchsenmeister in schwarzen Manteln und eine Tafel oom Weberhause, Alle von Gesellen mit bloßem Degen geleitet. Unter gleicher Umgebung schloffen sich an drei Knaben mit den Vorstehern, deren Wappen tragend, der erste Fähndrich und zwei Vierer, die Tafel mit der Hnnnenschlacht und die Hälfte der Zunft mit etlichen in Küraß, theils Lobsprüche und Friedenstafeln, theils Kriegsrüstungen zeigend, während die wohlaufgeputzten Meistersöhne mit Fcldbinden und Degen, mit Bögen und Pfeilen ausgerüstet waren und die eine Hälfte die Weinkannen ihrer Herberge trugen. Hierauf kamen Knaben mit den Bildnissen des Kaisers Otto und des heiligen Ulrich und mit dem auf dem Lechfelde erbeuteten Schilde, die schwarz gekleideten Sechser mit Pokalen vom Weberhanse und Gesellen mit roth und gelben Maschen auf der Achsel. In der fünften Gruppe wiederholte sich die dritte, nur zeigte die Tafel die Verleihung des Zunftwappcns durch König Otto. Den Schluß bildeten zwei Lieutenants und zwei Leibschützen, einige Meister in Harnisch zu Pferd und die Träger von Antiquitäten — Sättel, Sporen, Pfeile, Stilete, Sammethauben, Standarten, und eines Schildes mit den Worten Oeus lortrtuäo wen. Vor den Wohnungen der beiden Stadtpfleger, der Deputirten des Weberhauses und in dem Klosterhofe St. Ulrich fand das Fahnenschwenken statt, am Wcberhause ließen die Beisitzer zu einem guten Trunke die Kannen füllen und eine Mahlzeit mit Tanz beendete die Festlichkeit. In widrigen Zeitkäufen gestattete sie der Rath nicht, weshalb von 1660 bis 1760 dieselbe unterblieb. Wie öffentliche Aufzüge von der Genehmigung des Rathes abhingen, so überwachte er alles, was mit dem Wirthshausbesuche im Zusammenhange stand. Er verweigerte den Webergesellen eine zweite Herberge, um die sie wegen ihrer großen Zahl baten, er duldete in den Zunfthäufern uur das Spiel im Brett um einen Pfennig oder höchstens zwei, und er versuchte sogar den Gesprächsstoff beim Bierkrug zu regeln. Und doch machte er für die Weber bei einer Ausschreitung eine Ausnahme, die anderwärts bekämpft wurde. Im 16. Jahrhundert kam in Deutschland die Unsitte der Arbeitseinstellung und Schweißereien am „Fraßmoutag" auf, welche sich allmählig auf alle Montage des Jahrs erstreckte, und man nannte sie «die blauen" nach der Kirchenfarbe beim Beginne der Fasten. Vergeblich bemühten sich die Reichspolizeiordnungen dem Unfuge zu steuern, in Augsburg schützte ihn die Obrigkeit. Auf Anbringen der Weber verfügte ein Senats-Dekret vom 9. Scptembec 1578: „den Meistersöhnen und den Knappen zu einer Ergötz- lichkeit zu erlauben, an allen Montagen in den Wochen ohne einen Feiertag Nachmittags, wenn es zwei geschlagen, von der Arbeit zu gehen und mit Bescheidenheit einen guten Montag zu halten." Von diesem Vorrecht machten bald auch die übrigen Zünfte einen Gebrauch und zwar für den ganzen Tag. (Fortsetzung folgt.) —- »»- Schachaufgabe. Von T. Taverncr, Bolton. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 2. Zuge matt. Lösung der Schachaufgabe in Weiß. 1. T. — 21! 2. S. - 23! 3. S. - 65 Matt oder 1 . . 2. V4—V5 ch (Drohung). 3. V2-V4 Matt. Nr. 41: Schwarz. L. — 23, L3 beliebig. beliebig. ^L45. „Augsburger Postzeitung^. Dinstag, den 5. Juni 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler). Tante Kanna's Geheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) „Sie suchen doch nicht den Herrn Eckert?" fragte Wolfius. Mr. Hilbrecht zog seine Brieftasche hervor und nahm eine Karte heraus, von welcher er den Namen Eckert las. „Criminal-Commissar Frenzel sendet Herrn Eckert den Mr. Hilbrecht aus Chicago, welcher Mr. Prien genau kennt." So las der Amerikaner und legte die Karte wieder bedächtig in seine Brieftasche. „Weshalb haben Sie auf diese Karte hin Herrn Eckert nicht aufgesucht, Mr. Hilbrecht?" fragte Wolfius erstaunt. „Weil ich ihn nicht finden konnte, — kutschirte von Nest zu Nest, fand keine Spur von ihm, aber eine von Mr. Prien, und kam hierher." „Das war gut und klug von Ihnen gehandelt, Mr. Hilbrecht," sprach Wolfius freundlich, „es ist ein seltsames Zusammentreffen, daß ich just diesen Herrn Eckert kenne und sehr befreundet mit ihm bin. Ich traf ihn in der kleinen Harzstadt L., wo er krank dar- niederliegt. Er war sehr unglücklich und theilte mir soviel von seiner Mission mit, daß ich ihm versprach, meine Augen offen zu halten und jeden Verdächtigen, der mit dem mir gegebenen Signalement Aehnlichkeit besäße, auf's Korn zu nehmen." „Da konnten Sie aber bös' hereinfallen, mein Lieber!" meinte der Doctor kopfschüttelnd, „ein Detectiv muß Spitzbuben-Augen haben und die Spreu vom Weizen sofort zu unterscheiden wissen." „Nein, er muß ein Allerweltsmensch, ein Comödiant sein!" fiel Mr. Hilbrecht mit großer Entschiedenheit ein, „sonst fängt er keinen geriebenen Spitzbuben. Sage Ihnen, Gentlemen, wir haben drüben famose Detectivs. Ist da ein gewisser Mr. Haws, konnt' ihn nicht für vieles Geld haben, war just hinter einer Falschmünzer- Gesellschaft her, der hätt' ihn mir aus dem rollenden Zuge herausgeholt. Ihr Mr. Eckert ist ein Kohlkopf, aber kein Detectiv, der überhaupt nicht krank werden darf." — Dr. Peters lachte belustigt auf. „Gott sei Dank, daß es nur wenige von dieser Sorte giebt," bemerkte er dann, „wäre sonst ein Unglück für uns Aerzte." Wolfius hingegen war sehr ernst geworden. „Schelten Sie meinen Freund Eckert nicht, Mr. Hilbrecht," sagte er halblaut, „ich wette mit Ihnen, daß er den Mr. Prien noch eher fängt als Sie." „Wetten?" schrie der Amerikaner, „wie hoch? Kal- kulire, Mann, daß Sie dabei liegen, ^oval" „Ich wette um zehn Flaschen Sect, Sirl" „Abgemacht, Sie sind Zeuge, Doctor l" Mr. Hilbrecht reichte ihm die Hand, welche Wolfius kräftig schüttelte. „Sie reisen aber mit uns," sagte der Amerikaner, „dürfen Ihren Freund nicht sprechen." „Selbstverständlich, Mr. Hilbrecht." Ueber das ernste Gesicht des Detectivs zog's wie leiser Spott. „Eine Bedingung muß ich im Namen meines Freundes daran knüpfen," fuhr er rasch fort, „die Erlaubniß Ihrerseits, Sie holen zu lassen, wenn der Vogel im Netze steckt, um die Persönlichkeit desselben festzustellen." „H1 ri^llt, er kann mich rufen und ich komme, werde Ihnen meine Adresse in Moorkirch geben." „Dann müssen Sie sich ja immer zu Hause halten, Mr. Hilbrecht," wandte der Doctor ein. „Verdammt, das geht nicht, muß den olä doch packen." „Er darf Sie dort nicht sehen, Mr. Hilbrecht," sprach Wolfius, „bleiben Sie hier, bis mein Freund Eckert Sie ruft." „HaltenSie mich für ein Rhinozeros, Sir?" schrie der Amerikaner zornig, „wär' mir eine schöne Weitet — Nein, gleiche Sonne, gleiches Recht, ich lasse von seiner Spur nicht mehr und werde Ihnen das Feld nicht allein überlassen." Doctor Peters sah auf Wolfius, der ungeduldig die Achseln zuckte. Es schien ihm plötzlich ein anderes Licht über die Persönlichkeit desselben aufzugehen und sein Vorschlag ihm vollständig berechtigt zu sein. „Bitte, Mr. Hilbrecht," mischte er sich deshalb vermittelnd ein, „Ihr Zorn ist grundlos, Herr Wolfius hat recht, sein Vorschlag ist sehr vernünftig. Wenn jener Mensch Sie dort erblickt, so ist er hinreichend gewarnt, um sofort von der Bildfläche zu verschwinden. Mir ist es allerdings ganz unbegreiflich, weßhalb er nach dem Schauplatz seiner Verbrechen zurückkehren sollte. 342 Wenn Sie sich doch nur nicht in der Person getäuscht haben." „Unsinn, Sir! — Kenne den Vogel zu genau! Es war Mr. William Prien, darauf will ich gleich hunderttausend Dollars verwetten. Aber hier im Neste bleib' ich doch nicht." „Lassen Sie uns einen Ausweg suchen, Mr. Albrecht," begann der Doctor auf's Neue, „setzen Sie zum Exempel eine kurze Frist, Herr Wolfius." „Nun, sagen wir drei Tage," erwiderte der Detectiv rasch, „geben Sie mir diese kurze Frist, Mr. Albrecht, da ich meinen Freund doch erst instruiren muß." Dieser schüttelte den Kopf. „Unsinn, Mann, weder Sie noch Ihr Freund, der kranke Detectiv, kennen den Mr. Prien, was wollen Sie dort ohne mich beginnen? Und weiter, Sir! — was soll ein Kranker dort? — Kommt mir wahrhaftig beinahe der Gedanke, als ob Sie den Kerl entwischen lassen möchten." „Der Gedanke wäre doch zu dumm, Mr. Albrecht!" rief der Doctor, „ich bürge für diesen Herrn, — geben Sie nach, bleiben Sie drei Tage hier, mein Gott, die kurze Frist gewährte ja selbst der Tyrann von Syrakus." Der Amerikaner lächelte als Republikaner verächtlich über diesen ihm völlig unbekannten Tyrannen, den er für irgend einen deutschen Monarchen halten mochte. Endlich aber gelang es der vereinten Ueberredung der beiden Herren, ihn zum Bleiben zu bewegen. Er gab Handschlag und Wort darauf, versicherte aber energisch, daß er genau nach dreimal vierundzwanzig Stunden auch ungerufen sofort abreisen werde. Dann begleitete er sie nach dem Perron und sah ihrer Abfahrt zu. — — — Mittlerweile war Julius Steindorf mit dem Schnellzuge bis zur letzten Station vor Moorkirch gekommen und hier ausgestiegen. In dem eine Viertelstunde entfernten Dorfe, wo er hinreichend bekannt war, miethete er sich ein kräftiges Reitpferd und sprengte mit verhängten Zügeln über die Chaussee, welche an Notenhof vorüber nach Edenheim führte. Wo er sich eine Strecke abschneiden konnte, benutzte er ohne Skrupel die Feldwege, und nur vor dem früheren Heim, das er um eines Weibes willen verscherzt, hielt er das Pferd an, um mit wilderregten Augen hinüber zu schauen. Seine Lippen bewegten sich dabei lautlos, wie in einem inneren Krampfe, und wüthend ließ er die geborgte Reitgerte über das Pferd sausen, daß es im rasenden Galopp mit ihm davonstürmte. Wie die Gedanken während dieses tollen Rittes in seinem fiebernden Gehirn tobten, wie höhnend die Zeilen des verhüngnißvollen Documents in den Händen des verhaßten Doctors vor ihm in der Luft tanzten und — dann? — „Die Hölle ist los!" murmelte er plötzlich, als ob ihm die Kehle zugeschnürt wäre und mit einem Ruck hielt er das dahinstürmende Pferd an. Das gehetzte Thier zitterte heftig, er ließ es im Schritt gehen, nicht aus barmherziger Schonung, sondern nur deßhalb, weil er, als er den Edenheim'schen Boden betrat, seine Gedanken sammeln und ordnen wollte, um einen Entschluß für die nächste Stunde zu fassen. Immer finsterer wurde dabei sein Gesicht, das eine aschfahle Farbe angenommen hatte. Es erschien plötzlich wie gealtert unter der Wucht der Gedanken. „Bah, — Hirngespinnste, Kinderei!" murmelte er, „jetzt heißt es, das Letzte aus dem Schtffbruch retten. Der Doctor kann vor Abend nicht hier sein und —" Er brach ab und schüttelte sich, wie von einem plötzlichen Grauen gepackt. Dann wurde er ruhiger, sein Gesicht glättete sich und nahm den Ausdruck stiller Resignation wieder an. So gelangte er nach Edenheim, wo ihm von der Mamsell Evers der Bescheid wurde, daß Fräulein Holten nach der Stadt gefahren sei. „Und wann kehrt meine Braut zurück?" fragte er, sich gewaltsam bezwingend. „Das kann ich nicht sagen, sie war gestern auch dort und kehrte erst gegen Abend zurück." „Ich will hier warten," sagte er kurz und schritt die Treppe hinauf in's Wohnzimmer. „Wünsche ein wenig zu schlafen," wandte er sich noch einmal zu der Mamsell, als diese sich entfernen wollte, „und werde mich deshalb, um vor Störungen sicher zu sein, einschließen. Wenn das Fräulein zurückkehrt, klopfen Sie nur an." Die Mamsell ging und hörte kopfschüttelnd, wie Steindorf den Schlüssel umdrehte. Die Rollgardinen waren der Sonne halber herabgelassen, er konnte ungestört ruhen. Einen Augenblick stand er in der Mitte des ebenso geräumigen als behaglichen Zimmers, dessen gedämpftes Licht wohlthätig auf seine erhitzten Augen einwirkte. War ihre Abwesenheit ein Glück oder ein Unglück für ihn? — Er schien einen Augenblick darüber zu grübeln und richtete sich dann entschlossen auf. Er war mit sich im Reinen, da er sich, nach jener Vollmacht' zu schließen, unbedingt sagen mußte, daß nicht die Liebe zu ihm, sondern der Tod seines Kindes sie in seine Arme geführt habe, und es jetzt für ihn nur noch einen einzigen Weg gab, den der Selbsterhaltung und des eigenen Vortheils. „Ja, des Vortheils!" murmelte er mit einem hohn- vollen Blick auf die lebensgroßen Brustbilder von Arm- gard's Eltern, „die theure Braut hat's mir ja freigestellt, nehmen wir also unser Recht, da die Zeit mangelt, ihre Rückkehr zu erwarten. Vorwärts!" Er entledigte sich geräuschlos seiner eleganten Stiefel und lächelte befriedigt bei dem Gedanken, die Sporen, welche man ihm in jenem Dorfe angeboten, ausgeschla- gen zu haben. Ja, Herr Julius konnte in diesem Augenblick noch an kleinliche Nebendinge denken und darüber lächeln. Sonderbares Menschenhirn, das in den fürchterlichsten Augenblicken armseligen Gedanken nachhängen kann. Wieder stand er aufhorchend und lauschend still, rollte da nicht ein Wagen? Bah, sie waren ja bei der Heuernte beschäftigt, er hatte es vorhin trotz seiner wilden Aufregung sehr wohl bemerkt. Er ging geräuschlos nach der Thür, welche in Armgard's Boudoir führte, dieselbe war, wie er vermuthete, verschlossen. Der elegante Herr zog einen krumm gebogenen Nagel aus der Tasche, um das Schloß zu öffnen. Seine wohlgepflegte, schöngeformte, weiße Hand zitterte nicht bei diesem unheimlichen Thun. Dann zog er den Nagel plötzlich wieder zurück und starrte vor sich hin. „Wie lautete doch der Schlußpassus jener famosen Vollmacht?" fragte er sich, seine Gedanken anstrengend, „richtig, wenn ich die Verlobung aufheben wolle, wäre meine holde Braut zu jedem Opfer bereit. — Hätte gleich mit dem alten Narren von Doctor unterhandeln UM ' IWMI USW MM M« LÄ' .ÄK» )E rM»ÄW KXX.MS» W .M.K, LE MMtz ??<>'> 77^ MM .PS^UU «L 344 und die Sache in's Reine bringen sollen, anstatt jetzt zum gemeinen Einbrecher zu werden. Hm, wenn ich ihr einige Zeilen hier ließe, sie schwiege gewiß, weil sie zum Schaden noch Spott ernten würde. Und doch widerstrebt es mir, weil sie unerwartet heimkehren und mich dabei überraschen könnte. Vielleicht hat sie nicht viel Baares im Hause, die Zeit verrinnt, es würde zu spät für mich!" Er athmete schwer, der Angstschweiß perlte ihm auf der Stirn. Die kleine Standuhr schlug die vierte Nachmittagsstunde. „Vor sieben kann der nächste Zug nickt eintreffen," rechnete er, „ich halt's hier nicht aus. Also hin zu ihr auf dem schnellsten Nenner aus ihrem Stall. Noch wagt man es nicht, mir Widerspruch entgegen zu setzen. Um halb sechs Uhr muß ich in Moorkirch sein und eine halbe Stunde später schon über alle Berge. Bah, den Kopf hoch und Deinem Stern vertraut, Du bist jetzt aller Ketten ledig!" Er schauderte wieder zusammen, zog dann rasch die Stiefel an und verließ das Zimmer. „Habe drinnen Kopfschmerzen bekommen," sagte er zu der überraschten Mamsell, „will doch lieber nach der Stadt reiten, begegne meiner Braut vielleicht unterwegs." „Wollen Sie vorher etwas genießen, Herr Steindorf?" fragte sie gemessen. „Ein Glas Wein, wenn ich bitten darf, aber rasch," sagte er im Vorbeischreiten. Dann ging er schleunigst nach dem Pferdestall, wo sein abgehetzter Gaul sich an der Krippe gütlich that, suchte den besten Nenner heraus und befahl einem dienstfertig hinzutretenden Knechte, denselben sogleich zu satteln und vor's Haus zu führen. „Der versteht sich auf Pferde," brummte der Knecht einem Kameraden zu. „Und auf's Commandiren," meinte dieser mit einem scheuen Blick auf die dahinschreitende elegante Gestalt. Mamsell Evers stand bereits mit dem Wein auf der Treppe. Er stürzte zwei Gläser voll davon hinunter, schwang sich dann auf's Pferd und ritt im schärfsten Trabe davon. * * (Fortsetzung folgt.) Die Augsburger Weber zu Reichsstadt Zeiten. (Fortsetzung.) Daß die Weber nur Lustbarkeiten nachjagten, war jedoch keineswegs der Fall. Gerade sie zeichneten sich gegenüber den anderen Handwerkern aus in einer ernsten und würdigen Benützung der Stunden des Feierabends und des Sonntags. Schon im Jahr 1535 gab es in Augsburg Meistersängen, und der Rath räumte ihnen die Barfüßerkirche ein, wo sie „ob dem Altare Schule halten und über weltliche und geistliche Sachen singen durften." Unter den bis 1620 bekannten 280 Meistern erscheinen 86 Weber und nur 20 Kürschner, 11 Schneider und je unter 10 aus den anderen Gewerben. 39 Weber errangen sich „die Krone", ihr Genosse Hans Weidner wird in dem Verzeichnisse „der Dichter" genannt, und von dem 18mal gekrönten MeterOnufrius Schwarzenbach (ch 1574) ist bemerkt: „hat etlich sehr beliebte ton gemacht." Mit dem Jahre 1547 begann das Säkulum, welches den Wendepunkt im Leben der meisten Gewerbe bildet. Hatte der Schmalkaldische Krieg der einst berühmtesten Reichsstadt die aktive Rolle in der hohen Politik entrissen, so entlaubte der 30jährige Krieg den üppigen Baum des bürgerlichen Wohlstandes, und sechs Generationen harrten auf den neuen lebenskräftigen Wurzelausschlag. All- mälig verknöcherte der ganze Staatskörper, und beinahe alle seine Bestandtheile wurden unempfindlich gegen die Regungen einer neuen Zeit. Nachdem Kaiser Karl V. am 3. August 1548 die Zünfte aufgelöst, die Zunfthäuser verkauft und vie Vermögen eingezogen hatte, schloffen sich die verwandten Gewerbe als Vereine oder Innungen an einander und der politischen Bedeutung entkleidet, regelten sie nimmer ihre eigenen Angelegenheiten, sondern die Verwaltung ging in die Hand eines Vorstehers, zweier Rathsdepu- tirten und Geschworenen, durchweg obrigkeitlich bestellte Personen, über. Nur die immerhin noch zahlreichen Weber behaupteten insofern eine bevorzugte Stellung, als sie ihr Zunfthaus behielten und die Deputation aus 3 Rathsgliedern und 3 Beisitzern aus dem Handwerk gebildet wurde. Die Mehrheit der Weber erfreute sich noch eines leidlichen Auskommens, und sie sahen hoffnungsvoll in die Zukunft, seit einige Reichsstädte von 1594 an wegen Verbesserung ihres Looses wiederholt in Ulm tagten und die Reichsstände zu Regensburg 1603 die Ausfuhr der Baumwolle aus Deutschland verboten hatten. Noch vergiftete das Mißtrauen das Gewerbe nicht, um in einem Versuche, den Webstoffen ein anderes Aussehen zu verleihen, einen bedenklichen Feind zu wittern. Deshalb blieb Jörg Hofmann wegen der 1523 eingerichteten Barchentdruckerei unbehelligt. Trostloser, als sich denken ließ, gestalteten sich aber alle Verhältnisse in der von 1617 bis 1635 durch Krieg, Hunger und Seuchen gequälten Stadt. Die Einwohnerzahl stürzte von 44,000 auf 16,432 herab, und wenn sie sich auch im August 1645 wieder auf 21,018 Köpfe erhob, so war die Verarmung so groß, daß die höchste Steuer nur 428 Gulden betrug gegenüber 2666 Gulden im Jahre 1617. Ein kümmerliches Brod gaben nur noch 500 Webstühle. Wer bei derartigen Zuständen aus den Zunftbüchern und Acten des Weberhauses von der Mitte des 17. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts erfreuliche Aufzeichnungen erwartet, täuscht sich. Meist mit kleinlichen, mitunter recht sonderbaren Angelegenheiten hatten sich die Vorsteher und Beigeordneten zu befassen, wodurch die besten Gelegenheiten verpaßt wurden, das Gewerbe aus dem steril gewordenen Arbeitsfelde in einen jugendlich frischen Boden zu verpflanzen. Es brauchte allerdings geraume Zeit, bis der Handel wieder erstarkte und das tägliche Brod in den Werkstätten nimmer fehlte, daher die Deputirten auf dem Weberhause mehr als Armenpfleger amtirten, anstatt für die Neubelebung des Handwerks sorgen zu können. Jedoch bemühte sich der Rath redlich, dem Commercium aufzuhelfen. Dabei erschien ihm als das zweckmäßigste Mittel, der Weberei unter die Arme zu greifen, die Begünstigung der Barchentdruckerei. Er ließ, als dem Bedürfnisse genügend erscheinend, 16 Druckereien zu, nur sollten auch die gedruckten Waaren zur Schau gebracht werden, und er verbot sowohl das Hinausverkaufen der weißen Tücher, 1 345 als auch das Bleichen in den Privatgärten, um dem Aerario das Ungeld von den Brabanterlen nicht zu entziehen. Auch aus gleichem Grunde sah er gerne, daß 1698 die Brüder Georg und Jeremias Neuhofer, in Holland mit der Krapprothfärberei bekannt geworden, als die ersten Kattundrucker in Deutschland sich hier niederließen und ihnen Johann Apfel mit Verbesserungen im Zitzdrucke und Johann Georg Gignoux aus Genf, welcher die Kupferplatten einführte, nachfolgten. Allen diesen Neuerungen gegenüber verhielten sich die Weber ruhig, nur die mit ihnen im Verbände stehenden Färber wollten die Aufstellung eigener Farbkessel den Druckern nicht verwilligen, welchen Anstand diese durch die Verwendung von Färbermeistern oder durch die Erwerbung einer Färbereigerechtigkeit beseitigten. So behelligte lange Zeit dieser aufblühende Geschäftszweig das Weberhaus nicht. Dort wurden nur Streitigkeiten wegen der Lehr- von 1542 wegen der Aufnahme eines Wasenmeisterssohnes in die Lehre wiederholen. Die Weigerung berief sich auf den Umstand, daß Friedrich die unter den Schergen gestandenen Personen angetastet habe. Dagegen machte der Rath mit Recht geltend, daß die Neichspolizei-Ordnungen von 1548 und 1577 außer dem Scharfrichter Niemand kennen, welchen eine dienstliche Verrichtung ehrlos machte, und die Schau mußte sich fügen; doch erhielt sie die Versicherung, der Rath werde ihren guten Namen zu schützen wissen, falls er angegriffen werden sollte. Die Knappen gaben sich dadurch nicht zufrieden, und sie schloffen Friedrichs Gesellen, neben denen sie nicht sitzen wollten, von der Auflage aus. Es wurden von den Reichsstädten Cöln, Nürnberg und Memmingen Gutachten eingeholt, und auf Grund derselben erging an die Büchsen- meister der Befehl, die angefeindeten Gesellen, welchen allerdings das Züchtigen der Sträflinge untersagt wurde, -HA;«' « , », ''ÄSZ? Kladl Lindau (vom Hafen aus). jungen und der Knappen geschlichtet, Gesuche um das Meisterrecht geprüft, was bei auswärtigen Bewerbern, falls sie nicht beabsichtigten eine Meisters-Wittwe oder -Tochter zu heirathen, nicht immer glatt verlief, wie bei dem verheiratheten Andreas Lang von Hohenmemmingen, der 1724 „vom Handwerk abgewiesen wurde, weil schon 71 Weber im Almosen stehen und mit derlei Gesellen das Leihhaus überlaufen werde", oder die Deputirten sannen auf Mittel, „wie dem bei der Gesellschaft über- hand nehmenden Laster der Unlauterkeit zu steuren sei", und dergleichen mehr. Doch gelangten auch außerordentliche Fälle vor ihr Forum. Als der in den städtischen Dienst eines Zuchthausvaters getretene Weber Johann Friedrich 1725 seine Waare der Schau vorlegte, wiesen sie die Stimmirmeister zurück, um nicht in üblen Ruf zu kommen, und die Sache nahm den Anschein, als wolle sich der langwierige Proceß zur Auflage zuzulassen. Zwei Jahre später war ein anderer Streit zu entscheiden. Der ledige Webergeselle Joh. G. Kraus von Adelsried verfertigte die hier nicht üblichen seidenen Wienertüchlein, und die Bußmeister belegten sie mit Beschlag. Die darüber gehörte Weberschaft räumte zwar ein, sie, obwohl dazu befähigt, gebe sich mit diesen Tüch- lein nicht ab, weil dabei nichts herauskomme, und deßhalb schädige Kraus das Handwerk nicht, allein es sei wider das Herkommen, daß ein ausländischer Knappe auf eigene Hand arbeite, und er solle bei einem Meister um Speis und Lohn den Webstuhl aufstellen. In diesem Sinne fiel dann die Sentenz aus. (Schluß folgt.) 346 Der Ausbruch des Vulrans Calbueo. Ueber den heftigen Ausbruch dieses chilenischen feuerspeienden Berges entnehmen wir einem uns freundlichst zur Verfügung gestellten Briefe eines deutschen Landsmannes in Puerto Montt (Chile) folgende Einzelheiten. Der Bericht wird einen um so größeren Theil unserer Leser interesstren, wenn wir beifügen, daß in Puerto Montt und um den See Llanquihue herum eine aus rund 40,000 (meist katholischen) Deutschen gebildete Ansiedelung besteht, deren Mitglieder größtentheils aus Westfalen stammen, und die durch Jesuiten der deutschen Ordensprovinz pastorirt werden. Der Aschenregen des Calbuco fiel einige Male auf eine Ausdehnung bon 200 Kilometer im Umkreise und bedeckte die Erde mit einigen Millimeter bis zu einem halben Zoll mit Aschensand. Ein großer Schlamm- Ausbruch im letzten April riß in den Bergabhang ein in weiterer Entfernung von 8 bis 40 Meilen feiner Aschensand oder leichte Aschenflöckchen wie dünner Schnee. Die Luft wird von dieser Asche getrübt, das Athmen für die Lungen beschwerlich, und besonders die Augen werden schmerzhaft gereizt. Beim Fallen der Asche weroen die Dächer und Pflanzen allmälig weiß, und wer ausgeht, sieht seinen schwarzen Hut und die Kleider bald mit weißer bzw. grauer Asche überstreut. Das Brüllen des Vulkans bei Ausbrüchen ist schrecklich; in der Nähe bis auf vier Meilen zittern die Häuser und der Boden; in weiterer Ferne bis auf 12 und 20 Meilen sind die Donner und unterirdischen Getöse mit Geknatter und Rollen vernehmbar. In den Wolken der Rauchsäule, welche sich ein Mal bis zu 11,000 Meter erhob, entwickelten sich mitunter Gewitter, d. h. elektrische Erscheinungen mit Blitz und Donner. Diese Gewitter aber sind verschieden von der unterirdischen Feuerthätigkeit; auch WWW -.i WÄLZ Hafen tn Lindau mit Leuchttnurm. Bett von 100 Meter Breite und wälzte haushohe Felsblöcke mit zerknickten Riesenbäumen durch die Ebene in der Richtung der menschlichen Wohnungen, welche er aber verschonte. Rauch und Dampf steigt aus vielen Kratern auf. Gewöhnlich ist die Thätigkeit des Vulkans mäßig. Die außergewöhnlichen Ausbrüche fanden bis zum 28. November 1893 alle zwei bis vier Wochen statt und bestanden in einer majestätischen Rauchsäule von einer Dicke und Höhe, wie nur ein Vulcan sie hervorzubringen im Stande ist. Die Form der Rauchsäule ist einem offenen Schirm ähnlich, wenn Windstille herrscht; ist Wind, so wird die Masse geneigt; zuweilen zieht sich die Nauchwolken-Säule schwarz bis an den fernen Horizont hin. Die Farbe der aufsteigenden Säule , ist weiß (reiner Wafferdampf) oder gelb und bläulich (Wasierdampf mit Asche gemischt). Am Vulcankegel fallen glühende oder kalte Auswürflinge (Steine), in mittlerer Entfernung Bimsstein, Basaltsplitter und feiner scharfer Aschensand; fällt bei diesen Gewittern kein Tropfen Regen. Der Ausbruch am 5. August des vorigen Jahres war so heftig, daß die Gebirgsbewohner im Relonkavi wegen der furchtbaren Blitze und des ununterbrochenen Donners glaubten, das Ende der Welt nahe heran. Sie meinten, die ganze Cordillera, dieser gewaltige Gebirgsstock, stürze zusammen. Der Ausbruch am 4. October v. I. war nach einer andern Richtung so gewaltig, daß die Bewohner in Entfernung von vier Meilen am frühen Nachmittag (October ist Sommerszeit) in stockfinstere Nacht gehüllt wurden und die Asche derart das Gras und die Büsche überschüttete, daß das Vieh in ferne Gegenden getrieben werden mußte, um Futter zu finden. Das Vieh, welches mit dem Grase die Asche hineinfraß, wurde krank, magerte ab und starb in großer Anzahl weg. Die Preise des Viehes fielen stark, und doch mochte Keiner kaufen. Der größte und majestätischste Ausbruch war am Vorabend des St. Andreasfestes (29. Nov. 1893). Um 347 71/4 Uhr Morgens (es war ein sonniger Sommer-Morgen) verließ ich das Zimmer. Unten im Hausflur sagte man mir: „Sehen Sie den Vulcan!" Ich schaute durch's Fenster nach Osten (der Vulcan liegt acht Stunden weit). Das halbe Firmament war mit weißen und grauen Wolkenmassen, welche unaufhaltsam sich weiter stießen, überzogen. Ich ging zur h. Messe. Nach Danksagung und kurzem Frühstück eilte ich in den Garten auf unsern Hügel. Die Zimmerleute auf dem Hofe konnten kaum noch arbeiten. Es war ^/z9 Uhr. Oben auf dem Hügel ist Rundsicht nach der ganzen Windrose. Ein Drittel des Firmaments nachSüden war noch frei, zwei Drittel schwarz. JmHafen lag der Dampfer von Valparaiso vorAnker. Aus den schwarzen Wolken grollte der Donner, zuckten Blitze. Zu ebener Erde war Südwind, in den obern Luftschichten Nordostwind. Um 9 Uhr rief mich die Hausglocke zur Pforte. Vor der Dunkelheit konnte ich nur die nächsten Gegenstände sehen. Die Straßen-Laternen hatte man angezündet. Die elektrischen Lampen des Postdampfers leuchteten schwach vom Hafen herüber; denn schon fiel Asche. Unten im Hause fand ich Licht in allen Zimmern. Ich eilte wieder auf den Hügel zurück, da kein Ort geeigneter war, diese großartige Natur-Erscheinung zu beobachten. Es war 91/4 Uhr: der letzte helle Fleck am südlichen Horizont verschwand. Von den Bäumen um mich, dem Erdboden, auf dem ich saß, dem Glockenthurm, welcher dicht hinter mir sich erhebt, ja von den Laternen sah ich nichts mehr. Da hielt ich die Finger beider Hände dicht vor die Augen, um den Grad der Dunkelheit zu prüfen. Kein Schimmer. Es war stockfinster. Ich saß zusammengekauert mit dem Rücken gegen den Aschenregen, über dem Kopf unter dem Hut ein Taschentuch herabhängend, um die Augen und den Mund vor der beizenden Aschen- Lauge zu schützen. Von ^10 bis 11 Uhr saß ich da. Die Natur war still; still die Stadt, selbst die Thierwelt regte sich nicht. Wie lange wird diese Finsterniß dauern? Ralhhaus in Kindau (Nordseite). Keine Berechnung ist möglich. Vielleicht wird sie nach einigen Stunden vergehen? Da läutet plötzlich die Kirchenglocke. Was ist das? Ich ahnte es. Das wird eine Betstunde sein. Und so war es. Man hatte beschlossen, das Volk in der Kirche zum Gebet zu versammeln. Ich blieb auf dem Hügel; denn man wird noch einmal läuten. Nach 11 Uhr hob ich meine Hand vor die Augen, es schien mir, als mache sie einen schwachen Eindruck auf die Sehnerven. Ich hatte mich nicht getäuscht; alsbald ertönte ein Hahnenschrei und aus allen Höfen stimmten die Hähne ein. Die Dunkelheit nahm ab. Um 11^/4 Uhr läutete die Glocke zum zweiten Mal; das Volk kam zahlreich zur Kirche. — Vor dem Aller- heiligsten wurde bei Kerzenschein gebetet. Um 12 Uhr konnte man ohne Licht lesen. Die Natur erwachte in einem grauen Trauergewande. Die Menschen wandelten alle wie Müller umher. Der weiße Aschen- staublageinenViertel- Centtmeter dick, an andern Orten ein bis zwei Centimeter. Noch zwei Tage nebelte es feine Asche. Möchte doch einTropfenRegen kommen, um die Luft zu reinigen und die Natur abzuwaschen! Doch umsonst war dieser Wunsch. Das Trauerkleid sollte viele Tage liegen bleiben. Was war nun der Eindruck dieser Katastrophe auf die Menschen? Welches war ihr Umfang und ihre Ausdehnung? Welches die Ursachen und Wirkungen ? Der Eindruck war zunächst ein gewaltiger,aber stiller. Mit tiefer Finsterniß umschloß eben der allmächtige Schöpfer alle lebenden Wesen am hohen Sommertage. Die Thiere zunächst, so erzählten nachher die Landleute, wurden unruhig; die Gänse kehrten heim, verwirrt blökten die Schafe, die Vögel piepten. Von den Menschen weinten einige, andere sagten: das jüngste Gericht kommt heran. Der Umfang und die Ausdehnung des Ausbruchs ist, wie sich aus den Berichten ergibt, groß gewesen. Die volle Finsterniß hat ungefähr 40 Quadratmeilen Landes eingehüllt, theilweise Finsterniß vielleicht weitere 40 Qua- 348 dratmeilen. Der Aschenregen fiel nördlich bis Valdivia, südlich bis Castro, also in einem Durchmesser von etwa 200 Kilometer — 50 chilen. Meilen — 25 geogr. Meilen. Der See Llanquihue am Fuße des Vulcans mit einer Oberfläche von 40 X 41 — rund 1600 Qu.- Kilometer sank im Anfange des Ausbruchs um vier Centi- meter in wenigen Minuten. Wohin ging diese Wassermenge? In das Feuer? Denke man sich 64,000,000 Kubikmeter in Wasserdampf verwandelt! Die Wirkungen dieses Ausbruchs, wer kann sie ermessen? Menschenleben sind bis jetzt nicht zu beklagen. Viele Kühe sind umgekommen, das Erdreich ist aber durch die Asche besser geworden. Mit der einen Hand züchtigt der Herr, mit der andern spendet er Wohlthaten. (K. Vztg.) — -- Allerlei. Die Hinterlassenschaft großer Componi st en. Haydn befand sich in sehr guttu Verhältnissen. Außer mehreren Dutzend Schnupftabaksdosen, von denen die meisten, mit Brillanten besetzt, Geschenke seines Gönners, des Fürsten Esterhazy, einiger Souveräne und anderer vornehmer Herren waren, hinterließ er 12 goldene Preismedaillen, ihm zu Ehren geprägt und eine Menge goldgestickter Uniformen. Brillantringe und Brillanttuchnadeln und eine beträchtliche Summe vervollständigten sein Vermögen. — Auch Beethoven hinterließ eine große Summe in baarem Gelde. — Sehr gering dagegen war, was man bei Mozart fand. — Franz Schuberts Effekten jedoch waren die eines vollständig Verarmten. Er hinterließ nur einen Anzug nebst 10 Gulden 54 Kreuzern Papiergeld. - Zu unseren Bildern. Floßfahrt. Auf der Jsar geht's abtt) Und 's Wasser geht groß; Dös schäumt so schön grün, Und da arbeit' der Floß. Jetzt geht's um a Reiben,') Jetzt reißt's uns am Sand — Wenn ma's jetza nit richten, Fliegt all's auseinand'I Und der Sepp, der packt's Ruder, Der Hiesl packt's Steuer, Dös is dir a G'frett') Mit dem Wafferg'schäft Heuer?) Nur der Alte, der lacht Zu dem Dirndl daneben: „Siehgst, wie durch dös Wasser, So roast ma durch's Leben! Ha, fürchst di' jetzt nit, Mir fall'n allez'samm 'nein?" Da lacht die schön' G'sellin Und halt't st' fest ein. „Na. Alter," hat's g'sagt, „Schaug, dös is ja a Freud' Wie wilder 's dohingeht, Wie größer wird d' Schneid! As Wetter und 's Wasser Darf warm sein und kalt: Wenn der nur dabei is, An dem ma' st' halt't." _ Karl Stieler. Lindau. Lindau, unmittelbare Stadt und klimatischer Kurort im bayerischen Regierungsbezirk Schwaben, auf einer Insel im Bodensee, welche mit dem Festlande durch eine 219 Meter lange Holz- ') hinab. ') eine Ecke. ') eine Mühsal. ') dieses Jahr. brücke und durch einen 555 Meter langen Eisenbahndamm in Verbindung steht, Knotenpunkt der Linie München-Lindau der bayerischen Staatsbahn und Bludenz-Lindau der Vorarlberger Bahn, hat eine evangelische und eine katholische Kirche, ein altes und ein neues Rathhaus, einen alten römischen Wartthurm („Heidenmauer"), einen bedeutenden Getreidehandel, ein Theater, zwei Seebadeanstalten, ein reichdotirtes Spital und einen sehr schönen Hafen (Maximilianshafen), an welchem seit 1856 das Standbild des Königs Maximilian II. steht. Die Zahl der Einwohner beträgt mit der Garnison ca. 6000. Bedeutender Wein-, Obst- und Gemüsebau. Lindau hat ein Amtsgericht, Hauptzollamt, eine Latein-, Real- und Musikschule und eine Stadtbiblio- thek. Bereits die Römer hatten aus der Insel ein Lager gegen die Vindelicier und Alemannen (Oasdrum Mdsrii). Zur Zeit der Karolinger kommt (882) der Ort urkundlich unter dem Namen Lintowa vor. In einer Urkunde Rudolphs von Habsburg von 1274 erscheint Lindau als Reichsstadt. 1331 schloß sich die Stadt dem Schwäbischen Städtebund an. 1496 fand ein Reichstag dortselbst statt. Die Stadt trat 1530 der Reformation bei. 1646—47 wurde sie von den Schweden unter Wrangel vergeblich belagert. Erst 1803, beim Reichsdeputations-Hauptschluß, fiel Lindau's Selbstständigkeit. Napoleon's eiserner Besen hatte sie über den Haufen geworfen. Der eigentliche Sieger über die ein halbes Jahrtausend währende Freiheit war freilich kein Monarch von Weltbedeutung, es war — der Fürst von Bretzenheim. Lindau wurde bretzenheimisch I Erst 1605 kam die Stadt an Bayern, dem sie ihre heutige Blüthe verdankt. Der Bretzenheimer Staat verfiel dem Wandel der Geschichte. An dem schönen Lindavia-Brunnen, welchen Thiersch in Gemeinschaft mit dem Münchener Bildhauer Rümann schuf, an den Hafenbauten und neuerdings an der Wiederherstellung des Rathhauses steht man, daß es den alten Reichsstädtern nicht an Lust fehlt, ihre Stadt zu verschönern, und nicht an den Mitteln dazu, daß sie also unter dem bayerischen Löwen ihre Rechnung finden und sich wohl fühlen. — Und daß der Wohlstand nicht von gestern und die malerische Schmuckweise des Rathhauses nickt der Stadt etwas Fremdes ist, das steht man an dem von 1728 stammenden „Kawazzenhaus", dessen Außenseite vom Dach bis zum Sockel mit Bildwerk überdeckt ist. Auch das Innere des Rathhauses bietet mancherlei Sehenswerthes. ^ Auf derselben Insel, auf welcher Lindau liegt, befand sich ein gefürstetes Frauenstift, welches angeblich bereits 866 bestand und 1803 aufgelöst wurde. Also, Ihr Reisenden — nicht so hastig von der Eisenbahn zum Schiff! Lindau ist einer Rast und einer Umschau werth. Der Bodensee ist so reich an landschaftlichen Schönheiten! (Unsere Bilder sind nach Photographien von I. Bilgeri, Photograph in Lindau i B.) ZLitder-Yäthser. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 44: Weiß. Schwarz. 1. T. 24 »4 2 K. 23-22 Matt oder 66-05 1. 2. L—63 Malt oder 67-V6 1. 2. L-22 Matt oder V7-26 1. S. 26-04 2. L-64 Matt. 4-^-1-— ^L46. Ireitag, den 8. Juni 18S4. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen ZnstilutS von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler). »- Tante Kanna's Oeßeimniß. Original-Noman von E. von Linden. (Fortsetzung.) Armgard Holten befand sich in ihrem Hause in Moorkirch. Hierher war sie geflüchtet vor der qualvollen Unruhe ihres Innern, vor einem Schreckgespenst, das sie verfolgte, seitdem Doctor Peters die Vollmacht zum Handeln von ihr erhalten hatte. Sie fürchtete sich vor ihren eigenen Gedanken, da die alten Zweifel wieder Besitz von ihr genommen hatten und sie unablässig mit der Frage peinigten, ob sie recht daran gethan, einem Ertrinkenden den letzten Strohhalm der Rettung zu entziehen, ihn angesichts des Hafens in's stürmische Meer wieder hinauszustoßen? Das gemordete Kind schien die Hände nach ihr auszustrecken, um sie festzuhalten und an ihre Pflicht zu mahnen. Ihre ganze Willenskraft und klare, kalte Lebensanschauung, welche sie sich so schwer erkämpft hatte, waren von ihr gewichen und nur die Schwäche und muthlose Resignation zurückgeblieben. Sie wunderte sich über die eigene jäh aufgeflackerte Thatkraft, mit welcher sie die Vollmacht geschrieben und sich urplötzlich zum Handeln aufgerafft hatte, und entfloh nach der Stadt, von dem unbestimmten Angstgefühl getrieben, daß jede nächste Stunde ihr etwas Entsetzliches bringen müsse. Er würde kommen, um Rechenschaft von ihr zu fordern für ihren Wortbruch, der Mann, den sie einst als Kind so leidenschaftlich geliebt und vor dem sie jetzt ein Grauen, eine unsägliche Furcht empfand. Auch hier in der Stadt mußte er sie finden, sein erster Gang würde doch ihrem Hause gelten. Wohin sollte sie vor ihm flüchten? „In's Hospital — zu Taute Hanna!" sprach sie unwillkürlich diesen rettenden Gedanken laut und entschlossen aus, ohne zu bemerken, daß die alte Wirthschaftet sie bekümmert beobachtete und sich besorgt im Zimmer zu schaffen machte, um in ihrer Nähe zu sein, da sie ihr Fräulein noch für recht krank hielt. Die plötzliche Energie Armgard's beruhigte sie ein wenig, sie brachte ihr geschäftig Hut, Handschuhe und Sonnenschirm und bemerkte zu ihrem Manne, daß das Fräulein recht merkwürdig seit ihrer Verlobung geworden sei, was dieser sehr natürlich fand, da die alte Liebe, welche so lange eingerostet gewesen sei, nun eine viel „dollere Confuschon" bei einem Frauenzimmer anrichten thäte. Armgard schritt in der gewohnten graziösen Haltung durch die Straßen dem etwas entlegenen Krankenhause zu. Man blickte der anmuthigen Gestalt nach, grüßte vielfach und machte seine Glossen über die verliebte Erbin, welche mit ihrem Reichthum so lange auf den ungetreuen Liebsten gewartet und sich endlich noch zum Gespött der Stadt gemacht hatte. Man gönnte ihr diesen Mann von Herzen, der sie doch nur ihres Geldes halber jetzt heirathe, und verurtheiltc sie, daß sie nicht einmal soviel Anstandsgefühl bewahrt und das Trauerjahr um das so schmählich gemordete Kind innegehalten habe. Armgard hörte glücklicherweise nichts von diesem Urtheil, anscheinend ruhig und stolz schritt sie dahin, freundlich die Grüße erwidernd. So gelangte sie unangefochten in's Krankenhaus, wo der Arzt sie freundlich begrüßte und sie sofort auf ihre Bitte zu Tante Hanna führte. „Sie hat heute einen besonders guten Tag, zeigt eine erfreuliche Aufmerksamkeit für die Außenwelt und nimmt merklich an körperlichen Kräften zu," sagte der Arzt, sie die Treppe hinaufgeleitend. „Gehen Sie dort nur hinein, mein gnädiges Fräulein, Tante Hanna sitzt in ihrem Lehnstnhl am Fenster." Armgard dankte ihm und öffnete behutsam die Thür. In dem freundlichen Zimmer duftete und blühte ein reicher Blumenflor, da man von allen Seiten der guten Tante Hanna die schönsten Sträuße sandte, unbekümmert, ob sie sich daran erfreuen konnte oder ob ihr Auge theilnahmlos darüber hinstreifte. Dankbare Herzen hatten das Bedürfniß ihrer Liebe für die Greisin Ausdruck zu geben und wären unsagbar glücklich gewesen, hätten sie ahnen können, daß Tante Hanna bereits die Nähe ihrer Lieblinge empfand und ihr Blick mit einem sinnenden Ausdruck auf den Blumen haftete. Die Wärterin erhob sich bei Armgard's Erscheinen und deutete lächelnd aus die Kranke, deren Stuhl dicht an das offene Fenster gerückt war, damit ihr der volle, ungehinderte Ucberblick des blühenden Gartens zu Theil wurde. Die Aerzte hatten die Beobachtung gemacht, daß die frische Luft und der Anblick der Blumen in jeder Hinsicht belebend auf sie einwirkten, und sich deshalb veranlaßt gesehen, dieses Heilmittel bei dem an- — 350 haltend sonnigen Wetter in unbeschranktester Weise anzuwenden. Armgard trat mit freundlichem Kopfnicken gegen die Wärterin rctsch zu Tante Hanna, die ihr langsam das bleiche Gesicht zuwandte und sie forschend anblickte. „Grüß' Gott, Tanlchen," sagte sie, sich zu der kleinen Gestalt niederbeugend und ihre Stirn küssend, „hier ist's schön und stillbehaglich bei Ihnen." Die Greisin lächelte ihr zu und schien sich auf ihren Namen zu besinnen. „Bleiben Sie eine Weile, Fräulein?" fragte die Wärterin, „ich habe etwas zu besorgen." „Gehen Sie nur, meine Liebe, Tante Hanna ist gut bei mir aufgehoben." Die Wärterin verließ das Zimmer. „Nun, Tantchen," fuhr Armgard, die Hand der Kranken zärtlich streichend, fort, „strengen Sie Ihre Gedanken an, wer bin ich?" Die Greisin tastete sich unruhig über die Stirn, blickte sie wiederholt an und sagte traurig: „Ich kenne das Gesicht, ja, ja, ach, Du bist die gute Arm— nein, nun schiebt sich wieder etwas vor." „Doch, Tantchen, Sie sind auf dem rechten Wege, nur weiter. Sie sagten — Arm—" „Es ist ja zu, Kind, — die Namen sind mir verschlossen, — ich kenne ja auch den schrecklichen Mann, aber seinen Namen weiß ich nicht mehr." „Welchen schrecklichen Mann, Tante Hanna?" fragte Armgard forschend. „Tante Hanna bin ich, — den Namen weiß ich, — aber den andern, — es war im Feuer, ich sah's ja deutlich. — Sieh' da, da," setzte sie plötzlich, sich mit unnatürlicher Kraft erhebend, hinzu, indem sie mit dem Zeigefinger der Rechten in den Garten hinaus- deutete, „dort geht er, der schreckliche Mann mit der Maske, welcher mit dem Hammer mich traf, sieh' hin, Armgard Holten, — es ist der Mensch, welcher Dich verrieth, — Julius Steindorfl" Sie sank mit einem Seufzer ohnmächtig zurück, während Armgard, selber mit einer Ohnmacht ringend, nicht im Stande war, ihr zu Hülfe zu kommen, sondern, sich wankend an der Lehne des Sessels haltend, mit entsetztem Blick in den Garten hinausstarrte, wo in der That Julius Steindorf sich befand. Hatte die Kranke gefiebert oder eine gräßliche Wahrheit ausgesprochen? — Das Letztere drängte sich ihr gewaltsam auf, da Tante Hanna ihren Namen und damit die Erinnerung wiedergefunden beim Anblick jenes Asannes, dem sie sich verlobt hatte. — Eine tödtliche Angst überfiel sie, in ihrem Gehirn schien eine tobende Blutwelle wie ein Sturm zu brausen und zu rauschen, sie sah nur noch undeutlich, wie Steindorf mit einem Gartenarbciter sprach, und sank mit einem wilden Aufschrei bewußtlos anf den Boden nieder. In diesem Augenblick trat die Wärterin, welche den Schrei draußen gehört, erschreckt ein. Ohne eine Ahnung dessen, was geschehen, klingelte sie um Hülfe, worauf eine andere Wärterin herbeieilte, mit deren Beistand Tante Hanna in's Bett geschafft und Armgard in den Lehnstuhl gehoben wurde. Dann riefen sie den Arzt, welcher der Wärterin einen Verweis wegen des eigenmächtigen Verlassens der ihrer Obhut anvertrauten Kranken ertheilte und Armgard durch belebende Mittel rasch wieder zum Bewußtsein brachte. „Bringen Sie der Dame ein Glas Wein!" befahl er sodann, sich an Tante Hanna's Lager begebend, wo die Sache, wie er sagte, schlimmer aussah, da er einen Schlaganfall befürchtete. Zum Glück bewahrheitete sich dieses nicht, auch Tante Hanna kam wieder in's Leben zurück und begann zu seinem Erstaunen sofort damit, ihre Augen unruhig umherwandern zu lassen, ihn dann mit einem seltsamen Ausdruck anzuschauen und die Frage an ihn zu richten, ob sie lange geschlafen habe. „Nein," versetzte der Arzt, „Sie waren ein wenig ohnmächtig geworden, Tante Hanna, Sie und Fräulein Armgard Holten, welche sich gerade bei Ihnen befand und auch noch recht schwach zu sein scheint. Vielleicht haben die Blumen einen zu starken Duft für Ihre Nerven." Die Kranke sah unruhig vor sich hin. „Ich habe geträumt," sprach sie leise, „sah den schrecklichen Mann mit der Maske und wußte auch seinen Namen. Nun ist alles wieder dunkel in meinem Kopfe." „Ja, Tante Hanna, Sie haben sicherlich geträumt," beruhigte sie der Arzt, „und müssen jetzt schlafen." Die Wärterin mußte ihr ein Getränk mischen, das sie willig nahm und dann wie ein gehorsames Kind die Augen schloß. Armgard Holten saß in dem hohen Lehnstuhl und sah und hörte Alles wie im Traum, bis der Arzt sich wieder zu ihr wandte. „Fühlen Sie sich gestärkt genug, mein Fräulein, das Zimmer zu verlassen?" fragte er, besorgt ihren Puls fühlend. „Herr Steindorf ist unten," meldete ein Mädchen, „er läßt anfragen, ob Fräulein Holten wieder wohl genug sei, mit ihm nach Hanse zurückzukehren." Aruigard blickte den Arzt an. „Ich fühle mich noch zu schwach dazu," sagte sie, „möchte aber eiuige Worte mit Herrn Steindorf sprechen. Haben Sie vielleicht auf fünf Minuten ein Zimmer disponibel, Herr Doctor?" „Ich biete Ihnen das meinige an, gnädiges Fräulein!" versetzte der Arzt, ihr achtungsvoll seinen Arm reichend, welchen sie, sich rasch erhebend, ohne Zögern annahm und mit ihm das Krankenzimmer verließ. „Ich werde jetzt Herrn Steindorf, den ich vom Ansehen kenne, selbst benachrichtigen und hierherbringen," setzte der gefällige Arzt, sich verbeugend, hinzu, indem er seine Zimmerthür öffnete und sie mit einer höflichen Beweggng zum Eintreten einlud. Armgard raffte jetzt ihren ganzen Muth zusammen, um den Anblick des Entsetzlichen zu ertragen. Sie erwog bei sich, daß es strafbar sei, das Wort einer geistig Gestörten ohne Weiteres für Wahrheit zu halten, und war entschlossen, sich jetzt die Gewißheit zu verschaffen um jeden Preis. Ein Plan war wie ein' Blitzstrahl durch ihr Gehirn geschossen, und dann?-Wenn Tante Hanna wahr gesprochen, sollte sie ihn dem Richter überliefern? Sie hatte keine Zeit mehr, sich diese furchtbare Frage zu beantworten, da im selben Augenblick geklopft wurde und Julius Steindorf eintrat. Armgard wollte sich entschlossen aufrichten, doch zitterten ihre Kniee so heftig, daß sie sich wankend auf's Sopha niederlassen mußte. „Theuerste!" rief Steindorf, auf sie zueilend und sofort vor ihr auf die Kniee niedersinkend, „ist es denn wahr, was jener Doctor mir gesagt? Kann es möglich 351 sein, daß Deine Hand das Abscheuliche niedergeschrieben, was uns trennen und mich vernichten soll?" Diese theatralischen Worte beseitigten Armgard's Furcht und Schwäche und erfüllten sie mit Widerwillen und Abscheu. „Stehen Sie auf, mein Herrl" sprach sie kalt, „ich habe mit Ihnen nur wenige Worte zu reden." Ueberrascht erhob er sich, ein unruhiges Gefühl überkam ihn, und stechend hefteten sich seine Augen auf ihr bleiches Antlitz, das in diesem Moment den früheren Ausdruck ruhiger Entschlossenheit und Würde wieder erhalten hatte. Sie senkte den Blick und bemerkte auf dem vor ihr stehenden Tisch eine spiegelblanke Scheere, welche einer daneben liegenden Verbandtasche entnommen zu sein schien. „Zuerst möchte ich Sie bitten," begann sie, die Scheere ergreifend, „mir einen krankhaften Wunsch, eine Laune oder Grille, wie Sie es nennen mögen, zu erfüllen." „Von Herzen gern, theuerste Armgardl" erwiderte er mehr erstaunt als unruhig. „Ich finde, daß der Kinnbart Sie ganz abscheulich entstellt," fuhr sie rasch mit fester Stimme fort, „und bitte Sie, denselben mit dieser scharfen Scheere sofort wegzuschneiden." Steindorf, der eher auf alles Andere als auf ein solches Ansinnen gefaßt war, wurde bleich bis an die Lippen und trat dann mit einer drohenden Bewegung auf sie zu. „Das ist einfach eine Tollheit, mein Fräulein!" stieß er heftig hervor. Auch Armgard war'-'noch blässer geworden, ihr Gesicht glich einer Todtenmaske,- während ein eisiger Schauer durch ihre Adern rieselte. „Sie wollen meinen Wunsch nicht erfüllen?" fragte sie mit Anstrengung, „fürchten Sie vielleicht einen rothen Strich?" „Verdammt sei dieses Wort," knirschte er. Dann lachte er laut auf. „In diesem Hause scheint Ihr Verstand gelitten zu haben, meine Theuerste! Sie sind kränker, als Sie selber es ahnen. Ich will den Arzt benachrichtigen." „Noch ein Wort!" gebot Armgard, sich erhebend, „ich will Ihre Anklägerin nicht werden. Doch Wen Sie sich, Tante Hanna hat ihr Gedächtniß wieder''erlangt und wird den Namen des Mörders und Diebes nennen, welcher in jener Eewitternacht sie mit einem Hammer niedergeschlagen hat. Ich will nicht fragen, wer den Mann und das Kind im Hohlwege erschossen und das Attentat im Gebirge —" Sie brach ab und starrte ihn an, wie er mit erdfahlem, verzerrtem Gesicht beide Hände gegen sie ballte und sich der Thür zuwandte. Dann sah sie nichts mehr, da ihr Bewußtsein geschwunden war. » * Steindorf hatte den Arzt benachrichtigt, daß Fräulein Holten seiner bedürfe, und sich dann mit ernstem Antlitz und der gewohnten eleganten Haltung ohne Eile entfernt. Als er jedoch aus dem Bereich des Krankenhauses war, beschleunigte er seine Schritte, um nach dem Holten'schen Hause zurückzugelangen, wo Stallung genug für sein Pferd sich befand. „Haben der Herr das Fräulein gefunden?" fragte die alte Frau Lorenz, welche ihm mitgetheilt, wohin Armgard sich wahrscheinlich begeben habe. „Ja, sie ist noch im Krankenhause," erwiderte er, „war unwohl geworden." Der alte Hausmeister mußte sein Pferd vorführen, während er eiligst ein Glas Wein trank, dann einen Blick auf seine Uhr warf und fortritt. „Der Herr Steindorf hat's ja schrecklich eilig," meinte der Alte, „was mag dem passirt sein?" „Unser armes Fräulein ist unwohl geworden, weß- halb ging sie auch nach dem Krankenhause? — Mußt Dich doch erkundigen, Vater." „Ei, Du lieber Gott, da will ich ja gleich hingehen!" rief der Alte erschrocken, „gieb mir meine Mütze, — Mütterchen!" Er ging nach dem Krankenhause, wo ihm die niederschmetternde Mittheilung wurde, daß Fräulein Holten gefährlich erkrankt und an eine Uebersiedclung nach ihrem Hanse oder gar nach Edcnheim gar nicht zu denken sei. Während Steindorf sein Pferd zu einer so rasenden Eile anzutreiben suchte, daß die auf der Landstraße ihm begegnenden Leute entsetzt zur Seite wichen, als stürme der leibhaftige Gottseibeiuns an ihnen vorüber, brauste ein Bahuzug heran, welcher sein Verderben mit sich führte. Er ließ, um sich und dem schaumbedeckten Thiere einige Augenblicke Erholung zu gönnen, dasselbe in Schritt fallen, zog die Uhr und starrte erschreckt auf den Zeiger. „Der Zug muß bei der vorletzten Station sein," murmelte er mit einem tiefen Athemzug und horchte dann aufmerksam nach einem fernen Ton. Nichtig, sein geschärftes Ohr vernahm das Klappern der Räder, jenen eigenthümlichen Klang, welcher bald lauter, bald leiser aus weitester Ferne sich schon bemerkbar macht. Der Zug fuhr der Stadt zu, hatte somit die letzte Station bereits hinter sich. „Bah," murmelte Steindorf wieder, sich die Stirn trocknend, „der fährt nach der Stadt und der Andere —" Er versetzte dem Noß einen so heftigen Schlag, daß es einen Seitensprung machte und dann wie toll davonstürmte. Von der vorletzten Station her näherte sich ein Bauern-Eespann dem Gute Edenheim. Ein Herr saß neben dem Knechte, welcher ihn fuhr. Eine Viertelstunde von dem Herrenhause entfernt ließ der Herr halten, gab dem Knechte ein Trinkgeld und schritt zu Fuß seinem Ziele zu, während der Wagen wieder nach Hause fuhr. Der Fremde ging auf Umwegen näher und fragte einen daherkommenden Arbeiter, ob die Herrschaft zu Hanse sei. „Das Fräulein ist nach der Stadt." „Dann ist Herr Steindorf, ihr Verlobter, vielleicht anwesend?" „Nee, der war schon da, ist aber vor zwei oder drei Stunden auch nach der Stadt geritten." „Mit dem Fräulein?" „Nee, ohne das Fräulein." Der Herr dankte und ging jetzt geradeswegs auf das Herrenhaus zu, wo er eine Unterredung mit Mamsell Evers hatte. „Wenn Sie warten wollen," bemerkte sie schließ- 852 ltch, „so können Sie so lange tn's Wohnzimmer treten, das Fräulein muß doch endlich zurückkommen." „Und dann wird Herr Steindorf sie jedenfalls herausbegleiten —" „Na, das wird er sich wohl nicht nehmen lassen." „Dann werde ich mir erlauben, so lange in den Garten zu gehen," sagte der Fremde höflich. „Wie Sie wünschen, mein Herr! — Gehen Sie nur links um jene Ecke, dort finden Sie eine offene Pforte. Herr Steindorf wird sicherlich mit hierher- kommmen," setzte sie hinzu, „er hat ja unser bestes Pferd genommen, das er wohl halb zu Tode gehetzt hat. Der Gärtner hat ihm vom Thurme aus nachgeschaut." Sie schwieg plötzlich und ärgerte sich, daß ihr der Groll so unvorsichtig die Zunge gelöst hatte. Der Fremde verzog keine Miene, er schlenderte langsam um die bezeichnete Ecke und betrat den schönen, in musterhafter Ordnung gehaltenen Garten, wo er den alten Gärtner noch beim Beziehen fand. (Fortsetzung folgt.) --SSWSk-- Die Angsburger Weber zu Reichsstadt Zeiten. (Schluß.) Am meisten beunruhigte die nicht enden wollende Noth der Weber die Herren der Deputation und deS Rathes, und wenn es diesen auch nie am guten Willen zu helfen fehlte, so waren sie in der Wahl der Mittel nicht immer glücklich. Verfügten sie, daß ein Meister höchstens auf vier Stühlen wirken dürfe, damit die Bestellungen auf alle Meister sich vertheilen, so klagten die tüchtigen, durch Aufträge jeder Zeit gesuchten Weber über Einschränkung ihrer Arbeit. Wurden die Färber angehalten, nur hiesige Tücher anzunehmen, so beschwerten sie sich wegen Schmülerung ihrer Nahrung, weil Ulm und Nürnberg ihre Waaren nach einem anderen Ort verschickten. Die Kaufleute und die Krämer protcstirten feierlichst gegen die Auflage, erst dann von auswärts Waaren zu beziehen, wenn die Vorräthe der hiesigen Weber erschöpft seien, und da sie dabei aufmerksam machten, daß mit minderwerthigem Gut, das sie auch annehmen müßten, ihnen nicht gedient wäre, so berührten sie das Grundübel der ganzen Sachlage. Dieses blieb auch dem Nathhause nicht verborgen, aber was im Laufe der Zeiten sich unheilvoll eingeschlichen hatte, war mit einem Machtwort nicht zu beseitigen. Der Credit des Gewerbes war dahin! Das Schaugericht, die vortreffliche Einrichtung, hatte durch übel angebrachtes Mitleid, gepaart mit unverantwortlicher Nachsicht der Behörden, sich verleiten lassen, nicht tadellose Tücher zu stempeln. Lange ließ der Handel sich nicht täuschen; um den Nimbus des der Waare angehängten Bleiwappens, des untrüglichen Zeichens preis- würdigen Kaufmannsgutes, war es geschehen, und in der eigenen Heimath zog der Käufer vor, die Tücher selbst zu prüfen. Welchen Eindruck mußte es machen, wenn Niklas Bitzel, welcher die Stupfmark nachgemacht und mit ihr seine schlechte Waare gestempelt hatte, nur mit drei Tagen „Gewölbte" gestraft wurde. Was fruchtete die Androhung einer geringen Geldbuße auf das Umgehen der Schau, womit auch die Unterschlagung der Gebühr und des Ungelds verknüpft war, und wen schreckte der Verlust der Webergerechtigkeit ob dieses Frevels zurück? Denn bis der Betrug entdeckt wurde, hatte der Defraudant schon die Strafe und 12 Gulden dazu verdient, mit welch lächerlichem Betrage er sogleich wieder die verwirkte Gerechtigkeit kaufen konnte. Nicht minder zeigten sich die Anschläge im Weberhause: „Die Weber sollen sich besserer Arbeit befleißigen," und ein andermal: „Die Bürgerschaft hänge nicht von dem Handwerk der Weber ab, aber dieses schade sich selbst, wenn es nicht mit Treue und Redlichkeit das Publikum bediene" — als wirkungslos. Und die ernstliche Mahnung an die Stimmir» Meister, jede schlechte Waare rücksichtslos zu durchschneiden, kam zu spät, denn „wegen des vielen Schmähend der Meister" wagten sie nimmer eine so scharfe Procedur. So war in den Augen der tüchtigen Weber, denen nie die Arbeit fehlte, die Einrichtung, welcher das Gewerbe einst einen ehrenvollen Weltruf verdankte, zur chikanösen, nutzlosen Anstalt herabgesunken. Nun sollte man vermuthen dürfen, daß bei solchen Verwirrungen die Weberschaft sich angespornt fühlte, in andere Bahnen einzulenken und auf die Stimme des Zeitgeistes zu hören. Das geschah jedoch nicht, im Gegentheile öffnete sich jetzt die schlimmste Perspective in die Zukunft. Bisher war, abgesehen von einzelnen Vexa- tionen, der Verkehr der Weber mit den Druckern ein ziemlich leidlicher, der nunmehr einen feindseligen Charakter annahm. Die Veranlassung davon war die in Schwab- münchen errichtete Kattundruckerei. Daß dadurch die Weber einen neuen Verdienst erhalten würden, schlugen sie nicht an, denn sie wollten keine Concurrenz in der Nachbarschaft. Ohne Rücksicht auf das kaiserliche Patent über die Handwerksmißbräuche reichten sie bei den Deputirten eine Vorstellung und Petition des Inhaltes ein: „ex jurs xulilioo st voirnnuni auch asguibats naturg-U und der selbstredenden Vernunft ist uns wohl bekannt, daß jedem Reichsstande zugelassen ist seine Bürger in aufrechtem Stand zu erhalten und Fabriken, wodurch die Nahrung von hier ab und anderswohin gezogen werde, nicht zu dulden. Zwar ist Schwabmünchen ein Marktflecken mit Stock und Galgen, und der Rath kann der dortigen Druckereifabrik nichts befehlen, aber er soll jedem Bürger und Beisitzer hiesiger Stadt, der yuovm moäo der besagten Fabrik behülflich sei, das Bürger- und Beisitzrecht aberkennen." Der Rath vermochte natürlich diesem Ansinnen nicht zu entsprechen, doch gelang ihm, die Leute durch die Erklärung sämmtlicher Drucker, daß sie auf den Waarenverkauf in looo verzichteten, zu beruhigen. Um diese Zeit ließ sich in Augsburg ein Mann nieder, welcher die Kattundruckerei in Deutschland auf die höchste Stufe der Vollkommenheit brachte, dadurch von großem Nutzen seinen Mitbürgern wurde und doch von einem Theile derselben die heftigste Verfolgung erfuhr. Johann Heinrich Schüle, geboren am 13. Dezember 1720 zu Künzelsau in Württemberg, der Sohn eines armen Nagelschmieds, kam nach beendeter Kanfmanns- lehre in Straßburg und einem kurzen Aufenthalte in Kaufbeuren 1745 hieher, trat in Folge Verheiratung mit der Tochter des Handelsmanns Georg Christoph Christel in das Bürgerrecht ein und übernahm im Besitze eines Vermögens von zehn Ducaten das schwiegerväter- liche Geschäft, das sich auf den Ausschnitt hier verfertigter Kattune und Bombasine beschränkte. Den strebsamen Sinn des jungen Mannes befriedigte diese Beschäftigung nicht. Es gelang ihm, von den Directoren des Zuchthauses ein vncantes Druckerzeichen (Concession) und pachtweise ein Wasserrad neben der Holzhütte beim Arbeitshanse 1758 zu erlangen, und er fand tüchtige Weber, welche sich bereit erklärten, die Stühle für feine ostindische Kattune einzurichten, was ihren Lohn von 2 fl. 20 kr. auf 7 fl. steigerte. Unterstützt von dem hiesigen Bankhause Johann Obwexer begann Schüle 1759 mit eigener Druckerei zu arbeiten, aus welcher in kurzer Zeit Zitze auf den Markt kamen, welche durch Farbe und Muster alle derartige Fabrikate überflügelten. Das Geschäft nahm einen so staunenswerthen Aufschwung, daß es innerhalb sieben Jahren nur an sogen. Salempours und Drittelstücken 75,936 Stücke verarbeitete, von den hiesigen Webern 221,645 Stück rohe Zitz- und Kattunwaare, das Höchste was sie zu leisten vermochten, bezog, was ihnen und dem asrario xufflicv an baarem Gelde 3,754,829 fl. eintrug, und daß es mehr als 3000 Personen beschäftigte. Mit dem riesigen Verbrauch des Rohmaterials gleichen Schritt in der Production zu halten, sah sich die Weberschaft um so weniger in der Lage, als nur wenige Meister im Stande waren, die allein brauchbaren, fehlerfreien Tücher anzubieten. Die Einfuhr ausländischer Stoffe gestaltete sich deßhalb zu einem dringenden Bedürfnisse, was der Rath schon 1693 anerkannte, als er den Bezug der ostindischen Waaren, ohne Unterschied der Qualität, erlaubte. Von jeher war aber den Webern die Begünstigung des Imports ein Dorn im Auge, wodurch bereits 1753 ein bitterböser Federkrieg zwischen dem Weberhause und der Kaufleutstube sich entzündet hatte. Jenes verlangte das Verbot des Kaufens und Drückens fremder Leinwand, damit nicht wegen einiger eigennütziger Handelsherren der ganzen numeroscn Weberschaft mit 2000 bis 3000 Personen das letzte Stücklein Brod entrissen werde. Die Kaufmanns-Jnnung entgcgnete darauf: „Nicht die Einschränkung des Handels schütze das unverhältnismäßig große Handwerk vor dem gänzlichen Ruine, sondern das Zurückkehren zu solider Arbeit. Die allhiesige Gotckon oräinari, die vor Zeiten einen starken Abgang gehabt, ist wegen nunmehriger geringer Beschaffenheit in die größte Verachtung gekommen, und in Italien wird sie bloß „Fischers Netze" genannt." Während das Ausland mit Bewunderung auf die Augsburger Kattnndrnckerei schaute, rüstete sich in der Heimath eine durch Neid und Mißgunst genährte Unzufriedenheit zu einem Vernichtungs-Augriff auf diesen blühenden Industriezweig. Die Leitung des umfangreichen Geschäfts ließ nicht länger das Zusammenfassen aller über die ganze Stadt ausgebreiteten Bestandtheile des Betriebs entbehren, und Schüle entschloß sich 1761 vor dem rothen Thore eine große Fabrik zu erbauen. Dieser Plan gab das Signal zum Ausbruch eines „reichs- satzungswidrigen" Unfugs der Weber, welche in dem Unternehmen ihrer Aller Untergang vorhersahen und durch gefährliche Drohungen die Arbeiter der Art einschüchterten, daß sie die Arbeit einstellten. Die fortgesetzten Straßentnmulte ängstigten den Rath und preßten ihm, der die Wiederherstellung der Ruhe um jeden Preis wünschte, am 28. Oktober 1762 die Entschließung ab, daß nur noch die extrafeine weiße ostindische Waare eingeführt werden dürfe, weil dieselbe wegen des mangelnden Gespinnstes hier nicht verfertigt werden könne. Es wäre damit ohne jeden Gewinn für die rebel- lirenden Bürger der Kattundruckerei der Todesstoß versetzt, den tüchtigsten Webern und Färbern ein schöner Verdienst genommen und den Steuerherren eine namhafte Summe entzogen gewesen, hätten nicht die politischen Zustände das Nathhaus gewarnt, den folgenschweren Schritt in nochmalige Erwägung zu ziehen. Die im Norden Deutschlands 1756 angezündete Kriegsfackel verbreitete 1762 ihren grellen Schein bis an die Donau. Im November durchschwärmte ein 6000 Mann starkes preußisches Streifcorps den fränkischen Kreis, es überfiel Nürnberg, welches gleich Bamberg eine schwere Brandschatzung zu erdulden hatte, und machte der Neichsabtei Kaisheim einen sehr unliebsamen Besuch. Augsburg schritt zu Vertheidigungsmaßregeln, und die drohende Gefahr von außen brachte die Unruhen im Innern der Stadt zum Schweigen. Die ziemlich erschöpften städtischen Cassen machten dem Rathe begreiflich, daß das Verstopfen einer ergiebigen Einnahmsquelle ihnen nicht zuträglich wäre, und so blieb das kürzlich ergangene Dekret unausgeführt. Ohne Anstand passirten die ostindischen Waaren jeder Gattung die Thore, und sie unterlagen keiner Besichtigung. Nach dem Hubertsburger Frieden 1763 athmeten Industrie und Handel frisch auf, in den Kattundrnckereien herrschte reges Leben, und die Zollgebühren wuchsen mit jedem Tage. Nur die Weber sahen scheel dazu, obwohl man auch ihren seit 1746 verbotenen Handel mit Leinwand nach auswärts nachsichtig beurtheilte. Im Jahre 1765 wagten sich abermals aufreizende Stimmen gegen Schüle wegen ungeheurer Menge ausländischer Tücher an die Oeffentlichkeit, und hievon unterrichtet, bot er den Webern an, von ihnen jährlich 25,000 Stück L 10 fl. zu nehmen, während der übliche Preis selten 7 fl. erreichte, wie er auch thatsächlich im ersten Quartal 1766 über 5360 Stück ihnen abgekauft hatte. Die wohlwollende Gesinnung verachtend, weil, was doch selbstverständlich war, die Fabrik nur mit guten Stoffen sich bedienen ließ, schloffen die mit geringen Tüchern abgewiesenen Weber sich enger zusammen, es begannen wieder die Straßen-Excesse mit Einwerfen der Fenster und Mißhandlung der Comptoir-bediensteten, die endlich, da alle Ausschreitungen ungerügt blieben, im Mai bis zu einem förmlichen Aufruhr sich steigerten. Trotzig verlangten die Ruhestörer eine Visitation des Schüle'schen Waarenlagers, und der ihnen geneigte Bürgermeister von Kuen zeigte sich dazu willfährig. Sogleich arrestirte er mann militarr den ganzen Vorrath an Tüchern in der Fabrik und auf der Bleiche und übergab ihn den Webern und einigen ihnen nahestehenden Baumwollenhändlern zur Feststellung der Beschaffenheit der ostindischen Kattune. Ein solches Verfahren billigte der Rath nicht, und er setzte eine „aus bescheidenen Webermeistern und unparteiischen Kaufleuten bestehende Commission" ein, welche zu entscheiden hatte sx Hnisiuo irotis crstaraateii8bieis das ostindische Gewebe zu erkennen sei. Nur ungern unterzogen sich die gewählten Sachverständigen dem Auftrage und erst dann, als ihnen genehmigt wurde, das Gutachten nicht zu beschwören, „weil sie sich nicht getrauten, ein untrügliches Zeugniß abzulegen". Indessen fuhren die Weber fort zu rcbelliren, die Fabriken Tag und Nacht zu bewachen, die Magazine zu durchstöbern und die Hausbewohner zu belästigen. Vergeblich wartete Schüle auf den erbetenen obrigkeitlichen Schutz, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als die Hilfe des Herzogs von 354 Württemberg anzurufen, welcher dem verdienstvollen Manne im August 1766 den Titel eines Residenten und Hofraths verlieh. Diese ehrende Standeserhöhung be- wirtte, daß der Rath alle Executionen einstellte und die Zurückgabe der beschlagnahmten Waaren anordnete, nachdem er gegen Schule eine Strafe von 10,660 st. wegen unterlassener Anzeige von 5330 Stück ostindischcr Waare bei der Schau verhängt hatte, obwohl seit 1693 ausdrücklich und seit 1762 stillschweigend dieselbe als nicht schaupflichtig galt, das nicht eidlich erhärtete Gutachten unbestimmt ließ, ob sie als solche anzusehen sei und die Strafsentcnz selbst anerkannte, daß derartige Tücher all- hier nicht gewob enwerden könnten. Allein die irregeleiteten Meister befriedigte diese Wendung der Sache nicht, und sie begehrten stürmisch die Jnnehaltung der confiscirten Zeuge, bis der von Schule angestrengte Proceß endgiltig entschieden sein werde. Der Rath war schwach genug, nicht nur nachzugeben, sondern er vergaß sich auch soweit, dem Liceuciaten I. G. Morell suff povna. uotnulis ouLsationia zu verbieten, dem Schule in dermaliger Angelegenheit weiter beirätblich zu assistiren, welche monströse Verfügung allerdings Wien annullirte. Bei den fortdauernden Bedrohungen und dem befremdlichen Verhalten der Staatsorgane wollte Schüle sein und der Seinigen Leben nicht auf das Spiel setzen, er schloß znm Leidwesen vieler braver Bürger das Geschäft und zog im Oktober nach Heidenheim. Den Schaden luari asssnirtig und an ruinirten Waaren, Gebäuden uud Maschinen berechnete er auf 300,000 fl. Gerade zwei Jahre später traf das für den Rath beschämende Reichshofrathsconclusum vom 3. Oktober 1768 ein. welches ihm zur Auflage machte: in allweg die Fabrik des Johann Heinrich Schüle zu fördern, die freie Einfuhr, den Druck und das Färben jeder ostindischen Waare ohne Ausnahme zu gestatten und sich mit der Eröffnung und Stcmpclung der ankommenden Stücke, sowie mit Verfügung jeglicher Strafe zu enthalten. Mit dem befohlenen Anschlage des kaiserlichen Patents eröffnete der Magistrat, der sich wieder aufraffte, der gesummten Weberschaft, baß jede künftige Ruhestörung empfindlich gerügt werde, daß die Druckereien nur die von der Schau als tadellos bezeichneten Tücher anzunehmen verpflichtet seien, wozu sie sich bereit erklärten, und daß ihnen frei stehe, den Mehrbedarf nicht blos aus Ostindien, sondern auch aus Sachsen, Schwaben und der Schweiz zu beziehen. Hochherzig vergaß Schüle die ihm widerfahrenen Kränkungen. Er beschleunigte den Bau seiner palastartigen Fabrik, führte den Kupferdruck nach dem neuesten Stand der Technik ein, und es gelang ihm, Gold und Silber haltbar auf den Zitz zu bringen. Der Jahresabsatz stieg auf 70,000 Stück Kattun, wodurch jährlich über eine Million Gulden in Umlauf kamen. Jede solide Arbeitskraft wurde gut bezahlt, die künstlerische sogar reichlich, denn das Jahressalaire der ersten Zeichnen» betrug 5000 fl. Ueber Verdienstlofigkeit klagten nur träge und unwissende Leute, denn länger als zwanzig Jahre herrschte in den Werkstätten fröhliche Arbeit. Dem aufmerksamen Beobachter entging jedoch nicht, daß bei den Webern der unselige Gedanke sich fortgeerbt hatte, nur ihretwegen bestehe der hiesige Markt. Deshalb arbeiteten viele Meister nur nach eigener Bequemlichkeit, unbekümmert um die Nachfrage. Die daraus fließenden schlimmen Folgen erkannten wohl die Deputirten auf dem Weberhanse, und sie erhoben ihre Stimme, indem sie 1782 mahnend ausriefen: „Durch eure Saumseligkeit kommen beliebte Gattungen von Tüchern in Abgang, so daß die Handelsleute gezwungen werden, nach Mcmmingen und Kauf- beurcn zu gehen, wo man sich dabei wohl befindet, unserer Stadt dagegen jährlich mehrere tausend Gulden entzogen werden." Es half nichts, ja es verursachte die derbe Sprache nicht einmal eine Aufregung in der Zunft. Bald darauf zeigten sich aber wieder die Sturmvogel. Wegen der Herabsetzung der Löhne gab es 1784 zwischen den Webergcscllen und den Meistern in den .Herbergen heftige Austritte, welche häufig in öffentliche Ruhestörungen ausarteten, und als der Rath mit Nachdruck dagegen einschritt, verließen mehr als 200 Knappen die Stadt. Die dadurch entstandene Lücke empfanden manche Familien sehr empfindsam, und von den 830 Meistern zürnten viele den Vorstehern, weil sie keine Geneigtheit zeigten, den Trotzköpfen die Rückkehr zu erleichtern. Allmählich richtete der Unmnth sich gegen die ganze Verwaltung des Weberhauses. Die Einen klagten die Schau der Parteilichkeit an. die Anderen warfen den Vorstehern und den Beisitzern Eigennutz bei Ausübung ihres Dienstes vor, und die Deputirten mußten hören, sie standen mehr auf der Seite der Kaufleute und der Fabrikanten, anstatt das Handwerk vor denselben zu schützen. Immer bedenklicher gestaltete sich die Gährung, und nur unter Androhung militärischer Gewalt gelang es dem Rathe, seinen Aufruf zur Ruhe öffentlich anschlagen zu können. Vergeblich schaffte er die angeschlichenen Mißbrauche bei den amtlichen Verrichtungen — kostbare Mahlzeiten, unnöthige Spazierfahrten, Natural- und Geldverchrungcn, Alles auf Kosten der Pctenten — ab, die Erbitterung ließ sich nicht besänftigen, und es entspann sich daraus ein langwieriger Proceß, bei welchem sich die Parteien maßlos bekämpften. Die unterdessen über den Rhein geflogenen Nevo- lutionsideen trugen zur Herstellung der Eintracht nicht bei, und wenn auch vor dem aufgegangenen gallischen Freiheitslichte die kleinlichen Zänkereien der Weber verblaßten, so erschien ihnen jetzt die Erfüllung ihres alten Lieblingswnnsches in verführerischer Beleuchtung. Am 25. Januar 1794 schritten sie zur That. Etliche hundert Weber fanden sich an diesem Tage auf dem Webcrhause ein und forderten kategorisch das Einfuhrverbot für alle fremde Waaren. Die Deputirten beschwichtigten die Versammlung durch das Versprechen, ihren Wunsch dem Magistrate zu unterbreiten. Drei Tage gingen ruhig vorüber, als aber am 29. noch keine Resolution erfolgte, überfielen die Mißvergnügten das Zollgebäude, erbrachen das als Lagerraum für die ausländischen Tücher dienende Gewölbe, und nach verübtem grobem Unfuge trugen sie laut lärmend die Schlüssel auf das Nathhaus, wo gerade der geheime Rath versammelt war. Ungestüm drangen sie in das Berathungszimmer und wiederholten nicht mit bescheidenen Worten ihr Verlangen. Auf die Versicherung, eine Verfügung zu erhalten sobald die geheime NathS- deputation sich geäußert haben werde, zogen die Tumul- tuanten ab. Der am 25. Februar einberufenen Weberschaft las der Stadtschreiber den Rathsbeschluß vor, wonach auf sechs Monate keine fremde Waare, mit Ausnahme der ostindischen, eingelassen werde. Wüstes Geschrei und drohende Rufe waren die Antwort. Ein großer Haufen der Weber, dem sich Weiber und Kinder, 355 Mägde und Gesellen anschlössen, wälzte sich zu dem Rath- hanse, die Wache wurde entwaffnet, Steine flogen durch die Fenster in den Sitzungssaal und die herbeieilenden Bürgermeister Precht von Hochwart und Dietz erfuhren thätliche Beleidigungen durch die Volksmenge. Ein anderer Haufen größtentheils gemeinen Pöbels griff die Wohnung des Stadtpflegers Paul von Stellen an, erzwäng von ihm eine nochmalige Sitzung und geleitete ihn, den höchsten Staatsbeamten, wie einen Gefangenen auf das Nathhaus. Die Mehrheit der Nathsherren, eingeschüchtert durch die Grausen erregenden Begebenheiten an der Seine und Loire, hatte nicht den Muth, einem unsinnigen Verlangen Widerstand zu leisten, und sie ließ Abends 7 Uhr von der Altane herab „einer lieben Weberschaft" verkünden, alle fremde Waare sei abgeschafft und werde unter dem Ansehen des Magistrats morgen fortgebracht. Zubel- geschrei und Händeklatschen mischte sich in den Ruf: „Die Weber haben gesiegt", und es verlief sich die vielhuudert- köpfige Schaar. Pflichtschuldigst ging ein Bericht über die Vorgänge nach Wien, und am 8. Mai lief der Bescheid, des Neichs- hofraths ein, welcher eine strenge Untersuchung über die Rebellion anordnete. Schleunigst sehte der Rath eine Spezialcommission nieder, aber Niemand wagte die leidenschaftlich erregten Weber vorzurufen. Schon triumphirten sie, straflos zu bleiben, daher die Ruhestörungen fortgesetzt, die Behörden verhöhnt und die Bediensteten der Kaufleute und der Fabrikanten gröblich chicanirt wurden. Am 10. November kam es so weit, daß der eines Geschäfts halber auf die Schau gegangene Handlungsdiener Hofmann schwere Verwundungen erlitt und die auf die Wache geführten Frevler durch ihre Kameraden wieder befreit wurden. Damit war endlich die ängstliche Langmuth des Senats erschöpft. Am 30. machte ein öffentlicher Anschlag bekannt, daß, nachdem schon am 25. Februar Augsburg als ein Staat anzusehen war, in welchem die Obrigkeit nichts gelte stnd gegenwärtig das Leben und das Eigenthum aller Bürger in Gefahr stehe, dem Rathe zur Erfüllung des kaiserlichen Auftrags kein anderer Ausweg übrig bleibe, als die constitutions- gemäße bewaffnete Hilfe anzurufen. Die kreisausschreibenden Fürsten des schwäbischen Kreises übertrugen den Vollzug dem Herzog von Württemberg. Unter dem Befehle des Oberstlieutenants von Faber rückten dessen Soldaten — 670 Alaun Infanterie und Kavallerie mit Zwei Kanonen sammt Bedienung — am 24. Dezember 1794 durch das Göggingerthor in die Reichsstadt ein und erhielten Bürger- quartiere. Ohne Störung verlief jetzt der Proceß, hernach 16 Monate langer Dauer durch den Nichterspruch der Universität Würzburg mit der Verurtheilung der zwei Hauptauswiegler zu mehrjähriger Zuchthausstrafe, vieler Bürger zu kürzeren Gefängnißstrafen und mit der Ablieferung mehrerer Excedenien unter das österreichische Militär seinen Abschluß fand. Im Mai 1796 verließen die Executionstruppen Augsburg, und die durch dieselben aufgelaufenen Kosten hatte die Weberschaft zu tragen. — Das Rollen des Kanonendonners durch das ganze deutsche Reich übertönte die Stimme der öffentlichen und bürgerlichen Angelegenheiten der einzelnen Gemeinwesen, so auch in Augsburg, und Handel und Wandel traten in den Hintergrund zurück, als die Reichsstadt bald einem großen Heerlager, bald einem riesigen Feldlazarett)? glich. Unter der Wucht der gewaltigen politischen Ereignisse brach sich die klare Einsicht über die Unhaltbarkeit der heimischen Zustände Bahn, und der größere Theil der Bürgerschaft begrüßte den 4. März 1806 mit Freuden. Eingefügt in ein größeres Staatslcben, erfüllten sich an dem Handwerk wie in allen bürgerlichen Kreisen bald die Worte des Dichters: Das Atte stürzt, es ändert sich die Zeit, Und neues Leben blüht aus den Ruinen. -—SS-B-eS-- Allerlei. Der Brautkranz und seine Surrogate. Der Brautkranz oder die Brautkrone, vom Volke auch wohl Jungfernkrauz genannt, ist der Kranz von Laubwerk, meist von Myrten, den eine Braut, wenn sie am Hochzeitstage vor dem Altar erscheint, in's Haar geflochten trägt. Schon bei den Hebräern war der Bräutigam am Hochzeitstage bekränzt, bei den alten Römern trugen beide Brautleute Kränze, und noch im Mittelalter war diese Sitte bet sämmtlichen Christen gewöhnlich. In der abendländischen Kirche kam die Sitte, den Bräutigam zu bekränzen, nach und nach in Vergessenheit, doch ward das Bekränzen der Braut beibehalten und streng darauf gehalten, daß keine Unwürdige den Kranz trug. In der griechisch-katholischen Kirche weiht der Priester noch jetzt den Kranz für beide sich Vermählende ein und setzt ihnen denselben auf. Gleich dem Thau flieht der Regen von den himmlischen Höhen nieder, wo der Donnerer über ihm waltet. So gilt er als eine Gabe der Gottheit und ist darum heilkräftig und bedeutsam. In Süddeutschland erzählt man, daß Kinder, welche Ncgemvaffer trinken, eine gute Singstimme bekommen, und in ganz Deutschland ist der Glaube verbreitet, daß, wenn Kinder in dem Mairegen laufen, sie rasch wachsen und gedeihen. So kann es denn nicht Wunder nehmen, daß nach althcidnischcm Mythos, wenn es einer Braut auf den Kranz regnet, die neuen Eheleute reich und gesegnet werden; denn der alte heidnische Donnergott, dessen Hammer die Braut weihte, sandte ihr gewissermaßen dadurch gcdeihenbringenden Thau. Allerdings kehren andere Gegenden dies um und sagen: Dem Unglücklichen regnet es am Hochzeitstage (wie denn auch nach esthnischem Glauben Regen am Hochzeitstage der Braut heftiges Weinen bedeuten soll); dies jedoch erscheint als christliche Deutung, die gerade, weil der in den Bösen umgewandelte Gott seinen Segen zu der Ehe spendet, ihr Unglück prophezeit. Wenig bekannt dürfte die originelle waldeckische Sitte sein, nach der, nachdem der eigentliche Brautkranz gewunden, noch ein zweiter kleinerer angefertigt wird. Die Mädchen bilden einen Kreis; eine wird mit verbundenen Augen in die Mitte gestellt und muß das Kränzchen werfen; auf welche es fällt, ist nicht glcichgiltig, denn sie wird zuerst vor den Traualtar treten. Eine ähnliche Sitte besteht auch im nördlichen Bayern. In manchen Gegenden ist der Myrtenkranz als Brautkranz unter dem Landvolk nicht gebräuchlich; cylindcr- artige Kopfbedeckungen, die mit allerhand Flitterstaat aus- stasfirt sind, treten für ihn ein und werden für eine bestimmte müßige Summe auch wohl für den Hochzeitstag verliehen. In Fnlrcnstein in der Obcrpfalz setzte die Braut über das oben zusammengebundene Haar den „Bendel", eine Art runden, drei Finger hohen Küppchens, mit schwarzen Spitzen, Glasperlen und sog. „Flinserln" .he- 356 * setzt, wovon am Rücken schwarzseidene Bänder herabfielen. Darüber thürmte sich eine glänzende Krone, von Flittergold und Perlen auf's Künstlichste gebildet. Die Neuzeit hat diesen Hochzeitsstaat so ziemlich beseitigt und durch einen Kranz von künstlichen weißen und rothen Blumen ersetzt; der Bendel verschwindet immer mehr. Anderswo in Süddentschland ist das Kraul beliebt, die kleine, mit Perlen, Schmelz und Flinserchen umzogene Krone, welche, durch eine lange Nadel mit verziertem Knopf mit dem oben zusammengestrichenen Haare verbunden, als ehrbarste Tracht für eine Hochzeiten« gilt und keine Wittwe schmücken darf, was sich auch auf den Bendel bezieht, sowie den hohen Flitterkranz mit 12 Sternchen, wozu im Genicke der Bendel gehört, in diesem Falle ein Nest von Goldfransen und Perlen. In Vclburg in der Oberpfalz trägt die Braut den Prangenkranz von Pappendeckel, eine Art Cylinder, der sich nach oben erweitert, mit Goldflittern, Perlen, Sternchen, dem zunehmenden Monde, einer lachenden Sonne, verschlungenen Händen und anderen Symbolen reichlich behängt, auf diesem die Brautkrone, reich und prächtig von Rauschgold. Von letzterer fallen zwei rothgoldene Bänder mit Perlen geziert den Rücken hinunter und sind oberhalb der Hüfte anf einem viereckigen, mit Rauschgold bedeckten Schilde befestigt und straff angezogen, damit die Braut den Kopf nach vorn nicht senken könne. Das Haar ist germanisch aufgebunden; auf dem Neste haftet die Krone. Ganz origineller Weise trügt um Neustadt in der Oberpfalz die Braut keine Krone oder Kranz auf dem Haupte, sondern dafür ein Kränzchen am Arm und ein Sträußchen an der Brust. Zum Schluß noch einige Hochzeitssitten aus Mittel- und Süddeutschland. Einer Braut muß man an ihrem Hochzeitstage ohne ihr Wissen Salz und Brod in die Schuhe schütten, das bringt ihr Segen. Eine Braut muß an ihrem Hochzeitstage neue Strümpfe tragen, sonst wird sie viel Mißgeschick erleiden. Der Bräutigam muß seiner Braut das Hochzeitskleid, und zwar ein weißes, schenken. Wenn eine Braut an ihrem Hochzeitstage in einem schwarzen Kleide geht, so bedeutet das großes Unglück. Wenn vor dem Altar während der Trauung die Steine unter den Füßen des Brautpaares feucht oder naß werden, so stirbt bald Eines von den Beiden. Wenn auf der Hochzeit recht viele Gläser und Flaschen zerbrochen werden, so bedeutet das Glück, ebenso wenn ein neu Getrauter ein Glas hinter sich wirft und es zerbricht. Begegnet einem neu copulirten Ehepaare eine alte Frau, so ist das eine böse Vorbedeutung. Wenn soeben Getraute zuerst in das Haus treten, so müssen sie über eine Axt und einen Besen schreiten, dann werden sie nicht behext. 6 Merkwürdiges Beispiel chinesischen Aberglaubens. Man sollte es kaum für möglich halten, daß selbst in den gebildeten Ständen China's heute noch der ungeheuerste — geradezu überaus komische Aberglaube herrscht. Bei den Vorarbeiten für eine Bahnlinie, die von der Mandschu-Stadt Kinn nach Mulden, der Hauptstaot der chinesischen Mandschurei, weiter geführt werden sollte, beschlossen die Ingenieure, die Linie über Lamp im Weichbilde von Mukden zu führen. Da erklärten die Geomantiker in ihrem Gutachten, das könne nicht durchgeführt werden, da „die langen eisernen Schienen- Nägel dem heiligen Drachen, der die Stadt mit seinem Leibe in weitem Umkreise umgürte, auf diese Weise mitten durch die Rückenwirbel gehen würden". Auf diesen weisen Spruch hin gebot der Gouverneur den Ingenieuren, ihren Plan zu ändern und die Linie direct über Nju-tschang zu führen. Das war nun allerdings der gerade Weg. Allein diese Linie führt weithin durch tiefliegendes Moorland, das zur Zeit der Ueberschwemmungen ganz unter Wasser liegt und außerdem so wenig bevölkert ist, daß der Verkehr sich nicht rentirt, während die projectirte Fahrlinie ein höher gelegenes und stark bevölkertes Gebiet durchziehen würde. Das Alles gaben die Ingenieure dem Gouverneur zu bedenken und erörterten es in ihrem Berichte an den Vicekönig Li Hung Tschang. Das wäre Alles nicht nothwendig gewesen. Der Gouverneur hätte die erste Linie genehmigen dürfen, ohne erst die Geomantiker zu befragen. Der Vicekönig belobte in seinem Schreiben den Gouverneur wegen „feiner gewissenhaften geomantischen Feststellung der dem Kaiserhause gefährlichen Einflüsse", die ausgesprochene Besorgnis; (Entzweischneidung des heiligen Drachens) hielt der Vicekönig für „unbegründet". Da aber der Gouverneur nun einmal entschieden habe, so müsse man die Sache dem Kaiser vorlegen. Dies war jedoch dem Gouverneur nicht erwünscht, und erbat den Vicekönig, der Sache ihren Lauf zu lassen. Er, der Gouverneur, wolle inzwischen einen Ausweg überlegen. Ein solcher wurde auch gefunden. Man bog um einige hundert Schritte von der zuerst geplanten Richtung ab; und nun erklärte der Zauberer, das reiche hin, und so werde der heilige Drache nicht gestört. Freudig berichtete der Gouverneur diese glückliche Entscheidung dem Vicekönig. -v 0 Eine Orgel mit Bambuspfeifen. Zu Shanghai in China wurde jüngst in der dortigen Jesuiten- Kirche eine Orgel eingeweiht, welche von einem chinesischen Ordensbruder gebaut wurde. Das Pfeifenwerk ist nicht aus Bietall gefertigt, sondern aus Bambus. Der Wohlklang dieser Orgelpfeifen ist überraschend, ja unvergleichlich schön. Man hat, wie ein englisches Blatt berichtet, in Europa noch niemals etwas Lieblicheres und dem Ohre Wohlgefälligeres gehört. Die Tonfülle und die Klangfarbe lassen sich „nur als übermenschlich, engelhaft" bezeichnen. Die Bambus-Orgel gewährt aber auch rein materielle Vortheile, da ihr Preis um zwei Drittel billiger ist als jener der Metallorgeln. -i-a-- F.rithmogrl-py. 1 3 4 7 3 1 zeiget dir Die Kunst und Wissenschaft in reicher Zier, 2 6 6 7 7 legt man gerne an, Damit der Mensch im Schatten wandeln kann. 3 6 7 1 2 ist, waS in der Welt Des Islams jeder Gläub'ge heilig hält. 4 2 6 1 benennt dir einen Fisch, Du triffst ihn häufig auf der Reichen Tisch. 5 4 4 2 ist dir gewiß bekannt AIS ein Gebirg im schönen Griechenland. 6 2 12 benennt ein nützlich Thier, Beim Wollehändler frag', der sagt es dir. 7 4 7 6 ein Thier, das nützlich auch, Doch hält man es für dumm nach altem Brauch. 3 6 1 ist in Deutschland eine Stadt, Die einen mächt'gen Festungsgürtel hat. 1 5 4 7 4 ist ein gcwalt'ger Mann, Was er gethan, das zeigt "die Bibel an. Nimmst du das Haupt von einem jeden Wort, So wird bezeichnet dir der sich're Port, Wo Ruhe finden, die vorher gar oft Den Erdkreis zu erobern einst gehofft. 47 18S4. „Augsburger PostMung". Dinstag, den 12. Juni Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Tante Kanna's Geheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) Mit freundlichem Gruße machte er die geistreiche Bemerkung, daß der Abend wundervoll sei. Der Gärtner nickte und sah ihn von der Seite an. „Ich erwarte Ihre Herrschaft," setzte der Fremde, stehen bleibend, hinzu. „So, so, ja, unser Fräulein bleibt lange aus, ist sonst nicht ihre Art." „Der Herr Bräutigam wird sie zurückhalten," meinte der Fremde lächelnd, „eine Verlobung ändert viele Gewohnheiten. Herr Steindorf wird doch mit zurückkommen, da ich seinetwegen warte." „So, so, ja, er hatte es eilig, aber der Fuchs kann's aushalten, war übrigens nicht nöthig, die Peitsche so arg zu gebrauchen." „Na, Ihr wißt, alter Freund, die Sehnsucht nach der Braut —" „So, so, mag sein," fiel der Gärtner ihm in's Wort, „der Arbeits-Gaul, der den Herrn von der Station herbrachte, hatte es besser, weil der Herr keine Sporen trug, sind ihm hier erst angeschnallt worden. Aber der Fuchs that mir leid, — er ließ ihn bären- mäßig ausgreifen." „Giebt's hier im Garten nicht einen Platz, wo man einen freien Ausblick nach der Landstraße hat?" fragte der Fremde plötzlich. „Einen freien Ausblick, so so, will den Herrn nach unserm Thurm führen, das Fräulein nennt ihn ihren Wartthurm. Da kann man weit hinaus in's Land schauen." Er schritt voran nach einer von dichten Bosquets umgebenen Anhöhe, worauf sich ein zierlicher Thurm gleich einer Sternwarte erhob. „Der Schlüssel steckt im Schloß, gehen der Herr nur die Wendeltreppe hinauf. Die kleine Stube betritt Niemand als das Fräulein —" „Und der Bräutigam," ergänzte' der Fremde. „So so, Herr Steindorf war noch nicht in der Thurmstube," antwortete der alte Gärtner mit einem unwilligen Blick. „Ich weiß das bestimmt." „Gut, gut, alter Freund, geht mich ja auch gar nichts an." Der Gärtner ging mit einem mürrischen „so, so," der Fremde aber trat lächelnd in den Thurm und stieg mit leichten, raschen Schritten die steile Wendeltreppe hinauf. „Ah, vortrefflich," sagte er unwillkürlich, als er oben auf der Zinne stand und den Blick ungehindert umherschweifen ließ. Dann orientirte er sich rasch und schaute unverwandt in die Richtung hinaus, von welcher die Chaussee nach Moorkirch führte. Plötzlich zog er einen kleinen Feldstecher aus der Tasche, um schärfer hinzublicken. Ein schwarzer Punkt, welcher sich im verblassenden Abendlicht gleichsam am Horizont abhob, fesselte seine Aufmerksamkeit. Der Punkt wurde größer und größer, er näherte sich also, doch vermochte er noch nicht zu unterscheiden, was es eigentlich war, ein Wagen oder ein Reiter. Jetzt veränderte der große bewegliche Punkt seine Richtung, er bog links ab. „Ah," murmelte der Mann auf dem Thurm, „es ist ein Reiter, der soeben über einen Graben setzte, um einen Nichtweg über's Feld einzuschlagen. Er kommt hierher, allein, desto besser, kein Zweifel mehr, — er ist'sl — Der Fuchs ist hin, ein Teufelskerl von Reiter!" Mit dieser halblauten Anerkennung schob der Fremde gemüthlich seinen Feldstecher zusammen, steckte ihn in die Tasche und stieg mit der größten Seelenruhe die steile Treppe hinab. Er traf den alten Gärtner nicht mehr, weil derselbe in Zweifel gerathen war und bei Mamsell Evers sich über den Fremden informirt hatte, was den Letzteren durchaus nicht anzufechten schien. „Erlauben Sie, daß ich mich jetzt in's Wohnzimmer begebe?" fragte der Fremde die Mamsell unter vier Augen. „Glaube, daß Herr Steindorf gleich ankommt, und zwar allein aus dem Fuchs, den er allem Anschein nach zu Schanden geritten hat. Wollen Sie mir im Interesse Ihres Fräuleins eine Gefälligkeit erzeigen, Mamsell?" Sie nickte mit einem forschenden Blick in sein Gesicht. „Dann sagen Sie Herrn Steindorf nichts von meiner Anwesenheit. Er wird doch jedenfalls in jenes Zimmer kommen? Wonicht, geben Sie mir sofort einen Wink. Wollen Sie?" „Ja, mein Herr!-Ich will Ihnen vertrauen, weil ich hoffe, daß Sie uns diesen Bräutigam vorn Halse schaffen." „Vielleicht, meine Gute, Compagnieschast mache ich 358 sicherlich nicht mit ihm. Aber jetzt rasch, ich sah ihn bereits in der Ferne, ein Versteck ist dort wohl nicht für mich?" „Werde Sie schon placiren, kommen Sie nur mit mir." Mamsell Evers stieg mit jugendlicher Leichtigkeit die Treppe hinauf, sie wußte nicht, wie es zugegangen, daß sie beim Anblick dieses Fremden unwillkürlich an einen Polizeibeamten hatte denken und seine Anwesenheit auch sofort mit der überraschenden Ankunft des von ihr tödtlich gehaßten Steindorf in Verbindung hatte bringen müssen. Es mochte wohl daher kommen, daß sie dem Amerikaner, wie sie ihn im Stillen nannte, alles mögliche Schlechte zutraute und ihn sogar eines Verbrechens fähig hielt. Da hatte sich denn nach und nach die Ueberzeugung in ihr festgesetzt, daß Steindorf niesle vollständig beruhigt, da ihm jeder gerne aus dem Wege ging. Sie trat also mit dem Herrn, um dessen Namen sie jetzt erst höflich bat, in's Wohnzimmer. „Ich heiße Wolfius", erwiderte er ruhig, „werden hoffentlich keinen Gebrauch davon machen." „Gott bewahre, ich erfülle damit nur eine Pflicht gegen mein Fräulein, Herr Wolfius! Würde Sie auch nicht hier hereinlassen, wenn mir nicht ein bestimmtes Gefühl sagte, daß ich recht daran thäte und daß Ihre Anwesenheit ein Glück für meine arme Herrin wäre." „Das ist es auch, liebe Mamsell!" erwiderte der Detectiv Wolfius sehr ernst. „Sie sollen sich darin nicht getäuscht finden. Jetzt aber," setzt er aufhorchend hinzu, „bringen Sie mich an einen Platz, von wo ich ungesehen das Zimmer beobachten kann, und sorgen s « W mals auf Edenheim Gebieter werden könne und noch vor der Vermählung sich etwas ereignen müsse, was diese unmöglich machen werde. Die plötzliche Ankunft desselben, seine unbegründete Eile und sichtliche Unruhe hatten sie stutzig gemacht, worauf das geheimnißvolle Erscheinen des fremden Herrn, sein „um den Busch "-Horchen das Gemüth der alten Evers ungewöhnlich erregen und auf irgend etwas Unerhörtes gefaßt machen mußte. Daß dieser Fremde kein Freund des Herrn Stein- dorf war, lag auf der Hand, er wollte ihn vielmehr von einem Versteck aus beobachten, das begriff die kluge Mamsell Evers sofort und war deshalb auch fest entschlossen, ihm dabei in jeder Weise Vorschub zu leisten. Daß von den Knechten und Mägden sich Jemand unterstehen sollte, dem gefürchteten Verlobten der Herrin Mittheilung von dem Fremden zu machen, darüber war al. Sie womöglich dafür, daß er hierher kommt. Ich höre bereits unsern Freund dahergaloppiren, er hat ja rasende Eile!" Mamsell Evers fuhr erschreckt zusammen und deutete dann auf einen dicken Vorhang, hinter dem Wolfius sofort verschwand, worauf auch sie sich rasch unsichtbar machte. Der Vorhang verdeckte eine Nische, welche wahrscheinlich von der Gutsherrin als Traumwinkel benutzt wurde, da dieselbe, mit einem Eckfenster versehen, das nach einer stillen, gänzlich abgeschlossenen Partie des Gartens und des daran stoßenden Parks hinausging, nur einen bequemen Sessel und ein Tischchen enthielt. Die Dämmerung war allmälich herabgcsunken. Der Detectiv musterte den kleinen Raum, um auch hier ein Versteck noch zu finden und auf alle Möglichkeiten gefaßt zu sein. Der Fenster-Vorhang von dichtem, himmelblauem Stoff bot ein solches, er ließ die beiden Gar- 359 dinen zusammenfallen und machte ein zufriedenes Gesicht, während er mit allen Sinnen hinaushorchte. Herr Julius Steindorf war angekommen, er hörte ihn auf der Treppe, Mamsell Evers hatte ihre Pflicht gethan. Jetzt wurde die Thür geöffnet, er trat mit Mamsell Evers ein. „Befehlen Sie ein Abendessen, Herr Steindorf?" fragte die Evers mit fester Stimme. „Nein, nur Licht und eine Flasche Wein," lautete die Antwort. „Ich wollte Ihnen nur die Nachricht bringen, daß Fräulein Hollen erkrankt ist und schwerlich heute noch kommen wird. — Geben Sie den Befehl, daß das Pferd, welches mich von der Station hierher gebracht, gesattelt wird. Und nun bitte ich noch, sich zu beeilen." Mamsell Evers setzte das Licht auf den Tisch und verschwand. Wolfius zog sich jetzt ebenfalls hinter den schnell zu öffnen verstand. Dann trat er, die Thür halb hinter sich zuziehend, hinein. Wolfius, der durch den Spalt des Vorhanges alles genau beobachtet hatte, zog sich geräuschlos die Stiefel aus und schlich vorsichtig näher, um mit sicherm Blick einen Standpunkt einzunehmen, von wo er das ganze Cabinet ungesehen überschauen konnte. Dabei lockerte er einen geladenen Revolver in der Tasche, überzeugte sich von dem Vorhandensein einiger eiserner Armbänder, packte seinen Stock mit dem bleigefülltcn Knopf recht fest und ließ seinen Mann nicht mehr aus den Augen, weil er sich's nicht verhehlen durfte, daß derselbe sich nicht so leichten Kaufs fügen werde. In einer Ecke des Cabinets stand ein zierlich verschnörkeltes Schränkchen von Eichenholz, in welchem, wie Steindorf von früher sich noch erinnerte, der alte Holten sein baares Geld, sowie seine Werthpapiere und TMUSUS WWW M 8 EsM MW WMWA «BWWSWW Schloß Fenstervorhang, der ihn gänzlich verhüllte, zurück. Er hatte richtig vorhergesehen, oa Steindorf in der That das Licht ergriff und den Vorhang der Nische ausein- anderschlug, um hineinzuleuchten. „Alberner WeiberwinkelI" stieß er dabei verächtlich hervor, ließ hierauf den Vorhang wieder zusammenfallen und kehrte mit dem Lichte an den Tisch zurück. Die Mamsell brachte selber den Wein, stellte die Platte mit Flasche und Glas hin und entfernte sich schweigend. Steindorf folgte ihr rasch bis an die Thür. „Ich will ungestört bleiben I" rief er ihr nach, worauf er die Thür schloß und den Schlüssel schnell umdrehte. Hastig öffnete er die Flasche, leerte einige Gläser rasch hinter einander, als ob er sich Muth trinken wollte, und trat ohne Zögern an die Cabinetthür, die er mit dem nach Art der Dietriche gebogenen Nagel überraschend Maat. sonstigen wichtigen Documcnte aufbewahrte. Er zweifelte nicht daran, daß Armgard ebenfalls dieses Schränkchen dazu benutzte, weil dasselbe eigens für jenen Zweck angefertigt und mit einem geheimen Mechanismus versehen worden war. Sein Vater hatte sich darnach ein ähnliches Möbel machen lassen, dessen Mechanismus zum Oeffnen und Verschließen nur ein wenig verändert war, in der Construction aber mit diesem genau übereinstimmte. Man hatte sich damals keine Skrupel darüber gemacht, weil Notenhof und Edenheim über kurz oder lang in eine Hand übergehen sollten. Dann aber war das Steindorf'sche Schränkchen bei dem Concurs verkauft worden und in ganz fremde Hände gekommen. Heute nun kam diese Erinnerung dem Heimge- kehrten gut zu statten. Er hatte den Mechanismus nach einigen vergeblichen Versuchen gefunden, das Schränkchen geöffnet und mit gierigen Händen den Inhalt durch- ' 'Ä.' sucht. Ein triuniphirendes Lächeln überflog sein Gesicht, er fand mehr, als er vermuthet, steckte rasch die Geld- rollen und Werthpapiere, soweit solche aus Banknoten bestanden, in seine Taschen, verschloß dann rasch das Schränkchen wieder, und-ein heiserer Schrei entrang sich seinen Lippen, als er sich jählings zu Boden gerissen und an Händen und Füßen gefesselt fühlte. Er war so überrascht, so gelähmt von Entsetzen, daß es des Knebels wohl kaum bedurft hätte, welchen Wolfius ihm geschickt zwischen die Zähne schob. Als er sein Opfer, das er mit einer Art Zärtlichkeit betrachtete, ganz unschädlich gemacht hatte, nahm er das Licht, um den Kinnbart desselben zu untersuchen. Jetzt aber war Stcindorf sozusagen erst wieder bei Besinnung, und da sein Kopf natürlich ungcfcsselt war, so machte er davon den ausgiebigsten Gebrauchendem er denselben in wildester Wuth hin- und herschleuderte, um die Untersuchung des Bartes zu verhindern. „Das ist einfach kindisch, mein Bester," sprach der Detcctiv, mit der Achsel zuckend, „was wollen Sie damit bezwecken? Ihren Kopf zerschlagen Sie doch nicht, der ist hart genug." Er schleppte ihn dicht an das Schränkchen, setzte das Licht so, daß der Schein auf sein Gesicht siel, und hielt mit der Linken seinen Kopf fest, während die Rechte den Bart auseinander- strich. Er mußte wohl genug gesehen haben, da er mit einem zufriedenen Lächeln nickte. „Nun, Mr. William Prien," sagte er dann, „fehlte es Ihnen schon wieder an Geld? — Hatten bei der alten Tante Hanna doch ein nettes Sümmchen eingesäckelt. Alles verspielt, alter Junge?" Der Geknebelte verzog das Gesicht auf eine wahrhaft grauenhafte Weise, wovon Wolfius indeß durchaus keine Notiz nahm, sondern rasch mit dem Lichte in das Zimmer ging, die Thür öffnete und dann die Glocke zog. sogleich erschien Mamsell Evers, welche sehr bleich war und sich jedenfalls in der Nähe aufgehalten hatte. Ihre Augen irrten erregt durch's Zimmer. „Lassen Sie sofort einen Ackerwagen anspannen," befahl der Detectiv, „und einige Schütte Stroh darauf werfen. Dann schicken Sie mir drei handfeste Knechte. r L - ^ ' - V 'Z - P Herr Stork als Christus Wir müssen ihn in einer würdigen Equipage nach der Stadt bringen," setzte er dann mit vergnügtem Lachen hinzu. — „Mein Gott, was haben Sie geihan, und wer sind Sie?" stammelte Mamsell Evers, welche jetzt an allen Gliedern zitterte, weil sie den Fremden für wahnsinnig hielt. „Ich habe meine Pflicht als Criminalbeamter gethan, indem ich einen Verbrecher verhaftete," erwiderte Wolfius sehr ernst. Er nahm ein Schild aus der Tasche und zeigte es ihr mit den Worten: „Ich begreife Ihre Furcht, Sie halten mich für toll. Dieß hier ist meine Legitimation. Lesen Sie, es ist ein amtliches Zeichen." „Ja, ja, das mag richtig sein, aber was haben Sie mit ihm gemacht?" stotterte die Mamsell, welche das amtliche Zeichen kaum ansah. Wolfius wurde ungeduldig, dieses alberne Frauenzimmer konnte ihm in ihrer blödsinnigen Angst Gott weiß welchen Streich spielen. „Kommen Sie mit mir," sagte er barsch, in's Cabinet hinein- schreitend, wo der Gefangene jetzt regungslos lag. „Allgütiger Gottl" schrie die Alte entsetzt auf, „er ist ja todt! — Sie Unmensch, wie haben Sie ihn zugerichtet!" Stcindorf öffnete langsam die Augen und sah sie kläglich an. „Ich leide so etwas nicht, wissen Sie das?" schrie sie bei diesem Anblick auf's Neue, „da muß sich ja ein Stein erbarmen, und noch dazu im Hause seiner Braut —" „Na, na, Mamsell, nur ruhig," unterbrach der Detcctiv sie kaltblütig, „werden bald aus einer anderen Tonart pfeifen und dem Unmenschen danken. — Sie werden doch wissen, daß Ihre Herrin in diesem Schränkchen ihr Geld und ihre Dokumente aufbewahrt." „Gewiß, aber öffnen kann es Niemand als sie allein." „Und dieser Herr, der hier am Boden liegt; er hat's wenigstens vortrefflich verstanden." „Er hat das Schränkchen geöffnet?" fragte die Alte, starr auf den Gefangenen blickend. „Freilich," setzte sie, sich besinnend, „möglich ist es immerhin, denn sie hatten auf Rotenhof auch so eins. — Aber das Fräulein kann's ihm ja auch aufgetragen haben." 361 „Weil sie wahrscheinlich mit ihm ausreißen will," bemerkte Wolfius verächtlich auflachend, „machen Sie keine Dummheiten, Mamsell, es könnte Ihnen sehr schlimm darnach ergehen. Passen Sie auf!" Er leerte die Taschen des Geknebelten, der wieder so erregende Gesichter schnitt, daß die Evers sich schaudernd abwenden mußte. „Sehen Sie hier, — und hier — und hier -- wahrhaftig, ein nettes Vermögen, mit welchem der saubere Patron doch geradeswegs nach der nächsten Eisenbahnstation wollte, um zu verduften, weil er Morgenluft witterte. Hier hat er wahrhaftig auch ein prächtiges Schmuckstück mitgehen heißen, ein Diamantkreuz, — Donner — welches Feuer und welche wun- dervolleFassung! Das Kreuz müssen Sie doch kennen, Mamsell?" „Und ob ich es kenne!" rief sie, tief aufathmend. „Gerechter Himmel!" „Wollen Sie den Wagen jetzt anspannen lassen und mir die Leute schicken?" fragte der Detectiv, die Geldrollen und Banknoten, sowie das Kreuz wieder in des Gefangenen Tasche schiebend. „Soll der Spitzbube, der Gauner denn das Alles behalten?" schrie die Evers ganz außer sich. Wolfius lachte. „Wir müssen es ihm vorerst noch lassen, es wird ihm seine Gefangenschaft einstweilen versüßen. — Vorwärts jetzt, meine Liebe!" Mamsell Evers eilte, von Grauen geschüttelt, aber auch von heimlicher Freude belebt, da die Heirath ja nun unmöglich geworden war, fort und kehrte so rasch als möglich mit dem Verwalter und drei kräftign Knechten zurück. Nachdem der Detectiv dem Verwalter sein amtliches Schild gezeigt und einige leise Worte mit ihm gewechselt hatte, mussten die Knechte, welche ganz dumm vor Staunen dreinschauten, den Gefangenen aufheben und hinunter in den Wagen tragen, wo sie ihn grinsend auf das Stroh legten. Auf des Detectivs Befehl mußten sie ihm noch ein Bündel Stroh unter den Kopf schieben, worauf sich jener ebenfalls auf den Wagen schwingen wollte. Da trat Mamsell Evers in Hut und Tuch resolut auf ihn zu. „Ich fahre mit nach der Stadt, sagte sie, „muß mich nach unserm Fräulein umschauen. Habe meine Anordnungen schon getroffen, Herr Wolfius!" Frln. Thekla Wurstle als Maria. „Gut, Mamsell," erwiderte er, „setzen Sie sich nur zu dem Kutscher, ich bleibe bei meinem Freunde hier im Stroh." Er half ihr galant hinauf, schwang sich dann selbst auf den Wagen, und vorwärts ging es durch die laue Sommernacht der Stadt Moorkirch zu. Jetzt' erst löste sich der Bann, welcher auf den Knechten und Mägden während des ganzen unheimlichen Vorganges gelegen. Man erging sich in tausenderlei Vermuthungen, und die Stimmen schwirrten wie im Aufruhr durcheinander, bis der Verwalter Ruhe gebot. Soviel war aus den Reden aller Gutsangehörigen deutlich genug erkennbar, daß man froh war, den gefürchte- ten Gebieter in solcher Weise los geworden zu sein. Als der Wagen endlich sein Ziel erreicht, der Gefangene sicher untergebracht war, da schütt Wolfius nach dem Telegraphenamt, welches zu seinem Leidwesen bereits geschlossen war. Sein Telegramm, das am nächstenMorgen abblitzte, war anMr.Hil- brecht in Göttingen adressirt und lautete: „Kommen Sie schleu- nigstmitdemerstenZuge nach hier, um Air. William Prienzurecognos- ciren. Eckert." Mamsell Evers war nach dem Holten'schen Hause geeilt, wo ihr die niederschmetternde Kunde wurde, daß ihr Fräulein todkrank imHospital sich befinde. Die Zeit kennt keinen Stillstand, wir sehen sie lautlos entweichen und fühlen ihren Pulsschlag nur in dem Schatten, den die Sonne uns auf den Weg wirft und der sich wie ein Mahnruf in unser Gewissen drängt: Wirke, weil es noch Tag ist, — es kommt die Nacht, wo Niemand mehr wirken kann! Wie hastet sie unter unsern Händen fort in der drängenden Eile des Schaffens und in den Augenblicken des Glücks, des Genusses, der Freude! — Wie schleicht sie dem Kranken und Schmerzgefolterten dahin in schlaflosen Nächten, — und wie furchtbar entschwindet die Zeit dem Verurteilten, dessen Leben an einem Federstrich des Fürsten hängt. Julius Steindorf hatte lange geleugnet und die Untersuchung nach allen Seiten hin erschwert, obgleich Mr. Hilbrecht, welcher auf das Telegramm eiligst ge- 362 kommen war, ihn sofort für den Betrüger erklärt hatte, welcher unter dem Namen William Prien den erschossenen Warneck in Chicago seines ganzen Vermögens beraubt und damit das Weite gesucht hatte. Da nun sein Kinnbart glatt wegrasirt und die rothe Narbe zum Vorschein gekommen war, so konnte er diesen Theil der Anklage nicht leugnen, zumal der Kommissar Frenzel eidlich erhärtete, daß der ermordete Warneck ihm dieses besondere Kennzeichen seines räuberischen Geschäftsführers Prien mitgetheilt habe. Er räumte nun schließlich ein, den Namen Prien in Amerika angenommen und den Raub begangen zu haben, leugnete aber hartnäckig die Attentate im Hohlwege und oben im Gebirge. Er berechnete, wie viele Jahre Zuchthaus man ihm zuerkennen werde, und nickte finster zu dem ansehnlichen Resultat. Aber er blieb wenigstens am Leben und die daß die tödtliche Kälte ihm schaudernd durch die Adern kroch, das Mark in seinen Knochen erstarren ließ. Es half ihm nichts, ob er wachte oder schlief, das Gespenst drängte sich in seine Träume, er sah es durch die geschlossenen Lider, es wachte mit ihm auf und drohte ihn wahnsinnig zu machen. Noch widerstund er trotzig. Mit bleichem, übernächtigem Gesicht und wildblickenden Augen, in welchen sich scheue Furcht und ingrimmiger Haß spiegelten, stand er vor dem Richter, die Fragen desselben mit Achselzucken oder einem festen Nein beantwortend. Plötzlich bebte er zusammen und taumelte dann wie vor einem Schreckbild zurück. „Weg! — Weg!" stöhnte er, beide Hände vor's Gesicht schlagend. Der Richter blickte ihn aufmerksam und besorgt an, er wechselte mit dem Protokollführer einen erstaunten Abendmahl. Zeit geht auch im Zuchthause hin; endlich mußten sich ihm jene unheimliche Pforten doch wieder öffnen. — Den Mord gestehen! — Nimmermehr! Aber er hatte nicht mit den einsamen Nächten und den endlos langen Tagen einer solchen Haft gerechnet. Die Gedanken an sein Kind, welches er selbst getödtet, an sein im fernen Welttheil begrabenes Weib, das er vernachlässigt, dem Hunger und Gram preisgegeben, in ein frühes Grab gestürzt hatte, diese Gedanken kamen erst vereinzelt und langsam wie kleine Schattenbilder, und er scheuchte sie unwillig von sich ab. Aber ein kleines, blasses Gespenst ließ trotz alledem nicht ab von ihm und hockte im Schlaf und Wachen ihm zur Seite. Durch die finstere Nacht sah er ein blasses Gesichtchen mit der Todcskugel in der Stirn, weitgeöffnete starre Kinderangen schauten ihn unverwandt an; und eisige Hündchen umklammerten die seinen, Blick. Was fehlte denffGefangenen? — Sprach er irre? — Jetzt ließ dieser.,die Hände sinken und athmete tief auf. Seine Augen ^hefteten sich fest auf einen Punkt, oder vielmehr auf eine leere Stelle neben dem Richter, und wurden nach und nach ruhiger. Der Unselige hatte wieder die fürchterliche Erscheinung seines Kindes gehabt, welche seine durch die Schlaflosigkeit krankhaft gesteigerte Einbildungskraft ihm vorspiegelte. Unter dem Eindruck derselben entschloß er sich zu einem Geständniß, wodurch seine Nerven beruhigt, seine Augen klarer wurden und die Erscheinung verschwunden war. Ohne Zögern bekannte er sich zu der ganzen Anklage, fügte aber mit einem gewissen Hohn hinzu, daß er weder Warneck's Tod noch die Dynamit-Spielerei im Gebirge bereue, da er in jenem nur seinen Verfolger getödtet, während Marbach ihm als Räuber seines Erbes 363 ebenfalls verhaßt gewesen sei und die gelungene Rache ihn deßhalb noch auf dem Schaffst freuen werde. „Nur eins schmerzt mich bis 'zur Verzweiflung," schloß er mit umflorter Stimme, „der Tod meines Kindes. Mit diesem einen unseligen Schusse, den nur der hohnvollste Zufall gelenkt, habe ich alles Uebrige gesühnt. Leben will ich nicht mehr, ich verzichte auf jegliche Gnade und Vertheidigung. Nur machen Sie es kurz mit mir, meine Herren, verschärfen Sie die Strafe nicht durch eine längere Frist, als nöthig ist, um das Urtheil zu fällen. Sie verdammen mich damit zu einer grausamen Folter." Wieder streifte sein Blick, welcher den scheuen und wilden Ausdruck verloren, jene leere Stelle, doch war und blieb die Erscheinung verschwunden. Das Geschwornen-Gericht, vor welchem der sensationelle Fall verhandelt worden war, hatte das Todes- dieses Klosters, herausgegeben von Erzbtschof A. v. Strichele) fünf Huben, welche zu den ältesten Stiftungsgütern dieses angeblich im ackten Jahrhundert gegründeten Klosters gehörten. 922 überließ dieses Kloster einen Theil dieser Güter in Wale nebst fünf anderen Orten an Kaiser Otto für die Wiederherstellung der freien Abtswahl und die Freiheit von Kriegsdienst und Steuern für das Reich. Den übrigen Theil der Güter verlieh das Kloster einem, wie es scheint, reichen und ansehnlichen Geschlechte, dessen Glieder sich von dem Ort de Wale nannten und daselbst wohnten. Außer den Ottobeurer Lehen besaß das Geschlecht der Waler auch bayerische Güter als Lehen, und nachdem 1288 Ludwig Pfalzgraf am Rhein und Herzog von Bayern dem Bischof Wolfhart von Augsburg die Hälfte des Mi- nisterialates des Hermann von Wale geschenkt, so wurden die Waler auch Lehen- und Dienstmänner der Bischöfe SW Kreuzigung. urtheil über Steindorf gefällt, die ganze Verhandlung aber nur wenige Stunden in Anspruch genommen, da der Angeklagte in allen Punkten geständig war und jede Vertheidigung energisch ablehnte. (Schluß solgr.) -»—i- < » « i -»- — Waal. (Mit Illustrationen.) Eine Stunde südöstlich der Eisenbahnstation Buchloe liegt in weiter Ebene an den Quellen der Singold der Markt Waal mit einem Schlosse des Fürsten von der Leyen. Den Namen soll dieser Ort, wie das nahe Wal- haupten, von zum Theil noch sichtbaren Römerwällen, die eine stundenlange Fortification bildeten, erhalten haben. In Wale, wie die älteste Schreibart des Ortes lautete, besaß das Kloster Ottobeuren (nach dem ältesten Chronikon von Augsburg. 1263 finden wir BartholomäuS de Wale im Gefolge des Königs Konradin als Zeuge in mehreren Urkunden. 1444 wird noch ein Bartlin von Wal erwähnt, er und Peter von Hohenegg waren als des Stifts Augsburg Amtleute Schiedsrichter in den Irrungen über das Erbtruchseffenamt des Gotteshauses Augsburg. Später zog sich dieses Geschlecht, das dreihundert Jahre mit dem Orte verbunden war, ganz aus dieser Gegend. Schon am Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts scheinen die von Freiberg wahrscheinlich durch Heirath in den Besitz der Herrschaft Waal gekommen zu sein. 1433 empfing Konrad von Freiberg die Hochstift Augsburgischen Lehen zu Waal. Von den Freiberg kamen durch Heirath und Kauf die von Riedheim in den Besitz der Herrschaften Waal und Angelberg. Dann kam Waal durch Erbfolge an die Ritter von Landau (1511) und die Grafen von 364 Muggenthal (1601); 1763 sollte es durch Kauf um 180,000 fl. an das Kloster Hl. Kreuz in Augsburg übergehen, die Ritterschaft übte aber das Einstandsrecht aus und die Wittwe eines Grafen von Muggenthal blieb im Besitz, allodifizirte 1782 die bischöfl. Lehen um die Summe von 15,000 fl. und verkaufte dann die Herrschaft an den Grafen Anton Schenk von Castell. Graf Casimir v. Castell trat sie 1820 um 146,000 fl. an den Fürsten Emil von der Lehen ab, dessen Familie noch heute Gutsherrschaft ist. Der gegenwärtige Fürst Erwein von der Lehen undHohengecoldseck ist seit 1890 mitMarieChristine, geb. Prinzessin und Altgräfin von Salm-Neifferscheidt- Dyck, vermählt. Die Pfarrkirche, in Mitte des Ortes, in dem erhöhten Friedhof, ist im Aeußern ein schmuckloses Gebäude, das seinen gothischen Charakter nur durch die spitzbogigen Fenster und die Strebepfeiler, welche aber nur den Chor verstorbenen Fürsten von der Lehen mit reicher Pracht ausgestatteten, herrlichen Altar. Es ist beabsichtig!, die Kirche einer durchgreifenden Restauration zu unterziehen, wozu die Besucher des Passionsspieles ihr Scherflein beitragen können, wenn sie den Opferstock nicht übersehen. Waal ist in diesem Sommer das Ziel vieler Christen, welche dasPassionsspiel zusehen kommen, über das in diesen Blättern wiederholt berichtet worden ist. Von dem hübsch gelegenen Orte, sowie von den Scenen des Passionsspiels geben wir in dieser Nummer einige Ansichten nach den sehr gut gelungenen Photographischen Ausnahmen des Herrn Photographen Gustav Baader in Krumbach (welche in Cabinetformat zu 1 Mk. per Stück käuflich sind). Die Hauptrollen ruhen in den Händen folgender Mitspielenden: Annas, Hohepriester, (Hr. Zindath, Oekonom); Kreuzabnahme umgeben, repräsentirt. Ein kuppelbedeckter, moderner Thurm schließt sich der Langseite dieses Baues an. Schmuck und schön gegliedert ist hingegen der Jnnenbau. Das ein vollkommenes Quadrat bildende Langhaus ist in drei Schiffe getheilt, welche durch zwei Reihen von je drei cylinder- förmigen Pfeilern von einander geschieden sind. Der Chor bildet ein Quadrat von 24 Fuß, an welches sich noch ein dreiseitiger Schluß anfügt. Das alte Gewölbe des Chores wurde um 17t>0 durch den Einsturz des alten Thurms eingeschlagen, daher die jetzige Wölbung nur von Holz mit Gypsrippen in der vierwinkligen Sternform, die die Wölbungen der Seitenschiffe belebt. Das Maßwerk der Fenster ist ebenfalls, da das alte herausgeschlagen war, von Holz ergänzt. Die Kirche besitzt einen gothischen Hochaltar und am Ende des südlichen Seitenschiffes, am Eingang in die fürstliche Familiengruft, einen durch die Munifizenz der Kaiphas, Hoherpriester, (Hr. Gehring, Maler); Ioseph von Arimathäa (Hr. Mayer, Zimmermeistcr); Nico- demus (Hr. Fischer, Schreinermeister); Simon von Cyrene (Hr. Fischer, Schreinermeister); Jesus (Hr. Stark, Posthalter); Maria, Mutter Jesu, (Frl. Thekla Würstle, Näherin); Petrus (Hr. Geßl, Schreinermstr.); Johannes (Hr.Geßl, Söldnerssohn) ;JudasJscnrioth (Hx. Knappich, Sattler und Tapezierer); Maria Mag- dalena (Frau Gerstmair); Lazarus (Hr. Zindath); Simon der Aussätzige(Hr.Mayer); Pontius Pilatus, Landpfleger von Judäa, (Hr. Baudrexl, Metzgermeister, Vorstand); Claudia, dessen Gemahlin, (Frau Martin); Herades, König von Galiläa, (Hr.Gerstmair, Postbote); Herodias, dessen Gemahlin, (Frl. Anna Schreiber); Longinus, römischer Hauptmann, (Hr. Klotz, Müllermeister) ; SeIpha, Führer der Soldaten, (Hr.Eberl,Maler). i-v-i M48. Areitag, den 15. Juni 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und,Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Max Huttlcr). Tante Kanna's Geheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Schluß.) Steindorf konnte sich nicht verhehlen, daß er so wie so unrettbar verloren sei, weshalb er die öffentliche Schaustellung seiner Person um jeden Preis abkürzen wollte. Demgemäß verzichtete er auch auf ein Gnadengesuch und erbat sich als solches nur eine möglichst beschleunigte Vollstreckung des Urtheils. Sein gewohntes hohnvolles Lächeln war verschwunden, er konnte die Ermahnungen und Trostworte des Geistlichen ruhig anhören und sogar wieder schlafen. Ob sein Kind ihm vor dem letzten, verhängnißvollen Augenblick noch einmal erschienen? — Der Geistliche, welcher seine Hand ergriffen, fühlte plötzlich einen krampfhaften Druck, sah feine Augen weit geöffnet nach oben gerichtet und vernahm den leisen Ausruf: „Lotta, bitte für mich!" Im nächsten Augenblick war Alles zu Ende!- Wieder war es Lenz geworden, und auf's Neue sproßte, grünte und blühte es in Tante Hanna's Garten. Ein neues Haus war aus der Asche erstanden, genau wie das alte gewohnte Heim der Greisin, welche die ärztliche Kunst nicht blos vom leiblichen, sondern, was noch mehr bedeutete, auch vom geistigen Tode zu einem neuen Leben errettet hatte. > > Und wieder klangen die Pfingstglocken von den Thürmen der Stadt, — mit Maienbäumchen war Tante Hanna's Gartenpforte und die Veranda geschmückt, da man es sich nicht hatte nehmen lassen, die alte Freundin mit diesem Gruß zu erfreuen. — Sie wußte es wohl, wie hart und schwielig die Hände waren, welche ihr diese Maienfreude bereitet. Tante Hanna saß auf ihrer Veranda, da der Arzt ihr den Kirchenbesnch noch nicht erlanbt hatte. Doctor Peters saß neben ihr und gegenüber der Maler Reinhardt, welcher sein Augenlicht behalten und eine Menge Verzierungen und Arabesken, wie er die Narben nannte, als hübsche Zugabe bekommen hatte. „Denn sehen Sie, meine liebe Freundin," schloß Reinhardt soeben seine Krankengeschichte, „den größten und handgreiflichsten Vortheil hat doch im Grunde unser Doctor hier aus dem schauerlichen Drama gezogen. Ja, schauen Sie mich nur recht grimmig und verwundert an, alter Aeskulap! — Ist es nicht wahr, daß jener Mensch, dessen Namen wir verschworen, unter uns zu nennen, Ihren ärztlichen Ruhm durch ganz Deutschland und darüber hinaus verbreitet und erhöht hat? Hat der Schin- derhannes nicht etliche von uns armen Menschenkindern so wundervoll zugerichtet, daß alle Aerzte Sie um uns beneidet haben? Und ist es Ihnen nicht gelungen, meine unglückselige Visage und vor allen Dingen meine Augen, Tante Hanna's zerschlagenes Gehirn und sogar unsern Todes-Candidaten Marbach wieder prachtvoll zusammen zu flicken, daß wir allesammt uns noch des schönen Lebens freuen und den Herrgott preisen können für die Gnade, unserm Städtchen einen solchen medicini- schen —" „Nun hören Sie aber auf," unterbrach ihn der Doctor, sich die Ohren zuhaltend, „Sie blasen ja eine unausstehliche Fanfare. Wollen Sie denn durchaus, daß ich's Ihnen heimzahle und Sie mit Naphael, Rubens und Tizian vergleichen soll? Der Teufel hole alle Rcclame und Unvernunft!" „Lassen Sie ihn nur immerhin Ihr Loblied singen, Herr Doctor!" sprach Tante Hanna mit ihrem alten milden Lächeln. „Freund Reinhardt macht's ja stets ein wenig arg, aber wahr bleibt e§ doch, daß Sie wahre Wnnderkuren an uns verrichtet haben. Ich selber weiß nur noch, wie schwer ich mich auf etwas besinnen konnte, und daß es mir zuweilen noch nicht leicht fällt, meine Gedanken zu concentriren. Was Sie mir über meinen geistig-todten Zustand, der eine Lücke in meiner Erinnerung bildet, gesagt habcn, ist so furchtbar, daß ich meinem Netter weder durch Dankcsworte, noch durch die That zu vergelten vermag. Nächst Gott sind Sie, lieber Doctor, die Leuchte meiner letzten Lebenstage geworden, da ich's nun einmal für ein grausames Geschick halte, einen zweifachen Tod zu leiden und schließlich wie eine gedankenlose Pagode wegzusterben. —" „Na ja, ich freue mich doch auch, Sie wieder her- ansgeflicki zu haben!" rief der Doctor, feine Rührung unter einem bitterbösen Gesicht verbergend. „Wissen möchte ich's aber nur, wo Fräulein Holten jetzt in der Welt herumstreift. Ich habe ihr für den Winter Italien verschrieben, das sie aber bereits im Februar mit Afrika vertauscht hat." „Was will sie denn dort?" fragte Reinhardt erstaunt, während Tante Hanna still vor sich hinblickte, „fürchte meiner Treu doch, daß sie den Schinder- hannes —" 366 Tante Hanna hob die Hand und blickte ihn strafend an. „Gut, gut, ich bin schon still," brummte der Maler, „das Schooßkind darf mit keinem schiefen Seitenblick gestreift werden. Was aber eine alleinreisende Dame —" „Sie reist nicht allein, wie Sie sehr wohl wissen, Herr Reinhardt," unterbrach Hanna ihn auf's Neue, „es ist leider Gottes eine böse Gewohnheit von Ihnen, alles Reine zu verlästern." „Da hören Sie's, Doctor, welch' verkanntes Genie ich bin," sagte der Maler achselzuckend, „die Wahrheit wird selbst von solchen milden Augen zur Lästerung umgewandelt. Meinetwegen mag Fräulein Holten nach dem Monde reisen, mich soll's nicht kümmern. Wäre mir auch noch erklärlicher, als just nach Afrika! Was die Evers dort wohl zu den Heiden und Türken sagen wird? — Die alte Mamsell ist auch eine nette Begleiterin für eine junge, ruhelose Dame. — Wen hat sie denn als Wirthschafts-Cerberus in Edenheim eingesetzt?" Tante Hanna wollte böse werden, mußte aber doch lachen und nannte ihn unverbesserlich. „Mamsell Evers ist just die beste Gesellschafterin für das Fräulein," bemerkte der Doctor, „und das Klima in Afrika sehr zuträglich für derartige Nerven- leidsnde wie Fräulein Armgard. Seeluft, fremde Eindrücke, Strapazen sind ganz vortreffliche Heilmittel, wenn's auch gerade nicht meine Absicht gewesen ist, sie dorthin zu senden. Glaube, sie haben sich einer deutschen Familie angeschlossen." Tante Hanna sagte kein Wort dazu. „In Edenheim wird Mamsell Evers einstweilen durch ihre Nichte, eine junge PächtcrS-Wittwe, vertreten," bemerkte sie nach einer Weile. „Hm, was geht's mich an," meinte Reinhardt mit einem humoristischen Seitenblick auf das nachdenkliche Gesicht der Greisin, „Fräulein Holten und ich waren immer Antipoden. Aber daß der Bursche, der Leonhard Marbach, mir nicht ein einziges Mal geschrieben —" „O doch, er sandte Ihnen einen Neujahrsgruß, Sie Undankbarer!" fiel Tante Hanna ihm energisch in's Wort. „Nichtig, mein Gedächtniß wird auch schwach, wie ich merke. — Sie haben Recht, bekam aus Rom einen Gruß und einen echten Raphael, den ich nicht für tausend Mark hergeben würde. Wo der Heide — denn ein solcher ist er in Kunstsachen — dieses Juwel aufgegabelt hat, das möchte ich wissen. Na, Sie haben's ja beide gesehen, aber was er dort den Winter über getrieben, und wo er überhaupt geblieben ist, das weiß ich bis zur Stunde nicht." „Ich denke, er ging nach Nizza und hat dort wahrscheinlich Fräulein Holten getroffen," warf Doctor Peters ruhig hin. Reinhardt blickte ihn verdutzt an und stieß dann einen langgezogenen Pfiff aus. „So hat er also an Sie geschrieben, Doktor?" fragte er mit einem Pfiffigen Lächeln. „Allerdings, er muß mir doch von Zeit zu Zeit einen Rapport über seine Gesundheit abstatten. Ich rieth ihm zur Niviera, da Rom ihm nicht bekam, der arme Kerl hat viel nachzuholen, um wieder zu Kräften zu kommen. Von Nizza ist er nach Afrika gesegelt, wie ich ihm ebenfalls dringend gerathen —" „Ei, jetzt wird's interessant," fiel der Maler lachend ein, „er trifft sie in Nizza, — sie trifft ihn in Afrika, — nun kommen Edenheim und Notenhof am Ende doch noch unter eine Firma." „Wenn Sie doch nur ihre Folgerungen unterwegs lassen wollten, mein lieber Reinhardt," sagte der Doctor, auf seine Uhr blickend. „Schon nach elf, ich muß zu meinem Bedauern jetzt fort, Tante Hanna, — entschuldigen Sie mich, habe noch einige Krankenbesuche zu machen und vom Bahnhof einen Freund abzuholen." „Dann kommen Sie zu spät, Doctor!" rief der Maler, „habe vorhin schon das Pfeifen der Locomotive gehört." Tante Hanna hatte sich erregt erhoben und die Hand auf des Doctors Arm gelegt. „Bleiben Sie noch einige Minuten, lieber, alter Freund," sprach sie mit vor Bewegung zitternder Stimme, „Sie werden es nicht bereuen. Ich erbat mir heute Morgen ihren längeren Besuch, Sie versprachen mir, sich frei zu machen, nun dürfen Sie noch nicht gehen, Doc- torl — Ja, ja," setzte sie mit einem lächelnden Blick auf das verwundert neugierige Gesicht des Malers hinzu, „auch Sie, undankbarer Spötter, habe ich eigens eingeladen, weil heute ein ganz besonderer Festtag für mich ist." „Tantchen! Tantchen! sitzt hinter dieser Stirn noch ein zweites Geheimniß?" fragte der Doctor, sie forschend anblickend. „Sie wissen doch, wen ich vom Bahnhof abholen wollte, — der arme Junge wartet jetzt gewiß bei meiner Frau." Tante Hanna schwieg und beugte sich über die Veranda, um auf ein fernes Geräusch zu horchen, während die beiden Herren sich besorgt anblickten. Hatte die Greisin einen Nückfall bekommen?" Jetzt wurde das Rollen eines Wagens hörbar. Eine Droschke fuhr heran und hielt vor der Gartenpforte. Tante Hanna eilte mit jugendlicher Raschheit die Stufen hinab und durch den Garten. „Donnerwetter!" schrie Reinhardt überrascht auf, „da ist ja der Leonhard Marbach und neben ihm —" „Ja, neben ihm sitzt eine Frau," ergänzte der Doctor mit einem äußerst vergnügten Gesicht, „doch ist es nicht die meinige. — Den Leonhard wollte ich nämlich vom Bahnhof holen und Sie damit überraschen. Tante Hanna aber ist uns darin über und, Gott sei Dank, ganz die Alte wieder." Von der Pforte her schritten Arm in Arm Tante Hanna und Armgard Holten, deren frisches Antlitz beim Anblick der beiden Herren in Purpur erglühte. Sie streckte dem Doctor die Hände zum Gruß entgegen und drückte ihm dann plötzlich, von ihrem Gefühl überwältigt, einen herzlichen Kuß auf die Wange. „Für Tante Hanna's Gesundheit, lieber Doctor!" sprach sie tiefbewegt. „Und doch auch für den da," sagte der Doctor, auf Marbach deutend, der glückstrahlend mit der alten Evers folgte. „Ja, gewiß, auch für ihn," — und Armgard küßte ihm schalkhaft die. andere Wange. „Ich bin wohl gar nichts werth, meine Gnädige," brummte Reinhardt, ihr die Hand entgegenstreckend, „gehöre doch auch zum Attentat und — zu Leonhard's Familie." Sie ergriff mit festem Druck seine Hand. „Sie gehören fortan zu uns, Herr Reinhardt!" 367 sprach sie herzlich, „denn, «eine Freunde, auf die Gefahr hin, von Ihnen als eine leichtsinnige Persönlichkeit verurtheilt zu werden, bekenne ich hier frank und frei, daß ich diesem jungen Mann nach Afrika nachgereist bin, um mich dort mit ihm zu verloben. Daß er vor mir geflohen —" „Halt, glauben Sie ihr das nicht," fiel Marbach lachend ein, „ich habe meine Braut vom ersten Augenblick an, da ich sie gesehen, geliebt und alle Qualen der Eifersucht durchempfunden, als mir ein Unwürdiger zuvorkam. Ich fand sie in.Nizza wieder und warb um ihre Liebe wie ein täppischer Knabe, bis sie dem einarmigen Tölpel einen Korb gab, mit welchem er in seiner Verzweiflung nach Afrika sich einschiffte." „Jetzt komm' ich wieder an die Reihe," nahm Armgard rasch das Wort. „Mamsell Ebers war so erbost über jenen Korb, daß sie mich allen Ernstes verlassen wollte. Sie fang mir täglich des Einarmigen Loblied in allen Tonarten vor, bis ich selber lebensmüde wurde und mich zu einer heimlichen Flucht entschloß. Das Wohin war mir noch unklar, bis ein Brief meines guten Doctors mir ein Ziel angab." „Ich hätte Ihnen wirklich zu Afrika gerathen, Fräulein Holten?" fragte Doctor Peters mit einer unschuldigen Miene. „Ja freilich, nicht direct gerade, aber Sie hatten aus meinem letzten Schreiben jedenfalls meine Fluchtgedanken errathen und ließen nun recht arglistig eine Hymne auf das uordkrfrikanische Klima erklingen, das für Nervenleidende wahrer Balsam sei. Meine alte heimtückische Evers hockte gleich dahinter und spottete über Heiden, Türken und Mohren, so daß ich schließlich rabiat wurde und mich einer Touristen-Familie, welche einige Monate in Kairo wohnen wollte, sofort anschloß, es meiner alten Mamsell anheimgebend, nach Hause zu reisen." „Was sie natürlich hübsch bleiben ließ," schmunzelte die Alte. „Ja, sie ging richtig mit in's Mohrenland," fuhr Armgard mit drolligem Ernste fort, „und wen trafen wir dort?" „Jetzt kommt an mich wieder die Reihe," fiel Marbach mit leuchtenden Augen ein. — „Der freilich höchst zierliche und überzuckerte Korb, den ich in Nizza erhalten, wurde mir eine immer schwerere und unerträglichere Last, weil die grausame Spenderin alle Vorzüge und Liebreize ihrer bezaubernden Persönlichkeit heimlich mit hineingepackt hatte. Ich war wie verhext und lief täglich nach der Hafenstadt Bulakhinans, um die ankommenden Schiffe zu mustern, als müsse sich eines Tages ein Wunder ereignen und die Ersehnte an's Land steigen. Und siehe da, der Himmel schien Erbarmen mit mir zu haben, denn an einem wundervollen Morgen, als ich wieder, wie Ritter Toggenburg, am Hafen stand und einem sich nähernden Dampfer entgegenstarrte, kam mein Glück dahergeschwommen. Vielleicht Habs ich ein schrecklich dummes Gesicht gemacht, als ich sie sah, deren Bild ich Tag und Nacht im Herzen trug. —" „Sehr geistreich fand ich das Gesicht nun gerade auch nicht," bemerkte Armgard trocken. »Zugegeben, aber glücklich war's gewiß," fuhr Marbach fort. „Was soll ich weiter berichten, meine lieben Freunde, sie kam, sah und — diesmal besiegte ich die spröde Korbspenderin im Sturm, iudem ich sie ohne Weiteres an mein Herz schloß und nicht wieder frei ließ." „Der entsetzliche Mensch!" schalt Armgard, sich mit Tante Hanna in's Zimmer flüchtend und die Thür hinter sich verriegelnd. Hanna sah sie fest an und fragte: „Lieben Sie ihn denn auch von ganzem Herzen, ohne den Nachgeschmack jener einstigen Neigung, mein theures Kind?" „Ja, mein einziges Tantchen, ich liebe ihn von ganzem Herzen, von ganzer Seele, weil er mir schon gleich am vorigen verhängnißvollen Pfingsten so gut gefiel." „Dann bin ich beruhigt, Ihre Briefe waren mir nicht recht verständlich, der letzte aus Kairo aber ließ mich ahnen, daß ich heute ein Brautpaar begrüßen werde. Gott segne Sie und erhalte Ihnen dieses Glück!" Draußen auf der Veranda saßen die Herren im leisen Gespräch. „Herr Doctor!" sagte Marbach halblaut, „ich verdanke Ihnen mehr als mein Leben, das mir ohne Arm» gard doch werthlos schien. Sie haben mir geholfen, mein Glück wiederzufinden, haben mir Hoffnung und kecken Muth in's Herz geflößt und durch ärztliche Schachzüge mir die Spröde in die Arme getrieben." „Ja, ich habe der Vorsehung ein wenig nachgeeifert," sprach Doctor Peters lachend. „Es machte mir Spaß, Sie Beide, die doch so trefflich für einander paffen, nach Afrika zu schicken, um dort Verlobung zu feiern." „Bravo!" schrie Reinhardt überlaut, „unser Doctor soll leben! — Nun kommen Notenhof und Edenheim also doch richtig unter eine Firma —" „Schreien Sie nicht so fürchterlich," bat der Doctor, besorgt nach dem offenen Fenster blickend, „wenn die Braut dergleichen Schachzüge merkt, wäre sie im Stande, noch zurückzutreten. Machen Sie schleunigst Hochzeit, lieber Marbach!" „In spätestens vier Wochen," erwiederte dieser, rasch an's Fenster tretend und der sich lächelnd, mit drohend emporgehobenem Zeigefinger, herausbeugenden Armgard einen Kuß auf die frischen Lippen drückend. „Er bleibt das Haupt," rief Reinhardt trinmphirend. „Und meine Frau die Krone!" sprach Marbach, ihre Hand zärtlich an die Lippen ziehend. Ende. ----SSSMS-«- Einiges über Erdbeben. Die Erderschüttcrungen, welche in der jüngsten Zeit Griechenland und einen Theil von Südamerika heimsuchten, hatten die allgcnieine Aufmerksamkeit diesen verderblichen Naturerscheinungen zugewandt, und daher mag es angezeigt sein, an dieser Stelle etwas näher auf dasjenige einzugehen, was die Wissenschaft über die Erdbeben, ihr Auftreten und ihre Ursachen ermittelt hat. Starke Erdbeben sind die furchtbarsten Naturerscheinungen, welche der Mensch durch die unmittelbare Erfahrung kennt, es ist keine andere Kraftäußerung bekannt, die in gleich kurzer Zeit und auf gleich ausgedehnten Theilen der Erdoberfläche dem Menschengeschlecht auch nur entfernt so verderblich wäre. Dazu kommt, daß kein Theil der Erdoberfläche von Erschütterungen völlig frei ist und niemand Ort, Zeit oder Heftigkeit eines 368 Erdbebens bestimmt vorher angeben kann. Glücklicherweise gibt es ausgedehnte Gebiete, innerhalb deren viele Jahrhunderte hindurch starke Erdbeben nicht vorkommen. Selbst in den Rheinlanden, deren Boden während des letzten Jahrtausends wenigstens 600mal erzitterte, ist die Gefahr verderblicher Erschütterungen, welche Leben und Eigenthum der Bewohner vernichten, erfahrungsgemäß so verschwindend, daß niemand daran denkt, es könnte jemals der Wunderbau des Kölner Domes durch ein Erdbeben vernichtet werden. Zu Lima in Peru aber hätte die Erde nicht einmal gestattet, eine solche Kathedrale zu vollenden. In Griechenland duldete sie in gewissen Bezirken nur während unbestimmter Epochen der Ruhe große Bauten. So am Festplatze zu Olympia den wunderbaren Tempel des Zeus. Weder die rohen Horden der Gothen, noch die Befehle des Kaisers Theo- dosius, daß alle heidnischen Tempel zerstört werden sollten, konnten den gigantischen Bau völlig vernichten; erst die furchtbaren Erdbeben des 6. Jahrhunderts zerschmetterten das Wunderwerk zu einer wilden Trümmerhalde und warfen über die Stätte uralter Herrlichkeit eine mächtige Decke von Schutt. Die gewaltigen Erschütterungen, welche ganze Städte umstürzen, Tausende von Menschenleben in einem Augenblicke vernichten, Felsstürze hervorrufen und bisweilen kilometerlange Bodenspalten erzeugen, sind die äußersten Stufen der Scala, die abwärts bis zu leisem Erzittern des Bodens und zu jenen mikroseismischcn Erdpulsationen ausklingt, welche erst die neueste Zeit mit Hilfe sehr feiner Instrumente kennen gelehrt hat. Große Erdbeben breiten ihr Erschütterungsgebiet meist über einen erheblichen Theil der Erdoberfläche aus. Das gewaltige Erdbeben von Lissabon (am 1. November 1755) wurde in Deutschland, Skandinavien, Island und Grönland, am Ontariosce, auf den Antillen und in Nordafrika verspürt, sodaß damals mehr als der 13. Theil der ganzen Erdoberfläche erzitterte. Noch weit größer würde seine Ausbreitung erschienen sein, wenn man zu jener Zeit die seinen Meß- und Beobachtungsapparate besessen hätte, die der heutigen Wissenschaft zu Gebote stehen. Mittels dieser hat sich z. B. herausgestellt, daß das japanische Erdbeben von Kumawato am 28. Juli 1889 sich durch leises Zittern des Bodens in Potsdam und WilhelmS- havcn (wo sclbstrcgistrirende Instrumente aufgestellt waren) bemerkbar machte. Dieses Erzittern wurde von den Apparaten 67 und 225 Minuten nach dem Stoße in Japan aufgezeichnet, und zwar entspricht die erste Schwingung der direkten Wellenbewegung des Bodens westwärts von Japan durch Asien über Rußland nach Nord- deutschland, auf einer Strecke von 8860 Irm; die zweite den Erschütterungswcllen des Bodens, welche durch den Großen Ocean, über Nordamerika, durch den Atlantischen Ocean ostwärts verliefen, auf einem Wege von 31,140 Irrn. Die erste ergibt eine Geschwindigkeit im Fortschritt des wellenförmigen Bodencrzitterns von 2,2 Irm in der Secunde, die andere eine solche von 2,3 Irm. Fast die nämliche Geschwindigkeit ergab sich bei dem japanischen Erdbeben am 18. April des gleichen Jahres, andere Erdbebenkatastrophen führten auf Werthe von 3 Irm oder etwas darüber. Die Fortpflanzungsgeschwindigkeit ist größer bei heftigen als bei schwachen Stößen, und ebenso größer in festem, dichtem Gestein als in lockerem Boden, wo die Bewegungswellen rasch zum Erlöschen kommen. Versuche haben ergeben, daß durch Pulvercxplbsionen erzeugte Bodenerschüttcrungen sich in Sandstein mit einer Geschwindigkeit von 1,2 Irm, in dichtem Granit mit einer solchen von 2,4 bis 3,1 Irm in der Secunde bewegen. Da nun die von den Apparaten angezeigten schwachen Schwingungen, die sog. mikroseismischen Bewegungen, auf Geschwindigkeiten von mehr als 2 Irm für die Secunde führen, und da diese Schwingungen sich meist in großer Tiefe fortgepflanzt haben, so kann man daraus schließen, daß die tieferliegenden Schichten des Erdkörpers aus festem Gestein nach Art des Granit bestehen. Derjenige Punkt der Erdoberfläche, an welchem die Erschütterung zuerst eintritt, wird Epicentrum genannt, und man muß annehmen, daß er derjenigen Stelle im Innern der Erde, von wo die Erschütterung ausgeht, also dem eigentlichen Herd der Erscheinung, am nächsten ist. Man hat verschiedene Methoden ersonnen, um über die Tiefe jenes Herdes unter der Erdoberfläche Aufschluß zu erhalten, allein diese Methoden sind nicht einwurfsfrer, auch erfordern sie genauere Beobachtungen, als bei Erdbeben angestellt werden können. So viel ergibt sich jedoch mit Sicherheit, daß der Herd der Erschütterungen keineswegs in sehr großen Tiefen, sondern verhältnißmäßig nahe der Oberfläche in den festen Gesteiusmasscn der Erdrinde zu suchen ist. Wahrscheinlich überschreitet diese Tiefe niemals 40 bis 50 Irm. Die Art der Bodenbewegung bei großen Erdbeben ist sehr verschieden; nahe dem Epicentrum kommen verticale Bewegungen vor, in weiter Entfernung meist nur wellenförmige Schwingungen. Im einzelnen ist die Wirkung der letzteren, wie sie sich in den angerichteten Zerstörungen offenbart, sehr verschieden. Bei dem Erdbeben von Niobamba in Ecuador am 4. Februar 1797 wurden Baumpflanzungen, die vordem parallel waren, gekrümmt, Accker, auf denen verschiedenartige Getreide- pflanzungen standen, erschienen später ineinandergereiht, und als Humboldt den Grundriß der zerstörten Stadt aufnahm, zeigte man ihm die Stelle, wo das ganze Haus- geräth einer Wohnung unter den Ruinen eines anderen gefunden worden war. Agatino Longo erwähnt, daß bei einem Erdbeben zu Catania mehrere Bildsäulen herumgedreht wurden und man die Richtung einer großen Steinmasse um 25° verändert fand. Beim Erdbeben zu Valparaiso am 19. November 1822 wurden mehrere Häuser umgedreht, und man fand später drei Palmen wie Weiden umeinander gewunden. Aehnlichc scheinbare Drehbewegungen haben sich auch bei dem großen Erdbeben von Charlcston 1887 gezeigt; sie sind aus örtlichen Zuständen an der Erdoberfläche zu erklären, erfordern aber nicht die Annahme von rotatorischen Stößen. Daß wirklich Stöße von unten nach oben bei starken Erdbeben vorkommen, ist trotz gegentheiliger Behauptungen unzweifelhaft. Einen Beleg dafür kann die Katastrophe von Jschia am 28. Juli 1883 liefern. An jenem Tage Abends 9 Uhr 22 Minuten gab ein unterirdischer Kanonenschuß das Zeichen zum Untergänge, ein Stoß folgte, vergleichbar der Explosion von zehntausend Tonnen Dynamit, und Casamicciola war nicht mehr. Keine weitere Bodenbewegung wurde, soviel bekannt, wahrgenommen. Sehr deutlich wurden verticale Stöße bei gewissen Seebeben verspürt. Bisweilen macht sich dann eine stoßende Bewegung an Deck wahrnehmbar, wodurch Schiffe ins Schwanken gerathen, Masten und Raaen erzittern und die Steuerruder hin- und Herstoßen. Bei noch stärkeren Stößen werden schwere Gegenstände um« 86S geworfen und die Leute in die Höhe geschleudert. Bei einem Seebeben an der kleinasiatischen Küste, welches Violet d'Aroust beschreibt, wurde eine französische Corvette durch einen verticalen Stoß heftig in die Höhe geschleudert und dermaßen in allen Theilen erschüttert, daß man im ersten Augenblick ihre gänzliche Zertrümmerung befürchtete. E. Rudolf, der die unterseeischen Erdbeben genau studirt hat, beweist mit einer langen Reihe zuverlässiger Zeugnisse, daß indessen der stärkste Verticalstoß durchaus nicht nothwendig eine Welle an der Meeresoberfläche zur Folge hat, ja, daß bei glattem Seespicgel und Windstille der intensivste Stoß eine Aenderung im Zustande des Meeres nicht hervorruft. Diese Thatsache kann als durchaus feststehend betrachtet werden; ebenso sicher ist es aber auch, daß in gewissen, wie es scheint, seltenen Fällen das Meer sich zu mächtigen Wellenbergen erhebt, die bei ihrem Fortschreiten über den Ocean als hohe Wogen sich kenntlich machen. In anderen Beispielen wird berichtet, daß das Meer längsseits des Schiffes oder unter demselben zu sieden schien, oder daß das Wasser in Strahlen von 12 bis 15 Fuß Höhe emporgeschleudert wurde, als wenn es kochte. Der Dampfer John Elder wurde am 9. Mai 1877 mit der auffluthenden See auf einen steilen Wellenberg gehoben, ein schäumender Abgrund sog die Gewässer an den Flanken auf, während die Schraube, mit unheimlichem Geräusch in der Luft sich drehend, zischte, dann bog sich das Schiff vornüber und stürzte mit tosendem Geklatsch in die Tiefe. Unterseeische Erdbeben erzeugen als solche keine Fluthwellen, solche entstehen nur dann, wenn unterseeische Ausbrüche stattfinden. Wenn dagegen Küstenstrccken durch starke Erdbeben in Erschütterung versetzt werden, so gcrüth auch der Meeresspiegel in Schwankungen: das Meer Acht sich zurück und kehrt als ungeheure Welle, alles überschwemmend, wieder. Keinen furchtbareren Anblick gibt es für den Kundigen, als dieses Zurückziehen des Meeres bei einem Erdbeben! Ein Augenzeuge beschreibt den Vorgang bei dem Erdbeben von Jquique im August 1868 mit folgenden Worten: „Langsam war das Wasser des Meeres angeschwollen, da sah ich Plötzlich mit Entsetzen die See sich zurückziehen, nicht langsam wie sie gestiegen war, sondern mit grausen- hafter Heftigkeit. Vor mir hob und hob sich das Ufer, sodaß ich bald bis zur vorgelagerten Insel hin vom Meere nichts mehr sah. Auf einmal zeigte sich in einiger Entfernung hinter der Insel eine lauge, hohe Welle, die nach dem Lande zu mit großer Regelmäßigkeit vordrang. Nun schien mir kein Augenblick mehr zu verlieren. Ich rief den beiden im Hause befindlichen Freunden zu, um sie auf die Gefahr aufmerksam zu machen. Dieselben kamen, meinten indeß, die Welle werde sich an der Insel brechen. Wir warteten nun auch dies noch ab und hatten so das großartige Schauspiel, das Meer mit einer Gewalt über die Insel weggehen zu sehen, daß das Wasser zum Himmel zu spritzen schien. Aber für uns war auch der letzte Augenblick der Rettung gekommen. Unter dem stets wachsenden Getöse des sich heranwälzendcn Wassers, und als die Welle dem Lande schon näher war als der Insel, fingen wir drei endlich an, der Höhe zuzulaufen, — für den letzten von uns, der sich etwa zehn Schritte zurück befand, schon fast zu spät, denn er wurde vom Wasser erreicht und fortgeschleudert, dann, während er sich inmitten der Trümmer der rechts und links von ihm zusammenstürzenden Häuser, die ihn an mehreren Stellen verletzten, aufraffte, aufs neue erfaßt und fortgeschleudert. Er blieb endlich, als das Meer das Gleichgewicht wieder erlangt hatte, auf dem Trockenen, ohne zu wissen, wie. Ich glaubte eine Zeit lang allein von uns drei die Gefahr begriffen zu haben, als ich die anderen aufforderte, die Thür zu schließen und der Höhe zuzueilen; und doch, nachdem ich nicht weit gelaufen war, blieb ich stehen und sah zurück, um die Wirkung der Welle zu sehen, was ich sicher nicht gethan haben würde, wenn ich von der Gewalt derselben eine Ahnung gehabt hätte. So kommt es, daß ich mich des Augenblicks, in welchem die Welle am Lande anlangte, mit solcher Lebhaftigkeit erinnere, daß der Anblick mir immer vor Augen stehen wird. Die Welle, schwarz vom Sand und vom Schmutze, den sie bereits aufgewühlt hatte, mochte etwa 80 Fuß hoch sein; sie reichte bis zu dem Balcon des Hauses, von wo Wasser und Schaum noch über das Haus wegspritzten. Wenn ich noch einen Augenblick die Hoffnung gehegt hatte, daß die Häuser im Stande sein würden, dem Andränge des Wassers zu widerstehen, so wurde ich dieser Täuschung sofort entrissen. In diesem einzigen kurzen Augenblick verschwand unter dem entsetzlichsten Getöse der zusammenstürzenden Häuser die ganze Straße de la Pantilla, und daS Meer verlor dadurch so wenig von seiner Heftigkeit, daß es, obschon nun ganze Berge von Holz und Trümmern vor sich herwälzend, doch die nachfolgenden Gebäude mit derselben Leichtigkeit wegfegte, bis durch das Ansteigen des Terrains auch die Welle an Höhe und dadurch an Kraft verlor. Ich lief, so schnell ich konnte. Als ich mit Mühe etwa 200 Schritte weit gekommen war, sah ich zu meiner Linken an der ganzen Seite der Pantilla, wie das Meer, welches das ganze Ufer kahl gewaschen, die unförmlichen Trümmerhaufen der zahlreichen Häuser, die dort standen, vor sich herwälzend, noch in unaufhörlichem Vorrücken begriffen war. Da verließ mich mit den Kräften auch der Muth. Das Meer hinter mir und nun auch von der Seite sich heranwälzend, gab ich mich verloren und blieb stehen. Aber es ließ mich am Leben, und als ich zurückblickte, hatte es sein natürliches Niveau erreicht und zog sich in sein früheres Bett zurück, nachdem es nur noch zwei Schritte von mir entfernt gewesen war." Südamerika, besonders in seinen äquatorialen Theilen und den Regionen an der pacifischen Küste, gehört zu den von Erdbeben am meisten und schrecklichsten heimgesuchten Gegenden der Erde. In manchen Fällen stehen diese Erdbeben mit der Thätigkeit der andinischen Feuerberge in Beziehung, aber gerade die heftigsten Erschütterungen zeigen dort keinen Zusammenhang mit den Vul- canen, ja, in Nordamerika findet man, daß die Alluvial- Ebene des Mississippigebietes, obgleich sie fern von allen Vulcanen liegt, sehr oft von heftigen Erdbeben heimgesucht wird. Auch in Europa sind es nicht nur die vulcanischcn Gegenden, welche von Erdbeben häufiger zu leiden haben, sondern in nicht geringerem Grade wurden die Abruzzen, Calabricn, häufig auch die Alpen und die Kalksteingebiete von Kram und Jstrien, endlich Griechenland verheert. Zu den merkwürdigsten und schrecklichsten Erdbeben gehören die, welche im Februar und März 1783 Calabrien heimsuchten. Das Centrum derselben scheint das Städtchen Oppido in der Nähe deZ schneebedeckten Aspromonte gewesen zu sein. Zu wiederholten Malen vernahm man damals unterirdischen Donner, der aus südwestlicher Richtung zu kommen schien, ihm folgten die Erschütterungen, welche die merkwürdigsten 370 Veränderungen der Oberfläche hervorriefen. Mehr als hundert Berge und Hügel wurden von ihrer Grundlage gerissen, sodaß ungeheure Bergstürze erfolgten, welche Flüsse abdämmten, Städte und Dörfer zerstörten und fast 100,000 Menschen tödketen. Die Gegend, in welcher dieses furchtbare Erdbeben sich abspielte, bildet nach Süß die Trümmer eines einst zusammenhängenden Gcbirgskerns, der heute die Straße von Mcssina durchquert und dessen hauptsächlichster Bruchrand an der Westseite des Aspromonte gegen die Liparen blickt. Dieser Bruchrand nun ist die Straße gewesen, auf welcher damals die seismische Thätigkeit an verschiedenen Punkten ihre größte Kraft entfaltet hat. Aber noch mehr. Wie Süß nachgewiesen, ist jene Linie nur ein Theil eines Bogens, der die liparischen Inseln gegen Ost und Süd umgibt und durch zahlreiche Erschütterungen ausgezeichnet ist. Dieser Bogen läuft jenseit der Mceres- enge zum Aetna und setzt sich wahrscheinlich über Nicosia zu den makedonischen Bergen fort. Die ganze Bogen- linie hat einen Durchmesser von 90—100 km, und innerhalb derselben sind andere Stoßlinien bekannt, auf welchen Erschütterungen eintraten, die meist von den liparischen Inseln gegen außen gerichtet sind. Innerhalb dieser Inseln, südlich von Strornboli, nähcrungsweise im Centrum jenes großen Bogens, liegt eine Gruppe von Inseln und Klippen, welche die Trümmer eines vormaligen gewaltigen Kraters bilden. Das Ganze ist ein Senkungsgebiet, innerhalb dessen radiale Sprünge in der Erdrinde entstanden, die gegen die liparischen Inseln hin convcrgiren und dort mit vulkanischen Ausbruchsstellen besetzt sind. Jede neue Gleichgewichtsstörung der einzelnen Schollen verursacht gesteigerte vulkanische Thätigkeit auf den Inseln und Erschütterungen des Festlandes oder Siciliens. Im Laufe der kommenden Jahrtausende wird die Senkung allmählich fortschreiten, die heutigen Gestade werden dort versinken, und die Straße von Messina wird sich erweitern. Die jüngsten furchtbaren Erdbeben in Griechenland sind ebenfalls längs eines alten Bruchrandes auf dem geologischen Senkungs- gebicte Europas aufgetreten. Ihr Hauptherd lag bei Alalante und Chalkis auf Euböa. Die Einzelheiten der Verheerungen hat ein Berichterstatter der „Köln. Ztg." geschildert, hier soll nur darauf hingewiesen werden, daß keinerlei rein vulkanische Erscheinungen dabei zu Tage traten. Zwar wird die genauere Forschung vielleicht auch dort wie bei dem großen Erdbeben vom 26. Dezember 1861 an der Küste von Achaja die Entstehung von sandigen, kraterförmigen Kegeln ausweisen. Alle diese entstanden in dem letztgenannten Falle da, wo Spalten an der Oberfläche einen gemeinsamen Kreuzungspunkt halten, und sind nicht vulkanischer Natur. In so hohem Grad aber erinnerten diese Kegel äußerlich an Vulkane, daß bei dem Erdbcbm von Agram, wo sich in geringerm Maße Aehnliches zeigte, die Bevölkerung an die Möglichkeit der Entstehung eines Feuerberges dachte. Unsere heutigen Erdbeben sind aber viel zu schwach, um die Entstehung wirklicher Dulcane hervorzurufen. Hiermit ist ausgesprochen, daß der Vulkanismus nicht, wie man einst glaubte, die Ursache der Erderschütterungen ist. Zwar werden solche durch vulkanische Ausbrüche hervorgerufen, aber diese Erdbeben haben stets nur ein beschränktes Erschütterungsgebiet und sind nicht in Vergleich zu stellen mit den großen, ganze Erdtheile in Zittern versetzenden Beben. Ueberhaupt ist es unstatthaft, nur eine einzige Ursache für sämmtliche Erdbeben annehmen zu wollen. Als in den Jahren 1772 und 1810 Felsmasscn von der Shakespeare-Klippe in'S Meer stürzten, hatte Dover eine ziemlich starke Erderschütterung, und ebenso erregte der Erdsturz bei Zclla am 12. November 1869, der einen tiefen Erdspalt erzeugte, eine so heftige Bodcnerschütterung, daß in der Nähe Kamine einstürzten. Das Zusammenbrechen unterirdischer Hohlräume, künstliche Sprengungen, ja, die Schläge des Krupp'schen Riesenhammers verursachen Bodenerschütterungcn, endlich hat man in Japan einen Zusammenhang der leisen Erzittcrungen der Erde mit den Schwankungen des Luftdrucks und der Heftigkeit des Windes erkannt. Der Erdboden erscheint hiernach trotz seiner Starrheit wie eine elastische Masse, und daß dies wirklich der Fall ist, hat sich auf der Sternwarte zu Grccnwich gezeigt, an deren Instrumenten eine zitternde Bewegung des Bodens besonders lebhaft auftritt an Feiertagen und besonders dann, wenn der umgebende Park stark besucht ist. Diese Boden-Erzitterungen sind nur oberflächlich und ihre Ausbreitung wird schon durch einen steilen Einschnitt aufgehalten. Dies erinnert an die Thatsache, daß bei starken Erdbeben in oft erschütterten Gegenden gewisse Stellen unberührt bleiben, die vom Volke Erdbebenbrückeu genannt werden. Die meisten und vor allem die großen, weithin ausgedehnten Erderschütterungen stehen in engem Zusammenhang mit der Gcbirgsbildung und werden verursacht durch die Ablösung größerer Erdschollen in der Tiefe, weshalb man sie als tekto nische oder Dislocations-Beben bezeichnet. Alle Bewegungen im festen Gerüst unserer Erde, wodurch die Gebirge aufgethürmt und Senkungen und Einstürze hervorgerufen wurden, waren als solche Erdbeben von furchtbarster Gewalt. So sind auch die heutigen Boden- erschütterungen Aeußerungen der langsam fortschreitenden Gebirgsstauungen, des Schrumpfungsprocesses unserer sich allmälig abkühlenden Erde. Sie erfolgen auf Zonen oder Linien längs vorhandener Lagerungsstörungen (Brüchen und Faltungen) der Erdrinde als ruckweise, weitere Ausbildung derselben. In Kettengebirgen, die durch horizontale Faltung der Erdrinde entstanden, wie die Alpen und die Cordilleren, sind Erdbeben deßhalb häufig, ebenso in Küstengebieten, wo der abgesunkene Meeresboden von Gebirgen unmittelbar umgrenzt wird; dagegen sind sie seltener in alten, längst zur Ruhe gekommenen Gebirgen und in Gegenden mit wenig gestörtem Schichtenbau. So erscheinen also die Erdbeben als Auslösungen von Spannungen im Gerüste der Erde, und alles, was diese Auslösungen erleichtert, muß das Eintreten von Erdbeben begünstigen. Nun zeigten die statistischen Zusammenstellungen, die zuerst von Parry, dann besonders von Julius Schmidt geliefert worden, daß zu den Zeiten der stärksten Meeresflnthen auch die Erdbeben zahlreicher sind als sonst, und daß in der Erdnähe des Blondes mehr Tage mit Erdbeben verzeichnet sind, als bei gleichmäßiger Vertheilung der Fall sein würde. Es findet also ein Einfluß des Mondes auf die Erdcrschüttcrungen statt, und zwar in ähnlicher Weise wie auch das Anschwellen und Sinken des Meeres in den Gezeiten. Eine irrige Auffassung der Sachlage aber wäre es, dies durch Fluth und Ebbe eines glühend flüssigen Erdinnern erklären zu wollen, denn solche könnten die wirklich eintretenden Erscheinungen nicht hervorrufen. Die einzig zulässige Erklärung, die ich an diesem Orte bereits bei einer andern Gelegenheit gegeben habe und die ich bei diesem Anlaß l 371 wiederholen will, ist vielmehr folgende: Die Gezeitcn (Ebbe und Flut) unserer Weltmeere sind bekanntlich eine Folge der Anziehung des Mondes und der Sonne; diese Anziehung bewirkt aber auch Deformationen des festen Gerüstes der Erde, die freilich viel geringer sind als die der flüssigen Oberfläche. Die ganze Erdoberfläche wird durch die gewaltige Anziehung von Sonne und Mond in geringem Grade wie eine elastische Masse gehoben und gesenkt, und in diesem periodisch wiederkehrenden, bald schwächern, bald stärker», aber lediglich von der Mondfund Sonnen-) Stellung abhängigen Pressen und Dehnen der Schichten ist der Factor zu suchen, welchen der sonst durchschnittlich zu allen Zeiten gleich häufigen Erschütterungen eine periodisch größere Häufigkeit verleiht. Erdbeben würden auch ohne die Mondanziehung stattfinden, aber diese verursacht periodisch häufigere Auslösungen, und es ist daher ganz richtig, zu erwarten, daß um die Zeit, in welcher die flutherregende Kraft des Mondes am stärksten wirkt, Erdbeben häufiger eintreten werden als zu andern Zeiten. Natürlich kann man aber niemals im voraus den Ort bestimmen, wo dann Erdbeben sich ereignen werden, und ebensowenig läßt sich etwas Näheres über den Verlauf derselben, ihre Heftigkeit oder die Ausdehnung ihres Erschüttcrungsgebietes voraussagen. Jedes Prophezeien von Erdbeben, das über die oben bezeichneten allgemeinen Angaben hinausgeht, ist unwissenschaftlich, ja, völliger Humbug. Auch sichere Anzeichen kommender Erdbeben gibt es nicht. Aus dem Zustande des Wetters kann man nicht auf demnächstiges Eintreten von Erdbeben schließen, und das vom Volke so genannte „Erdbebenwetter" ist nicht nachweisbar. In Italien behauptet man, daß kurz vor Erdbeben der Wasserspiegel der Brunnen zu sinken pflege und man die Brunnenscile verlängern müsse; sichere und ausreichend zahlreiche Beobachtungen liegen aber hierüb:r nicht vor. De Nossi behauptet, eine ungewöhnliche Aenderung der Temperatur der warmen Quellen fei in Italien ein ziemlich sicheres Anzeichen bald eintretender Erdstöße, und er hatte schon früher den Antrag gestellt, aus Jschia Tag für Tag die Wasserwärme der dortigen Thermen messen zu lassen. Man hat dies dort nicht gethan, vielleicht, weil man fürchtete, solche Beobachtungen könnten von den Fremden als Zeichen naher Gefahr angesehen werden. Bei dem heutigen Zustande des Wissens kann man Erscheinungen wie den in Rede stehenden gegenüber alles und nichts als Warnung gelten lassen, und kein besonnener Forscher wird es auf sich nehmen, Ort und Zeit eines kommenden Erdbebens speciell voraus anzukündigen. —-S-MSe- G o 1 d k L v rr e rr. Den Personen gegenüber ist Unparteilichkeit Gerechtigkeit; den Meinungen gegenüber ist sie Gleichgültigkeit oder Geistesschwäche. Donald. Man fordere nicht Wahrhaftigkeit von den Frauen, so lange man sie in dem Glauben erzieht, ihr vornehmster Lebenszweck sei — zu gefallen. Ebner-Eschenbach. Nicht tadeln können ist Denkdnmmheit und Gefühlsträgheit; nicht loben können Denkhochmnth oder Gefühlskalte. „Wer die Ehre Dessen sucht, Der ihn gesandt bat, der ist wahr." (Joh. VII, 16) Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, ist eingeweiht; nach huirdcrt Jahren klingt sein Wort und seine That dem Enkel wieder. -- Originelles über das Musikivesen der Neger. (Nachdruck verböte») Die Neger sind leidenschaftliche Mnsikliebhaber. Es sind dies aber überhaupt alle sogenannten Naturvölker. Es summt und singt in jeder Menschcnseele Und unaufhaltsam es nach außen dringt. Ob bärenrauh — ob lerchenglatt die Seele, Ob was da auch an Takt und Wohlklang fehle: — ES ist Musik, wie es auch immer klingt; Zumal für den — der's bringt. „Es ist Musik, wie es auch immer klingt." Aber — es klingt oft entsetzlich, ja geradezu zum Tollwerden. So z. B. bei den Neger-völkern in Westasrika, an der Sklavenküste, bei den wilden Aschanti, den Dahomehern, welche die „freundliche", nach Menschenfleisch duftende Nachbarschaft unseres deutschen Colonialländchens Togo bilden. Diese Neger haben die zweckmäßigsten Instrumente zu einer Höllenmusik: da haben sie Trompeten aus Elephautenzähnen, gegen welche die mächtigen Jericho-Posaunen wahre Kindertrompcten gewesen sein müssen. In ihrem erschrecklichen Gebrülle erzittert der Boden; mit ihm vereinigt sich der Tamtam mit seinem unheimlichen, dumpfen, stoßweisen Dröhnen; dazu das Rasseln der mit Knochen und Scherben, Metallstücken gefüllten Kürbisse; endlich noch die schrillen Töne der Triangel und alter zerbrochener Schellen. Und diese Musik ist hoffähig. Die afrikanischen Fürsten haben ganze Banden mit solchen „Instrumenten". Und welch geschickte Musiker ließen aus diesen Negern sich nicht bilden! Wir haben davon ein überraschendes Beispiel in einer Neger-Capelle von circa 25 jungen Negern mit europäischen Instrumenten, welche schon in den 1870er Jahren bestand und Respektables in der kirchlichen wie in der weltlichen Musik leistete. Diese Musiker waren Zöglinge der Mission am Gabun in Westafrika. *) Nichten wir nun einige Blicke in's Innere von Südafrika — und nach Uganda in Accmalorial» Afrika. Aus dem Matabelen-Reiche in Südafrika — nordwestlich hintcrm Kapland. Die Malabelen, deren tyrannischer Herrscher Lobengula von den Engländern endlich unterjocht wurde, sind ein außerordentlich kriegerisches Volk und noch sehr leidenschaftlich und unbändig. Sie lieben Tanz und Gesang wie alle Neger auch leidenschaftlich (wie überhaupt das „gewöhnliche" Volk — darf man sagen). Diese Matabelen aber haben nicht etwa nur einen wilden, regellosen Sang. Ihre Melodien, so einfach sie auch sind, haben Rhythmus — Takt, Beweglichkeit und — merkwürdig die Cadcnz, wie wir aus folgendem Beispiele ersehen: , 2 , F * Diese Melodie bildet einen Marsch — und auch den „Königsgruß" mit dem Texte: „llodo, llsbo, öobo, *) Das Gabungkbiet liegt ober dem Mündungsgebiet des Kongo, in nordwestlicher Richtung. Der Gabun ist kein Fluß, sondern eine wenige Minuten nördlich vom Acguator etwa 15 deutsche Meilen in die Westküste Afrikas einschneidende Meeresbucht, in welcbe nur einige kleine Flüsse münden. Diese Bucht hielt man früher für einen großen Strom. Das Gebiet -- 372 llosto sodesu"; d. h.: „Nur für Dich, nur für Dich rc., I den Großen!" — Ob sie ihn wohl noch singen, diesen Königsgruß, da die Königs-Größe vernichte?! — Die Madinda und der Mugudo. „Das sind ja wildfremde Namen!" wird man wohl ausrufen. Nun, landfremd sind sie, jedoch nicht wildfremd, obgleich sie von einem Volke herstammen, das eben erst — feit 1879 — in der christlichen Civilisation begriffen. Diese Worte, die nicht unschön klingen, bezeichnen zwei Musikinstrumente, welche bei den Eingeborenen im Negerreiche Uganda im Gebrauche sind. Dieses Reich liegt am Victoria Nyanza- Sce, zählt an 4 Millionen Eingeborene, darunter viele katholische — auch eine nicht unbeträchtliche Anzahl von „Protestanten" (eigentlich Anglikaner) und grenzt mit seinem Südgcbiete — der Provinz Buddu (welche den Katholiken nach einem VerfolgungSkricge zugetheilt wurde) — an Deutsch-Ostasrika. Die Madinda nun ist den Eingeborenen von Uganda das Clavier — oder „Piano". Dieses Instrument besteht aus zwei Stücken Holz, von verschiedener Länge — mit einer starken Resonanz und zwei Griffbrettern, deren jedes 6 Saiten trägt. Gewöhnlich wird das Instrument gleichzeitig von Zweien gespielt: der Eine spielt die Melodie, der Andere die Begleitung. Die Wirkung ist recht angenehm und wohlklingend. Die Madinda dient oft zur Begleitung des Gesanges und wird dann durch Trommeln verstärkt. Der Mugudo besteht aus drei Trommeln oder Pauken von verschiedener Größe und Klangfarbe. Dieses Instrument, geschickt und taltgenau gespielt, ist „von sehr hübscher Gcsammtwirkung". Der Mugudo ist das Hosinstrnmcnt der großen Häuptlinge auf ihren Reisen durch ihre Provinzen und bei den Gesandtschaften, welche sie im Auftrage des Königs unternehmen. Ein Missionär aus Buddu, dem wir diese Mittheilung verdanken, hat in seiner Anstalt eine Anzahl von Knaben, welche den Mugudo zu spielen verstehen, und kam dieses Instrument bei der Fron- leichnams-Procession zu glücklicher Verwendung. ALLsVLei. * Ein unverhofftes, freudiges Wiedersehen. Ein Missionär der berühmten Missionsstation Bagamoyo in Deutsch-Ostafrika, Namens Pater Hirzlin, war unermüdlich auf der Suche nach armen Negerkindern, um sie loszukaufen oder vor dem Tode zu taufen. Eines Tages erfuhr er, daß in dem Hause eines Jndiers ein kleines, krankes Negermädchen sich befinde, das wahrscheinlich dem Tode nahe sei. Er ging oahin und fand das arme Kind, das 6—7 Jahre alt sein mochte, am Zimmerboden ausgestreckt; sein Leben schien nur noch an einem dünnen Faden zu hängen. Ohne Aufschub taufte er das arme Geschöpf. Am nächsten Tage fand er das Kind noch am Leben. So gingen mehrere Tage vorüber ist französisch. Hier besteht schon seit 1642 die längst berühmte Gabun-Misston, zugleich die älteste Culturmusteranstalt der Kongregation der Väter vom heiligen Geist, welche Kongregation 20 Jahre später auch die Mission Sansibar mit dem gleichfalls so berühmt gewordenen Bagamoyo — den Hauptstationen Mhouda, Mrogoro, Mandara u. s. w. mit 3 je bis 4 Negerchristendörfer, Alleösin Teutsch-Ostafrika — gegründet. und der Zustand des Kindes besserte sich zusehends. Da wollte der Pater diese kostbare getaufte Seele nicht in den Händen der. Ungläubigen lassen. Er bat die Frau des Hauses, ihm die Kleine zu überlassen. Der Kauf war bald geschlossen und Pater Hirzlin, ganz glücklich über seine Eroberung, trug, wie ein guter Hirt, das arme Schäflein in die sichere Hürde, in die Anstalt der Missionsschwestern. Als er dort anlangte, fand eben der Unterricht der Negerfranen statt. Der Pater setzte das Kind mitten in der Gruppe der Negerinnen nieder. Dieses schaute mit großen Augen die Versammlung an. Auf einmal blieb sein Blick an einer der Negerfrauen haften und mit dem Aufschrei: „Mama! Mama!" sprang eS auf die Frau zu. Diese hatte das Kind nicht sofort beachtet und schaute ganz verwundert auf. Sogleich erkannte sie es, schloß es in ihre Arme, nannte es ihr liebes Herzenskind und bedeckte es mit Küssen und Thränen. Dann fragte sie erstaunt: »Hat denn der Pater gewußt, daß ich ein Kind hatte — ukd ist er es suchen gegangen?" Der Pater sagte, er habe von diesem seltsamen Vorfall keine Ahnung gehabt. Da warf sich das glückliche Weib auf die Kniee, nahm ihr Kind in die Arme, hob es — die Augen voll Thränen —gen Himmel und rief: „Gott ist es, der liebe Gott allein — er hat mir mein Kind wieder zurückgegeben." Und.sie dankte Gott in der rührendsten Weise vor den Zeugen dieser ergreifenden Scene. Eintheilung. Ella (zu ihrer Freundin): „Nun, Anna, Ihr habt ja jetzt ein Abonnement ..... Wie gefällt es Dir denn im Theater?" — Backfisch: „O sehr! Ich gehe in die klassischen Stücke, Papa sieht am liebsten Operetten, und Mama geht in's — Unpassende." ----S-WLS-- Schachaufgabe. Von I. Mieses. Schwarz. Weiß zieht au und setzt mit dem 3. Zuge matt. Auflösung des Bilder-NSthsels in Nr.45: Flottenmanöver. Auflösung des Ariihmogryphs in Nr. 46: Museum, Allee, Ulema, Salm. Ossa, Laina, Esel, Ulm, Moses. Mausoleum- ---- ^L49. 1894. „Augsburger PostMung". Dinstag, den 19. Juni Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler). Im Laune alter Schuld. Roman von GustavHöcker. - (Nachdruck verboten.) I. Das Herrenhaus war im Villenstile erbaut und danach hieß das große Rittergut der „Villenhof". Der Herr dieser schönen, in der fruchtbarsten Gegend der Mark Brandenburg gelegenen Besitzung, zu der sich noch ein gleich großes Gut in Schlesien gesellte, war Baron Wolfgang von Sturen. Er war heute einundzwanzig Jahre alt geworden, befand sich also in jenem benei- denswerthen Alter, wo sich mit dem Feuer der Jugendkraft der noch unerschütterte Glaube in die Zukunft vereinigt. Dennoch stand er in ernstem Sinnen an einem Fenster seiner Villa, und während er in den Park hinaus blickte, der eben im ersten Grün des Frühlings schimmerte, lag eine gewisse Schwermuth in seinem wohlge- bildeten Gesichte. Wie hatte es ihn nach diesem Tage verlangt, nie aber hatte er das Glück so schön gefunden, als er es sich vorher vorgestellt. Und nun, da die so lange ersehnte Stunde seiner Volljährigkeit geschlagen, schien ihm eine innere Stimme zuzuflüstern, daß er dieselbe Un- vollkommenheit des Glückes auch in dem neuen Lebensabschnitte antreffen werde, daß in dem schäumenden Becher der Freude ein Tropfen fehle, welcher auf Erden nicht gebraut wird. Wie noch nie zuvor empfand er in dieser Stunde ernsten Nachdenkens die Leerheit aller irdischen Dinge. „Noch vor wenigen Jahren," sagte er sich, bewegte sich hier mein Vater voll von Plänen und Hoff-' nungen; das Haus war eine Stätte gastlicher Geselligkeit; hier auch blickte das zärtliche Auge meiner Mutter auf meine Wiege, hier überwachte sie mit Stolz meine Knabenjahre. Und nun sind Vater und Mutter dahin; und der Ort, den sie einst ihr Heim nannten, kennt sie nicht mehr. Das wird auch einst mein Schicksal sein, wenn die Spanne Zeit abgelaufen ist, die man ein Menschenalter nennt." Das waren die düsteren Gedanken des jungen Barons, vor dem doch alles so hell dalag. Der Eintritt eines Dieners mit spärlichem grauem, schlicht nach vorn gekämmtem Haare weckte ihn aus seinen Träumereien. „Gnädiger Herr, das Pferd ist vorgeführt," meldete der Alte. Diese kurze Meldung genügte, um die melancholische Stimmung im Nu aus Wolfgangs Brust zu verscheuchen. Die fröhliche Erinnerung an sein Freiwilltgen-Jahr, welches er als Husar in einer gemüthlichen kleinen Garnison Schlesiens abgedient, erwachte lebhaft in ihm. Er fühlte sich plötzlich wieder ganz als Husar, griff nach Hut und Reitpeitsche, eilte hinaus und schwang sich auf den ungeduldig im Kreise sich drehenden Goldfuchs, mit welchem der Stallknecht draußen wartete. Fort ging es im Galopp; anstatt dem Thore zu, schlug der kühne Reiter die Richtung quer durch den Park ein und setzte über den Heckenzaun hinweg. Er dachte dabei nicht an die Landstraße, die sich jenseits des Parkes hinzog, und auf welcher ein Herr und eine Dame herangeritten kamen. Das blitzartige Erscheinen eines Reiters an einer Stelle, wo einen Augenblick vorher noch alles einsam gewesen war, erschreckte die Dame und noch mehr ihr Pferd. Es stieg kerzengerade in die Höhe, und würde sich rückwärts überschlagen haben, hätte nicht Wolfgang, der schnell von seinem Pferde gesprungen war, das scheuende Thier mit kräftiger Hand beim Zügel gefaßt. Die Dame ließ sich rasch vom Sattel Herabgleiten, wobei der junge Baron ihr beistand. Während er sich entschuldigte, diesen Schrecken veranlaßt zu haben, betrachtete er die Reiterin mit verstohlenen Blicken. Sie konnte kaum zwanzig Jahre zählen. Die schlanke, an- muthige Gestalt war ihm durch das Bemühen, sich im Sattel zu erhalten, noch anmuthiger erschienen; die innere Bewegung hob den Ausdruck des schönen Gesichts noch mehr hervor. Unter dem Rembrandthute mit weißer, wallender Feder drängte sich das reiche, dunkelblonde Haar hervor; aus den großen dunklen Augen leuchtete ein südländisches Feuer, welches zu den sanften Zügen des tadellos geformten Antlitzes einen Kontrast von eigenthümlichem Reize bildete. Die Schönheit des jungen Mädchens frappirte den Baron; aber es lag noch ein Etwas in ihren Zügen, in ihrem Wesen, in den großen Augen und in dem Klänge ihrer Stimme, als sie seine Entschuldigung mit einigen freundlichen Worten erwiderte, worüber er sich vergebens Rechenschaft zu geben versuchte. Er hatte kaum Zeit gehabt, alle diese Eindrücke in sich aufzunehmen, als er sich von einer rauhen Stimme angeredet hörte. „Es würde mich nicht gewundert haben, mein Herr, 374 wenn Sie noch größeres Unheil angerichtet hätten," sagte der Begleiter der Dame in hartem Tone; „wcr macht sich auch auf dieser ruhigen Landstraße darauf gefaßt, die Leute wie wahnsinnig über Parkgchege fliegen zu sehen!" Baron von Sturen warf einen raschen scharfen Blick auf den Sprechenden, welcher ruhig auf seinem Pferde sitzen geblieben war. Es war ein alter Herr von hoher hagerer Statur und starkem Knochenbau, der sich auch in seinem eckigen Gesichte bemerkbar machte. Zwischen den grauen Augen, welche mit fast feindseligem Ausdruck auf Wolfgang ruhten, ragte eine Habichtsnase hervor. Er trug einen, für einen Reiter sehr unbequemen Rock mit altmodischen langen Schößen und hatte denselben an der Taille eng zugeknöpft Aus den Aermeln, die kurz waren, ragten skeletartig die langen Arme und Hände hervor. Ein hoher altmodischer Cylinderhut bedeckte den Kopf mit dem spärlichen grauen Haar. Wolfgang vermochte sich nicht mit dem Gedanken zu befreunden, daß er in dieser unsympathischen Erscheinung den Vater der reizenden jungen Dame vor sich haben könne. Dennoch bekämpfte er die gereizte Stimmung, in welche ihn die Anrede ihres Begleiters versetzt hatte, und entgegnete höflich: „Es thut mir sehr leid, daß ich die Dame erschreckt habe; ich bitte nochmals um Verzeihung. Sie haben sich noch nicht ganz beruhigt," wandte er sich in einem Tone, worin sich jugendliche Schüchternheit mit Bewunderung mischte, an die schöne Amazone. „Darf ich Sie vielleicht bitten, sich auf einen Augenblick in meinem Hause, ganz in der Nähe, zu erholen?" „In Ihrem Hause!" sagte der alte Herr mit besonderer Betonung, indem er den Baron mit höhnischem Blick vom Kopf bis zu den Füßen maß. „Ich danke Ihnen für Ihre Einladung, aber die Dame kann ihren Ritt sehr wohl fortsetzen." Die junge Dame blickte den Baron mit einem freundlichen Lächeln an. „Ich fühle mich durchaus nicht angegriffen," sagte sie, „und kann wieder zu Pferde steigen." In etwas leiserem Tone, so daß der alte Herr sie nicht hören konnte, dankte sie Wolfgang für seine Güte. Dieser half ihr beim Aufsteigen und gab ihr die Zügel in die Hand. Als sie im Sattel saß, blickte sie auf ihn herab, als wolle sie ihm etwas sagen, das sie bisher unterdrückt habe, aber ihr ungeduldiger Begleiter setzte bereits sein Pferd in Bewegung, und ohne daß das Wort gesprochen wurde, folgte sie ihm, dem Zurückbleibenden freundlich zunickend. Wolfgang stand bewegungslos da, den Zügel seines Pferdes über einen Arm geschlagen, sein Auge unverwandt auf das rasch sich entfernende Paar gerichtet. Der Gedanke, das schöne Mädchen vielleicht nie wieder zu sehen, entlockte ihm einen tiefen Seufzer. Jetzt erreichten die Reiter eine Stelle, wo ein Nebenweg sich von der von Wald eingefaßten Landstraße abzweigte, sie bogen ab, und bei dieser Gelegenheit wandte die Dame ihr Antlitz auf einen Augenblick nach dem Schauplatze des kleinenVorfalls zurück. Dann war sie seinemAuge entrückt. „Wer kann sie sein?" fragte er sich. „Und was wollte sie mir zuletzt noch sagen?" Es bezog sich nicht auf den Unfall; ihr Blick, ihr Lächeln verkündete zu deutlich eine andere Gedankenrichtung. Wie ärgerlich, daß der herbe alte Herr ihr das Wort abschnitt! Sollte er wirklich ihr Vater sein? Es fällt mir schwer, dies zu glauben." Wolfgang bestieg sein Pferd und ritt langsam und gedankenvoll nach Hause zurück. Dort beschrieb er seinem alten Diener, der sich schon über zwanzig Jahre auf dem Gute befand, die Dame und deren Begleiter auf's genaueste, um zu erfahren, wer die beiden seien. Der Alte rieth auf verschiedene ihm bekannte Persönlichkeiten der Umgegend, aber keine derselben stimmte mit der Beschreibung überein. Da alle Erkundigungen vergebens waren, so beschloß Wolfgang, bei allen in der Nachbarschaft wohnenden Familien von Stand seinen Besuch zu machen. Doch verschob er die Ausführung seines Planes um einige Tage, denn er wollte heute noch nach Berlin fahren, und sein Reisekoffer war bereits gepackt. Er liebte das großstädtische Treiben nicht. In der Neichshauptstadt hatte er als Knabe zwar öfter in Begleitung seiner Eltern wochenlang geweilt, aber die darin empfangenen Eindrücke lagen zu weit zurück, um seine Vorliebe für das ländliche und kleinstädtische Stillleben, welches er gewohnt war, zu erschüttern. Auf solchen idyllischen Schauplätzen hatte er seine Gymnasiastenzeit, die Jahre seiner Studien an höheren landwirthschaftlichen Anstalten und zuletzt seine militärische Dienstzeit verlebt. Die Wintermonate, welche ihn von dieser letzten Periode trennten, hatte er zu einer Reise nach Italien benutzt, und die Romantik dieses unvergeßlichen Aufenthalts lebte noch zu frisch in seinem Herzen, als daß ihn die Prosa der Weltstadt an der Spree hätte anlocken können. Gleichwohl war es gewissermaßen ein Nachklang seiner romantischen Stimmung, was ihn jetzt dorthin zog: er wollte den Wagner'schen Nibelungen-Cyclus besuchen, der morgen in der Hofoper begann, und bei dieser Gelegenheit seinem Vormunde, dem er für die streng gewissenhafte Verwaltung seines Vermögens bereits brieflich gedankt hatte, noch persönlich seinen Dank abstatten. An demselben Nachmittag fuhr er nach der nächsten Eisenbahnstation. Mit schwerem Herzen nahm er Abschied von der Gegend, denn je rascher ihn sein feuriges Zweigespann davon führte, desto weiter entfernte er sich von der schönen Unbekannten, die seine Gedanken unausgesetzt beschäftigte. II. Der Baron von Sturen saß allein in einem Coupö erster Classe. Es war ihm angenehm, daß ihn niemand in seinem Gedankengange störte. Welche Veränderung hatte jene flüchtige Begegnung in ihm hervorgebracht! Der ganze Frühling der Natur schien in sein Herz eingezogen zu sein. Ja! es gab doch einen 'göttlichen Tropfen im Becher des Lebens. Es lag etwas zwischen der Wiege und dem Grabe, was das Leben schön machte. Er fühlte es, seitdem er heute in die dunkle Gluth jener Augen geblickt hatte. Das waren die Gedanken und hoffnungsfrohen Träume, über denen Wolfgang alles andere vergaß, bis der Zug an einer größeren Station hielt. Er verließ den Waggon, um in der Bahnhofsrestauration eine Erfrischung zu sich zu nehmen. Während seiner Abwesenheit stieg ein anderer Reisender in das Coupä. Der Ankömmling war von schöner, stattlicher Gestalt, die überall sogleich angenehm auffallen mußte, und Haltung wie Kleidung verriethen den vornehmen Plann. Die ausdrucksvollen, interessanten Züge seines Gesichts wurden harmonisch durch den geistig belebten Blick der braunen Augen ergänzt, über denen die vollen Brauen, tief schwarz wie das kurzlockige Haar, 375 sich in schön geschwungenen Bogen wölbten. Als der Schaffner sich an der offenen Thür zeigte, reichte ihm der neue Fahrgast sein Billet. Aber anstatt die Hand danach auszustrecken, bemerkte der Schaffner: „Ich habe Ihr Billet ja bereits coupirt!" „Das ich nicht wüßte!" entgegnete der Fremde mit kühler Vornehmheit. Der Schaffner schüttelte den Kopf und wollte dem Passagier einreden, daß derselbe ja schon vor einer Halben Stunde auf der Station T. den Zug bestiegen habe. „Zum Teufel!" rief der Fremde. „Ich werde doch wissen, daß ich soeben erst mit dem Postomnibus von C. gekommen bin!" Verwundert und prüfend blickte der Beamte dem Sprechenden in's Gesicht und nahm das Billet in Empfang. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß es den Stempel der hiesigen Station trug, that er mit der Zwickscheere seine Schuldigkeit. „Nun, das ist doch merkwürdig!" brummte er, sich entfernend. „ Ja, in der That, höchst merkwürdig!" lächelte der Reisende vor sich hin, meinte damit aber den confusen Eisenbahnbeamten. „Oder," fiel ihm dann plötzlich ein, „sollte ich etwa einen Doppelgänger haben?" Die Stationsglocke gab das Zeichen zum Einsteigen. Wolfgang schwang sich in das Coups und nahm dem neuen Mitreisenden gegenüber, höflich seinen Hut ziehend, seinen alten Platz wieder ein. Gleich darauf fuhr der Zug weiter. Der Fremde betrachtete ihn mit überraschtemBlicke.Er konnte sich jetzt den seltsamen Irrthum des Schaffners vollständig erklären : denn beim ersten Blicke glaubte er selbst in den Spiegel zu sehen, von so auffallender Ähnlichkeit waren die Gesichtszüge mit den seinigen, freilich nur für den oberflächlichen Beobachter. Bei näherer Prüfung fand man bald heraus, daß der Fremde vier bis fünf Jahre älter war und in der Lebenskunst schon liefere und raffinirtere Studien hinter sich hatte, als Wolfgang. Auch sonst gab es mancherlei Unterscheidungszeichen zwischen beiden, welche charakteristisch genug waren, und wer mit einem von ihnen nur kurze Zeit verkehrte, konnte ihn mit dem anderen so leicht nicht verwechseln. Dem jungen Baron schien die Ähnlichkeit mit seinem Gegenüber nicht aufzufallen, und vielleicht würde sie auch dem Fremden weniger augenfällig erschienen sein, wenn nicht der Irrthum des Schaffners ihn auf die Vermuthung geführt hätte, daß es sich um eine Doppelgängerschaft handeln müsse. Diese letztere schien das Nachdenken des Fremden sehr stark in Anspruch zu nehmen. Endlich war ein Entschluß in ihm gereift. Er wartete einen günstigen Augenblick ab und stellte sich mit den Worten: „Mein Name ist Maitland," seinem schweigsamen Reisegefährten vor. „Von Sturen," antwortete Wolfgang ebenso. Maitland lächelte triumphirend. „Ich vermuthete das," schwebte ihm auf den Lippen, aber er sprach es nicht aus. »Ist Ihnen vielleicht der Name jenes Städtchens bekannt?" leitete Maitland nach dieser gegenseitigen Einführung ein Gespräck ein, indem er nach einer fernen Ortschaft mit rothen Ziegeldächern und einem schlanken Thurm deutete. „Ich bedaure, nein," erwiderte Wolfgang. „Eigentlich sollte ich's wissen, denn ich bin nicht weit von hier zu Hause und habe diese Fahrt schon öfter zurückgelegt. Aber das war in meinen Knabenjahren." „Es ist eine eigenthümliche Empfindung," nahm Maitland wieder das Wort, „wenn man nach langer Abwesenheit aus einer Gegend wieder dahin zurückkehrt. Wie zusammengeschrumpft und verwelkt erscheinen da manche Dinge, welche uns bisher in unsrer Erinnerung in den rei- zendstenFarben fortgelebt haben. Ich halte es für ein großes Glück, daß wir thatsächlich nicht in dieVergangenheit zurückkehren können." „Nun," versetzte der Baron, der an der Unterhaltung Interesse fand, „ich denke mir, daß mancher alte Mann gern die Tage seiner Jugend zurückrufen möchte, in denen ihm alles in höchster Vollkommenheit erschien." „Wir alle wünschen uns die Scenen unserer Knabenjahre zurück, wenn sie weit, weit hinter uns liegen," entgegnete derNeise- genosse; „wenn unser Wunsch aber in Erfüllung ginge, so würden wir uns dann doch sehr getäuscht fühlen." „Warum?" „Weil dies in der Natur der Dinge liegt. Die Person, die an etwas Gefallen findet, und der Gegenstand dieses Gefallens müssen einander angemessen sein. Oder würden Sie sich jetzt noch an Ihrem Holzsäbel oder an Ihrem Steckenpferd erfreuen?" „Nein, gewiß nicht; aber dennoch gewährt mir die Erinnerung an meine Knabenspiele Vergnügen, und indem ich mir vergegenwärtige, welches Wohlgefallen ich einst daran fand, entschädigt mich das für die Veränderung in meiner eigenen Natur." „Dann genießen Sie aber nicht das Vergnügen selbst, sondern nur die Erinnerung daran," entgegnete Maitland. „Aber ich habe manche ältere Leute sagen hören," fiel Wolfgang ein, „daß ihre reinsten Jugendfreuden diejenigen waren, bei welchen die Erinnerung während ihres späteren Lebens mit der größten Vorliebe verweilte" — „Was ist das?" rief Wolsgang in diesem Augenblicke. Das sanfte Hingleiten des Waggons war plötzlich Grlando di Kasso. -Ei ? A MW8 WW 376 von einem heftigen Ruck unterbrochen worden. Beide Insassen deS Coupss wurden von ihren Sitzen hoch empor- geschleudcrt. Unter einem entsetzlichen Holpern schwankte der Wagen herüber und hinüber, jede Secunde den Umsturz drohend, und während er die wildesten Sprünge machte, wurde er noch immer mit rasender Schnelligkeit dahingerissen. Alle Fugen krachten, die Splitter der berstenden Fensterscheiben sprangen um die Köpfe der beiden Reisenden. Wortlos und mit wachsbleichen Gesichtern, jeden Moment die todbringende Katastrophe erwartend, suchten sie sich vergebens an Sitzen und Wänden festzuklammern. Plötzlich fand sich Wolfgang willenlos wie ein Ball herumgewirbelt; das Unterste schien zu oberst, das Oberste zu unterst gekehrt, — er glaubte einen schrillen Pfiff und ein schneidendes Zischen wie von mächtig ausströmendem Dampfe zu vernehmen — dann erfolgte ein furchtbarer Schlag, — ein betäubender Schmerz an Kopf und Gliedern — tausend helle Funken sprühten an seinen Augen vorüber — im nächsten Augenblicke sah und hörte er nichts mehr und verlor alles Bewußtsein, selbst das des Schmerzes. (Forrietzung folgn) -—- Fürstenseldbruck in Oberbayern.") (Hiezu das Bild Seite 377) -—^Nachdruck verboten.) * Seit in unserem nervösen Zeitalter das Aufsuchen von Sommerfrischen oder wenigstens eine kleine Reise während des Sommers in die schöne weite Gotteswelt Unzähligen zum Bedürfnisse und im Allgemeinen Mode geworden, ist unzweifelhaft an Stelle des früheren behaglichen Genießens der Naturschönheiten vielfach eine krankhafte Blasiertheit getreten. Ein recht in's Auge springendes Beispiel dafür ist der schon an Verrücktheit streifende Bergkraxler-Sport. Mit welcher Geringschätzung geht so ein echter Bergfex heute an den mit normalen Kräften und ohne Gefahr zu erreichenden Bergen vorüber! Und da ihm der liebe Gott die Berge nicht hoch und steil genug geschaffen, so macht er wenigstens seine Hochtouren im Winter, weil das doch über das Normale hinausgeht. Und unsere vornehme Welt? Seit in die entlegensten Gebirgsthäler Eisenbahnen schnell und bequem führen, seit mit geringen Kosten Tausende alljährlich in die Alpen gehen, da findet unsere Geldaristokratie den Aufenthalt im Gebirge nicht mehr so lohnend. Es ist ja „gemischt" geworden, und immer kleiner ziehen sich die Kreise, wo man noch so ziemlich „unter sich" ist und nicht beleidigt wird durch den steten Anblick von frisch und frei, mit wenig Geld und frohem Herzen durch die Welt fahrenden Gesellen. Nun, die in gesellschaftlichem Flitter aufgehende Gesellschaft kann sich ja trösten. Da hat man vorläufig *) Der obige Aufsatz war bereits im Satze, als uns ein Büchlein „Führer durch Bruck und seine Umgebung" von Aug Aumiller (Verlag von A. Sighart in Bruck) zukam, das wir bei dieser Gelegenheit den Freunden des vielbesuchten Ortes bestens empfehlen. Der Verfasser (gegenwärtig Alumnus im Georgianum in München) ist selbst ein Brucker Kind und führt uns auf 160 Seiten in die Geschichte, Topographie und Naturschönheiten Brucks und seiner Umgebung ein. Das Büchlein ist sehr handsam, mit Bildern und einer Karte ausgestattet und für die Sommergäste, besonders jene, welche zum ersten Male ihren Sommerwigwam in Bruck oder Umgebung aufschlagen, ein verlässiger und praktischer Führer. — Das obigem Aufsatz beigegebene Bild ist nach einer Photographischen Aufnahme des Herrn Photographen Precht in Bruck autotypisch hergestellt. D. Red. noch die Seebäder, und im schlimmsten Falle gibt es auch in Norwegen und Schottland Berge, wo die Natur noch jungfräulicher ist, als in unseren bayerischen, österreichischen oder schweizerischen Alpen. Nun kann allerdings nicht bestritten werden, daß die Alpenländer, und selbstredend die schönsten Gegenden am meisten, vielfach wirklich der Fremden-Ueberfluthung preisgegeben sind, und daß dieser Umstand auch Demjenigen, der sich mit rechtem Behagen in den Genuß der Natur versenken will, unangenehm werden kann. Solche find nun zur Einsicht gelangt, daß das Gute auch nahe liegen kann. Daher die Erscheinung, daß zur Zeit das Alpenvorland mehr zu Ehren kommt. Und wahrlich, wer die Schönheit der Natur nicht mit dem Meterstabe mißt und diese nicht nur im Gigantischen sucht, wer mit liebendem, forschendem Auge auch das unscheinbarste Gläschen zu betrachten vermag als eine einzelne, aber in der Sinfonie der gesummten Natur unentbehrliche Note, dem thut sich auch hier eine Welt voll Schönheit auf. Luft und Weite! Sind das nicht zwei Faktoren, welche das Menschenherz erfrischen und erheben können? Wer sich je an einem schönen Sommerabend gebadet in jenem rauhen, aber den ganzen Menschen erfrischenden und durchstürken- den Luftstrom, der da meist nach Sonnenuntergang aus den Alpenthälern heraus über das Vorland streicht, wer da an einem thaufrischen, eben von den ersten Sonnenstrahlen beglitzerten Morgen die weite Alpenkette in ihrem blauen, keuschen Dufte geschaut, der wird mir Recht geben. Dazu kommt noch, daß in jenen Gegenden eine meist wohlhabende Bevölkerung haust, und das nenne ich auch einen Vortheil. Ich habe vor einiger Zeit eine Münchener Zeitungsträgerin einen sehr derben, aber einen Kern bitterer Wahrheit enthaltenden Spruch thun hören. Das Weib hatte von einer an ihr vorübergehenden, eleganten Dame die zu einer Begleiterin gemachte Aeußerung aufgeschnappt: „Ach, sie ist wirklich eine liebe Frau." „Ja, wenn man den Sack voll Geld hat, kann man leicht lieb sein." So die schlagfertige Verbreiterin der „gedruckten Intelligenz". Und die Nutzanwendung für diesen Fall? Die Leute in diesen Städtchen, Flecken und Dörfern des Alpenvorlandes sind, weil meist gut situirt, ein lebensfrohes Völkchen, und sie haben nicht nöthig, die bei ihnen Erholung suchenden Großstädter auf moderne Art auszurauben. Und weil hier vorwiegend auch Menschen mit bescheideneren Ansprüchen sich den Sommer über sammeln, so trifft man da nicht selten ein recht gemüthliches, mit seiner Freundlichkeit ansteckendes Zusammenleben. An derlei Orten ist gottlob kein Mangel, aber wenige dürfte es geben, die so viele Annehmlichkeiten vereinigen als der Marktflecken Bruck an der Amper, gemeinhin genannt Fürstenseldbruck. Was ihn aber auch besonders Jenen, die, der Alltäglichkeit entflohen, auch gerne einmal in die Vorzeit sich versenken, lieb und werth macht, das sind die geschichtlichen Erinnerungen, die sich an ihn knüpfen. Ein kurzer Gang durch die Geschichte des Marktes dürfte übrigens Jedermann interessiren. Die älteste Geschichte des Marktes Bruck liegt, wie Jakob Groß in seiner „Chronik des Marktes Fürstenfeldbruck" Eingangs sagt, unzweifelhaft in seinem Namen. Jahrhunderte vor der Gründung des Klosters Fürstenfeld mag hier schon eine Brücke über die Amper geführt und mögen Ansiedelungen um dieselbe bestanden haben. Ob das Alter des Marktes bis in römische Zeiten hinaufreiche, ist nicht zu erweisen, obschon wenigstens vermuthet 377 wird, daß eine römische Nebenstraße über Althegnenberg, Hattenhofen, Mammendorf und Bruck in der Richtung der gegenwärtigen Landstraße nach der Jsar bei Vöhring führte. Urkundlich wird Bruck zuerst im Jahre 828 als ein im Schöngeisinger Forste gelegener Ort genannt, der demnach imHousigau gelegen war, welchem die ganze Orten unverkennbare Spuren sich finden. Als Herrschaft von Bruck wird zuerst genannt die adelige Familie „von Prukke", welche muthmaßlich zuletzt in Augsburg Bürger- recht genommen. Wohl durch Erbschaft kam Bruck von diesem Geschlechte an die von Gegenpiunt, von diesen hinwieder an die von Eise nhofen, welche den größten- ' ' '' - > ^ E N Nr-irör Wß- 'ü HDrimikmna sn ^^Wärlstnfelii - ^ " ZIM? MET' O. Nachbarschaft urkundlich angehörte. Ueberhaupt besaß das Ammerthal schon lange vor der Gründung von Fürstenfeld die Ortschaften, in welchem noch gegenwärtig seine Bewohner leben, und es ist seiner ganzen Ausdehnung nach seit uralten Zeiten größtentheils angebaut. An den sonnigen Hügeln jenseits der Maisach war sogar der Weinbau heimisch, wovon trotz Jahrhunderten noch mancher theils vom Hause Bayern lehenbaren Markt mit allen Zugehörungen und Rechten, wahrscheinlich 1342, an das Kloster Fürstenfeld verkauften. Letzteres war bereits im 13. Jahrhundert gegründet worden. Oben genannte Chronik berichtet hierüber: „Im Jahre 1258 stiftete Herzog Ludwig der Strenge (wie Dr. Schreiber in seiner Geschichte Bayerns vermeldet, zur Sühne für die Hin- 378 richtung seiner Gemahlin Maria von Brabant und nach Vorschrift des Papstes Clemens IV.) ein Kloster für Cisterzienser in Thal (Aiblinger Gerichts), das aber wegen seiner ungünstigen Lage nach wenigen Jahren nach Olching und Salmansweil ihren ersten Abt Anselm. Aber Olching und seine Zugehörung waren nicht des Fürsten eigen Gut, sondern Lehengut, weßhalb er es wieder an sich nahm und andere Güter zu Puch den Mönchen über- '.A «WW ZWW «« WMGHWWM «8 MimM DM Au hoch! Nach dem Gemälde von F. Sonderland. verlegt wurde, wo die Brüder am Abende unserer lieben Frauen Himmelfahrt (14. August) 1202 angelangt sind. Da machten sie einen hölzernen Bau und erwählten an demselben Tage in Gegenwart der Prälaten von Ebrach ließ, die „durch den Rath eines frommen, ehrsamen Edelmannes" den jetzigen Grund und Boden erwählten und ihm den Namen „Fürstenfeld" gaben." Bruck befand sich nun in einem für seine Entwick- 379 lung bedeutsamen Abhängigkeitsverhältnisse zum Kloster Fürstenfeld. Verhängnißvoll scheint dasselbe nicht gewesen zu sein, trotz der vielen im Laufe der Jahrhunderte zwischen Markt und Kloster entstandenen Zwiste, denn der Flecken nahm stetig einen gedeihlichen Aufschwung. Zur Zeit der Erwerbung des Marktes durch das Kloster, also im 14. Jahrhundert, bestand, wie aus mehreren Urkunden ersichtlich, ein Theil der Bevölkerung Brucks noch aus Leibeigenen; es unterliegt aber keinem Zweifel, daß neben der Landwirthschaft, welche wohl von den Meisten Bürgern und Einwohnern betrieben wurde, damals auch schon die erforderlichen Gewerbe im Gange waren, und daß durch ein schon älteres Verkehrsleben die Bürgerschaft nach und nach zu nicht unbedeutendem Wohlstände gelangte. Doch es hat dem Flecken auch nicht an Drangsalen gefehlt. Kloster und Markt hatten zwischen den Jahren 1311—1313 durch die Fehde zwischen ergreifender Pracht und Majestät gen Himmel sich erhebt, ein überwältigendes Denkmal der Größe und Allmacht Gottes. Und so ist denn die „Leuchtenstadt" Jahr für Jahr das Reiseziel einer gewaltigen Fremden-Schaar. Aus dem Norden, Osten, Süden und Westen, aus allen Ländern der alten und neuen Welt tragen sie die Eisenbahnen zu Hunderttausenden hieher, und die Zahl mehrt sich von Jahr zu Jahr. Diese Wahrnehmung und die weitere, daß das katholische Vercinsleben in der Stadt in den letzten Jahren mächtig zu erstarken begann und für seine freie Entwicklung größerer Versammlungs-, Theater- und Concert- Locale bedurfte, riefen den Gedanken an die Erstellung eines katholischen Vereinshauses, eines Sammelpunktes der hier wohnenden und von auswärts hier zusammenströmenden Katholiken wack. Die großen Schwierigkeiten, die sich entgegenstellten, verhehlte man sich keineswegs. r 1 » 1 i 1. 6MLW !!>>> Mn? dem Pfalzgrafcn Rudolf und dem Herzoge Ludwig, noch mehr aber 1322 durch den Heereszug zu leiden, welchen Herzog Leopold von Oesterreich von Schwaben aus mit 2000 Reitern zur Unterstützung stines Bruders, des Gegenkönigs Friedrich des Schönen, nach Bayern unternahm. (Schluß folgt.) ..- Das katholische Vereinshans iu Luzern. Ein Denkmal der Opferwilligkeil schweizerischer Katholiken. (Mit Abbildung.) Die „Perle der Schweiz" wird sie mit Recht genannt, die „Leuchtenstadt" Luzern. Herrlich liegt sie au, schönsten der Schweizerseen, im Herzen der waffenruhm- gekrönten „8 alten Orte", in unmittelbarer Nähe der imponirenden Alpenwelt, die mit ihrem leuchtenden, „ewigen" Schneefirn, zumal bei Anbruch des sonnigen Lenzes, in wunderbarer, jedes ideale, religiöse Gemüth Vorab schreckten die Unkosten des Baues und Betriebes ab. Aber starkes Gottvertrauen siegte über mannigfache Bedenken aller Art, und der Appell an die Opferwilligkeit der Gesinnungsgenossen in der Stadt, im Kanton und in der übrigen Schweiz fand freudiges, ja begeistertes Echo. In wenig Monaten war eine Viertels- Million in Actien zu 500 Francs gezeichnet, die Generalversammlung wurde einberufen, der Bau begann. — Heute ist das schöne, stolze Werk zu allseitiger Befriedigung vollendet. Auf gut ^ Million ist es zu stehen gekommen, aber es ist herrlich gelungen, zur Freude von Jung und Alt in den eigenen Reihen, und ein Gegenstand unverhohlener Bewunderung auf Seite unserer Gegner. Treten wir dem Baue näher! Vom Bahnhof aus führt der Weg über die Scebrücke nach dem weltberühmten „Schweizerhof"-Ouai, dann weiter beim neuen, stolzen „Gotthardgebäude", dem Verwaltungssitze der Gotthard- bahn, vorbei in die nächste Nähe der doppeltgethüruiten „Hofkirche". Eine zur Linken neu angelegte, breite Straße — „Lömenstraße" genannt — führt direct zum „Löwendenkmal" hin, dem genial in eine 20 Meter hohe Felswand gemeißelten Denkmal der Schweizer-Treue beim Sturm der Tuilerien in Paris (10. August 1792). Etwa 250 Schritte zuvor grüßt zur Rechten das „katholische Vereinshaus", das, frei an drei Straßen gelegen, neben dem Rundbau des Henneberg-Panoramas (Einzug der Bourbakischen Armee in die Schweiz im Februar 1871) sich erhebt. Die Baufläche umfaßt 45 Meter Länge bei 27*/z Meter Tiefe und 17^ Meter Fronthöhe. Durch ein reich ausgestattetes Portal treten wir in eine flott herausgeschmückte Säulenhalle. Rechts vom Vestibüle liegt das mit zwei ausgezeichneten Billards versehene, 230 Sitzplätze enthaltende, sehr freundliche, heimelige Cafä- Nestaurant, dahinter Speisesaal und Office. Links vom Vestibüle befinden sich 4 Magazine mit Entresol, daneben — in der Richtung Panorama und Löwendenkmal — die völlig abgeschlossenen Abtheilungen des katholischen Gesellen- und Jünglings-Vereins, mit besonderm Zugang, dem Wunsche der Gesellen gemäß. Der günstig beleuchtete und gelüftete Keller enthält: Küche, Spülküche, Office, große Vorrathsräume, Vierund zwei Wein-Keller; das Kesselhaus für die Central- heizung nebst Kohlenräumen; endlich die Motoren für die großen hydraulischen Wein- und Speise-Aufzüge. Der große Kochherd der Hotelküche ist für mindestens 500 Personen eingerichtet. Vom Vestibüle aus führt eine schöne, fast 8 m. breite, massive Hauptstiege zum I. Stockwerk empor, zum Großen Saal, der, 27 m. lang, 14 m. breit und 8^/g m. hoch, durch hohe, weite Bogenfenster erhellt wird und etwa 900 Sitzplätze enthält. Zwei kunstvolle Kronleuchter spenden Licht durch je 48 elektrische Flammen. Im Vordergrund steht ein herrlicher Concertflügel von Bechstein bereit. Galerien und Logen bieten Raum für Hunderte. Eine größere Galerie-Oeffnung dient bei Tanzanlässen dem Orchester. Vier kleine Nebensäle sind durch Glasthürwände, die man bequem entfernen kann, verbunden und dienen zur Erweiterung des Hauptsaals. Mit Sorge sah man dem Saalbau entgegen. Die Schaffung günstiger akustischer Verhältnisse bedingte ja zum großen Theil ein befriedigendes, gedeihliches Gelingen des Unternehmens überhaupt. Diese nicht zu unterschätzende Schwierigkeit ward durch die bauleitenden Architekten — die HH. Gebrüder Keller und Architekt Hanauer — glänzend überwunden: die außerordentlich feine Akustik des Saales hat die Bewunderung aller Musik-Künstler und Sänger gefunden, die bisher dieselbe erprobten. So erklärte der Direktor der städtischen Cur- capelle, ein Meister der Violine, uns gelegentlich hocherfreut, daß er noch keinen Saal mit besserer Akustik kennen gelernt und daß namentlich die Piano-Sätze ganz wundervoll gelingen. Aus diesem Grunde wurden denn auch die städtischen Abonnemcnts-Concerte sofort in's „Vereinshaus" verlegt; Erwägungen politischer und anderer Art mußten vor rein musikalischen Gründen besiegt zurücktreten. Der II. Stock enthält außer Saal-Galericen und Logen u. a. eine Reihe Fremden-Zimmer, alle sehr freundlich und comfortabcl eingerichtet (Logis von 1 Mk. 20 Pfg. an). Zureisende Fremde werden hierauf speziell aufmerksam gemacht. Auch im III. Stock finden sich nicht minder hübsche Fremdenzimmer: daneben enthält diese Etage noch die Wohnung des Wirthes. Wir fügen hier bei, daß diese Abtheilung des Vereinshauses sich „Hotel Union" benennt. Der Hotelbetrieb erfolgt in Regie; derzeitiger Gerant ist Herr Truttmann-Oesch, Hotelier, von Seelisberg. Beide Stockwerke zusammen — das zweite und dritte — zählen 52 Fremdenbetten. Alle Corridore haben äußerst günstige Licht- und Luftverhältnisse. Der Estrich enthält für die Hotel-Abtheilung verschiedene Dienstboten - Zimmer, sowie 45 Zellen mit 90 Betten für katholische Gesellen. Für Sockel und Treppen wurde Gotthard - Granit, für die Parterre-Verblendung Mügenwiler Muschelkalk, für die oberen Architektur-Gliederungen Sandstein, für die 7 Säulen der Hauptfoyade und die inneren Säulen des Vestibules polierter Kalkstein verwendet. Die Mittelpartie über dem Saale erhielt einen völlig eisernen Dach- stuhl. Die Bauzeit für den gesammtenBau dauerte 14Monate. Die Pensionen in beiden Abtheilungen dürfen als vorzüglich bezeichnet werden, bei anständigen Preisen, und finden auch bereits erfreulichen Zuspruch. Hoffen wir, daß das herrlich gelungene Werk katholischer Opferwilligkeit und sozialpolitischer Thatkraft in den Kreisen unserer Jahr für Jahr in so großer Zahl hier zusammenströmenden Gesinnungsgenossen aus dem In- und Auslande die verdiente Sympathie und werk- thätige Unterstützung finde! Starkes, lebendiges Gottvertrauen hat das Unternehmen geschaffen, und es wird, sofern das letztere seinem Zwecke treu bleibt, auch sicher nicht zu Schanden werden. Gott gebe es! Zu unseren Bildern. Orlando di Kasso. (Zur Erinnerung an seinen 300jährigeu Todestag.) Orlando di Lasso (eigentlich Roland de Lattre) ist geboren 1532 zu Mons im Hennegau. Er kam früh nach Italien, wo er besonders in Neapel seiner musikalischen Ausbildung oblag und, kaum 21 Jahre alt, zu Rom die Kapellmeisterstelle an Sän Giovanni im Lateran erhielt. Später bereiste er England und Frankreich und scheint dann einige Jahre in Zurückgezogen- heit in Antwerpen gelebt zu haben, bis er 1557 von Herzog Albrecht V. von Bayern nach München berufen wurde. Hier erhielt er 1862 die erste Kapellmeisterstelle, sowie 1570 vom Kaiser Maximilian den Reichsadel und wurde 1571 vom Papst Gregor XIII. zum Ritter vom Goldenen Spom ernannt. Auch König Karl IX. von Frankreich überhäufte den Komponisten, als derselbe im letztgenannten Jahre nach Paris kam, mit Auszeichnungen und Geschenken. Ter berühmte Komponist starb in München am 14. Juni 1594 im 62. Lebensjahre. Verheirathet war er mit Regina de Wähkinger, berzogl. daher. Kammerdienerin in der Domkirche zu U. L. Frau, mit welcher er 36 glückliche Ehejabre verlebte. Orlando wurde auf dem ehemaligen Friedhofe der Franziskaner in München zur Ruhe gelegt. Er war nächst Palestrina der größte Tonsetzer des 16. Jahrhunderts. Von seinem Fleiß und seiner Fruchtbarkeit zeugt die Zahl der von ihm hinterlassenen Werke, deren nicht weniger als 2337 nachweisbar sind, darunter die berühmten 7 Bußpsalmen. Au hoch! Die beiden Kleinen auf unserem Bilde befinden sich in einer nicht geringen Verlegenheit. Mutter hat ihnen ein Brieflein zum Besorgen gegeben, das sollen sie in den nächsten Brieskasten werfen. Allein die Kinder sind noch gar klein und der Briefkasten hängt für sie zu hoch. Da hilft kein Strecken und Dehnen, und wenn nicht eben der alte Gerichtsbote des Weges gekommen wäre, hätten die Kinder wohl unverrichteter Dinge wieder heimkehren müssen. Der aber kann den Kleinen aus der Verlegenheit helfen, und weil Lischen ihn gar so schön bittet, wird er ihm sicherlich den Gefallen erweisen. -- 50. Freitag, den 22. Juni 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag dcZ Literarischen Instituts von Haas So Grabherr in Augsburg (Borbesiher Dr. Max Huttler). Zm Sänne alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) III. Es waren sehr unangenehme Empfindungen, mit denen Wolfgang von Sturen aus seinem besinnungslosen Zustande erwachte. Er empfand eine Betäubung im ganzen Körper und einen schmerzhaften Druck im Kopfe. Er glaubte zu erkennen, daß er sich in einem fremden, niederen Zimmer auf einem weichen Lager befand und daß mehrere Personen um ihn beschäftigt waren. Doch begannen sich seine Gedanken gleich wieder zu verwirren, er hatte nur noch einen unklaren Eindruck, als ob neben dem Gesicht feines alten Dieners die Züge seines Reisegefährten auftauchten, — dann verfall! er wieder in die Nacht der Bewußtlosigkeit. Während der folgenden zehn Tage schwebte er unter Irrereden zwischen Leben und Tod. Doch seine kräftige Natur klammerte sich fest an das Leben, und das Uebrige thaten die Aerzte und die sorgsame Pflege. Er fühlte sein Herz wieder freier schlagen, in seine betäubten Glieder kehrte die Empfindung zurück. Er sah seinen Diener, seinen Reisegefährten und den Arzt, aber der letztere hatte ihm streng verboten, viel zu sprechen und zu fragen, und so beschränkte sich die Unterhaltung zwischen Wolfgang und seiner Umgebung auf wenige Worte, die nur sein Befinden und seine augenblicklichen Bedürfnisse betrafen. „Nun sage mir, Hartwig, was ist geschehen?" fragte er den greisen Diener, als er sich endlich von dem Zwange des Schweigens befreit fand. „Ich erinnere mich nur, daß es ein Eisenbahnunglück gegeben hat. Wie ich bereits von Dir hörte, ereignete es sich unweit einer kleinen Station, von der man mich nach diesem Dorfwirthshause brachte. Habe ich viele Unglücksgefährten? Sind wohl gar Menschenleben —" „Leider hat es drei Todte gegeben, gnädiger Herr," berichtete Hartwig, „alle übrigen Passagiere, außer Ihnen, trugen nur unbedeutende Verwundungen davon. Herr Maitland ist mit einigen Quetschungen weggekommen." „Und die ganze Zeit über bei mir geblieben?" „Er half Sie pflegen," nickte Hartwig, „und theilte redlich mit mir die Nachtwachen. Er berief telegraphisch seinen Arzt von Berlin hierher, der eine große Berühmtheit sein soll und Sie auch dem Leben erhalten hat, denn der Doctor aus dem nahen Städtchen, welcher Sie jetzt noch behandelt, gab Sie verloren." — „Das alles hat Herr Maitland für mich gethan, — für mich, den er doch kaum erst flüchtig kennen gelernt hatte?" „O, und noch viel mehr hat er gethan!" fuhr Hartwig mit leiser Rührung in der Stimme fort. „Der Wagen, in welchem Sie sich befanden, war entgleist und den Eisenbahndamm hinabgestürzt. Die beiden nächsten Wagen folgten; Sie lagen tief unter den Trümmern, gnädiger Herr. Wer es wagte, Sie hervorzuziehen, ris- kirte sein eigenes Leben, denn was von den übereinander' gestürzten Wagen noch zusammenhielt, konnte jeden Augenblick herabbrcchen, wenn man die zerschmetterten Wagentheile, die den Weg zu Ihnen versperrten, entfernen wollte. Wozu niemand den Muth hatte, das that Herr Maitland: er zog Sie mit eigener schwerer Lebensgefahr aus Ihrem schrecklichen Grabe hervor." Der Baron war sehr bewegt. „Wo ist Herr Maitland ?" unterbrach er ein längeres Schweigen. „Wahrscheinlich angelt er am Flusse. Seit es mit Ihnen besser geht, verbringt er dort halbe Tage." „Wann und wie erfuhrst Du von meinem Unfall?" fragte Wolfgang nach einer abermaligen Pause. „Am Tage nach dem Unglück kam eine Dame in den Villcnhof geritten/s „Eine Dame?" „Ja. Sie zeigte mir eine Berliner Morgenzeitung, worin bereits ein telegraphischer Bericht über das Er- eigniß stand. Ihr Name war darin genannt, gnädiger Herr, und der Ort, wohin man Sie schwer verletzt gebracht hatte. Daraufhin reiste ich sogleich hierher." „Wie sah die Dame aus?" „O, sie war jung und sehr schön." „Was hatte sie für Augen?" „Schwarze, gnädiger Herr, ganz schwarze; sie glühten wie Feuer, doch das Gesicht war sanft, wie das eines Engels." „Du kennst sie natürlich nicht?" «Nein, ich habe sie nie vorher gesehen." „Erinnerst Du Dich vielleicht ihrer Kleidung?" „Darauf habe ich in meinem Schrecken über die Nachricht nicht Acht gegeben. Ich weiß nur, daß sie einen großen runden Hut txug mit einer weißen Feder darauf.". »Hielt sich die Dame längere Zeit auf?" „Nein, sie blieb zu Pferde, und nachdem ich ihr gesagt hatte, das; ich mich sogleich zu Ihnen begeben würde, ritt sie wieder fort." Wolfgang durfte nicht zweifeln, daß die teilnehmende Dame jene schone Amazone gewesen sei, die sein Herz mit einem so magischen Zauber umsponnen hatte und sein erster Gedanke gewesen war, als er sein Bewußtsein wiedererlangte. Er konnte kaum die Zeit erwarten, wo sein Zustand ihm die Rückkehr nach seiner Besitzung gestatten werde. Dann wollte er nicht rasten noch ruhen, bis er ihren Namen erfahren hatte. An die Weiterreise nach Berlin dachte er nicht mehr. „Wenn wir nach Hause zurückkehren, guter Hartwig," sagte der Baron, „müssen wir in der Umgegend zu ermitteln suchen, wer die Dame ist, denn die Pflicht der Höflichkeit erfordert es, daß ich für ihre Aufmerksamkeit danke." „In unserer Umgegend?" bemerkte der Alte mit zweifelnder Miene. „Wer weiß, gnädiger Herr, ob wir da auf der richtigen Fährte sein würden, denn die Dame ist nach Berlin gereist." „Nach Berlin, sagst Du? Woher konntest Du das Wissen?" . „Weil sie auf der Durchreise hier war." „Hier? fragte Wolfgang in höchstem Erstaunen. „Sie war hier?" „Jawohl, sie wollte sich nach Ihrem Befinden erkundigen, aber sie traf es sehr schlimm, denn Sie redeten Tag und Nacht irre, und auch, als sie gerade bei Ihnen war." „So war sie hier in diesem Zimmer?" rief Wolfgang, bon seinem Lager auffahrend. „Auf derselben Stelle stand sie, wo ich jetzt stehe." „Wie lange blieb die Dame hier?" „Ueber eine Stunde." „Was hat sie gesprochen?" „Sie fragte mich, ob Sie geschickten Aerzten anvertraut seien, ob diese Hoffnung auf Ihre Wiederherstellung gäben, ob Sie gut verpflegt würden. Im Allgemeinen sprach sie nur wenig, denn das Weinen war" ihr nahe, und ein paarmal kamen ihr Thränen in die Augen." „Wer mag sie sein? Wer mag sie sein?" rief Wolsgang, die nachdenklich gefaltete Stirn mit der Hand bedeckend. „Sollte vielleicht Herr Maitland ihren Namen erfahren haben?" „Herr Maitland hat sie gar nicht zu sehen bekommen. Er schlief gerade auf seinem Zimmer seine Nachtwache aus." „Wie erfuhrst Tu, daß sie auf der Reise nach Berlin begriffen sei?" „Sie sagte es beiläufig, als sie sich anbot, Ihnen von dort aus einen tüchtigen Arzt zu schicken, was aber nicht mehr nöthig war, da Sie sich, dank der Fürsorge des Herrn Maitland, bereits in den besten Händen befanden." Wolfgang schwieg eine Weile. Endlich fragte er: „Hat sich seitdem niemand nach meinem Befinden erkundigt?" „O, gewiß! Ihr früherer Vormund —" „Herr Justizrath Carus?" „Läßt sich täglich ein Bulletin schicken," nickte der Alte. „Nun aber, gnädiger Herr, muß ich Sie bitten, nichts weiter zu sprechen und zn fragen. Ich habe mich schon schwer genug gegen die ärztlichen Vorschriften vergangen, und wenn es mit Ihnen wieder schlimmer würde, so träfe mich die Schuld." Der junge Baron gehorchte der wohlgemeinten Mahnung seines Dieners. Natürlich hatte nun sein Reiseplan abermals eine Aenderung erfahren. Seit er die gcheimnißvolle Fremde in Berlin wußte, war all' sein Sehnen nach der Weltstadt gerichtet, wo er ihr zu begegnen hoffte. Es schien, als ob die Neuigkeiten, die er von Hartwig vernommen, und die Ungeduld, das Krankenbett zu verlassen, seine Kräfte neu belebten, denn ganz gegen die Befürchtungen des alten Dieners war am andern Morgen der Arzt mit seinem Patienten so zufrieden, daß er ihm erlaubte, auf kurze Zeit aufzustehen. Während Wolsgang, von dieser Erlaubniß Gebrauch machend, an dem geöffneten Fenster faß und die balsamische Maicnlust einsog, trat Maitland ein. „Der Arzt sagte mir sehr Erfreuliches über Sie," begann er, „und da ich Sie ohne Besorgnis; zurücklassen kann, so will ich meine unterbrochene Fahrt nach Berlin uiit dem nächsten Zuge fortsetzen. Ich komme, um Abschied von Ihnen zu nehmen." Wolfgang ergriff seine Hand und sprach in der schönen beredten Sprache des Herzens die Gefühle der Dankbarkeit aus, die er für alle die edle Aufopferung und Güte empfand, welche Maitland ihm erwiesen hatte. „Reden Sie nicht davon," lehnte dieser ab, „ich that es allein zn meiner eigenen Befriedigung und habe darum keine Ansprüche auf Dank." „Nein, nein," erwiderte Wolsgang, „ich habe schon oft von solchen Leuten gehört, welche ihren guten Handlungen stets selbstsüchtige Beweggründe unterschieben. Gewiß gewährt eine edle That demjenigen, der sie vollbringt, Befriedigung, aber sie gilt doch stets dem andern, für den sie geschieht. Sie retteten mir das Leben, indem Sie mich unter den Wagentrümmern hervorzogen." „Ja, das ist wahr," lächelte Maitland, „ich habe auch schon eine Fliege, die in eine Milchschale gefallen war, herausgezogen." „Aber Sie haben das letztere nicht mit Preisgeb- nng Ihres eigenen Lebens gethan; Sie haben auch noch nicht vierzehn Tage in einem Dorfe zugebracht, um einer Fliege beizustehcn. Und dafür wenigstens verdienen Sie meine Dankbarkeit." Maitland sah nach der Uhr. „In einer Stunde kommt der Zug," sagte er. „Leben Sie wohl!" Er reichte dem Baron die Hand. „Ehe wir scheiden," sagte dieser, „muß ich Sie bitten, mir zu sagen, wo ich Sie in Berlin finden kann, denn ich hoffe, daß eine auf so ungewöhnliche Weise begonnene Bekanntschaft hier nicht zu Ende sein wird." „Ich habe eine Junggesellenwohnung „Unter den Linden," antwortete Mattland, „wo ich sehr glücklich sein werde, Sie zu sehen." Er nahm eine Vifitkarte heraus und überreichte sie, nachdem er seine Adresse darauf vermerkt, dem Baron, worauf er sich von ihm verabschiedete. Die Karte in der Hand, auf welcher der einfache Name „Otto Maitland" stand, blieb Wolfgang allein zurück. Seine Gedanken richteten sich auf den neuen Bekannten. Am liebsten hätte er ihn „Freund" genannt, aber Maitland selbst schien keinen Anspruch auf eine solche Bezeichnung machen zu wollen, auch war etwas an ihm, was die Tiefen seines Charakters mit undurchdringlichem Dunkel bedeckte. „Es soll mich wundern, ob er wohl ein Herz hat," dachte Wolfgangm „Wenn das der Fall ist, so bemüht er sich, es zu verbergen. Alle Erscheinungen und Ereignisse scheinen an ihm vorüberzugehen, ohne ihn tiefer zu berühren als der Hauch den Spiegel. Er hat mir das Leben gerettet, hat mich Wochen lang wie ein Bruder gepflegt, und nun verläßt er mich mit der gleich- giltigstcn Miene von der Welt." Zwei Tage später durfte der Genesende seinen ersten Ansgnng machen. Mit jedem Pulsschlage nahmen seine Kräfte zu. Und nach einer Woche bestieg er, gänzlich wieder hergestellt, den Eisenbahnzug nach Berlin, während der alte Hartwig nach dem „Billenhof" zurückkehrte. IV. Es war am Nachmittag, als Baron von Sturen in demselben Berliner Hotel abstieg, wo er bereits als Knabe mit seinen Eltern gewohnt hatte. Seine Besuche bei Maitland und dem Justizrath Carns verschob er vorläufig noch, da sie ihm gesellschaftliche Verpflichtungen auferlegen konnten, die ihm hinderlich gewesen wären. Um sich den Eindrücken der Ncichs- hauptstadt unbefangen hingeben zu können und im Gewühls derselben nach der schönen Amazone zu forschen, mußte er sich ganz allein angehören. In einem so eng zusammengedrängten, vielgestaltigen Weltleben aber ist niemand sein eigener Herr; uugesuchte und unerwartete Beziehungen heften sich wie Fußangeln an die Schritte dessen, der diesen Boden betritt, und führen ihn oft weitab von dem Ziele, das er sich gesteckt, oder bringen ihn auf ganz andern Wegen, als er sich gedacht, demselben näher. Diese Erfahrung sollte auch Wolfgang machen. Er begann gleich nach seiner Ankunft eine Wanderung durch die Straßen und ließ sich vom Strome tragen. Seine Erinnerungen an die Millionenstadt aus seiner Jugendzeit waren sehr unvollkommen, daher erschien ihm alles neu und er fühlte sich wie betäubt von dem rastlosen buntscheckigen Hasten und Jagen, welches sich zwischen majestätischen Häuserfronten auf den breiten Straßen, auf deren glattem Asphaltboden das Klappern der Pferdchufc mehr zu hören war, als das Rollen der Räder, vor seinen Blicken abspielte. Es begann bereits zu dunkeln, als er nach seinem Hotel zurückkehrte. Wie Glühlichter flammten die tausend und abertausend Laternen auf, hier und da ergoß auch elektrisches Licht seinen weißen Glanz weit über die Straße. Wolfgang befand sich eben in einer der schmäleren Straßen, wo das Gedränge von Wagen und Fußgängern nahezu erdrückend und lebensgefährlich war. Da ertönte plötzlich ein schrilles, heftiges Klingeln, — alle Fuhrwerke wichen zur Seite, und wie die wilde Jagd kam die Feuerwehr heran, — drei — fünf, acht, zehn Wagen hintereinander. Wie erzene Gestalten standen im Scheine der Fackeln die Feuerwehrmänner auf den blitzblanken Löschwagen. Nasch, wie es herangesinrmt war, verschwand das von einer feurigen rothen Wolke umgualmte Bild wieder. Wolfgaug von Sturen aber stand wie gebannt. Er sah das Antlitz seiner gcheim- nißoollen Unbekannten, — es war keine Verwechslung, keine Ähnlichkeit, — zu fest hatten sich diese Züge in sein Herz gegraben. Der grelle Schein der vorüber- fliegenden Fackeln war hell auf das süße Gesicht gefallen, und jetzt, wo es in das mattere Licht der Straßenlaternen zurücktrat, hielt er es noch immer unverwandt mit seinen Blicken fest. Sie saß in einer offenen Equipage an der Seite einer anderen Dame, deren Antlitz durch das ihrige verdeckt wurde. Noch hielt der Wagen unter der Masse ineinander verfahrener Fuhrwerke, die sich langsam wieder entwirrte. Aber auch Wolfgang sah sich vor der Mcnschenfluth, die sich um ihn her fcstge- staut, an jeder freieren Bewegung gehindert. Es war unmöglich, an den Wagen zu gelangen. Er bemerkte, wie die Dame nach ihrer Uhr sah und mit der anderen sprach. Offenbar fürchteten beide, verspätet das Ziel ihrer Fahrt zu erreichen, denn es wurden einige Worte mit dem Kutscher gewechselt, welcher bedauernd die Achseln zuckte. Wohin wollten sie? Für Theater oder Concert, war es viel zn spät. Der Baron wollte seine Uhr zu Rathe ziehen, aber — die Tasche, worin er sie trug, war leer. Betroffen blickte er an sich herunter, als er auch die schwere goldene Kette nicht fühlte. Sie war ebenfalls verschwunden. Der Verlust der Uhr war unersetzlich, nicht weil sie einen Werth von mindestens tausend Mark hatte, sondern weil sie ein von Wolfgang heilig gehaltenes Andenken an seinen Vater war. , Ein anständig gekleideter junger Mann bemerkte seine Bestürzung und sah an den tastenden Bewegungen seiner Hand, daß er etwas vermißte. „Sind Sie eben bcstohlcn worden, mein Herr?" fragte er theilnchmend, indem er näher herantrat. „Meine sehr werthvolle Uhr sammt Kette ist fort," antwortete der Gefragte. „Ich fürchte, beides ist die Beute eines Taschendiebs geworden, der den Augenblick, wo meine Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Gegenstand gerichtet war, geschickt zu seinem Gaunerstreich benutzt hat, denn ich erinnere mich genau, daß ich vor Ankunft der Feuerwehr die Uhr noch hatte." Erst jetzt sah Wolfgang sich wieder nach dem Wagen mit den beiden Damen um. Er war verschwunden. „Als erfahrener Berliner würden Sie in einem solchen Gedränge vorsorglich Ihren Rock zugeknöpft haben," sagte der junge Mann. „Ich muß daher annehmen, daß Sie hier fremd sind." „Ich bin erst heute angekommen. Ich denke, es wird das beste sein, wenn ich im nächsten Polizeibureau Meldung mache." „Eine unmittelbare Anzeige bei der Kriminalpolizei wäre noch besser," versetzte der Andere, aber die Bureaux derselben sind um diese Zeit schon geschlossen. Indessen trifft es sich sehr glücklich," fügte er, wie von einem plötzlichen guten Einfall erleuchtet, hinzu, daß der Cri- minalcommissar Nuglisch, mit dem ich bekannt bin, hier in der Nähe Abends sein Glas Wein zn trinken Pflegt. Wenn Sie mich begleiten wollen, so könnten Sie ihm Ihr Mißgeschick mittheilen, und es könnte dann noch heute Abend etwas in der Sache geschehen, denn rasches Handeln ist hier von großer Wichtigkeit." Der Baron war unschlüssig. Der fremde junge Mann sah ihm das an. „Assessor von Malten," stellte er sich ihm vor. Wolfgang blickte ihm etwas überrascht in's Gesicht. Für einen Assessor erschien ihm der Fremde noch sehr jung, wenn diese schlaffen Züge verlebt waren; sie könn- 884 ten aber auch ebenso gut daS reifere Alter andeuten, welches seine BernfSstellung erforderte. Name und Stand thaten zu den angenehmen Manieren des gefälligen Herrn noch das Ihrige. Wolfgang nannte feinen Namen ebenfalls und folgte dem Assessor die Straße entlang. Sie hatten nicht weit zn gehen. Assessor von Malten bog in ein Hans ein und führte seinen Begleiter durch einen langen Hof in ein am Ende desselben gelegenes, sehr einfaches Gastzimmer. Es waren keine Gäste da, als drei Herren von verschiedenem Alter und sehr distingnirtem Aenßern, welche an einem Sctteutische Karten spielten. „Ist der Kriminalcommissar Nuglisch noch nicht hier gewesen?" fragte der Assessor den Wirth. Wolfgang sah nicht, wie der Assessor dem Wirthe mit den Augen zwinkerte und dabei eine leichte Kopf- bewcgnng nach seinem vornehmen Begleiter machte. „Nein, er war noch nicht da," antwortete laut der Wirth, das Zeichen sogleich verstehend, „aber er kommt ganz gewiß noch." Der Assessor bestellte sich Wein und empfahl dem Baron die gleiche Marke. „Sie meinen also," fragte dieser den Assessor, „daß es einen Zweck haben könne, wenn ich hier auf Ihren Bekannten warte?" „Ei, natürlich!" versicherte der Gefragte. „Sie können Ihre Sache in keine bessern Hände legen. Nuglisch ist der schneidigste und findigste Kriminalbeamte in ganz Berlin." Der Assessor erzählte hierauf vom Kriminalcommissar eine Reihe Bravonrstückchen, die sehr unterhaltend waren und einen überraschenden Einblick in die Berliner Verbrecherwelt eröffneten. Vom Tische der Kartenspiclcr her tönte ein lautes Gähnen. „Der Skat langweilt mich heute," sagte unter neuem Gähnen der älteste der drei Herren, dessen Physiognomie mit dem starken grauen Schnurrbarte etwas Militärisches hatte. „Machen wir ein anderes Spielchen! Da meine Frau und meine Tochter im Opernhanse sind, so habe ich heute längeren Urlaub." Der Baron sah, wie nun jeder der Spielenden ein Häufchen Geld neben sich legte. Der militärische Herr nahm drei Karten in die Hand, indem er sie mit den Fingerspitzen an den schmalen Seiten berührte. Eine der Karten, die Coeur-Dame, klemmte er zwischen Daumen und Zeigefinger, die beiden andern Karten zwischen die andern Finger. Nachdem er den Mitspielenden die Karten gezeigt hatte, warf er dieselben mit einer raschen, eigenthümlichen Haudbewegung auf den Tisch, so daß jede mit der Rückseite nach oben zn liegen kam. Der Gegenspieler hatte nun anzugeben, welches die Coeur- Dame sei. Traf er es, so hatte er gewonnen, andernfalls verloren. Das Spiel wurde sehr lebhaft und das Geld rollte hin und her. Woflgnng hatte zwar nie besonderes Gefallen am Spiele gefunden, hier aber reizte ihn die Eigenartigkeit desselben. Er bat ebenfalls, auf einige Minuten am Spiele theilnchmen zu dürfen, und man stellte sich gegenseitig vor, wie es unter Männern von gutem Tone Sitte ist. Wolfgang beobachtete sehr aufmerksam, wohin die Karte flog, auf die er pointirte, und traf es auch richtig mehreremale hintereinander. Plötzlich aber wendete sich das Glück, und so fest er auch stets überzeugt war, daß er die betreffende Karte genau im Auge behalten hatte, so oft irrte er sich dennoch. Je mehr sein Erstaunen wuchs, desto mehr erregte ihn das Spiel. Als er jedoch sah, daß das Glück sich bch^'rlich von ihm abwandte, und sein Verlust nahezu hundert Mark betrug, hörte er mit Pointiren auf. Der alte Militär sah nach der Uhr. Er fand, daß es Zeit sei, Frau und Tochter aus dem Opernhanse abzuholen, und empfahl sich. Bald verabschiedeten sich auch die beiden Andern. Wolfgaug befand sich mit dem Assessor allein, welcher sehr bedauerte, daß der Kriminalcommissar Nuglisch heute nicht gekommen war. Wahrscheinlich sei er durch irgend ein wichtiges Awtsgeschäft abgehalten worden. Wolfgang fand es an der Zeit, sein Hotel aufzusuchen. Der Assessor begleitete ihn bis zum nächsten Droschken stand, gab ihm gute Rathschläge, welche Schritte er morgen früh zur Wiedererlangung seiner Uhr thun solle, und zog, als Wolfgaug in die Droschke stieg, mit graziöser Höflichkeit seinen Hut, indem er ihm versicherte, er schütze sich glücklich, seine Bekanntschaft gemacht zn haben, und hoffe, daß man sich wieder begegnen werde. Diese Hoffnung sollte sich bald genug unter überraschenden Umständen erfüllen. (Fortsetzung folgt.) Fttrstrnfeldbttiik in OberLnhml« (Schluß.) Zn den merkwürdigen Ereignissen aus jener Zeit gehört auch das am 11. Okt. 1317 erfolgte Hinscheiden des deutschen Kaisers Ludwig IV. des Bayern. Er war von München zur Bärenjagd herausgeritten gen Fürstcnfeld und hauchte in den Armen eines Landmannes sein Leben aus. Das dem Andenken an seinen Tod geweihte Monument an der Augsburger Landstraße erhebt sich nicht an der Stätte seines Hinscheidens, sondern diese wird vielmehr auf dem sogenannten Kaiscranger bei Puch zu suchen sein. Dort sank der Fürst vom Pferde, und von dort wurde sein Leichnam zuerst nach Fürstcnfeld gebracht, dessen größter Wohlthäter er gewesen. Später geleiteten ihn die Bürger von München trauernd in ihre Stadt. Im Kloster Fürstenfcld, dem Stifte seines Vaters, sieht man in der prächtigen, 1716 erbauten Kirche noch seine 13 Fuß hohe Statue gegenüber der seines Vaters Ludwig, gefertigt von Anton Boos. Auch im Kriege der Münchener Herzoge Ernst und Wilhelm mit Ludwig dem Gebarteten von Jngol- stadt (1421—1422) hatte die Drucker Gegend viel zn leiden. In den Jahren 1632, 1633, 1646 und 1643 erfolgten wiederholte Einfälle der Schweden und ihrer Verbündeten, und Hand in Hand mit dem Würgengel des Bürgerkrieges ging die Pest. Fast noch Schlimmeres erfuhr Brück im spanischen Erbfolgekriege. Ließ doch ein österreichischer Officier im August 1704 den Markt, nachdem er vorher 300 Gulden gefordert, die mit mehrfacher Leibes- und Lebensgefahr aus München geholt werden mußten, in Brand stecken, wobei nur wenige Häuser dem Feuer entgangen sind. Gelderprefsnngen und Quartierlasten waren überhaupt an der Tagesordnung. Folgten nun neue Drangsale im österreichischen Erbfolgrkriege. Es ist unglaublich, was Brück in den Jahren 1742 bis 385 — 1745 da zu ertragen hatte an Quartierlasten, die zudem regelmäßig mit Geld- und Naturalieuerpressuugen verbunden waren. In dieser Zeit haben unter den Marktbewohnern durch patriotischen Sinn, Klugheit und Entschlossenheit in den schwierigsten Lagen und durch stete Opferbereitwilligkeit für ihre Mitbürger mehrere Männer besonders hervorgeragt, namentlich der damalige Nechnungs- führer Bierbrauer Bernhard Hueber, welcher sich unter augenscheinlicher Hintansetzung seiner häuslichen Angelegenheiten ganz und gar dem öffentlichen Dienste gewidmet hat. Ohne Rücksicht auf persönliche Gefahren, unternahm er vielseitig Reisen zu den feindlichen Heerführern und war verschiedene Male nicht ohne Erfolg der Vertreter der fchwergedrückten Gemeinde bei dem berüchtigten Panduren- Oberst Trenk, bei den Generalen Bernes, Bern- klau, dem Obrist Menzel, dem Obristwachtmeister Andrassi und Anderen, sowie bei der österreichischen Landesadministration in München. Der Posthalter und Gastgeber Jakob Weiß, dessen Familie schon vor dem Schwedcnkriege zu Bruck seßhaft war und heute noch zu den angesehensten des Marktes gehört, stand ihm in patriotischem und gemeinnützigem Wirken rühmlich zur Seite. Er entging am 26. Sept. 1742 nur durch eilige Flucht der Gefangennahme durch feindliche Husaren. Vermuthlich hatten die Oesterreicher ihn wegen Einverständnisses mit der bayerischen Besatzung in Landsberg in Verdacht. Außer diesen vorgenannten Beiden haben sich während der Kriegszeit auch noch die Bürger Martin Prugg- mayr, Peter Loder, Franz Saurle, Johann Hvrl hervorragend an den Markts-Angclegenheiten betheiligt, nicht minder auch durch Vorschüsse und Naturalleistungen verdient gemacht. Nun war Ruhe bis zum Jahre 1792, wo in dem Kriegs der europäischen Mächte gegen die aus der Revolution hervorgegaugene französische Republik die Truppen- durchzüge der Oesterreicher begannen. Im August 1796 kamen die ersten Franzosen, womit eine Acra von Belästigungen, Erpressungen und vielerlei Drangsalen begann, die durch den Friedensschluß im Jahre 1801 beendigt wurde. Nach dem Schwedcnkriege hatte sich die Bevölkerung des Marktes und des Ammcrihales allmälig wieder erholt und vermehrt, und wenn auch der spanische und österreichische Erbfolgekricg neuerdings bittere Wunden geschlagen hatten, so waren doch auch diese bald vergessen, so daß wir vor Beginn der französischen Invasionen einem im Ganzen freundlichen und heiteren Bilde von häuslicher Behäbigkeit begegnen, welches sich in den Urkunden jener Zeit vielfach wiederspiegelt. Lorenz Westen- ried er sagt in seiner Beschreibung der vier Rentämter Bayerns (Landshut 1790): „Der zu diesem Kloster (nämlich Fürstenfcld) gehörige Markt Prnck ist ein schöner Ort, und sind daselbst sehr vermöglichc Bürger und schön gebildete Leute beider Geschlechter." Auch entnehmen wir Adrian v. Niedl's 1796 zu München erschienenem Neisc- Ailas von Bayern, daß Bruck damals 152 Häuser und etwa 800 Einwohner zählte. In diesen artigen Häusern wohnten tüchtige Bürger, deren Haupterwerb in dem Verdienste bestand, welchen das Handwerk brachte. Die Meisten hatten wohl auch Grundbesitz und trieben Ackerbau, aber schon Wenning berichtet in seiner Topographie des Rentamts München: „Der Traidtboden ist mittelmäßig, noch schlechter aber der Wieswachs. Die Gewerkschaft muß also bei den Bürgern zur Nahrung das Bebte thun." Besonders scheinen im Markte geblüht zu haben: die Bierbrauereien, die Kramereien, das Lederer-, Weiß- und Nothgerbergeschäft, die Schmieden, insbesondere die Waffenschmieden, die Mühlen, Bäcker und Metzger. Jedoch auch in den andern Gewerbszweigcn gab es fortwährend hervorragende, zu Wohlstand gelangte Männer, und es saßen schon seit dem Ende des 16. Jahrhunderts häufig auch Maler, Sattler, Kürschner, Schäffler, Schuster, Schneider u. s. w. im engeren Rath der Gemeinde als „Vierer". Das bedeutsamste Ereigniß in der Geschichte Brncks war jedenfalls die am 17. März 1803 und den darauffolgenden Tagen vollzogene Aushebung des Klosters Fürstenfeld, wobei als Aufhebungs-Commissär der churfürstliche Landrichter von Dachau, Lizentiat Hey- dolph — die Bauern nannten ihn „Heuteufcl" — fuugirte. Dabei wurden viele Brutalitäten begangen, z. B. ein altes Btlduiß, darstellend die Hinrichtung der Maria von Brabant, zum Fenster hinausgeworfen, dem Bildnisse des erlauchten Stifters, Herzog Ludwigs des Strengen, die Augen ausgestochen, die Pfeifen der großen, schönen Orgel den Gassenjungen preisgegeben, in der Klosterbibliothek heillos gewirthschaftet, den Klostergcistlichen während des Mittagsmahles die Stühle weggenommen, so daß sie stehend essen mußten u. s. w. Am 13. Juli 1803 wurden die Kloster-Realitäten an den Kattunfabrikanten Leite nberg er von Reichsstadt in Böhmen, einen Protestanten, verkauft, wobei als churfürstlicher Commissär Graf Lodron fungirte. Der Kaufschilling betrug mit Einschluß der zwei Höfe Roggenstein und Puch und 600 Tagwerk Waldungen 130,000 Gulden, und das war nach den damaligen Verhältnissen noch ein guter Preis. Gleichzeitig mit dem Kloster verfiel auch die Kapelle St. Leonhardi zu Bruck der Versteigerung, wurde aber um 310 Gulden von einigen Brucker Bürgern erstanden und so erhalten. Bruck, bisher vom Kloster Fürstenfcld aus pastorirt, wurde nun eine eigene Pfarrei. Herr Leiteuberger, welcher als ein wohlwollender Mann geschildert wird, erlaubte allen Religiösen, unentgeltlich im Kloster wohnen zu bleiben, wofür ihm letztere herzliche Dankbarkeit zollten. Die Klosterkirche, eigentlich zum Abbrüche bestimmt, blieb nun geschlossen, bis sie vom König Max I., welcher sie gelegentlich eines Jagdausfluges (1804?) persönlich besichtigt hatte, unterm 13. August 1816 zur königlichen Landhofkirche erhoben wurde. Das Kloster zählte im Ganzen 41 Aebte, der letzte war Gerhard (Führer von Erding). Selbstredend blieb Brück auch durch die nachfolgenden napoleonischcn Feldzüge nicht unberührt. Die Truppen- durchzüge wurden während jener Zeit als schwere Last empfunden. Im russischen Feldznge sind auch zwei Brucker geblieben, Xaver Griesbeck und Johann Dall- maier. Unterm 13. Juli 1813 verlieh König Maxi. dem Markte Fürstenfeldbruck ein besonderes Wappen, „das in einem blauen Schilde, worin sich eine auf einem grünen Felde aus weißen Quadersteinen erbaute Brücke befindet, über welcher drei silberne Kreuze schweben, besteht". Das frühere Wappen, welches der Markt besessen, scheint ganz und gar in Vergessenheit gerathen gewesen zu sein. Dieses trug im Schildcshaupt die bayerischen, blan und weißen Stauten und dann im rothen Felde eine weiße, steinerne, über einen blauen Strom gespannte Brücke mit goldenem Geländer und einem solchen einfachen Kreuze in der Mitte. Wenn von der — 386 Geschichte des Marktes Bruck die Rede ist, dürfen wir selbstredend der bedeutenden Männer nicht vergessen, welche anS demselben hervorgegangen sind. Groß's Chronik fuhrt als solche an: Karl Förg, kurfürstlicher Kricgs-Hauptbuchhalterei-Nath in München, Sebastian Moll, ordentlicher Professor der Theologie an der Universität München, Jakob Klar, Bürgermeister von München, Joh. Bapt. Stiglmayr, Erzgießer zu München, und Ferdinand v. Miller, ebenfalls Erzgießer in München. Stiglmayr's Vater war als Hufschmied in Bruck ansässig; Miller's Vater, ein Uhrmacher, war aus Aichach eingewandert und hatte des .Hufschmieds Sticglmayr Tochter zur Frau. Die größte Sehenswürdigkeit des Ortes ist die Klosterkirche zu F-ürstcufeld, kaum einige Hundert Schritte von Brück entfernt. Dieselbe hat eine bewunderungswürdige Fagade von dreifacher Säulcnordnung und ist von dem Italiener Fiscati 1718—1741 erbaut. In derselben befinden sich, wie schon erwähnt, die Kolossal- statnen Herzog Ludwigs des Strengen und Kaiser Ludwigs des Bayern. Die Altäre weisen werthvolle Oelbildcr und treffliche Bildliaucr-Arbeiien auf, während die Wände des imposanten Gewölbes reiche und kunstvolle Stucca- tnren zieren. SehcnZwerth sind außerdem noch die prachtvolle Orgel und in der Sakristei ein Oelbild, die Enthauptung der Maria von Brabant darstellend. Vom Kirchthurm aus genießt man einen herrlichen Ausblick. Die ehemaligen Klosterrüume dienen militärischen Zwecken. So ist dort auch die neu errichtete Unterosficiersschule untergebracht. Die Pfarrkirche wurde von 1673 bis 1679 unter Pater Balduin Helm erbaut. Ihre Ausschmückung erfolgte im Laufe der Zeit. Eine gründliche Renovation erfolgte von 1814 bis 1860. Das herrliche Bild auf dem Choraltar wurde gemalt von Glink in München, jene auf den Seitenaltären von Lachn er in München. Nicht zu übersehen ist die kunstreiche Tauf- schüssel, welche in ihrem Grunde die Stammeltern im Paradiese zeigt, deren Sünde durch die Taufe genommen wird. Der schöne Gottesacker weist ein Erabmonnmcut von der Meisterhand Ludwig Schwant haler's auf. Des Besuches nicht unwcrth ist auch das Nathhaus, dessen Giebel zwei Porträimedaillons Kaiser Ludwigs des Bayern und Herzog Ludwigs des Strengen zieren, von dem jungen Ferdinand Miller der Heimathsgemeiude seines Vaters gewidmet. Was aber macht Fürsten feldbruck so besonders geeignet zu einem sommerlichen Aufenthalte? Da ist nun einmal seine hübsche Lage, die so recht in's Auge fällt, wenn man mit dem Lahnzuge von München kommt, wo einem die freundlichen weißen Häuser durch die schattigen Gärten, zahlreichen Baumgruppen und Alleen so einladend entgegen winken. Jedoch präsentirt sich Ort und Gegend auch dem, der von Maisach her die Anhöhe heruntersteigt, nicht uuvoriheilhaft, da derselbe durch die gegenüberliegende, Zum größten Theile bewaldete Hügelreihe ein mehr abgeschlossenes Bild erhält. Der Hauptanziehungspunkt für Bruck sind und bleiben aber die Amperbäder. Soll ein Flußbad die Anforderung erfüllen, welche man von einem heilkräftigen Wasser erwartet, so muß dasselbe frisch und möglichst rein fließen, soll keine Härte besitzen, sondern mild und weich sein. Neben diesen hervorragenden Eigenschaften soll die Bewegung desselben nicht zu reißend, aber auch nicht zu träge sein und seine Temperatur sich ziemlich gleichmäßig zwischen 14—18" II. halten. Diese Vorzüge vereint die mit Recht gepriesene Am per in seltenem Maße. Während ihres Laufes durch den Ammersee sinken die überschüssigen Mineraltheile, welche der kohlensaure Ge- birgsquell enthalten hatte, zu Boden, der Fluß verliert dadurch seine Rauhigkeit und Härte und wird auf diese Weise zu einem so vortrefflichen Badewasscr umgestaltet. Auch die frühere kalte Temperatur hat sich durch die Mischung des SeewasserS ausgeglichen,, ohne daß die Ampcr die durch den kohlensauren Gehalt bedingte Frische verloren hätte. Ihre Temperatur beträgt im Anfange des Monats Juni meist 14° II., steigt in den heißesten Sommertagen bis zu 18 und 20 Grad, während sie gegen Ende des Monats September selten unter 14° L. sinkt. Auf ihrem dreistündigen Lause vom See bis nach Bruck wälzt die Ampcr ihre smaragdgrünen Wogen über Sand und Kicsgerölle, weßhalb ihre Reinheit und Helle immer zunimmt, während sie aber auch ihre nicht zu rasche Strömung beibehält. In ihrem weiteren Laufe dagegen nimmt die Amper die Zuflüsse aus den sie begleitenden Moorgründeu auf und erhält dadurch den Charakter und die Temperatur eines Gewässers des Flachlandes. Aber auch die klimatischen Verhältnisse von Bruck sind dazu angethan, die wohlthätige Wirkung einer Flnßbadekur günstigst zu beeinflussen. Die hohe Lage des Ortes, welcher sich 1730 Fuß über die Mccressläche erhebt, die Nähe des Gebirges, die ihn rings umgebenden Harzdustenden Waldungen und die reiche Vegetation bedingen eine sehr reine und gesunde Luft, welche im Hochsommer durch die frischen Wogen der grünen Amper angenehm gekühlt wird. Weder Fabriken noch schädliche Handwerke verpesten die Atmosphäre; der durchlässige Kiesboden unter der Hnmusschichte verhindert die Ansammlung übermäßiger Feuchtigkeit. Dazu kommt noch, daß Bruck schöne und gut eingerichtete Gasthäuser, welche der Nähe der Hauptstadt wegen alle Ansprüche zu befriedigen im Stands sind, zahlreiche hübsche Privatwohnungen und Zimmer und recht einladende Gärten und Sommerkeller besitzt, in welch letztem es immer munter hergeht, wie denn überhaupt in Bruck ein reges, geselliges Leben herrscht. Dabei sind die überall geforderten Preise anerkanntermaßen mäßig, das, was aber an Verpflegung geleistet wird, gut. Auch für geistige Nahrung ist gesorgt, welche daS von Beamten und Bürgern gegründete „Lesezimmer" in reichlichem Maße bietet. Mehr als dreißig Zeitungen, Journale und Blätter jeder Richtung liegen auf, während eine ziemlich umfangreiche Bibliothek belletristischer und gemeinnütziger Werke auch jedem Fremden gegen geringe Vergütung zu Gebote steht. Die Umgegend ist Zwar ländlich, aber reizend. Reinlich bekicste Wegs durchschneiden die blumigen Wiesen und die schwellenden Felder. Der Verschönerungsvereiu hat auch an lauschigen Plätzchen oder gewählten Aussichtspunkten reichlich für Ruheplätze gesorgt. Solche Plätzchen sind: das „Emeringer Hölzl" mit seinen mächtigen Eichen, der Maisach er und Lind ach er Hart, welche Bruck im weiten Kreise umspannen und kühlenden Schatten und würzigen Tannenduft bieten, während in den Hängen der Kloster- und Nicola- lcithen die Kühle des Buchenwaldes zum Erquicken unwiderstehlich einladen. Viele derselben gestatten auch eine liebliche Fernsicht, während man in dem fünf Viertelstunden von Bruck entfernter: GermunAberg ein weit- — 887 reichendes Gebirgspanorama vor sich hat. Vorn Watz- mann bis zürn jähen Abstürze der Zugspitze und vorn Sailing bis zum Grünten reihen sich Berge an Berge, ragen Zacken und Spitzen, Hörner und Kuppen wie aus einem blandustigen Moore. Im Vordergründe wechseln Kirchen, Weiler und Bauernhöfe, umrahmt von dunklen Forsten und wellenförmigem Hügellande, über welchem im Waldesgrün das herrliche Andechs thront. Letzteres selbst ist leicht erreichbar, wenn man mit der Eisenbahn nach dem nahen Grafrath und von dort mit dem Dampfer auf der Amper und dem Ammersee nach Hcrsching fährt, von wo aus man zu dem hochgelegenen Kloster zu Fuß in einer Stunde gelangt. Aber auch wer den Geist der Sage zu sich sprechen lassen will, der findet da und dort Anregung, so z. V. auf dem nahen Osterberg, dessen Hain einst der Göttin Ostara geweiht war, oder in Buch, der einstmaligen Wohnstätte der seligen Königstochter Edigna, welche da am 26. Februar 1109 starb und deren vom Volke hoch verehrte und in Sagen gepriesene Reliquien sich daselbst noch vorfinden, oder weiter weg bei Schöngeist« g, dem einstigen Sommersitze Orlando di Lasso's, im Mühlhardt, wo sich in Mitte von Hunderten alter Grabhügel zwei heidnische Opfersteine befinden, welche einst von dem Blute der den Göttern geschlachteten Menschen und Thiere rauchten. Noch ist das von Bruck in zwei Stunden erreichbare Schloß Weihern zu erwähnen, welches wegen seiner herrlichen Gemälde- und Kunstsammlungen, dann wegen seiner weit bekannten Musterwirthschaft eine wahre Perle der Umgegend ist. Zuletzt nicht zu vergessen das liebliche Seefeld mit seinen herrlichen Anlagen und Alterthnmsschätzen, das allen Fischliebhabern wohlbekannte Walchstadt, welch beide Orte von der Station Türkenfeld aus besucht werden können. Schließen wir mit den Worten von Hart mann's Schriftchcn „Bruck und die Ampcr-Bäder", denen wir völlig beipflichten: „Somit dürfte genug des Beweises sein, daß Bruck viele Vorzüge in sich schließt und reiche Quellen reinen Genusses bietet, welche nicht nur die Reize eines Landaufenthaltes erhöhen, sondern sogar die Freuden und Genüsse des Stadtlebens leicht vergessen lassen, weßhalb ganz wahrunsergemüthlicherK o bell singt: „Geht Einer aut's Land 'naus, Betracht' die Natur, So kehrt er mit Unwill'n Zur städtische» Flur!" --- Eine kleine Neger-Heldin in der Neligions- Versolgrrng. - (Nachdruck verboten.) ES ist ein gar rührendes und exemplarisches Ge- schichtchcr?, welches wir da in Kürze erzählen wollen. Man wird sich wohl noch des unerhörten Verso!- gungskriegcs erinnern, der im Sommer 1892 im afrikanischen Neger-reiche gegen die dortigen Katholiken (bekehrten Eingeborenen) von Seite der dortigen „Protestanten" — Neger-Christen der „anglikanischen" Kirche — stattgefunden hat. Bei dieser Verfolgung haben die armen Katholiken, selbst die Kinder mit außerordentlich wenigen Ausnahmen, einen Glaubensmuth und eine Stand- hafligkeit bewiesen, welche bewunderungswürdig sind. Es war am 24. Januar 1892, an dem Tage, an welchem der über alle Maßen traurige Krieg losbrach. als ein Negermädchen, das noch nicht 10 Jahre alt war, sich zu den Missionären nach Rnbaga bei der Hauptstadt flüchtete. Es befand sich bei den Missionären mitten in den Flammen, welche die Mission verzehrten, und erhielt vom apostolischen Vicar, Bischof Msgr. Hirth, selbst die heilige Taufe, gerade in einer Zeit, in welcher die Missionäre ihre lctzle Sttmde, ihren letzten Augenblick gekommen glaubten. Das arme Kind folgte dann den Flüchtenden — versteckt unter der Scham von Frauen und Kindern, welche in ihrer Verzweiflung an die Missionäre sich hingen. So folgte es auch auf der Flucht nach der Nyauza-Jnsel Bulingugc. Auf dieser war am 30. Januar 1892 das furchtbare Blutbad, das den Katholiken so viele Menschenopfer kostete. Mit diesem SchrcckenStage war den Missionären die kleine Negerchristin aus dem Gesichtskreis gekommen. Das arme, verlassene Kind war am Leben geblieben, aber in Gefangenschaft gerathen und Sklavin eines protestantischen Negers geworden. Es weinte bitterlich und glaubte, die Missionäre feien alle um's Leben gekommen. Sein Herr wollte das Mädchen mit Gewalt dahin bringen, sich als Protestantin zu erklären. Es war in der katholischen Religion wohl noch nicht gründlich unterrichtet; aber — so viel wußte es, daß die Aufnahme in die katholische Kirche, welche ihm zu Theil geworden, zwischen ihm und dem Manne, der sich seinen Herrn nannte, eine tiefe Kluft gebildet hatte. Darum vermochten weder die rohcstcn Beschimpfungen, noch die härtesten Schläge den Willen der kleinen Bekennen» zu beugen; sie erklärte sich nicht als Protestantin. Sie trug die Hoffnung, entfliehen zu können. Ihr Herr merkte, daß er auf diese Weise nichts erreiche; auch befürchtete er, es werde ihr bei ihm in der Hauptstadt das Entfliehen möglich. Sie mußte fort, in eine ihr ganz unbekannte Gegend — und wo sie unter größerer Aussicht stehe. Und so brachte er das Mädchen gen Westen, bis an die Grenze von Unyoro. Dort hatte er eine Besitzung. Da konnte das kleine Wesen — ganz verloren in einer wildfremden Gegend — nicht an Flucht denken. Uebcraus traurig, ergab es sich in sein Schicksal. In den Vanancnpflanzungcn mußte cS mit protestantischen Sklaven arbeiten. Diese Sklaven verspotteten fortwährend das arme Kind, schimpften es nwxapa," — d. h. Püpistin, und „mu Eäali" — d. h. Medaillcn-Anbctcrin — u. s. w., und quälten und mißhandelten es, weil es nicht au ihrem Gebete thcil- nehmen wollte. Trotzdem und allcdcm blieb die Kleine standhaft. Dieses harte Leben dauerte 15 Monate. Gott erbarmte sich der kleinen Bekennen», die man umsonst durch Schläge zum Abfall zu bringen versuchte. Ihrem Herrn war die Sklavin in seiner Vanancnpflanznng zu Mengo, der Hauptstadt Uganda's, gestorben und glaubte er nun die kleine Katholikin für die leer gewordene Stelle gut verwenden zu können. Dabei muß ihm der Gedanke an ein Entfliehen der Kleinen ganz außer Acht gekommen sein. Der Herr holte also die Sklavin und wies sie ein in ihren neuen Dienst. Sofort kam ihr wieder der Gedanke zur Flucht. Wohin? Das bedachte die arme Waise nicht. Es war, als ob der nicht fern von ihr liegende „heilige Hügel von Nubaga", wo so viele jugendliche Märtyrer schliefen, wie magnetisch sie fortziehe. Und so nahm sie sich denn „ein Herz" und entfloh schon am zweiten Tage nach ihrer Ankunft. Zunächst suchte 388 — sie ein Versteck in dichten Dornbüschen. Von dort aus spähte sie hinaus auf die Vorübergehenden, um zu sehen, ob Jemand eine Medaille oder einen Rosenkranz trage. Ihr Forschen war resultatlos; das machte sie überaus traurig. Waren denn alle Katholiken umgebracht! So verblieb sie in ihrem wilden Versteck ohne Nahrung und bei kalten Nächten! Da wagte sie sich endlich eines Abends aus den Dornbüschen heraus und schlich sich bis zum Fuße des Hügels von Nubaga, auf welchem die katholische Missionsstation (die erste, älteste und vor dem Kriege die faktische Hauptstation von ganz Uganda) war. Hier nun bemerkte das Mädchen eine Frau, welche ihren Rosenkranz um den Hals geschlungen trug. Sofort stürzte das Mädchen auf die Frau zu und rief schluchzend vor Freude: „Ich bin auch eine Katholikin! Ich bin inmitten der Flammen getauft worden! O, sag' mir doch, sind andere Patres gekommen für die, welche man in Bulinguge ermordet hat?" Die katholische Frau sagte der Kleinen, die Patres seien noch am Leben, nahm das Mädchen zu sich und brachte es zu den Missionären auf Rubaga. Das Mädchen hatte eine unbeschreibliche Freude, als cS die guten Väter wieder sah. Nachdem sie die standhafte Kleine getröstet und erquickt hatten, übergaben sie dieselbe einer katholischen Familie zur Obhut. Is. - - — — - - ALLevLei. Was ist Amerika? Ein Schweizer Journalist beantwortet diese Frage in folgender knapper Form: „Amerika ist ein Land, mit dem verglichen Europa nur eine kleine Halbinsel ist; die Vereinigten Staaten bedeuten ein Staatswesen, mit dem verglichen die europäischen Reiche als Kleinstaaterei anzusehen sind. Amerika ist das Land der angemessenen Räume und Dimensionen, das Land des Dollars und der Elektrizität, das Land, wo die Ebenen ausgedehnter, die Flüsse mächtiger, die Wasserfälle tiefer, die Brücken länger, die Blitzzüge schneller, die Katastrophen schauerlicher sind, als in irgend einem anderen Land der Erde, — das Land, wo bei einem einzigen Eisenbahnunfall alle Tage mehr Menschen umkommen, als in ganz Europa in einem vollen Jahre; das Land, wo die Häuser höher, die Spitzbuben zahlreicher, die Reichen reicher, die Armen ärmer, die Millionen großer, die Diebe frecher, die Mörder ungenirter, die Gebildeten seltener; das Land, wo die Zähne falscher, die Corsets enger, die Krankheiten tödlicher, die Korruption allgemeiner, der Spleen raffinirter, die Verrücktheit syste- matischer, der Sommer heißer und der Winter kälter, das Feuer wärmer und das Eis gefrorener, die Zeit kostbarer und die Menschen gehetzter sind, als in unserm schäserhasten Europa; das Land, wo die Greise jünger und die Jünglinge greisenhafter, die Mohren schwärzer und die Weißen gelber sind als sonst irgendwo; das Land der unermeßlichen Naturreichthümer und der großartigsten Nanbsucht der Menschen. Kurz und gut: das Land der außerordentlichen Gegensätze, der fabelhaftesten Extreme, der wahnwitzigsten Ueberhebung, der rücksichtslosesten Dollarjagd und unsinnigsten Erwerbswuth, das Land des Kolossalen und Pyramidalen — natürlich nach den Begriffen des Amerikaners." Am Grabe AlvlMS Maria Raüsboime's. nMsorlcoi'üiLs vowilll iu »otornuw ca>iN!wo Psalm LS. »Dir Erbarimmgm dkS Hcrrn will ich singliunEwiMtN Nie kannt' ich Dich, noch Deine Lebensfährte, Doch ewig bleibst Du mir in's Herz geschrieben: Solch' ouscrwähltcil Mann, ich muß ihn lieben, Dem Gnade ohne Gleichen Gott gewährte. Du warst es. der einmal auch mich bekehrte: Nach eines Strauß und Darwin wüster Zchrung, Da war Dein Wunder himmlische Beschecrung, Und ich vergaß den Jammer dieser Erde. Dich hielt fortan als Heil'gen ich in Ehren: Wer hier gekostet schon des Himmels Wonne, Nie wird Der noch der Erde Tand begehren! Dich lad' ich auch, daß ich Erbarmen finde, Zu meinem Sterben! Daß der Herr mich schone, Befehl' ich Dir mich, dem Maricnkindc! *) Traunstein. Uasner. A. M. RatiSbonne ist geboren und gestorben im Marien- monat Mai: 1. Mai 1814 — 6. Mai 1884 — aber in weit höherem Sinne und Grade Marienkind durch seine geistige Wiedergeburt in Folge der wunderbaren Erscheinung. D. O. Httttiuelsschau im Monat Juli. —X. Venus ? geht als Morgenstern 2 Std. 15 Min. vor der Sonne auf und steht am 20. gegen einen Grad südlich von Jupiter. Mars F ist noch rechtläufig im Sternbilde der Fische und geht anfangs nach, später vor 11 Uhr nachts auf. Jupiter ist nur schwer sichtbar am Morgen- himmel. Saturn H steht in der Jungfran, geht anfangs 12 U. 15 M. zuletzt 10 U. 15 M. abds. unter. In der Nähe des Mondes befinden sich am 2. und 29. Jupiter; am 9. Saturn; am 24. Mars; am 30. Venus. Spika wird am 10., Antares am 14. vom Monde bedeckt. ! i k s KVerrZräthsel. 1 2 4 Vierbeinig siehst du 1 und 3, SechSbeinig 3 und 4, Won 3 und 2 giebt's mancherlei, Bei Tiscke mundet'S dir. 1 4 wachst draußen auf dem Feld, Es nährt so Mensch wie Thier, Gedeiht cö, hat der Bauer Geld, 4 2 siehst du an dir. Lösung der Schachaufgabe in Nr. 48: Weiß. Schwarz. 1. K. 66-65 : 2. T. §3 L6 ! rc. «-SSWLS-- ^L51. 1894 . „Augsburger Postzeitung". Diustag, den 26. Juni Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttlcr). Zm Laune alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) V. „Es darf Sie nicht genieren, Herr Baron, wenn unsere Fahrt uns in Geschäftslokale führt, die ein anständiger Mann nur höchst ungern betritt." „Und wohin fahren wir?" „Wir machen die Runde bei verschiedenen Pfandleihern, die mehr oder weniger im Verdachte der Hehlerei stehen. Wenn wir Glück haben, so finden wir Uhr oder Kette oder beides bei einem derselben." Dieses Gespräch fand in einer Droschke statt, in welcher der Baron von Sturen mit einem in Civil gekleideten Kriminalbeamten saß. Er hatte den an ihm verübten Diebstahl der Kriminalpolizei gemeldet und eine genaue Beschreibung der vermißten Gegenstände zu Protokoll gegeben. Daraufhin wurde einer der Beamten beauftragt, den gestohlenen Gegenständen nachzuforschen, und dem Baron anheimgestellt, ihn zu begleiten, um günstigen Falles sein Eigenthum sogleich recognosciren zu können. „Wird ein Geschäftsmann aber Werthsachen, die er mit seinem Gelde bestehen oder gekauft hat, gutwillig herausgeben?" fragte Wolfgang den Beamten während der Weiterfahrt. „Vor der Kriminalpolizei streckt jeder Pfandleiher ohne Weiteres die Waffen. Auch wird er sich wohl hüten, auf einen Gegenstand von größerem Werthe Geld herauszurücken, wenn er es nicht mit einem ganz vertrauenswürdigen Kunden zu thun hat. Erscheint ihm dieser verdächtig, so giebt er keinen Heller her, bis der Gegenstand in andere Hände gewandert ist. Oft sind die gestohlenen Sachen, noch ehe die Polizei vom Diebstahle Kenntniß hat, schon wohlverpackt auf dem Wege zu einem auswärtigen Trödler. Hätten Sie uns gleich gestern Abend von dem Diebstahle Anzeige gemacht, Herr Baron, so konnten wir sofort Nachforschungen in den Verbrecherklappen anstellen und jeden durchsuchen, ! den wir dort fanden." ^ „Man sagte mir, die Bureaux der Kriminalpolizei seien bereits geschlossen," entgegnete der Baron, „doch würde ich . . ." „Wir sind zu jeder Stunde der Nacht zu haben," unterbrach ihn der Beamte lächelnd. „Doch würde ich in einem gewissen Weinlokale den Kriminalkommissär Nuglisch treffen." „Nuglisch?" fiel ihm der Beamte wieder in's Wort. „Es giebt in ganz Berlin keinen einzigen Kriminalbeamten, der Nuglisch heißt. Wer hat Ihnen so etwas gesagt, Herr Baron?" Wolfgang erzählte die Begegnung mit dem Assessor, und da sein Begleiter ihm immer neue Fragen vorlegte, so berichtete er nach und nach alles, was sich in der Weinstube zugetragen hatte. Auch das Kartenspiel, an welchem er theilgenommen hatte, mußte er genau beschreiben. Der Beamte hörte aufmerksam zu, ohne mit einer Miene zu zucken. Dann sagte er: „Herr Baron! Sie sind von einem Spitzbuben an den andern gerathen. Der junge gefällige Mann, der sich Ihrer so hilfreich annahm, war ein abgefeimter Gauner, so gut wie jener, der Ihnen Uhr und Kette abnahm. Haben Sie noch nie von den Berliner „Bauernfängern" gehört?" Der Baron fuhr betroffen zurück. „Oft genug schon. Aber wäre es denkbar, daß . . ." „An solche sind Sie leider gerathen," fuhr der Beamte fort. „Jener angebliche Assessor war ein sogenannter „Schlepper", dessen Aufgabe es ist, auf geeignete Opfer zu fahnden und diese unter plausiblem Vorwand in das Nest der „Habsburger" zu schleppen. Die drei würdigen Herren waren seine guten Freunde." „Da habe ich freilich ein etwas hohes Entrse für eine gut gespielte Komödie bezahlt," lächelte Wolfgang, mehr über sich selbst belustigt als ärgerlich. „Und wie mag wohl dieses famose Spiel heißen?" „Sie haben mit jenen Herren „Kümmelblättchen" gespielt, Herr Baron. Doch da sind wir bei unsrer ersten Etappe angelangt." Er klopfte an das Fenster hinter dem Kutscher. Die Droschke hielt. „Nückkaufsgeschäft von Moses Nathansohn," lautete die verwitterte Firma über einer unscheinbaren schmalen Ladenthür. Der Baron trat mit seinem Begleiter in den Laden. Nathansohn stand hinter einer Ladentafel. Er war ein hagerer Mann mit gelbem Gesicht und schwarz und grau melirtem, nachlässig sich lockendem Haar. Das spitze Kinn lief in einen Zwickelbart aus; die stark gebogene Nase, die kleinen, dunkeln, glänzenden Augen vollendeten das orientalische Gepräge. Als er den ihm wohlbekannten Kriminalbeamten erblickte, funkelte in den kleinen Augen etwas wie Uebe raschung und Mißvergnügen auf. „Na, Nathansohn," redete ihn in cordialem Tone der Beamte an, der einen scharfen Blick auf ihn geworfen hatte, „Ihr habt etwas für mich. Soll ich rathen? Eine goldene Uhr etwa?" Das Wort traf den Juden wie ein Hieb. „Eine goldene Uhrl" wiederholte er, die Hände zusammenschlagend, in einem schmerzlich vorwurfsvollen Tone, daß der Beamte sich gleich so hoch versteige. „An einer goldenen Kette?" rieth der andere weiter. „Ich schwör's beim gerechten Gott über mir," rief jetzt der Jude, die Hände gen Himmel schüttelnd, „daß ich hab' keine goldene Kette!" „Nun, ereifert Euch nur nicht, Nathansohn. Ich glaube Euch ja. Der Herr Baron hier ist schon mit der Uhr zufrieden. Gebt sie heraus!" Nathansohn wandte sich jetzt an Wolfgang. „Wie soll die Uhr aussehen?" fragte er diesen mit einem durchbohrenden Blicke des Mißtrauens. Es war ein letzter Strohhalm von Hoffnung, an den er sich anklammerte. Der Kriminalbeamte lächelte. Der Baron beschrieb Gehäuse und die Art der Arbeit auf's genaueste. Nathansohn stieß einen Seufzer aus, dann ging er in gebrochener Haltung nach einem kleinen Hinterzimmer. „Wir können von Glück sagen, Herr Baron, daß wir's gleich auf den ersten Wurf getroffen haben," bemerkte der Beamte. „Nathansohn wird sich jetzt da drinnen die Haare ausraufen, daß die kostbare Uhr noch nicht auf dem Wege nach Hamburg oder Leipzig ist." Es währte eine gute Weile, ehe der Jude zurückkam. Er mochte wohl in seiner Klause mit dem Pracht- stück noch ein wenig liebäugeln und blutenden Herzens den Gewinn berechnen, den es ihm hätte bringen können. Endlich kam er, langsam und schlotternd. Er hielt das eorpnL äslioti in beiden Händen, die obere über der unteren zusammengeschlossen. „Was für Zahlen sind auf dem Zifferblatt?" in- quirirte er den Baron, die Hände noch fest übereinander schließend. „Römische oder deutsche?" „Es sind römische Zahlen," antwortete Wolfgang. Der letzte schwache Hoffnungsschimmer war erloschen. Die rechte Hand des Juden, welche die Uhr bedeckt hielt, sank wie eine Hülle herab, und auf der flachen Linken lag Wolfgangs prachtvolles Erbstück. „Nathansohn," sagte der Krimtnalbeamte mit einem siegreichen Lächeln, „diesmal seid Ihr nicht früh genug aufgestanden." Da aber kamen alle bisher zurückgedrängten Gefühle des Juden, die schmerzliche Entsagung und das Bewußtsein, dem eisernen Zwange der Pflicht gehorcht zu haben, zum Ausbruch. „Herr Cowmissarius!" rief er mit blitzenden Augen und die bebende Hand vor die Brust schlagend, „Mo ses Nathansohn ist ein ehrlicher Mann!" „Daran zweifelt niemand, Nathansohn," entgegnete der Beamte, den Aufgebrachten beschwichtigend auf die Schulter klopfend, „ich weiß, daß Ihr ein Ehrenmann seid, welcher seine Pflicht kennt, ich weiß auch, daß Ihr die Uhr nicht angenommen habt, ohne vorher Einsicht in die Legitimation des Ueberbringers zu nehmen, schade nur, daß die Legitimation selbstverständlich gefälscht oder gestohlen war." Der Jude machte eine bedauernde Handbewegung, als wollte er sagen: „Dafür kann Moses Nathansohn nicht!" Mit verbindlichem Lächeln kam er jetzt, die Hände reibend, hinter seinem Ladentische vor und schritt auf Wolfgang zu. Sein Wesen war völlig umgewandelt. „Wollen der gnädige Herr Baron nicht die Gefälligkeit haben," redete er diesen an, ein tiefes Kompliment machend, „mir Ihre Adresse zurückzulassen? Man kann nicht wissen, ob nicht einer auch noch käme mit dem schweren goldenen Uhrkettchen. Ich könnte dann den gnädigen Herrn Baron sogleich benachrichtigen." Wolfgang nannte ihm seinen Namen und sein Hotel. Des Pfandleihers tiefe Bücklinge wollten kein Ende nehmen, als Wolfgang mit seinem Begleiter der Ladenthür zuschritt. Sogar bis an die Droschke folgte er ihm, stolze Seitenblicke versendend, ob die Nachbarn auch sähen, welch' vornehmen Besuch Moses Nathansohn gehabt hatte. „War mir eine große Ehre, Herr Baron, eine sehr große Ehre!" rief er noch dem Einsteigenden nach und schien, während der Wagen sich in Bewegung setzte, in einem tiefen Bückling erstarrt zu sein. „Nathansohn wird Sie jedenfalls heimsuchen," sagte der Kriminalbeamte, „um Ihnen vorzuschwindeln, er habe an der Uhr viel Geld verloren. Lassen Sie sich nicht breitschlagen, Herr Baron!" VI. Als Wolfgang einige Stunden später in seinem Zimmer beschäftigt war, die Berichte seiner beiden Gutsverwalter zu lesen, klopfte es leise an seine Thür. Es war die Gestalt Moses Nathansohn's, der sich in demüthig gebeugter Haltung hereinschob. Wäre nicht der Zwickelbart gewesen, der das Gesicht des Hebräers nach unten so eigenthümlich zuspitzte, daß dem Baron schon vorher unwillkürlich der Vergleich mit einem Papierdrachen gekommen war, er würde den Eintretenden nicht gleich wieder erkannt haben. Der Pfandleiher trug schwarze Kleidung, dazu tadellose Wäsche, deren blendende Weiße die übermäßig langen Manschetten wahrscheinlich mit Fettschrift hervorheben sollten, eine Krawatte von himmelblauer Seide, auf welcher eine Busennadel wie ein grünes Hundeauge funkelte; mit der rechten Hand strich er wie liebkosend einen niedrigen feinen Cylinderhut, um den Glanz noch zu erhöhen. Er verneigte sich fast bis zur Erde. „Nun, Herr Nathansohn," empfing ihn Wolfgang lächelnd, „ist Ihnen schon etwa die goldene Uhrkette in's Revier gelaufen." „Nein, gnädigster Herr Baron," antwortete der Jude, fortwährend in einem Cyclus unterwürfiger Verbeugungen begriffen, „'s is noch keiner mit dem schweren Kettchen gekommen, und 's wird auch keiner mehr kommen." Wolfgang wollte den Besuch des Pfandleihers möglichst abkürzen und sich und ihm eine weitschweifende Einleitung ersparen. „So sind Sie gewiß gekommen, Herr Nathansohn," sagte er, „um mir mitzutheilen, daß Ihnen durch die Herausgabe meiner Uhr ein Verlust erwachsen ist." „Nein, Herr Baron, deßhalb bin ich nicht gekommen." In der Art, wie er die Hände beschwörend auf'S Herz legte, sowie in dem erhabenen Lächeln, womit er Figaro doctrt. Nach dem Gemälde von A. Bihari. 392 die Bewegungen begleitete, lug etwas Pathetisches. „Wenn Moses Nathansohn verliert sein Geld, so is das seine Sache," fügte er hinzu. Er trat mit einer gewissen Feierlichkeit näher heran, zog ein Etui von Maroquin aus seiner Brusttasche, legte es geöffnet auf den Tisch, an welchem der Baron saß, und zeigte auf ein Paar sehr schöner Brillantohrringe. Nathansohns Augen selbst strahlten vor Vergnügen, wahrend sie bald auf dem Schmucke, bald auf dem verwunderten jungen Manne weilten. „Sehr schön," sagte dieser, „in der That wunderschön! Aber was soll ich damit anfangen?" „So vornehme junge Herrn, wie der Herr Baron," sagte der Jude mit schlauer Miene, „können immer Brillantohrringe brauchen. Jede Dame, der Sie wollten machen ein Geschenk damit, würde sagen: Gott, was sind se schön! Und der Herr Baron sollen haben die Sächelchen spottbillig." „Herr Nathansohn," entgegnete Wolfgang, „selbst wenn ich diesen Schmuck brauchen könnte, würde ich mich doch bedenken, ihn zu kaufen; es ist mir ja zur Genüge bekannt, daß Sie ein ehrlicher Mann sind; aber können Sie denn selbst wissen, ob die Person, von der Sie diesen Schmuck haben —" „Ich verstehe den Herrn Baron," nickte Nathansohn, die Augen schließend, „ich verstehe! Aber ich kann Sie versichern, daß Sie sind im Irrthum. Die Sächelchen sind nicht mein. Ich verkaufe sie für einen Andern." „Wirklich?" fragte Wolfgang, „wäre es wohl in- discret, wenn ich frage, wem die Ohrringe gehören?" „Sie gehören einer so schönen jungen Dame, wie's vielleicht giebt keine zweite in ganz Berlin," versetzte Nathansohn. Die Dame sei aus guter Familie, erzählte er, die Eltern seien todt, und das Wenige, was sie hinterlassen, habe der um zwei Jahre ältere Bruder durch- gebracht. Die Dame ernähre sich durch Zeichenunterricht und müsse dabei auch für den Unterhalt ihres Bruders sorgen, der ein vollendeter Taugenichts sei. Da ihre dürftigen Einnahmen hierzu nicht ausreichten, so sehe sie sich endlich genöthigt, diesen Schmuck, das letzte theure Andenken an ihre Mutter, zu veräußern. „War die Besitzerin dieser Ohrringe selbst bei Ihnen?" wollte Wolfgang wissen. „Sie hat mir gebracht die Dingelchen in eigener Person," nickte der Pfandleiher. „'s war das erstemal, daß ich se hab' gesehen. Das Jüngelchen kenn' ich schon lange, es hat mir verkauft von dem Hausrath ein Stück nach dem andern." Wolfgang war entschlossen, den Schmuck zu kaufen, den jungen leichtsinnigen Mann aufzusuchen und zu sehen, ob er durch ihn nicht etwas für die Schwester thun könne „Ich bin nicht abgeneigt, Herr Nathansohn, das Geschäft mit Ihnen gleich abzuschließen," erklärte er, indem er zugleich die Absicht hatte, dem Juden auf den Zahn zu fühlen, „doch müßte ich die Bedingung stellen, daß Sie mir Namen und Wohnung des jungen Menschen angeben. Ich möchte ein paar Worte über seine Angelegenheiten mit ihm sprechen." „Hab' ich mir doch gleich gesagt heute Vormittag, als der Herr Baron mir die große Ehre erwiesen, — Moses Nathansohn, hab' ich mir gesagt: Du hast gefunden den Engel, der dem armen schönen Fräulein aus ihrer grausamen Noth hilft. Warum soll ich dem Herrn Baron nicht sagen wie se heißt und wo se wohnt mit ihrem Bruder, dem leichtfertigen Jüngelchen?" „Schreiben Sie mir die Adresse auf, Herr Nathansohn," erwiderte Wolfgang, indem er dem Besuche Schreibmaterial hinschob, „und nennen Sie mir den Preis der Ohrringe." Der Jude nannte den Preis, wobei er den Baron mit einem prüfenden, berechnenden Blick aus seinen kleinen, lüstern glänzenden Augen ansah. Als dieser sich erhob, um nach seiner Cassette zu gehen, schrieb Nathansohn die Adresse des Geschwisterpaares mit großer Umständlichkeit nieder. Wolfgang zählte ihm die geforderte Summe hin. „Gott vergelt's dem Herrn Baron tausendmal!" dankte Nathanson wie für eine ihm erwiesene Wohlthat und strich unter wiederholten Verneigungen die blanken Goldstücke schmunzelnd ein. Er wandte sich zum Gehen. „Wenn der gnädige Herr Baron sonst 'was brauchen," sagte er, auf dem Wege zur Thür mehrmal stehen bleibend. „Junge, vornehme Herren sind oft Freunde von Alterthümern, da hab' ich zum Beispiel," begann er an den Fingern herzuzählen, „eine echte Damascenerklinge, die noch aus der Zeit Timur's stammt, — eine altgriechische Vase von der Insel Melos —" „Gut, gut, Herr Nathansohn," unterbrach ihn lächelnd der Baron, „sollte plötzlich der Geist der Antike über mich kommen, werde ich Sie um einige Citate aus Ihrem Kataloge bitten. Augenblicklich bin ich noch zu sehr mit der Gegenwart beschäftigt." Noch einmal krümmte sich die Gestalt Moses Nathan- sohn's an der Flügelthür zu einem tiefen Kompliment zusammen. Dann war er verschwunden. . . . Wolfgang griff nach dem von Nathansohn beschriebenen Zettel. Straße und Hausnummer in einer Vorstadt waren darauf bezeichnet. Der Name des Geschwisterpaares lautete Nettberg. Am nächsten Vormittag begab sich der Baron nach dem ihm bezeichneten Hause, einer vielstöckigen Miethskaserne in einer weit entlegenen Vorstadt. Die Treppenfenster öffneten sich auf einen sogenannten Lichthof, der nichts als ein zwischen Vorder- und Hintergebäude eingekeilter Schacht war, wo die Luft stagnirte und das Licht nur spärlich einzudringen vermochte. Auf den Treppen balgten sich Kinder in zerfetzten Kleidern herum; auf einem der Corridore waren zwei Flurnachbarinnen in einem wüthenden Wortgefecht begriffen. (Fortsetzung folgt.) Reise-Skizze des bayerischen Pilgerzuges nach Lourdes 1894. Ll. Palästina, mit seinen hochheiligen Orten Jerusalem, Bethlehem, Nazareth u. s. w., die durch das Leben und Leiden unseres Erlösers geweiht sind, war seit 18 Jahrhunderten das Ziel von Millionen Wallfahrern; man erinnere sich nur an die Kreuzzüge im Mittelalter, wo Hunderttausende dorthin gewaltet sind. Jerusalem mit dem Oelberg, Kalvarienberg und dem Grabe des Heilandes, ist gewiß der erste Wallfahrtsort der Welt, und wird derselbe seit einigen Jahrzehnten wieder häufiger von Pilger-Karawanen besucht; vor 4 und 5 Jahrzehnten veranstaltete der Severinusverein von 393 Wien ab solche Karawanen, — später arrangirte Mon- signor Geiger in München, bayerische Pilgerkarawanen; an der 3., im Jahre 1880, hat Verfasser dieses sich betheiligt und in den Unterhaltungsblättern der Augs- burger Post-Zeitung und der Neuen Augsburger Zeitung über diese hochinteressante Reise berichtet; Heuer war nach Ostern bereits die 17. Karawane dorthin abgegangen, ab München. Außerdem veranstaltet der deutsche Palä- stina-Vercin seit 2 Jahren eine Jerusalcms-Wallfahrt. Aber nicht Viele haben 6—8 Wochen Zeit und etwa 1000 Mark zur Verfügung, die hiezu benöthigt sind. Der zweite berühmteste Wallfahrtsort der Welt ist die ewige Stadt Rom, mit den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus, dem ungeheuren St. Petersdom, und 368 Kirchen, Kolosseum, Vatikan, den Katakomben und den großen Ruinen des alten Rom u. s. w. Seit 1868, dem Jahre der Sekundiz des höcbstsel. Papstes wickelten Verkehrsmittel, Eisenbahnen, Dampfschiffe, die Ausführung der Wallfahrt in 2—3 Wochen ermöglichen, bei einem Aufwand von 150 bis 200 Mark ab Bayern, von wo 1890 ein großer Pilgerzug abging. Im Februar 1894 ist in mehreren Zeitungen (A. Postztg., N. A. Ztg., Bayer. Kurier u. a.) wieder eine Einladung ergangen zu einem zweiten bayerischen Pilgerzug seitens eines Pilger-Comites: Pfarr-Vikar A. Beyrer in Rohr, Dierektor, Pfarrer G. Hackl in Steindorf, F. Sibold in Augsburg, Kassier, C. Sontheim in Oberdorf b. B., I. Präg, Schul-Expositus in Lindach u. s. w. Es erfolgten 486 Anmeldungen zu dem Extrazug Buchloe—Lourdes für die Zeit vom 10. bis 21. April ds. Js.; drei Viertel derselben aus Bayern, ein Viertel aus andern Ländern (Württemberg, Westphalen, Schlesien, Erzh. Oesterreich, Ungarn, Körnten, Böhmen, Dyrol, Vorarlberg, Hamburg, Schweiz). Aus Bayern Immenstadl. MM ^ 7 .- 7 ./.' Pius IX., wurden öfter große Pilgerzüge arrangirt, auch 1870, zur Zeit des Vatikanischen Concils, wo auch Verfasser Rom besuchte, bis zur Sekundiz des glorreich regierenden Papstes Leo XIII. und dessen Bischofs-Jubiläum 1893, weshalb der damals geplante Lourdcs-Pilgerzug verschoben wurde. Tausende von Katholiken Deutschlands sind bereits nach Rom gereist, um dem hl. Vater den Tribut ihrer tiefsten Verehrung zu zollen. Nach Jerusalem und Rom ist der dritte berühmteste Wallfahrtsort der Welt in Süd-Frankreich die Stadt Lourdes in den Pyrenäen, dorten der Felsen der Massabielle mit seiner Grotte, dem Erscheinungsorte der „Unbefleckten Empfüngniß", wie sie selbst dem begnadigten Hirtenmädchen Bernadette Soubirons 1854 sich geoffenbart hat. Diese Grotte, die herrliche Basilika auf dem Felsen, mit ihrer Krypta-Kirche und der vorgebauten Rosenkranz- kirche, ist das Ziel von Hunderttausenden Wallfahrern gewesen und wird es bleiben, zumal unsere so sehr ent- waren vertreten: München, besonders Augsburg mit Umgebung (Lechhausen, Friedberg, Oberhausen, Kriegshaber, Merching, Laimering,Derching, Biberbach). Aus Schwaben mehrere Städte: Kempten, Kaufbeuren, Jmmenstadt, ferner Sonthofen, Wertach, Oberdorf b./B., Wiggensbach, Seeg, Hindelang, Langerringen, Mödingen, Kettershausen, Schretzheim, Maihingen u. s. w.; ferner aus Oberbayern: Traunstein, Wasserburg, Ließen, Weilheim, Aibling, Freising, Schrobenhausen, Wolnzach, Nosenheim, Nym- phenburg, Miesback; aus dem übrigen Bayern: Landshut, Amberg, Würzburg, Aschaffenburg, Passau, Waldsassen, Pfarrkirchen u. s. w. Unter den Pilgern waren über die Hälfte dem weiblichen Geschlechte angehörig, Frauen, Jungfrauen, Wittwen, auch Damen höherer Stände; ferner über 30 Geistliche und Alumnen, einige Beamte, Kaufleute, Oekonomen, Ingenieurs, Handwerker, Gutsbesitzer, Privatiers, Dienstboten, Arbeiter u. s. w. Zwölf Procent Kranke und Kränkliche. Der Preis für die Eisenbahn-Billets II. Klasse ab Buchloe bis Lourdes und zurück war auf 105 Mark festgesetzt, für Billets III. Klasse 77 Mark, gewiß eine mäßige Summe für eine Bahnstrecke von 1400 Kilometer, hin und her zusammne 2800 Kilometer. Wer für sich oder mit einer Gruppe reisen will, kann ein Rundreisebillet bestellen für Schweiz und Frankreich; ebenso sind in Lyon Pilgerbillets nach Lourdes zu haben. Nachdem nun diese Pilgerreise nach Lourdes vom 10. bis 21. April mit Gottes Hilfe glücklich ausgeführt worden, möchten wir hierüber eine Reise-Skizze geben (nicht Neisebeschreibung), welche vielleicht künftigen Pilgern willkommen sein mag, aber auch Solchen von einigem Interesse sein dürfte, welche nicht selbst nach Lourdes pilgern können. Es ist wohl zu beherzigen, daß diese große, etwas beschwerliche Wallfahrt eine Bußreise, kein Vergnügungszug ist; man muß sich gefaßt machen auf verschiedene Reisestrapazen, ungewohnte Beschwernisse; auf der Hinreise war nur in Lyon Nachtlager geplant, auf der Heimreise in Einsiedeln; sonst nur bisweilen, bei großen Stationen, ein kurzer Aufenthalt; doch sind die Beschwerden in Wirklichkeit nicht so groß, als Manche meinen, wie auch unsere Mitpilger bezeugen werden! Allen wurde ans Herz gelegt: Gehorsam gegen die Leiter der Wallfahrt. Da in der Schweiz und in Frankreich demsches Geld nur mit großem Verlust angenommen wird, mußte man sich schon zu Hause mit französischem Goldgelde (den sog. Napoleons) versehen, ebenso mit Silber- und Kleingeld, bei Bankhäusern. Paßkarte war nicht benöthigt, ist aber doch anzurathen. Gepäck durfte man nur nehmen, was man selbst tragen konnte, Handkoffer, Handtasche, weil alles Uebrige als Passagiergut aufgegeben werden mußte. Außer der Reisekleidung am Leibe war uns ein Ueberrock (Shaw!) empfohlen, da das Klima in Lourdes im Frühjahre nicht allzuwarm ist, Abends öfter kühl. Auch mit Speisen für den Hinweg versahen wir uns, und leistet eine Flasche zum Wein oder Wasser gute Dienste. Es war ein bewegtes Leben in Buchloe, diesem wichtigen Knotenpunkt der Bahnlinien Lindau— München, Mcmmingcn—Augsburg, von wo auch die gemeinsame Abfahrt geschehen sollte, am 10. April. Viele, die weither gereist waren, hatten sich schon am Vorabend eingefunden und in den dortigen Gasthäusern übernachtet. Dieselben wohnten der vom Hochw. Herrn Director Morgens 5 Uhr celebrirten hl. Pilgermesse bei in der schönen Pfarrkirche, um eine glückliche Pilgerfahrt zu erbitten. Viele, so hörte man, hatten sich abhalten lassen durch die Besorgniß, es möchten sich ähnliche unliebe Vorkommnisse, wie 1890 im Bahnhof in Beziers, wieder ereignen; unsere Pilger waren voll Gottvertrauen und Muth; wohl auch im Hinblick auf den Umstand, daß den Pilgerzügen nach Lourdes, die seit 30 Jahren üblich sind, nie ein Unfall auf den Eisenbahnen begegnete; wunderbar war es, daß bei dem einzigen Zusammenstoß des Pilgerzuges von Niont (700 Fahrgäste) mit einem Expreßzuge bei Agos am 3. Juli 1876 Niemand getödtet oder schwer verwundet wurde! Die Mutter Gottes beschützt ihre frommen Kinder und Pilger. (Fortsetzung folgt.) — 1 > > > -»- Jmmenstadt. (Hiezu das Bild Seite 393.) Nach der Sage hatten da, wo jetzt auf lieblichem Plane das schwäbische Städtchen Jmmenstadt zu den Bergen aufschaut, ein paar Jmmenbauern im Schatten gewaltiger Lindenbäume ihre Wohnungen aufgeschlagen. Die Bewohner derselben trugen, weil ihr Ertrag größtentheils nur in der Bienenzucht bestand, den noch immer in dieser Gegend vielfach vorhandenen Stammnamen Jmmler, und es ist glaublich, daß von ihnen der Ort im Verlaufe der Zeit den Namen „Jmmendorf" erhalten. Urkundlich erscheint „Jmmendorf" zum ersten Male im Jahre 1269. Der eigentliche Grundherr von Jmmendorf war der Besitzer der Burg Laubenbergerstein. Wahrscheinlich wurde Jmmendorf im Jahre 1360 durch die Thätigkeit Heinrich von Montforts, Herrn zu Rothenfels, zur Stadt erhoben. Kaiser Karl IV. erlaubte dem Grafen Heinrich, die neue Stadt zu befestigen, und verlieh derselben das Recht von Lindau. Damals bestand das Städtchen außer einigen steinernen Gebäuden fast nur aus von Holz und Lehm gebauten Häusern. Der Ort war aber nicht nur durch Mauern und Gräben vor feindlichen Ueberfällen geschützt, sondern auch noch durch Schanzen oder sog. Vorwerke sehr gut gesichert. Im Jahre 1407 zogen Appenzeller, mit denen man in Fehde lag, vor Jmmenstadt, konnten es aber nicht einnehmen. Als zudem der oberschwäbische Adel sich sammelte und den Appen- zellern den Rückzug zu verlegen drohte, gaben sie die Belagerung von Jmmenstadt gänzlich auf und eilten dem Bodensee zu. Die Verfassung von Jmmenstadt während des Mittelalters war einfach. An der Spitze der Stadt stand ein Stadtammann. Neben demselben bestand ein Rath von 12 Mitgliedern, der, wie jener, von der Bürger- schaft alljährlich gewählt wurde. Zunftverfassung hatte Jmmenstadt nicht, ebensowenig ein eigenes Stadtgericht. 1422 erhielten die Grafen von Montfort-Rothenfels vom Kaiser das Privilegium, in Jmmenstadt ein Landgericht zu errichten. Späterhin wurden die Jmmenstädter steuerbare Unterthanen von Rothenfels. Mit Ende des 15. und zu Anfang des 16. Jahrhunderts stand bei den Bürgern zu Jmmenstadt Viehzucht und besonders Leinwandweberei in schönem Flor. Im Bauernkriege waren die Jmmenstädter bauernfreundlich gesinnt. Als die Bauern des Algäu's sich erhoben, stellte sich auch aus Jmmenstadt's Mauern ein Bürger als Führer an die Spitze eines ihrer Haufen, es war Konr. Laubegg. Graf Ulrich v. Montfort verkaufte die Grafschaft Rothenfels mit Jmmenstadt an den Freiherrn Johann Jakob v. Königsegg. Unter der Regierung des Freiherrn Georg v. Königsegg und seines Sohnes Hugo hatte Jmmenstadt sehr an Umfang zugenommen. 1629 wurde der Dachstuhl der Pfarrkirche aufgerichtet. 1632 im September flüchteten die meisten Bewohner des Städtchens vor den heranziehenden Schweden. Zwei Regimenter zu Pferd und ein Regiment zu Fuß brachten zwei Nächte und einen Tag in Jmmenstadt und Umgebung zu, was die Stadt 13,000 Gulden kostete. Wie unverschämt sich die Schweden in Jmmenstadt und nächster Umgebung benahmen, geht daraus hervor, daß sie 600 Stück Kühe und Ochsen hinwegführten. Dann nahmen sie noch eine großartige Plünderung vor, bei welcher mehrere Personen niedergemacht wurden. Nach dem Schwedenkciege stiftete Graf Hugo das Kapuziner- Kloster zu Jmmenstadt. Er starb im Dezember 1666 und wurde in der Klosterkirche zu Jmmenstadt begraben. Als 395 — zu den Zeiten des 30jährigen Krieges durch Raub und Verheerung der Schweden in den friedlichen Thälern des Gebietes von Jmmenstadt eine gräßliche Hungersnoth und die Pest wüthete, gab ein Priester, Konrad Frei, den Rath, öffentliche Volksbelustigungen anzustellen, um die in Trauer und Schrecken versunkenen Gemüther wieder zur Lebensfreude anzuregen. Der Rath ward angenommen und alsbald in's Werk gesetzt. Man zog mit Musik in versammelten Schaaren auf den Marktplatz, hielt öffentliche Umzüge, Tänze, Vermummungeu und fand allgemein Vergnügen und — die ersehnte'Hilfe. Darum hielt man noch viele Jahre zum bleibenden Andenken an jene höchst trüben Zeiten auf dem Marktplatz zu Jmmenstadt und in den vornehmsten Straßen öffentliche Umzüge und Volksbelustigungen, die nach ihrem Ursprünge „Pesttanz" genannt wurden. Man gab sich aber nicht nur der Lustbarkeit hin, sondern man betete auch viel, und seit der Pestzeit wird selbst heutzutage noch an jedem Abend in der Stadtpfarrkirche ein Rosenkranz gebetet. Unter der Regierung von Hugo's Nachfolger, des Grafen Leopold, erhob sich Jmmenstadt wieder zu schönster Blüthe. Am 4. Juli 1679 wüthete in Jmmenstadt eine große Feuersbrunst, der 50 Häuser und 2 Menschenleben zum Opfer fielen. Am 26. August 1704 waren vornehme Gäste beim Grafen zu Besuch, und in der Stadtpfarrkirche wurde ein großes Fest gefeiert. Den Gästen zu Ehren ward mit Böllern nahe bei der Pfarrkirche geschossen. Brennendes Papier flog auf das mit Scharrschindeln gedeckte Kirchendach, und dasselbe fing Feuer, die ganze Kirche brannte ab. 1707 fand die Einweihung der neugebauten Pfarrkirche statt. Am 24. August 1796 wurde Jmmenstadt von den Franzosen mit Sturm genommen. 1800 wüthete dortselbst die Rinderpest und verlor die Stadt nicht weniger als 400 Stück Rinder. 1806 fiel Jmmenstadt an Bayern. Am 10. März des genannten Jahres wurden die allerhöchsten Kundmachungen verlesen und die bayerischen Wappen angeschlagen. In dem ehemaligen Schlosse befinden sich heute das k. Amtsgericht und k. Rentamt. Unter den sonstigen Baulichkeiten find hervorzuheben: die Stadtpfarrkirche, im Rokokostile erbaut, die Kapuzinerkirche, das Friedrichsbad u. a Jmmenstadt zählt ca. 2900 Einwohner, die Gesammtpfarrei (mit etwa 10 Filialen) 3650 Seelen und ist seiner reizenden Lage wegen als Sommeraufenthalt beliebt und viel besucht. Unser Bild ist nach einer Photographie des Herrn Photographen R. Ebert in Kempten. -I-v-I- GotdkSrner. Das Gedächtniß mag immer schwinden, wenn nur das Urtheil im Augenblick nicht fehlt. Goethe. -itWI- Figaro docirt. (Zu unserem Bild Seite 391.) Mit viel Humor und Komik hat A. Bihari unter dem Titel „Figaro docirt* eine Scene dargestellt, welche in der Stube eines Dorfbaders sich abspielt. Wir sehen da, wie der Meister und seine bessere Hälfte eben beschäftigt sind, ihres Handwerks zu walten. Ein Bäuerlein betrachtet vor dem Spiegel sein glatt rastrtes Antlitz, mit dem Tuche sich abtrocknend, während eine Anzahl „Kunden* herumstehen und geduldig harren, bis die Reihe an sie kommt. Der Barbier ist ein gelehrtes Haus und in gar manchen Wissenschaften beschlagen. Was er vor den Männern da docirt, ist jedenfalls ein interessantes und unterhaltendes .Thema; das sagen uns die schmunzelnden Gesichter seiner Zuhörer. --- Früher Clown! Eine Kellnergeschichte in 9 Bildern. „Gehorsamer Diener!* „Sie gestatten!" V „Bitte — ein Glas Sherry!" Menü! der Braten! Mittel, leicht oder kräftig? Eine Cigarre! Leicht? — Bitte hier! „Ah — vorzügliches Aroma!" Habe die Ehre, mich zu empfehlen! ! M 52. Ireitag, den 29. Juni 18942 Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttlcr). Im Lanne alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Im vierten Stockwerk stieß der Baron auf eine Frau, welche dem Redekampfe unter ihr zu lauschen schien. Auf seine Frage, ob Herr Nettberg hier wohne, führte sie ihn nach einer der nächsten in den Corridor Mündenden Thüren. Auf ihr Anklopfen erfolgte keine Antwort. Die Thür war jedoch unverschlossen, und Wolfgang ward von der Frau in das Zimmer geführt. Es befand sich niemand darin. „Herr Rettberg wird ausgegangen sein," sagte die Frau — wahrscheinlich die Wirthin — „aber das Fräulein" — sie schritt nach der Thür und klopfte. „Fräulein Nettberg," rief sie hinein, „bitte, es ist jemand da." Mit einem höflichen Nicken gegen den vornehmen Besuch entfernte sie sich wieder und ließ diesen allein. Das Zimmer war dürftig möbltrt, aber überall herrschte die peinlichste Sauberkeit, und es fehlte nicht an allerlei kleinen Zierathen, wie eine geschickte weibliche Hand sie hervorbringt, um selbst den einfachsten Wohnraum auszuschmücken. Auf einem Tische beim Fenster stand ein Malkasten, daneben lagen einige halb vollendete, sehr gut gezeichnete Landschaften. Jetzt öffnete sich die andere Thür, und aus dem Nebenzimmer trat eine junge Dame herein, deren Aeuße- res vollständig der enthusiastischen Schilderung Nathan- sohn's entsprach. DaS blonde Haar, welches sich in dichten Locken um ihren Nacken schmiegte, leuchtete im Strahle der durch's Fenster scheinenden Sonne wie pures Gold. Aus dem fein modellirten Antlitz leuchteten unter dunklen Brauen zwei sanfte, himmelblaue Augen hervor, deren schwarze seidene Wimpern dem Blicke etwas Schmelzendes gaben. Ueber das edle, bleiche Antlitz ging ein leiser Zug des Kummers. In ihrem schlanken Wüchse nahm sie sich in dem dürftigen Zimmer wie eine hehre Erscheinung aus. Sie verneigte sich fremd vor Wolfgang und fragte mit einem Blicke, der durchaus kein Vergnügen ausdrückte : „Sie wünschen meinen Bruder zu sprechend Ich glaube, daß er bald kommen wird. Bitte, wollen Sie nicht Platz nehmend" Mit diesen Worten deutete sie kalt auf einen Stuhl. „Vielleicht ist es besser, ich komme später wieder," sagte der Baron; „ich fürchte Sie zu stören." Das junge Mädchen blickte mit halb unentschlossener, halb verlegener Miene auf. „In der That, mein Herr," erwiderte sie nach einer kurzen Pause, „ich weiß nicht, ... ich möchte Ihnen gern sagen . . . Zwar wird mein Bruder böse werden, wenn ich Ihnen sage, was ich denke, aber dennoch —" Wolfgang war über diese unklare Rede nicht wenig überrascht. „Bitte, mein Fräulein, sprechen Sie nur frei heraus," ermuthigte er mit einem fortwährend sich steigernden Interesse an dem anmnthigen und doch so rüthselhaften Wesen. „Gut denn, mein Herr," begann sie ernst, „ich wollte Ihnen sagen, daß ich es vorziehen würde, wenn Sie nicht erst auf meinen Bruder warteten." „Es scheint mir denn doch, Fräulein Nettberg," bemerkte der Baron lächelnd, „daß Sie hinsichtlich meiner Person in einem Irrthum befangen sind." „Sind Sie nicht Herr von Quinna?" fragte die Dame. „O nein! mein Name ist von Sturen." „Herr Baron von Sturen!" nickte sie lebhaft, und der befangene Ernst ihres Wesens verwandelte sich in freudige Ueberraschung. „O, dann sind Sie der Herr, welcher Herrn Nathansohn die Ohrringe abkaufte." Sie erröthete, während sie dies sagte. „Es ist so," nickte der Baron. „Durch Herrn Nathansohn erfuhr ich auch Ihre und Ihres Bruders Lage, welche es erklärlich macht, daß Sie sich jenes Familienandenkens entäußerten." „Ach, Herr Nathansohn hätte dieß nicht sagen sollen," entgegnete sie, das schöne Auge zu Boden senkend. „Er antwortete nur auf meine Fragen. Ich kam hierher ohne die Absicht, mich in Ihr Vertrauen drängen zu wollen, sondern nur, um mit Ihrem Bruder zu sprechen und zu sehen, ob ich etwas für ihn thun kann. Aber jetzt, da ich hier bin, würde es mich doch interes- siren, zu erfahren, wer jener Herr von Quinna ist, für welchen Sie mich anfangs hielten. Ich hoffe, ich gehe durch diese neugierige Frage nicht zu weit?" „Durchaus nicht, Herr Baron," antwortete sie, abermals errathend, „wenn Sie wüßten, was Sie alles gethan haben, indem Sie die Ohrringe kauften, würden Sie — 398 fühlen, daß Sie ein Recht zu Ihrer Frage besitzen. Ich kenne Herrn von Quinna nicht, aber ich weiß, daß er und seine Kameraden die Mitschuld an Edmund's leichtfertigem Leben tragen. Von solchen schlimmen Einflüssen umgeben, ist Edmund, leider muß ich es sagen! — tiefer und tiefer gesunken. Ich bin durch ihn fast bettelarm geworden, und mit jenen Brillantohrringen habe ich ihm mein Letztes geopfert." „Ich habe die Ohrringe bei mir," sagte der Baron, der theilnahmsvoll zugehört hatte. „Sie können sich denken, Fräulein Nettberg, daß es beim Einkauf derselben nicht mein Zweck war, sie zu besitzen, sondern nur einigen Beistand zu leisten. Ich kann Ihnen nachfühlen, daß Sie sich nur mit Schmerz von diesem Schmucke trennten, und bitte Sie daher, ihn wieder zurückzunehmen." Er zog das eingesiegelte Etui hervor und bot es dem jungen Mädchen dar. Dieses trat entschieden zurück, doch nicht ohne einen Blick des Vergnügens. „Nein, Herr Baron," entgegnete sie, „ich kann den Schmuck nicht zurücknehmen ... am wenigsten von ... von . . ." „Von einem Fremden, wollen Sie sagen," nahm ihr Wolfgang das Wort von den schönen Lippen. „Aber ich bin überzeugt, daß dieser Einwand wegfallen wird, wenn Sie mich näher kennen —" „O, dann würde ich vielleicht anders fühlen," versetzte die Dame: „Ach! man begegnet im Leben so selten einem theilnehmenden Herzen!" „Nun, so zeigen Sie, daß Sie ein solches nicht von sich weisen, Fräulein Nettberg, und nehmen Sie diesen Schmuck wieder zurück. Ich kann nichts damit anfangen und vermisse das Geld nicht, welches ich dafür ausgegeben habe. Was mich hierher führte, war der Wunsch, Ihrem Bruder nützlich zu werden. Mag aber nun dieser mein erster Besuch seinen Zweck verfehlen oder nicht, — auf alle Fülle bitte ich Sie, mich wenigstens als Ihren Freund zu betrachten, Fräulein Rettberg." „Als solcher haben Sie in der That gehandelt, Herr Baron!" antwortete sie, während Thränen in den blauen Augen glänzten. „Nun gut," nickte Wolsgang, „und so geben Sie mir den Beweis, daß Sie mich als Freund ansehen, indem Sie diese Ohrrings zurücknehmen. Ich weiß nichts damit anzufangen." Noch ehe er ausgesprochen hatte, näherten sich draußen anf dem Corridore Männerschritte. „Mein Bruder Edmund," sagte das junge Mädchen austauschend, und Wolfgang benutzte den Augenblick, ihr das versiegelte Etui in die Hand zu drücken. Im nächsten Augenblicke öffnete sich die Thür, und ein sehr stutzerhaft gekleideter Herr, etwa in der Mitte der Dreißig, dem ein hinter ihm Folgender den Voran- trttt ließ, trat ein. „Sie wohnen verflucht hoch, Nettberg," wandte er sich mit näselnder Stimme zu seinem Hintermann zurück, „der Teufel hole das Treppensteigen. Buh! buhl" Wie jemand, welcher die Wohnung von Leuten betritt, die einer untergeordneten Gesellschaftsschichte angehören, blieb er, den Hut auf dem Kopfe, ein paar Augenblicke in der offenen Thüre flehen und pustete, ohne sich um die im Zimmer anwesenden Personen zu kümmern. Endlich trat er näher. „Gewiß — Üh — habe ich das Vergnügen mit Fräulein Nettberg — äh — der Schwester meines Freundes?" wandte er sich an das junge Mädchen, seinen Hut abnehmend und eine nachlässige Verbeugung machend. Er beachtete den Baron nicht, zumal sein Auge noch von dem grell zum Fenster hereinbringenden Sonnenstrahls geblendet war, nachdem er von dem dunkeln Corridore hereingetreten. „Mein Name ist von Quinna," fuhr er in seinem näselnden Tone gegen Fräulein Rettberg gewendet fort. Zugleich setzte er seinen Kneifer auf und ein lautes „Ah!" angenehmer Ueberraschung entschlüpfte ihm, da ihm jetzt erst die Augen über die schöne Erscheinung des jungen Mädchens aufgingen. Diese näherte sich dem Baron, als suche sie bei ihm Schutz vor den zudringlich bewundernden Blicken des gespreizten Gecken. Jetzt erst würdigte dieser den Baron größerer Aufmerksamkeit. Er maß den jungen, schönen, mit vornehmer Eleganz gekleideten Mann von Kopf bis zu den Füßen, und je länger er ihn betrachtete, desto finsterer zog sich seine Stirne zusammen. „He! Nettberg! Was soll das heißen?" rief er seinem Freunde zu, indem er auf den Baron deutete. Edmund war langsam eingetreten. Hatte Herr von Quinna vorhin nur eine Erschöpfung affektirt, um zu zeigen, wie wenig er an Besuche in so hoch gelegenen Wohnrüumen gewöhnt sei, so schien Nettberg von dem ihm längst gewohnten Ersteigen der vier Stockwerke wirklich angegriffen zu sein. Sein Gesicht war bleich, seine Brust keuchte, er legte die Hand darauf, als fühle er Schmerz. Er hatte sich inzwischen erholt. Als er jetzt durch Quinna's entrüstete Frage aufmerksam gemacht, den fremden Besucher näher betrachtete, wankte er plötzlich einen Schritt zurück. „Verdammt!" murmelte er hinter den fest aufeinander gebissenen Zähnen. Nicht minder groß, wenn auch ganz anderer Art war Wolfgangs Ueberraschung, denn er erkannte in dem Bruder des jungen schönen Mädchens den vorgeblichen Assessor von Malten. Doch ließ er sich aus zarter Rücksicht für dessen unglückliche Schwester nicht das Geringste merken. „Herr Nettberg," redete er diesen in verbindlichem Tone an, „ich kam hierher, nur mit Ihnen einige Worte über Ihre Angelegenheiten zu sprechen: da ich jedoch finde, daß Sie anderweit in Anspruch genommen sind, so will ich eine günstigere Gelegenheit wählen." „Und wer — äh — wer sind Sie denn, mein Herr?" mischte sich Herr von Quinna ein, indem er sich vor Wolfgang aufpflanzte. „Ich wüßte nicht," gab dieser verächtlich zur Antwort, „weßhalb ich Ihre Frage beantworten sollte; ich kenne Sie nicht und fühle auch durchaus kein Verlangen nach Ihrer Bekanntschaft." „Mein Name ist von Quinna- Herr," rief der Andere. „Ich habe kein Geschäft mit Herrn von Quinna," entgegnete der Baron, „sondern mit Herrn Nettberg." „Aber ich bin Herrn Rettberg's Freund," sagte Quinna giftig. „Es thut mir aufrichtig leid, dies zu hören," erwiderte der Baron ruhig, „denn nach Allem, was ich sehe, scheint diese Freundschaft durchaus nicht Vortheil- haft für ihn zu sein." „Herr!" rief der Andere wüthend, „jetzt bestehe ich — 389 darauf, daß Sie mir Ihre Karte geben. Ich muß Satis- faction haben, Herr — äh —; ich muß Satisfaction haben!" DaS junge Mädchen wollte sich, schreckensbleich im Gesicht, zwischen die beiden Streitenden stellen. „Seien Sie unbesorgt, mein liebes Fräulein!" sprach ihr Wolfgang lächelnd zu. „Mein Herr," wandte er sich hierauf an Quinna, ich gebe nie meine Karte an Leute, welche ich nicht kenne. Wenn Sie der Mann sind, für den ich Sie halte, so soll Ihnen solche Satisfaction werden, wie eine Reitpeitsche sie geben kann. Wenn Sie keine solche Person sind und dies zu meiner Zufriedenheit beweisen, so will ich mich entweder bei Ihnen entschuldigen oder Ihnen auf jede Weise, die Ihnen beliebt, Genugthuung geben. Und jetzt gehen Sie mir aus dem Wege, Herr, sonst könnte ich mich hinreißen lassen, Sie zur Thüre hinauszuwerfen." Mit großer Beweglichkeit machte Herrn von Quinna's etwas kümmerlich gerathene Person dem Baron Platz, dessen Körperformen, bei aller Eleganz, dennoch etwas Nerviges verriethen. „Herr Nettberg," richtete Wolfgang das Wort an diesen, „ich wünsche einige Worte mit Ihnen zu reden, und wenn es Ihnen genehm ist, mich heute Abend zu besuchen, so werde ich mich freuen. Mein Name ist von Sturen," fügte er hinzu und nannte dann auch sein Hotel. Er wußte sehr geschickt den unbefangenen Ton zu treffen, als stelle er sich dem jungen Wüstlinge zum ersten Male vor, und vielleicht glaubte Rettberg auch in der That, der Baron habe in ihm den Assessor von Malten nicht wieder erkannt. Jedenfalls hatte er sein sicheres Wesen wieder gewonnen, und wenn noch ein Nest von Verlegenheit zurückgeblieben war, so verbarg sich derselbe unter einem frechen Lächeln, welches sich durch zwei lange Falten unter dem Ohr ausdrückte und zugleich etwas Hämisches hatte. ^ „Fräulein Nettberg," verabschiedete sich der Baron von der jungen Dame, „ich werde mir ein anderes Mal die Freiheit nehmen, Ihnen meine Aufwartung zu machen." Herr von Quinna hatte während der ganzen Zeit mit einem dummen verlegenen Lächeln dagestanden. „Und nun, Nettberg," sagte er nach der Entfernung des Barons, als wäre nicht das mindeste vorgefallen, „nun führen Sie mich bei Ihrer Schwester in optiwu torwa, ein." „Ich muß jede weitere Einführung ablehnen," entgegnen die junge Dame, sich zurückziehend; „ich fühle durchaus keine Neigung, Herr von Quinna, Ihre Bekanntschaft zu machen, und da ich dies meinem Bruder bereits gesagt habe, so hätte er mir diese Verlegenheit ersparen können." Mit einer kalten Verneigung des Hauptes ging sie in das andere Zimmer und schloß die Thür hinter sich ab. Herrn von Quinna's kleine Gestalt schien sich zu recken, während er mit entrüstetem Erstaunen bald auf seinen Freund, bald nach der Thür blickte, durch welche dessen Schwester verschwunden war. „Sagen Sie mal, Nettberg," fragte er in einem herrischen Tone, als wolle er diesen für das Geschehene verantwortlich machen, was soll denn das alles heißen? Und was wollte jener unverschämte Mensch bei Ihrer Schwester?" „Das hoffe ich selbst erst zu erfahren," gab Nettberg verdrießlich zur Antwort. „Ich kenne ihn nicht. Das Beste wird sein, wenn Sie mich jetzt mit meiner Schwester allein lassen, Quinna. Ich will sie schon zur Vernunft bringen. In einer Stunde treffen Sie mich im Cafä Bauer." „Gut," sagte der andere, „und vergessen Sie nicht, Nettberg," setzte er in leisem, drohendem Tone hinzu, „daß Sie vollständig in meiner Hand sind! Haben Sie verstanden?" Mit diesen Worten schritt er ohne Gruß aus dem Zimmer. Als seine Schritte draußen verhallt waren, klopfte Edmund leise an die Zimmerthür seiner Schwester. „Melanie!" rief er, „Melanie, er ist fort. Komm heraus und laß ein vernünftiges Wort mit Dir reden." Melanie trat mit verweinten Augen heraus. „O, Edmund!" sagte sie vorwurfsvoll, „es wundert mich, daß Du Dich nicht schämst, mich in eine solche Lage gebracht zu haben." „Unsinn, Mädchen, Unsinn!" lachte Edmund. „Sage mir jetzt vor allen Dingen, wie kommt dieser Baron von Sturen hierher? Und was will er von mir?" „Er will Dir helfen, Edmund," rief Melanie, in deren Augen durch die Thränen hindurch neubelebte Hoffnung aufstrahlte, „der alte Nathansohn, von dem er die Ohrringe kaufte, hat ihm von Dir erzählt, und der Baron suchte Dich auf, um Dir seinen Beistand anzubieten." „Den alten Nathansohn soll der Teufel holen, daß er mir Leute auf den Hals schickt, nach denen ich kein Verlangen trage!" rief Edmund. „ES giebt nur eine Person, die mir helfen, die mich vom Untergänge retten kann, — und die bist Du!" „Durch meinen eigenen Untergang soll ich Dir helfen," entgegnete Melanie vorwurfsvoll, „an diesen Herrn von Quinna willst Du mich verkaufen. Mache nicht, daß ich mich selbst verachten muß! Geh' und verlaß mich!" — „Ist das Dein letztes Wort?" fragte Edmund, während es in seinen matten gläsernen Augen unheimlich aufleuchtete, „soll ich mit diesem Bescheid zu meinem Freunde Quinna gehen, der mich —" fügte er, der Schwester in's Ohr flüsternd, hinzu — «in's Zuchthaus bringen kann?" Melanie wurde todtenblaß und sank lautlos in einen Stuhl. Sie ahnte schon längst, daß ihr Bruder sich auf schlimmen Abwegen befand, von denen ihre schwache Mädchenhand ihn nicht zurückzuhalten vermochte. Sie hatte ihm nicht auf seinen verborgenen Pfaden folgen können, aber sie wußte, daß er sich, ganze Nächte ausbleibend, Vergnügungen hingab, die er aus ihrer kärglich versehenen Börse nicht bestreiten konnte; sie hatte oft Besucher bei ihm gesehen, deren heimliches Wesen und verschlagene Physiognomien nichts Gutes verkündeten. (Fortsetzung folgt.) » - ^ ^ -- Goldkörner. Langsam gehe Dir, Freund, dicFreundin„Entschließung" zur Seite, Eilt sie voran, holt bald folgende Neue sie ein. Eine einzige Handlung, unbedacht und leichtsinnig vollbracht, als unbedeutend geachtet, kann entscheidend für ein ganzes Leben werden. Jeremiaö Gotthelf. -- 400 Zur Weltausstellung iu Antwerpen. Von Dr. Joseph Schiesl. (Fortsetzung und Schluß.) Was die Frage anbelangt, ob es richtig war, die Ausstellung in Antwerpen und nicht, wie ursprünglich projektirt war, in Brüssel zu veranstalten, so ließe sich darüber verschiedenes sagen. Sicher ist, daß die Entscheidung für Antwerpen hauptsächlich auf den Umstand zurückzuführen ist, daß diese Stadt vermöge ihrer günstigen Lage an der Scheide den Ausstellern besonders der überseeischen Länder den Transport und die Verladung ihrer Waaren erleichterte. Um nun doch Brüssel, das als die Hauptstadt des Landes ein gewisses Recht beanspruchte, nicht ganz leer ausgehen zu lassen, beabsichtigte man ursprünglich eine Doppelausstellung abzuhalten, und zwar in der Weise, daß die Industrie in Antwerpen, Kunst und Wissenschaft in Brüssel zur Ausstellung kämen. Zu diesem Zwecke wollte man die beiden Städte durch eine elektrische Eisenbahn verbinden, welche die 44 Kilo- meter betragende Entfernung in 10 Minuten durchführen sollte; allein das Projekt scheiterte theils an technischen Schwierigkeiten, theils am Mangel genügender Finan- zirung, so daß Antwerpen der endliche Sieg verblieb. Seine Bedeutung verdankt Antwerpen seiner Lage an der breiten Scheide. Schon zur Zeit Karls V. galt es als die lebendigste und herrlichste Stadt der christlichen Welt, selbst Venedig an Pracht übertreffend. In der Folge aber verlor Antwerpen von seiner Bedeutung, da die beständigen Kriege, in welche es verwickelt war, nicht blos seine Geldkraft schwächten, sondern auch seine Einwohnerzahl verminderten. Erst Napoleon, der die strategische Wichtigkeit dieses Platzes erkannte, hob wieder die gesunkme Stadt; er ließ die großen Hafenanlagen erbauen, Dämme und Schiffswerften Herrichten und die Stadt mit einer doppelten Linie von Festungsgräben umgeben. Damit legte er den Grund zu der Bedeutung, welche Antwerpen heutzutage als eine der stärksten Festungen und größten Seehäfen der Welt genießt. Die holländische Regierung erweiterte zuerst diese Anlagm, ließ sie jedoch später wieder schleifen und erbaute dafür einen einzigen breiten Graben, der in einem weiten Bogen die Stadt umspannt und sich in seinen beiden Endpunkten auf die Scheide und an der Nordseite auf die neuerbaute Citadelle stützt. Der Plan der Kriegsverwaltung bestand darin, Antwerpen im Falle eines Angriffes seitens einer auswärtigen Macht zur DefensivbasiS der gesammten Landesvertheidigung zu machen. Deshalb wurden überall mächtige Schleusen angelegt, welche binnen weniger Stunden den größten Theil der Stadt unter Wasser setzen und so fremden Truppen den Eintritt in die Stadt verwehren konnten. Der Verkehr der Schiffe in Antwerpen ist ein sehr bedeutender. Durchschnittlich liegen täglich 2—300 Schiffe aller Art in den großen Bassins oder an den Docks. Statistischen Erhebungen zufolge verkehrten in Antwerpen im Jahre 1890 gegen 4000 Schiffe, darunter 3000 Dampf- und 1000 Segelschiffe. Die Einfuhr schwankt zwischen 40 und 50 Millionen Francs. Längs des Scheldeflusses ziehen sich die nahezu 4 Kilometer langen Werften hin, an welche sich auf der einen Seite die mächtigen Lagerhäuser anschließen. Die Verladung geschieht zum größten Theile unmittelbar in die Eisenbahn- » wägen, und zwar mittels hydraulischer Krahnen, welche ! ihre Arbeit mit überraschender Geräuschlosigkeit verrichten. ' Besonders zur Zeit der Ankunft der großen transatlan-, tischen Dampfer entfaltet sich hier ein bewegtes Leben' Tausende von Händen sind geschäftig, die Ladung in möglichst kurzer Zeit zu löschen; dazwischen rollen die Eisenbahnwägen, welche die verfrachteten Waaren weiterführen — ein Getöse und ein Gewühl von Menschen, wirr durcheinander und doch nach einem einheitlichen Plane geleitet. In der Regel sind die Schiffe in 15 bis 20 Stunden geleert und gehen dann in die Bassins, um dort von den Strapazen der Reise einige Tage auszuruhen. Wer sich das Treiben aus den Docks ansehen will, dem bietet sich auf der weiten Balustrade, welche sich einige hundert Meter längs des Ufers dahinzieht, der beste Standpunkt. Eine steinerne Treppe führt zu den Promenoirs, von wo aus man eine herrliche Rund- sicht über einen großen Theil der Hafenanlagen, sowie die auf der Scheide liegenden Schiffe genießt. In Mitten dieser Anlagen erhebt sich in gewaltigen Verhältnissen das sogenannte Scheldethor, ein mächtiger, zu Ehren Philipps IV. errichteter Bau, dessen Plan von Rubens entworfen und von Quellin 1624 ausgeführt wurde. Die Inschrift: 0ui la^ns 6t 6-MASS, Rbsnns cul servit st luäus, Lllis kLwlllus §anäst volvsrs Lesläis tziwsgus olim xrvLvo vexit sud vasssrs xuxxos, 8ss vsdit Lllsxicüs, maAllS kliilipps tnis. 8. k. (j. ^lltvsrx. bsne molem äoäio. XVII. erst. Uaji dlUOXXIV. (Ihm, dem der Tcijo und Ganges, dem Rhein und Indus gehorchen, Wälzet der Scheide Gewalt dienend die fröhliche Flulh. Und wie sie einst des Kaisers, des Ahnherrn Flotte getragen, Führet sie jetzt mit Stolz Philipps, des Großen, Panier.) worin der Dichter den „großen Philipp" feiert, wurde allerdings durch die Zeitvcrhältnisse bald überholt; 1640 verlor Philipp Portugal, und 1648 mußte erliste Freiheit der Niederlande anerkennen. Im Innern der Stadt, besonders an den neuangelegten Straßenalleen, Leopold-, Rubens-Straße u. s. w., ist es merklich ruhiger. Erst Abends, wenn die Tausende von Docksarbeitern von der Arbeit heimkehren, beginnt sich auch da das Leben zu regen. Im Allgemeinen macht jedoch Antwerpen bei weitem nicht den reichen und eleganten Eindruck wie Brüssel — man merkt, daß man in einer Stadt ist, in welcher gearbeitet und zwar viel gearbeitet wird, und nicht in einer Stadt, in welcher die Hauptbeschäftigung der Menge das Flanirm auf den Straßen ist. Unter den Kirchen ist die berühmteste die Cathedrale, eine große siebenschiffige Basilika in Kreuzform. Sie ist die schönste und größte gothische Kirche der Niederlande. Während sonst die Kirchen Belgiens meist nur niedere Schiffe haben, beträgt hier die Höhe nahezu 40 Meter. Der Thurm der zu den höchsten der Welt mitzählt, hat eine verschiedenartige Beurtheilung erfahren. Während die Einen an ihm eine architektonische und harmonische Durchbildung vermissen und seine Ausführung mehr kühn denn als schön bezeichnen, haben Andere ihm wegen der Zierlichkeit und Feinheit der Arbeit das höchste Lob gespendet; so Kaiser Karl V., der einmal den Ausspruch gethan, der Thurm verdiene in einem Schmuckkästchen aufbewahrt zu werden. Das Innere der durch die Bilderstürmer des Mittelalters, wie auch durch die Revolution arg beschädigten Kirche ist in einfachen, würdigen und großartigen Verhältnissen angelegt. Ucbcrraschend und von bedeutender perspektivischer Wirkung ist die bei jedem Schritte für das Auge sich vollziehende Verschiebung > 401 -'L- der 7 Schiffe. Neben ihrer baulichen Vollendung verdient aber die Cathedrale vor allem Beachtung wegen der herrlichen Gemälde, welche die Kirche auch zu einem Kunsttempel ersten Ranges machen. Obenan steht die im südlichen Querschiffe befindliche „Kreuzabnahme" von Rubens, welche er im Jahre 1610 bald nach seiner Rückkehr aus Italien gemalt hat. Sie ist die vollendetste aller seiner Schöpfungen. „Ihre Entstehung, meint ein neuerer Kunstsorscher, verdankt sie einem Streite, der sich zwischen der Bogenschützengilde und Rubens bei Gelegenheit seines Hausbaues entsponnen hatte. Es handelte sich um die Kosten einer Mauer, welche das Besitzthum des Malers von dem Garten der Gilde trennte. Der Antheil, welcher aus die letztere fiel, schien mehreren Mitgliedern zu groß. Da legte sich der Bürgermeister Rockox, ein Freund Rubens' und Capitän der Gilde, in das Mittel und erlangte von Rubens, daß dieser zur Ausgleichung der Kosten noch ein Bild für die Gildenkapelle in der Cathedrale zu malen versprach. Das ist die Kreuzabnahme, welcher die Heimsuchung und Darstellung im Tempel als Flügel sich anschließen. Außen ist der Schutzpatron der Gilde, der hl. Christophorus, mit dem auf allen Christophorusbildern wiederkehrenden Eremiten und der Eule angebracht. Dies ist der authentische Vorgang. Die Künstlersage fügt nun hinzu, die Schützen hätten sich einen „Christophorus" bestellt, einen Christusträger. Rubens habe den Auftrag allegorisch genommen und die Abnahme vom Kreuze, auf welcher die Freunde des Herrn den Leichnam tragen, gemalt, auch die heilige Jungfrau nach der Heimsuchung als Christusträgerin und den Hohenpriester Simeon, wie er im Tempel Christus auf den Armen tragt, hinzugefügt. Die Schützen jedoch verstanden diese Allegorie nicht, sondern verlangten ihren Schutzpatron, den hl. Christophorus, den Rubens nachträglich auf einen Flügel gemalt; auf dem zweiten Flügel hätte er dann- die Beschränktheit der Schützen anzudeuten, den Eremiten mit der Laterne und einer Nachteule beigefügt. Eine andere bekannte Anekdote erzählt, daß die Kreuzabnahme, als sie auf der Staffelei war, durch Zufall oder Nachlässigkeit der Schüler in Rubens' Abwesenheit herabfiel und Schaden nahm. van Dyck, als der geschickteste, wurde gewählt, den Schaden auszubessern, was ihm so wohl gelang, daß Rubens nach seiner Rückkehr erklärte, sein Schüler habe ihn übertroffen. Die von van Dyck hergestellten Theile seien die Wangen und das Kinn der Jungfrau und der Arm der Magdalena. Auf dem Flügelbild hat Rubens in der Maria in blauem Gewände das Bildniß seiner ersten Frau, in der Figur Mit dem Korbe das Bildniß seiner Tochter dargestellt." Das Gegenstück zur Kreuzabnahme hat Rubens in seiner Kreuzer-richtung geschaffen. Hier hat er seinem Dränge, dramatisch bewegte Gestalten darzustellen, vollauf freie Bahn gelassen. In der sichtlichen Anstrengung, mit welcher die Kriegsknechte das Kreuz aufzurichten sich bestreben, wollte er symbolisch andeuten, wie schwer die Last der Sünden sei, welche der göttliche Heiland am Kreuzesstamme trage. Trefflich ist Rubens in diesem Bilde die Vertheilung von Licht und Schatten gelungen. Der Leib Christi ist von leuchtend Heller Farbe, während die übrigen Gestalten mehr in's Dunkle gerückt sind, zum Theil sich fast in das Undeutliche verlieren. Originell, aber nicht sehr zum Bilde passend ist der der Frauengruppe beigegebene „Neufundländer". Im Ganzen enthält die Cathedrale fünf Bilder von Rubens' Hand, daneben auch gute Werke von Verbruggen, Matthyssens, Quellin u. s. w. Seine Ruhestätte hat Rubens in der St. Jakobs- Kirche gefunden, in einer zu seinen Ehren gebauten Seiten» kapelle. Sein Grab deckt ein Marmorstein mit der Inschrift: Non sni tamtnm saseuli, ssä st omnis asv» Axsllss äiei nasruit. Noch vor seinem Tode hat er das Altarblatt, welches das Jesuskind auf dem Schooße Marias in einer Laube sitzend darstellt, mit eigener Hand gemalt und, einer Legende zufolge, den Porträts der dargestellten Personen die Gesichtszüge seiner Familienangehörigen gegeben. In architektonischer Hinsicht steht diese Kirche der Cathedrale wenig nach, übertrifft sie jedoch noch an Pracht und Marmorschmuck. An Kunstsammlungen ist Antwerpen reicher denn jede andere Stadt Belgiens; das große städtische Museum, das Müsse moderne, das Müsse Plantin-Moretus, nach dem berühmten Buchdrucker Christian Plantin, der in diesem Hause gewohnt hat, und feinem Nachfolger so benannt, enthalten eine Menge hervorragender Kunstwerke, welche nunmehr zum Theil ihren Platz in der Ausstellung gefunden haben. Was diese selbst betrifft, so steht sie allerdings an Schönheit wie an Chic des Arrangements hinter der im Jahre 1889 in Paris veranstalteten zurück; allein immerhin bildet sie einen schönen Beweis, welch ein erstaunlicher Geist erfindender Arbeit die Belgier belebt, und wie diese auf allen Gebieten mit festem Gang vorwärts schreiten. Die meiste Anziehungskraft übt aus der Ausstellung „Alt-Antwerpen" aus; es ist dies eine bis in das kleinste Detail getreue Wiedergabe eines Antwerpener Stadtviertels aus dem 15. Jahrhundert. Man findet dort Straßen und Gassen, Läden und Schenken, Werkstätten mit Arbeitern in altem geschichtlichen Anzüge, Kapellen, Prunk- und Wohnräume, Vorrathskammern, Thürmchen, Zinnen, Möbel und Geräthschaften aller Art und noch unzählige Gegenstände, welche mit bewunderungswürdiger Genauigkeit nachgebildet sind. Das Ganze ist ein Denkmal für den gründlichsten Fleiß historischer Forschung, dem auch nicht das Kleinste unbedeutend erscheint. Eine andere nicht minder anziehende Spezialität der Ausstellung ist die Nachbildung einer im vorigen Jahre in Deadwood entdeckten unterirdischen Grotte. Zu diesem Behufe hat ein englisches Consortium 8000 Centner dieses krystallartigen Gesteins nach Antwerpen bringen lassen, um damit einen der 1500 Säle jener Grotte nachzubilden und ein das Auge entzückendes Naturschauspiel zu schaffen. Noch vieles andere Schöne finden wir dort, Herbeigetragen von den Enden der Welt, aus den Ländern der verschiedenste» Culturstnfen, die kostbarsten persischen Teppiche neben den einfachsten Jagdgeräthen Afrikas, die größten Maschinen, wahre Wunder der Technik, neben der feinsten Manusactur- spitze; jedes Land hat sein Bestes hiehergetragen, von dem Bewußtsein erfüllt, eine Fricdensmission damit zu erfüllen und allmählig den Weg zur wirthschaftlichcn Annäherung und Aussöhnung der Nationen anzubahnen. Daneben aber bietet jede Ausstellung dem Besucher, dem es in der Regel nur selten möglich ist, über den Nahmen seiner gewöhnlichen Thätigkeit hinaus seinen Blick zu erweitern und die Fortschritte aus dem Boden des gewerblichen wie des künstlerischen Lebens in gleicher Weise zu verfolgen, einen reichen Schatz des Wissenswerthen, die Frucht der edelsten und schönsten Bestrebungen menschlicher Arbeit. 402 Allerdings in der Zeit des Paßgangs und des Trabs, des Poststalls und des Wanderstabs war eine so weite Reise eine „That", die sich jeder zuvor lange überlegte; heutzutage aber nehmen wir schon den süßen Trost mit auf die Reise, bald wieder die heimathlichen Penaten begrüßen zu können. - -- Nclse-Skizze des bayerischen Pilgerznges nach Lourdes 1894. (Fortsetzung.) Nachdem die Pilgerzeichen (eine Lourdesmedaille an weißblauem Bündchen) und die Fahrkarten vertheilt waren, und mit den Morgenzügen auch alle andern angemeldeten Pilger eingetroffen waren, wurde von den 19 Waggons des langen Expreßzuges Besitz genommen; es waren fast ebensoviele Wagen 2. Klasse, als 3. Klasse. Den Herren des Comitös war ein Wagen 1. Klasse von der Generaldirection angewiesen; auf der ganzen Reise war deren Waggon durch ein weißblaues Fähnchen kenntlich gemacht. Um 9 Uhr 15 Minuten Vormittags ging der Zug ab, unter den Segenswünschen vieler anwesenden Bekannten. Folgender Fahrplan unseres Pilgerzuges wurde ausgegeben: Buchloe 9,15, Kaufbeuren 9,50, Günzach 10,34, Kempten 11,11, Jmmenstadt 11,51, Lindau an 11,51, ab 2,20. Romanshorn an 3,40, ab 4. Winterthur ab 5,55, Zürich 7 Uhr Abends, Aarau 8,43, Bern 11,22 Nachts, Genf an am 11. April 3,25 Vm., Bellegarde (französische Grenzstation) 4,30 Vm., Lyon an 9,11, Lyon ab am 12. April 9,38 Vm. Celte am Mittelmeer an am 12. April 6,22 Nm., ab 7,30, in Lourdes an am 13. April 7,45 Vm. In Kaufbeuren, Kempten, Jmmenstadt war Aufenthalt von ein paar Minuten, um angemeldete Pilger aufzunehmen. In Lindau angekommen, hatten wir uns gleich auf den großen bayer. Dampfer begeben, der uns über den Bodensee rasch, binnen 1 Stunde, nach Nomans- horn in die Schweiz beförderte, bei günstiger Witterung. Adieu! liebes Heimathland! hatten Manche gerufen, auf fröhliches Wiedersehen in 10 Tagen! Nomanshorn zählt 3200 Einwohner, ist der größte Hafen am Bodensee, hat großen Kornmarkt. Nach 20 Minuten gieng der Schweizer Expreßzug ab, es wurde jedoch ziemlich oft angehalten, wenigstens an allen größer« Stationen, um entgegenkommenden Zügen auszuweichen. Es war ursprünglich bestimmt, schon Tags vorher, am 9. April, durch die Schweiz zu fahren; aber die Bahnverwaltung hatte erklärt, weder Wagen, noch Führerpersonal an diesem Tage zur Verfügung zu haben, da Alles in Beschlag genommen sei für das Frühlingsfest in Zürich. Naschen Fluges ging es vorbei an vielen Orten und Städten, der Bahnlinie Nomanshorn—Zürich, als z. B. Frauenfeld mit 6100 Einwohnern, Hauptstadt des Kantons Thurgau, an der Murg, mit großen Baumwollenfabriken und Arbeiter- kasernen, einem alten Schloß aus dem 11. Jahrhundert; dann Winterthur mit 16,000 Einwohnern an der Eulach, Knotenpunkt von 8 Eisenbahnen, in dessen Umgegend vortrefflicher Wein wächst. Von Winterthur führt die Bahn über die Töß, rechts fleht man die Ruine Hoch- wülflingen auf einer Höhe von 600 Meter; nach der Station Oerlikon tritt sie in den 935 Meter langen Tunnel unter dem Käferberg, überschreitet die Flüsse Limmat und Sihl und erreicht Zürich mit 91,000 Einwohnern am nördlichen Ende des herrlichen Züricher Sees und an beiden Ufern der Limmat, welche die Stadt in zwei Theile scheidet. Es war Abends 7 Uhr, als wir ankamen. Der Aufenthalt dauerte nur einige Minuten; sie ist Vielen aus uns bekannt durch die Wallfahrt nach Einsiedeln, wohin eine Zweigbahn führt, bis Wädensweil, von der aus man eine prächtige Aussicht auf den See genießt, auf die Insel Ufnau, mit zwei schönen Kirchen, und auf die im Hintergrund der Landschaft sich zeigenden Alpen; von Wädensweil umzieht die Bahn in weiten Bogen die östlichen Abhänge des 1200 Meter hohen Rhonen, passiert von Biberbrücke an das Alpthal und gelangt nach Einsiedeln, das wir aber erst auf der Rückfahrt aus Frankreich besuchten. Betreffs Zürich bemerken wir noch, daß es viele Kirchen besitzt, welche insgesammt den Neformirten gehören. Das katholische Gotteshaus ist in Außer-Sihl, auf dem linken Ufer der Sihl. Daß Zürich auch eine Universität besitzt, an welcher viele Studenten und Studentinnen studieren sollen (Letztere auf Philosophie oder Medicin inscribirt, meist aus Rußland, nebenbei dem Nihilismus ergeben), ist bekannt; auch eine große Freimaurerloge befindet sich hier. Die Vereinsmeierei ist in Zürich in großer Blüthe, Sänger- Turn- Stahlradfahrer- und andere Vereine; die Liedertafel „Harmonie" hat ein großes, schönes Palais als Eigenthum. Eine halbe Stunde von der Stadt erhebt sich der Uetli-Berg, 873 Meter hoch; eine Zahnradbahn führt auf denselben. Wir verlassen die im Glänze der Abendsonne leuchtende prächtige Stadt um 7 Uhr 15 Minuten. Wir haben bisher von Lindau aus 56 Kilometer befahren mit 20 Bahnstationen. Die Linie Zürich—Bern- Genf zählt 241 Kilometer mit 35 Bahnstationen. Die Bahn überschreitet nach dem Austritt aus der Station Zürich die Sihl und, fährt der Limmat entlang nach Baden (3800 Einwohner) mit berühmten Heilquellen, überschreitet die Neuß und berührt Brugg (1572 Einwohner), eine alterthümliche Stadt, zieht sich längs der Aar hin und vorbei an der Station Aarau (6800 Einwohner), am Fuße des Jura gelegen, nach Ölten (4900 Einwohner), einem der wichtigsten Eisenbahnknotenpunkte der Schweiz. Von Ölten führt die Bahn neben dem rechten Aar- Ufer, links das Salischloß, durch einen Tunnel vor Aar- berg, tritt nach Niedwyl in grüne Thäler, hinter Wyningen wieder in einen längeren Tunnel, dann bei Burgdorf (6800 Einwohner) über die große Emme, passiert die Aarbrücke (182 Meter lang und 44 Meter hoch) und dann den Bahnhof von Bern (45,000 Einwohner), Bundeshauptstadt in ziemlich ebener Lage. Von den Fremden wird der Zeitglockenthurm mit künstlichem Uhrwerk aufgesucht; bei jedem Stundenschlag erscheint der krähende Hahn und eine Bärenschaarl Bekannt ist der dortige Bärenzwinger mit einem Bärenpaar. Unter dem Kornhaus ist ein Weinkeller, dessen größtes Faß 42,000 Flaschen enthält. Hier ist auch eine Universität, der noch eine altkatholische Facultät angegliedert ist, von etlichen Studenten frequentiert, deren geringe Zahl dem dort residierenden altkatholischen Bischof Herzog, ehemaligem Professor, nicht behagen will. Der Bahnhof in Bern ist großartig; in der dortigen Restauration konnte man sich erquicken; ein paar Tische waren mit schweizerischen Cavallerie-Offizieren besetzt. Es war 11 Uhr 22 Min. Nachts, als unser Zug den Bahnhof verließ. Das Mondlicht beleuchtete die Berner Alpen, die bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof sichtbar wurden, sie werden aber bald durch den Gurten verdeckt. Dann fährt die Bahn durch ein Wiesenthal, verläßt nach Förishaus das Berner Gebiet und betritt den Freiburger Kanton, fährt durch den Flammat- und Mühlthal-Tunnel, passiert schließlich eine über die Saane erbaute 370 Meter lange und 80 Meter hohe Eisenbahnbrücke und gelangt nach Freiburg (12,000 Einwohner). Sehenswerth ist die Nikolauskirche mit einer der größten Orgeln Europas; die Orgel hat 7800 Pfeifen und 65 Register. Für uns Augsburger Diözesanen hat besondere Bedeutung die Michaelskirche mit dem Grabmal des sel. Jesuitcnpaters Petrus Canistus, dem unsere Diözese so viel verdankt wegen Erhaltung des katholischen Glaubens; er war ja mehrere Jahre auch Domprediger in Augsburg. Der Nacht halber konnte an einen Aufenthalt nicht gedacht werden. Die Pilger von 1890 haben in feierlicher Procession dessen Grabmal besucht, wobei sie von einem Jesuitenpater Namens des Bischofs begrüßt wurden, in salbungsvoller Predigt. Die dortige katholische Universität blüht mehr von Jahr zu Jahr und weist eine ziemlich große Frequenz-Ziffer auf. Der berühmteste Professor an der theologischen Fakultät ist der Dominikaner Peter Weiß, ein hauptsächlicher Anziehungspunkt für die Studenten. In der Nähe der Michaelskirche ist die größte und längste Drahtbrücke Europas, 247 Meter lang. Von Freiburg geht die Bahn über einen hohen Damm längs der Glane hin, dann über eine prächtige Steindrucke, sodann folgt eine einförmige Hochebene. Nach der Station Chcxbres führt die Bahn durch den 460 Meter langen Tunnel von Cornallaz; nach dem Austritt aus demselben wird man durch den wunderbaren Anblick des Genfer Sees überrascht. Die Landschaft wird immer herrlicher, der Weg führt durch Weingegenden, nach 2 kleineren Tunnels über die 43 Meter lange Paudoze-Brücks nach Lausanne (33,000 Einwohner), auf 3 Hügeln erbaut, mit einer herrlichen Kathedrale. Mit Lausanne haben wir das Ufer des Genfer Sees berührt. Derselbe hat einen Flächeninhalt von 11^ geogr. Meilen, ist 14/g Quadrat-Meile größer, als der Bodensee, 78 Kilometer lang. Die Bahn führt vorbei an den Städten Morges (4088 Einwohner) mit Hafen und altem Schloß, Nhon (4200 Einwohner) mit Schloß aus dem 16. Jahrhundert, nach Genf (70,000 Einwohner), der bevölkertsten und reichsten Stadt der Schweiz. Genf wird durch die Rhone in zwei Theile getheilt und durch 8 Brücken verbunden, deren größte die Pont-du- Montblanc. Genf, die Stadt Calvins, deren Einwohner früher fanatischen Haß gegen die Katholiken hatten, ist sehr reich an Sehenswürdigkeiten; wir konnten davon nicht profitieren! Hier spricht man auch das reinste Französisch, weshalb Genf stets gerne von Sprachbeflissenen aufgesucht wird. Es war am 11. April 3 Uhr 25 Min. Morgens, als wir ankamen, 4 Uhr 30 Min., als wir abreisten auf der Bahnlinie Genf—Lyon, 170 Kilometer lang, mit 15 Bahnstationen. Die Bahn tritt jetzt in französisches Gebiet, geht nach der 5. Station Collonges durch 2 kleinere Tunnels, dann durch den 3900 Meter langen Tunnel Credo, überschreitet den herrlichen Viaduct über die Valseriue (11 Bogen, der größte 52 Meter hoch) und gelangt nach Bellegarde, der Zollstation für Schweiz und Frankreich. Alles aussteigenl Zollrevision! Mit Eilfertigkeit und Hast drängte sich das Gros der 500 Pilger durch die Zollhallen; es brauchte nur wenig Zoll bezahlt zu werden, die Meisten hatten nichts zu entrichten; die ganze Revision wurde schnell bethätigt, mit großer Milde. Alsbald waren wieder sämmtliche Pilger in den hübschen, großen und bequemen Waggons der Lyoner Bahn untergebracht. Man passiert bald nach Austritt aus dem Bahnhof 4 Tunnels, von denen der längste der Paradies-Tunnel ist, 1025 Meter, und erreicht die Station Pyrimont, bei der bedeutende Asphaltminen sich befinden. Der Zug ging an den Ufern der Rhone zwischen Felsen und Schluchten mit viel größerer Schnelligkeit, als in der Schweiz. Die meisten Pilger befanden sich zum ersten Male auf dem Boden Frankreichs, welchen heutzutage der Deutsche mit einem eigenthümlichen Gefühle betritt; wie wird man uns begegnen? hieß es; erst am andern Ende des großen Reiches, an der Grenze von Spanien, werden wir nach langer Fahrt das hehre Ziel der großen Reise erreichen. Nach der Station Culoz ist die Bahnrichtung eine nordwestliche bis Amberieu (3618 Einwohner), von da eine südwestliche bis Lyon mit 5 Hauptbahnhöfen und 7 andern. Zuerst passiert die Bahn den Bahnhof St.» Claire, dann den Viaduct über die Rhone, den 2. Bahnhof Brotteaux, überschreitet noch einmal die Rhone und läuft in den Centralbahnhof von Perrache ein. Wir sind in Lyon angelangt, in einer herrlichen und sehr fruchtbaren Gegend gelegen, der größten Stadt Frankreichs nach Paris, am Zusammenflüsse der Rhone und Saöne; es ist 9^ Uhr nach Pariser Zeit, mitteleuropäische Zeit 10 Uhr. Das Comits hatte eine deutsche Landsmännin ersucht, für die Pilger in geeigneten Hotels Quartiere zu bestellen, Fräulein Amölie Lorch, Lehrerin der deutschen Sprache, Nue Vauban 39, welche uns erwartete und begrüßte; nach Austheilung der Quartier- karten fuhren wir in Paktiern in die betreffenden Hotels. Viele von uns in das nahe Hotel Toulouse, früher Hotel Straßburg, wo wir gutes Quartier und sehr gute Beköstigung erhielten bei müßigen Preisen. Lyon ist nach Umfang, Bevölkerung, industrieller und politischer Bedeutung die zweite Stadt Frankreichs, deren Einwohner durch edlen Bürgerfinn und Bürgerfleiß sich hervorthun, zählt 350,000 Einwohner; es besitzt manche Elemente von Paris und gibt ein Abbild vom Leben der Weltstadt an der Seine, die wir schon gelegentlich einer Weltausstellung im Jahre 1867 kennen gelernt haben. Die Rues de la Nepublique, del'Hotel de Ville, de Perrache, mit blühenden Anlagen und Baumpflanzungen, diese Straßen mit ihren luxuriös decorirten Schaufenstern und dem stolzen Hochbau ihrer mächtigen Häuserfronten, sowie einige Stadttheile jenseits der Rhone, concurrieren mit namhaften Pariser Straßen. Die prächtige Place Perrache und der reizende Square auf dem Nepublikplatz, das Kaffeehaus-Leben auf der Straße, das Geschrei der Kleiderhündler und anderer Verkäufer und Zeitungsträger und viele dem Deutschen fremde Dinge erinnern an Frankreichs Hauptstadt; besonders auch die herrlichen geräumigen Passagen. Der Lyoner ist ein Franzose anderer Art als der Pariser, ohne dessen Feinheiten, den Esprit; sein Handel, seine Industrie, seine Zahlen absor- biren ihn. Außer den vielen und guten Gasthöfen sieht man Zahlreiche Cafäs und Restaurants, auch Cafos-Choco- 404 latterS, wo Schockoladenfrühstücke zu haben sind; auch Bier wird geschänkt in einem eleganten Lokale in maurischem Stil, ebenso in einer nahen Brauerei unter dem Bahnhof. Die Tramways fahren auf 10 langen Haupt- linien zu beiden Seiten der Nhüne und Saone, über erstere führen 9 Brücken, über letztere 13 Brücken; auf den Strömen fahren mehrere Dampfer; auf der Saone außerdem kleine Dampfer, Mouches genannt, die fleißig benützt wurden auch unserseits. Sofort fällt der FestungS- Charakter von Lyon in die Augen, da es in einem Umkreis von 6 Stunden von 18 detachierten Forts umgeben ist. Die Stadt, am Kreuzungspunkte mehrerer Weltstraßeu, verdankt dieser Lage ihre hervorragende Bedeutung als Haupthandelsplatz und Vermittlungspunkt zwischen dem Norden und Süden Europas; sie besteht aus der alten Stadt, auf dem rechten Ufer der Saone, dann der eigentlichen Stadt, auf der Landzunge zwischen beiden Strömen, und 6 Vorstädten! Auf einem Spazicrgange gelangten wir von unserm Platz Perrache in die Bourbon-Straße, hier sind prächtige Magazine; sodann in das aristokratische Viertel Lyons, St.-Marttn, mit einer sehr alten Kloster- Kirche aus dem 10. Jahrhundert, 5schiffige romanische Basilika mit 2 Thürmen; dann auf den Platz Bellecour, den Mittelpunkt des modernen Lyon, den schönsten Platz der Stadt, mit Edelkastanien, Gartenanlagen, Palmen, Springbrunnen geschmückt, begreiflich die Lieblingspromenade der Lyoner; in der Mitte das Reiterstandbild Ludwigs XIV. Auf diesem Platze ist das Museum der Glaubensverbreitung, in der Woche von 8—5 Uhr geöffnet, mit einer ethnographischen Sammlung der von den Missionären zugesendeten Geschenke, höchst interessant; unweit das Hospiz Charito, von General Kleber, „dem guten Deutschen", für Arme gestiftet, mit 1217 Betten; 4000 arme Waisen und ausgesetzte Kinder werden auf Kosten dieser Anstalt gepflegt und erzogen, und 400 alte Arme hier bis an ihren Tod verpflegt. Die stolzeste aller Lyoner Straßen ist die „Republikstraße", welche mit den schönsten Pariser Straßen concurriren darf; hier ist auch die Börse, gegenüber das Hotel de Ville, ein pompöser Ausdruck der Lebensfülle der reichen Stadt, mit prachtvollem Bildhauerschmuck in reiner edler Renaissance. Einer der bedeutendsten Plätze ist de Terreaux, mit einem schönen broncenen Springbrunnen, an der Südseite das Palais St.-Pierre, ein ehemaliges Kloster, jetzt in ein Kunst- Museum umgewandelt für Sculpturen, Gemälde, archäologische und naturgeschichtliche Sammlungen, und einer Bibliothek! Hievon konnten wir nicht Einsicht nehmen, bei so kurzgemessener Zeit; wir suchten die Kathedrale St. Johann auf, einen mächtigen gothischen Bau aus dem 13. Jahrhundert, mit reicher Fayade, 3 Portalen mit säulenreichen Scitenwänden; das Innere schmücken reiche Glasmalereien aus dem 14. Jahrhundert und moderne. Von da trachteten wir zur berühmten Wallfahrtskirche Notre Dame de Fourviöres, hochgelegen auf dem Hügel am rechten Ufer der Saone, wohin eine Drahtseilbahn führt. Wir wählten einen aussichtsreichen breiten Fußweg. Diese alte Wallfahrtskirche, von den Bewohnern Lyons und aus weiter Ferne fleißig besucht, liegt auf einer die Stadt überragenden Anhöhe 470 Meter hoch, die sich in bedeutender Länge hinzieht, und von der aus man die schönste Aussicht genießt auf die Riesenstadt und deren herrliche Umgebung. Wir versammelten uns um 4 Uhr Nachm. in diesem alten Gotteshaus, in welchem ein berühmtes Marienbild verehrt wird, durch dessen Verehrung schon so viele Gebetscrhörungen geschahen. Zuerst beteten wir den hl. Rosenkranz, und nach Aussetzung des Ällerheiligsten wurde eine weitere Andacht daran gereiht mit mehreren Wallfahrts-Gesängen, welche, mit Begeisterung gesungen, auch auf die anwesenden Franzosen großen Eindruck machten. Das Lyoner Journal „Dimanche" sagt hierüber: „Es sind am 11. April 500 bayerische Pilger in Lyon angekommen, um zu den Füßen der Gottesmutter ihre frommen Gebete in ihrer Sprache niederzulegen. Wir bewunderten die liebliche Harmonie, welche den deutschen Gesängen charakteristisch ist. Es war in der That schön, diese Pilger beten zu sehen mit größter Andacht, womit sie ihre Liebe zu Maria kundgaben." Neben dieser älteren Kirche befindet sich eine neue, dreimal größere, zu U. L. Fr., die sich durch Pracht auszeichnet; sie hat bis jetzt 17 Millionen Franken gekostet, lauter freiwillige Gaben, und werden noch 2 bis 3 Millionen erforderlich sein, um in dem byzantinischen Prachtbau das noch Fehlende an der Einrichtung zu ergänzen. Dieses großartige Kunstwerk ist eine Votivkirche, bestehend aus einer Krypta und einer Oberkirche mit vier Thürmen und reichem Hanptportal, errichtet aus Dankbarkeit von der Stadt Lyon für den besonderen Schutz der hl. Gottesmutter zur Zeit des großen Krieges 1870/71. Der Name Fourviores stammt vom römischen Forum, auf dessen Platz sie errichtet wurde. Lyon ist überhaupt der hl. Gottesmutter ganz ergeben; am 8. Dezember jeden Jahres erglänzt die Stadt in einem Lichtmeere. Von hier aus besuchten wir unter Führung einer deutschen Lehrerin ein Kloster, das neben einem uralten Hciligthnm der ersten Christen in Lyon erbaut ist und auch den Leib des ersten hl. Bischofs von Lyon enthält, sowie viele Gebeine von hl. Märtyrern auS der Stadt. In der Vorstadt Ste.-Jrene findet man auf jedem Schritt Spuren des alten Lyon, die jetzigen Hänser sind theilweise aus seinen Trümmern gebaut. Die Kirche Ste.-Jrene hat eine sehr alte Krypta; neben der Kirche sieht man noch ansehnliche Neste der großartigen römischen Wasserleitung. (Fortsetzung folgt.) - — "» A n r r r ä L h f e r. (Die Striche sind durch finnentsprechende Wörter zu ersetzen, die im Zusammenhang ein bekanntes Sprichwort ergeben.) ES war-! Der Mondenschein Blinkt' mild in'S Kämmerchen hinein. Versunken — die Sorgen all Des Tags mit ihrem wüsten Schwall. Ein süßes Träuinen hüllt mich ein, Da tönt vom Dach ein kläglich Schrei'», Ließ man denn-frei?! Zerstoben ist die Träumerei! — Der Mond selbst schaut voll Aerger d'reln Und hüllt in — Gewölk sich ein. Auflösung des Kreuz-Räthsels in Nr. 31: „Augsburgrr Postzeitung". 53. Samstag, den 30. Juni 1894^ Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbesiher vr. Max Huttlcr). Äm Lanne aller Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) VII. MoseS Nathansohn war von seiner neuen, vornehmen Bekanntschaft ganz erfüllt. Er hatte noch nie mit einem so feinen Herrn zu thun gehabt wie dieser junge Baron von Sturen, der das Geld nicht ansah und den Preis, den man von ihm verlangte, ohne zu feilschen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, willig bezahlte. Das Vorfahren eines Wagens vor dem Laden war eine Möglichkeit, auf welche man stets gefaßt sein durfte, wenn man sich einer so hohen Kundschaft zu rühmen hatte. Man konnte nicht wissen, welche Consequenzen sich an die Brillantohrringe knüpften, wobei Nathansohn ein schwer zu umgehender Faktor war. Er kam sich wie der als Hausirer verkleidete Zauberer in „Tausend und eine Nacht" vor, dem der Märchenprinz irgend einen alten Tand abkaust, ohne zu ahnen, welche geheime Wunderkraft sich darin verbirgt. Um seinen hohen Geschäftsfreund zu jeder Stunde standesgemäß empfangen zu können, hatte Nathansohn aus seiner Schatzkammer einen Sessel mit rothem verschossenen Sammetpolster, der ein Jahrhundert früher einen fürstlichen Audienzsaal geschmückt haben mochte und noch Spuren der Vergoldung an sich trug, in sein an den Laden stoßendes Hinter- stübchen versetzt. Er war mit diesem Arrangement eben zu Ende und lauschte, während er einen fast verliebten Blick auf das königliche Prachtmöbel warf, dem Geräusch heranrollender Räder und klappernder Hufe, als beides plötzlich vor der Ladenthür verstummte. Mit ein paar Sätzen, die jedem Grotesktänzer Ehre gemacht haben würden, war er draußen, und ehe noch der Baron von Sturen — denn er war es in der That — aus der Droschke gesprungen war, stand bereits Nathansohn, mit dem Haupte fast die Erde berührend, in der weitaufgerissenen Ladenthür. „Ick komme soeben von den Geschwistern Rettberg," begann Wolfgang die Unterredung, nachdem er im Heilig- thum des Hinterstübchens seinen etwas wackligen Thron bestiegen hatte; „Sie haben mir über die junge Dame nicht zu viel gesagt, Herr Nathansohn; sie ist eine wirkliche Schönheit." Der Jude dachte an den Zauberer und den Märchenprinzen und strich sich den Zwickelbart. „Kennen Sie einen gewissen Herrn von Quinna?" fragte der Baron. x „Na, werd' ich nicht kennen den Herrn von Manna!" sagte Nathansohn. v „Würden Sie mir wsbl Einiges über ihn mittheilend" Nathansohn war hMzugKn bereit. Er freute sich, seinem vornehmen Kunden einen uneigennützigen Freundschaftsdienst erweisen zu können, der ihn nichts kostete. Herr von Quinna hatte, wie der Pfandleiher erzählte, bereits eine abenteuerliche Vergangenheit hinter sich und war nur durch die Heirath mit einer häßlichen, aber sehr reichen Wittwe von einem schimpflichen Untergänge gerettet worden. Aufmerksam hatte Baron von Sturen dem Juden zugehört. „Ich sah diesen Herrn bei Fräulein Nettberg eine sehr zweideutige Rolle spielen," sagte er, „die ihn mir jetzt, wo ich weiß, daß er verheirathet ist, nur um so verächtlicher erscheinen läßt. Jedenfalls hat er auf Fräulein Rettbergs Bruder einen verderblichen Einfluß geübt, wenn an diesem überhaupt noch etwas zu verderben war. Vielleicht hat er den jungen Nettberg sogar in irgend einer Schlinge gefangen, aus welcher ihn die Schwester befreien soll. Ich bekenne, daß mir viel daran gelegen wäre, hierüber in's Klare zu kommen. Natürlich liegt es mir fern, eine solche Auskunft zum Nachtheile Nettbergs auszubeuten." „Ich verstehe," wiederholte der Jude, an jeden möglichen Gebrauch denkend, den ein junger Mann in des Barons Verhältnissen von der gewünschten Auskunft machen könne, und vollkommen überzeugt, daß es dessen Absicht sei, Quinna's Plan zu vereiteln und Bruder und Schwester in seine eigene Macht zu bekommen. „Hml" machte Nathansohn und strich nachdenkend seinen Zwickelbart, „mir wird das Jüngelchen nicht Rede stehen. Es müßte einer sein von seinen Bekannten, einer, der ihm kann setzen die Pistole auf die Brust und der doch selbst nicht hat so saubere Hände, um gegen ihn zu machen den Angeber. Hml — hml — Gott! waS zerbrech' ich mir den Kopf und hab' nicht gleich gedenkt an den Ulan d" Das letzte Wort schien dem Juden gegen seinen Willen entschlüpft zu sein, denn er machte eine ärger- 406 liche Bewegung mit der Hand, als wollte er sich aus den Mund schlagen. „Herr Baron," fügte er rasch hinzu, „'s wird mir sein eine große Ehre, Ihnen zu erweisen eine Gefälligkeit. Was ich kann thun in der Sache, werd' ich thun." „Versuchen Sie Ihr Bestes, Herr Nathansohn," sagte Wolfgang, sich von dem ehrwürdigen Thronsessel erhebend. „Erhalte ich von Ihnen die gewünschte Auskunft, so sprechen wir zusammen noch ein Wort über die altgriechische Vase und über die Damascenerklinge auS der Zeit Timurs." „Sie sollen erfahren alles, was Sie erfahren wollen, gnädigster Herr Baron," betheuerte der Jude mit einem schmunzelnden Lächeln, das um seine Augen einen ganzen Elfcnreigen kleiner Fältchen erscheinen ließ, „Sie hätten sich an keine bessere Adresse wenden können, als an Moses Nathansohn!" Mit gewohnter Unterwürfigkeit dienerte er seinen hohen Besuch hinaus, öffnete ihm den Droschkenschlag und verharrte, während der Wagen davon fuhr, in einem tiefen Bückling, die langen Arme senkrecht herabhängen lassend, was ihm das Aussehen gab, als wollte er auf allen Vieren davonkriechen. VIII. Wolfgang befand sich nun mehrere Tage in Berlin, ohne seinem eigentlichen Zwecke auch nur um einen einzigen Schritt näher gekommen zu sein. Statt dessen sah er sich mit Personen und Verhältnissen verkettet, die noch vor Kurzem für ihn so gut wie gar nicht in der Welt gewesen waren: Und dabei hatten ihn alle diese Nebendinge so in Athem gehalteu, daß er noch nicht Zeit gefunden hatte, seinen ehemaligen Vormund, der sich nach seinem Eisenbahnunfalle so theilnehmend nach seinem Befinden erkundigte, zu besuchen, und auch dem neugewonnenen Freunde, dem er sein Leben dankte, hatte er noch nie seine Ankunft in Berlin gemeldet. Am nächsten Vormittage betrat der Baron von Sturen das vornehme Haus Unter den Linden, in welchem Maitland die Beletage bewohnte. Alles zeugte von großem Reichthum und gediegenem Geschmack. Er fand, durch einen Diener angemeldet, Maitland in einem stilvoll ausmöblirten Zimmer, dessen Wände auserlesene Oelgemälde bedeckten. Maitland hatte sich eben von einem Sopha erhoben. Ein Buch bei Seite legend, kam er dem Besucher entgegen, ergriff lebhaft dessen Hand, hieß ihn in der Hauptstadt willkommen und wünschte ihm Glück zu seiner völligen Wiederherstellung. „Maitland," begann Wolfgang, „ich stehe beschämt vor Ihnen. Der Gang zu Ihnen sollte einer meiner ersten Schritte in Berlin sein. ..." „Keine Entschuldigung, Baron," schnitt Maitland ihm das Wort ab. „Ich selbst habe mich wiederholt genau in der gleichen Lage befunden und würde demjenigen, der gegen eine scheinbare Vernachlässigung empfindlich gewesen wäre, den Vorwurf des Egoismus mit Zinsen zurückgegeben haben." Maitland erkundigte sich nach den bisherigen Erfahrungen, die sein neuer Freund in Berlin gesammelt. Wolfgang erzählte einige Abenteuer und kam auch auf seine Bekanntschaft mit Nettbergs; es war ihm nicht leicht, die Fragen Maitlands nach Fräulein Nettberg zu beantworten. Da er aber dem bewährten Freunde Offenheit schuldig war, so erzählte er ohne Rückhalt, auf welche Weise er mit Fräulein Rettberg und ihrem Bruder bekannt geworden war, und verschwieg nur seine erste Begegnung mit dem letzteren, um den Bruder des jungen Mädchens in seiner verbrecherischen Verbindung mit einer Bauernfängerbande nicht noch schlimmer bloßzustellen, als unbedingt nöthig war; er berichtete sein Gespräch mit Melante Nettberg, die Dazwischenkunft Quinna'S und seine darauf folgende Unterredung mit Moses Nathansohn. Maitlayds Benehmen war ganz anders als Wolfgang erwartet hatte. Das gefürchtete Lächeln zeigte sich nicht um seine Lippen. Er legte mit so wenig Worten als möglich dem jüngeren Freunde den Gedanken nahe, Melanie Nettberg zu seiner Geliebten zu machen, so daß dieß als nichts Böses, sondern nur als das beste Auskunftsmittel erschien, ohne daß das Moralische oder Unmoralische dabei in Frage kam. Die kunstreichste Vertheidigung der Ausschweifung würde keine so entsittlichende Wirkung hervorgebracht haben, wie die bedächtige Art, womit Maitland sprach, als handle es sich um etwas Selbstverständliches. „Um Ihren Weg in dieser Sache klar vor sich zu sehen," fuhr Maitland fort, „müssen Sie sich überzeugen, ob Sie sich im Charakter des Mädchens nicht täuschen. Wenn Sie noch ein paarmal mit ihr gesprochen haben werden, kann es Ihnen nicht schwer fallen, die Wahrheit zu ermitteln. Die Kunst sieht der Natur nie so gleich, um ein durch Zweifel geschärftes Auge irre zu führen." „Ich werde kaum Gelegenheit finden, mir ein Urtheil zu bilden," entgegnete der Baron, „denn höchst wahrscheinlich werde ich das junge Mädchen nie wiedersehen." „Und warum nicht?" fragte Maitland. „Weil ich es für gefährlich halte," bekannte Wolfgang. „Bei aller Unschuld ist ihre graziöse Schönheit doch von verführerischem Reize. Soll ich sie mit einem solchen Anhängsel von Bruder zur Frau nehmen? DaS ginge selbst über weine romantischen Ideen hinaus. Und was die andere Art von Verbindung betrifft, auf welche Sie angespielt haben, so kann ich einen derartigen Plan nicht fassen. Ich werde mich daher wohl hüten, einen so gefährlichen Boden wieder aufzusuchen." „Nun, wenn Sie es nicht wollen, Baron," sagte Maitland, „so werde ich eS thun." „Vielleicht werden Sie die Willfährigkeit nicht finden, die Sie erwarten, Maitland," versetzte Wolfgang empfindlich. „Lieber Baron," lachte Maitland, „Sie haben kein Recht, für diese schöne Waise Mitleid zu erwecken und sich dann selbst von ihr abzuwenden mit dem Entschlüsse, einen anderen großmüthigen Mann zu verhindern, ihr seine Theilnahme zu bezeigen." „Ich habe nicht gesagt, daß ich sie verlassen will," entgegnete Wolfgang. „Mein nächster Gang führt mich zu meinem ehemaligen Vormunde —" „Dem Justizrathe Doctor Carus, der sich tägliche Bulletins über Ihr Befinden kommen ließ?" Wolfgang nickte. „Ihm werde ich die Geschichte der jungen Dame erzählen. Er ist ein Menschenfreund und wird in dieser Sache für mich alles thun, was ich persönlich nicht thun kann." „Sie handeln edel und gut, Baron, — vielleicht nicht so praktisch für das Glück des jungen Mädchens, — 407 als wenn Sie sich für den anderen Plan entschieden hätten, aber auf jeden Fall begehen Sie keine Hand» lung, welche nicht wieder gut gemacht werden kann. Jeder muß selbst am besten wissen, was ihn am glücklichsten macht." (Fortsetzung folgt.) Ein Weib als Cadet und Lieutenant. Major Svoboda, Gruppenvorstand im österreichischen Kriegsministcrium, hat die Geschichte der Thercsianischen Militär-Akademie zu Wiener-Neustadt und ihrer Zöglinge von der Gründung der Anstalt bis auf unsere Tage in einem zweibändigen Werke behandelt. Im Wiener Fremdenblatt greift Oskar Teuber aus diesem Werke die wunderbare Geschichte eines Zöglings heraus, der die 1797er Classe der Neustadter Militär-Akademie denkwürdig macht für alle Zeiten: „Er" war — und Svoboda beweist es actenmäßig — ein prächtiges, Helden» müthigeS Weib. Francisca Scanagatta ist der Name dieses seltsamen Zöglings, von dem die ernste Geschichte erzählt. Ihre Wiege stand in Mailand, und kaum war Francisca dieser Wiege entsprungen, so übertraf sie alle Jungen der Nachbarschaft, namentlich aber ihren bleichen, stillen Bruder Giacomo an Wildheit, Energie und Kriegslust. Papa schüttelte erst den Kopf, dann aber faßte er einen Entschluß und reiste mit den heranreifenden Kindern über Venedig gegen Wien. Giacomo sollte Cadet zu Neustadt, Francisca ein tugendsames Pensionatsfräulein bei den Salesianerinnen werden. Aber die Erkrankung Papas und Giacomos zu Venedig lieferte die „tolle" Francisca einem weiter reisenden Freunde Papas aus. Nach einer Laune oder besonderen Fürsorge des Vaters hatte das Töchterlein Männerkleider angelegt, und leicht wurde es dem Mädchen, den Begleiter davon zu überzeugen, daß sich Papa mit den Salesianerinnen einfach geirrt und sie den Cadetten in Wienerisch-Neustadt zugedacht habe. Er übergab sie dem von der Ankunft eines jungen Scanagatta benachrichtigten Akademie-Oberarzt als externen Zögling in Kost und Pflege; glänzend machte sie ihre AufnahmSprüfung, und nun erst beschwor sie Papa in einem herzbewegenden Briefe, sie dem herrlichen Kriegerstande nicht zu entziehen. Was thut ein zärtlicher Vater nicht, wenn ein Töchterlein hartnäckig bittet. Er flog nach Neustadt, hörte den Arzt mit voller Arglosigkeit des „Knaben" Soldatenfreude vertheidigen und machte gute Miene zum bösen Spiel. Drei Jahre später flog Francisca Scanagatta als Fahnenjunker bei den WaraSdiner St. Gregor-Grenzern aus dem Ca- dettcnhause aus und schwang sofort in Italien sein jungfräuliches Schwert. Niemand ahnte in dem jungen Kroaten-Officicr mit den männlich ernsten Zügen das zarte „Fräulein"; nur zu Sandomir in Polen, wo er 1798 mit einem Bataillon Colloredo die Garnison bezog, schüttelten die Damen und Herren bedenklich die Köpfe, weil der junge Italiener so gar keine Begeisterung für das schöne Geschlecht verrieth. „Am Ende ist der Herr Fähnrich ein verkleidetes Mädchen!" rief eines Tages ein jungverheiratheter polnischer Cavalier in fröhlicher Gesellschaft Scanagatta zu. „Gut", antwortete der Verdächtige, „die Damen sollen entscheiden; ich erbitte mir Ihre Gemahlin als Richten«!" Nun schüttelte der Pole das Haupt, und Francisca blieb unbeläst'gt; sie machte sich auch in Klagenfurt und Pancsova von „böser Nachrede" frei, indem sie mit den schlimmsten Zweiflern tätliche Kugeln wechselte. Um 1799 stand die Amazone bei den Deutschbanater Grenzern vor dem belagerten Genua immer in der vordersten Reihe; mit Löwenmuth vertheidigte sie den Posten Barca Gelata, und mehr als des Feindes Kugeln ängstigten sie die Gefahren des Hospitals, wohin man die Schwerverwundeten brachte. Noch einmal ward ihr Jncognito bewahrt; die Lieutenants» charge lohnte im Jahre 1800 ihre Tapferkeit, aber sie war am Ende ihrer Heldenlaufbahn angekommen. Auf einer Dienstreise im Elternhause zü Mailand angekommen, mußte sie sich des Mütterleins Händen anvertrauen, denn ihre Gesundheit war arg angegriffen, und nun be» trieben die Eltern ihre Qittirung, die mit vollen Ehren- und mit Belassung des Officierscharakters genehmigt wurde. Als kaiserlicher Officicr fühlte sich Francisca Scanagatta in allen Zeiten ihres Lebens, auch als sie, dem Zuge ihres Herzens folgend, dem Chevaulegcr- Lieutenant Cölestin Spini die Hand zum Ehebunde reichte, ein wahrhaftiges Lieutenantspaar! Vier Kinder entsprossen dieser Ehe, die 1832 der Tod des Gatten, des Majors Spini, löste. Der gnädige Kaiser beließ der Wittwe nebst der Lieutcnantspension den Majors- Wittwengehalt, und in sorgenloser Ruhe erreichte die Amazone ihr 89. Lebensjahr. Als Radetzky im Jahre 1848 das aufständische Mailand verließ, war die Frau Lieutenant-Majorin unermüdlich in der Pflege zurück« gebliebener Verwundeter, und als im Jahre 1852 das 100jährige Jubiläum der Akademie alle die treuen Söhne der matsr nach Neustadt führte, da flatterte auch ein Brief der einzigen „Neustädten»" in das ehrwürdige Haus, der unterzeichnet war: „Franz Scanagatta, w. p., Lieutenant, Majorswittwe." Noch vor ihrem Ende hatte Francisca Scanagatta die Freude erlebt, daß einer ihrer Enkel in dasselbe Haus einzog, dem sie einst als Fähnrich entsprossen; sie selbst aber lebt fort in der Neustadter Zöglingstradition zu allen Zeiten. - ^ > i Die Versuchung. Allegorie von Vera Wciibel. Eine Anemone blühte schneeig weiß am Saume deS Waldes. Ewig konnte sie nicht blühen, denn die Blumen sterben bald; aber ihr liebliches Weiß konnte sie bewahren bis zum letzten Moment ihres Blühens, und aufrecht wollte sie noch stehen, wenn der Wind bereits das letzte Blättchen aus ihrer zarten Krone geblasen haben werde. Manch rauher Hauch vom Norden hatte schon ihr Köpfchen gebeugt, aber die Anemone stand ausrecht, lieblich in ihrem schneeigen Weiß. Ein Platzregen hatte den Staub der Erde aufgewühlt und alle Blumen beschmutzt, die am Wege standen, der in den Wald führte. Auch auf den reinen Blättern des Waldblümchens zeichneten sich häßliche Flecken. Es war doch recht schade, und ich denke, daß das Blümchen leise für sich weinte. Zum ersten Male passirt ihm dies Unglück, und nun sah es erst, wie schön es gewesen. Aber in der folgenden Nacht fielen unzählige Thauperlen vom Himmel herab und wuschen jedes Gräslein rein vom Erdenstaub. Jungfräulich erglänzte die Anemone wieder im ersten Strahl der Morgensonne, und aufrecht stand sie da, unendlich lieblich in ihrem schneeigen Weiß. Da kam des Wegs ein Jägersmann, ein fröhliches 40S Liebchen trällernd. Keck saß ihm sein grüner Waidmannshut auf dem lockigen Haupte, und die Lebenslust blitzte aus seinen schwarzen Augen. „Mein ist der Wald mit all seinen Vögeln und Blumen", so sang und jubilirte er in seinem jungen Uebermuthe. Da sieht er das weiße Köpfchen der Anemone im goldenen Morgenlichte schimmern. „Mein auch Du", jauchzt er und faßt mit rauher Hand sie an, die duftende Blüthe, und steckt sie zu seinem Gcmsbart auf den grünen Hut. „Da hast Du noch mehr Licht, mehr Luft und Wärme, als unten auf dem moosigen Grunde", tröstet er. Armes, liebliches Blümchen! Warum hat es keine Dornen, um zu stechen, warum keine Kraft, zu widerstehen? Flora gab ihm nichts als Waldcsduft und sein so köstliches Weiß. Und war das nicht genug? War es denn ein Unglück, der Sonne näher zu sein? Unter ihrem Einfluß fühlt sich das Blümchen nun ganz wohl, es glänzt noch schöner als zuvor da unten auf dem kalten Grunde. Doch die Küsse der Sonne werden immer brennender und glühender, sie saugen allen Lebenssaft aus dem zarten Pflänzchen. Müde läßt es seine welken Blättchen hängen, um — zu sterben. Dahin ist der köstliche Waldduft und, ach, auch das schneeige Weiß .... Ein böser Räuber hat das gethan, ein kecker, wilder Jägersmann, aber — warum mußte denn die Anemone gerade am Wege stehen? -»-«-«-es-- Allerlei. ES ist eine längst bekannte Thatsache, daß sogen- gefirnißte Thiere, deren Haut mit einem anhaftenden Stoff, wie Leim, Gummi, Gelatine, Olivenöl, Theer u. s. w. überzogen ist, unter eigenartigen Krankheitserscheinungen zu Grunde gehen. Die Thiere verlieren die Frcßlust, werden unruhig, bekommen Zittern und beschleunigte Athembewegungen und verstärkten Puls, die späterhin aber allmählich immer langsamer werden. Dabei sinkt die Bluttemperatur immer mehr, manchmal bis auf 19 Grad, und das abgekühlte Thier fällt endlich todt zusammen. Je kleiner das Thier ist, desto schneller geht es an der Ueberfirnissung zu Grunde. So starben Kaninchen schon nach 6 bis 12 Stunden, während das Pferd erst nach mehreren Tagen zu Grunde geht. Nach Edenhuizen ist ein Thier unrettbar verloren, wenn die Ueberfirnissung mehr als den sechsten Theil der Körperoberfläche beträgt. Was den Menschen betrifft, so kennt man aus der Ueberlieferung einen Fall, wo das Ueber- ziehen der Haut mit einem undurchlässigen Stoff den Tod zur Folge hatte. Zur Krönung des Papstes Leo X. wurde ein Kind, das einen Engel darstellen sollte, vergoldet und starb in der Nacht darauf, noch ehe es seine hohe Rolle ausspielen konnte. Manche Völker haben ja noch heute, wie früher die Griechen, die Sitte, sich den ganzen Körper mit Fett einzuschmieren, und auch unter den modernen Culturmenschen bekämpft man manche Hautkrankheiten damit, daß man den Leib mit Salben einschmieren läßt, ohne daß es den Menschen schadete. Es ist daraus der Schluß gezogen worden, daß im Gegensatz zum Thier der Mensch das Uebersirnissen seiner Haut ohne Schädigung ertragen könne. An welcher Todesursache geht aber das Thier zu Grunde? Diese Frage haben im Laufe der Zeit eine ganze Reihe von Gelehrten durch Versuche zu lösen gesucht, ohne endgiltige Klarheit zu bringen. Die Einen glauben, daß durch das Uebersirnissen die Hautathmung unterdrückt wird, so daß die Ausscheidungsstoffe der Haut, als Wasser, Kohlensäure, Ammoniak, flüchtige Riechstoffe und andere noch unbekannte Verbindungen sich im Thierkörper anhäufen und Vergiftung und Tod bedingen. Einige russische Forscher vertreten die Anschauung, daß der durch das Firnissen verursachte Hautreiz in Folge seiner großen Ausdehnung zu schweren nervösen Störungen und schließlich zur Lähmung der nervösen Centralorgane führe. Versuche aus der jüngsten Zeit unterstützen mehr eine dritte Ansicht, daß nämlich die Todesursache eines überfirnißten Thieres wenn nicht allein, so doch zum Wesentlichen in der Abkühlung liege, welche eS infolge des gesteigerten Wärmeverlustes bei dem Versuche erleiden muß, die der Mensch bei sich aber durch die Kleidung oder die Bettdecke verhindert. Denn das Thier wird vor dem Uebersirnissen geschoren und ihm damit seine wesentliche Schutzwehr gegen die Abkühlung geraubt, und gradweise nimmt damit die Eigenwärme ab. Der beste Beweis für die Abkühlungstbeorie wäre der Nachweis, daß gefirnißte Thiere durch Aufhebung des Wärmeverlustes vor dem Tode bewahrt werden können, und in der That haben einige Forscher ihre Thiere durch Einpacken in Watte, durch Halten in einem erwärmten Raum über einige Tage nach dem Firnissen am Leben erhalten. Die Fähigkeit der Gewebe, den vom Blut hinzutretenden Sauerstoff aufzunehmen und zur Verbrennung zu verwerthen, ist, wie alle Lebensvorgänge im Thiere überhaupt, an gewisse Temperaturen gebunden. Je tiefer die Eigenwärme des Warmblütlers unter 30 Grad sinkt, desto mehr leiden die für die Oxydation im Körper unerläßlichen Vorbedingungen; das die Gewebe durchströmende Blut kommt schließlich als arterielles, d. h. noch mit Sauerstoff beladen, in das rechte Herz zurück. Auch die künstliche Athmung vermag somit den Tod der Thiere nicht zu hemmen, und man könnte das Unvermögen der abgekühlten Zelle, den nöthigen Sauerstoff zu erhalten und zu verbrauchen, als die eigentliche Todesursache ansehen. Daß der Mensch scheinbar an der Ueberfirnissung nicht zu Grunde geht, hat eben dadurch seine Ursache, daß man ihn vor Abkühlung schützt; er liegt im Bett oder hat Kleider an. Ein nackter erwachsener Mensch kann seine Eigenwärme unter einer Außentemperatur von 27 bis 28 Grad Celsius nicht gleich erhalten, wenn andere auf die Wärmeregelung einwirkende Bedingungen, wie Muskelarbeit, Aufnahme von Nahrung, ausgeschlossen sind. Gewöhnung, Abhärtung, Fettpolster u. s. w. können ja allerdings die Grenze etwas verschieben; so viel ist aber sicher, daß kein Mensch bei gewöhnlicher Zimmerwärme (17 bis 18 Grad) es eine halbe Stunde ohne Frost aushalten würde. --» z -— Logogryph. Es dehnt sich auö nach allen Seiten, Und Alles, was uns rings umglänzt Ist d'rm, war d'rin seit Ewigkeiten, 's ist grenzenlos und doch begrenzt. Schwer ist'S zu fassen, ohne Gleichen, Sobald es an kein Ding gebannt, Dock wird eS, streichst du nur ein Zeichen, Getränk, das dir gar wohlbekannt. 3. Auflösung des Fiill-Räthsels in Nr. 52: Bei Nacht find alle Katzen grau. --EZS-- AittMattungsAatt M „Augsburger Postzeitung". 54. Dinstag, den 3. Juli 1884. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas ,/ ^ 'L />'->- Mä-Gt: ?E ^W-'W -WWW« !^LÄ8 M-s-- S M«S l'-ÄÄL 414 ist auch der Hauptsitz der katholischen Missionen, des großartigen Werkes der Glaubensverbreitung. Die Franzosen leisten jährlich bei 5 Millionen Franken, während alle anderen katholischen Länder nur die Hälfte dieser Summe zusammenbringen. Wir schieden ungern von dieser reichen und vornehmen Stadt, deren Bewohner uns achtungsvolle Zuvorkommenheit erwiesen hatten! Nützlich für nicht französisch Sprechende hatte sich die Anordnung erwiesen, daß jeder Pilger den Namen des Hotels und der Straße auf ein Papierblättchen aufgeschrieben hatte, so daß einzelne Verirrte leicht nach ihrem Hotel dirigirt werden konnten; die Meisten waren in Gruppen gesammelt. Nach 9 Uhr mußten sich alle wieder auf dem Stunden an großen Bahnhöfen bedeutender Städte kurzen Aufenthalt von einigen Minuten nimmt. Wir begrüßen ohne anzuhalten die Stadt Vienne, von wo bekanntlich die Bittgänge in der Bittwoche ihren Ausgang genommen haben gegen Ende des 5. Jahrhdts. Der hl. Bischof Mamertus hatte sie angeordnet in Ansehung der damaligen großen Strafgerichte Gottes, der Menge Feuersbrünste, der schrecklichen Erdbeben und des furchtbaren Getöses, um bei der Barmherzigkeit Gottes Hilfe zu finden und durch Gebete, Fasttage, öffentliche Bittgänge den beleidigten Gott wieder zu versöhnen; die Strafgerichte hörten auf, die Bittgänge aber wurden alljährlich fortgesetzt und in der ganzen katholischen Kirche Schlangendändigrr. Centralbahnhof einfinden, denn die Abfahrt des Zuges war auf '.zlO Uhr angesetzt. 12. Avril um 9 U. 38 M. Vm. verließen wir wieder den Bahnhof Perrache in Lyon. Nach dem Austritt aus dem Eemralbahnhof überschreitet die Bahn wiederum die 242 Meter lange Brücke über die Rhone, die Bahnrichtung wird eine südliche und zieht sich bis Tarascon längs des Rhönefiuffes hin. Die Rhüne entspringt auf der Westseite des St. Goithard, geht durch halbmondförmigen Lauf in den Genfersec und mündet nach einem 800 Kilometer langen Lauf in den Golf von Lyon am Mittelmeer unterhalb Avignon. Die Linie Lyon-Tarascon zählt 254 Km. »st 41 Bahnstationen, an welchen von Postzügen angehalten wird, während unser „Blitzzug" mit rasender, nie Gesehener Geschwindigkeit dahinsaust und nur nach je 3 gebräuchlich. Dörfer, größere und kleinere Städte flogen gleichsam an uns vorbei; die Vegetation, welche schon in Genf und über der französischen Grenze eine sehr vorgeschrittene war, namentlich in der Richtung gegen Lyon um 5 Wochen voraus als in Deutschland, hatte ab Lyon einen üppigen Charakter; saftig grüne Wiesen, blühende Mandelbäume, Aprikosen- und Pfirsichbäume, Tausende von Kirschbäumen, die bereits abgeblüht hatten, schöne Blumen und Gewächse aller Art lachten uns entgegen; Ulmen, Cypressen und Maulbeerbäume in großer Zahl zierten die Gegend 5 Weingelünde, in der Ebene sich hinziehend, und Oelbäume bekundeten, daß uns ein südliches Klima aufgenommen, die gesegnete Provence (provinoia. Roinuna), wo das Olivenöl gedeiht, bei uns Provencer- Oel genannt. 415 Die Provence, die wir jetzt durcheilen, vom Mittelmeer begrenzt, ist in mehrere Departements getheilt und erhielt ihren Namen von der Romanisirung (krovinoia) Südgalliens; im 12. und 13. Jahrhundert blühte hier besonders die berühmte provencalische Dichtkunst; es ist hier das Land der einst berühmten wohlklingenden ältesten romanischen Sprache, ein Land der Gegensätze; hier üppige Thäler und Niederungen, schon im Frühling reichbeblätterte Maulbeerbäume, welche die rege Seidenzucht bezeugen, Getreidesegen, Weinberge, welche berühmte Weine liefern, Olivenbäume und ergiebige Kastanien, Mandeln, Feigen, Melonen, Citronen, Orangen —, anderseits sonnverbrannte weite Gebiete, nackte, rothe Fessen, staubbeladene Luft, im Sommer glühende Sonne, düsterer Ernst, lange, regen- lose Sommerzeit, Ströme zwischen breiten nackten Steinbetten und ein stürmischer Nordwestwind, Mistral genannt, der im Frühling die Küste eiskalt und gelbnebelig durch- August 1799. Mit Wohlgefallen sieht man ausgedehnte Weinberge. Wir mußten mehrere, zum Theil sehr lange Tunnels durchführen. Valence, mit 2400 Einwohnern, hat eine prachtvolle Kathedrale St. Apollinaris und ein gut erhaltenes Amphitheater mit einem Zuschauerraum für 7000 Personen. Neben dem Bahnhof konnte man auf einer Geschäftsfirma lesen: Leopold Landauer, Manufaktur. Die Landschaft nimmt bei Livron einen südlichen Charakter an; die Berge haben jetzt einen gelben, felsigen, sonnverbrannten Charakter, der in der Provence vorherrscht. Links in der Ferne die Alpen der Dauphins. Die Bahn passtrt bei Montelimar einen langen Vtaduct über den Roubion, — in der Umgegend Maulbeer- und Oliven- pflanzungen, große Feigenbäume. In der Ebene von Montelimar breiten sich um einsame Dörfer weite Getreidefelder aus. Von Orange ab beginnen ausgedehnte Oliven- wälder. Orange ist eine Stadt mit 10,300 Einwohnern, Gberftausen. stürmt und die Rhone hinan bis Valence würhet; dies merkwürdige Land war das Paradies der Troubadoure im Mittelalter. Jetzt trauern die kleinern Städte und Dörfer unter gebrochenen Burgen, und die Großstädte zeigen das volle, aufreibende Leben der modernen Industrie. Schön und blühend sind die Landschaften zwischen Lyon und Avignon; längs der südwärts führenden Bahn- trace sehen wir anmuthige Hügel, schroffe Felsbcrge, stille Dörfer, lebhafte Städte, herrliche Schlösser, zerfallene Ruinen, bald zur Linken bald zur Rechten die Rhone, die dem Meere zuläuft, mit der Bahn; es ist ein klassischer Boden, wo die römischen Imperatoren mit siegreichen Armeen herumgezogen sind, um die Gallier zu unterwerfen. Wir nähern uns der Stadt Valence, wohin Napoleon I. den 80jährigen Papst Pius VI. hat bringen lassen, weil er dem Kirchenstaate nicht entsagen wollte, — ein sanfter Tod erlöste den greisen Dulder am 29. inmitten von Wiesen, Maulbeerpflanzungen, Weinbergen; in seiner Nähe wurden 105 v. Chr. die Römer von den Kimbern und Teutonen geschlagen; Orange gehörte als Fürstenthum 1531—1702 zum Haus Nassau, das daher den Beinamen Oranien führt, wurde 1713 an Frankreich abgetreten. Von der Bahn aus sichtbar ist ein Triumphbogen, ein schöner, prächtig decorirter Bau aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., ebenso am südlichen Ende der Stadt ein römisches Theater, es soll eines der best- erhaltenen, großartigsten antiken Theater sein, für 7000 Personen! Wir konnten es nicht besichtigen bei so kurzem Aufenthalt. Währeno der Fahrt hatten wir aber auch die geistliche Tagesordnung auszuführen; im Pilgerbüchlein, das Jeder bekam, waren die entsprechenden Gebete und Lieder enthalten. Nach der Morgen-Andacht betete man die Reise-Meß-Andacht, um 7 Uhr den Rosenkranz mit Lauretanischer Litanei, um 9 Uhr Marianische Andacht 416 mit mehreren Gebeten und jeweilig drei Ave Maria, 11 Uhr Rosenkranz, 2 Uhr deutsche Vesper-Andacht, 4 Uhr Kreuzweg-Andacht, 6 Uhr Rosenkranz, */z9 Uhr Abend-Andacht; so wurde der Reise die religiöse Signatur als Pilgerzug aufgeprägt! Bei Ankunft an größeren Halt- stationen war Pause im Beten und Singen, um kein Aufsehen zu machen. Die Lieder waren, mit Ausnahme des Lourdesliedes „Ave Maria", dem Augsburger Gesangbüchlein entnommen (Gelobt sei Jesus Christus, Großer Gott, Salve Regina usw.). In Lyon hatten wir gestern um Regen gebetet, auch in Süd-Frankreich hatte es schon ein paar Wochen nicht mehr geregnet. Heute, Donnerstag 12. April, gab es in der Provence ein ansehnliches Gewitter mit Blitz und Donner, es regnete in Strömen bis 5 Uhr Abends. Wir näherten uns Avignon, das uns mehr interessirte als die bisherigen größeren Stationen seit Lyon, wie Tournon, Lavoulte, Viviers, St. Esprit, Bagnols, Villeneuve, die wir eilig Passirt hatten! (Fortsetzung folgt.) - — - Oberstaufe«. (Htezu das Bild Seite 415.) Der Markt Staufen ist im Bezirksamt Sonthofcn, Regierungsbezirk Schwaben und Neuburg, gelegen. Es ist wahrscheinlich, daß der Ort ein Bestandtheil jener großen Grafschaft im Albegau gewesen, welche Graf Hartmann von Landau mit der Burg Meglofs oder Eglofs im Jahre 1243 zu Capua um 3200 Mark Silber an den Kaiser Friedrich II. verkauft hat. Im Besitze der Beste Staufen findet man zu Anfang des 14. Jahrhunderts die Familie von Schellenberg beurkundet. Der Ritter Marquart von Schellenberg verkaufte die Burg mit der Pfarrei Staufen 1311 um 650 Mark Silber an den Grafen Hugo von Montfort. Dieser neue Besitzer stiftete 1328 zu Staufen eine neue Collegiat- kirche mit einem l-'ruspoLitus (Propst) und sechs Presbytern. Das Schloß Staufen lag auf einer Anhöhe bei dem jetzigen Markte Staufen. Im Bauernkriege wurde es zerstört, von dem Grafen Wolf von Montfort aber wieder erbaut. Auch nach einem zweiten Brande 1611 hat Graf Hugo von Königsegg - Rothenfels das Schloß wieder repartren, einen Schloßflügel und eine Kapelle hinzuerbauen lassen. In der letzten Zeit wurde das Schloß nur noch als Jagdschloß benützt, 1807 wurde es gänzlich abgebrochen. Die Herrschaft Staufen mit der Grafschaft Rothenfels war 1567 von dem Grafen Ulrich von Montfort an den Freiherrn von Königsegg um 155,000 fl. verkauft worden. 1804 verkaufte Graf Franz v. Königs- egg-Rothenfels die Reichsgrafschaft Rothenfels mit Staufen an den Kaiser Franz II. von Oesterreich. Der Preßburger Friede vom 26. Dezember 1805 theilte die Herrschaft Staufen der Krone Bayern zu. Der Markt Staufen, der gegenwärtig ca. 900 Einwohner zählt, ist 1680 bis auf drei Häuser abgebrannt. Oberstaufen ist eine beliebte „Sommerfrische", besonders auch der Augsburger; in den dortigen zahlreichen guten Gasthäusern ist für Speise und Trank bestens gesorgt bei civilen Preisen. (Unser Bild ist nach einer Photographie von K. Ebert in Kempten.) - * j -V -i—»- Zu unseren Bildern. Kadi Carnot, priistdent der franröstschen Republik Am 24. Juni l. I. wurde der Präsident der französischen Republik, Sadi Carnot, von dem Italiener Cesario Giovanni Santo in Lyon, wie bereits durch die Tagesblätter des Näheren mitgetheilt, auf offener Straße erdolcht. Ueber den äußeren Lebensgang Sadi Carnots sei Folgendes mitgetheilt: Marie Frantzvts Sadi Carnot, Sohn des Staatsmannes und Publizisten Lazare Hippolyte Carnot, Enkel des Grafen Lazare Nico- las Marguerite Carnot, der unter dem Konsul Bonaparte Kriegsminister war, wurde am 11. August 1837 zu Limoges geboren, trat 1857 in die polytechnische Schule ein und wurde später zum Ingenieur in Annecy ernannt. Am 10. Januar 1871 wurde er von Gambetta zum Präfeklen des Departements der unteren Seine eraannt und mit der Organisation der nationalen Vertheidigung in den drei Departements der unteren Seine, Eure und Calvados betraut. Am 8. Februar desselben Jahres wurde er auch in die Nationalversammlung gewählt. Carnot trat der republikanischen Linken bei und wurde deren Schriftführer; 1876 wurde er in die Abgeordnetenkammer gewählt ; hier trat er für alle Maßregeln ein, die geeignet waren, die Republik zu befestigen, und gehörte am 16. Mai 1877 zu den 363, die dem Ministerium Broglie ein Mißtrauensvotum ertheilten. Er trat besonders bei den Verhandlungen über die öffentlichen Arbeiten, die Eisenbahnen, die Binnenschifffahrt hervor, auch als Berichterstatter der Budgetkommission, und wurde am 26. August 1378 Unterstaatssekretär im Ministerium der öffentlichen Arbeiten, um am 22. September 1880, nach Freycinets Sturz, die Leitung dieses Ministeriums zu übernehmen. Im November 1882 vom Amte zurückgetreten, wurde Sadi Carnot im April 1885 zum Finanzminister im Ministerium Brisson und dann auch im Ministerium Frcycmet ernannt. Als GrSoyö Stellung unhaltbar geworden war. faßten die entschiedenen Republikaner neben Freycinet Sadi Carnot wegen seines berühmten Namens wie wegen seiner bewährten Uneigen- nützigkeit inö Auge, zumal Herrichsucht und Ehrgcir ihm fremd zu sein schienen. Bei dem ersten Wahlgang am 3 Dezember 1887 erhielt er die relative Mehrheit, 303 Stimmen, während 212 auf Ferry, 148 auf General Saussier und 76 auf Frcy- cinet fielen, bei dem zweiten Wahlgang, nachdem Ferry und Freycinet zu seinen Gunsten zurückgetreten waren, 616 von 827 Stimmen. Seine Wahl war besonders durch den Umstand gefördert worden, daß er als Finanzminister die Rückerstattung von 150,000 Fr. Stempelsteuer an die — Grsvy und Wilson befreundeten — Bankiers Dreyfus verweigert hatte, die fein Nachfolger Dauphin genehmigte. Als Herr Rouvier diese Thatsache zur Kenntniß der Kammer brachte, erhob sich diese ein- müthig und brachte dem Ehrenmann eine stürmisä e Huldigung dar. — Carnot hat die Erwartungen gerechtfertigt, die seine Wähler in ihn gesetzt hatten. Er war ein fester Republikaner, ein tüchtiger Redner und verstand es auch, mit der nöthigen Würde das Staatsoberhaupt zu spielen. Hastige Arrestanten. Die drei Schlingel, die Du hier siehst, haben heute ihr Pensum nicht gelernt und müssen nun ihre Faulheit mit Schul- Arrest büßen. Das scheint den Burschen aber nicht sonderlich Kummer zu verursachen, denn sie befinden sich in heiterster Laune; wenigstens die Zwei da, der Seppl mit der langen Pfeife des Herrn Lehrers und der Maxl mit der Geige. Hansjörg scheint es augenblicklich ernst zu nehmen; den Hopf auf die Hände gestützt, ist er gar eifrig in seine Lektüre vertieft.^ Was mag sich da wohl der alte Schulmeister denken, der, eben zur Thür hereingekommen und hinter der Schultafel stehend, das Kleeblatt betrachtet. Am Ende gibt's für den Raucher und den Geigenvirtuosen noch einen Extra-Airest. Kchlangendändiger. Schlangenbändiger gibt es hauptsächlich im Orient und bei den afrikanischen Völkern. Unser heutiges Bild stellt eine Scene dar, welche uns den Schlangenbändiger eben in Ausübung seiner „Kunst" vergegenwärtigt. Auf einer Reise dui ch das Wüsten- land begriffen, haben die Beduinen Halt gemacht, um dem seltsamen Schauspiele des Schlangentänzers ihre Aufmerksamkeit zu widmen. Auf dem Boden kauernd, spielt ein brauner Sohn der Wüste zum Tanze auf. In Nianchen Ländern Afrika's werden eigene Schlangenfesttage gefeiert und spielen die Schlangcn- bändigcr, auch Schlangenzauberer genannt, dort eine große Rolle. HL55. Ireitag, den S. Juli 1884L Für die Redaction verantwortlich: Philipp Fricl in Augsburg. Druck und Verlag des Literarnchen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg ^Vorbesitzer vr. Max Huttler). Im Laune alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Für Wolfgang gab es nun nichts Räthselhaftes mehr. Eine dunkle Erinnerung war es gewesen, was ihn bei jenem Zusammentreffen mit der Reiterin aus ihrem Antlitz und ihrem Wesen so geheimnißvoll an- gemulhet hatte. Vielleicht waren von der schwarzäugigen Gespielin einige Züge in die Träume des Jünglings übergegangen, die ihm das vervollkommnete Ideal seines Herzens zeigten und dabei der bildnerischen Meisterhand der Natur so nahe geblieben waren. „Erinnern Sie sich," sagte er, unwillkürlich von diesem Jdeengange geleitet, „daß meine kleine Spielkameradin mir versprach, einst meine Frau zu werden?" Beinahe bereute er seine Worte, denn die knabenhaften Gefühle der Vergangenheit fanden in dem heutigen Empfinden des Mannes ein nur zu treues Echo, welches er nicht gern verrathen hätte. „O ja, mich dünkt, Sie hätten mir ein solches Versprechen abgenommen," antwortete sie und lachte unbefangen. Diese Unbefangenheit berührte sein glühendes Herz wie Eis. Er nahm sich vor, seine Neigung zu zügeln und sich nicht eher in Lizi zu oerlieben, bis er die Beweise ihrer Gegenliebe besitze. Dieser Entschluß war freilich sehr thöricht, denn er betraf etwas bereits Geschehenes, — Wolfgang hatte nicht mehr die Macht, das junge Mädchen nicht zu lieben. „Irre ich nicht", sagte er, um die plötzlich eingetretene Paust nicht zu verlängern, „so sind Sie mit Frau von Prachwitz nahe verwandt." „Die Verwandtschaft ist nicht so nahe, daß sie sich mit einem Worte bezeichnen ließe, welches unanfechtbar ist," lächelte Lizi. „Frau von Prachwitz und meine verstorbene Mutter waren Stiefcoustnen. Doch wird es wenig echte Tanten geben, die sich ihrer Nichten so liebevoll annehmen, wie Frau von Prachwitz es mit ihrer Stiefnichte thut." „Ich finde es sehr begreiflich, Sie zärtlich zu lieben, ohne daß es dazu eines besonderen Edelmuthes bedarf," versetzte Wolfgang in scherzendem Tone. „O, in diesem Falle irren Sie sehr," wandte Lizi ein, „es gehörte ein so selbstloses Herz dazu, wie Frau von Prachwitz es besitzt, um statt der Liebe keine Abneigung gegen mich zu fühlen, da ihr durch weine Geburt ein beträchtliches Vermögen entzogen worden ist was für ihre ganze Zukunft verhängnißvoll wurde." „Und gegenwärtig halten Sie sich, wie in früheren Tagen, wieder zu Besuch bei ihr auf und gedenken hoffentlich noch recht lange zu bleiben?" bemerkte Wolfgang. „Einige Wochen," antwortete Lizi. „Nun, da haben Sie einander also schon aufgefunden", ließ sich jetzt Frau von Prachwitz vernehmen, die inzwischen eingetreten war und neben dem plaudernden Paare Platz nahm. „Nicht wahr, lieber Baron, Ihre kleine Jugendgespielin hat sich wenig verändert?" „In ihrem Wesen so wenig," antwortete Wolfgang rasch, obwohl nicht ganz der Wahrheit gemäß, „daß ich mich jeden Augenblick versucht fühle, die letztvergangenen Jahre zu vergessen und sie Lizi zu nennen, zumal es auch der einzige Name ist, unter welchem ick sie kenne." „Ei, so will ich die Etiquette in ihr Recht einsetzen," lachte Frau von Prachwitz. „Fräulein Felicitas Teßner," stellte sie mit komischer Förmlichkeit vor, „nennen Sie sie aber immerhin Lizi, Baron, ich bin gewiß, sie hat nichts dagegen; nicht wahr, mein liebes Mädchen?" „Ich ziehe indessen vor," bemerkte der Baron, „Ihnen den schönen Namen Felicitas unvcrstümmelt zu belassen, er sagt dem Geschmack des Mannes besser zu. Und wollen Sie mich wieder Wolfgang nennen?" „Ja," antwortete Felicitas, mit jener Herzensreinheit aufblickend, welche unendlich anziehender ist, als die höchste Kunst der geschultesten Kokette, „ich hoffe, es wird mir nicht schwer werden, denn alte Gewohnheiten besitzen eine unwiderstehliche Macht." Bald gruppirte sich ein größerer Theil der Gesellschaft um die Dame des Hauses, und Wolfgang und Felicitas konnten sich der allgemeinen Unterhaltung, die in ihrer unmittelbaren Nähe geführt wurde, nicht ganz entziehen. Der Abend verlief dem Baron an Felicitas' Seite wie ein holder Rausch. Er warf den Gedanken an den folgenden Morgen von sich und blieb, bis fast alle Gäste sich entfernt hatten. An Melanie Rettberg mußte er öfter denken. Für den Fall seines Todes war allerdings für sie gesorgt, dennoch mußte sie den gefährlichen Einflüssen, welchen sie schutzlos preisgegeben war, so schnell wie möglich entzogen werden. Eine unüberwindliche Scheu, dieses Thema in Felicitas, Gegenwart zu berühren, versiegelte ihm den Mund. Er nahm sich daher vor, nach seiner Rück- 418 kunft in's Hotel seine Bitte au das gütige und wohlwollende Herz der mütterlichen Freundin der Feder anzuvertrauen. Endlich verließ er das Haus, in welchem er den schönsten Abend seines Lebens verbracht hatte. XII. Am folgenden Morgen veranlaßte ihn der Wunsch, in der Angelegenheit der Geschwister Nettberg zu einem Abschluß zu kommen, zu einem Besuche bei Moses Nathan- sohn. Der Laden war leer, da der Pfandleiher sich gerade in seinem Hinterstübchen befand und von seinem hohen Besuche, der zu Fuße gekommen war und, durch die trübe Scheibe des Schicbfensterchens gesehen, sich von anderen Sterblichen nicht unterschied, keine Ahnung hatte. Mit den entschuldigenden Worten: „Bitte um Verzeihung, wenn ich störe," trat Wolfgang in das Allerhciligste, wo Nathansohn sich eben mit einem Anderen in angelegentlichem Gespräch befand. „Gott! der Herr Baron! der gnädigste Herr Baron!" stotterte der Jude bei dem überraschenden Anblick seines hohen Gönners, indem er breitbeinig hin und her hüpfte, Mit den Händen verwirrt in der Luft herumiappeud, und dazwischen tiefe Komplimente schnitt, wobei er den noch immer bereit stehenden vergoldeten Thronsessel umwarf. Während der Baron ein leises Lächeln nicht unterdrücken konnte, blieb daS Gesicht des anderen Mannes unbeweglich. Es war ein Gesicht, welches man so leicht nicht wieder vergißt. Im ersten Augenblick erschienen die Züge desselben fast abschreckend finster; der aufmerksamere Beobachter konnte aus ihnen aber mehr Verbitterung als düstere Verhärtung herauslesen. Im Gegensatze hierzu lag etwas Offenes auf der hohen Stirn, ebenso contrastirte tu Z schöne blaue Auge mit dem scheuen, nnstüteu Blick, der keinem fremden Blicke Stand hielt. Das schwarze Haar war kurz geschnitten, der kräftige Bartwuchs an allen Srcllen durch die strenge Censur des Nasirmcssers unterdrückt. Der Gliederbau der geradezu reckenhaften Gestalt ließ auf eine herkulische Körperkraft schließen. Trotz manches sympathischen Zuges machte der Fremde auf Wolfgang den Eindruck, als gehöre er zu jenen lichtscheuen Kunden Nathansohns, aus denen sich der verrufenste Theil seines Geschäftsverkehrs rekrutirte. Vielleicht war er der „Ulan", von welchem Nathansohn gesprochen hatte, das ihm wider Willen entschlüpfte Wort augenscheinlich bereuend, und wenn dieser Beiname sich auf die frühere Laufbahn des Mannes bezog, der im Anfange der Vierziger Jahre stehen mochte, so konnte in seiner unwillkürlichen militärisch strammen Haltung WolfgangS in diesen Dingen sehr geschulter Blick jene Vermuthung nur bestätigt finden. Dem Juden war es offenbar sehr unangenehm, daß der Baron ihn in dieser Gesellschaft getroffen hatte. „Nu, was woll'n Se noch hier?" fuhr er den Niesen an, dessen scheuer Blick sich mit forschendem Interesse immer wieder auf den vornehmen jungen Mann gerichtet hatte, worauf der lästige Gast mit kurzem Gruß sich entfernte. „Ich wollte mir heute die Ehre geben, dem Herrn Baron meinen Besuch zu machen," brachte Nathansohn endlich hervor, nachdem er tausend Entschuldigungen gestammelt, daß er seinen hohen Gönner draußen habe warten lassen. „Es ist alles gegangen nach Wunsch; aber es hat gekostet viel Mühe, bis ick meinen Mann hab' dazu gebracht, das Jüngelchen auszuhorchen, und nicht eher ist er herausgerückt mit der Sache, bis ich geschworen hab' den fürchterlichsten Eid, daß dem Jüngelchen nichts Schlimmes darf geschehen." „Ich weiß bereits, was der junge Rettberg gethan hat," antwortete Wolfgang ruhig. „Es ist mir jetzt nur noch darum zu thun, den Namen zu erfahren, den er gefälscht hat." Der Jude blickte ihn sehr erstaunt an. „Auch den Namen könnt' ich dem Herrn Baron sagen," versetzte er, nachdem er sich wieder gefaßt, „aber der fürchterliche Eid —" „Wird Sie hoffentlich nicht hieran hindern," unterbrach ihn Wolfgang, „wenn ich Ihnen die Versicherung gebe, daß ich dem Burschen nicht schaden, sondern ihn vor dem Zuchthause retten will. Also sprechen Sie frei heraus," fuhr Wolfgang fort, „wie heißt der Mann, dessen Name mißbraucht worden ist?" „Er heißt Maitland," gab der Jude zur Antwort. „Maitland?" wiederholte der Baron. „Etwa Otto Mailland?" Nathansohn nickte. „Er wohnt Unter den Linden. Der Herr Baron sind erschrocken," fügte er forschend hinzu. „Ich bin mehr überrascht, als erschrocken," cnt- gegnetc Wolfgang, „weil der Zufall will, daß ich mit dem genannten Herrn ziemlich genau bekannt bin. Wie aber kommt der junge Ncttberg gerade zu diesem Namen?" „Wie wird er dazu kommen!" sagte der Jude. „Lebt doch der Maitland in der großen Welt, ist er doch ein Mann von großem Reichthum und sein Name so gut wie baar Geld. Das wird das Jüngelchen gewußt haben." Wolfgang zweifelte keinen Augenblick, daß sein Freund aus seine Bitte jeden Gedanken aufgeben würde, den jungen Verbrecher zu verfolgen; doch vermochte er die Befürchtung nicht zu unterdrücken, Mailland könnte von der Macht, die er dadurch über Ncttberg erlangte, gegen dessen schöne Schwester Gebrauch machen. Es lag ein Zauber in MaitlandZ Wesen, ein Reiz in seiner Beredsamkeit, dem Wolfgang selbst nicht widerstehen konnte; bei all seinem hellen Verstände kam ihm im Gespräch mit Maitland die klare Unterscheidung von Recht und Unrecht abhanden, oder es kostete ihn wenigstens einen Kampf, sich beides gegenwärtig zu halten. Besorgt fragte sich Wolfgang, welchen Einfluß ein solcher Mann über ein junges, unerfahrenes Mädchen, wie Melanie Ncttberg, gewinnen könne. „Wenn ich wüßte," unterbrach Wolfgnng sein Schweigen, „in wessen Händen sich der Wechsel befindet, so würde ich ihn sofort einlösen." „Und der Herr Maitland brauchte nichts zu erfahren von der ganzen Geschichte," nickte der Jude lächelnd. „Ich verstehe, ich verstehe. Aber wer soll wissen, wo das Wechselchen jetzt in der Welt herumfährt? Und die Zeit ist knapp bis zum Verfalltage. „Nun, Herr Nathansohn," sagte Wolfgang nach kurzem Ueberlegen, „auf alle Fälle ist mir die von Ihnen erhaltene Auskunft sehr werthvoll. Ein solcher Dienst läßt sich nicht belohnen. Um aber wieder auf die altgric- chische Vase und die antike Damascenerklinge zurückzukommen, wovon Sie mir gelegentlich erzählten, so würden dieselben ein paar fühlbare Lücken in meiner kleinen Alterthumssammlung ausfüllen. Schicken Sie mir diese beiden Gegenstände in mein Hotel, Herr Nathansohn, und vergessen Sie nicht,' die quittirte Rechnung beizufügen." Der Baron empfahl sich rasch, ohne dem Juden Zeit zu seinen üblichen Ehrfurchtsbezeigungen zu lassen. „Gott! was'n Mann!" rief Nathansohn bewundernd, „was'n feiner Aristokrat! Unbesehen und ohne zu handeln nimmt er die Base und den alten Damas- cenersäbel . . . Gott! am Ende hätt' er auch genommen das vergoldete Sesselchen, wenn ich ihm hätt' gesagt, 's wär' der Thron, auf dem schon hätt' gesessen der König Salomo. O, Moses Nathansohn, was biste doch gewesen für'n Schafskopf l" xm. Wolfgang begab sich wieder zu Frau v. Prachwitz, deren Obhut Fräulein Nettberg wohl am sichersten anvertraut werden konnte. Er traf zunächst Felicitas. Nach den üblichen Begrüßungen steuerte er sofort auf sein Ziel los. „Ich muß mich an Ihre Tante und an Sie wenden," fuhr Wolfgang fort, „denn ich bedarfsder Hilfe edelgesinnter Frauen — um eine junge Dame zu schützen." Felicitas war in hohem Grade überrascht über das Ansinnen des Jugendfreundes, der sofort eine Erklärung über die Art und Weise seines Zusammentreffens mit dem Schützling gab. Er berichtete von seiner Begegnung mit Quinna und fügte erläuternd hinzu: „Jener Herr von Quinna, ein gemeiner Abenteurer, hatte die Dame mit Absichten aufgesucht, welche im höchsten Grade beleidigend, ja beschimpfend für ein unschuldiges und- liebenswürdiges Mädchen waren, das unter dem Druck der Armuth leidet und niemanden in der Welt zur Seite hat, als einen allen Lastern und Verbrechen ergebenen Bruder, der ohne jedes Bedenken seine Schwester verrathen und verkaufen würde. Ich hatte durch eine dritte Person von der Lage des jungen Mädchens gehört; der Wunsch, etwas für sie zu thun, und die Hoffnung, ihren Bruder vielleicht vor gänzlicher moralischer Verkommenheit retten zu können, führte mich in die Wohnung der Geschwister, Fräulein Nettberg machte auf mich sofort den Eindruck, daß sie unverdorben und tief bemitleidenswert sei. Sie können sich daher leicht denken, Felict- tas, daß ich sie nicht in meiner Gegenwart wollte beleidigen lassen. Ich muß zum Schutze der Dame aber noch mehr thun, denn sie ist ganz auf meinen Beistand beschränkt. Es kommt leider sehr selten vor, daß sich ein junger Mann ohne eigennützige Beweggründe eines schönen jungen Mädchens annimmt. Ich möchte nicht in einen solchen Verdacht gerathen, und daher bedarf ich einer Mittelsperson, welche an meiner Stelle handelt und derartiger Beargwöhnung unerreichbar ist." „Und in welcher Weise könnten diejenigen, an welche Sie Ihre Beschützerrolle abtreten möchten, am geeignetsten für die Dame sorgen?" „Zunächst dadurch, daß sie dieselbe so rasch wie möglich aus ihrer Wohnung entfernen." „Ist sie in Gefahr?" „Jener Herr von Quinna besitzt eine Macht über ihren Bruder, welche ihr selbst verderblich werden kann." „Ach!" entgegnete Felicitas mit einem schwermüthi- gen Lächeln, „ich kann das alles sehr wohl begreifen, nur das begreife ich nicht, wie ein Bruder so schändlich sein kann, auf das Verderben seiner eigenen Schwester auszugehen." „Müßiggang, Genußsucht und — laot, not Isast — die Furcht vor dem Zuchthause, — das sind seine Triebfedern. Seine Schwester muß vor seinen Zudringlichkeiten geschützt werden, und wenn Sie und Ihre Tante dabei helfen wollen, so wird Ihnen das arme Mädchen dafür dankbar sein und ich nicht minder, Felicitas." „Ich will alles thun, was Sie wollen, Wolfgang," rief Felicitas mit glühendem Gesicht. „Vielleicht wissen Sie, daß es mir an Mitteln, ihr zu helfen — ich meine mit Geld — durchaus nicht fehlt." „O, was das betrifft," versetzte Wolfgang lächelnd, „so lassen Sie nur mich sorgen. Ich besitze weit mehr, als ich gehörig anzuwenden weiß, und möchte Sie daher zu bewegen suchen, mir bei der Verfügung über meinen Reichthum, welcher zu groß ist, um mir nicht ernste Verpflichtungen aufzuerlegen, Ihren Rath zu ertheilen. Wollen Sie meine Mahnerin zum Guten sein, Felicitas?" „Recht gern, Wolfgaug," antwortete das junge Mädchen mit leiser Stimme und das Auge senkend, „wenn ich eitel genug sein könnte zu glauben, daß meine Rathschläge Ihnen nützen würden." Der Baron hatte während dieser Unterredung mancherlei Zeichen an ihr beobachtet, welche seine Hoffnung belebten. Der feurige Glanz ihres Auges erhöhte sich noch, wenn sich dasselbe plötzlich zu ihm erhob; im Tone ihrer Stimme lag etwas Bewegtes, in ihrem Wesen eine gewisse Befangenheit, — das alles verkündete ihm, daß er mindestens die Macht besitze, Bewegungen in ihrem Herzen hervorzurufen. Wer weiß, wohin die jüngste Wendung des Gesprächs geführt haben würde, hätte nicht das Tönen der Vorsaalglocke verrathen, daß Frau von Prachwitz zurückgekehrt sei. „Lassen Sie mich also das Siegel auf Ihr Versprechen drücken, liebe Felicitas," sagte Wolfgang, indem er ihre schöne Hand ergriff und sie respektvoll an seine Lippen führte. „Auf welches Versprechen?" fragte sie befangen. „Meine Mahnerin zu sein," erinnerte er, und gerne hätte er hinzugesetzt: „für's Leben," doch wollte er in diesem Augenblick nicht alles wagen, auch trat Frau von Prachwitz soeben in's Zimmer. Die im Hotel erhaltene Auskunft, daß der Baron ausgegangen sei, hatte ihr zu großer Beruhigung gereicht, und nun war sie sehr erfreut, ihn gerade hier, an Felicitas' Seite, zu finden. Sie war beiden mit gleicher Herzlichkeit zugethan und hielt es für das Natürlichste von der Welt, daß die Jugeudgespielen sich in einander verlieben und das glücklichste Paar von der Welt werden müßten. Das war schon gestern Abend ihr Gedanke gewesen. Der Baron erzählte seine Geschichte und wußte die warm fühlende Wittwe für Melanits Schicksal lebhaft zu interessiren. Sie war erfahren genug, um sofort die Gefahr zu begreifen, vor welcher der Baron das schöne, unschuldige Kind zu schützen trachtete. „Ich will mit Felicitas morgen Ihren Schützling aufsuchen," erklärte sie sich bereit, „und wir werden alles- zu Ihrer Zufriedenheit ordnen. Wir werden ja sehen, wie wir die junge Dame bei uns unterbringen. Sie könnte in dem kleinen Zimmer neben dem Deinigen schlafen, Felicitas." „Auf einige Tage allerdings, liebe Tante," ver» setzte Felicitas, „bliebe sie länger hier, so würde der Zweck kaum erreicht werden. Sie soll von ihrem Bruder entfernt werden; wie leicht könnte sie demselben aber auf einem Ausgange begegnen! Ich will daher an meinen Vater schreiben; in unserm Hause gibt es genug Zimmer, die ihr zur Verfügung stehen." 420 „O, liebe Felicitas! — Au Deinen Vater schreiben?" wandte Frau v. Prachwitz bedenklich ein. „An Deinen Vater schreiben! Du kennst ihn so gut wie ich!" Das junge Mädchen crröihete. „Nun, ich wollte Dich nicht kränken," sagte die Tante, dies beincrkend, „versuche es iwmcrbin und schreibe an Deinen Vater. Sollte er Schwierigkeiten wachen, so wird sich leicht ein anderes Anskunftsmittel finden. Wir haben ja vor, auf einige Wochen nach Rügen zu gehen, und da können wir Fräulein Nettberg mitnehmen." „Ich werde sie sogleich durch ein paar Zeilen von unserm Besuch verständigen, damit wir sie morgen sicher zu Hause antreffen," tagte Felicitas. „Thue das." nickte die Tante, „und laß Dir vom Baron die Adresse sagen." Auf Einladung seiner Gönnerin blieb Wolfgang den ganzen Abend über da, der ihm noch angenehmer verging, als der gestrige. Das Gespräch lenkte sich auf vergangene Zeiten; theure Erinnerungen an seine verstorbenen Eltern und die Stunden, wo er und Felicitas in diesen Räumen als Kinder mit einander gespielt hatten, traten, durch die mütterliche Freundin geweckt, wieder lebendig vor seine Seele, so daß er in ungleich weihevoller Stimmung als gestern das Hans verließ . . . Am andern Vormittag fuhren Frau von Prachwitz und Felicitas nach der entlegenen Vorstadt, in welcher Melanie Ncttberg wohnte. Die beiden Damen waren noch nie in diese Gegend gekommen. Als sie das Haus mit dem höhlenartigen Hofe betraten, die zerlumpten Kinder auf den Treppen sahen, von denen eins, sich verwegen über das Geländer hängend, blitzschnell an ihnen vorübergerutscht kam, als sie aus unsichtbaren Räumen zankende und keifende Stimmen vernahmen, da sank ihnen der Muth, und die etwas nervös veranlagte Frau von Prachwitz gerieth beinahe in Versuchung, wieder umzukehren. Die Wirthin mit dem allezeit offenen Ohre trat, als sie von draußen leise Schritte vernahm, aus ihrer stets nur angelehnten Thüre und war nicht wenig überrascht, zwei so vornehme Damen vor sich zu sehen, die nach Fräulein Ncttberg fragten. Sie zeigte ihnen das Zimmer, welches Frau von Prachwitz zuerst betrat. Melanie stand an dem Tische, worauf noch Felicitas' erbrochener Brief lag, und legte hastig und mit verstörtem Blicke eine Zeitung bei Seite. Frau von Prachwitz war beim ersten Anblick des jungen Mädchens für sie gewonnen. Sie ergriff mit warmherziger Lebhaftigkeit Melanies Hand und theilte ihr in den zartesten Worten mit, wie rühmend der Baron von ihr gesprochen, welche innige Theilnahme er für sie erweckt habe und was nun für sie geschehen solle. Jetzt erst bemerkte Melanie Felicitas, die sich bisher hinter ihrer Tante gehalten hatte. Die beiden reizenden Mädchen standen da und blickten einander stumm an, als sei jede erstaunt über die Schönheit der andern. Aber sei es nun, daß Melanie ihr Schicksal in der außerordentlichen Schönheit Felicitas' las oder daß für ihr aufgeregtes Gemüth jener rasche Wechsel der Empfindungen zu viel gewesen war, — sie erbleichte plötzlich und sank ohnmächtig in Felicitas' Arme. XIV. Um dieselbe Zeit, wo die eben erzählte Scene vor sich ging, kleidete sich der Baron von Sturen zum Ausgehen an, um seinen Freund Maitland aufzusuchen und mit diesem über die fatale Angelegenheit des jungen Rettberg zu sprechen. Er wollte eben nach Hm und Spazierstock greisen, als an der Thür gekiopft wurde. Der Besucher war Maitland selbst. „Nun, wie geht es fragte der Ankömmling. „Gut, wie ich sehe. „Gerade zu Ihnen wollte ich, Maitland," erwiderte Molfgang, „in einer ziemlich wichtigen Sache." „Und ich komme zu Ihnen, Baron," versetzte der Andere mit einem seltsamen Lächeln, — „in einer ziemlich — interessanten Sache. Aber bitte, lassen Sie mich zunächst Zuhörer sein." „Nein, Maitland, sprechen Sie zuerst," ersuchte Wolfgang. Beide setzten sich. „Nun, so hören Sie, Baron," begann der Andere. „Ich habe soeben erfahren, daß sich ein Wechsel auf fünfzehnhundert Mark in Berlin hernnureibt, der angeblich von mir acceptirt sein soll. Zufällig trifft es sich, daß ich einige Tausende auf's Jahr mehr habe, als meine Wünsche und Gewohnheiten erfordern — und so habe ich noch keinem Menschen auf Erden ein solches Ding ausgestellt. Einen ähnlichen Gedanken mochte wohl auch der Banquier haben, in dessen Portefeuille der Wechsel gestern oder heute übergegangen ist, denn er schickte denselben zu mir und ließ mich fragen, ob die Sache in Ordnung sei." „Und was gaben Sie zur Antwort?" fragte Wolfgang ängstlich gespannt. „Ich ließ dem Banquier sagen, ich werde selbst zu ihm kommen. Der Name des Ausstellers, der sich erlaubt hat, mein gefälschtes Accept auf den Wechsel zu setzen, veranlaßte mich hierzu, denn er lautet Eduard Rettberg, und ich weiß, daß dieser Betrüger Ihr Schützling ist." „Sie sagen mir da nichts Neues, Maitland," ent- gegnete Wolfgang nach kurzem Bedenken, „ich bin ebenfalls von der Fälschung unterrichtet und wollte deshalb soeben zu Ihnen kommen, um Sie zu bitten, den leichtsinnigen Menschen nicht vor Gericht zu ziehen. Ich habe nichts hinzuzufügen, als daß ich bereit bin, den Wechsel selbst einzulösen." Maitland lachte. „Sie schützen also doch das Lächeln der jungen Dame auf fünfzehnhundert Mark? Nun, Ihnen zu Gefallen will ich thun, was ich kann." Wolfgang sckwieg, während er mit sich selbst kämpfte. Er wußte, was Maitland argwöhnte. „Sie sind im Irrthum," ergriff er endlich das Wort. „Ich wünsche, den Burschen zu retten, allerdings nicht seiner selbst wegen, sondern aus Rücksicht auf seine Schwester, aber ohne jede unlautere Nebeuabsicht auf diese. Und was auch aus dem verworfenen Bruder werden möge, so haben sich doch Personen gefunden, welche sich für die junge Dame interessiren und dafür Sorge tragen werden, daß sie nicht, durch Armuth bewogen, der Versuchung zum Opfer fällt." „Nun, Baron," entgegnete Maitland, „wenn Sie die Gelegenheit, die sich Ihnen darbietet, nicht benützen wollen, so ist das Ihre Sache. Für mich aber ist jetzt die Gelegenheit so günstig, daß ich, der Versuchung weniger gewachsen als Sie, meinen bösen Antrieben ein wenig nachgeben muß." „Maitland!" rief der Baron aufspringend und des Anderen Arm ergreifend, „Sie versprachen mir —" — 421 — „Ja, ja, ich erinnere mich wohl meines Versprechens," entgegnete Maitland, „aber unsere Stellung hat sich inzwischen verändert. Ich bin jetzt selbst in die Sache verwickelt worden, ohne es zu wollen." „Und Sie wollen wirklich dem schlechten Beispiele des Herrn von Quinna folgen," rief Wolfgang, „Sie wollen das Verbrechen des Bruders gegen die Ehre der Schwester ausspielen?" „Herr!" fuhr Maitland auf, seinen Kopf in den Nacken werfend und den Baron aus wild flammendem Auge anblickend. Im nächsten Moment faßte er sich jedoch wieder, von seiner Stirn wich der finstere Ausdruck, sein Blick besänftigte sich. „Nein, Baron, sagen Sie das nicht. Ich will aus der Furcht des Mädchens keinen Nutzen ziehen, welchen Gebrauch ich auch von ihrer Dankbarkeit machen mag." „So geben Sie mir Ihr Wort, daß der Bruder gerettet werden soll?" fragte Wolfgang. „Ich verspreche Ihnen, so weit es mir möglich ist, den Burschen zu retten," antwortete Maitland nach augenblicklichem Nachsinnen. „Was meine fernere Handlungsweise in dieser Sache betrifft, so werde ich mich von den Umständen bestimmen lassen. Ich leugne nicht, daß ich mich für das Mädchen iuteressire und sie zu sehen wünsche. Und darin werden Sie nichts Bedenkliches finden, Baron." „Erlauben Sie mir aber die Frage," entgegnete Wolfgang, „warum Sie nur bedingungsweise davon reden, den Bruder des Mädchens vor den Folgen seines Verbrechens bewahren zu wollen. Die Sache ist ja auf die einfachste Weise von der Welt erledigt, wenn Sie Mich den Wechsel bezahlen lassen." „Das Letztere ist das Wenigste," versetzte Maitland, „denn ich bin selber nicht eben geizig, Baron, und es soll niemand Anderer als ich das Geld bezahlen. Wenn ich bedingungsweise redete, so geschah es weil —" Er unterbrach sich und versank in Nachdenken. Endlich streckte er seinem Freunde die Hand entgegen und sagte: „Wir haben einen kleinen Zwist gehabt, aber wir wollen wieder Freunde sein. So lassen Sie uns denn überlegen, was wir für Fräulein Rettberg's Bruder thun könen." Der Baron drückte ihm warm die Hand. Beide kamen überein, daß Maitland zu dem Banquier gehe und den Wechsel einlöse. Nettberg sollte in keiner Weise zur Verantwortung gezogen werden, aber nur unter der Bedingung, daß er mit dem nächsten Hamburger Dampfer nach Amerika abreiste. Er sollte mit den nöthigen Geldmitteln versehen werden, und man wollte dafür sorgen, daß er in Amerika eine Anstellung erhielte. Maitland ging so bereitwillig auf diesen Plan ein, daß die Macht seines Einflusses auf Wolfgang und der Reiz seines Umganges wiederhergestellt waren, als er diesen verließ, um die nöthigen Schritte zur Einlösung des gefälschten Wechsels zu thun. (Fortsetzung folgt.) ---- — GotükSrner. Dem Geiz ist nichts zu viel. Durch den dreieinen Gott du bist Gemacht, erlöst, geheiligt, Christ, Ihm schwurst im heil'gen Tausbund du Mit Leib und Seel' dich ewig zu. K. ---»LWLS-.- Neise-Skizze des bayerischen Pilgerzugrs nach Lonroes 1894. (Fortsetzung.) Vorher sahen wir noch links den hohen Berg Ven» toux, und können wir nicht unerwähnt lassen Carthözon, ein interessantes Städtchen mit von Thürmen flankirten Wällen und Thoren aus dem 14. Jahrhundert, dabei ein glänzendes, modernes Schloß. Nach ein paar weiteren Stationen erscheint vor unseren Blicken Avignon, sehr schöne Stadt mit 41,000 Einwohnern, einem ErzbischosS- sitz, Aufenthalt der Päpste von 1309 bis 1377, malerisch auf einem Hügel gelegen; wir eilen vorbei, werden aber auf der Rückreise I^Std. Aufenthalt haben. Wir kommen nun nach Taraseon, 9320 Einwohner, gegenüber Beaucair, mit einem Schloß aus dem 14. Jahrhundert und der Kirche der hl. Martha, welche die Stadt von einem Ungeheuer „Tarasqne" befreite. Das alte Schloß des Königs Rena überragt die Stadt. Es folgt nun eine weitere große Bahnstrecke: Tarascon-Toulouse, 335 Km. lang, mit 53 Bahnstationen. Südlich von hier, gegen Arles zu, wird eine weit ausgedehnte Ebene als das Schlachtfeld bezeichnet, auf dem nach hartem Kampfe Karl Martell die Sarazenen besiegte. Beim Durcheilen dieser Gegend begegnet man überhaupt einer Menge geschichtlicher Denkmäler; römische und griechische, sarazenische und christliche Geschichte spielte sich in dieser Gegend ab und ließ ihre tiefen Spuren zurück. Wir gelangen nun nach Nim es, einer der bedeutendsten Industriestädte des Südens, aus ihr sind viele berühmte Männer hervorgegangen, u. a. in alter Zeit der nachmalige römische Kaiser Antonius Pins, in neuerer Zeit Nicot, der die Tabakspflanze im 16. Jahrhundert aus Portugal einführte, weß- halb das in ihr enthaltene Gift Nicotin genannt wird, in neuester Zeit der bekannte französische Staatsmann Guizot. Hier konnten sich die Pilger wieder restauriren, da sehr guter Wein zu haben war, u. a. feuriger Mus- cat, der in der Umgebung von Lunel wächst; für die noch langdauernde Tour brauchten wir Stärkung; sogar Flaschenbier war zu haben aus einer Brauerei zu Nimes; es ist auffallend, daß die Bierbrauerei selbst in berühmten Weingegenden Frankreichs mehr und mehr an Boden gewinnt; das Bier war jedoch ziemlich theuer. Diese alte Stadt zählt 70,000 Einwohner und besitzt auch ein aus der römischen Zeit stammendes Amphitheater, für 24,000 Zuschauer berechnet. In Montpellier halten wir (6 Uhr Abds.) wieder an, nur wenige Minuten; diese Stadt mit 53,000 Einwohnern ist ein Bischofssitz und gilt als Heimath deS hl. Rochus, hatte einst hohen Ruf in der Medizin und Naturwissenschaft; es hat meist enge Straßen, aber sauber und gut gehalten; hier wurde durch den Friedensschluß 21. Oktober 1622 der 9. Hugenottenkrieg beendigt; am Bahnhof eine hübsche Anlage, Square genannt; Kathedrale des hl. Petrus. Die Eisenbahn führt hinter Montpellier durch eine reichbepflanzte Ebene und überschreitet das Mosson-Flüßchen, bei der Stat. Mireval überschreitet die Bahn zwei Sümpfe, dann über einen Kanal und mitten durch das Wasser nahe dem offenen Meer auf einem 1300 Meter langen Damm nach Cette am Mittelmeer. Hier war Wagenwechsel; die bisherigen bequemen Waggons mußten wir mit etwas beschränkten Wagen vertauschen, wo man kaum das Gepäck unterbringen konnte I — Die Allermeisten sahen zum Erstenmale das Meer; mir war es nicht fremd, da ich 1880 von Neapel aus mit der bayerischen Palästina-Karawane über das Mittelmeer nach Alexandria fahr. Es liegt etwas so Ernstes und Majestätisches in demselben, daß man voll Ehrfurcht Tage lang dies Wunder der Schöpfung betrachten kaun; der Gedanke an die Allmacht Gottes, an die Ewigkeit liegt nirgends näher, als wenn das Auge über den unermeßlichen Meeresspiegel schweift. Cette, sehr hübsch gelegen, zieht sich um den Fuß eines schroffen Felsbergcs und ist eine sehr belebte Haftn- und Handelsstadt, Festung dritten Ranges, mit 35,000 Einwohnern; von hier aus werden die besten französischen Weine in die Welt gesendet, und zwar mit dem echten sehr viel künstlicher Wein; auf den Aushäug- schildern ist die künstliche Fabrikation ganz offen angekündigt; hier sind 2000 Küfer beschäftigt, in den Schiff- banwerkstäiten 1200 Arbeiter; große Stockfisch-Trocknereien. Die Fischerei vom 1. Juli bis 1. März bei der Rückkehr der Fische aus den Teichen ist sehr ergiebig; die nahen Teiche mit Salzwasser liefern jährlich 24,000 Zentner- Fische, 7000 Zentner Aale, 45,000 Zentner Muscheln, 15,000 Wasservögcl; auch feine Austern werden gezogen neben den gewöhnlichen. Der Hafen der Stadt ist sicher, erfordert aber, um ihn vor Versandung zu schützen, jedes Jahr kostspielige Arbeiten. Die Salinen liefern ein für Seesalzgewinnung außerordentlich reines Salz von blendend weißer Farbe und pikantem Geschmack. 179 Meter über das Meer erhebt sich der Berg Ste.-Claire. Von Cette aus genießt man lange den Anblick des Meeres; bald kommt uns ein Wunderwerk des Südens, der Cana! du Midi, entgegen, der, im Jahre 1681 vollendet, in einer Länge von 239,000 Met. die Gewönne mit dem mittelländischen Meere verbindet und sein Wasser bald rechts, bald links von der Bahn in allen Formen, als flacher Canal, in Tunnels, in Berg- und Felseinschnitten, dem Meere zusendet. In Cette beginnt die Mit- tclmeerbahn. Bald nach der Ausfahrt rechts Aussicht auf den Etang de Thau, der mit seiner stillen Wasserfläche und Gebirgsumrahmung einem Alpensee gleicht. Inzwischen ist es Nacht geworden, die durchsausten Gegenden find aber vom Mondlicht beschienen. Wir eilen vorbei an der Stadt Agde am Canal du Midi, in fruchtbarer Ebene, in der Nähe ein längst erloschener Vulcan. Die Bahn verläßt nun das Meer und führt durch die trefflich bebauten Gefilde von Languedoc mit eigenthümlicher Weinkultur, rechts sieht man die Berge der Cevennen. Wir kommen um 9 Uhr Abends nach Beziers, das Loterras der Römer, Stadt mit 43,000 Einwohnern, in herrlicher Lage über einem gartenähnlichen Thal am Canal du Midi; die Stadt hat eine gothische befestigte Kathedrale St.-Nazaire, war im 13. Jahrhundert Hauptsitz der Albigenser, steht selbst in Frankreich nicht in gutem Rufe; 1890 hat die erste bayerische Pilger-Karawane eine unliebe Scene erlebt durch einiges Gesinde!. Es waren Alle angewiesen, sich ruhig zu verhalten, weder laut zu beten noch zu singen — und > auch nicht auszusteigen, z. B. zum Büffet; es waren ca. 50 Personen auf dem Perron, aber der Chef der Station hielt Ordnung. Und so fuhren wir nach 10 Minuten Aufenthalt weiter über den Orbefluß, dann ein Tunnel, über welchen der Canal du Midi hinweggeht; nachdem 26 Km. zurückgelegt sind, kommen wir nach Narbonne, welchem seine alten Thürme und Kirchen ein ernstes mittelalterliches Gepräge geben; die Kathedrale, deren Chor eines der edelsten Bauwerke gothischen Stils, ist dem hl. Justus geweiht; die Stadt soll der Geburtsort des hl. Sebastian sein. Von hier eine Eisenbahn nach Perpignan an die spanische Grenze. 58 Kilometer weiter gelangen wir nach Carcassonne, einer Stadt mit 27,000 Einwohnern, Festung, drei gothischen Kirchen: St.-Viucent und St.- Michcl, St.-Nazaire. Vorbei an Villefranche. Die Bahn nach Toulouse bietet links, besonders bis Station Bram, eine prachtvolle Ansicht der Pyrenäen, die in gewaltiger Ausdehnung die Strecke weithin begleiten. Rechts läuft der Canal du Midi, der 17 Millionen Frcs. gekostet hat; er beginnt in Toulouse und verbindet durch die Garonne daS atlantische Meer mit dem Mittelmeer; er ist 239 Kilometer lang, 20 Meter breit, 2^ Meter tief, hat 62 Schleusen und führt an 55 Stellen auf Arkaden über anders Gewässer; er hat ein paar Häfen, berührt Narbonne, mündet hinter Agde in den Thau und steht dnrch diesen mit dem Mittelmeer in Verbindung. Von Villefranche durch eine sehr reiche, schönes Getreide erzeugende Gegend, mit üppigen Gemüsegärten» schloßartigcn Landsitzen und alten verwitterten Kirchen mit hohen Thurmfagaden in unmuthiger Abwechslung geschmückt — nach Toulouse. Es ist die sechstgrößte Stadt Frankreichs mit 147,600 Einwohnern in einer fruchtbaren Ebene; ist Sitz eines Erzbischofs, hoher Gerichtshöfe, Universität, höherer Lehranstalten — die Garonne theilt sie in Stadt und Vorstadt. In Geist und Körperbildung zeigt sich bei den Bewohnern ein eigenthümlicher südlicher Typus; die Stadt hieß bei den Römern Noiosa, hat sehr sehenswerthe Kirchen, wie die Kathedrale St.-Etienne, St.-Sernin, eine großartige 5schiffige romanische Kirche, im 14. Jahrhundert beendigt, die größte und schönste Kirche in Toulouse, eines der bedeutendsten Bauwerke von Frankreich, mit Krypta, im Chor der berühmte Umgang, die Dour äss Oorps 8rrints, in besonderer Verehrung, mit den heil. Leibern von St. Saturnin, Thomas von Aquin und vielen anderen Heiligen, dann der zweischiffige Bau der Dominikanerkirche, die Kapelle der Inquisition mit der Zelle, welche der hl. Dominikus bewohnte, als er hier verweilte, ferner das Museum mit griechisch- römischen und mittelalterlichen Alterthümern, der Justiz- palast, das Kapital, ein großer Renaissancebau u. s. w. Toulouse war einst Mittelpunkt der Kriege gegen die Albigenser, die mit Feuer und Schwert vertilgt wurden; 1562 wurden 4000 Hugenotten in den Straßen der Stadt niedergemacht. Bei Toulouse fand der letzte Kampf gegen die Herrschaft Napoleons I. (Marschall Soult) statt. Die Bewohner von Toulouse waren schon im Mittelalter berühmt durch ihre dichterischen Anlagen; seine Troubadours waren zahlreich, berühmt in Minneliedern und religiösen Dichtungen. Von Toulouse führt die Bahn nach Muret (21 km), Stadt mit 4200 Einwohnern, wo sich 1213 das Schicksal der Albigenser entschied. Bei der Station St.-Julien passirt man die Garonne; von hier an wird die Fahrt interessanter, die Pyrenäenkette tritt näher hervor. St.-Gaudens, 91 km von Toulouse, ist eine alte, enge Stadt auf einer Anhöhe; auf der folgenden Bahnstrecke bemerkt man zu beiden Seiten auf den Bergen alte Schloßruinen. Die Stadt Montrejeau (104 km) liegt sehr schön und bietet ein weites Panorama der Pyrenäen. Von Capvern (127 km) gelangen wir nach Tarbes, Sitz eines Bischofs, zu dessen Diöcese auch Lourdes gehört. Schon vom Bahnhof aus hat man ein herrliches Panorama der Pyrenäen vor sich, welche, einer Niesen- mauer gleich, Spanien und Frankreich scheiden. Der 423 Uebergang zum spanischen und baskischen Charakter vollzieht sich schon auf französischem Gebiet; die Leute zeigen sich ernster, ruhiger, charaktervoller in ihrem ganzen Wesen. Auf dieser Strecke sah man weniger Weinbau, dagegen mehr Getreidefelder und Wiesen, eingefaßt von Obstbüumen. Es hatte wahrend der Nacht geregnet in diesen Gegenden, wie wir wahrnehmen konnten, und noch kamen einzelne Regenschauer. Die Stadt ist schön, in der Nahe des Bahnhofes sind große Fabriken, aus denen besonders Thonarbeiten hervorgehen; ihr reges Leben hat sie großentheils dem nahen Lourdes zu verdanken. Die Stadt, welche 18,000 Einwohner zählt, bildet einen Centralort für die Pyrenäen-Reisenden, welche sich von da in das Gebirge und in die Pyrenäen begeben; sie ist auch Hauptstadt des Departements der Hoch-Pyrenäen. Die öffentlichen Plätze und Straßen der Stadt sind mit üppigen Alleen von Linden, Ulmen und Akazien bepflanzt. Alles soll der Garten des Massel) übertreffen, der den Garten aus eigenen Mitteln anlegte und der Stadt zum Geschenke gemacht hat. Von den öffentlichen Gebäuden ist die bischöfl. Kathedrale bcmerkenswerth. Der Bischof hält sich auch oft in Lourdes auf, wo ihm eine große, geräumige Wohnung zur Verfügung steht, und erhöht die Feier an gewissen Festtagen. Von hier fährt eine Zweigbahn, 82 lern lang, nach dem berühmten Pyrcnäcnbad deBigorre, mit 40 kalkhaltigen Salinenguelleu, schon den Römern bekannt. Nur noch eine Stunde Eisenbahnfahrt, das Auge wendet sich nicht mehr vom Fenster weg; je tiefer wir in die Pyrenäen, in die ersten schroffen Abhänge des Hochgebirges eindringen, um so lauter Pacht das Herz von freudiger Sehnsucht; Müdigkeit und Schlaf ist vergessen, ebenso Hunger und Durst. Zur Stillung des Hungers hatten sich die Meisten mit Lebensrnitteln vorgesehen, und Wein war ja auf den größeren Stationen an den Büffets zu haben. Die Gedanken eilen voraus zur Mutter Gottes; endlich erklingt freudig der Name Lourdes, wir sind am Ziele unserer Wünsche. Es war vormittags 9 Uhr. Als wir aus den Waggons gestiegen waren, sammelten wir uns um den Direcior. Alle erhielten Quartier- karten, und nun eilten wir, die Einen zu Fuß, Andere in Wagen, hinein in die Stadt, suchten unsere Quartiere auf. Ein großer Theil war an's Hotel Brnnis angewiesen, dessen Eigenthümer (aus Elsaß stammend) auch das benachbarte Hotel Beige, Hotel Sti-Joseph und Hotel Bethanie gepachtet hatten, sowie Privatquartiere. Für Quartier und vollständige Beköstigung hatten wir nur 7 Francs pro Tag zu bezahlen. — Nun Einiges über die Stadt. Noch vor 3 Jahrzehnten war Lourdes eine Stadt Mit 4000 Einwohnern, die ihren stillen täglichen Geschäften nachgingen, — über die Grenzen Frankreichs hinaW wenig bekannt. Die Lage, mitten im Hochgebirg, am äußersten Südende Frankreichs, nahe der spanischen Grenze, schloß sie gleichsam von der übrigen Welt ab, Die Stadt selbst besteht aus mittelgroßen Häusern, engen Straßen, grup- pirt am Fnße eines hohen Felsenrückens, der von einer malerischen, hochgelegenen Festung gekrönt ist. Jenseits dieses Felsens strömt der Gave vorbei. Die Festung hatte als Schlüssel zu den Thälern der Pyrenäen einst eine hohe Bedeutung; jetzt hat sie nur noch malerisches und historisches Interesse. Anfang dieses Jahrhunderts diente sie als Staatsgefnngniß. Lourdes ist ein Knotenpunkt vieler Straßen, die zu den warmen Pyrenäenbädern führen, sowie zu 2 spanischen Gebirgspässen, sowie nach Pau, Tarbes. Die Einwohner von Lourdes haben, wie die übrigen Gebirgsbewohner, einen tiefreligiösen Sinn, der sich besonders in zahlreichen, hier schon längst bestehenden religiösen Vereinen kundgibt. 11m 11 Uhr war die Begrüßung, die erste Andacht und Huldigung an die allerseligste Jnngfran in der Felsengrotte Massabielle anberaumt. Wenn man von der Stadt hinaustritt, ist es zuerst die Brücke über den Gaveflnß, welche man passirt, dann kommt ein ungeheurer großer und länglicher Platz, ca. 300 rn lang und 100 in breit, mit prächtigen Anlagen und vielen Bäumen, längs des FlnsseS, an dessen Anfang die Statue des heiligen Michael steht, mit mächtig geschwungenem Schwert. In der Mitte dieses Platzes befindet sich das Zeichen deS siegenden Heilandes, ein hochragendes, metallenes Kreuz, und am Ende des schönen Platzes die große, kunstvolle Statue der gekrönten Madonna, mit einem Siernenkcanze geschmückt und im Jahre 1876 durch den päpstlichen Nuntius im Auftrage Pins' IX. mit einer Krone von Gold und Edelsteinen gekrönt; aus Diamanten und Brillanten, geopfert von den Damen Frankreichs. Damals waren 100,000 Pilger zugegen. Nachts bei den Lichter-Processionen wird sie beleuchtet und strahlt im hellsten Glänze. Auf der rechten Seite befindet sich das Pilgerhans, Abri genannt. Das lange Parterre dieses großen Hauses besteht aus einem einzigen großen Saale, in welchem sich die Pilger zu verschiedenen Besprechungen versammeln. Vor unseren Augen erhebt sich die herrliche Basilika, unter deren Vorplatz die großartige, geräumige Rotunda sich ausdehnt, welche nach den 15 Altären zu Ehren der 15 Geheimnisse des Rosenkranzes gewöhnlich Nosenkrauzkirche genannt wird. Auf der Höhe deS Felsens Massabielle, über der heiligen Grotte der wunderbaren Erscheinung Mariens, erhebt sich die Basilika, -nahe derselben ein Klostergebände, der Wohnsitz der Missionäre, welchen vom römischen Stuhle die Seelsorge und die Leitung der großartigen Wallfahrt übertragen ist. Wir eilen auf der Straße Zwischen dem Felsen und Fluß hin zur berühmten heiligen Grotte, um die unbefleckte Jnngfran an dieser geheiligten Gnadenstätte zu verehren und Maria, der katrcma. Lavariao, als ihre Kinder aus dem fernen Bayerlande zu huldigen. Unbeschreiblich sind die Gefühle, welche das Herz des Pilgers bei diesem ersten Besuche der Grotte bestürmen; ja, man fühlt es, daß es ein hochheiliger Ort ist. Ich habe Vieles gesehen in 3 Welttheilen, war auf hohen Bergen der Alpen und der Apenninen, und viele hundert Klafter tief unter der Erde in den domähnlichen Grotten der Salzkrystall-Bergwerke in Wiliczka (Ealizien); ich sah die Pyramiden von Gizeh und die ägyptischen Tempel, besuchte den Weltdom St. Peter in der ewigen Stadt Rom und so viele Städte in Italien und Frankreich, sah den Wasserspiegel des Mittelmeeres, wie des Atlantischen Oceans; aber außer Jerusalem, Bethlehem, Nazareth, Tabor, Gcnesareth hat Nichts die Seele so tief ergriffen, als die heilige Grotte von Lourdes, wo die heiligste Jungfrau im Jahre 1858 einem unschuldigen 14jährigen Hirtenmädchen, Bernadette Sonbirous, 18mal, jedesmal 20 Minuten lang, erschienen ist. — Es sind Offenbarungen, deren Wahrheit durch den heiligen Stuhl anerkannt ist und für alle Jahrhunderts fixirt in der 424 Anordnung eines hierauf bezüglichen Officiums und der Missa, die alljährlich am 18. Februar zu Ehren dieser geheimnißvollen Erscheinung zu cclebrircn ist. Nicht als Fremde fühlten wir uns hier, an diesem zum erstenmale geschauten Orte, sondern wie Kinder in der Heimath, in der Nähe der Mutter! Der Felsen, auf welchem die Füße der himmlischen Erscheinung geruht, liegt vor dem Pilger; heiliger Schauer ergreift ihn. er wirft sich nieder auf die Kniee und betet: ^.vs Nuriu Imwaeulata! Die geheimnißvolle Anziehungskraft, welche die Grotte auf alle sich ihr Nahenden ausübt und auf Hunderttausende ausgeübt hat, ist allein Beweis genug für die Wahrheit der Erscheinung. Welch liebliches, einzigartiges Heiligthum ist dies! Das Auge sieht npr die Felsenhöhle mit dem lichtumslossenen Marmorbilde der unbefleckten Gottesmutter, über dem Felsen ist der Himmelsdom, im Hintergründe die Gebirgslandschaft: die hohen, an den Gipfeln schneebedeckten Berge der Pyrenäen; das Ohr hört nichts, als das Rauschen des nahen Gave- flusses und das Knistern der hundert brennenden Kerzen. Gewaltig ragen an dieser heiligen Stätte die schwarzgrauen Felsen empor, deren tiefer Ernst gemildert ist durch das zarte Grün der Gräser und Gesträuche. Die heilige Grotte dehnt sich am Fuße des Berges aus, 12 in breit, 7 m hoch und 8 m weit in den Felsen hinein. Rechts, etwas erhöht, ist die Nische der Erscheinung mit der Marmorstatue der „unbefleckten Empfängnis;", eine anmuthige, liebliche Gestalt, von einem der ersten Künstler Frankreichs in Lyon gebildet. Die Nische ist eine große Fclsöffnnng in ovaler Form, 4 m über dem Boden, die sich etwa 1 m 50 am von unten nach oben in den Felsen hinein vertieft und sich dann in zwei Arme abtheilt, von denen sich der eine in die untere Grotte herabsenkt, während der andere nach oben hin an der Außenseite des Felsens mündet. Nachdem der hochw. ?. Superior der Missionäre uns in französischer Ansprache begrüßt hatte, deren Hauptinhalt der deutsche k. Asprion wiederholte, hielt auch Herr Director Beyrer an die Pilger eine erhebende Anrede von der Kanzel aus, die neben der Grotte angebracht ist, — unter Zugrundelegung des Kirchengeldes 8t. Nrrriu, suoourrs miserm usw., nebst Aufforderung zum fürbittenden Gebete für Angehörige, Wohlthäter, Lebende, Verstorbene, für's Vaterland und Königshaus, für Papst und Bischof, für Alle, die sich in unser Gebet empfohlen! In sehr gehobener Stimmung kehrten wir vorn Gnadenorte zur Stadt zurück, in die Hotels zum Mittag-Tisch. Um 2 Uhr fand für die sangeskundigen Pilger und Pilgerinnen in der Abri-Halle Chorprobe einer Festmesse von Stehle (gemischte Stimmen) für das Hochamt am folgenden Tage statt. (Fortsetzung folgt.) -- ALLereLsi. Naive Freude. Mutter (Bäuerin beim Besuche ihres Sohnes in der Universitätsstadt^: „Ach, wie sieht es hier unordentlich bei Dir aus! — Ich freue mich nur, daß Du wenigstens die theuren Bücher recht geschont hast!" -«-SS8WS-«- Großmutter und Kind. Jung und All, lobet den Namen des Herrn. Psalm 148, 12. DaS waren beide ein seltenes Paar, Sie zählten zusammen wobl hundert Jahr', Großmütterlein fröhlich und noch gesund, Die Enkelin traurig und todcswund. Oft sprach die Alle von alter Zeit, Dann lauschte die Kranke in ihrem Leid, Ein Znumer schloß Frühling und Winter ein, Mocht'S draußen Frühling, mocht's Winter sein. „Als ich ein Mädchen, wie Du jetzt, war, Trug ick ein Kränzlein im Lockenbaar, Ich durfte gehen zum Tuch des Hwrn, Wie liegen die Zeiten so weit, so fern!" „Großmutter, dort hanget ein Myrtenreis, Mein Kleidchen im Kauen ist schnceigt weiß, Bin ich nur gesund, dann gehe ich auch Zu meinem Heiland nach and'rer Brauch." Aus der Alten Aug' eine Thräne sich stahl, Tes Kindes Wangen waren so fahl, „Und kannst Du nicht selber zum Heiland geh'N, So sollst Du an Deinem Bette ihn seh'n." Der Herbstwind färbte die Blätter roth, Da kam in die S übe zu Gaste der Tod, Dem Kinde zogen sie 'S Brautkleid au, Es hat den Bräutigam sterbend empfahn. Großmutter und Enkelin haben geweint, Als sie mit dem Herrn sich selig vereint. Die Kleine that es den Großen gleich, An Jugcird wurde die Alte reich. Das waren beide ein seltenes Paar, Die welkende Blüthe beim grauen Haar, Großmütterlein fröhlich und noch gesund Und ihre Enkelin todeswund. Adolph Müller. - - - «- Schachaufgabe. Von L. Tavcrnec (Boston). Scbwarz. Weiß zieht an und seht mit dem 2. Zuge matt. Auflösung des Logogryphs in Nr. 53: Raum. Rum. - ^L56. „Augsburgrr Postzeitung". Dinstag, den 10. Juli 1894 : Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttlcr). Zm Laune alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) XV. Trotzdem die Besprechung mit Maitland mit einem versöhnenden Accord ausgeklungen war, fühlte Wolfgang die Nothwendigkeit, die Entfernung Melanie Rettbergs aus ihrer bisherigen Wohnung zu beschleunigen, um sie aus dem Bereiche eines noch gefährlicheren Verfolgers als Quinna war, zu bringen. Um ihr einen warnenden Wink zu geben, begab er sich nach ihrer Wohnung. Eben als er im Begriff stand, den großen Kasernen- bau zu betreten, kam ihm Melanie aus der Hausthüre entgegen. Sie trug ein einfaches graues Beigekleid und in der Hand ein ledernes Handtäschchen; das goldblonde Haar war von einem Weißen Strohhütchen mit dunkelrothen Rosen bedeckt, der ihr wunderhübsch zu Gesicht stand. „Herr Baron I" rief sie überrascht und wollte umkehren, um ihren Besucher hinaufzuführen. „Nein, bitte, Fräulein Nettberg, ich will Sie nicht erst die Treppen wieder Hinaufbemühen," erwiderte Wolfgang. „Gewiß sind Sie auf dem Wege, um Einkäufe zu machen. Wenn Sie mir gestatten wollen, begleite ich Sie ein Stück." Was war es, das ihm an ihrem Benehmen auffiel? Er bemerkte eine eigenthümliche Schüchternheit an ihr; ihre Stimme hatte gebebt, als sie ihn anredete, ihr Blick senkte sich zu Boden. Die Offenheit ihres Wesens, mit welcher sie ihn stets empfing, war verschwunden. Wolfgang fand für diese Veränderung keine Erklärung, doch würde sie ihm begreiflich erschienen sein, wenn er gewußt hätte, daß Melanie nach dem Besuche der beiden Damen in ihr Herz geblickt und sich die Frage vorgelegt hatte, welches eigentlich ihre Gefühle für den Mann waren, der jetzt vor ihr stand. Ihre Aufregung bei dem Anblicke Felicitas' hatte ihr zuerst verrathen, daß etwas Seltsames in ihrem Inneren vorging, und seitdem hatte sie nur immer an den Baron denken müssen. Sie reichte ihm indessen ihre Hand — eine Hand, die gewöhnlich so kalt wie Marmor war, aus welchem sie, der Farbe nach zu schließen, gebildet schien; doch diese Hand war jetzt glühend heiß und ihre Wange so bleich. „Sie sind krank, Fräulein Rettberg!" rief Wolfgang, als er die fieberhafte Berührung fühlte. „AchI es ist heute so vieles auf mich eingestürmt, was mich aufgeregt hat," seufzte sie. „Ich hatte Sie und Ihre Lage nicht vergessen, Fräulein Rettberg," erwiderte er mit freundlichem Ernst, „thu Sie für den Fall meines Todes nach Möglichkeit zu schützen, schrieb ich meine letztwilligen Wünsche nieder, damit Sie auf Lebenszeit vor Gefahr und Mangel gesichert seien." „O, ich weiß, Sie sind edel und gut, ich weiß es sehr wohl!" flüsterte Melanie, und unfähig, ihre tiefe Bewegung zu bemeistern, mußte sie das Taschentuch an die Augen bringen, um rasch ihre Thränen zu trocknen. Während Wolfgang ihr beruhigend zusprach, hatten beide eine kleine Promenadenanlage erreicht, wie es deren auch in den ärmeren Stadttheilen Berlins giebt. Hier wandelten sie ziemlich ungestört auf und ab. „Ich darf wohl annehmen," sagte Wolfgang, „daß es Ihnen nicht gelungen ist, von ihrem Bruder in der Wechselangelegenheit den gewünschten Aufschluß zu erhalten." „So oft ich davon anfange, weist er mich brutal zurück," gab Melanie bekümmert zur Antwort. „Haben Sie ihn vielleicht im Verkehr mit einem Manne von riesenhaftem Wüchse gesehen," fiel der Baron plötzlich ein, „einem Manne in mittleren Jahren, der den Beinamen „der Ulan" trägt?" „Ihre Beschreibung paßt allerdings auf einen Bekannten meines Bruders, der ihn zuweilen besucht. Ich kenne ihn aber unter dem Namen Nölltng. Er trägt das dunkle Haupt- und Barthaar stets kurz abgeschoren —" Wolfgang nickte. „Und das hat mich zuweilen auf den Gedanken gebracht, ob er das nicht thut, um beliebige Metamorphosen mit seinem Gesicht vornehmen zu können." „Es liegt allerdings etwas in seinem Wesen, als ginge er auf krummen Wegen," stimmte Wolfgang bei. „Doch habe ich diesen Gegenstand nur nebenher berührt, Fräulein Rettberg. Was den Wechsel betrifft, so dürfen Sie unbesorgt sein. Der gefälschte Name ist ermittelt; das seltsame Spiel des Zufalls hat es sogar gefügt, daß ich mit diesem Manne, der Maitland heißt, nahe befreundet bin. Ich habe sein Versprechen erhalten, gegen Ihren Bruder nichts zu unternehmen. Der Wechsel dürfte jetzt bereits eingelöst sein." Melanie blieb stehen, und ihr Busen hob sich unter 426 einem tiefen Athemzuge, als fühle sie sich von einer erdrückenden Bürde befreit. „So ist also alle Gefahr für meinen Bruder vorüber?" fragte sie, dem Baron mit inniger Dankbarkeit die Hand drückend. „Sie haben nichts mehr für ihn zu fürchten; doch ist auf seine Besserung kaum zu hoffen, wenn er nicht seinem bisherigen Umgänge entzogen wird." „Ich fürchte, Sie haben nur zu sehr recht." „Mein Freund Maitland und ich sind daher übereingekommen, ihn mit der nächsten Gelegenheit nach Amerika zu schicken und dort für sein weiteres Fortkommen zu sorgen." Melanie schwieg, und als Wolfgang Thränen in ihrem Auge sah, kam er sich fast grausam vor, ihr diese Eröffnung gemacht zu haben. „Ich werde ihn wohl niemals wiedersehen," sagte sie unter einem schmerzlichen Seufzer, „denn ich glaube, er hat ein Brustleiden und wird nicht alt werden. Aber auch ich erwarte einen heilsamen Einfluß auf seinen künftigen Lebenswandel nur von einer gänzlichen Veränderung seiner Umgebung und seiner Verhältnisse. Da ihm aber nun Herr von Quinna nicht mehr schaden kann, so habe auch ich diesen nicht mehr zu fürchten und brauche sonach Frau von Prachwitz und Fräulein Teßner nicht erst zur Last zu fallen." Dem Baron kam diese Schlußfolgerung sehr unerwartet, sie stand im geraden Gegensatze zu dem Zwecke, der ihn zu Melanie geführt hatte. „Im Gegentheil," erwiderte er, „Sie bedürfen einer solchen Zufluchtsstätte dringender denn je." „Ihr Rath ist stets gut und ich müßte sehr undankbar sein, wenn ich ihn nicht befolgen wollte," sagte sie resignirt. „Frau von Prachwitz will mich heute gegen Abend abholen und wird mich bereit finden, mit ihr zu gehen." „Noch muß ich Sie um etwas bitten," bemerkte der Baron zögernd. „Wollen Sie es mir gewähren, ohne zu fragen warum?" „Sie dürfen es nur nennen," antwortete sie. „O, es wird Ihnen nicht schwer werden, Fräulein Rettberg. Ich verlange nichts von Ihnen, als daß Sie mir Ihr Wort geben, niemandem Ihren künftigen Aufenthalt zu verrathen." „Ich gebe es Ihnen, Herr Baron. Ich werde niemandem sagen, wohin ich gehe, weder meinem Bruder, noch meiner Wirthin, noch sonst jemandem in der Welt." „Selbst meinem besten Freunde nicht," fügte Wolfgang hinzu. Er betonte die letzten Worte so stark, daß Melanie ihn fragend anblickte. Doch erwiderte sie: „Ich werde mein Versprechen unter keinen Umstünden brechen." „Ich danke Ihnen, und nun leben Sie wohl," sagte er, ihre Hand ergreifend. „Ich hoffe, Sie heute Abend noch bei Frau von Prachwitz zu sehen." Er schnitt ihr die Dankcsworte, die ihr auf den Lippen schwebten, ab, indem er mit einem leisen Drucke ihre Hand losließ und mit ehrfurchtsvollem Gruße sich entfernte. Als er sie nicht mehr sehen konnte, drückte sie ihre Hand an die Stirne. „Ich darf nicht mehr an ihn denken," waren ihre Gedanken, „es wäre Wahnsinn!" XVI. Von ihrem Ausgange nach Hause zurückgekehrt, packte Melanie in ihrem Schlafzimmer ihre Sachen ein. Sie war zerstreut und unruhig. .Zuweilen hielt sie in ihrer Arbeit inne, ging in das vordere Zimmer, setzte sich auf einen Stuhl und verfiel in Nachsinnen; dann griff sie nach einem auf dem Tische vor ihr liegenden Blatt Papier, begann zu zeichnen, um ihre Gedanken von dem Gegenstände, der diese beschäftigte, abzulenken, und sprang plötzlich, als habe sie etwas versäumt, wieder auf, um hastiger als zuvor mit dem Einpacken fortzufahren. So hatte sie in seltsamer Unruhe ein paar Stunden zugebracht, als sie ein Klopfen an der Thür des vorderen Zimmers zu Vernehmen glaubte. Vorsichtig schloß sie die Thür des Schlafgemachs, worin ihr geöffneter Koffer stand, ehe sie „Herein" rief. Die Wirthin erschien, eine Visitenkarte in der Hand. „Sie empfangen ja lauter vornehme Besuche," sagte sie wichtig, „erst waren die beiden feinen Damen da und nun wünscht Ihnen ein sehr eleganter Herr seine Aufwartung zu machen. Ich hielt ihn im ersten Augenblicke für — " „Bitte, sagen Sie dem Herrn, ich würde mich sehr freuen, ihn zu sehen," fiel ihr Melanie hoch erröthend ins Wort, als sie auf der Karte den Namen „Otto Maitland" gelesen hatte, denn sie erinnerte sich sogleich, daß des Barons Freund so hieß, welcher eine so großmüthige Schonung gegen ihren Bruder übte. Beinahe wäre ein Ausruf der Ueberraschung Me- laniens Lippen entschlüpft, als der Besucher eintrat, denn sie glaubte im ersten Augenblicke den Baron von Sturen wieder vor sich zu sehen. Aber als sie die Täuschung gewahr wurde, fühlte sie, wie trotz der Ähnlichkeit Mait- land's mit dem ihr so theuern Baron, trotz der Dankbarkeit, die sie für den Ankömmling hegte, ein Etwas wie ein leiser Schauder sie berührte. Melanie überwand den seltsamen Eindruck wenigstens so weit, daß er sich nicht in ihrem äußeren Benehmen verrieth. Sie trat Maitland mit ihrer gewohnten Anmuth entgegen und sagte, ihm die Hand reichend: „Herr Baron von Sturen hat mir mitgetheilt, wie edel und gütig Sie gegen meinen Bruder zu handeln geneigt sind. Ich kann nur Gott aufrichtig bitten, Sie zu belohnen, wie Sie es verdienen." Ein seltsamer dunkler Schatten flog über Maitland's Gesicht. Doch er erwiderte sogleich, indem er Melanie's Hand sanft drückte: „So ist mir mein Freund also zuvorgekommen? Ich glaubte, der erste Ueberbringer jener Nachricht zu sein, welche Sie, wie ich gewiß wußte, erfreuen würde." Maitland hatte sich in Melanicns Nähe auf einem Stuhle niedergelassen und fuhr fort: „Sie haben in der letzten Zeit viel Trübsal erlebt, mein liebes Fräulein, und was mir mein Freund davon erzählte, hat den lebhaften Wunsch in mir erregt, etwas für Ihr Glück zu thun, wenn Sie es mir erlauben wollen." „Sie haben durch Ihre hochherzige Handlungsweise an meinem Bruder für mein Glück bereits mehr gethan, als ich Ihnen je zu vergelten vermöchte," versetzte Melanie Nettberg, „und nun mir diese schwerste aller Sorgen vom Herzen ist, hoffe ich mit Hülfe der Freunde, die ich so unerwartet gefunden habe, nichts weiter zu bedürfen. Meine Lage wäre allerdings mehr als verzweifelt gewesen, hätte mir nicht der Herr Baron Hülfe und Trost gewährt." 427 „Mein Freund ist in der That sehr liebenswürdig," sagte Maitland lächelnd. Eine dunkle Nöthe flammte über Melanie's Gesicht und Hals. Es waren weniger Maitland's Worte, als der Ton, in welchem er sie gesprochen, und das Lächeln, womit er sie begleitet hatte, worüber sie erglüht war. In ihrer Empfindung lag indessen auch ein Anflug von Unwillen, und obgleich die Nöthe von ihrem Antlitz noch nicht gewichen war, hob sie doch den Kopf hoch und entgegnen: „Er ist nicht allein liebenswürdig, sondern auch edel und großmüthig. Er zählt zu den wenigen Menschen, die einen erlangten Vortheil niemals in selbstsüchtiger Weise ausbeuten." „Da haben Sie vollständig Recht," pflichtete Maitland bei, „seine Beweggründe sind stets edel, vielleicht sogar etwas zu edel. Es giebt Fälle im Leben, mein liebes Fräulein, wo unser eigener Genuß das Mittel wird, anderen Genuß zu verschaffen, und unter solchen Verhältnissen ist die Selbstverleugnung kaum angebracht." Melanie war von zu großer Herzensreinheit, um diese Rede zu verstehen, und der men- schenkundigeMaitland,welcher mit jedem Augenblicke ihrenCharakter tiefer durchschaute, lenkte das Gespräch auf andere Gegenstände, wobei er seine ganze glänzende Unterhaltungsgabe insTreffen führte. Melanie hörte mit Vergnügen zu, und es gelang ihrem Besucher, sogar ihre Bewunderung zu erregen, womit ihr Herz freilich nichts zu thun hatte. Der Eindruck, welchen sie selbst auf Maitland machte, übertraf weit dessen Erwartungen. Oft schlug er mitten imBrillant- feuerwerk seiner Unterhaltung auf eine Secunde die Augen nieder und erhob sie dann wieder gedankenvoll zu Melanie's Antlitz, um ihre Schönheit förmlich ein- zuschlürfen. „Ich will mich jetzt von Ihnen verabschieden, Fräulein Nettberg," schloß er die Unterhaltung, „aber ich darf wohl die Hoffnung mitnehmen, daß Sie mich für die Zukunft nicht von Ihrer Gesellschaft ausschließen werden, die ich hoch schätzen gelernt habe. Es ist dies wohl die geeignetste Stunde," setzte er hinzu, nach der Uhr sehend, „die ich wählen kann, Sie zu treffen?" Schon war Melanie im Begriff zu antworten, sie werde von morgen an nur bei Frau von Prachwitz zu treffen sein, als sie sich plötzlich des Versprechens erinnerte, welches sie dem Baron gegeben hatte. Dann dachte sie wieder, dem Netter ihres Bruders, dem Freunde des Barons dürfe sie es ja wohl sagen; aber da sielen ihr Wolfgang's seltsam betonte Worte ein: „selbst meinem besten Freunde nicht I" „Ich gehe sehr selten aus," erwiderte sie ausweichend. „AHI Sie sind auch Künstlerin?" rief Maitland, soeben das Blatt mit der Zeichnung auf dem Tische bemerkend und dasselbe in die Hand nehmend. „In der That, köstlich und von sprechender Aehnlichkeit. So kurz und vorübergehend auch meine Bekanntschaft mit dem Originale war, so erkenne ich es doch sofort wieder, Zug für Zug!" Melanie hatte ihre Wirthin in ganzer Figur auf's Papier gezeichnet, um diese charakteristische Erscheinung zu fixiren, ehe sie in ihrem Gedächtniß verblaßte. „Wissen Sie auch, mein talentvolles Fräulein," fuhr Maitland fort, „daß Sie dieser Figur nur noch ein mittelalterliches Gewand anzuziehen brauchen, um aus ihr eine so prächtige Frau Martha Schwerstem zu machen, wie sie dem Altmeister Goethe nicht besser vorgeschwebt haben kann? Wenn es Ihnen dann noch gelingt, ein glückliches Modell für den Mephisto zu finden, so wird das geradezu ein Kabinetsstück geben." Er legte die Zeichnung wieder auf den Tisch und beendete seinen Besuch, indem er sich in ebenso warmer als respektvoller Weise der jungen Dame empfahl. „Ein schönes Kind!" murmelte er, unterwegs fortwährend an Melanie Nettberg zurückdenkend, „ein wahrhaft bestrickendes Wesen! Dieser gnädige Herr Baron" — er sprach den Titel sehr langsam und mit einem sehr gehässigen Accent aus — „ist ein ungeheurer Thor, eine solch' kostbare Perle wegzuwerfen!" (Forts, f.) Casimir pericr. -.AAS- GoldkSrner. Keiner ist so glücklich, so vernünftig und liebenswürdig wie ein wahrer Christ. Pascal. Gut sein, ist Pflicht, sein, Jämmerlichkeit. sehr gut sein, Tugend — halb gut Der, dessen Glaube echt und klar, D>n kann kein Leid bezwingen, Der mag wohl, aller Güter bar, Noch wie ein Vogel singen! Schaut doch d-e Lilien in dem Feld, Wie sind sie frisch und wohlbestellt, Wie grün und guter Dingen! Annette v. Troste. Kommt der Dieb zum Eide Und der Wolf zur Haide, So gewinnen Beide. - 428 Reise-Skizze deS bayerischen Pilgerzuges nach Lourdes 1894. (Fortsetzung.) Während des ganzen Nachmittags war Beichtgelegenheit für die Pilger; die Missionäre wie die Geistlichen der Karawane hatten sich in der Rosenkranzkirche und in der Krypta hiefür zur Verfügung gestellt, nachdem zuvor der Rosenkranz gebetet worden war, ebenso abends nach 7 Uhr, wobei auch das Salve Regina u. a. gesungen wurde. Die anwesenden Franzosen sind voll Lob über die Schönheit und Kraft unseres deutschen Volksgesanges und betheiligen sich fleißig an unsern Andachtsübungen. Einige wünschten den Text zu besitzen; sie sagten: „wir sehen, daß Ihr auch gute Christen seid!" Niemand verließ vor 9 Uhr abends die heilige Stätte, welche im Vorraum 20,000 Andächtigen Platz gewährt. Manche blieben bis 10 oder 11 Uhr abends, bis sie in ihre Quartiere zur Stadt zurückkehrten. Samstag, 14. April, celebrirten die priesterlichen Pilger von morgens 5 Uhr an, meist in der Basilika oder Rosenkranzkirche, heilige Messen unter fleißiger An- wohnung der Mitpilger. Von 7—8 Uhr waren 2 heilige Messen in der Grotte, während deren die heilige General- Communion stattfand und deutsche Meßlieder gesungen wurden. Dann wurden die Kranken, welche sich vor der Grotte in Reihen aufgestellt hatten, mit dem Sanctissimum benedicirt, unter Vorbeten ergreifender Gebetsanmuthungen zur Erweckung des gläubigen Vertrauens, worauf die Pilgerschaft in Procession betend zur oberen Basilika sich bewegte, das Sanctissimum dorthin begleitend. Um halb 10 Uhr predigte der blinde Herr Pfarrer G. Hackl von Steindorf über Maria die Unbefleckte und diese ausgezeichnete Gnadenstätte, wobei Alle tief gerührt wurden. Während des folgenden leoitirten Hochamtes würde vom Pilger-Sängerchor eine 4stimmige Festmesse von Stehle recht gut vorgetragen, unter Direction des Herrn Beneficiaten von Wertingen. Nachmittags 3 Uhr wurde Kreuzweg-Andacht auf dem Calvaricnberge gehalten, wo an den 14 Stationen große Kreuze aufgestellt waren. Die Sonnenstrahlen brannten ziemlich heiß hernieder, so daß wir viel Schweiß vergossen bei dem Herumwandern auf dem ziemlich steilen und hohen Vorberge der Pyrenäen. Auf dem Rückwege besuchten wir die auf der andern Bergseite gelegene große St. Magdalenen-Grotte mit dem lebensgroßen Bilde der Heiligen und der schmerzhaften Mutter Maria. Später war Rosenkranz, während besten sich die Pilger vor der Piscina aufstellten, in welcher die Kranken der Reihe nach badeten im Wasser der wunderbaren Heilquelle. Heule, Samstag, abends halb 8 Uhr hielten wir eine Lichter - Procession, procession aux tiaindsaux. Alle hatten sich mit Kerzen versehen, und nun setzte sich von der Grolle aus bei der Dämmerung der Zug in wohlgeordneten Reihen in Bewegung, den Felsen hinauf in Serpentinen sich bewegend, jeder die brennende Kerze in der Hand. Während der Sängerchor das schöne Lourdes- lied sang, wurde der Schlußrefrain „Ave Maria" von allen Pilgern gesungen, so daß die Felsenwände ein freudiges Echo wiedergaben. So nitl der Zug hinaus in die Nacht, über uns Das Firmament mit seinen funkelnden Sternen, — lange Reihen wandelnder Lichtträger haben sich gebildet ; den 506 Pilgern der bayerischen Karawane haben sich auch Hwndene von Pilgern aus andern Ländern angeschlossen, «vd so ziehen wir singend in langsamer, feierlicher Bewegung an der Basilika vorbei, dem Platze zu, auf dem sich die gekrönte Statue der heiligsten Jungfrau befindet. Auch diese und der sie tragende Marmorsockel ist von einer Unzahl Lichtlein beleuchtet; um sie herum zieht die Procession laut singend der Kirche zu, wo sich der Zug auflöst. Die meisten Pilger gehen wieder zur Grotte, dort noch eine Zeit lang zu beten; bei 50 Pilger sollen die ganze Nacht bis früh Morgens dort ausgehalten haben. Am Sonntag, 15. April, waren unsere Gottesdienste und Andachten auch von den Einwohnern und vielen fremden Pilgern besucht, besonders das Hochamt in der Rosenkranzkirche, unter welchem unser wackerer Sängerchor eine für gemischte Stimmen componirte cäcilianische Messe, mit Harmoniumbegleitung, wirkungsvoll gesungen hat, auch zur großen Erbauung der französischen Zuhörer, die fast nur Choral zu hören gewöhnt sind; vorher hatte ein Augustiner-Pater, N. Heim, unseres Pilgerzuges gepredigt über Maria, die Helferin der Christen. Jeden Morgen zwischen 6 und 7 Uhr celebrirten zwei Priester aus unserer Genossenschaft nach einander die heilige Messe in der Grotte, worauf, wie jeden Tag, Kranken-Benediction und feierliche Uebertragung des Allerheiligsten in der Basilika stattfand. Heute besichtigten Viele das berühmte Panorama: Darstellung des Massabielle-Felsens im ursprünglichen Zustande mit der begnadeten Visionärin Bernadette in der Ekstase in Gegenwart von Tausenden bewundernder Zuschauer aus Stadt und Umgebung, wovon Viele noch leben. Auch besuchten wir das elterliche Wohnhaus der Bernadette Soubirous, z. Z. im Besitze eines verheiratheten Vetters derselben; Bett und Möbel im alten Zustande in ihrem Zimmer, darin die Portraits der Familie und 2 Briefe in französischer Sprache, die sie später als Klosterfrau an ihre Geschwister in Lourdes geschrieben; sie waren unter Rahmen und Glas an der Wand aufgehängt. Nach Tisch suchten wir die eigentliche Pfarrkirche von Lourdes auf, eine ziemlich große Kirche ohne besondere Kunstwerke; dort wurde um 1 Uhr Nachm. Katechese gehalten vor wenigstens 300 Christenlehrpflichtigen vom 9. bis 17. Lebensjahr; meist wurde examinirt und die Knaben mit Monsieur, die Mädchen mit Mademoiselle angesprochen; in der Nähe der Friedhof, worin sich auch das Grab Peyramalcs befindet, des Seelsorgers von Bernadette ; daran anstoßend die halbfertige neue Pfarrkirche, deren Weiterbau seit Jahren wegen fehlender Geldmittel sistirt ist. (Fortsetzung folgt.) -—i-W-I—- Casimir Perier, Präsident der französischen Republik. (Mit Porträt.) Präsident Carnot ist am 24. Juni 1894 dem Dolche eines italienischen Anarchisten zum Opfer gefallen. Bereits am 27. Juni hatte Carnot einen Nachfolger gefunden : Im Congreß wurde der bisherige Präsident der Abgeordnetenkammer, Jean Paul Pierre Casimir Perier im ersten Wahlgange mit 451 Stimmen zum Präsidenten der Republik gewählt. Der neue Präsident der Republik ist geboren am 8. November 1847 zu Paris, er ist also 46 Jahre alt. Er ist ein Enkel des berühmten Ministers der Juli-Monarchie und ein Sohn des 1876 gestorbenen Ministers des Innern, der gegen den Staatsstreich Napoleons opponirte, weßhalb er damals auf einige Tage verhaftet wurde, später nach dem 1870er Kriege ein her- 429 vorragendes Mitglied der Nationalversammlung war und ^ Präsident an Stelle des zurückgetretenen Dupuy. Im Mai am 12. Oktober 1871 das Ministerium des Innern über- > dieses Jahres trat er unerwartet, als die Kammer ihm nahm. Der jetzige Präsident ver Republik, der die Rechte j in der Frage der Betheiligung der staatlichen Eisenbahn- studirt und an dem Kriege von 1870—71 als Haupt- i Angestellten an dem Arbeitersyndicat nicht Recht gab, zu- mann der Mobilgarde des Departements Aube theilge- ! rück. Die Kammer gab ihm ein Vertrauensvotum, indem nommen hat, war Kabinets-Chef seines Vaters. 1876 ! sie ihn auf's Neue zum ersten Präsidenten'wühlte. — WM »»USW Mein Kahn kouimll Nach dem Memälde von Frz. Schmid-Breitenbach. > ' > wurde er in die Kammer gewählt. 1877 begann er seine politische Laufbahn als Unterstaatssecretär im Nnterrichts- Ministerium, 1883 wurde er Unterstaatssecretär im Kricgs- Ministerium, 1885 Vicepräsident des Staatshaushalt- Ausschusses der Kammer, dem er lange Jahre angehörte, 1893 am 14. November Präsident der Kammer, gewählt mit 333 von 418 Stimmen, am 1. Dezember Minister- Castmir Perier ist ein Vertreter der strengen Aufrechthaltung der staatlichen Autorität gegenüber den Bestrebungen, welche die Staatsgewalt atomisiren und an deren Stelle die Willkürherrschaft der Blassen, repräsen- tirt durch die Abgeordneten in der Kammer, setzen möchten. -- 430 Dieffen am Ammersee. (Mit Illustrationen.) Es war ein frischer, sonniger Septembermorgen. Wohl hatte das Laub der Bäume und Sträucher in den hübschen See-Anlagen zunächst des Dampfschiff-Steges be- verstorbenen k. Landrichter Hrn. Frdr. Boxler aus dem Moorgrunde und Seeschlamm hervorgezauberten englischen Anlagen auf einer Bank. Mein Blick schweift über die weite Seefläche. Dort drüben über waldiger Höhe grüßt mich mein liebes Kloster Andechs mit seiner besuchten Wallfahrtskirche und dem gemüthlichen Bräustübchen. Weiter Diessrn am Ammersee. reils seine malerische Herbstfarbe angenommen, ja, manche der sich früh belaubenden Bäume hallen ihr Laub bereits auf die Fußpfade geslreul. Doch vermißte ich das Schallen gewährende Dach heute nicht, da es mir den Ausblick auf den See und auf die Berg- kelle ermöglichte. Eine leichte Sstbrise bewegte die weile Seefläche und schaukelte das Schilf mit den laugenBlatteru und schwarzen Srengelkol- ben, und rastlos verfolgten sich die leichten Wellen an das Ufer. Stiller ist's geworden in dem ohnehin stillen Markte. R«r wenige der zahlreichen Sommerfrischler harren noch aws, bis die Dampfschiffe ihre letzte Rundfahrt in wenigen TaMw machen, um im sicheren Hafen zu Stegen auszu- rUcheN vsu mancher stürmischen Fahrt während des Sommers. Ich fitze a« Südende der von dem leider zu früh ! Johauniskraste in Messen. nördlich hinter dem Sommerfrischdorfe und der Dampfschiffsstation Hersching ragen die Thürme und Zinnen des reichsgräflich Törring'- schenSchlossesSeefeld am Pilsensee hervor; links davon spiegelt sich das stille Schlößchen Ried im See und weit imNorden schaue ich noch das neue Bräuhaus von Stegen. Hinter den nahenSchiffhütten beim Dampfschiftsstege liegt malerisch das friedliche St. Alb an, ein Juwel des Ammersee's. Und wenn ich den BlicknachSüden wende, dann steigt vor demselben die majestätische Bergkette auf, vom Tegernsee'r Wallberg über dem Römerthurm von Pähl bis zum Wettersteingebirge, ein herrlicher Anblick! Neben meinem Nuheplatzchen fließt der sonst so wüthige Tiefenbach, unwillig über sein kurzes Jugendglück, in den Ammersee. Nichts störte mich, von der Vergangenheit zu träumen: An den wenigen, vom Urwalde entblößten Stellen um den See schaue ich hölzerne, mit Schilf gedeckte Hütten der vindelicischen Hirten, Fischer und Jäger; dort, auf sonniger Halde, weidet das kleine Rindvieh und auf dem See schaukelt der eichene Einbaum, aus welchem der Fischer sein Netz auswirft, oder in dem der Jäger an das jenseitige Ufer rudert, um, mit Bogen, Pfeil und Speer ausdienste eingestellt, während die Zurückgebliebenen den Unterjochen Knechtesdienste leisten mußten. Bald erhoben sich auf den Höhen diesseits und jenseits des See's Kastelle und Signalthürme, zu welchen dauerhafte Straßen führten, auf denen mehrere Jahrhunderte die römischen Legionen nach Norden zogen, bis die Germanen sie zurückwarfen und ihre Bauten größten- Kirchr, Pfarrhof, Klosterbrauerei in Niesten. WWUM > « » > > > i gerüstet, den Spürhund an der Seite, in den Urwald einzudringen und dem zottigen Viehräuber, dem Bären, auf den Leib zu gehen. Noch hatdenWeisen aus dem Morgenlande der herrliche Stern nicht den Weg gezeigt zur armseligen Wiege unseres Heilands in Bethlehem; es fehlen noch fünfzehn Jahre bis zurGeburt unseres Erlösers im fernenPa- lästina — aber hier, im Lande der Vinde- licier, tobt schon die Kriegsfurie. Vom Bodensee her und über die rhätischen Alpen stürmen unaufhaltsam die römischen Legionen unter Tiberius und Drusus in das friedliche Land, Alles sich unterwerfend. Verzweifelt ringen die Männer um ihre Freiheit, treu unterstützt von ihren Frauen; doch vergebens! Die waffenfähige jüngere Mannschaft wird gefesselt fortgeschleppt und in fernen Ländern zum KriegsGänsegaste in Niesten. theils zerstörten. Noch finden wir auf beiden Ufern des Ammersee's Spuren von Römerstraßen,Schanzen und Grabhügel. DaßDies- sen das römische va- ivg.8i3. gewesen sei, ist sehr zweifelhaft; mehr der Wirklichkeit entspricht der Name Ne8- 8snumvondenpont63 t6886nii, der Schiffbrücke im jetzigen St. Alban, woselbst sich noch der Wallgraben des befestigten Brückenkopfes und Wächterhauses verfolgen läßt. Im nahen Oekonomiehofe Nonnenthal mag ja ein römischer Cohorten- führer seine Sommervilla mit Oekonomie gehabt haben. An die römischen Wartthürme auf aussichtsreichen Punkten baute schon der älteste bajuvarische Adel hier herum im Housigaue, die Grafen von Liessen, die Burgen an, und auch im sogenannten Burgwalde, südwestlich vom Markte und näher dem Dorfe St. Georgen, soll eine größere 432 Burg dieses berühmten Grafengeschlechtes gestanden sein. Mit dem Jahre 815 beginnt es mit der Geschichte des Ortes und der nächsten Umgebung desselben lichter Tag zu werden, denn im genannten Jahre erbaute ein dem Grafengeschlechte ungehöriger Augsburger Chorherr Namens Radhard ein Kirchlein und Stift zu St. Georgen, doch das Stiftsgebäude wurde noch vor Nadhards Tode (850) von den Ungarn zerstört. Gräfin Kunissa von Diessen stellte die Kirche wieder her und erbaute den Chorherren in der Nähe der jetzigen Klostergebäude ein Klösterlein und eine Kirche zu Ehren des hl. Stephanus. Nach dem Tode ihres Gemahls, des Grafen Friedrich II. von Diessen-Andechs, erbaute Kunissa ein Frauenstift mit einer der hl. Maria geweihten Kirche und trat selbst als Oberin in den Orden der Chorfrauen. Graf Berchtold II. von Diessen ließ die Burg abbrechen und ein größeres Kloster aus dem Baumateriale herstellen, wodurch der abwärts gegen den See sich ausdehnende Ort zu einem ansehnlichen Markte heranwuchs, welchen Berchtold II. dem Kloster mit allen Rechten schenkte. Die Freiheiten des Marktes bestätigte Herzog Ludwig der Strenge, und im 14. Jahrhunderte erwarb Kaiser Ludwig der Bayer den Markt wieder, das Kloster erhielt die Gerichtsbarkeit, und nach dem großen Brande im Jahre 1317 verlieh der Kaiser dem Markte einen Wochenmarkt und alle Rechte und Freiheiten einer Stadt. Dem damaligen Propste Konrad II. verlieh Ludwig das Recht der Landstanderie, sowie das Recht, einen eigenen Magistrat zu wählen; dem Kloster aber ertheilte er die Jurisdiction über alle Orte des Pfarrbezirkes mit Ausnahme der Kriminalgerichtsbarkeit und des Blutbannes. — Sehr hart litten Markt und Kloster im dreißigjährigen Kriege, im spanischen Erbfolgekriege und durch die Franzosen im Jahre 1800. Siebenunddreißig Pröpste standen dem Stifte vor von der Gründung an bis zur Säcularisation im Jahre 1803. Ein Jahr später wurde die herrliche, im Jahre 1739 eingeweihte Stiftskirche zur Pfarrkirche statt jener in St. Georgen erhoben. Leider paßt der in den Jahren 1846—1848 erbaute Thurm durchaus nicht zu der imposanten Kirchen-Fatzade. Diessen hatte früher einen Klosterrichter, dann einen herzoglichen und churfürstlichen Seerichter, später erhielt es ein Landgericht, welches jedoch mit jenem in Landsberg vereiniget wurde. Der Markt Diessen liegt 560 Meter über der Nordsee und hat 1254 Einwohner. Vom Dampfschiffstege aus gelangt man, um in den Markt zu gehen, entweder durch die Fischerei, oder durch die nördliche Birkenallee zur Gänsegasse hinauf. Letztere und die Johannisgasse schließen den mittleren Markt mit dem Naihhause, der Post, vier Gasthäusern und zahlreichen Gewerben ein. Beim Rath- hause zieht sich der obere Markt mit der Hofmarksgasse und vom Tutzingerhofe mit der Judengasse zur ehemaligen Klosteihöhe hinauf. Außerdem führen dahin zwei mit Nußbäumen bepflanzte Fußwege aus der Süd- und Nordseite des Marktes. Die verlängerte Hofmarksgasse, zur Gemeinde St. Georgen gehörig, mündet in die Landsberger Straße ein. Vom ehemaligen Chorherren-Kloster bestehen noch viele Theile, welche theils den Pfarrhof, theils die Brauerei- Gastwirthschaft und Oekonomie des Hrn. Span enthalten. In Mitte derselben befindet sich die schöne große Pfarrkirche mit der Chorherren-Gruft und den Grüften der Diessener und Andechser Grafenfamilien. Die schönen Gemälde sind von Albrecht, de Mare, Gg. Bergmüller und Ticpolo; die Fresken von Bergmüller. Zwei der Altäre enthalten heilige Leiber, nämlich des hl. Nasso und der hl. Mechtildis, beide aus dem Geschlechte der Diessen- Andechser Grafen. Am Südende des Marktes befindet sich der Friedhof mit der 1779 restaurirten St. Johanniskirche, welche Epitaphien von ehem. adeligen Seerichterfämilien enthält. Die Diessener sind ein feucht-fröhliches Völkchen, freundlich und gefällig. Für alle Bedürfnisse des Lebens und Haushaltens sorgen tüchtige Geschäfte und Gewerbe, und großen Ruf haben die Zinnwaaren von Schweizer und Nathgeber. Ein gutes photographisches Atelier von Merz, welches die Photographien zu den vorstehenden autotypischen Bildern geliefert hat, befindet sich in der Fischerei, eine Buchdruckerei und Kunsthandlung in der Johannisgasse. Zwei Lohnkutscher sorgen für Beförderung schlechter Fußgänger. Die Postcxpedition mit Telegraph im Gasthause zur Post befördert durch Postomnibusse nach Landsberg und Wilzhofen täglich Briefe, Zeitungen und Frachtstücke. Dem Patienten helfen zwei Aerzte und eben so viele Chirurgen, wenn es irgend möglich ist, wieder auf die Beine, und auf vier Bierkellern mag er sich an gutem, frischem Biere stärken. Drei Dampfschiffe sorgen für den Verkehr mit den See-Orischaften vom Mai bis Ende September, und der Fußgänger kann sich die schöne Umgebung mit den Bergen von St, Alban, St. Georgen und dem Burgwalde aus besehen, und kein Sommergast wird es bereuen, einige Wochen im freundlichen Diessen zugebracht und sich durch Seebäder gestärkt zu haben. Fritz Schenk. -—»-8Ü84—- Wein Sohn kommt! (Zu unserem Bild Seite 429.) Vor Jahren war's, da zog er hinaus in die Fremde, Müt- terleins Einziger! Die Welt wollte erkennen lernen und durch Schaffen und Mühen sich ein Stück Geld verdienen, um sich selbst einmal ein Heim gründen zu können. Wenn die Sonne ihre letzten Strahlen zum Fensterlein sandte, hinter welchem die Mutter zu sitzen Pflegte beim Spinnrocken, das Kätzchen auf dem Kissen neb.n sich, da war es dem Jungen immer, als lüden die goldenen Strahlen ihn ein, hinzuziehen nach jenem Lande, von welchem die Sonne so oft ihre Abschiedsgrüße gesandt. Und er griff zum Wanderstabe, zog hinaus in die weite, weite Ferne, um bei fremden Menschen jenes Glück zu suchen, von dem er in seiner Jugend geträumt. Wieder sitzt Mütterlein beim Spinnrocken, das Kätzchen am gewohnten Platzei Viele Jahre sind dahin, seitdem ihr Einziger von ihr geschieden I Zum offenen Fenster grüßen auch heute wieder der Abendsonne Strahlen lieb Mütterlein. Und der goldene Strahl, der den Jungen einst hinausgelockt in die Ferne — Mutter herz I — heute bringt er ihn dir zurück, deinen Sohn, glücklich und gesund an Leib und Seele! Ja, es ist dein Liebling, den du kommen siehst I Sein Gruß gilt dir, dir und der trauten Heimath! Freue dich, Mütterlein! — das Glück, von dem er geträumt, er hat es gesunden I Frz. Schmid - Breitenbach, der geniale, liebenswürdige Künstler, bat in diesem „Mein Sohn kommt!" betitelten Gemälde neuerdings seine Meisterschaft bewiesen! Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 55: Weiß. Schwarz. 1. D. L.8-68 T. §6-68 : 2. S. 04—§6 f Matt. Zieht Schwarz anders, etwa K. §4-1)5 : setzt W. T §3-1)3 Matt; zieht Schw. mit Spr., erfolgt Matt wie oben usw. --EsS-- z« „Augsburger PostMung". 57 . Ireitag, den 13. Juli 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen ZnstitutS von Haas L Grabberr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Lm Lärme aller Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) XVII. An diesem Abende befand sich Melanie bereits in ihrem neuen Heim und saß mit ihrer Beschützerin und Felicitas in dem traulichen Wohngemache, welches vom Gaslicht eines Kronleuchters fast tageshell erleuchtet wurde. Alle äußeren Lebensumstände erwogen, konnte sich Melanie keine günstigere Veränderung wünschen, als diejenige, welche seit einigen Stunden mit ihr vorgegangen war. Die gute Frau von Prachwitz fühlte für sie wie eine Mutter und that alles, um jedes leise Gefühl von Scheu und Abhängigkeit von dem jungen Mädchen fernzuhalten und es ihr recht heimisch in ihrer neuen Umgebung zu machen. Felicitas stand ihr wohl weniger unbefangen gegenüber, um so tiefer aber vermochte sie in Melanies Empfindungen einzudringen. Es geht nichts über den feinen Spürsinn der Frauen, wenn es gilt, das Geheimniß eines andern weiblichen Herzens zu ergründen. Felicitas vergegenwärtigte sich, welcher Art die Gefühle dieses armen Mädchens gegen ihren ritterlichen Retter wohl sein mochten, und indem sie sich in deren Lage versetzte, las sie in ihrem Herzen wie in einem offenen Buche. Sie legte sich die Frage vor: „Liebt Wolfgang sie am Ende doch? Muß er sie nicht lieben, sie, die so schön, so anziehend und so unmuthig ist? Aber wäre dann Melanie hier gewesen? Würde er sie unmittelbar unter den Schutz dieses Hauses gestellt haben, wenn ihn ein anderes Gefühl, als das des Mitleids, ein anderer Wunsch, als ihre Unschuld vor der drohenden Gefahr zu bewahren, geleitet hätte? Nein, gewiß nicht! sagte sie sich, und obgleich sie anfänglich die Hand ans Herz drücken mußte, um dessen unerträgliches Pochen zu stillen, wurde dieses doch bald wieder ruhig, und sie sagte sich: „Ich bin es, die er liebt. Ach! arme Melanie Rettberg!" Einen einzigen Augenblick hatte Felicitas die stechenden Qualen der Eifersucht empfunden, aber als ihre Zuversicht wiederkehrte, machte sie sich bittere Selbstvorwürfe, daß sie ein Gefühl der Freude über etwas, das einer andern tiefen Kummer bereiten mußte, nicht ganz hatte unterdrücken können. Melanie ihrerseits fühlte sich zu Felicitas, welche ihr die zartesten Aufmerksamkeiten erwies, hingezogen wie zu einer Freundin, der sie ihr ganzes Herz hätte ausschütten mögen — und doch mußte sie gerade vor ihr verbergen, was dieses Herz am tiefsten bewegte. Wenn sie ihre liebliche Gesellschafterin ansah, verstohlen ihre große Schönheit prüfte, da mußte sie sich sagen: „Kein Wunder, daß er sie liebt," und vermochte nur mit Mühe einen tiefen Seufzer zu unterdrücken. Sie kämpfte mit aller Macht gegen den Trübsinn, um ihre Umgebung nichts davon merken zu lassen, und als Frau Prachwitz und ihre Nichte zu ihren Handarbeiten griffen, nahm auch Melanie eine Beschäftigung vor, indem sie ihre Zeichenskizze herbeiholte und dieselbe mit leicht hingeworfenen kecken Strichen vollendete. Sie war nahezu damit fertig, als der Baron von Sturen angemeldet wurde und ins Zimmer trat. Felicttas hegte Gefühle für Wolfgang, deren sie sich sehr lebhaft bewußt ward, sobald sie ihn sah. Obgleich sie um keinen Preis Wolfgang's Liebe geopfert hätte, so wünschte sie doch, daß er zuerst mit Melanie sprechen möchte. Aber Wolfgang that es absichtlich nicht, und zwar um Melanies selbst willen. Es war ihm heute Morgen aus ihrem Wesen und manchem ihrer Worte etwas zur Gewißheit geworden, was ihn fühlen ließ, es würde das Beste sein, seine Neigung für Felicitas so deutlich wie möglich zu erkennen zu geben. Zu ihr wandte er sich daher, nachdem er Frau von Prachwitz begrüßt hatte, zuerst, und während er ihre Hand ergriff und mit ihr sprach, verleugnete er mit keinem Blicke, mit keinem Tone seine Gesinnungen gegen sie, so daß darüber niemand im Zweifel bleiben konnte. Melanie behauptete ihre Fassung; sie hatte vorher schon ihr Schicksal gelesen; sie empfing den Baron, als dieser sich endlich zu ihr wandte, nicht ohne Bewegung, aber doch mit einem äußerlich viel ruhigeren Wesen, als man ihr zugetraut hätte. „Ich brauche wohl nicht erst zu fragen, Fräulein Rettberg," sagte er, „ob Sie sich hier behaglich und glücklich fühlen. Wie ich bemerke, haben Sie sich in Ihrer neuen Umgebung auch bereits künstlerisch beschäftigt," fügte er hinzu, als er auf dem Tische vor dem Platze, von welchem Melanie sich erhoben hatte, die Zeichnung mit den dabei liegenden Bleistiften bemerkte. „O, es ist nur eine Spielerei, nicht des Ansehens werth," versetzte Melanie, als der Baron um Erlaubniß bat, die Zeichnung zu betrachten. „Ah!" rief er, „Sie haben ein Motiv aus Goethes „Faust" gewühlt; täuscht mich nicht alles, so ist eS die 434 Scene, wo der Höllenfürst Frau Martha Schwertlein die Grüße ihres verstorbenen Gatten überbringt. Ei, die alte Dame trägt ja die ausgesprochenen Züge Ihrer bisherigen Wirthin!" lachte der Baron. „Ein sehr glücklicher Gedanke und mit meisterhafter Kunst verwerthet. Aber was ist das? Guter Himmel! Dieser Mephisto ist niemand anders als mein Freund Maitland!" „O, nein! nein!" widersprach Melanie verlegen, „ich habe dabei an niemand gedacht." „Er ist es," behauptete der Baron, „die Aehnlich- keit ist zu auffallend. Unmöglich aber kann dies bloßer Zufall sein. Haben Sie Herrn Maitland schon einmal gesehen, Fräulein Nettberg?" „Heute Nachmittag," antwortete Melanie. „Er besuchte mich, eine Stunde bevor Frau von Prachwitz kam, um mich hierher zu bringen." „Und haben Sie in seinem Benehmen etwas gefunden, das Sie veranlaßte, ihn in dieser Weise zu symbolisiren?" fragte Wolfgang lächelnd, indem er sich erinnerte, einst einen ähnlichen Eindruck von Maitland empfangen zu haben. „O, nein, durchaus nicht!" versicherte Melanie, „im Gegentheil, er hat sich mir nur von der liebenswürdigsten Seite gezeigt. Ich hatte bei dieser Zeichnung gar nichts im Sinne. Wäre es anders, so müßte ich mich beschämt fühlen, einen Mann, der so hochherzig an meinem Bruder gehandelt hat, als Modell zu dem Urheber alles Bösen gewählt zu haben." So sanft sie während dieser Worte das Blatt aus Wolfgangs Hand nahm, so energisch zerriß sie dasselbe in kleine Fetzen. „Erlauben Sie mir, einen würdigeren Gebrauch von meiner unbedeutenden Fertigkeit zu machen," wandte sie sich an Felicitas, „ich will das Porträt des Herrn Barons zeichnen, wenn er so, wie eben jetzt, neben Ihnen auf dem Sopha sitzen bleiben will. Ich kann sehr rasch skizziren und habe einiges Glück im Treffen." Die junge Künstlerin begann die Zeichnung und nahm dabei an der allgemeinen Unterhaltung theil, welche Wolfgang gelegentlich auf Maitland zurücklenkte, indem er sich von Melanie über dessen Besuch Bericht erstatten ließ. „Er gab mir zu verstehen, daß er wiederkommen wolle," schloß sie ihre unbefangene Erzählung, „und ich glaubte ihm sagen zu müssen, daß er mich in meiner bisherigen Wohnung nicht mehr finden würde, sondern —" „Theilten Sie ihm mit, daß er Sie hier treffen würde?" fiel Wolfgang ihr besorgt in die Rede. „Nein, Herr Baron, ich erinnerte mich des Versprechens, welches ich Ihnen gegeben habe, und antwortete ausweichend. Durfte ich auch voraussetzen, daß Sie Herrn Maitland in dieses Versprechen nicht mit eingeschlossen hatten, so fühlte ich mich doch nicht berechtigt, eine Ausnahme zu machen." „Daran haben Sie ganz recht gethan, Fräulein Rettbergl" stimmte Wolfgang bet. „Dieser Maitland ist ein zu großer Lebemann," ergriff Frau von Prachwitz das Wort, „um Ihnen ein vertrauenswürdiger Freund zu sein, liebe Melanie. Ich kenne ihn zwar nicht persönlich, doch steht er in dem Rufe, gegen Laster aller Art sehr duldsam zu sein und mit Leuten von zügellosen Sitten zu verkehren. Der Baron hat ganz Recht, Melanie, eS ist besser, Maitland erfährt Ihren Aufenthaltsort nicht." „Ist das Porträt bald fertig?" fragte Felicitas. „Noch nicht," versetzte die Malerin, winkte aber lächelnd Frau von Prachwitz zu sich. „Meinen Sie, gnädige Frau, daß es ähnlich ist?" „Ach! das ist ja ganz überraschend!" rief diese mit freudigem Ausdruck. Felicitas wurde ungeduldig, die Skizze ebenfalls zu sehen, mußte sich aber einige Minuten gedulden, bis Melanie noch ein paar Striche hinzugefügt hatte. „Jetzt dürfen Sie kommen," sagte Melanie lächelnd, indem sie den Bleistift weglegte. Kaum hatte Felicitas den ersten Blick auf das Blatt geworfen, als ihre Wange die Farbe der Nose annahm. Nicht nur Wolfgangs Porträt erblickte sie, sondern auch ihr eigenes, und nicht genug, daß beide mit großer Treue wiedergegeben waren, sondern wie sie einander anschauten, zeigten ihre Mienen den Ausdruck der innigen Zärtlichkeit, welche die Künstlerin in ihren Herzen ahnte. Ein freudiges Lächeln verklärte Wolfgangs Gesicht, als er das Bild ebenfalls betrachtete, und Melanie selbst schien sich des Beifalls zu freuen, der ihrem kleinen Kunstwerke allseitig zu theil ward, so daß der Nest des Abends anscheinend für alle heiter verstrich. Als der Baron gegangen war, stand Melanie auf, um sich in ihr Zimmer zurückzuziehen. Ihr Antlitz war von einer leichten Bläffe überflogen, welche Felicitas sehr wohl verstand. Sie trat zu ihr, schlang ihren Arm sanft um sie, küßte sie auf die Wange und sagte mit leiser, bewegter Stimme: „Ich glaube, Melanie, Sie haben mehr von einem Engel, als irgend eines von uns!" Melanie drückte ihr sanft die Hand, und obwohl von keinem der beiden Mädchen mehr ein Wort gesprochen ward, fühlte doch jede von ihnen, daß sie die andere verstand. XVIII. Am andern Tage empfing Maitland ein Billet des Barons. „Mein lieber Maitland!" schrieb dieser, „ich habe auf heute Nachmittag zwei Uhr den jungen Nettberg zu mir entboten. Wollen Sie mich um diese Zeit besuchen, damit wir ihn mit seinem künftigen Schicksale bekannt machen? Ob er freilich kommen wird, kann ich nicht ganz verbürgen, denn er hat mich schon früher einmal auf seinen Besuch vergeblich warten lassen. Ihr Wolfgang v. St." Die vom Briefschreiber gewählte Zeit paßte Maitland schlecht. Nicht einen Augenblick lang hatte er seit gestern den Gedanken an Melanie los werden können, und wie mit tausend Magneten zog es ihn zu ihr. Gerade die Stunde, die der Baron für die Zusammenkunft mit dem Bruder gewählt, hatte Maitland zu dem Besuche der Schwester bestimmt; er hatte sie gestern um die gleiche Zeit angetroffen, und in der leidenschaftlichen Unruhe, die ihn quälte, glaubte er schon, sie heute zu verfehlen, wenn er nicht dieselbe Stunde einhielt. Es war ihm jedoch an einer persönlichen Begegnung mit Melaniens Bruder viel gelegen, obwohl er eine solche am liebsten unter vier Augen gewünscht hätte. Zur bestimmten Zeit ließ er seinen Brougham einspannen und fuhr zu dem Baron. Er fand ihn allein. „Wenn Ihr Schützling pünktlich wäre," bemerkte er, nach der Uhr sehend, „so sollte er schon da sein. Wie es scheint, wird er sich Ihnen auch heute nicht stellen." „Ich habe Grund zu vermuthen," lächelte Wolfgang, 435 „daß er einiges Verlangen trägt, mit mir ein paar Worte zu sprechen. Hören Sie? Da klopft's soeben — Herein I" Edmund Rettberg trat ein. Der Ausdruck frecher Sicherheit in seinen verlebten Zügen schwand, als er sah, daß der Baron nicht allein war. „Guten Tag, Herr Rettberg," empfing ihn Wolfgang, „nehmen Sie sich einen Stuhl und lassen Sie uns über Ihre Angelegenheit reden. Kennen Sie diesen Herrn?" fügte er mit einer Handbewegung nach Mait- land hinzu. „Kann mich nicht erinnern," versetzte Nettberg mit einem mißtrauischen Blick auf Maitland, indem er zögernd Platz nahm. „Sie kennen mich nicht, wie Sie sagen," ergriff Maitland das Wort, „und doch haben Sie sich die Freiheit genommen, meinen Namen auf einen Wechsel von fünfzehnhundert Mark zu setzen. Wissen Sie nun, wer ich bin?" Das Antlitz des Verbrechers ward erdfahl. Sein Auge wanderte zwischen der Thüre und dem Baron von Sturen hin und her, als sei er ungewiß, ob er die Hilfe bei diesem oder in schneller Flucht suchen sollte. „Mein Freund hat mir das Versprechen gegeben, Sie nicht gerichtlich verfolgen zu wollen," legte sich Wolfgang in's Mittel „aber nur unter einer Bedingung." „Welche ist dies?" fragte Nettberg mit einem schlauen, lauernden Ausdruck. „Daß Sie mit der nächsten Schiffsgelegenheit nach Amerika gehen," eröffnete ihm der Baron. „Für die Reisekosten werden wir Sorge tragen." Rettberg schien etwas enttäuscht. „Und was soll ich da drüben anfangen?" fragte er trotzig. „Soll ich dort verhungern?" „Wir beide haben Verbindungen in New-Aork," gab Wolfgang znr Antwort, „und es kostet uns nur ein Wort, um Ihnen ein anständiges Unterkommen zu verschaffen." „Es ist dies die einzige Möglichkeit für Sie, dem Zuchthause zu entgehen," ergänzte Maitland, „also wühlen Sie." „Ich habe bereits gewählt," entschied sich Rettberg, „ich werde mein Glück in Amerika versuchen." „Gut," versetzte Maitland, „so kommen Sie morgen um diese Zeit zu mir. Ich werde Ihnen den von mir eingelösten Wechsel zeigen. Aber merken Sie sich wohl, wenn Sie sich nicht pünktlich auf die Minute einfinden, so steht morgen Abend Ihr Steckbrief in allen Zeitungen." Maitland nannte ihm seine Wohnung und griff nach seinem Hute. „Entschuldigen Sie mich, lieber Baron," wandte er sich an Wolfgang, demselben die Hand reichend, „aber ich habe Eile. Alles Uebrige können Sie ja selbst mit diesem Herrn besprechen. Auf Wiedersehen!" Ohne sich auch nur noch mit einem Blicke um Rettberg zu kümmen, verließ er das Zimmer. Kaum sah Melanie's Bruder sich mit dem Baron allein, als er rasch auf denselben zutrat. „Herr Baron", fragte er in barschem Tone, „was ist aus meiner Schwester geworden? Wenn jemand darüber Auskunft zu geben weiß, so sind Sie es." „Ihrer Schwester geht es gut," antwortete Wolfgang mit kalter Ruhe, „sie befindet sich unter sicherem Schutze." „Das heißt, unter dem Ihrigen," versetzte Rettberg scharf, „ich kann mir denken, daß Sie mir den Aufenthalt meiner Schwester nicht nennen wollen, aber als ihr Bruder verlange ich, daß Sie ihr etwas Bestimmtes aussetzen, damit ihre Zukunft' gesichert ist." „Wie?" rief der Baron aufgebracht, „Sie maßen sich an, sich in die Angelegenheiten Jbrer Schwester zu mischen, für ihr Bestes sorgen zu wollen, nachdem Sie sich alle Mühe gegeben haben, sie an einen ausschweifenden Schurken zu verkaufen?" „Verkaufen!" wiederholte Rettberg mit erkünstelter Entrüstung. „Herr von Quinna erbot sich, meiner Schwester ein anständiges Jahrgeld auszusetzen, wenn es mir gelänge, sie zu seinen Gunsten zu überreden, — wo nicht, zeigte er mir das Zuchthaus im Hintergründe. So blieb mir gar keine andere Wahl, aber Geld hätte ich unter keinen Umstünden für mich angenommen." „Ich würde Ihnen das vielleicht glauben," entgegnen der Baron, „ich würde auch glauben, daß Leichtsinn Sie zu der Wechselfälschung veranlaßte, um Ihre Genußsucht zu befriedigen, wenn ich nicht —" die folgenden. Worte wurden mit besonderer Betonung gesprochen — „die Bekanntschaft des Herrn Assessors von Malten gemacht hätte, dessen Gewerbe mir dafür bürgt, daß ich es mit keinem Leichtfuß, sondern mit einem raffinirten Schwindler zu thun habe. — Was nun Ihre Schwester anlangt, so steht sie nur insofern unter meinem Schutze, als ick. darüber wachen werde, daß sie künftig keinen Belästigungen und Gefahren mehr ausgesetzt ist. Ein anderes Verhältniß als weine Theilnahme an ihrem Schicksale besteht zwischen ihr und mir nicht." „Hm! ich denke aber doch, ich hätte ein Recht, meine Schwester zu sehen und zu sprechen, und es sei daher nur billig, wenn Sie mir sagten, wo sie sich befindet." „Hören Sie mich an," sagte Wolfgang gebieterisch. „Nächsten Freitag geht der Bremer Dampfer ab, mit welchem Sie die Reise nach New-Iork machen. „Dies hier" — Wolfgang händigte ihm einige Goldstücke ein — „wird zur Bestreitung Ihrer Ausgaben hinreichen, so lange Sie noch in Berlin sind. Uebermorgen früh Punkt sechs Uhr erwarte ich Sie am Bahnhöfe Friedrichstraße. Sie werden in meiner Begleitung nach Bremer- haven fahren. Dort übergebe ich Ihnen auf dem Schiffs einen Brief an meinen in New-Aork wohnenden Freund, welcher für Ihr Fortkommen Sorge tragen wird, und bei dieser Gelegenheit erfahren Sie von mir auch die Adresse Ihrer Schwester. Wenn Ihr Herz Sie dazu treibt, ihr von Amerika aus zu schreiben, so mögen Sie es thun." Bei den letzten Worten des Barons erschien unter Nettberg's Ohren die längliche Falte, welche sein Lächeln zu begleiten pflegte und demselben einen überaus hämischen Ausdruck gab. „Nun fürwahr, Herr Baron," sagte er höhnisch, „Sie haben Ihre Vorkehrungen gut getroffen, um mich schnell und gründlich aus Ihrem Wege zu^ entfernen, damit Sie meiner armen Schwester gegenüber freie Hand gewinnen." „Herr!" rief Wolfgang, zum höchsten Zorn gereizt, und stampfte mit dem Fuße den Boden, „wagen Sie es, noch ein Wort über Ihre Schwester zu sprechen, und ich werfe Sie zu diesem Fenster hinaus! . . . Eines Merken Sie sich: nur meiner Fürsprache haben Sie es zu verdanken, daß Herr Maitland von der gerichtlichen ^36 Verfolgung Ihres Verbrechens absteht. Ich verbürge mich in diesem Punkte für Ihre Sicherheit. Finden Sie sich aber übermorgen nicht reisebereit auf dem Bahnhöfe ein, so überlasse ich Sie Ihrem Schicksale. Und nun Adieu, mein Herr!" Dem Baron einen Blick zuwerfend, worin Haß und Rachbegierde lag, entfernte sich Rettberg. Bald darauf ging Wolfgang aus, um Melanie vor der bevorstehenden Abreise ihres Bruders zu unterrichten. Die süße Hoffnung, bei diesem Anlaß auch Felicitas zu sehen und zu sprechen, beschwichtigte Wolfgangs Aerger über Rcttberg's freches Benehmen. Er traf Frau von Prachwitz mit ihrer Nichte in demselben Zimmer, in weichem er den gestrigen Abend mit ihnen verbracht hatte. Melanie befand sich in ihrem Gemach. Frau von Prachwitz unterhielt sich eine Weile mit dem Baron, dann stand sie auf, um Melanie zu holen. — Felicitas fühlte ihr Herz plötzlich heftiger klopfen; sie bat die Tante, zu bleiben, — sie wollte selbst gehen. Aber die gute Dame schützte eine häusliche Angelegenheit vor, die sie ohnehin nöthige, sich auf einige Minuten zu beurlauben, und ließ Felicitas mit dem Baron allein. — Oefter und lebhafter als Wolfgang hatte Felicitas stets der vergangenen Tage gedacht, wo beide als Kinder miteinander gespielt. Wolfgang's Stimme in allen Tönen knabenhafter Erregung oder Zärtlichkeit hatte oft noch in ihrem Ohr geklungen, als sie schon den reiferen Jahren entgegenwuchs; sein jugendliches strahlendes Antlitz tauchte oft im Wachen wie im Traume vor ihrem geistigen Auge auf, und zuweilen versuchte sie, sich die Veränderungen zu vergegenwärtigen, die mit ihm vorgegangen sein mochten, und dann fragte sie sich, wie wohl der Knabe jetzt sein möge, nun er Mann geworden. Mit nicht geringer Bewegung erkannte sie in dem Neiter, der so plötzlich über den Parkzaun gesetzt kam, den Gespielen früherer Tage wieder. Gar manchen Tag träumte sie seitdem von dieser Begegnung, und als sie von seinem schweren Unfall erfuhr, als sie an dem Schmerzenslager des Fiebernden stand, da sagte ihr die namenlose Angst um sein Leben, daß sie ihn mehr liebe als irgend jemand in der Welt. Alles, was sie seitdem von ihm gehört und gesehen hatte, war von der Art, daß die Stimme der Vernunft nur gutheißen konnte, was die Leidenschaft ihr einflüsterte, gegen welche sie vergebens ankämpfte. Jetzt, wo sie sich mit Wolfgang allein sah, fühlte sie eine vorher nie empfundene Bangigkeit. Beide sprachen kein Wort. Wolfgang hatte ihr so viel zu sagen, daß er nicht wußte, wo er anfangen sollte. Dennoch verlor er die kostbare Zeit in der Erwartung, daß Melanie jeden Augenblick kommen könnte. Felicitas ahnte, was in ihm vorging; sie scheute sich, zuerst zu sprechen, denn welch' gleichgiltiges Thema sie auch angeschlagen hätte, so wußte sie doch, daß ihre Stimme zittern und die Aufregung ihres Innern verrathen würde. Wolfgang fühlte, daß das Schweigen schon zu lange gedauert habe und daß er nach einer Pause von so feierlicher Art unmöglich von gleichgiltigen Dingen anfangen könnte. Er nahm neben der jungen Dame auf dem Sopha Platz, ergriff ihre Hand, drückte seine Lippen darauf und flüsterte das Wörtchen: „Felicitas!" Die Angeredete schwieg; ihr Herz schlug stürmisch. „Was hat mir einst die kleine Lizi versprochen?" begann Wolfgang wieder. „Will Felicitas es halten? Wie?" Sie schwieg noch immer. Aber er war ihrer Antwort sicher, denn die Purpurgluth ihres Antlitzes verrieth sie ihm deutlich genug. Sie ließ es geschehen, daß er ihr schönes Haupt sanft an seine Schulter drückte und mit der Hand leise durch die reiche Fülle des rabenschwarzen Haares strich. Er fragte sie noch einmal, ob Felicitas das Versprechen Lizi's einlösen wolle, und als ein leises „Ja" sich wie ein Hauch über ihre Lippen stahl, da umschlang er sie zärtlich mit seinem Arme und drückte einen Kuß auf ihre schöne Stirn. Beide hörten und sahen nichts. Sie merkten nicht, daß die Thür aufging. Melanie erschien auf der Schwelle und erblickte die Liebenden. Ihre Hand fuhr krampfhaft nach dem Herzen. Einen Augenblick stand sie wie erstarrt. Dann zog sie sich leise wieder zurück, hinter sich die Thür unhörbar in's Schloß drückend. XIX. Edmund Nettberg fand sich bei Maitland pünktlich um die bestimmte Stunde ein. Maitland saß an einem eleganten Schreibpult und lud seinen Gast ein, in seiner Nähe Platz zu nehmen. Dann befragte er ihn streng nach allen Umständen, die mit der begangenen Wechselfälschung verknüpft waren, schrieb seine Antworten nieder und forderte ihn auf, seinen Namen darunter zu setzen. Rettberg fuhr zurück. „Ich will Ihnen sagen, weshalb ich dieses Ihr Sündenbekenntniß in Händen haben will," erklärte Matt- land in ruhigem Tone. „Ich bedarf Ihrer Mithilfe, um einen bestimmten Zweck zu erreichen." Bei diesen Worten athmete Rettberg auf. „Wenn ich diesen Wechsel der Staatsanwaltschaft vorlege," fuhr Maitland fort, indem er in seine Brusttasche griff, „so sind Sie unrettbar verloren." Er hatte eine mit Schlangenhaut überzogene Brieftasche geöffnet und entnahm derselben den fraglichen Wechsel. „Erkennen Sie die verhängnißvolle Querschrtft wieder?" fragte er, indem er vor Nettbergs Augen mit dem Finger auf die Worte deutete: „Angenommen: Otto Maitland." Der Urheber dieser Schriftstücke starrte mit gierigem Auge auf das Papier. Oh! hätte er es doch in diesem Augenblicke den Händen, die es hielten, entreißen können. Maitland schien in seiner Seele zu lesen, und ein bitteres unheimliches Lächeln zuckte um seine Lippen, indem er sagte: „Ein kostbarer Streifen Papier, wie? Ich werde ihn wie ein Kleinod bewahren, bis ein stärkeres Band zwischen uns besteht." „Die drei Worte, die Sie mit kunstgeübter Hand darauf gesetzt haben, liefern Sie ja vollständig in meine Gewalt," fuhr er fort, den Wechsel wieder in die Brieftasche legend; „wenn ich gleichwohl darauf dringe, daß Sie Ihre Generalbeichte unterzeichnen, so will ich dadurch in Ihnen daS Bewußtsein Ihrer Abhängigkeit von mir nur verschärfen, damit ich um so sicherer bin, daß Sie in der Sache, bei welcher Sie mir helfen sollen, keine falschen Karten gegen mich ausspielen. Wollen 437 Sie mir Ihren Beistand leihen, wollen Sie Ihren Rainen unter dieses Papier setzen, so wird Ihnen die Reise über das Meer erspart, Sie dürfen hier bleiben und ich werde dafür sorgen, daß es Ihnen nie an den Mitteln mangelt, ein angenehmes Leben zu führen. Und nun frage ich Sie, ob Sie geneigt sind, mir in allem betzustehen, was ich von Ihnen verlange." „Ich bin zu allem bereit, wodurch ich mich Ihnen verpflichten kann," erklärte Rettberg, ohne sich lange zu besinnen. „Gut," nickte Maitland, „so unterzeichnen Sie dieses Schriftstück." Nettberg zauderte. Aber eS blieb ihm keine andere Wahl; das Bekenntniß seiner Schuld war schließlich nur das Duplikat des gefälschten Wechsels und vermochte seine Strafbarkeit nicht zu erhöhen. Wenn er unterschrieb, so gewann er sich in dem Besitzer dieses Reichthums, der ihn umgab, einen Freund, dessen Freigebigkeit ihm die angenehmsten Aussichten eröffnete. Er überlas das Blatt und setzte seinen Namen darunter, Maitland legte es in die Brieftasche zu dem Wechsel. Dann lehnte er sich in seinen Sessel zurück, sah Nettberg mit durchdringendem Blicke an und fragte: „Wo ist Ihre Schwester?" „Ich weiß es nicht," antwortete der Gefragte, dem plötzlich eine Ahnung aufging, nach welcher Richtung hin man seiner Dienste begehre. „Ich bin ein paar Tage nicht nach Hause gekommen; als ich zurückkehrte, war sie fort. Aber der Herr Baron von Sturen wird Ihnen sagen können, wo sie ist." „Davon bin ich ebenfalls überzeugt, doch möchte ich ihn nicht fragen. Wir müssen es ohne ihn herausbringen. Sie haben sich gestern ohne Zweifel bei ihm nach dem Verbleib Ihrer Schwester erkundigt, und er hat Ihnen die Auskunft verweigert?" „Erst in Bremerhaven, auf dem Dampfer, der übermorgen nach New-Iork abgeht, will er mir die Adresse meiner Schwester geben." „Ha! das ließe sich benutzen!" rief Maitland, von einem Gedanken erleuchtet. „Das wollen wir versuchen, ob wir nicht schon vorher zum Ziele gelangen können. Ihre Wirthin sagte mir, sie sei nicht zu Hause gewesen, als Ihre Schwester verschwand. Diese habe ihr nur ein Billet mit der Pränumerando-Miethe zurückgelassen." „Weiter wußte mir die Wirthin auch nichts zu sagen," bemerkte Nettberg. „Ich begnügte mich jedoch mit dieser Auskunft nicht, sondern stellte Erkundigungen im ganzen Hause an. Zwei Frauen hatten meine Schwester mit einer vornehm gekleideten Dame in einen eleganten Wagen steigen sehen. Ein Dienstmann, der beim Kutscher auf dem Bock gesessen, hatte den Koffer herab- getragen. Mehr wußte man mir nicht zu berichten." „Eine elegant gekleidete Dame?" wiederholte Maitland wie im Selbstgespräch. „Wer könnte das gewesen sein?" Plötzlich erhob er den Kopf, den er im Nachdenken auf die Brust hatte sinken lassen. Möglicherweise befand er sich bereits auf einer Spur. Er erinnerte sich zweier Briefe, welche er beim Baron von Sturen gelegentlich eines Besuches auf dem Tische liegen gesehen hatte. Der eine war an den Justizrath CaruS, der andere an eine Frau von Prachwitz adressirt, deren Namen Maitland schon früher in Gesellschaften hatte nennen hören. Der Gedanke, daß der Baron Melanie unter den Schutz die/er Dame gestellt haben könne, lag nahe genug. „Wir wollen morgen weiter über die Sache sprechen," sagte Maitland, sich von seinem Sessel erhebend. „Kommen Sie im Laufe des Vormittags zu mir." „Morgen früh sechs Uhr erwartet mich Ihr Freund auf dem Bahnhöfe Friedrichstraße, um mich nach Bremerhaven zu begleiten," wandte Nettberg lächelnd ein. „So kommen Sie diesen Nachmittag in der sechsten Stunde wieder," bestimmte Maitland. „Doch warten Sie einen Augenblick." Er zog wieder die Brieftasche mit dem schillernden Ueberzuge von Schlangenhaut hervor, nahm aus einem mit Banknoten vollgestopften Fache derselben einen Hundertmarkschein und überreichte ihn seinem neuen Verbündeten mit den Worten: „Nehmen Sie dies als Handgeld. Wenn der Erfolg unsere Bemühungen krönt, so hat Ihr Glück begonnen." Nettberg griff begierig nach dem Mammon, für welchen er — das war ihm sehr wohl bewußt — seine Schwester verkaufte, und warf dem Geber ein bedeutsames Lächeln zu, welches selbst diesen höheren Dämon mit Ekel und Verachtung erfüllte. (Fortsetzung folgt.) --4SSS8-S--'- Reise-Skizze des bayerischen Pilgerzuges nach Lonrdes 1894. (Fortsetzung.) Wir eilten nun zur liturgischen Choral-Vesper in die Basilika, gesungen von 40 Geistlichen (Pilgern), — welcher alle Reisegefährten und viel Volk beiwohnten. Wegen des Sonntags war ganz Lourdes in Bewegung; auch Nachbar-Gemeinden kamen mit den Erstkommunikanten unter Führung ihrer Abbäs, die begeisterte Ansprachen in der Grotte an ihre jungen Zuhörer hielten. Auch heute wurde wieder eine großartige Lichter-Prozesston gehalten, welcher Einheimische und Fremde sich anschlössen; die Basilika, die gekrönte Madonna und das große Kreuz waren prächtig illuminirt. Am folgenden Tage, 16. April, predigte k. Bartholomä aus Maria Birnbaum bei Aichach, (Maria, unsere Mutter,) beim Hauptgottesdienste, und Dinstag Vormittag Herr Pfarrer Hinträger von Kirchheim, dieser über den Rosenkranz. Während des Dinstags wurden die drei Kirchen und die Grotte noch recht fleißig besucht; denn Abends 8 Uhr sollte ja die Abschieds-Andacht stattfinden und Nachts 11 Uhr die Rückreise beginnen. Wie ist uns doch dieses Lourdes so theuer geworden; mit Recht hat es einen Weltruf er langt; sein Name ist über die Grenzen Frankreichs und Spaniens hinausgedrungen in alle Welttheile; 800 Tausende machen sich alle Jahre auf, um aus den entferntesten Ländern Europas, ja über den Ocean hierher zu kommen, und für Millionen ist Lourdes der Gegenstand sehnlichster Wünsche! Lourdes ist ein Sammelplatz für Nationen geworden. Die Fremdenbücher der Hotels, die Aufschreibungen der dortigen Missionäre weisen die Namen von Pilgern auf, die nicht bloß aus europäischen Ländern (sogar aus Schottland, Dänemark, Rußland, Polen), sondern auch aus Nord- und Süd- Amerika, aus den verschiedensten Theilen der großen Inselwelt hierhergekommen sind, und zwar aus allen Ständen, Bischöfe und Priester, Fürsten und Hochadelige, Gelehrte und Künstler, Soldaten, Beamte, Kaufleute, Landbauern, 438 Gewerbsleute — und von jedem Alter. Diese große Berühmtheit von Lourdes verdankt es eben den Erscheinungen der unbefleckten hl. Jungfrau Maria in der Felsengrotte zu Massabielle und den zahllosen Gnaden, die seit diesen Erscheinungen dort gespendet werden. Betreffs dieser Erscheinungen müssen wir auf die Specialbeschreibungen und Schriften über Lourdes verweisen, wie von Dr. Hofele-Leutkirch, Laserre, die kleineren Schriften von k. Koneberg und k. Eberle, Dr. Ackerl- Linz, und bemerken hierüber nur Folgendes: Am 11. Februar 1858 gingen die zwei Schwestern Bernadette und Marie Soubirous und ein drittes Mädchen, Töchter armer Leute aus Lourdes, hinaus an das linke Ufer des Gave zum Felsen Massabielle, um dort Holz zu suchen. Bernadette hört ein Geräusch, sie schaut empor und steht in der ober der Grotte befindlichen länglichen Felshöhluug eine Frau von unvergleichlicher Schönheit, von himmlischem Glänze umflossen, eine Frau von mittlerer Größe und jugendlicher Anmuth; in edler Einfachheit wallt ein blendend weißes Kleid herab, an jedem ihrer Füße erblüht eine goldene Rose, von ihrem Haupte fließt ein faltenreicher Schleier fast bis zum Saume des Kleides, während ein himmelblauer Gürtel ihre Hüfte umschlingt, dessen beide Enden bis an die Füße reichen. Freundlich, mit einem Blicke unvergleichlicher Milde lächelt die wunderbare Erscheinung dem 14jährigen Kinde zu, neigt Haupt und Hände grüßend gegen Bernadette, welche nun den Rosenkranz betet; nach 20 Minuten verschwindet die Erscheinung. Von nun an zieht es Bernadette mit unwiderstehlichem Dränge zur Grotte hin; vor vielen Tausenden — denn die Sache wurde bald bekannt — kniet sie da in Verzückung und schaut hinauf zur Felsenhöhle, in der sonst kein Auge als das ihrige die wunderbare Gestalt erblickt. Vom 10. Februar bis 10. Juli genoß sie dies Glück 18mal. Bei der 6. Erscheinung brach eine Quelle aus dem Felsgestein der Grotte hervor, wobei die himmlische Erscheinung sprach, nachdem sie der Bernadette zuvor ein dreifaches Geheimniß Mitgetheilt hatte: „Und nun trinke und wasche Dich an der Quelle und iß von den Kräutern, welche dort wachsen!", welchen Auftrag sie erfüllte. Anfänglich war es ein schmaler Wasserstreifen, der gegen den Eingang floß; am andern Morgen sprudelte die durch eine unbekannte Macht aus geheimnißvoller Tiefe heraufbeschworene Quelle immer stärker; anfangs etwas schlammig, wurde sie hell und klar, sprudelte in einem Wafferstrahle, der die Stärke eines Kinderarmes hatte, aus der Erde hervor, 85 Liter per Minute, 5100 Liter per Stunde, 122,400 Liter per Tag. So fließt das Wasser nun schon seit 35 Jahren, ohne an Kraft und Stärke abzunehmen; die Pilger treten ehrfurchtsvoll hin, um zu trinken und sich zu waschen oder zu baden, und Tausende von Litern werden jährlich nach allen Theilen der Welt versendet zum heilbringenden Gebrauche. Durch einen gedeckten Kanal wird es außerhalb der Grotte zu einem geschlossenen Marmorbehälter geleitet, den als Inschrift die an Bernadette gerichteten Worte der seligsten Jungfrau zieren: „Trinke aus der Quelle und wasche Dich daselbst!"; aus mehreren Röhren fließt dasselbe. Es ist ein außerordentlich frisches Wasser, das die Quelle gibt. Durch einen neuen Kanal wird es nach seinem Abflusse aus dem Marworbassin einige Schritte weiter längs der Felswand zu zwei größeren Bassins in ein Badehäuschen mit zwei Abtheilungen für Männer und Frauen geleitet für diejenigen Pilger, welche durch Eintauchen des Körpers oder einzelner Glieder Heilung suchen. Von jenem Moment an mehrten sich Tag für Tag die wunderbaren Heilungen an Kranken, welche das Wasser gebrauchten. Die Quelle ist wie der Schafteich zu Jerusalem; in diesem lag eine große Menge von Kranken, Blinden, Lahmen, Abgezehrten, welche die Bewegung des Wassers durch einen Engel des Herrn abwarteten, der zur bestimmten Stunde in den Teich hinabstieg; wer zuerst nach der Bewegung des Wassers in den Teich hinabstieg, der ward gesund, mit welcher Krankheit er auch behaftet sein mochte. Joh. V, 2—5. Schon wenige Stunden nach ihrer Entstehung begann die Quelle ihre Heilskraft zu äußern und hat sich bis heute an Tausenden erprobt in Lourdes und sonst aller Orten, wo man dieses Heilswasser sich hatte schicken lassen. Andere Aeußerungen der himmlischen Frau an Bernadette waren: „Ich verspreche Dir, Dich glücklich zu machen, nicht in dieser, aber in der andern Welt!" und sie setzte hinzu: „Ich wünsche, daß viele Leute hierherkommen!" Am 21. Februar sagte die Erscheinung, mit Trauer erfüllt, dreimal „Buße!" und „Bete für die Sünder!" Am 23. Februar sagte sie mit freundlichen Worten: „Meine Tochter, geh' und sage den Priestern, daß ich an diesem Orte eine Kapelle errichtet haben will, und daß man in Prozessionen hierher ziehe!" Die Stelle, wo Bernadette zu beten pflegte und die Erscheinung sah, ist mit einer Marmorplatte bezeichnet, darauf die Worte stehen: „Hier hat Bernadette gebetet!" In den Morgenstunden des 25. März, dem Feste Maria Verkündigung, folgte das begnadigte Mädchen wieder einem inneren Rufe und eilte zur Grotte. Bisher hatte die Erscheinung ihren Namen nicht genannt; sie wollte Zuerst durch unzählige Werke himmlischer Barmherzigkeit den Herzen der Gläubigen ihren Namen einprägen und erst dann durch eine feierliche Offenbarung die fromme Ueberzeugung und den Glauben des christlichen Volkes bestätigen, welches längst erklärt hatte, die Erscheinung könne nur die allerseligste Jungfrau gewesen sein. Jetzt, nachdem 3 Jahre und 3 Monate verflossen waren, seit Pius IX., der große Verehrer der Gottesmutter, umgeben von vielen Bischöfen, als Glaubenssatz erklärt hatte, daß Maria ohne Makel der Erbsünde empfangen, jetzt wollte sie selbst feierlich die frohe Botschaft verkünden und den vor 39 Monaten verkündeten Glaubenssatz wunderbar durch ihren eigenen Ausspruch bestätigen. Bernadette war wieder zur Grotte geeilt, eine große Menschenmenge war ihr gefolgt; sobald sie sich auf die Kniee niedergelassen, zeigte sich ihr die Erscheinung im herrlichsten Strahlenglanze in unendlicher Lieblichkeit und sprach auf die wiederholte Anfrage des Kindes: „Ich bin die unbefleckte Empfüngniß!" (js sui8 iramaoulös con- osxtioll), Worte, die sie nie gehört, die sie dem Pfarrer mittheilte, — dieser und das christliche Volk verstanden es wohl, man hatte sich nicht geirrt, die wunderbare Frau war die allerseligste Jungfrau, die unbefleckt empfangene Mutter des Herrn. Eben diese Worte prangen jetzt in goldenen Lettern über dem Haupte der Marien-Statue. Noch zweimal erschien die himmlische Frau dem unschuldigen Kinde, zum letzen Male am Scapulierfeste, dem 16. Juli, um das hartverfolgte Mädchen zu trösten, für die Vergangenheit zu belohnen und für die Zukunft zu stärken. Mit unendlicher Liebe neigte die Himmelskönigin ihr Haupt zum Abschied und verschwand, um in die ewigen Wohnungen des Himmels zu ihrem göttlichen Sohne Jesus zurückzukehren. Diese Offenbarungen sind von der höchsten — 439 kirchlichen Autorität geprüft und anerkannt. Ich übergehe die zahlreichen Wunder, die in der Grotte und an der Heilquelle seitdem geschahen bis heute, und die noch zahlreicheren Bekehrungen; bei der französischen National- Wallfahrt 1882 sind, wie die Annalen berichten, 176 wunderbare Heilungen und 800 Bekehrungen bewirkt worden; zahllos sind die Gebetserhörungen l Eine auffallende Heilung geschah auch an einem Gelähmten, der täglich im Wägelchen zur Grotte und Quelle gefahren wurde und am letzten Tage geheilt mit uns heimkehren konnte, L. aus Nicderbayern, außer ihm noch drei Kranke, nämlich zwei Priester, ein Laie, und merkwürdige Gebetserhörungen, sowie eine auffällige Bekehrung eines Sünders, der 14 Jahre lang nicht mehr die Sakramente empfangen hatte. Die vielen Hundert Krücken, womit der untere Theil des Felsens weit hinauf bedeckt ist, sind auch Zeugnisse der vielen Wunder, die hier geschehen. In der Grotte brennen meistens 200 Kerzen; am Gitter steht eine große Kiste auf vier Rädchen, welche fort und fort wieder gefüllt wird seitens der Pilger mit größeren und kleineren Kerzen. Wie wir bereits angegeben haben, befindet sich die Grotte in einer senkrecht abfallenden Felsenwand, hat unten eine Breite von 6 Metern, eine Tiefe von 5 Metern, nach oben sich verengend betrügt die Höhe 6 Meter; die Nische, in welcher die unbefleckte Empfängniß dem begnadeten Mädchen erschien, bildet den Schluß der Höhle nach oben, deren ganzen Raum die herrliche, lebensgroße Statue aus carrarischem Marmor ausfüllt. Die Mitte der Höhle nimmt ein kleiner Altar ein, in dessen Nähe große eiserne Kronleuchter mit brennenden Kerzen, während große brennende Kerzen im Hintergrund aufgestellt sind. Die neben der Statue befindliche Felswand ist mit Epheu und anderem wirr verschlungenen Gewächse bedeckt, das mit seinen Zweigen bis zur Statue sich ausdehnt; zur Rechten macht sich ein Nosenstock breit. An die Felscnwand halten die Pilger alle religiösen Gegenstände, die sie zur Erinnerung an Lourdes den Ihrigen nach Hause bringen wollen, und drücken die Stirne an dieselbe. Von dem Gewölbe der Grotte herab schwebt eine goldene Lampe vor dem Altare, zu dessen linker Seite Sitze angebracht sind für den Klerus, auch für Kranke, die hier im Anblicke der Madonna- Statue ihre Gebete um Heilung ihrer Gebrechen verrichten; in Nollwägelchen ruhen solche Kranke, die, des Gebrauches ihrer Glieder beraubt, täglich hierher gebracht werden, bis sie Erhörung finden. Von Zeit zu Zeit verkündet ein Mtsstonspriester eine Reihe von Anliegen und bittet um das Gebet der Pilger, worauf eine Litanei folgt. Ein zierliches Gitter trennt das Heiligthum vom Vorplätze, der sich bis zu dem hier kanalifirten Gavefluß ausdehnt, mit Asphalt gepflastert und seitwärts durch hohe Bäume geschützt ist; in mehreren Reihen sind Knie- und Sitz- Bänke aufgestellt. Dieser große schöne Platz, auf dem für 20,000 Menschen Raum ist, wurde dadurch gewonnen, daß man den Gavefluß zurückdrängte. Seitwärts führt an der Felsenwand, in drei Abtheilungen gebrochen, ein bequemer Weg auf die Anhöhe zur Basilika, der bei den Lichterprozessionen einen wundervollen Rückblick auf die großartige Illumination gewährt. Wenn man über den Fluß hinüberschaut, so sieht man ein schönes, geräumiges Gebäude, von Anlagen und Baumgruppen umsäumt, den Karmeltter-Convent auf dem Berge Karmel, von welchem oft melodisches Geläute ertönt. An der Anhöhe hin schlängest sich das Geleise der Bahn nach Spanien um den Hügel herum, so daß die von dorther kommenden Pilger von den Waggons aus die Grotte sehen und begrüßen. 5 Minuten nördlich ist das arme Kloster der Frauen von der unbefleckten Empfängnis;, wo auch Pilgerinnen billig beherbergt werden; man. gibt ihnen Almosen, indem man dort Devotionalien kauft. Von der Grotte, welche unter dem Presbyterium der auf dem Felsen thronenden Basilika liegt, führt ein Serpentinweg im Schatten duftender Akazien hinauf zum großartigen Marmorbau dieser weltberühmten Wallfahrts» Kirche 10 Minuten westlich von der Stadt Lourdes. Sie ist in romanisch-gothischem Stile erbaut und hat zwei Stockwerke, eine Krypta und über dieser die dreischiffige Hauptkirche, zu der außerhalb der Krypta eine breite Steintreppe führt. Wir treten zuerst in die Krypta ein; sie ist halbkreisförmig gebaut, reich verziert, enthält fünf kleinere Kapellen mit ebensoviel Altären, in zahlreichen Nischen eine Menge von Beichtstühlen. Hier wird die ganze Woche der Gottesdienst gehalten, in der oberen nur an Sonntagen; diese unterirdische Kirche enthält drei durch Pfeiler getrennte Schiffe; der Hochaltar ist unmittelbar über der Erscheinungs-Nischengrotte. Vom frühen Morgen an wird das hl. Meßopfer hier dargebracht und sie ist stets von Andächtigen gefüllt. Eine große Anzahl von Votiv- Kerzen erhellt das Halbdunkel. Wegen Mangel an Ministranten müssen sich immer zwei Priester vereinbaren und an einen Altar treten. Dort ist alles Nothwendige vorbereitet, bis auf die Hostien und das Kelchtuch, was in der Sakristei geholt wird. Nun macht zuerst Einer der Herren den Meßner und Ministranten, und xosb missain I trifft den Andern das Ministriren. Klingeln werden bet der heil. Wandlung nicht benützt, weil meist 5 Priester celebriren zu gleicher Zeit. Gerade in dieser dunklen Krypta sind schon viele Wunder geschehen! Auf zwei großen Treppen, die zu beiden Seiten des Eingangs emporsteigen, gelangt man zum Atrium der Basilika; in schönster Lage auf hohen Fels gebaut, beherrscht dieser Gottestempel die ganze Gegend. Steht man unter der geräumigen Vorhalle, die von hohen Säulen getragen wird, so genießt das Auge einen wundervollen Anblick. Ueber dem Ufer des Gave gewahrt man südlich auf steiler Felswand die Stadt und Burgveste, zur Linken herrliche Triften und grünende Wiesen und die stets belebte Straße nach Pau, zur Rechten die hohen Pyrenäen, oben mit Schnee bedeckt, tief unten der reißende Gebirgsfluß. An der Fatzade der Kirche steigt ein schöner gothischer Thurm hoch empor, dessen Fuß das Portal mit einem zierlichen Portikus bildet. Ueber dem Portal sieht man das Bild- niß Pius' IX. in Mosaik und darüber eine zierliche Fensterrose. Die Basilika ist von milchweißen Quadern erbaut. In ihren weiten Räumen umfaßt diese Wallfahrtskirche einen Kranz von 15 Kapellen, die das Schiff und den Chor umgeben; alle Altäre sind von schönem weißem Marmor. Den Glanzpunkt der Kirche bildet der hohe, reiche, prachtvolle Hochaltar Unserer Lieben Frau von Lourdes auf dem herrlichen hohen Chor. Ueber ihm halten zwei silberne Engel eine aus Gold gefertigte Doppel- Palme, welche Pius IX. als Weihegeschenk hierher gesendet, und unter dieser leuchten aus flammenden goldenen Herzen künstlich zusammengesetzt die Worte, durch welche die allerseligste Jungfrau sich als die unbefleckte Empfängniß offenbarte; der Hochaltar, aus weißem Marmor zierlich erbaut, ist von einem prachtvollen Broncegitter umschlossen. Die hohen Stufen des Altares und den 440 ganzen Chor bedeckt ein kostbarer Teppich, das Weihegeschenk der Frauen Frankreichs. Zahlreiche glänzende Kronleuchter , 20 an der Zahl, 10 vergoldete Lampen und mehrere silberne schmücken den Chor der Kirche, die Kronleuchter umgeben wie ein Strahlenkranz das Standbild der allerseligsten Jungfrau; 20 Kronleuchter hängen in den Bogcnöffnungen der Seitenkapellen, und die Bogenzwickel des Chores sind ausgefüllt mit goldenen und silbernen Herzen, welche hinweisen auf die von U. L.Frau an Bernadette gerichteten Worte: „Ich will, daß man an diesem Orte eine Kirche baue, und daß man in Pro- cesfionen „hieher ziehe". Großartige Processionen sind ja seitdem aus allen Theilen Frankreichs und Europas hieher gekommen, in diese Kirche, welche in Erfüllung des Wunsches der Helferin der Christen, Maria, erbaut wurde. Sie haben 600 kostbare, goldbedeckte Fahnen hieher gebracht, aus kostbaren, meist weißen Seidenstoffen bestehend, mit kunstvoll gestickten Bildern, Emblemen, Inschriften mit dem Namen einer Stadt oder des betreffenden Pilgerznges und der Jahreszahl versehen; sie hängen vom Gewölbe herab, stammen aus Frankreich, Spanien, Italien, England, Amerika (Mexiko), Oesterreich-Ungarn, Deutschland. Die deutsche Fahne hängt an würdiger Stelle, Allen sichtbar, 3 rir lang, 2 m breit, mit dem Bildnisse der unbefleckt empfangenen Jungfrau Maria, zu beiden Seiten die beiden Patrone Deutschlands, rechts der hl. Bonifacius, links die hl. Elisabeth; im unteren Theile glänzen in goldenen und silbernen Zügen die Worte: „LeatuM wo äicwnb omuss Aöiröiationes (selig werden mich preisen alle Geschlechter), Ro^inu, paom, via, pro riodis (Königin des Friedens, bitte für uns!)." _ (Fortsetzung folgt.) Berichtigung. In diese Nelsekizze hat sich bei Beschreibung der Stadt Lyon (Nr. 52 des „Unterhaltungsbl".) ein Irrthum ein- geschlicben, da bier (S. 404) der französische General Kleber als Stifter der Charits genannt ist Dieter war jedoch in Wirklichkeit Johann Kleeb erger, gebürtig aus Nürnberg, der im vorigen Jahrhundert als armer Arbeiter nach Lyon kanr und sich dort durch seine Tüchtigkeit zum Seidenfabrikanten und vielfachen Millionär aufschwang. Durch großartige Akte der Wohlthätigkeit sicherte er sich ein dauerndes Andenken in den Heizen der Lyoncr, die dem >bou ailsmanä- auch ein stolzes Denkmal aus Erz setzten. -- Eisenbahnwesen in China. Mit erstaunlicher Zähigkeit haben die bezopften „Söhne des Himmels" die „Feuer-Teufel" — so nennen sie die Locomotive — von ihrem Lande ferngehalten, selbst nachdem die Japanesen bereits ein ganzes Eisenbahnnetz errichtet hatten. Endlich scheint aber auch sür das „himmlische Reich" die Aera des Dampfes angebrochen zu sein. Der Anfang dazu ist wenigstens gemacht. Der erste Versuch, sie mit einer vollzogenen Thatsache zu überrumpeln, scheiterte freilich in jämmerlicher Weise. Vor zwanzig Jahren hatte sich eine englische Gesellschaft gebildet, die von Schanghai nach dem etwa 16 Kilometer nördlich davon gelegenen Wusung eine hauptsächlich sür den Güterverkehr bestimmte Bahn bauen wollte. Sie kam um die Erlaubniß ein — und erhielt sie auch —, eine Straße von Schanghai nach Wusnng bauen zu dürfen. Auf die Straße wurden aber Schienen gelegt — schmalspurig und sehr leicht —, eine kleine Locomotive aus England beschafft und trotz aller Anfeindungen seitens des Volkes im Jahre 1875 die Bahn eröffnet. Die chinesischen Behörden sahen wohl, daß man sie hintergangen hatte, sie schwiegen aber, bis unglücklicherweise ein Chinese überfahren wurde. Jetzt erklärten sie der Gesellschaft: „Wir haben euch die Erlaubniß gegeben, eine Straße nach Wusung zu bauen, aber von Schienen und Feuerteufeln war keine Rede, noch weniger haben wir euch erlaubt, mit eurer Maschine unsere Leute zu tödten. Wir wollen heute davon absehen, daß ihr uns hintergangen habt, aber wir fraaen: was kostet eure Eisenbahn?" Wohl oder übel mußte die Gesellschaft nach Verlauf einiger Zeit die Bahn den chinesischen Behörden abtreten. Diese ließen die Schienen abnehmen und nach der Insel Formosa an die Küste schaffen, wo sie später wieder zu Ehren gekommen sind. Der zweite Versuch gelang besser. Bei Kaiping nordwestlich von Tientsin wurde ein abbauwürdiges Steinkohlenlager gesunden. Die englischen Techniker, welche die Ausbeulung der Gruben leiteten, empfanden die Schwierigkeiten des Transportes der Kohle mittelst der landesüblichen Karren sehr, und sie beschlossen, auf irgend eine Art Dampfkraft zu Hülfe zu nehmen. Aber eingedenk des Schicksals der Wusung-Bahn ließen sie zunächst eine kleine Locomotive aus England kommen, die in verschiedenen Theilen nach verschiedenen Häfen abgesandt wurde und aus verschiedenen Wegen Kaiping erreichte. In einem Schuppen ohne Fenster, nur mit einem Oberlicht, wurde die Locomotive zusammengestellt, auf der Straße nach den Gruben Holzschienen gelegt und Wagen mit entsprechenden Rädern beschafft. Aber ohne behördliche Erlaubniß durfte man die Locomotive n cht benutzen. Glücklicherweise war Li-Hung-Tschang, der Statthalter der Provinz, kein Feind von Neuerungen. Er wurde zur Besichtigung einer neuen Art von Kohlenbefördcrung eingeladen, kam, machte auf Zureden auf der Locomotive eine Fahrt nach den Gruben hin und zurück, und damit war der Damm gebrochen. In den folgenden Jahren bildete sich eine chinesische Gesellschaft zur Wcitcrführung der Kaiping-Linie nach der Küste, und die kaiserliche Regierung selbst beförderte das Unternehmen. Heute ist im Betrieb eine Linie von Kaiping in südwestlicher Richtung nach Tongku (nördlich von Taku an der Mündung des Pe ho), ferner eine Linie von Tongku nach Tientsin. Ferner ist von Kaiping eine Bahn in nordöstlicher Richtung nach Shan-hai-kwan am Golf von Liaotong gebaut worden, die außerordentlichen Anklang bei der Bevölkerung gefunden hat, so daß eine Wetterführung dieser Linie nach Mulden, nördlich von Ninlschuan, bereits in Angriff genommen ist. Die bei dem Bau und dem Betrieb dieser Bahnen beschäftigten Techniker sind fast ausschließlich Engländer, als Heizer werden Chinesen benutzt, doch unterliegt es keinem Zweifel, daß wie in Japan so auch in China nach und nach der größte Theil des Betriebe der Bahnen in die Hände der Eingeborenen übergehen wird. -- ArttHinogrivy. 1 4 5 2 ein Gebirge, 2 2 5 2 4 Hauptstadt in einem Schweizer Kanton, 3 2 5 5 will Niemand sein, doch wer cö ist, hält gern Andere dafür. 4 3 3 2 westfälische Stadt. 2 3 3 2 fremdländische Münze, Gewicht und weiblicher Vorname, 5 2 12 bekannter indischer Titel. Die Anfangsbuchstaben der obigen Wörter bezeichnen einen Zeitabschnitt. äL58, 1894 : „Augsburger Postzeitung". Dinstag, den 17. Juli Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Nerlag des Literarischen Instituts von Haas Grabderr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Äm Laune alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) XX. Eine Stunde später ließ Maitland sich bei Frau von Prachwitz melden. Sie war nicht wenig über diesen Besuch verwundert und, als derselbe eintrat, für den ersten Augenblick über dessen Aehnlichkeit mit Wolfgang frappirt. Höflich, aber etwas gemessen, empfing sie ihn, und nachdem sie ihn gebeten, sich zu setzen, erkundigte sie sich, welchem glücklichen Umstände sie die Ehre stiner Gegenwart verdanke. „Verzeihen Sie, gnädige Frau, daß ich Sie belästige," begann Maitland. „Obgleich ich es der Schicklichkeit angemessen fand, mich bei Ihnen melden zu lassen, so gilt mein Besuch doch eigentlich einer jungen Dame, die sich gegenwärtig unter Ihrer wohlwollenden Obhut befindet. Ich meine Fräulein Rettberg." Frau von Prachwitz besaß Geistesgegenwart genug, um ihre Ueberraschung zu verbergen. „Fräulein Rettberg machte mir allerdings die Freude, ein paar Tage bet mir zuzubringen," antwortete sie in harmlosem Tone, „hat mich aber heute verlassen." Obgleich Maitland den Schein des Gleichmuths beizubehalten suchte, so lag doch eine gewisse unmuthige Schärfe in seinem Ton, indem er erwiderte: „Dann erlaube ich mir, gnädige Frau, Sie um Fräulein Rett- berg's Adresse zu bitten." „Leider bin ich nicht in der Lage, diesen Wunsch zu erfüllen," war die höfliche Antwort. „Darf ich bescheiden fragen, ob diese ablehnende Antwort einen besonderen Grund hat, oder ob Ihnen selbst der Aufenthalt der jungen Dame unbekannt ist? Da ich für Fräulein Rettberg sehr wichtige Nachrichten habe, so ist es durchaus nöthig, daß ich ihre Adresse erfahre." „Ich gestehe," versetzte Frau von Prachwitz, „daß ich Ihnen den gewünschten Aufschluß nicht gebe, weil das Fräulein mich gebeten hat, niemand zu sagen, wohin sie gegangen ist." „Aber mit Rücksicht darauf," erwiderte Maitland, „daß Angelegenheiten der ernstesten Art, an welchen ihr Bruder betheiligt ist, in meiner Hand ruhen, sollte ich doch meinen, sie müßte eine Ausnahme zu meinen Gunsten gemacht haben." „Sie hat es nicht gethan," entgegnete Frau von Prachwitz trocken, „und somit kann auch ich es nicht auf mich nehmen, eine Ausnahme zu machen." „Nein, gnädige Frau, dieser Ansicht vermag ich nicht beizupflichten," versetzte Maitland kühn; „ich sollte vielmehr glauben, daß Sie in Betracht meiner gesellschaftlichen Stellung ohne Bedenken die Ausnahme zu meinen Gunsten auf sich nehmen könnten." „Ich kann es nicht, wenn ich auch wollte," bemerkte die Dame mit bedauerndem Achselzucken. „Fräulein Rettberg ist vorläufig auf ein paar Lage zu einer Freundin gereist, deren Adresse ich selbst nicht kenne, sie wird mir bald schreiben, und wenn sie mich ermächtigt, Ihnen Auskunft über ihren Aufenthalt zu geben, so werde ich Ihnen dieselbe zuschicken." Der Ton, in welchem sie sprach, war fest und bestimmt, und als Maitland sah, daß er nichts weiter erreichen konnte, empfahl er sich in der höflichsten Weise. Alles, was Maitland soeben von Frau von Prachwitz gehört hatte, beruhte auf Wahrheit. Melanit war heute abgereist. Felicitas hatte vor einigen Tagen an ihren Vater geschrieben und ihn gebeten, Fräulein Nettberg als ihre Freundin auf einige Zeit aufzunehmen. Seine Antwort war gestern Abend eingetroffen. Er fragt, ob Fräulein Rettberg's Mutter eine geborene von Baldeneck und die Tochter einer Schauspielerin gewesen sei, welche den Theaternamen Baldenecker geführt habe und vor dreißig und etlichen Jahren in Hamburg gestorben sei. Wenn dies alles zuträfe, schrieb er, so würde es ihm zum größten Vergnügen gereichen, Fräulein Nettberg bet sich aufzunehmen. Es sei nicht nöthig, daß sie ihre Abreise bis zu Felicitas' Heimkehr verschiebe; er werde sie zu jeder Stunde willkommen heißen; sie könne bleiben, so lange es ihr gefalle, und dürfe sich versichert halten, daß er sie in jeder Beziehung wie sein eigenes Kind behandeln werde. Ueber diese Antwort waren alle erstaunt. Felicitas fand eine solche Zuvorkommenheit an ihrem Vater so ungewöhnlich, daß sie gar nicht geglaubt haben würde, er habe den Biief geschrieben, wäre es nicht seine Handschrift gewesen. Melanie war nicht minder erstaunt, ihre darin erwähnten Fawilienverhältnisse mit allem, was ihr darüber selbst bekannt war, vollkommen übereinstimmend zu finden. Felicitas wollte ihrem Vater schreiben, daß alle seine Voraussetzungen zuträfen und Melanie mit ihr in einigen Wochen nach Göllnitz kommen 442 werde. Melanit jedoch legte ihre schöne Hand auf den Arm der Freundin und sagte, ihr mit bittendem Ausdruck in's Gesicht blickend: „Ich würde lieber schon morgen gehen." „Aber warum das?" fragte Felicitas. „Meine Tante wünscht, daß Sie bleiben und uns nach Rügen begleiten, wohin auch der Baron —" „Reden Sie mir nicht zu, liebe Felicitas," ent- gegnete Melanie in bewegtem Tone. „Es gibt hier in Berlin so mancherlei, dem ich gern aus dem Wege ginge." Felicitas verstand sie und legte ihrem Wunsche kein Hinderniß in den Weg. Melanie war abgereist, und da sie die Absicht angedeutet, unterwegs eine ihrer ehemaligen Zeichenschülerinnen zu besuchen, ohne daß deren Name und Wohnort zur Sprache gekommen wäre, so hatte Maitland auch in diesem Punkte von Frau v. Prach- witz nur die Wahrheit erfahren. XXI. Im Osten Berlins befand sich in einer ziemlich belebten Straße ein Kellerlokal. Obwohl darin eine Schankwirthschaft betrieben wurde, so bedurfte dasselbe doch weder eines besonderen Anlockungsmittels, noch eines Aushängeschildes. Nicht jeder war hier willkommen; wer aber gern gesehen ward, der fand den Weg von selbst in den „Blutigen Knochen", wie der Ort von seinen Besuchern genannt wurde. Man stieg einige Stufen hinab und gelangte in ein niedriges Zimmer mit roh getünchten Wänden und einem sehr primitiven Mobiliar. Ein zweites, anstoßendes Zimmer bot einen nicht minder bescheidenen Aufenthalt. Ein paar Petroleumlampen, die von der verräucherten Decke herabhingen, verbreiteten eine ziemlich dürftige Helle. An kleinen Tischen saß, gruppenweise von einander getrennt, eine äußerst bunte Gesellschaft. Einige der Gäste schienen, ihrer Kleidung nach, dem Handwerkerstände anzugehören; an einem andern Tische machten sich drei oder vier gänzlich zerlumpte Kerle breit; an einem dritten unterhielten sich einige fast stutzerhaft gekleidete Herren, das Monocle im Auge, den feinen Cylinderhut auf dem Kopfe, die Wäsche tadellos und blendend weiß. So wenig sie in diese Gesellschaft, unter welcher sich auch einige frech dreinschauende Frauenzimmer befanden, zu gehören schienen, so unterschieden sie sich von derselben doch nur durch ihre elegante Kleidung, denn sämmtliche Gäste zählten ausnahmslos zu jener Menschenklasse, welche bei der Wahl ihres Berufes ein- für allemal einen dicken Strich durch das siebente Gebot gemacht hat, und der „Blutige Knochen" war eine der besuchtesten „Verbrecherklappen" Berlins. Unter jener Gruppe feiner Herren, welche sich in jedem eleganten Restaurant „Unter den Linden" hätten sehen lassen können, verbargen sich Hochstapler, Taschendiebe und Bauernfänger; die abgerissenen, reducirten Gestalten gehörten dem nächtlichen Strolchthume an; die scheinbaren biedern Handwerker waren resolute Einbrecher. Das Benehmen aller dieser Gäste bot äußerlich durchaus nichts Besonderes. Sie rauchten, tranken Bier oder Schnaps, unterhielten sich oder spielten Karten. Nur wenige von diesen Leuten kannten einander bei ihren wirklichen Namen; jeder hatte seinen Spitznamen, denn dieses Verstecken hinter fälschlich beigelegten Namen führt das wachsame Auge des Gesetzes irre. Unter den Anwesenden wurde einer mit „Aalauge", ein anderer mit „Plattbein" angeredet, ein dritter, welcher den vornehmen Namen „der Burggraf" führte, brachte die Gesundheit des „steifen Lehmann" aus, und einige der Gesellen, welche sich leise von der „schiefen Laterne" und der „Dampfwalze" unterhielten, verriethen durch gewisse Seitenblicke, daß unter diesen charakteristischen Pseudonymen sich zwei der „Damen" verbargen, welche die Gesellschaft durch ihre Gegenwart zierten. Die Gespräche wurden hier laut, dort leise in einer Sprache geführt, welche der Uneingeweihte kaum für Deutsch gehalten hätte, denn sämmtliche Ausdrücke und Bezeichnungen der Handwerker entstammten dem Gaunerwörterbuche. Unter den Gästen, welche das elegante Gaunerthum repräsentirten, befand sich auch einer unserer Bekannten. Nichts Geringeres als Champagner war es, womit er seine Genossen bewirthete, denn von so selbstsüchtigem Charakter er auch sonst war, so hielt er es doch unter seines Gleichen mit dem Grundsätze: leben und leben lassen, und gönnte ihnen gern einen Antheil an dem Hundertmarkschein, welchen er heute erst aus Maitland's freigebiger Hand empfangen hatte. „Guten Abend, Herr Assessor von Malten," tönte plötzlich eine Stimme hinter ihm, und eine Hand legte sich auf seine Schulter, „wann treten Sie Ihre große Reise über's Meer an?" Ueberrascht blickte sich Rettberg nach dem Sprecher um, der eben erst von der Straße eingetreten war. Es war ein rüstiger, sehr groß und kräftig gebauter Fünfziger mit mächtigem, grau melirtem Vollbarte und ebensolchem Haar, welches zu beiden Seiten über dem Ohre hervorgekämmt und nach den Schläfen zu sorgfältig gedreht war. Das Augenpaar unter den buschigen Brauen blickte durch eine bläuliche Brille mit schelmischem Ausdruck auf den Angeredeten herab. Der graue Filzhut, der helle, zurückgeschlagene Sommerüberzieher und die darunter sichtbare Kleidung waren von feinstem Stoff. Erstaunt und betroffen starrte Rettberg den Fremden an, der sich über Dinge, um die nur seine nächsten Vertrauten wußten, so wohl unterrichtet gezeigt hatte. Da warf der alte Herr seinen Hut aus den nächsten Tisch, nahm die melirte Perrücke vom Kopfe, steckte die blaue Brille in die Tasche, riß sich die buschigen Brauen und den gewaltigen Vollbart ab, und indem er plötzlich mit kurzgeschnittenem dunkeln Haar und bartlosem Gesicht dastand, glich er genau jenem hünenhaften Mann, den unlängst der Baron von Sturen im Hinter- stübchcn Moses Nathansohn's im Gespräch mit diesem angetroffen hatte. „Der UlanI" ging ein allgemeines Murmeln durch das Zimmer, in welchem sich derartige Metamorphosen sehr häufig abspielten. „Ein schwerer JungeI" raunte „Aalauge" dem „Burggrafen" in der Gaunersprache zu, welche unter dieser Bezeichnung Einen versteht, der nur schwere Diebstähle begeht. Der Burggraf nickte. „Wird wieder einmal eine Aske (Diebstahlsgelegenheit) ausbaldowert (ausgekundschaftet) haben." Rölling oder der „Ulan", wie er hier hieß, ließ sich an dem leeren Tische nieder, auf welchen er vorhin seinen Hut geworfen hatte. Ein anderer, welcher mit ihm zugleich eingetreten war und einen jener ledernen 443 Kästen in der Hand trug, wie man sie bei Hausirern sieht, nahm ihm gegenüber Platz. „Deine neue Charaktermaske?" fragte Rettberg, indem er sich neben Rölling setzte und eine neue Flasche Champagner bestellte. „Ja, die Polizei liebt die Abwechslung," antwortete Rölling mit einem tiefen, volltönenden Organe. „Wo kommst Du her?" „Direkt vom Bahnhöfe kommen wir; haben auswärts Geschäfte gehabt, ich und der Hausirerfranz," antwortete Rölling mit einem Blick auf sein Gegenüber. „Es ist mir lieb, daß ich Dich vor Deiner Abreise noch einmal treffe. Ei, sieh' da, mit Sekt feierst Du Deinen Abschied, mein Junge? Na, PrositI Auf Dein Wohlergehen in der neuen Welt!" Nettberg lächelte schlau. „Das Programm hat eine Abänderung erfahren," entgegnen er und erzählte, was sich heute zwischen ihm und Maitland zugetragen hatte. Auch den Inhalt der zweiten Unterredung, zu welcher er sich bei demselben noch einmal gegen Abend eingefunden, theilte er seinem vertrauten Freunde mit. Danach war bestimmt worden, daß Rettberg morgen früh mit dem Baron von Sturen, ganz wie dieser es angeordnet, nach Bremerhaven reisen sollte, um dort auf dem Schiffe die ihm versprochene Adresse seiner Schwester in Empfang zu nehmen. Da der Dampfer Southampton anlief, so sollte er von dort aus die Adresse sofort an Maitland tele- graphiren und, anstatt die Reise nach New-Iork fortzusetzen, wieder nach Berlin zurückkehren. Während Rölling zuhörte, verfinsterten sich seine Mienen mehr und mehr. „Mir gefällt der Handel nicht, mein Junge," bemerkte er. „Wäre ich an Deiner Stelle, so würde ich mich lieber an den Andern halten, den Baron von Sturen. Der scheint's mit Dir und Deiner Schwester am ehrlichsten zu meinen. Folge ihm, mein Junge." „Was soll ich in Amerika?" versetzte Rettberg miß- muthig. „Man wird mich dort in irgend ein Comptoir stecken, und zur Arbeit bin ich verdorben." „Es gab eine Zeit," sagte Rölling bitter, „wo ich froh gewesen wäre, Arbeit zu bekommen, um mich ehrlich durchzuschlagen. Du läßt Dich von dem Schlaraffenleben locken, das dieser Maitland Dir verspricht; aber wer bürgt Dir dafür, daß er sein Wort hält, wenn er seinen Zweck erreicht hat?" „Oh, er ist ein verdammt nobler Herr!" versicherte Rettberg. „Er ist ein größerer Schurke als irgend Einer von uns!" fuhr der Ulan auf. „Wir nehmen andrer Leute Geld oder sonstigen Trödel, dieser Teufel aber will einem armen, lieben Mädchen Tugend und Unschuld rauben. Und Du, mein Junge — nimm mir's nicht übel, aber von einem Burschen, der eine so gute Erziehung genossen hat, wie Du, sollte man doch nicht meinen, daß er seine Schwester verschachern würde. Das Moralisiren mag mir schlecht genug anstehen, aber in diesem Punkte hätte ich doch mehr Ehre im Leibe! Donner und Hagel!" rief er, das vor ihm stehende Glas Champagner ergreifend, „jeder Tropfen, den ich noch von diesem Gesöff trinke, das doch nur mit Deinem Judas- gelde erkauft ist, soll zu Gift werden!" Damit schmetterte er das halbvolle Glas auf den Boden, daß die Splitter hoch umhersprangen. Rettberg wagte nichts zu entgegnen, denn er hatte einen gewissen Respekt vor seinem älteren Freunde. Es stak etwas von einem edlen Kerne in diesem entschlossenen Verbrecher, der seinem Wesen etwas Geheimnißvolles gab, wovon sich selbst die Verworfensten seiner Handwerksgenossen seltsam angezogen fühlten. „Warum hast Du den Kerl, als er Dir heute den Wechsel zeigte, nicht an der Gurgel gepackt und ihm den Wisch aus der Hand gerissen?" fragte Rölling nach einer Weile. „Wenn's mißlang, so wäre ich nur um so schlimmer daran gewesen", wandte Rettberg ein, „und Aussicht auf Erfolg hatte ich nicht, denn Maitland ist mir weit überlegen." „Hm!" machte der Andere, „wenn wir den Wechsel und das andere Papier, das Du einfältiger Weise unterzeichnet hast, bekommen könnten, so wäre der ganze unsaubere Handel zu Ende. Wo hat er die beiden Wische verwahrt?" „In einer Brieftasche, die er wahrscheinlich immer bei sich zu tragen pflegt," antwortete Rettberg lebhaft. „Sie ist mit Schlangenhaut überzogen." „Kenne die neumodischen Dinger," nickte der Ulan, „habe dergleichen in einem Luxusladen in der Kaiserpassage gesehen." „Höre, Rölling!" sagte Rettberg in beschwörendem Tone und legte seine Hand auf dessen Arm, „wenn es Jemanden gibt, der mir zu den Papieren verhelfen könnte, so bist Du der Mann. Eine Gelegenheit, ihn um die Brieftasche zu erleichtern, würdest Du bald ausfindig gemacht haben." „Was glaubst Du von mir?" entgegnete der Ulan verächtlich. „Bin ich etwa ein Seifensieder (Taschendieb)? Da mußt Du Dich an den „bunten Karl" dort wenden," setzte er hinzu und deutete mit einer leichten Kopfbewegung nach einem jungen Manne, welcher, ein goldenes Pince-nez auf der Nase, selbstgefällig die Enden seines schwaxzen Schnurrbartes drehte und einen eleganten dunkelblauen Kammgarnanzug nebst buntfarbiger Krawatte trug. Wenn aber dabei sonst nichts zu verdienen ist, so thut der's auch nicht." „O, er würde dabei ein brillantes Geschäft machen," versicherte Rettberg, „denn es war auch Geld in der Brieftasche; ich sah, daß sie dick mit Banknoten gefüllt war." (Fortsetzung folgt.) Pfarrer K. M. Kaiser --- 444 Hin-elang und Hinterstein im Allgäu, ehedem Alpgau. - (Nachdruck verboten.) (Mit Illustrationen nach Photographien von I. Heimbucher in Sonthofcn und Jmmcnstadt.) 1. Hindelang. Inmitten der erhabenen Allgäuer Hochgebirgswelt, in einem ziemlich breiten, sonnigen Thalkessel, der durch- rauscht wird von dem wildschäumenden Gebirgswasser der Osterach, reizend markirt und umländet mit saftiggrünen Hügeln und stark bewaldeten Höhenzügen, fast ringsum begrenzt und seit Jahrhunderten bewacht von himmelan- strebenden, vielzackigen und majestätischen Bergesriesen, liegt am Fuße des Hirschberges der neuaufstrebende Marktflecken Hindelang malerisch schön hingebettet. Der Name „Hindelang" — von Sonthofen aus so genannt -— bedeutet etymologisch: „Hinterwang" oder „Hintere Wanne" (Mulde). In diese herrlich reizende Landschaft,^zu diesem zauberhaft schön situirten Flecken der Erde führt von Sonthofen aus ostwärts, dem Bergfluß der Osterach entlang, eine durchaus ebene und guterhaltene Staats- und Poststraße in einer Länge von 7,6 Kilometer. Diese Straße setzt sich von Hindelang aus in östlicher Richtung fort als Jochbergstraße, 1300 Fuß aufsteigend mit einer bis zu 18procentigen Steigung, nach dem Filialort Oberjoch, 4446 Fuß hoch über dem Meeresspiegel gelegen. Der Jochberg bildet die Wasserscheide zwischen dcr Jller mit Osterach und der Wertach. In Oberjoch zweigt links eine Vcrbindungsstrahe ab auf bayerischem Gebiete nach Unterjoch, Wertach und Nessel- wang; gerade aus aber führt die Staatsstraße längs des Jseler und des Windhagrückens nach Tirol, nämlich nach Schattwald*), Thannheim und Reutte, wodurch ein reger Verkehr vermittelt wird. Hindelang in seiner absolut staubfreien Lage erscheint als ein Luftkurort ersten Ranges und ist von der Natur ausnehmend bevorzugt. Die Höhen ringsum zeigen schöne Waldbestände von Fichten und Tannen mit erquickendem Harzduft; da weht und fächelt reine, gesunde und stärkende Gebirgsluft, vermischt mit wohlthuendem Alpenkräuter- Aroma; auch wird vorzügliches Quellwasser geboten. Da lebt sich's leicht und gut, wie die niedere SterblichkeitsZiffer bezeugt. Herrliche Spaziergänge in der Ebene, sowie ausgedehntere Promenaden, Ausflüge und Gebirgs- touren machen den Aufenthalt höchst angenehm. In solch' erfrischender, ozonhaltiger Luft werden die durch Mühen und Sorgen des dunstigen Alltagslebens angegriffenen Lungen von allem lästigen Staube wieder gereinigt und gestärkt. Darum weilen daselbst die fremden Gäste von Nah und Fern im Sommer behufs Erholung und Erfrischung um so lieber, als im gedachten Thälchen ein rühriges und biederes, ein gemüthreiches und dienstfreund- liches Gebirgsvölkchen, dem deutschen Volksstamme der Alemannen ungehörig, leibt und lebt, das theils seine Gäste in entsprechende Gasthäuser mit jeglichem Comfort, theils in reinliche und schmucke Privathäuser gerne aufnimmt, beherbergt und deren weitere Ansprüche bestmöglichst zu befriedigen sucht. *) Schattwald ist ein beliebter Ausflugsort der Hinde- langer „Sommerfrisctler," bekannt und berühmt durch den guten „Tiroler" und delikate Forellen im dortigen Gasthause „zur Traube", dessen hübsche, freundliche Zimmer fast immer von Sommergästen belegt sind. Die freundlichen, zuvorkommenden WirthSleute machen den Aufenthalt in diesem reizenden Ge- birgsdorfe doppelt angenehm. D. R. Der Markt Hindelang zählt etwa 130 Wohnhäuser mit etwas mehr als 700 Einwohnern, hat eine Schule mit zwei Lehrkräften, ein Nebenzollamt, eine Postexpedition und Telegraphenstation. Täglich verkehren mehrmals Postwagen und Privatomnibus. Auch ein pract. Arzt übt an Ort und Stelle im Bedarfsfälle seine segensreiche Praxis aus. — Hier sind die meisten Häuser im Gebirgsstil aus Holz gebaut, sauber und zierlich, zweistöckig, d. h. Erdgeschoß und erster Stock mit flachem Dach, welches mit dem Wohnhaus auch die Räumlichkeiten für den Oeko- nomiebetrieb zugleich vereinigt. Die Außenseite dieser Häuser hat theils Mörtelbewurf, theils einen Schindelpanzer. Die inneren Zimmerwände und Decken sind in der Regel getäfelt, dagegen die neueren Gebäude sind meist gemauert, mit hohem Dachstuhl versehen. Die Hauptbeschäftigung der Bevölkerung ist wohl Viehzucht, Milch- und Alpenwirthschaft, verbunden mit dem Betriebe von einzelnen Kleingewerben. Die Bewirlhschaftung der Ackerfelder und Wiesen, der Viehweidcplütze und der Alpenweiden, vereinigt mit Molkerei- und Käsefabrikation, sowie der lebhafte Handel sowohl mit den Erzeugnissen gedachter Beschäftigung, als auch mit Holz und Brettern, sind die Faktoren, auf welche sich die Behäbigkeit der hiesigen Bewohner hauptsächlich gründet; Getreidebau findet sich jetzt nur mehr vereinzelt, weil sich die Milchwirthschaft in dieser Gegend vortheil- hafter rentirt. Die Gewässer der Osterach sind dienstbar gemacht dem Gewerbe und der Industrie, und setzen die Turbinen und Schwungräder nicht nur von Mühlen und Hammerschmieden, sondern seit jüngster Zeit auch von drei großen Fabrtketnblissements für Weberei in Bewegung, wobei insgesammt an etwa 400 Webstühlen 200 Arbeiterinnen und zwar meist einheimische beschäftigt sind. Das Hindelanger Thal war sicher vor etwas mehr als tausend Jahren noch ein ausgedehnter Urwald; hiehcr hatten wohl die alten Kelten und Vindelicier und selbst auch die Römer niemals einen Fuß gesetzt. Erst später in Folge rasch zunehmender Bevölkerung, nachdem die bereits christlichen Franken in der Schlacht von Zülpich im Jahre 496 die wandernden noch heidnischen Alemannen und Sueven besiegt hatten und hierauf allmälig das Christenthum bei uns unter der Herrschaft der Merovinger und Karolinger sich ausbreitete, mögen dann auch christliche Ansiedler im 8. und 9. Jahrhundert von Sonthofen her in unserem Thale, und zwar vorerst wahrscheinlich beim Eingänge desselben, nämlich bei Liebenstein, sich häuslich niedergelassen haben. Sehr begütert war zu jenen Zeiten auch im Allgäu das mächtige Geschlecht der Welsen, und als dann gegen Ende des 12. Jahrhunderts dessen Güter an die Hohenstaufen fielen und mit dem letzten Hohenstaufen Konradin aber die kaiserliche Macht in Deutschland immer mehr zurückging, kamen diese Güter vielfach zum Reich, welches sie als Pfand und Lehen oder als Geschenk und Entlohnung an einzelne Fürsten, Edle und Ritter vergab. So entwickelten sich die Landeshoheiten der einzelnen Reichsfürsten und Herrschaften. Das Hindelanger Thal gehörte den Edlen der Herrschaft Nettenberg und war denselben zinsbar und Unterthan. Zwei Seitenlinien der Nettenberger waren die Edlen von Trauchburg und Hohenegg. So kam es, daß in Hindelang viele Hofstätten und Grundstücke den Herren von Hohenegg steuer- und kriegsdienstpflichtig waren. Auch die Herren von Heimenhofen gewannen Einfluß in Hinde- 445 lang. Als die Rettenberger wegen vieler Schulden sich nicht mehr recht zu halten vermochten, kam der größte Theil der Rettenberger Herrschaft meist durch Kauf in den Jahren 1332 bis 1477 an den Bischof, beziehungsweise an das Hochstift Augsburg, und zwar nicht bloß viele Güter und Besitzungen, sondern selbst auch die Landeshoheit. Der Grundoberherr oder Landesherr vom Hinde- langer Thal war nunmehr der Bischof von Augsburg. In Hindelang war neben den Hörigen auch ein niederes Adelsgeschlecht mit eigenem Wappen schon im 11. Jahrhundert „begütert" und saß ohne Zweifel auf dem nachmaligen sogen. „Stutenhof", der zur Pferdezucht diente. Dieses Adelsgeschlecht hatte aber keine Gerichtsbarkeit. Noch im 14. und 15. Jahrhundert finden wir mehrmals einen Berthold oder Benz von Hindelang als Zeugen bei Abschließung von Verträgen. In den Jahren 1575 bis 1641 besaßen die noblen bis 1802 alljährlich auf einige Zeit in Sommerfrische gerne in seinem Schlosse zu Hindelang. Das war immer ein hocherfreuliches Ereigniß für die Hindelanger, wenn der liebenswürdige und splendide Churfürst bei ihnen wieder Einkehr nahm. Während seines hiesigen Aufenthaltes wurden dann „im Netterschwang" auf Kosten des Churfürsten förmliche Volksfeste abgehalten; überhaupt verdankte Hindelang demselben manche fromme und wohlthätige Stiftung. Die dankbare Pfarr- gemeinde Hindelang wird sein gesegnetes Andenken stets in Ehren halten. In Folge des Reichsdeputationshauptschlusses zu Regensburg am 25. Februar 1803 fielen auch die bischöflichen Güter in Hindelang, nämlich der ganze Stutenhof mit Netterschwang und sammt dem bischöflichen Schlosse an den bayerischen Chur-Staat; auch die bischöfliche Landeshoheit mit den damit verbundenen Einkünften ging UMM MW- Glücklich heraus! Grafen Fugger diesen Stutenhof, welcher dann im letztgenannten Jahre mittels Kauf durch Bischof Heinrich von Knöringen in den Besitz des Augsburger Hochstiftes kam. Im Laufe der Jahre wurde dieser Stuten- und Fohlenhof (z. B. i. I. 1654) durch Ankauf des Gutes in Retterschwang, sowie i. I. 1726 durch Ankauf der Scholl'- schen Güter noch bedeutend erweitert, so daß man bei demselben 53 Stück Pferde und 39 Stück Rindvieh zugleich halten konnte. Darüber war ein eigener bischöflicher Stutenhofverwalter gesetzt. Ganz in der Nähe dieses Stutenhofes erbaute nun Bischof Sigismund Franz, Erzherzog von Oesterreich (Jnns- brucker Linie), das prächtige Schloß im Jahre 1660, ein stolzer Monumentalbau. Hier nahmen nun die Bischöfe von Augsburg vielfach ihren Sommeraufenthalt. Wie Bischof Sigismund Franz, so weilte auch besonders Bischof und Churfürst Clemens Wenzeslaus in den Jahren 1768 an die Krone Bayern über. Durch Verkauf kamen dann allmälig die auf diese Weise erworbenen bayerischen Staatsgüter in Privatbesitz, so daß nun in dem ehemaligen bischöflichen Schlosse eine Bierbräuerei sich befindet. Schon im Jahre 1150 begegnen wir in der Geschichte des Allgäu's von Baumann einem Priester Namens Oggoz von Hindelang, der wahrscheinlich dem hiesigen niederen Adelsgeschlechte angehörte. Hindelang war ursprünglich eine Filiale von Sont- hofen; im Laufe der Zeit wurde hier eine exponirte Kaplanei errichtet, welche dann etwa um das Jahr 1450 durch Bischof Peter von Schauenberg, mit zwei Dritteln Pfarrzehent dotirt, zur selbstständigen Pfarrei erhoben wurde. Der erste Pfarrer in Hindelang, Heinrich Krum aus Ehingen, stiftete im Jahre 1472 das Frühmeßbenefizium daselbst. Nachdem die ehemalige Filiale Unterjoch sich im Jahre 1868 in ähnlicher Weise, wie 400 Jahre früher 446 Hindelang der Mutterkirche Sonthofen gegenüber gethan, l zu einer selbstständigen Pfarrei emporgeschwungen hat, gehören zur Pfarrei Hindelang noch zehn Filialen, von. welchen drei je eine eigene deutsche Volksschule haben. Die ganze Pfarrei zählt z. Z. 2270 Seelen. Hindelang ist der Geburtsort der berühmten und hervorragenden Künstler und Bildhauer, der Gebrüder Franz und Konrad Eberhard, von welchen vorzüglich Konrad als Professor der Akademie der bildenden Künste in München unter König Ludwig I. der christlichen Kunst seine ausgezeichneten und vielseitigen Talente weihte. Die Pfarrkirche mit Thurm in Hindelang ist ein solider, stattlicher, im neugothischen Stile aufgeführter Bau. Der Abbruch der alten, baufälligen Kirche nebst ihrem etwas sich neigendeu Spitzthurme wurde Anfang Mai 1864 begonnen, eine Nothkirche im Pfarrstadel errichtet, und unter Leitung des Baumeisters Johann Bapt. Aus der alten Kirche stammen zwei künstlerische Reliefs aus weißem carrarischem Marmor: „Madonna mit dem Jesuskind" und „Jesus der Kinderfreund" von den Gebrüdern Eberhard. Beachtenswert sind auch die prachtvolle, bei 27 Pfd. schwere, silberne, mit Edelsteinen reich besetzte Monstranz, ein im Jahre 1650 gemachtes Präsent des Bischofs Erzherzog Sigismund Franz, Erbauers des Schlosses, dann zwei kostbare, vollständige Festornate, Geschenke vom Churfürsten, Bischof Clemens Wenzeslaus und seiner Fräulein Schwester, Prinzessin Kunigunde. Nach dem zerstörungswüthenden Einfalle der Schweden im Jahre 1632/33 herrschte auch in unseren Gegenden allemhalben die Pest oder der „schwarze Tod". Auch in Hindelang mußte ein eigener Pestgottesacker angelegt werden, 1/4 Stündchen südlich im Thalgrunde in der Nähe der Osterach, mit einer Sebastianskapelle aus Holz gebaut. Hindelang. Kaufmann wurde die neue Pfarrkirche soweit hergestellt, daß dieselbe am 24. Juni 1867, am Patrociniumsfeste, zur Gottesdienstfeier zum ersten Male bezogen und benutzt werden konnte. Die hochfeierliche Consecration der neuen Kirche erfolgte durch unsern Hochwürdigsten Herrn Bischof Pancratius jedoch erst am Schutzengelfest d. I. - 1872. Die Kirche hat drei schöne Altäre und einen herrlichen, aus Sandstein kunstvoll gemeißelten, mit den kgl. bayerischen Wittelsbacher-Wappen nebst Emblemen versehenen Taufstein, ein hochherziges Geschenk Sr. k. Höh. unseres erlauchtesten Prinzregenten Luitpold von Bayern. Sehenswerth ist darin auch eine durch opferwillige Bemühungen des kgl. Lycealprofessors Dr. Joh. Michael Kaufmann, eines geborenen Hindelangers, zu Stande gebrachte, vom Bildhauer Petz in München, einem Schüler des Konrad Eberhard, kunstreich hergestellte Statuengruppe der Mutter Gottes von La Salette. Als aber Sturm und Unwetter am 18. Januar 1739 diese Kapelle total zerstörten, wurde mit einem Legate des Hasenwirthes Michael Heim zu 400 fl. und mit den Liebesgaben anderer Wohlthäter unter Pfarrer Haug bald darauf die derzeitige gemauerte Kapelle hergestellt, in welcher während der Sommermonate jedes Jahres von jeher öfter das hl. Meßopfer dargebracht wird. Diese Kapelle wurde geweiht am 30. Oktober 1748. Im gedachten Jahre wurde nämlich ein Altar aus der Pfarrkirche in die Gottesackerkapelle transferirt. Dieser sehr hübsche, altgothische Altar, aus Holz verfertigt vom Bildhauer Gg. Lederer zu Kaufbeuren im Jahre 1519, darstellend die göttliche Dreifaltigkeit, wie sie theilnimmt an der Krönung Maria's, hat nicht unbedeutenden Kunstwerth. 2. Hinterstein. Fünf Kilometer von Hindelang entfernt, liegt in südöstlicher Richtung das Filialkirchdorf Hinterstem. Von 447 Hindelang führt nämlich ein ganz hübsches Verbindungs- Sträßchen in östlicher Richtung nach kurzer Wanderung in den Filialort Oberdorf. Dieses große Dorf, unter Obstbäumen völlig versteckt, zählt mehr als 100 Häuser und über 500 Einwohner und liegt am Fuße des Jseler, welcher den Hintergrund und gleichsam den scheinbaren Abschluß vorn Hinde- langer Thalkessel bildet. Auf einer mäßigen Anhöhe daselbst liegt das Prinz Luitpold-Bad, welches zwar nur einen einfachen und ländlichen Charakter trägt, aber dessen Umgebung eine herrliche Natur mit magischen Reizen bietet und einen überraschend entzückenden Ausblick in die Berge und in's Hinde- langerThal hinaus gewährt. Dieses Bad, mit allen wünschens- werthenEinrichtun gen versehen, ist einevorzüglicheLuftkurstätte und verfügtüberreichliche, heilkräftige Schwefel-Mineral-Quellen. Von Oberdorf ab führt das Sträßchen in südlicher Richtung weiter am Ufer der rauschenden Osterach bis zumWeiler Bruck; die Vorberge'rücken enge zusammen; auf einmal wendet sich das Sträßchen um dieFelsen herum ostwärts, vorbei an dem großen, aufrecht stehenden Stein, welcher nebst der Lage der hinter demselben liegenden Ortschaft zur Ortsbezeichnung ,Hinterstein' Anlaß gegeben haben soll. Das Hintersteiner Thal erstreckt sich bis zumFuße des Hochvogels. Die Ortschaft Hinterstein hat 240 Einwohner; ihre meist aus Holz gebauten und mit Schindeln gedeckten sechzig Wohnhäuser mit mehreren Nagelschmied- Werkstätten dehnen sich zerstreut aus in einer Flächenlänge von 3 Kilometer. Im Gasthause des Herrn Fügenschuh findet man eine vor- trefflicheKüche undBe- dienung. Hinterstem ist eine Perle von Naturschönheit, nahe der Tiroler Grenze, zwischen hohen Bergen vollständig eingebettet. — Da herrscht Ruhe und Friede, nicht einmal ein Singvogel läßt sich hören, wohl aber schicken fröhliche Hirten und Aelpler aus freudiger Brust ihre munteren Jauchzer von schwindelnder Höhe herab in's einsame Thal, und ober dem Dorfe stürzt tosend das schäumende Berg- Hinlerstcin.' Kchallwatd Wasser in vielen Fällen und Cascaden über die Felswände hernieder und eilt dem Bett der wilden Osterach zu. Glücklich Derjenige, welcher hier in dieser stillen Ge- birgseinsamkeit und in ernster Abgeschiedenheit während der schönen und heiteren Sommermonate die Wunder, welche die Natur und ihr allgewaltiger Schöpfer geschaffen, leibhaftig schauen und jugendfrisch durch- träumen kann. Hier suchten denn auch die Hindelanger während der Kriegszeiten in den Jahren 1796,1800 und 1809 eine sichere und bewährte Zufluchtsstätte. Die Leute sind hier innig religiös, sparsam und zufrieden und hängen mit ganzer Seele an Gott und an ihrer lieben Heimathscholle, der sie nur mühsam den nöthigen Lebensunterhalt abzuringen vermögen. Sind es ja doch nur ganz kurze Monate, während welcher bei dem beschränkten Horizont wegen der Enge des Thales und der Höhe der Berge die Sonne ihre wärmenden und belebendenStrah- len niederzusenden vermag, nur zu bald stellen sich alljährlich Frost, Reif, Schnee und Kälte ein. Beim Beginne, sowie am Schlüsse des Dorfes befindet sich je eine zierliche Kapelle, und im Mittelpunkt steht die allerliebst freundliche und zur Andacht stimmende Kirche, erbaut i.J. 1804/5 und von Seiner churfürstlichen Durchlaucht Clemens Wenzeslaus, Bischof in Augsburg, am 1. Sept. 1805 zu Ehren des hl. Antonius kon- sekrirt. Hochderselbe trug selbst zum Baue der Kirche 400 fl. bei. Pfarrer Franz Sales Kisel in Hindelang spendete zur Errichtung einer Manual- Kaplanei mit eigener Behausung oaselbstim Jahre 1803 eineKapi- talsumme von 3000fl. und Pfarrer Jos. Erdt von Aitrang 500 fl. Vor ein paar Jahrzehnten wurde ein neues Schulhaus erbaut. Seit dem Jahre 1856 ist in Hinterstem ein eigener Gottesacker; in demselben befindet sich ein prachtvolles Kruzifix aus Metall, eine hochherzige Widmung Sr. kgl. Hoheit des Prinz-Regenten Luitpold von Bayern. Nebenan auf einer mäßigen Anhöhe erhebt sich das einfache, aber hübsche Jagdschlößchen Sr. kgl. Hoheit des 448 Prinz-Regenten, Höchstwelcher im Hinterstetner Thale alljährlich vorübergehend auf je ein paar Wochen schon seit 4 Dezennien hindurch dem edlen Waidwerk, der Hirsch- und Gemsenjagd, obliegt. Geht man etliche Kilometer Weges von Hinterstem aus weiter in südöstlicher Richtung dem Hochvogel zu, so gelangt der Wanderer zu einer wildromantischen Gebirgsschlucht. Zwischen Felswänden drängt und zwängt sich die wildtobende Osterach hindurch uno bildet die 65 Meter tiefe, gewaltige Klamm der „Eisenbreche", an welche sich mehrere interessante Sagen knüpfen. Diese Klamm hat ihren Namen erhalten von den nicht allzufern liegenden Eisenerzgruben am Erzberge, aus welchen ehedem vom Jahre 1490 an durch die Grafen von Montfort Eisenerz für die Eisenschmelze in Hindelang gewonnen wurde. Uebrigens, geneigter Leser! komme selbst hierher, staune und erfreue dich mit triumphirendem Herzen; denn das deutsche Lied sagt nur wahr, wenn es froh aus voller Kehle hinausruft in alle Welt: „Auf den Bergen ist es schön!" - »- — Zu unseren Bildern. Pfarrer und k. Distriklsschulinjpector Kaiser in Aibting. Bet der Konstituirung des bayerischen Landesverbandes landwirthschaftlicherDarlchenskassenvereine wurde der k.Distrikts- Schulinspector und Pfarrer Kaspar W, Kaiser in Aibling (Oberbayern) zum zweiten Verbands-Director gewählt. Wenn seine Persönlichkeit ob seiner vielen Verdienste um die Raiffeisensache auch schon in weitesten Kreisen bekannt ist, so gewinnt dieselbe ohne Zweifel hiedurch nur noch mehr Interesse. Geboren am 6. Juli 1853 zu Babesheim in Schwaben unweit der Donau, besuchte Kaiser das Gymnasium zu Dillingen, nach dessen Absolvirung die Universität München als Alumnus des Georgianums, mit welchem er in den ersten Tagen des Monats Juni 1894 dessen 4. Centenarium gefeiert hat. 1876 trat er als Priester aus demselben in die Seelsorge der großen, ausgedehnten Pfarrei Altusried im schönen Algäu, wirkte später als Stadtkaplan in zwei Städten an der Donau und übernahm, diesem seinem heimathlichen Strom folgend, 1882 die Pfarrei Berg bei Donauwörth. Unter dem damaligen verdienten k. Bezirksamtmann Hoch- kirch in Donauwörth, nunmehrigen k. Regierungsrath in München, wurde Pfarrer Kaiser als Mitglied des landwirthschaftlichen Bezirkscomitss Donauwörth zu dessen Sekretär erwählt. In dieser speziell landwirthschaftlichen Thätigkeit fand er Gelegenheit, das Ratffeisenwesen kennen und lieben zu lernen, für welches er immer mehr Interesse gewann, und durch Wort und That und Schrift wesentlich zur Einführung und Verbreitung der Raiff- etsenvereine im südlichen Bayern beitrug, so zwar, daß er selbst bis zum Jahre 1894 mehr denn ein halb Hundert solcher segensreich wirkender Vereine in Schwaben, Ober- und Niederbayern gegründet hat. Auf landwirthschaftlichen Versammlungen und bei ähnlichen Anlässen (in Donauwörth, Mindelheim, Augsburg, Memmingen, T>illingen, Nördlingen, Lauingen, Straßburg, Erfurt, Frankfurt, Bamberg, Berchtesgaden, Oberdorf, Mühldorf, Ganghofen, Traun- stein, Deggendorf, Reichenhall, Biessenhosen) trat er als begeisterter Redner und Herold der Raiffeismvereine mit bestem Erfolge auf, dehnte seine Propaganda hiefür selbst üSer die vaterländischen Grenzen tief in's Nachbarland Tirol bis Oetz und Brixen hinein aus, wo er den Anstoß zur Gründung zahlreicher Raiffeisen- vereink und des tirolischen Landesverbandes gab. Weithin bekannt ist im In- und Auslande Kaiser's Buch „Raiffeisen-Abende", welches in Tausenden und Abertausenden Exemplaren in deutscher, französischer und in anderen Sprachen freundliche Aufnahme fand, die Verbreitung der Raiff- etsen-Sache ungemein förderte^ und seit Gründung des bayer. Landesverbandes als „Praktischer Raiffetsenmann" die Lande durcheilt, dem Verfasser aber ob seiner volksthümlichen, klaren und faßlichen Sprache bis in die höchsten und allerhöchsten Kreise hinauf die lebhafteste Anerkennung gebracht hat. Jln jüngster Zeit erschien in der Bucher'schen Verlagsbuchhandlung in Würzburg seine Umarbeitung der praktischen „Winke und Rathschläge" des um die Raiffeisen-Sache hochverdienten Pfarrers Josef Kolb in Prosselsheim, des intimen Freundes des j- Vaters Raiffeisen. Kaiser's „Raiffeisen-Winke" und „Raiffeiien-Kalender" leisten den Raisfeisen-Vereinen die schätzenswerthesten Dienste, so daß es nicht verwunderlich erscheinen darf, wenn sämmtliche angeführten Raiffeisen-Publikationen Kaiser's von warmen Verehrern der Sache selbst im bayerischen Landtage empfohlen wurden. Daß das ersprießliche Wirken Kaisers auf seelsorglichem und socialem Gebiet, sowie seine siebenjährige Thätigkeit in der Ge- sangenenanstalt Nrederschönenfeld auch in den regierenden Kreisen wohlgefälligst bemerkt wurde, beweist die allergnädigste Verleihung des k. bayer. Vervienstordens vom hl. Michael IV. Klasse (7 März 1891), wie nicht minder die allerhöchste Anerkennung, welche dem verdienten Raiffeisenmanne in wiederholt allergnädigst g> währten Audienzen von Sr. kgl. Hoheit dem Prinzregenten Luitpold und Sr. kgl. Hoheit Prinzen Ludwig ausgesprochen wurde, ebenso die Auszeichnung mit der „großen silbernen Vereinsdenkmünze" durch den landwirthschaftlichen Verein in Bayern (1888). Auch als Hausgeistlicher und kgl. Pfarrer im Zuchthause Kaisheim (vom 1. November 1891 an) und kgl. Distrikts- Schulinspector des Bezirkes Monheim war er rastlos thätig für die Raiffeisensache und nahm hervorragenden Antheil an der Gründung des bayerischen Landesverbandes landwirtschaftlicher Tarlehenskassenvereine. Mit Rücksicht darauf und auf seine Stellung als zweiter Verbandsdirector im Verbände wurde er, wie schon erwähnt, zum Pfarrer in dem schön gelegenen Aibling ernannt, von wo aus er in naher Verbindung mit der Central- stelle des bayerischen Landesverbandes in München seine für die Raiffeisensache so erfolgreiche Thätigkeit in alter Begeisterung fortsetzt sä mnltos annos — so Gott will — und alle Verehrer Vater Raiffeisens wünschen. Vanadins. Glücklich heraus I Zu den Hühner-Vögeln zählen auch die Wald- oder Feld- Hühner. Sie nisten in der Regel auf der Erde oder in niedrigem Gestrüpp und legen eine große Zahl von Eiern in einer Brüt. Die Jungen verlassen das Et mit Daunen bekleidet, folgen der Mutter vom ersten Tage an und nehmen selbstständig Futter auf. Auf unserem Bilde siehst Du, lieber Leser, das Nest eines Feldhuhnes. Vor kurzer Zeit noch hättest Du in dem Neste fünf niedliche Eierchen schauen können. Heute aber sind die Hüllen gesprengt. Zwei allerliebste Vöglein sind bereits „glücklich heraus" aus dem Ei, während zwei andere eben daran sind, die Hüllen zu sprengen. Das Nesthäkchen aber im letzten Ei rührt sich noch nicht; doch wird es nicht mehr lange dauern und auch das Nesthäkchen ist da. Wie werden sich die Alten freuen über die junge, muntere Brüt! -» -i- < , «>4—«- ZLilder-NätHsek. bliebe bist cl^. Ms --HMZÄ- ^L59. Kreitag, den 20. Juli 1884. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg ^Vorbesttzer vr. Max Huttler). Im Laune alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) „Nun, ich will mit dem bunten Karl sprechen. Die Hauptsache ist zunächst, daß er Deinen sauberen Mädchenjäger von Angesicht zu Angesicht beaugenscheinigt, damit er auf der Straße seinen Mann kennt. Ich werde die Sache schon einzuleiten wissen. — Ah! guten Abend, Schlosserfritz!" unterbrach er sich, „Du kommst wie gerufen; auf Dich warte ich eben." Die Anrede galt einem stämmigen, untersetzten Manne mit pockennarbigem Gesicht, welcher in Haltung und Kleidung den Eindruck eines schlichten Handwerkers machte und behaglich aus einer kurzen Pfeife schmauchte. Der Ankömmling errieth aus den Worten des Ulanen sogleich, daß es sich um ein „Geschäft" handelte. Er nahm sich einen Stuhl, und bald bot die Gruppe am Tische den Anblick einer geheimnitzvollen Verschwvrungsscene dar. Der Ulan, der Schlosserfritz und der Mann mit dem Lederkasten, „Hausirerfranz" genannt, waren dicht aneinandergerückt und verhandelten mit gedämpften Stimmen, während Nettberg anscheinend theilnahmslos dabei saß. Nölling entwickelte den Plan zu einem vielversprechenden Einbruchsdiebstahl. Er hatte schon wiederholt ein Inserat in der Zeitung gelesen, daß in der Nähe einer brandenburgischen Kreisstadt, die von hier aus mit der Eisenbahn in wenigen Stunden zu erreichen war, ein Gut zu verkaufen sei. In der Verkleidung, in welcher er vorhin den „blutigen Knochen" betreten hatte, war er hingereist und hatte sich bei dem Besitzer des Gutes als Kauflustiger eingeführt, um unter diesem Vorwande die Gebäulichteiten genau zu besichtigen und sich nach leicht transportablen werthvollen Gegenständen umzusehen, welche ein kühnes Wagestück lohnend erscheinen lassen könnten. „Der Zufall oder der Teufel will," fuhr Nölling in seiner Mittheilung fort, „daß ich mit dem Gutsbesitzer noch eine alle Rechnung zu begleichen habe. Er war früher Advokat in der Kreisstadt, ein so niederträchtiger Rechtsverdreher und Geldschinder, wie vielleicht kein zweiter unter der Sonne zu finden ist, und hat mich bis in den Hals in die Tinte geritten. Für alles, was ich jetzt bin, habe ich mich bei ihm zu bedanken!" — Nölling stieß ein kurzes, bitteres Lachen aus. — „Doch das bei Seite," nahm er seine Erzählung wieder auf. „Der Schuft, der natürlich keine Ahnung besaß, daß er das rachelüsterne Opfer seiner schmutzigen Habsucht vor sich sah, hat mich mit einer Zuvorkommenheit, über die ich manchmal laut hätte lachen mögen, in Haus und Hof herumgeführt, so daß ich jeden Winkel kenne." Es trat eine Pause ein, die der Schlosserfritz unterbrach, indem er sagte: „Was gibt's bei der Sache zu verdienen?" „In einem der Zimmer sah ich einen Glnsschrank," antwortete der Ulan, „der von oben bis unten mit Silbergeschirr gefüllt war, etwas altfränkisch in der Fa^on, aber Alles gediegen und schwer; ich kenne diese Art Waare l" Der Schlosserfritz schüttelte verdrießlich den Kopf. „Das muß eingeschmolzen werden, unv dabei bleibt der größte Theil an den Händen des Goldschmclzers kleben. Will ich Silberschränke ausleeren, so brauche ich nicht erst aus Berlin herauszugehen." „Nur gemacb, Freund Fritz!" versetzte Nölling. „Das Beste kommt immer zuletzt. Während mir der Alte Felder und Wiesen zeigte, hat der Hausirerfritz, der mein Reisebegleiter war, sich von ungefähr auf dem Gute ein- gefunden und vor der Dienstmagd die Herrlichkeiten seiner Lederschachtel ausgekramt. „Na, das war eine Einfalt vom Lande, wie sie schöner nicht im Buche steht!" sagte lachend der Hausirer auf einen fragenden Blick des Schlosserfritz. „Während sie sich meine Waaren besah, brachte ich von ihr heraus, daß von Berlin und Potsdam häufig Offiziere angereist kommen, mit denen ihr Herr Geldgeschäfte macht, und daß er deshalb immer 15—20,000 Mark baares Geld im Hause habe." „Das sieht schon anders aus!" schmunzelte der Schlosserfritz. „Liegt das Gutsgehöft mitten im Dorfe oder nahe dabei?" „Es liegt eine gute halbe Stunde davon," erwiderte Nölling. „Ich stellte mich deshalb bedenklich und sagte zu dem Alten, man wohne hier doch eigentlich sehr abgelegen. Da lachte er. Die Gegend sei sicher. Seit zehn Jahren sei weit und breit kein Diebstahl vorgekommen. Man könne hier getrost bei offenen Thüren schlafen. Trotzdem ist die Hausthüre des Herrenhauses von festem Eichenholz und im Innern mit eisernen Riegeln versehen; die Parterrezimmer haben sämmtlich starke Läden, und diese werden des Nachts kreuzweise mit Eisenstangen verschlossen —" 450 „DaS gäbe ein saures Stück Arbeit!" meinte Schlosserfritz und kratzte sich hinter den Ohren. „War gehen uns Läden und Hausthüren an?" sagte der Ulan. „Wir fassen unsere Aufgabe von einem „höhern" Gesichtspunkte auf, haha! Das erste Stockwerk, das keine Läden hat, ist nicht hoch und hat einen kleinen Balkon. Wenn Jemand auf meine Schulter steigt, so kann er eine Strickleiter am Balkon befestigen, durch die wir einsteigen. Den Eingang in die übrigen Theile des Hauses öffnet uns unser Schränkzeug (Dtebshandwerks- zeug)." „Und wo ist das Geld?" erkundigte sich Schlosserfritz. „Im Schlafzimmer des Advokaten, das zu ebener Erde liegt, steht ein Feuerfester, und darin wird's natürlich stecken. Wir müssen dem alten Burschen sofort das Maul verstopfen. Ist ihm das Geld lieber als seine Haut und weigert er sich, den Kassenschlüssel herzugeben —" „So hab' ich meine Kreis- und Stichsäge bei mir," ergänzte ruhig der Schlosser. „Es wäre nicht das erste Loch, das sie in die Wandung eines Geldspindes machte. Gibt's viele Leute im Hause?" „Außer dem Alten nur zwei Weiber," nahm der Hausirer das Wort. „Die eine ist seine Tochter, die aber eben verreist ist, die andere ist die Dienstmagd. Die schläft oben in einer Bodenkammer. Die Gutsarbeiter wohnen alle im Dorfe. Nur der Kutscher schläft auf dem Gute über der Stallung; die liegt aber ihre reichlichen fünfzig Schritte hinter dem Herrenhause." „Das Geschäft im Innern besorgen wir beide," bemerkte Nölling, den Schlosser mit dem Ellbogen anstoßend. „Der Hansirerfranz steht nach der Straße zu Schmiere (Wache). Wir müssen aber noch einen Vierten haben, der auf den Hof Acht gibt." „Wir nehmen den „Don Carlos" dazu," erklärte der Schlosser, „der sieht in der Nacht wie ein Küuzchen. Sind Hofhunde da?" „Nein," versetzte der Ulan, „um Hunde zu füttern, ist der alte Filz zu geizig. Er gestattet sich zwar den Luxus eines Reitpferdes, aber nur aus Gesundheitsrücksichten, weil ihm, wie er mir sagte, der Arzt das Reiten empfohlen hat." „Hört, ich habe da einen guten Einfall," sagte der Hausirer geheimnißvcll. „Wie wär's, wenn wir die „Cognacnase" und den „langen Eda" auch mitthun ließen?" „Gott bewahre! das geht nicht!" eiferte der Schlosser, „diese beiden Herren haben einen so schlimmen Ruf, daß wir sie nicht in den Handel verwickeln dürfen, denn es ist ihnen immer jemand auf der Ferse, um sie zu beobachten." „Eben deshalb könnten wir sie gut brauchen," lächelte der Hausirer verschmitzt. „Man schickt sie nach der Kreisstadt voraus, etwa einen Tag vorher, und dort Müssen sie sich überall umhertreiben —" „Um den Verdacht auf sich zu lenken," fiel Nölling ein. „Ich verstehe." „Weiter sollen sie nichts dabei thun," nickte der Hausirer, „die große Figur des Ulanen ist auffällig, und da der „lange Eda" nur um ein Weniges kleiner ist —" „So soll er über die Persönlichkeit irre führen," ergänzte der Schlosserfritz. „Das ist verteufelt gut aus- gesonnen. Natürlich müssen der lange Eda und die Cognacnase für Beweise sorgen, wo sie die Nacht zugebracht haben, und wir müssen uns auch bei Zeiten nach guten Freunden umsehen, die, wenn's Noth thut, unser Alibi beschwören. Soweit wäre also alles gut. Das Weitere können wir morgen besprechen." „Noch eins, was wir nicht übersehen dürfen," erinnerte der Hausirer. „Wir haben einen Weg von mehreren Stunden nach der Kreisstadt zurück. Wie sollen wir das schwere Silberzeug fortbringen? Und doch müssen wir vor Tagesanbruch schon im Eisenbahnzuge sitzen." „Das macht mir keinen Kummer," sagte der Schlosserfritz, „ich habe in der Kreisstadt einen guten Freund, der früher selbst ein Kochemer (Verbrecher) war und jetzt dort einen Pferdehandel betreibt. Der stellt uns Wagen und Pferde, wenn wir ihm einen Antheil am Geschäft geben. Das ist ein Kerl, der sein Fach aus dem ff versteht, sage ich Euch! Einem Milchhändler hat er denselben Klepper dreimal verkauft; zuerst als Rappen, ohne einen Flecken Weiß am ganzen Leibe; dann mit zwei weißen Vorderfüßen; und endlich hat er ihn geschoren, ihm den Schweif gestutzt und ein ganz anderes Geschöpf daraus gemacht. Aber der Milchhändler konnte weder das erste noch das letzte Mal mit dem Vieh fahren, denn es war störrisch und schlug vorne und hinten aus." „Gut, Schlosserfritz, Du sorgst für den Wagen," bemerkte der Ulan, „aber binde Deinem Freunde auf die Seele, daß er uns nicht etwa ein Paar Pferde vom Geblüts der Milchmannsmähre einspannt; dabei könnten wir schlecht fahren!" Der Schlosserfritz und der Hausirer brachen in ein unbändiges Gelächter aus, welches so ansteckend war, daß fast die ganze ehrenwerthe Gesellschaft des „blutigen Knochens" unwillkürlich mit einstimmte, ohne die Veranlassung zu kennen. Plötzlich öffnete sich die auf die Straße führende Thür. In der Spalte ward der Kopf eines Mannes sichtbar. „Lampen! Lampen!" rief er hastig mit lauter Stimme herein und war sogleich wieder verschwunden. Dieses einzige Wort, mit welchem das Gauneridiom eine nahende Gefahr bezeichnet, wirkte wie ein Zauber. Mit Blitzesschnelle stürzte alles durch Vorder- und Hinterthür hinaus, und im Nu war das Lokal wie ausgefegt. — Der Wirth, welcher bisher hinter seiner Ladentafel gestanden und Speisen und Getränke gegen klingende Münze verabreicht hatte, räumte eilig die Gläser weg. Dann setzte er sich hinter seinen Ladentisch, ließ den Kopf auf beide übereinandergelegte Arme sinken und schien eben aus einem Schläfchen zu erwachen, als mehrere Kriminalschutzmänner eintraten. Ihre Frage nach ein paar Gästen, die sie genau beschrieben, verneinte er mit der unschuldigsten Miene von der Welt. Es seien überhaupt den ganzen Abend nur zwei Gäste dagewesen, sagte er gähnend, und auf diese passe die Beschreibung nicht. Die Zeiten seien schlecht, die Leute hätten kein Geld, und wenn's nicht bald besser würde, werde er nächstens seine Bude zumachen. Die Polizei spürte keine Lust, den Lamentationen des Wirths über die trostlosen Zeiten lange zuzuhören, und da sie das Nest leer gefunden, so entfernte sie sich wieder, um ihr Glück in einer andern Verbrecherklappe zu versuchen. XXII. Obgleich Maitland Melanie nur jenes eine Mal gesehen und gesprochen hatte, so war sie ihm doch sofort als das Wesen erschienen, nach welchem er schon lange 451 gesucht; ihre Schönheit reizte seine Leidenschaft; ihre Unschuld fesselte ihn; von ihrer Bildung und ihren Talenten versprach er sich Unterhaltung in jenen Stunden, wo er sich von den gewohnten Genüssen angewidert fühlte. ES war sein Entschluß, sie zu gewinnen, und dieser Entschluß wurde durch die Hindernisse, die sich ihm entgegenstellten, nur noch befestigt und gestärkt. Daß es gerade der Baron von Sturen war, welcher seinen Plan durchkreuzte, reizte seinen Ehrgeiz und seine Eitelkeit auf's höchste; von allen Menschen in der Welt wäre dieser der letze gewesen, welchem Maitland einen Triumph über sich gegönnt hätte; dasselbe geheimnißvolle Motiv, welches ihn in allen seinen Beziehungen zu dem Baron leitete, war auch hier in Thätigkeit und stachelte ihn zu energischerem Widerstand, als es die Leidenschaft für Melanie vermocht hätte. An dem Tage, wo er Nettberg in Southampton angelangt wußte, erwartete er mit Ungeduld dessen Depesche, die ihm Melaniens Aufenthalt namhaft machen sollte. Aber die Depesche kam nicht. Als sie auch während der nächsten Tage ausblieb, begann er zu fürchten, daß Rettberg ihm entschlüpft sei. Maitland sann bereits auf Mittel, wie er seinen Zweck auf andereur Wege erreichen könne, als eines Tages ganz unerwartet Nettberg selbst erschien. Er kam direct von Southampton, wie er sagte, und so war es auch. Maitland empfing ihn sehr kühl. „Ich muß wohl annehmen/ sagte er, „daß Sie mir nichts zu telegraphiren hatten, und daß Ihre Reise verfehlt war." „Der Herr Baron übergab mir in Bremerhaven auf dem Schiffe einen Brief meiner Schwester," antwortete Nettberg, „und dieser Brief enthält alles, was Sie zu wissen wünschen." „Und warum telegraphirten Sie mir nicht sofort?" fragte Maitland. Rettberg zuckte die Achseln. „Ehe ich mich weiter in dieser Sache engagire, muß ich darauf bestehen, daß Sie sich verpflichten, meiner Schwester eine anständige Nente auszusetzen, damit ihre Zukunft gesichert ist." Diese Forderung war das Resultat jener Unterredung mit Rölling, der ihn mißtrauisch gegen Mait- land's Versprechungen gemacht hatte. Um ihn dieses Mißtrauen nicht merken zu lassen, gab er sich den Anschein, als fei es ihm nur um seine Schwester zu thun; aber indem er Garantien für deren Zukunft verlangte, sorgte er für sich selbst, denn er wußte genau, daß Melanie ihren letzten Pfennig mit ihm theilen würde. Maitland maß ihn mit einem verächtlichen Blicke. „Seien Sie über die Zukunft Ihrer Schwester ohne Sorgen," versetzte er. „Vor allem sagen Sie mir, wo sie sich aufhält. Beellen Sie sich aber mit der Antwort, denn ich lasse nicht mit mir spaßen." „So lange Sie mir keine bessere Zusicherung geben, als diese," versetzte Rettberg, „so lange ich hierüber von Ihnen nichts Schriftliches in der Hand habe, dürfen Sie auf meinen Beistand nicht rechnen." Maitland würde, um Melanie zu gewinnen, jede Bürgschaft für die Sicherung ihrer Zukunft gegeben haben, aber daß ihr Bruder, der an Händen und Füßen gebunden vor ihm stand, ihm Bedingungen vorschreiben wollte, reizte seinen Stolz. „Gut," entgegnete er, nachdem er den Elenden eine Weile finster angestarrt hatte, „Sie fordern selbst Ihr Schicksal heraus. Ich werde den Aufenthalt Ihrer Schwester auch ohne Ihre Mithülfe ermitteln. Aber Sie sollen nicht ungestraft Ihr Spiel mit mir getrieben haben." Mit entschlossenen Schritten ging er nach der Thür und drückte auf den Knopf der elektrischen Glockenleitung. „Was haben Sie vor?" fragte Rettberg. „O, ich werde einfach nur nack einem Kriminalbeamten senden, diesem den falschen Wechsel übergeben und ihn ersuchen, Sie auf der Stelle zu verhaften." Rettberg hätte in diesem Augenblicke viel darum gegeben, zu wissen, ob seine Freunde schon für ihn gewirkt hatten, ob Maitland die gefährlichen Papiere überhaupt noch besaß, aber er hatte seit seiner Rückkehr von der Reise weder Rölling noch den „bunten Karl" zu finden vermocht. Während Rettberg noch zögerte, ob er es darauf ankommen lassen solle oder nicht, erschien der Diener, den das Glockenzeichen herbeigerufen hatte. Er wartete auf den Befehl seines Gebieters; als dieser aber schwieg, um Rettberg noch einen Augenblick Zeit zum Ueberlegen zu lassen, meldete er, es seien zwei Herren im Vorzimmer, die ihre Aufwartung zu machen wünschten. Der eine sei ein Herr von Lehmann, der andere habe keinen Namen genannt. „Laß die Herren eintreten," befahl Maitland nach kurzem Ueberlegen. „Sobald sie wieder gegangen sind, kommst Du zurück." Bald darauf erschienen die beiden angemeldeten Besucher. Der eine war ein imposanter ältlicher Herr, dessen stattlicher Vollbart und sorgsam frisirtes Haar zu ergrauen begann. Eine Brille von bläulicher Färbung verschleierte den Blick seiner Augen, die von dichten kräftigen Brauen beschattet wurden. Die feine Kleidung unter dem offenen hellen Sommerüberzieher verrieth den wohlsttuirten Mann. Er mochte wohl ein Gutsbesitzer und ehemaliger Offizier sein, wenigstens lag etwas Militärisches in seiner Haltung. Sein Begleiter war ein noch junger Mann, dessen Kleidung sich im Schnitt nach der neuesten Mode richtete, aber eine Neigung für bunte Farben erkennen ließ. Ein leises unmerkliches Zusammenzucken abgerechnet, gab Rettberg, gewohnt, seine Miene zu beherrschen, nicht das mindeste Zeichen der Ueberraschung kund, so unverhofft seinen Freund Rölling und den „bunten Karl" hier zu sehen, und auch die beiden Gauner benahmen sich vollständig fremd gegen ihn, soweit sie ihn überhaupt beachteten. „Was verschafft mir das Vergnügen?" redete Mattland mit der kalten, vornehmen Höflichkeit, die er stets im Verkehr mit Fremden beobachtete, den alten Herrn an. „Verzeihen Sie, wenn ich störe," antwortete dieser mit einem nichtssagenden Blicke auf Rettberg, „aber ich werde Ihre Zeit nur für wenige Augenblicke in Anspruch nehmen, um mir eine Auskunft von Ihnen zu erbitten. Ich bin in der Wahl meines Dienstpersonals sehr vorsichtig, und da ich eben im Begriff stehe, einen neuen Kutscher zu engagiren, der früher bei Ihnen gedient hat, so wollte ich mir die Frage erlauben, ob Sie mir den Mann empfehlen können." „Wie heißt er?" „Bulmering," erwiderte der alte Herr und schien gespannt die Antwort zu erwarten, obwohl er genau voraus wußte, was kommen würde. „Bulmering," wiederholte Maitland, einen Augen- blick in seinem Gedächtniß suchend. „Ganz recht, ich erinnere mich seiner genau," fügte er mit einem sarkastischen Lächeln hinzu, „ich habe weder vor noch nach ihm einen Kutscher gehabt, der sich so vortrefflich, wie er, auf die Führung von Zügel und Peitsche verstanden hätte. Nur besaß er einen kleinen Fehler, den ich nicht verschweigen darf. Er stahl nämlich den Hafer scheffelweise, und alles, was an dem Pferdegeschirr von Silber war, ließ er spurlos verschwinden. Als er sich endlich auch an meiner goldenen Uhr vergriff, jagte ich ihn davon." Der alte Herr zog die buschigen Brauen stark in die Höhe und gag einen pfeifenden Ton von sich, womit er seine Ueberraschung und sittliche Entrüstung ausdrückte. — „Sollte man es für möglich halten, daß ein so junger Mensch schon so verdorben sein könnte?" wandte er sich an seinen Begleiter. Dieser stieß einen tiefen Seufzer aus und schüttelte mit einer moralischen Be- kümmerniß, die ihm sehr schlecht zu Gesicht stand, den Kopf. — Der alte Herr drückte Maitland seinen Dank aus, daß er ihn durch die ertheilte Auskunft vor einer ähnlichen unangenehmen Erfahrung bewahrt habe, und bat nochmals um Entschuldigung, ihn bemüht zu haben. „Darf ich fragen," wandte Maitland sich in etwas scharfem Tone an den jünger« Herrn, von dem er sich die ganze Zeit über mit stechendem Blick fixirt sah, „mit wem ich die Ehre habe und womit ich Ihnen dienen kann?" „O," sagte der Alte mit entschuldigendem Lächeln, „es ist mein Sohn, der mich begleitet hat." Beide verbeugten sich mit feinem Anstand und gingen. Dieser Zwischenfall hatte Nettberg belehrt, daß er sich nach wie vor in Maitland's Hand befand, denn er errieth leicht, daß der Besuch seiner Freunde vorerst ein geschickter Vorwand gewesen war, um sich mit dessen Aeußern genau bekannt zu machen. Als daher der Diener, dem erhaltenen Auftrage gemäß, abermals eintrat, sagte er in knirschender Ergebung: „Sie können Ihrem Diener den Gang ersparen." Auf einen Wink seines Herrn entfernte sich jener wieder, worauf Nettberg einen Brief hervorzog mit den Worten: „Hier sind die Abschiedszeilen, die meine Schwester mir geschrieben hat. Sie können daraus ihren Aufenthalt ersehen." Maitland ergriff den Brief und überlas die mit zierlicher Handschrift geschriebenen Zeilen. Wie sie dem Bruder mittheilte, stand sie im Begriffe, von Berlin abzureisen; seine Briefe würden sie bis auf Weiteres unter der Adresse des Gutsbesitzers Teßner auf Göllnitz treffen, die nächste Poststation sei die Kreisstadt P. Eine flüchtige Nöthe färbte Maitland's Antlitz, als er den Namen Teßner las, und seine Lippen preßten sich aufeinander, als wolle er einen Seelenschmerz niederkämpfen. Nicht ohne Bewegung las er auch den übrigen Inhalt des Briefes. In ergreifenden Worten sagte die Schwester dem Bruder Lebewohl, und mit rührender Bitte beschwor sie ihn, jenseits des Meeres ein ehrlicher, rechtschaffener Mann zu werden. Wohl schlug dem Lesenden das Gewissen. Die edeln Grundsätze, welche sie so liebevoll schwesterlich dem Bruder einzuprägen suchte, wollte Maitland selbst in ihr erschüttern und vernichten. Aber die Bewegung ging rasch vorüber, die mahnende Stimme hatte keine Gewalt über seine Entschlüsse. „Merken Sie sich eins, guter Freund," sagte er, Nettberg den Brief zurückgebend, „ich bin nicht der Mann, der sich Vorschriften wachen läßt. Was Sie vorhin für Ihre Schwester verlangten und ich Ihnen verweigerte, weil Sie es in hohem Tone forderten, das will ich jetzt gewähren, nachdem Sie sich zum Gehorsam verstanden haben." Maitland setzte sich an seinen Schreibtisch und schrieb einige an Rettberg gerichtete Zeilen nieder, worin er sich verpflichtete, dessen Schwester unter gewissen, von derselben noch zu erfüllenden Bedingungen eine Jahresrente von namhaftem Betrag zu gewähren, welche ihre Zukunft vollständig sicherte. Nachdem Maitland dem „vorsorglichen" Bruder das Papier übergeben hatte, befahl er ihm, wieder in seine alte Wohnung zurückzukehren, damit er ihn jederzeit zu finden wisse, schärfte ihm ein, den Baron von Sturen sorgfältig aus dem Wege zu gehen, versah ihn abermals reichlich mit Geld und entließ ihn. XXIII. Etwa zwei Meilen von der Besitzung Wolfgang's, dem „Villenhofe," entfernt lag, von Feldern und Waldungen umgeben, das kleine Dorf Göllnitz und eine halbe Stunde davon das gleichnamige Gut, welches Felicitas' Vater gehörte. Die Gutsgebäude bildeten ein Quadrat, dessen Rückseite Stallungen und Vorrathsräume enthielt, während die Vorderseite das Herrenhaus einnahm. Die andern beiden Seiten bestanden aus hohen Mauern, an welche verschiedene der Haus- und Landwirthschaft dienende Räumlichkeiten angebaut waren. In einer dieser Mauern befand sich das Hofthor. Das Herrenhaus war nur ein Stockwerk hoch. Von seinen beiden Schmalseiten bot die nach Osten zu gelegene eine freie Aussicht auf denjenigen Theil der Gegend, welcher die meisten landschaftlichen Reize auszuweisen hatte, daher war auch im ersten Stockwerk ein kleiner Balkon mit eiserner Brüstung angebracht, auf welchen eine Glasthür hinausführte. Unmittelbar unter dem Balkon stand eine Laube von Lattenwerk, die eine Ecke eines Blumengärtchens bildend, welches von einem niederen Staket umschlossen war. Von der Hauptfront des Hauses führte eine kleine Pappelallee nach der Landstraße. Es war am Spätnachmittag, als die lange, hagere Gestalt des Gutsherrn an der Seite Melanie Rettberg's langsam die Pappelallee entlang schritt, um mit dem jungen Mädchen, welches seit heute Morgen seine Gastfreundschaft genoß, einen Spaziergang in die nächste Umgebung zu machen. Die Natur, welche die Contraste liebt, mochte wohl ihre Genugthuung haben in den Gegensätzen zwischen dem klapperdürren Alten und dem neben ihm wandelnden Mädchen, einem Bilde der Jugend und der Anmuth. Sie trug den breitrandigen Strohhut lose auf dem Kopf, in allen ihren Bewegungen lag eine träumerische Grazie. „Ihre Großmutter war also eine Frau von Bal- deneck," brachte Teßner das Gespräch auf den schon in seinem Briefe an Felicitas berührten Gegenstand, „sie gehörte unter dem Namen Baldenecker der Bühne an und starb in Hamburg." „Ich war überascht," entgegnete Melanie, „Sie mit unserer Familienchronik so vertraut zu finden." 453 — Ich stand in einer Rechtsangelegenheit kurze Zeit mit Frau von Baldeneck in Briefwechsel," antwortete Teßner, „als ich noch in der Kreisstadt drüben die Advokatenpraxis betrieb. Reicht Ihre Kenntniß von Ihrer Familie über Ihre Großmutter hinaus? Wissen Sie, wer deren Eltern waren?" „Davon habe ich keine Ahnung," antwortete das junge Mädchen. Ein geheimntßvolles Lächeln, als dürfte er sich rühmen, über diese Frage besser unterrichtet zu sein, umspielte die Lippen des Advokaten. Eine gute Weile setzten beide ihren Weg schweigend fort. Plötzlich machte der alte Herr Halt und betrachtete Melanie mit prüfendem Blick. „Wenn mich der Anschein nicht trügt," sagte er, „so sind Sie noch nicht mündig, Fräulein Rettberg?" „Nein, ich werde es erst nächstes Jahr." „Haben Sie Geschwister?" fragte er im Weitergehen. „Nur einen drei Jahre älteren Bruder." „Ahl was ist er und wo hält er sich gegenwärtig auf?" — Melanie wurde verlegen. „Warum sollte ich dem Vater meiner Freundin nicht die Wahrheit sagen?" bemerkte sie nach kurzem Schweigen. „Die Frage, was er ist, läßt sich schwer beantworten, denn er hat wiederholt seinen Beruf gewechselt und nichts ordentlich betrieben. Bis vor Kurzem lebte er mit mir in Berlin. Von Natur zum. Leichtsinn geneigt, ist er in dieser gefährlichen Stadt in schlechte Gesellschaft gerathen und hat schlimme Streiche begangen. Ein Freund, der sich unserer liebevoll annahm, verschaffte ihm eine Versorgang in Amerika. — —" (Fortsetzung folgt.) -- Reise-Skizze -es bayerischen Pilgerznges nach Lourdes 1894. (Fortsetzung.) So bildet die Kirche ein Arsenal, dessen Triumph- Standarten nicht im Kriege erbeutet, sondern von der Dankbarkeit und Liebe gespendet wurden. Auch die Seiten- wände der Kirche sind ganz mit kleinen weißen Marmortafeln, deren goldene Inschriften die Dankbarkeit der wunderbar Geheilten ausdrücken, mit Bildern und andern Weihegeschcnken bedeckt. Die um den Hochaltar im Kreise gruppirten fünf Kapellen sind vom Titel Unserer Lieben Frau von Salette, vom Rosenkranz, vom heiligen Herzen, vom Berge .Karmel und vom Siege. In den hohen Fenstern gewahrt man die schönsten Glasmalereien, in welchen in Form von Medaillons die Geschichte Berna- dette's und einige hervorragende Wunder dargestellt sind. Der ganze noch übrig gelassene Raum an den Seiten- wänden, besonders um die Altäre herum, ist von werthvollen Weihegeschenken aller Art bedeckt; außer Reihen von goldenen und silbernen Herzen, die sinnreich gruppirt sind, hat dort ein Fürst seine Krone mit strahlenden Diamanten gewidmet, ein Krieger seinen kostbaren Degen, ein General seine goldenen Epauletten; hier prangen in kunstfertigen Rahmen goldene und silberne Kränze, nebenan ziehen unsern Blick an Neliquienschreine, mit aller Kunst aus purem Golde gearbeitet; hell funkelt dort das Großkreuz der Ehrenlegion, das ein Staatsmann zu Füßen der Muttergottes niedergelegt hat. Einigen von uns glückte es, am letzten Tage auch noch die eigentliche Schatzkammer zu sehen; darin bewunderten wir: eine Krone, bestehend aus 40,000 Diamanten, von den Frauen Frankreichs U. L. Frau geschenkt; eine goldene Rose von P'ipst Leo, ein goldenes Kreuz von Papst Pius, ein geschnitztes Bild, gefertigt aus einer Wurzel des wilden Rosenstrauchs, den der Fuß der hl. Jungfrau berührte; ein Stein von jenem Gestein, auf dem der Fuß Mariens stand; Pectorale Pius' IX., elfenbeinerne Kanontafeln Leo's XIII., ein silbergesticktes Meßgewand, mit Perlen übersäet, ein anderes in Goldbrokat, drei reiche Pluviale mit den 15 Geheimnissen des Rosenkranzes. Die Kirche ist sehr geräumig, um Tausende vou Andächtigen zu fassen; aber der Zuzug von Wallfahrern nimmt von Jahr zu Jahr in ungeahnter Weise zu, besonders an Frauenfesten; überdies kommen an manchen Festtagen 500—600 Priester nach Lourdes, und da es schwer ist, daß alle cclebriren können, hat man den Plan gefaßt, unten am Berge eine neue, große prachtvolle Kirche zu bauen, die den 15 Geheimnissen des heiligen Rosenkranzes geweiht sein sollte. Am 16. Juli 1883 wurde der Grundstein gelegt vom Cardinal - Erzbischof Despres von Toulouse, im Beisein von 16 Bischöfen, und nun ist sie vollendet; sie hat 15 Altäre, jeder einem Geheimnisse des Rosenkranzes gewidmet, und kann über 6000 Personen aufnehmen, die alle den Hochaltar vor Augen haben. Die Gruppen von je 5 Nosenkranzkapellen bilden ein griechisches Kreuz, überragt von Kuppel und Laterne, während das große, weite, fast flache Dach den Vorplatz zur Krypta und Basilika bildet. In bewunderungswürdiger Weise sind die gothische Basilika, die halbdunkle Krypta und byzantinische Nosenkranzkirche durch Bogen, Arkaden, Gänge, Zinnen und Statuen zu einem einzigen harmonisch wirkenden Prachtbau verbunden. In den 3 Kirchen finden 12,000 Personen ausreichenden Platz; zwischen den Arkaden 100,000, vor der Felsengrotte 20,000 Personen. Dieser Vorplatz erinnert an den St. Peters-Platz in Rom, den Lourdes beinahe übertrifft durch die Grande Avenue, den großen sorgfältig gepflegten Vorplatz, der zum Terrain der Missionäre gehört, wo jederzeit feierliche Ruhe herrscht angesichts der erhabenen Heiligthümer. Hier kann der Pilger ungestört seine Andacht Pflegen und dabei die liebliche Landschaft genießen. Welche großartigen Schöpfungen sind in Lourdes entstanden seit 1858, eigentlich seit 1862, wo der Bischof von Tarbes nach gründlicher, jahrelanger Untersuchung einer vielgliedrigen bischöfl. Commission die Wahrheit der übernatürlichen Erscheinungen der allerseligsten Jungfrau bestätigte, welche der Bernndette Soubirous in der Grotte Massabielle zu Theil geworden, und der Bau einer Kirche angeordnet wurde, unter Appell an die Mildthätigkeit der Gläubigen seiner Diöcese, Frankreichs, Europas. Am 4. April 1864 folgte die feierliche Besitznahme von Massabielle seitens der Kirche durch die Einweihung der herrlichen Marien-Statue, die von dem berühmten Künstler Fabisch aus Lyon nach den Angaben Bernadette's gefertigt worden war. Damals lag Bernadette krank im Spital; später trat sie in das Kloster zu Revers und widmete fortan ihr Leben als Barmherzige Schwester der Pflege der Kranken und Armen, selbst heimgesucht von schweren Krankheiten, bis sie am 16. April 1879 sanft im Herrn entschlief im 35. Lebensjahre, im 13. Jahre ihres Klosterlebens. Im Diorama zu Lourdes ist eine Darstellung zu sehen, wie sie auf dem Sterbebette mit 454 den heiligen Sakramenten vom Bischöfe versehen wurde. Im Jahre 1893 ist auch ihre Schwester Marie zu Lour- des gestorben, welche sie bei ihren Gängen zur Grotte begleitet hatte. Lourdes liegt am Fuße der Pyrenäen, unweit der spanischen Grenze; wenn man südlich von der Stadt über die Berge steigt, können wir in 5 Stunden das erste spanische Dorf erreichen und unweit davon die Stadt Vignemale. Wer aber per Bahn nach Spanien will, muß entweder in Carcassonne nach Narbonne abbiegen und von Perpignan aus hinüberwandern in der Richtung gegen das Miitelmeer, oder südwestlich ab Lourdes über Pau die Pyrenäenbahn benützen, nach Bayonne, und dann in Jrun die spanische Grenze überschreiten, als Ziel seiner Excursion das herrlich am Atlantischen Ocean (Golf de Gascogne oder Biscaya) gelegene Sän Sebastian erwählen. Mehrere von uns entschlossen sich, hiefür ein paar Tage zu opfern. Die Pyrenäenbahn führt westwärts südwestlich ab Lourdes, wo wir mgs.7 Uhr abreisten, über St.-Ps (11 krn von Lourdes), Montaut-Betharram (15 Irrn), Coarraze (22 kw), Pau (39 km), Lescar (46 km), Orthez (79 kw) nach Bayonne (145 km). Die Strecke von Lourdes bis St>- Ps mit seinen im Schweizerstil gebauten Häusern, die vom Gave hufeisenförmig umzogen und von hohen Bergen eingeengt ist, ist eine der lieblichsten, die es geben kann. St.-Ps ist ein Städtchen mit 2500 Einwohnern. Auch Betharram liegt in überaus lieblicher Gegend, nahe am Gave, rückwärts von einem Halbkreis bewaldeter Berge umschlossen; hier befindet sich ein großes Priester- Seminar für Missionäre. Unweit davon liegt auf einer Anhöhe eine vielbesuchte Wallfahrtskirche mit schönem Calvarienberg, schon Ende des Mittelalters angelegt. Wir kommen nach Pau, einer der herrlichst gelegenen Städte Europas und einem der ersten klimatischen Kurorte. Die Stadt, welche 27,000 Einwohner zählt, zieht sich am Rande einer Hochebene hin, welche steil gegen den Gavefluß abfällt; hier herrscht ein internationaler Ton, weil jeden Winter mehrere Tausende Fremde hier weilen. Vom Bahnhof führt eine ziemlich steile Rampe hinan zur Place Noyale, einem hochberühmten Platz; hier überschaut man das sich prächtig bietende Panorama. Eine Promenade mit köstlicher Aussicht nach Süden gewährt der Boulevard du Midi, sonnig, vor Nordwinden geschützt. Die Kirche St.-Martin ist ein Neubau im gothischen Stil, mit elegantem Thurm; der Hochaltar vereint alle Marmorarten der Pyrenäen; hat schöne Glasgemälde. Das Schloß von Pau, wo die bayerischen Gefangenen verwahrt wurden (1871), ist das interessanteste Gebäude der Stadt, mit welcher es 3 Brücken verbinden; Napoleon III. ließ es restauriren, mit seinen imposanten 6 Thürmen, Zinnen und breiten Mauern. Das Innere des Schlosses mit seinen vielen Sälen in 2 Stockwerken ist sehr interessant. Das hiesige Klima ist für chronische Kehlkopf-Katarrhe sehr empfohlen. Vor uns liegt das weite Gavethal, zu beiden Seiten mit den herrlichsten Villen und freundlichen Dörfern besetzt. Die gegen Süden aufsteigenden Hügel sind mit Weingärten bedeckt; allmälig erheben sich die Hügel zu hohen Felsbergen, welche sich an die Pyrenäen anschließen. Die Bahn durchzieht dann das Thal des Gave und dann das fruchtbare Thal des AdourfluffeS, in den sich der Gave ergießt, und erreicht endlich Bayonne, die alte Baskenstadt, Waffenplatz ersten Ranges, mit 26,000 Einwohnern, 1 Stunde vom Golf von Biscaya. Bayonne, am Zusammenfluß der Nive und des Adour, 5 km von der Bay von Biscaya, zerfällt in drei Haupt-Stadttheile, Groß-, Klein-Bayonne und Vorstadt; eS hat breite und gerade Straßen, schöne Häuser und gehört zu den ersten Festungen Frankreichs. Seine Lage, nahe beim Meere, hart an der Grenze von Spanien, am Fuße der Pyrenäen, spiegelt sich auch in den Gegensätzen der Bevölkerung ab, in einer wunderbaren Mischung von Sitten, Idiomen und Trachten; es ist eine halb spanische, halb baskische Stadt. Der Spanier tritt auf in braunem Mantel oder in Jacke, Stulpenstiefeln, niederem rnndem Hut; der Baske mit dem lange», nach hinten geschlagenen Haar, blauer, weitfaltiger Mütze, Sammetkittel, rother Leibbinde; das baskische Mädchen mit der Coiffure ihres farbigen halbseidenen Tuches, der Matrose mit dem Tafthut, dazu der französische Soldat und die Fremden- colonie aus Biarritz geben dem Leben der Stadt einen originellen Charakter, gesteigert durch die Gewohnheit der Basken, lachend und lärmend zu verkehren. Die Einwohner fabriciren vorzüglichen Branntwein und Liqueur, Chocolade, Glasflaschen, und treiben besonders mit Wein, Wolle, Schinken ansehnlichen Handel. Im Hafen wenig Leben. In der Vorstadt liegt die Citadelle, die Straße nach Spanien beherrschend; von ihren Bastionen schöne Aussicht auf das baskische Bergland, die Dünen und die Pyrenäen. Eine steinerne Brücke, 210 in lang, führt über den Adonr zu: Kleinstadt; die Brücke Majou über die Nive nach der Großstadt. Die Kathedrale hat zwei elegante, 42 in hohe Thürme; der gothische Jnncnbau macht einen erhebenden Eindruck. Unser nächstes Ziel ist Sän Sebastian, eine der schönst gelegenen Städte des nö-dlichen Spanien; die ganze Reise dahin ist hochinteressant, gibt einen recht guten Einblick in nordspanisches Gebiet und Leben. Die Entfernung von Bayonne nach Sän Sebastian beträgt 63 kni. die man in 2^ Stunden fährt um 3 Frcs. 65 Cent. Die Bahn zieht über den Adour und die Nive zur Station Biarritz, von welcher der Badeort noch 3 km westlich liegt. Biarritz, wohin auch eine Lokalbahn führt, ist eine Stadt mit 8500 Einwohnern, jetzt eines der besuchtesten Meerbäder Europas. Napoleon III. und Eugenie hielten hier Herbst-Residenz in ihrem Palais. Im August und September strömen viele Tausende von Fremden, die vornehme Pariser Welt, Spanier, Engländer, Russen, Deutsche, zu diesem schönsten Seebad Frankreichs; ein köstliches Ufer mit feinem Sande; an drei verschiedenen Buchten gestattet die gesteigerte Brandung der Wogen jede beliebige Heilanwendung des Badens; die Entfernung bis zum Meer ist eine geringe. Wirklich eine prächtige malerische Lage; interessant das Einströmen des hochaufschäumenden Meeres in zerklüftete hohe Felsenriffe, die Rundschau von der Mündung der Garonne bis zn den Gipfeln der fernen spanischen Sierras und die amphi- theatralische Lage der Wohnhäuser, die aus den Fenstern die schönsten Ausblicke gewähren. Die Ufer sind malerisch, der Horizont weithin offen. Auch Winter-Station wegen seines milden Klimas. Jenseits des Tunnels ein baskisches Dorf mit Meerbädern; es folgt St.-Jan de Luz, 23 kw; mit Hotels am Meeresufer; nun setzt die Bahn über die Nivelle. Durch einen 404 va langen Tunnel in das Thal des Grenzflußes Bidafsoa, jenseits des Flusses steht man weit hinein in das spanische Gebiet. Hendaye (35 km) ist die französische Grenzstation, — über genannten Grenz» 455 fluß nach Fontarabte, echt spanisches altes Stäbchen mit 300V Einwohnern, die Bevölkerung auffallend schön. In Jrun betreten wir das eigentliche Spanien; — hier Wagenwechsel; die Stadt mit 5520 Einwohnern auf einer Anhöhe hat eine hübsche Kirche, — einstündiger Aufenthalt. Die Bahn verläßt nun das Meer für kurze Zeit und führt durch gebirgiges, anmuthtges Land; durch zwei Tunnels nach Pasages, Städtchen in herrlicher Lage an einer Meeresbucht, und nun gelangen wir nach Sau Sebastian am Golf von Biscaha, mit 20,000 Einwohnern, mit Hafen und Festung, liegt reizend auf einem Isthmus zwischen 2 Buchten am Fuße eines isolirten, mit Fort gekrönten Hügels Orgullo, 130 rn hoch, nach Süden von fruchtbarem, romantischem Flußthal und hohen Gebirgen umgeben; eine prächtig gebaute Stadt, zu der wir vom Bahnhof aus per Trambahn fuhren. Die Bucht La Concha, mit beliebten Seebädern, ist von schmucken Häusern und Vergnügungslokalen umgeben. Im Sommer residirt hier die königliche Familie. In der Stadt nimmt das Rathhaus, Casa de lo Ayuntamiento, eine ganze Seite der Plaza Nueva ein, die von Portikus mit eleganten Schauläden und Häusern mit eisernen Balkönen umgeben ist. Abends promenirt hier die vornehme Welt; ein großer baumbeschatteter Promenadeplatz ist in allen spanischen Städten anzutreffen. Auffällig ist uns die schöne Galakleidung der spanischen Soldaten; — die Sennoras sind durchweg mit Mantillas versehen, auf dem Kopf ein spitzenbesäetes, feines Tuch, in Seide gekleidet; der Menschenschlag freundlich und zuvorkommend gegen Fremde. Die St. Marienkirche ist ein eleganter Renaissancebau, — eine zweite Kirche, ist ziemlich dunkel gehalten, bietet nichts Bemerkenswerthes. Auf der Höhe des Monte Orgullo liegt, */z Stunde entfernt, das Kastell mit Pracht-Panorama auf das Atlantische Meer und nach Spanien hinein, wozu man einen Erlaubnißschein auf der Kommandantur holen muß; ein Soldat ist Führer auf die höchste Plattform mit herrlicher Aussicht. Vor der Stadt besichtigten wir die Arena für 10,000 Zuschauer; die Stierkümpfe finden alle 14 Tage statt vom Juli bis September. Nicht zu vergessen ist das vortreffliche Diner zu billigem Preise, mit starken spanischen Weinen. Von Sau Sebastian führt die Bahn nach Madrid; wer morgens 8 Uhr hier abreist, gelangt bis 9 Uhr nach Tolosa, dann über Zumarraga, Alsasna, Vitoria, Miranda de Ebro Abends 5 Uhr nach Burgos, 9 Uhr nach Valladolid, andern Tags Abends 5 Uhr nach Madrid. Hochbefriedigt von unserem Ausflug nach Spanien kehrten wir von Sän Sebastian wieder in kstündiger Fahrt zurück über Bayonne und Pau nach unserem lieben Lourdes, um dort noch den letzten Tag unseres Aufenthalts auszunützen, noch einmal die heiligen Stätten zu besuchen, Einkäufe an Devotionalien zu machen und die Vorbereitungen zur Abreise zu treffen, die auf 11 Uhr Nachts Dinstag, 17. April, angesetzt war. Wir kamen um 10 Uhr Vormittags an, eilten gleich zur Basilika, wo eben das Hochamt begann und während desselben von einem Pilger, Pfr. M., eine hl. Messe celebrirt wurde für unsern Prinzregenten Luitpold von Bayern und Allerhöchst- dessen Familie, sowie für das ganze Königliche Haus Wittelsbach, mit welchem Bayern durch fast ein Jahrtausend verbunden ist; es ist daS älteste Herrschergeschlecht Europas; fo haben wir auch unserem bayerischen Patriotismus an diesem weltberühmten Gnadenorte Ausdruck gegeben. Während des Hochamtes leistete unser Sängerchor, Herren und Damen, wieder Vortreffliches; derselbe hat sehr viel beigetragen zur größer« Würde und Feierlichkeit der Gottesdienste und Andachten, zur allgemeinen Erbauung der Pilger und der Fremden, welche immer zahlreicher sich einfanden. Alle holten noch Wasser von der heiligen Quelle für die Heimath in blechernen oder gläsernen Flaschen, erstere enthielten 4—6 Liter. Mehrere bestellten größere Quantitäten im Bureau, von wo jährlich viele Tausende von Flaschen mit diesem wunderbaren Lourdeswasser in alle Welt versendet werden. Wer Wasser aus Lourdes will, schreibe einfach an den Superior der dortigen Missionäre, dessen Adresse ist: k. ?. Luxsrtsur äss Llissionnairsg äs l'lmwuoulss Oonssxtüon L I^ouräss (Lautss-I'^rsnsss); 6, 10, 20, 30 Flaschen, die dann gegen Nachnahme zugesendet werden; zu vergüten sind nur die Flaschen und die Fracht, sowie der Zoll; das Wasser und das Einfüllen sind gratis; wer nur ein paar Flaschen bedarf, kann sich auch an die Auer'sche Buchhandlung in Donauwörth, oder an M. und A. Kerle, München, Amalienstraße 16, wenden. Es ist ein außerordentlich frisches Wasser, das die Quelle gibt. Beigelegt werden gedruckte kurze Gebete, die bei Anwendung in Krankheiten oder an kranken Gliedern gebetet zu werden Pflegen. Taufende Kranke in verschiedenen Ländern, die wegen körperlicher Schwäche oder Armuth und zu weiter Entfernung nicht selbst nach Lourdes zur Quelle kommen konnten, suchten von dort sich Wasser zu verschaffen; von allen Seiten treffen Berichte ein über merkwürdige Heilungen, die durch die Kraft dieses hl. Wassers und das Vertrauen zu Maria bewirkt wurden. Man lese nur die „L-nnalss äs Uotrs-Oains äs lucmräss; Lsrtrairä I?ujo, imxrirnsur äs 1a> Qrotts", — in deutscher Ausgabe bei L. Auer in Donauwörth, die in monatlichen Lieferungen erscheinen und berichten über die verschiedenen Vorgänge an der Grotte: Prozessionen, Festlichkeiten, die Namen berühmter Pilger und die wunderbaren Heilungen, welche an der Quelle selbst oder durch das nach auswärts versandte Wasser vollzogen werden; nur jene Heilungen werden aufgenommen, die von den Aerzten als wunderbar angesehen werden. Man kann angesichts dessen unmöglich daran zweifeln, daß die Quelle selbst und all diese Heilungen einem übernatürlichen Einflüsse, der Mutterliebe Mariens gegen ihre bedrängten Kinder auf Erden, zu verdanken sind. Einer der ersten Chemiker Frankreichs, Fichol in Toulouse, hat das Wasser chemisch untersucht und gefunden, daß es nur die Bestandtheile des gewöhnlichen Trinkwassers und nicht eine einzige Substanz enthalte an Mineralien, welche ihm besondere Heilkraft mittheilte. Wo auf der ganzen Welt ist die Quelle, welche gleich der von Lourdes Blinde sehend, Taube hörend, Gelähmte plötzlich gehend macht, welche Schwerkranken durch einen einzigen Tropfen ihres Wassers völlige Genesung gibt! Dinstag Nachmittags eilten Alle wieder von einer Kirche zur andern und zur Grotte, wo der Rosenkranz gebetet wurde, um nachher noch längere Zeit dort zu beten für sich und Andere in der Heimath, nochmal alle Anliegen der Gebenedeiten vorzutragen und sich für Leben und Sterben ihrer Fürbitte zu empfehlen. Sie ist immer belagert zu jeder Tageszeit von betenden Pilgern auS Frankreich, Spanien, England, Amerika, Italien, Deutschland, Oesterreich. Die größere Zahl gehörte de» vor- 458 nehmen Ständen an, aus dem männlichen wie aus dem frommen Geschlechte; es ist wie ein Bekenntniß des Glaubens, daß die Herren ebenso gut wie die Damen sehr große Rosenkränze mit Perlen und Kreuz um die Mitte geschlungen oder am Arme trugen, sogar mehrere Militärs. Bei dem Anblicke der vor der Grotte sich versammelnden Menge drängt sich die Erwägung auf, wie durch die Religion der Geist der innigsten christlichen Liebe geweckt, das Band der vollkommenen Einheit um die Angebörigen der verschiedensten Nationen und Stünde geschlungen wird; sieht man hier neben dem reichen, vornehmen Herrn den Landmann, an der Seite der noblen Dame die ärmlich gekleidete Hirtin, Kinder aller Nationen in Andacht vereint, so fühlt man, wie uns das Christenthum zu Gliedern einer Familie, zu Kindern einer gemeinsamen Mutter gemacht hat; man steht erfüllt, was die HI. Jungfrau Maria voraussagte: „Blich werden selig preisen alle Geschlechter!" Man denkt hier an den Himmel, wo noch mehr als hier „alle Thränen abgewischt", alle Unterschiede der Nationalüät und der Stünde beseitigt werden. — Man kann hier mit Inbrunst und Andacht beten, wie an wenig andern heiligen Orten; diese feierliche Stille, das Wildromantische des FelscuS, das Rauschen des vorübereilenden Flusses, über sich das blaue Himmelsgewölbe, der Anblick der betenden Menge, Alle unverwandt das Auge auf die Statue der Mutter Gottes gerichtet, die Hände andächtig haltend oder ausbreitend und stundenlang knieend, — der Gedanke: dort in der so nahe vor mir sich öffnenden Felsen-Nische hat sich die Mutter Gottes so oft gezeigt, da stand sie in herrlichem Lichtglanze, die reinen jungfräulichen Füße der Königin der Engel haben diesen irdischen Felsen berührt, ihre himmlische Stimme ward hier vernommen, hier neigte sich der Himmel zur Erde herab, zum sündhaften Menschengeschlechte, — all dieß muß die Beter mit heiliger Ehrfurcht erfüllen und zum Beten drängen. Selbst nicht im heiligen Hause zu Loreto oder an den Gräbern der Apostelfürsten habe ich eine so große Menschenmenge so innig beten gesehen wie hier, wo Maria ihren Gnadenthron aufgeschlagen hat, uns zu trösten, zu heilen, zu erhören! Um gnädig erhört zu werben, ist aber Buße erforderlich, darum pflegen alle Pilger zu beichten und zu communiciren; diese täglichen General-Communionen an der Grotte während und nach den hl. Messen gehörten zu den Glanzpunkten unserer Wallfahrt. Abends 8 Uhr war Abschiedsandacht in der Basilika. In unbeschreiblichem Lichtglanze erstrahlte diese mächtige Kirche. An den vielen, zum Theil sehr großen Lustres brannten Hunderte von Kerzen, welche auf eigenthümliche Art angezündet wurden. Es waren nämlich alle Lustres und an denselben auch wieder eine jede Kerze durch eine Zündschnur mit einander verbunden. Als das Ende dieser Schnur angezündet war, eilte der Funke unendlich rasch von einem Lustre und von einer Kerze zur andern, bis in kurzer Frist das ganze Lichtmeer dem geblendeten Auge entgegenschimmerte. Der deutsche Missionär k. Asprion, aus Hohen- zollern gebürtig, hielt eine herzliche Abschiedsrede, indem er den Eifer und die Andacht der Pilger belobte, die Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen zur getreuen Erfüllung der Standespflichten aufforderte und zur beharrlichen Liebe, Andacht und Verehrung der unbefleckten allerseligsten Jungfrau Maria, zum fleißigen Beten des hl. Rosenkranzes, zum Gebete für die Kirche und das deutsche Vaterland, — und schließlich Alle dem Segen und dem Schutze Mariens empfahl. Nachdem die Devotionalien geweiht waren (täglich war hiefür Gelegenheit), wurde der päpstliche Segen von dem Missionär gespendet, dann das Sanctissimum ausgesetzt, das Danklied „Großer Gott" und Salve Regina gesungen und nach einem deutschen Segenliede der sakramentale Segen gespendet. Viele Opfer waren in den Tronc gelegt worden, sowie einzelne Weihegeschenke, deren bis jetzt fast 10,000 seit 30 Jahren gespendet worden waren. Dahin gehören die goldenen und silbernen Gefäße, die für den heiligen Dienst bestimmt sind, 60 kostbare Kelche, 15 Ctborien, 7 Monstranzen, darunter eine als Kunstwerk ersten Ranges mit 1300 Diamanten, 4000 seltenen kostbaren Steinen, Rubinen, Amethysten, Topasen, kostbaren Perlen, 22 Sternen von Brillanten, welche die Glorie der hl. Hostie umgeben, 12 Sterne von kleinen Brillanten, einen Nimbus zur Verherrlichung der Mutter Gottes bildend, ein Kunstwerk von Goldarbeit, Plastik und Email, woran der Künstler Calliot in Lyon mit 33 auserwählten Arbeitern 4 Jahre gearbeitet hat. Einiges wurde geopfert für den Altar der Deutschen in der Nosenkranzkirche, welcher 10,000 Frcs. kostet, wovon 6000 Frcs. gedeckt sind, 4000 Frcs. noch fehlen. — Es folgte der letzte gemeinsame Gang zur Felsengrotte um 9 Uhr Abends, wo Jeder das Abschiedsgebet aus seinem Pilgerbüchlein betete, nochmal rief: „O Maria, Heil der Kranken, Zuflucht der Sünder, Trösterin der Betrübten, bitte für uns!" Welche Summe von Leid und Sorge, Trübsal und Bedrängniß, die in der Abschiedsstunde zu den Füßen der Helferin der Christen niedergelegt wurde! Nicht nur Frauen, sondern auch die Männer sah man, die Augen voll Thränen, sich wiederholt niederbeugen, den hl. Felsen küssen. Welcher Ort in der Welt, außer Kalvaria und dem hl. Grab zu Jerusalem, übt solch unwiderstehlichen Eindruck aus auf die Christensecle, als diese Felsenhöhle, welche die unbefleckte Jungfrau durch ihre wirkliche gnadenvolle Erscheinung geheiligt hat; es ist, als ob man sich garnicht trennen könnte von diesem wunderbaren Orte! Und doch muß es sein. Die Zeit drängt! Wir müssen wieder heim in unser theures Vaterland, zu unsern Familien. So lebt denn wohl, ihr schönen Ufer des Gave, ihr malerischen Landschaftsbilder, ihr Kapellen voll hehrer Weihe; lebe wohl, du neues Jerusalem, du Fürstentempel der Königin des Himmels und der Erde, wir haben deine Pracht geschaut, die Lichterkronen, haben deine Gnade gekostet. Lebe wohl, du unvergeßliche Grotte mit deiner Wunderguelle, deinen Kerzen, Pyramiden, deinen vielen Weihegaben. Lebe wohl, Maria, ohne Sünde empfangen, auf Wiedersehen im Himmel! Das Kind muß scheiden von der Mutter, in deren Nähe es tagelang weilte, — das Herz blieb bei ihr zurück! (Schluß folgt.) -- Auflösung des Arithmogripbs in Nr. 57: Jura, Aarau, Narr, Unna, Anna, Naja. — Januar. Auflösung des Bilder-Räthsels in Nr. 68: Handelsvertrag. 6V. 1894. „Nugsburger Postzeitung". Dinstag, den 24. Juli Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Angsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas Partial-Obligationen) von 2'000,000 Mk. kommt. Die Fabrik beschäftigt sich mit der Construction von Buchdruckmaschinen, dem Bau von Turbinen und Dampfmaschinen, von Kälte-Erzeugungsmaschinen für Eis- fabriration, Wasser- und Luftkühlung. Mit diesen Erzeugnissen innig zusammenhängend wurde der Bau von Transmissionen, Pumpen, hydraulischen Pressen, mechanischen Aufzügen rc. gepflegt, ja sogar großartige eiserne Brücken (über den Lech und anderweit) sind in der Maschinenfabrik Augsburg ausgeführt worden, so daß die Jahresproduktion der Fabrik das gewaltige Gewicht von 3'750,000 Kilogramm liefert. Die Zahl der gebauten Schnellpressen aller Größen kommt heute der Ziffer 4400 nahe. Besonders hervorzuheben sind zwei große, neue Maschinen, welche aus der Fabrik hervorgegangen: die Mehrfarbendruckmaschine für fünf Farben und die Zwillings- Rotationsmaschine. Die Leistungsfähigkeit der ersteren beträgt 6000—8000 Bogen in der Stunde, bei einem Format von 840X670 ram. Papiergröße, je nach der Güte der zu liefernden Arbeit. Zwillings-Rotationsmaschinen baute die Fabrik im Ganzen bis jetzt 21. Dieser ganze großartige Industriebetrieb bewegt sich in einem Komplex von Gebäuden, deren Ausdehnung natürlich die verschiedenartigste, je ihrem Zweck entsprechende ist, und zwischen und in denen der Verkehr durch gelegte Schienengeleise erleichtert wird. Das eigentliche allbewegende Leben aber wird der ganzen Anlage eingehaucht in einem links vom Fabrik- eingange gelegenen Hause. In demselben befinden sich die Direktions- und Comptoirlokalitäten nebst den Sälen für die technischen Bureaux mit ihren mächtigen Zeichnungstischen, dem entsprechenden kaufmännischen und technischen Personal rc. Tritt man in eine oder die andere der ungeheuren Werkstätten, so wird man unwillkürlich überrascht sein durch die fast sinnverwirrende Großartigkeit des sich bietenden An- blickes. DaS Schnurren und Summen der zahllosen Theile der Werkzeug- Maschinen, das hier pfeilgeschwinde^ dort majestätisch langsame Drehen von kleinen und großen Rädern und Scheiben, das zitternde Durcheinander der in der weiten Perspektive scheinbar lianen- artig verschlungenen Treibriemen , deren systematische Regelmäßigkeit sich erst dem ruhiger blickenden, prüfenden Auge offenbart, das stille Dahingleiten mächtiger Eisenstücke auf massigen Eisen- lagern, zu deren Seiten sich oben durch colossale Querbalken von Eisen verbundene viereckige Eisenpfeiler erheben — wahre Eingangspforten zu den Werkstätten des Pluto I — deren von gewaltiger Kraft und Stärke zeugender Bau uns um so mehr in Erstaunen setzt, wenn wir die kleinen Eisen- spähne gewahren,die derscharfe Hobel von dem unter ihm durchlaufenden Ma- schinentheile abstößt,— daneben die ebenso colossalen Drehkrah- nen zum Heben der ungeheuren Lasten und darüber die nicht minder soliden, 4 ^ -2 >- i N 1 / AM -«o »» § HLW WW! E' M'G durch die weiten Säle rollenden, zum Theil von Dampfkraft getriebenen Laufkrahnen — das Alles muß man sehen und auf seine Sinne wirken lassen, um einen richtigen, aber zugleich überwältigenden Eindruck zu empfangen von der großartigen Entwicklung der deutschen Maschinen- Jndustrte überhaupt und ihrer in der Fabrik zu Augsburg kultivirten Zweige insbesondere. Die eigentliche active Thätigkeit vertheilt sich auf folgende Lokale: eine Eisen- und Metallgießerei, eine Gußputzerei, eine Schmiede und Kesselschmiede, eine Dreherei, ein Montirgebäude für Dampfmaschinen und Turbinen und eine Schnellpressenwerkstätte nebst Montirsaal, wozu als wichtige Nebeneinrichtungen kommen: eine Sägemühle mit großartigem, den Reichthum eines ganzen Waldes bergendem Holzvorrathslager, eine Modellschreinerei und ein Modellmagazin. In diesen Lokalen, für deren Luftreinigung Ventilatoren sorgen, befinden sich 7 Dampfmaschinen und 1 Turbine von zusammen 800—1000 Pferdekräften, 380 Schraubstöcke, 334 Drehbänke, 67 Hobelmaschinen, 96 Bohrmaschinen, 51 Stoß- und Fräsmaschinen, 14 Näder- schneidmaschinen, 50 Schmiedfeuer, 11 Dampf- und Prä- cisionshämmer, 8 Vollgattersägen, 77 Hobelbänke, 115 Krahnen und Aufzüge, wobei 45 Laufkrahnen von 500 bis 30,000 Kilogramm Tragkraft. Die elektrische Beleuchtungsanlage umfaßt 272 Bogenlampen und 1100 Glühlampen. Die Fabrik besitzt eine Schienenanlage zur Verbindung mit dem Bahnhof (Geleiselänge innerhalb der Fabrik circa 3000 Meter), 1 Lokomotive und 1 fahrbaren Dampfkrahnen. Die Buchdruckmnschinen-Werkstätte anlangend, ist der ganze Montirsaal mit Laufkrahnen ausgestattet, mit deren Hilfe jede schwere Last leicht transportirt werden kann, wie auch vermittelst derselben das Einlegen der Cylinder mit Leichtigkeit und vollkommenster Sicherheit ausgeführt wird. Neben den Laufkrahnen sind ebenfalls durch den ganzen Saal Transmissionen gelegt, sowohl zum Betriebe der aufgestellten Werkzeugmaschinen, als auch namentlich zur Probeweisen Inbetriebsetzung aller hier zusammengestellten Buchdruckmaschinen. Und in dieser Beziehung ist der sich hier bietende Anblick von wahrhaft überraschender Großartigkeit. Man glaubt sich in eine Buchdruckerei allerersten Ranges versetzt, wenn man den ganzen weiten Saal von einer Erhöhung überblickt und die Menge der aufgestellten Maschinen aller Gattungen sieht, die hier in nicht geringer Zahl schon vollkommen fertig stehen, während nicht weniger sich in mehr oder minder vorgeschrittenen Stadien der Zusammensetzung befinden. Wohl kein Besucher der Fabrik wird sich von dem Montirsaale ohne aufrichtige Bewunderung trennen, denn er ist einzig in seiner Art und von seltener Großartigkeit. Einige allgemeine nützliche Nebeneinrichtungen der Fabrik mögen noch Erwähnung finden. Zu ihnen zählen wir, daß, wo nöthig, jeder der großen Werkstätten Zeichenräume für die Ausführung der Details beigegeben sind, so daß ein direktes Hand-in-Hand-gehen des entwerfenden Ingenieurs oder Abtheilungsmeisters, welch letzterer stets auch sein abgesondertes Zimmer in der Werkstatt hat, mit dem praktisch ausführenden Arbeiter möglich ist. Als sehr nützlich erweist sich auch das Holzpflaster in den meisten Werkstätten, das sich am praktischsten in diesen Räumen bewährt, wo ein niederfallender Gegenstand oft die stärksten Bohlen zu zersplittern vermag. Gegen Feuers- 462 — gefahr ist Vorsorge getroffen durch eine ausgedehnte Anlage von Nothpfosten, die sofort durch die Dampfmaschine oder die Turbine gespeist und getrieben werden können. Daß die Fabrik außer umfangreichen Remisen auch trefflich eingerichtete und vorzüglich gehaltene Stallungen besitzt, sei nur nebenbei erwähnt. Auf dem Fabrikterrain ist auch eine Wirthschaft (Hausmeisterei) eingerichtet, wo einfache Nahrungsmittel und Getränke zu Selbstkostenpreisen abgegeben werden. Auch eine Anzahl Häuser hat man in geringer Entfernung von den Fabriklokalitäten in sehr gesunder Lage, inmitten von Gärten und Wiesen, errichtet, in denen sich je nach der Größe des Hauses vier oder acht Wohnungen von drei und vier Zimmern für Arbeiterfamilien befinden. Zu jeder derselben ist auch ein Stückchen Gartenland zum beliebigen Anbau von Gemüse oder Blumen beigegeben. Unter den Wohlfahrtseinrichtungen zu Gunsten der Arbeiter in der Maschinenfabrik sind zu nennen: die Arbeiter-Wohlfnhrts-Einrichtungs-Kasse mit einem Vermögen von M. 73,622.24 (Stand am 30. Juni 1893), die Arbeiter-Unterstützungs-Kasse mit einem Vermögen von M. 255,726.37, die Pensionskaffe der Angestellten mit einem Vermögen von M. 150,392.18, die Spezial-Unter- stützungskasse des Aufsichtsrathes (unterstützt bis 30. Juni 1893 wurden seit Gründung 643 Hilfsbedürftige mit M. 27,038.41 im Gesammtbetrage), die Arbeiter-Sparkasse mit einer Einlage von M. 148,476.16 (Stand am 30. Juni 1893). Aus Vorstehendem ist ersichtlich, über welch gewaltige Mittel die Maschinenfabrik Augsburg verfügt und wodurch sie in den Stand gesetzt ist, ebenso prompt als cxact und gewissenhaft zu arbeiten. Die Menschen vergehen, die Welt aber schreitet vorwärts! Und „Vorwärts!" ist auch die Losung der Maschinenfabrik Augsburg. Möge das großartige Etablissement stets in gleicher Weise wie bisher gedeihen und blühen! Füssen. (Hiezu das Bild Seite 463.) Füssen, Stadt mit ca. 2800 Einwohnern, vor dem Eingänge in das Hochgebirge, am Lech gelegen, ist Grenzstadt gegen Tirol, Sitz eines Bezirksamtes, Amtsgerichtes und Rentamtes. Die Stadt hat sechs katholische Kirchen, ein Franziskanerkloster, ein Schloß, eine große Seiler- waarenfabrik. Das im südlichen Theile der Stadt auf einem Felsen gelegene umfangreiche Schloß, von dessen Thurme aus man eine reizende Aussicht genießt, ist durch den am 22. April 1745 zwischen dem Kurfürsten Maximilian III. von Bayern und Maria Theresia daselbst abgeschlossenen Frieden merkwürdig geworden. Neben der Burg stehen die Gebäude der ehemaligen Benediktiner- Abtei St. Mang und die Stiftskirche, im gefälligen No- kokostil, mit interessanten Grabdenkmälern und Gemälden. Füssen steht an der Stelle einer römischen Niederlassung. Um 720 erhielt es die Benediktiner-Abtei St. Mang, nach ihrem Gründer, dem Mönche Magnus, benannt. Erst im Besitze der Welsen, kam es 1191 an die Hohenstaufen und 1226 durch Verpfändung an den Herzog Ludwig von Bayern. Damals hatte auch das Hochstift Augsburg bereits Besitzungen und Rechte in und um Füssen, namentlich, wie es scheint, die Advokatie des Klosters. Die Bischöfe hielten in Füssen zur Vertretung ihrer Rechte 463 einen Vogt. Herzog Ludwig begann nun, auf einem Berge ober Füssen eine Beste zu bauen; sie war gegen das Stift Augsburg gerichtet, konnte daher von den Bischöfen nicht geduldet werden. Wirklich verstand sich Herzog Ludwig in einem mit Bischof Wolfhart von Augsburg wahrscheinlich im Februar 1292 geschlossenen Vergleiche, vom Baue von Besten zu Füssen und in der Umgebung abzustehen. 1313 fiel die Vogtei an die Bischöfe von Augsburg, damit war die Oberhoheit des Hochstiftes Augsburg über die Stadt Füssen begründet. Die Eigenschaft einer Stadt trägt Füssen schon im 13. Jahrhundert. Auf dem Berge stand damals schon eine bischöfliche Beste. Der Berg selbst aber gehörte dem St. Magnuskloster. Bischof Friedrich erweiterte 1322 das Schloß und befestigte es stärker. Auch die Stadt, welche dem von Kaiser Ludwig zu Augsburg am 4. Oktober 1330 in stand, gewährte der BürgerschaftMahrung und förderte viel Wohlstand. Am 19. Juli 1046 wurde Füssen von Sebastian Schertlin von Burtenbach, dem Hauptmann der oberdeutschen Städte, eingenommen. Schertlin setzte sofort eine neue Stadtverwaltung ein, schaffte den katholischen Gottesdienst ab, entfernte die Heiligenbilder aus den Kirchen und ließ durch einen Prüdikantcn, Johann Flimmer, den er aus Augsburg mitgebracht hatte, bei St. Magnus lutherisch predigen. Am 12. Juli legte Schertlin in die Stadt eine Besatzung und zog, nachdem er Schloß und Kloster rein ausgeplündert, gegen Augsburg ab. Auch des Kurfürsten Moriz von Sachsen hochverräterischer Zug nach Tirol gegen Karl V. im Jahre 1552 ging über Füssen, das am 18. Mai von ihm eingenommen wurde. Mit dem Jahre 1632 begannen die Leiden und Schrecken des Schwedenkrieges in reichem Maße auch -MUW ZM1 I Mssrn. Schwaben und in Oberbayern errichteten Landfrieden bei- trat, erhielt eine neue Befestigung, zu deren Herstellung Bischof Heinrich im Jahre 1338 den Bürgern den Lech- zoll auf 3 Jahre bewilligte. Die Stadt Füssen war schon in früher Zeit zur Ausübung des Halsgerichts berechtigt, den Vollzug dieses Rechtes erleichterte Kaiser Sigismund der Stadt unter'm 23. September 1431 dadurch, daß von dem oft schwer aufzubringenden Sieben-Eide (Eide vor sieben Richtern in jedem einzelnen Falle) abgestanden werden durfte und den Bürgermeistern und dem Rathe eingeräumt wurde, über übelthätige und schädliche Leute jedesmal gemäß ihrer allgemeinen eidlichen Verpflichtung zu erkennen und sie mit dem Tode oder an Leib und Gliedern zu strafen. Die letzten Jahrzehnte des 15. und die ersten des 16. Jahrhunderts bildeten Füffens glänzendste Zeit. Der lebhafte Verkehr und Waarendurchzug, als der italienisch-deutsche Handel in schönster Blüthe über Füssen heranzuziehen. Beim Heranrücken der Schweden flüchteten die Einwohner massenhaft nach Tirol. Am Abende des 22. Juni stand General Banner mit vielem Kriegsvolke und schwerem Geschütze vor der Stadt. Nach einstündiger Beschießung am nächsten Morgen war er Herr derselben. Den größten Theil der Besatzung nahm er gefangen. Die Stadt mußte 5000 Gulden Brand- schatzung erlegen. Banner nahm Wohnung im Kloster St. Magnus. Am 1. Juli zog das Hauptheer Banner's nach Augsburg zurück; in Füssen blieben nur 400 Mann als Besatzung. Gegen sie rückte Erzherzog Leopold aus Tirol her mit 12,000 Mann und begann am 17. Juli die Stadt zu beschießen; nach dritthalbtägigem Sturme mußte sich die Stadt ergeben, welche einer gründlichen Plünderung anheimfiel. Die folgenden Jahre brachten für Füssen endlose Durchzöge von kaiserlichen Kriegsvölkern und schwer drückende Einquartierungen. Erst nachdem 1648 Friede geschlossen ward, konnte sich die Stadt wieder allmälig erholen. Das folgende Jahrhundert brachte Füssens Namen in Verbindung mit einem weltgeschichtlichen Ereignisse; der Friede von Füssen nämlich endete den vierjährigen Krieg über die österreichische Thronfolge. Derselbe wurde, wie erwähnt, am 22. April 1745 geschlossen. Der Reichs- deputations-Hauptschluß vom 25. Februar 1803 theilte das Gebiet des Hochstifts Augsburg und damit die Stadt Füssen dem Kurstaate Bayern, die Abtei St. Magnus dem Fürsten von Oettingen-Wallerstein zu, nachdem die Stadt schon am 3. September 1802 durch kurbayerische Truppen provisorisch für Bayern in Besitz genommen worden war. 1803 erfolgte die Aufhebung des Klosters St. Mang. Ein neuer Abschnitt in der Geschichte Füssens begann, als Kronprinz Maximilian von Bayern die Burg Hohen- schwangau zu seiner Lieblingsstätte wählte und in reizvoller Schönheit herstellte; denn der Stadt eng benachbart, strahlt Hohenschwangau's Glanz und Neuschwanstein, das „Walhall" unseres unglücklichen, unvergeßlichen Königs, auch auf diese nieder, und von der Huld der Könige Maximilian II., Ludwig II. und der Königin Marie getragen, lebte Füssen neu auf in Ansehen, Verkehr und Wohlstand. — Füssen erfreut sich mit Recht wegen seiner herrlichen Umgebung eines regen Fremdenverkehrs und ist im Hinblick auf die vielen trefflichen Wirthschaften, in denen man bestens aufgehoben ist, der Aufenthalt dortselbst den Touristen nur zu empfehlen. (Unser Bild ist nach einer Photographie von Herrn Ludwig Schradler in Füssen am Lech.) - Hungrige Gäste. (Zu unserem Bild Seite 459.) Umbaucht von der Poesie des Südens liefert E. Ravel in seiner Originalzeichnung ein Genrestück von bestechender Ein- fachbeit: ein ehrwürdiger Kapuzinermönch streut im Klosterhofe, dessen Mauern auf der einen Seite in das unermeßliche Meer abfallen, dem Geflügel die übliche Körnerration aus der Holzschüssel und freut sich über den gesegneten Appetit seiner Gäste. Und Hunger hat das Federvieh fast zu jeder Tageszeit, mögen es nun Hühner oder Tauben oder langsam schreitende Gänse sein. Mit Beziehung darauf sagt auch ein alter Spruch: „Willst du verderben und weißt nicht wie, So halte nur Viel Federvieh." Buchstäblich genau dürste übrigens der Spruch selten zutreffen, und die armen Kapuziner wären die letzten, welche die eigene spärliche Nahrung in unbilliger Weise der unvernünftigen, wenn auch nützlichen Kreatur zuwenden wollten. Futter brauchen aber einmal die zweibeinigen Eier-, Fleisch- und Federlieferanten, und — „der Gerechte erbarmt sich auch des Thieres". " --- - Allerlei. Ein sehr beliebtes Mittel in amerikanischen gesetzgebenden Versammlungen, die Abstimmung über nicht zusagende Gesetze zu hintertreiben, besteht darin, die Verhandlungen durch tagelange Reden in die Länge zu ziehen. Von einer der letzten Verhandlungen im Bundessenate entwirft ein Washingtoner Berichterstatter folgende Schilderung: In einer Ecke erhebt sich ein kleines, unscheinbares Männchen, kahlköpfig, mit Augen, die nach zwei Seiten zugleich sehen, und rothem, fadenscheinigem, kurzgeschnittenem Schnurrbart. Es ist Senator Quay. Nichts als ein weißes Hemd bedeckt das bescheidene Spitz- bäuchlein, graue Hose und eine kurze, weite Jacke vollenden den Anzug. Der Mann setzt eine schwere goldene Brille auf die Nase; neben ihm hat ein müde aussehender junger Schreiber Platz genommen, der einen Berg Papier vor sich hat. Er schiebt das erste Blatt dem Manne in die Hände, mechanisch, wie die Drucker die weißen Blätter in die Presse schieben. Ebenso mechanisch ergreift der kleine Mann das Papier und beginnt zu lesen. Ein dünnes, gebrochenes und zerbrochenes Sümmchen, von dem man nicht weiß, wo es herkommt; Niemand versteht ein Wort, aber Blatt für Blatt wird in die Maschine geschoben und abgeleiert, wie in einem zerbrochenen Phonographen. Die Mitglieder des Senats flattern auseinander. Zigarren und Limonade in den Vorzimmern, Mint-Juleps und Erdbeerkuchen, kalter Lachs und Champagner, gebratener Hummer und Ale, Käsebrod und Bier im Restaurant, kühlendes Bad oder Spazier- gang, ein paar Briefe diktiren oder Bekannte empfangen, alles Mögliche, nur nicht im Senat bleiben I Die Preß- galerte ist leer, und der letzte Besucher in den anderen Galerien ist eingeschlafen. Der Mann im kurzen Sommer- jäckchen liest immer weiter. Der Vizepräsident läßt sich ablösen und macht's wie alle Anderen. Senator Pfeffer, der sonst Alles mit anhört, unterbricht seine Hauptbeschäftigung, das Streichen seines langen Bartes, sieht nach der Uhr und geht nach dem Restaurant, um eine Mahlzeit einzunehmen. Eine Anzahl von Pagen hat sich malerisch um den Stuhl des alten Thürhüters Basset gruppirt, und Alle halten ihren Mittagsschlaf. Manchmal wandert ein Senator in Grau oder Blau oder Weiß in den Saal und macht eine Bemerkung, dann liest der Mann in der Sommerjacke wieder weiter. Der Schreiber, der die Blätter einschickst, ist bei 110 angelangt und kaut Gummi, sich wach zu halten. Es wird fünf Uhr, und der Mann liest noch. Da wacht Senator Hoar, der abwechselnd Briefe geschrieben und geschlafen hat, auf, sieht sich um und bemerkt, es sei wohl keine beschlußfähige Mitgltcderzahl vorhanden; ein anderer Senator wacht auf und sagt, er hätte einige Zwischenbemerkungen über Wolle zu machen. Der Mann in der Sommerjacke verbeugt sich und fällt in seinen Stuhl. Er ist eben bei dem siebenten Abschnitt seiner großen Tarifrede angelangt... * Helft den Armen! Zu Lengenfeld (Oberpfalz) befindet sich in der Sakristei der Kirche eine Tafel mit folgenden Versen vom Jahre 1583: „Laßt euch die Noth erbarmen! Helft und gebt den Armen! Wenn ihr euer Ohr vor den Armen zustopft, So hört euch Gott nicht, da ihr schon anklopft. Hast du viel, so gib reichlich; Hast du wenig, so gib treulich! Theil dem Hungrigen mit dun Brod, Deck den Nackten mit deinem Kleid, So wirst du sammeln in der Noth Einen Lohn, so dir vergilt Gott." -- Iiilder-Uäthsek. zm „Rugsburger Postxritung". M 61. Ireitag, den 27. Juli 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler). Zin Sänne alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) XXV. Den Kopf auf die Hand gestützt, lauschte Maitland eine geraume Weile jedem Geräusch, wobei ihm die Minuten zu Ewigkeiten wurden. Um ganz sicher zu sein, wartete er noch immer, als sich im Hause längst nichts mehr regte. Da war es ihm plötzlich, als ob ein Ton wie ein leiser Schrei oder Ruf an sein Ohr schlüge. Er richtete sich empor und horchte lange mit angehaltenem Athem. Aber nicht der leiseste Laut ließ sich mehr hören. Es mochte wohl nur die Vorspiegelung seiner geschäftigen Einbildungskraft gewesen sein, vielleicht auch hatte er sich bereits in dem Halbzustande zwischen Wachen und Traum befunden; er wußte es selbst nicht genau, jedenfalls aber war es nun Zeit, das Terrain zu recoguosciren. Maitland schlich zur Thüre und öffnete diese leise. Kaum war er hinausgetreten, als ihm vom Corridore gedämpfte Schritte ent- gegentönten. Er hatte die Thür hinter sich weit aufstehen lassen, und da vom Fenster seines Zimmers her das Licht des Mondes, der höher am Himmel heraufgestiegen war, hereindrang, so stand er, vom Gange aus gesehen, im Hellen und zog sich rasch in's Zimmer zurück. Noch ehe er hinter sich die Thüre andrücken konnte, erhielt er einen schweren Schlag auf den Kopf, der ihn zu Boden streckte und ihn einige Minuten lang aller Besinnung beraubte. Als er die Augen wieder öffnete, war das auf dem Tische stehende Licht angezündet, und er erblickte zwei Männer, deren Gesichter durch schwarzen Krepp verhüllt waren. Maitland war ein Mann von unbeugsamem Muthe, und obgleich er zwei gegen sich hatte und der eine von ihnen eine wahre Riesengestalt war, so versuchte er dennoch aufzustehen, in der Zuversicht, er werde den Einbrechern so lange Stand zu halten vermögen, bis weitere Hilfe komme. Aber beim ersten Versuche, sich zu bewegen, fühlte er, daß ihm die Hände auf den Rücken gebunden und seine Füße ebenfalls gefesselt waren. Er faßte daher den Entschluß, regungslos, wie ein Todter, liegen zu bleiben und mit halbgeschlossenen Augen die Räuber zu beobachten. „Manchmal ist der Mondschein auch zu etwas gut," sagte der kleinere der beiden Männer, „hätte er nicht diesen ungebetenen Gast beleuchtet, so hätte unsere ganze Rechnung schief gehen können. Hast Du ihm den Nest gegeben?" „Nein, das hab' ich nicht!" gab der Riese zur Antwort. „Er ist nur betäubt; sieh', wie er athmet." Mit diesen Worten nahm der Sprechende das Licht und beugte sich auf Maitland herab, der rasch die Augen geschlossen hatte. „Zum Teufel!" rief der Riese mit gedämpfter Stimme, „ich will mich hängen lassen, wenn das nicht der Kerl ist, der den armen Assessor wegen Wechselfälschung in's Zuchthaus bringen will, wenn dieser ihm nicht die Schwester ausliefert. Was hat der Bursche hier in ihrer Nähe zu schaffen? Wenn er mit ihrem Willen hier ist, so will ich —" Er unterbrach sich, denn er hatte, während er sprach, sich nach seinem Genossen umgewendet und bemerkt, wie derselbe aus Maitlands Kleidern eine Brieftasche hervorzog. „Laß sehen!" rief er, hastig die Hand danach ausstreckend, „Himmel und Hölle! das ist wahrhaftig das Ding mit der Schlangenhaut." Der „bunte Karl" war also noch nicht an der Arbeit. Her mit der Brieftasche; wir wollen sie später untersuchen. Jetzt an unser Hauptgeschäft." Der Niese steckte die Brieftasche zu sich, während sein Begleiter Maitlands Uhr, Brillantnadel und Ringe an sich nahm und diesem selbst einen Knebel in den Mund schob. Nachdem die Einbrecher das Licht ausgelöscht hatten, entfernten sie sich leise und ließen den Gefesselten in der Finsterniß und im Zustande qualvollster Hilflosigkeit zurück. Unfähig sich zu bewegen, machte er verzweifelte, aber ohnmächtige Kraftanstrengungen, sich von den Fesseln zu befreien, die seine Glieder zusammenschnürten. Indem er sich die Worte, die er den Niesen hatte sprechen hören, in's Gedächtniß zurückrief, gewann er die Ueberzeugung, daß Nettberg zu den Einbrechern in gewissen Beziehungen stehen mußte. Die körperlichen Qualen, die Wuth über seine Hilflosigkeit und über den Verlust der Brieftasche, wodurch er sich alle Machtmittel über die Geschwister Nettberg aus der Hand gerungen sah, erschöpften Maitland's Lebensgeister, und er verfiel in einen bewußtlosen Zustand. Als er die Augen wieder aufschlug, dämmerte der Morgen zum Fenster herein; er fühlte seine Glieder frei 466 von den Fesseln und sah zwei Personen mit sich beschäftigt. Maitland's Befreier waren das Dienstmädchen und der Kutscher. Das Mädchen hatte in ihrer Bodenkammer oben von den Vorgängen, die sich während der Nacht im Hause zugetragen, nichts bemerkt. Als sie mit dem ersten Morgengrauen ihre Kammer verlassen wollte, war dieselbe von außen verschlossen. Mit aller Leibesmacht stemmte sich das Mädchen gegen die Thür, bis diese aufsprang. Zu ihrem großen Erstaunen entdeckte sie nun, daß ein von außen in die Thürbekleidung getriebener Bohrer die Thür bis jetzt zugehalten hatte. Aber ihr Erstaunen sollte noch wachsen, als sie in den Hausflur hinabkam und die der Küche gegenüberliegende Thür, welche in die unteren Wohnräume führte und über Nacht stets verriegelt war, nur angelehnt fand. In die Thürfüllung war ein Loch gebrochen, groß genug, daß jemand von außen mit der Hand hindurchgreifen und den massiven Riegel hatte zurückschieben können. Jetzt ging selbst dem schlichten Verstände des Bauernmädchens eine Ahnung auf, daß Diebe im Hause gewesen sein mußten. Als sie nun auch Jammertöne aus dem Schlafzimmer ihres Herru vernahm, welches an den Salon stieß, schloß sie die Hinterthür auf und stürzte auf den Hof hinaus, um den Kutscher zu Hülfe zu rufen, der über dem Pferdestalle schlief. Beide fanden ihren Herrn im kläglichsten Zustande an den Bettpfosten angebunden, an Händen und Füßen gefesselt und durch einen in den Mund gestopften Knebel am Schreien verhindert. Die dicke Thür des eisernen Geldschranks, welcher seinen Platz im Schlafzimmer hatte, stand weit offen; der Silberschrcmk im Salon war vollständig ausgeleert. Wie die Einbrecher in das wohlverwahrte Haus gelangt sein mochten, war räthselhaft; nur soviel stand fest, daß sie dasselbe durch die vordere Hausthür verlassen hatten, denn der schwere innere Riegel war zurückgeschoben. Das war der Bericht, den das Mädchen und der Kutscher, einander ergänzend, in athemloser Hast dem fremden Gaste erstatteten. „Was ist aus Fräulein Nettberg geworden s" lautete Maitland's erste Frage. Darüber wußten sie noch nichts. Maitland wollte sich rasch erheben, aber er vermochte nicht zu stehen; noch versagten ihm die kaum frei gewordenen Glieder den Dienst. „Eilen Sie, eilen Sie!" rief er dem Mädchen zu, Mit einer Kopfbewcgung nach dem Corridore, „und bringen Sie mir sofort Nachricht, wie Sie das Fräulein gefunden haben." Das Mädchen stürzte fort und kehrte sehr rasch wieder zurück. „Das junge Fräulein ist fort!" rief sie mit Augen so groß wie ein Teller. „Die Einbrecher müssen durch ihr Zimmer in's Haus gekommen sein; die Balkonthür steht offen. Das Fräulein ist nirgends zu finden." Maitland ward blaß wie der Tod. Er erinnerte sich des leisen Schreies, den er vernommen und für eine Täuschung seiner Einbildungskraft gehalten hatte. Er ließ das ganze Haus durchsuchen, aber nirgends fand sich eine Spur von dem unglücklichen Mädchen, welches die Räuber wahrscheinlich aus Furcht vor Verrath mit sich genommen hatten. Sein jugendlicher Körper erholte sich bald von den lähmenden Einwirkungen dieser Nacht, und die wilde Energie der seelischen Erregung, in welcher er sich befand, kam ihm dabei zu Hülfe. Nachdem er sich vollständig angekleidet, suchte er seinen Gastgeber auf, den er knieend vor seinem beraubten Geldschranke traf. Bald jammernd, bald in wilde Flüche ausbrechend, hatte er nur Sinn für den eigenen Verlust. Zwölftausend Mark in Gold und Neichsbanknoten waren den Schurken zur Beute gefallen, und dabei hatte er ihnen auch noch eigenhändig den Schlüssel zum Geldschranke ausliefern müssen, weil sie gedroht, ihn todtschlagen zu wollen, wenn er sich weigere. „Geben Sie Befehl, Herr Teßner, daß mir sofort ein Pferd gesattelt werde," drängte Maitland. „Ich will nach der Kreisstadt hinüberreiten und sofort Polizei und Gericht in Bewegung setzen. Nur durch schnelles Handeln läßt sich ein Erfolg erreichen." Fünf Minuten später bestieg Maitland das Reitpferd des Gutsherrn und sprengte davon. XXVI. Als Melanie Retiberg die Zeilen Maitland's überlas, worin er ihr die Rückkehr ihres Bruders meldete, war sie sehr bestürzt, und der Wunsch, sobald wie möglich Aufklärung zu erhalten, diktirte ihr die unter Maitland's Anfrage hastig hingeworfenen Worte. Melanie löschte das Licht, legte sich zu Bett und ahnungslos, daß das Verbrechen sie in doppelter Gestalt umschwebte, sank sie in Schlummer. Wie lange derselbe gedauert, wußte sie nicht, aber ihr Erwachen war von Schrecken begleitet. Es war ein Licht im Zimmer und sie unterschied zwei Männer, deren Gesichter unter einer schwarzen Florhülle verborgen waren. Der eine von ihnen, eine hünenhafte Gestalt, streifte die Florhülle zurück, um in durstigen Zügen ein Glas Wasser hinunterzustürzen, welches auf dem Nachttische stand. Melanie war regungslos dagelegen, die Angst hatte ihre Kehle zugeschnürt. In dem Augenblick aber, wo sie die Gesichtszüge des Trinkenden deutlicher unterschied, richtete sie sich mit einem leisen Schrei der Ueberraschung empor, und ihren Lippen entfuhr der Ausruf: „Herr Nöllingl" Der Angerufene, welcher ebensowenig wie sein Begleiter darauf gefaßt war, das Zimmer bewohnt zu finden, zuckte zusammen. Hastig den Flor wieder über sein Gesicht ziehend, stürzte er lautlos auf das Bett zu und erhob unter einem leisen Fluche die mit einem Brecheisen bewaffnete Hand zum tödtlichen Schlage. Melanie faltete die Hände mit flehender Geberde. Sie bot in ihrer Schönheit und unschuldsvollen Jugend ein so rührendes Bild, daß ein Herz von Stein dazu gehört hätte, sie in diesem Augenblicke" erbarmungslos hinzumorden. „Sie kennen mich?" zischte der Mann. „Ja, ich kenne Sie," stammelte sie, „ich bin Melanie Rettbekg." „Edmund's Schwester!" murmelte Nölling und ließ die bewaffnete Hand langsam Herabfinken. Wohl kannte er Melanie, welche er bei ihrem Bruder ein paar Mal gesehen, aber er hatte sie hier so wenig gesucht und in ihrem Nachtgewand und mit dem aufgelösten Haar erschien sie ihm so ganz anders, daß erst ihr Name ihm den Schlüssel zum Wiedererkennen ihrer Züge lieferte. „Das fügt sich unglücklich!" flüsterte er. „Die Schwester meines Freundes wäre die letzte, der ich etwas 467 zu Leide thun würde. Wenn ich aber Ihres Lebens schone, und Sie verhelfen mir dafür hinter Schlotz und Riegel, Fräulein, so wären Sie, bei meiner armen Seele! noch schlimmer als ich!" „Ich will nie ein Wort gegen Sie aussagen, so wahr Gott mir helfe!" betheuerte Melanie leise. „Aber — was Sie auch in diesem Hause vorhaben mögen — versprechen Sie mir, daß Sie auch das Leben Anderer schonen wollen." „Ich habe meine Hand noch nie mit einem Morde befleckt," erwiderte Nölling, „und hoffentlich wird's auch hier ohne solche traurige Nothwendigkeit abgehen. Was nun Ihr Versprechen anlangt, so will ich der Schwester meines Freudes Glauben schenken." Er trat vom Bette zurück und besprach sich eine Weile flüsternd mit seinem Genossen, welcher Einwendungen zu erheben schien. „Bleiben Sie ruhig, Fräulein, es geschieht Ihnen nichts," wandte sich Nölling wieder an das zitternde Mädchen, worauf er durch die Balkonthür verschwand und nach einiger Zeit mit einem dritten Manne zurückkehrte, dessen Gesicht ebenfalls von schwarzem Krepp um- schleiert war. „Und nun, Fräulein, stehen Sie auf und kleiden Sie sich an," flüsterte Nölling. „Meine Begleiter sind nicht so vertrauende Leute wie ich; sie wollen Sie hier nicht zurücklassen, sondern bestehen darauf, daß Sie mit uns gehen, sobald wir unser Geschäft besorgt haben. Beeilen Sie sich und seien Sie ohne Furcht, denn es wird Ihnen kein Leid geschehen." Das Licht auslöschend, schlich er mit seinen beiden Genossen auf den Corridor hinaus. Der Zuletztge- kommene mit dem Namen „Don Carlos" blieb draußen vor Melanie's Thür als Wache zurück. Noch immer wie halb gelähmt von dem ausgestandenen Schrecken, stand Melanie auf, um sich anzukleiden, so gut es im Finstern ging; in ihrer seltsamen Situation, wo sie wußte, daß es sich um ein Verbrechen handle, welches sie schweigend geschehen lassen mußte, kam sie sich vor, als habe sie selbst Antheil daran, obgleich sie es nicht zu hindern vermocht hätte; ein einziger lauter Schrei würde ihr das Leben gekostet haben, ohne die Einbrecher von ihrem Vorhaben zurückzuhalten. Noch war sie mit dem Ankleiden nicht fertig, da öffnete sich auch leise die Thür, und ihr Wächter trat ein. „Vorwärts jetzt, es ist Zeit!" raunte er ihr zu. „Treten Sie leise auf und verhalten Sie sich still, sonst — Er ergriff sie am Arme und führte sie geräuschlos die Treppe hinab und durch die geöffnete Hausthür ins Freie. Am Ende der Pappclallee wartete ein mit zwei Pferden bespannter Wagen; daneben stand ein Mann, welcher auf die Pferde Acht gab. Nachdem Melanie den Wagen bestiegen, begab sich ihr Begleiter, wieder nach dem Hause und kehrte nach einer Weile mit Nölling und dessen Genossen zurück. Alle drei waren mit Säcken beladen, deren Inhalt einen metallenen Klang von sich gab, als die Säcke im Wagen untergebracht wurden. Die vier Männer stiegen ein, Nölling nahm auf dem vorderen Sitze seinen Platz neben Melanie, ergriff Zügel und Peitsche, und — fort ging es in scharfem Trabe. Kein Wort ward unterwegs gesprochen. Als Nölling bemerkte, daß Melanie ohne Mantel war, hüllte er sie zum Schutze gegen die Nachtkühle schweigend in eine Decke. Nach längerer Fahrt traten die Thürme und die Häuserumriffe der Kreisstadt aus der Dunkelheit hervor. Nölling umfuhr die Stadt in den verschiedensten Richtungen, bis der Wagen endlich vor einem Gehöfte Halt machte, dessen Einfahrtsthor sogleich wie von unsichtbaren Händen geöffnet wurde. Im Hofe stiegen Melanie's Begleiter ab und verschwanden mit ihren Lasten im Hause. Nölling half ihr vom Wagen und führte sie in ein Zimmer, in welchem ein Licht brannte. „Ich habe also Ihr Wort, Fräulein," begann er, „daß Sie nichts zu meinen Ungunsten aussagen werden." „Keine Silbe, womit ich einen Verrath an Ihnen begehen könnte, soll über meine Lippen kommen, wenn es sich nur um das Eigenthum und nicht um das Leben Anderer handelt, das versichere ich auf meine Ehre!" „Gut, gut, damit bin ich zufrieden," nickte Nölling. „Und nun sehen Sie, was ich da habe." „Dies hier ist der Wechsel, den Ihr Bruder gefälscht hat. Der feine Herr, der sich diese Nacht im Göllnitzer Herrenhause einquartiert hatte, bewahrte ihn sorgfältig auf, um Ihren Bruder in's Zuchthaus zu bringen, falls er nicht an Ihnen zum Verrüther werden wollte." Lächelnd drehte er den Wechsel zusammen und hielt ihn wie einen Fidibus an's Licht. Im Nu ging der Hauptbeweis von Edmund's Verbrechen in Flammen auf. „Da ist noch ein kleiner Zettel," fuhr Nölling fort, „auf welchem Ihr eigener Name steht. Wahrscheinlich sollte er auch bei irgend einer Schurkerei mitspielen." Ehe er auch dieses Papier der Flamme überlieferte, zeigte er es Melanie, und diese erkannte anf dem abgeschnittenen Streifen die Zeilen wieder, die sie gestern Abend an Maitland geschrieben hatte. „Und dieses Stück Papier," schloß Nölling, auf ein drittes Blatt weisend, „ist eine Art Sündenbekeunt- niß, das Maitland Ihren Bruder unterzeichnen ließ. Auch das geschah, um Sie in seine Gewalt zu bekommen. Es möge den Weg seiner beiden Vorgänger wandeln." Im gleichen Augenblick flackerte auch dieses letzte Zeugniß von Edmund's Schuld auf, und nur schwarze Flocken schwebten noch davon umher. „So!" lachte der Necke, „nun ist der ganze böse Zauber gebrochen." In der ihr eigenen heftigen Aufwallung von Dankbarkeit stürzte das junge Mädchen auf ihn zu, ergriff seine rauhe Hand und drückte sie an ihre Lippen. „Unsinn! Unsinn!" rief er, sie sanft abwehrend. „Aber lassen Sie sich vor diesem verdammten Schurken, dem Maitland, warnen, Fräulein. Er ist schlimmer als Unsereiner. Er hatte Ihren Bruder vollständig in der Schlinge, und durch ihn wollte er Sie in seine Gewalt bekommen!" „Wissen Sie etwas über meinen Bruder?" fragte Melanie. „Er hat seine Reise nach Amerika in England unterbrochen Und befindet sich wieder in Berlin in seiner alten Wohnung," gab Nölling zur Antwort und erklärte hierauf dem erstaunt zuhörenden Mädchen das ganze Manöver, welches von Maitland zur Entdeckung ihres Aufenthaltes in's Werk gesetzt worden war. „Nun muß ich fort," sagte er am Ende seines kurzen Berichtes; „es ist nöthig, daß Sie noch einige Zeit hier bleiben; noch vor Tagesanbruch wird Sie jemand nach der inneren 468 Stadt führen, dann sind Sie frei. Bis dahin lassen Sie sich nicht bange sein; ich habe Ihnen gesagt, daß Ihnen nichts geschehen wird, und ich halte mein Versprechen — " „Und ich das meinige!« ergänzte Melanie, ihr Wort mit einem Händedruck besiegelnd, worauf der Niese sich verabschiedete, die Thür hinter sich abschließend. XXVII. Es war noch völlig dunkel, als Melanie aus ihrem Gefängniß erlöst wurde. Ihr Befreier war ein bäuerisch gekleidetes weibliches Wesen mit einem bunten, unter dem Kinn zugebundenen Kopftuche, welches von dem Gesicht seiner Besitzerin so wenig frei ließ, daß sich Aussehen und Alter derselben schwer hätten bestimmen lassen. Die Frau winkte Melanie mit der Hand, ihr zu folgen, und führte sie stumm durch ein solches Gewirr von Hinter- und Ncbengüßchen, daß es Melanie unmöglich gewesen wäre, den Weg nach dem eben verlassenen Gehöft zurückzufinden. Der Tag dämmerte bereits, als eine lang sich hin- dehnende, meist von hohen Häusern gebildete Straße erreicht war; hier machte die schweigsame Führerin Melanie ein Zeichen, daß sie dieser Straße folgen solle, und wandte sich zurück, um an der nächsten Ecke zu verschwinden. Der ihr angedeuteten Richtung folgend, gelangte Melanie auf den Marktplatz, auf welchem sich mehrere Gasthöfe befanden. Aus einem derselben kam eben ein vierspänniger Postwagen herausgerollt. Ueber dem Thore prangte die Inschrift: „Gasthaus zur Post.« Melanie ging auf das alterthümliche Haus zu und erreichte dasselbe eben, als ein Mädchen in schneeweißer Schürze- mit Brustlatz und gekreuzten Achselbändern, welches dem Postwagen nachgeblickt hatte, sich von dem Thorweg wieder in den Durchfahrtsflur zurückziehen wollte. „Können Sie mir vielleicht sagen,« wandte Melanie sich an das Mädchen, „wann die Post abgeht, die durch Göllnitz fährt?« „Da haben Sie noch bis zehn Uhr Zeit, Fräulein,« antwortete das Mädchen zuvorkommend, „wollen Sie nicht in die Gaststube eintreten? Oder wünschen Sie einstweilen ein Zimmer?« Melanie nahm den letzteren Vorschlag sehr gern an und ließ sich von dem Mädchen ein in den höheren Stockwerken gelegenes Zimmer anweisen. „Ist Ihnen vielleicht Kaffee gefällig?« fragte das Mädchen. Melanie bat um eine Tasse Kaffee mit etwas Gebäck und begann nach der Entfernung des Mädchens vor dem Spiegel ihr Haar zu ordnen. Nach einer Viertelstunde kam das bestellte Frühstück, welches sie sich trefflich schmecken ließ. Wahrend sie noch dem Gebäck zusprach, griff sie in die Tasche ihres Kleides — und da quoll ihr plötzlich der Bissen im Munde, denn sie hatte eben entdeckt, daß sie ohne Geld war. Sie erinnerte sich, daß sie auf ihrer Reise nach Göllnitz das Portemonnaie in ihrem Regenmantel getragen und es herauszunehmen vergessen hatte. Der Gedanke, sich durch die Annahme des Zimmers und des Frühstücks eine Schuld aufgeladen zu haben, die sie nicht bezahlen konnte, und auch nicht die Mittel zur Rückkehr nach Göllnitz zu besitzen, machte sie siedend heiß. Bei ihrer Gewohnheit, ihre Ringe vor dem Schlafengehen abzulegen, sah sie sich nicht einmal im Stande, wenigstens ein Pfandobjekt zu hinterlassen, wenn sie auch den weiten Weg hätte zu Fuß zurücklegen wollen. Melanie zog die Klingel und fragte das eintretende Mädchen, ob sie mit der Frau des Hauses ein paar Worte reden könne. „Die Madame schläft noch," erwiderte das Mädchen, „es gab gestern Abend ein Abschiedsessen und da ist sie spät zu Bett gekommen, aber der Herr ist schon wach.« „Ich möchte lieber mit der Frau sprechen,« ent- gegnete Melanie nach kurzem Bedenken. „Gut; ich werde eS ihr sagen, sobald sie aufgestanden ist.« . . . Viertelstunde auf Viertelstunde schlich dahin. Endlich erschien die so sehnlich und doch so angstvoll Erwartete. Sie war eine große, überaus korpulente, sehr gut gekleidete Fünfzigerin, deren mit einem Doppelkinn gesegnetes Gesicht den Eindruck herber Ehrbarkeit machte. „Womit kann ich Ihnen dienen?" fragte die Wirthin, indem sie die junge Dame neugierig von Kopf bis zu Fuß betrachtete. Melanie hatte sich vorgenommen, frei und unbefangen vom Herzen weg zu sprechen, aber trotzdem sank ihr Ton zur Schüchternheit herab, während sie erzählte, daß sie wider ihren Willen in diese Stadt gekommen sei und unglücklicher Weise ihr Portemonnaie zurückgelassen habe. „Ich befinde mich nun in doppelter Verlegenheit,« schloß sie, „denn ich möchte mit der nächsten Post nach dem Gute Göllnitz zurückkehren, wo ich bei Herrn Teßner zu Besuch weile. Wollen Sie mir das unbedeutende Fahrgeld nicht vorstrecken, so bitte ich Sie, mir wenigstens meine kleine Zeche zu creditiren; ich werde Ihnen das Geld gleich nach meiner Heimkunft schicken. Leider habe ich nichts bei mir, was ich Ihnen einstweilen als Pfand zurücklassen könnte.« Die Wirthin hatte, während sie zuhörte, den Mund fest zusammengezogen und stieß jetzt ein ominöses: „So, so!« aus. „Ich leihe grundsätzlich Niemandem Geld, Fräulein.« sagte sie, „übrigens pflegt man, wenn man auf Reisen geht, zu allererst Geld zu sich zu stecken.« Es blieb nun Melanie nichts anderes übrig, als zu berichten, daß diese Nacht bei Herrn Teßner eingebrochen worden sei und daß die Einbrecher sie aus Furcht, von ihr verrathen zu werden, mit sich genommen und an einem Orte, den sie nicht anzugeben wisse, abgesetzt Hütten. „So, so!« lautete sehr frostig wieder die Antwort der Wirthin, welche der abenteuerlichen Geschichte mit mißtrauischer Miene zugehört hatte. „Nun, ich will einmal mit meinem Manne über die Sache reden.« Es lag etwas im Tone dieser Worte, was eher einer Drohung als einer Vertröstung ähnelte. Als die Wirthin in die Gaststube hinabkam, fand sie ihren Gatten in eifrigem Gespräch mit einem vornehm aussehenden Herrn, welcher stehend eine Tasse Kaffee zu sich nahm. „Vor 8 Uhr finden Sie den Polizeicommissar nicht auf seinem Bureau,« sagte der Wirth. „Solangewerden Sie sich also gedulden müssen. — Du, Frau," wandte er sich an seine Gattin, „denke Dir nur, diese Nacht ist auf dem Gute Göllnitz eingebrochen worden; die Diebe haben dem alten Teßner zwölftausend Mark aus dem 469 Kassenschranke gestohlen, sämmtliches Silberzeug mitgenommen —" „Daß Gott erbarm'!" rief die Wirthin. „Dann ist die Geschichte doch wohl wahr, die mir eben das junge Frauenzimmer in Nr. 27 erzählt hat. Sie sagt, die Spitzbuben hätten sie mit fortgeschleppt —" „Fortgeschleppt?" unterbrach sie hastig der fremde Herr. „Ein junges Frauenzimmer? Wo ist sie? Wie sieht sie aus?" „Sie ist hier im Hause," antwortete die Wirthin, „ich wollte ihr die Sache nicht glauben. Sie sieht zwar sehr unschuldig aus mit ihrem feinen Gesichtchen und mit dem goldblonden Haare, aber —" „Kein Zweifel, es ist Fräulein Nettberg I" rtef der Fremde. „Ich muß das Fräulein sogleich sprechen. Führen Sie mich zu ihr." Die junge Dame in Nr. 27 hatte durch diesen Zwischenfall im den Augen der Wirthin sehr gewonnen. „Jedenfalls muß ich erst fragen," erwiderte sie, „ob das Fräulein Sie zu so früher Stunde empfangen will, und mir Ihren werthen Namen auskitten." „Mein Name ist Maitland," war die ungeduldige Antwort. „Einen Zweifel darüber, ob das Fräulein mich zu sehen wünscht, gibt es nicht." Er folgte der Wirthin die Treppe hinauf. Diese öffnete die Thür von Nr. 27 so weit, daß gerade ihre stattliche Person hindurch konnte, Maitland aber draußen bleiben mußte. „Wenn Sie Fräulein Äettberg sind," redete sie die schüchterne Zimmerbewohnerin an, „so ist hier ein Herr, der Sie zu sprechen wünscht. Er nennt sich Maitland." Melanies Miene verrieth deutlich, daß ihr dieser Besuch sehr unwillkommen sei, aber noch ehe sie antworten konnte, riß Maitland der Wirthin ungestüm die Thür aus der Hand und schritt, sich an ihr vorüber- drängend, auf das junge Mädchen zu. „Wie preise ich den glücklichen Zufall, der mich Sie hier finden ließ!" rief er, und es lag so viel wirkliche Freude in seiner Miene, daß Melanie ihm ihre Hand nicht zu verweigern vermochte. Da die Wirthin inzwischen verschwunden war, so drückte er seine Lippen darauf. Melanie wollte ihre Hand augenblicklich zurückziehen, aber er hielt sie fest in der seinigen. „O, Melanie," sagte er, sie nach dem Sopha führend, „was habe ich seit heute Nacht Ihretwegen gelitten!" Die junge Dame erröthete und zitterte, denn sie fühlte, daß ein Augenblick der Prüfung nahte. „Melanie, theure Melanie, es kann Ihnen nicht verborgen geblieben sein, daß ich Sie liebe, mit einer Leidenschaft und Innigkeit liebe, wie ich sie vorher noch nie für ein Weib empfunden habe. Sie sollen über mich gebieten, ich will der Sclave Ihrer Wünsche sein. Lassen Sie uns vereint durch's Leben gehen, Melanie, durch keines der kalten gesetzlichen Bande gebunden, sondern durch den edleren, stärkeren Impuls überwältigender Leidenschaft, die sich über die eitlen Ceremonien der sog. Gesellschaft hinwegsetzt, unzertrennlich aneinander gefesselt! — Ich lege Ihnen mein Vermögen, mein Leben, mich selbst zu Füßen. Lassen Sie nur den leisesten Wunsch vernehmen, und er soll im Augenblick erfüllt werden! Nein, Geliebte, bebe nicht aus meinen Armen zurück; einmal doch laß mich Dich an mein Herz pressen, das für Dich, nur für Dich flammt und glüht!" Aber während er mit wachsender Leidenschaft zu ihr sprach, wich Melanie vor ihm zurück. Wie sehr er auch unter unbestimmten, aber glühenden Worten seinen Antrag verschleierte, so verstand sie, gewarnt wie sie war, ihn nur zu gut und erkannte, daß alles wahr sei, was man ihr über ihn gesagt hatte. Sie stand vor ihm und betrachtete ihn mit einer Miene der Verachtung und des Abscheus. (Fortsetzung folgt.) -—8S88NS--- Irernde Klänge. »Mir ist die Welt gekreuzigt und ich der Welt.' Paulus. Der müde Tag geht nun zur Ruh', Im Garten schlafen die Rosen, Verirrte Töne trägt mir zu Der Wind mit Flüstern und Kosen. AuS lichtern Räumen kommen sie her, Flüchtlinge sind sie im Dunkel, Mir schimmert die kleine Lampe nur mehr Und oben der Sterne Gesunkel. Und denen sie rauschten, haben sie Die Sorgen wohl alle vertrieben, Oder sind bei ihrer Melodie Die Herzen verstimmt geblieben? Vor'm Hause der Springguell steigt ohne Rast Und fallet plätschernd nieder, Ich lausche gern, sein einziger Gast, Auf seine geheimen Lieder. Er hat zum Dank in der Einsamkeit Manch' stilles Wort mir vertrauet, Dann hat die Seele auS dieser Zeit Jn'S Reich des FricdenS geschauet. Adolph Müller. --SMNS--- Reise-Skizze des bayerischen Pisgerznges nach Lonrdes 1894. (Schluß.) Und nun hinein eiligen Schrittes zur Stadt; es war 10 Uhr Nachts geworden. Jeder eilte, der Eine zu Wagen, Andere zu Fuß, mit dem Gepäcke auf den Bahnhof. 11 Uhr Nachts fuhren wir in Lourdcs ab — in unserm rasch dahinsausenden Extrazng. Wir durch- flogen die vom Mondschein beleuchteten Landschaften — einige Zeit längs den Pyrenäen, deren schneebedeckte Ntesenberge sichtbar waren; — es wurde still in den Waggons, die Meisten waren in Schlaf versunken; wir passirten Toulouse, wo nur wenige Minuten Aufenthalt war, Carcassonne, Narbonne, Beziers. Inzwischen war es Tag geworden. Von Beziers fuhren wir nach Cette, kamen dort an Mittags um 12 Uhr; Aufenthalt eine Stunde 50 Min. Da konnte man sich restauriren mit Wein oder Speisen, Stadt und Umgebung beschauen; Andere gingen anS Meer, um dort Muscheln u. A. zu suchen! Der Anblick des Meeres fesselt immer wieder anf's Neue. Mit Andacht preiset man gleich dem königlichen Psalmisten die Allmacht Gottes. „Ihr Meere und Flüsse, preiset den Herrn! Ihr Walfische und Alles, was sich in den Wassern regt, preiset den Herrn, lobet und erhebet ihn über Alles in Ewigkeit!" Wie feierlich ertönen auf dem Meere die Worte der hl. Schrift: „Es erheben die Ströme, o Herr, ihre Stimme; die Ström- ungcn erheben ihre Wellen im Brausen vieler Wasser. Wunderbar ist der Aufruhr des Wassers, wunderbar der Herr in der Höhe." Dieses Mittelmeer haben wir überquert im Jahre 1880 auf einer Palästinareisei Seltsame, erhebende Gedanken erfassen den denkenden Menschen auf dem Meere; man fühlt sich angeweht vom Odem der Ewigkeit, für welche das Meer, das unermeßliche, ein Gleichnis; ist, da sie nie aufhört, auch nicht, wenn so viele Jahrtausende verflossen sind, als das Meer Wassertropfen enthält; hier lernt man von Herzensgrund beten zum Allmächtigen, dessen Hand das Schiff und seine Bewohner führt über die sturmbewegtcn Wellen zum sicheren Hafen und vor Unglück bewahrt (Sturm, Blitz, Brand, Klippen, Sandbänke rc.). Jenseits des Mittelmeeres liegt Nordafrika (Marokko, Algerien, Tunis, Tripolis), Aegyptcn, sodann Asien mit dem heiligen Lande Palästina. Ueber Montpellier nach Avignon. Hier benutzten Mehrere den Aufenthalt von 1 Stunde 40 Min., um sich die Stadt zu besehen. Die Stadt zählt 33,000 Einwohner, ist am linken Ufer der hier mit einer prächtigen Drahtbrücke überspannten Rhone, liegt malerisch am steilen Abhang eines 60 rn hohen Kalkfelscns, der das mächtige Schloß der Päpste und die Kathedrale Notre Dame trägt. Die .Stadt selbst hat noch die alten, thurmbewehrten Mauern ihrer Glanzzeit und die schmalen Straßen des Mittelalters; aber vom Bahnhöfe zieht die schöne breite Straße de la Republique schnurgerade durch sie hindurch über den Nathhausplatz bis zum Felsen mit der Papsiburg. Zu Wagen gelangt man in etlichen Minuten vom Bahnhof aus hinauf. Dieser Palast ist ein weithin das Land beherrschender, majestätisch aufragender Bau, 1336—64 von den damaligen Päpsten errichtet, breit und verschlossen mit wenigen und schmalen Spitzbogen- fenstern, großen Blendbogen, ernsten, bräunlichrothen Mauerflächen, sechs massigen, viereckigen Thürmen; zur Zeit ist die Burg Kaserne, soll aber eine andere Bestimmung erhalten. Die Erlaubniß zum Besuch hat man im Nathhaus, Hotel de Wille, zu holen; wir hatten hiezu keine Zeit. Der Consistoriumssaal soll sehr berühmte Fresken enthalten; außer vielen Nebensälen sei beachtens- werth der Nathssaal, die Galerie des Conclave, der nördliche Flügel mit mehreren Kapellen, die päpstliche Kapelle, die Kapelle des hl. Officiums und die Tour de Trouillas. Nördlich von der Papstburg ist die Kathedrale Notre Dame mit prachtvollem romanischem Portal; das Schiff zeigt das System der romanischen Kirchen Südfrankreichs, die schmalen Seitenschiffe sind in Kapellen umgewandelt; neben der Sakristei das Mausoleum Johanns XLII., ein Prachtwerk von Marmor in gothischem Stil, von graziöser Leichtigkeit, aus dem 16. Jahrhundert. Von den Päpsten, welche hier residirten, nennen wir Benedikt XII., Clemens VI., Jnnocenz VI., Urban V. u. A. Aus der Kirche auf die Promenade mit Gartenanlagen, Springbrunnen, herrlicher Aussicht. Zurück in die Stadt, dessen Museum Calvet sammt dem nahen botanischen Garten Andere besuchen, denen mehr Zeit gegönnt ist. Die Straßen sind sehr belebt, wir gewahren sehr viele Officiere und Soldaten. Wir kommen noch rechtzeitig auf dem Bahnhof an; ein Oberst fragt uns, ob wir Preußen seien? Wir antworten: äs Lrrvisro, ^utrissis, aus Bayern und Oesterreich I trss Uion, sagt er, und unterhält sich mit uns noch kurze Zeit, bis es heißt: „en voitures", in die Wagen; der Zug geht ab über Valence nach Lyon, wo wir Nachts 11 Uhr 26 Min. ankommen. In Lyon kamen ein paar Herren wieder zu uns, die von Lourdes aus einen Abstecher nach Marseille gemacht hatten. Nach eiuem Aufenthalte von 25 Minuten dampfte der Expreßzug weiter; seit Cette hatten wir wieder die wohnlichen Lyoner Wagen, in denen wir eS uns bequem machen konnten; Alle überließen.sich dem Schlafe bis zur Greuz-Station Bellegarde, wo wir die Schweizer Waggons besteigen mußten. Eiligst fuhren wir weiter nach Genf, vorbei an gewaltigen Bergriesen (Montblanc), die blaue Flnth des See's bewundernd, die schmucken Landhäuser wie die ausgedehnten Weinberge und Gärten mit Vergnügen betrachtend. Nach 4 Uhr waren wir in Genf angekommen, verließen es nach dreiviertelstündigem Aufenthalte; die Landschaft am See bietet ein unvergleichlich schönes Bild; wir sehen das hübsch gelegene schöne Lausanne; später entschwindet der See unseren Blicken; in Freiburg erreichen wir die deutsche Sprachgrenze. Es war nicht möglich, länger anzuhalten, sonst wären wir gerne wie die Pilger von 1880 betend zum Grabe des seligen Petrus Canisius in Prozession gezogen, der ja auch ein Apostel Deutschlands war, in Bayern den Irrlehren entgegenwirkte und zuletzt, am Ende seines thatcnreichen Lebens, auch den Kanton Freiburg zum katholischen Glauben zurückgeführt hat. Sein Andenken lebt besonders in der Stadt Augsburg und in der ganzen Diözese fort, wo er so viel gewirkt hat für den kathol. Glauben, ebenso in Jngolstadt, Landshut. Wir fahren sodann durch fruchtbare Gefilde, eilen vorbei an Bern, der Bundeshauptstadt, Vorm. 9 Uhr 48 M., erreichen den lieblichen Vierwaldstütter-See und verweilen eine Viertelstunde im schönen Luzern. Einige Herren wollen den See befahren und uns bis Einsiedeln nachfahren. Die Fahrt führte an den Ufern des See's hin, den viele Fahrzeuge belebten; von dem diesseitigen langgestreckten Ufer winkten eine Reihe freundlicher Ortschaften herüber; sodann ging es in sanfter Steigung aufwärts, mit dem Ausblick nach dem Nigi, vorbei an Station Goldau; — welcher Unterschied in der Vegetation hier, im Vergleich zu Frankreich! — wir sahen Tausende von Kirschbäumen! Endlich gelangen wir nach vierund- dreißigstündiger ununterbrochener Fahrt, während der wir zwei Nächte in dem stets rollenden Zuge verbracht hatten, nach Einsiedeln, Nachmittags vor 4 Uhr. Es ist ein lieblicher, an einen Hügel malerisch hingestreckter Ort, gekrönt von der großen Wallfahrtskirche, vor welcher ein großer freier Platz sich erstreckt, der durch einen hübschen monumentalen Brunnen geschmückt ist. Hier sind die Geschäftshäuser der großen Firma Benziger, in der ganzen katholischen Welt bekannt. Nachdem die Pilger in verschiedenen Quartieren gut untergebracht waren, eilten Alle, um ihre Begrüßuugs-Audacht vor dem Gnadenbilde zu verrichten. Abends 6 Uhr beteten wir gemeinsam den Rosenkranz. Jeder suchte zeitig nach eingenommenem Abend-Imbiß die Lagerstätte auf, um von der langen Fahrt auszuruhen. Morgens 5 Uhr eilten die Pilger wieder zu der großartigen Kirche, wo an vielen Altären heilige Messen celebrirt wurden. Alle waren erstaunt über die Größe und Schönheit dieses prächtigen Tempels, in dessen Mitte die Kapelle mit dem gold- strahlenden Gnadenbilde der Himmelskönigin Maria mit dem Jesukinde sich befindet, stets umlagert von Andächtigen. Wir Lourdes-Pilger hatten gewiß Grund, eine herzinnige Danksagung hier abzustatten für den glücklichen Verlauf unserer großen Wallfahrt, während welcher wir den Schutz Mariens so reichlich erfahren hatten. Auch hier, au dieser marianischen Gnadenstätte, sind schon Tausende in ihren Gebeten erhört worden und haben wunderbare Hilfe gefunden durch Mariens Fürbitte in leiblichen und geistlichen Nöthen; Tausende wallfahrten alljährlich hierher aus der Schweiz, Süddeutschland, Oesterreich, Italien und Südfrankreich; Tausende empfangen alljährlich hier die hl.Sakramente. Wir erwähnen noch die einzelnenAltäre. Beim Eintritt in die Kirche links ist der Nosenkranzaltar, aus Marmor, vorzüglich für den Pfarrgotkesdienst bestimmt, hier ist das Allerheiligste aufbewahrt; ferner der St. Josephsaltnr mit dem Neliquienschrein des hl. Blutzeugen Dionys; der St. Konrads-Altar; der hl. Bischof ward im Jahre 948 berufen, die Kirche zu weihen, was in Folge einer Vision unterblieb; der Altar St. Meinrads, des Stifters von Einsiedeln, mit trefflichen Statuen; ein anderer Altar ist Kaiser Heinrich II., dem Heiligen, geweiht; der folgende ist der Altar des Kirchenpatrons, des hl. Mauritius, neben demselben führt ein Flügelthor in eine geräumige Settenkirche mit 29 Beichtstühlen; der hl. Kreuzaltar mit Reliquien. Imposant ist der herrliche Hochaltar, aus feinen Marmorarten gefertigt, im Tabernakel das Sauctissimum, im Hintergründe das Altarbild „Maria Himmelfahrt"; neben demselben der Oelbergaltar; der zehnte Altar ist dem hl. Burgunderköuig Sigismund geweiht, -j- 530, mit dem Leibe der hl. M. Candida; es folgen der Herz Jesu- Altar, der St. Benedictus-Altar, der Herz Maria-Altar, St. Anna-Altar, der Schutz-Altar zu Ehren der Beschützerin der Christen, Maria. Diese 15 Altäre umgeben die Gnadenkapelle mit dem Gnadenbilde, vor welchem schon St. Meinrad so viel gebetet hat. Am Sigismund- Altare werden täglich die Devotionalicn geweiht. Die Wallfahrtskirche erfreut sich des Privilegiums der 7 Kirchen. Nach kurzer, herzlicher Abschiedsandacht mußten die Pilger eilen, um rechtzeitig zum Bahnhof zu gelangen. Viele waren ja schon früher in Einsiedeln gewesen. Freitag den 20. April fuhren wir in Einsiedeln ab um 7 Uhr 33 M. und gelangten über Wädensweil um den Züricher See herum, den Ausblick auf dessen reizende Gestade mit zahlreichen Ortschaften und blühenden Obstbaumgärten genießend. Ankunft in Zürich um 9 U. 45 M. Vorm. Hier gesellten sich zu uns ein paar zurückgelassene Pilger, die in Genf das Abfahrtssignal überhört hatten in der Restauration. Im hiesigen Bahnhof war Gelegenheit gegeben, sich zu restauriren. Von Zürich fuhren wir ab um 10 Uhr 18 Min. Weiter ging die Fahrt auf derselben Linie, wie herwärts, durch schöne, im Frühlingsschmucke prangende Landschaften, vorbei an Städten, Dörfern und Stationen, viel schneller und mit weniger Anhalten, als bei der Herfahrt, bei günstiger Witterung. Nach 2 Stunden, um 12 Uhr 35 Min., erreichte der Zug Nomaushoru. Freudig begrüßten wir den Bodensee und seine schöne Umgebung. Zwei geräumige Dampfer nahmen uns auf, um uns bei lieblichem Sonnenschein ins deutsche Vaterland hinüber- zuführen. Während der ruhigen Ueberfahrt wurden von vielen Pilgern nochmals Wallfahrtslieder gesungen, mit weithin tönendem Schalle. Alle erfreuten sich an der herrlichen, erquickenden Seefahrt, die nur 100 Minuten dauerte. In Lindau angekommen, begrüßten wir mit Hochgefühl die weiß-blaue bayerische Fahne. Weiß-blau ist die Farbe des Himmels, weiß-blau ist die Farbe der Muttergottes, die in weißem Gewände mit hellblauem Gürtel geschmückt erschienen ist zu Lourdes! Weiß-blau ist die Farbe unseres engern, lieben Vaterlands Bayern! Nach geschehener, gütiger Zollrevision bestiegen wir, von Bekannten und vielen Zuschauern empfangen und zum Bahnhof begleitet, voll Zufriedenheit die bequemen bayerischen Wagen; manche Pilger aus den Seegegenden und ' aus Vorarlberg, Württemberg verließen uns. Der Zug eilte durch's liebliche Allgäu mit seinen schönen landschaftlichen Scenerien, nach kurzem Aufenthalt in Jmmcn- stadt und Kempten, wo wieder Viele den Pilgerzug verließen. An den Stationen und aus manchen Häuser» der angrenzenden Ortschaften waren wir freundlich begrüßt worden mit Tücherschwenken und Zurufen. Verfasser dies hatte in 5 Correspondenzartikeln an die katholischen Augsburger Zeitungen — aus Lyon und Lourdes — unsern bayerischen Landsleuten, und speciell den Angehörigen der Pilger, Kunde gegeben von dem Verlaufe der Pilgerreise, von unserer Rückreise und Ankunftszeit an den bayerischen Hauptstationen, so daß man allerorten genau orientirt war. So war auch kurze Rast in Bieffenhofen und Kaufbeuren. Endlich um 8 Uhr 15 Min. abends (20. April) erreichten wir gottlob wieder den Ausgangspunkt, — nunmehr die Endstation Buchloe —; die Pilger trennten sich mit kurzem und herzlichem Abschiede. Von hier begaben sich die Theilnehmer wieder in ihre Heimath, mit Benützung der Abendzüge. Viele konnten aber erst andern Tags heimkommen und mußten in München oder Augsburg übernachten. Dem hochw. Herrn Director Beyrer und dem ganzen Comitö, den Herren Hackl, Sibold, Sontheim, Präg, Chordirector Preinfalk rc., gebührt in hohem Grade Dank und Anerkennung für so viele Mühe und Aufopferung. Der Geist des Pilgerzuges war ein recht guter, ein allgemeines friedliches Zusammenleben; man fühlte sich wie eine Familie, obgleich wir verschiedenen Ländern an» gehörten. Dank auch der kaiserlich deutschen Botschaft in Paris; dieselbe hatten wir vor der Abreise von dem beabsichtigten Pilgerzug (10.—21. April) benachrichtigt, uns unter ihre Protektion gestellt, was auch für künftige Karawanen zu empfehlen ist. Wie das Bayernvolk die Muttergottcs Maria als Landes-Patronin verehrt, so war und ist auch das Königliche Haus Wittelsbach von jeher der heiligsten Jungfrau ergeben. Auch die Allerhöchsten Herrschaften haben Kenntniß genommen von dem bayerischen Pilgerzug nach Lourdes und der in der Basilika dort celebrirten heiligen Messe für daS kgl. Haus, wie die Obersthofmeisterin Gräfin v. Oberndorff dem Celebranten Pfarrer M. zu G. am 8. Mai mittheilte: „Im Auftrage I. K. H. Prinzessin Therese und im Auftrage Sr. K. Hoheit des Prinz- Regenten vielmals für die loyale Kundgebung und die Gebete (heilige Messe) verbindlichsten Dank aussprcchend; daß Ihre Königlichen Hoheiten für Alles hocherfreut und dankbar waren!" Auch von diesem zweiten bayer. Pilgerzuge kehrte jeder Theilnehmer hochbefriedigt heim. Für alle Opfer, alle Anstrengungen und Entbehrungen haben sie reichlichen Segen für sich und die Ihrigen geerntet! Sie haben dort am heiligen Gnadenorte gutes Beispiel gegeben, wie das „Journal de Lourdes" vom 22. April — 472 4 schreibt: „Diese Bayern seien wahre Pilger gewesen; «an habe nicht leicht in Lourdes einen andächtigeren Wallfahrtszng gesehen, als den bayerischen, der ein wahrhaft gutes Beispiel gegeben." Viele Tausende reisen jährlich in Bäder, oder auf Berge zur Luftkur; — wir haben den Pilgerstab in die Pyrenäen getragen, dort hin, zum wunderbaren Gnadenfelsen, dem Heiligthum der Himmelskönigin, hat es uns hingezogen mit magnetischer Gewalt, u. haben himmlische Luft eingenthmet. Jeder Pilger hat durch diese Wallfahrt ein offenes Bekenntniß seines Glaubens an die zwei jüngsten, früher vielfach angestrit- tenen Glaubenssätze abgelegt: das Dogma (1854) von der „Unbefleckten Empfängniß", welche ja auf Massabielle erschienen ist, — und die andere Glaubens-Definition vom 18. Juli 1870 vom „unfehlbarem Lehramt des Papstes, als obersten Lehrers der Kirche". So faßte es Pins IX. auf, der das Bild der „Unbefleckten" krönen ließ; so sieht es Papst Leo XIII. an, der die neue Kirche in Lourdes zur Basilika erhob und nun ein eigenes Officium von der Erscheinung Mariens zu Lourdes sammt Missa genehmigt hat, pro 18. Februar jedes Jahres. Gestärkt im Glauben sind wir heimgekehrt mit dem heiligen Vorsätze, in apostolischer Weise für die Ausbreitung des Marien-Cnltus und dessen intensivere Pflege thätig zu sein, auch zum Danke für den greifbaren Schutz auf der weiten Reise, die bis Lourdes bezw. S.Sebastian hin und zurück 3200 Irin beträgt. Möchten noch Viele den gegen Bernadette ausgesprochenen Wunsch Mariens erfüllen helfen: „Viele Menschen sollen in Procession zur Grotte kommen!" und so der Einladung der Königin des Himmels und der Erde in kindlicher Gesinnung Folge leisten! Die herzerhebende Erinnerung an Lourdes wird unser Leben lang dauern. Der unbefleckten Jungfrau Maria zu Ehren sind diese Zeilen geschrieben! Nankralkus Martin, Pfarrer zu Geltendorf (Oberbayern), Ritter des Heilig Grab-Ordens von Jerusalem. ^ -— Hmunelsschan im Monat August. —Merkur 8 ist als Morgenstern in der ersten Hälfte des Monates sichtbar, am besten gegen 4 U. früh. Venus ? am 28. in der Nähe des MondeS geht auf zwischen 2 und 3 U. früh. Mars F, rcchtläufig im Sternbilde der Fische, wird immer Heller, steht am 21. unter dem Mond und geht auf zwischen 10 U. 25 M. und 8 U. 37 M. abds. Jupiter ?! geht anfangs auf gegen 12 U. 45 M. zuletzt gegen 11 U. 15 M. nachts, bewegt sich rechtläufig vom Stiere zu den Zwillingen und steht am 26. in der Nähe des Mondes. Saturn H geht unter zwischen 10 U. 15 M. und 8 U. 15 M. abds. und verschwindet am Abendhimmel. Am 6. nordw. von der Mondsichel. In diesem Monate kann man den Sternschnuppen- schwarm der Perseiden beobachten, und sind die-Sternschnuppen zwischen 10. und 13. August am häufigsten. - - * >IÄW4 - - Bei der anläßlich des fünfundzwanzigjährigen Jubiläums des Herrn Stadtpfarrers Kinzel von St. Max in Augsburg am Samstag den 14. Juli stattgefundenen Gratulation der Schulkinder wurde der Herr Jubilar seitens eines Schulknäbleins mit einer allerliebsten Dialektdichtung (Verfasser Herr Stadtkaplan Friedrich Müller) erfreut, die der Veröffentlichung nicht nnwerth sein dürfte. Dieselbe lautet: I bin a Aus! I bin a Bua — Herr Jubilaur, Möcht' au zum Fescht mei Schärfte gea; Ihr sind ja sell — ischt dös nit wauhr? — Z'Kempta dob a' Bua mol g'wca! So bring i von alle Buaba zum Schlueß An lauta, feschta, herzlicha Grueß. An Grueß von de Buaba z' Kriegshaber draußt, Da hand'r ja drui Jauhr als Pfarrer g'haust, Und an Grueß von de Buaba z' Ncarling im Ries, Dia Hand Ui au gera g'het — dös woaß i ganz g'wieß, Und an Grueß von de Buaba z' Lindau im Seea, Wiara fürt sind — dös thuet ihna hcint no weah! Und an Hauptgrueß von alle St. Maxemer Buaba, An Juchzgcr zum Pfand auö d'r Herzensgruabal I bin a Bua, Herr Jubilaur, Möcht' Ui zum Fescht au GeltS Gott sa: Ihr Hand in fünfazwanzig Jauhr De Buaba Guats an Haufa tha. So sag' i, von alle Buaba d'r Bot, An kräftiga, gmoana Vergelts Ui Gott. Dergelts Gott für all' Uire Schualgäng und Plaga, Vergelts Gott für d' Bildla — gnua Hammer hoam traga, Vergelts Gott sür's Lehrn — so oifach und schliacht, Vergelts Gott füc'n Firm- und Communion-Unterriacht, Vergelts Gott für d' Tatz'n mit'n Rohr — daß st's biagt, Vergelts Gott für d' Strix'n — wear's verdeant hat, hat's g'kriagt. Vergelts Gott für d' Liab, für's Loab und für d' Strof, An Vorsatz zum Gelts Gott — mir wer'» ietz recht brov. I bin a Bua, Herr Jubilaur, Möcht' Ui zum Fescht au Wünschla bring»; 's hat fei dia ganze Buabaschaur Wohl beatet, daß's zum Hünm'l dringa. So rucf i, mit alle oin Herz, zum Altanr: Scgn' Gott unser Herrle no fünfazwanz'g Jauhr. Ja fegn' Gott Ui d' G'sundheit no lang, ja no lang, Nau bleibt'r schon bei uns — dau ischt m'r nit bang, Und fegn' Gott Uir Beata und d' Sorg für de Arma, Dia g'winnt Ui beim Richt'r an öbigs Erbarm«, Und fegn' Gott Uir Wirk« in Kauz'l und Schual Und fegn' Gott d'n Eifer im Bueßricht'rschtuahl, Und fegn' Gott Uir Opfer im Leaba und Sterb», Im Himm'l 's bescht Plätzle, dös sollet'r erwcrba. I bin a Bua, Herr Jubilaur, Hau Ui der Buaba Feschtgrueß g'sait, Und ischt'S Gcdichtla ietz au gaur, De Buaba-Liab — dia kennt koi Zeit, Ja die brennt fürt mit doppelt» Glueth, O bleibet au Ihr Uire Buaba recht guet. Aber ietz soll es donn'ra — Ihr verlaub'ns uns doch, Ihr Herr Jubilaur — Ihr sollet leaba hoch! Telegramm-Räthsel. (Die Striche sind durch Vokale, die Punkte durch Konsonanten zu ersetzen.) 62 . 1894 . „Augsburger postMung". Dinstag, den 31. Juli Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas >L Grabderr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler). Zm Banne alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) „O, ich weiß, was sie unbesiegbar macht," rief Mattland, „Sie lieber, den Baron von Sturen. Der Adelstitel reizt Ihre weibliche Eitelkeit. Wäre mir zutheil geworden, was mir nach dem einfachsten Rechte der Natur gebührt, so —" Er lachte wild auf. „Sehen Sie sich vor," zischte er, „ehe Sie meine Anerbietungen zurückweisen, bedenken Sie wohl, daß das Schicksal Ihres Bruders, ja daß auch Ihr Schicksal, Melanie Nettberg, Ihr Ruf, auf den Sie so eitel pochen, in meinen Händen ist. Wagen Sie es jetzt, mir zu trotzen, so soll die Welt lachen und sagen: sie war Maitlands Geliebte, aber er ward ihrer überdrüssig und verstieß sie schon nach einem Tage! Ihr Schicksal, sage ich, so wie das Ihres Bruders steht in meiner Hand!" „Mein Schicksal, mein Ruf in Ihrer Hand?" rief Melanie. „Ich kann es wohl verstehen, wenn Sie sagen, das Schicksal meines Bruders ruhe in Ihrer Hand; aber über meinen Ruf haben Sie keine Macht. Sie würden der Welt eine große Lüge sagen, wenn Sie behaupten wollten, ich sei die Geliebte eines Mannes gewesen, den ich hasse und verachte." Sie hatte das Haupt hoch aufgerichtet, ihr Auge flammte, und Maitland fühlte, obgleich alle diese Zeichen des Zornes ihm galten, die Leidenschaft in seinem Herzen nur noch stärker werden. „Melanie," lenkte er in einen Ton ein, der halb scherzhaft war, „wenn Sie mir so trotzen, muß ich Ihnen beweisen, daß ich nicht machtlos gedroht habe. Erinnern Sie sich der Worte nicht mehr, mit denen Sie gestern Abend mein Billet beantworteten? Sie lauteten: „Ich stehe zu jeder Stunde, wo es Ihnen beliebt, zu Ihrer Verfügung." Melanie schien ein paar Augenblicke sprachlos vor Ueberraschung, doch zeigte sich in ihrer Haltung nicht die mindeste Beimischung von Furcht. „Sie sind ein Teufel!" rief sie. „Aber ich spotte Ihrer satanischen Anschläge. Mein Ekel vor Ihrer Gesinnung ist so groß, wie mein Haß und meine Verachtung. Fielen Sie mir morgen zu Füßen mit Anträgen ebenso rein und lauter, als die mir heute von Ihnen gestellten schäm- und ehrlos sind, und wäre ich eine Bettlerin und müßte von Haus zu Haus mein Brod suchen, so würde ich Sie dennoch mit derselben Verachtung zurückstoßen, wie ich es jetzt thue!" Kühn schritt sie an Maitland vorüber und zog die Klingel. In demselben Augenblicke öffnete sich die Thür und die Wirthin erschien. Ihr wohlgenährtes Antlitz glühte wie Zinnober; sie schien vor Zorn geschwollen wie ein gereizter Puterhahn. „Sie sollen in meinem Hause nicht" beleidigt und beschimpft werden, Fräulein!" rief sie, auf Melanie zueilend. „Verzeihen Sie, daß ich draußen gehorcht habe, aber als ich Ihnen den Namen dieses Herrn nannte, machten Sie eine so bestürzte Miene, und der Herr trat gleich so zudringlich in's Zimmer, daß ich bei mir dachte, es könnte nichts schaden, wenn ich in der Nähe bliebe. Er soll Sie nicht länger kränken!" Melanie brach in Thränen aus. Die Wirthin, welche, außer in Geldsachen, eine ganz gute Frau war, nahm das heftig ergriffene Mädchen an der Hand und sagte, indem sie ihr sanft das goldene Haar streichelte, in mütterlichem Tone: „Seien Sie ruhig, mein liebes Fräulein. Sie sind ein ehrbares, tugendhaftes Kind und verdienen, daß man sich Ihrer annimmt. Mein Mann wird Ihnen unten im Postbureau die Fahrkarte lösen und Sie bis Göllnitz begleiten, damit Ihnen unterwegs kein Leid geschieht. — Und Sie, mein Herr," wandte sie sich herausfordernd an Maitland, „Sie werden gut thun, dieses Haus auf der Stelle von Ihrer Gegenwart zu befreien und sich zum Kuckuck zu schceren, sonst lasse ich Sie die Treppe hinabwerfen. Verstehen Sie mich?" „Fräulein Rettberg!" sagte Maitland mit voller Selbstbeherrschung und ohne die Wirthin einer Erwiderung zu würdigen, „wir werden uns wiedersehen, wo Sie andern Sinnes sein werden." „Niemals," rief Melanie, „niemals!" Ohne weiter ein Wort zu verlieren, verließ Maitland das Zimmer. XXVIll. Wenn dem Besitzer dcs Gutes Göllnitz in seinem Jammer über den Verlust des Geldes und des Inhalts seines Silberschrankes noch ein süßer Trost verblieben war, so bestand dieser darin, daß die Einbrecher eine heilige Scheu vor seinen Staats- und Börsenpapieren an den Tag gelegt hatten, welche den größten Theil seines beweglichen Vermögens bildeten und sich unversehrt eim Kassenschranke vorfanden. 474 Dieses'Gefühl der Befriedigung wurde noch durch die unerwartete Rückkehr Melanie's erhöht. AIs Teßner sich von seinem ersten Schrecken erholt, hatte ihn ihr Verschwinden mehr und mehr beunruhigt, denu Melanie ebensowohl wie ihr Bruder galten ihm als ein glücklicher Fang, welchen er, im alleinigen Besitz des Geheimnisses, daß beide Anspruch auf ein großes Vermögen hatten, nach Möglichkeit auszubeuten gedachte. Hätte er um Melanie's Leben fürchten müssen, so wäre ihm leicht auch die Fühlung mit ihrem Bruder verloren gegangen, dessen Aufenthalt er nicht kannte. Nun war die Vermißte glücklich zurückgekehrt, und er begrüßte sie mit unverhohlener Freude. Melanie hatte noch nicht Zeit gehabt, ihm ihr Abenteuer zu erzählen, als auch schon in einem Miethfuhr- werke ein Polizeicommissär mit mehreren Unterbeamten aus der Kreisstadt eintraf, um den Thatbestand aufzunehmen und die Aussagen der Gutsbewohner zu Protokoll zu bringen. Melanie berichtete auf die an sie gestellten Fragen die Erlebnisse dieser Nacht der Wahrheit getreu, verschwieg aber alles, wodurch sie Rölling Hütte verrathen können. „Nach den übereinstimmenden Angaben des Herrn Mailland und des Herrn Teßner ist einer der Einbrecher ein Mann von ungewöhnlicher Körpergröße gewesen," bemerkte der Commissär, „auch haben sich am gestrigen Tage in der Stadt zwei Individuen von sehr verdächtigem Aussehen herumgetrieben, von denen das eine ebenfalls durch seine Größe aufgefallen ist. Getrauen Sie sich, diesen Mann wieder zu erkennen? „Ich muß hierüber jede Auskunft ablehnen," ent- gegnete Melanie ohne weiteres Bedenken. „Warum?" fragte der Beamte verwundert. „Weil ich gerade diesem Manne mein Leben verdanke. Nur das Versprechen, nie ein Wort zu sagen, welches zu seiner Erkennung führen könne, rettete mich." „Aber bedenken Sie doch, Fräulein," entgegnete der Commissär überrascht, „daß ein unter Drohungen und Einschüchterungen abgepreßtes Versprechen vor keinem Gesetze der Welt anerkannt wird!" „Ich habe es hier nicht mit dem Gesetze, sondern nur mit meinem Gewissen zuthun," entgegnete Melanie. „Der Mann, der mein Leben schonte, vertraute meinem Worte, und ich werde mich von einem Verbrecher nicht beschämen lassen." Der Commissär lächelte kalt. „Das Gesetz hat im vorliegenden Falle mit der Gewissensfrage nichts zu thun, wohl aber besitzt es die Mittel, Ihren Widerstand zu brechen. Sie werden als Zeugin vor Gericht erscheinen und darauf vereidigt werden, daß Sie die Wahrheit sagen." „Ich werde vor Gericht ebenso wenig die Unwahrheit sagen, Herr Commissär, wie jetzt. Ich werde nur schweigen, wo mein Gewissen mir das Reden verbietet." Der Beamte schüttelte bedenklich den Kopf; da Melanie aber bei ihrem Entschlüsse beharrte, so blieb ihm nichts anderes übrig, als ihre Weigerung ebenfalls zu Protokoll zu nehmen und das Uebrige dem Richter zu überlassen. So wenig das starre Festhalten Melanie's an ihrem Versprechen in dem Interesse des bestohlenen Gutsherrn lag, so verlor dieser doch kein Wort darüber. Er wünschte alles zu vermeiden, was sein Verhältniß zu ihr trüben konnte. An demselben Tage schickte Maitland das entliehene Reitpferd zurück. Er hatte dem Boten zugleich. ein Billet mitgegeben des Inhalts, daß er von dem beabsichtigten Kaufe zurücktrete, nachdem er sich in vergangener Nacht von den Nachtheilen und Gefahren der Unsicherheit der Gegend und der Abgelegenheit des Gutes habe überzeugen müssen. * * * Die wenigen Tage, welche Feltcitas mit ihrer Tante und dem Baron von Sturen in dem Rügenschen Seebade Saßnitz bisher verlebt hatte, waren wie ein glücklicher Traum gewesen. Aber solche Tage heiterer Hoffnung gleichen nur zu oft dem glänzenden Morgen des tropischen Klimas, wo mitten an einem zuvor ganz fleckenlosen, lachenden Himmel sich plötzlich ein kleines dunkles Wölkchen zeigt, um sich binnen weniger Stunden schwarz und drohend über den ganzen Horizont auszubreiten und Zerstörung und Jammer herabzusenden. Das unscheinbare Wölkchen war ein Brief, den Felicitas eines Morgens von ihrem Vater empfing. Begreiflicher Weise erschrak sie über die darin enthaltene Nachricht von dem Einbruchsdiebstahl, aber noch viel mehr über den kurz angebundenen, gebieterischen Ton, in welchem sie aufgefordert wurde, ohne Verzug nach Hause zurückzukehren. Sie begab sich sofort zu ihrer Tante, welche das anstoßende Zimmer bewohnte, und während diese Teßner's Brief las, durchflog Felicitas ein gleichzeitig empfangenes Schreiben Melanie's. Plötzlich begann die Hand, worin sie dasselbe hielt, heftig zu zittern und sank herab. Frau von Prachwitz gab, während sie las, durch verschiedene Ausrufe ihre erstaunte Antheilnahme an dem ruchlosen Frevel zu erkennen, dessen nächtlicher Schauplatz das Göllnitzer Herrenhaus gewesen war. „Weshalb Dich aber Dein Vater mit so peremptorischen Worten nach Hause ruft," sagte sie, „begreife ich nicht; Deine Gegenwart kann doch die Sache nicht ungeschehen machen! Aber was hast Du, Kind?" fragte sie aufblickend, „Du zitterst ja und bist ganz blaß geworden I" „Da, lies, Tante, was Melanie über diesen Punkt schreibt; das erklärt mir zur Genüge, weshalb mein Vater auf meiner sofortigen Rückkehr besteht." Felicitas reichte der Tante den Brief und deutete auf eine Stelle darin, welche folgendermaßen lautete: „Ich fürchte sehr, liebe Felicitas, daß mit diesen Zeilen zugleich ein Brief Ihres Vaters eintrifft, welcher Sie nach Hause zurückruft, und ich mache mir die bittersten Vorwürfe, vielleicht die unschuldige Ursache zu sein, daß Sie dem kaum erst genossenen herrlichen Aufenthalte an der Meeresküste und den Freunden, die Ihnen denselben verschönern, so bald wieder entrückt werden sollen. Ihr Vater gab anfangs nicht die mindeste Absicht zu erkennen, Sie in Ihrem Vergnügen zu stören, änderte aber ganz plötzlich seinen Sinn. Es ist möglich, daß ich mich über die Ursache täusche, aber verschweigen will ich Ihnen nicht, daß dieser Rückschlag in dem Augenblicke eintraf, wo ich, ohne nur dabei etwas Schlimmes zu denken, ganz beiläufig die Aeußerung fallen ließ, daß sich Herr Baron von Sturen in Ihrer Gesellschaft befinde." Die Tante schüttelte, als sie gelesen, den Kopf und wurde nachdenklich. „Ich erinnere mich wohl," unterbrach Felicitas ein 475 längeres Schweigen, „daß mein Vater sich sehr unfreundlich gegen Wolfgang benahm, als wir uns zum ersten Male wiedersahen. Damals schrieb ich es dem Schreck zu, den er uns durch sein plötzliches Hervorbrechen aus dem Parke eingejagt hatte. Nun weiß ich zwar, daß mein Vater leider von sehr unversöhnlichem Charakter ist, dennoch kann ich mir kaum denken, daß er ihm diese Kleinigkeit nachtragen sollte." „Wenn er dem Baron übel gesinnt ist," entgegnete die Tante langsam und gedankenvoll, „so liegt die Ursache dazu wohl viel weiter zurück. Ich weiß, daß er auf Wolfgang's Vater nicht gut zu sprechen war. Er sah den Verkehr zwischen Dir und Wolfgang, als ihr noch Kinder wäret, nicht gern, duldete ihn aber, weil er mir in meinem Hause keine Vorschriften machen konnte." „Du meinst also, Tante, daß ein alter Haß gegen Wolfgang's Vater zu Grunde liegt? O, hättest Du mich vor diesem unseligen Hinderniß, welches ich plötzlich zwischen mich und Wolfgang treten sehe, doch gewarnt, ehe ich der Stimme meines Herzens Gehör gabt" „Mache Dir keine thörichten Skrupel, mein Kind l" beruhigte Frau von Prachwitz, das Haupt des bestürzten Mädchens an ihre Brust lehnend. „Hat Melanie richtig beobachtet, und Deine Rück- berufung stützt sich wirklich auf einen verjährten Groll, den Dein Vater gegen Wolfgang's Familie hegt, so wird das keine Rolle mehr spielen, wenn er hört, mit welchen ernsten Absichten auf Dich der Baron sich trägt." Man behauptet, die Liebe sei blind, und in Augenblicken der Freude hat sie wirklich ein blödes Auge; aber bei dem ersten Kummer, der an sie herantritt, kommt ein prophetischer Geist über sie, welcher sie das Unheil schon von fern sehen läßt, das nur zu oft auf ihrem Rosenpfade lauert. So konnte auch Felicitas, trotz der Tröstungen ihrer Tante, eine düstere Ahnung nicht los werden. „Tante," sagte sie nach längerem Schweigen in naturgemäßer Jdeenverbindung, mit leiser Stimme, „auch Du sollst ja einst unglücklich geliebt haben! Deine Eltern waren adelsstolz, so viel ich weiß, und wollten Dich dem bürgerlichen Manne, den Du liebtest, nicht geben. Du gehorchtest ihnen und entsagtest dem Theuersten, was die Welt für Dich hatte." „Mein Fall war ein ganz anderer als der Deinige," erwiderte Frau von Prachwitz mit einem leisen Lächeln, daß Felicitas sich bereits zu einer so tragischen Nutzanwendung auf sich selbst verstieg. „Allerdings ging das Gerücht, daß meine Heirath an dem aristokratischen Hochmuth meiner Eltern gescheitert sei, aber in Wahrheit verhielt es sich ganz anders, liebes Kind. Mein Vater stand vor seinem Ruin. Er hatte mit seinem Vermögen für seinen besten Freund gutgesagt, — und dieser Freund betrog ihn. Ein älterer, sehr vermögender Kavalier — mein späterer Gatte — bewarb sich schon längst um meine Hand. Ich mußte meinen Vater retten und that es im vollen Einverständniß mit meinem Geliebten, der damals ein unbemittelter Mann war." „Arme Tante!" rief Felicitas, ihren Arm um dje ernst bewegte Frau schlingend, „wäre ich nicht in dieser trübseligen Welt erschienen, so gehörte das Vermögen Dir, um welches Du durch meine Geburt beraubt wurdest und Du hättest den Mann Deiner Herzenswahl heirathen können. Wie große Ursache hättest Du gehabt, mir zu grollen, und dennoch hast Du für mich stets nur Liebe gehabt!" „Was konntest Du armer Wurm denn dafür?" lächelte Frau von Prachwitz, Felicitas zärtlich auf die Stirn küssend. „Und verhinderte Deine Geburt nicht eine schreiende Ungerechtigkeit gegen Deine Mutter, welcher man das ihr gebührende Erbe entziehen wollte, um es mir zuzuwenden, die mit der Familie nur in entferntem Grade verwandt war?" „Ich bin über diese Verhältnisse nicht unterrichtet, denn meine Mutter starb als ich noch im kindlichen Alter stand, und mein Vater hat sich darüber nie ausgesprochen. War denn meine Mutter mit ihren Eltern zerfallen?" „Nein, denn sie verlor beide sehr früh. Das Vermögen stammte vom Großvater Deiner Mutter und dieser hatte sie in seinem Testamente zu meinen Gunsten enterbt." „Was mag da wohl zwischen beiden vorgekommen sein?" meinte Felicitas mit einem Seufzer. „Sollte etwa ihre Heirath mit meinem Vater gegen den großväterlichen Willen geschehen sein?" „Ganz im Gegentheil," versetzte die Tante. „Es war sogar des Großvaters Wunsch, daß sie den um viele Jahre älteren Mann heirathete, und nur unter dieser Bedingung änderte der Großvater sein Testament dahin ab, daß Deine Mutter wenigstens die Nutznießung des Vermögens erhielt, dieses selbst aber auf die Kinder oder, wenn die Ehe kinderlos blieb, auf mich übergehen sollte." „Immerhin läßt diese Reserve auf einen starken Groll gegen meine Mutter schließen," bemerkte Felicitas. „Was die Ursache gewesen sein könnte, weiß ich nicht; als Deine Mutter heirathete, war ich noch sehr jung, und sie selbst hat sich gegen mich niemals darüber geäußert." Die beiden Damen wurden in ihrem Gespräche durch die Ankunft des Barons von Sturen unterbrochen, welcher sie zu einem Spaziergange abholen wollte. Natürlich war Wolfgang sehr unangenehm überrascht, als er vernahm, daß die Damen, statt sich zu der gewohnten Morgenpromenade fertig zu machen, an's Einpacken ihrer Neisekoffer dachten. Felicitas verschwieg ihm ihre Befürchtungen; sie erzählte ihm nur von dem Einbruch in Göllnitz und fügte hinzu, daß ihr Vater seine Tochter bei sich zu haben wünsche, da seine Gesundheit schon seit Jahren nicht die beste sei und das Ereigniß ihn angegriffen habe. Frau von Prachwitz wollte ohne Felicitas nicht hier bleiben. Sie hatte beschlossen, nach Berlin zurückzukehren, und da mit der Abreise der Geliebten der Aufenthalt auf der Insel auch für den Baron seinen Hauptreiz einbüßen mußte, so begleitete er die Damen bis Berlin und reiste von dort direct nach seinem schlesischen Gute weiter,' dem er schon längst einen Besuch schuldig war. XXIX. Einige Wochen waren verflossen, als an einem freundlichen Nachmittage Felicitas Teßner auf schattigem Waldpfade dahin wandelte. Sie hatte im Dorfe Göllnitz ein paar Besuche bei armen Leuten gemacht, welche sie in hilfsbedürftiger Lage mit Rath und That unterstützte, und war dann noch ein gutes Stück über das Dorf hinausgegangen, um den harzigen Waldduft einzuathmen. Eben dachte sie daran, den Rückweg anzutreten, als sie 476 von der Fahrstraße her, die sich am Waldrande hinzog, den Hufschlag eines scharftrabenden Pferdes vernahm. Ihr Herz pochte bei diesem Tone, dessen kurzer, flotter Anschlag offenbar auf einen Reiter schließen ließ, denn sie dachte, es könne Wolfgang sein. Die Liebe ist ebenso schnell mit Hoffnungen wie mit Befürchtungen bei der Hand, und obwohl der Gedanke an Wolfgang sehr natürlich war, verwarf sie ihn doch schon im nächsten Augenblicke als eine eitle Selbsttäuschung, denn er hatte ihr erst vor wenigen Tagen von seinem schlesischen Gute aus geschrieben, ohne ein Wort über die Zeit seiner Rückreise zu erwähnen. Dennoch verließ sie den Fußpfad und schlug die Richtung nach der Straße ein. Durfte sie ihren Augen trauen? Ja, es war der Geliebte. Auf demselben prächtigen Renner, mit dem er damals über den Zaun seines Parkes gesetzt war, wollte er eben an ihr vorüberjagen. „Wolfgang! Wolfgang!" Er kannte den süßen Wohllaut dieser Stimme sehr wohl, und wie er, sein Pferd mit einem Ruck zum Stehen bringend, den Blick seitwärts nach der Stelle wandte, von wo der Ruf erklungen, sah er eben die schlanke Mädchengestalt in ihrem hellen Sommergewand wie eine Waldfee zwischen dem dunkeln Grün der Gebüsche hervortreten. Im nächsten Augenblick war er vom Pferde und Felicitas über den Graben gesprungen, und Wolfgang drückte die Geliebte an sein Herz. Während er das Pferd hinter sich am Zügel führte, wandelte sie an seiner Seite. Wolfgang wollte Felicitas endlich die Seintge nennen, und um sein Schicksal zu erfahren, war er heute gekommen. Er wollte vor ihren Vater treten, um sich von ihm ihre Hand und die Zusage baldiger Verbindung zu erbitten. Zwar hatte Teßner gegen Felicitas noch kein Wort geäußert, welches darauf schließen ließ, er werde sich ihrer Verbindung mit Wolfgang entschieden widersetzen. Er hatte über diesen Gegenstand vollkommenes Schweigen beobachtet; zwar war er etwas finster gewesen, aber Felicitas schrieb dies dem ihn betroffenen Verluste und dem körperlichen Unbehagen zu, über welches er klagte. Obgleich sie also nicht wußte, was sie eigentlich zu fürchten hätte, beschlich sie doch zuweilen ein Zweifel, der das Gefühl der Freude dämpfte. Jetzt bebte sie schüchtern zurück, das süße Geheimniß ihrer Liebe einem Dritten enthüllen zu müssen, und gleichwohl widerstrebte es ihr auch, ihrem Vater die Eröffnung ihres Herzens noch länger vorzuenthalten. Wäre nicht dieses letztere Gefühl gewesen, so würde sie Wolfgang zugeredet haben, noch einige Zeit geduldig zu warten und nicht allzu hastig in die dunkle Zukunft hineinzustürmen, aber das Bewußtsein der Pflicht trat dazwischen, obgleich sie noch zögerte und sagte: „Mein Vater ist noch immer über das ihn betroffene Unglück etwas verbittert und fühlt sich Unwohl. Auch fürchte ich, wir werden gerade heute schwer Gelegenheit finden, mit ihm ungestört zu sprechen, da Melanie's Bruder bei ihm ist." „Melanie's Bruder?" wiederholte Wolfgang erstaunt. „Wie wäre das möglich? Ist er denn von Amerika wieder zurückgekehrt?" „Er und Mclanie haben Ansprüche auf ein bedeutendes Erbe, welches sich im unrechtmäßigen Besitz eines anderen befinden soll. Meinem Vater waren diese Verhältnisse von einer früheren Rechtspraxis her bekannt, er wußte jedoch die gesetzlichen Erben nicht ausfindig zu machen, die er endlich in den beiden Geschwistern entdeckt hat." „Ob dieser Glücksfall von heilsamem Einfluß auf Rettberg sein wird, möchte ich bezweifeln," bemerkte Wolfgang. „Um der armen Melanie willen aber kann sich darüber niemand herzlicher freuen als ich. In wessen Händen befindet sich denn jetzt noch dieses streitige Vermögen?" „Das weiß ich nicht, und Melanie weiß es ebenso wenig," antwortete Felicitas. „Mein Vater und auch ihr Bruder machen ihr vorläufig noch ein Geheimniß daraus. Rettberg ist viel zwischen Berlin und Göllnitz unterwegs, und wenn er kommt, schließt er sich mit meinem Vater ein. Melanie wundert sich selbst über diese Geheimnißthuerei, da sie doch an dem Gegenstände ebenso unmittelbar betheiligt ist wie ihr Bruder." Beide hatten inzwischen das Dorf erreicht, wo der Baron im Gasthaus sein Pferd einstellte, um auf dem Wege nach dem Gute ungehindert mit Felicitas plaudern zu können. Er bestand darauf, heute noch bei ihrem Vater in aller Form um ihre Hand anzuhalten, und Felicitas gab nach, behielt sich jedoch vor, zuerst selbst mit ihrem Vater zu sprechen, damit dieser auf Wolfgang's Werbung vorbereitet sei. Sie erreichten das Gut. Melanie führte den Geliebten in den kleinen, an die Südseite des Herrenhauses stoßenden Blumengarten, wo er warten sollte, bis sie ihn rufen werde. „Gehen Sie, mein süßes Mädchen," flüsterte er ihr zu, „und kehren Sie mit glückverkündender Miene zu mir zurück I" Er blickte ihr nach, bis sie um die Ecke des Hauses verschwand, und setzte sich dann in die unter dem Balconfenster gelegene Laube. Noch hatte er keine fünf Minuten gewartet, als sich Schritte vernehmen ließen; es wurde auch gesprochen, aber er vermochte die Stimmen nicht zu unterscheiden. Sehr bald bemerkte er, daß die Personen sich nicht dem Garten näherten, sondern die Pappelallee betreten haben mußten. Erst in der Mitte derselben, wo die Ecke des Hauses sie nicht mehr verbarg, tauchten sie auf, und obwohl sie Wolfgang den Rücken zukehrten, so erkannte er doch leicht Melanie und ihren Bruder. Sonst war ihm die Gegenwart des liebenswürdigen, reizvollen Mädchens ein süßer Genuß gewesen, — jetzt wandte er sich nach der Laube zurück und verbarg sich in deren schattigem Grün, damit Melanie ihn, falls sie sich zufällig umwendete, nicht sehen sollte, denn er würde sich nicht in der Stimmung befunden haben, mit ihr zu plaudern. (Fortsetzung folgt.) -- 8rüAii6i' ^ hlrme. Ein Gedenkblatt zum 27. und 28. Juli 1794. Von Frhrn. v. R. INachdruck verboten.; Nobespierre! Der Unbestechliche, Einzige, wie ihn seine Zeitgenossen nannten, der Mann mit dem Tugendscheine und der Lügenmaske des Patriotismus, Meister in der radikalen Verwerthung jakobinischer Nivellirungs- theorien, gleich unübertroffen an Heuchelei wie an Mordlust, das Prototyp eines vollendeten Tyrannen I Sich der absoluten Herrschaft zu bemächtigen, schlug er nieder, was 477 immer neben ihm aufstrebte, verfolgte er Tugend und ! die Wege zeigte, die er zur Vernichtung seiner Gegner Laster, Verbrechen wie Unschuld, hat er Freiheits- und j glaubte nehmen zu müssen. Was ihn Allen, ohne Unter- Photvgraphik-Verlag von Franz Hansstarngl, Kunstverlag, A. S., in München Kuisella. Nach dem Gemälde von Ludwig Knaus. »8 B8« WS ««« MM MM --sWÄ j^W MMU MM ÄfiES- Vaterlandsliebe, die schönsten Regungen der Menschenbrust, seinen unersättlichen Machtgelüsten dienstbar gemacht und selbst den Verrath nicht gescheut, wenn er ihm schied der Parteistellung, so fürchterlich machte, war der stets wache, lauernde, wider die Rivalen seiner Macht gerichtete Argwohn, dessen todbringenden Wirkungen sich 478 nur Wenige zu entziehen vermochten. Die Nation seinem Willen gefügig zu machen, rechnete Robespierre mit einem Faktor, dessen sich die Despoten aller Zeiten stets mit sicherem Erfolge bedient hatten. Schrecken war die wirkende Kraft, welche die Menge im Blutbanne des Nach- richters halten, die Geister lahmen, sie bis zur Willen- losigkeit Herabdrücken sollte. ?riiuu8 in orUo äsu8 68d tünaor I Also wurde mit jenem berüchtigten Reinigungswerke begonnen und dem Gange des Sanirungsprozesses ein durch die prekäre Lage der Republik bedingtes, beschleunigtes Tempo gegeben. Die Idee der Erneuerung der bürgerlichen Gesellschaft seines Vaterlandes im Wege ausgiebiger Blutentziehung hatte wohl Robespierre zuerst gefaßt und ihre Durchführung als eine oonäitio oins c^ua non zur Diktatur allen anderen Erwägungen vorangestellt. von Rechtmäßigkeit zu geben. Das Richteramt, welches gewöhnlich der Straßenpöbel zu handhaben pflegte, wird in die Hand des Revolutionstribunals gelegt, dessen Verfahren abgekürzt, Zeugenverhöre und Vertheidigung der Angeklagten, weil überflüssig, werden beseitigt. Der Wohlfahrtsausschuß,*) in welchem Robespierre herrschte, hatte bereits alle Gewalt zu sich hinübergezogen und dem erniedrigten Konvent jede gesetzgeberische Initiative entrissen. In dumpfer Ergebung, gleich dem römischen Senate der Manischen Zeit, horchte diese durch den Schrecken niedergehaltene Versammlung den Dictaten eines Mannes, der sich zu ihr in das Verhältniß des Herrn zum Sklaven gesetzt, sich demnach allein das Recht der freien Meinungs- Aeußerung zuerkannt hatte. Wehe Dem, der es wagte, die Machtbefugnisse des Herrschers wegzuläugnen oder gar die Integrität**) dieses alleinigen souveränen Volks- ALL »r- -HM Hohrnschwanga«. Daß der Regenerator sein Heilverfahren, wie es der fürchterliche Cynismus jener Zeit nannte, nicht in dem ganzen von ihm gewallten Umfange praktiziren konnte, verdankte Frankreich jenen Blutmenschen, die, von ihrem Meister bedroht, nur in dessen schnellem Untergang die Möglichkeit eigener Rettung zu erblicken vermeinten. So wurde denn das Bewußtsein der allzeit gegenwärtigen Gefahr für Leib und Leben das Hauptmoment der Angriffe auf Nobespierre, die Ursache seines endlichen Sturzes. Mit dem Untergänge der Gironde, jenem heillosen Triumphe terroristrender Allgewalt über die Principien Vergleichsweiser Mäßigung, war auch die letzte Schranke gefallen, die den grauenvollen Gang der Revolution aufhalten konnte, sie in andere Bahnen hätte lenken können. Hatten vordem Schwäche und Böswilligkeit der Behörden den fürchterlichen Metzeleien Vorschub geleistet, so gedachte man diesen jetzt durch das Gesetz gegen die Verdächtigen, das ja auf Alle passen mochte, einen Schein repräsentanten in Zweifel zu ziehen. In den Conflict zwischen den Forderungen der Pflicht und der Rücksichtnahme persönlicher Sicherheit gedrängt, siegte der Selbsterhaltungstrieb und führte in seinen Konsequenzen im Schooße des Konvents ebenso wie in ganz Frankreich zu den niederträchtigsten Handlungen. Bald blieben viele von den Deputirten, sei es aus Unwille über die Rolle, die sie spielen sollten, oder weil sie, von Robespierre und seinem Anhange bedroht, sich der Verhaftnahme durch die Flucht zu entziehen hofften, von den Sitzungen fern, der Nest suchte durch feigeNachgiebigkeit, kriechende Schmeichelei den Zorn des Gewaltigen zu besänftigen und stimmte allen jenen Vorschlägen bei, die der Wohlfahrtsausschuß Wurde am 6. April 1793 mit der ausgedehnten Vollmacht errichtet,Gesetze zu geben und vollziehen zulassen. **) Der Konvent hatte auf Marat's Vorschlag unter gewissen dehnbaren Einschränkungen seinen Mitgliedern das Privilegium der Unverletzbarkeit entzogen. 479 im wohlverstandenen Interesse seiner Machtfülle dem Konvente hatte zugehen lassen. Gegen die steigende Macht Robespierre's und seiner Kollegen erhob sich der Pariser Gemeinderath im erbitterten, doch kurz geführten Kampfe. In ihm saßen vordem Robespierre und Marat und alle jene mordlustigen Verbrecher, welche die furchtbaren Ereignisse des 10. Aug. 1792 vorbereitet, dann die gräßlichen Metzeleien der folgenden Septembertage verschuldet hatten. Getragen von der Gunst des Pöbels, die er als beste Stütze selbst- eigener Macht betrachtete, war dieser Gemeinderath der wahre Herr Frankreichs geworden. Der gesetzgebenden Versammlung, die ihm zitternd gehorchte, zwang er seinen Willen als Gesetz auf, Leben und Eigenthum der Bürger der Hauptstadt, die Wohlfahrt des ganzen Landes waren seiner schrankenlosen Willkür anheimgegeben. Die Wahlen im Herbst 1792 brachten seine Führer in den Konvent, den Gemeinderath unter die Aufsicht des Wohlfahrts- Ausschusses, dem es inzwischen gelungen war, sich der ganzen Regierungsgewalt zu bemächtigen. Es lag in der Verschiebung der Machtverhältnisse, in dem beiden Theilen gleichenBestreben nach Volksbeherrschung, daß sie zu unversöhnlichen Gegnern wurden, den Kampf um ihre Existenz auf Tod und Leben führen mußten. Der Gemeinderath, wähnend, die öffentliche Meinung, die sich gegen die Dictatur des Wohl- fahrts-Ausschusses richtete, für sich zu haben, rechnete in der Entscheidungsstunde zugleich auf seine alten Bundesgenossen, jene Mordbanden, die ihm bisher bei den blutigsten Vorgängen der Revolution stets zu Willen gewesen waren. Aber die Bürger der Hauptstadt scheuten die Gewalt des Gemeinderaths ebenso, wie die des Wohlfahrts-Ausschusses, welche jener, wäre er wieder in deren Besitz gekommen, gleich tyrannisch gebraucht haben würde. Vergeblich rief der Gemeinderath die sonst zu jedem Aufstande bereiten Pikenmänner von St. Antoine und Marceau, die er gegen den Konvent zu führen gedachte, zu den Waffen. Sie waren von ihm abgefallen und hatten sich für den mächtigeren Rivalen erklärt. Auf sich allein gestellt, unterlag der Gemeinderath demselben Despotismus, dessen vorzüglicher Vertreter er selbst gewesen war. Am 13. März 1794 wurden seine Häupter mit noch 16 Anderen ihres Anhanges unter dem Vorwande einer Verschwörung gegen die Freiheit des Volkes auf Geheiß des Wohlfahrtsausschusses in Verhaft genommen. Dem Nevolutionstribunale übergeben, wurden sie sämmtlich zum Tode verurtheilt und den 24. März hingerichtet. Ihr Loos war ein wohlverdientes. Wetteifernd an Grausamkeit mit dem Wohlfahrtsausschuß, übertraf er diesen in allen Lastern, welche die Menschennatur schänden, ihr das Brandmal sittlicher Verderbtheit aufdrücken. Er hat den Sanskülottismus jener Zeit geschaffen, seine Attribute bestimmt und den schamlosesten Cynismus an die Stelle gesellschaftlicher Umgangsformen gesetzt. Jnkarnirter Gegner des Gottglaubens, den er scheute, weilerdemVerbrechen steuern konnte, verfolgte er die Diener der Kirche mit einer bis zum Aberwitz gehendenWuth. Seine Mitglieder, ihnen voran Hebert, Chaumette, dann der Sprecher des Menschengeschlechts, Anacharsts Cloots, haben im November 1793 durch ihre Deklaration vor dem Konvent den Atheismus glorificirt und jenen zu dem verhängnißvollen Beschluß der Abschaffung des alten, durch tausendjährige Tradition geheiligten Kultus der katholischen Kirche gedrängt. Sie waren es vorzüglich, welche die untern Schichten des Volkes mit jenem Oifte durchseuchten, das, aus den Lehren des Materialismus gezogen, gleich einem Fermente in rascher Gährung den moralischen Zersetzungsprozeß bewirkte.*) Noch war die Richtstätte von dem Blute der von Am 10. November 1793 wurde zu Paris mit theatralischem Gepränge das Fest der Vernunft, d. i. des grobsinnlich-'n Materialismus, gefeiert. Zur Versinnbildlichung diente eine auf den Altar des Vaterlandes gestellte Lustdirne. Ue»schwanftcin. 480 der Vergeltung getroffenen Hebertisten geröthet, da schaute Robespierre, der Leiter des Wohlfahrtsausschusses, schon nach andern Opfern aus, die seiner ungemessenen Herrschsucht fallen sollten. Die Cordeliers, jener engere Verein jakobinischer Propaganda, Männer, deren wilder Fanatismus kein Verbrechen scheute, waren dem Diktator verdächtig geworden. Er fürchtete ihre Entschlossenheit, welche ihm zwar oft zu Diensten gewesen, die sich aber dereinst in rascher That auch gegen ihn äußern konnte. Zudem wußte man, daß bei ihren geheimen Zusammenkünften Resolutionen gefaßt wurden, welche nichts Geringeres bezweckten, als in der Autorität des Konvents ein Gegengewicht wider die Macht des Wohlfahrtsausschusses zu gewinnen. Grund genug, sie unter das Messer der Guillotine zu bringen. Der Gefahr zu begegnen, drängten diese in Danton, ihren Führer, dessen Kühnheit im Konvente niemals unterlegen war, Robespierre des Strebens nach der Alleinherrschaft zu beschuldigen und gegen ihn ein Anklagedekret zu bewirken. Aber Danton glaubte, bevor er den entscheidenden Schlag wagte, sich zuerst der Zustimmung des Berges versichern zu müssen. Zudem setzte er bei Nobespterre wohl den Willen, aber nicht den Muth voraus, ihn zu verderben. Er hatte sich getäuscht. Noch in derselben Nacht, welche einer letzten Zusammenkunft Robespierre's mit Danton folgte, wurde dieser in Verhaft genommen, mit ihm seine Fraktionsgenossen, von denen sich nur Wenige durch die Flucht zu retten vermochten. Am 6. April folgten die Cordeliers den Hebertisten, mit welchen sie gleiche Blutschuld theilten, im Tode.*) (Schluß folgt.) - Zu unseren Bildern. Kuisella. Zu den begabteren Künstlern auf dem Gebiete der Malerei zählt der besonders durch seine Genrebilder berühmt gewordene Ludwig Knaus (geboren zu Wiesbaden). Aus allen jenen Werken, welche seinen Ruf als Genremaler begründet haben, spricht eine wahre, naive Empfindung, ein feiner Humor und eine große Mannigfaltigkeit der Charakteristik. Der Künstler hat auch Porträte in genrehafter Auffassung, aber mit feinster, geistreicher Charakteristik gemalt. Die ecbt deutsche Richtung seiner Kunstanschauung gipfelt in der Schilderung des Kinder- lebens. Ein anmuthiges Bild von sprechender Natürlichkeit lieferte Ludwig Knaus mit „Luisella"; wir bringen heute eine Darstellung nach dem Originalgemälde. Hohenschwangau und Ueuschwanstcin. Hohenschwangau, königliches Scbloß im bayerischen Regierungsbezirke Schwaben, 3 Kilometer südöstlich von Füssen, war der Lieblingsaufenthalt des unglücklichen Königs Ludwig II. Schon im 12. Jahrhundert stand hier eine den Welsen gehörende Burg (damals Schwanstein genannt), welche 1191 durch Kauf in den Besitz der Herzoge von Schwaben hohenstaufischen Stammes überging, dann dem Geschlechte der Herren von Schwangau gehörte und in der Zeit der Reformation an die Augsburger Patrizierfamilie Paumgarten kam, welche die baufällig gewordenen Gebäude niederreißen und 1538—47 ein neues Schloß errichten ließ. Herrschaft und Schloß wurden 1567 von Herzog Albrecht V. von Bayern erworben. Letzteres war zu Anfang unseres Jahrhunderts zur halben Ruine geworden und bereits zum Abbruch von einem Bauern um 200 Gulden gekauft, als 1832 der damalige Kronprinz Maximilian von Bayern das Gebäude wieder erwarb und die Restauration desselben im Geiste deS ritterlichen Mittelalters unter Leitung Domenico Quaglio's anordnete. Er gab dem Schlosse auch den Namen Hohenschwangau, den bisher eine gegenüber auf dem Berzenkopf liegende Burg geführt hatte. Seitdem gehört Hohenschwangau zu den *) Veranlaßten die Gräuel vom 2.-9. September 1792 und stimmten fiü den Tod Ludwigs XVI. herrlichsten der vielen deutschen Fürstenlustsitze. In prachtvoller Wald- und Gebirgsumgebung krönt es einen Vorsprung der Alpen, dessen Fuß von dem Schwansee und dem Alpsee bespült wird. Das Innere ist in seinen verschiedenen prachtvollen Sälen (Schwanrittersaal, Schyrensaal, Helden-, Hohenstaufensaal rc.) mit Fresken und enkaustischen Wandbildern von Neder, Lorenz Quaglio, Lindenschmit, M. v. Schwind rc. geschmückt. Auch durch die historischen Erinnerungen, die sich an die Stätte knüpfen, übt Hohenschwangau hohen Reiz Hier sagte Konradin beim Antritt seines verhängnißvollen Zuges nach Italien seiner Mutter Lebewohl. An der Stelle der alten, eigentlichen Burg Hohenschwangau liegt dicht an der Pöllatschlucht auf einem vorspringenden Bergkegel das Schloß Neuschwan st ein, von Ludwig II. während eines Zeitraumes von mehr als zehn Jahren nach den Plänen des Hofbaudirectors v. Dollmann erbaut und vom König bis zu seiner Ueberführung nach Schloß Berg bewohnt. In streng romanischem Stil erhebt sich das Schloß in fünf Stockwerken, über welchen noch drei Dachstühle und zwei Thürme aufragen, und dann steigt noch der 65 Meter hohe Bergfried über den Dachfirsten beträchtlich empor. Die Mauern sind aus Ziegelsteinen aufgeführt, zeigen gekuppelte Rundbogenfenstcr und tragen zierliche Erker und Vorspränge. Kupferplatten decken den Bau; die des Daches über den dem Gebirge zugewandten Altanen sind stark vergoldet, so daß sie im Sonnenlicht herrlich matt erglänzen. Auf dem einen Dachfirst thront ein 4 Meter hoher Rittersmann, auf dem andern ein 2 Meter hoher Löwe, das Wappenthier Bayerns. Schon im Jahre 1864, bald nach seinem Regierungsantritte, war im Könige der Gedanke lebendig geworden, aus den Ruinen von Vorder- und Hinterschwangau ein neues Schloß erstehen zu lassen. Am 15. September 1869 fand die Grundsteinlegung statt. Das Innere des Schlosses haucht vaterländischen Geist. Hier ist alles durchweht von dem jugendfrischen, waldfrischen Hauch der deutschen Sage und Dichtung. Hier begegnen uns die alten deutschen Dichtergestalten des Lohengrin und Tannhäuser, des Parfival und Titurel, Wolfram von Eschenbach und Walter von der Vogelweide Bei aller Pracht, die auch diese Räume erfüllt, sind sie doch keine kalten Prunkgemächer, sondern die Stätte einer fürstlichen Haus- und Hofhaltung. — (Unsere Illustrationen sind nach Photographien von Ludwig Schradler in Füssen am Lech.) --- Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 2. Zuge matt. Auflösung deS Bilder-Räthsels in Nr. 60: Was man hofft, glaubt man gern. Auflösung des Telegramm-Räih'els in Nr. 61: Wohlthaten still und rein gegeben, Sind Todte, die im Grabe leben, Sind Blumen, die im Sturm besteh'n, Sind Sterne, die nicht untergeh'n. (Claudius.) --KMZS-- ^L63. Ireilag, den 3. August 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas Grabhcrr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttlcr). Im Sänne alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Eine Viertelstunde verstrich — eine halbe Stunde. Endlich vernahm er wieder Schritte vorn Hause her. Er stand auf und erblickte Felicitas. Sie kam nicht elastischen Ganges daher, der ihr sonst eigen war, sondern langsam und zögernd. Als sie sich mehr genähert hatte, bemerkte er, daß ihr Antlitz todtenbleich war und ihre Augen in Thränen schwammen. Tief erschrocken, schlang Wolfgang den Arm um sie und zog sie in die Laube. Er drückte sie an seine Brust und fragte sie angstvoll, was geschehen sei. Aber während er seine Frage mehrere Male wiederholte, verbarg Felicitas fortwährend ihr Antlitz an seiner Brust und konnte vor Schluchzen nicht sprechen. Endlich brachte sie die Worte hervor: „Es ist alles aus, Wolsgangl Ich kann nie die Ihrige werden. Wir dürfen uns nicht mehr sehen!" „Gott im Himmel! Was soll das heißen, Felicitas?" rief der Baron. „Wogegen kann Ihr Vater Einwendungen machen? Was kann er auszusetzen haben an mir, meinem Stande, meinem Vermögen?" „Es ist nichts von alledem, Wolfgang!" betheuerte Felicitas. „Nun, was ist es denn?" rief Wolfgang. Sie antwortete nur durch ein trostloses Kopf- schütteln. „Felicitas! Sie haben sich mir verlobt, und nimmer werde ich meinen Anspruch auf Sie aufgeben. Wenn Sie mich lieben, wenn Sie mich je geliebt haben, so werden Sie mich M dieser schrecklichen Prüfungsstunde nicht verlassen. Felicitas! Sie müssen die Meinige werden, auf alle Gefahren hin und ohne die Einwilligung Ihres Vaters, wenn er seine Zustimmung auf nichtssagende Gründe hin versagt. Sie haben nicht das Recht, sich zum Mittel zu machen, um mein Herz mit Füßen zu treten, meine ganze Zukunft der Verzweiflung zu weihen, mich einen Augenblick auf die höchste Höhe des Glückes zu erheben, um mich dann für immer elend zu machen." Er hatte sie während dieser Worte fester an seine Brust gepreßt, aber Felicitas machte sich aus seinen Armen los, nur ihre Hand in der seinigen lassend. „Es sind Umstände vorhanden," antwortete sie, welche es mir unmöglich machen, Ihnen meine Hand zu geben, wollte ich auch meine Kindespflicht gegen meinen Vater vergessen. Oh, Wolfgang l" rief sie unter einem erneuten Thränenstrome, „Sie werden mich hassen, Sie werden den Tag, wo Sie mich zum ersten Male sahen, als den unglücklichsten Ihres Lebens verwünschen — und dieser Gedanke ist für mich schwerer zu ertragen, als alles Andere!" Verwirrt und schweigend starrte Wolfgang sie an. „Was meinen Sie damit, Felicitas?" fragte er endlich. „Oh, denken Sie an die Verantwortung, die Sie auf Ihr Haupt laden! Bedenken Sie, Felicitas, Sie zerstören nicht nur anf immer mein Glück und meinen Frieden, sondern Sie treiben mich hin zum Laster, zur Sünde, vielleicht zum Verbrechen! Sie stürzen mich in jenen Strudel der wilden Genußsucht, welcher die einzige Zuflucht für hoffnungslose und glaubenslose Verzweiflung ist. Felicitas! Sie wollen sich einem Andern vermählen!" „Niemals! niemals!" rief Felicitas heftig. „Ich rufe Gott zum Zeugen an, daß kein Beweggrund auf der Welt mich je vermögen soll, meine Hand einem andern Manne zu geben; daß ich Sie, theurer Wolfgang, immer lieben werde, bis zur letzten Stunde meines Lebens. Dagegen verlange ich von Ihnen nichts, als daß Sie sich bestreben sollen, nie hart über Ihre arme Lizzi zu urtheilen und ihr eine Schuld aufzubürden, wo Ihnen ihre Handlungsweise unbegreiflich erscheinen mag. Wenn Sie mich je aufrichtig und wahrhaft geliebt haben, Wolfgang, so ehren Sie mein Gedächtniß dadurch, daß Sie standhaft an all den edlen und hochsinnigen Grundsätzen festhalten, die Sie in meinen Augen mit einer Glorie bekleidet haben, welche in meiner Erinnerung von dem Bilde des einzigen Mannes, den ich je geliebt, unzertrennlich ist. Lassen Sie mich auch hören, daß Sie glücklich sind, — so glücklich wenigstens, als die Umstände eS erlauben. Ja, Wolfgang," fügte sie hinzu, beide Hände sanft auf seinen Arm legend, „glücklich mit einer Andern, die Sie vielleicht ebenso innig liebt, wie ich. O, Wolfgang, Sie sind ganz der Mann, Glück zu geben und zu empfangen. Tag und Nacht will ich zu Gott flehen, daß dies Ihr Loos sein möge!" Wolfgang barg sein Angesicht in den Händen, um die schrecklichen verworrenen Bilder von sich abzuwehren, die ihn wie eine Vision seiner Zukunft umschwebten. „Felicitas," fragte er nach einem langen Schweigen, „wird mir das unübersteigliche Hinderniß, welches 482 uns von einander trennt, stets ein Geheimniß bleiben?" — „Niemals darf nur ein Wort davon über meine Lippen kommen," sagte Felicitas feierlich. „Und nun leben Sie wohl für immer!" Sie sprach dies mit leiser, gebrochener Stimme, wie die letzten Worte einer Sterbenden. Wolfgang drückte sie mit wildem Ungestüm noch einmal an seine Brust. Dann erleichterte ein Thränen- strom sein zerfleischtes Herz; er küßte sie wieder und immer wieder mit einem wahnsinnigen Schmerz, wie ihn nur derjenige kennt, welcher weiß, was es heißt, sich auf immer von dem Liebsten und Theuersten auf der Welt trennen zu müssen. Felicitas weinte schweigend. Noch einmal flüsterte sie: „Leb' wohll" Dann riß sie sich von ihm los und eilte weg. LXX. Die Sonne war hinabgesunken. Von Süden her zog eine schwarze Wetterwand am Himmel herauf, in welcher sich weißlich-graue, schweflige Wolken bargen. Wer um diese Zeit unterwegs war, der hätte wohl Ursache gehabt, besorgte Blicke nach dem finster zusammengeballten Gewölk zu werfen, aber der Reiter, welcher auf der einsamen Landstraße dahintrabte, kümmerte sich nicht darum. Das sonst so frische und strahlende Antlitz Wolf- gang's, dem wir eben auf seinem traurigen Heimwege begegnen, war blaß und bekümmert, getäuschte Hoffnung und tiefes leidenschaftliches Brüten hatten seiner Stirn das Siegel reiferen Lebens aufgedrückt; in wenigen Stunden schien er um Jahre gealtert. Immerzu ritt er durch die einsamen Fluren, welche sich tiefer und tiefer in Finsterniß hüllten. In langen, schweren Stößen begann der Wind zu heulen. Der Himmel öffnete sich flammend, und auf Augenblicke blitzte die Landschaft tageshcll aus der Nacht hervor, der Boden erzitterte unter betäubenden Donnerschlägen, und in dicken Strömen rauschte der Regen herab. Der Reiter hielt zuweilen an, um sich in der Finsterniß zu orientiren, ..w dann schüttelte er den Kopf, denn mehr und mehr gewann er die Ueberzeugung, daß er, nur immer mit seinen qualvollen Gedanken beschäftigt, des Weges nicht geachtet und bei irgend einer Kreuzung die falsche Straße eingeschlagen hatte. Da tauchte plötzlich im violetten Lichte eines Blitzstrahls dicht an der Straße ein niederes längliches Gebäude auf. So viel Wolfgang in der flüchtigen Beleuchtung unterscheiden konnte, war es eine Art Schuppen, dessen ihm zugekehrte Seite offen lag. Er stieg vom Pferde und führte dasselbe in den finsteren Raum. Da erschien plötzlich am anderen Ende des Schuppens ein Lichtstreifen, und in dem Zwischenraum einer sich öffnenden Thür zeigten sich die dunklen Umrisse einer menschlichen Gestalt. „Bist Du da, Paul?" rief sie in den finsteren Raum hinein. Wolfgang schritt auf die Stelle zu. Allem Anschein nach befand er sich in einer verlassenen, im Verfall begriffenen Ziegelscheune; das Licht drang aus einem durch eine Thüre verwahrten Bretterverschlag. Vor Wolfgang stand eine alte, wohl fast siebzigjährige Frau mit schneeweißem Scheitel, in dürftiger, aber sauberer Kleidung. Sie hielt ein Licht in der Hand, welches in dem theilweise abgebrochenen Halse einer Flasche steckte. — „Es ist nicht Paul," sagte Wolfgang, indem er der erschrocken zurückweichenden Frau in den Verschlag folgte, „ich habe mit meinem Pferde hier nur Obdach gegen das Unwetter gesucht." Die Alte starrte ihm eine geraume Weile sprachlos in's Gesicht und musterte ihn dann von Kopf bis zu Fuß. „Nein, nein," murmelte sie wie im Selbstgespräch, „es ist keiner von ihnen; sie können die Kleider eines vornehmen Herrn anziehen, aber sie sehen doch nie wie ein solcher aus. Nein, nein, es ist kein Häscher." In diesem Augenblicke öffnete sich die Thüre und ein Mann von riesenhohem Wüchse trat ein, eine vom Regen triefende Decke um die Schultern geschlungen. Mit finsterem Blicke betrachtete er Wolfgang. „Wer sind Sie und was wollen Sie hier?" fragte er in drohendem Tone. „Ich suche nur Unterkunft gegen den Regen," antwortete Wolfgang, „ich wollte nach dem Villenhofe und habe den Weg verloren." „Nach dem Villenhofe?" griff die alte Frau das Wort auf und trat dicht an Wolfgang heran, um ihm abermals in's Gesicht zu blicken. „Dann sind Sie wohl ein Sohn des Barons von Sturen? Ja, ja, Sie sehen ihm sehr ähnlich; auch von Ihrer Mutter haben Sie etwas, aber Sie gleichen mehr Ihrem Vater." „So kannten Sie also meine Eltern?" fragte Wolfgang. „Ja, ich kannte beide gut; aber es ist jetzt zwanzig lange Jahre her, daß ich sie zuletzt sah. Leben Ihre Eltern noch?" „Nein, sie sind beide todt." Von dem Antlitz des riesenhaften Mannes war, wahrend er dem Gespräche zuhörte, der drohende Ausdruck verschwunden. „Sie erinnern sich meiner wohl nicht, Herr Baron?" fragte er. „Wir haben uns allerdings nur ein einziges Mal gesehen." „Es war in Moses Nathansohn's Hinterstübchen," sagte Wolfgang, welcher Gestalt und Physiognomie des Mannes schon vorher wiedererkannt hatte, „und wenn mein Gedächtniß mich nicht täuscht, so ist Ihr Name Rölling." Der Niese legte bedeutsam seinen Finger um den Mund. — „Ich habe volles Vertrauen zu Ihnen, Herr Baron," sagte er, „denn ich kenne gewisse Personen, an denen Sie sehr edel gehandelt haben. Aber ich bitte Sie, niemandem zu verrathen, daß Sie mich hier gesehen haben. Die Spürhunde sind hinter mir her wegen eines kleinen Streiches, den ich vor einiger Zeit verübte, und ich gedenke daher eine Reise über das Meer zu machen." „Seien Sie versichert, daß ich nicht den Verräther spielen werde," versetzte Wolfgang, welcher sich nach den Vermuthungen, die er schon früher über das Gewerbe dieses Mannes gehegt, durch dessen dunkle Anspielung kaum überrascht fühlte. „Ich mag nicht fragen, Herr Rölling, was Sie sich haben zu Schulden kommen lassen, aber ich kann nicht umhin, Ihnen mein Bedauern auszudrücken, daß Sie auf ebenso schlimmen als gefährlichen Wegen wandeln. Es liegt so manches in Ihrem Wesen, was mich sympathisch berührt, so daß es mir schwer fällt, Sie zu den unrettbar Verlorenen der menschlichen Gesellschaft zu zählen. Wenn Sie Ihre Flucht über das Meer glücklich bewerkstelligt haben, so denken t- 483 Sie an weine Worte und versuchen Sie, in einer neuen Welt ein neues Leben anzufangen." „Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung, Herr Baron," erwiderte Rölling, „aber die sogenannte gute Gesellschaft gestattet niemandem besser zu werden. Glauben Sie mir, was die Hälfte aller Verbrecher in'S Unglück stürzt, ist Mangel an Hoffnung. Das letzte Rest- chen Hoffnung würde Unsereinen gar oft wieder zum ehrlichen Manne machen, aber haben wir einmal einen Fehltritt begangen, so gibt eS für uns nichts mehr zu gewinnen, wenn wir auch stehen bleiben. Nun, ich habe einige Aufmunterung von Ihnen erhalten, und wenn ich diesmal glücklich durchkomme, so will ich mein Möglichstes thun, Ihren wohlmeinenden Rath zu befolgen." „Ich hoffe beideS für Sie, Herr Rölling," ent- gegnete der Baron, „denn es steckt in Ihnen ein guter Kem, wie ich glaube. Doch das Unwetter draußen hat aufgehört, und ich könnte nun am Ende meinen Weg fortsetzen." „Dann werde ich Sie soweit begleiten, bis Sie selbst nach dem Villenhofe finden können," erbot sich Rölling, „denn ich kenne hier alle Wege und Stege genau." Der Baron nahm das Anerbieten dankbar an. Er wünschte der alten Frau freundlich gute Nacht und holte sein Pferd, welches ihm von Rölling abgenommen und am Zügel geführt wurde, da der einzuschlagende Weg das Reiten sehr erschwert hätte. Der Aufruhr der Elemente draußen hatte sich beruhigt. Der Regen fiel fast nur noch in vereinzelten Tropfen. Während die Beiden schweigend Nebeneinander hergingen, bedauerte der Baron im Stillen, daß die Achtung vor dem Gesetz ihm verbot, nur im mindesten die Flucht eines Mannes zu begünstigen, bei welchem er eine Neigung zur Reue zu sehen glaubte. Aber er dachte nach, wie er in anderer Weise etwas für ihn thun könne. „Herr Baron," sagte Rölling unterwegs, „ich weiß, daß Sie Beziehungen zu einem jungen Manne Namens Rettberg gehabt haben. Wie es scheint, ist er nicht mehr in Berlin. Wissen Sie vielleicht zufällig, wie es ihm geht?" „Er hält sich gegenwärtig bei dem Gutsbesitzer Teßner in Göllnitz auf," antwortete der Baron, peinlich berührt, den Namen des Mannes aussprechen zu müssen, der den seligen Traum seiner Zukunft vernichtet hatte. „Hai" rief Rölling, indem er sich vor die Stirne schlug, „dann ist es dieser Bube, der mich verrathen hat! Was hätte er sonst mit dem alten Schuft zu thun?" „Soviel ich weiß," entgegnete Wolfgang, „verkehrt Rettberg mit dem Besitzer von Göllnitz in einer Geschäftsangelegenheit; eS handelt sich um eine bedeutende Erbschaft, zu welcher der ehemalige Advokat dem jungen Mann verhelfen will." Rölling schien beruhigt. „Dann soll Rettberg sich in Acht nehmen," bemerkte er. „Auch mir hat der alte Halsabschneider einmal zu einer Erbschaft verhelfen wollen. Das Ende vom Liede war, daß er mich in's bitterste Elend stürzte. Alles, was ich geworden bin, hat er allein auf dem Gewissen. Doch ich will die alte traurige Geschichte nicht aufrühren; es macht mich ganz wild!" — Nach einiger Zeit vereinigte sich der schmale Feldweg, auf welchem man bisher dahin geschritten war, mit einer Fahrstraße. „Das ist Ihr Weg, Herr Baron," sagte Rölling stehen bleibend. „Wenn Sie denselben verfolgen, so kommen Sie an einen Bach, worüber eine Brücke führt; hinter dieser scheidet sich die Straße. Sie brauchen nur die Richtung nach links einzuschlagen, so erreichen Sie den Villenhof." „Ich danke Ihnen," sagte Wolfgang. „Doch noch ein Wort, Herr Rölling. Ich vermuthe, die alte Frau, die Sie bei sich haben, ist Ihre Mutter." „Ja, Herr Baron. Sie ist von dort hergekommen, wo ich nun selbst mein Glück probiren will, und nachdem wir einander längst für todt gehalten, fanden wir uns in dem unglückseligen Augenblicke, wo ich vor den Häschern die Flucht ergreifen mußte. Aber sie wollte mich in der Gefahr nicht verlassen und hat mich in meinen Schlupfwinkel begleitet, wo ich augenblicklich vor Verfolgung sicher zu sein glaube." „Für Sie selbst, Herr Rölling, kann ich leider nichts thun," erwiderte Wolfgang, „aber Ihrer Mutter biete ich ein Obdach auf meiner Besitzung an. In der Nähe des VillenhofeS habe ich ein leeres Häuschen, welches ich ihr wohnlich einrichten lassen will. Dort kann sie bleiben, so lange sie lebt. Ich werde sofort die nöthigen Befehle geben, und wenn Ihre Mutter sich morgen auf dem Villenhofe meldet, soll sie ihr neues Heim zu ihrer Aufnahme bereit finden." Rölling antwortete nichts. Er drückte dem Baron nur schweigend die Hand und führte sie ehrerbietig an seine Lippen. So schieden beide. (Fortsetzung folgt.) -—r-- SaiZner a dllmo. Ein Gedenkölatt zum 27. und 28. Juli 1794. Von Frhrn. v. R. (Schluß.) Die Hinrichtung Dantons und seiner Gefährten schlug dem Schreckensregiment die erste, unheilbare Wunde. Der blutgetränkte Radikalismus getroffen von seinen eigenen Repräsentanten! Der Tyrann hatte die Konsequenzen des Gleichheitsprincips gezogen, und sein Arm reichte in die Verstecke der Aristokraten wie in die Versammlungsräume des geschworenen KönigSmordes. Die Jakobiner erkannten, daß auch sie nicht mehr sicher seien, und rüsteten sich zur Abwehr. In diese Zeit fallen die Anfänge der gegen das Leben Nobespierre's gerichteten Verschwörung, dann jene bekannten, in fürchterlich steigender Progression massenhaft vorgenommenen Exekutionen. Die Revolution näherte sich ihrem Zenith. Ein Vlutstrom von ungeahnter Heftigkeit ergießt sich über Frankreich. Das Leben sinkt im Werthe wie eine Waare, nach welcher nicht mehr gefragt ist. Die Revolutionsausschüsse werden vermehrt/) Nevo- lutionstribunale in allen Städten des Reiches errichtet, die Guillotine wird in Permanenz erklärt. Das Mordbeil arbeitet Tag für Tag?) und was unter der Hand des ') Es waren deren im ganzen Umfange der Republik 50,000 beschäftigt und kosteten nach Cambon's Berechnung jährlich 591 Millionen 300,000 LivreS. ') Collot d'HerboiS, der ehemalige Schauspieler, hatte als Commissär des Konvents die gegen Lyon ausgesprochene Acht zu vollziehen. Er läßt die Einwohner zu Tausenden mit Kartätschen niederschmettern. Deßgleichen wüthete Carrier in Nantes, wo Kinder von 6—14 Jahren und selbst Säuglinge guillotinier wurden. Tausende von Männern und Frauen, zusannnenge- bundcn und republikanische Ehen genannt, wurden in der Loire ertränkt. 484 — Henkers nicht verendet, wird erschlagen, niedergeschossen, ersäuft in den Aufständen des Südens und der Vendee, wo Konventsdeputirte die Beschlüsse des Wohlfahrtsausschusses vollziehen und im Namen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit dem dreieinigen Nevolutionsgötzen Hekatombe auf Hekatombe häufen. Und inmitten all dieser Gräuel, wo die Nation durch ein Uebermaß von Jammer und Elend in einen Zustand dumpfer Verzweiflung versank, jeder Widerstand aufhörte, dekretirte der Konvent auf Nobespierres Vorschlag den „Glauben" an die Existenz eines höchsten Wesens und an die Unsterblichkeit der Seele. Der blutbespritzte Hypokrit, der das Vertilgungs- system inaugurirte, Frankreich in ein Schlachthaus verwandelte, hatte über Menschenglück und Menschenrechte gesprochen, welchen Deductionen die Versammlung in düsterem Schweigen gefolgt war. Am 8. Juni wurde das Fest des höchsten Wesens gefeiert, bei welche« Robespierre als der Hohepriester einer neugeschaffenen antichrist- lichen Religion figurirte, um die Huldigung einer zahllosen Menschenmenge entgegenzunehmen. Der Pariser Pöbel, gelangweilt von den täglich sich wiederholenden Masseuhinrichtungen, verlangte nach anderen Schaustellungen, die ihm jetzt geboten und von dem ersten Acteur des Landes meisterhaft in Scene gesetzt wurden. Das dankbare Auditorium beklatschte die schwülstigen Tiraden seines Lieblings, brüllte die Hymne an das höchste Wesen und verlief sich dann, um nach weiteren Zerstreuungen zu suchen. Und damit wäre die ganze Sache abgethan gewesen. Aber die Farce barg für ihren Urheber eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Etwas bisher ganz Unerhörtes hatte sich ereignet. Drohende Zurufe gegen Nobespierre waren aus den Reihen des ihn umgebenden Konvents vernehmbar geworden. An diesem Tage begann die Zuversicht des Despoten zu schwinden, das Vertrauen in den Bestand seiner Macht zu wanken. Die Opposition, welche sich gegen ihren Herrn gebildet hatte, rang mit diesem um Freiheit und Leben, sie verfiel dem Henker, wenn sie im Kampfe besiegt war. Es waren Mitglieder des Berges, die sich wider Robespierre stellten, Freunde des Hingerichteten Danton, und von jenem am meisten gefürchtet. Am Tage nach dem Feste erschien Nobespierre im Wohlfahrtsausschuß und verlangte, daß dieser im Konvent ein Anklagedekret gegen die Dantouisten beantrage. Aber Mlland-Varennes, Collot d'Herbois und Andere fürchteten, daß, wenn sie abermals Deputirte preisgäben, schließlich sie selbst an die Reihe kommen könnten, Bedenken, welche durch die seither gemachten Erfahrungen vollkommen gerechtfertigt wurden. Nobespierre errieth alsbald deren Beweggründe, aus welchen ihm gefährliche Gegner erwachsen mußten, und beschloß den Untergang seiner Kollegen. Um zum Ziele zu gelangen, sing er an, die Sitzungen des Ausschusses zu meiden, als ob seine Abwesenheit allein genügte, dessen Beschlüsse in Mißkredit zu bringen. Er hatte aber schlecht gerechnet. Denn als die Ausschußmitglieder ihn nicht mehr sahen, hörten sie auch auf, ihn zu fürchten, und ergaben sich Collot d'Herbois und Billaud-Varennes, die jetzt auch den zweiten Aus- schuß des Konvents, jenen der öffentlichen Sicherheit, bestimmten, sich Nobespierre's Einfluß zu entziehen. Während dessen dauerten die Hinrichtungen ununterbrochen fort. Auf dem Revolutionsplatze in Paris, wo die furchtbare Maschine fuuctiontrte, war der Boden von dem entströmenden Lebenssäfte schlüpferig, der Blutgeruch unerträglich geworden. Der Standort der Guillotine mußte verlegt, und in der Vorstadt St. Antoine, wohin sie gebracht worden war, mußte das Blut durch einen Kanal abgeleitet werden. Gleichwohl wurde über zu langsame Justiz geklagt und das Revolutionstribunal, dessen Gewissenlosigkeit und Grausamkeit notorisch war, für den Entgang der noch fehlenden Millionen ^) mit seinem Leben verantwortlich gemacht. Vadier sagte: „Wir müssen eine Mauer von Köpfen zwischen uns und dem Volke errichten." Billaud-Varennes sprach: „Das Nevolutions-Tribunal glaubt genug zu thun, wenn es täglich 60—80 Köpfe fallen läßt. Eine Zahl, welche fast immer gleich ist, flößt keine Furcht mehr ein; man gewöhnt sich daran, man muß sie verdoppeln, dann wieder erhöhen." „Wie schwach ihr zu Paris seid," rief Collot d'Herbois aus, „man sieht wohl die Verweichlichung einer großen Hauptstadt l Könnt ihr eure Ohren denn nicht an den Kanonendonner gewöhnend) Die Feinde des Vaterlandes zu köpfen, zeugt von Furchtsamkeit, ihr müßt sie zerschmettern, ich habe es hundertmal gesagt!" Also kam man überein, die Zahl der Verurtheilten einstweilen zu verdoppeln und sie wenigstens auf 150 täglich zu bringen. Von nun an kannte das aus Männern von der Wahl Nobespierre's bestehende Revolutionstribunal keine Freisprechung mehr?) Die Gefängnisse der Hauptstadt waren mit Verhafteten überfüllt. Um sie zu entleeren, wurden täglich 150 bis 160 Personen vor das Tribunal geführt und alle ohne Bedenken zum Tode verurtheilt. Die Jury, die Personi- fication des Nationalgewissens, lag während der Verhandlung oft gähnend auf den Bänken und verdammte nach geendigten Debatten, bet welchen übrigens nur Ankläger und Belastungszeugen gehört wurden, ebenso handwerksmäßig, als der Scharfrichter guillotinirte. Die verbrecherische Leichtfertigkeit, mit welcher Richter und Geschworene verfuhren, spottete aller Beschreibung. Es ereignete sich nicht selten, daß Personen vor das Tribunal gefordert wurden, welche schon längst guillotinirt waren. Ebenso war es den Gerichtsboten überlassen, welche Personen sie mitnehmen wollten. Die Physiognomie der sogenannten Verdächtigen, und -verdächtig war Alles, was sich von den Sanscülotten in irgend welcher Weise unterschied, war genau bestimmt worden. Die Sicherheitskarten, welche dem Inhaber derselben den Nachweis seines revolutionären Bürgersinnes ermöglichen sollten, hatten jetzt ihren Werth verloren. Man wurde von allen Seiten angefallen, um Rechenschaft über seinen Civismus abzulegen. Furcht vor den Polizeiagenten verwandelte alle öffentlichen Plätze in Einöden. Jeder ruhige, besonders aber jeder begüterte Bürger bestellte täglich sein HauS in der Voraussetzung, die nächste Nacht verhaftet zu werden. Man hatte mit dem Leben abgeschlossen und glaubte, daß nur ein glücklicher Zufall Rettung bringen konnte. Denn in dem kurzen Zeitraume von wenigen Monaten endeten in PariS allein 13,700 Personen, darunter 3400 Frauen und Jungfrauen, auf dem Blutgerüste. Es ist wohl mit gutem Grunde anzunehmen, daß, wenn die Sicherheit der Schreckensmänner nicht selbst bedroht gewesen wäre, die Hinrichtungen auf unberechen- Nobespierre beabsichtigte, Frankreich auf ein Fünfttheil seiner Einwohner zurückzuführen. Eine Anspielung auf seine Lyoner Füsilladen. °) Richter und Geschworene waren aus dem Abschaum der Gesellschaft zusammengesetzt. Einige waren bald nach ihrer Entlassung von den Galeeren ToulonS auf die Nichterbank gelangt, Andere hatten während der Septembermorde ihr Verbrecherthum dokumentirt. 485 bare Zeit hinaus ihren Fortgang genommen haben würden. Denn nach dem Tode ihres Zwtngherrn, als die ihnen gemeinschaftlich drohende Gefahr vorübergezogen war, versuchten sie alsbald wieder den Terrorismus zu erneuern und bekämpften alle Maßregeln, welche eine humanere Gestaltung der revolutionären Zustände herbeiführen konnten. Nobespierre, welcher von der wider ihn in Gang gebrachten Verschwörung wohl unterrichtet war, glaubte das Gewitter durch die Macht der Rede im Konvente allein beschwichtigen zu können und wies alle Rathschläge, welche persönlichen Muth voraussetzten, scheu zurück. Seine Freunde riethen ihm, die Truppen Henriot's, des Kommandanten von Paris, der Nobespierre ergeben war, nach dem Konvente zu beordern, die Ausgänge des Sitzungssaales besetzen und die Mitglieder beider Aus- schüsse als Volksverräther im Namen des Gesetzes verhaften zu lassen. Dieser Vorschlag, der Nobespierre gerettet haben würde, machte ihn erblassen. Er verlor den Kopf, wenn er persönlich handeln sollte. Hatte er sich doch den 20. Juni und 10. August verkrochen, und jetzt wagte er es nicht, sich an einem Tage zu zeigen, an welchem er das Ziel seiner Wünsche erreichen, sich die Dictatur erkämpfen sollte °). Der Konvent kam den 9. Thermidor — 27. Juli — um die gewöhnliche Stunde zusammen. Nobespierre bemerkte, daß die Mäuner des Berges noch nie so entschlossen und drohend ausgesehen hatten, wie heute. Ihre Reihen sind gedrängt, dicht, geschlossen, aber seine Bank — ist leer, verlassen, von Allen gemieden. Seine Gegner sind übereingekommen, mit ihrem Angriff auf ein verabredetes Zeichen zu warten. Dieses Zeichen wurde gegeben, als St.-Just, der Vertraute Nobespierre's/) das Wort ergriff, um dem häufig wiederkehrenden Gerüchte über eine Spaltung im Schooße des Wohlfahrtsausschusses entgegen zu treten. Weit kam der Redner nicht, denn schon stand Tallien, Nobespierre's böser Dämon, ueben ihm, drängte ihn von der Tribüne, und indem er sich gegen den Gefürchteten wandte, entfesselte er in der Versammlung einen Beifallssturm, wie er noch niemals im Konventsaale gehört worden war. „Schlagen wir mit festem Arme zu," rief er aus. „Laßt uns bis auf die Bänke des Nevolutionstribunals, bis in die Schreibstuben der Jakobiner, in die des Gemeinderaths ihn und seinen aus Spitzbuben und Verbrechern bestehenden Anhang verfolgen! Laßt uns endlich so vielen feigen Angriffen auf die Menschheit und ihre heiligen Rechte ein Ziel setzen! ^) Ueber was rann sich denn der Tyrann beklagen? Kommt er nicht durch die von ihm selbst geschmiedeten Waffen um, von denen er einen so fürchterlichen Gebrauch wider uns gemacht hat? Haltet ihn fest, er würde uns Alle vernichten, wenn man ihn frei von hinnen ließe!" Tallien schien eine absolute Gewalt auf die ganze Versammlung erlangt zu haben. Der Berg erhob sich mit einem Male, um Nobespierre's Verhaftung zu verlangen. Dieser, von seiner Betäubung, in welche ihn Tallien's Angriff ver- b) Als man Nobespierre gerathen hatte, sich der Truppen Willen manchmal zu P-erds zu zeigen, wollte er reiten lernen, mußte aber vie Uebungen bald wieder einstellen, da er sich der Furcht vor diesen Thieren nicht zu entledigen vermochte. ') St.-Just, vordem Marquis von Fontinvtlle, Mitglied des Wohlfahrtsausschusses, hatte mit Couthon und Lebas zu Nobespierre gehalten. b) Tallien hatte selbst diesen heiligen Rechten, zumal als öffentlicher Ankläger beim Revolutionstribunal, Hohn gesprochen. setzte, zurückgekommen, versuchte nun alles Mögliche, um zum Worte zu kommen. Aber „nieder mit dem Tyrannen" scholl es durch den Saal, und die Tribünen hallten beifällig wieder. Nobespierre's schneidende, gellende Stimme durchdrang die donnernden, brüllenden Stimmen seiner Feinde. Bald erkletterte er die Neduerbühne, bald stieg er auf den Stuhl des Präsidenten.^) Dieser blieb taub für sein Geschrei. Nun entspann sich ein fortwährender Kampf zwischen der Klingel des Präsidenten und Nobespierre's Stimme. In Verzweiflung suchte er mit glühenden Blicken Diejenigen, welche ihm im Glücke am meisten geschmeichelt hatten. Umsonst! „Zum letzten Male, Präsident der Meuchelmörder," schrie er jetzt, „verlange ich das Wort!" Die Klingel antwortete ihm abermals. Jetzt änderte Nobespierre seinen Plan und stürzte nach den Bänken, wo Vergniaud's Freunde sitzen. „Wir müssen," rief er ihnen zu, „einander gegen die gemeinschaftlichen Feinde unterstützen, die seit langer Zeit Euren Tod geschworen haben und nun den meinigen verlangen!" „Zurück von diesen Bänken," erwiderte ihm Ferrand, „Du besudelst sie durch Deine Gegenwart. Vergniand und Condorcet saßen hier." ") Nobespierre fängt nun abermals den Kampf mit des Präsidenten Klingel an. Aber schon versagt ihm die Stimme. „Man will mich morden," keucht er. „Hast Du den Tod nicht etwa verdient, tausendfach verdient?" antwortet man ihm. Noch immer will er sich Gehör verschaffen. Aber man reißt ihn zurück, und Garnier, welcher bemerkt, daß seine Stimme sich verändert hat, schreit ihm zu: „Das ist Dantons Blut, das in Deinem Rachen zusammenströmt und Deine Sprache erstickt!" Er heult und droht, vcrzweiflungsvoll wirft er sich auf die Bänke, dann springt er wieder auf. Der Mund schäumt, Rache blitzt ihm aus den Augen. Die Abstimmung über seine Verhaftung machte dieser fürchterlichen Scene ein Ende. Dieselbe wurde bis auf sechs Stimmen einstimmig unter dem Rufe „Es lebe die Republik" angenommen. „Die Republik!" kreischte Robespierre, „es gibt keine mehr, die Spitzbuben siegen!" Mit ihm wurden zugleich sein Bruder, dann St.-Just, Couthon und Lebas in Verhaft genommen. Gegen Dumas, den berüchtigten Präsidenten des Nevolutionstribunals, Henriot und sämmtliche Chefs der Nationalgarden wurden Ver- haftsdekrete erlassen. Noch in der nämlichen Sitzung ließ der Konvent den ehedem so Gefürchteten vor die Schranken schleppen, um sich an seiner Demüthigung zu weiden. Ein fragender Blick, den er nach den Galerien warf, wo das tugendhafte Volk") sich drängte, erhielt ein Zischen zur Antwort. „Die Banditen siegen," knirschte er mit verhaltenem Grimme, indem er sich den Schranken näherte, wo Gendarmen seiner harrten, die ihn mit feinen Freunden in den Luxembourg bringen sollten. Der furchtbare Nobespierre war zwar gelähmt, aber noch nicht zerschmettert. Ihn zu retten, durcheilt Henriot mit seinen Helfern die Straßen der Hauptstadt und schreit über Rebellion und Aufruhr bis unter die Fenster der Tuilerien. Er überwältigt deren Posten, rückt mit feiner Artillerie in die Höfe des Nationalpalastes ein und dringt bis zu dem Konventssaale vor, um die Mitglieder beider °) Es war Thnriot, dem Nobespierre früher wiederholt mit dem Tode gedroht hatte. '°) Führer der Gironde, welche vornehmlich durch Nobespierre's Einfluß gestürzt wurden. Vergniand wurde hingerichtet, Condorcet nahm Gift. ") Nobespierre sprach im Konvente und Jakobinerklub stets vom tugendhaften Volke. 486 Negierungsausschüsse zu verhaften. In diesem Augenblicke höchster Gefahr erklärt der Konvent Robespierre, Henriot und ihre Anhänger außer dem Gesetz. Die Menge auf den Tribünen nimmt Partei für die Versammlung, drängt die Angreifer zurück, die sich feige zurückziehen, um nach dem Stadthanse zu eilen, wohin inzwischen Robespierre, dem Gewahrsam im Luxembourg entkommen, von seinen Freunden gebracht worden war. Er benahm durch feine Angst allen Denjenigen den Muth, die ihn zu vertheidigen herbeigekommen waren. Die Cowmiffäre des Gemeinderaths, welche die Vorstädte für RobeSpierre in Bewegung setzen sollten, hatten nichts bewirkt. Man war der abscheulichen Hinrichtungen endlich müde^) und gab zur Antwort: „Wenn wir vor Hunger sterben, so wird uns das Schauspiel einer Hinrichtung von hundert sogenannten Aristokraten gegeben, unter denen oft die besten, für unser wirkliches Wohl besorgten Patrioten sind. Will man uns mit Menschenfleisch speisen und mit Blut tränken? Nobespierre hat alle Freiheit und alle Menschen- rechte unterdrückt, und nun sollen wir uns eines solchen Tyrannen annehmen?" Um 11 Uhr Nachts rückt BarraS, der von dem Konvente zum Befehlshaber der bewaffneten Macht ernannt worden war, vor das Stadthaus, ordnet seine Truppen zum Angriffe und läßt die Dekrete, zu deren Vollzug er beordert ist, bekannt geben. Henriots Kanoniere schreien: „Es lebe der Konvent!" und richten ihre Geschütze gegen den Gemeinderath, den sie noch eben zu vertheidigen geschworen hatten. Man dringt nun in das Stadthaus, die Treppe hinauf in den Versammlungssaal, wo sich die Geächteten nach kurzem Widerstände ergeben. Um dem Blutgerüste zu entrinnen, drückte Nobespierre ein Ptstol in seinen Mund ab, zerschmetterte sich aber nur die Kinnlade. Sein Bruder stürzte sich aus dem Fenster und brach beide Schenkelbeine. Couthon, unter einem Tische versteckt, versuchte sich durch Messerstiche zu todten. Alle, ausgenommen Lebas, der sich zu gleicher Zeit zwei Pistolen in die Schläfe feuerte, hatte man lebendig bekommen, unter ihnen Dumas, Fleuriot, den Maire, Coffin- hal, einen der Tribunalsrichter, Payan und Simon, jenen Elenden, dem der Sohn des unglücklichen Ludwig XVI. zum Opfer gefallen war. Henriot ward von Coffinhal, der ihm Alles zur Last legte, aus einem Fenster geworfen. Unversehrt verbarg er sich in einem Abzugsgraben, wo ihn aber Gendarmen entdeckten und ihn durch Säbelhiebe zur Ergebung nöthigten. Robespierre wurde auf einer Art von Bahre bis an die Thüre deS Konventssaales getragen, um ihn der Versammlung zu zeigen. Auf dem Wege dorthin näherte sich ihm ein Bürger mit den Worten: „Ja, Nobespierre, es gibt ein höchstes Wesen, und die Vergeltung harret Deiner!" Man setzte ihn in dem Sitzungssaals des Wohlfahrtsausschusses ab, wo er, geschüttelt von Fieberschauern und ohne einen Laut von sich zu geben, zwei volle Stunden verbrachte. Dann trug man ihn in das Hospital, Hotel Dieu, wo ein Wundarzt ihn verbinden mußte, und zuletzt in die Conciergerie, den letzten Aufenthaltsort der zum Tode Verurtheilten. ") Als man gegen 8 Uhr Abends noch 80 Berurtheilte nach dem Richtplatze führte, warf sich das Volk auf die Karren, hielt diese an und verjagte die Eskorte. Aber im selben Augenblicke sprengte Henriot mit seinen Leuten heran» sammelte die zerstreuten Gendarmen wieder, ließ mit den Säbelklingen auf das unbcwaffnete Volk einhauen — der Todtenmarsch wird fortgesetzt und am Tage der Rettung müssen 80 Schlachtopfer durch einen bereits verhafteten Verbrecher fallen. Am Morgen des 28. Juli vor das Revolutionstribuna! geführt, waren ihm Bewußtsein und Sprache wieder gekommen. In Anbetracht des Umschwunges politischer Machtverhältnisse mußte Nobespierre verurtheilt werden. DaS Schaffst wurde für ihn auf dem Revolutionsplatze, nämlich da errichtet, wo so viele Tausende zur Beschleunigung seines Sturzes geblutet hatten. Der Karren, welcher Robespierre mit 21 seiner Anhänger trug, wurde auf dem Wege zur Richtstätte vor dem Hause des Tischlers Duplaix längere Zeit angehalten. *b) Das Volk, welches beim Anblicke Nobespierre's in ein Wuthgeheul ausbrach, wollte es so haben. Eine Gruppe von Weibern umtanzte mit bacchantischer Wildheit die Verurtheilten. Dem Zuge voran hüpfte ein Weib und schrie: „Dein Tod macht mich vor Freude trunken, Nobespierre, hinunter mit Dir in die Hölle, der Du von allen Müttern und Gattinnen verflucht bist!" Auf dem Richtplatze wurde ihm mit Gewalt die Binde, welche seine Wunde bedeckte, abgerissen. Er stieß einen fürchterlichen Schrei aus, dann wurde er auf's Brett gelegt. Um 5 Uhr Abends fiel sein Haupt. Die Leichname der Hingerichteten warf man in eben die Gruben, welche kurz vorher gegraben wurden, um die Körper mehrerer Hunderte von Schlachtopfern aufzunehmen, welche von Nobespierre bereits dem Tode geweiht waren. ' ' - Mangel an genügendem Schlafe — eine Hauptnrsache der Nervenschwäche. Eine hygieinische Betrachtung von L. H. (Nachdruck «nboteu.1 Einig sind die Schriftsteller und Dichter aller Zeiten und Nationen im Lobe des Schlafes. Der Schlaf gewährt ja Erquickung dem Ermüdeten, Ruhe dem Verfolgten und Umhcrgetriebenen, er bietet Trost dem Kummervollen und Linderung dem Leidenden; er ist das Grab der Leiden und die Auferstehung zu neuer Kraft und Heiterkeit. Tertulliau nennt den Schlaf wackiaus vperuw, oui legitime trusnäo äie3 cwäit, nox IsAsor Isoiti Lukersns rerum etiarn eolorsw; der Schlaf ist etwas Heiliges, deßhalb weicht gleichsam voll Ehrfurcht der Tag, damit man diese HimmelSgabe genießen könne, die Nacht hat ihn znm Gesetze gemacht, indem sie den Dingen im geheimnißvollen Dunkel die Farbe nimmt. Wenn nur dieses „Gesetz der Nacht" auch immer beobachtet würde! Schon Seneca tadelt diejenigen, welche auf unserem Erdtheile mit unseren Antipoden wachen, während wir schlafen bei Nacht, und mit unseren Antipoden schlafen, während wir wachen bei Tag. Wenn Seneca heute zu uns käme, würde er uns nicht auch tadeln müssen, daß wir das „Gesetz der Nacht" ganz oder doch theilweise übertreten? Fast jeden Abend ist in den Städten etwas anderes los: ein Theater, eine Vereinsversammlung, ein Concert, eine Arbeiterversammlung u. f. w. Dabei regt sich der während der Tagesarbeit erschlaffte Organismus in einem Nebelmeere von Tabaksqualm beim Genusse geistiger Getränke stark auf; erst um 11, 12 oder 1 Uhr wird dem müden Körper gestattet, sich zur Ruhe hinzustrecken auf's Lager — aber welch ein unruhiger, gestörter, unerquicklicher Schlaf! Und nach 5 oder 6 Stunden muß die Arbeit wieder aufgenommen werden. Die Folge dieser unserer Lebensweise ") Im Hause Duplaix' hatte Robespierre seit Beginn der Revolution gewohnt. 487 ist aber eine sehr traurige, es ist die in allen Standen immer mehr um sich greifende Neurasthenie oder Nervenschwäche. In den Annalen der Elektro - Homöopathie und Gesundheitspflege (Monatsschrift des elektro-homöopathtschen Institutes in Genf, 3. Jahrgang, 1893, Nr. 1, S. 3) schreibt A. v. Fellenberg-Ziegler in einem Aufsätze „über die Folgen und Nachtheile ungenügenden Schlafes" folgendes beherzigenswerthe Wort: „Ich bin überzeugt, daß der fast allgemein herrschende Mangel an ausreichend genügendem Schlafe des Nachts bei den Stadtbewohnern eine Haupt-, ja bei vielen, die alle Excesse meiden und mäßig und vernünftig leben, vielleicht einzige Ursache der herrschenden Neurasthenie (Nervenschwäche) ist." Während des Schlafes soll ja der Körper neue Kräfte sammeln zum Zwecke fernerer Leistungsfähigkeit; im Schlafe erschlaffen sämmtliche der Willkür unterworfenen Muskeln und häufen durch den während desselben ununterbrochen vor sich gehenden Stoffwechsel neue Lebenskraft in sich auf, wodurch sie dann befähigt werden, der an sie gestellten Forderung zu erneuter Thätigkeit Folge geben zu können. Während des Schlafes soll also Wiederersatz der durch die wachende Thätigkeit aufgewendeten Stoffe und Kräfte vor sich gehen — daher haben schon die alten Lateiner den Schlaf einen reäiuta- Zrator viiiam, Wiederhersteller der Kräfte, genannt — und es leuchtet sofort die ungeheuere Wichtigkeit desselben ein für die Stärkung des Körpers, die Erhaltung der Gesundheit, die Verlängerung des Lebens. Mangel an genügendem, restaurirendem Schlafe muß also zerstörend auf den Organismus einwirken. „Das durch keinen Schlaf eingeschränkte Leben," sagt Ph. K. Hartmann (Glückseligkeiislehre für das physische Leben des Menschen, Leipzig 1862, S. 115), „verzehrt gleich beständig angefachtem Feuer den thierischen Körper, verursacht Abmagernng, große Schwäche, Wassersucht, Abzehrung und hitzige Fieber von der gefährlichsten Art; oder die Organe der Phantasie verfallen in ausschweifende Thätigkeit, überwältigen die äußeren Sinne und die Vernunft, und es entstehen Schwermuth, quälende Seelennnruhe und Wahnsinn. Je rascher das Leben eines Menschen in sich ist, je weniger er zuzusetzen hat, desto bedürftiger ist er des Schlafes und desto verderblicher für ihn der Abbruch desselben. Sehr arbeitsame, magere und nervenschwache Menschen können daher ihrer Gesundheit nicht empfindlicher zusetzen, als wenn sie sich den Schlaf entziehen; sie haben vielmehr das Recht, ihn eine Stunde länger zu genießen als andere, und schwerlich wird es ein wirksameres Erholungsmittel für sie geben." Schlaf ist dem Körper so nothwendig wie Nahrung, ja noch nothwendiger; denn „Mangel an genügendem, restaurirendem Schlafe des Nachts zehrt mehr an den Körper- und insbesondere au den Nervenkräften, als ungenügende Nahrung. Schlafentziehung greift erwiesener Maßen den Organismus und besonders das Nervensystem ohne Vergleich viel mehr an als Nahrungsmangel". v. Fellenberg 1. o. Denn die Muskelsnbstanz, die der Körper durch Arbeit und Wachen verliert, kann zwar durch Speise und Trank wiederersetzt werden, die Nervensubstanz aber wird nur wahrend des Schlafes ersetzt. Da nun bei geistiger Arbeit die Nerven mehr in Mitleidenschaft gezogen werden, als bei körperlicher, so. ist geistig Arbeitenden der Schlaf noch viel nöthiger als körperlich Angestrengten. „Wer geistig angestrengt arbeitet," sagt der bekannte Pilosoph Stock! (Phil. Bd. 2, S. 407), „bedarf des Schlafes ebenso gut, als derjenige, welcher große körperliche Anstrengungen zu bestehen hat, ja vielleicht bedarf er dessen noch mehr, weil die geistige Arbeit gerade die Centralorgane des sensitiven Organismus in hohem Grade in Mitleidenschaft zieht." Der durch seine Pastoraltheologie berühmte Praktiker Dr. Stöhr schreibt diesbezüglich (Pastoraltheologie S. 190 sf.): Es ist eine durchaus irrthümliche Ansicht, zu glauben, daß gerade ein mit grobkörperlicher Arbeit verbundenes Tagewerk ein stärkeres Bedürfniß nach Schlaf mit sich bringe. Ich gebe zu, daß in einem solchen Falle das Gefühl physischer Ermüdung besonders augenfällig ist und den Ermatteten in unwiderstehlicher Sehnstnht nach Muskelruhe auf das Lager zwingt; aber der vollkommen gesunde Erwachsene hat dann nach wenigen Stunden tiefen, todähnlichen Schlafes die volle Elasticität der Glieder wieder gewonnen, und sein ganzes Wesen athmet eine Frische und Verjüngung, die sich in der selbstbewußten sicheren Weise seines Gebahrens kundgibt. Nach starken geistigen Anstrengungen dagegen zittern noch während der ersten Zeit des Schlafes die mächtigen Erregungen der vorausgegangenen Stunden nach, das gesammte Nervensystem bedarf längere Zeit, um zur vollkommenen Ruhe zu kommen, in lebhaften Traumbildern klingen noch die Eindrücke nach, die das Gehirn tagsüber erfahren hat, und nach dem Erwachen lastet oft genug noch ein Gefühl von Druck bleischwer auf Stirn und Schläfen, und mit eigenthümlicher Verdrossenheit beginnen die Vorstellungen sich zu ordnen, um all- mälig Gestalt und Farbe zu bekommen; es muß eine bestimmte Zeit verstreichen, bis sich das Wirrsal halbfertiger und ungeordneter Gedanken zu voller Klarheit und Bestimmtheit aufgehellt hat. Und gerade für den Gelehrten, der vielleicht die besten Stunden des Tages um des lieben Geldes willen in einem geistesleeren oder wenigstens tief unter seinem Wollen und Können stehenden Frondienst verzetteln muß, liegt die Versuchung so nahe, durch das Opfer des Schlafes sich etwas von jener Muße zu erkaufen, die er sonst vergebens während jener Zwangsarbeit in der beruflichen Tretmühle herbeisehnt, die nun einmal für die meisten von uns zum „Kampf um's Dasein" gehört. Es ist ein erhabenes Gefühl, diese Stunden der Nacht, die man siegreich dem unabweisbarsten Bedürfnisse der menschlichen Natur abgezwungen hat, so ganz sein eigen nennen zu können. Wenn der letzte Tritt in den Straßen verhallt ist und jene tiefe, geheimnißvolle Stille sich ringsum gelagert hat, die so fruchtbar an Entwürfen und Bildern ist, dann fühlt sich der Wachende Herr und König in dem weiten Reiche des Gedankens, die kleinlichen Sorgen und Plagen des Tages sind entschwunden und vergessen, und in dem Bewußtsein, vor jedem lästigen Störenfried sicher, die ganze Kraft des Geistes zur That zusammenraffen zu können, kann er mit früher nie geahnter Leichtigkeit und Ungcstörtheit zur Arbeit ansetzen. Aber der Preis, den er für die kostbare Waare — Zeit — gezahlt hat, ist ein hoher: Leben und Gesundheit! Die Widerstandsfähigkeit der Mannesjahre und der Enthusiasmus geistigen Schaffens sind lange Zeit im Stande, den Körper vor den Folgen dieser naturwidrigen Entbehrung zu schützen; aber es kommt der Tag, au dem die künstlich erhaltene 488 Gleichgewichtslage in's Schwanken geräth, an dem der stolze Wille sich beugen muß vor der physiologischen Nothwendigkeit, und von diesem Tage an nimmt die gekränkte Natur schwere Rache für die erlittene Unbill. Die Strafe erfolgt durch das, womit man gesündigt: der Schlaf, um den man so ^ange den Organismus betrogen hat, flieht das müde Auge, ängstigende Träume machen die kurze Ruhe, die das überreizte Gehirn endlich doch gefunden hat, zur Qual, ein ganzes Heer nervöser Erkrankungen bedroht den Genuß des Daseins, und der lebensfrische, erfotgessichere Mann wird zum ängstlich sorgenden, daseinssatten Hypochonder. Daß auch schwerere Gewcbserkrankungen des Gehirns und Rückenmarks mit Lähmungen, Krämpfcn oder ausgesprochener Geistesstörung als Folge von ungebührlich ausgedehnten Nachtwachen sich einstellen können, erwähne ich nur nebenbei; es sind der düsteren Züge in diesem Bilde ohnedieß genug. Der Versuch mancher, den Nachts entgangenen Schlaf am Tage nachzuholen oder wenigstens durch das Mittagsschläfchen in etwas zu ersetzen, kann vom hygieinischen Standpunkte aus nicht gebilligt werden. „Das Verwechseln des Tages mit der Nacht, indem man jenen zum Schlafe und diese zur Arbeit oder Belustigung bestimmt, muß, wenn es längere Zeit getrieben wird, üble Folgen hinterlassen. Nie kann der Schlaf am Tage so ruhig fein als in der Nacht; er wird durch das Licht, die größere Wärme, das Getöse der Geschäfte beunruhigt und mehr zu einem träumenden Schlummer als zu einem stärkenden Schlafe." Hartmann 1. o. S. 115. Auch von Fcllenberg-Ziegler sagt: „Der Schlaf am Tage ist nur ein Nothbehelf und wirkt nie so wohlthätig und restaurirend wie der normale ruhige Nachtschlaf, den er nicht ersetzen kann." Am naturgemäßesten wäre es eben, wie der schon citirte Stöhr meint, mit den Vögeln zur Ruhe zu gehen und gleich ihnen das erste Grauen des Tages wach zu begrüßen; allein der Zwang, den wir uns als Glieder einer Gesellschaft, die längst mit den reinen Instinkten streng naturgemäßer Lebensweise gebrochen hat, anthun müssen, macht solche hygieinische Forderungen unausführbar. Doch sollte man wenigstens ein paar Stunden vor Mitternacht für den Schlaf gewinnen. Die Volksmeinung legt darauf einen hohen Werth, und nicht mit Unrecht. Die Gewohnheiten der Londoner Aristokratie, die kurz vor Mitternacht ihre Salons eröffnet und dann am andern Morgen bis tief in den Tag hinein der Ruhe pflegt, sind hygieinisch durchaus verwerflich. Der Tag mit seiner Fülle von Licht und Thätigkeit gehört dem Wachen, und wenn auch die nothwendige Dauer der Ruhe in vollem Maße beibehalten wird, so wird doch immer nach kürzerer oder längerer Zeit für die vernunftwidrige Umstellung der Tageseintheilung der schlimme Lohn folgen. Welches ist denn nun eigentlich, um zum Schlüsse zu eilen, die nothwendige Dauer der Ruhe S Wir wollen keineswegs den Siebenschläfern das Wort reden. „Uebermaß an Schlaf entzieht dem Leben eine große Menge erweckender Reize und bringt dadurch Kälte, Trägheit und Schwäche in dasselbe. Alle Verrichtungen gehen nur schleichend von Statten, der Körper wird aufgedunsen und nnbehilflich, die Seele dumm. Der Langschläfer beraubt sich des schönsten Theiles seines Lebens, seiner menschlichen Würde und stellt sich einem Heere von Krankheiten bloß." Hartmann I. o. S. 116. Wenn wir aber im Allgemeinen 8 Stunden Schlaf fordern für einen Erwachsenen, so bezeichnet diese Zahl kein Uebermaß, sondern das von der Natur Geforderte. „Wie physiologisch nachgewiesen ist, hat der normale erwachsene und arbeitende Mensch durchschnittlich 8 Stunden Schlaf oder doch wenigstens Bettruhe nöthig, um neue Kräfte zu sammeln." v. Fcllenberg-Ziegler 1. o. S. 5. '» « v -r —- AlLeriei. Zehn Rauchregeln. Dieselben sind zusammengestellt von Or. E. Keibel und lauten wie folgt: 1. Rauche nie eine Zigarre weiter, die nicht zieht oder nicht luftdicht ist, kurz eine solche, die nicht brennt, denn unter solchen Umständen geht viel Nikotin in den Rauch über und damit auch in den Körper des Rauchers. 2. Rauche in der Pfeife nur ganz leichten Tabak; schwerer Tabak entwickelt namentlich in Pfeifen, wo der Luftzutritt meist ungenügend ist, viel Nikotin. 3. Hüte dich vor dunklen Zigarren; sie enthalten, da sie eine starke Gährung durchgemacht haben, viel Ammoniak. 4. Da erfahrungsgemäß importirte Havaunazigarren am schädlichsten wirken, so rauche man dieses Kraut nur selten, höchstens 1—2 Stück am Tag und dann stets nach Tisch. 5. Rauche nie eine Zigarre bis zum Ende. Je kürzer die Zigarre wird, desto schwerer wird sie. Hüte dich auch vor dem Schlucken des Rauches, den der Magen wird durch das scharfe Nikotin gereizt. 6. Rauche womöglich keine Zigarre, die ausgegangen und liegen geblieben ist, von neuem an. 7. Wenn irgend möglich, so rauche aus einer Pfeife mit recht langem Rohre, man sei aber peinlich sauber mit dem Rohre, weil sich sonst darin mit der Zeit viel Nikotin ansetzen würde. 8. Rauche weder Zigarre noch Zigarette ohne reinliche Zigarrenspitze; durch Kauen und Zerbeißen der Zigarre gelangt viel Nikotin in den Speichel; zudem können durch Zigarren gewisse Krankheiten wie z. B. die Schwindsucht, übertragen werden. 9. Kein Mensch soll vor seiner vollständigen körperlichen Ausbildung, also etwa vor dem 20. Lebensjahre, rauchen. 10. Weder Zigarre noch Zigarette, noch Pfeife rauche man, ohne Lust dazu zu haben. — Kirchthürme ohne Uhrwerk sind auch in Deutschland auf dem Lande keine Seltenheit. Mehrere französische Landpfarrer wußten dem Mangel eines Schlagwerkes an der Kirchenuhr oder dem gänzlichen Mangel der letzteren auf ebenso einfache als sinnreiche Art dadurch abzuhelfen, daß sie an der Glocke im Kirchthurm einen Hammer anbringen ließen, der durch einen Elektromagnet, welcher mittelst elektrischer Leitung mit einer beliebigen Wanduhr im Pfarrhause verbunden ist, in Bewegung gesetzt wird, so oft die Uhr im Pfarrhaus zum Schlage aushebt. Die ganze Einrichtung verursacht nur geringe Kosten und ist so einfach, daß sie von jedem Fachmann, der sich auf die Anlage elektrischer Klingeln versteht, hergestellt werden kann. Vorsichtig. Richter: „Was ist eigentlich Ihre Beschäftigung?" — Angeklagter: „Akrobat!" — Richter: „Schließen Sie 'mal sofort das Fenster, Gerichtsdienerl" --EZS-- ^L64. 1894 . „Augsburgrr Postzeitung". Dinstag, den 7. August Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas «I «>«!»> .dK !> I > I j>. V ir n ^ f ni ig mi m NA Weitzhaus Jahre 1343 endlich, zur Zeit, „als ein großes Sterben unter den Menschen herrschte", richtete der Rath der freien Reichsstadt Frankfurt am Main ein unter seiner Aufsicht und seiner Polizeiordnung stehendes Magazin zur Bereitung und zum Verkauf von Arzneimitteln her und nannte diese Niederlage „des Hochedlcn Rathes Apotheke". Das war das erste derartige Unternehmen in Deutschland. Dem Beispiel Frankfurts folgten dann bald Augsburg, Prag, Prenzlau, Nürnberg, Stuttgart, Ulm und Leipzig (1409). Im Jahre 1488 erst wurde vom Kurfürsten Johann Cicero, dem ersten der Hohen- zollern, der seinen bleibenden Wohnsitz nach der Mark Brandenburg verlegte, unsere heutige Reichshauptstadt Berlin mit einer Apotheke bedacht. Die Ucberwachung dieser neuen Apotheken oder „küarinaeopolia." (Arzneiläden), wie man sie amtlich gern nannte, übertrug man promovirten Doctoren der bet Füssen. erforderlichen Kräuter selbst „aufziehen" konnten. Eine eigens dazu eingesetzte Ralhscommission, die „Apotheker- herren", nahm jeden Monat die Einkünfte der Apotheke entgegen und unterzog sie alljährlich einer Revision. Wer Apotheker werden wollte, mußte v'cr Jahre in einer Apoth-ke lernen und dann eine Prüfung bestehen. Die amtliche Grundlage der pharmaceutischen Kunst bildete bis 1637 eine von einem im 13. Jahrhundert zu Ale- xandrien lebenden griechischen Arzte verfaßte Anweisung zur Bereitung von Heilmitteln. Auch sonst waren viele aus dem Arabischen stammende Werke im Gebrauch, und gleich der Heilkunst stand auch die Pharmacie mit der Astrologie in engster Verbindung. Den besten Einblick in das Apotheker- und Medi- cinalwesen früherer Zeiten gewähren uns die Apotheker- ordnungen, die im 16. und 17. Jahrhundert von den städtischen und staatlichen Behörden erlassen wurden. Wir 494 ersehen aus ihnen, daß, wenngleich man die Schriften der ausgezeichneten Aerzte des Alterthums Hippokrates und Glenus wieder in den Bereich der medicinischen Studien gezogen und der Lehre vom Bau des menschlichen Körpers erneute Beachtung geschenkt, wenngleich ferner der merkwürdige Theophrastus Paracelsus (geb. 1493) der Heilmittellehre eine wissenschaftliche Grundlage gegeben hatte, dennoch in der Medicin sowohl wie in der Pharmacie der Aberglaube und der Charlatanis- mus noch viele Menschenalter hindurch eine bedeutende Rolle spielen durfte. In diesen Apothekerordnungen sind fast sämmtliche Heilmittel und damit verwandte Gegenstände aufgezählt, die in der Apotheke herzustellen und vorräthig zu halten sind. Sie umfassen nicht allein das Thier- und Pflanzenreich, sondern auch Theile des menschlichen Leibes, sowie Geschöpfe, die in Wirklichkeit gar nicht existirten, wie z. B. das fabelhafte Einhorn, dessen Horn — der Zahn des Narwals — man das Pfund für 1536 Thaler verkauftel Auch andere Thiere oder ihre Glieder und Erzeugnisse nahmen unter den Bor- räthen der Apotheken einen hohen Rang ein und mußten von den Hilfe erbittenden Kranken mit Gold ausgewogen werden. Ober an stand der Wolf, dem man die große Ehre in medicinischer Hinsicht erzeigte, die ärztliche Ver Wendung seiner Körpertheile zum Gegenstand einer eifrig getriebenen Wissenschaft, der „Lykographie", zu gestalten. Auch aus den Körpern edler Jagdthiere wurden Theile entnommen und zu pharmaceutischen Zwecken verwandt: Hirschhaare, Hirschhorngeist, Hirschthränen aus dem rechten wie aus dem linken Auge, Elennshorn und Elennsklauen, Hasenhaar, Hühnermagenhaut, Biberschmalz, Entenfett und Schlangenfett! Auch Auswurfstoffe wurden häufig verschrieben, dann Erde und Steine, die sich im Magen mancher Thiere finden. Große Heilkräfte suchte man auch in den Schädelknochen der eines gewaltsamen Todes gestorbenen Menschen. Aus ägyptischen Mumien zog man kräftigende Getränke, und das besonders von den Scharfrichtern bezogene Fett menschlicher Körper diente gegen Rheumatismus! Das kostbarste Arzneimittel, welches die alten Apothekerordnungen aufzählen, war das „Moos von eines Menschen Hirnschal", eine kleine Schmarotzerpflanze, die auf den Schädeln der armen Sünder aufsproß, wenn man sie so lange am Galgen hängen ließ. Schier endlos ist die Zahl von Kräutern, Blüthen und Wurzeln, die in den Wurzelgärten der Apotheken gepflegt oder von angestellten „Wurzweibern" oder „Wurz- lerinnen" herbeigeschleppt wurden. Auch bei diesen hatte der Aberglaube ein gewichtiges Wort mitzureden. Da war es insonderheit die Mistel, ein auf der Eiche oder auf Obstbäumcn wucherndes Schmarotzergewächs, die in den alten Apotheken fast für ein Universal-Heilmittel gegen alle Gebresten der Welt gehalten wurde. Diese Annahme reicht zweifelsohne bis in die Tage der keltischen Druiden zurück, welche die Mistel als das Heiligste in der Natur verehrten, dessen kundigem Gebrauche jegliche Krankheit von Menschen und Thieren weichen müsse. Die Mistel wurde vor allem als Specificum gegen die Fallsucht verwandt und noch bis über die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinab als solches in gelehrten Büchern empfohlen. Schließlich sind noch zu erwähnen die edlen Metalle und die Halb- und Ganz-Edelsteine, die unter den Apothekerwaaren früherer Zeiten nicht den letzten Platz einnahmen. „Fein Gold", „gemeines Blattgold", „geschlagenes Silber" u. a. m. wurden gemahlen oder feingeschnitten in bestimmten Liqueuren als Mittel gegen gichtische und Unterleibskrankheiten verabreicht. Den Edelsteinen schrieb man noch bis zum Beginne des 19. Jahrhundert eine besondere Heilkraft zu, dem einen, wenn man ihn trug, andern, wenn man sie auf den erkrankten Körpertheil legte. Der Beryll heilte Magenschmerzen, der Lapislazuli das Fieber, der Rubin schützte vor Gift, der Smaragd stillte Blut, der Saphir kräftigte das Herz, der Türkis die Augen, der Diamant versöhnte die Liebenden, eine Eigenschaft, die er wohl noch heute bethätigt — wenn er als Geschenk antritt. Auch verordnete man das Trinken von zerkleinerten echten Perlen; Ludwig XIV. suchte durch solche Mittel im Alter seine Jugendkräfte wieder zu gewinnen. Geheimmittel, Elixire, Pulver und Pillen, die laut Dankschreiben geheilter Patienten alle möglichen Beschwerden beseitigen, gab es schon vor Jahrhunderten. Ludwig XIV. bezahlte 48,000 Frcs. für ein einziges Recept. Es existirte z. B. der „Balsam des barmherzigen Samariters im Evangelium". „Der Samariter", hieß es in dem Begleitbrief, „bediente sich dieses Mittels, um einen wunden- bedeckten Kranken zu heilen." Nachdem wir im Vorstehenden in kurzen Zügen die Entwicklung und Eigenart der alten Apotheken zu schildern versuchten, erübrigt noch, auch die ferneren Obliegenheiten des frühern Apothekenverwalters mit einigen Strichen zu zeichnen. Interessant für die Leserinnen wird es sein, daß die Apotheker im späteren Mittelalter und während der Rcnaissanccperiode nicht allein die Parfums, Seifen und Pomaden unter der Maske von Heilmitteln vertrieben, daß sie nicht nur den Kaffee, den Thee und die Chocolade als „wunderthätige Medicinalspecies" führten, sondern daß es ihnen auch oblag, unsere Ahnmütter mit Confect, Fiuchtsäften und Liqueuren zu versorgen. Verschiedene alte Bücher geben uns darüber nähern Aufschluß. So das um 1540 in Straßburg gedruckte Werk mit dem langen Titel: „Unterweisung allerley Latwergen, Confecte, Conserven, Eynlegungen von mancherley Früchten, Plumen und Kräutern samt andern künstlichen und anmuthiglichen Gerüchen, wie solche in den Apotheken gemachet und verkaufet werden." Ein anderes, zwei Jahre später erschienenes Büchlein: „Petrarchas Trostspiegel", zeigt uns sogar auf dem Titelblatt eine Apotheke aus der ersten Zeit ihres Bestehens. Die Flaschen und Schalen, die der alte Holzschnitt ausweist, gleichen vollständig den noch heute in den Apotheken üblichen Büchsen. Eine erstaunliche Regsamkeit und Vielseitigkeit entfaltete der frühere Apotheker als Liqueurfabrikant; er zog nicht nur unzählbare Mengen von „Aquaviten" ab, er wartete auch mit den unterschiedlichsten Gewürzweinen und feinsten Bieren auf, unter denen das „Danziger", dessen Verkauf er monopolisirte, den größten Ruf erlangte. Und wie reichhaltig waren nicht die Erzeugnisse, die er als Conditor zu Tage förderte! Mußte er doch für alle größeren Feste, Hochzeiten, Kindstaufen und Begräbnisse den Bedarf an Torten, Kränzelkuchen, Marzipanen und Marmeladen decken. Sogar mit der Herstellung „extrafeiner" Schüsseln, Vorgerichte, Pasteten und Kapaunbrühen befaßte sich der sein Interesse ernst vertretende . Apothekenverwalter. Also Pharmaceut, Parfumeur, Conditor, Krämer und Garkoch in einer Person! Die gute alte Zeit! So denkt vielleicht mancher Photographie im Verlage der Münchener Kunst- und VerlagS-Anstalt Dr. st. Albert L Co. -s MVM MW NWMW KM/WM! 'WlM- MKM MAS Heimwärts. Nach einem Originalgemälde von Adolf Lüden. !>t.» ^ UÄÄ WUM MZW MMURE 496 Apothekenbesitzer unserer Tage, der sein Walten auf einen so kleinen Umfang eingeschränkt sieht. Die Allgemeinheit aber muß sich glücklich schätzen, daß mit der Reform der Arzneikunde, mit ihrer wissenschaftlichen Begründung und naturgemäßen Vereinfachung eine gründliche Umgestaltung des Apothekenwesens Hand in Hand gegangen ist. („Köln. Ztg.") -S-88NS- Zu unseren Bildern. Johann Josef v. Görres wurde am 25. Januar 1776 zu Coblenz am Rhein geboren. Sein Vater war ein braver, schlichter Holzhändler, die Mutter stammte aus Italien. Er absolvirte das Coblenzer Gymnasium und sollte sich in Bonn der Arzneiwissenschaft widmen. Da zogen die französischen Truppen in die Rheinlande ein. Die ganze Bevölkerung wurde vom politischen Freiheitstaumel fortgerissen, alle jungen Köpfe, unser Görres voran, wähnten, das Ende der alten, vielfach verrotteten Zustände sei gekommen und das Morgenroth einer besseren Zeit angebrochen. Kaum zwanzigjährig, trat er in Clubs und Volksversammlungen als feuriger Redner für die Sache der neuen „Freiheit" in die Schranken und gründete zuerst „Das rothe Blatt", später den „Rübezahl", zwei Zeitungen, in denen er mit größter Schärfe und Uner- fchrockenheit zunächst den alten Mißständen Deutschlands, bald darauf aber auch den französischen „Schurken und Bösewichtern" entgegentrat und die deßhalb beide nach kurzem Bestände unterdrückt wurden. Später zog er sich vom öffentlichen Leben gänzlich zurück und nahm 1804 eine Stelle als Lehrer der Physik an der Secundärschule seiner Vaterstadt an. 1806 begab er sich nach Heidelberg, wo er an der Universität Vorlesungen über Geschichte und Literatur hielt und mit Clemens Brentano und Arnim die „Einsiedlerzeitung" und hierauf mit Unterstützung Jos. v. Eichendorff's „Die deutschen Volksbücher" herausgab. 1813 wandte er sein Interesse der glorreichen Erhebung Deutschlands zu und ließ nun den „Rheinischen Merkur" erscheinen, der 1816 durch eine Cabinetsordre aus Berlin unterdrückt wurde. 1820 mußte er vor den Nachstellungen der preußischen Regierung nach Straßburg flüchten. Hier verweilte er bis 1827. In der Broschüre „Die heilige Allianz und die Völker auf dem Con- gresse zu Verona" hat der große Geist die Hoffnung, daß „von der Politik der Höfe ein Heil für die Völker zu erwarten stehe", endgtltig aufgegeben und tritt von jetzt an immer emschiedencr auf als Vertheidiger der gläubig-christlichen Weltanschauung und der katholischen Kirche gegen die unchristliche Geschichtsforschung und Philosophie sowie gegen die Hebelgriffe des protestantischen Staatsgötzenthums. Seine Thätigkeit in dieser Richtung entwickelte er zuerst als Mitarbeiter des „Katholik", dann nach seiner im Jahre 1827 erfolgten Berufung als Universitätsprofessor nach München, wo sich ein großer Kreis hochbegabter katholischer Männer und Jünglinge um ihn schaarte, durch die Schrift „Ueber Grundlage, Gliederung und Zeitenfolge der Weltgeschichte" (1830), weiter in seiner merkwürdigen „Mystik", dann in seinem aus Anlaß der Verhaftung des Kölner Erzbischofs erschienenen unsterblichen „Athanastus" (1838), ferner als Mit- gründer und Mitarbeiter der berühmten gelhen Hefte, der „Historisch-politischen Blätter", endlich durch die gegen den Deutschkatholizismus gerichtete Schrift „Die Wallfahrt nach Trier" (1845) und durch seine als Mitglied der kgl. bayer. Akademie der Wissenschaften verfaßten geschichtlichen Abhandlungen. Görres wurde an seinem 72. Geburtstage von einer ernstlichen Krankheit befallen und starb nach kurzem Leiden am 27. Januar 1848. Er war ein „Hercules der Wissenschaft", ein Publicist und Ge- schichtsphilosoph ersten Ranges, ein gewaltiges Schwert seiner Nation und seiner Glaubensgenossen im Kampfe für Wahrheit, Freiheit und Recht. _ Weitzhaus bei Füssen. Wir haben kürzlich die Ansichten des Städtchens Füssen und der beiden Königsschlösser Hohenschwangau und Neuschwan- stein gebracht und laden heute den freundlichen Leser ein, mit uns die landschaftlichen Reize der Umgebung Füssens zu genilßen. Aus der Ferne grüßen im Süden die Höhenzüge des Breitenbergs, während in majestätischer Pracht im nahen Hintergründe der Säuling zum Himmel ragt, weit hinausschauend über die bayerische Hochebene. Hier siehst du die Berge um Seeg und den langen Rücken des Sulzberges, den Auerberg und an der Grenze des Hochlands gelegen den Senggele, Buch-, Zwiesel- und Tiefenthalberg. Und hast du dich satt gesehen an den schönen Reizen, welche die Landschaft im weiten Umkreise dir bietet, dann lenke deinen Weg zum nahen Walde mit seinen herrlichen Anlagen und Spaziergängen. Und willst du mit dem Schönen auch das Angenehme verbinden, so führt dich der Alpen- rosenweg nach einer Stätte, wo deiner Erholung und Erfrischung wartet, wie du dir es kaum besser wünschen mögest. Es ist das allen Touristen wohlbekannte und mit Vorliebe aufgesuchte Gasthaus, benannt Weißhaus. Hier findest du alles, wonach ein Touristenherz verlangt: eine vorzügliche Küche, excellenten Keller, aufmerksame und freundliche Bedienung und gemüthliche Gesellschaft. (Unser heutiges Bild ist nach einer Photographie von Ludwig Scbradler in Füssen am Lech.) Heimwärts. Heute bringen wir unsern Lesern ein Bild nach einem Originalgemälde des russischen Malers Adolf Lüben. Der Künstler hildete sich ursprünglich in Berlin aus, wirkte seit 1860 in Antwerpen und trat hierauf zur Landwirthsckast über. Lüben gab dieselbe indeß bald wieder auf und übte in Berlin sclbst- ständig seine Kunst aus, um 1876 nach München überzusiedeln. Unser heutiges Bild ist dem landwirthschaftlichen Leben entnommen. Die gründen, frischen und kräftigen Gestalten — Oberländer vom Mähen heimkehrend —, welche der Künstler im Bilde so naturgetreu zu fixiren verstand, werden gewiß auch bet unsern Lesern eines symvatbiscben Eindruckes nicht verfehlen. St. Sfra. Die Lohe glüht, das Reisig brennt, Und Rauch zum Himmel steigt, Am Pfahl das Mädchen jeder nennt, Das heut zum Tod sich neigt. Die Bublin ist's, die manche Nacht Beim Schwelgermahle hingebracht, Die Christum jetzt bekennt. Statt Perlenschnüren zwängt ein Strick Die edlen Glieder wund, Sie klagt nicht um ein Jugendglück, Leis betet nur der Mund. Ihr Fuß ging oft die Sündenbahn, Nun lecken schon die Flammen d'ran, Der Henker weicht zurück. Und dichter wallt der schwarze Qualm, Der helle Brand verglimmt, Es hat noch einen Dankespsalm Die Martyrin angestimmt. Still wird's nun auf dem Hochgericht, Ihr Leben flieht, wie's Sonnenlicht In Wolken jetzt verschwimmt. Hoch oben glänzt das Sternenzelt, Die Woge mit Woge tauscht, Im nächt'gen Schweigen ruht die Welt, Und auch kein Häscher lauscht. Vom Ufer her auf schwankem Kahn Mit Priestern fromme Frauen nah'n, Indeß der Strom entrauscht. Ein kleiner Kreis steht an dem Pfahl, Den noch das Holz umbaut, Sie baben wie ein Glaubensmal Die Todte angeschaut. Der zarte Leib war unversehrt, Die Flamme hat ihn nicht begehrt. — Eilt fort, der Morgen graut! Unfern der Stadt ein Grabmal stand, Darin im Sarkophag Die Martyrin ihre Ruhe fand, Eh' neu erschien der Tag. Und über'm Grabe pries man laut Die Heldin und die Gottesbraut, Wenn auch ihr Leib erlag. Ein hehres Münster wölbt sich jetzt Ueber dem Martyrgrab, Zum Ruhm des Glaubens hingesetzt, Den Gott der Heldin gab. Schon viele Wetter hielt es aus, Es bleibe stets des Glaubens Haus Jahrhunderte hinab. Adolph Müller. -» -»> t- ^- M 65. Ireitag. den 10. August L894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg m kaiserlichen Heere den Feldzug 1866 in Böhmen mitgemacht und lebte nunmehr, nachdem er den Kriegsdienst verlassen hatte, seit dem Tode seines Vaters auf seiner Gütern rm un- fcrnen Hohenems. Schon am 22. Februar des nächsten Jahres (1870) führte er (eine stebe Braut in München zum Altare. Die Trauunq wurde von einem nahen Verwandten, dem jetzigen Domdechanten von Nottenbnrg Grafen August oon Waldbucg-Wo fegg, in der ?rzbischöflicheu Hauskapcll? vollzogen. Diese Verbindung zwischen den beiden erlauchten Häusern war nicht die erste- Eine sei hier besonders hervorgehoben Einer der berühmtesten Ahnen des Grafen, nämlich Neichserbtruchseß Georg von Waldburg (f 1531)—„Bauernjörg" zugcnaunt — als Hauptmann des schwäbischen Bundes der Schrecken der fränkischen Raubritter und der wilden Horden des Bauernkrieges, hatte im Jahr. 1514 die Gräsin Marie von Oettingen zur Gemahlin genommen, deren Vater Joachim von dem berüchtigten Raubritter Hans Thomas v. Absberg ermordet worden war. Jnsoferne konnte das Brautpaar also auf vormalige gemeinsame Stammeltern zurückblicken. Erhebender war der Rückblick auf eine der größten Frauen Deutschlands, auf die hl. Elisabeth von Thüringen, von welcher weiblichcr- seits abzustammen beide Theile sich rühmen konnten; fügen wir noch bei, daß Braut und Bräutigam auch die heilige Herzogin Hebwig von Schlesien unter ihre älteren weiblichen Ahnen zählen konnten. Welch' erhabene Beispiele unter den Voreltern! und wahrlich, die späte Enkelin war ihr ganzes Leben bemüht, sich solcher Ahnen würdig zu erweisen. So haben wir denn die junge Frau bis zum Ein- tritte in ihre nunmehrige traute Häuslichkeit in Hohenems begleitet; betrachten wir nun auch ihr stilles, segensreiches Wirken im Kreise der Ihrigen und nach außen während der 24 Jahre, die sie hier an der Seite ihres geliebten Gemahles in glücklichster Ehe verlebte. Losgerissen aus dem Getriebe der großen Welt, getrennt von ihren theueren Angehörigen, fern ihrer geliebten Heimath, fand sie sich mit bewunderungswürdigem Geschick in die neuen Verhältnisse in dem so stillen und entlegenen Hohenems. Behielt sie auch ihre alte Heimath, namentlich ihr 603 liebes Ries, immer im freundlichsten Andenken, verfolgte sie auch die Angelegenheiten ihres früheren Vaterlandes stets mit dem lebhaftesten Interesse, und blieb sie auch ihren Verwandten zu Hause mit der gleichen Liebe wie früher zugethan, so war doch ihre Hauptsorge fortan ihrem neuen Heim und ihrer neuen, sich bald mehrenden Familie zugewendet. In treuer, genauer Erfüllung ihrer Berufspflichten als christliche Hausfrau und Mutter suchte sie ihren Lebenszweck. Bei solcher Gesinnung vermißt man nicht die Freuden der grcßen Welt, findet man keine Zeit zur Langweile; der Tag scheint eher zu kurz, als zu lange. Daß die Gräfin den Tag stets — Sommer wie Winter — mit Anhörung der hl. Messe begann, erwähnen wir hier der Vollständigkeit wegen, obgleich es eigentlich überflüssig wäre, da sich das bei einer gut katholischen Edeldame, der sich hiezu die Gelegenheit bietet, von selbst versteht. Der ganze übrige Tag war der Thätigkeit gewidmet; müßig hat sie wohl Niemand je angetroffen. Leitung des Hauswesens, weibliche Handarbeiten für das Haus und die Kinder wechselten mit Arbeiten für die Armen und die Kirche. Erholung gewährten Spaziergänge in der so romantischen Umgebung von Hohenems, oder Lektüre gediegener Bücher, oder auch hie und da Musik. Der wohlgeordnete Zustand ihrer Seele spiegelte sich nach außen in ihrem musterhaften Ordnungssinne ab; Einhaltung der Zeitcintheilung, Ordnung in allen Räumen und Gemächern, Ordnung in allen Beschäftigungen, darauf hielt sie vor Allem; auch der kleinste Fehler wider die Ordnung entzog sich nicht ihrem stets wachsamen Auge und wurde sofort abgestellt. Wenn sie nun auch von der Dienerschaft dieselbe genaue Pflichterfüllung forderte, die sie sich selbst zur Regel gemacht hatte, so war sie ihren Dienern doch eine stets gütige und freundliche Herrin, die eben so sehr für deren geistiges als materielles Wohl bedacht war. Dafür zeugt der Umstand, daß im Hanse stets langjährige Diener zu treffen waren. Mit dem Heranwachsen der Kinder — Gott hatte ihr 2 Söhne und 3 Töchter geschenkt — wuchsen die Sorgen für deren Erziehung. Die Kinder zu guten Christen zu erziehen, daß dies die erste Pflicht der Eltern sei, darin war sie mit ihrem lieben Gemahle ganz einig, und dahin ging vor Allem ihr Streben; die Aufgabe wurde sehr erleichtert durch ihr eigenes Beispiel; das Beispiel der Eltern in Erfüllung der religiösen Pflichten, die Angewöhnung der Kinder an Uebung der Religion von frühester Jugend auf wirkt mehr und nachhaltiger, als die bloße Belehrung; das waren die Grundsätze, nach denen sie die religiöse Erziehung der Kinder leitete. Ebenso war sie aber auch bemüht, dieselben zu nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft heranzubilden. Obgleich die zärtlichste Mutter, so nahm sie doch keinen Anstand, sich auch zeitweise von den Kindern zu trennen, wenn sie es zu deren Besten geboten hielt. Daß die Erziehung und der Unterricht der Knaben mit fortschreitenden Jahren im väterlichen Hanse immer schwieriger wird, darin waren die Eltern einig. Die Anforderungen des Unterrichts sind hoch, der Knabe bedarf des Wetteifers mit seinesgleichen, er muß sich frühe an den Verkehr mit anderen Menschen gewöhnen; dazu bietet ein tüchtiges Institut mehr Gelegenheit, als der heimathliche Herd. Diesen Gesichtspunkten folgend, wurden daher die Knaben frühzeitig dem so berühmten Institut 8to11a rnatubinn der Väter der Gesellschaft Jesu in Feldkirch anvertraut. — Anders verhält es sich bei den Töchtern; Erziehung für das Haus bildet hier den Schwerpunkt, und die beste Erzieherin bleibt immer eine verständige, pflichtgetrcue Mutter. Diesem richtigen Grundsätze folgend, behielt sie die Töchter länger zu Hause und leitete persönlich unter Beihilfe einer tüchtigen Erzieherin deren Ausbildung. Aber auch von den lieben Töchtern trennte sie sich zeitweilig und übergab sie den Damen vom hl. Herzen Jesu in Riedeuburg, sei es, um sie zur Feier der ersten hl. Communion vorbereiten zu lassen, sei es, um der Ausbildung vor dem Eintritte in die Well noch die letzte Vollendung zu geben. Leider mußte sie ihre geliebten Kinder noch in so jungen Jahren verlassen; waren ihr auch die zwei älteren Töchter während ihrer langwierigen Krankheit treue und hingebende Pflegerinnen und konnten so ihrer theuren Mutter ihre Dankbarkeit und grenzenlose Liebe durch die That beweisen und Zeugniß dafür ablegen, daß der ausgestreute Same bereits gute Früchte trage, so sind sie doch noch gerade in den Jahren, wo man der Mutter so sehr bedarf. Von ihren lieben Kindern schon jetzt getrennt zu werden, das war eS, was ihr oft recht schmerzlich siel; wenn sie auch immerhin der Gedanke getröstet haben wird, daß Gott ihren redlichen Bemühungen auch für die Zukunft seinen Segen erhalten werde. Die Kinder möge auch die Gewißheit trösten, daß der Tod ihnen zwar die sicktbare, aber nicht die geistige Gegenwart ihrer lieben Mutter rauben konnte; ja, daß sie im Jenseits noch besser für sie zu sorgen im Staude ist, als dies auf Erden je möglich wäre. Daß eine so liebevolle Gattin, eine so aufopfernde Mutter, die den Ihrigen das Familienleben so zu sagen zum Paradies zu machen vermochte, auch im Verkehr mit der Außenwelt alle Herzen gewann, bedarf keiner Erwähnung. Ihre stattliche, vornehme Erscheinung, ihr freundliches Lächeln, ihr heiterer Charakter mußte schon für sie einnehmen; mehr aber noch bezauberte ihre stets gleiche, wohlwollende Freundlichkeit gegen Alle, mit denen sie verkehrte, mochten sie hoch oder niedrig sein. Von ihrem Mitgefühl und ihrer Wohlthätigkeit für Kranke und Arme wollen wir schweigen, eingedenk ihres Grundsatzes, daß die eine Hand nicht wissen soll, was die andere thut. Sie half stets gern und freudig, wo sie nur konnte. Ihr Interesse beschränkte sich aber nicht auf den Kreis ihrer Familie und ihrer nächsten Umgebung; auch für die großen socialen Tagesfragen hatte sie einen offenen Blick. Der stets weitergreifenden Verderbuiß der Zeit, der zunehmenden Eutchristlichung mit aller Macht entgegenzutreten, hielt sie für allg'mcine Pflicht. Reit der religiösen Erziehung, mit der Pflege der Religion in der Familie müsse man beginnen, war ihr oft ausgesprochener Grundsatz. Diesen Zweck zu fördern hielt sie den Mütterverein, dessen segensreiches Wirken sie von früher her kannte, für eines der wirksamsten Mittel. Sie förderte daher nach Kräften die Einführung dieses Zeitgemäßen Vereines in Hohenems (Jauuar 1889) und übernahm gerne die Vorstandschaft desselben; derselbe hat sich bereits so eingebürgert, daß gegenwärtig gegen 400 Mütter den Tod ihrer licben Präsidentin beklagen. An allen speziellen Andachten und Gottesdiensten des Vereins nahm sie stets persönlich theil; stets stieg sie an solchen Tagen von ihrem Oratorium hinab in die Kirche. Wie rührend war es da, die erlauchte Gräfin an der Spitze 804 von Hunderten von Frauen in tiefer Andacht zum Tische des Herrn treten zu sehen, oder zu beobachten, wie sie etwa bei dem Requiem für eine arme Arbeitersfrau, die dem Vereine angehört hatte, den Wachsstock »n der Hand, den Mutiern voran zum Opfer ging! Dock es würde zu weit führen, wollten wir uns in weitere Einzelheiten einlassen; es sei daher nur noch kurz erwähnt, daß die Verstorbene auch an der Sp tze der F-rauengrnpve zum hl. Carolas in.Hohenems des katholischen Schulvereins seit der Gründung (1890) stand. Wir haben nun nur noch über die langwierige, schmerzliche Krankheit zu berichten, welche die unvergeßliche Gräfin, noch nicht 50 Jahre alt, ach viel zu frühe! dahinraffen sollte. Wie so viele, deren vorzeitigen Tod man in den letzten Jahren zu beklaaen hatte, wurde auch sie ein Opfer der so unheilvollen Influenza. Es ist dieser modernen Pest eigen, daß sie selbst in der Regel gelinde austeilt und häufig gutartig zu verlauten scheint; allein sie hat heimlich Krankheitskeime, die in dem Organismus ruhten und ohne sie vielleicht immer geschlummert hätten, entwickelt und gefördert. So auch hier! Es zeigte sich ein tieferes Herzleiden, das die Aerzie von Beginn an für verhängnißvoll erklärten, und das auch so unheilvoll enden sollte. Nichts veimochte die Kunst und Bemühung der Aerzte! nichts die sorgfältigste Pflege! Selten wird eine Kranke mit so viel Liebe und ausdauernder Opfcrwilligkeit gepflegt und besorgt worden sein, als die theure Verblichene. An der Sp'tze stand die unvermäblte Schwester des Grafen, Gräfin Anna von Waldburg, welche auf die Kunde von der Erkrankung ihrer lieben Schwägerin sofort an ihr Krankenlager eilte und es durch beinahe 9 Monate bei Tag und Nacht kaum jemals verließ; hicbei wurde sie auch auf das Aufopferndste unterstützt durch den Grafen selbst, durch die lieben Töchter, durch die opferwillige Krcnzschwester Briqitta, die Dienstboten; allein alle Blühe, Liebe und Sorgfalt konnten dem Tode seine Beute nicht entreißen, wenn auch die Tage der lieben Kranken verlängert wurden. Daß es wahr ist, daß sich der Christ vor Allem im Leiden erprobt, das hat sich hier bestätigt. Was die Gi äfin in diesen 9 Monaten, die sie beinahe immer Tag und Nacht im Krankenstuhle sitzend verlebte, gelitten hat, das weiß Gott allein! Ihre wahrhaft heldenmüthige Geduld erlaubte ihr keine Klage auch bei den größten Schmerzen; ihr stets heiterer Sinn verließ sie auch in der Krankheit nicht. Sie hörte nicht auf an Allem Antheil zu nehmen und leitete sogar ihr Hauswesen vom Sckmcrzenslager aus; selbst ihre Liebe zur gewohnten Thätigkeit blieb aufrecht, und so lange als es ihr Zustand erlaubte, beschäftigte sie sich zeitweilig mit weiblichen Handarbeiten. Unerschütterlich blieb ihr Vertrauen auf ihren Heiland, auf die hehre Gottesmutter und den hl. Joseph; hegte sie auch gerne Hoffnung auf Genesung, und sprach sie es auch manchmal aus, daß es ihr wohl schwer falle, so frühe den theuren Gatten, die lieben Kinder zu verlassen, so unterließ sie es doch nie. in tiefer Ergebenheit ihren gewohnten Spruch: „Wie Gott will!" beizufügen. Die langen Nachtwachen, die gebotene Unthätigkeit benützte sie zur Verdoppelung ihrer gewohnten Andachls- Lbungen. Unaufhörlich betete sie den Rosenkranz für die armen Seelen, stets ihre lieben Angehörigen auffordernd, sich mit ihr nach Kräften im Gebete zu vereinigen. Seit Beginn der Fastenzeit unterließ sie an keinem Tage die Kreuzwegandacht; ja noch am Tage vor ihrer Auflistung verrichtete sie diese schöne Andacht gemeinschaftlich mit der Familie. So hat sie denn ihren Weg der Schmerzen mit dem Leidenswege des göttlichen Heilandes vereinigt; am letzten Abendmahle hatte sie oft während ihrer langen Leidenszeit theilgenommen; nun begleitete sie den Erlöser auch auf seinem Gange nach Golgatha. Hat derselbe seinem unfreiwilligen Begleiter, dem reckten Schäckcr, nur wegen eines einzigen Augenblickes aufrichtiger Reue sofort die Pforten des Paradieses geöffnet, so sind wir wohl zu der Hoffnung berechtigt, daß er seine treue Dienerin, freudige Bekennen» und willige Nachfolgerin alsbald in die Glorie des himmlischen Reiches eingeführt habe. Dinstag den 6. März Vormittaos ^/zll Uhr entschwebte ihre Seele der irdischen Hülle und ließ den schmerzgebeugten Gatten, die weinenden Kinder zwar in tiefster Trauer und Betrübniß zurück, aber nickt tröst os, denn indem sie dem Beispiele der Verklärten folgen werden, hoffen sie auf ein einstiges freudiges Wicderscben. Der entseelte Körper wurde im großen Saale deS Palastes aufgebahrt. Da rubtc sie nun, um eben von einem Walde von Zicrgewäcksen, noch im Tode das freundliche Läckeln auf den bleichen Lippen, so fr-edlich, als ob sie schliefe. Den ganzen Tag wallfahrtete die Bevölkerung zum Katafalke, um die allverehrte Gräfin noch einmal zu sehen, >ür chre Ruhe zu beten und sie, wie üblich, mit dem hl. Weihwasser zu be-prengen. Die Bestattung fand Donnerstag den 8. März statt; dieselbe gestaltete sich zu einer ebenso herzlichen als imposanten Kundgebung für die Verstorbene und das ganze gräfliche Haus. Der hockwürdigste Generalvicar von Feldkirch, Bnchos Dr. Zobl. celebrirte in eigener Person das Requiem und nahm die Einsegnung und Beerdigung vor. Die hohen Verwandten der Häustr Oettingen und Woldburg, Freunde und Bekannte der Familie, zahlreiche Geistliche, die Honoratioren der Umgegend hatten sich Ungesunden. Rührender als alles das war die herzliche spontane Theilnahme der großen Gemeinde Hohcncnis; obgleich der jetzigen Generation die einstmalige Verbindung von Gntsherrschaft und Gemeinde nur mehr als Sage vorschwebt, so bctbeiligte sich doch die Gemeindevertretung in corpore officicll an der Leichenfeier; die Veteroncnvereine, die Feuerwehr, kurz alle Korporationen und Vereine, vor allen andern der Mütter- verein, und nahezu die ganze Bevölkerung begleiteten die hohe Verstorbene zur Ruhestätte. Unabsehbar war der Zug der Trauernden. Zahlreiche Kränze bedeckten den frischen Grabeshügek, darunter einer, den die Gemeinde Hohenems pietätvoll am Fuße des Sarges niedergelegt hatte. Am 14. März fand in der Pfarrkirche der ansehnlichen benachbarten Gemeinde Lustenau — der Graf ist auch hier Kirchenpatron — ein feierlicher Trauergottesdienst für die Seelenruhe der Dahingeschiedenen statt, dem die hohe Familie anwohnte. Die Gemeindevertretung in oorxors war erschienen, der Veteranenverein ausgerückt und zahlreiche Gläubige sandten ihre Gebete für die gute Gräfin zum Himmel. Ihr Andenken wird sür immer im Segen bleiben! jM „Augsburger Posizritung". 66 Dinstag, den 14. August 1884 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L> Grabherr in Augsburg lVorbesitzer vr. Max Huttler). Im Mime alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) LXXV. Es war Herbst geworden. Die Backsteinmauer, welche den geräumigen Platz vor dem Herrenhause des „Villenhofes" umgab und üppig mit wildem Wein umrankt war, sah im Schmucke der purpurnen Blätter wie in Blut getaucht aus. Das Laub der alten, hohen Bäume, die innerhalb der Mauer den Vorhof umsäumten, schien sich in starres Gold verwandelt zu haben, und jeder Windstoß, der es schüttelte, hielt eine reiche Ernte an Blättern, welche sich auf eine kurze Henkersfrist wie flatternde Schmetterlinge in der Luft behaupteten, um dann matt und leblos zur Erde herabzutaumeln. Auf die frische Pracht der Herbsttfärbung blickte drohend ein trübgrauer Himmel herab, wie ein grämlicher Alter auf ein spielendes Kind, dem er die bunte Tändelei bald vertreiben wird. Der Kehraus der Natur wiederholte sich in dem menschlichen Treiben, welches auf dem Vorplätze herrschte, denn auch dieses deutete den Bruch mit einer alten Ordnung der Dinge an. Dort standen drei bis vier mächtige, geschlossene Möbelwagen, und eine Schaar kräftiger Männer belud dieselben mit Möbeln und Kisten. In den Prachtzimmern der Villa selbst sah es öde aus. Manche derselben waren schon gänzlich entleert und hatten nichts mehr zu bieten, als die nackte Schönheit ihrer Tapeten und Deckenstuckaturen. Nur im Arbeitszimmer des Barons stand noch alles an seinem alten Platze. In dem hohen, weißen Porzellanofen loderte ein Feuer und verzehrte einen Haufen alter Briefe und anderer Papiere. Der Baron war in seiner Arbeit, alle werthlosen Scripturen zu verbrennen, durch einen Besuch unterbrochen worden, und dieser war kein anderer als Mait- land, welcher neben ihm auf einem grünseidenen Muschelsofa saß. Beide befanden sich in ernstem Gespräch, aber dieses bewegte sich in den alten freundschaftlichen Formen; denn während des monatelangen Zwischenraums, wo sie einander nicht mehr gesehen, hatten sich Wolf- gang's Gesinnungen gegen den Mann, der sich ihm in mehr als einer Lage als Freund bewährt hatte, nicht geändert. Der Baron besaß keine Ahnung von dem Jntriguenstück, welches Maitland seitdem in Scene gesetzt hatte, niemand hatte ihn von dessen Doppelspiel mit Rettberg oder von seinen Anschlägen gegen Melanie unterrichtet. Er kannte Maitland als einen Menschen, der großmüthiger Handlungen fähig war und dabei alles Verdienstliche derselben ableugnete, und konnte nicht vergessen, daß Maitland ihm das Leben gerettet und ihn während eines schmerzhaften Krankenlagers mit der Sorgfalt und Treue eines Bruders gepflegt hatte. In diesem Lichte allein war Wolfgang berechtigt, Maitland zu betrachten, obwohl manche leichtfertige Aeußerungen desselben ihn veranlaßt hatten, ein so liebreizendes Wesen, wie Melanie, vor ihm zu hüten. Indessen nahm Wolfgang an, daß Maitland als Weltmann, der von Genuß zu Genuß eilt, sie über anderen Dingen längst wieder vergessen hatte. „So finde ich Sie also im Begriff," sagte Maitland, „diese schöne Besitzung für immer zu verlassen und sich auf Ihr Gut in Schlesien zurückzuziehen. Uüd obendrein sind es die Geschwister Nettberg, welche Sie aus Ihrem Eigenthum vertreiben — dieselben Menschen, denen Sie so viele Großmuth bewiesen haben? Ich habe wohl in Berliner Kreisen davon reden hören, daß Sie in einen Prozeß verwickelt seien, aber mehr, als daß es sich um eines Ihrer beiden Güter handle und daß dabei sehr merkwürdige Umstände im Spiele sein sollten, wußte man sich nicht zu erzählen. „In der That sind die Umstände seltsam genug," entgegnete Wolfgang, „und ich nehme keinen Anstand, sie Ihnen mitzutheilen, wenn Sie es hören wollen." „Nichts könnte mich lebhafter interesstren!" versicherte Maitland. „Der Villenhof gehörte ursprünglich einem Onkel meines Vaters, dem Baron Bolko von Sturen," erzählte Wolfgang. „Baron Bolko hatte drei Söhne und eine Tochter. Diese Tochter, Albertine mit Namen und das jüngste der Geschwister, verliebte sich in einen Herrn von Baldeneck. Das wäre nun kein Unglück gewesen, aber Herr von Baldeneck war Schauspieler, und da die Familie sich einer solchen Verbindung widersetzte, so lieh sich Albertine von Herrn von Baldeneck entführen, hei- rathete ihn, ging ebenfalls zum Theater und gab den Ihrigen nie wieder ein Lebenszeichen von sich. Im Laufe der Zeit starb Baron Bolko, der schon lange vor Alber- tine's Heirath Wittwer gewesen war. Der älteste Sohn hatte von seiner Mutter die Schwindsucht geerbt und folgte dem Vater bald im Tode, der zweite Sohn fiel als Offizier in der Berliner Märzrevolution 1848, der dritte wurde im Duell erschossen. Zwei der Söhne waren unverheiratet, der dritte war als kinderloser Wittwer gestorben. Da Albertine von ihrem Vater zwar verstoßen, aber nicht enterbt war, so hatte sie rechtmäßigen Anspruch auf das Erbe, welches aus dem schuldenfreien „Villenhofe" bestand, während das Baarvermögen einigen milden Stiftungen zufiel. Frau von Baldeneck, von der niemand wußte, ob sie noch lebte, wurde in üblicher Weise in den Zeitungen aufgefordert, sich zu melden. Da die gesetzliche Frist verstrich, ohne daß man von der Verschollenen hörte, so erhielt als nächster Erbe mein Vater den Villenhof in fürsorglichen Besitz, und fast dreißig Jahre lang ist dieser Besitz unangefochten geblieben. Das ist der Sachverhalt, wie ich ihn aus den Mittheilungen meiner verstorbenen Eltern kenne. Was nun folgt, hat sich aus den Akten der Erbschaftsklage und den beigefügten Belegen ergeben und war meinem Vater unbekannt geblieben. Zur Zeit, als der letzte männliche Sproß des Barons Bolko gestorben war, lebte Frau von Baldeneck als betagte Wittwe in Hamburg. Sie hatte sich nach jenem Bruche mit ihrer Familie nicht mehr um dieselbe gekümmert und ihre Enterbung als selbstverständlich betrachtet. Da spielte ihr der Zufall eines jener Zeitungsblätter in die Hand, worin sie zum Antritt ihrer Erbschaft aufgefordert wurde. Der Termin, welcher zu ihrer Todeserklärung berechtigt hätte, war noch nicht, abgelaufen. Sie wandte sich brieflich an einen damals in hiesiger Kreisstadt wohnhaft gewesenen Nechtsanwalt, Namens Teßner, beauftragte diesen mit der Geltendmachung ihres Erbanspruchs und sandte ihm alle Papiere, welche zur Legitimirung ihrer Persönlichkeit erforderlich waren. Der Advokat that bei Gericht die nöthigen Schritte, aber der Gerichtsbeamte, in dessen Händen die Sache ruhte, legte die Eingabe mit dem sämmtlichen Beweismaterial unter die alten Akten. Erst später hat sich herausgestellt, daß er bereits damals an Geistesstörung litt, der er nach Jahr und Tag im Irrenhause erlag. Frau von Baldeneck war inzwischen auch gestorben; aus ihren Briefen wußte Teßner, ihr Advokat, daß sie eine Tochter besaß, die einen gewissen Nettberg geheirathet hatte. Auf diese Tochter waren nun die Erbansärüche ihrer Mutter übergegangen, aber die Briefe der Verstorbenen boten über den Aufenthalt ihrer Tochter keinen Anhaltspunkt. Teßner behauptet zwar, zur Ermittlung derselben keine Mühe gescheut zu haben, aber es ist wohl anzunehmen, daß er die Sache einfach auf sich beruhen ließ, um sich nicht in Unkosten zu stecken, die ihm, wenn seine Nachforschungen vergeblich blieben, niemand ersetzt haben würde. Ich habe einigen Grund zu der Vermuthung, daß es zwischen Teßner und meinem verstorbenen Vater einen Berührungspunkt gegeben hat, wodurch mein Vater sich dessen Haß zuzog, der leider auch auf mich übergegangen zu sein scheint. Diese Erbitterung muß aber damals noch nicht bestanden haben, denn sonst würde dem Advokaten kein Opfer zu groß gewesen sein, die Erben Frau von Baldenecks aufzufinden, um ihre Ansprüche gegen meinen Vater geltend zu machen, wie er es nun gegen mich betrieben hat, nachdem er vor einigen Monaten in dem seiner Tochter befreundeten Fräulein Rettberg und deren Bruder Frau von Baldeneck's Enkel entdeckte. Teßner ließ die alten Akten aus jener Zeit durchsuchen, da er als Frau von Baldeneck's Mandatar deren Erbansprüche in aller Form Rechtens angemeldet hat, und es haben sich sämmtliche Beweisstücke vorgefunden, welche den Geschwistern Rettberg das Mittel an die Hand gaben, mit der begründetsten Aussicht auf Erfolg einen Prozeß gegen mich anzustrengen, da die dreißigjährige Frist, in welcher Frau von Baldeneck's rechtzeitig angemeldete Ansprüche auf den Besitz des Villen- hofs verjährt wären, noch nicht abgelaufen ist. Ich beauftragte meinen ehemaligen Vormund, Doctor Carus, mit der Prüfung der Angelegenheit, und er gab mir ein erschöpfendes Gutachten darüber, welches zu meinen Ungunsten ausfiel. Ich könnte den Proceß allerdings Jahre lang hinhalten, theilte er mir mit, würde mich aber doch endlich fügen müssen, da die Sache ganz klar sei. So habe ich denn, ohne den geringsten Widerspruch zu erheben, den Geschwistern Rettberg ihr gutes Recht eingeräumt, und Sie finden mich eben damit beschäftigt. den Villenhof zu verlassen, um den neuen Besitzern desselben Platz zu machen." „Sie haben gehandelt, wie ich es von Ihnen gar nicht anders erwartet hätte," sagte Maitland, als der Baron schwieg. „Immerhin ist es keine Kleinigkeit, so ohne weiteres die Hälfte seiner Besitzthümer dahinfahren zu sehen, und der Verlust dieses schönen Gutes scheint Ihnen doch nahe gegangen zu sein. Ich will Ihnen nicht verhehlen, daß ich beim ersten Anblick über Ihr Aussehen erschrocken bin. Sie scheinen um Jahre gealtert, und diese auffällige Veränderung muß ich doch wohl dem Kummer über Ihren Verlust zuschreiben." „O, Maitland," entgegnete der Baron, „so schmerzlich mich auch der Abschied von dieser Heimstätte bewegt, wo ich geboren bin, so verliere ich damit doch nur etwas, was mir nicht rechtmäßig gehörte, und in meinem schönen Gute in Schlesien finde ich einen reichlichen Ersatz. Aber ich habe einen anderen Verlust erlitten, den ich nie verschmerzen werde. Das Glück des Lebens hängt nicht an Schätzen und Rittergütern, es gibt einen viel kostbareren Besitz, einen Besitz, der dem Aermsten vergönnt sein kann, mir aber versagt ist. Das höchste Gut des Menschen — ist wieder der Mensch!" „Ich glaube, ich verstehe Sie," sagte Maitland, da der Baron nicht weiter sprach. „Sie haben mich in diesem Punkte nicht zu Ihrem Vertrauten gemacht, aber nach dem, was Sie eben gesagt haben, könnte ich fast errathen, was Ihnen jene junge Dame war, in deren Gesellschaft ich Sie einst im Thiergarten sah. Es war nur eine flüchtige Begegnung; Sie ritten an der Seite einer offenen Equipage, in welcher zwei Damen saßen. Die eine, mit der Sie sich lebhaft unterhielten, war von jener sinnberückenden Schönheit, die uns wie ein Sonnenstrahl aus grauem Himmel berührt. Ich sehe sie noch vor mir mit dem dunkeln, wunderbar leuchtenden Auge —" Maitland brach ab, da Wolfgang ihm schmerzlich Schweigen zuwinkte. Aber für Maitland war es genug, um zu wissen, daß er den wunden Punkt getroffen hatte. Er trat an's Fenster, welches nach dem Parke hinausging, und sah eine Weile dem Spiele der gelben Blätter zu, die der Wind umherwirbelte. „Der Herbst macht mich stets schwermüthig," unterbrach er eine längere Pause, „er erinnert mich daran, wie manches Vergnügen ungekostet an mir vorüberge- schlüpft ist, wie wenige Freuden je zurückkehren, wie leer und hohl so viele Dinge waren, denen ich nachgetrachtet habe. Ich habe, um mich zu zerstreuen, alle Hülfs- quellen erschöpft, welche Berlin darbietet, aber ich fand, 507 daß alles nur eitel und alltäglich sei. Es gibt nur ein einziges Mittel, um das Herz neu aufzufrischen — und das ist das Reisen. So bin ich denn zu Ihnen gekommen, Baron, um Sie aufzufordern, mit mir eine Tour durch fremde Länder zu macken." Wolfgang blickte bei diesem Vorschlage auf, und ein mattes Lächeln erhellte sein Antlitz. „Wir können beide nichts Besseres thun," fügte Maitland hinzu, „als der traurigen Jahreszeit, die unsere Stimmung nur noch zu verdüstern geeignet ist, zu entfliehen. Die ganze Welt liegt vor uns. Lassen Sie uns zusammen vorwärtseilen durch die wechselvollen Scenen unseres Erdballs und nirgends länger weilen, als wo wir noch den Genuß in seiner vollen Frische haben können. Was sagen Sie? Wollen Sie mein Begleiter sein?" Die Lehre, daß der Mann jeden Kummer durch abwechselnde Aufregung betäuben könne, fand in Wolf- der alten Mauer des Kirchhofs, welcher zwischen dem Villenhofe und dem Dorfe lag, hatte sich der Schnee zu einem glitzernden Gebirge aufgehäuft; er wölbte sich zu hohen flaumigen Hügeln über den stillen Gräbern, und hatte sich auf Kreuzen und Denksteinen in dicken Klumpen festgesetzt, die ihnen das Ansehen unheimlicher Gebilde gaben. Von den weißen Gräberreihen hob sich eine Gruppe dunkler Menschengestalten ab, welche den Kirchhof eben verließen. Unter ihnen befand sich in voller Amtstracht der Pfarrer, welcher sich eben von einer jungen Dame verabschiedete. Ein enganliegender Pelzmantel verrieth die feinen Linien ihres schlanken Wuchses, ein Pelzbarett bedeckte das von goldblondem Haar umgebene Haupt, durch den silbergrauen Schleier schimmerte in sanftem Glänze ein blaues Augenpaar. Von der Dame wandte sich der Pfarrer an einen neben ihr stehenden Mann, dessen Riesengestalt in dem abgetragenen Paletot lu'! i "u.' I II - Jordanbad. gang's jetziger Seelenstimmung den fruchtbarsten Boden; er erblickte darin das einzige Mittel, den Gedanken an Felicitas zu verbannen. „Ich bin der Ihrige," entgegnete er, während sein Auge zum ersten Male wieder von jenem Feuer erhellt wurde, welches von der Lebhaftigkeit seines Geistes zeugte, „ich hatte mir zwar vorgenommen, mich in die Einsamkeit des Landlebens zu vergraben und mich ganz meinen Geschäften zu widmen; aber ich glaube, die Medicin, die Sie meinem kranken Gemüthe verschreiben, ist die heilkräftigere. Ich gehe mit Ihnen!" Der Weg zum Laster ist ein blumenreicher, geebneter Pfad, auf welchem es keine Hindernisse giebt, die unsere Schritte aufhalten. Wolfgang Hütte auf diesem Wege keinen gefährlicheren Führer finden können als Maitland, mit welchem er einige Tage später die Reise nach dem Süden antrat. XXXVI. Der Winter hatte über das bunte Farbenspiel des Herbstes eine dicke, glänzend weiße Decke gebreitet. Auf und dem schäbigen Cylinderhute von der eleganten und zarten Erscheinung seiner Begleiterin seltsam abstach. Der geistliche Herr reichte ihm die Hand, sprach noch ein paar herzliche Trostesworte zu ihm und ließ dann beide auf dem Kirchhofe zurück. Die junge Dame war die neue Herrin des „Villen- hofs," Melanie Nettberg, ihr Begleiter war Nölling, dessen Mutter man soeben begraben hatte. Der Baron v. Sturen hatte, ehe er den Villenhof verließ, die Bewohnerin des „Btrkenhäuschens" dem Schutze und der Fürsorge Melanies empfohlen, und diese nahm sich der alten Frau liebevoll an. Nach längerem Krankenlager war die alte Frau unter Melanies pflegender Hand verschieden. Auf die Todesnachricht war der Sohn gerade noch rechtzeitig angelangt, um dem Begräbniß beiwohnen zu können, und erst am kaum geschlossenen Grabe hatte er Gelegenheit gefunden, der jungen Herrin des „Villen- hofs" für alles, was sie an seiner Mutter gethan, zu danken. Eben war er im Begriff gewesen, sie zu dem zwei- 508 spännigen Coups zu begleiten, welches vor der Kirchhofspforte hielt, als sie den Wunsch äußerte, ein paar Worte mit dem Todtengräber zu sprechen. Rölling holte ihn herbei, und Melanie trug ihm auf, Frau Röllings Dann fügte sie Grab in gutem Stand zu erhalten hinzu: „Im Jahre 1870 ist ein französischer Offizier mit Gattin und Kind hier bestattet worden. Können Sie mir die Ruhestätte zeigen?" Diese Worte hatten bei Rölling eine Bewegung der Ueberraschung hervorgerufen. Er tauschte einen ernsten Blick mit Melanie, welcher sagte, daß beide einander verstanden. Der Todtengräber ging voraus. Vor einem der Schneehügel blieb er stehen und deutete mit der Hand auf ein eisernes, vom Roste angefressenes Kreuz, auf welchem sich nur mühsam noch die verwitterte Inschrift entziffern ließ: „Capitain Alphonse Bourdin, Irma Bourdin." Melanie weilte einige Minuten an dem Orte und schien tief bewegt. „Ich wünsche," wandte sie sich an den Todtengräber, „daß auch auf diese Ruhestätte besondere Sorgfalt verwendet werde. Sobald das Frühjahr kommt, werde ich mit Ihnen besprechen, was dafür geschehen soll." „So wissen Sie also — ?" fragte Rölling mit einer gewissen Befangenheit, während er an Melaniens Seite wieder dem Ausgange des Kirchhofes zuschritt. ,,Ja, Herr Rölling," entgegnete sie in einem Tone, in welchem eine zarte Schonung lag, „Ihre Mutter hat kurz vor ihrem Tode in meiner und des Pfarrers Gegenwart durch ein reumüthiges Bekenntniß ihr Gewissen erleichtert, aber damit freilich auch das meinige mit einer schweren Verantwortlichkeit belastet," fügte sie unter einem bangen Seufzer hinzu, „denn das Gestündniß legt mir eine harte Pflicht auf, welche für eine Person, die ich sehr liebe, von verhängnißvollen Folgen sein wird." Rölling schwieg betroffen. Als Melanies Wagen erreicht war, entblößte er sein Haupt, um sich von ihr zu verabschieden. „Nein, Herr Rölling," sagte Melanie freundlich, „so scheiden wir nicht von einander. Bitte, begleiten Sie mich." Sie nöthigte ihn, zu ihr in den Wagen zu steigen, welcher bald darauf den Villenhof erreichte. Unterwegs hatten beide, jedes mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, kaum einige Worte gewechselt. Zu Lause angelangt, ließ Melanie ihren Gast in ein behagliches, angenehm durchwärmtes Zimmer führen. Es war Spätnachmittag, und bereits begann es zu dunkeln. Als nach einer Viertelstunde Melanie in einfacher Haustoilette eintrat, gefolgt von einem Diener, welcher eine brennende Lampe trug, da war es dem sie Erwartenden, als ob Ein Freund in der N»ts die freundlich sich über das Zimmer verbreitende Helle von dem schönen Mädchen selbst ausstrahle, wie von einer höheren Erscheinung. „Ich bin glücklich," begann Rölling, als beide wieder allein waren, „noch einmal Gelegenheit zu haben, Ihnen - 509 — für die hingebende Pflege, womit Sie die letzten Tage meiner armen Mutter verschönt haben, danken zu können. Aber ich habe auch eine heilige Schuld der Dankbarkeit abzutragen, die mich selbst angeht. Sie haben mir meine Freiheit gerettet und sogar mehr als das." M „Hätte man mich in's Zuchthaus gesteckt," fuhr Rölling fort, „so wäre ich wahrscheinlich als derselbe verdorbene Mensch wieder herausgekommen. Als ich Sie aber in der Gerichtsverhandlung vor Staatsanwalt und Richter stehen sah, fest entschlossen, sich lieber einer entwürdigenden Strafe auszusetzen, als einem Elenden, wie ich bin, Ihr Wort zu brechen, da sagte ich zu mir selber: komme ich glücklich davon, so will ich ein anderes Leben führen, um diesem Engel zu zeigen, daß der bessere Geist in mir noch nicht erstorben ist. Ach l in mir lag nie der Trieb zum Bösen; die grausame Härte der Menschen, die erbarmungslose Strenge der Gesetze haben mich erst zum Verbrecher gemacht." „Niemand weiß besser als ich, daß Sie edler Regungen fähig sind," erwiderte Melanie. „Ich habe oft über den Widerspruch in Ihrer Natur nachgedacht. Vielleicht löst sich mir dieses Räthsel, wenn Sie mir die näheren Umstände Ihres Lebens mittheilen." „Wenn es in der Welt ein Wesen giebt, von dem ich nicht verkannt sein möchte, so sind Sie es," sagte Rölling. „Ich will Ihnen nur die nackten Thatsachen berichten, die aber genug sagen werden .... Man nennt mich unter meines Gleichen den „Ulan," weil ich bei den Garde- Ulanen stand. Als solcher machte ich den Krieg gegen Frankreich mit. Zweimal wurde ich schwer verwundet, aber mein Herz schlug warm für das Vaterland; kaum halb von meiner Wunde geheilt, eilte ich immer wieder meiner Fahne nach. Meine Mutter hatte mir in ihrem letzten Briefe mitgetheilt, daß sie im Begriffe sei, nach Amerika auszuwandern. Nach dem Kriege solle ich ihr nachkommen, schrieb sie, die Reisemittel würde ich von dem Advokaten Teßner erhalten. Ich hatte aber bereits einen andern Lebensplan. Ich liebte ein wackeres Mädchen, das mich im Lazareth verpflegt hatte, und als der Krieg beendet war, wurde sie meine Frau." „ der Noth. Von^Eja rl Reichert. (Fortsetzung folgt) sich und beugte sein Haupt auf Melanies um sie ehrfurchtsvoll mit seinen Lippen zu Er erhob Hand herab, berühren. „O,^nicht doch, nicht doch!" rief Melanie, „ich habe ja nur das Versprechen gehalten, das ich Ihnen gab." Goldkörner. Entweder große Menschen oder große Zwecke muß ein Mensch vor sich haben, sonst vergehen seine Kräfte, wie dem Magnet die seinigen, wenn er lange nicht nach den rechten Weltecken gelegen. Jean Paul. -—b v -- 510 Fischen. — Burgberg. (Nachdruck verboten.) (Mit Illustrationen nach Photographien von I. Heimhuber in Sonthofen und Jmmcnstadt.) 1. Fischen. Fischen wird schon sehr früh erwähnt. Nach Baumann*) schon im Jahre 860 unter dem Namen Vis- irinAuir. In einem Vertrage v. I. 905 I^lcino; in einem solchen von 1182 kisoina; ferner ViMlii i. I. 1433; tUlconAg, 907. Fischen gehörte zum Alpgau, zu dem es von 912 an ständig gerechnet wird und als dessen Cente, d. i. Untergau, es sich sogar bis 1806 erhält. Vom Jahre 1179—1182 hatte das Kloster Füssen sein Präsentationsrecht zur Kirche Fischen gegen den Edlen Adilbert von Nettenberg, der die Vogtei über diese Kirche ausübte, zu verfechten. Die Fischinger Kirche wurde 1126 eingeweiht. Einige Zeit vor 1170 hatte das Kloster zu Kempten das Eigenthumsrecht an die Kirche zu Fischen. Auch das berühmte Kloster Allerheiligen zu Schaffhausen hatte zu Fischen Besitzungen von ungefähr 1100 bis1479.AmSchlusse des Mittelalters waren die Grafen von Rotenfels im Besitz der Herrschaft über Fischen. Nach Rudolf von Habsburg war Rotenfels und damit Fischen an die Herren von Schellen- berg gekommen, die aber im 14. Jahrhundert ihre Besitzungen im Allgäu veräußern mußten; damit kamen Rotenfels und Fischen an die Tettnanger Linie des Montfort'schen Hauses, dessen Sprossen sich seit 1440 geradezu „Grafen von Montfort zu Rotenfels" nennen. Die Pfarrei Fischen, die jetzt 1800 Seelen zählt, war seinerzeit sehr ausgedehnt. Wie schon oben bemerkt, wurde die Kirche schon 1126 eingeweiht, das Benesizium 1446 gegründet. In die Pfarrei Fischen, die zum Bis- thum Konstanz zählte, gehörten sogar einige Dörfer des Walserthales (z. B. Mittelberg). (Eine andere Anzahl gehörte zu Oberstdorf und damit zum Btsthum Augsburg.) Diese Gemeinden des Walserthales trennten sich jedoch von Fischen mit Zustimmung der Herren von Heimenhofen, welchen der Kirchensatz zu Fischen zustand, und des Fischener Pfarrers, welche Trennung Bischof Burkard von Konstanz im Jahre 1391 bestätigte. Auch Tiefenbach gehörte zu Fischen, trennte sich aber wegen der großen Entfernung und der damit verbundenen Beschwerden mit Genehmigung der Grafen von Montfort zu Rotenfels und des Fischener Kirchherrn Sigmund von Heimenhofen als eigene Pfarrei von Fischen i. I. 1499. Die Namen der jeweiligen Pfarrer sind bekannt von 1390 an; der erste ist Bertholdus Wisches. Nach diesen historischen Daten über das Fischen der Vergangenheit wollen wir übergehen zum Fischen der Gegenwart. Fischen liegt so ziemlich in der Mitte zwischen Sonthofen und Oberstdorf und darf sich rühmen, von allen Kennern des Allgäu's als der schönstgelegene Ort des oberen Jllerthals gepriesen zu werden. Es ist ringsum von einem Bergkranz umgeben, nach Süden hin ist fast ; die ganze Allgäuer Bergkette sichtbar, nach Osten hin der höchstens von dem eine Viertelstunde westwärts entfernten hochgelegenen Maderhalm etwas umfassendere großartige Blick auf das Gaisalpthal mit Entschen- und Wengen- kopf, Rubi- und Nebelhorn, im Westen Riedbergerhorn und die Bolsterlangerberge, und im Norden bildet den Abschluß der Rigi des Allgäu's, der 1741 Meter hohe Grünten. Schöne Spaziergänge in der Nähe, schattige Wege vom Verschönerungsverein angelegt. Ausgezeichnete Bahnverbindung sowohl nach Oberstdorf wie Sonthofen. Fischen selbst liegt 758 Meter über dem Meer, ist ein großes, schönes Dorf mit etwa 500 Einwohnern und über 70 Häusern, deren Nettigkeit und Sauberkeit von innen wie von außen sehr wohlthuend berührt. Fischen besitzt eine bedeutende mechanische Weberei, die lauter einheimische Mädchen oder solche der nächsten Umgebung beschäftigt, Handel und Gewerbe ist sehr vertreten, gute Gasthöfe („Kreuz", „Löwe", „Alpenrose"), in denen der Fremde auch bei großenAnsprüchen mit Kost und Verpflegung zufrieden sein kann. Auch inPrivathäusern ist in der letzten Zeit viel zur Bequemlichkeit der Fremden geschehen. Badegelegenheit bietet das 10 Minuten entfernte Mineralbad Au. Die schöne Lage Fischens, der angenehme und dabei im Verhältniß zu vielen überflutheten Sommerfrischen doch ruhige Aufenthalt dringt denn auch in immer weitere Kreise. Fischen, das vor wenigen Jahren noch fast keinen Fremdenzufluß kannte, sieht von Jahr zu Jahr die Zahl seiner Sommergäste wachsen und hat auch in dieser Saison eine namhafte Mehrung zu verzeichnen. 2. Burgberg. Wer von Jmmenstadt aus per Bahn nach Sonthofen fährt, erblickt einige Male durch Lücken des die Jller umgebenden hohen Gebüsches das Pfarrdorf Burgberg, gar lieblich in einer durch den Grünten gegen Südwesten gebildeten heimlichen Ecke gelegen. Der Ort Burgberg zählt z. Z. circa 700 Seelen. Bis zum Jahre 1750 war Burgberg eine Filiale — wohl die größte — von Sonthofen. Damals schon wohnten in 80 Häusern 450 Menschen. In diesem Jahre stifteten der Hochw. Hr. Joh. Bapt. Bechteler, hochfürstl. augsburgi- Fischen. *) Dr. F. L. Baumann, Geschichte des Allgäus. 511 scher geistl. Rath und Fiskal, des löbl. Collegiatstiftes St. Gertrud in Augsburg Canonicus, ein geborener Sonthofener, und der Pfarrer und Kapitelskammercr von Burggen, Hr. Licentiat Tiberius Bach, ein ehemaliger Sonthofener Kaplan, in Burgberg ein Benefizium. Ersterer schenkte 7000, letzterer 1000 fl. zu diesem Zwecke. Es geschah dies, um einerseits die Arbeitslast der beiden Sonthofener Geistlichen zu vermindern, dann aber namentlich, um dem Wunsche der Burgberger, „welche schon Ville Jahre hero nichts eifriger gesucht, als daß in diesem orth ein aigener Ouratus aufgestellt werden möchte", zu entsprechen. Doppelt nothwendig sei diese Benefiziumsstiftung, da beim Erzgraben und Holzfällen Unglücksfälle vorkommen könnten und dies die Nähe eines Geistlichen sehr wünschenswerth erscheinen lasse. Kirche und Benefiziaten- wohnung herzustellen, übernahm die Gemeinde Burgberg, und verpflichtete sich überdies noch, einen Widdum zum Unterhalte für 2—3 Stück Vieh und das nöthige Brennholz dem Benefiziaten zu erstellen. 1752 erhielt Burgberg den ersten Benefiziaten in der Person des Hochw. Herrn ThomasNeuberg, welcher dieseStelle vierzig Jahre inne hatte und 1792 hochbetagt eines plötzlichenTodes starb; so berichtet die links der Kirchenthüre über seinem Grabe angebrachte Gedenktafel. Schon 1795 suppli- cirten die Burgberger um Errichtung einer Pfarrei, welchem Ansuchen, obwohl es sehr gut begründet war — Burgberg müsse schon früher eine eigene Seelsorgstelle, wenn nicht gar eine Pfarrei gewesen sein, gäbe es ja im Oesch seit Alters her viele Pfarrfelder, im Orte selbst einen gut gestifteten Meßner mit eigenem Haus — Seitens des Ordinariates Augsburg auf Andringen des damaligen Pfarrers Hör- mann von Sonthofen keine Folge gegeben wurde. Endlich 1803 war das Streben der Burgberger von Erfolg gekrönt. Das Benefizium wurde mit der uralten Pfarrei Agathazell vereinigt, und so entstand die Pfarrei Burg- berg-Agathazcll. Agathazell, Häusser und Ortwang, jeder Ort ungefähr 60—70 Seelen zählend, wurden Filialen der neuerrichteten Pfarrei. Als erster Pfarrer ist Andr. Metz genannt. Damals zählte die neue Pfarrei bereits zwischen 7- und 800 Seelen, während sich zur Zeit die Seelenzahl auf nahezu 1000 beläuft. 1835 wurde, um an Sonn- und Feiertagen eine Frühmesse zu haben, eine Kaplanei gestiftet, die aber des herrschenden Priestermangels wegen gegenwärtig leider nicht besetzt werden kann. Die Lage Burgbergs ist, wie bereits oben angedeutet, sehr schön, das Klima mild, da Nord- und Ostwinde keinen Zugang haben. Wenn Wohnungen vorhanden wären, würde sich Burgberg wie wenig andere Orte zu kurzem Sommeraufenthalte eignen. Zum Mindesten aber lohnete sich das Besteigen des Grünten gar sehr. Unerklärlicher Weise wurde dieser Berg, der bayerische Rigi genannt, eine Zeit lang Seitens der Fremden viel zu wenig berücksichtigt; in den letzten Jahren aber hat sich die Sache erfreulicher Weise gebessert. Möge kein Besucher des oberen Jllerthales es versäumen, den nicht sonderlich beschwerlichen Anstieg des Grünten zu wagen; die Aussicht ist eine sehr lohnende, sowohl in's Gebirge als auch in's Land. Ziemlich nahe der Spitze befindet sich ein prächtiges Hotel, wo für Speise und Trank, gute Quartiere und überhaupt alle Bequemlichkeiten aufs beste Sorge getragen ist. In Burgberg selbst gibt es mehrere nette Gasthäuser, von denen namentlich das zum „Löwen" angelegentlichst empfohlen werden kann. —SÄ8X8SS- Erinnerungen an Jordanbad. (Hiezu das Bild Seite 507.) II. Dreiviertel Stunden südsüdöstlich von der Württembergischen Oberamtsstadt Biberach, an der Bahnlinie Ulm— Friedrichshafen, liegt an einem sichten- und buchenbewachsenen Hügel überaus idyllisch hingelagert das Jordanbad, dessen Geschichte zwar auf mehr als sechs Jahrhunderte zurückreicht, das aber erst in neuerer Zeit weithin Klang und Zugkraft erhalten hat, wildem es zu einem „Kneippbad" eingerichtet worden ist. Wohl wird auch noch die alte Mineralquelle benützt und aus ihrem eisenhaltigen Wasser mittelst eines „Verede- lungs"-Verfahrens ein sehr angenehm schmeckender Säuerling aew on- nen; aber diese Quelle, die der Sage nach einem aus Palästina heimkeh- kehrenden Kreuzzugs- Ritter Heilung gespendet und von ihm in from- merErinnerung mit dem Namen „Jordan" benannt worden sein soll, spielt keine Rolle mehr. Das Agens, das heute das Jordanbad belebt und zum Zielpunkt hellbedürftiger Menschen macht, ist reines Quellwasser, gesammelt in Hochrefervoirs im schattigen Hügelwald, das mit 6 Grad Frische in reicher Menge das prächtig eingerichtete Bad speist und in unverfälschter „Methode Kneipp" den Badegästen applicirt wiid — nach den Anordnungen des ausgezeichneten Badearztes Herrn Dr. msä. Stützte, eines der ersten, oder wenn wir nicht irren des ersten medizinischen Jüngers, der sich der Hydropathie nach Kneipp'schen Ideen zuwandte. Seine vorsichtige und doch sichere Behandlung der Leidenden, die aufmerksame und eingehende Sorge, d,e er jedem Einzelnen zuwendet, gewinnen ihm sofort das Vertrauen der Badegäste, und — auch das mag erlaubt sein zu sagen — die wahrhaft überbescheidenen Ansprüche, die seine Deseroitenrechnungen an die Kasse der Gäste machen, beweisen, daß ihm sein Beruf etwas mehr ist, als eine Quelle des Erwerbes. Also zum Jordanbad I Nachdem wir in Ulm die Fahrt unterbrochen und das prächtige, aber in seinen Gesammtmaßverbält- nissen doch nicht ganz befriedigende Münster besichtigt hatten, fuhren wir mit der „schwäbische Eisebahn" durch die wiesbau- reichen Gefilde des Rißthales nach der alten, freundlichen Reichsstadt Blberach. Dort erwartete uns der comfortable Bade-Hotel- wagen, der in kurzer Zeit unser somalisches Dasein „nach dem Jordan" (so lautet der ortsübliche Ausdruck) spedirte. „Franz", der würdige Oberkellner mit grauen Haaren und Barttoilette L Is. F> anz Josef, geleitete uns sofort zum Badearzt, der auch über die Unterbringung der Gäste verfügt. Um jenen Menschenkindern, die an einer unheilbaren Aversion gegen Durgderg M-M -»Mit l->"v«t. 512 „Schwalbenschwänze" leiden, nicht von vornherein die Freude am „Jordan" zu verderben, sei gleich bemerkt, daß „Franz" der Einzige seiner Species lovo oitato ist und seine Unterkellner — lauter sittsame schwäbische Jungfrauen sind, angefangen von der Philippine, die uns im zweiten Stockwerk des Kurhauses bediente und in der Kapelle des Kurortes des Sonn- und Feiertages gar fürtrefflich ihre treffsichere Stimme in den Dienst der musiea saora stellt, bis zu all den anderen Jungfrauen, die im Kur- und Badehaus, in Feld und Wirthschaft eifrig ihrer Pflicht obliegen und alles in größter Ordnung und Sauberkeit erhalten — wie sich all das geziemt für ein Etablissement, das den ehrwürdigen Franziskanerinnen von Reutte (Württemberg) gehört. Nach mannigfachen Schicksalen, die der „Jordan" im Laufe der Jahrhunderte hatte, war die Heilstätte schließlich — Dank der Munificenz des fürstlichen Hauses Wolfcgg — in den Besitz dieser Congrcgation übergegangen (1887) und Gottes Segen ruht sichtlich auf diesem Besitz, der unter der Leitung der dermaligen Frau Oberin eine ungeahnte Verschönerung durch Neubauten und prächtige Gartenanlagen erfuhr. Da ist neben dem alten Badehause — mit seinem neuangebauten Flügel, der parterre die vorzüglich eingerichteten Baderäume und im 1. Stock Fremdenzimmer enthält —, ein stattliches, mit neuzeitlichem Comfort reich ausgestattetes Kurhaus. In demselben befinden sich im Hochparterre u. A. die Amtszimmer des Badearztes und im 1. Stock ein hübscher Lesesaal mit Balkon Vom Parterrecorridor gelangt man in den Pavillonbau mit geräumigem, elegantem Speisesaal für jene Kurgäste, welche die Verpflegung I. Klasse gewählt haben.*) Daneben befindet sich ein zweiter Saal mit Billard. Das Kurhaus liegt auf einer Terrasse des schon erwähnten Waldhügels, welcher durch reiche Teppichgärtnerei geschmückt ist und mit dem darunter liegenden großen Garten — darin prächtige Rosencultur — und den grünenden, von Hügeln weithin begrenzten Gefilden des Umlach- und Rißthales dem Auge einen gar lieblichen Anblick bietet. Ueber die Gefilde hin schweift der Blick auf die nahegelegene Pfarrei Ummendorf (Bahnstation), wo der geschichtsgelahrte und weitgereiste Pfarrherr Dr. Hofele in einem ehemaligen Schlosse residirt und mit größter Liebens. Würdigkeit den Jordan-Gästen die Schätze seiner Sammlungen zeigt. Links von Ummendorf winkt der Kreuzberg freundlich herüber, auf dem — eine Schöpfung Dr. Hofele's — eine kleine Kuppelkirche thront, eine vielbesuchte Stätte der Andacht. Ein „Kreuzweg" mit geschnitzten und gemalten Stationen führt zur Grabkirche hinauf, welche mit hübschen Gemälden von den Kunstmalern Fugel und Locher (München) geschmückt ist. Auf der anderen Seite der Thalweitung grüßt von der Höhe das Dörfchen Rissegg herab, in dem einst der jetzige Hr. Bischof vr. Haffner von Mainz als Vicar von Biberach aus die Seelsorge versah. Ein uraltes Kapellchen mit Holzvorbau reiht sich nach Westen an das Kurhaus an. Es genügte dem Bedürfniß längst nicht mehr und ist diesem nun durch einen prächtigen Neubau abgeholfen, den die „Schwestern" in den letzten Jahren aufführen ließen. Nach den Plänen des Herrn Domvicars Dengler von Regensburg erstand das neue Klostergebäude mit stattlicher Front, das im westlichen Theil die Behausung der Schwestern, im östlichen die Kirche enthält und beide Theile unter einem Dache in ebenso praktischer als stilistisch glücklicher Werfe vereint. Der Stil ist romanisch und das Innere der Kirche, die polychrom ausgemalt ist, überaus stimmungsvoll. Am 7. Juli d. I. wurde zum ersten Male das hl. Opfer in diesem schönen Gotteshause gefeiert. Erwähnen wir noch das Wirthschaftsgebäude mit dem Speisesaal für die Kurgäste der II. Pensionsklasse und die stattlichen Oekonomiegebäude mit herrlichem Milchvieh und 6 prächtigen Pferden für den landwirthschaftlichen Betrieb und die KuranstaltsEquipagen, so haben wir alle die Gebäude aufgeführt, welche zusammen das „Jordanbad" bilden. Doch sei noch einer langen gedeckten Wandelbabn gedacht, in welcher sich auch eine Kegelbahn befindet. Die Wandelbabn ist heizbar und da auch Bade- und Kurhaus mit Centtaldampfheizung versehen find, so eignet sich Jordanbad auch sehr für Kuren im Winter und hat auch thatsächlich schon die letzten paar Winter Kurgäste gehabt. (Schluß folgt.) Eine Front-Ansicht des Jordanbades gibt unser heutiges nach einer Photographie hergestelltes Bild, das aber, wie die Photographie, leider die hübsche, terrassenförmige Lage nicht recht *) Die Preise sind für Verköstigung (Frühstück, Mittag- und Abendtisch excl. Getränke) I. Klasse 3 M., II. Klasse 2M., für Wohnung (bessere Zimmer) 1—3 M. zur Geltung bringt. — Wer sich eingehender über „Jordan" orientiren will, dem empfehlen wir aus Wörl's Reisehandbüchern das Heftchen „Führer durch Jordanbad und Umgebung" (Verlag von Wörl in Würzburg. Preis 50 Pfg.). —-S2LWÜ-S- Giu Freund in der Noth. (Zu unserem Bild Seite 508 und 509.) Es waren einmal drei Vierfüßler, gar arge Bösewichte von Hunden, der Mops, der Schnauz und der Dackl, das waren recht lose Gesellen, die es besonders auf die kleinen Hündchen abgesehen. Wo immer nur der Zufall eines in ihre Nähe führte, ging die Hetze los. Wehe dem Thierchen, daß sich ihr Hänseln, Scherzen und Necken nickt gefallen lassen wollte, da gab's schließlich auch noch Stöße, Püffe und — Bisse. So wäre es heute fast auch dem kleinen „Auch" gegangen. Aber da kam zur rechten Zeit noch Amh's alter Freund, derHektor, der den Bösewichten nicht wenig Respekt einflößte Da steht nun das verblüffte Kleeblatt und getraut sich nicht mehr zu mucksen. Amy aber ist nicht wenig froh, daß er seine Peiniger mit einem Male losgeworden, und mit Recht, denn der Hektor fürchtet die drei losen Burschen alle zusammen nicht. --^-SlNS-- Allerlei. Fatal. A.: „Warum ist denn die Verlobung des Professors zurückgegangen?" — B.: „Nur wegen seiner schrecklichen Zerstreutheit. Will er da seiner Braut eine Schachtel mit einem schönen Nosenbouquet senden, vergißt aber das Bouquet hineinzulegen und schickt bloß die leere Schachtel mit der Inschrift: Dein Ebenbild!" * Studio sin der Wirthschaft zu einem Philisters: „. . . Was, Ihnen sind die Studenten zu gering? Mein Herr, wenn ich will, so dreht sich die ganze Welt um mich!" * Aus der Kaserne. Feldwebel: „..Also Sie sind an der Universität ... wie sagten Sie doch?" — Einjähriger: „Jmmatrikulirt!" Feldwebel: „Na ja, ganz richtig! . . . Wir sagen da ganz einfach geimpft!" Bescheidener Wunsch. Der kleine Fritz szum Onkelj: „Ach, Onkel, wir haben morgen Kindermasken- fest ... sei so gut und leih' mir Deine rothe Nase!" - I—«- Aitder-Käthser. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 62: Weiß. Schwarz. , S. L5 06 (06) f K. V6-05 2. B. L2-LL j- Matt. --EZS- Augsburgrr Postzeitung ^ 67. Ireitag, den 17. August 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literariichen Instituts von Haas L> Gradderr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttlcr). Im Laune aller Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) „Sie waren also verheiratet?" fragte Melauie überrascht. „Ich war verheiratet, und mein Weib schenkte mir einen prächtigen Jungen. Ja, ich habe das Glück des Familienlebens gekannt, aber ich sollte es nnr kurze Zeit genießen. Warum meine Mutter so plötzlich vorn Auswandcrungsfieber befallen worden war, woher sie die hierzu erforderlichen Geldmittel nahm und mit welchem Rechte ich von dem Advokaten Teßner das Geld zu der weiten Reise verlangen konnte, das alles war mir damals unerklärlich, mir war weiter nichts bekannt, als daß meine Mutter vor ihrer Verheiratung bei dem Advokaten als Wirtschafterin gedient hatte. Sie wissen so gut wie ich, welchen Dienst sie ihm erwiesen hat, als ich im Kriege war; er hatte es zur Bedingung gemacht, daß sie das Geld, durch welches er sie bestach, in Amerika verzehre, denn er wollte sich die Mitwisserin eines so gefährlichen Geheimnisses vom Halse schaffen; er fürchtete auch, daß meine Mutter mir die Sache gelegentlich ausplaudern könnte, und um uns beide für immer voneinander zu trennen, log er mir vor, meine Mutier sei während der Ucberfahrt nach Amerika gestorben; ihr selbst aber hat er geschrieben, ich sei meiner letzten Verwundung erlegen. Bis vor einigen Monaten haben wir einander für todt gehalten. Erst durch einen meiner berüchtigten Genossen, der sich nach Amerika flüchten mußte und dort zufällig mit meiner Mutter zusammentraf, erfuhr sie, daß ich am Leben sei; ihr letztes Geld zusammenraffend, eilte sie nach Deutschland zurück und schloß ihren todtgeglaubten Sohn, den sie in einer ihr bezeichneten Verbrechcrkneipe fand, in demselben Augenblicke in die Arme, wo dieser die Kunde erhielt, daß die Häscher hinter ihm her seien . . . Bald nach meiner Verheirathung war ein Verwandter meiner Frau gestorben und hatte sie zur Erbin eines nicht unbedeutenden Vermögensantheils eingesetzt. Die betreffende Testamentsklausel wurde jedoch von den anderen Miterben angefochten. Teßner, an den wir uns wandten, erbot sich, den Prozeß für uns zu führen und alle Kosten auszulegen. Als Lohn beanspruchte er freilich nicht weniger als zwei Drittthetle der Erbschaft für sich, aber da er darauf schwor, daß meine Frau den Prozeß gewinnen müsse, so nahmen wir sein Anerbieten an und verschrie» ben uns ihm beide mit Haut und Haaren. Aber der Prozeß zog sich jahrelang hin, und die letzte Entscheidung fiel zu Ungunsten meiner Frau aus. Der habsüchtige Advokat klagte die bedeutende Kostensumme, die er verauslagt hatte, gegen uns ein und bediente sich schonungslos all der harten Machtmittel, welche daS Gesetz einem Gläubiger einräumt. Ich war Schieferdecker und hatte mit der kleinen Ersparniß, welche meine Frau mir mit in die Ehe gekrackt, in Berlin ein eigenes Geschäft errichtet, das uns recht und schlecht nährte. Alles, bis auf die unentbehrlichsten Werkzeuge, wurde mir gepfändet, mein Geschäft war ruinirt. Zuletzt wurde auch der Hauswirth, dem ich die letzte Miethe hatte sckuldig bleiben müssen, ungeduldig; er ließ uns alles nehmen, was uns noch zu nehmen war. Es war ein giftiger Winter, der viele schlimme Krankheiten mit sich brachte. Auch meine Frau und mein Kind lagen darnieder, aber das Gesetz, welches die Berliner Hausbesitzer in seinen besonderen Schutz nimmt, kannte keine Sckonung: meinen beiden armen Kranken wurden die Veiten unter dem Leibe weggepfändct. In der feuchten Kellerspelunke, in der ich mit den Meiuigen Unterkunft suchen mußte, starb erst mein Kind und bald darnach merne Fran auf einem elenden Strohsacke . . . Der besitzenden Klaffe mag der Staat als eine sehr moralische Anstalt erscheinen, mir aber kamen ganz andere Gedanken darüber. Ich hatte für den Staat, als er in Gefahr war, mein Blut vergossen, und er schickte mir dafür, als ich im Unglücke war, seine Executoren über den Hals. Die Moral des Staates hatte die meinige vergiftet, ich war erbittert bis in's Mark. Für mich waren Tugend und Recht leere Begriffe geworden. Zeitweise ohne Arbeit, war ich durch meine Armuth genöthigt, zur Befriedigung meiner Leibesbedürfniffe billige und schlechte Lokale zu besuchen. Dort kam ich mit Leuten aus der Verbrecherwelt zusammen. Sie ließen mich das baare lachende Geld sehen, welches ihr Geschäft ihnen abwarf; ich begann an der anscheinend so mühelosen Laufbahn des Verbrechens Gefallen zu finden, und als ich einst vier Tage lang hatte fasten müssen und dem Hungertode nahe war, warf ich meine letzten Bedenken von mir und betheiligte mich an einem Diebstahle. Ich ward dabei ergriffen, vor Gericht gestellt und in's Gefängniß gesteckt. Während meiner Strafzeit bereute ich meinen Fehltritt und nahm mir fest vor, nie wieder auf 514 den Weg des Lasters zurückzukehren. Aber wo ich auch anklopfte, um ehrliche Arbeit zu suchen, überall scheute man davor zurück, einen bestraften Verbrecher in Dienst zu nehmen. Einmal zu den schlimmen Genossen zurückgekehrt, wurde ich von diesen nicht mehr aus den Fingern gelassen. So bin ich auf dem Wege des Verbrechens fortgeschritten, und nichts vermochte mich mehr aufzuhalten, es hätte denn ein Engel sein müssen. Und dieses Wunder geschah wirklich: der Engel waren Siel Und wären Sie auf Erden das einzige Wesen, in dem noch Tugend nnd erhabene Selbstverleugnung wohnt, um Ihretwillen allein schon lohnte es sich, den Weg des Guten zu wandeln. Niemals habe ich wieder meine Hand nach unrechtem Gute ausgestreckt." Melanie hatte mit tiefer Bewegung zugehört. Als Rölling schwieg, saß sie noch lange stumm vor ihm und hielt das Antlitz mit der Hand bedeckt. „Und wovon fristen Sie jetzt Ihr Leben, Herr Rölling?" fragte sie endlich. Er lächelte trübe. „Ich arbeite, wenn es Arbeit giebt. Sehnsüchtig blicke ich des Morgens gen Himmel, ob er nicht einen tüchtigen Schneefall in die Straßen Berlins Herabschicken werde, — darüber freue ich mich stets wie ein Kind über eine Weihnachtsbescheerung, denn da giebt es mit Schaufel und Spitzhacke ein Stückchen Geld zu verdienen, was oft auf viele Tage reichen muß." Melanie blickte ihn mit dem Ausdruck schmerzlichen Mitleids an. Dann trat sie entschlossen auf ihn zu. „Es wäre eine Sünde, ein Verbrechen," sagte sie, „wollte ich Sie in Ihre traurigen Verhältnisse zurückkehren lassen. Sie stehen von dieser Stunde an in meinen Diensten. Welche Beschäftigung würden Sie sich hier wohl wünschen?" „O, jede Arbeit, die Sie mir anweisen, werde ich mit Freude verrichten," rief Nölling, während es in seinem Auge hell aufleuchtete, „machen Sie mich zum untersten Ihrer Hirten oder vertrauen Sie mir Millionen ungezählt an — ich werde mein Amt treu und rechtschaffen verwalten." Melanie versank in ein kurzes Nachsinnen. Plötzlich schien ihr ein Gedanke zu kommen. „Ich nehme Sie beim Wort," sagte sie ernst, „ich vertraue Ihnen das Theuerste an, was ich besitze - meinen Bruder." „Er ist nicht hier, vermuthe ich?" „Er muß feiner angegriffenen Gesundheit wegen den Winter über in einem milden Klima verbringen und hat seit einiger Zeit eine Villa bei Monte Carlo bezogen, wo sich die berüchtigtste Spielhölle Europäs befindet. Ich fürchte, daß er seine Gesundheit vernachlässigt und seiner Leidenschaft fröhnt. Ich kann ihm leider nicht 7'ir Seite stehen, um ihn zu überwachen, denn eS war eine seiner ersten Maßnahmen, den zuverlässigen und erfahrenen Mann- welcher dieses Gut bisher verwaltete, zu entlassen. So bin ich denn an die Scholle gebannt und muß selbst nach dem Rechten sehen, so gut ich es vermag. Wenn ich zu Jemand das Vertrauen habe, daß er meinem Bruder ein warnender Freund, ein treuer Berather sein würde, so sind Sie es, Herr Rölling. Ich glaube, daß Sie größeren Einfluß auf ihn besaßen, als ich, daß Sie von diesem Einfluß nur im besten Sinne Gebrauch gemacht haben." „Das that ich stets, denn ich wollte nicht, daß er so tief fallen sollte wie ich," erwiderte Rölling. „Ob er aber auch jetzt noch auf mich hören wird, ob er als reicher Mann sich nicht des Umgangs mit einem ehemaligen Verbrecher schämen wird, wenn dieser auch nur in dem Verhältniß eines schlichten Dieners zu ihm steht, ist eine andere Frage. Ich werde aber mein Möglichstes thun, um mich Ihres großen Vertrauens würdig zu zeigen. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen für alles, was Sie an mir gethan haben, danken soll!" „Wenn Jemand Ursache hat, dankbar zu sein," entgegnete Melanie, „so bin ich es, denn ich betrachte es als eine große Gnade Gottes, daß er mir die Mittel gegeben hat. Anderen zu helfen, wie auch ich in der trostlosesten Lage meines Lebens einen Retter fand." Rölling bemerkte, wie ein Schatten über ihr schönes Antlitz glitt, während ihre Hand unwillkürlich nach dem Herzen griff, als ob die Worte, welche sie eben gesprochen, einen schmerzlichen Gedanken in ihr geweckt hätten. xxxvn. Die Sonne tauchte hinter den leuchtenden Kuppeln und Spitzen des Casiuos von Monte Carlo unter; die winzige Halbinsel lag wie schlafend am Busen des Meeres, welches fern im Süden mit dem Himmelsblau zusammenschmolz. Im Osten breitete sich ein röthlich flammender Schimmer über Land und Wasser aus, den Hügelzug bei Mentone in rosafarbene Schleier hüllend. Ein paar näher liegende Anhöhen bildeten den dunkleren Hintergrund für freundliche Villen und Gärten, welche in tropischer Pracht prangten. Weit hinten im Norden schloffen die blendenden Schneegipfel der Seealpen das Landschaftsbild ab. Zwei Spaziergänger betrachteten das großartige stumme Schauspiel. Diese beiden waren Maitland und der Baron von Sturen. Sie hatten nur wenige Wochen in Neapel und Rom verweilt, und Maitland hatte feinen Freund überredet, einen längeren Aufenthalt in Monte Carlo zu nehmen, welches jetzt — im Januar — auf dem Höhepunkte der Saison stand. Während Wolfgang umherblickte, von Dankbarkeit gegen das Wesen bewegt, das die Erde in solche Herrlichkeit gekleidet hatte, stand Maitland in finsterem Sinnen. „Wohin soll der Mensch fliehen vor Gott," rief er in herbem Tone, „vor ihm, der die armseligen, aus seiner Hand hervorgegangenen Erdenwürmer in ein Meer von Elend, Zwietracht und gegenseitiger Vernichtung geworfen hat! Geht er in die Städte, so findet er die langsam zehrende Krankheit, die treulose Geliebte, betrogene Hoffnungen, das Elend der Armuth. Sucht er Zuflucht in der Einsamkeit der Gebirge, so folgen ihm der Blitz, der herabstürzende Felsblock oder die donnernde Lawine, und er wird zertreten, wie er selbst den Wurm zertritt. Wozu schuf Gott den Menschen, als um ihn zu verfluchen?" Maitland's Auge leuchtete grimmig, und auf seinem Antlitz lag ein dämonischer Ausdruck, vor welchem Wolfgang erschrak. Als er so da stand und seine schönen Glieder anspannte, indem er sich stets am äußersten Rande eines jähen Absturzes im Gleichgewicht hielt, glich er einem der gefallenen Geister, die auf die Erde herabgekommen, um mit den Sterblichen gefährliche Gemeinschaft zu halten. „Es ist nicht das erste Mal, daß ich Sie so sprechen höre," sagte Wolfgang, „aber fragen möchte ich doch endlich einmal, welche Ursache gerade Sie, Mait- land, zu so finsteren Gedanken haben sollten. Sie gehören zu jenen Bevorzugten, welche ein gütiges Geschick mit Reichthümern gesegnet hat; Siebesitzen hohe Geistesgaben und vereinigen damit jene blendende Persönlichkeit, welche überall ihres Sieges gewiß ist. Ich wüßte nicht, was Sie sich noch wünschen könnten, wenn nicht etwa ein geheimes Leiden Sie drückt, welches Sie bisher vor wir verborgen haben." Maitland blickte seinen Begleiter drohend an, als ob er sich persönlich beleidigt gefühlt hätte, doch verschwand dieser finstere Schatten rasch wieder von seinen Zügen. „Mein geheimes Leiden, Baron," antwortete er nach einer Pause, „ist der Fluch, der auf meiner Geburt lastet, und den alle Reichthümer der Erde nicht von mir nehmen können. Wissen Sie, wer der stolze, mit Reichthum gesegnete, mit Vorzügen des Geistes und Körpers ausgestattete Mann ist, der vor Ihnen steht? Ich will eS Ihnen sagen: er ist ein elender Bastard!" Wieder erschienen jene unheimlich dämonischen Schatten auf seinem Antlitz, während er die Fäuste vor sich hin ballte; wieder wich dieser Ausdruck wilder seelischer Bewegung rasch zurück, wie von einem eisernen Willen gebannt. „Meine Mutter war ein gebildetes, ehrbares Mädchen aus guter bürgerlicher Familie," fuhr er in ruhigem, aber bitterem Tone fort. „Ihre außergewöhnliche Schönheit reizte die Sinnenlust eines hochadeligen Kavaliers, der ihr die Ehe versprach und sie verführte. Die Frucht dieses Verhältnisses bin ich. — Mein Vater opferte die Geliebte dem Standesvorurtheile und führte eine Dame aus altadeligem Geschlecht zum Traualtar. Während der Sohn, der aus dieser Ehe hervorging, standesgemäß erzogen wurde und den stolzen Titel seines Vaters erbte, war ich die Schande meiner Mutter und das Verhängniß ihrer Zukunft. Als sie einst in der Zeitung las, daß ein reiches kinderloses Ehepaar einen Knaben an Kindesstatt zu adoptirren wünschte, trug sie mich hin. Ich bin meiner Mutter nie mehr im Leben begegnet. Ich grolle ihr nicht, daß sie die Bürde von sich abschüttelte, denn sie mußte, um nicht unterzugehen, mit der hergebrachten Sitte der Gesellschaft rechnen. Wer meine Eltern waren, erfuhr ich mit allen Einzelheiten später durch meine Pflegeeltern, welche mir in Ermangelung anderer Erben ihr sehr bedeutendes Vermögen hinterließen. Schon in meinen Jünglingsjahren faßte ich einen Haß gegen den wortbrüchigen Mann, der das Leben meiner Mutter vergiftet hat, einen noch glühenderen Haß aber gegen meinen Halbbruder, der mir alle die Rechte gestohlen hat, auf welche ich nach natürlichem Gesetze gerechten Anspruch besäße; er ist eine lebendige Beleidigung meines Ehrgeizes und meines Stolzes. Vereinigten sich nicht alle Eigenschaften in mir, die mich befähigen, um in jener Elite, der sich die Thüren der Könige und Fürsten öffnen, eine glänzende Rolle zu spielen, so ließe ich mir vielleicht an Geld und Gut genügen. Aber gerade alle jene Vorzüge, die ich besitze, erscheinen mir als ein Hohn auf meine Geburt, und nun frage ich Sie, was mir das Leben bieten, was es mir sein kann! Nur eine Aufgabe wüßte ich mir noch zu stellen, welche mir das Leben werthvoll machen könnte." „Welche?" fragte Wolfgang. „Die Aufgabe, meine Mutter und mich zu rächen, den meiner Rache durch den Tod entrückten Vater in seinem legitimen Sohne zu strafen und diesen hinabzu- drücken, tief, tief unter mich hinab in den Sumpf gänzlicher Verkommenheit, wo ihm Titel und Würde nur noch wie eine beißende Ironie erscheinen sollten!" Maitland schien sich in eine solche Erbitterung hineingeredet zu haben, daß Wolfgang vor dem Blicke tödtlichen Hasses, dem er in Maitland's Auge begegnete, unwillkürlich zurückbebte. Er gab daher jeden Versuch auf, ihn mit seinem Schicksale zu versöhnen, und wagte auch nicht, ihn auf den Widerspruch aufmerksam zu machen, in welchen Maitland mit sich selbst gericjh, indem er den Verführer seiner Mutter wegen eines Vergehens verurtheilte, aus welchem Maitland selbst sich kein Gewissen gemacht haben würde. Wolfgang begnügte sich zu fragen, ob Mailland seinem Halbbruder im Leben schon begegnet sei. „Wir kennen einander," gab Maitland finster zur Antwort. „Und Ihre Mutter? Haben Sie nichts über deren späteres Schicksal erfahren?" „Sie starb in ihrem dreißigsten Lebensjahre als die Gattin eines Mannes, der ihr Vater hätte sein können. Ich war bei Ihrem Tods zwischen zehn und elf Jahre alt. Doch genug hiervon. Kommen Sie mit mir in's Casino, damit die Roulette mich auf andere Gedanken bringt. . ." Beide begaben sich auf den Weg nach dem Casino, ohne mehr als dann und wann ein paar gleichgiltige Worte auszutauschen. Das Casino stand auf einem großen Platze, in dessen Mitte sich eine Fontäne mit weitem Bassin erhob. Spaziergänger mit vergnügte» oder verstimmten, stets aber aufgeregten Mienen wandelten dort umher. In der von Säulen getragenen Vorhalle empfingen Diener, alle Nähte mit Goldborten bedeckt, die ankommenden Gäste. Zum ersten Male betrat Wolfgang die Jnnenräume, mit denen Maitland aus früheren Jahren sehr wohl bekannt war. In den drei großen, der Norllette und dem Prsntö-st-Huai'Lllts gewidmeten, tageshell erleuchteten Spielsälen gruppirte sich um sieben Tische in buntem Gedränge eine sehr gemischte Gesellschaft, zu welcher Paris in freigebigster Weise seine Oami-rnonäs beigesteuert hatte. Eine fast andächtige Stille herrschte unter der dichten Menschenfülls. Man hörte nur das Klingen der Münzen, das Schwirren der Scheibe, das Gerassel der Kugel und von Zeit zu Zeit den näselnden gleichmäßigen Ruf der Croupiers: „l?ait68 votro zsu, Llss- sieurs!" und „klian ns va xlus!" Die meiste Anziehungskraft übte die Roulette. Maitland trat mit Wolfgang an einen dieser Spieltische. Auf dem Glücksfclde erhoben sich Berge silberner und goldener Frankstücke, breitete sich eine ganze Brandung rauschender Bankscheine aus. Und dann plötzlich rafften die Krücken der Croupiers alles unbarmherzig zusammen. Während Wolfgang mit gespannter Aufmerksamkeit den Vorgängen auf dem Glücksfelde folgte, welche ihm vollständig neu waren, beobachtete Mailland die um die Roulette versammelte Gesellschaft. Unter den Spielern auf der anderen Seite bemerkte er plötzlich einen hochelegant gekleideten jungen Mann, dessen Gesicht ihm bekannt vorkam. Aber erst nachdem er diesen Zügen ein gründliches Studium gewidmet hatte, erkannte er Nettberg wieder, so sehr hatte sich dieser, seit er ihn 516 zuletzt gesehen, verändert. Seine Wangen waren bleich und eingesunken und auf jeder derselben brannte ein Heller rother Fleck; die tief in den Höhlen liegenden Augen zeigten einen unnatürlichen Glanz; seine Brust athmete hastig und dabei ließ er ein leichtes, aber häufiges Hüsteln hören. Er spielte unausgesetzt und schob mit den gelben dürren Fingern, an denen Brillantringe funkelten, seine Banknoten mit einer Blasirtheit hin, als wären sie Maculatur. Es währte nicht lange, so sah Maitland hinter ihm eine riesige Gestalt auftauchen, in welcher er ebenfalls einen alten Bekannten wieder erkannte. Es war Nölling. Er trug schwarze Kleidung, eine schneeweiße Cravatte, drückte einen schwarzen Cyiin- derhut an seine Brust und schien mit aller einem Kammerdiener geziemenden Ehrfurcht Nettberg durch leises Zureden vom Spieltische entfernen zu wollen. Rettberg's Antworten trugen offenbar das Gepräge herrischer Abweisung. Die stumme Scene wiederholte sich ein paar Mal, bis Nettberg sich endlich zu fügen schien. Mehr getragen als geführt, schwankte er an der Seite des Riesen mit schleifenden Füßen matt dahin, aber nicht um den Saal zu verlassen, sondern nur um an einen Irents- et-guarants-Tisch zu treten und dort von neuem zu spielen. Maitland hatte diesen Vorgang mit einem leisen Zuge des Hohns um seine Lippen beobachtet; jetzt aber wurde seine ganze Aufmerksamkeit von Wolfgang in Anspruch genommen. Für diesen lag in dem Glänzen des GoldeS, dem erbarmungslosen, unaufhörlichen Schwingen der Krücken der Croupiers etwas dämonisch Anziehendes; hier vergaß er den schmerzlichen Druck, der auf seinem Herzen lastete. Er hatte lange den Kreislauf der Roulette beobachtet. Jetzt zog er eine Rolle Gold hervor und setzte sie auf Nummer dreizehn. Die Scheibe machte ihre Drehung, und die Kugel rollte in ihr Fach. „Dien na vL plus!" näselte der Croupier in automatischer Eintönigkeit. noir, Iwpair st rnanHuel" klang es dann — und Wolfgang's Einsatz hatte sich verdoppelt. Er ließ alles liegen und spielte weiter. Noch mehrere Male wiederholte sich dasselbe. Gold und Banknoten Ihürmten sich vor dem glücklichen Spieler auf. ,2ärc>!" sagte er, die ungezählten Tausende einsetzend. „2sro!" wiederholte der Croupier. Die Scheibe setzte sich in Bewegung, die Kngel schnurrte, dann stieß ste an die Umfassung. „1.6 gen 68t kait . . . riöu ns va plus . . „Irsuis äeux; Iiou§6 ?rür 6t I'ass6 , . Alles war fort! Von neuem holte Wolfgang eine Rolle Gold aus seiner Tasche. Er befand sich in einer Aufregung, die er nie vorher gekannt hatte, sein ungestümes Wesen beherrschte ihn mehr denn je und riß ihn zu einer Heftigkeit hin, die er vergebens bändigen zu können wünschte. Maitland's Blick hing mit dem Ausdruck wilden Triumphs an dem Spieler. „Der erste Sprung ist gethan," dachte er bei sich. „Er soll weitergehen, und über kurz oder lang will ich der Welt einen so gemeinen und leeren Wüstling zeigen, als irgend einen, der seine Lage und Nächte am Spieltische zubringt!" Als Wolfgang einmal zufällig sein Auge von der kreisenden Höllenmaschine wegwandte, sah er eine Gestalt, bei deren Anblick ihm das Blut heiß zu den Schläfen drang; er verstand nichts mehr von allem, was auf dem Glücksfelde vorging, als daß er abermals das Spiel verloren hatte. Die Erscheinung, die ihm so unver- muthet hier in der Fremde entgegentrat, war Felicitas. Sie trug Trauerkleidung. Er eilte auf sie zu, faßte ihre Hand und führte sie aus dem Gedränge. Felicitas war nicht weniger bewegt als er und ließ die weiche, schöne, zitternde Hand in der seinigen, so lange er sie halten wollte. Auf seine Frage, warum sie Trauer trage, antwortete sie, daß ihr Vater gestorben sei. „Wolfgang," sagte Felicitas. während sich beide langsam dem Ausgange des Saales zu bewegten, „ich habe Sie um eine große Gunst zu bitten." „Reden Sie, Felicitas," erwiderte er. „Sind Sie denn nicht überzeugt, daß ich, um Sie glücklich zu machen, selbst mein Leben hingeben würde?" „Treten Sie nie wieder an einen Spieltisch, Wolfgang," bat Felicitas. „Sie wissen nicht, was ich in den letzten zehn Minuten gelitten habe." »Ich sagte Ihnen, Felicitas, daß ich nicht dafür stehen könnte, welche Zerstreuungen ich suchen würde, um den Jammer los zu werden, den Ihr Verlust über mich gebracht hat." „O, Wolfgang," entgegnete Felicitas, „suchen Sie um meinetwillen nach einem bessern Troste. Zu wissen, daß Sie glücklich sind, wäre die einzige Freude, der ich noch fähig bin." „Ich muß mit Ihnen sprechen, Felicitas," sagte er, indem er sie sanft in die Vorhalle zog. „Sie dürfen es mir nicht abschlagen." Beide schritten die breiten Stufen hinab und suchten draußen auf dem weiten Platze eine einsam gelegene Stelle auf, wo sie auf- und abwandelten. (Fortsetzung folgt.) --- Land und Leute i« Holland. Von Theodor Hermann Lange. —(Nachdruck verbolen.1 Wer Holland als Tourist besucht, nimmt gewöhnlich seinen Weg zunächst nach der Hauptstadt des Landes, nach Amsterdam. Amsterdam ist nicht nur die größte, es ist auch die schönste Stadt Hollands, die man häufig das „nordische Venedig" nennt und die thatsächlich in vielen Stadtvierteln an die herrliche Lagunenstadt an der Adria erinnert. Ziehen sich doch auch in Amsterdam neben den großen und breiten Straßen und den prachtvollen Quais tiefe „Grachten" (Wasserstraßen) entlang, welche mit unzähligen Lastkähnen, schnellen Dampfern und zierlichen Booten bedeckt sind. Eine mehrstündige Dampferfahrt durch die verschiedenen Quartiere orientirt am besten, obschon die Stadt aus weit über hundert Inseln und Jnselchen besteht, welche durch 360 Zug- und Drehbrücken mit einander verbunden sind. Von Jahr zu Jahr verringert sich allerdings die Wasserfläche in und um Amsterdam. Die Bassins im Centrum der Stadt verschwinden durch Trockenlegung mehr und mehr, und große Plätze entstehen auf dem so gewonnenen Terrain. Amsterdam ist gleichwie Rotterdam ganz auf Pfählen erbaut. Die obere Erdschicht in der Stadt besteht aus losem Sand und Schlamm, und bevor nicht die Pfähle in den untersten festen Sand eingerammt sind, läßt sich kein dauerhaftes 617 Gebäude aufführen. So kostet der Ban unter der Erde bisweilen mehr als der über derselben. Ganze deutsche Wälder sind hier in die sumpfigen holländischen Torflager eingerammt worden. Vor einigen fünfzig Jahren versank plötzlich ein für die ostindische Kompagnie errichtetes Kornmagazin buchstäblich in den Schlamm, da die Pfähle nachgegeben hatten. Mehrere Jahre später drohte übrigens Amsterdam noch eine andere Gefahr sehr bedenklicher Art. Manche Pfähle waren von Holzwürmern derartig zerfressen, daß sie einer Honigscheibe auf ein Haar ähnelten. Der Wurm war aus tropischen Ländern mit Schiffen herübergekommen, konnte aber zum Glück das nordische Klima nicht vertragen und war nach etwa Jahresfrist wieder vollständig verschwunden. Das moderne Amsterdam ist ungemein reich an Kirchen, Palästen, Museen, Akademien, Bibliotheken und Sammlungen der verschiedensten Art. Die gemeinnützigen Anstalten, die Asyle u. s. w. müssen geradezu als muster- giltig bezeichnet werden. Von hohem technischem und theilweise auch historischem Interesse sind die Diamant- schleifereien nördlich und südlich von der Binnenamstel. Aber auch die Industrie mit nachgeahmten Diamanten blüht in Amsterdam. Den Mittelpunkt des Verkehrs in Amsterdam bildet oer sogenannte „Dam" (Damm). Von hier aus laufen die Hauptstraßen: Damstraat, Kalversiraat, Nieuvedijk u. s. w. aus. Hier befinden sich die größten Geschäftsläden, die ersten Hotels, die vornehmsten Restaurants und Cafes. Vom „Dam" — einem großen Platz, auf welchem auch das Königliche Palais, die Börse und andere hervorragende Bauten stehen — gehen Pferdebahnen nach allen Richtungen. Am „Dam" kann man auch einen der kleinen Vergnügungsdampfer besteigen, um hinaus nach dem „N" („Ei") oder auf der Binnenamstel durch die Stadt zu fahren. Am „N", an der „Handels- kade", am „Osterdock" u. s. w. löschen und laden die großen Ozeandampfer und Segelschiffe. Fast uoch großartiger als in Amsterdam erscheint uns in Rotterdam der holländische Seeverkehr, da er in letzterer Stadt sich nur an wenigen Quais konzentrirt. Nähert man sich beispielsweise von Dordrecht kommend der Stadt Rotterdam, so hat man vom Eisenbahnwaggon aus einen herrlichen Blick über den Wald von Masten, der uns auf der rechten Seite entgegenstarrt. Der Eisenbahnzug fährt auf einem großartigen Viadukt dahin, und schon vor der Einfahrt in die Stadt haben wir eine prächtige Aussicht. Ueber Brücken und Kanäle, über die Maas, die Rotte, carröartige Bassins rollt der Zug, um schließlich an der „Station Börse" stehen zu bleiben. Die beiden „neuen" hohen Maasbrücken sind entzückende Bauwerke. Drunten plätschern die Wogen, auf deren Rücken kleine Boote und Dampfer, sowie die stolzen Ostindienfahrer, die prächtigen Post- und Passagierdampfer der Niederländisch-Amerikanischen Dampfschifffahrtsge- sellschaft sich schaukeln, welche den Verkehr zwischen Holland und Amerika vermitteln, während bis hinauf zum Rotter- damer Park ein Wald von Masten unsern Blicken sich darbietet und Kriegsschiffe, Kanonenboote und Küstenfahrer vor unsern Augen sichtbar werden. Hier merkt wan den Pulsschlag des Weltverkehrs, hier werden die Produkte aller Zonen und Länder verladen, hier erheben sich die langen Reihen gewaltiger Speicher, von denen ein einziger oft 700,000 Ctr. Getreide tragt. Die Passagier- dampfer der Niederländisch-Amerikanischen Dampfschifffahrtsgesellschaft liegen am sogenannten Norder-Eiland und an einem bestimmten Tage in der Woche stauen und drängen sich Hunderte von Europamüden zusammen, in überwiegender Anzahl deutsche Auswanderer, um die Reise nach Amerika anzutreten. Ebenso großartig wie nach dem Hafen zu ist in Rotterdam der Ausblick von der „Station Börse" in die Stadt hinein. An den prächtigen Postplatz mit dem stattlichen „Postkantoor" und der „Beurs" (Börse) schließen sich die neuen hochgebanten Straßen an, von schiffbaren Kanälen durchflossen. Die frequenteste und wohl am meisten deutsche Straße Rotterdams tst die „Hoogstraat" (hohe Straße). Hier liest man an den Firmentafeln auffallend viel deutsche Namen, hier befindet sich auch mindestens ein Dutzend besserer Münchener Bierhallen. „Apostelbräu", „Löwenbräu", „Weihenstephan", „Klosterbräu" u. s. w. — alle diese und ähnliche Namen prangen auf großen Schildern weithin sichtbar an den Häuserreihen. Ja sogar eine „Berliner Weißbierstube" befindet sich hier. Die Zahl der in Holland ansässigen Deutschen ist übrigens eine verhältnißmäßig recht bedeutende. Unter den 360,000 Einwohnern Amsterdams befinden sich über 12,000, unter den 185,000 Einwohnern Rotterdams etwa 8000 Deutsche. Der Neiseude, der aus Deutschland oder sonst woher nach Amsterdam und Rotterdam kommt und in diesen beiden Städten die vielgerühmte und peinliche Sauberkeit kennen lernen will, wird zwar Amsterdam als eine elegante und reinliche Stadt bezeichnen müssen, aber hinsichtlich weniger Straßen Rotterdams doch arg enttäuscht sein. Es giebt in Rotterdam zwar ungemein saubere Stadtviertel, aber bei dem enormen Frachtverkchr durch die Stadt ist es gar nicht möglich, gewisse Straßen, wo sich große Gütermassen stauen oder ein- und ausgeladen werden, fortwährend reinlich und sauber zu halten. Will wan die holländische Sauberkeit kennen lernen, so muß man in die Provinz reisen. Dort sind zahlreiche Dörfer so überaus reinlich gehalten, daß oft uoch die kühnsten Erwartungen übertroffen werden. Der Preis gebührt in dieser Hinsicht dem Dorfe Broek, das sich von Amsterdam aus bequem in zwei Stunden erreichen läßt. Die Fußwege in Broek sind mit gebrannten, verschiedenfarbigen Ziegeln mosaikartig gepflastert. Der Fahrweg führt um das Dorf. Im Sommer sind eine Anzahl Kinder eigens zum Zwecke angestellt, um jedes Blatt, jede Blüthe, welche ein Windhauch in die Gassen weht, aufzuheben und in gemauerte Löcher, bezw. Behälter zu werfen, die mit grün und weiß angestrichenen Brettern bedeckt werden. Natürlich werden diese Gassen tagtäglich von den Dienstmägden gescheuert, getrocknet und glatt bezw. glänzend gebürstet. Die Dienstboten reinigen die Teppiche, Schuhe und Kleider ihrer Herrschaften niemals in oder vor den Häusern, sondern auf einem eigens dazu bestimmten Grasplatze, der sich einige Hundert Schritte vom Dorfe entfernt befindet. Die Kaminrohre in den Häusern werden gleichfalls sorgfältig gewaschen. An den Thüren steht Schuhwerk aller Art, denn im Hause selber gehen die Bewohner nur in Filzpantoffeln. Erwühnens- werth sind gleichfalls die doppelten Eingänge in jedem Hause. Die Hauptthür wird meist nur bei Taufen, Trauungen und Begräbnissen geöffnet. Ganz besonders „stilgerecht" und sauber sind die Kuhställe in Broek', die sich meist unter den Dächern der Wohnhäuser befinden. In mehr als einem Kuhstalle gewahrte ich auf dem Gesimse prachtvolle große Manteluhren mit guten Musikwerken. Auf den Dächern einiger Kuhställe sah ich wiederholt Uhren mit Glockenspiel. Im Sommer dient der Kuhstall der Familie bisweilen zum Speisezimmer, da sich das Vieh während der warmen Jahreszeit Tag und Nacht auf der Weide aufhält. Doch ich will es an diesen Mittheilungen über Broek genug sein lassen. Wenn auch hie und da die holländische Reinlichkeit zu einer Manie ausartet, im Großen und Ganzen berührt den Reisenden dieser Ordnungssinn sehr angenehm. Der Holländer ist nicht der sauertöpfische, wortkarge Geselle, wie man sich ihn häufig vorstellt. Der Holländer ißt und trinkt außerdem nicht bloß gut, sondern auch verhältnißmäßig sehr viel. Besonders ist es die bäuerliche und niedere Bevölkerung, welche in letzterer Hinsicht etwas Außerordentliches leistet. In den Kirmeßwochen — die große Rotterdamer Kirmeß währt drei Wochen — wird gewöhnlich drei Mal am Vormittag gefrühstückt, was immerhin sehr viel ist, wenn schon der Holländer erst um 4 Uhr Nachmittags zu Mittag zu speisen pflegt. Mit diesen Kirmessen sind stets große Jahrmärkte verbunden. Für das männliche und weibliche Gesinde ist die Kirmeß »die tolle Woche". Viele Mägde bedingen sich bei ihrem Dienstantritt für die Kirmeßzeit direkt drei bis vier vollständig freie Tage und Nächte aus, die ihnen auch von der Herrschaft zugesichert werden. Trotzdem Ende August und Anfang September es oft noch drückend heiß ist, tanzt das junge Volk leidenschaftlich und stärkt sich dabei an — Grog, Glühwein, Punsch, Branntwein, Thee, Kaffee u. f. w. Noch überraschender ist die seltsame Sitte unter den Dienstmädchen gewisser Provinzen Hollands, für die Dauer der Kirmeß sich einen Liebhaber zu »miethen". Und zwar sind diese Liebhaber gar nicht so billig. Oft thun sich sogar zwei oder auch drei Mädchen zusammen, um sich einen Liebhaber gemeinschaftlich zu engagiren, falls ein solcher für ein Mädchen zu theuer sein sollte. Dieser „Bräutigam auf Zeit und Kündigung" hat vielerlei Pflichten. Natürlich muß er zunächst ein sauberer und schmucker Bursche sein, dann ein flotter, unermüdlicher Tänzer, damit die Mädchen „mit ihm sich sehen lassen können" u. s. w. Der Liebhaber erhält außer verschiedenen werthvollen Geschenken seitens seiner Beschützerinnen natürlich während der ganzen Kirmeßwoche vollständig freie Zeche. Ich fand übrigens bei meinen häufigen Reisen durch die verschiedenen Provinzen hie und da recht interessante Sitten und Gebräuche. Will z. B. in Nordholland ein junger Mann ein Mädchen heirathen und weiß er nicht, ob er auf Gegenliebe rechnen darf, so klopft er eines Tages an die Hausthür und bittet das junge Mädchen, an welches er sein Herz verloren, um Feuer für seine ausgegangene Zigarre oder Pfeife. Das erste Mal wird ihm das Feuer anstandslos von dem Mädchen gereicht; erbittet er sich den andern Tag oder einige Tage später noch einmal Feuer, so weiß das junge Mädchen sofort, welche Absichten den jungen Mann in das Haus ihrer Eltern geführt haben. Verweigert sie ihm jetzt das Feuer, so gilt dies als Zeichen, daß sie von seiner Werbung Nichts wissen will. Reicht sie es ihm aber lächelnd dar, so giebt sie ihm dadurch die Hand zum Bunde fürs Leben. In anderen Gegenden Hollands ist folgender ähnlicher Gebrauch üblich. Ein junger Mann hat in einer Familie ein junges Mädchen kennen gelernt, das er gern heirathen möchte. Um sich nun zu überzeugen, ob die Jungfrau gern die Seine werden möchte, schickt er der Mutter der von ihm angebeteten Dame eine Torte oder einen Kuchen ins Haus und bittet sich die Erlaubniß aus, den Kuchen mit in der Familie bei einer Tasse Kaffee verspeisen zu dürfen. Natürlich wird ihm diese Bitte nicht abgeschlagen. Hilft nun das junge Mädchen mit, den Kuchen zu verzehren, und beißt sie mit ihren weißen Zähnen herzhaft in ihr Kuchenstück hinein, so hat sie „angebissen" und ist bereit, mit dem jungen Manne den Bund fürs Leben zu schließen. Läßt sie aber den Kuchen unberührt, so will sie von dem Betreffenden Nichts wissen, der sich nunmehr allerdings sehr rasch und schweren Herzens von der Familie verabschiedet. Uebrigcns sind die Holländerinnen durchweg hübsch. Große, kräftige, elastische Gestalten, heiter, lebensfroh und meist wirklich gebildet, auch sehr sprachgewandt und vorzügliche Gesellschafterinnen. Die holländische Sprache klingt aus dem Munde einer gebildeten jungen Holländerin sehr angenehm, und wenn das Holländische natürlich auch nicht den Wohllaut des Italienischen hat, so ist es doch eine auf's Feinste durchgebildete Sprache, welche der Hochdeutsche sich in vielen Stücken zum Muster nehmen könnte. Es ist gänzlich falsch, wenn hie und da behauptet wird, das Holländische sei eigentlich gar keine Schriftsprache, sondern so etwas ähnliches wie Plattdeutsch. Bisweilen werden in Zeitungen und Büchern holländische Worte oder ganze Sätze mitgetheilt, um angeblich zu beweisen, wie „kurios" das Holländische eigentlich sei. So soll z. B. der Holländer für „Kopf" die Worte „Deetz" oder „Dassel" haben. Der Satz: „Sie salbten ihm daS Haupt mit Oel", soll angeblich beißen: „Se schmeerten hem den Deetz met Fatt in"; ja nach einer noch tolleren Behauptung: „Se belabberten hem den Dassel met Thran." In all diesen Sätzen ist indessen kein holländischer Ausdruck vorhanden. Vor allem verdient die holländische Sprache deßwegen Anerkennung, weil in ihr verhältnißmäßig wenig Fremdwörter enthalten sind und auch der gebildete Holländer in der Umgangssprache nur selten ein Fremdwort anwendet. Wir sagen „Kolonie", der Holländer „Volk- planting", d. h. „Volkspflanzung"; wir haben unsern „Professor", der Niederländer sagt „Hoogleerar", wir sprechen von „Extremen", die Holländer vom „uitersten" (sprich äußersten), wir haben „Philosophen«, welche „Ideen" fassen, der Holländer hat „Wysgecren" (Weis- heitsbegehrer), welche „Denkbeelder" (Denkbtlder) in ihrem Kopfe haben u. s. w. Uebrigcns wird auch in Holland sehr viel Deutsch gesprochen, es ist in den besseren Kreisen sozusagen die zweite Landessprache und verdrängt das Französische immer mehr. Früher herrschte in verschiedenen holländischen Kreisen eine gewisse Mißstimmung gegen das Deutsche Reich. Indessen ist darin neuerdings eine sehr erfreuliche Wendung zum Bessern erfolgt, besonders nach der Reife» die Kaiser Wilhelm II. von Deutschland im Juli 1891 nach Amsterdam und Holland unternahm. --SM8SS-.- Der Nachtwächter. - (Na-druS ««WoNN.1 Fz Wie der althochdeutsche Name rmktrvasitari zeigt und sein gemeinigliches Blasinftrument, das Horn, das Ehrenzeichen der Krieger, Jäger und Gerichtsboten erkennen läßt, vermag der verspottete Nachtwächter sich eines 619 hohen Alters zu rühmen. Er war auch von Anfang ein in jeder Beziehung ehrenwerther Mann. Denn er genoß das rühmliche Vorrecht des Freien, Waffen zu tragen, und rvaoka, und ^varäs, — d. i. die Tag- und Nachtwache, die Aufrechthaltung der Ordnung im Innern des Landes, die Hut der Städte, Festungen und Grenzen des Reiches — gehörte ja zu den Bürgerpflichten des freien Mannes. Als im Mittelaltcr das Reich in eine Reihe kleiner Gewalten zerfiel, da ging auch die „Nachtwache" in den Dienst dieser engen Kreise über. Namentlich war es das luftige Amt der Thurmwächter auf Höfen und Burgen, dem der beschriebene militärische Charakter anhaften blieb. Allein es ist auch wahrscheinlich, daß gerade für dieses Amt nach und nach sich Verrichtungen ausbildeten, welche mehr dem geselligen und friedlichen Zusammenleben der Burgbewohner ihr Dasein verdankten, zunächst das rufende Ansagen des Abends und Morgens, der Abend- und Morgenwunsch, daß Gott den Menschen eine gute Nacht und einen guten Tag geben möge. Dieser Gruß kam aber damals nicht bloß aus Wächters Mund, sondern: „Gott geb' Euch Fraue gute Nacht!" oder: „Gott geb' ihr immer guten Tag!" war gäng und gäbe in der höfischen Sprache. Für daS Stunden ausrufen kommen die Belege später vor. Vorerst blieb man bei der einfachsten Nalurbeobachtung, welche den Tag noch nicht in Stunden, sondern bloß in Tag und Nacht und das Jahr nur in Sommer und Winter theilte. Ein Gedicht der höfischen Periode erzählt: „Der Wachter auf der Zinne saß, Sein Tagelied er sang, Daß ihm sein' Stimm' erklang Von großem Ton. Er sang: Es taget schon Der Tag, er scheinet in den Saal, Wohlauf, Ritter, überall Wohlauf, es ist Tag!" Aehnlich lautet auch der Morgenruf der Nachtwächter unserer Tage: „Steht auf im Namen Jesu Christ! Der helle Tag vorhanden ist. Der helle Tag, der nie verlag. Gott geb' uns allen guten Lag!" Und in meiner Heimath, im rheinpfälzischen Westlich, wenn wir in den Chartagen als „Kläpperbuwwe" das Gebetläuten am Morgen verkündigten, fangen wir mit frischer Kehle: „Steht aus im Namen Herrn Jesu Christ! Der helle Tag vorhanden ist. Den hellen Tag hat Gott gemacht. Ave Maria, Betglock'!" Demselben Nacht- und Thurmwächter wird in einer besonderen Gattung der mittelalterlichen Lyrik eine hervorragende Rolle zugetheilt in den „Wächterliedern" oder „Tageliedern", den Scheideliedern zwischen dem Geliebten und der Geliebten, anknüpfend an den Morgenfang des Wächters. Der Amts- und Ehrennachfolger des höfischen Nachtwächters wurde der städtische. Er behielt von seinem Vorfahren das Horn bei und vertauschte bloß den Spieß mit der Hellabarte, neben dem Morgen- und Abendruf ward seine wichtigste Verkündigung der Stundenruf. Der älteste Stundenruf stammt aus dem 15. Jahrhundert und lautet: „Merkt, Ihr Herrn, und laßt Euch sagen: Die Glock' hat sechse geschlagen. Hütet's Feuer! Wohlhin guter Sechse!" Die Anrede „Ihr Herrn" zeigt uns, daß wir uns auf städtischem Boden befinden, wo die Obrigkeit, die Herren des Rathes altreichsstädtisch regelmäßig „unsere Herren" genannt werden. Auch auf den Dörfern fand mit der Einführung der Schlaguhren der Stundenruf Eingang. Und je mehr der ursprünglich wehrhafte Charakter sich verdunkelte, je alterthümlicher die Ausstattung des Nachtwächters erschien — nur die Laterne war als modernes Attribut hinzugekommen — und je mehr die wohlhabenden Bürger sich der persönlichen Wachlpflicht entzogen, desto unpoetischer wurde das Amt und die Person des Mannes. Bisweilen ward der Nachtwächter in die Kaste der „unehrlichen Leute" verstoßen, bisweilen unterschied man zwei Arten: die, welche dem Diebssange obliegen mußten und also Schergen und Häschern nahestanden, galten als unehrlich, dagegen erfreute der „reine" Nachtwächter mit Lanze, Horn und Leuchte sich eines ehrlichen Rufes, er hatte auf Feuer und Licht aufzupassen, bei gefährlichen Ereignissen sich eilends zurückzuziehen und nur aus der Ferne grausam Alarm zu blasen. An einigen Orten, z. B. in Hamburg, ward das wohllautende Horn und der fromme Gesang im 17. Jahrhundert beseitigt. Nach dem Muster Amsterdams warb man 150 ausgediente Soldaten, rüstete sie mit Partisanen, halben Piken und „anderen guten Wehren" aus und verpflichtete sie für einen genau geregelten Posten- und Patrouillen- dienst. Sie führten ein Klapperwcrk mit sich und hatten dasselbe „hart zu rühren", wenn Brand, Frevel und Diebstahl im Anzüge, halbstündlich aber sanft zu rühren und durch bloße Aussprache zu vermelden: die Glocke hat soundsoviel geschlagen; sonst war ihnen jeder Gesang verboten. Erst im 18. Jahrhundert ward der Nachtwächter wieder in die Strömung der Poesie, hier der Sentimentalität, dort des Humors hineingezogen. Empfindsame Seelen fühlten sich beim Rufe des Nachtwächters von weicher Wchmuth berührt, und Lavater z. B. schrieb in sein Tagebuch: „Um 3 Uhr Morgens erwachte ich und hörte den Nachtwächter. Ich hörte ihn niemals ohne eine gewisse süße Melancholie, die mit einer feinen Empfindung der Flüchtigkeit meines Lebens und der dunkeln Vorstellung von wachenden Weisen, seufzenden Kranken, Gebärenden, Sterbenden u. s. w. verbunden ist." Der Humor der Zeit schuf die Fabeln von Gellert, wo zwei Nachtwächter sich spinnefeind werden, weil der eine „bewahrt das Feuer und das Licht" und der andere „verwahrt das Feuer und das Licht" singt, und von Claudius, wo der Nachtwächter eine obrigkeitliche Nase erhält, weil er hartnäckig, statt „der Klock hat 10 geschlagen", „das Klock" singt. Auch im Kasperltheater und, um es gleich hier zu verzeichnen, in der Jobsiade bekam der Nachtwächter einen Ehrenplatz. Die Aufklärungszeit bemächtigte sich dann der Poesie des Nachtwächters, in ihrer sinnige» Art. In Leipzig erschien ein Gesangbuch — für Nachtwächter, betitelt: „Der Nachtwächter des 19. Jahrhunderts", und in einem anderen Gesangbuch von 518 Liedern für jede Tugend, jedes Geschäft, jedes Alter, jeden Stand, jedes Geschlecht (Lieder für Müller, Bäcker, Kaufleute, Pfarrer, Schulmeister rc.) ward als Nr. 54 auch ei» Lied für den Nachtwächter geboten: I. Strophe. Ihr Nachbarn hört und laßt Euch sagenr Der Hammer hat 10 geschlagen. Die Zeit zur Ruhe rückt heran. Wohl dem, der seine Pflicht gethan! Habt acht aus Feuer und Licht, Daß Niemand Schaden geschichtr 's hat 10 geschlagen. 520 3. Strophe. Ihr Nachbarn hört und laßt Euch sagen: Der Hammer hat 12 geschlagen. Die Geisterstunde ist vorbei. Wer glaubt jetzt noch die Narrethei? Schicht wohl in göttlicher Hut, Da schlüst sich's sicher und gut! 's hat 12 geschlagen. 6. und letzte Strophe. Ihr Nachbarn hört und laßt Euch sagen: Der Hammer hat 3 geschlagen. Lobt Gott den Herrn sür diese Nacht, Er ist's, der Euch getreu bewacht! Verschlaft die Stunde auch nicht, Sobald der Morgen anbricht. 's hat 3 geschlagen. In unseren erleuchteten Tagen ist der Nachtwächter vollends zur komischen Figur geworden. Herren und Bürger bei vorgeschrittener Bildung mögen von ihm nichts hören, geschweige sich etwas „sagen" lassen. Nur noch in „zurückgeblicbrnen" Städtchen und in Dörfern beg:gnet man bisweilen den romantischen Gestalten. In der Großstadt aber schleicht still und wild im Schatten der Häuser und Thorbögen der moderne Schutzmann, der Diener jener „furchtbaren Macht, die richtend im Verborgenen wacht", der hohen Polizei. -- Erimm'uilgen an Zordaribad. (Schluß.) Neben der riesigen und wunderbar gleichmäßig gewachsenen Jordanlinde zwischen Badehaus und Wirtschaftsgebäude, unter deren Schatten sich's so angenehm ruht und von der ein neuerer Dichter singt: O schöne Ruh' für müde Gäste O reicher Schatten weit hinaus! Und droben summt's im Laub der Neste Wie im gewaltigen Bienenhaus. Als wie ein fernes Orgeldröhnen Die Stimme all der Bienen klingt Und mit so sanften Rauschetönen Der Wind sein Lied dazwischen singt — — ist es in erster Linie der herrliche, bergansteigende Wald un° mittelbar hinter den Kurgebäuden, welcher das Juwel des Jordanbades bildet. Harzduftige Fichtenbestände abwechselnd mit Gruppen hochstämmiger Buchen laden hier zu wandeln, und lauschige Plätzchen und zahlreiche Bänke zu stiller Ruhe ein. Weit oben am Waldessaum wird bei klarem Wetter das Auge entzückt durch eine umfassende AlpenauSsicht, (die man allerdings noch großartiger vom „Lindelc"berg im benachbarten Biberach zu genießen Gelegenheit hat; dort schweift das Auge von der Zugspitze bis zum Berner -Oberland mit Finsterarhorn und Schrcckhorn). Dieser schöne Wald ist für die meisten Kurgäste — einige von ihnen haben in dem darin aus Holz erbauten Waldhausc ihr Quartier auch bei Nacht aufgeschlagen — Vor- und Nachmittags der beliebteste Aufenthalt, wenn sie ihren „Guß" erhalten und sich wieder „warm gelaufen" haben. Hier gibt man sich so ganz der belebenden Kraft ozonreicher Lust hin und da die allermeisten der Kurgäste mit jenem Leiden behaftet sind, das so recht Ln äo siöols ist, so darf man sicher annehmen, daß diese Luftbäder nicht zum geringsten Theil an den guten Erfolgen ibren Antheil haben, welche in den Kaltwasseranwend- ungen für Nervenleidende mit Recht gesucht werden. Zudem gibt sür Herzleidende der Waldhügel auch Gelegenheit, die Pros. Ocrtcl'sche Terrainkur zu cxercircn. Leider war eS dem Schreiber dieser Zeilen nur zu kurze Zeit möglich, die Idylle des „Jordan" zu genießen. Aber trotzdem haben ihm die Kaltwasseranwend- ungen, die köstliche Luft und — last not toast — das »xroon! nLAvtiis« eine fühlbare Besserung seines neurastheuischen Zustandes verschafft. Die gesellschaftlichen Verhältnisse waren ganz vortrefflich. Man ist nicht genirt, findet ohne Mähe Anschluß und kann ihn meiden, wenn man will. Rauschende Vergnügungen gibt eS.nicht, aber eine, fast möchten wir sagen cordiale Stimmung lagert über der Kurgesellschast und ein ungezwungener aber doch feiner Ton beherrschte das gesellschaftliche Zusammensein. So fanden es wenigstens wir zur Zeit unseres dortigen Aufenthaltes, und mit Vergnügen erinnern wir uns des angenehmen Verkebrs mit hochgebildeten Pcriönlichkeiten geistlichen und weltlichen Standes auS verschiedenen Ländern. Neben dem „engeren Vatcrlande" waren namentlich die Rheinlande stark vertreicn; auch Frankreich und Rußland hatten eine Anzahl Gäste gesandt und zweifeln wir nicht, daß der Ruf des „Jordan" immer weiter dringen wird, zumal Prälat Kneipp selbst dieses Bad all Denen empfiehlt, die größeren Anspruch an Comfort machen und sich in dem Trubel von Wörishofen nicht behaglich fühlen. Freilich ging es jüngst dem Altmeister recht übel im „Jordan"; er zog sich auf einige Tage dorthin zurück, um etwas „auszuruhen". Aber wo bat Vater Kneipp Ruhe? Kaum hatte sich die Kunde verbreitet, daß er im „Jordan" sei, strömte das Volk von Nah und Fern zusammen und mit der Ruhe war's vorbei! Sonst lebt man freilich sehr ruhig im „Jordan"; aber trotzdem kann man von Vielen d-e scherzhafte Klage hören „man kommt zu nichts". Man bat eben mit der Pflege der Gesundheit vollauf zu thun. Des Morgens kommt Wilhelm, der unermüdliche Bademeister, und für die Damen eine „Schwester", um die Kaltwaschung ru vollziehen. Dann legt man sich wieder zu Bett; dann das köstliche Barfußlaufen in den thaufrifcken Jordan-Wiesen; hierauf laugdauerndcS Frühstück: dann kommt die Post und bringt Briefe und Zeitungen aus der Heimath; nun ist'S Zeit sich warm zu laufen und feinen „Guß", „Halb- bad" oder was sonst zu nehmen und sich wieder warm zu gehen; dann muß man doch den könlieben Wald genießen und nun ruft schon die Glocke zum Diner. Und so ging es fort, bis nacb dem Abcndtisch allmälig ctzliche von den männlichen durstigen Seelen, dem Zuge der verderbten Natur folacnd, zu einem feuchtfröhlichen „Schoppen" im Speiscsoal der Wirthschaft sich zusammenfanden, und unter der Aegide des allbcliebicn xarockus bar- batns aus Rammingcn jeden neuankommenden Bruder in oers- vlsia — es wurde aber auch Honigwnn und andere entsetzliche Gebräue getrunken — mit dem Wahlspruch begrüßten: „Ham mer wieder eint" Doch um V-10 Uhr war strenge Polizeistunde und das war gut — denn ergiebiger Schlaf ist sür die Neu- rastheniker ein Hanptrcquisit und „Ruhe ist dcö Bürgers erste Pflicht", zumal im „Jordan". DaS Jordanbad ist unstreitig ein köstliches Plätzchen und wer Ruhe suchen will, wird sich dort behaglich iühlen. Gottes- friede liegt über dieser Idylle und ferne dem Lärm der Welt läßt sich hier Einkehr halten in'S eigene Innere und zugleich die Gesundheit Pflegen, auck wenn man mit einer Dosis Skepsis an der Allheilkrast des Wassers ausgestattet ist. ES schadet jedenfalls nichts bei vorsichtiger Anwendung wie sie im Jordan üblich ist und — dem Schreiber dieses hat es vorzüglich bekommen. Darum schließt er mit den Worten: Auf Wiedersehen — trautes Jordanbad! -- » - h > v »i - - Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt. ^L68. 1894 „Augsburger Post;eitung". Dinstag, den 21. August Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Haas L Gradherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttlcr). Lin Ganne alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Die Nacht war klar, und die Luft war mit balsamischen Düften beladen. Am anderen Ende hob sich das gewölbte Dach des Casino's gegen den mondhellen Himmel ab, und schattenhafte Gestalten begegneten sich auf der Freitreppe. Unzählige Gasflammen glänzten wie Sterne im dunklen Raume und beleuchteten die Marmorbalustraden und die spielenden Wässer der Fontäne, indessen der bläulich blasse Schimmer einer elektrischen Lampe der Scene etwas Geisterhaftes verlieh. „Felicitas," begann Wolfgang, „lassen Sie mich hoffen, daß die Verzweiflung nicht länger dauern wird, die mich treiben könnte, aus trüben Quellen Erleichterung zu schöpfen." „Ach, Wolfgang," seufzte sie bang, „ich kann Ihnen leider nichts zu Ihrem Troste sagen. Lassen Sie die Erinnerung an vergangene Tage schwinden — ich sage nicht, daß Sie mich vergessen sollen, denn ich glaube, Sie werden dieß nicht können, aber erinnern Sie sich meiner nur als einer Todten. Wolfgang schüttelte unmuthig den Kopf. „Aber warum denn, Felicitas? Welches Hinderniß steht uns jetzt noch entgegen? Können Sie keinen Beweggrund angeben, so fordere ich Sie als die Meinige, die mir durch jedes Band nach allem Rechte angehört." „Nein, nein, sprechen Sie nicht soi" flehte Felicitas. „Niemals, niemals kann ich die Ihrige werden, Wolfgang, — der Tod meines Vaters ändert nichts daran." „Felicitas," erwiderte Wolfgang in einem Tone, in welchem die Ruhe der Verzweiflung lag, „ich dachte mir einst, Sie würden mein Schutzengel sein, Sie würden meine Schritte leiten, mich von allem heilen, was an mir schwach oder verkehrt ist. Ach, wie sehr habe ich mich getäuscht! Sie haben mir meine Ruhe genommen, Sie haben mir meine Hoffnung geraubt, Sie ziehen mich von der Tugend ab, Sie stürzen mich in Herabwürdigung und Laster!" „O, WolfgangI" rief Felicitas, indem sie seine Hand erfaßte und sie beschwörend drückte, „wenn Sie mich je geliebt haben, so fügen Sie zu der bittern Täuschung meiner ersten und einzigen Neigung nicht noch den unsäglichen Schmerz hinzu, daß der Mann, der mir das Theuerste in der Welt ist, seinen reinen fleckenlosen Ruf weggeworfen, sein Herz auf bösen Wegen verderbt hat um meinetwillen. Versprechen Sie mir, daß Sie mit solchen Gedanken und Vorsätzen, wie Sie eben ausgesprochen, nicht von mir scheiden wollen." „Versprechen will ich es Ihnen," erwiderte Wolfgang. „Und nun leben Sie wohl." „O, gehen Sie nicht!" bat Wolfgang. „Ich kann nicht länger weilen," entgegnete sie, „man erwartet mich." Sie riß sich sanft los, wandte sich nach einigen Schritten noch einmal nach Wolfgang um, ihm noch einen letzten Gruß mit der Hand zuwinkend, und eilte nach dem Casino zurück. So plötzlich, so unerwartet schnell war sie entschwunden, daß Wolfgang nicht einmal Zeit gefunden hatte, sie zu fragen, welchen Umständen er diese überraschende Begegnung überhaupt zu verdanken habe. Einige Augenblicke lang fühlte er sich versucht ihr nachzueilen, aber er gab den Gedanken wieder auf und bog in einen der Gänge des Gartens ein, die auf dem Platze mündeten. — So lange er Felicitas' Stimme gehört, hatten ihre Worte ihn nur in tiefe Traurigkeit versetzen können; jetzt aber, wo er sich wieder allein sah, kam eine unsägliche Bitterkeit über ihn. Warum verschwieg sie das Hinderniß, welches auch jetzt noch zwischen ihnen stand? Die Festigkeit, welche in Felicitas' Resignation lag, ließ ihn an ihrer Liebe, das Geheimnißvolle an ihrer Aufrichtigkeit zweifeln. Wie kam sie hierher nach Monte Carlo? fragte er sich. Warum riß sie sich so schnell wieder von ihm los, und wer erwartete sie? Wolfgang fühlte sich plötzlich von einem unbestimmten Argwohn erfaßt. Er wollte wissen, in wessen Begleitung Felicitas sich hier befand. Er kehrte um und eilte nach dem Casino. Aber es war elf Uhr, die Stunde, wo das Spiel geschlossen wird, und die Säle waren bereits leer. Um diese Zeit pflegte der Nachtzug die Tagesgäste von Monte Carlo nach Nizza zu führen. Gehörte Felicitas mit ihrer unbekannten Begleitung vielleicht zu diesen? Wolfgang eilte die Terrassenstufen hinab. Auf dem Perron der Haltestelle unten drängten sich die Passagiere in die Coupes. Der Perron war hell erleuchtet. Wolfgang täuschte sich nicht: jene Dame dort, welche etwa zehn Schritte von ihm soeben in ein Coupe verschwand, war Felicitas. Ein Diener, der hinter ihr gestanden, 522 reichte ihr einen Shawl hinein, welcher über seinem Arme gehangen hatte, und eilte dann den Zug entlang, um denselben ebenfalls zu besteigen. Er mußte an Wolfgang vorbei. Dieser ergriff ihn am Arme. „Wer war die Dame," fragte er, „der Sie eben den Shawl in's Coups gereicht haben?" „Frau Justizrath Carus von Berlin." antwortete der Gefragte höflich, den Hut in der Hand. „Ich meine," sagte Wolfgang, indem er mit aller Kraft seine Fassung aufrecht zu erhalten suchte, „ich meine, der Herr Justizrath kann noch nicht lange verheiratet sein." „Erst seit zwei Wochen. Er befindet sich eben auf der Hochzeitsreise." Mit bitterem Lächeln zog Wolfgang eine Visitenkarte hervor und gab sie dem Diener mit den Worten: „Für Frau Justizrath Carus mit meinem Glückwünsche!" . . . Das also war das Hinderniß I . . . XXXVIII. Wolfgang hatte eine schlaflose Nacht verbracht. Sein Kopf schwindelte, als er sich am andern Morgen Bewegung in der freien Luft machte und mit dem hastigen, unsicheren Gang eines Mannes dahinschritt, welcher der Spielball furchtbarer seelischer Bewegungen ist. Sein Auge erkannte die Gegenstände nicht, auf welche es sich richtete, sein Geist schien sich von allen sinnlichen Wahrnehmungen abgeschlossen zu haben. Plötzlich faßte Jemand seinen Arm. „Was ist Ihnen, Baron? Ich folge Ihnen seit einer halben Stunde und glaube zu bemerken, daß Sie nicht wissen, wohin Sie gehen oder was Sie thun." „So ist es, Maitland," antwortete der Baron, nachdem er sich eine Weile besonnen, „ich bin das Opfer einer unerhörten Täuschung geworden." „Sagen Sie mir alles, Baron. Vielleicht kann ich Ihnen rathen." Wolfgang erlag fast unter der Last seines Schmerzes, er fühlte sich außer Stande, das Schreckliche allein zu tragen. Nichts war ihm daher willkommener als diese Gelegenheit, sein Leid dem theilnehmenden Freunde anzuvertrauen. Er bedeckte einige Minuten das Gesicht mit beiden Händen, um seine Gedanken zu sammeln, und erzählte dann seinem Begleiter rückhaltlos die Geschichte seiner Neigung zu seiner ehemaligen Jugendgespielin, von jener ersten Wiederbegegnung zu Pferde an der Parkgrenze des „Villenhofs" bis zu dem Augenblicke, wo sie sich gestern Abend so rasch von ihm verabschiedet hatte. Was dann unten an der Haltestation geschehen war, welche unerwartete niederschmetternde Aufklärung über das rüthselhafte Verhalten der Geliebten ihm durch eine einfache Auskunft aus dem Munde des Dieners geworden war, — darüber schwieg er vorläufig noch. „Ich wußte nicht, daß Ihre Liebe eine so leidenschaftliche war," sagte Maitland, „wenn Sie wahrhaft lieben, so dürfen Sie sich nicht durch thörichte Gelübde abschrecken lassen, denn in der Leidenschaft liegt eine Macht, welche alle Hindernisse besiegt und der ein Weib auf die Dauer nicht zu widerstehen vermag. Sie müssen ihr beweisen, daß Sie fest entschlossen sind, sie zu besitzen oder zu sterben." „Dazu ist es zu spät!" versetzte der Baron bitter, „ich vermuthe, ihr Vater hat ihr irgend ein Versprechen abgepreßt — gestern Abend noch erfuhr ich, daß sie jetzt die Gattin eines andern ist, eines Mannes, der mindestens das Doppelte ihrer Jahre zählt." Maitland blickte ihn überrascht an. Dann aber faßte er seine Hand, heftete sein dunkles flammendes Auge auf ihn und entgegnete: „Wenn sie die Gattin eines andern ist, so müssen Sie sie diesem andern nehmen. Mit welchem Rechte darf ein anderer sie besitzen? Gehört sie nicht Ihnen durch das unauflösliche Band der Herzensneigung, welches über das Grab hinausreicht? Kommen Sie mir nicht mit menschlichen Gesetzen und Anordnungen, wo nur Seele und Seele einander Gesetz sein können. Welche leeren Worte, gedankenlos an einem Altar gesprochen, werden aus ihrem Herzen den Geliebten ihres Jugendtraumes reißen können? Sehen Sie nicht ein, daß ihre ganze Zukunft nur eine endlose Kette des Elends, des Grams sein muß? Baron! wenn Sie wahrhaft lieben, so werden Sie dieses holde bethörte Wesen von der höllischen Pein befreien, welche ihr die Zärtlichkeit eines ungeliebten Gatten bereiten muß. Sie müssen ihr das vom Blitz der Leidenschaft getroffene Gesicht eines Mannes zeigen, dem sie den Himmel versprach und den nun das Höllenfeuer betrogener Zuneigung verzehrt. Sie müssen mit der gewaltigen Sprache der Liebe sie drängen, Sie von Verzweiflung, Vernichtung und Tod zu retten und Ihnen die Seligkeit zurückzugeben, die sie Ihnen geraubt hat." So sprach Maitland, und dabei kam ihm die überwältigende Beredsamkeit der Blicke, der Gcberden und des Tones zu Hilfe, die mehr noch als seine Worte wirkten. Wolfgang wußte wohl, daß die Worte, die er vernahm, böse waren, aber Maitland's schlimme Lehren wandten sich in einem Augenblicke an ihn, wo seine moralische Kraft durch den erlittenen Schmerz erschüttert war. Beide gingen lange Zeit schweigend nebeneinander her. Sie waren an einen Punkt gekommen, der sich unmittelbar über der Bucht befand. In dieser schaukelten sich die vor Anker liegenden kleinen, graziösen Pri- vat-Iachten, welche reichen Engländern oder Amerikanern gehörten und deren Nationalflaggen trugen; einzelne Fischerboote, von denen die rothe genuesische Mütze her- aufschimmerte, kamen über die blaue, leicht gekräuselte Fläche des Mittelmeeres herangesegelt. Maitland's Schritte waren langsamer geworden, und in eifriges Sinnen verloren, blieb er endlich stehen und blickte in die Bucht hinab. „Wie wäre es, Baron," unterbracher das Schweigen, „wenn wir eine Entführung mittelst einer schnellen Dampf-Jacht in Scene setzten? Sie brauchen sich um nichts zu kümmern und haben bei der Sache nichts zu thun, als zu bestimmen, an welcher Küste Europa's oder Afrika's Sie mit Ihrer schönen Beute landen wollen." Der Baron verstand seinen Begleiter. Es lag etwas in Maitland's Einflüsterungen, das den Eingebungen des Teufels glich, und vergebens kämpfte Wolfgang gegen die Versuchung. „Was ich auch thun werde," erwiderte er nach einer bedeutungsvollen Pause, „ich muß Zeit zur Ueber- legung haben. Für jetzt verlasse ich Sie, Maitland, denn ich fühle das Bedürfniß, mit meinen Gedanken allein zu sein " Er verabschiedete sich von seinem Freunde, der seinen Spaziergang fortsetzte, und begab sich geradeswegs nach einem der hinter dem Casino gelegenen Hotels, in welchem er mit Maitland wohnte. Als er in sein Zimmer trat, erwartete ihn dort ein altes, bekanntes Gesicht aus der Heimath: sein alter Diener Hartwig war angekommen. Wolfgang hatte ihn kommen lassen, weil er hier einen längeren Aufenthalt zu nehmen gedachte und eine zuverlässige Person um sich zu haben wünschte. Hartwig brachte einige Briefe mit; unter den letzteren befand sich auch ein sehr volu- minösesSchrei- ben,welches das Siegel des Landgerichts trug. Anhängliche Diener haben, wietreueHunde eineWitterung, wenn ihrem Herrn Gefahr droht. So war es denn eine recht sorgenvoll frngendeMiene mit welcher Hartwig dem Baron das dicke Amtsschreiben einhändigte. Das Schriftstück war in der That eine Klageschrift. Wolfgangs Nachgiebigkeit und Gerechtigkeitssinn hatte sei- nemGegnernur dieHandhabezu einer weiteren Forderung dargeboten, die aus der älteren hervorging. Edmund und Melanie NUt- bcrg verlangten die Herausgabe aller Einkünfte, welche Wolf- gang's Vater und er selbst während des unrechtmäßigen Besitzes des Villcnhofes aus diesem gezogen hatten. Es war ein vernichtender Schlag! (Fortsetzung wlgt.) -- Leitershofen und k. Leonor Franz v. Tourucly's Gesellschaft des heiligen Herzens. Geschichtliche Erinnerungen zum Centenarium der Gründung genannter Gesellschaft 1791. (Nach dem Pfnrurbarium und Dr. Speil, ?. L. Fr. v. Tournely, zusammengestellt von L. Bosch, Psarrer.) Hübsch an die westlich von Augsburg sich lang hinziehende, schön bewaldete Hügelkette hingelehnt, liegt das kleine Pfarrdorf Leitershofen (Einwohnerzahl 335). Rechts ragt hoch darüber hinaus die schloßartige ,Waldkuralpe' Nervenheil, ihr zur Seite links in einem Wäldchen die ältere „Alpe"; beides vielbesuchte Ausflugsorte wegen des nah- gelegenen herrlichen Hochwaldes mit seinen weitverzweigten, zum Theil romantischen Spaziergängen — wegen prächtiger Aussicht auf Stadt und Land, und oft entzückender Aussicht auf die Alpenkette. Auch die sehr hübsche, freundliche Kirche (1732 neu erbaut, 1751 con- sccrirt, 1882 u. ff. rcstau- rirt), zu Ehren des hl. Königs und Märtyrers Oswald und der Unbefleckten Empfängnis; Maria geweiht, zu deren Verehrung seit dem Jahre 1735 (also längst vor Verkündigung des betreffenden Dogmas s1854f) eine Bruderschaft besteht, deren Mitglieder sich auf 112 Ortschaften vertheilen, beherrscht — auf die Anhöhe gebaut — die meist von schönen Obstgärten umgebenen Häuser. Die ältere Kirche soll noch aus der Hcidenzeit gestammt haben, wie die unter dem (16.) Pfarrer Joh. Biechele (11. Juli 1713 instituirt, ff 25. November 1730 im Kloster St. Georg in Augs- Krttitirnschlag. Nach dcm Gemälde von K. Raupp 524 bürg) noch auf dem „Freythof" gelegenen Trümmer eines heidnischen steinernen Altartisches, der früher hinter dem einzigen Altare der Kirche war, zu beweisen schienen. Den sehr schön nächst der Kirche gelegenen Pfarrhof baute Christoph Lautier, Vierherr im Domstift Augsburg, im Jahre 1736, wie die Inschrift über dem Eingang besagt. (kluo N6 vuäs via., nisi äixario iilariu NV60XXXVI.) Sein Bild ist noch im Pfarrhof. Ueber die meist niederen Häuser erheben sich noch zwei besonders in die Augen fallende Gebäude: das „obere" und „untere Schloß"; beide durch den großen Wechsel, wie zum großen Theil durch das Ansehen ihrer Bewohner und Besitzer merkwürdig, das „untere" sogar von kirchengeschichtlicher Bedeutung. Die Namen der berühmtesten und edelsten Geschlechter Augsburgs tragen mehrere ihrer Besitzer: Fugger und Weiser. Die ältesten Notizen über Leitershofen und besonders diese beiden „Schlösser" lauten nach dem Pfarrurbarium daselbst wie folgt: „Anno 1265 schenkte Conradinus, der zweyte König in Sicilien und Jerusalem, der letzte Herzog in Schwaben, des Bischofs zu Augsburg Neichslandvogt, „zu Heil und Trost seiner und seiner Erben seel der Kirche zu st. georgen in augsburg, in welchem stift damahls Ulrich Spannagl der Erste probst Ware, die Vogtey und Feldgüter der „Einöde" Leitershofen, so geschehen uo. 1265 den 19 aprilis auf dem schloß Fridberg nägst augsburg." „Anno 1597 Er Kaufte Jacob Fugger der 4. und letzte Sohn des antonii Fuggers von Freiherrn von Sonnenberg David ungnad (so des berühmten Matthaei lang Erzbischofen zu Salzburg Schwester Eva zur Ehe gehabt) das Schloß Wellenburg samt allen demselbigen zue- und ungehörigen Gütter um 60,000 fl., worunter auch das Dorf leitershofen gehörte." — Im „oberen Schlößle" war damals Friedrich Weiser. Nach dem Tode Jacob Fuggers 1598 (56 Jahre alt) erbte Leitershofen mit Schloß Wellenburg und zugehörigen Dörfern sein dritter Sohn Hieronymus. Maximilian Fugger kaufte das sog. „welserische schlößl" mit den „sölden und Zu- gehörung" um 17,000 fl. und „hat mithin im Dorfe leitershofen die völlige Jurisdiction bekommen". Dem Conrad Peuttinger (1635 Stadtpfleger in Augsburg) gehörte damals der sog. „Sizinger-Hof" durch Kauf um 2200 fl. 9. Juni 1626 unter Hrn. Hieronymus Fugger (1355 war Hans Langenmantel von Augsburg Besitzer; jetzt Mich. Sattelmair). Der sogenannte „Stiefelhof" (von den ehemaligen Besitzerinnen, den „Stiefelnonnen" in Augsburg, so genannt (jetzt Schnellj) war 1636 mit dem „oberen Schlößle", zu dem ehemals auch der Sizinger- Hof gehörte, im Besitz einer Edelfrau „anna Maria Jnchhlin von Höhenwald". 16. Juni 1629 kaufte ihn H. Hieronymus Fugger um 18,000 fl. (1468—1531 hatten dies Gut theilweise die Herren Patres Karmeliter zu St. Anna in Augsburg („welche zu luthers zeiten sammt Ihrem Prior Frosch fast alle apostasirt und ihr Kloster der Statt überlassen"j). Herr Duile, ehem. Ulrikanischer Kellerverwalter, ließ als späterer Besitzer des „obern Schlößle" die inneren zweiThürme abbrechen und daraus einen Stadel bauen. Derselbe baute die Kapelle im „obern Schlößle" 1769. 1772 starb und verdarb er in der „theuren Zeit". Das „Schlößle" fiel dem St. Georgs- Kloster in Augsburg anheim. Dann fiel es durch Kauf an Madame Sauttier, „augsburgische Handelsfrau", um 9500 fl. „baargelts"; nach ihrem Tode 10. Dez. 1794 an Hofmedicus vr. Paul um 12,000 fl. 1. Dez. 1831 verkaufte es Kaufmann und Wechselgerichtsassessor Seebacher in Augsburg an H. Wilhelm von Langenmantel um 7450 fl.; dieser 1833 1. Febr. mit Vieh, Futter, Getreide und Einrichtung an Herrn Zeitungsverleger Moy um 8000 fl.; letzterer 1837 an einen Güterzertrümmerer. Im Sommer 1844 und 1848 bewohnte es General- lieutenant und Divisionsgeneral Graf Albert Pappenheim mit Gemahlin und Tochter. Von der Frau Gräfin heißt es im Pfarrurbarium: „Die Frau Gräfin, eine Liebhaberin des Landlebens, that den hiesigen Armen sehr viel Gutes, besuchte ihre Hütten und wohnte an Sonn- und Werktagen dahier dem Gottesdienste sehr fleißig bei zur Erbauung der Gemeinde. Sie that auch Manches zur Verschönerung der Kirche." Giulini und seine Schwester besaßen es nacheinander 1852—1854. Im Februar 1854 kaufte es von letzterer die Doctorswittwe Frau Hoffmann aus Augsburg, deren Familie es noch besitzt. Genannte wollte — wie das Pfarrurbarium berichtet — (Protestantin) aus der Schloßkapelle eine Wagenremise machen. Auf oberhirtliche Anordnung wurde der Altar herausgenommen und der Leib des hl. Märtyrers Optatus am 30. April 1854 früh 6 Uhr in aller Stille auf den Kreuzaltar der Pfarrkirche übertragen. Der Bruder der Doctorswittwe Hoffmann, Excellenz Carl v. Heilbronner, Commandant der 3. Armeedivision in Nürnberg, war seiner Zeit einer der tüchtigsten bayerischen Generale. Der dahier verstorbene, als Historiker für Augsburg wohlbekannte Herr Dr. Hoffmann wurde zum Wohlthäter für die Armen Leitershofens durch Mildthätigkeit im Leben und eine Armenfonds- Stiftung (1000 M.) im Tode. Besonderes Interesse kann (wegen seiner kirchen- geschichtlichen Bedeutung) das sog. „kleine Schloß" oder „untere Schlößle" beanspruchen. Im Jahre 1575 soll das „untere Schlößl" zu hl. Kreuz in Augsburg gehört haben. „Das angebaute Haus an dem untern Schlößl solle Ehmahls vor altem den Juden für eine Synagog gedient haben. 1582 waren sie noch da. Dieses untere Schlößl erkaufte unter Pfarrer Biechele auf dessen Einrathen (damit es nämlich den lutheranern nicht mehr zur Wohnung dienen solle) Ttl. Herr xrolat zu St. Georg in Augsburg Melchior Vötter uo. 1722 von der Vormundschaft des minderjährigen Fuggers Joseph Maria sr. Excellenz Frau Theresia Fuggerin, geb. gräfin v. Zeil, abgedachten Fuggers Frau Mutter, und Herrn general grasen Eustach Fugger von Norndorf per 1700 fl." 160?—1677 gehörte es einem Augsburger Kaufmann Marcus Hueber, der „augsbur- gischen Konfession zugethan", 1676 Bürgermeister in Augsburg. 1718 besaß dieses Schlößl laut vorhandenem Kaufbrief ein protestantischer „Capitain Herr Winchhler von Poleitz"; von ihm lösten es die Fugger wieder ein. Im Jahre 1766 kaufte es Herr Joseph Benedikt Wolf, „Buchführer" (— Buchhändler) in Augsburg, vom Kloster „St. Georgen" um 4000 fl., renovirtc es gänzlich, „ließ die ,vicr Echhthürme' (Eöthnrme) abwerfen", baute unten ein neues Gartenhaus darzu, das er im ganzen daran soll 12000 fl. verbaut haben; benutzte es bis anno 1783." Nach dem Tod seiner Gattin „solcher Ergötzung verdrüßlich", bot er es feil, konnte um 7000 fl. keinen Käufer finden und beschloß, „es zum guten zu verwenden" durch eine Lotterie um 6500 fl., wovon 3000 fl. zum „Kathol. schuel lunäo in augsburg", („welcher da- W 526 mahls nur für alle deütsche schuelen in augsburg sich auf 2800 fl. belaufete"), 3000 fl. zur „armenanstalt in augsburg", 500 fl. aber „in die arme Häuser utriu8c;us istiAionis falte verwendet werden". „Diese Lotterie wurde noch mit 4500 fl. gewinnsten vermehrt." Herr Johannes Zorn, „apotheker und Senator in derNeichsstatt Kembten", bekam bei der Ziehung am 22. Februar 1790 als ersten Preis das „schlößl samt angehörr". Derselbe behielt es ungefähr ein Halbjahr, konnte dann nicht einmal 400 Louisdor lösen ; überdrüssig desselben, verkaufte er es um 1000 Conventionsthaler, das ist zu 2400 fl, an Herrn Martin v. Binder, Domherrn in Augsburg. In dieseZeit fällt das denkwürdigste Er- eigniß in der Geschichte Leitershofens. Die französische Revolution zwang Hunderte von Adeligen und Priestern zur Emigration. Belgien, die Nheinlande, die Schweiz und besonders auch Schwaben boten vielen französischen Priestern und andern Flüchtlingen Zuflucht. Unter allen emigrirten französischen Priestern jener Schreckenszeit beansprucht entschieden Ist Leonor Frz. v. Tour- ncly das meiste Interesse. Geboren zu Laval im heutigen Departement Mayenne am 20. Jan. 1767 als Sohn des Herrn Chevalier Leonor Franz v. Tournely, Herrn von Bois-Thibault, Hazay, St. Marie du Bois, Chuboeuf und Courberie, und der edlen frommen Johanna Mathurine Duplessis, zum Priester geweiht am 19. März 1791 zu St. Sulpice in Paris, wandte sich Abbs (Leonor Franz) v. Tournely mit Prinz Carl von Broglte, dem Sohne des berühmten Marschalls gleichen Namens, auf Rath des Seminar-Directois Abbe Emery nach Deutschland. „Gott hat große Absichten mit Ihnen, reisen Sie!" „Dort wird Gott Sie erkennen lassen, zu welchem Werke er Sie bestimmt hat"; dies waren Emery's prophetische Worte an Tournely, von dem seine Mutter, die ihr Seelsorger di: „Heilige' nannte, schon vorhersagte, er sei berufen, die Wiederherstellung der Gesellschaft Jesu vorzubereiten. Osterst, im damals österr. Luxemburg, nahm die Freunde zuerst auf, dann Antwerpen, das auch in österreichischen Händen war, wo Tournely mährend lOtägiger geistlicher liebungen im dortigen Kapuzinerkloster im Gebet vor einem Herz-Jesu-Bilde die Eingebung empfing, die zum Ersatz des seit 21. Juli 1773 aufgehobenen Jesuitenordens zu gründende Gesellschaft nach dem hl. Herzen Jesu zu benennen. Ein ehedem den Jesuiten gehöriges Landhaus bei Löwen nahm die ersten zwei Glieder dieser im April 1794 entstandenen Gesellschaft auf. Bald gesellten sich Tournely und Broglie des Ersteren Bruder Fr. Xaver v. Tournely und Carl Leblanc zu. Als sie vor den nachrückenden siegreichen Revolutionären weiterflüchten mußten (nach deren Sieg bei Fleurus am 26. Juni 1794), führte ihnen die göttliche Vorsehung Joseph Varin in Venloo zu, der das von Tournely ber. Leonor Franz v. Tournely. gründete Werk zu vollenden berufen war. Derselbe war wie C. Leblanc vorher Offizier. Unterdessen feierte die Revolution ihre gräulichen Orgien in Frankreich. In den Tagen des 2. und 3. September 1791 fielen bei 400 Priester in Paris einem Blutbade zum Opfer. Am 21. Januar 1793 fiel Ludwigs XVI. Haupt unter dem Beile der Guillotine. Die sogen, „höllischen Colonnen" zogen mordend durch Frankreich. Die edle Mutter Tour- nely's wurde 1793 und 94 gefangen gehalten. Die Mutter Joseph Varin's opferte freudig ihr Leben für die Sache der hl. Religion auf dem Schaffst am 19. Juli 1794. Ihr Opfer erkaufte wohl das Opfer ihres Sohnes, das derselbe Tags zuvor durch den Eintritt in die Gesellschaft des hl. Herzens Jesu brachte. Von Venloo kamen die Emigranten über Aachen, Köln, Koblenz, Frankfurt nach Augsburg, wohin ihnen ihr Gönner in Antwerpen, Abbs Pey, eine Empfehlung an Domherrn Beck gegeben hatte, der seine Verwendung bei Kurfürst Clemens Wenzeslaus von Trier, zugleich Bischof von Augsburg, versprach. Einstweilen wurde die Gesellschaft des heil. Herzens Jesu im Benediktiner stifte St. Ulrich (22. August 1794) aufgenommen. EndeAugust zog sie in das eben leerstehende „kleine Schloß" zu Leitershofe n ein, das ihr der Besitzer, Domherr Martin v. Binder, überließ. Hier — in einer Laube — war es, wo Ist v. Tournely am 2. Oktober 1794 seine auf sechs Mitglieder angewachsene Gesellschaft versammelte und ihr eröffnete, sie sollten wahre Ordensleute, wahre Kinder des hl. Jgnatius sein, und darum wollten sie das Gelübde dieses heiligen Ordensstiftcrs nachahmen, sich dem Papste zur Verfügung zu stellen — wenn möglich — innerhalb 18 Monaten persönlich — andernfalls schriftlich. Am Ib.Okt. 1794 weihten sich die fünf genannten Mitglieder dieser Gesellschaft mit Fidelis von Grivcl durch ein besonderes Gelübde den heil. Herzen Jesu und Mariä und übernahmen die Verpflichiung, das begonnene Werk fortzuführen. Dies geschah am Grabe des hl. Ulrich zu Augsburg, des Schutzheiligen der Diözese, die sie so freundlich aufgenommen hatte. Hier in Leitershofen war es auch, wo Tournely im Gebete der Gedanke sich aufdrängte, auch eine Gesellschaft von Frauen dem heil. Herzen Jesu zu apostolischer Lehrthätigkeit zu weihen, wozu die Bruder ihm ihr Einverständnis) erklärten (Mai 1795?). Tournely veranlaßte hier die regelrechte Wahl eines Obern, wozu er einstimmig, trotz alles Widerstreben?, per Acclamation wie durch Abgabe von Stimmzetteln gewählt ward. Studium und Gebet zur Vorbereitung auf den gewählten Beruf heiligten die Räume des „kleinen Schlosses". Die Bewohner desselben waren, wie Varin erzählt: ein Herz und eine Seele. Die 527 des Deutschen kundigen Glieder riefen mit einem Glöcklein die Bewohner Leitershofens zu Katechesen zusammen. Ueberaus ärmlich war ihr Leben im „Schlößle". Was konnte das „leere Schlößle" und das „arme Lettershofen" ihnen bieten? Sie schliefen auf dem Boden auf Stroh mit Holz zu Häupten und Füßen. Eine gute alte Jungfrau aus der Nachbarschaft brachte ihnen manchmal „laues Wasser mit Kohl und andern: Gemüse". Kartoffeln und Brod waren meist ihre Nahrung — und davon brachen sie sich noch ab. Dabei waren sie, wie Bärin erzählt, so fröhlich, daß sie den Ausbruch der Heiterkeit in den Stunden der Erholung oft kaum zurückzuhalten vermochten. In der Pfarrkirche erbauten sie das Volk durch Gebet und Gesang — besonders in der Fastenzeit 1795 vor dem Bild der schmerzhaften Muttergottes. Während deS außergewöhnlich strengen Winters 1794/95 gefror ihnen der Athem nachts an den Mund, und der liebenswürdige Obere Tournelh wärmte den Genossen mit heißen Ziegelsteinen die Füße. Sie öffneten die Fenster, um die fanden die Pilger hier Prinzessin Louise Condß, welche nachmals in Wien mit vier französischen Barmherzigen Schwestern und einer Ursulinerin die erste Niederlassung von Frauen des hl. Herzens bildete, die jedoch schon vor dem Tode Tournely's auseinandcrging. Im Juli 1796 mußte die Gesellschaft von Göggingen nach Wien flüchten. Von da siedelte Tournelh am 18. April (Osterdinstag) 1797 mit seinen Genossen nach Schloß Hagenbrunn bei Wien über, da Wien aus Furcht vor einer Belagerung durch die Franzosen keine Fremden mehr duldete. Am gleichen Tage erwies sich diese Furcht jedoch als eitel, denn der Friede von Leoben hob die Feindseligkeiten auf. Das Stift Klosterneuburg überließ der Gesellschaft des hl. Herzens genanntes Schloß als willkommenes Asyl. Doch Tournelh sollte der Ruhe darin nicht lange mehr genießen. Am 2. Juli (Fest Mariä Heimsuchung) 1797 schon erkrankte er schwer und starb nach wiederholter Vorhersage seines Todes Sonntag den 9. Juli 1797 früh 4-/2 Uhr. Keilershofen bei Augsburg. draußen wärmere Luft in den Schlafraum zu lassen, den Kohlenbecken nicht genügend erwärmten. Auch hier war ihnen nicht lange Ruhe gegönnt. Domherr v. Binder starb im August 1795. Mitte November 1795 mußten sie ausziehen, da die Erben das „Schloß" an den letzten Propst von Hl. Kreuz in Augsburg, Ludwig Zöschinger von Burtenbach, verkauften und dieser ihnen die Wohnung kündigte. Kurfürst Clemens Wenzeslaus (Trier) bot ihnen einen Zufluchtsort im Demeriten-(Priester-)Hause im nahen Göggingen an (später Landgericht, jetzt dem berühmten Herrn Hessing forthopädische Kuranstalt^ gehörig). Ein einziger Raum war ihnen alles. Joseph Varin wurde in Augsburg am 12. März 1796 zum Priester geweiht. Hier in Göggingen trat der Gesellschaft der junge Priester Anton Kohlmann aus Elsaß bei, nachdem sie sich schon in Lettershofen allmälig auf 13 eigentliche Mitglieder vermehrt hatte, während drei treffliaie Laienbrüder (lauter Emigranten) die häuslichen Geschäfte verrichteten. Die Nomfahrt Tournely's, Broglie's und Grivel's im April 1796 wurde in Frciburg unterbrochen. Die Franzosen standen in Piemont und Lombardei. Doch Ost hörte man ihn — heimwehkrank nach dem Himmel — sehnsüchtig rufen: „Ruhe des Himmels, Ruhe des Himmels I" Kurz vor seinem Scheiden sagte er seinen Brüdern: „Es ist nothwendig, daß ich hingehe." Prophetisch sprach er zu Varin von der „Gesellschaft der Frauen des hl. Herzens Jesu": „Sie wird sein, sie wird sein, glauben Sie esl" Und sie besteht heute noch! — Aus der Gesellschaft des hl. Herzens wurden bald „Väter des Glaubens" unter Leitung Paccanaris. Dieser und Prinz C. v. Broglie, der in England ein Pensionat begründete, wurden ungehorsam gegen die Kirche — bekehrten sich jedoch am Ende. Franz L'aver v. Tournelh blieb als Cooperator an seines Bruders Grab in Kleinengersdorf. Joseph Varin aber hatte die Freude, zu Paris im Jahre 1800 den passenden Grundstein zum Gebäude des Ordens der „Frauen des hl. Herzens" (Harnes cku 80 , 01-6 6 c»ur-) zu finden in der kleinen, gelehrten und ebenso frommen Magdalena Sophia Barat, die sich vor ihm mit noch zwei Jungfrauen am 21. November 1800 den hl. Herzen Jesu und Mariä, dem von Tournelh, ihrem geistigen Vater, geplanten Werke weihte. Erzieh- 528 ung und Unterricht weiblicher Jugend im Pensionate, unentgeltlicher Unterricht an arme auswärtige Mädchen, geistliche Uebungen für Wcltleute ist der Zweck dieses Ordens. Fast 60 Jahre stand die bereits vom hl. Stuhle „ehrwürdig" gesprochene M. Magdalena Sophia Barat dem Orden als Generaloberin vor. Die dritte Generaloberin starb vor kurzem. Frankreich, Belgien, Oesterreich, selbst Amerika zählten zusammen schon 89 Niederlassungen, als am 23. Mai 1868 Frauen des hl. Herzens Jesu von Niedenburg bei Bregenz in Wien das neu erbaute Kloster am Rennweg bezogen. Am 23. September 1868 wurde oer Leichnam Tournely's in Kleinengersdorf exhumirt und nach Wien übertragen, wo er ehrenvoll in der für seine Gruft hergestellten Krypta im Kloster der Frauen des hl. Herzens am 20. November 1868 beigesetzt wurde. Den Schluß dieser Notizen über k. Leonor Franz v. Tournely und seine Gesellschaft des hl. Herzens Jesu mögen ein paar bedeutsame Zeugnisse über den „kleinen Diener des guten Meisters" (so nannte er sich selbst) bilden. Abbe Emery, Seminardirektor von St. Sulpice, schrieb nach dem Tode Tournely's*): „Ich habe viele durch Tugend ausgezeichnete Menschen gekannt; ich habe viele heilige Seelen gekannt; ich habe die Lebensbeschreibung einer großen Anzahl von Heiligen gelesen und ich kann bezeugen, daß ich niemals eine Seele gefunden, die mehr von dem hl. Feuer der Liebe Gottes entzündet gewesen wäre, als die meines lieben Tournely." Bischof de la Fare von Nancy sagte beim Tode Tournely's: „Das ist ein unersetzlicher Verlust für die Sache der Religion." Das Volk nannte ihn den „liebenswürdigen Heiligen."**) Das denkwürdige „untere Schlößchen" besaßen in der Folgezeit nach der Sücularisation des Klosters zu heil. Kreuz, mit dem auch das Schlößchen 1803 dem bayer. Staate anheimfiel, Popp 1809—14; etwa 40 Jahre H. Kümmich, Kaufmann von Augsburg, der Lcitershofen mit einer Armenfond-Stistung bedachte (100 fl.); die Englischen Fräulein 1858—63; Privatier Sendlinger 1863-1880; Nagel 1881; Cresc. Altheimer 1881 bis 1882; v. Egloffstein 1882—1893; jetzt Herr Eber, Kaufmann aus Augsburg. Der jetzige Besitzer, Herr Eber aus Augsburg, hat in dankenswerthester Hochherzigkeit die Kosten für eine Marmorgedenktafel am „unteren Schlößchen" (bereits innen mit viel Liebe restaurirt) zur Erinnerung an die genannten, geschichtlich merkwürdigen Bewohner übernommen. — Am 26. August 1894 (der muthmaßlichen Zeit des Einzugs Tournely's und seiner Genossen) wird Lcitershofen ihr Gedächtniß in einer Centenarfeier (Sonntag, Herz-Mariä-Fest) begehen. Sein Andenken sei in Ehren l (Unsere Illustrationen zu diesem Aufsätze sind nach Photographien aus dem Atelier von Peter Schmid, vorm. Gebr. Martin, in Augsburg.) *) Ouiäso, Vis (tu U, ?. Vortu p. 65. **) Dr. Speit: U. L. Fr. v. Tournely, S. 247 u. 248. Breslau 1874. -- Goldköruer. Was klagt, was tobt man doch? Sein Unglück und sein Glück Ist sich ein jeder selbst. Schau alle Sachen an. Dies alles ist in dir, laß deinen eitlen Wahn. .- Zu unseren Bildern. Brückenschlag. Hans und Gretel haben neulich am Flußufer den Pioniren zugeschaut, wie döse vor ihren Augen über den Fluß eine große Brücke geschlagen, auf der Roß und Reiter sicher an's andere Ufer gelangten, ohne daß sie erst dem Fäbrmann ein lautes: „Hol über!" hätten zurufen müssen. Die Brücke war so nett und herrlich, Alles hatte so schön geklappt, daß sie unwillkürlich ihre Sinne gefangen hält. Besonders Hans träumt die halbe Nacht vom Erbauen von Brücken. Heute ist gerade ein glücklicher Tag für ihn. Die Mutter ist in den Wald gegangen, um für das Ziegenpaar Futter zu suchen, und der Vater mutz in seinem Segelboot einen Fremden über den Fluß fetzen. Da ist Hans eiligst zum Holzvorrath gesprungen, hat sich das entsprechende Scheit ausgesucht, das die Grundlage werden soll zu einer Brücke, die er über das am Häuschen vorbeisließende Büchlein zu erbauen gedenkt. Gretchen will auch nicht müßig sein und unterstützt den kleinen Baumeister nach Kräften. Ob das Werk wohl gelingen wird? „Dergelt's Gott, Du gutes Kind l" Wir haben es hier mit einem der gelungensten Bilder des 1839 in Stuttgart geborenen und 1869 nach München übergesiedelten Genremalers Friedrich Ortlieb zu thun. Eine ganze Geschichte ließe sich zu dieser Darstellung schreiben, so beredt tritt sie uns entgegen, und besonders der greise Bettler scheint den Mund öffnen und uns aus rergangcnen besseren Tagen ei zählen zu wollen, wo auch ihn Kinder umringten und er entfernt nicht dachte, je sein Brod vor fremden Thüren sich erbitten zu müssen. --SÄ8Ü8LS- Allerlei. Unerwarteter Erfolg. „ . . Den jungen Doktor möchte ich Keinem als Vertheidiger empfehlen!" — „Aber er soll doch ein vorzüglicher Redner sein!" — „Gerade deßhalb! Kürzlich hat er beim Schwurgerichte die Unschuld eines Raubmörders so glänzend geschildert, daß dieser vor lauter Erschütterung gleich nachher ein Geständniß ablegte!" -X- In der Schonzeit. Baron: „Sagen Sie'mal, weßhalb verbieten Sie dem Herrn aus der Stadt nicht das Jagen? Es ist doch Schonzeit!" — Förster: „Das geschieht in unserem eigenen Interesse; der macht uns nämlich bis zum Anfang der Jagd das Wild etwas zutraulich." Nilder-Näthsel. Auflösung des BildenRärhsels in Nr. 66: Wer tadelt, will kaufen. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 67: Weiß. Schwan. 1. L 63-24 V5-U4 2. K. Ll V2 K. II! U2 3. D. 22 118 -j- Matt. X 69 . 1894 . M „Augsburger Postzeitung". Arettag, den 24. August Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg lVorbesitzer vr. Max Huttler). Im Sänne alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Er hatte eine Summe von mehr als einer Million zurückzuerstatten, und diese stak in seinem schlefifchen Gute, welches von den Erträgnissen des Villenhofs zum Theil arrondirt worden war. Er mußte, wenn er die Forderung der Geschwister Rettberg befriedigen wollte, unter allen Umständen das Gut verkaufen. Und dann . . . ? Was blieb ihm dann? Es gab Wolfgang einen Stich in's Herz, unter diesem, auf seinen Untergang ausgehenden Schriftstücke den Namen Melanie zu lesen; aber sie mußte sich dem Willen ihres Vormundes unterwerfen, und hinter diesem stand das Vormundschaftsgericht. Er war überzeugt, daß von Seiten Melanies alles geschehen war, um die Klage zu unterdrücken, denn er kannte ihre edle Gesinnung aus einem ergreifenden Briefe, den sie ihm bereits bei Gelegenheit des Prozesses um den Villenhof geschrieben hatte. Mit der ganzen Kraft seines leicht überschäumenden Temperaments empörte sich Wolfgang gegen das Schicksal, welches alles, was er besaß, als Prämie für Schurkerei und Gemeinheit einem Nouö in den Schooß werfen wollte, damit er es am grünen Tische in alle vier Winde jage. In diese erbitterte, wilde Stimmung blitzte plötzlich auch noch ein furchtbarer Argwohn hinein: hatte Felicitas etwa durch ihren Vater Kenntniß gehabt, welche Verluste Wolfgang bevorstanden und wie er Schlag auf Schlag dem Ruin entgegengeführt werden mußte? Fühlte Felicitas sich nicht stark genug, das Loos eines verarmten Edelmannes zu theilen, und zog daher vor, die Gattin eines reichen Advokaten zu werden? Wenn von allen Seiten die Wellen des tückischen Geschicks über dem Menschen zusammenschlagen, dann verläßt ihn nicht nur der Glaube an alles Gute und Edle, sondern auch die Kraft, selbst gut und edel zu bleiben. Von einem Gauner, dem er Gutes erwiesen, bis auf's Messer verfolgt, von der Geliebten betrogen und verrathen, wollte Wolfgang dem Schicksale trotzen, er wollte sich nicht länger am Narrenseile schmerzlich duldender Entsagung hin- und herziehen lassen, — er wollte den Schurken, der ihn in Armuth zu stürzen trachtete, mit gleicher Münze bezahlen, indem er sein Besitzthum rasch in Geld umsetzte und sich mit diesem dem Bereiche der gierigen Hände, die sich darnach ausstreckten, entzvg — und die Geliebte, die ihn betrogen, sollte seine Sklavin werden. Es war der Augenblick da, wo jene sophistische Glückseligkeitslehre, die Mattland ihm unausgesetzt gepredigt hatte, wie ein ausgestreuter Same in Wolfgang's Brust ihre Keime zu treiben begann. XXXIX. Noch an demselben Nachmittage fuhr Wolfgang nach Nizza, um zu erkunden, wo Justizrath Carus mit seiner jungen Gattin dort Aufenthalt genommen habe. Als er durch die Straße Francesco di Paolo ging, hörte er plötzlich seinen Namen rufen. Er wandte sich um und sah eine Dame, die eben aus dem Postgebäude getreten war, als er an diesem vorüber schlenderte, auf sich zukommen. „Welche Ueberraschung, Sie hier zu finden!" rief er, Frau von Prachwitz erkennend. „Es ist eine alte Anhänglichkeit, die mich unter sehr veränderten Verhältnissen gerade nach Nizza zog," lächelte sie, ihm mit gewohnter Herzlichkeit die Hand entgegenstreckend. „Ich habe hier vor vielen Jahren Genesung gefunden, als ein tiefes Gemüthsleiden meine Gesundheit erschütterte." „Ein Gemüthsleiden?" wiederholte der Baron. „Ja, lieber Wolfgang, auch meinem Leben hat die Tragödie des Herzens nicht gefehlt, und nun hat sie doch noch fröhlich mit dem Siege jener Liebe geendet, von welcher man sagt, sie rostet nicht. Die Welt mag die Achseln dazu zucken, denn wir sind beide nicht mehr jung. Aber warum sollen zwei Menschen, die für einander bestimmt waren, sich nicht in diesem Leben noch angehören dürfen, nachdem es kein Hinderniß mehr zwischen ihnen giebt? So habe in denn meine alte Liebe geheirathet, meine erste und einzige Liebe." Während beide langsam weiter gegangen waren, hatte Wolfgang auf seine Begleiterin Blicke zunehmenden Erstaunens geworfen, denn der Sinn ihrer Rede war ihm dunkel. „Sie haben sich wieder verheirathet?" fragte er. „Darf ich nicht wissen, mit wem?" „Mein Himmel, wie seltsam Sie fragen, Wolfgang l Meine Vermählungsanzeige mag sie in Nom, wohin ich sie Ihnen schickte, wohl verfehlt haben. Aber empfing ich nicht gestern Abend im Eisenbahncoups Ihre Karte mit Ihrem Glückwünsche?" „Den Namen Ihres Gatten! Um Gotteswillen, den 830 Namen Ihres Gatten!" rief Wolfgang mit bebender Stimme. „Wie sonderbar Sie doch sind! Sollten Sie denn seit gestern Abend den Namen Ihres ehemaligen Vormundes vergessen habend" „Sie sind — Sie sind Frau Carus? Und die Dame, welcher gestern Abend der Diener einen Shaw! in's Coups reichted" „War ich." „Aber ich sah nur Felicitas." „Sie stieg zuletzt ein; ich saß mit meinem Gatten bereits im Coups. Ich weiß nicht, Wolfgang, was ich aus Ihren Fragen machen soll." Wolfgang nahm alle seine Fassung zusammen, um sich nicht zu verrathen, aber in ihrer nachdenklichen Miene glaubte er zu lesen, daß sie dem Mißverständnisse, welches das verwechselte Eigenthumsrecht auf den Shawl angerichtet hatte, auf der Spur sei. „Wir befinden uns auf der Hochzeitsreise und Felicitas begleitet uns. DaS arme Kind bedarf der Zerstreuung. Ihnen, Wolfgang, brauche ich kaum zu sagen, daß der schwere Kummer, unter dem sie leidet, nicht erst seit dem Tode ihres Vaters datirt." Und doch kann ich mir keinen Grund ausdenken, weshalb sie sich und mich um Glück und Hoffnung gebracht hat. Sollte sie sich darüber vielleicht gegen Sie rückhaltsloser ausgesprochen haben?" „Ich habe nur wenig aus ihr herausbekommen," entgegnete Frau Carus, „ich begreife, daß es gegen Felicitas' Zartgefühl geht, Ihnen zu sagen, daß ein alter Familienhaß im Spiele ist. Ich aber brauche Ihnen dies nicht zu verschweigen." „Ich vermuthete dies. Felicitas' Vater und der meinige müssen aus irgend einer Veranlassung einmal hart aneinander gestoßen sein." Frau Carus schüttelte den Kopf. „Der eigentliche Anlaß ging von Felicitas' Mutter aus. Sie nährte einen unauslöschlichen Haß gegen Ihren Vater, einen Haß, den sie mit in's Grab nahm, denn noch in ihrer letzten Stunde forderte sie von ihrem Gatten das Versprechen, mit der Familie von Sturen niemals in näheren freundschaftlichen Verkehr zu treten und auch keine Annäherung zwischen den Kindern zu gestatten, falls die Schickung des Lebens beide zusammenführen sollte." „Dann bleibt mir keine Hoffnung mehr!" rief Wolfgang bestürzt. „Um welch' unseliges Geheimniß mag es sich hierbei handeln?" „Darüber spricht Felicitas nicht. Sie hat mir nur gesagt, daß sie ihren Vater zwang, es ibr zu entdecken, als er seine Einwilligung zu Eurer Heirath verweigerte. Doch hören Sie, Wolfgang, vielleicht giebt es außer Felicitas noch eine Person, welche Licht in das Dunkel zu bringen vermag. Es ist dies der alte Hartwig, der damals schon in ihres Vaters Dienste gestanden haben muß und dessen Vertrauen in so hohem Maße besaß, daß ex möglicher Weise in jene Angelegenheit eingeweiht war." Als Wolfgang nach Hause kam, ließ er den alten Diener kommen. „Hast Du die verstorbene Frau Teßner gekannt?" fragte er ihn. Die Frage kam dem Diener offenbar sehr unerwartet. Er stutzte, warf einen scheuen Blick auf seinen Herrn und antwortete mit unsicherer Stimme: „Ja — o ja — ich habe sie gekannt." „Ist Dir vielleicht erinnerlich," fragte der Baron weiter, „daß es zwischen ihr und meinem Vater einmal etwas gegeben hat, was eine Frau nie verzeiht? Du mußt mir alles sagen, was Du über Frau Teßner und meinen Vater weißt; mußt Du dabei eine Saite berühren, die vielleicht dem Charakter meines Vaters nicht zur Ehre gereicht, so fürchte nicht, seinem Andenken zu schaden, denn sein Bild steht mit so vielen edlen Zügen geschmückt vor mir, daß ein Flecken es nicht dauernd zu trüben vermag. Was sich auch zwischen jener Frau und meinem Vater ereignet haben mag — es wendet sich jetzt als Verhängnis; gegen mich, mein ganzes Lebensglück hängt davon ab. Ich muß klar in der Sache sehen. Sprich also ohne Umschweife und sage, was Du weißt." „Die Geschichte ist lange her," begann Hartwig zögernd, „wohl an die siebeuundzwanzig Jahre. Mein gnädiger Herr, Ihr Herr Vater war damals unverheirathet und noch nicht lange erst von Schlesien nach dem Villen- hofe übersiedelt, da lernte er ein junges Mädchen kennen, welches bei der Pfarrersfamilie im Dorfe einen ganzen Sommer zu Besuch war. . . Wie das allmählich so gekommen ist, weiß ich nicht, aber ein Wunder war's, nicht, denn die junge Dame war so schön, daß sich ein Mann in sie verlieben mußte, er mochte wollen oder nicht, na, kurz und gut, es dauerte gar nicht lange, da war ich zwischen dem Villenhofe und dem Pfarrhause täglich ein paar Mal unterwegs mit rosafarbenen, süßduftenden Billets. Es gab Bestellungen zu heimlichen Zusammenkünften u. s. w., und was ich voraussah, trat endlich ein! Das Verhältniß hatte Folgen und das Fräulein leiste plötzlich ab. Ihr Herr Vater benahm sich dabei sehr nobel, ich weiß das am besten, denn er machte mich zum Vermittler in der delikaten Geschichte, in die ich nnn doch einmal eingeweiht war. Aber das Fräulein wies alle seine Anerbietungen, die nicht dircct auf eine Heirath hinausliefen, von sich. Die Sache ging damals dem gnädigen Herrn sehr im Kopfe herum, und ich glaube, er hätte das Fräulein wohl auch geheirathet, aber es lag etwas in ihrem Charakter, — Rachsucht, Starrsinn und Hochmuth — was ihn abschreckte und voraussehen ließ, daß die Ehe keine glückliche werden könne. Fünf oder sechs Jahre später heircuhete das Fräulein den Advokaten Teßner in der Kreisstadt, der damals bereits ein alter Junggeselle war. Sie mochte wohl kaum über vierundzwanzig Jahre alt sein und war noch immer sehr schön. Mehrere Freier hatte sie bereits abgewiesen, da ihr nach dem Herrn Baron keiner hoch genug stand, bis ihr Großvater der Sache ein Ende machte und ihr, glaub' ich, mit Enterbung drohte, wenn sie nicht die Frau des Advokaten würde. Sie schenkte ihm eine Tochter und ist einige Jahre darauf gestorben. Bis dahin hatte der Herr Baron mit dem Advokaten in geschäftlichem Verkehr gestanden und demselben alle seine Rechtsgeschäfte übertragen. Er gab ihm daher beim Tode der Frau seine Theilnahme zu erkennen und sandte mich mit einer Condolenzkarte und einem prachtvollen Lorbeerkranze in's Trauerhaus. Ich dachte, der Himmel müsse über mir zusammenbrechen, als der Advokat, der so katzenartig freundlich war, mich sammt Karte und Kranz in giftigster Weise zurückwies. Nachdem ihm seine Frau in ihrer letzten Stunde bekannt habe, sagte er vor Wuth zitternd, in welchen Beziehungen sie früher zu meinem Herrn gestanden, müsse er jede Beileidsbe- 631 zeugung von solcher Seite ablehnen. Hatte er von jenem Verhältnisse Kentniß gehabt, so würde er sich für viel zu gut gehalten haben, der Nachfolger des Herrn Barons zu werden. Man konnte es ihm leich; ansehen, daß er noch kochte vor Eifersucht, von der schönen Frau, in die er rasend verliebt war, betrogen worden zu sein. . . Damit, gnädiger Herr, habe ich Ihnen alles Hauptsächliche mitgetheilt. Es wäre darüber nie ein Wort über meine Lippen gekommen, wenn mir mein Gewissen nicht gesagt hätte, daß ich Ihnen gehorchen müsse." Wolfgang hielt sein Antlitz mit der Hand bedeckt. Nach längerer Zeit blickte er auf und sagte: „So habe ich also, noch ehe ich selbst das Licht der Welt erblickte, bereits einen Bruder oder eine Schwester gehabt, und es wäre meine Pflicht, mich nach diesem Geschwister umzusehen." „Es war ein Bruder, gnädiger Herr," bemerkte Hartwig, „der Herr Baron wollte für den Knaben sorgen, aber die Mutter wies auch dies zurück, und nie haben wir erfahren können, was aus dem Kinde geworden ist." Hartwig war entlassen. Schlimmeres hätte er nicht hören können. Ja, Felicitas hatte Recht. Unmöglich konnte sie die Gattin eines Mannes werden, dessen Vater ihre Mutter einst zu Fall gebracht, unmöglich hätte sie ihm, dem Geliebten, dieses Geheimniß entdecken können, nie und nimmer wäre das Wort über ihre keuschen Lippen gekommen, das ihre eigene Mutter bloßstellen mußte. Bald nach Hartwig's Entfernung erschien Maitland. In seinen Augen leuchtete es triumphirend, sein Wesen hatte etwas Echeimnißvollcs. „Baron." sagte er mit gedämpfter Stimme, die Hand auf Wolfgangs Schulter legend. „Alles geht gut. Ich unterhandle eben noch wegen des Ankaufs der schnellsten Dampf-Jacht, die in den Buchten der Nievera ankert; einige unternehmende Monagasken stehen bereits zu unserer Verfügung. Jetzt gilt eS noch zu berathen, wie wir den Gegenstand Ihrer Liebe an eine einsame Stelle locken, wo wir seiner ohne Aufsehen habhaft werden können." „Ich bin mit mir ernstlich zu Rathe gegangen," entgegnete Wolfgang, „und habe bei genauerer Selbstprüfung gefunden, daß ich Ihre Ansicht über Glückseligkeit nicht zur meinigen machen kann. Nehmen Sie meinen Dank für Ihre Bemühungen." Ein höhnisches Lächeln schwebte um Maitland'S Lippen. „Es sei wie Sie wollen; gehen Sie Ihren eigenen Weg," erwiderte er und entfernte sich mit mißvergnügter Miene. . . Schon von dem Augenblicke an, wo Wolfgang von der furchtbaren Selbsttäuschung, daß Felicitas ihn betrogen habe, befreit worden war, waren alle seine wilden Entschlüsse und Pläne geschwunden. Er lehnte sich nicht mehr gegen sein Schicksal auf und wollte mit Würde und Ergebung tragen, was es ihm bestimmt hatte, selbst das Loos der Armuth. Er erschrack jetzt vor den finsteren Gedanken, denen er Eingang in seine Brust gestattet hatte, und glaubte zu entdecken, welche gefährliche Hochschule der Versuchungen ihm der Umgang mit Maitland war. „Ich muß vor diesem Manne fliehen," dachte Wolfgang, „oder er wird mich moralisch zu Grunde richten. Wahrhaftig! wenn ich jener gehaßte Halbbruder wäre, an welchem er seine Wuth über das Mißgeschick seiner Geburt kühlen möchte, er könnte nicht systematischer zu Werle gehen!" Wolfgang fühlte sich plötzlich von einem Gedanken erfaßt, der ihn in die größte Aufregung versetzte. Die Verhältnisse, welche der alte Hartwig geschildert hatte, erinnerten ihn lebhaft an Maitland'S Erzählung. Wär er (Wolfgang) etwa wirklich jener glücklichere Halbbruder, den Maitland so tödtlich haßte, daß es ihm als eine, eines ganzen Lebens würdige Aufgabe erschien, ihn zu vernichten. Nein! Unmöglich konnte sich unter so viel Freundschaft und Herzlichkeit, wie Maitland ihm in den verschiedensten Lebenslagen bewiesen, eine glühende, still und rastlos arbeitende Rachsucht verbergen. Auch kamen derartige Verführuugsgeschichtcn ja leider zu häufig vor, als daß es nicht eine Menge analoger Fälle gegeben haben sollte. XL. Jener Abend, wo Maitland am Roulettentische mit Edmund Rettberg zusammengetroffen war, sollte der letzte gewesen sein, den der junge Nous im Casino, wo er bisher täglicher Gast war, verbrachte. Er war seitdem aus der von ihm bewohnten Villa zwischen Monte-Carlo und Nizza nicht wieder herausgekommen. Der Fieber- zustand, welcher den Kranken bisher nicht am Ausgehen zn hindern vermochte, hatte sich so gesteigert, daß er das Bett nicht mehr verlassen konnte. Nichts aber lag dem Kranken ferner als der Gedanke, daß sein Leiden unheilbar sei und daß die Schatten des Todes sich bereits auf ihn herabzusenken begännen. Herablassende Gespräche mit Nölling wechselten mit despotischen Launen. Er hatte den Mann, vor dem er früher einen gewissen scheuen Respect gehabt, von Ansang an in wegwerfendster Weise behandelt. Wenn Nettberg seine unerträglichen Launen an ihn ausließ, was täglich ein paar Mal geschah, so pflegte er ihm Schimpfwörter, wie „Verdammter Spitzbube!" — „Langfinger!" — „Einbrecher!" — „Galgenvogel!" — „ZuchthauSkandidat!" — in's Gesicht zu schleudern, und hatte seine stille Freude daran, daß Nölling es nicht wagen durfte, auf Nettberg's eigene Vergangenheit auch nur mit einer Silbe anzuspielen oder ihm gar die eine oder die an dere jener Benennungen, die sehr gut auch auf den ehemaligen Bauernfänger und Wechselfälscher paßten, zurückzugeben. Freilich fühlte sich Nölling mehr als einmal versucht, den elenden Buben wie einen Stiefelknecht an die Wand zu schmettern, aber die Dankbarkeit und Hingebung für Melanie war stärker noch als die augenblickliche Wuth, und mit einer wahren Heiligengeduld ertrug er eine entwürdigende Behandlung, deren Bitterkeit Melanie niemals auch nur ahnen sollte. So hatte sich ihre Hoffnung, daß Nölling einen heilsamen Einfluß auf ihren Bruder ausüben könne, nicht erfüllt. Aber es war ohnehin nichts mehr an Edmund zu retten gewesen, er hatte sich bereits, als Nölling anlangte, im letzten Stadium der Lungenschwindsucht befunden. In seinen Berichten an Melanie suchte Nölling diese nach Möglichkeit zu schonen, als er aber sah, daß es mit Edmund schnell vorwärts ging, ließ sich die Wahrheit nicht mehr verschweigen. Melanie reiste ohne Verzug ab. Kurz vor ihrer Ankunft war Edmund in Nölling's Armen verschieden. Lange weinte Melanie bitterlich an der Leiche ihres Bruders. Nölling leistete der Trauernden jeden mög- 532 lichen Beistand und nahm alle die peinlichen Geschäfte allein auf sich, die mit jener letzten Pflicht, verwandten Staub in die Erde zu legen, verbunden sind. Ueber Rölling's Lippen kam kein Wort, welches das Andenken des Bruders im Herzen der Schwester hätte trüben können, aber selbst wenn er in die bittersten Anklagen über das Benehmen des Verstorbenen ausge- brochen wäre, so hätte er demselben kein schlimmeres Zeugniß ausstellen können, als dieser sich selbst ausgestellt hatte. Bei der Durchsicht der von Edmund hinterlassenen Papiere fielen Melanie nämlich einige ältere Blätter in die Hand, welche ein mehrmals abgeändertes Concept enthielten, wobei gleichzeitig Versuche gemacht worden waren, mit verstellter Handschrift zu schreiben. Es war der Inhalt jenes anonymen Briefes an die Staatsanwaltschaft, worin Nölling als das Haupt der Bande, die bei Teßner eingebrochen hatte, denuncirt war. Offenbar hatte Edmund, als künftiger Angehöriger der obern Zehntausend einen so unbequemen Freund wie Rölling bei Zeiten von sich abschütteln wollen und dazu das sich gerade darbietende sehr probate Mittel zu benutzen versucht, ihn hinter festen Zuchthausmauern unterzubringen. (Fortsetzung folgt.) ----8-W8LS—-- „Für Herz und Haus."*) Jüngst ist ein deutscher Dichter heimgegangen, der im Leben uns viel schöne Lieder spendete. Er schrieb unter dem Pseudonym: F. v. Münchberg, Frhr. v. Rach- witz, von Miris; letzterer Name mag besonders in den Lesern der „Fliegenden Blätter" freundliche Erinnerungen wecken. Die Gedichte, welche unter dem Titel: „Für Herz und Haus" erschienen, tragen den wirklichen Namen des Dichters, nämlich des in Regensburg gestorbenen fürstl. Domänendirectors Franz Bonn. Was Bonn, dessen Vildniß die erste Seite der oben erwähnten Gedichte schmückt, in der Widmung versprach, hat er auch gehalten. Was von der Jugend frönen Tagen Bis in mein Alter mich bewegt, Soweit ich's konnt' in Reimen sagen, Hab' ich in dieses Buch gelegt. Wir finden auf den 312 Seiten des Buches ein Dichterleben in Liedern. Im ersten Theile „Lenz und Liebe" besingt der Dichter den Frühling in der Natur und den in seinem Herzen. Er schildert die Gefühle während seiner Bräutigamszeit. Die Liebe der Geschlechter ist ihm weder tändelndes Spiel noch sentimentale Schwärmerei, sondern eine geistige, am Altare besiegelte und in Gott verklärte Zuneigung. In den „vermischten Gedichten" bringt er einige herzige Lieder, deren Stoff aus dem Kleinleben entlehnt ist, wir treffen aber auch ernste Gedichte darin, z. B. Allerseelen, Weihnacht, Unterm Christbaum. Der dritte Theil enthält „Bilder und Balladen". Bonn behandelt einige historische Ereignisse, oft aber auch umwebt er eigen Erlebtes mit poetischem Schleier. Zart und unmuthig sind im vierten Theile „Lieder und Stimmungen", tröstlich und weihevoll die Gedichte des fünften Theiles „In ernsten Stunden". Manches der Stimmungslieder gemahnt uns an *) „Für Herz und HauS", Gedichte von Franz Bonn. Dritte Auflage, Regensburg, Habbel. S. 312; Preis geb. 5 M. Eichendorff's gemüthvolle und oft zauberische schöne Gesänge, so daS Lied „Heimweh". H Unter den Bäumen in stiller Nacht Schlagen die Nachtigallen, Wenn hoch über die Wipfel sacht Silberne Lichter wallen. Unter den Träumen auf meine Brust Heimliche Thränen sanken, Waren verklärt auch in reiner Lust Alle meine Gedanken. Heimliche Thränen, heimlicher Sang, Irdisches Sehnen und Bangen, Ach i wie lange, o Welt, wie lang Hältst Du mein Herz gefangen. In den Gedichten auf den letzten Seiten sind jene Töne voller angeschlagen, die aus den Tiefen einer gläubigen Seele kommen, leise aber durchklingen sie auch alle übrigen Lieder. Und deßwegen muß uns der entschlafene Sänger so werth sein. Wie viele Gedichtsammlungen erscheinen alljährlich, worin bald gröber, bald feiner der Glaube verspottet wird oder in denen sich nur die Zweifelsucht, die Leere und der Schmerz der modernen Welt ausspricht. Hier sucht wieder einmal ein Gläubiger uns zu trösten, zu läutern und auf ewige Ideale hinzuweisen. Die Lieder von Franz Bonn sind ganz dazu angelegt, das zu werden, was er selbst ihnen als Wunsch und Scheidewort mit auf den Weg gegeben hat: So sei in Haus und Herz willkommen Mein Bucht Vergeblich sang ich nicht, Mag auch nur einem Herzen frommen, Nur einem Hause, mein Gedicht. Adolph Müller. -- Ein wirklicher Glücksritter. (Aus meiner alten Mappe.) Ein wirklicher Glücksritter ist eigentlich Derjenige, der das „Glück" im Ritte findet, ohne es zu suchen, und von einem solchen Glücksritter will ich ein Geschichtlein erzählen, das wohl einzig in seiner Art und kaum Einem unserer günstigen Leser bekannt sein dürfte. Der Graf von FlamarenS in Frankreich hatte, nachdem er mit Ehren seine militärische Laufbahn beendet, ins ländliche Stillleben sich zurückgezogen. Fortuna, die Göttin des Glückes, hatte bisher seiner noch nicht gedacht, wie es scheint, und er lebte von einem sehr bescheidenen Vermögen; doch immerhin fand der „frank und freie" Mann, der keinen „Aufwand" machte, dabei sein Auskommen; eine etwas vollere Kasse wäre hie und da nun allerdings nicht vom Uebel gewesen. Einst mußte der Graf von Flamarens eines Ver- mögensproceffes wegen eine Reise nach der Hauptstadt Frankreichs — nach Paris unternehmen. Damals war das Dampfroß noch nicht erstanden. Der Graf bestieg daher seine liebe Nosinante und suchte die weite Reise in kleinen Tagesritten zurückzulegen. So kam er eines Tages in den Wald von Fon- tainebleau. Da sah er eine Anzahl von Menschen, ebenfalls zu Pferde, die alle einen Seitenweg einschlugen; also ein und dieselbe Reiseabsicht haben mußten. Das reizte die Neugierde des Grafen, und muthig, wie der alte Soldat war, beschloß er, dieser ihm räthselhaften Erscheinung zu folgen. Nach einer Weile kam er an einen freien weiten Platz beim Fort de la Biche. Da sah er die Reiter und betrachtete sie genau. Sie waren abgestiegen. Ihre Physiognomien, die bräunliche Gesichtsfarbe (sonnenverbrannt) und ihre Kleidung hatte nichts weniger als etwas Nobles — und war durchaus nicht einladend. Sie banden ihre Pferde an die Bäume an. — „Parbleu! Ich bin am Ende in eine Räuberbande gerathen," sagte sich der Graf, „und ein Entrinnen ist da unmöglich. Es ist am besten, ich stelle mich an wie sie." Und er stieg ab und band sein Pferd auch an. Sofort fand er alle Blicke auf sich gerichtet. Bald sammelten sie sich zu einzelnen Gruppen und hielten, wie es schien, sehr eifrige Berathung, wobei immer nach ihm geschaut wurde. Nun lösten sich die Gruppen und die allgemeine Berathung trat ein. „Das Ding fängt an unheimlich zu werden", dachte der Graf, „jetzt werden sie über mein Loos entscheiden. Verwünschte Neugierdel" Endlich trat ein bärtiger Mann mit düsterer, fast zorniger Miene aus dem Kreise heraus und gerade auf den Grafen zu und sprach: „Darf man fragen, welcher Zweck Sie hieher führt, mein Herr?" Der Ton des Sprechenden klang nichts weniger als trotzig — im Gegentheil verlegen. Das stählte den Muth des Grafen, und er antwortete: „Sehr wahrscheinlich derselbe Zweck, der Sie hieher geführt hat, mein Herr." Der Abgesandte begab sich zurück zu den Seinen, und wieder begann die Berathung, und zwar noch eifriger, wie aus den lebhaften Gestikulationen zu schließen war. Abermals kam der Abgeordnete zu dem Grafen, und wie erstaunte dieser, als ihm der Fremde im Namen seiner Genossen die Summe von 200 Louisd'or — in baar — antrug, wenn er, der Graf, auf seinen Zweck verzichten und den Platz verlassen möchte. Da der Graf die Sache sich nicht erklären konnte, gewann sie für ihn das Ansehen eines komischen Abenteuers, und er beschloß, dasselbe weiter zu spielen. Er entgegnete deßhalb: Diese Summe sei noch viel zu ungenügend, um feinen Abzug zu bestimmen. Und wieder wird verhandelt „drüben und hüben". Da endlich bietet der Fremde dem Grafen fünfhundert Louisd'or. Der Graf wußte durchaus nicht, was er denken sollte, ein ganz unbeschreibbares Gefühl beherrschte ihn derart, daß er nicht sofort Antwort geben konnte. Der Fremde hielt dieses Schweigen für eine bedenkliche Zögerung und sagte: „Nun, mein Herr, ich meine, dqs sei denn doch eine respektable Summe, zumal Sie nich^ das geringste Nisico haben." Da besann sich der Graf nicht lang und antwortete: „Nun denn — in Gottes Namen." Man bezahlte ihm baar die Summe, überhäufte ihn mit der heitersten Miene von der Welt — mit Komplimenten, und der Graf räumte den Platz. Ganz verblüfft über dieses märchenhafte Ereigniß ritt er dahin. „Hm, mir unbegreiflich," sagte er für sich, „warum zahlen mir diese sonderbaren Leute diese bedeutende Summe? Sind das am Ende gar keine Menschen, sondern Kobolde? Und ist das Geld vielleicht nur Scheingeld?" Dabei befühlte er seine Brusttasche. „Doch nein, die Goldfüchse sind noch da. Und welche vergnügte Gesichter sie trotz dieser Ausgabe machten! Nun — ich bin auch vergnügt, das Geld kommt mir gerade recht. Unglück wird es mir wohl nicht bringen, und ein Teufelsspuk kann es nicht sein. Wer aber löst mir das merkwürdige Räthsel?" Unter der Pein dieser Frage kam er nach Melun. Dort vernahm er in einem Gasthofe ein Gespräch, das ihn aufs Höchste interessirte. „Wer wohl die Glücklichen sein werden," meinte der Eine. „Nun — ich denke, die „Zehner", die gestern bet mir abstiegen," sagte der Gastwirth. „Sie haben heute einen scharfen Ritt gemacht." „Ja, wenn die „Dreier" mit ihrem Grafen Prienne nicht einen Strich durch die Rechnung machen," meinte ein Dritter. „Die haben erst jüngst eine bedeutende Schlappe erhalten," entgegnete der Wirth, „und der Graf liegt schwer krank darnieder. Freilich könnte an diesem großen Waldtheil, bei glücklichem Einsteigerungspreis, leicht eine halbe Million gewonnen werden." — „Zehner", so viel der Männer mögen es gewesen sein, sagte sich der Graf; Waldversteigerung? Die „Dreier" — mit einem Grafen? — Große Holzhändler l Jetzt tagte des Räthsels Lösung. — „Erlauben Sie, meine Herren," wandte sich der Graf zu den Sprechenden, „wo findet diese Waldversteigerung statt?" „Beim Fort de la Biche." Das Räthsel war gelöst: Die Reiter — „Zehner" hatten den Grafen für einen gefährlichen Concurrenten gehalten — und denselben durch die Abkaufssumme sich vom Halse geschafft. So wurde der Graf von Flamarens ohne Willen zu einem wirklichen Glücksritter. I's. - . . ' Der eiserne Bestand. Eine Knödelgeschichte von O. Kalis. —^^ (Nachdrua vnbolen.) Die verehrten Leserinnen werden ersucht, sich durch obige Aufschrift nicht erschrecken zu lassen. Es handelt sich mit dem „eisernen Bestand" nicht um das Waffen- Arsenal in Spandau oder um das Krupp'sche Kanonen- gußwerk in Essen, sondern um eine ziemlich harmlose Vorschrift aus dem letzten Krieg. Auch an dem Ausdruck „Knödelgeschichte" möge 'sich niemand stoßen. Es wird keineswegs aufgezählt werden, wann, wo und von welcher geistreichen, hübschen Küchenfee die Knödel erfunden, wieviele seit jener Zeit verzehrt worden sind. Auch werden weder alle Arten dieser kräftigen Speise katalogisirt, noch auch die vielen Redensarten in ein .System gebracht. Das Alles wollen wir berufenen Fachmännern überlassen. — Unsere Militärhumoreske geht auf eine oder, besser gesagt, doppelte Soldatenbosheit hinaus, und zwar: erstens auf Mißbrauch des Wortes „Knödel", zweitens auf wirklich „gekochte Knödel". * * Beim Ausbrnch des deutsch-französischen Krieges wurde vielfach das Bedenken laut, Süd- und Norddeutschland werde sich bei gemeinsamer Operation nicht gut vertragen. Schon die divergirenden Nationalitäten seien zu einem gedeihlichen, harmonischen Zusammenwirken kaum geschaffen; besonders aber müßten die durch den Bruderkrieg vor vier Jahren geschaffenen Gegensätze zu Befürchtungen Anlaß geben. Wir kümmerten uns um dergleichen spießbürgerliche Auseinandersetzungen wenig; denn kaum hatten dieselben Platz gegriffen, als uns an der Landesgrenze schon die französischen Chasscpotgeschosse über die Köpfe schwirrten. Jetzt hörten alle Sonderinteressen, alle Gehässigkeiten auf. Es galt ein gemeinsames, wüthiges Vorgehen gegen den Feind. Dieses Zusammenwirken half uns über die schwierigsten Stellungen hinweg: man denke an Weißenburg, Wörth, Sedan, Orleans, Paris! — Wir Süddeutsche wurden von unseren Vorgesetzten streng innerhalb der Grenzen von „Mein und Dein" gehalten. In Folge dessen mußten wir manchmal empfindlich hungern. Zur Abhilfe waren häufig die norddeutschen Freunde bei der Hand. Ich gestehe: zweimal erhielt ich in schwerer Noth von einem Preußen Atzung. Gut. Wir vertrugen uns besser, als Mancher zu hoffen gewagt hätte. Und doch war die liebe Brüderlichkeit vielleicht nur eine künstliche. Als Paris capitulirt hatte und die Hoffnung auf den Friedensschluß zu berechtigen schien, da sing die Freundschaft zwischen Nord und Süd zu krebsen an. „Hören Se mal, Jotzke, dat is 'n Bayer! Wir hätten diese Leute nich' jebrancht; wären leicht alleene fertig jeworden mit den Franzosen." — „Justav, steh' mal, sieh' mal diesen trampeligen Kerl! Is jedenfalls 'n Bayer. Wie kann man solche Bären als Soldaten anstellen?" — „Stulte, Se einfältiges Kamel! Ich lasse Se zehn Tage in's Loch sbeereu, wenn Se nochmal mit 'nem Bayer smoliren. De sind zu dumm for 'n Preuße!" — „Blitz, Bomben und Granaten! Schwartcck, wie, 'n Bayer hat Dir 'ne Ohrfeige applicirt? Schäme Dir drei Ewigkeiten lang for dat preußische Heer! Brumme drei Strafwachen, weil et 'n Bayer war!" — Solche und ähnliche Liebenswürdigkeiten wurden fast täglich laut. Den 3. Mai bezog mein Bataillon Cautonnement im Städtchen Alfort. Auch ein preußisches Regiment lag daselbst. Am folgenden Morgen wurden wir von unserem Hauptmann zum Exerciren aus der Stadt geführt. Auf dem Marsch kamen wir an einem freien Platz vorbei, wo ein preußischer Unterofficier etliche junge Leute drillte. Sobald unser Compagnie-Chef außer Hörweite war, begann der über vier Mann Befehlende zu schreien: „Hört mal, Mannschaften! Sehet diese wandelnden Automaten an. — Det find Bayern. — Solch' tranrije Fijuren dürft Ihr nich werden. — Ich snje Euch noch mehr: et find Knödelfresser.-Wir waren bereits zu weit entfernt, um noch weitere Kosenamen des Unterofficiers Flurspecht vernehmen zu können. Abends besuchte ich ein Weingastlokal. Noch war hinter mir die Thüre nicht geschlossen, und schon ertönte Flurspecht's Stimme: „Habe die Ehre, altbayerischer Knödelfresfer!" Was sollte ich thun; mich schließlich in einen Scandal verwickeln? Nein, umgekehrt, in's Quartier gegangen und ein Glas Wasser getrunken! Am nächsten Abend, als ich bereits schlief, kamen mehrere meiner Compagniekameraden wüthend heim. Sie schimpften, fluchten, schworen Rache. Erst nach langem Poltern fand ich heraus, daß diese in meine gestrige Gesellschaft gerathen seien. Wieder einen Tag später besuchten unser zwölf Mann die bekannte Weinkneipe. Flurspecht uns sehen und mit seinen Mannschaften durch eine Hinterthüre verduften, war fast eins. Bald erscholl durch ein Fenster: „Ihr seid lauter altbayerische Knödelfresser l" — „Knödel- fresser!" cchoten auch die traurigen „Mannschaften", welche ihrem Unterofficier täglich den Wein bezahlen mußten. Unter meinen Landsleuten stieg die Erbitterung auf's höchste: man wollte diesen Menschen selbst auf offener Straße überfallen. Am 8. Mai kam ich Mittags von der Wache ab. Meinem Quartier gegenüber wurde echtes Hackerbräubier aus München verzapft, die Maß zu 30 Kreuzer. Schon einigemale war an mich die Versuchung herangetreten, von diesem Naß zu kosten; aber die Kosten! Heute unterlag jedes Bedenken in Betreff der Finanzen. Bald saß ich in der feinmöblirten Schankhalle des Hotels an der Marnebrücke. Bald stand in einem echt bayerischen Maßkrug das gewohnte, beliebte Nationalgetränk vor mir. Was sind für den Bayer alle Weine, selbst der feinste Bordeaux, den ich gekostet, gegenüber einer Maß „Münchener"! Nicht nur mit Verstand, wie man empfiehlt, sondern sogar mit einer gewissen Andacht schlürfte ich die entzückenden Tropfen. Erst als der Krug zur Hälfte geleert war, würdigte ich auch meine Umgebung einiger Aufmerksamkeit. Ich saß allein. Der Saal war fast leer. Nur zwei preußische Officiere thaten einige Meter weit von mir an einem Erkeriisch dem „bayerischen Braunen" alle Ehre an. Diese wurden in ihren Mittheilungen bald so laut, daß ich beinahe jedes Wort des Gespräches verstehen konnte. „Noch eines, Premier", sprach der ältere Officier, Namens v. Stechwitz, „ich werde morgen nur zwei Stunden lang exerciren lassen. Dann wird strenge Visitation der Tornister vorgenommen. Besonderes Augenmerk wenden wir dem „eisernen Bestand" zu. Ich fürchte, die Mannschaften haben vor dem großen Armeebefehl nicht die gehörige Achtung und naschen an der Erbswurst ohne Noth, während sie doch zu leben haben wie der Vogel im Hanfsamen. Halten wir bei dieser Gelegenheit die Daumen besonders auf den Unter- osficieren. — Hören Sie, Premier! — Schockschwerenoth! — Ich glaube gar, Sie schlafen? — Premicrlieutenant, schnell trinken Sie eine Flasche Wein! Es wäre die höchste Schande, wenn sich ein preußischer Officier gestehen müßte, er sei durch bayerisches Bier betrunken geworden." — Auch der Hauptmann v. Stechwitz lallte bereits, daß er nur noch mit Mühe zu verstehen war. Es ist zum Ausderhautfahren. Nicht nur die bayerischen Soldaten, nicht nur die bayerischen Knödel taugen nichts; selbst das Bier erhält kein Recht, weil es „bayerisch" ist. Unmuthig verließ ich das Gastlokal. Also, der preußische Hauptmann nimmt morgen Visitation des „eisernen Bestandes" vor. Was ist der „eiserne Bestand"? Da bet unseren zu befürchtenden Massenkriegen an eine Verköstigung der Heere mit frischen Naturalien nicht mehr zu denken ist, haben, ich weiß nicht wohlwollende oder speculative, Männer an künstliche Ernährung gedacht. Diese ist heute ziemlich ausgebildet. Man denke an „Conserven" und „Dörrgemüse". Die Erbswurst machte den Anfang. Obwohl nach der Weihnachtsnummer eines Berliner Blattes von 1870 ein Professor aus Königsberg behauptete, „die Zukunft (Erbswurst resp. Conserven) vergifte die Jugend," war gegen Ende des Monats Januar 1871 das ganze deutsche Kriegslager mit dieser Gabe überschwemmt. Das Ding bestand aus Erbsenmehl gehacktem Schinken und Salpeter. Die Form war compakt, wurstartig in Pergameutpapier. Diese Wurst, fein geschnitten und in Wasser gekocht, lieferte in wenigen Minuten eine schmachvolle, nahrhafte Suppe, aber auch bedeutende Unterleibswehen. Durch Gewohnheit blieben letztere aus und damit in der Regel auch der Appetit. Solche Dinger erhielten wir längere Zeit in Ermanglung von Fleisch als Nahrung. Eines Tages wurde uns mit besonderer Feierlichkeit eine Erbswurst überreicht, die man nicht verspeisen dürfe, sondern im Tornister herumtragen müsse, bis die höchste Noth eingetreten sei. 535 Dies nannte man den „eisernen Bestand": wohl deßwegen, weil auch Eisen nicht verzehrt wird. „Es lebe die Gemüthlichkeit!" rief unser Secondjäger Hamberger. „Jetzt geht das Hungerleiden erst recht an. Die Verpflegs- abtheilung will nichts mehr geben. Sie prahlt damit, daß soviel Erbswurst geliefert werde. Hat der Soldat eine solche, dann darf er sie nicht essen." Ich lag in meinem Quartier mißmuthig auf dem Stroh. — Also wir Bayern sind eigentlich Böotier. — Haben wir darum die Heimath verlassen, eine Unzahl von Mühen und Beschwerden ertragen, das Leben in die Schanze geschlagen, um endlich von den Preußen Mitleidig verachtet zu werden? — — So, so, morgen hält der Hauptmann v. Stechwitz Visitation über den „eisernen Bestand". Hm — —. Ein häßlicher Gedanke blitzte mir durch das Gehirn. — Häßlich, warum? — Der getretene Wurm krümmt sich. — Wozu ist der Menschheit und insbesondere dem Soldaten ein Recht auf Nothwehr gegeben! — Fünf Minuten später befand ich mich außerhalb der Wohnung. Ich kaufte in einem Bäckerladen für fünf Sons Weißbrod, bei einem Viktualienhändler vier Stück Eier und etwas Weizenmehl. In meinem Quartier folgte nun ernstliche Arbeit. Es wurde Feuer gemacht, Wasser darüber gesetzt, das Brod fein geschnitten, die Eier darangeschlagen und einiges Mehl beigemengt. Nachdem das Ganze etwas geknetet war, brachte ich die weiche Masse in runde Formen und legte diese in das kochende Wasser. Nach einer halben Stunde hatte ich die herrlichsten Knödel vor mir. Nun griff ich aus meinem Tornister eine Erbswurst, deren ich zwei besaß, löste sorgfältig ein Ende derselben und schabte mit einem Löffel den ganzen Inhalt heraus, so daß ich bald das leere Pergament in Händen hielt. Dahinein ließ ich nun Knödel auf Knödel geleiten. Fünf Stück fanden Raum. Das offene Ende der Wurst wurde nicht gebunden, sondern nur zusammengedreht. Mit diesem Produkt begab ich mich noch um r/zö Uhr Abends zu dem mir wohlbekannten Quartier des Unterossiciers Flurspccht. Sobald der nächste Morgen die Marne zu vergolden begann, ging ich zu meinem vorgesetzten Unterosficier, zeigte ihm meine Fußbekleidung, deren Absätze nothwendig einer Reparatur bedurften, und erhielt leicht Erlaubniß, die Hilfe des Compagnieschuhmachers in Anspruch zu nehmen. Somit hatte ich mindestens für den ersten halben Tag dienstfrei. Um 6 Uhr zog mein Bataillon zur Uebung aus. Ich wandte jetzt natürlich mein Augenmerk den Preußen zu. Eine Stunde später begann es sich auch vor dem Quartier Flurspechts zu regen. Bald waren die „Mannschaften" angetreten. Der Unterosficier besichtigte jeden Knopf an der Uniform, sämmtliche Riemen und Schnallen am Tornister, endlich die Waffen in all ihren Theilen. Hierauf sprach er im patzigstem Commandoton: „Man kann mit Euerer Propretät leidlich Zufrieden sein. Mach? mir auch vor dem Herrn Hauptmann beim Exercieren keine Schande. Noch eines! Ihr wißt, daß wir nie vor einer Untersuchung des „Kalbspclzcs" sicher sind. Sollte einer von Euch Fressalien darin haben, so werfe er sie sofort auf die Straße; sonst trifft Euch ein Donnerwetter! — Mannschaften — Marsch!" Vor der Wohnung des Hauptmanns vereinigte sich die Compagnie. Nach einigem Warten blickte der Feldwebel wiederholt nach den Fenstern des Chefs, konnte aber dort kein Leben entdecken. Endlich erschien der Lieutenant. Sofort wurde ihm die Meldung abgestattet, daß die Compagnie mit 160 Mann und 22 Unterofficieren am Platze sei. Der junge Mann sah auf die Uhr, schüttelte sein lockiges Haupt und führte die Truppe nach einer nahen Wiesenfläche. Hier wurde in Abtheilungen exerciert. Nach einer halben Stunde kam der Premierlieutenant herangewankt. Sein Gesicht zeigte entsetzliche Spuren von gestern. Er nahm schweigend die Meldung des Lieutenants entgegen und zog seinen schweren Kopf wieder in die Stadt zurück. Nach einer weiteren halben Stunde kam der Hauptmann v. Stechwitz geritten. Sobald er vom Pferd „gesprungen", rief er etwas heiser: „Compagnie — stille gestanden! — Ich will heute meiner Mannschaft etwas Ruhe gönnen. Der Dienst darf aber nicht Schaden leiden, darum halten wir eine kurze Untersuchung der Tornister, und insbesondere des „eisernen Bestandes", 'rr Premier!" — Da dieser nicht anwesend war, meldete ihn der Lieutenant als „krank". Stechwitz com- mandirte: „Gewehr in Pyramiden! — Tornister ab! — Znr Visitation bereit!" — „'rr Lieutenant! Ich untersuche in Ihrer Gegenwart die Tornister der Unter- officiere; hierauf thun Sie dasselbe mit den Unterofficieren bei der Mannschaft!" „Zu Befehl, Herr Hauptmann." Zuerst kam der Sergeant Jarke an die Reihe. Bet ihm fand sich alles in Ordnung. Der zweite Tornister, des Unterossiciers Flurspecht, verhieß dieselbe Pünktlichkeit. Obenauf lag die Mütze, dann der Putzzeug, und darunter blickte ein neues Flanellhcmd unmuthig hervor. „Gut", sprach der Hauptmann und ging einige Schritte vorwärts. „Doch halt!" rief er, „ich mnß auch den „eisernen Bestand" sehen!" — Flurspecht stand unbeweglich. — „Sergeant, bringe Er mir das Geforderte zur Ansicht!" Der Gerufene beugte sich über den Tornister, hob Mütze, Putzgegenstände und Hemd hinweg. Jetzt starrten aller Augen zwei Cigarrenkistchen entgegen. Das erste derselben erwies sich als leer. In dem zweiten befand sich ein der Erbswurst ähnliches Etwas. Der Sergeant reichte das Kistchen dem Hauptmann zur Besichtigung. Dieser ergriff die wurstähnliche Erscheinung an dem trockenen Ende, hob sie empor und plötzlich kollerten aus der Haut fünf kugelförmige, teigartige Dinger hervor. Stechwitz prallte zurück: er mochte Dynamit wittern, „'rr Lieutenant!" rief er endlich, „was soll das?" „Herr Hauptmann, dies sind Knödel. Ich lernte diese Ernährnngsart auf meiner vorigjährigen Reise in Süddemschland kennen. Die Knödel schmecken ganz famos; besonders wenn sie mit Schinken oder frischer Leber durch- woben sind." Stechwitz bot das Bild der Erdoberfläche vor einem schweren Gewitter. Schweigen — unheimliche Schwüle. Die Nasenflügel begannen zu vibriren wie elektrische Funken. Die vergrößerten Augen rollten wie Donner. Die Brust wogte auf und nieder wie das stnrmgepeitschte Meer. Endlich brach eine Fluth von Schimpfworten hervor-. „Den ehrenhaften Namen „Unterosficier" sind Sie nicht mehr werth; Sie haben ihn beschimpft, entehrt. Flurspecht! Ich muß Ihnen die Borten vom Waffenrock reißen und verbrennen. Ich bin genöthigt, Sie in den Soldatenstand zweiter Klasse zu versetzen. — Der preußische Soldat hat die erdenklichste Abhärtung 536 an den Tag zu legen, sich Mit Speck, Kommißbrod und Schnaps zu begnügen. — Was muß ich aber hier wahrnehmen? — Unaualisicirbare süddeutsche Leckerhaftigkeit, die strafbarste Vergeudung des „eisernen Bestandes", die vorschriftwidrigste Packung des Tornisters! — Was soll ich mit Ihnen anfangen?" „Herr Hauptmann!" begann Flurspecht zerknirscht, „ich gestehe alles ein, die Cigarrenkistchen, die fehlende Erbswurst; aber von den Knödeln weiß ich nicht, wie —" „Halten Sie Ihr Leckermaul!" schnitt ihm v. Stech- witz die Vertheidigung ab. „'rr Lieutenant, was denken Sie von der Angelegenheit?" „Herr Hauptmann, ich meine unmaßgeblich, wenn der Herr Premier hier wäre, könnte man gegen den Unterofficier scharf vorgehen. Nun aber, — wollen der Herr Hauptmann entschuldigen — bayerisches — Bier — „Genug, genug, 'rr Lieutenant! Der preußische Officter ist gegen seine Untergebenen immer zur Milde geneigt. Ich werde darum für Flurspecht die geringste Strafe verordnen. Er bekommt für jedes der drei Verbrechen einen Tag Haft. Sergeant, führen Sie den Delinquenten sofort in das Compagnie-Wachlokal ab!" Von dieser Stunde an wurde Flurspecht in Alfort nicht mehr gesehen. Es hieß allgemein, er hätte sich zu einem andern Regiment versetzen lassen. Uns kam der Name „Knödelfresser" nie wieder zu Ohren. ALleeLer» „Lord Rosse", — so erzählt „The World" — „ist bekanntlich einer unserer trefflichsten Mafchinen- Jugenieure. Jüngst kommt er auf einem Spaziergauge an einer Fabrik vorbei, in deren Hofraurrr eine Dampfmaschine arbeitet. Er stellt sich hin und sieht mit gelassener Aufmerksamkeit zu. Plötzlich schüttelt er mit dem Kopfe, zieht eine Uhr hervor und blickt nun abwechselnd bald auf die Uhr, bald auf die Maschine. Der Werkmeister kann sich das Benehmen des wildfremden Menschen nicht erklären. „Nun, was gibt's denn?" fährt er ihn an. „WaS ist Ihnen denn nicht recht?" — „O," sagt Lord Rosse, „mir ist Alles recht. Ich warte nur, bis die Maschine in die Luft fliegt." — „In die Luft, sind Sie verrückt, Mensch?" — „Nein, aber wenn noch zehn Minuten mit der gelockerten Schraube gearbeitet wird, fliegt sie gewiß in die Luft." Der Werkmeister sieht hin, erbleicht und läßt die Maschine stoppen. „Aber zum Teufel," sagt er dann, „warum haben Sie denn nicht früher Ihren Mund aufgethan?" „Wall«, entgegnete der Lord. „Warum? Ich habe ja noch nie eine Maschine in die Luft fliegen sehen!" Sprach's und ging höchst vergnügt von dannen. — * Auf der Jagd. Förster fzu einem Schützen): „Halt! Auf diesen schönen Hasen wird nicht geschossen!" — Schütze: „Warum denn nicht?" — Förster: „Auf den schießt der Herr Baron jeden Sonntag." * Dame des Hauses sauf einer musikalischen Soiree): „Herr Kapellmeister, bitte, spielen Sie das Adagio etwas schneller — es wird schon die Suppe aufgetragen." Vor dem Wildpretladen. „Gehst du morgen auf die Jagd, Männchen?" „Ja!" „Ach, weißt Du, da schieß' mir doch diesen Hasen hier!" * Kunstliebhaber: „An Ihrem Bilde kann man sich gar nicht satt sehen!" — Maler: „Eben deßhalb möcht' ich eS gern verkaufen." » I -*«> « -»- Versöhnlichkeit. Will bitt'rer Groll nicht aus dem Herzen weichen, Denk' Dir den Feind auf seinem Sterbebette, Wenn er auch noch so tief gekränkt Dich hätte, Hier müßtest Du versöhnt die Hände reichen. Bülk auf das Kreuz, des GottveriöhnerS Zeichen, Schau hin im Geist auf Jesu Todesstätte. Nach Seinem Vorbild für den Hasser bete! Als Jünger sollst Du ja dem Meister gleichen. Wenn Du wie Heiden folgst dem Rachetriebe, Woran denn sollen es die Menschen merken. Daß Du ein Christ; — wie kannst Du Kind Dich nennen Deß, den Johannes als die laut're Liebe Geprediget in Worten und in Werken? — Nie läßt vom Glauben sich die Liebe trennen. Ll. v. Himmelöschau im Monat September. —X. Venus H geht als Morgenstern 2 Stunden vor der Sonne auf. Mars F wird rechtläufig, sehr hell mit röthlichem Lichte, bewegt sich zwischen Widder und Walfisch und ist die ganze Nacht sichtbar. Am 18. steht er westlich vom Mond. Jupiter ?!, rechtläufig in den Zwillingen, geht auf zwischen 11 U. 15 M. und 9 U. 30. M. nachts, ist sehr hell mit weißem Lichte. Am 22. geht er 10 U. 2 M. abds. rechts unter dem Mond auf. Am 15. Sept. findet eine partielle Mondsfinsterniß statt. Anfang der Finsterniß 4 U. 35 M. früh, Mitte der Finsterniß 5 U. 31 M., Ende 6 U. 27 M. nach mitteleuropäischer Zeit. In Augsburg geht der Mond 33 M. vor dem Ende der Finsterniß unter. Die totale Sonnenfinsterniß am 29. Sept. ist in unserer Gegend nicht zu beobachten. . - Kreuz- und Huer-Mthsel. 1 2 bedeckt die weiten Fluren, S 4 ist, was Du nennest dein, > 1 4 verfolgt des Wildes Spuren, Schrill durch die Luft ertönt sein Schrei'n, 3 2 flieh'» vor des Jägers Meute Und werden doch noch seine Beute, 4 2 wirst du gewißlich kennen, Du siehst es in der Mägde Hand. 3 1 wird dir die Bibel nennen, Es ist ein Berg im heil'gen Land. Auflösung des Bilder-Näthsels in Nr. 63: Ein Sonnenblick macht Nebeltage vergessen. --MUZS--— 70 . 1894 . „Nugsburger Postzeitung". Dinstag, den 28. August Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas „Und dazu mußte ich mich mit hergeben!" rief Melanie^ in Thränen ausbrechend, ich, die ich Ihnen mehr als mein Leben verdanke!" Wolfgang faßte ihre Hand und drückte sie an seine Lippen. „Sie haben Alles wieder gut gemacht, und ich weiß nicht, wie ich Ihnen dafür danken soll. Aber nun sagen Sie mir, wie geht es Ihnen und was ist Ihnen begegnet, seit wir uns nicht gesehen hahen?" „Wenn irdische Glücksgüter wahrhaft glücklich machen können, so bin ich es," antwortete Melanie unter einem tiefen Seufzer. „Aber ich wage kaum, Sie zu fragen, wie Sie sich befinden, denn ich sehe, daß Sie krank sind, Herr Baron." „Nennen Sie mich nicht so," bat Wolfgang. „Nach allen den Ereignissen, die unser Schicksal verflochten haben, können wir uns nur als Geschwister betrachten, und wenn Sie mir gestatten wollen, Melanie, werde ich Ihnen ein Bruder sein an Stelle dessen, den Sie verloren haben." „Sie sind mir schon ein besserer Bruder gewesen," 538 erwiderte Melanie. „Aber Sie sagen mir nicht, ob sie krank sind, und doch fürchte ich dies, denn Sie haben sich sehr verändert. O, gewiß haben mein Bruder und ich dies verschuldet, Wolfgang!" Sie sprach seinen Namen zögernd und leise aus und das Blut stieg ihr in's Gesicht, als ob sie ihm gesagt hätte, daß sie ihn liebe. „Nein, Melanie, der Gedanke an mein Vermögen hat mir keinen Kummer verursacht; etwas anderes ist es, das mich elend gemacht hat." Er brach ab und fragte dann: „Ist es Ihnen bekannt, daß Felicitas in der Nähe weilt?" Melanie verstand ihn. „Ja, ich weiß," nickte sie sinnend, „sie hat mir von Nizza geschrieben. Ich werde sie besuchen und hoffe sie zu bewegen, mir die Gründe mitzutheilen, welche..." „Ich kenne die Gründe bereits und sie sind derart, daß ich meine letzte Hoffnung vernichtet sehe. Auf meiner Verbindung mit Felicitas würde der Fluch ihrer Mutter ruhen, an deren Lebensglück mein Vater in seinen jüngeren Jahren sich vergangen hat, ohne dieses Vergehen am Traualtäre zu sühnen." Melanie sank in den Stuhl zurück und blickte den Baron starr an. — „Das ist das Hinderniß? O, mein Gott!" rief sie mit einer verklärten Miene, als ringe sich eine schwere Last von ihrem Herzen los, „wenn Sie wüßten, Wolfgang, welche drückende Bürde Sie mir durch Ihre Mittheilung vomGewissen nehmen! Ich habe mich mit einem Geheimniß getragen, welches ich nicht verschweigen darf, dessen Enthüllung mir aber gleichwohl als eine Grausamkeit gegen Felicitas erschien, denn es beraubt sie nicht nur des Anrechts auf das Erbe ihres Vaters, sondern auch auf ihr eigenes Vermögen, welches an ihre Tante zurückfallen muß. Felicitas ist nicht das Kind derjenigen, die sie bisher für ihre Eltern gehalten hat. Der Fluch einer Frau, die nicht ihre Mutter ist, kann ihrem Lebensglücke unmöglich im Wege stehen." „Noch sprechen Sie in Räthseln, Melanie. Lösen Sie die bangen Zweifel, die noch immer der Hoffnung den Zugang zu meinem Herzen verwehren!" bat Wolfgang, die gefalteten Hände beschwörend gegen Melanie ausstreckend. „Ich weiß nicht, ob es Ihnen bekannt ist," antwortete Melanie, „daß das Vermögen, welches Frau Teßner von ihrem Großvater zu hoffen hatte, an Felicitas' Tante übergegangen wäre, wenn Frau Teßner's Ehe kinderlos blieb. Die Härte eines Großvaters, die eigene Enkelin zu Gunsten einer entfernteren Verwandten unter gewissen Umständen zu enterben, mag ihren Grund in der rigorosen Beurtheilung jenes Fehltritts gehabt haben, den Sie vorhin andeuteten. Frau Teßner schenkte ihremGatten einTöch- terchen, das aber bald nach seiner Geburt starb. Um jene Zeit es war während des Krieges 1870 — befand sich unter den Verwundeten, welche im Villenhofe verpflegt wurden, ein französischer Kapitän, Namens Bourdin. Er starb in den Armen seiner jungen Gattin, die ausFrankreich herbeigeeilt war, und die unglückliche Wittwe erlag den Anstrengungen der Reise und dem Kummer, nachdem sie einem Mädchen das Leben gegeben hatte. Teßner hörte von dem traurigen Ereignisse; er wandte sich an Frau Nölling, welche die Kapitänswittwe und deren Kind imBirken- häuschen pflegie, und bestach sie durch eine verlockende Summe Geldes, ihm das lebende Kind der Französin zu bringen, und dafür das eigene todte an die Seite der verblichenen Mutter zu legen. Durch diesen Betrug sicherte Teßner sich und seiner Frau das bedeutende Vermögen. Frau Teßner hat den Tod ihres Kindes und dessen Vertauschung mit einem fremden nie erfahren und deshalb Felicitas für ihre wirkliche Tochter gehalten." Wolsgang war eine Zeitlang sprachlos und glich einem Marmorbilde. Endlich brachte er stammelnd hervor: „So wäre Felicitas —" „Die Tochter des Kapitäns Alphonso Bourdin und dessen Gemahlin Irma," vollendete Melanie. „Beide ruhen neben den anderen Opfern des Krieges auf dem Dorfkirchhose." Kart Fürst zu Löwcnstcr». 539 „Und wie sind Sie mit diesen überraschenden Umständen bekannt geworden?" fragte Wolfgang. „Vor einem Monate ist Frau Rölling gestorben," antwortete Melanie. „Auf dem Todtenbette hat sie dem Pfarrer in meiner Gegenwart das Geheimniß gebeichtet. Aus dem kleinen Nachlaß des französischen Ehepaares nahm sie ein Medaillon mit Frau Bourdin's photogra- phischem Brustbilde au sich, um ein Andenken an die Verstorbene zu besitzen. Ich will es Ihnen zeigen." Sie erhob sich und eilte nach der .Villa. Der Baron sprang don seinem Stuhle empor und ging mit großen Schritten auf und ab. Er hätte sich Flügel gewünscht, um zu Felicitas eilen zu können. Plötzlich blieb er stehen. Er hatte das Gebüsch von Orangenbäumen vor sich, hinter welchem der Garten terrassenförmig gegen das Meer abfiel. Zwischen den Büschen war deutlich der Schattenriß einer männlichen Gestalt sichtbar. Als Wolfgang seine Aufmerksamkeit darauf richtete, entfernte sich der Schatten und tauchte allmählich in der tieferen Partie des Gartens unter, wo er verschwand. In diesem Augenblicke kehrte Melanie zurück. Sie brachte das Medaillon mit und legte es in Wolfgangs Hand. In den Anblick der Züge versunken, die Felicitas' Mutter angehörten, vergaß er den Vorgang, der ihn eben beschäftigt hatte. Die Aehnlichkeit mit Felicitas war frappant. Innig drückte er das Medaillon an seine Lippen. Dann sank er überwältigt vor Melanie auf die Kniee, ergriff ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen. „O, Melanie!" rief er, „wie reich, wie unendlich reich haben Sie mich heute gemacht! Sie haben mich vor der Armuth gerettet und nun haben Sie mir auch die Geliebte zurückgegeben. Sie sind der gute Engel meines Lebens und ich stehe beschämt vor Ihnen mit leeren Händen, denn Engeln hat der Sterbliche nichts zu bieten!" Melanie zog ihn sanft empor. Zu sprechen vermochte sie nicht. In ihren schönen Augen schimmerten Thränen edler Rührung. Wolfgang wollte mit dem nächsten Zuge zu Felicitas eilen. Melanie bat ihn jedoch, alles ihr zu überlassen. Sie versprach, morgen früh selbst nach Nizza zu fahren und ihm sofort nach ihrer Rückkunft Nachricht zu senden. Tiefbewegt schieden beide für heute. Als Rölling hinter dem Baron eben die Gartenpforte zuschloß, fiel diesem die Schattengestalt wieder ein, die er hinter dem Orangengebüsch beobachtet hatte. Er fragte Rölling, ob dieser vielleicht selbst im Garten gewesen sei. „Nein," war die Antwort, „ich bin bis jetzt in der Villa beim Einpacken beschäftigt gewesen und aus dieser nicht herausgekommen." Wie könnte ein Unberufener in jenen Theil des Gartens gelangt sein?" forschte der Baron weiter. Von der Bucht aus." „In welcher Absicht könnte sich aber jemand hier einschleichen?" „Es wäre gut, Herr Baron," versetzte Rölling, während eine dunkle Zornesröthe in sein Gesicht stieg, „wenn Sie Ihren Freund warnten, ehe ich meine Hand an seine Kehle lege." „Meinen Freund?" rief der Baron betroffen. „Meinen Sie damit Herrn Maitland?" „Ja, den meine ich. Seitdem das Fräulein hier ist, weicht er ihr nicht von der Ferse, trotzdem sie seinen Besuch durch mich entschieden hat zurückweisen lassen. Er soll sich in Acht nehmen, daß ich ihm seine Schurkerei nicht heimzahle!" Auf Drängen des Barons erzählte Rölling, wie hinterlistig Maitland Rettberg's Auswanderung nach Amerika hintertrieben hatte, um den Burschen in der Hand zu haben und sich dessen Schwester durch Drohungen gefügig zu machen, und wie er sich in Nölltng's Gefängniß Zutritt verschafft hatte, um zu versuchen, von diesem jene Papiere zurückzuerlangen, durch deren Verlust ihm die Macht über Melanie's Geschick entwunden worden war. Wolfgang erschrak vor dem tiefen Blicke, den Nölling's schlichte Vorführung jener Thatsachen ihn in den Charakter Maitland's thun ließ. Als er nach Hause kam, suchte er ihn sogleich auf. (Schluß folgt.) -SSWLS- Goldkörner. Wer etwas Treffliches leisten will, Hätt' gern was Großes geboren, Der samm'le still und unerschlafft Im kleinsten Punkte die höchste Kraft. Zähne, Wangenroth und Haare, Alles leider falsche Waare; Echt sind Herz und Zunge nur, Weil sie falsch sind von Statur. M. Kalbeck. - — -- Russisches Studentenleben. Ueber die Zustände an den russischen Hochschulen ist man in Deutschland meist schlecht oder mindestens sehr mangelhaft unterrichtet, und man bringt dieserhalb den akademischen Verhältnissen im Zarenreiche nur ein geringes Interesse entgegen. Eine Ausnahme in letzterer Hinsicht bildet die Universität Dorpat, deren Umwandlung aus einer echt deutschen Lehranstalt in ein russisch- slavisches Institut in Deutschland mit großer Aufmerksamkeit und vielfach mit einer gewissermaßen wehmüthigen Theilnahme verfolgt wird. Dabei darf nicht vergessen werden, daß das deutsche Element in den russischen Ostsee-Provinzen nur etwa zwölf Procent der Gesammtbevölkerung der baltischen Gouvernements ausmacht. Allerdings muß dieses Zehntel zum weitaus überwiegenden Theile in den intelligenten und besitzenden Klassen gesucht werden. Immerhin bietet das Leben und Treiben an den russischen Hochschulen, gerade weil es von unserm akademischen Leben vielfach ganz verschieden ist, des Interessanten genug dar. Zuvörderst sei bemerkt, daß keine der neun russischen Hochschulen auf ein hohes Alter zurückblicken kann. Die älteste ist die Moskauer Universität, welche im Jahre 1755 von der Kaiserin Elisabeth Petrowna (1741 bis 1762) begründet wurde; die jüngste die Universität in Tomsk in Sibirien, welche erst seit fünf Jahren besteht. Die meisten Universitäten wurden erst in diesem Jahrhundert in's Leben gerufen. Die Einteilung in drei oder vier Facultäten (Jura, Medicin, Philosophie bzw. Theologie) ist in Rußland unbekannt. Eine philosophische Facultät gibt es nicht, dafür eine juristische, medicinische, philologische, mathematische, naturwissenschaftliche und theologische Facultät. Meist sind aber 540 für die Theologen besondere Akademieen (Priester-Seminare) errichtet, welche mit der eigentlichen Universität in derselben Stadt in gar keiner Verbindung stehen. Auch haben viele Universitäten nicht sämmtliche Facultäten. So hat die Universität Odessa keine medicinische Facultät, Tomsk keine juristische, philologische und naturwissenschaftliche; die St. Petersburger Universität hat keine eigentliche medicinische Facultät. Dafür gibt es aber in St. Petersburg eine eigene medicinische Akademie usw. Ebenso bestehen für die russischen Universitäten keine ein- für Volksaufklärung (des Ministers für öffentlichen Unterricht) der Zutritt zu den Vorlesungen gestattet werden. Die Rectoren haben in dieser Hinsicht niemals das entscheidende Wort zu sprechen. Was sonst noch die Aufnahme-Bestimmungen anbelangt, so bestehen hinsichtlich der Jmmatriculation von jüdischen Studenten an sämmtlichen Universitäten ganz besondere Vorschriften. An der St. Petersburger Universität werden durchschnittlich nur fünf Procent jüdischer Studenten zugelassen, im Technischen Institut in St. Petersburg nur ein Procent KMMD MM MW W. Gräbhein: Der Rest vorn Fast. heitlichen Aufnahme-Bestimmungen. Obschon zahlreiche Mädchen-Gymnasien vorhanden sind, deren Schülerinnen nach abgelegter Reifeprüfung das Recht zum UniversitätsBesuch haben, so sind doch gegenwärtig in Rußland den Abiturientinnen von Mädchen-Gymnasien alle Universitäten verschlossen. Früher wurden an der medicinischen Akademie in St. Petersburg, ebenso in Moskau, junge Mädchen, welche das Abiturienten-Examen bestanden hatten, zu den Vorlesungen zugelassen. Sogenannten Hörern (Hospitanten), sowie Ausländern kann nur in Folge besonderer Erlaubniß des Ministers Juden und in der Ingenieurschule (für Brücken- und Eisenbahn-B.au) gar keine Juden. In Odessa, Warschau und Tomsk werden augenblicklich zehn Procent Juden zugelassen, aber auch nur solche, welche mindestens mit der Note 4 vorn Gymnasium kommen (in Rußland ist die Censuren-Scala eine andere als beispielsweise in Deutschland). Handelt es sich dabei um russische und polnische Juden, so werden die Ersteren bei der Aufnahme bevorzugt. Hin und wieder wird aber doch der Procentsatz der bet den Universitäten zulässigen jüdischen Studenten über- 541 schritten, und zwar wenn deren Angehörige persönlich bei dem Minister in St. Petersburg vorstellig werden. Dazu genügt allerdings nicht eine einzige Audienz, sondern die Bittsteller müssen sich jede Woche Monate hindurch beim Minister melden lassen. Ich reiste ein Mal aus Lit- thauen nach Warschau und fuhr auf der Eisenbahn mit einem aus St. Petersburg zurückkehrenden jüdischen Rentner zusammen, der seinen Sohn Jura studiren lassen wollte. Der junge Mann konnte trotz eines guten Abi- turienten-Zeugnisses nirgends immatriculirt werden, da Juristen, Medicinern und Philologen polnischer Nationalität (Katholiken und Protestanten) wird übrigens bei der Jmmatriculation an der Warschauer Universität neuerdings regelmäßig mitgetheilt, daß sie niemals auf eine staatliche Anstellung innerhalb der polnischen Gouvernements zu rechnen haben. Beanspruchen sie nach Absol- virung ihrer Studien derartige Posten, so können ihnen diese nur im Innern oder im Osten Rußlands verliehen werden. An den russischen Hochschulen gibt es keine Semester, WM MAN! «M« UMi ?!> UM MWW W. Gräbhein: Uom frischen Fasst die Zahl der jüdischen Studirenden nicht überschritten werden sollte. Sechs Monate hindurch erschien der Vater in St. Petersbnrg bei allen öffentlichen Sprechstunden des Ministers — die russischen Minister müssen jede Woche öffentliche Sprechstunden abhalten, bei denen keinem russischen Staatsangehörigen, auch nicht dem ärmsten, der Zutritt verweigert werden darf —, und schließlich wurde der junge Mann immatriculirt. Ein anderer Fall ist mir bekannt, bei dem die Jmmatriculation von zwei polnischen Studenten mit Hülfe von 1000 Rubeln gelang. Dieser Fall dürfte übrigens nicht vereinzelt dastehen. sondern nur Jahrescurse, wofür in allen Facultäten und an allen Universitäten je 100 Rubel zu zahlen sind. Für die Jmmatriculation hat man nur 25 Kopeken (52 Pfg.) zu entrichten. Juristen, Philologen, Mathematiker und Naturwissenschaftler haben je vier Jahrescurse zu absolviren, Mediciner jedoch müssen 5'/z Jahre studiren. Bei Schluß jedes Jahrcs-Cursus finden Prüfungen statt. Länger als zwei Jahre wird kein Student in einem Cursus geduldet. Hat er die Prüfung bei Jahresschluß nicht bestanden, so erfolgt seine Verweisung von der Universität. Jeder Cursus hat seine bestimmten 542 Vorlesungen, an diesen muß der Student theilnehmen. Eine Wahl hinsichtlich der Vorlesungen, wie beispielsweise in Deutschland, Oesterreich usw., gibt es auf den russischen Universitäten nicht. Natürlich kann ein Student auch ganz ruhig ein Mal ein paar Collegs „schwänzen", danach fragt Niemand. Er kann auch eine Viertel- oder halbe Stunde zu spät in's Colleg kommen, deswegen wird er nicht zur Rede gestellt. Die Hauptsache ist nur, daß er bei Jahresschluß die Prüfungen besteht, bei denen allerdings auf manchen Universitäten Polen (Katholiken), Deutsche (Protestanten) und Juden gegenüber den Na- tional-Nufsen in so fern benachtheiligt sind, als man den eigentlichen Russen die mündlichen Examina wesentlich erleichtert und den Uebrigen bedeutend erschwert. Vereinzelt kommen auch hier Bestechungen vor, wie sie an manchen Gymnasien leider nichts Seltenes sind, wo die Väter die Aufnahme ihrer Söhne von den Gymnasial- Dircctoren um 300—500 Rubel erkaufen müssen. Juristen und Philologen, welche der russischen Staatskirche angehören, erhalten nach bestandener Prüfung sofort Staats-Anstellungen, Katholiken und Protestanten seltener, Juden niemals. Es vergeht immer eine Reihe von Jahren, ehe man Jsraeliten staatliche Stellungen gibt, und dann auch nur in Ausnahmefällen. In Petersburg werden Katholiken, Protestanten und Juden immer noch am ehesten angestellt. An der Petersburger Universität bilden die katholischen und protestantischen Lehrkräfte zusammen mit einigen Juden den kleineren Theil des Lehrkörpers, während der weitaus größere aus echten Russen besteht. — An der Warschauer Universität gibt es mehrere katholische und protestantische Professoren, aber keine jüdischen. Die polnischen Gelehrten, welche die akademischeLaufbahn einschlagen,haben nurAussichtaufAnstellungbzw.Beförderung, wenn sie sich nach dem Osten versetzen lassen. An der Universität in Tomsk in Sibirien sind zwei polnische Professoren. Einer derselben, Pros. Zaleski (Saljessky), hat erst vor kurzem eine in der Gelehrtenwelt Aufsehen erregende Schrift über den Schirsee veröffentlicht. In Odessa, Kiew, Moskau und Charkow trifft man an den Hochschulen eine Anzahl Professoren polnischer Nationalität (Katholiken), während an der Warschauer Universität nur noch sehr wenige polnische Professoren lesen, und zwar gegenwärtig ausschließlich in russischer Sprache. Die russischen Studenten müssen, sobald sie das Universitätsgebäude betreten, in Uniform erscheinen. Auf der Straße zeigen sie sich gelegentlich auch in Civil. Bei feierlichen Anlässen kommt zu der Uniform noch der Degen. Facultät und Jahrescursus können an der Uniform nicht unterschieden werden. Die studentische Uniform besteht in dunkelblauem Anzug mit hellblauen Aufschlägen nebst gelben Metallknöpfen. Auch die Mütze ist von dunkelblauer Farbe. Die Universitäts-Professoren sind ebenfalls an ihrer Kleidung kenntlich: einem dunkelblauen Frack mit Knöpfen, auf denen der russische Adler angebracht ist. In oorxors erscheinen die Studenten niemals auf der Straße oder im Universitätsgebäude. Rotten sie sich ein Mal zusammen, so werden sie gewöhnlich sehr rasch durch Kosaken mit der Kugelpeitsche (aaUaMg.) auseinan- dergetrieben, sofort relegirt und der Polizei oder den Gerichten zur Bestrafung überwiesen. Meist erfolgen die studentischen Zusammenrottungen, um gegen mißliebige Professoren zu demonstriren. Die Universitäts-Rectoren werden von der Regierung ernannt und bekleiden das Rectorat oft viele Jahre hinter einander, bis sie entweder in eine höhere Stellung berufen oder pensionirt werden. Ein Verkehr zwischen Studenten und Professoren findet außerhalb der Hörsäle kaum statt. Zu den Bällen und Festlichkeiten in den Familien der Professoren werden die Studenten, abgesehen von den Söhnen eines Ministers, eines hohen Offiziers usw., nicht geladen. Für gewöhnliche Sterbliche, vor allem für arme Studenten, sind die ruf fischen Professoren ganz unzugänglich. Oeffent- liche Studenten-Versamm- lungen, Commerse u. dgl., welche von Universitäts-Professoren besucht werden könnten, sind in Rußland verboten. Die großen(Sommer-) Ferien währen an den russischen Hochschulen vom 15. Juni bis 15. August, die Öfter- und Weihnachtsferien je drei Wochen. Das fröhliche, heitere und oft ausgelassene studentische Leben wie in Deutschland ist in Rußland gänzlich unbekannt. Verbindungen oder Vereine zu. wissenschaftlichen oder geselligen Zwecken sind nicht gestattet. Die früher in Dor- pat nach Art der deutschen Verbindungen bestehenden Stu- denten-Vereine sind von der Regierung aufgehoben worden, theilweise haben sie sich selbst aufgelöst. In den geheimen studentischen Cirkeln und Vereinen herrscht ein sehr reges Leben. Man treibt darin mit Vorliebe Politik, natürlich nicht regierungsfreundliche, man beschäftigt sich vor allem mit der socialen Frage bzw. mit socialistischen und nihilistischen Gedanken. Natürlich spürt die Polizei diesen geheimen Cirkeln eifrig nach, und von Zeit zu Zeit gelingt es ihr auch, die Mitglieder einer solchen Vereinigung zu verhaften. Eine akademische Gerichtsbarkeit gibt es in Aeußere Ansicht der Wallfahrtskirche Geiersberg. MjZW WOL MW 543 Rußland nicht und somit auch keinen „Carcer". Die einzige Strafe, welche die Universität über die Studenten verhängen kann, ist die Relegation. Nur Polizei und Gerichte verurtheilen die politisch oder sonstwie belasteten Studenten, und zwar entweder zu Gefängniß, Zwangsarbeit oder Verbannung nach Sibirien. Im Allgemeinen sind die russischen Studenten arme Teufel. Die wenigen reichen Söhne von hohen und höher» Beamten, höhern Offizieren, Großindustriellen usw. verschwinden in der Masse vollständig. In Petersburg und Moskau bestreiten viele Studenten alle ihre Ausgaben mit 20 Rubeln monatlich (44 M.). Ein Student in Tomsk (Sibirien) schrieb mir vor mehreren Monaten, daß dort zahlreiche Studenten für die volle Pension monatlich nur 15 Rubel (etwa 32 M.) zahlen, Heizung undBeleuchtung einbegriffen. Die wohlhabenden Studenten in Tomsk zahlen etwa 30-35 Rubel für die Pension. In dem in Tomsk erscheinenden „Sibirski Wjest- nik" finde ich öfters Anzeigen, worin Studenten sich zur Ertheilung von Privatunterricht, zur Buchführung bei Kaufleuten, zu Uebersetz- ungen usw. anbieten. In Tomsk gehen Studenten mit Erlaubniß ihrer Professoren bis zu neun Monaten in „Kondition", d. h. sie nehmen für diese Zeit Stellung als Hauslehrer an und arbeiten für sich weiter. Nur einen bis zwei Monate vor den Prüfungen müssen sie pünktlich wieder Eintreffen. Natürlich ertheilen auch zahlreiche Studenten an Gymnasiasten oder sonstige Schüler Unterricht. Viele Studenten leben fast ausschließlich von privaten und staatlichen Stipendien, welche besonders die Moskauer Universität in großer Anzahl zu vergeben hat. Die staatlichen Stipendien erhalten fast ausschließlich National-Russen. Die Universitätsgebäude Aeußern wie im Innern unsern deutschen, sind meist awphitheatralisch gebaut. Kneipgelage, Mensuren oder nabele Passionen sind den russischen Studenten ganz unbekannt. Studenten- Duelle sind sehr selten. In Warschau kommen sie beispielsweise niemals vor, vereinzelt noch in St. Petersburg und Moskau, wo es Studenten vom Militär-Adel gibt, d. h. Osfizierssöhne. Fechtunterricht können vie Studenten nehmen; aber es lernen verhältnißmäßig wenige „pauken",und gute „Schläger" gibt es noch weniger. Die Militärverhältnisse der russischen Studenten sind ganz eigenartige. Das Institut der Einjährig-Freiwilligen gibt es in Rußland nicht. Der active Dienst beträgt bei den Landtruppen fünf bis sechs Jahre. Ein junger WttlllWtWIIIlllljllllllllliiitlltiiu Hochaltar in der Wallfahrtskirche Geiersberz. ähneln im Die Hörsäle Mann, welcher eine Universität absolvirt hat, befindet sich jedoch nur sechs Monate im activen Dienste. Hat er sich gut geführt, so wird er nach drei Monaten Offizier (je nach Wunsch in der Linie oder Reserve, aber nicht in der Garde). Gymnasial-Abiturienten dienen ebenfalls nur sechs Monate activ. Das erste medicinische Examen heißt nicht das „Phy- sicum", sondern die Prüfung vom ersten zum zweiten Cursus, und zwar wird in folgenden Fächern geprüft: Botanik, Zoologie, Mineralogie, Chemie, Physik, Anatomie usw., wozu auch noch die praktischen Uebungen im Laboratorium kommen. Im letzten (fünften) Jahrescurs beschäftigten sich beispielsweise die Studenten der Medicin mit Pathologie, Therapie, Chirurgie, Geburtshülfe, Frauenkrankheiten, gerichtlicher Medicin, Toxikologie, Ophthal- mologie, Herzkrankheiten, Hautkrankheiten usw. In den juristischen Cursen wird besonders Geschichte des russischen Rechts, Encyklopädie der juristischen und politischen Wissenschaften, Geschichte des Römischen Rechts, allgemeine und russische Geschichte, Civil- und Straf- Procedur, Civilrecht, internationales Recht usw. behandelt. In den mathematischen Cursen wird das Hauptgewicht auf Geometrie, Physik, Chemie, Differentialrechnung, Integralrechnung, Mechanik, praktische Astronomie usw. gelegt. Im ersten Jahrescursus für Philologen wird französische und russische Litteratur, allgemeine Geschichte, russische Sprache usw. behandelt. Im ersten Jahrescursus für Naturwissenschaftler wird Physik, Chemie, Anatomie usw. gelehrt. Im letzten Jahrescursus werden Paläontologie, technische Chemie, Geologie usw. gelehrt. Im großen Ganzen geht es in den Auditorien der russischen Universitäten nicht viel anders als in den oberen Klassen der Gymnasien zu, nur mit dem Unterschiede, daß die Professoren die Studenten bereits als Erwachsene behandeln und daß der einzelne Student, wenn er schließlich ein Mal einige Tage „bummeln" will, auch ruhig aus den Vorlesungen wegbleiben kann, ohne sich, wie schon erwähnt, entschuldigen zu müssen. Die meisten indeß arbeiten angestrengt Tag und Nacht, um die Prüfungen beim Jahrescursus bestehen zu können. Der Grundzug im Wesen des russischen Studenten ist ein ernster, verschlossener, der sich bei manchen Individuen bis zur Askese und zum Fanatismus steigert. Die eine Hälfte „büffelt" ununterbrochen, nur um so rasch als möglich die Examina hinter sich zu haben und eine Staatsanstellung zu erlangen — meist ein sehr bescheidenes, aber sicheres Brodplätzchen —, die andere Hälfte 544 Uicekönig Ki-Hung-Tschang. »M der Studenten huldigt revolutionären Plänen. Sorge und Noth sind aber bei den meisten die ständigen Begleiter nicht bloß durch die akademischen Jahre, sondern oft noch lange im bürgerlichen Leben. Nur Wenigen lacht die Sonne des Erfolges und des Glücks, und nur zu Viele finden in den Gewölben irgend einer Citadelle, zwischen den feuchten Mauern eines niedrigen Gefängnisses, auf den Schneefeldern oder in den Bergwerken Sibiriens einen frühen Tod. Aber Keinem von all' den ehemaligen russischen Studenten, gleichviel, ob sie es später zum berühmten Professor, zum Geheimrath, Gouverneur oder gar zum Minister gebracht haben, oder ob sie nur einfache Beamte, Aerzte, Lehrer usw. geworden sind, erscheinen in seinem Alter die akademischen Jahre in rosiger Verklärung. Es gibt in Rußland keine sorglosen Füchse, keine „Burschenherrlichkeit"; ein Jeder ist froh, wenn die Universttätsjahre vorüber sind und er in das bürgerliche Leben Hinübertreten kann. - —- Zu unseren Bildern. Karl Fiirst zu Köwenstein. Am Sonntag den 26. August 1894 nahm die dießjährige Generalversammlung der katholischen Vereine in Deutschland, kurz Katholikentag genannt, in Köln ihren Anfang. Tausende von katholischen Männern, Priestern und Laien, find nach Köln geeilt, um an den Berathungen theil zu nehmen und die Bedeutung der dort zu fassenden Beschlüsse zu erhöhen. Die Katholikentage haben für die deutschen Katholiken eine außerordentlich wichtige Bedeutung, da Hunderte von hervorragenden Männern dort zusammenströmen, um ihre Anschauungen auszutauschen und ihre Meinung zu läutern. Die Katholikentage find auch von einschneidender Bedeutung für die Stadt, welche die Ehre hat, den jeweiligen Katholikentag in ihren Mauern abhalten zu können, da neues religiöses Leben von demselben auszugehen pflegt und die gläubigen Katholiken an diesen Versammlungen ein Vorbild und eine Stütze finden zur Organisation, mit der sie ihre Rechte vertheidigen können. Die Wahl des Ortes für die Versammlung liegt in den Händen des Generalcomissärs, des Fürsten Karl zu Löwenstein, dessen Bild wir heute bringen. Fürst Karl zu Löwenstein ist geboren am 21. Mai 1834 und restdtrt zu Kleinheubach in Unterfranken. Er ist der Chef der katholischen Linie Löwcnstein, der Linie Löwenstetn-Wertheim-Rosenberg. Fürst Karl zu Löwenstetn hat sich um die katholische Sache in Deutschland und in Bayern hervorragende Verdienste erworben. Wo es galt, für die katholische Sache zu wirken, stand der Fürst mit an der Spitze. Im Reichstage und in der bayerischen Kammer der Reichsräthe hat er wiederholt die Rechte der Katholiken mit aller Entschiedenheit wahrgenommen und vertheidigt gegen die Angriffe, welche der Unglauben auf dieselben wagte. Er hat auch weite Reisen nicht gescheut, um aufzuklären, wo es nothwendig war und dadurch viel zur Erhaltung und Festigung der Einigkeit unter den Katholiken beigetragen. Der Generalcommissär steht im 6. Dezenium seines Lebens. Möge es ihm gegönnt sein, noch recht lange und recht oft das Amt auszuüben, das ihm das Vertrauen der Katholiken seit 26 Jahren übertragen hat! Der Rest vom Fast. — Dom frischen Fast. Ein guter Trunk macht Alte jung! heißt es im Sprichwort. Und nicht ganz mit Unrecht. Wie köstlich schmeckt doch das braune Naß, wenn es vom frischen Faße kommt! Da mag uns wohl auch der Postillon aus unserem Bilde beistimmen, der soeben im Begriffe ist, den Durst mit einer Maß Frischangezapften zu stillenl Das Bäuerlein dagegen, dem der Wirth das Letzte vorgesetzt, denkt gewiß anders! Seine bittersauere Miene sagt uns, daß das schaumlose Getränk nichts weniger als angenehm zu trinken. Wir glauben, der Mann ist froh, wenn er die Halbe glücklich „herauffen" — wenn er den „Plempl" am Ende nicht gar stehen läßt. Die Kirche auf dem Geiersberg bet Deggrndorf. Wer in das freundlich gelegene Städtchen Deggendorf kommt, möge nicht versäumen, den ganz nahe bei der Stadt gelegenen Geiersberg und dem dortigen Kirchlein einen Besuch abzustatten. Die Kirche, im gothischen Stile erbaut, ist eine Wallfahrtskirche, der Mutter-Goites geweiht, welche auf dem Hochaltare tn einem Tabernakel eine Rose (Losn wMiea) mit Christus dem Gekreuzigten auf dem Schoße darstellt. Dieses Vesperbild ist schon sehr alt und wurde in besonderer Verehrung gehalten. Es geht die Sage, daß in einem Geierneste auf diesem bewaldeten Berge ein Bildchen gefunden wurde, in welchem die Gottesmutter auf solche Weise dargestellt war, was Veranlassung zum Bau einer Kapelle und wahrscheinlich zur Kirche wurde. Der sehr schöne Flügelaltar wurde im Atelier des Kunstschreiners Ktefl in Deggendorf und des Bildhauers Keil in München gefertigt, von Maler Hämmerl in Deggendorf gefaßt, sowie von demselben auch die etwas eigenartige Tünchung ausgeführt. Uicekönig ßi-Hung-Tfchang. Von den Persönlichkeiten, die bis jetzt in der japanisch- chinesischen Verwicklung hervorgetreten sind, erregt am meisten Interesse die des chinesischen Vicekönigs Li-Hung-Tschang. Wie es scheint, wird indeß dieser merkwürdige Mann, der „chinesische Bismarck", wie er auch genannt wird, kaum mehr eine Rolle spielen, da er infolge des Unsterns, der über den ersten von chinesischer Seite unternommenen kriegerischen Maßnahmen schwebte, bei seinem kaiserlichen Herrn in Ungnade gefallen sein soll. Ueber ihn äußert sich ein in den betreffenden Verhältnissen sehr wohl erfahrener Berichterstatter: Li-Hung-Tschang ist noch in einem ganz andern Sinne allmächtiger als Bismarck; er erinnert vielmehr an Wallenstein, sintemal er thatsächlich fast der Eigenthümer einer Armee von 75,000 Mann und der besten Flotte im Osten ist. Er besitzt ungeheueren Reichthum und hat keine Feinde in dem Sinne, daß er sie alle besiegt hat. Es ist kaum eine Uebertreibung, wenn man behauptet, daß er und nicht der Kaiser der thatsächliche Beherrscher der 350 Millionen Zopfträgcr ist. Ungleich dem Kaiser, der aus der Mandschurei stammt, ist er ein reiner Chinese, und darin beruht zum Theil seine Stärke. Schon im Jahre 1860 nahm er eine solche Stellung ein, daß er mit dem berühmten Gordon zusammen speiste. 1880 wurde er Großkanzler. Es ist nicht das erste Mal, daß er in den Schatten der kaiserlichen Ungnade gerathen; schon 1870, nach dem Blutbade von Tientsin, ging er vieler Titel verlustig, weil er angeblich seinen Oberbefehlshaber im Stiche ließ; aber schon 1872 kehrte er in Amt und Würden zurück. Er ist jetzt 71 Jahre alt, steht also auf der Schwelle des Greifen- alters und mag es auch an Emsigkeit haben fehlen lassen. Immerhin ist er der einzige Mann in China, der allgemeine Autorität besitzt; man darf aber annehmen, daß der Verlust des Abzeichens der gelben Reitjacke ihn nicht ohne weiteres aus dem Sattel hebt. -- HL71. „Augsburger Postxeitung". Ireilag, den 31. August 18S4. ^ür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas " Wolfgang athmete tief auf. Der zermalmende Druck des Zweifels und der Furcht war von seinem Herzen gewichen. Dennoch zog Plötzlich ein trüber Schatten über sein Antlitz. „Du scheinst traurig, Wolfgang?" fragte FelicitaS besorgt. „Nein, Geliebte, traurig bin ich nicht," entgegnete er, sie auf die Stirn küssend, „aber selbst in der Seligkeit dieses Augenblicks gibt es etwas, das mich ernst stimmt, denn wenn ich daran denke, zu welchen schlimmen Entschlüssen ich mich in diesen Tagen unter dem Einfluß der Verzweiflung hinreißen ließ, so fühle ich im tiefsten 54b Herzen, daß ich der Güte und Gnade Gottes nicht würidg bin. Aber es ist vorüber, mein süßes Mädchen — es ist vorüber, und die Hölle hat keine Macht mehr über mich; Du hast sie ihr genommen. Doch laß uns über unserem Glücke nicht diejenige vergessen, der wir es zu danken haben. Wenn es gütige Feen gibt, so ist Melanie eine von ihnen!" Er wandte sich der Stelle zu, wo er Melanie zuletzt gesehen hatte, aber sie war verschwunden. Obwohl sie weniger an sich selbst als an andere dachte, obwohl das Glück des liebenden Paares ihrem Auge Thränen edler Rührung entlockte, so glaubte sie doch, ihr heftig klopfendes Herz müsse ihr zerspringen. Leise schlich sie sich davon und wandelte langsam die Gartenterrasse hinab. Auf diesem Wege entwarf sie ihren künftigen Lebensplan. Sie wußte, daß ihr das Loos der Entsagung zugefallen und daß es ihre Bestimmung war, auf das eigene Glück zu verzichten und dafür dasjenige anderer zu begründen. Nicht umsonst hatte sie in der Schule der Armuth die Nachtseiten menschlichen Daseins an sich selbst kennen gelernt. In dem schönen, stillen „Villenhofe" wollte sie ihre künftigen Jahre verbringen; jede Hütte des Dorfes sollte ihren Schritt kennen, und so weit ihre Macht reichte, wollte sie Freude und Sonnenschein um sich verbreiten. Ganz in diese neue Welt künftiger Pflichten versenkt, war Melanie eben an einer Gruppe Pinien angekommen. Mit dem würzigen Harzdufte, den diese verbreiteten, mischte sich ein unangenehmer Theer- und Steinkohlcngeruch, den der Wind von der nahen Bucht Herauftrieb. Plötzlich sprang hinter den Bäumen die hohe Gestalt eines Mannes hervor, der in einen langen dunkeln Mantel gehüllt war und einen Calabreserhut tief ins Gesicht gedrückt hatte. Melanie stieß einen lauten Schrei des Entsetzens aus, aber blitzschnell hatte der Mann sie mit starken Armen umfaßt, um sie nach der Bucht hinabzutragen. Daß es sich um einen Banditenstreich handle, war Melanie's erster Gedanke. „Um des Himmels willen, lassen Sie mich los!" rief sie flehend. „Sie sollen so viel Lösegeld haben, als Sie verlangen!" „Lösegeld," erwiderte der Fremde mit einer Stimme, welche ihr bekannt erschien, „eine halbe Welt soll Sie nicht auslösen, bis Sie ein Geschöpf geworden sind, das sich selbst haßt und verabscheut. In Deutschland wiesen Sie meine Liebe mit bitterer Verachtung zurück, aber jetzt habe ich Sie in sicherer Gewalt." Was ihr die bekannte Stimme nicht gleich verrieth, erschlossen ihr die eben vernommenen Worte: sie befand sich in der Macht des Mannes, der sie einst mit unwürdigen Anträgen verfolgt, der wie ein finsteres Schicksal verderbendrohend eine dämonische Herrschaft über ihren Bruder geübt und mit dieser Macht ihren eigenen Willen zu lenken versucht hatte, und der nun, da diese Mittel ihm nicht mehr zu Gebote standen, sich mit gewaltthätiger Hand ihrer Person versicherte. Ihre furchtbare Lage erkennend, wollte sie einen verzweifelten Hilferuf ausstoßen, aber er preßte das eine Ende feines Mantels auf ihren Mund und trug sie mit raschen Schritten weiter und weiter hinab. Wolfgang und Felicitas hatten Melanie's Schrei vernommen, welchen ihr der Schrecken beim ersten Anblick ihres Entführers entlockt hatte. Wolfgang vermochte genau zu unterscheiden, daß der Schrei von der Richtung der Bucht herkam, und sofort fiel ihm wieder jene Schattengestalt ein, die er gestern hinter dem Orangengebüsch beobachtet hatte. Er wollte eben hinabeilen, als Nölling herbeigestürzt kam. „Wo ist meine Herrin?" fragte er hastig, indem er angstvoll umherblickte. „Ich glaubte, sie sei hier bei Ihnen." „Sie war hier," antwortete Wolfgang, „aber sie hat sich unbemerkt entfernt." „Dort — dort!" rief Rölling und deutete mit bebender Hand nach den Terrassen, „von dort kam der Schrei!" Beide Männer theilten die gleiche Befürchtung, sie hatten einander im Nu verstanden und rannten in wildem Laufe den nach der Bucht sich hinunterziehenden Theil des Gartens hinab, während Felicitas ihnen mit zitternden Gliedern folgte. Bald sahen sie vor sich im hellen Mondeiflichte die Gestalten des Entführers und seiner Beute, die sich ver- zweiflungsvoll in dessen Armen wand. Der Räuber hatte fast die Bucht erreicht, in welcher eine schlanke Dampf- Nacht lag. Ein Brett bildete eine Brücke zwischen dem Strande und dem Fahrzeuge und auf dem letzteren standen mehrere Männer mit rothen genuesischen Mützen bereit, das Brett wegzuziehen, sobald der Erwartete mit feinem Raube an Bord sei. Nur wenige Secunden hätte es hierzu noch bedurft, aber Nölling schnitt mit einigen gewaltigen Sprüngen dem Räuber den Weg ab, und dieser, die herkulische Kraft seines Verfolgers kennend, wandte sich seitwärts um und lief den Strand entlang, seinen gedungenen Mithelfern auf dem Schiffe mit lauter Stimme einige italienische Worte zurufend. Auf dieses Zeichen stürzten sich drei Männer von der Dacht auf Rölling. Zwei davon packte der Riese sofort beim Kragen, und mit jeder seiner nervigen Fäuste einen emporhebend, schmetterte er beider Köpfe mit so furchtbarer Wucht gegen einander, daß die Angreifer besinnungslos zu Boden stürzten. Während er sich der Revolver bemächtigte welche die Betäubten im Gürtel trugen, feuerte der Dritte auf Nölling einen Schuß ab, der jedoch nicht traf, und floh nach der Jacht zurück. „Hierher! hierher!" hörte Nölling die Stimme des Barons. Dieser war inzwischen dem Entführer Melanie's gefolgt, welcher, besorgt um seinen Raub, in blinder Hast einen über das Meer hinausragenden Felsen erstiegen hatte, an dessen weißer Wand sich rauschend die Wellen brachen. „Hier steht der Schurke!" rief Wolfgang, an dem Felsen emporkletternd. „Ich kenne ihn nur zu gut!" Oben auf dem äußeren Felsende stand Maitland, den linken Arm krampfhaft um Melanie geschlungen, in der rechten Hand drohend eine Schußwaffe haltend. Nölling war inzwischen herangekommen und hatte dem Baron einen der erbeuteten Revolver in die Hand gedrückt; aber keiner der beiden Männer wagte auf Maitland zu schießen; aus Furcht, Melanie zu treffen. Maitland's hohe Gestalt war klar und deutlich im Mondlichte sichtbar, und Wolfgang und Nölling konnten, da sie keine fünf Schritte von ihm entfernt waren, sogar seine Züge und den Ausdruck wilden Grimms darin unterscheiden, als von der Bucht her zischend eine weiße Dampf- 547 Wolke aufwirbelte und die Jacht eilfertig in die offene See htnauSdampfte. „Zurück, Herr Baron von Sturen," rief Maitland, „und hören Sie ein paar Worte an l Als wir uns zuerst trafen, fühlte ich, daß unsere Geschicke aneinander gefesselt seien. Ich hatte mit Ihnen abzurechnen und wollte Sie in meine Macht bekommen; jetzt bin ich in der Ihrigen. Wenn Sie mich über diesen Felsrand treiben, so jagen Sie nicht nur dieses Mädchen in den Tod, welches Sie liebt, sondern Sie tödten auch Ihren eigenen Bruder — ja I Ihres Vaters Sohn, Herr Baron, den Bastard, dem Sie seine natürlichen Rechte gestohlen haben." Wolfgang war einen Augenblick starr. Die eben vernommenen Worte bestätigten die furchtbare Wahrheit jener Vermuthung, an welche er nicht hatte glauben wollen. Er wich, wie vor einem Gespenste, vor Maitland zurück, und die Hand mit dem drohend erhobenen Revolver sank kraftlos herab. Maitland stieß ein höhnisches Gelächter aus. „Trögst Du Bedenken, Brüderchen," rief er, „die Mordwaffe gegen das väterliche Fleisch und Blut zu erheben? Für mich gibt es solche Scrupel nicht. Hinweg! sage ich Dir; hinweg mit Euch beiden oder —" Er streckte die Hand mit dem Revolver gegen Wolfgang aus, aber ehe er noch losdrücken konnte, hatte Rölling mit einem Satze den Zwtschenraum übersprungen und riß Melanie aus Mait- land's Armen. Dieser wollte der ihm entwundenen Beute nachstürzen, erhielt aber von Rölling einen solchen Stoß in die Brust, daß er unaufhaltsam gegen den Rand des Felsens zurücktaumelte. Selbst in diesem Augenblicke, der, wie er fühlte, sein letzter war, schlug noch in ihm der Fieberpuls der Leidenschaft. Blindlings feuerte er seine Waffe gegen Melanie ab. Ein Blitz — ein Knall — Maitland's Gestalt war kopfüber von dem Felsen verschwunden und Rölling, von dem zu hochgehenden Schusse in den Kopf getroffen, taumelte, noch im Todeskampfe seine gerettete Herrin festhaltend, von dem Felsen zu Wolfgang's Füßen herab . . . In den Armen FelicitaS' erwachte Melanie aus einer tiefen Ohnmacht. AIs sie sich des Geschehenen erinnerte und ihren Netter mit zerschmetterter Stirn kalt und regungslos daliegen sah, warf sie sich mit einem erschütternden Schmerzensschrei neben ihm in die Kniee. Das Hinscheiden des eigenen Bruders hatte sie nicht so zu ergreifen vermocht, als das Ende dieses Mannes, der heldenmüthig für sie in den Tod gegangen war. Aber mitten in ihrem Schmerze kam ihr beim Anblick des ruhigen, friedlichen Todtenantlitzes ein tröstender Gedanke: nie mehr hätte er auf Erden diesen Frieden gefunden. Sie wußte es nur zu gut, daß die Erinnerung an sein früheres Leben wie ein nicht zu ertödtender Wurm an seinem Herzen fraß. Seine Reue konnte vor den Menschen nicht vergessen machen, was er einst gewesen und gethan; aber der Richter aller Richter, vor dem er jetzt stand, sah gnädig auf seine letzte That der Sühne und löschte die Schuld seines Lebens aus . . . Maitland's Leiche gab das Meer nicht zurück, doch sein Geist lebt noch immer und sucht zu vernichten, was gut und edel ist. Glücklich jeder, dem er sich nicht in der täuschenden Hülle eines Freundes naht. Wehe aber demjenigen, der einen Maitland gar in seinem eigenen Herzen trägt! Das Schvheulresl. Eine wahre Geschichte. Erzählt von Robert v. Hagen. «Nachdruck «rrbotk».) „Aha, das Schützenliesell" ruft der verehrte Leser; „die kenne ich ja auch vom Schützenfeste in München her. Es war ein bildschönes, flinkes Mädel, und wem die das Bier gebracht hat, dem hat's «och 'mal so gut geschmeckt, als sonst." Aber diesmal fehlgeschossen, mein lieber Schütze! Ich erzähle hier von einem anderen Schützenliesel, vom Original-Schützenliesel, die allen jenen, welche Anno 1868 am großen Bundesschießen im Wiener Prater theilge- nommen, unvergeßlich sein wird. Wer die Geschichte aber noch nicht kennt, dem will ich sie nach Schützenart kurz und schlichtweg hier erzählen. Also unter den Tausenden, welche zu dem Schützenfeste gekommen waren, befand sich auch der Sturzvogelwirth Tobias Stahlaner, der beste Schütze, soweit der Jnn sein liebes Tirol durchläuft. Das ist bekannt, und darüber wird nicht gestritten, und seine Tochter, das blitzsaubere Liesel, die hatte er mitgebracht. Sie hatte sich's nicht nehmen lassen, ihren Vater nach Wien zu begleiten, nicht etwa aus Neugierbe, die Kaiserstadt zu sehen und dann in ihren Bergen damit prahlen zu können — nein! „I will mitschießa, Vota (Vater)," sagte sie zum Sturzvogelwirth, „i will denn fein' Leut' drin zeig«, daß de Tirolermadel auch guat schieße könne und nit nur alleweil Kühmelken und Jodeln!" „Mir is scho recht," sagte der Stahlaner Tobias, „kannst scho mitkomma; aber i glaub' nit, daß Dir's erlauben werden, die andern, das Schießen; denn de G'schich't ist ja doch nur für uns Mannsleut' herg'richt'." „Sie wern's scho erlauben," erwiderte das Lresel voller Ueberzeugung, „und i werd' Dir a ka Schand nit mache, Vota, das kannst mir glauben." Das letztere hätte sie ihrem Vater nicht erst zu versichern brauchen; denn das Liesel schoß fast ebensogut wie er, und die Büchse hatte sie seit Kindesbeinen her lieber in der Hand gehabt, als das dumme Strickzeug. Also die Sache war abgemacht: die Wirthschaft wurde der ältesten Tochter, dem Nandl, übergeben, denn die Mutter war schon lange todt, und mit einem jauchzenden „Haldari dio" nahmen Vater und Tochter kurzen Abschied von den geliebten heimathlichen Bergen. Zwischen Berg und Thal Da liegt der Wasscrfall. Haldarodio dio io! Juhl Ein Prachtmädel, das Liesel! Das seine gesunde und runde Gesichte! I Und angethan mit dem so kleidsamen Tirolerkostüme, den kecken feschen Hut voller Eoel- weiß, die blanke Büchse über die mollige runde Achsel gehängt — so hätt' sie damals der Defregger sehen müssen — da wär' ein Bild draus geworden, das sich gewaschen hätt'! Das Liefe! wurde in ihrem Vertrauen auf die Galanterie des Schützen-Komitees in Wien nicht getäuscht. In liebenswürdiger Weise wurde ihr am Schießstande Platz gewährt. Aber sie wollte diese Vergünstigung nicht so ohne weiteres annehmen und stellte selbst die Bedingung: „I mach' zuerst an Schuß; triff i etni ins Schwarze, so könnt's mir's erlauben; triff i nit eint auf'n ersten Schuß, so laß i's Schießen ganz bleiben!" Und schon legte sie den Stutzen an die frische «sAk-e» 548 Wange, die wie Milch und Blut erschien, — der Schuß krachte und — „mitten drin war er!" In respektvoller Bewunderung umstanden nun alle das allerliebste Diarndel, das dann im Verlaufe des Vormittags auf diversen anderen Scheiben fast ausschließlich nur Meisterschüsse abgegeben hatte. Wie ein Lauffeuer ging's über den Schützenplatz vom Liesel, seinem famosen Schießen, und jeder wollte sich das Wunder-Liesel 'mal angucken. Ja, am nächsten Tage waren einige Zeitungen so indiskret gewesen, ganze lange Artikel über die moderne „Wilhelm Tellerin" zu bringen. Und wieder stand das Liesel an der Seite ihres Vaters, der sich nicht minder bereits als trefflicher Schütze hervorgethan hatte, und sie bewies denn auch, daß die Tiroler Mädeln noch mehr als das Kühmelken und Jodeln verstehen. Da machte sich plötzlich eine allgemeine Bewegung unter den übrigen Schützen bemerkbar, und gefolgt von dem Präsidenten, einigen Komiteemitgliedern und mehreren anderen trat ein bereits älterer Herr, der das Band der Ehrenlegion im Knopfloche trug, an den Schießstand. „Seine Durchlaucht der Herr Herzog von G., Gesandter von X.," so wendete sich der Präsident an das Schützenliesel, „möchte das Vergnügen haben, die ausgezeichnete Schützin begrüßen zu können." „Was will er denn von mir? Ich kenn' ihn ja gar nit." „Seine Durchlaucht haben von Ihrem Meisterschießen gehört und möchten Sie persönlich kennen lernen." „Na, wenn's weiter nix is," erwiderte das Schützenliesel; „da steh' i!" Der Herzog kniff sein Monokle ins rechte Auge, lüftete leicht seinen Cylinderhut und sagte in näselnder Stimme: „Lla pstits, js suis suvstanis äs kairs votrs oonvaissauosl" „Ja," erwiderte die List, „wenn Du mit mir reden willst, nachher muaßt scho tirolerisch sprechen; denn dös Kramszeug da, dadervon versieh' i ka Wört'l. Was willst denn eigentli von mir?" Alle Umstehenden, mit Ausnahme des Sturzvogelwirthes — denn der fand das ganz natürlich — waren wie versteinert, und einige konnten das Lachen nur mit Mühe unterdrücken. Der Herzog, welcher der deutschen Sprache nur höchst unvollkommen mächtig war, hatte von ihrer Erwiderung überhaupt nur das „Du" verstanden, und sich an seine Begleiter in französischer Sprache wendend, sagte er: „karstlsu, ich glaube gar, die Kleine da duzt mich?" „In der That, Durchlaucht!" antwortete ein junger, hübscher Aitachö, der Graf von St. Fallier; „das Mädchen sagte „Du" zu Eurer Durchlaucht." „Lla.i8 — waas — aber, Mademoiselle, ich finden sehr komisch, daß Sie sak zu mir „Du"; ich sein der Herzog von G." „Ja, wie soll i denn anders zu Dir sagen, als Du? I wüßt' wirkst nit!" „Euer Durchlaucht," sagte ein Herr vo« Komitee, „die Leute im Tiroler Gebirgskunde, die sagen zu jedem „Du", und selbst wenn einer beim Kaiser zur Audienz ist, so sagt er schlankweg: „Du, Herr Kaiser!"" „Ah, charmant, charmant!" sagte der Herzog unter Lachen; „das ist ja sehr amüsant! Wollen Sie, L xrop08, das hübsche Kind ersuchen, einen Schuß zu thun, damit ich mich von ihrer so gerühmten Fertigkeit überzeuge.« Man übersetzte die Bitte des Herzogs ins Deutsche. „Na, na, schieß nur Du zuerst," sagte sie zum Herzog; „zeig' mal, was D' kannst! Zuerst kommst Du dran; dafür bist a Herzog — und nachher komm i!" Damit reichte sie ihm ihre eigene Büchse. Seine Durchlaucht kam ihrem Wunsche nach, klemmte sein Monokle fester ins Auge, legte an und — schoß der Luft ein Loch. „Gieb her die Büchsen!" sagte das Schützenliesel, und von dem anmuthigen Gestchtchen waren Unwillen und Ungeduld herabzulesen. „So a Schuß is aus der Büchsen no niemals raus kommen! Muaßt das Schießen no besser lernen. Und dann horch, was i Dir sag': A rechter Schütz und Jaga, wenn er was treffen will, der darf sich nimmer so a Fensterglas ins Aug' reinkleben, wie's Du da hast." Sie nahm die Büchse aus seiner Hand und schickte sich an, nun ihren Schuß zu thun. Da, wie mit magnetischer Gewalt gelenkt, wendete sich ihr Blick nach dem einige Schritte entfernt stehenden Grafen St. Fallier, welcher wie bezaubert und in Verzückung während des ganzen Vorganges kein Auge von ihr abgelassen hatte. Sein feuriger^ bewundernder Blick traf sie, und einen Moment schien sie wie gebannt von demselben. Schnell aber faßte sie sich und reichte dem jungen Manne die Büchse hin. „Probir's 'mal Du," sagte sie; „vielleicht haben Deine Augen bessere Kraft, als die vom Herr Herzog!" „Ich will's versuchen," erwiderte der junge Kavalier lächelnd in ziemlich fließendem Deutsch, und dunkle Nöthe überzog seine schönen, edlen Züge. „Schiaß guat!" sagte das Schützenliesel; „i denk' mir 'was dabei. Wenn st triffst, so is's richtig, das, was i mir denk'! Wennst nit triffst, dann is's halt nit richtig!« Der junge Graf zielte — zielte lange — dann ein kurzes Sausen — und „Centrum!" rief man allseitig. „Jesus, Maria und Josef!" bebte es leise von den rosigen Lippen der Tirolerin. „'s is richtig so!" Freudestrahlenden Auges brachte der glückliche Schütze dem Mädchen die Büchse zurück, und mit Spannung erwartete man nun auch den Schuß, den das Schützenliesel abzugeben hatte. Sie nahm den Stutzen mit merklicher Erregung zur Hand, legte an — die Hand zitterte — das Auge war unruhig — der Schuß krachte und — ging fehl, weit, weit — links ab von der Scheibe! „Was machst denn, Madel? Bist wohl nicht recht g'scheit, Liesel?« rief ihr Vater erbost. „Die Schand' mußt wieder gut machen. Flink nacheinander schloß dreimal ins Schwarze, wennst nit willst, daß Dein Vater zornig wird." Und das Schützenliesel schoß; ein-, zwei-, dreimal -fehl! Sie stampfte mit beiden Füßchen, und Thränen traten ihr in die engelhaft schönen Augen. „Kum, Vater," sagte sie, „kum, i will's nit wieder thun. I weiß nit, was mir fehlt! I glaub, t bin a bissel krank." > r 549 ^ ' » t Dann trat sie an den Herzog heran und sagte treuherzig: „Herr Herzog, sei nit bös, daß i Dich vorhin verspott' hab' wegen Deinem schlechten Schiaßen. I hab's no schlechter g'macht als Du." Die väterliche Liebe und Besorgniß des Vaters, sein Kind sei etwa doch plötzlich krank geworden, besiegten feinen anfänglichen Zorn über die schreckliche Schand', und mit einem „Grüaß Gott, Schützen!" ging er mit seiner Tochter ab. Als sie bei dem jetzt etwas entfernter stehenden Grafen St. Fallier vorüberkamen, da wendete sich das Schützenliesel unbemerkt zu ihm und sagte leise in vorwurfsvollem Tone: „Da bist halt Du schuld, Du böser, böser Mensch, — zwcßwegen hast mich denn alleweil so ang'schautl" » * * Nordwestlich von Brixen in Tirol befindet sich der sogenannte Sturzvogel. So recht heimlich und versteckt liegt dort das herrliche Anwesen des reichen Tobias Stahlaner, der im Leben schon mindestens fünfzigmal Schützenkönig war und mehr zum Zeitvertreibe, als aus Gewinnsucht so nebenbei eine Gastwirthschaft betreibt. Die Schützenkönigswürde ist bei ihm die Hauptsache. Da stand er, wie er leibt und lebt, vor der Gogel- wtrthschaft und untersuchte einen nach dem andern von den vor ihm liegenden prächtigen Stutzen. Denn in einigen Tagen war ja wieder großes Vogelschießen in Brixen, und da mußte er doch auch dabei sein. Ging's denn ohne ihn? Da kam plötzlich in großer Eile Loisel (Alots) der Viehhirt und schrie, soweit es der Kapitalkropf, den er sein eigen nannte, zuließ: „Gogelwirth, am Jnnersturz is aner obig'fallen; i hon sei Stimm' g'hört, aber alloi kann i ihn nit ausfi- hol'n." „So geh' holt hintri in die Scheun', der Hansel soll mit Dir geh'n, die Strick' und die Steigeisen mitnehmen. Wenn s gar schlimm sein sollt', so tragt's ihn halt zusamm' nach dem Kloster hin, nach Mariabrunn — wenn die Knochen aber no ganz find, dann bringt's ihn in Gottesnamen her. Es ist halt Menschenpflicht l" Loisel that, wie ihm geheißen, und in Gemeinschaft mit dem ebenfalls kropfigen Hansel ging's eiligen Schrittes dem Jnnersturz — einem gefurchtsten Bergfalle — zu, dem Verunglückten Hilfe zu bringen. Denn das Tirolerherz ist ein ungeschliffener Diamant, aber immerhin ein Diamant, und wenn Loisel oder Hansel beim Kirchweih- feste im blutigen Faustkampfe einen halbtodt geschlagen hat, so wacht er denn auch Tag und Nacht beim Lager des Verletzten, Pflegt ihn in aller Sorgfalt und betet einen Rosenkranz nach dem andern zur heiligen Jungfrau Maria Muttergottes, damit er wieder recht bald g'snnd wird — und sich dann wieder von frischem raffen (raufen) kann! „'s wird halt wieder so a Fremder sein," brummte der Gogelwirth in den Bart hinein; „die Leut' hab'n kein Dunst vom Bergsteigen; aber auffi müssen's halt, ohne dem geht's nit!" Der Gogelwirth hatte recht; eS war richtig ein Fremder, mit dem die beiden Knechte eine Stunde später bet der Wirthschaft ankamen. „Die G'schicht wird nit schlimm sein," sagte Tobias Stahlaner zu seiner Tochter, dem Schützenliesel, das soeben von Sellach, wo Jahrmarkt war, gekommen war und der er von dem Unfälle erzählt hatte; „Liefe!, mach's Fremdenlager zurechtl" Das Schützenliesel eilte, dem Befehl ihres Vaters nachzukommen „Ich danke Euch, Ihr guten Leute, für Eure große Mühe und Aufopferung; ohne Euch wär' ich wohl elend zu Grunde gegangen," so sprach der Fremde, als er anscheinend unter großen Schmerzen auf der Holzbank, welche vor der Wirthschaft stand, Platz genommen hatte Seine Sprache klang fremd, wenngleich er sich auch im Hochdeutschen ziemlich gut auszudrücken wußte. „Meine Kräfte drohten mich bereits total zu verlassen, und das Wurzelwerk, an dem ich mich krampfhaft hielt, schien sich bereits aus der Erde zu lockern. Hättet Ihr mir nicht noch zu rechter Zeit die Leine zugeworfen, ich wäre tief hinabgestürzt in die finstere Kluft und hätte meinen Kopf wohl an irgend einem Felsen zerschmettert." „Ja, schau," sagte Loisel in belehrendem Tone, „warum bist' denn auffi g'stieg'n?" „Na ja," ergänzte der Hansel und blähte seinen Kröpf auf, „wärst halt nit auffi g'stieg'n, wärst halt nit abi g'fall'n." „Nun, Euer Schade soll's ja nicht sein," erwiderte der Fremde, „ich will Euch reich belohnen. Jetzt aber seht zu, daß ich mich auf Heu oder Stroh recht weich hinlegen kann; denn ich glaube, ich habe außer den vielen Schürfungen den linken Fuß gebrochen. Die Schmerzen nehmen schon überhand." Die letzten Worte hatte der Gogelwirth, welcher eben aus dem Hause heraustrat, vernommen. „Wenn a Fremder beim Gogelwirth Unterkunft sucht, so braucht er grad nit immer auf Heu und Stroh zu liegen," sagte er mit einem gewissen Stolz. „Das Fremdenbett oben is zurecht gemacht. Es wird Dir wohl nit zu schlecht sein — so glaub i. Im vergangenen Jahr hat der Vetter vom Kaiser, der Erzherzog Heinrich, drin g'schlafen, und am andern Morgen hat er g'sagt: „Gogelwirth, z'Haus mei Bett is auch nit besser!" „Frisch überzogen iS halt auch," so ergänzte noch der Gogelwirth. „Und jetzt laß Dich 'rauftragen; i werd unterdessen nach Brixen schicken um'n Doktor, vorher aber noch die alte Ursula aus der Sennhütte herab- holen lassen; die taugt mehr, als alle Doktoren; sie wird Dir 'was auflegen, da wo 's Dich schmerzt. Brauchst Dich gar nit zu geniren vor ihr; 's is ja bloß a altes Weib und die Stucker neunzig Jahre hat's bereits am Buckel." „Dann seid auch so gut," sagte der Fremde, „gebt mir ein Stück Papier, damit ich meinen Diener, welcher in Brixen im Hotel zum Erzherzog Johann auf mich wartet, benachrichtige, wo ich mich befinde, und damit er mit dem Gepäck hierher kommt." „Das geschah, und der Kranke wurde sodann nach dem oben gelegenen Fremdenzimmer, welches die herrlichste Aussicht auf die mächtigen Berge und hinab in ein reizendes Thal gewährte, transportirt. „Ich muaß den Menschen schon wo g'sehn haben tm Leben. I hätt' ihn gern g'fragt, wer er is und woher er is.-I hätt'S auch 'than, wenn er g'sund wär', — aber an Kranken fragt der Tiroler nit um so 5S0 etwas, a Kranker g'hört der Menschheit an, ob er der oder der Nation ang'hört — ob er Bettler oder Kaiser is!" Der Kranke war bereits zwei Tage in der Gagel- wirthschaft. Bei allem Unglück hatte er doch Glück gehabt; denn der Arzt konstatirte, daß von einem Beinbruch keine Spur, sondern einzig der linke Fuß ausgerenkt gewesen und, da die Wiedereinrenkung nicht hatte sogleich vorgenommen werden können, so heftige Schmerzen, eine hohe Geschwulst und bedeutendes Fieber entstanden seien. Es war gerade am Palmsonntag. „Geh' rauf, Liesel, zu dem Fremden,- befahl der Gogelwirth seiner Tochter, „nimm's Gebetbüchel mit, sag' ihm's Vaterunser und 's Ave Maria vor und a Gebet zu seinem heiligen Schutzpatron. Er soll wissen, daß er in an christlichen Haus is." „Aber, Vater,- wendete das Schiitzenliesel ein, «wirst do nit verlangen, daß i zu ein' fremden Mannsbild ins Zimmer geh'? Die selige Muatter hat's mir scharf verboten — und i hab's immer so g'halten." „Die alte Ursula is oben bet ihm zur Pfleg' — aber sie kann ja nit lesen, und 's Vaterunser kann sie auch nit mehr fehlerfrei aufsagen. Also, marsch 'rauf — Dein Vater befiehlt's!" Das Schiitzenliesel hatte heut ihr FeiertagS-Staats- gewandel an und sah sehr hübsch und appetitlich aus. Sie ging 'rauf. Eigentlich war sie schon lauge begierig, den Fremden zu sehen, aber sie hatte sich gesagt: „Was sich nit schickt, das schickt sich halt nit," und so hatte sie bisher ihre Neugierde in Bann gehalten. „An die Thür' erst anklopfen? Ach was, das brauch i nit. Das Haus g'hört ja uns,- sagte sich das Liesel nach kurzer Ueberlegung, „und überdies könnt's ihn ja derschrecken." Und demgemäß öffnete sie ohne weiteres die Thür zum Fremdenzimmer und trat ein. „Gelobt sei Jesus Christus," sagte sie dabei, und „in Ewigkeit, Amen," Hütte die alte Ursula antworten müssen, wenn sie nicht eingeschlafen gewesen wär' im alten Großvatersessel. „Der Vater hat mi 'raufgeschickt — i soll Euch das Vaterunser vorsagen,- so begann das Liesel, ein wenig verlegen und die Augen zu Boden geheftet. „Denn heut' iS der Palmsonntag. - Der Kranke wendete sein Antlitz der Eingetretenen zu, starrte sie eine Weile an und seine vom Krankenlager gebleichten Wangen belebten sich in Purpurröthe. „Schiitzenliesel! Schützenliesel!- ertönte es von seinen Lippen. Sie sah auf vom Boden — sah ihn an, den Kranken, und rief erregt: „Ja, träum' i denn oder is es die pure Wahrheit? I kenn' Dich ja-ja, ja, Du bischt's, Du bischt der Schütz, der in Wien beim Schützenfest aus mein' Stutzen den feinen Schuß gethan!" Ihr Gesicht glühte. „Ja, ja, ich bin's, Schützenliesel, — ich habe Sie gesucht in ganz Tirol. Ich bin gefahren und gewandert durch's Jnnthal, durch's Etsch- und Eisak- und durch's Pusterthal. Ich habe keine Ruhe gehabt seit jenem ersten Moment, wo ich Sie am Schießplatz in Wien gesehen und gesprochen — und ich mußte Sie wiederfinden —- „Und weswegen denn? Was wolltest Du denn von mir?" „Jch wollte Sie fragen,- antwortete der junge Mann und seine Augen hingen in verzehrendem Feuer an der holden Gestalt des Schützenliesel, „ich wollte Sie fragen, was es zu bedeuten hatte, als Sie, bevor ich damals meinen Schuß abgab, zu mir sagten: Schieß' gut! Ich denke mir etwas dabei; triffst Du, so ist es richtig das, was ich mir dabei denke; triffst Du nicht, dann ist es nicht richtig!" Sie wurde blutroth. „Nix war's, — gar nix war's," antwortete sie, vor Scham vergehend, „a Dummheit war's — weiter nix —. Doch jetzt muß i thun, wie rnir's der Vater g'heißen hat!" Und zu dem über dem Kopfbettende an der Wand befindlichen hölzernen Kreuze des Erlösers hinausblickend, sprach sie langsam im echten Tirolerisch das „Vater Unser" und das ,,^-vv Llaria". „Und wie heißt Dein heiliger Schutzpatron?" so fragte sie dann den Kranken. „Es ist der heilige Nikolaus". Das Schützenliesel ging hin zu dem alterthümlichen, reichgeschnitzten Schrank und entnahm einigen dort aufgestellten Büchern das größte. Es war die Geschichte der Heiligen. Sie schlug jene des heiligen Nikolaus auf und entnahm derselben das Gebet dieses Schutzpatrons. Und da sie zu der Stelle kam, wo es heißt: „O Herr, laß Wahrheit sprechen meine Zunge alle Zeit und mein Herz nicht werden zur Mördergrube — —" da, bei diesen Worten, die sie heruntergelesen, hielt sie plötzlich erschrocken inne und das arme kleine einfältige Ding, das es viel ernster meinte mit seiner Religion, als die hochgebildeten Stadtleut', — sie brach in Thränen aus, und mit den Worten: „Nein, nein, — i darf nit weiter lesen — i kanu's auch nit mehr; denn g'rad vorher hat mei Zung' die Unwahrheit g'sprochen und aus meim Herze! hab' i a Mördergruben g'macht" — lief sie aus dem Zimmer! Wenn das Schützenliesel traurig war, das hatt' noch nie lange gedauert. Zum Kopfhängenlassen war sie gerade nicht geschaffen. Der Graf war so weit hergestellt, daß, wenn er'S eilig gehabt,-er die Gogelwirthschaft ganz commod schon hätte verlassen können. Aber er hatte eS eben nicht eilig, im Gegentheil, es gefiel ihm hier, in fortwährender Nähe des geliebten Gegenstandes, den er so lange emsig gesucht und dessen Wiedersehen er quasi bald mit seinem Leben erkauft hätte, und er dachte vorläufig gar nicht daran, das heimlich traute Fleckchen Erde zu verlassen. Da trat eines Tages der Gogelwirth an ihn heran und sagte: „Weißt' was, Herr Graf? Jetzt bist' scho volle drei Wochen bet uns — Dein Haxen (Fuß) is g'sund, und so glaubet i halt, daß 's Zeit wär', wcnnst' Dir unser Tirol wieder a mal von aner andern Seiten anschauen würdest. - „Mein ferneres Verweilen an diesem Ort, welchen ich so sehr lieb gewonnen habe, wäre Euch unangenehm, Gogelwirth?" so fragte in höchster Bestürzung der junge Graf. — „Ja," sagte Liesel'S Vater mit mürrischem Tone. „Und warum das? Bin ich nicht bereit, Euch reichlich zu entschädigen für alles, was Ihr mir geboten?- „Geld," antwortete der Alte, „spielt beim Gagel» i — 4 '-. l- > — 551 — Wirth, Gott sel's 'dankt, ka Roll'. Fragt's mt ntt — i hab' meine Gründ'!" Mit diesen kurz angebundenen Worten begab er sich tn'S Gehöft. „Ltesel! Liefe!!" rief er da. Das Schützenliesel kam gelaufen. „Sag' dem patscheten Bedienten oben, daß er für seinen Herrn die Sachen bald zusammenpacken soll; denn der Graf reist wieder ab." „Wie? Was?" rief das Schützenliesel erstaunt und wurde zuerst blaß und dann blutroth — „er reist ab? Er hat ja noch gar nix g'sagt davon? So auf einmal, so übereinander?" „Ja, 'S is Zeit, i hab' ihm den guten Rath gegeben; Tirol is a großes und schönes Land. Er soll sich die andern Gegenden auch ansehen." „Vater, Du — Du hast ihm g'sagt, er möcht' wieder weg?" „Ja, i hab's ihm g'sagt!" „Aber, Vater, warum denn? Weswegen denn — ?" „Frag' mi net, Diarndl, — ich hab' meine besonderen Gründ'!" Und damit war's basta; das Schützenliesel durfte nicht weiter fragen, wollte sie ihren Vater nicht in Wuth bringen. Sie ging, seinen Befehlen nachzukommen. Dann aber stürzte sie hinaus in's Freie, ihrem gepreßten Herzen durch Thränen Luft zu machen. Dort oben, beim Kreuzweg, da ist eine kleine Marienstatue, dorthin eilte sie mit Sturmcsschritten, und nachdem sie sich vergewissert hatte, daß Niemand weit und breit in der Nähe sei, da warf sie sich hin auf ihre Kniee und erzählte laut der Marienstatue von ihrem Kummer und Herzeleid: „O Maria, sei nit bös, aber i kann uit anders, ich hab' ihn halt gar so gern, denn er is ja so lieb und guat und kennt kan Hehl und kan Falsch. O Maria, heut' geht er fort von uns, und ich werd' ihn im Leben nie mehr wiedersehen! Nimm ihn in Deinen heiligen Schutz! Und auch zu Dir, heiliger Nikolaus, seinem Schutz- und Namenspatron, bete ich — o schütze ihn!" — „Liesel, Liefe!!" ertönte eS plötzlich, und als wär' er aus dem Boden gestampft, gleich einer heiligen Erscheinung, stand er vor ihr, — derjenige, für welchen sie soeben laut gefleht hatte. Das Liesel schrie laut auf, und schnell erhob sie sich. Ihre vorher so schmerzerfüllten Züge verriethen plötzlich Unwillen. „Pfui, Du hast g'lauscht!" sagte sie zu dem Grafen; „das war nit schön; das war nit fein — die Schand' hätt'st mir ersparen können!" „Liesel, ist es denn eine Schande, daß Du es ausgesprochen hast, daß Du mich auch liebst?" Du hast mich dadurch zum Glücklichsten gemacht und giebst mir den Muth, noch heute wegzuziehen von hier. Aber ich werde bald wieder kommen, wenn Du es willst — ?" „Weswegen denn wiederkommen? Was hat's denn für an Zweck? Hast denn nit g'nug d'ran, daß Du mir meine Ruh' gestohlen hast für lange, lange Zeit — vielleicht für eine Ewigkeit?" „Wenn ich sie Dir gestohlen habe, Deine Ruhe, ko will ich sie Dir auch wiedergeben. Ich will wieder- sommen in kurzer Zeit und vor Deinen Vater hintreten: Herr Stahlaner, gebt mir Eure Tochter zur Frau! Ich will sie Euch nicht wett weg entführen. Wir bleiben hier im schönen Tirol. Auf einem hübschen Platze im Pufter- thale will ich uns ein schönes Schloß bauen lassen, das Deiner würdig sein soll, Du Königin der Alm, Liesel! Soll ich kommen? Sprich eS aus: Willst Du die Meine werden?" „Schau, das is ntt recht von Dir, daß Du mit mir armen Diarndel solchen G'spaß machst — Du a hochgeborner Graf mit aner großen Krön', wie ich eine drin in Innsbruck g'sehen hab' — und i, a einfaches Tirolermadel — das Schützenliesel vom Gogelsturz?" „Ich schwör' Dir's hier bei der Statue der heiligen Jungfrau: es ist mein voller Ernst! Ich bin selbst- ständig; ich habe niemand Rechenschaft zu geben über das, was ich thue oder unterlasse. Meine Stellung als Diplomat will ich aufgeben und —" „Was ist denn dös, «Diplomat?" fragte das Liese! naiv; es kann nix b'sonders Gnats sein; denn mei Vater hat amal g'sagt, a Diplomat, der red't immer das Gegentheil von dem', was er denkt — und wenn das wirklich der Fall is, dann denkst halt auch anders, als Du sprichst. Doch nein, nein. Du hast ja g'schworeu zur heiligen Jungfrau, daß es Dein Ernst ist —" Der Graf klärte sie nun in recht faßlicher Weise über die Bedeutung des „Diplomat" auf und sprach dem wie im Traume neben ihm dahinwandelnden Schützeu- liesel so recht zu Gemüth und Herz. „Ja, ja, i möcht' schon!" sagte sie nach einer Weile; „aber mei' Vater, der wird halt nit woll'n; er kann die Fremden, die Ausländer nit recht leiden — und Du bist ja a Fremder, a Ausländer." „Ich bin ein Franzose; aber in Deutschland, am Rheine, da habe ich fast meine ganze Jugendzeit verbracht, und da habe ich die Deutschen achten und lieben gelernt." „Du bist a Franzos?" rief das Schützenliesel fast bestürzt. „DaS is schad', — recht schad'!" ergänzte sie traurig. „Und warum das, Schützenliesel?" fragte er sie und betrachtete sie neugierig, als wollte er die Gründe erforschen. Liesel schwieg, als hätte sie seine Frage nicht gehört, und es war ihr recht, als, plötzlich um eine Felsecke herumkommend, jemand seinen Gruß: „Gelobt fet Jesus Christus!" entgegenlief: „In Ewigkeit, Amen!" antwortete das Schützenliesel. (Schluß folgt.) ---LAWNS--—- Goldkösner. Verdienst seht allemal Wirksamkeit voraus; mit bloßem Speculiren erwirbt man's ebensowenig, als Einer reich wird, der sich auf einen Berg seht, in dessen Gruben Goldadern sind. Justus Möser. Glück! sie nennen dich blind und werden nicht müde, zu schelten. Frag' doch endlich zurück: Könnt ihr denn selber auch seh'n? Friedrich HebLel. Gelassen lernt' ich Tadel ertragen, Wie er beschert ward, fein und grob; Aber am Herzen fühlt' ich nagen Der guten Freunde gnädiges Lob. Paul Hehse. Siehst du ertrinken wen, rett' ihn vor allen, Dann frag' ihn erst, wie er hineingefallen. K. Einem lauteren Menschen ist es viel wonnesamer, einem Armen zu dienen als einem Reichen. Tanker. 862 Allerlei. Alle jene wunderlichen thierischen und pflanzlichen Stoffe, die der Chinese zu sich nimmt, kommen in kleine Stücke zerschnitten auf den Tisch und werden dadurch sowohl wie durch farbige Saucen und vielfache Würzen ganz unkenntlich. So sind z. B. die sehr beliebten nächtlich schattirten Scheiben von seltsam barschem Geschmack, die bei einem größeren chinesischen „Tschau-Tschau" (Essen) gleich einen der ersten Gänge bilden und in einer schwarzen Sauce angerichtet werden, hartgekochte Eier, die, 4-5 Jahre lang unter der Erde aufbewahrt, einen der Entwicklung alter Käse ähnlichen Umbildungsprozeß durchgemacht haben. Haifischflossen und als Salat zubereitete junge Bambussprossen verursachen dem chinesischen Magen durchaus nicht, wie fast jedem europäischen, entsetzliche Beschwerden, dürfen vielmehr als auserwählte Leckerbissen bei keiner Festtafel fehlen. Die in einer blauen Sauce schwimmenden Nudeln stellen sich bei näherer Betrachtung als gesalzene und getrocknete Regenwürmer heraus, während die Bestandtheile eines mit Bouillon servirten Hachä's große und kleine Raupen sind. Man denke sich ferner die Lage eines europäischen Gesandten, dem der chinesische Minister bei einem von ihm gegebenen diplomatischen Festessen eine scharfgebratene Ratte, wie sie die Chinesen so gern essen, auf der Spitze eines Eßstäbchens als vorzügliche Delikatesse anbietet! Ein „Tschau-Tschau" besteht aus wenigstens 35 Gängen, und die Gäste wie die ser- virenden Lakaien haben, da Teller und Stäbchen fortwährend gewechselt werden, mit dem Angebot und Genießen der Speisen alle Hände voll zu thun. Der Durst wird mit leichtem, etwas erwärmtem Wein gestillt. Die Chinesen sind keine leidenschaftlichen Zecher, auch reizen die meisten Schüsseln nicht zum Trinken. Eine Menge Süßigkeiten bilden das Dessert, wozu Marzipan gehört, angefertigt aus Zucker, Mandeln und — Schweineschmalz. Wie bei allen asiatischen Völkern, denen die Reize der bunten Reihe bei Tische unbekannt sind, nehmen die Frauen und Töchter an den Tafelfreuden ihrer Väter und Gatten nicht Theil. Doch kommen Ausnahmen vor, wenn seltenen Gästen besondere Ehren erwiesen werden sollen. So bei einem Mahle, zu dem der berühmte Landschaftsmaler Professor Eduard Hildebrandt, als er auf seiner Reise um die Erde in Shanghai weilte, von einem reichen chinesischen Kaufmann geladen war. Außer Hildebrandt waren noch drei deutsche Herren zugegen. Den drei Ehefrauen des Gastgebers nebst den fünf Töchtern waren ihre Plätze hinter den Gästen angewiesen. Zwischen den einzelnen Gängen, die stets aus mehreren Speisen bestanden, ließen sich die Damen auf dem Schooße der Gäste nieder und suchten diese durch kunstlose Mandolinen- klänge zu erheitern. Auf Hildebrandt hatte die gewichtigste der Mütter Platz genommen, ohne daß dieser geneigt gewesen wäre, die Ehre solcher Niederlassung gehörig zu würdigen. Rechtzeitig — erzählt er — kam mir ein rettender Gedanke. Ich erinnerte mich, wie bei einem Gala- Diner in Bangkok (Siam) Seine Majestät König Mong- kut von Siam Allerhöchstselbst mit seinen großen schweißigen Händen in die Schüsseln gegriffen, aus Reis, Fleisch und Sauce einen mächtigen Knödel zusammengekleistert und in den Mund seiner Lieblingsgäste, also auch in den meinigen und in den des englischen Gesandten, geschoben hatte, daß ich beinahe an dieser fürstlichen Gnadengabe erstickt wäre. Wie, wenn ich nach dem Vorbilde Seiner Majestät von Siam meine liebenswürdige Besitzerin durch einen phantastisch komponirten Kloß zu zerstreuen trachtete, da mir doch jede Unterhaltung mit ihr durch Un- kenntniß der Sprache abgeschnitten war? Das Herz deS Menschen ist ein Drachennest, ich gestehe unumwunden, daß ich mit teuflischer Schadenfreude meiner Alten dieselben Qualen zu bereiten trachtete, die mir einst die Gabe des siamesischen Königs verursacht hatte. Aus gesottenem Reis, Hachs von Regenwürmern und Jahre lang vergraben gewesenen Eiern fertigte ich einen handlichen Bissen, der eben so schwer zu kauen wie zu verschlingen sein mußte, und schob ihn Madame mit tückischem Lächeln in den Mund. Mein Zweck war erreicht. Die Artigkeit an sich wurde zwar sehr gut aufgenommen, doch erwies sich bald, daß meine Gönnerin der Bewältigung des höllischen Bissens nicht gewachsen war. Krampfhaft strengte sich die Unglückliche an, das formlose Kompositum niederzuwürgen, plötzlich sprang sie auf und entfernte sich, um — nicht wiederzukehren. * Wie man vor 50 Jahren auf der Eisenbahn fuhr, ist nach der «St. Z." bei der Feier deS fünfzigjährigen Bestehens der Görlitz-Dresdener Eisenbahn erörtert worden. Danach waren von den Personenwagen damals nur die Wagen erster Klasse ganz geschlossen; die Wagen zweiter Klasse hatten zwar eine feste Bedachung, waren aber an den Seiten nur mit Letnwandvorhängen zum Auf- und Zuziehen versehen. Die Personenwagen dritter Klasse waren ganz offen. Die Reisenden dieser Wagenklasse waren daher vielfachen Belästigungen durch die Witterungsverhältnisse, durch Staub und durch Rauch und Funken der Lokomotive ausgesetzt. In den Zeitungen wurden seiner Zeit für Reisende auf Eisenbahnen Halb- Masken von Gaze, das Stück für 20 Pfg., als Schutz gegen Asche und Staub, sowie Dampfwagenbrillen von Gewerbetreibenden zum Kauf angeboten. Mit der Schnelligkeit des Fahrend war es damals auch nicht weit her; besonders verursachte das Wasserfassen der Lokomotive erheblichen Zeitverlust. Ein alter Dresdener Gesangverein bestellte zu einer Sängerfahrt nach Bischofswerda einen Bruderverein von Nadeburg auf den dortigen Bahnhof. In dem Schreiben an diesen Verein heißt es wörtlich: „Kommt Alle an die Bahn, namentlich Krause, Lachmann usw. sollen kommen; während die Lokomotive Wasser saust, können wir einen Schafskopf ableiern. Zwölfmal 'rum kommen wir allemal!" -- KrittzmogripH. 1 2 5 9 2 bekannt aus einem Trauerspiel, 2 8 9 6 1 brauchen Modedamen viel. 3 4 6 5 am Teich zu finden und am Wald, 4 5 2 1 ein großer Held in kleiner Gestalt. 5 6 7 8 was Mensch und Thier stets hat. 6 3 9 8 2 5 bekannt als Insel und als Stadt. 7 2 7 7 9 als frommes Wesen verehrt, 8 2 1 7 mit scharfer Spitze bewehrt, 9 5 6 4 sowie auch die Anfangsbuchstaben Sind Namen, wie sie die Mädchen haben. Auflösung des Kreuz- und Quer-Räthsels in Nr. 69: Ra sen Ha be / ' AnterAaltungsAatt j zm „Nugsburger Postzeitung". ^L72. Dinstag, den 4. September 1894. ??ür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Znsiiruts von Haas >L Grabderr in Augsburg tVorbesitzer Dr. Mar Huttlcr). t Aer Organist. Novelle von C. Borges. lNachdruck verboten.^ - 1. Kapitel. „Herein!" Auf diesen Zuruf öffnete sich die Thür des Arbeitszimmers, auf der in großen schwarzen Buchstaben die Worte: „Johann Schellenbcrg und Sohn. Wohnungs- Vermittelungs-Bureau" zu lesen standen. Die Eintretende war eine junge Dame; sie war groß und schlank, ihre Gestalt graciös und anmuthig. Dunkles, kurz gelocktes Haar umgab wellenförmig ihre hohe Stirn, und die hellleuchtenden Augen blickten erstaunt, ja fast neugierig in das große, menschenleere, nur dürftig ausgestattete Gemach und nach der offenstehenden Thür eines zweiten Zimmers, aus welchem zweifellos die Aufforderung einzutreten ergangen war. „Herein!" wiederholte die Stimme jetzt lauter und energischer, und dem Rufe folgend betrat die junge Dame das zweite Gemach. Ein junger, stattlich aussehender Mann saß emsig schreibend vor seinem hohen Pulte; tief neigte sich das stolze Haupt über die großen Folianten, die vor ihm ausgebreitet lagen, ohne die Blicke von der Arbeit zu erheben. Doch nur einen Augenblick. Kaum fiel sein Auge auf die Dame, die jetzt schüchtern auf der Schwelle stand, als 'er hastig von seinem Sitze aufsprang und sich tief verneigend dem unerwarteten Gaste näherte. „Ich bitte tausendmal um Verzeihung; ich hatte keine Ahnung, daß eine Dame Einlaß begehrte," stammelte er verwirrt und um einigermaßen seine momentane Verlegenheit zu verbergen, schob er einen bequemen Sessel für die unbekannte Fremde herbei. Die Dame lächelte über diesen Eifer, dann begann sie mit sanfter, melodischer Stimme: „Ich bin hierher gekommen, um von Ihnen eine Wohnung zu miethen. Sie haben ein kleines, weit in der Vorstadt gelegenes Häuschen augenblicklich leer stehen; können wir es bekommen und kann es sofort bezogen werden?" „Von welchem Hause reden Sie? Wir haben sehr viele Wohnungen auf unserer Liste, in der Stadt sowohl wie außerhalb," versetzte der Gefragte und wunderte sich nicht wenig, daß eine schöne junge Dame in solch einem Auftrage zu ihm in's Bureau komme. „Das Häuschen liegt ziemlich weit in der Vorstadt dicht an der Landstraße am Saum des Waldes und trägt den hochpoetischen Namen Rosenvilla!" „Die Rosenvilla! Unmöglich!" kam es von den Lippen des jungen Mannes; jedoch sich seiner Pflicht erinnernd, fuhr er zögernd fort: „Ja, so heißt das Häuschen, oder richtiger gesagt die erbärmliche, elende Hütte, die nur aus Ironie ihren Namen trägt. Aber vermuthlich haben Sie dieselbe noch gar nicht gesehen?" „Nur von außen, aber ich hoffe bestimmt, daß uns das Logis zusagen wird." „Hm!" machte der junge Agent, „es ist wenig anziehend, daher meine Frage, ob Sie das Häuschen gesehen hätten. Aber wenn es Ihnen zusagt — natürlich, es ist ja Ihre Sache." „Ich muß selbstredend die inneren Räumlichkeiten sehen, ehe ich mich entscheide. Sie haben gewiß die Schlüssel, bitte, geben Sie mir dieselben, damit die Sache schnell erledigt wird, auch bitte ich um die Bedingungen." Herr Karl, wie er kurzweg als einziger Sohn des alten, finsteren Agenten Schellenbcrg genannt wurde, willfahrte gern ihrer Bitte und übergab der jungen Dame die betreffenden Schlüssel und nahm hingegen ihre Karte in Empfang, auf der in feiner Zierschrift der Name „Helene Willford" zu lesen war. Sie erzählte ganz unbefangen, daß sie mit den Ihrigen erst kürzlich aus England gekommen sei und jetzt beabsichtige, fortan hier in Deutschland zu leben, da der Vater erst kürzlich gestorben und die Mutter eine Deutsche sei. Ihr einziger Bekannter und Freund sei der Pfarrer Härtung an der Paulus-Kirche, durch seine Vermittlung sei ihr Bruder als Organist angestellt; sie würde pünktlich den Miethzins zahlen, wenn sie mit ihrer Mutter, der Schwester und dem Brnder die Rosenvilla beziehen würde. — „Ich befürchte, das Logis wird in keiner Weise entsprechen," warnte jetzt Herr Karl schon zum zweiten Male. „Es liegt freilich in unserem eigenen Interesse, das Haus sobald wie möglich zu vermiethen, und wir dürfen gewiß keinen Miether davon zurückhalten; aber dennoch halte ich es für meine Pflicht, Ihnen zu sagen, daß der bauliche Zustand der Hütte sehr viel zu wünschen übrig läßt. Der Eigenthümer bekümmert sich herzlich wenig um seine kleine Besitzung, dafür ist aber auch der Miethpreis ein sehr geringer. Außerdem muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß sich das Haus nicht 554 gerade des besten Rufes erfreut. Der letzte Einwohner — ein alter geiziger Junggeselle — verschwand vor einigen Jahren auf geheimnißvolle, unaufgeklärte Weise aus demselben. Ob ein Verbrechen vorlag, oder ob der Alte plötzlich auswanderte, wurde nicht festgestellt, aber seitdem steht das Häuschen leer, sogar seine Nähe wird von Spaziergängern ängstlich gemieden." „O! das ist für mich durchaus kein Hinderniß in dem Hause zu wohnen," versetzte die junge Dame unbeirrt, „vorausgesetzt ist es nicht so baufällig, um uns über dem Kopfe zusammen zu brechen, und bietet hinreichend Schutz gegen Wind, Regen und Unwetter. Meine Mutter", fuhr sie dann seufzend fort, „ist leider blind; jedoch hofft der Arzt, daß bei größter Ruhe und guter Pflege das Augenlicht sich mit der Zeit wieder kräftigen wird. Die Schwester ist fast beständig krank; beide werden also die vielen Schattenseiten der Wohnung kaum bemerken." „Aber denken Sie doch an sich selbst," mahnte Herr Schellenberg jr.; denn unwillkürlich nahm er bereits Interesse an dem Geschicke der fremden Familie. Sie lachte belustigt. Ihre eigene Behaglichkeit war durch die beständige Sorge um ihre Lieben ganz in den Hintergrund getreten, darum entgegnete sie heiter: „Den größten Theil meiner Zeit werde ich hoffentlich außerhalb des Hauses zubringen. Klavier- und Gesangunterricht ist meine Hauptbeschäftigung. Der Pfarrer Härtung hat für eine beträchtliche Anzahl Schülerinnen gesorgt, die sich gewiß noch vermehren wird, und auch mein Bruder — sie senkte verwirrt und mit lieblichem Erröthen bei diesen Worten die Augen zu Boden — wird allzu sehr beschäftigt sein, um sich darum zu kümmern, wie und wo er wohnt." Der junge Agent durfte kein weiteres, warnendes Wort sagen. Er hatte seine Pflicht vollkommen erfüllt, ja, noch mehr, er hatte sie noch überschritten; denn Hütte der Eigenthümer der Nosenvilla das Gespräch gehört, so würde der junge Mann sich den Vorwurf nicht erspart haben, die Miether zurückzuschrecken und ihn dadurch in seinem Vortheil zu schädigen. So ließ er es ruhig geschehen, daß Fräulein Willford die Schlüssel mit dem Versprechen entgegennahm, morgen um dieselbe Stunde wieder zu kommen, um endgültig die Angelegenheit zu ordnen. „Beim HimmelI das sind ein paar Augen, wie ich sie in meinem ganzen Leben noch nicht sah," rief der junge Mann enthusiastisch, als er sich allein sah. „Ein solches liebes Gefichtchen ist genug, um mich bis an mein Lebensende zu verfolgen. Thorheit I" fuhr er dann in seinem Selbstgespräche fort, „das sind keine Gedanken für einen armen Mann, wie ich einer bin, der für sein tägliches, kümmerliches Brod zu sorgen hat. Na, da kommt schon mein Vater, und ich habe noch nicht einmal diese Rechnungen durchgesehen." Wirklich öffnete sich die Thür des vorderen Zimmers und ein ältlicher Herr mit stark ergrauten Haaren und von Gram durchfurchten Zügen betrat das innere Gemach. „Ist Jemand hier gewesen, Karl?" frug er nicht unfreundlich einen forschenden Blick in das freudig erregte Antlitz seines Sohnes werfend. „Ja, der alte Meier, der Baumeister, war wieder hier, er dringt auf Zahlung der letzten Reparaturen, na, ich habe ihn auf bessere Zeiten vertröstet. Es hat auch noch nie so erbärmlich schlecht mit unserm Geschäft gestanden, wie gerade jetzt," fuhr der junge Mann seufzend fort, „aber endlich haben wir auch Aussicht, die Nosenvilla zu vermiethen, denke nur, Vater, die verrufene, morsche alte Hütte! Eine Dame war hier, um die Schlüssel zu holen." „Eine Dame?" fragte ungläubig der alte Vater, „sie will doch das jämmerliche Loch nicht selbst bewohnen?" „Natürlich, aber nicht allein. Sie hat einen Bruder, der Organist an der Paulus-Kirche, eine kranke Schwester und eine blinde Mutter." „Das ist sonderbar! Es finden sich Wenige bereit, in diesem abgelegenen Neste zu wohnen." „Das möchte ich auch behaupten, aber trotz alle- dem scheint Fräulein Willford eine fein gebildete, aristokratische Dame zu sein, die gewiß ohne eigenes Verschulden gezwungen wird, die Hütte zu nehmen. Sie ist die reizendste Dame, die ich je in meinem Leben gesehen habe. Du hättest nur in ihre leuchtenden, dunkeln Augen schauen sollen, Vater, die so hell wie die Sterne am Himmel leuchten; dann die vollen rothen Lippen, das schmale liebliche Antlitz, die silberhelle Stimme und — — —" „Na, Karl, genug davon," unterbrach scherzend der Vater die enthusiastische Beschreibung. „Diese Schwärmerei für eine unbekannte Dame ist mir gänzlich fremd an Dir. Kümmere Dich nicht um sie, noch um ihre Schönheit; sage mir lieber, ob sie ernstlich die Nosenvilla miethen will. Das alte baufällige Nest steht schon seit Jahren leer, und noch gestern schrieb mir der Eigenthümer einen sehr unfreundlichen Brief, gerade als ob es unsere Schuld sei, daß kein Mensch in dem Loche wohnen will." „Ich gab ihr die Schlüssel," versetzte der Sohn in geschäftsmäßigem Tone, aus dem plötzlich jedes schwärmerische Gefühl verschwunden war, „und morgen um diese Zeit will sie wieder kommen; so sagte sie mir wenigstens oder so habe ich's verstanden." „Nannte sie keine Freunde oder Bekannte, bet denen wir über die Familie Erkundigungen einziehen können, oder gab ihre Schönheit Dir genügende Sicherheit?" „Ja, sie dachte daran, wiewohl ich offen gestehe, daß ich es vergessen hatte. Wenn der Pfarrer Härtung den Bruder als Organist angestellt hat, so können wir doch auch wohl mit der Familie als Miether zufrieden sein. xropos, der Pfarrer und besonders sein Bruder, der Doctor Härtung, sind ja Deine besten Freunde; Du kannst Dich bei ihnen sehr gut über diese Fremden erkundigen." Der alte Herr lächelte wehmüthig. Die beiden Brüder waren freilich seine besten Freunde; schon während lang verflossener Studienjahre hatte sich das Freundschaftsband geknüpft, das im Kampf mit dem Leben nur noch fester und inniger geworden war. Aber während die beiden Brüder Härtung hohe, angesehene Stellungen in der Welt einnahmen, in der Stadt allgemein beliebt, gekannt und hochgeachtet waren, mußte Schellenberg täglich von Neuem den Kampf ums Dasein aufnehmen und lebte mit seinem Sohn kümmerlich und verborgen, ein unbekannter, talentloser und wenig energischer Agent. Am nächsten Tage zur festgesetzten Zeit stand Fräulein Willford wieder vor der Thür des Agenten. Doch heute erfolgte nicht das schrille „Herein" auf das leise Pochen. Herr Karl schien darauf gewartet zu haben; denn blitz- 'e i. 555 i schnell stand er an der Thür, die er eilfertig öffnete. Er hatte sich nicht getäuscht. Vor ihm stand die junge Dame, die unwillkürlich wachend und träumend seine Sinne gefangen hielt. „Fräulein Willford!" rief er mit gut gespieltem Erstaunen freudig aus, dann führte er sie galant zu einem Sitze. „Was denken Sie jetzt von der Rosen- villa, nachdem Sie die innern Räumlichkeiten gesehen haben? Sie sind gewiß in Ihren Erwartungen getäuscht," begann er, nachdem er ihr gegenüber Platz genommen hatte. „Durchaus nichtI Die Räumlichkeiten sowie die einsame Lage des Hauses entsprechen ganz und gar meinen Wünschen," versetzte sie ganz entschieden. „Beabsichtigen Sie denn wirklich, selbst dort zu wohnen?" fragte der junge Agent erstaunt. „Ja! es wäre mir sogar lieb, wenn wir noch heute einziehen könnten. Wir wohnen bis jetzt im Hotel, und dort findet meine arme Mutter nicht ihre behagliche Bequemlichkeit. Es steht doch unserer Absicht nichts hindernd im Wege?" „Nicht im Geringsten. Wenn Sie diesen Contract unterzeichnen, so ist die Sache erledigt." Helene Willford setzte mit fester Hand ihren Namen unter das dargereichte Schriftstück und war von jetzt an Inhaberin der Rosenvilla. 2. Kapitel. Es war am Nachmittag desselben Tages, zur Zeit da der vielbeschäftigte Arzt Doctor Härtung die Runde bei seinen zahlreichen Patienten machte, als sich geräuschlos die Thür eines Schlafzimmers im obern Stockwerk des Hauses öffnete und Martha, das jüngste Töch- terlein, in einen langen, schwarzen Mantel gehüllt, einen dichten Schleier, der gänzlich ihr hübsches Gesichtchen vor neugierigen Blicken verbarg, fest umgebunden, unbemerkt die Treppe hinabstieg. Vorsichtig spähte sie nach allen Seiten umher, und ein Seufzer der Erleichterung entschlüpfte ihrer geängstigten Brust, als sie ungesehen das Haus verlassen konnte. An der nächsten Straßenecke benutzte sie den bereitstehenden Omnibus, der nach kurzer Zeit vor einem großartigen Gebäude anhielt. Es war der Kaiserhof, ein beliebtes Restaurant, verbunden mit Conditorei, das von den Bewohnern der Großstadt gern und häufig besucht wurde. Die junge Dame schien hier vortrefflich bekannt zu sein; denn dienstfertig trat ihr sofort der Gar^on entgegen um sie in ein kleines Gemach zu führen, in dem nur wenige Gäste, plaudernd oder in ihren Zeitungen vertieft, versammelt waren. In diesem Augenblick trat ein junger Mann aus einer Fensternische. Er hatte augenscheinlich die Ankommende erwartet; denn er führte sie schweigend, aber mit glücklichem Lächeln auf seinem ehrlichen, offenen Antlitz auf den soeben verlassenen Platz zurück. „GeliebteI" flüsterte er ihr kaum hörbar zu, fest ihre kleine, weiße Hand in der seintgen haltend, „wie lange hast Du mich heute warten lassen! Ich fürchtete schon, Du würdest gar nicht kommen, und ich machte mir um Deinetwillen große Unruhe." „Du konntest doch wohl denken, daß ich mein Versprechen halten würde, Franz," lautete die ebenso leise gegebene Antwort, „aber ach! ich fürchtete, man würde bald entdecken, daß wir verlobt sind, und was würde dann mein Vater sagen!? Meine älteste Schwester Marie beobachtet mich ohnehin scharf genug, und es wird mir immer schwerer, das Haus heimlich zu verlassen." „Fürchtest Du, daß Deine Liebe zu dem Ex-Orga- nisten schon bekannt ist? Nun wohl, ich verstehe Deine Gefühle; Dein Vater, und ganz besonders Dein Onkel, dem ich meine Entlassung zu verdanken habe, halten mich ja viel zu gering, um meine Augen zu Dir zu erheben. Diese Heimlichkeiten sollten auch sofort aufhören, wenn ich offen vor Deinen Vater hintreten könnte mit dem Beweis, Dir eine sorgenfreie Existenz zu bieten." Martha blickte erschreckt in das erregte Antlitz ihres Geliebten ; sie war leichenblaß geworden, Thränen erstickten ihre Stimme, und um ihre Lippen zuckte es bedenklich. „Zweifelst Du etwa an meiner treuen Liebe?" fragte sie tonlos und bebend. „Kleine Thörin! Wenn dort jener junge blasse Herr mit den entstellenden blauen Brillengläsern uns nicht so anstarrte, so würde ich Dich statt aller Antwort in meine Arme schließen. Kennst Du den Fremden? Er scheint unsere ganze Unterhaltung angehört zu haben." Martha schaute besorgt nach der bezeichneten Richtung, aber der Fremde wandte sich um, ergriff eine Zeitung und setzte sich an das entgegengesetzte Ende des Zimmers. „So, nun ist er fort; wir wollen uns nicht mehr um ihn bekümmern," tröstete Franz das zitternde Mädchen. „Nun höre meinen Plan, Martha. Ick bin fest entschlossen, schon bald nach England zu reisen und will mir dort durch List oder Gewalt Zutritt bei meinem Onkel zu verschaffen suchen. Es wird freilich nicht ganz leicht sein: denn mein Vetter, Edmund Normann, schrieb mir, daß meine Tante den guten alten Mann mit Argusaugen bewacht, daß Niemand allein zu ihm darf, daß selbst sein Anwalt ihn nur in ihrer Gegenwart besuchen darf; aber trotzdem will ich doch einen Versuch machen." „Kennt Dich Deine Tante persönlich?" „Nein; ich glaube es wenigstens nicht. Sie hat mich bei meinem guten Onkel aus meinem Rechte verdrängt ; als ich vor einem Jahre von einer längeren Reise aus dem Orient zurückkehrte, hielt ich mich nur vr. Kourp, Difchof von Fulda. 556 eine Stunde im Schlosse auf, und ich glaube nicht, daß sie mich damals gesehen hat." „Franz, mir kommt ein guter Gedanke! Versuche unter erborgtem Namen Zutritt bei Deinem Onkel zu erlangen." diesem Namen lange genug die Stellung als Organist bekleidet, Zutritt in unserer Familie erlangt und mein ganzes Herz gewonnen?" „Wohl wahr! Ich sollte den Tag segnen, der mich nach Deutschland, der Heimath meiner Mutter, brachte, Durg Trausnitz bei iandshut. Löwrnzwingcr unter dem Kälter der Trausnitz. „Du bist immer romantisch, mein Liebling. Glaubst Du nicht, es sei schon genug, daß ich schon ein ganzes Jahr lang meinen richtigen Namen abgelegt habe und den einfachen Namen meiner Mutter trage und mich Franz Burgfeld nenne?" „Sei nicht undankbar, Franz. Hast Du nicht unter und es war noch ein glücklicher Zufall, der mich hier gleich Beschäftigung finden ließ." „Wie schade, daß Du mit meinem Vater und besonders mit meinem Onkel nicht gut harmo- nirst!" „Ist das schade?" rief der junge Mann nicht ohne Bitterkeit, „es ist doch wirklich nicht meine Schuld. Bedenke, ich hatte früher die Musik nur zu meinem Vergnügen, aber nicht als Broderwerb betrieben. Und jetzt war man mit meinem Orgelspiel nicht mehr zufrieden, und Dein Onkel machte mir mit Fug und Recht den Vorwurf, daß die Leitung des Ktrchenchores nicht in guten Händen sei. Konnte ich das noch länger ertragen?" „Gestehe offen, Du eignest Dich auch nicht als Organist." „Nun, Du kannst Recht haben, Martha. Bedenke, von frühester Kindheit an hatte ich mich an den Gedanken gewöhnt, später die Güter meines Onkels zu verwalten, als dessen einzigen Erben ich mich dachte." „Guter Gott! es ist gleich sieben Uhr!" rief Martha sichtlich erschreckt aus, ihre kleine goldne Uhr aus dem 7 - 557 i reich begüterten Onkel in England mit ihrem Verlobten Mein Vater ist die personificirte Pünktlichkeit, wieder hergestellt sei. Gürtel ziehend, „wir haben heute viel zu lange gepluu- > dert. und das Abendessen muß um sieben Uhr auf dem Tische steh.n. Ich fürchte, schon zu spät zu kommen; schnell, laß uns eilen!" Herr Burgfeld verließ mit ihr das Lokal, wartete einige Minuten, bis der rechte Omnibus vor der Thür hielt, nahm ihr das Versprechen ab, sich am nächsten Mittwoch zur selben Stunde hier wieder einzusinken, um endgültig die geplante Reise nach England mit ihr zu überlegen. Es war ein Glück, daß heute der sonst so pünktliche Arzt wohl zwanzig Minuten länger bei seinen Patienten aufgehalten wurde und ausnahmsweise das Speisezimmer später wie gewöhnlich betrat.Auch war er so sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, daß er gar nicht bemerkte, wie sein jüngstes Tochter- lein Martha, sein Liebling, erst nach ihm und zwar vom schnellen Gehen stark erhitzt und fast athemlos das Zimmer betrat. Auch die Mutter und die zweite Tochter Hedwig bemerkten nicht die Erregung des jüngsten Familiengliedes, wohl aber Marie, die älteste Tochter. Sie hatte schon vor geraumer Zeit Martha'sZimmerbetreten, es leer gefunden, und jetzt wollte sie mit ihren finsteren, durchbohrenden Blicken jedes Geheimniß ihrer Schwester erforschen; doch sie hütete sich wohl, offen von ihren Beobachtungen zu sprechen. Als das Mahl beendet war, eilte Martha schnell in ihr kleines behagliches Zimmer. Sie mußte allein sein, denn die Gedanken jagten sich in ihrem Hirn, und gewaltsammußtesiesich zur Ruhe zwingen. Ach! könnte doch ihr Franz die Stellung in der Welt einnehmen, die ihm zukam I Freilich hielten ihn der Vater und der Oheim viel zu stolz und aristokratisch, um eine untergeordnete Stellung als Organist einzunehmen, und waren daher herzlich froh, einen bescheidenen, anspruchslosen Nachfolger gefunden zu haben, der besser für die Stellung zu passen schien. Kein Gedanke des Neides stieg in ihrem Herzen gegen den neuen Organisten auf, wiewohl sie sich gefreut hätte, wenn der Wechsel noch nicht so bald stattgefunden, wenigstens nicht eher, bis das frühere Verhältniß zu dem WWW T " " -fij. k! § n §«? Der Martinsthurm zu Kandshut. Aber es war für den jungen Neffen unendlich schwer, Zutritt zu dem alten Herrn zu erlangen, der beständig von seiner mißtrauischen Gattin bewacht wurde. — Vor kaum zwei Jahren hatte die stolze Kokette in einem Badeorte den alten Lord Merlie kennen gelernt. Sie hatte schon früher von seinem Reichthum, von seinem prächtigen Schlosse und von seinen großartigen Besitzungen gehört, und ihrer Beredsamkeit war es ein Leichtes gewesen, den müden, altersschwachen Greis zu überreden, ihr seinen Titel und Namen anzubieten. Die Hochzeit wurde in aller Stille gefeiert, sogar Franz Merlie, der einzige Neffe und Erbe des alten Herrn, der sich gerade damals einer größeren Gesellschaft Naturforscher angeschlossen hatte und sich seit längerer Zeit im Orient aufhielt, hatte keineAhnung von dem Wechsel im Leben des alten Herrn, der für ihn schlimme Folgen haben sollte. — Kaum im alten Ahnenschlosse angelangt, wußte die ränkesüchtige Gattin den lebensmüden Greis zu bewegen, das Testament zu Gunsten des hoffnungsvollen, jungen Neffen zu vernichten. Das reiche Erbe sollte ihr und ihrer Familie zufallen, und auch dieser Plan gelang nach Wunsch und leider allzu leicht. Als nun der ahnungs- losejungeMann vorJahres- frist das Haus seines Onkels betrat, das er von Kindheit an als sein Vaterhaus betrachtet hatte, da seine Eltern ihm durch den unerbittlichenTod früh entrissen worden waren, hörte er zu seinem Entsetzen die unglaubliche Veränderung. Die jungeSchloßherrin ließ ihm durch ihre Diener den Befehl geben, nie mehr eine Schwelle zu übertreten, auf die er nicht das geringste Anrecht habe, da es ihm niemals gelingen werde, den Onkel zu sehen oder zu sprechen. Franz stand da wie vernichtet. Er wollte anfänglich eine Erklärung verlangen, doch sein Stolz bäumte sich gegen die unerwartete und verletzende Behandlung. Dröhnend warf er die schwere, eichene Thüre ins Schloß, daß die Fenster in den Gemächern klirrten, und hoch erhobenen Hauptes kehrte er dem Schauplatz seiner glücklichen Kindheit und seiner Jugendträume den Rücken. Er hatte eine vorzügliche Ausbildung genossen, sich aber nicht auf einen bestimmten Beruf vorbereitet, da er als Erbe seines Onkels später die umfangreichen Güter zu verwalten gedachte. Sein Vetter Edmund Normann hatte ein kleines Gut in der Nähe, er bot dem Heimathlosen gastfrei ein Obdach an und überredete ihn, mit dem Onkel in Briefwechsel zu treten. Denselben wohlgemeinten Rath gab ihm eine befreundete Familie, Doctor Feller; dieselbe hatte schon im freundschaftlichen Verkehr mit seinen Eltern gestanden, und wie er später in Deutschland zu seiner Freude vernahm, war Frau Feller die Schwester der beiden Brüder Härtung, also die Tante seiner geliebten Martha. Er befolgte den guten Rath. Vergebens, alle Briefe kamen uneröffnet zurück. Da fand der enttäuschte junge Mann keine Ruhe mehr in der alten Heimath; er reiste nach Deutschland, dem Vaterland seiner früh verstorbenen Mutter, und unter ihrem Namen nahm er die bescheidene Stelle eines Organisten an der Paulus-Kirche an, die gerade vakant war. Zwar wußte er, daß er kaum den Anforderungen genügen würde, aber es handelte sich um die Erringung einer gesicherten Existenz, und er durfte im Kampf um's Dasein nicht unterliegen. (Forts, f.) Das Schühenliesl. Eine wahre Geschichte. Erzählt von Robert v. Hagen. (Schluß.) Der Mann, der ihnen gegenüberstand, hatte einen Stelzfuß, einige blankgeputzte Medaillen auf dem schäbigen Rocke und trug einen an einem Riemen um den Hals hängenden alten Leierkasten. „Ah, Du bist's, Hirselpacherl Wo kommst denn her? Hast Dich ja schon lang' nit bet uns sehen lassen." „Bin halt a bisse! länger 'blieben im Passey'rthal, als fünften. Wenn's Dir recht is, Schützenliesel, setzt Euch hier auf den Felsvorsprung — i will Euch was spielen und singen." „Mir is scho recht," antwortete das Liesel, setzte sich und wies auch dem Grafen einen Platz an. Der alte Bettelmusikant machte seinen Kasten zurecht — drehte im langsamen Tempo, und mit ziemlich wohlklingender Stimme sang er dazu: Zu Mantua in Banden Der treue Hofer war, In Mantua zum Tode Führt' ihn der Feinde Schaar. Es blutete der Brüder Herz, Ganz Deutschland, ach, in Schmach und Schmerz, Mit ihm das Land Tirol rc. Das Schützenliesel wurde während dieses Gesanges immer unruhiger, ihre Brust hob und senkte sich stürmisch — das enge Mieder drohte zu zerspringen. „Es ist gnua, Hirselpacher; hör' auf zu singen und zu spielen — geh' wieder Deiner Wege und wennst heut abends nach der Gogelwirthschaft kommst, sollst an Topf Milch und a groß Stück Brod dazu haben." Der Graf aber warf ihm in den schon bereitgehaltenen Hut einen Silbergulden, daß der Alte darüber schier das bißchen Vernunft verlor: „Wons? Is das Dein Ernst? Dös is ja a richtiger kaiserlicher Silbergulden! Na, so a Glück! Gnädigster Herr, laß mich Deine Hand küssen. O du liabs Herrgöttel, a ganzer neuer Silbergulden. Ah, da will i aber auch zwanzig Rosenkränz' Herunterbeten, damit Dir der Herrgott viel Glück und a Weiberl schenkt, so schön, so liab und guat, wie das Diaxndel, das da neben Dir sitzt, und auch so brav, wie's Schützenliesel!" „Troll' Dich weg, alte Plaudertaschen; i will nix mehr hören von Dein' G'wäschl" entgegnete, bis über die Ohren roth geworden, das Liesel. Der alte Leiermann erging sich noch in Tausenden von Segenswünschen und humpelte vergnügt weiter. Das Schützenliesel sah ihrem Begleiter so recht forschend in's Auge, und dann hob sie in weichem, gefühlvollem Tone an: „Hast mich denn wirklich so gern? So recht vom Herzen liab?" „Ueber alles hab' ich Dich lieb, Du trautes Engelskind." „Na, dann bitt' i Dich — geh' weg von uns, noch heut', und komm' nit wieder. Denn schau, — es kann ja nix daraus werden zwischen uns. Als der alte Wer- kelmann da früher g'sungen hat das schöne Liad vom Andreas Hofer, da is mir's plötzli wie Schuppen von den Augen g'fallen, daß i nimmer und nimmer Dein Weiberl wer'n könnt'. Denn schau, der Hofer Andrä, das is der Stolz vom Tiroler, und nach den Heiligen da kommt gleich der Hofer. Und in der Schul' wird's uns Kindern schon eing'lernt, was er alles Gut's than hat für's Tirolerland — wie er dann verrathen worden is, wie ihn dann die Franzosen hing'schleppt hab'n nach der Festung Mantua und wie's ihn dann am 20. Februar 1810 grausam erschossen hab'n, die Franzosen. Warum? Bloß darum, weil er sein liab's Vaterland, sein liab's Tirol von fremder Herrschaft befreien wollt'." „Und für das, was meine Nation vor beinahe sechzig Jahren gegen Euch gesündigt hat in Kriegszeiten, dafür soll ich, der Einzelne, büßen? Nein, mein Schützenliesel, das kann Dein Ernst nicht sein," erwiderte der Graf. „Ja, 's is mein rechter Ernst," antwortete sie, „daß i Dir nimmer ang'hören kann, weilst halt a Franzos bist. Schau, wär's Dir denn recht, wenn die Leut' dann später mit den Fingern auf uns zeigen thäten und sagen: „Seht's dorthin, dorthin, dort geht das frühere Schützenliesel, die usis abtrünnig geworden is; sie hat einen von denen g'heirath', die unsern Hofer in Mantua ums Leben 'bracht hab'n, — an Franzosen." „Sie sollen das nicht sagen, Du theures Herzensmädchen. Dir zulieb' ist mir kein Opfer zu groß. Gieb mir Dein Jawort, und ich, der ich weder Vater mehr, noch Mutier besitze, nur entferntere Verwandte, also an niemand gebunden bin und frei schalten und walten kann über ein großes, von keiner Seite antastbares Vermögen, ich komme her zu Euch, in Eure wunderschönen Berge, verschaffe mir das Nationalitätsrecht und bleibe mit Dir bis an unser seliges Ende. Denn höre mich an, Du, mein Kleinod, ich kann nicht leben ohne Dich; in Dir wohnt meine ganze Glückseligkeit, mein Hoffen, mein Sehnen, mein Denken, mein Fühlen!" Sie reichte ihm die beiden Hände. „Ja, ja, i glaub', Du meinst es halt doch recht ehrlich und nit wie a Diplomat; und so will i gern Dein g'hören für's ganze Leben, wenn der Vater nix dagegen hat. Er is ja so herzensguat, mein Vater, wenn er auch so brummbärig aussieht. Vom Fensterln*), wie's im Tirolerlande Mode is, do is er ka Freund — wenn aber einer amal kommt, a braver Mensch, und er fragt: *) Des Nachts auf der Leiter zum Fenster des Liebchens klettern- 559 Gogelwirth, giebst mir Dein' Tochter, i hab's gern und I sie hat mi a gern, dann antwort' er g'wiß: Ntmm's, I wenn's Dich mag!" „Nun, so will ich denn kühn anfragen bei Deinem Vater und ihm offen und ehrlich alles darlegen, wie ich es meine. Und dann werde ich ja sehen, ob es denn gar so große Eile hat, daß ich mir Euer schönes Tirol von einer anderen Seite ansehe." Die beiden Liebenden hatten sich nun noch gar vieles zu sagen und zu erzählen und schmiedeten die wunderbarsten Pläne für die Zukunft. „Na, und sag' mal, Nikola, wirst denn was dagegen hab'n, wenn i als Dein Weiber! no immer mei liabs Tirolergewandel tragen möcht'?" fragte endlich das Liefe! mit gar wichtigem Ton. „Nun, darüber beruhige Dich, Liesel — in dieser Angelegenheit werden wir wohl noch einig werden." a Landdirn', zu wenig aber für a Grafenweib. Wennst mir das dann später vorwerfen thät'st — i springat direkt in den Jnn und thät' mi dersäufen!" Unter diesen mehr oder weniger erbaulichen Abmachungen kamen die beiden in die Nähe der Gogel- wirthschaft. Noch flink und g'schwind a recht derbes Busserl — und wie ein verscheuchtes Reh eilte das Schützenliesel voraus, schlich sich unbemerkt ins Gehöft und stellte sich, als ob sie überhaupt dasselbe nicht verlassen gehabt hätte. Wehe auch dem Liesel, wenn der gestrenge Vater nur das mindeste gemerkt hätte — wär' das ein Gewitter geworden mit Blitz und Donnerschlag I Denn — mißtrauisch war er ohnedies schon, sonst hätte er gewiß nicht den Fremden da oben so ernsthaft aufgefordert, Tirol von der andern Seite anzusehen. ML Sturz des Erzherzogs Wilhelm. „Ja, aber das sag i Dir gleich im voraus" — so stellte sie ihre weiteren Bedingungen. „Wenn i a Dein' Frau sein werd', auf ein andern Namen, als auf Liesel oder Schützenliesel, horch' i nit — das muaß alles beim Alten bleiben — denn Elisabeth, wie man in der Stadt sagt, das klingt viel zu g'spreizt und nobel." „Sei beruhigt, mein herziges Liesel, ich werde Dich bei keinem anderen Namen nennen, als bei dem Du mir so theuer geworden bist." - „Ja, und richtig — noch eins wollt''i Dir sagen — Jeses, Jeses, was war's denn nur schnell? Ja, i hab's! Also, i wollt Dir bloß sag'n, daß mir's gar nit recht is, daß Du a Graf bist — 's wär mir halt tausendmal lieber, Du wärst a Hofbesitzer so wie mein Vater, mit an g'wöhnlichen, recht groben Tirolernam', Stadelbaner, Tschurtschenthaler, Wurzenbacher oder so was dergleichen. Denn schau, i bin ja in d' Schul' gangen, aber z'viel hab i halt nit g'lernt. G'nug für Im Sommer 1880 besuchte der Erzähler dieser Ge- geschichte, einen beim Kaiserjäger-Regiment stehenden, in Bozen in Garnison befindlichen Verwandten und wurde von demselben zur Theilnahme an dem Bozener Schützenfeste, welches am nächsten Tage begann, aufgefordert resp. eingeladen. Der Erzherzog Heinrich von Oesterreich nebst Gemahlin, die Grafen von Meran (Söhne des verstorbenen Erzherzogs Johann) und fast alle Honoratioren der Umgebung hatten ihr Erscheinen zugesagt und waren auch erschienen. Da plötzlich konzentrirten sich aller Blicke nach einem Punkte — einer nach dem Schießplatz einherrollenden Equipage, in welcher ein Herr und eine Dame, die letztere in Tiroler Nationaltracht, saßen. Der Wagen hielt, der Leibjäger sprang vom Bock, öffnete den Wagenschlag, und die beiden Insassen entstiegen dem Gefährte. Sämmtliche Offiziere, welche sich um den schon zeitig erschienenen Erzherzog Heinrich gruppirt hatten, salutirten respektvoll, und der letztere, 560 ein jovialer, allbeliebter Prinz, that ein übriges, indem er sogar einige Schritte nach vorwärts machte und sowohl dem Herrn, wie auch der Dame die Hand reichte. „Also, natürlich auch erschienen?" sagte der Erzherzog lächelnd, „allerdings etwas spät." „Ja, kaiserliche Hoheit," sagte die hübsche, imponirend schöne und stattliche Dame, „es muß halt alles seine Rangordnung haben." „Wie soll ich das verstehen, Gräfin?" fragte der Erzherzog erstaunt. „Ja wissen's denn nit, Kaiserliche Hoheit, daß mich die guten Brixner beim letzten Schießen zur Schützenkönigin gemacht hab'n? Na, und so mein' i halt, daß es ganz in der Ordnung is, wenn die Prinzen und Prinzessinnen*) früher am Platz sind als die Königin." „Ah, allerdings, allerdings," sagte der Erzherzog lächelnd, „ich gratulire noch nachträglich zu der Rangerhöhung." „Sie bleibt doch immer dieselbe," flüsterte mir mein Vetter zu. „Wer ist dieses reizende Naturkind?" fragte ich ihn. „O, Pardon, Du kennst sie nicht? Nun, es ist unsere famose Schützengräfin, die Gräfin St. Fallier auf Tschurtschenthal, das frühere sogenannte Schützenliesel. Wenn es Dir Spaß macht und sich die allgemeine Ad- miration gelegt haben wird, will ich Gelegenheit nehmen, Dich ihr vorzustellen. Aber auf eins mache ich Dich aufmerksam; willst Du sie in eine längere Unterhaltung verwickeln, so rede um Gotteswillen nur nicht allzu hochdeutsch mit ihr." „Ich will mir's merken." „Die Gräfin," so fuhr er fort, indeß ich die herrliche Erscheinung nicht genug bewundern konnte, „ist der Abgott aller Gebirgsleute; sie ist unermüdlich im Wohlthun und opfert Unsummen zu wohlthätigen Zwecken. Das Schloß Tschurtschenthal bei Strulbach ist ein Meisterwerk der Architektur, und die Schätze, die es birgt, erinnern an die Märchen aus „Tausend und eine Nacht"." „Der Herr, welcher neben ihr steht, ist ihr Gatte?" „Ja, der Graf St. Fallier, ein geborener Franzose, aber mit Leib und Seele naturalisirter Tiroler. Wenn ich nicht irre, gehört er sogar dem österreichischen Reichsrath an. Doch es würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen, wollte ich Dir die gar wundersame Geschichte vom Schützenliesel hier erzählen. Ein andermal." Die Gelegenheit, der Gräfin St. Fallier vorgestellt zu werden, ergab sich recht bald, und da ich durch einen wohlgeglückten Schuß mich bei ihr in hohen Respekt zu setzen verstanden hatte, so folgte denn auch am kommenden Tage eine liebenswürdige Einladung nach dem Feen- schloß Tschurtschenthal, welcher ich mit ganz besonderem Vergnügen entsprach. In möglichst diskreter Weise lenkte ich gelegentlich eines zweiten Besuches das Gespräch auf den Sturzvogel, den ich demnächst zu einer Fußtour ausersehen hatte, und da hatte ich denn auch die Stelle getroffen, nach welcher ich zielte. „Ja," sagte sie, „wenn Sie halt nur nit a Schriftsteller wären, so würd' ich Ihnen die ganze G'schicht erzählen, auf welche Art und Weis' ich die Gräfin St. Fallier 'worden bin; aber die Schriftsteller, die plaudern *) Die Gemahlin des Erzherzogs war früher die Schauspielerin Hofmann vom Grazer LandeStheaier und ist demse ben morganatisch angetraut. halt alles größtentheils aus, was sie hören, und noch dazu gedruckt, schwarz auf weiß." „Frau Gräfin, ohne Ihre Genehmigung — werde ich es nicht wagen — —" „Na also, wenn Sie's interessirt, so horchen's halt zu. Nikola, Du hast doch nix dagegen?" wendete sie sich an ihren Gatten. „Nein, meine Theuere," sagte der Graf, „ich selbst höre gar zu gern aus Deinem Munde mein Lebensglück erzählen." Und nachdem sie uns noch die köstlichen silbernen Pokale mit noch köstlicherem Rebensaft gefüllt hatte, erzählte sie mit unendlich melodischer Stimme ihre Geschichte — die Geschichte vom „Schützenliesel"! * H * Nachträglich hat mir die Heldin der Geschichte denn doch die Erlaubniß ertheilt, die Erzählung in Kürze zu veröffentlichen, „aber," sagte sie, „um Gott'swilleu nicht die richtigen Familiennamen nennen — 's sti nit wegen mir, — sondern wegen meinem lieben Mann." Und ihrem Wunsche bin ich auch nachgekommen. -- Zu unseren Bildern. Dr. Komp, Dischof von Fulda. Als Bischof von Fulda wurde am 27. April der bisherige Bisthumsverweser vr. Georg Jgnatius Komp gewählt. Er ist der Nachfolger des in der Nacht vom 11. auf 12. Januar l. Is. verstorbenen Bischofes Joseph Weyland. vr. Komp ist geboren am 5. Juni 1828 zu Hammelburg in Bayern. Viele Jahre hindurch war er Regens des Priesterseminars, an dessen philosophisch-theologische Lehranstalt er als Professor der Pa- storal-Liturgik, Pädagogik und Katechetik wirkte. Nach dem Tode des Bischofs Joseph wurde er zum Bisthumsverweser gewählt. Der überaus würdige und liebenswürdige Priester hat an dem öffentlichen Leben im katholischen Deutschland seit langer Zeit einen hervorragenden Antheil genommen. Insbesondere war er ein eifriger Förderer und häufiger Besucher der Generalversammlungen der Katholiken Deutschlands und betheiligte sich lebhaft an den Bestrebungen der Görresgesell- schaft, deren Vorstand er angehört. — Kandshul Zu den Sehenswürdigkeiten der Hautpstadt Niederbayerns, der so malerisch an der Jsar gelegenen Stadt Landshut, zählt in erster Linie die herrliche Martinskirche. Dieselbe wurde unter Herzog Friedrich in den Jahren 1407—1177 erbaut. Die Höhe des Thurmes der St. Martinskirche beträgt 133 Meter. Sodann ist tu erwähnen, das die Stadt überragende, zum Theil restaurirte Schloß Trausnitz mit allegorischen Fresken aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Die Burg wurde erbaut von Herzog Ludwig I., dem Sohne Otto's von Wittelsbach. Fremde mögen nicht versäumen, sich auch den Löwemwinger unter dem Söller der Trausnitz zu besehen. Die Stadt zählt 11 Kirchen. An sehenswerthen Gebäuden sei noch erwähnt, das kgl. Rest- denzschloß, Neubau, das Regierungsgebände, (vormaliges Dominikanerkloster) das alte Landschaftshaus u. s. w. Klurz des Erzherzogs Wilhelm. Als am 29. Juli Erherzog Wilhelm von Oesterreich beim Morgenritte einen zur Abfahrt bereiten elektrischen Zug vor sich sah, befahl er kräftig zu läuten. Der Maschinist lhat, wie ihm geheißen. Das Pferd blieb ruhig. Eben wollte der Erz- berzog das Experiment zum zweiten Male wiederholen, als das Pferd sich bäumte. Da ergriff er mit der rechten Hand die Mähne und versucbte, mit der Linken die Zügel kurz fassend, abzusteigen. Ein jäber Ruck, und der Erzherzog stürzte rücklings zu Boden, wobei der linke Fuß sich im Bügel verfing. Das Haupt schlug auf den Boden, der gerade an dieser Stelle mit spitzen Schottersteinen bedeckt ist. Das scheue Pferd schleifte den Erzherzog in dieser fürchterlichen Lage etwa zehn Schritte quer über das Geleise. Hier löste sich endlich der Fuß aus dem Bügel, und in rasendem Laufe stürmte das Pprd vorwärts, während er schwer verwundet auf der Straße liegen blieb. Nach seiner Villa transportirt, verschied er nachmittags zwischen 5 und 6 Uhr. -^ q. -<»- - HL73. Ireitaz, den 7. September 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler). Der Organist. Novelle von C. Borges. (Fortsetzung.) 3. Kapitel. Wenn jemals ein Haus oder eine Gegend aus Ironie oder Unrecht seinen Namen erhielt, so war es die Rosenvilla. So weit das Auge schaute, dehnte sich an der einen Seite die staubige Landstraße aus, während an der andern ein vernachlässigter Wald, in dem Disteln und Doruengestrüpp wucherten, sich weithin erstreckte. Eine zerbröckelte Mauer umgab die elende Hütte. Ein kleiner, verwilderter Garten lag zwar vor derselben, aber das Grundstück befand sich in einem so schlechten Zustand, daß es fast eine Unmöglichkeit war, es urbar zu machen. Das zerbrochene, verrostete eiserne Gitterthor war dem Umstürze nahe und ohne Gefahr konnte man es kaum öffnen oder schließen. Das Wohnhaus selbst war so baufällig, daß weder die Treppe noch die obern Räumlichkeiten benutzt werden konnten. Was aber Menschcnkunst und eine liebende Hand vermocht hatten, den untern Räumen eine gewisse Behaglichkeit zu verleihen, war hinreichend geschehen. Zahlreiche Bilder, größtentheils Skizzen der eigenen Hand, bedeckten die schadhaften Stellen der zerfetzten Tapete. Die vielen Kleinigkeiten, wie sie nur das neunzehnte Jahrhundert in bunter Mosaik zusammenwürfelt, standen auf dem Schreibtische umher und verliehen dem ärmlichen Gemach ein ansehnliches und behagliches Aussehen. Auf einem niederen Ruhebette lag eine junge Dame in warme Decken gehüllt. Sie hatte die müden Augen halb geschlossen, und ein krankhaft leidendex Zug lagerte auf ihrem bleichen, schönen Antlitz. Sie mochte hoch in den Zwanzigern sein, wiewohl eine längere Krankheit sie älter erscheinen ließ, wie sie in Wirklichkeit war. Eine ältliche Dame mit silberweißen Haaren und schmerzdurchfurchtcm Antlitz bewegte sich geräuschlos durch das kleine Gemach. Vorsichtig mit den Händen tastend, prüfte sie den kleinen runden Tisch, auf dem das Abendbrod servirt stand. Man merkte es den Bewegungen der Dame an, daß sie vollständig blind war, aber dennoch war ihr Schritt sicher und elastisch und ihre Bewegungen nicht ungeschickt. Ab und zu richtete die Kranke von ihrem Lager aus einen besorgten Blick auf die Mutter, gleichsam um sich zu vergewissern, daß derselben kein Unfall drohe, und dann schloß sie mit einem Seufzer wieder die müden Augen. „Wie spät Helene heute wieder kommt!" bemerkte besorgt die blinde Mutter und ließ noch einmal ihre Finger behutsam über den Tisch gleiten, um sich zu überzeugen, daß nichts zum Abendbrod fehle. „Du weißt, Mutter, sie wollte heute noch zu dem Kaufmann Grüner gehen, dessen Töchter Musikunterricht haben sollten, und dort ist sie vielleicht etwas länger aufgehalten worden." „Ganz recht, Jda, ich bin auch gewiß zu ängstlich und fürchte immer ein neues Unglück, obgleich ich keinen Grund dazu habe. Aber meine Nerven sind überreizt, daher diese Unruhe. Wir müssen doch froh und dankbar sein, so bald diese reizende Villa bekommen zu haben, der junge Agent Schellenberg hat viel für uns gethan, uns dieses Logis für eine so geringe Rente zu überlassen." „Da kommt Helene! ich höre ihren Schritt," rief die Kranke freudig aus, denn es war ihr peinlich, die Mutter in dieser Täuschung über die traurige Wohnung zu bestärken, und doch war sie mit der Schwester übereingekommen, ihr den wahren Zustand und die trostlose Lage des Hauses zu verbergen. Die Blinde tastete vorsichtig nach der Thür, und bald betrat die junge Dame, die das Herz des jungen Agenten gefangen, das trauliche Gemach. „Nun, liebe Mutter," rief Helene fröhlich, die bleiche Stirn der alten Dame küssend, „Du hast gewiß gedacht, ich käme heute gar nicht wieder, so spät ist es mir geworden. Und wie ist's heute mit Dir, liebe Jda?" mit diesen Worten eilte sie an das Lager der Schwester und drückte einen Kuß auf die schmalen, blassen Lippen. „Ah! das Abendbrod ist schon fertig, wie ich sehe! das ist herrlich, denn an gutem Appetit fehlt es mir nie." „Nun, der Thee ist noch nicht fertig," warf die besorgte Mutter ein, „aber das Wasser kocht, nur wagte ich nicht ihn zu bereiten." „Das soll auch niemals geschehen, so lange ich hier bei Euch bin," versetzte Helene heiter, dann band sie eine große Schürze um, eilte in die kleine Küche, um bald darauf mit dem duftenden Getränk zurückzukehren. Zuerst sorgte sie mit liebevoller Zärtlichkeit für die Bedürfnisse der Mutter, dann bediente sie die kranke Schwester, und als ihre Lieben sich erquickten» nickte sie 562 ihnen freundlich zu und dachte schließlich auch daran, ihren eigenen Hunger zu stillen. „So," begann sie, als das einfache Mahl beendet war, „nun will ich Euch von meinen heutigen Erlebnissen bei der hochmüthigen, stolzen Frau Grüner erzählen. Ihr Reichthum hat mich jedenfalls blenden sollen, jedoch, der imponirt mir nicht, denn sie führte mich durch eine ganze Reihe Prunkgemächer mit spiegelglattem Parquetboden, die mit kostbaren Vasen, Gold- consolen und hohen Wandspiegeln verschwenderisch genug ausgestattet waren. Sie hat zwei kleine Töchter von 6 — 8 Jahren. Beide sollen Klavierunterricht haben und jede zwei Stunden wöchentlich. Weil die Kinder aber nur Anfänger sind, zahlt sie eine Mark pro Stunde." „Du hast doch hoffentlich das Anerbieten nicht angenommen?" wandte die Schwester erregt ein. „Gewiß habe ich das! wie könnte ich auch der Versuchung widerstehen, vier Mark wöchentlich mehr zu verdienen!" scherzte Helene belustigt. „Natürlich, der „Herr Organist" kann größere Ansprüche machen und würde diesen Bettel nicht angenommen haben. Aber er hat ja jeden Tag schon so viele Schüler und Schülerinnen zu unterrichten, bekommt für jede Stunde vier Mark und mit dieser Einnahme können wir doch zufrieden sein." Thränen traten in die erloschenen Augen der Blinden, und ein schwerer Seufzer entrang sich ihrer Brust. „Helene," flüsterte sie bebend, „scherze doch nicht in dieser Weise. Du weißt, daß die Erinnerung an unseren Verlust mir das Herz abdrückt, und bedenke, wie schwer ich dabei gelitten habe!" Das junge Mädchen legte zärtlich ihren Arm um den Hals der geliebten Mutter. „Du weißt, daß ich Dir gern jeden Kummer erspare, aber eS muß Dir und Jda doch eine Beruhigung sein, wenn ihr ganz genau wißt, wie es mit unseren finanziellen Verhältnissen steht. Ihr wißt, daß der „Organist" ein ansehnliches Gehalt von der Kirche bezieht, außerdem hat ihm der Negier- ungsrath Brauer die Stelle als Musiklehrer in seinem Hause angeboten, die ihm auch ein nettes Sümmchen einbringt; er soll dort den erwachsenen Töchtern Klavierunterricht ertheilen. Dann kommen meine Privatstunden dazu, die ich Nachmittags ertheile, und die vier Mark von Frau Grüner —" sie lachte schelmisch bei diesen Worten. — „Ihr seht also, wir haben keine Noth und brauchen nicht mit Sorge der Zukunft entgegen zu sehen. Waren wir nicht sehr glücklich, dieses reizende kleine Häuschen zu erwerben, so preiswürdig und höchst romantisch —" sie warf bei den letzten Worten der kranken Schwester einen bedeutungsvollen Blick zu — „da haben wir doch alle Ursache mit unserem Loose zufrieden zu sein." — „In der That, wir dürfen uns nicht beklagen," bestätigte die Blinde, die von dem Mienenspiel ihrer Töchter gar keine Ahnung hatte, „es wundert mich nur, daß diese reizende Villa, wie sie nach Eurer Beschreibung sein muß, gerade leer stand." Wenn eS Täuschungen gibt, die zum Wohle der Menschen ausgeführt und zu ihrem Glücke beitragen, so war diese eine solche. Frau Willford hatte in England an der Seite ihres Gatten ein glanzvolles, luxuriöses Leben geführt. Zwar wußte sie, daß sie verarmt waren, aber die hingebende Liebe ihrer Töchter hatte der Armuth ihren Stachel geraubt. Auch war ihre Blindheit ihr zum Segen geworden, denn sie trug ihr schweres Leid geduldig und ergeben. Hätte sie aber das elende Obdach gesehen, so würde sie sich entweder energisch geweigert haben, in einer solchen erbärmlichen Hütte zu wohnen, oder sie hätte ihren Töchtern durch unaufhörliche Klagen das Leben verbittert. Jetzt war sie in ihrer Unwissenheit der Lage und des Ortes vollständig mit Helenens Anordnungen zufrieden, und der poetische Name des Hauses trug nicht wenig dazu bei, sie in dem Irrthum zu bestärken, in dem ihre Töchter sie absichtlich gefangen hielten. „Wie gefällt Dir die Familie Brauer?" fragte Jda leise, denn die Mutter war wie allabendlich in ihrem Lehnsessel eingeschlummert. „Sehr gut. Man ist höflich und zuvorkommend gegen mich und ich muß mich an meine neue Stellung gewöhnen," lautete die ebenso leise gegebene Antwort. „Wieviele Kinder hast Du zu unterrichten?" „Drei. Zwei erwachsene Mädchen und einen 14- jährigen Knaben. Die ganze Familie ist sehr musikalisch. und es ist ein Vergnügen, dort im Hause zu verkehren." Ein lautes Pochen an der Hausthür unterbrach die Stille des Abends; die beiden Mädchen erschraken, sogar die Blinde erwachte und richtete sich in ihrem Sessel auf. „Wer kommt noch am späten Abend zu uns?" fragte sie ängstlich und richtete ihre glanzlosen Augen der Thür zu. „ES ist noch gar nicht so spät, Mutter, kaum sieben Uhr vorbei," versetzte Helene, dann verließ sie das Zimmer. „Ah! Fräulein Willford!" hörte man im Hausflur eine unbekannte männliche Stimme, „ich störe doch nicht? Mein Vater beauftragt mich, zu Ihnen, zu gehen. Am Tage fehlt mir die Zeit, daher muß ich die Abendstunden benutzen, um Besuche zu machen." Helene erröthetc; sie führte den Gast in das Wohnzimmer. „Mutter, hier ist Herr Schellenberg, durch dessen gütige Vermittelung wir unsere Wohnung haben," rief sie laut, die Thüre öffnend. „Ich freue mich, Gelegenheit zu haben, Ihnen für den Beistand zu danken, den Sie meiner Tochter geleistet haben," entgegnete höflich die Blinde. Der junge Mann blickte verlegen von der Mutter auf die Tochter, dann siel sein Blick auf das Lager der Kranken, und Helene beeilte sich, ihre Schwester vorzustellen. „Haben Sie sich in Ihrem neuen Heim eingelebt?" fragte Herr Schellenberg, einen prüfenden Blick im Zimmer umherwerfend. „Das Haus gefällt uns vorzüglich," nahm die Blinde das Wort, „ich bedaure nur, die schöne Lage und die Umgegend nicht sehen zu können, es soll ja hier nichts zu wünschen übrig sein." Ungeachtet der Erwähnung ihres Leidens konnte Herr Schellenberg ein Lächeln nicht unterdrücken. Daß die Mutter bedauerte, die trostlose Lage der Hütte nicht sehen zu können, erschien ihm fast lächerlich; aber ein Blick in Helenens bittendes Antlitz überzeugte ihn, daß die Mutter absichtlich in Unwissenheit über den wahren Sachverhalt gelassen war. „Mein Vater wünscht, daß ich mich bei Ihnen er» kundige, was zu Ihrer Bequemlichkeit hier geschehen kann," fuhr der junge Mann deshalb unbeirrt fort. „Es kann an diesem Hause gar nichts geschehen," nahm die Kranke schnell das Wort, doch im leisen Flüstertöne fügte sie hinzu: „Nur müßte es bis auf den Grund niedergerissen und neu aufgebaut werden." „Ich weiß wirklich nicht, was hier geschehen könnte," meinte Helene verständnißvoll, „es müßten denn die Manerleute kommen, um Hand an die äußere Gartenmauer zu legen." „Aber Helene!" rief die Mutter sichtlich bestürzt, „verlange doch nicht zu viel! Du sagst mir, die Mauer sei schön und ganz neu angestrichen, das eiserne Thor in bester Ordnung. Bedenke, wenn Arbeiter kämen, so würden sie die Spaliere verderben und dadurch den Wein, die Pfirsiche und die Aprikosen schädigen." Helene seufzte. Was mußte jetzt Herr Schellenberg von ihr denken, daß die Mutter sich in diesem Irrthum befand. Doch Herr Schellenberg hatte sich bereits erhoben. Er empfand das unbestimmte drückende Gefühl, daß seine Anwesenheit den Bewohnern der Hütte peinlich sei. „Ich hatte gehofft, die Bekanntschaft unseres neuen Organisten zu machen, aber ich muß wohl eine günstige Gelegenheit abwarten," sagte er beim Abschied, mit sanftem Druck Helenens Hand fassend. „Mein Bruder sieht nicht gern Fremde, er liebt ein geselliges Leben nicht sonderlich," versetzte das junge Mädchen, indem dunkle Nöthe die bleichen Wangen färbte, und mit diesem Bescheid mußte Herr Schellenberg den Rückweg antreten. 4. Kapitel. Es war Sonntag. In der Paulskirche saß die Menge der Andächtigen dicht gedrängt beisammen, und viele derselben warteten begierig auf die ersten Klänge der Orgel, oder vielmehr auf die Leistungen des neuen Organisten, von dem schon so manches Geheimnißvolle erzählt wurde. Aber nur sehr wenige hatten ihn selbst gesehen; nicht einmal die Töchter des Herrn Doctor Härtung, die doch durch den regen Verkehr mit dem Pfarrer sich berechtigt glaubten, die neuen Mitglieder der Gemeinde zuerst kennen zu lernen. Da rauschten plötzlich die ersten Klänge der Orgel durch das gefüllte Gotteshaus. In athcmloser Spannung lauschten die Gläubigen, und die zufriedenen Blicke der Musikkenner bekundeten deutlicher denn Worte, daß die Leistung des jungen Künstlers eine ganz außerordentliche sei. Man wußte, daß der neue Organist noch sehr jung, ja fast noch ein Knabe sei, und viele Glieder der Gemeinde halten sein erstes Auftreten gefürchtet, besonders da die Wahl seines Vorgängers nicht nach besten Wünschen und zur Zufriedenheit ausgefallen war. Desto größer war jetzt die Befriedigung, als die vollen, glockenreinen Töne das Gotteshaus erfüllten, die am Schlüsse der Andacht es noch verstanden, Kenner und Musikfreunde noch längere Zeit zu fesseln. Draußen auf dem Kirchplatze hatte sich inzwischen eine kleine Gruppe junger Damen gebildet, deren Mittelpunkt Martha und Hedwig Härtung bildeten. „Ich hörte, er sei abschreckend häßlich, habe das ganze Gesicht voll Pockennarben," nahm eine kleine, dunkeläugige Brünette das Wort, „dazu hat er rothes Haar und trägt eine große blaue Brille." „Wohl möglich," lächelte Martha, die in den letzten Tagen auffallend bleich geworden war, „aber sein Spiel ist vorzüglich; er ist ein Meister in seiner Kunst." Ehe die lebhafte Brünette etwas erwidern konnte, siel Jenny Brauer hastig ein, und zu dieser gewendet rief sie in gereiztem Tone: „Du hast Dich heute aber gründlich geirrt, denn der neue Organist entspricht Deiner Beschreibung gar nicht. Ich werde es doch wohl am besten wissen, da er fast täglich zu uns kommt. Gestern hatte ich bei ihm meine erste Klaviersiunde; er ist durchaus nicht häßlich, im Gegentheil, ich finde ihn sogar schön. Es ist wahr, er trägt beständig eine große dunkelblaue Brille zum Schutze gegen die Augen, aber nach meiner Meinung macht ihn dieselbe gerade anziehend. Und was erst seine Stimme anbelangt, die ist so melodisch und sanft, wie ich selten eine gehört habe, fast so weich wie die einer Dame." „Wessen Stimme, etwa die meinige?" scherzte ein junger Herr, der unbemerkt zu der kleinen Gruppe hinzugetreten war. „Herr Schellenberg! Sie haben uns wirklich erschreckt ! Wir sprachen von dem neuen Organisten, Herrn Willford; er soll aus England gekommen sein," versetzte lebhaft die kleine Brünette. „Dann ist er so gut wie ein Landsmann von mir," fuhr der junge Agent erheitert fort. „Meine Mutter war eine Engländerin, daher zähle ich mich halb und halb zu Albions stolzen Söhnen. Der frühere Organist kam aus England, und nun dieser neue ebenfalls. Sind Sie ganz sicher, Fräulein Martha, daß Sie nicht auch eine Engländerin sind, oder" — setzte er im ganz leisen Flüstertöne hinzu, so daß sie allein seine Worte verstehen konnte — „möchten Sie nicht gerne eine Engländerin werden?" „Thorheit, Herr Schellenberg, wir sehen doch wahrlich nicht wie Engländerinnen aus", nahm Hedwig anstatt der Schwester das Wort, während diese verwirrt den Blick zu Boden senkte, „wir sind Deutsche, stolz auf unsere Nation, und wir haben noch nie unser Vaterland verlassen. Nur eine Tante von uns wohnt im südlichen England, die ich schon deshalb gern besuchen möchte, um Land und Leute kennen zu lernen. Komm, Martha," wandte sie sich jetzt an die jüngere Schwester, „wir müssen uns beeilen, wenn wir nicht zu spät zum Mittagessen kommen wollen. Wir sind hier ohnehin die letzten, sogar der Küster hat schon die Kirche verlassen." „Wie ist dann der neue Organist hinausgekommen? Hat Jemand ihn gesehen?" fragte Herr Schellenberg. Er hatte keinen Blick von der Kirchthür abgewandt, hauptsächlich um die Schwester zu sehen, und da ihm dieses nicht gelungen war, so hoffte er wenigstens einen Blick von dem Bruder zu erhäschen. Aber der neue Organist schien ebensowenig anzutreffen zu sein, wie seine Schwester, und dieser Umstand trug nicht wenig dazu bet, die Bewohner der Nosenvilla mit einem geheimniß- vollen Etwas zu umgeben. Martha Härtung fühlte sich an diesem Tage ganz besonders unglücklich. Sie hatte gehört, daß der neue Organist sehr jugendlich sei, daß er ein schmales, bleiches Gesicht habe und eine blaue Brille trage. Zweifellos war er der unbekannte Fremde, der vor einigen Tagen im Restaurant die Unterredung der Liebenden mit 564 angehört hatte, und vielleicht machte er gelegentlich ihrem Vater oder dem Pfarrer von dem Gehörten Mittheilung. Dann hatte Herr Schellenberg eine Bemerkung fallen lassen, die dem zaghaften jungen Mädchen das Blut in die Wangen trieb und ihr die Gewißheit aufdrängte, daß er etwas von ihrem Herzensgeheimniß wisse. Wieviel und was er davon erfahren hatte, blieb eine unbeantwortete Frage, die das arme Mädchen folterte. Schließlich hatte sie seit der letzten Unterredung nichts mehr von Franz Burgfeld gehört. Sie war an dem verabredeten Mittwoch pünktlich, wie gewöhnlich, im Restaurant erschienen, hatte volle zwei Stunden vergebens gewartet, um dann muthlos und niedergeschlagen den Rückweg anzutreten. Es waren seitdem nur wenige Tage vergangen, aber diese wurden zur Ewigkeit, da sie daran gewöhnt war, täglich ein Briefchen von ihm zu finden, die jetzt gänzlich ausblieben. Am äußersten Ende des Gartens, in dem dichten Gezweig eines Holunderstrauches, war ein kleines Versteck, nur den Liebenden bekannt; aber sonderbar, ihr letzter Brief lag schon seit einigen Tagen unberührt, er war nicht abgeholt worden. Kein Wunder also, daß Martha's Wangen erbleichten, ihre Augen vom Weinen sich rötheten und sie matt und kraftlos wie ein Schatten umherging. Die Kirche war bis auf den letzten Platz geleert, als der Organist sich von seinem Platze erhob. Vorsichtig verschloß er sein geliebtes Instrument, und ungesehen verließ er durch eine Scitenthür der Sacristei das Gotteshaus. Es war ein weiter Weg bis zur entlegenen Nosenvilla, aber er war ein rüstiger Fußgänger und kümmerte sich wenig um die Länge des Weges. Raschen Schrittes ging er seinem Ziele entgegen und hatte bald die beträchtliche Strecke zurückgelegt. Die Thür der Hütte stand offen. Schnell betrat er das kleine Wohnzimmer und ließ langsam seine Blicke über die blinde Mutter, dann auf die kranke Schwester schweifen. Die alte Dame rührte sich nicht aus ihrem Sessel; tiefer Seelenschmerz und eine große innere Erregung malten sich in ihren Zügen; doch die Kranke streckte mit ihrem gewohnten Lächeln dem Eintretenden ihre welke Hand entgegen. „Nun, Herr Organist, wie ist das erste Auftreten heute ergangen?" fragte sie schelmisch. „Hast Du ein trauriges Fiasco gemacht oder die Menge durch Deine Leistungen bezaubert?" „Keines von beiden, soviel ich weiß," lautete die ruhige Erwiderung. „Hast Du kein freundliches Wort für mich, Mutter?" „Gewiß, gewiß," versetzte sichtlich bewegt die blinde Frau, „ich freue mich, mein Kind, daß Dein erstes Auftreten gut abgelaufen ist. Ich machte mir um Deinetwillen große Sorge." „Es war nicht der geringste Grund zur Unruhe vorhanden," lächelte der Jüngling wehmüthig, „aber die alten Erinnerungen wachen wieder in Dir auf, wir wollen aber nicht davon reden." Er wollte bei diesen Worten das Zimmer verlassen, doch gerade in diesem Augenblick kam ein Bote des Pfarrers Härtung, der dem jungen Künstler eine Einladung zum Abendessen überbrachte. „Es sei Sitte," berichtete der redselige Bote, „daß der Organist, einige Lehrer und mehrere befreundete Familien monatlich einmal eine musikalische Abendunterhaltung im Pfarrhause veranstalteten; der Vorgänger habe stets bereitwillig mitgewirkt, und vom Nachfolger würde dasselbe erwartet." Die Einladung war freundlich gehalten und gut gemeint; desto mehr war der geistliche Herr erstaunt, daß eine höfliche, aber ganz entschiedene Ablehnung erfolgte. Der Organist schrieb, daß seine Mutter ein längeres Ausbleiben des Abends höchst ungern sehen würde, und daß seine Gesundheit und seine Gewohnheiten jeden geselligen Verkehr ausschließen müßten. „So, das wird für immer genügen," murmelte er befriedigt, als er dem Boten das Schreiben einhändigte. „Gewiß wird die Familie des Arztes auch dort sein," fuhr er, zu seiner Mutter gewendet, fort, „die jüngste Tochter scheint ein prächtiges Mädchen zu sein, sie hat einen guten Eindruck auf mich gemacht." „Wo hast Du sie kennen lernen?" fragte Jda verwundert. „Ich lernte sie gar nicht kennen, wenigstens nicht in dem Sinne, wie Du es meinst," lautete die ruhige Antwort, „ich sah sie zufällig in einem Restaurant, aber sie ahnte gar nicht, daß ich in ihrer Nähe stand, auch kennt sie mich nicht." „Das lautet geheimnißvoll," warf die Mutter ein. Mitternacht war längst vorüber, und die Bewohner der Nosenvilla lagen in sanftem Schlummer. Doch die Blinde saß aufrecht in ihrem Bette und rang verzweif- lungsvoll die Hände. „Mein Sohn! mein Sohn!" stöhnte sie unter Thränen, „warum mußtest Du mir so früh entrissen werden! Wollte Gott, ich hätte für Dich sterben können." (Fortsetzung folgt.) -"-SS888SS-- Die Heimath Rübezahls. Von Don Josaphet. - «Nachdruck vttLolni.; Wer die Natur deutscher Gebirge in ihrer Größe und Majestät anschauen, sein Herz und Auge an den hohen und kühnen Gletschern laben will, wer an der Natur der deutschen Gebirgswelt sich die Gewißheit eines schaffenden Weltgeistcs und die Ueberzeugung von dessen Allmacht und Erhabenheit gewinnen möchte, der wandere nach der Schweiz. Wer die Natur deutscher Gebirge in ihrer Größe und Lieblichkeit zugleich lieben lernen will, der gehe dorthin, wo die hohen kalten Gletscher Helvetiens, gleichsam im ersten Licbeserwachen lächelnd, lebenvollcreS Ansehen tragen und mehr frisches Erdengrün und weniger Himmelseis zeigen, wo die Thäler, von buntfarbigen Flüssen durchströmt, romantischer blinken, — nach dem schönen Lande Hafers, Tirol. Wer aber von den Söhnen Germaniens seinen Bergstock nicht über die Grenzen seiner engeren Heimath setzen und die wahrhaft erhabene Schönheit eines deutschen (im eigentlichen Sinne) Gebirges mit patriotischem Hochgefühle genießen möchte, der besteige an einem schönen Sommer- nachmittage die Heuscheuer bei Wünschelburg in Prenßisch- Schlesien mit der unvergleichlichen Aussicht auf die Heimath Rübezahls — das lieblich-ernste Riesengebirge. Eine Ansicht, die von den Alpen bis zum deutschen Meere, von den Karpathen bis zur Ostsee nicht ihres Gleichen mehr hat, ist das prachtvolle Landschaftsgemälde, 565 welches sich dort oben vor dem Freunde der Natur feierlich enthüllt, wenn er eine Stunde vor Sonnenuntergang den Wechsel der Beleuchtung abwartet, den nur der Abend in seiner ganzen zauberischen Herrlichkeit einer schönen und ausgedehnten Landschaft verleihen kann. Der Wunsch eines Jeden: „Ach, der Mensch will Höh'n erklimmen, „Wo er freien Blick umher, „Wo ihn rein're Lüft' umschwimmen, „Eb'ne Flüche drückt ihn schwer"; — im Niesengebirge kann er erfüllet werden. Und dann besitzt das Niesengebirge einen Vorzug, um den auch mit ewigem Schnee bedeckte Alpengipfel dasselbe beneiden können: es ist die „unsterbliche" Erscheinung Nübezahl's, eines Naturschwärmers, eines Alpinisten ersten Ranges, welcher der Schutzherr und Allvater dieser Höhen und zugleich ein echter deutscher Dämon genannt werden muß. Obgleich der Berggeist des Niesengebirgcs im Allgemeinen zu der großen Klasse der vermittelnden Dämonen gehört, unter welcher Bezeichnung die alten Griechen Mittelwescn zwischen dieser und jener Welt 'verstanden, welche — wie die Genien der Römer — den Menschenkindern guten Rath gaben, sie vor Verbrechen warnten und zu guten Thaten aufmunterten, indem sie aus ihrem gewöhnlichen Aufenthalte, den Wäldern und Einöden, hervortraten und sich dem menschlichen Auge oft in sichtbarer Gestalt darstellten, so ist doch in seinem ganzen wunderbaren und meist wunderlichen Wesen ein gewisses Etwas, das ihn von der größten Anzahl anderer derartiger Geister oder Genien ganz bestimmt und deutlich unterscheidet. Die Kobolde, welche uns Shakespeare in seinen von wundervoller Poesie überschwellenden Dramen so meisterhaft geschildert hat, sind kleine, wilde Necker, plump und doch wieder beweglich; sie spielen lauter lose Streiche und allerhand Allotria und treiben sich recht von amors selbst genießend in dem Mondscheiudickicht der Wälder herum. Rübezahl dagegen, der „Alte des Berges", der Höhengeist xar Lxosilsircs, zeigt sich nur in ernster, männlicher Gestalt, erscheint nur in oft riesenhafter Bildung. Es ist unleugbar, daß die mannigfaltigen Sagen des vom Geiste nimmer ruhender, frischer Dichtung nmwobcnen Riesengebirges, weil sie sich an eine bestimmte, angemessene gigantische Persönlichkeit knüpfen, nicht ohne das tiefere, oft rührende Interesse der zahlreichen Mythen anderer Gebirge sich uns darstellen; allein dennoch haben sie bei weitem nicht das düstere Gewand der Melancholie und Tragik, wie z. B. die meisten Sagen, welche am unheimlichen Brocken, im Harz, entsprungen sind. Die Märchen, Sagen und Mythen des Niesen- gebirges haben ein Verdienst, welches ihnen eigenthümlich ist, und das, wie dies überhaupt auf diesem Gebiete stets der Fall ist, mit der Lokalität und besonderen Eigenthümlichkeit der Gegend als unzertrennlich verbunden erachtet werden muß. Die Mehrzahl der Hochgebirge nämlich ist so begaffen, daß die höchsten Punkte und Gipfel, die über die anderen hervorragen, insgemein von unersteiglichen Felsen umgeben, von nie betretener ewiger Schneekruste bedeckt sind. Blaue Gletscher laufen aus diesen schwarzen, unersteiglichen Mauern nieder; nirgends ein Baum, nirgends ein belebender Gottesathem, nur große, wilde Felsenkränze, auf denen das umherirrende Auge keinen grünenden Streif zu entdecken vermag, der als Oelblatt des Friedens über dieser Wildniß hinge, und wie beim Eingang zur Ewigkeit glaubt man sich umgeben von Gottheiten und von Geistern, deren Gestalten man mit den Augen sucht und deren Zuruf das Ohr jeden Augenblick zu vernehmen glaubt. Tiefe Thäler, wilde Schluchten, von wilden Thieren bewohnt, isoliren diese Hauptgipfel auf gewisse Weise von dem Ganzen, trennen sie ab von dem niederen Theile des Gebirges, welchen der Fuß des Menschen betritt und wo noch seine Hütten stehen, und lassen sie gleichsam als den versteinerten Fluch des bösen Geistes erscheinen, welcher diese Oede zu seinem Wohnsitze sich erkoren. Nur einzelnen, wenigen kühnen Individuen, welche mit den Geistern und dem Genius der wilden Einöden vertraut sind, ist es gegeben, diese heimlichsten und schauerlichsten Plätze zu betreten, welche dann das Geheimniß und schauerliche Wunder, das diesen inncwohnt, ebenfalls theilen. Nur nach und nach lernt man Wahrheit und Dichtung unterscheiden und gelangt zur Ueber- zcngung, daß das Meiste von den ungereimten, in's Wunderbare ausgebildeten Erzählungen, von den fürchterlichen, Grausen erregenden Geschichten auf Uebertreibungen, auf nicht begründeten Nachrichten beruhen müsse. Nur durch Neugierde beherzt genug gemacht, bestehen immer mehr das Wagniß, einzudringen, hinaufzuklimmen in die Geister- und Spuk'Neviere, „Wo schaudernd man es fühlt mit tiefem Beben, Daß man in diesem Kreis das eiuz'ge Leben." — — — Ganz anders verhält es sich in Nachsicht hierauf mit der Geologie des Riescngebirges. Eine weite, lustige, reichbewohnte Ebene beginnt unmittelbar am Fuße seiner höchsten Gipfel. Reinliche, nette Städtchen und Dörfer sind überall zerstreut; von ihnen aus kann man die zackigen Fclsenspitzen, die steilen. Abhänge, die düsteren Seen des Gebirges als etwas Nahes erblicken. Das Wunderbare kommt also hier in unmittelbare Beziehung zu den Menschen, und das, was sich sonst als schreckliche, zerstörende und stets räthsclhaft unterirdische Macht erweist, erscheint nur noch als ein lichter Traum — das Mysterium schwindet, das Bild von Saks ist Jedermann sichtbar. Die Drohungen der fürchterlichen Geister verwandeln sich in lustige und unerschöpfliche Streiche und Scherze; anstatt des finstern Eindrucks, der in dem Gemüthe gleichsam traurig nachklingt, tritt in und an dem Wunderbaren hier selbst das Behagliche hervor. Noch durch einen andern Zug ist das ohnedies schon eigenthümlich reizende Niesengebirge von den andern deutschen Gebirgen unterschieden — durch seine Jsolirung. Fast alle Bergketten Deutschlands hängen mehr oder weniger zusammen; der Harz schließt sich an die westfälischen Gebirge und an den Thüringerwald, und diese wieder stehen mit den fränkischen Kelten in Verbindung, ebenso wie das Erzgebirge mit den böhmischen Wald- bergen. Die Heimath Nübezahl's hingegen bricht im Norden wie im Süden schroff und steil ab; sie bildet also ein einfaches Hoch-Centrum, auf welchem der Gott AcoluS zu herrschen scheint. Da zwei verschiedene Klimate, ein nördliches und ein südliches, auf seinen Höhcnkuppeu zusammentreffen, so ist in meteorologischer Beziehung vielleicht kein deutsches Hochland so merkwürdig und interessant, als das „windige" Riesengebirge. Südliche und nördliche Witterung lösen sich hier schnell ab und stören das Gleichgewicht der Lust in sehr hohem Grade. Fast beständig sammeln sich Wolken über und um die zackigen — 566 Häupter der Berge und hüllen sie in das sie charakteri- sirrnde feuchte Gewand, die „Nebelkappe". H^ige Winde sausen auf den Gipfeln, welche, wie die Weltpofaunen des letzten der Tage, nach den vier Himmelsgegenden hinblascn und von Nord und Süd hier wieder zusammentreffen. Regenschauer und Sturm überraschen Einen hier, wenn man sich's am wenigsten versieht; rasch wechseln Trübe und Sonnenschein, ruhige Lust und Unwetter in Nübezahl's Heimath. „Alles ist unbeständig!" dies melancholische Wort, es könnte an der Stirne der Schnee- koppe eingravirt als Devise des Niesengebirges gelten. Diese Erscheinungen nimmt man in der Umgegend für Capricen und lose Neckereien des Dämons, der die Berge beherrscht, und auf diese Weise erhalten die Traditionen, welche sich darauf beziehen, zugleich einen mehr phantastischen als tragischen Charakter, obgleich denselben keineswegs aller Ernst abgesprochen werden kann. Ein Berggeist, eine dämonische Gestalt wie Rübezahl kann nur in einem Gebirgsrahmen, wie es das Niesengebirge ist, existiren, weil er die Launen desselben pcrsonificirt, weil er eben der Genius dieser Höhen genannt wird. — Die Erfindung der Zündhölzer. Der Culturmensch, der in alle Segnungen der Civilisation hineingeboren und hineingewachsen ist, hat in der Regel nicht das Bewußtsein vom Werth dieser Güter, da er dieselben für selbstverständlich hält und glaubt, es könne gar nicht anders sein, es hätte nie anders sein können, wenn es ihm überhaupt in den Sinn kommt, darüber nachzudenken. Die Vortheile, welche eine Entdeckung oder Erfindung gewährt, werden nur bei ihrer Erscheinung gewürdigt; von langer Dauer ist dieses dankbare Gefühl nicht. In-der Regel lernt man den Werth der Dinge erst kennen und würdigen, wenn man ihrer verlustig gegangen ist. Man vergegenwärtige sich nur einmal den Zustand, der eintreten würde, wenn wir plötzlich der Zündhölzer beraubt würden. Mittags kein Feuer im Herd, Abends kein Licht und nun gar im Winter — wir würden hilfloser sein als die Wilden, die doch auf ihre Weise, wenn auch mit großer Mühe und vielem Zeitverlust, durch Reibung Feuer hervorzubringen wissen. Unsere ganze Cultur, ja unsere Existenz, unser Leben würden auf's Ernstlichste bedroht sein, denn wir müßten auf die Erlangung dieser unentbehrlichen Lebensbedingung so viel Zeit verwenden, daß für den Erwerb und die Beschaffung des Lebensunterhaltes nur wenig übrig bliebe. Und doch gehört die Erfindung der Zündhölzer zu den allerjüngstrn. Es lebt noch eine gute Anzahl Menschen, die in ihrer Kindheit keine Zündhölzer gekannt haben, denn ihre Erfindung fällt in das Jahr 1833. Das Hauptmittel, mit dem man vor diesem Zeitpunkt Feuer machte, war Stahl, Stein und Schwamm (Zunder). Hatte man Feuer geschlagen, d. h. den Schwamm in Gluth versetzt, so erhielt man eine Flamme, wenn man einen Schwefelfaden damit in Berührung brachte. Damit konnte man dann Stroh, Papier, bezw. Holz oder eine Kerze anzünden. In welche Zeit die Erfindung dieses primitiven, aber immerhin praktischen Feuerzeuges fällt, ist nicht bekannt. Man nimmt in der Regel das Ende des 13. Jahrhunderts an, weil es um diese Zeit urkundlich erwähnt wird; es ist jedoch als sicher anzunehmen, daß die alten Römer, wenn nicht viel früher schon die alten Aegypter, es gekannt haben. Diese verstanden sich schon vor länger als 5000 Jahren auf das Beharren harter Steine, wie Granit und Syenit, was nur mittelst eiserner (oder gar stählerner) Instrumente möglich war. Dabei kann es diesem scharfsinnigen Volke nicht entgangen sein, daß bei dieser Arbeit oft Feuerfunkm zum Vorschein kamen, und daß sie diese Entdeckung denn auch nutzbar gemacht haben, ist ebenfalls als höchst wahrscheinlich anzunehmen. Bei diesem Feuerzeug blieb eS jedenfalls, bis endlich das Jahr 1812 eine Neuerung auf diesem Felde brachte, nämlich die Erfindung des Tunkfcuerzeugcs, das aber keineswegs geeignet war, jenes zu ersetzen. Es bestand aus einem Gemenge von Schwefelsäure mit Asbest. War es frisch hergerichtet, so gab ein an der Spitze mit chlorsaurem Kali versehener, darin eingetauchter Schwefelfaden eine Flamme. Nach einigen Tagen hatte aber die Schwefelsäure, nach ihrer bekannten Eigenthümlichkeit, so viel Wasser aus der Luft angezogen, daß die Mischung versagte und man also keine Flamme mehr erhielt, weß- halb die meisten wieder zu Stahl, Stein und Schwamm zurückkehrten. Elf Jahre später, also 1823, erfand Döbereiner einen chemischen Zündapparat, der aber so kostspielig war, daß nur wohlhabende Leute ihn anschaffen konnten. Von wirklich praktischem Werthe waren erst die Zündhölzer; ja dieselben können als die volksthüinlichste von allen Erfindungen bezeichnet werden, denn sie sind, wie Licht und Lust, in der Hütte des ärmsten Mannes ebenso anzutreffen, wie im Palaste des Millionärs oder Fürsten. Der Name des Erfinders und dessen Lebensschicksale sind daher znm Mindesten werth, allgemein bekannt zu werden. Leider ist über diese Lebensschicksale — wie es ja bei den meisten Erfindern der Fall ist — nicht viel Erfreuliches zu melden. Um so mehr ist es Pflicht der Nachwelt, ihm ein ehrendes Andenken zu bewahren. Der Student der Chemie Johann Friedrich Kämmerer aus Ludwigsburg in Württemberg war wegen Theilnahme an dem revolutionären Hambacher Fest, 27. Mai 1832, zu einem halben Jahr Gcfängnißstrafe verurlheilt worden, die er auf dem Hohenasperg verbüßen sollte. Der Gefängnißdirektor, ein alter Oberst, war ein menschlich fühlender Herr, der seinen Sträflingen das Schicksal zu erleichtern suchte, soweit es sich mit seiner Amtspflicht vereinbaren ließ. Als er den jungen Chemiker näher kennen lernte, gestattete er ihm gern, in seiner Zelle ein kleines Laboratorium zu errichten. Kämmerer hatte schon auf der Universität Versuche zur Verbesserung des oben erwähnten Tunkfeuerzeuges gemacht, war aber zu keinem befriedigenden Ergebniß gelangt. Besseren Erfolg hatte er bei seinen Versuchen mit Phosphor. Gegen Ende seiner Haft fand er die richtige Mischung. Durch Reibung an der Wand entzündete sich der damit getränkte Span; mit dem allcr- einfachsten Handgriff entstand augenblicklich Feuer. Alle Vorzüge einer guten Erfindung: Geschwindigkeit, Wohlfeil- heit und Zuverlässigkeit, waren vorhanden. Man kann sich denken, welche Freude den jungen Mann über diesen Erfolg erfüllte. Ohne Ucberschwenglichkeit konnte er seinen Gewinn nach Tausenden berechnen. Die Gefängniß- mauern erschienen ihm jetzt in einem ganz anderen Lichte. Kein Zweifel: er war ein gemachter Mann. Voll froher Hoffnungen begab er sich nach seiner Vaterstadt Ludwigsburg und begann Neibzündhölzer und Reibzündschwamm zu fabriciren. Leider aber folgte Enttäuschung auf Enttäuschung. Vor allen Dingen konnte er die wichtigste Vorbedingung zu seinem erhofften Erfolg nicht erreichen, da es im Jahre 1833 in Deutschland noch kein Patent- gesetz gab. Die nach auswärts versendeten Reibfcuerzeuge wurden von Chemikern untersucht, das Geheimniß war bald entdeckt und wurde nachgeahmt. Muthig kämpfte der Erfinder gegen die immer mehr sich fühlbar machende Concurrenz. Da traf ihn 1835 der härteste Schlag, seine Fabrikate wurden vom Bundestag als „höchst gefährlich" verboten. Natürlich wurde das Verbot auch in den Einzelstaaten wiederholt. Der Kuriosität halber theilen wir den Wortlaut des im Königreich Hannover erlassenen Verbotes im Folgenden mit. Da heißt es: „Da die neuerdings in Gebrauch gekommenen Reibzünd- werkzeuge sich als feuergefährlich erwiesen haben, so wird hiermit verfügt: Der Vertrieb der sogenannten Neibzünd- hvlzer, des Reibzündschwammcs und aller Zündwerkzenge, welche sich durch Reiben an einer rauhen Fläche entzünden, wird bei Vermeidung der Confiscation und einer Geldstrafe von 5 bis 10 Thalern untersagt. Diejenigen, welche sich bisher mit dem Vertrieb dieser Gegenstände befaßten, haben bei gleicher Strafe ihren Vorrath binnen einer vorzuschreibenden Frist aus dem Königreich zu schaffen und, daß solches geschehen, nachzuweisen. Die confiscirten Neibzündwerkzeuge sind zu vernichten." Auch die letzte Hoffnung Kammerer's sollte schwinden, als er die vom deutschen Boden verbannte Erfindung im Auslande verwerthen wollte. Man machte dort sein Fabrikat ebenfalls schon nach, ja, ein Apotheker zu Stvckton in England, Namens Walker, maßte sich sogar das Verdienst der Erfindung an. Als die deutschen Regierungen gewahrten, daß die praktischen Engländer die „Feucrs- gefahr der Neibzündwerkzeuge" gering achteten, gaben sie allmählich den Vertrieb wieder frei — leider zu spät für den Erfinder. Sein Vermögen war im Laufe der Jahre geopfert, seine Gesundheit durch die beständigen Kämpfe und Widerwärtigkeiten untergraben. Unter den harten Schlägen, die seine Hoffnungen zerstört hatten, sollte er auch noch seine Geisteskräfte einbüßen. Der Urheber der volksthümlichsten aller Erfindungen starb 1857 im Irrenhause zu Ludwigsburg! — Heute ist die Zündholz-Industrie zu einem Zweige der Großindustrie geworden, der wenigstens 150,000 Menschen beschäftigt, aber die fünffache Anzahl ernährt. Die größte Zündholzfabrik ist die von Jönköping in Schweden. Die Fabrik beschäftigt 900 Arbeiter und stellt täglich 45—50 Millionen Zündhölzer her. Von den 1500 Millionen Menschen, die auf der Erde leben, sind sicher 1000 Millionen am Zündholzverbrauch mit betheiligt. Rechnet man auf den Kopf und Tag 4 Stück, so ergibt das einen täglichen Verbrauch von 4000 Mill. Zündhölzern. (Leipz. Tagebl.) - .- ' — GoLdköxner. Es ist gut, über des Herrn Leiden Thränen zu weinen, vergiß nur nicht darüber, des Herrn Thränen zu trocknen, in seinen weinenden Gliedern. K. Säume nicht, dich zu erdreisten Wenn die Menge zögernd schwerst, Alles kann der Edle leisten, Der versteht und rasch ergreift. Goethe. Der ernste Wille ist allmächtig, er ist der Gott in uns'rer Brust. --SAWSk—- Vom Kärntner Volkslied. Wia's Bacher! vom Berg So g'schafti und g'schwind, Und so leicht aus'« Faß unt' Der Apfelmost rinnt. So leicht als wia's Vözerl Auf'n Astel oben singt. Und so lustig wia'ö Gamsl Von Felsen oba springt, So kemman dö Liadlan, Dö herzigen, dahe! Und wia leicht i dö G'sangel Von weitem versieh'! (Oberösterreichisches Lied.) Das Volkslied ist ein gar merkwürdiger Vogel. Das Singen versteht er, darüber ist kein Zweifel; doch heute ist er traurig, morgen ist er lustig, ein Mal ist er flott und keck, dann verbirgt er sich wieder zaghaft und geschämig. Ein Mal singt er: „Wenn der Mond so schön scheint in seinem silbernen Glanz", ein anderes Mal: Wenn die Sonne in den Gletschern blitzt, wenn die Sicheln im Felde rauschen, wenn das Heu auf den Alpen- wiesen duftet, wenn sich die Hochzeitsleute im Tanze drehen, wenn die Lagerbüchsen in den Felsen widerhallen, aber auch: Wenn's Christkindlein kommt und die drei Könige, wenn die Osterglocken klingen und wenn der Mai kommt, die „gfreuliche Zeit — wo die Welt voll ist — von Liab und von Lustbarkeit". Manchmal verwandelt sich allerdings das liebliche Vögelchen in einen häßlichen Naben, der mit Schnabel und Füßen in stinkendem Aas herumgewühlt hat. Wir meinen das sogenannte „Lumpenliedl", das „Zotenliedl", den groben Gassenhauer. Das ist kein Gesang, es ist häßliches Gekrächze, und mit diesem Gesellen wollen wir nie und nimmer etwas zu thun haben. Ein anständiger Mensch läßt das häßliche Thier auch niemals zu sicq. Heute gehen wir unserm Vöglein nur nach, wo es frisch und lustig singt; denn wir wollen etwas zu lachen haben. Der „Kärntnerbua" ist gern lustig, oder er macht wenigstens gern einen Spaß. Sitzt er im Wirthshaus und hat er das erste Glas Bier oder Wein hinter die Halsbinde hinabgebracht, so geht ihm die Lustbarkeit und Keckheit besonders in's Blut; dann singt er wohl: Sei mar lustige Buab'n, Von Klagensurt g'bürt, Js kan Aderl im Leib ja, Das st' net rührt. Doch wer weiß, ob ihm nicht ein Anderer erwidert: Die Klagenfurter Buab'n Seint rechte Spreizn, Hab'» GlaSscherb'n im Sack Statt der Kupferkreuzer. Bei einem Tisch sitzt ein „Kitt" übermüthiger Burschen beisammen. Ich glaube, es hat eine Wette gegeben, welche jetzt gemeinschaftlich vertrunken wird; denn auf dem Tische steht eine volle Literflasche Wein, nnd die Burschen schauen zu den Biertrinkern hinüber und singen: Goritschitzer wir, Mir trink mer ka Bier, Mir trink mer lei Wein, Weil mer Goritschitzer sein. Freilich, auf eine solche gefährliche Aufforderung hin kann es noch schlimm ausfallen. Es könnte z. B. ein Liedlein erwidert werden: Die Goritschitzer Stutzer Seint rechte Prahler, Hab'n Glasscheiben im Sack Stait's der Silbcrthaler. 568 Sie putzen sich auf Und sie hab'n a Frisur» Dabei essen'S die Erdapfel Sammt der Montur. Wir wollen es nicht glauben, daß es zum Aeußersten kommt, zum Raufen. Es möchte uns nicht gefallen, wenn ^ Frisch auf und nit verzagt Und dabei angepackt, Hergeklanbt Paar um Paar Außa ban Thoar. Ist der Wirth am rechten Fleck und verstehen die Burschen einen Spaß — und wer nicht kann Spaß versteh'», soll nicht unter die Leute geh'» — so werden beide Parteien lachen und sich ein «Prosit" zurufen. So wird weiter gesungen und weiter getrunken. Wenn's nur nicht zu viel wird! Junge Leute wissen oft leider kein Maß und Ziel, und: Der Mensch hat an Geist, Hat der Schullehrcr g'sagt, Und daß der Wein a an hat, Han i selber derfragt. Und wann dö zwa raf'n Da bat'S fast den Schein, Als wann halt der Weingeist That der Stärkere fein. Eine Ausred' gibt es alleweg. Wie sagt doch ein Volksschriftsteller? Wer zum Sklaven irgend einer Leidenschaft geworden ist, oder wer die Klingelkappe auf seinem närrischen Kopfe tragt, der findet für sein Laster oder für seine Narrheit immer eine Ausrede oder Entschuldigung, und die SaLe müßte schon unendlich schlecht sein, welcher die Menschen nicht ein schönes Mäntelchen umzuhängen verständen. Der Geizkragen und Pfennigklauber ist eben nur sparsam und haushälterisch, der Verschwender nur freigebig und läßt den Leuten auch etwas zukommen. Der Minutenschinder weiß den Werth der Zeit zu bemessen, der Faulpelz läßt den lieben Herrgott walten. Der verschimmelte Murrkopf spielt sich auf den Weltweisen hinaus, der Bruder Lüderlich ist bloß ein lustiges Haus und ein Allerweltsliebling. Wie sich die jungen Leute dafür entschuldigen, daß sie „Zwanziger" und „Zehner!" weit über Gebühr auf den Wirthshaustisch werfen, das erkennt man aus ihren Liedern. Ich meine indeß, den meisten ist es nicht recht Ernst, sie wollen sich nur einen Scherz machen. So singt der Eine: Warum soll i denn Durst lcid'n, Da war i a Narr, Bin i lustig, so trink i, Bin i traurig, schon gar. Hab zweierlei Flasch'n, 's a jede von Glas, Für Freud ane, für Leid ane, Haltet jede a Maß. Oder: Mein Vater hat g'sagt, I vertrinket schon all'S, De Schuah und dc Strumpf Geh'n nit abe ban Hals. Ein Anderer, der dreht den Spieß um und meint, er thue eigentlich seinem Vater einen Gefallen, daß er das Geld brav aufgehen läßt: Der Vater hat g'sagt, Bnabman, feid's nur lusti, Sunst wer'n meine Thaler Im Kasten rufst. Mei Vater hat g'sagt Bist a rechter Gimp!, Brauchst all'S z'weng Geld, Werd all'S voller Schimpl (Schimmelpilze). Uebrigens, jeder Sack hat ein Loch, es rinnt alles aus, und keine Brieftasche ist so groß, daß sie nicht könnte leer werden. Das Gefühl preßt den Seufzer aus: Wann's Tbaler that regnen, Und Goldstückeln schneib'n, Das war so a Wetter, Was allwal kunt bleib'«. Die Zecherei ist aus. Der Wirth kennt seine Sperrstunden und er ist kein „Kreuzerfuchser", daß er auf ein kleines Stück Kupfer nicht verzichten könnte. Jetzt heißt es nach Hause gehen. Vielleicht hat Jemand zu klagen: M'n Berg ziag'n Nöpel (Nebel), In Thal kcmans z'sam, W'rum soll denn just i grad Kan Nöpel nit hau. Besser, wenn's nicht der Fall ist. Allein verdächtig scheint's mir, daß ein Bursche beginnt, die Wölklein um ihre Straße zu beneiden, indem er singt: Die Wölklan hant'S guat, Seint immer as'n Wög, Bergl aufe. Vcrgl abe, Und brauchen: kan Steg. Was rechte „Lumpeln" sind, die wissen auch sonst allerlei Ausreden: Glab ja nit, i waggl, I kinnt nit recht stcan; I kann weg'n Hücneraug'n Nur nit recht gran. (Köln. Volksztg.) -- KLLesLeL. Im Zweifel. Gast sauf einer musikalischen SoirZe, wo die Tochter des Hanfes grauenhaft falsch si»gif: „Hm — hm — wenn ich bloß wüßte, welches Lied sie meint!?" * Höhere Physik. „Was ereignet sich, wenn ein Licht unter einem gewissen Winkel in's Wasser fällt — wissen Sie es, Müller?" — „In der Regel geht es ausl" .. .. R ö j> f e l ss p r rr rr g. bei den ar n mir bei ent ar vor ^ -> ich gold auch ten daß ten te ten ber schach theil that ten iu kein ich te die wo lern a ich brach Auflösung des Arlthmogriphs in Nr. 71: Romeo, Odeur, Saum, Amor, Mund, Usedom, Nonne, Dorn,, Emma. — Nosamunde. 74 1894 . „Augsburgrr Postzeitung". Dinstag, den 11. September Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttlcr). Der Organist. Novelle von C. Borges. (Fortsetzung.) 5. Kapitel. Wenn der Organist gehofft hatte, daß seine ganz energische Weigerung, der Einladung des Pfarrers Folge zu leisten, ihn allen gesellschaftlichen Pflichten überheben würde, so hatte er sich gründlich getäuscht, denn zu seinem nicht geringen Erstaunen schien gerade das Gegentheil eintreten zu wollen. . Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde, daß der talentvolle junge Künstler geflissentlich jeden ge- ! felsigen Verkehr meide, und die tausendzüngige Fama stempelte ihn bereits zum Menschenhasser. In Folge dieses müßigen Geredes fingen die Leute an, sich mehr als nothwendig um die Bewohner der Rosenvilla zu bekümmern. Einige Neugierige wagten sogar, die entlegene Hütte aufzusuchen, um unter irgend einem erdachten Vorwande Gelegenheit zu finden, die Bekanntschaft des jungen Mannes zu machen. Ihr Bemühen war nutzlos. In höflicher, aber ganz entschiedener Weise, die keinen Widerspruch duldete, berichtete Helene oder die kranke Schwester, daß der Organist zu sehr von seiner Zeit in Anspruch genommen sei und daher jeden Besuch abweisen lasse. Auch ein reicher Gutsbesitzer der Umgegend hatte von diesem Sonderling gehört; er kam selbst, um ihn als Musiklchrer für seine Kinder zu gewinnen, aber auch er wurde abgewiesen. Die Kranke gab ihm die Versicherung, daß die Zeit ihres Bruders vollkommen besetzt sei und er neue Schüler nicht mehr annehmen könne. Der reiche, in seinem Stolze gekränkte Gutsbesitzer war über diese ablehnende Entgegnung empört; eine heftige Antwort schwebte auf seinen Lippen, doch da fiel sein Blick auf das sorgenvolle Antlitz der Frau, und die Worte blieben unausgesprochen; schweigend verließ er die Hütte. Bald flüsterte man von einem Geheimniß, das die Fremden umgab und das seinen Höhepunkt in dem jungen Künstler mit den großen blauen Brillengläsern erreichte. Er erfüllte nach wie vor gewissenhaft alle übernommenen Pflichten, in der Kirche sowohl wie in Privatfamilien, aber er schloß mit Niemandem Freundschaft. — Inzwischen lebte Helene Willford in ihrer heiteren Weise ruhig einen Tag in den andern. Ebenso wie der Bruder schlug sie jede Einladung aus, aber ab und zu machte sie doch eine Ausnahme. Es widerstand ihrem offenen ehrlichen Charakier, immer nach leeren nichtigen Ausreden zu haschen, und so war es gekommen, daß sie an einigen musikalischen Abendunterhaltungen einer b(» freundeten Familie, des Commerzienraths Laube, dessen Töchter sie unterrichtete, Theil genommen hatte. „Martha," sagte Elfe Laube eines Morgens zu ihrer Freundin, der jüngsten Tochter des Doctor Härtung, „Du mußt morgen zu uns kommen. Fräulein Willford kommt, und Du mußt sie kennen lernen." „Ganz wie Du willst," versetzte die Angeredete tonlos, denn ihre frühere Munterkeit war dahin; „wird der Organist auch kommen?" „Er?I Nein, ganz gewiß nicht. Wir bemühen uns gar nicht mehr, ihn einzuladen. Ich kann gar nicht begreifen, was die Leute Anziehendes an ihm finden, er ist ja fast noch ein Knabe. Nach meinem Geschmack könnte nur ein Mann sein, der ein stattliches männliches Aeußere hat." „Wie Herr Karl Schellenbcrg," warf Martha neckend ein, denn die Zuneigung der Freundin zu dem jungen Agenten war unter den jungen Mädchen hinlänglich bekannt. Elsa erröthete; dann lachte sie verlegen, und zuletzt seufzte sie schwer. Der junge Agent war arm und seine Aussichten für die Zukunft wenig verlockend; aber mit Freuden würde sie Mangel und Entbehrung mit ihm getheilt haben und wäre doch an seiner Seite glücklich gewesen; aknr sie wußte auch, daß diese Gefühle ihm gänzlich fremd waren. „Es ist eine sonderbare Welt," klagte sie, ihren geheimsten Gedanken Ausdruck gebend, „Leute, die uns gleichgültig sind, lieben uns, und diejenigen, die wir lieben — —" „Lieben Andere," ergänzte Martha. „Wie weißt Du das? wen liebt er?" fragte Elsa erschrocken, und ihre Wangen färbten sich dunkler. „Ich sprach nur im Allgemeinen, und jede Persönlichkeit ist ausgeschlossen," beruhigte Martha. Elsa fühlte, daß sie sich verrathen hatte. Schnell gab sie dem Gespräch eine andere Wendung, erinnerte die Freundin, am nächsten Tage recht zeitig zu erscheinen, und trat dann in Gedanken versunken den Heimweg an. Plötzlich bemerkte sie, daß sie unbewußt eine falsche 570 Richtung eingeschlagen hatte und sich in der Nähe der Noserwilla befand. Sie wollte die Gelegenheit benutzen und Fräulein Willford bitten, einige Notenhefte für die geplante Festlichkeit mitzubringen. „Es ist eine gute Gelegenheit, jetzt hineinzugehen; vielleicht kann ich endlich einmal den Organisten sehen," dachte sie bei sich selbst, denn die Mutter und die Schwester waren ihr bekannt. „Da ist erl" rief sie plötzlich überrascht stehen bleibend, als sie von der entgegengesetzten Richtung den jungen Mann sich in raschen Schritten der Hütte nähern sah. Ohne seine Blicke zu erheben, betrat der junge Mann das Häuschen, dessen Thür er hinter sich verschloß, und wenige Minuten später klopfte Elsa Laube an die Hausthür, sich im Stillen freuend, daß heute der junge Künstler ihr nicht entgehen werde. Nach kurzer Zeit wurde die Thüre langsam und vorsichtig geöffnet, und Elsa stand der Blinden gegenüber, die ihre glanzlosen Augen auf die Fremde richtete, mit dem ängstlichen Gefühl, ob sie dem Besuche Einlaß gewähren solle oder nicht. »Ist Fräulein Helene daheim? ich möchte sie sprechen," begann Elsa, durch den starren Blick der armen Frau eingeschüchtert. „Wer sind Sie?" lautete die ruhige Entgegnung. Doch kaum hatte sie den Namen gehört, als das Antlitz der Blinden sich erhellte und sie den Gast in das bescheidene Wohnzimmer führte. „Wie gut, daß Sie gekommen sind, Fräulein Elsa, ich fürchtete schon, Sie hätten uns vergessen," rief ihr die Kranke entgegen und deutete mit der Hand auf einen Stuhl, dicht an ihrem Lager. Die Blinde hatte das Zimmer verlassen, jedenfalls wollte sie Helene benachrichtigen, und Elsa fand inzwischen Zeit, im Zimmer Umschau zu halten. Sie wunderte sich im Stillen über die Möglichkeit, daß Menschen in diesen elenden Räumen glücklich leben könnten. „Wir würden uns freuen, wenn Herr Willford morgen an unserer kleinen Festlichkeit Theil nehmen wollte; es kommen viele Musikfreunde zu uns, und ich kann ihm im voraus einen genußreichen Abend versprechen," begann Elsa. „Sie meinen es gewiß gut," versetzte die Kranke freundlich, „aber mein Bruder wird Ihre Einladung doch ausschlagen. Er geht grundsätzlich nie in Gesellschaft, und seine zahlreichen Schüler nehmen fast seine ganze Zeit in Anspruch." „Wenn ich ihn heute selbst bitte, macht er vielleicht eine Ausnahme," beharrte Elsa, „eine kleine Abwechselung muß ihm doch eine Erholung sein." „Das ist unmöglich. Er ist nicht zu Hause." Elsa blickte ungläubig die Kranke an. „Er ist nicht zu Hause?" wiederholte sie kopfschüttelnd, „das ist doch sonderbar, ich habe ihn doch mit meinen eigenen Augen gesehen; er betrat nurwenigeAugenblickevormir das Haus." „Wirklich? Nun, dann muß ich mich geirrt haben, aber dennoch kann ich Ihnen keine Hoffnungen machen. Ich gebe Ihnen die Versicherung, der Organist lehnt jede Einladung entschieden ab; er nimmt hier im Hause noch nicht einmal Besuch von Fremden an." „Guten Morgen, Fränlein Elsa," ertönte in diesem Augenblick Hclenens heitere Stimme, als sie der Freundin die Hand zum Gruß entgegen streckte. „Wir möchten Sie bitten, einige Notenhefte mitzubringen, und meine Mutter hofft, daß der Herr Organist Sie begleiten wird." „Das begreife ich, aber ich will ihn später fragen, er ist jetzt nicht hier." Elsa sah betroffen auf: Hätte sie nicht mit ihren eigenen Augen den jungen Mann vor wenigen Minuten gesehen, so würde sie gern den Worten der Schwestern Glauben geschenkt haben, aber jetzt wußte sie, daß sie absichtlich getäuscht werde. Mißmuthig und verstimmt erhob sie sich, bat Helene noch einmal, doch ja nicht die Noten zu vergessen, und verließ bald die Hütte. * 4 - * Die prächtig geschmückten Gesellschaftsräume des reichen Commerzienraths Laube waren mit zahlreichen Gästen gefüllt. Er pflegte diese musikalischen Unterhaltungsabende nur selten zu arrangiren, wenn es aber geschah, so waren dieselben so prunkvoll und anziehend wie irgend möglich. In der einen Ecke saß der alte Dr. Härtung im eifrigen Gespräch mit einigen jungen Gelehrten. Er war so sehr von der geistigen Unterhaltung gefesselt, daß er gänzlich darüber sein jüngstes Töchterlein vergaß und gar nicht bemerkte, wie eifrig es sich hinter schlanken Palmenwedeln mit einem fremdländisch aussehenden Herrn unterhielt. „Wie gefällt Ihnen das gesellige Leben hier in Deutschland?" fragte soeben die junge Dame, worauf der Fremde lächelnd erwiderte, daß ihm ein solches Leben zu neu und fremd sei, um sich ein Urtheil darüber zu erlauben. „Gestehen Sie es nur, Herr Rock, Sie hatten in Canada von einem gesellschaftlichen Leben gar keine Ahnung," fuhr die junge Dame heiter plaudernd fort. „Nicht die geringste. Mein Onkel kümmert sich sogar wenig um seine eigenen Gutsnachbarn. Er liebt ein freies, gesundes, ungebundenes Farmerleben, das er nur um meinetwillen aufgegeben hat." „Wie kam das? Gefiel Ihnen das Leben nicht in Canada?" „Im Gegentheil, ich war dort sehr glücklich. Aber mein Onkel Robert — er ist gar nicht mein rechter Onkel; er adoptirte mich, als ich noch ein ganz kleines Kind war — wollte mir eine ganz vorzügliche Ausbildung verschaffen, wie ich sie dort drüben nicht recht haben konnte. Darum verkaufte er seine Besitzungen und reiste mit mir nach Europa. Vor einigen Monaten hat er sich in England angekauft, wohin ich ihm später zu folgen gedenke." „Wie hochherzig von ihm! Ist er verheirathet?" „Nein, er lebt als Junggeselle. Es liegt ihm wenig an der Gesellschaft von Damen — wahrscheinlich hat er in seiner Jugend nicht die Nichtige gefunden," setzte er scherzend hinzu, einen bewundernden Blick in das liebliche Antlitz der Dame werfend. „Herr Rock! wo sind Sie denn eigentlich? Sie haben sich ja versteckt," erklang plötzlich die heitere Stimme der Wirthin. „Kommen Sie doch mit in das Musikzimmer; ich höre soeben, daß Sie eine prachtvolle Stimme und einen guten Tenor haben. Sie werden unserer Gesellschaft zu Liebe doch singen, nicht wahr?" schmeichelte sie bittend. „Es sind hier viele Musikfreunde versammelt, denen Sie noch nicht vorgestellt sind." 5>7l — „Gewiß gehe ich mit Ihnen, wenn Sie es wünschen, und gern will ich auch mein Bestes thun," erklärte der Angeredete bereitwillig. „Vielleicht wird Fräulein Härtung meine Lieder begleiten," fügte er bittend Hinzu. Martha lachte bei dieser Zumuthung hell auf. „Ich würde es mit Vergnügen thun, aber alle meine Bekannte wissen, daß ich gar nicht musikalisch bin", gestand sie offen. „Ich könnte kein Liedchen begleiten, selbst wenn es gälte, mein Leben damit zu retten." „Kommen Sie nur, Herr Rock, ich stelle Sie einer Dame vor, die Ihren Anforderungen vollkommen genügen wird. Sie ist hier Musiklehrerin, es ist also ihr Fach." Herr Rock folgte seiner Wirthin ins Musikzimmer. Dicht vor dem Instrument, in den Noten blätternd, stand eine junge Dame in dunkelblauem Sammetkleide, mit kurz gelocktem Haar und lebhaften, feurigen Augen. „Herr Oswald Rock — Fräulein Willford", und die Fremden waren hiermit vorgestellt. Dann bat die Wirthin, dem jungen Herrn einige Lieder zu begleiten, und . , ^ ging darauf in ein anderes Zimmer, um für die weitere Unterhaltung ihrer Gäste zu sorgen. Helene stutzte. Sie ließ prüfend ihre dunkeln Augen über die Gestalt und dasAntlitz des Fremden schweifen, und unverkennbares Erstaunen malte sich in ihren Zügen. War es denn eine Sinnestäuschung oder ein neckisches Spiel ihrer erregtenPhantasie ? Sie sah ihr ganz getreues Abbild vor sich stehen; der Canadier hatte ihre Augen, ihr dunkles Haar, ihre Züge, ihre ganze Gestalt. Herr Rock war ein Naturkind. Er verstand es durchaus nicht, seine Gedanken zu verbergen. AIs er daher einen flüchtigen Blick in das lieblich geröthete Antlitz der Dame geworfen hatte, rief er in unverkennbarer sichtlicher Ueberraschung erstaunt aus: „Das ist doch sonderbar, Fräulein Willford, Sie sehen ja gerade so aus, wie ich; Sie könnten meine Schwester sein." Die junge Dame beherrschte ihre Gefühle, sie lächelte, als sie in leisem Flüstertöne entgegnete: „Es ist wirklich eine auffallende Ähnlichkeit vorhanden, Herr Rock; aber sprechen wir nicht mehr davon, wir erregen bereits Aufmerksamkeit. Haben Sie ein Lied ausgewählt? Die Gäste warten auf Ihren Vortrag." Der Canadier erinnerte sich seines Versprechens, suchte unter den Noten, und bald erfüllte seine reine klangvolle Stimme den Saal und hielt die Musikkenner in fast athemloser Spannung. „Fräulein Willford, darf ich Sie in den Speisesaal führen?" fragte Herr Schellenberg, als der Gesang beendet war. Helene nahm den dargebotenen Arm freudig an. „Wie kommt es, daß ich Sie niemals treffe?" flüsterte er ihr leise zu, „weichen Sie mir absichtlich aus? Habe ich Sie unwissend beleidigt?" „Das ist Einbildung, Herr Schellenberg, warum sollte ich Ihnen ausweichen?" „Das darf eine Landsmännin auch gar nicht thun," scherzte er weiter, doch Helene schien seine Worte nicht zu verstehen. „Verzeihen Sie," lächelte er, „aber sind wir denn nicht Landsleute? Meine Mutter war eine Engländerin, und daher darf ich mich doch auch zu Englands stolzen Söhnen rechnen." „Ja, wir kamen aus England," versetzte Helene, doch diese Unterhaltung schien peinliche Erinnerungen in ihr zu erwecken. Der junge Agent merkte den verlegenen Blick, doch er mißdeutete ihn und fuhr daher unbeirrt fort: „Ich bin stolz auf meine Nationalität, aber lassen Sie mich auf meine erste Frage zurückkommen: wie kommt es, daß ich Sie jetzt so selten sehe?" „Das weiß ich wirklich nicht; bedenken Sie, die Stadt ist doch groß, da hält es schon schwer, sich zu begegnen." „Wissen Sie, daß ich jetzt nur dem Gottesdienst in der Pauluskirche beiwohne? Sie müssen doch des^Sonntags dort sein; Sie gehören zu der Kirche und da Ihr Bruder dort Organist ist, haben Sie gewiß besonderes Interesse für diese Kirche. Wie kommt es, daß ich Sie niemals treffe?" „Ich bin regelmäßig dort. Aber die Kirche ist groß, Sie können doch unmöglich die ganze Gemeinde überblicken." „Das thue ich dennoch. Sie werden gewiß über mich lachen, und vielleicht thue ich auch Unrecht, aber ich gehe sehr früh hinein, setze mich verborgen hinter einen Pfeiler gerade der Thür gegenüber, daß ich ganz bequem jeden Eintretenden mustern kann. Nach Beendigung des Gottesdienstes bleibe ich so lange auf dem Kirchplatz, bis die Letzten sich entfernt haben; aber es ist mir noch nicht gelungen, Sie zu sehen, und das ist doch sonderbar." „Sie sollten nicht zur Kirche gehen, um mich sehen zu wollen, das ist ein Unrecht," wandte Helene vorwurfsvoll ein. „Ich weiß es, aber mir bleibt kein anderer Ausweg. Geben Sie mir die Erlaubniß, Sie in der Rosenvilla zu besuchen und Sie machen mich zum Glücklichsten aller Sterblichen." „Sie sind uns stets willkommen." „Ist das Ihr Ernst?" jubelte er freudig überrascht; doch den schelmischen Ausdruck in ihren Zügen gewahrend, fügte er kleinlaut hinzu: „Sie treiben wohl Scherz mit mir, Fräulein Willford?" „Ganz gewiß nichtI Meine Mutter spricht oft von Z Nomcapilular Christoph v. Zichmid. 572 Ihnen und wundert sich, warum Sie uns nicht mehr besuchen," versicherte sie. „Ich will jetzt häufiger kommen. Meine freie Zeit soll mich auf dem Wege zur Rosenvilla finden." Während der ganzen halb ernsten, halb scherzenden, leise geführten Unterhaltung hatte Elsa Laube keinen Blick von dem Agenten und Helene abgewandt; und als am späten Abend die letzten Gäste das gastfreie Haus verließen und ein Licht nach dem anderen erlosch, eilte sie in ihr einsames kleines Schlafzimmer. Schluchzend barg sie ihr Haupt in die schneeigen Kissen ihres Lagers und weinte bitterlich über die Vergänglichkeit alles irdischen Glückes und über die gänzliche Vernichtung ihres erdachten, kurzen Liebestraumes. 6. Kapitel. Als Franz Burgfeld an jenem Abend nach der letzten Unterredung mit Martha im Restaurant allein in seiner bescheidenen Wohnung saß und über die Unbeständigkeit des launenhaften Glückes grübelte, wollte er fast verzweifeln. Die Zukunft lag dunkel und fast hoffnungslos vor ihm. Aus seiner Stellung als Organist entlassen, dachte er gar nicht daran, sich einen ähnlichen Wirkungskreis zu suchen; denn er mußte Martha Recht geben, die ihm offen erklärt hatte, daß seine Leistungen für eine solche Stellung nicht genügten. Der Gedanke an ihre treue Liebe war ihm ein Trost, und mit Bitterkeit gedachte er der Gattin seines alten Onkels, die es vermocht hatte, ihn aus dessen Gunst zu verdrängen. Er hatte ihn von Kindheit an wie einen Vater geliebt, ja er liebte ihn immer noch, und er entschloß sich, um seiner Geliebten willen, noch einmal einen Versuch zu machen, das alte frühere Verhältniß wieder herzustellen. Dann erst konnte er offen vor den alten Dr. Härtung hintreten, um die Hand der jüngsten Tochter bitten und ihr eine glückliche Zukunft in Aussicht stellen. „Für Sie, Herr Burgfeld," rief in diesem Augenblick die Wirthin, die leise die Thür geöffnet hatte und jetzt ihrem Einwohner ein Telegramm entgegenhielt. Franz Burgfeld erschrak. Hastig ergriff er das ver- hängnißvolle Schreiben und überflog die wenigen Worte: „Komme sofort. Dein Onkel gefährlich erkrankt. Scharlachfieber. Keine Pflege. Edmund Normann." Mehrere Minuten starrte der junge Mann auf die unheilverkündende Botschaft; die Worte tanzten vor seinen Augen; doch gewaltsam zwang er sich zur Ruhe. Dann ließ er seine Wirthin kommen, bezahlte seine Rechnung und theilte ihr seine nöthig gewordene Abreise auf den folgenden Tag mit. Darauf nahm er seinen Schreibkasten und schrieb seiner Martha den Grund seiner plötzlichen Abreise. Er bat flehentlich um eine letzte kurze Unterredung im bekannten Restaurant am nächsten Vormittag, da er schon mit dem Mittagszuge nach der nächsten Hafenstadt abfahren wolle. Am folgenden Morgen, nachdem er seine wenigen Habseligkeiten zusammengepackt, schlug er den Weg nach der Wohnung des Dr. Härtung ein. Er wagte nicht, selbst das Haus zu betreten, denn die finstere, älteste Tochter Marie hatte schon Argwohn geschöpft und würde nie eine Zusammenkunft mit der Schwester gestattet haben. Geduldig ging er in der Nähe deS Hauses auf und ab, bis er endlich einen kleinen Metzgerlehrling sah, der, Fleisch herumtragend, gerade auf das Haus seiner Geliebten zuschritt. Im nächsten Augenblick war der Kleine im Besitz des Briefes, und mit der strengen Anweisung, denselben nur Fräulein Martha einzuhändigen, betrat er das Haus. Bald darauf kehrte er zurück. „Ich habe ihr den Brief gegeben, und sie sagte mir: es ist gut," berichtete der Knabe, schmunzelnd die blanke Silbermünze in der Hand betrachtend, „kann ich noch einen Auftrag für Sie besorgen, mein Herr?" „Bist Du auch ganz sicher, daß es Fräulein Martha war, der Du den Brief gegeben hast, war sie jung und sehr schön?" forschte Herr Burgfcld nach. »Ja, ja, und sie sagte: es ist so gut," rief der Knabe, eilig davonlaufend, denn er wußte ganz genau, daß die finsterblickende Dame durchaus nicht der gemachten Beschreibung entsprach. Franz Burgfeld wartete zwei volle Stunden, und schweren Herzens lenkte er seine Schritte nach dem Bahnhöfe, ohne seine Geliebte gesehen zu haben. Er ahnte gar nicht, daß sein kleines Liebesbriefchen gar nicht in die richtigen Hände gelangt war. Marie hatte das Schreiben an sich genommen, es gelesen und sofort den Flammen übergeben, fest entschlossen in Zukunft noch ein wachsameres Auge auf die Schwester zu haben. Vorläufig war jede Gefahr beseitigt, denn Herr Burgfeld war nach England gereist, und voraussichtlich würde er nicht so bald wiederkehren. Inzwischen führte das Dampfroß den jungen Ex- Organisten schnell der nächsten Hafenstadt entgegen. Einer seiner Mitreisenden war ein ältlicher Herr mit grauem Haar, hellen freundlichen Augen und wohlwollenden Zügen. Auch auf dem Schiffe nach England blieb er sein Reisegefährte, und ehe noch die englische Küste in Sicht war, wußte Herr Burgfeld den Namen, das Reiseziel und einen großen Theil der Lebensgeschichte des Fremden, während auch Herr Robert Rock aus Canada mit inniger Theilnahme das Geschick seines jungen Freundes angehört hatte. „Es unterliegt keinem Zweifel, die Frauen tragen oft viel dazu bei, das Elend hier auf Erden zu vergrößern, aber sie helfen uns auch manches Leid geduldig zu tragen und den Kampf mit dem Leben stets von Neuem wieder aufzunehmen," tröstete er. „Hätte Ihr alter Oheim nicht dem Gerede seiner jungen Gattin gelauscht, so wären Sie jetzt noch sein Erbe. Hingegen trägt Ihre Geliebte in Deutschland dazu bei, daß Sie den Muth nicht sinken lassen, und um ihretwillen wird es Ihnen gelingen, alle Hindernisse zu beseitigen, um ihr dereinst als Ihrer Gattin eine sorgenfreie Existenz zu sichern." Der junge Mann war von der aufrichtigen Theilnahme des Canadiers fest überzeugt und drückte ihm warm die Hand. „Ich habe mich in fernen Landen nie viel um das schöne Geschlecht gekümmert," fuhr Herr Rock fort und ließ gedankenvoll seine Blicke über die unendliche See schweifen, „aber dennoch war der liebe Gott mir gnädig und schenkte mir einen prächtigen Sohn, der jetzt mein Stolz und meine Freude ist. Es sind jetzt sechzehn Jahre, da hörte ich, daß englische Auswanderer ein Kind in Winnipeg in Canada ausgesetzt und alsdann ihre Reise in das Innere des Landes fortgesetzt hatten. Meine Besitzung war ganz in der Nähe, und ich ging hin, um mir das arme Kind anzusehen. Ein trostloser Anblick bot sich meinen Blicken dar. Das arme Kind VcZ °l ^^L 8 A SS >'5^. M ..V M M. WMlMMSW,- S«!.^ S -FH ^WSEUEE ^ s ' M L MZM2Z ^8WW8^ W MS^L-ß' - tz« -M. SM, k^-LM - ^ MZMf .ff. ^.'L 7 . 's .- Zwischen zwei Niiudern. Nach dcm Gemälde von Leo Dehaisne. 574 war vom heftigen Fieber ergriffen und wälzte sich in wilden Phantasien auf seinem elenden Lager, auf welches mitleidige Menschen es gebettet hatten. Ich fühlte Mitleid mit dem armen verlassenen Knaben, nahm ihn mit mir und pflegte ihn. Als er vollständig genesen war, verlangte er nach seinem Vater, nach seiner Mutter und nach seinen Schwestern. Aber er wußte nicht, wo er war; nur daß er Oswald heiße und lange Zeit auf einem großen Schiffe, gewesen sei. Er konnte mir weder seinen Vaternamen noch sein Heimathsland nennen; wahrscheinlich hatte das lang anhaltende, heftige Fieber seine Erinnerungen geschwächt. Ich nahm ihn an Kindesstatt an, gab ihm meinen Namen und lehnte ihn mich „Onkel" zu nennen. „Der Kleine wuchs zu einem prächtigen, wunderbar schönen Knaben heran, den ich wie mein eigenes Kind liebte, und noch täglich danke ich Gott für dieses Geschenk vom Himmel. Da ich reich genug war, entschloß ich mich, meinem Knaben zu geben, was ich in meiner Jugend entbehren mußte — eine vorzügliche Erziehung. So lange es möglich war, hielt ich ihm dort drüben die besten Lehrer, aber das ging nur wenige Jahre. Endlich erwachte auch das lang geschlummert« Verlangen in mir, meine alte Heimath wiederzusehen, wiewohl ich wußte, daß kein Mensch mehr darin zu finden war, der den alten ergrauten Mann wiedererkennen würde, der vor vierzig Jahren als armer fünfzehnjähriger Knabe sein Vaterland verlassen hatte. „Ich will mich kurz fassen. Mein Sohn blieb in Deutschland guten Händen anvertraut, und ich wußte, daß er gewissenhaft seinen Studien oblag. Dann reiste ich nach England, gerade wie heute. „Niemand kannte mich, oder erinnerte sich meines Namens. Die wenigen Leute, deren ich mich entsann, waren todt oder fortgezogen; ich war ein Fremder geworden in meiner alten Heimath. Da durchreiste ich verschiedene Länder Europa's, um mir ein Plätzchen auszusuchen, wo ich in Frieden den Rest meines Lebens zubringen könnte. Es fehlte mir nicht an den erforderlichen Geldmitteln, aber ich fand nicht, was ich suchte, und kehrte darum nach England zurück. Es waren damals schlechte Zeiten unter den Edelleuten. Ich lernte einen Lord Willford kennen, der durch fremde oder eigene Schuld in die größte Noth gerathen war. Er war ein stolzer, hochmüthiger Mann, hatte aber eine edle Frau und zwei liebliche Töchter. Bald darauf starb der alte Herr, und sein ganzes Eigenthum kam unter den Hammer. Seine Frau hatte ihn unendlich geliebt; sie konnte diesen herben Verlust nicht ertragen und weinte sich blind in ihrem großen Schmerze; sie hatte von jeher schwache Augen. Die älteste Tochter war kränklich, ein Rückenmarksleiden hielt sie seit Jahren auf das Lager gefesselt; aber die jüngste war ein Bild blühender Gesundheit, und es war eine Lust einen Blick von ihr zu erhäschen. „Ich kaufte die starkverschuldete Besitzung zu einem sehr hohen Preise, um die zahlreichen Gläubiger zu befriedigen, mußte aber leider erfahren, daß für die verarmte Familie auch nicht ein Pfennig übrig blieb und sie in die größte Noth gerieth. Ich glaube, die Familie sah mich für ihren größten Feind an, der gewaltsam ihr Eigenthum an sich gerissen habe, ausgenommen die jüngste Tochter. Wenn ich durch einen glücklichen Zufall mit ihr zusammentraf, war sie so freundlich gegen mich, als ob ich in Rang und Stellung ihr gleich stände. „Nun, mein junger Freund," fuhr der redselige Alte fort, „jetzt kommt die schwerste Stunde, die ich in meinem Leben verbracht habe. Sie wissen, was es heißt, eine Dame zu lieben. Aber bedenken Sie die Liebe eines alten gereiften Mannes, der vorher in seinem Leben noch nie geliebt hatte. Unglücklicher Weise fühlte ich diese Liebe zu der jüngsten Tochter des verarmteu Edelmannes, der mich in seinem Leben gewiß für zu gering hielt, ihm die Schuhriemen zu lösen. „Ich wußte, daß die Familie das Land verlassen und die jüngste Tochter in der Fremde eine Existenz gründen wollte. Sie kannte aber gar nicht die kalte, erbarmungslose Welt; wein Herz blutete für sie, und gern hätte ich mein Leben gegeben, um sie glücklich zu machen. „Da traf ich sie in einem einsamen Walde. Ich bat sie-nein — ich flehte sie an, mich zu heirathen, um von ihrem rechtmäßigen väterlichen Eigenthum wieder Besitz zu nehmen. Ich verlangte ja keine Liebe von ihr, denn die konnte sie mir, dem alten Manne, doch nicht geben, aber ich bat, sich für ihre blinde Mutter, für die kranke Schwester aufzuopfern, damit sie mit ihren Lieben in dem alten Schlosse bleiben könne. „All mein Bitten war nutzlos. In herzgewinnender, aber ganz entschiedener Weise erklärte sie mir, daß sie lieber verhungern wolle, als eine Heirath ohne Liebe einzugehen; wiewohl sie mir die Versicherung ihrer Freundschaft und Hochachtung gab. „„Was meine Familie anbetrifft," sagte sie mit zuckenden Lippen und thränenfeuchten Augen, „so wird mir Gott die Kraft geben, für sie zu arbeiten, obgleich ich schwach und unerfahren bin; aber ein eheliches Leben ohne Liebe könnte ich nimmer ertragen." „Sie verließen das Land; ich weiß nicht, wohin sie sich gewendet haben, aber mein Herz sagt mir, daß es ihnen gut geht. So, jetzt kennen Sie meine ganze Geschichte, junger Freund, und da sehe ich ja schon die Küste vor uns." Der Ex-Organist hatte mit großem Interesse der Erzählung des Fremden gelauscht; er konnte kein Wort erwidern, schweigend drückte er ihm die harte, schwielige Hand, und gemeinsam bestiegen sie die englische Küste. (Fortsetzung folgt.) -- - Christoph von Schmid. (Mit Porträt nach einer Photographie aus dem Atelier T. HaaS in Augsburg.) Am 3. September 1854 war nach eben vollendetem 86. Lebensjahre der gefeierte Jugendschriftsteller Domkapitular Dr. Christoph v. Schmid, dessen anmuthige Werke viele Tausende von Kinderherzen seit dem Erscheinen seiner „Ostereier" beglückt haben, der Cholera zum Opfer gefallen. Geboren am 15. August 1768 zu Dinkelsbühl, vollendete Christoph von Schmid seine Gymnasial- und Fachstudien in Dillingen. Am 28. August 1791 las er in seiner Vaterstadt seine erste hl. Messe. Seine erste Anstellung fand Schmid als Kaplan in Nassen- beuren, dann wurde er Amtsgehilfe des als Pfarrer nach Seeg versetzten Professors Feneberg. 1796 berief ihn Graf Stadion als Schulbenefiziaten und Schul- Inspektor nach Thannhausen an der Mindel. Hier erging an ihn von Seite des kurfürstlich bayerischen Direktoriums der deutschen Schulen der Auftrag zur Bearbeitung der biblischen Geschichte, die zuerst im Drucke 1801 erschien. Bald folgte auch sein „Erster Unterricht von Gott", das auch als sprachliches Meisterwerk geltende bekannte „Gottbüchlein". Inzwischen war Schund Distrikts- schulinspektor für den Landgerichtsbezirk Ursberg geworden und hatte als solcher mit der Organisation des Schulwesens außerordentlich viel zu thun. Dennoch gewann er Zeit, im Jahre 1816 als Ostergeschenk für seine Schüler und Schülerinnen die „Ostereier" herauszugeben. Daran reihte sich die „Genovefa" und viele andere Erzählungen, Schauspiele und Gedichte, welche größtentheils in Thannhausen zu Papier gebracht, den Schulkindern ' als Belohnung vorgelesen, vielfach aber erst später in I Vorschlag gebracht. Da berief ihn König Ludwig I. 1826 in sein Vaterland zurück, indem er ihn zum Domcapitular in Augsburg ernannte. Am 24. Mai 1827 wurde er hier in sein neues Amt, in welchem ihm das Referat über Schulangelegenheiten übertragen wurde, eingesetzt. Er wohnte zuerst im Hause der Wolff'schen Buchhandlung L 3, bezog dann, weil es ihm hier zu hoch und unruhig war, ein eigenes Haus — L 167 —, bis er im Jahre 1833 in die durch Ernennung des Domkapitulars Tischer zum Dompfarrer freigewordene Domherrnwohnung — L 165 — einziehen konnte, in welcher er bis zu seinem Tode verblieb, gehegt von der Sorgfalt seiner nächsten Verwandten, hochgeachtet von allen, die ihm näher traten, geehrt durch die Freundschaft hochstehender Männer, ge- ' schmückt mit Ehren und Auszeichnungen mancherlei I Art, beglückt durch die Liebe der Kinder, denen er Hochlchlotz pühl Druck gegeben wurden. Eine Reihe seiner Schauspiele wurde auch in Thannhausen zuerst aufgeführt. So hatte Schund beinahe 20 Jahre in Thannhausen segensreich gewirkt, er hatte während dieser Zeit einen Ruf als Professor der Pädagogik und Aesthetik an das neuerrichtete Lyceum in Dillingen ausgeschlagen, auch das Anerbieten einer theologischen Professur an der Universität Landshut und der damit verbundenen Leitung des theologischen Seminars (1815) lehnte er ab. Da wurde im gleichen Jahre die vielbegehrte Pfarrei Stadion in Württemberg erledigt und vom Grafen Stadion ihm sofort übertragen. Während seines Aufenthaltes hier wünschte ihn auch die Universität Tübingen als Professor der Moral und Pastoraltheologie, er sollte ferner Regens des Priesterseminars zu Rottenburg werden; aber er wollte Seelsorger und dem Kreise der Kinder nahe bleiben. Er wurde sogar von der katholischen Geistlichkeit Württembergs für den erledigten Bischofssitz von Rottenburg in am Ammerfek. Nach einer Photographie von Max Merz in Diesjen. selbst beglückend in ununterbrochener Arbeitskraft und Lust stets neue frohe Stunden bereitete. Hatte schon seine Vaterstadt Dinkelsbühl, die ihm auch in der Folgezeit ein ehernes Denkmal setzte, den 50. Jahrestag seiner Primiz am 29. August 1841 in erhebender Weise gefeiert , so wurde der Beginn seines 80. Lebensjahres, 15. August 1847, zu einem wahren Jubelfeste für die ganze Stadt Augsburg. Als etliche Jahre darauf der unheimliche Würgengel durch die Straßen Augsburgs schritt, da schonte er auch des ehrwürdigen 86jährigen Greises nicht. Die Feder, mittelst welcher der Edle so Treffliches geschaffen, entsank seinen Händen, und auf immer verstummte der beredte Mund, der so lieblich erzählte. (Nach dem „Sammler".) -- Goldkörner. Fröhlichkeit ist die Gesundheit der Seele, Traurigkeit ist deren Gift. 576 Das neue Hochschloß Pähl am Ammelsee. (Mit Bild) Auf einer vorspringenden Ecke des zwischen dem Würm- und Ammersee liegenden, hie und da durch kleine, tiefe Thäler durchschnittenen Plateau's liegt das Hochschloß Pähl, oberhalb dem Dorfe gleichen Namens. Der heute noch vollständig erhaltene doppelte Wall, der es im Norden und Osten umzieht, weist auf dessen römischen Ursprung hin. Doch von den Bauten des alten Bollwerkes ist nichts mehr erhalten. Die Grafen von An- dechs und nachmals die Wittelsbacher waren Besitzer des Schlosses. Zeit und Elemente brachen den einst so festen Bau, so daß er zum Meierhof herabsank, welchen in unsern Tagen Hofrath Hanfstängl in München erwarb. Hanfstängl verdanken wir auch die Erhaltung der uralten Eichen und Linden, von denen der Blick über das grüne Vorland zu den blauen Bergen der Alpen spielt. Jetzt aber ist für das Hochschloß Pähl eine neue Zeit angebrochen, indem es vor ungefähr 20 Jahren in den Besitz der Familie Czermak kam. Diese Familie ist zwar nicht durch den Adel der Geburt ausgezeichnet, erfreut sich aber im Reiche der Wissenschaft und Kunst und edler Gesinnung eines ruhmvollen Namens. Der Vater des jetzigen Besitzers war Johann Czermak, geb. 1828 zu Prag, Professor in Leipzig, Physiolog und Arzt; derselbe begründete die Laryngoskopie, Rhinoskopie und erfand eine neue Methode der chirurgischen und ärztlichen Behandlung des Kehlkopfes (Erfinder des Kehlkopfspiegels). Während nun die Familie Czermak von väterlicher Seite in den Besitz außerordentlicher geistiger Schätze gelangte, wurde ihr mütterlicherseits ein entsprechender materieller Reichthum zugeführt. Dadurch ist es möglich geworden, nicht blos esnes der ältesten Denkmäler vaterländischer Geschichte zu erhalten, sondern es in seiner jetzigen Schönheit herzustellen, so daß es nicht blos als eine Zierde von Pähl, sondern des ganzen Ammerthales hervorragt. Dasselbe wurde im Jahre 1884 auf 85 nach der Angabe und dem Plane des jetzigen Besitzers Herrn Ernst Czermak neugebaut, doch so, daß die Neste des alten Baues aus Gründen der Pietät erhalten und in den neuen Bau eingefügt worden sind. Die Ausführung seines genialen Gedankens hatte Herr E. Czermak dem berühmten Münchener Architekten Albert Schmid übertragen. Das geniale Werk Schmid's gliedert sich in drei Baugruppen: das Herrenhaus, den sog. Fremdenflügel und das Stall- und Dienerhaus. Das Herrenhaus, dem Süden zugekehrt und so die schönste Aussicht auf's Gebirge bietend, enthält in der Hauptsache die Wohn- und Schlafräume des Besitzers. Der Fremdenflügel bildet ein in sich vollständig abgeschlossenes kleines Wohnhaus mit hübscher Treppenanlage. Das Stallgebäude enthält die Räume für Pferdestände, Remise, Geschirrkammer und Dienerzimmer. Eine letzte Gruppe bildet der Thorthurm, die Hofterrassenmauer mit dem Brunnen und die Bastei. In einfachem gothischen Stile aus gelbem Backstein mit Tuffgliederung erbaut, zeigt das neue Hochschloß im Innern wcrthvolles Material und reichen Formenschmuck der Frühgothik und bildet mit seinen großartigen, schön gegliederten Massen die schönste Zierde des Vorlandes. -- Zwischen zwei Räubern. (Zu unierem Bild Seite 573.) Bubi befindet sich in nicht geringer Verlegenheit. Mutter hat den beiden Geschwisürlcin und Spielgenossen MUchbrei vorgesetzt; die Kinder sollten ja recht brav sein und ein m dem andern nichts wegnehmen. Allein Häuschen ist ein böser Schlingel und möchte gar zu gern von Schwester's Milchbrei kosten. So nimmt er denn flugs, ehe klein Lischen es noch recht hindern kann. einen Löffel voll aus dessen Teller. Zu allem Unglück kommt auch noch Mizzi herangeschlichen, um unbemerkt ein bischen zu naschen. Daß Lischen über das Brüderlein nicht wenig ungehalten ist, läßt sich denken. Mizzi aber wird, sobald Mutter zurück, sicherlich ihre Naschhaftigkeit büßen müssen. -i-888-«—- - Allerlei. Im Jahre 1711 besuchte der Zar Peter der Große von Rußland den König von Sachsen August den Starken und sein Land. Bei der Reise durch Sachsen kam der Zar auch unweit der böhmischen Grenze durch den durch seine Spielwaaren-Jndustrie bekannten Ort Olbernhau, in dessen Nähe das ehemals auch als Münzstätte verwendete Kupferhammerwerk Saigerhütte- Grünthal liegt. Die Chronik erzählt davon folgende Geschichte. Der Selbstherrscher aller Neusten führte, nachdem er in Freiberg mit in die Tiefe der Silbergruben eingefahren, in der Grünthaler Saigerhütte einen seiner höchst wunderlichen Einfälle aus. Das Niederschmettern des großen Kupferhammers machte ihm großes Vergnügen. Gern wollte er wissen, welche Empfindung der haben müsse, der, auf diesem großen Hammer reitend, dessen Niederschlage auf den Ambos mitmacht. Gewiß ein Einfall, den nur ein Russe haben kann. Zur Freude seiner russischen Begleiter, zur Verwunderung der Hammerleute und zum Entsetzen der sächsischen Kavaliere, welche König August der Starke ihm als Geleitsherren mitgegeben hatte, bestieg er alsbald den großen Hammer, der dann, in vollen Gang gebracht, mit Mark und Bein erschütternden Schlägen niederfiel. Jeder andere Mensch würde von dieser gewaltsamen, alle Knochen des Körpers durch- dröhnenden Erschütterung sinnlos geworden sein, Peter der Große war dabei ganz wohl und fidel, die ungewöhnliche „Anregung" war ganz nach seinem Geschmack. Bis jetzt ist er der Einzige geblieben, der sich auf diese Weise amüsirt hat. Schachaufgabe. Schwarz. Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem 4. Zage matt. - — -HZMS- M „Augsburger Postzeitung". 75. Ireitag, den 14 . September 1894. Für dir Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lBorbesttzer Dr. Max Huttler). Der Organist. Novelle von C. Borges. (Fortsetzung.) Die reiche Besitzung des alten Lord Merlin lag im südlichen England. DaS stolze, schloßartige Gebäude hatte schon oft das Auge manches fremden Beschauers entzückt und die sorgfältig gepflegten, weitausgcdehnten Parkanlagen erregten die Bewunderung der ganzen Umgegend. Alles was Menschenkunst und Geschicklich- keit vermochten, dieses herrliche Stückchen Erde in ein Paradies umzuwandeln, war geschehen; denn der alte Herr scheute keine Kosten, wenn es galt, etwas zur Verschönerung seiner Besitzung beizutragen. Aber glücklich war der Eigenthümer nicht zu nennen, als er jetzt in heftiger Fieberhitze, in einem luxuriös ausgestatteten Gemach, sich unruhig in seinen seidenen Kissen hin und her wälzte. Neben seinem Lager stand Dr. Feller; sein Antlitz war sehr ernst und fast rathlos blickte er im Zimmer umher. „Ich weiß kaum, wie es noch werden soll," wandte er sich im Flüstertöne an die alte Verwalterin, die bei dem Kranken Wache hielt. „Dieses Fieber greift mit aller Gewalt um sich; kein Hans im nahen Dorfe und in der nächsten Umgebung ist verschont; die Epidemie rafft täglich Opfer dahin und eS ist nicht mehr möglich eine Pflegerin zu bekommen. Ich kann mich doch auf Sie verlassen, Frau Brunn, Sie bleiben doch über Nacht hier auf ihrem Posten?" Die Angeredete gab gern das Versprechen und der Arzt verließ seinen Patienten. — In der Halle trat der im Dienst ergraute Portier auf ihn zu. „Herr Doktor, der junge Herr ist soeben angekommen; er ist hier im Salon; er wünscht mit Ihnen zu sprechen!" „Herr Franz?" fragt der Arzt freudig überrascht. „Natürlich! Wer sollte es auch anders sein?" Ohne ein Wort der Erwiderung eilte der Arzt in das bezeichnete Gemach und streckte dem Jüngling beide Hände entgegen. „Willkommen Herr Franz — willkommen in der alten Heimath," rief der Doktor freudig aus. „Sie kommen gerade zur rechten Zeit; denn wir bedürfen Ihrer Hülfe." „Ich danke Ihnen, Herr Doktor, es ist mir eine Freude, daß mich Jemand willkommen heißt. Aber wie steht's mit meinem Onkel? Mein Vetter telegraphirte mir von seiner Krankheit." „Es geht ihm leider schlecht genug. Das Scharlachfieber ist ausgebrochen und jetzt die ungünstigste Jahreszeit; dabei der dichte Londoner Nebel, sodaß die Leute in großer Zahl dahingerafft werden. Hier im Schlosse haben die Leute alle den Kopf verloren; die vielen neuen Dienstboten sind bei den ersten Krankheitserscheinungen fortgegangen, die alten waren von der neuen Herrin entlassen. Sie liegt jetzt auch fast ganz ! ohne Pflege, nur eine junge französische Zofe ist bei ihr, aber auch diese hat schon gedacht, morgen abzureisen." „Wer pflegt denn meinen Onkel?" fragte der Neffe besorgt. „Die alte Verwalterin, Frau Brunn, ist bei ihm. Sie und der alte Portier sind allein noch übrig geblieben von der alten Dienerschaft; sie helfen nach besten Kräften." „Ist Lady Merlin denn auch erkrankt?" „Gewiß, sogar sehr gefährlich; ihr Zustand ist nach menschlicher Ueberzeugung hoffnungslos. Aber Franz, mein lieber junger Freund, ich freue mich, daß Sie hier sind; ich habe Sie ja schon als ein kleines Kind gekannt. Doch jetzt muß ich fort; ich habe viel im Dorfe zu thun. Aber hüten Sie sich, daß Sie nicht auch krank werden." „Ich kann mich der Gefahr der Ansteckung nicht entziehen, Herr Doktor, und muß dann die Folgen tragen. Jetzt will ich meinen Onkel Pflegen, denn er bedarf meiner Hülfe." „Sie verstehen aber gar nichts von Krankenpflege," wandte der Arzt besorgt ein. „Mein Herz wird mich lehren, was ich machen soll, und jedenfalls thue ich nach besten Kräften. Aber wollen Sie mir nicht einige Winke geben?" Der Arzt besann sich einen kurzen Augenblick. „Kommen Sie schnell mit mir," entschied er dann und kehrte mit dem jungen Herrn in's Krankenzimmer zurück. Frau Brunn konnte kaum ihre Freude bei diesem unerwarteten Besuch verbergen, und ihre Augen füllten sich mit Thränen, als sie hörte, daß der junge Herr die Pflege des Oheims von jetzt an selbst übernehmen werde. Er war in früheren Jahren stets der Liebling des Hauses gewesen und seine Verbannung aus dem Schlosse hatte das Herz der treuen Dienerin mit Wehmuth erfüllt. -> 578 Während der folgenden Nacht wich der Neffe keinen Augenblick vorn Bette des Kranken, obgleich er nach der langen Reise selbst nothwendig der Ruhe bedurfte. Der Patient lag noch immer in wilden Fieberphantasien; eS war die Krisis und nach der Aussage des Arztes mutzte bald ein Wendepunkt eintreten. Gegen Morgen wurde der Kranke ruhiger und bald fiel er in einen ruhigen, erquickenden Schlummer. Franz Burgfeld — oder vielmehr Franz Merlin, wie er sich wieder nannte, seitdem er wieder England'S Boden betreten hatte, wagte kaum zu athmen, aus Furcht, den geliebten Kranken zu stören. Als der gute Doktor am nächsten Tag wieder in das Krankenzimmer trat, kniete der Neffe am Bette des alten Herrn, der zu neuem Leben erwacht und segnend die Hand auf dem Haupte des Jünglings ruhen ließ. Leise und unbemerkt zog sich der Arzt zurück; er wußte, daß die Gegenwart des Neffen dem Patienten die beste Genesung bringen würde. 7. Kapitel. Martha Härtung ging im Hause ihres Vaters unruhig umher. Nirgends fand sie Ruhe; keine Arbeit konnte sie zerstreuen oder ihre Gedanken fesselrr. Vergebens durchsuchte sie den ganzen Garten in der Hoffnung, ein sicheres, verborgenes Versteck zu finden, dem ein Brieschen von ihrem Geliebten anvertraut war. Sie wußte nicht, was sie von seinem unerklärlichen Schweigen denken sollte und zermarterte ihren armen Kopf mit allerlei erdenklichen Möglichkeiten. So war es denn kein Wunder, daß ihre Wangen immer schmäler und bleicher, ihr Gang und ihre Haltung schleppender wurde und der Vater mit seiner Gemahlin ernstlich Rücksprache nahm, ob es nicht besser sei, das Töchterlein zu Verwandten auf's Land zu schicken. Doch diesem Plane fetzte die junge Dame energischen Widerstand entgegen. Der Gedanke, jetzt die Stadt zu verlassen, solange sie über das Geschick ihres Geliebten vollständig in Ungewißheit war, schien ihr schlimmer zu sein, als der Tod. Darum überredete sie die Eltern, es sei nicht der geringste Grund zur Besorgnitz vorhanden und sie fühle sich frisch und gesund. Wenig zufrieden mit dieser Versicherung fragte die besorgte Mutter ihre älteste Tochter Marie um ihren Rath. Diese erkannte allein den Grund der traurigen Veränderung, hütete sich aber wohl, davon zu reden und schlug Aufheiterung und Zerstreuung vor. Die zärtliche Mutter befolgte gern den Rath ihrer erfahrenen, verständigen Tochter. Sie beeilte sich, Martha's Freundinnen und einige bekannte junge Herrn zu einer kleinen Festlichkeit zu laden, zu der auch Fräulein Willford und der Organist hinzugezogen werden sollten. Wie man es vermuthet hatte, traf es ein. Die junge Dame nahm die Einladung an; der Organist hingegen hatte wie gewöhnlich für derartige Zerstreuungen keine Zeit. V Eine kleine heitere Gesellschaft war in Frau Dr. Hartung's Empfangszimmer versammelt, und ihr lebhaftes Geplauder drang hinüber zu der entlegenen Fensternische, in der Martha mit Thränen in den Augen einsam dastand und theiluahmslos dem bunten Getriebe zuschaute. Da weckte eine wohlbekannte Stimme sie plötzlich aus ihrem trüben Sinnen und Helene Willford legte sanft ihre Hand auf den Arm der bekümmerten Freundin. Sie führte die Willenlose i» die Einsamkeit des großen, wohlgepfiegten Gartens und sprach tröstend auf sie ein. „Ich glaube Martha," sagte sie in vertrauenerweckendem Tone, „Du hast etwas auf dem Herzen, was Dich drückt. Ist es Dir nicht eine Erleichterung, Dich auszusprecheu?" Martha zögerte. Helene war die Einzige unter ihren vielen Freundinnen, der sie vollkommen vertraute und seit längerer Zeit stand sie mit ihr in innigem Verkehr. „Ich errathe vielleicht Deinen Kummer, oder besser gesagt, ich weiß gewiß mehr davon, wie Du ahnst," fuhr Helene leise flüsternd fort. Die Freundin erschrak. Sie erinnerte sich des Tages im Restaurant; der Organist hatte zweifellos ihre Unterredung mit Franz Burgfeld angehört und dann mit der Schwester darüber gesprochen. Nun, eS konnte ihr im Grunde ihrer Seele nur lieb sein; denn es war ihr zum Bedürfniß geworden, ihr übervolles Herz auszuschütten, und wem konnte sie größeres Vertrauen schenken als ihrer teilnehmenden Freundin?" In wenigen Worten erzählte Martha ihr Geheimniß. Sie habe sich heimlich mit dem früheren Organisten verlobt, ihm Liebe und Treue geschworen, und jetzt könne sie sich sein Schweigen nicht erklären. Helene hatte den wahren Sachverhalt längst geahnt und verstand es, die weinende Freundin zu trösten. „Nun höre, was ich Dir sage," begann sie, als Martha ihre Erzählung beendet hatte. „Dein geliebter Franz ist weder todt noch verschollen, was Du anzunehmen scheinst. Ich hatte ihn vor kurzer Zeit selbst gesehen; er war auf dem Bahnhof und benutzte den Schnellzug nach der Hafenstadt. Gewiß ist er jetzt in England." „In England?" wiederholte Martha erstaunt, denn sie hatte absichtlich weder den rechtmäßigen Namen noch die Heimath ihres Geliebten genannt. „Woher weißt Du denn, daß er nach England wollte?" „Helene lachte. „Ich vermuthe es," entgegnete sie heiier, „wir waren früher Gutsnachbarn und ich habe ihn sogleich wieder erkannt." „Aber warum schreibt er mir nicht einige Zeilen! Er muß doch wissen, wie sehr ich mich nach Nachricht sehne," klagte Martha. „Wie soll er denn die Adresse schreiben? Er kaun doch unmöglich eine Bemerkung für den Briefboten machen, daß er den Brief dem sichersten Platze im Garten anvertraut. Würde aber hier im Hause ein Brief für Dich aus England abgegeben, so müßte das Aufsehen erregen." „Er hätte mir vor seiner Abreise schreiben müssen", beharrte Martha, die immer größeres Vertrauen zu ihrer Freundin faßte. „Das ist auch meine Ansicht, wiewohl es immerhin möglich ist, daß er Dir geschrieben hat. Vielleicht ist der Brief unterschlagen oder er liegt noch in einem sicheren Versteck im Garten verborgen und Du hast ihn noch nicht gefunden. Kannst Du Dich auf die Dienstboten verlassen?" „Ja. Sie sind mir alle zugethan und würden mir den Brief gegeben haben, wenn er im Hause abgegeben wäre." l- 579 „Nun gut, dann will ich Dir sagen, was wir thun wollen, oder vielmehr, was ich thun will. Dein Franz lebt doch im südlichen England?« „Ja. Ganz in der Nähe von Beading.« „Gut. Ich habe dort in der Umgegend noch viele Freunde, die sollen sich nach ihm erkundigen und mir recht bald Nachricht geben.« Martha lächelte freudig. Die Unterhaltung mit der Freundin hatte sie mit neuer Hoffnung belebt. „Frage nicht nach dem Namen „Burgfeld«, das ist der Name seiner Mutter. Er heißt „Merlin",« flüsterte Martha der Freundin zu. „Ich weiß es,« nickte diese, und beide Mädchen kehrten zu der Gesellschaft zurück. « » » Wenige Tage nach dieser Unterredung verließ Helene Willford in tiefe Gedanken versunken die Nosenvilla und schlug die Richtung nach Dr. .Hartung's Wohnung ein. Ihr liebliches Antlitz war heute ungewöhnlich ernst, und ihre Augen waren vorn Weinen geröthet. Sie hatte die lang ersehnte Nachricht aus England erhalten, aber diese war so sehr betrübend, daß sie fast verzagte bei dem Gedanken, sie der Freundin mitzutheilen. Franz Merlin war gefährlich erkrankt, sein Zustand so gut wie hoffnungslos. Das heimtückische Fieber hatte fast kein Haus verschont, und über Arme und Reiche, Jünglinge und Greise senkte der Tod erbarmungslos seine Fackel. Helene selbst betrauerte den Tod eines Mannes, den sie hoch geachtet hatte. Sein Herz hatte für sie geschlagen; er hatte ihr mit seiner Hand Reichthum und irdisches Glück angeboten, aber sie konnte seine Liebe nicht erwidern und war viel zu edel und aufrichtig, um eine Ehe ohne Liebe einzugehen. Jetzt hatte sie die Nachricht von dem Tode des Eanadiers erhalten, und mit tiefem Weh im Herzen gedachte sie der letzten einsamen Tagen des alten ehrlichen Mannes. „Ist Fräulein Martha zu Hause?" fragte Helene das Hausmädchen, als sie ihr Ziel erreicht hatte. „Ja. Bitte, treten Sie-« Doch ehe das Dienstmädchen vollenden konnte, kam Marie aus dem Wohnzimmer. Die innige Freundschaft der Schwester mit der Klavierlehrerin mißfiel ihr, und sie wollte die Beiden so viel wie möglich von einander fern halten. „Wie geht es Ihnen, Fräulein Willford?« begann sie mit erheuchelter Freundlichkeit. „Sie wünschen Martha zu sprechen? Geben Sie mir Ihre Botschaft, denn meine Schwester ist verhindert.« Helene's Wangen färbten sich dunkler. Eine heftige Entgegnung schwebte auf ihren Lippen, doch um Martha's willen hielt sie dieselbe zurück; da wandte sie sich an das Hausmädchen, das noch immer wartend im Hintergrund stand. „Bitte, sagen Sie Fräulein Martha, daß ich hier bin; wenn sie verhindert ist, mich zu sehen, so erwarte ich sie «och heute in der Nosenvilla.« Schon nach einigen Minuten kam Martha eilig die Treppe herab; sie faßte Helene's Arm und zog sie eilig in ihr eigenes Zimmer. Sie wurde leichenblaß, und ihre Glieder zittertm, als sie einen besorgten Blick in das erregte Antlitz ihrer Freundin warf. „Martha, sei ruhig,« beschwichtigte Helene, mit sanfter Gewalt die Freundin in einen Sessel drückend. „Er ist krank, aber in guten Händen, und es fehlt ihn nicht an treuer Pflege. Um seinetwillen mußt Du ruhig und standhaft bleiben.« „Krank!? Sage mir Alles. Ich bin stärker wie Du denkst und kann Alles ertragen, nur nicht die Ungewißheit.« „So höre. Franz Merlin ging wie ein tapferer Held auf dem Kampfplatz, um seinen alten Onkel zu pflegen, der von allen Freunden verlassen war. Er bekam selbst das Fieber und wird jetzt treu und liebevoll gepflegt.« „Scharlachfirberl« war das einzige Wort, das Martha's bebende Lippen hervorbringen konnten. „Seit Wochen wüthet diese Epidemie in der ganzen Umgegend und fordert noch immer zahlreiche Opfer", fuhr Helene fort. „Deine Verwandten, die Familie deS Dr. Feller, helfen nach besten Kräften bei Arm und Reich, jedoch fehlt es immer noch an ausreichenden Hülfe- leistungen." „Ich gehe zu meiner Tante, — ich gehe fort und biete meine schwachen Kräfte an", entschied Martha, von ihrem Sitze aufspringend und sich hoch aufrichtend, dann eilte sie der Thüre zu. „Aber Martha, so warte doch," flehte die Freundin. „Du darfst solche Gedanken nicht fassen. Die Reise ist weit und beschwerlich, und Du bist im fremden Lande ganz unerfahren. Was würden Deine Eltern sagen!" „Ich muß in seiner Nähe sein; ich will helfen, ihn zu pflegen.« Noch ehe Helene ein weiteres Wort erwidern konnte, hatte Martha das Zimmer verlassen. Sie stand rathloS inmitten des Zimmers. Sie fürchtete für die Freundin, die noch niemals selbstständig eine Reise unternommen hatte. Da kam ihr plötzlich ein glücklicher Gedanke, und eilig und ungesehen verließ sie das Hans. Ihr nächstes Ziel war das Bureau deS Agenten Schellenbcrg, den sie jetzt seit längerer Zeit nicht mehr gesehen hatte. Der junge Mann saß wie gewöhnlich vor seinem Pulte. Aber es waren heute nicht Berechnungen, die seine Sinne fesselten; vor ihm ausgebreitet lag ein großer, weißer Bogen, auf den zahllose größere oder kleinere Mädchenköpfe gezeichnet waren. Alle hatten kurz gelocktes Haar und trugen die gleichen Züge, und unter jedem stand das Wort „Helene" in Blumen- oder Zierschrift. Jetzt warf der junge Mann einen zufriedenen Blick auf seine Leistungen; doch plötzlich horchte er auf, er glaubte ein leises Klopfen gehört zu haben. Eilfertig öffnete er die Thür und stand dem Original seiner Skizzen gegenüber. „Ich wußte, daß Sie heute kommen würden, Fräulein Willford; ich hatte eine untrügliche Ahnung Ihrer Nähe, noch ehe ich Ihr Klopfen hörte," rief er tu freudiger Uebcrraschung. Helene beachtete kaum seine enthusiastischen Worte. „ES ist eine ernste Angelegenheit, die mich hierher führt," begann sie in ihrer schlichten Weise, „eine Angelegenheit, mit der ich Sie nicht belästigen würde, wenn ich nicht von Ihrer Theilnahme für Fräulein Martha Härtung überzeugt wäre.« „Droht ihr irgend eine Gefahr?« „Das gerade nicht. Aber Herr Burgfeld, der frühere Organist, ist nach England zurückgekehrt, um seinen alten Onkel zu Pflegen, Martha-« 580 Sie stockte plötzlich. In ihrem Eifer, der Freundin einen wesentlichen Dienst zu leisten, hatte sie ganz vergessen, daß sie kein Recht habe, deren Geheimniß auszuplaudern. Aber die nächsten Worte des Agenten überzeugten fie, daß ihm das Verhältniß der Liebenden nicht unbekannt sei. „Ich verstehe," versetzte er. „Sie liebt ihn und will jetzt mit ihm in Briefwechsel treten." „Sie will ohne Wissen der Eltern nach England zu ihrer Tante, die ganz in seiner Nähe wohnt, reisen," fiel die junge Dame hastig ein. „Daß sie heimlich reisen will, mißfällt mir, aber sie weiß sehr gut, daß die besorgte Mutter niemals ihre Einwilligung geben wird." Dann wartete sie auf einen Ausruf des Erstaunens, aber vergebens. Im Gegentheil, der Agent nickte beifällig, als ob er dieses Resultat erwartet habe. „Ich komme soeben von ihrem Hause," fuhr Helene unbeirrt fort, „und Martha läßt sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen, aber sie ahnt gar nicht die Schwierigkeiten einer so weiten Reise! Da dachte ich, — wenn ein Freund ihr heute Abend auf dem Bahnhöfe behülflich wäre, vielleicht findet sich ein Mitreisender, sie wäre dann wenigstens nicht ganz allein. Ich würde selbst gehen, aber da sie den Nachtzug benutzt, wage ich nicht, so spät allein auszugehen." „Gewiß nicht! Sie dürfen gar nicht daran denken. Es wird mir eine Freude sein, Ihnen diesen Dienst zu erweisen. Der Schaffner soll mir versprechen, für sie zu sorgen; auch soll er ihr am Hafen behülflich sein. Es ist gerade jetzt die beste Reisezeit, und da wäre es doch ein Wunder, wenn ich nicht Bekannte auf dem Bahnsteig anträfe, die sich der jungen Dame gern annehmen würden. Helene erhob sich. Sie freute sich, daß ihre Freundin nicht ganz verlassen abreisen sollte. „Ich werde morgen Abend zu Ihnen kommen, um Ihnen zu sagen, wie es Ihrer Freundin ergangen ist. Sie sind den ganzen Tag in Anspruch genommen, sonst sollten Sie nicht so lange auf Nachricht warten." „Morgen bin ich verhindert", warf Helene ein, „ich muß Sie also bitten, noch einen Tag länger mit ihrem Besuche zu warten. Aber ich möchte doch gern wissen, ob Martha den rechten Zug benutzt hat." „Gehen Sie nicht morgen um 3 Uhr zu Frau Grüner, oder irre ich mich? Würden Sie mir zürnen, wenn ich Ihnen auf dem Wege begegnete?" Helene erröthete. Sie wollte den jungen Mann nicht gern ermuthigen, aber was sollte Sie thun, um Gewißheit über die Abreise der Freundin zu haben? „Nur für dieses eine Mal", versetzte sie deshalb zögernd, „aber es darf nie wieder geschehen; ich liebe derartige Begegnungen nicht." Der junge Mann verneigte sich. Die kühlen Worte hatten ihn empfindlich verletzt, und auch Helene verließ das Bureau mit dem unbestimmten Gedanken, daß heute ihr richtiges Gefühl sie irre geleitet habe. tz: Dr. Härtung faß auf seinem gewöhnlichen Platz am Frühstückstisch. Unmuthig schaute er auf den leeren Platz an seiner Seite, den sein Liebling noch stets vor ihm eingenommen hatte. „Wo ist Martha?" wandte er sich an feine Gattin. „Ich weiß es nicht. Hedwig, willst Du nicht heraufgehen und zusehen, weshalb Martha heute noch nicht hier ist?" Die also Angeredete blickte wehmüthig auf ihre Tasse dampfenden Kaffee's, doch gehorsam erhob sie sich und verließ das Zimmer. Schon nach wenigen Minuten kehrte sie athemlos und in größter Erregung zurück. „Papa! Papa!" rief sie, bestürzt auf der Schwelle stehen bleibend. „Martha ist nirgends zu finden; ihr Bett steht unberührt — sie ist fort!" Der Arzt sah betroffen im Zimmer umher: kein Wort kam über seine festzusammengepreßten Lippen. Die Mutter und Marie stürzten schnell in Martha's Zimmer, um sich zu überzeugen, ob Hedwig's Aussage sich bestätigte. Auch die Dienstboten eilten bei dieser Nachricht schreckensbleich herbei. Die arme Mutter kehrte bald mit thränenüberströmtem Antlitz zu ihrem Gatten zurück. Sie gab ihm ein Briefchen, welches sie auf. dem Schreibtisch ihrer jüngsten Tochter gefunden hatte. Noch immer saß der alte Herr regungslos da; keine Miene in seinem finstern Antlitz verrieth seine Erregung. Hastig ergriff er den Brief, und mit bebender Stimme las er: „Meine geliebten Eltern! „Ehe Ihr dieses Briefchen findet, bin ich zu weit „von Euch getrennt, um mich einholen oder mir nachweisen zu können. Wenn Ihr auch den Versuch machen „wolltet, mich zur Rückkehr zu bestimmen, so würde es „doch nutzlos sein, denn ich reise nach England zu „meiner Tante." Der Arzt ließ das Schreiben fallen; sein Antlitz war aschfahl geworden, und seine Lippen zuckten. Doch schnell ermannte er sich und las in derselben ruhigen Weise weiter: „Zürnt mir nicht, geliebte Eltern, wenn ich Euch „sage, daß ich mich vor einigen Wochen mit Franz Burgfeld „— diesen Namen trug er hier —, dem früheren Organisten, verlobt habe. Ich weiß jetzt, daß es ein „Unrecht war, diesen Schritt ohne Eure Erlaubniß und „ohne Euer Wissen zu thun, aber ich liebte ihn zu sehr. „Meine Strafe folgt schon jetzt; denn mein geliebter „Franz ist im Hause seines Onkels am Scharlachfieber „gefährlich erkrankt, und ich gehe jetzt hin, um ihn ge- „meinschaftlich mit meiner Tante Pflegen zu helfen. Du „hast Franz in Deinem Hause nie gern gesehen, mein „geliebter Vater, hauptsächlich weil er seiner Stellung „nicht genügte und die übernommenen Pflichten nicht „erfüllen konnte. Daher wagte er auch nicht, offen vor „Dich zu treten, um meine Hand zu erbitten, ehe „er mir eine gesicherte Existenz bieten konnte. Aber „wenn Du ihn erst genauer kennst, dann wirst Du mir „wieder vergeben und wieder mit Liebe Herabblicken auf „Deine unglückliche Tochter Martha." Schweigend gab der Arzt seiner Gattin den Brief zurück; dann nahm er seinen gewohnten Platz am Frühstückstisch wieder ein. Er war plötzlich ein lebensmüder Greis geworden; diese unerwartete Nachricht hatte ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen und ihn um 10 Jahre älter gemacht. Schluchzend verließ die Mutter das Zimmer, gefolgt von Marie, die sich heute zum ersten Male Gewissensbisse machte, den Brief der Schwester gelesen und vernichtet zu haben. Groß war das Erstaunen, als mit Windesschnelle sich die Nachricht in der Stadt verbreitete, daß Martha, ein Liebling Aller, mit dem Ex-Organisten verlobt sei. Kluge Mütter schüttelten bedenklich ihre Häupter und erklärten, daß die gute Frau Dr. Härtung kein wach» sawes Auge auf die Tochter gehabt, daher selbst zu tadeln sei und jetzt allein die Folgen ihrer Pflicht» Vergessenheit zu tragen habe. tFortsetzung folgt.) --.^SSWSS-- Doktor Humor. Biographische Plauderei von Klara Reichner. lNachdriuk «erboten.1 - „Immer heiter, — Gott hilft weiter!" Zu jenen guten Geistern, die als tägliche, willkommene Gäste, ja womöglich ständige Familienglieder in keinem Hause fehlen sollten, gehört vor Allem: Freund Humor! — Gleichviel, ob man so weit gehen will, wie jener Dichter, der behauptet: „wie Du die Welt anblickst, so blickt die Welt Dich wieder an; — lächle, willst Du vergnügt leben, der Lächelnden zu!" — jedenfalls ist sicher und gewiß, daß nichts so leicht und heilsam über gar viele größere und kleinere Widerwärtigkeiten und Sorgen des menschlichen Daseins forthilft, als der gute Genius Humor, und zwar jener freundliche Humor, der tief im Herzen wohnt und aus dem Herzen kommt, der zur rechten Zeit anmuthig zu scherzen, als wohlthätiger Tröster Ernst und Heiterkeit im rechten Maße zu vermischen und im rechten Augenblicke zu erscheinen weiß, doch der nicht taktlos und verletzend, sondern — als liebenswürdiger Vermittler auftretend — versöhnend wirkt. Wie mancher heikeln Angelegenheit wird der schärfste Stachel abgebrochen durch unsern klugen Hausfreund und Hausarzt Humor und sein probates Universalmittel: eine gute Laune! — Wie ansteckend vermag ein herzliches Lachen zu wirken, das aus harmlos-fröhlichem Gemüthe kommt! — Und welchen hohen praktischen Werth besitzt das Lachen! — „Heiterkeit ernährt das Leben!" sagt mit Recht ein italienisches Sprichwort, denn heiteres Lachen versetzt Geist und Körper in wohlthuende Bewegung, befördert den Umlauf des Blutes und sogar — die Verdauung, die um so wichtiger ist, als bekanntlich unsere Stimmungen ja — aus dem Magen kommen! Daß unsere wackeren Vorfahren dies bereits wußten und beherzigten, das heißt just bei Tische vor Allem Heiterkeit und Lachen zu erregen suchten, beweist die große Vorliebe, mit der sie stets den Doktor Humor als Tischgast luden, wie ihre Vorliebe für die lustigen sogenannten „Leber-Reime" und die ehedem so hochgeschätzten, witzigen Narren und Possenreißer, die selbst den allerhöchsten Herrschaften gegenüber mit unbegrenzter „Narrenfreiheit" sich alles Mögliche erlauben durften. — Ebenso haben die Gastronomen, Feinschmecker und Eßkünstler aller Zeiten als bewährtes Mittel, um angenehm und zuträglich zu speisen, nur leichtes, harmloses und heiteres Tischgespräch empfohlen, — dagegen vor ernsten oder gar fatalen und streitbaren Unterhaltungen sehr eindringlich — weil schwerverdaulicher und den Genuß störend — gewarnt! — Uebcrhaupt hat das Lachen schon zu jeder Zeit sehr hoch im Cours gestanden. „Der Tag, welchen wir am meisten als verloren beklagen müssen, ist der, an welchem wir nicht gelacht haben!" meint der gelehrte Franzose Chamfort, und un» zählige Anekdoten rühmen die heilsame Wirkung des Lachens, das selbst Kranke und Sterbende zu neuer Lebens» kraft erweckt schon haben soll. — So erzählt z. B. ein erfahrener deutscher Arzt von einem hohen Würdenträger, daß dieser im Sterben bereits lag und um ihn herum seine habgierige Dienerschaft zu rauben und zu plündern begann. Da setzte sein Affe sich des Herrn Hut auf und verfolgte mit einem Degen die Diebe. Der Todkranke aber lachte und — genas! — „Eine Stunde lachen", sagte auch der große englische Humorist Sterne, „setzt ein Jahr an unsere Lebenszeit," und schlug sogar in allem Ernste vor, das Lacken unter die ärztlichen Heilmittel aufzunehmen, — ein Vorschlag zur Güte, dem hervorragende Aerzte beigestimmt schon haben, wie der berühmte Engländer Thomas Sydenham im 17. Jahrhundert, welcher behauptete, daß in einem Städtchen die Ankunft eines tüchtigen Hanswursts noch einmal so viel werth sei, als die Ankunft von zwanzig mit Medicamenten beladenen Eseln, — ja der renommirte französische Arzt Tifsot will im vorigen Jahrhundert durch Lachen so manche Krankheit curirt, so manchen Inkurabel» zum gesunden Menschen gemacht haben — in Folge der wohlthätigen Erschütterung des Körpers und des Geistes, nebst der damit verbundenen Auffrischung und Aufmunterung der Lebenskraft. Besitzt Doktor Humor, als ältester und berühmtester Verfechter arzneiloser Heilkunde, doch — sogar nach dem Ausspruche medicinischcr Autoritäten — in dem von ihm stets mit Erfolg ordinirten Medikament ein untrügliches Geheim- und Verjüngungsmitkel, das die Gesundheit erhält und das Leben verlängert, indem es alle Triebfedern des Organismus kräftigt und sie neu aufzieht, Herz und Lungen öffnet, — das Blut, die Lebensgeister noch einmal so lustig durch ihre Kanäle treibt, frisch und fröhlich macht und Magen und Zwerchfell zurecht rüttelt und schüttelt. Heiterkeit und gute Laune pflegen deshalb auch stets die allerbesten Zeichen geistiger wie körperlicher Gesundheit zu sein; — außerdem aber hat der Frohsinnige den Vortheil, länger verschont zu bleiben von den äußeren und inneren Spuren des bösen Alters und Alterns, denn Doktor Humors Jugend-Elixir ist zugleich ein kosmetisches Mittel, das nicht nur die ganze Welt und das Leben, sondern auch den Menschen selbst verschönt. Welch' einen traurigen Anblick bietet ein ewiger Grillenfänger, ein Griesgram, Brummbär, ein Murrkopf oder Kopshänger! — „Ein fröhliches Herz erheitert das Angesicht, ein trauriges Gemüth schlägt den Geist nieder; — ein fröhliches Gemüth macht ein blühendes Alter, ein trauriger Geist vertrocknet die Gebeine!" — lehren schon im Buch der Bücher die Wcisheitssprüche Salomonis. — Darum ist auch eine gute Laune, dieses Sonntagskind der Erde, des Menschen bestes Erbtheil und das schönste Geschenk, das die gütige Allmutter Natur ihm zur Begleitung und Ausrüstung für die LcbenSreise mitgeben kann, zugleich aber das bewährte Naturheilmittel gegen allerlei Uebel des Leibes und der Seele, das sie, die vorsorgliche Haushälterin, eigens ersann zu allgemeinem Nutz und Frommen, wirksamer oft für die Oekonomie des Lebens, wie manche bittere Arznei! — „Fröhlicher Muth hilft durch, — was Fröhliche thun, geräth wohl," denn „lachende Heiterkeit wirft auf alle Lebensbahnen Sonnenlicht!" Droht einen bei des Daseins kleinen und großen 582 Nadelstichen auch bisweilen der Humor im Stich zu lassen, — eine gute Laune hilft über Manches fort und ist der beste Blitzableiter bei so manchem häuslichen und andern Uugewitter. — „Nur wer sich recht des Lebens freut, Trügt leichter, was es Schlimmes beut!" lehrt ja der erfahrene, Weltweise Doktor Humor, der mit nachsichtigem Lächeln herabblickt auf die vielen kleinen Thorheiten und thörichten Kleinlichkeiten dieser Welt, und der nicht nur, wenn man vertrauensvoll sich an ihn wendet, der beste Helfer und Tröster in der Noth und Plage täglicher und alltäglicher Misere ist, sondern auch der beliebteste Hausgenosse und Gesellschafter zu sein pflegt, dessen gute Eigenschaften zu den menschlich liebenswürdigsten gehören, und der oft sogar es fertig bringt, selbst der steifleinensten Etiquette, dem langweiligsten Ceremonien ein Schnippchen zu schlagen. Denn steifer Zwang läßt — hemmend und eindämmend — echten, rechten Humor nicht aufkommen, ebenso wenig wie Umnuth und üble Laune fröhliche Gemüthlichkeit um sich dulden wollen, — weder im geselligen noch häuslichen Kreise! — Statt des Herzens wird dann die Galle erregt, — statt Heiterkeit regt Aerger sich, und Friede und Freude nehmen vor den geschworenen Feinden alles äußeren und inneren Wohlbefindens: Verdruß und Unbehaglichkeit, schleunigst Reißaus! — Was nun das berühmte, oft erprobte Recept des Doktor Humor betrifft, so kann Jeder, der die Mühe nicht scheut, sich's selber zubereiten! „So höre denn und gib wohl Acht, Wie man die Heiterkeit braut und macht, — Denn nicht eine jede ist echt und rein, Doch diese hilft bei jeglicher Pein! — Zuerst sieh in's Herz und späh' es recht aus, Und wasch' alle Selbstsucht tüchtig heraus. Daun nimm Geduld und Nachsicht zur Hand Und schüttle es um mit etwas Verstand. Ein Tröpfchen Lethe thu' auch dabei, Es macht von vergangenem Weh' dich frei; — Nicht Leichtsinn, doch leichten Sinn rühre drein, Ein bischen Witz, doch gerieben ganz fein. Viel guten Willen und feste Kraft Und Menschenliebe, die hilft und schafft, Ein wenig Selbstvertrauen und Muth, Bescheidenes Hoffen und ruhiges Blut. — Das Alles rühre zusammen fein, Und nimm es mit reinem Herzen ein, — Und schlägt dies dennoch und kommt nicht zur Nuh', So blicke bittend nach oben dazu! — Du wirst es sehen, dann konimt der Muth, Und alles And're wird wieder gut, — Die Thräne trocknet, die Lippe lacht, Und doch weiß Keiner, wie Du es gemacht!" Und wer's nicht probirt, der ist ein Thor, Sagt stank und frei der Doktor Humor. -- Zur Ehrenrettung des Fuchses. Eine criminalpolitische Studie von Leopold Bauke. Einer ganzen Reihe von Thieren ist erst durch genauere Betrachtung ihrer Lebensgewohnheiten nachträglich die ihnen gebührende Werthschätzung zutheil geworden, man denke nur an den Maulwurf, den Bussard, die Kröte u. s. w. So erfreulich es nun ist, daß diesen Geschöpfen schon in dieser Welt Gerechtigkeit zutheil wird, so erscheint es doch anderseits in hohem Grade einseitig, wenn die Frage, ob man ein Thier zu den schädlichen oder nützlichen rechnen soll, lediglich vom wirthschaftlichen Standpunkte aus erörtert wird. Gewiß ist dieser Gesichtspunkt außerordentlich wichtig, aber ganz allein darf er bei der Beurtheilung der Frage nicht ausschlaggebend sein. Das Gefühl für Gerechtigkeit verlangt vielmehr, daß man das große Allgemeine dabei nicht aus den Augen verliert. Irgendwelche Zweifel daran, daß man sich im letztgenannten Falle auf der richtigen Fährte befindet, können nicht bestehen, so wenig wie man bisher bezweifelt hat, daß die salus xudlioa jedem Einzelinteresse vorangeht. Ein treffendes Beispiel hierfür bietet uns der Storch. Seit einiger Zeit ist man nämlich darauf aufmerksam geworden, daß er schonungslos die Nester nützlicher Böge! plündert, junge Hasen verspeist und ähnliche schändliche Räubereien begeht, die man früher bei seinem gravitätischen, durch Sagen und Märchen geheiligten Wesen gar nicht vermuthete. Infolge dessen hat man ihm vielfach schonungslos den Krieg erklärt. Sollte es sich aber bewahrheiten, was viele Naturbeobachter mit Entschiedenheit behaupten, daß in den storchleeren Gegenden die gefährlichen Kreuzottern sich in unheimlicher Weise vermehren, daß also zwischen diesem Ueberhandnehmen und seinem Verschwinden ein ursächlicher Zusammenhang bestände, so würde es in Zukunft niemand einfallen, den Vertilgungskampf fortzusetzen. Ist nun bei dem Storche die Wahrscheinlichkeit sehr groß, daß er uns in der Vertilgung des schädlichen Gewürms große Dienste leistet, so ist bei dem bestgehaßten Strauchdiebe, dem Fuchse, die Gewißheit vorhanden — nicht etwa, daß er ein nützliches Thier ist, — wohl aber, daß er uns unter Umständen, wie im Nachstehenden bewiesen werden soll, von ganz unberechenbarem Nutzen ist und daß er deshalb wie kein anderer gegenüber dem allgemeinen Verdammungsurtheil den Anspruch auf „mildernde Umstände" hat. DaS Bestreben, Neinecke nach Möglichkeit zu vernichten, ist ja nur zu leicht erklärlich. Wie jedermann weiß, ist er der ärgste Feind von allem jagdbaren Wild, decimirt die Geflügelställe des Landwirths, fischt und krebst „unberechtigt", richtet selbst in Obst- und Weingärten erheblichen Schaden an und begeht sonst noch zahllose Unthaten. Bei dem Kriege, der gegen einen solchen Räuber geführt wird, gelten alle Mittel als erlaubt. Brehm schreibt darüber: „Ncinecke steht jahraus, jahrein im Waldbann und ist vogelfrei, für ihn gibt eS keine Zeit der Hegung, keine Schonung. Man schießt, fängt, vergiftet ihn, gräbt ihn aus seinem sichern Bau und schlägt ihn mit dem gemeinen Knüppel nieder, hetzt ihn zu Tode, holt ihn mit Schraubenziehern aus der Erde heraus, kurz, sucht ihn zu vernichten, wo immer nur möglich und zu jeder Zeit. Wäre er nicht so gescheit und schlau: der Mensch hätte ihn längst vollkommen ausgerottet. Er aber setzt List gegen List und seine Klugheit gegen den Menschenverstand ein und lebt so, trotz aller Befehdung, ungeachtet seiner Vogelfreiheit, sein gemüthliches Waldleben fort." — An einer andern Stelle nennt ihn Brehm den „Erzschelm, Gauner, Strolch und Tagedieb Neinecke". Doch, wie schon vorher bemerkt wurde, die Gerechtigkeit gebietet, daß man nicht lediglich den wirthschaftlichen Schaden, den er anrichtet, entscheiden läßt. Man darf selbst bet einem solchen Bösewichte die guten Seiten nicht übersehen. Da eine solche unbefangene Beurtheilung 583 bisher wohl selten oder überhaupt noch nicht stattgefunden hat, so soll auch einmal eine Lanze für den Uebelbeleu- mundeten eingelegt werden, indem wir seine Lichtseiten gebührend hervorheben. Anlaß zu dieser Ehrenrettung gibt uns der Umstand, daß kürzlich bet Halle der Leichnam einer augenscheinlich gewaltsam umgebrachten Frauensperson durch Füchse aus der Erde gescharrt worden ist. Hoffen wir, daß das Verbrechen seine gerechte Sühne finden wird. Aber sollte auch diese Hoffnung sich nicht erfüllen, sollte sich vielleicht auch nicht mit Genauigkeit feststellen lassen, daß wirklich ein Mord vorliegt, so würde das um keinen Deut die Verdienste Reineckes schmälern, die er sich durch Unterstützung der menschlichen Rechtspflege bisher erworben hat. Wer sich einigermaßen mit dem Studium von Capitalverbrechen befaßt hat, wird gewiß schon die Beobachtung gemacht haben, daß die gewöhnlichsten Arten, einen Menschen beiseite zu bringen, ohne daß ein Verdacht auf den Thäter fällt, folgende drei sind: vergiften, ins Wasser stürzen, im Walde vergraben. Das Beibringen von Gift hat nun die beiden großen Nachtheile, daß die Beschaffung des Giftes regelmäßig auf große Schwierigkeiten stoßt und der Nachweis der Vergiftung noch jahrelang nach der That möglich ist; das Wasser gibt die Todten wieder von sich, ist deshalb also ebenfalls wenig empfehlenswerth; wie erfährt man aber etwas von dem im dunkeln Forst Verscharrten? — Den Ruhm, Neinecke, muß dir dein größter Feind lasse», daß ohne dich die letztgedachte Art die probateste wäre! Man wird sich einen ungefähren Begriff von seiner Nützlichkeit in diesem Punkte machen können, wenn man sich vergegenwärtigt, daß beispielsweise allein in dem Sommex des Jahres 1867 in dem Gebiete der einzigen Provinz Westprenßen durch seine Thätigkeit die Mordthaten von nicht weniger als vier Personen zur Entdeckung gelangten. Ohne ihn würden diese Unmenschen, die jetzt im Zuchthause ihre That sühnen, niemals entdeckt worden sein. Es dürfte nicht ohne Interesse sein, die nähern Umstände im Umrisse mitzutheilen. Die Wittwe Anna Piotrowka lebte in äußerst kümmerlichen Verhältnissen und suchte sich, so gut es ging, als Wirthschaften:: durch die Welt zu schlagen. Hierbei war ihr sehr im Wege, daß sie einen vierjährigen, gutgearteten Knaben besaß, dem sie deshalb eine äußerst lieblose Behandlung zutheil werden ließ. Ihre Abneigung gegen ihr eigenes Kind stieg aufs höchste, als die Aussicht auf eine ihr paffende Heirath mit einem Manne, dem sie die Wirthschaft führte, lediglich an dem Vorhandensein des unglücklichen Geschöpfes scheiterte. Sie stieß verschiedene Drohungen aus, aus denen klar hervorging, daß sie sich der unbequemen Last entledigen wollte; so äußerte sie einmal, sie wolle den Jungen in die Weichsel werfen. Im Juli war das Kind plötzlich verschwunden, und die Ermordung ihres eigenen Kindes würde vielleicht niemals an das Tageslicht gekommen sein, wenn nicht acht Wochen später, im September, Füchse die im Glinker Forste verscharrte Leiche ausgegeben Hütten. Die Piotrowka wurde gefänglich eingezogen und gestand, daß sie den Knaben aus den erwähnten Gründen umgebracht und mit einer Sandschicht bedeckt habe. Laut Urtheil des Thorner Schwurgerichts wurde sie zum Tode verur- theilt, durch allerhöchste Ordre aber zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt. Läßt sich bei Berücksichtigung aller Thatumstände die Unthat psychologisch ohne Schwierigkeit erklären, ja, wird man der Verurtheilten in Anbetracht der ungünstigen socialen Lage trotz der Brutalität ihrer Handlungsweise nicht jegliches Mitgefühl versagen können, so ist der zweite Fall, bei dem die drei andern Personen, und zwar eine Mutter mit zwei erwachsenen Kindern, ihren Ehemann und Stiefvater umbrachten, schon um deswillen viel häßlicher, weil ein Motiv von gleicher Entschuldbar- keit nicht vorhanden war. Der Kätner Jakob Gaidetzka, das unglückliche Opfer des zweiten Falles, besaß eine Kätnerstelle hart am großen Münsterwalder Forste. Seine Frau war in erster Ehe mit einem gewissen Jwanowskt verheirathet gewesen, aus der zwei Kinder, Victoria und Johann, am Leben waren. In der Familie herrschte deshalb viel Streit nndZank, well Victoria I. Mutterfreuden entgegensah und dem Vater dieser Zustand mit Rücksicht auf die kleinen Geschwister ein Dorn im Auge war. Er verlangte daher ihre Entfernung aus dem Haufe, eine Forderung, der seine Frau, die leibliche Mutter, ganz energisch widersprach. Um den Zänkereien anläßlich dieses Streitpunktes ein- für allemal ein Ende zu bereiten, faßte sie im Verein mit den genannten Kindern den entsetzlichen Plan, den unbequemen Nörgler auf immer verstummen zu machen. Wirklich kam denn auch in der Nacht vom 1. zum 2. September das scheußliche Vorhaben zur Ausführung. Um eine Entdeckung der Mordthat unmöglich zu machen, wurde der Leichnam noch in derselben Nacht in den Forst geschafft und dort vergraben. Selbstverständlich erregte das plötzliche Verschwinden des Gaidetzka bei den Nachbarn Aufsehen. Alle Anfragen beantwortete die Frau in Uebereinstimmung mit den Kindern dahin, daß ihr Mann sich in der Frühe des 2. September eines kranken Fußes wegen zum Doktor aufgemacht habe. Wahrscheinlich werde er sich von dort aus zu seinen in der Nähe wohnhaften Eltern begeben haben, weil er bei diesen eine bessere Verpflegung zu finden hoffe. Als nun aber im December der Ehemann immer noch nicht zurückkehrte, da war es nicht wunderbar, daß allerlei die Verbrecher verdächtigende Gerüchte umher- schwirrten. Es wurde daher eine amtliche Untersuchung der Wohnräume des Gaidetzka angeordnet, die natürlich zu keinem Ergebniß führte, weil sämmtliche Spuren der That nach so langer Zeit längst beseitigt waren. Erwähnung verdient hierbei ganz besonders der Umstand, daß die beiden Weiber, Mutter und Tochter, die Untersuchung der Beamten mit Frechheit und Hohnlachen begleiteten. Auch der Winter verging, ohne daß man dem Verbrechen auf die Spur gekommen wäre, und es schien fast, als ob der ruchlos Hingemordete ungerächt bleiben sollte, da, fast neun Monate nach der grausigen That, stieß ein Hirteuknabe, wie es in dem Bericht heißt, „auf eine durch Füchse aufgekratzte Grube, in welcher ein menschlicher Leichnam lag". Durch zweckmäßiges Verhör der kleinen Geschwister wurde der Thatbestand festgestellt und sämmtliche drei Personen durch Schwnrgerichtsurtheil zum Tode verur- theilt. Auch in diesem Falle wurde durch Begnadigung die erkannte Strafe in lebenslängliches Zuchthaus umgewandelt. Diese Thatsachen sprechen mehr als ganze Bände von Lobsprüchen dafür, daß Neinecke gerade durch seine abscheuliche Manier deS Leichenbenagens unschätzbaren Nutzen stiftet. Unwillkürlich fällt einem hierbei eine historische Reminiscenz ein, daß er nämlich durch diese Unart gewissermaßen einen politischen Act von größter Bedeutung für ein ganzes Volk begangen hat: Wer erinnert sich nicht aus seiner Schülerzeit der schaurigen Geschichte, wie der von den Spartanern in den Abgrund gestürzte messenische Held Aristomenes stoisch den Tod erwartete und ganz wunderbarerweise von einem die Leichen aufsuchenden Fuchse — wenn auch wider dessen W.llen — gerettet wurde. Nun wird man vielleicht hiergegen mit Recht den Einwand erheben, daß außer dem Fuchs noch viele andere Thiere dem Menschen beim Auffinden menschlicher Leichname Dienste leisten, also namentlich die große Zahl derer, die gleich ihm Aas annehmen, wie Wildschweine, Krähen u. s. w. Daß diese Aasfresser jedoch einen vergrabenen Leichnam hervorscharren, dürfte kaum zu erweisen sein, jedenfalls ereignet es sich so selten, daß eS kaum in Betracht kommt. Merkwürdigerweise soll vor einiger Zeit in der Nähe von Berlin ein Pferd durch sein seltsames Gebaren zu einer nähern Untersuchung der Umgebung und dadurch zur Auffindung einer vergrabenen Leiche Anlaß gegeben haben, und ein ähnlicher Fall, in dem ein Pferd die Entdeckung einer Blutthat herbeigeführt hat, wird im Archiv für Strafrccht aus dem Jahre 1868 gemeldet. Auch der Hund kann seinem Vetter die Siegespalme nicht streitig machen, da er in Begleitung des Menschen niemals so regelmäßig und häufig die abgelegensten und einsamsten Waldpartieen absuchen kann. Ganz abgesehen hiervon machen sich bei Neinecke viel vitalere Interessen an der Auffindung eines Leichnams geltend, handelt eS sich doch für ihn um einen guten Schmaus. Daher spielt unser treuer Hausgenosse in dieser Hinsicht nur eine untergeordnete Rolle, und sogar von dem Försterhunde muß man daS gleiche sagen. Sein Vorzug liegt mehr in der Begabung, die Spuren eines Vermißten aufzufinden. In den leider so zahlreichen Fällen, wo Forstbeamte vergeblich von den Angehörigen erwartet werden, weil sie heimtückisch von Wilderern erschossen worden sind, leistet er ganz unersetzliche Dienste. Doch liegt es auf der Hand, daß die auf der Erdoberfläche befindliche Leiche bei ihrem Fäulnißgeruch, bei der Anziehungskraft, die sie auf Krähen u. s. w. ausübt, außerordentlich viel leichter von Menschen zu entdecken ist. So bliebe denn dem Fuchs der Ehrenpreis in der Unterstützung der menschlichen Justiz, und zwar gerade bei den allerschwersten Verbrechen. Sollte auch nur in jedem Jahre durchschnittlich ein einziger Fall vorkommen, in dem er einen Mörder dem Henkerbeil überlieferte, so wäre das bei der verhältnißmäßigen Seltenheit derTödtung immerhin eine stattliche Leistung, zumal er durch diese Thätigkeit Manchen von der Begehung einer solchen Unthat abschreckt. Vergegenwärtigt man sich, daß die vorzüglichsten Strafgesetze, die gelehrtesten und erfahrensten Richter doch nicht das Geringste dazu beitragen können, die bisher unbekannte Thatsache eines scheußlichen Verbrechens an das Tageslicht zu bringen, so wird man, wie wir glauben, über seine Schandthaten etwas milder denken, besonders in Anbetracht dessen, daß er ein vorzüglicher Mäusevertilger ist. Ja, eS ist gar kein Grund zur Klage vorhanden, daß es nicht gelingt, ihn gänzlich auszurotten, wie etwa seinen Verwandten, den Wolf; im Gegentheil, die Natur ist hier wieder einmal klüger als der Mensch, indem sie ihm unter den ungünstigsten Verhältnissen noch Lebensbedingungen verschafft hat. Alles in allem genommen wird man also sagen können, daß Meister Neinecke auf den Titel eines der tüchtigsten Hillfsbeamten der Staatsanwaltschaft mit Recht Anspruch hat, obwohl er unbesoldet ist, was übrigens bei der Justiz nicht selten vorkommen soll. (Köln. Ztg.) - - Aus der Marienörncke. Leiser Schauer mich erfaßte, Ms ich auf der Brücke stand. Die da zwischen Erd' und Himmel Schroffe Felsen kühn verband. Drunten durch die tiefen Klüfte Schäumend der Gebirgsbach sprang, Wie ein altes, düst'res Märchen Mir in's Ohr sein Rauschen klang. Stolzes, herrliches Ncuschwanstcin, Deine Zinnen ragen kühn, Lautlos ihren Schöpfer preisend» Ueber Berg und Gauen hin. Seinen kühnsten Träumen lebte Dort der königliche Aar, Und er träumt' sie weltenferne, Erdentrücket manches Jahr. Seine mächt'gen Geistesschwingen Regte er dort wunderbar, Bayern's Volk, wie zum Vermächtniß Sollst du's schauen immerdar. Düst'rcS Märchen, traurig flüsterst Du enipor aus dunkler Kluft: „Finst'rcs Schicksal kam gegangen, Grub dem Hohen früh die Gruft." Eine Alpenrose spät noch An der steilen Bergwand glüht, Unerreichbar für den Wand'rer Einsam oben fie verblüht. So verblühet, so veralühet Einsam oft ein Mcnschenherz, Einsam trägt es tief im Busen All sein Fühlen, seinen Schmerz. Was ich oben hier muß sinnen, Düst'res Märchen, raunest du Mir auf weltenileg'ncn Pfaden Trüb und melancholisch zu. Räthsel. Nimm einem Ungeheuer, Was doppelt ihm gegeben, Bin harmlos nun, im Feuer, So sagt man, kann ich leben. Auflösung des Rösselsprungs in Nr. 73: Arbeiten that ich auch in Schachten, Wo ich kein Gold entkernte, Die aber mir den Bortheil brachten, Daß ich arbeiten lernte. (F. Nückert.) Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 74: Weiß. Schwarz. 1. T. 63-65 T. 68 oder M-V8 (am besten) 2. D. W-bAf- K. L4-V4 3. D. §3-631- K. V4-L4 4 . §2-§3f matt. ^L76. 1894. „Augsburger Post;ritung". Dinstag, den 18. September Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas H, Grabherr in Augsburg (Borbesttzer Dr. Max Huttler). Der Organist. Novelle von C. Borges. (Fortsetzung.) 8. Kapitel. „Es wundert mich", bemerkte Jda Willford, als sie prüfend ihre Blicke auf das Antlitz ihrer Schwester heftete, „weshalb der junge Agent jetzt so häufig zu uns kommt. Ich fürchte, er hat keinen großen Wirkungskreis, und es ist doch schade, daß er so viele Stunden des Tages müßig zubringt. Was denkst Du davon, Helene?" Dunkles Roth färbte die Wangen der Schwester, als sie mit anscheinender Gleichgültigkeit versetzte: „Es ist wirklich traurig, Jda, ich fürchte, der arme Mann führt ein trostloses Leben. Er kennt doch eigentlich gar keine Häuslichkeit; seine Mutter ist todt, er hat weder Geschwister noch Freunde, und sein Vater ist ein finsterer, ungeselliger Mann. Ich bin früher nur einmal mit ihm zusammengetroffen; aber bei seinem Anblick überlief mich ein Frösteln, und ich konnte den schlechten Eindruck, den er auf mich gemacht hatte, lange nicht vergessen." „Hältst Du es denn für richtig, den jungen Mann zu seinen häufigen Besuchen zu ermuthigen?" ermähnte die Schwester. „Bedenke, er ist eben so arm, wie wir es sind." „Ich fürchte, er ist noch ärmer, denn er hat Schulden, die wir nicht haben. Er selbst trügt zwar nicht die Schuld, wohl aber sein Vater, der — wie gesagt wird — jeden Erwerb leichtsinnig verspielt. Er soll ganz nahe vor dem Bankerott stehen." Helene seufzte schwer bei diesen letzten Worten. Sie kannte aus eigener trauriger Erfahrung zu gut, wie eine Schuldenlast drückt. Hatte doch ihr eigener Vater seine Familie in Noth und Mangel zurückgelassen. „Helene! Helene! komm schnell zu mir", rief in diesem Augenblick die Mutter aus dem anstoßenden Zimmer, und eilig folgte das junge Mädchen dem Rufe. „Sage mir schnell, Helene, ist dieses ein rothes Tuch?!" „Ja, Mutter, es ist roth", versetzte Helene vor Erregung zitternd. „Gott sei gedankt!" kam es feierlich von den Lippen der alten Frau, „ich kann wieder sehen!" Einen Augenblick standen Mutter und Tochter schweigend da; ihre Herzen richteten sich dankerfüllt zum Geber alles Guten, der jetzt so gnädig das harte Schicksal der schwergeprüften Frau gewendet hatte. Dann gingen Beide ins Wohnzimmer zurück, um Jda die glückliche Botschaft zu verkündigen. Frau Willford konnte wieder sehen, wenn auch nur sehr wenig. Von ihren Töchtern und von den Gegenständen im Zimmer sah sie nur undeutliche Umrisse, und nur bei ganz genauer Betrachtung und mit Anstrengung sah sie deutlicher. „Ich will sofort zum Augenarzt gehen; er soll Deine Augen untersuchen", entschied Helene, als die erste Freude j vorüber war, und Mutter und Schwester stimmten diesem j Vorschlage bei. Als der berühmte Augenarzt längere Zeit die Augen der Patientin untersucht hatte, lautete sein Ausspruch dahin: „Große Ruhe, Bewegung in der frischen Luft und kräftige Nahrung würden bald'das Augenlicht dermaßen kräftigen, daß es stärker werden würde, wie in vergangenen Zeiten. Die längere Blindheit sei eine übergroße Schwäche des Sehnervs gewesen, der sich in der letzten Ruhezeit erholt und gestärkt habe." Es waren glückliche Menschen, die an jenem Abend beisammen saßen, denn Jda hatte erklärt, die gute Neuigkeit übe die beste Wirkung auf ihr Leiden aus, und nach langer Zeit erhob sie sich zum ersten Male von ihrem Lager. Selbst das Eintreten des jungen Agenten störte die Glücklichen nicht, denn Herr Schellenberg nahm so innigen Antheil an dem Geschick der befreundeten Familie, daß die Freude dadurch nur verdoppelt wurde. „Wie geht es denn Ihrer Freundin Martha?" fragte Herr Schellenberg leise. „Seit dem letzten Sonntag habe ich nichts mehr von ihr gehört", entgegnete Helene. „Sie schrieb mir, daß Franz außer aller Gefahr sei; seine Tante ist gestorben, und leider ist auch wenig Hoffnung für das Leben seines Onkels vorhanden. Er war anfänglich auf dem besten Wege zur Besserung, da erkrankte der Neffe, und der alte Herr bestand darauf, ihn zu Pflegen. Da bekam er einen Nückfall, und nach der Aussage der Aerzte geht er seinem Ende rasch entgegen." „Wie traurig", gab Herr Schellenberg zu. „Wir betrauern auch den Verlust eines Freundes", fuhr Helene fort. „Herr Rock aus Canada ist der heimtückischen Seuche zum Opfer gefallen. Es ist besonders für seinen Avoptivsohn sehr hart, den er wie ein Vater liebte." Herr Sch'llcnberg hatte heute längere Zeit wie 586 gewöhnlich in der Rosenvilla verbracht. Er erschrak sichtlich, als er einen Blick auf die Uhr warf, und beeilte sich, den Rückweg anzutreten. -l- q- Ungefähr zwei Monate waren seit dem plötzlichen Verschwinden Martha's aus ihrem Elternhause vergangen. Der alte Doktor saß wie gewöhnlich mit seiner Gattin und seinen Töchtern im Wohnzimmer, doch die kurze Zeit hatte den alten Herrn traurig verändert. Sein Haar war jetzt vollständig gebleicht, sein Antlitz gefurcht, seine Haltung gebeugt, und seine müden, tiefliegenden Augen zeugten von schlaflosen Nächten. Die heimliche Flucht seiner Lieblingstochter aus dem Elternhause hatte den sonst so rüstigen Mann in einen lebensmüden Greis verwandelt. Zwar wußte er, daß Martha im Hause ihrer Tante lebte, also guten Händen anvertraut war, aber daß sie ihn heimlich verlassen, sich ohne sein Wissen heimlich verlobt hatte, kränkte ihn tief. Martha hatte sechsmal geschrieben, aber auf den ausdrücklichen, strengen Befehl des Vaters waren sämmtliche Briefe uneröffnet zurückgesandt. Der schwergekränkte Vater wollte nicht einmal einen Blick auf die Aufschrift werfen. Aber ach! wie schmerzlich er den Flüchtling vermißte, ahnte Niemand. Marie war zu hart, zu schroff in ihrem Urtheil; Hedwig oberflächlich und vergnügungssüchtig; keine von Beiden bot ihm einen Ersatz für die heitere, lebensfrohe Martha, und der gebeugte Vater ließ oft seine Blicke nach der Fensternische hinüber schweifen, wo der leere Platz seines Lieblings war. Jetzt wurde leise die Thüre geöffnet, und das Hausmädchen betrat in freudiger Erregung das Gemach. Es mußte eine ganz besondere Neuigkeit fein, die sie überbringen wollte', denn sie ließ die Thür offen stehen, und gcheimnißvoll lächelnd schaute sie zurück. „Unser gutes Fräulein Martha und Lord Merlin!" meldete sie jetzt laut und vernehmlich, und ehe der Doktor Zeit hatte, sich von seinem Sessel zu erheben, oder die Mutter ihre Näharbeit bei Seite legen konnte, eilte Martha in das Zimmer und warf sich ihrem Vater zu Füßen, während der junge Mann kleich und von der beschwerlichen Reise angegriffen auf der Thürschwelle stehen blieb. „Vater, Vater, vergib mir oder Du brichst mir das Herz", flehte Martha unter Thränen. „Sieh doch nicht so finster auf Dein Kind herab, mein geliebter Vater. Ich bin ja schon hart genug gestraft; als alle meine Briefe uneröffnet zurückkamen, wäre ich fast gestorben!" Sie umschlang fester die Kniee ihres Vaters und blickte dann wie hülfesuchcnd die weinende Mutter an. Eine Zeit lang blieb der Vater unbeweglich, doch plötzlich schmolz die feste Eisrinde von seinem Herzen, und er barg das Haupt seines Lieblings an seiner Brust. „Ich muß auch um Verzeihung bitten", begann jetzt der junge Mann, langsam in das Zimmer tretend, „denn ich trage allein die Schuld, daß Martha das Haus ihrer Eltern verließ. Aber ich liebte sie zu sehr, wagte aber nicht, um ihre Hand anzuhalten, da ich nur ein Herz voll Liebe bieten konnte. Als Sühne bringe ich sie ihnen selbst wieder zurück; glauben Sie mir", fügte er hinzu, bittend vom Vater auf die Mutter sehend, „mein ganzes Leben soll dazu dienen, das geschehene Unrecht wieder gut zu machen. Jetzt komme ich zu Ihnen, um aus Ihrer Hand das Glück meines Lebens zu nehmen, und um Ihren Segen für unfern Bund zu erbitten." Es lag nicht in Frau Hartungs Natur, irgend einem Menschen die Bitte um Vergebung abzuschlagen, am wenigsten dem Verlobten ihrer Tochter, dem sie im Grunde ihrer Seele doch innig zugethan war. Sie nahm daher ohne Zögern die dargereichte Hand, und der Gatte folgte bald ihrem Beispiele. Als die erste Freude des Wiedersehens vorüber war, wurde beschlossen, daß die Hochzeit in kurzer Zeit und in aller Stille gefeiert werden sollte, und nach derselben wollte das junge Paar nach England zurück, wo der junge Lord die umfangreichen Güter seines Onkels übernehmen mußte, die ihm als dem einzigen, rechtmäßigen Erben zugefallen waren. Das Wiedersehen der beiden Freundinnen Martha und Helene Willford war aufrichtig und herzlich. Martha fühlte sich häufiger denn je nach der Rosenvilla hingezogen, aber sonderbar, die Bewohner der einsamen Hütte schienen eine Zusammenkunft mit dem jungen Lord Merlin ängstlich zu meiden. Die heimliche Verlobung konnte gewiß nicht der Grund sein, denn Helene war schon seit längerer Zeit in das Geheimniß eingeweiht. Auch hatte der junge Agent ganz richtig geahnt, in welchem Verhältniß die beiden Liebenden zu einander standen, denn er hatte häufig Gelegenheit gehabt, ihre Zusammenkünfte zu beobachten. Aber Martha konnte sich nicht erklären, weshalb die Freunde so ängstlich eine Begegnung mit ihrem Verlobten mieden, und sie beschloß, ruhig zu warten, bis sie die Lösung des Räthsels gefunden habe. So waren Wochen vergangen. Der alte Pfarrer Härtung hatte an hl. Stätte das junge Paar zum treuen Bunde für's Leben vereint. Er hatte den jungen Mann immer geliebt und es schmerzlich empfunden, daß ihm die Fähigkeiten zum tüchtigen Organisten mangelten, desto mehr freute er sich über den Wechsel, der so plötzlich in seinem Leben eingetreten war. Am Arm ihres Gatten ging Martha eines Tages spazieren. An einer Biegung des Weges stand Helene ihnen plötzlich gegenüber; sie wollte ausweichen, doch Martha hielt sie mit sanfter Gemalt zurück. „Helene!" rief sie in gekränktem Tone, „wolltest Du wirklich vorübereilen, ohne mit uns zu sprechen? Franz" — zu ihrem Gatten gewendet — „hier ist Fräulein Willford, der wir großen Dank schulden." Der junge Lord stutzte. Mit unverhohlenem Erstaunen blickte er die Freundin seiner Gattin an, murmelte einige Worte der Begrüßung, während Helene verwirrt die Augen zu Boden schlug. „Jda!" rief die jüngere Schwester, als sie die Rosenvilla erreicht hatte, „ich habe heute Franz Merlin gesehen. Er hat mich erkannt; was sollen wir jetzt thun?" Jda seufzte schwer. „ArmeS Kind," flüsterte sie leise, „Du opferst Dich umsonst für uns auf. Die Wahrheit muß doch an den Tag kommen; die Welt ist nicht groß genug, um uns zu verbergen." „Aber, Jda, ich bin fest überzeugt, daß Martha und ihr Gatte schweigen würden, wenn ich darum bitte. Sie müßten wenigsteus meine Gründe achten, die mich zu dieser Täuschung veranlaßten; Mutter war ja nie damit einverstanden." „Ja es war ihr immer sehr schwer, ganz besonders jetzt, da ihr Augenlicht sich langsam kräftigt. Was wird sie erst sagen, wenn sie soviel wieder sehen kann, um die Täuschung zu bemerken, in der wir sie absichtlich in Hinsicht dieser elenden Hütte gelassen haben!" „Wir dürfen hier nicht viel länger mehr bleiben. Mutter sieht ohnehin blaß und angegriffen aus; eine Luftveränderung würde ihr sehr gut thun. Oh! wie traurig ist es doch, daß wir so arm sind." Helene brach bei diesen letzten Worten in Thränen aus; die Anstrengungen der letzten Zeit waren für ihre überreizten Nerven zu viel gewesen. Jda tröstete die Schwester und suchte sie nach Kräften zu beruhigen. Bald trocknete Helene ihre Thränen und bettete wie ein müdes Kind ihr Haupt an die Schulter der kranken Schwester. 9. Kapitel. Fräulein Willford hatte ihre Stunden im Hause der Kaufmannsfamilie Grüner beendet. Mit raschen Schritten eilte sie ihrem Heim zu, denn es dunkelte bereits, und der Weg war noch weit. Doch kaum hatte sie eine kurze Strecke zurückgelegt, als sie an einer Biegung des Weges mit Herrn Schellenberg zusammentraf, dessen Antlitz bei ihrem Anblick sich erhellte. „Herr Schellenberg! wie oft habe ich schon darum gebeten, nicht meine Wege zu kreuzen", sagte die junge Dame mit gerechtem Vorwurf. „Oh, Helene — ich bitte um Verzeihung — Fräulein Willford wollte ich sagen, seien Sie nicht hart gegen mich. Wie soll ich es denn anders anfangen, um Sie allein zu sprechen? In Ihrem Hause ist Ihre Mutter und Ihre Schwester beständig zugegen, darum sagen Sie mir, Helene, ist es Ihnen nicht lieb, wenn wir uns gelegentlich treffen?" Helene schwieg. Sie wollte den jungen Mann nicht zu einer Wiederholung dieserBegegnungen ermuthigen. „Wenn Sie wüßten, wie elend und unglücklich ich mich oft fühle, so würden Sie Mitleid mit mir haben", fuhr der junge Mann f^rt, als er vergebens auf Antwort gewartet hatte. „Ich weiß wohl, daß ich in dieser Weise nicht zu Ihnen sprechen dürfte; denn ich bin ein armer Mann, der täglich den Kampf mit dem Leben aufnehmen muß. Aber ich liebe Sie, Helene, ich verzweifle fast, wenn ich nicht die Gewißheit habe, wieder geliebt zu werden. Antworten Sie mir ehrlich, lieben Sie mich, oder ist keine Stimme in Ihrem Herzen, die für mich spricht?" Endlich war's gesagt, und obgleich Herr Schellenberg weder die richtige Zeit noch einen passenden Ort zu dem Geständniß seiner Liebe gewühlt hatte, schien Helene doch überglücklich zu sein, denn ihre Augen leuchteten freudig, als sie ihm ganz leise zuflüsterte: „Ich liebe Sie!" Es waren nur drei kleine Worte, aber sie genügten, zwei Menschen überaus glücklich zu machen. „Geliebte!" sagte der junge Mann, ich weiß, ich bin Deiner nicht würdig; aber ich will vom frühen Morgen bis zum späten Abend arbeiten, und dann muß es mir gelingen, Dir ein sorgenfreies Dasein zu verschaffen. Mit unserm Geschäft steht es freilich schlecht, aber es soll bald besser werden, denn jetzt weiß ich, für wen ich wirken und schaffen soll. Helene, ist es denn wirklich wahr, daß Du mich liebst? Ist es nur Mitleid, was Dich bewegt, meine Hand anzunehmen?" „Ich liebe Dich mit der ganzen Kraft meines Herzens", erklärte Helene feierlich. Von diesem Augenblicke an verstand sie erst recht die Bedeutung des Wortes Liebe, und ohne dieselbe hätte sie sich keine Ehe denken können. Freudig würde sie an der Seite eines geliebten Gatten Armuth und Noth ertragen, aber ein Leben im Ueberfluß ohne Liebe hätte sie sich nicht denken können. Am Eingang der Rosenvilla trennten sich die Liebenden. Schellenberg versprach, noch am selben Tage wiederzukommen, um die Mutter um die Hand der Tochter zu bitten, und vor Freude strahlend betrat Helene die Hütte. „Ein Brief für Dich! er ist aus England", begrüßteJda die Schwester, und sie wunderte sich im Stillen über das veränderte Aussehen; denn wenn Liebe im Stande ist, ein Antlitz zu verschönern, so war das Resultat schon bei Helene sichtbar. Nur wenige Minuten vertiefte sich Helene in den Inhalt des Briefes, dann ließ sie ihn mit einem lauten AusrufdesErstaunens zur Erde fallen. „Mutter", rief sie, vor Freude an allen Gliedern zitternd, „wir bekommen unser väterliches Gut in England wieder zurück!" Frau Willford war aufgesprungen; auch Jda richtete sich bei dieser unerwarteten Nachricht vom Lager auf. „Wie meinst Du das, Helene, was bedeuten Deine Worte? von wem ist der Brief, sage mir es schnell!" „Von dem Anwalt des guten Herrn Rock. Esscheint, man hat schonseitMo- naten nach unserm Aufenthaltsorte geforscht. Er hat uns" — sie sagte ab- sichtlichnichtmir— „das ganze Besitz- thum hinterlassen, und auch die Hälfte seines Vermögens. Denke Mutter, wir können wieder nach England zurück! Freust Du Dich nicht, Jda? Wir beziehen wieder unser altes, liebes Haus; oh! der Gedanke ist mir fast wie ein schöner Traum." - (Schluß folgt.) -- St. Ottilien. (Hiezu die Bilder auf Seite 590 und 59 l.) Die geschriebene Zeile vermag zwar, wenn der Schreiber zn schildern versteht, von einer Sache ein anschauliches Bild zu entwerfen, aber eine Zeichnung spricht zum Auge oft noch lebendiger. Man kann aus Bildern nicht selten noch mehr lesen, als „zwischen den Zeilen." Daher bringen wir dem lieben Leser diesmal ein paar Bilder, welche ihm von St. Ottilien ein treues Bild gewähren. Aber zum Bilde gehört wiederum ein erklärendes Wort, welches das aussprechen soll, was das stumme Bild verschweigen würde. Albert Graf üe Man. 588 Wir fügen zunächst eine Beschreibung bei, welche Herr Hauptmann a. D. Hugo Arnold schrieb, und worin er das, was er bei einem Besuche daselbst beobachtet und gesehen hat, mit interessanten geschichtlichen Notizen verknüpft. (Herr Arnold ist als vaterländischer Alterthumsforscher eine rühmlich bekannte Autorität.) Er leitet den Bericht zuerst mit einigen Sätzen von allgemeinem Interesse ein: „Den Söhnen St. Benedikts habe ich immerdar eine warme Anhänglichkeit bewahrt, seitdem ich in Volksschule und Gymnasium ihr Zögling gewesen war, und namentlich ist von der Einweihung der Basilika des hl. Bonifazius an, bei welcher wir Schulknaben selbstverständlich unser angemessen Theil hatten, niemals der Eindruck des Gemäldes von mir gewichen, welches die Mönche als Verkünder der Heilslehre und Be- kehrer unserer Vorfahren darstellt. Als ich später beim ernsten Studium der Geschichte ihre Bedeutung nicht blos als Boten des christlichen Glaubens, sondern auch als Begründer und Träger einer höheren Kultur voll würdigen lernte, habe ich nach einer besonderen Seite hin die ältesten Spuren ihres Wirkens verfolgt, welche als unverwischbare, sprechende Urkunden Jahrhunderte hindurch davon zeugen: die Ortsnamen auf -zell und -Münster, welche die Kunde von den ältesten mönchischen Niederlassungen in unseren Landen erhalten haben. München selbst trägt ja den Namen und das Wappen von den Mönchen des Stifts Tegernsee, und in seiner Umgebung, wenn auch nicht gerade in seiner unmittelbaren Nähe, haben wir drei solche Ansiedelungen von ursprünglich mönchischem Charakter: Münster, ein Filialdorf der Pfarrei Egmattng, unweit der römischen Heerstaße von Augsburg nach Salzburg, wo auf einem herrlich gelegenen Punkte eine jetzt etwas herabgekommene Kirche mit ziemlich großem gothischen Chöre steht; ferner Zell bei Ebenhausen, welches die Grundlage für das spätere Stift Schäftlarn am Peipinbach bildete, hart an der Römerstraße von Tölz über Wolfrathshausen nach Augsburg und nach Freising gelegen, und endlich Zell, j etzt Zellhof genannt, bei Schöngeising (die Station ^.ci ^.rnsti'6 der Peutinger'schen Tafel), wo die Augs- burg-Salzburger Römerstraße die grüne Amper überschreitet. Das waren die Vorposten der Bekeh- rer, von welchen aus das Christenthum in der Umgebung verbreitet und anfänglich auch die Seelsorge geübt wurde. Doch nicht blos als Missionäre kamen die Benediktiner, sie gingen, für ihren Unterhalt auf die Arbeit der eigenen Hände angewiesen, dem Volke mit dem Beispiele emsiger Bodenarbeit voran. Sie rodeten den Wald, trockneten Sümpfe und Moräste und wandelten das Land in fruchttragende Gefilde um, pflegten das nützliche Handwerk und die edlen Künste in ihren Zellen und unterwiesen darin die Sippe der Gläubigen, welche sich um sie gesammelt hatten. So galten die Mansen, Höfe und Weiler der Stifte und Klöster als die bestbe- bauten, und frühzeitig bildete sich das Sprichwort: „Unter'« Krummstab ist gut wohnen." Auf St. Ottilien übergehend schreibt der Herr Berichterstatter: „Solcher Erinnerungen voll, wanderte ich hinaus nach Emming oder, wie der Ort nach der Patronin des Kirchleins jetzt lieber genannt wird, nach St. Ottilien. Lieblichere Reize schmücken die Moränen-Land- schaft am anderen, am rechten Gestade des idyllischen Ammersees; aber auch hier unterbrechen den tiefen Ernst der über die Hügelwellen sich dehnenden Forsten an- muthige Bilder; uralte Vergangenheit schwebt mit Däm- merschatten über verfallenen Wohnstätten und verlassenen Straßen, und die Sage plaudert von manchem früheren Ereigniß. Der ehrengeachtete Hr. Emmo, der vor etwa 13 Jahrhunderten für sich und die Seinen in Emming die Hütten baute, hat sich gar kein übles Plätzlein erkoren: auf der hochragenden Kuppe einer sonnigen Hügelwelle, deren Hänge fruchtbare Felder und Wiesen bekleiden, während aus den Niederungen die hellen Spiegel größerer und kleinerer- Weiher blinken, die Höhen schwarzgrüne Wälder säumen und hier am südlichen Horizont die blauende Alpenkette im duftigen Nebel verschwimmt. Im Mittclalter gehörte das Dörfchen als Schwaige zur benachbarten Herrschaft Greifenberg; aus den Händen der dort gebietenden Herren v. Perfall kam es an einen Hrn. v. Haunenhofen, welcher an die bereits stehende Kirche ein Schlößlein anbaute. Dann gelangte es in vielfachem Wechsel wieder an die Herren von Perfall, Gemmingen, Mändl v. Deutenhofen, Füll v. Windach und Kammerberg (1674), aus welchem Geschlecht Hr. Johann Ulrich dem Schlosse feine jetzige Gestalt gab, dann an die Freiherren v. Jngenheim. Später kam die Hofmark Emming an die Herren von Krempelhuber und schließlich sank es vom Adelssitze zum bäuerlichen Gut herab. „Während die Neuzeit aus einstigen Klöstern glänzende Prunkschlösser der Fürsten und des Adels schuf, geschah vor zwei Lustrum (10 Jahre) zu Emming eine Umwandlung, welche sonst nur das fromme Mittelalter gesehen hatte, als mächtige Grafen und Herren die trutzi- gen Burgen ihrer Ahnen verließen und sie in gottgeweihte Abteien und Stifte umgestalteten. Ein frommer Mann, der ehrwürdige ?. Andreas Amrhein, ein Benediktiner aus Beuron, erwarb den früheren Edelmannsitz und siedelte dahin mit seiner ganzen Schaar von Getreuen, wie ein germanischer Häuptling mit seiner Gefolgschaft, von Reichenbach am Regen im Bayerischen Walde um, wo er an die Ausführung des als selbstgestelltes Lebensziel begonnenen Werkes geschritten war, aber unter der Ungunst der Verhältnisse keine gedeihliche Entwicklung der jungen Congregation erwarten konnte. „Schon seit langen Jahren hatte sich nämlich der Benediktiner-Pater mit dem Gedanken getragen, eine alte Aufgabe seines Ordens wieder aufzunehmen und in heidnischen Landen eine Misston nach dem Vorbilde der alten englischen, deutschen und nordischen Missionsklöster St. Benedikts mit einem Mutterhaus und Noviziat in Europa zu gründen. Die Anregung dazu gab ihm das Wort des Papstes Pins IX. in einem Breve an Bischof Freppel und in dem von Livingstone an die anglikanischen Missionäre in Afrika ertheilten Rathe, die Klöster der alten Zeiten sich zum Muster zu nehmen und ihre Anstalten durch Nachahmung des dort gegebenen Beispieles lebensfähig zu machen. Den gefaßten Plan führte er in offenbar richtiger und darum so herrlich gelingender Weise aus, indem er trachtete, nicht blos recht viele Missionspriester, sondern auch Hilfsmissionäre aus dem Laienstande in möglichst großer Zahl zu gewinnen, wie es bereits der hl. Franz Raver gethan hatte. Und zur vollkommenen Durchführung seines Vorhabens zog er auch das weibliche Geschlecht heran, denn Frauen sollten gleichfalls den Unterricht und die Unterweisung der Weiber übernehmen. Die Pläne, welche k. Amrhein seinen . .! ZV 8 LU^M G'MPK- DMZL1 L'L MM ?ÄKW-^ MW Klara Freibach: Kauft Ueilchen! geistlichen Oberen unterbreitete, fanden die Genehmigung der Kongregation der Propaganda, an deren Berathungen eine größere Anzahl von Kardinälen theilnahm, darunter auch Kardinal Lavigerie, der hochverdiente Gründer der Missionsgesellschaft für Algier und Centralafrika, sowie die des Papstes. Besonders warm befürworteten die Gründung Kardinal Franzelini und Erzbischof Jakobini, der hochverdiente Sekretär der Propaganda. Die betreffenden Erlasse rühren aus dem Juni und Juli 1884 her und in Bayern vermochte I>. Amrhein sein Vorhaben auszuführen; er preist darum als Fügung der göttlichen Vorsehung dieses Zusammentreffen, daß gerade damals das Deutsche Reich ernstliche Schritte zum Erwerb größerer Länderstriche in Afrika that. Als Arbeitsfeld wurde daher Deutsch-Ostafrika gewählt, dessen südlicher Theil vom hl. Stuhl 1887 zur „Apostolischen Präfektur !>0 - führen und durch diese sie für das Christentum empfänglich machen. Das ist ein äußerst wichtiger Grundsatz, der das St. Benedikt-Missionshaus wesentlich und sehr günstig von anderen Misstonen unterscheidet. Darum üben sich auch die Priester und Katecheten neben dem Studium täglich im Handwerk oder Feldbau und die Kandidaten der dritten Kategorie, die Arbeiter-Hilfs- missionäre, werden in den Werkstätten, im Hausdienste, im Felde, Stall und Garten beschäftigt, die Frauen entsprechend im Haushalt, im Zarten und bei der Milchwirtschaft. Die Grundlage der Hausordnung bildet die Regel des hl. Benedikt und eine unerschütterliche strenge Disciplin. Weil alle Gattungen des Handwerkes für die Mission und das Missionshaus von ersprießlichem Nutzen sind, finden Handwerker jeder Art willkommene Aufnahme: Buchdrucker, Mechaniker, Schreiner, Missionshaus und Kirche Zil. Gtlitten bei Emming. (Herrerikloster.) Original-Aufnahme von Max Merz, Photograph in Diessen am Ammersee. fVervielsältigungsrecht vorbehalten.) Süd-Sansibar" eingerichtet und der St. Benediktus- Missionsgesellschaft übertragen wurde. Die Missionäre von St. Ottilien gliedern sich in drei Kategorien: in Priester, Katecheten, welche als Lehrer in den Missionsschulen eine wirksame Stütze der ersteren sein sollen, und Arbeiter; die weibliche Abteilung in letztere zwei. Dazu treten die entsprechenden Kandidaten- und Vorbereitungsklassen. Die gesamte Ausbildung der Insassen des Hauses ist auf die Missions- thütigkeit berechnet, die Studien erstrecken sich somit auf das dem Priester nötige wissenschaftliche Gebiet in Sprachen, namentlich auch auf das Französische, Englische und Suaheli. Wo die Kräfte der Anstalt nicht ausreichen, treten weltliche Lehrer ein. Neben der geistigen Thätigkeit fällt aber der körperlichen Arbeit eine große, vielleicht noch eine höhere Aufgabe zu, denn die Gewöhnung an die Arbeit soll die Heiden zur Gesittung Schuster, Schneider, Schmiede, Schlosser, Spengler, Zimmerleute, Wagner, Maler, Buchbinder, Gärtner, Oekonomen, die sich auf die Bodenkultur, die Pferde- und Viehzucht verstehen. Aber wie es der äußerst schwierige, entbehrurgsvolle Beruf erfordert, ist weder das Leben im Hause ein behagliches noch die Zulassung eine leichte, im Gegenteil herrscht eiserne Zucht; Abhärtung und Entsagung, pünktlichster Gehorsam dienen als Richtschnur und der Eintritt unterliegt vorsorglich den schärfsten Bedingungen, um abenteuersüchtige oder spekulationslustige Leute und Personen zweifelhaften Charakters fern zu halten. Ja, die Kandidaten müssen wahrhaft „Beruf" in sich fühlen und in harter langer Probe bewähren, um zum Lohn dafür ein Leben einzutauschen voll Mühen, Beschwerden und Aufopferung! In unsern fast nur dem materiellen Streben ergebenen Tagen klingt es fast wie ein tröstendes Wunder, daß in den ersten sieben Monaten nach Gründung des Missionshauses (1885) schon 150 Kandidaten sich um Aufnahme meldeten; zur Zeit, nachdem erst vor ein paar Monaten sechs Missionäre und neun Missionsschwestcrn sich nach Afrika einschifften, zählt der Personalstand in St. Ottilien 93 Frauen und 106 Männer und 35 Zöglinge, deren Zahl mit Beginn des neuen Schuljahres sich mehr als verdoppeln wird. Im Schatten mächtiger Linden krönen das Kirchlein mit wälscher Kuvpel und das einfache Schlößlein mit Giebel- und Seitenbau den Hügel, um dessen Futz sich die kleinen Söldnerhäuser des Weilers gruppieren. Das Schlößlein ist jetzt Seminar und soll nächstens umgebaut werden, da die Räume unzureichend sind. Im neuen Klostergebäude befinden sich die Wohnungen der Priester und Kleriker und die gemeinschaftlichen Räume I freundlicher Genossenschaft, gern schaut man die kräftigen, sehnigen Gestalten und die zufriedenen Mienen der mit höflichem Anstaube Grüßenden, worunter drei zur Ausbildung hier befindliche Ncgerjünglinge die muntersten Gesellen sind. „Es sind hübsche Bursche von dolichokcphalem Typus, das Deutsche in Sprache und Schrift vollkommen beherrschend; der eine, ein Sudanese, weiß viel aus seiner bewegten Jugend zu erzählen, da er als dreijähriger Knabe auf einer Sklavenjagd geraubt wurde und dasselbe Schicksal ihn später mehrmals nach einander traf." „Mit wehmütiger und doch stolzgehobener Erinnerung Pflegen die Brüder das Gedächtnis der Märtyrer, welche in der Mission zu Pugu am 13. Januar 1889 als erste Opfer aus dem Stande des Mutterhauses die Treue ! mit ihrem Blute besiegelten, und als lebenslängliches ,,, k INI! ,"ii!>«« 1 sb ^ ß ö S« >i i i« P 8 . 18 lL WWW Missionshaus und Kirche K1. Ottilien bei Ennning. (Frouenklrst r) Original-Aufnahme von Max Merz, Photograph in Diefscn am Ammerfee. lVcrvielfältigungsrccht vorbehalten ) der Brüder. Nebenan sind Ochsen- und Pferdestall, die Oekonomiegebäude und Werkstätten untergebracht. Im Ganzen zählt die Anstalt 26 Giebel. Wohlthätig treten überall Sauberkeit und Ordnung vor Augen, die > einst ziemlich herabgckommencn Gebäude befinden sich in bestem Stande und das Gotteshaus ziert farbenprächtiger Schmuck. Trotz des modernen Anstriches erwacht unwillkürlich die Erinnerung an das alte Kloster des frühen Mittelalters, wozu auch das Nebeneinanderbestehen von Mannes- und Frauenkloster viel beitrügt. In emsigem Treiben und in geschäftiger Arbeit tummeln sich im Hofe, in den Werkstätten und auf den Fluren die Kleriker im schwarzen, die Brüder im grauen Habit, sämtlich den blutroten Gürtel der Propaganda und den Vollbart tragend, soweit er eben sprossen will. Mit stillem Behagen fühlt der Soldat die überall bemerk- lichen, anheimelnden Zeichen strammer Disciplin und Andenken trägt Frater Nupert die rote Narbe der damals empfangenen Wunde über die ganze Gesichtsscite. „Mächtig empfindet man die kräftige Hand des Schöpfers und Leiters der -Anstalt, des IN Amrhein, eines Mannes von umfassender Bildung, imponierendem Wesen und hoher Gestalt, eines Schweizers von Geburt; man fühlt, daß ein höherer, über ihm waltender Geist ihn berief, die Pflanzstätte zu schaffen für die Schulung in edelster Gesittung, die ihre Wurzel senkt in das Zeichen des Christenglaubens: das Kreuz!" Beherrscht wird der ganze Klosterkomplcx vom neuen Vaterhause der Missionäre, einem großen 65 in langen und 20 in breiten dreistöckigen Bau im gothischen Style, ebenso praktisch in seiner Anlage als architektonisch schön und einfach. Die Pläne und Bauleitung wurden von IN Amrhein selbst besorgt, der in Architektur und Malkunst tüchtig ist. Weitaus die meisten Bauarbeiten 592 wurden von den Laienbrüdern, die gegenwärtig schon 20 Gewerbe betreiben, selbst hergestellt, wobei die Bewohner der Umgegend in liebevoller Weise freiwillige Aushilfe mit Gratisfuhrwerken leisteten. Die Umgebung des Klosters ist bereits auf einem Komplex von 20 Tagwerk mit einer Mauer umfriedigt und in Gemüsegärten verwandelt. — Zwei Jahre zuvor legte man den Grundstein zu einem Mutterhaus der Missionsschwestern. Unermüdete Arbeit und kräftiges Zusammenwirken aller Kräfte gepaart mit weiser Sparsamkeit haben auch hier gezeigt, wie mit geringen Mitteln Großes und Zweckmäßiges geschafft werden kann. Im letzten Sommer hat der Herr Generalsuperior endlich auch das Wirtsanwesen erworben, dessen Enteignung sowohl im Interesse der Arrondirung als auch des stetig wachsenden Fremdenverkehrs dringend geboten war. Die Besucher St. Ottiliens finden jetzt an Stelle der ehemaligen Wirtschaft ein einfaches, sauberes Hospiz, wo den zahlreichen, meist priesterlichen Gästen ein angenehmes Plätzchen zu einigen Tagen geistiger Ruhe geboten werden kann. Wollen wir noch kurz der Thätigkeit der St. Bene- diktus-Missions-Genossenschaft in Afrika gedenken, so dürfte es nicht überflüssig sein vorauszuschicken, daß der Gründer besonders in den ersten Jahren mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, deren größte die war, daß er Jahre lang fast allein stand, ohne priesterlichen Mitarbeiter, ohne Gründungsfond, außer den allein sicheren der göttlichen Vorsehung. Seine zwei ersten, im Geiste des Hauses erfahrenen Priester ?. Bonifaz Fleschutz und I'. Franziskus Mayr, raffte ein tückisches Fieber dahin. Fünf Jahre nach der Gründung konnte er dann die Erstlinge des Nachwuchses dem H. H. Bischof zur Weihe prüsentiren. Von da an steigerte sich aber die Zahl der Weihekandidaten; im Monat Juli haben wieder vier Fratres die hl. Priesterweihe empfangen, während im kommenden Jahre 6 Kleriker ihre theologischen Studien beendigen werden. .Die Letzteren frequentieren die Vorlesungen des Kgl. Lyceums zu Dillingen. Am 1. Juni dieses Jahres entsandte ?. Amrhein die siebente Expedition nach Afrika. Führer derselben ist k. Maurus Hartmann, ein geborener Oberndorfer und Augsburger Diözesan, der in Dillingen seine Studien machte. Er war bisher die vorzüglichste Stütze seines Obern, ein energischer, umsichtiger Mann von unverwüstlicher Thatkraft. Seine Aufgabe wird zunächst sein, das Männerkloster in Dar-es-Salaam mit seinen Anstalten in das außerhalb genannter Stadt gelegene Misstonsgut Kolozani zu verlegen, wo auch der geeignetste Platz zur Anlage eines eigenen Christenviertels ist. Die dadurch frei werdenden Gebäude des bisherigen Klosters werden in ein katholisches Spital verwandelt und den Missionsschwestern übergeben, deren Erziehungsanstalten in nächster Nähe liegen. Gegen Ende dieses Jahres soll sodann die achte Expedition St. Ottilien verlassen und mit ihr wird Maurus tiefer im Innern unserer ostafrikanischen Kolonie ein Kloster mit Musteranstalten als Centralstation gründen. Möge das Werk, auf dem so augenscheinlich Gottes Segen ruht und das der Kirche schon 3 Märtyrer gegeben hat, blühen und gedeihen und sich allseitiger Unterstützung erfreuen. --SSSWiS— — Zu unseren Bildern. Albert Graf de Man. Graf de Mun, der unter den Vertretern der französischen Katholiken im Parlament unbestritten den ersten Platz einnimmt, ist geboren am 28. Februar 184 t zu Lünigny. Er trat nach Vollendung seiner Studien bei den Kürassieren ein und nahm im Jahre 1876 seinen Abschied, um ungehindert und ohne Rücksicht nehmen zu müssen, für die Rechte der katholischen Kirche eintreten zu können. Er wurde im selben Jahre Mitglied der Kammer der Abgeordneten, wo er durch seine Energie und einzig dastebende Beredsamkeit sofort zu einem der hervorragendsten Parteiführer sich aufschwang. Der sozialen Frage wandte er seine besondere Aufmerksamkeit zu und schuf die wichtigen Oorolss oatdoliguss L'ouvrisrs, die einflußreich zu werden versprechen. Graf de Mun steht in voller Manneskraft; es ist ihin wahrscheinlich vorbehalten, bei der Wiedergeburt Frankreichs aus den jetzigen chaotischen Zuständen noch eine Rolle zu spielen. _ Kauft NeilchrnI „Kauft Veilchens" flehen leis und zaghaft die beiden Kleinen, die selbst wie ein paar schüchterne, sinnige Frühlingsblümlein draußen vor dem Thore im frostigen Winde stehen. Ach, ihnen schadet er nichts, aber Papa desto mehr. Er sollte nach dem Süden, hat der Arzt erklärkt, wenigstens stärkende Weine trinken und nickt die halben Nächte am Reißbrett sitzen über den leidigen Fabrikzeichnungen, zu denen die Sorge um die Seinen den begabten Künstler zwingt. Die Mutter seufzt und schüttelt den Kopf, als man auch ihr mehr Ruhe und Erholung verordnen will. Es reicht ja nicht einmal zu einer Flasche guten Weins für den Kranken. Betty und klein Evchen aber wissen Rath. Hinter der Hecke im Schloßgarten sind die Veilchen schon aufgesproßt und gewiß wehrt es ihnen Niemand, sie zu pflücken. Ohne den Eltern ein Wort zu verrathen, halten sie nun ihre Sträußchen feil und wenn Papa von dem Erlös nicht die Reise macht, kann er doch wohl Wein trinken, so viel er will. Jedenfalls — mag die Rechnung der kleinen Rechenmeisterinnen stimmen oder nicht — haben sie dem Vater unsäglich wohl gethan und vielleicht würde das erträumte Geld die wehmüthige Freude nicht aufwiegen, die ihre Liebe ihm bereitet. Goldkörner. Ob auch die Kunst stets wechselnd sich erweist, So bleibt dock eines fest in Kunst und Leben: Es ist die Seele, der lebend'ge Geist, Der, Gott entstammt, das Göttliche will geben. -—i-»-«-«- Schachaufgabe. Schwarz. Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem 5. Zuge matt. Auflösung des Räthsels in Nr. 75: Moloch, Molch. HL77. Irettag, den 21. September 1894. Kür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Der Organist. Novelle von C. Borges. (Schluß.) Als die erste Freude vorüber war, singen die beiden Schwestern in Nutze an, Pläne für die Zukunft zu machen. „Du mußt sofort alle Klavierstunden aufgeben", entschied Jda, „ebenso muß der „Organist" seine Stellung kündigend" „Der arme Organist", scherzte Helene, „er wird sich gewiß darüber freuen, denn er hat seine Pflichten stets nur ungern erfüllt." „Gott sei gedankt, die Sorge um das tägliche Brod hat doch nun aufgehört", warf Frau Willford ein, und der tiefe Schatten, der sonst auf ihrem bleichen Antlitz lagerte, war gänzlich verschwunden. „Aber wo soll der Organist bleiben, und waS werden die Leute von ihm denken? Er kann doch nicht plötzlich und auf unaufgeklärte Weise verschwinden", rief Helene sorglos. Sie hatte in ihrem Eifer ihre Worte nicht bedacht und erschrak sichtlich, als die Mutter sich mit einem schweren Seufzer in den Sessel zurücklehnte. „O, Mutter, vergib mir, ich bedachte nicht, waS ich sagte", rief Helene und schlang zärtlich den Arm um den Hals der geliebten Mutter. „Ich weih, mein Kind, Du wolltest nicht absichtlich traurige Erinnerungen in mir erwecken, aber Du ahnst nicht, wie lebhaft mir jene Tranerzeit noch vor Augen steht. Laß uns nicht mehr davon reden, sage mir lieber etwas Näheres von der Erbschaft. Wer erbt noch außer Dir? Du sagtest doch, daß die Hälfte des Vermögens Dir vermacht sei, wer bekommt die andere Hälfte?" „Uns ist die Erbschaft gemacht", verbesserte Helene. „Dann erbt noch sein Adoptivsohn, Oswald Rock." „Oswald? er ist sein Adoptivsohn?" rief Frau Willford in jähem Entsetzen. „Wer ist er? Wo kommt er her? was weißt Du von ihm?" „Gerechter Gott! ich hatte ganz vergessen, daß mein Bruder Oswald hieß. Jetzt — —" Sie stockte. Wie Schuppen fiel es ihr plötzlich von den Augen — sie erinnerte sich der auffallenden Ähnlichkeit des jungen Canadiers, den sie vor längerer Zeit in der Gesellschaft getroffen hatte. Was sollte das bedeuten? „Ich traf einen Herrn Oswald Rock beim Com» merzienrath Laube", sagte sie dann laut, „und Martha sagte mir, es sei der Adoptivsohn des reichen Canadiers; das ist alles, was ich von ihm weiß." Sie fürchtete, in der Gegenwart ihrer leicht erregbaren Mutter, von der auffallenden Ähnlichkeit zu sprechen; aber sie setzte sich auf einen niederen Schemel und bat schmeichelnd: „Willst Du mir nicht die Einzelheiten jenes traurigen Ereignisses erzählen, liebe Mutter? Ich war damals noch so klein, daß ich mich kaum noch der einfachen Thatsache entsinnen kann, und späterhin wurde in meiner Gegenwart nie mehr davon gesprochen." „Es ist wenig davon zu sagen, mein Kind. Ihr Beide — er war ja Dein Zwillingsbrnder — hattet kaum das vierte Lebensjahr überschritten, als eine arme, unbekannte Familie, Enders mit Namen, sich in unserer Gegend niederließ. Niemand kannte sie, aber sie schienen treu und ehrlich; wenigstens erweckten sie keinen Verdacht. Die Frau gewann das Vertrauen unserer Köchin, die sie aus Mitleid in unserer Küche beschäftigte. Der Mann fand Arbeit bei einem Gärtner. Beide schienen unsern lieben, kleinen Oswald sehr gern zu haben. Doch eines Morgens war mein geliebtes Kind plötzlich spurlos verschwunden. Ihr Beide schlieft in meinem Ankleidezimmer, dessen Thür zu meinem Schlafgemach stets offen stand. Wir kamen an jenem Abend erst gegen Mitternacht aus einer Gesellschaft zurück; ich legte meine Diamanten und weine Juwelen aus den Tisch in meinem Ankleidezimmer und überzeugte mich, daß ihr Beide im süßen Schlummer läget. „Ich brauche Dir wohl nicht zu sagen, Helene, daß nichts unversucht blieb, eine Spur von dem verschwundenen Liebling zu entdecken. Dein armer Vater und ich verzweifelten fast vor tiefem Weh.' Endlich fand man sein schwarzes Sammetjäckchen, welches er tagS zuvor getragen hatte, am Rande des Mühlenbaches, der an jener Stelle sehr steil und tief war. Wir mußten annehmen, er sei dort ertrunken, obgleich seine Leiche nicht gefunden und wir nicht begreifen konnten, wie er in der Nacht dorthin gekommen sein könnte. „Die ganze Nachbarschaft befand sich bei der Kunde über dieses Unglück in der größten Aufregung. Niemand achtete darauf, daß seit jenem Schreckenstage die Eheleute Enders ebenfalls spurlos verschwunden waren. Sobald es bekannt wurde, fahndete die Polizei nach diesen Leuten; aber vergebens. Wir nahmen die Hülfe der geschicktesten DetectivS tn Anspruch, versprachen hohe Belohnungen, allein die Leute blieben verschwunden und das Geheimniß unaufgeklärt." „Glaubst Du nicht, Mutter, daß der arme, kleine Knabe während der warmen Sommernacht aufgestanden, sich allein die Thür nach der Terrasse geöffnet habe und nach dem Bach gewandert sei? Er war doch ungewöhnlich groß für sein Alter und spielte oft allein im Garten", warf Jda ein. „Diese Vermuthung wurde in unserer Nachbarschaft wohl angenommen, aber in meinem Herzen stand die Ueberzeugung fest, daß die beiden Enders mit dem Verschwinden des Kleinen tn Verbindung standen." „Wurden zur gleichen Zeit auch Deine Juwelen gestohlen?" forschte die Tochter weiter. „Wahrscheinlich; jedoch bei der großen Unruhe im Hause, besonders aber tn meinem tiefen Schmerze vermißte ich die Kostbarkeiten erst vier Wochen später; jedenfalls waren sie schon lange geraubt." „Sah mein kleiner Bruder mir sehr ähnlich?" fragte Helene in spannender Erwartung. „Du sollst Dich selbst überzeugen." Die Mutter öffnete bet diesen Worten ein goldenes Medaillon, welches sie stets an einem Kettchen um den Hals trug und sich nie davon trennte. Zwei kleine Kindergefichtchen, — ein Knabe und ein Mädchen — hielt sie der erwartungsvollen Tochter entgegen; beide zum Verwechseln ähnlich. Helene hatte noch die wunderbar dunklen Augen, das schwarze Haar wie vor langen Jahren auf jenem Bilde, und diese auffallende Aehnlich- keit hatte sie noch ganz deutlich vor ganz kurzer Zeit bei dem Canadier gesehen. Ein leises Klopfen an der Thür beendete schnell die Unterhaltung, und Frau Willford hatte kaum Zeit, die Bilder fortzulegen, als Martha Härtung, jetzt Lady Merlin, das Zimmer betrat. „Ich bin gekommen, um Ihnen zu der unerwarteten Erbschaft Glück zu wünschen; Sie sehen, ich bin genau davon unterrichtet", begann sie in ihrer herzgewinnenden Weise, der alten Dame beide Hände entgegenstreckend. „Wie konnte sich denn diese Nachricht so schnell verbreiten? Wir wissen sie doch selbst erst wenige Stunden und haben noch mit keinem Mensche« davon gesprochen!" „Mein Gatte las zufällig den Aufruf des Anwalts in der Zeitung und beeilte sich die gewünschte Adresse sofort mitzutheilen." Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen, dann fuhr Martha fort: „Franz erkannte Martha beim ersten Anblick; er hatte sie früher in England gesehen, und es ist ihm schmerzlich, daß sie ihm jetzt absichtlich aus dem Wege geht. Um sich zu überzeugen, sich in der Familie nicht zu irren, schrieb er nach England" — „und hielt Nachforschungen über uns", ergänzte Helene im gereizten Tone. „Sowar's, stimmte die Freundin bei. Das „Resultat seiner Bemühungen war die überraschende Neuigkeit, daß Helene Willford gar keinen Bruder habe. Der Organist an der Pauluskirche muß also eine geheimnißvolle Persönlichkeit sein, die mit den Bewohnern der Nosenvilla tn engem Zusammenhange steht." Wieder trat eine peinliche Stille ein. Frau Willford war leichenblaß geworden und senkte die Augen zu Boden. Jda blickte besorgt auf die Schwester, die allein ihre Ruhe bewahrte. Endlich begann sie: „Du möchtest wohl gern die Lösung des geheimnißvollen Räthsels wissen? Wenn Du einen Augenblick warten willst, so soll der Organist selber kommen und Dir die gewünschte Erklärung geben", mit diesen Worten eilte sie in das Nebenzimmer. Während ihrer Abwesenheit herrschte noch immer tiefes Schweigen. Jedes der Anwesenden blickte in banger Erwartung nach der Thür, die sich bald öffnete, und der Organist trat mit einer tiefen Verbeugung auf Martha zu. Doch erhob er seine schmale, weiße Hand, nahm die entstellende blaue Brille von seinen Augen und blickte lächelnd im Kreise umher. „Helene! Du bist's selber!" rief Helene in freudiger Ueberraschung, während die Mutter und Jda erleichtert aufathmeten, als sei ihnen ein Stein vom Herzen gefallen. „Ja, ich bin's selber und kein Anderer", rief die junge Dame belustigt über das Erstaunen der Freundin aus, „und heute habe ich diese Bekleidung zum letzten Male getragen. Ehe ich dieselbe aber für immer ablege, ist es eine Pflicht der Freundschaft, eine vollgültige Erklärung zu geben." „Ich muß ganz von Anfang beginnen. Du wirst gehört haben, daß bald nach dem Tode meines Vaters der Verkauf unseres Schlosses und der großen Güter erfolgte. Wir waren gänzlich verarmt und entschlossen uns, nach Deutschland zu reisen, wo wir vollständig unbekannt waren. Ich hatte stets mit Vorliebe die Musik betrieben und darin eine vorzügliche Ausbildung genossen. In unserer kleinen Dorskirche spielte ich schon seit Jahren die Orgel, weil unser alter Dorfschullehrer kränklich war und es mir ein großes Vergnügen machte. Ich zweifelte tn meiner Unwissenheit gar. nicht daran, daß es mir in einer großen Stadt gelingen müsse, eine Stelle als Organist zu erhalten, um in dieser Weise für den Unterhalt meiner Lieben zu sorgen. Ich hatte mich getäuscht. An verschiedenen Kirchen bot ich meine Kräfte an; aber ach! man lachte über mich. Der Gedanke, eine Dame als Orgelspieler!» anzustellen, schien ganz unerhört; auch bemerkte ich leider, daß Klavierstunden zu schlecht honorirt wurden, um den Meinigen ein erträgliches Dasein zu verschaffen. Hingegen wurde Herren, deren Leistungen oft noch geringer waren wie die meinen, ein viel höheres Gehalt gezahlt. Was sollte ich da thun? Ich hatte doch nicht allein für mich, sondern auch für meine Mutter und Schwester zu sorgen. Da kam mir der Gedanke, die Rolle meines Bruders zu spielen, der, wenn er gelebt hätte, jetzt an meiner Stelle für unsern Unterhalt gesorgt haben würde. Ich entschloß mich, eine doppelte Existenz zu führen. Die Hälfte des Tages war ich Organist und gab gut bezahlten Unterricht, tn der andern Hälfte war ich einfach Helene Willford, die arme Klavierlehrerin, und auf diese Weise gelang es mir, ein hinreichendes Auskommen zu erhalten. „Um meinen Zweck besser zu erreichen, ließ ich mein langes Haar abschneiden; meine Mutter und Schwester waren mehr darüber entsetzt, als ich selbst. Um ein Erkenne» zu vermeiden trug ich diese entstellende blaue Brille. Als ich in dieser Verkleidung die Stelle als Organist erhalten hatte, suchte ich nach einer entlegenen, 8SS einsamen Wohnung, in der mein Ein» und Ausgehen nicht beachtet werden konnte. Hier, diese einsame Rosen- villa entsprach vollkommen meinen Wünschen. Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, Martha", fuhr das opferfreudige junge Mädchen fort und warf einen zärtlichen Blick auf die geliebte Mutter, «daß ich hier im Hause die größten Hindernisse zu beseitigen hatte. Meine Verkleidung erweckte stets im Herzen meiner Mutter die traurigsteil Erinnerungen, denn die Wunden über den Verlust des Kindes sind noch immer nicht geheilt. Jedesmal, wenn von dem Organisten die Rede war, litt sie unsäglich, und darum vermied ich es so viel wie möglich, mit ihr über meine Thätigkeit zu sprechen. —^ Dein Gatte kannte unsere Familie in England; er mußte wissen, daß wir keinen Bruder hatten, und darum fürchtete ich eine Begegnung mit ihm, wie leicht hätte er sonst dem Pfarrer unsern Betrug aufdecken können!" „Ich muß noch einen wichtigen Punkt hinzufügen, Lady Merlin", wandte Jda ein, sich von ihrem Lager erhebend, „und das ist nämlich das größte Opfer, was Helene für uns gebracht hat. Sie hätte in Reichthum und Ueberfluß in unserer Heimath leben können, wenn sie nur gewollt hätte. Aber sie zog ein mühevolles, arbeitsames Leben einer Heirath ohne Liebe vor, und leider liebte sie nicht den reichen Fremdling, der damals unser Eigenthum erwarb." Als Martha alle Geheimnisse aufgedeckt hatte, schloß sie die Freundin in ihre Arme, und die glücklichen Menschen blieben noch lange beisammen und besprachen Pläne für eine bessere Zukunft. „Du mußt zuerst Deine Stelle als Organist aufgeben, wiewohl Du nur ungern in der Kirche vermißt wirst," entschied Martha. „Ganz bestimmt. Ebenso gebe ich alle Klavierstunden auf. Wie sollen wir aber so schnell einen Nachfolger als Organist finden?" „Franz soll Dich auf kurze Zeit vertreten, natürlich nur so lange, bis wir nach England zurückkehren. Aber wie sonderbar! erst jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen, woher es kam, daß wir Dich nicht in der Kirche sahen! Wie wird Franz sich freuen, wenn ich ihm diese Neuigkeit bringe," scherzte sie dann, „ich sage ihm natürlich Alles und habe gar kein Geheimniß vor ihm," und mit glücklichem Lächeln auf dem Antlitz nahm die Freundin Abschied aus der Rosenvilla. „Mutter," begann Helene, als sie am Abend dieses ereignißretchen TageS ihren gewohnten Platz zu den Füßen der alten Dame eingenommen hatte, „ich habe Dir etwas zu sagen." „Was tst's, mein Kind, hoffentlich nichts Unangenehmes?" „Nicht für mich und gewiß auch nicht für Dich oder Jda," versetzte das junge Mädchen erröthend, «Herr Schellenberg will heute noch kommen, um mit Dir zu sprechen." Die leise gesprochenen Worte und daS heftige Er- röthen sprachen deutlicher als Worte es vermocht hätten, und Frau Willford, die die Neigung ihrer Tochter lange geahnt und großes Vertrauen in den Charakter des jungen Mannes setzte, küßte sie zärtlich, als sie ihr zuflüsterte: „Werde glücklich mit dem Manne Deiner Wahl, mein geliebtes Kind, Du verdienst die Liebe des besten Gatten. Was sagst Du dazu, Jda?" Statt jeder Antwort streckte die Kranke der Schwester ihre Hände entgegen und zog sie fest an sich. Sie fühlte sich unaussprechlich dankbar, daß jetzt alle Noth vorüber und ein neues Leben für die schwergeprüfte Familie beginnen werde. Als am Abend der junge Agent !von seiner Liebe zn Helene mit der Mutter gesprochen, ihre Einwilligung und ihren Segen zn dem Bunde erhalten hatte, war er nicht wenig erstaunt über den wunderbaren Glückswechsel im Leben seiner Geliebten. Zwar war er bitter enttäuscht; denn er hatte gehofft, mit rastlosem Eifer für Helene arbeiten zu dürfen, und jetzt war sie eine reiche Erbin. Nachdem Frau Willford sich zurückgezogen hatte, um sich nach den Aufregungen des Tages endlich Ruhe zu gönnen, deren sie dringend bedurfte, erzählte Jda auf den Wunsch ihrer Schwester alle Einzelheiten von dem räthselhaften Verschwinden des kleinen Bruders vor ungefähr 16 Jahren, und Helene schilderte die auffallende Ähnlichkeit mit ihr und dem jungen Canadier, den Herr Schellenberg damals selbst in der Gesellschaft kennen gelernt hatte. „Wollen Sie mir die Lösung des Räthsels überlassen? Alles, was ausgeforscht werden kann, soll in kürzester Zeit geschehen," versicherte der Agent, bittend zu Jda hinüberblickend. Beide Damen gaben gern ihre Zustimmung, und bewegt nahmen die Liebenden Abschied. Wochen waren vergangen. Frau Willford bewohnte mit ihren Töchtern eines der besten Hotels; sie wollte nicht eher in die alte Heimath zurückkehren, bis einige Veränderungen und alle Vorbereitungen zu ihrem Empfange getroffen waren. „Herr Schellenberg!" meldete in diesem Augenblick der Kellner, und gleich darauf betrat der Agent daS Gemach. Er begrüßte alle Anwesenden, dann flüsterte er leise seiner vor Glück strahlenden Braut ins Ohr: „Er ist unten im Lesezimmer." Dann wandte er sich an Frau Willford, die er bat, ihr einige wichtige Enthüllungen machen zu dürfen, und die alte Dame gab gern ihre Einwilligung. «Ich muß sechzehn Jahre zurückgreifen," begann der Erzähler. „Da kam ein Mann mit Namen EnderS nach England, denn er hatte von Diamanten und Juwelen von unschätzbarem Werthe gehört, die sich im Besitze einer reich begüterten Familie, die im südlichen England wohnte, befänden. Diesem Enders oder Braun, oder Benützer hundert anderer verschiedener Namen, war eS ein Leichtes, mit seiner Frau das Vertrauen der Dienerschaft zu erwerben, so daß beide bald im Schlosse Beschäftigung fanden. Er brachte auch bald in Erfahrung, daß die Herrin des Schlosses diese Kostbarkeiten nach dem Gebrauch in ihrem Ankleidezimmer aufbewahrte. «Der Schurke wartete nun auf eine günstige Gelegenheit. Nach einer Festlichkeit, als alle Bewohner des Schlosses im tiefen Schlafe lagen, schlich er leise in daS ihm bekannte Zimmer, nahm die Juwelen an sich, und gerade im Begriff, daS Zimmer zu verlassen, sah er zu seinem Entsetzen den kleinen vierjährigen Oswald vor sich stehen, der, aus dem Schlafe erwacht, sein Bettchen verlassen hatte und den Bewegungen des Elenden gefolgt war. Hastig ergriff der Schurke ein Jäckchen des Kindes, warf es ihm über den Kopf, um eS am Schreien zu 596 verhindern, und eS auf den Arm nehmend, eilte er mit ihm so schnell wie möglich aus dem Schlosse. Noch in derselben Nacht verließ das saubere Paar England, nachdem zuvor das verrätherifche Kleidungsstück des Kindes in ein Gestrüpp am Mühlenbach geworfen war, um die Nachforschungen auf eine falsche Spur zu leiten. „Die gestohlenen Kostbarkeiten brachten den Elenden keinen Segen. Auf dem Schiffe nach Canada wurden dieselben von einem Mitreisenden geraubt, und von heftigen Gewissensbissen gefoltert, landete der unglückliche Mann im fremden Lande. Er konnte den Anblick des Kindes nicht mehr ertragen; es war ihm eine unerträgliche Last und erinnerte ihn stündlich an seine große Schuld. Um sich seiner zu entledigen, setzte er es in Wtnnipeg aus in der Hoffnung, daß edle Menschen sich des hülflosen Kleinen erbarmen würden. Er hatte sich nicht getäuscht. Ein reicher Farmer, Herr Nock, nahm ihn auf, ließ ihm eine vorzügliche Erziehung geben und vermachte ihm schließlich nach seinem Tode die Hälfte seines bedeutenden Vermögens." Alle diese Einzelheiten hatte Herr Schellenberg von einem Geschäftsfreunde aus Canada erfahren, dessen redlichen Bemühungen es gelungen war, den Elenden aufzufinden und ihm das Geständnis; abzuzwingen. Während dieses ausführlichen Berichtes hatte Frau Willford häufig die Farbe gewechselt; jetzt erhob sie sich hastig und verlangte ihren Sohn zu sehen. Helene hatte sie schon langsam auf diese unerwartete Freude vorbereitet und von der Aehnlichkeit des jungen Fremden gesprochen, aber die Mutter hatte ein solches Glück nicht zu fassen vermocht. Bald darauf drückte sie ihren einzigen, langverlorenen Sohn wieder an ihr stürmisch pochendes Herz; ihr Auge konnte sich nicht satt sehen an den wohlbekannten, theuren Zügen, und sie wollte ihren Liebling nicht wieder aus den Armen lassen, den sie schon seit sechzehn Jahren beweint hatte.- Es war eine glänzende Hochzeit, die nach einigen Monaten in England gefeiert wurde. Glück und Zufriedenheit leuchteten aus Hclcnens Augen, als sie am Arm ihres Gatten nach der feierlichen Handlung das Gotteshaus verließ. Unter den Gästen befanden sich auch Lord und Lady Merlin, die jetzt ein glückliches Leben in England führten, auch Edmund Normann, der Vetter des Ex-Organistcn, der mit Oswald Willford enge Freundschaft geschlossen hatte. Jda hatte an der kirchlichen Feier keinen Antheil nehmen können. Sie lag mit gefalteten Händen auf ihrem Ruhebette uud weinte Thränen des Glückes und der Freude, als sie an das Loos ihrer Schwester dachte, mit der sie treulich alles Leid und alle Freude getheilt hatte. Dr. Härtung lebte in dem Glücke seiner Kinder von Neuem auf. Er verkehrt jetzt gern und häufig mit seinem alten Freund, dem Agenten Schellenberg, der, nachdem ihn sein Sohn verlassen, das Geschäft allein weiter führen muß. Er arbeitet emsiger und sorgsamer wie früher, so daß er es bald zu einer gewissen Blüthe emporbringt. Der alte Pfarrer Härtung versicherte oft im Vertrauen seinem Bruder, er müsse fortan mit der Wahl seiner Organisten vorsichtig sein, da die beiden letzten ihn doch arg betrogen hätten. Er engagirte einen alten, grauhaarigen Mann, von dem er nichts mehr zu fürchten hatte. Die strenge, finstere Marie hatte noch eine stürmische Unterredung mit ihrer Schwester Hedwig, in der ein gewisser unterschlagener Brief das Hauptthema bildete. Sie verlieb bald darauf das Haus ihres Vaters und fand in einem Asyl für weibliche Gefangene als Aufseherin Beschäftigung, wo ihr scharfes Auge und ihre finstern Blicke besser am Platze waren. Hedwig Härtung und Elsa Laube fanden bald ihr Glück in einer eigenen Häuslichkeit; Erstere heirathete bald einen alten Wittwer, dem sie die letzten Lebensjahre erheiterte; Elsa einen jungen Arzt, dessen Reize für die junge Gattin hauptsächlich in der Aehnlichkeit bestanden, die er mit dem Agenten Schellenberg hatte, den sie einst liebte. Frau Willford lebte noch lange Jahre heiter und glücklich im Glück ihrer Kinder. Gerne nahm sie ihre Enkel, zwei prächtige, rothwangige Buben, auf ihren Schooß und erzählte ihnen von dem Organisten in der Nosenvilla — eine Geschichte, welche die Kleinen nicht oft genug hören konnten. -.-S2-U-SS-«- Die letzten Erzfeinde Spaniens und des Christenthums anf den Philippinen. ^Nachdruck verboten.; - Wir laden unsern geneigten Leserkreis ein, uns heute im Geiste nach dem fernsten Osten der Welt zu folgen, nämlich nach dem spanischen Jnselreiche der Philippinen; da diese Inselwelt bei weitem nicht so bekannt ist, als sie es aus verschiedenen Gründen verdient. Die Philippinnen sind ein Perlenkranz der indischen Jnselflur. Was für uns aber einen noch viel höheren Werth hat, das ist die Thatsache, daß dieser großeArchipel, mit Ausnahme der größeren Hälfte der Insel Mindanao, schon seit 200 Jahren fast dem Christentum — der katholischen Kirche gewonnen. Das ist eines von den größten und schönsten Werken der christlichen Civilisation! Die Insel Mindanao nun ist es, wo nochdie „letzten Erzfeinde Spaniens und des Christenthums" Hansen, — und zwar schon dreihundert Jahre lang — zu blutigem Leidwesen Spaniens und der.Glaubensboten; und erst in allerneuester Zeit haben diese Erzfeinde wieder blutige Greuelthaten verübt, — wovon wir später hören werden. Eben diese Unthat hat uns den Archipel der Philippinen und insbesondere die Insel Mindanao wieder in Erinnerung gebracht, und dieser gilt der Haupttheil unserer gegenwärtigen Darstellung (welche nach verschiedenen Berichten älterer und neuer Reisewerke und besonders nach den sachlichen Berichten der Zeitschrift „Die kathol. Missionen" in ihren Jahrgängen 1889, 1890 und 1894 mit kritischer Richtung, verfaßt ist). Der edle Fernando de Magelhaens — aus Portugal — ein zweiter Kolumbus — war es, der in spanischen Diensten unter König Philipp II. im Jahre 1521 nach einer langen und lebensvollen Seefahrt den Archipel entdeckte, welcher nach dem Namen des spanischen Königs „Philipp" den Namen „Philippinen" erhielt. Magelhaens landete zuerst eben an der großen Insel Mindanao, die im Süden des Archipels 597 liegt. Nachdem er vom Schiffe aus mit den Beherrschern Mindanao's mehrere Tage friedliche Verhandlungen gepflogen, stieg er ans Land: das geschah am ersten Ostertage 1521, am 31. März. Damals wohnte an der Südküste Mindanao's, wo Magelhaens landete, noch ein zumeist friedliches Heidenvolk, oder ein solches hatte noch die Herrschaft inne; und so fand der angestaunte fremde Seefahrer eine gar freundliche Aufnahme. Magelhaens pflanzte auf das Zeichen des Christenthums und wurde der erste Glaubensbote auf Mindanao. Die Heiden bezeigten einen swarmen religiösen Sinn, kamen rasch den christlichen Lehren entgegen, und Magelhaens und sein Schiffskaplan durften die größte Hoffnung hegen. Doch, man tritt aus finsterer Mitternacht nicht in den hellen Tag hinein. DaS Unglück kam ganz un- vermuthet und im Niesenschritt. Nur wenige Tage nach der Besitznahme der Insel Mindanao begab sich Magelhaens auf die kleine benachbarte Insel Maktan (oder Matan). Dort aber wollten die Bewohner den fremden Seefahrer nicht landen lassen. Es kam zu einem Kampfe, und in demselben fand Magelhaens seinen Tod, seine Leute aber mußten flüchten. Das geschah am 2 6. April 1521. Das war wohl eiu trauriges, klägliches Ende des großen Seefahrers, aber es besiegelte ein unvergängliches Verdienst. Zur Zeit, als Magelhaens die Philippinen entdeckte, hatte eben die Einwanderung der malayischen Mohammedaner von den Molukken her nach den Philippinen begonnen, und ohne die Entdeckung des Seefahrers Magelhaens und ohne die Eroberung Spaniens wäre dieser ganze Archipel eine Beute der Mohammedaner geworden und für das Christenthum verloren gewesen! Fernando de Magelhaens, der Entdecker der Philippinen selbst, war also der erste Blutzeuge des Evangeliums auf diesem Archipel. Es sind ihrer noch mehrere gefolgt. So friedlich auch auf den meisten der Inseln das Bekehrnngswerk verlaufen, so leicht und glatt wie die Sache von Manchen dargestellt worden) ging es denn doch nicht. Noch in dem Zeitraume von 1625 bis 1684 kostete das Christianistrungswerk, abgesehen von Mindanao, manches kostbare Leben; wir nennen nur die Blutzeugen k. Alphons Garcia, k. Damiani Peres und den Laienbruder Onuphrius. Die spanische Regierung konnte nicht sofort die Entdeckung des - Jnselreiches in, dem Grade sich zu Nutzen machen, als sie es wünschte, weil sie mit Portugal in Krieg verwickelt ward. Auch fehlte es an geschickter Leitung der Unternehmungen. Bis das EroberungS- und das Missionswerk mit Energie und glücklichem Erfolge betrieben werden konnte, waren bereits die sechziger Jahre des Jahrhunderts angebrochen. Im Missionswerk arbeiteten mit heiligem Eifer und reichem Erfolge die Augustiner, Dominikaner, Franziskaner und die Väter Jesu. — Bevor .wir nun den weiter» Verlauf des christlichen CivilisationSwerkes und der politischen Situation besprechen, wird es geboten sein, das Wissenswertheste über Land und Leute vorzuführen. Der Archipel Philippinen bildet mit Japan gleichsam die äußerste Vormauer des asiatischen Festlandes gegen den stillen Ocean. In einem Doppelbogen, der sich fast in der Mitte der Hauptinsel Luzon (oder Manila) vereinigt, schließen die Philippinen mit Formosa das chinesische Meer nach Osten hin ab. Zu dem nördlichen Theile dieses Doppelbogens gehört nur die nördliche Hälfte der Insel Luzon; zv dem südlichen Theile gehören: das südliche Luzon, die Inseln Samar, Letzte, die Surigao-Gruppe und die große Insel Mindanao. Von dem mittleren Theile Luzons aus erstreckt sich bis zur Nordspitzc Borneos eine weitere Reihesvon Inseln: Mindoro, Calamiani und die lange Insel Palawan. Die Inseln Basilian Sulu (oder Jolo) und die Tawi-Tawigruppe schließen den Archipel im Süden von Mindanao nach Borneo hin ab, und der durch sie abgegrenzte Theil des Meeres wird die Min- dorosee genannt. Im östlichen Theile der Mindoro-See, zwischen Mindoro und Mindanao, sind die Inseln Tablas, Mas- bate, Panay, Guimaras, dos Negros, Cebu und Bajol. Als die bedeutendsten der Inseln sind angeführt: Luzon, Mindanao, Mindoro, Samar, Letzte, dos Negros und Cebu; doch gehört in diese Reihe wohl auch die Insel Panay, deren Bevölkerung schon vor bereits 20 Jahren (1874) auf 1,052,586 Seelen angegeben worden. Manche der vorgenannten Inseln haben nicht die Hälfte. So hatte eben im Jahre 1874 die Insel Cebu, die auch zu den 12 großen Inseln gezählt wird, nur 427,356 Einwohner. Der Gesammt-Flächeninhalt der Philippinen umfaßt 170 585 glrm. DaS ist schon ein respektabler Raum, und ihn auszufüllen gehört, vergleichsweise, der Flächeninhalt von ganz Süddeutschland und von Königreich Sachsen dazu, dann noch jener der Großherzog- thümer Mecklenburg-Schwerin und Oldenburg und des Herzogthums Altenburg; und dann hätte immer noch ein Duodezfürstenthum in diesem Raume gemächlich Platz. Die Gesammtzahl der Inseln wird auf 1200 geschätzt. Wir haben schon gesagt, daß die Pilippinen einen Pcrlenkranz der indischen Jnsclflur bilden. Alle, welche dieses Jnselreich näher kennen gelernt haben, alte und neue Forscher und Missionäre, sind darüber voll des Lobes und nennen es „eine Art Paradies". Nach ihren verschiedenen Schilderungen darf ich wohl folgendes Bild skizziren: Länder und Ländchen umschlungen von smaragdenen Meereswogen, nmwölbt von azurblauem Firmamente voll ganz eigenthümlicher Sternenpracht, Sonne und Mond von unvergleichlichem Silberschein und Goldglanz; Alles immer in herrlicher Grüne,— Wiesen, Bäume und Wälder; Blumen, Schmetterlinge, Vögel von entzückender Farbenpracht; in immerwährendem Blüthenschmuck die tropischen Fruchtbäume und — zugleich doch Früchte tragend; ein Boden — fabelhaft fruchtbar —, zwei, ja nicht selten drei Ernten in einem Jahre, dazu noch wildwachsende Nährpflanzen; reiche Wälder, voll des seltenen Edelholzes. Berge und Thäler voll Flüsse, Bäche und Seen;, die Wälder voll Wild, die vielen Gewässer voll Fische; überall Leben und Lichtglanz, ewiger Frühling und Sommer zugleich, und selbst ein Klima wilder Zone:daS ist das Jnselreich Philippinen! Dock unterm gold'ncn Sternenzelt Ist keine ütclfreie Welt! Auf diesem paradiesischen Jnselreich haust das entsetzliche Erdbeben und der furchtbare Cyklon (Wirbelsturm). Die Bevölkerung dieses Archipels besteht aus den Nachkommen vor Jahrhunderten bereits eingewanderter Malayen verschiedener Stämme und Zweige. Die Spanier bezeichnen sie als: 1) die Visatza's (Bissatzas) die intelligentesten der Malayen — die „alten Christen"; 5SS 2)die Moros, mohammedanische Malayen; 3)Jnfi8les, noch heidnische Malayen, darunter noch fast ganz wilde Stämme; endlich 4) daS Urvolk, die Mamaua's, Schwarze, von kleiner Gestalt; daher von den Spaniern NegrilloS geheißen, sonst Negritos benannt. Es sind ein Zweig der Papua. Von den Malayen zurück in die Gebirge gedrängt, sind sie noch heute ohne alle Kultur. Es sind ihrer nur noch wenige Tausend. Die Gesammtzahl der Einwohner ist verschieden angegeben, von 6*/z Millionen bis auf 7*/g Millionen. Immerhin ist dieser Archipel bei seiner Raumgröße und seiner mächtigen Fruchtbarkeit zu gering bevölkert, wenn man bedenkt, daß jener deutsche Staatenkomplex, der die gleiche Größe wie dieser Archipel hat, mehr als noch einmal so viel Einwohner zählt. Die Gesammtzahl der Katholiken betrug im Jahre 1880 5^/z Millionen, heute wohl 6 Millionen. Somit hat dieses Jnselreich mehr Katholiken als ganz China, Vorder- und Hinterindien und Japan zusammen. Ja, das ist ein großartiges Missionswerk. Der Charakter dieses Jnselvolkes ist seiner großen Mehrheit nach ein friedlicher und gutmüthiger, sonst wäre dieses christliche Civilisationswerk, wie es heute dasteht, nicht möglich gewesen. Nur auf der Insel Mindanao fand die Predigt des Evangeliums und das Kultnrwerk der Spanier einen hartnäckigen und blutigen Widerstand, und heute noch lebt ein großer Theil feiner trotzigen und gefährlichen Erzfeinde; es sind eben die Moros und einige noch wilde Heidenstämme. Diese alle waren von jeher Piraten, und sind es noch, und haben als solche den Spaniern und den eingeborenen Christen, sowie den Missionären unendlich viel Leid gebracht. Trotz ihres Widerstandes aber und trotz aller Gefahr haben die wüthigen Glaubensboten endlich auch festen Fuß auf Mindanao gefaßt. Es waren die Vater Jesu, die 1581 nach Mindanao kamen. Ihre heldenmüthige Stand- haftigkeit hat auch reichlich Martyrerblut gekostet. Es fielen unter Andern als Opfer des heiligen Glaubens die Patres: Del Caprio, Zamora, Mendoza, SancheS, AresiuS, Paliol, Ronek, Damiani, Lopez und Mantiel. (Schluß folgt.) -- Der Gerichtsvollzieher. Eine Erzählung aus der Residenz von Robert von Hageyj lNachdruS vervolm.1 Ich trank mein Glas Bier; an demselben Tische saß der Gerichtsvollzieher Meißel, dessen werthe Bekanntschaft ich glücklicherweise nicht in meiner Wohnung, sondern seinerzeit zufällig in meiner Stammkneipe gemacht hatte. „Nun, das will ich Ihnen gern glauben," bestätigte ich seine diesbezügliche Aeußerung, „daß das Amt eines Gerichtsvollziehers wohl auch recht viele Schattenseiten auszuweisen haben dürfte. Ich für meine Person zum Beispiel, ich taugte wahrlich nicht dazu; mich würde das immerwährende Schauen des immensen Elendes, welches sich täglich vor Ihren Augen entrollt, weich stimmen, und ich würde meines Amtes wohl so nachsichtig walten, daß möglicherweise schnell ein Kollege kommen müßte, bei mir selbst die gewissen ominösen „blauen Dingerchen" anzukleben." „Ja, ja," erwiderte der Gerichtsvollzieher Meißel, „manchmal weiß man thatsächlich nicht, wie man'S recht thun soll — und die Humanität, die man zeitweilig an den Tag legt, wird oft schlecht gelohnt. Nimmt man Rücksicht auf die Leute und kommt, um ihnen das Berede und Gerede im Hause und der Nachbarschaft zu ersparen, nicht uniformirt, so ist man dem ausgesetzt, wie mir dies bereits vorgekommen ist, daß man grob angegangen wird und es heißt: „Ich habe mit Ihnen nichts zu thun; wenn Sie Gerichtsvollzieher sind, so kommen Sie vorschriftsmäßig in Uniform l" Und andere jammern wieder, wenn man in Uniform kommt: „Mein Gatt, mein Gott, welche Blamage, welche Schande für uns im ganzen Hause! Bei uus hat noch nie ein Gerichtsvollzieher etwas zu thun gehabt, und nun haben alle Leute gesehen, daß ein solcher zu uns kam; unser ganzer Geschäftsruf ist verloren!" — Im übrigen," setzte Herr Meißel fort, „sieht uns jeder, gegen den wir einschreiten müssen, als seinen natürlichen Feind an, obwohl ich Sie versichern kann, daß es mir oft das Herz abpreßt, wenn ein hartherziger Gläubiger darauf dringt, armen, oft unverschuldet ins Unglück gerathenen Leuten ihr Letztes abzu- pfünden und hin nach der Pfandkammer schaffen zu lassen. Ja, ja, ich gebe Ihnen mein Wort, oft kämpft Gerichtsvollzieher und Mensch in einer Person vereint einen harten Kampf mit sich selbst." Obwohl im allgemeinen auch kein besonderer Freund von Leuten, welche, wenn auch amtliche, so doch immerhin Unglücks-Boten und -Vollzieher sind und die sich für ihre Unglücksbotschaft noch obendrein gut bezahlen lassen, so machte ich doch bei Meißel eine Ausnahme; kannte ich ihn doch bereits längere Zeit und hatte er doch in der ganzen Umgegend den Ruf eines pflichtgetreuen, aber äußerst humanen Mannes. „Kellner, bringen Sie mir noch einen Schoppen!" rief Herr Meißel, „und dann heißt's den Heimweg antreten ; ich habe heute ganz außergewöhnliche fünf Sonntagsgäste zum Mittagessen geladen, na, und da will ich pünktlich zur Stelle sein, um sie würdig zu empfangen." „Ei, ei, wohl recht feine Herrschaften d" „Na, gar so arg ist's nicht, obwohl vor etwa zwei Jahren sie noch auf Gummirädern gefahren sind; nun, heute benutzen sie allerdings ihre eigenen Gehvorrich- tungen." „Sie machen mich neugierig; wenn es nicht unbescheiden wäre und keine Geheimnisse zu wahren sind, würde ich Sie bitten, mir etwas über Ihre seltenen Gäste mitzutheilen; Sie wissen, mich als Schriftsteller interessiren stets solche Geschichten aus dem Volks- und großstädtischen Leben und Treiben." „Gut. Ich habe noch so ein Dreiviertelstündchen Zeit," sagte Herr Meißel, auf die Uhr blickend, «und will Ihnen die Sache kurz erzählen." Noch zwei „Echte" mußte der Kellner bringen, und dann hörte ich aufmerksam zu. „Wir waren nur zwei Geschwister," hob Herr Meißel an, „ich und meine Schwester Louise. Unsere Mutter war zeitig gestorben. Mein Vater, ein kleiner Steuer- beamter mit einem ebenso kleinen Gehalt, wendete aber alles auf, um uns Kindern eine gute Erziehung zutheil werden zu lassen. Als meine Schwester größer wurde, führte sie die kleine Wirthschaft, indeß ich Kommis in einem Engros-Geschäft war und von meinem Sold tüchtig zur Wirthschaft beisteuerte. Da kam das Jahr 1870, und als militärpflichtig wurde ich dem 7. Infanterie-Regiment einverleibt; ich wurde bald Unteroffizier, und daß ich, in SS» zweierlei Tuch steckend, wohl auch meine Schuldigkeit gethan habe, beweist dies schwarz-weiße Bündchen, zu dem ein eisernes Kreuz gehört, welches ich für Grave- lotte bekam. Zu Ende des Feldzuges, der mir im übrigen auch eine angekochte Bohne in das rechte Betn eintrug, war ich Feldwebel und blieb mit meinem Regiment bei der Besatzungsarmee unter General von Man- teuffel und kam dann später nach Straßburg in Garnison. Hier überraschte mich im Jahre 1873 die Nachricht von der Heirath meiner Schwester Louise mit dem Bankier Ernst Manfred, Firma Manfred L Soling. Ich gratu- ltrte meiner Schwester und dem unbekannten Schwager zu diesem stattgehabten Ereigniß, erwähnte aber mit keiner Silbe, wie schmerzlich es mich berührt hatte, daß man es nicht der Mühe werth gehalten, wich zur Hochzeit einzuladen. Ich erkrankte bald darauf an Gelenkrheumatismus, und die Folge war, daß ich ein Jahr später um den Abschied vom Militärdienst einkam. Als ich in die Wohnung meines alten Vaters trat, da stürzte er weinend an meine Brust und küßte mich stürmisch. „Endlich, endlich," rief er, „bin ich nicht mehr so ganz und gar allein, endlich weiß ich wieder, daß ich ein Kind habe!" „Und Schwester Louise? Was ist's mit der?" „Die?" sagte er schmerzlich bewegt, „die ist eine große, stolze Dame geworden — steh', sieh' her!" — und der gute alte Mann nahm seinen schwarzen Sonntagsrock aus dem Schrank. „Hier, siehst Du diese Straßenkothflecke, mit denen der Rock übersäet ist? Nun, ich will Dir sagen, wo sie herrühren und warum ich sie bis jetzt noch nicht entfernte: Sonntag vor acht Tagen, da machte ich einen kleinen Spaziergang im Thiergarten; da kam plötzlich eine prächtige, mit galonnirten Dienern bespickte Equipage angesaust; ich wollte noch den Damm überschreiten, aber vorsichtshalber blieb ich im letzten Momente dennoch stehen. Die Equipage sauste hart an mir vorüber, die Rüder aber hatten mich über und über mit Koth bespritzt. Der Herr und die Dame sahen mich an; der Herr machte ein gleichgültiges blasirteS Gesicht, die Dame verzog das ihre zn einem freundlich sein sollenden Lächeln und nickte mir fast unmerklich einen leichten Gruß zu. Nun, Emil, weißt Du, wer diese Dame war? Louise war's! Deine Schwester — meine Tochter!" „Vater, das kann nicht sein. Du wirst Dich getäuscht haben I Louise kann nimmermehr so undankbar geworden sein; sicherlich hätte sie halten lassen und Dir einen Platz im Wagen angeboten!" erwiderte ich ihm. „Nein, nein, ich habe mich nicht getäuscht. Im übrigen hat sie sich seit ihrer Verheiratung höchstens Vier- ibis fünfmal bei mir sehen lassen. Sie behauptet, das Treppensteigen bekomme ihr nicht, und so oft ich in der prachtvollen Villa in der Thiergartenstraße vorsprach, war immer entweder große Gesellschaft da und ich konnte nicht empfangen werden, oder — die Herrschaft war ausgefahren, am Lande, oder in Baden-Baden oder Ems." Ich tröstete meinen Vater und sagte ihm, daß ich nach erhaltenem Abschied Aussicht auf eine gute Staats- Zivil-Stellung und in Straßburg ein Schätzlein hätte, dasselbe nach Berlin holen und heirathen werde, und daß wir dann „vorläufig zu Dreien" zusammen wirthschaften würden, worüber er ganz glücklich war. Nächsten Hags konnte ich es denn doch nicht unterlassen, meine Schwester aufzusuchen. Ich bürstete meine Uniform recht proper und blank und begab mich nach ihrer Herrschaft« lichen Wohnung im Thtergartenviertel. „Melden Sie den Feldwebel Meißel," sagte ich zu einem Lasten von Bedienten, der mit seiner glattrasirten Visage einem brasilianischen Affen nicht unähnlich sah. „Die gnädige Frau läßt sich nicht von jedermann sprechen," sagte er hochfahrend. „Sie sind wohl vom Herrn Oberstleutnant von Naßmeyer geschickt? He?" so näselte der Kerl. „Ich bin von gar niemand geschickt," erwiderte ich ärgerlich; „ich bin der Bruder von Frau Manfred, hat Er verstanden, Er Lümmel Er?" Das wirkte. Er machte mir für den Lümmel noch extra eine Verbeugung und meldete mich an. „Ah, sieh' da, Du bist's, Emil? Na, daS freut mich. Aber sag' 'mal in des Himmels Namen, wie konntest Du nur in Uniform kommen? Was braucht die Dienerschaft zu wissen, daß mein Bruder nur Feldwebel ist? — Man fragte mich einmal, und da erzählte ich, ich hätte einen Bruder, der Offizier sei; nun hast Du mich aber in eine schöne Verlegenheit gebracht!" „DaS geschieht Dir ganz recht, Louise," erwiderte ich ihr; „zu was denn diese Lügen, zu welchem Zwecke diese Aufschneiderei?" Ich nahm mir nun kein Blatt mehr vor den Mund und tadelte heftig ihre Undankbarkeit gegen unseren Vater, und das Ende vom Liede war, daß ich sie mit den Worten verließ: „Frau Manfred, wir kennen uns nicht mehr. Adieu! Auf Nimmerwiedersehen!" Wer weiß, ob meine brüderliche Liebe es mit der Zeit zugegeben hätte, Wort zu halten, aber eine Szene, welche ich mit anzuhören Gelegenheit hatte, als ich draußen im Vor- saal meinen Mantel anzog, befestigte mich nur noch mehr in meinem Entschluß. An mir vorüber stürzte nämlich ein noch ziemlich junger Mann, den ich der erhaltenen Beschreibung nach sofort als meinen mir persönlich unbekannten Schwager rekognoszirte. Sein Blick streifte mich nur leicht, aber keineswegs wohlwollend. Er schien sehr erregt und betrat eilends das Zimmer meiner Schwester, welches ich eben verlassen hatte. Gleich darauf hörte ich lauten Wortwechsel: „Hab' ich nicht schon genügend gesellschaftliche Blamage wegen Deiner mangelhaften Bildung? Läßt Du mir nun auch noch Deine lieben Verwandten ins Haus kommen? Die Fenster auf, daß dieser Kaserneuduft verschwindet! Und noch Eines will ich Dir sagen: dieser fürchterliche Aufwand tu Kleidern, Schmuck, Haushalt und so weiter kann nicht länger dauern! Sieh' hier diese Zeitung, welche ich mit Füßen trete, sie bringt die Nachricht, daß das Haus Konrad Söhne Fällst gemacht hat. Das bedeutet für unsere Firma einen Verlust von einigen Hunderttausenden Mark! Wir gehen dem Ruin entgegen —" Ich wollte nicht den Horcher spielen und verließ die prachtvolle Villa der Thiergartenstraße. Es schien nicht so schlimm zu stehen mit der Firma Manfred L Comp., denn man hörte nichts Nachteiliges. Jahre vergingen. Ich hatte mittlerweile meine kleine Elsässerin geheiratet und bereits einen „kleinen Meißel" als Stammhalter; da las ich endlich doch in den Zeitungen von dem Sturz des Bankhauses „Manfred 8e Soling". Mein Vater grämte sich darüber, ich aber sagte: „Ja, ja, Hochmuth kommt vor dem Fall!" Ich hörte dann wieder eine Zeit lang nichts von meiner Schwester, endlich aber, daß sie mit ihrem Manne unter 60V höchst bescheidenen Verhältnissen draußen in Moabit wohnte und daß aus dem stolzen Bankier ein Holz- und Kohlen- und Feuerversicherungsagent geworden war. — Als mit der neuen Gerichtsordnung das Institut der Gerichtsvollzieher an Stelle der Exekutoren ins Leben gerufen wurde, meldete ich mich zur Prüfung und bekam Anstellung. Wie vom Blitz getroffen war ich vor etlichen Wochen, als ich unter anderem auch einen Auftrag auf Siegelung in Höhe von 640 Mark „in Sachen Seiffart contra, Manfred und Frau" zugestellt bekam. Welch' seltsame Fügung! Gepreßten Herzens begab ich mich in Zivil hinaus nach Moabit, nach der X . . .- straße Nr. ... — Zwei reizende, blondgelockte Knaben spielten vor dem Hause. Betroffen betrachtete ich sie eine Weile, dann fragte ich sie: „Wohnen in diesem Hause Herr und Frau Manfred?" „Ja, mein Herr," erwiderte der eine sehr höflich, „das ist mein Papa und meine liebe Mama; sie sind beide zu Hause, drei Treppen, links." Ich konnte mich nicht halten; ich nahm den Blondkopf des Knaben in meine Hände und drückte ihm einen Kuß auf die Stirn, dann stieg ich die drei Etagen aufwärts. Ein etwa sechsjähriges Mädchen, welches den Jnngens da unten aufs Haar ähnlich sah, öffnete und ließ mich ein. Auf mein Pochen ertönte ein zagendes, unbestimmtes „Herein", und in die Stube tretend, gewahrte ich meine Schwester am Fenster sitzend über eine Nähmaschine gebückt, emsig arbeitend. Der frühere Bankier Manfred aber saß an einem Tisch und — schrieb Manuskripte ab. Meine Schwester schien mich nicht gleich zu erkennen. „Ich komme in Sachen Seiffart contra, Manfred und Frau," sagte ich laut; „Objekt 640 Mark und die Kosten. Können Sie bezahlen? Ich bin der Gerichtsvollzieher Meißel." Meine Schwester sprang erschrocken auf und starrte mich an; ich aber that alles Mögliche, um, so lange es ging, hart zu bleiben. „Es giebt Leute," sagte ich mit Ausdruck, „die Uniformen, auch Feldwebelunisormen absolut nicht leiden mögen, geschweige denn Gcrichtsuniform; deshalb bin ich in Zivil gekommen!" „Emil! Emil! Mein Bruder!" rief Louise und stürzte auf mich zu; „in solchem Augenblicke müssen wir uns wiedersehen?" Ich blieb kalt. „Herr Manfred, können Sie bezahlen?" fragte ich nochmals, „sonst muß ich an die Möbel rc. Siegel anlegen." Da stürzten plötzlich die beiden blonden Jungens ins Zimmer und riefen: „Ach, da ist ja der Herr, der uns nach Papa und Mama gefragt hat l Mama," fragte der Kleinere, „wer ist denn dieser Herr?" „Es ist Euer Onkel, Onkel Emil!" „Onkel Emil? Der Offizier, von dem Du uns immer erzählt hast? Warum hat er denn keinen Säbel?" Louise erröthete, indeß die beiden Jungens auf mich hinaufklettert« und riefen: „Ach, lieber Onkel, Du mußt uns exerziren lernen." Auch das kleine Mädchen kam heran und sagte, einen Knicks machend: „Guten Tag, lieber Onkel, ich heiße Lieschen!" „Und nun frage ich Sie," sagte Herr Meißel zu mir, „unter solchen Umständen hätte ich jetzt meine Schachtel mit den „blauen Dingerchen" hervorziehen und pfänden und versiegeln sollen? Nein, das konnte ich nicht, das vermochte ich nicht. Ich war entwaffnet, war versöhnt. Ich umarmte meine so schwer gedemüthigte Schwester und gab dem beschämt dastehenden Schwager die Hand." Der Kläger Seiffart erhielt am nächsten Tage seine 640 Mark. Von wem? Nun, das ist Nebensache! Kosten sind nicht viel entstanden. Und nun, mein Herr," so schloß der brave Gerichtsvollzieher, „können Sie sich wohl denken, wer jene fünf Gäste sind, die ich heute zu Mittag habe. Es ist die höchste Zeit, daß ich gehe; der alte Papa lugt gewiß schon aus dem Fenster, ob endlich alle seine Kinder kommen! Nun, Gott befohlen!" Allerlei. In Kufstein steht an einem Bäckerhaus an der Straße nach Sparchen folgender Vers: Früh eh' der Lag noch graut, Morgens wenn die Erde thaut, Müssen Bäcker wachen, Brod und Semmel dachen; Dies wär' eine feine Kunst, Hätten sie das Mehl umsonst. » Doppelsinnig. Erzieherin: „Was? Mit dem Kinderwagen soll ich durch die Stadt fahren? Und vier Kinder d'rin! Das thu' ich nicht! Das hätten Sie mir auch beim Antritt sagen müssen!" — Dame: „Ich sagte Ihnen ja, die Kinder wären schwer zu ziehen!" » Das gelobte Land. Gatte swüthendj: „Wieder ein neues Kleid! O, ich wollte, Du wärest in Kamerun!" — Gattin: „Warum denn?" — Gatte: „Da lamentiren die Frauen niemals, daß sie nichts anzuziehen hätten!" » Passende Gelegenheit. „Du, Sepp,heut' woll'n wir 'nein in die Stadt und den Nazi phoiographir'n lassen, weil ich ihn heut' gerad' g'waschen hab'!" . .> Näthselhafte Inschrift. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 76: Weiß. Schwarz. 1. K. §2-83 : -s- K. 82-83 (siebe a) 2. L. 84-86 : T. 88-86: -f- (siehe b) 3. S. 66-84 -i- K. 83-84 (siehe o) 4. T. L2-82 -t- K- 84-65 5. T. 82-85 ch ^Varianten: L) 1. K. 82-8(6)1 2. T. L2-L1 -s- K. 8(6)1-82 - 3. L. 84-63 -t- K. 82—83 4. T. L.1-81 oder S. 66-84 ch b) sonst S. 66 - 84 H o) zieht Schwarz beim dritten Zuge T. 86—84:-s-, so folgt Weiß K. 83—84: und beim 5. Zuge setzt T. L2—82 matt. --MM-- zrn „Augsburger Postzeitung". ^L78. Dinstag, den 25. September 1894. ssür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Berlag des Literariichen Instituts von Haas sc Grabherr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler). Die Werte des Kaufes. Erzählung von C. Borges. (Nachdruck verboten ) 1. Kapitel. In einem jener herrlichen, von waldbedcckten Hügeln umsäumten Thäler, wie sie die Nachbarländer der Vo- gesen vielfach ausweisen, lag ein einsames, weinbekränztes Landhaus. Der kleine Wohnsitz war seit länger als einem Jahrhundert Eigenthum der reich begüterten stolzen Familie von Reck gewesen; doch der letzte Sprosse hatte es in unglaublich schneller Zeit verstanden, nicht allein die umliegenden Güter mit schweren Schulden zu belasten, sondern auch sich selbst und seine einzige Tochter Melitta gänzlich an den Bettelstab zu bringen. Doch der leichtsinnige Edelmann sollte die Folgen seiner Verschwendung nicht lange tragen; ein Sturz vom Pferde machte inmitten eines Jagdvergnügens seinem Leben ein jähes Ende, seine Tochter fast in Dürftigkeit zurücklassend. — Jetzt stand sie anmuthig und stolz zugleich im Arbeitszimmer ihres verstorbenen Vaters, obwohl sie so arm war, daß sie nicht einmal die behagliche Einrichtung des Hauses ihr Eigen nennen durfte, das sie von Kindheit an bewohnt hatte. An den Lisch gelehnt schaute sie mit thränenlosen, tiefliegenden Augen auf die zahllose Menge von Rechnungen, uneingelösten Schuldscheinen und anderen Papieren, die der alte Anwalt Schierick mit musterhafter Geduld geordnet und sorgfältig zusammengelegt hatte. „Ich bin selbst ganz rathlos, Fräulein Melitta," gestand endlich der alte Herr, „und ich sehe augenblicklich gar keinen anderen Ausweg aus diesen unerquicklichen Verhältnissen, als den Vorschlag Ihrer Tante, Frau von Reinberg, anzunehmen. Es war der letzte Wunsch Ihres sterbenden Vaters, daß Sie bei seiner Stiefschwester bleiben sollten, und nach ihrem Briefe zu urtheilen, ist sie auch nicht abgeneigt, Sie als Hausgenossin aufzunehmen." Eine Wolke des UnmuthS umschattete das bleiche Antlitz des schönen Mädchens; dann blitzte es zornig in ihren großen blauen Augen, als sie mit bebender Stimme erwiderte: „Ja! aber welch' eine Stellung soll ich einnehmen! Ganz und gar von ihren und ihrer Töchter Launen abhängig zu sein, für meinen Unterhalt als Schneiderin, Kammerjungfer oder Gesellschafterin ausgenutzt zu werden und keinen anderen Lohn für meine Dienste zu bekommen, als das Brod, was ich esse, das ist mir ein unerträglicher Gedanke." Der Ton ihrer Stimme war leidenschaftlich und erregt, und ihre Augen füllten sich mit Thränen. Sie ahnte in diesem Augenblick gewiß nicht, wie sehr sie einem Meisterwerke glich, aus der Hand des großen Schöpfers hervorgegangen. Der rosige Abendschein um- floß ihre hohe, von einem schlichten, schwarzen Gewand umhüllte Gestalt, die stolz aufgerichtet dastand. Fast un- ^ verständlich hatte sie anfangs den weitschweifigen Aus- i einandersetzungen ihres väterlichen Freundes gelauscht und kaum seinen Worten Glauben geschenkt, als er ihr klar und deutlich auseinandersetzte, daß die Güter so hoch verschuldet seien und von dem Schtffbruch so gut wie nichts für sie gerettet werden könne. Dann hatte sie unverwandt ihre Blicke auf das ernste Antlitz des alten Anwalts gerichtet, gleichsam als wolle sie in seiner tiefsten Seele die Wahrheit seiner Worte ergründen, die sie zuerst für einen grausamen, unzeitigen Scherz gehalten hatte. Der alte Herr blickte fast mit einem Gefühl von Scheu und Ehrfurcht in die erregten Züge der jungen Dame; erst jetzt kam ihm der wunderbare Reiz ihrer Erscheinung zum vollen Bewußtsein, und mit einigem Mitleid erfüllte ihn die tiefe Bewegung ihrer Seele, die sich deutlich in ihren Mienen wiederspiegelte. Der Verstorbene hatte nur wenige Freunde und keine Verwandten, die sich der armen, verlassenen Waise hätte annehmen können. Außer zwei Stiefschwestern, die älter waren, wie er selbst, hatte er keine Geschwister, und selbst diese hatte er nur sehr selten, Melitta dieselben nie gesehen; diesen seinen einzigen Schwestern hatte er sterbend sein verwaistes Kirid anvertraut. Die Antwort der beiden Tanten auf die Nachricht von dem plötzlichen und unerwarteten Ende des Bruders war kalt und herzlos. Die älteste, Fräulein Lydia von Reck, verweigerte kurz und bündig die Erfüllung der letzten Bitte des Bruders. Sie sei viel zu alt, um eine Veränderung in ihrem stillen Haushalte zu treffen, und die jungen Mädchen von heut zu Tage begnügten sich nicht mit den schlichten, einfachen Gebräuchen von ehedem, schrieb sie ihrer unbekannten Nichte. — Die jüngere, Frau von Reinberg, bot zwar Melitta eine Unterkunft in ihrem Hause an; allein sie verlangte so viele Dienste dafür, daß das arme, junge Mädchen wohl zurückschrecken 602 konnte: „Ich bin nicht reich genug, um die Tochter meines verschwenderischen Stiefbruders unentgeltlich aufzunehmen," schrieb sie am Schlüsse ihres herzlosen Briefes, „aber wenn sie sich im Hause nützlich macht, so daß sie mir und meinen Töchtern eine Stütze ist, so mag sie zu uns kommen und so lange bei uns bleiben, bis sie ein besseres Unterkommen findet." So lautete das Anerbieten, das der armen Waise Thränen des Zorns und der Empörung in die Augen getrieben hatte." „Sie sind viel zu jung, um allein leben zu können, selbst wenn Sie reich wären," tröstete der alte Herr theilnehmend. „Auch als Erzieherin würden Sie schwerlich eine gute Stelle finden, da Sie kein Examen als Lehrerin gemacht haben. „Ich könnte noch genug lernen," schaltete Melitta ein, „und nebenbei würde ich in der Musik und im Gesang Unterricht geben; Sie wissen, ich bin musikalisch." „Ja, mein Kind, aber ich will ganz offen mit Ihnen reden," entgegnete wohlwollend der alte Herr. „Es taugt nicht für Sie, freund- und schutzlos allein in der Welt sich den Weg zu bahnen. Sie sind viel zu unerfahren und — verzeihen Sie — viel zu schön, um schon jetzt den Kampf mit dem Leben aufzunehmen. Nehmen Sie das Anerbieten Ihrer Tante an, vorläufig wenigstens, bis sich etwas Besseres findet. Eine Wendung zum Guten tritt vielleicht eher ein wie Sie vermuthen, wer weiß, Sie finden gewiß noch Ihren zukünftigen Gatten unter den Freunden ihrer Tante." Melitta wandte sich unwillig ab und richtete ihre Blicke den scheidenden Sonnenstrahlen nach. Ihre Gedanken jagten sich in ihrem armen Hirn; sie hatte in den letzten Tagen seit dem Tode ihres Vaters so viel gelitten, daß sie nur mit Mühe und gewaltsam sich zur Ruhe zwingen konte. Plötzlich wandte sie sich um und fragte: „Kennen Sie meine Tante, haben Sie ihre Töchter schon gesehen?" Der alte Herr verneinte. „Ich glaube, sie ist Wittwe," fügte er hinzu. „Ja, ich glaube es; ich weiß fast gar nichts von meinen Verwandten, mein Vater sprach nie von ihnen. „Nun, sehen Sie nicht so schwarz in die Zukunft, mein Kind," tröstete der Anwalt, „gefällt es Ihnen nicht, so finden Sie gewiß ein anderes Heim. Bald ist hier Alles geordnet, die Gläubiger werden befriedigt und Ihnen bleibt nur noch höchstens ein kleiner Rest von einigen hundert Mark. Zwar bitter wenig für eine Dame Ihres Ranges; aber ich rathe Ihnen, nicht eher als im Nothfall dieses Geld anzugreifen. Schade, daß Ihr Vater sein Leben nicht versichern wollte, dann könnten Sie mit einer Gesellschafterin das Leben hier ruhig weiter führen. Aber so oft ich ihn als Freund auch dazu ermähnte, so lachte er nur über die Idee und versicherte mir, daß er noch gar nicht an seinen Tod denken wolle. Doch nun leben Sie wohl, mein Kind; ich will diese Papiere mit mir nehmen, und wenn ich etwas darin finde, theile ich Ihnen es mit. Inzwischen rathe ich Ihnen, das Anerbieten Ihrer Tante anzunehmen." „Ja, es bleibt mir kein anderer Ausweg", seufzte das arme Mädchen. „Hier kann ich nicht länger bleiben, wie ich es gehofft hatte. Aber ich werde bei meiner Tante höchst unglücklich werden, und sie wird mich hassen, das ahne ich schon jetzt." „Still, still, malen Sie sich die Zukunft doch nicht schwärzer aus, wie sie ist. Wer weiß, vielleicht gehen sie glücklichen Tagen entgegen, und wie gesagt, Sie bleiben nicht, wenn es Ihnen dort doch nicht zusagt, Sie täuschen sich gewiß in Ihren Verwandten und finden ein Zusammenleben mit ihnen recht angenehm und erheiternd." „Nicht, nach dem Briefe zu urtheilen," stieß Melitta fast rauh hervor, auf das Schreiben deutend, welches noch geöffnet auf dem Tische lag. „Ich nehme in dem Hause nur die Stellung einer armen Verwandten ein, und das kann mir nie gefallen. Die Familie von Reck war eine stolze Familie; alle meine Ahnen zeichneten sich durch diese Eigenschaft aus, und ich arte nach ihnen. Freilich machte mein Vater eine Ausnahme, sonst würde er an mich gedacht und das reiche Besitzthum nicht so bald verschwendet haben." Der alte Herr nickte verständnißvoll, dann drückte er mit väterlichem Wohlwollen die Hand der verlassenen jungen Dame, und auf dem Heimwege murmelte er beständig vor sich hin: „Das arme Kind — das arme Kind! — der Vater war ein Narr, sie so hülflos in der Welt zurückzulassen — warum hat er nicht besser für sein einziges Kind gesorgt!" Das ansehnlichste Haus am Marktplatz der kleinen Garnisonstadt W. war das Wohnhaus der verwittweten Frau von Neinberg. Mit seinem zierlichen Schnitzwexk unter dem hohen Giebeldach zeichnete es sich Vortheilhaft von den einfachen Nachbarhäusern aus, obgleich die altmodische Bauart verrieth, daß es schon seit Jahrhunderten Wind und Wetter getrotzt hatte. Die Familie Neinberg bewohnte schon seit zehn Jahren dasselbe Wohnhaus und zählte zu den Honoratioren des Städtchens. Sie gaben die feinsten kleinen Gesellschaften, veranstalteten Bälle, arrangirten interessante Picknicks, sogar im Theater oder im Concertgarten stellten die beiden erwachsenen Töchter, Cecilie und Edith, bereitwillig ihre musikalischen Talente zur Verfügung, wenn ihre Dienste erwünscht oder erforderlich waren. So war es kein Wunder, daß die Familie Reinberg als Musterbild häuslicher Zufriedenheit und stillen Glückes von Freunden und Bekannten hoch gepriesen wurde, und Niemand ahnte, daß hinter der heiteren Maske Cecilien's unerträgliche Launen und unter jener Edith's Unzufriedenheit, Neid und Zanksucht verborgen waren. Mutter und Töchter liebten ein geselliges Leben über alles. Ein kleinerer oder größerer Kreis von Freunden war häufig in ihrem Hause versammelt, aber trotz aller Bemühung hatte es der guten Mutter noch nicht gelingen wollen, ihren Töchtern, deren vielfache Fehler sie sehr gut kannte, zu einem eigenen Heim zu verhelfen. „Jetzt soll noch dazu eine arme Verwandte zu uns kommen, die vielleicht sogar aus dem Hause plaudert," murrte Edith, als die drei Damen allein im Wohnzimmer saßen, in dem die gewöhnliche, heitere Maske abgelegt wurde, hingegen Uneinigkeit und Streit häufig überhand nahmen. „Meine liebe Edith, ich sehe die Nothwendigkeit gar nicht ein, sie überhaupt in unsere Kreise einzuführen," versetzte höhnend die ältere Schwester. „Wir halten sie einfach in dem Hintergrund, betrachten sie als Stütze, Näherin, oder wie wir ihre Dienste verwenden können; die Leute sollen gar nicht wissen, daß sie unsere Cousine 603 ist, dann wird sie auch zu keiner Gesellschaft zugezogen." „Das ist auch ganz unmöglich; ich kann doch nicht drei heiratsfähige Mädchen herumführen," ertönte Frau von Reinberg's schrille Stimme. „Ihr Beide müßt erst verheirathet sein, ehe ich meine Nichte in der Welt einführe. Das Mädchen ist auch bettelarm; ich müßte für ihre Garderobe sorgen, wenn wir sie mit uns nehmen wollten, und das kann ich nicht. Es wird mir ohnehin schwer genug, dieses kostspielige Leben in der alten Weise weiter zu führen und — —" „Wir müssen bald eine Abendgesellschaft oder einen Ball geben," unterbrach Cecilie die Mutter ungestüm. „Wir sind es vielen Offizieren schuldig, und Oberst Wellinghof ist wieder hier; er war einige Tage bei seinem reichen Onkel." „Wirklich? oh! das ist gut; der Onkel ist fabelhaft reich, und er ist der einzige Erbe. Er hat mir oft von dem großen Rittergut erzählt, das er später erben wird, und ich gedenke, Herrin darauf zu werden," versetzte Edith, die Schwester mit neidischen Blicken betrachtend. „Du? Na, das ist unerhört; im letzten Garten-Conzert ist er nicht von meiner Seite gewichen." „Weil ich gerade an einer kleinen Bootfahrt Theil nahm," schaltete die Schwester unwillig ein. „Er erzählte mir später, daß er kaum Deine Worte gehört habe, weil er beständig unserm Boote nachschaute." Edith's Augen flammten zornig bei diesen letzten Worten, ihre Stimme bebte vor innerer Erregung. Er hat von seinem Vater ein Vermögen von einer halben Million geerbt, und wenn sein Onkel stirbt, nimmt er seinen Abschied und verwaltet das Rittergut." „Edith! ist das wirklich wahr? ist er so reich?" warf die'Mutter ein, vor Erstaunen ihr Buch fallen lassend. „Ja, ich hörte es gestern im Conzert, Frau Herbert erzählte es mir, sie kennt die Familie ganz genau; und ich will später ganz gewiß Frau Oberst Wellinghof werden." „Ich ebenfalls," schaltete Cecilie ruhig ein. „Meine lieben Töchter, zankt Euch doch nicht wieder," flehte die Mutter. „Ich habe Kopfschmerzen, und das laute Sprechen macht mich nervös. — Mich soll doch wundern, wie diese Melitta sein wird," fügte sie dann hinzu, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. „Zweifellos ist sie ungebildet und häßlich; sie war als kleines Kind durchaus nicht hübsch; ich sah damals ihre Photographie, als ihre Mutter noch lebte." „Sie wird jedenfalls uns keinen Abbruch thun," höhnte Edith. „Ihr Vater lebte dort in dem kleinen Landhause, sie ist nie in der Welt gewesen, hat also auch keine Erziehung genossen; hoffentlich erzählt sie nicht, daß sie mit uns verwandt ist." „Das wird sie nicht thun, wenn ich es ihr verbiete"; versetzte die ältere Dame stirnrunzelnd. „Aber willst Du nicht nach dem Bahnhöfe gehen, um sie abzuholen, Cecilie?" „Ich ganz gewiß nicht!" versetzte die Gefragte. „Ich ebenso wenig!" schaltete die Schwester ein." „Du kannst ja selbst gehen, um sie abzuholen, Mutter, wenn Du so begierig bist, sie zu sehen, oder schicke das Dienstmädchen — Marie kann hingehen, so wird's am besten sein." Nach einigem Hin- und Herreden wurde der Vorschlag angenommen und Marie nach der Station geschickt, um die neue Hausgenossin abzuholen. Es dunkelte bereits, als der Zug einlief. Matt und lebensmüde stand Melitta allein auf dem Bahnsteig und ließ ihre umflorten Blicke trostlos über das rege Menschengewühl schweifen. Lachen und Scherzen, freudiger Willkommengruß schwirrte an ihre Ohren; nur sie stand allein, hier war Niemand, der ihr die Hand zum Willkommen bot; sie fühlte sich elend und verlassen, fast eben so verzweifelt, wie sie vor kurzer Zeit an der Bahre ihres Vaters gestanden hatte. Aber sie blieb nicht unbemerkt. Ein großer, stattlicher Herr mit freundlichem, wohlwollendemAnt- litz mochte die einsame Fremde wohl bemerkt haben, denn höflich grüßend trat er auf sie zu und fragte ehrerbietig: „Darf ich Ihnen meine Dienste anbieten? Sie sind fremd hier, wie ich sehe; werden Sie erwartet?" Melitta hob ihre thränenfeuchten Augen, und als sie in das ehrliche Gesicht des Fremden blickte, erhellte ein mattes Lächeln, wie ein flüchtiger Sonnenschein, ihr bleiches Antlitz. „Ich erwartete abgeholt zu werden," gestand sie offen, „aber ich habe mich gewiß getäuscht. Wollen Sie mir zu einem Wagen verhelfen? ist es weit bis nach dem Marktplatz?" „Nein, nur wenige Minuten; aber da Sie hie fremd sind, nehmen Sie am besten einen Wagen." „Sind Sie Fräulein von Reck?" hörte sie Plötzlich eine schüchterne Stimme dicht an ihrer Seite. Melitta wandte sich freudig um und sah ein frisches rothwangiges Mädchen mit schneeweißer Schürze vor sich stehen. „Ich bin Marie, das Hausmädchen, und soll Sie abholen," fügte sie dann hinzu. „So werde ich wenigstens erwartet," dachte Melitta, erleichtert aufathmend, dann wandte sie sich an den Fremden, der sich inzwischen vergeblich bemüht hatte, einen Wagen aufzutreiben, und die Ankunft der Dienerin gar nicht bemerkt hatte. Kardinal Andreas Sleinhuber 604 „Ich danke Ihnen aufrichtig für Ihren Beistand, ich werde abgeholt." Der Fremde verneigte sich, drückte seine Hoffnung aus, daß es ihr in dem Städtchen gut gefallen möge, und verließ den Bahnsteig. Melitta schaute ihm nach; das Gefühl der Einsamkeit beschlich sie von neuem. Als sie die melodische Stimme des Fremden gehört, in sein edles, aristokratisches Antlitz geschaut hatte, vergaß sie momentan ihre traurige Lage, die ihr jetzt drückender denn je erschien. Dann wandte sie sich an Marie, die sich mit dem Handgepäck zu schaffen machte. „Wie gut, daß Sie gekommen sind, Marie," begann sie, „ich wußte gar nicht, was ick hier allein in der fremden Stadt machen sollte. Können wir jetzt gehen, oder ist hier ein Wagen oder Omnibus?" „Es ist nicht weit, kaum zehn Minuten", erwiderte das Mädchen, und beide gingen raschen Schrittes ihrem Ziele zu. Noch saß Frau von Neinberg mit ihren beiden Töchtern im Wohnzimmer, als Melitta eintrat. Alle drei hefteten ihre kalten, kritischen Blicke auf die arme Waise, und keine von ihnen brachte ein freundliches Wort zum Willkommen über ihre Lippen. Die beiden jungen Damen überzeugten sich sogleich, daß sie in ihrer Cousine eine ganz gefährliche Nebenbuhlerin halten, denn diese liebliche Anmuth hatten sie nicht zu sehen erwartet. Es war doch wirklich schlimm genug, daß sie immer als Hausgenoffin bei ihnen sein sollte, aber daß sie so bildschön war, war doch unerträglich. Die Mutter mochte dieselben Gedanken haben, denn auch sie maß mit strengen, finstern Blicken die arme Nichte. „Du kommst sehr spät," brach endlich Cecilie das peinliche Schweigen. Wir würden Marie nicht geschickt haben, wenn wir das gewußt hätten, da wir sie kaum im Hause entbehren konnten." „Ja, so ist es," pflichtete auch Edith bei. „Du hättest auch ebenso gut allein kommen können. Mir scheint es, Du bist daran gewöhnt, allein im Dunkeln auszugehen." Purpurgluth bedeckte die bleichen Wangen der Fremden. „Nein," versetzte sie eisig, „ich gehe nie im Dunkeln allein, und ich bedaure, daß Marie lange ausgeblieben ist. Wir waren uns fremd, daher wartete sie, bis sich die Menschenmenge verlaufen hatte, und ich wußte ja auch nicht, was ich machen sollte." „Bist Du zu Fuß gekommen?" Frau von Neinberg blickte ihre Nichte bei diesen Worten durchbohrend an. Aus dem schroffen Benehmen ihrer Töchter ersah sie endlose unangenehme Folgen; aber sie wagte nicht, ihnen entgegen zu treten. „Ja! Marie sagte, der Weg sei nicht weit, und es war kein Wagen zu haben," lautete die kurze Antwort. „Marie hat ebenso unüberlegt gehandelt; sie hätte vorher einen Wagen nehmen müssen. Hoffentlich hat Dich Niemand gesehen." „Wenn mich Jemand gesehen, so würde man mich nicht für eine Verwandte dieses Hauses gehalten haken," gab Melitta kalt zurück; denn ihr Stolz empörte sich gegen diesen unerwarteten Empfang. „Nein, gewiß nicht," gab Frau von Reinberg zu, „aber du wir gerade dieses Thema begonnen haben, Melitta, so sollst Du gleich erfahren, daß wir übereingekommen sind, Dich nicht als eine Verwandte in unsere Kreise einzuführen. Dein Vater war ja auch nur mein Stiefbruder, daher ist die Verwandtschaft nicht einmal nahe. Es ist mir höchst fatal, daß ich Dir gleich am ersten Abend erklären muß, daß wir Dich nur aus Mitleid aufnehmen; aber man soll hier in der Stadt nicht erfahren, daß wir arme Verwandle haben. Es könnte nachteilig für meine Töchter werden; hoffentlich hast Du mich verstanden So, Du willst Dich gewiß gern in Dein Zimmer zurückziehen. Wir essen pünktlich um acht Uhr zu Abend." Melitta richtete sich stolz empor. „Soll das heißen, daß ich an den Mahlzeiten Theil nehme?" fragte sie eisig. „Wenn wir allein sind, gewiß, ist aber Besuch da .." „Werde ich in meinem Zimmer bleiben," ergänzte Melitta bitter. „Auch heute Abend bleibe ich lieber allein; ich bin müde und von der Reise angegriffen." „Sehr gut. Marie," wendete sich die Hausfrau an die Dienerin, die soeben eintrat, „zeige Fräulein von Reck ihr Zimmer und bringe ihr Thee zum Abendessen. Gute Nacht, Melitta." „Gute Nacht, Frau von Neinberg," und ohne einen Blick auf die Cousinen zu werfen, verließ Melitta hoch aufgerichtet das Gemach. „Mutter, was sollen wir thun? Sie ist bildschön und überschattet uns beide," stöhnte Edith, als sich die Thür hinter Melitta geschloffen hatte. „Wenn wir das früher gewußt hätten, so wäre sie jetzt nicht hier." „Sie darf nicht hier bleiben, Du mußt ihr ein anderes Unterkommen verschaffen," wandte die Schwester ein. „Regt Euch nicht auf, Kinder; gewiß, sie darf hier nicht bleiben: es ist unmöglich," tröstete die Mutter und sann schon auf Mittel und Wege, sich so schnell wie möglich der Armen zu entledigen. ^ 2. Kapitel. Mittlerweile lag Melitta auf ihrem harten Lager in dem kleinen niederen Mansardenstübchen mit den kahlen Wänden, dem schmalen, hohen Dachfenster und weinte, als ob ihr das Herz brechen wollte. „Ich will hier nicht bleiben," stieß sie zu wiederholten Malen hervor, „lieber bei freundlichen Leuten eine untergeordnete Stellung einnehmen, als hier bei diesen stolzen Leuten bleiben! O, Vater, Vater, warum hast Du nicht besser für Dein Kind gesorgt, warum hast Du mich so allein in die erbarmungslosen Welt hinausgestoßen," rief sie verzweifelt. Aber kein Vater hörte das verlassene Kind. Nach und nach wurde sie ruhiger, ihre wirren Gedanken sammelten sich zu einem stillen Seufzer. „Ach, lieber Gott, hilf! Du allein kannst helfen!" stammelten endlich ihre blassen Lippen. Wußte sie im Augenblick auch nicht, was sie erbitten sollte, sie flüchtete doch zuversichtlich an Gottes treues Vaterherz. „Er macht es besser als wir denken," fuhr sie in ihrem Sinnen fort, dann schloffen sich ihre müden Augenlider zum ersten Schlaf in ihrem neuen Heim. Als sie am nächsten Morgen nach unruhigem Schlummer erwachte, hatte sie das Gefühl, als hielte ein schwerer, unheilvoller Traum noch ihre Sinne umfangen. Doch ein Blick in die elende Dachkammer, auf die nackten Wände und den hölzernen Schemel an ihrem Bette setzte sie schnell in die Wirklichkeit zurück. Sie gedachte der langen mühsamen Reise und dann des Empfangs ihrer Verwandten. --->^ Ä-Ls. W?kL fÄL-M,V WW ^; ?HHHM 606 „Sie haben mir nicht einmal die Hand gereicht/' klagte sie unter Thränen, „ich werde mich hier niemals wohl fühlen." Ein lautes Pochen an der Thür weckte sie aus ihren dumpfen Träumen. Marie kam, um sie zum Frühstück in das Speisezimmer zu führen. Augenscheinlich hatten die drei Damen ihre Gesinnung über die neue Hausgenossin geändert, denn Cccilie lächelte die Cousine freundlich an, auch Edith ging auf sie zu und reichte ihr die Hand. Die alte Dame schien befriedigt, denn sie nickte ihren Töchtern verstündnißvoll zu, dann umarmte sie die erstaunte Nichte und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. „Du hast Deines Vaters Züge, hoffentlich hastDunichtseinen Leichtsinn geerbt," begann sie. „Wir haben hier im Hause viel Arbeit; wir wollten uns schon eine Hülfe nehmen, aber jetzt, da Du gekommen bist, müssen wir sehen, daß wir allein fertig werden. Bist Du geschickt in Handarbeit?" „Ja!" „Kannst Du Hüte garniren?" fragte Ce- cilie ungestüm. „Und Kleider anfertigen?" warf Edith ein. „Ich habe beides für mich stets gethan," lautete die Antwort, „aber gewiß seid Ihr anspruchsvoller, wie ich es bin." „Hast Du dasKleid selbst gemacht, was Du an hast? es sitzt vorzüglich ",fuhrEdith fort, mit kritischen Blicken den Anzug der neuen Cousine betrachtend. „Ja; ich machte meine Kleider stets allein." „Gut. Ich will Dir einige meiner Kleider nach dem Frühstück zeigen; sie müssen umgeändert werden. Eine Schneiderin würde sich zu viel dafür bezahlen lassen; dann fehlt mir auch ein Gesellschaftskleid." „Ich will helfen so gut ich kann," versicherte Melitta, nur mühsam ein verächtliches Lächeln unterdrückend, daß das Benehmen der Cousinen sich über Nacht so gänzlich geändert hatte. (Fortsetzung folgt.) — —I««i—- Goldkörner. Vieles wünscht sich der Mensch, und doch bedarf er nur wenig; Denn die Tage sind kurz und beschränkt der Sterblichen Schicksal. Bedernau. (Mit Illustrationen.) Bedernau, im Alterthum „Werdernaw," „Wetternau" geheißen, ist ein volkreiches Pfarrdorf !//z Stunden westlich von Pfaffenhausen, an einem in's Kammelthal abfallenden Hügelgelände, und zählte stets zur alten Herrschaft Mindelheim, deren erste Inhaber die Welf'schen Vasallen von Mindelberg waren. Im Jahre 1250 stiftete Schwigger von Mindelberg in seinem Dorf Werdernaw ein Wilhelmitenkloster, welches, im Jahre 1256 von Papst und Bischof bestätigt, schon i. I. 1257 die Ordensregel der Eremiten des hl. Augustin annehmen mußte und später nach Mindelheim verlegt wurde. Nach Pl.Braun(Htst.- top.Bschrbg.1S.179) geschah die Verlegung desKlosters 1264, das ist aber nach der uns vorliegenden Urkunde v. I. 1275, betr. den Verkauf des Hofes zu Bergenstetten an „die Brüder so da geheißen sint von Bedernaw" (wörtlich) nicht richtig, sondern waren vielmehr die Augustiner- Eremiten damals — 1275 — noch in Bedernau. Die Verlegung des Klosters nach Mindelheim scheint jedoch bald darauf stattgefunden zu haben. Als sie erfolgte, bestätigte Schwigger von Mindelberg die Kirche von Bedernau dem Kloster i. Mindelheim. Im Jahre 1288 nahm Heinrich von Mindelberg den Kirchensatz von Bedernau wieder an sich und gab dem Augustiner-Kloster dafür den Kirchensatz von Mindelau. Die Inhaber der Herrschaft Mindelheim im 16. Jahrhundert, die Herren v. Frundsberg, gaben Bedernau mit Baumgärtl wieder an reiche Stadtbürger als Afterlehen, so nach dem Bauernkriege an die Stebenhaber aus Memmingen. J.J. 1556 waren Marx und Johann Egolf Stebenhaber im Lehenbesitz von Bedernau. I. 1.1590 war David Weiß, Bürger von Augsburg, im Ortsbesitz. Als am Anfang des 17. Jahrhunderts die Herrschaft Mindelheim in den Besitz des Herzogs Max von Bayern gelangt war, erlangte der reiche Augsburger Bürger Hans Oesterreichs um 1616 Bedernau als bayer. Lehen. Er präsentirte i.J. 1617 den Fr. Bronner und nach dessen Rücktritt 2. April 1618 den PH.Schrueff als Dedernau. (Schloß der Freiherren v. Castell.) Original-Aufnahme von Gustav Baader, Photograph in Krnrnbach. fVervielfältigurigSrecht vorbehalten.) ^-2 WM' 607 Pfarrer, der bei Beginn des Jahres 1633 starb. D. Oesterreichs präsentirte dann den Gg. Dischmacher. Ob dieser das Pestjahr 1635 überlebte, ist nicht bekannt. Die Gemeinde hatte 1635 außerhalb des Dorfes für die an der Pest Gestorbenen den Pestgottesacker angelegt, den sie 16 Jahre nach der Pest — im Jahre 1651 — arg vernachlässigte. General- vicar Zeiler befahl darum nach der Visitation, daß der Pestgottesacker mit einer Mauer umgeben werden müsse. Nach Pfarrer Dischmacher's Tod, der zwischen 1635 und 1640 erfolgt sein mochte, wurde die Pfarrei Bedernau meist von Breitenbrunn aus versehen. Im Jahre1646 erhielt Bedernau, nachdem der imKriege„arg zergangene Pfarrhof" reparirt war, wieder einen eigenen Pfarrer — Hans Mäher, den Hans Christ. Oester- reicher am 20. April 1646 präsentirte. JmJahre 1665 zog Pfarrer Mayer auf die Pfarrei Mindelau, und Hans Christoph Oesterreicher präsentste den 31. Mai den Martin Bisse! (1665 bis 1680) alsPfarrer. Bald darauf verkaufte Oesterreicher die Ort- schaftBedernau an den Grafen Wolf Bernhard vonMuggenthal, dessen Geschlecht die Herrschaft als bayerisches Lehen fast 100 Jahre lang — von 1665—1762 — behauptete. Im Jahre 1762 fiel die Herrschaft Bedernau von den Grafen v. Muggen- thal an Bayern heim, das den Hof-Zahlmeister v. Kretz damit belehnte, der aber schon nach 4 Jahren, 1766, Bedernau wieder gegen die Hofmark Rätzenhofen (Nieder- bayern) eintauschte. Bedernau war nun 13 Jahre lang (1766—1779) unmittelbar bayerisch, bis im Jahre 1779 die Kaiserin Maria Theresia im bayerischen Erbfolgekrieg die Herrschaft Mindelheim auf kurze Zeit an sich zog und Bedernau dem kaiserlichen General v. Ried als ein „Kunkellehen" überließ, (v. Naiser.) So kurz wie der bayerische Erbfolgekrieg war auch die österreichische Herrschaft in Bedernau. Im Jahre 1781 war der Flecken schon wieder bayerisch, und Churfürst Carl Theodor belehnte nun im Jahre 1782 den churpfälzischen Finanzminister Freiherr» v, Ca stell mit dem Lehen Bedernau, dessen Nachkommen es heute noch in Besitz haben. Am 26. März 1789 präsentirte Joseph Leopold Neichsfreiherr von Ca stell— „Herr der Herrschaft von Bedernau, zu Rhörda und Neilra, Ober- und Nieder-Egelbach, Steinhaufen und Mittersendling, Sr. churfürstlichen Durchlaucht zu Pfalzbayern wirk!, adeliger Hofgerichtsrath zu Mannheim, dann Hofkammerrath und Hofkassierer in München" — den Norbert Pfanzelt als Pfarrer (1789—1815). Pfarrer Pfanzelt's Pfarramtsführung dauerte also gerade so lang wie die französische Nevolutionsperiode, die im Jahre 1789 begann und 1815 abschloß. Ihm folgten Bened. Schnitzer (1815 bis 1825), Johann Gg. Koneberg (1826 bis 1835), der Oheim unseres unvergeßlichen Herrn Dom- kapitulars Joh. Gg. Hafenmayr und des gewesenen Hrn. Pfarrers ?. Hermann Koneberg in Otto- beuren, ferner Decan Joh.Deisler(1835bis 1840),JosephRampp (1840bis1848),Ant. Stiegeler (1848 bis 1884), Konrad Neitz (1884 bis 1888), Anton Mahr (seit 1888). Bei der Säkularisation wurde ein frei- herrl. v. Castell'sches Patrimonial - Gericht zweiter Classe errichtet, dasselbe aber später aufgehoben und auch die niedere Gerichtsbarkeit der Ortschaft Bedernau dem königl. Landgericht Mindelheim zugetheilt. Der dermalige Inhaber des Lehens und Schloßgutes mit Grundherrschaft ist Herr Domkapitular undGeneralvicar Frz. Xaver Freiherr vonCastell inAugs- burg, Urenkel des churpfälzischen Finanzministers, der vom Churfürsten Carl Theodor die Herrschaft Bedernau zuerst, anno 1782, zu Lehen erhielt. -- Zu unl-ren Bildern. Kardinal Andreas Steinhulicr. *) Das Ereigniß, daß ein Bayer mit dem Purpur des Kardinals geschmückt wurde, ist zu bedeutungsvoll, als daß es Übergängen werden dürfte. Ww finden in der Geschichte mehrfach bayerische Kardinäle, *) Aus der sehr empfehlenswerthen Wochenschrift „Das Bayerland", redigirt von H. Leher, herausgegeben vonR. Olden- bourg in München. Kedernau. (Schloß und Kirche.) Original-Aufnahme von Gustav Baaber, Photograph in Krnmbach. fVervielfältigungSrecht vorbehalten.) MKtzM 608 Prinzen unseres Königshauses, Mitglieder unserer großen adeligen Familien, insbesondere Bischöfe unserer einstigen reichs- unmittelbaren Bisthümer. Aber äußerst selten werden wir finden, daß ein Sprosse einer bürgerlichen Familie des Landes diese hohe Würde der katholischen Hierarchie erreicht hätte; insbesondere in den früheren Jahrhunderten, während wir in der Gegenwart den verstorbenen Kardinal Hergenröther zu nennen hätten. In dem jetzt vorliegenden Falle bat der Kreis Niederbayern die Freude, den neuen Kirchenfürsten seinen Landsmann nennen zu dürfen. Der vor Kurzem durch Leo XIII. zum Kardinal erhobene D. Andreas Steinhuber wurde geboren am 11. Novbr. 1825 als Sohn des Raumoserbauern Chrysant Steinhuber und seiner Frau Maria geb. Hölzl aus der Pfarrei Birnbach zu Unteruttlau, Pfarrei Uttlau, Bezirksamts Griesbach. Es war eine mit acht Kindern gesegnete Familie, nämlich fünf Brüder und drei Schwestern, wovon Kardinal Steinhuber der jüngste ist; zwei Brüder davon find seit einigen Jahren gestorben, ebenso zwei Schwestern, wovon sich eine dem Klosterleben widmete und in Nymphenburg starb. Es leben gegenwärtig außer dem Kardinal noch zwei Brüder, nämlich Chrysant Steinhuber, Privatier in Griesbach, und Engelbert Steinbuber, Oekonom in Unteruttlau, sowie eine Schwester, Anna Propsteder, geb. Steinhuber, Oekonomenwittwe in Endbam bei St Salvator. An der großen Freude nehmen Theil 19 Enkel und Enkelinnen, nicht minder die Geschwister des hohen Würdenträgers, auch alle Verwandte, welche diesem Stamme angehören, die gesammte Diözese Passau und der Kreis Niederbayern. 1836 kam Steinhuber an die kgl. Studienanstalt Passau, welche damals der als Pädagoge und Schulmann heute noch berühmte Rektor Peter Brunner leitete. Steinhuber absolvirte das Gymnasium 1844. Die alten Kataloge der Anstalt lassen ihn jedes Jahr unter den Preisträgern erscheinen, fast in allen Jahren auf dem dritten Platze im allgemeinen Fortgange. Im Deutschen und in der Geschichte erhielt er wiederholt den ersten Preis. 1844/45 machte er noch den I. philosophischen Kurs am königl. Lyceum in Passau durch, dann kam er in das Germanium nach Rom. In der Lateran-Basilika wurde er am 19. April 1851 zum Priester geweiht; am Ostersonntag (20. April) feierte er sein erstes hl. Meßopfer. Der spätere Kardinal Hergenröther, der berühmte Apologet Hettinger, die Brüder Hurter, der jetzige Bischof Battaglie von Chur waren dort seine Mitschüler. Als Dr. xbil. et tdsol. kehrte er im Juni 1853 aus Rom zurück. Nach damals bestehenden staatlichen Bestimmungen widmete er sich im Schuljahre 1853/54 an der Universität München dem Studium der in's Verwaltungs- und Rechtsfach einschlägigen theologischen Gegenstände. Vom 27. Mai bis 12. Aug. 1854 versah er die Stelle eines Hofkaplans bei Ihrer Königl. Hoheit Herzogin Louise von Bayern und ertheilte dem Prinzen Karl Theodor Unterricht im Italienischen, den Prinzessinnen Marie, Mathilde und Charlotte in der Religionslehre. Ende September desselben Jahres kehrte er nach Passau zurück. Von Oktober 1854 bis Oktober 1857 wirkte er als Stadtpfarr- Kooperator in Jnnstadr-Passau. Ende Oktober desselben Jahres trat er in St. Andrä (Kärnten) in das Noviziat der Gesellschaft Jesu ein. Nach überstandener Probezeit wurde er Professor, zuerst der Philosophie, dann der Theologie, an der Universität Innsbruck. Im Jahre 1867 kehrte er als Rektor in das deutsch-ungarische Kollegium zurück, dessen Leitung er bis Herbst 1880 behielt. Während er dieses Amt bekleidete, wurde er (1873) gleichzeitig zum Theologen der apostolischen Pönitentiarie ernannt, was er bis jetzt geblieben ist. Außerdem hat er bislang bei den Kongregationen der Inquisition, der Propaganda und der außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten gewirkt. Am 16. Januar 1893 verlieh ihm Leo XIII. im geeimen Konsistorium den Purpur, behielt ihn aber in xotto. Die Publikation erfolgte im Konsistorium des 18. Mai 1894. Wir sind in der angenehmen Lage, den werthen Lesern des „Unterhaltungsblattes" das Porträt Seiner Eminenz des Herrn Kardinals nach der jüngsten Photographischen Aufnahme von F. de Federicis in Rom bieten zu können. _ Nor dem Amisvorsteher. Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis erbricht! Das mußte auch heute der alte Sepp erfahren. Schon längst hatte der Herr Förster bemerkt, daß im Gemetndewalde ein Holzfrevler sein Spiel treibe, nur konnte der Dieb nicht eruirt werden. Verdacht hatte er freilich schon immer auf den Sepp, allein der verstand es eben, sich nicht erwischen zu lassen. Ein Dieb war der Alte, wie er meinte, eigentlich nicht. Er war ein armer Teufel, was man sagt, und glaubte eben, auf etliche Stämme Holz könne es dem Herrn Wald-Besitzer unmöglich ankommen. Allein das Gesetz ist strenge und der Herr Förster auch. Heute wurde der Seppl auf frischer That ertappt und muß nun mit- sammt dem oorxns äslioti, dem Holzhündel, vor den Amtsvorsteher. Da steht er als Angeklagter vor der hohen Behörde mit geballten Fäusten und wildrollenden Augen, als hätte ihm der Förster, der ihn mitgenommen, ganz und gar Unrecht gethan. Wie wird die Sache wohl enden, Sepp? Wir befürchten, nicht gut. --SÄ8SLS-- Allerlei. Militärische Reminiscenz. Theaterdirector sam 15. des Monats den Gang zur Kasse durch eine Schaar Schauspieler und Schauspielerinnen versperrt findendj: „Bitte, zurück da, meine Herrschaften, aus der Vorschußlinie I" * Selbsterkenntniß. sAus dem medicinischen Examens Professor: „Können Sie mir ein besonders markantes Beispiel von den verderblichen Wirkungen des Alkoholismus anführen?" Student stief aufseufzend^: „Mein Schweigen!" Eine gute Freundin. Emma: „Hast Du gehört, daß sich unsere Freundin, die Paula, verlobt hat? Wollen wir sie nicht 'mal besuchen?" — Marie: „Wozu denn? Da läßt sich doch nichts mehr dagegen machen!" Umschreibung. A.: „Nun, wie war denn das diesjährige Manöver?" — Major: „O, drei Generale blieben als Civilisten auf dem Platze." -— - Himmelsschau im Monat Oktober. —/. Merkur wird Abendstern, aber kaum sichtbar, da er höchstens 40 Min. länger am Westhimmel bleibt, als die Sonne. Venus Z ist als Morgenstern kaum noch sichtbar, da sie zuletzt erst 6 U. morgs. aufgeht. Mars F wird der hellste Stern am Himmel, leuchtet die ganze Nacht und bewegt sich vom Widder gegen die Fische. Am 15. befindet er sich in der Nähe des Mondes. Jupiter R geht anfangs um 9 U. 30 M., zuletzt 7 U. 30 M. abds. auf. Am 18. Sternschnuppen östlich vom Orion, besonders in später Nacht. --S-8ÜS-S- ZLi der-Aäthsel. Auflösung der räthselhaften Inschrift in Nr. 77: Damen-Coups. ^L79. Ircitag, den 28. September 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Map Hutkler). Die Werte des Kaufes. Erzählung von C. Borges. (Fortsetzung.) Cccilie ließ sich über die neuesten Moden in der Residenz und Melitta's Heimath unterrichten, und kaum war das einfache Frühstück beendet, als beide Damen der neuen Hausgeuossin die verschiedensten Toiletten zeigten, die sämmtlich umgeändert und erneuert werden sollten. „Du kannst hier in diesem Zimmer arbeiten," bemerkte Edith herablassend, „denn wir benutzen es selten, da wir häufig in Gesellschaften sind oder unten im Salon unsere Besuche empfangen. Du kannst vom Fenster aus den ganzen Markt überblicken, und da der Gasthof gerade gegenüber liegt, wird es Dir nie an Unterhaltung fehlen. Es ist oft sehr interessant, den regen Fremdenverkehr zu beobachten." Melitta antwortete nichts. Der Gedanke, hier in diesem Zimmer von Morgen bis Abend, einen Tag wie den andern, ohne Abwechselung arbeiten zu müssen, raubte ihr fast die Besinnung und gern hätte sie gleich heute noch ihre wenigen Sachen zusammengerafft, um in die weite Welt hinauszuwandern. — So schlichen Tage und Wochen langsom dahin. Der reiche, üppige Herbst mit seinen glänzenden Farben hatte dem eisigen Winter Platz gemacht. Rauhe Winde spielten mit den letzten dürren Blättern, wirbelten sie hoch in die Luft, und die kahlen Bäume streckten wie wehklagend die nackten Zweige zum Himmel empor. Der Winter hatte die warme Lebenslust von der Erde gestreift, die Blumen waren dahin und die Vöglein fortgezogen. Mehr denn je fühlte sich Melitta wie eine Gefangene; denn sie war an ein freies, ungebundenes Leben gewöhnt, und jetzt durfte sie ohne Erlaubniß nie das Haus verlassen; denn obgleich die Töchter freundlich im Umgang mit ihr blieben, die Mutter sogar ihr erlaubte, sie mit „Tante" und „Du" anzureden, so konnte sie sich doch nicht heimlich fühlen. Zahlreiche Gäste gingen in dem offenen Hause ein und aus. Melitta blieb unverdrossen bei ihrer Arbeit; sie hörte das heitere Lachen, das muntere Geplauder ihrer Cousinen, ebenso das Geklirr der Tassen, Gläser und Teller; aber Niemand dachte daran, ihr eine kleine Erquickung zu bringen, wiewohl sie oft darnach lechzte. Oberst Wellinghof war ein häufiger Gast, aber trotzdem hatte Melitta ihn noch nie gesehen. Cecilie und Edith wurden nicht müde von ihm zu erzählen — sein Reichthum', seine geistreiche Unterhaltung, seine edlen Züge und die seelenvollen Augen waren der unerschöpfliche Unterhaltungsstoff, bis Melitta müde wurde und den Namen nicht einmal mehr hören mochte. So vergingen langsam die Wochen im unerträglichen Einerlei, und schon rückte das Weihnachisfest mit seinen mancherlei Freuden und Festlichkeiten herbei. Die Offiziere der kleinen Garnison veranstalteten im Casino wie alljährlich einen großartigen Ball, und Melitta mußte fleißiger denn je bei ihrer Arbeit sitzen, um neue Ballkleider für diesen Festabend zu verfertigen. Sie selbst war so jung und lebenslustig; sehr gern hätte sie an dem Vergnügen theilgenommen, und ihr Loos schien ihr in diesen Tagen doppelt schwer zu ertragen, da eine glückliche Schickung die Cousinen aus dem reichen Füllhorn mit Freude und Glück überschüttet hatte, während ihr nur Mühe, Sorge und Arbeit zugefallen war. Vielleicht ahnte Edith die Gedanken ihrer Cousinen, denn sie vertrösteten dieselbe auf spätere Zeiten, wo sich gewiß bald Gelegenheit finden werde, zur Belohnung ihres unermüdlichen Fleißes ein Theater oder Concert zu besuchen. Endlich war der lang ersehnte Festtag herbeigekommen. Es war ein rauher, kalter Dezembertag. Hoch lag der festgefrorene Schnee in den Straßen; schwere blauschwarze Wolken wälzten sich am Himmel, doch trotz der grausigen Witterung hat Cecilie ihre Cousine mit einem unbedeutenden Auftrag in die weit entlegene Wohnung einer Freundin geschickt. Von Neuem empörte sich der Stolz in Melitta's Herzen; selbst Marie, das Hausmädchen, hatte sich geweigert, sich bei diesem Unwetter in's Freie zu wagen und, eine leichte Erkältung vorschützend, Melitta den Auftrag ihrer Herrin überbracht. Ein eisiger Wind branste und heulte in den entlaubten Aesten über ihrem Haupte, als sie fest in ihren Mantel gehüllt, den Rückweg antrat. Von Alinute zu Minute schien der Sturm heftiger zu werden, nur mit größter Mühe konnte sie gegen denselben ankämpfen. Dichter Schnee mit Hagel vermischt schlug ihr in's Gesicht und verdunkelte ihre Blicke, so daß es fast unmöglich schien, vor- oder rückwärts zu kommen. Melitta stand verzweifelt, machtlos lehnte sie gegen den Stamm einer alten, knorrigen Eiche, in deren Aesten eine Schaar Krähen ihr heiseres Geschrei in das trostlose Geheul des Sturmes mischten. 610 „Singt mir mein Todenlied da oben, ihr schwarzen Nachwöge!," rief sie aus, zu der krächzenden Schaar aufblickend, die hoch über ihr flügelschlagend gegen die Strömung der Luft ankämpfte, denn sie wagte fast nicht mehr auf Rettung aus diesem Unwetter zu hoffen. Nach und nach wurde sie ruhiger; auch die Kraft der entfesselten Elemente in der Luft schien gebrochen, der Sturm raste weniger heftig, und vorsichtig verließ daS vor Frost und Kälte an allen Gliedern zitternde Mädchen den schützenden Baumstamm. „Ich will diese demüthigende Behandlung nicht länger ertragen," flüsterte sie leise vor sich hin, „noch heute will ich meiner anderen Stieftante einen Brief schreiben und sie um Hülfe bitten. Sie will mich zwar nicht in ihrem Hause aufnehmen, aber sie wird mir zu einer Stelle verhelfen. Nach Edith's Aussagen ist sie eine reiche, aber sehr excentrische alte Jungfer", fuhr sie in ihrem Selbstgespräch fort, „aber nach allem, was ich von ihr gehört habe, wird sie mir trotz ihrer Launen und Eigenheiten doch gut gefallen. Ich habe doch eine gute Erziehung genossen, bin sehr musikalisch, und hier habe ich gar keine Gelegenheit, meine Talente zu verwerthen. — Einen Versuch will ich machen, nur muß ich vorsichtig sein, damit Edith und Cecilte nichts merken, sonst komme ich in den Verdacht, mich in Tante Lydia's Gunst einschleichen zu wollen, um sie später zu beerben. Bah! ich denke gar nicht an Geld und Reichthum, nur-" Ihr Gedankenflug nahm ein jähes Ende. Ohne des glatten, eisigen Weges zu achten, hatte sie ihre Schritte beschleunigt, sie rutschte — taumelte und fiel auf die Erde. Erschreckt, vom Fall halb betäubt, versuchte sie sich aufzurichten; dabei fühlte sie einen brennenden Schmerz am Kopf, auch den rechten Arm hatte sie dermaßen verletzt, daß sie sich nicht auf denselben stützen konnte. Verwirrt schloß sie die Augen, doch plötzlich fühlte sie, daß sie von der feuchten Erde aufgehoben wurde, und eine melodische, bekannte Stimme fragte theilnehmend: „Haben Sie sich verletzt, mein Fräulein " Melitta blickte auf. Eine leise Nöthe überzog ihr bleiches Antlitz, als sie in ihrem Netter jenen Fremden erkannte, der ihr schon damals auf dem Bahnsteig, seine Hülfe angeboten hatte; nur erschien er heute in seiner glänzenden Offiziersunisorm noch stattlicher, als in dem schlichten, grauen Reiseanzug. Auch der Offizier schien Melitta wiederzuerkennen, das bleiche Antlitz mit dem unendlich traurigen Ausdruck hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. „Ich habe mich nur ein wenig verletzt," antwortete sie auf seine Frage, „mein Arm scheint verrenkt, es wird sich bald wieder bessern, und mein Kopf muß auf einen spitzen Stein gefallen sein." Beim Schein einer nahen Laterne bemerkte er eine nicht unbedeutende Stirnwunde, aus der langsam Blut zu träufeln begann. „Sie müssen bald Ihre Stirn kühlen," rief er besorgt, haben Sie noch weit zu gehen?" „Nur bis auf den Markt; ich bin bald am Ziel. Es war recht thöricht von mir, nicht besser auf weinen Weg zu achten und zu fallen, aber es ist so glatt." „ES ist auch kein Wetter für Damen, ohne Schutz auszugehen; es wurde mir selbst schwer genug, mir meinen Weg zu bahnen und gegen Wind und Wetter zu kämpfen." Melitta drückte mit zitternden Fingern ihr Tuch fest auf die Stirnwnnde, die heftiger zu schmerzen begann, und ein Gefühl großer Schwäche und der Ohnmacht übermannte sie. „Ich werde Sie heim geleiten," entschied der Offizier, „Sie können sich kaum aufrecht halten." „Ich danke Ihnen — Sie sind sehr gütig — ich fühle mich wirklich matt und — —" Es dunkelte vor ihren Augen; sie würde von neuem zur Erde gefallen sein, wenn sein starker Arm sie nicht beschützt hätte. „Sie müssen so schnell wie möglich heim, hier, nehmen Sie meinen Arm, versuchen Sie, ob Sie gehen können. Stützen Sie sich nur immerhin fest auf mich, ich bin stark genug, Sie zu tragen, wenn es nothwendig wäre." Diese Worte gaben Melitta ihre Kraft zurück; sie nahm den dargereichten Arm, und fest darauf gestützt setzte sie langsam den Weg fort. „Frau von Neinberg wird erschrecken, wenn sie erfährt, daß ihr Gast auf dem Wege diesen Unfall erlitten hat," bemerkte der Fremde, als Melitta das Ziel ihres Weges angegeben hatte. „Ich bin dort kein Gast; ich wohne bei ihr," versetzte Melitta ruhig. „Aber ich sah Sie dort noch niemals und gehe doch so viel im Haufe ein und aus. Wie geht das zu?" „Oh! das ist sehr einfach. Ich bleibe in meinem Zimmer, und wenn Gäste im Hause sind, darf ich mich überhaupt nicht sehen lassen. Ich bin ja nur eine arme Verwandte, die aus Mitleid aufgenommen ist," fügte sie dann bitter hinzu; sie vergaß momentan, daß sie zu einem Fremden sprach, und das Gefühl ihrer trostlosen Lage hatte sie vollständig überwältigt. „Weiß denn Frau von Neinberg, daß Sie bet diesem schaurigen Wetter ausgegangen sind?" fragte der Offizier mit strengen Blicken. „Ja, sie schickte mich selbst, da das Mädchen über Erkältung klagte. Aber," fügte sie hinzu, sich plötzlich besinnend, daß sie mit einem Fremden sprach, „bitte, vergessen Sie meine Worte und sagen Sie nicht wieder, was ich Ihnen vorschnell von meiner Stellung sagte. Frau von Neinberg liebt es nicht, mich als Verwandte in ihre Kreise einzuführen." „Ihr Vertrauen soll nicht mißbraucht werden, Fräulein-" „Melitta von Reck ist mein Name," ergänzte das junge Mädchen. „Oh! den Namen habe ich oft gehört. Georg von Neck war ein Freund meines Onkels, der jetzt ein großes Rittergut in Helmstadt hat. Ganz in der Nähe wohnt auch ein altes Fräulein, Lydia von Reck. Aber jetzt, da Sie mir Ihren Namen gesagt, ist es nur recht und billig, daß ich mich Ihnen vorstelle. Richard Wellinghof, Oberst im hiesigen Dragoner-Regiment." „Oberst Wellinghof!" rief Melitta fast erschreckt aus. „O, ich hatte mir von Ihnen eine ganz andere Vorstellung gemacht!" „Wirklich? Darf ich fragen in wie fern ich Ihrer Vorstellung nicht entspreche?" fragte er ernsthaft. „Nun, ich hörte so oft Ihren Namen, meine Cousinen erzählten nur von Ihnen, singen Ihr Loblied in allen Tonarten, so daß ich Sie für sehr stolz und hoch- müthig hielt. 611 Der Oberst lachte. „Hoffentlich haben Sie Ihre Meinung geändert," sagte er scherzend. „Gewiß. Sie sind gegen mich sehr gütig gewesen, sowohl heute, als auch an jenem Abend, als ich hier eintraf," gestand Melitta. „Leider kannte ich Sie damals noch nicht, oder ich würde Sie begleitet haben. Hätte ich jetzt nur gewußt, daß Sie bei Reinbergs wohnten, so würde ich Ihnen für den heutigen Ballabend eine Einladung geschickt haben, leider ist es jetzt zu spät." „Meine Tante würde es nicht erlaubt haben; Sie sehen, ich trage auch noch Trauerkleidung für meinen Vater, besuche also auch keinen Ball, wiewohl ich so gern dem Vergnügen zugeschaut hätte." „Sie werden für die nächste Festlichkeit eine Karte bekommen," versicherte er höflich. „Ah! ich freue mich schon jetzt darauf. Doch hier sind wir am Ziel. Gute Nacht, Herr Oberst, und Dank für Ihre Begleitung; ohne Ihren Beistand wäre ich gewiß nicht so gut heimgekommen." „Darf ich hoffen, Sie bei meinem nächsten Besuch zusehen? Ich muß doch erfahren, ob dieser Fall auch keine nachtheiligen Folgen für Sie hat." „Nein, ich glaube, wir werden uns nicht wiedersehen," versetzte Melitta zögernd. „Und ich bitte, sagen Sie auch nichts von diesem Unfall, meine Tante möchte zürnen, daß Sie mir Beistand geleistet haben. Wollen Sie mir versprechen, darüber zu schweigen?" Sie sah flehentlich zu ihm empor, und als er in daS blasse, bleiche Gestchtchen schaute, konnte er nicht widerstehen und führte ehrerbietig die kleine bebende Hand an seine Lippen. „Gewiß, wenn Sie es wünschen," versicherte er schnell, „obgleich mir die Erfüllung Ihrer Bitte schwer werden wird; leben Sie wohl." Naschen Schrittes wandte er sich um, den Weg nach dem Castno nehmend. „Wie schade, daß sie heute Abend nicht an der Festlichkeit Theil nimmt," dachte er bei sich selbst. „Sie ist fast noch ein Kind, aber ein liebliches und, wie es scheint, unglückliches Kind. Warum hält Frau von Neinberg sie in dem Hintergrund?" grübelte er weiter. „Fa- milienstolz — oder fürchtet sie, daß diese kindliche Schönheit ihre eigenen Töchter in den Schatten stellt? Ich werde es bald genug erfahren." Inzwischen hatte Melitta sorgfältig die Spuren ihres Unfalls verwischt, die kleine Stirnwunde mit ihren welligen Haaren bedeckt, auch der Arm verursachte weniger Schmerzen. So betrat sie das Wohnzimmer, in dem die drei Damen gewöhnlich zu finden waren. „Du bleibst sehr lange!" rief Cecilie der Ankommenden zürnend entgegen. „Du mußt mir noch bei der Toilette helfen, mein Haar frisiren, und wenn Du nicht bald anfängst, so bleibt Dir für Edith sehr wenig Zeit übrig." „Du hast Dir gewiß die hell erleuchteten Schaufenster in den Läden angesehen?" rief Edith erregt dazwischen, „und dabei vernachlässigst Du Deine Pflichten." „Daran habe ich gewiß nicht gedacht", versicherte Melitta erröthend, „es war auch viel zu kalt und stürmisch, um mich lange draußen aufzuhalten; aber die Wege waren so glatt, ich konnte nur langsam vorwärts kommen." „Nun, stelle zuerst vorsichtig mein Blumenbouquet in's Wasser, aber behutsam, daß die Spitzenmanschette nicht feucht wird. Oberst Wellinghof hat es mir geschickt." „Nimm meine Blumen gleich mit; sie dürfen hier im warmen Zimmer nicht länger bleiben," befahl Edith. „Sind diese Blumen nicht entzückend? Glaubst Du nicht, daß mein Bouquet daS schönste ist?" Melitta näherte sich dem kleinen Seitentische, auf dem zwei herrliche Blumensträuße prangten. Das eine Bouquet aus Rosen und Maiglöckchen, das andere aus Kamelien und Veilchen bestehend. Sie waren beide gleich kostbar und prachtvoll, und Melitta konnte kaum einen leisen Seufzer unterdrücken, als sie gedachte, daß der Oberst ihr ebenfalls einen gleichen werthvollen Strauß geschickt haben würde, wenn er von ihrem Dasein eine Ahnung gehabt hätte. „Sie find beide herrlich", sagte sie, die Blumen bewundernd, „wenn ich zu wählen hätte, so wüßte ich nicht, welchem ich den Vorzug geben sollte." Cecilie lachte bei diesen Worten, während Edith stolz ihr Haupt zurückwarf. „So, jetzt hörst Du selbst, was Melitta sagt", rief sie hochmüthig. Deine Blumen sind also durchaus nicht schöner wie die »reinigen." „Vielleicht nicht, „höhnte Cecilie, „aber mein Bouquet besteht aus Rosen. — Rosen schenkt man bei einer Verlobung — werde noch heute Abend WellinghofS glückliche Braut sein!" „Nur, wenn er sich nicht mit mir verlobt," warf Edith boshaft ein. „Komm, Melitta, hilf mir bei meiner Toilette." „Melitta muß mir zuerst helfen; ich bin die älteste," gebot Cecilie. „Ja, Du bist bedeutend älter, daran zweifelt Niemand," gab die jüngere Schwester zurück, dann verließ sie das Gemach. Es waren für Melitta zwei schwere, lange Stunden, ehe die Toilette der Damen zur Zufriedenheit beendet war und sie endlich zum Casino fuhren, dann setzte sie sich hin und weinte bitterlich. „Soll ich mein ganzes Leben in dieser Weise zubringen?" klagte sie laut, „dann möchte ich lieber sterben; ich bin matt und todesmüde." Doch bald trocknete sie ihre Thränen; der Brief für Tante Lydia mußte in Eile geschrieben und zur Post 'besorgt werden, denn eine passendere Gelegenheit war nicht leicht zu finden. 3. Kapitel. „Ich bin ganz rathlos! Was in aller Welt sollen wir nun beginnen? Ich habe hin und her überlegt, kann aber gar keinen Entschluß fassen! Wenn es nicht um Deinetwillen wäre, Cecilie, so würde ich noch im letzten Augenblick die ganze Festlichkeit aufschieben. Aber Du bist ja fest überzeugt, daß Oberst Wellinghof sich endlich mit Dir verloben wird; ich begreife überhaupt nicht, daß es nicht schon lange geschehen ist! Du glaubtest doch auf dem letzten Ball im Castno so sicher zu sein." Frau von Neinberg's Stimme war erregt, ihre Nerven überreizt; ein unangenehmer harter Zug zeigte sich stets in ihrem strengen Antlitz, wenn sie die feine Gesellschaftsmaske abgelegt hatte. Sie war heute mit ihren beiden Töchtern und mit Melitta im Arbeitszimmer; die letztere wie gewöhnlich unermüdlich und fleißig mit einer Näharbeit beschäftigt. Sie schreckten schon lange nicht mehr davor zurück, in Gegenwart der Cousine die unerquicklichsten Unterhaltungen zu führen, gehässige Bemerkungen über Bekannte oder Freunde zu wachen, war doch Melitta in ihren Augen so gut wie eine Wachspuppe, deren Veröffentlichungen der häuslichen Scenen sie nicht zu fürchten hatten. Heute hatte Frau von Neinberg freilich Ursache genug, fast zu verzweifeln. Es sollte in ihrem Hause am folgenden Tage, als am Vorabend des Weihnachtsfestes, eine glänzende Abendunterhaltung stattfinden, zu der die Einladungen bereits sämmtlich angenommen waren. Oberst Wellinghof sollte die beste Gelegenheit finden, sich mit Cccilie zu verloben, denn zuerst wurden lebende Bilder, darnach kleine Aufführungen und zuletzt ein gemüthlicher Ball arrangirt, natürlich fielen die Hauptrollen dem Oberst und der ältesten Tochter des Hauses zu. Nun war im letzten Augenblick der Klavierspieler, der bei den Bildern zur Begleitung der Aufführungen zum Tanze und sogar in den Pausen spielen sollte, krank geworden, und zwar so ernstlich, daß an sein Erscheinen am Abend der Festlichkeit nicht mehr zu denken war. Auch war die Zeit viel zu kurz, um aus der nahen Residenz eine neue Kraft zu engagiern, kein Wunder daher, daß bet dieser unerwarteten Wendung die arme Mutter rath- und fassungslos war. „Wir dürfen die Festlichkeit nicht aufschieben, die Zeit ist viel zu kurz, auch sind alle Einladungen angenommen," bemerkte Cccilie mit der größten Kaltblütigkeit. »Ich will auch morgen Wellinghof's Braut werden, wir hätten uns schon auf dem letzten Ball verlobt, aber Edith kam jedesmal im kritischen Augenblick dazwischen und störte uns im Alleinsein. Wenn Du es morgen ebenso machst," fügte sie, mit drohenden Blicken ihre Schwester ansehend, hinzu, „so wirst Du es später bitter genug bereuen, wenn ich erst Herrin auf dem großen Nittergute und fabelhaft reich bin." „Hm! das wirst Du nie werden," versetzte die Schwester verächtlich, „ich habe ebenso viel und wohl noch mehr Aussicht wie Du." „Kinder, ich bitte Euch, zankt Euch heute nicht," flehte die Mutter, „helft mir lieber, wie ich einen Klavierspieler bekomme. Ich muß gestehen, ich bin noch in meinem Leben nicht in einer so großen Verlegenheit gewesen — was sollen wir nur thun?" „Darf ich spielen?" Es war Melitta, die diese Frage gestellt hatte, Unbemerkt hatte sie ihre Arbeit niedergelegt und stand jetzt hoch aufgerichtet ihrer Tante gegenüber. Sie war fast noch bleicher denn sonst, ihre Wangen waren eingefallen und zeugten deutlich von Ueberanstrengung und Ueberbürdung; doch ihre Singen leuchteten lebhaft und kindlich bittend schaute sie die erstaunten Verwandten an, als sie ihre Frage wiederholte: „Darf ich spielen?" „Du? Kannst Du spielen?" fragten betroffen die beiden jungen Damen. Sie hatten sich bisher noch gar nicht die Mühe gegeben, nach den Kenntnissen der armen Cousine zu fragen und hatten es für selbstverständlich gehalten, daß außer ihrer Handarbeit die Leistungen sehr gering sein müßten. „Ja, ich spiele gern," lautete die entschiedene Antwort. „Aber wie spielst Du?" forschte Edith. „Wir haben noch uie einen Ton von Dir gehört." „Weil Ihr mir nie Gelegenheit dazu gegeben habt. Ich war zu meiner Ausbildung im Konservatorium und habe mir dort den Preis errungen." „Kannst Du denn auch Tanzmusik spielen?" fragte die Tante mißtrauisch. „Gewiß", versetzte Melitta entschieden. Frau von Neinberg überlegte. „Ich sehe wirklich nicht ein, warum Melitta nicht die Stelle des Klavierspielers einnehmen sollte", sagte sie dann langsam. „Wir sind dann aus der Verlegenheit und es werden uns v;ele Mühen und Kosten erspart. Es wird Niemand erfahren, daß Du zur Familie gehörst, denn es werden oft Damen zum Spielen engagiert; man wird Dich für eine solche halten. Hast Du ein Gesellschaftskleid?" „Ich habe ein Kleid, das genügen wird. Da ich noch Trauerkleider trage, ist keine große Toilette erforderlich." „Ganz gewiß nicht," warf Cecilte unmuthig ein, der diese Wendung wenig zu gefallen schien, „in Deinen Verhältnissen würde eine gute Toilette Veranlassung zum Anstoß geben." „Ein einfaches schwarzes Kleid genügt vollkommen," gab auch Edith zu. „Ein solches trug auch die Klavierspielerin bei Frau Herbert bei der letzten Soiree; sie sah sehr gut darin aus und Niemand hielt sie für einen Gast oder ging in den Pausen zu ihr, um ihr Spiel zu bewundern." Melitta schwieg. Eine heftige Entgegnung schwebte zwar auf ihren Lippen, aber sie unterdrückte ihren Un- muth. Sie wollte sich jetzt noch den Verwandten nützlich machen, damit die Ueberraschung desto größer sei, wenn sie unerwartet vor sie treten würden, um zu sagen, daß sie das Haus ihrer Peiniger auf immer verlasse. „Ich will nicht ein einfaches Hauskleid anziehen, nur um mich ihnen gefällig zu erweisen," dachte sie bet sich selbst, als sie ihr prachtvolles schwarzes Sammetkleid betrachtete, welches sie hier noch nicht getragen hatte. „Es ist ebenso schon wie Ceciliens, wenn nicht noch schöner wie das ihrige." Vergebens bemühten sich die beiden jungen Damen, Melitta's Toilette zu sehen; sie schwieg beharrlich und sagte nur: daß sie wie gewöhnlich in Schwarz erscheinen würde. Der nächste Tag war für Melitta sehr anstrengend. Unaufhörlich wurde sie hin und her geschickt, keinen Augenblick fand sie Ruhe, kaum hatte sie die langen Tafeln im Speisesaal gedeckt, als sie wieder neue Anordnungen im Ballsaal oder im Garderobenzimmer treffen sollte. „Sorge dafür, daß Du den Damen beim Ablegen der Mantel hilfst," hatte die Tante stirnerunzelnd geboten, als Melitta in ihrer eleganten Toilette mit leicht gerötheten Wangen ihr Zimmer verließ; sie bemerkte mit Mißfallen, daß das junge Mädchen heute einem jener lieblichen Engelsgesichter glich, denen man nur selten begegnet. Und dennoch fühlte Melitta sich nach all den anstrengenden Pflichten, die ihr heute auferlegt waren, todesmatt und müde, dabei sollte sie gleich 3—4 Stunden, vielleicht noch länger. hintereinander sitzen und spielen, ehe sie ihr müdes Haupt zur Ruhe legen konnte. (Fortsetzung folgt.) -—SSWNS-- Goldköruer. Unparteiisch sein ist nur dann eine Ehre, wenn die Parteien sich versöhnen können, ohne Gott, die Wahrheit und daö Recht zu verleugnen. K. — 613 Die letzten Erzfeinde Spaniens nnd des Christenthums auf den Philippinen. (Schluß.) Das Blut der Glaubensboten war nicht vergebens geflossen; doch hatten sie immer mit heimtückischen Gefahren zu kämpfen, und mehr denn ein Mal mußten die Jesuiten auf Mindanao ihre blühenden Missionen von Neuem aus Schutt und Trümmern wieder aufbauen. Noch im Jahre 1721 wurde Zamboanga (an der Küste) von der Flotte der mohammedanisch-malayischen Seeräuber angegriffen und nur durch das schwere Geschütz der Spanier gerettet. Die Insel Mindanao — die südlichste — bietet in Bezug auf die außerordentliche Fruchtbarkeit und seltene Schönheit dasselbe Bild, das wir vom ganzen Archipel gegeben, und hat namentlich in Hinsicht auf Wasserfülle (auch herrliche Binnen-Seen) und Wald- reichthum von den andern Inseln den Vorzug. Der Flächeninhalt wird bis auf 94400 glrm. angegeben, und schätzt man Mindanao fast gerade so groß wie die Königreiche Bayernfund Württemberg zusammen.*) Das stimmt jedoch nicht mit dem Größenverhältnisse des ganzen Archipels von 170,585 glrm. Denn — da die Insel Luzon (Manila) noch größer als Mindanao ist, so würde der Eesammtflächenraum dieser zwei Inseln allein schon die Größe des ganzen Archipels überragen, selbst wenn sie gleichgroß, und dazu kommen noch 10 „größere" (von den 1200!) Inseln, darunter 3 bedeutende. (!) Vielleicht ist die Größe des ganzen Archipels zu gering angegeben (es fehlt überhaupt noch an statistischen Erhebungen). Wie dem nun sein mag, immerhin ist Mindanao bei feiner Größe, wenn diese auch nur 84,000 beträgt, sehr gering bevölkert, da nach der, wie es scheint, auch problematischen, statistischen Angabe diese große Insel nur 600,000 Einwohner hat, während sie mehr als 6 Millionen haben könnte. (?) Es sind jedoch der Einwohner mehr, wenn die Specialangaben richtig; denn es sollten auf Mindanao im Jahre 1890 wohnen: 216,000 Katholiken, 125,000 mohammedanische Malayen, 300,000 Heiden, — etwa 4000 heidnische Negritos, 3000 Spanier, — Militär, Beamte, Missionäre, Kaufleute rc., wohl auch einige Hundert anderer, europäischer und amerikanischer Geschäftsleute und an 2000 Chinesen (wo diese „Juden Ostasiens" sind, muß es auch etwas zu gewinnen geben). — Die Insel Mindanao ist es also, wo noch die Erzfeinde Spaniens nnd der christlichen Civilisation Hausen: die Moros — mohammedanische Malayen mit ihren Sultanen und den besonders gefährliche Da tos — zu Vasallen herabgesunkene, frühere kleine Könige und die uncultivirtesten der Heidenstämme. Seeräuberei und Sklavenfang ist das Handwerk der Moros und der wilden Heidenstämme. Auf der Anzahl der Sklaven beruht das Ansehen und die Macht der Datos und auch der Häuptlinge der wilden Malayen-Stämme; ganze Dörfer werden entvölkert. Was die Seeräuberei betrifft, so haben die Spanier den schwersten Standpunkt; denn sie besitzen weder die Geschicklichkeit, noch die Tollkühnheit der Piraten, und auch nicht die geeigneten Fahrzeuge. Auf ihren leichten, seichtgehenden Booten gleiten die Moros blitzschnell auf den *) Bayern umfaßt 75853 gkm., Württemberg 19,503; zusammen 95,366. Wogen dahin und können von den Spaniern — selbst auf leichten Kanonenbooten, nicht eingeholt werden. Und kommen sie je in eine gefährliche Klemme, dann stürmen sie über Klippen und Wasserfälle hinab — und die Spanier haben das Nachsehen. — Erst jüngst haben die Moros wieder eine blutige Greuelthat verübt. Unter Anführung eines Dato, Namens Ali, haben sie die Militärstation Lepanto überfallen, alles niedergemacht, was ihnen in den Weg gekommen, Kirchen und Altäre zerstört, den Commandanten, den Hauptmann der Besatzung und 12 Mann fortgeschleppt. Sie ermordeten auf dem Marsche die beiden obersten Militärführer und drei Frauen, die, ermüdet nicht weiter folgen konnten. Der Befehlshaber der Station Valenzia, der Missions-Pater von Neu-Sevilla und der Fähnrich einer Polizeitruppe eilten an der Spitze von 400 Mann den Moros nach. Erst nach unbeschreiblichen Strapatzen hatten sie den Feind eingeholt, auch überfallen; und es glückte ihnen, denselben in die Flucht zu schlagen. — Die grausamsten der Heiden sind die wilden Stämme der Baganis und ihrer Verwandten, der Bagobos. Nach dem Berichte eines Missionärs fallen unter den Mordwaffen der Baganis auf Mindanao jährlich weit über 200 Personen, und ndch beträchtlicher ist die Zahl der Weiber und Kinder, die als Sklaven fortgeschleppt werden. In der Mission des Paters allein werden jährlich an 60 Personen „umgebracht" und an 100 zu Sklave» gemacht. — Nicht besser, wohl aber noch grausamer sind die Bagobos. Beider Genuß ist es, ihre Wuth im Christenblut zu stillen. Sie graben ihr Opfer bis zum Lendengürtel in die Erde, tanzen wild singend längere Zeit um den Unglücklichen, dann endlich tödten sie ihn langsam im Lanzenwerfen, reißen der noch warmen Leiche die Eingeweide heraus und verzehren sie. Ein friedfertiges und schön gestaltetes Heiden« Volk sind die Mandaya's. Sie sind gelehrig und dienstfertig, offen und gastfreundlich. Dem rohen Naturzustände sind sie schon weit entrückt. Sie lieben und pflegen streng sociale Ordnung, haben einen Gouverneur, einen Kapitän und einen Lieutenant für Aufrechterhaltung der Ordnung und für den Kriegsfall; sie haben ferner Richter, und über Allen steht der Aelteste des Volkes als König. Auch besitzen sie eine große Sammlung überlieferter Gesetze. Uebrigcns ist auch unter diesem Volke, je nach den Stammzweigen, die Verfassung verschieden. Die Mandayas glauben an zwei gute Götter — nnd an zwei böse Götter — oder Geister. Die guten Götter sind Mansilatan, der Vater und Badla, der Sohn. „Gott" — der Vater wohnt im Himmel, „Gott" der Sohn regiert die Erde. Von Beiden komnit alles Gute, und sie helfen aus den schwersten Krankheiten, Gefahren und schützen vor Unglück. Die bösen „Götter" sind Pondaugnon (Ponda-ugnon) und sein Weib Malimbong; von ihnen kommt alles Unglück nnd Unheil, die Krankheit, sowie das Erdbeben (das auf dem vulkanischen Boden der Philippinen so häufig eintritt). Die Mandayas haben Prieste rinnen mit einer Oberpriesterin. Wenn diese Heiden in schweren Nöthen zu ihren guten Göttern beten, so rufen sie inbrünstig auch den Vater an, von seinem Himmel herab zur Hülfe zu kommen; nnd dabei werden die hölzernen Bilder der beiden bösen Götter tüchtig durch ge- 614 prügelt. Die Mandayas glauben an ein Fortleben nach dem Tode; wie sich aber dasselbe denken, ob sie an ein Leben im Jenseits und an einen Himmel und eine Hölle glauben, darüber können wir nichts berichten. Immerhin finden bei den Mandayas die Missionäre einen fruchtbaren Boden. — Von den christlichen Malayen sind es vor allen andern die „Visayas," welche besonderes Interesse verdienen. Sie werden die „alten Christen" genannt, sind treue, fromme Gläubige und gehorsame Bürger und sind geistig sehr begabt. Die VisayaS, oder Bissaya's, wie sie in den Berichten der alten Missionäre heißen, waren schon vor Ankunft der Spanier ein ziemlich civilisirtcs Volk und waren mit den Tagalen die ersten, welche das Christenthum annahmen. Durch ihre Tapferkeit leisteten sie den Spaniern von jeher große Dienste, namentlich im Kampfe gegen die Moros (auch gegen die Holländer im 17. Jahrhundert). Aus ihnen setzt sich fast die ganze Miliz der Spanier auf Mindanao zusammen. In den Gewerben besitzen sie eine überraschende Geschicklichkeit, und ihre Industrie erreicht den Höhepunkt in Anfertigung eines Gewebes, dessen Fäden so fein sind, daß sie ein Luftzug zerreißen könnte. Es ist das Pinja-Ge- webe, aus Ananasfasern, dessen Ausfuhr jährlich in dem einzigen Hafen Jlo — ilo auf über 16 Millionen Mark (nach deutschem Geld) geschätzt wird und namentlich nach Peking und London wandert. Dieses merkwürdige Gewebe hat auf europäischen und amerikanischen großen Ausstellungen allgemein Bewunderung erregt. So haben wir denn im fernsten Osten ein katholisches Jnselreich. Ja, es ist daS eine der schönsten und großartigsten geistigen Eroberungen, welche auch die leibliche Wohlfahrt von Millionen von Menschen zur Folge hatte. Denn diese Völker sind nicht nur aus dem finstersten, unheilvollsten Aberglauben, sondern auch vor dem gänzlichen Untergang gerettet worden. Diese armen Völker haben sich nicht, wie es leider bei den Länder-Eroberungen gewöhnlich geschehen und noch da und dort der Fall ist, vermindert, oder sind etwa gar bis zum Absterben herabgesunken; sondern haben sich im Gegentheile vermehrt und zwar um Millionen! Mit der weisen religiösen Eroberung hat sich eben auch eine weise politische Eroberung von Seite der spanischen Regierung vereint, welche den Rathschlägen der kundigen und edelsinnigen Missionäre gefolgt. Man trachtete darnach, Sitten, Sprache, Freiheit und Besitzthum der Eingeborenen, in soweit es immer möglich, zu erhalten und nicht zu zerstören. Behutsamen Schrittes führte man sie der Veredlung entgegen; — eine Kolonialpolitik, die mancher Staat sich.zur Lehre nehmen kann! — Nun fehlt nur noch die völlige Doppeleroberung der Insel Mindanao. Die religiöse Eroberung ist, seitdem die Väter Jesu, durch endliche Zulassung seitens der spanischen Regierung vom Jahre 1863 ab, wieder auf Mindanao wirken, bereits bis zur Hälfte vorgeschritten. Die politische Eroberung dagegen hat noch eine größere und schwere Arbeit zu vollbringen. Von ihren 5 Provinzen an der Küste, ist sie indeß in den jüngsten 15 Jahren in'S Innere etwas vorgedrungen; und auf die obengemeldeten grauenhaften Unthaten hin haben die Spanier, wie es scheint, sich entschlossen, energischer vorzugehen. General Blanco aus Manila ist mit dreitausend Mann an Ort und Stelle gerückt, während an der Küste die Flotte operirt. Wir dürfen hoffen, daß unter Gottes Hilfe in nicht zu ferner Zeit auch auf Mindanao der heilsame Doppelsieg errungen sein werde. — I. G. Fußcnecker. --»-IWI-—-- Vedrmrenschloß El-Golea m der Sahara. Von Theodor Habicher. iNachdruck verboten.) Schloß „El-Golea", von den Berbern „La Taori" und von seinen Bewohnern auch „El-Menia" genannt, liegt unter 30° 21V 12" nördlicher Breite und 0° 47' 40" östlicher Länge, also beinahe am Meridian von Algier. Die zahlreichen Stadtruinen, sowie die Chronik der Vergangenheit berichten von einer einstigen Einwohnerzahl von 6000 Seelen. Die Stadt ist auf einer Plattform eines der drei die Oase beherrschenden Hügel erbaut. Der erste, auf dessen Gipfel ein großer kegelförmiger Steinhaufen zum Andenken an eine von Sid Abou Hass gemachte Pilgerreise errichtet wurde, wird Megrunet Sidi Chciker-Hügcl genannt; der zweite, dessen Ausdehnung etwas kleiner und der an Höhe den ersteren überragt, diente als auserschener Bauort für das Beduinenschloß, welches seinem Aussehen gemäß der in strategischer Hinsicht bedeutendste Punkt ist; der dritte besteht aus einem riesigen Haufen röthlicher Töpfererde, auf dessen Gipfel einige große Felsblöcke ruhen, die in späterer Zeit, durch die Einflüsse des Regens beeinträchtigt, zur Erdabrutschung beitragen werden. Von den Arabern wird dieser Hügel „Tin Bon Zid" genannt. Die am Fuße desselben befindliche Grabstätte wurde von einem hochverehrten Marabout (Priester des Islams) errichtet, und zur frommen Erinnerung an ihn erhielt der dritte Hügel seinen Namen. Das Castell ist von einer drei Meter hohen Mauer umgeben und befindet sich in noch halbwegs gutem Zustande. Ein Theil seiner Ruinen bildet ein undurchdringbares Labyrinth, in welchem es einem, in Folge der vielen unterirdischen Gänge und Gewölbe, äußerst schwer fällt, sich zu orientiren. Diese letzteren dienen gegenwärtig den Nomaden als Magazine. Der dort wohnende Schloßhütcr ist die einzige lebende Person in diesen verödeten Hallen, und ihm ist der Schlüssel zu dem Schloßthore in Verwahrung übergeben. An der Hinterfront der Beste erhebt sich eine steile, vier Meter hohe Böschung, auf deren triangelförmigem Plateau das von einer Ringmauer umgebene Fort erbaut ist. Der Aufstieg vom Schloß zum Fort besteht in mehreren, in Felsen gehauenen Tritten und befestigten eisernen Klammern, welche zur Sicherheit des Auf- und Abstieges angebracht wurden. Auf dem Plateau befindet sich eine alte, baufällige Moschee, an deren südlicher Mauerseite die zur Erinnerung an die Expeditionen des Generals Gallifet und Oberst Velin eingravirten Inschriften zu lesen sind. Vom Fort aus genießt man in der Richtung nach West und Süd eine unbegrenzte Fernsicht. Die Stadt „El-Golea" hatte, wie Ouargla, eine Glanzperiode. Riesige Datteln- und Palmen-Haine bedeckten das ganze Thal, bewässert von den vielen Cisternen und künstlich angelegten Wasserleitungen; es existirt noch eine davon, die Eigenthum des Si-el-Ala ist. Vier andere könnten ohne besonders große Kosten hergestellt werden. In der Nachbarschaft zu Hasst El-Bckai und zu Hasst Muses existiren noch drei, die unter den Namen Fegaguir Ali 815 oder Attou bekannt sind. Die Oase erstreckt sich bis nach Onplin, woselbst es viele schöne Gärten hat. Am 23. Djoumad el Abdul (23. Dezember 1661) langte der von Gourara kommende Reisende El-Aichi zu El-Golea an. In seinen Reiseberichten drückte sich der kühne Forscher über die Lage und Beschaffenheit der Oase folgendermaßen aus: ^ „Wir reisten von Gourara ab; kaum hatten wir jedoch einige Wegstunden zurückgelegt, als sich uns der Samoum in seiner ganzen schrecklichen Gestalt zeigte. Die Leute der Karawane litten auf die schrecklichste Weise, denn wenn man nur einen Augenblick die Augen öffnete, so waren sie mit Sand gefüllt; trotz all dieser Unannehmlichkeiten verloren wir nicht unsern Muth und erreichten endlich, obwohl zu Tode ermattet, die uns rettende Oase El-Golea. Dir Burg gleichen Namens ist auf einem Granitfelsen erbaut und bildet einen isolirtcn Hügel, desgleichen hat es dortselbst viele Cisternen, deren Wasser sehr frisch und gut ist. Auch fehlt es nicht an Dattelbäumen und Palmen, welche durch ihre schattenspendenden Aeste wohlthuend bei der Hitze auf die Menschen einwirken und deren Früchte äußerst schmackhaft sind. „Die Stadt steht unter der Herrschaft des Sultans von Ouargla, der dortselbst einen Amel (Gouverneur) eingesetzt hat. Letzterer ist ein Beduine, ohne Schuhe und ooiüuro, angethan mit schmutziger Kleidung, abstoßende Umstände, die aber nicht verhindern, daß er sich trotzdem von seinen Unterthanen Respekt zu verschaffen weiß." El-Golea war bewohnt von dem Cheikh El Hadj Sid Abou Hass ben el Ouali es Salah Sid Abdel- Kader ben Mohamed ben Seliman ben Bon-Smahu, Marabout (geheiligter Araberpriester), der in diesem Landstriche unter dem abgekürzten Namen Sid Esch-Cheikh bekannt war und von seinen Unterthanen sehr respektirt wurde. Seine Nachkommen sind heute unter dem Namen Ben-esch-Che!kh sowohl in den Gegenden des Tells, sowie in der Sahara bekannt. Seit jenen Tagen nahm das Gedeihen der Oase den Krebsschritt an. Die Chaamba-Mouadhi, welche die gegenwärtigen Schloß- und Gärtenbesitzer sind, wohnen beinahe immer in ihren Zelten auf den großen Steppen, die sie als Nomaden durchstreifen, und nur in den heißesten Sommermonaten, sowie gegen Beginn Oktobers halten sie sich in den kühlen Schloßräumcn vorübergehend auf, um gleich darauf wieder ihr uustätes Leben weiterzuführen. Die nur in geringer Zahl existirende dauerhaft ansässige Bevölkerung besteht aus einigen Familien der Zenata, Abkömmlinge von Gourara und weniger vom Sklavenjoche befreiter Neger, deren Zustand äußerst miserabel ist. Am Fuße des Schloßhügcls befinden sich einige von den dauerhaft niedergelassenen Arabern bewohnte Stein- baracken und mehrere Gubbas (Art Kapelle mit 4 regelrecht aufgeführten Mauern und einer Kuppel, deren Spitze ein Halbmond ziert; die Außenseiten sind mit Kalk getüncht, und die kleine Eingangspforte befindet sich gegen Sonnenaufgang), die zur Erinnerung der Ouled Sidi Cheikhs errichtet wurden. Die Chaamba gehören der Araber-Nasse verschiedener Abstammung an. Sie bilden drei unter den Nomaden verschiedene Gruppen mit diversen Namens- bezeichuungen, die auf ihre Abstammung zurückführen. Nämlich: 1. die Chaamba Bon Nouba oder Chaamba von Ouargla; 2. die Chaamba Berezga oder Chaamba von Metlili; 3. die Chaamba von El-Golea oder Chaamba Mouadhi, von den Touareg auch Cherenba ouan Taorit genannt. Die Letzteren stammen von den Ouled Madi von Bouzadi und von den Ouled Zid von Biskra ab und zertheilen sich wieder in fünf Traditionen von ziemlich gleicher Stärke: die Ouled Nrcho, Zweiglinie, zu welcher die begütertsten und einflußreichsten Familien zählen; die Ouled Zid, Mouadhi, Ouled Feredj und Ouled Sidi El Hadj Uahia, welch letztere im Wege der Adoptirung zu Lehen erhobene Marabout der Ouled Sidi Cheiks und Abkömmlinge der Ouled Uahia wurden und gegenwärtig Beria bewohnen; sowie die dauerhaften Wohnsitz habenden, genannt Zenata, im Ganzen mit einer Anzahl von 1500 Einwohnern. Die Mouadhi, ein von den anderen Arabern sich isolirendes Tribü, bewahren heute noch sehr primitive Sitten und sind sehr intim mit den Gourara, den Touat und den Tidikclt. Den Kindern derselben wird schon in der frühesten Jugend eingeschärft, alle Koumi (Christen) zu hassen und für den Erhalt ihrer Freiheit zu jeder Stunde bereit sich zu halten, ihr Leben zu lassen. Dieses Tribü, wie schon bereits bemerkt, nimmt jedoch nur bei der heißesten Saison Besitz von Schloß El-Golea. Nach dem Pflücken der Datteln, von denen die Oase ungefähr 6000 Palmen besitzt, und Abführung der noch anderen diversen Früchte in die Schloßkeller, zerstreuen sie sich in der ungeheuren Wüste Sahara, woselbst sie von der Gazellen- und Mouflon- (Art Hirschkuh) Jagd, sowie von Kameel-Milch sich ernähren. Dieses zwar rauhe, jedoch unabhängige Leben würden die Mouadhi unter keinem Umstände, selbst mit den noch so gut situirtcn Bürgern oder anderen Nomaden Nord-Algeriens, vertauschen. Von frühester Kindheit an alle Mäugel, Entbehrungen und Strapazen gewöhnt, nahm, im beständigen Kampfe mit den Elementen, der Mouadhi- Araber einen unabhängigen, harten, wilden Charakter an, der beim Zusammentreffen mit ihm einen gewissen beängstigenden Eindruck hervorbringt. Als unermüdliche Reiter besitzen sie bewundernswerthe Mahara (Dromedare), mit welchen sie Proben von unübertreffbarer Schnelligkeit und Ausdauer ablegen. Hievon nur ein Beispiel von Chaamba Bou Haus ben Haodh. Derselbe befand sich auf Besuch bei einem seiner Freunde zu KSar-El-Arab (in Salah), als er erfuhr, daß sich ein Wüstcnprediger vorbeigehend zu Fares Oum El-Lil, 75 Kilometer von Ksar-El-Arab, aufhielt. Nach dieser vernommenen Nachricht sattelte er sofort seinen Mahari und ritt an einem Freitag gegen 10 Uhr vormittags ab; noch am selben Abende stieß er auf die ihm als Wüstensohn nur zu bekannten Spuren eines als Schnell- läufer dressirten Kameels, das kein anderes als das des Predigers sein konnte; allein die Fußspuren wichen von der erst angegebenen Richtung ab und dirigirtcn sick gegen El-Golea, woselbst er Dinstag morgens ankam. Somit legte er in 96 Stunden eine Strecke von 475 Kilometern mit ein und demselben Dromedar zurück. Ich glaube, daß bis heute nicht viele derartige Ritte unter den angeführten Umständen ausgeführt wurden und dieser wohl der einzige in seinem Genre gewesen sein mag. Als vorzüglicher Schütze ernährt der Mouadhi seine Familie von Gazellen- und Mouflon-Flcisch. Als Führer leistet er Staunenswerthes, denn er kennt alle 616 Pfade und Saumwege und weiß sich gut zurechtzufinden in dem immensen Labyrinthe des Erg. Als abenteuerlustiger Plünderer wird er von seinen Nachbarn stets mit Argus-Augen beobachtet. Das ungeheuer große, von den Mouadhi in Kreuz und Quer durchzogene Terrain hat als seine Grenzen: im Süd und im Südostcn die Contreforts des Tad- mit gegen Maader, im Südwester! und Westen den inneren Theil jenes Plateaus, welches in seiner Erhebung gegen Süden die von den Arabern so genannte Gebirgskette Bas-Tadmit bildet, den oberen Lauf des Oued (Fluß) Mcguiden, gegen Erg Sedra, und den nördlichen Theil gegen Hasst bou Zid des großen Erg, im Norden und Nordwcsteu endlich den Theil der Chcbka, im Süden Hassi Tscmed, den Oued Zergoun zu Onm el Hadaj, und von diesem Punkt in gerader Richtung folgend gegen den Oued Segguer, indem man diesem in einem Drittel seines Laufes folgt bis Korid el Thahal, woselbst der Scgguercr Fluß in den ungeheueren Sand-Dünen des großen Erg spurlos versiegt. Dieses sind die Grenzen, welche die Nettesten des Tribüs bezeichnen. Ein Blick auf eine gute Karte kann einem die leichtere Orientirung verschaffen, daß das kleine Tribü der Chaamba Mouadhi ganz abgeschlossen von der Außenwelt in diesem ungeheueren, wenig bewohnten Wüstendistricte ist. Obwohl von vielen täglichen Gefahren umstellt, entsetzt sich der Mouadhi doch dieser Eventualität halber nicht und läßt zur größeren Sicherheit in den Magazinen des Beduinen-Schlosses El-Golea alle seine Reichthümer, in Datteln, Getreide, Wolle, Fellen u. s. w. bestehend, zurück. Er führt nur die zu seinem Unterhalte nothwendigsten Gegenstände mit sich und bleibt in der Wüste des Erg während voller 8 Monate. Vergangenen Jahres wurden von französischer Seite eifrige Nachforschungen in Betreff der Bodenverhältnisse in El-Golea angestellt. Von den Bewohnern des Landes erhielt man die sich als wahr bestätigende Nachricht, daß vor circa 100 Jahren artesische Quellen existirten. Die angestellten Versuche ergaben das Resultat, daß an drei verschiedenen Stellen bei einer Grabung zwischen 17 bis 45 Metern Tiefe man auf ein Wasserbecken stößt. Allerdings ist es nöthig, eine Felsenschicht in der Dicke von zwei Metern Durchmesser zu sprengen, wodurch dann das größte Hinderniß beseitigt wäre. In strategischer Hinsicht wäre El-Golea für die französische Colonie Algerien^von großer militärischer Wichtigkeit, da es gleichsam der Communications- Mittelpunkt zwischen Algerien und dem Senegal ist. In hygienischer Beziehung ist El-Golea bedeutend gesünder als die Oase Ouargla, woselbst voriges Jahr ein starkes Fort erbaut wurde, deren Klima aber einem Europäer den Aufenthalt nicht länger als sechs Monate gestattet, in Folge des dort grassirenden Fiebers und anderer epidemischer Krankheiten. Selbst der als Nomade lebende Araber flieht in den Monaten Mai, Juni und Oktober diesen Fieber-Ort. Sollte der von Seite des General-Gouverneurs von Algerien gemachte Vorschlag bei der Regierung Anklang finden, so wird in Bälde ein kleines Detachemcnt von eingeborenen Tirailleurs (Schützen) und Spahis (Cavallcrie) in El-Golea Garnison beziehen, und der Verfall des Beduinen-Schlosses El-Golea wird dann entweder beschleunigt oder aufgehalten werden. Allerlei. Elementarereignisse zur Zeit Heinrichs deS Löwen und Kaiser Barbarossa's. Darüber sagt AbelS Chronik von Halberstadt: „Der Theuerung und Pest nicht zu gedenken, die schon 1150/51 g'rasfirte, so hat 1157/58 Sturm und Ungewitter sammt Platzregen großen Schaden gethan. 1163/64 sind die Flüsse und Seen übergelaufen und haben Vieh, Menschen, Häuser und Kirchen weggeführt, der Hagel hat an vielen Orten die Früchte sehr beschädiget. Anno 1166 ist wieder ein sehr nasser Sommer gewesen, wodurch Theuerung und Sterben bei Menschen und Vieh verursacht wurde, ja 1167/68 soll die Pest in Welsch- und Deutschland gewüthet haben. Anno 1170 war eine solche Hitze, daß die Erde gleichsam in Staub verwandelt wurde, der eine Seuche folgte, die 1172 noch anhielt; 1173 war die Hitze wieder so groß, daß fette Torferde sich entzündete und man kaum den Samen erntete, worauf ein stinkender Nebel viele Krankheiten hervorbrachte. Anno 1174 war der Sommer kalt und stürmisch, der Herbst allzu naß. 1177 war der Winter sehr kalt, der Sommer heiß, der Herbst naß. 1179 war der Winter sehr hart und langwierig, so daß die Bäume erst im Juni zu blühen anfingen. Den 22. Juli ist ein gräulicher Hagelschlag mit gewaltigem Sturm gewesen, wobei Feld- und Eartcnfrüchte viel gelitten haben." --- Mana-Uru^ Ä» M6L MM MB -Ir^Wr .D-*X>-' ^ä>» Ä MMHd 622 ihren Beichtzetlel brachte, denn er forderte sie auf, längstens an Jakobi die evangelische Herrschaft zu verlassen. Die Magd kehrte sich jedoch nicht daran, nachdem ihr der Helfer Schnaderbeck am Dom, dessen Rath sie einholte, gesagt hatte, sie solle auf sein Wort hin nur bleiben. Dabei beruhigte sich der chuifürstliche Neligionsagent nicht, er trat mit dem Landrichter Mändl in Landrberg über den hochbedenklichen oaous in Correspondcnz und muhte sich der Unterstützung des Amtsbürgermeisters Jakob Wilh. Benedikt von Langenmantel-Westheim zu versichern. Am Annatag (26. Juli) spät Abends lud der Amtsdiener Felix Seyfried auf anderen Morgen 7 Uhr die Jordan auf das Bürgermeisteramt, und da sie sich durch die Samstags-Arbeiten etwas verspätete, kam um halb 8 Uhr der Diener abermals und nahm sie „Knall und Fall, ohne daß sie das weiße Brusttüchlein noch umbinden Herren Stndipfleger, Bürgermeister und Räthe, Gnädig und Hochgebietende, Großgünstig und Hochgeehrteste Herren" eine de- und wehmüthige Schutzklage ein, worin sie unverhohlen den Verdacht ausspricht, hinter der Geschichte stecke nur der Burggraf von Behr, obwohl die Jordan „ein getreuer, gottesfürchtiger und nützlicher Ehehalt, sowie eine eifrige katholische Christin von jeher gewesen, was hundert Personen bezeugen können", und wenn sie nicht bald zurückkehre, so erleide ihre Buchdruckersprofession einen schweren Schaden. „denn das Mensch habe durch Collationiren, Richten der Bogen und Anderes mitgeholfen, was eine fremde Magd nicht so leicht lerne". Außerdem gelang den Bemühungen der rührigen Frau, daß Helfer Schnaderbeck bei dem Pfarrer in Landsberg für Jordan sich verwendete, doch lautete die Antwort nicht günstig. Er schrieb: „Der Landrichter rnalirv sich nicht n i? n « »; kl n n « » r» --WWW 8L- Aulenried. (Schloß.) Original-Aufnahme von Gustav Baader, Photograph in Krumbach. fVervielsäliigungsrecht vorbehalten.) durfte", mit sich fort. Stunde auf Stunde verrann, und Frau Lotter, welche nicht früher den Laden verlassen konnte, schickte sich eben an, einen Nachbar zu ersuchen, nach dem Verbleiben der Magd zu schauen, da trat die Schlossersfrau Volk mit der seltsamen Nachricht in die Stube, es sei ihr vor dem Vogelthor eine Kutsche begegnet, aus welcher sie den Hülferuf der Katharin deutlich gehört habe; zu sehen sei aber nichts gewesen, weil der Wagen schnell gegen das rothe Thor davonfuhr. Die ganze Vorstadt gerieth über diesen gchcimnißvollen Vorgang in Aufregung, denn bei der allgemein bekannten tadellosen Ausführung der Jordan dachte Niemand an eine Verschuldung ihrerseits. Rasch entschlossen reichte die Wittwe Lotter mit ihren beiden Beiständen schon am 29. „an die Wohlgeborene, Hoch- und Wohledelgeborene, Hochedle, Gestrenge, Edle, Beste, Wohlehienveste, Fürsichtige, Hoch- und Wahlweise in die Sache, habe der Magistrat viel angefangen, so möge er auch viel ausmachen, und auf dem Rathhause sei er hart angelassen worden, „man könne das Mensch nicht losgeben, bis die Beschuldigung, als ob sie unter zwölf Weibspersonen, so evangelisch werden wollten, die Räthelsführerin gewesen, bewießen sei"." Diese Anklage bezeichnete Frau Lotter als „grundfalsch". Während der Monate August und September wartete man auf dem oberen Graben vergeblich auf eine Raths- Entschließung und auf die Rückkehr der Entführten, daher um so freudiger Frau Lotter überrascht wurde, als am 1. Oktober die Katharin sie begrüßte. Sogleich am nächsten Tage ging sie mit ihr zu dem Amtsbürgermeister Johann Elias Leopold Herwart, der zur Hülfe sich erbötig erklärt hatte, und die Magd mußte ihm das Erlebte erzählen, was er zu Protokoll nahm. (Schluß folgt.) > > , » -t' 623 Autenried. (Mit Illustrationen.) Da, wo sich die westlich von Jchenhausen gelegene Feldebene zu den nördlichen Ausläufern des großen Noggenburger Waldes etwas hinabsenkt, liegt am Waldrande einsam das Dorf Autenried mit seinem stattlichen freiherrlich v. Reck'schen Schlosse. In den Tagen des Mittelalters war es nicht so einsam hier wie heute. Die große Landstraße von Augsburg über Agawang, Jettingen, Jchenhausen führte durch Autenried nach Ulm, und die alten Ortsherren, die Ritter von Bühl, besaßen hier den Straßenzoll. Der lebhafte Straßenverkehr ließ den Ort schon frühe entstehen. Der alte Name „Utenried" sagt uns, daß er aus der Waldausrodung eines Uto (Otto) entstanden sei. Wie so viele Orte der Gegend, gehörte auch Utenried den Bischöfen von Augsburg, von welchen es ritterliche Dienstleute zu Lehen trugen, die sich von Utenried schrieben und bis zum Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts Burg und Dorf besaßen. Als diese alten Ritter von Utenried starben oder verdarben, kamen die Ritter von Noth, die auf Bühl saßen und deßhalb auch den Zunamen „die Bühler" führten, in den Besitz von Utenried. Im Jahre 1430 besaßen die Ritter Heinrich und Hans Von Bühl den Ort, und zwar jeder dieHälfte desselben „sammt aller Zu- gehör mitdemZoll".Unter diesen Rittern erhielt Autenried, bisher eine Filiale der großenPfarrei Günzburg, einen eigenen Pfarrer. Im Jahre 1464 stifteten die Ritter von Bühl in der Kirche zu Autenried mit 6 Jmmi Roggen, 6 Jmmi Haber und einem Garten einen eigenen Jahrtag, der noch im Jahre 1631 mit mehreren hl. Messen gehalten wurde. Ihre Nachkommen, „die Gebrüder Wolf und Konrad von Bühl", verkauften im Jahre 1509 Autenried an den reichbegüterten Ritter Veit von Rechberg. Mit dem Tode Albert Hermann von Nechberg's, der noch im Jahre 1570 den Johann Hueber als Pfarrer von Autenried präsen- tirte, fiel im Jahre 1599 Autenried mit Schloß und Zoll als bischöfl. Lehen dem Bischof anheim. Von da an und durch die ganze Zeit deS Schwedenkrieges behielt Bischof Heinrich V. von Augsburg das Rittergut Autenried mit Anhosen im unmittelbaren Besitz und setzte einen Pfleger e Autenried. Original-Ausnahme von G.Baader, Photograph hin. Nach dem Schwedenkrieg im Jahre 1649 erhielt der kaiserliche Generalwachtmeister Johann Heinrich de Lapiöre das bischöfl. Lehengut Autenried. Daß die Schweden hier arg gehaust haben, zeigt ein noch im Original vorhandener Revers vom Jahre 1666, in welchem Pfarrer Mangart den Bezug des ganzen Zehent dem Gutsherrn de Lapiöre überließ, wogegen Letzterer sich verbindlich machte, dem Pfarrer jährlich 30 Gulden Geld, freie Kost am herrschaftlichen Tische, dazu eine „ehrbare priesterliche Kutte" und ein Paar neue Schuhe zu geben. Heinrich de Lapiöre präsentirte sofort den Feldpater Gg. Koffner von Jngolstadt als Pfarrer von Autenried, der jedoch auf der in Folge des Krieges sehr mager gewordenen Pfarrei nur zwei Jahre aushielt. Philipp Leopold de Lopiöre, ein Sohn des Joh. Heinrich deLapiöre, wurde 1677 auf dem Wege nach Jchenhausen von seinem Bedienten Namens Krug ermordet. Die an der Unglücksflätte erbaute Kapelle heißt heute noch im Volksmunde die Lapiers-Kapelle. Joh. Heinrichs Enkel, Philipp Friedrich de Lapiere, vermachte im Jahre 1685 die Herrschaft Autenried seiner Gattin Cäcilia von Volmar, welche sich an Joseph Anton Eusebtus Freiherrn von Halden wieder verheirathete und ihm so Autenried und Anhosen zubrachte. JmJahre 1771 folgte dem Joseph Anton von Halden im Besitz des Gutes sein Adoptivsohn Leopold Freiherr v. Lasier v. Halden und da dieser 1798 kinderlos starb, fiel Autenried an Seitenver- wandie aus dem Geschlechte derer von Laß- berg, von welchen eS im Jahre 1805 die Brüder Johann Michael und Sebastian Freiherren von Neck erkauften, deren Nachkommen heute noch im Besitze des Schloßgutes sind. Die Pfarrkirche des Ortes ist dem hl. Stephanus geweiht. Vom alten baufälligen Küchlein wurde 1708 das Langhaus, 1709 der Chor abgebrochen und in den folgenden Jahren ein Neubau vom Grunde aus aufgeführt. Bald nachdem der Bau vollendet war, wurde die neue Kirche eine vielbesuchte Wallfahrtsstätte. In einem Berichte des Dekans Franz Böll von Neuburg an den bischöflichen Generalvikar am 22. September 1721 wird über die Entstehung der Wallfahrt u. A. berichtet, daß in einem bei Autenried gelegenen Wäldchen von einer Frau aus Weissenhorn ein hölzernes Kruzifix in der (Pfarrkirche.) in Krumbach. )BervieIfältigungSrecht vorbehalten.) 624 Höhlung eines Baumes aufgefunden wurde. Ein Gebet zu diesem Bilde bewirkte, daß das mit einem Bruche behaftete Kind der Frau geheilt wurde. Auch eine Reihe von wunderbaren Heilungen anderer Krankheiten wurde bekannt, so daß alsbald viel gläubiges Volk zusammenströmte. 1724 wurde das Wallsahrtsbild in die Pfarrkirche Autenried überbracht, wo es sich heute noch befindet. Die Pfarrkirche selbst ziert heute ein stattlicher Thurm. Es wurde nämlich 1890 der baufällige Dachreiter abgebrochen und ein neuer Thurm nach dem Plane des damaligen Kreisbau-Assessors Höfl (jetzt k. Bauamtmann in Kempten) mit einem Kostenaufwand von 13,000 M. gebaut, wozu Herr Hamm in Augsburg ein herrliches Geläute mit den Tönen L, llio, H, Ois lieferte. -- Zu unseren Bildern vr. Morsch, dessen Bild wir heute bringen, gehört zu den ersten Parlamentariern des Deutschen Reiches und Preußens. Rechtsanwalt Dr. Porsch, fürstbtschöflicher Conststorialrath in Breslau, ist geboren am 30. April 1853 zu Ratibor in Oberschlesien. Er besuchte das katholische Gymnasium zu Glogau, die Universitäten Breslau, Berlin, Tübingen, Leipzig. Im Jahre 1874 wurde er Referendar, 1876 ward er von der juristischen Fakultät Breslau zum Dr. zur. utr. auf Grund der Schrift: „Die Bedeutung des Beweises durch Jndicien im geistlichen Gerichtsverfahren" (Breslau Adlerholz) promovirt. Im Jahre 1878 ward er Gerichisassessor, 1879 Anwalt zunächst am Landgericht, dann am Oberlandesgericht Breslau. Seit 1881 ist er Stadtverordneter der Stadt Breslau, seit 1882 Mitglied des fürstbischöfl. Konsistoriums für Ehe- und Disciplinarsachen, seit 1884 Mitglied des preuß. Abg ordneten- hauses für Neurode-Glatz-Habelschwerdt. Im Reichstage vertrat er durch mehrere Legislaturperioden hindurch Reickenbach-Neu- rode (Schlesien). Leider hat er für die letzte Militärvorlage gestimmt, was wir für einen Fehler halten, vr. Porsch hat deßhalb ein Reichstagsmandat nicht mehr angenommen. Allein das kann und darf nicht immer so bleiben, vr. Porsch wollte, sagen wir es rund heraus, seinen Fürstbischof decken, der für die Militärvorlage eingetreten war. Nachdem vr Levd,r und Prinz Arenberg, die ebenfalls für die Militärvorlaze gestimmt, wieder in's Centrum eintreten konnten, muß auch vr. Porsch wieder der Weg geebnet werden. Er ist ein lauterer Charakter, ein grundgescheidter Mann, ein ganz ausgezeichneter, feiner, kennt- nißreicher, erfahrener und schlagfertiger Redner, den wir nicht entbehren können. Er gehörte zu Windthorst's tüchtigsten Schülern und ist berufen, im Verein mit Bachern, Fritzen, Gröber, Hitze, Schädler, Spähn und dem hoffentlich wieder in den Reichstag zurückkehrenden vr. Orterer das Centrum ruhmreich vorwärts zu führen zu neuen glänzenden Erfolgen für Kirche, Vaterland, Fürst und Volk. Uor der Schenke. Manöverzeit ist's Da ist es für den Soldaten eine Hauptsache, immer mit dem richtigen Quantum Proviant versehen zu sein, denn Hunger und Durst stellen sich zu solchen Zeiten bei ihm rechtzeitig ein. Da sehen wir auf unserem Bilde den Proviantwagen, der soeben, geleitet von einem strammen Reikers- mann, vor der Schenke Halt gemacht. Die Hitze ist groß und der Weg nicht allzu gut. Da heißt es auch für die Thiere Sorge tragen. Die W rthsleute sind biedere Menschen, die dem Ersuchen, den Pferden Futter und Wasser zu geben, auch bereitwilligst nachkommen. Während der Soldat im Wagen gemüthlich sein Pfeifchen schmaucht und zusteht, wie der Bauersmann den Pferden Haber in den Barren schüttet, weiß der Reitersmann die kurze Rast zu benützen, der schmucken Maid, die seinen Rappen tränkt, allerlei Schönes vorzuplaudern. Die beiden Söhne des Mars werden sich jedenfalls auch ein Mäßlein zu gute thun, meinen wir wenigstens, oder sollte das bereits geschehen sein? -—s-88i—-- Goldkörner. Man gab Dir einen Rath! Hab' Acht von wem er kommt; Oft räth der Eigennutz nur, was ihm selber frommt. Pas Mägdlein schläft. Das Mägdlein schläft; ihr Eltern, jammert nicht, Gönnt ihm die süße Ruh'; Aus Blumen blickt ein frtedevoll Gesicht Und spricht euch tröstlich zu: Ein lieblich Loos ist mir beschicken, Ich lieg' und schlafe ganz in Frieden; Das Mägdlein schläft. Das Mägdlein schläft; es hat sich müd' gespielt Und hat sich satt gefreut; Die Puppe, die es stolz im Aermchen hielt, Sein liebes Sonntagskleid, Sein Büchlein, d'ran es fromm gesessen, Sein Reichthum all ist nun vergessen; Das Mägdlein schläft. Das Mägdlein schläft; sein Lebenstag war mild Und leicht sein Erdenloos, Ein Bächlein, das durch's blumige Gefild In klaren Wellen floß; Kein Weh bat ihm durch's Herz geschnitten, Der letzte Kampf war bald gestritten; Das Mägdlein schläft. Das Mägdlein schläft; wie selig schlief es ein In seines Hirten Arml Noch war sein Herz vom G.ft der Sünde rein, D'rum starb es ohne Harm. Ein schuldlos Herz, ein gut Gewissen, Das ist das beste Steibekissen; Das Mägdlein schläft. Das Mägdlein schläft; all Erdenweh und Noth Verschläft's im sichei'n Zelt; Weißt, Mutter, du, was Bitt'res ihm gedroht In dieser argen Wet? Jetzt inag der rauhe Winter stürmen, Der schwüle Sommer Wetter thürmen; Das Mägdlein schläft. Das Märdlein schläft; nur eine kurze Nacht Wrschläft's im Kämmerlein; O wenn es einst vom Schlummer auserwacht, Das wird ein Morgen sein! Der eintrat in Jairus Kammer, Der stillt dann auch euren Jammer; Das Mägdlein schläft. Das Mägdlem schläft; und nun den letzten Kuß Auf seinen bl ichen Mund; O Mutterherz, so sei es denn, wcil's muß; Gott, hilf durch diese Stund'! Ihr Kinder, folgt im Chorgesange Dem Schwesterlein zum letz en Gange; Das Mägdlein schläft. D.s Mägdlein schläft; nun, Hirte, nimm's an's Herz, Es ist ja ewig dein; Ihr Sterne, blicket freundlich niederwärts Und hütet sein Gebein; Ihr Winde, weht mit leisem Flügel Um diesen blumem eichen Hügel, Das Mägdlein schläft. Karl Gerok. -S-88-Se- Nicder-Rätysek. HL 81 . 1894 . M „Augsburger Postzeitung". Areilag, den S. October Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler). Die Werte des Kaufes. Erzählung von C. Borges. (Fortsetzung.) Es war noch dunkel, als Melitta nach einer schlaflosen Nacht heimlich das Haus ihrer Tante verließ und unruhig die Abfahrt des Zuges auf dem Bahnsteig erwartete. — Sie kannte ihre Tante noch gar nicht, und was sie von den Cousinen von ihr gehört hatte, trug gewiß nicht dazu bei, sie mit den besten Hoffnungen zu erfüllen. Würde dieselbe sie aufnehmen, da sie heimlich entflohen war? Was sollte dann aus ihr werden? Frau von Reinberg würde sie niemals wieder in ihrem Hause dulden, und selbst im schlimmsten Falle würde sie nie wieder um ihren Beistand bitten. Endlich brauste der Zug heran. Die Coupös waren sämmtlich überfüllt, nur ein Wagen schien noch ganz leer. Melitta freute sich ein Plätzchen gefunden zu haben, denn schon setzte sich der Zug in Bewegung. Nur ein Herr, in einen langen Neisemantel gehüllt, saß in der Ecke, sein Antlitz hinter einer Zeitnng bergend. Doch kaum ließ er dieselbe einen Augenblick sinken, so erschrak Melitta so heftig, als habe sie einen Geist gesehen. „Oberst Wellinghoft" kam es bestürzt von ihren Lippen. „Fräulein von Reck!" rief er nicht minder überrascht, „dieses ist wirklich ein unerwartetes Vergnügen. Ich hatte gestern noch keine Ahnung, daß wir diese kleine Reise gemeinschaftlich machen würben." „Melitta erröthete verlegen. „Ich ebenso wenig," gestand sie offen, „aber ich reise jetzt nach Helmstedt, um dort meine Tante zu besuchen." „Das ist herrlich! Ich mache die gleiche Tour und reise zu meinem Onkel. Sie wissen doch, daß mein Onkel ganz in der Nähe von Helmstedt wohnt?" Melitta wußte es nicht. „Kennen Sie meine Tante?" fragte sie dann gespannt. „Oh, ja! sehr genau," versicherte er. „Ist sie liebenswürdig im Umgang?" forschte Melitta ängstlich weiter. „Ja, aber sie hat auch ihre Eigenheiten." „Ich habe sie niemals gesehen, und fürchte ein Zusammenleben mit ihr," gestand Melitta bebend. Der Oberst wunderte sich immer mehr über seine Begleiterin. Noch gestern Abend auf dem Balle hatte Edith ihm erzählt, daß Melitta eine ganz untergeordnete Stellung in ihrem Hause einnähme, daß sie ihnen aber sehr nützlich, sogar unentbehrlich sei, weil sie viele Arbeiten verrichte, die selbst die Dienstboten zu thun sich weigerten. Aber er war zu höflich, um nach dem Grunde ihrer plötzlichen Abreise zu forschen, und hoffte, daß ihm freiwillig Mittheilung darüber gemacht würde. «Ist Fräulein von Reck sehr alt?" fragte Melitta weiter, „und ist sie sehr reich?" „Nicht gerade alt, Mitte der sechziger, sollte ich meinen, lautete die Antwort, „und sie steht in dem Rufe großen Reichthums. Aber in ihrer äußeren Erscheinung zeigt sie denselben keineswegs. Als ich sie das letzte Mal im vorigen Sommer besuchte, war sie in ihrem Gemüsegarten beschäftigt, und sie trug ein Kostüm, das vielleicht noch aus Noah's Zeiten stammte. Jedenfalls bemerkte sie mein Lächeln darüber, denn sie sagte in ihrer derben, offenen Weise: „Warum stierst Du mich so an, Richard? Siehst Du mich denn heute zum ersten Male? Was meine Kleidung anbetrifft, so ist mir diese bequem, und das ist mir lieber wie die Kleider der fein geputzten Damen, die mit ihren engen Stiefelchen und hohen Absätzen in Deinen Augen gewiß den Inbegriff aller Schönheit ausmachen. So machen es die jungen Herren aber heut zu Tage alle; sie haben nur Augen für schön geputzte Püppchen, die sich nach jeder neuen Mode kleiden; das sind nur Narren in meinen Augen." Zu dieser Sorte zählte sie auch mich, wie ich wohl voraussetzen konnte," fügte er lächelnd hinzu. Melitta konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, doch bald flüsterte sie seufzend: „Ich werde es gewiß nicht bei Ihr aushalten können; fast wünsche ich wieder umzukehren; aber wohin soll ich gehen-und es ist heute so kalt," flüsterte sie leise. „Hier ist mein Plaid — nehmen Sie ihn, ich bitte darum: ich kann ihn wirklich entbehren. Aber sehen Sie," fuhr er dann fort, als Melitta sich standhaft weigerte, „ich setze mich Ihnen gerade gegenüber, dann reicht er für uns beide aus," und ehe sie etwas dagegen einwenden konnte, war sie schon in den warmen Plaid eingehüllt. Dann plauderte er in heiterer Weise von seinem Soldatenleben, erzählte selbsterlebte oder erdachte An» nekdoten, bis Melitta herzlich über manchen lustigen 626 Einfall lachte und mit ihm scherzte, als ob sie die besten Freunde wären. „Dies ist Helmstedt", sagte plötzlich der Offizier, als der Zug in einem ländlichen Bahnhöfe einlief. „Das Haus Ihrer Tante ist vielleicht eine halbe Stunde von hier entfernt. Werden Sie erwartet?" „Nein! sie weiß wenigstens nicht, daß ich schon so bald komme," versetzte Melitta zögernd. „Das trifft sich herrlich; denn da ich auch nicht mit diesem Zuge erwartet werde, kann ich Sie begleiten." Melitta's Muth sank mehr und mehr, je näher sie zum Ziele ihrer Reise gelangte. „Ich will meiner Tante erzählen, daß ich das Leben nicht mehr ertragen konnte," dachte sie bet sich selbst, „es ist mir doch ein Trost, daß ich hier fortgehen kann, sobald sich eine Stelle für mich findet." Auch der Oberst wunderte sich, daß plötzlich seine schöne Begleiterin so schweigsam wurde und alle Fragen nur einsilbig beantwortete, und er glaubte nicht anders, als daß sein Irrthum von gestern Abend Schuld an dieser Sinnesänderung sei. Es hatte wirklich anfänglich in seiner Absicht gelegen, sich mit Cecilie von Reinberg zu verloben; nicht so sehr aus Liebe, sondern vielmehr aus dem sicheren Gefühl, daß Tochter und Mutter es dringend wünschten. Er glaubte sie allein im Ballsaal zu treffen, und um sie zu Anfang der Festlichkeit seinen Kameraden als Braut vorzustellen, trat er rasch hinzu und legte seinen Arm um ihre Schulter. Jedoch als er seinen Irrthum gewahrte und Cecilien's erregte Worte an sein Ohr schlugen, überzeugte er sich, daß er mit ihr kein Glück für's Leben gefunden haben würde, und daß sie für ihn verloren sei. Hätte sie dieser kleinen, unbedeutenden Täuschung keinen Werth beigelegt oder wenigstens ihr aufgeregtes Temperament zügeln können, so wäre für sie noch alles gut gewesen. Aber jetzt hatte sie gewaltsam ihr eigenes Glück zerstört und für immer die Hoffnung verloren, als Herrin auf dem großen Edelhof einziehen zu können. So geschieht es oft in der Welt. Wie viele verscherzen ihr Glück durch ein unbesonnenes Wort, und verderben oder zerstören dadurch die schönsten Zukunftsträume. Melitta ging schweigend an der Seite ihres Begleiters; Jedes schien jetzt mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt zu sein; endlich fragte sie schüchtern: „Weiß meine Tante — Frau von Neinberg — daß Ihr Onkel hier ganz in der Nähe von Helmstedt wohnt?" „Ich vermuthe es, aber ich weiß es nicht mit Bestimmtheit; ich habe nie mit ihr darüber gesprochen. Sie wissen, ich bin nicht oft hier, höchstens 2—3 mal im Jahre und dann nur einen Tag. Auch heute bleibe ich nur zwei Tage." „Wirklich? Bleiben Sie nicht länger?" Wieder trat eine Pause ein. „Sehen Sie, dort ist das Haus Ihrer Tante," bemerkte endlich der Offizier, „gehen Sie hier durch den großen Garten, das Thor ist nur angelehnt; ich will Sie bis zur Thür geleiten." „ Oh, nein! gehen Sie nicht weiter; ich bin ja hier am Ziele;" dann reichte sie ihm die Hand zum Abschied. „Ich bin Ihnen immer zu Dank verpflichtet, Sie haben mir schon manchen Dienst erwiesen," fügte sie leise hinzu. Er hielt ihre zitternde Hand fest in der seinen. „Reden Sie nicht davon," bat er, was müssen Sie gestern wohl von mir gedacht haben!" Ihre Wangen färbten sich purpurn, und sie versuchte ihre Hand zu befreien, doch er hielt sie fest umschlossen. „Sie erwarten wohl, daß ich mein Bedauern über weine Täuschung ausdrücken soll," fuhr er fort, „aber sie fiel zu meinem Glück aus, denn ich lernte, daß ich vor einem Abgrund stand. Ich bedaure nur, daß Sie mir zürnen; denn ich merke, Sie haben mir noch nicht vergeben." Sie heftete die Blicke zu Boden und wagte nicht ihn anzusehen oder ihm zu antworten. „Wir werden uns jetzt häufiger sehen," fuhr er unbeirrt fort, „wenigstens werde ich den Versuch machen, mit Ihnen zusammen zu treffen, so oft ich meinen Onkel besuche." „Ich bleibe nicht immer hier," versetzte Melitta leise, „ich will mich in der Welt nützlich machen, und meine Tante wird mir zu einer Stelle verhelfen." „Hm," lächelte der Offizier, „so wie ich Ihre Tante kenne, wird Sie nicht daran denken, das zu thun." Dann öffnete er das Gartenthor und schaute ihr nach, bis sie in dem kleinen Häuschen verschwunden war, und die Thür ihrer neuen Heimath sich hinter ihr geschlossen hatte. 2. Kapitel. „Also Du bist meine Nichte Melitta?" Die alte Dame trippelte in nervöser Hast in ihr Wohnzimmer und drückte das ängstlich zitternde Mädchen stürmisch an ihr Herz, nachdem sie ihr diese Worte ent- gegengerufen hatte. „Du siehst Deinem Vater aber sehr wenig ähnlich," fuhr sie eifrig fort, „Du siehst weit besser aus. Entschlossenheit, Wahrheit und Aufrichtigkeit sind in Deinen Zügen geschrieben, und diese Tugenden besaß Dein Vater nicht. Nun — nun — ich will ja nichts gegen Deinen Vater sagen, mein Kind, Dü brauchst nicht so heftig zu erröthen. In Deinen Augen war er zweifellos ein Muster aller Vollkommenheit, und Du thust Recht daran, nur das Beste von ihm zu denken. Aber nichtsdestoweniger war er ein leichtsinniger Mensch! Ich freue mich aber, daß Du die feinen Züge, die schönen blauen Augen und das wellige Haar Deiner Mütter geerbt hast, denn ich liebte sie sehr. Sie war meine beste Freundin, ehe sie sich verheirathete, und wenn ich geahnt hätte, daß Du ihr liebliches Gesicht und ihr anspruchloseS, bescheidenes Wesen geerbt hättest, so hättest Du schon vor Monaten zu mir kommen sollen. So, mein Kind, nun setze Dich und erzähle mir, warum Du so eilig das Haus meiner Schwester verlassen hast, und dann wollen wir zu Mittag essen. Ich esse gewöhnlich zeitig, denn ich verlange nach meinem Mittagsschläfchen. Du mußt Dich schon an meine Lebensweise gewöhnen und das Zusammenleben mit mir ertragen um Deiner Mutter willen." „Nein, um Deinetwillen, denn ich will Dich lieb haben," rief Melitta aus, dann schlang sie ihre Arme um den Hals der alten Dame und brach dann in Thränen aus. „Ich war so elend, einsam und unglücklich," fuhr sie dann fort, „und wünschte oft zu sterben, besonders gestern Abend konnte ich das Leben nicht länger ertragen." „Still, still, mein Kind, sprich nicht solche Worte; es werden noch glückliche Tage kommen für Dich. So, trockne Deine Thränen und erzähle mir, warum Du schon heute gekommen bist, ohne mir Deine Ankunft zu melden." »Ich konnte die Behandlung nicht länger ertragen," schluchzte sie, „und — da bin ich fortgelaufen." „Heimlich? Hm, das war thöricht. Aber erzähle mir alles ausführlich." Melitta gehorchte. Sie verschwieg nichts, selbst nicht die Begegnung mit Oberst Wellinghof und seine Begleitung bis hierher. Vielleicht war es ein Glück, daß Melitta das schelmische Lächeln der alten Dame nicht bemerkte, sie würde sonst an ihrer Theilnahme gezweifelt haben. Doch als sie ihre kurze, traurige Geschichte beendet hatte, konnte sie wohl merken, daß die alte Dame entrüstet über das Verhalten ihrer Schwester war. „Ich werde noch heute meiner Schwester einen Brief schreiben und ihr sagen, daß ich Dich lieber an Kindesstatt annehmen will, da es mir scheint, daß Du bei ihr und ihren Töchtern niemals glücklich werden kannst. Auch soll sie uns sofort Deine Sachen schicken," sagte die Tante, als Melitta sich beruhigt hatte und sogar ein Lächeln um ihre Lippen bei der Aussicht spielte, daß ihr Leben sich jetzt angenehmer für sie gestalten werde. „Doch jetzt komm' mit mir, Elisabeth wird Dein Zimmer in Ordnung haben, Du mußt es Dir ansehen, ehe wir essen, Du mußt halb verhungert fein!" Es war ein Helles, freundliches Gemach, zwar altmodisch, aber bequem und geschmackvoll eingerichtet. Ein lustiges Feuer knisterte im Ofen, und im Vergleich mit der armseligen Kammer, die sie in den letzten Monaten benutzt hatte, schien dieses Zimmer fürstlich eingerichtet. Die alte Tante war ganz entzückt, sogar Elisabeth, die anfänglich den Gast als unwillkommenen Eindringling befrachtet hatte, war glücklich über die Dankesbezeugungen und mühte sich in kleinen Dienstleistungen. Erst spät gegen Abend erzählte die Tante von ihrem Freunde, dem alten Herrn Wellinghof, und schlug Melitta vor, ihm einige Stunden Gesellschaft zu leisten. „Du weißt, Melitta," fuhr sie in ihrem Gespräche fort, „daß Du mich anfänglich batest, Dir zu einer S ellung behülflich zu sein, um Dich in der Welt nützlich zu machen. Aber es war gleich meine Absicht, Dich bei mir zu behalten, und Du sollst Deine Zeit ausnutzen, wie Du willst. Doch jetzt, nachdem ich Dich gesehen habe, will ich Dich wie meine eigene Tochter halten, und nach meinem Tode erbst Du das Häuschen und mein ganzes Vermögen." „Wie gut bist Du," flüsterte Melitta dankbar, als sie die welke Hand an ihre Lippen drückte. „Aber gib mir nur Arbeit, damit ich Dir nicht zur Last bin. Ich will gern jeden Tag nach dem Rittergut gehen und für Herrn Wellinghof thun, was ich kann. Wirklich, ich thue es gern." „Ja, Du sollst es thun, selbst wenn Du mein eigenes .Kind wärst, solltest Du hingehen. Denn Herr Wellinghof ist alt, einsam und ein treuer Freund, dem ich gern sein ödes Leben erheitern möchte. Morgen wollen wir Beide zu ihm gehen, dann kannst Du mit ihm das Nähere besprechen. Wenn er Dir ein Gehalt anbietet, so nimm es, Du kannst es verwenden wie Du willst, denn was Du an Taschengeld oder für Deine Kleidung gebrauchst, dafür sorge ich. So, nun möchte ich Deine Stimme hören, Du spielst und singst doch gern?" Die alte Dame war eine enthusiastische Musikfreundin, sie verstand die Talente wohl zu beurtheilen und liebte alles Schöne und Harmonische. So hatte» denn auch wenige Tacte genügt, sie zu überzeuge,» daß Melitta in dieser Kunst weit vorangeschritten war, und als jetzt die volle, silberhelle Stimme durchs Zimmer hallte, rieb sie sich vergnügt die Hände und flüsterte leise: „Eine meiner Nichten wird vielleicht noch seine Gattin, und hoffentlich diese." Am nächsten Morgen ging Melitta mit der Tante den weiten Weg nach dem Edelhofs. Der alte Herr saß mit seinem Neffen in seinem Arbeitszimmer; er betrachtete die junge Dame aufmerksam, dann fragte er mit unverkennbarem Wohlwollen, das dem Alter so wohl ansteht, ob sie die junge Dame sei, die die Stelle als Privatsekretär in seinem Hause einnehmen wolle. „Ja, ich will gern alles thun, mir Ihre Zufriedenheit zu erwerben," versetzte Melitta bescheiden. „Ich las häufig meinem Vater vor und schrieb seine Briefe, bin also an eine solche Thätigkeit gewöhnt." „Gut, wir wollen es einrichten, mein Kind, nur fürchte ich, Sie werden nicht gern Ihre besten Stunden im Tage bei einem alten, verdrießlichen Kranken zubringen, wie ich einer bin. — Sie sind jung und schön; Sie sollten wie ein Schmetterling im Sonnenschein umherflattern." „Ich habe Zeit genug, mich des Sonnenscheins zu freuen", lautete die schnelle Entgegnung, „und jetzt erst kann ich anfangen, mich meines Lebens zu freuen; ich habe mich nie so glücklich gefühlt, wie jetzt bei meiner Taute." „Nun, das freut mich, und wenn Sie einen Son- nenblick in das Dasein eines einsamen Mannes bringen wollen, so sind Sie der größten Dankbarkeit sicher. — Kommen Sie täglich zu mir, ich gebe Ihnen ein Gehalt von tausend Mark; nein, nein, mein Kind, wehren Sie nicht ab", als Melittas Antlitz Ueberraschung und Freude ausdrückte, „ich habe mehr Geld, wie ich gebrauchen kann, und wenn Ihre Tante es für zu wenig hält, gut, dann verdoppeln wir die Summe, das ist einfach genug." Diese Unterhaltung wurde im leisen Flüsterton geführt, während sich die Tant^ mit dem jungen Offizier im eifrigen Gespräch über die Veränderungen im Regiment und über die Aussichten über Krieg und Frieden befand. Doch jetzt, als die wichtige Unterhaltung beendet war, winkte der alte Herr seinen Neffen zu sich und bat ihn, Melitta zu unterhalten, da er mit seiner Freundin zu reden habe. WaS würde jetzt wohl Fran von Reinberg gesagt haben, wenn sie gewußt hätte, daß Melitta jetzt im großen Hause umhergeführt wurde, in dem Cecilie so gerne Herrin geworden wäre! Der Offizier führte sie in die Bildergallerie, zeigte und erklärte die seltsamen Gemälde und erzählte die Legende, die sich daran knüpfte, dann in den Ahnensaal und zuletzt in das Treibhaus, und mit Blumen reich beschenkt kehrte sie zu ihrer Tante zurück. Melitta hatte in ihrem Leben bis jetzt nur sehr wenig Aufmerksamkeiten erfahren. Die Freunde ihres Vaters hatten sie wie ein hübsches Kind, Reinbergs sie wie eine Untergebene behandelt. Dieses war heute der erste wirklich glückliche Tag ihres Lebens, und sie war ganz traurig, als die Tante sich zur Heimkehr rüstete, und, wichtige Briefe zu schreiben vorschiebend, die Einladung zum Mittagessen anSschlug. 628 So waren Wochen vergangen; der Frühling mit seiner glänzenden Blüthenpracht, war noch nie so herrlich erschienen, wie in diesem Jahre, und der Herr Oberst, der seinen alten Onkel häufiger denn früher besuchte, bemerkte mit Stolz und Freude, daß Melitta sich zur vollkommenen Schönheit entwickelte, wie eine Blume im Sonnenschein. Die Tante hatte nur einmal einen kurzen, sehr unfreundlichen Brief von ihrer Schwester erhalten. Am Schlüsse derselben schrieb sie: „Hoffentlich bereust Du nicht, das heuchlerische und „undankbare Geschöpf in Deinem Hause aufgenommen „zu haben. Sie ist so hinterlistig und falsch, daß ich „bedauere, sie in meinem Hause mit meinen unschuldigen „Töchtern vereint aufgenommen zu haben. Erwähne „ihren Namen nicht mehr in Deinem Briefe." Die alte Dame runzelte mißmuthig die Stirn, dann zerriß sie den Brief, ohne ihn ihrem Schützling zu zeigen oder von dem Inhalt zu sprechen. Melitta war ja glücklich; sie schien die schweren Monate wie einen bösen Traum vergessen zu haben. Auch der alte Wellinghof hatte alle Ursache, sich über den Wechsel in seinem einsamen Leben zu freuen. „Sie soll Richard Heimchen," dachte er oft bei sich selbst, sich vergnüglich die Hände reibend, „dann habe ich sie immer bei mir; sie ist der Sonnenschein meines Hauses." Aber so oft und viel er auch Melitta von seinem Neffe» erzählte, sie schien kein Interesse für ihn zu haben, und selbst als er dem Neffen einst anvertraute, daß es ihm gelungen sei, eine paffende Gattin für ihn zu finden, schüttelte der junge Mann unwillig sein Haupt mit der Versicherung, daß nur er allein sich die Gattin wählen würde. „Du irrst Dich, Richard," rief der Onkel erschreckt, „ich vertrete Vaterstelle an Dir und als solcher steht es mir zu, für Deine Zukunft zu sorgen. Fräulein Lydia hat noch viele Nichten-" „Ich werde nie eine derselben heirathen, verlaß Dich darauf," lautete die eilige Antwort, dann verließ er raschen Schrittes das Zimmer, den alten Herrn erstaunt und ärgerlich zurücklassend. * H * „Haben sie kürzlich unsere Cousine Melitta gesehen, wie geht es ihr?" „Ja, ich sehe sie häufig, auch noch vor einigen Tagen, als ich in Helmstedt war." Monate waren vergangen, der Herbst mit seinen goldenen Aehren, den reichen Früchten und den buntfarbigen Blättern war ins Land gezogen. In der kleinen Garnisonstadt herrschte ungewöhnliches Leben und Treiben, denn das Gerücht von der Versetzung des Regiments nach einer entlegenen größeren Stadt war im Umlauf und hatte sich mit Windesschnelle verbreitet. Ob das Gerücht auf Wahrheit beruhte oder nicht, wußte man nicht; aber ein Jeder bemühte sich, den gern gesehenen Offizieren zum Abschied noch alle erdenkliche Ehre zu erweisen. Natürlich nahm auch jetzt Frau von Neinberg mit ihren Töchtern an jener Festlichkeit theil, und Cecilie war fest entschlossen, endlich den Preis zu gewinnen, den sie leichtfertig vor vielen Monaten selbst verscherzt hatte. Sie ließ keine Gelegenheit unbenutzt vorübergehen, den Oberst in der Unterhaltung zu fesseln, und da sie zu ihrem Aerger bemerkt hatte, daß er häufiger denn jemals nach Helmstedt fuhr, hatte sie die obige Frage an ihn gerichtet. Bitter bereuten Mutter und Töchter, durch allzu schroffe Behandlung Melitta vertrieben zu haben, die jetzt Aufnahme in Helmstedt gefunden und daher häufig Gelegenheit zum Verkehr mit dem alten Oheim und dem jungen Offizier hatte. „Wir haben gar nicht daran gedacht, daß der alte Wellinghof ganz in der Nähe von Helmstedt wohnt, und daß er Tante Lydia's Freund ist," dachten sie oft in leidenschaftlicher Erregung. „Es wäre uns doch nur eine Kleinigkeit gewesen, dorthin zu reisen und die Gunst des alten Mannes für uns zu gewinnen. Tante Lydia schrieb uns früher, daß sie sich über den Verkehr des jungen Neffen in unserm Hause freute, und daß sie hoffte, er würde eine von uns als Gattin heimführen! Und nun zerstört Melitta unsere schönsten Hoffnungen!" So lauteten die beständigen Klagen der Schwestern, eine gab der anderen die Schuld, zur Flucht der armen Melitta beigetragen zu haben, und die Streitigkeiten darüber wurden täglich heftiger und anhaltender. Sie wußten, daß der Oberst keine Gelegenheit unbenutzt vorüber gehen ließ, nach Helmstedt zu reisen, und schien bei seiner Rückkehr so glücklich und heiter zu sein, als verlebte er nie vergnügtere Stunden, wie gerade dort. Aber Cecilie von Reinberg wollte nicht ohne einen letzten Versuch jede Hoffnung schwinden lassen. Sie war fest entschlossen, als Herrin auf dem großen Gute zu schalten, und ungeachtet Edith's Warnungen, sich der Lächerlichkeit nicht auszusetzen, kleidete sie sich zu der bevorstehenden Festlichkeit mit der größten Sorgfalt, um einen letzten Angriff auf das Herz ihres Geliebten zu machen. „Wir haben seit langer Zeit nichts von meiner Tante in Helmstedt gehört", begann sie nach einer längeren Pause, als beide während eines Gartenkonzertes in einer schattigen Allee ein stilles Plätzchen gesucht und gefunden hatten, „aber dennoch sind wir mit allen Neuigkeiten vertraut, die sich dort zutragen. Es muß sehr angenehm für Ihren Onkel sein, Melitta beständig um sich zu haben, aber es ist hart für Sie, da Sie doch wissen, wie viel Sie dabei verlieren." „Was bedeuten Ihre Worte," rief der Offizier unwillig, „ich verstehe nicht, was Sie meinen, Fräulein von Neinberg." „Oh l — nun — ich würde ja nichts gesagt haben," Cecilie heuchelte ein ganz verlegenes Gesicht, „aber ich glaubte, es sei Ihnen gar kein Geheimniß, daß Melitta mit der Absicht umginge, den alten Herrn zu heirathen. — Tante Lydia wünscht es ebenfalls, sie spielte in ihrem ganzen Briefe darauf an. — Meine Cousine Melitta ist ein Glückskind — wenigstens hält sie sich selbst dafür. Was mich anbetrifft, so denke ich anders; ich könnte niemals einen Mann heirathen, der alt genug wäre, um mein Großvater zu sein, selbst wenn er ein Millionär wäre. Aber so viele Mädchen denken nur an Gold und Reichthum." Cecilie machte bei diesen Worten ein so unschuldiges, harmloses Gesicht, daß der Offizier ihr Glauben schenkte. Er hielt die Leute für so offen und ehrlich, wie er es selbst war, und der Gedanke lag ihm fern, 629 daß seine Begleiterin nur seinen Verdacht erregen und ihre eigenen Zwecke verfolgen wollte. Melitta wollte seinen alten Onkel heirathenl Dieser Gedanke schien ihm fast lächerlich, unerhört; aber dennoch — —" „Darf ich wissen," fragte er sarkastisch, „ob die Verlobung zwischen ihm und Fräulein Melitta schon eine öffentliche ist? Sie scheinen doch so gut und genau in die Verhältnisse meines Onkels eingeweiht zu fein." „Oh, denken Sie nicht, daß es nur ein leeres Geschwätz ist; ich würde es Ihnen nicht gesagt haben, wenn ich es nicht mit Bestimmtheit wüßte. Wie konnte ich auch nur ahnen, daß Sie noch nichts davon gehört hatten; Sie sind doch so häufig dort und gehören zu den nächsten Verwandten, dies muß also eine ganz unerwartete Nachricht sein. „Ganz recht. Die nächsten Verwandten sind oft die letzten, die Familien-Neuigketten hören. Beantworten Sie mir aber meine erste Frage; ist die Verlobung schon öffentlich?" Cecilte schlug verwirrt die Augen zu Boden; sie war zu wett gegangen und bereute ihre vorschnellen Worte. „Ich-ich habe noch nicht davon gehört," stammelte sie verlegen, „wir hörten nur von der Verlobung und daß die Hochzeit bald folgen werde." „Ah! nun, es war mir wirklich eine interessante Neuigkeit. Mag mein guter Onkel heirathen wann und wenn er will, er geht mir dann mit einem guten Beispiel voran. „Wollen Sie denn auch heirathen?" Cecilie sah ihn bei diesen Worten mit herzgewinnender Lieblichkeit an und lehnte sich fester auf seinen Arm. „Wahrscheinlich!" „Oh, wie schade! gerade jetzt wenn das Regiment versetzt wird. Es muß entsetzlich hart für das Mädchen sein, allein als Braut hier zurückzubleiben." „Für welches Mädchen?" fragte der Oberst erstaunt. „Natürlich für das glückliche Mädchen, daS Sie zu heirathen gedenken. Weiß sie denn noch nichts von der Versetzung des Regimentes?" „Die Dame, die ich mir als zukünftige Gattin auserkoren habe, wohnt gar nicht hier in der Stadt", erwiederte er mit fester Entschiedenheit, und an dem eisigen Ton seiner Stimme merkte Cecilie, daß auch für sie die letzte Hoffnung geschwunden sei. „Aber er soll doch wenigstens Melitta nicht heirathen; das ist mir schon ein Trost," dachte sie bei sich selbst, dann erhob sie sich von ihrem Sitze und fugte laut hinzu: „Lassen Sie uns zu der Gesellschaft zurückkehren: man wird uns vermissen." (Schluß folgt.) -- Goldkörner. So wie die Flamme des Lichtes, auch wenn umgewendet, nach auswärts strebt, Ebenso ringt das Gute, wenn auch vom Unglück tkf gebeugt, doch immer empor. Es sprechen, die da sind begraben, Zum Greise also, wie zum Knaben: „Was Ihr da seid, das waren wir; Was wir nun sind, das werdet Jhrl" Eine Entführung aus Augsburg 1748. (Schluß.) „Nachdem ich — gab Jordan an — mit dem Amtsdiener vor des Herrn von Langenmantel Behausung, wo eine Kutsche mit drei Pferden stand, gekommen war, rief man mich in die Schreibstube, und Seine Gnaden fragte nur, wie ich heiße. Ich nannte den Namen und bat gehorsamst um Auskunft, was man mit mir vorhabe. Der Herr Bürgermeister entgegnete, er habe damit nichts zu schaffen, ich werde alles in Landsberg hören, wohin auf Anordnung des Landrichters ich jetzt gebracht werde. Darüber erschrak ich so sehr, daß ich nimmer weiß, wie ich in die Kutsche kam und der Felix neben mir saß. Wir fuhren durch das Stefingerthor, und beim rothen Eisenhammer (gegenüber dem Blatternwall) stieg der Amtsdiener aus, und des Burggrafen Schreiber Aymont, mit einer Flinte bewaffnet, nahm seinen Platz ein. Ungeachtet der Fuhrmann die Pferde so antrieb, als wollte er sie umbringen, sah ich doch am Vogelthor die Schloffertn Volk, der ich rief: „sag' sie's meiner Frau", aber der Schreiber hielt mir das Maul zu und drohte Feuer zu geben, wenn ich nochmals schreie. So kamen wir an den „Stadel" auf dem Lechfeld, und dort erwarteten uns die Landsberger Schergen und einige Bauern mit Stecken, aber der Stadelwirth duldete nicht, daß sie auf ihren Karren mich setzten, denn wir seien noch auf augsbur- gischer Jurisdiction. Der Schreiber führte mich deßhalb an den Grenzstein, und ich mußte jetzt den Wagen besteigen. Ein Fuß wurde an denselben gekettet, die Henkersknechte hielten meine Arme, und wir fuhren ab; der Schreiber folgte uns in der Kutsche. Wie wir Landsberg erreichten, lief die halbe Stadt zusammen, um mich als die ärgste Verbrecherin zu sehen. Man legte mich in den Thurm, und nach 8 Tagen sprach mich der Landrichter zum ersten Male an, indem er verlangte, ich solle gestehen, daß ich von meinem Glauben abfallen wolle und noch 14 katholische Weiber dazu verleite, was ich jedoch als eine schändliche Lüge erklärte. Nach einer Woche übergab man mich dem Eisenvater, bei dem ich eingesperrt bis zum letzten September blieb. An diesem Tage kam ich zum zweiten Mal vor den Landrichter, und nachdem ich ihm die geforderten 18 fl. hinterlegt hatte, gab er mir diese zwei Schreiben mit den Worten, ich könne jetzt fortgehen, wohin ich wolle." Das eine Schriftstück, aus dem churfürstlichen Hofrathe an das Landgericht Landsberg gerichtet, lautete: „Max Joseph. Wir haben Deinen Weegen der bei dem Dir gnädigst anvertrauten Landgericht iu xuueto 8U8p6ota.6 f?6rv6i'8ioni8 (Verleitung) inhaftirten Katharina Jordanin 8ud äato 9. xra,68. 14. August abhin unter- thänigst erstatteten Bericht samt denen Beilagen empfangen und Uns hierüber im gesehenen Rath umständig xropo- niren lassen. Bevelchen Dir hierauf gndgst., die zur Verhaft genommene Jordanin sogleich ohnentgeldltch des Ver- haffts zu entlaßen, doch aber derselben den Vortrag zu machen, daß sie sich längstens bis künftig Lichtmeß in einen kath. Dienst begeben oder bei solchen ihre ander- wärtige Versorgung suchen solle, welches Dir dieselbe auch ordentlich anzugeloben hat. Du aber wirst von solch Unser gndgsten. Resolution Unserm Religions Agenten in Augsburg Nachricht geben, anbei auch die possierlichen Unkosten behörigen Orts verrechnen. München, 20. Septb. 1748." Das zweite Schreiben liquidirt die Auslagen des Edlen von Behr gurr Nel.-Agenten: t-*-I 630 „für den eigens abgeschickten NauäLlariuva Philipp Ignatz d'Aymont zwei Reisen und Bemühungen 3 fl. — kr., wobei demselben wegen glücklicher der Sache Verrichtung und Ausgang zu einem weiteren äoussrir als zumalen einem armen Convertiten, welcher kaum mit seiner Instruktion der französischen Sprache eine tägliche Kost vielmehr ein konsttss Kleid den Winter anschaffen kann 1 st. 30 kr., für dkk Fuhrmann Rauschmayer mit 3Pferden 4 fl. 30 kr., für Amtsbemühung in tali easu extra- orclinario 3 fl. 50 kr. 12 fl. 50 kr., wozu noch die bürgermeisteramtlichen Gebühren zu schlagen sind.« Diese Akten übergab Bürgermeister Herwart am 2. Oktober mit einem Anheimstellungsberichte, dessen heftige, unfreundlich collegialische Sprache befremdete. „Helene Lottcrin — schreibt er — hat vor etlichen Monaten klagbar angezeigt, welcher Gestalt ihre Dienstmagd unverhört mit Gewalt zur Stadt hinaus entführt worden sei. Aus den Beilagen belieben Ew. Herrlichkeit und Großgünstige zu ersehen, wie es diesem Mensch ergangen ist. Das Kurfürstlich bayerische Lorlxtum gibt selbst zu erkennen, daß sie blos in Verdacht gerathen, als ob sie zu der evangcl. Religion übertreten wollen. Ob aber dieses ein Verbrechen gewest wäre, welchem zu begegnen man also hinterlistig und so äußerst gewaltthätig zu Werke gehen dürfe und wohin es in kurzem kommen werde, wenn ein solches nur den spanischen Jnguisitionsregeln gemäßes Verfahren erlaubt wäre, wodurch die allgemeinen Reichs- als hiesige paritätische Grundgesetze gänzlich verachtet und schnöder Weise gebrochen werden, stelle ich Ew. Ew. anheim.« Bürgermeister von Langenmantel, alsbald von dem unterrichtet, was auf dem Nathhause gegen ihn sich vorbereitete, beeilte sich jetzt, den Senats-Auftrag vom 30. Juli, über die Klage der Buchhändlerin Lotter sich zu äußern, zu erledigen, und er führte aus: „Burggraf von Behr besuchte mich am Annatag Abends und unter Berufung auf das mir vorgelegte Schreiben des Landrichters Josef Ignatz Mändl in Landsberg ging er mich an, die hiesige Dienstmagd Jordanin, eine churbayerische Unterthanin, morgen ob psrioulum in mors. nach Landsberg führen zu lassen, maßen alle Anstalten dazu schon getroffen seien. Ich hatte demnach nicht so viel Zeit übrig, wegen eines äslioti die legale Erkundigung einzuziehen, sondern mußte, um nichts anstößiges gegen churfürstliche Nachbarschaft zu begehen, dem Antrage äekorirsn. Später stellte sich allerdings heraus, daß Edler von Behr vermöge seiner unbegründeten äsnunoiation wie den Landrichter, so auch mich schändlicherweis hintergangen hatte, und ich werde äata osoasions gar nicht ermangeln, den gespielten Betrug ihm empfindlich zu machen, aber die bedauerlich rsgnirirte Ablieferung der Person kann mir nicht zur Last gelegt werden." Die Freiheit hatte Katharina Jordan zwar erlangt, allein aus den spitzigen Reden der Leute blieb ihr nicht verborgen, daß ihrem guten Rufe ein Makel anklebe, sagte man ihr doch in's Gesicht: „den Schimpf werde sie ihrer Lebtag nimmer los«. Und die bösen Zungen machten sich auch an ihren Bräutigam, den katholischen Färbermeister Paul Heichele, der schon vor dem Unglück sie zur Ehe begehrte, denn sein Zunftgenosse Kohlbauer warf ihm. weil für das Handwerk schädlich, vor, wie er ein Mensch heirathen möge, das unter den Schergen gestanden sei. So sahen die beiden Personen sich genöthigt, nochmals den Rath um ein attssiutuoa ivnosontias (Unschulds- zeugniß) xsr Lsorstuva zu bitten und zugleich ihnen zum Rückersatz der abgenommenen 18 fl. zu verhelfen. Es mußte jetzt etwas geschehen, doch glaubten die hohen Herren, von einer Vernehmung aller Betheiligten nicht absehen zu sollen. Die bezügliche Anordnung des Senats vom 12. November vollzogen andern Tags die Bürgermeister Herwart und Zimmermann, ohne daß dadurch wesentlich Neues gewonnen wurde. Begreiflicher Weise bestritt Peter Ph. Jg. Karl d'Aymont aus Frei- bnrg in der Schweiz, Schreiber auf der bischöflichen Kanzlei des Burggrafen, daß er der Jordan den Mund verstopft und sie geängstigt habe, er werde schießen, er habe sogar das Anlegen der Schellen und Anschmieden an den Wagen den Bütteln verwehrt, woran sie sich jedoch unter Berufung aus einen landgerichtlichen Befehl nicht kehrten, und schließlich fragte er spöttisch, ob man von einem mit der Umgegend der Stadt nicht vertrauten Manne erwarte, er wisse genau die bayerische Grenze. Dagegen verbreiteten die Angaben des Färbers Heichele einiges Licht über die durch den Burggrafen ohne Wissen seiner Vorgesetzten eingeleitete Verhaftung der Magd und über die günstige Wendung des Prozesses in München. „Als ich mich über das Schicksal meiner Verlobten bei dem Herrn von Behr erkundigte, — sagte Heichele — so zankte er mich wie einen Buben, was ich mir nicht gefallen lassen konnte. Ich beschwerte mich deßhalb bei Seiner Gnaden dem Herrn Kanzleipräsidenten und Dom- eapiiular Baron von Bettendorf, der ihm in meiner Gegenwart wegen verübter Ungerechtigkeit einen derben Verweis gab und noch sagte, er hätte gute Lust, ihn gar abzusetzen. Dann rieth er mir, eine Bittschrift an den Kurfürstlichen Hofrath aufsetzen zu lassen und dieselbe ihm zu bringen, er wolle sie mit einem guten Wort nach München schicken.« Daß diese Verwendung von gutem Erfolge sein werde, war vorauszusehen, dennLi-anoiLeusllokarmssVVrllisImug lidsr Laro äs Lsttsnäori war nicht nur Oanonious Oaxitularig, sondern auch Lsrsnissimi Lleotoris Lavarias Oonsiliarius Intimus aotualis Oonsilii Lo- olssiastioi Lraesss, und als solchem mußte die thörichte Handlung des ihm unterstellten Religions - Agenten für Seine Churfürstliche Durchlaucht von Bayern sehr unangenehm gewesen sein. Gleichzeitig kam das Protokoll und eine geharnischte, für die Unabhängigkeit der Reichsstadt nicht schmeichelhafte Protestation des Herrn von Langenmantel zu Handen des Magistrats. Der in seiner Ehre gekränkt sich fühlende Patrizier gab seinem Unmuthe ungeschminkten Ausdruck. „Obgleich ich noch ohne Oeoretuua ö saucsllaria bin, so höre ich, daß meine amtliche Thätigkeit mit einer spanischen Inquisition olauäioants similituäius verglichen werde. Wenn mich eine fünfjährige Amtsführung vor einem so unerhörten Vorwurf nicht schützt, so begreife ich auch die gegen mich getroffene, unlängst beliebte Maßregel, daß ich vor der Abstimmung abzutreten hatte. Aber ich beharre darauf, nicht das Geschwätz des Burggrafen, sondern die in Form Rechtens gestellte Requisition des Landrichters veranlaßte meine angefochtene Handlung und ich frage, wenn Churbayern seine Unterthanen auch ohne vorhergegangenes Lslivb simxliviter zurückberuft und 631 ihre Lxtraäition beansprucht, ob Augsburg im Stande wäre, dagegen zu sein? Würden daher die Herwartschen imxutatiL nicht zurückgewiesen, so bin ich neaessitirt sä salvancka st tuonäa zürn kartis oatstolieas mit eben demjenigen Eifer bet Gelegenheit zu verfahren, mit welchem auf der anderen Seite bei bekannten Vorgängen ohne Rücksicht auf die hiesige paritätische Verfassung der Anfang und die Bahn gemacht worden ist. Entschieden verwahre ich mich dahero durch die Unbesonnenheit des Edlen von Behr oder wegen der Brutalität dessen besoldeten Subjectes in eine schiefe Lage gerückt zu werden." Besänftigend wirkte die Erklärung des Bürgermeisters Herwart, es sei von ihm nicht beabsichtigt gewesen, den Herrn von Langenmantel zu beleidigen, dessen sehr rühmliche Eigenschaften er hochachte und dessen Freundschaft ihm allzeit höchst schätzbar gewesen. Demungeochtet vermochten die Nathsconsulenten ihr Gutachten in keine müdere Form zu kleiden. „Es mußte—setzten sie voraus — dem Bürgermeister der blinde Neligionseifer und die zu übereilten Urtheilen geneigte Gemüthsart des Burggrafen bekannt sein, daher das Mißfallen über den Amtsmißbrauch sowohl in Ansehung der gehinderten freien Religionsänderung, als fürnehmlich in Betracht der verfügten Auslieferung, ohne darüber bei dem Magistrate anzufragen, sich nicht unterdrücken lasse." Endlich am 19. Dezember 1748 erging in8snatn das vaoretum: 1. Dem Herrn Bürgermeister v. Langenmantel das Mißfallen, wie beantragt worden, auszu- sprechen. 2. Der Katharina Jordan, nunmehr» verehelichten Heichelin, nicht nur von gemeiner Stadtkanzlei ein öffentliches aitestatum iimooovtias bei ihrer kündbaren Unschuld ertheilen, sondern auch inseriren zu lassen, daß ihr niemand, wer er auch sein möge, bei 10 Nthl. Straf keinen Vorwurf mache, sondern sie aller Orten und Enden als eine unverleumnudete ehrliche Person angesehen und geachtet werde. 3. Wegen der ihr in Landsberg abgenommenen 18 st. wird K. Jordan alias Heichelin an den dortigen Landrichter und an den Burggrafen von Behr verwiesen, und Letzterer soll durch das Bürgermeisteramt, das er so schändlich hintergangcn, dazu angehalten werden. 4. Wegen des rc. Behr in dieser ganzen Sache bewießenen Schäbigen und friedensstörischen Ausführung, auch übrigen intoleranten Betragens sowohl an den durchlauchtigen Churfürsten von Bayern, als auch an Seine Hochfürstliche Gnaden den Bischof Joseph in Augsburg ein nachdrückliches Beschwerungsschreiben zu erlaßen und bei dem Hofrath in München höchsten Orts um Abschaffung des rc. Behr von der Neligious-Agentie unterthünigstes Ansuchen zu stellen. 5. Dem Schreiber Aymont die unverantwortliche Violation des allhiesigen tsrritorii zu verweisen und 2 Tage lang in das Gewölble ihn zu legen. Mit der bürgermeisteramtlichen Anzeige vom 6. Jan. 1749, daß der am Perlach ergriffene renitente Aymont die Strafe abgesessen habe, schließen die Akten. --SS2--S--S-"- DeS Himmels Walten. Erzählt von M. Dursch. lNachLrm! verbot!».) Die Winternacht zog herauf, stürmisch und kalt. Noch immer wogten die schweren, feuchten Schleier vom Himmel, noch immer senkten sich die weißen Flocken lautlos zur Erde. Sie schienen nicht eher ruhen zu wollen, als bis sie dem einsamen Reiter und seinem Rosse ein weiches lindes Grab bereitet hätten. Jeder Pfad war verschneit, jeder Weg verdeckt von flimmerndem Schnee. Selbst die Landstraße verlor sich spurlos in der weiten, weißen Ebene. Verzweifelt spähte der Reiter durch die Nacht: da. tauchte plötzlich dicht vor ihm ein schimmerndes Licht auf. Durch das Fenster einer Schenke strahlend, winkte es traulich zur Einkehr. Der Reiter stieg vom Rosse und pochte kräftig an das verschlossene Thor. Wüthendes Hundegebell ertönte, dann kamen schlürfende Schritte, Schlüssel knarrten und das Thor wurde vorsichtig geöffnet. Ein großer, weißbärtiger Mann erschien; er hielt eine Laterne, deren Schein in breiten Strahlen auf den Schnee der Landstraße und die wirbelnden Flocken fiel. Mürrisch fragte er nach dem Begehren des Fremden. „Ein kräftiger Imbiß," war die Antwort, „und ein warmes Lager für Wich und meinen Gaul — das ist Alles, um was ich Euch bitte." Der weißbärtige Alte schien zu überlegen; prüfend erhob er die Laterne und leuchtete dem Ankömmling in's Gesicht. Dann forderte er ihn auf, ihm zu folgen, und ging voraus in die Schenkstube. Hier lagen auf dicken, kostbaren Teppichen zwei jüngere Männer, durch die auffallende Ähnlichkeit ihrer Gesichtsbildung mit der des Wirthes sofort als seine Söhne erkennbar. Sie begrüßten zwar den Gast zuvorkommend und höflich, aber ihr Benehmen hatte etwas Unerklärliches, Verstecktes an sich, und in ihren Augen lag derselbe lauernde Ausdruck wie in denen des Alten. Der Fremde war unangenehm berührt von dieser Beobachtung, und er hatte das Gefühl, die Drei könnten, ohne sich zu besinnen, ihrem Neben- menschen das Lebenslicht ausblasen. Sonderbar erschien es ihm auch, daß in einer gewöhnlichen Schenke so kostbare Teppiche vorhanden waren. Allein er befreite sich rasch von seinen — wie er meinte — grundlosen Befürchtungen. Er ließ sich vom Wirthe den nassen Mantel abnehmen und setzte sich in die behagliche Wärme des OfenS. Bald wurde Wein, Schinken und Hausbrod aufgetragen, und der Gast ließ sich Alles vortrefflich munden. Inzwischen führte der Wirth das Roß in den Stall und fütterte es; Zaum und Sattelzeug aber hängte er in der Stube auf. Dann nahm er mit heuchlerischer Freundlichkeit bei seinem Gaste Platz, um von Diesem und Jenem zu plaudern. „Ihr seid gewiß ein Kaufherr," fragte er im Laufe des Gespräches, „und wollt den Jahrmarkt in der nahen Stadt besuchen?" Der Angeredete nickte. „Ader wie gefährlich ist es doch, so allein, ohne Begleiter, durch Nacht und Nebel zu ziehen! Wie leicht könntet Ihr des vielen Geldes beraubt werden," meinte der Wirth. Dabei blinzelte er verstohlen auf den gefüllten Ledergurt des Kaufherrn. — Lächelnd entgegnete dieser: „Gegen eine solche Gefahr bin ich hinreichend geschützt. Ein Paar kräftige Fäuste, ein gutes Roß und eine ausgezeichnete Pistole, das sind sichere Helfer, die mir schon manchen Dienst erwiesen." Zufällig sah er dabei von der Mahlzeit empor und bemerkte, wie der Alte mit einem seltsamen Blick die Aufmerksamkeit seiner Söhne auf den Geldgurt lenkte und wie ein leises Kopfnicken die Erwiderung war. Von neuem erwachte sein Argwohn, und ein fürchterlicher Gedanke durchzuckte sein Gehirn. Unwillkürlich griff er nach seiner Pistole, aber rasch überlegend ließ er sie stecken und that, als ob er von Allem nichts bemerkt hätte. Der Wirth geleitete ihn auf sein Zimmer, das eine Stiege höher lag und nur ein einziges Fenster nach dem Hofe besaß. Er 632 wünschte »gute Nacht" und entfernte sich. Bald darauf wurde daS Licht in der Schenkstube gelöscht, im ganzen Hause war e8 dunkel und Alles schien zur Ruhe gegangen. Der Kaufherr beschloß, auf seiner Hut zu sein. Leise wollte er den Riegel vor die Thüre schieben, aber zu seinem Aerger vermochte er gar keinen zu finden, so viel er auch im Dunkeln umhertastete. Noch größer wurde sein Mißmuth, als er nach der Pistole langte und entdeckte, daß er sie unten habe liegen lassen. Mit vorsichtigen Schritten ging er daher die Stiege hinab, bis er plötzlich durch ein Paar glotzender Augen und ein dumpfes, drohendes Knurren wieder angehalten wurde. Zugleich vernahm er unterdrückte, halblaute Stimmen. Er blieb stehen und lauschte. DaS Blut wogte ihm in heißen Wellen zum Herzen, bei dem, was er vernahm. „Seine Pistole hat er drunten auf der Bank liegen lassen," sagte der Alte. „Es ist also nicht die mindeste Gefahr vorhanden, und Alles geht so glatt und sicher wie sonst. Ich schleiche mich an sein Bett und schlage ihm mit der Axt deu Schädel ein. Indessen grabt Ihr im Hofe ein großes Loch; wenn ich fertig bin, pfeife ich leise und werfe ihn durch das Fenster hinab. Ihr verscharrt ihn dann mitsammt den Kleidern — wir behalten nichts als das Geld — und macht die Grube rasch wieder zu, damit wir nicht überrascht werden." — „Wir werden das Unselige thun," war die Antwort, „sorge Du nur, daß jeder Lärm vermieden wird." Die Flüsternden erhoben sich, und Jener, dem ein gräßlicher Tod so nahe schien, schlich in sein Zimmer zurück. Er befand sich in einer unbeschreiblichen Aufregung, sah er sich doch wehrlos in die Hände dieser Mordgesellen gegeben. „Hätte ich nur irgend eine Waffe bei mir," dachte er, „damit ich mich wenigstens gegen die Uebermacht vertheidigen könnte! Oder soll ich es dennoch wagen? Allerdings — Einer gegen Drei — aber ich habe ja schon manchen Strauß glücklich bestanden. Doch nein, wenn es mir auch den Menschen gegenüber gelänge, freien Weg zu schaffen — die Hunde würden mich in Stücke zerreißen, bevor ich einen Arm gegen sie erheben könnte!" Er verfiel in düsteres Sinnen. Fern von der Heimath sollte er also auf so elende Weise um sein Leben kommen, spurlos verschollen sollte er sein für Gattin, Kinder und Eltern, deren einzige Stütze er war! Mit Anstrengung suchte er nach einer Möglichkeit der Rettung. Endlich war sein Plan gefaßt. Er selbst bebte zwar vor dem Grauenvollen, allein es gab keinen andern Weg, dem fürchterlich drohenden Schicksal zu entgehen. »Himmlischer, verzeihe mir," betete er, „Du weißt, daß mir nichts anderes Möglich ist!" — Entschlossen stellte er sich neben der Thüre auf und wartete. Eine, zwei Stunden vergingen und Alles blieb todten- still. Nur draußen tobte der Schncesturw, und die Bäume ächzten unter seiner Last gleich Sterbenden. Immer schwärzer wurde der Himmel, immer fester ballte sich das Gewölke, immer dichtere Schneewehen jagten zur Erde. Da — es mochte um Mitternacht sein — ließen sich plötzlich gedämpfte Schritte und ein flüchtiges Knacken der Treppenstufen hören. Die Schritte kamen langsam näher. Der Kaufherr hielt, um seine Stellung nicht zu verrathen, den Athem an. Nun tastet es an der Thürklinke, und nun schleicht es leise über die Schwelle. Näher und näher bewegt es sich gegen das Lager — jetzt ein vorsichtiges Tasten auf der Bettdecke — da — ein dumpfer, gurgelnder Laut — ein schwerer Fall, und Alles ist wieder grabeSstill. Leblos, erdrosselt von nervigen Händen, liegt der Verbrecher am Boden. Nun aber gilt es rasch zu handeln, das grauenhafte Werk entschlossen zu vollenden, wenn die Rettung gelingen soll. Hastig kleidet der Kaufherr den entseelten Körper in sein eigenes Lederwams, hebt ihn auf das Fenster und läßt einen leisen Pfiff ertönen. Sofort wurde von unten auf gleiche Weise geantwortet, der Todte fällt in den Hof hinab, vier Hände ergreifen ihn, werfen ihn in eine Grube und schaufeln die Erde wieder darüber. Als der Kaufherr sich von dem Gelingen der Täuschung versichert hatte, eilte er in die Schenkstube, öffnete leise ein Fenster und schwang sich auf die Landstraße hinaus. Es war höchste Zeit, denn schon leuchteten durch das Dunkel die glühenden Augen zweier Rüden, die vorn Hofe aus seine Anwesenheit wahrgenommen hatten. Auf eine wilde, stürmische Nacht folgte ein ruhiger, klarer Morgen. Als die kalte Wintersonne heraufstieg, beleuchtete sie einen Trupp Soldaten, deren Helme und Waffen ihre Strahlen blitzend zurückwarfen. Es waren die Schergen der nahen Stadt, unter Führung des geretteten Kaufherrn nach der Schenke abgesandt. „Wo ist denn Euer Vater?" fragte der Hauptmann die beiden Missethäter, die beim Anblick des todtgeglaubten GasteS gleichsam zu Stein erstarrten. „Wir wissen es nicht," stammelten sie endlich, „er ist noch nicht herabgekommen, er muß noch schlafen." — „Wahrscheinlich," spottete der Hauptmann, „es ist auch gar nicht zu verwundern, wenn er einen so festen Schlaf hat. Nun, wir wollen Euch zeigen, wo Euer Vater ist. Schaufelt einmal die Erde aus dieser Grube, aber rasch!" Zitternd gehorchten die Unseligen. Endlich zeigte sich die Leiche des alten Wirthes mit verzerrtem, blutunterlaufenem Antlitz. — „Seht Ihr nun, Ihr Mordbuben, wo Euer Vater ist?" rief jetzt flammenden Auges der Hauptmann. „Ihn hat das Gericht ereilt, und bevor die Sonne sich neigt, werdet auch Ihr Euren Lohn empfangen!" „Erbarmen, Erbarmen!" winselten die Elenden, während sie auf die Kniee fielen. Kräftige Fäuste rissen sie empor, schnürten ihre Hände zusammen; die Soldaten nahmen sie in ihre Mitte, und eilig bewegte sich der traurige Zug nach der Stadt. Die Wintersonne leuchtete über Thal und Höhen, so strahlend, so herrlich — den Tag verschönend, der endlich eine Reihe grauenvoller Verbrechen sühnte. — Kreuz- und Auer-KäMt. 1 2 verdirbt so manche Speise, In allen 3 4 zeig' dich weise, 1 4- beherrscht dich als Despot, 2 4 bringt Wunden oder Tod. 8 2 umschließet Geld und Tand, S 1 ein Thier im fremden Land. Auflösung des Buchstaben-RSthsels in Nr. 79: Salm. — Salomo. Auflösung des Bilder-Näthsels in Nr. 80: Bei jedem Anfang bedenke das Ende. --WRZS-- ^L 82 . 1894. »m „Augsburger Postzeitung". Dinstag, den 9. October ^ür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas »» -ÄMV :.^.-. , weiß, was es da zu leiden gibt. Auch der Huberbauer weiß davon zu erzählen. Er hat's nicht mehr aushalten können vor Weh, und so entschloß >r sich denn, beim Dorfarlle gründlich Heilung zu suchen. Der Herr Doktor ist ein Mann von Fach und versteht es, das Uebel „mit der Wurzel" zu heben. Zunächst gilt es, den Sitz des Uebels zu eruiren und wir glauben, er wird seines Amtes zur Zufriedenheit unseres Bäuerleins walten. -^ - Allerlei. Was dem Kloster Frauenchiemsee ein herzoglicher Besuch kostete. Herzog Heinrich der Reiche überraschte am 27. November 1444 das Kloster Frauen- chiemsee mit einem Besuche und blieb dasübst bis 1. Dez. Er führte mit sich 56 Pferde rc. Die Zehrung an Wein, Futter und Fischen kostete die Frauen 65 Pfd. dl., eine Summe, um die man damals einen großen Hof kaufen konnte. Als die Aebtissin Dorothea von Layming ihren Streit mit andern Fischereiberechtigten vorlegte, wollte dem Schiedsrichter ihr Recht nicht einleuchten, bis sie ihre vorgebrachten Beweise mit einem neuen verstärkte — nämlich mit einem Geschenke von 32 Pfd. dl. Nun war auf einmal dem Herrn die Sache ganz klar, und entschied er zu Gunsten des Klosters. ZSilder-Hläthsek. Fatale Anziehungskraft N i M UM» j«r rr ^L87. Areitag, den 26. October ve?v Kür die Redaction verantwortlich: Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L hilipp Frick in Augsburg, rabherr in Augsburg tVorbesttzer vr. Max Huttlcr), BernmarÄ von Httdesheim. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) Die Kaiserin hatte einen Wunsch auf dem Herzen, den die Prinzessin Sophia, welche zugegen war, theilte. Auch Theophano duldete, nicht, daß der Priester seinen Dank für die reichen Geschenke aussprach. Nasch leitete sie also ein: „Herr Bernward, Eurer Weisheit habe ich rückhaltlos die Erziehung und den Unterricht des jungen Kaisers anvertraut; und darum, mein viclgelehrter Herr, folge ich, das wißt Ihr, in allen Stücken, die Ottos Wohl und Wehe betreffen, Eurem Rathe. Heute handelt es sich um eine Freude, die ich meinem Sohne gewähren möchte. Von allen Seiten drängt man mich, den jungen Kaiser nach seinem Wunsche an den Jagden theilnehmen zu lassen, so für die kommenden Tage vorbereitet sind. Nicht am wenigsten bittet um die Gegenwart des kaiserlichen Bruders meine Tochter Sophia. Sie hat am edlen Waidwerk Freude und möchte selber mitreiten." Der Hofkaplan schaute eine Weile bedenklich vor sich hin. „Hohe Herrin, mir thut es leid, mich Euerm Wunsche widersetzen zu müssen," sprach er alsdann. „Es freut mich, wenn mein Otto auf dem Burghofe im Waffenhandwerk sich übt, doch weiß ich auch, daß er zu jung ist, um Genuß am Vergnügen der Männer zu finden; und ich weiß auch, daß solche Zerstreuung ein großes Hemmnis; wäre in seinen Studien, denen er mit Eifer sich hingibt. Darum laßt ihn ungestört unter meiner Obhut," also bat er flehentlich. „Otto möchte so gerne an der Jagd tlMnehmen," wendete die Kaiserin ein. Bernward neigte das Haupt? „Es ist gut und nothwendig für den zukünftigen Weltbeherrscher, daß ihm schon in der Jugend einige Hemmnisse entgegentreten. Das Leben hier auf Erden ist ein steter Kampf. Wer als Herrscher auf einem Throne sitzen soll, muß vor allen Dingen lernen, sich selbst zu überwinden." Theophano nickte unwillkürlich beistimmend. „Aber, Herr Bernward. wie soll Sophias Wunsch erfüllt werden?" so fragte sie alsdann bekümmert. Ehe der Hofkaplan etwelche Antwort bereit hatte, rief die erzürnte Prinzessin: „Schweigt nur. Ich weiß es, gestrenger Mann, Ihr haltet es für unschicklich, daß die Kaisers-Tochter und -Schwester sich an weltlichen Freuden erlustige, zumal da sie, wie Euch bekannt, in nächster Zeit der Welt Lebewohl sagen und ins Kloster eintreten soll." Ein seines Lächeln flog über des jungen Priesters Züge. „Da Ihr es also genau zu wissen scheint, Herrin Sophia, daß züchtige Jungfrauen sich still in ihrer Kemenate halten, und daß es bei denen nicht Sitte ist, mehr, als nöthig, sich öffentlich zu zeigen, so brauche ich darüber kein Wort zu verlieren. Freilich würde ich es für geziemender erachten, wenn Ihr zur Vorbereitung auf Euern künftigen heiligen Stand bemüht wäret, im geistlichen Leben voranzuschreiten, anstatt weltliche Zerstreuungen zu suchen." Die Prinzessin entgegnete heftig: „Soll es mir denn nicht gestattet sein, erlaubte weltliche Freuden zu genießen, weil ich mein Leben in klösterlicher Zurückgezogenheit beschließen will!" Bernward richtete sein seelenvolles Auge auf die Kaiserstochier. „Junge Herrin, Ihr wißt nicht, was Euch frommt," sagte er. „Seit einem halben Jahre ist es mir vergönnt, in Eurer Nähe zu leben, Euch täglich zusehen; inzwischen aber — ich fühle mich verpflichtet, es endlich auszu- sprechen — ist es mir auch klar geworden, daß Ihr mit Euerm hohen und ehrbegierigen Sinn besser auf einen Thron, als in die Dienstbarkeit des Ordenslebens taugt. O, folget meinem Rath, bleibt in der Welt! Für Euch ist das heilsamer. Bedenket wohl, daß Ihr als Ordensfrau allen Würden und Ehren, aller Anerkennung entsagen müßt, nichts besitzen dürft und in aller Unterwürfigkeit Euern geistlichen Obern dienen sollt. Welche Versuchungen, welche Unruhen würden Euch daraus erwachsen, wenn Ihr Demuth und vollkommenen Gehorsam gelobt hättet! In den Orden tritt man ein, um zu dienen, nicht um zu herrschen, und im Kloster kann Niemand bestehen, der nicht von ganzem Herzen sich demüthigen will. Ueberleget meine Mahnung wohl." Sophia war bald roth, bald bleich geworden, während der freimüthige Priester überzeugungsvoll zu ihr sprach. Jetzt entgegnete sie: „Wie könnt Ihr glauben, die deutsche Kaiserstochter werde lange in demüthiger Unterwerfung dienen müssen!" Sie warf den Kopf zurück. „Der Aebtissinnenstab ist 674 ist mir aufbewahrt. Ich werde gebieten freier, unumschränkter, als wenn ich eines Herrschers angetrautes Weib wäre." Bernward rief schmerzlich erregt: „Mit solchen Gesinnungen wollt Ihr in den Orden eintreten! Ich sage Euch, wer sich im Klosterleben nicht bestrebt, der Geringste und Dcmüthigste zu sein, wird sich und den anderen den Frieden nicht bewahren können." Heftig erwiderte die Prinzessin: „Da scheint Euere Schwester Judith andere Meinung zu hegen; denn nach kaum einem Jahre seit ihrem Eintritt in den Orden nahm sie die Würde einer Aebtissin zu Ningelheim an." 4 Bernward chrtgeguete erlistn „Nur Engern und nur mu Gehorsam gegen ihre Mllschwestern übernahm Judith Eas^ Amtj zu dem diese' sie gewählt "hatten." Er unterdrückte die Bemerkung, daß Judith ihrer heldenmüthigen Tugenden, ihres heiligmüßigen Lebenswandels halber so bald schon zu dieser Stelle auserkoren worden sei, denn er wollte die Aufgebrachte nicht erzürnen. In Sophias stolzes Herz aber hatte er einen Stachel gesenkt. Seine wohlgemeinte Warnung vergaß und vergab diese ihm nie und nimmer. V. Das Waffenspiel zu Quedlinburg. Es hält der Kaiser ein großes Turney, D'rum zogen die Ritter all' herbei, Wohlansgerüstet nach Nittcrbrauch Mit Lanzen und blanken Schwertern auch. Griebel. Glückliche Tage für Bernward brachte das schöne Ostei fest zu Quedlinburg. Da konnte er endlich, wie er es längst ersehnt, mit seinem heimgekehrten Bruder Tammo plaudern, da empfing ihn mit herzlicher Liebe sein Oheim, der Bischof Volkmar von Utrecht, da begrüßte ihn der kluge Bischof Osdag von Htldesheim; sein getreuer Freund, Graf Altman von Olesburg, trat ihm entgegen, sein junger Mitschüler von der Hildesheimer Domschule, Heinrich von Bayern, war beglückt, ihn wiederzufinden. Der junge Hofkaplan und kaiserliche Lehrmeister hätte sich vervielfältigen müssen, um allen genügen zu können, die Ansprüche an ihn erhoben. Die Großen des Reiches suchten den gelehrten, den arbeitsfreudigen Erzieher des Kaisers kennen zu lernen. Diesen bescheidenen Priester zierten ja die edelsten Gaben — Heiligkeit und Wissenschaft — welche Hochachtung und Bewunderung herausforderten. Am ersten Tage nach dem Osterfeste wurde draußen auf dem weiten Wiesenplan ein großes Kampfspiel gehalten, wobei die Blüthe der Ritterschaft Proben ihrer Kraft und Wafsengewandtheit ablegen sollte. Die mit bunten Teppichen geschmückten Tribünen belebten sich mit erlesenen Zuschauern der vornehmsten Stände. Unter dem Purpur-Baldachin nahm Bernward neben seinem kaiserlichen Zögling Platz. Sein kunstsinniges, für alles Schöne empfängliches Auge schweifte heute über das weite glänzende Rundbild. Gerade gegenüber erhob sich der goldbefranste Altan der Kaiserin. Die schöne Frau saß in der Mitte ihrer Töchter und war umringt von einem Kranze edler Hofdamen. Ein heiteres, ein farbenprächtiges Bild. Prinzessin Sophia hatte das Ehrenamt übernommen, die Sieger mit dem Preise zu krönen. Die Kaiserstochter sah entzückend aus in ihrem silberglitzernden, blaßrosigen Gewände, das schwarze Lockenhaar mit thau- flimmernden Heckcnröschen geschmückt. Doch ebenso wohlgefällig als auf ihr hafteten die Blicke mancher Ritter auf der blonden Hofdame, welche nicht weit von ihr saß. Hildeswitha in einem zarten Gewände von wasserblauem silberdurchwirktem Stoff, das rings mit Schneeglöckchen geziert war, sah selber aus wie ein lieblich frisches Schneeglöckchen. Die Herren, so in der Nähe des Wendenprinzen saßen, glaubten wohl nicht mit Unrecht, daß dessen Blicke nach dem Frauen-Altan, sowie dessen Bewunderung ausdrückende Flüsterworte: „O, wie ist sie holdselig!" der anmuthsvollen Hildeswitha galten. , Eine kleine Bewegung ^ ging ljurch die Reihen der jungen Edeldamen, ^als ein schlanker Page sich geschmeidig hindurchwand und dem Hoffrüuletn Hildeswitha von Olcs- burg mit leisen Flüsterworten einen Strauß herrlicher Rosen überreichte. „Rosen im Ostermonat! Der Spender muß ein reicher Fürst sein," äußerte die Griechin Helena bewundernd. „Soll ich Euch den Geber verrathen?" fragte lächelnd eine blonde Schöne. „Sprich, Gisela. Geschwind sag' uns, wer ist er?" klang es auffordernd von allen Seiten. Die also Bestürmte erzählte leise: „Draußen vor den Schranken sah ich jenen Edelknaben in vertraulicher Zwiesprache mit dem Sohne des Wendenkönigs, der drüben sitzt und unverwandt herüber- schaut. Er wird dem Pagen den Auftrag zu der Huldigung gegeben haben. Seht, wie seine schwarzen Augen blitzen. Ihm wäre es auch lieber, sich dort unten auf feurigem Streitroß zu tummeln, als betrübt den Zuschauer zu spielen." „Nun, allzu betrübt schaut er nicht drein," lachte Helena. „Warum sollte er das auch," entgegnete die Andere. „Seine Gefangenschaft wird ihm zum ersten nicht gar so schwer gemacht und wird zweitens auch nicht von beträchtlicher Dauer sein. Der reiche und mächtige König Mistut mag schon bald das Lösegeld für den Sohn aufbringen und mit der Einsendung nicht zögern." Helena meinte lächelnd: „Da wird unsere Herrin Theophano am Ende wohl gar genöthigt sein, neben der Geisel eine ihrer Hofdamen freizugeben. Doch seht, wie sie auf dem Wahlplatze gegeneinander rennen. Hört, wie die Rüstungen dröhnen, die Schilde klirren von gewaltigen Streichen! Das Spiel wird ernst, es erfordert unsere ungetheilte Aufmerksamkeit. Schaut, keiner der Helden ist sieghafter, als Tammo von Sommerschenburg!" Den Edelfräulein ringsumher mochte wohl dasselbe dünken, denn keine äußerte andere Meinung. Mit größerem Antheil noch, als von der Frauen- Altane, wurden von deS Kaisers Tribüne aus die Wechselfälle des Kampsspiels verfolgt. Voll freudiger Spannung beobachtete Bernward, mit welcher Geschicklichkeit der junge Heinrich von Bayern schon die Waffen handhabte, sah er, wie Freund Altman von Olesburg sich mächtig auszeichnete, gewahrte er mit Hochgefühl, wie sein Bruder Tammo, ohne selber ein einziges Mal zu wanken oder den Speer fehlzustoßen, alle, die ihm nahten, in den Sand warf und gar manchem die Waffen nahm. 675 Nun hatte Tammo dem Letzten die Lanze zerbrochen und blieb von allen Rittern, so zuerst auf dem Kampfplatz erschienen, als einzig Unüberwindlicher, als Held aller Helden auf der Wahlstatt zurück. Pauken und Trompeten feierten den Ruhm des Siegers. Graf Hoiko, des jungen Kaisers Waffenmeister, verkündete, daß er als Kampfrichter dem edlen Grasen Tammo von Sommerschenburg den Preis der Tapferkeit zuerkenne. Otto erhob sich von seinem Throne und rief: „Sophia, meine Schwester, schmücke den Helm des Siegers mit dem goldenen Lorbeer!" Endloser Jubel folgte der kaiserlichen Entscheidung. Unter dem Beifall der Menge tummelte der Sieger seinen feurigen Renner und zwang ihn zu langsamem Schritt, während er mit zum Gruß gesenktem Speer dem Frauen-Altan sich näherte. Der Kranzspenderin dunkle Augen flammten dem Helden begeistert entgegen. Tief neigte der sein Haupt vor der Kaisertochter. Erröthend bog Sophia sich vor und legte mit zarter Hand den goldenen Lorbeerkranz um den Helm des Siegers. Er dankte mit stummer ehrerbietiger Verneigung. Trompetengeschmetter und jauchzendes Rufen: „Heil dem Helden!" begrüßte den Gekrönten. Der begann nun der Sitte gemäß einen Ruudritt um die Schranken. Da fiel sein Blick auf die holde Hildeswitha. Er stutzte, zügelte sein Roß und wandte sich ihr zu. Beider Augensterne tauchten bewundernd ineinander. „Seid mir gegrüßt, edle Jungfrau Hildeswitha, Schwester meines Freundes und Freundin meiner Schwester! In Gandersheim sah ich Euch zuletzt als sonnig holdes Kind, an Euerm Goldhaar erkenne ich Euch wieder," also sprach er. Hingerissen von ihrer Lieblichkeit beugte er sich vor und flüsterte: „O gebt mir den schönsten Siegespreis, schenkt mir eine Rose aus Euerer Hand." Verwirrt und mit Purpurgluth übergössen bot die holde Maid dem Helden die schönste Rose ihres Straußes dar und wußte selber kaum, daß sie es that. „Die minnige Rose gilt mir höher, als der stolze Lorbeer," also sprach er beglückt und steckte die Rose als Helmzier über den Lorbeerkranz. So geschmückt ritt er unter lautem Beifallrufen langsam um den weiten Turnierplan. Die Sachsenherren alle freuten sich über die Auszeichnung, welche der Held des Tages einer Tochter des Landes hatte zu Theil werden lassen. Bernward aber wiegte leise das Haupt. „Welche Unbesonnenheit!" sprach er bei sich. Gegenüber sah er die Kaisertochter tief erblaßt mit funkelnden Augen und festgeschlossenen Lippen, ein Bild beleidigter Hoheit. Sie preßte die Rechte auf's Herz. Die Huldigung, so Tammo, der von ihr Gekrönte, dem untergebenen Edelfräulein zugewendet hatte, mußte der Stolzen eine Niederlage, ja eine Verspottung dünken. Eine solche Geringschätzung hatte man der eiteln Prinzessin Sophia noch nicht geboten. So waren die Waffenspiele zu Ende. Mit gemischten Gefühlen verließen alle den Schauplatz. Die Männer ruhten bei festlichem Gelage von den Kämpfen aus und feierten beim Becherklang fröhlich und einträchtig den Sieger. Die Frauen zogen sich derweil in die Kemenate zurück, allwo köstliche Erfrischungen ihrer harrten. Hier- selbst besprachen deren flinke Zünglein lebhafter und erregter, als die. Männer beim Trinkgelage das thaten, die Ereignisse des Tages. Eine der Hofdamen fehlte. Das war Hildeswitha. Die Kaiserin hatte der Jungfrau ein Stelldichein mit dem von Hildesheim gekommenen Bruder zugesichert. Die Maid hatte den Grafen Altman während der Feiertage nur aus der Ferne gesehen. An der Südseite der Kaiserpfalz auf einem Felsen- vorsprunge lag ein gar lieblich moosbewachsen Plätzlein. Das war von Epheu und Immergrün.umrankt, so^daß es auch jetzt im Vorfrühling schon so grün ausschaute, wie mitten im-Sommer. Darüber lächelte der blauU Himmel mit seinem Strahlenauge, der Sonne. Wie weit schweifte hier der Blick über zartgrüne Fluren bis zu den hoch und höher thürmenden dunklen Felsen und Wäldern des Harzgebirges. Eine Moosbank in epheu- umschatteter Grotte lud zum Niedersitzen und stillen Genießen von Gottes freier Welt verführerisch ein. Zu diesem Felsengärtlein hatte die Herrin Theophano den Schlüssel in Hildeswithas Hand gelegt. Die Jungfrau ließ sich auf die Moosbank nieder und erwartete dort träumend, von lieblichen Bildern um- gaukclt, den Bruder. Da nahten schnelle Männertritte. Das Burgpförtlein flog auf, und — der kecke Wendenprinz stand strahlend vor Hildeswitha. „Welch ein Ueberfall!" rief sie erschrocken und sprang empor. Der schwarzäugige Prinz aber nahm eine so demüthig zerknirschte Haltung, so beweglich bittende Miene an, daß die Zürnende fast lächeln mußte. „Ein Unstern führt Euch hierher," grollte sie dennoch. „Kein Unstern, sondern ein treuer Page, der mir auch verrieth, daß ich Euch hier finden würde, geleitete mich," versicherte Slavomir. Er trat näher und schaute mit gluthvoller Begeisterung in ihre Augen. „O Hildeswitha, der Waldvogel zieht ja willenlos der Sonne nach und verläßt die Heimath, um ihr zu folgen. Winter ist es dort für mich, wo ich Eueren Anblick entbehre. Die Zeit dünkt mir eine Ewigkeit, seit ich Euch zum ersten und zum letzten Male in Hildesheim sah. Glaubt Ihr, daß ich mich selber freiwillig als Geisel gestellt, daß ich nicht einen meiner jüngern Brüder oder die Edelsten meines Stammes gesandt hätte, wenn nicht die Sehnsucht mich an den deutschen Kaiserhof gezogen? Durch Kundschafter kannte ich ja Euer» Aufenthalt. Edle Jungfrau, da habt Ihr mein Bekenntniß." „In Mondesfrist löst mein Vater mich aus, und ein freier Königssohn wirbt um Eure Hand. O, vertrauet dem Manne, der Euch schützen wird, wie ein schwer errungenes Kleinod, der jede Frcudenblume des Lebens für Euch suchen, der seinen Thron mit Euch theilen wird. Entziehet mir den Blick nicht und leset aus meinem Auge Wahrheit und Liebe, daß Ihr erkennt, wie ich es meine." Die Jungfrau, tief erbleicht, fassungslos ob der stürmischen Werbung, die sie nicht ohne Bewegung anhörte, trat zurück und stammelte leise, wie bittend: „Ich kann nicht. Prinz Slavomir, ich kann nicht 676 Euer Weib werden. Seid mir nicht böse. Ihr findet eine Jungfrau Eures Stammes als Königin." Der Prinz taumelte. Sein einzig Wort war: „Verschmäht l — Wie soll ich daS ertragen?" Ernst und bleich wandte er sich zum Gehen. In der Pforte trat ihm Altman entgegen. Der stutzte. Slavomir ging mit stummem Gruß an ihm vorüber. Ein strenger Blick des jungen Grafen traf die wie schuldbewußt dastehende Maid. „Was ist das, meine Schwester?" fragte er gemessen. Da flog sie an seine Brust, schmiegte ihr Haupt weinend an seine Schulter und flüsterte: „O, Du Lieber, zürne mir nicht. Er drang hier ein ohne meine Zustimmung, und, mein Bruder" — sie stockte — „er warb um mich." Der Graf, rasch besänftigt, strich liebevoll über ihr Goldhaar. „Du wiesest ihn ab?" Sie nickte. „Kind, Du verschmähtest eine Königskrone," sprach er gewichtig. Sie schaute in die Ferne. Dem Sonnenschein gleich flog es über ihre Züge, während sie sprach: „Was ist weltliche Herrschaft und Größe gegenüber dem stillen Glück im friedlichen Daheim!" Bewegt blickte er auf sie nieder. „Schwestcrlein, Du warst in Deinem Recht, Dich ihm zu versagen, wenn Du ihn nicht liebst. Und ich gestehe, ungern hätte ich Dich als die Gattin eines uns feindlichen Königssohns in die Fremde entlassen." „So zürnst Du nicht, daß ich hier bleibe?" „Nein, wie dürfte ich!" Er nahm ihre Hand und zog Hildcswitha neben sich auf die Ruhebank. „Eines losse mich fragen: Wie lange willst Du noch zögern, Dich Zu vermählen? Ist kein Bewerber Dir werth genug?" Da lächelte sie fast schalkhaft. „Bis heute nicht, mein Altman." „Und ich glaubte einst, der fremde Köuigssohn sei Dir nicht gleichgiltig," sagte er nachdenklich. Sie schüttelte den Kopf. „Ach, Altman, ein Kind ist jedem freundlich gesinnt, der ihm Güte erweist. Was wußte ich dazumal von Liebe!" Er schaute ihr tief und eindringlich in's Auge. „Und heute, Hildcswitha, heute kennst Du dieses beherrschende Gefühl? Heute ist Dein Herz gefesselt an einen Anderen?" Sie erglühte schämig und gab ausweichende Antwort: „Ehe der Winter in's Land kommt, nimmt meine Prinzessin Sophia zu Gandersheim den Schleier. Ich habe gelobt, in Treue bei ihr zu bleiben, bis sie der Welt entsagt, und darf anderen Gedanken keinen Raum geben. Wenn die Blätter fallen, kehre ich frei nach Hildesheim zur Mutter zurück. O Altman, erzähle mir von der Guten." Das that der Graf gerne. Er berichtete, wie glücklich die Mutter sich im Burghause zu Hildesheim in der Nähe des Domes fühle, und wie sie nicht zu bewegen sei, nach der einsamen Olesburg Zurückzukehren. Wie er selber daher beständig auf der Wanderschaft sei von der Stammburg nach dem Stadthause und von dort zurück nach der Olesburg. Er erzählte von seiner Ueber- wachnng des Landfriedens, von der Hegung des Gerichts, und in diesem ruhigen Gespräche, das sich zwischen beiden entsponnen, vergaß er zu der Jungfrau nicht geringen Freude alle weiteren unliebsamen Fragen. (Fortsetzung folgt.) ---SSWSS-- Bilder auS Steierinark, Körnten und dem Küstenlande Kram. Von C. Mayer. — - (Nachdruck vrrdolen.! I. Von Salzburg nach Klagenfurt und Villach. Stciermark, Körnten und das Küstenland Krain sollte für den diesjährigen Urlaub die Losung werden. Unsere Zeit war sehr bemessen; ein großer Theil des Urlaubs wurde der nothwendigen Nutze halber nach angestrengter Berufsthätigkeit gemeinsam mit der Familie in einem uns seit Jahren liebgewordenen oberbaherischen Gebirgsdörfchen zugebracht, und wir mußten uns deßhalb darauf beschränken, nur einige besondere Punkte für mehr eingehende Besuche auszuwählen. In Salzburg, der reizenden alten Bischofsstadt, die stets fesselt, ließen wir uns ein entsprechendes Rundreisebillet zusammenstellen, das, von dem betreffenden österreichischen Beamten entworfen, sehr zu unserer Zufriedenheit ausfiel; nur hat er. wahrscheinlich um uns auf k. k. Bahnlinien zu halten, die prachtvolle Partie vom obern Kanalthale nach Görz, zu unserm Bedauern, nicht eingeslochten, da sie eine italienische Bahnstrecke benöthigte. Die Tour Salzburg—Bischofshosen—Selzthal ist wohl hinlänglich bekannt, und kann deren Beschreibung umgangen werden; dagegen dürfte jene zwischen Selzthal und Klagenfurt einiger Streiflichter werth sein. Dieselbe geht zunächst durch das Palten-, das Licsing- und das Murihal, welch letzteres nördlich von den Seckauer-Alpen mit dem Zinken und Reichert, südlich von dem Glein- und Seethaler Alpcnzug umschlossen ist Unweit der Station Schanerfeld tritt sie in das Flußgebiet der Drau, in welchem sie die Thäler der Olsa, der Mcttnitz, der Gurk und der Glan berührt. Das Ganze ist eine sehr interessante Fahrt; fast jede Station lohnt die Besichtigung; entweder sieht man hübsch gelegene Orte mit alten Kirchen, großen Gewerkschaften, oder Klöstern, oder auch schöne Vergformationen mit lieblichen Seitenthälern; hauptsächlich aber fesselt die Scenerie durch die wcchsel- reichen Bauwerke, die monumentalen Denksteine aus alter und neuer Zeit. Es ist dies die Gegend der Schlösser und Burgen; fast jeder hervorragende Bcrgkcgel ist mit einer hübschen Ruine, einem Herren-Schloß, grün um- rankter Villa oder freundlicher Kirche geziert. Besonders hervorragende Punkte sind: auf der Höhe gegen die Wasserscheide der Drau, oberhalb der Station Scheifling, ein ausnehmend schöner Blick in die Thäler von Ober- und Niederwölz mit Burgen, die malerisch dem Grün der Gehänge entsteigen, sowie in die Thalmünbung gegen Murau auf die Dörfer und Kirchen von Lind, Scheifling, St. Lorenzen, den reizenden Calvarieuberg, das vier- thürmige Schloß Schrattenberg, und bald darauf, nach Uebcrsteigung der Wasserscheide von Mur und Drau bei Station St. Lamprecht, hastet das Auge aus der hochgelegenen Kirche Mariahof und Schloß Forchtenstein mit dem Hintergrund der ganzen Seethaler Alvenkette. Die Fahrt abwärts führt durch das enge, romantische Olsathal; beim Austritt aus der pittoresken Felsenschlucht die Burg Neudeck, welche die Thalrundung von Station und Bad Einöde beherrscht, im Schutze der mächtigen Ruinen von Dürnstein, der alten Grenzwacht zwischen Steiermark und Kärnten. Die Bahn tritt nun hart an die Mcttmtz, und ein prachtvolles Landschaftsbild entrollt sich dem entzückten Auge: Friesach, die alte, mit Mauern und Gräben umzogene Stadt, trägt das Gepräge hoher Romantik; in reizvoller Gruppirung umstehen sie die Burgminen Geyersberg, Petersberg und Rothenthurm nebst der verfallenen Propstei Virgilienberg. Am Einflüsse der Mettnitz in die Gurk liegt Zwischen- wässern mit dem ansehnlichen, im Viereck erbauten Schlosse Pöckstein, der Sommerresidcnz des Fürstbischofs von Gurk, dessen Lage durch malerisch gruppirte Ruinen von drei Burgen verschönert wird. Bei Station Launsdorf verläßt die Bahn die Gurk, um bei Station Glandorf an die Glan zu treten. In Mitte dieser beiden Flußgebiete ist die Perle der an Schlössern und Burgen reichen Gegend — Hochosterwitz, die stolze Beste, die auf einem freistehenden, von einem Mauergürtel spiralförmig umwundenen, grün umwobenen Felskegel von 150 Meter Höhe thront und weithin die Gegend beherrscht — ein fesselndes Bild, welches sich von seinem Hintergründe, dem waldigen, mit einer Kirche gekrönten Magdalenenberge, farbenreich abhebt. Station Glandorf ist der Knotenpunkt zweier sich abzweigenden Bahnlinien; während die eine über St. Veit sich dem Ossiacher See und Villach zuwendet, führt uns die andere über das historische Zollfeld mit dem Herzogsstuhl, an Schloß Tanzcnberg vorbei, nach Maria-Saal mit hohem, doppclthürmigcm Dome, an dessen Außenseite viele Nömersteine angebracht sind, und mit Blick über eine hohe, schlanke Thurmruine auf die hochgelegene alte Kirche Maria am Saalberg. Nach Ueberschreitung des Glanflusses befinden wir uns in KärntenS Hauptstadt, in Klagen fürt. Dieselbe wurde nun alsogleich besichtigt. Wir durchkreuzen eine Menge meist geradliniger Straßen, welche die weiten, von nicht sehr hohen Häusern umgebenen Plätze verbinden, besehen uns die Kathedrale, die alte Pfarrkirche St. Egidicn, das von zwei Thürmen überragte StändchauS, den Hauptplatz mit dem Lindwurm- brunnen, — ein Herkules den Drachen erschlagend, — der Maria Theresia-Statue und einer Marien-Säulr, — den Fischmarkt mit alter Bronzefigur und noch mehrere hervorragende Bauwerke; allein, war es die heiße Mittagssonne, war es, weil die vielen Bildungs-Anstalten der Ferien halber geschlossen waren, ich empfand den Eindruck von Langweile, sehr wahrscheinlich gesteigert durch das Gcsühl eines zügellosen Appetites, der sich in einer Weise geltend machte, daß mir die schönsten Kunstbauten und Kunstwerke der Welt nebensächlich gewesen wären; es war 2 Uhr nachmittags, und außer einem Delicatesse-B'ödchen, dem eisernen Bestand des Ruck- sacks entnommen, hatten wir seit 4 Uhr früh noch nichts im Magen, der ob seiner Vernachlässigung bedenklich knurrte. Im ersten besten Gasthofe wurde eingefallen. Ein schöner, grün umrcmkter Glaspavillon empfing uns mit einer Menge fein gedeckter, aber — leerer Tische, zwischen welchen Kellner ordnend hin- und Herschlichen. — Nein! das war unsere Sache nicht; eine Neige vom längst angesteckten Faß schwebte als Gespenst unserm guten Durst entgegen; in einem zweiten Gastlocale erschien es uns nicht besser; da, bei einer Straßenbiegung, sahen wir einen Wächter der Sicherheit, sanft geröthet, unter einem Thorbogen lehnen, — ein Sohn des Mars stolzirte schmunzelnd und selbstbewußt heraus, gefolgt von ein paar Heben in weißer Schürze, den inhaltsvollen Steinkrug schaumüberfließend in der Rechten, — darüber ein Schild „Zum Schwaben". Ei, wie heimathlich das klingt; kein Zweifel, Schicksalsfügung wies uns hieher. Sehr primitiv zwar; eine Ecke des weiten Hofes, von dunklen Kastanien überschattet, war der Wirthschaft als Biergartcn überlassen; das ist wohl auch heimathlich; denn ob unterm Nußbaum oder Kastauiculaubdach wir campiren, das ist eins. Eine freundlich flinke Hebe stach schnell ein frisches Faß trefflich mundenden Gösener Bieres an, eine tellergroße, dicke Cotelette war bald duftend zur Stelle, und der Mensch begann wieder fröhlich zu werden und Interesse an der Außenwelt zu nehmen. Zur Unterhaltung dienten im Haupthofraum aufgestellte Militär- pferde, welche der Revue durch den diensthabenden Osfi- cier harrten. Welch leichte ungarische Nace, fein gefesselt und nervig gebaut, die intelligenten Köpfe auf dem schlanken Hals zwanglos wiegend, und die hübschen geschmeidigen Gestalten der Pscrde-Wärter, die freundlich manches Interessante über Militärwesen und Pferdehaltung zu erzählen wußten! Doch, wir hatten uns fast zu gütlich gethan; schleunigst wurde der Rückzug zum ziemlich weit entfernten Bahnhof angetreten, um die Bahnstrecke bis Villach noch vor beginnender Dunkelheit zurücklegen zu können. Im Südosten von Klagenfurt zieht sich eine weite Ebene hin, die südlich von einem Mittelgebirge, der grünen Sattnitz, überragt wird; über demselben erblicken wir zum ersten Male die formenreichen Felsenkämme der Karawanken. Westlich begrenzt der Kreuzberg mit den Franz Joseph-Anlagen die Stadt; an seinem Fuße verbindet der Lendkanal dieselbe mit dem lieblichen, hellblauen, langgestreckten Wörihcr See. Die Bahn, den Kanal überbrückend, zieht sich am nördlichen Ufer des See's hin und befördert den regen Verkehr der vielbesuchten, angenehmen Sommerfrisch- und Badeorte, wie Krumpcndorf, Pritschnitz, Leonstein rc., die ihrerseits wieder durch einen Kranz schöner, parkmnschatteter Villen verbunden sind. Am südlichen Ufer bespült das lichte Gewässer einen schmalen, in den See als Landzunge vorspringenden Fellen, auf welchem dunkel beschattet die 1000 Jahre alte, wohlerhaltene Wallfahrtskirche Maria- Werd dem See den Namen gibt. Durch einfaches Hügelland tritt die Bahn au die Drau, welche als mächtiger Fluß an einer Stelle eine so intensive Biegung macht, daß die beiden Brücken, die sie überschreiten und mittelst eines Dammes zusammenhängen. als einziger colossal langer Brückenbau erscheinen. Wir hatten dort eine unheimliche Fahrt: langsam glitt der Zug von Pfeiler zu Pfeiler, indeß unter der Brücke auf Balkcngcrüstcn Ncparaturarbeiten vorgenommen wurden ; erleichtert athmete die ganze Reisegesellschaft aus, als die Locomotive den letzten Bogcnpfeiler ohne Unfall Pas- sirt hatte und mit gewöhnlicher Fahrgeschwindigkeit in Station Sccbach einfuhr. Hier erhebt sich an der Mündung des Ossiacher Thales die Burgruine Landskron, großartig in ihrem Umfang und Aufbau. Das Ganze — der burggckrönte Berg, das stürmische, breite Wasser, die niedriger gelegene, kleinere Burg Wernberg — war ein sehr schönes Landschaftsbild. Bald darauf kamen wir im Thal der Dran nach Villach, mit seiner vielgepriesenen herrlichen Lage, dem Knotenpunkt von zwei Hauptbahnen Oesterreichs und dem Endziel unserer heutigen Fahrt. II. Villach, Tarvis und Umgebung. Vom Bahnhöfe Villach aus überschreitet man die Draubrücke und gelangt an den Gcwerbefleiß und Handel verrathenden Hauptplatz, welchen die Pfarrkirche mit ihrem hohen, gothischen Thurm und schlanken Spitzbogensenstern malerisch abschließt. Aus alter Anhänglichkeit logirten wir uns im Gasthofe zur Post ein, ein altes Gebäude, das, besonders von dem theilweise zum freundlichen Wirth- schaftsgarten umgewandelten Hofe aus betrachtet, architektonisch interessant ist; mit seinen gewölbten Corridorcn und Gallerten, von doppelten, grün umrankten und durch Säulen verzierten Nundbogcnscnstern erhellt, macht es einen italienischen Eindruck und erinnert gleich manchen Häusern daran, daß Villach in alter Zeit seine Entstehung und seinen Aufschwung dem regen Verkehr mit Italien verdankt. Ein Abendspazicrgang belehrte uns, daß die Neuzeit — hauptsächlich vertreten durch das neue Realgymnasium, vor welchem die Statue des einheimischen Bildhauers Hans Gsesser steht, und durch ein großes, den modernen Anforderungen entsprechendes Hotel — hinter der alten Zeit nicht zurückbleiben will; auf der Draubrücke genießt man einen schönen Blick über das weite, fruchtbare, vom Silberband des Flusses durchströmte Land und auf den mächtigen Dobratsch, den Nigi Kärntens, sowie die vielgestaltige Kette der Kara- wanken. Wer nicht lange in Villach sich aufhält, sollte die Partie an den Faakersee nicht versäumen. Auf dem Wege dahin traten wir in die Hl. Kreuzkirche, einen Kuppelbau in italienischem Stile; in der kleinen, reich in Nococo ausgestatteten Nebenkapelle ist die Geschichte von deren Entstehung in Freskobildern mit erlärrkerndem Text an den Wänden abzulesen. Es war Sonntag, die Küche gedrängt voll Landleuten, unter denen besonders die hübschen Gailthalerinnen in ihrer eigenthümlichen Tracht auffielen. Die schlanke Taille wird vom blumigen Leibchen umschlossen, über welches sich ein feingesälteltes oder spitzenbesetztes weißes Brusttuch legt; die weiten Hemdärmel, ebenfalls mit Fältchenbesatz, reichen bis an's Handgelenk; das ovale frische Gesicht umhüllt ein eigenartig umgeschlungencs buntes Seidcntuch; doch entstellend wirkt die Tracht durch die sonderbare Fußbekleidung. Der sehr kurze dunkle Faltenrock, mit grellem Besatz und Heller Schürze überbunden, läßt die Wade bis an's Knie frei; dieselbe steckt nun in einer dicken, weißwollenen Gamasche und sitzt säulenartig auf dem kleinen Vorfnß auf, der in einem mit Goldfransen besetzten zierlichen Schuh steckt. In dem eine Stunde entfernten Dorfe Proschkowitz bietet die einfache, auf einer Anhöhe gelegene Restauration mit ihren hölzernen, vom Laubdach der alten Bäume beschatteten Bänken kühlende Ruhe und den schönsten Ueber- blick über den zu Füßen liegenden lieblichen See mit seiner pittoresken Umrahmung, aus welcher als herrlichste Staffage die hohe Pyramide des Mittagskofel den Mittelpunkt des reizenden Bildes einnimmt. An der südlichen, Wechselreichen Bergkette blinkt ein hochgelegenes Kirch- thürmchen; unter demselben erhebt sich die graue Ruine Finkenstein, träumerisch vom Sonneuduft umwoben; in der Ferne schweift das Auge über das reich mit Ortschaften besetzte Hügel- und Bergland, im Norden von der braunen Görlitzen, im Osten von der Villacher Alpe — Dobratsch — überragt, an welche sich südlich die Karawanken mit ihren steinernen Häuptern und trotzigen Felsgipfeln und die stolzen Gestalten der Julischen Alpen anschließen. Zu unsern Füßen, mitten im hellblauen Wasserbecken, schwimmt eine dunkelgrüne Insel, zu deren Besuch ein Fährmann einlud. Versunken im Genuß eines schönen Naturbildes, stört jede Annäherung von Menschen, von denen man annimmt, daß nur Beutelust sie dazu bestimmt, daher der Bootsmann ziemlich rauh abgewiesen wurde; doch mit Unrecht! Wir eilten an das steile User hinab und mußten bald einsehen, daß ein langweiliger Fußpfad, durch Wald vom See abgeschnitten, uns längs desselben hinführte und wir die reizvolle Fahrt nach dem lieblichen Eilande und dem freundlichen Dorfe Faak versäumt hatten. Der einzige Mensch, dessen wir ansichtig wurden, war die Begleiterin einer Kuh, ein etwa zehnjähriges Mädchen, das auf alle unsere mit der größten Geduld gestellten Fragen nur mit scheuem Grinsen antwortete. Endlich waren wir an einer hochgelegenen Kirche angelangt; Bänke, im Kreise um alte Bäume gezogen, luden zur wohlverdienten Rast; genügende Auskunft erhielten wir im nahen, grün umsponnenen Häuschen. Wir waren in Faak und ließen noch einmal den ganzen Reiz des lieblichen Seebildes, das ausgebreitet sich unserm Blick entrollte, in der feierlich stillen Sonntagsruhe auf uns einwirken. Der Rückweg nach Villach vollzog sich schneller. An einer rindenüberdachten Waldkapelle vorüber, kamen wir auf kürzerem Waldpfade nach Maria Gait, auf einer Felsenterrasse über dem Gailflusse gelegen, und nachdem wir um eine scharfe Ecke gebogen, erreichten wir auf der Landstraße unsern vorherigen Weg. Inzwischen war es Mittag geworden; die Sonne sendete glühende Strahlen. Von einem weitem Ausflug auf die Villacher Alpe wurde abgesehen und dagegen die Bahnfahrt gegen Tarvis angetreten. Die Bahn bleibt nun im Thals der Gail zwischen den Ausläufern der Karawanken und dem Bergstöcke des Dobratsch, und bietet schöne Blicke auf die Gailthaler Alpen. Der Glanzpunkt dieser Fahrt ist die große Schloßruine Arnold stein, auf niederm, langgestrecktem Felsenstock malerisch hingebaut, welchem die von Mauern umschlossene Stadt sich anschmiegt; es ist ein interessantes, freundliches Bild, während rechts die gewaltigen Felsabstürze des Dobratsch den großartigsten Blick gewähren. — Eine hohe Eisenbrücke führt über das Kiesbett des Gailitzbaches und nun durch Schlucht und Wald, den mächtigen Felsbergen entlang, zur Station Thörl- Magiern. In breiten Windungen zieht sich von hier der interessante kühne Bau von Bahn und Straße im Felsengraben der Gailitz durch Felseinschnitte, Tunnels und Dammbauten hoch über dem hellblauen, schäumenden und den Fuß weißer Kalkfelsen netzenden Schlitzabach hin, zum Hauptorte des Kanallhales, zur Station Tarvis. Der große Bahnhof von Untertarvis hat eine unvergleichlich schöne Lage. Die herrliche Gruppe des Man« gart und der Fünfspitzen, der zackige Wischberg, die imposante Pyramide des Königsberges vereinigen sich zum schönsten Nahmen um das tief eingeschnittene Thal mit seinen saftgrünen, sammetweichen Wiesengeländen, welche die hellblaue, weißschäumende Schlitzn munter durchbraust, um zwischen den hohen Felspyramiden, welche die Laibacher Bahn kühn und zierlich überbrückt, in einer Schlucht zu verschwinden. Der hübsche Ort zieht sich langgestreckt den Berg hinan und besteht aus Untertarvis mit schmalen Straßen, alten Häusern und Gewerkschaften an der Schlitz« und aus Obertarvis, welches in seiner reizenden, an Wald angelehnten Höhenlage ein sehr besuchter und beliebter Sommerfrischort ist. Zwischen beiden erhebt sich auf einem Hügel die Kirche mit dem Friedhof; alte Fcstungsmauern mit dicken, niederen Thürmen, die als Beinhaus und zur Aufbewahrung verschiedener Requisiten verwendet sind, geben dem Platze ein feudales Aussehen. Die Kirche, an deren Außenseite alte Grabsteine eingemauert sind, ist interessant durch ihren Doppelbau. Das Presbyterium ist die erste, uralte kleine Kirche mit gothischem Steinportale und Gewölbe und einem Altare mit alten Schnitzereien, die Krönung Mariens vorstellend; der größere Theil der Kirche ist ein neuerer Bau mit Netzgewölbe. Unmittelbar hinter der Häuserreihe von Obertarvis, nächst dem früher Taxis'schcn Palais, jetzt Forsthaus, beginnt ein schön angelegter, wechselvollcr Waldspaziergang voll der herrlichsten Ausblicke auf die großartig ernste Hochgebirgsnatur, der geeignet ist, den Standgästen von Tarvis den Aufenthalt dortselbst äußerst genußreich zu machen. Ueber Wiesenplateau und kühlen Waldesschattcn zieht er sich gegen das obere Kanalthal und gewährt die schönsten Ausblicke auf die majestätisch aufsteigenden kahlen Kalkgipfel und das lachende Thal; jede der zahlreichen, zur Ruhe ladenden Bänke hat eine besondere Benennung je nach der Aussicht, die man auf ihr genießt. Wir wählten als Ziel den Luschari blick. Eine Merkwürdigkeit der Gegend ist nämlich der Luschari oder hl. Berg, eine von Jung und Alt aus der weiten Umgebung vielbesuchte Wallfahrt; unweit der Kapelle ist der Gipfel des Berges, der allerdings die Hauptanstrcngnng erfordert, aber die viclgerühmte Aussicht noch bei weitem übertrifft. In drei Stunden gelangt man zur Kirche und kann sich dann mittelst Schlitten in einer Viertelstunde über die steilen, glatten Grasflächen wieder herabbcsördern lassen: eine pfeilschnelle, ungefährliche Fahrt, da die Lenker der Schlitten, rüstige Slovenen, äußerst gewandt und zuverlässig sind. Wir genossen den Anblick der Kirche und der sie umgebenden Häuser, die im reinen, vom Abendgold durchhanchten Acther den Gipfel des Berges krönen, von unten — ein äußerst liebliches, anziehendes Bild, vom tiefsten Frieden umweht und unwillkürlich zu Andacht stimmend. Heimwärts ging es einen schlüpfrig steilen Weg gerade an die Bahn hinab, der uns an das oberste Ende des Dorfes führte und uns zeigte, daß in Tarvis Natur und Knust sich vereinen, um dem Geschmacke eines jeden Spaziergängers Rechnung zu tragen. Der Gras Karl-Steig erschließt unweit Untcr- tarviS eine wild erhabene Felscnklamm am Thalschlusse, eine Hanptzierde der Gegend. Er ist mühsam in die Felsen über der brausenden, sich in wildem Getöse überstürzenden Schlitz« eingesprengt und durch Balkenstcge verbunden, wo die Felsenbildung keinen Raum dem Pfad gewährt. Am Eingänge, hoch über unserem Haupte, übersetzt sie die Eisenbahnbrücke und verbindet die beiden mächtigsten, hoch aufstrebenden, sich am nächsten gegenüber liegenden Felsenpfeiler. (Fortsetzung folgt.) -- Für den Andern. Von Reinhold Herrmann. lNachdru« vttbotkii.l Lautlose Stille. Auf die Ebene hernieder flammt die Mittagsgluth der indischen Sonne, und die erhitzte Luft macht die dorrenden langen Grasbüschel wie im Fieberdurste zittern. Das zerschossene Antlitz gen Himmel gekehrt, die zerfetzte Uniform mit geronnenem Blut übergössen, die Fäuste noch vom letzten Todeskampf krampfhaft in das Erdreich gekrallt, liegt inmitten die Leiche Eines aus jener bunt zusammengewürfelten Schaar Söldlinge, mit denen Holland seine Besitztheile in Indien gegen die kriegerischen eingeborenen Volksstämme vertheidigt. Er ist nicht der einzige Todte. Doch in seiner unmittelbaren Nähe dehnt sich die lange Reihe der Lebenden hin, welche gegen den verborgenen Feind anschleichen. Sie liegen in flüchtiger Rast hingestreckt, wie die äußerste Erschöpfung sie hinwarf, der sie doch nicht Herr werden können in dieser engen Gemeinschaft mit der brennenden Sonne und den für ewig Verstummten. Von den drei Vordersten, alle in fast gleich zerlumptem Zustande wie der Todte, unterhalten sich zwei in halbleisem, mehr gebrummtem Gespräch über den Dritten, der ihr Nachbar ist, eine feine, schlanke Gestalt, der selbst in dieser Tracht noch etwas von dem ehemaligen Offizier innewohnt, der den Rock seines Königs nicht ganz so freiwillig mit den armseligen Lappen der holländischen Colonialarmee vertauscht hat, wie die zwei braunen, harten Gesellen, die seine Kameraden sind. Aus Passion ist der auch nicht hierhergekommen. Nein, wahrlich nicht! Doch es gibt im heimischen Deutschland so viele Thore, welche auf die Straße der Verzweiflung hinausführen — Mancher ist unter ihnen hin- weggeschritten, meinend, Edelmuth und Güte seien denselben Weg gegangen. Draußen weht Wcltluft, nicht scharf gemacht durch die Ecken der Stadt und nicht verdumpft vom Athem der Menschen, sondern frei, göttlich, verwandt mit dem Himmel, in den sie verschweln, hier wie dort erlösend. Den jungen zusammengesunkenen Menschen dort mit den vergehenden Zügen und dem verfehlten Leben hatte sie auch erlösen sollen ..... „Wasser!" stöhnte er mit brennenden Lippen und streckte den Arm aus in der Richtung, wo seine beiden Landsleute lagen. Der Eine hob nachlässig den Kopf. „Wasser?" lachte er heiser. „Hat sich waS bei Wasser! Da — sauf' Branntwein! Es sind, glaub' ick, noch ein paar Tropfen in der Flasche. Man soll nicht sagen, daß ich einen Kameraden verdursten lasse, wenn auch Deinesgleichen — —" Das Uebrige brummte er mürrisch in sich hinein. ' Der Andere griff gierig nach dem dargebotenen Gefäß und schüttete die ganze Menge des ekel lauwarmen Trankes auf einmal in sich hinein. Wenn es nicht erquickte, so stärkte es doch und half, die bleierne Mattigkeit für den Augenblick besiegen. 680 „Ich danke Dir, Kamerad!" Und hinzu setzte er, während sein grober Gefährte kopfschüttelnd die feinen Finger des Dankenden betrachtete: „Wenn man jetzt ein Stückchen Brod hätte!" „Hast auch das nicht mehr im Sacke?" sagte der Zweite mit gutmüthigem Spott. „Ja, so 'n feiner Herr und haushalten! Hat's Dich auch aus der Heimath gejagt — das Glück, das die Andern haben, während unsereins gleich ein Schubbiak heißt? Freilich: Dul!" Es sprach ein gewisses Nichiverstehen der Lage des Andern aus diesem „Freilich: Dul" und — unfreiwillig wohl — eine Achterklärnug, schärfer, ach! millionenmal verdammender, denn die, welche ihn einst in die Welt hinausgetrieben .... Noch eine Weile lagen sie so: er mit sich ringend, ob er ihnen sein Schicksal erzählen sollte; sie wie im Warten darauf. Dann kam das Kommando zum Aufbrnch. * * * Am Ostrande der glühenden Savanne bewegen sich die Grasbüschel, als gleite etwas Lebendes behutsam zwischen hin. Einen Augenblick taucht ein dunkles Gesicht mit glühenden, rachedurstigen Augen über den Halmen empor. Dann gleitet der Körper des indischen Spähers wie der Blitz wieder hinter sich, wo ein gurgelnder Strom die Ebene durchschneidet, während drüben, am anderen Ufer, ein Wald sich dehnt; die Wasser rauschen auf und ein hochgeschwungener Büchsenlauf blinkt in der funkelnden Sonne — eine kurze Minute, dann ist Alles wie ein gleißender, triefender Schatten im Urwalddickicht verschwunden. Nur schimmernde Tropfen aus dem silbernen Strome dort unten fallen wie Perlen von Blatt zu Blatt... » * Langsam, glatt auf der Erde, kriechen sie heran, zur Deckung vor dem spähenden Feinde nur das mannshohe Ried. Weiter hinten liegt das Gros des Zuges. Die drei Vordersten sind ausgesandt, den Feind zu recognosciren. Keiner hat ein Wort gesprochen seit dem Aufbruch. Sie wissen Alle, daß hinter jedem unvorsichtigen Laut der Tod kauert. Und die Gefahr übt eine so eiserne Disciplin . Nur der Fluß singt im Vorübergleiten leise sein ewiges Lied. Sie machen Halt und heben sich sachte aus den Halmen. Rings bleibt Alles still. „Die Hunde sind weiter gezogen," brummt der Eine. Dann sieht er den Wald am jenseitigen Ufer und ein bedenkliches Pfeifen schlüpft zwischen seinen Zähnen hindurch. — Ach! da ist Wasser! Der Andere taumelt; auch er hat es bemerkt. Die Augen treten ihm fast aus den Höhlen; er will vorwärts stürzen. Die eiserne Faust des Groben hat ihn rechtzeitig ergriffen und hält ihn zurück. Sie hat leichtes Spiel, denn wie vom Blitz gefällt schlägt der tödtlich Erschöpfte, Durstgefolterte in das schirmende Gras zurück. „Wasser!" flüstern seine brennenden Lippen. Armer Teufel! Wenn man ihm helfen könnte! Wieder bleibt es minutenlang still. Nur das lockende Plätschern des unfernen Stromes tönt wie gurgelndes Lachen herauf und vermischt sich mit dem Röcheln des Verschmachtenden.... „Ich will es versuchen." —'„Was?" — „Zum Ufer hinabznkommen." — »Willst Du Dein Leben ris- kiren um einen Trunk Wasser? Ich wette meine Monatslöhnung, die Schufte stecken drüben im Wald." — „Sie werden mich nicht gleich treffen. Bin ja kein Kind mehr," brummte der Grobe zurück. Und den Schaft seiner Büchse fester fassend, begann er vorwärts zu kriechen. „Streicht mit Euren Eisen heraus, daß ich gedeckt bin. Und wenn Ihr etwas Verdächtiges seht, knallt d'rauf los. Ich hole das Wasser." Dann schlugen die Halme hinter ihm zusammen, und nur das sich langsam entfernende Geräusch, mit dem er sich über den Boden hinschob, blieb hörbar. Dann verstummte auch das. Am Strom aber bogen sich die Grasbüschel auseinander und das Antlitz des Groben spähte vorsichtig hinüber in den schweigenden, taglosen Wald. Wieder kommt der pfeifende Ton von seinen Lippen; diesmal aber ist es ein Pfeifen des Vefriedigtseins. Er hält sich nach der letzten sorgfältigen Umschau für sicher. Ein Stück Erdreich hat sich unter seinen Händen gelockert und plumpste vor ihm in den Flnß. Noch einmal horcht er Minutenlang nach drüben hinüber. Dann schiebt er sich lautlos weiter vor und klimmt das Ufer hinab.... Ach, das ist Wasser! So hat ihm nie ein Trunk daheim geschmeckt, und wäre er auch vom rarsten Stoff gewesen, wie dieses köstliche, quellfrische, langentbehrte Naß, das er jetzt in sich hineinsog. Dann ließ er es glucksend in die bereitgehaltenen Flaschen laufen, seine und die seiner beiden Kameraden. Ja, auch der Andere blieb sein Kamerad, sein Mitmensch, wenn er auch was Feineres war — oder gewesen war — als er selbst .... Er drückt die Stöpsel in die vollgelaufenen Behälter und hebt sich sachte rückwärts. Da knallt es drüben scharf auf... ein einziges Mal nur — und mit zerschmetterter Stirn sinkt der Brave zurück — für den Andern. — Hiiiimelsschau im Monat Nopember. —1. Merkur 8 ist in der zweiten Hälfte des Monates als Morgenstern von 6 U. bis 7 U. morgs. sichtbar. Venus tz verschwindet am Morgenhimmel. Mars L ist sehr hell, die ganze Nacht am Himmel und bleibt bis zum 23. rückläufig in den Fischen. Am 10. links vom Mond. Jupiter erreicht seine größte Tageshöhe zwischen 3 U. 51 M. früh und 1 U. 51 M., übertrifft Mars an Helligkeit und bleibt die ganze Nacht sichtbar. Am 15. links vom Mond. Am 13. kann man den Sternschnuppenschwarm der Leoniden im Löwen am Osthimmel beobachten. Diese Sternschnuppen waren bisher sehr selten, nehmen aber jetzt an Anzahl zu und erreichen i. 1.1899 ihr Maximum. -- Auslösung des Bilder-Räthsels in Nr. 84: Schauspieldichter. Auslösung des Bilder-Rathsels in Nr. 86: Schneidergeselle. 88 . »m „Augsburger Postzritung". Dinstag, den 30. October 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Mar Huttler). Kermvard von Hilüesheim. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) VI. Die Bräute Christi. Ich bin eine Dienerin Chiisti und zeige mich als eine ihm dienstpflichtige Magd. Antiphone. „Und so laden wir Euch ein, ehrwürdiger und geliebter Amtsbruder, Euch am Feste des heiligen Evangelisten Lucas im Stifte Gandersheim einzu- finden, allwo wir am genannten Tage der gottge- weihten Kaiserstochter Sophia und anderen Mägden des Herrn den Schleier geben werden." Also lautete der Schluss eines Briefes, den der mächtige Mainzer Erzbischof Willegis an Herrn Osdag, den Bischof von Hildesheim, gesandt hatte. Herr Osdag hatte dazu verwundert den Kopf geschüttelt, war aber der Einladung nachgekommen, und zwar im Geleite seines Dekans Thangmar. Er war schon am Tage vor dem Feste nach Gandersheim geritten; nicht weil ihn die Einladung absonderlich freute, sondern weil er, der Bischof von Hildesheim, gewillt war, sich seine Rechte nicht verkümmern zu lassen, nämlich die im dortigen Kloster der Welt entsagenden Jungfrauen selber einzukleiden, wie das von alten Zeiten her Brauch war. Als er vom Saumthier abgestiegen war, wandte der fromme und bedächtige Herr sich der Kirche zu, um daselbst ein Gebet zum Gelingen alles Guten zu verrichten. Sein Dekan Thangmar aber schritt inzwischen sporen- klirrend dem Gemach der Aebtissin zu. „Gott zum Gruß, ehrwürdige Frau!" sprach er und neigte sich geziemend. „Was ist das?" Frau Gerberga reichte ihm verständnißvoll vom Sessel aus die Rechte und sagte mild: „Eine Prüfung, Herr Decan. Seid willkommen!" Frau Gerberga hatte nicht mehr die Kraft, so hoheitsvoll da zu stehen, wie vor zwölf Jahren. Ein inneres Leiden zehrte an ihrem Lebensmark: es hatte sie namhaft verändert. Herr Thangmar gewahrte das mit Betrübniß. Darum bemerkte er sanfter, als es vor dem seine Absicht war: „Eine Prüfung sagt Ihr, Frau Aebtissin; wir aber sind nicht gewillt, eine Demüthigung über uns ergehen zu lassen. Wisset, den Rechten unseres bischöflichen Herrn soll durch keinerlei Anmaßung irgend welcher Eintrag geschehen!" „Gewiß nicht Herr Thangmar," sprach die Aebtissin ernst und richtete sich empor. „Wie aber kommt es, daß Herr Willegis unsern Herrn als Zuschauer einladet zu einer Amtshandlung, die Herrn Osdag selber obgelegen Hütte?" Frau Gerberga zuckte wehmüthig die Achseln. „Der Kaiserstochtcr Sophia wurde es eingeredet, daß der mächtigste Kirchcnfürst Deutschlands, der Erzbischof von Mainz, besser dazu geeignet sei, unser Frauen- klostcr, das hart an der Mainzer Grenze liegt, zu beschirmen, als es dem Herrn Bischof von Hildesheim gelänge. Darum wandte sie sich an den Herrn Erzbischof Willegis mit der Bitte, ihr den heiligen Schleier zu geben. Dieser, der Rechte auf das Stift zu haben glaubt, sagte bereitwillig zu, sie, sowie ihre Mitschwestern zu weihen. Wenn ich meine gewohnten Geisteskräfte hätte, oder wenn meine vielliebe Freundin und Stellvertreterin Noswitha wir nicht durch den Tod entrissen wäre, so hätten wir Frauen ein Wörtlein dreingeredet von der alten Gerechtsamkeit. Eine Kranke aber," sie schaute muthlos drein, „muß von den hohen Herrschaften gar manches geschehen lassen, was nicht nach ihrem Sinne ist." Da trat der kräftige Herr Thangmar ein klein wenig mit dem Fuße auf und sprach: „Wir werden allen Gewalten gegenüber unser gutes Recht festen Willens vertheidigen." Während dieser Versicherung war leise und bescheiden der Herr Bischof von Hildesheim eingetreten. Mit freundlicher Würde begrüßte er die Aebtissin; dann sagte er schlicht: „Als ich just eben im Gebete vor dem Allerheilig- sten kniete, kam mir der Gedanke, den bischöflichen Stuhl hinter die Rückseite des Altars stellen zu lassen, aus daß zunächst keiner den kirchlichen Vorrang unrechtmäßig behaupten könne. Das ist nach meiner Verordnung schon geschehen. Frau Gerberga, wie viele Bischöfe haben sich angekündigt, um dem feierlichen Acte der Einkleidung beizuwohnen?" Gerberga antwortete ehrerbietig: „Die Herren Rethar von Paderborn und Milo von Minden sind bereits zur Feier eingetroffen; Herrn Hildewald von Worms erwarten wir zugleich mit Herrn Willegis von Mainz. Der König Otto, die Kaiserin 682 Theophano und viele Fürsten mit zahlreichem Gefolge, sie alle dürften von nun ab jeden Augenblick zu begrüßen sein." Hierauf sprach drr Hildesheimer Decan trocken: „So laßt uns unsere Gemächer anweisen, auf daß wir den Reisestaub abschütteln und dem hohen Hofe würdevoll entgegentreten können." Diesem Wunsche gemäß geschah es. Herr Thangmar aber dachte nicht daran, sich geziemend aufzuputzen. Unruhig ging er in der hochgewölbten Stube hin und her. „Möchte nur wissen, ob mein vielgeliebter Schüler Bernward, den wir mit dem Hofe zu erwarten haben, sich auch in seinen Gesinnungen also geändert hat, daß er auf Seite des Erzbischofs steht." Auf dem Klosterhofe wurde es lebendig. „Der Lärm geht schon an," sagte er und trat an's Fenster. „Wahrhaftig, ein Reisezug von mehr denn hundert Personen nähert sich dem Stifte, und zugleich gehen in feierlichem Zuge die Nonnen langsam den Ankömmlingen zum Empfang entgegen," also berichtete er. Dann flog helle Freudenröthe über Thangmars Antlitz. Er neigte sich und winkte lebhaft grüßend mit der Hand nach dem Klosterhofe. „Bernward, o mein Bernward, Gott segne Deinen Einzug I" sprach er dabei fast unbewußt. „O, wie würdevoll und mannhaft ist die Erscheinung meines ehemaligen Schülers," fügte er glücklich hinzu. Das war das erste Wiedersehen. Im nächsten Augenblicke breitete Herr Thangmar wortlos die Arme aus. Lehrer und Schüler hielten sich umschlungen. „Laßt Euch willkommen heißenI" sprach Herr Osdag und trat hinzu. So saßen die drei alsbald in eifrigem Gespräch beisammen. Bernward war unbefangen: „Verzeihet," sagte er, „mir dünkt es kein Eingriff in die Hildesheimer Rechte, wenn der Mainzer Erzbischof ausnahmsweise der Kaiserstochter und den Jungfrauen, so zugleich mit ihr das Gelübde ablegen, den Schleier giebt." „Eine Ausnahme dürfen wir nicht gestatten, die- weilen sie allzuleicht zur Regel würde," gab Herr Osdag in ruhiger Bestimmtheit zurück. „Bedenket, Ganders- heim liegt hart an der Grenze, und die Mainzer haben lange schon geglaubt, Rechte auf das Stift zu haben." „„Glücklich, wer der Dinge geheimste Ursache erkannt hat,"" singt Virgilius. So steht die SacheI" rief Bernward erstaunt. „Werde allsogleich ein Wort mit der Herrin Theophano reden und auch mit Herrn Willegis," fügte er hinzu, als er den genannten Herrn just mit großem Gefolge in den Klosterhof einleiten sah. Er eilte hinweg. Herr Thangmar trat an's Fenster und murrte grollend: „Das Geleite des Erzbischofs ist wahrlich noch größer, als das des Kaisers. Was Bernward wohl bei dem Stolzen ausrichten mag?" Der junge Priester blieb lange aus. Endlich kam er. „Es ist schlecht Wetter bei Willegis. Er behauptet im Recht zu sein und will nicht nachgebe»," also berichtete er, fügte aber freudig hinzu: „Bei der Kaiserin habe ich erreicht, daß Ihr zugleich mit Willegis die Einkleidung der Herrin Sophia vornehmt, während für die übrigen Jungfrauen Ihr, Herr Osdag, alles allein besorgt. Durch Vermittlung der andern Bischöfe und durch seine eigenen flehentlichen Bitten erlangte Willegis, daß er am morgigen Tage die Hochmesse halten darf. Doch das hat keinerlei Einfluß auf Euere Gerechtsamkeit." „Ich danke Euch, Herr Bernward, für Euere Bemühung," also sprach der Hildesheimer Bischof; dann verstummte er nachdenklich. Er wußte, was er wollte. Thangmars ehemaliger Lieblingsschüler bemächtigte sich hierauf ganz des verehrten Lehrers. Arm in Arm sah man die Beiden allsogleich im Klosterhofe auf und nieder schreiten. In altgewohnter Weise redeten sie über gelehrte Gegenstände. Hierbei machte Herr Thangmar zu seiner uneigennützigen Freude die Wahrnehmung, daß sein Schüler an Geist und Wissen weit über ihn hinausgewachsen war. Im Umherwandeln geriethen die Herren auf eine Baustätte. „Das ist sie zukünftige Kirche, so Herr Othwin nach Deinem Plane aufzubauen bestimmt hat," erklärte Thangmar. „Laß sehen!" Bernward sprachs freudig und kletterte sogleich mitten zwischen den Bauleuten prüfend in dem begonnenen Werke umher. Hier lobte, dort tadelte er, da ordnete er an, ermunterte er, und zuletzt ergriff er in Hellem Schaffenseifer Hammer und Kelle und fügte Stein auf Stein. „Dem Gotteshause, welches so ganz nach meinem eigenen jugendlichen Entwurf aufgebaut wird, muß ich doch selber einige Steine einverleiben," rief der Kunstbeflissene lachend in schier kindlicher Freude seinem Lehrer zu. Thangmar nickte verständnißvoll und dachte: „In dem finden wir alles vereinigt, was einen Künstler zur Schöpfung großer Werke fähig macht. Herz und Verstand, Liebe und Begeisterung für die edleren Ziele der Menschheit treffen bei ihm harmonisch zusammen." Noch nie hatte das Stift Gandersheim so viel Macht und Hoheit, so viel Glanz und Pracht in seinen Mauern umschlossen, als am Tage, da die Kaiserstochter Sophia den Schleier empfangen sollte. Die festlich geschmückte Stiftskirche vermochte kaum die erlesene Versammlung zu fassen, welche hier erschienen war. Kopf an Kopf harrten die Edelen der Feier. Malerischen Eindruck machte es, daß zwischen den kostbaren verbrämten Gewändern der Edelleute und dem kunstvollen seidenen Ornate der hohen Geistlichkeit sich auch schimmernde Rüstungen zeigten. Prinz Philipp von Orleans. 683 Im Hintergründe auf erhöhter Tribüne, dem Chor der Schwestern gegenüber, erglänzte der Hofstaat der Kaiserin, ein farbenfrischer Kranz holder Frauen und Jungfrauen. Auf dem Throne unter dem goldenen Baldachin saßen der junge Kaiser und Theophano, die Kaiserin- Mutter. In deren Nähe hatten die Bischöfe von Paderborn, Minden und Worms ihre Plätze auf goldenen Sesseln eingenommen. Wider allen Brauch und in Gandersheim noch nie gesehen war, daß zwei Bischöfe mit hohenpriesterlichem Schmuck festlich bekleidet gleicherweise zu beiden Seiten des Altares saßen, der stattliche Herr Willegis von Mainz und der schlichte Herr Osdag von Hildesheim. Worüber alle staunten, war, daß es dem einfach bescheidenen Hildesheimer Bischof gelungen, seine Ander Prinzessin sodann an die Kaiserin und an die Vormünder richtete. Wie von gemeinsamem Willen bewegt, gaben alle ihm ihre Zustimmung. Betroffen schwieg Willegis. Mit derselben ruhigen Demuth wendete der Hildesheimer Kirchenfürst sich an Sophia mit den weihevollen Worten: „Siehe, meine Tochter, schaue auf, Jungfrau! Vergiß Dein Volk und das Haus Deines Vaters, und der König wird Deine Schönheit lieben; denn er ist der Herr, Dein Gott!" Dann fragte er: „Schwörst Du Unterwürfigkeit und Gehorsam dem Hildesheimer Bischofsstuhl?" Und das Wunderbare geschah: Voll Staunen vernahmen alle, wie die Kaisers- -.MW- lEZWWWW U-WW Photographie und Verlag von Franz^Hanfstaengl, München. Kannst du lesen? Nach dem Gemalte von Herm. Kaulbach. sprüche geltend zu machen, und daß selbigem gleiches Recht wie dem gewaltigen Mainzer Kirchenfürsten eingeräumt war. Herr Willegis feierte dann in großer bischöflicher Pracht das Pontificalamt. Aber als er den Segen spendete, und er zur Weihe Sophias schreiten wollte, geschah es, daß jener schlichte Mann, von dem Alle schon geglaubt hatten, er sei seiner bischöflichen Rechte auf Gandersheim verloren gegangen, der demüthige Herr Osdag. plötzlich emporgerichtet dastand, stark und frei, wie ihn noch keiner gesehen hatte; sein leuchtendes Auge, die Würde seiner Haltung, die Ueberlegenheit, die sich in jeder seiner Bewegungen ausdrückte, wirkten überwältigend. Mit steigender Theilnahme hörte die Versammlung, wie Herr Osdag in edler Einfachheit und Ruhe, jener Einfalt, welche in wahrer Größe ihren Ursprung hat, zuerst an den Kaiser die Frage stellte, ob er in die Einkleidung seiner Schwester willige, dieselbe Frage betreffs tochter mit Heller Stimme folgendes Gelöbniß ablegte: „Ich, Sophia, Tochter des Kaisers Otto, verspreche vor Gott und Seinen Heiligen und vor dieser feierlichen Versammlung Treue, gebührende Unterwerfung, Gehorsam und Ehrfurcht meiner Mutter der heiligen Kirche zu Hildesheim und Dir Herrn Osdag, dem Herrn und Bischöfe dieser Kirche, und Deinen Nachfolgern gemäß den Anordnungep der kirchlichen Satzungen, und wie es das unverletzliche Ansehen der römischen Päpste befiehlt." Herr Osdag hielt ihr das offene Evangelienbuch vor. Sie legte beide Hände darauf uud sprach feierlich: „So wahr mir Gott helfe und diese heiligen Evangelien Gottes!" Dem Willensstärken Wesen des schlichten Bischofs konnte selbst die Stolze nicht widerstehen. Nach Sophias Beispiel gelobten alle Jungfrauen, so den Schleier nehmen wollten, Beobachtung der Klosterregel und Gehorsam. 684 Das einfache Hildesheim hatte die Prüfung gut bestanden; denn Herr Osdag hatte seine Ansprüche muthig und pflichtgetreu zu wahren gewußt. Willegis war mißmuthig, daß er seine vermeitnlichen Rechte gekränkt sah. Er wollte aber als würdiger Priester an heiliger Stätte seinen Groll an sich halten und jeden Streit vermeiden. So konnte Herr Thangmar nach kurzer Verständigung mit dem Erzbtschofe voll heiliger Freude den Anwesenden verkünden, daß der Herr Erzbischof von Mainz kein Recht auf die Gandersheimer Kirche für sich in Anspruch nehme, es sei denn mit Bestimmung und Erlaubniß des Hildesheimer Stuhls. Herr Osdag segnete hierauf den Schleier Sophias, sehte sich nieder mit der Jnful geschmückt und breitete den zarten Stoff über das gesenkte Haupt und die Schultern der Kaiserstochter, wobei er die Worte sprach: „Nimm hin den heiligen Schleier und erkenne dadurch, daß Du entsagt hast der Welt und als eine Braut Dich wahrhaft und in Demuth und mit Zustimmung Deines ganzen Herzens Jesu Christo geweiht hast. Er bewahre Dich vor allem Bösen und führe Dich zum ewigen Leben." Frau Gerberga, welche das Amt hatte, die Jungfrauen ihrem Bischöfe vorzuführen, vermochte die'er Verpflichtung zu ihrem Schmerze nicht nachzukommen. Eine Lähmung bannte sie an ihren Thronsessel. Statt ihrer waltete eine würdige Vertreterin. Judith, ihre so geliebte Schülerin, die heiligmäßige Aebtissin von Ringelheim, war auf Gerbergas Wunsch in letzter Stunde eingetroffen und versah willig das Amt der geistigen Brautführerin. Je zwei und zwei knieten die zu weihenden Jungfrauen, von Bernwards edler Schwester Judith geführt, vor ihrem Bischöfe nieder und empfingen von seiner Hand ihre Schleier. Dann sangen sie lieblich die Worte der hl. Agnes: „Er hat ein Zeichen in mein Angesicht geschrieben, daß ich außer ihm keinen Bräutigam annehme!" Hierauf wurden sie von Judith an ihre Plätze zurückgeleitet. Herr Osdag begann allsogleich den sinnreichen biblischen Gesang: „Geliebte! Komme zu Deiner Vermählung. Der Winter ist vergangen, die Turteltaube girrt, die blühenden Rebstöcke duften lieblichen Wohlgeruch!" Dann wurden die Jungfrauea wieder in derselben Ordnung dem Bischöfe vorgestellt. Dieser steckte Jeder den geweihten Ring an den Finger und sprach feierlich die Worte: „Ich vermähle Dich Jesu Christo, dem Sohne des höchsten Vaters, welcher Dich unbefleckt bewahren möge! Empfange nun den Ring der Treue, das Wahrzeichen des heiligen Geistes, damit Du genannt werdest eine Braut Gottes. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes." Er segnete mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes. Alle sanken nieder und sangen freudig: „Ich bin Dem vermählt, in Dessen Dienst die Engel stehen. Dessen Herrlichkeit Sonne und Mond bewundern! Jesus Christus hat Sich mir mit diesem Ringe verlobt und mich wie Seine Braut mit einer Krone geschmückt." Seliger Friede, stille Verklärung ruhte auf den Gottgeweihten, strahlte wieder von deren jungfräulichen Zügen. Es war, als ob die Opferkerzen Heller leuchteten, als ob die Blüthen am Altare stärker dufteten. Sophia kniete tief andächtig mit heiliger Begeisterung vor des Altares Stufen. Was sie nach schweren Kämpfen in dieser Stunde gelobt, kam aus warmem, aufrichtigem Herzen. Ihre Lippen flüsterten Dankgebete. Nachdem alle nachfolgenden heiligen Ceremonien und Gebete vollzogen waren, wie es sich gebührte, und wie es der Kirche Vorschrift heischte, ertheilte Herr Osdag den gottgeweihten Jungfrauen und allen Anwesenden den Segen. Dann blieb der kaiserliche Hof sammt allen Gästen in größtem Frieden und in schönster Eintracht kurze Weile noch beim Imbiß im Fremdenhause des Klosters beisammen, worauf alle in ebensolchem Einverständniß auseinandergingen. Frau Gerberga dankte Gott ob der glücklichtn Wendung der Dinge. VII. Auf der Stammburg. Sei mir gegrüßt, Du Holde, Du aller Frauen Zier, Du Stern vom lichten Golde, Zu eigen bin ich Dir, Zu eigen und zu Solde Nur einz g Dir allein; Sei mir gegrüßt, Du Holde, Dir eignet all mein Sein. Jakobus Bälde. Weit über waldiges Hügelland schaute die Sommer- schenburg. Gar stattlich und wohlbefestigt thronte sie auf felsiger Höhe. Bau an Bau, pferdekopfgezierte Giebel, buntbemalte Erker, einen gewaltigen Thurm umfriedeten feste Mauern und Zinnen. Zu den Füßen der Burg auf «halber Höhe des Hügels lag der gleichfalls befestigte Freihof Sommerwerk, so alt wie die Burg selber, und tief unten schmiegte sich gar malerisch daran ein schutzbedürftig Dörflein, deß Name Sommerdorf war. Als Herr Tammo vor sechs Monden endlich zurückgekehrt war von seinen Kriegsfahrten, da hatte er sein Heimwesen verödet und unhold gefunden. In den Gemächern wob die Spinne ungestört ihr Netz, und in der Halle hausten Fledermäuse und Eulen. Auf sein Machtwort aber wurden die schlimmen Gäste vertrieben, ward emsig gemauert und gezimmert. Nun da alles vor dem Winter fertig geworden war und wieder heimathlich, wohlig und gastlich ausschaute, stand der Graf da und fragte: „Was nun? — Soll ich jagen, fischen, für die Heerden sorgen und friedlich die Scholle bebauen, oder soll ich auf's Neue zum Kriege ausziehen gegen die räuberischen Slaven?" Gerhard von Sommerwerk, der greise Burgvogt, schien die Gedanken des jungen Grafen zu errathen. „Tammo, ich weiß, worüber Du grübelst," also sprach der würdige Herr und trat näher. „Ich rathe Dir, wie es mein vielwerther Herr und Freund, Dein Vater, selber gethan hätte: Mein Sohn, gieb das theuere Erbe, das Deine Ahnen einst mit Blut vertheidigt haben, nicht preis. Bleibe hier bei Deinem Volke; das ist an die Scholle gebunden und sucht seinen Schutz bei Dir." (Fortsetzung folgt.) . .. WW '-'MF MW HWW MM ALMZ AMWM -^E^ZMtz-KW SME .^s-' Ä»Ä ULZ WM .'ÄÄ! MW W-KM E? WZU ODO 686 Das 150jährige Jubiläum -es kgl. bayer. 4. ChevaulegerHeginieuls „Lönig".') Uniform des kgl. bayrr. 4. Chevanleger-Uegiments (1894). Im Jahre 1742 hatte Kurfürst Karl Theodor aus > der Linie Pfalz-Neuburg die Erbschaft der gesammten kur- ! pfälzischen Lande angetreten. Der junge Fürst widmete sich mit Eifer der Reorganisation seines Heeres. Am 1. September 1744 erschien eine kurfürstliche Ordre, welche die Bildung eines Graf-Elliot-Regiments aus den Kara- biniers der Taxis-Reiter und Elliot - Dragoner und der oberrheinischen Kreis-Eskadron anordnete. Der diesjährige 1. September ist somit der 150. Geburtstag des nunmehrigen kgl. bayer. 4. Chevauleger-Regiments „König". Wir möchten schon seinen ersten Namen als eine glückliche Vorbedeutung seiner stolzen, kriegerischen Zukunft betrachten. Die Elliot de Mohrange waren ein normannisches Geschlecht, dessen Mitglieder, der Sitte des damaligen Adels folgend, sich verschiedenen Herren widmeten, und das wohl auch seinen berühmtesten Vertreter in Georg August, dem späteren Lord Heathfield, gefunden hat. Dieser *) Nachstellende Schilderung sammt den beigegebencn Bildern entnehmen wir einem in der trefflichen Wochenschrift „Das Bayer- , land" (Verlag von R. Oldenbonrg in München, Redaction H, Leher) erschienenen längeren Aufsätze „Z»m 150jährigen Jubiläum usw." von A. Element!, Die Redaction. hatte seine militärische Bildung an der französischen Ingenieurschule zu Laföre erhalten, nahm sodann englische Kriegsdienste, wohnte als Adjutant den Feldzügen in Deutschland 1740 — 1748 bei. Zum Adjutanten König Georgs II. ernannt, führte er in der englischen Armee die Chevaulegers ein, welche damals in keinem Heere fehlten. Er bildete das erste englische Chevauleger-Regi-ment im Jahre 1759. Er hat sich für immerdar einen Namen in der Weltgeschichte erobert durch seine unvergleichliche Vertheidigung der Festung Gibraltar, in welcher er drei Jahre lang der Uebermacht der vereinigten spanischen und französischen Armeen trotzte. Die Erhebung in den Peersstand Großbritanniens war die Belohnung, welche ihm sein neues Vaterland reichte. Ueber die damalige^Uni- formirung des Regiments findet man keinen genü- gendenAufschluß. Sie fügte sich eben an die damals herrschende allgemeine Type. Die ersten Garnisonen des Regiments waren im pfalz-neuburgifchen Gebiete, und erst 1785 tritt als erste größere Garnison Düsseldorf hervor. Es währte 12 Jahre, bis das Regiment zum ersten Wasfengange ausreiten sollte. Im 7jährigen Kriege nämlich waren seine Reiter an der Schlacht von Noßbach be- theiligt, kämpften bei Leipzig, in der Schlacht von Torgau, bei Meißen, Dippoltswalde, bei Strehlen und Wittenberg, 1761 bei Weida. Mit besonderer Auszeichnung werden die kriegerischen Leistungen hervorgehoben, welche das Regiment im Jahre 1762 in Sachsen verrichtete. Im Jahre 1777 starb Kurfürst Max Joseph III., und Karl Theodor, sein Erbe, vereinte nunmehr unter seinem Scepter nach vielhundertjähriger Trennung die Lande von Kurpfalz und Kurbayern. Bei der Verschmelzung der kurpfälzischen und kurbayerischen Armee wurden die Elliot-Reiter zu Kürassieren umgewandelt. Sie erhielten die Nummer und den Titel „zweites Kürassierregiment"; als solches nahmen sie im Jahre 1790 an dem Rcichsexecutionszug nach Lüttich theil, welcher gegen die Lütticher unternommen wurde, weil sie sich empört und den Fürstbischof Konstantin Franz vertrieben hatten. 687 Was den Titel „König" anbelangt, den das Regiment heute führt, ist zu bemerken: Karl Theodor hatte das Regiment schon im vierten Jahre seines Bestandes seinen Vettern von der Linie Birkenfeld-Zweibrücken, der heutigen königlichen Linie, verliehen. Pfalzgraf Friedrich Michael Karl August und Maximilian, Pfalzgraf Ludwig Karl August, der spätere König Ludwig I., waren nacheinander Inhaber des Regiments, und es war nur die naturgemäße Folge, daß ihm Kurfürst Max Joseph bei der Uebernahme der Regierung im Jahre 1799 seinen Gefechten vonWöskirch (5. Mai), Biberach (9. Mai) und Memmingen (10. Mai). Am 3. Dezember 1800 vernichtete Moreau in der Schlacht von Hohenlinden die vereinigte bayerisch-österreichische Armee. In der Schlacht von Hohenlinden selbst stand Dorth mit seinen Chevaulegers auf der rechten Seite der Straße, in der Nähe von Maitenbeth, um der gesammten, von Haag herbeireitenden österreichischen Kavallerie den Aufmarsch zu erleichtern, und wurde hierbei von einem Theil der französischen Division Richepanse und deren Geschützen Die Uniformen des kgl. bayer. 4. Chevauleger-Uegimenls (1777—1783). eigenen Namen gab, ihm vom 2. Mai ab den Titel „Kur- fürst-Chevaulegers" verlieh, der im Jahre 1806, bei der Erhebung Bayerns zum Königreiche, in den Titel „Königs- Chevaulegers" umgewandelt und durch Armeebefehl vom 18. Oktober 1835 für immer bestätigt wurde. Die Reihe der großen, blutigen FeldzugSjahre beginnt für das Regiment mit dem Jahre 1800, in welchem es bereits unter der Führung des tapfern Wrede mit den Oesterreichern zog, um das Vordringen Moreau's zu hindern. Das Regiment kämpfte unter seinem Kommandeur, Oberstlieutenant v. Dorth, mit großer Bravour in den ^ angegriffen. Unerwartet stürzten nun die Chevaulegers gegen die Franzosen, drangen sogar in ihr Treffen und entführten ihnen zwei Kanonen und eine Haubitze. General Richepanse ließ nun ein Regiment Chasseurs gegen die Chevaulegers ansprengen, um sie zurückzuwerfen; doch dieser Angriff mißlang so gänzlich, daß die Franzosen nach bedeutendem Verluste davon ablassen mußten und sich nun ohne weiteren Zeitverlust links in die Waldungen, auf die darin festgedrängten Oesterreich« warfen. Beim Angriff auf die Batterie wurde Oberstlieutenant von Neffelrode-Hugenpoät schwer verwundet und stürzte vom Pferde. Er war bereits von feindlichen Reitern umringt, da sprengte der Gefreite Fleischmann mit mehreren Kameraden, darunter die Chevaulegers Pecht, Beck, Hoff- mann und Walldorf, herbei und stürmten auf die plündernden Chasseurs los; letztere nahmen den Angriff sogleich wahr, sprangen auf ihre Pferde und riefen höhnisch dem Oberstlieutenant zu: „Da kommen Eure Leute und wollen Euch holen, aber wir werden ihnen heimleuchten!" Dann ritten sie mit wildem Geschrei den anrückenden Chevaulegers entgegen. Um den Oberstlieutenant, der mit zerschlagenem Schenkel am Boden lag, entspann sich nun ein heftiger und hartnäckiger Kampf; endlich siegten die wackeren Chevaulegers, deren kräftige Säbelhiebe die Chasseurs zur Flucht zwangen. Noch während des Gefechtes hatte Fleischmann einigen Kameraden zugerufen: „Nun bringt den Oberstlieutenant den Unsrigen wieder, indeß wir andern den Feind aufhalten." Sogleich sprangen die Chevaulegers Walldorf und Beck vom Pferde, legten unter dem heftigsten Gewehrfeuer dem Chevauleger Pecht den verwundeten Oberlieutenant quer über den Sattelknopf und brachten ihn auf diese Weise gleichzeitig mit dem ebenfalls verwundeten Hoffmann nach einem Bauernhof zurück. Hier nun nahmen sie einen Schlitten, spannten sich mit ihren Fouragierstricken vor denselben, zogen so ihren Offizier über eine Stunde fort und befreiten ihn auf diese Weise vor der Gefahr einer nochmaligen Gefangenschaft. Solche Züge todesmuthiger Aufopferung der Soldaten für ihre Offiziere wiederholten sich beim Negimente in den Feldzügen, die nun folgten, zu often Malen. Die bayerischen Regimenter bewährten auch in dieser Schlacht ihre alte Tapferkeit, und unser Regiment hatte sogar das Glück, die einzigen Hiebei erbeuteten feindlichen Geschütze zu erobern. (Fortsetzung folgt.) -^-1-^-,—- Zu unseren Bildern. Prinz Philipp von Grienn». Der älteste Sohn des verstorbenen Prinzen Philipp von Orleans, Grafen von Paris, Prinz Philipp. Herzog von Orleans, geboren am 6. Februar 1869, welcher gleich nach dem Tode seines Vaters die orleanistische Partei zu reorgani- stren versuchte, hat bereits zweimal von sich reden gemacht: das erste Mal, als seine „Liebe für Frankreich" ihn das Verban- nungsdekret übertreten ließ und er sich in Paris bei der Militärbehörde meldete, um kategorisch seine Einstellung in die französische Armee als Rekrut zu fordern. Die jugendliche Unbesonnenheit wurde mit einigen Monaten leichter Festungshaft geahndet. Zum zweiten Mal brachte den jungen Prinzen seine Verehrung für die Opernsängerin Melba in den Mund der Leute. Man wird abwarten müssen, ob diese beiden Episoden aus dem Leben des Herzogs von Orleans nur in das Kapitel der Jugendthorheiten gehören, oder ob sich sein Charakter in der von ihnen angedeuteten Richtung Wetter entwickelt. Kannst du lesen? „Kannst du lesen?" frägt klein Lieschen seinen Spielgefährten, das Häslein, das sich gar zutraulich an die Kleine schmiegt. Die schönen Bilder in dem großen Buche haben das Kind schon oft entzückt; doch die schwarzen Buchstaben, welche Zeile für Zeile füllen, sind ihm noch ein Räthsel geblieben. Erst wenn Lieschen in die Schule geht, wird die Kleine auch diese Zeichen zu enträthseln vermögen. Ob Häschen lesen kann? Fast möchte man es glauben, so klug blickt das Thier auf die Schriftzeichen. Doch Lieschen meint es nicht ernst — Thiere können ja nicht denken — und es gilt bloß, mit dem Spielgefährten einen Scherz zu treiben. _ Halierfrldlrelben. Unter HaberfeldtrUben versteht man Une Art Vvlksjustiz, welche in Oberbayern, namentlich in der Gegend von Tegern- see, Miesbach, Tölz und Rosenheim, an solchen Personen ausgeübt wird, deren Vergeben und Laster dem Arm der Rechtspflege oft unerreichbar sind. Man will darin Reste der einst von Karl dem Großen in den Grafschaften eingesetzten Rügengerichte sehen. Das Verfahren ist gewöhnlich dieses: Wenn das mißliebige Individuum trotz wiederholter brieflicher Verwarnungen keine Besserung zeigt, sammeln sich Plötzlich, gewöhnlich in einer recht dunkeln Nacht, um das Gehöft des Missethäters hundert und mehr vermummte, geschwärzte, zum Theil bewaffnete Personen und rufen den Schuldigen an's Fenster oder unter die Thüre, die er aber bet Leibes- und Lebensstrafe nicht überschreien darf. Darauf werden „im Namen Kaiser Karls des Großen im Untersberg" die Treiber verlesen, und zwar unter fingirten Namen und Würden, wie: „Herr Landrichter von Tegernsee" rc., und antworten mit einem lauten „Hierl" Sodann tritt einer der Meister in die Mitte des Vierecks und verliest ein in Knit- telreimen abgefaßtes Register der Sünden des Delinquenten, wobei nach jeder Strophe die ganze Schaar ein von der schrecklichsten Katzenmusik begleitetes Geheul und Gelächter anstimmt. Ist die Verlesung zu Ende, erlöschen die Laternen und die Schaar verschwindet auf einen Pfiff des Anführers eben so schnell wieder, wie sie erschienen war. Die Haberfeldtreiber werden aus einer dem Orte ihrer Thätigkeit entfernten Gegend gewählt, um etwaigen Erkennungen vorzubeugen. Dem Schuldigen wird, außer daß er die Verlesung mit anhören muß, kein weiteres Leid angethan. Das Haberfeldtreiben ist trotz des energischen Einschreitens der Behörden — wir erinnern an das erst vor wenigen Wochen stattgehabte Treiben in Nicklasreuth — noch nicht völlig beseitigt. -- Allerlei. Der Gymnasialdirektor St. in N. besuchte täglich das dortige Hotel du Nord. Mit der ihm eigenen Konsequenz bestellte der alte Herr regelmäßig einen Schnitt Echtes und die Zeitung. Dann vertiefte er sich in die Tagesneuigkeiten und kümmerte sich herzlich wenig um seine Umgebung. N. ist Garnisonstadt, und längst hatten die in dem Hotel viel verkehrenden Jünger des Mars den Gelehrten zur Zielscheibe ihres Witzes und Spottes gemacht. Eines Tages, als der Direktor eben wieder das Gastzimmer betrat, rief ein Leutnant im Ueber- muth: „Kellner, einen Schnitt Echtes, die Zeitung und 'nen Zahnstocher — so ist der Philister fertig!" — Der Gelehrte legte ruhig seinen Mantel ab, setzte sich würdevoll an den Nachbartisch und rief mit sehr lauter und näselnder Stimme: „Kellner, eine Havanna, — eine Flasche Sekt — beides anschreiben, dann ist auch der Leutnant fertig!" Mißverständniß. Beamter: „Also Sie heißen Caroline Stoppelhuber — Ihr Alter?" — Bäuerin: „Ach Gott, der is schon lange todt!" -SWN-S- ZLilder-Uäthsel. EIS jM «Augsburger PostMung". 89. Zreitag, den 2. November 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag der Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Max Huttler). Feievnbend.*) Geliebte Todte, euch hat sie geschlagen. Die Feierstunde, die unS alle ruft. Wir trugen euch zu Grabe unter Klagen Und pflanzten Immergrün um eure Gruft. Ihr aber lächelt jetzt auf uns hernieder, Die Stürme schweigen und der Kampf ist aus, Und euer Ohr umrauschen süße Lieder, Wir wallen fremde und ihr seid zu Haus. So oft ein neuer Hügel sich erhebet, Ein müder Pilger wieder Ruhe fand, Aus engen Fesseln ist er gern entschwebet Jn's unermeßlich weite Geisterland. Der Abendstern steht über'« Grabgefilde, Die Winde seufzen leis durch Baum und Strauch, Schlaft wohl, Geliebte, unter'm Kreuzesbilde, Wie lange noch, dann schlafe ich wohl auch. ---SS888SS-- Am Allerseelerrlag! -^— (Nachdruck »«rvolru.l Nicht zu fröhlichem Wandern fordern uns heute die verschiedenen Stimmen der Religion und Natur auf, sondern zu ernstem Gange, in das stille Gräberfeld, wo unsere „lieben Todten" ruhen. Es kann sich dieser Stimme Ruf nicht leicht Jemand erwehren, und mag er noch so sehr im Taumel der Welten- lust alle Mahnungen des Jenseits zu überrauschen suchen. Nichts hilft es; — die eine oder andere Geisterstimme, sei es, daß sie den Ton alter Anhänglichkeit und Liebe als Echo in dem Herzen wachrufe, sei es, daß der Mahn- und Nacheruf ungesühnter Schuld ihr innewohne, einer dieser Laute dringt an diesem Tage in eines jeden Sterblichen Seele, soweit die christliche Taufe ihm ihr unaus- löschbares Merkmal aufgedrückt hat. So ist es ein ganz eigenartiges Schauspiel, das man beim Betreten des Friedhofes einer großen Stadt beobachtet. Da wandern nicht nur hinaus diejenigen, welche *) Aus „Um Allerseelen. Trost und Mahnung von Ad. Müller, Stadtkaplan bei St. Ulrich und Afra, Verlag von Michael Seitz, Augsburg". sich den Glauben lebendig in der Brust bewahrt haben, sondern es gehen des gleichen Weges, gebeugten Hauptes, auch diejenigen, die sonst vor lauter gottloser Wissenschaft nicht hoch genug den Kopf zu tragen wissen. Wozu sollten sie Hinauspilgern zu den elenden, traurigen Resten der Leiber, wenn es wirklich wahr wäre, was ihre Wissenschaft lehrt, wenn dieser armselige Plunder, halb Staub, halb morsches Gebein, Alles wäre, was von dem einst so stolzen, durch glänzende Gaben des Verstandes ausgezeichneten Menschen übrig ist? Unbewußt getrieben und durch den Widerspruch mit der eigenen Lehre sich selbst verurtheilend, finden wir bei den Gräbern der auf ewig Entschlafenen die Jünger einer, sei es in der Lehre, sei es in der Praxis, gottlosen Geistesrichtung. Man sagt, daß am Sterbelager eines Nahestehenden und vorzüglich auf dem eigenen Todtenbette Manchem, der längst geglaubt hat, Gott als einen überwundenen Standpunkt betrachten zu können, wieder der Gedanke an ein Jenseits mit ewiger Vergeltung zum siegreichen Durchbruch gekommen sei. Nicht minder glauben wir, daß solch' ein Augenblick mahnender göttlicher Gnade für viele kommt, wenn sie die stumme Reihe der doch so stark beredten Grabhügel durchschreiten und allüberall das Kreuz erblicken, wie es nach unten deutet mit dem einen Ende, auf Tod und Vergänglichkeit, wie es aufwärts weist mit mahnendem Finger und wie es endlich beide Arme liebreich ausbreitet, um alle in seinem beseligenden Bereich der ewigen Liebe willkommen zu heißen. Wem es vergönnt wäre, in die Herzen aller dieser Kirchhofpilger einen Blick zu werfen, der würde gewiß mehr denn einmal Zeuge sein des inneren Kampfes, bei dem der Mensch gegen sich selbst und seine Leidenschaft anstrebt. Wohl dem, der den Funken der unversiegbaren göttlichen Liebe in sich zünden ließ, dem der gute Kampf gelang! Das Herz in ernsten andächtigen Gedanken gesammelt, so betritt der gläubige Christ die Stätte der Todten. Seine Hand legt bei dem Grabhügel nicht nur den blumen- geschmückten Kranz als äußeres Zeichen der das Grab überdauernden Liebe nieder, sein Herz naht sich den lieben Todten vor Allem mit dem unverwelkbaren Rosenkränze theilnahmvollen Gebetes. Die reine, geheiligte christliche Liebe ruft uns mit tausend Stimmen am Allerseelentage zum Friedhof. Es ist die treue anhängliche Liebe, welche uns die Er- — 690 — fnnerung an die Abgestorbenen nnauslöschbar macht; es ist die dankbare Liebe, welche mit dem Almosen des Gebetes jetzt manche Wohlthat vergelten will, die früher oft kaum erkannt oder deren Ausgleich bei Lebzeiten nicht möglich war; eS ist die edle christliche Liebe vor Allem, welche das strenge Gebot hat, den Bedrängten, die sich selbst nicht helfen können, beizustehen, die christliche Liebe, die zu beten gebietet selbst für die, welche im Leben feindselig unS begegnet sind. Eine Stätte der gnadenreichen göttlichen Liebe ist aber auch der Friedhof für uns, die wir den Schritt zu ihm lenken. Eine ganze Fülle heilsamer Gedanken stürmt auf unser Herz ein, von dem sich langsam die irdische Schale löst und das dadurch empfänglicher wird dem Sonnenstrahl, der ewiges Leben hervorruft. Hier, so im Angesichte des Todes gleichsam, da wird uns die erste und einzigeNothwendtgkeit klar, nicht nur auf das Zeitliche das Auge zu richten, sondern Sorge zu haben, daß die arme Seele nicht allein den Weg in'S Jenseits antritt, sonder» geleitet von dem Engel, der unsere erworbenen ewigen Schätze dem Herrn über Leben und Tod darbringt zum schwachen Entgelt für seine Herrlichkeiten. Wohin daS Auge schaut, grüßt uns dar erlösende Kreuz, verheißend, daß auch der schlimmsten Schuld durch den, der an ihm gehangen. Genüge gethan worden ist für Alle, welche es reumüthig umfassen. Hoffnungsvoll sodann zugleich ist dies geheiligte Zeichen für den, der mühsam den so dornenvollen Weg dcS Lebens wandelt, denn unter diesem Grabkreuz, da hört der Erden Kreuz und Leid auf, und so es mit Christo ist getragen, erblühen an den Erdendornen die kostbarsten Himmelsrosen. Es geht durch unsere Zeit allgemein ein gewiß berechtigtes Seufzen über schweres Leid der mannigfachsten Art. Möge der Weg zum Frtedhof alle stärken mit frohem, gottergebenem Glaubensmuth, der allein befähigt ist, den Frieden zu geben in diesen Tagen und einst die stille Grab es ruh, mit ewigem, seligem Frieden uns zu segnen! -.-Sr-A-es—- SermwrrrÄ von HilÄesheim. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) Gerhard, der freie Inhaber des Hofes Sommcrwerk, der nur aus Freundschaft für Tammos Eltern das Amt deS Burgvogtes übernommen hatte, durfte ein kühnes Wort sich schon erlauben; darum fügte er lächelnd hinzu: „Und im Namen Deiner edlen Frau Mutter bitte ich Dich, lieber Tammo, suche Dir eine sanfte, fromme Hausfrau, die Deines Herdes und Hofes fürsorglich waltet, und die Dich von Herzen lieb hat. Das wird Deiner rastlosen Seele Nutze geben und Deinen allzu kriegerischen Sinn friedlich gestalten. Du stehst jetzt im besten Mannesalter. Wann denkst Du an den Ehestand ?" Graf Tammo verzog zwar ob dieser Rede das Gesicht, als böte man ihm Wermuth dar; doch Herr Gerhard kannte seinen Liebling schon allzulange; er wußte, daß der Erbgraf verwundet sei, und zwar an schlimmer Stelle. — „Hier kann nur Eine helfen," so dachte er nicht ohne Grund. Herr Tammo schaute träumerisch in die Ferne. Auch er dachte an Eine voll Huld und Güte. Ja ein holdes Bild stand vor seiner Seele. Tief im Herzen hallte ihr Name wieder. Da horch — Hörnerklang, Hufschlags Was ist das? Da dringt fröhlich hervor aus der Waldesdämmerung ein farbenreicher Reiterzug mit flatternden Fähnlein, schimmernden Rüstungen und — wehenden Frauen- schleiern. Tammo beschattete das Auge mit der Hand und schaute schier verwundert dem rasch nahenden Zuge entgegen. „Alle guten Geister!" rief Herr Gerhard in halbem Entsetzen, „glaube gar, der Kaiser sammt seinem Gefolge beehrt die Sommerschenburg mit einem Besuche." Der Graf richtete sich straff empor. „Fürwahr. Hoch weht das kaiserliche Banner. Das sind die hohen Herrschaften. Jetzo heißt eS, Sorge treffen, daß die Gäste wohl bewirthet und wohl beherbergt werden." Sprach's und eilte in großer Erregung hinaus, um Anordnungen zu treffen. Gerhard folgte in gleicher Absicht. Auf sein Geheiß tummelte sich eilfertig das Ingesinde hin und her. Die Zugbrücke fiel, das Thor that sich auf vor den willkommenen Gästen. Die hielten fröhlich ihren Einzug. Das ward ein lebhaft Treiben auf dem lange so verödeten Burghof. Tammo nahte ehrerbietig dem weißen Zelter der Kaiserin, kniete nieder und hielt den Steigbügel. Die hohe Frau begrüßte den Grasen anmuthig lächelnd und sprach: „Solch ungerufene Gäste, solch einen Ueberfall habt Ihr gewißlich nicht erwartet." Der Graf hatte sich vorher auf eine geziemende Rede besonnen, doch da er anheben wollte, traf sein Blick eine goldblonde Begleiterin Thcophanos, das machte sein Herz erbeben, machte ihn stocken, und seine Rede wandelte sich in einen kurzen Spruch zum Willkommen um. Neues Leben zog in die so lang verlassene große Halle der Sommerschenburg. Neben den klirrenden Rüstungen rauschten seidene Frauengewänder, und der zierlich geschmückte Fuß der Hofleute schritt über die Bärenfelle, welche die Sleinfliesen der Halle bedeckten. Durch die Umsicht Herrn Gerhards war der schöne Raum gar eilig zum Empfang der hohen Gäste hergerichtet; eine rasch gedeckte Tafel lud zum Imbiß ein. Nachdem die Bruder Tammo und Bernward sich umarmt und freudige Grüße getauscht hatten, sprach der junge Kaiser lächelnd: „Unser getreuer Lehrmeister wollte uns verlassen; er heischte Urlaub, um den geliebten Bruder und die väterliche Burg wiederzusehen. Wir aber vermochten es nicht, uns von ihm zu trennen, und so gaben wir ihm allesammt das Geleite hierher. Da sind wir. Sehet zu, wie Ihr mit uns fertig werdet." Auch Tammo lächelte. „Einen bescheidenen Unterschlupf wird dieSommer- fchenburg den hohen Herrschaften sammt deren Gefolge schon bieten. Und sollte die Burg zur Herberge nicht ausreichen, so findet sich im Hofe Sommerwerk ein Unterkommen. Was die Verpflegung betrifft" — er lachte 6S1 freudig — „Nehziemer, Eberkenlen, Bärenlenden, Arrer- bahnbraten, für dergleichen sorgte mein Jagdgeschoß. Mein einziger Kummer, wie ich die Beute verwerthen könnte, ist anjetzo von mir genommen." Theophano, welche sich von dem Burgherrn zur Tafel hatte geleiten lassen, deutete auf Hildeswitha, so gegenüber saß: „Sehet, die junge Gräfin von OleZburg wollte mir von Gandersheim aus entfliehen nach Hildcseim zu ihrer Mutier. Ich aber hielt sie fest und bat sie, mit mir kurze Zeit an den Hof zurückzukehren. Es war mir gar so schwer, der holden Freundin meiner Sophia Lebewohl zu sagen in dem Augenblicke, da mein Kind den Schleier nahm. Das Loslösen muß allmälig geschehen." Tammo wandte das Auge nach der lieblichen Jungfrau. Es war ein langer Blick, der auf ihren sinnig b-wegten Zügen, auf dem blonden Köpfchen ruhen blieb. Er seufzte leise und nickte verstündnißvoll. Allzugut begriff er, daß die Kaiserin sich von dem anmurhigen Mägdelein schwer nur zu trennen vermochte. i Der Imbiß mundete den Gästen. Als sie sich ge- ^ uugsam gestärkt hatten, gebot die Kaiserin freundlich dem Burgherrn: „Zeiget uns Euer Anwesen." Der Aufforderung entsprach Tammo gerne. Zuerst geleitete er seine Gäste zur Burgkapclle, wo alle ein kurzes Gebet verrichteten. Nach solch andächtigem Be- ' gnlnen führte er die Fremden die Treppen auf und ab in woh'ausgestattete Säle und Gemächer, deren Bestimmung er bereitwillig erklärte. Allgemach aber verringerte sich seine Gefolgschaft. Die Hofleute suchten Bequemlichkeit, und wo einer ein anmulhig Platzlein fand, da blieb er zur Rast. Selbst der Kaiserin erschien das achteckige Frauenstüblein im Untergeschoß des Thurmes so behaglich, daß sie allbier zu ruhen beschloß. Der junge Kaiser, dem Bernward in diesem Raum das verdeckte Thürlein zu einem unterirdischen Gange gezeigt hatte, fand so viel Wohlgefallen an der seinen abenteuerlichen Sinn reizenden Wendeltreppe, daß er, ohne lange zu fragen, hinabstieg, um sich weiter umzuschauen; sein Lehrmeister mußte, wohl oder übel, ihm folgen. So geschah es, daß nur Tammo und Hildeswitha selbander ein traulich Gemach betraten, das mit sonder- ltcher Sorgfalt hergerichtet war. Decke und Wände des Gemaches waren mit Holz bekleidet, und die Sonnenstrahlen huschten freundlich über das alte braune Schnitzwerk und über die prächtigen buutgestickten Kiffen hin, welche die Truhen bedeckten. Der schönste Schmuck des eigenartigen Raumes aber war daS wilde Epheugeranke, welches von der äußeren Thurmmauer, an der es üppig emporkletterte, seinen Weg hier hinein gefunden hatte durch die säulengetheilten Nundbogenfenster, allwo es sich laubartig um die tiefen Nischen zog. An einem der umrankten Fenster stand auch ein Webstuhl, und an der Wand hing eine Laute, die war von blauem Band umschlungen. „Der Lieblingsaufenthalt meiner seligen Mutter!" erklärte Tammo bewegt. „Hier saß die milde Frau gar oft im Sommer und im Winter, ließ geschäftig die Spule tanzen und lugte dazwischen hinaus nach der heitern Fernsicht über Thäler und Hügel. Wenn die Dämmerung kam, so nahm sie die Laute und hob leise an mit ihrer vollen weichen Stimme schöne, meist gottselige Weisen zu singen." Auch Hildeswitha war bewegt, ihr dünkte es, als ob sie an geheiligter Stätte eingedrungen sei. Zaghaft bot sie dem Burgherrn die Haud: „Ebre den Manen jener Frau, die solche Söhne erzog! O, daß ich die Edle gekannt hätte!" so sprach sie leffe und innig. Des ritterlichen Mannes Auge leuchtete auf. Er umschloß die zarte Reckte der Jungfrau mit beiden Händen und sagte mit tiefer bebender Stimme: „Die Mutter hätte Euch willkommen geheißen, Hildeswitha," er beugle sich nieder und schaute der erglühenden Maid tief in die blauen, Augensterne, „mir ist, als ob der verklärte Geist der Mutter mir zuhaucve: „„Diese ist es, welche ich von Gott für Dick erbeten."" Hildeswitha, täuscht mich meine Einbildungskraft, oder seid Ihr, die ich liebe seit dem Augenblicke, da ich Euch in Quedlinburg sah, mir wirklich von Gott beichicdcn?" Ein wundersames Leuchten ging über der Jungfrau Antlitz. „Es muß wohl so sein, denn niemals hat ein Mann solchen Eindruck auf mich gemacht," sprach sie einfach. Er breitete die Arme aus. „Hildeswitha, willst Du mein sein?" Sie flüchtete an des Mannes Brust und nickte glückselig: „Ja!" Die Verlobten hielten sich umschlungen, als die kaiserlichen Herrschaften mit Bernward eintraten. „Hier sehet die zukünftige Herrin der Sommerichen» bürg I" rief der Graf mit Augen, die von Wonne strahlten. „Die Traute hat eingewilligt, meine Hausfrau zu werden, sie liebt mich, wie ich sie." Da war bei Allen große Freude ob des frohen Ereignisses; keiner wunderte sich, wie das so rasch gekommen. Es war so natürlich, daß diese Herzen sich gefunden hatten. „Ich selber werde Euch in der Pfalz zu Quedlinburg die Hochzeitsfeier rüsten," sagte die Kaiserin. „Ich entlasse Dich, wein liebes Kind, nicht eher aus dem Hofdienst, bis ich an Deinem Ehrentage Dich mit dem Brautkranze schmücken durfte. Nein — wende nichts ein. Deine vielliebe Mutter, Frau Frederunde, muß mir die Freude gestatten, sie muß selber als Gast zu dem Feste kommen." Es geschah alsdann nach dem Wunsche TheophanoS. Ehe der Winter seine weiße Decke über das Land gebreitet hatte, legte im Dom zu Quedlinburg der Hof- kaplan Bernward die Hände TammoS und HildeswithaS zum Lebensbunde in einander. Er sprach über die Worte des Apostels Paulus: „Die Ehe ist ein großes Geheimniß, ich sage aber in Christo und in der Kirche." Die Herzensfreude Bernwards an diesem Hochzeitstage war kaum geringer, als die des stattlichen Bräutigams und der wonnesamen, bräutlich mit Myrte geschmückten HildeSwitha. Das Hochzeitsgefolge war nicht klein, der ganze sächsische Adel hatte die Brautleute zum Traualtar geleitet. An der Hochzeitstafel aber, so in der Kaiserpfalz gar prunkvoll bereitet war, begann ein rechtes hohes Frohlocken, als der Bruder HildeswithaS, Graf Altmau von OleSburg, den Gästen kündete, daß er sich just eben mit der Jungfrau Hedwig von Stederburg zum Ehebund« versprochen habe. 692 Die Brautmutter, Frau Frederunde, war beglückt, daß ihres Sohnes Herz sich der ernstsinnigen Hedwig zugewendet hatte. Nachdem die Jungfrau, welcher Alt- mans erste schwärmerische Neigung geweiht war, Judith von Sommcrschenburg, des himmlischen Bräutigams Minne dessen irdischer Liebe vorgezogen, da hatte die würdige Frau Frederunde nicht ohne Grund befürchtet, der Stammherr auf Olesburg werde unvermählt bleiben. Um so größer war heute das Glück und die tief empfundene Freude ihres mütterlichen Herzens. „Mit Gott!" sprach sie und gab den Segen. Da erscholl der Jubel der frohen Hochzcitsgäste, und Pauken- und Trompetenschall verherrlichte lauter noch das Fest. VIII. Die Bischofsweihe. Einmüjhig ward er da erkoren Und ihm die Nachricht vorgelegt. Deß ward sein Herz gar tief bewegt Von Demutb und Bescheidenheit. Er sprach: „ES wär' mir bitter Leid, So all des ÄmteS schwere Bürde Mir Schwachem übertragen würde; Denn meiner Ohnmacht war es g'mig An dem. was ich biöheran trug." AuS Philipp des KaithLuscrs Marienleben. Während der Dauer von sieben Jahren hatte die Kaiserin Theophano das Reich mit Ruhm verwaltet und sich als eine Herrscherin von festem adeligen Charakter und großer Umsicht erwiesen. Ueberall, wo das Wohl des Reiches ihre Gegenwart erheischte, begab sie sich persönlich hin. In Italien zwang sie die Aufrührer zur Unterwerfung und brachte das kaiserliche Ansehen zur Geltung. Nach Deutschland zurückgekehrt, feierte sie im Jahre 991 noch einmal das Osterfest zu Quedlinburg in großem Glänze, umgeben von vielen deutschen und fremden Fürsten. Alsdann begab sich die thatkräftige Herrin nach Nymwegen zu einer neuen Neichs- versammlung. Hier ereilte sie der Tod in der Blüthe ihrer Jahre. Die Ncgentenlast war den zarten Schultern der edlen Frau zu schwer. Zu Köln in der Kirche Sankt Pantaleon wurde sie ihrem Wunsche gemäß beigesetzt. Nach Theophanos Tode schloß sich der frühverwaiste Otto noch inniger an seinen treuen Lehrmeister Bernward. Ihn zog er allein zu Rath, um zu prüfen, was andere durch Schmcichclworte ihm einreden wollten; denn bei seiner hohen Begabung durchschaute Otto die Verstellung der Hofleute, erkannte er die unbestechliche Ehrenhaftigkeit des väterlichen Freundes. Ja, Bernward mit seiner hohen Bildung, mit seinem für alles Edle und Schöne aufgeschlossenen Sinn war für den geistig regsamen Kaiser-Knaben der rechte Lehrer. Und dieser übertrug der sorglichen Leitung des geschützten Lehrmeisters die wichtigsten Staatsgeschäfte. So ordnete Otto durch seinen Lehrer und dieser durch seinen Kaiser die Angelegenheiten des ganzen deutschen Reiches. Trotz solcher Machtstellung durfte Bernward sich rühmen, keine Neider zu haben. Inmitten der Reichen und Hohen, der Armen und Niedrigen ging der besonnene Priester mit Ehrfurcht erweckender Bescheidenheit einher. Ueberall wußte er das rechte Maß zu finden, den Schüchternen liebreich zugänglich, den Uebermüthigcn achtunggebietend zu begegnen. Den Sinn seines Zöglings weckte er für das Große und Ideale. Der kaiserliche Knabe machte wunderbare Fortschritte in den Wissenschaften, und sein Geist wurde durch die freisinnige Weise des Unterrichtes früh zur Uebernahme aller Neichsgeschäfte gezeitigt, so daß man Otto bald „rnirusiilia mrmäi, das Wunder der Welt" nannte. Selbst in's Feld zum Kampf gegen die aufständischen Wenden und Slaven begleitete der waffenknndige Lehrmeister Bernward mehrmals den siegreichen Kaiserknaben. Das Weihnachtsfest des Jahres 992 feierte Otto und sein Hof in der Pfalz zu Mainz, in jener vornehmen und reichen Stadt, deren Erzbischof die Erb- Würde deS Neichs-Erzkanzlers bekleidete. Am majestätischen Nheinstrom erhob sich der Königshof nicht weit von der erzbischöflichen Burg. Vom Königshofe aus fiel der Blick auf den großartigen noch unvollendeten Dom, dessen Bau Willegis im Jahre 978 begonnen hatte. Mit regster Theilnahme verfolgten der so kunstgelehrte Bernward und sein begeisterter Schüler die Fortschritte dieses Werkes. Am Neujahrsmorgen 993 finden wir die Beiden in einem freundlichen Gemache der Königsburg in gelehrtem Zwiegespräch. Der dreizehnjährige Otto ist mit allen Gaben des Geistes und des Körpers reich ausgestattet; die Vorzüge des Vaters und der Mutter sind auf ihn übergegangen. Er ist von frischer, lebhafter Sinnesart und von schwungvoller Einbildungskraft, was seinem Lehrmeister nicht wenig zu schaffen macht. An ritterlichen Uebungen hat es dem Knaben nicht gefehlt, und in den Wendenkriegen wurde er an Kampf gewöhnt. Begreiflich ist es daher, daß der junge Kaiser seinem Lehrmeister schon kühne weltumgestaltende Pläne vorträgt. Ja, der dreizehnjährige Knabe phantasirt bereits von einem neuen großen Weltreich: Nach altrömischem und byzantinischem Vorbild sollen alle Völker des Nordens wie des Südens vereinigt werden. Bernward hört staunend zu und schüttelt lächelnd den Kopf. Aber noch ehe der Lehrmeister etwas ent- gegnet, wird des jugendlichen Kaisers Sinn abgelenkt durch einen Troß Gewappneter, der am jenseitigen Ufer des Rheins erscheint und rasch über die schon von den Römern errichtete Pfahlbrücke der Stadt zureitet. „Sehet doch nur, hohe geistliche Würdenträger in Violett gekleidet, von Gewappneten umgeben! Der Trupp begehrt Einlaß am Königshof. Was mag das bedeuten?" fragt Otto. Bernward schaute hinüber. „Das ist ja Thangmar, mein Lehrmeister, das ist ja die ganze Hildesheim'sche Domgeistlichkeit, das ist mein Bruder Tammo und der ganze vereinigte Hildesheim'sche Adel!" ruft er und eilt freudig hinunter. „Willkommen, Ihr Herren!" also ruft er in das Getümmel hinein. Welche Ucberraschung! Kein lautes Gegenrufen umher. Entblößten Hauptes in ehrfurchtsvollem Schweigen beugen alle huldigend die Knie vor dem jungen Priester, der mit unbeschreiblicher Würde und Anmuth soeben hervorgetreten ist. Aller Augen ruhen voll Liebe und Stolz auf der hohen vornehmen Gestalt mit den durchgeistigten Zügen, mit dem edlen Anstand in allen Bewegungen. Der weiß nicht, wie ihm geschieht, als nun sein Freund und Lehrer, der Decan Thangmar, gemessenen Schrittes vor ihn tritt, nochmals das Knie beugt und mit kräftiger, weithin schallender Stimme spricht: 693 „Heil und Gruß dem erwählten Bischof von Hildesheim l" Bernward steht ob dieses Grußes unbeweglich da, bleich und stumm. Er kann den Sinn nicht fassen. Da richtet Herr Thangmar sich stramm empor und erläutert: „Ja, mein erlauchter Herr, die Geistlichkeit, der Adel und das Volk unseres Sprengels haben in seltener Ein- müthigkeit Dich, mein Bernward, zum Nachfolger unseres dahingeschiedenen Oberhirten gewählt. Wir aber kommen, um Deine Einwilligung und die Zustimmung des kaiserlichen Herrn zu erbitten." Bernward wird bleicher, seine Augen schließen sich fast, ja seine Hand tastet, wie um dort Halt zu suchen, nach dem Pfeiler des Eingangs. Der thatkräftige Thangmar drängt: „Nimmst Du die kanonisch vollzogene, auf Dich gefallene Wahl als Oberhirt der Hildesheim'schen Kirche an?" Da fliegt mit einemmale helle Nöthe über des Gefragten ernstes Antlitz. Er richtet den Blick gen Himmel und spricht nach kurzem Gebet die Entscheidung: „Ich bin nicht würdig, das Hohepriesteramt zu übernehmen, doch in Eurem Ruf erkenne ich Gottes Stimme." Er breitet die Arme aus; „Nehmt mich hin, meine Treuen, wie ich bin, mit allen menschlichen Gebrechen. Ich gehöre zu Euch! Ja, ich fühle es, dem geistigen Hirtenamt, der Seelsorge für mein heimisches Sachsenvolk vermag ich besser vorzustehen, als des weltlichen Herrscherthums zu walten über das ganze weit verzweigte deutsche Reich, wie es der Kaiser wünscht. Keine andere Ruhmbegierde trage ich im Herzen, als die, meinem Schöpfer Seelen zu gewinnen. Wenn Otto mich entläßt, so folge ich Euch in die Heimath und übernehme dankbar das bischöfliche Hirtennmt." Die Begeisterung und der Jubel der Getreuen war beispiellos. Sie umringten stürmisch ihren zukünftigen Bischof. Die Freude der Abgesandten wurde freilich gar bald gedämpft, als sie den Schmerz und die Bestürzung des jungen Kaisers gewahrten. Der wollte seinen Treufreund, seinen heißgeliebten Lehrer und Nathgeber nimmer Missen; nein, er wollte ihm die höchsten weltlichen Ehren- stellen, wollte ihm Macht und Reichthum geben. Nicht gleich in den ersten Tagen und nicht ohne große Ueberredimgskunst gelang es den Hildesheimern endlich, den Kaiser Zum schweren Verzicht zu bewegen. Am nächsten Sonntage ertheilte Otto dem zum Bischöfe Gewühlten in Gegenwart des Hofes und vieler Fürsten die feierliche Bestätigung und übergab ihm den von der Hildesheimrr Gesandtschaft mitgebrachten Hirtenstab. Die kirchliche Weihe vollzog acht Tage später, am Sonntage, den 15. Januar 993, der Erzbischof Willegis feierlich in der Hauptkirche Sanct Martin zu Mainz. Zu diesem Feste kamen nicht allein die benachbarten Bischöfe, die Geistlichkeit und der Adel zusammen, auch das Volk strömte in hellen Schaaren nach dem Metropolitansitz, welcher der Schauplatz einer so glänzenden FeieOsein sollte. Dichte Mcnscheumassen füllten die mächtige, prachtvoll geschmückte Sanct Martinskirche. Sie harrten mit freudiger Ungeduld auf den Beginn der heiligen Handlung. Da ertönte volles Glockengeläute, und ehrerbietig machte die Menge der Procession festlich gekleideter Priester und Prälaten Platz, welche den hohen geistlichen Oberhirten, den Bischöfen von Mainz, Trier und Worms, voranschritten. Der Anblick der drei so würdevollen Kirchenfesten in reichen bischöflichen Gewändern mit der Jnful und dem Hirtenstab wirkte überwältigend. In deren Mitte schritt ernst und bleich mit demüthig gesenktem Haupte Bernward. Nach dem vor dem Hochaltare gemeinsam verrichteten Gebet bestieg Willegis den Thron. Zu seiner Rechten nahm der majestätische Erzbischof Egbert von Trier, zu seiner Linken der Bischof Hildewald von Worms den bereitgestellten Sessel ein. Die beiden Kirchenfesten assistirten dem Mainzer Oberhirten bei der Weihe, denn: „Es ziemt sich, daß der Bischof von allen Bischöfen der Provinz geweiht werde; im Falle aber dieses zu schwierig wäre wegen bestehender Hindernisse oder der Weite der Reise, so geschehe die Weihe wenigstens von drei Bischöfen," also befahl der vierte Canon des Kirchenraths von Nicäa. Bernward'in langem weißem Gewand, mit der Stola und dem Chormantel bekleidet, wurde vor den Erzbischof Willegis geführt. Er neigte sich in tiefer Ehrbezeigung. Auf einea Wink des Consecrators Willegis verlas der bischöfliche Notarius die apostolische Bestätignngsurkunde zur Weihe. Der Neugeweihte kniete nieder vor dem Erzbischof und gelobte feierlich mit lauter Stimme Ergebenheit und heilige Treue dem Nachfolger des heiligen Petrus, dem Oberhaupte der Kirche, und betheuerte, seiner Gemeinde ein wahrer apostolischer Bischof sein zu wollen. (Fortsetzung folgt.) - » -» Bilder aus Steieriuark, Kärnteu und dem Küstenlande Kram. Von C. Mayer. III. Der Predil-Paß. Tarvis bietet Gelegenheit zu einer Menge schöner Ausflüge. Einer der genußreichsten ist die Partie über den Predilpaß. Der frühe Morgen, in zartem, bläulichem Grau anbrechend und ständig gutes Weiter verheißend, trieb uns schon sehr bald aus den Federn; noch herrschte vollständige Ruhe im Hause. Als wir uns anschickten, dasselbe zu verlassen, fanden wir uns eingeschlossen; indeß Mühe und Schläue half uns den schweren Riegel b. festigen, und das Thor nach unserm Weggange mit Wucht wieder in's knarrende Schloß fallen lassend, kümmerte es uns wenig, welcher Bettpfosten erzitternd dabei den säumigen Schläfer weckte. Ein Bäckerknabe, frische, knisternde Brödchcn im hohen Tragkorbe, trat uns in den' Weg, und es wurde sofort etwas von seiner warmduftenden Bürde ihm abgekauft. Fröhlich ob des glücklichen Besitzes stärkender Brödchen, wanderten wir in den thaufrischen Morgen hinaus. Ein Gang voll hehren Genusses! — Die Reichs- straße dringt mitten in das Herz der Julischen Alpen und folgt dem r'auf der Schlitza, die als echtes Gebirgskind in ihrem gerölligen, vielfach mit großen Felstücken durchsetzten Bette cinherstürmt. Nach halbstündigem Marsch erreichen wir das einsame Dorf Fl itschl, dessen Häufer- gruppe in der Eigenart des slovenischen Baues, mit den dicken Mauern und den kleinen, durch starke Eisenstäbe gesicherten Fcnftcrchen, einen weltverlassenen Eindruck macht. Der schönste Blick ist zunächst dem Kirchlein auf das dunkle Thal mit seinem wilden Wasser, den weit »»«einander liegenden, ärmlichen Gehöften und dem düster- ernsten Hintergrund der sich erhebenden Felsgebirge. Die Romantik der Gegend steigert sich. Wild und zerklüftet schauen die zerrissenen Gipfel der steil aufstrebenden Berge in das enge Thal. Wir sind in Kalt- wasser, einem großen Bleipoäwerke mit freundlichen Wohngebäuden, am Zusammenfluß des Schlitz«- und Kaltwasscrbaches. — Die Straße steigt und gewäbrt zwischen tiefgrüncm Nadelholz freien Blick auf die Hochöfen und Bleiwerke in der Thalsohle. Zahlreiche Fuhrwerke, welche mit schwerer Ladung von Zink, Blei und Galmei den Betrieb der Pochwerke und Schmelzöfen vermitteln, beleben die stark bergan ziehende Straße. Ein einfaches Wirthshaus trägt über dem steinernen, romanisch geformten Thorbogen eine Einladung zur küblcn Rast vor dem ermüdenden Aufliege; die kunstlosen Verse — in drei Sprachen, deutsch, italienisch und slovenisch, abgefaßt — zeigen, wie enge diese drei Volksstämme sich hier berühren, oftmals ohne gegenseitig ihre Sprache zu verstehen. — Bist der Steigung erweitert sich das schluchtarkige Tbal, aber es n mmt nicht ab an Wildheit und Sterilität. Ein weites, weißes GrriMeld, unter welchem man das Wasser nur von Ferne rauschen hört, bedeckt als Raibler Gries den Thalbodm; dicke Rauchwolken, die schwer über der Häuscrgruppe lag rn, verkünden, daß wir uns Naibl, einem der größten Berg- und Schmelzwerke Kärnlens, nähern. Ohne die herrliche Bergumrahmung näher zu beschauen, treten wir, von Hunger und Durst nach zweistündigem Marsche getrieben, in das erste sich öffnende Wirths- häuSchen. Qualm und Dunst füllt die Stube; eine Menge zechender Arbeiter und verschiedenes Volk sitzt auf den Bänken; die Wirthsleute begriffen nach einem einzigen Blick auf uns, daß uns diese Gesellschaft nicht zusaote, und öffneten eine Thüre zu einem nebenanstchcnden Gemach; aber diese Atmosphäre von Wirths-, Wohn- und Schlafstube, dieses undefimrbare Chaos von Möbeln und herumliegenden Gegenständen, ungemachten Betten flößte noch weniger Vertrauen ein; dazu eine unheimliche, uwmicnartige Alte, die aus einem zerschlissenen Leinffttchl aufkrabbelte, und kein anderer Ausgang aus dem mit Eisenstäben an den Fcnsterchen verwahrten Nuim, als durch die lärmende Menge, von deren slovenisch klingendem Idiom man noch dazu nichts verstand. Neini lieber im frischen, kalten Morgen vor dem Hause, als in dieser Mäusefalle. Doch das Göscner Bier und der Wein schmeckten vorzüglich, und die Unheimlichkcit schwand mit dem leeren Magen. Von Naibl klimmen zwei Straßen zur Höhe deS Predilpasses hinan, die Sommer- und die Winter straße. Letztere führt an dir Ufer des Raibler See's und wird in der schlimmen Jahreszeit, solange Lawinengefahr herrscht, stets benutzt. Erstere, für den Sommer gebaut, führt rascher zur Höhe und gewährt einen wundervollen Blick auf das Raibler Thal, in dessen Bild voll Anmuth und Majestät man sich stundenlang in trunkener Vergessenheit versenken könnte. In der Tiefe der lichtgrüne, sonnen- durchleuchtete, grünumsponncne See mit seinem Jnselchcn, wo zwischen Föhrenschatten ein Nindcndach schimmert, — in mäßiger Ferne das rauchgeschwärzte Städtchen, das sich an den Königsberg lehnt, an dessen Flanke die schmalen Wege der Knappen und die Schlundlöcher der Einqangsstollen bis zur halben Bergesböhe binanzichen. Rund im Kranze, herrliche Contourcn im blauen Äeiher zeichnend, die großartigen Felsengeb rge: der Seckopf. die Caningnippe, die mächtige Wischberggruppe und das Kalt- wassergcbwqe, der Albcikopf, die Zinne des Königsbcrges, die vielzackigen Lahn- und Fünsspitzcn, der grüne Prcdil, theils wild zerrissen und von Geröllhaldcn durchzogen, theils von dunklem Wald und üppiger Alpenflora bedeckt. Wir sieben die mit Alpenrosen besäumte Predilstraße weiter. Eine Menge Arbeiter, meist Slovenen, begegnen unserm Weg. Sie geben zum Bergwerke liinob, wo »äst die ganze umliegende Bevölkerung als Knavpcn Beschäftigung findet. Jeder bringt in einem eigenartigen, gefällig geformten, hölzernen Gefäße die Milch zur Po'enta mit, der hauptsächlichsten Nabruug der armen Bergbewohner. Nun präsent!« sich die prächtige Mangartgruppe mit ihrem massigen Fclsenhaupt; entzückt ihrer weitem Entfaltung zustrebend, erreichen wir die Paßhöhe, eine Stunde von Raibl, ein prächtiger Uebcrgoug, der durch das Jsonzolhal den Verkehr mit Italien vermittelt. DaS kleine Wirthshaus am Predil mit seinen paar benachbarten ärml chen Häusern, bat trotz seiner Unansthii- lichkcit einen regen V rlehr von Fuhrwerken und Neisr- wagen aller Art. Einen hochinteressanten Back genießt man nach Süden von der Höhe aus in das grün um- wobene, von grauen Felieumassen durchzogene Tnal. — Wunderschön gruppstt sich der Mangart, der Jaluz. Die steil abfallende Straße verfolgend, kommen w r an das kleine Fort Predil. Warnungstafeln besagen, daß es jedem Fremven verboten ist, sich in der Nähe der Fortlfikation aufzuhalten oder gar eine Z ichmng davon zu entwerfen. Hart an der Straße, an die Fe,,ungs- mauer angeleimt, ist das schöne Denkmal: „Zur Erinnerung an den Heldentod des k. k. Jngcmcurbaiiptmamis Johann Herman v. He mans- dorf am 18. Mai 1809 und der mit ihm gefallenen Kampfgenossen. Kaiser Ferdinand I." eine Steinpyramide mit sterbendem Löwen aus Metallguß, dem Luzerner Löwendenkmal nachgebildet. An einer Slwßcnwindung, die weit in die Furche zwischen Man» gart und Jaluz cin'ch- eidct, kommen wir an die Cori- tenza, die, zwischen Geröll hervorbrechend, sich unter der Straße in einen tie'cn, von gerade aufstrebenden Felsen- mauern gebildeten Kessel in brausen!'em Falle stürzt und im tiefen Felsenbctt sich den Weg nach der bwühmten Flrtscher Klause bahnt. Bis zu einer Entfernung von zwei Stunden beherrscht hier das entzückte Auge tue Gegend. Die im Sonnenbrand weiß schimmernde Straße windet sich, den Einschnitten der Berge folgend, in großen Krümmungen zur Tiefe; an ihren Saum sind die langgestreckten Dörfer Ober-, Mittel- und Unterpreth mit ihrer kleinen Kirche malerisch gebettet; zu den schon genannten Bergkuppen treten die Confinspitzc, der prächtige Nombon. Aus dem satten Grün der Wiesen und Wälder leuchten die weißgrauen Fclsenhäuptcr und braunen Runsen, überspannt vom glänzenden Blau des südlich angehauchten Himmelszeltes; im tiefen Felsenrinnsal streckenweise verschwindend, perlt der eilige Bach. Nachdem wir im tiefen Schatten des Berge- wohlthuende Rast bei frischem Qneüwaffer und unsern mitgebrachten Speiseresten gepflogen, wanderten wir, um uoch länger des Anblickes 695 froh zu sein, bis Oberpreth; allein in Anbetracht der sengenden Hitze, die uns auf der stark ansteigenden Straße zu sehr bedrückt haben würde, entschlossen wir uns, um« zukehren. Im mäßigsten Tempo erreichten wir die Paßhöhe. Die dienstthuende Wache des Forts verfolgte lange vom sonncnbeschienenen Dach aus unsere Schritte, wahrscheinlich nur aus Mangel interessanterer Abwechslung in ihrem monotonen Dienste. Nach Raibl zurückgekehrt, suchten wir dieses Mal das beste Gasthaus auf, welches nichts zu wünschen übrig ließ und auch ein Touristenhaus zur Aufnahme von Alpenvereinsmitgliedern besitzt. Ein Netourwagen noch TarviS wurde freudigst begrüßt, da der Rückweg doch recht ermüdend geworden wäre. IV. Die Weißenfelser Seen und der VeldeS-See. Laibach. Die Kronprinz Rudolf-Bahn brachte uns zunächst an Station Ratschach. Das Thal von Ratschach ist einfach, aber mit schönem, weitem Blick auf die Berge: den Mangart, Ponca Delika, Duina, Fiinfspitzen und Kaltwassergebirge, den Luschariberg, den Brachnik, sowie auf die schluchtartige Einsenkung, in welcher die Ortschaft Wcißenfels mit ihren Gewerkschaften liegt. Ueber Wiesen wenden wir uns dem hohen Fichtenwalde zu; ein ziemlich steiniger, mäßig ansteigender Weg führt uns dem Seebach entlang, der sprudelnd, lichtblau in zahlreichen CaScaden zu Thale hüpft. Nach drei Viertelstunden stehen wir am ersten See und wenden uns, an dessen östlichem Ufer einen schattigen Weg verfolgend, dem Rudolfsfelsen zu, einem Felsenriff, das beide Seen trennt und den besten Ueberblick über den zweiten, kleineren See bietet — ein düsteres, einsames Wasserbecken von Fichten, Lärchen und dürftigen Alpcriwicsen umsäumt. Die Wände des Mangart mit dessen imposant geformten Felsenmassen, um den Scespiegcl ein kolossales Amphitheater bildend, senden riesige Geröllhalden an seine Ufer. Ein schwindelnder, gefährlicher Steg führt vom See aus auf die senkrecht emporstrebenden Gipfel. Der melancholische Ernst dieser Natur findet auch einen Widerhall in unserm Gemüthe, und gern wenden wir uns dem ersten, freundlicheren Seebilde zu. Unvergeßlich bleibt mir dort die Rast auf der kleinen Halbinsel, in der einfachen, rohgezimmerten, von Slovenen gut und billig bewirthschafteten Ncstaurationshalle; bei gemüthlicher, herzlicher Plauderei mit Neisegenosscn überließen wir uns ganz der scelenvollen Wirkung, die der Reiz des lieblichen, anziehenden Laudschastsbildes ausübte: der dunkelgrüne, leicht gekräuselte Seespiegel mit reizenden Fels- und Waldbädern in seinen Fluthen, darüber die herrliche Mangartgrnppr, deren wilde, steil zum zweiten See abfallende Geröll- und Schutthalden durch sanfte Waldunnanmung verdeckt sind, Ungern schieden wir von der trauten, vom Hauch einer erhabenen, jungfräulichen Natur beseelten Stelle, um zum nächsten Zuge wieder in Natschach einzutreffen. Die Fahrt geht weiter', vorüber an Krön au, an der Mündung des wilden Pisenza-Thales, und an Moistrana, dem Eingang des als großartig geschilderten Urata-Thales, mit prächtigem Blick auf den Triglav, den drcigipfcligcn Vergriffen Oberkrains. Bei Station Lees vertauschen wir das rauchige Bahncoups mit dem offenen, luftigen Postwagen, der uns westlich über die Save in einer halben Stunde nach VeldeS bringt, das als die Perle, das Paradies Oberkrains bezeichnet wird. In der That ein wunderliebliches See- bild: groß, tier, leise bewegt, in wunderbaren Tinten spielend, die wcchselvollen Usergelände im klarsten Spiegel» b-ld aufnehmend. Eine Kahnfahrt auf den krystallenen Fluthen bringt uns auf die reizende, kleine Jnel, einen mitten im See aufragenden bewaldeten Bcrgkegel; gekrönt durch die Wallfahrt Maria im See. Ein schattiger Weg, vorüber an einer Lourdeskapelle, die zu frommer Erinnerung an eine Prinzessin Windisch-Grätz, geb. Oct- tingen-Spielberg, erbaut ist, führt einerseits zur Kirche hinauf, während an der andern Seite unmittelbar aus dem See eine-breite, 98 Stufen hohe Steintrepve zum Kirchenplateau aufsteigt. Dieselbe zeigt uns in einer an der Mitte derselben seitwärts angebrachten Inschrift den Namen und die Widmung des Erbauers, nebst Jahreszahl. Die Kirche selbst besitzt einen reich vergoldeten Altar mit Marmormosaik; neben der Kirche ist der dicke, viereckige Thurm mit dem Wunschglöcklein, dessen Heller Silberklang die Erfüllung der mannigfachen Wünsche der armen Erdenkinder vom Himmel gewähren soll. Schade, daß ich im rechten Augenblicke mit der Legende nicht betraut war und erst später davon erfuhr, als die unregelmäßigen, hellen Glockenschläge, die bei unserer Rückfahrt über den See zitterten, mir auffielen. Mein Herz hätte wohl auch Ursache gefunden, das Wunderglöcklein zu erproben. Die Aussicht von der Höhe des lieblichen Eilandes ist fesselnd. Im Osten erhebt sich auf einer höchst malerisch gestalteten, 120 m hohen, senkrecht dem See entsteigenden Felswand das alte, aber wohlerbaltene, nun einem Wiener Bankier gehörige Schloß Veldes; lieblich bewaldete Ufer bergen den Ort mit der höher gelegenen Kirche; im Anschluß ein Kranz von Villen, eleganten Bade-EtablissementS und parkartigen Gärten — das Louisenbad, die Espla- nade Mallner rc. Darüber erhebt sich ruhig und ernst in mäßiger Ferne das kahle Gebirge, nordöstlich der prächtige Stou; in der westlichen Senkung zeigt sich der weiße Scheitel des felsengezackten Triglav; südlich bezeichnet ein jäher Absturz der Berg- und Hügelkette die Mündung des Wocheiner Thales. Unser kleiner Slovcne, der die Zeit im sonnen« beschienenen Kahn verschlief, brachte uns ungefährdet an seines Vaters Häuschen zurück, an dessen Außenseite ein uraltes, in Stein gemeißeltes Marie: bild eingefügt ist und dasselbe als das Heim einer alten Bildhauerfamilie kennzeichnet. Im Schatten hochgewötb'er Baumkronen verfolgen wir noch lange die den See umkreisende Straße, bis Hunger und Müdigkeit uns zurück in's Louisenbad führen. Die Abendsonne in ihrem verglimmenden Roth malt den Scheitel der Berge, Friede athmet der duftige See; stimmungsvoll erzittern fernhaltende Klänge einer Kur- musik, dazu das Geplätscher der am Kiel des Tschinagl (Kahn) sich brechenden Wellen. Selbst das rege, sajhio- nable Badeleben und das stillgeschäitige Treiben in der nahen, äußerst reinlichen und schmucken Musterküche des Hotels sind nicht im Stande, diese Poesie zu stören. Die Abendvost bringt uns wieder zurück nach Lees, wo wir bei stockfinsterer Nacht noch in das Dorf wandern, um im Touristenhause des sehr empsehlenswerthcn Gast- hofeS von Wucherer nach des Tages Mühen und Genuß gute Verpflegung, vortreffliche Weine und angenehme Ruhe zu finden. Leider nicht zu lange, da der erste Frühzug 696 zur Weiterreise nach dem Süden benutzt werden mußte. — Morgengrauen und dichter Nebel verhüllt die Landschaft und begünstigt eine kleine Huldigung, die wir dem zu früh entronnenen Gotte Morpheus nachzubringen hatten. Das mächtige Rauschen der Save dringt in unsere Träume, und wir bemerken, daß dieselbe eng gebettet zwischen den Karawanken und Julifchen Alpen neben der Bahn dahin- stürzt. Enge Thalspalten zwischen den Ausläufern der Tcrglougruppe gestatten prächtige Blicke auf den sie beherrschenden Berg. Wir kommen nach Krainburg, der frühern Herzogsstadt, die, bespült von zwei Flüssen, der Save und der sich in erstere ergießenden Kanter, auf freundlich bewachsenem Felsvorsprung, recht hübsch erscheint. Den Hintergrund deckt ein Kranz von Bergen, während südlich die sich öffnende weite Ebene freien Ausblick gestattet. — Das Wetter klärt sich; schon in Bisch oflack zeichnen sich, trotz der in der Tiefe liegenden Nebel, die Contourcn der Gebirge am reinen Morgenhimmel; bei Zwischen wässern sehen wir hell und freundlich die hohe Wallfahrtskirche am waldigen Smar- nagera (Smarrcnberg) über die weite Landschaft erglänzen. Die aufsteigende Sonne erdrückt das Nebelmcer; in reinstes Sonnengold getaucht, erscheint Feld und Flur und die zerstreuten Ortschaften und Kirchen, während Nosa- duft die starren Gebilde der Karawanken milde um- leuchtet. Wir sind in Laib ach, der lebhaften Hauptstadt Krams; weitläufig, in großartigem Maßstabe angelegt, gruppirt sie sich um den die Stadt hoch überragenden Schloßberg. Derselbe, ein langgestreckter Bergrücken mit hübschen Promenadewegen, trägt an seinem der Stadt zugewendeten, jäh abfallenden Ausläufer das ehemalige Schloß, nunmehr Staatsgesängniß. Eine breite, von hohen alten Bäumen beschattete Fahrstraße führt hinaus; gerne wird Touristen die Erlaubniß zum Eintritt bewilligt, und wir erfreuten uns hier der prächtigsten Fernsicht. Auf der weiten Fläche, nördlich das Laibacher Feld, südlich das Laibacher Moos genannt, lagern zarte Nebelschleier, vom Sonnenduft goldig durchwoben; gleich freundlichen Oasen entsteigen demselben die Ortschaften, die blinkenden Thürme, die noch weit Verfolgbare Trace der Eisenbahn; ein vielfach geschlungener Gürtel stets höher emporstrebender, oftmals durch weithin sichtbare Kirchen gezierter Bergspitzcn, überragt von den feinen Linien des Kosciutagcbirgcs und der Steiner Alpen mit dem Grin- touz, begrenzen den Horizont; märchenhaft, ein bleicher Geist, entsteigt in fernem Nordwest der mächtige Triglav dem Dunst-, Wald- und Hügclmecre. Belebend sind die hübschen Einblicke in die Straßen und Plätze der Stadt und in ihr buntes Getriebe, das heute durch Abhaltung eines Katholikentages, welcher 2—3000 Gläubige, großen- thcils slovenische Geistliche, vereinigte, noch erhöht wurde. Da wir schon um 6 Uhr angekommen und bis Mittag blieben, hatten wir Zeit genug, uns die vorzüglichsten Merkwürdigkeiten der Stadt anzusehen, unter denen der Valvasor-Platz mit der Statue des Vodnik, der Dom, ein Nundgewölbe mit hoher Lichtkuppel, die schattige Stern-Allee mit der colossalen, 2 m hohen Büste Nadetzkh's, aus Bronze auf einem Stein-Sockel, die Deutschordenskirche mit der Gedenktafel von Anasta- sius Grün besonders ausfielen; längs des Quai an der rauschenden Laibach reihen sich die zahlreichen, reinlichen Derkaufsstände mit reichhaltig und auserlesen angehäuften Dictualien aller Art. Durch die Lattermanns-Allce gingen wir noch nach Tivoli an das Nadetzky-HauS. Auf der breiten Schloßterrasse, umgeben von hübschen Garten- und Park-Anlagen, prangt die vergoldete Statue Radetzky's auf weißem Marmorsockel mit der Inschrift: „Soldaten, der Kampf wird kurz sein — Nochmal folgt Euerm greisen Führer zum Sieg — Armeebefehl vom 12. März 1849." Seitwärts liegt recht hübsch die für großen Besuch berechnete Restauration „Schweizerhaus"; ein herrlicher Park führt zur Höhe, zum Rosenbichl, mit weiter Aussicht, dem Schloßberge gegenüber. Nur slovenische Laute umtönen das Ohr, mit denen sich unsere Zunge umsonst abquält, wie: lekriria, — Apotheke, vrtuarija — Gärtnerei, tr§ kriseovinski — deutscher Platz, ^xäokovatslja. — BcfcncrZeuger, — N-chtraucherconpv rc. rc. Man konnte sich nur an gebildete Leute wenden, von denen man sicher war, deutsch verstanden zu werden, wenn man eine Auskunft wollte. Sehr liebenswürdige und zuvorkommende Winke ertheilte uns der Vorstand des dortigen Alpenvereines, Herr Or. Bock, besonders was die Besichtigung der Grottenwelt des Küstenlandes betrifft. Durch seinen eindringenden Rath aufgemuntert, versäumten wir nicht, die neu erschlossene Grotte von Otok, sowie die St. Kanzians-Höhlen bei Divaoa, trotz alles Schauerlichen, das uns von letzteren bekannt war, dem Besuche der Märchenwelt von Adelsberg hinzuzufügen. Noch am selben Nachmittage entführte uns die Bahn über die mächtigen Viaducte in doppelter Bogenstellung, die bei Franzdorf das Laibacher Moor überbrücken — 25 Bogen, 38 in hoch und 569 m lang — nach der Höhe des Gebirges; in großen Windungen mit schönen Rückblicken auf die Laibacher Gegend bis zum Grindouz, erreicht sie bei Planina-Nakek den Scheitel der Berge; hohe Fichtenbestände, mit breiten aus der Erde wachsenden Felsstücken vielfach durchsetzt, umsäumen die Bahnstraße; üppige Waldvegetation, von graublühcn- der, wilderClcmatis und andern Schlinggewächsen durch- wuchcrt, sichert dem Auge einen wohlthuenden Nuhepunkt. Wir sind in Adelsberg, unserm heutigen Reiseziel. (Fortsetzung folgt.) -—8-WWS-"-- Schachaufgabe. Schwarz. 4 L e o L d' (- L LL- M Weiß. Weiß zieht an und setzt in 3 Zügen matt. --EZS-- UnttxMmigsßiütt „Augsburger Postzeitung". 9V. Dinstag, den 6. November 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas >L Grabherr in Augsburg lVorbesitzer Dr. Max Huttler). Bernward von Mdesherrrr. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) Willegis hielt dem Erwählten das offene Evangelienbuch vor. Dieser legte seine Hände auf den Text und sprach: „So wahr mir Gott helfe und diese heiligen Evangelien Gottes I" Willegis sagte alsdann mit verständlicher Stimme: „Eine alte Satzung der heiligen Väter lehrt und befiehlt, daß derjenige, welcher zum bischöflichen Amt erwählt ist, zuvor auf das Gewissenhafteste, aber mit aller Liebe geprüft werde nach dem Ausspruche des Apostels: „Lege Niemand zu voreilig die Hände aufl" Mit diesen Worten leitete er die vorgeschriebenen neun Fragen über des Erkorenen Lebenswandel und die weiteren neun Fragen über dessen Glaubensbekenntniß ein. Nach bestandener Prüfung geleiteten die Bischöfe von Trier und Worms den Erwählten zu dem Con- secrator. Bernward beugte das Knie und küßte in Ehrfurcht des Erzbischofs Hand. Der legte hierauf die Jnful ab und begann das Staffelgebet. Der Erwählte wurde von den assistirenden Bischöfen nach dem Nebenaltare geführt, allwo er den Chormantel ablegte und wo ihm die bischöflichen Schuhe, die Sandalen, angezogen wurden mit den Worten des Propheten Jsaias: „Wie schön sind die Füße dessen, welcher den Frieden verkündet, vom Heile predigt und zu Sion sagt: Dein Gott wird herrschen." Hierauf empfing Bernward das Brustkreuz, wobei er selber die Worte des Apostels sprach: „Es sei ferne von mir, daß ich mich in etwas anderem rühme, als in dem Kreuze unseres Herrn Jesu Christi." Es wurden dem zu Weihenden dann die Tunika, die Dalmatika, das Meßgewand und der Manipel angethan. So geschmückt trat er in der Mitte der assistirenden Bischöfe zu seinem Altare, wo er die heilige Messe las bis zu der Sequenz, worauf er wieder zu dem auf dem Throne vor dem Hochaltar sitzenden Erzbischof geleitet wurde. Der sprach ein Segensgebet über ihn. Danach legte Bernward sich in Demuth zur Erde nieder, während Alle sich auf die Knie warfen und in heißem Flehen die Litanei von allen Heiligen anstimmten, auf daß den heiligen Aposteln ein würdiger Nachfolger gegeben werde. „Herr, wir bitten Dich, erhöre uns, segne, weihe, heilige Deinen Auserwählten I" Das war das Schlußwort, das einstimmige Herzensgebet, das innige Flehen, welches zum Himmel stieg. Nun erhoben sich Alle, und der Consecrator legte das Evangelienbuch offen auf Nacken und Schulter des vor ihm Knienden. Ein unbeschreiblich feierlicher und erhabener Augenblick war es, als in hoher, geheimnißvoller Bedeutung zu gleicher Zeit die drei Bischöfe mit beiden Händen das Haupt des zu Weihenden berührten und einstimmig sprachen: „Empfange den heiligen Geist l" Diese Händeauflegung sinnbildete den Schutz der allerheiligsten Dreifaltigkeit und vorzüglich die Gnaden- gaben des heiligen Geistes, so auf den Neugewählten in reichem Maße niederströmen sollten. Durch die Händeauflegung der Bischöfe wurde die heilige Weihe ertheilt. Nach vielen Gebeten und nach der allgemeinen feierlichen Anrufung des heiligen Geistes salbte der Erzbischof das Haupt und die Hände Bernwards mit heiligem Oele und Chrisma im Namen des dreicinigen Gottes, in Form eines Kreuzes. Dann überreichte er dem Knieenden den Hirtenstab und sagte: „Nimm hin den Stab des Hirtenamtes, damit Du bei Ahndungen der Fehler mit Liebe züchtigest, ohne Zürnen Urtheile fällst und durch Pflege der Tugenden die Gemüther der Zuhörer sänftigest und mit ruhigem Ernst Zucht und Strafe übest." Nach kurzem Gebet steckte er dem Geweihten den Bischofsring an den Finger mit den Worten: „Empfange den Ring, das Sinnbild der Treue, auf daß Du geschmückt mit dem unverfälschten Glauben die Braut Gottes, die heilige Kirche, unversehrt bewahrest." Nun erst nahm Willegis das Evangelienbuch von den Schultern Bernwards, überreichte es ihm geschlossen und sprach mit erhobener Stimme: „Nimm hin das Evangelium, ziehe aus und predige dem Dir anvertrauten Volke; denn Gott ist mächtig, daß Er in Dir Seine Gnade vermehre. Er, Der da lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit." Nachdem er das „Amen" gesprochen, umfing der Erzbischof den Neugeweihten zum heiligen FriedenSkuffe: „Der Friede sei mit Dir!" Bernward antwortete: „Und mit Deinem Geiste." Auch Egbert und Hildewald gaben ihm den Friedenskuß zur Versicherung wechselseitiger Liebe, Eintracht und Freundschaft, worin sie als Bischöfe der einen heiligen Kirche Gottes mit einander stehen und wirken wollten. Sodann feierte der ebengeweihte Bischof mit dem Erzbischof, der ihn geweiht, zusammen die heilige Messe. Ein rührendes Bild: Zwei Bischöfe an einem Altare, die wie zwei Bruder von einem Brode aßen, aus einem Kelche tranken! Nach vollbrachter Messe und nach feierlicher Segnung des Volkes nahm der Confecrator wieder seinen Thron ein. Der Neugeweihte kniete vcr ihm nieder, und Willegis setzte mit Beihilfe der assistirenden Bischöfe unter Segnungen, Gebeten und Gesängen die Mitra, „den Helm der Stärke und des Heils, den Kopfschmuck des Hohenpriesters", auf das Haupt des Knieenden. Mit gleicher Feierlichkeit wurden Bernward die bischöflichen Handschuhe angezogen, auf daß er seine geweihten Hände vor jeglicher Befleckung bewahre. Nachdem auch diese Ceremonie vollzogen war, erhob sich Willegis, faßte Bernward, den Bischof von Hildesheim, an seiner Rechten, Erzbischof Egbert nahm ihn an der Linken, so führten sie ihn auf den Bischofsthron, welchen der Con- secrator selber soeben verlassen hatte, ein Zeichen, daß er nun wirklich zum Oberhirten gesetzt sei und die oberste Leitung seiner Kirche anjetzo übernehme. — Willegis stimmte den Lobgesang an: „Dich Gott loben wir, Dich Herr bekennen wir!" Brausend fiel das Volk ein. Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst, Während des Tedeums wurde Reichskanzler. Bernward im ganzen hohenpriefter- lichenSchmuck mit Mitra und Stab von den assistirenden Bischöfen in Procession durch dieKirche geführt. Zum Schlüsse ertheilte er dem Volke den ersten feierlichen Segen als Bischof. Das war Bernwards Bischofsweihe. Das Ehrenmahl, welches der junge Kaiser seinem geliebten Lehrmeister prunkvoll und prächtig in der Königsburg hatte bereiten lassen, war für Otto selber kein Freudenmahl. Nur mit Mühe gelang es dem kaiserlichen Knaben, den Ausbruch seines Schmerzes zu bezwingen in Gegenwart der fremden Bischöfe, der Fürsten und des ganzen Hofstaats. Als er dann aber am Abende zum letzten Male mit dem väterlichen Freunde im trauten Gemach allein war, da brach Ottos gewaltsame Fassung zusammen, und seine Thränen flössen rückhaltlos. „Ohne Halt, ohne Stütze! Was beginne ich?" rief er verzweiflungsvoll. Auch Bernwards edles Antlitz wurde bleich. Er neigte sich in Liebe zu dem Knaben und flüsterte sanfte Bernhigungsworte, ja er legte seine Hände segnend auf das Haupt des Trauernden. „Mein Otto, Gott, der Allwissende, welcher mich von Dir trennt, daß ich meinem stammverwandten Volke ein treuer Hirt, ein Hoherpriester werde, läßt Dich nicht ohne Stütze. Hundertfachen Ersatz für meine schwache Kraft findest Du in dem frommen und weisen Prälaten Gerbert, dem gelehrten Leiter der Rheimser Domschule, so Du selber an Deine Seite gerufen hast. Gerbert, der ob seines Wissensschatzes von Abergläubischen sogar als Zauberer gepriesen wird, ist, das sage ich unbedenklich, der hervorragendste Geist unseres Jahrhunderts. Ihm schmiege Dich an, er wird Dich zum Guten lenken", also redete er auf Otto ein. Der feurige Knabe aber rief begeistert: „Als kostbares Vermächtniß nehme ich Gerbert zu meinem Lehrer an Eurer Stelle an. Der Prälat wird mir theuer sein, weil Ihr, mein Geliebter, ihn mir gleichsam als hohes Gut hinterlassen habt." „Mein Otto, ich werde immer an Dich denken, immer für Dich sorgen, immer zu Deinem Rath bereit sein, wenn Du es verlangst," erklärte Bernward innig. Der junge Kaiser aber warf sich in leidenschaftlichem Schmerz an des scheidenden Lehrers Brust: „Ja, Ihr sollt immer an mich denken, immer für mich beten, und damit Ihr das thut, so theile ich mit Euch — ja ich Selbstsüchtiger theile mit Euch das Beste, was ich habe." Der Kaiser löste eine an seiner Schnur getragene elfenbeinerne Kapsel von seinem Halse, öffnete dieselbe, und inmitten von Edelsteinen und köstlichen Perlen zeigte sich Bernwards Blicken ein schlichtes Kreuz. „Seht, das ist ein Stück vom wahren Kreuzesholze, daran unser Heiland sein Leben hingab. Meine Mutter Theophano brachte das Heiligthum von Palästina zu uns." Bernward sank auf die Knie und küßte in tiefster Ehrerbietung die Reliquie vom heiligen Kreuze. „0 orux uv6, sxes uniou! O, heiliges Kreuz, sei gegrüßt! Du meine Hoffnung, Du meine Stärke, Du meine Hilfe, sei gegrüßt! Mögest Du mir immer bleiben das Siegeszeichen wider den bösen Feind, die Quelle meines Trostes und meine Ruhe in Trübsalen! Ja, möge das heilige Kreuz mir sein der Stab meines Alters, die Zuflucht meines Lebens, die Waffe wider alle Feinde!" Mit rascher Hand trennte Otto einen Theil der heiligen Reliquie los, legte den Splitter auf eine goldene Schale und überreichte ihn dem Knieenden. Der rief feurig: „Mit solchem Gnadengeschenk willst Du mich, willst Du die Hildesheimer Kirche auszeichnen? O, habe tausendfachen Dank, mein Ottto! Nimm Dank auch im Namen meines Volkes! Ich werde dem kostbaren Schatz Allerseelen MsW MM W 700 mit allen Kräften meiner Kunst eine würdige Umhüllung schaffen." Otto sprach schwärmerisch: „Ich bin beglückt, wenn ich Euch eine Freude bereiten konnte. O, ich möchte die ganze Welt zu Euren Füßen legen!" Noch einmal zog der Bischof von Hildesheim den liebenswürdigen Knaben an sein Herz, noch einmal legte er ihm segnend die Hände auf, dann schied er. (Fortsetzung folgt.) -- Der Aöend-Segen. Eine Episode aus dem Leben des Bischofs f Pancratius von Dinkel. Pancratius, der Bischof, er hält nun lange Rast Im hohen Dom zu Augsburg als müder Gottesgast. Pancratius der Gute einst hielt er kurze Rast Auf einem Edelsitze als hochgeehrter Gast. Der Graf mit all' den Seinen im hohen Speisesaal Sie saßen mit dem Gaste lang nach dem Abendmahl. Da schlägt's vom nahen Thurme, die Gräfin winket sacht: „Nun ist es Zeit, ihr Kinder, sagt alle schön „Gut Nacht!"" In pünktlichem Gehorsam erheben sie sich leis Und nah'n die Hand zu küssen dem edlen Priestergreis. Nur eines steht noch zaudernd, das Jüngste, und es spricht« „Mama, den Abendsegen, den haben wir noch nicht." „Mein Kind, den Abendsegen vergaß ich heute fast, Den gibt uns heute allen gewiß der hohe Gast!?" Der Bischof nickt Gewährung, sie sinken auf das Knie, Und er erhebt die Rechte und segnet liebreich sie. Mit Dank sie sich erheben, das Jüngste aber spricht: „Das ist kein Abendsegen, so macht man ihn gar nicht." Verlegen steh'n die andern, der Bischof aber lacht: „So zeig' 'mal Deinem Bischof, wie man den Segen macht!" „Bring mir, Mama, ich bitte, geweihtes Wasser her!"' Die Gräfin thuet lächelnd nach kindlichem Begehr. Eintaucht die liebe Unschuld das Fingerlein ganz sacht, Worauf es dann dem Bischof drei Kreuzlein zögernd macht: „Im Namen Gott' des Vaters", so spricht es wohlbedacht, „Des Sohnes und des Geistes— so wird's bei uns gemacht!" Der Bischof spricht gerühret: „Herr, Gott, ich danke Dir Für diesen Abendsegen, er sei zum Zeichen mir. Für meinen Lebensabend sei er ein Zeichen hold; Hab' Dank, mein Kind, Dein Segen gilt mehr als schweres Gold!" Und steh, den Gott gesegnet durch eine Kindeshand, Gesegnet ist sein Name bis über'n Grabesrand. Pancratius, der Bischof, nun hält er lange Rast Im hohen Dom zu Augsburg als stiller Gottesgast. Doch sieht sein Auge nieder vom Himmel jede Nacht Und fragt Dich, Kind und Mutter: „Wie wird's bei Euch gemacht?!" Gerhauser M. -—1-^ -I—-- Goldkörner. Zwei Menschen, die einen Tag lang auf einander angewiesen sind, lernen sich besser kennen, als wenn sie sich Jahre lang in der Gesellschaft begegnen. Herbert. Wenn Jemand sich selbst tadelt, büte dich wobl ihm beizustimmen. Mann und Frau mögen sich zanken, sie ergreifen aber sofort Partei gegen Jeden, der sich hineinmischt. K. So hart ist kein Tyrann, Zu fordern von einem Mann, Was mancher aus freien Stücken Sich ladet auf seinen Rücken. I. Trojan. Den Esel kenn' ich an seinen Ohren, An seiner Zunge kenn' ich den Thoren. K. Man steht dem Alles nach, von dem man keine Besserung mehr erwartet. So macht es Gott auch oft mit dem Sünder — er sucht ihn nicht mehr heim. K. Das 150jahrige Jubiläum des kgl. bayer. 4. Chevauleger-Kegiments „König". Als im Jahre 1800 Bayern mit Frankreich sich verbunden hatte, war dem Regimente neuerdings Gelegenheit gegeben, diesmal im Kampfe gegen Oesterreich, seine Bravour zu beweisen. Von den besonders glänzenden Waffenthaten seien erwähnt: die Ueberrumpeluug der Stadt Jglau unter Major Graf Anton von Nechberg und Nothenlöwen, der Todesritt des Regiments am 25. Dez. 1805 gegen die österreichischen Ulanen bei Stecken, wobei Graf Nechberg mit Säbelwunden und Lanzenstichen bedeckt in die feindliche Gefangenschaft fiel, das Gefecht von Strehlen, 24. Dez. 1806 , in welchem Rittmeister v. Zandt die schwerbedrängte württembergische Reiterei herausriß. Ein keckes Bravourstück lieferte Rittmeister Kraus, indem er bei Kosel mit einem Häuflein von 60 Reitern ein Bataillon in der Stärke von 800 Mann überfiel, dasselbe zersprengte und ihm die beiden Kanonen abnahm. Leider fiel Hiebei der tapfere Oberlieutenant Wilhelm Freiherr v. Kleudgen. Gleiche Bravour zeigten unsere Chevaulegers in dem Treffen von Niederhandorf bei Glatz, wo sich Major v. Hertling den Max-Joseph- Orden erkämpfte. Im Feldzuge von 1809 war es dem Regimente leider nicht gegönnt, an den Ruhmestagen von Abens- berg, Eckmühl und Landshut theilzunehmen. Der Hauptmoment dieses Feldzuges gipfelte für das Regiment in dem Treffen von Staatz in Mähren am 9. Juli 1809, in welchem sein tapferer Oberst August v. Florett an der Spitze des Regiments den Heldentod starb. Er wurde von einem Pistolenschuß mitten in das Herz getroffen. Wohl war Friede zwischen Oesterreich, Frankreich und Bayern geschlossen, aber für das Heer gab es keine Ruhe; es galt, den grausamen Aufstand in Tirol niederzuwerfen, wobei das Regiment mit Auszeichnung bei Innsbruck und am Jselberge kämpfte. Erst am 15. Januar 1810 konnte es wieder in seine Friedensgarnison nach Augsburg zurückkehren. Am 17. März 1812 marschirte das Regiment unter dem Kommando des Grafen Seyssel d'Aix ab; der ruf- 701 fische Feldzug hatte begonnen. Der Marsch ging durch Sachsen und Schlesien nach Posen. Auf den litauischen Feldern hielt Napoleon I. Heerschau über seine bunten Völker. Unser Regiment, welches am 12. Juli in Wilna eingerückt war, sowie alle übrigen Abtheilungen der Division Preysing ernteten ob ihrer Strammheit und ihres trefflichen Aussehens hohes Lob von Napoleon. Diese Division, in Gemeinschaft mit der leichten Batterie Wied- mann, bildete laut der napoleonischen Schlachteintheilung viant und die Fourage mit Ausnahme des eisernen Bestandes zurücklassen und die Verpflegung direkt vom Hauptquartier stattfinden sollte. Alle Operationen der kaiserlichen Garde machte im Verlaufe des Feldzuges die Division Preysing mit, und erst in den Ausgangsstadien der Campagne wurden unsere Grünröcke mit dem Kavalleriecorps Montbrunns und dann späterhin mit dem Corps des Vicekönigs von Italien derart verschmolzen, daß es schwer hielt, die einzelnen Bewegungen dieser Elitetruppe gehörig MMMZ M«» SMM MWM M» GWN !lMW Die Uniformen des kgl. kaycr. 4. Thevaulegers-Uegimenls. (Aurfürst-Chevaulegers 1799.) den Flügel der kaiserlichen Garde. Graf Preysing hatte die Verständigung erhalten, daß seine Division und folglich auch unser Regiment von dem übrigen bayerischen Corps abgetrennt werden und nur einzig und allein von der kaiserlichen Garde abhängig sein solle. Diese Norm sollte für die Dauer des ganzen Feldzuges gelten. Man verlangte von diesem Corps, gleich den anderen Truppen, das Maximum leichter Beweglichkeit, und deßhalb war im Einverständnisse mit dem Generalstabschef Berthier die Verfügung getroffen worden, daß die Bayern ihren Pro- zu verfolgen. Jedenfalls haben sich die Königs-Chevau- legers wacker gehalten, selbst in den ungünstigsten Verhältnissen, und es waren nur wenige Offiziere, die sich nicht vor dem Feinde einige bayerische und französische Ehrenzeichen mit dem blanken Pallasch erkämpft haben. In der That hatten bei dem Einmarsch in Rußland, in steter Fühlung mit einem immer unfaßbaren, jeden Zusammenstoß meidenden Gegner, unsere Chevaulegers das denkbar Möglichste geleistet, und der ritterliche Vicekönig, Prinz Eugen, der Stiefsohn Napoleons, hatte dem Obersten Graf von Seyssel d'Aix sein Lob über unser Regiment in den ehrenden Satz zusammengefaßt: „Die Chevaulegers des Königs von Bayern kennen nichts, was für sie unmöglich wäre, es gibt keinen Lobspruch, den ick ihnen nicht zutheilen dürfte." Insbesondere waren es die Offiziere ten, wacker die erzürnten Wogen theilten und, obwohl abwärts getrieben, sich dennoch rasch jenseits des Ufers wieder sammelten, aufsaßen, die Säbel zogen und die verblüfften Russen in die tiefe Nacht ihrer Wälder jagten. Es hieße den Rahmen dieser Schilderung um ein Be- MB Es- LhlH.: unseres Regimentes, Westcrnach, Zandt, Besserer und Hertling, welche, ihrem edlen Obersten nacheifernd, gar manche wackere Neiterthat vollbrachten und selbst den Graubärten der alten Garde, den „6lroZnon8", die höchste Bewunderung abrangen, als sie sich in die Fluthen der in ihrem Felsenbette rasch dahinrauschenden Düna stürz- deutendes überschreiten, wollten wir all' der Reiterstückchen gedenken, die theils von unserem ganzen Regimente, theils von einzelnen Abtheilungen dieser Heldenschaar vollbracht wurden. (Fortsetzung solgt.) -S-8Ü8-4«- Clieuc» uleserrs Hier»i»irr»» 1» <1792—1799). 703 — 703 Durch Kabinetkordre. Von Adolph Müller. - (Nachdruck verboten.? Gerade vor 100 Jahren, am Morgen des 4. Nov. 1794, waren dw Bänke der akademischen Kirche in Dillingen ganz voll von Studenten und Hörern an der Universität. Das neue Schuljahr wurde durch einen feierlichen Anfangsgottesdienst eingeleitet. Aus allen Theilen des deutschen Vaterlandes waren die Jünglinge wieder herbeigeeilt, um für Wissenschaft und Tugend sich begeistern zu lassen. Nahe dem Hochaltare konnte man die bischöflichen und päpstlichen Alumnen bemerken im schwarzen Talare und mit weitfaltigem, von den Schultern herabhängendem Mantel. Im Schiffe der Kirche hatten sich die Studenten und Hörer versammelt, welche in der Stadt wohnten; darunter viele Söhne aus bekannten, hochadeligen Häusern. Vorne aber waren mehrere roth behangene Bänke noch leer; hier hatten der Rektor und die Professoren der Universität ihre Plätze. In früheren Zeiten sah die Universität selten so viele Studierende um ihre Katheder. Seit dem Jahre 1784 aber war deren Zahl mit jedem neuen Schulbeginns gewachsen, und namentlich der Zuzug von auswärts wurde immer größer. Im genannten Jahre berief der Churfürst von Trier und Bischof von Augsburg, Clemens Wen- zeslaus, den schon aus mehreren Schriften bekannten Professor Johann Michael Sailer nach Dillingen, und zwar (wie es im Anstellungsdecret hieß) als Lehrer der Pastoral- und Volks-Theologie und Ethik. Zugleich mußte er für alle Akademiker Religionsvorlesungen halten. Dieser nun wurde bald der Magnet, welcher die Studierenden aus Nah und Ferne anzog. SeineLehrmethode war eine neue und ungewohnte. Er trug in deutscher, gut gewählter Sprache seinen Gegenstand vor und verstand es, selbst voll innerer Wärme, auch die Herzen seiner Schiller zu begeistern. Gerne verweilte er auch außerhalb seines Hör- saalcs im Kreise derselben. Während sich aber Viele des Mannes freuten und seine Schriften mit Eifer lasen, sahen Manche, besonders die Lehrer bei St. Salvator in Augsburg, mit scheelen Augen nach Dillingen. Allerlei Verdächtigungen wurden laut, als wäre Sailer nicht mehr zu trauen. Sein Einfluß auf die Jugend, hieß es, könne die verderblichsten Folgen haben. Einige hielten ihn für einen verkappten Freimaurer oder, wie es damals hieß, Jlluminaten, andern kam dessen reger Verkehr mit seinen Schülern in der Schweiz, deren viele dort Pfarrer waren, höchst bedenklich vor. Die Schweiz galt damals als einSam- melort der französischen Republikaner. Sailer hörte zwar von den verschiedenen Ausstreuungen gegen ihn, aber er that ruhig seine Pflicht und begnügte sich mit dem Vertrauen, das Clemens Wenzeslaus, der Augsburger Bischof, in ihn setzte. Endlich aber war es seinen Gegnern und Feinden doch gelungen, dieses zu erschüttern. Ein Gewitter zog sich über Sailer zusammen, ehe er es ahnte. DaS erste Wetterleuchten zeigte sich schon im Jahre 1793. Es erschien plötzlich eine Commission in Dillingen, um gegen Sailer und seine Kollegen und Freunde Zimmer und Weber eine Untersuchung einzuleiten und nach „den hier herrschenden verderblichen Principien und Plänen, nach den f Verbindungen und Zusammenkünften der Professoren, nach i den schädlichen Maximen mit einigen Jlluminaten* zu > fragen. Noch einmal ging die Gefahr der Entlassung I Sailers glücklich vorüber. Aber im Jahre darauf traf ihn doch der Blitz aus der Wolke, die längst über seinem Haupte hing. Am 4. November 1794 begab sich Sailer, mit demDoc- tor-Ornat bekleidet, in das feierliche Hochamt zur Eröffnung des Schuljahres. Er stand noch auf der Stiege, welche von seiner Wohnung zur akademischen Kirche führte, da überreichte ihm der Professor der Logik, Joseph Wanner, sein Ent- laffungsdecret. Bedrängt vom Bankhause Obwexer in Augsburg, welches dem Churfürsten von Trier sonst keine Darlehen mehr zu geben erklärte, hatte dieser das Schreiben unterzeichnet. Das Wort „Entlassung' war darin vermieden. „Unter Vorbehalt der Allerhöchsten Gnade,* hieß es, „wird Professor Sailer seines Amtes enthoben, weil der akademische Fonds für so viele Professoren nicht mehr zureicht." Es läßt sich errathen, was hinter dem Bankhause gegen Sailer für Umtriebe spielten. * Sailer war erstaunt noch auf der Stiege stehen geblieben, da schmetterten aus der nahen Kirche die Trompeten, wirbelten die Pauken. Die Professoren der Universität haben die Kirche betreten und das Hochamt beginnt. Der entlassene Professor aber schrieb selbigen Tages noch in sein Tagebuch an sich selbst die schönen Worte: Ruhe sanfter noch im Vorsichimutterschoße *) Eingewiegt vom scharfen Neidgeblök, Blühe schöner noch, wie Gottes schönste Rose, Scharf bewacht vom spitzen Dorngeheck, Wurzle tiefer noch, wie in dem Sturmgedränge Sich die Ceder gräbt auf Libanon, Schwing' dich höher noch, aus heißer Leiden Menge Schwang sich Jesus auf zum höchsten Thron. F ^ 4 Hans Sachs. *) d. i. im Schoße der hl. Vorsehung. 704 In Dillingen verweilte Sailer nicht mehr länger. Ohne jegliche Exiftenzmittcl — als Dillinger Professor erhielt Sailer keine Pension — stand er znm zweiten Male in seinem Leben auf der Landstraße. Am Morgen des 6. November treffen wir ihn bei seinem bewährten Freunde, dem Hofprediger Winkelhofer in München. Als Sailer an dessen Thürschwelle erschien, fragte ihn Winkelhofer: „Was thust Du da?" — „Sie haben mich entlassen," antwortet Sailer. — „Nun, so komm'I" ruft jetzt der Freund, „und ruhe aus in meinen Armen. Meine Stube, mein Tisch, mein Bett, meine Habe, mein Herz, alles das Meine ist Dein." Sailer hat uns dieses Zwiegespräch selbst erzählt, und in überquellendem Gefühle setzte er hinzu: „Mensch, wer Du immer bist, thue recht und fürchte nichts, thue recht und hoffe auf den Herrn. Wenn es an einem Orte zwei Hände gibt, die Dir wehe thun, so bereitet Dir Dein Gott an einem andern hundert Hände, die Dir wohl thun, und diese hundert Hände alle in einem Freunde." Weil Sailer auch in München von einer ihm einmal aufsässigen Partei verfolgt und verdächtigt wurde, so mußte er diese Stadt bald verlassen. Dem Münchener päpstlichen Nuntius Zoglio ward er genannt „als ein zu Dillingen im Verdachte des Jlluminatismus Entlassener". Auch verbot man ihm, in den Kirchen Münchens zu predigen, und der Stantskanzler v. Härtling erklärte zuletzt: „Seine churfürstliche Durchlaucht wünschen, daß er München und ganz Bayern verlasse." Sailer ging. In dem ungefähr 7 Stunden von München entfernten Ebersberg kannte er den Pfleger Beck, einen ihm sehr gewogenen Beamten. Der nahm ihn auf und beherbergte den Edlen 5 Jahre. Die ländliche Stille und der Verkehr mit einfachen, redlichen und guten Menschen thaten ihm wohl, und die schmerzlichsten Wunden sind dort vernarbt. Der Churfürst Clemens Wenzeslaus hat später seine Kabinetsordre selbst bereut. Als er bei einem Pfarrer im Allgäu einmal einige Werke Sailer's bemerkte, sprach er mit gerührtem Herzen: „Diesem Manne ist groß Unrecht geschehen." — Der entlassene Professor wurde später einer der berühmtesten Lehrer an der Universität Landshut und ist im Jahre 1832 als Bischof von Regensburg gestorben. Zu unseren Bildern Fürst v. Hohenlohe, der neue Reichskanzler. Fürst Chlodwig Cail Viktor zu Hohenlohe-Schillingsfürst, Prinz von Rattbor und Korvey, ist geboren am 31. März 1819 als Sohn des Fürsten Fran, Joseph und der Fürstin Konstanze, gebornen Prinzessin zu Hohenlohe-Langenburg. Er studirte in Göttingen, Heidelberg und Bonn die Rechte, trat 1842 als Auskulwtor in Ehrenbreitstein in den preußischen Staatsdienst, wurde dann Referendar in Potsdnn und über- nahm 1815 die Verwaltung der Standesherrschaft Sänllings- fürst. 1846 trat er in die bayerische Kammer der Reichsräthe und machte sich durch seine freisinnige, demokratische Richtung bemerkbar. 1849 ging er als Reichsgesandter nach London. Im Jahre 1866 übernahm er von dem Frhrn. v. d. Pfordten die bayerische Ministerpräsidentschaft. Er ergänzte das bayerische Ministerium im liberalen Sinne durch Berufung der Herren von Hörmann und Gresser, und diesen Berufungen folgte alsbald ein „Revirement" etlicher RegierungsprLsidentenstellen in demselben Sinne. Die innere und äußere Politik des Ministeriums Hohenlohe entsprach weder den religiösen noch den politischen Gefühlen des bayerischen Volkes. Die Wahlen des Jahres 1869 gaben jdiesen Gefühlen Ausdruck, und zwar so kräftig, daß Fürst Hohenlohe sammt den Herren v. Hörmann und Gresser zurücktreten mußte. Es ist bekannt, daß sich das Mißtrauensvotum der ReichSrathSkammer auf das G esamm t- ministerium erstreckte und daß sich an der Votirung desselben die Prinzen des königlichen Hauses, der jetzige König und der nunmehrige Prinz-Regent an der Spitze, aussprachen. Im Jahre 1871 wurde Fürst Hohenlohe im Wablkreis Forchheim in den Reichstag gewählt, wo er sich der Reichspartei, auch Botschafterpartei, anschloß. Fürst Hohenlohe war es, welcher damals im Reichstag den Antrag auf Austreibung der Jesuiten stellte, nachdem der altkatbolische Konventikel im Münchener Glaspalast auf Antrag des Herrn Mickelis eine dahin lautende Resolution gefaßt hatte. Bei der nächsten Wabl ließen die Forllheinnr den Fürsten fallen, Fürst Bismarck aber berief ihn in den Reichsdienst, in welchem er als Botschafter in PariS und seit 1885 als Statthalter in Elsaß-Lothringen wirkte. Allerseelen. Allerseelentag ist — das Fest der Todten I Die Lieben, die dort unter den Hügeln ruhen rings um das Kircklein, ihnen gellen beute unsere Gebetei Ihnen gelten die Kränze, aus Herbstesblumen gewunden, die ihre Gräber schmücken sollen. In Festgewinden wird der Friedhof prangen, einem weiten Garten gleich! Jung und Alt ziehen zum Kurble n auf luftiger Höhe, um die Gaben der Liebe den theueren Dahingeschiedenen darzubringen. Auch Du, lieber Leser, wirst Dein Allerseelen feiern, wirst jener gedenken, die Dir im Leben einst so nahe gestanden! Und wenn Du am Grab stehst und Deine Gedanken und Deine Liebe hinabsteigen zu jenen, die der Hügel deckt — denkst Du nicht: Hier kannst Du auch bald schlummern? Hans Kochs, dessen 400jäbriges Jubiläum am 5. November l. I. begangen wird, (der hervorragendste und fruchtbarste weltliche deutsche Dichter des 16. Jahrhunderts), ist 1494 am genannten Tage zu Nürnberg als Sohn eines Schneiders Jörg Sachs geboren. Er besuchte eine der Lateinschulen seiner Vaterstadt. Im Frühjahr 1509 trat er als Lehrling bei einem Schuhmacher ein, begab sich nach Vollendung seiner Lehrz-it auf eine fünfjährige Wanderschaft. die ihn über Regensburg. Passau, Wels nach Innsbruck führte. Bereits als Lehi ling in Nürnberg hatte sich Hans Sachs der Meisterstngerkunst gewidmet; er betrüb dieselbe auf seiner weiteren Wanderschaft mit Eifer, dichtete 1513 sein erstes „Bar" und fuhr ebensowohl fort, sich in den künstlichen Strophen und Tönen des Meistergesanges zu üben, wie vermuthlich schon zu dieser Zeit in freieren, volksthümlicheren Formen zu dichten. 1516 war er wieder nach Nürnberg zurückgekehrt. Im folgenden Jahre wurde er Meister seiner Zunft und verheiratete sich sodann. Neben den Eindrücken, die ihm die Wanderjahre und das reiche Leben Nürnbergs boten, wirkte auch eine ausgebreitete Lektüre auf seine Phantasie und seinen Gestaltungstrieb. Die bl. Schrift, theologische Traktate, die römischen und griechischen Schriftsteller usw. wurden gelesen und benutzt. 1560 starb seine Frau. Bereits nach anderthalb Jahren schloß der greise, aber noch rüstige Sachs eine zweite Ehe. Ueber die Zahl seiner dichterischen Schöpfungen führte Sachs ein eigenes Register. 1567 zählte er 4275 Meisterschulgedichte, 1700Erzählungen. Schwänkerc. und 208 dramatische Dichtungen. Hans Sachs starb am 19. Januar 1576. Innerhalb seiner Welt hat er Unübertreffliches geschaffen. Sind seine poetischen Erzählungen und Schwanke auf epischem, seine Fastnachtsspiele auf dramatischem Felde die Krone seiner Schövfunaen, so darf, was er im didaktischen Ge- dicht und im ernsten Drama geleistet hat, keineswegs gering angeschlagen werden. Naive Frische, Treuherzigkeit, lebendige Beweglichkeit und witzige Schalkhaftigkeit sprechen aus allen seinen Werken; viele seiner Schwanke und poetischen Erzählungen wirken nach 300 Jahren noch mit unverminderter Frische. Aei den Gräbern. Wohl gibt's ohn' bange Klagen Kein Herz und keinen Ort; Doch ach, wie „Grab" und „Sterben" So traurig klingt kein Wort. Allein es klingt auch keines So hell wie „Auferstehen", So schön wie „Ewiges Leben", So süß wie „Wiedersehen". RoUsr. --EZS-- ZL9L. Areitag, den 9. November Für die Redaction verantwortlich: Philipp Flick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). DermvrrrÄ rwrr ZiLdesheim. Erzählung aus dein zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) IX. Der Einzug in Hildesheim. Von allen Wegen müudci's Wie Büchlein in den Strom, Ihm das Gefolge schwellend. Und feierlich leuchtend blicket der HimmclSdom. Ew.ilie NingScis. Ein Gesalbter des Herrn, ein Gerüsteter zur geistlichen Wehr, so zog Bernward im Geleite gar mancher Getreuen seinem Stifte Hildesheim zu. Ein Theil der Hildesheimer Gesandtschaft, fürnchm- lich der Dccan Thangmar und der Graf Altman von Olesburg, war vorausgeeilt, sobald VernwardS Annahme des Bischofsstabes und des Kaisers Einwilligung erfolgt waren. Die Herren konnten die Zeit kaum abwarten, ehe sie dem Hildesheimer Stifte die frohe Botschaft überbrachten, und im ganzen Lande rüsteten sie darvb freudig zur Feier des Einzuges. Es war an einem sonnig klaren Wiutertage, als Bernward mit seiner stattlichen Gefolgschaft gen Gan- dersheim kam, so an der Grenze seines Sprengels lag. Welch ein Leben herrschte in dem sonst so stillen Grenzorte! Allhier holte Graf Altman von Olesburg mit dem ganzen Hildesheim'schen Adel den Bischof ein. Das wogte heran in allen Farben. Vorauf flatterte roth und gelb das Hildesheimer Banner mit dem Stists- wappen und dem Vischosshut darüber, gar stattlich zu schauen. Ueber das Glockengeläute der Klosterkirche hinweg klang lauter noch der festliche Schall von Trompeten und Pauken und das helle Jubclrufen der Menge. Alsbald hatten die adeligen Herren den Bischof wie mit einem Kranze umritten, und Graf Altman von Olesburg entbot herzensfreudig dem geweihten Sohne des Landes den ersten WMommengruß auf der Heimaiherde im Namen des Stiftes Hildesheim. Als nach der frohen Begrüßung sich der Festzng mit dem Bischof an der Spitze in Bewegung setzte, zeigte sich den Ankommenden ein gar freundliches Bild. Die Nonnen des Klosters Gandersheim mit ihren Zöglingen hatten sich vor dem Portale aufgestellt und winkten mit Schleiern und Tüchlein dem Oberhirten entgegen. „Inst dasselbe Bild, wie wir da vor fünfzehn Jahren erschauten, als wir unsern Herrn Othwin begleiteten", sprach Altman und fügte hinzu: „Die dazumal so stattliche Herrin Gerberga liegt heut siech in ihrem Lehnstuhl, und die Kaiserstochtcr Sophia, so die Stelle der verehrungswürdigsten Mntter vertritt, ist auf Reisen, um Verwaltungs-Angelcgenheiten des Klosters zu regeln." Bernward beschattete das Auge mit der Hand und spähte hinüber. „Da gewahre ich aber inmitten der Klosterfrauen eine hohe Gestalt, welche den Krummstab trägt; der Schleier verhüllt ihr Angesicht. Wer ist diese?" Altman's Stimme bebte in freudiger Bewegung, als er zur Antwort gab: „Deine fromme, edle Schwester Judith, die erlauchte Aebtissin von Ningelheim, ist auf den Ruf der Schwestern hierher geeilt, um an der Spitze des Konventes Dich, den Oberhirten, zu begrüßen. Dort erblickest Du auch Dein in Gandersheim zur lieblichen Jungfrau erblühtes Schwesterlein Thietburg. Die wonnesame Maid wird die Huldigung im Namen der Zöglinge Dir darbringen." Graf Tammo aber, der gleich hinter dem Bischöfe ritt, hob ein freudiges Rufen an: „Da ist ja auch weine liebe Hausfrau Hildeswitha! Ja wirklich, das ist die Holde! Und das sind meine beiden Kinderlein! O, die Lieben alle konnten nicht warten, sie mußten Dir hierher entgegeneilen." Das wurde ein freudiges, ein weihevolles Grüßen hinüber und herüber. Mit tiefer Bewegung, mit innig empfundenem Glück nahm der Bischof die vielen Liebcsbcweise entgegen. Ja, er konnte nicht umhin, der dringenden Einladung Judiths Folge zu leisten und im Kloster eine kurze Rast zu halten, auf das; auch Frau Gerberga den Segen des Oberhirten empfange. Seit Thangmars Freudcnkuude herrschte Heller Jubel und frohe Schaffenslust in der Bisthumshanplstadt Hildesheim. Alle wetteiferten, Bernward von Sommer- schenburg, dem Sohne des Landes, dem erwählten Bischöfe, einen würdigen Einzug zu bereiten. Auf allen Wegen strömten die Völker des Sprengels in dichten Schaaren nach der Hauptstadt, um den Bischof zu sehen, zu empfangen. — 706 '' Als vom Moritzberge herab der Ruf ertönte: „Er naht!" und als dann die Glocken deS Domes mit vollem feierlichem Geläute kündeten: „Er kommt im Namen des Herrn!" da schaute der Thnrmwüchter auf ein mächtiges Volksgetümmcl hinab, da erblickte er flatternde Wimpel, buntfarbige Teppiche, duftiges Tannengrün allenthalben, wie bei dem Einzüge eines Königs. Hil- desia hatte ein prangendes Festgewand angelegt. Bei dem Geläute der Glocken verließ der stattliche Zug der Domherren im priesterlichen Ornate unter Vor- tragung des Kreuzes das Münster. Sie führten die harrenden Gläubigen in Procession dem Bischöfe entgegen. Am Eingänge der Stadt erhob sich ein aus Tannen- bäumen errichteter, mit grünen Tannengewinden und mit farbigen Wimpeln geschmückter Triumphbogen. Hier erwartete der Domdccan Thangmar, umringt von der Geistlichkeit und einem Theil der Bürgerschaft, die herannahenden Oberhirtcn. Thangmar, der Vorsteher der Domschule, der ur- kräftige Sachse, hatte das Wort in seiner Gewalt, doch bet der großen überwältigenden Freude, seinen geliebten Schüler mit der Bischofswürde bekleidet in die Hauptstadt einziehen zu sehen, da stockte ihm die Nede vor Bewegung und Glück. Seine schöne, wohl ansgedachte Ansprache hatte er vergebens ersonnen. Er brachte nur wenige, feurig empfundene Herzensworte des Willkommens dem gottgesandten Oberhirten dar. Gerührt dankte der Oberhirte für den liebevollen Empfang und sprach, von Gottes Gnade gestärkt, wolle er mit Demuth und in Kraft seines Amtes walten und den Hirtenstab tragen und der treuen Anhänglichkeit Hildesheims würdig werden. Unter brausenden Jubelrufen des Volkes hielt der Bischof Bermvard seinen Einzug in die Stadt. Die Pfarrgcistlichkeit der Diöcese und die Domherren, alle im Festornate, schritten voraus. Der Bischof ritt auf schlohweißem Roß, und vier Grafen: Tammo von Som- merschenbnrg, Altmau von Olesburg, Lindolf von Gud- dingo und Jppo vom Harzgau, alle auf weißen Rossen, trugen den Baldachin über des Kirchenfesten Haupt. Die männlichen, edclgeformtcn Züge Bernwards waren starr vor innerer Ergriffenheit, sie hoben sich wie aus Marmor gemeißelt von dem reichen Bischofsgewande ab. An den Ansspruch des heiligen Angustinus dachte er: „Das Wort Bischof ist der Name einer Last, nicht einer Ehre." Er segnete die Schaaren, so entblößten Hauptes in ehrfurchtsvollem Schweigen vor ihm auf die Kniee sanken. Feierlich stille war es ringsumher. Man vernahm nur in der Ferne das volle Läuten der Kirchen- glocken. Die Adelsherren des Stiftes alle zu Pferde folgten dem Bischöfe; wahrlich ein erlesener Hofstaat! Und dahinter wogte ein weites, wachsendes Mcnschen- rueer. So nahm der Zug seinen Weg nach dem Mittelpunkte der Stadt, nach Sanct Mariens Dom. Auf dem Freihofe stiegen alle Berittenen vom Pferde. Die Domherren geleiteten ihren Bischof zum hohen Chöre. Vor dem Hochaltare wurde Bermvard das bischöfliche Festornat angelegt und die Jnful ihm auf'S Haupt gesetzt. Alsdann führte Thangmar, der Domdechant, mit seinen Assistenten den also würdig Geschmückten zu seinem vor den Stufen des Altars errichteten Bischofsthron. Thangmar überreichte ihm den Hirtenstab der Diöcese. Es traten nun alle anwesenden Priester je zwei und zwei hinzu; sie huldigten knieend dem nengewählten Oberhirten, sie küßten seinen Ring und erflehten seinen Segen. Nach diesem feierlich geschehenen Huldigungsacte kehrten sie mit dem Hochgefeierten zum Altare Zurück. Eiuem altehrwürdigen Brauche geniäß gab der Vorsteher des Domkapitels anjetzo dem neuen Bischöfe die iiipwanotlieoa, nruriana. „Unserer lieben Frauen Heilig- thum" in die Hände. Ein Wunder durch jenes Ncliquien- Eefäß hatte ja einst Ludwig den Frommen zur Erbauung des Mariendomcs und der Stadt Hildesheim veranlaßt. Bernward küßte das heilige Behältniß und hielt es vor sich, während die Gläubigen in mächtiger Begeisterung sangen: „Großer Gott, wir loben Dich!" Als das Tedeum verklungen war, sang ein Priesterchor die Antiphon: „Gestärkt werde Deine Hand und erhöht Deine Rechte. Gerechtigkeit und Gericht sei Deines Stuhles Schmuck und Rüstung! Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem heiligen Gerste. Wie es war im Anfange, jetzt und in Ewigkeit, Amen." Thangmar aber sprach mit lauter Stimme: „Lasset uns beten! Gott, Du Hirt und Führer aller Gläubigen, sieh auf diesen Deinen Diener, den Du zum Vorsteher Deiner Kirche eingesetzt hast, gnädig herab; laß ihn seinen Untergebenen durch Lehre und Beispiel nützlich werden, damit er einstens mit der Hcerde, die Du ihm anvertraut hast, zum ewigen Leben eingehe, durch Christum unsern Herrn. Amen." Der Bischof trat mit der Jnful auf dem Haupte und dem Hirtenstab in der Hand vor die Mitte des Altars und wendete dann nach kurzem Gebet sich zu seinem Volke. Er schritt vor bis an die Stufen des Chors — eine ungemein majestätische, ehrfurchtgebietends Erscheinung. Es schien, als ob sein Angesicht leuchte, als ob sein ganzes Wesen hellen Schein ausstrahle. Mit klarer, voller Stimme hub er also an: „Ehrwürdige Brüder, Volk Gottes, mein Volk! Der Friede sei mit Euch! Im Namen des Herrn, der mich gesendet hat, rufe ich Euch zu: l?ax voloisannr! Der wahre, innere, ächte Seelensriede, den die Welt nicht geben kann, den allein Christus der Herr uns erworben und verliehen hat, der sei mit Euch! Im Namen Jesu, so seine von ihm gegründete Kirche als makellose Braut dem Felsenmanne Petrus angetraut hat, stehe ich in Eurer Mitte. Ich kam zu Euch, die Ihr mich gerufen habt, im Bewußtsein meiner Schwäche, aber auch im Vertrauen auf den Herrn, dessen Werkzeug ich bin und dessen Lehre ich Euch verkünden werde. Euch, meinem Volke, gehöre ich an, von heute bis zn meinem Tode. Die Hildesheimer Diöcese wurde mir bei meiner Weihe als Braut verlobt. Ich nehme die Braut an, welche mir vertraut wurde. An sie bin ich gefesselt für immerdar, gekettet durch Bande, welche stärker sind, als jedes irdische Band, durch die Fesseln der Liebe Gottes. Das Heiligthnm, welches ein deutscher Kaiser, der fromme Ludwig, einst Eurem ersten Bischöfe Gunthar in die Hand gab, um es seiner uengegründeten Hildesheim'- schen Kirche zu schenken, dasselbe Heiligthnm überreichten heute mir, dem zwölften Nachfolger Gunthars auf dem Hildesheimer Bischofsstuhl, geweihte Priesterhände. Dasselbe Heiligthnm wurde mir anvertraut, welches dem 707 heiligen Bischof Altfried, welches meinen großen Vorgängern, die ich von Angesicht kannte, den erhabenen Herren Othwin, Osdag und Gerdag, bei ihrer Thronbesteigung in die Hand gegeben wurde. Ich trete das Erbe an und nehme den kostbaren Schatz meiner Braut in Obhut. Als Gegengabe bringe ich, zu Enerer hohen Freude sei es verkündet, eine werthvolle Reliquie, welche Kaiser Otto uns schenkte, ein Stück vom wahren Kreuzcsholz unseres Herrn Jesu Christi. Dieser Theil vom Kreuze soll uns allen eine stete Mahnung sein, daß der Heiland uns nur durch sein Leiden den Himmel vermittelt hat, und daß eS für uns keinen andern Weg zur Seligkeit giebt, als den Weg des Kreuzes. Möge jede Stunde der Trübsal uns den Ruf entlocken: 0 erux avs gpas unreal O Kreuz, unsere einzige Hoffnung, sei gegrüßt'. In aller Demuth und gestärkt durch die Hoffnung auf Euer Gebet beginne ich mein Amt. Mein Bestreben sei, diese mir angetraute Diöcese, meine Braut, rein und makellos vor Gottes Thron zu führen, damit sie dort glücklich sei in alle Ewigkeit. Amen!" „Amen!" klang es wieder aus Aller Munde, klang es wieder von den hohen Wänden. Dann gab Bischof Bernward seinem auf die Knie gesunkenen Volke den ersten feierlichen Segen, indem er dreimal über dasselbe das heilige Krcuzzeichen machte. So war Bernward seiner Diöcese, die ihn als den Würdigsten berufen, in aller Form vermählt, so hatte er von seinem Bischofsstuhl Besitz genommen. Nicht Thangmar allein, der ihm so nahe stand, auch die andern Priester und das ganze Volk, sie alle ahnten und fühlten, daß mit Bernwards Einzug die Morgenröthe einer neuen, einer großen Zeit für Stadt und Stift Hildcshcim angebrochen sei. Ende des ersten Theiles. * II. Theil. I. In der Kaiserpfalz zu Aachen. Da saß cr, als ob er tickte, Angethan im völl'gcn Schmuck; In der rechten Hand deö Kaisers Lag daS Evcmgclienbuch. Nückert. Man schrieb das Jahr Eintausend nach Christi, unseres Herrn, Geburt. Die Welt war aufgeregt. Voll banger Erwartung harrten die Völker des bevorstehenden Untergangs der Dinge. Die Weissagung der Apokalypse bezog die Menschheit auf das baldige Weitende: „Wann vollendet sein werden die tausend Jahre, wird der Satan gelöst werden aus seinem Kerker; und cr wird ausgehen und verführen die Völker an den vier Enden der Erde, den Gog und den Magog, und wird sie versammeln zum Gefecht, deren Zahl ist wie der Sand am Meere." Also lautete die Prophezeiung dcS hl. Johannes. Sie wurde nachdrücklicher gemacht durch ausfallende Zeichen am Himmel und auf der Erde. Ein großer Komet stieg am Himmel empor: auch geschah es- daß zu derselben Zeit ein furchtbares Erdbeben durch ganz Europa ging. Eine Sonnenfinsternis; schreckte die Seelen, ein Nordlicht zag herauf und machte die Nacht zürn Tage. Das hatte auf die erregten Gemüther schreckhaften Eindruck gemacht, hatte die Einbildungskraft der Völker krankhaft gesteigert. Da war Keiner, der dem Verlauf des Jahres Eintausend mit Gleichgiltigkeit entgegensah. Auf dem deutschen Kaiserthron saß ein schwärmerischer Jüngling von zwanzig Jahren, ein phantastischer Träumer, jedoch erfüllt von dem Bewußtsein der hohen Aufgabe, die ihm zu Theil geworden war. In Ottos III. für alles Ideale glühender Seele stritten stolze Wcltherrschlust und ascetische Weltenlsagung um die Oberhand. Mit fünfzehn Jahren schon hatte er sclbstständig die volle Negieruugsgewalt übernommen. In Nom hatte Papst Gregor V. am Himmelfahrtstage 996 dem sechzehnjährigen Otto die Kaiserkrone auf's Haupt gesetzt. Ein Wendenanfstand an den Ufern der Elbe rief den ganz von den Eindrücken der alten Cäsarcnstadt, von den Erinnerungen an die alte Nömerherrlichkeit erfüllten Kaiser nach seinem Deutschland zurück, um den Räubern eine Niederlage beizubringen. > Bald aber zog Otto von Neuem mit großer Hceres- macht nach der ewigen Noma, nach dem Mittelpunkte des kirchlichen Reiches und der abendländischen Cultur. Nichts Geringeres als die Wiederherstellung des antiken Kaisertums in einer neuen Weltmonarchir erstrebte er. So wollte er das deutsche Kaiserthum auf den Gipfel der Vollendung führen. Das war sein weltliches Ziel. Als nun sein tiefblickender Lehrer Gerbert, der vormalige Erzbischaf von Navenna, am zweiten April 999 als Papst Sylvester II. den Stuhl Petri bestieg, da wetteiferte der junge Kaiser mit dcm Papste in der Wiederbelebung des christlichen Sinnes und in der Sorge um die Kirche, in deren Blüthe er, wie die Besten dc Karolinger, das Gedeihen der christlichen Reiche sah. Ja, die engste, werktätigste Verbindung der geistlichen und weltlichen Macht erstrebte er, damit das Reich GotteS auf Erden begründet und die Wünsche Aller zu dem einen hohen Ziel gelenkt würden. So nahm er seinen Herrschersitz in der alten Kaiserstadt, die, glorreicher als je, Gebieterin der Welt werden sollte. Doch mitten in den größten Erfolgen, auf der Höhe des Ansehens war er von dem Gefühle der Nichtigkeit aller irdischen Macht vor Gott auf daS lebhafteste erfüllt. Zu Ende des Christmonats 999 entschloß Otto sich die Alpen zu übersteigen und eine Wallfahrt zu unternehmen, um Trost und Halt zu suchen am Grabe seines Freundes, des mit der Martyrerkrone geschmückten heiligen Ndalbert in Gnesen. Hier begründete er als dauerndes Denkmal seiner Anwesenheit das Erzbisthum für Polen. Dann zog cr nach seiner deutschen Heimath. In Magdeburg feuerte er Palmensonntag und in Quedlinburg das Osterfest. Darauf fuhr er mit großem Ehrengelcitc aus allen deutschen Gauen über Mainz und Köln nach Aachen, der zweiten Hauptstadt des Reiches. Aachen war ihm wegen der Erinnerung an Karl den Großen der liebste Aufenthalt. Dort in dcm Palaste, in den glänzenden Hallen Karls hielt er Hos; dort feierte er das liebliche Pfingstfesi. - Während der drei Wochen seines Aufenthaltes gewahrte man in dcm bunten, heitern Leben, welches sich in der fränkischen Kaiscrstadt entfaltete, nichts von der ! düstern Stimmung jener Zeit. Bunt war das bewegte — 708 Treiben auf den Gassen. Alle Sprachen schwirrten durcheinander; denn aus aller Herren Ländern waren Völker hier zusammengekommen. Lustig und lebhaft ging es allerorten zu, und nicht am wenigsten laut war es am Abende des Pfingstsonntags, am neunzehnten des Wonnemonats, in der großen Säulenhalle der Kaiserpfalz, allwo Höflinge, Kämmerer, Domschüler, Pagen und KriegSleute am Bautet theilnehmen durften, während der Kaiser mit wenig Auserlesenen droben im hohen Saale beim Festmahle sah. Die fackclbelenchtete, säulendnrchtheilte Halle bot dem Auge ein buntphantastisches Bild dar. Verwandte Geister finden sich überall, das sah man an den lebhaft bewegten Gruppenbildungen. 11m das obere Ende einer langen Tafel schaarte sich eine Zahl von jungen Männern: langlockige Kunstjünger, blonde Sachscnsprossen, wie sie dem gelehrten, kunstsinnigen Bischof Bernward von Hildeshcim, so auf dringenden Wunsch des Kaisers mit hierher gekommen war, aus Wegen und Stegen zu folgen Pflegten, waffen- kundige Krieger aus allen Ländern, geschmeidige Höflinge italienischer Herkunft und fröhliche Rheinländer, die der Kunst hold waren. Sie alle lauschten aufmerksam dem begeisterten Vortrage eines schlanken Jünglings, dessen feingeschnittenes Antlitz von langen blonden Locken umrahmt war. Ein Aachener Patriciersohn, dessen gediegene Naths- herrnkette gar wunderlich zu seinem frischen jungen Gesichte stand, rief dem Redner halb bewundernd, halb eifersüchtig zu: „Wenn Ihr Hildcsheimer Herren nicht mit Worten prunkt und dem so ist, wie Ihr sagt, so wird die Kunstschule Eueres Bischofs an Ruf gar bald dem Eucrer berühmten Domschule gleichkommen und Euere Stadt die hervorragendste Kulturstätte Deutschlands werden." Ein Magdeburger Edclkuappe im Kriegskleide bestätigte eifrig: „Es wird so sein, wie Herr Heribert aus Hildcs- heim uns berichtet. Bischof Bernward leuchtet Allen voran durch Kenntnisse und Leistungen. Er ist selbst ausübender Künstler. Da ist fürwahr keine Kunst, so er nicht mit Geist und Geschick versucht. Bei meinem Aufenthalt in Hildeshcim sah ich ihn mit dem Schurzfell bekleidet, mit Hammer und Meißel in der Hand den Kunstjüngern Unterricht ertheilen. Ich sah ihn, wie er alle Werkstätten, die der Stcinmctze, der Bildhauer, der Erzgießer, der Goldschmiede durchwanderte, hier belehrte, dort Rath ertheilte, da ermnthigte und überall schöpferische Begeisterung weckte." Des blonden Heribert Augen leuchteten. Er sprach mit Bewegung: „Erkennet, Ihr Herren, daran, wie sehr unser bischöflicher Fürst für die Hebung seiner heimischen Kunstschule sorgt, daß er immer etwelche seiner Schüler mitnimmt auf Reisen an den Hof oder zu Reichstagen, auf daß Jedem in seinem Fache Gelegenheit werde zur möglichst vollkommenen Ausbildung. Dabei mahnet er immerdar, uns in allem zu üben, was in irgend einer Kunst als das Würdigste sich darbietet." „Mit Verlaub, Herr Heribert," also rief ein schwarzlockiger Mainzer, der im Neustem sich kaum von den dunkeläugigen gebrannten Römern unterschied, vorlaut dazwischen, „verrathet uns doch, welche dex ehrsamen Künste Ihr als Euer Fach anseht." ! Da schüttelte der ernste Sachse mit lustigem Lachen ! die blonden Mähnen zurück. „Darin geht's mir just, wie unserm gelehrten Meister. In rastlosem Eifer strebe ich nach der Kunst, edle Steine in Gold zu fassen, Metalle zu schmieden, Erz bildnerisch zu gießen. Ich möchte die Gesetze der Architektur gründlich kennen lernen, die Malerei mit Feinheit üben und mir die Bildhauerkunst zu eigen machen. Ja, in allem dem möchte ich es dem Meister nachthun; und das gelingt mir vielleicht später unter dem Einfluß seines herrlichen Geistes. In einem freilich wird Keiner ihn annähernd erreichen, in seiner tiefen Gelehrtheit und Bücherweisheit." Der Aachener Magistratsherr wiegte bedenklich den rothwangigen Kopf, er hatte ein Häkchen gefunden: „So wird Euer die Wissenschaften und Künste also pflegender und fördernder, ja sich ganz denen hingebender Landesherr nicht viel zum heute so nöthigen Schutze und zur Grenzvcrtheidignng seines Sprengels zu thun vermögen." „Oho, Herr Nathsherr, da habt Ihr gründlich fehlgeschossen!" rief in ehrlicher Entrüstung ein keck dreinschauender Kricgsmann mit spitz cmporgedrehtem Schnurr- bart. — „In mir seht Ihr Graf Bardo, der als Befehlshaber auf der Beste Mundburg in bischöflichen Diensten steht. Solche Beste hat der Gelehrte mit großem Geschick am Zusammenfluß der Ocker und der Aller erbaut und noch eine zweite, durch Gräben gesicherte, sehr feste Burg bei Wirinholt errichtet zum Schutz gegen die heidnischen Normannen und Slavcuvölker, so unsere Gauen verwüsteten. Auf die Kriegskunst versteht sich der Bischof so gut, wie auf die Bildnern und die Baukunst, und das Schwert weiß er ebenso geschickt zu führen, wie die Rohrfcder und den Malerpinsel. Den hättet Ihr sehen sollen, wie er an der Spitze seiner Mannen gegen die Feinde zog, selber befehligte und dabei drcinschlug, daß die Funken stoben. Nun haben wir Ruhe vor den nordischen Räubern." Der junge Mainzer Edclhcrr suchte au dem dunklen Flaum über seiner Lippe zu drehen und warf neckisch hin: „Bei so bcwandten weltmännischen Eigenschaften würde Euer hochgepricscner Kirchcnfürst auch lieber als Reichskanzler den Kaiser begleiten, als im Hildesheimer Lande Bischof sein." „Schweigt, Gelbschnabel! Ihr könnt's freilich nicht wissen, denn dazumal lagt Ihr noch fast in den Windeln. Als vor sieben Jahren die Hildesheimer Domgeistlichkeit und der Hildeshcimische Adel just nach Eurer Stadt kam, um dem hochverdienten Lehrmeister des Kaisers den Bischofsstuhl anzubieten, da hatte Herr Bernward schon dir Würde und das Amt eines Reichskanzlers inne. Der Kaiser versprach ihm weltliche Macht und Herrlichkeit ohne Maß und bat ihn unter Thränen, am Hofe zu bleiben. Der Priester aber verschmähte die weltlichen Ehren und folgte dem Rufe seines Volkes, worin er die Stimme Gottes erkannte." „Herr Graf, für einen Kriegsmann wißt Ihr erbaulich genug die Worte zu setzen," meinte her Aachener Nathsherr lächelnd, fügte aber ernst hinzu: „Wahrlich, es gelüstet mich nun, die nähere Bekanntschaft Eueres Bischofes zu machen. Er schaut just so erhaben und liebreich drein, wie der Apostel Johannes über dem Altare unserer Kirche." 709 Feurig rief Heribert: „Da sprecht Ihr wahr! Ein Jünger der Liede ist der Herrliche auch. Tag für Tag, sobald er Gott in Andachtscifer gedient hat, hört er die Klagen der Preßlüften und Bedrückten, schirmt er mit Klugheit und Nachdruck deren Rechte. Darauf sucht er die Hütten der Armen auf und giebt täglich über hundert Dürftigen Speise und Trank. Allen Unterthanen, so von Noth heimgesucht sind, verschafft er durch Geld und Unterstützungen Hilfe und Erleichterung. So versieht er in uneigennütziger Liebe das Hirtenamt seines Sprengels. Das hindert ihn nicht, als Fürst des Reiches eine Stütze des Kaisers und der deutschen Lande zu sein und besonders dem jungen Kaiser kraftvoll mit Rath und That zur Seite zu stehen." „Dem kaiserlichen Herrn thut guter Rath und Hilfe Noth", äußerte ein dunkellockiger Edelpage lombardischer Herkunft. „Herr Otto hat heute Großes im Sinn; denn angezogen vom Ueberirdischen, hat er, das weiß ich, drei Tage und drei Nächte lang gefastet und gewacht." Der Mainzer unterbrach ihn lachend: „Um heute nach der prachtvollen kirchlichen Feier auch weltlich mit um so größerem Prunk das Pfingstfest, die Herabkunft des heiligen Geistes zu feiern! Mir war ein Blick in den Fcstsaal vergönnt, da sah ich genug." Der lombardische Page ließ sich nicht beirren. „Mein kaiserlicher Herr hat sich durch dreitägiges Fasten zu Großem vorbereitet. Er hat, das weiß ich, Ernstwichtigcs vor." „Seht, seht," so raunte Heribert rasch dem Aachener Nathsherrn zu, der stattliche Ritter, welcher so selbstbewußt, mit edler Haltung die Halle durchschreitet, ist der kaiserliche Trnchfeß, Graf Tammo von Sommer- schenburg, der Bruder unseres Bischofs. Wen mag er hier unten suchen?" Des Kmistjüngers Frage wurde sogleich durch den Grafen selber beantwortet. „Lieber Heribert," also redete er den Jüngling an, „der Kaiser hat von Euerer Saugeskuust vernommen und will ein Lied von Such hören. Nehmt das Saiten- spiel und folget mir." Jung Heribert suchte schweigend seine Harfe und beeilte sich, der Weisung nachzukommen. (Fortsetzung folgt.) - -«—> - Bilder M!Z Stcr'ern-.ark, Körnten und dem KiisirnlMde Kram. Bon C. Mayer. (Fortsetzung.) V. Adclsbcrg und die Tropfstein-Höhlen. Adclsbcrg! ein Ruf, der viclrerhcißcnd unserm Ohr erklingt; eine neue Welt, mysteriös und märchenhaft, — die Resultate eines neuen Wissensgebietes — die Wunder des Erdiuncrn — die grotesken Höhlcn- bildungen des Karstes, — dies alles tritt mit diesem Rufe vor die Seele. Voll freudigen Ahnend ob eines noch nie gesehenen Naturschauspiels betreten wir den gcheimkiiß- reichen Boden; unsere Vorstellungen und Erwartungen sollten aber noch übertreffen werden. Die Adclsbcrger Tropfstein-Höhlen, schon im Mittelalter bekannt, sind zwar schon seit Anfang dieses Jahrhunderts, seit 1818, neu entdeckt und vielfach besucht und bewundert; die alpine Forschung indeß wendete sich seit noch kaum einem Jahrzehnt neuerdings diesen hochinteressanten Entdeckungsfahrten zu, brachte ihnen das regste Interesse mit Ueberwindung hoher Gefährlichkeit entgegen und lenkte die Aufmerksamkeit des touristischen Publikums, dem heute dieses Höhlengcöict durch ausgezeichnet sichere Weg-Aulagen zugänglich gemacht ist, auf diese einzig dastehende Eigenart des Karstgebirges hin. Adelsberg, so hochinteressant durch seine Grottenwelt, ist ein wohlgebauter, freundlicher Ort und fesselt durch seine landschaftlichen Reize; es verlohnt sich wohl, dort für ein paar Tage Absteigequartier zu nehmen. Im Gasthose „Zur ungarischen Krone" von Donat fanden wir aufmerksame, in jeder Hinsicht zufriedenstellende und cmpfchlenSwerthe Bedienung. Da fast jedes Jahr, wie jetzt schon seit Wochen, inanovrirende Truppen dort sind, fehlt cs dem Orte auch nicht an Lebhaftigkeit und Kurzweil mannigfacher Art. Ein Spaziergang auf den den Markt überragenden, 672 m hohen Schloßberg — Sovic — sollte mir den Blick über die Landschaft eröffnen. In steiler Seitengasse, zwischen ärmlichen Häusern, auf deren Thürpfosten blasse Kinder spielen, gelangt man zu einem schön angelegten, von Linden und Akazien beschatteten Promenade- weg, der bald einen prächtigen Ucbwblick gewährt. Ein üppig grünes Wicsengcsilde, von der Poik lieblich durchschlängelt, liegt ausgebreitet vor dem befriedigten Blick. An den dicht bewaldeten Bcrglegel schmiegt sich der freundliche Ort mit der doppelthürmigen Kirche und mehreren ansehnlichen Gebäuden; von ihm zieht die weiße Neichs- ftraße, von hohen Baumkronen umdunkelt, nach dem nahen Dorfe Otok, mit spitzem Kirchthnnne, freundlich an das unwirthliche Gestein des Karstes gebettet. Auf der Spitze des Soviü taucht altes Gemäuer aus hellen: Grün, die kleinen, aber malerischen Neste der einstigen festen Burg Adclsbcrg, die weite Gegend beherrschend und zu ungestört einsamer Rast ladend. In der Ferne haftet der Blick an den weichen Linien der Gebirgskette; im Süd- westen strahlt der NanoS, ein gewaltiger Bergrücken, im Sonnenschein. Der Weg wird zum schmalen Fußpfad; zwischen jungen Föhren- und Wachholdersträuchcrn leuchtet die glänzende Sonnendistcl im Verein mit einer dem Karste eigenen, hochgcstielten Distclart mit großen, intensiv blauen Sternen; Vogelbeeren glühen zwischen Hellem Birken- und Ataz-engnin; die Grille zirpt im hohen Grase, und dicht neben all dem falten Leben dieser üppigen Vegetation — die Ocde des Karstes, der dem von Laibach kommenden Reisenden hier zum ersten Male entgegentritt, — starr, umvirthbar, mit zahllosen unregelmäßig verstreuten Fclsblöckcu und Steinschliffcn zwischen dem grauen, kurzen Grasboden. Spicllcnte üben hier ihre Fcldruse und schmettern und trommeln lustig Signale inmitten der Skcinlrnmmcr; vom Wicsengrnnd herauf tönen Commandornse und Salvengcknattcr der Felddienstübungen. Trunken vom schönen Bilde in sommerabend- lichcr Stimmung kehrte ich von meinem Rnndgang zum Markte zurück. Der Grotten besuch ist vollkommen geregelt. Eine eigene Grottenverwaltnng ist in entgegenkommendster Weise bemüht, den Besuch der bcwnndcrnswcrthcn Tropsstcin- Höhlcn zn vermitteln. Täglich zu bestimmten Stunden, 710 meist nach Ankunft der Vormittagszüge, versammeln sich die Grottenbesucher auf dem geräumigen, kühl beschatteten Plateau über der Felshvhle, in welcher die Poik bei ihrem Eintritt in die Unterwelt verschwindet. Da wir mit dem Nachmiltagszuge von Laibach gekommen und noch gut an der Zeit waren, folgten wir dem vorerst eingeholten Rathe des Herrn Or. Bock, AlpeiivercinSvorstaudS der Scction Küstenland in Laibach, welchem wir dafür außerordentlich zu Dank verpflichtet sind, und besichtigten noch am selben Abend durch freundliche Vermittlung und in Gesellschaft des Grottenkassicrs Herrn Jnrza in AdelSb.rg die nahegelegene Otoker Grotte, den Besuch der größeren AdclSbergcr Höhlen auf nächsten Morgen »ersparend. Der angenehme, ungefähr ^ Stunden weite Gang zu diesen Höhlen, nächst dem Dorfe Großotok, ist wunderschön und interessant, dort, wo unter der erstarrten Natur eines felsübcrsäetcn Bergrückens die Thore zur Unterwelt sich öffnen. Eine Ahnung von dem Vorhandensein der OtoKr Grotte war in den Forschern durch den unterirdischen Laus der Poik in unzugängliche Abzweigungen des AdclSbergcr Höhlcngebictcs schon aufgedämmert; und groß war die Freude der ärmlichen Gemeinde von Großotok, als am 18. August 1889 der Eingang zu den auf ihrem Grunde liegenden Grotten vorn Tageslicht aus gesunden wurde. Ein Inwohner Großotoks, welcher aufmerksam das Terrain, hauptsächlich bei Ablauf von Regen- und Schncewasser, beobachtete, hatte den Eingang gesunden. Eingeweiht und eröffnet wurde dieser Grotten- complex am 12. März 1890, und es ist dieser strebsamen Gemeinde, die zur Erschließung der Grotten und Herstellung von angenehmen, sicheren Wegen rc. rc. ihre Opfer brachte, so recht von Herzen zu gönnen, daß durch vermehrten Frcmdcnbcsuch ihre Mittel zur Wciterforschung gehoben würden, was ja jedem einzelnen Besucher selbst zu Gute käme. Sie bieten ein entzückendes Cabinet von außerordentlichen Naturraritäkcn. Wunderbar schön in ihrer Jungfräulichkeit, zart, unangetastet, wie weißer Filigran erglänzend — genießt die Otoker Grotte den Vorzug der Reinheit und lir- sprünglichkeit dieser Natur-Erscheinungen. Welch eine Fülle von Pracht und Anmuth ist ausgegosscn in den herrlichen Gebilden vorn größtcnthcilS zartesten, durchsichtigsten Weiß bis in das tiefste Braun, vorn Blaßros» bis zur dunkeln Nostsarbe. Dome, labhrinlische Gänge, wundersam geformte Stalagmiten und Stalaktiten, durchsichtig sein wie Vorhänge. Draperien von dahinter gehaltener Fackel matt durchleuchte, reizend in ihrem vollständig iiitactcn Snnlcnbau — begeistern, bezairberri sie den ahnungslosen Beschauer. Wird einst, wie projectirt, der mitcrirdischc Zusammenhang zwischen der Adclsbcrgcr und Otolcr Grotte gefunden und hergestellt sein, so bin ich überzeugt, deß letztere, trotz der sie an imposanten Räumlichkeiten und Ausdehnung weit übertreffenden AdclSbwger Grotten, ein in Zartheit, Reinheit und Jungfräulichkeit prangendes Schmuck'ästlcin im ganzen Grottencomplexe bleiben wird. l?ro1ou8 angrriuous, Grottenolche heißen molch- artigc, blinde Thiere, dir sich in den dort befindlichen Wasserreservoirs hcrnmschlängclü. Merkwürdig, wie der Schöpfer solche ini Finstern der Erde entstehen und Nahrung finden läßt; sie sehen ganz weiß aus, bei Tageslicht durchsichtig rosa und sind in ihrer Gestaltung äußerst seltsam und interessant. Eine Stunde freudigen Bewnuderns war rasch entschwunden, und ungern trennten wir uns von dem krystallenen Märchentempcl. Es war inzwischen Nacht geworden; der Mond leuchtete feenhaft vorn dunkelblauen Firmament und erhellte die Spur für den vorsichtig tastenden Fuß. Aus den Zeltlagern längs des Poik- flusscs tönten die Gesänge der bivouakirenden Mannschaft. Eine gehobene Stimmung und freudiger Dank für unseren trefflichen Führer beseelte unsere Gespräche und begleitete uns zur nun nothwendigen Ruhe. Nach wohlgepflegter Rast begaben wir uns andern Morgens zur Besichtigung der Adelsbergcr Grotten. Eine Anzahl Personen, ich schätze 30—40, darunter viele Geistliche, vorn Laibachcr Katholikentag kommend, trafen sich auf dem eine gute Viertelstunde vom Markte entfernten Sammelplätze, 19 in über der Schlundhöhle des Poikflusscs. Alles harrt in fast ungeduldiger Aufregung der Eröffnung des eisernen Gitterportals, das den Eingang durch das gothische Naturfclsenthor abschließt; der herrliche Ausbau desselben, die geheimniß- volle Höhle, in die an der Thalsohle das dunkle Gewässer der Poik eindringt, reizt die Neugierde der Versammelten. Schon haben sich Händler ctablirt, die Photographien und Broschüren, glänzende Tropfsteine, zum Theil als Nadeln und Broschen gefaßt, jedoch ohne Aufdringlichkeit, feilbieten. Die Grottcnsührcr, die bereits durch die kleine eiserne Thüre nebenan eingetreten sind und die Vorbereitungen zur Erleuchtung der Grotten getroffen haben, fordern nun zum Eintritt auf. Nach kurzem Gang im erweiterten Höhlenranme befinden wir uns im großen Dom» 22m hoch und 48 m breit, einer weiten, hohen Halle. Elektrische Bogenlampen beleuchten mit magischem Effect die imposanten Wölbungen und zahlreichen Seitcngnllerien, ohne das Geheimniß der unzugänglichen Vertiefungen und Verzweigungen des hehren Raumes ganz zu lüften. Künstliche und Naturbrücken geleiten uns über den Höhlcnfluß, dessen dunkles Gewässer die zahlreichen Lampen widerspiegelt, die seinen Laus im unterirdischen Fclsenbctt erhellen, bis ewige Nacht in einem tunnekartigen Grottcngang ihn dem Blick entzieht. Wir steigen nun empor zur Kaiser Ferdinand- Grotte. Wie nuten eine Marmortafcl, so bezeichnet hier ein Monument den einstigen Kaiserbrsnch. Hier beginnt auch eine Nolleiscnbahn, die 1600 m in das Bcrgimrcre dringt und die wohlgcpslcgtcn Wege eine große Strecke begleitet. Bequemen oder nervösen Personen oder solchen, die schlecht zu Fuß sind, ist sie sehr zu empfehlen, während nur einigermaßen rüstige Fußgänger die Znrück- lcgung der Strecke aus den reinlichen, trockenen, wohl- gcsicherten Wegen vorziehen werden. Die Kaiser Ferdinand-Grotte, 13 m hoch und 148 m lang, besteht aus einer Reihe von Hallen. Hohe luftige Dome wechseln mit niederen Gangen, deren gothische Spitzbogcnwölbungcn durchaus mit formcnrcichen Stalaktiten decorirt sind. Eine Reihe absonderlicher und merkwürdiger Tropssteinbildnngcn sind mit Namen belegt, je nach Ähnlichkeiten in der Außenwelt, die sich dem Beschauer aufdrängen oder welche die Phantasie ausklügelt — wie das Grab, der kleine Calvaricnberg, die gothische Säule, der schiefe Thnrm von Pisa, die Mariensänle und ungezählte andere Gebilde. Die Herrlichkeit, die Mannigfaltigkeit, die Großartigkeit der Adelsbergcr Höhlcnränme und Trvpsstciiihänsungen, von den feinsten Bildungen bis zum massigen, hochaufstrcbendcn Snnlcnbau, zu schil- 711 dern und im Detail darzustellen, bedürfte es vieler Seiten. Jede auffallende Formation ist entsprechend beleuchtet, nnd wirken besonders solch feine Gebilde am schönsten, die durch eine dahinter angebrachte Lampe durchleuchtet sind und die zartesten Gewebe imitiren. Berühmt sind in dieser Hinsicht das Nordlicht, der Mondschein, die Wäschehänge nnd vor allem der Vorhang, ein prächtiges Stalaltitengcbilde, das an Merkwürdigkeit seines Gleichen vergeblich suchen wird: zartes, weißes Gewebe, den schönsten Faltenwurf imitirend, mit einer Bordüre oder Franse in Noth, Gelb und Braungrün — wirklich wunderbar und einzig! — Bcmcrleuswerth ist auch eine große, weite Grotte, der Tanzsaal, in welchem zu Pfingsten bei Orchester- klängen und großartiger Beleuchtung Ball gehalten wird,, der von 3—4000 Personen aus Nah und Fern srcquen- tirt wird. Wir treten nun in einen hochinteressanten Grottcngang, die Kaiser Franz Joseph- und Elisabeth-Grotte, deren imposantester Theil das Belvedere ist, ein erhöhtes Plateau, das auch ein Denkmal trägt zur Erinnerung an die Anwesenheit der kaiserlichen Majestäten Franz Joseph I. und Elisabeth. Von hier genießt man einen sehr esscctvollen Blick in verschiedene Höhlcnweilungen, theils beleuchtet, theils irr schwarzer Nacht gähnend, die 34 m in der Höhe, 203 m in der Breite und 195 m in der Länge sich ausdehnen sollen. Nun kommt noch die Maria Anna-Grotte, reich an schönen Formationen und Farbcnwcchsel, durch welche wir an den höchsten und interessantesten Pmüt gelangen, an den großen Calvaricnberg, ein Schaustück, wie die allgewaltige Natur in ungestörtem Walten von Jahrtausenden und Abertausenden kaum zum zweiten Male hervorgezaubert haben wird. Derselbe trägt eine Unzahl größerer und kleinerer der bizarrsten Stalagmiten, die gleich wallendem Äolk im Aufstieg zur Höhe des 40 irr hohen Steinberges erstarrt in den verschiedensten Grnppenbildnngen sich darstellen. In allen Farben schillern sie; kaum umfaßt der überraschte Blick die Menge der Herrlichkeit, und geblendet erklimmen auch wir auf Scrpcntinenpfaden die Höhe. Von da genießt man einen prächtigen Ueberblick über die märchenhaften, grotesken Gebilde, über den erhabenen Raum nnd die feenhafte Scenerie — ein herrliches Miltclstück in der durchwanderten Traumwelt, ein gewaltiges, großartiges Naturschauspiel. Auch beim ziemlich steilen Abstiege vorn Calvarimbcrg und beim Rückwege durch einen neuen Grottcngang begegnen wir noch vielen auffallend gebildeten Tropfsteinen, wie der zierliche Papagei, dann eine 10 m hohe prächtige Säule, der eine Säulcn-Allce folgt. — die über 4 m dicke umgestürzte Säule, welcher eine zweite 2 m dicke entwachsen ist, der obengeuannte berühmte Vorhang, die Cyprcsse rc. rc. Wir sind am Ende unserer Grottensahrt und befinden uns bereits in bekannten Hallen. Wie ein Märchen aus Tausend und einer Nacht entschwanden uns die paar Stunden unterirdischen Wandcrns, und unwillkürlich drängt sich mir der Gedanke auf, es kann nur die Kenntniß der Alten von solchen Grottenräumen gewesen sein, der die Entstehung all der wunderbaren Erzählungen und Sagen aus der Vorzeit zu danken ist — Räume, deren unterirdische Feentempel und Brillantschlösser mit den wundersam verzauberten Menschen- und Thiergestalren der Phantasie reichen Spielraum zu märchenhaften Erfindungen bieten. Die Wirkung, welche der Grollen- besuch anf den Einzelnen übte, war eine sichtlich verschiedene, je nach Stimmung und Gcmülhsverfassung; um von uns beiden zu reden, konnte ich mich kaum trennen von all dem Außerordentlichen, Wundersamen; die Erste beim Eintritt, wurde ich beim AuStritt die Allerletzte der Nachzügler, und wich nicht eher, als bis der letzte der Führer die Lichter hinter mir verlöschte, — indeß mein Gefährte vorwärts stürmte, als peitschten ihn lebendig gewordene, gnomenhafte Gestalten; sein ganzes Fühlen war: „Außi möcht' i!" — auch eine Wirkung der grandiosen Erscheinungen, der ungewöhnlichen Lust und Umgebung, die den einen fesselt, den andern drückt. Um nun zur Chciraltcrisirung der Grotten von Otok, Adelsberg und der später, besuchten St. EanzianSgrotten bei Divaca zu gelangen, glaube ich sagen zu dürfen, daß die Otoker Grotte die Lieblichkeit, Zartheit, Jungfräulichkeit vertritt — ein Krhstallpalast, weiß angethan und mit Brillanten geschmückt, — die Adelsbergcr Grotte durch den Eindruck der Erhabenheit und Vielseitigkeit bannt; die St. Canziansgrotten aber, tragen die Gesetze des Ueberwülügenden, Schauerlichen an sich, und sie würden, wenn nicht die unleugbar sicheren Weg-Anlagen und Schutzvorrichtungen die Nähe des MenschengcistcS fühlbar machten, zuweilen ein grauenhaftes Entsetzen hervorrufen. Niemand aber wird es gereuen, die Wunder der Unterwelt im Karste beschaut zu haben, die ihm n'.ibcr- gcßliche Eindrücke sür'S Leben gewähren. VI. Die St. CanzianS-Grottcn an der Neka. Als Ausgangspunkt für den Besuch der St. CanzianS- Grottcn wird die Station Divaca gewählt. Der Weg von hier führt auf der Landstraße, dir von Feldern, Wiesen, kleinen Bäumen begrenzt ist, nach dem Dorfe Lesece. Sofort bemerken wir die rothe Markirnng des Weges seitens der AlpenvercinSfcction, die uns bis Matavun begleitet. Das frugale Mittagsmahl in Divaca theilten wir mit einem Marincbeamten aus Pola, einem geborenen Opfcrpfälzrr, und seiner kleinen dicken Frau, einer Slovcnin, die in gleicher Absicht wie wir hichcr gekommen waren nnd in deren Gesellschaft wir die Partie unternahmen. Lesece ist ein kleines Dorf; man geht an der freistehenden, von Bäumen beschatteten, niederen Kirche vorbei, dann kommt rechts noch ein Gehöft, hinter dem der Fußweg beginnt, und damit auch verändertes Terrain: wildes Brombeergestrüpp mit großen, überreifen, süßen Beeren zwischen dem überall hervortretenden Gestein des Karstes; rechts und links große Dolincn, deren Sohle mit Mais und Buchweizen bebaut ist. Nach einiger Zeit schmiegt sich der Weg rechts an größere Felspartien, während links ein jäh abfallender Abgrund sich öffnet, eine weite Doline, von schroffen Felswänden umgeben; über der gegenüberliegenden Wand sehen wir den schlanken Kirchthurm von St. Canzian und das die Kirche umgebende Dorf. Der Weg zieht sich nun leicht abwärts zwischen jungem Wald, und bald sehen wir über dem hellgrünen Laubwerk lustig ein paar roth-weiße Fähnlein flattern. Froh begrüßen wir nach ^ Stunden raschen Ganges das ersehnte Ziel. Wir stehen auf der Stefanien-Warte. Ueber eine Mauerbrüstnng gelehnt, sehen wir hinab in den 712 grausen Trichter; den Eingang in denselben, durch eine verschlossene Thüre, bezeichnen wieder ein paar bunt flatternde Fähnchen. Meinem ersten Ausruf des Erstaunens folgte bald der zweite: „Da gehe ich nicht hinunter" — als ich die schmalen Steige und Brücken bemerkte, die au den Felswänden klebten und von einem finster gähnenden Felscnthore zum andern führten. Doch sollte ich mich mit dieser Aeußerung in kürzester Zeit Lügen strafen. Das Dorf Matavnn war schnell erreicht; im Wirthshaus Gombac bekamen wir den Führer Jozs Cerkvcnik, der mit Fackel und Kerzen ausgerüstet uns geleiten sollte; alles überflüssige Gepäck wurde zurückgelassen, wie Schirme, Neisetäschchen, Plaids rc., denn in den Grotten ist es nicht kalt und herrscht fast durchweg eine gleichmäßige Temperatur; sogar die großen Damen- hüte, die an engen Wegstellen und beim Ausblick an die Dcckeuwölbungcn nur genirt hätten, wurden abgelegt. Als AlpenvcrcinsmitglicLcr hatten wir freien Eintritt; nur der Führer mußte ä, Person mit 10 kr. per Stunde entlohnt und die Beleuchtung eigens beschafft werden. Für die Zeitdauer, die wir verwendeten, berechneten sie eine halbe Fackel und 4 Lichter mit 1 fl. 20 kr. Gleich außerhalb dcS Gehöftes bei Gombac biegt der Weg um die Ecke und führt au die verschlossene Thüre, hinter welcher die Mysterien der Unterwelt uns erwarteten. Innerhalb derselben windet sich der Steig in einem kleinen Wäldchen mit prächtig duftenden Alpenveilchen abwärts und übersteigt die Kaute des Grates, welcher eine Natur-brücke zwischen der großen und der kleinen Dvliue bildet; Marinitsch-Warte und Lugeck bieten schöne Blicke in die Tiefe des Trichters, in welchem die Reka aus hohem Felsspalt in einem Wasserfall sich in ein kleines Sccbcckcn stürzt, um nach kurzem Laufe in einer gegenüberliegenden Höhle zu verschwinden. Ein schmales Felsband, über einen kleinen Vorsprung leitend, beide mit Geländern versehen, führt auf die Tomasini- brücke, welche einen sehr schönen Einblick in die Nicscn- thorklamm gewährt und deren steile Felswände verbindet. 40 irr über dem tosenden Kessel stehend, beeilten wir uns unwillkürlich, die grausige überbrückte Kluft Zu passiren, nur schüchterne Blicke zur Tiefe sendend. Der nun wieder gewonnene sichere Weg führte nach kurzem Abstiege an die Oesfnung des Naturstolleus. Das ist ein Loch in der Felswand, durch Sprengung so hoch erweitert, daß man hindurch kommen kaun; obwohl es anfangs dunkel wird, ist es doch unnöthig, ein Licht zu entzünden, da sehr bald das jenseitige Tageslicht einbricht; stark abwärts geneigt, führt dieser 40m lange Felsentunnel auf die Oblasser Warte — ein kleines, vom Wasser ausgespültes Felsenplatcau, das uns einen Einblick gewährt in das grause Getriebe der Reka, in ihrem Toben und Sprudeln, und uns unvermittelt den Wasserfällen der Nicsciithorklamm gegenüberstellt. Unter dem niedern, vom Sprühregen und Sonnenschein schillernden Dcckengcwölbe hindurch sehen wir in die kleine Doline. (Fortsetzung folgt.) --- GoLöüöxrrex. Gill's Werk der Liebe lind Gottes Ehr', " Für Frauenhände ist nichts zu schwer. Neuier. — > »»-- Bischof H'ancratitts v. Zinket. Am 21. November 1858 war „zur hohen Feier der Consecration und Inthronisation S. Bischof!. Gnaden des hochw. H. Or. Pancratius Dinkel, Bischof von Augsburg" folgendes Gedicht in der damaligen Zeitschrift „Sion" (Nr. 139) abgedruckt: Wrunkvcll sind des Domes hcil'ge Hallen; r Alle Glocken hehren Jubel schallen — Nieder in des Tages Feier-Ruh'. Ohristenschaaren, fromme, seh' ich wallen, ILingsuin lächelt nur daö Wohlgefallen, Alles eilt dem hohen Dorne zu. Tausende durchbebt ein Hochentzücken; Fa, es spricht aus den verklärten Blicken: Visier ward ein Kleinod edel-groß! Ktolz Augusts! birg'S in Deinem Schooßl Nich, Pancraiius, hat Go!t aesandt- — Ibm ist klar der Menschen Werth bekannt; Nur die Demuth liebt er — sie, die wabre! ZLircheisiürst! Dich grüßet Kirch' und Schul'. LndloS Heil Dir! auf St. Ulrichs Stuhl — Laut wir flehen All': Auf viele Jahre! Viele Jahre hat Ihm der liebe Gott beschicken, nun ist Er von uns geschieden, und wir möchten jetzt sagen: VrunlloS sind dcS Domes heil'ge Hallen; Alle Glocken hehre Trauer schallen — Nieder in des Tages Feier-Ruh'. vhristenschaaren, fromme, sah ich wallen, Weich und Arm. doch Thränen fast bei Allen — Alles eilt dem hohen Dome zu! treues Hirtcnhcrz, nun ruh' in Frieden .Setzt, nach langem Kampf hicnieden! - VnS warst Du ein Kleinod edel-groß! 8tolz Augusts! birgst'S in Deinem Schooß! Vu, PaucratiuS, warst von Gott gesandt; Ihm ward Deiner Seele Werth bekannt! Nun bist Dn von unö hinweggenommeu! ZLatholikcn Augsburgs! Mög' uns wieder werten Win treuer Hirte seiner Heerden! Laßt beten uns: Ein FriedenSfürst mög' kommen! -- § ch K ch a rr f 8 K b e. Schwarz. Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt. .'WW M W MW) 5 EH Auflösung des Bildcr-Räthsels in Nr. 88: Aus Noth und Zwang, das hält nicht lang. -r ^L92. 1894 „Augsburger Post;eitung". Vivstag, den 13. November Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarü'chen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Mar Huttler). Hernwarü von Hildesheim. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) Breite, mit Teppichen belegte und mit Pflanzen geschmückte Marmorstufcn führten ihn zu dem kuppel- bekrönten achteckigen Prunksaal, wo der Kaiser und seine erlesenen Gäste den Sänger erwarteten. Karl dem Großen hatten bei der Errichtung des Palastes in seiner Lieblingsstadt Aachen die dazumal noch erhaltenen Kaiserpaläste in Rom als Vorbild gedient. Seine majestätischen Hallen vereinigten in sich alles, was dem Mächtigen an technischem Geschick, an Pracht des Materials und an Reichthum der Ausstattung zu Gebote stand. Otto III. nun gar, der für die Pracht der späten römischen Kaiserzeit schwärmte, hatte sich bestrebt, seinen Aufenthaltsort so glanzvoll wie möglich zu gestalten. Wer beschreibt die Pracht, den märchenhaften Reiz, so Heriberts fast geblendete Augen im Kuppelsaal erschauten! Kostbare babylonische Gewebe bedeckten in heiterer Farbengluth Wände und Fußboden. Marmorbilder hoben sich von den tiefen goldschimmernden Nischen der Wände ab. Von Säule zu Säule zogen sich silber- und goldglitzernde Gewinde hin über die halbmondförmige Tafel, so mit silbernem und goldenem Geräth von ausgezeichneter Schönheit bedeckt war. Diese Tafelrunde vereinigte neun Gäste, ganz nach Art der römischen Festmahle. Ottos jugendschöne Gestalt war mit großer Pracht in altrömische Gewandung gekleidet. Ueber sein faltiges Unterkleid von feinstem weißem Byssus mit breiter Goldborte fiel eine rosenfarbene Chlamys, eine silberschim- mernde, reich mit Edelsteinen und Perlen gezierte Tunika und eine goldene Toga, auf welcher mit Edelsteinen die drei Welttheile Asien, Afrika und Europa abgebildet waren, zum Zeichen, daß der Kaiser Herr des Erdkreises sei. „Der Kaiser aller Kaiser," wie er sich nannte, hatte seinen Sitz höher, als die Uebrigen, allein an halbkreisförmigem Tische, der sich jedoch der großen Tafelrunde anschloß, so daß die Bischöfe von Mainz und Hildesheim, Willegis und Bernward, zu seiner Rechten und zu seiner Linken saßen. Auf die blonden Locken hatte der junge Kaiser phantastisch einen Kranz frischer Rosen gelegt, und die Gäste mit Ausnahme der beiden Bischöfe, hatten's dem kaiserlichen Herrn nachgethan und nach Ottos Wunsch ihre fürstlichen und gräflichen Häupter mit Rosen geschmückt. Desgleichen hatten Alle duftige Rosenblätter in ihre mit goldenem Rheinwein gefüllten kostbaren Trinkschalen gestreut. Das war ein Bild, um es mit Stift und Pinsel zu verewigen. Heribert dachte an das Gastmahl des Lucull. Seine Künstleraugen leuchteten. Er hatte nie so Schönes und Strahlendes erschaut und konnte vor Bewunderung sich kaum fassen. Der Truchseß, Graf Tammo, mußte ihn durch ein Flüsterwort an das erinnern, wozu er gekommen war. Als er dann sich tief vor dem schönen Kniserjüng- ling neigte, redete dieser ihn freundlich an: „Herr Bernward von Hildesheim sagte wir, daß Ihr einen ergreifenden Sang vom jüngsten Tag, vom Weltgericht, vorzutragen wißt. Ich möchte die Dichtung hören." Heribert sah staunend um sich. Den Sang vom Weltende in diesem Festgelage, in dieser prunkvollen Umgebung? Der Kaiser verstand fein Befremden. „Ihr höret recht. Ich begehre hier im heitern Festsaal den ernsten Sang zu hören, der ein Zeugniß für die Stimmung unserer Zeit ist. Beginnt also." Eine Weile bedurfte Heribert der Sammlung. Dann griff er in die Saiten und begann mit starker, tönender Stimme: „Horch' auf, o Erde, höre, hört ihr großen Meere! Horch' auf, o Mensch! denn es gilt allen, Die unter der Sonne wallen. Es kommt, es naht der Tag des Zorns, des schweren, Der grause Tag. der bittre Tag, An dem der Himmel weicht, Die Sonn' wird roth, der Mond erbleicht; Der Tag wird Nacht, Zur Erde stürzt der Sterne Pracht. Elende weh! Elende weh! Was rennst Du, Mensch, den Freuden nach!" So erscholl der furchtbare Mahnruf erschütternd von seinen Lippen. Er weckte mächtigen Wiederhol! in den Herzen derer, die mit athemlosem Schweigen ihm lauschten. Da war kein Hörer, dessen Antlitz bei Hcri- berts großartigem Vortrug nicht bleicher geworden wäre. Wie Geisterhauch, wie ein Schatten aus dem Jenseits, ging es durch den Saal. Brannten die Wachskerzen plötzlich dunkler, oder wirkte der düstere Sang mit solcher Macht auf die Einbildung, daß alles in trübe Schatten verschwamm? — Es blieb still, wie in der Kirche, lange nachdem der Sänger geendet. Der Kaiser erhob sich. „Wir sind in der rechten Stimmung zu meinem Beginnen", sprach er ernst. „Heribert, ich danke Euch! Nehmt die Fackel und leuchtet uns voran. Ihr seid Steinmetz; es könnte in dieser Nacht noch Arbeit für Euch geben. Ihr Herren, so Ihr Muth habt, folget uns." Die Geladenen sahen einander betroffen an. Was mochte Otto im Schilde führen? Mehr als einer blieb schweigend zurück oder verlor sich unterwegs verstohlen in einem Seitengang der Vorhalle. Nach dem Dommünster, auf dessen Riesenformen der Mond sein bleiches Licht goß, mußte Heribert, der Weisung des Kaisers gemäß, mit seiner Fackel voran- schreiten. Dem Kaiser folgten nur mehr die Bischöfe Bern- ward und Willegis, sowie die Grafen Tammo von Sommerschenburg und Otto von Lomello. Auf Ottos leises Pochen wurde die eiserne Pforte geöffnet. „Ist alles bereit?" fragte der Kaiser gedämpft. „Ganz nachWunsch, kaiserlicher Herr!" lautete die im Flüstertöne gegebene Antwort. Alle traten ein und bekreuzten sich mit Weihwasser. TiefeNacht,Grabesstille herrschte an der heiligen Stätte. Heriberts Fackel beleuchtete hier und dort einen Pfeiler, einen Gewölbebogen mit flackerndem Licht. Da im Hintergründe aber warfen rothglühende Fackeln den zuckenden Schein auf einen Halbkreis ernster Männer, die, mit mächtigen Leder-Schurzfellen bekleidet , mit Grabscheiten und Hacken schweigend und regungslos wie Bildsäulen eine offene Gruft umstanden. Eine Grabplatte Mit verwischter Inschrift, gewaltige Quadersteine lagen weggewälzt zur Seite. Dorthin richtete der Kaiser seinen Schritt. Steinstufen wurden sichtbar. Schon setzte der hochgemuthe Jüngling mit raschem Entschluß seinen Fuß auf die Marmortreppe, da trat Bischof Bernward, sein ehemaliger Erzieher und innigster Vertrauter, vor und sprach die warnenden Worte: „Mein Otto, es ist gefährlich, die heilige Ruhe des Todes zu stören. Wer nach dem Schatten hascht, dem löscht er gar leicht das eigene Licht aus." Otto winkte abwehrend. „O laßt mich! Ich muß den großen Todten sehen, muß in des Geistesgewaltigen Gruft mir die rechte Weihe, Kraft und Muth zum Herrscherthum erflehen!" Zu Heribert gewandt, fügte er ungeduldig hinzu: „Habt Ihr das Herz, uns in die Gruft des größten deutschen Helden voranzuleuchten, so steigt hier hinab. Zagt Ihr, so gebt die Fackel her. Ich selber werde sie tragen." Kaiser Nikolaus II. von Rußland. Heribert aber begann unverzüglich, fast hastig niederzusteigen. Moderluft schlug ihm entgegen. Das hemmte seinen eiligen Schritt nicht. Er wußte ja, daß er in ein Grabgewölbe stieg. Nun war er, waren Alle unten. Marmorsäulen beleuchtete seine Fackel. Dort zwischen den Säulen gewahrte er einen mächtigen Thronhimmel, und auf dem Marmorthrone — es fuhr erschütternd ihm durch Mark und Bein- Auf dem Throne saß aufrecht in hehrer, gewaltiger Majestät, in der starren Majestät des Todes, umwallt von verblichenen Prachtgewändern, die irdische Hülle Kaiser Karls des Großen. Vor fast zwei Jahrhunderten schon hatte die Seele sich von dieser Hülle getrennt. Nieder aus die Knie zog es den Jüngling mit ergreifender Macht. „O Herr, sei meiner Seele gnädig I O großer Kaiser Karl, Verzeihung für den Einbruch in Deine geheiligte Ruhestätte!" rang es sich halb unbewußt aus seiner Brust hervor. Das flackernde Licht der seiner zitternden Hand fast entgleitenden Fackel beleuchtete grell den majestätischen Todten. Da saß Karl der Große, wie er lebte, auf dem Haupte die goldene Kaiserkrone, das Scepter in der knöchernen Hand, das Evangelienbuch aufdem Schooße. Sein weißer Bart wallte bis zu dem Buche nieder, langes weißes Haar umgab sein farbloses Antlitz. Es war, als ob er die todten Augen aufschlagen müsse, um mit einem Blick den Eindringlingen zu wehren. Welche Gefühle durchschauerten den jungen Otto bei diesem Anblick! Er sank in den Staub vor der im Tode mit so geheimnißvoller Majestät umgebenen irdischen Hülle seines Vorgängers. Zugleich mit ihm kniete sein Gefolge tief ergriffen und von Ehrfurcht überwältigt vor der hoheitsvollen Leiche nieder. Lange, lange lag der Kaiser zu Füßen des Todten weltentrückt in wortlosem Gebet für die Seelenruhe des längst Dahingegangenen, in heißem Flehen um die Kraft, ihm ähnlich zu werden. Mit begeistertem Ausdruck erhob er sich dann, trat ehrerbietig näher und legte seine Hände zu denen des Todten auf das Evangelienbuch: „Großer Karl, hier bei diesen heiligen Evangelien Gottes schwöre ich, daß ich, Dein würdiger Nachfolger, Dein Volk in Güte regieren und immer den Willen des Herrn nach Kräften erfüllen will. Möge die Erinnerung an Deine Größe mir steten Muth in trüben Stunden verleihen!" Mit Schaudern und Ergriffenheit sahen die Andern, wie der Jüngling eine Kette mit goldenem Kreuz vom Halse der Leiche nahm und sich selber umhing. Wehmüthige Ahnungen beschlichen unwillkürlich ihre Seelen. Otto sprach: 715 „Dieses Kreuz will ich tragen zum immerwährenden Gedächtniß an diese weihevolle Stunde und zur Erinnerung an das Leiden unseres Gottes, unter dessen schweres Kreuz ich mein eigenes leichtes Kreuz stellen will. „Großer Kaiser Karl, ich möchte würdig werden, dereinst an Deiner Seite zu ruhen." Mit einem letzten langen Blick nahm er Abschied von dem Todten und winkte schweigend den Andern, ihm zu folgen. Draußen stand Heribert noch betäubt von der Wucht der auf ihn hereingestürmten Empfindungen, als Kaiser Otto auf ihn zutrat: „Junger Schüler des vortrefflichsten Meisters, ich will der Hülle des großen Kaisers ein Ruhelager geben. Jünger Bernwards, getraut Ihr Euch in edler Arbeit einen Sarkophag zu vollenden, der geeignet wäre, des Kaisers Leichnam zu umschließen?" „Dazu fühle ich Kraft und Begeisterung in mir," versicherte Heribert in stolzem Glück. Eingangs. In diesem Raume haben früher Höhlenmenschen gehaust. Ein großer Haufen verschiedenartiger Thierknochen, zu welchen man auf ein paar Stufen hinansteigt, sorwc vor demselben eine Menge gesammelter Scherben von Thongefäßen und andern Gerathen, auch an der Wand Schichten von Aschenresten zeugen von den einstigen Bewohnern. Ob sie seinerzeit durch das eindringende Hocbwasser von der Außenwelt abgeschnitten wurden — ob sie in einer nach rückwärts gelegenen Seitenkammer der Grotte ihre Todten bestatteten — wer ann das sagen? Genug, man fand fünf vollständige menschliche Skelette, die im Museum von Trieft aufbewahrt werden. Während wir nun, soweit die Tageshelle es erlaubte, uns die Merkwürdigkeiten unweit des Eingangs der Höhle betrachteten, zündete der Führer die Fackel an, um un^ in die rückwärts gelegenen Räume der 600 in tiefen Grotte zu geleiten und deren verschiedene Theile, sowie die zahlreich von der Decke herabhängenden Stalaktiten zu beleuchten; ein großes Tropf- UM UD MAE Das Stammschloß der Sprach Otto: „So sei Euch der Auftrag dazu ertheilt. Auf die Hildesheimer Kunstschule setze ich Vertrauen." (Fortsetzung folgt.) -. Bilder aus Steiermark, Körnten und dem Küstenlande Krain. Von C. Mayer. (Fortsetzung.) Nun wieder durch den Stollen aufwärts und über die Tomasinibrücke zurück. Ein dem Felsen abgerungener Weg führt uns dstect an die Tominz-Grotte, die erste der großen Felsenhallen, die wir zu sehen bekamen. Unter dem Eingänge, 10 m hoch und 20 irr breit, hcUgt ein großer Stalaktit, von welchem das tropfenweis abfallende Wasser in einem schalenartigen Becken als Trinkwasser gesammelt wird, welches zu kosten ein angebrachter Becher auffordert. Der Brunnen ist zugleich eine Zierde des Domanosf in Moskau. steingebilde in der Mitte der sich nun in zwei Gänge theilenden Höhle hieß er den Löwen. Nachdem er uns noch das Ende des einen langen Ganges mit seinen Auswaschungen und Tropfsteinbildungen beleuchtet hatte, kehrten wir zum Eingang zurück. Staunen erregten die dort angebrachten Erinnerungszeichen an Wasserhöhen, nach welchen die Reka noch über den Eingang der Höhle hinweg die weite Doline 70 rn über dem Grund derselben in kaum glaublicher Höhe ausfüllte. Wir betreten den 80 m langen Plenkersteig. Derselbe ist in eine senkrechte Felswand unterhalb der Stefanien-Warte eingesprengt und zieht zuerst über Stufen, dann horizontal an der glatten Felswand hin; tief unten blinkt der See, gegenüber braust der Wafserfall unter der Tomasinibrücke. Während wir, vorsichtig uns an die Drahtseile haltend, dahinschreiten, erläutert uns der Führer die Veranlassung zu einer angebrachten Warnungstafel, nach welcher die zuständige Behörde das Baden im See untersagt, weil ein junger Mensch, des Führers eigener Sohn, der unvorsichtig badete, vor ein paar Jahren dort ertrunken ist. 716 Nun durch das kleine Pazzcwäldchen, in wel chem uns wieder Alpenveilchen erfreuten, in einigen Win« düngen aufwärts, und wir biegen in die 80 in lange, 30 na hohe und in ihrer Mitte 25 na breite Schmidl- Grotte ein. Reizend hübsch hängt von der Decke des Eingangs gleich einer Ampel, zwischen einer Spalte der Tropfsteine Wurzel fassend, ein üppig grünendes Schlinggewächs, Epkeu oder etwas ähnliches, von oben nach unten wachsend, herab, we ches mit dem von außen einlugenden Gesträuch und den heitern Sonnenstrahlen eine freundliche Decoration des grauen Gewölbes bildet. Nachdem wir die ganze Höhle durchschritten und den Tropfsteinschmuck bewundert hatten, biegen wir unter Fackelschein seitwärts ab. Dem erstaunten Auge öffnet sich eine hohe, nach oben ähnlich den gothischen Spitzbogen zulaufende Halle, der Rudolfs-Dom. An seinem Eingänge kommt die Reka breit und schwarz neben einem Abgrunde und unter einem Felsriegel hervor und dringt in die Tiefe des dunkeln, hohen Gewölbes. Ehe wir den hehren Raum betreten, geleitet uns der Führer noch seitwärts über diese Naturbrücke hinweg auf ein breiteres, ziemlich steil ansteigendes Felsenplateau, das Belvedere. Hier heißt er uns vor der Hand bleiben, indeß er auf ungebahntem, theilweise gefährlichem Pfade vorwä'ts eilt, das Innere der grausen Höhle zu erhellen. Ein beängstigendes Gefühl erfaßt die Sinne hier oben auf schauerlicher Warte! — Unter uns die schwarzgraue Fluth, flimmernd von Streifen bläulichen Lichtes — vor uns der gähnende Schlund der Felsenhöhle, die sich über unsern Häuptern mächtig und allmälig in Nacht versinkend aufbaut. Mit bangem Blick des im fernen Grottenraum entschwundenen Führers harrend, sehen wir ihn endlich viele Meter entfernt auftauchen. Ein schauerliches Bild: die dunkeln Umrisse des Mannes mit der schwingenden Fackel, an verschiedenen Stellen der Felsmauern roth aufglühende Lichter des abgestoßenen Brandes, im schwarzen Gewässer sich widerspiegelnd und gigantische Schatten, sowie magische Beleuchtungseffccte an den Grottenwöl- bungen weckend. Bezeichnender für das Ganze könnte nichts sein, als der Ausruf meines Mannes: „Nun werde ich zu Hause erzählen, ich war beim Teufel und habe seiner Großmutter Behausung gesehen!" Der Rudolfs-Dom ist 70 rn hoch, 130 ru lang und hat eine Breite von 50 ru und darüber. Obwohl uns die ganze Scenerie mit unheimlichem Grauen erfüllte und wir die Rückkehr des Führers ersehnten, waren wir doch erfreut, zu vernehmen, daß wir nun selbst in die Tiefen des überschauten Gewölbes eindringen sollten. Ein schmaler Steig, rechts und links vem Drahtseil begleitet, führte uns viele, in die Steilwand eingehauene Stufen empor, dann eine Zeit lang derselben entlang, von einem Balkensteg, der Teufelsbrücke, unterbrochen, welcher den einen Felsvorsprung mit dem anderen verbindet. Die Wölbung der Decke senkt sich, daß wir, um ihr auszuweichen, uns leise überneigen zu müssen veimeinen, steigt dann aber bald wieder auf 70 m empor, indeß unser Weg mittelst Stufen bis an das Ufer der Reka hinabführt. Wir haben die Cerberus-Grotte passirt; wieder aufwärts klimmend, blicken wir in die hohe Wölbung des sich anschließenden Svetina-Doms, in welch m die Reka im unterirdischen Flußthale, von Felscnufern begleitet und vom Felsendome überwölbt, in Nacht und Grauen dahinfließt. Wasserfällc, der Tiefe des finstern Schachtes zuströmend, entziehen dem Auge ihren Western Lauf. Kaum hätte es das phantastisch Schauerliche der Scene erhöht, wenn als einzig denkbare Staffage dieses unheimlichen Raumes auf den dunkeln Fluthen ein Kahn erschienen wäre mit schwarzen Gestalten, die mit lautlosen Ruderschlägen eine bleiche Seele in den finstern Hades überfüh-en — die Vergegenwärtigung des Styx, wie man ihn sich nicht besser ausmalen kann. Nun wurde auf einem seitwärts hinankletternden Pfade der Brunnen-Grotte ein Besuch abgestattet. Durch eine schön geformte Grotte mit einer Menge sich berührender Stalaktiten und Stalagmiten, die unseren Mitbesuchern laute Bewunderung abdrängten,*) gelangten wir in einen niederen, feuchten Gang, an dessen Ende eine kleine Grotte sich öffnet, in welcher die sogenannten Brunnen sich aufbauen. Alan denke sich eine Anzahl größerer und kleinerer schön geformter, muschelartiger Wasserbecken bis zu 1 m Tiefe, aneinander gereiht und gleich einer grotesken Schalenpyramide aufgethürmt, in so weichen Formen, daß ich einen Augenblick zögerte, daran hinaufzuklettern, aus Angst, die genagelten Bergschuhe könnten die zart erscheinenden Ränder der Schalen beschädigen — bis ich schnell die Ueberzeugung gewann, daß der feste Stein, von Jahrtausenden erzeugt, durch keine flüchtigen Fußtritte leidet. In den Becken, vom Facke schein erleuchtet, zeigte sich theilweise Wasser. Diese Brunnen-Grotte ist ein außerordentlich interessanter Theil der unterirdischen Nachtwanderung. Wie wir indessen auf labyrinthischen Pfaden von einer der vielen Grotten in die andere gelangten, einmal hoch oben, wo die Decke sich über unsern Häuptern zu wölben begann, später auf einem untern Wege nahe dem Wasser zurückkehrend — diese Jrrgänge und Windungen klar zu erkennen und genau auseinander zu halten, ist meinem Gedächtnisse, in Ermangelung eines Planes, nicht gelungen. Es waren zu viel der Eindrücke des Imposanten und Schauerlichen, man hatte zu viel mit Achtung auf die schmalen Wege und steilen Steintreppen zu thun; aufmerksamst suchte das Auge die dicke Finsterniß zu durchdringen, in der jedes sich den Schritt und die nächste Umgebung mittelst eines Kerzenlichtes in der Hand erhellte und bei den rothen Lichtblitzcn der Fackel die Gewölbebildungen und den Wasserlauf zu erhäschen trachtete. Der Gedanke, wie wir herauskämen, wenn Plötzlich die Lichter verlöschten oder dem Führer etwas zustoßen würde, bewirkte ein unheimliches Erbeben. Der Anblick der Tageshelle und der grünende Eingang der Schmidl-Grotte, die wir nun wieder erreichten, wurde erleichterten Herzens begrüßt. Nun zurück über den Plenkersteig, zum Eingang der Tominz Grotte, wo wir die durstigen Lippen mit Tstopf- steinwasser benetzten. Die Hauptgrotten der großen Doline waren besichtigt; nun sollten wir noch einige Merkwürdigkeiten der kleinen Doline zu Gesicht bekommen. Wir gingen über die Tomasini-Brücke, durch die Guttenberg-Halle in die Schröder-Grotte; von da über den Parendini- Sreig zur Radonetz-Naturwarte. Wir sind bereits in der kleinen Doline; zu unsern Häuptern sehen wir die Häuser des Dörfchens Bethanien den Felsrand begrenzen; ebenso wurden uns in schwindelnder Höhe ein paar andere Warten, ähnlich der Stefanien-Warte, gezeigt. Radonetz-Naturwarte ist eine etwas erweiterte *) Wir waren in dieser Beziehung durch den vorhergehenden Besuch der Adelsberger Grotten an diesen Anblick gewöhnt 717 Ausbuchtung des Steiges; gegen den Absturz des Trichters ist dieselbe von einem Felsen geschützt, in welchem man durch ein Loch tief unten das Wasser im Grunde der Doline fließen sieht. Wir kommen nun in die Brichta-Grotte, eine kleinere Höhle mit hübschen Verzweigungen und Tropfsteinen, 30 m über dem Ausfluß der Reka in die kleine Doline. Von ihr steigen wir hinab zur Concordia-Brücke, ein seit Kurzem fertiggestellter, ganz neuer Brettersteg, wenig über dem Wasser erhaben; jenseits ruht derselbe auf einem mächtigen Felsblock, der den Eingang in die Marinitsch-Höhle vermittelt. Schon seit einiger Zeit hörten wir Steinschläge, die von den Arbeitern herrühren, die eben noch damit umgehen, die Mariritsch-Höhle und die sich anreihenden Grotten dem Publikum zugänglich zu machen. Ueber dem Anfang des schmalen Steiges steht in großen Lettern: „Eröffnet 1892." Stolz und freudig betreten wir somit unter den ersten Besuchern den kühnen Steig. Derselbe, in dem Gewölbe auf- und abkletternd, ist in dessen Steilwand eingehalten, ein tüchtiges Stück Arbeit; obwohl derselbe noch rauh ist und die sonst überall vorhandenen Versicherungsanlagen, wie Drahtseile, aufgestellte Bodenbretter nach der Seite gegen den Abgrund, den die Neka ausfüllt, noch nicht vollständig fertig sind, ist der Pfad doch sehr sicher und gut gangbar. Anfangs zwar zögerte ich und wollte gleich unserm Gefährten aus Pola, dem die noch nicht beendeten Arbeiten Unbehagen einflößten, umkehren. Allein ein Zuruf meines Mannes und das gute Be spiel der behenden kleinen Frau, die trotz ihrer Dicke mehr sprang als ging, stählten meinen Muth, und tapfer vorwärts schreitend, war bald jede Furcht überwunden. Wir drangen bis zu der Stelle, von wo man durch eine aufwärts führende Kluft die Kirche von St. Canzian hoch oben im schmalen Felsspalt erblicken kann; ein Steig führt hinauf. Der Führer beleuchtete die herrliche, hochgewölbte Halle, sowie die daranstoßenden hohen, weiten und imposanten Grotten, und aufhorchend lauschten wir seinen Erzählungen. Er war bei der Erforschung dieser unterirdischen Räume selbstthätig zugegen; mit Begeisterung und Feuer schilderte er die Unglücksstunden, die Herr Marinitsch, als Vorkämpfer dieser Grottenerforschung, auf einem uns vom Führer bezeichneten Fclsstück mitten in Nacht und Wassergetöse zubringen mußte. Der Strick, an welchem Marinitsch's Kahn befestigt war, riß durch die Gewalt des Wasser los, und letzterer wurde über ein paar Wafferfälle hinweg gegen das breite Felsstück geschleudert, das seinem Insassen Rettung bot und auf welchem derselbe nach 12 Stunden bangen Harrens von den Mitarbeitern entdeckt und aus seiner gefährlichen Lage befreit wurde. So mächtig wirkte die Rückerinnerung in dem braven Manne, daß er, obwohl der deutschen Sprache ziemlich mächtig, derselben vergaß und unserer Gefährtin, der gebornen Slovcnin, in seiner Muttersprache mit Begeisterung die damalige Situation schilderte, die, selbst von Erstaunen und Grauen hingerissen, uns die lange Erzählung kurz gefaßt verdolmetschte. Jetzt, nach 3 Stunden steten Umherwanderns, waren wir mit der Grottenbesichtigung zu Ende und kletterten wieder in der großen Doline zu dem Ausgange empor. Der Himmel hatte sich indessen mit schweren Regenwolken umzogen, und kaum waren wir bei Gombac angelangt, prasselte der Regen schleußenartig hernieder. Wir aber, vollauf befriedigt und noch ganz begeistert von all den Wundern der Unterwelt, ruhten gerne ein Stündchen, plauderten von den hohen Genüssen des Tages und labten uns an dem lobenswerthen Imbiß und Ge'ränke. Jozö Cerkvenik wurde mit Vergnügen bei seiner Entlohnung das Zeugniß einer trefflichen und sorgsamen Führung ausgestellt; denn er machte fleißig auf alle beachtens- werthen Schönheiten aufmerksam, fortwährend zur Achtsamkeit auf gefährliche Stellen und zur Benützung der Sicherheitsvorrichtungen mahnend. Dann dictirte er noch auf meine Veranlassung bereitwilligst die einzelnen Namen aller Grotten, Warten und Wege, die wir besucht hotten und die außerdem wohl meinem Gedächtnisse entschwunden wären. Sehr anerkennenswerth sind die Bestrebungen der „Alpenvereinssection Küstenland", die sich außerordentlich darum verdient gemacht hat, durch sichere und bequeme Weganlagen und Anbringung von Drahtseilen an jeder allenfalls Gefahr bergenden Stelle auch ungeübten Steigern den Besuch der äußerst interessanten Grotten zu ermöglichen. Ich bringe ihr unsern Dank und den der ganzen touristischen Reisewclt für ihre opferwilligen Bestrebungen dadurch entgegen, daß ich durch Veröffentlichung unserer genußreichen Erlebnisse ihrem Wunsche entgegenkomme und die Aufmerksamkeit des Publikums darauf hinzulenken suche. Möchten nur alle Naturfreunde Weg und Zeit nicht scheuen, die unterirdischen Wunder des Karstes aufzusuchen; es wird sicher ein jeder hohen Genuß und Befricdiaung darin finden. Schon brach die Dämmerung herein; der Regen hatte aufgehört, und trotz des noch vollständig nassen Terrains suchten wir so schnell als möglich Divaca zu erreichen. Nach einem Stündchen blitzten uns die Lichter des Bahnhofes aus der Dunkelheit entgegen, und nachdem gleichzeitig mit uns die aus den Manövern heimkehrenden Truppen einparkirt waren und wir uns von unsern nach Pola zurückreisenden Gefährten herzlich verabschiedet hatten, entführte uns das Dampfroß diesen Tag noch via Laibach—Steinbrück bis Römerbad mit Station gleichen Namens, wo wir — ich todmüde, indeß sich mein Mann durch derartige Strapazen nicht leicht anfech'en ließ — mit nassen Kleidern morgens */z3 Uhr endlich Ruhe fanden. (Fortsetzung folgt.) — ---— Wandererlied. Wie ist es schön zu wandern Im lichten Sonnenschein, Da grüßen frei die Berge Jn's weite Land herein. Und filberklar die Flüsse Zieh'n sie das Thal entlang, Manch' Kirchlein winket freundlich Vom grünen BergeShang. Und ziehst du durch die Wälder, Wie fluihet da herein Durch Neste und Gezweige Der gold'ne Sonnenschein. Und streckst du müd' dich nieder Im schatt'gen Tann zur Ruh', Waldvögleins trauten Weisen Entzückt mutzt lauschen du. O Wand'rer, zieh' nur weiter, In Gottes Welt hinein, Latz einmal dir zu Muthe Recht wanderselig s in. lsriürun. - Das 150jährige Jubiläum des kgl. bayer. 4. Chevauleger-Negiments „König". Wir wollen uns damit begnügen, zu erinnern, daß allein in der kurzen Frist vom Juli bis Mitte August unser Regiment immer dabei war, wo es Blutarbeit zu verrichten gab, und daß die Königs-Chevaulegers immer den Russen auf den Fersen saßen, als sich diese von einem Vertheidigungsabschnitt nach dem anderen zogen und die Rochade von der Düna nach dem Dnjeper vollzogen ward. Schon bei dem ersten bedeutenden Engagement, dem von Witebsk, war unser Regiment, geführt von seinem wackeren General Graf Preysing, bei der Flußpassage. Noch bevor der Vicekönig von Italien sich anschickte, Brücken zu schlagen, hatten bereits die Königs-Chevau- leger das jenseitige Ufer erreicht. Schon Tags darauf gab es bei Masajedo ein Gefecht, wobei die Chevaulegers durch mörderisches Feuer stark gelichtet wurden. Und wieder zwei Tage später führten unsere Chevaulegers einen Handstreich gegen Wily, welcher Wintzin- gerode eine hübsche Portion seines Proviants und Muni- ttonsvorrathes kostete. Der August war schon fast zu Ende gegangen, als die napoleonische Jnvasionsarmee in die durch die Verhältnisse geschaffene Operationszone einrückte. Wie Schnee in der Sonne war bereits die gewaltige Masse von Streitern, die über den Riemen gezogen, zusammengeschmolzen, und obzwar erst eine kurze Frist seit Eröffnung des Feldzuges verstrichen war, zählte die Infanterie bloß 156,800, die Kavallerie gar nur 36,700 Mann. Es waren also ziemlich schwache Stände, mit welchen die Truppen und auch unsere bayerische Reiterei gegen die russischen Heersäulen anrückten, die immer zurückwichen und eine Taktik verriethen, aus welcher nicht unschwer die Absicht zu entnehmen war, den Gegner immer tiefer hinein in die unwirthliche Steppe zu locken. Solch einen Charakter trug auch das Reitergefecht bei Gjat, welches die Kavallerie-Division Preysing den Russen lieferte. Die Königs-Chevaulegers bildeten mit den Regimentern Leiningen, Bubenhofen und Kronprinz den Vortrab der Armee des Marschalls Fürsten Porüatowsky. Mit Entschlossenheit und richtiger Beurtheilung der taktischen Verhältnisse führte unser Oberst, unterstützt von den Majoren Zandt und Bieber, sowie Rittmeister Hertling, die nicht unschwierige Aufgabe durch, und seine Anstrengungen wurden mit Erfolg gekrönt. Außerdem zeichneten sich die Lieutenants v. Hell- brunner, Gullmann, Baron Eßbeck und Korporal Zipperer aus. Doch war das Engagement nur das Vorspiel des blutigen Tages von Polozk, welcher schier noch heute unvergessene Wunden unserem Heere geschlagen hat. Am 17. August hatte sich ein Detachement unseres Regimentes unter Oberstlieutenant Graf Fugger ausgezeichnet, ebenso Wachtmeister Hermann und der Korporal Neisser, der sich schon im vorjährigen Frühling bei Abensberg hervorgethan hatte. Schon am 21. August war das Regiment in Smolensk eingerückt, und von hier aus zogen die Regimenter der Division Preysing an die Ufer des Borodino. Am 7. September kam es zur berühmten Schlacht von Borodino oder an der Moskwa. Die bayerischen Chevaulegers standen unter dem Kommando des Vicekönigs von Neapel. Sie erwarben sich unsterblichen Ruhm bei der Vertheidigung von Borodino, welches von den Heuschreckenschwärmen der Kosaken so lange bedrängt wurde, bis jene endlich die Uebermacht überwältigte; aber selbst dann nur wichen sie schrittweise zurück, Zoll um Zoll vertheidigend und gleich wieder bereit, vorzubrechen, sobald ein halbwegs genügender Kräfte- ausgleich stattgefunden. Es war diese Schlacht wohl die blutigste des Jahrhunderts. Ueberall thürmten sich vor den durch die Tapferkeit unserer Regimenter gewonnenen Schanzen die Leichen- hügel auf. 30,000 Russen deckten das Leichenfeld, aber auch 40,000 Mann Todte und Verwundete hatten die Franzosen auf den Feldern von Borodino gelassen. Nicht weniger als 30 Generale hatte Napoleon in dieser Schlacht verloren. Nacht war's, als Kutusow zum Rückzüge blasen ließ, und als auf der blutgetränkten Wahlstatt die Sieger lagerten, hungernd, dürstend, frierend. Wieder vergingen fünf Tage, verbracht in langsamen Vormärschen, hin über das wellige und von der Moskwa durchflossene Terrain. Da ging's auf einmal, einem elektrischen Schlage gleich, durch die unübersehbaren Heersäulen, die sich in langgewundenen Linien und Krümmungen, einer Riesenschlange vergleichbar, vorwärts bewegten. Und immer größer wurde die Erregung; alles drängte nach vorn. Dort, wo von der Höhe der Sperlingsberge die Augen Ausblick finden, da pflanzte sich nun der Ruf fort: „Moskau, MoskauI" Wie ein Lauffeuer scholl er von Regiment zu Regiment, von Kolonne zu Kolonne. Vergessen schien alles Leid, vergessen all die zahllosen Strapazen und Entbehrungen, die sie bis dahin gelitten; denn reiche Winterquartiere schien ihnen die Stadt zu versprechen, welche, geschmückt ^ wie in Gold und Purpur, vor ihnen lag. Angesichts Moskau's wurde biwakirt. Unsere Königs-Chevaulegers lagerten auf der Nordwestseite des Dorfes Koszelschewa, wohin sie nach einem nicht unblutigen Kampfe mit den Kosaken gelangt waren. Der Brand von Moskau vernichtete die Hoffnung des Heeres. Nicht bloß die Quartiere waren vernichtet, auch alle aufgespeicherten Vorräthe, von welchen die Armee über Winter hätte zehren sollen, waren ein Raub der Flammen geworden, und das Gespenst der gräßlichen Hungersnoth hielt seinen Einzug im Lager der Franzosen. Dazu die entsetzliche Kälte des frühen Winters, die Unmöglichkeit, die Communication längs der dritthalbtausend Kilo- meter langen Operationslinie freizuhalten, dieses alles be- 1 wog Napoleon, den Rückzug aus Rußland anzutreten. Um die Riesenbrandstätte herum schwärmten gleich Heuschrecken die Kosaken, die wenige Tage vorher Reißaus genommen, und machten sich in der unangenehmsten Weise bemerkbar. So entschloß sich der Kaiser, da die Position von Moskau gänzlich unhaltbar geworden, die unglückliche Stadt zu verlassen und den Weg zurückzumessen, den er so stolz vor wenigen Monden dahingezogen war. Bei Malo-Jaroslawetz drohten die Russen unter Doktoroff dem Corps Eugens von Savoyen den Rückzug zu verlegen. Ohne Unterlaß ward um den Besitz dieses Ortes gekämpft; endlich verblieb er den Franzosen, aber es war ein Pyrrhussieg, den Napoleon erfochten. Am 3. November war man bis zu den Wäldern von Wiazma gelangt. Voran als äußerste Vorhut ritt die Brigade Preysings. Noch hatte die Täte nicht das Dorf Misau- dowo erreicht, als Kosakenschwürme den Train überfielen, ihn aber im Stiche ließen, als Oberst Graf Seyssel d'Aix mit den Königs-Chevaulegers den Russen zu Leibe ging. 719 Nun durchzog unser Regiment auf beschneiten Waldwegen den Forst von Misaudowo, als der Anmarsch zweier russischer Regimenter gemeldet wurde. Die Chcvaulegers Fall war. Nach der Schlacht bei Duchowszszina, wo sich unsere Chcvaulegers besonders auszeichneten, zählten sämmtliche vier Chevaulegers-Regimenter der Divistosi Preysing s>, FMW zögerten nicht, die zehnfach überlegenen russischen Dragoner anzugreifen, worauf der Feind langsam zurückwich, da er vermuthete, daß große, geschlossene Reiterabtheilungen dem Häuflein Königs-Chevaulegers folgten, was aber nicht der zusammen nur mehr zwanzig Berittene. Bereits in den ersten vier Wochen des Rückzuges lösten sich unsere Reiter- Regimenter eines nach dem andern auf, am Tage nach Beresina hatte auch das Königs-Chevaulegers-Regiment Die Uniformen des iiünigl. baycr. 4. Chevauteger-Ncgimenls (1804—1812) 720 aufgehört, zu existiren. Hügel von erstarrten Menschen, ganze Reihen von Thierkadavern bildeten die Marksteine dieser Heerstraße des Todes. Schritt für Schritt fechtend zog man sich zurück. Auf eigene Kraft war unser Regiment gestellt, denn „Leiningen- Chevaulegers" existirten bloß mehr auf dem Papier. Unser Regiment bildete die Arriöregarde, und von unseren Säbeln hing das Heil der anderen Tapferen ab; denn immer ärger wird das Drängen der Kosaken, Pulk auf Pulk, Sotnie um Sotnie braust heran, mordgierig die Pike einzubohren in die Leiber der Unseren. Da schmetterten in die Winterluft so hell, so sieges- freudig, wie einst in fröhlicheren, glücklicheren Tagen, die Trompeten der „Königs-Chevaulegers", und mit hochgeschwungenem Säbel in der Faust stürzt sich Graf von Seyssel d'Aix selbst an der Spitze seiner heldenhaften Grünröcke blindlings hinein in Tod und Verderben, in den vorgehaltenen Lanzenrechen, hinein in den dichtesten Schwärm der Russen, die in wilder Flucht auseinander- stieben und einen General sowie zahlreiche Offiziere in den Händen der Unseren lassen. Nie war ein Lob gerechter als das, welches der Vizekönig Italiens, Prinz Eugen, unseren Königs-Chevaulegers spendete; aber der Bluttag hatte die Schwingen gelähmt, erschöpft waren die Kräfte, total ausgepumpt bis zum letzten Rest von Odem waren Roß und Reiter. Zum letzten Male erscheint die Division Preysing unter dem so glorreich geführten Namen. Schon die folgende Nacht bringt die Auflösung, es gibt keine Feuerung mehr für die Biwaks, keine Handvoll Hafer für die Pferde, nicht eine Krume Brodes mehr — der Nest hieß Schweigen und Tod! (Schluß folgt.) --» - Zu unseren Bildern. Kaiser Nikolaus Aiexandrowitsch. Rußlands neuer Zar wurde am 18. Mai 1868 in Petersburg geboren. Im Hinblick aus seine dereinstige hohe Stellung erhielt de> selbe unter Oberleitung des General-Adjutanten Damelowitscb, eines hochgebildeten Mannes, eine eben so gründliche wie vielseitige Erziehung und wissenschaftliche Bildung. Die kaiserlichen Eltern legten einen beioiweren Werth darauf, daß ihr Sohn seinen Gesichtskreis durch größere Reisen in das Ausland erweitere. Zn diesem Zweck trat der Zarewitsch >m Jahre 1890 eine längere Reise nach dem Orient und nach Asien an, auf welcher er, wie bekannt, einst in Lebensgefahr gebieth. Es war im Frühjahr 1891, als Großfürst Nikolaus auf seiner Rückkehr von Batavia über Saigon sich nach Hongkong und sodann nach Japan begab. In das russische Heer trat der jetzige Kaiser mit 18 Jahren, und zwar der Tradition gemäß in das Preo- brascbenSkcsche Garde-Infanterieregiment, ein. Daran schlössen sich Dienstleistungen bei den anderen Waffen, in denen er den Grund zu einer soliden Kenntniß des Dienstbetriebes und der Ausbildung der Kavallerie und Artillerie legte. Bei seinen Wiederholten Besuchen am deutschen Kaiserhofe hat sich der Großfürst Nikolaus Aiexandrowitsch die Sympathien der Kreise erworben, mit denen er in nähere periönltche Berührung gekommen. Allgemein werden die Urbanität seines Wesens, die Feinheit seiner Umgangsformen im gesellschaftlichen Verkehr und die Unbefangenheit seiner Anschauungsweise gerühmt. Zu dem preuß. Heere steht derselbe dadurch in persönlicher Beziehung, daß er Chef des 1. Westfäl. Husarenregimcnts Nr. 8 ist, und daß er L I» »uits des Kaiser Acexander-Garde-Grenadier-Regiments Nr. 1 geführt wird. Zar Nckoiaus II. ist im Begriff, einer Prinzessin aus einem deutschen Herrscherhause, welches seit Jahrzehnten durch Familienbandc mit der russischen Herrscherfamilie verknüpft ist, der Prinzessin Alix von Hessen (deren Bild wir in Nr. 41 h. I. des Unterhaliungsblattes brachten), die Hand zur Vermählung zu reichen. Möge auf dieser Verbindung der Segen deS Himmels in reichstem Maße ruhen! Nas Ktammschlotz der Nomanosf in Moskau, die Wiege der heutigen russischen Dynastie, stand Jahrhunderte lang vergessen auf der Warwarka in Moskau, bis es im Jahre 1856 aus Befehl des Kaisers Alexander II. restaurirt ward. Unser Bild stellt die Rückseite und Hauptfaxade des restaurirten Gebäudes dar. Man genießt von den Höher gelegenen Zimmern aus eine herrliche Aussicht über die Stadt. Im Erdgeschoß befinden sich Keller und Küche, darüber Waffen- und Vorraths- kümmern. In dem niedrigen Aufbau unter dem Dache wohnte die Bojarin mit den Kindern, die Zimmer find der Mode älterer Zeit entsprechend niedrig und haben wenig Licht. Unter der Regierung von Boris Godunoff (1589-1605) tritt zuerst die Familie der Romanoffs auf; der erste Zar aus dem Hause Romanoff ward 1613 erwählt. -—i-^-1—- Allerlei. Bayerische Drohung. Ein Bauer besteigt in angeheitertem Zustande den Dampfer auf dem Starn- berger See. Da er durch seine schwankenden Bewegungen allerlei Gegenstände und auch Personen anrempelt, so ruft ihm der Kapitän zu: „Jetzt setzen Sie sich nieder und verhalten sich ruhig, sonst werfe ich Sie sofort in den See!" — „So?" sagte der Bauer zornbebend, „baldst mir das nochmal sagst, sauf i die ganze Lachen aus, und nacha kannst mit Dei'm Schlitten auf'm Sand ham fahren!" Kasernhofblüthe. Unteroffizier szu einem recht mageren Rekrutenj: „Mensch, Sie sehen ja aus wie ein Abreißkalender am 31. Dezember!" - » s> -»- Goldkörner. Wer nichts zu verzapfen hat, hänge kein Schild aus. K. Viele Menschen sehen die Tugend mehr im Bereuen der Fehler, als im Vermeiden derselben. Christoph Lichtcnberg. Mikder-Iiäthsek. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 89: Weiß. Schwarz. 1. S. 84—85 K. 84—85 : (^ oder 8) 2. D. 66—85 : -st beliebig. 3. L. 84-05 resp. D. 85—05 Matt. L.. s. 06—85: 2. D. 66-87 K. 84-84 3 D 87-84 Matt. 8 . 1. 06-05 2. S. 85-86 : -i- K. 86 84 3. D 66 6t Matt. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 91: Weiß. Schwarz. 1. T. 64-65 -j- K. 85 65: 2. S. 88-87 K. 65—85 3. 62-64 Matt. --WRR-- HL 93. Ireiiag, den 16 . November 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler). DrrmvarÄ vou Mdesheim. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) II. DaS BernwardSkreuz. So lag nun schier vollendet.in jugendlichem Reiz. Vor seinem edlen Meister das graße gold'ne Kreuz. Das war ein stetig Wachsen und Gedeihen der guten Stadt Hildeshcim, seit vor sieben Jahren Herr Vcrnward den Bischofsstuhl eingenommen hatte. Der gelehrte Bischof Bernward war ein rechter Vater für seine Unterthanen: ebenso gut wie klug, ebenso gerecht wie mildthätig. Fromm, weise, kunstsinnig und kricgsgewnndt, also priesen ihn die Untergebenen. Was nun seine berühmte Kunstschule betraf, so er zuerst auf dem Domhofe unter dem bescheidenen Namen: Werkstätten zur Betreibung von edlen Künsten, errichtet hatte, so war durch Znströmung selbige allgemach so zahlreich an Schülern aus allen Ständen geworden, daß ein weiter Plan, ein vor Kurzem erst dem Urwalds abgezwungener Wiesenplan im Norden der Stadt, kaum genügte, um alle die Werkstätten zu umschließen, allwo Metalle zu unterschiedlichem Gebrauch verarbeitet wurden, wo Ziegel nach Bischof BernwardS eigener Erfindung zur Dachbedeckung gebräunt wurden, wo Jünglinge die Kunst der Malerei, der Bildnerei und des Hausbaues gründlich erlernten. Für Jeden gab es da Unterweisung, und zwar meistens durch Herrn Bernward selber. Dessen liebste Erholung war es, gleichermaßen als Missionär der Kunst die Werkstätten zu besuchen und das Wissen und Können der Jünger nach Möglichkeit zu vertiefen und auszudehnen. Dabei verfolgte er den bestimmten Zweck: Alles zum Dienste, zur Ehre und Verherrlichung unseres lieben Herrn und Gottes! Es war ihm eine große Freude, zu sehen, mit welcher Schaffenslust die jungen Künstler unter seiner gelehrten Leitung miteinander arbeiteten, einander halfen, einander ergänzten. Das war ein reges, ein frisch-fröhliches Künstlerwetteisern auf der weiten Wiese. „Fromm und froh I" so hieß der Wahlspruch der Bernwardsschüler. Eines Tages, das Sonnenlicht war falber, die Blätter gelber und röther geworden, die Schwalben wollten wegziehen, es war im Anfang des Herbstmonats Eintausend, da stand ein fahrender Schüler im kurzen Mäntelein mitten auf dem von Werkstätten umgebene Plan. Er hielt eine lange wohlklingende Rede zu Ehren der Kunst im allgemeinen, insbesondere aber zu Ehren der Kunst des heiligen Evangelisten Lnkas, nämlich der Malerei. Hier und dorten kamen die Kunstjünger aus den Hütten hervor und lauschten begierig des Fremden Worten, die Einen andächtig, die Andern lachend. „Feuergeist l" urtheilten Diese. „Windiger Schwärmer!" Jene. „Welch' schöner Kopf!" flüsterten die Jüngsten. Ihnen war der wohlgesetzten Rede Sinn nicht klar, aber deren feine Wendungen machten desto tiefern Eindruck auf sie. „Der ist wohl in Noth um ein Obdach," meinte Lndolf, ein erfahrener Erzgießer. „Er wird die Schlafstätte auch finden, so er eben- solch' guten Willen bezeigt, wie seine schönen Worts verrathen," sprach Bruno, der Steinmetz. Etliche der jungen Schüler aber umringten den Fremden, fragten „woher und wohin", und was er könne. Der fuhr mit fünf Fingern durch die üppigen schwarzen Locken und gab gern Bescheid, daß er Klans genannt sei, daß er vom großen Nheinstrom komme, allwo er die Malkunst erlernt habe und woselbst er vom Nahm der Hildesheimer Schule vernommen, und daß er hier zu bleiben gedenke, falls der bischöfliche Herr ihn aufnehme. „Dann mußt Du aber Dich unter die geschickten Hände Folkards begeben und Dein wirres Gelocke verschneiden und kürzen lassen, auf daß Du nicht mehr Canis, dem Schulpudel, gleichest," ermähnte ihn gar weise Dedi, der kleinste und wohlgescheiteltste der Schüler. Da trat ein hoher, ehrfurchtgebietender Priester auf den Plan. Der mochte wohl eine Weile unbemerkt zuhorchend im Hintergründe gestanden haben. Bei aller Schlichtheit hatte der Mann ein gewaltig zwingendes Wesen; und als er die Worte: „Gott zum Gruß!" sprach, da ließ der Fremdling sich auf ein Knie nieder, um den bischöflichen Segen zu erbitten. Auch ohne daß es ihm Einer gesagt, wußte er, daß der Bischof Bernward vor ihm stehe. „Was Du zu den Schülern gesprochen, habe ich vernommen," redete dieser ihn wohlwollend an. „Arbeit für einen Lernbegierigen haben wir immer. Komm mit mir und zeige mix, was Du kannst." Das that Klaus vom Nheine gar willig und nicht »hne Selbstgefühl. Lächelnd schaute Herr Bernward ihm zu, wie er die Kohle handhabte, und wie er gewandt seine Striche zog, lauschte er, wie Klaus wortreich in Begeisterung seine Kenntnisse über Malerei auskramte. «Das gefällt wir wohl. Du zeigst eine gewisse Scharfsinnigkeit. Wenn Du versprichst, fleißig und von gutem Wandel zu sein, wagst Du hier bleiben; auch sollst Du etwas bet uns lernen," sprach er freundlich. Klaus vom Rheine versicherte glücklich: „Ich werde wir alle Mühe geben, hoher Herr." Dem Bischöfe aber dünkte etliches befremdlich. „Warum, mein Sohn," so fragte er, „birgst Du die linke Hand fortwährend in den Falten Deines Mantels, anstatt Dich ihrer zur Beihilfe zu bedienen?" Da flog heiße Rothe über des Jünglings Antlitz. Er senkte den Kopf und entgegnete leise: „Weil ich die linke Hand und den linken Arm nicht mehr habe, seit ich in unserer — in einer Burg, allwo ich die Kapelle mit Begebenheiten aus der biblischen Geschichte ausmalen wollte, vom Gerüste fiel. Und da ich aufstand, war ich ein Krüppel. Hoffte, Ihr solltet mein Gebrechen nicht wahrnehmen." Tiefes Erbarmen, inniges Mitleid leuchtete aus den milden Augen Bernwards. „Laß Dich durch solches nicht kränken. „Wen der Herr lieb hat, den züchtigt Erl" So wird Er Dein Unglück auch zum Besten lenken. Komm mit mir", ermunterte er und schlug den Weg zu einem großen Gebäude ein. Das war fester gefügt, als die übrigen, seine Schlote rauchten. Hier wurde Erz gegossen und Metall künstlerisch verarbeitet. In einem großen Saale waren Jünglinge beschäftigt, aus Kupfer und aus Silberplatten einen mächtigen Kronleuchter zusammenzusetzen. Ein breitschultriger Lehrmeister mit klugen braunen Augen gab genau Acht auf eines Jeden Arbeit, auf daß Alles nach dem Plane Herrn Bernwards vollendet werde. „Dieser ist Herr Dtethelm vom Hofe Sommerwerk, wein Landsmann, ehemals mein Jugendgespiele und heute meine rechte Hand in der Kunstschule", erklärte der Bischof mit Wärme. Dann wandte er sich an den Meister. „Diethelm, Du sagtest, daß Du einem begabten fahrenden Schüler wohl ein Kämmerlein, ein Obdach in Deinem gottesfürchtigen Hause geben wolltest, sintemalen die Zellen in der Domschule alle besetzt sind. Hier bringe ich Dir einen Jüngling; den glaube ich als von guter Zucht erkannt zu haben. Er heißt Klaus und versteht etwas von der Kunst des Malens, wenn auch just nicht soviel, wie er vermeint." Hierbei flog ein kaum bemerkliches Lächeln über des Bischofs Antlitz. „Willst Du ihn aufnehmen?" Nach einem langen forschenden Blick — Klaus nannte den Blick mark- und beindurchbohrend — äußerte Diethelm: „Er soll wohl gehalten werden unter meinem Dache und soll gleich zum Mittagsmahl mit mir in's Haus gehen." Die Angelegenheit war zur Zufriedenheit erledigt. Herr Bernward begab sich dann, bald lobend, bald belehrend, von einem der Schüler zum andern und schritt darauf in eine Zelle, so hart an den großen Saal grenzte. Hier waltete sein blonder Jünger Heribert, jener Lieblingsschüler, der am verständnißvollsten die Gedanken des Meisters erfaßte und ausführte, Es war dort ein rechtes Künstlerheim. Entwürfe und Modelle zu kirchlichen Geräthschaften und Zierathen in Zeichnungen und in Thon ausgeführt hingen und standen rings umher. „Mein hoher Herr, sehet, die Mischung ist gelungen," rief Heribert dem Eintretenden entgegen und zeigte ein Stück Edelmetall von Heller Farbe. Das Metall schimmerte schön golden und silbern. «Ja, die Zusammensetzung ist geglückt, wie ich es erhofft," sprach Bernward. „So wollen wir auch diesen Leuchter," er deutete auf ein bildnerisch schönes Thon- modell, „aus solcher von uns erfundenen Masse gießen. Hier an den Capitalen und am Fuße wollen wir die Inschrift anbringen: „„Bischof Bernward ließ diesen Leuchter im ersten Aufblühen der Kunst nicht aus Gold noch aus Silber, sondern aus dem Stoffe, wie Du siehst, durch seinen Schüler schmelzen."" Etwa so l" Und der Bischof begann die Inschrift tief in lateinischen Worten in das Thonmodcll zu ritzen. „Mein Herr und Meister, das wird am morgigen Tage schon ausgeführt und soll am Feste der Heiligen Kosmas und Damian gegossen werden", rief Heribert begeistert. Bernward lächelte ob des Eifers seines geliebten Schülers, der Großes zu vollbringen im Stande war. „Wollte, mein Heribert, Alles gelänge Dir so, wie just eben in Aachen der wahrhaft schöne Sarkophag Karls des Großen! Du hast mit dem herrlichen Stück in getriebener und gegossener Arbeit wahrlich dem Kaiser Otto, wie mir selber, hohe Freude bereitet." „Die Arbeit wäre mir nicht gelungen ohne Euch, mein Herr und Meister", sprach Heribert und schaute innig zu dem Kirchenfürsten auf. Wie bleich und durchgeistigt war doch dessen edleS Angesicht. Ja dunkle Schatten lagen unter den glänzend blauen Augen, und eine Leidensfalte zog sich an den Mundwinkeln hin. „Herr, es will mich bedknken, als ob Ihr Euere Kräfte mehr schonen solltet", wagte Heribert schüchtern und erröthend zu bemerken. „Ich weiß, daß Ihr die nächtliche Ruhe unterbrechet, um im Gebete Gott zu dienen, und daß Ihr schon beim ersten Hahnenschrei wiederum laut die Psalmen betet, bis Ihr alsdann mit den geistlichen Brüdern Euch in's Capitel begebet. Viellieber Herr, das hält Euer Körper nimmer aus." Ein stilles Lächeln zeigte sich auf des Bischofs milden Zügen. „Seit wann giebt der Lehrling seinem Meister Rathschläge?" fragte er. „Lieber Heribert, ich thue nicht mehr, als mein himmlischer Vater von mir begehrt. Damit sollst Du beschicken sein." Er wollte gehen. An der Thür aber wandte er sich noch einmal um und sprach freundlich: „Wenn die Sonne zur Rüste geht, und wenn Du Dein Tagewerk beschlossen hast, so komme auf meine Arbeitszelle. Dort werde ich mit Gottes Hilfe ein Kunstwerk vollendet haben, dessen Anblick Dir Freude machen soll.« — Heribert nickte glücklich. Die Erwartung sprach auS seinem jugendfrohcn hübschen Antlitz. Gegen Mittag desselbigen Tages sprach Meister Diethelm freundlich zu dem fremden Schüler Klaus: „Kowm mit in mein Haus zum Imbiß.* Der leistete der Mahnung gern Folge. Er hatte sich überall in den Werkstätten umgesehen und verspürte nun gesunden Appetit. Sie schlugen also miteinander ihren Weg ein. Der brachte sie alsbald vor ein stattlich Fachwerkhaus; über dessen Eingang war in Latein der Spruch zu lesen; «Gott gebe dieser Wohnung seinen Frieden." Aus dem Hause heraus tönten volle weiche Musikklänge. Meister DiethelmS Auge leuchtete auf. „Das ist meine Tochter Clothild. Sie weiß, daß ihr Saitenspiel mein Herz erfreut. Darum nimmt sie stetig die Harfe, wenn sie denkt, daß der Vater heimkehrt." Rasch trat er ein. „Grüß Euch Gott miteinander, Weib und Kind! Seht, hier bringe ich Euch einen Gast, einen Schüler der Malkunst, der soll von nun an bei uns wohnen und unsere Mahlzeiten mit uns theilen." Seine Hansfrau Gisela, eine ernste, züchtig eingehüllte Matrone, bot dem vom Ehcherrn mitgebrachten Fremdling die Hand. „Seid willkommen!" sprach sie. Die Jungfrau lehnte ihr Saitenspiel an die Wand, erhob sich und neigte sich sittig vor dem Fremden. Dabei zuckte der helle Blick ihrer großen blauen Augen einen Moment forschend über den neuen Hausgenossen hin. Sie hatte ein rosiges, ausdrucksvolles Angesicht. Die ganze Erscheinung des Mägdleins mahnte den jungen Maler an die erste der klugen Jungfrauen, deren Bild er heute im Dommünster gesehen hatte. „Die Thörichten auf diesem Bilde sind mir lieber", hatte er dabei zu seinem Führer gesagt. Wie dem auch war, Klaus vom Nheiue fühlte gar bald, daß er bei liebevollen Menschen friedsam geborgen sei. Clothild langte von einem SimS, das reich mit Krugen und Schüsseln besetzt war, noch einen Zinnteller und - einen Löffel herab und rückte einen Stuhl an den schweren Eicheutisch, worauf der fahrende Schüler mit wohligem Heimathsgefühl sich zu den Andern ansetzte. Frau Gisela fragte ihn theilnehmend nach seiner Fahrt, und wie es ihm in Hildeshcim gefalle. Er gab redselig Bescheid über Alles. Das war des fremden Schülers Eintritt in das HanS Diethelms. Der Tag ging allgemach vorüber.. Lang war er Heribert geworden. Um die Abendstunde da wanderte er schnellen Ganges hinüber zu dem Domfrieden nach der festen Bischofsburg. Die war mit den Gebäulich- keiten der Domschule, allwo auch Heribert seine Zelle hatte, verwachsen. Er trat, wie Bernward ihn geheißen, in dessen gewölbtes, säulengetragenes Gemach ein. Der Bischof saß mit schier verklärtem Ausdruck, doch mit gesenkten Wimpern an seinem Arbeitstisch, so vertieft, daß er Heriberts Kommen nicht vernahm. Ein zitternder Strahl der untergehenden Sonne fiel durch das Bogenfenster und übergoß das bleiche stille Antlitz mit rosigem Schimmer. Fast andächtig erbaute Heribert sich an dem friedvollen Bilde. Er blieb stehen, denn er scheute sich den Sinnenden zu stören. AIS er endlich doch lauten, hell- fröhlichen Gruß rief, da hörte der Bischof ihn nicht. Der Ueberangestrengte war nach des Tages Last und Mühen am Arbeitstische eingeschlummert. Vor ihm aber lag von seiner Meisterhand gebildet ein vollendetes Kunstwerk, ein großes, goldenes Kreuz. Selbiges hatte er gar herrlich mit kostbaren Steinen, Gemmen und Perlen geschmückt, so daß Heribert sich vor Bewunderung kaum zu fassen vermochte. Daneben lagen in goldener Schale drei schlichte braune Holzsplitter. O, Heribert kannte dieses braune Holz. Das war vom Kreuze des Herrn und Heilands. Kaiser Otto III. hatte es einst seinem geliebten Lehrmeister Bernward geschenkt, als dieser ihn verließ, um über die Hildesheimische Heerde den Hirtenstab zu führen. Zu Ehren des lebendig machenden Kreuzes hatte der Bischof schon eine Mannigfaltig ausgczierte glänzende Kapelle außerhalb der Stadt errichtet und den Theil des Krenzes- holzcs in einem kostbaren Behältniß dort beigesetzt. Doch das bisherige Gefäß genügte, so dünkte es Heribert, dem frommen Künstler nicht. Jbn verlangte es, mit seinen eigenen Händen ein Behältniß in Kreuzesform zu schaffen und mit allen Edelsteinen zu schmücken, die er jahrelang gesammelt hatte. Und das war ihm wunderbar gelungen. Mit namenlosem Entzücken, ja geblendet schaute Heribert auf das Kunstwerk, daS im Abendsonnenschein Flammen zu sprühen schien, und das bestimmt war, die heilige Reliquie zu umschließen. Da schlug Bernward die Augen auf. Verwundert richtete er den Blick auf Heribert. „Du hier?" sagte er leise. „Ach, wie ist mir doch? — Ich trachtete, die Reliquie in Kreuzform diesem Gerüste einzufügen. Allein der Span litt nur eine Zersplitterung in drei Theile; ein Splitter fehlte mir: und während ich bekümmert darüber nachsann, wie er zu beschaffen sei, übermannte mich — ich weiß nicht wie — der Schlaf. „Da hatte ich einen wunderschönen Traum: Es ward hell, ein Engel, sonnenlicht und klar, erschien mir und legte den fehlenden Theil in meine gefalteten Hände." So sprach er, noch in der Erinnerung verklärt, löste die Hände, und siehe da — der fehlende Splitter lag darin. „ES ist Wahrheit, kein Traum! — Mein Heribert, ich halte die Partikel in meiner Hand!" Er blickte zum Himmel, seine Augen füllten sich mit Thränen. „Dank Dir, o großer Gott!" rief Bernward außer sich in frommer, freudiger Begeisterung. Ohne Verzug faßte er alle vier Theilchen in dem verfertigten Kreuzgerüste also ein, daß selbige in Form eines Kreuzes durch den Edelkrystall in der Mitte, da wo die Kreuzesbalken sich schnitten, hervorschienen. Heribert stand tief in der Seele durchschauert von heiliger Ehrfurcht. Ihm fehlte der Ausdruck, seiner Bewegung Worte zu verleihen. Jetzt sank er auf die Kniee und küßte das Kreuz, so der Bischof ihm mit den Worten vorhielt: „Siehe da daS Holz des Kreuzes, an dem das Heil der Welt gehangen." Noch waren die Beiden in andachtsvolles Beten versenkt zu ihm, der am Kreuzesholze sein Leben hingab, da erklang vom nahen Thurme des Domes das „Ave", die Engelsbotschaft — „Gegrüßt seist Du, Maria!" so wiederholten Beide den Gruß des Engels mit einer Inbrunst, wie nie zuvor im Leben. In diesem Augenblick erdröhnte der Schritt eines 724 Gewappneten. Gleich darauf stand der stattliche Bruder des Bischofs, Graf Tammo, im Thürbogen. An seiner Hand führte er sein blondes Töchterlein Hathumod, ein etwa elfjähriges Mägdlein. Der sonst so helle Blick des ritterlichen Herrn war umflort, und über seinem männlich schönen Antlitz lag ein Zug von Wehmuth. Der Bischof sah es. „Du bringst keine Freudenbotschaft, mein Tammo," sagte er. Der Eintretende senkte das Haupt. „Viellieber Bernward, ich bringe die letzten Grüße und den letzten Segen unserer Schwester Judith. Wir haben sie verloren. Die Aebtissin von Ningelheim ist sanft in dem Herrn entschlafen und schon zur Ruhe beigesetzt." Bernward schaute gen Himmel. „Also todt! Ich wußte es," flüsterte er. „Ihr opferwilliges Leben war wie das Glühen einer heiligen Opferflamme, die sich vor Gott verzehrt. Sie ist zu den Heiligen gegangen. Dort wag sie für unsere Seelen bitten, auf daß wir, wie sie, einst selig vollenden. Wir aber, Schüler des Gekreuzigten, wollen unsern Schmerz und unsere Trauer um die geliebte Schwester aufopfern am Fuße des Kreuzes, auf daß sie vereinigt werden mit dem Leiden des Heilandes." Der Bischof sank in brünstigem Gebete nieder vor dem Kreuzesholz. Auch die Anderen knieten betend hin. Als Bernward sich endlich erhob, heischte er von Tammo nähere Kunde über das Ableben der Schwester, von dem er erst erfuhr, da er längere Zeit durch kaiserliche Aufträge von Hildesheim abwesend war. „Vicllieber Heribert", so wandte er sich an diesen, führe mein BruderStöchterlein Hathumod in das Vor- gewölbe und zeige ihr das Meßgewand, welches meine Schwester Judith mir einst kunstvoll verfertigte; zeige auch dem Kinde den kanaischen Wasserkrug, so Kaiser Otto uns kürzlich geschenkt hat, sowie die heiligen Ge- räthe, die Kelche und Patenen, die wir vor Kurzem vollendeten." Als die Beiden gegangen waren, hub Tammo an: „Hathumod ist just in dem Alter, wie ehedem unsere Schwester Judith und wie mein holdes Weib Hildes- witha es waren, als sie den frommen Frauen zu Gan- dersheim zur Obhut anvertraut wurden. Dorthin aber wollte ich mein Kind nicht geben, sintemalen die Herrin Gerberga an's Krankenlager gefesselt ist, und die edlen Schwestern, so noch in der alten Zucht aufgezogen waren, durch den Tod abgelöset sind, und weil ich der stolzen Stellvertreterin Gerbergas, der Kaisersschwester Sophia, mein Kind nicht anvertrauen wollte. Reichlicher Erwägung gemäß wollte ich meine Hathumod unserer Schwester Judith im Kloster Ringelheim zum Unterricht in den Wissenschaften und Künsten übergeben. „Judith aber war, als wir nach Ningelheim kamen, der Auflösung nahe und sah der Vereinigung mit ihrem Himmlischen Bräutigam entgegen. Sie segnete Hathumod und sprach schier verklärt ihre Meinung aus, daß meine Hausfrau Hildeswitha das Kind alles lehren könne, was die Gandersheimer Frauen vermöchten. Mir war es vergönnt, für uns Alle ihren letzten Segen zu empfangen, ihr nach ihrem erbaulichen Heimgang die Augen zu schließen." Nach einer Pause fügte er hinzu: «Und so führe ichHathumod wieder mit mir nachHause." Der Bischof sprach ernst: „Du thust wohl daran. Ich sehe meines Bruders Tochter lieber in dem mütterlichen Unterricht Hildes- withas, als unter Obsorge Sophias. „Mir selber steht in Gandersheim ein schweres Kreuz bevor. Die von meinem theueren Vorgänger, Herrn Othwin, nach meinem eigenen jugendlichen Plane gebaute und nun vollendete Kirche soll endlich eingeweiht werden. Zu diesem Zwecke ladet nun Frau Gerberga mich ein, am nahen Feste Kreuzerhöhung dorthin zu kommen. In ihrem Schreiben verhehlt die Aebtissin nicht, daß Herr Willegis von Mainz die eigentliche Weihe vollziehen soll. Ihre Stellvertreterin, die junge Kaisersschwester Sophia, glaube erkannt zu haben, es sei besser, Gandersheim stehe unter dem Schutz des mächtigen Erzbistums Mainz, als unter Obhut des Stiftes Hildesheim. „So werde ich am anberaumten Tage mich nach Gandersheim verfügen, wo mich die Klosterfrauen wie einen Fremden behandeln und mir kein Zeichen der Liebe und Ehre erweisen, wie ehedem meinen Vorgängern. Dort werde ich die Gerechtsamen meiner Hildesheimischen Kirche vertheidigen und die Einweihung am Kreuzerhöhungstage selber zu vollziehen suchen." „Du wirst schweren Kämpfen entgegen gehen," meinte Tammo. „Dessen bin ich mir klar bewußt. Doch die Rechte unserer Kirche gehen mir höher als die eigene Ehre. Ich kann nicht anders handeln," versicherte Bernward. Während also die Brüder in ernster Zwiesprache beisammen saßen, ergötzte der Schüler Heribert sich an dem Kunstverständniß und an den lebhaften Fragen der jungen Hathumod. Er schloß dem Kinde die gebräunten Truhen und Schränke auf. Da fand das Mägdlein viel zu bewundern an kirchlichen Gewändern und an kostbaren Gerathen von Gold und Silber. Heribert aber erfreute sich an der Lieblichkeit des Kindes, dessen blonde Locken wie gesponnenes Gold schimmerten, und dessen blaue Augen vor Entzücken leuchteten. „Dürfte ich sie malen!" dachte er. „Welch eine holde heilige Agnes würde sie darstellen!" Als die erlauchten Brüder gar ernst und wehmüthig gestimmt aus des Bischofs Gemach kamen, da trug Heribert frisch und unverzagt sein Anliegen vor. Die Herren stutzten zuerst. Der Bischof aber fand den Gedanken nicht übel, und Heribert durfte Gewährung seiner Bitte hoffen. „Lieber Sohn," sprach Herr Bernward zu Heribert, lasse alle Glocken läuten und eile zu unserm Herrn Dom- decan Thangmar, bitte ihn, die Domherren sogleich zur Todtenvesper und zur Mette für meine Schwester, die Aebtissin von Ningelheim, zusammenzurufen. Lasse auch die Wachskerzen anzünden. In einer halben Stunde bin ich im Dom in Euerer Mitte." (Forts, f.) Goldkörner. Ein Herz, an stete Leiden schon gewöhnt, Bebt vor dem Tode nicht. Sieht in der Stunde seines letzten Scheiden» Nur eine sanfte Lind'rung langer Schmerzen. 725 — Bilder aus SLciermark, Kärnte» und dem Küsten lande Kram. Von C. Mayer. (Fortsetzung.) VII. Trieft und Umgebung. Zwischen der Besichtigung der Adelsberger und der St. Canziansgrotten bei Divaca schoben wir den Besuch von Trieft ein, und es war gut, um den eigenartigen Eindruck der beiden unter sich so verschiedenen Höhlen- gebiete auf sich ohne Ermüdung wirken lassen zu können. Die lebhafte, verkehrsreiche Stadt mit ihren zahllosen Villen, in Mitte üppigster, südlicher Vegetation, amphi- theatralisch am Berghange aufsteigend und in lieblichem Halbkranze an die tiefblaue, sonnenerglänzende Adria hingelagert, — überwölbt vom lachenden Himmel, bot eine heitere, Herz und Gemüth erfrischende Abwechslung zwischen der schauervollen Majestät und grausigen Abgeschlossenheit der allerdings auch anziehenden und fesselnden Schrecknisse der Finsterniß. Die Fahrt über den Karst, der letzten Barricade gegen das adriatische Meer, vermittelt die beiden Ertreme des in seiner Mannigfaltigkeit unerschöpflichen Naturspieles. Ein ödes Kalksteinplateau, — so weit das Auge reicht sterile Steinfelder, starre Felsklötze, Erdsprünge und Nisse über die weite Fläche gestreut. Die Dörfer, bleich und farblos, von grauen Steinen aufgeführt und mit solchen gedeckt, heben sich kaum von dem steinigen Boden ab, ebenso wenig als die spärliche Pflänz- chen abweidende Ziegenheerde mit dem Hirten in grauem Filz und Kleidung, eine ebenso traurige Erscheinung als würdige Staffage in dem merkwürdigen, monotonen Bilde. In rascher Vorüberfahrt taucht der Blick von Zeit zu Zeit in größere oder kleinere trichterartige Vertiefungen, Dolmen. Die Bora, diese Feindin der Vegetation, streift jede Ackerkrume von der Höhe und häuft dieselbe in diesen Erdlöchern, die, vom Winde geschützt, dem Anbau günstig sind; der Fleiß und die Nothwendigkeit, jedes bebaubare Fleckchen zu benützen, läßt am Grunde derselben Felder und Weingärten erstehen, in denen Mais und Buchweizen zur Ernährung der Bewohner und, durch die sengende Sonne gereift, die köstlichsten Weine erzielt werden. Nach Station Sessano senkt sich die Bahn in großem Bogen an Prosccco und Nabresino vorüber an das Meer. Bei letzterer Station öffnet sich mit einem Male eine überraschend prächtige Aussicht auf die tiefblaue, leise bewegte Adria mit ihren unzähligen, weiß schimmernden Segeln auf glänzender Fläche; ganz Trieft mit seinen weißen Häusern und grünen Kuppeln, dem hohen Leuchtthnrm und vorspringenden Molos, an welchen stattliche Lloyddampfer ankern, liegt ausgebreitet vor uns; zu unsern Füßen bricht sich Welle an Welle an der starren Felsenzunge, der Punta Grigano, die das reizende Schloß Miramare trägt. Weiterhin schweift das Auge über die Küste von Jstrien mit ihren Städten und Ortschaften und das sich im Hintergründe erhebende Gebirge. Wir verweilten, da es uns außerordentlich gut gefiel, einige Tage in Trieft, die meist regelmäßigen Straßen und weiten Plätze mit den imposanten, mit Balkönen, Steinbalustraden, Reliefs und allegorischen Figuren geschmückten Gebäuden, durchwandernd, — die in Marmor und Mosaik prangenden Kirchen, die mancherlei Sehenswürdigkeiten, sowie das rege Verkehrsleben bewundernd. Sehr angenehme und billige Privatunterkuuft fanden wir bei Silvo. Facchina im 2. Stocke der Trattoria ai due Gewellt auf der Piazetta del pozzo del mare. Der heißen italienischen Sonne ungewohnt, zogen wir bald vor, den Tag mit Meerfahrten und im Genuß der außerordentlich angenehmen Seebäder Zuzubringen. Mit Anbruch der Nacht beginnt das Leben Triest's. Eine unglaubliche Menge durchwogt die Straßen, schäkernd, singend, kaufend; es wird 2 Uhr, bis der Lärm und das Gesumse der Straße allmählig erstirbt. Die Hauptstraße, Corso, mit den hellerleuchteten Verkaufsläden vermittelt den Hauptverkehr zwischen den großen Plätzen und angrenzenden Straßen. Bespült vom Meere, umgeben von den Prachtbauten des Lloydpalastes und des Municipio, auf dessen Glockenthürmchen zwei Erzfiguren mit klingendem Hammer die Stundenschläge verkünden, — in der Beleuchtung der elektrischen Bogenlampen, deren ruhige Flamme sich dem milden Mond- und bläulichen Sternen- lichte anpaßt, gewährt die Piazza Grande einen magischen Anblick, der noch erhöht wurde durch die Veranstaltung einer Festlichkeit mit brillanter Beleuchtung; wir erlebten hier in Wahrheit eine italienische Nacht, von der unsere künstlichen Gesellschaftsarrangemcnts nur ein schwaches Abbild ahnen lassen. Vor den hellerleuchteten, zahlreichen Cafes sammelt sich die elegante Welt, eine Tasse Mocca oder Sorbetto schlürfend; auf dem angrenzenden Molo Sän Carlo drängt sich die Kühlung und Erfrischung suchende Menge, malerische Gruppen im hellen Mondstrahle oder im tiefen Schatten der dunkel emporragenden colossalen Lloydschiffe bildend. Sehr interessant sind: der Fischmarkt mit allen möglichen Meererzeugnissen und Seeungeheuern, der Gemüse- und Obstmarkt mit den köstlichen Südfrüchten, unter denen sich Berge grüner Wassermelonen mit dem leuchtend rothen saftigen Fleische prächtig ausnehmen, der Abendmarkt an der Piazza Grande, längs der Küste, zu welchem die Einwohner der benachbarten Uferorte auf Schiffen die Waaren beischleppen, ein Geschrei, Gedränge und Angepreise, daß einem Hören und Sehen vergeht. In einer Seitengasse finden sich vor den Häusern, auf der Erde ausgebreitet, alle möglichen Gegenstände von den feinsten Möbeln und Antiken bis zum schlechtesten Krame dem Verkaufe ausgestellt. Afrikaner, Türken und Griechen in interessanten Costümen, polnische Juden mit den langen Röcken und den weißen Seitenlocken schreiten durch die Menge; dazu die hübschen Triestinerinnen mit hoch aufgestecktem Haar und kleinen Löckchcn an den Schläfen, vom dunkelsten Teint bis zur zartesten weißen Hautfarbe, am Arme ihres Galans, der ihnen zärtlich in die glänzenden tief schwarzen oder feurig blauen Augensterne blickt. Die schneeweiße, fuchsienartige Tuberose ist die Modeblumc Triests, mit der sich Jung und Alt, Hoch und Nieder schmückt. — Durch die steilen, mit weißem Granit gepflasterten, im Sonnenbrand erglühenden Straßen der unregelmäßig gebauten Altstadt gelangt man hinauf zur Kathedrale S. Giusto und zu dem Castell, von wo man einen prächtigen Blick über Stadt und Meer genießt. In der Trattoria Bissaldi in der Poststraße am Canale Grande fanden wir trefflichen Landwein, Prosecco, Terrano vom Karst, sowie spezifisch italienisch bereitete Kost; sucht indeß ein guter Bayer trotz aller Feuerweine Abends ein Glas Bier, so findet er dasselbe unter andern Restaurants vortrefflich bei Dreher in der Nähe des Tergesteum. Der hübscheste Spaziergang, den wir unternahmen. 726 war über Boschetto und den Giardino Publico zur Villa Ferdinanden, Restauration Jäger. Den Gang lohnte ein herrlicher Fernblick von der Höhe über die ganze Landschaft — ein tief empfundenes Bild in eigenartiger Stimmung und Größe. Die warme italienische Sonne ruhte mit ihren letzten Strahlen auf der wcißglänzcnden Stadt, streifte die starren Formen der Berge, die sie mit dem Zauberhauch des Südens in Färbung und Pflanzenwelt überzogen hat; das Meer, in rosa, hellblau und blaßgrünen Tinten spielend, widerstrahlt aus der Ferne purpurne Gluth, in welche die untergehende Sonne taucht. Unsere beiden Hauptausflüge zu Wasser waren Miramare und Capo d'Jstria mit Jsola. Die Beschreibung von Miramare, des vielbesungenen Märchenschlosses am Felsenriffe mit seinem feinsinnig ausgeschmückten Interieur und dem herrlichen, in südlicher Vegetation prangenden, von Pinien und Cedern begrenzten Garten, kann ich umgehen, und füge nur an, daß der Zauber dieses Feenreiches, verbunden mit dem Andenken an den unglücklichen Kaiser Maximilian von Mexico, uns ganz gefangen nahm. Der Aufenthalt dortselbst wurde uns leider gekürzt, da ein heranziehendes schweres Gewitter die Rückfahrt zu gefährden drohte. Schon thürmten sich die Wetterwolken, der Wind pfiff von allen Seiten, das Schiff hatte Mühe, aus dem kleinen eleganten Hafen zu steuern, und kämpfte, auf- und niedersteigend und umschwärmt von dem unruhigen Geflatter der Seemöven, mit den hochgehenden, sich überschlagenden Wellen; doch die Fahrt ist kurz und bleibt in der Nähe der Küste, so daß ich mich, auch als Neuling auf dem Meere, nicht zu ängstigen brauchte. Andern Tags ging es nach Capo d'Jstria und Jsola. Während auf der Tour nach Miramare die Gesellschaft sich aus Vergnügungsreisenden Zusammensetzte, denen die Fahrt zu würzen und sich einiges Kleingeld zu verdienen Volkssänger die schwermüthigcn Weisen einiger vrrnMni nationali in Begleitung der Guitarre vortrugen, — war dieses Mal das Schiff aus allen Schichten der Bevölkerung dicht besetzt, größtentheils rückkehrende Fischer und Marklleute und andere Bewohner der Umgebung, die in Trieft ihre Geschäfte besorgt hatten, was einen interessanten Einblick in landesübliche Gewohnheiten und Verhältnisse gestattete. Vorüber an den großartigen Werften des Lloyd und dem Quarantänehafen, verläßt das Schiff bei Muggia den Golf von Trieft und steuert auf offenem Meere der istrischen Küste entlang. Capo d'Jstria mit seinem weißen Leuchtthurm und kleinen Hafen liegt auf vorspringender Insel, die mittelst eines Steindammes mit dem Festlands zusammenhängt. Den Berg krönt ein altes Castell, als Gefangenanstalt verwendet, von wo aus ein weiter Blick über das bläuliche, weiß schäumende Meer. Eine Wanderung durch das uralte, echt italienischen Typus tragende Städtchen führt uns durch eine enge steile Gasse auf den Hauptplatz, an das Municipale mit Freitreppe aus Stein und reich mit Römersteinen verziert. Ebensolche finden sich am Dom mit schönem gothischen Portal und alter Ornamentik. Der Historiker und Alterthumsforscher wird hier wie in Trieft viel Interessantes finden. Vorbei an einem Hause mit gothischen Fensterstöcken und Thürpfosten, an welchem mir besonders ein Thürklopfer aus kunstvoller Bronze- arbeit, Venus und Amoretten vorstellend, auffiel, kamen wir an den einzigen Süßwasserbrunnen des Städtchens, einen Ziehbrunnen mit alter Steinarbeit und von eisernem Gitter umgeben, um den sich die Mägde und Schönen des Ortes Wasser schöpfend drängten, und zur Kapelle mit dem oroos iuirLouIc>8s. Interessant ist auch die Salzgewinnung durch Verdampfen des Meerwaffers an der Sonne. Nun beschlossen wir, nach dem 1 bis I V, Stunden entfernten Jsola zu gehen. Als Transportmittel dorthin benützen die Leute den Esel; an beiden Seiten hochbepackte Körbe überragen den Reiter in deren Mitte. Ordentlich böse war ich auf meinen Mann, daß er zögerte, mir zu dieser Partie auch einen Esel zu spendiren; als ich aber sah, wie das Langohr einen des Reitens unkundigen Reisenden schon beim Aufsitzen kopfüber abwarf, so daß sich derselbe unter großem Gelächter und Gejohle der zahlreich versammelten Straßenjungen in Sand und Staub wälzte, zog ich mit meinem Begleiter schweigend und wohlgemuth meine Straße, gleichwohl von der Bevölkerung angestaunt, der eine Fußtour in der Mittagszeit unfaßlich schien. Uebrigens war es gar nicht so unerträglich heiß. Die Straße nach Jsola bleibt stets am Meeresufer, wo immer eine frische Brise weht und Kurzweil und Unterhaltung mancher Art sich bietet. Dort, wo an den uuwirthlichcn Fclsenhügcln die Sonneustrahlen sengend abprallen, drückten wir uns möglichst schnell vorüber, mit um so größerer Wonne an den Weinbergen mit süßer, reifer Tranbenlast, an den Feigen- und Olivenhainen entlang zu schreiten. Ein einsamer freundlicher Kirchhof zwischen Scmedclla und Jsola bot uns kurze Rast. — Jsola ist ein Fischerdorf mit engen Gassen, die weniger für Wagen als für Eselsverkehr berechnet sind; wo eins Thüre offen stand, fiel der Blick in ein gräuliches Interieur; unter den wenig Vertrauen erregenden Gasthäusern suchten wir jenes am kleinen Fischerhaseu, neben der Gendarmerie- station, auf, ließen uns aber dann Sardonr, die schnell aus einem der niedlichen Segelboote geholt und gebacken waren, sowie Nefosco aus versiegelten Flaschen ausgezeichnet schmecken; überreife Ficchi, eine Menge für ein paar Kreuzer erhältlich, dienten zum köstlichen Nachtisch. Das Etablissement am Strande, in welckem die Sardinenzubercitung uud der Versandt derselben großartig betrieben wird, ist bemcrkenswerth. Wohlgestärkt traten wir die Rückwanderung nach Capo d'Jstria an und erwarteten dort im hübschen Kaffeehause am Haupt- platz das Zeichen zur abendlichen Rückfahrt des Schiffes nach Trieft. Der nächste Morgen traf uns auf der Fahrt nach dem Norden, dieses Mal über Sän Andrea-Herpelje. Hinter dem Lloyd-Arsenal verläßt die Bahn das Meer, in zahlreichen Curven die Höhe des Karstplateaus erklimmend und schöne Rückblicke auf Stadt, Meer und Küste bietend. Die Weinberge und Olivenhaine, die lieblichen Ansiedlungen und grünumrankten Villen entfliehen mit der Aussicht auf das Meer; wir sehen uns wieder mitten in den Zerstörungen der Vorzeit, wo alles zum Weltbau überflüssige Material zusammengeworfen scheint — in der von Cyclopen besäeten, von großen Kalkfelsen überschütteten Steinfläche, zwischen welcher nur armseliges Gestrüpp am klaffenden Saum der Erdrisse zu existiren sich abmüht. Bei Station Borst vermitteln die Ruinen Sän Servolo, die grau und düster den geborstenen Felsentrümmern sich anpassen, den romantischen Eintritt ins Gebirge. Die Bahn macht große Krümmungen, durchbraust mehrere Tunnels, die Landschaft wechselt. Bei Doltna in Mitte reichen Obstsegens taucht ein letzter Blick in die blaue Bucht, während die einsame Kirche von Potage schon wieder Felsenberge krönt. Eine große Biegung zwischen Ort und Station Draga von Buchweizenfeldern getrennt, bringt uns zur höchsten Steigung der Bahn; dann durch viele Tunnels, an Kastanienwäldern vorüber, nach Station Herpelje. Eine eigenthümliche Beschuhung der Bewohner der benachbarten slovenischen Ortschaften fällt hier auf: die Opanken, einfache Ledersohlen mittelst Riemen am Fuße befestigt. Rodik ist ein hübscher Ort mit hohem Thurm am Fuße eines bewaldeten Bergkegcls. Hier zeigt sich, wie an manchen andern Stellen des Karstes, z. B. bei Adelsberg, die glückliche Aufforstung des Terrains, die hier ein Pfarrherr vor 30 Jahren trotz vieler Mühe mit Erfolg bewerkstelligte; wo indeß Bora herrscht, ist der Baumwuchs wie abgeschnitten. Wir kommen nun zur Station Divaca mit den oben beschriebenen St. Canzians-Höhlen und finden uns andern Tags in Nömerbad. (Schluß folgt.) --«-z-WU-«- Wichtige Berkehrsiverke. Von Fer. Neu Heck. - (Nachdruck verboten.; Eine mächtige, folgenreiche Errungenschaft unseres Jahrhunderts sind die neuen Verkehrs werke. Durch sie sind die geographischen Schranken gefallen, welche die Völker, ja, die Welttheile verschlossen. Was die einzelnen Völker in Urproduktion, Fabrikation und Gewerbe durch Intelligenz, Fleiß und Kunst zu Tage fördern, kann jetzt Gemeingut der Welt werden. Es handelt sich aber nicht bloß um die Verbreitung und Gewinnung nur materieller Güter, sondern auch — und nicht etwa nebensächlich — um die geistigen Güter, welche den materiellen erst die Weihe und ihren wahren Werth verleihen. In Schaffung von Verkehrsmitteln hat die neue Zeit eine erstaunliche Thatkraft und Opferwilligkeit entfaltet, und thut es noch; große Unternehmungen sind eben noch im Werke, namentlich im Bereiche der praktischen Kolonialpolitik, wie z. B. dem Bau von Eisenbahnen. Schon längere Zeit vollendete Vcrkehrswcrke bieten jetzt einen sehr interessanten Einblick in den durch sie in bedeutendem Maße geförderten internationalen Verkehr. Wir wollen z. B. heute in dieser Beziehung an den Suez-Kanal erinnern, und in Bezug aus das Eisenbahnwesen au die im Bau begriffene Bahn in Belgisch-Kongo (Wcstafrika). Den Suez-Kanal (Nordafrika) frequcntirtm im Jahre 1893 3341 Schiffe. Dieselben enthielten an Fahr- gütern ein Ge ammtgcwicht von 7,659,000 Tonnen. Eine Tonne enthält 40 Lasten — die Last — 25 Kilogramm, somit 1 Tonne 20 Neuccntner („Zvllcentner?").*) Der 7,659,000 Tonnengehalt entziffert also die respectable Summe von 153,180,000 Centner. — Von der Ge- fammtzohl der Schiffe gehören: England 2405 (!), Deutschland 272, Frankreich 190(1), Holland 178, Oesterreich- Ungarn 71, Italien 67, Norwegen 50, Türkei 34, Spanien 29, Rußland 24, Portugal 10, Aegyvtcn 5, Nordamerika 3, Belgien, Japan, Brasilien je 1. Die Frachttaxe der Durchfahrt ist für jede Tonne *) Man berechnete im Schiffswesen die Tonne mit 20 Cent- nern, weil dieses Gewicht der mit Meerwasser gestillten Tonne entspricht. D. V. Ladung (Nettogewicht) 10 Franken. — Pcrsonentoxe — ebensoviel — für 1 Passagier. Der Passagiere warm es 186,495. Die Länge des Kanals beträgt 160 1cm; die größte Breite an der Sohle 22 w, am Wasserspiegel 58—100 m; die Tiefe 7—9 m. — Die mittlere Zeitdauer der Durchfahrt währt 20 Stunden 44 Minuten. Durch den Suezkanal und die Dampfmaschine ist der Weg nach Ostindien und dem fernsten Ostasien iu fabelhafter Weise abgekürzt. Einst brauchten wir, um nach Ostindien, China, Japan zu gelangen, ein Jahr, bei großen Hindernissen an zwei Jahre; heute genügen 28—32 Tage und nach dem südlichsten Theile Japans 39—42 Tage. — Einen besonderen Gewinn zieht daraus das erhabene Misfionswerk zur christlichen Civilisation. In sehr rühmlicher Weise verbindet Belgien in seiner Kolonialpolitik im Kongostaat eben das christliche Civili- sationswerk mit seinen materiellen Zwecken — voran der hochherzige König Leopold. Was unter seiner Aegide der kleine Staat Belgien im Kongoland schon geleistet, ist wirklich erstaunlich; und eben ist es an einem ungcmein schwierigen und kostspieligen Werke — am Bau einer Eisenbahn für die nicht schiffbare Strecke des Unterkongo. Der Kongo ist der Laufweite nach der vicrtgrößte Niesen- strom der Erde; seiner Wassermenge nach aber der dritte. Die Rangfolge ist: 1. der Amazonenflnß in Südamerika, 2. der Aang-tsc-kiang in China, 3. der Nil in Nord- asrika, 4. der Kongo; in der Wasserfülle kommt der Kongo vor dem Nil. Dieser hat eine Länge von 5600 km, der Kongo von 4900 km; der Nil mündet in der Secunde 8500 obm in daS Meer (Mittelländisches); der Kongo dagegen (in's Atlantische Meer) in der Secunde 54,000 obiQ (I); das beträgt in einer Stunde 200 Milliarden Liter. Der Kongo erreicht eine Tiefe von 100 m, im Mündungsgebiet 300—400 m, "^) und an manchen Stellen dehnt er sich aus zu einer Secbrcite. Die mächtige Wasserfülle des Kongo bildet sich durch seine großen Nebenflüffe, von denen mehrere selbst Niesen- ströme sind. Der Laus des Kongo stellt einen kolossalen Halbkreis dar, dessen Becken — etwa in der Mitte des belgischen Kongostaatcs, von Norden nach Süden — eine Tiefe von 120 geographischen Meilen (240 Stunden) und dessen Breite unten im Süden 160—195 geographisch- Meilen hat. — Im Osten — tief im Süden entspringend, von mehreren Seen gespeist — fließt er in einer dreigliedrigen Vogenlinie nach Westen. Die erste oder östliche Linie steigt in nördlicher Richtung, etwas nach Westen geneigt, bis zu den Stanley-Fällen. Oberhalb derselben wird der Kongo schiffbar — für größere Fahrzeuge. Nun biegt der Laus zuerst in streng nördlicher Richtung, dann fast in gerader nach Westen ab: das ist die nördliche Bogeulinie, in welche von Norden und Nordosten kommend mehrere große Flüsse münden, darunter der vielgenannte Aruwimi. Diese nördliche Linie hat eine Länge von 7 Breitegraden; bei ihren Biegungen dürfen wir aber ein Zumaß geben, so daß sich etwa 113 geographische Meilen ergeben. Am 18. Grad östlicher Länge und unterm 2. Grad nördlicher Breite biegt der Laus jäh nach Süden ab: das ist die **) Der Kongo übertrifft die Wasserstelle des Mississippi, der 24,000 oben mündet, um das Doppelte. Der Slmazoncn- fluß aller mündet in einer Stunde an 800 Millionen ebm, wahrend beim Kongo die Zahl auf nur 200 Millionen ebw steigt. 728 westliche Linie — und die Hanptlinie. Im Unterlaufe dehnt sich der Strom immer weiter nach Westen, so daß er unterm 13. Länger,rade und 6. Grad südlicher Breite mündet. Durch diese weite Ausdehnung erkält diese Vogenlinie eine Länge von ca. 145 geographischen Meilen. In diese Westtinie münden die bedemendstcn schiffbaren Flüsse: auf der Westseite der Ubanghi und Buloko — beide 1000 Icur weit schiffbar. Auf der östlichen Seite münden: der Kassai-Sankuru (von denen der Kassai weit von Süden, der Sankuru weit von Osten herkommt), bietet eine Wasserstraße von 30001cm (!); der Tschuapa mit dem Matumbasee und der Jkelemba mit 7451cm, der Lulongo mit 600 Irrn; der Kongo selbst hat eine schiffbare Länge von 16001cm; zusammen eine Wasserstraße von 10,000 1cm. Das ist ein rcspectabler Wasserweg; nur möchte man wünschen, daß die ganze Westlinie schiffbar wäre. Das ist jedoch leider nicht der Fall. Der ganze Unterlauf, ausgenommen eine kleine Strecke vor der Mündung, ist wegen mächtiger Wasser- schnellen und Wasserfälle bis hinauf zum Stanley-Pool (Pool zn deutsch See) nicht schiffbar; also bis zum Mittellauf der Westlinie. Darum hat es Belgien unternommen, an dieser Strecke eine Eisenbahn zu bauen. Der felsige Grund und das ungünstige Terrain überhaupt und hiezu noch ein höchst ungesundes Klima gestalten diesenBau zu einem der schwierigsten und kostspieligsten seiner Art. Er wurde im Jahre 1890 in Angriff genommen. Mit säst übermenschlicher Anstrengung konnte man in nun bereits vier Jahren erst eine Strecke von 401cm fertig stellen, und in vier Jahren hoffte man mit der ganzen Strecke, die 435 km mißt, fertig zu werden! Ein Haupthinderniß ist der Arbeitermangel. Aber auch den Kostenvoranschlag überstieg bisher die Ausgabe. Die Gesammt-Summe wurde auf 25 Millionen Franken geschätzt; die jährliche Verausgabung auf 1,2 Millionen. Diese letztere Summe ist jedoch jährlich auf 2,8 Millionen gestiegen! Wahrhaftig, dieses Unternehmen erfordert einen herzwarmen Patriotismus und einen hohen Grad von Muth! — Die Einnahmen des belgischen Kongostaates aus den Erträgnissen desselben betragen nur 14/z Million Franken; dazu kommt noch die Staatssubvention von 1,600,000 Franken und bedeutende Zulagen aus der Privatkasse des Königs. Die jährliche Ausgabe dagegen beträgt 5,400,000 Franken (nach dem officiellen Jahresbericht von 1894). Gewiß, diese große Opferwilligkcit Belgiens verdient alle Anerkennung, wie auch ein Kongo- Missionär in den „Kathol. Missionen" Nr. 10 betont, und im Hinblick daraus, daß dieser Staat auch für die Kongo-Mission so Hochverdienstliches leistet, dabei die Hoffnung ausspricht, der wir wohl Alle beistimmen: „daß Belgiens hochherzige Förderung des Missions- werles auch seinen materiellen Bestrebungen den Segen von Oben zuwenden wird". ALLsNZeL» Zur Geschichte der Kartoffel. Die französische Nckerbangesellschaft hat von den Herren Vilmorin und Heuzo eine umfangreiche und gründliche Darstellung der Herkunft und Verbreitung der Kartoffel erhalten. Wir entnehmen daraus nach dem „Temps" die nachfolgenden Angaben: Die Kartoffel wächst wild in Peru und Chile, sowie auf den benachbarten Inseln. Gebaut wurde sie nachweislich in den westlichen Küstenländern Südamerikas lange vor der Ankunft der Spanier. Die ersten Geschichtschreiber des Landes erwähnen der Kartoffel als eines allgemein üblichen Nahrungsmittels der Peruaner; es gab weiße, gelbe und rothe Sorten. Zarate Acosta, ein castillianischer Schriftsteller, der 1514 Schatzmeister in Peru war, hat sie zu dieser Zeit beschrieben. Die Spanier brachten die Kartoffel in ihre Heimath, und von da wanderte sie nach Italien, wo sie gegen Ende des 16. Jahrhunderts unter dem Namen tarrrtuM (Erdtrüffeln, daher der Name „Kartoffel") ziemlich bekannt war. John Hawkins brachte sie 1586 von Santa Fs nach Irland. Charles de l'Escluse (Clusius), Professor der Akademie von Leyden, erhielt 1588 zwei Kartoffeln, die der päpstliche Legat einem seiner Freunde geschenkt hatte; er beschrieb sie in seiner Geschichte seltener Pflanzen, wobei er bemerkte, in Italien sei die Kartoffel so verbreitet, daß man sie den Schweinen gebe. Nach London wurde sie direkt aus Virginicn durch den Admiral Drake gebracht, der sie zuerst in die englischen Kolonien Nordamerikas eingeführt hatte; sie wurde aber nicht beachtet. Erst 1628, als sie zum zweiten Male, diesmal durch Walter Raleigh, nach England gebracht wurde, begann ihr Anbau auf den britischen Inseln sich zu verbreiten. Nach Humboldt geschah der Anbau im Großen seit 1634 in Lancashire, seit 1717 in Sachsen, seit 1728 in Schottland, seit 1733 in Preußen; nach der großen Hungersnoth von 1771 verbreitete sie sich über ganz Deutschland; in Frankreich wurde sie 1592 durch Gas- pard Bauhins eingeführt; sie verbreitete sich rasch in der Freigrafschaft, in den Vogesen und in Burgund. Bald aber wurde sie verfolgt und verboten, namentlich von den Parlamenten. Das Parlament (Oberster Gerichtshof) von Besangon fällte folgendes Urtheil: „In Anbetracht, daß die sogenannten Erdäpfel eine schädliche Frucht sind und ihr Genuß den Aussatz hervorrufen kann, verbieten wir hiermit ihren Anbau in unserem Lande bei schwerer Strafe." In Lothringen wurde die Kartoffel 1719 dem Zehnten unterworfen, in andern Gegenden war sie davon befreit. Von 1761 an that Duhamel viel für ihre Verbreitung. Turgot ließ sich von der medicinischen Fakultät von Paris ein Gutachten geben, das die Kartoffel für ein höchst nützliches und gesundes Nahrungsmittel erklärte. Auch er that viel für deren Verbreitung. Ebenso die Geistlichkeit. Der Bischof Varral von Castres theilte den Pfarrern seiner Diözese Kartoffeln aus und lehrte sie den Anbau. Von 1778 an bewirkte dann Parmen- tier, daß die Kartoffel in ganz Frankreich angebaut wurde und auch in die entlegensten Thäler drang. -- Engel Liaö Eis Abel Zelot Amen Au Stern Akrostichon. Aus jedein der nebenstehenden Wörter ist durch Versetzung eines Buchstabens ein neues Wort zu bilden. Die hinzugefügten Buchstaben ergeben in anderer Reihenfolge den Titelhelden einer allen Knaben bekannten Erzählung. Auslösung des Vilder-Näthscls in Nr. 92: Stiergefechte. AntkMltimg zsr „Augsburger PostMung". 94. Dinstag, den 20. November 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas >ür Grabherr in Augsburg Weber. ^ In der weitläufigen Dom-Bücherei sah es am Früh- . morgen deS vierzehnten Tages im Herbstmonate gar be- j haglich aus. Ein großes Feuer loderte im Kamin, und Kienfackeln beleuchteten die mächtigen in Schweinsleder gebundenen Folianten, so zwischen den Säulen auf hohen Gestellen sich aneinander reihten. j Drinnen waltete ruhig und umsichtig Herr Ekkehard. ^ Der war ein Sachsensproß aus dem nahen Harsum. Er hatte einstmals mit Bischof Bernward zugleich zu Thang- mars Füßen gesessen, so damals Vorsteher der Domschule und heute Domdecan war. Herr Ekkehard aber war inzwischen Bischof von Schleswig geworden. Die Wenden jedoch hatten ihn von seinem Bischofssitz vertrieben. Da hatte alsdann der Flüchtling offene Arme gefunden in Hildesheim bei seinem Mitschüler, dem Bischof, und bei seinem Lehrmeister, dem Decan. Nach besten Kräften waltete er hier und dorten und nahm insbesondere sich mit Liebe und Geschick der Dom-Bücherei an. „Unser heiliger Bischof Altfried möge Euch droben , den Dienst gedenken, den Ihr seinem Stift mit dem ^ Ordnen der Wissenschaften leistet," sprach eine tiefe Stimme vom Eingang her, und die kraftvolle Gestalt Herrn Thangmars erschien auf der Schwelle. Selbiger trat näher und erzählte nicht ohne Ingrimm: j „Vernehmt nur, der Mainzer Erzbischof sendet eben ein Pergament mit der Botschaft, daß er aus eigener Machtvollkommenheit die Kirchweihe zu Gandersheim auf das Matthäusfest verlegt habe, und daß unser bischöflicher Herr ihm ungesäumt an besagtem Tage entgegenkommen solle." „Wäre es möglich?" rief Ekkehard erregt. „Es ist so," bestätigte Thangmar und fügte hinzu: „Der Mainzer Bote aber ist schon mit einem Schreiben unseres Herrn auf dem Heimweg, worin Herr Bernward der Wahrheit gemäß dem Erzbischof meldet, er sei durch kaiserliche Aufträge in Anspruch genommen, mit wichtigen Dingen beschäftigt und könne nicht, wie befohlen, am Matthäustage ihm entgegenkommen. Und so reisen . wir heute nach Gandersheim, die Einweihung zu vollziehen, wie die Aebtissin Gerberga ursprünglich bestimmt hat." „Recht sol" sprach Ekkehard. „Und Gottes Segen geleite Euch!" „Dank für den guten Wunsch I Eine leichte Sache ist es nicht, die uns bevorsteht. Gehabt Euch wohl!" sagte Herr Thangmar und ging mit entschiedenen Schritten von dannen. Das war am Feste Kreuzeserhöhung. , Sechs Wochen später finden wir den fremden Schüler Klaus vom Rhein gar traulich im Hause Diethelms. Auf der Kunstschule arbeitet der Strebsame tagsüber mit Feuereifer und Geschick; seine Kräfte wuchsen. Die schöne Rast aber, die ihm sein Beruf des Abends freiließ, durfte er nutzen zu herzerquickendem Thun. Manch lehrreich Gespräch mit seinem Gastherrn Diethelm konnt, er führen, manch traulich Stündlein mit Frau Gisela und Jungfrau Clothild verplaudern. So saßen sie stets beschaulich des Abends beisammen, sahen dem Sonnenuntergang zu, hörten die letzten Lieder der Amsel. Dann nahm Clothild ihr Saitenspiel und stimmte fromme Weisen an, zuerst den englischen Gruß. Sie schaute fromm gegen den Abendhimmel und sang mit ihrer tiefen Altstimme: „Gegrüßt seist Du, Maria!" und die Andern fielen ein in ihren Gruß, und das Aveglöckchen des Marien- domes läutete sein Amen. Bei diesem frommen Lied ließ Clothild es nicht bewenden, und Herr Klaus, der manchen neuen Sang und manche alte Mär, wie das Waltharilied und den Sang von Hildebrand und Hadubrand zu singen wußte und selber Ton und Weise dazu finden konnte, gab der Jungfrau an, wie sie das Saitenspiel handhaben mußte, um das, was er singen und sagen wollte, so wie es ihm um's Herz war, nach seinen Gedanken zu begleiten. Er fand eine verständige Freundin, eine Geistesgenosstn. Und die Musik redete von Herz zu Herzen. Zuweilen auch sang Klaus ohne Begleitung im Sprechtone: „Uns ist in alten Mären Wunders viel gesagt von ruhmes- werthen Helden, von großer Kühnheit, von Freuden und von Festen, von Weinen und von Klagen — von kühner Recken Streiten möget ihr nun Wunder hören sagen." Dann lauschten Alle athemlos der Nibelungen Noth, bis der Sänger geendet. Herr Klaus vom Rheine war wohlig zufrieden. Die Zeit verstrich ihm gleichmäßig ruhig und arbeit- bringend. Dankbar gab er sich Mühe, alles nach den Wünschen feiner Gastleute zu machen. So war in Meister Diethelms stillen Haushalt seit der Einkehr des rheinischen Gastes ein neuer froher Geist gezogen; nicht laute Lustigkeit, die paßte in das Haus ebensowenig, wie in die Kirche, aber vollkommenere stille Freude an den Künsten und verdoppelte Fröhlichkeit der Herzen im gegenseitigen Ermuntern zum Guten und Edeln. Das Aussprechen mit einander, die Wechselreden über Kunst gaben neuen Stoff zu ernstem Nachdenken, zu fruchtbarem Schaffen. Herrn Klaus schien es auch eine rechte Freude, zu sehen, wie wirthlich und gewandt die anmuthige Clo- thilde alles zu ordnen wußte. Ein schlimmerer Punkt aber war der: Wenn auch der Maler Klaus sehr wortreich vow rheinischen Leben zu berichten wußte, so wurde er redekarg, wenn er von sich selber, von seiner Vergangenheit, von seinen Verwandten erzählen sollte. Er sprach nur gerne von dem, was er heute zu schaffen vorhatte und zu leisten vermochte. Aber das Unausgesprochene war ein Hemmniß im unbefangenen Verkehr. Das fühlten Alle. Gegen Ende des Weinmonats, der freilich seinem Namen im nordischen Hildesheim gar wenig Ehre machte, saßen sie wie jeden Abend traulich in Meister Diethelms Wohnstube beisammen. Draußen gingen die Herbststürme, und drinnen sprühte das Kaminfeuer. Um das warme, hellaufsprühende schaarte sich die Familie. Es war ein gar freundliches Bild. Wie ist doch die Welt so schön, so reich, wenn Freunde sich aneinander schließen! Was der belebende Sonnenstrahl der Erde, das ist die herzliche Freundschaft 731 dem Menschen. So wenig reicht aus, um glücklich zu sein. Nur der ist arm, der im großen Welttreiben auf dem Erdenrund kein friedsam Plätzchen gefunden hat, um sich niederzusetzen. Sie sangen vierstimmig zur Clothildens Spiel die wunderliebliche Melodie: „Es ist ein Reis entsprungen aus einer Wurzel zart." Das Lied gab ihnen ein Vorgefühl vom nicht allzufernen Christfest. Und die vier glücklichen Menschen dachten an der Engel Sang: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden allen, die guten Willens sind." Sie hatten nur den einen Wunsch: „Daß es lange so bleibe!" „Hier ist es gut sein," sprach Heribert, der unver° merkt in das nicht verschlossene Haus eingetreten war. Freudig hießen Alle den späten Gast willkommen. Kunstschätze Italiens, Roms sehen und kennen zu lernen, das war mehr, als Klaus jemals erhofft und erträumt hatte. Er war außer sich vor stolz-demüthtger Glückseligkeit. Sein Gastherr Diethelm trat vor, bot ihm die Hand und sprach freudig: ^ „So nimm meinen Segenswunsch, Du beglücktes Menschenkind! Unser heiliger Altfried behüte und schirme Dich auf der Reise." „Dank Euch für den guten Wunsch," sagte Klaus. Da kam quch die milde Hausfrau auf ihn zu, Wehmuth im Blicke. k „Ich habe niemals einen Sohn gehabt," also sprach > Frau Gisela. „Doch heute ist es mir, lieber Klaus, als ob ich einen Sohn in die weite Welt entlassen sollte. Mein Segen geleite Dich!" MM WAW AM '.PUU Die Dosen der heil. Ttisadelh. Der strahlte vor Glück und platzte sogleich mit seiner Botschaft hervor: „Lieber Klaus, ich soll Dir vermelden. Du darfst gleich mir unsern bischöflichen Herrn nach Wälschland, nach Rom begleiten. Schnüre Dein Bündel. In wenig Tagen reiten wir." Die Wirkung dieser Worte war außerordentlich. Fassungslos starrte Klaus den Freudenboten an: er vermochte kaum zu glauben, daß ihm solches Heil widerfahren solle. Dann plötzlich aber sprang er in wahrem Taumel auf, warf sich jubelnd an des Freundes Brust und umhalste ihn stürmisch. Ja, er Hütte die ganze Welt umarmen, alle Menschen glücklich sehen mögen. Erlesen zu sein, unter des gelehrten Bischofs Führung, unter der Leitung Herrn Bernwards, den er schwärmerisch verehrte, wie keinen anderen Menschen, die Klaus vom Nheine dankte herzlich und schaute sich um nach der stillen Clothild. Die war bleich und stumm geworden wie ein Marmorbild, und ebenso unbewegt. Er schritt auf sie zu und beugte sich zu ihr nieder. „Habt Ihr allein keinen Segensspruch, keinen Wunsch für mich?" fragte er bewegt. Die Maid schaute traurig empor, und Klaus sah ihre großen blauen Augen in Thränen. „Mir geht's wie der Mutter," sprach sie einfach. „Ich habe keinen Bruder gehabt, und doch habe ich die Empfindung, als ob ein Bruder mir in das Wälschland zöge. O möge der liebe Gott Euch beschützen!" Klaus aber hatte kein Verständniß für ihre gefühlvolle Trauer. „Das wird er, Jungfrau Clothild; ganz gewiß wird 732 der liebe Herrgott das, denn er hat mich berufen," sagte er freudig und zuversichtlich. Heribert stand beiseite, wischte verhohlen mit der Hand über die Augen und dachte: „Wohl dem, der ein solches Heimathhaus gefun- ^ den hat!" ! Meister Dieihelm entriß ihn seiner Betrachtung. „Heribert, Ihr wart dazumal mit unserm Herrn nach Gandersheim geritten, erzählt, wie war's mit der Unbild, so ihm daselbst geschah." Der Aufforderung entsprach Heribert nicht ungern. Es wurmte ihn noch grimmig, wenn er an das Erleb- niß dachte. j „Das war folgendermaßen: Wir kamen des Mor- > gens früh nach Gandersheim und fanden dort statt feier- > lichen Empfanges und rechtmäßiger Ehrenbezeigungen vor der Kirchcnthüre eine erkleckliche Menschenmenge, so bereit war, mit Stangen und Waffen auf unseren hochwürdigen Herrn einzudringen, falls er sich herausnehmen würde, die Einweihung der Kirche zu vollziehen. Dazu war er doch auf altes Recht hin von der Aebtissin Ger- berga berufen. „Das Stift gehört zu Mainz, wir haben eine neue Grenze gefunden I schrie der Anführer und schwang seinen rostigen Spieß. Unser Herr aber ließ sich nicht beirren. Trotz der Schmähungen, trotz der Unbilden von allen Seiten trat er ein, hielt er — es war ergreifend — das feierliche Hochamt. „Viel treues Volk war bei der Kunde von der Ankunft seines Bischofs wie zu einem Feste zusammengekommen, und ein Fest war es auch. „Die Schwestern aber hatten ihren Sinn auf Mainz gestellt und zeigten sich entrüstet. Als Herr Bischof Bernward sie, wie gebräuchlich, zur Opfergabe ermähnte, warfen einige die Gaben mit Zorn unserem Herrn vor dio Füße. Der aber, durch einen so unerhörten Aufruhr auf's Tiefste bewegt, brach in Thränen aus, nicht weil er sich selber, sondern weil er Gott beleidigt sah. Er kehrte indessen zum Altare zurück und vollendete mit großer Inbrunst die heilige Messe. Dann wandte er sich zum Gandersheimischen Volk mit väterlicher Anrede, tröstete dasselbe und segnete es. Darauf kehrte er, von selbigem ehrenvoll auf den Weg geleitet, dorthin zurück, woher er gekommen war." „Welche Demuth und welche Mäßigung des hohen Herrn!" rief Diethelm aus. „Wer möchte glauben, daß ein Mann von so hoher geistlicher Würde, von solch' edelem Geschlecht und von so vielen Dienstmannen umgeben, den Kränkungen lieber mit Geduld, als mit Gewalt begegnen wollte!" Er fuhr mit der Hand über die Stirn. „Ja, ja, ich weiß, der gestrenge Herr Willegis glaubt ein Recht auf Gandersheim zu haben, wenn schon unser gelehrter Herr Thangmar durch Pergamente nachgewiesen hat, daß das Kloster immer zum Stifte Hildesheim gehörte. Meines Erachtens liegt die Sache so: „Der Sachsenherzog Liudolf baute das Kloster zuerst auf dem rechten Ufer der Gande, auf Hildesheimi- schem Gebiet, und unser heiliger Bischof Altfried weihte es ein. Etliche Jahre später baute Liudolf nun auf dem linken Ufer der Gande, so zu Mainz gerechnet ward. Und weil das ganze Gebiet dem Liudolf gehörte, verblieb alles bei Hildesheim und wurde auch später immer ! zum Hildeshcimer Stift gerechnet. Die Mainzer achte- ! ten nicht darauf, der Landstrich war ihnen zu entlegen. Heute, da das Gandersheimer Stift mächtig geworden ist und der Sophia viel daran liegt, daß das Kloster unter die Obsorge von Mainz komme, da wollen sie Ansprüche geltend machen und finden Leute, die bezeugen, daß es ursprünglich auf Mainzer Gebiet erbaut sei. Wir aber sind im Besitz. Die Mainzer hätten vermeintliche Rechte vor zwei und einem halben Jahrhundert geltend machen sollen. Unser bischöflicher Herr muß als Landesfürst seine Ansprüche vertreten." „Das thut er", versicherte Heribert. „Wie gings denn zu am Matthäustage?" forschte Diethelm. Heribert lächelte. „Das berichtete mir unser Herr Thangmar Ich selber war nicht dabei. Herr Willegis stellte sich in der Absicht, die Kirche zu weihen, am Tage vor Matthäi ein mit den Bischöfen Rethar von Paderborn und Be- rengar von Werden, auch mit dem Herzog Bernhard und großer Gefolgschaft. Statt unseres Herrn aber trat ihm entgegen Herr Bischof Ekkehard von ^Schleswig mit unserm Herrn Thangmar und den Angesehensten des Hildcsheimer Capitels. Ekkehard vertheidigte mit großer Festigkeit und mit kräftigem Nachdruck die Ansprüche und Rechte Hildesheims. Er setzte es also mannhaft durch, daß Herr Willegis von der Kirchweihe abstand. Darauf gingen Alle in Zwiespalt auseinander. Das Zerwürfniß bekümmert unsern Herrn Bernward ungemein." „Das glaube ich," sprach Diethelm. „So ist dieser unselige Streit auch die Ursache, daß unser Herr zur Wiederherstellung des Friedens nach Rom zu dem Oberhaupte der Christenheit und zu dem deutschen Kaiser pilgert." Heribert schüttelte den Kopf. „Darin geht Ihr zu weit, Meister Diethelm. Unser Herr brennt schon seit Monden vor Verlangen, dem Rufe des Kaisers zu folgen und den hohen Jüngling, den er zum Guten erzogen hat, daselbst in seiner ganzen Würde zu sehen. Er liebt den jungen Otto wie den eigenen Sohn. Wahrscheinlich wird er beim Wiedersehen den Gandersheimer Streit nicht vergessen und eine Schlichtung der Sache herbeiführen. Doch ist diese ärgerliche Angelegenheit keineswegs die Veranlassung zur Fahrt nach Rom. Die Liebe zu seinem kaiserlichen Zögling allein bestimmt unsern Herrn zur weiten Reise, so ihm mitten im kalten Winter schlecht zusagt. Freilich auch seine große Liebe für die Kunstbestrebungen unserer Zeit treiben ihn an zu einer Wanderung nach Rom, dem Mittelpunkt aller geistigen Bildung. Und mit ihm ziehen auch wir fort in's Weite," vollendete Heribert freudig. „Sankt Altfried behüte und schirme Euch alle!" sagte Diethelm. „Wir wollen für Euch beten. Fahret wohl!" Sie schüttelten sich die Hände. (Fortsetzung folgt.) -- Goldkörner. And're Natur wird Uebung; was jung du einst in den Künsten Hast gelernt, wird nie rauben das Aller hinweg. Owen. 733 Das 150jährige Jubiläum des kgl. bayer. 4. Chevauleger-Kegiments „König". (Schluß.) Eisige Nordwinde sausten über die unwirthltchen Steppen, immer tiefer sinkt die Quecksilbersäule des Thermometers, das Blut erstarrt in den Adern, aber weiter, weiter gegen den Westen, wo die Rettung winkt, ziehen auf der Brücke, und mit gezogenem Degen hüten Mar- schälle von Frankreich den Zugang zu der schmalen Holzbahn, die hinüber nach dem rettenden Ufer führt. Immer furchtbarer ist das Drängen, denn schon !l AM die Trümmer, die so traurigen Neste der noch vor kurzem so herrlichen Reitertruppe. Am 27. November war es, da erreichten die traurigen Trümmer der vor kurzem noch so herrlichen und stolzen Regimenter die Unglücksbrücke die über den Unglücksstrom führt. Grauenhaft ist das Gewühl vor und fährt die russische Artillerie auf, und ihre Feuerschlünde schleudern von nahen Höhen Tod und Verderben in den in qualvoller Enge eingeengten Knäuel von Menschenleibern. General Graf Preysing bittet, ja er fleht, es möge ihm vergönnt sein, seine Chevaulegers, die sich für den Imperator geopfert, die Pferde am Zügel führend, 731 die Brücke passiren zu lassen. Es wurde ihm gewährt, aber nur wenige Unglücksgefährten sind ihm geblieben, darunter Major Bieber und Rittmeister Fuchs von den Königs-Chevaulegers. Weiter geht nun der Zug der Handvoll Bayern, die sich sogar in dem Schnee verirren und gezwungen sind, den Uebergang auf der Eisdecke eines Teiches zu versuchen. Wie gewöhnlich, ritt der Major v. Bieber unseres Regimentes an der Spitze seiner Schicksalsgenossen, während der General Preysing den kleinen Zug beschloß. Da berstet mit markerschüterndem Krachen die Eisdecke, und der General, sowie einige Chevaulegers brechen ein und kämpfen mit den Fluthen einen furchtbaren Kampf auf Tod und Leben, bis es dem Geueralstäbler F-lotow im Verein mit dem Rittmeister Fuchs von den Köuigs-Che- vaulegers gelingt, die Unglücklichen unter unsäglichen Schwierigkeiten und unter persönlicher Gefahr zu retten. Zwar hatten in Poloczk die bayerischen Truppen Verstärkung erhalten, die aus der Heimath nachgesandt worden war, aber trotzdem war es nur möglich, aus je zwei Chevaulegers-Regimentern je eine Eskadron zu formiren, und zwar bildeten die Königs-Chevaulegers mit Leiningen zusammen die 3. Eskadron des kombinirten Regiments, welches unter Kommando des Majors Baron Hertling unseres Regimentes stand und bei der Musterung am 2. Jänner 1813 zu Poloczk 9 Offiziere und 355 Pferde musterte. Von unserem Regimente war nichts geblieben, als sein leuchtender Name, vernichtet war die Heldenschaar. In der Stärke von 521 Mann war das Regiment ausgelitten; nur 39 kehrten im Laufe des Frühlings all- mälig wieder nach Augsburg zurück. Die Fortdauer des Krieges gestattete keine Trauer. Die letzten Kräfte des Landes mußten aufgeboten werden, um eine neue Armee an Stelle des untergegangenen Heeres zu stellen, und schon am 20. März 1813 zog eine neu formirte Eskadron nach Bamberg, um sich dort mit den Eskadronen anderer Regimenter zu einem Regimente zu verbinden, welches nach Sachsen dirigirt und dem Befehle des Marschalls Oudinot unterstellt wurde. Das Regiment kämpfte mit großer Bravour bei Bautzen, Luppenau, Wittenberg und Jüterbogk, allerdings mit blutigen Verlusten. Nach dem Vertrage von Ried, schied es aus der Verbindung mit den Franzosen und kehrte in die Heimath zurück. Auch Bayern hatte sich der Erhebung Europa's gegen den korsischen Unterdrücker angeschlossen. Im Januar des Jahres 1814 zog unser Regiment über die Vogesen, um in das Herz Frankreichs einzudringen, wo ihm kurz darauf Gelegenheit geboten werden sollte, seiner Geschichte einen der stolzesten Nuhmestage, den Tag der Schlacht von Brienne, einzuverleiben. Auch in den Schlachten von Bar sur Aube, in dem Reitergefecht von Malmaison, in der Schlacht von Ars sur Aube empfanden die Franzosen die scharfen Säbel der Vierer, und es war eine wohlverdiente Auszeichnung, daß das Regiment an dem Einmarsch der Verbündeten in Paris, 1. April 1814, sich betheiligen durfte. Hierauf bildete es kurze Zeit einen Theil der Garnison von Aney und kehrte am 23. Juni wieder in seine liebe Garnison Augsburg zurück. Die Rückkehr Napoleons von Elba rief die Welt neuerdings unter Waffen. Auch das 4. Regiment zog abermals über den Rhein; das Schicksal dieses Feldzuges wurde jedoch im Norden, in Belgien, auf dem Schlachtfelde von Waterloo entschieden, und die Theilnahme des Regimentes an den Kämpfen beschränkte sich auf einige unbedeutende Engagements. Am 10. Dezember kehrte das Regiment wieder nach Augsburg zurück. AIS im Jahre 1832 dem bayerischen Königssohne Otto, der den Thron von Griechenland bestiegen hatte, ein bayerisches Trup- pencorps zur Verfügung gestellt wurde, gab auch oas 4. Chevaulegers-Regiment hierzu eine Eskadron ab, welche am 3. Februar 1833 in Nauplia landete. Sie verblieb ein Jahr in Griechenland, ohne irgendwelche nennenswerte Thätigkeit auszuüben, und kehrte im November wieder zurück, um allerdings bei der Rückreise den Schrecken eines furchtbaren Seesturmes kennen zu lernen. Als frohes Ereigniß in der Geschichte des Regiments ist der Eintritt Sr. K. Hoheit des Herzogs Ludwig zu verzeichnen. Se. K. Hoheit stand von 1863—1864 als Oberst an der Spitze des Regiments. Es waren nun lange Friedensjahre, bis im Jahre 1866 jener unselige Krieg entzündet wurde, welcher leider die Söhne deutscher Bruderstämme im blutigen Kriege gegen einander führte. Das Regiment zeichnete sich hier besonders in der Schlacht von Kissingen aus, wobei sich Rittmeister Frhr. v. Egloff- stein den Max-Joseph-Orden erkämpfte. Bei der brillanten Attaque der bayerischen Kavallerie in der Schlacht von Hettstädt ward dem Regiment leider nur die Aufgabe der Reserve zugewiesen. Am 8. September rückte es wieder in seine Garnison Augsburg ein. 1870 zog das Regiment zum dritten Male über den Rhein, Frankreichs Feldern zu I In dem großen Feldzuge finden wir nur ganz wenige Schlachten, in welchen die Reiterei mit jener Bedeutung eintritt, die ihr ehemals zukam; z. B. in dem Todesritt der Brigade Bredow; in dem großen Kürassierangriff von Reichshofen; im Todesritt der Division Marguerite bei Sedan. Unser Regiment war der zweiten Division als Divisionsregiment beigegeben , verließ am 30. Juli seine Garnison und überschritt den Rhein bei Germersheim. Es war dem Regiment nicht gegönnt, an den Schlachten von Weißenburg und Wörth theilzunehmen. Als Avantgarde der zweiten Division war der Dienst ein äußerst anstrengender, insbesondere bei der großen Abschweifung gegen die belgische Grenze, als es galt, Fühlung mit den Franzosen zu gewinnen, welche unter Mac Mahon von Norden her den in Metz eingeschlossenen Bazaine entsetzen wollten. Am 30. August stieß das Regiment bei Beaumont auf feindliche Biwaks und kam hierbei zum ersten Male in's Feuer. Das Regiment attakirte eine Mitrailleusenbatterie, welche sich jedoch noch zeitig retten konnte. An der Schlacht von Sedan nahm das Regiment keinen aktiven Antheil und wurde sodann zur Bewachung der französischen Gefangenen kommandirt. Am 22. September traf das Regiment vor Paris ein, wurde aber sehr bald an die Loire gesendet und kämpfte dort unter von der Tann mit großer Auszeichnung in den Schlachten von Beaugency und Bazoches les Hautes. Nach den Kämpfen von Orleans wurde es wieder nach Paris zurückbeordert, wo es bis zum 30. Januar 1871 blieb. Hier ward dem Regiment das schauerlich-schöne Schauspiel gegeben, den Brand von Paris und die Vernichtung der Kommune durch die Ver- sailler als unmittelbare Zuschauer zu beobachten. Dem Friedensvertrage gemäß blieb ein ansehnlicher Theil deutscher Truppen auf französischem Boden zurück, bis zur völligen Zahlung der Kriegskontribution. Auch das 4. Chevaulegers-Regiment gehörte zu den Occupations- W 736 Truppen und garnisonirte zwei Jahre lang in Sedan. Erst am 4. August 1873 kehrte es wieder in seine Garnison Augsburg zurück, in welcher es bis jetzt seit dem Jahre 1808 verweilt. Die Geschichte des tapferen Regimentes ist somit erzählt; es wären nur einige kleine Einzelheiten nachzutragen, welche aber in den Rahmen einer größeren Regimentsgeschichte gehören, welche, wie wir vernehmen, soeben abgefaßt wird. Wir haben die Uniformstypen in Zeichnungen vorgeführt; sie sind keine Phantasiebilder, sondern bis in's kleinste Detail genau und gewissenhaft nach dem vorhandenen Aktenmateriale gefertigt. Die erste Vignette zeigt das Regiment in seiner gegenwärtigen Ausrüstung. Als zweites Bild folgt das Regiment in der Uniform, in welcher es im siebenjährigen Kriege kämpfte. Im dritten Bilde hat die äußere Erscheinung vollständig gewechselt: der Reiter zieht im Typus der Rumford'schen Uniforms-Ver- änderung einher. Dennoch finden wir auf dem vierten Bilde abermals das Kaskett verschwunden, das Regiment „Churfürst-Chevaulegers" erscheint noch einmal mit feder- buschgeschmückten Hüten. An dieses Bild reiht sich die Uniform des Regimentes zur Zeit der napoleonischen Kriege, und unser Auge weilt vor allem befremdet auf den riesengroßen Helmen. Das Uniformirungsbild von 1870 schließt die Reihe unserer bildlichen Darstellungen. Das Regiment wird im Frühjahr in festlicher Weise die Feier seines 150jährigen Jubiläums begehen. Der Ehrentag ist wohl verdient. Das Regiment ist nicht nur der Uniform nach eines der schmucksten und schönsten des deutschen Heeres; seine Kriegsgeschichte steht, wie wir soeben vernommen haben, der Geschichte jedes anderen Regimentes würdig zur Seite. --- Zu unseren Bildern. Die Rosen der hl. Elisabeth. Am 19. November feiert die katholische Kirche das Fest der heiligen Elisabeth, Landgräfin von Thüringen. Die heilige Dienerin Gottes verwandte nach dem Tode ihres Gemahls, der 1227 auf einem Kreuzige in Otranto starb, alle ihre Einkünfte auf die Pflege der Armen und Kranken, für die sie in Marburg ein Hwpital stiftete; was sie selbst brauchte, erwarb sie sich durch ihrer Hände Arbeit. Sie starb am 19. November 123t. Wie die Legende schon von Wundern bei ihren Lebzeiten erzählte, so sollen einst, als ihr Gemahl den Korb, in dem sie den Eisenacher Armen Lebensmittel zutrug, öffnete, diese sich in Rosen verwandelt haben. Johann Tscrklaes, Graf von Tilly. Unter den berühmten Heerführern des dreißigjährigen Krieges glänzt Tilly als ein Stern erster Größe; nickt nur durck die Scklackten, die er gewann, sondern durch die Lauterkeit seines Charakters, die Reinheit seiner Sitten und das stete Bestreben, in diesem furchtbaren Verwüstungskriege strenge Manneszucht zu erhalten und so menschlich zu sein, als nur immer möglich; freilich scheiterten fline darauf gerichteten Bemühungen allzu bäustg an der Rohheit der damaligen Kriegsgebräuche, welche zu ändern er außer Stande war, nicht selten auch am bösen Willen seiner Untergebenen. Einem freiherrlichen Geschlechte in Brabant entsprossen, holte er sich auf dem Scklacht- felde bei Stadtlohn im Müniterschen, woselbst er den Herzog von Braunsckweig auf's Haupt schlug, den Grafentitel. Seine bekannteste That ist die Eroberung von Magdeburg, die seinem Namen Jahrhunderte hindurch das Schandmal eines Mordbrenners aufdrückte, bis erst in verhältnißmäßig neuer Zeit eine unbefangenere Geschichtsforschung zu Tage krackte, daß der Brand von Magdeburg nicht das Werk seiner Hände, sondern das der fanatisirten Bürger selbst war, und daß er mit Aufbietung aller verfügbaren Mittel dem Feuer Einhalt zu gebieten suchte. — Wie Tilly auf dem Schlachtfelde gelebt, so, kann man auch wohl sagen, starb er auf demselben. Im Alter von 73 Jahren vertheidigte er am 5. April 1632 bei Rain den Ueber- gang über den Lech, und es wurde ihm dabei durch eine Fal- conetkugel der reckte Oberschenkel zerschmettert. Tilly wurde zunächst aus der Schußlinie gebracht, und hier wurde ihm die erste Hilfe zu Theil. Das ist der Augenblick, den unsere Abbildung darstellt. Man führte ihn dann nach Jngolstadt, und dort starb er am 20. April in Folge seiner Wunde. Heute steht sein Bild rein und unbefleckt von dem Schmutze da, welcher sein Andenken länger als zwei Jahrhunderte hindurch getrübt hat. --S-X88SS- Allerlei. Hereingefallen. Herr sim Cigarrenladenj: „Führen Sie die Sorte Formoso?" — Händler: „Gewiß, mein Herr." — Herr: „Ist sie empfehlenswerth?" — Händler: „Außerordentlich! Namentlich die letzte Sendung ist ausgezeichnet." — Herr: „Danke! Sie schrieben mir aber, sie sei ganz schlecht ausgefallen. Ich freue mich, daß Sie jetzt anderer Meinung sind. Ich bin nämlich der Fabrikant. Guten Morgen!" * Kann stimmen. Im Vorsaal des Palais Bourbon in Paris begegnen sich zwei Abgeordnete; der Eine stellt dem Anderen einen Bekannten vor: „Erlauben Sie, lieber Kollege, daß ich Ihnen einen Herrn vorstelle, der die meisten Dummheiten der Welt in seinem Leben geschrieben hat." — „Sie sind wohl Journalist?" fragt der Andere. — „Nein, Kammerstenographl" * Schwere Wahl. Der Michel trägt in der rechten Rocktasche sein Frühstück, weich gekochte Eier, und seinen Rauchtabak. Unterwegs merkt er, daß der Tabakbeutel zerrissen und die Eier zerdrückt sind. „Soll ich jetzt," überlegt er, den Mischmasch betrübt betrachtend, „die G'schicht' essen oder rauchen?" X KindlicheFrage. Lehrerin sin der Naturgeschichts- stundej: „. . . . Der Maulwurf frißt täglich so viel als er wiegt . . . ." — Dorchen: „Fräulein, woher weiß denn aber der Maulwurf, wieviel er wiegt?" * Aus eigener Erfahrung. Professor: „Können Sie mir aus der Klasse der Kaltblütler noch eine andere Gattung nennen, welche eine solche staunenswerthe Vermehrungsfähigkeit besitzt?" — Kandidat: „Die Gläubiger!" -- Ailder-Fläthsek. HZ 95. „Augsburger PostMung". Ireitag, den 23. November 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Dermvarü von Mdesheim. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) In der Nacht, die jenem Abende folgte, trug sich's zu, daß Clothild sich weinend an Frau Giselas Brust warf mit dem Rufe: „O Mutter, Mutter, wie soll ich's ertragen?" Frau Gisela aber verstand nicht gleich, was das blonde Töchterlein wollte. Dann aber durchzuckte und schüttelte es sie wie ein Frost. „Du armes Kind!" sprach sie traurig. „Wie kannst Du Dein Herz an einen Krüppel hängen?" Clothild lächelte in unsäglichem Leid. „Für mich ist er der Schönste, Herrlichste, den die Welt trägt. Mutter, ich liebe seine Seele." Thränen erstickten ihre Stimme. Frau Gisela wurde milder. „So sei stark und verwinde die Trennung. Er kehrt ja wieder," suchte sie zu trösten. Clothild sprang auf. „Du hast recht, er kehrt wieder. Aber," sie rang die Hände, „er geht in's Wälschland, Mutter; und die Frauen sind dort so schön und voller Tücken." „Bete, mein Kind, bete, daß die Engel ihn geleiten," sprach die Mutter. Als dann am zweiten Tage des Windmonats Herr Bernward aufbrach und in großer Gefolgschaft das Münster verließ zum herzlichen Leid des Domcapitels und des Volkes, und als Alle ihm eine Strecke Weges gen Süden das Geleite gaben, da vermochte Clothild, dem Scheine nach gefaßt, Herrn Klaus vom Nheine ein freundliches „Gott behütet" mit auf den Weg zu geben. Der Bruder des Bischofs, Tammo von Sommer- schenburg, ritt an der Spitze des Zuges, der Domdecan, Herr Thangmar, an der Seite des Bischofs. Graf Bardo von der Mundburg, so Bischof BernwardS Schwester Thietburg angetraut war, Graf Altmann von Olesburg und viele Edle des Sachsenlandes mit ihren Kriegsknechten folgten. IV. In der ewigen Stadt. Das Jahr Eintausend, von den Menschen mit Furcht und Bangen durchlebt, war vorüber. Die Welt bestand noch, die Völker athmeten auf. Am vierten Tage des Wintcrmonats Eintausend und eins näherte sich Bischof Bernward mit seinen Begleitern der ewigen Noma. Von Gottes Gnade geführet, waren sie hoch zu Roß unter vielen Abenteuern und Schwierigkeien über den Brenner und durch das Thal von Trient gezogen und kamen so, daß Alles nach Wunsch ging, zu der Hauptstadt der Christenheit. In zart röthlichem Dust verschwamm die weite Cam- pagna und die weichen Linien des schönen Albaner- Gebirges ; schärfer aber hoben sich vom Abendpurpur ab die kriegerischen Mauern und Thürme, die glänzenden Kuppeln und Zinnen der befestigten uralten Kaiserstadt. Wie schlug Allen das Herz in freudiger Rührung beim ersehnten Anblick der heiligen Noma! Bald ritten sie über die Tiberbrücke und dann durch ein festes bethürmtes Thor in die ewige Stadt hinein. Säulenhallen, Marmorgebilde von Pracht und Schönheit umgaben sie. Majestätisch stieg vor ihren bewundernden Blicken die Niesenbasilika auf, zu deren Errichtung Kaiser Constantin einst selber den ersten Spatenstich gethan hatte. Ihr Dach strahlte in goldenem Schimmer. „Sehet die Ruhestätte des heiligen Apostelfürsten Petrus!" sprach der Bischof. Sein mildes Auge leuchtete in begeistertem Glänze. „Wir wollen eintreten und an dieser erhabenen Stätte uns Kraft und Muth zu allem Guten erflehen." Sie stiegen von den Rossen. Noch aber hatten sie die Vorhalle des Gotteshauses nicht erreicht, siehe, da nahte gar eilig ein prachtvoller Zug. Der jugendschöne Mann, so an der Spitze des Zuges auf goldenem Prunkwagen selber das Viergespann der weißen Rosse lenkte, war in altrömische Gewandung, in eine sternenbesäete Tunika und eine purpurfarbene mit goldenen Adlern, mit Edelsteinen und Perlen gezierte Toga gekleidet. Sein mit goldenem Stirnreif geschmücktes blondes Lockenhaar flatterte bei der Schnelle, mit der er fuhr, im Winde. „Mein Otto!" rief Bernward freudig. Der Kaiser, er war's, sprang vom Wagen, umarmte stürmisch den geliebten Freund und Lehrer und rief mit Freudenthränen: „Willkommen, o tausendmal willkommen in Rom, mein theurer Vater! Ich brannte vor Verlangen, Euch wiederzusehen, und mußte Euch aus meinem Palaste entgegeneilen, sobald ich die Nähe Euerer Ankunft erfuhr. Mein Vater, wie glücklich bin ich!" 738 Der Bischof erwiderte die stürmische Zärtlichkeit des jungen Kaisers mit ruhiger inniger Herzensfreude. „Heil Bischof Bernward!" riefen die erkorenen Begleiter Otto's zum Gruße. Bernward neigte sich dankend. Die Sachsenhelden aber, so sich um ihn schaarten, riefen nun, fast beschämt, daß sie es versäumt, ihr „Heil dem Kaiser Otto!" „Mein Vater, ich sah es, Ihr wolltet den Eintritt in die ewige Stadt mit einer Andacht am Grabe des ersten Bischofs von Nom in Sanct Peters Dom feierlich begehen. Folget Eurem Herzen, ich begleite Euch," sprach Otto, der vor Glück sich kaum zn fassen vermochte. Gemeinsam stiegen sie die Stufen zum säulenum- grenzten, mit rauschendem Springbrunnen geschmückten Vorhofe empor. Weihevolle Stimmung empfing sie allsogleich beim Eintritt in das wunderbare Gotteshaus, zu dessen Ausstattung Päpste, Kaiser und Könige in Freigebigkeit ge- wetteifert hatten, und welches Denksteine fast aller wichtigen Ereignisse aus dem Leben der Kirche und aus der Weltgeschichte hatte. Vier mächtige Säulenreihen theilten das Langhaus in fünf Schiffe. Ja sechsundneunzig Säulen trugen die flache Decke. Sie alle waren aus kostbaren Steinen geschnitten und waren aus altrömi- schen Göttertempeln zum Schmucke der Grabkirche Petri herbeigeschafft. Mosaikbilder und Fresken überkleideten die hohen Oberwände deS Mittelschiffes, so durch rund- bogige Fenster durchbrochen wurden. Am oberen Ende der riesenhaften Basilika führte ein Triumphbogen, von zwei mächtigen Säulen gestützt, in das Heiligste des Tempels ein. Allhier über dem Grabe des Apostels erhob sich auf sieben Stufen der Hauptaltar; er war ganz mit Goldblech bekleidet. Ein Baldachin aus reinem Silber und Gold wölbte sich darüber hin. Die Wände rings umher strahlten im Schmuck leuchtender Mosaik, und eine Inschrift verkündete: „Dir, dessen Hand im Triumphe die Welt zu den Sternen emporhob, Hat den erhabenen Tempel geweiht Constantinus der Sieger." Ein Strahl der Abendsonne verklärte das gold- schimmernde Kreuz über dem Grabe des am Kreuze gestorbenen Apostelfürsten. Ein heiliger Glanz füllte die heilige Stille. Tief ergriffen, überwältigt von ihren Empfindungen sanken Alle auf die Knie, küßten alle die Stufen des Grabaltars. O, mit welcher Inbrunst beteten sie an dieser Ruhestätte l Der Erste, welcher sich der weihevollen Andacht entriß, war Bischof Bernward. Er wußte, daß er den kaiserlichen Gastherrn nicht harren lassen durfte. In der That, der feurige junge Kaiser konnte die Zeit kaum erwarten, bis er dem geliebten Gast den Ehrenplatz auf seinem Prunkwagen anbieten, bis er Bernward in die auf das sorgfältigste für ihn hergerichtete Gastwohnung in einem der herrlichen Kaiser- paläste geleiten durfte. Es war rührend, wie der Kaiser für den Unterhalt des theuren Freundes und dessen Begleitung gesorgt hatte. Mit Zartsinn hatte er sogar die Speisen, von denen er wußte, daß der Bischof sie daheim genoß, herbeischaffen, hatte er als gütiger Wirth die deutschen Getränke Meth und Bier zu der Ankunft des geliebten Gastes bereiten lassen und ihn mit glänzendem Tafelgeschirr und Wachslichtern für den Tisch versorgt. Lange, lange, bis tief in die Nacht saßen Otto und Bernward an diesem ersten Abend in vertraulicher Zwiesprache beisammen, und Bernward that einen tiefen Blick in das Herz seines Lieblings. „Q, mein Vater, begreift Ihr nicht, schon nachdem Ihr aus der Ferne auf allen Höhen die alte Herrlichkeit erschaut, begreift Ihr nicht, daß ich im ewigen Nom nach Thaten ringen muß! Hier sehen mich die Tempel, das Kolosseum, das Capital, die Triumphbogen vorwurfsvoll an, sie drängen und erheben mich. Die Geister der Märtyrer, der Helden, der alten Cäsaren gehen mir nach und fragen: Wer bist Du, was hast Du bis heute gewirkt? — Mir ist es nicht genug, mit Verwunderung um die Zeugen der alten Thaten herumzuschleichen. Nehmt hier mein festes Wort und schließt es in Eure Brust: Meine Thaten sollen mächtig wirken, daß mein weites Land blühe, mein Heer triumphire und die Macht des heiligen römischen Reiches deutscher Nation ausgebreitet werde, auf daß ich ruhmvoll in dieser Welt leben, ruhmvoller aus den Banden dieses Fleisches mich zum Himmel aufschwingen und im höchsten Ruhme einst jenseits mit dem Herrn herrschen könne!" Der Kaiser hatte in Begeisterung mit erhöhter Stimme gesprochen. Bernward aber wiegte ernst das Haupt. „Mein Otto", so sprach er bedächtig, „vertraue Dich nicht sorglos Deinen schwärmerischen Gedanken und Vorstellungen von irdischer Größe an. Du möchtest von der schwindelnden Höhe, auf die sie Dich verlocken, jählings hinabstürzen und Alles verlieren, weil Du zu viel begehrst." Auf diese Worte hin bemächtigte sich des leichtbeweglichen, zartbesaiteten kaiserlichen Jünglings ein tiefes Gefühl von der Eitelkeit aller weltlichen Macht. Just so überschwänglich, wie er eben seine irdische Hoheit aufgefaßt hatte, ergriff Otto auch rückhaltlos den Gedanken, der Welt zu entfliehen. Bischof Bernward hatte wahrlich Mühe, den Kaiser wieder zum Bewußtsein seines Werthesund seiner Pflichten als Herrscher emporzuheben. So trennte Otto sich spät in der Nacht von dem väterlichen Freunde mit den Worten: „Auf Wiedersehen in der Morgenfrühe auf dem Aventinl" Nach der ersten in Nom durchlebten Nacht folgte Bernward der Einladung in die Kaiserburg. Er stieg mit wenigen Begleitern unter hohen Pinien zwischen dunklem Lorbeer, weißblühenden Myrten- und Orangen- büschen den aventinischen Hügel hinan. Da dehnte sich zu seinen Füßen aus die wunderbare Siebenhügelstadt mit ihren Tempeln, Palästen und Säulenhallen, mit ihren holden Gärten, dunklen Lorbeerhainen und rauschenden Springbrunnen. Von Hang zu Hang zog sie sich in reizvoller Pracht. Wer zählte ihre Thürme und Kuppeln! Gerade gegenüber erheben sich auf dem Palatin kühn und stolz die mächtigen uralten Kaiserzinnen. Die ewige Stadt war vom Glanz italischen Aethers übergössen, und die Schatten der Vergangenheit schwebten vor Bernwards Geist darüber hin. Weiter schweifte sein Blick durch die stille Campagna. Dort funkelte in vielfachen Windungen, einer gelben Riesenschlange gleich, der Tiber. Goldenes Licht floß von den Höhen von Tuskulum und von Tivoli in die weite grünende Ebene. „Das ist groß," sprach Bernward aufathmend; sein Auge schimmerte in feuchtem Glänze. 739 Welche Überraschung wurde dem Demüthigen zu Theil, als er gleich darauf den Pforten der Kaiserburg nahte! Da trat an der Seite des Kaisers ihm der Mann entgegen, vor dem der christliche Erdkreis sich neigte, dessen Haupt die dreifache Krone schmückte, Papst Sylvester II. Der eilte auf ihn zu, umarmte und küßte ihn. Der Statthalter Christi war eine hohe schlanke Gestalt mit scharfen geistreichen Zügen und Hellem durchdringendem Adlerblick. Er verrieth schon in seiner äußern Erscheinung den Träger großer Eigenschaften. Barg seine hohe bleiche Stirn doch weltgestaltende Pläne: Nom sollte die Hauptstadt der Welt werden, das ganze Abendland mit Ausschwung des geistigen Lebens und der gesummten Cultur unter kirchlicher Oberhoheit stehen und die Kraft des geeinigten Europas gegen den Islam sich richten. Ja, Sylvester II. rief zuerst die Christenheit zur Befreiung Jerusalems aus den Händen der Ungläubigen auf und regte den Gedanken eines Kreuzzuges an. Bischof Bernward, diesem Nachfolger Petri so geistesverwandt, hatte denselben einst als Prälaten Gerbert gekannt und hochgeschätzt, ja ihn als den hervorragendsten Geist des Jahrhunderts dem jungen Otto zum Lehrer anempfohlen. Heute stand der Bescheidene erglühend in Demuth ob der unverhofften Ehre vor dem Oberhaupte der Christenheit. Der Papst Sylvester aber verfuhr mit ihm wie mit dem vertrautesten Freunde. Von Papst und Kaiser ehrenvoll geleitet, hielt Bernward von Hildesheim seinen Einzug in die kaiserliche Burg auf dem Aventin. Dieser Prunkpalast mit seiner mächtigen Ausdehnung und seiner zauberischen Pracht hätte dem Schönheitsfreunde Bernward ungeteilte freudige Bewunderung abgerungen, wenn sein Geist nicht so ganz von den Angelegenheiten deS Reiches und denen seines eigenen Sprengels erfüllt gewesen wäre. Briefe aller Bischöfe Deutschlands trug er mit sich. So besprachen die drei hervorragenden Geister in zündender Unterredung alle Zustände und Bedürfnisse des Reiches. Ueber die Unordnung in Gandersheim hatte Bischof Bernward nicht nöthig, die Einzelheiten auseinanderzusetzen, das Gerücht war ihm vorausgeeilt. So gab er auf Fragen nur kurz und bündig dem Papste und dem Kaiser Aufklärung. Die beiden hohen Herren beschlossen, in nächster Zeit über die Streitsache eine Synode in Rom zu halten. Sie versicherten alles zu thun, um die Hildcs- heimer Rechte auf Gandersheim zu schirmen. Der Kaiser duldete nicht, daß der geliebte Bischof Bernward wieder in seine erste Gastwohnung zurückkehre. Er ließ ihn nicht mehr von seiner Seite und gab ihm neben seinen eigenen Gemächern im Palaste das glänzendste Unterkommen. Das ward eine Zeit voll anregendsten Wechselverkehrs; das waren Stunden und Tage gemeinschaftlichen Nachdenkens, gemeinsamen Strebens. Bald in der Wohnung des Kaisers, bald in den Gemächern Bernwards tauschten sie ihre Gedanken aus, besprachen sie die Angelegenheiten des Reiches. Otto war glücklich, bei dem väterlichen Freunde Rath und Belehrung für alles zu finden, was noch unklar in seiner Seele lag. Wie manchmal weilten sie mit einander in den schattigen Laubgängen des Aventin, zu ihren Füßen den Schauplatz, auf dem sich das retch bewegte Leben der alten Völker abgespielt hatte, mit den gewaltigen Ucber- resten geschwundener Größe. Und neben den mächtigen Trümmern aus der heidnischen Zeit erhoben sich die hehren Tempel, welche die Christenheit über den Gräbern der Märtyrer errichtet hatte. An Stelle der alten römischen Weltherrschaft regierte eine neue christliche Geistesherrschaft. Aber Otto wurde nicht müde, seinem Lehrer in schwärmerischer Begeisterung von seiner Aufgabe zu sprechen, wie er auch das Weltkaiscrihum in Nom erneuern wolle. — „Lieber Sohn, die Römer von heute sind wanke! müthig und charakterlos: ich fürchte, daß Du Dein phantastisches Gebäude auf schwankendem Grunde errichtest," warnte Bernward. Der Kaiser neigte schwermüthtg das Haupt. Er wußte selber allzu gut, daß seine Macht in Italien aus thönernen Füßen stand. Hatten doch unlängst die Tibur- tiner im nahen Tivoli seinen Freund, den Herzog Matho- liuus, den er als Statthalter dorthin gesetzt, erschlagen. Und gerade in diesen Tagen, die ihm durch die Anwesenheit Bernwards trostreich wurden, hielt er durch seine Soldaten jene aufrührerische Stadt belagert und enge eingeschlossen. Trotzdem er zahlreiche Bclagerungswerk- zcuge in Bereitschaft hatte setzen und Gräben von ungeheuerer Größe ziehen lassen, um den Bürgern das Wasser abzuleiten, wollte die so heftig bedrängte Stadt sich nicht ergeben. Die sächsischen Ritter, so als Begleiter des Bischofs gekommen waren, wie Tammo von Sommerschenburg, Altmann von Olesburg, Bardo von der Mundburg, hatten sich auf die erste Kunde von der Belagerung den kaiserlichen Mannen vor Tivoli zugesellt. Die jungen Kunstschüler aber waren auf Bernwards Wunsch in seiner Nähe geblieben. Sie sollten, gleich ihm, der in der Blüthe seiner künstlerischen Schaffensfreudigkeit stand, sollten unter seiner Leitung die classischen Meisterwerke Roms kennen lernen, auf daß sie zu neuem Wirken angeregt würden. Die beiden Jünglinge Heribert und Klaus waren namentlich zum Entzücken des letzteren in den nahen Palast des Grafen Otto von Lomello untergebracht worden. „Hier ist's wirthlicher, als auf unseren ranheu deutschen Burgen. So fühlt Unsereiner sich endlich in standesgemäßer Umgebung, scherzte Klaus übermüthig. Er schaute sich zufrieden in der von schlanken Marmorsäulen getragenen, von edlen Bildsäulen belebten Halle um, so den jungen Deutschen zum Aufenthalt dienen sollte." Als Klans vorn Nheine dann aber bei der gemeinsamen Mittagstafel im Palaste Lomello der erlauchten Tochter des Grafen, der schwarzäugigen Julia, gegenüber saß, da gab es für ihn mehr zu bewundern als Marmorbilder und kalte Steine. Die stille Jungfrau Cloihild hatte nicht mit Unrecht in dem feurigen Sohne des Rheiulandes ein leicht entzündbares Herz geahnt. An freundlichen Blicken aus den dunklen Augen ließ die römische Grafentochter es wahrlich nicht fehlen. Der schöne schwarzlockige Künstler aus der Fremde erregte ihre Theilnahme in hohem Maße. Klaus war nicht unempfindlich für solcheAusmerksamkeit. 740 Wie eS kam, daß Julia und Klans einige Stunden später gemeinsam in dem von Myrthen und Lorbeer umgebenen Garten lustwandelten, das wußte Keiner von Beiden zu sagen. Am Abende aber, als Heribert und Klaus ihr Lager aufsuchten, sprach Letzterer: „Ich habe sie gefunden, die mir von Anfang an bestimmt war. Ich habe Julia gefunden, von der ich seit meinem Knabenalter träumte." Heribert erwiderte nichts. Er schlief einen festen gesunden Schlaf und träumte nicht. Als aber Klaus in seiner Herzensfreude ihn aufrüttelte, um den Freund mit dem ihm widerfahrenen Glück bekannt zu machen, da schüttelte der Erwachende unmuthig den Kopf. „Wie kannst Du, ein einfacher Kunstschüler, Dich um die Hand einer römischen Grafentochter bewerben!" Klaus lachte leise: „Nun, was den Grafentitel und den Grafenrang betrifft, so kann ich" — es schien ihm plötzlich etwas in die Kehle gekommen zu sein, er räusperte sich und schwieg. Nach einer Weile begann er wieder: „Glaubst Du nicht auch, liebster Heribert. daß meine Künstlergabe eine Grafenkrone aufwiegt? Die Maid, welche mein wird, soll um meiner selbst willen und nicht um meines Ranges halber mich lieben." „Ja", sagte Heribert und schlief wiederum ein. Wenige Tage später standen die Schüler mit ihrem Meister vor dem Portale der St. Sabinakirche auf dem Aventtn. Bewundernd erschauten sie hier ein Meisterwerk altchristlicher Plastik. In hoher Schönheit der Formen und in feinem Geschmack zeigten die aus Cy- pressenholz geschnitzten Sculpturen der Thüre wunderbar vollendete Darstellungen aus dem alten und neuen Testamente, erstere als Vorbilder der Thatsachen des neuen Testamentes. Der Bischof konnte sich von dem Anblicke nicht trennen. „So oft mein Gang mich zur Stadt führt, weile ich ergriffen vor diesem tief durchdachten Kunstwerk. O Heribert, wir wollen das Weltdrama der Sünde und der Erlösung in Erz darstellen. Wir wollen eine eherne Bußpredigt auf den Thüren unserer Domvorhalle schaffen!" rief er begeistert aus. In ernstem Nachdenken ging er weiter. Sie schritten in der langgestreckten Thalsenkung hin durch die Ruinen des Circus Maximus, bewunderten die Prachtvollen Kaiserburgeu auf dem Palatin und schauten hier vom Hügel mit Künstleraugen nieder auf die Prachtstadt mit ihren Tempeln und Säulenhallen, mit ihren Gärten und Seen. In diesem heitern Nnndbilde fesselte ein Riesenbau von düsterer Majestät ihre Blicke. Zu ihren Füßen lag das Flavische Amphitheater, das Kolosseum. Seine mächtige Mauerkrone umschloß fast unversehrt den heiligen vom Mürtyrerblut getränkten Boden. Eine Zanbergewalt zog sie an. Unter dem Triumphbogen des ersten christlichen Kaisers Konstantin hindurch gelangten sie dorthin. Mit heiligen Schauern betraten sie die stille, von den unermeßlichen immer kühner geschweiften Bogen des gewaltigen Mauerringes umgürtete Arena. Ueberwältigt von ihren Gefühlen sanken sie nieder, küßten sie die geweihte Erde. Das heilige Heer glaubensstarker Männer und begeisterter Frauen, welche von hoher Liebe entflammt im heißen Kampfe hier die Palme errungen, wurde lebendig und schwebte in seliger Verklärung vor ihrem Geiste. Der lebhaft empfindende Heribert rief außer sich in Beschämung: „Mein hoher Herr, hier rede« die Geister der Heiligen, der Märtyrer zu mir und fragen eindringlich: WaS hast Du bisher gethan auf dieser Erde? Was bist Du vor Gott?" Der Bischof lächelte mild: „Mein Sohn, diese Frage, so Du Dir selber stellest gilt viel vor Gott. Ich weiß, Du hast Kräfte zu Manchem und bist Dir deren auch bewußt. Nun gibt es edele Naturen, die sind halb zum thätigen, halb zum idealen Streben ausgerüstet — auch unser Kaiser empfindet wie Du — Und ich weiß, Ihr fühlt alles Schöne und Große gewaltig und wollt es aus Euch wieder erschaffen, aber es gelingt Euch nicht so, wie Euer brennender Ehrgeiz es verlangt. Darum macht Euch zunächst alles Große, welches Ihr seht, entzückt, weil Ihr eS nachzuschaffen gedenkt, dann aber traurig, weil Ihr es doch nicht vermögt. Lernet Euern Ehrgeiz beschränken und wollet weiter nichts sein, als ein Werkzeug in Gottes Hand. So werdet Ihr auf Erden schon so glücklich werden, wie es hienieden möglich ist." Sie erstiegen den Berg des Capitols mit seinen Palästen und Tempeln und sahen nieder auf die nahen mit Bildwerken und Säulen geschmückten Foren. Besonders fesselte die sinnigen Hildesheimer das Forum Trojans, von halbzerfallenen Prachtbauten umgeben, das einst nicht mit Unrecht ein Wunder an Schönheit genannt wurde. In dessen Mitte erhob sich noch die Triumphsäule, welche im Jahre Einhundertunddreizehn von den Römern dem siegreichen Kaiser geweiht wurde. Ein um den Säulenschaft sich schlingendes Spiralband aus Marmor schilderte in fortlaufenden Hochbildern die siegreichen Feldzüge und Großthaten des Kaisers. Lange und aufmerksam beschauten die Hildesheimer Künstler diese eigenthümliche Schöpfung, deren Bildersprache in Marmor den Ruhm eines großen Cäsaren verewigte. Der Bischof stand sinnend da. Jetzt leuchtete sein Auge auf; freudig rief er: „Meine Söhne, wir wollen in unserm Vaterlande, wo noch vor Kurzem Götzenbilder auf Marmorsäulen verehrt wurden, dem höchsten Sieger der Welt, dem Erlöser, eine Triumphsäule aus Erz errichten. Gleichwie diese Säule mit figurenreichen Bildern aus den Kriegszügen eines heidnischen Kaisers umwunden ist. so wollen wir den Schaft unserer Säule mit einer Reihe von Bildern aus den Wunderthaten des Königs Christus zieren und auf ihrer Höhe das siegreiche Zeichen der Erlösung, das Kreuz, aufpflanzen." „Fürwahr, ein herrlicher Gedanke: „Sehet das Kreuz des Herrn! Fliehet, feindliche Mächte! Christus siegt, Christus herrscht!"" rief Heribert feurig. Zögernd nur trennten sie sich von der Ehrensäule, die eine classische Form für den Ausdruck von Bischof Bernwards erhabenen christlichen Gedanken geboten hatte. (Fortsetzung folgt.) -»-«i » > » »< I- -r > - Goldköruer. Ein Charakter ist ein Felsen, an dem gestrandete Schiffer landen und anstürmende scheitern. Jean Paul. Wer durch Thränen die Welt betrachtet, findet sie bewetnenS« werth. 741 Bilder aus Steiermark, Körnten nnd dem Küstenlande Kram. Von C. Mayer. (Schluß.) VIII. Römerbad—Graz—Prebichl. Nömerbad, in dem wir an diesem angestrengtesten Tag unserer Tour Erquickung und Ruhe fanden —wir hatten an einem Tage die Bahnfahrt von Trieft bis hierher gemacht mit Einschluß des mehrstündigen Besuches von Divaca und den St. Canzians-Höhlen —, verdient in mancher Beziehung Beachtung. Die stattlichen Gebäude der Kuranstalt heben sich von ihrem Hintergründe, dem reich bewaldeten, vielzackigen Senoschegg, malerisch ab; rechts auf der Höhe, einem Ausläufer des Berges Cosiza, sehen wir das reizende Dorf St. Margarethen mit dem spitzen Thurm über dem niedlichen Kirchlein; die rauschende Sann mit ihren Windungen und Stromschnellen belebt das Bild. Die Slovenen deS Sannthales, wohlgebildet, schlank, mitunter schwächlicher Gestalt, sind fast durchgehends blond und von blasser Gesichtsfarbe. Gegen geringes Entgelt, in Form eines Brückenzolls, ist eS Jedem gestattet, im Curgarten und unter dem schattigen Laubdache des Parkes auf den reinlichen Kieswegen sich zu ergehen; südliche Vegetation — echte Kastanien, Manna, Esche, Maulbeerbaum — findet sich zwischen dem einheimischen Baumwuchs; reicher Ozongehalt würzt die balsamische Luft. — Das vielbesuchte Bad, dessen Thermen fchon den Römern bekannt waren, erfreute sich schon damals großer Berühmtheit, wie alte Denksteine aus jener Zeit bekunden. Dankerfüllte Worte auf denselben, wie: „den hohen Nymphen gewidmet 0 Ladinus Vsranus" — „den erhabenen Nymphen geheiligt Natino §initus" — „das Gelübde ist gelöst freudigen Herzens Oajng Voxonius", verewigen in schlichter Einfachheit die große Heilkraft des Bades. Römischen Ursprungs ist auch die Grundlage des großen, marmorausgclegten Badebassins, dessen hellblaue dampfende F-luth in reichem Strahl aus Löwenrachen fließt, und in dem sich die Heilung suchenden Gäste zu gewissen Stunden einfinden; eben so hübsch und gut ist bei Schwerkranken für Separatbäder gesorgt. Doch die Zeit drängte nun, und rasch legten wir die Fahrt durch das poesieumwobene Steirerland zurück, das Heim eines frisch-fröhlichen, liederreichen Völkchens, und lachend wie deren Angesicht ist auch ihr Ländchen, unmuthig in frischen Farben erblühend. Ob unser Auge die großartige Alpennatur mit ihrer in allen Reizen prangenden Pflanzenwelt streift, ob es in fruchtbare Ebenen, blumenreiche Thäler und weinumgürtete Gelände taucht, ob es die gewerkschaftsreichen Städte und Ortschaften umfaßt oder zu den Malerisch gelegenen Burgfesten und Schlössern hinangleitet, allüberall Freude und Fröhlichkeit, Gedeihen und Wachsthum. Wir erreichen Graz, die reizende, Villen- und park- umkränzte Hauptstadt, deren Häuserreihen, überragt vom stattlichen Schloßberg mit seinem Uhr- und Glockenthurm, zu beiden Seiten der Mur sich freundlich gruppiren. Die nähere Beschreibung von Graz umgehe ich, sie als hinlänglich bekannt voraussetzend, und erwähne nur, daß Niemand versäumen soll, auf schattigem Wege hinauszuwollen zum bewaldeten Plateau des Schloßberges, um die wundervolle und berühmte Aussicht zu genießen über die lebensvolle Stadt und die liebliche Umgebung, welche duftig umlagert ist von üppigen, leuchtenden Villen und mit blinkenden Kirchlein geschmückten Hügeln. Unter den Sehenswürdigkeiten ist als Unicum das LandeszeughaiE hervorzuheben, in welchem eine äußerst interessante und reichhaltige Sammlung aller denkbaren Waffen und Vertheidigungsmittel vorhergehender Jahrhunderte zu sehen ist — von der kostbaren, edelsteinverzierten und elfen- beinausgelegten Wehr der Turnierritter und Jagd- liebhaber bis zum plump und schwer gearbeiteten Rüstzeug der Landsknechte und Söldner. Der Juristentag war wegen der in Hamburg aus- gebrochenen Choleraepidemie abgesagt, was wir in Laibach einer Zeitung entnahmen; allein voraussetzend, es möchte mehreren Juristentagbesuchern gleich uns ergangen sein und dieselben ihre Neisedispositionen schon getroffen und zum Theil ausgeführt haben, verfügten wir uns in den als Versammlungslokal bestimmten Saal des Hotel Adler; es war allerdings nur ein kleines Häufchen der Männer des Rechts und der Wissenschaft, die sich dort zusammenfanden, aber desto vergnügter war die größtenteils auserlesene kleine Schaar. ^ Noch sei auf der Heimfahrt einer kurzen Strecke, als einer Perle des steirischen Landes, Erwähnung gethan. St. Peter - Freyenstein, wunderhübsch auf hohem Felsen thronend, an dessen Fuß das hübsche Dorf mit dem schäumenden Wehr des Baches — in der Ferne von Neuschnee bedeckte Häupter, leitet die romantische Bahnfahrt ein. Sie geleitet uns vorüber an Trafoiach mit dem Schlößchen auf der Höhe und dem Blick über grüne Matten nach dem prächtigen Hintergrund der Thäler, — vorüber an Fridauwerk mit dem dicken, rauchenden Hochofen, dem Vorwerke der größten österreichischen Eisen-Industrie. In steter Steigung erreicht die Bahn das rauchgeschwärzte Vordernberg, dessen Bewohner fast durchweg in den Eisenwerken beschäftigt sind oder der Knappschaft des Erzbergeö angehören; wir befinden uns gleichzeitig am Fuße des massigen Gebirgs- stockes, dessen nacktes Gerippe im Glänze spärlicher Abend- sonnenstrahlen vielgestaltig gegen Himmel ragt; der grüne Polsterberg, der Hochthurm, der dunkelgefärbte Neichen- stein, die bleichen Kalkzinnen der Gries-, der Vordern- berger-, der Leoner- und Frauenmauern entfalten nach und nach das herrlichste Bergpanorama, dessen Hoch- gebirgsnatur noch erhöht wird durch den in den letzten Tagen stark gefallenen Neuschnee. Hier beginnt die hochinteressante Bergbahn, eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges im steirischen Lande, in gleichem Maße hervorragend durch die Gestaltung der Landschaft, die sie durchzieht, wie durch ihre technische Anlage, indem hier das Abt'sche System — Adhäsions- und Zahnradbahn — wie wir belehrt wurden, eine eigenartige Anpassung an die örtlichen Verhältnisse erfahren hat. Wir bestiegen den bequemen Wagen, dessen Construction, reich an Glasfenstern, die Aussicht in keiner Weise behindert. Ueber Viaducte, tiefe Einschnitte und hohe Anschüttungen keucht der Zug den Prebichl hinan; an jeder Faltung und Biegung der starken Steige gewinnt man neue Einblicke in reizende Waldlichtungen und moosweiche Bergwiesen mit wunder- netter Vertheilung der Häuser um die eingefriedete Kirche, sowie auf die in nächste Nähe sich senkenden, herrlichen Bergspitzen. An der Straße, kaum hundert Schritte von Station Prebichl, umfängt uns die neuerbaute gast- und touristenfreundliche Alpenherberge „Zum Reichenstein" von Heinrich Spitäler, ein sowohl durch zuvorkommende Ausnahme und Bedienung als durch die allen Ansprüchen genügende Bewirthnng sehr zu empfehlendes Gasthaus. Im Schweizerstil erbaut, mit bequem und elegant eingerichteten Zimmern, geräumigem Glaspavillon und Veranda, ist es zu längerm Aufenthalte in der reinen, würzigen und gesunden Bergluft, als auch zu Touren auf die nahen, aussichtsreichen Gipfel und eventuell zur Ausübung edlen Waidwerks äußerst günstig gelegen. Wir vertieften uns in die Einsamkeit der nahen Tannen, wo grüne Waldesnacht das grelle Licht des Sonnenhimmels dämpft, wo das Summen des Blätterrauschens und Quellengemurmels in melancholischem Ton die Friedenssehnsucht, das ungestillte Nuheverlangen im Sinnen und Sehnen des Menschen besänftigt und in holde Träume wiegt. Der Besuch des nahen, 1543 rn hohen Erzbergcs mittelst Förderbahn auf offenen Hunden und die Besichtigung des frei zu Tage liegenden Betriebes desselben ist wohl eine einzig dastehende, höchst lohnende Partie, die wir am nächsten Morgen zu unternehmen vorhatten, die leider aber durch abermalige Ungunst der Witterung vereitelt wurde. Keinen letzten Scheidegruß sendeten uns beim Erwachen die verhüllten Felshäupter; dichte, tief- dunkle Wolkengehänge senkten in langen düsterblauen Streifen ihren Inhalt auf das Tiefland. An der 1227 m hoch gelegenen Station Prebichl zeigte das Thermometer Null Grad; bedenklich blickten Gast und Gastgeber in das Unwetter; letzterer in der Hoffnung, es möge der kurze, wonnige Sommer mit seinen frisch gesunden Lüftchen und Harzduft doch jetzt noch nicht dem hier oben fast drei Vierteljahre dauernden Winter mit den Stürmen, bet welchen man sich kaum zu halten vermag, und der bis zu 6 m tiefen Schneeschicht weichen müssen. Ungern schieden wir mit dem ersten thalabwärts gehenden Zug von der tränten, zierlichen Herberge und den biedern treuherzigen Wirthen. ^ Trug die jenseitige Bergfahrt mehr den Charakter einer sanften Idylle, so war die Thalfahrt gegen Eisenerz im Gegensatz zu ersterer wilder, das Gebirge unnahbarer. In langgeschwungenen Serpentinen klettert die Bahn die schotterdurchfurchten Felslehnen hinab — Gräben und Bäche überbrückend, Bergrücken durchbohrend, jede halbweg günstige Stelle dem schwierigen Terrain abringend und von zahlreichen Futter- und Stützmauern begleitet. Der Regen läßt nach; durch die von einzelnen Sounenblitzen getheilten Nebelschleier erscheint die Landschaft, in engem Rahmen gedrängt, in stets wechselnder Beleuchtung und Färbung; bet Station Erzberg bewundern wir das volle Bild des Erzbcrges und das rege Treiben an den mächtigen Abbau-Etagert. In hohem, brausendem Falle, von der Bahn überbrückt, stürzt sich der Erzbach in die Tiefe und verschlingt in seinen braunen Fluthen eine Anzahl weiß-blau schäumender Quellen und Bäche. Die Wände rücken etwas auseinander, Platz lassend für die langen Holzgebäude — die Ausladehallen für das Erz. Ein großer Felsblock an der Thalsohle in Mitte grüner Matten trägt ein Kirchlein und weiset zum Eingang von Ort Eisenerz, wo wir in Gesellschaft von gleichfalls aus Graz kommenden Juristen die anderthalb Stunden bis zum Zugwechsel bei gutem Imbiß und in eifrigem Austausch der jüngsten Erlebnisse und Wahrnehmungen verbrachten. Der fertig gestellte Zug führt uns weiter; wir kommen vorüber an Leopoldstein, dem Schlosse des Prinzen Arnulph von Bayern, mit feudalen Thürmen und Mauereinfassung in herrlich romantischer Lage, und gelangen an ungeheure Felsenmauern und hochabstürzende schwarze Steilwände, an den großartigen Bergkesscl bei Hieflau, dem merkwürdigen Eingänge in das berühmte Eesänse. Der Erzbach, inzwischen zum reißenden jungen Bergstrom gewachsen, stürzt über ein hohes Wehr und vermählt bald darauf seine dunkeln Wasser den grünen Wellen der Enns. Dieser, die aus den vielzackigen, zerrissenen und zerklüfteten Felsenmaffen hervorbricht, eilt das Dampfroß auf schmaler, vielfach dem Felsen abgerungener Spur entgegen. Dichte Wolkenballen hatten sich abermals zusammengezogen, nur hie und da den Schleier lüftend über den finstern, von Schneestreifen durchfurchten Wänden; der Wind peitschte die zahllosen Stromschnellen der sich überstürzenden, brausenden Enns; nadelscharfe Schneeflocken begannen in dichter Fülle hernieder zu wirbeln. Wir passirten das großartige Niesenthor, das aus dem nackten Geklüft der Steinmassen des Gesäuses in die breiten, grünen Auen des von stattlichen Thürmen überragten Klosters Admont führt. Doch auch hier, obwohl daS Schneegestöber mit dem Austritt aus dem Gesäuse sich verlor, hatte der rauhe Winter sich neben den Reichthum des Sommers gebettet: Schnee auf den grünen Fluren, auf den rothglühenden Vogelbeer-Alleen, auf den auf- gethürmten Kornmandcln, die der Laudmann gesenkten Hauptes und thrünenumflorten Blickes erschaute; Schnee über den gesegneten Gefilden von Schladming, Nadstadt und Eben, Schnee bis hinan zu den aus Nebclgardincn blinkenden Tauernspitzen. Dumpfe Trauer über den plötzlich eingetretenen Frost hatte sich auf Gemüth und Angesicht der Bevölkerung gelegt, — hoffentlich nur von kurzer Dauer, wie die Eintagsfliege; hoffentlich küßt der nächste Tag in sonniger Wärme die Spuren des Winter- kindes hinweg. * * Herbst war's geworden, als wir in Salzburg anlangten, und der Kontrast zwischen der Einwirkung der höhern Berg- und wärmern Thalluft fast unvermittelt und scharf; schon entführt der Wind das zarte Gewebe der Wolfsspinne. Doch wonnig schöne Herbsttage sind's, die auf Berg und Flur liegen; prangen Baum und Strauch auch nicht mehr im satten Grün, so berührt der bräunliche Bronzeton, der auf ihnen lagert, nicht minder angenehm; — keine sengenden Sonnenstrahlen, sondern sanfte Wärme, die den Aufenthalt im Freien gar wonnig macht, durchstießt die Glieder; Freude und Wehmuth umfloren den Blick; sehnsüchtiges Verlangen schwellt das Herz, die Natur, die man nie auskosten kann, in der kurzen, vom Urlaub übrig gebliebenen Zeit noch zu genießen, und so erfreuten wir uns denn so lange als möglich der schönen, reizvollen alten Bischofs- und Herzogsstadt und traten so manchen kleinen Streifzug an den Ufern der Salzach an. — Es liegt etwas wunderbar Kräftigendes in schönen Herbsttagen; man fühlt sich mit erhöhtem Lebensmuthe begabt, wie zur Zeit deS knospenden Frühlings, — und berührt auch der Herbst der Jahre unsern Scheitel — dies Gefühl, es zieht in unsere Herzen ein, unbekümmert um den Wechsel der Monde, um Sturm oder Windstille, um glühenden Sonnenbrand oder eisige Winterstarre, wie es des Lebens Wechselfülle streut. Ob auch von Tag zu Tag mehr der gelben Blätter zu Boden rascheln, ob der Wind den lieblichen 743 Kindern Flora's die Blüthenkrone zerstäubt, — im Herzen blüht der Abglanz des Lenzes mit allen Wonnen ungeschmälert fort, und ihm, der mir diese Lebensfreudigkeit, diese Leidvergessenheit im reinen, erhabenen Naturgenusse bis dahin erhalten hals, ihm gilt mein Schlußgedanke: „Ich danke Dir mein Wohl, mein Glück in diesem Leben; Ich war wohl klug, als ich Dich fand. Doch ich fand nicht, — Gott hat Dich mir gegeben, ,, So segnet keine andere Hand!" Nasch fliegen die wechselvollcn Bilder des Chiem- gau's, die Thürme der Hauptstadt, die fruchtreichen Landstriche der Hollertau an unserm gesättigten Auge vorüber; wir kehren wieder zurück an den Strand der blauen Donau, zum altgewohnten, längst vertraut und lieb gewordenen Berufsleben. — ^ - — Hochzeiten am Zirreuhose einst und jetzt. Die allrussischen Hochzeitsgebräuche, die bei Hose herrschten, wenn der russische Zar eine Tochter, einen Sohn öder eine nahe Anverwandte verheirathete, nahmen unter Peter dem Großen ein ganz anderes Gepräge an. Die Hochzeitsfeier Anna Joanuownas mit dem Herzog von Kurland war die erste, bei der diese Abweichung von den alten Formen zur Geltung kam. Diese Feier bestand in einer ganzen Reihe der glänzendsten Festlichkeiten zu Wasser und zu Lande. Eine große Menge Pulver wurde dabei verbraucht, denn nach jedem Toaste erdröhnten Kanonenschüsse. Einige Tage vor der Hochzeit ward das Ereigniß auf die feierlichste Art dem ganzen Lande kundgethan. Und am Hose selbst hatte man wochenlang nach jeder Richtung hin die großartigsten Vorbereitungen getroffen. Am Hochzeitstage begab sich um 10 Uhr Morgens der Herrscher persönlich als Obermarschall der Hochzeit, welchen Titel er sich selbst beigelegt hatte, zur Brautmutter, der Zarin Praskowja. So suchte der große Reformator verschiedene Titel und Abzeichen, die er den Sitten und Gebräuchen westeuropäischer Staaten entlehnte, auch hierbei einzuführen. Den Zaren begleiteten die vornehmsten Magnaten des Landes, und die ganze Gesellschaft fuhr in Schaluppen zum Hause der Braut, voran ein MufikkorpZ, das fast nur aus deutschen Musikern bestand. Im mittleren Boote saß Peter in einem purpurnen Rock, mit einem silbernen Porteepe und mit dem Orden deS heiligen Andreas. Er trug keinen Hut, sondern nur eine Perrücke und in der Hand einen großen Marschallsstab, der in einem Quast aus bunten, mit Gold und Silber verzierten Bändern endete. Unter den Hochrufen der zuschauenden Volksmassen setzte sich der Zug in Bewegung. Im Hause der Zarin erwartete man bereits den kaiserl. Marschall. Alle Hofdamen trugen Kostüme nach westeuropäischer Mode. Nach verschiedenen Be- grüßungszercmonien begaben sich alle Anwesenden in einem großen Zuge zu den Schaluppen, worin sie nach einer festgesetzten Ordnung Platz nahmen, und erwarteten so die Ankunft des Bräutigams und seines Gefolges. Als dieselbe erfolgte, setzte sich die ganze Flottille nach dem Hause des Fürsten Mentschikow auf Wassili Ostrow in Bewegung, was nach einem feierlichen Zeremoniell vor sich ging, ebenso wie das Heraussteigen aus den Schaluppen. Die Braut trug ein weißes Sammetklcid mit Goldbesatz und einen langen Mantel aus rothem Sammet mit Hermelinbesatz, auf dem Kopfe eine reiche Königskrone. Der Bräutigam hatte einen weißen golddurch- wirkten Rock an. An der Einfahrt des Hauses Mentschikow war eine Ehrenwache vorn Preobraschenskischen Regiment aufgestellt, die die Ankommenden militärisch begrüßte. Nachdem alle ins Haus getreten waren, ordnete sich der Zug nach Vorschrift und begab sich in die Feldkirche des Fürsten Mentschikow, die in einem Saale seines Hauses errichtet war. Die Trauung vollzog der Archi« mandrit Feodosst JanowSki. Er erklärte dem Bräutigam in lateinischer Sprache die Bedeutung der Feier und sprach den Segen über das Brautpaar unter Fortlassung der sonst bei Personen der kaiserl. Familie üblichen Gebräuche. Gleich nach der Trauung begab sich die ganze Gesellschaft zur Tafel, die in zwei aneinander stoßenden Sälen gedeckt war. Ueber den Häuptern der Neuvermählten hingen während des Essens Lorbeerkränze. Die Damen saßen von den Herren getrennt, und das ganze Essen leitete der kaiserliche Hochzeitsmarschall. Als letzterer endlich die Tafel aufhob, begann der Ball, der erst um 3 Uhr Morgens sein Ende erreichte. Bis zur Thür des Schlafgemachs wurden die Neuvermählten vom Zaren selbst und von der Zarin Praskowja geleitet. Am nächsten Tage fand wieder ein feierliches Essen statt, dem Abends ein Ball folgte. Während des Essens riß der Herrscher eigenhändig den Kranz herunter, der über dem Haupte des Bräutigams hing, und das Gleiche mußte der Herzog thun mit dem Kranze seiner Braut. Letzterer war aber so befestigt, daß es ihm nur mit Hilfe eines Messers gelang. Dieses Essen verging nicht ohne Ueberraschnngen. U. A. erhoben sich auf den zwei Haupttischen ungeheure Torten; als daS Mahl zu Ende und das Geschirr abgeräumt war, zerschnitt der Kaiser die Torten und zum allgemeinen Erstaunen und Entzücken sprangen heraus zwei geputzte Zwerginnen, die auf Befehl des Kaisers ein Menuett tanzten. Ein etwas anderes Bild stellt die Hochzcitsfeier dar, die die Kaiserin Elisabeth Pctrowna für ihren Thronfolger Peter Feodorowitsch und Katharina Alesejewua (die spätere Katharina II.) veranstaltete. Bei derselben wurden vor allem die kirchlichen Gebräuche aufs Strengste innegehalten. Eine Woche vor der Hochzeit mußten Braut und Bräutigam fasten und dann daS heil. Abendmahl in der Kasanskischen 'Kathedrale einnehmen. Am Vorabend zur Hochzeit siedelte das Brautpaar in geschlossenem Wagen von dem Sommerpalais ins Winterpalais über. Nach ihrer Ankunft erhielt die Braut Befehl, sofort ein Bad Zu nehmen und allein in ihrem Zimmer zu Abend zu speisen. Der zukünftige Herrscher mußte ein gleiches thun. Für die Nacht wurden eine große Anzahl von Wachen aufgeboten, die jegliches Geräusch von der Umgebung des Palastes fern zu halten hatten. Am Morgen stellte man dann militärische Wachen vom Palaste bis zur Kasanskischen Kathedrale auf, zwischen denen sich der Hochzeitszug bewegte. An der Spitze ritten Gardisten und ein Musikkorps. Dahinter folgte eine endlose Reihe von Wagen, die nach Würden und Aemtern der Insassen geordnet waren. Es waren 21 Hof- und eine Menge Privatwagen. Haiducken, Schnellläufer, Mohren, Pagen und Husaren umringten dieselben, und das Ganze bot einen in Rußland noch nie gesehenen Anblick. Der kaiserl. Wagen mit dem Brautpaar war mit 8 Pferden bespannt. Vor ihnen fuhren der Oberzeremonienmeister und der Oberhofmarschall mit ihren Stäben in offenen Wagen, die von berittenen Hofbeamten in großer Anzahl umgeben waren. — 744 Der geschlossene Wagen, in der» die Kaiserin fuhr, soll ein wahres Kunstwerk gewesen sein. In der Kirche nahm die Kaiserin unter einem Baldachin aus golddurchwirktem Sammet Platz. Rechts davon, ein wenig mehr zurück, befand sich eine Erhöhung für das Brautpaar. Als die Hochzeitsgesellschaft in der Kirche Platz genommen hatte, wurde ein feierlicher Mittagsgottesdienst gehalten. Nach Beendigung desselben näherte sich der Erzbischof der Kaiserin, um den Befehl zum Beginn der Traufeier entgegen zu nehmen. Die Herrscherin verließ ihren Thronsesscl, nahm den Bräutigam und die Braut am Arm, führte sie zu der Erhöhung vor dem Altar und stellte sich selbst zur rechten Seite des Bräutigams auf. Darauf trat aus dem Raum hinter dem Altar der Erzbischof Simon mit zwei Bischöfen, die während der Verlesung des Evangeliums goldene Kronen über die Häupter des Brautpaars halten muhten. Dem Erzbischof wurden die Trauringe übergeben, und dieser überreichte sie der Kaiserin. Letztere steckte dem Brautpaar die Ringe an und segnete es. Nach dieser Trauung fanden 10 Tage lang Bälle, Maskeraden, Feierlichkeiten und Volksbelustigungen in reicher Abwechslung statt. Interessant ist es, mit diesen Hochzeiten diejenige der Großfürstin Lenia Alexandrowna mit dem Großfürsten Alexander Michailowitsch, die am 25. Juli dieses Jahres stattfand, zu vergleichen. Es war am Montag um acht Uhr, als in Petersburg und Peterhof Kanonenschüsse erdröhnten, die den Hochzeitstag der kaiserl. Hoheiten ankündigten. Gegen ^3 Uhr begann die Auffahrt am Peterhof'schen Palast, wo die Hochzeitsfeier vor sich gehen sollte. Die Paradezimmer dieses Palastes befinden sich im 2. Stockwerk, und der Eingang dazu ist im mittleren Theile gelegen. Die große, massive Eichenholztreppe war reich mit den prächtigsten Pflanzen bestellt, und der ganze Vorraum glich einem Tropengarten. Die Wachposten waren aus den Palastgrenadieren gewählt und die Leibgarden vom berittenen Grenadierregiment. Als die ganze Gesellschaft beisammen und die Mitglieder der kaiserl. Familie erschienen waren, brachte der Zeremonienmeister des Hofes die Trauringe zum Altar. Darauf erhielten Staatsdamen den Befehl, sich nach dem sogenannten „goldenen Empfangszimmer" zu begeben zur Schmückuug der Braut. Dieses Zimmer, dessen Wände mit golddurchwirktem Stoff bekleidet sind, war für diesen Zweck schon geordnet. Auf einem mit golddurchwirkter Seide bedeckten Tisch stand der große, historische, in goldenem Nahmen befindliche Toilettenspiegel Anna Joannownas, vor dem alle Bräute der russischen Großfürsten zur Hochzeit geschmückt werden. Die Großfürstin Xenia war mit einem hermelinbesetzten Mantel und einer kleinen Brillantkrone geschmückt. Der Eintritt der kais. Familie in die Kirche erfolgte aus dem sog. „Himbeersalon" (der an den „goldenen" stößt und in dem das Brautpaar vorher mit einem Heiligenbilde gesegnet worden war) durch eine aus rothem Luch errichtete zeltartige Pforte. Zur einen Seite standen die Hofdamen, alle in russischem Ssarafan (ein langes Ueberkleid ohne Aermel) und mit golddurchwirkten, sammtnen Hofschleppen. Die Frauen unter ihnen trugen den Kokoschnik (russischen National- kopfputz) mit kostbaren Edelsteinen, die Jungfrauen sammtne Hofbinden. Auf der anderen Seite bildeten Spalier die höchsten Hof- und Würdenträger, Senatoren und Staatssekretäre in ihren glänzenden Uniformen. Die höchsten Militärchargen und das Gefolge begaben sich nach der Kirche durch das Parketzimmer, in den Petrowskischen, den weißen und den ersten chinesischen Saal, in welch' letzterem die Stabs- und Oberofstziere sich ihnen anschlössen. Darauf schritten sie durch den Porträtsaal, wo die Stadtoberhäupter und Vertreter der Kaufmannschaft sie erwarteten, um ihnen zu folgen. Im Standart-, im Kavallerie- und im blauen Saal befanden sich die hoffähigen Damen, sämmtlich in russischen Trachten. Der Metropolit Paladin, gefolgt von den Mitgliedern des heiligen Synods und der ganzen Hofgeistlichkeit, trat aus dem Raume hinter dem Altar heraus, schritt dem Kaiserpaar entgegen und empfing sie am Eingang der Kirche mit Kreuz und Weihwasser. Als die Hochzeitsgäste sich in der Kirche versammelt hatten, führte der Zar, Alexander III., das Brautpaar auf eine mit himbeerfarbenem Sammt bedeckte Erhöhung. Die Trauung vollzog der Hofoberpriester Janüischew mit anderen Geistlichen. Nach einem Wechselgesange brachten zwei Hofpriester in Bischofsmützen auf goldenen Schalen die Trauringe, die der Oberpriester dem Brautpaar dreimal ansteckte. Daraus traten die Brautmarschälle, der Großfürst-Thronfolger Nikolaus und die übrigen Großfürsten heran, um während der Trauung die Kronen über die Häupter des jungen Paares zu halten. Nach Beendigung der Feier begab sich der Zug in derselben Ordnung zurück. Um 6 Uhr fand daS Paradeessen statt, um 9 Uhr begann ein Konzert im Petrowski'schen Saale, und gegen 11 Uhr reisten die Neuvermählten ab. -I-v-i—- Rösselsprung. nach giebt sals trau ^ es dem er doch die schick le in wohl her und schlä ne dir jähr stürm gram je son ben es gen auch ben re nach re wohl lacht de und > sten in gar gen freu blüht giebt ^ tröst ^ die dem gen ^wch! I schön ^ schau ge dir Auflösung des Akrostichons in Nr. SS: Reis, Ostern, Bengel, Jlias, Nabel, Sau, Ozelot, Namen.' Nobiusou. Auflösung des Bilder-Räthsels in Nr. 94: Zeit HM alle Wundm. AnteWItimg IM „Augsburger Postzeitung". 96 . Dinstag, den 27. November 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas derselben war fast allen Bahnbediensteten bekannt. Als nun die Pfeife die Ankunft des Görlitzer Zuges um so und so viel Zeit früher schon von Weitem meldete, »er« Ein Unglücksjahr. Herr fseinem Freund er-> zählendj: „Ach, ich kann mich auf das Frühjahr im Jahre 1868 genau erinnern; am 7. Mai war ein großes Hagelwetter, am 9. Mai ein Brand in unserer Stadt, und am 13. Mai hab' ich geheirathet!" — „Na, da war ja Unglück auf Unglück!" * Un verbessert ch. Fräulein: „Sie wollen nicht heirathen, Herr Doctor — da mißachten Sie wohl daS Weib?" — „Im Gegentheil: allen möglichen Respect hab' ich davor!" Anagrcunm-Ghasel. 1 3 3 4 sei dir gebracht, Hat Weg und Last dich matt gemalt. 2 3 4 1 stieß Bruderhand Dereinstens in des Todes Nacht. 4 13 2 dient' als Exil Einst einem Mann von stolzer Macht, 2 1 3 4 ein kirchlich Kleid, Ein Bauin, geschmückt mit Silberpracht. Lösung der Schachaufgabe in Nr. 96: Weiß. Schwarz. 1. S. §2-81 beliebig. 2. D. oder S. setzt Matt. zm „Augsburger Postzeitung". 98 . Dinstag, den 4. Dezember 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas e. einem schrecklichen ^Rheumatismus gequält wird . . . nein ... in Wahrheit, meine Herren, Sie spielen mit meines Güte, ... ich werde die Thüre nicht öffnen." Und alle zugleich riefen: „O bester Ruys! o lieber Ruysl geh', laß Dich erweichen! — Komm, ein Packet Cigarren gegen den Schlüssel! Komm, meine schöne Meerschaumpfeife gegen den Schlüssel!" Und dann vernahm man nur mehr den einzigen Ruf: „Den Schlüssel! Den Schlüssel! Den Schlüssel!" Während Ruys sich, in die Enge getrieben, dieOhren verstopfte, bemerkten dieZöglinge den Bart eines Schlüssels aus des Dieners Tasche hervor- lugen; sie entwendeten ihn und öffneten die Thüre des Ateliers; dies war so schnell geschehen, daß Ruys noch den Riegel knarren hörte, als die Hälfte der Zöglinge schon eingetreten war. „Meine werthen Herren," sagte dann der arme Diener, der Reihe nach bald auf den einen, bald auf den anderen blickend, „aus Mitleid mit mir achten Sie hier jedes Ding, betrachten Sie, aber berühren Sie nichts, .... Heim, Sie versprechen mir es, nicht wahr?" Aber keiner antwortete; der eine besah ein Gemälde, der andere einen Entwurf, wieder ein anderer prüfte die noch frischen Farben auf der Palette; mehrere standen grup- pirt vor einer Staffelei und bewunderten ein angefangenes Bild, das die heilige Magda- lena und die heilige Jungfrau, am Fuße des Kreuzes stehend, vorstellte. Während dieser Betrachtung herrschte die feierlichste Stille. Die jungen Leute so ruhig, so ernst sehend, hörte Ruys zu sprechen auf; er wandte sich gegen die Thüre, um hinauszugehen, als plötzlich ein Gedanke ihn seine Schritte zurücklenken ließ und er sich einem der jungen Leute näherte, dessen Gesichtszüge das Feuer der Jugend und des Genies zugleich ausdrückten. „Herr van Dyck," sagte er ihm in's Ohr, „ich baue auf Sie, Sie sind der rechtschaffenste der fleißigste, der Schule, haben Sie ein Auge auf diese jungen Ueber- müthigen, versprechen Sie mir das?" Und nachdem van Dyck mit freundlichem Lächeln das Jawort gegeben hatte, entschloß sich der alte Diener, — 7b(> zu gehen. Für einige Augenblicke war die Aufführung, welche sie pflogen, thatsächlich eine musterhafte: vertieft in das, was sie sahen, nur an die Kunst denkend, die sie pflegten, besprachen sie sich ruhig miteinander, sei es über die Farbentöne oder die Darstellungsweise. „Welch' grober Meister ist Rubens!" sagte der eine. „Und eine so glänzende Laufbahn!" fügte ein anderer hinzu. „Wißt Ihr, meine Freunde," versetzte ein dritter, „daß es selten ist, sich den Künstler in dem großen Herrn und den großen Herrn in dem Künstler auf einmal vorzustellen, wie es bei Rubens der Fall ist?" „Mein Vater," sagte van Dyck, „erzählte mir einmal, daß, als Rubens Gesandter in Wien war, bei Tisch des Fürsten Kaunitz, Ministers des österreichischen Reiches, ein Herr, die Gemälde Rubens' rühmen hörend, zu seinem Tischnachbarn sagte: „Dieser Rubens ist also ein Gesandter, dem es gefällt, Malereien zu machen?" Casa- wo sie sich befanden, und ohne Rücksicht auf die vorhandenen Meisterwerke warfen sie mit dem Ball aufeinander, rannten hin und wieder, balgten einander ab, umschlangen sich gegenseitig mit den Armen und rangen; kurz, keiner konnte sagen, wie es kam, daß Diepenbecke, von einem angestoßen — man wußte nicht, von welchem —, plötzlich stolperte und fiel — gegen was? gegen die Staffelei Rubens'! Die Staffelei stürzte um, die Leinwand mit, und Diepenbecke kam seiner ganzen Länge nach auf die Leinwand zu liegen. Er stand wieder auf, ein Schrei des Entsetzens entschlüpfte Aller Lippen; die schöne Magdalena war am Arme verwischt, und die Muttergottes hatte die Wange und das Kinn nicht mehr. Eine Stille der Bestürzung war an Stelle der lärmenden Fröhlichkeit der Zöglinge getreten. „O meine Freunde, was haben wir gethan!" riefen sie, indem einer den andern mit Schrecken ansah. I)> . N»ux. nova antwortete: „Excellenz täuschen sich, Rubens ist ein Maler, dem es gefällt, Gesandter zu sein." Während dieses Gespräches entfernte sich Richard von der Gruppe und bemerkte in einem Winkel einen elastischen Ball, der ohne Zweifel von einem von ihnen am Abende vorher vergessen worden war; er hob ihn auf, und ohne an etwas anderes zu denken, als Bewegungen mit seinen Armen zu machen, welche die Arbeit am Morgen schlaff gemacht hatte, schleuderte er den Ball in die Luft, indem er ihn geschickt wieder auffing, je nachdem er fiel. Einmal fiel er zu Boden. „Du bist ungeschickt!" rief derjenige, dem er zu Füßen gefallen war, indem er den Ball aufhob und ihn auf Richard warf, der jedoch dem Wurfe auswich, den Ball ergriff und wieder antwortete. Das Spiel kam in Gang. Jeder wollte daran theilnehmen, und vornehmlich Diepenbecke, der hierbei eine ungewöhnliche Fertigkeit entfaltete. Schließlich kam es so weit, daß sie vergaßen, ve. Krhring. UM WWW M» „Wir sind verloren," sagte Richard. „Ohne Zweifel jagt uns der Meister morgen Alle aus der Schule." „Das wird sicher geschehen," sagte ein Anderer; „ich werde indessen auf die Kündigung nicht warten, ich gehe im voraus." „Und ich auch!" fügte ein Weiterer hinzu. „Und wohin gehen die Herren," fragte van Dyck, „einen zweiten Meister wie Rubens zu finden? Nein, es gibt keine Wahl, wir müssen uns gänzlich seinem Zorn aussetzen, wir müssen bleiben." „Zumal er so weichherzig ist," sagte Diepenbecke. „Er ist nicht von großer Sanftmuth," warf ein Anderer ein. „Mich macht sein Blick allein zittern," sagte Richard. „Und der Klang seiner Stimme, wenn sie zorniger als gewöhnlich, erstarrt mich," bemerkte van Dyck traurig. „Mein Gott, waS thun, was thun?" sagten Alle mit bestürzter Miene. „Stellt jedes Ding an seinen Platz," sprach Richard, „und wir begeben uns, ohne etwas zu sagen, fort." 767 „Pfui doch!" rief van Dyck; „dadurch würden wir den armen Ruys beschuldigen, er würde vielleicht davongejagt werden, und wir hätten uns die Verschuldung des Unglückes eines Greises vorzuwerfen." „Aber was thun wir dann?" fragte Dieperbecke mit trostloser Stimme. „Erwarten wir unser Schicksal und tragen wir es, denn wir haben es verdient," antwortete van Dyck. „Meine Freunde, ein Vorschlag!" rief der Jüngere der Gesellschaft. „Wir haben das Uebel verursacht, wir müssen es auch wieder gut machen: Einer von uns setze sich an's Werk und arbeite; ich wage es, wenn ihr wollt." „Du, Cohen?" sagte sein Nachbar mit Ueber- raschung; „Du kannst ja kaum einen Pinsel halten, mein armer Bursche." „Der gute Wille wird das Uebrige machen,James," antwortete Cohen. „Wie wenn der gute Wille das Talent vertreten könnte!" versetzte Diepenbecke. — „Dennoch ist der Vorschlag Cohen's nicht zu verwerfen. Einer von uns, und zwar der Tüchtigste, soll sich an'sWerk machen und die Verbesserung vornehmen." „Und wer ist der Tüchtigste?" fragten sich Alle, einander betrachtend. Einstimmig nannten Alle Antonio van Dyck. „Ich?" sagte van Dyck, erstaunt über die Aufgabe, die ihm seine Kameraden auferlegten. „Ja Dul" wiederholten sie Alle; „Du bist der Tüchtigste. Du hast drei Stunden vor Dir; Muth, Freund, rette unsl" Bestürzt ergriff van Dyck mit der einen zitternden Hand die Palette, welche man ihm reichte, setzte sich vor das Gemälde, wühlte die entsprechenden Pinsel, und in dem Augenblick, ein so schönes Werk zu berühren, hielt er noch inne. „Welche Vermessenheit I" sprach er, das Auge zweifelnd auf seine Kameraden geheftet, die ihn umstanden. „Vorwärts, vorwärts, van DyckI" erwiderten sie ihm, indem sie ihn mit den Händen stießen; „alle unsere Hoffnung ist in Dir, Du allein kannst den Schaden wieder gut machen, vorwärts also!" Mit klopfendem Herzen gab endlich van Dyck den dringenden Wünschen seiner Freunde nach. Nach zwei Stunden fieberhafter Arbeit, wo Geist und Herz gleich angestrengt schafften, war das Werk vollendet, und van Dyck erhob sich schweißtriefend von seinem Stuhle. — Eine der größten Schwierigkeiten war besiegt; aber morgen, was wird Rubens sagen, wenn er den Betrug bemerkt? Daß keiner der Zöglinge in dieser Nacht die Süßigkeit des Schlafes kostete, ist wohl leicht denkbar. „Ack, ich bin ganz zufrieden mit Euch," sagte Ruys zu dem Zöglinge, welcher ihm den Schlüssel überreichte; „seit ungefähr zwei Stunden befand ich mich im Nebenzimmer des Ateliers und ich habe von Euch so wenig gehört, als wenn Ihr nicht dort gewesen wäret; das ist musterhaft, Ihr seid brav wie die kleinen Heiligen von Gyps." Keiner lachte über den naiven Ausdruck des alten Dieners, Jeder begab sich sorgenvoll von bannen. Dieselbe trübe Miene war ihnen auch am folgenden Tage eigen, als sie sich an die Arbeit machten. Der Eintritt Rubens' in die Schule machte einen angstvollen Eindruck, aber das Antlitz des Meisters war sonnig. „Er weiß noch nichts," sagte Einer leise zum Andern, und sie beruhigten sich für den Augenblick. Rubens ging von Staffelei zu Staffelei, indem er den Einen ermunterte, dem Andern einen Rath gab, einem Dritten einen Vorwurf machte. Plötzlich richtete er sich an seine sämmtlichen Zöglinge. „Meine Herren," sagte er, „ich will Ihnen mein Gemälde zeigen, ein Kirchen- gemälde, welches ich sür die Kapelle eines Kardinals mache; folgen Sie mir." Ein Schauer durchlief die Adern eines jeden Zöglings, dessen ungeachtet erhoben sie sich und folgten stillschweigend ihrem Meister. (Schluß folgt.) -- Zu unseren Bildern. Graf Hart»,a,in von Fugger, Regierungspräsident der Oberpfalz und von Regensburg. Unsere Leser empfangen beute das Bildniß des neu ernannten Regierungspräsidenten der Oberpfalz und von Real nsburg, Grasen Hartmann von Fugger-Kircbberg-Weißenhorn. Er wurde geboren am 29. Juni t829 zu Schloß Oberkirchberg an der Jller als sechster Sohn des Reichsraihs Grafen Fr. Fugger und dessen Gemahlin Johanna, geb. Freiin v. Freyberg. Graf Hartmann wurde in der kal. Pagerie zu München erzogen und oblag seinen juristischen Studien an den Universitäten von Berlin und München. Er erh elt seine erste Staatsanstellung Reisensbnrg. Original-Ausnahme van Gustav Baader, Photograph in Krumbach. tDervielsältigungörechl vorbehalten.) WM-r. MMS AM 768 für Kusel in der Pfalz und wurde bereits am 21. Juli 1858 zum Regierungsassesfor befördert. Von 1862 bis 1868 wirkte er als Bezirksamtmann in Neuburg a D., um von diesem Jahre ab als Regierunasrath und dann als Direktor abwechselnd in den Kretsregierungen der Rhcinpfalz und Oberbayerns seine Dienste dem Staate zu widmen. Graf Fugger war lange Zeit in hervorragender Weise parlamentarisch thätig. Schon als Bezirksamtmann verirat er den Wahlkreis Donauwörth im Landtage, und bis 1881 finden wir den Grafen Fugger als hervorragendes Mitglied der Rechten in der bayerischen Abgeordnetenkammer; dem deutschen Reichstage von 1877 bis 1881 gehörte er als Zentrumsmitglted an. Bet den Neuwablen von 1881 zog er sich von der parlamentarischen Arena zurück. In den letzten Jahren hatte er vielfach an Stelle des wegen Krankheit oft beurlaubten Freiherrn v.Pfeufer die Prästdialgefchäfte zu führen. Aas Denkmal König Ludwigs II. in Murnau. In Murnau, am Fuße der Berge, ließ die Liebe der bayerischen Obeiländer zu König Ludwig II., dem „ihrigen", ein würdig-s Denkmal erstehen. Die Anregung zur Errichtung eines solchen gab Postdalier Bay rlacher dortselbst. Durch freie Lievesspenden kam das am 26. August 1894 unter dem Zu- drang von mehr als 10,000 Festtbeilnehmern in dem oberbayeri- fchen Markt Murnau freilich enthüllte Monument zu Stande. Josef Hautmann, d-r jahrzehntelang den heivorragendsten Antheil an der plastischen Ausgestaltung der königlichen Entwüife hatte, ist der Stöpfer der Kolossalbüste aus weißem Marmor, die sich in lebensvoller Aehnlichkeit von dem Hintergrund aus natürl-chem Fels abhebt. Sie ruht auf einem gleichfalls marmornen Sockel, der das bayerische Wappen trägt, nebst den einfachen Worten, mit denen die „getreuen Landeskinder ihrem unvergeßlichen Ludwig" dies bescheidene, aber nicht unwürdige Denkmal widmen. Das neue Drichstagsgebäu-e. Am 5. Dezember wird der Reichstag wieder zusammentreten und zwar diesmal in einem neuen, prachtvollen Palast. Ueber ein Dezenium waren Tausende von Händen unausgesetzt thätig an der Ausführung des Riesenbaues, der bestimmt ist, d>r Volksvertretung des Deutschen Reiches, dem Reichstage, ein würdiges Heim zu bieten. Endlich ist das Prachtgebäude zur Vollendung gediehen und wenn die deutschen Volksboten sich wieder in der Hauptstadt des Reiches vereinigen, werd n sie unter festlichem Gepränge ihren Einzug in den neuen Parla- mentskälen halten und weiter berathen über des Volkes Wobl und Wehe —möge ihre Thätigkeit im neuen Hause dem Reiche zu stetem Segen gereichen. Bereits im Jahre 1873 ließ der Reichstag 24 Millionen Mark aus der französischen Kriegsentschädigung nebst den anwachsenden Zinsen für die Errichtung eines großartigen deutschen Pailamentsgebäudes bereit stellen. Kleichzezng wurde eine Konkurrenz für einen entsprechenden Plan eröffnet, aus Welcher nach schwieriger Entscheidung der Baumeister Paul Wallst, von Geburl ein Rheinländer, als Sieger hervorging. Ihm wurde auch die Bauleitung, sowie die künstlerische Ueber- wachung anvei traut. Der Bau gestaltet sich in seiner Hauptgrundrißlage als ein großes Rechteck, besten Miitelpunckt naturgemäß das Herz des ganzen Haufes der ringsum von weiten Gangen umgebene Sitzungssaal ist. Ueber ibm erhebt sich die Kupvel von Glas zwischen goldschrmmernden Rippen, darüber die gleichfalls go>d- glänzende Laterne, ein von Säulen umstellter Bau und über der Laterne als Abschluß des Ganzen, die goldene Kaiserkrone. Die Hauptfi ont, die >30 Meter lang ist, entwickelt sich palastartig in scharfer Betonung der inneren räumlichen Theilung auch nach außen hin. Die Mitte dieser Fa^ade nimmt die kräftig vertretende Säulenhalle ein, deren Kapitale über Mannshöhe haben. In dem breit gelagerten Feld des mächtigen Glbels treten Skulpturen hervor, die ihre Steigerung bis zur Kuppel hin in den massigen Ecklösungen und ,n der BegaS'schen Germaniagruppe finden. Charakteristisch wirken jedoch die thurmartigen Eckbauten mit offenen Galerien und figurengeschmückter Balustrade. An äußerem Schmuck ist der neue Retchstagsbau überhaupt außerordentlich reich, aber die Maße des Gebäudes so gewaltig, daß die bildnerischen Zierden nirgends als überladen erscheinen. Ein hoher Sockel in schwerer Fügung schließt das Gebäude nach unten ab. In Mitten aller vier Seiten sind die Eingänge angeordnet und zwar ist der, welcher auf unserer Abbildung ersichtlich ist, der mehr repräsentative Eingang, welcher wohl nur bei besonderen Anlässen benutzt wird. Den gewöhnlichen Eingang für Abgeordnete und Publikum bildet das Südportal. Reckts und links vom Mittelbau sind die Erfrstchungs- und Lesesäle der Abaeordneien. An der Ostfront siegen nach Süden die Räume für den Bundesratb, nach Norden die für das Reichstagspräsidmm. Die nördliche Eingangshalle ist als Durchfahrt gestaltet; von hier aus gelangt man über den ersten Hof und eine weitere Durchfahrt unter dem Sitzungssaal bis in den Südhof. Im Untergeschoß befinden sich Post, Telegraphie, Heizung und eine Anzahl anderer Diensträume nebst den Garderoben und einigen Hallen, die den Abgeordneten für Besuchsempfänge rescrvirt bleiben. Die neue Dehandlung der Diphtherie. Professor Beh ring in Halle hielt kürzlich in einer Versammlung der Naturforscher und Aerzte in Wien einen Vortrag über sein neues Heilverfahren zur Heilung der Diphtherie. Behring injicirt Pferden, welche zu keinem anderen Zwecke ge- b'aucht werden dürfen, steigende Mengen von Dipbtheriegift. Wenn dieselben eine bestimmte Menge Toxin ohne ReaktionsErscheinungen vertragen, wird denselben durch Aderlaß Blut entnommen und aus diesem mit Antitoxin beladenen Blute das Serum, das ist die nach der Gerinnung des Blutes übrig bleibende Flüssigkeit gewonnen, welche sodann keimfrei gemacht wird und nun für den Gebrauch reif ist. Die Heilwirkung des auf diese Weise dargestellten Antitoxins ist unzweifelhaft und in letzter Zeit durch zahlreiche Fälle nachgewiesen. Sehr günstige Resultate sind besonders auch vonvr-Roux in Paris bekannt geworden. Profissor Behring äußerte sich, daß von hundert Kindern, welche innerhalb 48 Stunden nach der Erkrankung mir dem Mittel behandelt werden, keine fünf sterben werden. Reisensburg, Dorf in Schwaben, Bez.-Amts Günzburg, mit circa 640 Seelen, mit einem dem Frhrn. v. Riedheim gehörigen Schlosse. Die Beste Reisensburg wird das erste Mal in der Mitte des 10. Jahrhunderts genannt. Bcrchthold nämlich, Sohn des bayerischen Pfalzgrafen Arnulf, hatte sich dem Aufruhre der bayerischen Lu-tpcldinger gegen König Otto I. angeschlossen; zur Strafe biefür wurde er aus Bayern verwiesen und in die schwäbische Beste Reisensburg verbannt, welche damals den Schyren gehörte. Im Javre 1295 erscheint die Herrschaft Reisensburg als Besttzkhum des Markgrafen von Burgau. Das Geschlecht der Reisensburger erscheint damals nicht mehr in dieser Gegend; aber noch im Jahre 1315 wird unter den Adeligen ein Rudolf von Reisensburg als Z-uge für Kloster Zimmern genannt. Als um das Jahr 1300 die Markgraifchaft Burgau vom Hause Habsburg erworben wurde, fielen auch Schloß und Herrschaft Reisensburg an die neuen Landesherren. Im November 1452 gingen die Herrschaften Günzburg und Reisens- burq mit vielen andern Gütern aus der Hand des Hans von Knöringen, damals Landvogt zu Burgau, in den Pfandbesitz deS reichen Ritters Hans von Stain auf Ronsberg über. 1457 machte Erzherzog Albrecht demselben Hans v. Stain Reisensburg nebst Zugebör um den Preis von 4000 fl. zu einem Lehen. Damit war Reisensburg von Günzburg getrennt und mit seinen Zugehörden zu einer eigenen burgauischen Lehensherrschaft gemacht. Die vonStain blieben im Lehensgenusse von Reisensburg, kamen aber in ihren Vermögensverbältnissen immer mehr zurück. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts steckte die Familie so tief in Schulden, daß Kaiser Rudolf II. befahl, es solle die ganze Herrschaft unter Sequester gestellt werden. Im Jahre 1760 gelangte durch Erbrecht Karl von Ehb zu Neu-Dettelsau in den Besitz von Reisensburg. Der letzte Besitzer von R-isensburg aus der Familie der Fieiberren von Eyb, Friedrich Karl, starb um das Jabr 1852. Reisensburg wurde nun verkauft, und zwar an den Freiheirn Maximilian v. Riedbeim zu Harthausen, dessen Nachkomm n sich heute noch im Besitze des Schlosses befinden. An dem Schlosse eihebt sich der alte Burgihmm, wohl jenes oastrnm, aus welchem der verbannte Schyre Bercbrbold von Bayern im Jahre 955 zu den Ungarn nach Augsburg eilt-, um seinen Verratb an Kaiser Otto auszuüben. Die jetzigen Sckloßgebäude wurden in späterer Zeit um den Thurm angeführt, Reisensburg hat eine dem hl. Papste und Märtyrer Sixtus geweihte Kirche; dieselbe wird schon im Jahre 1162 erwähnt. Das alte Kirchlein wurde 1767 abgebrochen und im folgenden Jahre die gegenwärtige Kirche gebaut. --— 99 . Ireitag, den 7. Dezember 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg lBorbesttzer Dr. Max Huttler). HermvarL rsorr Hildesheim. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) Die Domglocken läuteten. Herr Klans im Feiertags- kleide schritt rasch durch den Garten und erspähte die Maid, wie sie leise zu den Blümlein sprach. Gefesselt von dem wunderlieblichen Bilde blieb er stehen. Dann aber nahte er mit schnellem Entschluß. „Jungfrau Klothild, schenkt mir das Sträußlein, zu dem Ihr so freundlich niederschaut," bat er, und seine tiefe Stimme bebte. Sie blickte zu ihm auf, und er empfand nicht zum ersten Male, welch schöne Innigkeit aus ihren blauen Augen sprach. „Das Sträußlein war für Euch bestimmt," sagte sie einfach und heftete die Frühlingsblüthen an sein Gewand. Währenddessen schaute er zu ihr nieder, blickte er thr tief und tiefer in die blauen Augen und auch auf die rothen Lippen, die ihm holder als die duftigsten Blumen erschienen. Und er selber wußte nicht, wie es geschah — er drückte einen Kuß auf die weichen Lippen der Jungfrau und flehte: „Sei mein, sei mein. Du Herzliebe, wonnesame Maid." Sie schmiegte sich an die Brust des heißgeliebten Mannes, und alle Seligkeit der Liebe leuchtete aus ihren Augen, als sie die beiden Wörtlein sprach: „Ja Dein!" Wie war mit einem Male die Welt so schön geworden! Der kleine, dem Lenz entgcgenknospende Garten dünkte den beiden glücklichen Menschen ein Paradies. Sie hörten kein Glockenläuten mehr und hatten den Einzug des Kaisers vergessen unter zärtlichen Liebesworten. Inzwischen schritten die Hildesheimer in feierlicher Procession dem nahenden Kaiser entgegen. Voran trug ein Kirchendiener das hochragende Kreuz und ein Herold die Fahne mit dem HildesHeimischen Wappen. Dann folgten die Bürger der Stadt, die Dom- und Kunstschiller in Festkleidern; diesen schlössen sich die würdigen Domherren an in reichgestickten Prachtgewändern — ein ehr- furchtgebietender Anblick. Dahinter wogte auf hohen Rossen der ganze Adel des Stiftes in allen Farben mit wallendem Federschmuck und glänzender Rüstung, gar stattlich zu schauen. Nicht weit vor dem Hagenthore hielt der Zug. Hier erhob sich die von einem Baldachin aus Gold und Purpur überragte Ehrenpforte. Darunter stand ein kaum dem Kindesalter entwachsenes Jungfräulein. Ueber ihr flimmerndes Kleid von blendend weißer Seide fiel wie ein goldener Schleier ihr sonniges blondes Lockenhaar. Zarte Nöthe lag auf dem blüthenhasten Weiß des lieblichen Kindergesichtes. Ein Widerschein des blauen Himmels leuchtete aus den großen Augen. So stand Hathumod von Sommerschenburg da, um im Namen der Stadt den Kaiser zu begrüßen. „Ist sie nicht ein verkörperter Sonnenstrahl?" flüsterte jung Heribert entzückt seinem Nachbarn Dedi zu. Der Kunstschüler nickte nur und schaute in stummer Bewunderung nach dem jungen Edelfräulein Hathumod. Schmetternde Trompetenklänge ertönten. Brausender unbegrenzter Jubel ward laut; denn schon zeigte sich der Herrscher des Deutschen Reiches in seiner glänzenden Umgebung von Fürsten und Edelleuten. Kaiser Heinrich II., eine jugendkräftige Gestalt voll Würde und ungesuchter Hoheit, fern von jeder Spur eitler Selbstgefälligkeit, ließ den klugen Blick mit frohem Staunen über das durch Mauern und Zinnen zur Festung verwandelte Hildesheim schweifen. „Welch' günstige Umgestaltung hat die geliebte Stadt erfahren, seit ich vor mehr denn zwanzig Jahren als Domschüler hier weilte," äußerte er zu dem wackeren Edelmann an seiner Seite, zu dem rheinischen Grafen Hans von der Jsenburg. Sein Auge glitt dann freundlich über die ihm zujubelnde, vieltausendköpfige Menge des Volkes und blieb schier bewundernd auf der künstlerisch schön erbauten Ehrenpforte haften. Die liebliche Jungfrau Hathumod trat alsbald in kindlicher Unbefangenheit vor, neigte sich tief vor dem hohen Herrn und sprach mit Heller, klangvoller Stimme eine Begrüßung in classischem Latein. Es war eine Heldendichtung der edlen Roswitha, worin die Thaten des sächsischen Kaisergeschlechtes, der Vorfahren Heinrichs, vom Urahnen Heinrich I. an verherrlicht wurden. Was Roswitha vor ihrem Heimgänge nicht vollendete, das hatte deren Schülerin, das hatte jung Hathumods kluge Mutter, Frau Hildeswitha, ergänzt und vornehmlich den Schluß gar schön auf den guten und treuen Kaiser Heinrich II. abgerundet. Der Kaiser war tief bewegt. In so sinniger gemüth- voller Weise war ihm noch kein Empfang zu Theil ge- 770 worden. Er beugte sich nieder und drückte einen Kuß auf die reine Stirn der Maid. Dann sprach er mit weithin schallender Stimme begeistert seinen Dank aus. Huldigend umritten die Herren vom Hildeshcimischen Adel den Kaiser. Darauf bewegte der Festzug sich unter Trompetenschall in die innere Stadt, dem Dommünster zu. Der fromme Kaiser hatte in seinem Schreiben gebeten, daß man ihn zunächst an diese heilige Stätte leiten möge, auf daß er sogleich beim Einzug in den ehrwürdigen Ort seine Andacht in Sanct Mariens Dom verrichten dürfe. Vor dem Portale harrte ehrfurchtgebietend, mit allen Abzeichen bischöflicher Würde geschmückt, der hohe Fürst des Stiftes, Bischof Bernward, um seinen Kaiser zu emvfangen. Bei diesem Anblick stieg Kaiser Heinrich vom Pferde und beugte sich demüthig vor dem Bischof, um seinen Segen zu erbitten. Tiefe Rührung, warme Liebe spiegelten sich in den cdelgeformten Zügen Bernwards wieder, als er den ehemaligen Mitschüler in Hildesheim als Kaiser einziehen sah. Er segnete Heinrich und sein Gefolge mit dem Zeichen des Kreuzes; dann breitete ex stumm die Arme aus, und Kaiser Heinrich, von gleichen Gefühlen beseelt, sank, von Bewegung übermannt, wortlos an des Treuen Brust. Alsdann richtete Bernward sich auf und hielt eine herzliche Begrüßungsrede an den Kaiser. Während der Kirchenfürst sprach, hafteten Heinrichs Augen mit steigender Bewunderung auf den erzgegossenen Flügelthüren,*) so die Vorhalle von dem Innern des Domes trennten. Sinnreiche Darstellungen aus dem alten und neuen Testamente in hocherhabener Arbeit schmückten selbige. Kaum hatte Bischof Bernward seine feierliche Anrede beendet und der Kaiser geziemend seinen Dank ausgesprochen, da rief Herr Heinrich lebhaft und deutete auf die ehernen Thorflügcl: „Welch' großartige Schöpfung! Sie entstammt offenbar Eurem Geiste und ist aus Eurer Kunstschule hervorgegangen." Bernward sprach ernst: „Den Plan zu dieser plastischen Bußpredigt faßte ich in Nom vor den Thüren von Sancta Sabina. Ich wollte das Drama von Eden und Golgatha in einer Reihe bildlich ausgeführter Gedanken meinen armen Büßern vorführen, so in der Vorhalle harren müssen und an der Feier des heiligen Meßopfers noch nicht wieder theilnehmen dürfen. Durch die Bilder von der Sünde und von der Erlösung sollen die Harrenden erschüttert, aber auch wieder getröstet werden." Er hatte nicht nöthig, dem fromm-gelehrten Kaiser den tiefen Gedankeninhalt der Bilder, den Sinn und Zusammenhang eingehend zu erklären. Heinrich verstand ohne Worte die Gedanken des großen Meisters. „Fürwahr, da habt Ihr eine Bußpredigt für ewige Veiten in Erz gegossen. Zu späten Geschlechtern noch wird Euere Mahnung vernehmlich reden," sprach er bewegt. „Sehet dort die Meister, die mich in der Ausführung unterstützten, ja mit gewandter Kunstfertigkeit mir dieselbe nur ermöglichten," erklärte Bernward und deutete auf Diethelm und Heribert. Er winkte den Künstlern, nahe zu kommen. *) Wahrscheinlich fällt die Vollendung der Thürflügel erst in das Jahr 10 5. Den vielleicht begangenen Anachronismus wollte man der dichterischen Freiheit zu gute halten. Der Kaiser reichte den beiden, so sich tief verneigten, die Hand. — „Ich danke Euch!" sprach er. So traten sie wohl vorbereitet zur Andacht in das erhabene Domwünster ein. Der Kaiser staunte aufs Neue: Wand- und Deckengemälde in prächtiger und doch zart empfundener Ausführung zierten das Gotteshaus. Wie ernst und einfach hatte Herr Heinrich aus seinem Knabenalter her das Münster in Erinnerung! Vor dem der Himmelskönigin geweihten Hochaltare kniete er mit seiner ganzen Gefolgschaft und mit allen Theilnehmern des Festzuges nieder. Nach inbrünstigem Gebet erhob Bischof Bernward die goldstrahlende Monstranz und ertheilte den göttlichen Segen mit dem Allerheiligsten. Das war der Empfang, worauf nach also verrichteter Andacht die hohen Gäste Bernwards sich in die Bischofsburg begaben. Während sie beim Mahle saßen, sprach der Kaiser: „An den Gemälden des hohen Domes, so mir ausnehmend gefallen haben, will ich, ehe denn ich andere Stätten besuche, mich nochmals erbauen. Wer ist der Meister?" Es antwortete der Bischof: „Mein junger Schüler, Klaus vom Rhein genannt, Ihr sollt ihn sehen, und er mag selber Euch bei Eurer genauen Besichtigung seine Gemälde erklären. Befremdlich war's mir fast, den lebhaften, begeisterten Jüngling nicht beim Festzug zu erblicken." Er ertheilte einem Diener die Weisung, den Kunstschüler Klaus unverzüglich hierher zu entbieten. „Erlaubet," sprach Meister Diethelm rasch — als Hildesheimischer Rathsherr saß auch er an der Kaiscrtafel — „erlaubet, daß ich selber gehe; ich möchte sehen, was es in meinem Haufe gebe. Ich sorge, daß absonderliches dort vorgefallen sei, sintemalen ich weder Klaus, noch Jemanden von den Meinen gesehen habe." Er ging. „Herr Graf, Ihr schaut ja so nachdenklich drein, als ob Ihr ein verzweifelt Problema lösen müßtet," also wendete Kaiser Heinrich sich lächelnd an den derben Degen, den Ritter von der Jsenburg, so mit ihm gekommen war und an seiner Seite saß. „Weiß Zott, gnädigster Herr, nachdenklich bin ich worden. Hab', meiner Treu, heute einen andern Begriff von Kunst gekriegt. Alle Achtung vor der Kunst, so ich hier gesehen, vor der Kunst, so im Dienste Gottes steht und vor allem dessen Verherrlichung bezweckt!" „Gut!" sprach der Kaiser. „Doch warum sagt Ihr das wehmüthig und mit sichtlicher Kümmerniß auf Eurer Stirn?" „Weil die Erkenntniß mir nichts mehr frommt, hoher Herr, und weil ich meinen einzigen Sohn und Erben, der durchaus ein Farbenklexer werden wollte und keinen Sinn für ritterliche Waffenübungen bezeigte, zornig verstieß, auf daß er meinem Namen keine Schande mache. Ja, wenn der Bube solches hätte malen können, wie wir es hier im Münster sahen!" „Das glaube ich wohl, Herr Graf; dann hättet Ihr Euch mit seiner Kunstliebe ausgesöhnt, wenn er als Meister zur Welt gekommen wäre", meinte der Kaiser und fügte sehr ernst hinzu: „Aber schlimm war's von Euch, Jsenburger, daß Ihr den einzigen Sohn verstießet, der doch kein anderes Unrecht that, als daß er dem inneren Dränge folgte und sich ganz der Kunst hingab, statt das Kriegshandwerk zu erlernen". 771 Der tapfere Ritter, der sonst niemals um's Wort verlegen war und ein Mundwerk hatte, just so scharf, wie sein weithin gefürchtetes Schlachtschwert, schwieg traurig und schaute vor sich nieder. Das dauerte beträchtliche Weile, ehe Meister Diethelm wiederkehrte. Als er endlich erschien, leuchtete sein gutes Antlitz vor Glück. «Der Grund des Ausbleibens war ein freudiger," berichtete er. «Der junge Künstler Klaus hat sich, währenddem wir den Kaiserlichen Herrn einholten, mit meiner Tochter Klothild zur Ehe versprochen, und ich mußte meinen Segen dazu geben. Nietn zukünftiger Tochter- mann wird alsogleich hier sein," schloß er bewegt. Alle wünschten ihm von Herzen Glück. Es wurde aber spät; der Kaiser hatte eben die Tafel aufgehoben, als freudigen Gemüthes zwar, doch schüchtern und bescheiden der Künstler eintrat. Sowie der Bischof ihn erblickte, ging er auf ihn zu und führte den Zaghaften vor den Kaiser mit den Worten: «Hier ist der Schöpfer unserer Domgemälde." Heinrich blickte wohlwollend auf den Jüngling, der mit gesenkten Lidern vor ihm stand. „Junger Freund," also redete er ihn an, „Euere Schöpfungen haben unsern vollen Beifall, wir möchten selbige nochmals eingehend beschauen. Wollt Ihr unser Eeleitsmann sein?" «Mit tausend Freuden, hoher Herr," sprach Klaus leise mit verklärtem Angesicht und schlug voll die dunklen Augen zum Kaiser auf. Dabei traf sein Blick auf den Grafen von der Jsenburg, so neben Heinrich stand. Jäh erbleichte er und wich zurück. Der tapfere Ritter hatte währenddessen schon wiederholt die Augen gerieben und erkleckliche Zeichen maßlosen Staunens und unterdrückter Freude wahrnehmen lassen. Jetzt platzte er los: „Bei der Lanze des Herrn und beim heiligen Erzengel Michael! Klaus, mein Junge, das bist Du ja! Brauchst nicht zurückzuweichen, wie vor einem Schreckgespenst. Komm an mein Herz, Bursche, Alles ist vergeben!" Mit derber Hand griff er nach dem jungen Künstler und preßte ihn derart stürmisch an seine Brust» daß dem fast der Athem verging. „Hätte, weiß Gott, heute nicht an solche Freude gedacht l" Er ließ den Gefangenen los und fuhr heftig mit der Hand über die Augen. «Ist mir wahrhaftig schon eine Fliege ins Auge gekommen!" Und dann flüsterte er, freilich so laut, daß es Alle hören konnten: „Junge, verzeih Deinem alten Vater, daß er Dich damals so rauh in die Welt hinausstieß, als Du Deinen Arm bei Ausübung der Dir verbotenen Farbenklexerei verloren hattest und zum Ritter untauglich wurdest; es war freilich abscheulich von Dir. — Junge, sprich ein Wort, verzeihest Du?" Da umschlang Klaus innig den Hals des Ritters und lehnte sein Haupt an dessen Brust. „Mein Vater, wie glücklich wacht Ihr mich," sagte er. „Wie wird die Mutter sich freuen! Sie weinte sich fast die Augen aus", rief der Graf von der Jsenburg und konnte vor Freude sich kaum fassen. Mit Rührung waren alle Zeugen des unerwarteten Auftritts. Dem machte Graf Hans von der Jsenburg selber ein Ende, indem er rief: «Gnädigster Herr, laßt uns nicht länger zögern, vorwärts zum Dom zu schreiten. Auch ich möchte bedachtsam die Malereien meines Sprossen anschauen und sie von ihm selber gedeihlich erklären hören." Es geschah, wie er bat. Klaus, der wohlverständ- licherweise nicht ganz bei der Sache war, wußte dennoch den dankbaren Zuhörern seine Schöpfungen in anziehender Rede zu erklären, so daß alle erbaut waren. Am Ausgange des Domes bat Herr Hans vov der Jsenburg: „Kaiserlicher Herr, entlaßt uns auf kurze Zeit. Außer meinem wiedergewonnenen Sohne soll ich hier ja eine Tochter finden." Die Bitte war leicht begreiflich, und Herr Heinrich gewährte sie lächelnd. Der Kaiser schritt alsdann mit Bernward über den Dowhof. Da stand vor der Werkstatt, aus der es hervorgegangen war, ein prächtiges Kunstwerk und erregte Heinrichs Bewunderung. Es war eine vom Bilde des göttlichen Siegers, von Christus am Kreuze, gekrönte metallene Triumphsäule. Ihr Schaft war achtmal von einem Bande mit kunstvollen Reliefs umwunden. Die Bilder stellten den geistigen Kriegs- und Siegeszug Christi dar. Der Kaiser rief aus: „Da habt Ihr fürwahr eine eherne Predigt geschaffen, die den Gläubigen sagt, daß der Weg deS Kreuzes der einzige Weg zum geistigen Siege ist. Das ist wahrlich eine Triumphsäule des Gottmenschen l" Bernward erklärte: «Ich habe diese Säule dazu bestimmt, ein anderes Werk zieren zu helfen, ein Werk, das ich vor Kurzem erst begonnen habe, das ich aber, wenn Gott mir ein langes Leben giebt, zu seiner Ehre vollenden werde. Kommt, daß ich Euch dorthin geleite." Sie schritten fürbaß. «Wir gehen jetzt einen Weg, den ich Tag für Tag mehrmals zurücklege", sprach Bernward und leitete den Kaiser auf einen umbuschten Hügel. Hier gewahrte dieser einen Bauplatz vom mächtigem Umfang und Grundmauern von gewaltiger Dicke. „Vor zwei Jahren legte ich hier den ersten Stein zu einem Gotteshause, das sich in nicht allzu ferner Zeit mit großer Pracht zu Ehren des heiligen Erzengels Michael erheben soll." Bernward sprach's und zog ein Pergament hervor. „Sehet, so habe ich den Plan zu einer dreischiffigen Basilika entworfen. Den Grundriß in doppelter Kreuzform, im Osten, gleichwie im Westen ein Chorabschluß, so daß die Krcuzarme sich im Osten und Westen je vor dem Chöre an das Langhaus anlegen. Ich habe dem Bau zu Ehren der neun Chöre der Engel neun Quadrate im Grundriß gegeben; im Ausbau sollen zu Ehren der heiligen Apostel zwölf Säulen die Decke tragen." „Hieran erkenne ich meinen geübten, geistreichen Mathematiker wieder, wie ich ihn schon auf der Dom- schule bewunderte," rief Heinrich aus. Bernward fuhr fort: „Neben dieser Basilika, deren Aeußeres ich durch sechs Thürme majestätisch gestalten will, werde ich den Söhnen des heiligen Benedictus eine Heimstätte erbauen. Damit soll auch nach meinem Tode auf lange Zeit hinaus mein Hildesheim ein sicherer Zufluchtsort der Künste und Wissenschaften und eine Pflanzschule apostolisch gesinnter Männer bleiben." „Ich bewundere Euere Umsicht und Euere väterliche > Fürsorge," sprach Heinrich. Von des Bischofs väterlicher Sorge für seinen Sprengel sollte der Kaiser noch mehr erfahren. Gar manche verdrießliche Angelegenheit des Stiftes und der Unterthanen trug Bernward Herrn Heinrich vor. Dieser versprach Abhilfe zu schaffen, wo er könne, die Stadt Hildeshrim zu ehren, und zumal alles zu thun, um Hildesheims Rechte auf Gandersheim zu schirmen. So waren sie in eifriger Zwiesprache weiter geschritten. Da deutete Bernward auf ein stattlich Wohngebäude: „Glaubt mir, daß dieses Haus die glücklichsten Menschen in Hildesheim umschließt," sagte er lächelnd. „So ist eS Meister Dtethelms Heim," rief der Kaiser rasch. „Laßt uns eintreten." Das war in der That eine Glückseligkeit schier ohne Maß und ohne Grenzen in dem kleinen Familienkreis l Der Ritter von der Jsenburg saß in der Mitte seiner Kinder und hielt deren Hände so fest wie in einem Schraubstock, und die Eltern Kloihilds labten sich mit glückstrahlenden Augen an dem Bild. „Nein, Kinder, ich lasse Euch nicht hier zurück," rief Graf Hans so laut, daß es im Hausflur vernehmlich war. „Ihr geht mit auf die Jsenburg. Da bringe ich meiner Hausfrau gleich eine Tochter mit dem verlorenen Sohn. Die wird Augen machen! Und Du, Klaus, bleibst als mein Erbe auf der Burg. Habe längst gewünscht, daß einer da sei, der nach dem Rechten schaut, wenn ich mit dem Kaiserlichen Herrn auf Reisen gehe oder ins Feld ziehe. Malen kannst Du ja auch auf der Burg." „Hoffe, Graf Hans, Ihr überlaßt uns den Sohn auch einige Zeit, auf daß er unsern Dom, den wir in Bamberg zu errichten gedenken, so schön ausmale, wie den Hildesheimer," so mischte sich Plötzlich der Kaiser in die Rede und trat mit Bernward vollends ein. Der Jsenburger ließ sich nicht verblüffen. „Darüber können wir ja später noch reden," gab er zur Antwort. Kaiser Heinrich reichte der tief erröthenden, vor Glück und Ehre ganz verwirrten Klothild die Hand. „Unsern Glückwunsch, Jungfrau Braut! Euern Verlobten haben wir als tüchtigen Künstler kennen gelernt." Und zu Diethelm, der kaum wußte, wie ihm geschah, wendete er sich lachend mit den Worten: „Sorget für einen guten Trunk, Meister. Wir wollen auf das Wohl Eueres Hauses und auf das der Jsenburger die Pocale aneinander klingen lassen." (Fortsetzung folgt.) --—S-NA-S-- Reiseerlebnisse auf einer Tour durch Deutschland, Ku-eemburg, Frankreich, Delgien, England und Holland. „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt", so sagt ein Volkslied. Von diesem Gedanken geleitet, läßt sich Schreiber dieser Zeilen es nicht nehmen, alljährlich zur Zeit, „wenn die Schwalben heimwärts ziehen", Gottes schöne Welt zu besichtigen, von der Meinung getragen, es sei auch eine Art Gottesverehrung, die Werke Gottes sich anzuschauen; dem gläubigen Reisenden stärkt jede neue Reise den Gottesglauben und das Gottvertrauen. Nachdem das Jahr 1893 mir das herrliche Italien und Nom (ILEgiger Aufenthalt) zum zweiten Male gezeigt, beschloß ich Heuer einmal Frankreich, Belgien, England und Holland, Länder, die ich früher, mit Ausnahme Englands, kurz berührt hatte, genauer anzuschauen. Also wurde im Vertrauen auf Gott, in Begleitung von 3 Studenten, bestimmt für ein Missionshaus in Belgien, die Reise angetreten, die uns aus dem grünen Steigerwalde über Würzburg, Aschaffenburg und Frankfurt nach dem schönen Wiesbaden brachte. In Wiesbaden wurde die in Restauration begriffene kath. Pfarrkirche, die eine Zeit lang ungerechter Weise der Handvoll Altkatholiken überwiesen war, besichtigt nebst dem herrlichen Kurgarten; das Museum der Alterthümer ist sehenswerth. Von Wiesbaden brachte uns die Eisenbahn bis Nüdesheim. Nach Besichtigung des National- denkmals auf dem Niederwalde wurde nach Bingen übergesetzt und daselbst im Gasthaus zum „goldenen Pflug" Nachtherberge genommen. Daß dem guten Rheinweine zugesprochen wurde, versteht sich von selbst; Bingen ist der äußerste Punkt vom Großherzogthum Hessen; den Besuch der Nochuskopelle sollte Niemand versäumen. Den Weg von Bingen bis Koblenz macht man, da diese Strecke die schönste des Rheines ist, am lüften mit einem Rheindampfer; ich habe schon viele schöne Gegenden aus Gottes weiter Erde gesehen, mußte aber gestehen, keine gleicht der herrlichen Weingegend. Koblenz gegenüber liegt Ehrenbreitstein; diese Stadt besitzt ein Missionshaus der Pallottiner-Missionäre (pia Looistas Llissiouuw), Vorstand ist Herr P. Walter, ein geborener Würzburger; auch in Limburg a. d. 8. befindet sich eine Ar.stalt derselben Missionare; junge Leute, die Beruf zum Missionsleben haben, finden in beiden Anstalten gerne Aufnahme als Studenten und Laien- brüder; Vorstand in Limburg ist Herr P. M. Kugelmann. Schreiber dieser Zeilen ist gerne bereit, über die genannten Anstalten, sowie über alle Missions- und klösterliche Anstalten, die in gegenwärtiger Beschreibung erwähnt werden, Auskunft zu ertheilen. Möchten auch in Bayern bald ähnliche Missionsanstalten entstehen! Zur Zeit bestehen in Bayern nur 2 ähnliche Anstalten, nämlich in St. Ottilien bei Türkenfeld (Benediktiner- Missions-Gesellschaft für Deutsch-Ost-Asrika) und in Gars (Klosterschule der Nedemptoristen), und dazu eine Privat- anstalt des hochw. Hrn. Joh. E. Wickel in München (Vorbildung für die apostolische Lehrgesellschaft in Bonn). Das herrliche Moselthal hinab über Kochem (Koche- mer Tunnel 4226 na lang) gelangten wir zum altehrwürdigen Trier; neben den Hauptsehenswürdigkeiten TrierS wurde die Anstalt der barmherzigen Brüder besichtigt; junge, gesunde Leute, die Beruf zur Krankenpflege haben, finden daselbst bereitwilligst Aufnahme, auch wenn sie kein Vermögen haben; in Trier (Barbara-Ufer) befindet sich auch seit einigen Monaten eine Niederlassung der „weißen Vater", Missionäre für Nord- und Mittel-Afrika; unter den Zöglingen befinden sich einige Bayern; Vorstand ist der hochw. S. Pfeffer- mann. Daselbst verkosteten wir den trefflichen Wein von Maison Carröe, einer Pflanzung des hochseligen Kardinals Laviqerie. Der nächste Punkt unserer Reise war Luxemburg, wo z. Z. eine hübsche Landesausstellung abgehalten wird. Da bei uns in Bayern die Fraucnklöster so stark besetzt sind, daß Candidatinnen kaum Aufnahme finden können, bemerkt man, daß in Luxemburg im Kloster der barm- herzigen Schwestern brave gesunde Jungfrauen Aufnahme finden; Anfrage ist zu stellen an Hochw. Hrn. Domkapitular Schmitt daselbst. Bon Luxemburg aus begaben wir uns nach Arlon (Belgien). Arlon hat eine große Erziehungsanstalt der Jesuiten, sowie eine Anstalt der Maristcnschulbrüder „mindern Bruder Marias"; die Pension für die Ausbildung beträgt nur 400 Frs. — 320 Mk., und sind Nachfragen zu richten „an den Bruder Sigisbert, Direktor des Noviziates Arlon — Belgien." Bon Arlon aus erreicht man leicht Mariathal, Anstalt „der weißen Bäter" sowie Clairfontaine, eine große Anstalt der Vater vom hl. Herzen Jesu zur Ausbildung von Weltpriestern für Süd-Amerika, ferner Differt mit einer über 160 Zöglinge zählenden Missionsanstalt der Maristen, darunter viele Bayern. Im benachbarten Longwy (Frankreich) — Festung, 1870 von den Deutschen eingenommen — wurde ein kurzer Besuch abgestattet und hiebe! die auch sonst in Frankreich gemachte Wahrnehmung wiederum bemerkt, daß die „kiusoiens" sehr verhaßt, die „Lavurois" aber ganz gut in Frankreich angesehen sind. Von Longwy ging es über Arlon nach Brüssel; »ie Eisenbahn fährt über Ham-sur-Lesse, bekannt durch seine herrlichen Grotten, die es zu einer „fränkischen Schweiz" gestalten, Poix, Samt Hubert mit herrlicher Kirche, die die Reliquien des hl. Hubertus, Patrons der Jäger, birgt, dem in einem Walde nahe bei Brüssel ein Hirsch mit einem Kreuze zwischen dem Geweih erschien und so seine Bekehrung veranlaßte. Der zweitägige Aufenthalt in Brüssel gefiel außerordentlich; Brüssel hat bezüglich der Großartigkeit der Anlage viele Aehnlichkeit mit Paris; mein guter Führer durch Brüssel ist Woerl's „Brüssel", wie überhaupt Woerl's Neisebücher und Städtesührer, L 50 Pf., die trefflichsten Dienste leisten. Von Brüssel weg führte der Weg nach Loewen mit freier katholischer Universität und dem großartigen „6o1!s- Arum ^.mörioauum", wo begabte Jünglinge auf Kosten der amerikanischen Bischöfe zu Priestern herangebildet werden; unter den derzeitigen Zöglingen befinden sich auch einige Bayern. Von da aus wurde Antwerpen besticht und der großartigen Weltausstellung zwei Tage gewidmet; in Antwerpen befindet sich eine Anstalt der „Missionäre vom hl. Herzen IM", bekannt durch die sogenannten „Monat- hefte"; brave Knaben aus Deutschland finden Aufnahme im Missionshaus? des genannten Ordens in Freilassing bei Salzburg. Wenn man auf der Weltausstellung die Vertreter der verschiedensten heidnischen Nationen in allen Gesichtsfarben antrifft, so sieht man ein, daß es ganz gerechtfertigt ist, wenn die ganze civilisirte Welt ihre Aufmerksamkeit dem Missionswesen zuwendet. Von Antwerpen aus wurde mit dem sog. „Harwich- Boote" ein Ausflug nach England unternommen und London besucht, woselbst 2 Tage Aufenthalt genommen wurde; die sechsmillionenstadt mit ihrem regen Geschäfts- lcben, der großartigen Centrale, der „City", dem Tdwer, Morus usw. ihr Leben Hingaben für den katholischen Glauben, woselbst sich auch der Kronschatz befindet, der großen Paülskirche, der neuen London-Brücke, der unterirdischen Eisenbahn, dem großartigen britischen Museum und anderen Sehenswürdigkeiten bietet bei einem Besuche von nur zwei Tagen Stoff genug zur Beschäftigung. — Das katholische Leben in London entw ckelt sich in der erfreulichsten Weise. Die verschiedenen klösterlichen Genossenschaften wirken in recht segensvoller Weise; für die Seelsorge der Italiener wirken in London und Höflings die Pallottiner, an letzterem Orten auch ein Bayer, Namens k. Stefan Weber aus Böttigheim, ein Zögling des Berichterstatters. Der hochw. Hr. Dr. Verres, Vertrauensmann des St. Raphaelsvereins, wohnhaft Whitechapel, Union Street, nimmt sich eines jeden Deutschen liebevoll an; übrigens sei an dieser Stelle jedem, der nach Amerika auswandern will, der St. Naphaelsverein dringendst empfohlen; die Redaktion des Kilians-Blattes gibt gerne hierüber Auskunft. Deutschen sei empfohlen: „Private Hotel C. Merrit, 14 Upper Woburn Place, London 0." Nach sehr angenehmer Seefahrt wurde Antwerpen wiederum erreicht, der Nest der Ausstellung besichtigt und der Weg nach Rotterdam angetreten. Bei der Besichtigung von Rotterdam leisteten, wie in Antwerpen, Herr Plog und Herr Zöller, Vertrauensmänner des St. Raphaelsvereins, die trefflichsten Dienste, ebenso in Amsterdam Herr Huf und dessen liebenswürdiger Neffe Leo. Nicht genug kann der Eifer der holländischen Katho- liken beim Besuch des Gottesdienstes und in Ausschmückung und Neubauung ihrer Kirchen anerkannt werden; mögen auch die Jansenisten, deren Gottesdienst ganz dem katholischen ähnlich ist, wie wir bei einem Hochamte bemerkten, recht bald sich mit der katholischen Kirche wieder vereinigen; wie wir erfuhren, befindet sich z. Z. einer der 2 janse- nistischen Pfarrer Rotterdams in Rom. Bezüglich Rotterdams, Haags, des Seebads Schcven- ingen, Amsterdams und Utrechts, das wir ferner noch besichtigten, geben die betreffenden Woerl'schen Städtesührer die beste Auskunft. Bezüglich Englands sei noch nachgeholt, daß sich in der Nähe von London, in Mill-Hill, eine große Missionsanstalt der von Sr. Eminenz dem hochwürdigsten Herrn Kardinal Baughan von Wcstminster gegründeten St. Josephs-Genossenschaft befindet; die vierte Anstalt dieser Genossenschaft wurde in jüngster Zeit in Brixen (Tirol) gegründet, und sei hiemit jungen Leuten, die Beruf zum Missionsleben haben oder die in der Erreichung ihrer Absicht, Priester zu werden, durch irgend welche Hindernisse in ihrem Vaterlande abgehalten sind, bestens empfohlen. Auch die Missionäre vom hl. Geiste, die sogenannten „schwarzen Vater", wirken in England sehr segensreich; das Mutterhaus derselben befindet sich in Paris, rue äs Lomonä. Auf der Rückreise wurde von Venlo aus dem Missionshause Steyl, woselbst mein Freund, der hochw. Herr apostol. Provikar k. Schäfer von Deutsch Togo (West-Afrika), sich zur Wiederherstellung seiner Gesundheit befindet, ein Besuch abgestattet; eine große Anzahl Bayern befinden sich daselbst, Studenten und Laienbrüder; es wurden daselbst eben Exercitien für die Priester der Diözesen Münster und Köln abgehalten. Die Exercitien hielt der hochw. Hr. Jesuitenpater Hucklenbroich aus Exaetcn in Holland, dem Noviziate des Jesuitenordens in Holland. Dieser gänzlich erblindete Herr dürfte allen Thcilnehmern an den Exercitien in Fulda, Sept. 93, bekannt sein. Ueber Venlo, München-Gladbach und Düsseldorf wurde der Karthause Hain bei Nieder-Rad ein Besuch abgestattet. Zwei hochw. Püttes des Karmeliterklosters Würzburg traten im vorigen Jahre in Hain ein, auch finden Studenten, die Neigung zu diesem strengen Orden haben, gerne Aufnahme; einen mächtigen Eindruck macht der Nachtchor der Karthäu'er-Mönche von Nachts 12 bis 2 Uhr. Ich habe am andern Tage der Vesper im Kölner Dome beigewohnt, aber die Mette der Kalthäuser» Mönche entschieden erhebender gefunden. In Köln existiert auch eine Niederlassung der „Alexianer - Krankenbrüder" mit großartigem Spitale; berusssreudige, gesunde junge Leute finden daselbst, wie im gleichen Kloster in Aachen, gerne Aufnahme. Von Köln gings über Bonn, Koblenz, Mainz wieder in die Heimath zurück. Mögen vorstehende Z-ilen dazu beitragen, die genannten klösterlichen und Missionsanstalten in geneigte Erinnerung zu bringen! Gewünschte unentgeltliche Auskunft ertheilt der Berichterstatter durch Vermittlung der Redaktion des „Kilians-Blattes" in Würzburg. -—SSMVk-- Aus dem Leben Antonio's van Dyck. Wiedererzählt von O. Landsmann. (Schluß.) In dem Atelier Rubens angekommen, ging dieser gerade auf das Gemälde der Magdalena zu, und das Werk mit dem Finger bezeichnend, welches er gemacht zu haben glaubte, rief er: „Da ist nichts daran, das mir weniger gelungen wäre! Nun wohl, besehen Sie es!« Aber mit einem Male änderte sich der Ausdruck seines Gesichtes — er stutzte und trat näher an die Leinwand, dann aber stand er plötzlich zornbebend unter den entsetzten Schülern. Dieser Augenblick war schrecklich; man hätte jedem der jungen Leute zur Ader lassen können, ohne daß ein Tropfen Blut geflossen wäre. „Wer hat es gewagt, unerlaubt in mein Atelier zu dringen?" Keiner wagte eine Antwort. „Ihr macht mir mit Eurem Schweigen die Galle kochen . . . Antwort! Wer von Euch hat sich erlaubt, mein Gemälde zu beschädigen und dann zu verbessern? Nun, keiner spricht ein Wort? . . . Warum nennt der Schuldige sich nicht? . . . Was fürchtet er? . . . Daß ich ihm grolle? ... Ich werde ihn vielmehr umarmen, denn was er da gemacht hat, das ist erhaben, ich er» kläre ihn von heute an als meinen Nachfolger, er wird unser Aller Meister werden, das sage ich, der ich Rubens heiße! Wohlan sein Name?" „Van Dyck!" riefen alle Schüler, indem sie auseinander traten, um Antonio freien Platz zu machen. „Van Dyck!" wiederholte Rubens, indem er seinen Schüler bei der Hand ergriff. „Bravo, mein junger Freund! So wahr Gott lebt, Du kannst mich heute verlassen — ich habe Dich nichts mehr zu lehren . . . nichts . . . nichts mehr. Du mußt nach Italien reisen, mußt dort die großen Meister studiren, in Rom, in Florenz, in Venedig. Ich habe Dir nur mehr einen Rath zu ertheilen, und das wird der letzte sein . . . Es gibt Leute, welche sich einbilden, daß das Porträt den Pinsel deS Künstlers entehre. Das ist unwahr, ein wohlgelungenes Porträt hat sein Verdienst und dieses Verdienst wird daS Deine sein. Ich erkläre Dich schon jetzt als den Meister deS Porträts. . ." Als der alte Nuys Alle so zufrieden aus dem Atelier des Meisters gehen und den Meister selbst sich vertraulich auf die Schulter van Dyck'S stützen sah, sagte er für sich: „Meine Mahnungen von gestern haben Wirkung gehabt; der Patron macht ihnen Komplimente über ihre Artigkeit. . . Die guten jungen Leute! Ich werde ihnen niemals wieder den Schlüssel verweigern . . , gewiß nicht!" Van Dyck zählte damals siebzehn Jahre und ward geboren im Jahre 1599. Sein Vater, ein Glasmaler, gab ihm den ersten Unterricht im Zeichnen und verbrachte ihn dann zu dem bekannten Meister Heinrich van Palen, der ihn infolge der großen Fortschritte, die er machte, in die Schule Rubens' schickte. Bevor van Dyck Rubens verließ, um sich nach Italien zu begeben, wollte er ihm seine Dankbarkeit beweisen und verfertigte deßhalb drei historische Gemälde, die er ihm schenkte. Rubens schmückte damit die besten Gemächer seiner Wohnung, und es freute ihn, sie als die schönsten Stücke seiner Sammlung bezeichnen zu können. Obschon würdig, zu den größten Malern gezählt zu werden, ließ van Dyck keineswegs den Gedanken fallen, die großen Koloristen in Venedig zu studiren und die Werke Tizian's und Paul Veronese's zu kopiren; er arbeitete auch in Rom und Genua, worauf er wieder in sein Vaterland zurückkehrte, wo er durch ein großes Gemälde, den heiligen Augustin in Extase vorstellend, Bewunderung erregte. Dieselben Erfolge begleiteten ihn in England, wohin ihn Karl I., ein fürstlicher Freund der Kunst, berufen hatte. Mit Aufträgen überhäuft, sah er sich wider seinen Willen genöthigt, sich auf das Porträt zu beschränken; er erhielt Alles, was er wollte. Indessen bereicherte er sich nicht, denn er hielt offene Tafel, hatte eine zahlreiche Dienerschaft und öffnete seine Börse seinen Freunden und denen, welche sich für solche ausgaben; auch hatte er eine eigene Kapelle, welche ihm Tafelmusik machte. Er heirathete die Tochter eines Lords, aber sie brachte ihm keine andere Mitgift in's Haus, als eine hohe Abkunft und eine große Schönheit. Karl I. sagte einmal zu ihm, er wünsche ihm alles Gute, aber es wäre besser, der Künstler in ihm vergäße etwas, die Rolle des Prinzen zu spielen. Van Dyck gab ihm Recht und versprach ihm, sich zu bemühen, seinen weisen Rath zu befolgen Aber van Dyck vergaß diesen Rath und setzte sein verschwenderisches Leben nach wie vor fort. Wenige Jahre später starb er an der Schwindsucht, und zwar im Jahre 1641, im Silier von 43 Jahren. Seine Wittwe rettete eine beträchtliche Summe aus den Trümmern seiner Habe. ---SNWS"- Zaren-Hochzeiten. I» Altrußland waren, so entnehmen wir einer Schilderung der „Neuen Freien Presse", die Zaren-Hoch- zeiten von prunkvollen Feierlichkeiten. Ceremonien und seltsamen Gebräuchen begleitet. Die Wahl der Braut traf der Zar selbst aus einer großen Anzahl von Mädchen, die zu diesem Zwecke aus den Städten und Dörfern in das Zarenschloß zu Moskau versammelt wurden. Eine derartige Brautwahl für den Zar beruhte auf einem byzantinischen Brauche, den die russischen Zaren im 16. und 17. Jahrhundert nachahmten. Abgesandte dcs ZarS bereisten alle Städte des Reiches, wo sie sämmtliche Mäd» 775 — chen besichtigen mußten. Die auf den Gütern ihrer Vater lebenden Mädchen mußten in die benachbarte Stadt gebracht werden, um sich dort der Besichtigung durch die Zarendiener, die Okoljnitschi und Djaken, zu unterziehen. Nach der Besichtigung trug man die Namen der ersten Schönheiten einer jeden Gegend in ein Buch ein und ertheilte ihnen den Befehl, zu einem festgesetzten Zeitpunkte in Moskau einzutreffen. Dort wurden die Gewählten einer neuen Besichtigung durch die dem Zar am nächsten stehenden Personen unterzogen; die Auserkorenen aus der Zahl der Gewählten wurden dann dem kaiserlichen Bräutigam vorgeführt, der „nach vielen Proben", wie die Chronik besagt, eine Braut für sich aussuchte. Besonders zahlreich waren die angekommenen Bräute unter Iwan dem Grausamen. Bei der Wahl der dritten Frau für diesen Zar waren in der Alexander-Sloboda, dem damaligen Wohnsitze Iwans, mehr als zweitausend Mädchen, versammelt. Jedes Mädchen wurde ihm vorgeführt; anfangs wählte er vierundzwanzig Mädchen, später redu- cirte er diese Zahl auf zwölf, endlich hielt er um die Hand der Marfa Sabakina, Tochter eines Kaufmannes aus Nowgorod, an. Die in Moskau versammelten Zaren- Lräute wurden in einem großen, kasernenartigen Hause untergebracht; in einem jeden Zimmer standen zwölf Letten und ein Thron. Der Zar, in Begleitung eines Greises, erschien in jedem Gemach und bestieg den Thron; jedes Mädchen im Festgewande trat an die Stufen des Thrones und kniete nieder. Der Zar besichtigte sie genau; jene, dieser anserkor'en, erhielt von ihm einen Ring und ein goldgesticktes, mit Perlen besetztes Sacktuch. Dem Zar Alexei Michailowitsch wurden zweihundert Mädchen vorgeführt, von denen er anfangs nur sechs wählte. Nach der getroffenen Wahl wurden sämmtliche versammelten Mädchen reich beschenkt und entlassen. Die gewählte Zaren- Braut wurde unter feierlichem Zeremoniell in die Gemächer der Zaritza im Zarenschlosse geführt, wo ihre Erhebung zur Zarenwürde stattfand. Unter feierlichen Gebeten der Geistlichkeit setzte man hier auf ihr Haupt die kaiserliche Mädchenkrone, legte ihr den Namen Zarewna bei und gab ihr einen neuen Taufnamen. Hierauf legten die Hofchargen den Eid der Treue für die neue Zarin ab. — Die Brautwahl am Zarenhofe in Alt-Rußland entfesselte jedoch unter den höfischen Parteien fast immer die niedrigsten Leidenschaften, und selten verging eine Zaren-Hochzeit ohne beunruhigende Ereignisse am Hofe. Die dritte Gattin Iwan des Grausamen, Marfa Soba- kina, starb zwei Wochen nach ihrer Vermählung eines qualvollen Todes; noch als Braut wurde sie mit vergifteten Getränken von ihren Gegnern am Hofe bewirthet, so daß sie zur Zeit ihrer Vermählung bereits dem Tode verfallen war. Aus dem siebzehnten Jahrhundert ist die erschütternde Geschichte der ersten Braut des Zars Michail Feodorowilsch, Maria Chlopowa, bekannt. Die zur Zarenwürde bereits erhobene Zarenbraut lebte in den Gemächern im Kaiserschlosse; plötzlich erkrankte sie unter merkwürdigen Symptomen. Der Zar befahl den Aerzten, seine Braut zu retten. Der Gegner der Zarenbraut, der Höfling Saltykow, meldete jedoch seinem Herrscher, daß die Aerzte die Krankheit der Braut für unheilbar hielten. Der einberufene KirLenrath enthob den Zar seines Eheversprechens und Maria Chlopowa wurde ihrer Würde entkleidet und nach Tobolsk in Sibirien verschickt. Der Zar erfuhr aber später, daß die Krankheit seiner Braut durch schädliche Getränke hervorgerufen worden war, die ihr Saltykow reichte. Die entkrönte Zarewna wurde aus der Verbau« nung zurückgerufen und Saltykow entlassen. Aber auch die erste Gattin dieses Zars, Fürstin Dolgorukaja, starb am Tage ihrer Hochzeit eines plötzlichen Todes. Ein ebensolches Schicksal ereilte die erste Braut des Zars Alexet Michailowitsch. Aus den zur Brautschau versammelten zweihundert Mädchen wählte er die berühmte Schönheit Jenfimija Wsewoloschskaja. Der Allmächtige am Zarenhofe, Bojar Morosow, wollte aber den Zar mit der Tochter seines Freundes MiloslawSkij verheirathen. Er gab deßhalb den Kammermädchen der erwählten Braut den Befehl, die Haarflechten der Zarewna möglichst fest um den Kopf zu schnüren. Sie thaten dies noch übereifrig, und als Wsewoloschskaja in den Zarenkleidern und mit der Zareukrone vor ihrem Bräutigam erschienen war, fiel sie in der Nähe des Thrones in Ohnmacht. Morosow bezeichnete diesen Ohnmachtsanfall als Epilepsie; die Zarenbraut, ihr Vater sammt Familie wurden in Folge dieser Beschuldigung nach Tjumen verbannt. Die zweite Heirath dieses Zars wurde deßhalb in aller Stille gefeiert. Die Zarenbraut, Natalja Kirrilowna, wurde zur frühen Morgenstunde aus dem Elternhause unter starker Militär-Bedeckung geholt, in das Kaiserschloß gebracht und direct zum Traualtar geführt. Die zweite Heirath oder die „frohe Freude", wie die Altrussen sie nennen, des Czars Michail Feodorowitsch fand mit allen in Alt-Nußland üblichen Ceremonien statt. Michail Feodorowitsch und seine künftige Gattin, Jrwdokija Strjeschnewa, legten am Hochzeitstage prunkvolle Kleider an. Der Zar trug emen goldgestickten Sammetpelz und einen ebensolchen Zobelpelz, dessen Ränder umgeschlagen waren, eine Mütze aus kostbarem Pelz und einen auS Gold geschmiedeten Gurt. Der Zar verließ zuerst seine Gemächer und begab sich in die Goldkammer; die kaiserliche Braut wurde hierauf durch einen Herold geholt. Sie begab sich in Begleitung vieler Bojarinnen zu ihrem Bräutigam; den Zug eröffneten Schnelläufer, die Kerzen, Laternen und Brodschnitte trugen. Die Kerzen waren sehr massiv: beim Bräutigam hatte jede Kerze ein Gewicht von drei Pud, bei der Braut von zwei Pud. Die Kerzen waren mit Silberreifen, mit Sammt- und Atlastäschchen behängt und wurden vor der Braut getragen. Die Brodschnitte waren ebenfalls von colossalem Umfange; sie wurden auf Stöcken getragen, die mit kostbarem Stoffe überzogen waren. Auf den Brodschnitten lagen Goldmünzen verschiedenen Werthes. Dem Kerzenträger folgte ein Kranzelherr, der eine fächerförmige Schüssel aus Silber trug, in welcher Hopfen, Zobel- und Eichhornpelz, goldgestickte Sacktücher, Ducatcn und andere Münzen lagen. Dem Schnsselträger folgte nun die kaiserliche Braut im Schleier, gefolgt von zwei sogenannten Ehestisterinnen. Hinter der Braut gingen die Bojarinnen; zwei von ihnen trugen je eine Schüssel; auf einer lag der Kopsputz für verheirathete Frauen (Kika), auf der andern reichgestickte Handtücher, die zum Verschenken bestimmt waren. Den Zug schloß ein Geistlicher, der Weihwasser trug und den für die Zarenbraut bestimmten Sitz besprengte. Auf diesem Sitze lagen vierzig Zobelfelle; welche beim Herannahen der Braut weggeräumt wurden. In der Nähe der Kaiser- Braut nahm der angesehenste Bojarin im Reiche Platz; nachdem die Braut ihren Sitz erreicht hatte, sendete der Bojarin einen Herold an den Zar mit folgender Ansprache: „Herr, Zar und Großfürst aller Neußen! Der Bojarin läßt dir sagen: erbitte Gottes Gnade und gehe, deine 776 Sciche zu verrichten; es ist schon die höchste Zeit." Der Zar verließ seinen Sitz, nahm den Segen des Metropoliten entgegen und begab sich mit Gefolge in das alte Zarenschlotz. Den Zug eröffneten zwei Priester, die massive Kreuze trugen; ihnen folgte die gesummte Geistlichkeit der Kremlstadt, die den Weg mit Weihwasser besprengte. Der Zar ging, gestützt von einem General, langsamen Schrittes; ihm folgten die Hof- und Militär- Würdenträger. Als der Zar das Gemach betrat, wo die Braut sich befand, hob ein Diener den neben ihr sitzenden Bojarin auf, und der Bräutigam ließ sich auf diesen Sitz nieder. Die Anwesenden nahmen ihre Plätze ein, und das „Voxhochzeitsmahl" wurde servirt. Während die Gäste aßen, wurde die Braut frisirt. Zwischen der Braut und dem Bräutigam wurde eine Art Vorhang gehalten, um sie vor ihm zu verbergen. Die Brautwerberin nahm der Braut den Schleier und den Kranz ab, eine Bojarina hielt die Schüssel mit dem Kopfputze für verheirathete Frauen. Die Brautwerberin tauchte den Kamm in Meth ein und kämmte der Braut das Haar auseinander, um es nachher zu einem einfachen Knoten zusammenzudrehen. Hierauf legte man der Braut eine Perrücke an und bedeckte sie mit einem Vorhänge. Sodann trat der Schüssel- träger mit dem Hopfen vor; die Brautwerberin beschüttete Braut und Bräutigam mit Hopfen und fächelte ihnen mit den Zobelpelzen Luft zu. Zur selben Zeit näherte sich dem Brautpaare eine Bojarin in einem Pelze und drückte den Wunsch aus, Gott möge den künftigen Ehegatten so viel Kinder beschecren, als Haare in dem Pelze sind. Hierauf wurden die Handtücher, Sacktücher und Münzen an die Gäste vertheilt. Nachher verließen alle Anwesenden das Gemach, um den Zug zur Kirche zu formiren. Die Sitze des Zars und der Zarewna wurden mit vierzig j Zobelfellen bedeckt, das Tischtuch zusammengerollt, versiegelt und dem Hofmeister übergeben. Der Weg bis zur Kirche war mit Teppichen belegt, und zwanzig Bojarenkinder hielten Wache, um Niemanden den Weg überschreiten zu lassen. Von dem Kirchenthore bis zum Trau- Altar waren Seidenstoffe ausgebreitet, der Raum um den Altar selbst war mit Zobel belegt. Auf einem asiatischen ! Pferde aus der Kabardei ritt der Zar zur Trauung; ein Kutscher schritt voran, zwei Bojaren seitwärts, ihnen folgten sämmtliche Anwesenden im Zarenschlosse. Die Braut folgte dem Zar im Schlitten, der mit goldgesticktem Atlas gepolstert war. In der Kathedrale nahm der Zar rechts vom Altar Platz, die Braut links. Die Trauung vollzog der Metropolit, begleitet von einem Sängerchor. Nach der Trauung ließ sich das neuvermählte Zarenpaar auf eine Kirchenbank nieder, um einer Predigt des Metropoliten zuzuhören. Hierauf nahm das Paar die Glückwünsche der Chargen und des Volkes entgegen und kehrte alsbald in das alte Kaiserschloß zurück. Nach einem kurzen Frühstück trat der Zar eine Rundreise durch sämmtliche Kirchen und Klöster Moskaus an, welche bis Abends währte, und erst nach seiner Rückkehr wurde das große Hochzeitsmahl servirt. Es wurden mehr als 50 Speisegattungen aufgetragen, die mit eingemachten Hühnern ihren Abschluß fanden. Zwei Hühner wurden von einem Kranzelherrn in das Brautgemach getragen und der Bettmeisterin zur Aufbewahrung übergeben. Nach dieser Ceremonie begaben sich der Zar und die Zarin in das Schlafgemach. Sämmtliche anwesenden Gäste begleiteten sie bis in die inneren Gemächer. Im Schlafgemache wurde das Zarenpaar neuerdings mit Hopfen beschüttet und mit einem der Hühner gespeist. Das Ehebett bestand aus neunnnddreißig Korngarben, mit Teppichen und Leintüchern bedeckt. Die Polster auf dem Bette waren zusammengenäht; hinter ihnen standen zwei mit Roggen gefüllte Fässer und in jedem derselben steckte eine brennende Wachskerze. Eine Marderdecke und ein Zobelpelz lagen am Fußende des Bettes. Das Schlafgemach selbst war von berittenen Kriegern bewacht, um, wie die Chronik bemerkt, die Neuvermählten vor Hexerei zu schützen. Nachdem das Zarenpaar allein war, mußte die Braut dem Bräutigam die Stiefel ausziehen; in einem der Stiefel lag eine kleine Knute, mit welcher der Zar seine Gattin dreimal berührte um dadurch seine Macht über sie zu documentiren. Am folgenden Tage wurde das Zarenpaar mit dem übriggebliebenen Huhn, mit Grütze und mit Kwas gespeist; die Neuvermählten nahmen diese Speisen zu sich, während sie noch im Bette lagen. Hierauf begaben sie sich in's Bad, wo Musik spielte und ein Kirchenchor sang. Diese letzte Ceremonie wurde vom Zar Alexei Michailo- witsch aufgehoben; er befahl, statt der Musik im Kaiserschlosse Kirchenlieder vorzutragen. Die letzte Zarenhochzeit mit allrussischen Ceremonien war auf Befehl der Negentin Sophia jene des Zars Iwan Alexejewitsch mit Praskowja Saliykowa. Am Vorabende der Vermählung fand beim Zar ein Bankett für die Bojaren, Bojarinnen und für die Anverwandten der künftigen Zarin statt. Zar Iwan und Praskowja saßen an einem Extratische. Der Beichtvater des Zars ertheilte dem Brautpaare den Segen und befahl ihnen, Küsse mit einander zu tauschen. Die Anwesenden brachten ihnen hieraus ihre Glückwünsche dar und verließen das Gemach. Am Frühmorgen des folgenden Tages besuchte der Zar sämmtliche Kirchen seiner Residenz, wohnte einigen Gottesdiensten bei, ließ am Grabe seiner Eltern eine Seelenmesse abhalten und nahm den Segen des Patriarchen entgegen. Die Hochzeit selbst fand unter allen oben geschilderten Ceremonien statt. Am Tage nach der Hochzeit wurden großartige Festgelage veranstaltet, Scheiterhaufen angezündet und dem Volke verschiedene Getränke verabreicht. Bis zum Beginne des 18. Jahrhunderts wählten sich die Zaren Ehegefährtinnen aus der Mitte ihrer Unterthanen. Dieser Brauch bot jedoch für den Staat viele Unzukömmlichkeiten. Denn mit der neuen Zarin gelangten ihre zahlreichen Anverwandten zur Macht, die um den Zar ein Netz von Intriguen spannten. Peter der Große schaffte diesen Brauch ab, indem er für seinen Sohn, den Zarewitsch Alexet, eine ausländische Prinzessin, Sophie Charlotte von Braunschweig, zur Frau wählte. Die Hochzeitsfeierlichkeiten unter diesem Zar trugen nicht mehr den Charakter des moskowitischen Rußland. Die Abfahrt des Zarewitsch Alexei und seiner Braut Sophie in die Kirche vollzog sich nicht unter den früheren Ceremonien; ebenso wurden die Errichtung der Ehebette aus Korngarben und die Beschüttung mit Hopfen abgeschafft. ---SL8NS--- Delphischer Spruch. Immerdar hastdu's; bekommst du's, dich ärgert'«; mit anderem Kopfe Wildpret, Lustart und Gefäß ist'«, und mit dtr auch verwandt. Auflösung des Anagramm-Ghasels in Nr. 97: Labe, Abel- Elba, Albe. Ivtt 1.8L4. „Nugsburger Postzeitung". Dinstag, den 11. Dezember Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarilchen Instituts von Haas >L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer Dr. Mar Huttlcr). Hernward von Hildesheim. Erzählung auS dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. l,Fortir»ung.) VII. Heriberts Werbung. Herr, der Du alles wohlgemacht, Ich will nichts, was nicht Du willst schenken, Du machst es nicht, w'e wir's gedacht; Du wachst es besser, als wir de ken. Fr. Nückert. Es war im Spätherbst, wenige Tage vor dem Feste des heiligen Martinas. Man schrieb Eintausend und sieben nach der Geburt des Herrn. Auf der Domfreiheit zu Hildesheim führte ein Knappe einen schön gezäumten, mit bunt gewirkter Decke behangenen Streithengst vor. Der Ritter, so selbigen zu besteigen sich anschickte, glitzerte im Waffenrock von Silberstoff, er war gar stattlich anzuschauen. Unter seinem blinkenden Helm quollen blonde Locken hervor, sein edles Angesicht sprach von Muth und Geist. „Grüß Gott, Herr Heribert!" so rief der Bischof Ekkehard von Schleswig dem Ritter zu und kam eilends über den Domhof herbei: „Euer Anblick belehrll mich zu meiner Freude, daß auch unser gnädiger Landesherr, Bischof Bernward, wieder vom kaiserlichen Kriegszug aus Flandern heimgekehrt ist. Wann kamt Ihr?" „Gestern Abend spät," sagte der Ritter. „Und wollt schon wieder weg?" fragte Ekkehard. „Nur bis zur Sommerschenburg," gab Heribert zur Antwort, und sein jugendschönes Antlitz strahlte vor Freude. „Ich soll dem edlen Grafen Tammo vermelden, daß sein Bruder, unser bischöflicher Herr, glücklich heimgekehrt sei." Er schwang sich in den Sattel. Mit Wohlgefallen schaute Herr Ekkehard ihn an. „Was, Ihr tragt die goldenen Sporen? Glück zu, Herr RitterI" Und in aufrichtiger Freude reichte der Bischof dem jungen Herrn die Rechte. „Wo habt Ihr Euch die verdient?" fügte er die Frage hinzu. Heribert erröthete. „Das war von Gent. 's ist nicht der Rede werth, was ich that; doch der Kaiser meinte, ich habe mich tapfer benommen, er schlug mich zum Ritter." Herr Ekkehard dagegen meinte: „Wenn des Kaisers Schwert Eucre Schulter berührte, so habt Jhr's verdient, denn Herr Heinrich thu nichts ohne Ueberlegung. Doch sprecht, des Kaisers Feldzug ist längst beendet, der Empörer Balduin von Flandern wurde ja schon im Erntemonat unterworfen — warum kehrte Bischof Bernward nicht zugleich mit den Vasallen und Kriegsmannen zurück, so er dem Kaiser zugeführt hatte? Wo blieb er so lange, und wo weiltet Ihr mit ihm?" Heribert zog die Schultern hoch und lachte. „Dort kommt Herr Thangmar aus dem Dom; der war dabei, er wird's Euch besser erklären, als ich das könnte." Sprach's, grüßte mit gesenkter Lanze und sprengte von dannen. Ekkehard schaute schier verblüfft dem schmucken Reiter nach. „Uebermüthiger!" rief er halb lachend hinter ihm her. Mit freudigem Gruß: „Willkommen in der Hei- math!" wandte er alsdann sich Herrn Thangmar zu. Das war ein frohes Umarmen nach langer Zeit. „Hätte wahrlich nicht gedacht, daß ich Euch erst heute wiedersehen sollte, als wir gemeinsam am Feste der Erscheinung des Herrn in Gandersheim die Einweihung der Kirche feierten!" rief Ekkehard, und seine Augen leuchteten beim Gedenken der Feier. „Ein herrliches glanzvolles Fest, ein Siegesfest für unsern Herrn Bernward war's, da er endlich erreichte, was er so lange vergeblich erstrebt hatte!" Auch der Domdecan versenkte sich gar gerne in die ihm besonders liebe Erinnerung, sein Antlitz strahlte. Er ergriff Ekkehards Arm. „Kommt, Herr Bischof, wir wollen in dieser schönen Morgenfrühe ein wenig auf und nieder wandeln. Die Sache, über die wir noch nicht mit einander reden konnten, ist zu schön, als daß wir nicht in der Erinnerung daran uns gemeinsam erfreuen sollten." Herr Ekkehard willfahrte gerne. Thangmar berichtete lebhaft: „Ich war dazumal mit unserm Bischöflichen Herrn zugegen, als unser verehrungswürdiger Kaiser mit vielen Fürsten und Bischöfen zu Pölde das Weihnachtsfest feierte." Begeistert fuhr er f„rt: „Wohin dieser von Gott begnadete Herrscher sein Angesicht wendet, da versöhnt er die Zwieträchtigen. Herr Heinrich hat eine ungewohnte Gabe der Rede, so die widerstrebendsten Gemüther gewinnt. Auch Herr Willegis vermochte dem sanften und eindringlichen Zureden des 778 Kaisers endlich nicht mehr zu widerstehen und unterwarf die Sache Gandersheims dessen Urtheil. Herr Heinrich aber verlegte die so oft vereitelte Weihe der Ganders- heimischen Kirche auf die Vigilie vor der Erscheinung Tiefathmend sprach Bischof Ekkehard: „Das war ein großer Augenblick, als nach geschehener Einweihung durch Herrn Bernward der Kaiser mit dem Erzbischof Willegis und den zwölf Bischöfen, wozu ich selber gehörte, zum Volke Hinausschritt und feierlich die Worte sprach: „Meine Geliebten, den langen Streit heute beizulegen haben wir für angemessen gehalten. Ich erkenne an und weiß, daß die Kirche und die umliegenden Ortschaften immer den Hildesheimischen Bischöfen zugehört und von ihnen sonder Widerspruch besessen wurden." Thangmar neigte zustimmend das Haupt und erklärte: „Ich gestehe, es gehört mehr Selbstverleugnung dazu, als ich mir zutraue, und ich bewundere Herrn Willegis, daß er alsdann in Gegenwart aller Bischöfe und Fürsten vor dem Volke freimüthig bekannte, er habe geirrt und entsage feierlich allen Ansprüchen auf das Stift Gandersheim. Es ist mir so frisch in der Erinnerung, als ob es gestern geschehen sei, als der Stattliche sprach: „Theuerster Bruder und Mitbischof, ich entsage dem Rechte auf diese Kirche und übergebe Dir diesen Hirtenstab, den ich in der Hand habe, vor Christus, unserm königlichen Herrn, zur Bewahrheitung, daß weder ich, noch einer meiner Nachfolger irgend Anspruch oder Rückforderungsrecht in dieser Sache haben könne." Herr Ekkehard bestätigte: „Der Streit ist schöner und friedlicher geschlichtet worden aks irgend einer es ahnen konnte. Vor dem Erzbischofe Willegis, der sich unserm Herrn Bernward gegenüber ehrenvoll und liebevoll benimmt, hege ich die größte Hochachtung. Gott segne ihnl" „Dazu sage ich Amen!" fügte Herr Thangmar hinzu. Seine Augen glänzten in freudiger Rührung: „Herr Ekkehard, als ich unsern erlauchten Kaiser in seiner Majestät inmitten der zwölf Bischöfe da stehen sah, als ich mir sagte, dieser fromme und gerechte Herrscher des Deutschen Reiches und vier dieser hohen kirchlichen Würdenträger: Herr Bernward von Hildesheim, Herr Ekkehard von Schleswig, Herr Benno von Oldenburg, Herr Meinwerk von Paderborn, diese ausgezeichneten Männer alle sind aus unserer Hildesheimer Domschule hervorgegangen, da schwoll mir das Herz in freudigem Stolz, in innigem Dank gegen Gott." Bischof Ekkehard sprach warm: „Nächst Gott danken mir Euch, die wir als Schüler zu Eueren Füßen gesessen haben, daß wir zum Guten erzogen und in den Wissenschaften gebildet wurden." Die Frage aber, so ihm von Heribert nicht beantwortet war, hatte er nicht vergessen: „Wo blieb unser Herr, wo bliebt Ihr solange nach dem glücklich beendeten Feldzuge?" forschte er nun. Thangmar zögerte eine Weile mit der Antwort. Dann entgegnete er bedächtig: "Ich darf Euch wohl sagen, da Herr Bernward glücklich heimgekehrt ist, er verheimlichte den Seinigen das Vorhaben aus Furcht, er möge ihre Thränen nicht ertragen können. — Nach den Gebeinen des heiligen Martinus zu Tours unternahm Herr Bernward mit uns, seinen Begleitern, eine Wallfahrt, so er lange schon gelobt hatte. Zu Parts blieben wir einige Tage beim Grabe des hl. Dionysius. Wir besuchten die heiligen Orte, und mein Bischof opferte sich mit großer Zerknirschung des Herzens ganz dem Herrn. Von da ritten wir nach Tours. Wir hatten auf dem Wege uns von Seiten des Frankenkönigs Robert vielfacher Aufmerksamkeit zu erfreuen. In der Stadt Tours verblieben wir eine Woche. Es war rührend zu sehen, wie unser Herr vor seinem treuen Schutzheiligen täglich viele Thränen für seine und der Seinen Sünden vergoß. König Robert und die Bischöfe ehrten ihn durch die kostbaren Reliquien von des heiligen Martinus Körper, obgleich es sonst schon für etwas Großes erachtet wurde, das kleinste Stückchen von der Kleidung des heiligen Bekenners zu erlangen. „Unter den Segnungen Aller traten wir die Rückreise an. Wir verweilten wiederum einige Tage zu Paris, allwo Herr Bernward streng den gewohnten Uebungen des Gebetes oblag. Hier empfing er abermals von dem König Robert und den Bischöfen heilige Pfänder von Sanct Dionys und seinen Genossen. Dann setzten wir, von Segenswünschen begleitet, unsere Reise fort in die deutsche Heimath. In Aachen endlich machten wir Rast. Dortselbst erwartete der Kaiser sehnlichst unsere Heere; er empfing uns auf das liebevollste. „Hier am Grabe seines so früh dahingeschiedenen Otto betete Bischof Bernward lange und inbrünstig für dessen Seelenruhe. „Kaiser Heinrich wünschte, daß unser Herr ihn nach Frankfurt begleite, wohin er eine Synode beschieden hatte, weil er nämlich mit dem Plane umging, in seiner Stadt Bamberg einen neuen Bischofssitz zu errichten. „Obgleich Herr Bernward selber, wie wir Alle, eine schnelle Heimkehr wünschte, so weigerte er sich nicht, durch unverzüglichen Gehorsam den Kaiser zu ehren. Wir fuhren nach Frankfurt, und Herr Bernward gab allda gleich den übrigen Bischöfen seine Zustimmung zur Errichtung des neuen Bisthums. „Nun endlich heimgekehrt, liegt uns nichts weiteres ob, als die mitgebrachten Reliquien an einem Orte beizusetzen, wo sie würdig verehrt werden können," also schloß Herr Thangmar seinen Bericht. Inzwischen war Heribert freudigen Gemüthes nach der Sommerschenburg geritten und war dortselbst mit großer Herzlichkeit vom stattlichen Herrn Tammo und seiner immer noch unmuthigen Hausfrau Hildeswitha aufgenommen worden. Graf Tammo hatte selber den kaiserlichen Feldzug gegen Balduin von Flandern mitgemacht, ja sich darin ausgezeichnet. Er war der einzige der heimkehrenden Hildesheimer, so von der frommen Wallfahrt des Bischofes Kenntniß hatte. Wie frohbewegt lauschte er anjetzo der Reiseschilderung Hcriberts von den Abenteuern und den Gefahren, sowie von den frommen Freuden und Tröstungen. „Sieh', Hildeswitha", sprach er wohlgelaunt, als Heribert geendet, „sieh', dieser junge Hildesheimer Künstler, der nach dem Vorbilde meines geistvollen Bruders alle Künste, sogar die Kriegskunst betreibt, rettete unserm Kaiser, der sich bei Gent allzuweit vorgewagt hatte, durch Umsicht und Tapferkeit das Leben. Dafür aber schlug Herr Heinrich ihn, wie es sich geziemte, zum Ritter." Frau Hildeswitha streckte Heribert die Hand entgegen: „Meinen Glückwunsch, Herr Ritter!" 779 Dieser dankte und berichtete strahlend: „In Aachen belehnte Kaiser Heinrich mich mit der Bullenburg und schenkte mir zehn Hufen Landes dazu." Graf Tammo nickte befriedigt: „Das heißt kaiserlich gedankt! Wollte, ich könnte Euch meinen Dank ebenso geziemend darthun, meinen Dank dafür, daß Ihr freiwillig mit uns Hildesheimern in den Kampf zogt, und daß Ihr meinen theueren Bruder auf seiner gefahrvollen Wallfahrt begleitetet, liebster Heribert." Da leuchtete hell des jungen Ritters Auge auf: „Dank, Graf Tammo, habe ich keinen von Euch zu begehren. Doch, gnädiger Herr, — ich komme zu Euch als Bittsteller, Ja, ich flehe Euch an um das Beste und Theuerste, was Ihr habt: Gebt mir Euere Herzliebe Hathumod zum Weibe. — Als einfacher Künstler . hätte ich diese Gunst nimmer von Euch zu heischen gewagt. ! Um Hathumod zu erwerben, die ich liebe, seit ich sie als > holdes Kind zum ersten Male sah, zog ich in den Kampf, aus dem ich als Ritter zurückkehre." Tammo sah bewegt auf den Bittsteller. „Heribert, ich hätte Euch mein Kind gegeben, auch wenn Ihr nur ein einfacher Künstler ohne Namen und ohne Rang geblieben, so Hathumod Euch zugethan wäre", entgeg- nete er und fügte hinzu: „Es geht ein ernster Zug durch unsere Zeit. Die einzige Tochter meines treuen Freundes und Schwagers, des Grafen Altmann vonOles- burg, die ehedem so lebenslustige Frederunde, hat sich in Folge eines Traumgesichts entschlossen, der Welt zu entsagen und ein Kloster auf der mütterlichen Burg Steterburg zu begründen. Auch meine Hathnmod schaut keinen Ritter an und weist alle Bewerber zurück. Ich sorge, daß sie dem Beispiele ihrer jungen Schwester Rothgardis folgen will, so vor Kurzem den Schleier im Konvent zu Gandersheim genommen hat. Doch mein Kind spricht sich nicht aus. Fragt Hathumod selber. Will sie Euch, so nehmt sie mit Gott. Sie weilt droben auf dem Thurmstüblein, dem Lwblings-Aufenhalt meiner seligen Mutter. Dort- selbst übt sie sich emsig in der Malerei, welche Kunst, seit Ihr sie darin unterrichtet habt, ihre Lieblings-Be- schäfligung geworden ist." Heribert folgte der Weisung. Beklommen stieg er die Wendeltreppe hinan. Bangen Herzens pochte er an die Pforte des Thurmstübleins. Als ihm keine Aufforderung zum Eintreten ward, öffnete er leise die Thüre. Da saß Hathumod auf erhöhtem Sitz am Fensterlein; ihr Goldhaar schimmerte in der Sonne. Wie andere Edelfräulein den Stickrahmen, so hatte sie die Staffelei vor sich. In diesem Augenblick aber ruhten Pinsel und Palette; ihre großen, blauen Augen, so blau wie der Himmel selber, schweiften sehnsüchtig hinaus in die Ferne. Heriberts Kommen hatte sie überhört. Er schaute die Wonnesame eine Weile an. Dann sprach er mit bebender Stimme: „Gott zum Gruß, Jungfrau Hathumod!" Da sprang sie auf und that einen Freudenschrei: „Heribert, liebster Heribert! Gott sei gelobt, daß Ihr wieder da seid! Wie habe ich für Euch gebetet," so rief die Holde in der Freude des Wiedersehens und eilte ihm entgegen. Er legte den Arm um die Jungfrau und sah ihr tief in die blauen Augensterne: „Ihr habt für mich gebetet?" Sie nickte freudig: „Immer, immer!" Da zog er sie fest an sein Herz, was sie auch geschehen ließ, und fragte kühn: „Seid Ihr mir gut? Wollt Ihr meine liebe Hausfrau werden?" Sie schlang die Arme um seinen Hals und flüsterte: „Ach Liebster, wenn der Vater es nur erlaubt." „Er hat schon Ja gesagt!" rief Heribert außer sich vor Glück und drückte einen Kuß auf ihre rothen Lippen. Graf Tammo und Frau Hildes- witha waren freudig überrascht, als die Glückstrahlenden vor sie hintraten, um ihren elterlichen Segen baten und ihnen gestanden, wie lange sie einander schon heimlich geliebt. Der Segen ward den Kindern nicht vorenthalten. VIII. Bernwards Heimgang. Ihn hat nun als den Seinen Der Herr dem L-io entrück:. Und während wir hier weinen, Ist er so hoch beglückt. Er trägt die Lebenskrone Und hebt die Palm' empor Und singt vor Gottes Throne Ein Lied im höhern Chor. Spitta. Die schönste und bedeutendste Schöpfung Bischof Bernwards, die herrliche,SanctMichael geweihte drei- schiffige Basilika, stand vollendet da in eigenartiger Schönheit. — Auf einem Hügel erbaut, bob sie ihr sechsthürmiges Haupt majestätisch empor. Das Innere dieses Tempels drückte große und tiefsinnige Gedanken aus. Seine mit Bildwerken geschmückte Decke, Wände und Getäfel, sowie die prachtvoll errichteten Altäre, alles ordnete sich dem großartigen Gedanken unter, der den Erbauer beseelt hatte. Von dem Hochaltare herab strahlte das von Bernward eigenhändig geformte Kreuz mit der kostbaren Reliquie. Nachdem Maurer, Steinmetzen, Maler, Erzgießer, ja Kunstbefliffene jeglicher Art unter Bernwards Leitung während einundzwanzig Jahren an der Vollendung des herrlichen Baues ihre Kräfte geübt und bethätigt hatten, wurde die Kirche zur Ehre d^s Erlösers, seiner erhabenen Mutter und des heilbringenden Kreuzes eingeweiht, sie wurde unter den besonderen Schutz des heiligen Erzengels Michael und aller himmlischen Heerschaaren gestellt. Das geschah am Feste des heiligen Michael im Eintausend und zwei und zwanzigsten Jahre nach der Menschwerdung Uegirrungspriistdriit Dr. v. Aiegter. 780 Christi, im dreißigsten der bischöflichen Amtsführung BernwardS. Herr Bernward selber weihte die Kirche in Gegenwart des Cardinals Friedrich, als apostolischen Gesandten, sowie der Erzbischöfe von Mainz, Magdeburg und Bremen, der Bischöfe von Meißen, Schleswig, Oldenburg, Padcr- born, Halberstadt, Naumburg Merseburg und Werden, desgleichen von siebenundsechzig Prälaten und Aebten, sowie einer großen Volksmenge aus verschiedenen Gegenden. Neben diesem schönsten Bau des großen Bernward erhob sich das neuerrichtete Kloster, den Söhnen des heiligen Bencdictus aufgebaut. Nach vollbrachier Kirch- weihe setzte der Bischof den Abt Goderam und dessen geistliche Brüder in den Besitz des neuen Klosters ein und begab sich sodann all seiner Habe zu Gunsten dieser Stiftung. Nach erlangter Zustimmung seines geliebten Bruders, des Grafen Tammo, bestätigte er feierlich sein Vermächt- niß durch eine Stiflungsurkunde, wonach die dem Kloster St. Michael geschenkten Güter in nicht weniger bestanden, als in „Vierhundertsechsundsechzig Hufen Landes, zehn Zehnten und zehn Mühlen, neunzehn Landgütern, dreizehn Kirchen und einigen Gütern in und um Hildesheim belegen," überhaupt in allem, was er nach Erbrecht besaß oder durch Kauf erworben hatte, mit Ausnahme dessen, was er dem Altare der heiligen Maria im Dome an goldenen Kronen, Kelchen, Leuchtern, Gewändern und anderen kirchlichen Zierathen übertragen hatte. Gegen Schluß der Urkunde hieß es: „Da aber die Grundlage des neuen Werkes gelegt war und schon die einzelnen Räumlichkeiten hervortraten, da wurde ich, damit nicht etwa durch mein Umherschweifen in der Fremde das angefangene Werk verschoben würde — Ruhm sei Dir, Christus I — vom Fieber ergriffen und war siech fünf Jahre lang. Weil aber nichts auf Erden ohne Ursache geschieht, glaube und vertraue ich zum Herrn, daß er mich züchtigte, aber dem Tode mich nicht übergab, auf daß nicht durch meine Abwesenheit die Erfüllung meiner Hoffnung verzögert werde." Die schweren Körperleiden nahm der fromme Bischof voll Dank als ein Zeichen der göttlichen Güte, als ein willkommenes Läuterungsmittel an. Er wußte ja, daß Gott denjenigen züchtiget, welchen er liebet. So waren unter Leiden und Mühen die letzten Jahre Bernwards dahingeflossen. Als er erkannte, daß sein Lebensende nahe, so verlangte er, der all seine Habe hingegeben hatte, dem Heilande noch mehr zu gleichen in Armuth und Entsagung. Darum wollte er sein bischöfliches Gewand mit dem demüthigen Ordens- kleide des heiligen Bcnedictus vertauschen. Zwischen der Kapelle des heiligen Kr.uzes und der großen Klosterkirche St. Michael hatte Bernward zu Ehren des heiligen Martinus, dessen Grab er ja zu Tours besucht und von dessen Reliquien er einen Arm erhalten hatte, eine Kapelle errichtet. Am Feste des heiligen Martinus ließ er selbige durch Herrn Bischof Ekkehard von Schleswig einweihen, da er selber sich zu schwach fühlte. Nach geschehener Weihe ließ er sich in die seinem erwählten Schutzpatron zu Ehren errichtete Kapelle geleiten. Allhier nahm er im Beisein aller Mönche und in Gegenwart seines Bruders Tammo und des Bischofs Ekkehard aus den Händen des Abtes Goderam das Ordenskleid des heiligen Bcnedictus. Nicht lange trug er das Kleid der Weltentsagung. Er wurde von Gott berufen, den Lohn seiner Werke zu empfangen. ES war an einem trüben Morgen des Windmonats am neunten Tage nach Herrn Bernwards Aufnahme in das Kloster St. Michael, da trat der junge Domschüler Benno in die weltferne Zelle seines verehrten Großoheims ein. Er that das allmorgendlich vor dem Besuch der Schule. Benno war der älteste Sproß Heriberts und Hathumods von der Bullenburg. Wie ehedem Heribert der Lieblingsschüler des Bischofs gewesen war. so hegte Bernward nun für dessen Sohn die innigste Neigung. Seit fünf Jahren war Benno der Trost und die Freude des Greises, dem er alle Wünsche an den Augen ablas, ja von dem er schier unzertrennlich war. Als heute der Knabe dem Bischof seinen Morgengruß bot, da erschrak er. Eine große Veränderung war mit dem geliebten Oheim vorgegangen: wie durchsichtiges Wachs erschienen dessen durchgeistigte Züge, ein stiller verklärender Friede lag darüber ausgegossen. „Mein Benno, wenn Du mir den letzten Dienst erweisen willst," also hub der Bischof nach dem Gegen- gruß an, „so eile und entbiete Deinen Großvater, meinen geliebten Tammo, hierher; ich weiß, er weilt in Hildesheim. Rufe auch meine geistigen Brüder, die Söhne des heiligen Benedictus, auf meine Zelle und bringe Deine eigenen liebsten Freunde, die Edelknaben Udo von Hammerstein, Bruno von Jsenburg und Hermann von der Mundburg, zu mir. Ich fühle den nahen Tod und will vor meinem Ende noch zu Allen reden." Von tiefem Schmerz erschüttert, willfahrte Benno allsogleich, und gar bald umstanden die Gerufenen den Lehnstuhl des Scheidenden. Mit schwacher Stimme redete Bernward sie also an: „Meine liebsten Brüder! Die Zeit ist gekommen, da meine Glieder der Erde sollen befohlen werden. Ich fühle es. Mein Leichnam beginnt schon zu erkalten. „„Gib Rechnung von Deinem Haushalt; denn Du wirst hinfüro nicht mehr haushalten können!"" spricht der Herr zu mir. So befehle ich Euch dem Kaiser Heinrich an, meinem gnädigsten Herrn. Diesen gebe ich Euch zum Obersten. Er wird für Euch sorgen nicht minder, als ob ich persönlich zugegen wäre. „Meine Brüder! Liebet Gott den Herrn! Seid demjenigen dankbar, der Euch von den Eitelkeiten der Welt gezogen hat. Ihr wisset nicht, wie lange Euer Leben dauert. Selbst das Lieblichste unter der Sonne muß der Vergänglichkeit unterliegen. Ich habe reiche Tage besessen, aber wozu sind sie mir nützlich gewesen? Jetzt muß ich alles verlassen. Ich war Staub, und Staub muß ich wieder werden. Da freue ich mich, daß ich meine Güter nicht unnützlich verschwendet habe, sondern sie durch die Hände der Armen zu den ewigen Schätzen überbringen ließ. Auch ich habe große Gebäude und Steinwerke aufgerichtet, um die guten und gläubigen Christen im göttlichen Dienste zu bestärken, nicht aber, um eitele Ehre zu erwerben. Gott, der das Innere meines Herzens einsieht, ist mein Zeuge. Die heilige Schrift erklärt: „„Wann ihr alles gethan habet, was Euch befohlen ist, alsdann rufet, wir sind unnütze Knechte!" " Und dies wird zu den Auserwählten gesagt. Wo sollen denn die Trägen, die Unnützen bleiben? — Darum, liebe Brüder, dienet Gott dem Herrn in Furcht; denn die Gottesfurcht giebt viel Stärke. Wahrlich, Brüder, kein Mensch weiß, ob er der Liebe oder des Hasses-" 781 Des Bischofs Stimme war leiser geworden; er vollendete den begonnenen Satz nicht, sondern sank von Schwäche übermannt mit geschlossenen Lidern rückwärts in den Lehnstuhl. Große Bewegung überkam die geistlichen Brüder. Da schlug Bernward die Augen auf und sprach mühsam: „Liebe Brüder, ich will Euch nicht verlassen. Wenn ich schon meinem Leibe nach von Euch geschieden bin, so werde ich dem Geiste nach stets bei Euch sein." WW WW W8 S8 ! n lI^lA»IIss,!I!W!M!!' WE M WW Ein Duett. Nach dem Gemälde von O. Seitz. ! > ! > l ? Sie vermeinten, ihr Vater würde in diesem Augenblick verscheiden. Abt Goderam kniete vor Bernward nieder und rief fassungslos in herbem Seelenschmerz: „O lieber Vater, warum willst Du uns so bald verlassen?" Der junge Benno aber, welcher vor allen Andern wahrnahm, welche große Veränderung mit dem geliebten Großoheim vorgegangen war, fing bitterlich zu weinen an, und die anderen Edelknaben folgten sogleich seinem Beispiel. rL Da richtete Bernward sich empor, faltete die Hände und betete: „Diesen Kindern gib, o allmächtiger Gott, Deine Gnade, daß sie in Deiner Liebe gestärket werden und zu dem Lichte gelangen, welches ewig ist. Gib ihnen, o Herr, die Kraft, daß sie dermals mit Weisheit und Bescheidenheit ihre Unterthanen im Frieden regieren mögen. Gib ihnen Deinen Geist, also zu leben, daß sie das ewige Reich erlangen." Benno lag fassungslos vor Schmerz auf den Knieen und barg schluchzend sein Gesicht in beiden Händen. MitAnstrengung tasteteBern- ward nach dem Weinenden, löste ihm sanft die Hände und ermähnte ihn: „Du siehst, mein Sohn, daß wir nur durch das Feuer der Trübsal zu Gott gelangen, dero- wegen nimm meine Ermahnung an und beherzige meine letzten Worte. Fliehe und verachte diese Welt wie eine ansteckende und giftige Seuche. Halte Dich allein zu Gott. Damit Du aber dieses leichter ausführen mögest, und damit Dein noch weiches Alter, dem die Laster leicht EinGraf A. Uamagata, Generaloberst. W- ! drücke machen, durch Anderer Bosheit nicht verdorben werde, so weiche nimmer von der Seite dieses Deines Lehrmeisters." Er deutete auf Herrn Wiger, den daneben- stehenden Lehrer der Domschule, und fuhr fort: „Wenn Du mich liebst, so bezeige selbigem, als Deinem Vater, in allen Stücken Gehorsam." Dann ergriff er auch Herrn Wigcrs Hand: „Lieber Freund, Euerer Sorge empfehle ich dringlich das Seelenheil meines Benno." Diese Mahnung ging Beiden tief zu Herzen. Ja, auf Benno machten die Worte des Scheidenden solch nachhaltigen Eindruck, daß er — es sei hier eingeschaltet und vor- bemerkt — später im Kloster St. Michael sich dem geistlichen Leben widmete und seiner Tugenden halber von den Bene- dictinern zum Abt erwählet wurde. Kaiser Heinrich IV. berief ihn alsdann an das Col- legiatstift zu Goslar als Propst, worauf nach einiger Zeit ihm die Bischofs-Mitra zu Meißen aufgesetzt wurde, die er vierzig Jahre lang mit großem Ruhm der Heiligkeit trug. Biscbof Bernward hatte schon in Benno's zarter Jugend die herrlichen Eigenschaften erkannt , welche in dem Knaben schlummerten, und dessen künftige Größe und Heiligkeit mit prophetischem Blicke vorausgesehen. Nach der an den geliebten Knaben mit väterliche Liebe gerichteten Ermahnung wendete er sich noch einmal zu den anwesenden Mönchen Graf H. Ito, Ministerpräsident. von St. Michael, um ihnen in bewegten Worten seine letzten Wünsche vorzutragen. (Schluß folgt.) -^i-^-i-— Goldkörner. Verschwendete Zeit ist Dasein, gebrauchte Zeit ist Leben. Vou"g. -—»- Mulla Kilo, Kaiser von Japan. 783 Der Meßner von Thannstein. Eine obcrpfälzrsche Sage von Adolf Häutzling. .. Eine bedeutende Rolle in den Volkssagen spielt das doppelte Gesicht. Legenden und Erzählungen verschiedenster Art, aber immer düster und schaurig, wissen hiervon zu berichten. Es sei an dieser Stelle nicht unbemerkt, daß auch in den schottischen Sagen das Loppelgesicht eine große Rolle spielt. Im bayerischen Sagenschatze finden wir es bei vielen oberpfälzischen Erzählungen. Als Beispiel hiervon sei die Sage vom Meßner zu Thannstein berichtet. In Thannstein waltete im letzten Jahrhunderte schon lange Zeit seines frommen, stillen Amtes ein alter Meßner. Mit der Pünktlichkeit einer Uhr erschien er jeden Tag zu seinem Dienste, der damit begann, daß er morgens um 4 Uhr den englischen Gruß zu läuten hatte. Es war an einem Herbstmorgen, als noch fast das Dunkel der Nacht diese Stunde umhüllte, da ihn die Gewohnheit des Dienstes und die Zeiger der Uhr mahnten, daß sein Amt beginne. Rasch war er angekleidet, sprang durch die frostige Morgenluft über den Kirchhof hinüber zum Thurme, öffnete dessen > knarrendes Schloß und wollte eben den Strick ^ der Glocke ergreifen, um sie zum Gebete zu . rühren, als er plötzlich zurückfuhr vor Schrecken, fast wie Lots Weib zur Säule gewandelt. Seinen Augen bot sich ein Bild, welches dem unerschrockensten Manne den Schlag des Herzens gehemmt hätte. Er selbst, wie er leibte und lebte, stand am Glockenseile; er hatte sein zweites Ich erblickt; die räthselhafte Gestalt blieb sprachlos und ohne Bewegung. Weniger Zeit, als hier die Erzählung beansprucht, vermochte der Meßner auf das grause Bild zu blicken, gesträubten Haares, todtenblassen Antlitzes floh er von dannen; diesen Morgen wurde in Thannstein nicht geläutet. Eisiger Fieberfrost schüttelte die Glieder des Mannes, sein Gehirn war fast dem Wahnsinne nahe über das Entsetzliche, was er gesehen hatte. Die sorgende Hausfrau brachte ihn zu Bette, und ihrem gutmülhigen Zuspruch gelang es, bis gegen Nachmittag seinen Schrecken zu zerstreuen, ihm überhaupt den Glauben an die Erscheinung auszureden, die am Ende nichts als ein übertriebenes Gebilde seiner Schlaftrunkenheit und Furchtsamkeit gewesen sei. Die mächtigste Bundesgenossin des Trostes ist es, daß der Mensch den guten Versprechungen und Behauptungen tausendmal eher Gehör schenkt, als einer Aeußerung der Besorgniß, und als es gegen Abend ging, war unser Meßner wieder guter Dinge und schalt sich selbst einen furchtsamen Hasen. Trotz der späten Herbstzeit hatten sich im Laufe des Nachmittags die finsteren Wolken eines Gewitters geballt, das nun dräuend heraufzog. Der ferne Donner rückte immer näher und erinnerte den pflichtgetreuen Mann, daß es seine Pflicht sei, den Wettersegen zu läuten. Hastigen Schrittes eilte er zum Kirchthurme hinüber, diesmal fand sich in der Glockenkam- mer kein zweites Bild. Rasch greift er nach dem Seile, um zum Gebete zu läuten, doch in dem Augenblicke, da der erste Glockenschlag ertönt, zuckt aus der Wolke ein Blitzstrahl hernieder, > dringt in das Dach der Kirche, schlägt in die ! Glocke und springt von da auf den unglücklichen Meßner herab, der entseelt zu Boden sinkt. So hatte das Räthsel des Doppelgesichts vom Morgen schon am Abend seine Lösung gefunden. (A. d. Wochenschr. „D. Bayerld.") Zu unseren Bildern. Kc. TxceUrn; Ncgierungsprklldcnl v. Ziegler. Se. Excellenz Regierungspräsident von Ober daher n und Staatsrath Dr. Friedrich v. Ziegler, dessen Bildnch wir beute nach einer Phctographie aus oem Atelier des Herrn A. Brockesch, Hofphotozraph. Schindlers Nachfolger in Regensburg, bringen, steht aus früherer Zeit noch, nicht allein in München, sondern in ganz Oberbaycrn, in bestem Andenken. Im Jahre 1871 wurde Herr v. Ziegler Staatsanwaltssubstitur m Augsburg, wo er sich im Jabre 1872 verehelichte. Zu Beginn desselben Jahres wurde er neben Herrn v. Eisenhart von König Ludwig 1l. in das Kabinet berufen. Dort errang er sich das Vertrauen Sr. Majestät in solchem Mähe, daß er nach dem Rücktritte des Herrn v. Eisenhart im Jahre 1876 zum wirklichen Kabinetschef befördert wurde. Im Jahre 1879 legte er dieses unter den damaligen Verhältnissen besonders schwierige Amt zum Erstenmale nieder, um nach einer nochmaligen Berufung zu der hohen Ver- 784 trauensstellunq eines Kabine'sckefs 18^3 definitiv aus dem Kabinet auszuscheiden. Er wurde nach einem längeren Urlaub Ministerialrath im Kultusministerium und Staatsrath im ordentlichen Dienst. Seine Berufung als Präsident der Regierung der Oberpfalz erfolgte am 14. Oktober 1888. Ein Duell. Der alte Bursche in dem eigenthümlichen Costüm auf unserm Bilde hat jedenfalls auch schon gewußt, daß die Musik auf erregte Gemüther mitunter besänftigend wirkt. Baby im Wickelkissen ist ein boshafter Schlmgel, ein wahrhafter Schreihals. Auch heute spielt er wieder das unartige Kind und schreit aus vollem Halse. Da wußte nun der Alte sich nicht mehr zu helfen und griff nach dem Instrumente, um dim Kindlein Eins vorzuspielen. Baby aber läßt sich nicht beschwichtigen und schreit fest d'rauf los. Da auch der Alte nicht auftört zu dudeln, so gibt es ein ganz hübsches Duett — nur gut, daß wir es nicht anhören müssen. Der Kaiser von Japan und seine Deralher. Die seltenen Waffenerfolge der Japaner in Korea und vor Port Arthur sind das Resultat der langjährigen Vorbereitungen, welche Japan getroffen, um für den Kriegsfall gerüstet zu sein und seine Interessen in nachhal'.igiter Weise mit den Waffen in der Hand vertreten zu können. Der dermalige Mikado Mutso Hito hat europäische Offiziere nach Japan berufen, um sich eine kriegstüchtige und wohlgeschulte Armee zu schaffen. Die Japaner waren gelehrige Schüler und haben ihre Lehrer alsvald an Wissen und Können fast erreicht. Insbesondere gilt das von dem Moltke Japans, dem Generaloberst Mnragata, der den Feldzugsplan entworfen und auch in der Detailarbeit sich als Meister gezeigt hat, indem er bei Pjöng-Jana die ganze chinesische Armee gefangen nahm. Dem Ministerpräsidenten Grafen Jto fällt nun die Aufgabe zu, die Vortheile der Japaner auf dem Schlachtsilde politisch und wnthschaftlich zu verwerthen und zu sichern. Von seiner Geschicklichkert wird es abhängen, ob der Angriff auf China für die Japaner lohnend war oder nicht. -—- Allerlei. Laufende Stiegen. Bisher sind die Menschen über die Stiegen hinausgelaufen oder gestiegen; die Amerikaner machen es sich aber bereits bequemer, sie können stehen bleiben und kommen doch auf einen höher gelegenen Absatz, weil sich die Stiege selbst bewegt. U. a. ist diese neue Art von Personenaufzügen, die sich hauptsächlich für mäßige Förderhöhen und für sehr regen, unausgesetzten Verkehr eignet, bei dem Bahnhöfe Curtland Street der Pennsylvania-Eisenbahn in New-Iork zur Aufstellung ge- kdmmen. Diese Stiege hat wie die gewöhnlichen beiderseits Wangen; zwischen diesen sind aber keine Stufen, sondern ist eine endlose, geneigte, biegsame Ebene angebracht, die durch je eine am unteren und oberen Ende der Wangen in diesen gelagerte Welle bewegt wird. Die Wellen tragen je zwei oder mehr Kettenscheiben, über die endlose Gelenkketten laufen, auf denen die geneigte Ebene befestigt ist. Die geneigte endlose Ebene besteht — ähnlich wie die bekannten hölzernen aufrollbaren Tischunterlagen für Suppenschüsseln und so weiter im kleinen — aus lauter schmalen Riemen, die hier aus Eisen mit Hohlräumen gemacht sind, in die Gummi eingelegt ist, so daß die Personen nicht abgleiten. Die Antritte unten und oben schließen dicht an die endlose Ebene an, so daß kein Zwischenraum zu übersteigen ist. Um auf eine höhere Plattform gehoben zu werden, hat man nur auf diese bewegte Ebene zu treten und stehen zu bleiben, um so mühelos oben anzukommen und weiter gehen zu können. Um einen ganz sicheren Stand zu haben, ist auch das Stiegengeländer eine endlose Kette mit Handleisten, die sich mit der gleichen Geschwindigkeit bewegt wie die Fußebene; an diesem Geländer kann man sich also halten. Die geeignete Geschwindigkeit dieser laufenden Stiege soll 70 Fuß in der Minute sein. Angetrieben kann sie natürlich durch eine beliebige Kraftmaschine werden. U Woher stammt der Name Canada? Der Ursprung des Namens Canada dürfte wohl manchen unserer Leser interesstren. Die Spanier besuchten dieses Land, bevor die Franzosen dasselbe betraten, und machten eingehende Suche nach Gold und Silber. Als sie jedoch nichts fanden, sagten sie oft zu einander: „neu nucka." („da ist nichts"). Die Indianer, welche sie neugierig beobachteten, lernten diesen Satz und seine Bedeutung auswendig. Später kamen die Franzosen in's Land, und die Indianer, welche von ihrer Gesellschaft nichts wissen wollten und gleich der Meinung waren, daß auch diese gleichen Zweckes wie die Spanier gekommen seien, riefen ihnen diese spanischen Worte „aas, nuckn" sofort zu. Die Franzosen, welche ebensowenig von dem Spanisch kannten, als die Indianer, glaubten, daß diese sich fortwährend wiederholenden Töne der Name des Landes seien, und so heißt dieses Land seit dieser Zeit Canada. Eine Weltreise auf dem Zweirad. Zwei Amerikaner, Steven Lingard und W. Hanley, wollen die Reise um die Welt auf dem Zweirade machen, obwohl die Sache ziemlich gefährlich ist. Von dem Radfahrer Lenz, der vor Monaten abgefahren ist, um denselben Plan auszuführen, hat man in letzter Zeit nichts mehr gehört, und man nimmt an, daß er irgendwo verunglückt ist. Lingard und Hanley haben um 10,000 Dollars gewettet, daß sie zur Reise um die Erde nur 40 Wochen brauchen werden. Hier ihr Neiseplan: Nach Durchquerung der Vereinigten Staaten wollen sie mit dem Dampfschiffe nach Zjokohama und von dort quer durch Japan mit ihrem Rade nach Nagasaki fahren; dann geht's über Shanghai nach Hongkong, von dort nach Kalkutta und Bombay. Dann wollen sie Egypten, Arabien und Griechenland durchqueren, Brindist berühren, nach der Schweiz, nach Deutschland und Frankreich fahren, über die Meerenge von Calais nach Liverpool reisen und sich hier nach New-Pork einschiffen. * DieHauptsache. Händler (der eben in den Laden tritt, wie seine Tochter von einem Kunden geküßt wirdj: „Ella, was hat der Herr gekauft?" » t- V - ZLilder-Hläthsel. A «V> Auslö'ung des Delphischen Spruchs in Nr. 99: Nase, Hase, Gase, Vase, Base. 101 . Ireitag, den 14. Dezember 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Ueltev Zlngo. Nach dem Englischen erzählt von Alice Salzbrunn. lNachdruck verbeten.) 1. Kapitel. Chprian Hays Hetrath war gewiß eine romantische, obschon in ruhiger Weise. Wenigstens war dieselbe mit ungewöhnlichen Vorfällen verknüpft, weßhalb sie den Hauptpersonen romantisch vorkam, was auch die Zuschauer denken mochten. Die Letzteren sahen nur, daß ein vierzigjähriger Hagestolz mit an den Schläfen ergrauendem Haar eine Frau nahm, welche weder in der ersten Jugend war, noch eL zu sein schien. Hierin lag die Romantik. Schon zwölf Jahre vor ihrer Verheiratung hatten sich die hübsche Margarethe Grimthorpe und Chprian Hay in einander verliebt. Er war ein schöner junger Mann, in dem reichen Kauf- mannshause seines Onkels beschäftigt; sie war ein reizendes zwanzigjähriges Mädchen, so wohlerzogen und einnehmend, daß es wenig in Betracht kam, sie sei nur die Tochter eines Knabenschuldirectors und besitze nichts als ihr liebliches Gesicht. Der junge Hay würde bald für sie beide genug haben. Gleichen galt unbestritten als die Schönste in ihrem Kreise. Sie waren ein prächtiges Paar. Von allen Seiten kamen Glückwünsche, und die Leute sagten, die Hochzeit werde bald stattfinden. Aber als alle Leute den Verstand des jungen Hay und^Gretchens Schönheit priesen, vergaßen sie zwei bedeutende Steine des Anstoßes aus dem scheinbar ebenen Wege zum ehelichen Glück. Man sagt, Eifersucht sei ein verhängnißvolles Zeichen wahrer Liebe, und Chprian Hay war eifersüchtig. Gleichen hatte eine stolze, leicht erregbare Gemüthsart; manche nannten sie zu unabhängig. Drei Monate nach der Verlobung ereignete sich Folgendes: In einer Gesellschaft machte ein von Reisen zurückgekehrter junger Seeoffizier der reizenden Braut in auffallender Weise den Hof, so daß Chprian Hay diese Aufmerksamkeiten für einen Eingriff in seine Rechte ansah. Ex sagte ihr das, als er sie am nächsten Tage besuchte, und ihr Blick voll kühner Schelmerei bei seinen Vorwürfen goß Oel in das Feuer seines Zornes. Aufgeregt sprach er die unglücklichen Worte aus: „Sie treiben gefallsüchtig ein abscheulich loses Spiel mit dem Manne. Margarethe, bedenken Sie in Zukunft, daß ich so etwas nicht erlaube." Der schalkhafte Blick entwich aus Gretchens braunen Augen. Ihre rosigen Wangen — sie hatte damals sehr schöne Farben — erbleichten, und das Grübchen neben ihrem linken Mundwinkel verschwand blitzschnell. Sie richtete ihre schlanke Gestalt stolz auf bei den Worten: „Chprian, ich lasse mich von keinem Manne beschuldigen, ein loses Spiel zu treiben. Und ich sage Ihnen, daß Sie in Bezug auf meine Handlungsweise nichts zu erlauben oder zu verbieten haben." Darauf antwortete er ruhig: „Es scheint mir, Fräulein Grimthorpe, Ihre Selbstachtung, ohne die Achtung vor meiner Wenigkeit zu erwähnen, hätte Sie veranlassen sollen, den Bengel gestern Abend in anständigen Schranken zu halten, anstatt ihn zu ermuthigen." Sie entgegnete tieserröthend: „Erinnern Sie sich gefälligst, Herr Hay, daß „der Vengel" mein Vetter und Jugendgespiele ist. Ich kann nicht dulden, daß beleidigend von ihm gesprochen wird." Er fragte wüthend: „Erwarten Sie vielleicht, daß ich Ihr Vergnügen über seine Aufmerksamkeiten theile?" Sie sagte spöttisch: „Ich sehe wirklich nicht ein, warum Sie das nicht thun sollen." „Soll ich neben ihm herlaufen? Soll ich ihn wie einen Pudel um Sie herumtanzen lassen?" „Ein gutes Einvernehmen wäre für uns alle angenehm." „O, sehr angenehm! Ganz reizend! Entzückend! Jedoch ist es mir nicht angenehm, Margarethe! Ich kann solche Anmaßung nicht ertragen. Wenn unser Bündniß nicht gestört werden soll, so müssen Sie mir versprechen, daß Sie jedes Zusammenkommen mit diesem Manne in Zukunft vermeiden. Wollen Sie es versprechen?" „Nein", sagte sie entschieden, „ich will nicht, denn" — sie athmete zitternd tief auf — „auch ich kann solche Anmaßung nicht ertragen." „Es scheint keine Aussicht auf unser Einverstänbniß da zu sein, Fräulein Grimthorpe, also wäre es vielleicht besser, daß wir uns trennen." „O, viel besser, Herr Hay! Es ist Zeit für mich, zur Vesperandacht zu gehen" (dieser hübsche Streit fand am Sonntag statt), „also ich wünsche Ihnen guten Abend," schloß sie mit einer anmnthigen Verneigung. Er verbeugte sich so höflich, als ob der Zorn nicht in ihm koche; dann ging er aus dem Hause und mit hochgetrageuem Kopf die Straße hinunter. Sie beobachtete ihn am Fenster verstohlen und mit Thränen 786 kämpfend. Er suchte seinen Zorn an jenem Abend im Grog zu ertränken (seine erste und letzte Ausschreitung dieser Art) und bekam schrecklichen Katzenjammer. Als sie sah, daß er nicht zurückkehrte, eilte sie weg — jedoch nicht in die Kirche, sondern in ihre Schlafstube; dort verbarg sie ihr Gesicht in die Kopfkissen und schluchzte wie ein Kind; dann lag sie stundenlang nachdenkend, ob sie morgen zuerst an ihn schreiben müsse oder er an sie. Er ging am nächsten Morgen sehr elend, aber unbeugsam in das Comptoir. Dort fand er seinen Onkel entrüstet über Nachrichten aus Ceylon, wo der Geschäftsagent Unterschlagungen gemacht hatte. Ein Vertrauensmann der Firma mußte die Angelegenheiten des Zweiggeschäftes ordnen und deshalb nach Indien geschickt werden. Noch rasend eifersüchtig bot Cyprian sich zu der Reise an. Niemand bedürfte seiner in England, wenigstens sie nicht; die übrige Welt zählte nicht mit. Gretchen lieble ihn nicht und würde ihn vergessen. Nach zwölf Stunden trat er die Reise an, gerade als Margarethe sich durch das lange Warten auf sein Klopfen an der Thüre schwach fühlte, ihren Stolz aufgab und über den besten und schnellsten Ausgleich nachdachte. Jedoch sollte das arme Mädchen keine Gelegenheit dazu haben und noch mehr Unglück erfahren. Bevor es allgemein bekannt geworden war, daß Margarethe Grimthorpe ihren Bräutigam verloren hatte, verbreitete sich die Trauernachricht, daß sie ihren Vater verloren hatte. Mit dem Ableben des Schuldirectors hörte das Einkommen auf. Jedem seiner Kinder blieben nur fünf Pfund zehn Schillinge jährlich. Die einzige Zuflucht, welche Margarethe aus der Bettelarmuth sah, war das Heim einer alten kränklichen Verwandten. Die Letztere beeilte sich zu erklären, daß sie von einer bei ihrem Tode aufhörenden Rente lebe, weßhalb die Tochter des Direc- tors Grimthorpe weder Luxus noch ein Vermächtntß erwarten dürfe, wenn sie ihre Pflegerin und Gesellschafterin werden wolle. Es war ein herber Wechsel, aber sie konnte wenigstens ihren Unterhalt verdienen. So wurde das Jugendleben des Mädchens in dem Landstädtchen, wo die alte kranke Dame wohnte, begraben. Die Rosen ihrer Wangen verschwanden mit der Zeit; sie vergoß viele Thränen in vielem Kummer; Cyprian hatte sie vergessen oder sie nie geliebt! Zwölf lange Jahre verlebte sie arbeitsam, ruhig, freudenlos. Dann — Ein Herr stand eines Abends an der Thüre eines Gesellschaftssaales, in welchem getanzt wurde. Er betrachtete den Wechsel der Kleidermoden, seit er England vor langer Zeit verlassen hatte. Sie gefielen ihm gar nicht. Hals und Arme der Mädchen waren jetzt mehr entblößt als früher, und ihr Benehmen zeigte sich keineswegs verfeinert. Er sagte das zu seiner Wirthin, als sie zu ihm kam und ihm einen Vorwurf machte, weil er den Walzer nicht tanzte. „Man kann mit den jungen Damen keine Unterhaltung führen," murrte er weiter, „sie scheinen heutzutage nur geziert lächeln oder kichern zu können." „Kommen Sie," sagte seine Freundin, „ich will Sie einer Tame aus einer andern Schule vorstellen. Sie ist in der Schule des Unglücks gewesen, könnte man sagen," erzählte die Dame, als sie durch das Zimmer gingen, „sie hat Mißgeschick erlebt und ein trübes Leben geführt bei der Pflege einer gebrechlichen alten Verwandten, deren Tod sie kürzlich von diesem Mühseligen Werke befreite. Erst nach langer Ueberredung bewegte ich sie, heute Abend zu uns zu kommen; ich bin dem Mädchen herzlich gut und möchte sie gern erheitern. Sie wird weder albern lächeln, noch kichern, dafür bürge ich Ihnen. Erlauben Sie mir, Ihnen Herrn Hay vorzustellen — Fräulein Grimthorpe." Eine noch sehr anmuthige Gestalt wendete sich zu ihm. Ein ihm wohlbekanntes Gesicht mit der schönen goldbraunen Flechtenkrone erhob sich überrascht fragend. Waren es die Lichter im Saal, oder was schien die Beiden zu blenden? Nur eine Secunde sahen sie einander in die Augen, aber in dem einen Blick lasen sie, daß sie Beide wahr geliebt und nicht vergessen hatten. Fünf Minuten in einer halbverhangenen Fensternische genügten zur Erklärung für die Beiden; Margarethe hörte, daß Cyprian ihr einmal, ein Jahr nach ihrer Abreise, geschrieben und den Brief mit „unbekannt" auf der Adresse zurückbekommen hatte. Sie erzählten einander, daß sie in einer beständig trüben Stimmung, einsam und elend gewesen waren und niemals eine andere Herzensneigung empfunden hatten. Gretchens rosige Farbe kehrte in ihr bleiches Gesicht zurück, ihre Augen waren sanfter, strahlender, zärtlicher als je. Sehr einfach gekleidet, mit ein paar Rosen an ihrem schönen weißen Hals, erschien sie dem gereiften Liebenden unvergleichlich gegen jede andere Dame im Saal. Obschon sie sich thöricht und sündhaft zornig getrennt hatten, war die Freude der Wiedervereinigung so innig, daß sie fast volle Genugthuung bot. Ehe er sie aus der Fensternische führte, hörte er mit großer Befriedigung, daß sie jetzt alleinstehend und wieder heimathlos sei. „Also hindert uns nichts, miteinander glücklich zu sein, so schnell wir können," sagte er. Hier hatte er vollkommen Recht, der Hochzeitstag wurde sogleich bestimmt. Nach drei Wochen feierten sie im Hause derselben älteren Freundin ihre Vermählung. Den Honigmonat brachten sie an den Schweizer Seen zu und fühlten sich dort stündlich verjüngt. Sie versprachen einander daheim in dem Berghause, welches Gretchens Vater in der Londoner Vorstadt bewohnt hatte, stets glücklich zu sein. Anfänglich schien sich ihr Versprechen schön zu erfüllen. Jedoch nach einjähriger Ehe wurden ihre friedlichen Tage bedroht. Es war so sehr seltsam l (Fortsetzung folgt.) -»-IWI-—-— DermwrrrH von MÄSLheim. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Schluß.) Bernward begann: „Liebe Brüder, ich habe noch eine Bitte. Behänget und bedecket meinen todten Leichnam nicht nach dem Weltbrauch mit kostbaren Gewändern, sondern mit Asche und einem härenen Bußkleide, auf daß meine Seele nicht um ein hochmüthigeS, unverdient prächtiges Begräbniß im Jenseits gepeinigt werde. Wenn^Jhr meinen Wünschen nachkommen werdet, so verhoffe ich, in Anbetracht einer demüthigen Bestattung bei dem Herrn Barmherzigkeit zu finden. Auch soll mein Volk hier auf der Welt durch mein Beispiel nicht zur Hoffart und zur Wollust, sondern zur Bescheidenheit und zur Entsagung veranlasset werden." Als er dies gesagt hatte, machte er eine kraftlose Anstrengung, sich zu erheben. Ein Lächeln glitt über seine abgezehrten Züge: „Ich sehe, es geht nicht mehr aus eigener Kraft. Meine Auflösung steht bevor. So bitte ich Euch, mich nach der Kapelle meines erlesenen Schutzpatrons, des hl. Martinus, zu geleiten." Mit freudigem Ausdruck richtete er die Augen gen Himmel. „Welch heilige Stunde verbrachte ich einst an seinem Grabe! Ja, die frommen Vorsätze, so ich zu Tours im Hause des Gottesstreiters faßte, sind bestimmend gewesen für den Nest meines Lebens. Meinem Schutzheiligen Martinus verdanke ich Ermuthigung und Kraft in den irdischen Kämpfen. Führt mich vor den ihm geweihten Altar. Es ist angemessen, daß ich allda das Ende meines Lebens erwarte, wo ich zuvor das Kleid der Weltentsagung, das Ordenskleid, empfangen habe." In stummer Ergriffenheit schickten die Mönchs sich an, den Todmatten emporzuheben.. Da wichen die Umstehenden ehrerbietig zur Seite, denn die fromme Schwester Nothgardis, des Bischofs Nichte, des Grafen Tammo Tochter, trat leise in die Zelle. Still kniete die Klosterfrau nieder. Ihre Lippen berührten den Saum von Bernwards Gewand. Dann hob sie die thränenerfüllten Augen zu ihm empor und sprach: „Mein Oheim, im Kloster Gandcrsheim wurde uns die Kunde, wie eS um Euch stehe. Unsere Aebtissin Sophia sendet mich hierher. Sie fleht reuig um Verzeihung für all den Kummer, für all die Unbilden, so Ihr durch sie erfahren habt, und bittet durch mich um Eueren Segen, um den Segen des rechtmäßigen Oberhirten für uns Alle." Ein Aufleuchten ging über des Bischofs Züge. „So wird mir vor meinem Ende noch eine große Freude zu Theil," sprach er. „Mein Kind, sage Deiner Aebtissin, daß ich ihr längst Verzeihung gewährte; denn ich weiß, sie handelte als Herrin in guter Absicht; sie wollte ihr Kloster uuter einen mächtigeren Schutzherrn stellen. Ich freilich mußte gegen sie die Rechte Hildcs- heims wahren. — Es segne der allmächtige Gott Dich, mein liebes Kind, die Aebtissin Sophia und alle Angehörigen des Stiftes Gandersheiml" Mühsam machte der Bischof das Zeichen des Kreuzes über die Knieende. Dann bat er mit fast verlöschender Stimme: „Und nun zu Sanct Martinus!" Still trugen die Benedictiner ihn hinüber. Mit Hilfe seines Bruders Tammo und des Bischofs Ekkehard legte er sich vor dem Altare zur Erde nieder und verrichtete ein brünstiges Gebet. Währenddessen hatte der Sacristan die Kerzen angezündet und der Abt Goderam alles vorbereitet, um dem Sterbenden die heilige Wegzehrung zu reichen. Mit brennendem Verlangen empfing Bernward zum letzten Male auf Erden seinen Heiland in Brodsgestalt. Er hob seine Hände empor und sprach mit lauter Stimme: „O, wie große Freuden haben die Heiligen Gottes im Himmel!" Darauf sah er voll Rührung die weinenden Brüder an und betete also: „Heiliger Erzengel Michael, der Du ein Heerführer der himmlischen Geister und der aufgelösten Seelen bist, ich bitte Dich demüthigst aus dem Grunde meines Herzens, Du wollest uns mit den heiligen Engeln gnädig besuchen und diesen Ort erleuchten, in welchem wir jetzt mit Andacht beten." Sobald er das gesprochen,, entstand ein heftiger Sturmwind und ein großes Getöse. Allen, so zugegen waren, kam Furcht und Bangen an. Der Sterbende aber tröstete die Umstehenden mit gebrochener Stimme: „Liebe Brüder, fürchtet Euch nicht. Ich bin der. jenige, der hier gerufen wird. Sehet Ihr nicht, wie die heiligen Engel zu uns hereinkommen, mich abzuholend" Dann kehrte er nochmals seine matter werdenden Augen gen Himmel und rief: «Vater, in Deine Hände empfehle ich meinen Geist!" Mit diesen Worten sank der bis zum letzten Augenblicke Willenskräftige sterbend in die Arme seines Bruders Tammo zurück. Das geschah am zwanzigsten Tag des Windmonats im Eintausend zwei und zwanzigsten Jahr nach der Gebuxt des Erlösers der Welt. Es war aber zur selben Stunde, da trat in Köln der neugeweihte Erzbischof, Herr Pilgrim, vor den Hochaltar, um seine erste heilige Messe als Bischof feierlich zu begehen. Aber zu aller Staunen celebrirte er dieselbe wider jeglichen Brauch für die Abgestorbenen, und in dem Memento nannte er Bernwards Namen. Die Domherren befragten nach vollbrachter Feier den Erzbischof befremdet, was das zu bedeuten habe. Der aber sprach mit ernster Ruhe: „Ich konnte nicht anders. Hört zu: Als armer Schüler stand ich einst vor der Bischofsburg zu Htldes- heim. Ich hielt um eine Beisteuer an. Ein Diener meldete das dem Herrn Bernward. Dieser befahl allsogleich, man möge den draußen stehenden Bischof hereinführen. Da kam eine Zahl von Dienern zu mir herausgelaufen, die kehrten aber geschwind wieder um bei dem Anblick, so ich ihnen bot. Es wäre draußen Niemand vorhanden außer einem armen Schüler, berichteten sie ihrem Herrn. Da antwortete Herr Bernward: „Selbiger ist der Bischof, den Ihr zu mir führen solltet." Er erhob sich sogleich von der Mittagstafel, ging mir entgegen und empfing mich mit einer Ehrerbietung, daß ich schamroth wurde. Er setzte mich mit Dringlichkeit sogar oben an die Tafel 'und bewies mir vor allen übrigen Gästen eine vorzügliche Höflichkeit. Beschämt und wider meinen Willen mußte ich diese Ehrenbezeigung annehmen. Herr Bernward aber sagte mir nach geendigter Tafel die Erzbischofswürde zu Köln voraus. Er bat auch demüthig, ich möchte in der ersten hl. Messe, so ich als Bischof dortselbst lesen werde, seiner eingedenk sein. Die Zusage gab ich heilig und theuer, und Herr Bernward entließ mich mit seinem Segen und vielen Geschenken. Da nun eingetroffen ist, was der fromme erleuchtete Mann mir vorhersagte^ so habe ich heute, der Zusage eingedenk, meine erste heilige Messe als Bischof für ihn gelesen. Als ich an die Stufe des Altars trat, ward mir auf wunderbare Weise kund, der Bischof Bernward sei soeben verschieden, er weile nicht mehr unter den Lebenden. Da mußte ich die erste heil. Messe für einen Abgestorbenen halten. Nun ist Euch der Grund meines befremdlichen Thuns klar." Pilgrim that auch dem Volke das wunderbare Er- eigniß kund und schickte eilends Boten nach Hildesheim, um seine Theilnahme und seine Trauer zu vermelden. In Hildesheim hatte der Abt Goderam alle, so beim gottseligen Heimgang des edlen Bischofs zugegen waren, in die Gruft von St. Michael geführt. Da erblickten sie vor dem Altare der hl. Maria eine offene ausgemauerte Grube und davor einen Sarkophag aus Stein gemeißelt. Goderam wies ernst darauf hin und sprach also: „Sehet das Grab, welches der zu Gott Gegangene sich selber hergerichtet hat! Als die schweren Leiden ihm 788 das Nahen seiner Auflösung kündeten, da ergriff der Willenskräfttge nochmals Hammer und Meißel. Er schuf mit eigenen Händen diesen Sarkophag, auch meißelte er kunstvoll seinen Grabstein. Das geschah freilich in seiner Werkstätte. Außer Herrn Thangmar und mir hatte Keiner Kenntniß davon." Mit Rührung umstanden Alle den Sarkophag. In dessen Tiefe lasen sie am Kopfende die lateinischen Worte: „Bernward, Bischof, Knecht der Knechte Christi." Der Sargdeckel aber, der daneben lehnte, war im Innern mit dem Lamm-Gottes-Bilde und mit einem einfachen Kreuze geschmückt. Auf der Oberfläche, so mit neun Engelsköpfen und vierzehn Rauchwolken geziert war, hatte Bernward die Worte eingegraben: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und ich werde am jüngsten Tage auferstehen und wieder mit meiner Haut umgeben werden und in meinem Fleische meinen Gott schauen." Schweigend, denn er konnte nicht reden vor innerer Ergriffenheit, deutete der Abt zur Seite. Da lehnte auch vollendet und ausgemeißelt die Deckplatte des Grabes. Auf dieser Platte sahen sie einen Baum, dessen Stamm in ein einfaches, aber sinnig und schön gearbeitetes Kreuz überging. Die vier Enden des Kreuzes waren verziert mit den Zeichen der vier Evangelisten. Da, wo die Balken sich schnitten, erblickten sie daS Lamm Gottes, geschmückt mit dem Zeichen des Kreuzes. Die Fläche aber über und neben dem Kreuze war ausgefüllt mit einer lateinischen Inschrift, in der die ganze Einfachheit, die Demuth und der Adel von Bernward's Gesinnung sich aussprach. Sie lautete in deutscher Sprache: „Bernward's Körper war ick dereinst; jetzt bin ich umschlossen Hier vom Dunkel der Gruft. Asche nur bin ich und Staub. Ach, des erhabenen Amtes hab' ich nicht würdig gewaltet I Herr, laß in Frieden mich ruh'nl Betet das Amen für mich." „Das ist die künftige Grabstätte eines Heiligen," sprach Goderam mit bebender Stimme. Der greise Thangmar trat vor und rief: „Was ist lobenswürdiger, als diese Erniedrigung des frommen Bischofs! Je tiefer er sich in Demuth herab- drückt, um so höher glänzt er als Leuchte der Kirche. Ich bin der Ansicht, daß wir trotz seiner Bitte um demüthige Bestattung die Leichenfeier unseres gottgeliebten Herrn nach kirchlichem Brauche würdig und erhaben gestalten, denn sein hohes Verdienst erscheint uns leuchtender als der Tag, obgleich er selber sich in seiner Herzensdemuth ganz anders beurtheilt hat." Thangmars Meinung stimmten Alle bei. Und so wurde des heiligen Bischofs Leiche mit großem Gepränge und mit unsäglicher Andacht der Gläubigen in der von ihm selber erbauten Gruft dem Schooße der Erde übergeben. Das ganze Bisthum war durch diesen Hin- tritt in tiefe Trauer versetzt. Die Hildesheimische Kirche wurde zur Wittwe, die Stadt beweinte den Verlust ihres Erbauers, das Vaterland seinen Vertheidiger und weisen Lenker, besonders aber beklagten die Armen, Wittwen und Waisen den Verlust ihres theuren Vaters. Hohe und Niedrige, Reiche und Arme wurden durch den Heimgang dessen schmerzlich betrübet, der Allen Alles gewesen war. Klagen und Weinen, untröstlicher Schmerz um den Hingeschiedenen wurde laut. Die Gruft der Michaelskirche, worin man ihn gebettet, wurde nimmer leer von Weinenden und Trauernden. Da schritt eines Tages der noch immer stattliche Herr Thangmar durch die Reihen der Wehklagenden. Einen mitfühlenden Blick warf er auf die schmerzlich Trauernden, dann redete er sie an: „Geliebte, wir wollen uns nicht unvernünftig betrüben nach der Weise derjenigen, so ohne Hoffnung sind. Wenn wir trauern müssen, den Tröster auf Erden verloren zu haben, so wollen wir uns freuen, einen Helfer im Himmel zu besitzen. Versicherte unser Herr Bernward doch selber vor seinem Ende, daß er dem Geiste nach stets bei uns sein werde. An dieser heiligen Stätte umwehet uns sein Geist. Neben der mit dem wunderbaren Rosenstrauch ausgezeichneten Gruft des Dommünsters wollte uns der gütige Gott einen zweiten Gnadenort geben in dieser Gruft, die den heiligen Leib unseres Herrn Bernward umschließt." Noch sprach er, da brachten die Domschüler eine Tafel mit gemeißelter lateinischer Inschrift und befestigten selbige an der Säule zur rechten Seite des Grabmals. Benno hatte die Worte verfaßt, sie lauteten: „Siehe, die Gruft, sie umschließt das Gebein Bernwardens, deS Bischofs, Jenes erhabenen Mannes, der uns ein Wunder erschien, Der wie ein leuchtender Stern in der Heimath Krone geglänzt hat, Würdig erfunden von Gott, hoch von den Menschen geliebt; Denn stets ist er der Kirche der trefflichste Bischof gewesen, Lohn' es Emanuel ihm, lohn' es ihm Michaels Huld! Endlich am zwanzigsten Tag in dem elften der Monate tauscht' er Für dies irdische Sein glücklich den Himmel sich ein." Diese Worte Bennos mögen das Lebensbild unseres großen Bernward vollenden. Ende! Die letzten Ellen Dich. Erzählung frei nach dem Französischen. Von Otto LandSmann (Nachdruck »erboten.) I. Durch eine ununterbrochene Arbeit von einem halben Jahrhundert war es dem alten Tuchhändler Kornelius Splenger aus der Schlossergasse in Straßburg gelungen, sich das runde Sümmchen von einer viertel Million zusammenzuscharren. Eines schönen Tages nun saß er, die Hände über seinem Schmerbauch gekreuzt, hinter seinem Zahltisch, und indem er einen tiefen Seufzer inneren Behagens ausstieß, sprach er nach zehn langen Minuten inneren Jubels: „Endlich, endlich bin ich am Ziele meines Strebens angekommen! Freilich ist es nicht ohne Mühe gegangen, aber schon mein seliger Großvater mit seiner bewährten Menschen- und Sachkenntniß hat gesagt: „„In diesem Jammerthale kommt man zu nichts ohne viel Müh' und Plage."" Ich habe also eigentlich nur meine Pflicht gethan." Nach diesen Worten, die er mit halblauter Stimme in die Morgenstille des Kaufladens gesprochen, stand er auf, trat hinter seinem Arbeitstisch hervor, und sich der Ladenthüre nähernd, verschloß er dieselbe mit einem kräftigen Ruck. „So, jetzt ist's gar," sagte er, indem er sich vergnügt die Hände rieb und das linke Auge zudrückte, — was bei ihm stets der Ausdruck höchster Zu- 789 friedenheit war, — „jetzt ist's gar und ich verkaufe auch nicht eine Elle Tuch mehr, selbst wenn der Herr Bürgermeister käme, würde ich ihm versetzen, sich anderswo hinzuwenden, denn das Kaufhaus Kornelius Splenger existirt jetzt nur noch in der Erinnerung der alten Straß- bürger Bürger." Und in der Mitte des noch mit ganzen Bergen von Tuchballen angefüllten Ladens stehen bleibend, stellte er tiefe Betrachtungen an über seine fünfzigjährige Arbeit, die jetzt ein bloßes Umdrehen des Schlüssels zum Abschluß brachte. Noch sah er im Geiste seinen Großvater Martin mit dem gutmüthigen Gesichte, der weißen Perücke und der großen, messingenen Brille hinter dem Pulte sitzen, während er sich selbst sah, wie er als kleiner Junge lustig durch den Laden hüpfte und ihm sein Vater Anton und seine treffliche Mutter mit wohlgefälligen Blicken lächelnd nachsahen. Angesichts dieser langen, während eines halben Jahrhunderts mit Ehre und Ehrlichkeit erfüllten Pflicht sagte er sich im Gefühle gerechten Stolzes: „Nein, Kornelius, Du hast Dich so edler Vorfahren nicht unwerth gemacht, das ist schön, und Du Alter kannst Dich nun getrost der Ruhe hingeben." II. Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als sich die Glasthüre des Hinterladens öffnete und ein ungeheurer Strauß von Feldblumen zum Vorschein kam, den ihm eine unsichtbare Hand darbot. Er war so groß, dieser Strauß, daß es Kornelius nie gelungen wäre, herauszufinden, wer die räthselhafte Person sei, welche diese Blumen seinen Blicken entzogen, wenn nicht plötzlich ein schelmisches Lachen den Schleier des Geheimnisses gelüftet hätte. Im selben Augenblick tauchte auch ein blonder Lockenkopf hinter dem Strauße auf, während sich zwei Arme zärtlich um den Hals des alten Kaufmanns schlangen und eine helle Stimme ihm sagte: „Ich wünsche Dir alles erdenkliche Gute zu Deinem Namenstag, Papa, denn heute ist Kornelius." Es war seine Tochter Margarctha Splenger, die einzige Erbin des Herrn Kornelius, welche sich so plötzlich in die Arme des Vaters geworfen, höchlich erfreut über die angenehme Ucberraschnng, die sie dem braven Manne bereitet hatte. Und hinter ihr, halb versteckt von der Thüre, bemerkte Kornelius seine alte Haushälterin Katharina, die schon seit fünfnndfünfzig Jahren im Dienste bei Splenger stand, unter Vater und Sohn, und deren runzeliges Angesicht, eingerahmt von silberweißem Haar, im Glänze innerer Zufriedenheit erstrahlte. „Wie," rief Kornelius, „heute soll mein Namenstag sein? Wo bin ich denn mit meinen Gedanken, daß ich ein so wichtiges Datum vergessen konnte?" Indem er dann wonnigen Gefühles in vollen Zügen den süßen Duft der Blumen, in denen seine Nase völlig verschwand, einathmete, sprach er zu sich selbst: „Das fängt schön an, Kornelius, das sängt schön an, wenn Du jetzt schon, gleich am ersten Tage, Dinge von solcher Bedeutung vergessen kannst." Die alte Katharina war indessen in den Laden getreten und darauf entsann sich Kornelius plötzlich, daß er noch nie verfehlte, ihr bei solcher Gelegenheit für ihre guten Wünsche, welche dem Herzen entsprangen, zu danken, indem er sie da ganz einfach in seine Arme schloß und küßte. . . Während sie weinte wie ein Kind und ihrem Herrn noch den Wunsch ausdrückte, ihm noch wenigstens zwanzig Jahre zum Namenstag gratulieren zu können, gingen alle drei in den Hinterladen. Kornelius hatte heute einen doppelten Grund, sich großmüthig zu zeigen. Darum holte er auch aus dem finstersten Kellerwinkel eine Flasche „Staubigen" aus dem Jahre 45, „Kitterle" genannt. Und die drei feierten angemessen den Namenstag und zugleich den ersten Tag des Rücktrittes des alten Tuchhändlers, der mit Kennermiene und in kleinen Zügen den süßen Nektar schlürfte. III. Plötzlich ließen sich im Hausgnnge Tritte hören, und eine Hand rüttelte heftig die Ladenthüre, welche Kornelius für immer geschlossen hatte. „Donner und Doria, das fehlte gerade noch!" brummte der alte Tuchhändler; „wenn es Käufer sind, wie ich vermuthe, können sie unverrichteter Dinge wieder gehen, dafür garantire ich." Als der Besucher, der augenscheinlich nicht mit all- zugroßer Geduld gewappnet war, festgestellt hatte, daß die Thüre fest verschlossen sei, begann er mit beiden Fäusten an der Thür zu trommeln, was Kornelius noch vollends um seine gute Laune brachte. „Nur ein klein wenig Geduld," brummte er, indem er den Laden durchschritt, „man kommt, meine Herren, nur eine Minute wenigstens, zum Athemholenl" Eine Drehung des Schlüssels, diesmal in der entgegengesetzten Richtung, die Thüre öffnete sich und Kornelius befand sich einem jungen Manne von etwa zwanzig Jahren und elegantem Aeußeren gegenüber, denselben sofort als Ludwig von Huntheim, den Sohn des Bürgermeisters, erkennend. . . „Guten Morgen, Herr Splenger," redete ihn der Besucher an, indem er seinen Hut lüftete und sich tief verneigte. „Sie feiern heute wohl Namenstag, weil Ihr Laden jetzt um zehn Uhr noch nicht offen ist." Kornelius, den diese plötzliche Erscheinung etwas aus der Fassung gebracht hatte, um so mehr noch, als auch der alte „Kitterle" nicht dazu angethan war, ihm den Kopf zu klären, stockte und wußte nicht, was er thun sollte. Hatte er nicht bei Stein und Bein geschworen, daß er auch nicht eine Elle wehr verkaufen wollte, selbst nicht einmal dem Bürgermeister? Endlich, nach einigen Augenblicken schneller Ueber- legung, siegte doch der Kaufmann in ihm, Dank dem unumstößlichen Vernunftschluß, daß eine Viertelmillion zwar ein sehr respektables Sümmchen sei, daß aber fünfzig oder hundert Thaler mehr noch besser ist. „Bitte, bemühen Sie sich herein, mein Herr, ich stehe ganz zu Ihre» Diensten," sprach er unter einem Bückling, dem es an der gebührlichen Eleganz nicht mangelte. Wirklich verkaufte Kornelius Splenger trotz seines Schwures an den Sohn des Bürgermeisters von Straßburg fünfzehn Ellen Tuch von kastanienbrauner Farbe im Preise von neun Thaler pro Elle zu einem Rock mit langen Flügeln, nach der neuesten Pariser Mode, und zu einem großen Mantel, wie man sie damals trug. „Es ist einerlei," meinte Kornelius, nachdem er das Tuch auSgemessen, „doch ich glaube, daß ich nichts- destoweniger wohl daran thue, mich von den Geschäften zurückzuziehen, ich bin kaum mit dem Ausmcsscn der verdammten fünfzehn Ellen fertig geworden. . ." Der alte „Kitterle" war dem guten Alten in den Kopf gestiegen. . . IV. Zwei Tage später saß KorneliuZ Morgens zehn Uhr in dem kleinen Speisezimmer in der Schlossergasse und rauchte gemüthlich seine Pfeife, als mit einem Male die alte Katharina wie ein Sturmwind hereinstürmte. Ihre Haube saß auf dem Ohr, ihr Blick war verstört. „Jesus, Maria und Josef," stöhnte sie, „was für ein Unglück I Was hab' ich in der Stadt Neues erfahren — mit unserem guten Rufe ist's ausl" Sie sank auf einen Stuhl nieder und begann laut aufzujammern, dabei ihre dürren Fäuste ballend und nach allen Richtungen hin drohend. „Elendes Halunkenpack," rief sie, „das haben wir nun für unsere ehrliche Arbeit während so langer Zeit, in der wir Niemand um einen Pfennig betrogen. Das Sprichwort „Zu gut ist ein Stück der Liederlichkeit" hat recht, und wenn wir noch einmal anzufangen hätten, müßte die Sache aus einer anderen Tonart gehen." „Aber was gibt es denn eigentlich, Katharinas" unterbrach sie Kornelins mit der ihm eigenen Gemüthsruhe. „Was ist denn das für eine schlimme Neuigkeit, die Ihr in der Stadt aufgefischt habt?" Die alte Magd erhob sich, ihre Augen blitzten, und die Fäuste nach hinten gerichtet, rief sie: „Aber, Herr Kornelius, wissen Sie denn noch nicht, daß in der ganzen Stadt Straßburg seit gestern das Gerücht geht, Kornelius Splenger, der alte Tuchhändler in der Schlossergasse, ist ein Dieb, ein Betrüger, der den Kerker und die Galeeren verdient? Und von dem allem wissen Sie noch nichts s . . . Nun gut, morgen pfeifen es die Spatzen auf dem Dache, und überall wird man davon sprechen." Bei dieser unerwarteten Enthüllung wurde Kornelius bleich wie ein Todter und stammelte: „Was sagtJhr mir da? Hab' ich recht verstanden, Katharina? Schnell, heraus mit der Sprache!" Jetzt begann Katharina zu erzählen, Thomas, der Schneider des Herrn von Huntheim, habe gestern Abend beim Messen des Tuches gefunden, daß es nicht fünfzehn, sondern nur elf Ellen waren und da das Packet nirgends geöffnet worden sei, so könne kein Anderer als dieser Schelm von Kornelius aus der Schloffergasse den Betrug begangen haben. Das gab nun dem Schneider Thomas, der dem biederen Tuchhändler schon lange nicht mehr grün war, weil er ihm keine höhere Provision gewähren wollte, Gelegenheit, sein Müthchen zu kühlen, indem er allen, die es wissen wollten, wiederholte, daß Kornelius Splenger dieses Spiel schon seit fünfundzwanzig Jahren treibe und es so nicht schwer sei, ein Vermögen von einer Viertelmillion zusammenzuraffen. Und von Neuem begann die alte Katharina zu lamentieren und gegen den lumpigen Schneider zu wettern, dem sie am liebsten gleich den Hals umgedreht hätte wegen seiner grenzenlosen Frechheit, ihren ehrenwerthen Herrn so bodenlos zu verleumden. V. Das Kinn in die Hand gestützt, stand Kornelius da, versunken in ein Gewühl von ernsten und tiefen I Gedanken, und von Zeit zu Zeit den Kopf schüttelnd wie ein Mann, der vergebens die Lösung eines schwierigen Problems sucht. „Ich, Kornelius Splenger, der Sohn und Enkel der rechtschaffensten Kaufmannsfamilie der Stadt, deren guter Ruf sich bis hinüber zum Schwarzwald verbreitet hatte, ich soll meine Ehre verloren haben! . . . Nein, das ist nicht möglich, man hält mich zum Besten, und sicher haben sie mir einen bösen Streich spielen wollen." Während er so mit sich selbst sprach, ging er mit kleinen Schritten hin und her, hielt aber zuweilen inne wie um besser nachdenken zu können. „Wenn Du indeß Dich doch geirrt hättest, Kornelius?" setzte er sein Selbstgespräch fort. „Möglich wäre es ja gewesen, denn die Sehkraft läßt nach, und mit dem Gedächtniß ist es auch nicht weit her." Plötzlich schlug sich der alte Tuchhändler vor die Stirn, die ängstliche Beklommenheit war gewichen, neuer Muth belebte sein Herz und mit einem kräftigen Faust- schlag auf den Tisch rief er: „Gott sei Dank, jetzt bin ich mir klar in der Sache." Weiter kam er nicht, denn die Thüre öffnete sich, und herein trat Katharina in höchster Aufregung, weil die Nachbarin Walter, diese Gans und Winkelbäckerin, gesagt habe, der Schneider Thomas hätte nicht so ganz unrecht gehabt. . . Und hinter ihr kam mit rothgeweinten Augen Fräulein Margaretha und setzte sich schluchzend in eine Ecke. Was Kornelius anbetrifft, der jetzt ruhiger war als vordem, so nahm er Hut und Mantel vom Haken, kleidete sich langsam an und ging ohne eine Wort zu sagen fort, die beiden Frauen in ihrem Erstaunen zurücklassend. VI. Er blieb lange aus, und während seiner ganzen Abwesenheit hörte das Jammern im Hinterlader: in der Schloffergasse nicht auf. „Ehre und Ruf verloren! Mein Gott, womit haben wir solche Schmach verdient, was haben wir denn gethan?" klagte Fräulein Margaretha mit von Thränen erstickter Stimme. „Das wird die Gesundheit meines Vaters untergraben und meine Zukunft vernichten, denn wer wird mich jetzt noch ansehen mögen? Man wird die Augen von mir abwenden, wenn man mir begegnet, mit den Fingern auf mich deuten und hinter mir flüstern: „Das ist die Tochter des Betrügers Splenger aus der Schloffergasse."" Da öffnet sich die Thür, und herein tritt Kornelius, ein triumphirendes Lächeln auf den Lippen und gefolgt von einer in einen kastanienbraunen Mantel gehüllten Person, deren Gesichtszüge jedoch in Folge der eintretenden Dunkelheit nicht mehr zu erkennen waren. „Hinweg mit den Thränen und den Lamentationen!" rief Kornelius, ohne lange Umstände zu machen. „Hier stelle ich Euch den Herrn von Huntheim vor, der aus keinem geringeren Grunde kommt, als dem, um die Hand Margaretha's anzuhalten. Er wird sich zu den Glücklichsten der Männer zählen, wenn er Erhörung findet." Und während Kornelius seiner zitternden Tochter den unerwarteten Freier entgegenführte, sagte er zu Katharina, die stumm und starr vor Staunen war: „So, meine gute Katharina, und nicht anders ordnet KorneliusSplenger verwickelte Geschichten. Die vier Ellen Tuch, welche fehlten, sind auf Rechnung 791 des eilten „Kitterle" gesetzt worden, und da Herr von Huntheim die Güte hatte, dem Schneider Thomas eine derbe Abfertigung zu ertheilen, glaubte ich, den liebenswürdigen Herrn angemessen belohnen zu müssen." Und sich an seine Tochter wendend, die ihre Thränen schon getrocknet hatte, schloß er lachend: „Uebrigens, meine Kinder, habe ich schon längst gemerkt, daß eins dem anderen gern in's Auge sah, und die vier Ellen Tuch sind gerade zu gelegener Zeit auf der Bildfläche erschienen, um die Schlichtung einer Angelegenheit zu beschleunigen, welche zwei sich liebende Herzen betrifft." Nach diesen Worten hatte Kornelins noch einmal die Kühnheit, eine Flasche „Kitterle" aus dem Jahre 45 aus dem Keller zu holen. . . Allerdings hatte er nicht mehr fünfzehn Ellen Tuch auszumessen, es hatten die anderen zu viele Glückliche gemacht, als daß er nochmal versucht hatte, feine Viertelmillion zu vermehren. ---SS8Ü88S»- Unsere Pflanzenwelt im Winter. Sonnenwende des Winters, ersehnte Zeit, Ringsum Berge und Hügel so tief verschneit, Reifschauer an allen Wegen; ES knistert der Schnee» cö klirret das Eis, — Wie machst du das Herz doch pochen so heiß Dem weidenden Venz entgegen. Unter den Füßen knistert der Schnee, und die geschäftigen Menschen eilen hastiger als sonst durch die nebelerfüllten Straßen. Auf den sangverlassenen Fluren leuchtet des Winters Decke, und die Blumenpracht des Sommers ist den eherner Gesetzen der Weltordnung erlegen. Nur wenige Spätherbstblüthen vermochten eine längere Spanne Zeit den Launen unseres Klimas zu widerstehen. Die Günstlinge der Menschen aus der Pflanzenwelt sind in dieser Zeit auf warme, lauschige Orte angewiesen, wohin des Winters eisiger Hauch nicht dringen kann. Hier an Feusterbrettchen, nahe dem Eise und Schnee, und in Blumentischen, geküßt vorn matten Sonnenstrahl, entfalten sichanch zur Winterszeit Hyacinthen, Cyklamen, Camellien, Alpenrosen und Veilchen, indeß draußen Todesschauer die Natur durchzittern. Und doch spielen auch im Winter seit uralten Zeiten bis auf die Gegenwart Blumen und Bäume eine bedeutende Rolle im Leben unseres Volkes. Es waren zur Zeit des Götterthums namentlich die Tage um die Sonnenwende, welche mit dem spärlichen Pflanzenleben in mannigfacher Beziehung standen. Die Germanen feierten bekanntlich in den letzten, lichtarmen Dezembertagen, wo sie mit frommer Scheu das oberste Götterpaar erwarteten, das Julfest zu Ehren der wiederkehrenden Sonne und allmählig erwachenden Mutter Erde. Hiebei versammelten sich im tannengeschmückten Stammhause alle Familienangehörigen zu Schmaus und frohem Liederklang. In England wurde noch in späteren Zeiten alljährlich um die Wintersonnenwende ein großer Baumstumpf, der Juelblock, auf dem Herde angezündet, um den sich die ganze Familie in heiterer Stimmung schaarte, solange die „Wihinächte" währten. Die meisten Pflanzen, denen sich das Interesse unserer heidnischen Vorfahren zuwandte, wurden zu abergläubischen Gebräuchen verwendet, von denen sich jetzt noch da und dort Spuren zeigen. Gewöhnlich holte man schon am Barbaratage (4. Dez.) in vielen Orten Zweige von Kirschbäumen, um sie zuhaust in das Wasser zu stecken und das Entfalten von Blättern und Blüthen zu erwarten. Ließ das nicht lange auf sich warten, so bedeutete es ein fruchtbares Jahr. In der Thomasnacht wurden die Zwetschgeu- bäume geschüttelt, damit sie reichlich Früchte bringen sollten. Die Rauchnächte, nämlich die Nacht vor dem Thomastage und die drei Nächte vor Weihnachten, Neujahr und Dreikönig, waren voll Schauder und Geheimniß. Die Tage sind noch nicht so ferne, daß manches Groß- mütterchen den lauschenden Enkeln von all dem Geisterspuk erzählte, der in diesen Nächten los sein sollte. Es wäre wirklich ein Wunder, wenn man in dieser geheimnißvollen Zeit gewisse Kräuter vergessen Hütte, die sonst als heilkräftig und bedeutsam galten. In den Nauchnächten wurden in der That auch neunerlei Kräuter benützt, mit Wachholder und Weihrauch gewürzt und in Betten und Viehtröge gelegt. Man ließ sie mitunter auch in eine Gluthpfanne werfen, womit das ganze HauS durchräuchert wurde, um böse Geister, Druden und Hexen abzuhalten, Thiere und Früchte dagegen kräftig zu schützen. Das schönste Fest in winterlicher, trüber Zeit ist seit Einführung des Christenthums das Weihnachsfest geworden. Die außerordentliche Heiligkeit desselben mußte sich selbstverständlich nach frommem Glauben auch auf die Pflanzenwelt erstrecken. So soll sich in manchen Gegenden in der Christnacht eine Rose, herrlich duftend und weithin leuchtend, mitten im Schnee entfaltet haben; in anderen erschlossen Safran, Silken und Nelken ihre Kelche. Von hoher Bedeutung war namentlich die Rose von Jericho, unsere „Auferstehungsblume", die ebenfalls in der heiligsten Nacht des Jahres erblühte und köstlichen Wohlgeruch verbreitete, während sie sonst dürr und todt erschien. Unter den Bäumen ist es in erster Linie die Tanne, dieser altdeutsche Nadelbaum, zu dem sich das sinnige deutsche Gemüth von jeher gezogen fühlte. Tanuenreisig schmückte das Haus zum festlichen Empfange der Götter und Gäste, und das Brausen und Sausen in ihrem Gezweige war den Germanen der vieltausendstimmige Gesang der Geister in Wodans Heere. Unter allen deutschen Sitten jedoch, die mit dem Tannenbaume zusammenhängen, ist die lieblichste die Schmückung desselben und das Anzünden darauf befestigter Kerzen am Weihnachtsabende. Dieselbe entstand ungefähr im 13. Jahrhundert und verbreitete sich nach und nach in allen deutschen Ländern, während es ihr nicht gelang, bei anderen Volksstämmen sich einzubürgern. Kein Fest auf dem weiten Erdenrund vermag die kleine Welt mehr zu beglücken, als die fröhliche, selige Weihnachtszeit mit ihrem gabenbehangenen Tannenbaume. Der Gnadenstrahl von oben, der sich in die Herzen aller senkt, die eines guten Willens sind, läßt auch großen Menschen Herzeleid und Wintcrgram vergessen, sie wieder in die sorglos wonnige, längst entschwundene Kinderzeit versetzend. — Besonders merkwürdig ist, daß in der Mitternachtsstunde der Christnacht, wie man glaubte, Apfelbäume blühen und Früchte tragen. In der Hofbibliothek zu Wien befindet sich ein Schreiben des Bischofs von Bamberg aus dem Jahre 1426, in dem von zwei Apfelbänmen gesprochen wird, die in der Weihnacht Blüthen und Früchte trugen. Ein gewisser Andr. von Weitra be- 792 stätigte die Sache und beschreibt genau die Farbe dieser Achsel, die er selbst in der Hand gehabt haben will. Ein ähnlicher Apfelbaum soll in Tribur am Nheine und in einem Würzburger Garten gestanden sein. In der Christnacht wurden auch nasse Strohbünder um die Apfelbänme gebunden, um sie fruchtbar zu machen, und es mag das wohl manchmal auch gelungen sein, wenn diese Bänder den Reif abhielten, der die zarten Knospen zerstörte. Aehnliches geschah in der Nenjahrs- nacht, und in der Altmark wurde vor dem Aufgehen der Neujahrssonne geschossen, um ein recht gesegnetes Jahr zu erzielen. In der Umgebung von Hildesheim soll es heute noch Sitte sein, daß die Knechte in der Sylvesternacht um die Obstbäume tanzen und sie zu reichem Ertrage auffordern. — Pflanzen, die auch zur Winterszeit im Freien blühen und grünen, obwohl „ringsum Berge und Hügel so tief verschneit," besitzen wir in unseren heimathlichen Gauen nicht gar viele. Wo der Sturm ein Plätzchen freiweht und die Mittagssonnenstrahlen die schwarze Krume schwach erwärmen, erscheint vielleicht der weiße Blüthenstern der Nießwurz—unsere„Schneerose," „Weihnachtsrose" oder „Christblume." Diese zeitlose, „schöne, stille" Blume, über deren Blättern der Tannenbaum seine traumdurch- wobenen Aeste wiegt, ist die „Wendewurz" der Germanen, mit deren Safte die Gallier ihre Spieße und Speere bestrichen, um das Fleisch des erlegten Wildes mürbe zu machen. Vorn Tannenbaume abgesehen, ziehen den Blick des Naturfreundes noch die Stechpalme, die Mistel, Epheu, Sinngrün und der Lsbensbaum mit seinem rostfarbigen Winterkleids auf sich. j DieStechpalme, deren glänzende Blattfüllc die reifenden Früchte schmückt, findet sich bei uns nicht häufig, ! während sie im nördlichen Deutschland sich oft zu einem Hag ! vereinigt. In England werden zur Weihnachtszeit Läden und Thüren mit den glänzend grünen Blättern und ! scharlachrothen Beeren geschmückt. Das sonderbare Pflanzengebilde, das in grünen Büscheln auf den kahlen Bäumen prangt, die heilige Mistel, nimmt schon in der nordischen Mythologie eine hervorragende Stelle ein. Sie war jenes Reis, mit dem der falsche Loki den Lichtgott Baldur tödtete. Den keltischen Völkern war sie das Symbol der wiedererwachenden erloschenen Sonnenkraft und genoß eine ganz außergewöhnliche Verehrung, da man sie vom Himmel auf die Bäume gefallen wähnte. Sie fehlte auch nicht bei dem germanischen Julfest unter dem grünen Schmuck der Räume. Ihre Zweige gaben das Vorbild zur goldenen Zauber- oder Wünschelruthe, die in späteren Sagen auftritt und meist von der Haselstaude geschnitten wurde. Die Mistel hat das ganze Mittelalter hindurch sich die Achtung bewahrt und wird wahrscheinlich heutzutage noch in österreichischen Gegenden in die Wiesen und Getreidefelder gesteckt und um die Obstbäume gebunden, um sie vor Raupenfraß und Hagelschlag zu bewahren. Epheu und Sinngrün, ihrer winterlichen Ausdauer wegen Sinnbilder des ewigen Lebens, wurden früher vielfach zu Kränzen gewunden und zur Erforschung der Zukunft benützt. Die ersten Christen betteten ihre lieben Todten auf Epheuranken, um anzudeuten, daß sie zur Ewigkeit eingegangen. Im Mittelalter hielt man Epheublätter für wunderkräftig. Noch heute ist dieser liebe Hausgenosse aus der grünen Welt, „der verschönernde Rost der Jahrhunderte," ein Sinnbild treuer Anhänglichkeit, weil er die Bäume umrankt, bis sie verdorren oder von der Hand des Menschen fallen. Das Sinngrün war vorzüglich den Jungfrauen geweiht, und diese zierten sich damit, wenn es zum Tanze ging. Im Oberbergischen und Hannoverschen wanden die Mädchen im Winter an bestimmten Tagen zweierlei Kränze, die einen aus Epheu und Sinngrün, die anderen aus Stroh. Dort trugen sie dieselben singend bei düsterem Fackelscheine zu einer Quelle, näherten sich ihnen rückwärts und suchten einen zu erhäschen. Hier legten sie die Kränze mit einer Hand voll Erde in ein Gefäß mit Wasser, tanzten dreimal mit verbundenen Augen herum und griffen dann nach einem Kranze. Mit dem grünen erfaßten sie ihr Glück — den Brautkranz, den Tod mit dem andern aus Stroh. — Diese wenigen Gewächse, deren zähes Leben, Sturm und Wetter, Eis und Schnee nicht zerstört, abgerechnet, schlummert in dieser Zeit das ganze Pflanzenleben, wohl verwahrt in Wurzeln, Samen, Keimen und Knospen. An milden Wintertagen entdecken wir zuweilen vielleicht auch noch andere vereinzelt blühende Kinder Floras, Maßliebchen, Sternmieren, Ehrenpreis, Taubnessel, Hirtentäschel, Hungerblümchen, meist lästiges, jämmerlich zerzaustes Unkraut, das nicht verdirbt. In der Regel erwacht aber unser Pflanzenleben erst mit den zurückkehrenden Sängern, wenn der Osterruf in alle Tiefen und Schluchten dringt und der lachende Frühlingshimmel Glanz und Wärme zur Erde strahlt. Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 4. Zuge matt. Auflösung des Bilder-Räthsels in Nr. 100: Halte Maß in allen Dingen. --HZWS-- jM „Nugsburger Postzeitung". 102 Dinstag, den 18. Dezember 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabderr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttlcr). Netter Dingo. Nach dem Englischen erzählt von Alice Salzbrunn. (Fortsetzung.) 2. Kapitel. Cyprian Hays Rückkehr nach England war durch seinen Besitzantritt der vortrefflichen Geschäftsfirma in der Londoner Altstadt verursacht worden. Er hatte ein reichliches Einkommen, deshalb fehlte seiner Wohnung in der Vorstadt keine Behaglichkeit oder Pracht, welche für Geld zu beschaffen war. Alles, was das Herz der Frau Margarethe nur begehren konnte, wurde ihr von ihrem Gatten mit Freuden gewährt. Die langen Jahre der Armuth hatten ihren Schönheitssinn unterdrückt, derselbe erwachte jetzt wieder, und ihr gütiger Mann war stolz, ihn zu befriedigen. Ein begeisterter Besucher nannte ihren Gesellschaftssaal „poesievoll"; denn er enthielt nickt die nach einem Katalog bestellten Möbel, sondern jeder einzelne Gegenstand war von ihr mit Bedacht gewählt, von den weichen dunklen Sommerpolstcrn bis zu den kleinsten Zierathen an den Wänden. Ihr kleines Boudoir war noch theurer ausgestattet, weil Herr Hat) darauf bestand, sie mit jeder Kostbarkeit zu umgeben, welche sie zufällig bewunderte. Die ihr bewilligten Summen für die Kleidung, für Vergnügungen und wohlthätige Zwecke erschienen ihr unbegrenzt gegen früher, wo ihr manchmal ein Schilling gefehlt hatte. Blieb ihr ein Wunsch unbefriedigt, so geschah es nicht durch die Schuld ihres ergebenen Gatten. Gewiß hätte sie sich ganz glücklich fühlen müssen. Jedoch wie eine listige Schlange ihren Weg in's Paradies fand, drang auch ein böser Kobold in dieses reizende Daheim! Der Augenblick seiner ver- hängnißvollen Ankunft war schwer festzustellen. Wochenlang schien er ungewiß die Luft zu durchdringen, anstatt eine bestimmte Gestalt anzunehmen. Aber sein Einfluß war hier und da und überall. Ganz unerwartet machte er sich immer geltend. Zum Beispiel — Keine Frau in den weiten Vorstädten von ganz London war anfänglich pünktlicher als Margarethe im Warten auf die Rückkehr ihres Herrn und Gemahls mit dem Nachmittagszuge. Stets begrüßte sie ihn froh, und er fand alles bereit, wie es sein sollte, bis jetzt eine Aenderung eintrat. Anstatt ihm am Bogenfenster wartend entgegen zu sehen, kam sie erst eilig aus ihrem kleinen Heiligthum, wenn sie seinen Drücker in der Hausthüre hörte. Ein paar Mal kam sie sogar nicht, bis Herr Hay laut nach ihr rief. Dann eilte sie verwirrt und erröthend zu ihm. Das war seltsam! Einmal war er leise in das Haus gekommen — kein Gesicht war an diesem Tage am Fenster — und hatte deutlich die Stimme seiner Frau laut sprechend in ihrem Zimmer gehört. Er fand die Thüre desselben von innen verriegelt. Ehe sie auf sein Klopfen öffnete, hätte er beschwören können, daß er die nach dem Garten führende Glasthüre schließen hörte. Das war noch seltsamer! Scherzend fragte er sie, ob sie eine Unterredung mit Geistern gehalten habe; sie neigte ihren schöngeformten Kopf, welchen er stets stolz betrachtete, über die Orchidee in seinem Knopfloch — er brachte ihr immer eine Blume im Knopfloch mit, und sie trug dieselbe beim Abcndbrod; dann antwortete sie, daß sie „nur — nur laut gelesen habe." Natürlich war sein Gretchen ganz wahrheitsliebend, aber — es klang sonderbar! Dann wurde sie zerstreut. Während der zu Hause zugebrachten Stunden sah Cyprian Hay gern, daß seine Frau sich und ihre Gedanken nur ihm widmete. Jetzt schien sie oft an etwas anderes oder — verwünschter Argwohn! — an jemand anders zu denken. Sie saß träumend da, wenn er ihr Neuigkeiten erzählte. Sie gab verkehrte Antworten auf seine Fragen und manchmal gar keine. Das war ärgerlich! „Auf mein Wort, Margarethe!" rief er eines Abends und warf unwillig die Zeitung hin, nachdem er ihr den begeisterten Bericht über eine neue Oper vorgelesen und sie ihn darauf träumerisch angesehen und langsam erwidert hatte: „Es ist eine unangenehme Lage" — „Auf mein Wort, Margarethe! Ich möchte wissen, wo Deine Gedanken weilen! Ich glaube, Du bist meiner überdrüssig!" Aber es that ihm leid, so barsch gesprochen zu haben, als seine Frau mit Schmerz in ihrem Blick an seine Seite kam, sich dumm nannte und sagte, sie habe etwas Kopfweh. „Seiner überdrüssig! Wie konnte er so grausam sein! Er war ja ihr alles!" Das war befriedigend, und für etwa vierzehn Tage verschwand das Element des Unbehagens auf den niedrigsten Grad. Dann stieg es wieder höher. Herr Hay hatte Billete für eines der letzten gulen Concerte der Saison besorgt. Er wünschte seine Frau sollte ihn um drei Uhr am Bahnhof in der Stadt treffen; anstatt sich darüber zu freuen, machte Margarethe Ein- 794 1 i- ! i ^ r! Wendungen mit der sonderbaren Miene der Verwirrung oder Furcht, welche er in letzter Zeit oft an ihr bemerkt hatte. »Ich — ich fürchte, mein Lieber," stotterte sie, „ich werde nicht kommen können; ich habe keine Zeit." „Was?" rief Cyprian Hay halb lachend, halb ärgerlich. „So viel ich weiß, hast Du auf der Welt Gottes nichts zu thun, als das Essen anzuordnen und Dir die Zeit angenehm zu vertreiben. Ich sollte meinen, diese Pflichten lassen Dir Muße genug, um in das Concert zu kommen." „Natürlich möchte ich gern," sagte Frau Hay hastig, „und wenn ich es vorher gewußt hätte, konnte ich — ich meine — nun ja, da Du so freundlich die Billcte besorgt hast, muß ich kommen; aber jetzt Adieu, lieber Cyprian! Halte mich nicht auf! Ich bin beschäftigt." Beschäftigt! Womit denn? wunderte er sich. Das verständige und sehr gewandte Stubenmädchen ging durch den Hausflur, als er Hut und Handschuhe nahm. Er hatte vier gut bezahlte Dienstboten; dieselben sollten der Hausherrin nicht so viel zu thun lassen. „Ich hoffe, Walpurga," sagte er, „Du überlässest meiner Frau keine Arbeit, bei welcher sie sich während meiner Abwesenheit ermüdet." „O nein, gewiß nicht, Herr Hay," antwortete Walpurga, „ich besorge alles, was Madame befiehlt. Sie braucht gar nicht nachzusehen, sobald ich weiß, daß etwas zu thun ist." Wunderlich! Das stimmte nicht mit den Worten seiner Frau überein. Der Widerspruch in den beiden Angaben quälte Herrn Hay den ganzen Morgen in seinem Comptoir; derselbe quälte ihn auch Nachmittags im Concert, obgleich sein Gleichen zur rechten Zeit und in heiterer Laune ihm zusammentraf und mit sich über die Mustkaufführungfreute. Jedoch während des folgenden ganzen Abends war sie die liebenswürdigste Hausfrau; ihr Mann dachte, alles, was sie sage oder thue, müsse richtig sein, und seine Unruhe wurde eingeschläfert. Nach einigen Tagen wurde er heftig aufgeschreckt. Margarethens Kopfschmerzen waren wieder zurückgekehrt oder aus einem anderen Grunde sah sie eines Abends sehr angegriffen aus. Cyprian konnte nicht schlafen, weil er über ihre Blässe nachdachte." „Ich glaube, meine Liebe," sagte er am nächsten Morgen, einem schönen Septembertage, „Du gehst nicht genug aus, während ich in der Stadt beschäftigt bin. Du siehst aus, als sei Dir mehr Bewegung in der Luft nöthig. Hast Du gestern einen Spaziergang gemacht?" „Ja, Cyprian, danke. Darf ich Dir noch Kaffee eingießen?" „Nur eine halbe Tasse. Ich meine einen weiten Spaziergang. Sage mir, wohin Du gestern gegangen bist?" „Zu einer — ich besuchte — ich machte einen ganz hübschen langen Ausgang." „Ah, aber wohin?" „So weit, als ich gehen wollte, Cyprian," antwortete sie mit wirklicher oder angenommener Schalkhaftigkeit, „also frage mich nicht mehr. Sieh, es ist gleich neun." Mochte es neun sein, Herr Hay hatte keine Lust, mit seiner gewöhnlichen raschen Pünktlichkeit nach der Bahnstation zu gehen. Warum konnte seine Frau ihm nicht einfach sagen, wo sie gewesen war? „Also willst Du es mir nicht erzählen?" fragte er, mit umwölkter Stirn aufstehend. „Cyprian, Du quälst mich," sagte sie ebenfalls aufstehend. „Ach, du meine Güte!" Sie fuhr mit der Hand über ihr Gesicht. „Ich glaube, ich bekomme Neuralgie." „Ich will Dir einen Vorschlag machen," sagte ihr Mann, von plötzlicher Reue ergriffen. „Du brauchst Luftveränderung. Packe heute unsern Koffer, wir werden morgen eine Vergnügungsreise nach Paris machen und werden dort am Donnerstag meinen Geburtstag feiern. Willst Du?" „O, bitte, nein," antwortete sie schnell, „ich möchte viel lieber zu Hause bleiben, ich muß zu Hause sein. Später kannst Du den Ausflug machen, wenn Du es wünschest." „Mein Gleichen, nur um Deinetwillen wünsche ich die Reise." „Dann erwähne es nicht mehr," sagte sie bittend, „es ist mir durchaus nicht nöthig. Warum" — sie spielte unruhig mit einer Gloxenia in der Vase auf dem Frühstückstische — „warum bleibst Du diesen Herbst nicht zu Hause und richtest das kleine Rauchzimmer oben oder sonst etwas mit dem Gelde ein?" „Herzchen, weil ich das Zimmer nicht entbehren kann. Jede Stube ist gut genug für die werthlosen Andenken, welche ich aus Indien mitgebracht. Meine Pläne in Betreff einer geschmackvollen Einrichtung können warten, bis ich Dich wieder frisch und rosig sehe. Deßhalb entschließe Dich wegen Paris." „Nein, Cyprian, ich will nickt," enigegnete sie bestimmt, „und jetzt mußt Du wirklich zum Bahnhof gehen." Es war etwas Ungewöhnliches — ein Schmollen? — in ihrer Stimme. Bis jetzt hatte er ihre Gemüthsart immer vollkommen harmonisch gefunden. Herr Hay redete Walpurga wieder im Hausflur an. „Denke daran, die Leihbibliothekbücher heute Vormittag zu wechseln. Meine Frau könnte sich langweilen, wenn sie keine neue Lektüre hat." „Ich werde die Bücher wechseln, Herr," antwortete Walpurga mit halbunterdrücktem Lächeln, „aber ich glaube nicht, daß Madame sich langweilt." „Das freut mich. Aber," sagte er vertraulich, „natürlich ist sie einsam, während ich in der Stadt bin." „O nein, Herr, nicht immer," antwortete sie, indem sie ihm die Handschuhe reichte, „es kommen viele Besuche her." „Ja, gewiß, an den Montagen; aber ich meinte die anderen Tage." „An den anderen Tagen sind auch oft Leute hier. Gestern kamen viele, die Frau Holland zum Gabelfrühstück, und" — sie reichte ihm den Stock — „Nachmittags war ein Herr hier!" „Nachmittags war ein Herr hier!" Cyprian Hay war jetzt zum Ausgang gerüstet und hatte den Fuß bereits auf die Schwelle gesetzt. Die Ehre verbot ihm, noch länger zu bleiben, um die Mittheilung des Stubenmädchens zu ergründen. Frau Holland, eine nahe Nachbarin, kam oft, das wußte er. Es war nicht ungewöhnlich, daß Margarethe sie zum Essen einlud. Die andern Leute, welche dagewesen waren, konnten Schneiderinnen, Putzmacherinnen und dergleichen sein; aber „Nachmittags war ein Herr da!" Wer war > > I 795 es? Warum hatte Margarethe ihn nicht genannt? Warum hatte Walpurga so sicher behauptet, daß Madame sich nicht langweile? Ja, warum? Herr Hat) verließ sein Haus so gänzlich mit diesen Fragen beschäftigt, daß er wirklich einen falschen Weg einschlug. Plötzlich stand er vor dem Posthause, anstatt vor der Bahnhofstation, und obgleich er sein Versehen in aller Eile wieder gut machte, hatte er das Vergnügen, gerade eine Minute nach der Abfahrt des Zuges zu kommen. Es war ärgerlich für einen pünktlichen Mann, jedoch es lag ein Schadenersatz darin. Jetzt konnte er noch eine halbe Stunde zu Hause zubringen. Er konnte Margarethen gegenüber den gestrigen Nachmittag erwähnen. Wahrscheinlich hatte sie ihren Besucher vergessen, sie würde ihn aber bei der geringsten Andeutung nennen. Fröhlich ging er nach dem Berghause zurück, trat durch ein Scitenpförtchen in den Garten und unbemerkt in das mit Glas verdeckte Gewächshaus. Er glaubte, seine Frau bringe die Vormittage meistens bei ihren Blumen zu. Sie war jedoch jetzt nicht da, deßhalb setzte er sich dicht neben die Thür des Gesellschaftssaales, um auf sie zu warten. Unterdessen wollen wir zu Frau Margarethe und ihren Beschäftigungen zurückkehren. Als Cyprian Hay an diesem Morgen das Haus verließ, wendete sie sich unwillkürlich zu dem Spiegel über dem Marmor- Kaminsims, blickte aufmerksam hinein und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. „Alles um deinetwillen, du elende Frau," sagte sie im Selbstgespräch, ja alles um deinetwillen; o, ich schäme mich!" Darauf trat eine Pause ein; einem flüchtigen Lächeln folgte ein Seufzer. „Der arme Mann! Er wollte mich gerade am Donnerstag von hier entfernt haben. Es ist fast, als hätte er Verdacht; aber es kann ja nicht sein. Ich möchte wissen, was er sagen wird. Ich glaube, er wird nicht zornig werden; er ist jetzt immer so ruhig. Aber ich glaube, er wird es bedauern — ich fürchte fast, er wird es schon bedauern. Ach du unvorsichtiges Geschöpf, du siehst ganz verrätherisch und aufgeregt aus. Wenn du dich nicht zusammennimmst, so wirst du nicht Selbstbeherrschung genug haben, um dein Geheimniß zu bewahren. O Cyprian, du ahnst nicht, was geschehen wirdi" Sie wusch sich das Gesicht mit Lau äs OvIoAus. „Wie wünsche ich, daß Fanny Holland kommt! Ich möchte wissen, ob sie den Brief bringt, welcher meine Kelten löst? O, Margarethe, wie kannst du sagen, deine Ketten! Da kommt Walpurga, ich muß ihr sagen, daß ich heute für Niemand zu sprechen bin, ausgenommen" — Sie eilte aus dem Zimmer. Fünf Minuten später kam Frau Holland aus dem gegenüberliegenden Hause zu ihr. Die beiden Frauen traten in den Gesellschaftssaal und begannen ein lebhaftes Gespräch, als Herr Hay gerade seine Frau suchte. „Unangenehm!" murmelte er außerhalb des Gesichtskreises, aber nicht außerhalb der Hörweite, „jetzt wird diese kleine Frau meine Margarethe eine Stunde mit ihren Kinderstubenberichten aufhalten. Ich will sie nicht stören; am besten bleibe ich noch zehn Minuten hier und gehe ruhig weg, wie ich gekommen bin. Gleichen scheint sehr erfreut über ihren Besuch. Natürlich langweilt sich mein Gleichen ohne mich. Das mußte ich trotz Walpurgas Reden! Hm! Was? Wovon reden sie?" „O, Fanny, ich glaubte, ich würde Cyprian heute Morgen gar nicht los werden. Denke Dir, der Alte setzte es sich in den Kopf, diese Woche mit mir in Paris zu sein, morgen sollten wir abfahren." „Morgen?" wiederholte Frau Holland, „da mußt Du ja Deine letzten Vorbereitungen treffen." („Vorbereitungen? Wozu?" dachte Herr Hay sehr verwirrt.) « „Gewiß, und ich bin so unruhig bei allen." „Unsinn, meine Liebe. Wenn Du Dich krank wachst, wird alles verdorben. Du darfst am Donnerstag keine Neuralgie haben." („Am Donnerstag?" schaltete der Horcher schweigend ein. „Sie schlug es rundweg ab, am Donnerstag in Frankreich zu sein, gab aber keinen Grund an. Was bedeutet das?") „Nein, wenn ich es abwenden kann, Fanny. Glücklicherweise ist jetzt fast alles bereit, und mit diesem" — ein schwaches Geräusch deutete das Bewegen eines Papiers an — „kann ich morgen alles klar machen, und Cyprian soll keinen einzigen Schilling zu zahlen übrig behalten." („Cyprian — keinen einzigen Schilling übrig behalten! Unbegreiflich!") „Also denkst Du," fragte Frau Holland, indem sie anscheinend etwas betrachtete, „er hat Dir genug geschickt?" („Er?") „Genug? O, er ist höchst freigebig gewesen. Ich sagte ibm das gestern bei seinem kurzen Besuch —" („O, Frau, o, ol") „Es ist übrigens genug, obgleich die Kosten größer sind, als ich erwartete. Ich mußte Schweigegeld geben. Wenn mein Mann es entdeckt und verhindert hätte, so wäre ich" — sie stampfte mit dem Fuße — „wild geworden." „Du böse Frau," sagte Frau Holland, „wir sind die besten Freundinnen, und ich habe mich verpflichtet, Dir beizustehen, aber ich weiß eigentlich nicht, ob ich Dein Thun billige. Es ist gefährlich. Mein Mann würde wüthen, wenn er entdeckte, daß ich zu solchen Streichen geneigt wäre. Vielleicht ist es gut, daß meine Kinder mich fesseln und ich nicht versuchen kann, Deinem Beispiele zu folgen." Giovanni Kaltista dr Kosst UM I WW ^MÄM '<4EV KN »MMW AM K-^-M K ^WMI k-M>M-.-^ >^P S/kE WI^ÄW MSN MK-LL MM LLWM MK WKM Mp4 MSI MM Nach dem Gemälde von S. Seymour-Thomas 8 W WZL WU? WM S!E 1 WEM KNÄ LMM ÄtzMM tWL Mr 798 („Streiche! Ihr Mann würde wüthen," murmelte der unglückliche Horcher erglühend.) „Ja, wenn er es entdeckte," sagte Frau Hay bedeutsam, „aber bei meinen Veranstaltungen wird der gute Mann nichts entdecken. Schließlich will ich ihm Alles eingestehen, und ich weiß, ich kann meinen armen alten Cyprian um den kleinen Finger wickeln. Du kennst ihn nicht so genau, wie ich." („Vielleicht kennst Du ihn doch nicht genau," dachte der so sorglos Erwähnte zähneknirschend.) „Nun, das überlasse ich Dir," antwortete Frau Holland. „Ich kann nur sagen, daß Du eine kluge Frau bist, Gleichen, weil Du ihn so lange in Unwissenheit hieltest. Offen gestanden, ich möchte gern alles über diese Liebesangelegenheit hören. Wie lange hast Du darüber gebrütet?" „Seit vielen Jahren. Immer seit Vetter Dago so unerwartet auf sein Schiff berufen wurde, gerade als er schon damals heirathen wollte. —" Cyprian mich in dieser Woche dorthin nehmen wollte! Bei diesem zufälligen Zusammentreffen sprang ich auf." (Jemand anders sprang ebenfalls auf.) „Es schien der beste Ort zu diesem Zweck. Du weißt, der liebe Dago entwirft jeden Plan mit der vollkommensten Rücksicht. Endlich erklärt sich ja das gute Recht. Niemand wird zuletzt entsetzt sein. Habe ich Dir seinen letzten Brief schon gezeigt?" „Nein, meine Liebe. Wir wurden neulich unterbrochen, als Du anfingst. Lies ihn mir jetzt vor." „Ich kann ihn auswendig, obgleich Dir das lächerlich klingen wird. Er lautet: „Geliebte!" —" (Cyprian Hay ballte die Fäustel) „Das Herannahen unserer Freude wirkt blendend. Möge das Gelübde, welches ich jetzt niederschreibe, Dein zagendes Herz beruhigen. Niemals bei allem, was heilig ist, sollst Du bereuen, daß Du das fürchterliche Hinderniß, welches uns trennt, überspringst." („Mich!" stöhnte Cyprian.) Tdetstellen. Originlll.Aufnahine von Gusto» Baober, Photograph in Krumbach. sV-rvietfältigungSrecht vorbehalten s („Vetter Dago!" Der Mann, welcher Margarethe den Hos gemacht und den Streit des jungen Brautpaares verursacht hatte! Herrn Hay wurde eiskalt.) „Ich hielt es immer für ein hartes Geschick. Ich habe Dir erzählt, wie schwer mir damals um das Herz war. Damals konnte ich das Ende seiner und meiner Leiden nicht voraussehen. Ich habe die trüben Erfahrungen des armen Dagobert niemals vergessen." „So scheint es," antwortete die Freundin bedeutsam. „Aber weißt Du, ich wünsche, Du hättest ihn dafür besser belohnen können, als durch seine Entführung der Geliebten." („Lieber Gott!" Der arme Ehemann fuhr mit der Hand in einen Blumentopf und riß das Farnkraut mit den Wurzeln aus der Erde.") „Ach, ich wünsche, ich hätte es thun können. Ich überlegte hin und her, bis mein Kopf ganz verwirrt war. Wegen der verwickelten Verhältnisse mußte ich mich fügen. Paris ist nicht weit — wie sonderbar, daß „Am Donnerstag erwartet Dich Abends auf dem Dampfboot Dein ewig treuer Dago." („Ihr ewig treuer Dago! Gerechter Himmel!") „Das klingt ernst, nicht wahr? fragte Margarethe. „Gewiß. Bei solch' einem leidenschaftlichen Liebhaber war die Entführung wohl die einzige Möglichkeit. Das Ende krönt alles; und obgleich ich den Herrn noch nicht getroffen habe, — seine Uniform ist blau und gold, nicht wahr? — hege ich die innigsten Wünsche für Vetter Dagos Glück." („Verworfenes Weib! Schlange! Falsche Seele! Dein Mann soll Deine Handlungen erfahren!" dachte Hay, indem er wüthend durch die geraniumbedeckte Scheibe starrte.) „Ich danke Dir tausendmal, Fanny, für Deine treue Hilfe. Ohne Deine freundliche Vermittelung härte ich die Briefe nicht unbemerkt erhalten können. Die 799 Geldanweisung, welche Du mir jetzt gebracht hast, ist das Ende Deiner guten Dienste und meiner Verheimlichung. Juchhei Ich wollte, es wäre vorüber. Ich bin dabei so aufgeregt, wie ein junges Mädchen." „Thörichtes Gretchen," spottete die lebhaftere Dame „man muß keine Nerven haben, wenn man sich zu solchem kühnen Wagniß einschifft. Komm jetzt, zeige mir, was Du zu der großen Enthüllung bereit hast." Leise rauschten die Kleider. Man hörte das Oeffnen und Schließen der Thüre. Die Verbündeten waren verschwunden. (Schluß folgt.) - Edelstetten. Edelstetten, Pfarrdorf im Thale des Haselbaches, 7 Kilometer von Krumbach in Schwaben gelegen, mit drei Sölden zu Wattenweiler und schenkte sie ihrem Gotteshause zu einem ewigen Lichte vor Sl. Leonhard's Altar. Was des Klosters Güterbesitz in jener Zeit betrifft, so fehlen hierüber die Urkunden. Graf Ulrich von Wirtem- berg soll 1276 vier Morgen Weinland zu Mettingen bei Eßlingen, Graf Berchthold von Wirtemberg ein Fischwasser zu Waldstetten an Oetlinstetten geschenkt haben. Die Aebtissin Anna von Weißingen kaufte 1431 von Burkhart von Knöringen das Burgstall und Gut Kirn- berg bei Balzhausen, Agnes von Schwenkungen erwarb 1480 den Flecken Tiefenried bei Kirchheim. Oetlinstetten wurde zum Bereiche der Markgrafschaft Burgau, wenigstens nach ihrer späteren Ausdehnung, gezogen. Die Vogtei über das Stift beanspruchten und übten die Besitzer der Markgrafschaft. Am 20. Dezember 1460 löste die Aebtissin Anna von Weißingen die Schirm- j s Cdclllellrn. kKloster und Kirche.) Original-Aufnahme van Gustav Baader, Photograph in Krumbach. fBervielfültigungsrecht vorbehalten.) einem fürstl. Esterhazh'schen Schlosse und dem vormaligen Damenstiftsgebüude, war ursprünglich ein Kloster, Oetlin- i stetten genannt. Die Tradition nennt eine Gräfin Gisela ! aus dem Grafenhause von Schwabekk und Balzhausen als j Stifterin des Klosters und setzt die Stiftung in das Jahr ! 1126. Die Nonnen von Oetlinstetten waren höchst wahr- ^ scheinlich reguläre Chorfrauen nach der Regel des heil. > Augustin. Historisch sicher ist, daß wenigstens schon im ! 12. Jahrhundert hier ein Nonnenkloster bestand. 1153 j oder 1154 wurde Mechthildis, Tochter des Grafen Berch- ! thold II. von Andechs und Diessen, aus dem Kloster ! Diessen als Aebtissin nach Oetlinstetten berufen. Mech- thildts wird als Selige verehrt. Die Kirche zu Edelstetten besitzt von den Reliquien der Seligen eine Armröhre, welche im Jahre 1780 von Diessen, woselbst Mechthildis gestorben und beigesetzt worden, dahin abgegeben wurde. Aebtissin Guta von Gerenberg kaufte am 22. Juni 1355 vogtei für 2200 Gulden ein und zog sie an ihr Kloster. Dieses wählte nun seine Schirmvögte oder Procuratoren selbst und stellte sie auf. In der Zeit des Ueberganges Vom 15. in das 16. Jahrhundert ging mit dem Kloster Oetlinstetten eine wesentliche Aenderung vor, nämlich die Umwandlung desselben in ein freiweltliches adeliges Damenstift. Der Zeitpunkt dieses Vorganges läßt sich nicht genau bestimmen. Das Damenstift Edelstetten blieb zwar eine kirchliche Corporation und behielt geistliche Formen bei; es stand unter der Jurisdiction und Visitation des Diözesan-Bischofs. Die Damen trugen gleichgeformte geistliche Kleidung, doch ohne Nonnenschleier, und beteten die Tagzeiten; aber sie hatten keine Ordensregel zu befolgen und legten kein Gelübde ab, sondern verpflichteten sich nur auf die Beobachtung von Statuten, nach welchen sie verbunden waren, Keuschheit zu halten und der Aebtissin, so lange sie im 800 Stifte blieben, Gehorsam zu leisten. Sie konnten zu jeder Zeit austreten und heirathen. Das freiweltliche Damen- stift Edelstetten hatte htenach den Charakter einer Ver- sorgnngsanstalt für Töchter adeliger Familien. Auch das Damenstift stand unter der Regierung einer Aebstssin, welche von den Kapitularfräulein gewählt, vom Bischöfe confirmirt und vom Weihbischof oder vom Abte von Urs- berg eingesegnet wurde. Im Schwedenkriege wurde das Stift von den Schweden derart verheert und verwüstet, daß die Aebtissin Anna von Werdenstein, welche sich in die Schweiz geflüchtet, nach ihrer Rückkehr weder Nahrung noch Wohnung für sich und die Ihrigen mehr vorfand. Sie mußten zehn Jahre lang theils in einem Häuslein neben dem Stifte, theils im Pfarrhause wohnen. Da ein Pfarrer nicht mehr anwesend war, kam ein Prämonstratenser von Ursberg, welcher in der St. Michaelskapelle auf dem Berge den Gottesdienst hielt, denn die Pfarrkirche war verwüstet. Allmälig gelang ihr aber der Aufbau der zerstörten und zerfallenen Gebäude, wie die Wiederherstellung geordneter Zustände im Innern. Katharina Franziska von Wester- nach, Seniorin des Stiftes, ließ das baufällige Stifts - Gebäude abbrechen und arbeitete an der Neuherstellung desselben, welche sie indeß nicht mehr erlebte. Karolina von Westernach vollendete den Bau, wie er heute noch vor Augen steht; sie ist auch die Erbauerin der Stiftsund Pfarrkirche sammt Thurm zu Edelstetten, welche 1709 vollendet dastand. 1802 folgte die Aufhebung des Stiftes, welches an den Fürsten von Ligne als Reichsgrafschaft Edelstetten kam. Die Aebtissin erhielt eine jährliche Pension von 2000 Gulden, jede Dame 800 Gulden. Als Zeitpunkt, bis zu welchem die Fräulein das Stift zu verlassen hätten, wurde der 8. September 1803 bestimmt. In den Monaten August und September verließen die Damen das Stift und wählten beliebig ihren Aufenthaltsort. 1804 kam die Reichsgrafschaft Edelstetten durch Kauf an den Fürsten Nikolaus von Esterhazy. Das fürstliche Haus Esterhazy von Galantha ist noch heute im Besitze der Damenstifts- güter von Edelstetten. --- u u unseren Bildern. Giovanni Katlista dc Uolsi. der hervorragendste christliche Archäolog?, ist vor einigen Wachen gestorben. Der Gelehrte stand in allen wiffenscbafilichen Kreisen im denkbar höchsten Ansehen. V^r 2 ffz Jahren feierte der bescheidene Mann sein 70. Wiegenfest, und d e hervorragendsten Kreise bekundeten ihre Hochachtung vor dem Forscher de Rossi dadurch, daß ihm eine große goldene Denkmünze überreicht wurde, de Rossi hat die Erschließung der Katakomben, insbesondere jene des hl. Calixtus, in die Wege geleitet und bethätigt und mit dieser Arbeit die wesentlichsten Merkmale für die christliche Lehre und das hl. Meßopfer in den ersten Jahrhunderten des Christenthums gefunden. Die Funde in den Katakomben bilden eine unwiderlegliche Bestätigung dafür, daß die kaiholische Kirche die Lehre Christi und die Tradition unverfälscht bewahrt hat, > daß die Lehre der katholischen Kirche im 19. Jahrhundert die ! gleiche ist, wie in den ersten Jahrhunderten. Papst Pius IX. ^ hat denn auch den Forschungen de Rossis das größte Interesse ! entgegengebracht und sie auf jede Weise zu fördern gesucht. Die ^ Hauptwerke des nunmehr Verlebten sind: „Das unterirdische, christliche Rom/ von welchem bisher 3 Bände erschienen sind, und „Christliche Inschriften", gleichfalls in 3 Bänden erschienen. Die Gelehrtenwelt hat von dem Ableben ins Forschers mit großem Bedauern Kenntniß genommen. Ein unschuldiges Opfer. Eine ergreifende Szene aus dem deutsch-französischen Krieg ! ist es, die der Künstler auf unserm Bilde darstellt. Was hat das junge Menschenleben in die Schaar der mildthätigen Schwestern geführt, hinaus in die Gräuel der Schlachten? Gewiß nur aufrichtige, wahre Nächstenliebe, befolgend das Wort des Herrn: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbstl" In Ausübung des Samariterdienstes hat die Schwester die tödtliche Kugel erhalten, die freilich nicht ihr gegolten! Nicht schlägt das Herz mehr, und zwischen den Schauern des Krieges senkt sich das milde Licht des Friedens auf das Antlitz eines Geschöpfes, in dessen Seele nur die Liebe zu Gott und den Mitmenschen war. -«i8»cs- Allerlei. Goldminen in Europa. Die Entdeckung der reichen Goldfelder in Amerika, in Australien und in Südafrika haben es fast vergessen lassen, daß es auch dem europäischen Continent nicht an dem gelben Metall fehlt. An den verschiedensten Stellen in Europa werden Golderze gefunden, aber da sich das Interesse in den letzten Decentsten hauptsächlich den außereuropäischen Goldfeldern zuwandte, so hat man die Exploitation der europäischen Goldminen vernachlässigt. Erst in den jüngsten Jahren hat sich die Aufmerksamkeit der kapitalistischen Kreise wieder mehr den letzteren zugewandt, und namentlich sind es englische Kapitalisten gewesen, welche die Ausschließung von Goldbergwerken in Europa förderten. So existiren in Siebenbürgen mehrere englische und deutsche Goldminen-Gesellschaften, die bisher ziemlich günstige Resultate erzielt haben. Außer in Oesterreich- Ungarn gibt es aber auch in der Schweiz und in Italien weite Strecken, in denen Golderze gefunden werden. Eine englische Gesellschaft exploitirt in Italien unter Anderem das Goldbergwerk in Pestarena, das noch reiche Schätze birgt. Eine schweizerische Gesellschaft, die „Looiöls suisss äe8 Nin68 ä'or äs l'lisivstis" hatte sich zum Zwecke der Ausbeutung der Minen von Gondo (Valais) gebildet, erzielte aber keinen Erfolg, was indeß nicht auf die Unergiebigkeit dieser Mine, sondern auf die schlechte Verwaltung, sowie auf die ungenügenden technischen Einrichtungen zurückzuführen ist. Die schweizerische Gesellschaft, die im Begriff war ihre Arbeiten einzustellen, hat nunmehr ihr Bcsitzthum auf eine französische Gesellschaft übertragen, die sich unter dem Namen „Looists anon^ins 8ui88s äs8 Ninss ä'or äs donäo" gebildet hat und die die für einen rationellen Betrieb des Bergwerks erforderlichen Mittel besitzt. An der Spitze dieser Gesellschaft steht Herr Sally-Silz in Paris. 4K28SLS-.- Arilder-Wätysel. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 10t: Weiß. Schwärn 1. 64 65 -s- K. 36-65 : 2 D. 37-36 st- K. 65—35 : 3 T. 41-45 st- K. 35-4.5 : 4. D. 36-05 Mast. -EZS-- HL 103 Augsburger Postzeitung^. Ireitag, den 21. Dezember L894. " ' ??ür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Aruck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). Netter Dago. Ngch dem Englischen erzählt von Alice Salzbrunv. (Schluß.) 8. Kapitel. Cyprian Hay stand schwankend auf. Er fühlte eine starre Kälte. Die Rosen, die Lilien, die Ranken am Glasdach, die Schlingpflanzen auf dem Fußboden vermengten sich alle zu einer farblosen Masse. Er schien die Sehkraft verloren zu haben. Wollte Gott, er hätte soeben kein Gehör gehabt! Selbst nicht wissend wie, wahrscheinlich gewohnheitsmäßig, kam er aus der Orangerie, ohne eine Scheibe zu zerbrechen. In der frischen Luft besserte sich das krankhafte Schwindelgefühl. Er suchte seine Fassung wieder zu gewinnen. Sehr langsam ging er nach dem Bahnhof zurück Ein Bahnwärter griff grüßend an die Mütze, öffnete einen Wagen erster Classe und fragte: „Herr Hay befinden sich heute hoffentlich wohl?" „Sehr schönes Wetter," antwortete Herr Hay, stolperte in eine Ecke, ohne zu wissen, was er gesagt hatte, und saß dort, wie betäubt, bis der Zug an seinem Ziel hielt und er noch in träumerischer, mechanischer Weise sein Comptoir erreichte. „Ich bin für Niemand zu sprechen," sagte er zu seinem Hauptbuchhalter, „nehmen Sie Briefe und Aufträge an, als wenn ich abwesend wäre. Ich — ich habe Kopfschmerzen." Dann schloß er sich in sein Privatzimmer ein, stützte die Ellbogen auf die Lederdecke deS Tisches, seinen schmerzenden Kopf in die zitternde Hände und wollte nachdenken. Während der unglücklichsten Stunden seines Lebens ordnete er die Thatsachen, welche ihn elend machten. Er erkannte sie in logischer — nein, in verdammender Reihenfolge. Seine Frau hatte diesen Menschen vor Jahren geliebt — diesen Kapitän Dagobert Greaves, den entfernten Verwandten oder „Vetter Dago", wie sie ihn jetzt nannte. DaS Zartgefühl hatte ihn verhindert, den Namen dieses Mannes vor Margarethe zu erwähnen, seitdem sie mit ihm vereinigt war. O Himmel! Wie zeigte sie sich des Zartgefühls würdig! Zunächst sah er, daß sie mit diesem Vetter Dago durch Vermittelung der schändlichen Frau Holland im Briefwechsel stand. Was er in ihrem Gespräch nicht gehört hatte, konnte er leicht ergänzen. Der Mann war vielleicht aus dem Auslande zurückgekehrt und mit ihr, der verheiratheten Frau, zusammen gekommen. Die alte Liebe flammte wieder auf. Die Tollheit war die Folge! Zunächst kam der Schurke in sein, Cyprian Hays, eigenes Hans. Sogar das Stubenmädchen wußte es und lachte verstohlen über ihren Herrn! Vorbereitungen zur Flucht aus dem Hause, welches er, der arme Thor, für ein Paradies gehalten hatte, waren in seiner Abwesenheit stündlich gemacht worden. Das schnöde Geld, das Mittel zu dieser Flucht, hatte seine Frau fast in seiner Gegenwart erhalten. Der Brief voll Entzücken über den abscheulichen Plan war vor seinen eigenen Ohren wiederholt worden. Sein Gleichen, seines Lebens Glück, sein Weib ersehnte den Donnerstag, die Stunde, wo — o, ergriff ihn der Wahnsinn? — hatte er gelegentlich zu viel getrunken? oder war dies ein Alpdrücken? — wo sie ihm für immer entfliehen konnte! Der unglückliche Mann glaubte wahnsinnig zu werden, als diese Ereignisse sich vor ihm aufreihten; gleichzeitig erinnerte er sich an Geringfügigkeiten, welche fast unmerklich waren, aber im Zusammenhang eine schreckliche Bestätigung seiner schlimmsten Befürchtung gaben. Margarethe hatte in der letzten Zeit nicht am Fenster auf ihn gewartet. O nein, sie hatte andere Beschäftigung gehabt. Sie hatte seine freundliche Begrüßung nicht immer freundlich erwiedert. Aus welchem Grunde? O er konnte den grausamen Gedanken nicht ertragen! Weil sie ihre Falschheit fühlte! Cyprian Hay war ganz unfähig zum ruhigen, leidenschaftlosen Nachdenken. Seine schwache Seite hatte in den letzten glücklichen Monaten geschlummert, aber sich jetzt trotzig aufgerichtet und neu belebt. Margarethens Geduld, Treue, zarte Hingabe und langgehegte Liebe, ihre schönen Eigenschaften und Tugenden, für welche er sich vor kurzem mit Leib und Seele verbürgt hätte, fielen vergeblich zu ihren Gunsten in die Waagschale. Seine wüthende Eifersucht überwog alles, und der erprobte Werth seiner Frau galt nichts mehr. Fast sinnverwirrt und ganz elend ließ Cyprian Hay den Vor- und Nachmittag vergehen. Um vier Uhr fragte der Hauptbuchhalter durch das Sprachrohr nach seinen Befehlen. „Schließen Sie wie gewöhnlich, lautete die Antwort, „und sagen Sie gefälligst der Frau Cook, daß ich heute hier übernachten werde." Frau Cook war die Haushälterin des Geschäftshauses. Eine Schlafstube hatte er während der wenigen Wochen, welche er nach seiner Heimkehr als Junggeselle 802 verlebt, zuweilen benutzt, und sie stand für ihn bereit, obgleich er sie seit seiner Verheiratung nie bewohnt hatte. Jetzt wollte er wieder einmal hier bleiben. Er konnte nicht nach dem Berghause zurückkehren. Er durfte sich selbst noch nicht trauen. Frau Coor klopfte an die Thüre, um zu hören, was er zu essen wünsche. „Nichts," antwortete er kurz. Dann fiel ihm ein, daß nicht alle Welt sein Leid zu wissen brauche. „Irgend etwas!" rief er, und während dieses „etwas" bereitet wurde, trat die Dämmerung ein. Im Halbdunkel ging er schwerfällig die Treppe hinunter, nach dem Telegraphenamt und schickte seiner Frau folgende Nachricht: „Geschäftlich heute Abend hier aufgehalten." Mit wankendem Schritt kam er zurück auf die fast leere Straße — wie sonderbar sah sie aus ohne das Gedränge des Tages, wie hohl klang der Ruf der Zeitungsjungen, welche an der Ecke den neuesten Mordbericht ansschrieen. Er aß die ihm vorgesetzten Speisen, ohne zu wissen was er genoß, und ging hinauf in das düstere, häßliche Zimmer — wie ganz anders war im Berghause die große angenehme Schlafstube mit den geschmackvollen Draperien» schönen Spiegeln, zierlichen Toilettengeräthen und mit Margarethe! Ein Spiegel wor hier genug, fast zu viel. Er betrachtete sein Gesicht und wunderte sich nicht, daß Frau Cook ihn erschrocken angestarrt, als sie ihm das Essen gebracht hatte. Er sah elender aus, wie bet dem drohenden Schiffbruch der „Java" auf seiner Heimreise. Ach, jetzt wünschte er im tiefsten Herzen, er wäre damals beim Schtffbruch umgekommen! Er hätte lieber sein Leben verloren, als seine Margarethe auf solche Art verlieren zu müssen! Vor Erschöpfung schlief der arme Mann ein, aber während der ganzen Nacht ging „Dago", „Vetter Dag", „Hauptmann Dago" durch seine Träume. Zwanzigmal wachte er auf, indem er den verhaßten Namen ausrief: „Dago, Dago!" Ungestärkt stand er auf, frühstückte mechanisch und zwang sich, seine Briefe durchzusehen und Anordnungen für seine Comptoiristen aufzuschreiben, aber überall schwebte ihm in großen Buchstaben „Dago" vor; nichts konnte der: Namen auslöschen. Er bekam ein Briefchen von seiner Frau — ein kleines duftiges, cremefarbenes Couvert lag zwischen dem Stoß Geschäftsbriefe. Sie redete ihn „Theuerster Cyprian!" an und schrieb, sein Telegramm habe sie erschreckt, und wenn er morgen — also heute Abend — nicht pünktlich zu Hanse sei, so werde sie zu ihm kommen. Sie sehne sich sehr nach ihm. „Um mich das letzte Mal zu sehen!" stöhnte der unglückliche Mann, zerknitterte das parsümirte Blättchen und warf eS entrüstet weg. „Gut, sie soll mich haben." ' Den ganzen trüben Tag hindurch bereitete er sich auf seine Rede und Handlungsweise bet dem Zusammenkommen mit ihr vor; er wollte sich aussprechen, ihr Vorwürfe machen und — Gott steh' ihm bei — von ihr scheiden! Das war sein Vorsatz. Die kleinen Kobolde, die Zeitungsjungen schrieen den Schlnßbericht eines Scheidungsprozesses aus, als er um fünf Uhr zum Bahnhof ging. Sein Herzeleid, sein Name sollte nir in solcher Weise kundgemacht werden. Er wollte ihr sagen, sie möge gehen, glücklich sein und nie wiederkehren. Er würde zurückbleiben, und — sein Herz würde brechen. An diese Möglichkeit glaubte er trotz seiner vierzig Jahre. Beim Anbruch der Dämmerung des milden September- abends erreichte er sein Haus. Oben waren einige Fenster erleuchtet. Unten brannte keine Lampe. An dem vorderen Bogenfenster sah er, ja, wirklich, das Gesicht, welches seine Schritte zu beschleunigen Pflegte. Daß Margarethe so verschmitzt war! Ach, ach! Sie nickte mit anscheinender Freude, als er die Thürstufen heraufkam. Er wendete den Kopf zur Seiee und that, als sähe er es nicht. Walpurga öffnete lächelnd die Hausthüre. Es war ihm, als könne er sie niederschlagen. Seine Selbstbeherrschung verschwand plötzlich. „Wer ist heute hier gewesen?" fragte er barsch. „Heute, Herr? Hier gewesen?" stammelte sie erschrocken über die heftige Frage. „Ja, heute, Herr? Hier gewesen?" So ganz hatte er den Kopf verloren, daß er dem Dienstmädchen nachahmte. Er war jetzt auf der Spur der pflichtvergessenen Handlungen und konnte ebenso gut an dem einen als an dem anderen Ende beginnen. „Antworte mir ohne ränkevolle Ausreden!" „Herr Hay," sagte Walpurga tief beleidigt, „Niemand ist hier gewesen; wenigstens," sie zögerte, „keine erwähnenswerthe Person." „Nein, keine erwähnenswerthe Person," wiederholte der Hausherr bitter. Er konnte das wohl glauben. „Sage Deiner Herrin, daß ich sie sprechen will." „Ja, Herr Hay, Madame wartet im Gesellschaftssaal auf Sie." Es war ihm unerträglich, daß der Bruch im Salon, welchen er ihr zu Liebe so schön eingerichtet hatte, stattfinden sollte. „Ich will sie in meinem Zimmer sprechen," sagte er kurz und ging die ersten Stufen der Treppe hinauf zu dem selten benutzten Zimmer, welches dem Namen nach „des Herrn Arbeitsstube" hieß. Walpurga wechselte jäh die Farbe. Behend schlüpfte sie an ihm vorüber und eilte voraus. „Nein, bitte, Herr Hay. Ihre Arbeitsstube ist — unsauber," augenscheinlich erfand sie eine Ausflucht. „Ich habe gestern und heute nicht abgestaubt. Wollen Sie nicht in Ma- dame's Cabinet gehen?" „Nein, das will ich nicht," entgegnete Herr Hay. „Ich verlange, daß meine Frau hierher kommt." Langsamer erreichte er den Treppenflur, schob einen neuangebrachten Vorhang bei Seite und wollte die Thüre öffnen. Sie war verschlossen! Er wendete sich mit dem Tone des höchsten Zornes zu dem Dienstmädchen. „Was bedeutet das?" fragte eine Stimme, nämlich Frau Hay, welche heraufgeeilt kam. „Warum kommst Du nicht zum Thee, mein Lieber? O, Walpurga" — sie hielt inne — „mein Mann ist doch nicht —" „Nein, Madame," antwortete das Mädchen flüsternd, „er wollte hineingehen, aber ich schloß zu und habe den Schlüssel in der Tasche." „Gieb ihn mir augenblicklich!" sagte der Hausherr gebieterisch. „Nein, Walpurga, gieb ihn mir," unterbrach ihn seine Frau eifrig mit ausgestreckter Hand; „laufe hinunter und wache die Butterbrode zurecht," Als- das Mädchen verschwand, fuhr sie fort: „Lieber Cyprian, Du mußt etwas genießen. Wie müde und angegriffen Du aussiehst!" Und sie umarmte ihn zärtlich. Er hatte diesen Willkomm früher seinen „Taglohn" genannt. Auf dem Treppenflur war eine Wandnische mit einem gepolsterten Sitz. Trotz aller Willenskraft konnte 803 Cyprian sich nicht länger aufrecht halten; er setzte sich plötzlich, räusperte sich und sagte mit sehr leiser Stimme: „Margarethe, ich bedarf keiner Speise und keiner — Liebkosung. Komm her. Du sollst mir einige Fragen beantworten." Sie kam dicht zu ihm und sah etwas ängstlich aus. „Wie lange," flüsterte er, „wie lange dauert es schon mit — mit dem Better Dago?" „Ach!" Sie stieß einen unterdrückten Schrei aus. Er fuhr fort: „Ich muß sogleich alles erfahren. Sage es mir. Ich bestehe darauf." „Cyprian" — sie senkte den Kopf, die Nöthe stieg bis auf ihre Stirn — „ich bin schrecklich betrübt, daß Du es entdeckt hast. Ich sehe, daß Du zürnst. Aber, bitte," sie schmiegte sich an ihn und kniete sogar an seiner Seite nieder, „bitte, tadle mich nicht so streng, bis Du alles weißt." „Alles!" wiederholte er bitter. „Was bleibt mir noch zu erfahren übrig? Ich habe mit meinen eigenen Ohren gehört, daß meine Frau ihren Better Dago nie vergessen hat, daß die Gedanken an ihn ihren Kopf monatelang beschäftigten; daß sie mich, den armen Betrogenen, um ihren kleinen Finger wickeln kann; daß der Liebhaber ihr glühende Briefe schreibt. Ich Thor soll endlich ihr Geständniß erfahren — der Geliebte will sie nach Paris entführen. Sage mir" — seine Stimme klang jammervoll — „bleibt mir noch mehr zu erfahren übrig? O Margarethe! Margarethe!" Während er sprach, war seine Frau immer weiter von ihm zurückgewichen. Verwirrung, schmerzliches Erstaunen malte sich in ihren Zügen. Sie konnte nicht sprechen, als er schwieg. Sie versuchte es mit über der Brust gefalteten Händen, aber die Stimme versagte ihr. Er sprach wieder zu ihr. „Vielleicht erfahre ich noch mehr. Vielleicht muß ich jetzt darauf bestehen, den — den Vetter Dago zu sprechen, welchen. Du dort verborgen hast," er zeigte mit verzweifelnder Geberde nach seiner Stube. „Ist er dort?" „Ja—a," ächzte sie schwach. Er wußte es, aber es gab ihm einen neuen Dolchstich. Er sprach in abgebrochenen Sätzen: „Dann will ich sie aufgeben — da ich ihr nichts mehr bin — mein Kleinod — soll dem Mann gehören, den sie vorzieht — dem Manne," fuhr er mit einem wahnsinnigen Versuch zu lachen fort, „in der blau und goldenen Uniform, wie Deine schamlose Freundin Frau Holland gestern sagte." „Gestern!" „Ja. weil ich den Zug verfehlte, kam ich zurück, wartete im Gewächshause und hörte dort die Untreue, wegen welcher ich den Tag meiner Geburt verwünschte!" Margarethe Hay sprang empor, schloß die Stuben- thüre auf und sperrte sie weit auf. „Cyprian!" rief sie in wildem Tone, wie sie nicht anders konnte, „sieh' her, sieh', was ich vor Dir verborgen habe!" Er stand auf, ging langsam hinein und schaute sich um. Kein Offizier, kein Mann war dort, dennoch blieb er bei dem Anblick überrascht stehen. Er fand die einfache Stube in ein herrliches Herrenzimmer verwandelt: autike geschnitzte Eichenmöbel — der kostspielige Wunsch, dessen Erfüllung er sich versagt, bis Gretchens Verlangen ln jeder Beziehung befriedigt sein würde; seine Lieblingsbücher ; dieses Tisch aus der Zeit Jakobs I. hatte er bet einem jüdischen Antiquitätenhändler das ganze Jahr begehrlich betrachtet; die in seiner Junggefellenzeit ge sammelten Sachen, Meerschanmpfeifen, Singhalesen-Götzen, Theebrelter und dergleichen, waren auf Eckstündern hübsch geordnet; der Kaminsims war ein zweihundert Jahre altes Prachtstück, und über demselben hing das Bild der Frau, welche die Veränderung geschaffen. Sie selbst stand vor ihm mit thrünenüberströmtem Gesicht und doch freudestrahlend, als sie sagte: „O, Cyprian, daß Du an mir zweifeln konntest! Wie hart bin ich gestraft, weil ich ein einziges Geheimniß vor Dir hatte! Durch meine Schuld wurde das Mißverständniß hervorgerufen; deshalb will ich Dir verzeihen, lieber Mann. Vielleicht war es unrecht von mir, daß ich eine kleine Dankesschuld an Dich abtragen wollte. Ich wünschte so sehr, Dir etwas zu schenken, da Du mich immer mit schönen Gaben überhäuftest. Ich selbst besaß kein Geld; deßhalb schrieb ich — ein Buch, einen Noman; ich nannte ihn „Vetter Dago", weil Ereignisse aus Dagoberts Greaves' Jugendleben mir den Stoff lieferten; obgleich ich Dago seit dem Tode meines Vaters nicht mehr gesehen habe und nur weiß, daß er verheirathet ist und sieben Kinder hat. Außer der Fanny Holland sagte ich Niemand etwas von meinem Werke. Gestern erzählte ich ihr das Ende. Ich habe ihr das Manuskript bruchstückweise vorgelesen, einmal überraschtest Du uns, und sie eilte durch die Gartenthüre, aus Furcht, Du würdest sie ausfragen. Ihr Bruder ist der Verlagsbuchhändler Lightou, wie Du weißt. Er wollte das Buch in Verlag nehmen und verlangte, daß ich das Manuskript möglichst rasch beenden sollte. Es gelang mir, und Herr Lighton brachte mir am Montag Nachmittag die ersten Exemplare. Gestern schickte er mir durch Fanny das Honorar. Ach, Cyprian, ich arbeitete einzig und allein, um dieses Zimmer für Dich auszustatten. Es ist ein Geburtstagsgeschenk, trautester Mann. Ich hatte viele Mühe, die Sachen unbemerkt herschaffen zu lassen und sie vor Dir verborgen zu halten. Es war mein Herzenswunsch, Dich morgen damit zu beschenken; deßhalb wollte ich nicht nach Paris reisen. O Mann, wie konntest Du nur so schlecht von mir denken?" Er konnte ihr darauf keine Antwort geben. Sie sah durch Thränen lächelnd zu ihm auf; er drückte sie mit tiefer Reue an sein Herz und war froh, seine weinenden Augen in ihrem Haar zu verbergen. Nachdem sie sich beruhigt hatten, lasen sie den „Vetter Dago" zusammen, und Cyprian war sehr stolz auf das geistreiche Werk seiner Frau. ES hatte großen Erfolg, wurde aber durch ein Geschenk des Himmels ganz verdunkelt. Ein Jahr nach diesem Ereignisse erschien im Berghause ein kleiner lebendiger Dago — sein Vater wollte ihm diesen Namen geben, um sich vor toller Eifersucht zu warnen, sagte er. Dieses entzückende neue Familienglied nimmt so sehr die Zeit seiner zärtlichen, klugen Mutter in Anspruch, daß sie voraussichtlich keinen dreibändigen Roman mehr schreiben kann, obgleich daS bewundernde Publikum ihn freudig begrüßen würde. Ende. -»SKWSS-- Goldkösner. Wer auf die Welt konimt, baut ein neues Haus, Er geht und läßt es einem zweiten; Der wird sich's anders zubereiten. Und Niemand baut eö aus. -—SS-XttS-«-- Die Münchener Geiseln in schwedischer Gefangenschaft. Von I. M. Förster. An der Wand der Epistelseite der Wallfahrtskirche zu Namersdorf bei München befindet sich ein Bild, welches eines der wichtigsten Kapitel der Stadtgcmeinde zum Gegenstände hat: die „Münchener Schwedengeiseln", und welches an eine der trübsten Zeiten erinnert, welche unsere liebe Vaterstadt je durchgemacht hat. Wir sehen im Vordergründe 40 Männer auf der Erde knien, welche dankerfüllten Herzens den Blick nach Oben richten, wo über einer perspektivischen Ansicht der Stadt, vor welcher sich ein Heerlager dehnt, die Himmelskönigin mit dem Jesukinde thront, neben welchen rechts und links Engelgestalten schweben, welche Tafeln mit Namen halten. Unterhalb des BildeS befindet sich eine lateinische Inschrift, welche zu deutsch lautet: „Sieh an, o Mutter der Barmherzigkeit, der Welt Hoffnung, Beschützerin der Unschuldigen, aller Betrübten Nothhelferin, Deine verpflichteten Diener und Pflegekinder! Vierzig Geiseln fallen Dir zu Füßen, die aus Erbarmniß des leidigen Unterganges, so Gustav Adolf, der Schweden König, der kurfürstlichen Hauptstadt München anno 1632 angedroht, sich für das Vaterland aufgeopfert, die liebe Freiheit in die Schanz geschlagen, in das Elend hinausgezogen und drei ganze Jahre weniger 2 Monate als arme Gefangene darin versaßen; haben zu Augsburg, Donauwörth und Nördlingen, gleich als in einen Nothstall eingepfercht, unzählbare Drangsale ausgestanden, der dreifachen Ruthe Gottes: Pest, Kriegsund Hungersnoth stets unterworfen; sind trotzdem über Alles durch Deinen Schutz und Schirm hinweggekommen. Du hast sie im Gefängniß und eisernen Banden gestärkt, im Hunger gespeist, in äußerster Gefahr ihre Hoffnung, in Verschmachtnng ihre Beständigkeit aufgemuntert, in Abwesenheit menschlicher Hilfe ihnen Deine Hand geboten und die Schooß Deiner Barmherzigkeit geöffnet. Schreiben es also nach Gott einzig Dir zu, daß sie dem Tod entronnen und aus der ganzen Schaar nur vier verloren. Daß sie leben und athmen und des Vaterlandes wieder ansichtig wurden, ist eine offenbare Gnade von Dir. Ach, erhalte sie bet so unverhofftem Wohlstände, laß sie vor aller Welt aufstehen und bezeugen, daß in Deinen Diensten und Gnaden Niemand verloren sei. Die Münchener Geiseln, jetzt Marianische Gnadcnkinder 1635." Beredter als ganze Bände spricht diese kurze Inschrift von dem Elende, das der „Befreier Deutschlands" — als welcher sich Gustav Adolf in seinem nach seiner Landung auf Usedom im Jahre 1630 erlassenen Manifeste ankündigte — über Deutschland brachte-ein Elend, das auch in dem bekannten Volksltede mit den Worten zum Ausdrucke gelangt: Der Schweb' ist 'kommen, Hat 'S Blei auS den Fenpcrn g'nommen, Hat Kugeln drauS 'gössen, Vater und Mutter erschossen. Im April 1632 stand Gustav Adolf an den Grenzen Bayerns. Donauwörth war bereits erobert, da machte ihm Tilly den Lechübergang bei Nain streitig, wurde jedoch am 15. April tödtlich verwundet und rieth dem Kurfürsten Maximilian I., wenigstens Regeusburg unter allen Umständen zu halten, wodurch das Land, von allen Truppen entblößt, dem Feinde offen stand, der sich zunächst nach Augsburg wandte, das ihm nicht nur den Eid der Treue leistete, sondern in aller Unterwürfigkeit auf einer Denkmünze den alten Namen H.u§ri8ta, in 6ustava umänderte. Von Augsburg aus betrieb Gustav Adolf sodann die Eroberung Bayerns in recht gründlicher Weise: am 10. Mai 1632 zog er in Landshut ein, dem er eine Brand- schatzung von 100,000 Thalern auferlegte und welches, da diese Summe nicht ganz aufgebracht werden konnte, für den Rest 6 Geiseln stellen mußte. Bereits am 12. Mai zog er von der rasch ausgesogenen Stadt wieder ab und wandte sich nach Freising, daS 30,000 fl. Brand- schatzung erlegen mußte, was aber den Feind nicht hinderte, außerdem noch allen vorhandenen Wein — an 4000 Eimer (über 2700 Hektoliter) — alles Bier, sowie etliche Tausend Schüssel Getreide mitzunehmen und nebenbei die fürstbischöfliche Residenz zu plündern, sowie die in bayerischem Gebiete gelegenen hochstiftlichen Besitzungen heimzusuchen. In Freising war es auch, wo auf Ersuchen des Kurfürsten der am Münchener Hof accreditirte französische Gesandte Saint Etienne bei Gustav Adolf erschien, ihn im Auftrage des Kurfürsten um Schonung Münchens zu bitten. Allein der Schwedenkönig war von einem zu tiefen Hasse gegen Maximilian erfüllt, stand zu sehr unter dem Einflüsse des in seinem Gefolge befindlichen Ex-Kurfürsten Friedrich von der Pfalz, des bekannten „böhmischen Winterkönigs" — der getreu bei ihm ausharrte, obwohl ihm der Schwedenkönig die Pfalz nicht zurückgegeben, sondern für seine zu erwartende Wahl zum Kaiser als „Kammcrgut" rcservirt hatte — als daß er den Vorschlägen des Gesandten ein geneigtes Ohr geschenkt hätte; ja er polterte wider denselben, daß ihm die Münchener nicht einmal eine Unterwerfungs-Depu- tation entgegengeschickt hatten, die er doch schon in Moosburg erwartet habe; man scheine einen Anschlag gegen ihn zu planen, wofür er die Stadt büßen lassen werde. St. Etienne schickte hierauf unverzüglich eine Estafette an seinen Geschäftsträger in München, de Bering- han, mit dem Auftrage, eine Deputation des Rathes nach Freistng zu veranlassen, welche auch, bestehend aus dem kurfürstlichen Rathe Büttner, den beiden Bürgermeistern Ligsalz und Barth und dem Rathsmitgltede Paul Partorfer, am 15. Mai vor dem Könige erschien, der sie hart anfuhr, so däß die Deputirten ihn schließlich auf den Knien um Schonung der Stadt baten. Gustav Adolf sagte ihnen auch in der That Schonung der Stadt vor Brand und Plünderung, Sicherung des Privateigenthums und der Personen, sowie Achtung der Religion und politischen Verfassung zu — stellte aber auch gleichzeitig die Erhebung einer Brandschatzung in Aussicht, deren Höhe erst nach seiner Ankunft in München festgestellt werden sollte. Bereits am 16. Mai erschien die Vorhut des schwedischen Heeres vor München, welches der Ankunft des Gros der Armee mit umso größerem Schrecken entgegensah, als der Feind mehrere benachbarte Dörfer niederbrannte, aus denen das Jammergeschrei der Besitzer bis in die Stadt drang. Dem Kommandeur der Vorhut mußte noch in der Nacht vor das Neuhauserthor hinaus Wein und Brod geliefert werden. Am 17. Mai endlich, am Montag in der Kreuzwoche, näherte sich Gustav Adolf mit seinem Heer über 605 i Jsmanning, Bogenhausen und Ha-dhansen, welche Ortschaften dabei in Flammen aufgingen, der Stadt und sandte, da er wahrscheinlich einen Hinterhalt oder Angriff befürchtete, zunächst eine Abtheilung in die Stadt, welche die hauptsächlichsten Gebäude besetzte. Alsdann hielt er, am Gasteig von dem Rathe empfangen, der hiebet kniefällig die Schlüssel der Stadtthore übergab, mit dem ehemaligen Kurfürsten von der Pfalz, des: Pfalzgrafen August von Neuburg, den Herzigen Bernhard und Wilhelm von Weimar, dem Herzog von Holstein, seiner berittenen Leibgarde und dem Hooronischen Infanterie-Regiment — die übrige Armee narschirte um. die Stadt und bezog vor dem Schwabmger Thore (der Gegend zwischen Brienner- und Leopoldstraße) ein Lager, das in der Folge vor das Neuharser Thor verlvgt wurde — durch das Jsarthor, das Thal, den Markt (jetzt Maricn- platz), die Wein- und obere Schwabingcrgass» seinen Einzug in die Stadt, nahm mit seinen fürstlichen Begleitern Quartier in der Residenz, während Gener al Horn den Albertini'schen Palast bezog, andere Generale in Privatquartier kamen und das genannte Neg'.ment auf dem Markte bivouakirte. — Scfort nach dem Einzüge besetzten schwedische Trupper die Stadtthore und hielten „also starke Wacht, daß Nemand ohne, schwedischen Paß- zettel aus- oder eingelassen wurde. Die bewaffnete Bürgerschaft, welche vorher Wache gehalten, mußte auf Befehl des Königs nicht nur ihre Waffen, sondern auch „ein „Schizenröckhel" aus das Nathhaus abliefern. Jedes Kloster erhielt eine Sicherheitswache von 4 Mann, welche jedoch so übertriebene Forderungen in Betreff ihrer Verpflegung stellten, daß dia Klagen der also „Beschützten" tagtäglich einliefen. DaS städtische Zeughaus erhielt eine Wache von 15 Mann. Am Mittwoch vor Christi Himmelfahrt, am 19. Mai, wurde die gesammte Geistlichkeit in das Jesuitenkolleginm, die Bürger aber auf den Anger berufen und ihnen allda mitgetheilt, daß „ihr khinigliche Maystätt für Mordt, Prandt und Blinderung 3 mal hunderttausend Rcichs- daler bcgere." Nach dem Grundsätze: „gern sagt der Bauer, wenn er muß," gab die Bürgerschaft ihre Zustimmung zu der Forderung, kam aber alsbald zu der Einsicht, daß — namentlich in Anbetracht des Umstandcs, daß die Vermöglicheren aus ihr, auf die Nachricht daß in Bayern ein Einbruch der Schweden drohe, bereits im April Leib, Hab und Gut nach Oesterreich in Sicherheit gebracht hatten, wofür man sie bei Austheilung der Kontribution höher belegte und sogar mit Sperrung ihrer Gewerbe bedrohte — „sie nit also vermöglich war, doch hat jeder nach seinem vermögen geben, hat mancher seinen lang zusammengesammelt schaz hersürgesucht, es seind auch von denen khirchen bei 200 khölch, von denen bürgern silberne weibcrgnrtl, silberne, wol güldene Becher und Pokal neben gelt in des Burgermaisters Haus zugetragen worden, ist nichtsdestoweniger die Bürgerschaft nach diesem geben noch offt ermähnt und der statt starkh getrohet worden, wo nit die begörte summa erlögt werde, daß ebenmäßig dieser Statt wie Magdenbnrg ergehen solle, hat derohalben off ein Bürger 3 oder 4 mal noch gelt zugetragen, also das ihnen öffentlich an dem Anger von ihrer Obrigkheit ist angezaigt worden, daß st alsoviel auf die Bürgerschaft nit vertrauet haten, so haben auch nach langen bitten sogar die armen Wittiben, khnecht und Hauß Magd Gellt gebracht, damit man nur des feindes los würd."') Wenig bekannt ist auch, daß der Stadt trotz der Versicherung Gustav Adolf's Brandlegung drohte: Die Feinde ließen nämlich alles Holz von der Lände nach der Stadt bringen und im Zwinger aufrichten; es wurde mit Pulver und Stroh vermengt, und Kriegsknechte mit brennenden Lunten erwarteten den Befehl zum Anzünden.^) Auch was von der vielgerühmten schwedischen Manens- zucht geschrieben wird, dürfte, soweit München in Betracht kommt, nicht allzu wörtlich zu nehmen sein. Ist ja schon der Umstand charakteristisch, daß Gustav Adolf für seine „Glaubenskümpfer" auf dem Markte zwei Galgen zur Warnung errichten ließ, was aber nicht viel geholfen zu haben scheint, denn „zwei tapfere schwedische Soldaten griffen in des Bicrbräuers Moser Behausung den leithenambt von Wolfratshausen nächtlicherweile in seiner Kammer an und nahmen ihm seine Kleider," ein „Regiments Drummelschlager" setzte dem Lebzelter Pfringer in der Dienersgasse den Degen an das Herz, damit er sich mit etlichen Neichsthalern ran- zionire; am 21. Mai zog ein anderer Soldat im Thal einen Jungen aus?) Zwar wissen wir, daß mehrere einzelne Soldaten wegen unrichtiger Begriffe vom Eigenthum mit dem Tode bestraft wurden, wie z. B. das Stadtkammer-Memorial eines enthaupteten und vier gehenkter Soldaten erwähnt — allein was die Einzelnen büßen mußten, das übte der große Haufe der Feinde ungestört aus, — König Gustav Adolf an der Spitze, unter dessen Augen die Residenz nicht geschont, sondern geplündert wurde: die prachtvoll ausgeschmückten Gemächer wurden verwüstet, die kostbaren (Gobelin-) Tapeten von den Wänden gerissen, die Möbel zerschlagen, die Bilder und werthvollen Gegenstände weggenommen, worüber Kurfürst Maximilian I. in verschiedenen Briefen aus dem Jahre 1633 bittere Klage führte. In der Residenzkapelle wurde das Pflaster aufgerissen, um nach Schätzen zu graben, bei welcher Gelegenheit Gewaltthätigkeiten vorfielen und ein Mann erschlagen wurde. Wäre es möglich gewesen, so hätte Gustav Adolf sogar die ganze Residenz nach Stockholm versetzt.') Das Zeughaus — in welchem der Schwedenkönig auf die ver- rätherische Mittheilung eines seinerzeit entlassenen Hofbediensteten hin 140 Geschütze, von denen eines mit 30,000 Dukaten „geladen" war, wie er spöttisch sagte, „die Auferstehung feiern ließ," — sowie die nahegelegenen Lustschlösser, so namentlich Schleißheim, wurden trotz schriftlicher und lebendiger Lalva Zunräia,, vielleicht sogar von der letzteren selbst, geplündert. Das nämliche widerfuhr noch so manchem anderen oder Privatgcbäude, dessen, was gerade keine Plünderung zu nennen war, im Grunde aber doch auf das Gleiche hinausging, z. B. daß die Feinde das Holz an der Lände, das Salz in den Städeln und Anderes, was der Bürgerschaft gehörte, sich von dieser freiwillig gezwungen wieder „abkaufen" ließen, nicht zu erwähnen. Es war eben in den Augen der schwedischen Soldaten nichts zu gering, was sie, um Geld daraus zu ') Aus dcr Chronik eines unbekannten Franziskaners in Westcnricdcr's Beiträgen VII, 307. -) Obcrbaver. Archiv IV, 17. °) Aus der erwähnten Franziskanerchronik in Westen- rieder'S Beiträgen VII. 31-t r. «I Qbcrbaver. Archiv X, 17. r 80S machen, nicht ihrer „Aufmerksamkeit" gewürdigt hätten. So heißt es in den magistratischen Rechnungen einmal: „Demnach in dem Schwedischen Ueberfalle allhin des Feinds Soldaten Alles was Sie vmb die Statt angetroffen, außgeblindert vnd davongetragen vnd dahero auch bei gemainer Statt Zimmerstädten viel eifern Werk hin- weckh genommen, welches Sie hernach hin vnd wider ver- chaufft. Vnd weilen der Martin Dirth Hammerschmid am zimbliche Porzion von denen Soldaten erhandelt, als hat mans Ihm wieder gelöst, wie ers bekhommen, als: 750 Wallernögl, 24 Pikhl, 170 Deichenpixen, 12 Wagen- khötten, 2 Sagen, 1 mössinger Stampf zu 96 Pfund, etliche Gaisfüs, Schanfl v. a. m., item ein kupfern Kössl, so in des Lendhüters Thurn herausgenommen worden, item ain Glockhen, ain Tischl, 4 bar eiserne Pänder, 1 eiserne Hebdazen, aine Stange zum Schleifstein, 4 bar Wafferstift vnd mehrerer." ^) So war also in der That nicht einmal der Nagel an der Wand vor den Schweden sicher! Und wie die Truppen in der Stadt, hausten auch jene vor ihr im Lager. So berichtet der mehrerwähnte Franziskaner, daß die Soldaten aus ihrem Lager vor dem Neuhauserthore unter Tags allerlei Sachen zum Verkauf in die Stadt brachten: zahlreiche Rinder, viele Pferde, noch mehr Schweine, Weiberschleier, allerlei Leinwand, Flachs und Garn, Hollhäfen, Kupfer- und Zinngeschirr, gestohlene Kelche und anderes dergleichen Kirchensach, Weibergürtel, Röcke, Mäntel, Pelze, Betten, Schmalz und Butter — Alles zu wahren Spottpreisen, denn „damals war aine Zeit, daß ain Rind ainen Gulden, ebensovil ain Pfund Schmalz gestanden hat". Ueber Gustav Adolfs persönliche Aufführung sprechen sich die überlieferten Berichte nicht ungünstig aus. Wenn er auf der einen Seite auch hart und streng in seinen Forderungen war, so besaß er auf der anderen doch wieder so viel Klugheit, dasjenige, wovon er wußte, daß eS die Münchener vor Allem hoch in Ehren gehalten wissen wollten, die Ausübung der katholischen Religion, unangetastet zu lassen. Man schlug es nicht gering an, daß der Schwedenkönig die Gotteshäuser der Stadt besuchte, ja sogar dem Himmelfahrtsfeste in der (damaligen) Stifts- (jetzt Dom-) Kirche zu U. L. Frau anwohnte. Im Alten Hof ließ er einmal öffentliche Fechtfchule halten, bei der die Münchener mit den Schweden ihre Geschicklichkeit versuchten und die schwedischen Generale zur größeren Aneiferung Goldstücke als Preise auswarfen. — Zu öfteren Malen, wenn er durch die Stadt ritt und das Volk neugierig um ihn drängte, warf er Geld unter die Menge, die ihm dann, gedankenlos wie immer, zujubelte, vielleicht ohne zu erwägen, daß das von demselben Gelde sei, um das er sie selbst kurz zuvor ge- brandschatzt hatte. Mit der Brandschatzung sah es nämlich höchst bedenklich aus. Schon ihr Betrag war ein außerordentlich hoher, denn bei dem Umstände, daß man für einen Thaler baar um 10 kr. Werthes erhielt und Baargeld sehr rar war, darf man die begehrte Summe wohl auf 10,000,000 Mk. heutiger Währung veranschlagen, wobei noch der weitere Umstand zu berücksichtigen ist, daß München damals höchstens 20,000 Einwohner hatte. Man strengte zur Aufbringung der Brandschatzung die äußersten Kräfte an, ging von Haus zu Haus, von °) Obcrbayer. Archiv IV. 68-89. Wohnung zu Wohnung und suchte an Geld und an verarbeitetem Silber und Gold so viel zu erholen, als man vermochte, und in wenigen Tagen war doch an baarem Gelde die Summe von 104,340 st. und an Geschmeide aller Art bei 40,500 fl. beisammen. Allein selbst diese Summe konnte nicht in ihrem vollen Betrage zur Ranzion verwendet werden, vielmehr mußten hievon auch noch den schwedischen Generalen „Geschenke" im Anschlage von ca. 50,000 fl. gemacht werden, und so groß die Summe in Anbetracht der damaligen Verhältnisse war, war sie doch eigentlich unbedeutend. Man suchte nun anderwärts ein Anlehen aufzunehmen und schickte deshalb eine aus Hofbeamten und Deputirten der Stadt bestehende Commission nach Augsburg, allein alle Mühe zur Erhaltung eines Darlehens war vergeblich, ungeachtet man selbst einen offenen Creditbrief von dem Landesherrn hatte. Die kurfürstlichen Räthe, der Magistrat und die Bürgerschaft stellten dem Schwedenkönig diese Lage auch in einem Bericht vom 3. Juni ausführlich dar und eröffneten ihm, daß alle Kräfte bereits völlig erschöpft seien, so zwar, daß, wie sie sagten „sie mit Wahrheitsgrund behaupten dürfen, daß leider in gar vielen Häusern nit ein einziger Heller, wohl auch nit ein Bissen Brod mehr zu finden sei, daß also bey allhiesiger Stadt anderes nit übrig, als daß nach und nach die unschuldigen Bürger vor Hunger verschmachten und sterben müßten." Das einzige noch übrige Mittel bestände darin, jene Bürger, welche bei Annäherung der Schweden sich entfernt hätten, wieder zur Stadt zu bringen, welche dann wohl in kurzer Zeit 60,000 bis 100,000 Thaler (ü nominell 1 fl. 30 kr.) erlegen könnten. Allein darauf ließ Gustav Adolf °) sich nicht ein, sondern verlangte bis zur fälligen Abtragung der Ranzion die Stellung von 44 Personen sowohl geistlichen als weltlichen Standes, welche mit der Armee wegzuführen seien. Blutenden Herzens kam die Stadt diesem Befehle nach und erwählte 44 solche Personen, von denen mit Rücksicht darauf, daß zwei weltliche krank waren, nur folgende 42 als Geiseln fortgeführt wurden: Geistlicher lnton Mandt, vr. tbso!., CanonicnS und Stistspfarrer bei U. L. Frau. Neorg Bauer, regukirter Chorherr vom Kloster JnderSdorf. Zeorgb GttstE ) Eistercienser vom Kloster Fürstenfeld. Wann Lang Joachim Gorthard Andreas Brmmer Christes Clezlin Christes Widmann Adam Schiffer! Benedict Hagn Vincenz Getzler chberat Härter Fulgenz Kirchinaicr ßaul Albl Kaspar Mair Franz SigN) Jesuiten. j 17. April IS34, Augustiner. Franziskaner. ») Derselbe hatte vom 26. Mai bis 2. Juni einen Abstecher nach Augsburg gemacht, von zvo er auf dir Nachricht, daß im Lager wegen feiner Abwesenheit eine Revolte ausgebrochen sei, zurückkehrte, jedoch nicht mehr in der Residenz — wohl ein Beweis für ihre Verwüstung — sondern beim Wirth Freihammer am Markte (jetzt Maricnplatz Nr. 5) Quartier nahm. ») Franz Sigl schrieb eine „Geschichte der Münch'ner Geiseln in schwedischer Gefangenschaft", welcher wir die oben folgenden Daten entnehmen. k. BlasiuS Rechpacher, apostasirt 4. Mai 1634. Kapuziner. Claudius Keller Eusebius Sahner Geminian Ronpeck Wbilibert Mein! D. Weltliche: Wolfgang Jakob Pronner von Prandthause» deS inneren Raths, Paul Parstorser 1 Johann Rapp I Harlmann Reibt! ^ des äußeren Raths u. Handelsmänner. Martin Volpichler") I Georg Perhawmer ^ Albrecht Jndersdorfer, Gallgeber. Johann GeierSberger, Gastgeber. Georg Egetter, Lebzelter. Mathias Btcher, Rotbgerber. Georg Voith, Barettmachcr. Melchior Cammerlohcr, Lebzelter. Jobann Jakob Kock'. Krämer. Johann Amdorfer, Eisenbändler, ^ 20. November 163t. Georg Starnberger, Bierbrauer. Jobann Haber, Rotbgerber» -j- 3. Mai 1633. Jobann Stöbrrl, Eisenfaltor, f 17. November 1634 ">). Ludwig Rentier» Methschenk. Michael Neutter, Lebzelter. Wilhelm Mayer, Handelsmann. Am 7. Juni Morgens *^8 Uhr fanden sich die Geiseln auftragsmäßig im Jesuiten-Colleginm zusammen, wo ihrer sechs bespannte Wägen harrten, ein; zwei Stunden später ging es unter Escorte von zwei Compagnien Dragoner fort. „Was es," schreibt Pater Franz Sigl, „dabei für nasse Augen und schwere Herzen, sowohl von Jungen als Alten, bis wir zu München durch die Stadt sein hinauskommen, abgeben, das wird ein jeder gering Verständiger, so nit selbst gesehen, leicht zu Gemüth führen können; denn manches Weib beweinte ihren Mann, der unbewußter Weise gählig ist aufgezuckt und bei Androhung höchster Gefahr weggeschickt worden." Bei der Fahrt durch das Lager der Schweden, welche von hier nach Nürnberg aufbrachen, bot sich den Geiseln der traurigste Anblick: „wie viel wir da der todten Pferde und anderes Vieh und Unrath gesehen, wäre unzählbarlich zu sagen. Auch ging hinter und vor uns der Rauch von den angezündeten Schlössern und Dörfern stark auf. Je weiter wir aber kommen, je mehr schon ganz verbrannte Häuser und Dörfer müssen wir sehen. Nit eine einzige haushebige Person, außer der armen Leute und verlassenen Kinder, die den Kutschen zuliefen und um Gottes Willen das liebe Almosen bettelten, wurden getroffen." Als sie Nachts zwischen 6—7 Uhr nach Mering kamen, wurden sie im dortigen Schlosse einguartiert, bekamen jedoch weder Essen und Trinken, noch Lagerstatt; als sie dann andern Morgens die Fahrt nach Augsburg fortsetzten, „hatten die todten Pferde und Kühe noch kein Ende, doch die Dörfer waren nit so übel verbrennt". — Um 9 Uhr Vormittags kamen sie zu Augsburg bei der Lechbrücke an, mußten aber wegen Mangels an jeglicher Vorbereitung bis Nachmittags 3 Uhr warten, was die Augsburger zur Begrüßung der Geiseln mit den Worten: „Schelme, Diebe, Mausköpfe, Galgenvogel, auf den Scheiterhaufen und Galgen mit ihnen!" an die Brücke führte. Volp'chler wurde 7. Juni 1633 als einer der Dcpu- tirtcn der Geiseln nach München geschickt, kehrte aber, wortbrüchig, nicht mehr in die Gefangenschaft zurück, wodurch er natürlich nur das Schicksal seiner bisherigen LeidenSgenossen erschwerte. Die sämmtlichen hi-r angeführten Todesfälle ereigneten sich während der 2 Jahre 9 Monate 26 Tage währende» Gefangenschaft der Geiseln. In Augsburg endlich eingefahren, wurden die Geiseln zunächst in ein Wirthshaus einlogirt, doch durften die Geistlichen am 9. sich in Klöster zurückziehen, was aber nur bis zum 14. währte, an welchem Tage sie in die bischöfliche Pfalz überführt wurden, von wo man sämmtliche Geiseln aus München, Freising, Landshut u. s. w., 64 an der Zahl, in das sogenannte Tanzhaus über-, am 21. aber wieder in die Pfalz zurückführte, was der süße Pöbel aber nicht vorübergehen lassen konnte, ohne die armen Gefangenen „anzukrähen". Das Hängen, Köpfen und der Scheiterhaufen lag ihnen noch immer im Maul. Am 21. Juni endlich thaten die Geiseln ein Gelübde, „daß, wofern Gott ihnen durch die Mütterliche Fürbitte U. L. F. wieder glücklich nach München helfen werde, sie ihrzu Ehren entweder in Thalkirchen oderNamcrS- dorf einen löblichen Gottesdienst mit Predigt und Prozession halten wollten, so allda alle geistlichen Geiseln ihre allerheiligsten Meßopfer neben der weltlichen Herren guter Andacht müßten aufopfern; auch eine ewige Lobtafel als einer Mutter und Patronin dieser unserer Münchener Geiselschaft sollte aufgerichtet und in ernanntes Gotteshaus gemacht werden, welche Tafel dann gleich und ehe wir heimkommen, bei dem Kistler und Maler angesriemt und ins Werk gericht worden ist? Die armen wackeren Männer waren aber auch deS Trostes von oben um so bedürftiger, als ihre Leiden nun erst recht eigentlich begannen. Da ihre wenige Tage nach ihrer Ankunft in Augsburg von da nach München geschickte Deputation resultatlos heimkehrte, wurden sie von ihren Wächtern stark bedroht, und selbst die am 2. August erfolgte Ankunft von 68,000 Thalern Brand- fäiatzung vermochte wenig an ihrem Geschicke zu ändern, trotzdem sie sich die Mittel vom Mund abdarbten, ihren Peinigern Geschenke zu machen. Dafür wurden sie dann von jenen mit steten Drohungen theils für ihre Person, theils für München rc. trakttrt, in üble Löcher gesteckt und nach dem Tode Gustav Adolfs bei Lützen gar dahin bedroht, daß „man sie, wenn das Geld nit bald anlange, unter die Regimenter austheilen und die Obersten mit ihrer Person bezahlt machen werde." Ja der Oberst Walfteiner stellte ihnen sogar Vergiftung in Aussicht. Ein Jahr dauerten die Verhandlungen bereits, da wmden die armen Geiseln, welche nur mit Mühe ihre Knebelung hintertrieben, am 16. Juni 1633 nach Donau- wörth abgeführt, für einige Zeit mit den gemeinsten Verbrechern zusammengesperrt und am 25. Juni — und zwar die Hälfte, 17 Geistliche und 4 Weltliche, in Ketten — nach Nördlingen weiter transportirt, wo sie am 27. ankamen und vom Stadtfähnrich mit der Frage empfangen wurden, „ob man denn die ehrliche Reichsstadt Nördlingen zu einem Schergenhaus machen wolle und ob man anderswo keine Henkersknechte hätte, sondern die dortigen Bürger an ihnen zu Henkern werden müßten 2" Zum Glück dauerte ihr Aufenthalt in Nördlingen, wo ihr Logement aus einer Stube und vier Kammern bestand, doch bloß bis 27. August, an welchem Tage ihr — wenigstens etwas rücksichtsvollerer — Rücktransport nach Augsburg begann, wo sie am 28. Aug. ankamen. Da sich inzwischen die strategische Lage der in Bayern und an dessen Grenzen stehenden schwedischen Trupperr- theile bedeutend verschlimmert hatte, zog der in Braunau weilende Kurfürst die Unterhandlungen so lange hin, bis die'Belagerung von Augsburg dahin gediehe« war, daß daselbst historisch verbürgte Fälle von Menschenfresser: vorkamen, worauf endlich die Geiseln nach unsäglichen Leiden — worunter der Hunger keine geringe Rolle spielte — am 1. April 1635 ledig gesprochen wurden. Sie traten am 2. April die Reise in ihre Vaterstadt an, in welcher sie Tags darauf ankamen. Hier war ihr erster Schritt zur Stiftskirche U. L. Frau, um der Himmelskönigin für die Erhaltung des Lebens und die Rettung aus so vielen Fährlichkeiten und Drangsalen zu danken. Aus dem jährlichen Bittgänge nach Ramersdorf aber, wo die am 21. Juni 1632 gelobte Tafel aufgehängt wurde, entstand durch die Bemühungen des damaligen Spitalpfarrers zu hl. Geist, Michael. Hermann, das „Ramersdorfer Verbündniß zi/heilig Geist", welches seine Gottesdienste theils zu Ramersdorf, theils in der hl. Geistpfarrkirche hat und gerade in diesen Tagen so recht zum Beitritte einladet, damit wieder, wie einst in früheren, besseren Tagen, jährlich wenigstens eine Prozession wallen kann zu dem Gnadenbilde der heil. Maria in Ramersdorf. ALLsrLei. Wer in den Münchener Bahnhof einfährt, ist überrascht durch die große Anzahl von Bierwagen, welche zum Einrangiren in die Güierzüge auf den freien Geleisen stehen. Nach einer Zusammenstellung der „Neuest. Nachr." beträgt die Zahl der in Bayern befindlichen, zum Theil den Brauereien selbst, theils der bayerischen Staatsbahn gehörigen Biertransportwagen jetzt 1190. Hievon besitzen Münchner Brauereien 765, nach diesen kommt die zweitgrößte Exportstation Kulmbach mit 157 Bierwagen, dann Nürnberg mit 106, Erlangen mit 47, Würzburg mit 27, Bamberg mit 18, Fürth mit 12, Augsburg mit 11, Planegg mit 9, Weihenstephan mit 8 Bierwagen. Außerdem exportiren noch die Orte Kitz- ingen, Aibling, Ansbach, Aschaffenburg, Aschau, Markt- leuthen, Breitengüßbach, Münchberg, Negensburg, Reuth, Nosenheim, Spalt, Staltach, Tutzing, Straubing und Zirndorf, jedoch nur in geringerem Maße; die Ictztbe- nannten 16 Orte besitzen zusammen 30 Bierwagen. Man erkennt aus dieser Zusammenstellung, wie das Münchener Bier unter allen bayerischen Bieren hervorragt. Nach allen Großstädten Europas versenden die hiesigen Brauereien ihre Erzeugnisse, insbesondere ist das Münchener Bier in Berlin, ebenso in Paris, Hamburg, Bremen, Danzig, Königsberg, Frankfurt, Brüssel, Marseille, Lyon, Nancy, Mailand, Genf, Rom, Florenz, Venedig, Turin, Luzern, Zürich, Bern, Basel, Straßburg, Köln, Dresden, Leipzig, Mannheim, Mainz, Amsterdam und Rotterdam, in allen kleineren norddeutschen und sächsischen Städten, in Galizien, Serbien, Rumänien, Rußland, Polen und auch in Wien und sonstigen durch gutes Bier selbst ausgezeichneten Städten zu finden, natürlich auch in allen Städten Bayerns. Den größten Export hat die Münchener Spatenbranerei; dieselbe benutzt zur Verfrachtung ihr« Bieres 145 Bierspezialwageu mit je 300 Centner Tragkraft; nach dieser Großbrauerei kommt die Löwenbrauerei mit 121, hierauf die Firma Pschorr mit 87, dann Leisi- bräu mit ebenfalls 87, das Bürgerliche Brauhaus mit 66, Augustiner mit 64, Hackerbräu mit 52, Münchner Kindlbräu mit 34, Schmederer mit 25, k. Hofbräuhaus mit 17 Wagen; die übrigen kleineren Brauereibetriebe, wie Bergbräu, St. Anna, Eber!, Petuel, Mathäfer, Tho- maß, Union, Kc4osseum besitzen zusammen 67 Bierwagen. Man kann hieraus ungefähr entnehmen, welche großartige Entwickelung die Biercrzeugung und der Export in München und den übrigen bayerischen Städten und Orten erfahren hat, welche Menge Geldes hiermit verdient wird, wie viele Arbeiter und Beamte hierbei beschäftigt sind, welche Menge von Gerste und Hopfen, aber auch von theueren Maschinen erforderlich ist, und welchen Nutzen hiervon der bayerische Staat und das Deutsche Reich durch Frachten und Steuern hat. Die Bierwagen haben sämmtlich gleiche Construction, sind weiß angestrichen und tragen in blauer und schwarzer Farbe die Namen der einzelnen Bter- brauereifirmen. Im Zusammenhange mit der Bierversendung steht der immer steigende großartige Verbrauch von natürlichem und künstlichem Eis. Mehr als 20 Centner Eis sind im Sommer durchschnittlick, nach der Angabe der „M. Neuest. Nachr.", für jeden Waggon erforderlich. Täglich gehen direkte Bier-Extrazügevon München nach Berlin und an den Rhein mit durchschnittlich 30 bis 40 Waggons; Hunderte von beladenen Bierwagen werden mit den beschleunigten sogenannten Verbandszügen nach der Schweiz, nach Italien, Frankreich usw. täglich befördert. In 30 Stunden läuft jetzt der Bierwagen in geschlossenem Extrabierzug nach Berlin, wahrlich ein großer Vortheil bei strenger Kälte oder großer Hitze. Um das Bier noch weiter vor den Einwirkungen des Frostes zu schützen, wurden in neuerer Zeit sehr viele Bierwagen für Dampfheizung eingerichtet, auch Versuche mit Gasheizung mit gutem Erfolge gemacht. Auch besitzen schon ziemlich viele Bierexportwagen die Einrichtung für die Westinghouse- und Charpenterbremse, so daß sie auch mit Postzügen Beförderung finden können. --- Himmelöschau im Monat Januar. Ek —Merkur wird gegen Ende Abcndstern, geht jedoch schon um 6 Uhr unter. Venus K obwohl fast voll erleuchtet ist als Abendstern kaum mehr sichtbar. Mars F rechtläufig im Widder ist bei eintretender Dunkelheit schon hoch in SO. zu finden; er steht anfangs bis 2 U. 30 M., zuletzt bis 1 U. 45 M. früh am Himmel; sein Licht wird wegen zunehmender Entfernung von der Erde und Sonne immer schwächer. Jupiter H bewegt sich gegen die Ordnung der Zeichen und tritt schon nach Aufhören der Dämmerung abds. im Stiere hervor. Er ist sehr hell, hat seinen höchsten Stand nachts 11 U. und ist die ganze Nacht über dem Horizont. - Saturn H, am Fuße der Jungfrau, erscheint anfangs 2 U. 30 M., zuletzt 12 U. 30 M. nachts am östl. Horizont. Am 2. und 3. erscheinen Sternschnuppen mit dem Ausgangspunkte im Herkules. In der Nähe des Mondes befinden sich am 5. MarS, am 9. Jupiter, am 18. Saturn. Am 7. findet eine Bedeckung zahlreicher Sterne in den Plejaden durch den Mond statt, besonders von 6 U. bis 8 U. abds. Vom 14. bis 26. läßt sich das Zodiakallicht im W von 6 U. bis 8 U. beobachten. - iv4. L8V4. „Auasburger Postzeilung". Dinstag, ven 25. Dezember Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Drillt und Verlag des Literarilcheu Instituts von Haas k. Grabhcrr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Map Huttler). Erwartung. Weihnachtszeit, Weihnachtsbaum, Fest der Kleinen, der Großen Traum, Kommet, kommt doch balde! Stille, ganz stille, noch dunkelt das Zimmer, Bald aber leuchtet ein Glanz und ein Schimmer, Daß die Augen übergeh'n. Selber in unser trauriges Dunkel Dringet ein Strahl dann vom Weihnachtsgefunkel, Und das Herz fühlt himmlisches Weh'n. Weihnachtsbaum, den nie wir geschaut, Bist wie ein Freund uns bekannt und vertraut. Hört ihr der Tanne heimliches Beben? Waldcsdüfte die Räume durchschweben, Hände, betastet, was Liebe gebaut! O du fröhliche, selige Zeit, Weckest die Liebe, linderst das Leid. Ach wir ahnen, was nimmer wir sehen. Weihnachtszeit, Weihnachtsbaum, Fest der Kleinen, der Großen Traum! Stündlein, mußt hurtiger gehen! (A. d. Melodram „Weihnachtsabend unter Blinden", ged. v. Adolph Müller, comp. v. Hitzelberge.) - ---S-88MS-- Aes atterr Toni Weihnachts-Aeschichte. Nacherzählt von Jos. Elm. Grunau. (Nachdruck verboten.) Wer der alte Toni war? Im Gebiet des Laubahnthales, driunen im Tirolerland, brauchte man nicht lange Umfrage nach ihm zu halten, die Kinder auf der Landstraße, welche das enge Thal durchzieht, konnten den Fragesteller zu dem Försterhüuschen weisen, das etwas den Berg hinauf den Eingang zu dem mit aller Romantik umgebenen Herrenschloß Steinkron bewachte. In dem schmucken, kleinen Gebäude, wo Toni West- holter regierte, konnte es einem schon gefallen, denn alles machte den Eindruck einer gewissen Wohlhabenheit, die von sorgsamer Pflege wohlthuend unterstützt wurde. Vorn im Wohnzimmer, wo ein kleiner Erker nach dem zum Schlosse führenden Hauptweg ausgebaut war, stand der bequeme Lehnstuhl des alten Toni, den er stets innehatte, wenn er daheim war. Von dort aus hatte er das große, kunstvoll geschmiedete Gitterthor und die Hauptwege, welche in den rings das Schloß umgebenden Forst führten, vor Augen. Besonders am Abend, wenn es keine Amtspflicht mehr gab, verließ er das liebgewonnene Plätzchen kaum, sondern erzählte von dem etwas erhöhten Sitze aus gern seiner Familie und den vielen Freunden aus dem naheliegenden Dorfe Steinort von seinen Erlebnissen, zumal von der schönen Kaiserstadt Wien, wohin ihn vor Jahren der alte Freiherr zur Begleitung seines Sohnes Bruno geschickt hatte. Schon damals war er, der seit Kindesbeinen im Dienste der Familie Steinkron gestanden, in gereiftercn Jahren, eine ehrliche, verständige Haut, wenn ihr auch vielleicht der großstädtische Schliff abging. Heute, wo wir bei dem guten Toni Einkehr halten, haben sein Haar schon die silbernen Ehrenfüden durchzogen, und neben seiner im gleichen Alter stehenden Gattin Gertrud ist schon ein schmuckes Dirnderl, die Nest, ihm aufgeblüht, mit der Mutter in edlem Wettstreit, dem Vater das Leben nach Möglichkeit angenehm zu gestalten. Vor einem Jahr stark, in den Herbstferien, war ich auf meinen Wanderfahrten zum ersten Mal zu diesem reizenden Lhälchen gekommen und fand in dem Försterhause, obwohl ein Fremdling, gastliche Aufnahme. Manche herrliche Partie, wahre Gotteswunder der Natur, hatte mein Stift dem Skizzenbuche einverleiben können. Doch das schönste Bildchen malte ich mir in's Herz hinein, und das war die schwarzlockige Rest, des Försters munteres Töchterlein, das mir nicht aus dem Sinne mehr wollte, auch als ich längst von ihr Abschied genommen. Ach, es war ein schwerer Abschied für uns beide, und dem immer fröhlichen Försterstöchterlein standen ein paar glitzernde Diamantperlen in den schönen großen Augen, als sie mir sagte: „Gelt, Franz, Du schreibst und kommst wieder?" „Ja, Rest, ich schreib' und komm' wieder, und ein Ringlein bring' ich mit/' Nun war ich wiedergekommen kurz vor der heiligen Weihnacht, nachdem ich meine Studien an der Maler- Akademie beendet und an der Schwelle des praktischen Lebens stand. Im Föisterhause traf ich Alles zum Besten; der alte Toni empfing mich mit offenen Armen und seine gute Frau Gertrud nicht minder — und die Resi? 810 O, um den Hals wär' sie mir am liebsten gefallen, wenn nicht Vater und Mutter dabei gewesen wären, aber auch so sagten mir die leuchtenden Augensterne und der warme Druck der Hand, daß ihr kleines Herzchen in Liebe und Treue unverändert für ihren Franz schlug. Was der frohe Willkomm versprochen, die folgenden glücklichen Tage haben es treulich gehalten. * * Der heilige Abend war gekommen mit all' seinem beseligenden Zauber, mit der hoffnungsfrohen Erwartung, was wohl für neue Rosen der Engel der Liebe an dem Dornenstrauche des Lebens erblühen lassen werde. Seit mehreren Tagen waren die Schneeflocken in lustigem Durcheinander zur Erde niedergefallen, gleich als ob sie den Weg bereiten wollten für den gabenschweren Schlitten des lieben Christkindleins. Um die scharfen Felskanten hatte sich ein reicher Hermelin gewunden, von leuchtender Seide umsponnen ragten an den Bergen empor die Nadelhölzer, die kleinen in einen völligen Mantel eingehüllt, die großen mit schweren weißen Rosen überfüllt. Und in all den feenhaften Winterzauber entsandte der Mond seine zitternden Strahlen und ließen die lieben kleinenSternlein ihr glitzerndes, funkelndes Demantgeschmeide wiederspiegeln. Auf Steinkron herrschte noch die alte patriarchalische Sitte der Christbescheerung, die sich nicht allein auf die freiherrliche Familie und deren Dienerschaft beschränkte, sondern das ganze Dorf Steinort zu Gast lud in den großen Saal, wo nach einem kleinen Imbiß die Lichter an dem mächtigen Tanncnbaum angezündet wurden. Gab's da einen Jubel, als die liebe Jugend auf ein gegebenes Zeichen an die langen Gabentische heran- stürmte; von jeder Familie durfte ein Kind an dieser keineswegs fruchtlosen Jagd nach dem Glück theilnehmen, und jedes fand seinen Theil, entsprechend seinen Verhältnissen. Mitten unter der Kinderschaar schwebte neben dem sie unterstützenden ehrwürdigen Pfarrherrn wie ein ordnender Engel die schöne Freifrau Lucie von Steinkron einher und schöpfte aus den dankbaren Augen der reichlich Beschenkten den süßen Lohn ihrer arbeitsamen Mildthätigkeit. In eine Fensternische zurückgelehnt, stand der Schloßherr Bruno und verfolgte mit einem stolzen, glücklichen Blick seine geschäftige Gemahlin, und mochte bei sich wohl denken: wie schön ist's, so viele glückliche Menschen unter seinem Dache beherbergen zu dürfen. Langsam brannten am Christbaum die Lichter hernieder, noch einmal stimmte die frohe Menge eines der herzergreifenden innigen Weihnachtslieder an, dann schied Jeder, glücklichen Frieden im Herzen, von der Stätte solch christlicher Gastlichkeit, einen heißen Segenswunsch für die gute Herrschaft von Steinkron auf den Lippen. Mich trieb's am heiligen Abend noch nicht so schnell aus dem Bereiche des Schlosses; der alte Toni lud noch mehrere seiner Bekannten auf ein Stündchen zu einem Glase Punsch ein, das die saubere Rest mit gewinnendem Lächeln kredenzte. „Aber Vater, Toni, wo habt denn Ihr Euer Geschenk gelassen; ganz leer wird Euch der Herr, der so große Stücke auf Euch hält, doch nicht haben ausgehen lassen?" Das Gesicht des Alten, der seinen Thron in dem kleinen erhöhten Erkerchen wieder eingenommen hatte, verzog sich zu einem freundlichen Schmunzeln, er hatte offenbar nur auf diese Anregung gewartet, denn alsbald zog er aus der weiten Seitentasche seines Rockes eine kleine Schachtel und sagte dann mit anscheinend gleichgiltiger Stimme: „Es werden halt wieder einige Nüsse sein, der gnädige Herr weiß, daß ich sie liebe." Die schmucke Rest lächelte verschmitzt zu mir herüber, und ich verstand, daß es mit den Nüssen doch eine besondere Bewandtniß haben müsse. „Nun, Toni, mir scheint, für^Eure alten Zähne seien Nüsse keine rechte Arbeit mehr, laßt sehen, das Christkind hat Euch gewiß einen besseren Kern hineingelegt." „Glaub's schon, schaut her, Ihr Neugierigen." Krack, krack, leicht platzten die Schalen auseinander, und in die vor ihm aufgehaltene Schürze der Nest rollte aus jeder Nuß ein blinkender Golddukaten hervor, welche das flinke Mädchen mit lautem Juchhei auffing und der Mutter klingend in den Schooß warf. Der gutmüthige Alte lachte aus vollem Halse und schob vor Freude das kleine Sammtkäppchen auf dem Kopfe hin und her, während wir Zuschauer verwundert dreinschauten. „Ja, das sind die Nüsse vom lieben Christkind, ich kenne sie schon manches Jährlein, denn immer kommen sie wieder auf's Neue und rufen dem alten Toni eine Geschichte in's Gedächtniß zurück, bei der auch er so eine kleine Rolle mitgespielt hat." „Erzählen, Vater Toni, erzählen," klangs von den Lippen aller Freunde zugleich. „Nun ja denn, komm, Nest, noch einen guten kleinen Punsch, damit die Zunge bester die ungewohnte Arbeit deS Erzählens verrichten kann." Der alte Toni erzählte: „In Wien war's, wohin mich der selige Freiherr damals mit unserm gnädigen Herrn beordert hatte, damit er dort in der feinen Gesellschaft das Leben kennen lerne und an der Hochschule studire. Nun, ich hab' immer so meine eigenen Gedanken gehabt' und so dacht' ich auch damals, daß bei den feinen, jungen Herrchens wenig Gutes zu lernen sei. Ja, wenn dort unser gnädiger Herr in Allem ein eifriger Student gewesen wäre, der alte Toni hätte es nicht bis zum Schluß ausgehalten und süß' heute nicht als Förster auf Steinkron. Gott Dank, hielt der Freiherr etwas auf der guten alten Freifrau Wort, das sie ihm auf die Reise mitgegeben und oft in Briefen eindringlich wiederholt hatte. So ging's fchon eine Zeit lang recht gut, wenn auch mancher tolle Streich, der nun einmal zur Jugend gehört, mit in den Kauf genommen wurde. Der alte Toni wußte schon nachher die Sache wieder ins Reine zu bringen. Im Frühjahr waren wir nach der Kaiserstadt gekommen, und nun schrieben wir schon Dezember, ohne daß die schlechte Wiener Luft den Herrn besonders angekränkelt hätte. Da zog mit einem Mal ein neuer Cirkus, mit allem Raffinement ausgestattet, die Aufmerksamkeit der lebe- lustigen Welt auf sich. Selbstredend mußten unsere jungen Cavaliere hin, und zwar vorne hin in die ersten Plätze. Vor Allem war's da eine-junge Kunstreiterin, eine kecke, herausfordernde Schönheit, die die Augen auf sich zog. Allabendlich flogen ihr von der jungen Welt die prächtigsten Bouquets und Kränze zu, aber gleichgültig schien 81l sie all die Spenden der Verehrer entgegenzunehmen, nur ^ irgend einem Geschenk und einem duftenden Bricfchen an den Blumen meines Herrn zeigte sie besonderes Wohl- j den Weg zu der Reiterin antreten. Zuweilen, wenn mir gefallen, obwohl sie bei Weitem nicht die schönsten waren. ^ so ein Auftrag zu Theil wurde, wagte ich wohl einen Dafür allerdings war, nun, ihr wißt's ja alle nock, vorwurfsvollen Blick dem Freiherrn zuzuwerfen, aber Freiherr Bruno bei weitem der stattlichste junge Mensch, ^ dann klopfte er mir lächelnd auf die Schulter und sagte: der im Land zu finden. Anfangs schlug's bei dem ! „Geh', Toni, das kennst Du nicht." Bet dem Dämchen Weihnacht: Steige nieder, Nacht der Wonnen, Freudenvolle Weihenacht! Die dereinst der Welt den Frieden, Den Erlöser uns gebracht. Sei gegrüßt, Geheimnißreiche I Die du gießest Licht und Lust Aus des HimmelsGnadenbronnen Sanft in jedes Menschen Brust! Holde Engel, steigt hernieder Vom gestirnten Himmelszelt, Frieden bringet, Segen wieder Uns'rer kampfdurchtobten Welt. Flammet licht, ihr trauten Kerzen, Denn ein Friedensfest bist Du, Heil'geNacht! Auch meinemHerzen Spende süße Himmelsruh'. Ja, an Heilands Krippe kniecnd Sei die Bitte dargebracht: „Gib o Herr, daß ich einst fei're Mit den Engeln Weihenacht!" Herrn nicht sonderlich an, aber die schöne Reiterin ließ nicht ab mit ihren glühenden Blicken. Was Wunder, daß es endlich auch einmal Feuer fing bei einem frohen, die Welt noch nicht kennenden, jungen Manne? Erst begann ein leichtfertiges Necken und Scherzen, wie es so das fahrende Volk liebt und zu seinem Vortheil meisterhaft auszunützen weiß. Manchmal mußte ich nun mit gabs allerdings immer ein gutes Trinkgeld; ein halber Gulden und auch wohl ein Gulden war gerade keine Seltenheit, aber mir war's immer, als ob mir das Geld in der Hand brannte, und ich suchte mir bald eine arme Frau, wo ich es los wurde, obwohl ich's selbst schon gut hätte verwenden können. Die Liebelei wurde immer schlimmer, unser Herr 812 schien ganz in dem Cirkusfräulein aufzugehen, und selbst die Spöttereien seiner weniger begünstigten Freunde brachten ihn nicht zur Besinnung. Die Dame selbst blieb die alte herausfordernde Kokette, von tieferer Neigung war keine Spur vorhanden, und wer als Unbe- theiligter die Sache ansah, mußte den Eindruck gewinnen, daß die Reiterin ihren Anbeter einfach geschickt an der Nase herumführte. Aber die Liebe macht blind, sagt's Sprichwort, und so war's mit dem Freiherrn Bruno; er sah nicht die Wirklichkeit, sondern nur die vor ihm hingaukelnde Fata Morgana, die sich seine erhitzte Phantasie vorwalte. Es kam die Weihnachtszeit und der heilige Abend. Der reichlich gefallene Schnee war in den verkehrreicheu Straßen der alten Kaiserstadt Wien zu einer schmutzigen Masse umgewandelt worden. „Toni," rief mich gegen 6 Uhr Abends der junge Herr in sein Studirzimmer, wo allerdings mehr der Kurzweil als des Studiums gepflogen wurde. „Toni, hier bring' diese Schachtel zu Fräulein Elwire, spute Dich, es setzt gewiß ein gutes Trinkgeld für Dich ab." „Ach, Herr, das Trinkgeld wollt' ich gern missen, wenn wir beide daheim in Steinkron die heilige Weihnacht feiern könnten." „Geh', alter Junge, wirst Doch kein Heimweh haben, doch mache v^ran, vielleicht bringts Christkind uns beiden etwas aus der Heimath, ich glaube, der Postmann war eben hier, doch lauf' nun." Zum Laufen war's mir nun gar nicht zu Muth an dem schönen Abend, wo alles mich hier an Steinkron gemahnte, und da Alles, was hier vorging, so ganz anders war als dort. Langsam das kleine Packet- chen unter dem Arm, den Sinn voll mißmuthiger und wehmüthiger Gedanken, schlenderte ich meinen Weg dahin, der ein ziemliches Ende betrug. Die Reise führte mich auch über den großen Weihnachtsmarkt. War's da ein frvhes Leben und Treiben. Auf allen Gesichtern konnte man die Vorahnung der kommenden Freude lesen. Arm und Reich drängten sich durch die erleuchteten Verkaufsstände, suchend, was wohl den Liebsten Freude bereiten könnte und dem Geldbeutel dabei angepaßt sei. Junges Volk durchwogte die Reihen und ließ sehnsuchtsvoll den Blick an all' den schönen buntbemalten Gegenständen haften; und wie mag das kleine Herzchen geklopft haben bei der Hoffnung, ob am Morgen auch das Christkind an all die Dinge gedacht habe, die man ihm sorgsam zu Papier gebracht und mit der Adresse „an das liebe Christkind im Himmel" hübsch couvertirt in den Briefkasten geworfen hatte! Gott, mir wurd's auch grad' wie einem Kinde zu Muthe, und überall mußte ich stehen bleiben und das bunte Tausenderlei anstaunen, das sich den Augen bot. Die trüben Bilder, mit denen ich vom Hause wegging, waren bald entschwunden und damit auch freilich die Mahnung des jungen Herrn zur Eile. Ueberall stockte der Fuß, nnd schon war eine geraume Zeit seit meinem Weggang verstrichen. Der Schlag der Thurmuhr von St. Stephan, die schon 8 Uhr verkündete, weckte mich aus all' den schönen Träumereien und gemahnte der Pflicht. Eilig winde ich mich durch das immer dichter werdende Gedränge. Endlich bin ich dort, wo die kleinen Buden stehen, aus dem ärgsten Menschenknäuel heraus und kann den> Schritt etwas eiliger nehmen. Aber, o weh, da renn' ich gerade wieder einen etwas im Wege stehenden Korb an, und so lang er gewachsen, fliegt euer Toni gottlob nicht in den schmutzigen Schnee, aber einer guten Hökerin in den Kram, wo's zum Glück nichts zu zerbrechen gab. Schlimmer als mir selbst erging's dem sorglich unter dem Arm bewahrten Packetchen. In weitem Bogen fiel's zur Erde. Auf der luftigen Reise löste sich das Umschlagpapier, und bei der unzarten Berührung mit der schmutzgepolstertcn Erde sprang der Deckel auf und davon mit ihm der Inhalt, eine Anzahl vergoldeter Nüsse. Die Besitzerin des Krams hatte mit meinem Ungeschick Mitleid, trotz der seltsamen und unliebsamen Begegnung, die ich mit ihren aufgestapelten Schätzen gemacht hatte. Mit Hilfe ihrer Laterne gelang es, die Schätze zu sammeln, aber in welcher Verfassung! Von den Nüssen war der Glanz weg, und daS gelbbraune Unterröckchen schaute stellenweise ganz unverschämt heraus. War mein Erstaunen über das seltsame Geschenk meines Herrn schon groß, so war es doch für mich gleich ausgemacht, daß ich so schadhafte Nüsse nicht ans Ziel bringen dürfe. Die gute Hökerin half mir mit einem Vorschlage indessen bald über die Schmerzen hinweg, indem sie sich erbot, gegen ein kleines Entgelt mir die beschmutzten Nüsse gegen tadellos vergoldete einzutauschen. Nun hatte es keine Noth mehr, denn das zierliche Schächtelchen war glücklicher Weise auf das Einwickelpapier gefallen. Froh, so leichten Kaufs aus der Geschichte herauszukommen, trabte ich nun, um ferneren Abenteuern zu entgehen, dem Bestimmungsorte zu, wo meine Botschaft schnell bestellt war, denn das Fräulein war ausgegangen. Auch zu Hause fand ich den jungen Herrn nicht mehr und entging so einem weiteren Examen über meine Sendung und konnte mich ungetheilt den Genüssen hingeben, welche der heilige Christ von Steinkron für mich herübergebracht hatte. (Schluß folgt.) Ein Weihnachtsabend unter den Palmen Algiers. Erinnerung eines Veteranen des XIX. französischen Armeecorps. Von Theodor Habicher. (Nachdruck verboten ) Es war während des letzten Araber-Aufstandes des Jnsurgentenführers Bou-Amema, hart an der marokkanischen Oase Figig, die auch schon der kühne deutsche Forscher Gerhard Rohlfs, zur Zeit in Nüngsdorf bei Godesberg lebend, im Jahre 1862 auf einer Forschungsreise gleichfalls besuchte. — Die dritte Compagnie des dritten Bataillons vom ersten Fremdenregiment marschirte in glühender Sonnenhitze dem großen Atlasgebirge zu. Heute noch mußte sie dasselbe erreichen. Es galt mit äußerster Vorsicht vorzugehen, denn die Araber, die jeden Weg und Steg, jede Klippe und Höhle kannten, hielten gewiß die unzugänglichsten und gefährlichsten Stellen besetzt. Die in Sidi Bel Abbes stationirte Compagnie war, etwa zweihundert Mann stark, abmarschirt, während etwa dreihundert Mann, die den Strapazen wohl kaum gewachsen waren, in Sidi Bel Abbes zurückblicken. Aber V X ^ ^ >!«^<7»0 ' - , ^ -.x^- W M M .K LF^M-KÄ ^ !^MMl § or eine Krippe führt uns Heut' Deine Mutterhand, Wo einstens Gott der Menschheit In Liebe sich verband. kamen fromme Hirten Auf eines Engels Wort, Die Könige aus Osten Sie knieten opfernd dort. Jahrhundert um Jahrhundert Schickt seine Söhne her — Der Strom der Völker fluthet Und fluthet immer mehr! Ein Tropfen dieses Stromes, Der zu der Grotte lenkt, Möcht' ich der Mutter danken, Die uns den Sohn geschenkt. 814 auch diese kleine Zahl war bis nach A'in-Sefra bei Tiout im Süden der 1,000,000 Einwohner zählenden Provinz Oran auf nur hundert Mann zusammengeschmolzen. Und nun marschirte man schon seit zwei Tagen, ohne einen Tropfen Wasser. Was nutzten die Lebensmittel, die man bei sich führte, wenn man nicht kochen konnte. Alles war zusammengetrocknet und ausgedörrt. Doch das Essen war das Wenigste. Niemand dachte daran, Niemand hatte Hunger. Durst, brennender Durst, das war der Dämon, der Alle quälte. Schon um 4 Uhr war man von der letzten Haltestelle aufgebrochen, um womöglich noch vor der größten Sonnenhitze das rettende Gebirge zu erreichen. „Halteplatz mit Holz ohne Wasser," lautete auf der Karte die Bezeichnung des letzten Bivouaks. Das Vorletzte war ebenso gewesen, und dabei hatte man am vorletzten Tage zwei Tagemärsche von je fünfunddreißig Kilometer gemacht, um so schnell wie möglich die wasserarme Gegend zu verlassen und in das Gebirge zu gelangen. Und nun marschirte man schon seit vier Stunden. Müde und matt schleppten sich die Soldaten dahin, mit dem hohen Tornister auf dem Rücken, der in der Hitze doppelt fühlbar war. So weit man sehen konnte, nichts als Himmel und Sand und Sand und Himmel. Die Sonne war erst seit zwei Stunden aufgegangen und stand schon hoch am Himmel; sie sandte sengend ihre Strahlen hernieder. Der Himmel hatte eine aschgraue Farbe, und die Luft zitterte förmlich in wellenförmigen Bewegungen, während der glühend heiße feine Staub durch alle Kleider bis auf die Haut drang und ein entsetzlich prickelndes Gefühl verursachte. Es war kaum noch möglich, vorwärts zu kommen. Und gerade jetzt, jetzt galt es wachsam zu sein, denn die Araber kannten nur zu gut die gefahrvollen Märsche. Endlich war das Gebirge erreicht, und entschlossen marschirte man vorwärts. Aber glaubte man Schatten oder doch wenigstens etwas Kühle zu finden, so hatte man sich arg getäuscht. Der Sand und Staub wurde durch das fortwährende Steigen und Bergabgehen nur um so heftiger aufgewirbelt: nicht nur die Sonne brannte von oben und der Sand von unten, nein, auch die Berge glichen riesigen Neflectoren, von denen die Sonnenstrahlen mit aller Macht zurückgeworfen wurden. Wie im Gluthofen marschirten die Soldaten vorwärts, fast erstickt von dem aufgewirbelten Staub, der die Kehle austrocknete und halb verbrannte. Man marschirte wohl bald wieder zwei Stunden in den Bergen. Es galt mit äußerster Vorsicht vorzugehen, denn jeden Augenblick war ein Ueberfall der Araber zu befürchten. Die Berge wurden immer gefahrdrohender, die Klippen immer gefährlicher. Es wird Halt gemacht. „Gott sei Dank!" murmelten die bärtigen Krieger. „Gott sei Dank! Dschenien-Bu-Rezk, die so lang ersehnte Quelle ist erreicht, und nun in's Bivouak!" Munter ging der Vortrab zurück auf das Hauptcorps; nach kurzer Zeit war das Soldaten-Quarticr im Freien aufgeschlagen; die Gewehr-Pyramiden wurden zusammengesetzt, und aus den Kochlöchern, die in Eile angelegt wurden, zog der qualmende Rauch gegen Himmel. Wachen zogen auf, um die ruhenden Kameraden gegen einen Ueberfall der räuberischen Tuarcgs während der Nacht zu beschirmen. Nach eingenommener karger Mahlzeit suchten sich die Mannschaften unter den Palmen ein schattiges Plätzchen, um die müden Glieder auszuruhen; andere hingegen reinigten das staubige Gewehr. „Hollah, deutscher Bruder, warum so traurig?" sagte bei dieser Beschäftigung ein alter Legionär mit wetterhartem, kühnem Gesicht, dem man an seinen rauhen Kehltönen sofort den Schweizer anhörte, zu einem jungen Mann, der neben ihm stand und mechanisch sein Gewehr nachsah. „Hast Recht, schon 18 Tage unterwegs und noch keine Patrone verschossen! Doch, Bruderherz, vertreib' Dir die Grillen." . Mit diesen Worten holte er aus seinem Brodbeutel eine ziemlich umfangreiche Absinthflasche heraus, that einen herzhaften Zug und bot sie seinem Kameraden an; dieser nippte kaum und gab das Getränk mit kurzem Dank zurück. — „Was ist Dir denn?" fuhr er fort, indem er seinen Waffengefährten etwas aufmerksamer ansah; „bist doch sonst kein Kopfhänger. Wenn Du etwa das Fieber kriegen willst, dann geh' zum Pflasterschmierer und laß Dir Pillen geben, die der Schitan (T .... l), aber kein ehrlicher Legionär verschlucken mag. Oder hast Du vielleicht einen Brief bekommen, und ist Dir daheim die Braut untreu geworden? Laß sie laufen, das Weibsbild, kriegst sie doch nicht mehr zu sehen Der Kuckuck mag alle Leute holen, die das unnütze Geschreibsel, die Briefe fabriciren; ich hab' mein Lebtag noch keinen erhalten; das Geld sollte mir leid thun, das ich dem Postillon zu verdienen gebe. Allerdings schreiben kann ich nicht viel, und mit dem Lesen geht es auch verdammt holprig. Pah! bist noch ein junger Bursche und hast mehr von den Schreibereien gelernt, wie ich; alle Tage kann Dir das Glück blühen, kannst noch General werden! Deine Gesundheit!" Wieder holte er die Flasche hervor und reichte sie dem Kameraden, der kaum auf diese Worte gelauscht hatte, die Flasche aber dennoch, um den gutmüthigen Schweizer nicht zu verletzen, mit trübem Lächeln ansetzte. „Weißt', Junge," nahm dieser nach einer Pause das Gespräch wieder auf, „weißt', häng' Dich nur nicht an ein Frauenzimmer. Das macht Dir den Kopf schwer und das Herz traurig, und nachher hast Du keine Courage, wenn's gilt. Ich hab' manch braven Burschen gekannt, der es weit hätte bringen können, aber da war oft ein Schürzenband schuld, daß er nicht vorwärts konnte. Verlaß Dich drauf, es ist so, wie ich Dir sage!" „Sprich nicht davon, Schweizer, das verstehst Du nicht; übrigens ist das auch nicht der Grund meiner Traurigkeit, wenn ich überhaupt traurig bin." „Was? das versteh' ich nicht?" fragte der Alte, „Du meinst wohl, weil ich jetzt ein Gesicht habe, wie eine alte Patrontasche, daß man keinem Mädel gefallen hat. Ich war früher ein so schmuckes junges Kerlchen, gerad' wie Du mit Deinem Milchgesicht, und des Großbauern Liesel lächelte mir so freundlich zu, als ich noch Holzknecht war in unseren Bergen. Es sind freilich an die zwanzig Jahre her, und ich hab' in der Zeit ein großes Stück unseres Herrgotts schöner Welt gesehen. Ich habe zwölf Jahre den Holländern in Indien gedient und manches Abenteuer bestanden, das einen tödtlichen Ausgang zu nehmen versprach; und mehrere Jahre diene ich schon der QäAion Ltran^äre hier in Algier und habe meine Orden wahrhaftig nicht in Unehren verdient, aber noch heute thut mir das Herz weh, wenn ich an des Großbauern Liefet denket Ja, Freund," sagte er, und über sein gefurchtes sehniges Gesicht zog ein Schatten bitteren Schmerzes, „ja, Freund, es war ein herziges, liebes Ding, das kleine L'esel. Was soll ich Dir viel erzählen? Es war dieselbe traurige Geschichte, wie sie nicht allein in unsern Thälern passirt. Der Großbauer war der reichste Mann in der ganzen Runde, und ich besaß nichts als meine Axt und meinen starken Arm. Und als ich des Sonntags nach der Kirche auf den Hof ging, um um mein Liesel anzuhalten, da jagte er mich mit Hohnlachen hinaus, und ich ging blutenden Herzens von bannen. Für kein Geld wäre ich in mein Dorf zurückgekehrt, ich dacht' bei mir, machst's wie dein Vater selig, der ist auch hinausgezogen und hat dem großen Kaiser gedient und ist als Stelzfuß zurückgekehrt und hat nachher geheirathet. Trink' noch einmal, Bruder; ich werde mein Dorf wohl nimmer sehen, und das Liesel hat mich längst vergessen. Sag' aber nicht, daß ich nichts davon verstehe; ich hab' mein Weh' mit mir herumgetragen viele Jahre lang, und oft wenn die Kugeln gepfiffen haben, hab' ich an mein Liesel gedacht, ja heute noch. Doch, was geht's Dich an? Legionäre, die sich für einen Sou täglich todtschießen lassen, haben kein Herz im Leib!" Der alte Söldner tegte die Arme auf die Mündung seines Gewehres, stützte sein Kinn darauf und schaute wehmüthigen Blickes in die Ferne. Doch gleich darauf richtete er sich auf, als schäme er sich der Regung und sagte scherzend zu seinem jungen Geführten: „Jst's nicht so, Kamerad, uns drückt der Schuh an derselben Stelle?" „Es ist möglich," sagte dieser verlegen, „aber es ist doch etwas Anderes, was mich gerade heute niederdrückt. Sage, Alter, seit wie lange hast Du kein Weihnachten gefeiert?" „Weihnachten?" entgegnete der Schweizer rauh. „Weihnachten? Was kümmert's mich? Es ist lange her, daß ich mich um solche Sachen bekümmert habe. Ich glaube auch nicht, daß unser Herrgott nicht lange mit einem alten Soldaten rechten wird, ob er die Festtage, die die gelehrten Herren in den Kalender gesetzt haben, richtig gehalten hat, und wenn er's thut, nun, unsereiner hat es nicht besser gesehen und gelernt." Er wischte sich über die Augen, in denen ein ver- rätherischer Glanz schimmerte, und meinte dann: „Ja, wenn's denn wirklich so ist, daß sie heute daheim in meinem Dörfchen die Tannenbäume anzünden, dann hätte ich auch eine Bitte an das Christkind: ich wollte, daß unser Herrgott mir ein selig Ende geben möcht', eine Kugel gerad' in das Herz hinein, damit es frei würde von allem Schmerz und aller Qual, ja — dann wär's ruhig da drinnen!" Mächtig schlug er mit der flachen Hand sich vor die Brust und wandte sich ab, als fürchtete er, zu viel gesagt zu haben. Es wurde immer später. Die Legionäre trugen Holz zusammen für das große Feuer, damit man nachts gegen die Anfälle wilder Thiere geschützt sei. Die Nacht war kühl, und aus den Sümpfen stieg der feuchte, fieberbringende Nebel. Der Schein des Feuers erleuchtete einen ziemlich weiten Umkreis und gab der buntbewegten Scenerie ein wildes, seltsames Aussehen. Mehrere Soldaten hatten Trommeln in den Lichtschein gerückt und spielten mit ihren schmierigen, fetten Karten; andere lagen und saßen in allen Stellungen um die Spieler und machten nach jeder Partie ihre Bemerkungen. Alles leidenschaftliche, abenteuerliche Gesichter, denen man es ansah, daß sie mehr Schlachten mitgemacht, als Frankenstücke in den Taschen hatten. Nicht umsonst ist diese Legion das tapferste Regiment Frankreichs. Nicht umsonst hat sie sich in fast allen Theilen der Welt: bei Magenta und Sebastopol, in Algier und Mexiko, Tunesien und Tonkin blutige Lorbeeren errungen. Nicht umsonst besitzt sie die höchsten Auszeichnungen, die meisten Orden und Ehrenzeichen, wie sie kein zweites Regiment in Frankreich auszuweisen vermag. Sagte doch einst General Negricr bei einer Gelegenheit in Tonkin: „Gebt mir ein französisches Regiment Infanterie, so wage ich mich nicht zwei Meilen vor die Stadt; gebt mir aber eine Compagnie der Legion, so mache ich die Tour durch ganz Tonkin." Der junge Deutsche saß auf einem Baumstamm in der Nähe des Feuers und schaute trüben, finsteren Blicks in die Flammen. An seiner Seite lag der alte Schweizer; er hatte den Kopf auf den Ellbogen gestützt und rauchte schweigend aus seinem kurzen Thonstummel. Beide waren in tiefe Träumereien versunken, beide schienen ähnlichen Gedanken nachzuhängen. Der Alte dachte an seine Liesel, und grimmig ballte er die nervige Faust, als er an den hohnlachenden Großbauer dachte, der seiner Armuth gespottet und sein treues Herz voll Liebe verlacht hatte. Ueber des jungen Fremdenlegionärs Gesicht zog wehmüthig der Schatten eines still verzehrenden Schmerzes, einer so tiefen unheilbaren Schwermuth, die nur der Tod zu erlösen im Stande ist. Ja, jetzt um diese Stunde läuteten zu Hause die Glocken in dem nahen Städtchen, jetzt zog die Schaar der Andächtigen nach dem Kirchlein, wo der greise Priester ihnen verkündete, daß heut' der Gnadentag der ganzen Menschheit sei, an dem vor so viel hundert Jahren in jener Herberge zu Bethlehem die Gottheck zu dem armen Menschengeschlechte herabgestiegen sei, um es zu erlösen. Und er dachte an sein Mütterchen, wie sie gebückt und schneeweiß geworden war vor Aerger und Gram, in ihrer Ecke saß hinter dem großen Pfeiler, und wie sie jetzt das schwere Gebetbuch mit dem Messingschloß wohl kaum noch in ihren zitternden Fingern halten konnte, und daß ihre trüben Augen, vom Weinen und Nachtwachen geröthet, die großen Buchstaben nicht mehr erkannten. Da wurde ihm so weh um's Herz, mit so gewaltiger Bitterkeit übermannte ihn das Gefühl, daß er laut aufschluchzte, sein Gesicht in die Hände verbarg und seinen Thränen freien Lauf ließ. Erschreckt fuhr er auf und sah um sich, ob einer seiner rohen Kameraden vielleicht ihn bemerkt hätte; doch nur der Schweizer beobachtete ihn ernsten, traurigen Blicks. »Ja, ja, junger Bursche," tröstete er in seiner rauhen Soldatenart, „es thut weh, ich glaub' Dir's, aber halt' nur aus! Wenn Du noch drei- oder viermal an Deinen Lichterglanz zu Hause gedacht haben wirst, dann brennt's nicht mehr so, wenigstens nicht so schlimm." Der junge Mann schüttelte heftig mit dem Kopf und machte eine abwehrende Handbewegung. Hier waren auch die bestgemeinten Trostworte nicht angebracht. Er verfiel wieder in seine Träumereien. Jetzt heulte gewiß zu Hause der schaife Nord-Ost 816 und klapperte mit den Straßenlaternen und den alten rostigen Wetterfahnen, der tiefe Schnee knirschte unter den Tritten, und Alles drängte und eilte in den Straßen, um die letzten Vorbereitungen für den festlichen Abend zu treffen. In den Häusern herrschte überall wichtige Geheimthuerei; die Kinder waren alle in ein Zimmer gesperrt und harrten voll Ungeduld des erlösenden Augenblicks, die großen beschwichtigten die kleinen und hörten ihnen noch einmal die Weihnachtsgebete ab. Auch für ihn hatte es einst solche Zeit gegeben, auch seine Mutter hatte gesorgt und geschafft für ihn, und sie war glücklich und reich belohnt, wenn in seinem wilden Knabenauge eine Thräne der Freude und Ueberraschung blitzte. Wie schön war's im kleinen traulichen Stübchen der Mutter, wenn eS im Glanz der Kerzen und der goldenen Aepfel erstrahlte, und es ward ihm, als umwehte ihn der süß berauschende Waldesduft des Tannenbaums aus der Heimath, als sagte sie zu ihm mit ihrer sanften Stimme: „Das Alles ist Dein!" Ob sie heute wohl seiner gedachte? Ein Schauer überlief ihn kalt. Mochte der Unglückliche wohl ahnen, daß man sie bereits hinausgetragen an den stillen Ort, der Niemanden zurückgibt, und daß sie nun unter der starren eisigen Decke an der Seite des Mannes ruhte, der ihn einst auf seinen Knieen geschaukelt und ihn seine einzige Freude und seinen Stolz genannt hatte? Und als sein Mütterchen auf dem Sterbebette lag, da war Niemand, der ihr die müden matt- geweinten Augen hätte zudrücken können, und schon glaubte die alte Frau, allein und von aller Welt verlassen sterben zu müssen, da kam eine hohe edle Frauengestalt und warf sich schluchzend über das Bert, weinte lange und krampfhaft und konnte nur das eine Wort aussprechen: „Verzeihung!" Da legte das alte Mütterchen die kalte erstarrende Rechte wie segnend auf das weiche blonde Haar der Büßenden; ihr brechender Blick suchte den Himmel, mechanisch bewegten sich ihre Lippen; sie hatte vor dem Tode das große Unrecht verziehen. Als man dann den Sarg hinaustrug, da folgte ihm ein hohes blondes Mädchen im einfachen Trauerweide, und die Altersgenossen wiesen mit Fingern auf sie und sagten: „Da geht sie, die des Lehrers Fritz in's Unglück getrieben, der es nicht gefiel im kleinen Städtchen bei uns; sie mußte in die Residenz, und dort wurde sie leichtsinnig!" So war es in der That. Sie waren Nachbarsleute, der junge Soldat in Algier und das schöne blonde Mädchen hier hinter dem Sarge. Schon von Jugend auf waren sie für einander bestimmt gewesen, und sie liebten einander so treulich, bis der Verführer die elternlose Waise verlockte, in die große Stadt zu kommen und zum Theater überzugehen. Was half da alles Bitten und Rathen und Flehen? Sie ging, verblendet von dem Flitterglanz — und dann kam die alte Geschichte, die ewig neu bleibt. Sie fuhr in stolzer Equipage und trug seidene Kleider. Als die Kunde davon nach dem Städtchen drang, machte sich Fritz nach der Residenz auf, um sich Gewißheit zu verschaffen. Und als er vor dem hohen Hause stand, das sie jetzt bewohnte, und sie mit einem fremden Herrn die breite Marmortreppe herabkam und ihn, der sich bescheiden in eine Ecke drückte, mit kaltem, fremdem Blick musterte, als kenne sie ihn nicht, da ging er weg mit seinem bleichen Antlitz, und er ging soweit wie ihn seine Füße trugen, immer weiter in fremde Länder, — es hörte Niemand mehr etwas von ihm. — Der Herbst kam, die Blätter fielen von den Bäumen. Da fing das blonde Mädchen an zu hüsteln, ganz trocken und leicht. Sie hatte keine Schmerzen, und immer noch hoffte sie, er werde einst wiederkehren und ihr verzeihen, wie die Mutter ihr verziehen hatte. Als der Frühling kam und mit warmem Sonnenstrahl die Veilchen und die Rosenknospen hervorlockte, da trug auch sie zwei Rosen auf den Wangen, still und ohne Klagen, aber sie wurde blässer und blässer. Noch immer hoffte sie, er werde wiederkehren, und sie träumte von fernen Zeiten und von einer schönen Zukunft. Die Blätter fielen wieder von den Bäumen, da trug man auch sie hinaus im engen Sarge, und die Leute steckten die Köpfe zusammen und sagten diesmal: „Sie hat's gebüßt!" Ahnte das Alles der junge Soldat? Immer wilder tobte der Schmerz in seinem Innern, immer banger bemächtigte sich der Zweifel seines Herzens. Lebte sein Mütterchen noch, und gedachte sie seiner? Er hatte nie geschrieben, nie ein Lebenszeichen von sich gegeben, sie mochte denken, er wäre todt, immer noch besser, als daß sie wußte, daß er in Algier Soldat und täglich von tausend Gefahren umgeben sei, daß sie täglich und stündlich sich um ihn ängstigte. Was machte die treulose Braut? War sie tiefer gesunken oder auf den Pfad der Tugend zurückgekehrt? Es war gleichgiltig. War sie doch für ihn auf ewig verloren! — und doch, doch! — warum mußte er immer wieder an sie denken, warum schloß er sie wider seinen Willen Abends in sein Gebet ein? Es wurde später und später, das große Feuer glimmte nur noch. Die Spieler hatten sich längst zur Ruhe begeben, man hörte nur noch die regelmäßigen Schritte der Schildwachen und den Ruf der Ablösung. Die Beiden saßen noch immer am Feuer und schauten in die glühenden Kohlen, sie waren der Außenwelt entrückt, tief in Gedanken versunken. (Schluß folgt.) -—«-«Nr-»-— Allerlei. Jnstitutsfrüchte. Backfisch: Weißt Du, Großmama, wie man ein Ei verspeist? Man nimmt ein Ei, perforirt dasselbe auf der Aversseite, bringt in der korre- spondirenden Basis eine Oeffnung an, setzt das Ei an die Lippen, inhalirt mit ganzer Kraft den Athem, und das Ei ist seines ganzen Inhaltes entleert. — Großmutter: Nein, was es jetzt doch für merkwürdige Erfindungen gibt, früher hat man zwei Löcher hineingemacht und das Ei ausgelutscht. „Auf dem Rittergut Neuhaus bei Delitzsch" — so steht in Nr. 29 des „Pferdefreunds" zu lesen — „besichtigte bei Herrn Amtmann Schirmer Herr Oberlandstallmeister Graf Lehndorff am 6. Oktober zehn Hengste und kief davon mehrere für die Landgestüte." Falsch! Es heißt nicht „kief" sondern „kuf". * Auch ein Glück. A.: „Ich weiß mir gar keinen Rath mehr, so schrecklich viele Ratten habe ich, fressen mir alles auf." — B.: „Sie Glücklicher!" — A.: „Was sagen Sie?" — B.: „Bei mir verhungert sogar das Ungeziefer." Auflösung des Bilder-Räthstls in Nr. 102: Spanische Wand. - 1 » 4 - HL1V5. Ireitaz, den 28 . Dezember 18S4. k?ür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischen ZnstitutS von HaaS L Grabherr in Augsburg > > > — Unterhaltungsblatt zur „Augsburger Poſtzeitung“. № 1. Freitag, den 8. Januar 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literariſchen Inſtituts von Haas & Grabherr in Augsburg Vorbeſitzer Dr. Max Huttler). Neujahr 1896. Wie die Stunden ſchnell verrinnen, Gleich den Wellen in dem Bach! Horch — ein Schlag — Und es gilt ein neu Beginnen Mit des Jahres erſtem Tag! Laßt das Leid, das nun entſchwunden, Auch für's Herz begraben ſein; Groß und Klein Trägt im Kampfe ſeine Wunden Bis uns deckt der Leichenſtein! Ewig ſtrömet nicht der Regen, Sonnenſchein folgt bald ihm nach; Oft ein Tag Wandelt Schmerz in reichen Segen, Wenn der Herr:„Nicht weiter!“ ſprach. Laßt uns drum von Neuem hoffen, Ueber uns ein Vater wacht, Deſſen Macht Stets auch Wege ſtehen offen, Die der Menſch nie ausgedacht! Keiner ſah ſich je betrogen, Der ſein Haus auf Fels gebaut Und vertraut, Daß auch in den Sturmeswogen Gott auf ihn herniederſchaut. Alſo vorwärls — hin zum Glücke Lenkt den Kahn durch's Zeitenmeer! Nimmermehr Strahlt Zufriedenheit im Blicke Dem, der glaubt und hofft nicht mehr! Zum neuen Jahre. Ein ernſter Mahnruf an die Ewigkeit. „Faſt bei allen Völkern“, ſo eröffnete der hochwürdigſte Kardinal Rauſcher von Wien ſein ſchönes Hirtenſchreiben vom 16. Dezember 1866,„und in allen Zungen wird von dem Strome der Ewigkeit geſprochen; denn es iſt ein Sinnbild, welches ſich gleichſam von ſelbſt darbietet. Wie die Fluthen des Stromes ununterbrochen dahin eilen, und die Welle, bevor das Auge auf ihr zu ruhen vermag, der ihr folgenden ſchon Raum gegeben hat, ſo ziehen die Augenblicke unaufhaltſam dahin; bevor wir das Jetzt als ſolches uns zu vergegenwärtigen im Stande ſind, iſt es ſchon zum Vergangenen geworden, und was noch nicht war, iſt da, um ſogleich nicht mehr zu ſein. Aus dieſen unfaßbaren Augenblicken werden Stunden, aus den Stunden werden Tage, und aus den Tagen Jahre. Das iſt unſer Leben. Der Augenblick der Gegenwart iſt der uns zugewieſene Antheil. So verſchwindend klein er iſt, er hat Raum genug für die Selbſtbeſtimmung, von welcher unſer Werth und die Erfüllung unſerer Lebensaufgabe abhängt: er drückt der Vergangenheit ſein Siegel auf, durch ihn und von ihm aus beherrſchen wir die Weiten der Ewigkeit..“ O Ewigkeit! Wem ſollte nicht die erſchütternde Wahrheit der herannahenden Ewigkeit mit Ernſt entgegentreten, beſonders beim Jahreswechſel. O Ewigkeit! wie biſt du lang, wie biſt du tief! wie biſt du unermeßlich und unendlich in deinem Wohl und deinem Wehe! Dieſe Königin aller Jahrhunderte, dieſe endloſe und ewig lebende Ewigkeit! Ich zähle 1000 Jahre, hundertmal 1000 Jahre, hundert millionenmal 1000 Jahre, ich zähle ſoviel millionenmal 1000 Jahre als es Blätter auf allen Bäumen, Halme der Kräuter auf den Wieſen, Sandkörner an den Ufern, Waſſertropfen im Ocean, Atome in der Luft, Sterne am Firmament gibt, und ich habe noch nicht angefangen zu ſagen, was du biſt. Es wird ein Tag kommen, an dem die Sonne erlöſchen, die Welt zu Grunde gehen und das Menſchengeſchlecht aufhören wird; die Lebendigen und die Todten werden gerichtet und die Jahrhunderte zuſammengehäuft werden. Dann wird es Abgründe geben und Abgründe der Fortdauer vom Tage des ſo ſchnell verfloſſenen Lebens an. Das Leben wird dann nur wie in einer ungeheuren Entfernung erſcheinen, ſowie die nicht wahrnehmbaren Sterne, welche das Auge nur durch Anſtrengung entdeckt, wie ein entſchwundener Traum... und das wird der Anfang ſein der Ewigkeit. Werde ich ewig im Himmel leben, welch' ein u ermeßliches Glück! Immer die Wahrheit und Tugend, immer Leben und Freuden, immer die Seligen und die Engel. Immer Gott! Ihn immer zu ſchauen, zu lieben, zu beſitzen und zu lobpreiſen, und keine Thränen, keine Schmerzen, kein Tod mehr! Ewiglkeit! Wenn du aber für mich eine Ewigkeit — 2 — wäreſt in der Hölle, welch' ein entſetzliches Unglück! Immer die Sünde, welche befleckt, immer Finſterniſſe, welche drücken, immer den Wurm welcher nagt, immer das Feuer, immer die drückenden Ketten, immer fließende Thraͤnen, immer das Zähneknirſchen, immer in Geſell⸗ ſchaft der Verworfenen, welche Gott läſtern, und die Teufel, welche quälen, immer den Fluch Gottes, welcher zermalmt! Die Aſtrologen. Hiſtoriſcher Roman aus der Zeit des dreißigiährigen Krieges. Von Max Benno. 1. „Genug jetzt, Onkel! Schweig' von der heilloſen Geſchichte! Unſer Aerger beſſert ſie nicht. Der Teufel hat die Launen der Weiber gemacht.“ Dieſe Worte ſtieß ein etwa dreißigjähriger, miitel⸗ großer Mann unter ſeinem hellrothen Vollbart hervor, ergriff das volle Weinglas, welches vor ihm auf dem Tiſche ſtand, und führte es haſtig zum Munde. Dann ſprang er auf und durchmaß mit langen Schritten den Raum. Er trug ein ledernes Koller, weite Beinkleider und hohe Stiefel; an der breiten Kuppel hing ein mächtiger Stoßdegen mit vergoldetem Griff. Der weiße Spitzen⸗ kragen, welcher den Hals umrahmte, ſtach grell ab gegen das dunkle Haupthaar und die wettergebräunte Hautfarbe des Mannes. Seinen Zügen verlieh der zornige Blick aus gelbgeränderten Augen einen faſt unheimlichen Ausdruck. Sein Gefährte, ein hagerer Mann in vorgerücktern Jahren, war ruhig hinter dem Tiſche ſitzen geblieben. Finſter ſtarrte er vor ſich hin. Endlich hoben ſich die buſchigen Brauen, und er wandte ſich an den auf und ab Wandelnden mit einem Tone, in welchem unverkennbar Aerger ſich ausſprach. „Wenn Du die Sache ſo leicht aufgibſt, Fritz, liegt auch mir am Ende nichts mehr daran, obgleich dann das Opfer eines halben Lebens umſonſt gebracht iſt. Du begreifſt die Wichtigkeit und Tragweite meiner Pläne gar nicht. Wären ſie gelungen, ſo dürfteſt Du dereinſt das Haupt ſo hoch tragen, wie irgend ein Großer im Reich. Und ich glaubte meiner Sache ſo ſicher zu ſein! Wer nur dem Mädchen den Kopf verdreht haben mag?“ „Der Satan! ich ſagte es Dir ja“, fiel ihm der Jüngere mit rohem Lachen ins Wort;„der böſe Feind, welcher mich auf allen Wegen und Stegen wie ein brüllender Löwe verfolgt. Doch ſo wahr ich Fritz Donald heiße und Wachtmeiſter des großen Friedländers bin, es ficht mich nicht an.“ Er nahm den einförmigen Gang wieder auf; der Alte blickte ſtumm in das Glas. „Ganz gebe ich die Partie noch nicht verloren“, ergriff der Letztere nach einer Weile wieder das Wort; „am Ende ſetze ich meinen Willen trotz allem noch durch. Ging es im Guten nicht, dann hilft vielleicht bie Gewalt. Der Preis iſt ſo hoch, daß man vor keinem Mittel zurückſcheuen darf.“ „Thue, was Du willſt“, erwiderte Donald, mit den Fingern ſchnippend;„um ſo beſſer, wenn die Sache ſich ſchließlich noch macht. Mich findeſt Du ſtets zum Nachdrud verboten. ————— z Zugreifen bereit. Doch ich hoffe nichts mehr. Ich habe nun einmal kein Glück. Jedenfalls bringſt Du mich mit keinen zehn Pferden mehr zu der langweiligen Sippſchaft hinauf.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre, und der Wirth, ſein kleines Sammtkäppchen zwiſchen den Fingern drehend, trat in das Zimmer. „Wie Euer Gnaden der Herr Hauptmann befohlen“, wandte er ſich mit einer tiefen Verbeugung an den älteren Mann,„habe ich den Braunen geſattelt; er ſteht im Hof.“ „Gut, gut, Clemens“, bemerkte dieſer ungeduldig, „ich reite gleich weg. Führe den Gaul noch eine Zeit lang umher, damit er ſich nachher nicht zu ſchnell erhitzt.“ Der Wirth verließ das Gemach und entſprach dem Befehl, welcher mehr der Abſicht, den läſtigen Zeugen zu enifernen, als der Sorge für das Reitpferd entſprang. Der Hauptmann erxhob ſich. Er reichte dem Neffen die Hand.„Lebe wohl, Fritz“, ſagle er,„und entſchließe Dich vorerſt zu nichts. Nach Verlauf einiger Tage be⸗ kommſt Du von mir endgültigen Beſcheid. Ich hoffe, den Trotz der eigenſinnigen Dirne zu brechen, wenn mir nicht von irgend einer Seite abermals ein Strich durch die Rechnung gemacht wird. Dann dankſt Du es mir ſicherlich, daß ich das vielverſprechende Ziel mit mehr Ausdauer verfolgte, als Du.“ Der junge Mann erwiderte nichts. Mit einer Miene, die kein allzu großes Vertrauen in die Zuverſicht des Onkels zeigte, folgte er langſam, als jener in den Hof hinausſchritt. Letzterer zog ſich in ziemlicher Breite am Wirthſchaftsgebäude und einigen Ställen entlang bis zu dem Fahrweg. Das Anweſen ſchien vor nicht allzu langer Zeit neu erbaut worden zu ſein. Die Ziegel ſchimmerten unverwittert vom Dache, und zwiſchen den flüchtig beworfenen Steinen lugte überall das friſche Holzwerk herbor. An einer über der Eingangspforte in die Mauer eingefügten eiſernen Stange baumelte als Schild ein aus Blech geſchnittener ſpringender Hirſch, der den Vorübergehenden die Beſtimmung des Hauſes verrieth. Der Mann, von dem dieſer Platz zur Herſtellung einer Schenke erwählt worden war, hatte trotz der ein⸗ ſamen Lage derſelben nicht ſchlecht ſpeculirt. Die Straße bildete einen Zweig des Hauptverbindungsweges zwiſchen Böhmen, Sachſen und Bayern und war in Folge der fortwährenden Truppendurchzüge ungewöhnlich belebt. Ueberdies lag weiter oben im Walde das Schloß Groß⸗ meſeriiſch, in welchem der aus Nah und Fern viel be— ſuchte und viel umworbene Herzog von Friedland faſt jedes Jahr während mehrerer Wochen ſeinen Wohnſitz aufſchlug. Der Wirth führte, als die Herren im Freien er⸗ ſchienen, das Pferd vor. Der Schloßhauptmann ſprang mit einer Leichtigkeit in den Sattel, die man ſeiner an⸗ ſcheinend ſo ſteifen und unbeholfenen Geſtalt nicht zu⸗ getraut hätte. Er reichte dem Neffen nochmals die Hand.„Rur Geduld“, mahnte er,„hoffentlich wird alles gut.“ Dann gab er ſeinem Braunen die Sporen und ſprengte davon. Der Waͤchtnieiſter ſtand im Begriff, ebenfalls die Anſtalten zum Aufbruch zu treffen, da wurde ſeine Aufmerkſamkeit durch ſchwerfälligen Hufſchlag nach der entgegengeſetzten Richtung der Straße abgelenkt. In langſamem Schritt kam ein einzelner Reiter daher. Er — 3 — mußte ſchon einen weiten Weg zurückgelegt haben. Das Pferd ließ den Kopf hängen und hinkte auf einem Fuß. Auch auf dem jugendlichen Antlitz des Reiters drückte ſich Müdigkeit aus, die jedoch den günſtigen Eindruck, welchen die Erſcheinung des jungen Mannes machte, durchaus nicht verwiſchte. Der kräftige Körperbau und das Ebenmaß der Glieder deuteten an, daß er den Degen, welcher in vergoldeter Scheide auf ſeiner linken Seite herunter hing, nicht bloß zur Zierde trug. Um den von einem blonden Barte überſchatteten Mund ſpielte ein Zug, der eine gewiſſe Neigung zu jugendlichem Uebermuth verrieth. Aber augenblicklich ſchien er in tiefe Gedanken verſunken zu ſein und machte keinen Verſuch, das Pferd in eine raſchere Gangart zu bringen. Beim Erkennen des Wirthshauszeichens vor dem einſamen Gebäude richtete er ſich im Sattel empor, und eine freudige Ueberraſchung malte ſich auf ſeinem Geſicht. Er lenkte das Pferd von der Straße ab und hielt im Hofe. Hier ſtieg er ab und ſchritt auf die Hausthüre zu. Donald hatte ſich auf die Seite geſtellt und betrachtete aufmerkſam das hinkende Thier, welches offenbar bei jedem Schritt heftige Schmerzen empfand. „Zum Donner“, rief er, „was iſt denn Euerer Mähre paſſiert?“ Gleichzeitig machte er ſich, ohne auf eine Antwort zu warten, mit dem Gaul zu ſchaffen. Während der Reiter ſich an den Wirth wandte, hob Donald mit ungewöhnlicher Kraft das rechte Hinterbein des Pferdes in die Höhe und richtete einige Sekunden lang die Augen darauf. Dann zog er ein Taſchenmeſſer hervor, hantirte an dem Hufe herum und gab den Fuß mit einem Lächeln der Befriedigung frei. „Nun, Herr, iſt Euer Gaul wieder flott“, wandte er ſich vortretend an den Fremden, klappte das Meſſer zu und ſchob es in ſeine Taſche; „er hatte ſich einen ſpitzen Kieſel unter das Eiſen getreten, der ziemlich tief in das Fleiſch eingedrückt war. Der Stein iſt entfernt; doch dürfte Euerm Pferde ein wenig Ruhe nichts ſchaden, es iſt ganz herunter!“ Der Reiter maß den Wachimeiſter, dem er bis jetzt keine Beachtung geſchenkt hatte, vom Kopf bis zum Fuße und ſchien über die Art und Weiſe, wie er ihm begegnen ſolle, nicht ſofort mit ſich im Reinen zu ſein. „Wie“, fragte er endlich, als er deſſen Feldzeichen gewahrte,„Ihr habt meine Bella curirt; wer ſeid Ihr denn?“ Fritz lachte.„Wenn mich nicht alles täuſcht“, erwiderte er, „ſo ziehen wir beide am gleichen Strang. Im Allgemeinen bin ich als der Wachtmeiſter Fritz Donald⸗ Deveroux bei den Terzky'ſchen Dragonern bekannt, zuweilen jedoch auch, wie Ihr ſeht, Roßdoctor zu meinem beſondern Plaiſir. Und Ihr? Ein Friedländer doch auch? Oder nicht?“ „Gewiß: Georg Selkow, Leibjäger in des Herzogs perſönlichem Dienſt.“ „Ah, da gratulire ich!“ rief Donald; „ein prächtiges Plätzchen, wenn man es zu benutzen verſteht. Schon maucher hat es darauf, ehe er ein graues Haar im Bart fand, zum Oberſt und noch weiter gebracht. Doch kommt“, fuhr er fort und zog den jungen Mann in das Haus,„während der alte Fuchs von einem Wirth für Euer Pferd ſorgt, leeren wir auf gute Kameradſchaft ein Glas. Ich wollte eben wegreiten, doch Euch zu lieb kommt es mir auf eine Stunde nicht an.“ Sie traten in das Zimmer, nahmen Platz, und bald kam die Unterhaltung in Fluß. Die Geſichtsmuskeln des Wachtmeiſters wurden durch ein eigenthümliches Zucken in Bewegung geſetzt, als er das Ziel der Reiſe Georg Selkow's vernahm. „Nach Großmeſeritſch wollt Ihr“, bemerkte er mit einer Stimme, durch die halb Aerger, halb Bedauern klang.„In dieſes abſcheuliche Neſt?“ „Abſcheulich?“ fragte Georg erſtaunt.„Ich verſtehe Euch nicht. Großmeſeritſch, das als eine der ſtolzeſten Burgen des Böhmerwaldes gilt!“ „Meinethalben“, hielt Donald immer noch hitzig entgegen, „ich nehme mein Wort nicht zurück. Doch was geht uns Großmeſeritſch an? Mag es der Satan holen mit allem, was drum und dran hängt! Sagt mir lieber, wie es in Sagan beim Herzog ausſieht. Marſchiren wir bald? Ihr wißt doch ſicher Beſcheid.“ Der Widerſchein einer unangenehmen Empfindung ſpiegelte ſich auf Georg's Angeſicht ab. Ihm gefiel die wilde Art des Wachtmeiſters nicht. „Die verſprochene Armee ſteht ſchlagfertig da“, antwortete er ausweichend, „doch fehlt ihr bis jetzt noch das Haupt, benn der Herzog will, wie man glaubwürdig verſichert, ſich nach Löſung ſeiner Aufgabe wieder in das Privatleben zurückziehen. Freilich hört man auch ſagen, es ſei von Wien aus eine an den Herrn geſandte Commifſion unterwegs, um ihm den Oberbefehl und zugleich die ausgedehnteſte Vollmacht zu bringen. Doch iſt dies vorerſt nur ein Gerücht und etwas Beſtimmtes Niemandem bekannt.“ Der Wachtmeiſter ſchüttelte ungläubig den Kopf. „Bleibt mir mit Euern Flauſen vom Hals“, fiel er ſeinem Nachbar ins Wort; „ich kenne das Zeug. Wie es ſcheint, ſeid Ihr nicht vergeblich bei den großen Herren in die Schule gegangen. Etwas von den diplomatiſchen Kniffen habt Ihr gelernt! Doch mir gegenüber hilft Euch das Heimlichthun nichts. Ich weiß, wonach Wallenſtein ſtrebt, und glaube auch, daß er's erreicht. Wer anders ſoll das Heer führen, als er? Allerdings wird er einen hohen Preis fordern; aber daß man ihm jeden gewährt, dafür haben die proteſtantiſchen Fürſten und Guſtav Adolf mit ſeinen Schweden geſorgt. Was braucht man daraus ein Geheimniß zu machen? Pfeifen es doch allenthalben die Spatzen vom Dach, daß der Herzog allen Ernſtes daran denkt, auch ein wenig Kaiſer zu ſpielen. Er hat fürwahr Recht. Soll er ſein ſchönes Geld hinauswerfen, um abermals für Andere die Kaſtanien aus dem Feuer zu holen und nachher mit ſchnödem Undank abgelohnt zu werden, wenn er ſich die Finger verbrannt hat? Er wird diesmal klüger ſein und Bürgſchaften verlangen, an denen er nöthiger Weiſe feſthalten kann. Er wird ſich eine Stellung verſchaffen, die ihm genügende Sicherheit gegen das wankelmüthige Herz des Kaiſers gewährt.“ Georg hörte die Auslaſſungen Donald's an, ohne eine Bemerkung daran zu knüpfen. Beipflichten konnte er nicht, und ein Widerſpruch hätte den aufgeregten Mann vorausſichtlich nur noch mehr in Harniſch gebracht. Ueberdies vertrug ſich ein weiteres Eingehen auf dieſes Thema mit ſeiner Pflicht als Courier des Herzogs nicht. Um dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben, fragte er, als der Wachtmeiſter ſchwieg: „Ihr waret in Großmeſeritſch? Wie es ſcheint, gefiel es Euch nicht. Habt Ihr Bekannte im Schloß?“ — 4 — Donald maß den Leibjäger mit einem ſtechenden Blick. „Hört, junger Freund“, ſagte er,„Ihr ſeid mir ein ſchnurriger Kauz und gäbet einen Diplomaten ab, der ſein Handwerk verſteht. Es iſt wirklich ſchade, wenn Ihr nicht das Schwert mit der Feder vertauſcht. Das Fragen geht Euch ſo glatt wie ein geölter Faden vom Mund; wenn Ihr aber antworten ſollt, dann ſeid Ihr ſo ſtumm wie ein Fiſch. Ich könnte Gleiches mit Gleichem vergelten; in der Vorausſetzung aber, daß es Euch doch nicht unbekannt bliebe, und um zu zeigen, daß ich ein aufrichtiger Kerl bin, will ich geſtehen, daß ich mich in der That drei volle Tage lang in Großmeſeritſch aufhielt, das von Euch der Ausbund eines Edelſitzes genannt wird. Ich habe nämlich die Ehre, ein leiblicher Neffe des Schloßhauptmanns Leßlie zu ſein.“ Um jede weitere Frage abzuſchneiden, erhob er ſich raſch und eilte hinaus. Georg hörte, wie er den Wirth ſein Pferd vorführen hieß und dann durch die Hinterthüre, welche er ſchallend ins Schloß warf, für einige Minuten verſchwand. Als Donald wieder ins Zimmer zurückkam, war ſein Geſicht ruhiger. Nur ein boshaftes Grinſen zuckte um ſeinen Mund. Er reichte dem Leibjäger die Hand. „Lebt wohl, Kamerad“, ſagte er ,„ich muß fort. Auch Ihr dürft nicht mehr lange ſäumen, wenn Ihr die Perle des Böhmerwaldes noch bei Tage ſehen wollt. Einen Gruß dahin habe ich nicht; dagegen ſoll es mich freuen, wenn die Zukunft zur Erneuerung unſerer flüchtigen Bekanntſchaft eine Gelegenheit gibt. Vielleicht habt Ihr dann mehr Vertrauen zu mir.“ Er ging hinaus, und Georg begleitete ihn. Nachdem der Wachtmeiſter ſich in den Sattel geſchwungen, grüßte er noch ein Mal und ritt fort. Der Leibjäger empfand eine Art Erleichterung, als er von dieſem Gefährten befreit war. Das Weſen des rohen Mannes hatte ihn peinlich berührt, um ſo mehr, als dadurch ſein Dankgefühl mit der Abneigung in Widerſpruch kam. That dieſer Donald doch, als ob er in die tiefſten Geheimniſſe des Herzogs eingeweiht ſei. Er ſchien eben auch unter die vielen Hunderte zu zählen, welchen die kriegeriſche Zeit eine erwünſchte Gelegenheit zu einem abenteuerlichen Leben darbot, denen an dem eigenen Vortheil und Gewinn alles, an dem großen Ziele aber nichts lag, und die ihre Ergebenheit und Geſinnung eben ſo oft wechſelten, wie das Gewand. Er begab ſich in den Stall, um nach ſeiner Bella zu ſehen. Das Pferd, welches ſich den reichlich vorgeſtreuten Hafer und das aufgeſteckte Heu ſchmecken ließ, begrüßte ihn mit einem fröhlichen Wiehern. Es ſchien wieder ganz munter zu ſein. Er beſchloß aufzubrechen, um womöglich noch vor dem Einbruch der Nacht in Großmeſeritſch zu ſein. Nachdem er ſeine Zeche berichtigt hatte, ſtieg er zu Pferd. Bella machte anfangs zwar einige falſche Tritte; die Angſt vor dem Schmerz ſteckte noch immer in ihr. Nach Zurücklegung einer kurzen Sirecke jedoch trat ſie feſt auf und ſchritt tapfer die ſchmale Landſtraße gegen die bewaldeten Höhen hinan. Georg, der durch den Zuſtand ſeines Pferdes, obgleich nahe am Ziel, mit wachſender Beſorgniß erfüllt worden war, hatte alle Urſache, dem Wachtmeiſter dankbar zu ſein. Der Schaden war gründlich curirt. Gleichwohl rief die Erinnerung an den Mann kein angenehmes Gefühl in dem Gemüthe des Leibjägers hervor. Wodurch mochte Jener nur gegen Großmeſeritſch uund deſſen Bewohner ſo erboſt worden ſein? Ein Zwiſt mit dem Onkel lag ſicher nicht vor. Sonſt hätte dieſer ihn ſchwerlich bis zur Schenke begleitet und ſo freundlichen Abſchied genommen, wie er aus der Ferne bemerkt hatte. Daran aber, daß der Reiter, welcher kurz vor ſeiner Ankunft die Richtung nach dem Schloſſe eingeſchlagen, der Hauptmann Leßlie geweſen, zweifelte Georg nicht, obgleich die Anweſenheit desſelben in dem Wirthshauſe von dem Neffen mit keiner Silbe berührt worden war. Dem Wachtmeiſter ſchien etwas nicht nach Wunſch gegangen zu ſein; worin aber dieſes Etwas beſtehen könnte, darüber zerbrach Selkow ſich vergeblich den Kopf. Doch was brauchte er ſich um die Angelegenheiten dieſes Mannes zu kümmern? Ein Zufall hatte ihn mit demſelben zuſammengeführt, und er ſah ihn vielleicht in ſeinem ganzen Leben nicht mehr. Freundlichere Bilder ſtiegen, als er nach und nach die Anhöhe erreichte, vor ſeinem Geiſte empor und verwoben ſich mit Erinnerungen aus verklungener Zeit. Als der die Straße auf beiden Seiten ſäumende Wald ſich zu lichten begann und in der mittlerweile hereingebrochenen Dämmerung auf weiter Hochebene die Umriſſe eines alterthümlichen Schloſſes ſichtbar wurden, gab er ſeiner Bella die Sporen, und in kurzem Galopp legte dieſe den ſteinigen Weg zurück. * * * Um die gleiche Zeit befanden ſich zwei Frauen in einem Zimmer des Erdgeſchoſſes auf Schloß Großmeſeritſch. Ein zuſammengeſchrumpftes Mütterchen, deſſen urſprünglich ſchwarze Haare das Alter gebleicht hatte, ſaß ſchweigend am Ofen und wärmte die mageren Hände, während ihre jugendliche Geſellſchafterin, die etwa zwanzig Jahre zählte, mit Spinnen beſchäftigt war. Ohne aufzublicken, arbeitete das blühende Mädchen, deſſen volle Wangen von blondemn Haarſchmuck umrahmt waren, mit raſtloſem Fleiß und erhob ſich nur von Zeit zu Zeit, um friſches Holz auf das Feuer zu legen. Es herrſchte eine faſt lautloſe Stille in dem weiten Gemach, das, durch eine einfache Talglampe und das flackernde Kaminfeuer ſpärlich genug erhellt, in einem geheimnißvollen Halbdunkel lag. Nur das Spinnrad ſchnurrte, und dann und wann tönte vom Kamin her ein dumpfer Knall, wenn die Flamme das dürre Holz zu verzehren begann. Plötzlich wandte die Alte den Kopf. „Haſt Du nichts gehört, Leue?“ fragte ſie, und ihre erloſchenen Augen ſchienen die Geſtalt des Mädchens zu ſuchen; „ich glaube, wir bekommen Beſuch!“ Die Gefragte hielt mit dem Spinnen ein und lauſchte geſpannt.„Du träumſt, Baſe“, erwiderte ſie und ſebte ihre Beſchäftigung fort; „es iſt nur der Wind, der draußen im Park durch die BaumKronen fährt.“ „Ja, ja, es mag ſein“, murmelte die Frau vor ſich hin.„Ich träumte ja ſchon ſo oft und immer wieder von jener furchtbaren Stunde, als er, durch Regen und Schneeſchauer einherreitend, auf ſchweißbedecktem Roſſe vor dem Burgthor ankam, da ſie gerade ihren letzten Seufzer aushauchte, der faſt wie ein Fluch über den Treuloſen flang — ſie, die er zur Verzweiflung getrieben, die ihn ſo unſäglich geliebt und gehaßt hat.“ In dieſem Augenblick vernahm man Hufſchlag ganz in der Nähe und einige Minuten ſpäter im Hof. „Hatte ich nicht Recht, Lene!“ rief die Alte. „Ja, ja, man träumt manchmal etwas, das ſich nachher erfüllt. — 5 — Das Mädchen war aufgeſprungen. Horchend ſtand ſie mitten im Zimmer. Jetzt ging die Thüre auf, und der junge Mann, welchen wir ſchon auf ſeinem Ritt nach dem Schloſſe geſehen, trat in das Gemach. Ein glühendes Roth ergoß ſich über Magdalenens ſchönes Geſicht, als ſie dem Gaſt ins Auge ſah. „Georg!“ rief ſie freudig und ging ihm ein paar Schritte entgegen. Der junge Mann ſchien in hohem Grade erſtaunt; einige Sccunden lang ſtand er unſchlüſſig und ſtumm, dann aber ſchritt er auf ſie zu und reichte ihr mit leuchtenden Augen die Hand. „Magdalene“, ſagte er, „Du biſt's! Faſt hätte ich Dich nicht mehr erkannt. Wie groß biſt Du geworden in den wenigen Jahren, welche der Dienſt mich von der Heimath fern hielt. Haſt Du auch manchmal an mich gedacht?“ Durch das Dazwiſchentreten der Alten, welche die Kinder in dem Glück des Wiederſehens ganz überſehen hatten, wurde dem Mädchen die Antwort erſpart. „Mein kleiner Georg, nicht wahr?“ fragte die Greiſin, nach der Seite wankend, woher ſie die Stimme vernahm. „Ja, Baſe“, erwiderte Selkow und ergriff die Hände der Frau;„Euer Georg iſt für einige Zeit nach Hauſe gekommen. Doch ſo gar klein iſt er nicht mehr. Mit ſeinen ſechs Fuß ſtellt er ſchon einen ordentlichen Mann vor. „Wenn Du da biſt, ſo kommt wohl auch Dein Herr?“ fragte die Alte, welche nach der Begrüßung des jungen Mannes ſich wieder an den Kamin geſetzt hatte. „Gewiß“, erklärte Georg; „Euch darf ich ſchon den Zweck meiner Sendung verrathen. Der Herzog kommt wahrſcheinlich ſchon im Lauf der nächſten Tage mit ſeiner ganzen Familie und großem Gefolge hierher. Es wird eine Zeit lang in dem ſonſt ſo ſtillen Großmeſerltſch recht unruhig werden. Ueber die Dauer des Aufenthaltes weiß man noch nichts. Sie hängt lediglich von den Umſtänden ab!“ „So, ſo, Herzog iſt er geworden“, murmelte die Frau und ſchüttelte den Kopf. „Wenn ſie das erlebt hätte, würde ſte ihn noch mehr geliebt oder — gehaßt haben. Sie ſagte zwar immer, daß ein Mal noch etwas Großes aus ihm werde, im Guten oder im Böſen; die Zeit wird lehren, welches von Beiden zutrifft.“ „Was meint die Baſe?“ fragte der Leibjäger Magdalene, die wieder an ihrem Spinnrade ſaß. „Sie ſpricht von der ſeligen Gräfin“, erklärte leiſe das Mädchen, ſo daß die in ſtarres Hinbrüten verſunkene Alte es nicht hören konnte. „Es war die erſte Gemahlin des Herzogs, Lucretia von Landeck, die längſt im Grab ruht. Obgleich ſchon bei Jahren, ſoll ſie eine glühende Neigung für den damaligen Grafen Wallenſtein gefaßt haben, als ſte ihm die Hand reichte. Bald jedoch zeigte es ſich, daß der Graf lediglich den Zweck verfolgt hatte, mit Hülfe ihrer großen Reichthümer ſeinen Ehrgeiz zu befriedigen, was ihm auch gelang. Der leidenſchaftlichen Gemahlin blieb die wahre Geſinnung ihres Gatten nicht lange verborgen, und in Folge deſſen verwandelte ſich, wie ich von der Baſe zum öftern vernahm, ihre Liebe in glühenden Haß. Dieſen ſoll ſie namentlich bei ihrem Tode dadurch an den Tag gelegt haben, daß ſie dem Grafen einen aroßen Theil ihres Vernögens teſtamentariſch entzog. „Als beſonders zärllichen Gatten“, fiel Georg bem Mädchen lächelnd ins Wort, „habe ich meinen Herrn freilich nicht kennen gelernt. So aufmerkſam er ſich auch gegen ſeine jetzige Gemahlin erweiſt, ſo kann doch nur Berechnung ihn zu der Gräfin Iſabella von Harrach, der Tochter des Geheimraths, Kämmerers und Lieblings des Kaiſers, geführt haben. Wie bei der erſten Heirath der Reichthum in die Waagſchale fiel, ſo wollte er ſich durch die zweite Einfluß am Wiener Hofe verſchaffen. Ich bin nun ſchon lange um des Herzogs Perſon, aber ich ſah ihn ſtets nur die gebotenen Formen des Herkommens gegen ſeine Gemahlin beobachten. Dagegen äußert er eine ungemeine Zuneigung und Herzlichkeit für ſein einziges Töchterchen, deſſen Liebreiz freilich auch kein Menſch widerſteht. Ich habe den ſonſt ſo ernſten Mann wiederholt bei harmloſer Tändelei mit dem herzigen Kind überraſcht. Da waren die Runzeln der Stirne geglättet; die Augen blickten nicht düſter, wie dann, wenn er nachdenklich in ſeinem Gemach auf und ab geht, und auch der Ton ſeiner Stimme klang ganz anders wie ſonſt.“ „Du haſt von einem Teſtamente der erſten Gemahlin geſprochen; ſollte dies etwa mit den Papieren im Zuſammenhang ſtehen, welchen der Herr, ohne bis jetzt eine Spur von ihnen finden zu können, ſchon ſo lange nachforſcht? Das Verlangen, in den Beſitz dieſer Documente zu kommen, hat ihn zu einem guten Theil beſtimmt, hier auf einige Zeit ſeinen Wohnſitz zu nehmen; denn in dieſem Schloſſe ſollen dieſelben bis zu ihrem räthſelhaften Verſchwinden verwahrt worden ſein.“ „Darüber vermag ich Dir keine Auskunft zu geben“, erwiderte Magdalene;„die Baſe hat zwar ſchon verſchiedene Male in geheimnißvoller Weiſe von „Papieren“ geſprochen, ich wurde aber aus der Sache nicht klug. Ihr Geiſt iſt eben ſchwach, und wenn ſie auch manchmal vergangener Zeiten gedenkt, ſo ſind ihre Reden darüber ſo verworren, daß man nicht weiß, was ſie will. Hoffen wir, daß der Wunſch des Herzogs ſich erfüllt. Ich kann mich nur noch wie im Traume auf ihn entſinnen und wünſchte, den Mann wohl auch einmal zu ſehen, von deſſen Kriegsruhm die ganze Welt ſpricht. Leider wird dies ſchwerlich der Fall ſein, denn wir verlaſſen vorausſichtlich noch vor ſeiner Ankunft das Schloß. „Wie“, fragte Georg, „Ihr wolltet die Burg verlaſſen, wo Du eine ſo ſchöne Heimath gefunden und die Baſe ihr ganzes Leben zugebracht hat? Einen beſſern Aufenthalt findet Ihr nicht.“ Die Alte war aufmerkſau geworden und wandte den Beiden ihr Angeſicht zu. „Du haſt Recht, Georg“, nahm ſie das Wort. „Das ſage ich immer; was ſollen wir in der Fremde? Niemand kennt, Niemand will uns! Diejenigen, mit welchen ich einſt draußen verkehrte, ſind alle läugſt todt. Hier iſt es ſo heimlich und ſtill. Wohl habe ich in dieſen Räumen als Leibdienerin der ſeligen Gräfin manches Bittere erlebt, aber ſie ſind mir dennoch theuer; und ich meine, wenn ich nicht mehr unter dem Wappen der Familie Landeck wandele, wenn ich nicht wmehr das Rauſchen der Oslawa höre, müſſe ich ſterben.“ Ihre Stimme war zum Flüſtern herabgeſunken, und traurig ſenkte ſie den Kopf auf die magere Hand. (Fortſetzung folgt.) — 6 — Sylbeſterabend in Oberammergau. So ein Wintertag im Gebirge dauert eine gar kurze Spanne Zeit, noch viel kürzer als im Flachlande, und die Zeit, da die Sonne auf das weite Schneefeld herabſcheint, bemißt ſich auf nur wenige Stunden. Schon gegen Nachmittag 2 Uhr geht in Oberammergau die Sonne hinter dem Wahrzeichen des Paſſionsortes, dem Kofel, hinab, jenem grotesken Berggipfel, der faſt über die Häuſer hereinzuhängen ſcheint, und dann iſt es in den niederen, aber behaglichen Stuben der Schnitzer nicht viel mehr als Dämmerung. Heute am Sylbveſterabend thut das nichts. Freilich vor Weihnachten mußte man bis ſpät nachts am Schnitzſtuhl ſitzen, um die hübſchen Krippenfigürchen, die Kameele und Lämnmichen u. ſ. w. zu ſchnitzen oder ſchöne Chriſtkindlein in Holz auszuhauen, und die Faßmaler haiten alle Hände voll zu thun; die Verleger, welche die Beſtellungen annehmen und beſorgen und in deren Auftrag die Schnitzer ihre Beſchäftigung und damit ihr ſicheres Brod haben, drängen und treiben, denn am heiligen Abend muß alles an Ort und Stelle ſein, und zwar weit draußen in der Welt. Jetzt tritt eine kleine Ruhepauſe ein, dann kommen die Kreuzwege und „heiligen Gräber“ daran. Mein Gott, wie würde es den Ammergauer Schnitzern ergehen, wenn heute die Socialdemokraten und Nihiliſten Recht erhielten und mit allem religiöſen Cultus aufräumten; dann dürften ſie gleich auf und davon gehen, und das Paſſionsſpiel, das dürften ſie erſt recht ſein laſſen. Aber das weiß der Oberammergauer ganz gut, und wenn er auch ſich in frohen Zeiten freut und vergnügt, nicht mehr und auch nicht weniger als es anderortens geſchieht, höchſtens mit etwas künſtleriſcherem Hintergrunde, ſo iſt er in den heiligen Zeiten ein fleißiger und vom Herzen andächtiger Kirchenbeſucher und hängt treu am angeſtammten Glauben, an Kirche und althergeſtammtem Gebrauch. Wie ſchön und feierlich ſind doch die„Engelämter“ gehalten worden und in den Weihnachtstagen die Feſtgottesdienſte; gegen 40 Perſonen haben am Chor mitgewirkt, daß ſich keine Stadt ſolcher Muſik zu ſchämen bräuchte. Erſt heute am Sylveſterabend haben ſie eine große Kempter⸗Meſſe aufgeführt, und die ganze volle Kirche hat beim Schalle der prächtigen neuen Orgel das Tedeum mitgeſungen. Damit iſt aber der Verrichtungen der Muſiker noch kein Ende. Heute gehen ja die „Sternſänger“. Was ſind denn die „Sternſäuger“? Der Verfaſſer des dermaligen Paſſionstertes, der im beſten Andenken ſtehende geiſtliche Rath Daiſenberger, ſchreibt in ſeiner Chronik von Oberammergau: „Für die erwachſenen Jünglinge iſt das Wettlaufen bei den Hochzeiten und das Sternſingen in der Neujahrsnacht, wobei der Weihnachtsſtern unter Ab ſingung von Neujahrslieder von einer Schaar junger Leute, den „Stearabueba“, im Dorf herumgetragen wird.“ Daraus geht hervor, daß das Sternſingen ein Privilegium der ledigen Burſchen des Ortes war, und in der That wurde auch bis in die achtziger Jahre der Stern von den Ledigen im Dorfe herumgeleitet und die Muſiker nur zum Spielen gegen Bezahlung engagirt. Jedes Haus wurde beſucht und jeder einzelnen Perſon ein Gratulationslied geſungen. Darüber verging die ganze Nacht. Jetzt iſt dieſes Privilegium auf die Muſiker, gleichviel ob ledig oder verheirathet, übergegangen, doch der Sternträger muß immerhin noch ein Lediger ſein. Auch wird nur mehr an den „beſſeren“ Häuſern geſungen und an den andern ein flotter Marſch vorbeigeblaſen; da wird man doch früher fertig; am Ende iſt es auch kein Spaß, in der Kälte auf offener Straße herumzuſtehen, daß einem die Inſtrumente und Naſen und Ohren zugleich eingefrieren. Gegen ½5 Uhr kommen die Muſiker im Gaſthaus „um Stern“ zuſammen, eine ſtatlliche Zahl, gegen 35 Mann, und alle Inſtrumente ſind vertreten, vom Bombardon bis zum Piccolo und von der großen Trommel bis zur Clarinette; es iſt eine rechte ſog. türliſche Muſik. Die ganze Dorfjugend paßt ſchon, bis der „Stearabua“ herauskommt. Halloh, da iſt er ja ſchon. In der Hand hält er auf hoher Stange den mächtigen Stern; er glänzt mit ſeinen acht Strahlen in allen Farben und iſt von innen noch dazu transparent beleuchtet; die Strahlen ſind beweglich und rotiren um ein liebliches, transparent gemaltes Jeſukindchenbild. Wenn ſich die Strahlen ſo ſchnell im Kreiſe drehen, dann entſteht eine zauberhafte Farbenwirkung, wie bei den beweglichen Sternen einer Laterna magica. Nun macht man ſich auf den Weg. Luſtig erklingen die ſchneidigen Weiſen eines Militärmarſches, unter welchem man beim erſten Hauſe ankommt. Nur ein paar Poſaunen, Hörner und Clarinetten ſetzen jetzt ein, und die übrigen ſingen zu dieſer Begleitung ein einfaches, altes, lebliches Weihnachtslied. Kopf an Kopf ſteht alles vor dem Hauſe, und die Hausbewohner treten an die Schwelle des Hauſes und lauſchen in andächtiger Freude. Dann tritt der Muſikmeiſter vor und wünſcht dem Hausherrn mit kräftigem Handſchlag ein gutes neues Jahr; alles ruft den gleichen Ruf, und der Stern ſchwingt ſich luſtig im Kreiſe. Dann geht es zum nächſten Hauſe, während die große Trommel eingeſchlagen und wieder ein Marſch geblaſen wird. Die Texte der Lieder ſtammen noch zum Theil vom erſten Paſſionsdichter Pater Ottmar Weiß und zum Theil vom geiſtlichen Rath Daiſenberger; ſie ſind einfach und paſſen ſo recht in eine kindlichfrohe Weihnachtsſtimmung. Alles freut ſich damit, und kein Oberammergauer würde ſeinen Stern hergeben. Der ganze Gang dauert immerhin mehrere Stunden, und es iſt fchon gegen 10 Uhr, da kommen die Muſiker wieder in ihrer Wirthsherberge „zum Stern“ an. Da braucht es gut aufwärmen. Man ſitzt fröhlich beiſammen, während die Muſik ein würdiges Programm abſpielt. Die Stunde der Mitternacht naht. Dreiviertel zwölf Uhr wird zuſammengepackt, und möglichſt leiſe wird zum Dorfe hinausgezogen mit verhülltem Stern. An der Ammerbrücke warten ſchon dunkle Geſtalten. Es wird Minute um Minute gezählt. Jetzt tönt der erſte Schlag der Uhr und verkündet die Stunde des neuen Jahres; im ſelben Augenblick erhebt ſich der Stern, „bumm, tſchin“ ſchlägt die ganze, 35 Mann ſtarke, volle Muſik ein, und nun geht's mit Trompetengeſchmetter, Flöten- und Clarinettenklang, Trommelwirbel und Tſchinellenſchlag durch das ganze Dorf. Alt und Jung geht mit; alles, was auf der Straße iſt, folgt dem Zuge. Die Fenſter erhellen und öffnen ſich, da wird heruntergerufen und hinaufgerufen, es iſt ein unbeſchreibliches Jubeln und Jauchzen, bengaliſche Flammen leuchten auf, es iſt wirklich eine Feſtſtimmung ohne Gleichen. Und wie iſt es erſt, wenn die Uhr den Aufang eines neuen Paſſionsjahres verkündet! Wie mag es erſt ſein, wenn ſie mit 1900 ein neues Jahrhundert und Paſſionsjahr zugleich verkündet? Iſt das entgegengeſetzte Ende des Ortes erreicht, ſo marſchirt der Zug zurück zum Gaſthaus. Da gibt es ein Händeſchülteln und Lachen und Weinen zugleich; — 7 — die Oberammergauer ſind Geſühlsmenſchen durch und durch und laſſen ihr Hexz ſprechen in Freud und Leid. Manches herbe Wort des alten Jahres, mancher Streit wird mit dem Händedruck der Mitternachtsſtunde vergeſſen und vergeben, und in Liebe und Friede beginnt man das neue Jahr. Möge es allzeit ſo bleiben! Ferd. Feldigl. Theodor Billroth über den ärztlichen Veruf. In der Hahn'ſchen Buchhandlung in Hannover und Leipzig erſchien ſoeben eine von Dr. G. Fiſcher herausgegebene Sammlung von 420 Briefen, die Theodor Billroth an meiſt noch lebende Profeſſoren der Medizin und Chirurgie, ſowie an intime Freunde wie Johannes Brahms gerichtet hat.Sie umfaſſen die Zeit von den Studentenjahren bis kurz vor dem Tode des großen Chirurgen. Geiſtreich im beſten Sinne, anregend, vielſeitig und jederzeit großmenſchlich, iſt dieſe Correſpondenz beſonders dort, wo ſie Billroth's Anſichten über ſeinen Beruf wiedergiebt, von tiefem Intereſſe. Ein Vetter des Gelehrten, Rittergutsbeſitzer Toppius, der ſeinen Sohn Medizin ſtudieren laſſen will, erhält von dem Gefeiertſten der Aerzte das folgende reſignierte Schreiben: „Spärlich ſind die Freuden des Arztes: hier und da treue Anhänglichkeit der Patienten; zuweilen, doch nicht oft, auch mit materiellem Nachdruck; Dankbarkeit für die größte Pflichttreue, ja ſelbſt für Opfer ſelten. Freude an einer gelungenen Kur, Bewußtſein der Pflichterfüllung, das iſt meiſt das Höchſte, was der Arzt erreichen kann. Du meinſt vielleſcht, ich male zu ſehr in Schwarz; doch wenn Dein Robert einmal nach 20 Jahren dieſe Zeilen in die Hände bekommen ſollte, ſo wird er mir vielleicht Recht geben. Hat er einmal eine entſchiedene Neigung Arzt zu werden, ſo darf ihn das Alles nicht ſtören. Du wünſcheſt, daß ich Dir offen und ausführlich darüber ſchreibe. Fürchte nicht, daß es ſo weiter geht; das Schlimmſte iſt geſagt, und am Ende iſt es auch nicht viel ſchlimmer, wie mit manchem anderen Lebeusberuf. Was iſt die Haupteigenſchaft, um ein guter Arzt zu ſein? Mein hieſiger College Nothnagel, deſſen Buch über Nervenkrankheiten Dein Robert ſpäter ſchätzen lernen wird, ſagte in ſeiner Antrittsrede als hieſiger Profeſſor der inneren Klinik unter Anderem: „Nur ein guter Menſch kann ein guter Arzt ſein.“ Dies iſt auch meine Meinung; es iſt die Grundbedingung für den inneren, ja meiſt auch für den äußeren Erfolg der ärztlichen Thätigkeit. Ich möchte zu dem „guten Menſchen“ noch hinzugefügt wiſſen: und „gut erzogen“, d. h. in einer Familie, in der ein wohlwollender Geiſt gegen alle Menſchen lebt. Das trifft ja Alles bei Deinem Robert zu. Er muß einen unwiderſtehlichen Drang zum Helfen anderer unglücklicher Menſchen haben, zunächſt angeboren und anerzogen; dann kommt er ſpäter auch auf dem Wege geläuterter Empfindung und Lebenserfahrung durch Reflexion zu der Ueberzeugung, daß, ſoviel der ſittlich erzogene Menſch auch nach Glück jagen mag, er doch ſchließlich das Glück weſentlich darin findet, Andere nach Kräften glücklich zu machen. Nur in dieſen Punkte darf er egoiſtiſch ſein, ich meine ſich ſelbſt glücklich machen, und zwar ſo viel als er kann. So wie dies aus der ſittlichen Erziehung entſpringt, ſo wird es auch immer wieder neue Quelle innerer Läuterung, Stärkung des Pflichtgefühls, Befeſtigung eigener Sittlichkeit. Trifft ihn ein Unglück, ſo wird er in der Hilfe Anderer, die noch unglücklicher ſind als er, Troſt und Stärkung zu neuem Aufſchwung nehmen.“ Im April 1885 klagt er ſeinem Vetter: „Mein Ehrgeiz iſt überſättigt, an Anerkennung und Auszeichnungen habe ich mehr, als ich brauche; ich trachte, ſür meine Kinder Geld zu erwerben und mich ſo zu ſituiren, daß ich mit dem Jahre 1890 meine Stelle niederlegen kann.“ Dieſelben Töne klingen noch ergreifender in einem Schreiben nach Frankfurt vom 28. Oktober desſelben Jahres wieder: „Was mich betrifft, ſo iſt die Leidenſchaft, die mich am mächtigſten beherrſchte, der Ehrgeiz, völlig befriedigt und erſchöpft. Ich leide nur unter dem Vorwurf, den ich mir machen muß, daß ich immer intereſſeloſer meiner Wiſſenſchaft und meinem Beruf gegenüber bin. Die Ohnmacht unſeres Wiſſens und Könnens drückt mich oft ſchwer darnieder; dazu daß mein Schaffen, meine Produktionskraft zu Ende iſt. Dreiviertheil der Kranken, welche bei mir Hilfe ſuchen, bei meiner internationalen Praxis, ſind unheilbar. Ich habe das Unglück gehabt — Andere nennen es Glück und Verdienſt — Talente raſch zu erkennen und die Talentvollſten längere Zeit an mich zu feſſeln. Nun arbeite ich mit hunderten von Schülern in allen Ländern und Welttheilen und war ſo dumm, ihnen immer das Beſte zu ſagen, was ich wußte. Was iſt die Folge? Ich habe mich völlig überflüſſig gemacht. Die Tradition an meiner Klinik iſt ſo mächtig, daß der jüngſte Aſſiſtent jede größte Operation ebenſo gut macht wie ich. Darauf hin bin ich ſtolz. Doch Stolz iſt eine ſehr unfruchtbare Eigenſchaft. Nun habe ich mich auf manche humanitäre Gebiete geſtürzt; doch da geht es mir wie dem Zauberlehrling, ich kann die Waſſerſtröme nicht mehr beſchwören, denn die Zauberformel: ich will nicht mehr mitthun! ich hab' es ſatt! darf ich nicht ausſprechen. So wird nun meine Zeit wieder in anderer Weiſe zerpflückt, und müde und matt von allen Ausſchuß, Kommiſſionsſitzungen und Präſidien da und dort frage ich mich: was bleibt für mich? und meine Familie fragt: was bleibt für uns?.. Drei Töchter ſind mir von 6 Kindern geblieben...“ An ſeinen Freund Czerny in Heidelberg ſchreibt Billroth am 30. Oktober 1889: „Ich habe hier noch einige Aufgaben zu löſen: die Vollendung des Rudolfinerhauſes, den Neubau einer chirurgiſchen Muſterklinik im erſten Hof des Allgemeinen Krankenhauſes, und wenn möglich auch den Bau eines anſtändigen Hauſes für die k. k. Geſellſchaft der Aerzte. Ich muß überall meine Perſönlichkeit feſt und wiederholt einſetzen, um dieſe Dinge langſam, langſam weiter zu ſchieben. Niemand hilft mir die vielen paſſiben und altiven Widerſtände zu überwinden. Manchmal bin ich ganz verzweifelt über die Indolenz und Trägheit der Menſchen. Dann gibt es wieder einen kleinen Stoß vorwärts, und ich faſſe wieder Muth. Sollte es mir gelingen, dieſe Werke für Muſterkrankenpflege, für den kliniſchen Unterricht, für das kollegiale wiſſenſchaftliche Leben zu Stande zu bringen, dann, denke ich, wird man es mir nicht verübeln, wenn ich mich zur Ruhe begebe. Doch ich habe mich zu ſehr überzeugt, daß in dieſen Dingen nur durch perſönlichen Einfluß etwas durchzuſetzen iſt: drum muß ich vorläufig noch aushalten, wenn ich auch des Schulmeiſterns oft recht müde bin und mich ſelbſt krampfhaft dazu anregen muß.“ — 8 — Im Herbſt 1891 berichtet er einem anderen Freunde Dr. v. Mundhy, wie folgt:„Was meinen körperlichen Zuſtand betrifft, ſo habe ich die Empfindung, daß Nothnagel mir ungefähr dasſelbe ſagen würde, wie Ihnen einſt Bamberger, wenn ich die leiſeſte Spur einer Pneumonie oder einer kapillaren Bronchitis attrapiren würde:„Adieu, lieber Billroth! leb' recht wohll!“ Ich pulvre mich mit Strophantus und Cognac auf, und wer mich in dieſen Tagen in der Klinik hörte, oder operieren ſah, wird ſich vielleicht denken: der Menſch iſt nicht umzubringen! Und doch habe ich bei den ſonderbaren Kapriolen, welche mein Herz macht, die Empfindung, daß es ſich auch einmal den Spaß machen könnte, ganz ſtill zu ſtehen! Denken Sie den Jubel unter den jungen Chirurgen. Da man meine Stelle nicht mit einem Privatdocenten beſetzen wird..., ſo wird es eine Reihe von Verſchiebungen und Verbeſſerungen für viele meiner jungen Freunde geben, und ſo wirke ich noch nach meinem Tode erfreulich und erwerbe mir wahrhafte, perſönliche Dankbarkeit. Es iſt eigentlich ſchändlich, daß ich, den die Schüler ſo auf den Händen tragen, ſo daher ſchwätze; doch der Galgenhumor bringt Allerlei. Die größte Dampffpritze der Welt, und gleichzeitig die erſte, die auch mit Dampf fährt, beſitzt ſeit einiger Zeit die Stadt Hartford (Conn.) in den Vereinigten Staaten von Amerika. Dieſe leiſtungsfähigſte aller bis jetzt erbauten Dampfſpritzen iſt 10 Fuß hoch und 17 Fuß lang und kann in der Minute 6130 Liter Waſſer geben. Bei ihrer Probirung ſchleuderte ſie durch einen 50 Fuß langen Schlauch von 3½ Zoll Durchmeſſer einen Strahl 360 Fuß weit und 2 Ströme von gewöhnlicher Stärke auf eine Entfernung von 300 Fuß, Die Heizeinrichtung iſt ganz die einer Locomotive. Die Fortbewegung der Dampffſpritze geſchieht, wie ſchon erwähnt, ebenfalls durch Dampfkraft. Innerhalb weniger Minuten iſt ſie zum Abfahren fertig und fährt alsdann außerordentlich ſchnell. Die Uebertragung der Kraft auf die Achſe der Hinterräder erfolgt nach einer Mittheilung des Patent⸗ und techniſchen Bureaus von Richard Lüders in Görlitz durch eine endloſe Kette. Trotz der großen Geſchwindigleit kann die Maſchine auch an den ſchärfſten Kurven leicht gelenkt und ziemlich raſch zum Stehen gebracht werden. * Ein Tiſch im Werthe von 20,000 Mark, ein wahres Prachtſtück des deutſchen Kunſthandwerkes, iſt gegenwärtig in einer Berliner Hof⸗Möbelfabrik fertiggeſtellt worden. Dieſer für den Speiſeſaal eines reichen Bürgers nach eigenen Angaben entworfene und gefertigte Schautiſch zeigt eine Platte in reicher venetianiſcher Moſaikarbeit mit Valuten und Blattwerk in herrlicher Farbenharmonie. Die ſchwere Platte wird von Säulen aus numidiſchen Marmor getragen. Die Haupttheile dieſes herrlichen Kunſſwerkes, das ſtaunenswerthe Schnitzereien aufweiſt, ſind aus italieniſchem Nußbaumholz gefertigt. Dieſer Tiſch, an dem eine große Anzahl Arbeiter faſt 2 Jahre gearbeitet haben, bildet nach Mittheilung des Patent⸗ und techniſchen Bureaus von Richard Lüders in Görlitz nur ein Stück einer einzigen ZimmerEinrichtung im Werthe von einer halben Million Mark. * Zarte Familienbande. Der Großvater des Bauern liegt im Sterben. Die Familie umringt das Bett] des Todkranken und kann ſich vor Weinen und Schluchzen nicht faſſen. Da trilt der Hofbeſitzer zum Arzt und ſagt:„Erhalten Sie ihn uns, lieber Herr Doktor! Wenigſtens acht Tage noch — dann können wir ruhig das Heu einbringen.“ * Mißtrauiſch. Herr [zum Kellner, bei dem er Haſenbraten beſtellt hat]; Haben Sie auch Katzen im Hauſe? — Kellner: Nur eine, aber die iſt ſeit vorgeſtern abgängig — das Vieh muß ſich verlaufen haben. — Herr: Wiſſen Sie was, bringen Sie mir doch lieber Schweinebraten! Der kleine Gärtner. „O ihr blumenfrohen Herzen! Braucht ihr keinen Gärtner mehr? Gerne möcht' ich mich verdingen, Lohn und Handgeld ſind nicht ſchwer.“ Singend zog der Gärtnerknabe Durch die Wintereinſamkeit, Daß ich froh ihn hab' gedungen, Für die ſchöne Blüthenzeit. Und es grub und hackt' im Herzen Mir ſo ganz erbarmungslos, Daß ich ſelbſt mit meinen Thränen Seine friſche Saat begoß. Lieblich ſproßten bald die Blüthen, Weiß und roth und himmelblau! Und es ſtand der kleine Gärtner Betend in der bunten Au. Seine Arbeit zu vollenden Legt er in die Blumenpracht Mir das holde Gotteskindlein Zu des Herzens Gartenwacht. W. Kreiten Röſſelſprung. durch hül gel bolu nur ter tönt kei vo men ſil grün ſang ne ſchwirrt win ber blickt len blüh'n und das girrt mit nur kein klei die ter eis um ſter nen win das ach ner weiß fro aus fen len wei auf nur fut fen mernd ter meid ſter je chen die blüht hem fül ſe blüm ſe ge klang flim am Unterhaltungsblatt zur „Augsburger Poſtzeitung“. № 2. Dienstag, den 7. Januar 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literariſchen Inſtituts von Haas & Grabherr in Augsburg Vorbeſitzer Dr. Max Huttler). Der Jakobs-Stern. Es wird ein Stern aus Jakob aufgeh'n, und ein Scepter aus Israel kommen. Als uns die Jungfrau hold den Herrn In Bethlehem zur Welt gebracht, In jener Zeit erſchien ein Stern Und ſtrahlte leuchtend durch die Nacht. Zu ihm empor flog mancher Blick, Und manche Frage ſtieg hinauf; Doch keine Antwort kam zurück, Der Stern zog ſeinen ſtillen Lauf. — In fernen Landen aber ahnten Drei Weiſe dieſes Sternes Kunde, Sie hofften auf den Gottgeſandten Und wußten nahe nun die Stunde, Und folgten gläubig aus der Ferne Dem wunderbaren Jakobs⸗Sterne. Den Arberfürſten trägt ſein Roß Voran der Diener ſtolzem Troß, — Dem weitausſchreitenden Kameele Fliegt ſehnſuchtsvoll voraus die Seele Des jungen Aethiopen⸗​König; Ihm deucht des Adlers Flug zu wenig. Und Balthaſar ſogar, der greiſe, Beſchleunt voll Ungeduld die Reiſe. Doch ſiehe, nah' bei Salems Thoren, Da haben ſie den Stern verloren; Der Tempelzinnen gold'ne Pracht, Der Königsveſte ſtolze Macht Hat ihren Blick auf ſich gebannt Und ihn vom Sterne abgewandt. „Dort muß der neue König ſein!“ So denken ſie nach Menſchenart Und zieh'n in Salems Thoren ein Und glauben ſich am Ziel der Fahrt. Sie fragen nach dem Königsſohn, Erregen Furcht und ernten Hohn; Und ihre Seele iſt verwirrt, Dem Wand'rer gleich, der ſich verirrt. — Doch ſieh, kaum haben ſie verlaſſen Jeruſalems entweihte Gaſſen, Da leuchtet hell und freundlich wieder Der wunderbare Stern hernieder Er führt ſie hin durch Bethels Auen Bis zu der ſtillen Gnadengrotte, Läßt ſie im Kind die Gottheit ſchauen — Und gläubig opfern ſie dem Gotte! — O folg' auch Du dem Gnadenzuge Stets unentwegt in raſchem Fluge! Laß von der Welt Dich nicht verblenden, Den Blick vom Sterne abzuwenden. Nicht wo der Staub in Goldesſchein Sich gleißend hüllt und lockt und täuſcht; Nein, wo vom Kreuz ein Splitterlein Entſagung oder Demuth heiſcht, — Dorthin führt dich der Jakobs⸗Stern O folg' und opfere dem Herrn! — Gerhauſer. Die Aſtrologen. Hiſtoriſcher Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Benno. (Fortſetzung.) „Aber dann verſtehe ich nicht“, entgegnete Georg, „was Euch veranlaßt den Wohnſitz zu wechſeln. Durch das kleine Jahrgehalt iſt das Auskommen für Euch Beide geſichert; Ihr genießt freie Wohnung und auch ſonſt iſt Euch noch mancher Vortheil gewährt...“ „Nur noch kurze Zeit“, fiel Magdalene ein; „der Schloßhauptmann hat uns erklärt, daß wir ausziehen müſſen!“ „Müſſen!“ eiferte Georg. „Leßlie will die Pflegetochter des Mannes, durch deſſen Vermittelung und Fürſprache er ſeine Stelle bekam, und die alte blinde Leibdienerin ſeiner ehemaligen Herrin aus dem Hauſe treiben? Das darf nicht ſein! Ich trage die Sache dem Herzoge vor und bin überzeugt, daß er den harten Befehl des Schloßhauptmanns rückgängig macht!“ „Nein, mein Kind, thue das nicht“, bat ängſtlich die Alte. „Leßlie iſt wohl nicht ſo böſe, wie Du meinſt; er hat auch nicht gerade davon geſprochen, daß wir das Haus räumen müſſen, wenigſtens habe ich nichts davon gehört. Magdalene allerdings behauptet, ſie habe es deutlich verſtanden. Sie hat ihn eben etwas verdrießlich 10 gemacht, weil ſie immer ſo abſtoßend gegen ihn iſt, ob— gleich er es gut mit ihr meint.“ „Ich bitte Dich, Vetter“, unterbrach das Mädchen in unverkennbarer Verwirrrung die Alte,„ſprich nicht mehr davon! Wir haben ſchon eine Wohnung gemiethet und ziehen die nächſte Woche ins Städtchen hinab.“ „Aber ſo ſagt mir doch ums Himmels willen“, drängte Georg ungeduldig,„was Leßlie gegen Euch hat.“ „Heirathen möchte er die Lene“, ſagte die Alte, „und ſie will nicht, das iſt Alles!“ „Was?“ entgegnete Georg, vom Seſſel aufſpringend. „Leßlie, der fünfzigjährige, trübſelige, unausſtehliche Menſch, Dich heirathen? Daraus wird nichts!. Welche Zumuthung“, fügte er mit einem Blick in die Augen des Mädchens hinzu, der mehr als das wohl— wollende Intereſſe des Jugendgeſpielen verrieth,„Dein junges, blühendes Leben an ſein düſteres Daſein zu ketten! Iſt der Kerl denn verrückt?“ „Gerade darum“, erklärte Magdalene mit ſanftem Exröthen,„weil ich auf die Anträge des Schloßhaupt— manns niemals eingehen kann, müſſen wir die Burg räumen.“ „Freilich“, fing die Alte wieder an,„wir müſſen fort, und zwar ganz allein deswegen, weil Lene ſich in der letzten Zeit gegen Leßlie wirklich unartig benahm. Denke Dir nur, Georg, er hatte Beſuch von einem feinen, vornehmen Herrn, wie mir der Schloßvogt ſagte, einem Officier im Wallenſteiniſchen Heer. Mit dieſem wollte er der Lene ſeine Aufwartung machen, aber das ein— fältige Ding wies ihn ab. Man könnte faſt meinen, die Lene ſei eine Prinzeſſin, ſo ſtolz thut ſie!“ Georg, deſſen Mienenſpiel bei den eifrigen Worten der Alten eine augenſcheinliche Genugthuung ausdrückte, wollte antworten, da ging die Thüre auf, und ein alter ehrwürdiger Herr im Prieſterrock trat in das Gemach. Ein freudiges Erglühen flog über des jungen Mannes Geſicht. Er eilte auf den Greis zu und führte deſſen Hand ehrfurchtsvoll an ſeine Lippen. „Pater Vincenz“, bat er,„verzeiht, daß ich Euch nicht zuerſt begrüßt habe. Ihr wißt ja, daß dieſes Zim— mer von jeher mein Lieblingsplatz war. Auch heute konnte ich dem Drange nicht widerſtehen, ſofort nach meiner Ankunft hierher zu eilen.“ Der alte Herr lächelte gütig.„Gott ſegne Deinen Eingang in dieſes Haus. Was führt Dich zu uns?“ „IIch bin vom Herzog geſandt, um für ihn und großes Gefolge Quartier zu beſtellen.“ „Der Herzog kommt!“ rief Pater Vincenz überraſcht; „es freut mich, den Herrn vor meinem Ende noch ein— mal zu ſehen. Auch Euch“, wandte er ſich an die Alte und Magdalene,„habe ich eine gute Nachricht zu bringen: aus dem Umzuge in's Städtchen wird nichts. Ihr habt die Worte und, wie es mir faſt ſcheinen will, auch die Abſicht des Schloßhauptmannes falſch aufgefaßt. Er bereut ſeine Heftigkeit und gab mir den Auftrag, Euch um Entſchuldigung zu bitten.“ „Gott ſei Dank“, murmelte die Alte und faltete die Hände,„nun darf ich doch hier mein letztes Stündlein erwarten. Ich hatte alſo doch Recht.“ „Wie iſt denn das möglich!“ rief Magdalene.„Wir wurden doch heute abermals auf's ſchärfſte von ihm bedroht.“ „Allerdings“, erwiderte der Pater.„Dies ſcheint der letzte Trumpf geweſen zu ſein, den er zur Erreichung —*8— ſeiner Abſichten ausgeſpielt hat. Ich redete ihm jedoch, meinem Verſprechen gemäß, mit allem Ernſt in's Ge— wiſſen, ſo daß er in ſich ging und ſchließlich nachgab.“ „Habt Ihr aber auch nichts vergeſſen, Hochwürden?“ fragte ängſtlich das Mädchen. „Sei ohne Sorge“, beruhigte ſie der alte Herr lächelnd,„es iſt alles in Ordnung. Nachdem Leßlie exrkannt, daß Du von ſeinem Plane ſo ganz und gar nichts wiſſen willſt, tritt er zurück.“ „Das wollt' ich ihm auch gerathen haben!“ rief Georg hitzig.„Wie der alte Patron, der ſliets ein Geſicht macht, als hätte er Gift und Galle im Mund, überhaupt nur den Gedanken faſſen konnte, um Magdalene zu freien? Schon die Abſicht verdient eine Strafe, die ihm auch bei der exſten Gelegenheit zu Theil werden ſoll. Ich will ſchon dafür ſorgen, daß dem grauen Sünder die Luſt zum Scharmutziren vergeht.“ „Pfui, Georg,“ verwies der Pater mit ernſtem Ton,„Du wollteſt Dich rächen? Ach, er mag wohl der Liebe bedürfen! Leßlie ſteht allein in der Welt; er ſieht, mit welcher Sorgfalt und Opferfreudigkeit Frau Anna von Magdalene gepflegt wird, und iſt überzeugt, daß dieſe gegen ihren Gatten ſich ebenſo zeigen würde. Er iſt reich, ſie ohne Vermögen. Niemand kann ihm ſeine Neigung verübeln, wenn es ſich je um eine ſolche handelt, was noch nicht einmal beſtimmt ausgemacht iſt; denn Magdalene hat ſeinen Antrag gar nicht gehört.“ Den jungen Mann ſchien dieſe Eröffnung ſtutzig zu machen; gleichwohl gab er ſein Vorurtheil noch nicht auf. „War das ein Grund“, fiel er dem Prieſter heftig in's Wort,„ſie und die Baſe ohne weiteres aus dem Hauſe zu werfen? Ihr ſeid viel zu gut, Hochwürden; Ihr entſchuldigt alles und ſeht alles in beſſerm Licht!“ „Ja, ich liebe die Menſchen“, ſagte der Greis, „und dieſer Mann iſt nicht ſo ſchlimm, wie Du meinſt. Körperliche Leiden, mit einem unverkennbaren Zwieſpalt der Seele vereinigt, mögen eine fortwährende Mißſtim— mung in ihm erzeugen, die eine liebende Frauenfürſorge vielleicht zu verſcheuchen vermocht hätte!“ „Und dieſen Dienſt ſollte dem ſchlauen Patron Magdalene erweiſen!“ fuhr Georg fort;„er meint es wirklich vortrefflich mit ihr. Ich bleibe dabei, Hoch— würden, Ihr ſeid für dieſe Welt viel zu nachſichtig und gut. Ich glaube, ſelbſt den Ketzern würdet Ihr das Wort reden, obgleich aus dem heilloſen Unfug dieſer Querköpfe alles Elend im Lande entſprang.“ „Warum denn nicht?“ entgegnete der Pater;„ſind ſie doch Ebenbilder Gottes und zur ewigen Freude be— rufene Geſchöpfe, wie wir.“ Die ernſten Worte des Prieſters verfehlten ihre Wirkung nicht. Selbſt Georg wagte keinen Widerſpruch mehr, obgleich die milde Nachgiebigkeit des alten Herrn in ſeinem feurigen, von dem Geiſt der Zeit beherrſchten Gemüthe nuur einen ſchwachen Wiederhall fand. Er lenkte das Geſpräch ab. „Iſt Leßlie immer noch—?“ fragte er mit einer Pantomime, welcher Pater Vincenz ſofort verſtand. „Derſelbe wie früher“, erwiderte er,„mißmuthig, düſter, und ſein altes Uebel, bei Nacht im Schlafe zu wandeln, hat ſich eher noch verſchärft, als vermindert.“ Der Leibjäger dachte ſchon nicht mehr an die Rüge, welche ihm durch den geiſtlichen Herrn ertheilt worden war.„Und ein ſolcher Menſch will heirathen!“ brach —sw*—F — 11 — er los. „Am Tage ſchneidet er Geſichter und rollt die Augen, daß man die kleinen Kinder vor ihm verbirgt, bei Nacht aber, wenn andere ehrliche Leute in ihren Betten liegen, ſpaziert er umher!“ „Ich ſehe“, ſagte Pater Vincenz kopfſchüttelnd, „daß Wohin nun? Originalzeichnung von E. Tetzner. Du Deinen Erbfehler, die Neigung zu Neckereien und Spott, trotz all' meinen ernſten Ermahnungen noch immer nicht abgelegt haſt. Gebe Gott, daß Dir aus dieſer Untugend nicht einmal Verdruß oder am Ende noch Schlimmeres erwächſt!“ Auf dem Vorplatze dröhnten ſchwere Schritte, und bald darauf trat ein hagerer, großer Mann in das Zimmer. Unter den dunkeln Brauen blitzen ein Paar ſtechende Augen hervor, die im Verein mit der gerunzelten Stirne und den ſchmalen, zuſammengekniffenen Lippen dem ganzen Geſichte etwas Unheimliches und Abſtoßendes gaben. Der Mode jener Zeit gemäß trug er ſich in ſchwarzem, ſammtbeſetztem Tuch nach ſpaniſchem Schnitt. Ueber Bruſt und Schulter fiel ein ausgezackter Spitzenkragen, an der Hüfte glänzte ein Degen mit ſilbernem — 12 — Griff. In der Hand hielt er die großen Stulphandſchuhe und einen breiten, mit rother Hahnenfeder geſchmückten Hut. An letzterm blieb Georg's Auge bei der Muſterung des Mannes hängen. Er hatte ſich nicht getäuſcht: es war der Kopfſchmuck des Reiters, welcher kurz vor ſeinem Eintreffen in der einſamen Waldſchenke auf dem Wege nach Großmeſeritſch davongeſprengt war — der Onkel des Wachtmeiſters Donald, Schloßhauptmann Leßlie. Der Eintretende ſtellte ſich an der Thüre auf und maß die Anweſenden mit lauerndem Blick. „Wie ich höre“, ſagte er mit dumpfer Stimme ,„iſt einer der Reiſigen Seiner Gnaden...“ „Einer der fürſtlichen Leibjäger mit Befehlen des Herzogs an Euch angekommen“, vollendete Georg mit feſtem Tone den Satz, indem er ein Schreiben aus ſeinem Koller zog und es dem Schloßhauptmann gab. „Mit Verlaub, Jungfer Lene,“ entſchuldigte ſich Leßlie und nahm auf einem Stuhl Platz. Er öffnete das Schreiben und fing an zu leſen. Dabei wurde ſein Geſicht noch düſterer als vorher. Der Inhalt des Briefes ſchien für ihn in hohem Grade unangenehm zu ſein. „Seine Gnaden werden mehrere Tage hier verweilen“, wandte er ſich endlich an Georg; „wie ich vernehme, begleiten den Herrn auch die fürſtliche Gemahlin und einiges Gefolge...?“ „Ja einiges“, wiederholte Georg, der ſeine Schadenfreude über die Verſtimmung des Schloßhauptmanns nicht zu verbergen ſuchte, das zweite Wort ſcharf betonend; „es kommen außer dem Herrn, deſſen Gemahlin und Tochter vier Cavaliere, drei Ehrenfräulein, zehn Leibjäger, ſechs Stallmeiſter, ungefähr ebenſoviele Staffettenreiter, dreißig Diener und Hatſchiere, ſodann noch die Bedienung der Hatſchiere, Kutſcher, Sänftenträger und Reitknechte, deren Zahl jedoch höchſtens vierzig ausmachen wird. Dagegen dürften die erwarteten Gäſte ſchon einen etwas größeren Raum beanſpruchen.“ „Was?“ fiel der Schloßhauptmann dem Leibjäger in's Wort, und eine unverkennbare Beſtürzung drückte ſich auf ſeinem Angeſicht aus, „auch Gäſte kommen?“ „Freilich“, lachte Georg, „und zwar recht viele. Von Graf Piccolomini, Don Balthaſar Maradas und Herrn Arnim iſt es gewiß; auch der kaiſerliche Kämmerer Fürſt Eggenberg wird erwartet; ob Graf Pappenheim, die Oberſten Heyburn, Hinnerſam, Collalto, Buttler und Graf Iſolani auch eintreffen werden, iſt noch nicht ausgemacht, doch ſehr wahrſcheinlich.“ „Das iſt mein Tod“, ſtöhnte der Schloßhauptmann, auf deſſen Stirne dicke Schweißtropfen perlten; „kaum der Dritte hat in den Schloßräumen Platz.“ „Thut nichts“, meinte Georg gemüthlich; „Ihr bringt die Gäſte in der Stadt unter und habt bloß für die Einrichtung Sorge zu tragen. Doch dieſe muß nach des Herrn ausdrücklichem Befehl würdig und anſtändig ſein; namentlich iſt darauf zu ſehen, daß der Herzog in ſeinen Meditationen und Berechnungen nicht geſtört wird, wofür er Euch perſönlich verantwortlich macht. Wenn man ihn bei dem geheimnißvollen Verkehr mit den Geſtirnen beſchreit, iſt der ganze Glaube dahin, und Ihr, Hauptmann, tragt dann die Schuld. Ich möchte wahrlich nicht in Eurer Haut ſtecken, wenn Ihr Euch gegen dieſen Artikel verfehlt; ſeht Euch wohl vor! Einige Mühe und Anſtrengung zwar“, ſchloß der Leibjäger, ſich an der Verlegenheit des Schloßhauptmanns weidend, „wird es Euch koſten; doch wenn Ihr klug ſeid, iſt Euch keine Arbeit zu ſchwer und kein Opfer zu groß. Der Herzog weiß zu belohnen, wenn man ſeiner Erwartung entſpricht; dagegen wird aber auch jede Pflichtvernachläſſigung unnachſichtlich beſtraft. Vor allem iſt der Anblick von Unreinlichkeit und Aermlichkeit ihm in der Seele zuwider, worauf ich Euch ganz beſonders aufmerkſam gemacht haben will!“ Mit forſchendem Blick fixirte Leßlie den jungen Mann unter ſeinen buſchigen Brauen hervor. Es mochte die Ahnung in ihm aufdämmern, daß dieſer das bevorſtehende Unheil mit einer Farbe ausmale, die der Wirklichkeit nicht ganz entſprach. Dennoch machte er keine Bemerkung. „Da Ihr mit den Eigenthümlichkeiten und Gewohnheiten des Herrn ſo ſehr vertraut zu ſein ſcheint“, ſagte er nach einer kleinen Pauſe ärgerlich,„ſo gebt mir wenigſtens einen Rath, was ich thun ſoll.“ „Mancherlei“, erwiderte Georg und zuckte die Achſeln. „In erſter Linie müſſen nothwendig alle Häuſer im Städtchen friſch verputzt werden, damit ſie einen freundlichen Anblick gewähren; ſodann ſind die Düngerhaufen vor den Bauernhöfen zu entfernen und die Straßen ſauber zu kehren. Haben Eure Diener kleine Kinder, ſo ſind ſie anderweitig unterzubringen. Auch Pfauen und Eſel, falls ſolche vorhanden ſind, müſſen fort; vor allem aber ſorgt dafür, daß allen Hähnen weit und breit die Hälſe umgedreht werden, denn das Geſchrei dieſer Burſchen verſetzt den Herzog jedesmal in unbeſchreiblichen Zorn.“ Während der letzten Auseinanderſetzungen Georg's hatte ſich das finſtere Geſicht des Schloßhauptmanns ein wenig geklärt.„Sonſt wißt Ihr nichts mehr?“ fragte er am Schluß halb grollend, halb ſpöttiſch. „Iſt es noch nicht genug?“ meinte der Leibjäger höhniſch. „Doch, doch,“ brummte Leßlie, „mehr als hinreichend, um einen treuen Diener zur Verzweiflung zu bringen. Ich danke Euch für die Belehrung und werde mein Möglichſtes thun.“ Damit erhob er ſich und verließ nach einer ſteifen Verbeugung das Zimmer. (Fortſetzung folgt.) Vor fünfundzwanzig Jahren. Von Friedrich Koch⸗​Breuberg. (Fortſetzung.) Die ſchwerſten Tage für das J. Corps. Nicht lange hatte der Aufenthalt in Ormes gewährt, und nur einmal war es mir möglich geweſen, nach Orléans zu reiten. Ach, wie ſah die ſchöne Stadt aus! Die Kathedrale war zur Bergung der Gefangenen benützt, und die Straßen glichen einem Heerlager. Ein rauher Wind wehte über die Gegend, und ich gedachte mit Wehmuth der ſchönen Herbſttage, welche ich hier verlebt hatte. Zum zweiten Male über die Loire geworfen, ſo dachte ich, muß der Friede kommen. Aber der einäugige Götze des modernen Frankreichs, des Staates, der einſt einen hl. Ludwig beſeſſen, hetzte fort, hetzte fanatiſirte Maſſen in den Tod, nur um dem eigenen Ehrgeiz zu genügen. Wo iſt das Große, das dieſer Mann — das Volk verſöhnend — ſpäter geſchaffen hat? Napoleon I. hat doch die Geſellſchaft gerettet, hat gute Geſetze, die ſich heute noch bewähren, Die Anbetung der heiligen drei Könige. Es ſtieg ein Stern am Himmel auf, Die Weiſen folgten ſeinem Lauf; Zum Lichte führt das Licht ſie ein, Dem ſie als Gott ihr Opfer weih'n. 14 * ⸗ gegeben! Was hat Gambetta gethan? Sein Holofernes— Ende war noch viel zu mild als Strafe für die Heka— tomben ſeiner Ehrſucht. Nie und nimmer erkennen die Völker ihre Verführer, deren eiſernen Klauen ſie verfallen, wenn ſie das vielleicht ſanft drückende, aber Ordnung und Wohlſtand verbürgende Joch der allein ſich bewährenden Monarchie leichtſinnig und vorſchnell abſchütteln. Zornig dachte ich es und ritt heim. Statt einer Friedenstaube begegnete mir der Adjutant, deſſen Brief— taſche ſchon wieder den Operationsbefehl für den 6. Dez. barg. Prinz Friedrich Karl behielt nur das X. Corps in Orlséans, während das III. ſtromaufwärts ſich ausdehnte, das IX. ſchon ſüdlich an den Loiret vorgerückt war und wir unter dem Großherzog, dem noch die 25. Diviſton zugetheilt wurde, ſüdweſtwärts vorzugehen hatten. Schon am heutigen Tage, dem 6. Dezember, waren die beiden Cavallerie-Diviſionen vorausgeeilt, und morgen ſollten wir brigadeweiſe in den neuen Rayon einrücken. Nie— mand ahnte, daß er für Tauſende ein frühes Grab werden ſollte. Das 3. Bataillon unſerer Zwölfer war mit der 2. Cavallerie-Divſion und unſeren Küraſſteren bis Meung gelangt. Obwohl der Feind vertrieben worden war, konnte man nicht bleiben, da ein Bataillon ſich als un— genügend für die ausgedehnte Stadt erwies. Bedeutende Kräfte ſollten auch in der Nähe ſtehen, und deßhalb zog man ſich zurück, ganz ähnlich, wie weiter nördlich die andere Cavallerie-Diviſion verfuhr. Am 7. Dezember ließ Graf zu Stolberg ſeine beiden Cavallerie⸗-Brigaden gegen Chateau Préfort vorgehen und wies unſeren Küraſſieren und den Zwölfern die große Straße nach Beaugench an. Da ſchon vor Meung der Feind, welcher Ueberfluß an Munition zu haben ſchien, ſogar Patrouillen mit Granaten bewarf, verblieben unſere Küraſſiere bei St. Ay und erwarteten unſere 1. und die mecklenburgiſche Diviſion. Es rückten nämlich die Bayern in zwei Colonnen vor. Die 2. Diviſion über Huiſſeau, die 1. über La Chapelle. Sie waren recht klein geworden, dieſe Divi— ſtonen, denn Erſatz-Mannſchaften hatten wir ſeither nicht mehr erhalten. Betrug doch die Geſammtſtärke des Corps am 7. Dez. nur 9994 Feuergewehrel Das 4. Jäger— Bataillon war in eine, mehrere andere Bataillone waren in 2 Compagnien formirt worden, und wir Oberlieutenants ritten alle, denn daß wir Compagnien führten, war ſelbſt— verſtändlich, aber manche hatten ſogar ſchon Bataillone vor dem Feinde zu commandiren. Auf der großen Straße— auch General v. d. Tann hatte ſie gewählt, um nach Meung zu reiten war eine jener lieblichen Stockungen eingetreten, die Niemand verſchuldet haben will, die im Felde aber ſehr unange— nehm, ja gefährlich ſind. Da ſtoßen große Truppen— körper zuſammen, und bis gehalten wird, bis die Sache in Ordnung kommt, vergehen Stunden. Heute aber waren gar die Trains der Diviſion Stolberg, welche, wie erwähnt, nicht vorwärts konnte, ſtehen geblieben, und nun ſteckte alles ineinander. Wie Helbig anführt, fehlte im Befehl die Abmarſchſtunde für die Mecklen— burger. Der Großherzog gab nun dem General v. Dietl perſönlich den Befehl, mit der Diviſion nach rechts über La Challerie abzubiegen und rechts von den Mecklen— — ⏑—— 14— burgern auf den feindlichen linken Flügel zu drücken. Eben um 194, Uhr traf die Avantgarde bei genanntem Orte ein, und man vernahm von Süden her das Knat—⸗ tern der Gewehre. Die Mecklenburger waren alſo ſchon engagirt, und Oberſt v. Täuffenbach ließ trotz der ſchlechten Wege den Marſch gegen Les Monts und Le Bardon beſchleunigt fortſetzen. Hier machte man Halt und erwartete das Gros. Auf dem Rand der gegen— überliegenden Terrain⸗Anſteigung war eine Batterie auf— gefahren und bewarf den letzteren Ort mit Granaten, während feindliche Infanterie langſam anrückte. Das Geknatter bei den Mecklenburgern wurde immer heftiger, und die Feinde überragten ja ſchon ihren rechten Flügel — alſo raſch drauf los! Von Le Bardon nach Meſſas führt ein Sträßchen — leider durch Weinberge, die im Winter nicht gang⸗ barer geworden waren— und an dem entwickelte ſich das 2. Jäger-Bataillon unter Major Wirthmann. Die Batterien Gruithuſen, Hutten und Schleich nahmen ſüd— lich von Le Bardon Stellung und eröffneten das Feuer nach 4 Uhr. Nun knallte es auch aus den Rohren der Jäger, und das Bataillon Eckart des Leib-Regiments verlängerte nach rechts die Linie. Dieſe wurde mehr und mehr durch Abtheilungen genannten Regiments ver— ſtärkt und drang dann gegen den Hof La Bourie ganz ſüdlich vor. Der Feind wich feuernd zurück, und jetzt erſt ſah man, daß weſtlich ein neuer, ſtärkerer Feind auftauchte. Schon gegen 4 Uhr hatte der Großherzog befehlen laſſen, es ſollte nach Meſſas vorgegangen werden. Das ging jetzt gar nicht. Alles, was geſchehen konnte, beſtand darin, weiter offenſiv vorzugehen und hiedurch die Lage der Mecklenburger zu erleichtern. General v. Dietl be— fahl deßhalb der 2. Brigade vorzurücken und ließ die fechtenden Truppen nach und nach rechtsſchwenken, alſo eine weſtliche Richtung nehmen. Man ſchoß nicht viel und ging flott mit Hurrah vor. Die Schwenkung war noch nicht vollſtändig vollzogen, als es plötzlich im Rücken aufblitzte und feindliche Granaten beim linken Flügel einſchlugen. Dieſer gerieth für einen Augenblick ins Stocken, aber da brüllt es ja bei der franzöſiſchen Artillerie drüben aus bayeriſchen Kehlen Hurrah! Die Bedrohten ſahen ſich um und gewahrten, wie Jäger und Leute vom Leibregiment in die Batterie einſtürmten. Es waren die Mannſchaften des Hauptmanns Golch und des Oberlieute— nants Alfred Mayer, welche 8 Geſchütze und 2 Mitrail— leuſen erobert hatten. General Chanzy faſelt zwar von einer Vertheidigung, aber unſere Leute ſahen doch die franzöſiſche Bedienungsmannſchaft laufen, ſie richteten ſich doch ſelbſt zur Vertheidigung bei der Beute ein und gaben ſie erſt wieder auf, als ſie einer weit überlegenen Uebermacht weichen mußten. Und noch einmal wurde eine franzöſiſche Batterie attakirt, das geſteht General Chanzy auch zu, und hier läßt er einige 20 Mann gefangen nehmen. Ganz richtig — aber er verſchweigt, daß ein tapferer Chevauleger— Corporal, den Namen weiß ich leider nicht, mit vierzehn Mann ſie wieder herausgehauen hat. (Fortſetzung folgt.) ——— e ennn · grnnc err3 1b Oberjoch (Mit Bild.) ——>Nachd!U nommen. Das völlig farblose, durchsichtige Steinsalzstück ^ enthält nämlich inwendig einen Hohlraum, welcher zum j Theil mit Wasser angefüllt ist, welches sich beim Neigen ^ des Minerals hin und her bewegt. Die Wassermenge dürfte also seit der Bildung des Steinsalzes in ihrem l Gefängniß eingeschlossen und so vom Kreislauf in der ! Natur ausgeschlossen worden sein; obgleich man ja im Bernstein z. B. öfters Wassertropfen eingeschlossen findet, ! so ist das Vorkommen von Wasser in einem löslichen ^ Mineral jedenfalls doch ein merkwürdiges Spiel der Natur. (Mitgetheilt vom Internationalen Patent-Bureau von Carl Fr. Reichelt, Berlin N.^V. 6.) * Wer braut dasmeisteBier? Nach der Brauerund Hopfenzeitung „Gambrinus" wurden 1894 in 44,531 Brauereien der Welt nicht weniger als 207,361,258 Hektoliter erzeugt gegen 204,600,390 Hektoliter im Jahre 1893. Dafür mußte die hübsche Summe von 616,178,165 Mark Malzaufschlag, bezw. Biersteuer bezahlt werden. An Malz wurde verbraucht 64,471,058 Kilo, an Hopfen 2,205,510 Kilo. Kolossal ist die Biererzeugung in Bayern: 6622 Brauereien mit 15,019,297 Hektolitern Bier. Von österreichischen Brauereien steht Böhmen mit 723 Brauereien und 7,605,855 Hektolitern Bier obenan. Dann Nieder- Oesterreich mit 72 Brauereien und 3,484,181 Hektolitern. Anton Dreher steht in erster Reihe. In Schwechat wurden im Jahre 1894 699,640 Hektoliter erzeugt, in St. Marx 476,820, in Liesing 338,400 , in Ottakring 196,140 Hektoliter usw. Die jüngste Brauerei nächst Wien, die in Groß-Jedlersdorf, hat es bereits auf 140,130 Hektoliter gebracht. Das Bürgerliche Brauhaus in Pilsen weist aus 582,140 Hektoliter, die Pilsener Actien-Gesellschaft 250,300 und Pilsenetz 72,075 Hektoliter. In Steinbruch nächst Budapest erzeugt Anton Dreher 410,238 Hektoliter. Die Brauerei „Zum Schultheiß" in Berlin weist eine Produktionsziffer von 433,435 Hektolitern auf. In Ungarn bestehen 99 Brauereien, die 1,585,044 Hektoliter produ- zirten. Die mäßigsten Biertrinker sind in — Indien, wo auf den Kopf bloß 0,029 Liter Bier kommen. Bayern wird in der Bierproduktion nur von Großbritannien und Irland übertroffen. Dort stehen 9240 Brauereien in Betrieb mit einer Erzeugung von 52,774,323 Hektolitern, von denen der größte Theil im Auslande vertrunken wird. --» -- Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt. Auflösung des Rösselsprungs in Nr. 1: Keine Blumen blüh'n, Nur das Wintergrün Blickt durch Silberhüllen; Nur das Fenster füllen Blümchen flimmernd weiß, Aufgeblüht aus Eis. Ach, kein Vogelfang Tönt mit frohem Klang, Nur die Winterweise Jener kleinen Meise, Die am Fenster schwirrt Und um Futter girrt.... --EZS-- (Hölty.) « 3 . Ireilag, den 10. Januar 188 «. Kür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Are Astrologen. Historischer Neman aus der Zeit des dreißigjährigen KriegeS. Von Max Benno. (Fortsetzung.) „Ein sonderbarer Kauz," murmelte Georg, als die Schritte des Schloßhauptmanns verhallt waren. „Man wird aus feinem finstern Wesen nicht klug. Fast will mir scheinen, als ob eS um sein Gewissen nicht sehr gut bestellt sei." ^ „ES ist ihm schon viel Böses nachgesagt worden", nahm Pater Vincenz daS Wort, „denn durch seinen abstoßenden Charakter hat er sich viele Feinde gemacht. So soll er namentlich einen großen Theil der Schuld an dem traurigen Zerwürfniß des Herzogs mit seiner ersten Frau tragen. / Sie war eine schon ziemlich betagte Wittwe, als der damalige Graf sie heimführte. Das Glück hatte seinen Sitz in dieser Ehe nicht aufgeschlagen, denn der Herr dachte damals schon mehr an Kriegsrnhm, als an seine Frau. Die Gräfin, welche ihren Albrecht mit Leidenschaft liebte, fühlte sich durch die Zurücksetzung allmälig verletzt. Allein ihre Neigung erkaltete nicht, sie schien vielmehr trotz aller Vernachlässigung noch zu wachsen. Der Himmel mag wissen, wer ihr weiß gemacht hatte, daß die Kälte des Gemahls nur durch Geheimmittel besiegt werden könne; kurz, sie kam auf den Gedanken, ihm einen Liebestrank beibringen zu lassen. Wer diesen bereitete, blieb unbekannt; nur so viel ist sicher, daß er dem Herrn in einer Morgensuppe gereicht wurde und daß dieser in Folge davon heftig erkrankte, ja dem Tod nahe kam. Die weitere Folge war, daß er sich von dieser Zeit an noch geflissentlicher von seiner Gemahlin fern hielt. So verwandelte sich denn deren Liebe schließlich in das Gegentheil, in tiefsten Haß. Sie ging darin so weit, daß sie eine Menge der wichtigsten Döcumcnte, die Besitztitel für den größten Theil ihres Vermögens, vor ihrem Tode auf die Seite schaffte, wie man sagt, da das Testament selbst nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte. Sowohl mit dem Liebestrank, als der Beseitigung der Papiere hat man damals den Namen Leßlie's in Verbindung zu bringen versucht, ohne daß aber irgend ein Beweis für die Anschuldigungen erbracht worden ist. Ich bin überzeugt, daß ihm Unrecht geschah, und auch der Herr selbst hat offenbar nicht an eine Schuld des Schloßhauptmanns geglaubt; denn schon auf einen halbwegs gegründeten Verdacht hin hätte er ihn mit Schimpf und Schande aus dem Dienste gejagt." „Ich traue dem unheimlichen Menschen trotz allem nur halb", sagte Georg, doch nicht so laut, daß der Pater, den er nicht abermals gegen sich aufbringen wollte, es vernahm; „ich werde ein scharfes Auge auf ihn haben, und zeigt sich nur eine Spur, dann spreche ich ein ernstes Wörtlein mit ihm!" Der Priester hatte sich abgewandt. Mit freundlichem Gutenachtgruß reichte er Anna und den jungen Leuten die Hand. Dann ging er. Georg setzte sich neben Magdalene und schaute ihr treuherzig ins Gesicht. „Höre", begann er, „die Heiraths- geschichte ist mir noch nicht recht klar. Sei so gut und sage mir, wie es sich eigentlich damit verhält." Das Mädchen erröthete bis an die Stirne. „Du hörtest ja",' erwiderte sie ausweichend, „daß nichts daraus wird." „Ganz Recht", drängte Georg, „so weit bin ich im Reinen; aber den Zusammenhang verstehe ich nicht. Ich bitte Dich, verhehle mir nichts." „Nun ja", hub Lenchen in sichtbarer Verlegenheit an, „Du sollst Alles wissen. Es ist in der That nicht ganz unmöglich, daß Pater Vincenz mit seiner Vermuthung Recht hat; denn es wurde mir von Leßlie kein Antrag gemacht. Nur begreife ich dann nicht, auf welches Endziel sein auffallendes Benehmen hinauslief. Schon seit einiger Zeit wurde ich von der Frau des Schloßvogts mit dem Hauptmann geneckt. Ich nahm von dem Geschwätz kaum eine Notiz, bis die Frau mir vor acht Tagen ganz unverblümt sagte, der Hauptmann gehe mit dem Plane um, mir einen Heirathsantrag zu machen. Das Gleiche wiederholte sie der Base gegenüber mit allem Ernst. Ich merkte auch wirklich an dem veränderten Benehmen Leßlie's gegen mich, daß er etwas im Schild führte. Ich wich ihm aber überall aus, so daß er zur Ausführung seines Vorhabens keine Gelegenheit fand. Da kam der fremde Herr. Jetzt fing der Hauptmann an, zudringlich zu werden. Ja, es kam so wett, daß er mich um eine Unterredung in einer wichtigen Angelegenheit bat. Nun glaubte ich, nicht mehr zweifeln zu dürfen, um so weniger, als er meinen Bescheid gar nicht abwartete, -sondern dem Boten auf dem Fuße nachfolgte. Ich beschloß, der Sache ein rasches Ende zu machen und zog mich in eine Kammer zurück, die ich verschloß. Der Herr Hauptmann mußte sich mit der Base begnügen, durch deren Vermittelung er meine Antwort erhielt. Ich hatte ihr hiczu die bestimmteste Anweisung gegeben und bin fest überzeugt, daß Leßlie von der alten Frau, die in Folge meiner entschiedenen Weigerung in sehr schlechter Laune sich befand, nicht viel Angenehmes zu hören bekam; wenigstens verließ er das Gemach in voller Wuth, und fast hätte die Zurückweisung, wie Du ja weißt, für uns recht schlimme Folgen gehabt." Schon vorher — bei den Andeutungen des Pater Viucenz — war in Georg eine Vermuthung erwacht; diese wurde durch Magdalenens Mittheilung bestärkt. Er dachte an die Verstimmung des Wachtmeisters Donald und dessen Umgehen aller Personen und Verhältnisse, die mit seinem Besuch auf Großmeseritsch in Beziehung standen. Was lag näher, als die Annahme, daß dessen fast ängstliches Ausweichen dem Aerger über getäuschte Hoffnungen entsprang, und daß der Schloßhauptmann nicht für sich selbst, sondern für seinen Neffen den Frei- werber gemacht hatte? Wit diesem Schluß war das Räthsel auf die einfachste Weise gelöst. Der junge Mann zweifelte an der Richtigkeit dieser Vermuthung nicht, hütete sich aber wohl, etwas davon zu verrathen und dankte im Stille» dem Zufall, durch welchen die Angelegenheit zu einem so beruhigenden Ende geführt worden war. „Du hast Deine Sache klug gemacht", lobte er, als Lene schwieg, und drückte die Hand des Mädchens. „Der Alte ist für seine Frechheit bestraft, und Du hast fürderhin Ruhe vor ihm." Die hölzerne Wanduhr verkündete die zehnte Stunde Die Base erhob sich und tastete nach dem Wandschrank, der ihr Gebetbuch enthielt. „Es ist spät", wandte Lenchen sich, ebenfalls aufstehend, an Georg, dessen Blicke deutlich erkennen ließen, daß er gern noch etwas gesagt hätte; „die Base ist müde und gibt mir das Zeichen, daß sie die Vorlesung des Nachtgebets wünscht." Der junge Mann folgte dem Wink. Er verabschiedete sich und schritt dem ihm angewiesenen Schlafgewach zu. 2 . Trotz dem weiten Ritte fühlte Georg Selkow noch keinen Schlaf. Die anregende Unterhaltung hatte Müdigkeit und Abspannung verscheucht. Er öffnete ein Fenster und schaute, ehe er sich ins Bett legte, wohl eine Stunde lang gedankenvoll in das Thal, wo die Umrisse der Häuser des Städtchens gespensterhaft von dem dunkeln Nachthimmel sich abhoben. Nach siebenjähriger Abwesenheit war er heute zum ersten Mal wieder in die Heimath gekommen, wo er die goldenen Tage der Kindheit verlebt hatte. Mit stiller Wonne dachte er an jene Zeit, obgleich das Glück, seine Eltern zu kennen, ihm versagt worden war. Die Mutter starb bei seiner Geburt, und der Vater, ein kaiserlicher Rittmeister, fiel ein halbes Jahr später in der Schlacht. Ein Verwandter der Mutter, Schloßhauptmann Lobau, nahm den verwaisten Knaben zu sich. So wuchs derselbe bis zu seinem zwölften Jahre unter der strengen aber liebevollen Zucht des Paters Vincenz mit Magdalenen, der Pflegetochter seines Wohlthäters, welche dieser einige Jahre später ebenfalls in seinen Schutz genommen, auf Schloß Groß- mxseritsch heran. Schon damals hatte der kleine Georg für das zutrauliche Kind eine herzliche Neigung empfunden und bet den harmlosen Spielen stets dessen aufmerksamen Ritter gemacht. Das Bild der Kleinen hatte ihn in die Ferne begleitet und die Erinnerung daran ihn vor mancher 18 — jugendlichen Thorheit bewahrt — kein Wunder, wenn nun bei dem Wiedersehen die lieblich heraugeblühte Jungfrau fast im Fluge einen hervorragenden Platz in seinem Herzen gewann. Zum Besuch der hohem Schulen kam Georg nach Prag. Im zweiten Jahre seines dortigen Aufenthalts erlitt er einen schweren Verlust: sein Wohlthäter hatte sich durch einen Sturz vom Pferdr eine schwere Erkrankung zugezogen, welcher er nach Verlauf einiger Wochen erlag. Auf Georg's Lebensgang übte der Trauerfall vorerst keinen Einfluß. Die unbedeutenden Erziehungskosten in der Klosterschule wurden von den Ersparnissen des Paters Vincenz bestritten, so daß das jugendliche Gemüth des aufgeweckten Studenten die Wirkungen der veränderten Verhältnisse nur wenig empfand. Dem Pater gelang es auch, die Aufmerksamkeit Wallen- steins auf seinen talentvollen Schützling zu lenken. Nach Absolvirung seiner Studien wurde der kräftig herangewachsene Jüngling, ohne vorher die üblichen Pagen- dienste gethan zu haben, sofort in daS Leibjäger-Corps eingereiht. Bei dieser Gelegenheit hatte er, achtzehn Jahre alt, zum letzten Male die Heimath gesehen, obgleich er sich im unmittelbaren Gefolge des nachmaligen Herzogs befand, der wiederholt auf längere oder kürzere Zeit nach Großmeseritsch kam. So oft dies jedoch geschah, hatte der Zufall den jungen Leibjäger nach einer andern Richtung geführt. Um so größer war seine Freude gewesen, als er dies Mal den hochwillkommenen Dienst eines Boten des Gebieters erhielt. Der schon seit mehr als einem Jahrzehnt Deutschland verheerende Krieg war damals an einem seiner Hauptwendepunkte angekommen. Am 24. Juni 1630 war der schwedische König Gustav Adolph, ohne eine Kriegserklärung vorausgeschickt zu haben, in Pommern gelandet und hatte sich rasch durch die in Deutschland für ihn geworbenen Schaaren verstärkt, welche, vom Kaiser entlassen, in ganzen Haufen den geheimen Werbe- Bureaux zugeströmt waren. Bald zeigte es sich, daß er den Truppen des Kaisers weit überlegen war. Er errang von Tag zu Tag größere Erfolge und forderte auch die entmuthigten Feinde des Kaisers in Deutschland zu erneutem Widerstand auf. Er predigte keinen tauben Ohren. So kam es, daß Kaiser Ferdinand schon nach kurzer Zeit fast in der gleichen Lage wie bei seinem Regierungsantritt sich befand, und den Herzog von Friedland, der ihn schon ein Mal gerettet hatte, als seine letzte Hoffnung betrachtete. Er sandte den Fürsten Eggenberg nach Znaim, wo der Herzog sich befand, und ließ ihn ausforschen, ob er nicht geneigt wäre, abermals ein Heer aufzustellen und als General-Commandant an dessen Spitze zu treten. Mit berechnetem Zögern sagte der Herzog seine Dienste zu, aber nur theilweise, um sie desto theuerer verkaufen zu können. Bis künftigen März, erklärte er dem Fürsten, werde ein schlagfertiges Heer dastehen; die Befehlshaberstelle aber verbitte er sich. Zum Erstaunen von ganz Europa war in der That bis zu der bestimmten Zeit ein Heer von vierzigiausend Mann auf die Beine gebracht. Gustav Adolf selbst hatte gelächelt, als er von Wallenstein's Versprechungen hörte. Als er jedoch das Versprechen erfüllt sah, rief der König voll Verwunderung aus: „Das kann nur Oesterreich und Meilenstein l" Der Name des Herzogs und sein bei den Soldaten 19 erworbenes Zutrauen bewirkten, daß Osficiere und Gemeine, die bereits unter ihm gedient hatten, in Schaaren sich wieder einfande», als die Werbetrommel für den fast vergötterten Feldherrn erscholl. Die von ihm ausschließlich ernannten Obersten, Rittmeister und Hauptleute schössen sogar gegen Anweisung auf gewisse Quartier- bezirke noch Gelder vor. Von Gemeinen war der Zulauf um so größer, als jedem Mann täglich zwei Pfund Brod, zwei Maß Bier oder eine Maß Wein, dazu dem Fußgänger vier Gulden monatlich, dem Reiter neun Gulden nebst dem Futter für die Pferde gereicht werden mußten. Wie viele Bauern geriethen da nicht in Versuchung, lieber von ihren Nachbarn sich auf diese Art verpflegen zu lassen, als selbst einen Soldaten zur vorgeschriebenen Bedienung im Hause zu haben! Am Hofe sah man recht gut ein, daß ein solches Heer nur von seinem Schöpfer regiert werden konnte, und hatte von Anfang an keinen Andern, als den Herzog als Commandanten im Auge gehabt. Kaiser Ferdinand zweifelte auch nicht, den Widerstand desselben durch weitgehende Zugeständnisse hesiegen zu können. Er erklärte sich bereit, zu den bezüglichen Verhandlungen Bevollmächtigte an den Herzog zu schicken, und dieser schlug als Zusammenkuuftsort das böhmische Schloß Groß- meseritsch vor. Am Tage nach der Ankunft Georg Selkow's in der Heimath war in Stadt und Burg Großmeseritsch alles in der größten Bewegung. Ueberall wurde geweißt, gekehrt und gescheuert und namentlich Jagd auf die Hähne gemacht, die man insgesammt ohne Gnade umbrachte. Die Mütter ermähnten ihre Kinder, in der Nähe des Schlosses ja nicht zu schreien, und die Säuglinge wurden in die abgelegensten Kammern versteckt. Die Furcht blickte aus allen Gesichtern. Selbst der Schloßhauptmann schien seiner Sache nichts weniger als sicher zu sein. Wiederholt fragte er bei Georg an, welche Zimmer er für den Herzog, welche für dessen Gemahlin, besonders aber, welchen Raum er für den Astrologen Scni und dessen Zauberapparat bereit halten sollte. Der junge Mann ging Leßlie zwar bereitwillig mit Rath und That an die Hand, konnte sich jedoch nicht versagen, jede dieser Gelegenheiten für seinen übermüthigen Spott auszunutzen. Alles ging drunter und drüber. Man schien mehr auf einen gefürchteten feindlichen Heerführer, als auf den Herrn des Hauses zu warten. Der dritte Tag, an welchem der Herzog auf dem Schloß eintreffen sollte, kam endlich heran. An der Grenze des Weichbildes, im Hof und am Burgthore waren Ehrenpforten errichtet mit Inschriften, welche die Verdienste und Heldenthaten Wallenstein's priesen. Der Weg war bis zum Städtchen hinunter mit frisch gemähtem Gras und theilweise sogar mit Blumen bestreut. Eine Menge Packpferde und Saumthiere waren schon seit frühem Morgen gekommen, und immer noch rückten neue Colonnen heran. Ein paar Stunden vor der Ankunft des Fürsten hatten sich die Geistlichen, die Schuljugend, sowie die Einwohnerschaft der Stadt festlich gekleidet im Hof angefunden und in einer langen Doppelreihe vom Burgthor bis zum Eingang in das Schloß aufgestellt. Leßlie und Pater Vincenz befanden sich an der Spitze des Zuges. Die Thurmuhr des Städtchens verkündete die erste Nachmtttagsstunde, als zwei Staffettenreiter mit ihren blitzenden Sternen an blausetdener Schleife auf schaumbedeckten Rossen in den Burghof sprengten. Sofort begann die Glocke der Schloßkapelle zu läuten. „Der Herr! Der Herzog!" ging es in der versammelten Menge von Mund zu Mund. Die Hüte und Mützen flogen von den Köpfen, und Alles blickte erwartungsvoll nach dem Thore. Endlich erschien der Zug. Zwölf Trompeter und sechs Pauker eröffneten ihn, ohne jedoch ihr Spiel ertönen zu lassen. Ihnen folgten paarweise vier Stallmeister und sechs Leibjäger. Hinter diesen erschien hoch zu Pferd ein mittelgroßer Mann mit braunem Haar und durchdringenden Augen, dessen strenge Miene kund that, daß er in der Schule des Lebens manch ernste Erfahrung gemacht hatte. Dennoch konnte man den GestchtsauSdruck, welchem der starke Schurr- und Knebelbart einen kriegerischen Zug verliehen, nicht unangenehm nennen, und die ganze Erscheinung rief unwillkürlich das Gefühl einer mit Scheu verbundenen Ehrfurcht hervor. Ein großer Spitzenkragen umrahmte den Hals, und ein Büffelkoller, über welches eine rothe Schärpe herabhing, war durch eine breite Schwertkoppel zusammengehalten, während man die von ungeheuern Lederstiefeln fast verdeckten Unterkleider kaum zu sehen bekam. DaS war Albrecht Eusebius Wenzel von Wallenstetn, der Herzog von Friedland. (Fortsetzung folgt.) ^ > l >> - - - Vor fnlisuit-Mnzig Jahren. Von Friedrich Koch-Breuberg. (Fortsetzung.) Während dieser Vorkommnisse hatte das Gros der 1. Brigade das Vorrücken fortgesetzt und erreichte, obwohl mehrfach in der Flanke belästigt, den Rand deS Plateaus, auf welchem die Gehöfte Grande- und Petit- Chartre liegen. Ein dichter Nebel hatte das Eintreten der Dunkelheit beschleunigt, und Freund und Feind geriethen sich unfreiwillig nahe. Das 1. Bataillon des Regiments „König" war zuletzt noch in die erste Linie am rechten Flügel der Zweierjäger vorgezogen worden und war auf ein französisches Bataillon geprallt, das so in Unordnung gerathen war, daß man glaubte, es wolle sich ergeben. Unterlieutenant Krieger vom Leibregiment, der sich hier befand, war mit nur einem Mann in die rathlosen Reihen eingedrungen und machte allein 17 Gefangene. Aber auch die beherzteren Franzosen glaubten, die Bayern zum- Niederlegen der Waffen auffordern zu müssen. Es. wurde hin- und hergeschrteen, dann krachte eine Salve — die Franzosen hatten sie abgegeben und zogen sich zurück. Leider war der Commandeur Hofmann des Bataillons tödtlich verwundet worden. Um 5 Uhr war auch die Brigade Orff am linken Flügel angelangt, aber es war zu dunkel, um mit Erfolg noch einzugreifen. Die 2. Division war von General v. d. Tann bet Baccon zur allenfallsigen Unterstützung der Division Wittich zurückgehalten worden. Patrouillen der Königs- Chevaulegers hatten dann gemeldet, Poisioux und Schloß Le Coudray seien besetzt. Von Norden her hörte man nicht mehr schießen, und so wurde die 3. Brigade gegen Villccry, wo sich ebenfalls der Feind gezeigt hatte, gesendet. Um 3 Uhr war die Avantgarde dort eingetroffen und hatte die Batterie Neu das Feuer eröffnet- LO das von den Franzosen erwidert wurde. Das 1. Jäger- Bataillon und die Zwölfer waren noch nicht in's Gefecht getreten, als der Befehl eintraf, das Feuer einzustellen und nördlich zu marschiren. Bald darauf zurückgeholt — war es auch hier Nacht geworden. Dieser 7. Dez. ist meinen Erinnerungen nach einer der unsympathischsten Tage des ganzen Feldzuges. Wir hatten die Haupt- kräfte der Franzosen vor uns, und obwohl sie geschwächt schienen, waren wir doch selbst zu sehr in der Minderzahl, um ihnen gehörig auf den Leib zu rücken. Die deutschen Hecresihcile waren aber auf Meilen ausetnander- gezogen; hätten sie zusammenwirken können, so wäre der folgende Tag nicht mehr so blutig geworden. Wir Bayern verloren an diesem Tage 8 Officiere und 94 Mann. Müde und frierend bezog man engste Quartiere, die keine Erholung gewährten. Das Armee-Corps v. d. Tann concentrirte sich am 6. Dezember bei Grande-Chartre und stand nach 10 Uhr in Bereitschaft. Schon während des Anmarsches hatte man von Villermain her Kanonendonner vernommen, auch war von unseren Chevaulegers-Patrouillen gemeldet worden, daß der Feind in ziemlicher Stärke in südwestlicher Richtung stehe. Der Großherzog war persönlich anwesend und beabsichtigte auf der ganzen Linie offensiv vorzugehen. Wir Bayern bildeten das Centrum, die Division Wittich war rechter Flügel, jetzt aber bei Villermain engagiert, und die Mecklenburger hatten sich gar bei dem langen Dorfe La Bruöre verschanzt. Hielt der Feind den Flügel-Divisionen gegenüber gehörig Stand, konnte es Abend werden — kurz, wir Bayern waren heute vorderhand auf uns selbst angewiesen. Als Nachricht über die Fortschritte der 22. Division eintraf, wurde die 2. Division R. v. d. Tann — General Schumacher war in die Heimath zurückgekehrt — in eine Gefechtsstellung nördlich von Beaumont befohlen. Die ganze Stärke der Division betrug nur 4400 Feuer- ewehre. Es war mühselig zu marschiren auf dem hartgefrorenen Boden, den eine dünne Schneedecke noch ungangbarer machte. Vor uns lag Beaumont, ein Dorf aus schönen Bauernhöfen bestehend. Zur Linken in dem Gelände gegen die Loire hin war alles mit Weinbergen übersät, die rothbräunlich aus dem monotonen Weiß sich abhoben. Von Nordwesten kommend, zog sich endlos eine Chaussee dahin. Bald lag sie höher, dann verschwand sie wieder und machte südlich zwei Kniee. Jenseits der Straße eine kahle Anhöhe mit langgestrecktem Mücken, und die gehörte jedenfalls dem Feind. Das Generalstabswerk spricht sich über diesen schwersten Tag der Bayern, dessen Erinnerung die .Söhne der Bavaria mit höchstem Stolz erfüllen muß, leider recht kurz aus. Es hätte die aufopfernde Thätigkeit von Hunderten unbedeutender Unterführer erwähnen Müssen, und das kann man nicht fordern. Auch der genaue Helvig, der mir vorliegt, vermag kein übersichtliches Bild des blutigen Ringens zu geben. So will ich es denn versuchen, an der Hand des Letzteren als Augenzeuge zu sprechen. Wir waren aufmarschtrt, und vorwärts unseres rechten Flügels hatten die Batterien Kriebel, Zöhnle und Barth Stellung genommen. Jetzt sah «an, wie an der jenseitigen Höhe feindliche Plänkler herabeilten. Schon hatten sie die Straße überschritten und näherten sich Beaumont. Rasch wurde das Bataillon Endreß der Dreizehn» im Dorfe vertheilt, und es gelang, den Franzosen Halt zu gebieten. Beaumont war ausgedehnt, wrßhalb noch das Bataillon Schönhueb dahin entsendet wurde. Bisher hatte man keine feindliche Artillerie gesehen, aber am Höhenrand stiegen die Dampfwolken auf, und hinter demselben stand sie gegen unser Infanterie- Feuer wohlgedeckt. Die Brigade Roth war anfänglich südöstlich mar- schirt, hatte dann geschwenkt und rückte jetzt auch in die Gefechtslinie ein. Ihre Batterie Neu war aufgefahren und hatte das Feuer eröffnet. Das 1. Jäger-Bataillon und das Bataillon Schleich deS 3. Regiments gingen gegen die Straße vor, während daS 3. Bataillon Veith sich Le Mae näherte und sich dort festsetzte. Unterdessen hatte das Feuer der Dreizehner die Franzosen veranlaßt, an die Straße zurückzugehen und dann auch diese zu verlassen. Von nun bildet die 4. Brigade den rechten, die 3. Brigade den linken Flügel der Stellung der Bayern an der Straße, denn es waren die Bataillone Schönhueb und Leythäuser durch den Ort entsendet worden, um sie zu besetzen. Auch die 11. und 10. Compagnie der Zehner waren an den linken Flügel der 4. Brigade vorgeschickt worden. Als ich die Letztere zum Orte hinausführte, schlug eine Granate mitten in sie hinein. Trotzdem kamen wir geschlossen bis an das erste Haus von Beaumont, von wo ich den Lieutenant List! mit 2 Zügen in den Chaussse- graben schickte. Lieutenant Erber lag schon im freien Felde hinter seinen Leuten, und dessen Compagnie-Führer Daser stand mit mir am Ausgange des Dorfes. Wir ließen nicht schießen, denn die Franzosen verschwanden nach und nach auf der Höhe. Vor uns war der Hang ganz freies Ackerland, nach rechts und links aber war er mit Weinbergen bewachsen. Die Straße hatte gegen Beaumont hin eine dichtere Besatzung aus Zehnern und Dreizehnern, wir dagegen konnten die ziemlich lange Strecke bis zur Brigade Noth nicht ausfüllen, sahen überhaupt Niemand von ihr, weil die Chaussee hier sich senkte. Wir schickten eben Patrouillen und hofften, daß die Franzosen die Lücke gar nicht bemerkten. Hatte doch die 3. Brigade an ihrem linken Flügel eine noch viel längere Lücke, denn jetzt um Mittag begannen die Mecklenburger erst die Vorbewegung gegen Beaugency. Das feindliche Artillerie-Feuer, welches wir unthätig auszuhalten hatten, war unglaublich heftig und richtete sich sogar gegen unsere dünne Plänklerlinie. So schlugen hart an den Füßen des Lieutenants Erber mehrere Granaten in dasselbe Loch ein. Mit 5 schwachen Bataillonen hatten die Bayern eine 2000 Schritte lange Stellung genommen, aus der einzelne Abtheilungen sogar gegen die Weinberge vordrangen und sich dort mit den Franzosen herumschössen. Es war sehr fraglich, ob wir uns gegen einen Angriff halten konnten, zumal das ganz wahnsinnige Feuer des Gegners auf Uebermacht schließen ließ. Deßhalb wurde um ^1 Uhr die Brigade Orff gegen Beaumont vorgeholt und es machte sich recht gut, daß sie in dem Granatenhagel mit klingendem Spiel ausmarschirte. Im Uebereifer hatte man versucht, von der Straße aus Vorzugelangen. Wir auf freiem Feld gaben es bald auf, denn jeder Schritt war sicherer Tod, aber wir hatten uns doch schon vor 1 Uhr in eine solche Schießerei eingelassen, daß es, wie auf der ganzen Linie, viele leere Patrontaschen gab. Zu allem Ueberfluß verdichteten sich gerade jetzt die feindlichen Plänklerkctten, Colonnen er» schienen und die rothett Hosen karüen in Menge die Höhe herab. Lieutenant Lüftl zerrte Leute nach links gegen die Lücke, Feldwebel Eckenweber und Tambour Unger rissen anderen die Brodsäcke herunter und liefen nach Beauwont, um Patronen zu holen. Jeder in der schwachen Compagnie that in hervorragender Weise seine Pflicht und die Franzosen kamen nicht bis an die gefährliche Lücke heran. Von Unterstützung keine Spur und auch Helvig bezeichnet diesen Moment für die ganze Linie als sehr kritisch. In diesem Augenblick griff am rechten Flügel die Brigade Orff ein. Zuerst fuhren die Batterien Prinz Leopold, Grundherr, Söldner auf und die Neunerjäger gingen gegen Cravant, wo die Diviston Wittich eintreffen mußte. Die Elfer unter Oberstlieutenant v. Schmidt nahmen mit den Viererjägern südlich an der Straße Stellung, und das Regiment Kronprinz, das die Brigade Roth verstärken sollte, wurde vorn General v. d. Tann persönlich unter die Dreizehner und Zehner geworfen, weil man hier weichen mußte. So kam es, daß für den linken Flügel nichts übrig blieb, daß nicht einmal die Lücke zwischen meiner Compagnie und der 3. Brigade ausgefüllt wurde. Allerdings hatten die Zwölfer und die Batterie Stadelmann Befehl, gegen Le Mae zu rücken, aber sie waren noch nicht da, und als sie kamen, verstärkten sie die Feuerlinie des 3. Regiments, das in dem tiefer liegenden Gelände focht. Um die gefährliche Lage der Infanterie zu erleichtern, ließ General v. d. Tann die Artillerie-Reserve eingreifen. Durch das Auftreten weiterer fünf Batterien entwickeltste sich nun auch auf unserer Seite eine mächtige Geschützlinie und auf dem schmalen Fleck Erde, auf dem der Kampf fortwährend hin- und herwogte, vermehrte sich der Höllenlärm. Das Auffahren der Batterien geschah im heftigsten Feuer. Menschengebrüll, Nädergerassel, stürzende Pferde, fallende Menschen, dazwischen platzende oder in Ricochete-Sprüngen einhertanzende Granaten, die schon durch den Luftdruck umwerfen — das war das Bild, wenn man umsah. Und vor uns — eine Höhe ununterbrochen in Pulverdampf gehüllt. Auf den Ackerfurchen des Abhanges liegen da- hingestreckte Franzosen, deren Gltedmaßen Todtenstarre und Winterkälte verzerrt haben. Im Straßengraben bet meiner Compagnie gab es, Dank der dünnen Linie, vorderhand nur wenig Todte, aber wenn man nach rechts zu den Dreizehnern hinüberblickte, sah man sie in Menge liegen. An die Stämme der laublosen Chansseebäume prasselt fortwährend das Blei der ChassepotS oder es spritzt uns von den Steinhaufen entgegen. Nun kommt unsere nenaufgefahrene Artillerie zum Schuß — aber sie sieht ja heute ihre Gegnerin nicht einmal — und richtig saust die erste Granate zwischen meine Plänkler hinein. Eine zweite folgt nicht mehr, und aus den Bleimänteln, obwohl sie auch nicht angenehm sind, machen wir uns nichts. Das brave Eingreifen der Batterien hatte hauptsächlich den Franzosen die Lust zu weiterem Vordringen genommen. Es war aber auch jetzt die 22. Division eingetroffen und die Regimenter Nr. 83 und 94 waren gleichzeitig mit dem Feinde in Cravant eingedrungen. Rasch wurden die Franzosen zum Dorfe hinausgedrängt und nun stand es besser um unseren rechten Flügel. Der Großherzog, welcher einen Offensivstoß plante, hatte die Division Stolberg und unsere Kürassier-Brigade an den linken Flügel entsendet, weil Messas noch immer 21 — * von den Franzosen besetzt wär, die 3. Brigade sohin den Feind in der Flanke hatte. Die Mecklenburger waren aber noch immer nicht da, denn auch sie hatten eine» starken Gegner zu vertreiben. Um ^3 Uhr war unsere Brigade Täuffenbach zur Verstärkung der Feuerlinte vor- gesandt worden. Dann sollte der Angriff beginnen. DaS Bataillon Nuösch und das Jäger-Bataillon Wirthmann traten bet der 3. Brigade in'L Gefecht, die anderen Bataillone verstärkten die Plänklerlinte der 2. und 4. Brigade. Hinter meiner Compagnie war das Bataillon Bauer des Leib-Regiments erschienen, hatte, im Eifer in das Gefecht einzutreten, uns gänzlich übersehen und das Feuer eröffnet. Da unser Winken nicht bemerkt wurde, mußte ich zurücklaufen, worauf es sich rechts wandte. Die Lücke zwischen der 3. Brigade war zwar noch nicht ausgefüllt, aber daran lag uns jetzt nichts, denn es wurde ja angegriffen. Vom Straßenknie heraufkommend, hatte sich ein Jägeroffizier — ich glaube Baumgärtner — mit einigen Leuten der 3. Brigade zu uns gesellt, und das hatten wir freudigst begrüßt. Man darf sich überhaupt die Plänklerlinte — ein zweites Treffen gab es gar nicht — nicht geordnet denken. Was vor mußte, hatte im heftigsten Feuer und total ungedeckt den Weg zu machen. Da gab eS nicht viel Kommando mehr, da packte jeder Offizier die Leute, die er erwischte, und stellte sie unter seinen Befehl. Später im Frieden haben wir das oft eingeübt; da ging eS immer recht gut, aber es fiel mir stets der Nachmittag von Beaumont ein. Der eisgraue Oberst Graf Isenburg war unermüdlich und war die Seele des Centrums. Wie oft hat der kleine, tapfere Herr die lauge Plänklerlinie ungedeckt abgegangen und wie oft hat er den Leuten „Muth, Muth!" zugerufen. Dreimal war er auch bei uns und ich zeigte ihm jedesmal die Lücke und sagte! „Bis da hinunter steht kein Mann!" Man hatte eben keinen mehr, denn zwei Compagnien bildeten jetzt die Reserve des ganzen Armee-Corps. Gegen 3 Uhr griffen die Franzosen von Cernah her Cravant an. Sie gingen flott vor und kamen nahe an die Straße heran. Unsere Artillerie am rechten Flügel mußte weichen. Beinahe wäre ein Geschütz verloren gegangen. Drei Kanoniere stehen bei ihm und Oberlieutenant v. Lamezan liegt mit zerschmettertem Bein daneben. Schon hat er befohlen, das Rohr unbrauchbar zu machen, da eilt der Batterie-Chef Key! mit einer fremden Reserve- Protze herbei und rettet das Geschütz. Was im Augenblick Patronen hat, feuert in der Plänklerlinie, und wieder wird der Angriff abgeschlagen. Nun aber rückten am rechten Flügel die Batterien wieder vor und nun begann dort die Infanterie den Angriff. Er war nicht commandirt, er ergab sich von selbst. Das Bataillon Zech der Elfer eröffnete ihn und dann riß es die Andern fort. Auch wir stürmten den freien Hang hinauf und geriethen in ein furchtbares Feuer. Die Franzosen zogen sich über Villechaumont gegen Ville- vert zurück, also standen sie in Massen vor uns. Daß der Angriff auf der ganzen Linie gelinge, das ahnten wir nicht. Das Nächste, was uns jetzt passiren konnte, war das Gefangenwerden. Am Bauch rutschten wir von Scholle zu Scholle außer Gesichtsweite und schließlich gelang es, mit wenig Verlusten die Straße wieder zu erreichen. Unsere Leute hatten keine Patrone mehr und athemlos und auf's Höchste erregt standen wir an der alten Stellung. Da hörten wir das Schnellfeuer, mit dem die Franzosen zurückgetrieben wurden. Jetzt war die Schlacht entschieden, UNS brauchte man nicht mehr, und ich führte die überangestrengte Compagnie an eine Hecke bei Beaumont. Das Häuflein wurde mit neuer Munition versehen und ich beredete mit Lieutenant Liftl, wie wir die Leute recht ausruhen lassen wollten, denn einen solchen Tag hatten wir im ganzen Feldzug noch nicht erlebt. Die Bayern waren wirklich gegen Villechaumont vorgedrungen und die Front ihrer Stellung hatte sich verändert. Sie reichte jetzt vom genannten Orte bis Le Mse. Aber gerade dort brachten die Franzosen neue Batterien gegen die 3. Brigade tn'S Gefecht und auch neue Massen Infanterie rückten an. Was sich da hinaufgearbeitet hatte, mutzte nochmals weichen und nochmals begann der Höllenlärm. Schon waren am linken Flügel die Batterien Stadelmann, Kriebel, Malaisö, Olivier bedroht, schon näherten sich die Franzosen Le Mae und die Mecklenburger waren noch nicht da. Obwohl sie gerade Messas nahmen, konnte Le Mse aus Patronenmangel nicht mehr behauptet werden. Nur am rechten Flügel gelang eS einem Häuflein Elfer, sich in der Nähe von Villechaumont zu halten, alles Andere mußte an die Straße zurück. Während sich dies ereignete, war auch mein Häuflein nochmals in's Feuer gekommen. Als wir die paar Mann geordnet hatten, ritt Oberlieutenant Weinig zu uns. „Könnten Sie nicht noch einmal vorgehen?" — „Unmöglich!" entgegnete ich. — „ProbirenSie es dennoch. Es soll Ihnen nicht vergessen werden. Es ist kein Befehl, es ist eine Bitte." Da commandirten wir wieder „Vorwärts" und überschritten die Straße. Langausgestreckt lagen Major Endreß Hauptmann Römer und andere Bekannte unter einer Menge Todter. Wir hatten nicht Zeit, sie anzusehen, wir eilten den Hang hinauf. Es war dunkel geworden. Andere hatten sich angeschlossen und nun erreichte ich mit den Lieutenants Schollwöck und Karl Mühlbaur einen Weinberg, der leider dem heftigsten Feuer ausgesetzt war. Wir konnten nur erkennen, daß es nicht vorwärts ging. Das Aufblitzen der großen und kleinen Rohre deutete die Linien an. Es war eine ernste, ernste Nachtübung. „Wir sind zu weit vorgekommen", meinte Lieutenant Schollwöck. — „Ach, ich bin getroffen", rief Lieutenant Mühlbaur. — „Wohin?" frugen wir, was nicht gerade genial war, aber das gleiche Schicksal stand uns jede Minute bevor. „In den Kopf", wimmerte er leise, dann war diese Menschenstimme für ewig verstummt. Das war nun der zweite Mühlbaur, der an meiner Seite fiel. Drei Söhne hatte aber der vor Paris stehende Vater im Dienste seines Königs verloren. Plötzlich ließ das Feuer nach. Die Franzosen rückten nicht mehr vor. Sicher waren am linken Flügel die Mecklenburger eingetroffen. So war die bayerische Stellung gerettet und kein Feind war mehr über die Straße gekommen. General v. d. Tann wünschte, daß die Orte Le Möe und Villechaumont gewissermaßen als Siegeszeichen noch besetzt würden. Nach Le Möe ging Oberstlieutenant von Lichtenstern mit einer combinirten Abtheilung der 3. Brigade, nach Villechaumont hatte Oberst Uenburg eine Patrouille der Dreizehner entsendet, und als es unbesetzt befunden war, hatten wir Zehner dahin abzurücken. 3n der Dunkelheit mühselig geordnet kamen wir auf der Höhe an. „Suche doch den Richard Nehlingen! Er muß vor dem Dorfe liegen!" rief mir Lieutenant v. Baldinger zu. Als dies erledigt, betrat ich daS Quartier — einen großen Bauernhof, der daS ganze Bataillon aufgenommen hatte. Wir Offiziere — es waren nicht viele — richteten uns in der großen Stube ein. Milch und saure Gurken — war alles, was die Franzosen übrig gelassen. I« großen Himmelbett mit blauen Vorhängen durften die beiden ältesten Offiziere des Bataillons von den Mühen des Tages ausruhen, also Oberlieutenant Daser und ich. Sehr viele Bataillone wurden an den folgenden Tagen von Ober-, ja Unterlieutenants vor den Feind geführt. Ehe man die Ruhestätte aufsuchte, schmiedete man die Gefechtsrelation auf einem Bogen Papier zusammen, und ich hatte heute eine lange Liste für Auszeichnungen beizulegen. Bald erlebte ich die Freude, daß die von mir Vorgeschlagenen geschmückt erschienen — mich hatte man vergessen, doch daS geht eben so im Kriege, und trotzdem bildete der 8. Dezember den stolzesten Tag in meinem (Fortsetzung folgt.) -—-8WW8'»«—-- Aus der TodLenliste 1895. I. Fürstliche Persönlichkeiten: Januar: 31. Prinz Wolfgang von Bayern, jüngster Sohn des Prinzen Ludwig von Bayern, in München. — Februar: 14. Fürstin Hedwig de Ligne, geb. Prinzessin Lubomirska, Wittwe des ehem. belgischen Gesandten in Paris, daselbst; 18. Erzherzog Albrecht von Oesterreich, Feldmarschall und Generalinspcctor der österr. - ungar. Armee, preuß. und russ. Gencralfeldmarschall, Sieger von Custozza, in Arco. — März: 1. Fürst Richard Metternich, ehem. österr. Botschafter in Paris, ältester Sohn des Ministers der Reaktionszeit, in Wien; 2. Großfürst Alex. Michailowitsch, Sohn des Großfürsten Michael und Enkel des Zaren Nikolaus I., in Sän Nemo; Ismail Pascha, der frühere Khedive von Aegypten, in Konstantinopel; 20. Fürst Woldcmar zu Lippe-Detmold, in Detmold. — April: 22. Jcs. Fürst Colloredo-Manns- feld, erbliches Mitglied des österr. Herrenhauses, wirk!. Geheimrath, ehem. Landmarschall von Niederösterreich, in Wien. — Mai: 9. Erbprinz Franz v. Oettiugen-Spiel» berg, in München. — Juli: 28. Marie Prinzessin von Anhalt, geb. Prinzessin von Hessen-Kassel, Mutter der Großherzogin von Luxemburg und Schwester der Königin von Dänemark, auf Schloß Hohenburg (bei Tölz). — August: 9. Prinz Edmund Radziwill, Benedikttnerpater und päpstlicher Hausprälat, früh. NeichstagSabg. (Centr.), im Kloster Beuron; 17. Prinzessin Viktoria Johanna von Thurn und Taxis, Wittwe des Prinzen Egon von Taxis, auf Schloß Baltavar (Ungarn); 28. Erbgroß- herzogin Elisabeth Anna von Oldenburg, Tochter des Prinzen Friedrich Karl von Preußen, auf Schloß Adolfseck (bei Fulda). - September: 7. Erzherzog Ladislaus von Oesterreich, Sohn des Erzherzogs Joseph, in Budapest, in Folge einer auf der Jagd in Kis-Jenö erhaltenen Wunde. — Dezember: 7. Prinz von Thurn und Taxis, der zweite und jüngste Sohn des Fürsten Albert von Taxis, in Negensburg. II. Geistliche Würdenträger: Januar: 2. Cölestin Brader, Abt des Cisterzienser- stists Stams im Oberinnthal, langjähr. NeichsrathSabg., in Stams; 21. Julien Florien Desprez, Cardinal und Erzbischof von Toulouse, das.; 24. Monsignor Carini, 23 1. Präfect der Vaticanischen Bibliothek, in Nom. —- Februar: 16. Anton Abt, Domkapitular und geistlicher Rath in Limburg, unter dem Pseudonym Wnlther v. Müunich als Schriftsteller bekannt, in Limburg. — März: 11. Domdecau Gg. v. Freund in Passau, das.; 12. Dompropst Andr. Lauscher in Speyer, daselbst. — April: 10. Joh. Gg. Schopper, Bischof in Nosenau, in Budapest. — Mai: 29. Cardinal Fürst Ruffo-Scilla, der frühere Nuntius in München, in Rom. — Juni: 22. Amilcare Malagola, Cardinal und Erzbischof von Fermo, daselbst; 23. Lagranges, Bischof von Chartres, Dupanloup's Schüler, in Chartres. — Juli: 1. Consi- storialrath Schrader, ehem. Hofprediger in Berlin, das. — August: 7. Kirchenrath Lyncker, Dekan iu Speyer, Hanptförderer des Baues der Protestationskirche in Speyer, daselbst. — November: 1. Benito Sanz y Forez, Erzbischof von Sevilla und Cardinal, in Sevilla; 19. Cardinal Lucieu Bonaparte, in Rom; 28. Fürstabt Basilius, in Einsiedeln. — Dezember: 7. Cardinal Jgnacio Perstco, in Nom; 15. Cardinal Paul Mclchers, früher Erzbischof von Köln, in Nom. III. Militärs: Januar: 5. Marschall M. Pavia, Generalkapitän der spanischen Armee, einer der bedeutendsten Generale Spaniens, besonders bekannt durch den 1874 gegen den Präsidenten der Republik Castelar ausgeführten Staatsstreich, der den Anlaß zur Wiederherstellung der Monarchie gab, in Madrid; 23. Alb. v. Grimm, bayer. General- audiieur a. D., hochangesehener Militärbeamter, in München; 25. Karl v. Muralt, österreich. Generalmajor a. D., der älteste General der österr.-ungar. Armee, in Wien; 28. Frankois de Canrobert, Marschall von Frankreich, der sich im Krimkrieg und im österr.-italienischen Feldzuge 1859 ausgezeichnet, in Paris; 31. Karl v. Orsf, bayer. General der Infanterie z. D., Inhaber des 17. Jnf.-Regts., früher Commandeur des II. Armeecorps, in Wnrzburg. — Februar: 26. Ritter v. Heinleth, bayer. General der Jnf. z. D., früher Kriegsminister, in München; 28. Leopold Frhr. v. Los, preutz. General der Jnf. z. D. und Generaladjutant Kaiser Wilhelms I., auf Haus Morsbroich (b. Schlebusch); März: 13. General Horpatovitch, früh. serbischer Kriegsminister, in Belgrad; 17. Sefer Pascha (Graf Ladislaus Koszielski), türkischer Divisionsgeneral, auf Schloß Pertlstein (Steiermark). — April: 2. Admiral Lord Alcester (Lord Frederic Bcau- champ Seymour), Leiter des Bombardements von Alexandria, in London; 6. Baron Leo v. d. Osten-Sackcn, preuß. Generallteutenant, bis 1875 Commandant von Stettin, in Dresden. — Mai: 7. Generaloberst v. Pape, früher Commandeur des Gardecorps und in den Marken, in Berlin. — Juni: 17. Baron Bandersmissen, belg. General, einer der hervorragendsten belg. Truppenführer, in Brüssel; Julius Bog!, österr. Feldmarschalllteutenant und Präsident des technischen Militärcomiiös, in Wien; 28. Max Limbach, bayer. Generallieutenant a. D., früher Commandant von Jngolstadt und Germersheim, in München. — Juli: 18. Max Graf O'Donnell, österr. Generalmajor a. D., einst Generaladjutant Kaiser Franz Joseph's, in Salzburg. — August: 26. Heinrich Frhr. v. Pittel, österr. Feldmarschalllieutenant a. D., der sich bei der Niederwerfung des Aufstandes in Süddalmatien und bei der Occupation Bosniens ausgezeichnet, in Weißenbach; 28. v. Osten, württemb. Generallieutenant z. D., früher Commandeur der 27. (württ.) Division, in Berlin. — Oktober: 24. v. Bülow, dänischer General, im Jahre 1864 Oberst und Vertheidiger von Düppel, in Kopenhagen. — November: 13. Heinrich v. Wirth- mann, bayer. General der Jnf. z. D., von 1884—91 Commandant von München, daselbst. — Dezember: 26. v. Meerscheidt-Hüllesew, General der Jnf., früher Commandeur des Gardccorps, in Berlin. IV. Diplomaten, Parlamentarier, Beamte: Januar: 1. Präsident v. Rüdiger, Ministerialdirektor des Innern, in Stuttgart; 6. Eduard Müller, geistl. Rath, lange Jahre Missionsvicar und Gymnastal-Religions- lehrer in Berlin, von 1871—93 Neichstagsabg. (Centr.), in Neiße; 17. I)r. Kutschers, Mitglied des böhmischen Landesausschnsscs, langjähriger Führer der Jungzchechen, in Prag; 19. Friedr. Bötticher, geh. Negierungsraih, Oberbürgermeister von Magdeburg un5 2. Vicepräsident des preuß. Herrenhauses, in Berlin; 24. Lord Nandolph Churchill, bedeutender engl. Staatsmann, früher Staatssekretär für Indien, Schatzkanzler und Führer des Unterhauses, heftiger Gegner der Homerule-Bill Gladstone's, in London; 26. Nikolai Karlowitsch v. Giers, russ. Minister des Aeußern seit 1682, seit 1875 Gehilfe des Reichskanzlers Fürsten Gortschakoff, in St. Petersburg; 28. Graf Donville Maillefeu, franz. radikaler Deputirter, in Paris; Gutsbesitzer Ferd. Kersting, früh. Reichstags- und preuß. Landtagsabg. (Centr.), in Bölkenförde (bet Lippstadt); 31. Karl Schnorr v. Carolsfeld, Geueral- director der bayer. Staaiseisenbahnen, in München. — Februar: 1. Max Graf v. Holnstein aus Bayern, langjähriger königl. bayerischer Oberststallmeistcr, köntgl. Kämmerer, erbl. Neichsrath, Generalmajor L 1a snits der Armee, auf Schloß Schwarzenfeld (Oberpf.); 2. Georg Graf v. Werihern-Beichlingcn, wirk!. Geheimrath, bis 1888 preuß. Gesandter in München, vorher in Athen, Konstantinopel und Madrid, auf Schloß Weichlingen; 12. Ludwig Heine, Appellationsrath a. D., einer der ältesten bayerischen Staatsdiener, in Nürnberg; Julius Hans v. Thümmel, kgl. sächsischer Finanzminister und Vorsitzender des GesammtministeriumS, in Dresden; 18. Barthe! Haaueu, Kaufmann in Köln, früh. Reichstags- und preutz. Landtagsabg. (Centr.), in Köln; 25. Or. Rud. Schleiden, bekannter Politiker und Schriftsteller, 1846 Vertreter der provisorischen Regierung von Schleswig-Holstein in Berlin, später Ministerresident der Hansastädte in Washington und London, von 1867—73 Neichstagsabg., in Freiburg i. Br. — März: 5. v. Neumayr, bayer. Staatsrath im ao. Dienste, früher Präsident des Obersten Laudesgerichts, in München; 9. Dr. Stübel, langjähriger Oberbürgermeister von Dresden, Mitglied der sächs. 1. Kammer und ehem. Neichstagsabg., in Dresden; 17. Frhr. v. Schorlemer- Alst, Mitglied des preuß. StaatSraths und Herrenhauses, früh. Reichstags- und Landtagsabg., einer der bedeutendsten Führer dcS Centrums, in Münster i. W.; Pfarrer Ad. Haus, Reichstags- und bayer. Landtagsabg. (Centr.), in Wörth a. M.; 18. v. Schalscha, von 1877—93 Reichstags- und preuß. Landtagsabg. (Centr.), in Berlin; 20. Baron v. Ungern-Sternberg, wirk!. Geheimrath, Chef des geh. Cabinets deS Großherzogs von Baden, in Karlsruhe; 23. Panse, früh. Neichstagsabg. (freist), in Halle a. S.; 24. vr. Ludwig v. Müller, bayer. Cultusminister und Staatsrath im o. Dienste, in München. — April: 9. Karl v. Heim, früh. Oberbürgermeister von Ulm und Neichstagsabg. (Neichspartei), in Ulm; 13. Emi! Beruh. Jacobi, Senatspräsident am Oberverwaltungsgericht in Berlin, einer der Herausgeber der Entscheidungen dieses Gerichtshofes, in Berlin; 24. Graf Tauff- kirchen, außerord. bayer. Gesandter und bevollmächtigter Minister in Stuttgart, daselbst. — Mai: 1. Hofrath Th. Mürcker, Bürgermeister von Zweibrücken und langjähriger bayer. Landtagsabg., in Zweibrücken; 28. Peter Hauptmann, Verleger der „Deutschen Reichsztg." und preuß. Landtagsabg. (Centr.), in Bonn; 29. Commercien- rath Nosenberger, ehem. Reichstags- und bayer. Landtagsabg. (Centr.), in Passau; 31. Frhr. v. Linden, württ. Minister deS Innern a. D., Mitglied der Kammer der Standesherren, in Stuttgart. — Juni: 2. vr. Heinr. v. Friedberg, früh. preuß. Justizminister, in Berlin; 4. Sigmund Schott, Justtzprocurator tu Stuttgart, früh. Reichstags- und württ. Landtagsabg. (Dem.), in Stuttgart; 6. Beruh. Frhr. v. Richthofen, Polizeipräsident von Berlin, in Bonn; 10. Graf Luigi Ferrari, ital. radtraler Abg., früh. UnterstaatSfckretär im Ministerium Giolitti, in Folge Attentats, in Nimtni; Kaspar v. Ruppert, Nechtsrath a. D., früh. Reichstags- und bayer. Landtagsabgeordneter (Centr.), in München; 13. Zorrilla, Führer der span. Republikaner, früher verschiedentlich Minister, Präsident der Cortes, Ministerpräsident, wegen Theilnahme an einer Militärrevolte in aontuMULiam zum Tode verurtheilt, in BurgoS; 15. Conrad, Reichstags- und preuß. Landtagsabg. (Centr.), in Buchwald. — Juli: 1. Emil Frhr. v. Richthofen, früh. Gesandter in Stockholm, Hamburg und Mexico, Verfasser eines bedeutsamen Werkes über Mexico, in Baden-Baden; 6. Otto v. Koenen, wirk!, geh. preuß. Obcrregierungs- rath und Präsident des kaiserl. Patentamts, in Berlin; 16. Dr. Aug. Neichensperger, Appell.-Nath a. D., langjähriges hervorragendes Mitglied des Reichstags und preuß. Landtags (Centr.), Mitbegründer des Kölner Dombauvereins, Verfasser zahlreicher Schriften auf dem Gebiete der Kunst, in Köln; 18. Or. Karl Schenk, hervorragender schweiz. Staatsmann, seit 1863 Mitglied des Bundesraths und 6 Mal Bundespräsideut, Leiter der Abtheilung des Innern, in Bern; Stephan Stam- buloff, der bedeutendste Staatsmann Bulgariens, zuerst Kammerpräsident, dann nach der Abdankung des Fürsten Alexander Mitglied der Regentschaft und später 7 Jahre lang Ministerpräsident, in Sofia, in Folge eines Attentats. — August: 7. Graf Chamara, früh. Neichstags- abg. (Centr.), in Salzburg; 19. Dr. Ed. Graf, geh. Sanitätsrath in Elberfeld, 2. Vicepräsident des preuß. Landtags, langjähr. Präsident des Deutschen Acrztevereins, in Konstanz. — September: 3. Friedr. Kiefer, Land- gerichtspräsident in Freiburg i. B., langjähr. Neichstags- und bad. Landtagsabg., Führer der Nationalliberalen Badens, in Freiburg i. B.; 4. Karl v. Wallmenich, Oberlandesger.-Präsident a. D. in Bamberg, daselbst; 26. Dr. Oechsner, pens. Oberbürgermeister von Mainz, ehem. Reichstags- und Hess. Landtagsabg. — Oktober: 22. Nuggiero Bonghi, hervorragender italienischer Gelehrter, Schriftsteller und Politiker, früherer Unterrichtsmtnister, in Torre del Grcco. — November: 20. Rustem Pascha, seit 1885 türk. Botschafter in London, früher in Rom und St. Petersburg, in London; 21. Dr. I. Wernz, ehem. Senatspräsident am Reichsgericht, in Heidelberg; 24. Barthelemy-Satnt-Hilaire, bedeutender franz. Gelehrter und Staatsmann, Senator und ehem. Minister des Aenßern, in Paris; 25. Dr. Busch, wirkl. prenß. Ee- heimrath, deutscher Gesandter in Bern, das.; 26. Graf Laaffe, früh. langjähr. österr. Ministerpräsident, in Ellischau (Mähren). — Dezember: 1. Oberreichsauwalt Tessendorf, in Leipzig; 4. Magistratsrath Biehl, ehem. langjühr. Reichstags- und bayer. Landtagsabg. (Centr.), Führer der Handwerkerbewegung, in München; 5. Challe- mel-Lacour, Präsident des franz. Senats, früher Botschafter in London, in Paris; 8. Ostermann, ehem. bayer. Landtagsabg. (Centr.), in Freising; 22. Ritter und Edler v. Lößl, Rath am Obersten Landesgericht, in München. V. Dichter, Schriftsteller, Journalisten: April: 30. Gustav Freytag, einer der bedeutendsten Romandichter und Dramatiker, in Wiesbaden. — Juni: 1. L. Lawpson, engl. Dichter, besonders bekannt geworden durch seine „I^onäon Lz-rio3", in London. — Juli: 5. Or. jur. Herm. Eberhard, langjähr. Chefredakteur des „Frank. Kur.", in Nürnberg; 21. Hcktor Pessard, Theaterkritiker deS „Ganlois" und früherer Director des Preßbureau's im franz. Ministerium des Innern, geschätzter Piiblicist, in Paris. — Oktober: 31. Franz Hedrich, dessen Enthüllungen über seine Mitarbeiterschaft an Alfred Meißner's Romanen s. Z. sehr großes Aufsehen erregten, in Edinburgh. — November: 1. Ferd. Schifkorn, geschätzter österr. Romanschriftsteller, in Graz; 27. Alex. Dumas der Jüngere, Romancier, in Marly (bei Paris). ALAKVkST- Ein Zukunftsbild. Schauplatz: Eine Schul- stube anno 1900. Lehrer szn einem neu angemeldeten Schülers: „Hans, hast Du einen Impfschein für Pocken?" — «Ja, Herr Lehrer!" — „Bist Du gegen Croup inokulirt?" — Ja, Herr Lehrer!" — „Bist Du mit Cholerabacillus geimpft?" — „Ja, Herr Lehrer!" — „Hast Du eine schriftliche Garantie, daß Du gegen Keuchhusten, Masern und Scharlach immnnisirt bist?" — «Ja, Herr Lehrer!" — „Hast Du Dein eigenes Trinkgefäß?" — „Ja, Herr Lehrer!" — „Gelobst Du, keine Schwämme mit Deinem Nachbar auszutauschen und niemals einen anderen Griffel zu benutzen als Deinen eigenen?" — „Ja, Herr Lehrer!" — „Bist Du damit einverstanden, daß wöchentlich einmal Deine Bücher mit Schwefel ausgeräuchert und Deine Kleider mit Chlorkalk besprengt werden?" — „Ja, Herr Lehrer!" — „Hans, Du besitzest Alles, was die moderne Hygiene verlangt. Jetzt kannst Du über jenen Draht steigen, einen isolirten Alumininmsitz einnehmen und anfangen. Deine Nechenexempel zn machen." Für die Nachwelt. Lieutenant: Donnerwetter, mir ist so thatendurstig zn Muthe, ich muß etwas Großes vollbringen-Photographiren werde ich mich lassen. Auflösung der Schach-Aufgabe in Nr. 2: Weiß. 1. D. Lo-VZ-j- 2. T. 68-67-i- 3. T. 07-I17j- und Matt. L. 1. 2. D. VZ-tM-i- 3. D. W-66-i- Matt. Schwarz. S. L6-V8 : K. L7-V6 K. §7-§7 K. §7-6? (M 1896 . „Augsburger Postzritung". 4 . Dinstag, den 14. Januar Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Gradherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Mar Huttler). Die Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Benno. (Fortsetzung.) Unmittelbar hinter dem Fürsten kam ein schmächtiges Männchen, in einen mit Pelz verbrämten, weitärmeligen Mantel gehüllt. Das noch frische, scharf markirte Gesicht, aus welchem ein verschmitztes Augenpaar blitzte, und das dunkle Haupthaar ließen ihn jünger erscheinen, als er in Wirklichkeit sein mochte. ES war der bevorzugte und in alle Geheimnisse und Pläne des Herrn eingeweihte Astrologe Wallenstein's, „der Schwarzkünstler" Seni, über welchen das Gerücht allerlei wunderliche Märchen in Umlauf gesetzt hatte. An der Schloßpforte angelangt, stieg der Herzog vom Pferde, wobei Georg Selkow, dem er einen herablassenden Gruß zugenickt hatte, den Steigbügel hielt. Der Schloßhauptmann trat zur Begrüßung heran; er sprach einige Worte, allein der Herzog warf nur einen kalten, flüchtigen Blick auf ihn. Rasch wandte er sich zu Pater Vtncenz, der ihm mit einem ehrfurchtsvollen Segensspruch das Weihwasser bot. „Wie wohl und jugendlich ich Euch wiederfinde!" sagte der Herzog, nachdem er sich besprengt und bekreuzt hatte, mit freundlicher Stimme und fügte wie im Selbstgespräch fast traurig hinzu: „Es ist doch etwas Schönes um Herzensruhe und Seelenfrieden; wann mag dieses Glück mir endlich zu Theil werden?" „Möge der liebe Gott es Euch nach den Tagen rühmlichen Wirkens in reichstem Maße gewähren", sprach der Priester. „Amen, hochwürdiger Herr, Amen", erwiderte Wallenstein trübe lächelnd; „auch ich möchte so gern einstimmen in 'diesen Wunsch, aber leider sind jene Tage noch fernl" Damit schritt er, ohne der zu seiner Begrüßung gekommenen Volksmenge Beachtung zu schenken, von Leßlie und den Dienern gefolgt, in das Schloß. In diesem Augenblick polterten mehrere Wagen über den gepflasterten Hof, an der Spitze derselben eine reich vergoldete Carosse, welche überdacht, an den Seiten aber nur durch dunkle Ledervorhänge gegen Wind und Wetter geschützt war. Die Gemahlin des Herzogs, eine noch junge Frau, deren liebliches Antlitz von Milde und Anmuth verklärt, stieg heraus und wurde von der herbei- geeilten Magdalene begrüßt. Die hohe Frau warf einen forschenden Blick auf das Mädchen. Dann reichte sie ihm mit einem freundlichen Lächeln die Hand. „Ei, sieh da", rief sie, „bist Du nicht Magdalene, die Pflegetochter unseres treuen Lobau? Ja, ja. Du mußt es sein", fügte sie hinzu, als das Mädchen der vornehmen Dame nicht sofort zu antworten wußte. „Ich hätte Dich kaum mehr erkannt, so groß und kräftig bist Dul Nun, wir werden wohl bald bekannter sein. Du mußt mir den Dienst einer Kammerzofe versehen, so lange ich in Großmeseritsch bin." Eine der Damen führte ein etwa achtjähriges Mädchen herbei, das die Herzogin zärtlich umarmte und dann Magdalenen vorstellte. „Meine süße, kleine Maria Elisabeth", sagte sie mit strahlenden Augen, während das Kind zutraulich die Jungfrau anschaute; „ich will sie in Deine Obhut geben. Behüte und bewahre sie wohl; denn sie ist mein theuerstes Gut!" Die Herzogin gewann sich durch da und dort gespendete freundliche Worte sofort die Herzen ihrer Unterthanen und begab sich mit ihrem Töchterchen, Magdalenen und den Damen ins Schloß. Nun verlief sich das Volk in unverkennbarer Hast. Es war den Leuten offenbar innerhalb der Burgmauern nicht wohl. Die Triumphbogen und Ehrenpforten wurden auf ausdrücklichen Befehl des Herzogs gleich wieder abgebrochen, das verdorrte Gras von dem Wege entfernt, und bald herrschte die gewöhnliche Stille in dem geräumigen Schloßhof. Nur das bunte Durcheinander der Wagen, Carrossen, Sänften und anderer Beförderungsmittel verrieth das Ereigniß des Tages. * * * Eine Stunde später durchmaß der Herzog von Friedland mit finster zusammengezogenen Brauen, die Hände auf den Rücken gelegt, das weite Gemach, welches er sich zum Arbeitszimmer ausgewählt hatte. Alterthümliche Möbel mit schadhafter Vergoldung standen umher; die Farben der rothseidenen Fenster-Vorhänge, sowie des Sammets an den schweren Lehnstühlen waren abgebleicht und verschossen. Leßlie hatte ursprünglich einen andern Raum für den Herrn in Bereitschaft gesetzt und nicht ohne Besorgniß die Wahrnehmung gemacht, daß dem Herzog die Lage gerade dieses Zimmers am besten gefiel. Er war auf eine ernstliche Zurechtweisung gefaßt gewesen; doch Wallenstein hatte der fast ärmlichen Ausstattung, ganz im Gegensatz zu seiner sonstigen Gepflogenheit, gar keine Beachtung geschenkt. An einem der Tische saß, mit Schreiben beschäftigt, des Herzogs Geheimsecretär, Cornet Neumann; Seni lehnte am Fenster, ein Staffettreiter und Georg Selkow standen wartend an der Thüre. Letzterer hielt seine Augen mit unverkennbarer Ueber- raschung auf Neumann gerichtet. Was er während seines langen Aufenthaltes in der unmittelbaren Umgebung des Herzogs noch nie entdeckt hatte, das fiel ihm heute auf: nicht nur die Gestalt, sondern auch die Haltung und die Gestchtszüge des Geheimsecretärs glichen den seinigen fast auf ein Haar. Er konnte kaum begreifen, daß dieses sonderbare Spiel der Natur nicht schon früher von ihm bemerkt worden war. Uebrigens hatte der Cornet, wie Georg sah, im Haar und Bartschmuck gegen früher eine auffallende Aenderung bewirkt — an und für sich eine Laune, aus der jedoch in der Folge, wie so oft aus kleinen Ursachen, eine verhängnißvolle Wirkung für den Träger entsprang. Nachdem ein längeres Schweigen im Zimmer geherrscht hatte, wandte Wallenstein sich an den Schloß- hauptmann, ohne diesen jedoch anzusehen: „Hat Euch Euer Vetter Gordon, der Comandant von Friedland, in der letzten Zeit keine Nachricht gegeben?" „Nein," erwiderte Leßlie, ob der Zwischenfrage, deren Zweck er nicht zu errathen schien, sichtlich betroffen. „So wißt Ihr auch nicht," fuhr der Herzog fort und maß den Schloßhauptmann mit einem mißtrauischen Blick, „daß der waghalsige Schelm Christoph von Redern in der dortigen Gegend herumreitet und das Landvolk verführt? Das kann nur im Einverständniß mit Gordon geschehen. Wenn dieser seine Pflicht erfüllte, dann hätte der Unfug schon längst aufgehört. Schreibt deshalb," befahl er Neumann, „an den Schloßhauptmann, er sei von heute ab seines Dienstes entlassen. Im ganzen reichenbergischen und frtedländischen Gebiet aber soll bekannt gemacht werden, daß, wer die geringste Gemeinschaft mit Redern unterhält, dem Galgen verfällt; wer ihn mir aber todt oder lebendig in die Hand liefert, der soll fünftausend Thaler erhalten." Der Geheimsecretär schrieb, und der Herzog setzte seine Wanderung fort. Als Neumann das Schriftstück ausgefertigt hatte, winkte Wallenstein dem harrenden Reiter, übergab ihm den Brief, und dieser verließ das Gemach. Der Herzog ging noch eine Weile auf und ab; dann blieb er abermals vor dem Schloß-Hauptmann stehen und schaute ihm fest in's Gesicht. „Die fehlenden Papiere haben sich noch nicht gefunden?" fragte er mit einem Tone, in welchem fast etwas Drohendes lag. Ein unverkennbarer Schrecken drückte sich auf Leßlie's Angesicht aus. Gleichwohl wußte er sich zu beherrschen und antwortete mit fester Stimme, wenn auch ängstlichem Blick: „Nirgends, Euer Gnaden; man suchte bis jetzt vergeblich danach I" Ein zorniger Blick zuckte aus den Augen des Herzogs hervor. „An dem Tage vor dem Tode der Gräfin waren sie noch vorhanden, das ist ausgemacht," erklärte er, „am folgenden Morgen aber hat man sie vermißt. Ich bin fest überzeugt, daß sie auf Grund eines böswilligen Complots entfernt und versteckt worden sind. Georg," fuhr er zu diesem gewandt fort, „du bist mir treu! Du kennst alle Räumlichkeiten dieses Hauses genau. Nimm einige Knechte und durchsuche das ganze Schloß vom Dachstuhl bis zum Grundstein, die Zimmer meiner Gemahlin allein ausgenommen. Eine Kiste mit Documenten ist verloren gegangen. Spüre überall nach und laß, wo du es für nöthig findest, Thüren und Wände einschlagen und alle Schränke und Kästen aufbrechen. Findest du jene Papiere, so sei meiner fürstlichen Gnade und eines reichen Lohnes gewiß. Ihr, Leßlie, werdet den Leibjäger begleiten und Euch nicht eher entfernen, bis die Untersuchung zu Ende geführt ist." „Euer Gnaden glauben doch nicht . . .," wagte der Schloßhauptmann mit merklich zitternder Stimme einzuwenden. „Ich glaube gar nichts," entgegnete der Herzog rauh, „denn sonst läget Ihr längst in Ketten und Banden! Doch fort jetzt an's Werkl" Leßlie und Georg verließen das Zimmer; auch Neumann entfernte sich auf einen Wink seines Herrn. Wallenstein und Seni blieben allein. Wieder schritt der Herzog eine Zeit lang schweigend an den Fenstern des Zimmers entlang. „Habt Ihr den Brief noch, den Kepler vor seinem Tode Euch geschrieben?" fragte der Herzog den Astrologen. „Ja, mein hoher Herr", erwiderte der Alte, „er ist gut verwahrt." „Ich will ihn sehen", sagte Wallenstein. Seni entfernte sich. „Ich hatte mir zwar", murmelte der Herzog, als er sich allein sah, „damals das Geschriebene genau ins Gedächtniß geprägt, aber ganz kann ich mich doch nicht mehr auf den Wortlaut besinnen, der, wie ich mich erinnere, eine Warnung von ungeheuerer Tragweite enthält. Kepler war ein merkwürdiger Mann. Man hat seinen Geist, sein Wissen und seine Kraft unterschätzt. Ich bin fest überzeugt, daß ihm von den Gestirnen mehr vertraut worden ist, als die Welt ahnt!" Der Astrologe kam zurück und übergab Wallenstein ein halbvergilbtes Papier. Dieser las langsam folgende Stelle: „Der Herzog wird sich an Unternehmungen wagen, durch welche er entweder auf den höchsten Gipfel des Ruhmes geführt oder in den tiefsten Abgrund gestürzt wird. Er mag sich vor einem geheimen Feinde wohl in Acht nehmen, der unsichtbar, aber beharrlich in seine Fußstapfen tritt. Wenn die Hand gegen den Herrn zum Schlage sich erhebt, erfüllt sich in Finsterniß und Nacht sein Geschick." Der Herzog ließ seine Augen längere Zeit auf dem Schreiben haften. Dann legte er es weg und blickte zum Fenster hinaus. „Kepler spricht von einer Gefahr", sagte er nach einer Pause, „die allerdings noch an Bedingungen geknüpft ist; aber eine Gefahr bleibt doch. Auch meine eigenen Berechnungen deuten nichts Gutes. Daß es Warnungszeichen gibt, und daß diese den Geschicken der Menschen vorangehen, welche dazu erkoren sind, auf die Ereignisse ihrer Zeit mächtig zu wirken, dessen haben wir Beispiele genug!" „Kepler war ein großer Gelehrter", bemerkte Seni, der das Selbstgespräch des Gebieters mit wachsendem Interesse verfolgt hatte, als Wallenstein schwieg, „allein er kann sich doch geirrt haben. Oder er hat Euch", fügte er mit zweideutigem Lächeln hinzu, „absichtlich getäuscht, um Euch schwankend zu machen. 27 Er stand ja auf der Seite unserer Feinde. Das von ihm gegebene Horoskop klingt so unbestimmt und verworren, daß es mir fast wie das wohlfeile Machwerk eines listigen Traumdeuters erscheint. Jedenfalls ist die ihm von Euch unterbreitete Angelegenheit nicht mit jener Gewissenhaftigkeit und jenem Ernste behandelt worden, welche eine so wichtige Sache verlangt. . . . Meine Constellation verkündet Euerm Beginnen Ruhm und Glück, vorausgesetzt, daß Sonne und Mars nicht in Opposition sind. Da jedoch die Sonne das Zeichen des aller- durchlauchtigsten Erzhauses ist und der Krieg, für den Ihr das Heer zusammengebracht habt, zur Befestigung der Macht desselben geführt werden soll, so fällt jene Gefahr von selbst weg!" Wallenstein schaute den Astrologen mit einem Blicke an, als wollte er die geheimsten Gedanken in dessen Seele ergründen. Dann sagte er: „Ihr traut Kepler nicht, Ihr habt es niemals gethan. Ihr meint, er habe mich absichtlich getäuscht? Das glaube ich nicht. Ich denke besser von ihm. Kepler war nicht nur ein großer Meister unserer himmlischen Kunst, er war auch ein hervorragender, ein guter Mensch. Und wie hat die undankbare Welt ihm gelohnt?" fügte er bei. „Wie fast Jedem, der sich nicht mit kühner Rücksichtslosigkeit einen Griff in den Glückshafen der Günstlinge des Schicksals erzwingt: sie nahm den Schatz aus der Hand des bescheidenen Mannes und gab ihm dafür nicht ein Mal Brod. Doch", fuhr er fort, und seine Stimme sank zum Flüstertöne herab, „habe ich ein Recht, die Welt anzuklagen? War ich besser als sie? Ich verdankte dem edlen Forscher so viel; er hat mir manches Geheimniß im Zauberreiche der Gestirne erschlossen, und was that ich für ihn? Nichts, oder doch nicht viel mehr als nichts! Denn der Lehrstuhl in Rostock war — ein Amt ohne Brod!" Wallenstein fuhr sich mit der Hand über die Stirne, als wolle er die Spuren dieser Selbstanklage verwischen. Dann wandte er sich an Seni: „Wie geht es der Familie des Meisters? Wißt Ihr Näheres von ihr?" „Keplers Wittwe soll in Regensburg leben", erklärte der Astrologe, „und in nicht ungünstigen Verhältnissen sein, nachdem die Verdienste ihres verstorbenen Gatten vom Reichstag anerkannt und belohnt worden sind." „Sind sie es wirklich?" rief der Herzog. „Das freut mich, wenn diese Belohnung für den geprüften Mann selbst auch zu spät kam. Ich werde ihrer gleichfalls gedenken — mahnt mich daran. Doch geht jetzt, Meister, und stellt im astronomischen Zimmer alles bereit; die hochwichtige Nacht rückt heran." Der Herzog machte eine leichte Handbewegung, und der Alte schritt langsam hinaus. 3 . Die Sonne stand kaum am Himmel, als Magdalene am folgenden Tage das Zimmer der Base betrat. „Guten Morgen, liebe Base", rief sie fröhlich und stellte eine Flasche Wein auf den Tisch; „seht nur, wie freundlich und gut die Herzogin ist! Dies schickt sie, damit Ihr Euch gütlich thut." „Die Herzogin?" fragte die Alte; „sie kennt mich ja nicht!" „Um so mehr beweist die Gabe ihre Herzensgüte und Mildthätigkeit", erwiderte das Mädchen. „Die hohe Frau hat mich über alle Bewohner des Schlosses gefragt, und als sie hörte, daß Ihr schon vierundachtzig Jahre alt seid, sprach sie sofort die Absicht aus, Euch eine kleine Freude zu bereiten. Sie ließ diesen Labetrank holen und gab mir den Auftrag, ihn Euch zu bringen. In den nächsten Tagen wird sie bei der Base in höchsteigener Person einen Besuch machen. Ihr glaubt gar nicht", schilderte Magdalene weiter, als Frau Anna die Nachricht von der ihr zugedachten Ehre kaum anhörte, „wie herablassend sie ist. Ich war gestern Abend lange um sie; eine der Damen mußte ihr Töchterlein holen, das wohl eine Stunde lang in der zutraulichsten Weise mit mir geplaudert und gespielt hat. Der kleine Engel war in Sagan so krank, daß man bereits für sein Leben fürchtete; nun ist er wieder frisch und gesund!" „Ja, ja", bemerkte die Alte in ihrer gewohnten eigenthümlichen Weise, „ich glaube es Dir. Sie war auch einst glücklich und gut; ihr fröhliches Lachen und Scherzen durchklang oft diese Räume, wo es nicht so trübe und still war wie jetzt; und doch..." Es klopfte, und Georg Selkow trai ein. Mißmuthtg ließ er sich nach kurzem Gruß auf einen Stuhl nieder. Die Base war bei seinem Erscheinen Plötzlich verstummt. „Nichts und wieder nichts!" rief der Leibjäger ärgerlich; „nun habe ich das ganze Schloß von oben bis unten durchsucht und fand von dem verwünschten Kasten auch nicht eine Spur. Da hat mir der Herr eine schöne Gnade bescheert! Und vollends noch den boshaften Hauptwann dazu, der vor geheimer Schadenfreude über meine vergebliche Arbeit und Mühe fast platzt. Es ist mir ganz miserabel zu Muth!" „Von welchem Kasten sprichst Du da?" fragte die Alte, aufmerksam werdend. „Von einem kleinen, silberbeschlagenenEbenholzktstchen, welches der verstorbenen Gräfin gehörte und bei dem Tode derselben oder ganz kurz vorher auf eine unerklärliche Weise verschwand. Es soll wichtige Documente enthalten, an deren Auffindung dem Herzog sehr viel liegt. Allem Anscheine nach suchen wir jedoch am unrechten Platz. Der Himmel mag wissen, wo das Ding steckt. Ohne Zweifel hatte die eifersüchtige Gräfin, um dem Herrn einen Streich zu spielen, die Documente schon lange vor ihrem Tode bei Seite geschafft."^ „Nein", widersprach die Alte bestimmt, „Du täuschest Dich; ich selbst habe das schwarze Kästchen wenige Stunden vor ihrem Hinscheiden neben dem Bette gesehen." „Wie, Ihr wißt?" rief Georg aufspringend. „Ich weiß weiter nichts", erklärte diese, „als daß das Kästchen da war. Was nachher damit geschah, ist mir unbekannt. Vielleicht könnte Leßlie Dir Bescheid geben. Er war ja der einzige Vertraute der Gräfin." „Also habe ich mich mit meinem Verdachte gegen diesen Menschen doch nicht getäuscht!" frohlockte Georg. „Ging er doch anfangs neben mir her, wie das böse Gewissen, während nachher, als ich nichts fand, der Hohn aus seinen Fuchsaugen sprach. Aber, warte nur, Halunke, ich werde dir die Zunge schon lösen! Sofort eile ich zum Herzog und erstatte über die Entdeckung Bericht!" „Um Gottes willen, Georg", bat die Alte erschrocken, „thue das nicht! Du könntest einen Unschuldigen und uns Alle unglücklich machen. Es ist Dir ja bekannt, wie argwöhnisch, heftig und unnachsichtlich der Herr ist. Leßlie's Verkehr mit der Gräfin ist noch lange kein Beweis dafür, daß er die Kiste auf die Seite geschafft hat." „Allerdings", lenkte Georg ein, der die Richtigkeit dieser Schlußfolgerung anerkennen mußte, und nahm wieder Platz. „Aber was soll ich thun? Gutwillig, daS weiß ich zum voraus, gesteht Leßlie mir nichts. Wenn ich aber die Kiste auffinde, ist mein Glück gemacht. Der Herzog hat mir für diesen Fall die Hauptmannsstelle auf einem seiner Schlösser versprochen. Wie Ihr seht, ist die Sache sehr wichtig für mich; denn mit einem gelungenen Griff bin ich ein selbstständiger Mann." Bei diesen Worten ließ er seine Augen mit so innigem Ausdruck auf Magdalenen ruhen, daß ein glühendes Noth über deren Antlitz sich ergoß. Als die Base der Frage des jungen Mannes keine Beachtung schenkte, nahm Magdalene stockend und nicht fähig, ihre Verwirrung niederzukämpfen, das Wort. „Beobachte ihn", rieth sie; „vielleicht findest Du doch noch Anhaltspunkte, durch welche ein entschiedenes Vorgehen gegen den Hauptmann gerechtfertigt wird; ein vorschnelles Handeln dagegen könnte alles verderben!" „Du hast Recht, Lenchen", stimmte Georg nach einigem Besinnen bei, „ich will Dir folgen. Wer weiß, ob nicht ein glücklicher Zufall meinen Wünschen günstig ist. Doppelt jedoch soll es mich freuen, wenn meine Vermuthung sich bestätigt, daß Leßlie der Documenten- dieb ist. Wir Beide sind ohnehin noch nicht quitt. Dann läßt auf die beste Art und Weise der Denkzettel sich anbringen, welchen er für alle Fälle erhält." Das weithin tönende Hornsignal der Thürmer, auf welches als Antwort eine Trompetenfanfare vom Thal heraufscholl, unterbrach das Gespräch und verhinderte Magdalenen, dem Unwillen Ausdruck zu geben, welchen sie über die Unverbesserlichkeit des jungen Mannes empfand. Georg eilte ans Fenster. „Sie kommen!" rief er, nachdem er einen raschen Blick ins Freie geworfen. „Schon fliegen die Vorreiter den Schloßberg herauf." Er drückte dem Mädchen flüchtig die Hand und eilte hinaus. Lenchen stellte sich an daS Fenster und schaute über die Burgmauer weg. Hinter derselben sah sie eine mächtige Staubwolke aufwirbeln, durch welche blinkende Waffen und Helme im Sonnenlicht glänzten. Auf dem Hofe begann es lebendig zu werden. Soldaten und Diener rannten geschäftig hin und her. Die Zugbrücke fiel mit dumpfem Rasseln über den weiten Graben, und einige Minuten später sprengte ein Reitertrupp in den Hof. An der Spitze- desselben befand sich ein Herr, der über seinem schwarzsammtencn Rock ein goldenes Kreuz an schwerer Kette trug. Er sprang vom Pferde, warf die Zügel einem Reitknecht zu und ging mit leichterm Schritt, als man seinen grauen Haaren zugetraut hätte, dem Herzog von Friedland entgegen, der in diesem Augenblick zur Begrüßung der Gäste unter der Eingangspforte des Schlosses erschien. „Ah, Fürst Eggenberg!" rief Wallenstein, dessen Mienenspiel eine stolze Freude ausdrückte, und streckte dem Ankommenden beide Hände entgegen. „Willkommen auf GroßmescritschI" „Seine Majestät, unser erhabener Kaiser", sagte der Fürst mit einer Verbeugung, „läßt Euch, Herr Herzog, durch mich seinen hohen Gruß entbieten und Euch in Anerkennung der raschen Erfüllung Eueres gegebenen Versprechens seiner vollkommensten Gewogenheit und Gnade versichern." „Ich that nur Mcine Pflicht", entgegnete der Herzog I mit stolzem Selbstbewußtsein; „denn diese war es, nachdem ich einmal mein Wort verpfändet. Die Armee steht schlagfertig da und ist vom besten Geiste beseelt, so daß man jeden Augenblick mit ihr gegen den Feind aufbrechen kann." „Ich weiß es", entgegnete der Fürst mit verbindlichem Lächeln, „und bin überzeugt, daß sie von Euch nur zum Siege geführt werden wird. Doch", fuhr er fort, ohne dem Achselzucken des Herzogs, das er sehr gut bemerkt hatte, eine Beachtung zu schenken, „darf ich um die sofortige Erledigung unserer Angelegenheit bitten? Ich bin beauftragt, Seiner Majestät heute noch Nachricht zu senden!" „Euer Liebden werden von dem weiten Ritt müde und abgespannt sein", meinte der Herzog geschmeidig; „dürfte nicht vorher ein kleiner Imbiß. - .?" „Nein", erklärte der Fürst, „die Wohlfahrt und das Interesse meines kaiserlichen Herrn gehen allem voran!" „Gut denn", sagte Wallenstein, „auch mir ist der Wunsch des erhabenen Gebieters Befehl; in einer Viertelstunde werde ich mit meinen Officieren im großen Saale erscheinen und hoffe, daß unsere Berathung zu einem allseitig befriedigenden Abschlüsse kommt." Der Herzog gab dem Schloßhauptmann einen Wink. Sofort standen mehrere Diener zur Empfangnahme der Wünsche des hohen Gastes bereit. Wallenstein zog sich zurück. Der Gesandte des Kaisers wurde nach der für ihn und sein Gefolge vorbehaltenen Abtheilung des Schlosses geführt; er ließ sich Brod und ein Glas Wein reichen und begab sich genau zu der festgesetzten Minute in die Verhandlung, von der so vieles für den Kaiser abhing. Indessen hatte sich der Herzog von Friedland mit seiner Gemahlin, dem Geheimsekretär Neumann und dem Astrologen Seni, sowie einer großen Anzahl von Obersten und Hauptleuten schon im Versammlungssaale eingefunden. Nach einer ceremoniellen Begrüßung nahm man Platz, und die Verhandlung begann. Sie wurde von dem Fürsten Eggenberg eingeleitet mit der Anerkennung der Verdienste, die Wallenstein um daS kaiserliche Haus und ganz Deutschland sich erworben, und dem Ausdruck des Bedauerns, daß in Folge unliebsamer Mißverständnisse eine Zurücksetzung ihm widerfahren sei. Daran knüpfte der Gesandte die Bittender Herzog möge die Bedingungen nennen, unter welchen er geneigt sei, den Oberbefehl über das von ihm geschaffene Heer zu übernehmen. „Haben Euer Liebden", fragte Wallenstein mit einer Stimme, in welcher seine Spannung durchklang, „unumschränkte Vollmacht vom Kaiser empfangen?" „Ich verstehe nicht, wie Ihr das meint", entgegnete ausweichend der Fürst, „indeß glaube ich, allen billigen Anforderungen entsprechen zu können!" Wallenstetns Augen blitzten. Er gab dem Geheimsekretär einen Wink. Dieser erhob sich, entfaltete ein Schriftstück und fing an zu lesen. Der Herzog beklagte sich darin in längerer Ausführung über die ihm bei seinem ersten Auftreten widerfahrene Behandlung und erklärte, um nicht abermals nach vollbrachter Arbeit auf die Seite geschoben zu werden, nachstehende Bedingungen stellen zu müssen: 1. Der Sohn des Kaisers, König Ferdinand, darf niemals persönlich beim Heere erscheinen. 29 -M in lieblich Bild! In. ernsthaft frommem Thun Entfaltet sich des heiligen Josephs Fleiß I Nur seine Blicke selig leuchtend ruh'n Auf holdem Knaben, aller Söhne Preis. Ein Menschensohn? — Still, sinkt auf's Knie vor Ihm, Dem schlichten Werkgesell, dem Zimmermann! Es knieen ungesehen die Seraphim Um ihn und huldigen und beten an. —-—' 30 2. Dem Herzog von Friedland steht ausschließlich die Entscheidung über Güter-Einziehungen zu. 3. Das Begnadigungsrecht des Kaisers beschränkt fich auf Lebens- und Ehren-Strafen, darf jedoch niemals auf Güter-Etnziehung ausgedehnt werden. Unterjoch und Umgebung. (Mit Illustrationen.) Nachdruck verboten. U. Vor nicht gar langer Zeit brachte unsere tllustrirte Beilage die Notiz, daß viele Touristen von W 8 MW Unterjoch 4. Neben dem Kaiser steht auch dem Herzog von Friedland das Begnadigungsrecht und damit in der Armee die Gewalt über Leben und Tod zu. 5. Als ordentliche Belohnung erhält der Herzog ein österreichisches Erbland, und als außerordentliche wird ihm die Ober-Lehensherrschaft in allen zu erobernden Gebietstheilen verliehen. 6. Er wird als Herzog von Mecklenburg in den künftigen Friedensschluß aufgenommen. 7. Der Rückzug lande frei. Uehbach bei Unterjoch. steht ihm in alle kaiserlichen Erb- (Fortsetzung folgt.) Sonihofen durch das herrlich gelegene Ost- rachthal nach Hinde- lang wandern. Viele Touristen aber ersteigen auch noch die steile Höhe des Jochberges,umnachSchatt- wald(Bild davon nebst Beschreibung brachten wir bereits in unserer illustrirten Beilage) oder über Unterjoch nach Wertach (Neu- Wertach) oder Pfron- ten zu gelangen. Unterjoch, 1012 m, in einem schönen, von der Wertach jsdurch- flossenen Gebirgsthals, ist ein weit zerstreutes Dorf im Umfang von 2^ Stdn., dessen schindelgedeckte Häuser von dem sanften Grün der umliegenden schönen Matten und Wälder reizend sich abheben. Unterjoch umfaßt in seiner Flurmarkung 1204 Im und 4 a mit 40 ständig bewohnten und 3 in Alphütten umgewandelten, folglich^nurlm Sommer bewohnten Häusern mit ca. 250 Einwohnern. Ehemals gehörte das Gebirgs- dorf zur großen Pfarrei und politischen Gemeinde Hinde- lang, wurde jedoch im Jahre 1713 eine eigene Seelsorg- stelle, was bei einer Entfernung von 1 */z—2 Stunden von der Mutterkirche und der Schwierigkeit des Weges über den 300 m hohen, im Winter arg verschneiten Jochberg wohl unabweisbares Bedürfniß war. Unterjoch bildete von nun an eine Manualkaplanei von Hindelang, wie jetzt noch Hinterstein (von dem wir seinerzeit ebenfalls Abbildung und Beschreibung brachten). Der erste Kaplan in Unterjoch war Herr Jakob Zwingberger bis 1731, in welchem Jahre er starb und in Hindelang begraben wurde.JmJahre 1750 erhielt der dort- weilige Kaplan Herr Johann März, gebürtig von Augsburg, Seitens des hochwürdigsten bischöfl. Ordinariates die Erlaubniß, in der Filialkapelle das heil. Sakrament der Taufe auszuspenden, falls ein Kind ohne Beschwerde und Gefahr nicht zur Mutterkirche könne gebracht werden.JmJahre 1755 erhielt er die Erlaubniß, das Sanctis- simum im Tabernakel der Kapelle aufzubewahren, und wurde im Jahre 1855 das 100- jährige Jubiläum der Aufbewahrung des Allerheiligsten feierlichst begangen. Im Jahre 1791 wurde Unterjoch ein Kurat-Benefizium unter Herrn Matthäus Stechele von Moosbach. Unter Herrn Be- nefiziaten Franz Laver Hacker wurde die Kirche feierlich consecrirt im Jahre 1845 von Sr. bischöfl. Gnaden dem hochwürdigsten Herrn Bischöfe Peter von Richarz, bei welcher Feier fünfzehn Geistliche anwesend waren. Dem genannten Herrn Bencfiziaten verdankt die Gemeinde Unterjoch auch die Errichtung eines eigenen Gottesackers, in welchem er aber leider schon wenige Tage nach der Einweihung seine Ruhestätte fand. Auf ihn folgte Herr Gebhard Wucher, hernach Pfarrer von Maria-Thann. Am 20. Juni 1850 kam nach Unterjoch als Kuratbencfiziat Herr Max Alois Heim, vorher Kaplan in Seifriedsberg, von welchem die Führung der Matrikelbücher begonnen wurde. Derselbe kam am 9. November 1854 als Pfarrer nach Fischen, wo er als Dekan des Kapitels Sticfenhofen und Landrath am 1. Juli 1888 starb. Er ist in Unterjoch noch jm besten Andenken. Nach ihm wirkle als Vikar bis zum 13. Mai 1855 Herr Johann Evang. Lautenbacher von Hausen, Pfarrei Honsolgen, gegenwärtig Pfarrer und kgl. geistl. Rath in dem Unterjoch benachbarten Wertach. Nach genanntem Herrn wirkte längere Zeit (von 1855 bis 1862) Herr Lorenz Wolf von Kempten; starb im Jahre 1862 und liegt in Unterjoch begraben. Am l 2. November 1862 kam als Vikar nach Unterjoch Herr Peter Paul Martin, welcher im Jahre 1869 die Kuratie zur eigenen Pfarrei erhob, somit der erste Pfarrer Unterjochs war. Nahezu 25 Jahre lang weidete er die Schäflein Unterjochs mit treuer Hutenliebe bis zuseinem am 12 .August 1887 in Unterjoch erfolgten seligen Tode. Ihm verdankt dicPfarr- gcmeinde Unterjoch sehr Vieles: die bereits erwähnte Erhebung der Kuratie zur eigenen Pfarrei, die Erbauung des prächtigen Helmthurmes, die Anschaffung eines neuen Geläutes, sowie schöner Kirchenparamente und große Opfer für Schule und Arme. Aus den Renten der Pfarrer Peter Paul Marttn'- fchen Schulsttftung wird das Schulgeld für alle Schulkinder bezahlt,^ ärmeren Kindern das Schulmaterial angekauft und alle Jahre ein sog. Kinderfest gehalten. Sein Andenken bleibt im Segen. — Wie von Hindelang her, so wird Unterjoch auch von Schattwald aus ( 2/4 Stdn.) viel besucht und gilt als ruhige, milde Sommerfrische. Das Gasthaus „zur Krone„ daselbst wird von den Touristen sehr empfohlen. Nicht weit vom Orte (20 Min.) befindet sich der stark frequentirte österreichische Weiler Reh- bach (s. Bild) in einsam idyllischer Lage mit zwei Häusern (das Haus bct der Kapelle mit einer Wein-Wirthschaft). Fünf Minuten hievon die sehenswerthe „Tuffgrotte" (s. Bild). — Nordöstlich von Unterjoch liegt das österreichische Pfarrdorf Jungholz (ehem. Filiale von Wertach) Dortselbst wirkt Herr Pfarrer Peter Paul Steinacher bereits ein halbes Jahrhundert (44 Jahre). „Dieser" — so würde Goethe sagen — „kennet das Leben und kennet der Menschen Bedürfniß". Von den Bewohnern Unterjochs dürfte wohl besonders gelten, was Herr Pfarrer Hopp in seiner Pfründcstatistik den Allgäuec Gebirglern nachrühmt: sie zeichnen sich aus durch freien, offenen Charakter und tiefe Religiosität. Kchleierfalt und Tropfhöhle bei Nrhbach. M - > -USA (Unsere Bilder zu vorstehendem Aufsätze sind nach Original-Aufnahmen von Gustav Baader, Photograph in Krumbach, in Autotypie hergestellt.) -- Altert ei. Ein deutscher Prinz macht seine Hochzeitsreise. Am herrlichsten Frühltngsnachmittage fitzt er mit seiner reizenden jungen Frau da droben im bayerischen Hochgebirge in der lauschigen Einsamkeit eines Tannenwaldes. „Ob'S wohl auf Erden zwei andere Sterbliche gibt, die so selig sind, wie ich und Du!" ruft er, nach oben blickend. Ein Wort gibt das andere. Man ergeht sich in theoretischen Betrachtungen aller Art und kommt zu dem Schlüsse, daß es für die Möglichkeit des Glückes gleich- giltig sei, ob man in der Hütte oder im Palaste wohne. Wie das Paar eben im besten Plaudern ist, kommt ein junger Bauer lustig singend des Weges daher. „Geliebter", raunt die Prinzessin ihrem Gatten in's Ohr, „laß uns den Landmann fragen, ob c" auch das Glück kennt wie wirl" Er winkt den Landmann heran. „Sagt, mein Freund," beginnt er, nachdem er den Menschen durch einige Vorfragen vertraulich gemacht, „seid Ihr eigentlich glücklich?" — „Wie meint der Herr das?" — „Nun, ob Ihr mit Eurem Schicksal zufrieden seid?" — „Freilich", versetzte der Bauer, „i wüßt not, was mir abging. I hab' mei gutes Auskommen, Frau und Kind sind, Gott sei Dank, gesund, Essen und Trinken schmeckt mir, und von Sorgen und Aerger weiß i halt nix." — „So", sagte der junge Prinz behutsam, „aber besinnt Euch einmal, habt Ihr im Ernste gar keine Sorgen? Erwächst Euch nie und nirgens einmal ein Verdruß?" — „Daß i nöt wüßt' l Höchstens, nun ja, das steht richtig. Manchmal — ja. . ." Die Prinzessin horchte auf. „Nun", ermunterte der Prinz, „sprecht ungenirt. Was habt Ihr zu klagen?" — „Ja", sagte der Bauer, sich hinter dem Ohr kratzend, „manchmal hab' ich halt was mit mei'm Weib! Schauen's, so am Sonntag. Unter der Woch' gang i halt nöt viel in's Wirthshaus; oder wenn i gang', trink i halt ein oder zwei Glas. Des Sonn tags aber, — Ihr wißt halt, wie's da geht. Da sitzt man bei einem guten Freund, und da kommt zu zwei Gläsern das dritte — und wenn der Förster kommt, trinkt wer auch a viertes oder a fünftes, und dann kommt der Herr Lehrer, der gar a lustiger Herr ist, und da trinkt mer a sechstes und a siebtes, und zuletzt kommt der Feldgendarm, der hat an Durscht, über den geht gar nir, und da trinkt mer a acht's und a neunt's und mach- mal auch a zehnt's und elft's . . . Und wann i nun gar a zwölfts trinke und komme heim und bin a bisse! fidel, dann fängt mei Weib an zu keifen und zu räson- nirenl" — „Was", unterbricht ihn die Prinzessin entrüstet, „Ihr wollt Eure arme Frau noch anklagen, wenn sie über Euch schändlichen Trunkenbold in Verzweiflung geräth? Ihr seid ja auf ganz abscheulichem Wege! Zwölf Glas? Und das erzählt Ihr mir mit lachendem Munde? Bedenkt Ihr denn gar nicht, daß bei solchem Lebenswandel schließlich der ganze Hausstand rückwärts geht, daß die Kinder mißrathen, wenn der Vater ihnen dieses schändliche Beispiel gibt? Könnt Ihr denn nicht vergnügt sein, ohne diese gräßlichen Ausschweifungen?" Da stößt der Bauer den Prinzen augenzwinkernd mit dem Ellbogen in die Seite und sagt mit verständniß- vollem Blick auf die erglühende Prinzessin: „Accurat die nämliche Hex', wie mei' Marie!" Spricht's und verläßt mit einem Jodler den Schauplatz. Die Erfindung des Weines. Unsere Zeit hat wahrlich große Erfindungen auszuweisen, nur schade, daß etwas zuviel in „Kunst" gearbeitet wird; es gibt Kunstwein, Kunsttabak, Kunstbutter, Kunstthee und mehrere andere Kunstprodukte, die zwar ihre Abnehmer, aber gewöhnlich nur bei Täuschung und Betrug finden. Je weniger man, wie Spötter behaupten, vom echten Wein zu sehen bekommt, desto interessanter mag es sein, von ihm zu hören; wir verweisen auf ein Büchlein des Dr. Georg Thudichum: „Traube und Wein in der Culturgeschichte", in dem u. A. erzählt wird, daß die Erfindung des Weines in Persien dem mythischen König Dschemschid zugeschrieben wird, der zwölf Jahre vor Salomo geboren ward und siebenhundert Jahre regierte. Zu Dschemschid's Zeit wurde auch der Purpursaft der Traube bekannt, der ein Stärkungsmittel der Lebensgeister und — so erzählt Mirchond — die beste Verschönerungstinktur der menschlichen Gesichtsfarbe ist. Man berichtet folgendermaßen über die Entdeckung des Weines. Die Traube, die lieblichste Frucht, hält sich nicht bei veränderter Jahreszeit, bei eintretender Kälte. Aber vielen gelüstete, auch im Winter und Frühling sie zu genießen. Also befahl Dschemschid, den Saft von den Häuten und Körnern abzupressen und ihn täglich vor sein Angesicht zu bringen, damit er auf dem Probestein des Gcschmackcs die Natur desselben versuche. Dieses that er, bis der Saft bitter wurde. Da bildete der König sich ein, jetzt sei er Gift, und befahl, das Gefäß zu verschließen. Nach diesem litt eine schöne und geliebte Sklavin an Kopfschmerz; sie beschloß zu sterben; hierzu wählte sie das wohlverschlossene tödtliche Gift. Da sie ein wenig davon getrunken, fühlte sie sich ermuntert und heiter, das Kopfweh ließ nach. Mehr trank sie, da schlief sie ein; sie hatte mehrere Tage nicht geschlafen. Einen Tag und eine Nacht schlief sie fort und erwachte gesund. Dies kam vor die Ohren Dschem- schids; seine Seele erfreute sich, er machte den Wein zu seinem gewöhnlichen Getränke. Weil viele Kranke davon gesund wurden, erhielt er den Namen Königs-Arznei. Ein schlecht rentabler Beruf. Bettler: Ich bitt', gnädiger Herr, geben Sie mir Arbeit! — Herr: Was ist Er denn von Profession?" — Bettler: Thurm- spitzen-Vergolder. Nitder-Uathsel. M 5. Areitag» den 17. Januar 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesttzer vr. Max Huttler). Ire Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Bcnno. (Fortsetzung.) Das tiefe Stillschweigen, welches während des Vortrags in dem Saale geherrscht hatte, dauerte auch nach dem Schlüsse desselben noch einige Secunden lang fort. Aller Augen ruhten erwartungsvoll auf Eggenberg, der bei jedem neuen Paragraphen eine wachsende Unruhe verrieth. Er mochte sich auf hohe Forderungen gefaßt gemacht haben, aber solche Ansprüche, die für den Kaiser nicht nur demüthigend, sondern sogar in hohem Grade gefährlich erschienen, hatte er schwerlich erwartet. „Herr Herzog", nahm er endlich mit nicht ganz sicherer Stimme das Wort, „ich meine, Ihr verlanget zu viel!" „Zu viel?" unterbrach ihn Wallenstein rauh. „Nein, ich will nicht mehr und nicht weniger, als ich für meine Sicherheit beanspruchen muß. Dafür verspreche ich aber auch, das Banner mit dem Doppeladler siegreich vom Böhmerwald bis an die Grenzen des Reiches zu tragen." Auf Eggenbergs Angesicht spiegelte sich eine peinliche Verlegenheit ab. „Euer fürstlichen Gnaden", wandte er mit fast flehendem Ton ein, „werden mir Zeit lassen, nach Wien ...?" „Nicht einen Tag, nicht eine Stunde", fiel ihm der Herzog heftig ins Wort; „nicht einen Grad darf die Sonne sich senken, ehe ich ein Ja oder Nein aus Euerm Munde vernahm. Jetzt, sogleich müßt Ihr Euch entscheiden! Das Schicksal Deutschlands, ja des Erzhauses selbst liegt in Euerer Hand! Ich bin", fügte er düster hinzu, „des Hin- und Herzerrens müde. Die Häupter meines Heeres sind um mich versammelt, und der Stern, welcher meinen Pfad erleuchten soll, steht im Zenith!" „Wohlan denn. Herzog", antwortete Eggenberg, „es sei. Im Namen des Kaisers erkläre ich, daß alle gestellten Bedingungen erfüllt werden sollen. Nur eine Bitte möchte ich damit noch verbinden: zieht so bald als möglich und mit allem Nachdruck gegen den Feind! Es ist keine Zeit zu verlieren; jede Minute kann für die ganze Christenheit verhüngnißvoll sein." Wallensteins Augen funkelten vor Freude, und auch die anwesenden Obersten und Hauptleute vermochten ihren Jubel nicht zu verbergen, — sahen sie doch ihre kühnsten Wünsche erfüllt. „Hoch unser General! Vivat der Herzog und seine Armada!" riefen sie tobend durcheinander. „Nicht also, ihr Herren", unterbrach sie Wallenstein mit tönender Stimme; „wo ich bin, darf niemals ein anderer Ruf erklingen, als: Vivat Ferdinandus!" „Vivat Ferdinandus!" stimmten nun auch die Ofsiciere in dieses Losungswort ein mit einer Begeisterung, daß der Schall an den Ecken des großen Saales sich brach. „Zur Tafel jetzt, meine Herren", mahnte Wallen- stetn; „ich folge bald nach." Eine Minute später befanden sich der Herzog und dessen Gemahlin allein. „Endlich, endlich am Ziel!" triumphierte Wallenstein, als die Schritte der Abgehenden verhallt waren, mit leuchtendem Blick. „Ich hatte einen größer» Widerstand gegen meine Forderungen gefürchtet. Doch man braucht mich und macht deshalb gute Miene zum bösen Spiel. Fast reut es mich, daß ich den Preis nicht noch hoher gestellt. Der Kaiser hätte in seiner Verlegenheit jeden meiner Wünsche gewährt, wenn auch der Hof vor Eifersucht und Neid fast erstickt. Sahst du nicht Jsabella, mit welchem Widerwillen der alte Fuchs Eggenberg gegen den Stachel leckte? Er zählt unter «eine Freunde, und doch traue ich ihm nicht. Die Ergebenheit dieser Herren ist wie eine Wetterfahne: sie richtet sich nach dem Wind. Dürften sie ihren wahren Gesinnungen Ausdruck geben, dann sprächen sie ohne Zweifel in einem ganz andern Tone mit mir. Ich schere mich nichts mehr darum! Ob Freund oder Feind, nun trotze ich Allen. Irdische Hindernisse schrecken mich nicht. . . . Wer aber," fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu, „bürgt mir für den Beistand jener Gewalten, welche aus einer andern, unsichtbaren Welt in die unselige herüberragen? Ihr wohlwollendes Wirken muß, soll der Erfolg erzielt werden, mit dem unseligen verbunden sein. Ich glaube fest an diesen Zusammenhang der unsichtbaren mit der sichtbaren Welt, sowie an den Stern, ohne dessen erleuchtende Kraft und freundliche Hülfe auch der zu Höherem Berufene sein Ziel nicht erreicht." „Noch eines gibt es, Albrecht," sagte die Herzogin sanft, als Wallenstein schwieg, „das ich dir an's Herz legen möchte: folge immerhin deinem Stern am hehren Nachthimmel, doch mehr noch jenem göttlichen Strahl, der vom Schöpfer in dein Herz gelegt ist: der goldenen Sonne des Guten und der Wahrheit." „Was ist Wahrheit?" entgegnets Wollenstem mit düsterer Miene, „nnd wer vermag in dem Drängen und Wogen deS Lebens immer Gutes vom Bösen zu unterscheiden? Was heute als ein Verbrechen erscheint, wäre nach' hundert Jahren vielleicht eine Heldenthat, und den von der Mitwelt Gepriesenen schlagen die Nachkommen oft mit grausamem Hohn an's Kreuz. Der Kaiser hat mich an die Spitze eines Heeres gestellt, daS meinem Winke gehorcht, und mein fester Wille ist es, mit dieser Macht seine Feinde niederzuwerfen und ihn größer zu machen, als je einer seiner Vorfahren war! Ob dies Deutschland zum Wohl gereicht? Glaubst du, die Welt würde sich etwa schlechter befinden, wenn es mir nach Vernichtung der Gegner einfallen sollte, daß eine Herzogs- nnd eine Königs-Krone nicht sehr verschieden sind, und daß der goldene Reif der Libussa auch dem Haupt meines Kindes passend st chanschließen würde?" „Um Gottes willen, Albrecht," unterbrach ihn die Herzogin erbleichend, „wo denkst du hin?" „Sei ruhig," beschwichtigte Wallenstein, „es war nur ein Traum, der mir für einen Augenblick die Zukunft vorgaukelte. „Wenn du mich liebst, wenn dein Herz für die Ruhe und das Glück der Deinigen schlägt, wenn dein Seelenheil dir mehr gilt als irdischer Tand," mahnte Jsabella dringend, „so verbanne ein Gedankenspiel wie dieses! Nicht die That allein, sondern der Hochsinn, welcher selbstlos das Beste anstrebt, sichert die Bewunderung und Anerkennung der Nachkommen. Auch von dir soll man nicht allein sagen, daß du den Kaiser und das ganze Erzhaus gerettet, mau soll auch rühmend hervorheben, daß du es ohne Eigennutz und Selbstsucht gethan." „Und wenn man mich dann trotz aller Versprechungen und Verträge abermals wegwerfen wollte, wie ein schartiges Schwert, würdest du den gegebenen Rath nicht bereuen?" „Nie," bekräftigte die Herzogin warm; „was immer für die Zukunft von der Vorsehung beschicken sein mag, ich trage es muthig und ohne Murren mit dir. Nur weiche von dem Wegs der Wahrheit und des Nschts nicht ab, auch wenn die Waagschale deines Glückes abermals sinkt. Mögen Bosheit und Neid triumphireu, ihre Pfeile treffen uns nicht!" Der Herzog schwieg. Nach und nach heiterte sein Gesicht sich auf, und wie um den Nest der düstern Gedanken wegzuscheuchen, strich er wiederholt über die Stirne. „Mir ist nicht wohl in diesen Räumen," begann er nach einer Weile, „und ich gedenke nicht lange hier zu bleiben. Alles erinnert mich an Dinge aus vergangener Zeit. Es ist mir, als stände ich in diesem Schloß unter dem Einfluß eines bösen Dämons, der es sich zur Aufgabe macht, meine Wege zu kreuzen. Hätte nicht die Hoffnung auf Entdeckung der vermißten Papiere mich bewogen, ich würde keinen Fuß mehr in die unheimliche Burg gesetzt haben. Doch es ist Zeit zur Tafel. Sei heiter, Jsabella, und recht vorsichtig im Gespräch mit Eggenberg!" Sie verließen den Raum und schritten dem Speisesaale zu. Bei der Tafel herrschte fürstlicher Aufwand, und Alle sprachen mit sichtbarem Wohlbehagen dem Gebotenen zu. Nur Wallenstein und Eggenberg blieben mäßig und beobachteten eine auffallende Zurückhaltung. Nur schwach wurde in das von Wallenstein auf den Kaiser ausgebrachte Hoch eingestimmt, so daß der Gesandte desselben sich verletzt fühlen mußte, um so mehr, als bei Pappenheim's Trinkspruch auf den Herzog von Friedland, als die Seele der Armada, lauter Jubel aus- brach. Wallenstein hatte Mühe, die Begeisterung, welche ihm von allen Seiten entgegengebracht wurde, uiederzu halten. Er hob endlich, als Aeußerungen zu fallen anfingen, die nicht für Eggenberg's Ohr bestimmt waren, die Tafel auf. 4 . Georg war, um seinem speciellen Auftrag, der Aufspürung des vermißten Kästchens, alle Zeit widmen zu können, vom Dienst beim Herzog dispensirt, und ärgerte sich nicht wenig, daß er in Folge dessen das wichtige Ereigniß des Tages nicht Mitfeiern durfte. Um seinen Un- muth zu vertreiben, entfaltete er einen um so größeren Eifer in dem vertraulichen Amt. Er sah jedoch nachgerade ein, daß er auf dem bis jetzt eingeschlagenen Wege zu keinem Ergebniß kam. Wenn man das Kästchen absichtlich entfernt hatte, so mußte das offenkundige Vorgehen den oder die Diebe nur noch vorsichtiger machen. Er beschloß, in mehr versteckter Weise auf Kundschaft sich zu legen, um mit List das zu erreichen, was ihm durch Gewalt nicht gelang. Aus den Mittheilungen Lenchens über die HeirathS- angelegenheit hatte er den Schluß gezogen, daß Leßlie mit der Familie des Schloßvogts Ambrosius Kamatsch in vertrautem Verkehr stehe. Diese Spur schien ihm für seinen Plan nicht ohne Bedeutung zu sein. Vielleicht erhielt er durch Ausforschung der geschwätzigen Vögtin einen Wink. Da er den ihm stets wohlwollenden Leuten ohnehin einen Besuch schuldig war, machte er sich sofort auf den Weg. Als er vor dem Eingang in das Wohnzimmer ankam, hörte er eine männliche Stimme, die ihm bekannt schien. Er blieb nicht lange im Zweifel. Die Thüre ging auf, und mit strahlendem Antlitz zeigte sich die Frau des Schloßvogts. Die Augen der wohlgenährten Matrone bekamen bet dem Anblick des jungen Mannes einen noch Hellern Glanz. „Ei, du meine Güte," rief sie und schlug'die Hände zusammen, „daist ja der Junker Georg. Denkt nur, mein Martin ist auch von Sagan gekommen l Er bleibt ganze zwei Wochen oder am Ende noch länger bei nns. Spaziert nur hinein; ich gehe, um einen Trunk und Imbiß zu holen." Georg betrat das Zimmer und stand einem Manne gegenüber, der ungefähr in der Mitte der dreißiger Jahre sich befand. Er trug, gleich dem Leibjäger, die Abzeichen eines kaiserlichen Lieutenants, nur statt des Degens einen schweren Schleppsäbel. Der untere Theil deS Gesichtes war von einem dichten schwarzen Barte bedeckt. „Es freut mich, Georg," sagte Martin, „dich wieder zu sehen; du kamst ohne Zweifel mit dem Herzog hierher?" „Ja," erklärte dieser, „um wieder mit ihm zuziehen und zwar voraussichtlich sehr bald. Wie man hört, geht der Tanz in den nächsten Tagen schon los!" Ein Schatten flog über Martin's Gesicht. „Es ist eine verwünschte Geschichte," brummte er, „daß ich an euerm Siegeszug nicht Theil nehmen darf. Ich muß unthätig zuschauen, wie ihr euch mit Ruhm und Ehre bedeckt; denn ob die Herzogin hier bleibt oder ob sie nach Sagan zurückkehrt — ich bin vom Herrn bis auf weiteres ausschließlich zu ihrem Dienst comuiandirtl" Die Vögtin kehrte zurück. Sie brachte einen Humpen Wein mit drei Bechern und einen Teller mit kaltem Fleische. „So, jetzt nehmt Platz und laßt es euch schmecken," mahnte sie, als die Becher vollgeschenkt waren, „und dann erzählt! Mein Ambrostus ist leider nicht da," fügte sie hinzu; „ich habe ihn seit heute früh mit keinem Auge mehr gesehen; er weiß vor Geschäften nicht, wo ihm der Kopf steht! Nun, nun," schloß sie mit einem zärtlichen Blick auf den Sohn, „er thut alles gern, wenn eS seinen alten Beinen auch häufig schwer fällt; weiß er doch, daß er sich nicht umsonst plagen muß, und auch für wen!" Um Martin's Mund spielte bei dieser Andeutung ein zufriedenes Lächeln. Auch Georg befand sich über deren Sinn nicht im Zweifel. Es galt ja seit vielen Jahren schon in Großmeseritsch als eine ausgemachte Sache, daß der Sohn des Schloßvogts znm Nachfolger Leßlie's bestimmt sei. Man stieß an und trank. An Stoff zur Unterhaltung fehlte es nicht. Georg sah jedoch bald ein, daß er zur Erreichung des eigentlichen Zweckes seines Besuchs die Zeit nicht gut gewählt hatte. Es wollte sich keine Gelegenheit zeigen, die ihm zu einer Zwischenfrage Veranlassung bot. Gleichwohl benutzte er eine vorübergehende Entfernung Martin's aus dem Zimmer und ging direct auf sein Ziel loS. Das Manöver half ihm nicht viel. „Du meine Güte," hielt ihm die dicke Vögtin entgegen, „es würde mir in der That große Freude machen, Euch helfen zu können; aber von derartigen Sachen erfährt unsereins nichts. Man ist auch Tag und Nacht viel zu sehr mit Arbeit in Anspruch genommen. Ihr wißt ja, Junker, wie mein Alter so streng auf Ordnung und Pünktlichkeit sieht. So macht er's im Dienst und fast noch ärger daheim! Er ist nicht, wie ein Anderer, in seinen vier Pfählen Ehemann und Vater, sondern vom Fuß bis znm Scheitel nur Vogt. Es thut mir oft weh, daß er mich nicht wie seine beste Freundin, die ich ja doch ganz gewiß bin, sondern wie einen neugierigen Recrnten behandelt; allein er wird dadurch nicht besser gemacht. Doch", fuhr sie eifrig fort und trat einen Schritt näher, „vielleicht ist Euch mit einem guten Rathe gedient. Ich war heute früh auf dem Markt im Städtchen; da geht es zu, wie am jüngsten Tag. Da sind allerlei Gautler und Künstler, und von einer Wahrsagerin spricht man, die alles Vergangene und Zukünftige nur so an den Fingern herzählt. Der Wirth zum Rothen Hahn schwört bei seinem Namenspatron, daß es im ganzen Reich keine zweite so kluge und hübsche Person gebe als Marion, die Seherin vom heiligen Berg. Zu dieser geht; sie sagt Euch wo der Schatz versteckt ist!" Durch den Wiedereintritt Martin's wurde die gute Frau in ihrem Redeflüsse gestört. Sie schwieg, aber nur um Athem zu schöpfen und ihrem Mundwerk eine kleine Erholung zu gönnen. Sie fing gleich wieder an und ließ sich auch durch die Wahrnehmung nicht stören, daß Georg durchaus kein Interesse für ihren Wortschwall verrieth. Bei Martin brachten die Anpreisungen der Marktherrlichkeiten eine größere Wirkung hervor. Er äußerte sofort die Absicht, einen Besuch tM Städtchen zu machen. Georg, der augenblicklich nichts Besseres zu thun wußte, entschloß sich, ihn zu begleiten. Die Beiden sprachen noch eine Zeit lang dem Wein und dem saftigen Fleisch zu und verließen dann miteinander das Schloß. Sie schlenderten gemüthlich plaudernd den breiten Allee-Weg entlang, an dem der Lenz die mächtigsten Pappeln und wilden Kastanienbäume bereits mit üppigem Grün zu schmücken begann. Nach kurzer Wanderung erreichten sie die Stadt und befanden sich bald mitten in dem Wogen und Treiben, über das die Mutter Martin's nicht zu viel gesagt hatte. (Fortsetzung folgt.) --SL-M-LZ-«- Bor fmrfrmdMAzig Zähren. Von Friedrich Koch-Breuberg. (Fortsetzung.) Der 9. Dezember brach an, und obwohl man erwartet hatte, daß der Tag ein feiudeleeres Gelände erleuchten werde, sollte es bald an allen Stellen wieder donnern. Uns Bayern, so hatte der Grobherzog bestimmt, sollte die 22. Division ablösen, aber dazu kam es nicht. Es hatte nämlich bei Tavers an der Loire General Camü eine Division herangezogen, und Plänklerschwärme, gegen die Mecklenburger vorgehend, hätten diese Bewegung verschleiern sollen. Auch Le Mäs, in dem Truppen unserer 3. Brigade standen, wurde angegriffen. Nach Villechaumont war Befehl gelangt, sich sogleich zur Vertheidigung einzurichten. Mir lag vor allem daran, den Transport des Kameraden Rohlingen zu bewerkstelligen, der mit Hilfe des Arztes auch gelang. Von Villechaumont and fällt das Terrain gegen die Straße hin ab, aber nach allen anderen Seiten hin liegt Flachland vor. Rechts draußen befand sich eine Windmühle und vor der nunmehrigen Front in einiger Entfernung ein Waldsauw. Die gut gebauten Bauernhöfe ließen sich herrlich zur Vertheidigung einrichten, und ich erinnere mich einer Art Scheune mit Gallerie, von der aus man ein ausgezeichnetes Schußfeld hatte. Was im Frieden der Bauer dort aufbewahrte, blieb mir ein Räthsel. Neben mir vertheilte unser tapferer Max Josephs-Nitter Kraft die Leute des 2. Bataillons, und als sich unsere Vorposten vom Walde her zurückzogen, wurden auch schon die Nothhosen sichtbar. Links draußen stand im freien Feld ein französischer Munitionswagen, und eine Patrouille von der 11. Compagnie, welche nicht mehr ungesehen zurückgelangte, benützte ihn als Deckung. Wir ließen die Franzosen recht nahe herankommen und empfingen sie dann mit einem tüchtigen Schnellfeuer, so daß sie vorderhand alle Lust auf Villechaumont verloren. Nicht so mit dem Mnnitionsmagen, den sie vom Walde her wiederholt zu erobern suchten. Ein furchtbarer Knall machte dem Hin- und Herschkßen ein Ende—der Wagen war in die Luft geflogen und hatte natürlich unsere drei Mann getödtet. Nun eilte aber auch die Artillerie unserer Brigade von Beaumont her, und die Batterien Kriebel und Oel- hafen eröffneten das Feuer. Dann kamen die Dreizchner herbei und verstärkten die Stellung. Links draußen drang das Bataillon Schönhueb in den Weinbergen vor, so gut es ging. Erinnert man sich, daß die Bataillone fast ohne Offiziere waren, daß die Artillerie gestern ebenfalls enorme.Verluste an Material und Mannschaft erlitten — 36 — harte, so findet man erklärlich, daß unsere Lage nicht rosig war, zumal die Franzosen eine Ueberfülle an Munition und Menschen geradezu verschwendeten. Sie spickten die Bauernhöfe wieder mit Granaten. Uns gedeckt stehenden Infanteristen schadete das weniger, aber die bei der Windmühle frei dastehende Batterie Krickel wurde einfach kampfunfähig geschossen. Da kamen die Zweiund- dreißiger herbei und brachten Hilfe. Auch die Fünfund- ncunziger und zwei Batterien wurden von Oberstlieutenant v. Henduck vorgeführt, und gegen 10 Uhr drangen die Preußen bei der Windmühle, unsere Dreizehner links von Billechaumont vor. Es ist erwähnt, daß auch Le Möe morgens angegriffen wurde. Weil keine Artillerie zur Stelle war, schickten die Mecklenburger zwei Batterien zur Unterstützung unserer 3. Brigade. Unser 3. Regiment war dann hier vorgeeilt und hatte im Verein mit Abtheilungen der 17. Division die Franzosen zurückgewiesen. Als diese gegen Villorccau zurückwichen, folgten ihnen unsere Zwölfer, konnten aber vorderhand nicht weiter vordringen, weil die eigene Artillerie jetzt den Ort beschoß. Sowie aber das Feuer schwieg, führte Oberlieutenant Eugen v. Tausch sein Bataillon vor und vertrieb gegen ^ll Uhr den Feind, dem er an 100 Gefangene abnahm. Das 1. Jäger- Bataillon wandte sich dann gegen Villevert, wodurch es jene Franzosen bedrängte, welche den Dreizehnern gegenüberstanden, fand jedoch Mittags den Ort schon vom Feinde geräumt. Die Brigade Noth hatte aber ihre Stellung bei Villorccau später nochmals gegen einen Angriff der Franzosen zu vertheidigen. Die Batterien Neu und Carl, ähnlich mitgenommen wie jene der 4. Brigade, feuerten mit letzter Anstrengung, und die im Kirchhof postirten Zwölfer empfingen ebenfalls den Feind, daß er nicht Lust zeigte, wiederzukehren. Hiedurch war nach Mittag die Linie Villechanmont—Villevert—Vill- orceau durch die 2. bayerische Division erobert. — Das Gefechtsfeld, auf welchem die 1. Division focht, lag viel nördlicher. Ursprünglich trennte die Division Wittich die Bayern, da General v. Dietl mit seinen Brigaden bei Montigny stand. Den Dienst, welchen uns die Preußen bei Villechanmont leisteten, konnten hier die Bayern augenblicklich zurückerstatten. Das Füsilier-Bataillon vom Regiment Nr. 83 hatte irr- thümlich die Orte Layes und Beauvert verlassen, war nach Beaumont marschirt, und General v. Wittich, der von letzterem Orte aus. uns gerade Hilfe zukommen ließ, gab sogleich Befehl zurückzueilen, aber es war schon zu spät, da die Franzosen sich der Positionen bemächtigt hatten. Nun sollte das arme Bataillon zurückerobern, was es irrthümlich aufgegeben hatte. Glücklicherweise war General v. Orff in der Nähe, welcher sogleich eine Colonne unter Oberst Otto v. Schmidt gegen Launay entsandte. Zuerst fuhr die beigegebene Batterie Grundherr auf und bewarf die Orte mit Granaten, dann schwärmten die Nennerjäger aus, ein Bataillon Elfer folgte, und nun ging es einmal gegen Beauvert loZ. Ohne zu schießen liefen die Bayern an und nahmen das Gehöft. Aehnlich eroberte Major Böhe vom 11. Regiment Layes. Man richtete sich nun zur Vertheidigung ein, die Batterie suchte sich eine neue Stellung, und unterdessen marfchirte der Nest der Brigade herbei. Als nun gegen 11 Uhr der Feind heftiger zu drängen begann und Patrouillen zugleich meldeten, das nördlich gelegene Villermain sei auch wieder von Franzosen besetzt, ließ General v. Orff die Neunerjäger, welche sich verschossen hatten, durch das schwache Regiment Kronprinz ablösen. Gegen Villemain, das in der rechten Flanke lag, trat Artillerie in Action und waren außerdem von der Brigade Tüuffenbach zwei Bataillone des Leib-Regiments nebst den Zweierjägern nach Montigny gerückt. Da die Mecklenburger vom Großherzog Befehl erhalten hatten, dem Feinde in die rechts Flanke zu fallen, und da außerdem von Orleans her eine Division im Anmärsche war, schien es nur geboten, den eigenen rechten Flügel zu behaupten. Genera! v. Dietl, durch den Großherzog in dieser Hinsicht informirt, ordnete daher für den Nachmittag ein Vertheidigungsgefecht an. Die Brigade Orff wies durch wohlgezieltes Feuer jeden An- griffsverfuch der Franzosen zurück, und der ausgezeichneten Wirkung unserer Artillerie war es zu danken, daß die geplanten Umgehungen des Feindes immer im Beginne schon vereitelt werden konnten. Während also hier das Feuergefecht mehr oder weniger lebhaft geführt wurde, hatte die 17. Division unter bedeutenden Verlusten den befohlenen Vorstoß gegen den feindlichen rechten Flügel ausgeführt. Großen- theils mit dem Bajonnet war die Linie Villemarceau, Les Grottes bis Feruie de Feulard von dieser braven Abtheilung genommen worden. 3 Bataillone der Division Wittich unter Oberstlieutenant v. Heuduk waren um 4 Uhr ebenfalls in Villejouan und Origny eingedrungen. ' Es begann zu dunkeln und auf der ganzen Gefechts- linie verstummte allmählich das Feuer. Der Tag war für uns Bayern nicht so blutig wie der vorhergehende Schlachtentag gewesen, aber unsere schwachen Bataillone hatten doch wieder stundenlang im Feuer aushalten müssen. Die bayerische „Schuaid" war immer noch vorhanden, galt es, an den Feind zu rücken, aber wurde dann gesammelt und in die Quartiere gerückt, dann klappte alles zusammen wie die Taschenmesser. Hungrig, zerlumpt und halberfroren sammelte man, um an den Bestimmungsort zu rücken. Das Quartier bestand in Häusern, die mit Verwundeten überfüllt waren. (Fortsetzung folgt.) -----SAWSk- ALLerLer. Etn GlaSkünstler. In Hosterwitz bei Dresden starb vor einigen Tagen im hohen Alter ein eigenartiger Künstler, Herr Louis Blaschka. Die künstlerische Specialität, welche der Verstorbene ausübte, war die Nachbildung der zartesten Blumen- und Pflanzengebilde aus Glasmasse in den feinsten Farbennüanzierungen und so, daß durch den Augenschein eine Unterscheidung vom lebenden Original absolut nicht möglich war. Seine Schöpfungen in den letzten Jahren gingen als Unterrichtsmittel an das Unterrichtsministerium in Japan, sowie an das Museum der Universität Cambridge, für welche Blaschka in der letzten Lebenszeit ganz ausschließlich arbeitete. Der einzige Schüler des Verstorbenen, der einzige auch, der in die technischen Geheimnisse der Kunst eingeweiht ist, ist der Sohn Blaschkas, der sich zur Zeit auf einer Studienreise in Mexiko befindet. « k. 1896 . „Augsburger PostMung". Dinstag, den 21. Januar Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des i'iterarischen Instituts von Haas L Ärabderr in Augsburg lVorbesttzer vr. Mar Huttler). Die Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Benno. (Fortsetzung.) Der Frühjahrsmaikt war sonst für Großmeseritsch nicht von großer Bedeutung, dies Mal aber hatte das Hoflager des Herzogs mit seinen bunten militärischen Bildern eine große Menschenmenge selbst aus weiter Entfernung herbeigelockt. Auch auf die zahlreichen Vertreter der „freien Künste," die man hier noch nie in so großer Manigfaltigkeit gesehen, hatte die gleiche Thatsache eine besondere Anziehungskraft geübt. Namentlich eine in der Nähe des Stadtthores, in welches der Burgweg einmündete, aufgeschlagene Bude zog die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Sie zeichnete sich vor den übrigen durch unverkennbare Feinheit des zur Herstellung verwendeten Materials und hauptsächlich dadurch aus, daß über dem mittlern Vereinigungspunkt der spitz zulaufenden Leinwanddecken eine mächtige Fahne in den österreichischen und friedländischen Farben aufgehißt war. Eine gewaltige Tafel längs einer breiten Estrade war in grellen Farben mit Proben der verheißenen Leistungen von Schwertschluckern, Feuerspeiern, Ringkämpfern, Schlangenbändi- gern und dergleichen Kunstbeflissenen bemalt. Darüber aber prangte das Bild eines jungen Mädchens welches einen versilberten Schild in die Höhe hob, auf welchem in glänzender Goldschrift zu lesen war: „Marion, die begnadete Seherin vom heiligen Berg I" Außerdem versprach der Akrobat Leferrier aus Paris dem Publikum in Anschlagzetteln mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung einen Cyklus von Vorstellungen in der Magie und höheren Gymnastik, wie man sie in Großmeseritsch noch nie zu bewundern Gelegenheit gehabt habe. Georg und Martin waren vor dieser Bude stehen geblieben, weil sie durch das Gewühl der gaffenden Menge keinen Ausweg zu bahnen vermocht hatten. Ali und Jung ließ sich rings um sie her mit bewunderungswürdiger Selbstverleugnung durch eine Clarinette, zwei Trompeten, einen Dudelsack und eine riesige Trommel die Ohren zerreißen. Georg gedachte des Rathes, welchen die Mutter seines Gefährten ihm ertheilt hatte, und unwillkürlich regte sich in ihm die Lust, die Kunst der Prophetin auf eine Probe zu stellen. Er theilte Martin seinen Entschluß mit. Dieser schüttelte mit abweisendem Lächeln den Kopf, erklärte sich aber doch zum Mitgehen bereit. Sie traten ein. Ein kleines viereckiges Gemach nahm sie auf. Augenblicklich befand sich außer ihnen Niemand darin. Ein blauseidener Vorhang schloß im Hintergrund einen etwas erhöhten Raum ab. Eine Minute ungefähr war vergangen, da vernahmen die Beiden den hellen Ton eines Glöckchens; der Vorhang wurde zurückgestreift und vor ihren Augen erschien ein fesselndes Bild: unter einer Art Thronhimmel ruhte malerisch hingegossen auf schwellendem Divan ein jugendliches weibliches Wesen, dessen ungewöhnliche Schönheit durch die Pracht des phantastischen Costumes noch mehr hervorgehoben wurde. Ein Korallenhalsband schlang sich um den Nacken; die Arme waren von einem Kranz reich- gefaßter Türkise und Amethyste umspannt, und auf dem wie ein dunkler Schleier herabfallenden, glänzend schwarzen Haare, das zu den elwas bleichen Wangen im reizendsten Gegensatz stand, funkelte ein goldener Reif. Gleich Sternen blitzten unter kühngeschwungenen Brauen die dunkelglühenden Augen hervor. Georg und Martin standen wie gebannt und wurden erst durch die freundliche Aufforderung der Seherin, näher zu kommen, aus ihrer Ueberraschung gerissen. Martin trat vor. Das Mädchen ergriff seine Hand, betrachtete sie aufmerksam und schrieb dann eine Anzahl Worte auf ein Blättchen Papier, das sie mit einem anmulhigen Neigen des Kopfes dem jungen Mann übergab. Georg hatte dem Vorgang kaum Beachtung geschenkt; er war noch ganz in das Anschauen des reizenden Mädchens versunken. Erst als Martin ihm einen Wink gab, trat auch er vorwärts. Er war im höchsten Grade verwirrt und dachte gar nicht mehr an den Zweck, der ihn in die Bude geführt hatte. Mechanisch reichte er dem Mädchen die Hand, und fast unbewußt nahm er den Zettel; er wandte kein Auge von ihr! Als die Seherin auf ein Glockenzeichen plötzlich wieder hinter dem wie durch Zauberkraft sich schließenden Vorhang verschwand, fuhr er wie aus einem Traume empor. Martin zog ihn fort. Er sah sich wieder mitten in dem Gewühl, wußte jedoch kaum, wie er aus der Bude gekommen war. Die schallende Stimme eines kleinen, beweglichen Mannes, der in Harlekinstracht den Beginn einer Vorstellung verkündete, brachte ihn endlich zu sich. Beide bekamen einen Platz in der vordersten Reihe, unmittelbar 38 an der Arena, welche nur durch ein dünnes Seil von dem Zuschauerraum abgesperrt war. Die Vorstellung begann. Sie vermochte jedoch das Interesse des jungen Leibjägers wenig zu fesseln, obgleich die Leistungen der verschiedenen Künstler mit reichem Beifall belohnt wurden. Er wurde den überwältigenden Eindruck, welchen die schöne Wahrsagerin auf ihn gemacht hatte, nicht los. Vergeblich hoffte er von Scene zu Scene auf deren Erscheinen; die Vorstellung ging bereits ihrem Ende entgegen und immer zeigte sich Marion nicht. Da entstand eine Bewegung hinter dem Vorhänge, welcher die Künstler vor den Blicken der Zuschauer verbarg. Die Musikanten stellten sich in Positur; eine schmetternde Fanfare ertönte, und auf dem durch die Arena in ziemlicher Höhe gespannten Seile kam Marion in reicher Pagenkleidung, ein silbernes Stäbchen balan- cirend, mit zierlichen Schritten, selbstbewußt und sicher daher. Ein unmuthiges Lächeln spielte um den rosigen Mund und aus den tiefen Augen glühte ein berückender Strahl. Georg verschlang fast mit den Augen die holde Gestalt. Da, gerade als sie in die Nähe des Platzes kam, auf dem er sich befand, begann sie zu schwanken und siel mit einem schwachen Aufschrei herab — in die ausgebreiteten Arme Georg Selkow's, der sie gerade im richtigen Augenblicke auffing. Das Beifallsrufen der Menge übertönte die leise geflüsterten Dankesworte der schnell wieder sich fassenden Marion, die nach einer flüchtigen Verbeugung hinter dem Vorhang verschwand. Die Vorstellung war vorüber. Die Zuschauer drängten sich aus der Bude und verzogen sich rascb nach allen Richtungen. Ein großer Theil nahm den Weg nach einem massiv gebauten, alterthümlichen Hause, aus dessen obern Gelassen lustige Musik erscholl. An der Kante dieses Gebäudes hing an einem eisernen Krahnen ein mächtiger Kranz, in welchem die Gestalt eines Hahns sich breit machte. Er mochte vor Zeiten vergoldet gewesen sein, wenigstens bemerkte man noch einige, wenn auch stark verwitterte Spuren davon. Aber der der- malige Besitzer, Petrus Schwenkborn, hatte das ganze Gehänge roih anstreichen lassen und dadurch bewirkt, daß sein Gasthaus vom ehcmaligeu „Goldenen" zum „Rothen Hahn" herabgestiegen war. Georg und Martin waren ohne bestimmten Plan ebenfalls in die Nähe dieses Wirthshauses gekommen. Vor der breiten Pforte hielt Letzterer den Gefährten, der ohne weiteres eintreten wollte, zurück. „Höre, Georg," sagte er in einem Tone, der etwas boshaft klang, „was geht denn mit dir vor? Ich glaube, die hübsche Kleine hat dich verhext! Ich redete dich schon drei Mal an, bekam aber bis jetzt keine Antwort. Wärest du mir nicht als ein verständiger Bursche bekannt, so hätte ich dich stark im Verdacht, du seiest auf dem besten Wege, tolle Streiche zu machen." Georg erröthete. Er blieb stehen, erwiderte aber nichts. „Da du ein gelehrter Mann bist," fuhr Martin fort und holte den Zettel, welchen er in der Wahrsagerbude bekommen, aus der Tasche hervor, „kannst du mir vielleicht sagen, was dieses Geschreibsel bedeutet, ich werde nicht klug daraus. Die Hexe hat uns offenbar zum Besten gehabt, und ich opferte meinen Zehner umsonst!" Georg nahm den Zettel und erkannte sofort, daß es ein in französischer Sprache geschriebener Satz war. Den Sinn verstand er jedoch nicht. Denn, hatte er seiner Zeit auch an der Klosterschule als ein annehmbarer Lateiner gegolten, mit den welschen Sprachen kam er niemals zurecht. Er musterte nun seinen eigenen Zettel und fand, daß er demjenigen Martin's vollkommen glich. Erstaunt war er über die zierliche Handschrift. In der That mußte es in hohem Grade auffallen, daß ein junges Mädchen in so eigenthümlichen Verhältnissen, wie Marion, so zu schreiben verstand. Ein neuer Schwärm Menschen drängte in diesem Augenblick gegen das Gasthaus heran. In dessen Mitte erblickte Georg Marion, welche noch das kleidsame Pagengewand trug. Sie hatte einen Degen umgeschnallt. Ungeduldig forderte er Martin, als er die Kleine durch die Wirthshausthüre verschwinden sah, ebenfalls zum Eintreten auf, und mit einem spöttischen Lächeln entsprach der Lieutenant dem Wunsch. Sie traten in die untere Stube, fanden sie aber fast vollständig von Gästen besetzt. Nur ganz in der Ecke, neben dem nach dem Hofraum hinaus gehenden Fenster, sahen sie an einem einzeln stehenden Tischchen einen Mann, an dessen Seite sie kurz vorher Marion bemerkt hatten; es war der Harlekin aus der Akrobatenbude. Martin nahm neben ihm Platz, Georg dagegen ging unter einem Vorwande wieder hinaus, obgleich der Künstler bei ihrer Annäherung auch für ihn einen Stuhl zurecht gestellt hatte. „He, he, Monsieur!" rief dieser eifrig dem Davonschreitenden nach und wollte ihn festhalten, was ihm aber in dem zum Erdrücken vollen Raum nicht gelang. „Hier ist noch Platz, hier, hier!" Der Leibjäger hörte ihn in dem lauten Stimmengesumme nicht mehr. „Ein wackerer Herr, Euer Freund," wandte sich der Harlekin nunmehr zutraulich zu Martin. „Hat heute durch seine Bravour mick und die kleine Marion vor großem Schaden bewahrt. Er kommt doch wieder, nicht wahr?" Mit diesen Worten versteckte er den unbesetzten Stuhl geschickt so hinter dem Tischchen, daß keiner der übrigen Gäste ihn wahrnahm. Martin erklärte, daß sein Gefährte sich voraussichtlich nur auf einige Minuten entfernt habe, um eine kleine Umschau zu halten. Ein wohlgefälliges Lächeln spielte um des Harlekins Mund. .Ein prächtiger Herr," wiederholte er. „Trinken wir auf seine Gesundheit, er verdient meinen innigsten Dank! . . . Ihr seid wohl auch ein Offizier imFried- ländischen Dienst?" fuhr er fort, nachdem er mit Martin angestoßen und einen bescheidenen Schluck aus seinem Glase genommen hatte, und musterte lauernd des Lieutenants Gestalt. „Ein großer Mann, dieser Herzog; er hat sein Versprechen gehalten und zu Stande gebracht, was ihm so bald Keiner nachmacht!" Da Martin, ohne etwas zu sagen, nur mit einem flüchtigen Nicken seine Zustimmung gab, trug der mund- fertige Mann auch sürder die Kosten der Unterhalung allein. „Ist hoher Besuch von Wien im Schloß, nicht wahr? Wird wohl jetzt bald wieder losgehen? Es wurde ja, wie man hört, das beste Einvernehmen zwischen dem Wiener Gesandten und dem Herzog erzielt? . . . Nun, das ist recht! Der kaiserliche Mantel bekam in der letzten Zeit manches Loch, und es ist Zeit, daß Einer kommt, der ihn flickt!" Er lachte laut über seinen Witz und spähte unter den halb geschlossenen Lidern hervor nach Martin's Gesicht; aber der Lieutenant, welcher überhaupt nicht viel Worte zu machen gewohnt war, blieb abermals stumm. „Euer Freund," nahm der unermüdliche Mann nach einer kleinen Pause das Gespräch wieder auf, „gilt, wie es scheint, bei dem Herzog sehr viel. Habe den Einzug des großen Feldherrn gesehen und dabei reckt gut bemerkt, wie herablassend und freundlich der junge Leibjäger von dem Gewaltigen gegrüßt worden ist. Glaubt mir, Mann, der bringt es noch weit! Es bedeutet immer etwas, wenn ein großer Herr so gar gnädig und zutraulich ist!" Georg kam soeben mit ärgerlichem Gesicht zur Thüre herein. Er sah Martin bei dem Kleinen, den er, wie das plötzliche Aufleuchten seiner Aug?n anzeigte, nun auch erkannte, und schritt rasch auf die Beiden zu. Mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit dankte er für den Gruß des Harlekins und machte von der Einladung desselben, auf dem schnell wieder zum Vorschein gebrachten Stuhl Platz zu nehmen, mit sichtlicher Genugthuung Gebrauch. Geschickt wußte Jener das Thema über den Herzog und die bevorstehenden Actionen weiterzuspinnen, und Georg theilte ihm ohne Rückhalt mit, was er wußte. Einerseits siel es diesem gar nicht ein, bei dem Acrobaten für den Gegenstand ein besonderes Interesse zu suchen, anderseits ging seine Bereitwilligkeit zur Auskunftertheilung aus dem Bestreben hervor, auch Jenen zur Beantwortung von Fragen geneigter zu machen. Anfangs suchte er vergeblich nach einer passenden Einleitung, bis ihm Martin zu Hülfe kam. „Ei, guter Herr," sagte dieser und zog seinen Zettel hervor, „Ihr könnt mir ganz gewiß sagen, was dieses Papierchen enthält, das ich von der hübschen Seherin in Euerer Bude bekam; ich denke, daß Ihr doch auch so eine Art Schwarzkünstler seid I" Der Harlekin, welcher sich den Beiden nunmehr als Louis Leferrier, Director der Akrobaten-Gescllschaft, vorstellte, lachte vergnügt. Es schien fast, als habe er auf diese Frage gewartet. Er nahm das Papier in die Hand. „Gewiß," erwiderte er, „es ist ein französischer Vers und heißt: „Hoch steigen willst du, Freund, Es sei dir auch bescheert. Doch denk': die Hohen sind Oft nicht bcneidensnerth." „Bravo!" rief Leferrier und gab dem Lieutenant das Orakel wieder zurück; „das ist eine Aussicht, mit der man trotz dem versteckten Aber zufrieden sein kann." Auch Georg ließ sich sein Zettelchen übersetzen. Der Inhalt lautete ebenfalls in gebundener Form: „Durch Blut und Thränen führt dein Pfad In Sturm und Kampf hinein; Doch wanke nicht; die Liebe wird DeinJreuer Schutzgeist sein!" Cardinal Dr. Johannes Halter, Fürst-Erzbischof von Salzburg. Ein banges Gefühl, das selbst durch das Lachen des Akrobaten und Martin's boshaften Wink nicht sofort verwischt wurde, beschlich Georg's Herz bei diesen Worten, obgleich er der Spielerei keine Bedeutung zumaß. Doch hielt die ernste Stimmung nicht lange Stand, um so weniger, als der Künstler nunmehr ohne Weiteres das Thema berührte, welches so ganz seinem Wunsche entsprach. „Ja, ja," sagte er schmunzelnd, „die Marion ist ein Teufelsmädchen, ein wahrer Schatz, der Goldes werth ist! Wo sie nur in der Geschwindigkeit die hübschen Verschen hergebracht hat? Denn," fügte er mit einem Augenblinzeln hinzu, „nicht jedem geht's so gut wie Euch! Mit den meisten ihrer Kunden macht sie kurzen Proceß." Als Georg seine Verwunderung über die Kunstfertigkeit des Mädchens im Schreiben aussprach, antwortete der Franzose nicht ohne Stolz: „Aha, das hättet Ihr nicht in meiner Bude gesucht! Meine Nichte ist aber auch keine gewöhnliche Gauklerin, sondern ein Wunderkind, in dessen Familie die geheimnißvolle Gabe sich vererbt; und daß ist sie," fügte er mit einem Seitenblick auf Georg hinzu, „sittsam und brav. Der Mann ist wahrlich zu beneiden, den sie einst mit ihrer Hand und ihrem Herzen beglückt." Die Musikanten, welche bis jetzt in den obern Räumen gespielt hatten, drängten sich zur Thüre herein und machten einen Lärm, daß man sein eigenes Wort nicht mehr vernahm. Martin erhob sich. Es fing an zu dämmern, und er hielt es an der Zeit, nach Hause zu gehen. Georg konnte, obgleich er gern noch manche Frage gestellt hätte, nicht wohl zurückbleiben. Er reichte dem Akrobaten zum Abschied die Hand. Die Augen Lcfcrrier's ruhten mit dem Ausdruck eines ungewöhnlichen Interesses auf ihm. „Auf Wiedersehen," sagte er; „ich hoffe, daß die Herren mich bald wieder mit ihrer Einkehr beehren. Ich bleibe voraussichtlich auch nach dem Schluß des Marktes noch einige Tage lang hier. Vielleicht macht es Euch Freude, meine seltene Waffensammlung zu sehen, oder kann ich mit sonst etwas dienen? Von Herzen gern bin ich zu jeder Erkenntlichkeit für die mir erwiesene Freundschaft bereit!" Während Martin die Einladung mit einem stummen Kopfnicken zu beantworten sich begnügte, versprach Georg bestimmt, am folgenden Tage wieder zu kommen. Dann entfernte er sich. Die Beiden bemerkten beim Verlassen des Wirthshauses nicht, wie Marion vorsichtig und leise vom Fenster weghuschte und sich unter den tief herabhängenden Zweigen eines seitwärts stehenden Lindenbauwes verbarg. Sie besaßen auch keine Ahnung davon, daß das Mädchen ihr Gespräch mit dem Akrobaten belauscht hatte und nun mit glühenden Augen die Gestalt Georg's verfolgte, bis dieser an der Biegung des Weges ihren Blicken entschwand. 40 Georg trat den Heimweg an mit dem festen Entschlüsse, dem Künstler sein Wort zu halten. Sicher erreichte er dann seine Absicht, das seltsame Wesen naher kennen zu lernen, durch welches seine Einbildungskraft jn einen so stürmischen Aufruhr versetzt worden war. Trotzdem war er nicht um die Ruhe seines Herzens besorgt. Was er unter dem Zauber ihrer Erscheinung empfand, hatte nichts mit dem wonnigen Gefühl erwachender Liebe gemein; es war mehr eine Art berückender Scheu, etwas wie die Ahnung einer unbestimmten Gefahr. Und doch zog es ihn mit Macht zu ihr hin. Durch den Anruf des Thorwächters wurde er aus seinem Sinnen geschreckt. Fast unbewußt hatte er an der Seite Martin's, von dem er auch nicht durch ein Wort in seinen Träumereien gestört worden war, die in das Schloß führende Zugbrücke erreicht. Der Lieutenant gab die Losung, und sie passierten das Thor. Während Letzterer der Wohnung seiner Eltern zuschritt, begab Georg sich nach dem westlichen Flügel, wo der Herzog von Friedland sein Hoflager hielt. 5 . Eine sternenhelle Nacht folgte dem Abend, der über Großmcserilsch das Füllhorn des Glückes und der Freude in so reichem Maße ausgegasten. Es war schon ziemlich spät, und die meisten der angeheiterten Zecher hatten sich zur Ruhe begeben. Der Herzog fühlte noch keinen Schlaf. Einsam stand er an einem geöffneten Fenster des Vorzimmers zu seinen Gemächern und blickte zu dem sternenbesäeten Himmel hinauf. Tiefe Stille herrschte ringsum. Selbst die beiden wachthabenden Arkebusiere hatten ihren einförmigen Gang auf dem Pflaster des Schloßhofes unterbrochen und in ihren Häuschen Schutz gegen die empfindliche Nachtluft gesucht. Nur von Zeit zu Zeit hörte man das leise Picken des die Fensterbrüstung zernagenden Holzwurmes. Lange war der Herzog unbeweglich auf seinem Platze gestanden, da tönte aus dem anstoßenden Zimmer der Schlag einer Uhr. „Endlich," sagte er halblaut zu sich und blickte durch das Fernrohr, welches in der Fensternische befestigt war. „Kcpler hat Recht, die Konstellation ist genau so, wie sein Brief sie andeutet," murmelte er und trat mit gefurchter Stirne in's Zimmer zurück. „Ein geheimer Feind steht mir gegenüber; drohend erhebt sich ein mächtiger Arm gegen mich. Dies ist die Hand, vor deren Schlag er mich gewarnt hat. Mein Stern steht im Zenith, wagte ich heute zu sagen; es war nur Ver- messcnheit, ein Frevel, für den vielleicht nur zu bald die verdiente Strafe mich ereilt I" Er schwieg und starrte gedankenvoll vor sich hin. „Ein Gegner schleicht auf unsichtbaren Wegen heran," fuhr er dann wieder fort. „Ich bezweifle es nicht. Aber wer, wer sollte sich erkühnen, in diesem Augenblick, da die ganze Welt auf mich schaut, da das Schicksal ganzer Nationen in meine Hand gelegt ist, ein Hinderniß meiner Pläne zu sein? Ich habe Feinde in Wien, das weiß ich wohl; aber gleichwohl brauche ich nichts von dorther zu fürchten; sie können mich jn nicht entbehren. Ein Unglück droht mir, das ahne ich; aber woher, woher soll es kommen?" Der Herzog war wieder an's Fenster getreten und richtete seine Augen wie fragend auf die schimmernde Pracht am Sterncnhimmel. Da erhielt er einen so heftigen Schlag auf den Rücken, daß er fast in die Kniee sank. Einen Augenblick war er wie betäubt. Dann aber schnellte er mit dem Rufe: „Was ist das!" empor und drehte sich um. Doch nirgends zeigte sich eine Spur von einem lebenden Wesen. Das Zimmer war leer. Todten- stille herrschte im ganzen Schloß. Wallenstein hatte sich wieder an's Fenster gestellt. Er athmete schwer; kalter Schweiß perlte auf seiner Stirne, und die Gesichtszüge waren unheimlich verzerrt. „Ihr ewigen Mächte," stöhnte er, „ich bin verloren. Das war die verhängnißvolle Hand, deren Schlag den Anfang des Endes kund that!" Noch eine geraume Zeit blieb er in dumpfes Brüten versunken, dann wankte er nach der nächsten Thüre, durch die er verschwand. Am folgenden Tage befand sich auf Großmeseritsch alles in der größten Bestürzung. Der Herzog, hieß es, sei plötzlich erkrankt. Es war ein erschütternder Rückschlag nach der allgemeinen Lust. Wunderlich widersprechende Gerüchte verbreiteten sich. Die Einen sprachen von einem Schlaganfall, der ihn getroffen, Andere wollten ihn am frühen Morgen noch an seinem Fenster auf und ab wandelnd erblickt haben, und wieder Andere meinten, da von der Beiziehung eines Arztes nichts verlautete, er sei überhaupt nicht krank, sondern habe über Nacht eine unangenehme Nachricht erhalten. Auf alle Fälle stand die Thatsache fest, daß der Herzog seine Zimmer auch nicht auf eine M^irte verließ und weder Speise noch Trank zu sich nahm. Nur seine Gemahlin, der Astrologe Seni, Pater Vincenz und Georg Selkow hatten Zutritt zu ihm. Auf diese Weise gingen drei Tage vorüber. Es waren mehrere Courriere mit Depeschen gekommen; sie erhielten aber weder Abfertigung noch Antwort und harrten unverrichteter Dinge im Städtchen auf Bescheid. Rings um das Schloß herrschte eine unheimliche Stille. Wer nicht aus- und eingehen mußte, hielt sich fern. Um neugierige Besucher abzuhalten, wären die Schildwachen nicht nöthig gewesen. Der unerwartete Zwischenfall hatte Georg einen Strich durch die Rechnung gemacht. Von einem Besuch bei dem Akrobaten konnte keine Rede mehr sein. Ueber- dies glaubte er bezüglich der verschwundenen Documente eine neue Spur gefunden zu haben, die ganz seiner geheimen Erwartung entsprach. So kam es, daß das Bild Marion's allmählig in den Hintergrund trat. (Fortsetzung folgt.) - tE-I—- „Im Löllingsiraben." Lustiges aus dem Jäger leben. „Der Jager hat g'schoff'u, Hat aber 's Schiaß'n nöt kennt, Und hat bei der G'legenheit Sein Schnauzer verbrennt." Wenn bei uns daheim, im Kärntnerlandl, der Hirsch den letzten Schrei thut, liegt auf der Schattseiten schon recht viel Schnee. Wo die Sonne noch hin kann, da geht's noch an, aber auf der Schattseiten mag man schon fast erfrieren. 8»!» Iirrsl^! ccr::'.ar.:jü?cr LNavcn. Iiach dem Gen'.cildc vcr. R. Ccgghr. Vorn breiten Bergesrücken treibt der Sturmwind den feinkörnigen Schnee weg, daß es nur so tobt. Wo er ihn nicht mehr weiter tragen mag, läßt er ihn liegen, und so gibt es oft an Stellen meterhohe „Schneewahden", wo sonst im Juni der Schildhahn noch sein „G spusi" treibt. Um diese Zeit ist dann das Wild in einem Rudel beisammen, Hirsch und Thier und das „kloane Gschmoaß". Vielleicht, daß es ihnen wärmer ist, wenn sie beisammen sind. — Da stehen oft in einem Wald- schachterl, wo es hübsch windruhig und schneefrei ist, und wo also auch eine Aesung vorhanden ist, gegen hundert Stück beisammen. Wenn man es nun schön still und vorsichtig angeht, so kann man leicht ein schönes Jagdl ohne viel Umständ machen. Zwei, drei Schützen auf der Höh' und ein Treiber richten es leicht, und wenn man auch heute das Wild da austrcibt, in ein paar Tagen steht es wieder auf demselben Fleck. Es wird so Anfangs Dezember gewesen sein, kommt in der Früh in einem Saus der Oberförster mit seinem Gehilfen zu mir und sagt: „Du Hans, wir brauchen zwei Stück Wild, und das heute noch." „Das paßt mir ganz gut", sag' ich, „im Löllinggraben, im Tannwald hab' ich heute Früh so etliche sechzig Stück gezählt, die kommen uns nicht aus; wenn Sie nur einen anderen Gehilfen mitgebracht hätten, aber der Franzl da trifft ja nichts und zum Treiben ist er z'dumm." „Ja, weißt," sagt der Oberförster, „heute ist es gar so schnell hergegangen, und zum Rucksacktragen ist der Franzl auch gut. Schießen werde schon ich, der Franzl soll nur unten den Ausbruch versperren; ich gehe auf die Höh', und wenn Du mich dann oben siehst, so geh' in den Graben und mache das Wild „reglich". Also gehen wir!" „Schon recht, so machen wir's", sagte ich, „ja, aber was haben denn Sie da für einen Hund mit? Das ist ja Ihr Waldl nicht!" „Der Waldl ist krank und ist z'Haus," sagte er, „und da hab' ich beim Hergehen den Hirschenwirth seinen Philax mitgenommen. Er lobt ihn gar so viel, das große, rothe Luder, und hat mich gebeten, wir möchten ihn öfters mitnehmen, er „verbellet" nämlich jeden Hirsch, und weil es mir eben gerade paßte, so habe ich ihm den Gefallen gethan." „Aber den lassen Sie nur beim Franzl", sagte ich, „und wenn ?ie etwas abschießen, dann rufen Sie ihm nur zu. Also, Adjes — Pfiat Gott!" Wie sie nun eine Weile fort waren, zog ich meine ledernen Schneestrümpfe an, stopfte mein Pfeifchen und machte mich auf den Weg. Die haben weiter zu gehen, und da kann ich mir schon Zeit lassen, dachte ich, sonst wird's mir kalt, weil ich in die Schattseiten hinein mnß. Auf einem Baumstock bleib' ich sitzen und schaue mir die Lage an. Der Oberförster ist eben schon auf seinem Stand, der Franzl mit dem Hund, das rothe Naben- vieh leuchtet wie eine Eiscnbahnlaterne, hockt auch schon auf dem rechten Platz. Ich fang nun an, das Wild „reglich" zn machen, und bald sehe ich dasselbe schön vertraut zum Oberförster seinen Stand sich hinziehen. Auf einmal kracht's, ein Thier purzelt den steilen Abhang herab in den Bach hinein, ein guter Schütz, der Oberförster! Wiederum Rauch — und ein angeschossenes Stück rennt gerade auf den Franzl zu, der übrige Rudel aber in wilder Flucht auf und davon. Der Franzl, — hat er g'schlafen oder, wer weiß, ivas er gemacht, erschrickt, will schießen und kommt nicht „z'samm". Derweil reißt der Hund aus und mit einer Mordslanten dem angeschweißten Stück nach. Ich seh' noch, wie Alles abwärts in den Wald hineinjagt, Thier und Hund und der Franzl nach in großen Sätzen, — auf einmal verschwindet Alles, und ich sehe nichts mehr. Zwei Stunden später sitzt der Hirschenwirth in seiner Wirthsstuben drinnen. Ein großer, fetter Mann, wie es sich ziemt für einen Wirth. Zur Winterszeit ist er jedesmal seine beste Kundschaft selbst gewesen. Heute hat er eine Halbe Wein auf dem Tische und simulirt. Was er gedacht hat, das kann ich nicht genau sagen, aber wahrscheinlich ist's, daß er nichts gedacht hat. Auf einmal geht die Thür auf und in einem Sprung kommt der Franzl herein, hängt das Geweih und des Oberförsters Rucksack in ein End der Stube auf das Hirschgeweih auf, geht zum Tisch, wo der Wirth gesessen ist und sagt ganz herrisch: „Wirthshaus! a Halbi Wein!" „Schaut's, der Herr Franzl!" sagt der Wirth und bringt den Wein. „Schon dahoam von der Jagd? Js denn schon gar?" „I waß nöt", sagt der Franzl und trinkt die Hälfte Wein aus. „Ja, bist Du denn nöt dabei g'west, Herr Franzl", meinte der Wirth und richtete sein grünes Kappel, welches sich beim Simuliren etwas verschoben hatte, zurecht." „Ja", sagt der Franzl, „i bin dabei g'west." „Und da waßt nöt, ob's gar is? Wo sind denn die Andern blieb'n?" „I waß nöt", sagt der Franzl, „i bin früher fort, bin nix zn se kemma." „Dös is aber kurios", sagt da der Wirth, „is wos passirt?" „Mir is wos passirt", entgegnete der Franzl. „No, wos denn?" fragt neugierig der Wirth. „I hab' was trosf'n", sagt der Franzl, „noch nia hab' i sunst wos trosf'n, heunt aber hab' i wos trosf'n!" — „Gratalir", sagt da der Wirth, „na, döß is g'scheidt! Da muaß i do glei a Halbi vom „Bessern" aufitrag'n. Mäaß'n ja G'sundheit trinken! Gratalir! Dö Halbi kommt nöt auf die Thür wird nöt auskleidet; Herrn Franzl sein Ehrentag als Hundschaft muaßj^man ja feiern!" Der Hirschenwirth bringt den Wein, schenkt ein, und der Franzl trinkt aus. „Hiatzt wird's schon besser geh'n, wirst a mehr Anseh'n hab'n bei de Jaga, weil'st a doch Mal was g'schoss'n^ hast. Na — und was hast denn da- schoss'n?" „An Hund!" sagt ganz ruhig der Franzl. „O Du himmelblaues Dunnawetter", schreit der Wirth und sauft g'schwind den Rest vom „Bessern" selbst aus. „Und was denn für welchen?" „Den „Dein"", sagt' da der Franzl. - -- —- 43 Zu unseren Bildern. Cardinal I)i . Johannes HaUer, Fiirft-Erzbischos von Salzburg. Das im Jahre 582 vom hl. Rupert gestiftete Bisthum Satzburg, 789 zum Erzbisthum erhoben, nahm von alters- her den ersten Rang unter den geistlichen Fürstenthroncn Deutschlands ein. Seit 1088 bekleidet der Erzbischof von Salzburg die Würde eines Legaten (IkZatus natus) des Heiligen Stuhls und des Primas des Deutschen Reiches. Er konnte in den Adelstand erheben und hatte mit den Herzogen von Bayern das Turectorium im bayrischen Kreise, führte abwechselnd mit Oesterreich das Dircctorinm im Der von .Papst Leo XIII. im November v. I. zum Cardinal erhobene Fürstcrzbisckwf von Salzburg ist ein engerer Landsmann des tiroliscben Volksbelden Andreas Hofcr. Als Sohn einfacher Landlente am 30. April 1825 zu St. Martin im Passcirthal geboren, absolvirte er die theologischen Studien in Trient, wirkte lange als Coopcrator und Kaplan in mehreren Dorfgemeinden, dann als Pfarrer in der ansehnlichen Gemeinde Lasen bei Klausen, deren innige Verehrung er sich erwarb. Er war es, der zuerst auf den Vogclweiderhos im Lajcncr Ried hinwies und so der Heimath- fragc Walther's von der Vogelwcide ganz neue Bahnen wies. Im Jahre 1871 zum Domherrn in Trient und Provicar der U1sS Äk-W .> -- s Schwere Aufgabe. Nach Rcichsfürstencollegium und hatte auf den Reichstagen die erste Stelle auf der geistlichen Bank im Fürstenrath innc. Seit dem westfälischen Frieden war Salzburg, außer den drei Kurfürstenthümern, daS einzige Erzbisthum in Deutschland. Im Jahre 1802 erfolgte seine Säcnlarisirung. Den historischen Ehrentitel des Primas von Deutschland, mit dem heutzutage keine besondern Vorrechte mehr verbunden sind, haben die Erzbischöfe von Salzburg bis zum heutigen Tage beibehalten. Außer ihnen führen den Primastitel die Erzbischöfc von Toledo, Canterburv, Bork, Gran, Tarragona, Bahia, Neuen, Mccheln, Venedig, Prag, Armagh (Jrlanvl und Posen. Die cffectiven Machtbefugnisse des Oberhauptes einer National- kirche übt nur der Primas von Ungarn aus. dem Gemälde von.E. Rau. Trienter Diöcese ernannt, übernahm er die" Leitung des deutschen Antheils dieser Diöcese und 1874, nachdem er zum Bischof von Adra in xartidiw präconisirt worden war, als Dompropst die Leitung dieser Kirchenprovinz an Stelle des an schwerer Krankheit dahinsiechenden Bischofs Ricabvna. Die Regierung versagte ihm die Ernennung znm EoadMor mit dem Rechte der Nachfolge, da er in der Schulfrage und in der Frage der tirolischen Glaubenseinheit auf dem st>engkirchlichen Standpunkt beharrte. Kurz nach der Inthronisation des neuen Fürstbischofs Dellabona ernannte ihn 1890 der Papst zum Dompropst und Weihbischof von Salzburg, auf dessen erzbischöflichen Thron er im Jahre 1890 durch die Wahl des Metropolitankapitels berufen wurde. Die Verleihung 44 des Cardinalpurpurs an den Fürst-Erzbisclwf Haller ist eine Auszeichnung, die der Person des Erwählten zuthnl ward, denn keiner, der sonst bei Erwählung zu dieser hohen Winde Einfluß nehmenden weltlichen Factoren hat dabei mitgcwittt. Eardinal Haller ist keine Kampfnatur, aber seine Ueberzeugung zwang ihn zur Wahrung der Rechte der Kirche. Es hat gewiß Niemand schmerzlicher empfunden als er, daß ihm der Kampf gegen den modernen Staat aufgenöthigt wurde. Um so hingebungsvoller widmet er sich seinem geistlichen Hirtenberuf, in dem er mit apostolischem Eifer wirkt. Er ist der achte Eardinal auf dem Stuhle deS hl. Rupert. 8«1t» (Verkauf germanischer Sklaven.) Die La8ta oder Stoßlanze war bei den Römern 8^mbolum imxsrii, Zeichen der Staatsgewalt, und wurde nicht nur da, wo die Magistrate und Centumvirn zu Gericht sahen, sondern auch da, wo sie Versteigerungen und öffentliche Verkäufe vollziehen ließen, aufgestellt. Die Erinnerung an diesen Brauch hat sich bis auf den heutigen Tag in dem auch in der? deutschen Spracbe eingebürgerten Fremdwoite „Sub- hastation" erhalten. Bei den Verkäufen von Kriegsgefangenen winde aus drei zusammengebundenen Lanzen ein galgen- ähnliches Gestell hergestellt, unter welchem die Gefangenen zum Zeichen, daß sie fortan Sklaven seien, hindurchgehen mußten. Das Sklavenwesen war bei den Römern unter allen antiken Völkern am conseqncntcsten ausgebildet und mit Sitte, Staatswirthschaft und Politik aufs Innigste verwachsen. Schon in der ältern Zeit häufle sick mit den Eroberungen die Zahl der Sklaven; nach den Punischcn Kriegen war Rom mit einer Unmenge von Sklaven erfüllt, die noch fort lind fort durch die zahlreichen Kriege und auf dem Wege des Handels vermehrt wuiden. Auch daS von chcn Römern unterworfene Deutschland mußte eine Menge Sklaven nach Rom liefern. Der römische Sklave der älleren Zeit war rechtlos und besitzlos, das völlige Eigenthum seines Herrn, der eine unbeschränkte Gewalt über Leben und Tod ausübte. Unter der Kaiserzeit begann das Loos der Sklaven milder zu werden, aber erst durch das Christenthum wurde das Sklavcnwesen vollständig aus dem staatlichen Leben ausgeschieden. Schwere Aufgabe. Mit dem Tage deS ersten Schulbesuches beginnt schon für das Kind der Ernst des Lebens sich bemerkbar zu machen. Sorglos und heiter, noch unbekannt mit jeder'Pflicht, und unbekümmert um daS Morgen unter liebevoller Obhut der Mutter in den Tag hineinlebend, hat es bisher im elterlichen Hause die Tage verbracht. Durch den Schulbesuch wird eine bedeutsame Veränderung in der Lebensweise des Kindes hervorgerufen. Es muß fortan einen großen Theil seiner Zeit außerhalb des Elternhauses in enger Schulstube zubringen und sich dem Willen des Lehrers fügen lernen; an Stelle des ungebundenen Daseins tritt eine nach dem Stundenplan streng geregelte Thätigkeit, der Geist, der sich bisher nur mit Spielen viugnügte, muß sich bei ernster Arbeit in die Geheimnisse des Abc und des Einmaleins vertiefen, kurzum, es bekommt den ersten Vorgeschmack des später beginnenden KampfeS nmS Dasein zu verkosten. Daß dieser Gcscbmack nicht zu den angenehmsten gehört, das kann man auf unserem Bilde dem nachdenklichen Antlitze des kleinen MädcbenS ansehen, das gewiß viel lieber mit seiner Puppe spielen möchte, anstatt sich den blonden Kopf über einer § complicirtcn Rechenaufgabe zu zerbrechen. Allerlei. Der Mann mit der eisernen Haut. So heißt ein junger Singhalese, der sich z. Z. in Wien produciert. Er verblüfft durch vollständige llnempfind- ltchkeit der Haut. Die Bühne, auf welcher er sich produciert, gleicht einer Folterkammer. Man sieht eine Letter, deren Sprossen scharfgeschliffene Säbelklingen bilden, ein Brett, mit spitzen Nägeln besät, einen Reif, in dem scharfe Dolche stecken, eine Walze, die mit eisernen Stacheln besetzt ist, eine mit spitzen Nägeln gefütterte Tonne. Der „Mann mit der eisernen Haut" erscheint mit bloßen Füßen und Armen und nacktem Oberleibe und beginnt seine Produktionen. Er stellt sich auf das mit Nägeln beschlagene Brett, und drei Männer hängen sich an ihn; er geht mit verbundenen Augen und auf der Stirne eine Lampe balancierend über die Schwertleiter, springt durch den Reifen mit den scharf geschliffenen Dolchen, kriecht durch die mit spitzen Nägeln beschlagene Tonne, die er im Kreise herumwälzen läßt — alles, ohne den mindesten Ausdruck des Schmerzes, ohne ein Merkmal einer Verwundung. Der Mann scheint in der That eine eiserne Haut zu besitzen. Aerztliche Autoritäten sprachen die Ansicht aus, daß theils Abhärtung und die Gewohnheit, von Jugend auf bloß umherzugehen, theils Präparation die abnorme Emfindungslosigkeit der Haut bewirkt habe. * Napoleon III. ging, von einem Adjutanten begleitet, an dem Teiche des Bois de Boulogne spazieren. Der Ball eines in der Nähe spielenden Kindes rollte dicht an den Kaiser heran und wäre in das Wasser gefallen, wenn dieser ihn nicht aufgehalten hätte. Der kleine Eigenthümer des Balles, ein blonder Knabe in eleganter Tracht, kam herbeigesprungen und nahm sichtlich erfreut sein Spielzeug aus den Händen des ihm unbekannten Herrn entgegen. „Kennst Du mich?" fragte der Kaiser, indem er dem Kinde einen Kuß gab. — „Nein." — „Nun, so sag' Deinem Vater, der Kaiser habe am Wasser Deinen Ball aufgehalten und Dir obendrein einen Kuß gegeben." — „Das werde ich Papa nicht sagen." — „Warum nicht?" — „Papa würde mich schelten, daß ich die Bekanntschaft des Kaisers gemacht. Der schimpft den ganzen Tag auf ihn und hat ihn gar nicht lieb." — Der Kaiser lächelte, und der Adjutant fragte weiter: „Was macht denn Dein Papa, mein Kleiner?" Ganz stolz erwiederte der Knabe: „Papa macht gar nichts ... er ist Senator!" Mit gutmüthigem Lächeln sagte hierauf der Kaiser zu seinem Begleiter: „Genug jetzt und gehen wir weiter, — Sie wissen, in Frankreich ist die Erforschung der Vaterschaft untersagt." * Zarte Aufmerksamkeit. Fahrende Musikanten spielen vor einem Landhause den „Schunkclwalzer" und „Die kleine Fischerin". Als beide Stücke glücklich überstanden sind, kommt der Bediente heraus: „Hier schickt Euch mein Herr drei Mark — Ihr könnt nun gehen, er ist nämlich krank!" — Kapellmeister: Kinder, das ist ein ganz feiner Kerl — dem spielen wir jetzt noch extra „Siegfried's Trauermarsch". Räthsel. So lang die Welt besteht, ist's drinn zu finden, Vom Himmel lacht's hernieder auf die Flur, Erst wenn daS Chaos kommt, wird es verschwinden, Auch in der Nacht verliert sich seine Spur. In jedem Menschenantlitz kannst du's lesen. Ein jeder Vogel trägt es mit sich fort. Und doch besitzt es nie ein ird'sches Wesen, Nur leise tönt's in jedem Liebeswort. Kurt Kerflen. Auflösung des Bilder-Räthsels in Nr. 4: Mutterliebe ist ein Felsen, den nichts erschütttert. --EZS-- Areilag, den 24. Januar 189k. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarilchen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbeützer Vr. Max Huttler). Are Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen KriegeS. Von Max Benno. (Fortsetzung.) Am Abend des dritten Tages erschien Georg in dem Zimmer der Base, wo außer dieser und Magdalenen noch Pater Vincenz sich befand. „Du kommst vom Herzog", fragte Letzterer den jungen Mann; „wie fandest Du ihn?" „Furchtbar verändert", erwiderte Georg. „Man möchte weinen bei dem Gedanken, wie kräftig und frisch der Herr vor wenigen Tagen noch war. Als ich in's Zimmer trat, saß er am Tisch mit Sortiren und Zerreißen von Papieren beschäftigt und hörte nicht auf die Trostesworte seiner Gemahlin, die mir roth geweinten Augen ihm gegenüber saß. Er scheint um viele Jahre gealtert zu sein. Das blasse Antlitz gleicht dem eines Todten. Wie dies alles nur so schnell kommen konnte! Ich möchte behaupten, daß das Leiden nicht so fast den Körper, als die Seele berührt; denn als er mir heute Mittag einen Auftrag ertheilte, war seine Stimme fest und klangvoll wie immer. Ob nicht am Ende die verlorene Kiste mit den Docnmenten eine Rolle bei seinem seltsamen Zustand spielt?" „Ich glaube nicht", entgegnete der Pater; „ohne Zweifel hat der Herzog das Auffinden derselben bereits aufgegeben." „Aber ich nicht", erklärte Georg entschieden; „vielmehr bin ich fest überzeugt, daß ich diesmal näher am Ziel bin, als je. Hängen lasse ich mich, wenn der Schloßhanptmann nicht weiß, wo fie steckt!" «Du thust dem Manne Unrecht", meinte Lene. „Es ist einmal ein Gedanke, von dem ich mich nicht losmachen kann", widersprach Georg lebhaft, „und ich beobachte deßhalb alle seine Schritte genau. Dabei habe ich herausgefunden, daß sein Nachtwandeln nichts weniger als eine Krankheit, sondern eine schlau angelegte Spitzbüberei ist!" „Du täuschest Dich", hielt ihm Magdalene entgegen. „Man hat ihn, wie ich von der Base schon ein Dutzend Mal gehört habe, nie anders gekannt; doch soll seine Krankheit sich gegenwärtig seltener als sonst und nur in hellen Vollmondsnächten zeigen." „Laß es gut sein, Lenchen", fiel Georg ein; „ich weiß es besser: der Schlaukopf gibt sich den Schein des Nachtwandelns in keiner andern Absicht, als um zu spioniren; dafür lebe und sterbe ich und kann nöthigen- falls den Beweis liefern. Hat man jemals gehört, daß die Nachtwandler im Schlaf herumlaufen, wenn der Mond nicht am Himmel steht?" „Und das hätte Leßlie gethan?" fragte ungläubig der Pater. „Ja", versicherte Georg, „ich selbst habe ihn auf seinem Schleichwege ertappt; doch ich versalzte dem Pfifficus den Braten in einer Weise, daß ihm die Lust zum Naschen vielleicht für eine Zeit lang vergeht!" „Gewiß wieder einer von Deinen unbesonnenen Streichen", tadelte kopfschüttelnd der Greis. „Der Schloßhanptmann ist ohnehin nicht gut gelaunt. Wenn Du ihn noch mehr erbitterst, bekommen wir Alle seine Rache zu fühlen. Was hast Du gethan?" „Vor drei Tagen", begann Georg mit einem etwas verlegenen Seitenblick auf Lenchen, die ihre Augen in unverkennbarer Besorgniß auf ihm ruhen ließ, „legte ich mich in einiger Aufregung in's Bett. Ich konnte nicht schlafen. Da hörte ich ungefähr um 11 Uhr leise Fußtritte. Eine geheime Ahnung trieb mich auf, um nach dem nächtlichen Wanderer zu sehen. Als ich in des HerzogS Vorzimmer trat, war alles still, aber am Fenster stand horchend Leßlie. Es war zwar eine sternenhelle Nacht, der Mond aber ließ sich nicht sehen. Mit dem Nachtwandeln des saubern Patrons war es also nichts. Ich beobachtete ihn eine Weile, er aber rührte sich nicht. Schließlich wurde mir die Sache zu langweilig. Nun weiß ich, daß der Schloßhauptmann gegenüber allem, was nach Gespenstern oder derartigem riecht, ein Hasenfuß ist. Diese Thatsache weckte einen Gedanken in mir. Warte, sagte ich bei mir selbst, ich will Dir das Spioniren entleiben, schlich mich leise hinter ihn und gab ihm einen Puff, daß man wahrscheinlich die Spuren heute noch sieht. Eine Minute später lag ich schon wieder im Bett." Mit einem lustigen Lachen schloß der Leibjäger seinen Bericht. Das Antlitz des Paters Vincenz war bei der Erzählung Georg's immer ernster geworden. „Wie", rief er, als jener schwieg, „das geschah vor drei Tagen, in der Nacht vor der Erkrankung des Herrn?" „Ganz recht", bestätigte der junge Mann. Pater Vincenz sank auf einen Stuhl, weiß wie die Wand. Georg und Magdalene, nicht wenig erschreckt, wollten dem alten Manne beistehen; doch dieser wies ihre Hilfe — 4V — U mit einem trüben Lächeln zurück. Er erholte sich schnell wieder, stand auf und durchmaß einige Male, wie mit einem Entschluß kämpfend, schweigend den Raum. „Georg, Georg", mahnte er dann mit aufgehobenem Finger, „wie oft habe ich Dich schon vor übermüthigen Streichen gewarnt! Gebe Gott, daß Du die Folgen dieser Handlung nicht in sehr bitterer Weise zu fühlen bekommst!" Damit erhob er sich und verließ, ohne eine weitere Erklärung zu geben, das Zimmer. Der Leibjäger schaute ihm etwas verblüfft nach. „Was der gute Pater nur hat?" sagte er. „Leßlie stirbt an dem kleinen Denkzettel nicht, und zudem weiß er ja nicht einmal, durch wen er ihm angehängt worden ist." Ganz wohl war es ihm aber bei der Sache doch nicht. Er stellte sich an's Fenster und schaute verstimmt hinaus; der Jugend-Uebermuth schlug jedoch seine Scrupel wieder bald aus dem Feld. Er begann die Melodie eines Liebchens zu pfeifen und wandte sich dann mit schelmischer Miene an Lenchen. „Höre, ich möchte Dich schon lange etwas fragen; allein es wollte mir bis jetzt nicht über die Zunge. Wenn ich die verlorene Kiste auffinde, was vielleicht schon in den nächsten Tagen geschieht, ist mir eine SchloßhauptmannS - Stelle gewiß; möchtest Du nicht meine Haupmünnin werden?" „Geh' mir doch, Du leichtsinniger Mensch", wies ihn das Mädchen erröthend zurück; „aus Dir wird in Ewigkeit nichts." Dabei spielte aber doch ein Lächeln um ihren Mund, das mit dem harten Urtheil in Widerspruch stand. Georg nahm auch keinen Anstand, es in seinem Sinne zu deuten. „Gut, Schatz", sagte er wohlgefällig, „ich verstehe Dich schon: erst etwas werden, dann spricht man das entscheidende Wort. Du hast Recht und sollst sehen, daß mir's Ernst ist; denn leichtsinnig bin ich nicht", versicherte er mit einem treuherzigen Blick in die Augen Magdalenens, „wenn ich auch zugeben muß, daß mein Hang zu Schelmereien und — zu romantischen Abenteuern", fügte er halblaut hinzu, „mich zuweilen mehr hinreißt, als gerade nothwendig ist." Er drückte ihr die Hand und eilte, da der Dienst rief, davon. » «! „Hier ist wein letzter Wille!" sagte ungefähr zu gleicher Zeit der Herzog von Friedland und überreichte seiner weinenden Gemahlin ein versiegeltes Schreiben. „Wenn ich todt bin, sendest Du diese Papiere an Deinen Vater nach Wien; ich habe ihn zum Vollstrecker meines Testamentes bestimmt. Mein Leichnam soll nach Gitschin gebracht und dort in aller Stille beigesetzt werden. Du wirst jedoch dafür sorgen, daß das Trauergeleite meinem Range entspricht." Ein tiefer Schmerz prägte sich auf dem Antlitz der Herzogin aus. Sie stellte sich mit gerungenen Händen vor den Gemahl. „Ich bitte, ich beschwöre Dich, Albrecht", flehte sie, „weise doch endlich diese entsetzlichen Todesgedanken, welche Deine Gesundheit vernichten, von Dir! Du hast nun seit drei Tagen keinen Bissen Nahrung zu Dir genommen und keine Minute mehr geschlafen. Wenn Du diese Lebensweise noch länger fortsetzest, befürchte ich das Schlimmste für Dich. Dann könnten die von Dir soeben getroffenen Anordnungen allerdings nothwendig werden." „Sie sind es schon jetzt", siel Wallenstein mit dumpfem Ton ein, „die Hand des Todes hat mich berührt." „Barmherziger Gott", rief Jsabctta voll Entsetzen und ergriff seine Hand, „was soll ich anfangen, um Dich von Deinem unseligen Wahn abzubringen? Führe doch nur einen einzigen vernünftigen Grund an, warum der Schlag ein Zeichen des Todes sein soll? Einer der halbbetrunkenen Osficiere oder sonst Jemand . . „Glaubst Du, Weib", fiel der Herzog seiner Gemahlin mit funkelnden Augen in's Wort, „daß irgend ein Mensch die Kühnheit besitzt, den Herzog von Friedland auf die Art, wie es geschah, mit der Faust zu berühren?" Die geängstigt« Frau wußte hierauf keine Antwort zu geben. Sie schwieg, verwirrt und entmuthigt. „Ich fühle es", fuhr Wallenstein fort, „daß ich dem Tode geweiht bin! Sterben, sterben — ein häßliches Wort, und doch für Alle, für den Fürsten wie für den Bettler gemacht. Es liegt auch weiter nicht viel daran; aber sterben in dem Augenblick, wo man im Begriff steht, die Sonnenhöhe des Ruhmes und der Macht zu erklimmen, wo die Augen einer Welt den Sieger auf dem Kampfplatz erwarten, — das ist hart, das ist schmerzlich!" „Ich muß noch einmal sagen, Albrecht", unterbrach ihn die Herzogin, „Du täuschest Dich, Du täuschest Dich sicher. O zürne mir nicht", fuhr sie fort, als Wallenstein die Stirne runzelte, „ich muß reden, und schwebte ein gezücktes Schwert über mir. Es gilt Deine Ehre und Deinen Ruhm. Nehmen wir sogar an, jener Vorfall sei wirklich etwas Uebernatürliches, ein Vorzeichen Deines Todes gewesen, — soll dieser den kühnen Feldherrn, der ihm schon so oft mit kaltem Blute in's Auge geschaut, in seiner Kammer mehr schrecken, als in der blutigen Schlacht? Soll man sagen, Albrecht von Wallenstein habe je einmal vor dem Tode gebebt? Niemand, .selbst Dein Weib nicht, soll behaupten, daß der Herzog von Friedland sich schwach gezeigt hat!" Wallenstein's blasses Antlitz röthete sich bei diesen Worten; ob aus Zorn oder aus Scham, verrieth sein Mienenspiel nicht. Dann sagte er mit mühsam errungener Fassung: „Ich danke Dir, Zsabella, nun weiß ich, daß Du mich liebst, und es freut mich, zu sehen, daß auch Deine Seele die Ueberzeugung von meiner Liebe erfüllt. Nur wahrer Liebe konnte der Muth entspringen, mir das zu sagen, was Du gesagt hast. Du thatest, was kein Mann gewagt haben würde." Der Eintritt eines Dieners unterbrach das Gespräch. „Pater Vincenz", meldete dieser, „bittet Euere Herzoglichen Gnaden in einer dringenden Angelegenheit um hochgeneigtes Gehör!" „Heute nicht, morgen", versetzte Wallenstein kurz. Der Diener ging, kam jedoch bald wieder zurück. „Der Pater erklärt", berichtete er Zögernd, „die Sache sei höchst dringlich." „So soll er kommen", rief der Herzog, und sein? Augen funkelten. „Ihr bringt etwas, das keinen Aufschub bis morgen erleidet?" fragte er den eintretenden Ordensmann rauh. „Ja", bestätigte der Greis, ohne sich an Wallenstein's finstere Miene zu kehren, „und zwar etwas, das Euer Gnaden persönlich betrifft. Ihr habt mit mir über den seltsamen Vorgang gesprochen, in welchem Ihr den Vorboten eines nahen Todes erblicket und mich für diesen -unglücklichen Fall, den der liebe Gott noch recht lange fernhalten wolle, mit Euern Aufträgen beehrt. Der ganze Vorgang hat sich nun auf die natürlichste Weiss erklärt!" »Was", rief der Herzog mit einer Stimme, die im ganzen Gemach widerhallte, und heftete die Augen durchdringend auf den Geistlichen, der ruhig vor dem Gewaltigen stand, „auf eine natürliche Weise?" „Die Sache ist einfach der übermüthige Streich eines unbesonnenen Menschen, der jedoch nicht Euch, sondern einem Andern galt!" „Sagte ich es nicht", jubelte die Herzogin, „o Gott sei gelobt!" „Eines unbesonnenen Menschen", nahm der Pater seine Rede wieder auf, „der bis heute nicht weiß, welches Unheil er angestiftet, und für welchen ich um eine mildere Strafe bitten möchte, als er verdient!" „Wie mögt Ihr daran zweifeln?" rief Jsabella, der eine Centnerlast vom Herzen genommen war. „Erzählet, damit mein Gemahl von seinem unglücklichen Wahn befreit wird!" Der Pater berichtete, waS wir schon wissen. „Als Georg", schloß er, „die Geschichte mit lachendem Munde erzählt hatte, erschrak ich entsetzlich. Im ersten Augenblick befand ich mich im Zweifel, ob ich den Verwegenen aufklären und veranlassen solle, zu den Füßen Euerer Hoheit um Gnade zu flehen, oder ob es nicht besser sei, daß derselbe von den unheilvollen Folgen seiner Handlungsweise gar nichts erfahre. Nach kurzer Erwägung entschloß ich mich, die ganze Angelegenheit der Weisheit Euerer Hoheit zu unterbreiten. Jedenfalls hat Georg nicht aus Bosheit, sondern nur aus Unbesonnenheit einen Fehler begangen, der an und für sich zwar sträflich, aber eigentlich nur die Folge eines Mißverständnisses und jugendlichen Uebermuthes ist!" Der Herzog hatte immer noch keine Silbe gesprochen; mit finster zusammengezogenen Brauen durchmaß er den Raum. Seine Brust arbeitete mächtig, wie von einem Strom wilder Gedanken durchtobt. Pater Vincenz und Jsabella blickten, um das Schicksal Georg's besorgt, mit ängstlicher Spannung auf ihn. Nach einer Welle blieb er vor dem alten Herrn stehen. „Also den Schloßhauptmann", fragte er mit eigenthümlich zitternder Stimme, „glaubte der junge Mensch vor sich zu haben?" „Ja", erwiderte der Pater kleinlaut, „den Schloßhauptmann Leßlie, gegen welchen er schon seit seiner Hieherkunft einen geheimen Groll hegt." „Gut", bemerkte Wollenstem, und seine Augen erweiterten sich drohend; „sie sollen Beide ihre angemessene Strafe bekommen: Georg Selkow für seinen Frevel, und Leßlie, den ich bei seinem Kopfe für meine Ruhe in Großmeseritsch verantwortlich machte, weil er in so nachlässiger und pflichtvergessener Weise die Sorge für meine Person vernachlässigt!" Der Herzog winkte mit der Hand, und Pater Vincenz ging mit kummervoller Miene hinaus. (Fortsetzung folgt.) Sor fmlsundMnzig Zahm». Von Friedrich Koch-Breuberg. (Fortsetzung.) Wir Zehner marschiren nach Beaumont. 24 Ossi» eiere theilten mit mir die kahle Wirthsstube eines Gasthauses. Kamen unsere Diener, begann ein sofortiges Untersuchen der Handtasche. Mein Diener — Kleemann geheißen — war eine Art Wunderding. Er hatte sich einst für mein zweites Pferd ein stehen gebliebenes Wägelchen angespannt. Wo er während des heißen Ringens herumfuhr, blieb mir ein Räthsel, aber war die Sache zu Ende, war es Zeit, seinen Dienst anzutreten, dann fuhr er plötzlich hinter dem Bataillon einher, und nie hat er einen leeren Eßkorb ausgepackt. Deshalb erfreute er sich aber auch nicht allein meiner, sondern der allgemeinen Gunst. Wir Officiere waren damals sehr übermüdet und' konnten doch nicht schlafen. Innerhalb 8 Tagen machten wir die größten Schlachten mit und hatten so viel zu erzählen, dann ging die Thüre bis zum Morgen auf und zu, denn es gab ein fortwährendes Suchen nach Aerzten. In vielen Fällen wußte der Jünger AescnlapS auch nicht mehr zu helfen, aber das ist nun wie iw Frieden — der Arzt wird mit Sehnsucht erwartet. Endlich ward Ruhe im Zimmer, und man streckte sich auf dem raschelnden Lager aus. Als es durch die schmutzigen, meist zertrümmerten Scheiben hereindämmerte, drang mit dem Morgenlicht frohe Kunde zu uns. Der Tag sollte Rasttag sein! Die Freude währte nicht lange, denn schon wieder vernahm man den altgewohnten Kanonendonner. I« das benachbarte Cravant flogen Granaten und an allen Ecken und Enden geht eS auch am 10. Dezember los. Oben bei Villechaumont hatten die Franzosen Abtheilungen der Division Wittich zurückgedrängt. Obwohl sich die Zweiunddreißiger muthtg vertheidigten, mußten sie weichen und 150 Mann in Gefangenschaft gerathen lassen. Gambetta war in ToSnes, in einem Dorfe hart vor unserer Linie, eingetroffen und hatte angeordnet, daß der französische rechte Flügel vorzudringen habe. Also deshalb war der Kampf von Neuem entbrannt. Hatte der ehrsüchtige Einäugige die eisernen, von Pflichtgefühl erfüllten Schädel der Deutschen noch nicht kennen gelernt? Wieder marschirte die 4. Brigade nach Villechau- mont hinauf, und heute besetzten die Dreizehner das. Dorf, während wir Zehner die Reserve bildeten. General v. Orff führte seine Brigade nach Beauvert und LayeS. Ach Gott, man kannte jeden blutbespritzten Stein dieses Geländes, das an die 100,000 Franzosen seit drei Tagen einer Hand voll Deutschen nicht zu entreißen vermochten!^ Auch im Norden bei Villermain hatte sich der Feind wieder angesammelt. Als General v. Orff die Neunerjäger nach Montigny schickte, fanden sie dort das 2. Jäger-Bataillon und die Batterie Gruithuisen vor. Die Brigade Täuffenbach war nämlich nach Orleans ab« marschirt und hatte diese Abtheilung zum Schutze der Artillerie beim Beginne des Kampfes hier gelassen. Nach Orleans? so tönte es in den Reihen der übermüdeten Bayern fragend hin und her, denn es hatte sich die Kunde verbreitet, daß der Großherzog beabsichtige, daS fast kampfunfähige Corps v. d. Tann als Besatzung der Stadt zu verwenden. Aus Orleans aber winkte uns die jetzt heiß ersehnte Ruhe. Doch augenblicklich sausten Granaten hin und her, und auf der ganzen Linie 48 knatterte es, wenn heute auch die Infanterie nur weniger ins directe Feuer kam. Das sah nicht nach Ruhe aus. Die 3. Brigade, welche nördlich von Beaumont in Bereiischaftsstelluug aufmarschirt war, wurde durch General v. d. Tann um 10 Uhr ebenfalls gegen den rechten Flügel geschickt. Während nun gegen den von Villermain anrückenden Feind die Nachts eingetroffenen Ersatztruppen der 1. Division ein lebhaftes Feuergefecht führten, ging Hauptmann v. Schleich mit dem 1. Bataillon des 3. Regiments nach Schloß Coudray vor und ließ es zur Vertheidigung einrichten. So war der rechte Flügel geschützt, zn dem auf Befehl deS Generals v. d. Tann hier eine stattliche Reihe von Batterien wirkten. Aber auch am heutigen Tage wurde eine Batterie gefechts- uufähig und mußte Hauptmann Stadelmann seine Geschütze zurücknehmen. Die Anforderungen an unsere Artillerie waren in diesen Tagen eben ganz unglaubliche. Während wir Bayern also nur bestrebt waren, die Stellung zu halten, führte die 17. Division den eigentlichen Kampf bei Origny durch. General Chanzy sah übrigens jetzt auch ein, daß heute das nicht mehr mit ermüdeten Truppen zu erkämpfen war, was er seit drei Tagen mit großer Uebermacht nicht erreicht habe. Vielleicht wußte er, daß eben eine ausgeruhte deutsche Truppe, die 19. preußische Division, angerückt sei. Zu viel wußte er allerdings nie, aber er gab gegen Abend den Gedanken an weiteren Widerstand auf und befahl den Rückzug. Als es dunkel geworden war, rückten wir Zehner zur Ablösung der Brigade Orff nordwärts an der Straße vor. In der Höhe von Beauvert bezogen wir Vorposten, was bekanntlich im Dezember nicht sehr erfreulich ist. Nacht und Nebel lagerten über den Aeckern, und ich stolperte beim Aussetzen der Vedetten fortwährend über gefrorene kleine Hügel, die sich am andern Morgen als zusammengetragene Gefallene entpuppten. Die Nacht war entsetzlich kalt, Feuer zu wachen war verboten, und so suchten wir uns durch Cognac zu erwärmen, was bekanntlich nur für kurze Zeit hilft, und worauf man dann noch mehr friert. Die eisige Nacht verging nicht ohne Trost, denn wieder erschien Kleemann mit seinem Wägelchen, in dem sich die wollenen Decken Mehrerer Officiere befanden. Als die matte Wintersonne des 11. Dezember ihr Licht verbreitete, sammelte das I. Armee-Corps bei Nilly. Wir hatten Befehl stehen zu bleiben und nicht mehr schießen zu lassen. Man sah auch nur in der Entfernung einrge Spahis herumreiten, was sich auf den Schneefeldern recht interessant ausuahm. Ah — nun kam die Nachricht vom Abzug des Feindes! Nun werden wir die Thürme von Orleans wiedersehen! Und wirklich erblicken wir bayerische Kolonnen, welche nordostwärts ziehen. Aber wir — was ist's mit ^uns? Kommen wir denn gar nicht daran? Nein, wir kamen nicht daran, sondern wir sammelten und marschirten — es thaute plötzlich — auf grundlosen Wegen nach Josnes, nach dem Neste, in dem der Einäugige vor Kurzem seine Generale angefeuert hatte. Es war nämlich die 4. Brigade Menburg nebst den Batterien Neu, Carl und Gruithnisen — ein Häuflein von 1700 Mann — dem Großherzog zugetheilt geblieben. Der hohe Herr hatte ursprünglich eine 3. Division aus Bayern zu bilden beabsichtigt, aber General v. d. Tann widersetzte sich dem und legte dar, daß er Orleans, zumal ja die Straße von BonrgeS her noch unsicher war, mit dem kleinen Nest des Corps nicht vertheidigen könne. Hatten doch die Bayern in den letzten Tagen 88 Officiere und 1986 Mann eingebüßt und seit 1. Dezember überhaupt 245 Officiere und 5506 Mann als kampfunfähig verloren! — So blieb es der 4. Brigade vorbehalten, auf offenem Felde nochmals vor den Feind zu kommen. Am 14. Dez. waren die Mecklenburger auf hartnäckigen Widerstand gestoßen. Die 17. Division hatte zwar Frsteval behauptet, sah sich aber dann genöthigt, nachts den Ort aufzugeben. General von Rauch war mit einem De- tachement bis Morse gekommen und hatte sich zwischen dieser Stadt und La Nuelle am 15. Dezember gehalten. Am 16. gedachte der Großherzog den Uebergang über den Loir-Bach zu forciren und befahl zn diesem Zwecke das Heranrücken aller seiner Abtheilungen. Schon während des Anmarsches wurde Major v. Schönhueb mit seinem Bataillon nach Moisy entsendet. Es war nicht ausgeschlossen, daß der Uebergang mißlinge, und von diesem Dorfe aus konnte dann der Rückzug gedeckt werden. Die Brigade selbst stand um 9 Uhr in einer Terrainmulde bei La Guiconniöre. Später führte Hauptmann v. Kraft das 2. Bataillon der Zehner nach rechts hinaus und besetzte einige Höfe, welche ungünstig in der Flanke lagen. Der ganze Vormittag verging mit Zuwarten. Wir sahen den preußischen Ulanen zu, wie sie vor dem Waldsaum Achter ritten, wir horchten nach der Richtung hin, in der es knallte, die Stunden wurden uns entsetzlich lange. Ich unterhielt mich dann mit einem Lieutenant des 10. preußischen Ulanen-Negiments über das Walzertanzsn, und wir erörterten die Frage, ob Sechsschritt auf vornehmen Bällen erlaubt sei. Er hatte aufgesprungene Stiefel an, und ich war von oben bis unten voll Schmutz — beide also nicht im Mindesten ballfähig. So um 1 Uhr traf dann der Befehl des Groß- herzogs ein, das Detachement Rauch bei Morse abzulösen. Den Vormarsch begann das Bataillon Heeg der Zehner. Das Feuer, welches bisher dumpf und vereinzelnt aus dem Thalgrunde heraufgeschallt hatte, verwandelte sich jetzt in ein heftiges Geknatter. Das waren die Truppen des Generals Chanzy, der seine Armee auf der Linie Vendöme—Cloyes vereinigt hatte, und sie waren augenblicklich daran, Morse zurückzuerobern. Auf der Straße konnte man nicht marschiren, denn sie wurde vom jenseitigen Ufer aus durch Geschütze beherrscht. Major v. Heeg führte nun fein Bataillon in einer mit Gras bewachsenen Mulde vor und stellte es bei La Ruelle als Unterstützung der Preußen auf. Bald erschienen aber auch nördlich bei La Bliniöre und an der Südlisiöre des Waldes von St. Claude die Franzosen mit Infanterie und Geschützen. Da sollte nun Haupt- mann Meier mit dem 3. Bataillon der Zehner rechts der Straße Stellung nehmen. Es war ein Plateau, das nach rechts der Wald begrenzte, das gegen die Stadt hin tief an den Bach abfiel, und das aus dem lehmigsten Ackerboden bestand, den ich je gesehen habe. „Ja, was ist denn das?" rufen wir Officiere aus, aber da steckt auch schon der eine unserer Stiefel im Boden. Vielen Leuten wurde das ewige Stiefelanziehen und -Verlieren zu langweilig, und sie wateten in Socken einher. Die Strumpfschlacht haben wir später das Gefecht bei Morse getauft. Endlich haben wir die Stellung erreicht und bilden gegen den Wald hin eine lange, dünne Plänklerlinie. Ich hatte Glück, denn gerade bei 49 — meiner Compagnie befand sich der einzige TannenLaum auf weitem Gefilde, und unter ihm befand sich ein trockenes GraSfleckcken. Links drüben lagen mehrere Gebäude, zu deren Besetzung nun das 1. Bataillon der Dreizehner anrückte. Auch diese Mannschaften haben die Stiefelnoth, und der tapfere Oberst Isenburg, der im heftigsten Feuer seinen Schimmel nicht verließ, war heute genöthigt, zu Fuße einherzuwandern, weil die Pferde zu tief einsanken. Unter diesen Verhältnissen konnte unsere Artillerie nicht verwendet werden. Während wir ein hinhaltendes Feuergefecht führen, hören wir, wie t« Thale um die Stadt lebhaft und lebhafter gekämpft wird. Oberlieutenant Daser eilte mit zwei Compagnien des Bataillons nach links an die Straße und dann inS Thal nach der Stadt. Auch ein Halbbataillon Dreizehner nahm den gleichen Weg und brachte den Neunundachtzigern Unterstützung. Die Franzosen waren schon bis an die ersten Häuser herangekommen, nun gelang es, sie gehörig heimzuschicken. Unterdessen wurde am Plateau das Feuer schwächer, und ich beobachtete, wie sich eine Art militärischen Wunders vor weinen Augen vollzog. Unsere brave Artillerie hatte fortwährend das Auffahren versucht, und jetzt war es nach nicht beschreibbaren Mühen auf einem ganz schmalen Raine endlich gelungen, jetzt blitzte es — direct hinter mir — aus 14 Geschützen auf. „O Tannen- bauml" kam's von meinen Lippen, denn augenblicklich erwiderte die feindliche Artillerie das Feuer, und ihre erste Lage ging gerade auf meinen Tannenbaum zu. Das wechselte dann ab. So und so viele Granaten an den arg zugerichteten Baum — die anderen immer in den Lehmboden vor unsern Batterien, und ich sah, nachdem ich mich vor den Baum gelegt hatte, gemüthlich zu, wie die eisernen Kegel unschädlich im Koth stecken blieben. Es war dunkel geworden, und wir sammelten an der Straße, um nach der Stadt zu marschiren, die General Rousseau nicht hatte erobern können. Die Quartiere waren sehr gut, aber man fand auch in der ganzen Stadt nichts zu essen. Durch die Fenster eines hübschen Salons sah ich auf den moudbeschienenen Marktplatz hinab. 10 Uhr Nachts, und ich hatte mich noch nicht entschließen können, in die saueren Aepfel zu beißen, welche mein Hauswirth als einzig Genießbares herbeigebracht hatte. „Wäre der Kleemanu da!" dachte ich und da vernahm ich Wageugerassel und erkannte im Mondschein meinen Schimmel. Ja, man mußte sich stärken, denn es hieß, daß die die Stadt beherrschende Höhe mit 100 Kanonen besetzt sei, und daß am Morgen eine fürchterliche Schlacht entbrenne. Zudem sollte ich am Morgen mit der Compagnie eine Stellung am Loir- bach vor der Stadt beziehen. So brach der 17. Dezember an, und dichter Nebel lagerte über dem Thal. Mit der Karte in der Hand eilte ich herum und zeigte den Unterosficieren ihre Stellungen. „No", sagte einer hinter mir zu seinem Kameraden, »jetzt sind mir so lang dnrchkomma, aber heut sän mir alle hin." Als ich dann in der Stadt Meldung erstattete, brach sich gerade die Sonne Bahn, und man sah von der Straße in das reizende Thal hinaus. Krachte es denn noch nicht aus hundert Schlnnden? Da fährt der grüne Landauer des Generals N. v. d. Tann einher, und schmunzelnd begrüßt uns der Brigade-Anditeur. «Ja, da sind doch die Franzosen sicher abgezogen!" riefen wir aus und es war so. Bald überschritten wir den Loir und zogen die steile Halde hinan. Friedlich lag das Städtchen im Wtntersonnenglanze hinter uns. Ich sah zurück, und mein Blick flog bachaufwärts, dahin, wo eine meiner Wachen hätte stehen sollen. Dort befand sich ein kleines Haus, das im gestrigen Kampfe die französischen Granaten arg zugerichtet hatten. Eine Granate hatte sich mit den eisernen Warzen gerade ober der Thüre in den Mörtel gegraben und hing nun als gefährlicher Hausschild so lange fest, bis eine kundige Hand sie entfernen konnte. Machte man einige Schritte bachaufwärts, dann gelangte man an eine im Gebüsch versteckte Kapelle. Entlaubte Sträucher, mit rothen Beerendolden behängen, umgaben sie, hinter ihr murmelten die Wellen des klaren Baches. Die Thüre war heute morgens halb geöffnet gewesen, und es hatte mich gedrängt, das kleine Gotteshaus für einen Augenblick zu betreten. Vor Allem fiel mein Blick auf einen Feind, der an den Stufen des Altars, die Rechte wie Rettung suchend und nach dem Heiland greifend, noch erhoben, kauerte. Nun gewahrte ich, daß er todt war. Unbeschreibbarer Friede lagerte über den wachsbleichen Zügen und ich ging sinnend von bannen. — Nach einigen Tagen führte Oberst Graf Menburg die 4. Brigade nordwärts der ersehnten Ruhe entgegen. Der Kronprinz von Preußen begrüßte durch einen Tagesbefehl das I. bayerische Corps bei feinem Wiedereintritt in den Verband der III. Armee und General v. d. Tann erhielt den im Kriege 1870 nur selten verliehenen Orden xonr 1s msrits. Wir hatten gehofft, daß an Weihnachten auch die Menschen „Friede auf Erden I" singen würden, wir hatten uns getäuscht. Auch am Sylvesterabend ließen wir in Arpajon die Punschgläser mit dem Wunsche „Baldige Heimkehr!" erklingen. Es war umsonst. Noch sollten wir das Bild der großartigsten Belagerung in diesem Jahrhundert schauen — doch davon das nächste Mal. (Fortsetzung folgt.) Sonne und Mond. Die beiden Hauptgestirne des Himmels, die Sonne, der wir das Bestehen allen organischen Lebens auf der Erde verdanken, und der Mond, dessen Erscheinen besonders die Bewohner der Polarzonen der Erde in den monatelangen Polarnächten mit neuer Lebensfreude erfüllt, haben zu allen Zeiten, in denen Menschen die Erde bewohnen, den Forschnngstrieb angeregt, und sehr mannigfaltige Ansichten über ihre Natur haben die Geister in den verschiedenen Jahrhunderten beherrscht. Wenn man die Geschichte der verschiedenen Sonnen- und Mondtheorien verfolgt, so erkennt man wieder die auf den verschiedenen Gebieten der Naturwissenschaft auftretende Erscheinung, welche darthnt, daß die Fortschritte, welche viele Jahrhunderte in der Erforschung der Naturerscheinungen gezeitigt haben, minimal sind im Vergleiche zu jenen, welche uns besonders die letzten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts gebracht haben. Und weiter hak gerade die jüngste Vergangenheit so durchgreifende neue Anschauungen über das Wesen der beiden Hauptgestirne gezeigt, daß man sie der allgemeinen Antheilnahs» versichert halten darf. Die Sonne. Drs Anwendung des Fernrohrs auf die Himmelskörper seit dem ersten Viertel des 17. Jahrhunderts und der Spektralanalyse seit der Mitte unseres Jahrhunderts haben zuerst einen so wesentlichen Einfluß auf die Anschauungen über die Natur der Himmelskörper und ganz besonders der Sonne ausgeübt, daß man die ersten grundlegenden Anschauungen über das Wesen der Himmelskörper, den mehr philosophisch begründeten der früheren Jahrhunderte gegenüber, erst von diesen beiden Epochen an rechnen kann. Während die Sonne im Alterthum von Anaxagoras für einen glühenden Eisenklnmpen, von Euripides aber für einen Goldklumpen gehalten wurde, erklärte sie in neuerer Zeit der KönigSberger Philosoph Kant für ein flammendes Feuer, einen wirklich flammenden Körper, der sich nicht erschöpfe, sondern durch sich selbst mehr Stärke und Heftigkeit bekomme. Der große Himmelsforscher W. Herschel stellte die Ansicht auf, daß der Sonnenkörper an sich dunkel sei, ähnlich den Planeten. Diesen dunklen Körper umgiebt aber eine dreifache Schicht gasartiger Umhüllungen. Die dem Sonnenkörper am nächsten liegende Schicht ist durchsichtig und elastisch, ähnlich unserer Atmosphäre, und ebenso von großer Höhe. Sie ist bis in sehr große Höhen durchsichtig, klar und farblos und hat keine Wolkenbildnng. Die zweite, hierüber lagernde Schicht besteht aus einer Wolkendecke, deren Theile nahe, wie in unserer Atmosphäre, neben einander lagern. Diese Schicht ist ebenfalls elastisch und durchscheinend. Die dritte äußerste Schicht, ist von anderer Beschaffenheit als die beiden innern; sie besteht aus leuchtenden Wolken, ein Lichtmantel, der uns die Durchsicht nach dem eigentlichen Sonnenkörper verhüllt. Wenn aber zuweilen Nisse in diesem Lichtmantel entstehen oder größere Trennungsgebiete, so erscheint uns dadurch die untere, zweite Schicht graulicher Wolken fleckenweise sichtbar, und wenn auch diese sich zeitweilig spaltet, so wird uns durch diese der eigentliche dunkle Sonnenkörper sichtbar, und wir sehen durch die in der Lichtsphäre und der Wolkensphäre entstandenen trichterförmigen Oeffnungen die dunkelgefärbten Landschaften, Berge, Gebirge des eigentlichen Sonnenkörpers. Es sind dies die großen, schwarzen Flecken, welche bald vereinzelt, bald in zahlreichen Gruppen auf der Sonnenscheibe erscheinen und wieder verschwinden, die sogen. Sonnenflecken. Herschel war aus religiösen Gründen zu der Ueberzeuguug gelangt, daß die Sonne von organischen Wesen bewohnbar sei, und zwar sollte die dunkle Oberfläche des eigentlichen Sonnenkörpers die Wohnstätte der Sonuenbewohner sein. Diese im Anfange dieses Jahrhunderts von W. Herschel aufgestellte Sonnentheorie hat sich fast ein halbes Jahrhundert in der Wissenschaft unangefochten erhalten. Man hatte eben durch sie eine ebenso gute und vollständige Erklärung der auf der Sonne beobachteten Erscheinungen, wie sie nur eine der bis dahin aufgestellten Theorien leistete. Aber diese und jede andere auf die Annahme eines festen Sonnenkerns gegründete Sonnentheorie — so jene von Lalande, der die Sonnenflecken für die Gipfel von Sonnenbergen hielt, welche sich, wie Inseln im Feuermeere, über die leuchtende Oberfläche erheben — mußte fallen, als die neuere Physik darthat, daß bei der hohen Temperatur der äußeren Sonnenschicht daS Innere der Sonne gasförmig sein müsse. Jetzt trat nun es war im Jahre 1868 — eine neue, auf diese Errungenschaft der Physik gegründete Theorie auf, welche der Franzose so — Fähe uno ver Italiener Secchk inaugurirten, und die in der That so einfach uns bestechend erschien, daß sie die dominirende Stellung unter den Sonnentheorien einzunehmen begann» als die inzwischen herangereiften Früchte der Spektralanalyse der Gestirne auch ihr den Boden entzogen. Nach ihr sollten die Sonnenflecken Oeffnungen in der die zentralen Theile der Sonnenkörper umgebenden Schicht, der Photosphäre, sein, durch welche Gasmassen aus dem Innern hervorbrechen. Man nimmt gegenwärtig mit gutem Grunde an, daß der zentrale Theil der Sonne hauptsächlich aus einer Gaswaffe von ungeheuer hoher Temperatur besteht, während der sichtbare Theil der Sonne, um jenen gelagert, die Photosphäre heißt; dicht über dieser leuchtenden Oberfläche zeigt sich noch eine roseufarbige Schicht gasförmiger Materie, die Chromosphüre, die sich hier und da über das allgemeine Niveau erhebt und die Proiuberauzen, jeue bei totalen Sonnenfinsternissen hell hervortretenden farbigen Lichierscheinungen, bildet. Es müßten nun die Kerntheile der Sonneuflecke deshalb dunkler erscheinen, weil die aus dem Innern hervorbrechenden Gaswaffen ein geringeres Strahlungsvermögen besitzen, als jene leuchtenden Theile, aus denen die Wolken der Photosphäre bestehen. In diesem Falle müßte aber das Spektralbild der Sonnenflecken aus hellen Linien bestehen. Da nun die Spektralöeobachtnng aber im Gegentheil ergab, daß das Spektrum der Kernflecken aus dunklen Absorptkons- bändrrn besteht, so können es auch nicht glühende gasförmige Massen sein, die aus dem Innern hervorbrechen, sondern es muß herabsinkende, kühlere und weniger leuchtende Materie aus den oberen Schichten der Sonneu- atmosphäre sein, welche die Fleckenerscheinung hervorruft. Es haben dann Fähe und Secchi zwei verschiedene Theorien über die Sonnenflecken aufgestellt, welche beide auf verschiedenen Seiten Anklang fanden. Nach Faye sind die Sonnenflecken durch Stürme auf der Sonne erzeugt. Die Photosphäre wird aus den Niederschlügen der aus dem Innern der Sonne aufsteigenden Dampf- massen gebildet. Sie kommen also aus Schichten der Sonnenkörper, die eine sehr verschiedene Entfernung von der Umdrehungsachse der Sonne haben. Dadurch entstehen dem Aequator parallel gerichtete Strömungen, so daß die verschiedenen Theile der Photosphäre verschiedene relative Geschwindigkeiten haben. Diese in den mittleren Zonen am stärksten auftretenden verschiedenen Geschwindigkeiten bewirken nun eine Wirbelbewegung, die zu Cyklonen oder trichterförmigen Strudeln führt, wie bei den irdischen Tornados, die ebenso wie auf der Sonne oben beginnen sollen und auf die feste Oberfläche heruntersteigen. Diese Theorie erklärt die Verthetlnng der Sonnenflecken in zwei zum Aequator parallelen Zonen, und sie findet in der thatsächlich verschiedenen relativen Geschwindigkeit benachbarter Theile der Photosphäre eine starke Stütze. Auch die vielfach auf der Sonne beobachteten Theilungen der Flecken und die Weise, in der diese geschieht, wird durch Fayes Theorie gut erklärt. Dagegen widersprechen die Thatsachen, daß nur wenige Flecken der Sonne jene Wirbelbewegung zeigen, und die mangelnde Regelmäßigkeit in der Rotationsrichtung der Flecken der Theorie vollständig. Scechi nahm dagegen zuletzt an, daß durch Eruptionen metallische Dämpfe aus dem Innern die Photosphüre vielfach durchbrechen und an die Oberfläche gelangen. Nachdem sie einen großen Theil ihrer Wärme an den 51 kalten Weltenraum verloren haben, sinken sie wieder auf die Photosphäre herab und bilden Vertiefungen in ihr, welche von den dunkleren, absorbirenden Gasen angefüllt werden. Indessen auch diese Theorie, nach welcher man ein viel zerstreuteres Auftreten der Fleckenerscheinungen erwarten müßte, und einige weitere neuere mit Umsicht und Scharfsinn aufgestellte Theorien über das Wesen der Sonne und die Entstehung der auf ihr beobachteten Erscheinungen waren noch nicht im Stande, alle Vorgänge auf der Sonne so befriedigend zu erklären, daß man das Problem als wirklich gelöst betrachten konnte. Immerhin konnte man annehmen, mit den neuesten Sonnen- iheorien sich der Wahrheit wenigstens soweit genähert zu haben, daß der Bau des Sonnenkörpers in großen Zügen einwurfsfrei skizzirt erschien, und daß die auf der Sonne beobachteten wcchselvollenErscheinungen inUeberetnstimmung mit den Beobachtungen auf die äußere Sonnenoberfläche zu verlegen seien. Um so größer war die Überraschung, als die Astronomen jüngst durch eine neue, von Herrn Gymnasial- professor Schmidt herrührende Sonnenthcorie beschenkt wurden, welche die auf der Sonne beobachteten Erscheinungen unter einem ganz neuen Gesichtspunkte erklärte. Schmidt suchte durch mathematisch strenge Beobachtungen und unter der Annahme, daß die Sonne ein Gasball fei, dessen Dichte vom Mittelpunkte nach dem Rande zu abnimmt, zu beweisen, daß die Strahlenbrechung auf der Sonne in ganz anderer Weise wirksam ist, als man bisher für die Himmelskörper annahm, und daß demzufolge die zum Theil verwickelten Erscheinungen, welche wir an der Sonnenoberfläche beobachten, sich gar nicht dort abspielen, vielmehr durch eine eigenthümliche Strahlenbrechung als Boten aus den tieferen Schichten des Sonnenkörpers an die Sonnenoberfläche gespiegelt werden. So werden die Sonnenflekken als Gleichgewichtsstörungen im Innern der Sonne, die bekannten Auszackungen am Sonnenrande auf Nefraktionserscheinungen zurückgeführt. Die prachtvollen Lichterscheinungen am verdunkelten Sonnenrande (bet totalen Sonnenfinsternissen) sollen ihren Ursprung lediglich in außerordentlichen Refraktionen haben, während man doch allgemein diese hoch über den Sonnenkörper emporschießenden farbig leuchtenden Wolken als eine reale Erscheinung ansah und sie dahin versetzte, wo man sie sah. Schmidt dagegen verlegt das Licht, das die Protuberanzen schafft, in ein Gebiet der Sonne, welches unter ihrer scheinbaren Grenze liegt. Auch die Sonnenfackeln, intensiver glänzende Stellen der Sonne, erklärt Schmidt als Produkte unregelmäßiger Strahlenbrechung. So wie er nun ferner den Sonnenball als durchaus gasartig ansteht und also eine Grenze zwischen einem Sonnenkörper und einer Sonnenatmosphüre verneint, so erklärt er auch die scharfe äußere Grenze, den Sonnenrand, für das Produkt regelmäßiger Strahlenbrechung in einer Atmosphäre, deren Dichtigkeit an der scheinbaren Grenze viel geringer ist, als die Dichtigkeit der Luft an der Oberfläche der Erde. Es hat einige Zeit gedauert, bis von fachmännischer Seite kritische Aeußerungen über diese neue, umstürzlerische Sonnenthcorie erfolgten. Auf der einen Seite erschienen die streng exakten Betrachtungen und mathematischen Begründungen der Neuen Anschauungen, deren Grundlagen sich noch an den Namen des berühmten Mathematikers Kummer knüpften, nicht geeignet, kurzer Hand widerlegt zu werden; auf der anderen sträubte sich das wissenschaftliche Denken gegenüber der Zumuthung, lange Jahrzehnte regelmäßig auf der Sonne beobachtete reale Erscheinungen plötzlich als Gesichtstäuschungen, hervorgerufen durch Vorgänge im inneren Sonnenkörper, erklären zu sollen, um so mehr, als dem naturwissenschaftlichen Denken eine Vorstellung, wonach Bildungen durch Lichtstrahlen durch die Masse eines Himmelskörpers hindurch an seine Oberfläche reflektirt werden können, ganz fremd war. Diese Forderung der Schmidtschen Sonnenthcorie ist es nun hauptsächlich, daß, trotzdem ihr inzwischen in sehr eingehenden mathematischen Abhandlungen neue Begründungen von anderer Seite erwachsen sind, sie in den Kreisen der Fachleute nur wenige Anhänger findet. Man widerlegt die entwickelten Anschauungen und die Möglichkeit der Existenz von Himmelskörpern, welche sich in den Nahmen der Schmidtschen Folgerungen einfügen, nicht Prinzipe!!, aber man hält es für sehr unwahrscheinlich, wenn nicht für ausgeschlossen, daß gerade bei unserer Sonne jene Voraussetzungen zutreffen. Erscheinungen wie die periodischen Sonnenflekken, die anhaltenden Sonnenfackeln, die Protuberanzen als Reflexe von gewissen Spannungsflächen im Sonneninnern anzusehen, scheint bei der leichten Beweglichkeit der Sonnenmaterie so unwahrscheinlich wie die ungehinderten Durchgänge der Lichtstrahlen durch den Sonnenkörper an seine Oberfläche. Eine größere Aussicht, die an der Sonne beobachteten Vorgänge und Erscheinungen in einer den wahren Verhältnissen auf der Sonne entsprechenden Weise ausreichend zu erklären, bietet nun aber eine jüngst von E. v. Oppolzer in Wien ausgestellte Theorie. Sie hat das mit den zuletzt genannten neueren Anschauungen über den Sonnenkörper gemein, daß sie die Dichtigkeit der Gase des Sonnenkörpers vom Mittelpunkte nach den Nandschichten zu in starker Abnahme voraussetzt, und sie nimmt für die äußersten Schichten, von der Photosphäre nach außen, eine ganz enorm dünne Sonnenatmosphüre an. Unter dieser Annahme behandelt nun Oppolzer die Bewegnngsvorgänge auf der Sonne nach den Gesetzen der mechanischen Würmetheorie und versucht die an unserer Erdatmosphäre studirten Bewegungserscheinungen auf die Vorgänge in der Sonnenatmosphüre zu übertragen. Ss ist es ihm in der That gelungen, die Entstehung und alle Erscheinungen der Sonnenflekken als Vorgänge in der Sonnenatmosphüre nach allgemeinen Bewegungsgesetzen der Atmosphären zu erklären. Wie die in unserer Erdatmosphäre nachgewiesenen absteigenden Luftströmungen, die in aufsteigenden und umlaufenden Strömungen zunächst begründet sind, müssen solche auch auf der Sonnen» atmosphäre auftreten, und sie erzeugen dann an einer bestimmten Stelle oberhalb der Photosphäre eine Temperaturerhöhung — Oppolzer nimmt die Temperatur der Photosphäre nach älteren Strahlungsbeobachtungen zwischen 20,000 bis 100,000 Grad an; es ist aber nach dem Verhalten gewisser Spektrallinien nach neueren Potsdamer Messungen anzunehmen, daß die Temperatur der äußeren Photosphärenschicht unter 20,000 Grad liegt und wahrscheinlich nicht 10,000 Grad übersteigt — wodurch die verdichteten Stellen der Photosphäre aufgelöst werden und so eine starke Aufklärung entsteht, die als eine Einsenkung in die Atmosphäre der Sonne erscheint; die Stelle, an der nun eine stärkere Ausstrahlung aus den unteren Theilen und Abkühlung stattfindet, erscheint als dunklere Stelle, als Sonnenfleck. Während aber der absteigende Strom eine Erwärmung hervorruft, findet 52 — in Folge dieser ein Auftrieb statt, so daß diese beiden im Flecken einander entgegengesehen Strömungen eine Drucksteigerung bewirken; dasselbe Phänomen, das wir im Winter häufig über dem europäischen Kontinent in den Anticyklonen zu beobachten Gelegenheit haben. Letztere treten ebenfalls bei Drucksteigerung, also hohem Barometerstand, auf, bringen klares, kaltes Wetter und erzeugen von ihm fortströmende Winde. Man wird von dem von Oppolzer eingeschlagenen Wege, die Erscheinungen an der Sonnenoberfläche zu erklären, viel früher eine Lösung des Problems erwarten können, als unsere irdische Meteorologie durchgreifende Gesetze für die atmosphärischen Erscheinungen der Erde zu liefern verspricht. Denn die Verhältnisse auf der Sonne, wo die Wärmezufuhr wesentlich aus dem Innern kommt, müssen schon deshalb viel einfachere sein als auf der Erde, wo mindestens die überwiegende Wärmequelle außerhalb ihren Sitz hat und daher in viel verwickelterer Weise die Atmosphäre beeinflußt, als jene radiale Leitung die Sonnenatmosphäre bewegt. (Schluß folgt.) --WBiWS-- A k k SV A §L» Das Telephon der Zukunft. „PestiNaplo* meldet: Drei in Siebenbürgen seßhafte Techniker, Viktor Brandt, Anton Hamm und Gregor Blank, demonstrierten im Budapester Schriftsteller- und Journalistenvekein „Othon" einen kleinen Apparat, den man füglich daS Telephon der Zukunft nennen darf. Dieser Apparat, welcher sich äußerlich durch nichts von dem bisher im Gebrauch stehenden Telephon unterscheidet, besitzt nämlich das Geheimniß, die aufgefangenen Schallwellen auf eine große Entfernung zu leiten, so zwar, daß es keiner Ohrmuschel bedarf, um das in den Apparat hineingesprochene Wort im letzten Winkel eines großen Raumes laut und ausgezeichnet vernehmbar zu hören. Die im „Othon" angestellten Versuche ergaben ein glänzendes Resultat, Das Klublokal besteht aus fünf langgestreckten Sälen. Der eine der Erfinder brachte nun den Apparat im ersten Saale an und recitirte in das Sprachrohr einen Vers. Im letzten Salon, in welchem sich zahlreiche Mitglieder aufhielten, hörte man nun mit ganz außerordentlicher Deutlichkeit den Vers. Dann sang ein anwesender Opernsänger eine Arie in das Sprachrohr hinein, die man im letzten Salon so genau hörte, als säße man im Theater vor der Rampe. Unter den anwesenden Gästen wurde nur das eine Bedenken rege, ob nicht durch diese Telephonform die Möglichkeit benommen werde, das Telephon für diskrete Gespräche zu benutzen. Allein auch diesen Fall haben die Erfinder vorgesehen. Will man nämlich nicht, daß das Gespräch auch von anderen gehört werde, so nimmt man einfach die Ohrmuscheln zur Hand, und es hört nur derjenige, der die Muscheln anS Ohr legt. Die Erfinder, welche ihren Apparat bereits patentieren ließen, werden demnächst an die cisleithanische Telegraphen- und Telephon- verwaltung herantreten, um ihrer Erfindung auch in Oesterreich Eingang zu verschaffen. * Es gibt Menschen, die auf Aeußerlichkeiten kein Gewicht legen und behaupten, auch ohne dieselben könnte sich das Familienleben schön gestalten; doch irren sie mit dieser Ansicht sehr. Das Leben besteht aus Kleinigkeiten, und werden diese außer Acht gelassen, so entwickelt sich ein unschönes, unerfreuliches Zusammensein. Welche Aufmerksamkeiten haben Brautleute für einander; sie würden eS z. B. für eine Unmöglichkeit ansehen, ohne zärtlichen Abschied sich zu trennen. Wie oft aber kommt es vor, daß junge Eheleute von einander gehen, ohne daß der Mann seinen Hut lüftet und die Frau es nicht für nöthig erachtet, bei ihrem Ausgange sich von dem Gatten zu verabschieden! Das schleicht sich so ganz langsam ein, mit der Zeit führt es zu gegenseitiger Gleichgültigkeit, und später gewöhnen es die Kinder, beim Kommen und Gehen sich weder an- noch abzumelden, so daß in einem solchen Haus sehr bald ein ungebildeter Ton herrscht. Oft hört man sagen: „Wenn nur gut gekocht ist» die Art des Auftragens ist Aeußerlichkeit!" Das ist nun eine falsche Auffassung. Das einfachste Gericht schmeckt entschieden besser, wenn es in nicht schadhaftem Geschirr, auf einem reinlich gedeckten Tisch schön serviert wird. So soll auch den Kindern frühe angelernt werden, hübsch zu essen, Messer und Gabel richtig zu gebrauchen, überhaupt sich bei Tische anständig zu benehmen, denn an der Art, wie der Mensch ißt, kann man seine Bildung bemessen, und wenn es nicht in der Jugend geübt ist, später erlernt man es schwer, immer wird das sichere Benehmen dabei fehlen. — Man versäume nicht, Kinder daran zu gewöhnen, der Gebnrts- oder Namenstage zu gedenken und solche Tage durch Aufmerksamkeiten zu feiern. Es erinnert die Kinder, den Eltern den schuldigen Dank und die denselben zukommende Ehrerbietung zu erzeigen. Gerade durch diese Aeußerlichkeiten wird das Gemüth des Kindes geschult, und später wird es seinen alternden Eltern liebenswürdig begegnen. Das Alter ist ja wieder wie die Kindheit, es ist liebebedürftig auf seine Angehörigen angewiesen. Gut dann, wenn in der Jugend auf Aeußerlichkeiten gesehen worden, in den alten Tagen wird man die Früchte davon genießen. Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 2. Zuge matt. Auflösung des Räthsels in Nr. 6: Der Buchstabe L. « 8 , 1896. „Augsburger PostMung". Dinstag, den 28. Januar Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbesttzer Dr. Max Huttler). Die Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Bcnno. (Fortsetzung.) 6 . Einige Stunden später schritt Georg, ein Lied leise vor sich hinsummend, über den Hof und die breite Treppe nach seinem Zimmer hinauf. In der besten Stimmung lehnte er sich über die Brüstung des offenen Fensters und blickte in den Burgpark hinunter, wo der Lenz bereits die lieblichsten Bilder zu entfalten begann. Es war so warm und sonnig wie in den schönsten Tagen des Mai. Zuversicht schwellte heute das Herz des jungen Mannes. Magdalene hatte bet seiner Werbung so verheißend ausgesehen, sie hatte trotz ihrer scheinbaren Weigerung nicht „nein" gesagt, das war ihm vorerst genug. Die beängstigende Wallung, welche die schöne Seherin in seinem Gemüth bewirkt hatte, war überwunden. Er mußte selbst lächeln, wenn er daran dachte, wie dieses fremdartige Geschöpf, dem er vielleicht nie mehr begegnete, auf seine Einbildungskraft und seinen Willen einen solchen Zauber hatte ausüben können. Aus seinen Träumereien wurde er durch schwere Tritte und ein geräuschvolles Oeffnen der Thüre geschreckt. Er wandte den Kopf rückwärts und blickte in das ernste Antlitz des Schloßvogts, welcher sich mit zwei Hellebardieren und dem Schließer an der Thüre aufgestellt hatte. „Im Namen des Herzogs," begann Ersterer und trat näher, „verhafte ich Euch, Georg Selkowl" Dieser schaute dem alten Manne einen Augenblick sprachlos in's Gesicht, dann aber tönte ein lustiges Lachen von seinem Mund. „Wahrhaftig, Schloßvogt," sagte er, „ich habe nicht gewußt, daß Ihr ein solcher Spaßvogel seid! Bleibt mir nur mit derartigen Flausen vom Leibei" Dem alten Manne, der Georg immer gern gehabt hatte, that die Ausübung seiner Pflicht wehe. „Ich scherze nicht'" entgegnete er traurig, aber entschieden; „noch ein Mal: Ihr seid verhaftet, gebt sofort Euern Degen ab!" Nun stutzte Georg. „Ich bin mir keines Vergehens bewußt," vertheidigte er sich, „und gebe Euch die Versicherung, daß die Sache auf einem Mißverständniß oder einer Verwechselung beruht." Gleichzeitig wandte er sich ab und schaute wieder zum Fenster hinaus. Da verlor der Vogt die Geduld. „Schließer," gebot er, „nehmet dem Gefangenen die Waffen ab und legt ihn in Ketten I" Der Kerkermeister trat vor. Ehe es ihm jedoch gelang, Hand an Georg zu legen, drehte dieser sich um. Er riß den Degen aus der Scheide und hielt ihn drohend gegen den Angreifer gezückt. „Wagt es," donnerte er; „vom Herzog kommt dieser Befehl nicht!" Die. Häscher standen unschlüssig. „Georg," mahnte der Vogt, „Du weißt, daß ich es allezeit gut mit Dir meinte; dies ist auch heute der Fall. Gleichwohl muß ich Dich auf des Herrn ausdrückliches Gebot gefesselt in's Gefängniß abführen. Das ist mir wahrhaftig unlieb genug; weil jedoch den Schloßhauptmann das gleiche Loos getroffen, wie Dich, und weil ich, wie Du weißt, dessen Stellvertreter bin, konnte ich mich der traurigen Pflicht nicht entziehen!" „Auch Leßlie verhaftet?" fragte Georg. „So sagt mir doch um Gottes willen, was geht denn vor? „Ich sollte es Dir zwar nicht sagen," erwiderte mitleidig der Vogt; „allein Du dauerst mich, und ich will Dich über Deine Lage nicht länger im Unklaren lassen. Du glaubtest vor einigen Tagen in übermüthiger Laune dem Schloßhauptmann einen Schlag zu versetzen — Unglücklicher! Du hast Dich schrecklich geirrt; der Mann, welchen Du trafst, war nicht Leßlie, sondern der Herzog!" „Der Herzog!" stöhnte Georg erbleichend. „Ich beschwöre Euch, Burgvogt, sprecht Ihr die Wahrheit? „Es ist leider so," sagte dieser; „Du hast Dich an der geheiligten Person des Herzogs von Friedland vergriffen, ein Verbrechen, das Du vielleicht mit dem Tode büßen mußt. Deine That hat den Herrn in die furchtbarste Aufregung versetzt und dadurch an den Rand des Grabes gebracht — das war die Krankheit, die so plötzlich kam und alles in Staunen und Angst versetzt hat. Auch auf Leßlie, den er für die Sicherheit seiner Person verantwortlich machte, ist der Herzog maßlos erbittert. Fast fürchte ich, daß das gleiche Loos für euch Beide bestimmt ist." Georg sagte nichts mehr. Das Bewußtsein seiner unseligen That hatte ihn der Sprache beraubt. Der Zustand des Herzogs war ihm nur zu gut bekannt, und er trug die Schuld. Nun wurde es ihm auf ein Mal klar, warum Pater Vincenz bei der Erzählung seines muth- 54 willigen Streiches in so furchtbaren Schrecken versetzt worden war. Mechanisch schnallte er seinen Degen ab und ließ sich fesseln. Schon stand er im Begriffe, den Häschern zu folgen, als die Thüre aufging und Magda- lene mit verstörtem Antlitz hereinstürzte. „Barmherziger Gott," jammerte sie und rang die Hände, „ist es denn wahr, Georg, daß Du zum Tode geführt wirst?" „So weit ist es noch nicht," tröstete sie der Burgvogt. Georg, dessen Antlitz trotz seinem Unglück von hoher Freude über die Theilnahme des Mädchens verklärt war, reichte ihr die gefesselte Hand. „Ich habe mich schwer gegen den Herzog versündigt," sagte er, „und ich ist mit Ergebung tragen, was mir bestimmt ist, wär's > , ^dcr Tod l Nur um^Eines bitte ich Dich, Magdalene: sorge dafür, daß der Herzog meinen Irrthum erfährt. Sage ihm, daß ich wissentlich es niemals gewagt hätte, gegen seine hohe Person mich in einer Weise zu vergehen, wie es geschah." Das Mädchen vermochte sich nicht so ruhig in das Furchtbare zu finden. Vor dem drohenden Verluste brachen die schlummernden Gefühle mit Macht hervor. Sie umschlang den jungen Mann mit den Armen und rief in leidenschaftlichem Schmerz: „Nein, nein, Du darfst nicht fort, Du darfst nicht sterben; es wäre mein Todl" Georg's Augen wurden feucht. Er preßte die Geliebte mit wehmüthiger Freude an's Herz und machte sich dann sanft von ihr los. „Sei wüthig," flüsterte er; „es muß sein! Vielleicht wird es auch nicht so schlimm, wie wir fürchten; hoffe und bete!" Er warf noch einen Blick voll Liebe auf sie, dann führten die Häscher ihn fort. Weinend unr rathlos blieb Magdalene im Zimmer. Der Schlag war zu schnell gekommen. Allmählig aber kehrte die Fassung ihr zurück. Sie trocknete das thränen- gebadete Antlitz und eilte den Gemächern der Herzogin zu. Ihr Herz schlug leichter, als sie diese allein fand. Sie warf sich der hohen Frau zu Füßen und flehte um Gnade und Erbarmen für Georg. Die Herzogin schien von den letzten Vorgängen noch gar nichts zu wissen. Ueberrascht blickte sie auf das weinende Mädchen. „Was ist geschehen?" fragte sie endlich. „Er liegt in Ketten," schluchzte Lene, „und man sagt, er werde zum Tode verurtheilt werden!" Jsabella erschrak, doch faßte sie sich sofort wieder. Sie hob die Knieende auf und suchte dieselbe liebreich zu trösten. „Beruhige Dich," sprach sie, „so weit kann, so weit darf es nicht kommen. Mein Gemahl hat sicher auch nicht die Absicht, den jungen Mann für seine Unbesonnenheit so hart zu strafen. Die Maßregel soll gewiß nur eine wohlgemeinte Lehre und eine Warnung sein, um ihn für die Zulunft von seinem Leichtsinn zu heilen. Für alle Fälle zähle auf mich." Magdalene athmete auf. Voll Hoffnung kehrte sie zu der Base zurück. Einige Minuten nach der Entfernung des Mädchens erschien Wallenstein. Seine Gestalt, welche in den letzten Tagen gebeugt gewesen, war wieder emporgerichtet, und die Augen glühten im alten Feuer. Die Herzogin ging ihm mit freundlicher Miene entgegen und ergriff seine Hand. „Du ließest Georg Sel- kow verhaften," begann sie, „und wie ich höre, hast Du eine schwere Strafe für ihn bestimmt. Wäre es denn denkbar, daß Du den jungen Menschen, der Dir schon so viele Dienste geleistet, der Dir mit seltener Treue anhängt, einer jugendlichen Unbesonnenheit wegen zum Tode verurtheilen könntest? Muß ich wirklich das Un- ' erhörte befürchten?" „Unerhört, sagst Du," rief Wallenstein; „es sind Andere um geringerer Dinge willen bestraft worden, und der Frevel dieses Knaben sollte ungesühnt bleiben? Sie sollen Beide so behaudelt werden, wie es ihr Verbrechen erheischt: Georg sowohl als Leßlie, welcher in Folge seiner unverzeihlichen Nachlässigkeit als Mitschuldiger der gleichen Strafe wie der Thäter verfällt!" Der hohen Frau lag das Schicksal Georg's so sehr am Herzen, daß ihr des Herzogs Aeußerung bezüglich des Hauptmanns entging. Schmerzlich bewegt schaute sie auf ihren Gemahl, dessen unbeugsamen Starrsinn sie kannte. Da ging die Thüre auf, und Pater Vincenz trat langsam und traurig herein. Mit düsterer Miene schritt Wallenstein auf ihn zu: Habts Ihr die Beichte des Jüngern gehört und auch Leßlie zum Tode vorbereitet, wie ich befohlen?" fragte er. „Ja," entgegnete fast tonlos der Greis. Wie um eine Mildere Regung zu suchen, forschte er in den Zügen des gewaltigen Mannes, aber enttäuscht senkte er den Blick. Plötzlich jedoch ermannte er sich und rief: „Verzeihen Euer Herzogliche Gnaden, wenn ich, der schwache Greis, der arme, mit keiner hohen kirchlichen Würde bekleidete Priester, in diesem Augenblick Worte an Euch richte, welche ich mir unter andern Verhältnissen niemals erlaubt hätte. Ich rede als der verordnete Diener eines Hähern Herrn, vor dessen Angesicht der Fürst und der Bettler, der Gewaltige und der Schwache gleich sind. Herzog von Friedland! Ihr steht im Begriff, eine furchtbare Schuld auf Euch zu laden, die dereinst in der Sterbstunde Euer Gewissen schwer drücken wird: Ihr habt ein ungerechtes, ein grausames Urtheil über den Schloßhauptmann und Georg Selkow gesprochen; ihre Hinrichtung wäre ein Mord!" „Ha, was wagt Ihr?" brauste Wallenstein auf. „Es ist so, und bei Gott, vor dessen Thron ich vielleicht bald stehen werde, will ich diese Behauptung vertreten," beharrte der Greis mit Würde. „Was haben die Beiden gethan? Der Eine verfehlte sich, ohne es zu ^ wissen, gegen Eure Person, und der Andere hat ihn daran nicht gehindert, weil er ihn nicht hindern konnte; denn Georg hatte ja stets freien Zutritt zu Euch. Sind das Verbrechen, die man mit dem Tode bestraft? Die Erbitterung, nicht Euer Herz hat dieses Urtheil gefällt! Nehmt es zurück! Denkt an jenen großen Meister der Liebe, der Gnade und des Erbarmens, zu dem Ihr täglich betet: Vergib mir meine Schuld, wie auch ich vergebe! Uebt Gnade, damit er auch Euch gnädig sei! ! Er, von dem allein Eure Zukunft abhängt, auf dessen ! Wink die Gestirne des Himmels sich bewegen, der Euch , Ruhm, Ehre und Erfolg schenken kann. Von ihm singt i der Psalmist aber auch: Da wehte sein Hauch, es deckte ! sie das Meer, und sie sanken wie Blei in den gewaltigen ! Wassern. Ihr könnet sie hinrichten lassen, die Gewalt liegt in Eurer Hand; ein Wink von Euch verlöscht das Leben der Beiden, und das Bewußtsein, Diejenigen vernichtet zu haben, welche Veranlassung gaben, daß Ihr 55 einen Augenblick die Schwäche anderer Menschen getheilt habt, mag Euch jetzt vielleicht eine Genugthuung sein. Aber aus diesem unschuldig vergossenen Blut wird ein Rache-Engel aufsteigen, der drohend sein Schwert bis zu dem letzten Athemzuge über Eurem Haupte schwingt!" Wallenstein war mit verschränkten Armen vor den Pater getreten. Der Blick des gewaltigen Mannes war fest auf ihn gerichtet. Das blaue Auge desselben blickte jedoch ruhig zu ihm auf. (Fortsetzung folgt.) --i—*—- Bor fünfundzwanzig Jahren. Von Friedrich K o ch - B r c n b c rg. (Fortsetzung.) Während wir vom Corps v. d. Tann an der Loire uns in offener Feldschlacht herumschlugen, hatten die Offiziere und Mannschaften des II. bayerischen Armeecorps vor Paris nicht minder beschwerliche Tage zu bestehen. Vom 19. September an war die Capitale derart eingeschlossen, daß sie höchstens vermittelst Luftballons verlassen werden konnte. Natürlich kamen jetzt auch die Brieftauben sehr zu Ehren; der Vorschlag eines schlauen KopfeS aber, die wilden Thier des furcüu äe8 xlantss gegen uns loszulassen, datirt erst aus späteren Tagen. Die Civilisation war, wenn sie auch bald durch die Commune eine heftige Quetschung erfahren sollte, doch im Jahre 1870 schon so weit vorgeschritten, daß man die Bestien, um sie auf den Feind zu dressiren, nicht einstweilen mit gefangenen Preußen oder Bayern fütterte. Das „?a.ri8 ns 86 rsnäsra zumahl" ertönte allüberall, und inner- und außerhalb der Stadt war jeder Franzose überzeugt, daß die Deutschen unter der Enceinte ihr Leben aushauchen mußten. Ja, diese Deutschen standen nun in einem Zeitraum von kaum 60 Jahren zum dritten Male vor der Seinestadt. Diesmal waren sie allein gekommen und wurden nicht wie 1814 von den Damen des Adels mit offenen Armen empfangen; diesmal war kein süßlicher Alexander, kein lustiger Regent von England, kein gutmüthiger Friedrich Wilhelm mit einer Unzahl Diplomaten erschienen, es gab keine Bälle, keine Soiräen, keinen Pudding ü 1a Nesselrode, es herrschte auf beiden Seiten bitterer Ernst, der sich nur innerhalb der Mauern manchmal etwas excentrisch äußerte. Man sollte sich auf deutscher Seite in der Annahme, daß die verwöhnten Pariser in kurzer Zeit ausgehungert seien, doch etwas gründlich täuschen. Warum war man am 19. September auch nicht einfach zwischen den Forts durch in die Stadt marschtrt! Paris bildete damals wohl die größte Befestigung Europas. Die Stadt war mit einem Hauptwall, der allenfalls ein Siebeneck bildete und aus 94 Bastionen bestand, umgeben. Diese Walllinie, welcher jedoch alle forti- fikatorischen Verstärkungen fehlten, war in 9 Abschnitte während der Vertheidigung eingetheilt worden. Der 45 Fuß breite Graben vor dem Wall hatte 18 Fuß Tiefe und die Brustwehr besaß eine Stärke von 21 Fuß. 7 Stunden betrug aber der volle Umfang der Umwallung, vor welcher 16 größere Forts lagen, deren aneinandergereihte Umfassungslinie wieder 12^ Wegstunden ausmachte. Das sind recht anständige Zahlen, wenn man bedenkt, daß zur Vertheidigung der Enceinte und der Forts mehr als 2500 Geschütze zur Verfügung standen. Es ist hier nicht Raum, aller Armeccorps zu gedenken, welche den anstrengenden Dienst vor Paris versahen, denn die Beschreibung der Belagerung würde, selbst kurz gefaßt, ein Buch füllen. So muß ich mich darauf beschränken, die Thätigkeit der Bayern zu erwähnen, von welcher dann leicht auf das Uebrige zu schließen ist. Die Stellung der Bayern war durch das eroberte Plateau von Chutillon eine wichtige geworden. Anfänglich gab es Ansichten, welche dahin gingen, die Bayernschanze einzuebnen und die Vertheidigungslinie mehr rückwärts an die Straße nach Versailles zu verlegen. Im Corps-Quartier war man dagegen, und äußerte der Feld-Geniedirector, Oberstlieutenant Fogt, der vielen Lesern noch als mannhafter Magtstratsrath von München in anderer, schwerer Zeit bekannt sein wird, daß er ein vollständiges Einebnen nicht vor drei Monaten verbürgen könne. Der allzeit im Herzen schwarze Fogt, der aber blond und bleich war, leistete überhaupt als Feld-Geniedirector die vorzüglichsten Dienste und ist wie vielleicht kein anderer der Beweis dafür, was felsenfeste Katholiken als deutsche Soldaten 1870 geleistet haben. Noch sehe ich den Mann in seiner schwarzen Uniform mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse geschmückt bei der Fronleichnamsprozession zu einer Zeit, da hinter dem Allerheiligsten öde Leere herrschte. Ehre dem Andenken eines Mannes, der nicht allein Muth als Krieger — der den Muth der Ueberzeugung besaß! Das Plateau von Chutillon, da? an die 80 Meter höher als die gegenüberliegenden Forts liegt, bot Einsicht in das Vorterrain bis an die Enceinte hin. Hätte man es frei gelassen, man hätte die umliegenden Orte auch nicht besetzen können. Außerdem waren seine Hänge so beschaffen, daß es sich leicht vertheidigen ließ. Es lag also vor allem daran, die Schanze gewissermaßen umzudrehen, dann mußten Jägergräben hergestellt, Straßen verbarrikadirt und Häuser und Mauern zur Vertheidigung eingerichtet werden. Einen großen Theil der Thätigkeit nahm auch das Sichern der Oertlichkeiten, an welchen Feldwachen, Pikets und Replis aufgestellt waren, in Anspruch. Wer Glück hatte, den traf ein Standpunkt, an welchem ein Haus oder ein festgemauertes Gebäude vorhanden war, oft aber mußte sich die Compagnie in einem Erdloch oder Steinbruch aufhalten und trotz des impro- visirten Bretterdachs durch Nässe und Kälte leiden. Die Stellung des II. Cmps erstreckte sich von der Bisvre bis südlich von Meudon, und hatte die Division Walther das ganze Plateau, die Division Bothmer das Gelände östlich desselben zu besetzen. Bei Meudon schloß das V. preußische Corps, bei l'Hay das VI. an die Bayern an. Bei der ersteren Division versahen die Brigaden im Wechsel den Vorpostendienst und gaben jedesmal 6 Compagnien für Feldwachen und Pikets, ebenso viele als Unterstützungen und Replis und 2 Compagnien zur Besatzung der Schanze, in welcher einer der Negi- ments-Commandanten als Vorposten-Commandant seinen Sitz zu nehmen hatte. Die dienstfreien Truppen der Division waren in Plessis-Piquet, Malabiy, Biävre und Jgny untergebracht, wo man sich natürlich behaglicher einzurichten suchte. Die Stellung der Division Bothmer war durch die im Halbkreis liegenden Orte Bourg la Reine, Bagnenx und Chutillon, in deren jeden sie ein Bataillon auf Vorposten entsendete, von selbst bestimmt. Die UnterstützungsBataillone lagen in Bourg la Reine, das sich an der Orläanser Straße weit nach Süden erstreckt, Croix de 56 Bernis und Fontenay. Die cantonnirendcn Truppen lagen in Sceaux, Antony, Pont d'Antony, Verriöres, Massy und Chatenay, wo General v. Hartmann sein Quartier hatte. Die Belagerer hatten in erster Linie zu arbeiten, d. h. ihre Stellung vertheidigungsfähig zu gestalten. Alle Provocationen waren strengstens untersagt. So hatten die Pariser Ruhe, und sie benützten sie, indem sie fleißig exercierten, Revuen hielten und nach der Scheibe schössen, wobei natürlich der Feind gleich den Kugelfang bildete. Es fiel ihnen nicht ein herauszurufen: „Bitte, gehen Sie jetzt da weg, sonst werden Sie hinausgeschossen!" Es ist weltbekannt, daß die Umgebung von Paris reizend ist. Eine Unzahl Schlösser, Villen und Dörfer umgibt die von hügeligem Gelände umgebene Capitale. Man findet großartige Schlösser mit ihren Kunstschätzen, mit ihren ausgedehnten Parks, und Dörfer, in denen mehr Vergnügungslocale als eigentliche Bauernhäuser anzutreffen sind. Der Pariser Bürger arbeitet bis zu seinem 50. oder 60. Jahre, dann will er es aber zu einer Rente gebracht haben, damit er sich da draußen eine Villa bauen kann. O diese Architekten ä 20,000 Francs! Eine dieser kleinen Villen schaut wie die andere aus. Durch die Hausthüre betritt man einen Flur, so eng, daß sich ein robuster Deutscher nicht umdrehen kann. Rechts liegt der Salon, links das Speisezimmer mit Klapptisch, Holztapeten und dem unvermeidlichen Sodawasserbereiter. Im ersten Stockwerk schläft links Monsieur, rechts Madame. Bäbö gibt es nicht, denn der verkauft in Paris Oel, Sardinen, Zucker, Lebkuchen und Fruchtgelee, um dereinst in eben so dünnwandiger Villa zu enden. Aber am Sonntag bei schönem Wetter, wenn die weniger Bemittelten am Rasen tanzen und trinken oder im Gasthause Friture essen, dann kommt er mit Kind und Kegel zu Grand'maman, und man sitzt im ummauerten Park, der ganze drei Bäume zählt und durch den ein auscementtrter Bach mit gestautem See fließt, den ein Enkel, wenn er hineinfällt, um sich zu retten, bequem mit wenigen Zügen austrinken kann. Alles hat Mauern — der Riesenpark eines Duc, und der Lili- putpark des Epicier auch. Legte sie nicht der erste Zuckerhut aus oen Riesengeschützen von Montrouge oder aus der Judenschanze nieder, so wurden sie für die Vorposten oder zur Vertheidigung verwendet. Es wurde Tag und Nacht und bei jedem Wetter gearbeitet, und dieser Dienst strengte die Leute mehr an, forderte indirect mehr Opfer, als das Beziehen der Vorpostenlinie. Die Genietruppen waren ja gewissermaßen nur die Vorarbeiter, und die Infanteristen hatten dann die Schanzarbeit zu besorgen. Die Verpflegung konnte auch erst nach und nach geregelt werden, so daß sie den Anstrengungen entsprach. Wie also beim Armeecorps v. d. Tann sich die Reihen der Bataillone in offener Feldschlacht lichteten, so geschah es hier durch massenhafte Erkrankungen. Die ewige Unruhe, das stete Jnbereitschaftsein ruinirte das Nervensystem und schwächte die Widerstandsfähigkeit gegen Krankheitseinflüsse. (Schluß folgt.) -«8WLS- Oberelchingen und sein ehemaliges Kloster. "Mit Illustrationen. —- Nachdruck verboten.! Das Dorf Elchingen verdankt seine Existenz dem alten Reichsstift auf dem herrrlichen Berge, den heute noch das prächtige Reichsgotteshaus krönt. Die Wahl dieses Punktes zum Klostcrbau macht dem guten Geschmack der Stifter alle Ehre; denn kaum gibt es in unserem Schwabenlande eine herrlichere Höhe, als den Berg von Elchingen. Das entzückte Auge fällt auf ein wundervolles Panorama, aus dem 10 Städte und mindestens 100 Dörfer Heraufleuchten und dessen Horizont westwärts vom Bussen und ostwärts vom Schellenberg, südwärts von den Burgen Neuburg a. d. Kammel und Osterberg begrenzt wird. Wie erscheint hier oben die Welt so schön, wenn die Erde ihren Frühlingsschmuck trägt! Was Wunder, daß dieser wunderschöne Erdenfleck vor 400 Jahren wie heute die Besucher zu überschwänglichen Ausdrücken der Bewunderung begeistert hat. So kam schon im Jahre 1489 dem Ulmer Dominikanermönch Felix Fabri die Welt auf dem Berg von Elchtngen um so viel schöner vor als anderswo, daß er Wunderdinge von der Fruchtbarkeit des quellenreichen, „mit aromatischen und heilkräftigen Kräutern bedeckten Berges" erzählte, wo „die Luft viel milder, das Wasser viel reiner sei, das Feuer viel Heller scheine". Das ist freilich etwas überschwäng- lich, aber nicht ein bloßes Gedicht, wie Herr v. Raiser meint (Elchingen S. 2). Die Quellen des Berges treiben sogar eine Mühle im Dorfe, und selbst am Bergabhang wächst Getreide aller Art so üppig, wie weithin nirgends in der Runde. Das wußten die Benediktiner schon vor bald 800 Jahren, als sie sich um die Zeit 1128 — 1142 auf dem Berge ansiedelten. Lange Jahre, ehe sie kamen, hauste auf dem Berge das Rittergeschlecht von Aelchingen in einem festen Thurm, welcher wegen der raubritterlichen Unthaten dieser Ritter der „Thurm Babel" genannt worden sein soll. In jener Zeit gehörte fast die ganze Gegend um Ulm, also auch der Berg von Elchingen, dem Kloster Reichenau, das diese Güter den damals mächtigen Grafen von Kirchberg zu Lehen gab, deren Lehcnsmänner die Ritter von Aelchingen waren. Im Jahre 1104 erscheint Ritter Adilbrecht von Aelchingen in einer bischöfl. Urkunde, und auch als die Burg längst dem Kloster gewichen war, besaßen die Ritter von Aelchingen noch Güter im heutigen Dorfe Unterelchingen. So schenkte im Jahre 1295 Ritter Conrad von Aelchingen einen Hof mit Sölden in Unterelchingen als Gottesgaben an's Kloster Salmans- wetl, das um jene Zeit das ganze Dorf von Reichenau erwarb. Im Kriege der Hohenstaufen Conrad und Friedrich gegen Kaiser Lothar und seine Verbündeten Herzog Heinrich von Bayern und Conrad von Wettin, später Markgrafen von Meißen, im Jahre 1125, fiel die Burg Elchingen in die Hände Conrads von Meißen, welcher Luitgarde, die Schwester des Hohenstaufen Conrad III., zur Gemahlin hatte. Diese stiftete zur Danksagung für die endliche Aussöhnung zwischen Bruder und Gemahl an Stelle der Burg Elchingen das Kloster und übergab es um die Zeit zwischen 1128—1142 den Benediktiner-Mönchen. So erzählen die Chronisten und die Ueberlieferung. Ob diese Stiftungsgeschichte richtig ist, läßt sich nicht bestimmen, da mehrmalige Feuersbrünste die alten Urkunden des Klosters vernichtet haben. Im Jahre 1150 brannte das Kloster, welches Kaiser Conrad III. auf Bitten seiner Schwester Luitgarde in den Schutz des Reiches genommen hatte, vollständig nieder. Ritter Albert von Ravenstein, wahrscheinlich dem edlen Hause von Berg angehörig, soll es wieder aufgebaut haben und wurde vom Kloster stets als zweiter Stifter gefeiert. Er schenkte dem Kloster seine Besitzungen in Tommertingen Gefährlicher Abstieg. Nach einem Gemälde von Karl Reichert 58 und Westerstetten, während die von Luitgarde vermachten Stiftungsgüter in der Schweiz ans Kloster St. Blasien ausgetauscht wurden gegen dessen Güter in Ochsenbrunn, Leibt, Fahlheim und Departshofen. Im Namen des Reiches übten die Ritter v. Reisens- burg und später die Markgrafen von Burgau die Schirm- vogtci über das Kloster Elchingen, jedoch nur über dessen Besitzungen rechts der Donau, aus; links waren die Grafen von Helfenstein Schirmvögte. Da mit der Schirmvogtei bedeutende Rechte und Gefälle verbunden waren, verpfändeten namentlich die drei österreichischen Herzoge als Markgrafen von Burgau die Vogtes Elchingen nacheinander an verschiedene Herren, was zu häufigen Händeln führte, bis endlich das Kloster im Jahre 1420 die Schirmvogtei am rechten Ufer um 3100 Gulden für sich auslöste, also die schlimmen Schutzvögte vom Halse kaufte, da sie als Schutzvögte für das Kloster genau das waren, was der Bock als Gärtner ist. — Die Schutzvogtei über von dieser Bescheerung der neuen Lehre, nichts von der Reformation wissen und entflohen mit ihrem Abte Andreas. Das Kloster wurde nun geplündert und vollständig niedergebrannt im Jahre 1546. Nach dem Siege des Kaisers im Jahre 1547 mußte freilich die Stadt Ulm ihren Raub wieder herausgeben und dem Kloster 17,000 fl. Schadenersatz zahlen; — wenig genug, da der Schaden des Reichsstifts auf 100,000 Gulden geschätzt wurde und das zerstörte Kloster neu erbaut werden mußte. Nachdem das Kloster wieder all- mälig aus den Ruinen erstanden war, begab sich das Reichsstift in österreichischen Schutz, um der bösen Ulmer Schutzvogtet einen festen Riegel zu schieben. War auch das Kloster durch diese Schicksalsschläge sehr herabgekommen, so hatte doch der damalige Abt Andreas (1541—1547) die Freude, vom Papst das Privilegium zu erhalten, Jnful, Ring und Stab zu trogen und seinen Unterthanen selbst das hl. Sakrament «summ Dber-Elchingen. die Güter des linken Donau-Ufers kam um das Jahr 1487 von den Grafen von Helfenstein an die Reichsstadt Ulm, welche kraft dessen das Kloster oft hart chicanirte und bedrängte. Das Kloster protestirte fortwährend beim Kaiser gegen die Ulmer Schutzherrschaft und berief sich auf sein altes Recht, auf den Schutz des Reiches. Vergebens. Obwohl der schwache Kaiser Friedrich III. bei seinem Besuch in Elchingen 1485 dem Abt Paul alles versprach, erklärte er doch zwei Jahre später wieder die Ulmer als Schutzherren von Elchingen. Das Kloster protestirte fort und klagte bei Kaiser Karl V., der 1539 ihm seine Privilegien der Reichsunu ittelbarkeit bestätigte. Die Ulmer überfuhren fort, nicht nur alsSchutzherren,sondern alsOber- herren von Elchingen zu schalten. Im schmalkaldischen Krieg nuuo 1546 eroberten sie das von den spanischen Truppen des Kaisers vertheidigte Kloster. Den Mönchen trugen die Ulmer Weiber an. Diese aber wollten nichts der Firmung ertheilen zu dürfen, was Cardinal-Bischof Otto im Jahre 1543 bestätigte. Zwanzig Jahre vor der Zerstörung des Klosters Elchingen im schmalkaldischen Kriege war ein anderer gewaltiger Sturm über das Reichsstift hingefahren — der Bauernkrieg. Er nahm das Kloster hart mit. Vor der Bauernschlacht bei Leipheim (am 4. April) überfielen die Bauernhaufen von Leipheim und Langenau das Kloster und plünderten es rein aus. Nachdem die Bauern im Kloster alles zerschlagen hatten, zogen sie raubbeladen aus dem Kloster. Es war am 1. April, da brach das Strafgericht über sie herein. Der Feldherr des schwäbischen Bundes, Georg Truchseß von Waldburg, rückte von Ulm her gegen das Hauptheer der Bauern bei Leipheim und schickte 200 Mann Hessen mit einigen Reitern am linken Donau-Ufer gegen die 2000 Bauern, die im Kloster Elchingen lagen. Als diese das Schießen von 59 Bühl und Leipheim her Hünen, verließen sie das Kloster, um gegen Langenau zu fliehen. Kaum hatten sie mit ihrem Raub das Kloster verlassen, da fielen die Hessen über sie her, erstachen einige Hundert und jagten die anderen gegen die Donau, während gerade am rechten Ufer bei Leipheim das Gemetzel unter den geschlagenen Bauern begonnen hatte. „Was nun bei Elchingen den Hessen entrann, floh auf Leipheim zu, und was zu Leipheim über die Donau schwamm, kam den Hessen in die Hand, und wurden in die 4000 Bauern erstochen und ertränkt." So schreibt der Schreiber des Truchseß in seinem Bericht. (Baumann, Bauernkrieg, S. 552.) Wie vandalisch die Bauern im Kloster gehaust, schildert der damalige Abt Hieronymus (1519—!546) in seinem Jammerbrief vom Samstag nach Ostern 1525 an Bischof Christoph. Er erzählt, wie die Bauern mit gezückten Schwertern, stets mit dem Tode drohend, Geld erpreßten und alles ausraubten, wie dann die Klosterspaltung" Schuld sei. Dieser Heimsuchung folgten bald dicBe- drängungen, mit welchen die Stadt Ulm, gestützt auf ihre angemaßte Schutzvogtei, dem Kloster hart zusetzte, und im Jahre 1546 die schon erwähnte vollständige Nicder- brennung und Zerstörung des Klosters. Und nicht genug all dieser Drangsale, kam im folgenden Jahre 1547 auch noch die Pest und wüthete im Gebiete des Stifts. Da das Kloster in Asche lag, wohnten die Mönche in Günz- burg und wählten dort am 5. Oktober 1547 Thomas Klauß von Weissenhorn zum Abt. Schon nach 16 Tagen starb er an der Pest, und die Mönche wählten am 19. November den erst 26jährigen Sylvester Gottfried von Weissenhorn zum Abt. Er begann den Wiederaufbau des Klosters und vollendete ihn, restgnirte aber schon i. I. 1553. Seine Nachfolger Leonhard Mayer (1553—1555), Sebastian Eberlin (1555—1565), Erhard Wassermann (1565 -1581), Gallus Keppeler (1581 — 1602), Thomas Hall (1602—1619) hatten so ziemlich ruhige Jahre, so » » Kloster Glchingen. Herren sämmtlich über Thalfingen nach Ulm flohen und dort 11 Tage lang, bis Charsamstag, blieben. Ein Bauer wollte das hl. Sakrament in einer silbernen Kapsel rauben, aber L. Leonhard trat ihm unerschrocken entgegen und sagte: „Und wenn Du mich tausendmal tödtest, ich weiche nicht von der Stelle." Der Bauer ließ es, und das hl. Sakrament blieb unverletzt. Leider war es später zum Schmerze des Prälaten uud seiner Mönche doch verschwunden. Der Abt schildert weiter, wie die Bauern im ganzen Hause alles raubten, zerschlugen oder vernichteten, das Getreide auf acht Wägen luden und fortführten. Im Kloster war kein Winkel unverletzt. Das Dorwitorium (der Schlafsaal) war so übel zugerichtet, daß es einer Räuberhöhle gleichsah. Der Prälat schließt: „Nun sind wir wahrhaft Mönche, die in Armuth leben", und spricht die Ueberzeugung aus, daß an diesem verderblichen Aufstand nichts als die „lutherische Faction", die Glaubens- datz das Kloster sich erholen und Abt Thomas im Jahre 1607 den Markt Waldstetten und Häufelsburg und mehrere Güter in Dornstadt und Etlishofen kaufen konnte. 70 Jahre dauerte die Friedenszeit, da kam der schreckliche Schwedenkrieg, dessen ärgste Drangsale Abt Johannes Spegelin (1619—1638) schwer empfinden mußte. Noch zeigt man in Elchingen das blutbefleckte Meßgewand, das er bei einer schweren Mißhandlung durch die Schweden getragen haben soll. Das Andenken dieses trefflichen Abtes verewigt das Denkmal mit seinem in Marmor ausgeführten Bilde an der Südwand der Klosterkirche. Was Elchingen im Schwedenkrieg gelitten, das schildert der Conventual ?. Johannes Botzenhard in seinem Tagebuch von 1629—1646 (Histor. Verein, Heft von 1876, Seite 157). Nachdem das Kloster und sein Gebiet Jahre lang viel von den Durchmärschen der Kaiser- 60 M» Friedrich tznase. lichen gelitten, ging das Elend tru Frühling des Jahres 1632 erst recht an. Die Schweden kamen, und dadurch ermuthigt, begann der protestantische Ulmer Rath seine Gewaltthätigkeiten wieder gegen das Kloster. Der Abt entzog sich im Jahre 1632 durch wiederholte Flucht nach Günzburg der Vorladung nach Ulm, um der erzwungenen Huldigung zu entgehen. Indeß wurde das Kloster stark von den Schweden gebrandschatzt, die Dörfer geplündert, die Pfarrer verjagt. Das Elchingen'sche Dorf Dornstadt wurde schon im Jahre 1631 vollständig von den Kroaten niedergebrannt. Entsetzliches brachte das Schreckensjahr 1633 über Elchingen. Am 13. Januar legte sich der schwedische Oberst Berghofer mit seinem Regiment in's Kloster und führte sich schändlich auf. Der Prälat Spegelin wurde beschimpft und mißhandelt; alle Mägde wurden herbeigeschleppt und durch die Nacht das Kloster von Berghofer und seinen Leuten durch schauerliche Orgien geschändet. (Schluß folgt.) Zu unseren Bildern Gefährlicher Abstieg. Die Hausthüre ist zufällig offen geblieben, und weil draußen die Sonne so herrlich scheint, wollen unsere fünf jungen Kätzchen, schon frühzeitig der mütterlichen Obhut sich entwöhnend, ihren ersten Morgenspazicrgaug in's Freie unternehmen, um doch auch zu ersahreu, wie die Welt außerhalb der vier Wände eines Hauses aussieht. Der Entschluß ist freilich leichter gefaßt als ausgeführt, denn gleich zu Beginn ihres Unternehmens stellt sich den Kätzchen ein schier unüberwindliches Hinderniß entgegen, die zwei Treppenstufen nämlich, die von der Hausthüre in den Hof hinabführen. Da geht es denn zuerst an ein Ueberlegen und ängstliches Hin- und Herlaufen, bis Butzi, das verwegenste unter den fünf Geschwistern, das Wagniß unternimmt und mit einem ungeschickten Purzelbaum gleich über beide Stufen hinabrollt. Dem kühnen Beispiele Butzis folgen allsogleich Mimi und Mizi, die aber hübsch vorsichtig von einer Stufe auf die andere klettern, und auch Büß ist schon bereit, sich ihnen anzuschließen. Nur Schnuß, daS jüngste Kätzchen, kann sich zu dem Wagniß noch nicht entschließen und bringt seine Herzensangst durch ein klägliches Miauen zum Ausdruck. C. Reichert hat diesen possirlichen Vorgang belauscht und auf dem allerliebsten Bilde, das wir heute unseren Lesern bieten, festgehalten. _ Friedrich Hanse. Fünfzig Jahre sind vergangen, daß sich einer der beliebtesten und bedeutendsten deutschen Schauspieler dem Dienste der Kunst geweiht: Friedrich Haase, der, noch nicht 20 Jahre alt, am 14. Januar 1846 zum ersten Male die Bühne betrat und sich nunmehr als Siebenzigjähriger für immer von der künstlerischen Thätigkeit zurückzuziehen gedenkt. Am 16. Nov. 1826 zu Berlin als Sohn eines königlichen Kammerdieners geboren, hatte Friedrich Haase sich von jeher der Gunst König Friedrich Wilhelms IV. zu erfreuen gehabt und war von diesem, nachdem er sein Abiturientenexamen gemacht, Ludwig Tieck zur schauspielerischen Ausbildung überwiesen worden. Sein erstes Auftreten fand am Hoftheater in Weimar statt, zwei Jahre später wandte er sich, nachdem er einige Zeit in Potsdam gespielt und auch ein Gastspiel am Berliner Hoftheater absolvirt hatte, nach Prag, wo damals das deutsche Theater in hoher Blüthe stand. Hier begründete der inzwischen zu vollkommener Beherrschung der Technik gelangte junge Darsteller seinen eigentlichen schauspielerischen Ruf; er blieb daselbst von 1849—1851 und begab sich sodann nach Karlsruhe (1851-1852), München (1652—1855) und Frankfurt am Main (1855—1858). In Frankfurt ging Haase auch feine erste Ehe mit der Sängerin Anschütz-Capitain ein. Von 1860 bis 1865 finden wir Haase in Petersburg als glänzendsten Stern des dortigen deutschen Theaters. In der russischen Hauptstadt vermählte Haase sich in zweiter Ehe mit der dortigen Hofschauspielerin Elise Schönhoff. Nach Lösung seines Petersburger Vertrages verlegte der Künstler sich hauptsächlich auf's Gastiren und kam auch zu wiederholten Malen als Gast nach Augsburg, wo er durch sein künstlerisches Auftreten die dcnköar günstigste Erinnerung hinterließ. Vorübergehend (1867—1868) übernahm er die Leitung des Hofthearers von Coburg-Gotha und machte dann (1869) seine erste große Gastspielreise nach Amerika, eine der erfolgreichsten, die je von einem deutschen Künstler nach dem Lande der Dollars unternommen worden sind. Nach seiner Rückkehr trat er noch im gleichen Jahre in den Verband des kgl. Schauspielhauses in Berlin ein, und er würde wohl schwerlich aus dieser Stelle wieder geschieden sein, wenn er nicht bereits im folgenden Jahre (1870) zur Direction des Leipziger Stadttheatcrs, als Nachfolger Laubes, berufen worden wäre. Nach Ablauf des Leipziger Kontraktes kehrte der Künstler vorübergehend noch einmal an das Berliner Schauspielhaus zurück, widmete sich in der Folge jedoch ausschließlich Kunstreisen, die ihn weit und breit in der Welt herumführten. Wenn Haase seinen Entschluß ausführt und hinfort sich wirklich von der Bühne zurückzieht, verliert das deutsche Theater einen Schauspieler von seltener Eigenart, wie in den letzten 25 Jahren sich ja ein besonderer Typus von Rollen ausgebildet hat, die als „Haasesche" bezeichnet werden. Die Grundlage dieser Eigenart bildeten die umfassende Bildung des Künstlers und die ihm eigene Verstandesschärfe, die ihm auch in seinen geschäftlichen Unternehmungen so große Dienste leisteten. Originelle Auffassung und geistvolle Durcharbeitung zeichneten schon seine ersten Rollen aus, aber sein Können hielt mit seinem Wollen nur gleichen Schritt, wo er in seinen künstlerischen Darbietungen seine persönliche Eigenart zur Geltung bringen konnte; am vortrefflichsten geriethen ihm daher Gestalten aus dem Kreise feiner Welt- und Lebemänner, wie der Graf Thorane im „Königslientenant", der ältere „Klingsberg", der Chevalier Rocheferrier in der „Partie Piquct" und eine ganze Reihe ähnlicher; wer ihn in früheren Jahren gesehen, wird sich aber auch noch des tiefen, ja überwältigenden Eindruckes erinnern, den sein Heinrich in „Lorbeerbaum und Bettelstab" und vor allem sein Lord Harleigh in „Sie ist wahnsinnig" hervorriefen. Ireltag, den 1. Februar 18 SS. O s. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. - Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Die Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Benno. (Fortsetzung.) Eine minutenlange Pause entstand. Man hörte in dem Zimmer nichts als das langsame Ticken der an der Wand hängenden Uhr. Dann sagte Wallenstetn kalt: „Ich danke Euch, hochwürdiger Herr, für die Besorgniß, welche Ihr für mein Seelenheil und die Erhaltung meines NufeS empfindet, und freue mich, daß Ihr gewagt habt, Eure Meinung frei auszusprechen. Unter tausend Andern hätte es vielleicht Keiner gethan. Uebri- gens steht mein Entschluß fest, und nichts kann ihn ändern; wie daS Vergehen, so die Strafe!" Bei den letzten Worten ergriff der Herzog ein silbernes Pfeifchen, das auf dem nebenstehenden Tisch lag; er setzte es an den Mund und rief durch dessen Ton einen Diener herbei. „Man führe die Verbrecher in den Saal," gebot er kurz, als dieser erschien. Bei diesem Befehl hielt die Herzogin, welche der vnrausgegangenen Scene, ohne ein Wort zu sprechen, beigewohnt hatte, nicht länger an sich. „Albrecht, mein Albrecht," flehte sie und sank vor ihrem Gemahl auf die Kniee, „ich bitte, ich beschwöre Dich, geh' nicht zu weit; Du Möchtest es bitter bereuen!" Wallenstein hob sie auf. „Du kennst mich, scheint es, weniger, als ich geglaubt," sagte er mit eigenthümlichem Lächeln. „Beruhige Dich, Jsabrlla!" „O mein Gott," rief die angstgequälte Frau, „darf ich Deine Worte deuten, wie meine Seele es wünscht?" Der Herzog antwortete nicht. „Begleitet mich," wandte er sich an Pater Vincenz; „Ihr sollt Zeuge sein." Wallenstein ging, und weinend folgte der Greis. Ueber den Boden des großen Saales war ein rother Teppich gebreitet. In der Mitte desselben standen zwei eichene Blöcke, von einem Sandhaufen umgeben, während im Hintergrund eine große Tragbahre, mit weißen und schwarzen Tüchern verhängt, aufgestellt war. In dem Augenblick, als Wallenstein und der Pater im Saale erschienen, öffnete sich eine Seitenthüre, und eine hohe Mannesgestalt in rothem Mantel trat ein. Ein breites Schwert blickte unter den weiten Falten hervor. Dann wurden Georg und der Schloßhauptmann auf den Richt- Platz geführt. Während Leßlie mit todtblassem Antlitz da stand, das unheimlich glühende Auge drohend auf Wallenstein gerichtet, sank Georg beim Anblick des Herzogs in die Kniee, ohne jedoch einen Laut hervorbringen zu können. „Führt sie zu« Tode!" befahl der Herzog; „zuerst den Leibjager Selkow, dann den Schloßhauptmann Leßlie." Georg erhob sich und ging schwankenden Schrittes dem Scharfrichter voran; als er vor dem ersten Block angelangt war, wurde er aufgefordert, seine langen Locken unter das Sammetbarett zu stecken, damit der Hals frei werde. Der junge Mann that es mit zitternden Händen. Dann richtete er die Augen flehend auf den Herzog und sprach: „Gnädigster Herr, ich bitte nicht um Gnade, denn ich habe meine Strafe verdient; der Schloßhanptmanu aber hat nichts verbrochen und wurde nur durch meinen Leichtsinn in's Unglück gestürzt. O, erhört die Bitte eines Sterbenden, dem daS Bewußtsein dieser Schuld die letzte Stunde erschwert: schont sein Leben und schickt mich allein in den Tod! Ich werde beten," schloß er, mit traurigem Blick zum Henker gewandt, als Wallenstetn nicht ein Mal durch das Zucken einer Wimper die Geneigtheit zur Erfüllung seines Wunsches bekundete, „wenn meine Hände herabstuken, dann . . ." Er kniete nieder. Einige Minuten lang bewegten sich seine Lippen in leisem Gebet, während dessen der Scharfrichter langsam daS breite Schwert emporhob. Die Augen des furchtbaren Mannes streiften jedoch nur flüchtig das bleiche Antlitz des Opfers und hingen dann in gespannter Erwartung an Wallenstein's Mund. Todtenstille herrschte in dem Gemach, die entsetzten Zuschauer athmeten kaum. Da zuckte ein greller Blitzstrahl vom Himmel herab, und unter das Rollen des Donners mischte sich ein Poltern und Krachen, als sei das Schloß in Trümmer gestürzt. Mit bleichem Antlitz stürmte Seni aus dem anstoßenden Raum hervor. „Hoheit," rief er, „die Decke des Observatoriums fiel auf den großen Quadranten,' den sie in tausend Stücke zerschlug. Nur eine Minute früher, und auch mich hätte das Schicksal ereilt!" Der Herzog stand da, wie eine Bildsäule; auf ein-, mal jedoch kam Leben in sein starres Gcstcht. Er gab dem Henker einen Wink und eilte nach dem astrologischen Zimmer, durch dessen Thüre er mit dem rasch nachfolgenden Seni verschwand. In Folge der für diese Jahreszeit ganz ungewöhn- 62 liche Hitze hatte sich ein schweres Gewitter zusammengezogen, das nun in strömendem Regen unter Blitz und Donner sich entlud. Wie später sich herausstellte, hatte der Blitz, ohne zu zünden, in einen der Thürme geschlagen und den Einsturz eines Theiles der Zimmerdecke in dem Arbeitscabinet des Astrologen bewirkt. Wollenstem blieb ziemlich lange aus; nach Verfluß einer Viertelstunde erschien er ohne den Astrologen wieder im Saal. Sein Gesicht war noch bleicher als sonst, die Miene jedoch nicht finster und hart. Er heftete seinen Blick auf den noch immer knieenden Georg, hinter welchem Leßlie stand, der trotzig zu Boden sah, während der Scharfrichter ein paar Schritte weit zurückgewichen war und das Schwert auf den Boden gestellt hatte. „Wißt Ihr jetzt, was Todesangst ist?" rief er dann aus. „Ich habe, wie es scheint, meine Absicht erreicht. Die gleiche Pein mußte ich durch Eure Schuld kosten und beschloß, dafür zu sorgen, daß auch Ihr empfindet, wie es schmeckt. Eine härtere Buße war von Anfang an nicht bestimmt — wie das Verbrechen, so die Strafe — mein bewährter Grundsatz, dem soeben eine augenscheinliche Anerkennung durch höhere Macht gezollt worden ist. Die Cassette, nach welcher so lange vergeblich gesucht wurde, hat sich jetzt gefunden; sie war hinter der Zimmerdecke versteckt und ist mit dieser zu Boden gestürzt. Euer Vergehen sei vergessen, doch zieht eine Lehre daraus." Ein stürmischer Jubelruf schallte durch den Saal, in welchem kurz vorher noch der Schrecken geherrscht hatte. Nur über Leßlie's Lippen kam kein Dankeswort. Wie in heftigem Schmerz hielt er sie Zusammengepreßt. Georg blickte anfangs wie träumend empor. Er schien nicht zu begreifen, waS um ihn vorging. Erst als Pater Vincenz ihn mit strahlenden Augen an die Brust zog, begann ihm seine Rettung zum Bewußtsein zu kommen. Er suchte den Herzog, um ihm zu danken; doch dieser hatte sich schon entfernt. Der erste Gang des dem Leben Wiedergeschenkten galt Magdalenen, von welcher er sich trotz seiner flehend- lichen Bitte nicht mehr hatte verabschieden dürfen; sie sollte sofort durch ihn selbst die freudige Botschaft erfahren. Mit dem Jubelrufe: „Georg, mein Georg!" flog das Mädchen beim Anblick des schon als todt betrauerten Geliebten an seine Brust. Vor Freude weinend, hielt Georg sie umschlungen. In einem innigen Kusse vermählten sich die Seelen der zwei glücklichen Menschen. Pater Vincenz kam auf sie zu, aber sie sahen und hörten ihn nicht. Der Greis betrachtete das schöne Paar eine Zeit lang mit mildem Lächeln. Dann breitete er segnend seine Hände über sie aus: „Seid glücklich," sagte er mit vor Rührnng zitternder Stimme, „so glücklich wie Jhr's verdient. Die Liebe wohne in Euch, der Glaube stärke Euch, und die Hoffnung sei Eure ! Begleiterin auf jeglichem Pfad!" Gemeinsam eilten sie zu der Herzogin, um ihr aus Herzensgrund für ihre Fürsprbche zu danken. Zu gleicher Zeit befand sich der Herzog mit Seni in seinem Observatorium. Der ganze Boden war mit Mauerstücken von der eingestürzten Decke besät. Auf dem Tisch stand eine kleine Kiste, neben welcher ein großer Stoß Papiere lag. Der Astrologe prüfte aufmerk- i sam die Trümmer des vernichteten Quadranten, die er zum Theil aus dem Schutt hervorgraben mußte. „Nun glaube ich, Meister," nahm der Herzog das Wort, „daß Kepler mich getäuscht hat, und vertraue Euerer Konstellation. Der böse Geist, welcher mich in letzter Zeit verfolgt hat, ist versöhnt. Die Wolken verziehen sich, und ein heiterer Himmel lacht mir. Selbst die Documente, an deren Wiedergewinnung ich kaum noch gedacht hatte, find in meinem Besitz und erschließen mir eine neue Quelle des Reichthums. Mein Stern, den ich schon dem Untergang ganz nahe wähnte, strahlt in glückverheißendem Glanz! Auf denn, an's Werk! Es muß, es wird gelingen." Während der nächsten Tage herrschte wieder große Unruhe im Schloß. Boten kamen und gingen, und einzelne neu angeworbene Truppentheile wurden vom Herzog gemustert. Am zweiten Tage der folgenden Woche hieß es plötzlich: der Herzog reist ab und stößt zum Heere; es geht mit aller Mgcht gegen den Feind. Georg verlebte indessen glückliche Stunden. Er erkannte mit jedem Tage mehr, welch' köstlichen Schatz er an Magdalenens Liebe besaß. Gleichwohl hatte er, als ihn Geschäfte nach dem Städtchen geführt, es sich nicht versagen können, nach dem Akrobaten Leferrier und dessen Nichte zu forschen. Die schöne Wahrsagerin war nicht mehr gefährlich für ihn. Schon am Tage nach der Erkrankung des Herzogs hatte der Franzose plötzlich seine Bude abgebrochen und war mit auffallender Hast abgereist. Mit dem Vormarsch des Friedländers wurde es Ernst. Schon standen Reitpferde, Wagen und Sänften im Hof, als die Herzogin Georg und Magdalene in ihre Gemächer beschied. Mit einem Blumenstrauß und einem geöffneten Schmuckkästchen kam die hohe Frau dem Mädchen entgegen. „Pater Vincenz," sagte sie gütig lächelnd, „hat mir Euer Geheimniß vertraut. Ich begrüße Dich als Braut und wünsche Dir Glück zu der trefflichen Wahl. Da Du auch schon den Schmerz kennen gelernt hast, so nimm diese Perlen als Andenken an die vergossenen Thränen, diese Blumen aber als Symbol der Freude. Für Euch, Georg," wandte sie sich an diesen, „habe ich einen besonderen Auftrag vom Herrn, der Euer Glücksgefühl vielleicht etwas herabsttmmen wird. Leßlie hat seine Stelle niedergelegt, und Ihr seid von meinem Gemahl zu dessen Nachfolger bestimmt. Erst dann aber sollt Ihr die neue Stelle antreten und die Braut zum Altare führen, wenn Deutschland und dem Kaiser der Friede durch den Herzog wieder geschenkt worden ist. Ihr müßt ihn zum Heere begleiten, während der alte Schloßvogt bis zu Euerer Rückkehr die Pflichten des Hauptmanns ausübt. Seid Ihr zufrieden?" Magdalene küßte der hohen Gebieterin, vor Freude weinend, die Hände, und Georg sagte seinen innigsten Dank. Als er die hohe Gönnerin mit Magdalenen verließ, schritt Martin, der Sohn des Schloßvogts, welcher aus den Gemächern des Herzogs kam, an ihm vorüber. Georg hemmte seinen Schritt und stand im Begriff, den Freund anzureden. Da traf ihn aus Martin's Augen ein so feindseliger Blick, daß ihm daS Wort auf der Zunge erstarb. Ehe er seine Fassung zurückerlangt hatte, war dieser verschwunden. Teorg's Ernennung 63 zum Schloßhauptmann von Großmessritsch hatte Martin, der diesen Posten schon als den seinigen betrachtet, zum unversöhnlichen Feinde des bisherigen Freundes gewacht. (Fortsetzung folgt.) -- Borr einem gcheimnißtiolten Holzkästchen ist in den Blättern seit einigen Tagen viel die Rede. Auch die „Augsburger Postzeitung" hat dessen an anderer Stelle bereits wiederholt Erwähnung gethan. Es geht nämlich die Rebe von den Geheimnissen einer Holzkassette, deren Inhalt photographiert wurde, ohne daß man die Kassette öffnete; von dem Knochenskelette einer lebenden Hand, welches sozusagen durch Haut und Knochen hindurch abgebildet wurde. Sind das Witze, die der Galgenhumor des Zeitgeistes ausheckt? Sind es Träume aus der nimmermüden, unerschöpflichen Fantasie Flammarions? Hat ein gelehrter Unruhstifter die Rolle Asmodis angenommen, der es in der Macht hatte, den spanischen Studenten durch die Dächer der Häuser von Madrid schauen zu lassen? Leichtgläubigkeit, Mangel an zurückhaltendem Urtheil hat die Menschen schon oft genarrt. Der Zweifel muß aber selbstverständlich vor Thatsachen die Segel streichen, und dies wird auch der Fall sein müssen vor der Entdeckung, die nunmehr in dem Laboratorium des physikalischen Instituts in Würzburg gemacht worden ist. Die Originalarbeit Professor Nönt- gens liegt vor, die photographtschen Bilder sprechen eine unwiderlegliche Sprache — es handelt sich nicht um eine Täuschung, sondern um eine in ihren Folgen, theoretischen und praktischen, noch gar nicht zu übersehende ernste Wahrheit. Wir wollen versuchen, ein möglichst verständliches Bild der ganzen, ihrem Wesen nach nicht gerade einfachen Sache zu geben. Zunächst einen Vorbegriff. Eine Glasröhre, in deren beide Enden je ein Platindraht zur eventuellen Verbindung mit den beiden Drähten einer Elektrizitätsquelle (Batterie, Rumkorff) efngeschmolzen ist und welche sehr verdünnte Luft enthält, beginnt farbig zu leuchten, sobald der elektrische Strom in sie eintritt. Diese Röhren sind bekanntlich nach dem Glastechniker Geißler benannt. Wenn man nun die Luft in solchen Röhren sehr stark verdünnt, etwa bis zu dem millionsten Theil einer Atmosphäre, so hört die Lichterscheinung trotz des elektrischen Stromes auf, und die Glasröhre wird dunkel. Diese Thatsache war dem Deutschen Hittorf schon vor drei Dccennien bekannt. Nun sollte man wohl glauben, daß damit alles erledigt sei; denn wenn auch in der Glasröhre nicht vollständige Finsterniß herrscht, so ist doch nichts anderes da, als ein fast bis zur Dunkelheit schwaches Glimmlicht. Da kommt aber Professor Röntgen in Würzburg mit folgender Idee: Er schickt wiederum einen Jnduktionsstrom in eine solche Hittorf'sche Röhre und umgibt die letztere mit einem schwarzen Karton, welcher weder die gewöhnlichen Lichtstrahlen, noch die chemischen, noch die des elektrischen Bogenlichts durchläßt. Hierauf bringt er in die Nähe dieser Vorrichtung einen Papierschirm, der, übrigens nicht nothwendiger Weise, auf einer Seite mit einer metallischen Substanz bestrichen ist, und endlich schließt er die Fensterläden, um das Zimmer vollständig zu verdunkeln. Was ist die Folge? Der Papierschirm, auch wenn man ihn zwei Meter weit von der unter dem schwarzen Karton verborgenen Glasröhre aufstellt, beginnt hell aufzuleuchten, zu fluorcscieren. Unter „Fluo- rescieren" versteht man eben das Aufleuchten eines vorher belichteten Körpers im dunklen Raume. Diese Erscheinung trat pünktlich bet jeder Entladung des Stromes ein. Worin besteht nun das Auffallende bei diesem Vorgänge? Offenbar darin, daß irgend ein geheimnißvolles Etwas — welches keiner der bekannten Lichtarten entsprechen konnte durch den schwarzen Pappendeckel gedrungen war und den Papierschirm zum Leuchten gebracht hatte. Was war das? Nehmen wir einmal, sagte sich Professor Röntgen, etwas anderes als Karton, zum Beispiel Papier. Nichtig, statt des Pappendeckels stellte er zwischen Glasröhre und Papierschirm ein 1000 Seiten starkes gebundenes Buch — das räthselhafte Etwas schlüpfte auch da hindurch, denn der Schirm begann zu leuchten; dasselbe erfolgte, wenn man als Scheidemauer ein doppeltes Whistspiel benützte. Jetzt schien dir Sache schon etwas unheimlich zu werden. War da wirklich der Geist Asmodi gefunden, für den es keine Schranken gibt, der, nachdem er aus dem Glase entzaubert, durch alle Wände dringt und alle Geheimnisse ausschließt? Bretter, zwei bis drei Ccntimeter dick, werden vergeblich aufgestellt, Asmodi dringt durch. Er dringt durch Hartgummischeiben, durch nicht zu dicke Mctallplatten, aber — jetzt kommt die Achillesferse — sobald man ihm eine Bleiplatte, anderthalb Millimeter dick, vor die Nase schiebt, ist es aus mit seiner Herrlichkeit. Da steht er vor der Thür und kann nicht weiter. Mache ich andere Metallplatten etwas dicker, so gelingt es ihm auch nicht mehr. Hält man statt der genannten Dinge die Hand zwischen die Glasröhre und den Schirm, so sieht man auf dem letzteren den Schatten, aber nicht der ganzen Hand, sondern nur des Knochengerüstes derselben; die Weichtheile find nur schwach angedeutet. Folglich werden Haut und Fleisch an den meisten Stellen passiert, aber an den Knochen muß unser Geist Asmodi stillhalten, daher werfen sie Schatten. Eine reine Glasscheibe wirft keinen odeic fast keinen Schatten, weil sie alles Licht durchläßt. Licht? Schatten? Haben wir es denn wirklich mit Lichtstrahlen zu thun ? Die Glasröhre ist ja dunkel. Richtig. Aber wenn etwas Schatten wirft, wie unsere Hand, dann muß sie irgendwie von Licht getroffen worden sein. Aber ist dunkles Licht nicht ein Widerspruch in sich selbst? Dies eigentlich wohl; aber kein Widerspruch ist es, von dunklen „Strahlen" zu sprechen. Wenn ich mich dem warmen Ofen nähere, so fühlt es meine erfrorene Nase sehr deutlich, daß es unsichtbare Strahlen gibt. Wenn dem aber so ist, wenn tn der luftleer gemachten Glasröhre im Dunkel ein Geist haust, der Strahlen aussendet, welche, obschon nicht mit dem Auge wahrnehmbar, doch mit dem sichtbaren Lichte das Schattenerzeugen gemeinsam haben, so wollen wir doch einmal an Stelle des Papierschirmes eine phoiographische Platte einschicken, vielleicht zeichnet unö ASmodi auch mittels seines dunkeln Lichtes darauf die Bilder, die auf dem Papier- schirm ja rasch verschwinden, und wir könnten uns die Sachen dann aufheben so wie gewöhnliche Photographie». Dabei brauchen wir nicht einmal einen Photographenapparat. Denn da unsere Strahlen Holz durchdrungen. 64 als wäre es Luft, benutzen wir einfach einen Holzkasten als dunkle Kammer und stellen eine empfindliche Platte hinein. Wir machen es also folgendermaßen: Da ist die in den Strom eingeschaltete Hittorf'sche Röhre mit ihrem dunkeln Geheimnisse. In der Nähe steht das Holzkästchen mit dem Photographischen Papier (Platte). Ich lege nun meine Hand an das Kästchen. Was geschieht? Die dunklen Strahlen dringen aus der Glasröhre heraus, durch die Weichtheile der Hand, müssen aber vor den für sie undurchdringlichen Knochen Halt machen. Neben den Knochen aber schießen überall Strahlen vorbei, welche die Wand des.Holzkästchens passieren, auf die in dessen Innern befindliche lichtempfindliche Platte treffen und daselbst durch Contour- ierung das Bild des Handskeletts fixieren. Auf einer solchen von Professor Röntgen verfertigten Photographie sieht «an sogar einen Ring um ein Fingerglied in schwebender Lage, schwebend, weil ja die Weichtheile des Fingers auf dem Bilde nicht zum Ausdrucke kommen. Ein anderes Photogramm zeigt die Bilder von Messing- gewichten, welche, während sie in einer Cassette eingeschlossen waren, „aufgenommen" wurden; ein anderes die Profile einer zwei Zimmer trennenden Thüre, wobei in dem einen Zimmer der Strom mit der Glasröhre, in dem anderen die photographische Platte aufgestellt war. Vorderhand gilt es, die Tragweite dieser Entdeckung namentlich nach der medicinischen Seite hin nicht zu überschätzen, denn vorläufig haben wir eS erst mit Schattenbildern zu thun, nicht mit im einzelnen deutlichen Photographien. Das Schattenbild einer Hand kann wohl scharfe Umrisse ausweisen und durchgehende Oeffnungen, aber keine halbtief reichenden Veränderungen. Der Bruch eines Schläfenbeines wird allerdings sichtbar; wenn eine Klaffung vorhanden, so lange aber die Kontinuität des Knochens noch besteht, kann oer Schatten darüber nichts aussagen. Vielleicht führt aber die Sache einmal zum Studium solcher Schattenbilder selbst, um aus überaus feinen Schattierungen derselben Rückschlüsse zu machen. Gröbere Knochenverschiebungen werden freilich auf dem Wege der Röntgen'schen Photographie ermittelt und hiednrch manchmal schmerzliche Untersuchungen vermieden werden können. Solche Erwägungen zeigen eben nur, daß wir es einerseits mit einer zwar ganz unausgebauten, aber anderseits mit einer schon jetzt auf bedeutsame Möglichkeiten hinweisenden neuen Erkenntniß zu thun haben. Sollte es wirklich gelingen, die Sache, gleich anderen Objekten, dem vollkommen photographi- schen Verfahren zu unterwerfen, das heißt mittels unserer dunkeln Strahlen auf dem Wege der Silbersalzzersetzung ebenso deutlich an Los- und Profilbilder zu entwerfen, dann wäre die Tragweite der Röntgen'schen Entdeckung in der That auch in dieser Hinsicht ohne Zweifel eine außerordentliche. Wie überraschend und unglaublich aber den meisten Leuten die Entdeckung des Würzburger Professors auch vorkommen mag, so bewahrheitet sich an ihr doch abermals der alte Erfahrungssatz Ben Akibas, daß es nichts Neues unter der Sonne giebt. Kaum war die Entdeckung bekannt geworden, als der Straßburger Dr. Heinrich Kraft es unternahm, nachzuweisen, daß die Röntgen'schen Strahlen mit dem ehemals so viel besprochenen, jetzt aber ganz vergessenen geheimnißvollen Ob des Naturforschers Frhrn. Carl v. Reichenbach, des Entdeckers des CreosotS und des Paraffins, identisch seien. Wer kennt heutzutage die Odlehre noch? Von der jüngeren Generation gewiß nur verschwindend wenige, und auch den älteren Leuten wird eS bet der Nennung der Odlehre nur langsam dämmern und nur ganz all- mälig die Erinnerung kommen, daß in den 50er und 60er Jahren viel von einem österreichischen Physiker die Rede war, der eine ganz neue geheimnißvolle Kraft, eben das Od, entdeckt haben wollte. Man sprach damals viel davon, aber durch die Meinungsäußerung gelehrter Physiker, wie Dubois-Reymond, wurde die ganze Geschichte als Hirngespinst eines über dem Studium physikalischer und physiologischer Probleme in mystische Grübeleien versunkenen Sonderlings erklärt und wieder vergessen. In dem nordischen Wortstamm „Od" mit dem Begriff deS Alldurchdringenden fand Reichenbach das Lautzeichen für ein von ihm entdecktes, Alles in der ge- sammten Natur mit unaufhaltsamer Kraft rasch durchdringendes und durchströmendes Dynamid, das er scharf von Licht, Wärme, Magnetismus, Elektrizität unterschied. Es begleitete wohl diese Kräfte, stammte wohl auch aus gleicher Quelle, aber es war eine andere, eben nur zu schwer faßbare Kraft. Er fand kein Odometer, kein Odoskop, sie jedem nach Maß und sichtbar vorzuführen; seine Lehre gründete sich nur auf die von ihm gebuchten und verglichenen Aussagen seiner „Sensitiven"; so nannte er die Personen, deren Nervensystem — Gefühl und Gesicht — auf jene Kraft in besonderer Weise reagirte, indem für sie durch dieselbe bestimmte Gefühlseindrücke und in absoluter Dunkelheit bestimmte wunderbare Gesichtseindrücke ausgelöst wurden. Aber auch die Nichtfensitiven wollten sehen, und da sie es nicht konnten, sie, die doch weitaus die Mehrzahl waren, so glaubten sie nicht. Die Männer der Wissenschaft, die da nicht sahen, thaten Alles, Reichenbach bei Lebzeiten todt zu machen. Berzelius war einer der Wenigen, die zu ihm standen, und Fechner war eine seiner letzten Hoffnungen. Fast 30 Jahre nach seinem Tode kommt dann ein Mann, der keine Sensitiven mehr braucht, um eine erstaunlich ähnliche Kraft sichtbar für Alle in die Erscheinung treten zu lassen, und vielleicht wird auch er die Sensitiven doch noch zu gebrauchen suchen. Jedenfalls hat er, Röntgen, das Nöthige gethan, um Reichenbach's Lehre jetzt selbst einem Dubois- Reymond nicht so sehr „als einen abgeschmackten Roman", als „krausen Zauberkram", wie vielmehr als eine durch Jahrzehnte begrabene, erst neu zu machende weitreichende Entdeckung erscheinen zu lassen. Röntgen zeigt uns auf seiner Bariumplatincyanür- fläche, daß seine X-Strahlen Papier, Karten, Staniol, Holz durchdrungen. Was notirt Reichenbach von seinen Sensitiven, deren Netzhaut in der Dunkelkammer ihre besondere Empfindlichkeit gewonnen hat? Man lese in seinem Buch „Der sensitive Mensch" etwa Z 2386, worin er die Beobachtungen an Blechtafeln schildert, die in den lichtdichten Fensterladen der Kammer eingelassen waren: „Johann Klaiber fand zu verschiedenen Zeiten das vom Monde außen beschienene Eisenblech in der Dunkelkammer so außerordentlich helle, daß er behauptete, es sei durchsichtig." „Friedrich Weidlich war erstaunt, in dieser Finsterniß ein Loch im Laden zu finden, während es doch so finster im Zimmer war. Er fand nämlich das Eisenblech so klar und durchsichtig, daß er eS im ersten Augenblick für eine Oeffnung hielt, bis er sich mit den Händen überzeugte, daß da weder ein Loch noch ein Glasfenster war. Auch er versicherte, Bäume, Berge, die Donau, die Brücken darüber, den Mond zu sehen." Herr Anfchütz (8 2392) fängt die Helle, die durch das Metallblech eindringt, auf einem weißen Schilde auf. Von Frl. Reiche! berichtet Reichenbach § 2384: „Ich brachte verschiedene Gegenstände außerhalb der Dunkelkammern hinter das vom Mond beschienene Kupferblech, machte allerlei Bewegungen mit meiner dahintergesteckten Hand, Frl. Reiche! gab sie mir alle so genau an, als ob das Kupferblech durch die Mondstrahlen in Glas verwandelt wäre. Ich ersetzte das Kupfer durch Eisenblech, Zinkblech, Messingblech, durch alle schaute sie hindurch, ganz ebenso wie durch das Kupferblech. Trüber fand sie sie, wenn sie stärker mit Metallkalk belegt waren; am trübsten fand sie Bleiblech." Stimmt Letzteres nicht ganz frappant zu Rönt- gen's Angabe, daß Blei schon bei 1,5 wirr Dicke für seine X-Strahlen fast undurchlässig werde? Aber nicht blos Metalle findet Reichenbach „diodan", d. h. für Odstrahlen durchlässig, sowie „oddiaphan", d. h. für sensitive Augen durchscheinend, ja durchsichtig, während sie in Odgluth stehen; auch Holz (man denke an Nöntgen's Photographie der durchleuchteten Thüre!), Pappe und mehrfache Papierlagen (vgl. Nöntgen's Kartenspiel, Umhüllung der Hiltorf'schen Vakuumröhre) kommt die Durch! euchtbarkeit für die im Sonnenlicht enthaltenen OdsiraUen zu, wie in §8 2462 und 2566 nachgewiesen ist. Ein Analogon jedoch zu Nöntgen's Photographie deS Gcwichtsatzes fehlt doch wohl? Auch das nicht! Man lese 882463 und 64. Hier findet „Frl. Zinke! eine Conductorkugsl, aus Messingblech bestehend, vollständig durchsichtig, als sie elektristrt war. Ungefragt gab sie an, daß eine Stange horizontal mitten durchlaufe. Dies waren in der That Zugröhren, mittelst deren ich kleinere Kugeln auf einige Entfernung von der Hauptkugel ausziehen konnte. Frl. Atzmannsdorfer und Friedrich Weidlich gewahrten auf solche Weise einen messingenen Stift, welcher in einer anderen Conductor- kugel steckte und der außen unsichtbar war." Exner hat bei seinem Wiener Vortrag über Nöntgen's Entdeckung auf die Tragweite derselben für die Diagnostik der Medizin hingewiesen (okr. „Franks. Ztg." vom 13. Januar). Was Exner wohl sagen wird, wenn er folgende Stelle aus 8 2252 liest: „Frau K. fand ein Vergnügen darin, den Rücken ihrer Finger so nahe an den Conductor zu bringen, daß die Nügelspitzen Elektrizität saugten. Dadurch wurden ihre Finger in Odgluth schön transparent, so deutlich, daß sie darin Adern, Nerven, Sehnen, Bänderfasern zu unterscheiden vermochte . . . Dies", fährt Neichenbach 40 Jahre vor Herrn Exner's Ausblick fort, „kann ein Gegenstand von unberechenbarer Wichtigkeit für die Heilkunde, insbesondere für die Diagnose werden. Es wird gelingen, jeden kranken Leib für Hochsensitive vollkommen durchscheinend zu machen, und man wird im Stande sein, zu sehen, welche innere Organe krankhaft angegriffen sind und welche Fortschritte vor- und rückwärts das Leiden macht. Aber auch die Hergänge im gesunden Leibe wird man so prüfen." So viel über Neichenbachs Beobachtungen. Was nun die wissenschaftliche Beantwortung der Frage nach der Beschaffenheit der Röntgen'schen Strahlen angeht, so hat Professor Röntgen vorläufig ausdrücklich constatirt, daß es nicht die gewöhnlichen Kathoden- strahlen sind, denn diese haben andere Eigenschaften. Im Uebrigen ist die Theorie der neuen Erscheinung noch völlig unklar, und ihr Entdecker nennt sie daher auch die„X". Strahlen. Möglich ist es, daß es sich, wie auch Professor Röntgen ausgesprochen hat, um long itud in aleAet Herwellen handelt. Bisher konnte man nämlich nur transversale Aetherwellen beobachten. Die Bedeutung der Entdeckung für die Aerzte besteht darin, daß ein Agens gefunden ist, das in den menschlichen Körper eindringen kann. Was wir bisher aus dem Innern des Körpers erfahren können, gewinnen wir durch die elastischen Schwingungen der imponderabilen Moleküle, denn darauf beruhen ja Perkutiren und Auskultiren. Nun haben wir Strahlen, die geradlinig in daS Innere des Körpers eindringen, und können uns der Hoffnung hingeben, daß wir in der Lage sein werden, diese Strahlen einmal in unserem und der Kranken Interesse zu benützen. Mit Bezug auf die Entdeckung NöntgenS theilt der Pester Lloyd mit, daß der ungarische Physiker Lenard schon im Jahre 1894 am physikalischen Institut in Bonn durch Körper, die für das Auge undurchsichtig erscheinen, wie Kartonpapier, mittelst Kathodenstrahlen photographirte. Ueber seine Entdeckung hat Lenard im 51. Bande der „Annalen für Physik und Chemie" auf Seite 225 mit Abbildungen berichtet, und zwar heißt es dort: „Die Kathodenstrahlen sind photographisch wirksam- Die Photographische Schicht kann bei langer Exposition auch eine sonst unbemerkbare Wirkung zum Vorschein bringen. So zeigte sich zum Beispiel ziemlich kräftige Schwärzung hinter einem Kartonblatt. Das Kartonblatt bedeckte die empfindliche Schicht, und zwischen beiden waren Streifen verschiedener Metallblätter eingelegt. Diese Streifen bildeten sich ganz nach Maßgabe ihrer Durchlässigkeit Heller (im Negativ auf dunklerem Grunde) ab, und ganz hell blieb die Schicht nur dort, wo ein dicker Metallrahmen um das Ganze gelegt war. Es waren also wirklich Kathodenstrahlen durch den dicken Karton gedrungen." Professor Lenard ist in Preßburg geboren, studierte in Budapest und an mehreren deutschen Universitäten und war längere Zeit als Assistent des Physikers Hertz thätig. Röntgen selbst hat übrigens erklärt, daß ihm von den früheren Versuchen Lenards nichts bekannt war. Vielen unserer Leser dürste eS willkommen sein, auch einige biographische Notizen von dem über Nacht hoch- berühmt gewordenen Gelehrten zu erfahren: Professor vr. Konrad Röntgen ist in Lennep, Negiernngs-Bezirk Düsseldorf, am 27. März 1845 geboren. Er promovierte in Zürich am 12. Juli 1869, wurde am 22. Dezember 1870 Assistent am physikalischen Institut zu Würzburg und am 11. Mai 1872 als Assistent an das physikalische Institut Straßbnrg berufen. Dort habilitierte er sich als Privatdozent im März 1874, wurde im Frühjahr 1875 als ordentlicher Professor an die Akademie Hohen» heim berufen und am 17. April 1875 als außerordentlicher Professor an die Universität Straßburg. Im Frühjahr 1879 folgte er einem Rufe als ordentlicher Professor und Direktor des Physikalischen Institutes in Gießen und kam von dort im August 1883 in Nachfolge - 66 Kohlrauschs als Professor und Direktor des physikalischen Institutes nach Würzburg. Wie sehr die neue Entdeckung Nöntgeus schon in die weitesten Kreise gedrungen ist, beweisen die nachstehenden Verse, welche Julius Bauer den Nöntgen'schen „X"-Strahlen widmet: Das neue Lichtl Daß doch die Menschen das neue Licht So freudig begrüßen, verstehe ich nicht! Denn der Mensch begehre nimmer zu schauen, Was die Götter bedecken mit Nachthemd und Grauen. , Die Strahlen verrathen — o Jammer und Graus — Wie dieser und jener sieht inwendig aus. Mit banger Scheu die Enthüllungen seh' icb, Wie mancher im Innern zum Aeußersten fähig. Durch alle Wcichtheile dringt das Licht, Die bleiben im Bilde haften nicht. Genug, wenn in Zukunft beim Photographieren Die Menschen sich bis auf die Knochen blamieren! » >> Sonne und Mond. (Schluß.) Der Mond. Unser Weltnachbar, der uns wenigstens hundertmal näher steht, als irgend ein anderer Himmelskörper, ist uns in Bezug auf seine physische Beschaffenheit noch ver- hültnißmäßig unbekannt. Während wir von den anderen selbstleuchtrnden Himmelskörpern, besonders von der Sonne, sehr genau angeben können, aus welchen im gasförmigen Zustande befindlichen Elementarstoffen sie zusammengesetzt find, versagt beim Monde, da er uns nur Sonnenlicht reflektirt, die spektroskopische Forschung gänzlich, wir sehen in seinem Spektrum nur die Linien des Sonnen- spektrums. Nur aus der gemessenen Stärke, mit der das Sonnenlicht vom Monde zu uns zurückgestrahlt wird, kann man schließen, daß die Mondoberfläche von ziemlich dunkler Beschaffenheit sein muß, und daß sie etwa dieselbe Lichtmenge zurückwirft, wie unsere Thonerde. Man hat schon seit einiger Zeit Andeutungen gesammelt, wonach die Oberflächenbeschaffenhett des Mondes eine größere Aehnlichkeit mit der der Erde hat, als man früher annahm, immerhin aber bestehen in Betreff der Fruchtbarkeit ganz wesentliche Unterschiede. Wir müssen als sicher annehmen, daß Wasser in flüssiger Form auf dem Monde nicht vorkommen kann, wohl aber als Eis. Die scharfen und schwarzen Schatten der Mondberge, das momentan stattfindende Verschwinden der Sterne am Mondrande und das Fehlen jeder Strahlenbrechung zeigen nämlich, daß der Mond keine Atmosphäre besitzt, oder doch höchstens nur eine solche von der Dichte unserer Erdatmosphäre. Da man also auf dem Monde eine Meeresfläche oder eine andere Niveauebene nicht hat, so kann man die Höhen der Gebirge, die sich je nach dem Sonnenstände aus den scharf abgegrenzten Schattengrenzen sehr genau bestimmen lassen, auch nur auf die benachbarten Ebenen beziehen; die höchsten Berge auf dem Monde überragen die nächsten Ebenen um über 8000 Meter, solche von 6000 Meter finden sich in verschiedenen Ge- birgszügen vor. Die Ränder der Ninggebirge des Mondes erheben sich seltener über 4000 Meter über die Innenfläche, und einzelne Berge haben in der Regel noch geringere Höhen. Mau hat in neuerer Zeit vielfach darüber gestritten, ob gewisse neu entdeckte Abweichungen des Aussehens gewisser Mondlandschaften von den älteren Darstellungen auf Mondkarten reale Aenderungen anf der Mondoberfläche in kürzeren Zeiten beweisen. M an wird die Wahrscheinlichkeit solcher Aenderungen ohne weiteres zugestehen können, wenn man sich der enormen Temperaturdifferenzen erinnert, denen der Mond zwischen voller Bestrahlung durch die Sonne und Mondnacht ausgesetzt ist; sie erhebt sich wohl über 300 Grad Celsius. Ferner muß auch die ungeheure Temperaturdifferenz zwischen den polaren Theilen der Mondoberfläche und den der vollen Bestrahlung ausgesetzten äquatorialen Gegenden, die wohl von — 270 Grad bis zur Temperatur des siedenden Wassers reicht, abbröckelnd auf Oberflüchentheile des Mondes wirken, und es fragt sich nur, ob diese Veränderungen groß genug fein werden, um auf der Erde wahrgenommen werden zu können. Und da ist es denn wichtig, daran zu erinnern, daß in der Entfernung des Mondes eine so Minimale Größe wie eine Bogensekunde schon einer linealen Ausdehnung von nahe 2 Kilometer entspricht; daß also Formationsänderungen schon 1 bis 2 Kilometer groß sein müssen, um mit Sicherheit als solche wahrgenommen zu werden; daß aber allein durch Temperaturdiffercnzen derartige Aenderungen hervorgerufen werden, mag doch erst in längeren Zeiträumen annehmbar erscheinen. Im Ucbrigen bietet der Mond, auch abgesehen von der Frage nach seiner chemischen Beschaffenheit, auch in seinem voller- lcuchteteu Aussehen noch manches Räthsel dar. So sind die zahlreichen glänzenden Streifeusysteme, die sich von den Mächtigsten Ninggebirgen, CoppernicuS, Kcpler und Tycho .Hunderte von Kilometern weit über die Mondkugel erstrecken und damit dem plastischen Mondbilde im Fernrohr ein eigenthümliches Gepräge verleihen, ihrem Wesen nach uns noch gänzlich unbekannt. In der Pariser Akademie haben nun die Herren Loewy und Pnisseux von der Pariser Sternwarte einen Bericht über neue Forschungen über die physische Beschaffenheit des Mondes und die Erklärung verschiedener Theile seiner Oberfläche auf Grund photographischer Aufnahmen der Mondtage! gebracht, die manches Neue über die allgemein interessireuben Fragen nach den physischen Verhältnissen des Mondes bringen. Als Grundlage der Untersuchungen dienten auf Glas hergestellte starke Vergrößerungen von Mondausnahmen, die an der Pariser Sternwarte erhalten waren. Diese Photographischen Vergrößerungen gestatten fast alle Details zu erkennen, die die Originalanfnahme unter dem Mikroskop zeigte. Sie bieten aber den großen Vortheil, dennoch einen Ueber- blick über die großen ausgedehnten Regionen zu ermöglichen, ein Vortheil, welchen sie nicht nur den Astronomen, die mit starken Vergrößerungen die einzelnen Theile der Mondoberfläche nach einander zu studieren gezwungen sind, voraushaben, sondern auch den Geographen und Geologen bei ihren Studien über die Gebirge der Erde. Auf den ersten Blick zeigen die verschiedenen Ober» flächentheile des Mondes, verglichen mit denen der Erde, eine weniger große Verschiedenheit der Grundbildnngen. Die Form der Ninggebirge ist die durchaus vorherrschende. Daneben erscheinen zahlreiche, relativ schwache, gradlinige Strecken, Thäler, Fluren oder Felder. Diese Einförmigkeit des Anblicks ist ohne Zweifel das Kennzeichen einer sehr gleichartigen Materie. Es ist bekannt, daß die mittlere Dichtigkeit des Mondes kaum jene der oberen Erdschichten übertrifft, so daß sie also geringer ist, als die mittlere Dichtigkeit unserer Planeten. Andererseits scheint die Art, in welcher der Mond das Sonnenlicht reflectirt, anzuzeigen, daß seine Oberfläche aus soliden Bestandtheilen sich zusammensetzt, ähnlich denen, welche wir auf der Erde beobachten, und theilweise aus vulkanischen Gesteinen. Diese Ergebnisse befinden sich in guter Uebereinstimmung mit der Kant-Laplaceschen Theorie, welche den Mond als einen abgelösten Theil der Erde annimmt; abgelöst zn einer Epoche, als sie noch ein stark ausgedehnter Nebel war. Nun erfordert die Mechanik, daß die Dichtigkeit einer solchen Masse vom Centrum nach der Oberfläche hin abnimmt; da die Massen des Mondes aber ausschließlich von den inneren Schichten herrühren, so mußten sie auch im Allgemeinen eine geringere Dichte als die Erde und eine einfache chemische Zusammensetzung haben. Auf Grund dieser Bedingungen lassen sich nun verschiedene Hypothesen über die weitere Entwickelungsgeschichte unseres Satelliten, von der Epoche an, wo er als selbstständiger Himmelskörper auftritt, aufstellen; aber sie beruhen auf zu schwacher Grundlage. Die großen Ninggebirge, die kesselförmigen Thäler, welche hauptsächlich den Gegenstand der Untersuchungen der Mondforscher ausmachen, deuten durch ihr enormes Relief, ihre imposante Regelmäßigkeit auf die frühe Existenz einer soliden Oberfläche hin. Zwischen den beiden Perioden, der des nebelartigen Zustandes und der der Festigkeit, breitet sich nothwendig eine Epoche des Ueber- ganges von einer ungeheuren Dauer aus. Der Durchgang des Mondes vom flüssigen zum soliden Zustande begann mit der fortschreitenden Vereinigung der durch Schlacken allmälig auf der Oberfläche gebildeten Bänke oder kleinen Inseln. Diese Verbindungen waren mit Ueberwindung zahlreicher Schwierigkeiten verschiedenen Ursprungs verknüpft und nur sehr langsam möglich. Sie haben sich dokumenürt in Zügen, die in den gradlinigen Thälern und Furchen bei einer sorgfältigen Beobachtung der Moudoberfläche beinahe immer bemerkt werden. Diese verschiedenen Liniensysteme, welche auf den Photogrammen besser hervortreten als auf den Karten des Mondes, können mit wenig Worten charakterisirt werden, als die großen Thäler, welche über die Bergmassen ziehen, ohne ihr Relief zu verändern. Die tieferen von ihnen sind die Thaler der Alpen, westlich von Plato, die sich südwestlich von Nheita erstreckenden, endlich jene, welche man zwischen Herschel und Hipparch, sowie zwischen Bode und Ukert findet. Diese Moudthäler unterscheiden sich nach dem Ausweis der Photogramme aber wesentlich von den irdischen Thälern. Die letzteren pflegen sich auf ihrem Laufe zu verbreitern und an den Ständern vielfach Zu verzweigen. Die Mondthülcr verzweigen sich nicht, halten auf ihrer ganzen Länge eine nahezu konstante Breite ein, zeigen einen sehr klaren Verlauf und liegen von einem Ende zum andern nahezu gleichstes unterm allgemeinen Niveau. Gewisse Theile der Mondoberfläche sind besonders reich an diesen Thälern, die unter sich ein paralleles Gefügt vorstellen. Eine aufmerksame Prüfung zeigt sogar die Ueber- einanderlagerung von Zwei oder drei Systemen, die Unterabtheilungen eines vielseitigen Netzes bildend. Wenn man dem Ursprung dieser Formationen nachsinnt, muß man schließen, daß sie sich gebildet haben, als die Masse des Mondes noch flüssig war. Sie sind nämlich — in der Aequaiorialregion wenigstens — hauptsächlich nach den Parallelkreisen der Mondkugel orientirt. Auch andere Richtungen, wie sie durch die Zirkulation des Wassers und der irdischen Atmosphäre bestimmt werden, treten hervor und zeigen eine reiche Verschiedenheit der Figuren. Auf Grund dieser anziehenden Mondbetrachtungen haben die genannten Pariser Astronomen weitere hypothetische Schlüsse über die verschiedenen entwicklungsgeschichtlichcn Bildungsweisen der bewunderungswürdigen Linienformationen gebaut. Dieselben werden sich noch besser begründen und prüfen lassen, sobald die Genannten ihren Plan zur Ausführung bringen, die Herstellung einer Photographischen Karte der Mond- Oberfläche in einem Maßstab von 1 Millimeter Karte für 1800 Meter Mondlandschaft, daS ist 1 Millimeter auf eine Bogensecunde Winkelmaß. Land und Leute in Transvaal. Transvaal, das schöne, südafrikanische Goldlanb, welches die jüngsten Ereignisse in den Vordergrund des Jnleresses gerückt haben und welches zu erobern James- son ausgezogen ist, liegt, trotz aller modernen Verkehrsmittel, noch immer in weiter Ferne: erst die langwierige Seereise auf Vasco da Gamas Spuren bis Ccipstadt, dann von hier ca. 2000 Kilometer Eisenbahnfahrt, bis man Johannesburg, das Centrum der afrikanischen Minenindustrie, erreicht hat. Der echt englische Comsort des dahinsausenden Ciscnbahnznges, die vortrefflichen Einrichtungen auf den kleinen Stationen mitten in der Wüstenei machen die achtundvierzigstündige Reise erträglich. Ist man um 8 Uhr abends von der Hauptstadt der Capkolonie abgedampft, dann erwacht man am anderen Morgen mitten in der „Karoo", die Freiligrath besungen. Es ist durchaus nicht die traurige, stäche, sandige Wüste, wie sie sonst in unserer Vorstellung erscheint: von allen Seiten tauchen die Hügel auf, seltsame, fast geometrisch geformte Würfel, Pyramiden, Kegel, dazwischen breite Thäler, durch die ein Wasserlauf träge dahinkriecht. Die Luft ist seltsam trocken, die gesündeste der Welt, wie einige versichern, von wunderbarer Klarheit, die alles Ferne mit scharfen Kontouren in die Nähe zu rücken scheint. Eine nicht reiche, aber kräftige Begedation, Eichen und Mimosen begleiten die Wasserlänse. In Hunderten von Details sieht man die Mischung von Civilisation und Barbarei. Hier ein englisches Collage mit eleganten Erkerfenstern und einem ,Mannis xronnä", daneben eine Kafsernhütte — ein in der Sonne getrockneter Hansen Koth. Korrekte englische Eisenbahnbeamte, Gruppen von phantastisch kostnm- irten Negern, alte Holländerinnen mit Kopfschmuck, wie man ihn auf den niederländischen Bildern sieht, sitzen beim Büffet der Stationen, aber längs des Zuges laufen schlanke, schwarzglänzende Tauagrasigürchen in farbigen Röcken mit krausem Haar aus und ab, den Passagieren Früchte und Blumen anbietend . . . Am zweiten Morgen wechselt die Dekoration. Der Gesichtskreis ist weiter, die Berge laufen in sanften Wellen aus, man ist im „Vcldt", im endlosen Feld, das sich durch die beiden Bauernrepublikcn Oranje und Transvaal hinzieht. Man hat auf der Reise Zeit, sich in Vloemfoillein, der Hauptstadt der Oraujerrepublik, umzusehen. Ein bescheidener, netter, holländischer Marktflecken, diese „Nesideuz" mit ihren zweitausend Einwohnern, mit den kleinen, netten Häusern, deren jedes den dekorirtcn niederländischen Giebel zeigt, mit breiten Straßen, reichen Blumen- und Obstgärten. Blonde Niesen mit Nem- brandt'schcn Filzhüten rauchen bedächtig ihre Pfeifen und zeigen den Fremden mit Stolz das „Palais" des Präsidenten, den „Nolksraad", die Bank, die Post und das „schönste Museum von ganz Afrika". Die größte Merkwürdigkeit darin ist ein großer Steil» mit seltsamen Hieroglyphen; zur Zeit, da Bloemfontein noch nicht epistirte, war dieser Stein das — Standesregister der „Trekkers", der ersten Boers, welche mit ihrem Ochsengespann jenseits des Oranjeflnsses dahinzogen. Um diesen Stein sammelten sich die Auswanderer, wenn eine Hochzeit gefeiert wurde, und die Zeugen schnitten mit dem Meißel ihre Namen in den Block. An patriarchalische Zeiten erinnert auch die Festung: eine Nedoute, welche die ganze Artillerie des Staates, sechs Kruppgeschütze und zwei Maxim-Mitraillensen beherbergt. Die „Garnison" — 60 Mann! — erhält den Artillerie- Park in echt holländischer Blankhcit und Nettigkeit, genau so wie ihre der preußischen nachgemodelte Uniform. Schon eine Stunde, bevor man Parkstation, den Bahnhof von Johannesburg, erreicht, fährt der Zug unaufhörlich zwischen zwei Reihen von Fabriken; im Morgenzwielicht ragen die Schornsteine gleich Gespenstern in die Luft, dazu ein Gewirr von Gebäuden und Gerüsten, Schupfen aus Wellenblech, Telegraphen und Telephon- drähte, ungeheure Hansen von Schutt, Rauch, Lärm und Stampfender Goldmühlen, Negertrupps, die zur Arbeit ziehen — das ist die Staffage der „Königin von Wit- watersrand," des Landes, „wo die weißen Wasser fließen," der Hauptstadt des Goldlaudes. Hat man mit großer Mühe ein halbwegs erträgliches Hotel gefunden — die gewöhnlichen Reisenden, vom Goldfieber verzehrt, fragen nicht viel nach Bequemlichkeit — so ist die Stadt sehr bald besichtigt. Banale Häuser, breite Avenuen mit häßlichen Gebäuden, die Straßen »»gepflastert, beinahe noch in jenem Zustande, wie sie vor sechs Jahren, als die Stadt entstand, in der Prairie abgesteckt wurden, und nur hie und da sieht man Neger, welche auf der Straße Quarzschutt abladen, für den Macadam der Zukunft. Doch wozu sich über solche Kleinigkeiten aufhalten, wo sonst diese Stadt in Afrika ganz — amerikanisch ist! Sie ist wie ein Pilz aus dem „Veldt" gewachsen vor nicht mehr als 6 Jahren; heute zählt sie über 70,000 Einwohner. Und sie entstand Hunderte Kilometer fern von jeder Civilisation, jeder Stein, jede Eisentraverse der Häuser, jedes Möbel und auch das Miuengeräth, alles, alles bis auf die Lebensmittel mußte von außen kommen und das obendrein mit Ochsengespannen, da es noch keine Eisenbahn gab. Johannesburg ist ein Wunderwerk menschlicher Geduld und Energie, oder hat nur „auri sasra kam so", der von Ovid verpönte Golddurst, die Stadt gebaut? Als ein französ. Reisender mit einem Freunde über den Johauuesburger Marktplatz ging, stampfte der Begleiter des Franzosen aus den Boden. „Sie staunen", rief er, „über den Reichthum von Johannesburg? Hier, hier unten ist Gold. Diese Stadt ist auf Gold gebaut!" Diese Idee des Goldes verfolgt einen unaufhörlich, auf der Straße, im Hotel, im Restaurant, überall hört man nur von Gold, von Minenaktien, von ihrem Kurs in London und Paris, von Leuten, die in den Minen reich geworden. Da hört man von „olaims" (viaim" ist die Einheit, nach welcher die Goldfelder gezählt werden), welche vor drei Wochen vier Pfund Sterling kosteten und heute 80; dieser kleine Schneider hat vor dem „boom", vor dem Goldficber, eine verlassene Farm gekauft, für die er neulich 150,000 Pfund bekam, und der Mann bleibt Schneider aus Passion. Die Vermögen wachsen wirklich so rasch, wie die Stadt; ein Mann, der vor einem Jahre nach Johannesburg kam erzählte einem französischen Schriftsteller, er habe 40,000 Pfund durch Spekulation gewonnen; dann besitze er vlaims in Nicdfontein, für welche er ein Angebot von 30,000 Pfund ausgeschlagen. Aber an den „olaims", die er auf „ Llaolc-rssl" besitze, hoffe er Vermögen zu machen. Und als der Franzose rief: „Vermögen? Sind denn 40,000 Pfund nichts?" da sagte der Mann lächelnd und überzeugt: „Das ist kein Vermögen. Wer bei uns keine 80,000 Pfund „wert" ist, der ist nicht reich." Niemand kann dieser ewigen Vision des Goldes entgehen und nur ein alter Löwenjäger und die Heilsarmee sind in Johannesburg frei davon, sonst hängt alles am Gold, die Armen wie die Reichen. (Schluß folgt.) -»GrWES--- Himmelsschan im Monat Februar. —X. Merkur 8 kommt am 8. in die untere Sorrnenconj. und diesseits der Sonne und steht morgs. niedrig in SO. Venus tz geht im Schützen und Steinbock vorwärts, ist am 9. nördlich von MarS und geht 5 U. 80 M- früh auf. Mars kommt nach 6 U. morgs. über den östlichen Horizont herauf, ist aber noch sehr lichtschwach. Jupiter A ist sehr hell, erreicht um Mitternacht die größte Höhe und ist die ganze Nacht im Krebs sichtbar. Saturn H in der Waage geht nach 1 N. nachts auf und erreicht zwischen 6 U. und 5 U. früh den Meridian. In Mondnahe befinden sich Saturn am 6., MarS und Venus am 10., Merkur am 12., Jupiter am 26 Vom Monde bedeckt wird Antares am 7. nachm. 4 Uhr», Regulus am 28. früh 3 Uhr. Vom 2. bis 4. Februar läßt sich das Zodiakallicht am westlichen Himmel zwischen 7 U. und 9 U. abds. beobachten. Am 28. Februar findet eine sichtbare Mondfinsterniß statt. Sie beginnt 7 U. 16 M. abds. am Ostrand und endet 10 U> 16 M. am Nordwestrand. Die größte Verfinsterung, bei der 0'875 des Mond-Durchmessers bedeckt wird, tritt ein 8 U. 46 M. abds. Scherzräthsel. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 7: Weiß. Schwarz. 1. K. L4-L5 . beliebig. 2. D. oder S. Matt. M 1v. „Augsburger PostMung". Dinstag, den 4. Februar 1896. Für die Redaction verantwortlich: Or. Theodor Müller in Augsburg. Drua und Berlag deS litterarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler). Die Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Benno. (Fortsetzung.) 7. Ende April 1632 hielt Wallenstein über 214 Schwadronen Reiterei, 120 Fahnen Fußvolk, 44 Kanonen und 2000 Wagen eine Heerschau, und acht Tage später erschien er mit dieser Armee am weißen Berge bei Prag. Der Kurfürst von Sachsen und dessen Fcldmarschall Arnim hatten bereits die böhmische Hauptstadt verlassen, und die zurückgebliebene schwache Besatzung hegte nur geringe Hoffnung, den Platz zu behaupten. Schon am 4. Mai eröffneten die Kaiserlichen vom weißen Berge aus das Feuer, und Tags darauf stürmten die Regt menter Grana, Wallenstein und Terzky — bei letzterm befand sich Georg Selkow — die Stadt und drangen durch die gebrochenen Mauern. Die sächsische Besatzung zog sich in den Hradschin zurück und streckte zwei Tage später die Waffen. Wenige Tage nachher war der Herzog von Friedland Herr von ganz Böhmen. In Eger vereinigte er sein Heer mit den Truppen des Kurfürsten Maximilian von Bayern, welcher nachgedrungen sich der Forderung Wallenftetns's fügte, daß',bei allen gemeinschaftlichen Operationen der Oberbefehl ausschließlich durch diesen geführt wurde. Nunmehr stand der kaiserlichen Sache ein Heer von mehr als sechzigtausend Mann zur Verfügung, eine Macht, mit welcher Gustav Adolph's Streitkräfte sich kaum messen konnten. Er verschanzte sich bei Nürnberg, und Wallen- stetn bezog der Stadt gegenüber ebenfalls ein befestigtes Lager. Nachdem ein Sturm der Schweden auf letzteres mißlungen war, beschloß der König, weil bei der Ansammlung so vieler Menschen auf engem Raum all- mählig die Lebensmittel auszugehen drohten, die Stadt zu verlassen. Mit klingendem Spiel zog er am 8. September 1632 an dem friedländischen Heere vorüber, ohne daß Wallenstein ihn zu verhindern versuchte. Vier Tage lang blieb der Friedländer ruhig in seinem Lager, dann zog er, vom Kurfürsten sich trennend, durch das Bam- bergische und Coburgische nach Sachsen. Der größte Theil der Wallenstein'schen Streitmacht hatte sich in und um Lützen gelagert. Der Abzug des Heeres in die Winter-Quartiere stand bevor. Marketender, Händler, Gaukler, Juden, Musikanten und andere derartige Leute, welche geneigt waren, den Soldaten das Geld abzunehmen, fanden sich massenhaft ein und begannen ihre Thätigkeit zu entfalten. Auf einer weit ausgedehnten Wiese ganz in der Nähe Lützen's stand ein Marketenderzelt, das sich eines zahlreichen Zuspruchs erfreute. Alan brauchte sich darüber nicht zu verwundern; war doch der Eigenthümer, Monsieur Leferrier, ein gar freundlicher Mann, der einen Spaß zu machen verstand, und Marion vollends, die flinke Aufwärterin, hatte es mit ihren schwärmerischen Augen schon mehr als einem der leichtlebigen Herren im bunten Rock angethan. Zu den Gästen gehörte auch ein Mann, dessen tiefschwarzes Haupthaar zu dem hellrothen Bart einen auffallenden Gegensatz bildete. Er trug Offiziers-Kleidung und am Hut einen silbernen Stern mit blauseidener Schleife, zum Zeichen, daß er sich im Staffetten-Dienst des Herzogs von Friedland befand. Man konnte nicht sagen, daß er sich einer besonderen Aufmerksamkeit von Seiten Marion's erfreut hätte; im Gegentheil, daS Mädchen wich ihm so viel als möglich aus; dagegen stand er offenbar bei Leferrier in besonderer Gunst. Die Beiden saßen beim Zwielicht des November- Abens in vertraulichen Gespräche beisammen. Marion befand sich in einiger Entfernung an einem kleinen Tischchen und kam nur ab und zu in die Nähe der Männer, um einen ausgesprochenen Wunsch zu erfüllen. „Trinkt, Freund," mahnte Leferrier und schenkte aus einer großen Flasche das vor dem Nachbar stehende Glas voll, „trinkt, mein lieber Donald oder Devereux, wie Ihr Euch nennt! Wozu führt Ihr denn eigentlich zwei Namen? Weiß der Henker, mir ist es oft an dem einen zu viel!" Der Rothbart nahm einen tüchtigen Schluck. Dann erwiderte er: „Das will ich Euch sagen, Herr. Es ist nur eine kurze Geschichte, aber doch traurig genug. Meine Mutter, eine geborene Donald, hatte von ihren schnell hintereinander gestorbenen Eltern nicht nur ein hübsches Gesicht und fleißige Hände, sondern auch einen wohl- gefüllten Tuchladen geerbt. Dies stach meinem Vater, dem auf Halbsold gesetzten Lieutenant Devereux in die Augen, und er heirathete sie. Eine Zeit lang ging die Sache ganz gut. Bald aber wurde dem verwöhnten Offisier das Hantiren mit Ellenmaß und Scheere zu langweilig, und er suchte die lustigen Gesellschaften von- — 70 - früher wieder auf. Die Mutter machte Vorstellungen; es half nichts. Im Gegentheil: der Durst des Herrn Papa nahm mit jedem Tage zu. Im gleichen Maße ging die Wirthschaft zurück. Bei dieser Wahrnehmung zog die Mutter ernste Saiten auf, wozu sie um so mehr ein Recht hatte, als indessen meine Wenigkeit angerückt war — olles umsonst. Es gab häufig sehr böse Auftritte, wobei mein betrunkener Vater sich einmal thatsächlich an der Mutter vergriff, und zwar in einer Weise, daß sie von der Stunde an kränkelte und schließlich den Folgen erlag. Damit verlor der Vater den letzten Halt und kam schon ein Jahr später in einem Raufhandel um. Wie Ihr seht, habe ich keinen Grund, besonders stolz auf ihn zu sein, und Jedermann wird es begreiflich finden, daß mir der Name meiner Mutter besser gefällt. Ich führe denselben auch aus Anhänglichkeit für meinen Onkel Lcßlie, der Vaterstelle an mir vertrat und der sich zuweilen auch Donald schreibt. Ohne die Hilfe dieses braven Mannes wäre ich wahrscheinlich zu Grunde gegangen. Er hat mich gleich nach dem Tode der Mutter nach Deutschland geholt; er sorgte für meine Erziehung und machte mich zu dem, was ich jetzt bin. Deshalb ergreift wich auch jedesmal eine maßlose Wuth, wenn ich daran denke, wie dieser Herzog von Friedlano mit dem Onkel verfuhr. Jahre lang hat Leßlie ihm mit seltener Treue gedient; aber statt Anerkennung wurde ihm von dem stolzen Herzog der schwärzeste Undank zu Theil." „Das alte Lied", sagte der Franzose mit einem verächtlichen Lächeln; „es ist einmal so: Jeder sorgt nur für sich. Wir Beide und viele tausend Andere ändern das nicht. Wozu auch? Es ist am vernünftigsten, man schwimmt mit dem Strom und nimmt die Menschen so, wie sie sind. Ihr könnt zufrieden sein: die Zukunft liegt verheißend vor Euch I" „Die Zukunft und immer die Zukunft", brummte Donald unmuthig; „wann wird es endlich einmal die Gegenwart sein?" „Nicht so ungeduldig", mahnte Leferrier leise; „sei es noch ein bis zwei Jahre, dann sind wir am Ziel! Nur Augen und Ohren hübsch offen halten, damit man den richtigen Augenblick nicht verpaßt. Es spinnt sich etwas zusammen, wie aus einem mir vom Cardinal zugekommenen Wink hervorgeht!" Ein heiseres Lachen drang zwischen den bärtigen Lippen Donald's hervor. „Allen Respect vor Eurem Cardinal", sagte er dann; Paul Krüger, Präsident der südafrikan. Republik. „Nichelieu's Angelegenheiten ,'gehen mich zwar selbstver- ttändlich . nichts an, aber meine Verwunderung darf ich über seine Manöver doch äußern. Er verfolgt die Ketzer in Frankreich und steht in Verbindung mit den Fein- , den des Kaisers, der doch die Sache des Papstes und ! des katholischen Glaubens verficht." j „Wundert Euch das?" entgcgnete Leferrier. Richelieu ist in erster Linie Franzose und dann erst Cardinal. ^ Frankreichs Interesse aber verlangt die Ausrottung der Hugenotten ebenso wie die Schwächung der Habsburgischen Macht. In den Mitteln zum Zweck darf ein Diplomat nicht wählerisch sein, und daß Richelieu den Namen eines solchen verdient, ist genugsam bekannt. Die Größe seines Vaterlandes ist für ihn Lebenszweck. Es ist ihm augenblicklich sehr viel daran gelegen, ein Zusammenwirken Maximilian's mit dem Herzog von Friedlaud zu hintertreiben; überhaupt soll Letzterer für den Kaiser keine allzu großen Vortheile erringen, damit das Gleichgewicht der Parteien gewahrt bleibt. Das sind diplomatische Kunstgriffe, Freund, die unser Staatsmann wie kein Anderer versteht. Ihr seht übrigens, wie Aehnliches auch inDeutsch- land geschieht. Haben nicht auch protestantische Fürsten zu Wallenstein'sHeerContingente gestellt? Warum? Sie sahen für sich einen größeren Vortheil dabei. Mein lieber Donald, Ueberzeugungstreue ist ein sehr schönes Wort. Man braucht es auch vielfach, aber nur mit der Zunge oder allenfalls auf dem Papier. Zur That wird es nie! Daher kommt es, daß das Wörtchen sich nicht abnutzt. Doch lassen wir derartige Betrachtungen denen, derenHandwerksie sind, und ziehen wir für uns einfach eine Lehre daraus. Wir dürfen beim Cardinal auf reichlichen Dank und Erkenntlichkeit rechnen, das sei uns genug. Alles Weitere hängt von unserer eigenen Klugheit abl" „Ihr habt Recht", schmunzelte Donald; „seien wir. wie die großen Herren, auch — diplomatisch! Mir gilt es wenigstens vollständig gleich, ob wein Arm der Bibel oder dem Rosenkranz dient, wenn ich nur dem übermüthigen Herzog ein Bein stellen kann und die Belohnung der Arbeit entspricht." „Diese soll Euch werden", versicherte der Franzose, „in vollem Maße und bald! Setzt mich nur, wie seither, von allem, was bet dem Friedländer 'vorgeht, in Kenntniß, auch wenn es Euch als nicht besonders wichtig erscheint; und solltet Ihr je einmal in die Lage 71 kommen, durch unmittelbares Eingreifen einen entscheidenden Schlag führen zu können, so säumt nicht. Das Ziel ist Euch bekannt; je eher wir es erreichen, desto besser für Euch. Daß Ihr der vollkommensten Verschwiegenheit versichert sein dürft und im Nothfall an uns einen Hinterhalt findet, versteht sich von selbst." „Hoffentlich!" stieß Donald heftig hervor. „Ich riskire ohnehin meinen Kopf, der mir keine vierundzwanzig Stunden mehr zwischen den Schultern sitzt, wenn ein unbefugtes Ohr etwas von unserem Handel erlauscht. Doch Marion's Augen haben es mir einmal angethan! Für diesen Preis schlösse ich mit dem Teufel selbst einen Pact!" Ein zufriedenes Lächeln spielte um Leferrier's Mund. „Ich gebe Euch die Versicherung", sagte er und drückte Donald die Hand, „wenn wir klug und vorsichtig sind, läuft die Sache zu unser Aller Zufriedenheit ab. Was den letzten Punkt anbetrifft, so habt Ihr mein Wort! Leferrier rief Marion an den Tisch. „Setz' Dich", befahl er, „und plaudere ein wenig; Du mußt Dich ohnehin allmälig an die Gesellschaft des Herrn Wachtmeisters gewöhnen, der Dir durch seine Werbung eine große Ehre erweist." Das Mädchen theilte diese Anschauung offenbar nicht. Sie warf dem Onkel einen Blick zu, der wenig Neigung für dessen Wünsche verrieth. Sie bezwäng sich jedoch und schwieg. Marion war noch immer die blendend schöne Erscheinung wie bei ihrem ersten Auftreten in Großmese- ritsch, nur lag jetzt in den großen Augen statt des herausfordernden Selbstbewußtseins ein zurückhaltender Ernst. Donald brachte ihr sein Glas entgegen. Sie setzte es an den Mund und nippte ein wenig; dann zog sie sich, trotz der Aufforderung Leferrier's zum Bleiben, wieder an ihr Tischchen zurück. Ein Schatten flog über das Gesicht des Wachtmeisters, der seinen Zorn nur mit Mühe bezwäng. „Geduld", flüsterte der Franzose, „wir machen das Täubchen schon kirre, wenn es sich auch zu sträuben versucht. Mademoiselle muß sich fügen, sie ist in meiner Gewalt!" Die Ankunft neuer Gäste unterbrach das Gespräch. Leferrier erhob sich, um seiner Pflicht als Wirth nachzukommen, und Donald lehnte sich, Marion's Bewegungen folgend, mit halbgeschlossenen Augen in seinen Sessel. Da sah er, wie eine hohe Gluth über das Antlitz des Mädchens sich ergoß. Sie hatte einem jungen Manne, der das Gewand des herzoglichen Leibjägers trug, ein Glas vollgeschenkt. Gleichzeitig vernahm er Leferrier's Stimme, der dem neuen Gaste zurief: „Ah, ah, Monsieur, hier treffen wir uns? Das ist recht schön! Ich dachte unterdessen oftmals an Euch, wenn Ihr mir schon in Großmese- ritsch, Eurem Versprechen entgegen, nicht die Ehre eines Besuches geschenkt habt." Donald sprang ungeduldig empor. Er stieß durch seine hastige Bewegung den Stuhl um, so daß ihm in Folge des dadurch verursachten Gepolters die Antwort des Leibjägers entging. Dagegen bemerkte er, wie Marion mit glühenden Wangen und strahlendem Blick vor dem jungen Mann stand, der ihre Hand in der seintgen hielt. Rasch trat er vor. Er drängte das Mädchen unsanft zur Seite und schaute in Georg Sel- kow's Gesicht. „Alle Teufel", rief er und suchte seine eifersüchtige Wallung unter der Maske freudigen Erstaunens zu verbergen, „Ihr seid es, Herr? Euch hätte ich hier in der That nicht gesucht!" Auch Georg erkannte den Wachtmeister wieder. Mit herzlichem Gruße reichte er ihm die Hand. Da Donald jedoch im gleichen Augenblick der sich abwendenden Marion folgte und sich dadurch einer weiteren Ansprache entzog, setzte er die begonnene Unterhaltung mit Leferrier fort. „Fast hätte ich Euch in dieser neuen Verwandlung nicht mehr erkannt", sagte er. „Warum habt Ihr denn das schimmernde Harlekinskleid mit der Aufwärterschürze vertauscht?" Leferrier lachte. „Ich biv ein unruhiger Kopf, müßt Ihr wissen", entgegnete er; „auch gefiel mir die angeworbene Gesellschaft nicht mehr. Um sie mir mit Anstand vom Halse zu schaffen, zog ich mich von der Künstlerlaufbahn zurück. Ganz ohne Beschäftigung mochte ich nicht sein; deshalb habe ich die Gelegenheit zum Ankauf dieser'Bude benutzt." Ein Streit, der zwischen zwei Gästen im Hintergründe des Zeltes ausbrach, lenkte die Aufmerksamkeit des Franzosen dahin. Er eilte fort, und der wieder herantretende Wachtmeister nahm seinen Platz ein. „Ihr wäret wohl indessen in Großmeseritsch nicht mehr auf Besuch?" fragte Georg diosen in übermüthigem Ton. Donald fühlte recht gut den Spott. Sein Antlitz verfinsterte sich, und aus den halbverschleiertcn Augen traf den jungen Mann ein feindseliger Blick. Dennoch sagte er möglichst gleichgültig: „Wie kommt Ihr zu dieser Frage? Soviel ich mich erinnere, sprach ich eine derartige Absicht Euch gegenüber nicht aus, eher das Gegentheil ! „Ja, ja, Ihr habt Recht", fiel Georg ihm lachend in's Wort. „Eure Wuth auf Großmeseritsch und dessen Bewohner hat mich damals nicht wenig in Erstaunen versetzt. Nachher erfuhr ich freilich so manches, das mir über Euere Verstimmung Aufklärung gab. Es ist eben ein schlechter Spaß, wenn ein zuversichtlicher Freier mit einem Korbe abziehen muß." Der Zorn trieb Donald das Blut bis an die Schläfen hinauf, und seine Hand hatte unwillkürlich den Griff des Degens erfaßt. „Nehmt Euere Zunge in Acht, Herr", sagte er mit heiserer Stimme; „Ihr möchtet sonst Euern Vorwitz bereuen. Spott ertrage ich nicht und am allerwenigsten von Euch. Ihr wißt wohl warum! Nicht Jeder darf ernten, wo ein Anderer gesäet hat!" Damit wandte er sich ab und kehrte zu seiner Flasche zurück. Georg war über die Antwort verblüfft und zum Theil auch beschämt. Er sah ein, daß er den Mann ohne Grund gereizt hatte. Ueberdieß begann er zu ahnen, daß der Wachtmeister bezüglich der letzten Ereignisse in Großmeseritsch auf dem Laufenden war oder doch wenigstens genug wußte, um ein unangenehmer Gegner zu sein. Einlenkend suchte er die Unterhaltung mit Donald wieder aufzunehmen, doch dieser wich ihm geflissentlich aus. In seiner Verstimmung wandte der Leibjäger sich wieder an Marion, die ihm in ihrer einfachen Kleidung fast noch reizender als in dem frühern gleißenden Prunke erschien. Vor den freundlichen Augen des Mädchens hielt sein Aerger nicht Stand. Mit großer Befriedigung machte er dabei gleichzeitig eine Entdeckung, deren kluges Ausnutzen ihn für die durch den Wachtmeister erlittene Niederlage zu entschädigen versprach. Die begehrlichen Blicke, mit welchen jener Marion verfolgte, entgingen ihm eben so wenig, als dessen eifersüchtiger Grimm, wenn das Mädchen ihn zu bevorzugen schien. Georg fand den Zusammenhang sofort heraus und leitete seinen Angriff gegen den Wachtmeister auf dieser Grundlage ein. Er wußte dem Gespräch, auf welches das Mädchen mit unverkennbarer Freude einging, unter geschickter Benutzung der flüchtigen Bekanntschaft in Großmeseritsch eine so anzügliche Wendung zu geben, daß ein hoffnungsvoller Freier die Fassung verlieren mußte. In der That kam Donald durch das bos- hafteManöver auSRand und Band. Er wurde bald roth, bald blaß und schien nur auf eine Gelegenheit zum Losbrechen zu warten. Marion nahm von dieser Stimmung ihres angehenden Bräutigams anfangs gar keine Notiz, und Georg hatte seine helle Freude daran. Er war wiederganz in seiner übermülhigenLaune und dachte nicht mehr an jene furchtbare Lehre, die ihm vor dem Block des Scharfrichters ertheilt worden war. Da donnerte ein Kanonenschuß, das Zeichen für die Offiziere, welche die Nachtwache antreten mußten. Georg verabschiedete sich von Marion, rief dem Wachtmeister lachend einen kurzen Gruß zu und verließ das Gemach. Donald schaute ihm mit drohendem Blicke nach. Dann forderte er Leferrier auf, an seiner Seite Platz zu nehmen, und sprach längere Zeit leise, aber aufgeregt und eindringlich mit ihm. Nach einer Weile trank er seine Flasche leer und schritt, ohne von Marion Abschied zu nehmen, ebenfalls in's Freie hinaus. Es war indessen vollständig dunkel geworden. In weitem Umkreise beleuchteten zahllose Wachtfeuer die Landschaft, über welche wie eine schimmernde Kuppel das sternenbesäete Firmament gespannt war. Ein trockenkalter Wind blies von Norden her und trieb die Rauchwolken, welche riesigen Gespenstern gleich durch die Luft schwebten, gegen die Stadt. Donald schritt langsam über den Plan. Rachsüchtige Gedanken kreuzten sich in seinem Gehirn. „Habe ich darum", grollte er, „mich selbst, meine Ruhe, meine Zukunft und vielleicht noch mehr geopfert, damit mir ein Lasse den Preis streitig macht? Es ist ein gewagtes Spiel, zu dem ich die Hand bot, und bis zu dieser Stunde hatte ich davon nur Aerger und Zorn. Aber es soll und muß ein Ende nehmen; die, fortwährende Aufregung ertrage ich nicht länger. Zum zweiten Male tritt dieser Selkow mir nun in den Weg. Der junge Herr kennt mich noch nicht! Er glaubt meiner spotten zu dürfen; denn daß keine ernstliche Absicht hinter dem Schönthun mit Marion steckt, begriff ich sofort. Aber ärgern lasse ich mich von einem solchen Gelbschnabel nicht. Er mag sich in Acht nehmen, denn Donald- Devereux ist nicht der Mann, den man ungestraft reizt!" Er hatte das Absteigquartier des Herzogs von Friedland in Lützen erreicht und begab sich in das Zimmer, welches für dieStaffet- tenreiter bestimmt war. Dort traf er einen Kameraden, der in der schlechtesten Stimmung auf und ab ging. „Ist das eine Heidenwirthschaft I "tobte jener, als er Donald erkannte; „reite ich heute mit etnerDepesche vonMerse- burg her meinen Gaul fast zu Schanden, und wie ich in Schweiß gebadet ankomme, läßt man mich zwei svolle StundeiHnicht vor. Ich solle aufLescheid warten, hieß es dann, und ja dasHausnicht verlassen; nun warte ich wieder seit mehr als drei Stunden umsonst. Ohne Zweifel steckt wieder der Schwarzkünstler Seni dahinter, der uns mit seinen Teufeleien sicher noch einen schlimmen Streich spielt. Es geht etwas vor; inMerseburg hörte ich, der Schwede sei uns auf den Fersen. Das wäre eine schöne Bescheerung, nachdem Pappenheim und die Bayern fort sindl Geheuer ist es nicht; ich glaube sogar, daß meine Depesche mit diesem Gerüchte in Zusammenhang steht. Und hier schaut man, statt zu handeln, zu Mond und Sternen hinauf." < In diesem Augenblicke kam ein größerer Reitertrupp vor das Haus angesprengt. Sporen klirrten und schwere Tritte dröhnten die Treppe herauf. Wenige Minuten später erschien ein Page, der sämmtliche verfügbare Staffettenreiter und Leibjäger, zu dem Herzog befahl. 8 . Die Vermuthung des Staffettenreiters, daß der Astrologe Seni und dessen Kunst die^, Schuld ^'an der Vernachlässigung seiner Depesche trügen, traf wirklich 'zu. In dem Observatorium Wallenstein's Professor Itr. W> Röntgen. 73 herrschte seit der verwichenen Nacht eine Aufregung und Spannung, wie man sie dort schon lange nicht mehr gekannt hatte. Sent legte sich erst bet Tagesanbruch für einige Stunden zur Ruhe. Wallenstein dachte an keinen Schliff; seine fieberhafte Aufregung lieh eS nicht zu. Ein Ereigntß, das mit allen seitherigen Prognosen, Constellationen und Systemen in Widerspruch stand, hatte die beiden Astrologen am vergangenen Abend in tiefe Bestürzung versetzt: das plötzliche Auftauchen eines ganz neuen, bis jetzt noch nicht beobachteten^SterneZEim Bilde des Mars. Sowohl der Herzog selbst als auch Seni hatten das Phänomen ganz deutlich erkannt, welches bis nach elf Uhr zuerst in stark röthlicher Färbung und von da an mit abnehmenderStärke am Himmel strahlte, wo es plötzlich verschwand. Seni hatte im Laufe des TageS die Aufzeichnungen und Werke des Pto- lemäus,Copernicus, Cardanus, Tycho de Brahe, Galilei und Kepler nach allen Richtungen durchstöbert, um über den unbegreiflichen Fall eine Auskunft zu finden. Seine Mühe war lange vergeblich gewesen, bis er endlich beiCardanus die Notiz fand, daß manchmal planeten- artige Himmelskörper plötzlich erscheinen, kürzere oder längere Zeit sichtbar bleiben und wieder verschwinden, ohne daß trotz der umfassendsten Forschungen das Räthsel ihrer Existenz und ihres Wesens durch dieGe- lehrten gelöst worden sei. Diese Auskunft genügte Seni um so mehr, als er durch die unbestimmte und allgemeine Haltung des Verdicts, seinen eigenen Wünschen und Interessen entsprechend, zu den weitestgehenden Hypothesen und Folgerungen freien Spielraum bekam. Wallenstein war in die wichtige Sache so sehr verliest, daß alles Andere bei ihm in den Hintergrund trat. Der Abend brach herein, und immer noch war er mit Seni in dem Observatorium beschäftigt. Er hatte sich den Tag über kaum etwas Speise nnd Trank vergönnt. Es wurden großartige Vorrichtungen für eine genaue Beobachtung des wieder erwarteten Sternes getroffen, dessen Bedeutung zu ergründen der Astrologe sich den scharfsinnigsten Voraussetzungen hingab. Die Depesche, welche der Staffettenreiter gebracht, hatte in der That von dem Herannahen der Schweden gehandelt; da sie aber nur eine Vermuthung und keine bestimmte Nachricht enthielt, war sie auf die Seite gelegt worden. Endlich^,schien Seni zu einem Resultat grkommen zu sein. Mit feierlicher Miene trat er zu seinem Herrn. „Hoheit", begann er, „preist dasSchick- sal, welches Euch zu seinem Liebling erkor. Dieser Stern ist das Symbol einer Wendung, die mit großartigem Erfolge beginnt. Sein röthlicher Schimmer bedeutet, daß dieszwar durch StrömeBlutes geschieht, sein herrlicher Glanz aber weist auf den unsterblichen Ruhm hin, der als Lohn für das Geopferte winkt." Mit leuchtenden Augen nahm der Herzog diese Verheißung entgegen. Seine anfängliche Bestürzung war all- mältg geschwunden, und ähnliche Gedanken hatten bereits seine Phantasie aufgeregt. „MögetJhrRecht haben, Meister", sagte er und drückte den Astrologen mit überwallenden Gefühlen anseineBrust „möge dieser Stern ein Glückszeichen, sein; dann werdet Ihr erfahren, was dcrHerzogvonFried- land der Welt zu bieten vermag!" Er nahm das Papier mit den Aufzeichnungen Sent's an sich und las sie aufmerksam durch, da wurde er durch ein ungewöhnliches Geräusch in dem Vorzimmer gestört. Der Page, welcher beauftragt war, nur ganz dringende Angelegenheiten zu melden, trat ein und berichtete, daß mehrere Reisige den Feldherrn augenblicklich zu sprechen verlangten. „Warten", gab Wallenstein kurz zur Antwort und fuhr in seiner Beschäftigung fort. (Fortsetzung folgt.) —— gZ Damenhand, mit Hilfe USnIgenscher Strahlen photographtrt. Oberelchingen und sein ehemaliges Kloster. "Mit Illustrationen. (Schluß.) Fortan litt das Kloster unter fortwährenden Einquartierungen und Brandschatzungcn, daß großer Mangel eintrat. Den Unterthanen gings noch viel schlimmer. Bei Tag und Nacht kündeten Feuersäulen die schwedische Mordbrennerei. Schon im Frühling des Jahres 1633 war fast alles Vieh in den Dörfern weggeraubt, daß die Bauersleute bei ver Habersaat den Pflug selbst ziehen mußten. Die Geistlichen konnten sich vor dem Haß der Schweden nur als „Handwerksleute verkleidet" halten. Im Juli kam zum Kriegselend noch eine Viehseuche, welche dem Kloster 150 Stück Klostervieh hinraffte. Im Jahre 1634 blieb das Kloster fast keine Woche ohne schwedische Einquartierung, welche den Konvent vollständig ausfraß. Und da auch den Unterthanen im's' Dorf und in der Umgebung alles geraubt öderes ruinirt war, dieselben weder säen noch ernten konnten, belagerten sie täglich die Klosterpforte, um Mmosen flehend. Der Jammer war grenzenlos. EinGlückwar es, bei aller Ueberlast der täglichen Quartiere, daß im März, April, Mai und Juni ds. Jahres der schwedische OberstWrangel (der nachmal.Feldherr) ab und zu inElchingen wohnte. Er war dem Kloster und seinem Abte ziemlich freundlich gesinnt, wenn er nicht gerade besoffen war, was freilich sehr häufig vorkam. Das Kriegselend erreichte in Ellingen und Umgebung den höchsten Grad, als im August 1634 die Heere Gustav Horn's und Bernhard's von Weimar in der Gegend von Elchingen sich vereinigten und ihre wilden Horden das arme Volk nicht nur vollends ausplünderten, sondern es auszumorden begannen. Der entsetzliche „Schwedenirunk" war jetzt an der Tagesordnung. Selbst eine „Ulmer Chronik" gesteht, daß die schwedischen Soldaten die Leute dermaßen mit dem Schwedenirunk plagten, daß manchem der Tod lieber gewesen wäre. Die meisten starben daran. „Man hat," so schreibt jene Chronik, „die armen Leut in Hölzern und Wäldern nackend an die Bäum' gebunden und teuflischen Muthwillen an ihnen verübt und andere Unthaten mehr gethan, welches vor keuschen Ohren nicht zu schreiben ist." Am 18. August Abends, als man eben die Winterfrucht gut eingeheimst hatte, überfielen die Weinmarischen Mordbrenner das Kloster. Sie schlugen die Thore ein und begannen die allgemeine Plünderung. Alle Pferde und alles Vieh wurde weggenommen. „Die ganze Nacht," so erzählt^. Botzenhard, „war ein erschreckliches Hämmern, Heulen und Jammern. Abt und Convent versammelten sich in der Abtei und machten einen Fußfall vor den Plünderern, um Gnade zu erlangen, aber je mehr sie baten, desto grimmiger wurden die Horden. „Dem Prälaten schnitten sie das rechte Ohr ab und versetzten ihm mehrere Stiche und 5 wuchtige Streiche mit Beil, Wehr und Prügel, bis er endlich den k. Botzenhard ersuchte, den Soldaten ein Gewölbe zu zeigen, und dann erschöpft von Blutverlust ohnmächtig hinsank. ?. Botzenhard zeigte nun den Soldaten in der,Custerest ein Gewölbe, wo sie sofort zu graben und zu suchen begannen. Als sie nichts fanden, schlugen sie den ?. Botzenhard, wie er selbst erzählt, halb todt, und wollten ihn endlich in die gemachte Grube werfen und lebendig begraben. Zwei Soldaten dachten menschlicher und verhinderten das Vorhaben." Alle Truhen, Kisten und Kasten in der Kirche und in der Abtei waren zerschlagen und ausgeraubt, das Ciborium war sammt den hl. Hostien abhanden gekommen, 7 Kelche, silberne Löffel und Messer, alles was Silber nur ähnlich sah, war weggenommen, so daß man am Morgen nicht mehr um 3 Kreuzer Silberwerthim Klosterfinden konnte. Alle Bühnen- und Fruchtkammern waren geleert, in der Küche alles verdorben, im Keller aller Wein „ausgelassen," dermaßen, daß man im Keller „im Wein bis über die Knoten gewaten." Am 10. August früh 9 Uhr kam ein Wachtmeister und blies Alarm. Nun brachen die Soldaten auf und verließen das Kloster. Kaum waren sie fort, „ist wieder alles schwarz hereinkommen" und haben mit sich genommen, was ihnen beliebte. Als auch dieser Trupp fort war, kamen bei 1000 Marodeurs haufenweis S Kirche in Vber-Elchingcn. -MW herein und nahmen Quaiiicr im Convent und in der Kirche. Am^6. September hörte man in Elchingen ein „erschreckliches Schießen," (Schlacht bei Nördlingen!) Nachts kam „gehling das Geschrei": es solle alles fliehen, da eine große Zahl der aus der Schlacht entronnenen Soldaten im Anzug sei. Der Konvent floh über die Donaubrücke nach Leibt in das Haus des Martin Spegelin, Bruders des Prälaten und dann nach Ulm. Hier verweigerte der protestantische Rath den Mönchen Einlaß und Aufnahme, was sie wenig verdroß, weil die Stadt mit Flüchtlingen überfüllt war. Sie kehrten hungrtg- nach Leibi in ihr altes Quartier zurück und stillten auf dem Wege mit Erbsen und Wicken auf dem Felde den Hunger. Am 10. September kehrten alle wieder in's Kloster zurück. Aber schon nach zwei Tagen kam von Günzburg die Aufforderung, der ganze Convent möge nach Günzburg kommen, da die ganze Macht des römischen Königs Ferdinand die Donau herauf gegen Elchingen ziehe. Am 13. September packten die Mönche ihren „kleinen Plunder auf ein Schiffte" und fuhren nach Günzburg, wo auch das „Schiffte" noch ausgeplündert wurde. Während des Vorbeimarsches der kaiserlichen Haupt-Armee blieben sie in Günzburg. Am 16. Scpt. kehrten vier wieder nach Elchingen zurück. Der Abt und die übrigen kamen 8 Tage später. ^Schweden ».Kaiserliche waren in's Württembergische gezogen, dafür chicanirte und brandschatzte aber nun die schwedische Besatzung in Ulm unter Oberst V.Schlammers- dorf das Kloster monatelang. Im Oktober kamen auch noch kaiserlicheTruppen und schlugen sich mit der Ulmer Besatzung herum, um Ulm zur Uebergabe zu zwingen, so daß das Kloster bald von den Ulmern, bald von den Kaiserlichen bedrängt und ge- brandschatzt wurde. Als sei es des Jammers noch nicht genug, brach im November auch noch die — Pest aus. „Ein erschrecklicher Hunger und Sterbend grassirt in dieser Gegend herum," jammert Botzenhard. Der Hunger wüthete entsetzlich in der Gegend. Ein Mann kaufte um 5 Batzen eine Roßhaut, hängte sie wochenlang auf und schnitt „partikelweis" Streifen ab, kochte sie und aß sie wie „Kuttlen." Am Pfingstfest den 27. Mai gab es im Kloster nichts mehr zu essen, als Sauerkraut, dürre Hutzeln und „armes Haberbier." Fleisch war nicht zu bekommen, und auch kein Gemüse, da fast den ganzen Mai mehr Winter- als Sommerwetter herrschte. Schädliche Reifen zerstörten die Obstblüthen, und bis zum 9. Juni mußten täglich alle Oefen geheizt werden. Am 3. Juni kam der Propst von Wettenhausen abermals in's Kloster und bettelte um Sauerkraut und dürre Hutzeln, was ihm nach Vermögen gereicht wurde. Den 17. Juni überfielen kaiserliche Reiter das Kloster und plünderten es vollständig aus. In einer halben Stunde war alles, auch was andere Leute in's Kloster geflüchtet und was mit Mühe und Gefahr durch den Winter gebracht wurde — Roß, Kühe, Hühner, Schweine rc. rc. — verschwunden. Die Mönche versteckten sich in allen Winkeln, der Abt aber wurde von den Soldaten hinter dem Apostelaltar ergriffen und rein ausgeplündert. In den Tagen vom 7. bis 23. Juli raffte die Pest im Kloster 3 Conventualen dahin, so daß nur mehr 7 Mönche im Kloster waren. Aller Gottesdienst war eingestellt, nur die hl. Messe las man noch. Endlich kapitulirte Ulm Anfang August, und das Kriegsvolk minderte sich und damit auch das Elend. Der Herbst war erträglich; man konnte wieder etwas aufaihmen und das wenige Getreide, soweit es die Soldaten nicht im Sommer abgemäht oder verdorben hatten, einbringen, was freilich im November von durchziehenden kaiserlichen Truppen wieder theilweise geraubt wurde. Das Jahr 1636 brachte eine Brand- schatzung um die andere. Dazu kam im Mai noch große Dürre und Ende des Monats verderblicherNeif — es hatte 8 Wochen lang nicht mehr geregnet, somit blühte noch ein vollständiges Mißjahr. Die Hungersnoth wuchs. Als im Juni den Soldaten ein Pferd cre- pirte, fielen die wenigen Leute im Dorf über das Aas her, zerschnitten und kochten es und aßen es mit großem Heißhunger. Da der Abt den Kaiser in Donauwörth persönlich angefleht hatte, wurde das Kloster in der zweiten Hälfte des Jahres 1636 erheblich erleichtert. Auch das Jahr 1637 war für Elchingen offenbar leidlich, da Botzenhard nur wenig aufzeichnete. Im Februar 1638 kamen Jso- lani's Croaten und hausten gewohnheitsmäßig so übel, daß Botzenhard schreibt, „wenn sie nicht bald abziehen, so müssen wir und die Bauern stamppen," d. h. laufen. Am 19. bis 22. März 1639 huldigten die Unterthanen des Neichsstifts dem neuen Abt Johann. Es waren in der ganzen Herrschaft noch 400, „für diese Zeit noch viel." Vor dem Krieg waren es 5000. Wie schrecklich haben Pest, Hunger und Krieg aufgeräumt l Das Jahr 1640 verlief ziemlich ruhig. Man hielt im Kloster am 30. September „ziemlich stattliche Kirch- weih" und konnte sogar Gäste von Ulm und Günzburg einladen. In den folgenden Jahren 1641 bis 1643 gab es wieder viel Quartier. Im Jahre 1643 allein mußte das Kloster 8830 fl. Contribution zahlen. In den letzten Jahren des Krieges 1644 bis 1648 litt das pfarrhof in Gder-Elchtngen --MUHE' -77 ^> > 76 Kloster unter fortwährenden Durchmärschen und war am Ende des Krieges vollständig erschöpft und verschuldet, daß es Waldstetten mit Häufelsburg und Oxenbrunn, Balmertshofen und Rammingen, also fast ein Drittheil seines Herrschaftsgebietes verkaufen mußte, um die drängendsten Gläubiger zu befriedigen. In der nun folgenden Friedenszeit erholte sich das Kloster allmählich, brachte es aber nie^mehr zum Wohlstände mancher anderen Reichsstifte, so daß die Zahl der Conventualen die Zahl 25 niemals überstieg. Schwere Drangsale brachten die französischen Kriege am Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts über Kloster und Flecken, namentlich der 14. Okt. 1805 —die Schlacht von Elchingen, in welcher Napoleon I. hier die österreichische Armee des Generals Mack vollständig schlug und 3 Tage später zur Kapitulation zwang. Napoleon uahm sein Hauptquartier im Kloster bis zum 21. Oktober, an welchem Tage er aufbrach. Zwei Jahre zuvor hatte die letzte Stunde des Reichs- sttftes Elchingen geschlagen. Es wurde 1803 aufgehoben, Abt Robert II. und seine Conventualen pensionirt und Elchingen und sein Gebiet dem neugebildeten bayerischen Landgerichte Elchingen einverleibt. Nach? Jahren wurde jedoch das Landgericht Elchingen aufgehoben und die Dörfer Elchingen, Thalfingen, Fahlheim, Straß und Nerstngen dem Landgerichte Günzburg zugetheilt und die Orte auf der Alb an Württemberg abgetreten. Noch lange krönte das herrliche Klostergebäude den schönen Berg und verkündete weithin des Reichsstifts alte Herrlichkeit. Am 25. Juli 1840 stürzte ein Theil der ehemaligen Klostergebäude zusammen und da auch die als Pfarr- Wohnung benützten Prälaturgebäude sich als baufällig erwiesen, so wurde das Kloster zum Abbruch verkauft und über die Ruinen im Jahre 1845 ein neuer Pfarr- hof erbaut, welcher durch seine Bauart, sowie durch seine herrliche Lage einen Vergleich mit den schönsten Pfarr- höfen der Diöccse aushält. Die Kirche, welche nach dem letzten Klosterbrande 1774 erbaut wurde, blieb erhalten als ein Denkmal früherer Zeit und gibt Zeugniß von dem frommen Eifer der Mönche für Gottes Ehre. Gegenwärtig wird sie auf Staatskosten restaurierend verspricht nach ihrer Vollendung ein herrliches Gotteshaus zu werden, welches die frommen Wallfahrer, die zur schmerzhaften Muttergottes herangezogen kommen, in die weihevollste Stimmung zu versetzen vermag. Außer der Kirche haben sich von den Klosterbaulichkeiten nur mehr erhalten dasBräuhaus, ein beliebter Ausflugspunkt der Ulmer, und das Wohnhaus des Lehrers mit einem zierlichen Thürmchen. Dasselbe bildete die ehemalige Thorkapelle zu Ehren des hl. Martinus. Alle anderen Gebäude auf dem Klosterberge stammen aus späterer Zeit. -—- Zu unseren Bildern Paul Krüger. Der seit einer langen Reihe von Jahren an der Spitze der südafrikanischen Republik Transvaal stehende Präsident Krüger ist, wie seine sofortige Niederwerfung der von den Uitlanders unter Anführung des Engländers Dr. Jameson versuchten, aufrührerischen Bewegung gezeigt hat, ein Mann von großer, staats- männischer Umsicht und thatkräftiger Entschlossenheit. In seinem persönlichen Auftreten trägt „Onkel Paul", wie er von den Boeren allgemein genannt wird, eine an Nachlässigkeit grenzende Einfachheit und eine gewinnende Freundlichkeit zur Schau, und erfreut sich darum auch im ganzen Lande einer überaus großen Popularität, die jetzt, nachdem er solch rascher Hand den englischen Eroberungsplan vereitelt, wenn möglich noch höher gestiegen ist. Dank der verständigen Regierung des autokratischen, aber patriotischen und Land und Leute genau kennenden Präsidenten Krüger hat sich die südafrikanische Republik innerhalb der letzten 10 Jahre von einem friedlich dahinlebenden Ackerbaustaat zu einem in raschestem Aufblühen begriffenen Culturstaat emporgeschwungen. Aus allen Theilen der bewohnten Erde strömt es heute nacv Transvaal, Menschen und Güter aller Nationen im Wettbewerb um die Segnungen des Goldstromes, den die ergiebige Erde nun schon seit 10 Jahren unersctöpflich ausgießt über ganz Südafrika und alle anderen Welttheile. In kurzer Zeit hat sich das Land mit Eisenbahnen von Ost nach West, von Süd nach Nord durchzogen, Telegraphenlinien durchkreuzen es in allen Richtungen. Täglich entladen an allen Stationen endlose Züge die rasch Herbeieilenden, die noch von dem Segen, ehe es zu spät ist, etwas erhäschen wollen; die Güterzüge aus drei Hauptrichtungen, von Westen, Süden und Osten, können den Bedarf an Materialien, Maschinen, Baustoffen, Lebensbedürfnissen nicht heranschleppen. Wie kräftig gesund der Kern der alten Bevölkerung, wie urstaatsmännisch die Begabung des ungelehrten, aber genialen Präsidenten Paul Krüger ist, ergibt schon die einfache Thatsache, daß diese große materielle Umwälzung sich ohne Störung in den politischen Einrichtungen vollziehen konnte, bis vor etwa zwei Jahren eine planmäßig angelegte Beunrubigung von außen in das Land getragen wurde, die jetzt durch das erfolgreiche Eingreifen des Präsidenten voraussichtlich auf längere Zeit unterdrückt ist. Professor I»r. W. Königen. Wir bringen heute das Porträt des berühmten Mannes, dessen aufsehenerregende Entdeckung wir in einem vorhergehenden Artikel (vgl. Nr. 9 des Unterhaltungsblattes 1896) bereits eingehend besprochen haben. Professor Röntgen ist von Geburt Holländer. Seine wissenschaftliche Ausbildung aber erhielt er an Hochschulen des deutschen Sprachgebietes. 1870 veröffentlichte er noch vor seiner Promotion von dem physikalischen Laboratorium der Universität Zürich aus eine Untersuchung „über die Bestimmung des Verhältnisses der spezifischen Wärmen der Luft". Die Arheit entstand auf die Anregung Aug. Kundts, der vornehmlich Röntgens physikalische Studien geleitet hat. Als Kundt 1870 vpn Zürich nach Würzburg ging, folgte ihm Röntgen dorthin, und später, als Kundt den Lchrstuhl der Physik an der neu gegründeten Universität Straßburg übernahm, wurde auch dort Röntgen, der zuvor zum Doctor promovirt hatte, sein Assistent. In Straßburg begann Röntgen als Privatdozent sür Experimentalphysik und physikalische Chemie 1873 seine Lehrthäiigkeit. Zwei Jahre später wurde er als ordentlicher Professor für Mathematik und Physik an die landwirthschaft- liche Akademie zu Hoheuheim in Württemberg berufen. Aber schon 1876 kehrte er nach L-traßburg zurück, wo er eine außerordentliche Professur übernahm. 1879 wurde er ordentlicher Professor und Director des physikalischen Instituts in Gießen. Seit 1888 wirkt er in gleicher Eigenschaft als Nachfolger Fr. Kohlrauschs, des jetzigen Directors der physikalisch-technischen Reichsanstalt, an der Universität Würzburg. — Unser zweites Bild zeigt eine Damenhand, die nach dem bereits ausführlich beschriebenen Verfahren mit Hilfe der Röntgen'schen X-Strahlen photograpbirt wurde. Die für die X-Strahlen undurchdringlichen Knochen und der Ring erscheinen auf der Photographie als dunkle Schattenbilder, während die Fleischtheile durch hellere Schatten angedeutet sind. Das Bild gibt bereits einen Begriff davon, von welch weittragender Bedeutung für die ärztliche Wissenschaft die noch in ihrem Anfangsstadium stehende Entdeckung dereinst werden kann. Krgänzimgsrälsisel. . . r g . . ck . .. ch . . t, d . . . . t . . ch g . ., D.. .e.g. ..f j..e. Sch . . t . . . ch; . e . n . . r . . f E . . e . B. s . . . h . ., T . . g s . . n . S . . a . e . . t s . ch. (B . . e . s . . d .) Auflösung des Scherzräthscls in Nr. 9: Erdreich. -EZS-- 011. Areitag, den 7. Februar 1896. Kür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbefitzer vr, Max Huttler). Die Astrotogen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Benno. (Fortsetzung.) Kaum waren einige Secunden vergangen, da kam der Page schon wieder. „Die Herren geben keine Ruhe", meldete er; „sie behaupten, eS sei die höchste Gefahr im Verzug." Gleichzeitig drang durch die halb offen gebliebene Thüre ein verworrenes Stimmengesumm in das astrologische Zimmer herein. „Gustav Adolf", „die Schweden", unterschied man deutlich zwischen andern unverständlichen Worten. Wallenstein hob betroffen das Haupt. Er legte das Papier weg und trat einen Schritt vor. „So sollen sie kommen", befahl er. Der Page verschwand, und drei Offiziere, von denen zwei der Piccolominischen Abtheilung und einer dem Terzky'schen Corps angehörten, traten herein. Ihre erhitzten Wangen und die bestaubten Kleider thaten kund, daß sie einen scharfen Ritt gemacht hatten. „Hoheit", nahm einer derselben das Wort, „die Schweden ziehen in hellen Haufen an der Saale herauf. Ihre Vorhut hat Nanmburg schon heute Mittag passirt und dürfte jetzt in WeißenfelS sein. Bis morgen früh steht Gustav Adolf vor uns!" Wallenstein erschien über diese Nachricht im ersten Moment ernstlich verblüfft, sofort aber kehrte seine Fassung zurück. Er stand im Begriff, den Offizieren Befehle zu geben, da wandte sich Seni, der längere Zeit aufmerksam durch ein Fernrohr geschaut hatte, in augenfälliger Hast an ihn. „Der Stern, Herr, der Stern", jubelte er und drängte den Herzog an'S Fenster, „er ist wieder da und strahlt wie gestern in majestätischer Pracht l" Wallenstein bewaffnete sein Auge mit einem Instrument und blickte in fieberhafter Spannung zum Himmel hinauf. Nach einer Weile drehte er sich um, und ein tiefer Athemzug rang sich aus seiner Brust. Das sonst immer so ernste Antlitz strahlte, wie von einem überirdischen Entzücken verklärt. „Ja, es ist der Stern, «ein Stern!" rief er begeistert. „Die himmlischen Mächte selbst haben mir dieses Zeichen gesandt, nun bin ich gefeit! Mag der Schwede kommen, er rennt in sein Verderben l" Schnell traf der Herzog nun die umfassendsten Anstalten, um zum Empfang des heranziehenden Feindes gerüstet zu fein. Courriere, Staffelten und Leibjäger flogen mit dem Befehl, sich bei Lützen zu sammeln, nach allen Richtungen zu den Commandanten der verschiedenen Abtheilungen fort. Pappenheim, der sich auf dem Wege nach Westfalen befand, um daselbst die Winterquartiere zu beziehen, wurde durch den Obsrfeldherrn schriftlich von dem unerwarteten Zwischenfall in Kenntniß gesetzt und aufgefordert, sofort umzukehren und mit seiner ganzen Mannschaft zum Hauptheer zu stoßen. Mit der Ueberbring- ung dieser wichtigen Botschaft wurde der Wachtmeister Donald betraut. „Schont Euch und Euern Gaul nicht", schärfte Wallenstein diesem ein, „damit Pappenheim, den Ihr in Halle einholen werdet, noch rechtzeitg zu dem bevorstehenden Kampfe erscheint. Ich mache Euch mit Euerm Kopfe verantwortlich dafür!" Donald nahm den Brief in Empfang und machte sich auf den Weg. Er sprengte mit verhängtem Zügel zum Thore hinaus. Bald jedoch ließ er sein Pferd im Trab gehen, und nach einer Weile ritt er bloß noch im Schritt. Ohne Rücksicht auf die Dringlichkeit des ihm ertheilten Auftrags hing er seinen Gedanken nach und fand wachsendes Wohlgefallen an den verführerischen Bildern, welche seine Phantasie ihm so verlockend vorgaukelte. Die kurz vorher mit Leferrier gepflogene Unterhaltung und alles, was sich daran knüpfte, stellte sich lebhaft vor ihn. „Wenn sich dir eine Gelegenheit zum selbst- ständigen Handeln darbietet, dann greife zu", hatte der Franzose gesagt — hielt er diese Gelegenheit nicht in der Hand? Eine große Schlacht stand bevor. Wallenstein, der, mit den Bayern und der Pappenheim'schen Abtheilung verstärkt, den Schwedenkönig nicht anzugreifen gewagt hatte, konnte nach dem Wegzug dieser Truppen noch viel weniger auf einen Erfolg hoffen, der seinen Wünschen entsprach. Wie, wenn Pappenheim zu spät kam und der Herzog eine tüchtige Schlappe erlitt? Dann war ja Nichelieu's Absicht erreicht. In Donald'S Hand lag das Mittel dazu! Er brauchte nur den erhaltenen Auftrag nicht zu besorgen, und er hatte den Preis seiner geheimen Verbindung mit dem Agenten verdient! Aber was dann? Der Gedanke an die möglichen Folgen und seine eigene furchtbare Verantwortlichkeit ängstigte ihn doch. Er war aber schon zu weit gegangen; sollte er jetzt noch zurück s Dieser eine Schachzug brachte ihn vielleicht an das Ziel, während anderseits ein Zufall sein Treiben an's Tageslicht bringen konnte und er dann mit einem Schlag alles verlor! — Unschlüssig schaute er zu dem gestirnten Himmel hinauf, als erwarte auch er eine Auskunft von dort. Dann zog er den Brief aus dem Koller und betrachtete ihn. Es war ein unschein- bares Stück Papier, und doch hing so viel davon ab. Ein plötzlich daherbrausender Windstoß riß es ihm aus der Hand. Bestürzt griff Donald danach, aber er kam zu spät. Doch vernahm sein scharfes Ohr den knisternden Ton, mit dem es im Grase auffiel. Er stieg vorn Pferde und suchte das Verlorene. Der Vollmondschein begünstigte ihn. Dabei sprach er halblaut vor sich hin, und ein spöttisches Lächeln spielte um seinen Mund. „Der Herzog thut nichts ohne die Winke einer höhern Macht; ich will mein Glück auch versuchen. Der Zufall mag entscheiden, was ich thun soll. Liegt die Adresse nach oben, so wird das Schreiben bestellt, im umgekehrten Fall aber kämpft Pnppenheim schwerlich in der morgigen Schlacht." Am Straßeurain schimmerte das weiße Papier. Er oückte sich und sah, wie der Brief mit der Kopfseite aufrecht zwischen schmalblättrigen Wallgräsern lag. Verblüfft hob er ihn auf. „Da haben wir's", brummte er; „selbst auf den Zufall hat, wie es scheint, ein armer Teufel kein Recht. Nun bin ich so klug wie zuvor! Doch", fügte er nach einigem Besinnen hinzu, „ich vergesse, daß es auch einen Mittelweg gibt, der bei geringerer Gefahr ebenfalls die Erreichung des Zieles verspricht." Er schwang sich wieder in den Sattel und ritt im gemüthlichsten Tempo davon. In Merseburg sah er in einem Gasthause noch Licht. Ohne Bedenken stieg er vom Pferde, trank in Ruhe eine Kanne Wein und setzte erst dann den Weg wieder fort. Der Morgen graute, als er in Halle vor dem Hause ankam, in welchem, wie er von dem Thorwart erfuhr, der General Pappeuheim sich einquartiert hatte. Er gab den Brief ab und machte sofort die Wahrnehmung, daß dessen Inhalt in der friedlichen Stadt ungefähr die gleiche Wirkung hervorbrachte, wie der zündende Funke, wenn er in ein Pulverfaß füllt. Die vorher stillen Straßen wurden plötzlich belebt. Trommeln wirbelten, Trompetensignale schmetterten und das Pflaster erdröhnte von dem Hufschlag der galoppirenden Pferde. Donald hatte sich nach Ablieferung des Schreibens in eine Schenke begeben und schaute von da in keineswegs behaglicher Stimmung zum Fenster hinaus. Es war ihm bei der Sache doch nicht ganz wohl. Da erfuhr er, daß von einem großen Theil der Offiziere, welche an die Möglichkeit eines nochmaligen ernstlichen Zusammenstoßes mit dem Feinde nicht gedacht hatten, ein Ausflug nach Landsberg gemacht worden sei. Erleichtert athmete er auf. Dieser Zufall war geeignet, seinem Schurkenstreich als Deckung zu dienen, wenn man ihn je wegen des verspäteten Eintreffens der zu Hilfe gerufenen Truppen zur Verantwortung zog. Pappeuheim, der die Größe der Gefahr, in welcher Wallenstein dem kühnen Schwedenkönig gegenüber schwebte, nur zu gut begriff, wartete die Rückkehr der abwesenden Offiziere nicht ab. Er gab den Befehl, daß daS Fußvolk so schnell als möglich nachkommen solle, und jagte Mit seinen Reitern auf dem Wege nach Lützen davon. Dem Nachtrab schloß sich der Wachtmeister an, der trotz seiner Keckheit der vollendeten Thatsache gegenüber bezüglich seines fernern Verhaltens in nicht geringer Verlegenheit war. Er beschloß in erster Linie, ein Zusammentreffen mit dem Oberfeldherrn zu vermeiden und sich so schnell als möglich jenes Hinterhaltes zu versichern, der ihm durch Leferrier bei einer drohenden Gefahr in Aussicht gestellt worden war. In der Nähe von Merseburg vernahm man schon deutlich den Donner der weiter südwärts tobenden Schlacht. Es dauerte nicht mehr lange, da kamen den Pappenheimern versprengte Theile des friedländischen Heeres entgegen. Sie befanden sich in wilder Flucht. „Alles sei verloren", berichteten sie, „der Schwedenkönig habe gesiegt." Pappeuheim verlor den Muth nicht. Er zwang die Feiglinge zur Umkehr und stürmte mit seinen Getreuen nur noch ungestümer gegen den Feind. Der Abend brach herein, als er endlich auf dem Schlachtfelds ankam. Es war die höchste Zeit. Die Herzoglichen hielten fast nirgends «ehr Stand. Eine allgemeine Panik hatte um sich gegriffen — da brausten die Pappenheimer wie der Sturmwind heran. Sie warfen die siegestrunkenen Schweden zurück und verliehen auf's neue den Verzagenden Muth. Wild tobte die Schlacht. Hin und her schwankte der Sieg — bis endlich das hereinbrechende Dunkel die Ringenden schied. Donald hatte beim ersten Anprall einen Streifschuß bekommen. Er zog sich hinter die Gefcchtslinie zurück, wo er im Pulver dampf und dem aufsteigenden Nebel verschwand. Der blutige Kampf war vorüber. Die Schweden behaupteten die Wahlstatt, Wallenstein zog sich nach Leipzig zurück. Tausende und Abertausende hatten die zweifelhaften Lorbeeren des heißen Tages mit dem Leben bezahlt. Ueberdieß war hüben und drüben durch den Fall hervorragender Männer eine Lücke gerissen worden, die sich nicht mehr ausfüllen ließ. General Pappenheim, dem Wallenstein die Rettung aus der schweren Bedrängnis; verdankte, fand im wildesten Handgemenge an der Spitze seiner Reiter den Tod. Mit ihm ging der tapferste Offizier, der ehrlichste und gewissenhafteste Streiter für Glauben und Ueberzeugung im kaiserlichen Heere dahin! Durch einen noch härteren Verlust sahen die Schweden sich in Trauer und Schrecken versetzt. Das Schicksal hatte Gustav Adolph, ihren König und Feldherrn, mitten in seiner Siegeslaufbahn ereilt! DaS Donnern der Kanonen auf dem Lützener Schlachtfelde wurde zum Grabgeläute für ihn und seine hochfligenden Pläne, deren Verwirklichung ihm nach den großartigen Erfolgen bereits in verheißungsvoller Nähe vorgeschwebt hatte. Der Herzog von Friedland beschloß, um seine zerstreuten Regimenter zu sammeln, eine Zeit lang in Leipzig zu bleiben. Für die Winterquartiere hatte er Böhmen bestimmt. In Folge dessen war die ganze Stadt mit Soldaten gefüllt. Hoch und Nieder war in mehr als unangenehmer Weise mit den unruhigen Gästen bedacht. In einem kleinen Zimmer des Capuziuerklosters saßen zwei verwundete Offiziere bei einer Flasche Wein, die der ihnen befreundete Bruder Kellermeister über die gewöhnliche Nation aus der unter strenger Clausur gehaltenen Separat-Abtheilung des gestrengen Herrn Abtes herbeigebracht hatte: Hauptmann Leßlie und Georg Sel- kow. Der Erstere trug eine Binde um den Kopf und Georg den Arm in der Schlinge. Im Uebrigen nahm man an den Beiden keine auffallende Veränderung wahr. Leßlie blickte noch eben so ernst und finster wie früher um sich, und dos Antlitz des Leibjägers war stark gebräunt, hatte aber an seiner Frische und Offenheit nichts eingebüßt. Nachdem dem köstlichen Nektar sein Recht angethan war, nahm der Hauptmann das Wort. „Also morgen geht's los! Wahrlich ein lustiges Schauspiel für unsere Officiere, von denen keiner auch nur einen Tag sicher ist, ob es ihm nicht ebenso geht!" „Wie, morgen schon?" fragte Georg, und seine heitere Miene wurde sofort durch einen düstern Schatten verdrängt. „Ja, morgen", bejahte Leßlie, „so hat der unversöhnliche Zorn des Herzogs bestimmt. Oberstlieutenant von Hagen und von Hofkirchen, die Hauptleute von Burg und Kleeblatt, der Kapitän-Lieutenant Graf von Gandendom, der Rittmeister von Wornstein, die Lieutenants Walden- burg und Tortel, sowie der Cornet Kaschering werden enthauptet und etwa hundert gemeine Soldaten gehenkt. Mit den Namen der entwichenen Offiziere wird der Galgen verziert. ES ist unerhört, aber ebenso unwiderruflich beschlossen; denn der Herzog nimmt bekanntlich sein Wort niemals zurück. Ich bin jedoch fest überzeugt, daß die grausame Maßregel ihm mehr schaden wird, als die verlorene Schlacht. Es befinden sich zahlreiche Verwandte und Freunde der Verurtheilten im Heer, welche dadurch tödtlich verletzt werden. Zudem weiß Jedermann, daß die nicht geflohenen Offiziere an dem Mißerfolg bei Lätzen unschuldig sind. Wer vermöchte auch bei dem theilweise aus der Hefe des Volkes zusammengewürfelten Heere die Massen in Ordnung zu halten, wenn einmal der Schrecken sie ergreift. Das persönliche Interesse und die Furcht vor dem Stock des Profoßen reichen nicht hin, um tüchtige Soldaten zu schaffen; allein dem Stolze des Herzogs wurde eine tiefe Wunde geschlagen, das ist ein Verbrechen, welches natürlich nicht streng genug bestraft werden kann. Wallenstein ist sich recht gut bewußt, daß er eine schwere Niederlage erlitt, wenn er es auch nicht gesteht. Nur der Erschöpfung der Schweden hat er eS zu danken, daß das Mißgeschick nicht einen noch größer» Umfang bekam. In seiner Wuth darüber läßt er nun die armen Offiziere dafür entgelten, ganz einerlei, ob er Schuldige oder Unschuldige trifft. Er zeigt sich auch in diesem Fall wie immer: kaltherzig, grausam, ohne Erbarmen!" Georg hatte, während der Gefährte sprach, sich erhoben und war an'S Fenster getreten. Er war durch das harte Urtheil Leßlie's über den Oberfeldherrn sichtlich verletzt. „Ihr seid unverbesserlich", rügte er, als jener schwieg, „und ungerecht. Gerade Ihr habt am wenigsten Ursache, den Herzog grausam zu nennen! Denkt an jene schwere Stunde in Großmeseritsch!" (Fortsetzung folgt.) -- Ein noch wenig bekanntes Holbein-Vild.*) L?r 3n dem Häuserverzeichniffe der Stadt Augsburg vom Jahre 1801 sind die Häuser L 7—9 unter der Bezeichnung „Kaysersheimer Hof" eingetragen. Dieser Häufer- Complex, in welchem sich jetzt die Eisenhaudlung des Hrn. *) Skizze aus einem Vertrag deS Herrn Stadtvfarrcrs Fricsencggcr im kathcl. kaufmännischen Verein „Lätitia" in Augsburg. Stumpf (vormals Gastcigrr) befindet, war damals im Besitz des berühmten Klosters Kaisheim, nach dessen Säkularisation er in den Besitz der Bnchhändlersamtlie Wolfs und später in Cotta'sches Eigenthum zum Betrieb der „Allgemeinen Zeitung" überging. In den Chroniken Kais- hcims wird schon sehr frühe dieses „Kastenhanses" gedacht. Im Jahre 1488 baute Abt Georg das Haus von Grund aus wieder neu auf und verschönerte die St. Elisabethen-Kapelle, welche noch steht. Bei dieser Gelegenheit wohl ward auch der herrliche Flügelaltar erbaut, der bei der Uebersiedelung der „Allgemeinen Zeitung" nach München vom Bildhauer Gedon an ein Kölner Museum verkauft worden sein soll. Die Altarflügel waren schon vorher entfernt und durch Sägschnitt in 4 Theile: zwei Werktags- und zwei Feiertagsbilder, getrennt worden. Die letzteren stellten den Tod Mariens und die Krönung Mariens dar, während die ersteren, wenn der Altar geschloffen wurde, gemeinsam nur eine Darstellung, „das Begräbniß der hl. Afra", bildeten. Der Tod Mariens ist im Baseler Museum^ die Krönung Mariens im Besitz des hochwürdigsten Herrn Bischofs Leonrod von Eichstütt, der auch einen Flügel der Werktagsseite besaß, während der andere im Besitz der Frau Amalia Finsterlin in München sich befand. Schon im Jahre 1886 in der schwäbischen Kreisairsstellung dahier (Kat.-Nr. 15, 16) vorübergehend vereinigt, sind sie seit kurzer Zeit durch die erfolgreichen Bemühungen des hochwürdigsten Herrn Bischofs von Eichstäit für immer zu einem einzigen Bilde verbunden worden. Unser Mitbürger, Herr Gemälde- Restaurateur Sesar, dem diese nicht leichte Aufgabe zugefallen war, hat sie so vortrefflich gelöst, daß es selbst dem Kennerauge kaum möglich sein wird, die Stelle zu erkennen, wo die Flügel zusammengefügt wurden, ja nicht einmal, wo früher Abgesägtes ergänzt werden mußte. Das Altargemäloe ist ein Werk unseres großen Augsburger Meisters Holbein des Aelteren (14 65—1524); auf dem Weihwasserkesscl steht die Inschrift: Holbain. I^eo. 0. Da es einen Leo Holbein nicht gibt, auch die Nachstellung des Taufnameus zu jener Zeit gänzlich ungebräuchlich war, es damals auch keinen Augsburger Bildschnitzer mit dem Namen Leo gab, wie Woltmann meinte, so dürfte es wahrscheinlich sein, daß I-eo. 0. den Anfang eines Psalmverses bedeutet, der um den Weihwasser- Kessel herumlaufend gedacht ist; auch am oberen Rande des Leuchters stehen die Worte Xvö Llaria und sind auf der Rückseite fortlaufend gedacht. WaS die Darstellung selbst betrifft, so ist sie echt holbeinisch und meisterhaft durchgeführt: Während die hl. Afra im offenen Sarkophag liegt, steht zu ihren Füßen ihre Mutter Hilaria mit einer der Mägde (Digna, Eunomia, Eutropia), während auf der Kopfseite der hl. Bischof Dionysius, Afra's Oheim, sich betend niedergelassen hat an der Seite einer andern Magd. Oben erscheinen bereits die Schergen des römischen Statthalters Gajus, Feuer anzulegen an das Grab, das die Angehörigen der hl. Martyrin trotz des Verbotes betend umstehen. Auf der rechten Seite des Sarkophags, steht eine später hinzugefügte Inschrift in drei Distichen, welche besagt, daß eine von einem schwedischen Soldaten beabsichtigte Zerstörung des Bildes wunderbarerweise verhindert wurde; aus dieser Inschrift geht auch hervor, daß man damals die Darstellung für den Tod Mariens hielt, es müßte denn sein, daß der Inhalt der Verse sich auf die Rückseite des Bildes bezog, die ja den Tod Mariens darstellt. Herr Hofphotograph Höfle von hier, der bekanntlich keine Mühe und keine Opfer scheute, die bedeutendsten Kunstschätze der Augsburger Gemäldegallerie, sowie des Germanischen Museums in Nürnberg durch prächtig gelungene Photographieen dem kunstliebenden Publikum zugänglich zu machen, hat auch dieses Bild in ganz vorzüglicher Weise wiedergegeben. - —- Vor fünfundzwanzig Zähren. Von Friedrich Koch-Breuberg. (Fortsetzung statt Schluß.) Es ist nur zu natürlich, daß die beiderseitigen Patrouillen zusammenstießen, sich herumschössen, daß resultat- lose Alarmirungen und dergleichen vorkamen. Die meisten kleinen Zusammenstöße gab es anfangs in dem wetnkeller- reichen Clamart, das zuerst unbesetzt geblieben war. Das war ein Krieg für sich um Weinflaschen. Später war der Ort in den Kreis der Vorposten bezogen worden, und als am 7. Januar 1871 Oberst v. Treuberg sein Quartier m der Mairie nahm, fand er noch die ganze Bibliothek, wie auch in der Kirche die Paramente vor. Um dergleichen hatte sich Niemand gestritten, aber sämmtliche Weinkeller und Speisekammern waren leer und verwüstet. Schon am 30. September 1870 machten die Pariser einen Ausfall in der Richtung Chevilly. Es ist erwähnt, daß das preußische VI. Corps rechts von den Bayern stand, also hatten diese Truppen die Vordringenden aufzuhalten. Bei l'Hay stand aber unter Oberlieutenant v. Baur-Breitenfeld vom 5. Regiment ein Piket, in dessen Schußbereich der französische rechte Flügel gerieth. Vor Allem ließ der umsichtige Offizier zwei feindliche Feld- Geschütze beschießen und zwang sie zum Abfahren, wodurch den Preußen ein guter Dienst geleistet wurde. Der erste wirkliche Ausfall gegen die Bayern fand am 13. Oktober statt und hatte den Zweck, die Geheimnisse des Plateaus von CHLtillon zu erforschen. Der „Ganlois" schrieb: »Ostis stautsur ävvait: norm äirs sou ssorab." Die am 19. September verlorene Höhe reizte die Neugierde der Pariser sehr und trotz Luftballons, trotz elektrischer Beleuchtung vermochten sie es nicht, Einsicht zu gewinnen. Also versuchte man es mit Gewalt. Auf Vorposten stand das 15. Regiment mit seinen 3 Bataillons, und zwei Compagnien des 14. Regiments hatten die Bayernschanze besetzt. Bei der Division Bothmer befanden sich das 3. Bataillon des Regiments „König" in CHLlillon, das 5. Jäger-Bataillon in Bagneux, das 3. Bataillon des 5. Regiments auf Neplis in Fontenay und das 9. Regiment in Bourg la Reine. Gegen 8 Uhr meldeten die Vorposten der Division Bothmer, daß sich am rechten Biövre-Ufer hinter den Verschanzungen Truppen ansammelten. Die hierauf entsendeten Patrouillen brachten auch Nachricht über stärkere Abtheilungen bei Maison Ptchon. Schon nach einer Stunde begann der Tanz, indem die gegenüberliegenden Forts unsere Deckungen mit Granaten überschütteten und auch theil- weise zerstörten. Gegen Bagneux und Chatillon traten aber zwei Feld-Batterien auf. Am Bahndamm an der Straße nach Orlsans hatten sich französische Infanteristen eingenistet, führten mit unseren Vortruppen ein Feuergefecht und wurden darin von den Geschützen der Judenschanze unterstützt. Gegen Bagneux gingen aber drei Bataillone direct vor, während ein viertes den Ort von Südosten her anzugreifen suchte. Rückwärts bei La Grange Ory entwickelte sich zugleich das 35. Regiment der Brigade Mariouse. Als die Franzosen vorzurücken begannen, waren natürlich die Unterstützungstruppen der Division in die Vertheidigungslinie geeilt. Unterdessen war auch der linke Flügel der Division von Abtheilungen der Brigade Sus- bielle angegriffen worden. Zwei Marsch-Bataillone mit einer Jäger-Compagnie in der Mitte hatten sich Chütillon genähert und Besitz von den nördlich vor dem Dorfe liegenden Häusern genommen. Das 3. Bataillon des Regiments „König", welches den Nordrand des Dorfes besetzt hielt, wurde sohin in ein lebhaftes Vertheidtgnngs- gefecht verwickelt. Eine Compagnie Fünfer eilte herbei und unterstützte das Bataillon. Das war der Beginn des Ausfalls am rechten Flügel. Drüben vor der Division Walther waren zwei Bataillone des 13. Marsch-Regiments nach Clamart gerückt und suchten von hier aus den nördlichen Hang des Plateau's zu gewinnen. Obwohl die Forts Jssy, Vanves und Montrouge den Angriff durch einen Hagel von Granaten unterstützten, gelang es nur, sich vor der Stellung der Fünfzehner einzunisten. Zwei Bataillone dieses Regiments hielten die Höhe besetzt, und hatte Hauptmann Sigl mit seiner Compagnie, welche einen Jägergraben an der Nordostecke zu vertheidigen hatte, drei Angriffe des Feindes zurückgewiesen. Das 3. Bataillon hatte Oberst v. Treuberg an den Verhau in das Bois de Meudon entsendet. Später verstärkten weitere Bataillone des 7. Regiments die wichtige Stellung am Plateau, auf welchem sich dann auch das Gros der 6. Brigade und die Ulanen einfanden. Gleich beim Anrücken der Franzosen war die Batterie Weigand durch den Major Celsus Girl vom Generalstab in der Weise an den Höhenrand dirigirt worden, daß ihre getrennt auftretenden Züge hauptsächlich gegen die anstürmende Infanterie wirken konnte. Der 1. Zug veranlaßte auch eine feindliche Batterie zum Abfahren und ein Bataillon zur Umkehr. In Bagneux waren die Franzosen unterdessen bis in's Innere des Ortes vorgedrungen. Nur mühsam konnten sich hier die Bayern behaupten, und als um 11 Uhr das 35. Regiment ebenfalls in den Kampf eingriff, mußten sie das Dorf verlassen. Es hatte jedoch ein Bataillon unseres 14. Regiments eine Aufnahmestellung zu beiden Seiten der Straße nach Fontenay genommen, nach welcher sich die Zurückgehenden wendeten. Mit weiters einge- troffener Hilfe vom 10. Jäger-Bataillon gelang es hier, dem Feinde Halt zu gebieten, der sich jedoch gleich in Bagneux, hinter welchem noch die Brigaden Dumoulin und Charriere auftauchten, zur Vertheidigung einrichtete. Auch in CHLttllon waren die Bayern zurückgeworfen worden. Bei der Kirche hatte Oberst v. Mühlbaur die zersprengten Abtheilungen gesammelt und behauptete sich, bis Unterstützungen eintrafen. Dann entbrannte der Kampf von Neuem, und mit großer Bravour eroberten die Bayern das Verlorene zurück. Man hatte unterdessen auch Anstalten zur Wieder- bssetzung von Bagneux getroffen. So hatte General v. Bothmer um l'/z Uhr ein Bataillon des 5. Regiments an den Bahnhof von Sceaux entsendet, das im Verein mit dem 2. Bataillon von Südosten her den Ort angreifen sollte. Während einige Compagnien sich längs des Bahndammes vorarbeiteten und die Brigade Charriöre beschossen, erstieg das 1. Bataillon die Höhe und begann den Angriff. An der Straße Fontenay-Bagneux brach aber jetzt Oberstlieutenant v. Hecke! gegen das Dorf vor und — von Haus zu Haus kämpfend — wurde es zurückerobert. Um 8 Uhr gab General Vinoh, der einsehen mutzte, daß ihm die Bayern überall mit genügenden Kräften entgegenzutreten vermochten, den Befehl zum Rückzug. Noch einmal brüllten die schweren Geschütze der Forts, um den Abzug der Franzosen zu decken, dann mit Einbruch der Dunkelheit nahmen auch die Bayern wieder die alten Stellungen ein. Die Letzteren hatten Oberlieutenant Prand, die Unterlieutenants Thanner, Noth und Wild und 356 Mann verloren. Die französischen Berichte erwähnten, daß von den 59 gefangenen Bayern absolut nichts zu erfahren sei — ein großes Lob für unsere Leute, die nur leider in Paris etwas hungern mußten. Am folgenden Tage begehrten die Franzosen einen Waffenstillstand zur Beerdigung ihrer Gefallenen, welche die Zahl 400 betragen haben mögen. Der Ausfall vom 30. November richtete sich hauptsächlich gegen das VI. preußische Corps. Da das eigentliche Gefechtsfeld bei l'Hay war, alarmirte unsere Division Bothmer. Das am bayerischen rechten Flügel im Biövre- grund stehende Piket unter Lieutenant Mörschell vom 9. Regiment hatte Gelegenheit, in das Gefecht einzugreifen und ließ sich trotz feindlicher Uebermacht nicht vertreiben. Einer erfolgreichen Thätigkeit begegnen wir auch bei unserer Artillerie. Auf der Straße von Sceaux nach Bourg la Reine befand sich die Batterie Ebner in guten EmplacementS, und sie beschoß Arceuil und feindliche Co- lonneu. Als sie um 9 Uhr aus der Schanze am Aquä- duct selbst Fcuer erhielt, unterstützten sie die Batterien Herold und Jamin. Die Thätigkeit unserer Artillerie kam hauptsächlich den bet l'Hay fechtenden Preußen zu gut, indem sie das Frner von der Infanterie ab und auf sich lenkte. Gegen 10 Uhr waren die Franzosen schon wieder in ihre Verschauzungen zurückgeworfen. Der Verlust der Division Bothmer betrug 11 Mann und 5 Pferde.- (Schluß folgt.) Dem Meere lierschrieven. —— lNaHdruü «erröten., Eine Pause war eingetreten in der animirten Unterhaltung unseres kleinen Kreises. Der erste Officier, unser liebenswürdiger Wirth, hatte soeben seine farbenprächtigen Schitdernngen, die wie ein Hymnus auf die See-Fahrt klangen, mit langsamer werdender Stimme geendet, gleichsam, um deren nachhaltige Wirkung zu erhöben. Während er die grünen Gläser von neuem füllte und die zuletzt geleerte Flasche in kühnem Bogen durch das runde Fenster der Kajüte fliegen ließ, betrachtete er mit Befriedigung und Nengier den Eindruck, den seine Worte auf meinen ihm gegenübersitzenden Freund H. zu machen schienen. Dieser, ein geborener Binnenländer, war auf seiner ersten See-Neise begriffen und seit deren Beginn von einem wahrhaft fieberhaften Enthusiasmus für das See-Leben ergriffen worden. Nn» hatte in den Worten des interessanten Erzählers ein in scinemJnnern glimmender Funke eines gewissen phantastischen Zuges vollends das richtige Material gefunden, um in hellen Flammen aufzulodern. Mit einer Art Ehrfurcht beobachtete auch ich diese mächtige Erregung meines Freundes, zumal sie sich in so, ich möchte sagen, edler und jedenfalls in sehr vom Gewöhnlichen abstehender Weise kundgab. Während Andere in solcher Exkase gleich mit überschwenglichen Worten losbrechen, war H. verstummt und saß unbeweglich da; aber der lächelnde und wie entrückte Ausdruck seines dem Meere zugewandten Gesichtes — er erinnerte mich an den Blick, den der fromme Pilger zu seinem Heiligthum erhebt —, der Glanz seiner Augen, die all' das Erhabene und Reizvolle bis zur Neige schlürfen und auch den intimsten der zuströmenden Eindrücke genießen zu wollen schienen, ließ uns die Tiefe seiner Ergriffenheit erkennen. Ich wußte, wie unangenehm meln Freund werben konnte, wenn man ihn in solchem Versunkensein störte, und wagte deßhalb in Rücksicht auf unseren Wirth nicht, die Unterhaltung fortzuführen. Dieser mochte ähnlich denken und lehnte sich behaglich in seinem Feldstuhle zurück. Während dieses Schweigens bemerkten wir erst den feierlichen Zauber, der uns umsponnen hatte. Ohne daß wir uns eigentlich dessen in der lebhaften Conversation bewußt geworden waren, hatte sich die Juli-Nacht mit ihrem sammetweichen, dunkelvioletten Schleier hernicder- gesenkt. Der laue, angenehm abkühlende See-Wind strömte durch die geöffneten Fenster des Steamers herein und verband sich mit dein etwas muffigen Gerüche des rothen Plüsch-Cophas und den Ausdünstungen des dunklen Getäfels der Wände zu einem eigenthümlich berauschenden Dufte. Dazu mischte sich das von Zeit zu Zeit durch ein keckes Lüftchen aufgewirbelte Aroma der Orangen, die, ihres dereinstigen Heimganges als Punsch-Ingredienzien harrend, die Mitte des Klapptisches einnahmen und sich prächtig von dessen dunkel polirter Fläche abhoben. Die große Moderateur-Lampe verbreitete durch ihren auf rothem, transparentem Seidenpapier gestickten Schirm — wahrscheinlich das Geschenk einer hübschen Passagierin — ein gedämpftes Licht, eine zartfarbige, blaßrothe Dämmerung auf die Umgebung. Die grünen Gläser, die blanken Messing-Schrauben am Tische bekamen dadurch einen seltsam weichen Schimmer, die Orangen, direct unter der Lampe geschaart, erglühten in sattstem Purpur — kurz, es umwebte uns in der kleinen, anheimelnden Kajüte eine beinahe exotische Stimmung. Ich trat an's Fenster und sah bald in's Zimmer, bald anf's Meer. In der Ferne tauchten die Lichter an der englischen Küste bei Dover aus und projicirten schmale, zitternde Silberstrcifchen auf die Flnthen. Die See ging ruhig; das Leben auf Deck des Steamers klang nur gedämpft herunter. Aus einer Passagier-Kajüte ertönte leise in abgebrochenen Sätzen Flötenspiel. Bei einem Crescendo erkannte ich bald Melodien aus der herrlichen „Traviata", Germonts: I7u äi, gnanclo lcr vonsri terupo avrä. kuAackv —, dann das ergreifende Adagio der Oboe aus der nennten Scene, das er fortwährend mit wachsendem Gefühl wiederholte. Der Spieler besaß keine sonderliche Fertigkeit, aber ich mußte seinen Geschmack loben. Denn diese Klänge verschmolzen sich wunderbar mit der fremdartigen Stimmung, die uns gefangen hielt. Sie strömten uvie aus den Wogen heraus, herb und doch so berauschend duftend — gleich einem lockenden Sirenengesang. Mein Freund trat ebenfalls an's Fenster und lauschte. 84 kommen des Goldes im Transvaal selbst weiter als vier Jahrzehnte zurückreicht. Die Regierung der Boers erließ sogar in den Fünfziger-Jahren ein Verbot der Eoldschürfung, aus Furcht, die übergroße Einwanderung könne die Unabhängigkeit gefährden. Obwohl die Furcht vor dem Fluch des Goldes heute, allerdings in anderer Gestalt, sich als begründet zu zeigen erscheint, waren die späteren Regierungen anderer Ansicht, und als der Oesterreicher Karl Manch 1867 am Limpopo- und am Tatiflusse im Matabcleland reiche Goldlager entdeckte, bildete sich in London die erste Minenkompagnie für Südafrika. Die Unternehmung scheiterte, aber nun schlug Präsident Pretorius eine andere Politik ein, setzte Belohnungen für die Entdeckung von Goldlagern aus und jetzt mehrten sich die Funde und damit begann auch das schon so oft beobachtete Zusammenströmen von Einwanderern. Aber — Bergrath Schmeisser hebt das hervor — der typische, einfache, rohe Goldgräber fand keinen geeigneten Boden. Gesellschaften mit größerem Betriebskapital mußten gebildet werden, um das verhält- nißmäßig arme, fleißigste und kunstvollste Bearbeitung erfordernde Erz nutzbringend zu machen. Nur mit Hilfe tüchtiger Techniker konnte Ersprießliches geleistet werden und erst als diese Einsicht errungen war, begann jener Aufschwung, dank welchem Bocren im Witwatersrand, deren Farmen früher 7000 bis 15,000 Mark werth waren, ihren Besitz um 140,000 bis zu 1,400,000 Mark verkaufen konnten. Aber die ächten Goldgrübergeschichten von Leuten, die den großen „Nugget" finden, kommen im Transvaal nicht vor. Ein Maschineningenieur hat einmal die Sache demoustrirt. Er legte zwei Steine auf den Tisch, einen weißen Quarz mit goldfahlem Geflimmer, durchzogen von einem förmlichen Golbbalken mit einem haselnnßgroßcn „Nugget", einem Klümpchen reinen Goldes daran; daneben einen zweiten, schmutzigen, unansehnlichen Stein, den die Boeren „dankst", Kuchen, die Gelehrten Conglomerat nennen. Der bescheidene „Kuchen" — das ist der wahre Reichthum des Landes. Der Goldquarz hat zwar größeren Gehalt, aber er ist launenhaft, seine Schichten verschwinden plötzlich, und die Mine ist erschöpft, man wird an Goldquarzminen entweder Millionär oder geht daran zu Grunde, wenn nicht ein Zufall die verloren gegangene Goldader bald wieder finden läßt. Die Minen des „Rand" niit ihren geologisch genau konstatirten Schichtungen schließen so unangenehme Ueberraschungen aus; freilich niuß das Erz erst auf alle mögliche Art behandelt werden, aber dafür ist die Gewißheit eines rentablen Fortbestandes des Bergbaues durch Jahrzehnte vorhanden. Bor fünf Jahren, zur Zeit des großen „Ooorrr", glaubte mau, Transvaal werde die Eoldproduktion der Erde verdoppeln; die Enttäuschung ist nicht ausgeblieben, aber der südafrikanische Goldbergbau, der heute ganz wissenschaftlich, mit allen Behelfen der Technik und der Chemie betrieben wird, hat den Minenkrach, den falsche Vorstellungen über die Ergiebigkeit der Goldfelder verschuldeten, überdauert. Dank dem steten Bestreben der Minenkompagnien nach wirklich wissenschaftlichem Bergbaubetriebe nimmt der Ertrag der Transvaal-Minen von Jahr zu Jahr zu. Es herrscht harte Arbeit auf dem Witwatersrand, eine Arbeit, welcher physisch nur die Eingeborenen gewachsen sind, und thatsächlich beschäftigen die Gesellschaften ausschließlich Neger zur Förderung des Erzes. Die Arbeitskraft ist billig und die Ingenieure sind bestrebt, immer neue Verbesserungen einzuführen; von ca. 19 Gulden per Tonne im Jahre 1882 sind die Gewinnungskosten auf ca. 12 Gulden im Jahre 1895 gesunken, die Gesammtproduktion hat sich von 230,000 Unzen im Jahre 1888 auf 2,024,163 Unzen im Jahre 1894 gehoben. Aber der Gewinn ist infolge der stetig abnehmenden Betriebskosten und der technischen Verbesserungen proceutucll noch stärker gehoben, als die Ausbeute an Gold. Bergrath Schmeisser hat eingehende Berechnungen über den voraussichtlichen Ertrag der südafrikanischen Minen angestellt und gefunden, daß — soweit die jetzigen Kenntnisse vom Vorkommen des Goldes im Transvaal reichen — die Erschöpfung der Lagerstätten in Witwatersrand etwa nach Ablauf von 25 Jahren stattfinden dürfte; wird aber eine Tiefe von 1200 statt 800 Metern erreicht, dann ist goldführendes Erz für eine Förderung von 40 Jahren vorhanden. Das Hauptergebnis; aber bleibt, daß die Bergwerke von zwei Lagerstätten in 10 Jahren bei Erreichung von 800 Metern Tiefe für mindestens 4289 Mill. Mark, bei Erreichung von 1200 Meiern für 7187 Mill. Mark Gold liefern werden. Nach Eintritt günstigerer Prodnktionsbedi'ngungen werben auch die übrigen Goldfelder Transvaals aus längere Zeit hinaus zur Erhöhung der Produktionszifsern beitragen, doch ist nach dieser Richtung hin vorläufig eine Berechnung noch nicht möglich. In diesen Ziffern liegt die Bürgschaft der Prosperität für Johannesburg, ob es nun unter englische Herrschaft kommt oder nicht, und es ist begreiflich, daß eine solche Stadt mit allen ihren Lcbeusäußeruugen vornehmlich einem Ziele zustrebt, das für alle Schichten der Bevölkerung das gleiche ist: Gold. Das ist der Saft, dem die Stadt rasches Wachsthum und rasches Altern verdankt. Schkchttufgade. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 2. Zuge matt. Auflösung des Ergänznngsräthsels in Nr. 10: Wer glücklich ist, der ist auch gut, Das zeigt auf jedem Schritt sich; Denn wer auf Erden Böses thut, Trägt seine Strafe mit sich. (Bodensiedt.) --- « 12 1896. „Augsburger PostMung". Dinstag, den 11. Februar Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Berlag des üiterarii'chen Instituts von Haas L Grabderr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Die Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Venno. (Fortsetzung.) Wie von einer Viper gebissen, sprang Leßlie empor. Seine Augen funkelten gleich denen eines gereizten Raubthieres, und der Gefichtsausdruck wurde so wild und drohend, daß Georg erschrak. „Glaubt Ihr", rief er mit dröhnender Stimme, „ich habe sie jemals vergessen? Vergessen, als unschuldiges Opfer der Eitelkeit eines Menschen wie ein gemeiner Verbrecher in Ketten gelegt uno von Henkershand zur Richtstätte geführt zu werden? Tausend Jahre vermöchten den Eindruck jener entsetzlichen Pein in meiner Seele nicht zu verwischen, doch . . ." Er brach plötzlich ab, wie aus Furcht, etwas zu verrathen, was nicht für eines Andern Ohr bestimmt war. „Ich begreife Euere Unversöhniichkeit nicht", ent- gegnete Georg. Er drängte das beängstigende Gefühl, welches Leßlie's maßlose Heftigkeit in ihm geweckt hatte, gewaltsam zuruück. „Der Herzog beabsichtigte ja, wie er selbst sagte, von Anfang an unsere Hinrichtung keineswegs, sondern wollte uns nur eine heilsame Lehre geben, die wir wahrlich genugsam verdient hatten." „Das könnt Ihr glauben, ich nicht", fiel ihm der Hauptmann bitter lachend in's Wort; „ich kenne den Herzog von Friedland besser als Ihr! Ich sage Euch, unsere Häupter wären gefallen, hätte nicht der Blitzschlag seine abergläubische Seele erschreckt." Georg's Mtenenspiel drückte deutlich sein peinliches Empfinden ob dieser Wendung des Gespräches aus. Er suchte dasselbe auf einen andern Gegenstand abzulenken. „Eigenthümlich war es", sagte er mit einem scharfen Blick in Leßlie's Gesicht, „daß gerade in jenem Augenblick die Documenten-Kiste zum Vorschein kam, nach der wir so lange vergeblich gesucht hatten." Wieder brach der Hauptmann in ein grimmiges Lachen aus. „Eigenthümlich, meint Ihr", grollte er; „warum denn? Die Großmuth mußte ja durch eine höhere Macht belohnt werden und wurde belohnt! Oder nicht? Ihr scheint an des Herzogs Worte wie an das Evangelium zu glauben und werdet Euch erinnern, daß er auch das gesagt hat. Daß dadurch eine arme, verstoßene Waise um ihr Erbtheil gebracht wurde, fiel bei dieser „Schickung" nicht in's Gewicht!" Den Argwohn, welchen Georg niemals ganz zu verdrängen vermocht hatte, stieg auf's neue in seinem Gemüthe empor, „hört, Leßlie", nahm er das Wort, „ich will nur gestehen, daß ich Euch damals ollen Ernstes für den Documentendieb hielt. Auch heute nock kommt es mir vor, als ob Ihr die beste Auskunft darüber geben könntet, wer das Kästchen hinter die Wand versteckt hatte. Seid so gut und schenkt mir reinen Wein ein. Ich verrathe Euch nicht!" Der Hauptmann gab nicht sofort eine Antwort. In unverkennbarer Aufregung durchmaß er eine Zeit lang den Raum. Dann blieb er vor Georg stehen, und ein nicht zu erklärendes Lächeln spielte um seinen Mund. „Euere Offenheit", sagte er, „ist der meinigen werth. Ihr wäret mir von Anfang an ein Dorn im Auge, und wenn ich zugebe, daß ich Euch wohl hundertmal in's Pfefferland oder an ein ähnliches hübsches Plätzchen gewünscht habe, so wird es nicht weit gefehlt sein. Es geschah nicht ohne Grund, denn Ihr triebet, mit Verlaub, Euern Muthwillen mit mir etwas zu stark. — Das ist jetzt anders geworden. Ihr hieltet den Schwedenhieb, der mich unfehlbar zu einem todten Mann gemacht hätte, mit eigener Lebensgefahr auf und habt dadurch ein Herz gezeigt, dem man nicht zürnen kann. Damit Ihr nun seht, daß ich auch kein schlechter Kerl bin und wohl zu ermessen weiß, was ich Euch schulde, sollt Ihr eine Erzählung hören, die Euch gewiß inzer- essirt. Vorher aber müßt Ihr mir bei Euerer Solda- ten-Ehre geloben, von dem, was ich Euch sage, an keinen Menschen auch nur ein Wort zu verrathen, bis von mir selbst Euch hierzu die Erlaubniß ertheilt wird." Georg gab das verlangte Versprechen, und der Hauptmann begann: „Die traurige Geschichte des Herzogs mit seiner ersten Gemahlin ist Euch bekannt. Eines aber wußtet Ihr und Alle außer mir auf Großmeseritsch nicht: daß die Gräfin ein Töchterchen aus erster Ehe besaß. Der Herzog hatte eine unüberwindliche Abneigung gegen das unschuldige Wesen gefaßt. Er verhehlte sie der Mutter nicht und machte die Entfernung des Kindes zur Bedingung seiner Verbindung mit ihr. Die verblendete, leidenschaftlich liebende Frau brachte das furchtbare Opfer. Die Kleine wurde unter die Obhut fremder Leute gebracht. Ja noch mehr: auf Betreiben des ehrgeizigen Gemahls errichtete die Gräfin ein Testament, welches ihr ungeheures Vermögen dem Herzog völlig preisgab. Nach ihrem Tode sollte er die Besitztitel erhalten. Für ihr Kind, die rechtmäßige Erbin, 86 wurde nur eine Summe von ungefähr hunderttausend Thaler hinterlegt mit der Bestimmung, sie dem Mädchen auszubezahlen, wenn es sich verheirathe oder in das zweiundzwanzigste Lebensjahr trete. Trotz alledem hatte die Gräfin sich vergebliche Hoffnung auf Erfüllung ihrer Wünsche gemacht. Die Liebe des Herzogs hielt nur so lange an, bis sein Zweck erreicht war. Mit jedem Tage wurde er dann kälter und rücksichtsloser gegen die Gemahlin und änderte sein Benehmen auch dann nicht, als er diese aus Gram dem frühen Grabe zuweilen sah. In ihrer Verlassenheit empfand die arme Frau das am eigenen Fleisch und Blut begangene Unrecht doppelt bitter, und eine heiße Sehnsucht nach dem verstoßenen Kinde erwachte in ihrem Gemüth. Von dem Anblick desselben, und konnte sie ihn auch nur heimlicherweise genießen, versprach sie sich für die grausame Enttäuschung einigen Ersatz. Unter erborgtem Namen brachte ich das Mädchen aus dem Hause meiner Schwester, welcher man dessen Erziehung anvertraut hatte, nach Großmese- ritsch zu dem damaligen Schloßhauptmann Lobau, der von da an Vaterstelle an der armen Waise vertrat. — Er allein, die Gräfin und ich wußten, daß Magdalene die Stieftochter Wallenstein's ist!" Der Hauptmann hatte die letzten Worte langsam und mit Nachdruck gesprochen; nun machte er eine Pause und beobachtete den Eindruck seiner Worte auf Georg's erglühtem Gesichte. Dieser war beim Schluß der überraschenden Enthüllung in die Höhe gesprungen. Eine ungeheuere Aufregung arbeitete in seiner Brust. „Was sagt Ihr, Hauptmann", rief er, „Magdalene, meine Braut, die Tochter des Herrn?" „Ich bin noch nicht zu Ende", unterbrach Leßlie den Aufgeregten und drängte ihn wieder auf seinen Platz. „Das Mädchen wuchs heran. Es wußte nichts über den Ursprung seines Daseins und von seinen Rechten für die Zukunft. Aber auch Wollenstem hatte keine Ahnung von seinen Beziehungen zu der Pflegetochter Lobau's. Die Gräfin wollte, daß man ihr Kind über seine hohe Abkunft so lange als möglich vollständig in Unkenntniß lasse. Nicht Glanz und Reichthum, welche der schwer geprüften Frau die bittersten Lebenserfahrungen nicht erspart hatten, sollten einst im entscheidenden Augenblick das Schicksal Magdalenens bestimmen, sondern ihr Herz. -— Lobau starb, und ich wurde an seine Stelle gesetzt. Unter meinen Augen erweiterte sich die Kluft zwischen dem Herzog und dessen Gemahlin in einer Weise, daß ein vollständiger Bruch unvermeidlich erschien. Ohne Zweifel wäre es auch so weit gekommen, hätte nicht das herannahende Ende die Gräfin zu wettern Schritten unfähig gemacht. Wenige Tage vor ihrer Auflösung rief sie mich an ihr Bett. Sie sprach mit mir von ihren Hoffnungen, von ihren Enttäuschungen und Leiden und übergab mir ein Ebenholzkästchen, in dem sie ein Codicill, welches das erste Testament umstieß, und die Bcsitztitel ihres Vermögens aufbewahrt hielt, mit dem Auftrag, dasselbe sofort nach ihrem Hinscheiden an einen sichern Ort zu verstecken, und zwar so lange, bis ihre großjährige Tochter mit Erfolg ihre Rechte gegen den Herzog geltend machen könne. Ich mußte eidlich geloben, alles genau so zu besorgen, wie es von ihr bestimmt worden war. Ich leistete den Schwur und vollzog den Befehl in einer Weise, daß eine vorzeitige Entdeckung mir geradezu unmöglich schien. Doch es kam anders. Wie Ihr wißt, wurde all' meine Vorsicht und Mühe durch höhere Gewalt zu nichte gemacht I" Leßlie schwieg und bekümmerte sich nicht weiter darum, wie Georg mit dem durch das Vernommene in seinem Innern heraufbeschworenen Sturm sich zureicht fand. Diesem war es in der That seltsam genug um das Herz. Er, der arme Kriegsmann, Eidam des mächtigen Herrn! Ob nicht Magdalene, wenn sie ihren wahren Namen und ihre Herkunft erfuhr, das Jawort bereute? Ob sie nicht das Verlöbniß rückgängig machte, welches unter ganz andern Voraussetzungen und Verhältnissen entstanden? Dieser Gedanke hielt jedoch nur einen Augenblick Stand. Dann trat das Bild der Geliebten vor seine Seele mit ihrem unschuldigen, frommen und demüthigen Sinn, und jeder Zweifel wurde durch die feste Ueberzeugung, durch das glückliche Bewußtsein verscheucht, daß das edle Herz seiner Braut um schnöden Mammons willen eines Verrathes nicht fähig war. Die Wogen seines Wonnegefühles gingen so hoch, daß er gedankenlos zu dem so oft gerügten Muthwillen gegen den Hauptmann sich abermals hinreißen ließ. „Ihr seid ein Schlau- kopf", rief er, „der seinen Vortheil versteht! Das alles wußtet Ihr? Nun wundert's mich nicht mehr, daß Ihr Euch um den Besitz Magdalenens oder vielmehr deren gute Thaler so abgeplagt habt!" Leßlie maß den jungen Mann mit einem finstern Blick. „Euch mag dieser schlecht angebrachte Spott hingehen", entgegnete er rauh, „ein Anderer möchte sich hüten! Was ich gewollt und gethan habe, kann ich vor Jedermann verantworten, da es in der besten Absicht geschah. Ich achtete und liebte das Mädchen I Warum auch nicht? Sie hatte es nicht nur als Tochter meiner Herrin, sondern auch wegen ihrer Häuslichkeit und Tugend verdient. Gleichwohl befindet Ihr euch Alle in großem Irrthum, wenn ihr meint, ich sei willens gewesen, für mich alten Mann um die liebliche Magdalene zu freien. Das fiel mir nicht ein. Dagegen wollte ich ihr eine Zukunft verschaffen, die mit ihren Anschauungen, ihrer Erziehung und ihrem ganzen Wesen in nicht allzu großem Widerspruch gestanden und sie doch in eine bevorzugte Stellung gebracht hätte. Zugleich wäre dadurch meine Schwester für die vielen Mühen und Sorgen belohnt worden, die man ihr durch die Erziehung des Mädchens auferlegt hatte. Ihr einziger Sohn, Fritz Donald, mein Neffe, war von mir zum Gemahl Magdalenens bestimmt. Er ist ein wackerer Bursche", fuhr Leßlie fort, und seine Stimme wurde fast weich, „die einzige Freude, welche mir das Geschick übrig ließ, der Stolz meines Alters und einstens der Erbe meiner kleinen Ersparnisse, wenn ich von dieser Welt scheiden werde. Durch die Verbindung mit dem mir anvertrauten braven Mädchen hätte ich ihm einen neuen Beweis meiner Liebe zu geben vermocht — es sollte nicht sein, ich habe mich vergeblich gefreut I" Der Hauptmann machte eine Pause, dann fügte er, in seinen alten trockenen Ton fallend, hinzu: „Ich will nicht in Abrede stellen, daß mein Vorgehen damals etwas hitzig und selbstsüchtig war; doch meinte ich jene Drohung, die Euch so sehr in Harnisch gebracht hat, nicht ernst. Einen Jahre lang verfolgten Plan gibt man nicht gern auf. Ich that, was ich konnte, um mein Ziel zu erreichen, zog mich jedoch, als ich fand, daß das Herz Magdalenens schon einem Andern gehörte, zurück. Fritz, der das Mädchen kaum zu sehen bekam, machte 87 ^rL'-. .. ^ ^ - -/ ^ - 7 . ' sich aus der Abweisung nicht viel, und auch ich habe mich indessen mit der nicht mehr zu ändernden Thatsache versöhnt. Möget Ihr glücklich sein! Ich gönne Euch die liebliche Braut!" Georg hatte mit halb abgewandtem Gesicht zugehört. Sein Mtenensptel drückte unverkennbare Verlegenheit aus. Die boshafte Bemerkung von vorhin that ihm aufrichtig leid. „Nehmt mir meine Unart nicht übel", wandte er sich an Leßlie und bot diesem die Hand; „ich meinte es nicht so böse, und ..." „Ich zürne Euch nicht", fiel ihm der Hauptmann in's Wort. „Ihr seid eben ein Schalk! Doch nehmt Euch in Acht! Ihr wißt wohl, Eure Scherze laufen nicht immer gut ab I Und noch einmal: seid Eueres Gelöbnisses eingedenk und saget von dem, was ich Euch anvertraute, zu keinem Menschen, auch nicht zu Magda- lenen, ein Wort!" Damit wandte er sich ab und verließ das Gemach. Georg blieb in einer seltsamen Stimmung zurück. Er zweifelte an der Richtigkeit des Vernommenen nicht, und doch kam ihm alles vor wie ein Traum. Welch' schweres Unrecht hatte er dem ehemaligen Schloßhauptmann, der nur dem gegebenen Worte gemäß und im guten Glauben an das Recht seiner verstorbenen Herrin gehandelt, mit seiner Verfolgungssucht und seinem Argwohn gethan! Wie hatte er sich in dem Charakter dieses Mannes geirrt! Die Erklärung des Hauptmannes bezüglich des Heiraths-Projectes dagegen war für ihn keine Ueberraschung gewesen; er hatte längst die Ueberzeugung gewonnen, daß er durch seine eigene Combinationsgabe auf die richtige Fährte gelenkt worden war. Bei dem Gedanken an die innige Zuneigung und Opferwilligkeit, welche sich in den Worten Leßlie's gegen seinen Neffen aussprach, wollte fast ein Gefühl des Mitleids ihn be- schleichen. Der Wachtmeister Donald sah nicht danach aus, als ob er tm Stande wäre, viel Freude und Glück auf den Weg Derer zu streuen, die ihn liebten und von denen er Gutes empfing. Noch eine andere peinliche Empfindung drängte sich, trotz aller Bemühungen, sie zu verscheuchen, stets wieder in Georg's Seele hervor. Nach der Darstellung Leßlie's mußte der Herzog in der Documentenkiste das Codicill entdeckt haben, durch welches das erste Testament ungültig gemacht worden war. Und doch hatte er, wie allbekannt, gleich sämmtliche Güter seiner verstorbenen Gemahlin, die bis zu diesem Zeitpunkt unter gerichtlicher Verwaltung gestanden, in vollen Besitz genommen. Georg konnte unmöglich glauben, daß Leßlie's Mittheilung auch in dieser Hinsicht der Wahrheit entsprach; denn dann hätte Wallen- stein eine große Ungerechtigkeit, ja geradezu ein Verbrechen begangen, und die Fähigkeit zur Verübung eines solchen traute der junge Mann dem Herzog von Friedland nicht zu. Während er noch diesen Gedanken nachhing, ertönte ein Signal vom Hofraum herauf, und er eilte hinab. Heinrich Hansjakod Auf dem freien, ringsum von hohen Gebäulichkeiten eingeschlossenen Platz gewahrte er den größten Theil der Offiziere des Terzky'schen Regiments, welches man in dem Capucinerkloster einquartiert hatte. Auch Haupt- mann Leßlie befand sich unter denselben und kam auf ihn zu. „Gut, daß Ihr kommt", sagte er mit hämischem Lachen, „die Komödie beginnt! Heute seht Ihr seine fürstliche Hoheit Ehren und Gnaden austheilen, und morgen wird geköpft und gehängt. Der Herzog weiß in der That, wie man in die Langeweile des Lebens eine hübsche Abwechselung bringt. Folgt mir an jene Mauer hinüber, wo Ihr die großen Plakate erblickt; dort könnt Ihr die Namen der Opfer des fürstlichen Zornes selbst lesen, sie wurden soeben durch öffentlichen Anschlag zur allgemeinen Kenntniß gebracht." Damit wandte er sich nach der bezeichneten Seite, und auch Georg lenkte seine Schritte dahin. Leßlie blieb vor dem improvisirten Pranger stehen und las anfangs ohne besonderes Interesse. War ihm doch, was er durch die entehrende Maßregel erfuhr, in der Hauptsache schon vorher bekannt. Auf einmal aber wich alles Blut aus seinem Gesicht, die Kniee wankten, und er mußte sich auf den Degen stützen, damit er den Halt nicht verlor. Diese Schwäcke- Anwandlung ging jedoch fast eben so schnell vorüber, wie sie sich eingestellt hatte. In jähem Wechsel erschien das Antlitz des Hauptmanns von einer unnatürlichen Nöthe gefärbt. Die Augen sprühten Flammen, die Zähne knirschten, und drohend hielt er die geballte Faust gegen die Mauer empor. Dann verließ er, mit einem gräßlichen Fluche sich abwendend, den Platz. Georg hatte die ungeheuere Aufregung Leßlie's, ohne sich dieselbe erklären zu können, bemerkt. Er trat ebenfalls vor das Placat. Da fand er das Räthsel nach einem kurzen Blick auf das Schriftstück gelöst: als Letzter in der Reihe derjenigen, welche man zum Brandmarken am Galgen bestimmt hatte, war — Fritz Donald genannt. Bei dieser Entdeckung füblte der junge Mann sein Gemüth durch eine Fluth der verschiedenartigsten Gedanken und Empfindungen in Aufruhr versetzt. Zum Anstellen von wettern Betrachtungen über diesen traurigen Zwffchenfall blieb ihm jedoch keine Zeit, da im gleichen Augenblick ein Trupp Reiter mit dem Herzog von Friedland an der Spitze im Hofe erschien. Der gewaltige Mann, dessen Angesicht deutlich die Spuren heftiger Aufregung trug, stieg vom Pferde und schritt die Reihen der Offiziere entlang, welche sich in einem weiten Halbkreis aufgestellt halten. Nach einer Weile blieb er stehen und begann mit volltönender Stimme: „Dem Verdienste den Lohn! Dem Verrath und der Feigheit die Strafe! Das ist der Grundsatz, durch welchen ich von jeher als Feldherr zu meinem Thun und Lassen bestimmt worden bin! Auch heute handele ich wieder nacb ihm. Die letzte Schlacht wurde zwar nickt verloren, aber trotzdem wurde in Folge der Pflichtvergessen- 88 hett einzelner Offiziere nicht erreicht, was hätte erreicht werden können. Durch die Böswilligkeit elender Schurken ist die Gunst der ewigen Mächte gekreuzt worden und einer der schönsten Erfolge verscherzt. Doch die Gefahr ging vorüber, und in ungetrübtem Glänze leuchtet auf's neue mein Stern! — Ihr habt euch Alle brav und wacker gehalten; ich danke Euch und hoffe, daß Ihr auch hinfüro eure Schuldigkeit Ihut!" Darauf verlieh Wallenstein verschiedenen Offizieren höhere Chargen. Leßlie wurde zum Oberstwachtmeister und Georg Selkow zum Hauptmann ernannt. Vor seinem Abgang schritt der Feldherr noch einmal auf Letzteren zu und sagte freundlich zu ihm: „Dich habe ich zu einem besondern Geschäfte bestimmt; komme morgen in der Frühe zu mir." Dann schwang er sich auf das Pferd und sprengte mit seiner Begleitung davon. 9 . Ein dichter Nebel hüllte die Häuser und Straßen Leipzig's in einen blaugrauen Schleier, als der neuernannte Hauptmann Georg Selkow dem Absteigquartier des Herzogs von Friedland zuschritt. Er trug den Arm wieder frei. Die unbedeutende Wunde hemmte dessen Bewegung nicht mehr. Trotz der frühen Morgenstunde und der recht empfindlichen Kälte war alles bereits auf den Beinen. Nicht nur die Einwohner der Stadt, sondern auch zahlreiche Schaaren von Landleuten aus den benachbarten Dörfern durchzogen in ihren charakteristischen Trachten die Straßen und Plätze. Die ungewöhnliche Aufregung war nicht ohne Grund; diesen Tag hatte man für die Hinrichtung der verurteilten Offiziere und Soldaten bestimmt — ein Schauspiel, das ungeachtet seiner Widerlichkeit eine Menge Zuschauer aus nah und fern nach dem geräuschvollen Lager des Friedländers zog. Georg beachtete das Gedränge nicht, sondern eilte seinem Ziele entgegen; dem Magistratsgebäude, welches Wallenstein für sich und seine Familie zur Wohnung erwählt hatte. Sofort nach seinem Eintritt tn's Haus führte ihn ein Leibjäger zum Herzog. Wallenstein stand am Fenster und dictirte seinem zum Rittmeister beförderten Geheimsccretär Neumann, der emsig schrieb. Beim Anblick Georg's hörte er auf. „Du bist pünktlich", sagte er zu diesem, „fast mehr als mir angenehm ist; denn für Deine Abfertigung geschah bis jetzt nichts. Später also! Meine Gemahlin hat ohnehin einen Auftrag für Dich. Folge dem Leibjäger zu ihr! — Du wirst erwartet, vorwärts", fügte er ungeduldig hinzu, als Georg in Anbetracht der frühen Tageszeit zu zögern schien; und dieser gehorchte. Die Herzogin befand sich schon in voller Toilette, als Georg bei ihr eintrat. Sie bot ihm einen Sessel an und setzte sich neben ihn. „Wie mein hoher Gemahl mir gesagt hat", begann sie, „werdet Ihr mit einem Schreiben an den sächsischen Oberfeldherrn Arnim geschickt. Dabei wird man Euch die Erlaubniß zu einem Umweg ertheilen, der über Großmeseritsch führt und Euch zum Besuch Euerer Braut die schwerlich unerwünschte Gelegenheit gibt. Diese Vergünstigung ist von mir ausgewirkt. Ich gedenke nämlich bei dieser Gelegenheit einen geheimen Plan einzuleiten, zu dessen Ausführung Ihr mir die Hand reichen müßt. Ihr seid doch damit einverstanden, nicht wahr, und verrathet mich nicht?" „Euer Wunsch ist mir Befehl", entgegnete Georg bescheiden, dessen Antlitz vor freudiger Ueberraschung erglühte, und die Heizogin fuhr fort: „Ich bitte Euch, Magdalenen und all' den lieben Menschen dort, namentlich Pater Vincenz und der alten Anna, meine Grüße zu bringen. Es hat mir in jener Burg gar sehr gefallen, und ich wünsche, später in ihr meinen bleibenden Wohnsitz zu nehmen. Das kann natürlich nur geschehen, wenn auch mein hoher Gemahl nach Großmeseritsch zieht. Der Herzog wäre jedoch schwerlich für diesen Schritt zu gewinnen, denn er hat einen unerklärlichen Widerwillen gegen den Aufenthalt in jenem Schlosse gefaßt. Das rührt jedoch, wie mir scheinen will, nur daher, daß die Einrichtung und Ausstattung desselben mit seinen Anforderungen im Widerspruch steht. Ihr werdet deshalb als künftiger Schloßhauptmann dafür sorgen, daß das ganze Haus nach innen und außen restaurirt werde. Die Zimmer sind neu auszumalen; die Dächer müssen frisch gedeckt, die alten Möbel und Keräthschaften entfernt und durch neue ersetzt werden, kurz: das ganze Gebäude soll ein Aussehen bekommen, daß mein Gemahl es kaum wieder erkennt. Da Ihr voraussichtlich nicht lange ausbleiben dürfet, so übertraget Ihr die Leitung des Bauwesens und aller übrigen Arbeiten dem Burgvogt mit der Weisung, keine Mühen und Kosten zu scheuen und das Werk sofort in Angriff zu nehmen, damit man längstens über's Jahr einziehen kann." Georg's Herz pochte fast hörbar vor Freude und Glück. Er gab die Versicherung, daß Alles auf's pünktlichste ausgeführt werden solle, wie die hohe Frau es befahl. Diese ertheilte ihm noch einige Anweisungen und Winke, da erschien der Leibjäger wieder und rief den Hauptmann zum Herzog. Wallenstein befand sich allein in seinem Gemach. Der Geheimsecretär hatte sich beim Eintritt Georg's entfernt. „Meine Gemahlin", begann jener und übergab letz- term ein versiegeltes Schreiben, „hat wahrscheinlich bereits von diesem Briefe gesprochen, zu dessen Beförderung und Uebergabe ich Dich erkor. Es ist Line wichtige Sendung, und Du magst es meiner besondern Gunst und Gnade danken, daß sie Dir anvertraut wird. Höre nun, was ich Dir sage, und beachte es wohl. Du reitest allein, ohne jegliche Deckung, in dieser Stunde noch fort, und zwar vorerst nach Großmeseritsch. Dort wirst Du vier Tage rasten. Dann brichst Du nach Reichender« auf. In dieser Stadt wartet im Gasthof Zu den zwölf Aposteln ein Page auf Dich. Er wird Dich empfangen und zu dem Adressaten des Briefes führen, den ich Dir eben gab. Bewahre und hüte ihn wie ein kostbares Gut. Du haftest mit Leib und Leben dafür, daß er an seine richtige Bestimmung gelangt. Mehr zu sagen brauche ich nicht. Du bist klug und einsichtig genug, um zu begreifen, was man von Dir will. Glück auf den Weg!" Der Herzog winkte, und Georg zog sich zurück. Er eilte nach Hause, sattelte selbst seinen Braunen und hatte sich schon in den Bügel geschwungen, als in größter Eile ein Leibjäger herbeistürmte und ihm befahl, nochmals vor dem Herzog zu erscheinen. Nicht wenig erstaunt, folgte Georg dem Ruf. Er traf den Herrn wieder allein. Dieser verlangte mit der kurzen Erklärung, „er habe sich eines Andern besonnen", das anvertraute Schreiben zurück und entledigte den Hnuptmann des ertheilten Auftrages. Der Ausdruck schmerzlicher Enttäuschung, welcher bei dieser unerwarteten Wendung auf Georg's Antlitz erschien, entging Wallenstein nicht. Der junge Mann hatte sich W Die Sibirische Eisenbahn. so innig auf das Wiedersehen der Geliebten gefreut und sah sich nun mit einem Schlag aus all seinen Himmeln gestürzt. Der Herzog betrachtete ihn schweigend. Der Ernst auf seinem Angesicht wurde durch ein mildes Lächeln verdrängt. Er reichte ihm gütig die Hand. „Nur Geduld", tröstete der hohe Herr, „aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Ich glaube Dir die feste Zusage geben zu dürfen, daß Du die erwünschte Reise bald antreten kannst." (Fortsetzung folgt.) --- Zu unseren Bildern Sladtpfarrer Nr. Heinrich Hansjakod. Hansjakob gehört zu den originellsten Schriftstellern, deren wir Katholiken uns rühmen können; er ist ein literarischer Charakterkopf, wie sie in unserer Zeit nur selten aus dem und Philologie. Im Jahre 1863 wurde er zum Priester geweiht und machte im selben Jahre das philologische Staats- Examen. Von 1863-1874 war er Lehrer am Gymnasium zu Donaueschingen, von 1864—1869 Vorstand der Realschule zu Waldshut. Im letzten Jahre beging er das todeswürdige Verbrechen, eine öffentliche Rede gegen das badische Ministerium zu halten — schnell folgte die Nemesis: er ward abgesetzt und auf einer Festung für einige Zeit unschädlich gemacht. Von 1870—1884 fnngirte er als Pfarrer in Hagnau am Äodensee, dem schönst gelegenen Pfarrdörfchen in Baden; von 1871 bis 1881 wurde er in die badische Kammer der Abgeordneten gesandt und 1873 wiederum wegen einer dem Ministerium wenig gefallenden Volksrede eingesperrt. Seit 1884 ist Hansjakob Stadtpfarrer in Freiburg. Die Sibirische Eisenbahn. Schon in den^Jahren 1857—1869 tauchten verschiedene Projecte auf, um die ungeheuren Gebiete Sibiriens durch eine ÄW LML «MW W-MWWMA WWP Schloß Kchönbrunn bei Wien. Tintenmeere deutscher Schriftsteller auftauchen. Seine Schilderungen aus dem Kleinleben seiner engeren Heimath, dem Kinzig- thal in Baden, sowie aus seiner Jugend- und Studienzeit haben ihm Beifall und warme Anerkennung nicht allein in kathol. Kreisen und nicht allein in badischen Landen gebracht. Eine solche Naturwüchsigkeit, wie in seinen schon aus eine stattliche Anzahl von Bänden angewachsenen Skizzen, Schilderungen und Erzählungen findet sich nur noch bei Sebastian Brunner und in den Schriften se nes verewigten Lai.dsmanncs Alban Stolz. Zu den vorzüglichsten Werken Hansjakobs, die allen Anspruch darauf haben, in die Litteraturgeschichte eingetragen zu werden, gehören die „Wilden Kirschen" und „Schneebällen", ferner „Dürre Blätter", „Aus meiner Jugendzeit" und „Aus meiner Studienzeit". Daran reihen sich eine Anzahl Reiseschilderungen sowie historische Abhandlungen, und endlich zahlreiche, vortreffliche Predigten. — Hansjakob wurde geboren im Jahre 1837 zu Haslach im Kinzigthal in Baden als Sohn eines Bäckermeisters und Bauernwirths. Er studirte auf dem Gymnasium zu Rastatt und später an der Universität Freiburg Theologie das Land bis znm Stillen Ocean durchziehende Eisenbahn mit deni europäischen Rußland unmittelbar zu verbinden. Diese Projecte behandelten entweder die ganzeiBahn oder Thcilstrecken derselben. Erst in neuerer Zeit wurden diese Pläne verwirklicht. Durch Rescript des Kaisers Alexander III., der sich sür das Riesenwerk sehr interessirte, vom 17. (29.) März 1891 wurde der Bau der Sibirischen Eisenbahn angeordnet und noch im nämlichen Jahre in Angriff genommen. Die S. E. wird eine Gesammtlänge von 7 i 12 Werst erreichen, die Herstellungskosten sind auf 350 Millionen Rubel veranschlagt. Sie bildet die Fortsetzung der noch im europäischen Rußland belegencn Staatsbahn Samara—Ufa—Slatonst—Tscheljabinsk. Von Tscheljabinsk führt die Linie über Kurgan und Petropawlowsk nach Omsk am Jrtysch, wo sie denselben überschreitend in die Barabizische Steppe eintritt, um sodann über Kainsk das Dorf Kriwosch- tschekow am Ob zu erreichen. Hier überschreitet die S. E. den Ob mittelst einer 400 Faden langen Brücke und geht dann über MariinSk, die Stadt Kansk und Nischne-Udinsk nach der Stadt JrkutSk. Von da führt die Linie am Baikalsce entlang 91 ö. 2-r^- rEli^ MW !7LLB>>M iMUrKWU LMWWM «UMedM^ MMM !»WWL MMD -WM Auf dem Markusplatze in Nrnedig 92 bis zur Station Mysowskaja an der Südseite des See's, worauf das Witimplateau übe, schritten wird. Ueber die Distriktsstadt Tschita und dann dem Schilkaflnß folgeud erreicht die S. E. die der Stadt Srjetensk gegenüberliegende Ansiedelung Matakan. Der nächste Abschnitt bis zur Stadt Chabarowka am rechten Ufer des Amur (2000 Werst) ist noch nicht allgemein bearbeitet. Es wird beabsichtigt, die Bahn auf 600 Werst im Thale des Schilka- und Amurflusses zu führen, dann den Amur zur Abkürzung des Weges zn verlassen und erst nach weiteren 1400 Werst an der Mündung des Ussnri auf einer Brücke von 1200 Faden zu überschreiten. Dann geht die Linie 400 Werst am Ussnri entlang, welcher bis zum Cbankasee gleichzeitig die Reichsgrenze gegen China bildet. Unter Ueberschreitnng des Ussuri (6755 We> st) geht die Linie an den Geb rgslehnen des Chankasee's und im Thal des Lefaflüßchens entlang nach der Station Nikolskaja (6982 Werst), von hier aus am Sujfnn- flusse entlang nach Chabarowka, demnächst in der Richtung auf die Stadt Wladiwostok, wo an der Bucht des Solotoj-Rog (goldenes Horn) die Endstation in 7083 Werst liegt. Von der Gesammtstrecke der S. E. waren Ende 1894 gegen 1518 Werst fertig, etwa 100 Werst mehr als der fünfte Theil der ganzen Länge der Hauptlinie. Auf der Ussuri-Eisenbahn war zum 1. (13.) Januar dS. JS. das Schienengeleise bis zn 494 Werst vor Wladiwostok, d. h. bis zum liebe, gang über den Fluß Bikin, einen rechten Nebenfluß des Ussuri, fertiggestellt. Das Legen der Schienen, welches von einer Compagnie des vor Kurzem angekommenen Eisenbahnbataillons ausgeführt wird, wii d im Frühjahr wieder aufgenommen werden; bis zum Herbst des Jahres 1896 soll ChabarowSk erreicht werden, welches von Wladiwostok 785 Werst entfernt ist. In Regierungskreisen ist die Frage neuerdings angeregt, die S. E. mit Turkestan in Verbindung zu bringen, und sind zwei Linien hierfür in Vorschlag gebracht, Tscheljabmsk Turgaj—Turkestan und Petro- pawlowsk—Atbass ar—Turkestan. Schönkrunn. Das berühmte kaiserliche Lustschloß in Wien, im Südosten der Stadt am Wienflüßchen gelegen, wurde unter Kaiser Leopold dem Ersten nach den Plänen von Cisso von Erlach begonnen und unter Maria Theresia 1744-1750 vom Baumeister Val- magini vollendet Das dem Hofe zum theilweisen Sommeraufenthalt dienende Schloß enthält großartige Parkanlagen (mit dem Fasanengarten, der Menagerie usw.), 1441 Zimmer und Gemächer, darunter das blaue Cabinet, ein Lieblingsaufcnthalt der Kaiserin Maria Theresia, das Zimmer, in dem Napoleon der Erste 1809 wohnte und sein Sohn, der Herzog von Reichstadt, 1832 starb, und ein Theater. Zunächst dem Schlosse befindet sich die große Orangerie und andere Gartenanlagen mit Marmorstatuen und Marmorgruppen. Der Park enthält herrliche Alleen, mehrere Bassins, den Kaiserbrunnen oder Schönen Brunnen, welcher dem Schloß den Namen gegeben hat, Fasanerie», Thiergarten, botanischen Garten, auf der Höhe des Schönbrnnner Berges die Gloriette, ein 1775 aufgeführtes Prachtgebäude mit Colonnade, Waldvartieen usw. Auf dem Markusplatz in Nenedig. Mit Ausnahme des von den Kolonnaden umsäumten Platzes vor der Peterskirche in Rom besitzt keine Stadt der Welt einen Platz, der an architektonischer Schönheit dem Markusplatze in Venedig gleichkommen würde. Auf 3 Seiten ist derselbe von Prachtbauten aus Marmor, den sogen. Prokuristen, d. h. Paläste der Prokuratoren von Sän Marco eingeschlossen. An der Ostseiie des Platzes erhebt sich die dem Schutzheiligen der Stadt, dem Evangelisten Markus geweihte Patriarchat oder St. Markuskirche, ein nach byzantinischem Muster aufgeführtes und mit orientalischer Pracht ausgestattetes Bauwerk, in welchem die Gebeine des hl. Markus begraben sind. An den eigentlichen Markusplatz schließt sich die nach der Lagune hin offene Piazzetta an, auf der einen Seite von der ehemaligen Bibliothek, einem der schönsten Gebäude des 16. Jahrhunderis, auf der anderen Seite von dem herrlichen Dogenpaiaste begrenzt. Markusplatz und Piazzetta bilden den Mittelpunkt des Verkehrs von Venedig und gleichzeitig den Sammelplatz aller in der schönen Lagunenstadt sich aufhaltenden Fremden, die sich besonders zu den Stunden, wo die berühmten Tauben von Sän Marco gefüttert werden, in großer Anzahl dort einfinde». Aber auch zu allen andern Tageszeiten bietet der Markusplatz stets eine Fülle von Gelegenheiten zur Beobachtung des venezianischen Volkslebens, zu welchem auch die am unserem Bilde dargestellte hübsche Szene eine vortreffliche Illustration bildet. -- Allerlei. Ausgedient. Student fzu seiner Wäscherin^: „Warum nähen Sie keine Knöpfe mehr an meine Hemden?" — Wäscherin: „Ach, Herr Müller, an Ihre Knöpf' sollt' man Hemden nähen!" -—ssr?««- Äve Maria! Die Brandung schweigt, der rauhe Sturm entwich, Und segnend senkt dcr Hauch des Friedens sich Im Abendschimmer auf das müde Meer. Kein Schmerzensschrei, kein zornig Grollen mehr Steigt aus der Muth; des Tages Glanz verblich, Des Tages Kampf und Wahn, und süß und hehr Breitet sich in milder Pracht Auf das weite, grambcfreite Wogenfeld der See die stille Sternennacht — Ave Maria! Das Schilfrohr bebt wie klagend nur im Wind, Sonst rings kein Laut, — nur leise, leis' und lind Tönt das Geläute an den Meeresstrand Vom Kirchlein her auf jähem Felsenrand Wie Engelsgrnße an ein schuldlos Kind. Und betend zu der Liebe Heimathland Schau' ich auf aus Staub und Schmerz, Und durch Thränen zieht ein Sehnen Zn dem fernen Strand des Lichts mich sternenwärts — Ave Maria! Jetzt zittert übcr's Meer der letzte Klang Des Vcsperglöckleins ernst wie Grabgesang, Nun Stille rings umher! Nur leis und zag, Wie Geisterlant ertönt dcr Wellenschlag; Wie weißer Schaum zerfließt, was sterbensbang Wie eine Schuld mir auf der Seele lag. Und der Geist der Liebe senkt In die Trauer Frühlingsschauer, Wie der Strahl des Lichts die kranke Blume tränkt — Ave Maria! Ein süßes Grau'n schleicht sich in's Herz mir ein. Ich weiß, Gott ist mir nah'; nicht mehr allein Trägt es sein Web, des Lebens schwere Last! D'rum schlag' nicht mehr so laut, so voller Hast! Sieh' doch daS Meer, wie es kann ruhig sein, Wie nach dem Sturm es schläft in sel'ger Rast! — Wie das Meer, so wirst auch du Nach dem bangen Kampf gelangen Durch die Nacht zum Licht und durch den Kampf zur Ruh' — Ave Maria! (R. Ueberly im Luz. Vaterld.) Nilder-Zlathsel. Auflösung der Schach-Aufgabe in Nr. 11: Weiß. Schwarz. 1. T. S6-L5 T. bU beliebig ' WW Thtnestsche Mädchenschule. Nach einer Photographie. zu seinem Schaden erfahren. Und Wallenstein, den er als den Schutzgeist des Kaisers betrachtet, sollte zur Unterstützung eines solch' ruchlosen Spiels fähig sein? Der Franzose hatte den andern Graf und dieser den Herzog Vetter genannt. Es war ohne Zweifel Graf Kinsky, der Schwager Terzky's, des Gemahls der Schwester der zweiten Frau Wallenstein's. Mit Kinsky hatte jedoch der Herzog anscheinend niemals auf dem besten Fuße gelebt. Woher sollte dieser Mann Geheimnisse kennen, die jener, wenn sie je bestanden, ganz gewiß vor jedem unzuverlässigen Ohr auf's strengste verbarg? Aber der unerwartete Waffenstillstand, der freundschaftliche Verkehr friedländischer Offiziere im feindlichen Lager, seine eigene geheimnißvolle Sendung? — schien nicht alles eine Bestätigung dessen zu sein, was er soeben gehört hatte? — Quälende Gedanken durchwagten Georg's Gemüth. die Herren zu treffen, in die Wirthschafisräume hinab. Er täuschte sich nicht. Graf Kinsky war ihm persönlich bekannt, und den Namen des Franzosen erfuhr er durch den Wirth. Es war der französische Gesandte Marquis von Feuquieres. Die Beiden unterhielten sich lebhaft mit einem Dritten in dem Zimmer, das an die Gaststube stieß. Georg beobachtete sie. Was sie sprachen, hörte er nicht. Da wandte der Letztere, welcher ihm den Rücken zukehrte, den Kopf. Vor Ueberraschung fuhr der Hauptmann von seinem Stuhle empor: der Mann, welcher mit den hohen Herren so zwanglos verkehrte, war Leferrter, der Akrobat. (Fortsetzung folgt.) 104 Venezuela unter der Familie Welser. Von Professor Dr. Arthur Kleinschnridt (Heidelberg). (Fortsetzung.) Die furchtbaren Schilderungen, welche Bartolomö de Las Casas von den Mißhandlungen der Indianer durch Ambrosius und die Seinen entworfen hat, sind übertrieben; sie wurden in Venezuela nicht schlechter behandelt als anderwärts. Eine Empörung gegen den Gouverneur Ambrosius mißlang zwar, doch zwangen ihn der Widerstand der Bergvölker und Nahrungsnoth zur Rückkehr nach Coro, wo man nichts mehr von ihm wußte. Sein Stellvertreter in Coro, Luis Sarmiento, hatte sich mißbeliebt gemacht, Unordnung war eingerissen, und die Lage verschlimmerte sich bedenklich, seit Ambrosius' Bruder Georg Ehtnger, ein hochfahrender Abenteurer, mit 150 neuen Kolonisten im März 1530 bei Paraguana gelandet war, um, gestützt auf den Belehnungsvertrag von 1528, die Herrschaft an sich zu reißen; die Spanier, die an Ambrosius übergenug hatten, wollten nicht noch Georg dazu haben, es brachen Tumulte aus, die königlichen Beamten und Stadträthe führten ihre Autorität durch, und Georg mußte Coro verlassen. Da erschienen plötzlich, direkt von Sevilla kommend, am 18. April vor Coro drei Schiffe mit 500 Kolonisten, und der sie befehligende Hans Seißenhofer brachte eine förmliche Bestallung durch die Weiser, die Ambrosius für todt hielten, als Gouverneur von Venezuela mit; er enthob Sarmiento seines Amts, ließ sich huldigen und besetzte die meisten wichtigen Aemter mit Deutschen. Nikolaus Federmann aus Ulm ernannte er zum Vizegouverneur. Und doch warSeißen- hofers Bestallung ungesetzlich, da der Vertrag von 1528 noch galt und die Welser nicht berechtigt waren; nur im Namen Ehinger's und Sailer's wurden ja alle Angelegenheiten in Venezuela betrieben. Die Welser betrachteten aber diese als ihre Untergebenen, die ihre Vollmachten eigenmächtig ausgelegt und überschritten hatten, und wollten darum Ambrosius durch Seißenhofer ablösen. Ambrosius ließ sich nicht so leicht beseitigen; sobald er wn den Zwisten in Coro und von seiner bedrohten Stellung unterrichtet war, eilte er spornstreichs aus der Wildniß herbei; obwohl fieberkrank, hielt er am 3. Mai feierlichen Einzug in Coro und veranlaßte Seißenhofer zum Verzichte auf seinen Posten, während er sich bereit erklärte, selbst nach Sän Domingo zu gehen und die Differenzen mit dem Welser'schen Faktor daselbst, Seb. Rentz, zu begleichen, denn dieser stand über der Regentschaft und hatte wieder über sich den Welser'schen Agenten am spanischen Hofe. Mit den königlichen Beamten gerieth Ambrosius von Neuem in heftigen Hader; er lieferte der Krone ihren Antheil an der nicht eben großen Beute in Maracaibo nicht aus, bereicherte vielmehr sich und einige Genossen und sandte den Rest an die Weiser; im Widersprüche mit dem Vertrage handelte er mit den ein- und abgehenden Waaren, verkaufte Lebensmittel und Sklaven, ohne Zoll zu zahlen, und fand, weil die Welser allein den Schifffahrtsverkehr nach und von Venezuela vermitteln durften, tausend Gelegenheiten, der Krone bedeutende Summen zu hinterziehen; die Beamten führten am spanischen Hofe bittere Klagen gegen Ambrosius, ihre Briefe aber wurden von den Welser'schen Agenten auf den Welser'schen Schiffen gelesen und unterschlagen, und nur eine Anklageschrift gelangte an ihr Ziel. Wirklich ging ging Ambrosius im Juli 1530 nach Sän Domingo, Federmann sollte ihn in Coro vertreten, trat aber trotz ausdrücklichen Verbotes einen völlig zwecklosen Entdeckungszug in's Innere an, von dem er im März 1531 zurückkehrte, ohne N Ooraäo gefunden zu haben; seiner eigenen, höchst gefärbten Schilderung dieser Expedition, die er als „Indianische Historia" (Hagenau 1557) herausgab, ist nicht zu trauen. Ambrosius verständigte sich in Sän Domingo rasch mit Rentz und mag wohl den Welser große Summen zugewiesen haben, denn er konnte, in seiner Autorität bestärkt und mit ansehnlichen Mitteln ausgestattet, beruhigt nach Coro zurückkehren. Hier erfuhr er von Federmann's Expedition, begnügte sich aber mit der Bestrafung dieses Mannes durch kurzen Arrest, und Federmann kehrte 1532 nach Augsburg heim. Ambrosius glaubte, wie er, im Westen der Kolonie, in Maracaibo, liege deren Zukunft, und beschloß einen neuen Zug dahin. Er sammelte ein waffentüchtigcs Corps, nahm die spanischen Beamten mit, damit sie in Coro keinen Unfrieden erregen möchten, übertrug seine Vertretung daselbst dem ihm innig befreundeten Bartoloms de Santillana und verließ Coro am 9. Juni 1531; in Maracaibo fand er Zuzug von Kolonisten. Er zog durch das Gebirgsland der Buburer und Bureder, fand auch bei ihnen kein Gold und stieg im December in das Eupari- Thal nieder, von dessen Wundern die Sage ging; aus dem Thale des Rancheria ging er in das des Zesare, und die reichen Pacabueyer lieferten ihm Gold im Werthe von 20,000 Castellanos aus; nach einem Treffen mit den Arhuacoern schickte er eine Abtheilung unter Vascuna mit 30,000 Goldpesos nach Coro zurück, um das Gold in Sicherheit zu bringen und Nachschub an Mannschaft zu holen, Vascuna aber verunglückte mit fast allen Leuten auf dem Wege, und das Geld war mit ihnen verloren. Mittlerweile rückte Ambrosius am Jiriri-Fluß weiter, wartete vergebens auf Vascunas Rückkehr und schickte schließlich, um ihn aufzusuchen, Leute unter Esteban Martin im Juni 1532 nach Maracaibo ab; er rekognos- cirte die Umgegend und machte reiche Beute bei den Indianern. Da stieß Martin mit 82 Mann Ersatz im Herbste in Zanico zu ihm und brachte schlimme Nachrichten mit; er meldete nicht nur den Untergang der Expedition Vascunas, sondern auch, die Welser hätten alle Rechte der Ehinger und Sailers auf sich übertragen lassen; Ambrosius war somit seiner eigenen Herrschaftsrechte beraubt und vom guten Willen der Welser abhängig; für sie wollte er keine weiteren Opfer bringen und trat darum am 5. Oktober den Rückzug an, obwohl die nach Beute gierenden Theilnehmer des Zuges laut murrten, ja sie tumultuirten und forderten Vertheilung der bisher gemachten Beute und Vorrücken, Ambrosius aber brachte den Tumult zum Schweigen und machte ihnen nur das Zugeständniß, er wolle auf einem neuen Wege nach Coro zurückkehren. Auf diesem begegnete er Entbehrungen ohne Zahl, mußte beständig mit den Eingeborenen kämpfen und verlor viele Leute; er überstieg noch den Kamm der Anden, wurde aber von den Chitarerern überfallen, ein vergifteter Pfeil traf ihn unter der Kehle, und er starb nach viertägigem Leiden in dem verlassenen Dorfe China- cota, wo er begraben ist. Sein Tod erwies sich als ver- hängnißvoll für das ganze Unternehmen in Venezuela; Ambrosius hatte zwar ein rücksichtsloses, hartes und habsüchtiges Regiment geführt und sich viele Feinde gemacht, war aber doch ein kräftiger Herr gewesen, der den deutschen Vortheil im Auge hatte und obwohl meist von Spaniern umgeben, den spanischen Beamten harte Nüsse zu knacken 105 gab. Die des Führers beraubte Expedition wühlte zu« Generalkapitän einen von diesen, Pedro de Sän Martin, und dieser willigte sofort in die Vertheilung der gemachten übrig geblieben und zu einer halben Rolhhaul geworden war, erlangte durch ihn freundliche Aufnahme bei den Pemenern, ja sogar Goldgeschcnke, fand in Mapaure am WU Beute, nur einen Theil hob er den Weiser auf. In leidlicher Ordnung konnte-^er so den Rückzug fortsetzen, wenn auchIunter schweren"Entbehrungen; unterwegs begegnete er dem Einzigen, der von Vascuna's Expedition 29. August 1533 vierzig Landsleute aus Maracaibo und erreichte Coro am 2. November mit etwa hundert Mann. In Coro stieß er auf anarchische Zustände; des Ambrosius Feinde behaupteten, mit seinem Tode sei auch die Voll- GSnseliesrt als Modell. Nach dem Gemälde von Hugo Oehmichen. Photographie und Verlag von Franz Hansstaengl in München. 106 macht seines Stellvertreters, des strengen Santillana, erloschen; man setzte Santillana ab, verhaftete ihn und bedrohte unter wilden Verleumdungen sein Leben. Sän Martin trat in den Besitz der Gewalt, während der Welser'sche Faktor, für seine Schätze bangend, dem in Sän Domingo über die Unordnung berichtete. In Europa hat sich unterdessen die rechtliche Stellung des Unternehmens wesentlich verändert. Im Juni 1530 war Karl V. zum Reichstage nach Augsburg gegangen und bei Fugger abgestiegen; er blieb bis Ende November und traf mancherlei Abmachungen wegen Geld mit Fugger und Weiser, den Banquiers aller Potentaten. Ihm wurde auch ein Gesuch des Heinrich Ehinger und Hteronymus Sailer, der mit Venezuela 1528 Belehnten, die niemals dorthin gegangen waren, unterbreitet; sie erklärten, der Vertrag von 1528 und alle ihre Abmachungen mit der spanischen Regierung seien nur im Auftrage von Bartholmä Weiser und seiner Gesellschaft von ihnen abgeschlossen worden, und baten, diese Rechte auf die Weiser selbst zu übertragen. Der Kaiser willigte gerne ein, forderte Namhaftmachung zweier Personen aus der Weiser-Gesellschaft zum Zwecke der Belehnung, und die Weiser baten, beide Häupter derselben, Bartholmä und Anton, mit den Hoheitsrechten zu belehnen. Am 20. November ertheilte der Kaiser in diesem Sinne Befehl an den bei seiner mit der Regentschaft betrauten Gemahlin tagenden Indien-Rath, und am 17. Februar 1531 erließ die Regentin ein Dokument, wodurch die beiden Weiser in alle Heinrich Ehinger und Sailer verliehenen Rechte, Privilegien und Bestimmungen des Vertrags von 1528 einrückten; Häbler fand eine Abschrift davon im Britischen Museum. Von da an erscheinen in den Urkunden wegen Venezuela Bartholmä und Anton Weiser oder ihr späterer Agent am spanischen Hose, Sebastian Rodriguez; auf ihre Empfehlung hin bestätigte Karl V. Ambrosius Ehinger durch Dekrete vom 17. Februar und 4. April 1531 als Statthalter (Regent) und Feldhauptmann. Auf die Vorstellungen des Ambrosius hin bestimmte die Krone am 10. Mai 1531, vorerst dürfe das Recht der Deutschen, feindselige Indianer zu Sklaven zu machen, nicht verkürzt werden, doch untersagte sie unbedingt die Ausfuhr von Sklaven aus Venezuela; die Jndianerfrage beschäftigte den Indien- Rath sehr, zumal die Indianer in anderen Kolonien an Zahl rasch abnahmen. In Coro wurde ein Bisthum gegründet, Rodrigo de Bastidas im Juli 1532 Bischof, „Beschützer und Vertheidiger der Indianer", über deren Wohl er wachen sollte. Immer wieder beklagten sich die Deutschen über unbefugte Einmischung der Beamten in ihre Angelegenheiten und am 8. Oktober 1529 erließ die spanische Regierung zu ihren Gunsten ein Verbot, wonach Niemand sonst nach Venezuela Handel treiben, Beute und Sklavenzüge unternehmen dürfte; späterhin gestattete sie den Welser'schen Gouverneuren, alle unbefugt nach Venezuela kommenden oder verdächtigen Personen auszuweisen, respektive nicht ins Land zu lassen. Die Weiser, welche daheim das Monopolwesen im gehässigsten Umfange betrieben und als „Großwucherer und Schinder" ihre Truhen füllten, wußten sich auch in Venezuela das Handelsmonopol zu verschaffen; sie ließen öffentlich allen fremden Händlern und Schiffen die Fahrt dorthin untersagen, brachten die Versorgung Venezuelas, die Verbindung dieser Kolonie mit anderen und mit Spanien ausschließlich in ihre Hände, setzten für alle Artikel riesige Preise fest, und die Krone bestätigte diese ganze Monopolwirthschaft am 19. Juli 1534. Am 17. Februar 1531 erlangten sie große Zugeständnisse für den Salzhandel in Venezuela, und am 4. April des gleichen Jahres gestattete ihnen die Regentin alle Erträge aus Venezuela ungehindert unter Zahlung der gesetzlichen Abgaben na.ch allen Theilen der neuen Welt auszuführen, nach Spanien herüberzubringen und zu verwerthen; nur mußten sie dem Indien-Rathe in Sevilla Proben der betreffenden Produkte vorlegen. Natürlich monopolifirten sie auf diese Weise Ein- und Ausfuhr nach Venezuela ; an die Beschränkungen banden sie sich nie, und der Krone waren sie durch ihre Darlehen so unentbehrlich, daß die Regentin am 17. Februar 1531 auf Klagen ihrer Beamten entschied: „Ich halte die Weiser für unsere getreuen Diener und befehle Euch, sie und ihre Vertreter demgemäß zu behandeln und mit ihnen das beste Einvernehmen aufrecht zu erhalten." Welche dauernde Machtstellung konnten sich die Weiser über dem Ocean sichern, wenn sie sich mit dem Gerichtshöfe, der Audiencia in Sän Domingo, der Zwi- scheninstanz zwischen Gouverneur und Indien-Rath, gut stellten! Das aber haben sie von Anfang an nicht gethan; der Gouverneur umging die Audiencia, wo er konnte, verkehrte direkt mit dem Indien-Rathe und suchte der Audiencia jeden Einfluß auf Verwaltung und Justiz in der Kolonie zu nehmen. Sobald der Tod des Ambrosius bekannt worden, erklärte nun die beleidigte Audiencia den Vertrag von 1528 eigenmächtig für erloschen und erlaubte mehreren Spaniern sich Rechte und Erträgnisse in Venezuela anzueignen, worauf die Weiser mit heftigen Klagen antworteten. Der Indien-Rath hatte den neuen Bischof Bastidas von Coro beauftragt, schleunig von Sän Domingo nach Venezuela zu gehen und die nach Ambrosius Tod eingerissene Unordnung zu schlichten; zugleich wurde Bastidas zum Gouverneur ernannt, und im Juni 1534 erschien er in Coro; er trat versöhnlich auf, setzte Santillana in Freiheit, bestrafte einige der tollsten Ruhestörer und ernannte, als er nach Sän Domingo zurückkehrte, Alonso Vasquez de Acuna zu seinem Stellvertreter in-der Regentschaft. Von einer spanischen Regentschaft in ihrem Venezuela wollten die Weiser jedoch nichts wissen. Nikolaus Federmann hatte sie seit 1532, wo er mit Rentz nach Augsburg gekommen war, bearbeitet, den Reichthum Venezuelas und seine Verdienste ihnen gerühmt und durch sein sicheres Auftreten Vorschüsse M einer neuen Expedition erhalten; die Weiser ernannten ihn zum Gouverneur, und der König von Spanien bestätigte ihn am 19. Juli 1533 unter großen Zugeständnissen, worauf er nach Sevilla eilte, um seine Expedition auszurüsten. (Schluß folgt.) -- I l l e r b e r g. Mit Bild.) I Nachdruck «erboten.l Ueber dem westlichen Abhänge des Höhenrückens, der rechts der Jller zum Donauthale hinabzieht, blickt 2 Stunden unterhalb Jllertissens ein Dorf mit einem schlanken Kirchthurm ins schöne Jllerthal. Es ist Jller- berg, dem die Jller und der fruchtbare Berg, auf dem es sich erhebt, den Namen gab. Der Name Jllerberg klingt nicht sehr alterthümlich, 107 und auch die Urkunden lassen uns nicht tief in diej Vergangenheit des Ortes blicken. Der Umstand, daß der Pfarrer des nahen Pfarrdorfes Bähungen von den Pfarr- Aeckern von Jllerberg den Zehnt bezog und dieses niemals ein Widdumgut hatte, möchte uns fast glauben lassen, daß Jllerberg in alter Zeit eine Filiale von Vöhringen war, das schon im Jahre 1239 ein bedeutender Ort gewesen zu sein scheint. (Baumann, Geschichte des Allgäu, S. 595.) Jllerberg war seit dem frühesten Mittelalter eine Zugehörde der Grafschaft Wullenstetten, die auch das Patronatrecht besaß. Der erste Pfarrer von Jllerberg, der uns urkundlich begegnet, ist Heinrich Töpfer. Wie das noch vorhandene Saalbuch von Jllerberg besagt, hat Pfarrer Töpfer i. I. 1463 in einem alten Meßbuchs alles Einkommen der Kirche an liegenden Gütern, Ewigzinsen, Gilten rc. rc. aufgezeichnet und beschrieben. Da aber durch den Namenwechsel der Inhaber dieser Güter diese Beschreibung unklar und mangelhaft geworden war, ließ am 26. Juli 1550 der Pfarrer Joh. Gering von Jllerberg den kais. Notar Balth. Honold kommen, der nun auf Grund der Güterbeschreibung jenes alten Meßbuches mit dem Pfarrer Gering und den Heiltgenpfle- gern Mattheus Schmidt ^und HansWennklin eine neue Beschreibung alles „Heiltgen-Ein- kommens" aufzeichnete. So entstand das Jllerberger Saalbuch vom Jahre 1550. Unter demselben Pfarrer Töpfer, welcher die Kirchen- Einkünfte im Jahre 1463 beschrieben hatte, wurde auch 17 Jahre später das Saalbuch der Grafschaft Kirchberg im Jahre 1480 angefertigt, von dem ein Auszug vorhanden ist. Es ist angefertigt von dem Vogt des Herzogs Georg von Bayern in Kirchberg, Georg Westerna cher, wie er sich selbst in der Einleitung bezeichnet. Es ist darin bereits das Fcühmeßbenefizium von Jllerberg mit seinen Giltbezügen von 9 guten Höfen und Sölden in Grafertshofen erwähnt. Es erhellt daraus, daß die Grafschaft Kirchberg-Wullenstetten schon im Jahre 1480 in bayerischen Händen war, nicht erst uvno 1503, wie mehrere Chronisten glauben. Jllerberg war somit schon im Jahre 1480 bayerisch; da aber die Grafschaften Kirchberg und Weißenhorn nach Herzog Georgs Tod an den Kaiser zurückfielen, verpfändete dieser im Jahre 1507 die Grafschaften an die Fugger. So kam Jllerberg an die nachmaligen Grafen v. Fugger, die heute noch das Patronatrecht besitzen. Zur Zeit des Bauernkrieges im Jahre 1525 war Michael Hold „Vicarius" in Jllerberg. Als Ulm protestantisch wurde, ging er dorthin, wurde lutherisch und nahm ein Weib, wie der Chronist Thomann von Weißenhorn erzählt. Derselbe berichtet, daß im Jahre 1530 den 25. März eine große Feuersbrunst 17 Häuser in Jllerberg in Asche legte. Hold's Nachfolger, Pfarrer Johann Gering, welcher das Saalbuch anfertigen ließ, lebte noch im Jahre 1558. Die ununterbrochene Reihe der ihm folgenden Pfarrer läßt sich erst vom Jahre 1589 feststellen, in welcher Oktavian Fugger den Johann Frei präscntirte. Er war Dechant und versah die Pfarrei bis zum Jahre 1632. Nach seiner Beschreibung der Einkünfte vom Jahre 1623 bezog der Pfarrer den ganzen Groß- und Kleinzehnt von Jllerberg und der Filiale Emershofen, von allen Gärten Heugilt, auch einigen Zehnt zu Hirbishofen bet Pfaffenhofen. Die Lasten waren aber auch nicht gering. Er mußte der Herrschaft jährlich 130 st., dem Ordinariat 20 st. 20 kr. Canon und außer der Kirchweih noch 4 Mahlzeiten für 10 Personen veranstalten und an der Fastnacht allen Pfarrweibern Kücheln, „was das Haus vermag", geben und den Pfarr- hof baulich unterhalten. Als Decan Frei3.nno1632 rcsignirte, präsentste Graf Hans Ernst Fugger seinen Namensvetter I. Frei, der gleichfalls als Pfarrer und Decan durch den ganzen Schwedenkrieg bis zum Jahre 1649 der Pfarreivorstand u. noch Vöhringen pastorirte. Er starb am 15. November 1648. Ihm folgten Georg Würz (1649 bis 1660), Lor. Bader (1660—1680), .Andr. Winkler (1680—1711). Pfarrer Winkler begann im Jahre 1690 den Neubau der dem hl. Martin geweihten Pfarrkirche, welche im Jahre 1692 vollendet wurde. Er ließ in der neuen Kirche, die nicht mehr auf dem alten Grunde erbaut wurde, für sich und seine Nachfolger eine Grabstätte errichten. Winkler's Nachfolger, Carl Böller, war von 1711 bis 1762, also 51 Jahre lang, Pfarrer von Jllerberg, konnte daher hier sein 60jähriges Pfarrjubtläum feiern. Als er am 21. Dezember 1762 starb, präsentirte Graf Joh. Nep. Fugger den Frhrn. Casimir v. Hornstein (1763—1773) und nach dessen Tod am 4. August 1773 den Pfarrer von Buch Frz. Jgn. v. Ktrcher auf die Pfarrei. Die fette Zehntpfründe fand sogar noch vornehmere adelige Liebhaber. Graf Johann Nepomuk Fugger präsentirte nach dem Tode des Pfarrers Frhrn. von Hornstein den 14. Dez. 1773 seinen Sohn Philipp Nerius auf die erledigte Pfarrei Jllerberg. Die Sache r Jllerberg. F ° !> g » scheint aber beim Ordinariat „einen Haken gehabt zu haben". Der Graf präsentirte darum 3 Wochen später, am 5. Januar 1774, auch den Pfarrer Franz Jgnaz v. Kircher, aber nur als Vikar seines Sohnes. Er bemerkte in der Präsentationsurkunde ausdrücklich, daß er „nur aus besonderer Devotion gegen Se. Churfürstliche Durchlaucht" (Clem. Wenceslaus) gestatte, daß Herr von Kircher alle Einkünfte der Pfarrei beziehe; daß er aber alle Rechte seines Sohnes auf die Pfarrei vorbehalten müsse. Pfarrer v. Kircher starb schon nach zwei Jahren, und der Graf Joh. N. Fugger präsentirte am 28. Aug. 1776 den Pfarrer von Buch, Christoph von und zu Zwergern, auf die Pfarrei. Pfarrer v. Zwergern baute im Jahre 1782 den dermaligen Pfarrhof, der 4573 fl. 26 kr. und 4 Hl. kostete. Nachdem geistl. Rath und Decan v. Zwergern 47 Jahre die Pfarrei Jllerberg verwaltet hatte, starb er den 26. Juli 1830. Ihm folgten im Pfarramt Gregor Geiger (1830—1838), Gabriel Barthlme, bischöfl. geistl. Rath und Decan (1838—1872), Matthäus Raffler (1872), Georg Wanger (1891). Bei der Pfarrei besteht ein wahrscheinlich schon von den Graifen v. Ktrchberg-Wullenstetten gestiftetes Früh- meßbenefiztum, dessen Haus im Jahre 1763 um 1566 fl. neu erbaut wurde. Wie wir oben bemerkt haben, erwähnte schon das Saalbuch des Herzogs Georg von Bayern vom Jahre 1460 dieses Frühmeßbenefizium, das im vorigen Jahrhundert mit der Pfarrei Jllerzell unirt wurde. Zur Pfarrei Jllerberg gehören die Filialen Thal (eigentlich der untere Theil des Pfarrdorfes Jllerberg) und das Dorf Emershofen, wo seit neuerer Zeit ein Kurat- und Schulbenefizium errichtet wurde. Emershofen gehörte im Mittelalter dem Ritter Burkhart von Ellerbach, welcher im Jahre 1366 dem Hans Ehinger von Ulm 1 Hof und 4 Sölden in Emershofen verkaufte. Mit den Güten dieser 5 Güter stifteten Hans und Wilhelm Ehinger im Jahre 1410 ein Meßbenefizium im Prediger-Kloster zu Ulm. Der Inhaber dieses Bene- fiziums hatte alle ziemlich starken Güten jener 5 Hofgüter zu beziehen, mußte aber jedes Jahr am Weihnachtstag jedem Armen im Ulmer Spital „ein neues Kübelin kaufen" und zu Ehren der hl. 3 Könige in jedes Kübelin eine halbe Maß „Neggerwein" thun — „nicht vom Besten, aber auch nicht vom Oergisten, sondern also, daß er bei der mitlen weyß bleiben soll", wie es in der Stiftungsurkunde heißt. Als die Ehinger protestantisch wurden und ihre eigene Meßstiftung eingezogen wurde, wurden im Jahre 1617 die 5 Güthöfe und Sölden in Emershofen an die Herren v. Vöhlin in Jllertifsen verkauft. Die Pfarrei Jllerberg zählt heute ohne Emershofen circa 800 Seelen und ist dem Bezirksamt Neu- Ulm zugetheilt. -SÄMLS--- Zu unseren Bildern Chinesische Mädchenschule. Es gibt kaum ein anderes Land, wo besser als in China für den ersten Unterricht der Kinder, selbst der aus den ärmsten und niedrigsten Familien, gesorgt wäre. Daher kommt es auch, daß die Prozentzahl derer, die etwas lesen, schreiben und rechnen können, daselbst sehr groß ist; doch ist die gewaltige Anzahl der Schriftzeichen — für jeden Begriff ist ein besonderes Zeichen vorhanden — ein Hinderniß, und es giebt schwerlich einen, der sie alle innehat. Das Ünterrichtswesen ist in der Weise ausgebildet, daß jede Provinz einen von dem Gouverneur derselben unabhängigen Generalstudienrektor besitzt, unter dessen Ressort alle Lehranstalten der betreffenden Provinz mit ihrem Lehrer- und Sclmlerpersonal gehören. Dieser Lehranstalten hat jede- Bezirks- oder Kreisstadt mindestens eine. Außer den Staatsschulen befinden sich allenthalben, selbst in kleinsten Flecken und Dörfern, entweder von den Gemeinden unterhaltene Volksschulen, oder es wird durch Privatlehrer Elementarunterricht ertheilt. Ueber das Altherkömmliche freilich erstreckt sick der Unterricht kaum. Nach dem Elementarunterricht gehen diejenigen, welche nach einer höheren Geistesbildung und späteren Anstellung im Staatsdienste streben, in die Jedermann ohne Unterschied des Ranges und Reichthums zugänglichen öffentlichen Lehranstalten über. Anspruch auf Staatsdienst erlangt man durch das Bestehen zweier Prüfungen, die in der Provinz am Orte der Lehranstalt abgehalten werden. Einer dritten Hauptprüfung, die alle 3 Jahre einmal in Peking abgehalten wird, unterziehen sich jene Studirenden, welche die Würde eines Tsinschi oder „vorgerückten Gelehrten", in der Bedeutung etwa dem Doktortitel der abendländischen Universitäten entsprechend, erwerben wollen. Enthalten die Prüfungshöfe in den Provinzen mehrere tausend schmale Hütten, in denen die Prüflinge mehrere Tage und Nächte eingesperrt leben müssen, so ist das mit der höchsten Stufe des Uan-lin oder „Pinselwald" anders, da die betreffende Prüfung in der kaiserlichen Hofburg stattfindet. Obwohl die Inhaber dieser Würde theilweise im Uan-Iin-jüon (der Akademie) Verwendung finden, so sind sie doch auch anderwärts in hohen Aemtern anzutreffen. Den höheren und mittleren Schulen widmet sich in China nur die männliche Jugend; für Mädchen läßt man den Besuch der Elementarschule genügen, in welcher übrigens die Trennung der Geschlechter streng durchgeführt ist. Für Mädchen der vornehmeren Stände hat man besondere Privatschulen, wie wir eine solche auf unserem Bilde vor uns sehen. Die Kinder, deren Füßchen in hölzernen, das Wachsthum verhindernden Futteralen stecken — ein unnatürlich kleiner Fuß gilt als die schönste Zierde der chinesischen Frau — sitzen an getrennten Pulten auf hohen Rohrstühlen ohne Lehne, den Rücken der beaufsichtigenden Lehrerin zugewandt. Zum Schreiben bedient man sich, wie im Leben, so auch in der Schule, des Tuschpinsels, mit-welchem die Schriftzüge nicht in Wagerechten, sondern in senkrechten Reihen auf das Papier gemalt werden. Gänjeltelel als Modell. Ein fremder Herr kam durch das Turf gegangen, und als er der Gänseliesel begegnete, die mit ihren schnatternden Schützlingen gerade auf die große Gemeindewiese hinausziehen wollte, da nahm er die Kleine mit dem sonnverbrannten, entschlossenen Gesichtchen, den schwarzen Ringellocken und den schelmischen Gluthaugen bei der Hand und fragte gar freundlich, ob sie nicht ein halbes Stündlein für ihn übrig habe, damit er sie in sein Skizzenbuch einzeichnen könne. Die Gänseliesel verstand nicht recht, was der Herr damit meinte, auch wollte sie ihre Schützlinge, die bereits gackernd die Hälse reckten und die Köpfe verdrehten, auch mit den gelben Schnäbeln an der Hose des Fremden herumzupften, nicht gerne allein lassen. Als aber der freundliche Herr eine große Dute voll Zuckerbonbons in Aussicht stellte, da überwog der zu erwartende Genuß alle anderen Bedenken, sie vertraute ihre stattliche Gänseheerde prcvisorisch der Obhut ihres Schulkameraden, des kleinen Michel, an, der mit dem Finger im Munde neugierig in der Nähe stand, und führte den Herrn Maler nach dem Hause ihrer Großeltern, denn Eltern hatte die Gänseliesel nicht mehr. Dort mußte sie sich an die Bank stellen und ganz still stehen bleiben, während der fremde Herr mit Bleistift und Pinsel in dem großen Buch herumarbeitete, das er auf den Knieen hielt, und nur ab und zu scharf nach ihr herüber schaute. Der gute Großvater uud die liebe Großmutter hatten ihre helle Freude an dem hübschen Bildchen, das unter der geschickten Hand des Malers entstand und dessen vortreffliche Nachbildung wir heute unseren Lesern vorzuführen in der Lage find. Die Liefet aber bekam ihre versprochene große Düte voll Zuckerkram, und sie war großmüthig genug, auch ihre Kameraden davon kosten zu lassen, obwohl dieselben während der „Sitzung" außen am Fenster gestanden und sie ausgelacht hatten. X cd Arger M 15. Areitag» den 21. Februar 1896. Kür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas Ä Grabherr in Augsburg (Vorbesitzcr vr. Max Huttler). FastettzeLt. Sh. v. E. m, so. Kennst Du den höchsten Schmuck im Christenleben? Er glänzet in der Seele tiefem Grund, Nicht jedem Erdenkind ward er gegeben Und auf dem Markte wird er selten kund; Entsagung heißt das herrlichste Geschmeide An unserm schwer erkauften Tugendkleide, Ritzt auch sein Dorn die Seele todeswund. Wo ein Gemüt mit stillem Leid entsaget Und aufwärts das bcthränte Auge hebt. In seinem Grame nur den Nächten klaget. Beim hellen Lichte froh mit Frohen lebt. Da steigt ein Seraph oft vom Himmel nieder Und bringet den verlor'nen Frieden wieder. Daß es in heiligen Schauern weint und bebt. Auf solchem Pfade siehst Du Jesus wallen, Er war der Königsweg in's obere Land Für alle, die jetzt in den ewigen Hallen Die Krone nehmen aus des Heilands Hand. Als unser Herr gen Golgatha geschritten, Und tausendfaches Wehe ihn durchschnitten, Dem Reich des Vaters er am nächsten stand. Der Weltling mag verzweifelnd in sich wüten Und hadern mit des Schicksals strenger Macht, Als Deine Sonnen leise Dir verglühten. Starbst Du entsagend und bist neu erwacht; Die Frucht entkeimt nur dem durchfurchten Boden, Wirft erst die Welt uns hin zu ihren Todten, Grünt uns der Himmelspalmen schön're Pracht. Adolph Müller. --ss^cs--- Die Astrologen. Historischer Neman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Bcnno. (Fortsetzung.) 10 . Am folgenden Morgen ritt Georg mit Sonnenaufgang von Reichenberg weg. Der Himmel hatte sich über Nacht vollständig geklärt und ein frischer Ostwind den aufsteigenden Nebel verscheucht. Der junge Mann fühlte sich, sobald er das Lager und die Stadt hinter sich hatte wie von einem drückenden Banne befreit. Der Weisung Arnim's entsprechend beschleunigte er seinen Ritt. Am zweiten Tage schon hatte er Lissa erreicht. Stadt und Umgebung wimmelten von friedlän- dischen Truppen, meist Reitern Piccolomini's. Der einbrechenden Dunkelheit ungeachtet beschloß Georg, nicht in dem Durcheinander des Lagers zu bleiben, sondern nach einem der zwischen Lissa und Prag liegenden Dörfer zu reiten, auf die Gefahr hin, daß er dort eine mehr als bescheidene Herberge fand. Eine halbe stünde vor Lissa war er auf eine Gruppe piccolominischer Reiter gestoßen, unter denen sich auch der Lieutenant Martin Kametsch befand. Georg wunderte sich, daß dieser ihm so schnell vorausgeeilt war, dachte aber nicht mehr weiter daran. Als der ehemalige Freund aber in Lissa selbst zuerst auf der Straße und dann in seinem Absteigquar- tier in Begleitung mehrerer anderer Offiziere abermals vor ihm auftauchte, schöpfte er Verdacht. Sollte Ma- rion's Warnung doch nicht ohne Grund sein? Da Fritz Donald und mit diesem Martin ohne Zweifel in Le- ferrier's Bude verkehrten, so erschien es gar nicht unmöglich, daß irgend ein schlimmer Anschlag der Beiden von dem Mädchen entdeckt worden war. So schnell als möglich verließ er deshalb die Stadt. Das Pferd schien die Ungeduld des Reiters zu theilen. Wie ein Vogel flog es dahin, laut klang der dumpfe Hufschlag durch die stille Nacht. Nach einer Weile kam es Georg vor, als treffe ein Echo desselben aus der Ferne sein Ohr. Er hielt sein Pferd an, um zu lauschen, und hörte jetzt deutlich den Galopp heransprengender Pferde. In seinem Geiste wurde es mit einem Schlag licht: Marion hatte es nur zu gut gemeint; sein Geheimniß war verrathen, er wurde verfolgt. Noch verzagte er nicht, denn sein Brauner war ein Renner, mit dem es nicht leicht ein anderer aufnahm. „Ich habe mich mit meiner Ehre verbürgt", murmelte er; „ich halte mein Wort und hinge mein Leben daran." Er spornte das Pferd, und eS flog weiter wie eine Windsbraut. Eine halbe Stunde lang dauerte die tolle Jagd. Georg hatte anfangs einen bedeutenden Vorsprung gewonnen, so daß er von seinen Verfolgern nichts mehr vernahm. Allein sein braves Thier begann allmälig zu ermatten. Die Verfolger kamen näher und näher, schon 110 konnte er die Minute berechnen, in der sekn Schicksal sich entscheiden mußte. Da griff er zu dem letzten Mittel. Er holte das Schreiben aus seinem Koller hervor, zerriß es in kleine Stücke und streute diese in die Luft. Sie wurden vom Wind augenblicklich nach allen Richtungen entführt. Es war die höchste Zeit. In der nächsten Secunde strauchelte sein Pferd und sank in die Kniee; ehe er es wieder emporzureißen vermochte, sprengte einer der Reiter heran, und von einem Schwerthieb getroffen stürzte Georg aus dem Sattel neben sein treues Thier. — In tätlicher Ermattung schloß er die Augen. Er fühlte, wie man ihn durchsuchte, und vernahm ihre Flüche, als ihre Mühe sich vergeblich erwies. 3a er mußte sogar mit anhören, wie ein Reiter im Zorn über die getäuschte Hoffnung den Säbel zog und ihm den Rest zu geben drohte; aber ein Anderer legte sich in's Mittel. Allmälig verwirrten sich seine Gedanken, und eine tiefe Ohnmacht machte ihn empfindungslos gegen alles, was weiter um ihn geschah. Als Georg aus seiner Betäubung wieder erwachte, schien die Sonne durch die trüben Fensterscheiben einer kleinen Stube, wo er auf einem schmutzigen Bette lag. Eine alte Frau, mit Ausbessern von Fischernetzen beschäftigt, saß neben ihm. Er richtete sich ein wenig auf und schaute verwundert um sich. Die Frau hielt in ihrer Beschäftigung inne, legte das Garn weg und betrachtete ihn. 3hr Mienenspiel drückte dabei eine unverkennbare Befriedigung aus. „Dacht' ich's doch", sagte sie, „der Herr werde nicht ewig schlafen; es dauerte wahrlich lange genug. ES ist kaum der Mühe werth, von Euerer Wunde zu reden, und doch liegt Ihr schon zwei Tage so da!" '»„Zwei Tage!" rief Georg bestürzt und schnellte empor; „wo bin ich?" „Gut aufgehoben", erwiderte die Alte trocken; „die Fischer-örigitt hat schon manchen halbverhungerten und verwundeten Kriegsmann, wie Zhr seid, aufgelesen, gepflegt und wieder auf die Beine gebracht. An Gelegenheit fehlt eS just nicht. Das entsetzliche Kriegführen, Morden, Sengen und Brennen hört ja nicht auf." Sie machte das Tuch los, welches ein Stück Leinwand über der Stirne Georg's festhielt. Als sie auch letzteres entfernte, kam eine Narbe zum Vorschein, deren Aussehen eine ziemlich weit vorgeschrittene Heilung bewies. „Es ging ja prächtig", meinte die Frau, indem sie mit den nicht allzu zarten Fingern über die heiße Stirne des jungen Mannes hinstrtch. „3hr seid so gut wie geheilt und braucht die Binde nicht mehr." Georg's Erinnerungsvermögen kehrte allmälig zurück. Die verhäugnißvolle Scene, wo er in so augenscheinlicher Lebensgefahr geschwebt hatte, tauchte in lebendigen Farben vor seinem Geiste empor. Es blieb ihm jedoch zum Verfolgen dieser Gedanken keine Zeit. Nach der Andeutung des Weibes hatte er ohnehin schon zwei Tage versäumt — für die Ungeduld des Herzogs, mit welcher er voraussichtlich erwartet wurde, mehr als genug. „Wo ist mein Pferd?" fragte er. Die Alte zögerte ein wenig, dann nahm sie das Wort: „ES thut mir leid, daß ich Euch wehe thun muß; aber eS ist nun einmal so, und alles Klagen hilft nichts. Euer« Braunen ist es nicht so gut ergangen, wie Euch; er liegt draußen auf der Straße und steht nicht mehr auf." „Todt!" rief Georg, „auch das noch! Wie soll ich nun ..." „Seid nur zufrieden", fiel ihm die Frau in's Wort. „Die Reiter, mit welchen Ihr es zu thun hattet, meinten es nicht so gar böse mit Euch; sie haben eines ihrer Pferde als Ersatz zurückgelassen und in den Schuppen gestellt. Ihr braucht nur zu befehlen und eS steht gezäunt und gesattelt vor Euch. Doch meine ich", fügte sie gutmüthig hinzu, „es kommt auf ein paar Minuten jetzt auch nicht mehr anf. Ihr habt lange nichts mehr gegessen, und bis nach Prag ist's noch weit." „Woher wißt Ihr", fragte Georg, über die letztere Bemerkung der Alten ebenso wie über die Freigebigkeit seiner Verfolger erstaunt, „daß ich nach Prag reiten will?" „Die Reisigen sprachen davon", wurde er belehrt; „sie verhandelten noch verschiedenes Andere, wovon ich jedoch nur wenig verstand. So viel merkte ich aber doch, daß Ihr schwerlich so gut davon gekommen wäret, hätte nicht der Vornehmste unter den Reitern Euch geschützt. Zwei derselben waren namentlich ganz wüthend auf Euch, und der Eine, ein schwarzbärtiger Offizier, hat sich sogar unterstanden, mich durch ein Goldstück in Versuchung zu führen; doch die Fischer-Brigitt weiß, was sie zu thun hat, sie ist ein christliches Weib." „WaS sagt Ihr da?" forschte Georg. „Laßt's gut sein", wich ihm das Weib aus; „bestimmt kann ich Euch nicht sagen, was der Herr eigentlich gewollt hat, und Unrecht thun mag ich ihm nicht." Sie entfernte sich und ließ den Hauptmann mit feinen Gedanken allein. Diese waren peinlich genug. So sehr er auch dagegen sich sträubte, er wurde den Verdacht nicht los, daß es Martin Kametsch gewesen, der eine gegen ihn gerichtete schmachvolle Zumuthung an die Frau gestellt hatte. Aber war eS denn möglich, daß der ehemalige Freund und Genosse so weit sich vergaß? Und der Andere? Fritz Donald? Schon dieser Name weckte eine Art Grauen in ihm. Wenn ihn seine Ahnung nicht trog, mußte er auf der Hut sein; denn der Neffe Leßlie'S war ein gefährlicher Mensch, und wenn Martin je ein Schurke geworden, so hatte die Freundschaft mit Donald ihn dazu gewacht. Die Frau kam mit gerösteten Fischen, Brod und einer kleinen Flasche in die Stube zurück und lud Georg ein, zuzugreifen. Dieser schüttelte die unangenehmen Gedanken von sich und setzte sich zu dem Mahl. Geschirr und Besteck hätten reinlicher sein dürfen; jedoch die Noth und das Knurren des Magens halfen dem jungen Manne darüber hinweg. Nachdem er sich gesättigt hatte, eilte er in den Schuppen und musterte das Pferd, zu dessen Besitzer er in so eigenthümlicher Weise gemacht worden war. Das Thier konnte sich zwar mit seinem guten Braunen nicht messen; aber so viel erkannte der Haupt- mann doch auf den ersten Blick, daß es den Anforderungen für den Nest des Rittes entsprach. Eine Viertelstunde später befand sich Georg, nachdem er die Alte für ihren Liebesdienst reich belohnt hatte, auf dem Wege nach Prag. Ohne weitem Unfall kam er in der Moldaustadt an. Ganz seiner Jnstruc- tion gemäß, stieg er vor dem Quartier Wallenstein's ab. Man schien ihn bereits erwartet zu haben. Ohne daß er sich zu melden brauchte, wurde er unverzüglich vor den Herzog geführt. Hier erstattete er über alles, was seine Sendung betraf, pflichtgctren und ausführlich Bericht. Wallenstein gerieth in maßlose Wuth, als er die Mittheilung über den Vorfall bet Lissa vernahm. Er schien es gar nicht glauben zu können, daß es Piccolo- minische Reiter gewesen, durch welche sein Courrier niedergeworfen und etwaiger Papiere zu berauben versucht worden sei. Er ließ sich durch Georg dessen Wahrnhem- ungen vor und in Lissa, sowie bei dem Ueberfall selbst Wort für Wort wiederholen, und klärte sich durch Zwi- schenfragen über jeden Punkt auf; aber überzeugen, das sah der Hauptmann wohl, ließ er sich nicht. Doch sprach er seine Gedanken und Schlüsse in Gegenwart des Boten nicht aus. Dieser wurde nach Verlauf einer halben Stunde des gnädigsten Wohlwollens versichert und aus dem Zimmer geschickt. In ungeheuerer Aufregung dnrchmaß nach Georg's Entfernung der Herzog den Raum. „Es kann nicht sein, es ist unmöglich", sprach er halblaut für sich. „Georg hat sich geirrt, Piccolomini's Leute waren eS nicht. Dieser Selkow ist sonst ein zuverlässiger Bursche, er besitzt ein scharfes Auge und einen hellen Kopf; aber diesmal hat ihn seine lebhafte Einbildungskraft zweifellos zum Besten gehabt." Wallenstein stellte sich an's Fenster und schaute düstern Blickes hinaus. Wohl eine Viertelstunde lang stand er unbeweglich wie eine Statue; nur der Athem, welcher sich schwer aus der Brust Heraufrang, bewies, daß noch Leben in dem Körper pulstrte. Plötzlich wandte er sich hastig ab und nahm den unterbrochenen Gang wieder auf. Anfangs vernahm man nur die gleichförmigen Schritte; nach einer Weile jedoch kleidete er seine Gedanken in Worte, aus denen zuletzt ein lebhaftes Selbstgespräch wurde. „Aber wer hat den niederträchtigen Streich gegen meine Pläne geführt? Er muß einen Urheber gehabt haben, den eine bestimmte Absicht zum Handeln bewog. Georg behauptet, daß er durchsucht worden sei. Der Ersatz des todten Pferdes durch ein anderes ist eine Thatsache, die sich nicht wegleugnen läßt. Diese beiden Punkte führen nothwendig zu dem Schlüsse, daß der Ueberfall nicht der Person Georg's gegolten, und daß von irgend welcher Seite der Zweck seiner Sendung geahnt worden ist. Lissa selbst und seine Umgebung sind fast ausschließlich von Piccolominischen Truppen besetzt — sollte am Ende Octavio doch . . ." Der Herzog hielt inne. Seine Schritts verkürzten sich, und eine mächtige Bewegung drückte sich in seinem unruhigen Mienenspiel aus. Dann fuhr er fort: „Es ist eine heillose Geschichte. Jener Donald soll sich als Lieutenant bei dem Heere befinden; wenn man ihn faßt, ist der Galgen ihm gewiß. Wie ich ihn hasse, diesen Namen! Die Folgen seiner Verrätherei verfolgen mich wie ein Gespenst. Hätte er seine Schuldigkeit gethan, dann würde der Name Lützen unter den vielen Marksteinen an meiner Nuhmesbahn als der schönste eingefügt sein. Octavio's Empfehlung hat dem Menschen die wichtige Stellung verschafft. Ob nicht bei dem schmählichen Vertranensbruch ein unseliger Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung besteht — auf Kosten der Treue eines Freundes, dem jede Falte in meinem Herzen zugänglich ist? — Nein! Donald war ein tüchtiger Soldat; als solcher nur wurde er von Piccolomini gekannt. Nicht die Empfehlung, sondern ein feindlicher > Dämon hat ihn zum Schurken gemacht. Octavio ist treu! Im gleichen Sternbilds wie ich geboren, ist er durch eine höhere Macht unwiderruflich an mein Schicksal gekettet und kann nicht wider mich sein. Gleichwohl beunruhigt mich die Ahnung einer nahen Gefahr! Fast wäre der brave Selkow seinem Pflichtgefühl zum Opfer gefallen. Das ist sicher, wenn auch manches in seiner Erzählung sich schließlich als Täuschung erweisen sollte. ES muß etwas geschehen! Es gilt entweder rasch zu handeln oder einen Schachzug zu wagen, der das wachsende Mißtrauen gegen meine Pläne zerstreut. Garantien wollen sie? Sind der Name und das Wort des Herzogs von Friedland nicht Garantie genug? Arnim wäre sofort bereit, das weiß ich bestimmt. Der schwedische Reichskanzler aber, dieser schlaue Fuchs, zögert uoch immer; und doch können wir gerade ihn nicht entbehren, wenn ein entscheidender Erfolg erzielt werden soll. Der Einmarsch Feria's mit seinem spanischen Heer ist mir im höchsten Grade fatal. Es ist Wasser auf die Mühle meiner Feinde in Wien, denen dieser Machtzuwachs des Kaisers als eine willkommene Waffe gegen mich dienen wird. Ich muß ihnen zuvorkommen und dafür sorgen, daß man in Wien vor einer vollendeten Thatsache steht. Vor allem aber gilt es, den mißtrauischen Schweden den Werth meiner Person und meiner Machtstellung, die er, wie es scheint, immer uoch unterschätzt, fühlen zu lassen; vielleicht kommt er dann eher zu einem Entschluß!" Er blieb wieder stehen und blickte schweigend auf die Häuser der Stadt. Von der gleichen Stelle aus hatten wohl die^böhmischen Könige einst auf das hun« dertthürmige Prag mit seine» Palästen und das schöne Thal der Moldau geschaut. Wie, wenn die alte Herrlichkeit des königlichen Hoflagers wieder erstände — wenn sein Haupt die Krone schmückte und sein Ohr der begeisterte Ruf des Volkes träfe: „Heil Albrecht, Heil unserm König und Herrn!" Der Herzog hob das Haupt; seine hohe Gestalt schien noch zu wachsen, und die Augen flammten. „Ha", rief er, „warum denn immer das „Wenn" ? Warum träumen, wo das Wollen, wo ein einziges Wort die goldene Wirklichkeit schafft? Bei meinem Sterne — ich will! Das Erbe der Libussa sei mein!" „Und ist erst die Krone Böhmens auf meinem Haupte", fügte er nach einer Pause mit stolzem Selbstgefühle hinzu, „wer will es mir wehren, weiter zu gehen? Wer hat es Cäsar und Alexander gewehrt? Sie erreichten ihr Ziel, sie legten sich Welten zu Füßen, ihr Name klingt als leuchtendes Vorbild für alle Ewigkeit fort. Und doch lagen damals die Bedingungen für sie nicht so günstig, wie in diesem Augenblicke für mich. Mein gefährlichster Rivale, Gustav Adolph, ist todt. Ich weiß, mas er gewollt hat. Um den Bestrebungen deutscher Fürstlein den Stempel eines zweifelhaften Rechtes aufzudrücken, griff der große Mann nicht zum Schwert. Sein Niesengetst verfolgte die gleichen Ziele wie ich. Aber er mußte fallen, weil das Schicksal mich zum Träger seines Willens erkor. Es konnten nicht zwei Planeten in der gleichen Bahn kreisen; einer mußte weichen, eine höhere Macht räumte ihn aus dem Weg. Das ist die Bedeutung des neuen Sternes, der mir so verheißungsvoll am Himmel erschien. Ich will dem Rufe folgen! Das Urtheil der Welt? — Pah! Was frage ich danach, wenn man mich eine Zeit lang verflucht; — 112 ein Stürm im Wasserglase, der nach den ersten glücklichen Schlägen verrauscht. Das Glück ist der Zauberstab, unter dessen wunderthätiger Berührung das Urtheil der Menschen sich bewegt! Sie werden bald bekehrt sein. Sie werden, wie immer, das stolze Gebäude anstaunen, den Ruhm des kühnen Baumeisters preisen, und über der Größe des Erfolges vergessen, mit welchen Mitteln er erreicht worden ist." Durch den Eintritt Seni's wurde Wallenstein in seinen Betrachtungen gestört. Der Astrolog theilte mit, daß soeben eine Anzahl neuer, nach der Anweisung des Herzogs gefertigter astronomischer Instrumente von dem beauftragten Techniker überbracht worden sei. Dieser Nachricht gegenüber trat in dem.Gemüthe des Feldherrn alles andere in den Hintergrund. Er verließ sofort das Zimmer und eilte dem Meister voraus nach dem wie überall so auch hier eingerichteten Observatorium. Wochen und Monate gingen vorüber. Die Waffen ruhten allenthalben, und die Truppen hatten ihre Winterquartiere bezogen. Georg Selkow war von Wallenstein noch zweimal mit Depeschen in das Lager Arnim's geschickt worden. Die Bude Leferrier's fand er bei seinen späteren Besuchen nicht mehr. Die vom Herzog ganz im Geheimen wegen der Vorfälle bei Lissa angestellte Untersuchung verlief vollständig ohne Ergebniß. Niemand wollte etwas davon wissen, und ein Lieutenant Donald existirte in der Armeeliste gar nicht. Dagegen gewannen die Gerüchte über Wallenstein's hochverräterische Umtriebe eine immer bedrohlichere Färbung. Der Wiener Hof war in ernstlicher Besorgniß, obgleich der Herzog einen Bericht dahin gesandt hatte des Inhalts: demnächst werde die so sehnlich gewünschte Eintracht mit dem Kurfürsten von Sachsen wiederhergestellt und dadurch der Weg zum Frieden für ganz Deutschland, sowie zur Vertreibung der Schweden gebahnt sein. Die bezüglichen Unterhandlungen hätten bereits so guten Fortgang genommen, daß man an dem glücklichen Abschlüsse gar nicht mehr zweifeln dürfe. Angeblich um hierbei mitzuwirken, schickte der Kaiser zwei seiner Räthe in's Wallenstein'sche Lager. Der Herzog nahm die Herren auf's zuvorkommendste auf und bewirthete sie fürstlich, gestattete ihnen aber keinen Einblick in die Unterhandlungen, so daß sie unverrichteter Dinge wieder abziehen mußten. Eines aber hatten sie erreicht: sie sahen und hörten Vieles, was dem Argwohn gegen Wallenstein neue Nahrung verlieh. Der Herzog, welcher durch seine gut bezahlten Agenten über die in Wien gegen ihn herrschende Stimmung immer auf dem Laufenden war, erfuhr es bald. Er begriff, daß etwas geschehen müsse, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, daß man ihn vor der geeigneten Zeit zum offenen Hervortreten mit seinen Plänen zwang. Sobald die Witterung es erlaubte, verließ er fein Winterquartier und drang surch die Lausitz gegen Sachsen vor, so daß Arnim trotz der immer noch schwebenden Verhandlungen glaubte, der Herzog wolle durch Waffengewalt erzwingen, was derselbe bis jetzt auf dem Wege der Vereinbarung vergeblich angestrebt hatte. Er trennte sich von den Schweden und eilte nach Sachsen, um die Heimath zu schützen. Wallenstein aber hatte nicht ihm, sondern den Schweden eine Lection zugedacht. Ehe man sich'S versah, kehrte er nach Schlesien zurück, überfiel die Schweden bei Steinau und nahm das ganze Corps nebst dem Führer gefangen. Statt jedoch letztem, den alten Grafen Thnrn, der durch den Sturz der böhmischen Statthalter Martinktz und Slowata aus dem Fenster des Präger Schlosses den ersten Anstoß zu dem unselige» Kriege gegeben, nach Wien zu schicken, gab er ihm nach wenigen Tagen schon die Freiheit und brachte den ernstlichen Vorstellungen des Kaisers gegenüber als Entschuldigung vor, daß dieser sinnlose Mann an der Spitze schwedischer Truppen dem Kaiser einen viel besseren Dienst leiste als im Kerker. Das vollständige Unterlassen jeder Entschuldigung hätte ihm ohne Zweifel weniger geschadet, als diese Ausflucht. „Den Schweden", argumentirte man, „sind Wallenstein's verrätherische Pläne bekannt. Der Friedländer fürchtet, der Gefangene könnte in Wien Geständnisse machen, und um dies zu verhindern, ließ er ihn frei." — Ueberhaupt lieferte Wallenstein nachgerade nicht nur seinen Widersachern zu ihren Anklagen reichlichen Stoff, sondern ließ sich Handlungen zu Schulden kommen, in Folge deren er allmälig auch anderswo den Nimbus eines kaiserlichen Paladins wie den Ruf eines Beschützers der katholischen Sache verlor. Die Stadt Negensburg schwebte in Folge des Herannahens Bernhard's von Weimar tn großer Gefahr. Kurfürst Maximilian beschwor den Friedländer, ihm schleunigst Hilfe zu schicken; dieser aber gab die wie Hohn klingende Aeußerung ab: es sei dem Herzog mit seinen Angriffen nicht ernst, und nahm, ohne im Geringsten um den Kurfürsten sich zu kümmern, sein Hauptquartier in Pilsen. Selbst die bestimmtesten Befehle des Kaisers, die verlangte Unterstützung zu gewähren, beachtete er nicht. So kam es, daß nicht nur Regensburg siel, sondern Bernhard von Weimar an der Donau festen Fuß fassen konnte und mit seinen Schaaren über ganz Bayern sich ergoß. Ueber diese unerhörte Rücksichtslosigkeit war Maximilian im höchsten Grade aufgebracht. Er ließ dem Kaiser eine Zusammenstellung aller Beschwerden gegen den Ober-Feldherrn überreichen. Ferdinand nahm die Anklageschrift entgegen, kam aber zu keinem Entschluß. Da wurde er von Wallenstein's Unterhandlungen mit Frankreich und Schweden durch den Herzog vou Savoyen offiziell in Kenntniß gesetzt. Das war die Entscheidung. (Fortsetzung folgt.) -—- Venezuela unter der Familie Welser. Von Professor Dr. Arthur Kleinfchmidt (Heidelberg). (Schluß.) Karl V. verfügte 6.Aug. 1534 dieAnszahlung aller von der Staatskasse an Ambrostns noch schuldigen Emo- lumente an seinen Nachfolger Jedermann. Da aber trafen im Herbst 1534 zwei Abgeordnete aus Venezuela, Luis Gonzalez de Leiva, einst des Ambrostns treuer Freund, und Alonso de la Llana in Madrid ein und brachten zahllose Beschwerden gegen die Amtsführung des Ambrosius und seiner Stellvertreter, auch Federmanns, mit; sie forderten geradezu, die Welser sollten die Herrschaft in Venezuela verlieren oder wenigstens nur noch Spanier dort ins Amt setzen. Mit Federmann's Regentschaft wurde es nichts, die Welser riefen ihn schleunigst von Sevilla zurück. Der Indien-Rath und die Venezolaner Depntirten suchten Karl V. dahin zu bestimmen. 113 daß er den Weisem befehle, nur Spanier an die Spitze der Verwaltung der Kolonie zu stellen; dem aber hätten sich die auf des Kaisers Gunst und auf ihr Geld pochenden Augsburger Kaufherren niemals gefügt. Karl V. brauchte wieder Geld, und so kam es zu einem neuen Vertrage. Die im November 1532 mit ihren Nachkommen geadelten Brüder Bartholmä und Anton erhielten am 1. März 1535 mit Rücksicht auf die für die Colonisation gebrachten Opfer auf Lebenszeit alle einst Ehinger und Sailer zuertheilten Rechte; hiergegen gab die Krone die Schifffahrt nach Venezuela jetzt frei, der Gouverneur sollte sich streng an seine Instruktionen halten und sich der Kontrole der königlichen Beamten fügen u. f. w. Dem Georg Ehinger, der so frech in Venezuela aufgetreten war, wurde verboten, je dorthin zu kommen, hingegen wiederum ein Deutscher, Georg Hohermuth auZ Memmingen, der längere Zeit in Speyer gelebt (Jörge de Spira), am 28. Januar 1535 vom Könige als Gouverneur bestätigt; er erhielt alle Befugnisse, die Ambrosius gehabt. Georg landete mit 600 Mann, darunter Feder- mann, der mit Welser verwandte Hans Vöhlin, der Edelknabe Philipp von Hütten und sein Ulmer Freund Hans Lebzelter, bereits am 6. Februar vor Coro und ließ sich huldigen. Dem allgemeinen Rufe nach Beute Rechnung tragend, trat er im Mai eine Expedition inS Innere an, verlor aber unter Strapazen ohne Gleichen einen großen Theil seiner Leute, ohne El Dorado zu finden, und sah sich, als er in die Nähe des Warane n- Stroms gelangt war, im April 1537 zur Heimkehr genöthigt. Mittlerweile war der unruhige Jedermann ausgezogen, um am Cabo de la Vela eine Kolonie zu gründen, fand aber die Gegend nicht lohnend genug, handelte nun ganz auf eigene Faust, zog nach Neu- Granada, bereicherte sich nach Kräften und reiste dann 1539 nach Antwerpen ab; die Welser strengten einen Prozeß gegen ihn wegen Unterschlagung an, er antwortete mit der Beschuldigung, sie Hütten fortgesetzt den Staatsschatz betrogen, und starb bald darauf in Genf. Am 27. Mai 1538 traf Hohermuth mit den Resten seiner Expedition in Coro ein, seine Beute war gering, er mußte Unterstützung aus Sau Domingo erbitten, und dort wollte man ihm nicht wohl. Die Audiencia hatte der Verwirrung in Venezuela halber Navarro zur Untersuchung abgeschickt und Hohermuth fuspendirt; doch hielt die Bevölkerung unbeirrt zu ihm, er war auch bei den Soldaten beliebt und Navarro, mußte unverrichteter Dinge im August 1538 wieder abziehen. Die Audiencia hob die Untersuchung gegen Hohermnth auf und ernannte den Bischof Bastidas zu seinem Stellvertreter, falls er noch nicht wieder in Coro sei. Bastidas verständigte sich rasch mit ihm, und von Neuem gingen verheißungsvolle Berichte an den Kaiser und die Welser ab. Philipp von Hütten ging mach Bariquicianto, um eine dauernde Ansiedelung zu gründen und Coro zu entlasten, verließ aber jenen Ort, sobald er von dem im November 1540 in Coro erfolgten Tods Hohermuihs hörte, der allgemeine Trauer hervorrief, und wurde vom Bischofs im Dezember zum Generalkapitän ernannt und vom Kaiser 1541 bestätigt; zum Landeshauptmann, Gouverneur machten ihn die Welser aber nicht. Sie waren höchst unzufrieden mit ihren Statthaltern, das amerikanische Unternehmen warf nicht ab, was sie erwarteten, die Faktorei in Sän Domingo kränkelte, das Comptoir in Coro kam nicht in die Höhe, kein Bergbau und keine Perlenfischerei gedieh, kein Gold- land fand sich, aber ihr Gold ging auf Nimmerwiedersehen bei den Expeditionen darauf, die Krone erkaltete in ihrer Freundlichkeit. Um fortan ihre Interessen besser gewahrt zu sehen als bisher, sandten sie Barthol- mäs ältesten Sohn und einstigen Erben ihres Welthauses, Bartholmä Welser, nach Coro, wo er im März 1541 landete und sich dem biederen Hniten warm anschloß. Hütten unternahm gleich darauf „im Namen kaiserlicher Majestät und der Herren Welser" einen Beutezug, der El Dorado suchte, aber völlig scheiterte. Unterdessen jammerten die Welser bei der Audiencia in Sän Domingo, Venezuela trage ihnen bis jetzt gar keine Früchte, und Hütten suchte sich unter tausend Entbehr- angen den Heimweg. Die Audiencia in Sän Domingo griff nun abermals in die ungeordneten Verhältnisse der Kolonie ein und schickte Juan de Carvajal als provisorischen Statthalter dahin, ohne auf Hütten und die Weiser Rücksicht zu nehmen. Carvajal gab Coro ganz preis, gründete im Tokuyo-Thale eine Stadt und lockte Hütten und Welser hinterlistig 1546 hierhin; es kam zum Kampfe mit ihnen, da Hütten seine Bestallung nicht aufgeben wollte, zu einem erlogenen Frieden in Quibor; in einer Schlucht des Carora-Gebirgs jedoch überfiel Carvajal Beide, nahm sie gefangen und brachte sie in Ketten nach Tokuyo, wo in der Charwoche (April 1546) ein Neger sie mit seinem Messer enthauptete; ihre Leute entrannen. Der neue Untersuchungsrichter Juan Pärez de Tolosa gönnte aber dem tyrannischen Carvajal seinen Triumph nicht, ernannte seinen eigenen Bruder Nlonso zum Generalkapitän, überfiel Carvajal in Quibor und ließ ihn an derselben Stelle enthaupten, wo er Hütten und Welser hingerichtet hatte. Mir des jungen Welser tragischem Ende verlor sein Haus die Lust an weiterer Kolonialpolitik, es blieb zwar noch rechtlich im Besitze von Venezuela und ernannte 1550 einen neuen Statthalter, aber 1655 führten neue Streitigkeiten zu^lnem Prozesse mit der spanischen Krone, und diese nahm den Welser das Land weg; ihre und der Deutschen Rolle in Amerika war ausgespielt. SMers Landesherr im Kloster Oberelchüigcn. Von Loren; Werner. (Schluß.) Es ist zu unsern Zwecken unerläßlich gewesen, diese Personalschilderungen zu geben; sie sind der Nahmen, in welchem das kleine Knlturbild, das wir zeichnen wollen, erst zu seiner Geltung kommt. Bloß wenn wir Charakter, Denk- und Eefühlsweise der mithaudelnden Personen kennen, erhallen wir das richtige „Milieu" für unsere Episode, zu deren Schilderung wir zurückkehren. Dr. Herkules hatte also pflichtschuldigst das Ereignis; signalisiert, welches dem Kloster bevorstand und für den Nnf desselben von unabsehbarer Tragweite werden konnte. Lassen wir nun unserm Tagebuchschreiber oder besser Chronisten das Wort: „In welche Bovegung bei uns Alles versetzt wurde, läßt sich leichter denken als schreiben. Man säuberte alle Ocrter, man ranmbte überall auf, die Musikanten — 114 — richteten sich zu schönen Stücken; es wurden Prediger Befielt und für viobualidus Boten ausgeschicket. Um 6 Uhr kam ein Bote von der Wcsterstetier Post mit einem Brief, und da wäre nun förmlich angezeigt, daß der Herzog kommen werde. Er verlange etwelche ganz moralische Reden und, wenn man ihn mit etwas Angenehmen überraschen will (sicrt), so solle man ihm etwelche — Soldaten schenken. Also schrieb Hr. Mylius, Obristleutnant in Stuttgart und Marschkommissarius an unsern gnädigen Herren (den Abt). Jetzt war der Lärm noch ärger, man schrieb abermals nach Ulm, um noch etwas Näheres von dieser Reis' zu erfahren, man machte alle Anstalten zu dem Empfang." Der Verfasser des Tagebuches selbst war es, der als Prior mit der Aufgabe betraut wurde, der herzoglichen Durchlaucht auf eine Strecke entgegenzukommen und Hochdieselbe im Namen „des Herrn Neichsprälaten" zu begrüßen. Früh 6 Uhr fuhr U. Beneditt mit dem Herrn Consulenten vom Stifte in einer Kutsche ab, begleitet von sechs Reitern, deren Pferde dem Herzog aus Wunsch zur Verfügung gestellt werden sollten. Um 10 Uhr traf er auf einen Kavalier des Herzogs, dann auf einen Kurier, welcher Kammerdiener desselben war, beide zu Pferde. Eine Viertelstunde daraus erschien Serenissimus selbst mit Gemahlin, in einer Lspänuigen Eqni- page gefahren. — Die „Gemahlin" war die liebenswürdige Franziska von Hohenheim, geb. von Vernardin, die wir aus der Jugendgeschichte Schillers bereits kennen, und mit welcher der Herzog seit 1776 morganatisch vermählt war. Die Hoheiten stiegen nicht aus dem Magen, nahmen aber die 6 Pferde an („das etwas Ungewöhnliches sein soll, indem er sonst von Niemandt Pferd annimmbt") und ließen sie einspannen. In der Begrüßungsrede empfahl der Prior seinen gnädigen Herrn „Jhro Durchlaucht unterthäuigst zu höchsten Gnaden". Er, der Prior, sei geschickt worden, die höchste Freude Oberclchiugens über den Besuch auszudrücken und zu Dero höchst beglückten Ankunft zu gratulieren. Auch wolle er im Namen des Hauses vorläufig unterthäuigst abgcbeten haben, daß dasselbe die höchste Person nicht nach Würdigkeit empfangen könne, wiewohl alles geschehen werde, um zeigen zu können, „daß wir seyen Jhro herzogliche Durchlaucht unterthänigste Diener und Knecht." Lassen wir den Berichterstatter selbst weiter erzählen : „Mit welchem Schrecken ich diese Worte gesagt, kaun ich nicht genugsam austrücken; das weiß ich noch, daß ich die erste Konstruktion ganz zitternd vorgebracht, das klebrige aber ganz keck solle gesagt haben und zwar so, daß ich niehmahl angestoßen habe. Der Herzog dankte entgegen, fragte verschiedene Sachen und, nachdem er mich 3 mahl hatte (den Hut) aufsetzen heißen, setzte ich aus und diskurierte mit ihm einige Minuten, bis er weiter fuhr. Zu Dornstadt in dem Schosee (Chaussee-) Hans stieg er aus und trank Chokolade. Indessen wurden die Weg von den Bauern zurccht gemacht, nud Herr Mylius kam in Clching um 10 Uhr an, aus welchem man Alles erfragte, was dem Herzog Beliebiges erwiesen werden könne. Um 1 Uhr kam derselbe an; man empfing ihn mit Böllerschüssen, und alle Glocken läuteten zusammen. Der ganze Konvent war bei der Porten in klocois und begleitete ihn und seine Gemahlin (mehr Lenih hatte er nit bei sich) in das obere Zimmer, wo unser L. R. das Complimcut in korma machte." „Bald nach dem Empfang ging man zur Tafel, bei welcher Fleisch und Fastenspeisen aufgetragen wurden, wiewohl es Samstag war. Es wurde auch eine Musik außerhalb des Tafelzimmers produziert, die aber schlechten Beifall fand. Man saß bei der Tafel 2 Stund; Nevereudissimus saß dabei im Mantel, den er, so lauge die Hoheiten anwesend waren, nie ablegte. Aller Discurs, den sowohl der Herzog als die Herzogin (oio) führten, war gelehrt: Von der Physik, von der Medizin, itorn ascetische Diskurse „von dem Gcöott der Liebe der Feinde," von klösterlichen Uebungen n. s. w. Nach der Aufhebung der Tafel ging der Zug in die Kirch, welche Beide höchste Personen sehr belobt haben. Bon der Kirch ging man in die Bibliothec, darinnen sie eine außerordentliche Kenntniß der Bücher zeigten. Sie hielten sich schier eine Stund in der Bibliothec aus, alsdann führte man die Hoheiten in das Refektorium, allwo k. Meinrad — (der Nämliche, dessen fragwürdige schriftstellerische Thätigkeit schon oben Erwähnung fand) eine zierliche Anrede hielt. (Es war sein Lieblingsthema:) „Ueber die wahre und falsche Aufklärung." Besagter Pater übergab auch dem Herzog 2 Büchlein, eine iUiöos von der Aufklärung, die er selbst gemacht. Nach jener Red bestieg ?. Nomanus die Kanzel und hielt eine Rede von der „Liebe Gottes." Die Komposition war aus Lavater; fand nit allen Beifall. (Herzog Karl Eugen war infolge Konversion seines Vaters Katholik.) Ungeachtet dessen hörten doch beide Hoheiten diesen Neben zu, die etwa 1 Stund gedauert. Alsdann besahen sie sich unser nrmarium auf einige Aligenblicke, wo zwei Experimente der Elektrizität exhi- biert wurden. Alsdann setzten sich die Hoheiten iin- msciiabs in die Kutsch und fuhren um 5 Uhr nach Ulm, mit unsern Pferden dahin geführt, dereutwcg der Kutscher 3 Karoliu oder 33 Gulden zum Trinkgeld bekam. Für unsre Dienerschaft war mir ein Paquet verbelschierter 12 Karolin zum Trinkgeld gegeben, wahrhaft königlich. Man übergab auch dem Herzog zwei Soldaten von uns zu einem angenehmen Präsent, die er mit Freuden auf- und annahm." Herzog Karl hat aber in der Folge noch auf andere Weise bekundet, daß er mit seinem Besuche des Benediktinerstifles zufrieden war. Schon von Ulm aus erließ er ein Schreiben, in welchem er seinen Dank für alle in Elchiugen empfangenen Ehren, sowie seine Zufriedenheit mit der genossenen Aufwartung aussprach. Und uni zu zeigen, daß dies nicht eine bloße Formalität war, erfolgte kurz vor Jahresschluß aus der Residenz ein zweiter Bries, in welchem der Ncisemarschall Mylius den Dank Seiner herzoglichen Durchlaucht wiederholte und dem Herrn Prälaten ein in Saffian gebundenes Buch übersandte, welches die für die katholische Hof- kapelle in Stuttgart bestimmten Gebete und Gesänge enthielt. Unzweifelhaft war dies eine Auszeichnung, nachdem man weiß, welch scharfblickender Beobachter und Menschenkenner der Fürst war. Aus ein drittes und viertes Schreiben hin machte Abt Robert im Oktober des nächsten Jahres eine Gegenvisite in Stuttgart, wobei er mit allen Ehren empfangen wurde. Daß man in Elchingen diese Auszeichnung, insbesondere aber die Ehre des herzoglichen Besuches wohl empfand, ist selbstverständlich. Der Prior bemerkt in seinem Diarium unterm 17. Dezember 1785: „Dieser Tag wird für Clching unvergeßlich sein, da es gewis etwas 115 Selleries ist, daß ein so großer Herr einem Prälaten eine Visite macht, oder aber wunderlich ist, wie eben dieser Herr an einen Ort Hinreisen wag, wo so wenig Rechtes zu sehen ist. Die ganze Affaire ist nach Augsburg geschrieben und den Zeitungen einzuverleiben schon Vorsorge getroffen worden." So wenig sich die Elchinger Herren von 1785 erklären konnten, was den Herzog Karl zu der Reise veranlassen mochte, so klar dürfte dies für die jetzigen Leser des Diariums sein. Was ihn hiezu bewog, war, al gesehen von der Zerstreuung, welche eine jede Reise an sich schon mitbringt, wohl das außerordentliche Interesse,- welches der Herzog für alle Erscheinungen des Lebens, seien es auch die zwischen Klostermanern, stets bekundete. Wenn wir auch nicht nach dem urtheilen könnten, was uns aus der Geschichte von ihm bekannt ist, so dürfen wir dies aus der Theilnahme schließen, die er bei feinem Aufenthalte iu Elchingen an den rhetorischen Vortrügen und an den größeren und kleiner n Sehenswürdigkeiten nahm, besonders aber aus der Art der Unterhaltung, die er und seine Gemahlin, nach den Berichten des Priors selbst, mit seinen geistlichen Gast- freunden pflog. Welche Gedanken dem Herzog doch wohl durch den Kopf gegangen sein mögen, als er den Benediktiner im Refektorium über Aufklärung reden hörte? — Karl war zweifelsohne ein aufgeklärter Mann. Ob aber jene Aufklärung, die dort als die wahre bezeichnet wurde, genau die des Gründers der Karlschnle war, wer kann es sagen? Der Herzog hatte zwar dem Dichter der „Räuber" verboten, etwas Anderes als Fachwissenschast- liches zu veröffentlichen, und dadurch sein Landeskind, das damals, im Jahre 1785, gleichsam als Flüchtling in Dresden weilte, aus der Heimath vertrieben. Allein wir dürfen annehmen, daß er eS wenigstens mit Förderung der Wissenschaft ernst meinte und daher ein Freund der Aufklärung in des Wortes bester Bedeutung war; vermuthlich befand sich hiemit auch 1?. Meiurad im Einklang. Im Jahre 1793 konnte Friedrich Schiller es wagen, seine Lieben in der Heimath zu besuchen, und verweilte in der That unangefochten mehrere Monate daselbst. Um die gleiche Zeit, während des Aufenthalts, starb sein Landesherr, Herzog Karl von Württemberg. Zehn Jahre darauf büßte auch das eigenartige Gemeinwesen, das dessen Interesse erregt hatte — und uns Modernen fast fremd geworden ist, in das wir aber durch das Tagebuch des fleißigen und verständigen Chronisten einen Einblick thun konnten, — seine Existenz ein und trat infolge der Säkularisation vom Schauplatz der Geschichte ab. Nur die Kirche thront noch stattlich auf der Höhe und beherrscht in ihrer freundlichen Gestalt weit und breit die Gegend. - «- - Unterrichlsüriefe zum Verständniß meteorologischer Berichte. ^ Nachdruck v-rboieu. Gewiß erinnern Sie sich aus der Studienzeit des bekannten Experimentes mit der Luftpumpe. Verdünnt man die Luft im Recipienten, so haftet derselbe durch den Druck der auslastenden Luft fest am Teller. Das ist zugleich der einfachste und klarste Beweis für die Schwere der atmosphärischen Luft. Gemessen wird nun der Druck der Luft durch die Barometer, sei es das Quecksilber-Barometer oder das Aneroid. Das erstere stellt uns eine communi- cierende Röhre dar, deren einer Schenkel geschlossen und luftleer ist, deren anderer Schenkel aber offen steht. Gleichgewicht herrscht in den Flüsstgkeitssäulen einer kommunicierenden Nähre erst dann, wenn beide Säulen unter demselben Drucke stehen. Die beiden Quecksilbersäulen im Barometer sind aber sehr ungleich hoch. Die in dem geschlossenen Schenkel ist viel höher als die in dem offenen, und dennoch stehen sie im Gleichgewichte; iu dem offenen Schenkel muß somit ein weiterer Faktor wirksam sein, und das ist die Luft. Es entspricht also der Ueberschuß der Quecksilbersäule im geschlossene» Schenkel dem Gewichte nach genau der Luftsäule, welche auf dem Niveau der Quecksilbersäule im offenen Schenkel lastet. Unter Barometerstand versteht man also den Druck der Luft. Beim Aneroid ist dasselbe Agens thätig, nur ist es hier eine luftleere Blechkapsel mit elastischer Wand, wodurch der Druck gemessen wird. Der Druck der Luft ist aber veränderlich erstens nach ihrer Dichte und zweitens nach der absoluten Höhe des Standortes. Die Dichte der Luft ändert sich hauptsächlich in Folge ungleicher Erwärmung und der auf- und absteigenden Strömungen. Tritt an einem Orte eine niedersteigende Luftströmung auf, so wird sich dort die Luft verdichten, sie wird schwerer werden, stärker auf das Quecksilber in dem offenen Schenkel drücken, und daS Barometer wird steigen. Stellt sich hingegen ein aufsteigender Lufistrom ein, so wird das Gegentheil eintreten; die Luft wird verdünnt und leichter, der Druck aus das Quecksilber (resp. auf die Blechkapsel) geringer, und das Barometer wird fallen. Der Barometerstand ändert sich aber auch nach der absoluten Höhe des Standpunktes, denn je höher man steigt, desto kürzer wird die Luftsäule, welche auf das Barometer drückt, je tiefer man aber kommt, desto länger wird die auslastende Luftsäule; daraus ergibt sich folgerichtig, je höher der Standpunkt des Barometers, desto niedriger der Barometerstand und umgekehrt. Mit einem empfindlichen Aneroid kann man sich von diesem Gesetze durch daS Experiment überzeugen, schon wenn man im Hause aus ebener Erde sich in den ersten oder zweiten Stock begibt. Die Höhe oder richtiger die Länge der von der Luft getragenen Quecksilbersäule wurde früher in Zoll angegeben, heute wird sie in Millimeter angegeben. Die Skala am Aneroid ist nur empirisch der Skala am Quecksilber nachgebildet. Zeichnet man daS ganze. Jahr hindurch täglich den zu einer bestimmten Stunde beobachteten Barometerstand auf, addirt dann die erhaltenen Zahlen und theilt die Summe durch die Zahl der Beobachtungen, also durch 365, so erhält man das Jahresmittel des Barometerstandes für den Beobachtungsort. Es gibt auch ein Tagesmittel, Wochenmittel u. s. w. DaS Tagesmittel würde ich z. B. erhalten, wenn ich morgens, mittags und abends beobachte und die Summe der abgelesenen Stände durch 3 dividiere. Wenn jedoch von Mittel schlechtweg gesprochen wird, so versteht man immer das Jahresmittel Das Jahresmittel ist nun für das Meeresniveau 760 mw. Natürlich ändert sich dieses Mittel für verschiedene Höhenlagen. Aus dem eben angegebenen, durch viele Beobachtungen gewonnenen und viel- — 116 fach controllierten Mittel für die Meeresoberfläche läßt sich durch eine einfache Rechnung das Mittel für andere Höhenlagen finden. Die Erfahrung hat nämlich gezeigt, daß bei ungefähr 10 ur Höhenunterschied der Barometerstand um 1 mm differiert; liegt somit ein Ort 10 ur über dem Meere, so ist sein Barometermittel um 1 nun niedriger als am Meere, also 759; liegt ein Ort 100 na über dem Meere, so ist sein Barometermittel 750. Salzburg liegt 400 ur über dem Meere, sein Barometer- mittel ist somit 760—40— 720 nun; das Lechfeld liegt beiläufig in 500 ur absoluter Höhe, das Barometermittel beträgt somit 710 umr; das Todte Meer liegt circa 400 na unter der Meeresoberfläche, sein Barometermittel macht somit 800 mm. Einen Barometerstand über dem Mittel nennt man Hochdruck, einen solchen unter dem Mittel Depression oder Luft Wirbel; der Mittelpunkt des Hochdrucks ist das Barome termaximum und der Mittelpunkt des Lustwirbels das Barometerminimum. II. Nicht vom absoluten Barometerstand hängt die Wetterbeurtheilung ab, sondern vom Stande über oder unter dem Mittel. Soll nun die Angabe der Barometerhöhe für diese Beurtheilung nicht illusorisch sein, so müssen diese Angaben auf ein und dieselbe Höhenlage reduciert sein, d. h. es muß ihnen ein und derselbe Höhenstandpunkt zu Grunde liegen. Nach einem allgemeinen Uebereinkommen werden die für weitere Kreise bestimmten und für öffentlichen Gebrauch ausgegebenen Barometerdaten auf das Meer es niveau reduciert. Daraus erklärt sich die Differenz Ihres Aneroides mit den veröffentlichten dteßfallsigen Daten. Wollen Sie eine beiläufige Uebereinstimmung herstellen, so müssen Sie das Aneroid beim Mittelstände auf 760 stellen, oder Sie müssen sich das Aneroid nach einem guten Quecksilber- barometer nach Ihrer Ortslage einrichten und dann jedesmal so viel urui zuzählen als der zehnte Theil der in in ausgedrückten absoluten Höhe Ihres Ortes betrügt. Nehmen wir an, Sie befinden sich 600 w über dem Meere; das Barometermittel ist in diesem Falle 760—60— 700 mrn. Nun findet sich im Wetterberichte die Angabe: „über Bayern ein Hochdruck von 770 nun«; ist Ihr Aneroid für die angegebene Meeres- höhe richtig eingestellt, so muß es in diesem Falle 710 nun zeigen; lautet hingegen die Angabe für ihren Wohnort im Wetterberichte auf eine Depression von 750 will, so muß das Aneroid 690 wm zeigen. Es bleibt noch die Frage zu beantworten, wie hängt das Wetter mit dem Barometerstands zusammen? Sehr einfach. Wie das Wasser von oben nach unten fließt, so fließt die Luft vom Hochdruck zum Wirbel, und so müssen von der dichteren Luft zur dünneren Strömungen entstehen; denn in Folge der absoluten Verschiebbarkeit der Theilchen sucht die Schwerkraft nach jeder Störung die Gleichgewichtslage wieder herzustellen. Doch ziehen die Luftläufe nicht in der Verbindungslinie der beiden Mittelpunkte, also nicht in der Geraden vom Mittelpunkte des Hochdruckes zum Mittelpunkte des Wirbels, sondern sie gehen vom Rande des Hochdruckes aus, und zwar von jenem Rande, welcher, wenn man sich gegen den Hochdruck wendet, rechts liegt. Dieses Gesetz hängt mit der Drehung der Erde und mit der Entstehung des Hochdruckes zusammen; eine Begründung desselben würde hier zu weit führen. Seine Anwendung hingegen bereitet keine Schwierigkeiten. Gesetzt den Fall, es liegt über Skandinavien ein Hochdruck, über Italien ein Luftwirbel, so muß über Deutschland eine nördliche und nordöstliche Luftströmung herrschen. Im Winter wird eine solche Constellation strenge Kälte mit wenigen Schneefällen, im Sommer warme heitere Tage und kühle Nächte bringen. Unter dem Zeichen dieser Constellation stand zumeist die Kälteperiode im Winter 1894/95. Liegt der Hochdruck im Osten, die Depression im Westen, so werden die trockenen Winde der gewaltigen asiatischen Lander- massen den Witterungscharakter bestimmen; dies war der Fall des so überaus trockenen Sommers 1893; hat der Süden Hochdruck, der Norden Depression, dann tritt im Winter Thauwetter, im Sommer Schwüle mit starker Gewitterneigung ein; steht endlich der Hochdruck über dem atlantischen Ocean, die Depression über Ungarn oder Südrußland, dann gibt es bei uns starken Regen oder Schneefälle. Je größer die Differenz zwischen den beiden Extremen, desto heftiger und stürmischer der Ausgleich, wobei allerdings auch die Bodenbeschaffenheit und der lokale Abstand der Gegensätze in Betracht kommt. Daß diese einfachsten Fälle durch Zwischenstellungen und Unterströmungen kompliciert und modificiert werden, versteht sich von selbst. Aber nicht hierin liegt die Hauptschwierigkeit der Wetterprophrzcinng, sondern in dem Umstände, daß Hochdruck und Wirbel wandern und daß man die Gesetze dieser Wanderschaft bis heute noch nicht zu formulieren im Stande war. In den Wetterberichten kommt auch der Ausdruck „Lufteinsenkung" vor. Es ist das eine Luftauflockerung von geringerem Umfange und untergeordneter, mehr lokaler Bedeutung meist in einem Hochdrucke, welche sich gewöhnlich in ziemlich raschem, aber nicht anhaltendem Barometersturz bemerklich macht. Wollen Sie eingehendere Belehrung über den gegenwärtigen Stand der meteorologischen Kenntnisse, so empfehle ich Ihnen daS Studium deS sehr gediegenen Werkes: Abercromby, das Wetter, aus dem Englischen übersetzt von Professor Pernter in Innsbruck (Verlag: Herder, Freiburg im Breisgau. 7 Mark). Vgl. Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 2. Zuge matt. ----S-WSS-- « 16 . „Augsburgrr Postzritung". Dinstag, den 25. Februar 1896 . Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburgs Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von HaaS Grabhcrr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Die Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Benno. (Fortsetzung.) 11 . Im Zimmer des Friedländischen Generals Grafen Octavio Piccolomini stand der Hauptmann Georg Selkow. Der General, ein stattlicher Mann mit schon ergrauendem Haar und durchdringendem Blick, ließ seine Augen mit eigenthümlichem Ausdruck auf dem jungen Manne ruhen; dann bot er ihm einen Sessel und nahm ebenfalls Platz. „Ich bin bis jetzt", begann er, „mit Euch noch niemals in nähere Berührung gekommen, und auch Ihr kennt mich blos als General. Ihr seid deshalb wohl einigermaßen erstaunt über die Bestellung zu mir. Ihr werdet gleich erfahren, was mich hierzu bewog. Ich befand mich heute Morgen beim Herzog, und es wurde von Euch gesprochen. Der Name Selkow fiel mir auf; er lenkte meine Gedanken auf Ereignisse und Zeiten zurück, die demselben von meiner Seite ein Andenken sichern, das erst mit meinem Leben erlischt. Daher bestimmte ich auch den Herzog, einen Beschluß rückgängig zu machen, der Euch für den Augenblick vielleicht mit Stolz und Freude erfüllt, später aber ohne Zweifel in unheilvolle Verwickelungen gebracht hätte. Wollenstem sprach nämlich die Absicht aus, Euch mit geheimen Aufträgen nach Paris an den König von Frankreich zu schicken. Ein ehrenvoller Auftrag, nicht wahr? Und doch habe ich den Herzog veranlaßt, für dieses Geschäft einen Andern zu wählen, nachdem ich das Nähere über Euere Herkunft und Euern Charakter erfuhr." Piccolomini schaute dem jungen Mann fest in's Gesicht. „Ja, mein Sohn", fuhr er fort, „um diese Ehre seid Ihr durch mich gebracht worden, obgleich ich Euch von Herzen zngethan bin. Damit Ihr mich verstehet und mir in allem Euer volles Vertrauen schenket, muß ich eine Geschichte erzählen, die sich ereignete, als Ihr das Licht der Welt noch nicht erblickt hattet. Es war einige Tage nach der denkwürdigen Schlacht bei Lepanto, wo Don Juan d'Austria durch seinen glänzenden Sieg den osmanischen Uebermuth brach. Ein ungeheuerer Jubel herrschte unter den Christen; denn die Türken hatten schon seit langer Zeit alle Küstengebiete des Mittelländischen und Adriatischen Meeres in Schrecken versetzt. Nun glaubte man sie für immer verjagt. Einige Offiziere gingen eines Abends mit ihren Familien an der dalmatinischen Küste spazieren. Die Frauen und Kinder schritten voraus. Ein Olivenwäldchen, das man sich als Ziel der Wanderung gesteckt hatte, war fast erreicht, da brach aus demselben plötzlich eine Schaar Türken hervor und stürzte sich auf die Frauen, welche drei Kinder, zwei Knaben und ein Mädchen, an der Hand führten. Ein Theil der Muselmanen schleppte die Unglücklichen fort, der andere aber warf sich den zu Hilfe eilenden Offizieren erygegen. Die Christen waren an Zahl bedeutend in der Minderheit, der Löwenmuth jedoch, mit dem sie fochten, glich den Unterschied aus. Ein Türke um den andern fiel in den Sand, und nach einem nur wenige Minuten dauernden Ringen suchte der Rest der frechen Räuber sein Heil in der Flucht. Sie wurden von den Offizieren verfolgt, denn die Gefangenen mußten um jeden Preis befreit werden. Die Türken hatten sich nach einer kleinen Bucht zurückgezogen und schleppten dort die Beute in den bereitstehenden Kahn. Ohne Bedenken stürzten sich die braven Offiziere auf sie, und die Rettung der vor Angst halb bewußtlosen Frauen und Kinder gelang. Leider hatte den bravsten der Kämpfer ein Türkensäbel durchbohrt. Er besaß noch so viel Kraft, um die Sorge für Weib und Kind den Kameraden anzuempfehlen, dann verschied er. Diese hielten das dem edeln Manne gegebene Wort. Der Knabe wurde auf ihre Kosten erzogen und für die Wittwe eine Pension ausgewirkt. Die beiden Jungen, welchen ein so schreckliches Schicksal gedroht hatte, wuchsen mit einander heran und sind auch im spätern Leben die besten und vertrautesten Freunde geblieben. Hundertmal haben sie auf ihren Kriegsfahrten in einem Zelte geschlafen und aus einem Becher getrunken, bis die Vorsehung ihre Trennung beschloß. Der Eine hat längst den Tod auf dem Felde der Ehre gefunden, der Andere aber steht hier vor Euch; denn ich", fügte Piccolomini mit feierlichem Ernste hinzu, „war jener Knabe, für den der brave Offizier sich geopfert, das Mädchen meine Schwester, und der andere Knabe, der Sohn des Helden, war Euer Vater." „Ich befand mich in Spanien", erzählte der General weiter, „als ich den Tod meines lieben Freundes, Eueres Vaters, erfuhr. In's Reich zurückgekehrt, erkundigte ich mich nach den Seinen und hörte, daß der 118 einzige Sohn einen Beschützer und Gönner in dem Herzog von Friedland gefunden habe und dessen Zukunft gesichert sei. Lange schon hegte ich den Wunsch, den Sohn meines theuren Georg kennen zu lernen. Da hat die Vorsehung in einem Augenblicke, wo ich am wenigsten daran dachte, mir diese Freude gemährt und mir wenigstens einen Theil meiner Schuld zu tilgen vergönnt. Ich weiß aus Wallenstein's eigenem Munde, wie warm Euer Herz für ihn schlägt und wie oft Ihr schon in seinem Dienste das Leben gewagt habt. Ich würde Euch darum nur noch höher schätzen — denn an dieser Treue und selbstlosen Ergebenheit erkenne ich des Vaters würdigen Sohn — aber ich muß befürchten, daß Ihr durch Euern Eifer zu Handlungen und Entschlüssen verleidet werdet, deren Ende nimmermehr ein gutes sein kann. Georg Selkow", schloß Piccolomini mit einer Stimme, durch welche eine mächtige Aufregung klang, „der Herzog von Friedland steht im Begriffe, mit den Feinden des Kaisers gegen Deutschland und den Kaiser zu ziehen und das Unglück Euerer schönen Heimath noch größer zu machen, als es schon ist. Trennung von dem Empörer ist deshalb heilige Pflicht. Was der Herzog auch schon für Euch gethan haben mag, wie sehr Euer Herz für ihn spricht: dieser unselige Schritt hebt jede Rücksicht und Verbindlichkeit auf." Er ergriff die Hand des bestürzten jungen Mannes. „Ich weiß auch", fuhr er freundlich fort, „daß Ihr, ohne etwas Böses zu ahnen, die geheime Correspondenz Wallenstein's mit Arnim besorgtet, und daß Ihr es wäret, dem man bei Lissa so übel mitgespielt hat. Ich kannte Euch damals noch nicht, und Euere Person galt mir bet der Wichtigkeit der Sache nicht viel. Dennoch war ich schmerzlich berührt, als ich erfuhr, daß man Euch ohne allen Erfolg niedergeworfen, und erfreut über die Handlungsweise meines Vertrauten, der Euch den erlittenen Schaden nach Kräften wieder ersetzte. Welch ein Gedanke wäre es heute für mich, wenn Euch damals das Verhängniß ereilt hätte —durch meine Schuld! Denn von mir waren die Dragoner geschickt. Ich wußte um die Abmachungen des Herzogs und ahnte auch deren Zweck. Um ganz sicher zu gehen, mußte ich mir jedoch Gewißheit verschaffen, und diese suchte ich bei dem Boten. Ich habe mich damals verrechnet, erreichte meine Absicht aber wenige Wochen später auf anderem Wege nur um so vollständiger. Von jener Stunde an bin ich dem Herzog Schritt für Schritt auf seinem verbrecherischen Wege gefolgt, und seit gestern stehe ich am Ziele. Seine hochverräterischen Pläne liegen offen zu Tag. Es ist möglich, daß schon das nächste Morgenroth die Aechtung Wallenstein's bringt. Ihr dürft nicht mit ihm untergehen; ich will Euch retten. In dieser Absicht rief ich Euch heute zu mir." Mit Gewalt bezwaug Georg den Sturm in seinem Innern. „Ist es denn wahr!" rief er, „ist es möglich? Ich kann immer noch nicht glauben, daß der Herzog ein falsches Spiel treibt!" „Die untrüglichsten Beweise", erklärte der General, „befinden sich in meiner Hand, und zudem hat Wollenstem mir selbst so deutliche Winke gegeben, daß kein Zweifel mehr aufkommen kann. Uebrigens werdet Ihr heute Abend Gelegenheit finden, Euch selbst von der wirklichen Sachlage zu überzeugen. Sämmtliche in Pilsen anwesende Stabsoffiziere sind von Jllo, der in die geheimsten Pläne des Herzogs eingeweiht ist, zu einem Bankett eingeladen. Dort soll eine Schrift zur Unter- zeichnung vorgelegt werden, worin Alle sich eidlich verpflichten, bis auf den letzten Blutstropfen treu zu'des Herzogs von Friedlnnd Hoheit zu halten. In einem Exemplar dieses Documentes ist der ausdrückliche Vorbehalt eingefügt, daß dies nur geschehen solle, so lange der Herzog in Seiner Kaiserlichen Majestät Diensten verbleibe oder der Kaiser ihn zur Förderung seiner Sache gebrauche; in einem zweiten aber fehlt dieser Zusatz. So lange die Gäste noch nüchtern sind, wird ihnen das erstere vorgelesen und zur Durchsicht gereicht; unmittelbar vor Aufhebung des Gelages aber, wenn die Meisten ihrer Sinne voraussichtlich nicht mehr Herr sind, legt man den Revers ohne den Vorbehalt zur Unterschrift vor. Zu dieser Versammlung will ich Euch Zutritt verschaffen. Bleibt nüchtern, damit die Wahrheit meiner Worte vor Euerrn eigenen Augen sich enthüllt." Georg rang vergeblich nach^Fassung. Er dachte an die Herzogin, ihre Pläne und Hoffnungen für die Zukunft^ an sein eigenes Glück und an Magdalenens schreckliches Traumbild, das in diesem Augenblick auch für ihn eine furchtbare Bedeutung erhielt.j ZDabei konnte er sich eines Gefühls tiefer Bitterkeit gegen den General nicht erwehren. Der Mann, welchen der Herzog für den treuesten Freund hielt, hinterging ihn. Er mußte an sich halten, daß er dem hohen Vorgesetzten gegenüber seinem Unmuth nicht lauten Ausdruck verlieh. Warum denn diese Heimlichkeiten? Warum dem Freunde kein offenes Wort? „Auch der Kaiser", begann der Graf wieder, „ist von allem in Kenntniß gesetzt, und unsere Maßregeln sind zu einem entscheivenden Schlage getroffen, der den verblendeten Mann unschädlich macht. Seine Absetzung ist beschlossene Sache und Gallas zum Höchstcomman- direnden an Wallenstein's Stelle bestimmt. „Herr General", fragte Georg, indem er die bittere Wallung in seinem Innern bezwäng, „wäre es nicht möglich, den Herzog zu retten? Wenn ein wohlmeinender Freund ihm den Abgrund zeigte, vor welchem er steht, hielte er ihn vielleicht doch noch vor dem letzten verderblichen Schritte zurück. Auch Ihr wäret sein Freund", fügte er mit flehendem Tone und feuchten Augen hinzu; „ich weiß es, Ihr habt ihn geliebt! O, ich beschwöre Euch, laßt ihn nicht fallen, nicht so fallen — es wäre sein Tod!" „Ich habe gethan, was ich konnte", entgegnete Piccolomini, das Gesicht abwendend; „ich habe gewarnt, gebeten und beschworen, wie Ihr, aber es war alles umsonst. Meine Worte prallten wirkungslos an den Einflüsterungen seines bösen Geistes, des Astrologen Seni, und Wallenstein's eigenem grenzenlosen Eigensinn ab. Es blieb mir keine andere Wahl, als zuletzt selbst gute Miene zum bösen Spiele zu machen, damit ich nicht verdächtig erschien. Ich sehe das Unwürdige meiner Rolle wohl ein, sie fällt mir auch schwer, aber ich bringe das große Opfer der guten Sache zu lieb. Wo die Wohlfahrt ganzer Völker auf dem Spiel steht, kommen die persönlichen Empfindungen Einzelner nicht in Betracht." „Wenn die Herzogin einen Versuch machte?" be- harrte Georg. „Nein", fiel ihm Piccolomini entschieden in's Wort, „diese halbe Maßregel wäre ein zweischneidiges Schwert. Der Herzog würde, deß bin ich sicher, auch auf die Bitte 119 seiner Gemahlin nicht achten; aber er wäre gewarnt. Er würde losschlagen, ehe sein Arm durch uns gelähmt ist, und im eigenen Lager würde ein Kampf entbrennen, wie die Welt noch keinen erlebt. Tausende würden um des Einen willen geschlachtet. Die Kugel ist im Rollen, und keine menschliche Hand hält sie mehr auf. Ist nachher die große Gefahr glücklich vorüber, dann sind — und an dieser friedlichen Lösung zweifle ich bei dem guten Herzen Ferdtnand's nicht — auch die Worte Vergebung und Gnade am Platz." Georg sah ein, daß all' sein Flehen nichts half. Mit blutendem Herzen gab er das verlangte Ehrenwort, über das Gehörte zu schweigen, und zog sich zurück. In schmerzlicher Bewegung suchte er seine Herberge auf. Hier öffnete er ein Fenster und schaute in den anstoßenden Garten hinaus. Der Frühling hatte bereits seine Vorboten gesandt. Ein warmer Luftzug kam vom Gebirge herüber, und die Sonne entwickelte eine für die herrschende Jahreszeit ganz ungewöhnliche Kraft. So weit das Auge zu blicken vermochte, lag noch Schnee, scharf hoben sich die dunkeln Tannenforste von dem weißen Hintergrund ab. Wie ein breites Stlberband schlängelte sich in geringer Entfernung der Eisspiegel der Beraun durch die majestätische Winterlandschaft. Feierliche Stille herrschte. Nur von Zeit zu Zeit hörte man jenes dumpfe Geräusch, welches entsteht, wenn unter dem Kusse des Tagesgestirns ein Stück des glänzenden Krystallschmuckes von den tief herabhängenden Zweigen der Bäume sich ablöst und auf den weichen Schneeteppich fällt. Nicht so friedlich sah es in Geoag's Gemüth aus. Die bitterste Enttäuschung hatte sein warmfühlendes Herz! mit kaltem Finger berührt. Er vermochte nicht mehr an! der Schuld des Herzogs zu zweifeln; aber ebensowenig wich die Ueberzeugung von ihm, daß auch auf Seiten der Ankläger desselben viel gefehlt worden war. Mit welcher Zuversicht, mit welcher Begeisterung war er zui Felde gezogen, um unter dem Banner der Wahrheit und,^ des Rechts für Ruhm und Ehre zu kämpfen — und^ nun fand er jede Blume an diesem Pfade von dem! Schlangengezücht der Leidenschaften umzischt! Er hatte! so schön von Lorbeeren, von künftiger Größe, von einem! Namen geträumt, von Thaten, deren Erinnerung gleich^ einem Sonnenblick in die späten Tage stiller Ruhe hineinleuchten sollte — mit rauher Hand waren nun durch! die Wirklichkeit all' seine Illusionen zerstört! In ruh- uud rücksichtslosem Jagen nach verführerischen Trugbildern also bestand das Glück und die Herrlichkeit der Welt! Georg fühlte sich von einer mächtigen Sehnsucht, von glühendem Heimweh ergriffen; fort wollte er, wett fort aus diesem Chaos — heim, an die Seite der Geliebten und an das treue Herz seines priesterlichen Lehrers. Aus diesen Gedanken wurde der Hauptmann durch den Boten geweckt, der ihm die Einladung zum Bankett Jllo's brachte. Mit einem bittern Lächeln nahm er sie entgegen. Ein Freudenmahl! Er befand sich wahrklich in einer hierzu wenig passenden Stimmung. Noch eine Zeit lang blieb er im Zimmer, dann wurde es ihm zwischen seinen vier Wänden zu eng. Er ließ sich sein Pferd vorführen und ritt ohne bestimmte Absicht davon. Sein Quartier lag ganz am Ende der Stadt, unmittelbar neben der Umfassungsmauer. Wenige hundert Schritte vom Thore entfernt begann ein üppiger Tannenwald, der sich auf beiden Seiten der Beraun tief in's Land hineinzog. Einen der durch diesen Forst führenden Wege schlug der Hauptmann ein und tummelte, um das Blut abzukühlen, stundenlang ziellos sein Pferd. Er beachtete es gar nicht, daß in Folge der abnormen Wärme ein Unwetter am Horizont heraufstieg. Erst als ihm der Sturm Regen und Schneeschauer in's Gesicht trieb, schaute er sich um und fand den vorher noch so klaren Himmel mit schwarzgrauen Wolken bedeckt. Zugleich erkannte er, daß sein Spazierritt ihn ziemlich weit von der Stadt entfernt hatte. Der Abend brach herein. Er dachte an das bevorstehende Bankett, bei welchem er nicht fehlen durfte. Rasch wandte er sein Pferd und jagte in der Richtung nach Pilsen zurück. Zu gleicher Zeit schlich, nur eine halbe Stunde von Georg entfernt, durch das Unterholz des Waldes tief im Schnee schreitend ein Mann. Ein breitkrämpiger Hut verbarg das Antlitz, das überdies von einer schwarzen Maske verhüllt war. Ein dunkler Mantel von grobem Stoff umschloß die mittelgroße Gestalt, und der Lauf einer Pistole wurde sichtbar, wenn der Sturm die Falten des Mantels zurückschlug. Das Unwetter war mit Macht losgebrochen. Die Bäume zitterten und beugten ächzend ihre Kronen, daß der Schnee in dichten Wolken auf den Boden herabfiel. Aengstlich verbargen sich die Vögel vor den Schloffen, und die übrigen Waldbewohner flohen in ihre Lager. Wild rauschte der Waldbach, welcher die von der Sonne zum Theil geschmolzene Eisdecke durchbrochen hatte und schäumend über die Ufer sich ergoß. „Ein verdammtes Wetter", fluchte der Mann und zog den Mantel fester um sich; „am Ende ließen sie sich schrecken und kommen gar nicht." Er spähte mit verhaltenem Athem zwischen zurückgebogenen Zweigen auf den glatten Fahrweg hinaus, welcher von Pilsen nach Rokytzan führt. Da vernahm er durch das Sturmge- Hbraus ein schwaches Schellengeläute, das immer deutlicher und näher erklang. Aus den Augen des Mannes leuchtete ein wilder Triumph. Er zog sich hinter das ,Strauchwerk zurück und verschwand. Nach Versfuß weniger Minuten jedoch regte es sich wieder in dem Gebüsch. Vorsichtig wanden diesmal drei Männergestalten sich aus dem Dickicht und krochen langsam gegen die Straße heran, wo sie im Graben Deckung fanden. Ein leichter Schlitten, auf welchem hinter dem Fuhrmann aneinandergeschmiegt !zwei Frauen sich befanden, flog auf den Platz zu. Da tönte ein gellender Pfiff. Die drei Vermummten brachen aus ihrem Versteck hervor. Einer fiel dem Pferd in die Zügel, der andere riß den erschrockenen Fuhrmann vom Bock und suchte ihm die Hände zu binden; der dritte aber zerrte die jüngere der Frauen, ehe sie Zeit gefunden hatte, die hemmende Umhüllung von sich zu streifen, aus dem Schlitten und schickte sich an, sie über den Graben nach dem Dickicht zu schleppen, während die andere nach einigen kreischenden Angst- und Hilferufen vor Entsetzen das Bewußtsein verlor. Rascher Hufschlag tönte in diesem Augenblick durch den Wald. Ein Reiter sprengte heran. Ein einziger Blick genügte ihm, um zu erkennen, was vor seinen Augen geschah. Sein Degen blitzte auf dem Kopf eines der Banditen, daß dieser stöhnend in den Schnee sank. Der Räuber, welcher die Frau bereits auf den Grabenwall gezerrt hatte, drückte eine Pistole auf den Angreifer ab, aber die Kugel verfehlte das Ziel. In der nächsten Secunde sah auch dieser sich von der Waffe des 120 Reiters bedroht. Da ließ er seine Beute los und entfloh. Als seine Gefährten, von denen der eine sich von dem empfangenen Hieb sich schnell wieder erholt hatte, dies bemerkten, hielten auch sie nicht mehr Stand. Sie übersprangen den Graben und zogen sich eiligst in das Unterholz des Waldes zurück. Gleich nachher hörte man Pferdegetrab, das sich jedoch alsbald in der Ferne verlor. Georg Selkow — denn dieser war auf seinem Ritt nach Pilsen zur rechten Zeit als Retter des Weges geführt worden — wandte sich, vom Pferde steigend, zu der Frauengestalt und schaute — in Marion's bleiches Gesicht. Während des Ringens waren dem Mädchen Tücher und Pelze entfallen. In den aufgelösten Haaren wühlte der Sturm. Sie stand da wie geistesabwesend. Ihre großen Augen richteten sich glühend nach der Richtung, aus welcher man das Geräusch der fliehenden Räuber vernahm. „Der Schreckliche", murmelte sie, „er wollte mich entführen; ich habe ihn trotz seiner Verkleidung erkannt." Wie aus einem Traume fuhr sie plötzlich empor. Rasch wechselten, als sie den Hauptmann gewahrte, Nöthe und Blässe auf ihrem Antlitz. „Ihr seid es, Ihr", brachte sie endlich stockend hervor, „Ihr wurdet mir abermals vom Himmel als Retter gesandt? O Gott, wodurch habe ich diese Gnade verdient?" „Was soll das heißen?" fragte Georg heftig. „Welcher Schurke hat sich an wehrlosen. Frauen in solcher Weise zu vergreifen gewagt?" Marion hatte sich wieder gefaßt. Sie führte den Hauptmann an den Schlitten, wo ihre Gefährtin, eine ältere Frau, durch den befreiten Kutscher wieder zum Bewußtsein gebracht worden war. „Meine mütterliche Freundin", erzählte sie, „wurde von ihrer Schwester, die im nächsten Dorf wohnt, gebeten, sofort zu kommen, da sie in Folge eines Unglücksfalles schwer verletzt sei und sich ihrem Ende nahe fühle. Wir folgten dem Rufe augenblicklich und befanden uns auf dem Wege dahin. Nach dem so eben Erlebten fürchte ich jedoch, daß wir in böswilliger Absicht getäuscht worden sind, um uns in die Einsamkeit des Waldes zu locken, und die Gefahr der Schwester nur als Vorwand gebraucht wurde von einem Elenden, den Ihr wahrscheinlich nicht erkannt habt. Ich dagegen weiß recht gut, wer mich in den Wald schleppen wollte, wenn das Antlitz des Nichtswürdigen auch durch die Maske verdeckt worden ist. Der freche Wegelagerer war kein Anderer als Fritz Donald mit zwei Helfershelfern." (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Mzubekannt Hat wenig Ehr' und viel Schand'. Wer and're tadelt laut und grob, Leicht geistreich scheinen kann, Doch Geist zu zeigen bei echtem Lob, Gelingt nicht Jedermann. G. Walling. Was ist der hohe Rang? Ein stolzer Bettler, prahlt und bettelt — bei der Menge bettelt Um ein Almosen Huldigung, und oft versagt Die Menge ihre milde Gabe. Eine gefallene Größe. Augsburgische Episode aus dem 16. Jahrhundert. - lNachdruck verboten., D,. Frühzeitig erkannte der Handel die Vortheile des großen Capitals, und er machte sich bald dasselbe zu Nutzen. Allerdings gelang dieses selten einer vereinzelten Thätigkeit, wetzhalb mehrere Männer zu einem gemeinsamen Unternehmen sich verbanden. So entstanden die Handelsgesellschaften. AIs erste und bedeutendste ging aus Lübeck im 13. Jahrhundert der große nordische Städtebund hervor, welcher bis Köln und Erfurt nach dem Süden sich ausdehnte, und der nicht bloß nach politischer Macht strebte, sondern auch die Erweiterung und den Schutz des Handels und der Gewerbe zu seiner Aufgabe machte. Großartige Erfolge durfte die Hansa verzeichnen, und sie verlockten zur Nachahmung. Rasch bildeten sich in den größeren Reichsstädten ähnliche Gesellschaften, wenn auch in kleinerem Stile, und aus dem engen Comptoir eines kühnen Handelsherrn wuchsen die Fangarme weit über die Grenzen des deutschen Reiches hinaus, die heimischen Speicher mit kostbaren Schätzen füllend. Auch in Augsburg schlug das verführerische Wagniß Wurzel. Ulrich Arzt war es, der 1429 zuerst eine Handelsgesellschaft auf breiter Grundlage gründete. Sein Sohn, gleichen Namens, trat in die Fußstapfen des Vaters, und er spann aus dem 1462 auf dem Rindermarkte gekauften stattlichen Hans Hofmaier'schen Hause, 1418 die gastfreundliche Herberge König Sigmunds, goldene Fäden über Italien und entlang den gegen Norden eilenden Strömen, um die Producte des glühenden Orients und der kalten Landstriche Europas für sich in Reichthümer zu verwandeln. Kurz darauf segelten in dem gleichen Fahrwasser die Gossenbrote, Vehlin und Baumgartner, bis die Fugger und die Weiser alle überholten, nachdem in den Handelsbüchern der Gewinn-Conto durch die Ausbeute der Bergwerke in das Ungemessene sich vergrößert hatte. War aber in den Factoreien zu Venedig und Lissabon, zu London und Lübeck von diesen Handelsfürsten die Rede, so blieb auch der Name Ambros Höch- stetter nicht ungenannt. Der schon 1368 bei der Einführung des Zunftregiments zwischen den Kaufleuten und den Krämern gemachte Unterschied, wobei jene an der Spitze der 17 Zünfte erscheinen, erfuhr allmälig nochmals eine Theilung, die bedeutungsvoll in das öffentliche Leben eingriff. Längst erhoben sich einzelne Namen aus der Reihe der Mitbürger, und ihre Träger glänzten nicht bloß durch außerordentlichen Reichthum, erworben durch kluge und glückliche Ausnützung der jeweiligen Verhältnisse, sondern es zierte sie auch Gelehrsamkeit und genaue Kenntniß der Begebenheiten in weiten Kreisen, so daß Könige und Fürsten mit Vorliebe sich ihrer als Räthe bedienten. Dessenungeachtet beurtheilte sie das uralte Patriziat, im Laufe der Zeit auf 8 Familien zusammengeschmolzen, als seiner nicht ebenbürtige Emporkömmlinge und verweigerte ihnen den Eintritt in ihre Gesellschaft. So eifersüchtig hüteten die Geschlechter das Privilegium ihrer bevorzugten Stellung in der Reichsstadt, daß sie sogar 1496 dem Wunsche des Kaisers Maximilian, den angesehenen Kaufmann Philipp Adler in ihrer „Stube" einzuschreiben, nicht entsprachen. Allein dem praktischen Leben widerstand auf die Länge nicht die Schranke des Standesunterschieds. Die ehelichen Verbindungen aus den Häusern der großen Handelsherren mit den Gliedern des.Datriziats gehörten M k«M Im Elappcnquarlicr. Nach dem Gemälde von A. V. Werner. >.Mit Genehmigung der Photographischen Gesellschaft in Berlin.) nimmer zur Seltenheit, und die geschlungenen Bande verknüpften die Geschlechter mit den Männern, „so der gemeinen Kaufmannschaft sich enthielten", so enge, daß aus diesen Heirathen seit 1478 ein dritter Stand, „die Mehrer der Gesellschaft", zwischen dem zünftigen und rittermäßigen Bürger sich gebildet hatte. Mit wenigen Ausnahmen stemmten sich weder die Zunft:' Meister noch die Einwohnerschaft gegen die daS demo- kratischePrincip derVerfassung verletzende Neuerung, denn der blühende Großhandel kam dem gemeinen Wesen und dem einzelnen Bürger zu Gute, und die „Mehrer" blieben nach wie vorMitglieder derKaufmanns- zunft. Zunächst gewann dabei die Stadtkasse. Zahlten noch im Anfange des Jahrhunderts nur 9 Bürger eine Steuer von mehr als 100 fl. (circa 690 Mark), so gab es 1526 deren schon 400, und darunter einen, Jak. Fugger, welcher in dem Steuerbuch mit der „gesezten" d. h. der mit ihm vereinbarten Jahressteuer im Betrage von 1200 Gulden (c. 8280 M.) erscheint. Sodann arbeiteten die Gewerbe auf goldenem Boden. Es entfaltete sich eine außerordentliche, zahlreiche Arbeitskräfte beanspruchende Bauthätigkeit, welche von 1490—1530 den größten Theil noch heute bewundert wird. Und ganz besonders belebte der Handel die durch die Krtegstrubeln noch 1466 verödeten Weberwerkstätten, denn taufende „geschaute" Loden führte er durch ganz Europa und über das Meer. Endlich hatten alle Künstler vollauf zu thun, um den Bei- - Hohrnstaufen und Uechderg. der Stadt um- bezw. neubaute, zwar noch im gothischen Stile, aber mit malerischem Schmucke des Renaissance- Geschmacks. Auch Ambros Höchstetter baute sich auf dem Platze einiger,. am^Kesselmarkte abgebrochenen Häuser ein stattliches Wohnhaus-- i(O 160), dessen^ reizender Erker Sigmaringcn. stellungen der reichen Handelsherren zu genügen. Augsburg, durch seine Pracht sprichwörtlich geworden, bildete jetzt den Mittelpunkt deutscher Kunst und des deutschen Kunstgewerbes. Unter einer Bevölkerung von 20,000 Seelen nahm die Zahl der Künstler — Maler, Bildhauer, Metallgießer, Formenstecher, Holzschnitzer und Goldschmiede —eine hervorragendeStellung ein, und da sie ihr gesellschaftliches Heim (v 163 von 1473 bis 1518)indernächstenNach- barschaft des Ambros Höchstetter hatten, so ist um so mehr anzunehmen, daß derselbe mit den Meistern in regem Verkehr stand, weil der Zeitgenosse Cl. Sender, Benedictiner-Mönch bei St. Ulrich (ch 1537), in seiner Chronik berichtet: „setnWohn- haus war voll mit aller Zier wie ein Fürstenhaus". Und ähnlicher Zierde bedurfte auch der Lustgarten vor dem Oblat- terthor. sDamals huldigte jeder Mann von' Bedeutung der Liebhaberei für seltene Blumen, Gesträuche und Wasserkünste, und wie damit Jakob Hörbrot vor dem Vogclthor, Meuting in der Jakobervorstadt und Jakob Adler am Rothen Thore ihre^Gärten^ schmückten, so füllte Höchstetter den seinigen Mt Bildwerken aus. Marmor und Erz zwischen den zierlich geschnittenen Taxushecken, 123 in deren Schatten nicht selten fröhliche Gäste bei einem Trunke des beliebten Malvasier (Wein von den Inseln des griechischen Archipelagos) sich labten. So sättigte sich gleichsam das ganze Bürgerthum an den opulent gedeckten Tafeln der reichen und kunstlieben- den Handelsherren, und sie kargten mit ihrer Freigebigkeit nicht, wenngleich sie zuweilen sehen mußten, daß der gemeine Mann ihre Thätigkeit und den daraus gezogenen Gewinn argwöhnisch betrachtete. Diese feindselige Stimmung machte sich nicht bloß durch boshafte Reden Luft, indem sie die Benützung der Handels-Monopolien spöttisch „Fuggern" nannte, wie auch der Graf Walrod v. Waldeck höhnte: „die auf den Reichstagen durch Anleihen ihren Schnitt wachen, heißt man Hörbrote", sondern sie artete auch nicht selten in bedrohliche Auftritte aus. Solches war gewöhnlich der Fall bei dem raschen Steigen der Lebensmittelpreise. Ob die Ursache davon kriegerische Vorgänge oder die Verschlechterung der Münze oder ein widriges Natur-Ereigntß sein könnte, untersuchte das Volk nicht, es schob ' rücksichtslos alle Schuld auf den Mgen- nutz der Kaufleute, und der darüber in den Herbergen tobende Lärm verleitete hin und wieder die Zunftmeister auf-dem Rathhause zu Maßregeln, welche Oel in's Feuer gössen. Von derartigen Angriffen blieb auch das Höchstetter'sche Haus nicht verschont, und den ersten Sturm entfesselte ein Bediensteter des eigenen Kontors. Nur in ein paar Generationen zählten zu der Zunft der Kaufleute die Höchstetter, und einer davon bestimmte gegen das Ende des 15. Jahrhunderts seinen Sohn Ambras zum Nachfolger im Geschäft. Ueber dessen Ausbildung ist nichts bekannt, doch wird er sich darin von den übrigen Kaufmannssöhnen nicht unterschieden haben, welche in der Regel daheim sich bestrebten, einen guten Schulsack sich anzueignen, und dann das Ausland bereisten. Das Hauptaugenmerk richteten sie dabei auf die in den fremden Ländern zu befriedigenden Bedürfnisse und welche Producte aus ihnen mit Gewinn zu beziehen seien, was zur Anknüpfung werthvoller Verbindungen führte. Nicht zu umgehen war ein kürzerer oder längerer Aufenthalt in Paris, oder in den Niederlanden, oder ganz besonders in Venedig, dem Emporium des Marktes mit der zur Barchentweberei unentbehrlichen Baumwolle aus Cypern, und mit Erfahrungen bereichert in das elterliche Haus zurückgekehrt, gründeten die jungen Leute gewöhnlich ihren eigenen Herd. Dieser Lebensabschnitt fällt bei Ambras Höchstetter in das Jahr 1493. Nachdem er durch Thatkraft und Ausdauer das väterliche Geschäft aus einem engbegrenzten Kreis in breite Bahnen geleitet hatte, schloß er mit Anna Nehlinger, aus einer der ältesten Geschlechter-Familien stammend, den Ehebund, wodurch er nicht nur als. „Mehrer der Gesellschaft" aus der „gemeinen Kauf-^ mannszunft" sich erhob, sondern auch die Gründung eine« eigenen Gesellschaft erzielte. Mit der 60,000 fl. betragen-f den Mitgift seiner Frau ließ sich der Handel im Großen^ betreiben, an Bergwerksunternehmungen theilnehmen und' manchem in Verlegenheit gerathenen hohen Herrn, nicht zum eigenen Schaden, eine Gefälligkeit erweisen. Höchstetter hatte sich als'vasroutor ampliasiinus, wie ihn Gaffer nennt, in die Reihe der reichen Handelsherren emporgeschwungen, denen er auch in seinem äußern Erscheinen nicht So zeichnet ihn mit wenigen Strichen Clemens Sender: „ein feiner, herrlicher, langer, starker Mann, in ganz Europa berühmt ob seines fürstlichen Ansehens, auch groß Trauens und Glaubens, der mit dem Kaiser, mit hohen Herren und allen männiglich handelt und das von ihnen und von den Bürgern, Bauren, Knechten und Mägden bei ihm gelegte Geld mit fünf Gulden vom Hundert verzinst." Neben diesem Sonnenschein des Lobes leiht jedoch der Chronist seine Feder auch den Schatten der Vorurtheile und des Mißtrauens der Zeitgenossen, indem er in der Schilderung fortfährt: „aber mit seinem Schatz hat er oft den gemeinen Nutz und den armen Mann druckt, denn er kaufte Holz, Wein und Korn auf, trieb die Preiße in die Höh und gab schlechte und kleine Waar ab." (Schluß folgt.) -«««kS- Zu unseren Bildern Im Etappenquartier. Alle jene, die den großen Krieg gegen Frankreich m>: gemacht haben, dessen Wjähriges Jubiläum jetzt bald zu Ende geht, wissen genugsam zu erzählen von den furchtbaren Strapazen, welche die langen Märsche und das Campiren unter freiem Himmel, oftmals unter strömendem Regen oder b.ei bitterster Kälte, für unsere Truppen mit sich brachten. Das armseligste Quartier war noch immer goldig im Vergleiche mit dem Lagern und Uebernachten im Bivoak, und glücklich schätzte sich jeder, der, nachdem er eine Reihe von Nächten hindurch mit dem aufgeweichten oder festgefrorenem Erdboden als Lager sffA nachstand LÄM DMA Hirsau vorlieb nehmen muhte, endlich einmal wieder unter Dach und Fach, wenn auch auf dem lehmgestampstem Fußboden einer Bauernhütte, die müden Glieder zur Ruhe strecken konnte. Groß war darum auch stets der Jubel, 'wenn dann und wann einer kleineren Abtheilung zur Abwechslung ein besseres Quartier zu Theil wurde, etwa eines von den zahlreichen Schlössern und Landhäusern, deren Bewohner unter Zurücklassung der gesummten Wohnungseinricktung vor dem heranrückenden Feinde geflüchtet waren. Und wenn ein solches Quartier sich gar noch auf mehrere Tage ausdehnte, dann wußten unsere deutschen Krieger sich alsbald wohnlich einzurichten und es entwickelte sich ein sorglos fröhliches Treiben in den gar oftmals mit verschwenderischer Pracht ausgestatteten Räumen, welche den deutschen Kriegern zu vorübergehendem Aufenthalte dienten. Ein derartiges Etappenquartier in einem französischen Schlosse hat der berühmte Historienmaler Anton von Werner, dem wir eine ganze Anzahl künstlerischer Erinnerungen an den deutschfranzösischen Feldzug verdanken, auf den: köstlichen Gemälde veranschaulicht, dessen wohlgelungene Nachbildung wir heute unseren Lesern vorführen. Es sind preußische Kavalleristen, Offiziere und Unteroffiziere, die sich in dem vornehmen Salon gemüthlich niedergelassen haben und neben der Annehmlichkeit behaglicher Ruhe sich die Freuden eines musikalischen Genusses gönnen, auf den sie vielleicht lange schon verzichten mußten. Solch harmloser Art ist die Fröhlichkeit der deutschen Soldaten, daß selbst die im Hause Zurückgebliebenen, eine französische Magd und ein kleines Mädchen ihre anfängliche Scheu Vor den ge- fürchteten Prusfiens überwinden und unter der Thüre stehend neugierig dem heiteren Treiben zuschauen. Sigmartngrn. Mitten im schönen Schwaben liegen als eine preußische Enclave die durch Vertrag vom 7. Dezember 1849 dem preuß. Staatsverbande einverleibten Fürstenthümer Hohenzollern- Hechingen und Hohenzollern-Sigmaringen, welche zusammen den jetzigen, unter dem Oberpräsidium der Rheinprovinz stehenden Regierungsbezirk Sigmaringen mit der gleichnamigen Hauptstadt bilden. Die Stadt Sigmaringen ist noch heute Residenz des Fürsten Leopold von Hohenzollern, dessen auf steilem Felsen gelegenes Schloß mit reichen Sammlungen von Gemälden, Skulpturen, Waffen und Alterthümern der Stadt ein malerisches Gepräge gibt. Leider ist ein Theil dieser Sammlungen vor einigen Jahren bei dem großen Brand des Schlosses zu Grunde gegangen. An anderweitigen Sehenswürdigkeiten besitzt Sigmaringen die Denkmäler der Fürsten Karl und Johann von Hohenzollern, eine schöne katholische und eine evangelische Kirche, das Regierungsgebäude, das fürstliche Hoftheater usw. In dem dicht bei der Stadt gelegenen ehemaligen Nonnenkloster Hedingen befindet sich das 1818 vom Fürsten Anton Aloys gegründete Gymnasium, in der dazu gehörigen Kirche die Fürstengruft. In der Nähe der Stadt liegt das große Kriegerdenkmal und das Jagdschloß Josephslust mit großem, an Edelwild reichem Thiergarten. Von den 4307 Einwohnern der Stadt sind ^ katholisch, Vr Protestantisch. Hohenstaufen und Uechberg. Zwei einst mächtige deutsche Adelsgeschlechter, die Fürsten von Hohenstaufen und die Grafen von Rechberg sind es, welche von den beiden Bergkegeln im Württembergischen Donaukreise ihre Namen ableiten. Friedrich der Erste von Schwaben, der Sohn Friedrichs von Büren, erbaute gegen Ende des 11. Jahrhunderts die Burg auf dem Hohenstaufen, nach der von nun an das Geschlecht genannt wurde, das von 1138 bis 1254 den deutschen Kaiserthron innehatte und das 1268 mit dem unglücklichen Konradin im Mannesstamme erlosch. Stammvater der Grafen von Rechberg und Rothenlöwen ist Graf Ulrich von Hohenrechbcrg, welcher 1194 die Stammburg auf dem Rechberg erbaute. Im 13. Jahrhundert theilte sich das Geschlecht in 2 Hauptlinien: Rechberg und Rothenlöwen auf den Bergen (erloschen 1413) und Rechberg und Rothenlöwen unter den Bergen. Letztere theilte sich wieder in Hohenrechbcrg (erloschen 1584), Staufeneck (erloschen 1599) und Jlleraichen (erloschen 1676). Schon 1607 war ein Nebenzweig der Jlleraichen: „Kronburg", in den Reichsgrafenstand erhoben worden, wie auch der andere Nebenzweig „Donzdorf" (erloschen 1732) den Grafentikel 1699 reassumirte. Ein dritter Nehenzweig ist der noch bestehende Kronburg-Osterberg. Von den Stammschlössern der Hohenstaufen und der Rechberg auf den beiden benachbarten Bergen find heute nur noch wenige Ueberreste vorhanden. Hirsau. Im Schwarzwald, im schönen Thale der Nagold liegt malerisch das stattliche Dorf Hirsau, welches seine Entstehung dem ehemaligen Bcnediktinerkloster Hirsau verdankt. Dieses berühmte Kloster, vom Grafen Erlafried von Calw 830 erbaut und durch den Abt von Fnlda, HrabanuS Manrus, im September 838 eingeweiht, zeichnete sich durch hohe wissenschaftliche Bildung und eine im zehnten Jahrhundert berühmte Schule aus. Durch den Grafen Adelbert II. von Calw 1059 hob sich das Kloster noch mehr und nahm unter rein heil. Wilhelm (!069-1091) eine der ersten Stellen unter allen Benediktiner- Congregationen Deutschlands ein. 1534 säcularisirt, wurde es 1556 in eine Klosterschule verwandelt. Herzog Wilhelm von Württemberg baute ein Schloß an das Kloster an, welches aber gleich dem Kloster 1692 durch die Franzosen eingeäschert wurde. Die ausgebrannten Mauern dieses Schlosses üherwölbt die riesige, ven Uhland u. A. besungene Ulme. Die gut erhaltene gothische Kapelle (1509), jetzt Pfarrkirche und 1892 vortrefflich ' estaurirt, birgt in den oberen Räumen den interessanten Kloster- bibliothekfaal. Das heutige Hirsau ist ein beliebter Luftkurort. -—«««es-- Kimmekssckiau im Monat März. —X. Merkur steht morgens sehr niedrig am östlichen Himmel. Venus § morgens im Steinbock und Wassermann nähert sich immer mehr der Sonne. Mars geht gegen 5 U. 30 M. früh, zuletzt um 4 Uhr auf und ist sehr lichtschwach. Jupiter 2s ist sehr hell, die ganze Nacht sichtbar und geht zwischen 6 U. und 4 U. früh unter. Saturn H in der Wage kommt nach 11 U., zuletzt 10 U. nachts über den östlichen Horizont. Sein Ring wird immer deutlicher, da die Längen seiner Achsen beziehungsweise 41 2 und 15 4 Bogensekunden betragen. In der Nähe des Mondes befinden sich Saturn am 4. nachm. 4 U. und am 31. um Mitternacht; Mars am 10. mgs. 8 U. und Jupiter am 24. südwestlich. Vom Monde werden bedeckt Venus am 11. nachm. 3 U.; Merkur am 12. früh 2 U.; Regulus am 26. nchm. 2 U. Vom 2. bis 14. März läßt sich das Zodiakallicht am westlichen Himmel zwischen 7 U. 30 M. und 9 U. 30 M. beobachten. -- Nikd-r-FlStysek. - ^ Auflösung des Kombinationsräthscls in Nr. 13: Andacht (Wand, Brand, Rand, Sand, Land — and; Pracht, Aacht, Schacht, Macht, Acht, acht — acht). Auflösung der Schach-Aufgabe in Nr. 15: Weiß. Schwarz. 1. L. ^4-02 beliebig. 2. D. Matt. -- 17. Ireitag, den 28. Februar 1896. Kür die Redaction verantwortlich: Vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg lVorbefitzer vr. Max Huttler), Ale Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Beuno. (Fortsetzung.) „Fritz Donald Sl" rief Georg. „Dieser Mensch sollte . . „Ich bin meiner Sache gewiß", fiel ihm das Mädchen in's Wort. „Ich war ihm nahe genug, um seine Augen zu sehen. Uebrigens ist diese Schandthat noch lange nicht das Schlimmste, was man ihm zutrauen darf. O, nehmt Euch vor diesem Mann in Acht", fügte sie mit leidenschaftlichem Eifer hinzu; „vor diesem und noch vor vielen Andern, denen Ihr arglos vertraut. Nicht umsonst habe ich Euch damals gewarnt. Ich hörte, wie man im Geheim-Cabinet meines Onkels von Euch sprach, ich erkannte die Stimme Donald's, obgleich er sie zu verstellen suchte und sich seit längerer Zeit nicht mehr vor mir gezeigt hatte. Ich verstand den Zusammenhang nicht; aber ich ahnte, daß es sich um einen Schurkenstreich handelte. Deshalb erschrak ich auch so furchtbar, als ich Euch gleich nachher in die Höhle des Löwen eintreten sah, und deshalb gab ich Euch einen Wink. Die Pflicht der Dankbarkeit zwingt mich, Euch noch vieles mitzutheilen, und ich werde es auch thnn, wenn Ihr mir vertraut. Doch hier ist dazu nicht der geeignete Platz. Kommt morgen oder im Verlauf der nächsten Tage in die Herberge „Zu dem armen Ritter." Wir bleiben voraussichtlich längere Zeit dort. Mein Onkel ist verreist, und wir werden mit meiner alten Freundin allein und ungestört sein. Doch kommt ganz bestimmt! Es wurde wir vergönnt, hinter einen Vorhang zu schauen, wo in einer Weise mit Falschheit, Heuchelei und Verrath gespielt wird, daß Jeder, der sich in dieses fürchterliche Netz ziehen läßt, seinem Schicksal verfällt. Der Kaiser, der Herzog, ja Ihr selbst spielt eine bedeutsame Rolle dabei. Mein Onkel ist nicht, was er scheint. Doch auch er ist nur ein Werkzeug, dessen ein Mächtigerer sich bedient, der die einzelnen Spieler aus der Ferne wie Puppen am Drahtseil lenkt, der, ihre Leidenschaften ausbeutend, den Einen durch den Andern betrügt, und dem zuletzt über den Leichen der sich selbst zerfleischenden Bethörten ein reiches Erbe zufällt." Marion hatte immer erregter gesprochen. Am Schluß ergriff sie Georg's Hand und drückte sie innig an ihre Brust. „Kommt", mahnte sie noch einmal; „ich werde Euch zeigen, an welchem Abgrund Ihr steht." Sie wickelte sich wieder in ihre Pelze, stieg in den Schlitten, und auf ein von ihr gegebenes Zeichen flog dieser, nachdem sie dem Zurückbleibenden nochmals freundlich zugewinkt hatte, davon. Verblüfft schaute Georg dem Gefährte nach, bis es seinen Augen entschwand. Für den Augenblick aber mangelte es ihm an Zeit, länger zu grübeln. Er mußte sein Pferd tüchtig ausgreifen lassen, um zur bestimmten Stunde bei dem Bankett zu sein. Nasch schwang er sich in den Sattel und erreichte, ehe die Nacht völlig hereinbrach, die Stadt. Eine große Anzahl von Offizieren hatte sich in dem Quartier Jllo's versammelt. Da und dort bildeten sich Gruppen, welche die Tages-Ereignisse in eifriger Unterhaltung besprachen. Noch vor Tisch setzte General Terzky in einer längeren Rede auseinander, daß der Herzog ihm gegenüber die Absicht geäußert habe, den Oberbefehl niederzulegen. Der Feldherr sei der ausgestreuten Verleumdungen sowie der rücksichtslosen Behandlung des HeereS von oben müde geworden und wolle nicht länger mehr der Spielball höfischer Ränke sein. Man dürfe den Rücktritt des Herzogs unter keinen Umständen zugeben; denn derselbe würde die sofortige Auflösung des Heeres herbeiführen. Insonderheit wären dann die namhaften Vorschüsse, welche einzelne Obersten und Haupt- leute bei der Aufstellung des Heeres geleistet, verloren. Er habe deshalb ein Schreiben an den Feldherrn verfaßt, worin er ihn der unwandelbaren Treue aller seiner Offiziere versichere und ihn zugleich dringend ersuche, seine Getreuen nicht zu verlassen. Hier überreichte er dem General Jllo einen zur Hälfte beschriebenen Bogen Papier; derselbe las den Text durch und reichte das Schreiben seinem Nachbar. Als dasselbe bei sämmtlichen Anwesenden die Runde gemacht hatte und sich von keiner Seite her ein Widerspruch gegen seine Fassung erhob, steckte Terzky es wieder zu sich. „Die Kameraden könnten ja später unterschreiben", meinte er mit leichtem Scherz, sonst werde am Ende die Suppe kalt. Das Gelage dauerte bis tief in die Nacht. Als der reichlich genossene Wein bereits die Köpfe der meisten Gäste zu erhitzen anfing, benutzte Terzky die Gelegenheit und trat mit der Mahnung, das Document zu unterzeichnen, hervor. Die mehr als angeheiterten Offiziere wollten anfangs in ihrer Weinlaune nichts davon wissen, und meinten, dazu sei am andern Morgen noch Zeit; schließlich aber bequemten sie sich dennoch dazu, 126 und der größte Theil gab, ohne weiter dem Text eine Beachtung zu schenken, die verlangte Unterschrift ab. Auf einmal jedoch entstand ein Tumult: einer der weniger Betrunkenen hatte entdeckt, daß der so wichtige Vorbehalt fehlte, und Terzky wurde von einem entrüsteten Offizier mit scharfen Worten zur Rede gestellt. Auch die Andern mischten sich in den Streit, und es wäre vielleicht zu einem blutigen Auftritt gekommen, hätte nicht Piccolomini sich noch rechizeitig in's Mittel gelegt. Nicht mit den freundschaftlichsten Gefühlen trennte man sich. Am folgenden Vormittag berief Wallenstein sämmtliche Generale in sein Quartier. Er war über die Vorgänge bet dem Bankett und namentlich den Umstand, daß man viele der Unterschriften gar nicht zu enträthseln vermochte, in hohem Grade verstimmt. Als er die Herren um sich versammelt sah, gab er ihnen den unter so verdächtigen Umständen entstandenen Revers zurück und erklärte dabei, daß er den unwiderruflichen Entschluß gefaßt habe, das Oberkommando niederzulegen. Damit waren die Generale entlassen. Sie folgten dem Feldmarschall Jllo, der sie zu einem Frühstück einlud. Hier wurde weiter verhandelt. Es kam dabei zu stürmischen Scenen, und schließlich wurde trotz vielfachen Widerspruchs eine Deputation an den Feldherrn mit dem Ersuchen gesandt: er möge der zweideutigen Vorgänge bei dem Gastmahl vergessen; sämmtliche Generale seien zur Genehmigung des Reverses bereit. Nach Empfang- nahme des bedeutungsvollen Aktenstückes war der Herzog zufrieden und versprach sein Verbleiben beim Heer. Nun glaubte er der Treue all' seiner Offiziere sicher zu sein und für jedes Unternehmen auf deren Unterstützung bauen zu können, selbst für den Fall, daß seine Handlungsweise mit der Pflicht gegen Kaiser und Reich im Widerspruch stand. Georg war nicht in Versuchung geführt worden. Er hatte seinen Platz neben Piccolomini am äußersten Ende der Tafel angewiesen bekommen, und das Dom« ment war, ehe es seinen Kreislauf so weit zurückgelegt, in Folge des Streites durch Jllo entfernt worden. Am folgenden Tage wußte er sich von den weitem Verhandlungen fern zu halten. Einerseits that er dies, um den verabredeten Besuch bei Marion im „Armen Ritter" zu machen, anderseits aber, um nicht entweder heucheln oder einen entscheidenden Schritt wagen zu müssen, den ihm nicht nur das dem General Piccolomini gegebene Ehrenwort, sondern unter den obwaltenden Verhältnissen auch die Klugheit verbot. Er suchte die bezeichnete Herberge auf, erfuhr jedoch von dem Wirthe, daß Marion von ihrem Ausflug noch nicht zurückgekehrt war; auf den Abend, meinte dieser, treffe sie sicherlich ein. Mit diesem Bescheid begab der Hauptmann sich wieder nach Hause. Er befand sich noch keine Stunde in seinem Quartier, als ein Leibjäger erschien und ihn zum Herzog befahl. Von diesem wurde er ohne Verzug in einer wichtigen und vertraulichen Angelegenheit nach Eger geschickt. Als er nach Verlauf von drei Tagen wieder in Pilsen eintraf, ging er sofort aus der herzoglichen Wohnung in die Herberge zum armen Ritter, aber nur um zu vernehmen, daß der indessen von der Reise zurückgekommene Akrobat Leferrier mit seiner Nichte und deren Gefährtin vor vierundzwanzig Stunden nach Empfang einer dringenden Botschaft plötzlich abgereist sei. Wohin, vermochte ihm Niemand zu sagen. So blieben all' die Räthsel, welche seine Phantasie in letzter Zeit so sehr in Spannung erhalten, vorerst ungelöst. Im Laufe der nächsten Tage begannen sich überdies so wichtige Ereignisse zu drängen, daß er zum Nachdenken über Fernerliegendes keine Muße mehr fand. Die Bemühungen Wallenstein's, seine Offiziere an sich zu fesseln, hielten das über ihn hereinbrechende Ver- hüngniß nicht auf. Wenige Tage nach dem denkwürdigen Bankett und der Revers-Ausstellung genehmigte der Kaiser, von den Vorgängen in Pilsen genau unterrichtet, das Absetzungs-Decret. Allen Theilnehmern an der Verschwörung, mit Ausnahme Wallenstein's und der beiden Hauptschuldigen, Jllo und Terzky, wurde Verzeihung gewährt und der General-Lieutenant Graf Gallas vorläufig zum Oberbefehlshaber ernannt. Vorsichtshalber wollte man diese Beschlüsse vorerst noch geheim halten, um sich vor allem der Treue des Heeres zu versichern; im Geheimen aber wurde desto eifriger gearbeitet. Gallas zog mehrere der einflußreichsten Generale, darunter auch Piccolomini, durch dessen Verwendung Georg Selkow zu einem andern Regiment versetzt wurde, an sich, und zugleich erhielten verschiedene Obersten, auf deren Zuverlässigkeit fest gebaut wurde, die Weisung, sich vom Herzog zu trennen und nach Prag zu marschiren. Die Armee sollte nur den Generalen Aldringer, Octavio Piccolomini und Gallns gehorchen. Diese Vorsichtsmaßregeln brachten die erhoffte Wirkung vollkommen hervor. Wallenstein erfuhr längere Zeit weder etwas von dem Absetzungs-Decret, noch von den Vorbereitungen zu dessen Vollzug. Dadurch gelang es den Freunden dcS Kaisers, einen Feldobersten um den andern auf ihre Seite zu bringen. Bei dem Einen wirkten Drohungen, bet dem Andern Versprechungen. Täglich wuchs der kaiserliche Anhang, und es wurde gefährlich, für einen Anhänger des Friedländers zu gelten. Mehrere Generale entschuldigten sich wegen der Vorgänge in Pilsen, andere betheuerten, daran gar keinen Antheil genommen zu haben, und fast allgemein war der Wetteifer, den Befehlen der Grafen Gallas und Piccolomini pünktlich Folge zu leisten. Die nach Prag beorderten Regimenter setzten sich sogleich in Marsch und langten richtig an ihrem Bestimmungsort an. Nun glaubte man ohne Gefahr den Schleier lüften zu dürfen. Das Absetzungs-Decret wurde in Prag öffentlich angeschlagen und sämmtliche Truppentheile davon in Kenntniß gesetzt. Der Herzog befand sich noch immer in Pilsen, als er die Kunde erhielt. Ein Rückwärtsgehen war jetzt unmöglich, das Verhältniß drängte ihn auf dem eingeschlagenen Wege weiter, der allein noch die Erreichung seiner stolzen Ziele versprach. Er beschloß, mit Waffengewalt sich so lange zu halten, bis er von den Schweden oder den Sachsen Hilfe bekäme. Zugleich erließ er einen Befehl an die gesammte kaiserliche Armee, durch welchen er unter Aufhebung aller frühern Vollmachten das General-Kommando an Jllo und Terzky verlieh. Die Gegner hatten jedoch von vornherein all' seine Bemühungen und Schachzüge vereitelt. Gegen eine Unterstützung Wallenstein's von Seiten der Schweden oder der Sachsen waren Vorsichtsmaßregeln getroffen, und zu gleicher Zeit verfolgte Piccolomini den Plan, den Herzog aus Böhmen zu treiben, ehe ihm Hilfe gebracht werden konnte. An dem Gelingen durfte man kaum zweifeln; denn in und um Prag stand, nur eines Winkes zum Aufbruch gewärtig, eine große, zuverlässige Armee. Wallenstein's einzige Hoffnung beruhte auf der baldigen Ankunft der Schweden. Um sich denselben zu nähern und bis zu ihrem Eintreffen einen sichern Stützpunkt zu haben, beschloß er, mit dem Nest seiner Truppen nach der Festung Eger zu ziehen. Der Marsch des kurz vorher noch so gewaltigen Mannes nach der kleinen Grenzfeste glich einer Flucht. Von seinem mächtigen Heere waren ihm noch zehn Compagnien geblieben, und mit diesen zog er am 22. Februar 1634 Vormittags aus Pilsen, das schon am folgenden Tage von kaiserlichen Truppen besetzt wurde. 12 . Der Wanderer, welcher die Heerstraße über das Gebirge von Bayern nach Böhmen verfolgt, erreicht unmittelbar an der Grenze das ansehnliche Städtchen Kladrub. Dort lag damals schon seit längerer Zeit zur Bewachung der Pässe zwischen Böhmen und der Oberpfalz ein Wallenstein'sches Dragoner-Regiment unter dem Oberbefehl des Obersten Walter Butler, eines Jrländers, der sich durch Energie und großen persönlichen Muth vorn gemeinen Soldaten zu der Würde eines höhern Offiziers emporgeschwungen hatte. Der Platz war sehr wichtig und die Mannschaft bei Tag und Nacht fast unaufhörlich in Anspruch genommen. Butler hatte schon von den Gerüchten über die Untreue deS Herzogs gehört, anfangs ohne ihnen Glauben zu schenken, und er war überrascht, als in einer Nacht plötzlich durch Expreß- boten der Befehl des Herzogs eintraf: Oberst Butler habe bei Todesstrafe, angesichts der Ordre, sofort sein ganzes Regiment zusammenzuziehen und mit demselben nach dem weißen Berge bei Vrag zu marschiern. Diese Zumuthung kam Buttler in hohem Grade sonderbar vor; denn die Entblößung der Grenze auf dieser Seite erschien sehr gefährlich. Sein Vertrauen auf die Treue bekam einen bedenklichen Stoß. Er stand mit seinem Feldkaplan Patricius Taaffe aus sehr gutem Fuße und war gewohnt, dessen Rath in jeder wichtigen Sache zu hören. Auch diesmal nahm er seine Zuflucht zu ihm. Der Dringlichkeit wegen ließ er den geistlichen Herrn wecken, und dieser folgte dem Rufe sofort. „Seht doch. Hochwürden", empfing ihn der Oberst, als er dessen Zimmer betrat, „welch' wunderlichen Brief ich soeben vom Herzog bekam. Ohne Ablösung soll ich sofort mit meinem ganzen Regiment nach Prag aufbrechen und die Pässe von der Oberpfalz nach Böhmen preisgeben. Heißt das nicht dem Feinde Thür und Thor öffnen und ihn zur Besitznahme von Böhmen einladen?" Der Feldkaplan war, nachdem er das Schriftstück gelesen, nicht weniger betroffen als Butler. Schweigend gingen die Beiden in der Stille der Nacht eine Zeit lang neben einander einher. Dann nahm der Oberst das Wort: „Das Benehmen Wallenstein's ist mir schon lange aufgefallen, allein in Anbetracht seines unberechenbaren und außergewöhnlichen Wesens habe ich bis jetzt seinen Fürsprecher gemacht; jetzt aber behaupte ich: er führt nichts Gutes im Schild. Trotzdem muß ich marschiren, und zwar sofort. Einem so bestimmten und strengen Befehl darf kein Soldat den Gehorsam verweigern. Wahrscheinlich finde ich am weißen Berge den Tod; denn ich fürchte, daß diesmal mehr Blut fließt, als in der Schlacht gegen den Pfalzgrafen Friedrich." Der Feldkaplan billigte den Entschluß Butler's und ermähnte ihn, seine Western Schritte so einzurichten, wie er eS als braver Soldat vor Gott und seinem Gewissen verantworten könne; dann zog er sich zurück. Butler schickte Eilboten an alle Abtheilungen seines Regiments, durch welche er denselben befahl, augenblicklich aufzusitzen und im Standquartier zu erscheinen. Noch vor Tagesanbruch hatte sich das tausend Mann starke Regiment bereits nach Pilsen in Bewegung gesetzt. Ungefähr auf der Hälfte des Weges stieß dasselbe an der Straße nach Mies auf den ärmlichen Zug deS Herzogs von Friedland. Wallenstein, welcher Frau und Tochter schon vorausgeschickt hatte, saß in einer unansehnlichen Sänfte. Ihm folgten seine Vertrauten: Jllo, Adam Terzky und Neumann. Einer derselben sprengte an Oberst Butler heran und befahl ihm, mit seinem Regiment auf dem Wege nach Mies weiter zu ziehen, den auch Wallenstein mit seinen Begleitern einschlug. Butler gehorchte. Als der Zug tief in der Nacht zu Mies angelangt war, mußte der Oberst mit den Fahnen in der Stadt bleiben, die Soldaten aber wurden außerhalb der Mauern tn's Lager verlegt. 3n dieser Maßregel erblickte Butler ein Zeichen des Mißtrauens gegen seine Person und wurde dadurch nur noch mehr in seinem Argwohn bestärkt. Nachts rief er den Feldkaplan wieder zu sich und fragte ihn um Rath. Taaffe hielt schleunige Flucht und Vereinigung mit der kaiserlichen Armee für das einzige Mittel, der Gefahr zu entgehen. Doch davon wollte Butler nichts wissen und blieb. Am folgenden Morgen ging der Zug weiter nach Plan. Der Oberst erhielt den Befehl, die Aufstellung mit seinen Reitern vor dem Wagen des Herzogs und den übrigen Soldaten zu nehmen. Offenbar fürchtete man, daß er in der Nachhut plötzlich abziehen und die Wallensteinischen im Stich lassen könnte. Auch tn Plan wurde die Vorsicht gebraucht, den Führer mit den Fahnen in die Stadt und seine Soldaten in's Freie zu legen. Nachdem es in der Nacht still geworden, hüllte Butler sich in seinen Mantel und suchte das Quartier seines treuen Feldkaplans auf. Er fand ihn, das Brevier betend, noch wach und bat ihn, so schnell als möglich zu PIccolomini nach Prag zu eilen und diesem Bericht zu erstattten. Patricius machte sich sofort auf den Weg. Ohne von den Wachen behelligt zn werden, kam er aus Plan. In Mies erfuhr er, daß Ptccolomint sich bereits in Pilsen befinde. Der weite Weg nach Prag blieb ihm auf diese Weise erspart. Schon am folgenden Abend traf er im Hauptquartier Octavio's ein. Der General war über die Nachrichten des Feldkaplans in hohem Grade erfreut. Er schloß sich mit dem Geistlichen in sein Gemach ein und verhandelte fast eine halbe Stunde lang mit ihm. Endlich traten Beide auf den Hausflur und schritten, halblaut sprechend, mit einander die Treppe hinab. Piccolomini reichte dem Kaplan die Hand. „Ihr kennt nun", sagte er, jedes Wort betonend, „meinen Willen, welcher auch derjenige Seiner Kaiserlichen Majestät ist. Handelt mit Umsicht und Klugheit, aber, wenn es sein muß, auch ohne Bedenken und Furcht, und vergesset nicht, daß Oberst Butler und Ihr für den Erfolg verantwortlich seid.* * * (Fortsetzung folgt.) - -—SSWVS-«-— 128 Eine gefallene Größe. Augsburgische Episode aus dem 16. Jahrhundert. (Schluß.) Um die große und vielgestaltete Aufgabe des Handlungshauses zu erfüllen, bedurfte es der Arbeitskraft vieler Leute, an deren Spitze als Buchhalter Bartholomäus Nem, ein Augsburger (geb. am 29. Nov. 1480), stand, welcher sich auch bet dem Geschäft selbst betheiliget. Nach einer Urkunde vom 1. April 1511 legte er „zu Gewinn und Verlust" 500 fl. für eine Speculation ein, und auf Grund der darüber im Jahre 1514 gefertigten Abrechnung beanspruchte er an dem Gewinn von 149,770 Mark Silber schwarzen Brand und 52,915 Centner Kupfer als seinen Antheil 33,000 fl. Höchstetter wollte dagegen nur 28,000 fl. anerkennen, weil in der Zwischenzeit Rem für seinen Haushalt ein paar tausend Gulden aus dem Geschäft bezogen hatte, allein der Buchhalter beruhigte sich dabei nicht, und er verließ das Haus. Vielleicht mochte ihn zu diesem auffallenden Schritt auch bestimmt haben die gescheiterte Hoffnung, als förmlicher Gesellschafter aufgenommen zu werden, oder die Besorgniß über die Folgen der Lebensweise der jüngeren Familienangehörigen, denn der Sohn Joachim Höchstetter, vermahlt mit Anna Langen- mantel vom Sparren, und der Schwiegersohn Hans Franz Baumgartner fröhnten unsinnig dem Spiel, dem sie bei einem Bankett nicht selten mehrere Tausend Gulden opferten, und „die Frauen hausten gar übel" — bemerkt Sender. Nem reichte am 7. Oktober 1517 bet dem Stadtvogt die von dem Licentiaten Dr. Christoph Rothan aus Leipzig verfaßte Klagschrist ein, und außerdem versäumte er nicht, die Bürgerschaft für seine Rechtssache zu gewinnen. Dadurch erreichte er, daß die zünftigen Rathsherren 3 Männer zu Schiedsrichtern ausstellten, und diese erkannten auf Bezahlung von 28,000 fl. baar Geld und Ablehnung der Gegenforderung. Höchstetter erhob keinen Widerspruch, aber Nem beharrte auf dem ursprünglichen Anspruch, „und er floh gen St. Ulrich in die Freyung und war da heimlich zwölf Tag, damit ihn der Rath nicht fange, von wegen daß er den Spruch nicht annehmen wollt". Das Nathhaus jedoch mischte sich nimmer in den Streit, weßhalb Nem nach Spanien eilte, um des Kaisers Hilfe anzuflehen. Karl V. zeigte sich für einen friedlichen Ausgleich geneigt, und er ernannte dazu als außerordentlichen Commissär den allgemein geachteten Jakob Fugger in Augsburg. So lange derselbe mit der verwickelten Angelegenheit sich beschäftigte, bestürmte Nem abermals mit Bitten den zu Worms wegen des Reichstags sich aufhaltenden Kaiser, und er scheute sogar vor einer verhäng- nißvollen Gewaltthat nicht zurück. Er erfuhr nämlich, daß in der Stadt zwei mit Höchstetter'schem Gut beladene Wägen zur Abreise bereit stehen, daher er an den Ort eilte, das Geleite angriff und die Stränge der Pferde durchschnitt. Wegen des groben Frevels warf ihn der Fiskal in das Gefängniß, das er erst nach Monaten verließ, nicht für die Freiheit, sondern zur Ablieferung in die Heimath. Dort gestaltete sich für ihn der Empfang nicht erfreulich. Der Rath legte ihn auf das Hl. Kreuzthor zur Strafe wegen seines „Austretens und der wider die Obrigkeit geübten Mißhandlung" — womit das auswärtige Hilfesuchen und die Mißachtung der Schiedsrichter gemeint war —, und als er hartnäckig sich weigerte, dem von Fugger am 21. Juli 1522 abgegebenen Gutachten sich zu unterwerfen, das ihn mit 19,730 fl. in Gold für entschädigt am Hauptgut und an Nutzungen erklärte, so ließ ihn der Rath „nicht ledig". Seine Freundschaft wollte sich nicht für ihn verschreiben, und so blieb Rem bis zu seinem im Jahre 1525 erfolgten Tode ein Gefangener. Mittlerweile fand ein Umschwung der öffentlichen Meinung zu Höchstetters Gunsten statt, und Niemand wollte als Gegner des angesehenen Handelsherrn gelten, was nicht zum Mindesten seine Bereitwilligkeit bewirkte, den ehemaligen Buchhalter nach Recht und Billigkeit zu befriedigen. Ohnehin machte er sich keine Feinde, weil er keinem Menschen hindernd in den Weg trat. Von den Welthändeln hielt er sich, soweit thunlich, ferne, weder an Höfen strebte er nach Würden, noch suchte er in der Vaterstadt ein Amt, und wenngleich er, „ein guter Christ und ganz wider die Lutherei", die Bilderstürmerei von 1523 freimüthig tadelte und ihn der durch die leidenschaftlichen Predigten des Barfüßermönchs Joh. Schilling über die weltliche Obrigkeit und die alte Kirche 1524 entzündete Aufruhr empörte, so rechneten die Anhänger der neuen Lehre ihm dieses nicht hoch an, weil er allen Bürgern gleich freundlich begegnete. Allerdings gefiel vorsichtigen Männern der in seinem Hause an Verschwendung grenzende Luxus nicht, allein die Künstler und die Handwerker vertheidigten solchen Aufwand, durch welchen das Geld durch die ganze Stadt rollte, und da erst kürzlich (1527) der Sohn Ambras mit Katharina Neumann und das Jahr darauf der zur Gesellschaft gehörende Bruderssohn Joseph mit der reichen Benigna Adler sich verheirathet hatten, so erschien das durch das Beibringen der Frauen noch mehr gestärkte Vermögen auf sicherem Boden zu stehen. Man lachte über die ängstlichen Gemüther, welche ihre Spareinlagen zurückzogen, und bei der Wahrnehmung der unverzüglichen Auszahlung der gekündigten Kapitalien drang in die weiteren Kreise der Gläubiger keine Unruhe. Um so überraschender kamen die seltsamen Nachrichten, welche gegen Ende des Jahres 1523 die Stadt durchschwirrten. Unfälle aller Art sollten die Gesellschaft Höchstetters betroffen und erschüttert haben. Die Einen wußten von einer mißglückten Speculation mit Quecksilber, Andere erzählten den Untergang eines mit Schützen beladenen Schiffes auf dem Meere und die Beraubung der aus den Niederlanden erwarteten Frachtwägen, und Dritte wollten von Hiobsposten aus Rußland gehört haben. In dem Kontor selbst aber herrschte Verwunderung über derartige Märchen, cS wickelte die Geschäfte in gewohnter Weise ab, befriedigte ohne Säumen jeden, welcher seine Spareinlage erheben wollte, und die Lebensweise der Hausgenossen zeigte keinerlei Einschränkung. Indessen hatte thatsächlich die Gesellschaft empfindliche Verluste erlitten, welchen alle Opfer, dem völligen Ruin vorzubeugen, nicht gewachsen waren. Der Bankerott ließ sich nicht länger verheimlichen. Vergeblich schrieen jetzt die „Lässigen" nach ihrem Geld, und sie fanden nicht einmal das Amt willig, den älteren Höchstetter zu verhaften, „weil dies wider den alten Brauch und das Stadtbuch wäre". Auch glaubte der Rath mit dessen Eid, nicht aus der Stadt zu weichen, sich begnügen zu dürfen. Bald jedoch mußten die Rathsherren sich überzeugen, daß ein Falliment, wodurch die Ueberschnldung mit mehr als 400,000 fl. eine große Zahl von Vermögen theils schwer schädigte, theils ganz vernichtete, und ein so unerhörter Vertrauensmißbranch 129 gegenüber vielen Mitbürgern eine außerordentliche Maßregel rechtfertige. Ohnehin mußte bei einem milden Nechtsverfahren die Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung besorgt werden, zumal seit der bekannt gewordenen Flucht des Joachim Höchstetter und des Franz Baumgartner und durch das trostlose Ergebniß der In- ventarisation der beschlagnahmten Fahrniß, „daß nichts Richtiges gefunden worden", die aufgeregte Volksmasse immer mehr sich erhitzte. ES wurden deßhalb am 25. Juli 1529 die drei Höchstetter in das Gefängniß abgeführt, ungeachtet sie erklärten, auf ihr ganzes Eigenthum zu verzichten, falls nur ihren Frauen das verschriebene Beibringen erhalten bleibe. Allein gegen diesen Vorschlag stemmten sich die Gläubiger, „denn — sagten sie — auch die Frauen trieben mit unserem Gut Pomp, Hoffarth und Schleckerei, also gehört unS alles, was noch vorhanden ist, und sie mögen selbst zusehen, wie sie ihre Ehemänner wieder losbekommen". Unter solchen Umständen blieb ein langwieriger Prozeß unvermeidlich. Trotz der entzogenen Freiheit fühlten jedoch die Höchstetter dabei nicht gänzlich sich verlassen. Einflußreiche Gönner nahmen sich ihrer an. König Ferdinand schickte ihnen vr. Johann Zott und Herzog Wilhelm von Bayern seinen Kanzler I)r. Augustin Lefch zum Beistand, und diese legten am 15. Juni 1530 den von ihnen ausgearbeiteten Vergleich auf dem Nathhause nieder. Nur die Hälfte der Gläubiger billigte daS Pro- jeci, und weil die andere Hälfte jeden Versuch, sie für das gütliche Uebereinkommen günstig zu stimmen, zurückwies, so baten jene den Kaiser, der wegen des Reichstags seit 15. Juni 1530 in Augsburg verweilte, er möge die Verneinenden zur Annahme des Vergleiches zwingen. Dazu entschloß sich zwar Karl V. nicht, jedoch wünschte auch er die friedliche Beilegung der Streitsache, und er beauftragte seine Räthe in Verbindung mit dem hiesigen Bischof, mit den Parteien für eine allgemeine Verständigung zu verhandeln. Aber auch ihre Bemühungen verliefen fruchtlos, ungeachtet in der Zwischenzeit die Frauen des Joseph Höchstetter und des Franz Baumgartner „vor Unmuth" gestorben waren. Kam bisher die Verlängerung der Schuldhaft hauptsächlich auf Rechnung der Renitenz der Gläubiger, so trugen an derselben von jetzt ab die Gefangenen selbst einige Schuld. Unter Berufung auf ein kaiserliches Privilegium wollten sie nur noch dem NeichSkammergericht Red' und Antwort geben, was den Rath veranlaßte, sie am 28. Juni 1531 in ihre eigene Behausung zurückbringen zu lassen. Dadurch verbesserte sich jedoch ihr Loos keineswegs. Bewacht von 12 Mann, wurden sie zusammen in einer kleinen Stube eingesperrt, welche sie niemals verlassen durften, daher sie vorzogen, aus dem engen, mit verpesteter Luft angefüllten Gemach nach 3 Monaten wieder in die Eisen zu kommen. Dort erhielt der ältere Höchstetter für sich ein Stüble, während sein Sohn und sein Neffe „in einem Gcwölble angekettet" den weiteren Verlauf des Prozesses abzuwarten hatten. Wie lange dieser dauern werde, wußte Niemand, auch der Rath nicht, und um darüber die Verhafteten nicht im Unklaren zu lassen, eröffnete er ihnen am 7. Juli 1534, daß sie „auf ihr Lebtag" in dem Heiltgkrcuzthorthurm eingeschlossen bleiben?) Ambras Höchstetter der Aeltere vermochte aber nimmer die ärmliche Lagerstätte zu verlassen. Ein qnal- AmbroS und Joseph Höchstetter erhielten auf kaiscrl. Befehl nach geleisteter Urfehde 1514 die Freiheit. volles Leiben, ihm selbst und seiner Umgebung zur unerträglichen Last geworden — „er hat den Wolf gehabt", berichtet Sender — endete 1534 der Tod. Daß die Mitbürger dem Mann, der bet seinem tiefen Falle viele der Ihrigen in das Elend stürzte, bitter zürnten, ist verzeihlich, und daß auch spätere Generationen sein Andenken durch kein öffentliches Zeichen erhalten wissen wollen, ist begreiflich; aber ihm, dessen Leben nicht ganz ohne Verdienste war und der seine Schuld durch eine fürchterliche Buße sühnte, das Mitleid nicht zu versagen, dürfte eingedenk der Worte des Dichters: „es irrt der Mensch, so lang er strebt" — keinem Tadel begegnen. ---ss-^ss—-- Quellen und Brunnen in Beziehung zur Kunst und Geschichte.*) Von Max Fürst. ^ tNa-druck verboten.) Glaube man ja nicht, daß ich mir den Anstrich gebe, als vermöchte ich das heute gewählte Thema auch nur annähernd zu erschöpfen. Leichter dürfte ein Brunnen auszuleeren sein, ehe ich den Stoff völlig bewältigte, der nun die Quelle unserer Unterhaltung sein soll. Mich quält zunächst nur die eine Sorge, daß ich nicht den rechten Fluß in meine Darlegungen bringen, daß der Born des nöthigen Humors mir nicht genügend sprudeln, daß ich zu viel trockenes oder seichtes, zu viel wässeriges und verschwommenes Zeug vortragen möchte. Für alle Fälle bitte ich, doch ja keine Wasserwaage bei Prüfung meiner Darlegungen anlegen zu wollen. Daß das Wasser LcbenSelement ist, hat man schon zu allen Zeilen gewußt und auch dankbar anerkannt. Zum Lobe des Wassers noch weiteres sagen zu wollen, hieße wirklich, dasselbe in's Wasser tragen. Ohne dasselbe gibt es ja keine menschliche Existenz, und die Gelehrten haben daher vollkommen Recht, wenn sie sagen, daß „der Mann im Monde" ein Unding sei, weil es eben dort niemals etwas zu trinken geben kann. Wenn völlig materielle Gesichtspunkte schon das flüssige Element so schätzen lernen, so hat speziell die Kunst alle Ursache, dem Wasser ihre Huldigungen nie zu versagen. Entstieg demselben doch die schönste und herrlichst gestaltete aller Göttinnen: Venus Anadyomene. Was war daher naheliegender und begreiflicher, als daß die Verehrer deS Schönen stets mit Vorliebe nach dem Wasser schielten, wie dieses weiland schon der schöngeistige und dennoch sehr praktische Jüngling Narcissus gethan, der bei dieser Gelegenheit den billigsten Spiegel kennen lernte, in dem er sich leider allzu sehr selbst bewunderte, was übrigens viele in Narciß' Jahren stehende Herren und Damen auch ohne Spiegel mühelos zu Stande bringen. Kein Mensch, der Sinn und Verständniß für die Schönheiten der Natur hat, wird den eigenartigen Reiz verkennen, der über dem Spiegel eines frei vor uns liegenden See's oder über dem mooSumrahmten Spiegel einer stillvrrborgencn Quelle gelagert ist. Zunächst haben Quellen immer etwas träumerisch Geheimnißvolles, und sie regen ganz besonders zu poetischem Empfinden an. Quellen spielen daher keine geringe Rolle in den Liedern *) „Car neu als-Plauderei", gehalten am 17. Januar in der Abendversammlnng des historischen Vereins von Ober- bayern. 130 der Dichter. Mit welch' sentimentalen Gefühlen haben wir in unserer Jugend nicht oft citirt: „An der Quelle saß der Knabe." Seit wir älter und nüchterner geworden, sehen wir freilich vielfach von diesem Knaben ab, indem wir wissen, daß auch alte Knaben gerne an den Quellen sitzen. Um kein Mißverständniß aufkommen zu lassen, meine ich hierunter zunächst die Gelehrten, besonders die Historiker, die ja mit Vorliebe an den Quellen sitzen, auch wenn dieselben manchmal sehr trocken sind. Man rühmt uns da vor allem die Herren Waitz und Wattenbach, welche sich namentlich um die Zugänglichkeit deutscher Quellen sehr verdient gemacht haben. Mir obliegt hier die ehrende Pflicht, auch eines anderen Quellenforschers, unseres bayerischen Landsmannes Jos. Beraz, zu gedenken, der, wenn er auch kein Gelehrter war, dennoch die Geheimarchive der Erde kannte und Quellen gefunden hat, wo sie der Verstand des Verständigsten nicht zu suchen gewußt hätte. Bei Nutzbarmachung seiner Funde konnte unserem Beraz allerdings die sonst so viclvermögende Buchdruckerpresse weniger Dienste leisten, als es zumeist die hydraulische Presse zu thun im Stande war. Das höchste Ansehen, sogar den Nimbus des Heiligen, genossen im Alterthume die Quellen größerer Flüsse und Ströme. Bei dem Streben der Alten, alle wichtigen Erscheinungen zu personificiren, war es selbstverständlich, daß Hiebei auch die Quellen nicht zu kurz kamen. Indem aus den Urnen lieblicher Najadcn der Ströme Silber- schaum entsprang, wie uns noch ein späterer Dichter versichert, so hatten die antiken Bildhauer Gelegenheit genug, liebliche Najadcn, Fluß- und Stromgötter in all ihren Rangstufen zur Darstellung zu bringen. In Beziehung auf plastische Personification der Ströme gilt nun merkwürdiger Weise auch das bekannte Wort: Die Ersten werden die Letzten werden. Erst als das alte Heiden- thum mit seinen unzähligen Symbolen und Verkörperungen vom Strome der Zeit hinweggeschwcmmt worden war, fing man an, die Gestalten der vier Paradiescs- ströme, denen früher derartige Aufmerksamkeit versagt geblieben war, in sinniger Weise an den Sockeln christlicher Taufbecken anzubringen. Vor Kurzem ist den erwähnten vier Flüssen abermals eine plastische Ehrung, nämlich an dem Brunnen vor der neuen St. Annakirche in München, zu Theil geworden. Geschmeichelt hat übrigens der Bildhauer den Herren Phison, Gehon, Tigris und Euphrat hier schwerlich; dieselben schauen so bitter und griesgämig aus, als hätten sie in ihrem Leben niemals sonnige Gefilde und heitere Tage gesehen. Wie heidnisch-antike Vorstellungen mehrfach in die christliche Kunst herübergeflosscn, bezeugen am besten die alten Darstellungen der Taufe des Herrn, auf denen nicht selten der Flußgott Jordan gravitätisch in der Ecke sitzt, um mit den seiner Urne entquellenden Wellen die Füße des Täuflings zu umspülen. Die prächtigste Personifikation, die nach meinem Wissen je ein fließendes Wasser erhalten, ist dem mächtigen Strome Aegyptens, dem befruchtenden Nil, geworden. Die im Lraooio unovo des Vaticans befindliche Colossalfigur des genannten Stromes erstellt schon durch die Zuthaten, welche an derselben sich zeigen. Die amorettenartig gestalteten Kinder, die so traulich, ja fast zudringlich an und auf dem wohlwollenden Flußgotte herumkrabbeln, erinnern — modern gedacht — fast ein wenig an die Herren Engländer, die bekanntlich am Nil seit Jahren mehr sich zu schaffen machen, als anderen Verehrern des werthen Stromgebietes lieb und zulässig erscheint. Aehnlichem Liebeswerben ist in früherer Zeit ja auch der Vater Rhein, der ebenfalls schon öfters bildliche Verkörperung gefunden hat, ausgesetzt gewesen. Weil, wie männiglich bekannt, der biedere Alte Wein und Gesang besonders liebt, so haben gallische Sirenen schon öfters in perfider Weise ihn zum Treubruch an seiner rechtmäßig angetrauten Ehefrau Germania verleiten wollen. Das wälsche Gekose hat nun, so Gott will, glücklicherweise für immer ein Ende, seitdem deutsche Hände — allerdings nicht mit weichem Pastellstift — ihren ehrlichen „Sammel- vermerk" aus der linken Nheinseite gar kräftiglich an die Wälle von Metz und Straßburg geschrieben haben. Seit der Nheinstrom für Deutschland keine Grenze mehr bildet, hat bekanntlich auch die früher so viel betonte Mainlinie ihre politischen Ecken und Kanten verloren. Möchte sie doch dafür als Wasserstraße im Gebiete des Handelsverkehrs jene Bedeutung gewinnen, die der mnthige bayerische Kanalvecein unentwegt anzustreben sich müht! Wenn man sieht, wie auf dem von L. Schwanthaler entworfenen herrlichen Kanaldenkmal, welches König Ludwig I. bei Erlangen errichten ließ, Herr Main und Frau Donau so genügsam beisammensitzen und einander so liebhaben, so darf man als guter Bayer trotzdem nicht wünschen, daß es immer so bliebe, denn es ist ja kein Geheimniß mehr, wir sehr die sonst so friedliche Ehe der Genannten häufig schon durch bittere Nahrungssorgcn getrübt worden ist. Nüchterne praktische Leute haben daher ganz Recht, wenn sie sagen, man solle nie Zwei zusammenheirathen lassen, wenn sie nicht das gesicherte nöthige Auskommen haben. Uebrigcns ist bei der Anfang der 40er Jahre herrschenden kgl. bayerischen Negierungsmaxime die Ver- ehelichung von Main und Donau einer der wenigen Fälle gewesen, in denen es zwei Heirathslusligen gelungen ist, ohne den Ausweis genügender Subsisienzmittel den erbetenen EheconscnS zu erhalten. Bei den Wasserläufen und Flüssen geht es häufig ähnlich wie bei den Menschen: am ungezwungensten und am wenigsten belastet sind beide Theile in ihrer Jugend. Jnsoserne haben auch die zwei reizenden marmornen Schwestern Brigach und Breg, welche im lauschigen Schloßgarten zu Donaueschingen die Donauquelle versinnbildlichen, volles Anrecht, ihres schönen jugendlichen Daseins sich zu freuen. Bildhauer Reich, der Schöpfer der prächtigen Quellgestalteu, hat es wohl verstanden, das träumerische Behagen dieser zarten Nymphen zu anziehendem Ausdrucke zu bringen. Man sieht es den beiden Fräulein an, daß sie nicht die leiseste Ahnung haben von all' den zuwider» Dingen, die längs des Donaulauses sich abspielen, wo nicht erst tief unten in der Türkei, sondern oft schon weiter heroben, in Cis- und Transleithanien, die Völker — wenn auch gerade nicht mit Knütteln — doch mit allen parlamentarischen und unparlamentarischcn Mitteln wuchtig aufeinauder- fchlagen. Nicht alle bedeutenden und interessanten Quellen haben ihre künstlerische Personification gefunden. Bei mancher derartigen Aufgabe hätte sich der Bildhauer an sich schwerer gethan, als etwa der Maler, welcher mit seinen Mitteln zum Beispiel den berühmten Blautopf bei Blaubeuren doch sehr leicht zu charakterisiren vermöchte. Im Uebrigen gilt, was von der Jugend gesagt wird, auch von der Quelle: sie schmückt sich selbst am besten. An Heilquellen, in berühmten Bädern und der- 131 gleichen Orten erfährt man am deutlichsten, wie das zuviel Gezicrtsein und Geziertthun nicht dazu beiträgt, den etwa dort nothwendigen Aufenthalt anziehend und gemüthlich zu machen. Mancher Heilsuchende hat nach solch üblen Wahrnehmungen sein Heil thatsächlich wieder in der Flucht gesucht. Allerdings kann darob die eigentliche Nymphe der Quelle ihre Hände in Unschuld waschen; die in ihrer Umgebung sich ergebenden Auswüchse fallen auch nicht so sehr der Kunst, sondern fast ausschließlich der großen Tyraunin „Mode" zur Last. Diese De- spotin aus dem Gebiete der Quellen und Brunnen zu verscheuchen, dürfte kein kalter Wasserstrahl stark genug, keine Therme und kein Sprudel heiß genug erscheinen. Den berühmtesten Sauer- und Bitterbrnnnen der Welt bleibt da nichts anderes übrig, als einfach zum bösen Spiel süße Miene zu machen. Glücklicher Weise zeigt sich an den Heil- und Kurplätzen doch nicht immer ein so böser Stern, als wie er im letzten Sommer in einem untersränkischcn Bade nicht auf- sondern eingegangen ist. Wenn der vielgenannte Amerikaner aus dem Morgenlande, der in Kissingen vom Salzwasser ordentlich gekostet haben soll, einigermaßen der deutschen Sprache mächtig ist, dann wird es ihm vielleicht in seinen Mußestunden gelingen, einen bekannten Spruch etwa mit „sau're Wochen, — Frohn-feste" verständnißinnig zu übersetzen.- Daß die Brunnen vielen Menschen, besonders der ländlichen Jugend, so lieb und werth, erklärt sich, wenn man bedenkt, wie viele Liebschaften gerade an Brunnen .ihre Anknüpfung gefunden haben. Wer kennt nicht die lieblichen Scenen von Jsaak und Nebekka, von Jakob und Rachel, welche uns die Bibel so anziehend schildert. Auch Moses, der, ob seiner wuchtigen Beziehungen zum Wasser, im Mittelalter besonders gerne als Brunnenfigur gewählt worden ist, lernte seine Braut Sephora bekanntlich an einem Brunnen kennen. Fast keines der vielen Schäfcrspiele der Barockzeit kann der Quelle oder des Brunnens entbehren; in Theorie und Praxis, in Kunst und Leben hat Liebenden der Brunnen stets als freundliches Palladium gegolten. Es ist gewiß interessant, daß Tizian in seinem be- rühmten und vielcommcntirtcn Gemälde „Die irdische und die himmlische Liebe" feine herrlichen Gestalten an einen Brunnen gestellt hat. Freilich kommt Hiebei mehr das prachtvolle, reliefgeschmückte Becken als das Wasser zur Geltung, was wohl auch seinen tiefen Grund haben mag. Meistens ist den Liebenden das Wasser ja doch sehr Nebensache, wie wir einem bekannten Volrsliede entnehmen können, in dem es heißt: »Jetzt gang i aus Bränncle, trink aber nrt." Trotz der angedeuteten lieblichen Bedeutung ist es an den Brunnen nicht immer so gar idyllisch und gemüthlich zugegangen. Auch Haß und Groll haben hin und wieder an sprudelnden Wassern ihre Triumphe gefeiert. An einem Brunnen war's, wo Siegfried, der schon trinken wollte, vom grimmen Hagen die tödtliche Wunde empfing. An einem Brunnen — an dem berühmten Löwenbrunnen der Alhambra — war's, wo säst das ganze Geschlecht der vielbesungenen maurischen Abeuccrragcn von den gegnerischen Zegris hingemorbet wurde. Bemerkenswcrlh ist es, daß man hie und da noch Brunnen trifft, die mit der Figur der Gerechtigkeit oder Justitia geziert erscheinen. Unzweifelhaft ist hier in den Meisten Fällen eine Erinnerung an die alten GerichtS- schrannen gegeben, an jene wichtigen Amtshandlungen, die in Mitte des Schranncnplatzes, in Nähe eines Brunnens, sich abgespielt haben. Bon dem Ernste, der Gerichtshandlungen an sich eigen ist, auch abgesehen, muß damals schon die Person des Richters meist einen sehr furcht- erweckenden Eindruck gemacht haben, wenn dieser anders die in einem Ncchtsbuche des 13. Jahrhunderts enthaltene Weisung beherzigte, welche eindringlich besagte: „Der lichter solle sizen als ein gricsgrimmcnder Löw, vnd soll den rechten Fuss schlagen ober den linckhen." Ungleich gefährlicher und nachiheiliger als ein wirklicher griesgrämiger Löwe hauste im Mittelalter mehrmals jener verhängnißvolle Wahn, welcher beim Ausbruche verheerender Seuchen zumeist Brunnenvergiftung witterte, und in der Suche nach den Urhebern solch' eingebildeter Verbrechen nicht selten zu Gräueln führte, die der Cultur-Historiker nur zu gerne mit „Schwamm d'rüber" behandeln möchte. Es würde zu weit führen, wollten wir der vielen, durch Brunnen ausgezeichneten Stätten gedenken, welche im Laufe der Zeiten zu berühmten Zeugen geschichtlicher Ereignisse geworden sind. Nur an einige Vorkommnisse unseres Jahrhunderts möchte ich kurz erinnern: „Im Garten zu Schönbronnen da liegt der König von Nom", so hat man noch lange nach dem Tode des schuldlosen Sohnes eines schuldbeladenen Vaters in Deutschland singen hören. Wir erinnern an all' die wichtigen Verhandlungen und Vorkommnisse, welche die stolzen Brunnen von Fontainebleau geschaut, als der mächtige Corse dort die Unterwerfung Europas Plante und in dem wasscr- umrauschtm Schlosse es sich zur Lieblingsausgabe machte, die Staatsmänner und Diplomaten aller Länder recht gründlich ein- und unterzutauchen. Es war die rächende Nemesis, daß gerade in diesem Fontainebleau schließlich auch dem Gewaltigen das Wasser an den Hals ging, indem er dort am 11. April 1814 seine Abdankungs- urkimde zu unterzeichnen hatte. Allerdings, Elba und das Mittelmccr erwiesen sich als ungenügend, den Gefurchtsten festzuhalten; erst das Nicsenbecken des Atlantischen Oceans, durch welches man den Geächteten nach dem Eiland von St. Helena führte, reichte aus, um darin die kühnen Träume und Pläne des Titanen für immer zu ersäufen. Wie Vieles wüßten uns ferner nicht die Brunnen und springenden Wasser des Versailler Schlosses zu erzählen. — In dem reizenden, ebenfalls an Wasserwerken reichen Parke von Hellbrnnn bei Salzburg, auf welchen der von deutschen Kaisersagen umwobene Untersberg majestätisch nicderschcmt, findet sich u. a. eine Grotte, in der, von kräftigem Wasserstrahl getragen, eine Krone zur Höhe schwebt. — Auch über den Wassern von Versailles hob sich am 18. Januar des Jahres 1871 vor den Angcn der staunenden Welt eine Krone — die herrlich erstrahlende Kaiserkrone des neuen deutschen Reiches. — Die Wendung, die unser Vortrag genommen, hat uns ernst gestimmt. Wir fühlen eben, daß die Weltgeschichte wohl Ironie kennt, niemals aber Spaß versteht. Wenden wir uns von großen geschichtlichen Ereignissen nun wieder niedlicheren Dingen zu. Wie schon erwähnt, haben die berühmtesten Bildhauer aller Zeiten dem Wasser ihren künstlerischen Tribut gezollt und be- sonders in mannigfacher Brunnenzier die Mit- und Nachwelt nicht selten zu Staunen veranlaßt. Schon die griechische Mythe erzählt uns, daß Danaos die ersten Cisternen und Brunnen geschaffen habe. Wie es so oft im Leben geht, haben bereits die Kinder des Danaos zerstreut, was der Vater mühsam gesammelt. Der Keim zum Sprichworts „Wie gewonnen, so zerronnen" wäre somit in der Familie des Danaos aufzusuchen, denn seine vielen Töchter haben bekanntlich unter der Calamität gelitten, kein Wasser behalten zu können. Glücklicherweise hatte unter der fatalen Thätigkeit der danaidischen Damen kein anderes Wesen zu leiden. Wäre dem nicht so gewesen, dann hätte man wohl, analog einem berühmten klassischen Spruche, recht gut auch sagen können: Fürchtet die Danaiden, wenn sie einschenken! — — (Fortsetzung folgt.) Allerlei. Eine Kriegs-Anekdote. Lieutenant B. vom xten Jägerbataillon sieht einen Soldaten seiner Kompagnie aus einem Kramladen Villejuifs kommen und hört, wie dieser über „die Dummheit der Malefiz- Franzosen" raisonnirt. B. fragt den Jäger, was er denn in dem Laden habe kaufen wollen: „a Salz, Herr Leutnant, und segn's, die Kerl habn g'wieß gnua und walln wer nur kanS geben. Ich Habs lOmal g'sagt, — a Salz, a soa Salz zum Salzen möcht i, nit amol verstanden habn sie's, wenn ichs noch so laut g'schrien hab." Lieutenant B. nimmt ein Blatt Papier aus seinem Taschenbuch und schreibt darauf „äu ssl". „So, da stehts drauf, was Salz auf französisch heißt, jetzt werden sie's verstehen." „Ich dank' g'horschamst, Herr Leutnant." Andern Tags fragt B. den Soldaten, ob er sein Salz erhalten. „Net gleich, Herr Leutnant, die haben a nit recht französisch verstanden; ich hab LOmal gsagt, an „Dusel" will ich, und die Lampel haben mich nit verstanden; erst wie ich gsagt hab „Jetzt hau i aber gleich euer ganz Malefizglump z'samm" und hab so a bisse! mit der Faust auf'» Tisch klopft, da derwischt der oan den Zettel — nachher habnS wer gleich a Salz geben." Ein gutes Anlagekapital. „Bei einem Duell zwischen einem Rentier und einem Lieutenant erhält ersterer einen Schuß in die Brust. Der Arzt, der den Getroffenen untersucht, findet zu seinem Erstaunen, daß die Verletzung ganz unbedeutend, da die Kugel an einem in der Westentasche befindlichen Goldstück abgeglitten. Indem er dem Rentier auf die Schulter klopft, ruft er lächelnd aus: „Hören Sie, mein Lieber, Sie verstehen es aber ganz vorzüglich Ihr Geld zu plaziren." » Fatale Wendung. „Meine Frau hat, da wir plötzlich Besuch erhielten, eine kleine häusliche Festlichkeit in Aussicht genommen! Haben Sie für heute Abend schon etwas vor, Herr Kamerad?" — „Nein, Herr Hauptmann! Stehe zu Diensten!" — „Dann sind Sie wohl so gütig und — halten der Kompagnie um 8 Uhx den Vortrug, den eigentlich ich halten sollte!" Ä»>8 seinem Kerzen. Was da kommt aus Seinem Herzen, — Sei cö Leben oder Tod, Bring' eS Freude oder Schmerzen — Ist das Eine, was mir noth l Warum soll' ich denn noch klage»? Kenn' ich doch das Herz des Herrn, Das aus Liebe pflegt zu schlagen, Das in: Leide nie mir fernl Was da kommt auö Seinem Herzen, — Sei es Armuth, sci's Gewinn, Wohlsein oder Krankheitsschmerzen, — Alles nehm' ich willig hin; Weiß Er doch am allerbesten, WaS zu meiner Seele Heil, Denn ihr Glück ist oft am größten, Wenn das Kreuz ihr täglich' Theil! Was da kommt aus Seinem Herzen, — Sei eö Liebe, sei eS Leid, Ruhe oder Scelcnschmcrzen, — Ist mir recht zu jeder Zeit! Niemals will ich selber wählen, WaS Er will, ist meine Wabl, Und an Keinem wird's mir fehlen. Scheint mir Seiner Liebe Strahl! Was da kommt aus Seinem Herzen, — Soll d'runr jederzeit gescheh'n. Müßt' ich auch in bitter'n Schmerzen Einsam durch das Leben gch'n; Wenn das Liebste mich verlassen, Das mir einst zur Seite stand, Will ich um so fester fassen Meines Heilands Herz und Hand! O ich weiß, in Seinem Herzen Wohnt nur Liebe, Lieb' so heiß, Daß sie alle Erdeuschmcrzen Reichlich zu versüßen weiß! Hätt' das Schwerste mich getroffen, Schien' mir aller Trost auch fern, — Dennoch seh' den Himmel offen Ich im Herzen meines Herrn! Und so bleib' in Seinem Herze» Ich bei Tage und bei Nacht, Dieses Lebens Lust und Schmerzen Geb' ich dorten wenig Acht! Was da kommt, ich bin's zufrieden, Wie und wann eö Ihm gefällt, — Wahrlich, so ist mir beschicken Schon der Himmel auf der Welt! Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt. «SA» « 18 . „Augsburger Postzeitung". Vivstag, den 3. März 1896 . Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS >L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Die Astrologen. Historischer Noman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Benno. (Fortsetzung.) Albrecht von Wallenstein war indessen von Plan aufgebrochen. Während des Marsches beschied er Butler an seine Sänfte. „Herr Oberst", wandte er sich an diesen, „ich muß mir den Vorwurf machen, daß ich Euch bisher nicht so belohnt habe, wie Ihr es verdient. An dieser Ungerechtigkeit trage jedoch nicht ich die Schuld, sondern der Kaiser, welcher bezüglich der Dotationen an verdienstvolle Offiziere seine Versprechungen nicht hielt. Es soll anders werden. Damit Ihr sehet, wie sehr ich Euch schätze, sollt Ihr zwei Regimenter erhalten, und zudem werde ich Euch zu neuen Werbungen in England, Schottland und Irland zweimalhunderttausend Thaler durch meinen Gesandten in England anweisen lassen und einen Musterungsplatz in Hamburg verschaffen." „Hoheit", erwiderte Butler, „Dero Gunstbezeigungen erfüllen mich mit dem innigsten Dank. Ich bin kein Unterthan des Kaisers und nur durch die freiwillig übernommene Militärpflicht für die Dauer meiner Dienst- zeit gebunden. Nach Emledigung von dieser Pflicht kann ich dienen, wo mtr's gefällt. Doch die Ehre, das höchste Gut des Soldaten, verbietet mir, aus einer ältern Kapitulation in neue Dienste zu treten, ehe jene erfüllt ist. Ich will bei dem Kaiser um Entlassung aus dem Heere nachsuchen. Ist dies geschehen, so bin ich zum Eintritt in Euere Dienste bereit. Ich weiß ja, daß es keinen größern Feldherrn gibt als Euere fürstliche Gnaden!" Das Mienenspiel Wallenstein's bekundete, daß die ausweichende Antwort nicht seiner Erwartung entsprach. Er behielt jedoch seine Gedanken für sich. „Es ist gut", „darüber sprechen wir später noch mehr." Gleichzeitig reichte er dem Oberst mit einem freundlichen Nicken die Hand, und dieser ritt an die Spitze seiner Dragoner zurück. Gegen Abend wurde Eger erreicht. Wie auf dem ganzen Marsche, mußten die Butler'schen Reiter auch hier wieder auf freiem Felde campiren. Beim Einzug durch das Festungsthor hatte Wallenstein, düster und starr vor sich hinbrütend, in eine Ecke der Sänfte sich gedrückt. Plötzlich kam Leben in sein Gesicht, das für einige Secunden noch bleicher wurde, als es schon war. Er sah ein Antlitz vor sich, das Erinnerungen der unangenehmsten Art in seiner Seele wachrief: Leßlie, der ehemalige Schloßhauptmann auf Großmeseritsch, stand vor dem Thor-Eingang und schaute in Gesellschaft eines andern Offiziers auf den Prunklosen Aufzug des ehemals so stolzen Feldherrn. Gleichwohl faßte sich der Herzog sofort, ließ halten und winkte den nunmehrigen Oberstwachtmeister zu sich. „AHI" rief er und reichte Leßlie durch das Fenster die Hand. „Ihr seid's, Oberstwachtmeister? Wie freut es mich, hier alte Bekannte zu treffen. Commandant der Besatzung, nicht wahr? Ich habe mit Euch zu sprechen. Besuchet mich heute noch, sobald als möglich, in meinem Quartier." Leßlie versprach unterwürfig, den hohen Wunsch zu erfüllen, und der Zug bewegte sich fort. Der Oberstwachtmeister blieb nach der Entfernung des Herzogs noch eine Zeit lang auf seinem Platze. Die sonst so düstern Augen funkelten in wildem Triumph. „Ha, Herzog von Friedland", murmelte er, „nun bist Du in meiner Gewalt! Nun ist der Tag unserer Abrechnung, die Stunde der Vergeltung gekommen, nach welcher meine Seele schon Jahre lang gelechzt." Langsam kehrte er zu seinem Gefährten zurück, welcher, den Hut tief in's Antlitz gedrückt, der Unterredung aus der Ferne zugeschaut hatte. „Hast Du die Herrlichkeit des großen Friedländers gesehen, Fritz?" fragte er höhnisch. „Ich denke, jetzt helfen ihm Sonne, Mond und alle Gestirne am Himmel nichts mehr: jetzt kommt die Reihe an uns." Donald stieß einen Fluch aus. „Er soll mir den Schimpf büßen", knirschte er; „ich will ..." „Du?" fiel Leßlie dem Neffen mit finsterer Miene in's Wort; „Du wirst nichts thun, als Dich vorerst hübsch verborgen halten, damit Wallenstein Dich nicht erkennt. Später thust Du nur, was man Dich heißt. Sonst wehe Dir! Denn noch ist er der Herr, wenn auch nicht mehr . lange. Was Dir geschah, hast Du verdient. Ich habe mit ihm abzurechnen und brauche weder Dich, noch einen Andern dazu!" Leßlie schritt zu der hochgelegenen Citadelle hinauf, Donald neben ihm her. Vor dem Eingang trennten sie sich. Donald verschwand durch das Thor, und Leßlie nahm den Weg nach der Stadt. Die Dämmerung brach schon herein, als er vor der Wohnung des Bürgermeisters Pachhälbl ankam, bei welchem Wallenstein sich einquartiert hatte. Um sein aufgeregtes Blut abzuküh- 134 len, betrat er das Haus nicht sofort, sondern ging, seinen Gedanken nachhängend, langsam im Hof auf und ab. Zur gleichen Zeit befanden sich in einem nach der Westseite dieses Gebäudes gelegenen Zimmer der Herzog van Frtedland und Seni. Letzterer saß anscheinend in eifrigen Berechnungen vertieft an dem Tische, während Wallenstein, nach seiner Gewohnheit die Hände auf dem Rücken kreuzend, das Zimmer durchmaß. Auf dem Tische lag ein beschriebener Bogen Papier, dem ein großes Siegel aufgedrückt war. „Nun, was sagt Ihr dazu, Meister?" fragte der Herzog nach einer Weile, mit der rechten Hand auf das Schreiben deutend, mit finsterm Stirnrunzeln; „glaubt Ihr, daß dieses sinnlose Machwerk auch unter dem Zeichen des Erzhauses entstand?" Ein heiseres Hüsteln kam aus der Brust des Astrologen hervor. Verzeiht, hoher Herr", begann er, „wenn ich etwas vorzubringen wage, das Euch möglicherweise mißfällt. Ihr habt in letzter Zeit viel zu sehr auf fremde Einflüsterungen gehört, statt auf meinen wohlmeinenden Rath, der sich immer auf bestimmte Zeichen und Berechnungen stützt. Auch Kepler's Andeutungen haben, trotz meiner Warnung, in Eucrn Entschlüssen und Handlungen wieder eine sehr bedeutende Rolle gespielt. Habe ich Euch nicht schon früher gesagt, daß jener Mann uns niemals freundlich gesinnt war? Er hat mit seiner unbestimmten Drohung Euere klaren Begriffe verwirrt." „Demnach glaubt Ihr", unterbrach ihn der Herzog, „daß der von mir eingeschlagene Weg nicht zum Licht führen wird?" „Wer kann es sagen?" entgegnete Seni ausweichend; „der Himmel war in den letzten Tagen fortwährend trübe. Ich habe die Gestirne noch nicht befragt. Auch Euer Stern war beharrlich durch Wolken verdeckt." Der Herzog trat dicht an den Alten heran. Seine Augen hefteten sich durchdringend auf ihn. „Nicht den Bescheid des Astrologen möchte ich hören", sagte er, „sondern die Meinung des Mannes, der von mir bis zu dieser Stunde unter die treuesten Freunde gezählt worden ist, dessen Wort ich immer hoch hielt, wenn er auch", fügte Wallenstein bitter hinzu, „im vorliegenden Falle nicht, wie unsere Feinde behaupten, die Schuld an meinem Eigensinn trägt!" Seni erhob sich. Er kreuzte demüthig die Arme auf der Brust und schlug die Augen nieder, in welchen nur für eine Secunde ein fast drohender Blick entflammt war. „Wenn der Herr befiehlt", flüsterte er, „muß der Diener gehorchen. Ich will gestehen, daß es mich geschmerzt hat, als ich die Sonne mit Mars immer mehr in Opposition kommen und Euere Entschließungen meine Berechnung durchkreuzen sah; doch ich hoffe, daß auch das gegenwärtige Beginnen, welches ja aus dem unerschöpflichen Weisheitsborne Euerer Hoheit entsprang, wenn auch auf Umwegen zu einem Ende geführt wird, das Euerer Erwartung entspricht." Wallenstein's Augen funkelten, Der wenig verdeckte Rückzug des verwöhnten Rathgebers erbitterte ihn. „Ich weiß", grollte er, „daß Ihr mein Thun mißbilligt, weil Ihr es im Gegensatze zu dem Wohle des Erzhauscs glaubt. Ich selbst bin mir auch recht wohl bewußt, daß es ein gewagtes Spiel ist, ohne Rücksicht auf das Urtheil der Welt nach einem Ziele zu streben, das den Einen als eine Thorheit, den Andern als ein Frevel erscheint. Doch der Herzog von Friedland weiß, was er will; er weiß, daß Europa ihm zujauchzen wird, wenn er's erreicht. Deshalb wankt er auch nicht, und stünde er allein!" Er wandte sich ab und trat an's Fenster. „Wir bekommen eine mondhelle Nacht", bemerkte er nach einer Pause. „Setzt alles in Bereitschaft, Meister; ein freundlicher Wink der höhern Mächte war mir noch nie so nöthig, wie heute." Der Astrologe verließ das Gemach, und Wallenstein nahm seinen Gang wieder auf. Da wurde ihm der Oberstwachtmeister Leßlie gemeldet. Er befahl, diesen sofort vor ihn zu bescheiden. Der Herzog empfing den ehemaligen Schloßhauptmann mit einer Freundlichkeit, wie dieser sie niemals an dem Herrn beobachtet hatte. „Ein unerwartetes Wiedersehen", sagte Wallenstein mit einem Tone, durch welchen eine bittere Ironie klang. „Ihr habt wohl vorhin auch gefunden, daß das bescheidene Gefolge den Gewohnheiten des Herzogs von Friedland wenig entsprach. Aber wer war der Offizier, welcher sich während unseres Einzugs an Euerer Seite befand? Figur und Haltung erschienen mir bekannt, doch der Name fiel mir nicht ein." Für einen Augenblick wich alle Farbe aus Leßlie's Gesicht. Schnell jedoch faßte er sich. „Capitain-Lieu- tenant Devereux", erklärte er, „ein protestantischer Schotte, ein zuverlässiger und tapferer Mann!" „Devereux?" wiederholte der Herzog, „der Name ist mir nicht unbekannt! Wohl ein Verwandter des Obersten, der am weißen Berg fiel? Zum voraus schon eine Empfehlung für ihn. Er scheint Euch nahe zu stehen. Das freut mich. Damit Ihr seht, wie ich brave Männer zu schätzen weiß, bringt ihm das Hauptmanns-Patem. Erinnert mich gelegentlich wieder an ihn. Es soll sein und Euer Schade nicht sein." Wallenstein hatte in Folge seiner eigenen Aufregung der Verwirrung Leßlie's gar keine Beachtung geschenkt. „Seht, das ist der Lohn eines Kaisers", nahm er wieder das Wort, indem er nach dem auf dem Tische liegenden Papier griff und es dem Oberstwachtmeister darreichte, „eines Kaisers, der mir nun schon zum zweitenmal« seine Krone verdankt! Doch es ist zugleich die Grube für die Herren in Wien, die mich bei Ferdinand angeschwärzt haben und nicht ruhten, bis es zum Aeu- ßersten kam. Ein Trompetenstoß, und der Klang meines Namens ruft Tausende der tapfersten Streiter herbei I Sie wissen, daß der Herzog von Friedland mit seinen Getreuen noch immer seinen Ruhm und die Früchte seiner Siege getheilt hat. Das soll fürder in noch ausgiebigerer Weise geschehen. Alle Diejenigen, welche bei meiner Fahne ausharren, will ich mit Ehren und Gold überschütten. Sie sollen werden, was sie zu sein verdienen: die reichsten und glücklichsten Soldaten der Welt." Er trat nahe an Leßlie heran. „Ich habe Euch einmal in einer bösen Stunde Unrecht gethan", sagte er mit treuherzigem Tone; „denkt nicht mehr daran! Es soll hundertfach wieder gut gemacht werden. Ehe des Mondes Rund sich füllt, marschirt Ihr als General gegen den Feind." Ein Dlener erschien und übergab ein Schreiben, das soeben durch einen Courrier gebracht worden war. Hastig riß Wallenstein dasselbe auf. Diesen Augenblick 135 benutzte Leßlie, den Inhalt des Schriftstückes kennen zu lernen, das er immer noch in der Hand hielt. Es war das Decret der Absetzung des Herzogs von Friedland. Dieser hatte sich mit dem erhaltenen Briefe an das Fenster gestellt. Seine Brust hob und senkte sich mächtig, während er las. „Ha", rief er plötzlich und nahm seinen vorigen Platz wieder ein, „nun gönne ich den Wiener Herren das Vergnügen, ihre wirkungslosen Blitze zu schleudern, nun ist mein Spiel gewonnen!" Leßlie, der lauernd zur Seite stand, warf einen raschen Blick auf das Papier. Seine Augen blitzten. Der Brief kam aus dem schwedischen Lager und trug die Unterschrift Bernhard's von Weimar. Wollenstem gab Leßlie noch verschiedene Verhaltungsmaßregeln. Auf die Terzky'schen, meinte er, könne man unbedingt rechnen. Der Oberst Butler aber scheine an der Gerechtigkeit seiner Sache zu zweifeln. Der Oberstwachtmeister möge dem alten Kameraden das Vortheilhafte seines Verbleibens beim Herzog auseinandersetzen. Damit wurde Leßlie entlassen. Wallenstein blieb in der zuversichtlichsten Stimmung zurück. Die Besatzung von Eger bestand großentheils aus protestantischen Schotten. Daran, daß auch nur einer derselben ihm untreu werden könnte, nachdem er im Begriffe stand, auf die Seite ihrer Glaubensbrüder zu treten, dachte er nicht. Sein Glaube wäre wahrscheinlich wankend geworden, wenn er den haßerfüllten Blick Leßlie's bemerkt hätte, als dieser über die breite Marmortreppe in den Hof hinabschritt. Der Oberstwachtmeister fand bei seiner Ankunft zu Hause ein Billet des Obersten Butler mit einer Einladung in dessen Quartier. Dies kam Leßlie erwünscht. Bis jetzt war er entschlossen gewesen, allein und auf eigene Gefahr seine Rache an dem Herzog zu üben; während des Aufenthalts bei demselben aber hatte ein anderer Plan in ihm Wurzel gefaßt. „Wer sich in Gefahr begibt", überlegte er, „kommt darin um. Unter den nunmehr geschaffenen Verhältnissen läßt sich mein Vorhaben vielleicht auf eine Weise ausführen, daß es, ohne das Ziel zu verfehlen, den Charakter persönlicher Rache verliert. Der Herzog ist abgesetzt, geächtet, ihn unschädlich zu machen — eine verdienstvolle That; wehr brauche ich nicht. Doch will ich vorher noch Butler's Meinung anhören, ich erhalte wahrscheinlich einen Bundesgenossen oder gar ein Werkzeug in ihm." Ohne Verzug machte er sich auf den Weg. Als Leßlie die Wohnung Butler's betrat, fand er daselbst auch den Festungs-Commandanten, seinen Vetter Gordon, den ehemaligen Schloßhauptmnnn von Fried- land, den Wallenstein vor zwei Jahren auf einen bloßen Verdacht hin plötzlich entlassen, später aber wieder zum Offizier im Heere ernannt hatte. Die Beiden saßen in der heitersten Stimmung beim Wein. Auch Leßlie ließ sich nieder und trank. Man sprach anfangs von diesem und jenem, meist Kriegserlebnissen und Erinnerungen aus vergangener Zeit. Als aber der Wein die Herzen zu öffnen begann, fiel auch über die Gegenwart manches Wort, und der Oberstwachtmeister, der nur darauf gewartet hatte, benutzte die erste Gelegenheit, um den entscheidenden Schritt zu thun. Er erzählte, wie er eben beim Herzog gewesen, wie dieser zwar nicht ausdrücklich über den Abfall vom Kaiser gesprochen, aber doch bezüglich seiner Verhältnisse zum obersten Kriegsherrn sich derart geäußert, daß man an einem geplanten Treu- bruch nicht mehr zweifeln könne. Die Beiden zeigten sich über diese Mittheilungen nicht sehr erstaunt; es wurde nur bestätigt, was sie längst geahnt hatten und wofür Butler, wenn er auch seither geschwiegen, schlagende Beweise besaß. Leßlie fuhr fort: „Der Herzog ist abgesetzt und durch den Kaiser die Entbindung aller Offiziere vom Gehorsam gegen seine Befehle verfügt. Wallenstein selbst hat mir das Schriftstück gezeigt. Bet dieser Sachlage verlangt die Pflicht ein entschlossenes Handeln von uns; wir müssen dafür sorgen, daß der Friedländer seine verrätherischen Absichten nicht verwirklichen kann. Wir sind Fremde und besitzen außer unserer Ehre kein Gut. Diese ist in Gefahr. Wenn wir klug und vorsichtig sind, retten wir sie." „Ihr habt Recht, Oberstwachtmeister", fiel ihm Butler in's Wort. „Aber wie? Die Terzky'schen Offiziere und Soldaten sind dem Herzog blindlings ergeben, und meine Reiter dürfen nicht in die Stadt. Wallenstein traut mir nicht. Er hat trotz meinem Bestreben, mich zu verstellen, wahrscheinlich meine wahre Gesinnung erkannt. Ich besinne mich auch schon lange, wie ich dem Auftrag Piccolomini's, den Herzog todt oder lebendig in seine Hände zu liefern, gerecht werden soll; so lange mir die Hände gebunden sind, kann ich nichts thun." Wie ein wildes Thier auf die Beute, so schnellte Leßlie bei der letzten Andeutung Butler's empor. „Was!" rief er, „was sagtet Ihr: todt oder lebendig? Diese Worte hat Piccolomini gebraucht? Seid so gut und berichtet mir alles genau; denn stehen uns solche Waffen zu Gebot, dann wird der Knoten mit einem Schlage gelöst." „Das will ich", erklärte Butler, „und bin begierig, zu hören, was Ihr damit anfangen könnt. Als mir die Sache während unseres Marsches hierher immer bedenklicher vorkam, schickte ich weinen Feldkaplan Patricias Taaffe zu Piccolomini und stellte ihm durch diesen meine Besorgnisse und meine Rathlosigkeit vor. Der General lobte mein seitheriges Verhalten und ließ mich ermähnen, auch fürderhin dem Herzog scheinbar gehorsam zu sein; zugleich aber ertheilte er mir den Befehl, bei der ersten Gelegenheit, die sich biete, mich der Person Wallenstcin's zu versichern und ihn in gutem Gewahrsam zu halten, bis er zur Einleitung weiterer Schritte selbst herbeigeeilt sei und zwar todt oder lebendig! Wie mir Patricius sagte, wurden diese letzten Worte von Piccolomini mehrmals wiederholt." „Nicht weiter!" unterbrach Leßlie den Oberst. „Diese Vollmacht genügt. Der General hat Euch zum Vollstrecker des kaiserlichen Willens erwählt; wir sind auch des Kaisers Freunde und stehen Euch bei. Als Festungscommandant verwahrt Gordon die Schlüssel zur Stadt. Er öffnet morgen Nacht die Thore und läßt Euere Soldaten herein. An ihrer Spitze überfallen wir die Vcrräther und machen sie nieder." „Einverstanden, ganz einverstanden", pflichtete Butler ihm bet, der einen ähnlichen Gedanken wohl schon früher gehabt hatte. Gordon jedoch widersprach. „Der Herzog", brachte er vor, „hat mich einst angehört und angerichtet verdammt. Aber mich an dem Haupte des Feldherrn vergreifen? Nein, so weir geht mein Groll nicht. Hierzu liegt auch gar keine Nothwendigkeit vor. Was kann der Herzog mit seiner Hand- 136 voll Soldaten ausrichten? Seine Festnehmung fällt uns nicht schwer. Ich öffne Euern Reitern die Thore, wir bemächtigen uns seiner und halten ihn fest, bis..." „Bis die vereinigten Sachsen und Schweden", fiel Leßlie dem Vetter ungehalten in's Wort, vor der Festung erscheinen und unsere Saumseligkeit alles verdorben hat. Dann sind wir Gefangene, und der Herzog ist frei! Die Person, der Name Wallenstein's allein ist mehr werth als eine ganze Armee. Das weiß er, das wissen die Schweden. Denk' an Deine Pflicht und die ungeheuere Verantwortung, wenn der Herzog entkommt." Durch Leßlie's Argument wurde schließlich auch Gordon'S Widerspruch gegen die blutige Arbeit besiegt. Ein feierlicher Eid, für die Ausführung des Beschlossenen Leib und Leben, Gut und Blut einzusetzen, besiegelte den schrecklichen Bund. Dann trennte man sich. (Fortsetzung folgt.) -- Quellen und Brunnen in Beziehung zur Kunst und Geschichte. Von Max Fürst. (Fortsetzung.) Nicht zu vergessen ist hier als ausgezeichneter Brunnenschöpfer der Hofbildhauer und Erzgießer des Königs Salomon, Meister Hiram von Tyrus. Die Bibel erzählt ja ausführlich, wie kunstreich er sein „ehernes Meer" für den Tempel zu gestalten wußte. An Hiram mag auch der Schöpfer des neuen Münchener Monumcntalbrunnens ein wenig gedacht haben, als er Hiebei einen Ochsen oder Stier zur Verwendung brachte. Wenn Hiram aber gleich volle zwölf Ochsen zur Schmückung seines ehernen Beckens heranzog, so hat Herr Hildebrand gut gethan, mit einem Stück sich zu begnügen; die Münchener hatten, wie man gar leicht merken konnte, an diesem einen schon genug, obwohl dieser nicht einmal in all' seinen Theilen der Rasse treu zu bleiben vermocht hat, denn im Hinblick auf die Hintere Hälfte unseres Münchener Thieres kann selbst der Kurz- und Nachsichtigste nimmermehr singen und sagen: „Ein Kerl als wie ein Rinde." Eben dieser verdächtigen Doppelnatur wegen gehört unser gehörntes Monumental-Vieh nicht zu jenen Ochsen, die allenfalls auch an einem Sonntag aus den Brunnen gezogen werden dürfen. Trotzdem haben einige wohlwollende Landwirthe gemeint, daß ob der seltenen Aufzucht, welche dem Meister Hildebrand hier geglückt ist, beim jüngsten Oktoberfeste noch ein besonderes Diplom hiefür ausgefertiget werden könnte. Diese frohe Erwartung fiel jedoch aus mehrfachen Gründen leider dorthin, wohin die Hintere Hälfte des fraglichen Thieres zunächst gravitirt — in's Wasser. Vergleichsweise könnte man aber immerhin noch die Frage offen halten, ob nicht in Zukunft der hiesige Metzgersprung vom alten Fischbrunnen nach unserem neuen Brunnen verlegt werden solle, denn angesichts des riesigen, wenn auch marmornen Hornviehes müßte das Vergnügen, im Winter in's Wasser springen zu dürfen, unseren Metzgerlehrlingcu doch noch viel zünftiger und verlockender erscheinen. Lenken wir nach dieser Abschweifung, zu der uns unser jüngstes Brunnenthier verleitet hat, wieder in frühere Zeiten zurück. Am meisten künstlerische Vervollkommnung haben die Brunnen in der Renaissance ganz besonders in Italien gefunden. Wir müßten nicht aus der Fontana di Trevi getrunken haben, um nicht mit besonderer Vorliebe immer wieder nach dem sonnigen Lande auszuschauen, das die Wellen der Adria und des Mittelmcercs kosend umspülen. In der ganzen Welt wird kein Zoll und keine Steuer so freudig entrichtet, als wie der bekannte Saldo am Rande des berühmten römischen Brunnens; aber auch in keinem Zoll- und Steuer-Amt wird mit den Einkäufen täglich so fein säuberlich ausgeräumt, als dieses die römischen Gassenjungen vermögen, wenn sie allabendlich den Boden des weiten Beckens der Fontana Trevi münzensuchend durchstöbern. Ist gut, daß bei den Eingriffen in diese in ihrer, Art einzig dastehende Opferschale keiner dieser Langfinger eine Strafe zu befürchten hat! Von den vielen italienischen Meistern, welche herrliche Brunnenwerke geschaffen haben, ist hier zunächst derjenige zu nennen, der schon von Geburt aus zum Brunnenmacher prädestinirt erschien, nämlich der Bildhauer Domenico Forllana. So sehr dieser nun auch mit dem feuchten Elemente enge verwandt war, so mußte ihm dennoch, als er im Jahre 1589 bei Aufstellung des mächtigen Obelisken am St. Petersplatze in höchst fataler Patsche saß, bekanntlich ein Unberufener mahnend zurufen: „Wasser auf die Stricke!" — Den auszeichnenden Namen, den Fontana von Haus aus besaß, hat sich ein anderer italienischer Meister, Jakob della Qucrcia, erst durch eigene That zu erringen vermocht. Als Quercia im Jahre 1419 den figurenreichen Hauptbrunnen der Stadt Siena zur Aufstellung brachte, war, wie Vasari berichtet, die Freude an dem kunstreichen Werke so groß und allgemein, daß man in ehrender Weise den Meister nur mehr mit dem Beinamen „della Fontana" kennzeichnete. Vielleicht hätte auch der berühmte Nicolo Pisano eine ähnliche Auszeichnung für seinen in Perugia sich befindenden herrlichen Brunnen erhalten, wenn nicht seine Lebenszeit in dem Momente abgelaufen wäre, in dem die Wasser seines Brunnenwerkes zu laufen begannen. Außerordentlich geschickt erwies sich als Brunnenkünstler Giovanni da Bologna. Im kühnen Arrangement seiner Wasserstrahlen und Figuren kommen bereits alle die mannigfachen Güsse vor, welche in unserer Zeit mit besonderer Vorliebe in Wörishvfen zur Anwendung gebracht werden. Der größte Wasserfreund unter den italienischen Künstlern ist übrigens immer der Bildhauer Bernini gewesen, wie man aus den vielen Brunnen ersehen kann, die er für Rom allein schon zur Ausführung gebracht hat. Die dortige Piazza Novana ist mit Brunnen ähnlich gespickt, wie der Münchener Promenadeplatz mit Denkmälern. Da die Brunnen der Piazza Novana kluger Weise keine eigentliche Vorder- und Rückfront haben, sondern nach allen Seiten gleichartig sich ausnehmen, so sind sie ohne Zweifel ein glücklicherer Schmuck, als die trockenen Monumente unseres Promenadeplatzes, die ja auch, künstlerisch betrachtet, nicht ohne bedenkliche Schattenseiten sich erweisen. In Beziehung auf Kunstbrunnen hat außerdem kein Bildhauer so sehr Schule gemacht, wie der Meister Bernini. Sein Geist spukt — wenn man so sagen darf — aus den meisten der größeren Brunnenwerke, welche in den letzteren Jahrhunderten entstanden sind. Auch in der Gegenwart ist Bernini noch nicht auf's Trockene gesetzt. In der imposanten Brunnengruppe, welche erst kürzlich vor der kaiserlichen Hofburg in Wien Aufstellung gesunden hat. Dange Stunde. Bon Ernst Hildebrand. spiegelt sich besonders auffällig das kühne Formcngcwoge des italienischen Meisters. Wüßte man nicht, daß Rudolph Wehr der Schöpfer dieses neuen prächtigen Wiener Brunnens sei, man wäre wahrlich versucht, alle Marmor-Ecken und -Enden abzusuchen, ob nicht irgendwo eingemeißelt zu lesen: Dsrnivr rsäivivuo. (Fortsetzung folgt.) -- Einzug in Paris am 1. März 1871. Nach eigenen Beobachtungen und Erfahrungen von Dr. H. RobolSky. -* -« — - - Quellen und Brunnen in Beziehung zur Kunst und Geschichte. Von Max Fürst. (Fortsetzung.) Da die Quellen, deren Wasser nach München geleitet worden, bekanntlich im Gebiete der gefürchteten Haberfeldtreiber liegen, so haben es wohl diese tückischen Wasser mit sich gebracht, daß auf der Stätte, wo sie in monumentaler Form ihren letzten Ausfluß erhielten, auch dem Schöpfer des Brunnens, Herrn Bildhauer Hildebrand, ein förmliches Haberfeldtreiben erblühen konnte. Offen gestanden, sticht auch mich ein wenig der Haber, dem Brunnen, den wir ja schon einmal kurz gestreift haben, noch einige Aufmerksamkeit zu widmen und speciell die zwei in ihm aufgestellten Kolossalfiguren etwas näher aus's Korn zu nehmen. Ich sage ausdrücklich: „auf's Korn", da es ja selbst von Freunden des Brunnenschöpfers, so u. a. von Dr. Hirth, sehr getadelt worden ist, daß Hildebrand den Untersbergermarmor, den er zu bearbeiten hatte, körnig gelassen und nicht polirt habe, was doch — nach Meinung der Herren Kritiker — zur besseren Gesammtstimmung des Brunnens einen wesentlichen Beitrag geliefert haben würde. Wir geben zu, daß so eine Politur der Brunnendame sicher nicht übel angestanden hätte; ob sie dadurch salonfähig geworden, können wir allerdings erst entscheiden, wenn ihre Abkunft sichergestellt erscheint. Hingegen dürfte sich der männliche Brunneninsaffe gegen das Polircn entschieden verwahrt haben; denn daß dieser — ein geborener Rustikus — als grimmer Feind jedes Schliffes angesehen sein will, das lehrt doch der erste Blick, den wir auf ihn werfen. — Schon in einem vor zwei Jahren gehaltenen Bortrage habe ich Gelegenheit gehabt, über Allegorien in der Plastik mich auszulasten. Wenn ich heute gezwungen bin, nochmal darauf zurückzukommen, so trägt Meister Hildebrand die Verantwortung hicfür, weil er es sich angelegen sein ließ, das weite figurale Räthselgebiet noch mit zwei weiteren Gestalten zu belasten. Wir hätten ihm gerne schon von vornherein mit dem Töchterlein in Schiller's „Taucher" flehend zugerufen: Lass', Vater, genug sein des grausamen Spiels! Wer zählt die Fragen, wer nennt die Zweifel, die am Tage der Enthüllung unseres Brunnens in den Köpfen der Münchener auftauchten! Die beiden harten Steinfiguren müssen darüber selbst ein menschlich Rühren empfunden haben, indem sie ja eines schönen Morgens sich anschickten, Farbe zu bekennen. Aber der Lärm in München war Hiebei so groß, daß sie, wieder eingeschüchtert, ihre Geheimnisse schweigsam in sich vergruben. Da nun leider aus den Figuren weiterhin nichts herauszubringen sein dürfte, bleibt nur der eine Versuch, auf der Basis eines Fragebogens, wie solche bei Berufs- und Volkszählungen gebräuchlich sind, Alter, Religion, Heimath und Beschäftigung der Beiden selbst herauszuklügeln. — MS SUMM In den Nolomilen M?"-L WWWD t,i,S»- -M; 'MLZ -Bs.'-L ,«W /'/7MW MU 154 Wenn mir auch einige rasch urtheilende Leute schon andeuteten, daß unsere zwei Figuren überhaupt keine Heimath hätten, so lasse ich deßhalb doch meine Neugierde nicht so rasch in's Wasser fallen. Was nun die Religion des Mannes und der Frau betrifft, so muß dieselbe wohl weit her sein, denn so sehr auch die beiden immer mit Wasser begossen werden, kann dennoch keine Taufmatrikel über unsere Frage genügend Aufschluß geben. Da die Figuren heidenmäßig viel gekostet, so dürften sie am wahrscheinlichsten mit irgend einer heidnischen Confession in Beziehung stehen. Hierüber Näheres zu sagen, möchte am ehesten dem großen Diagnostiker in dieser Sparte, unserem hochverdienten Mitgliede Herrn Professor I)r. Sepp, gelingen. Wir wären ihm für freundlichen Ausschluß um so dankbarer, als ja damit zugleich die Frage über Geburtsort und Alter der Beiden ihre gründliche Behandlung finden würde. Was und wohin der reckenhafte Mann, der seine Ahnen muthmaß- lich unter den Cyklopen suchen dürfte, will, wäre nach seiner ganzen Charakieranlage niemals gutwillig aus ihm herauszubringen. „Gegen die Seestadt Venedig" reitet dieser Sprößling Hildebrand's sicherlich nicht, dazu hätte er schon zu wenig Reisegepäck bei sich; daß er aber „wuth- entbrannt" ist, das beweist nur zu deutlich der gewaltige Stein, den er drohend erhoben. Das Bewußtsein scheint der muthige Mann jedenfalls zu besitzen, daß er in keinem Glashause wohnt. Da nun derjenige, der mit Steinen wirft, in der Regel nicht aufbaut, sondern zerstört, so wissen wir auf einfach empirischem Wege, daß unser Brunnenheld nur ein Zerstörer sein kann. Weil nun in nächster Nähe unserer Figur Wasser sich ergießt, so ergänzt in zuvorkommender Weise Meister Hildebrand die uns noch fehlende Erkenntniß mit der keineswegs überflüssigen Mittheilung, daß, laut Weisung seiner künstlerischen Einbildungskraft, besagter Brunnenmann „die zerstörende Kraft des Wassers" zu bedeuten habe. Haben wir uns beim Manne schon ehrlich geplagt, ihm halbwegs das nöthige Verständniß entgegenzubringen, so dürfte es uns bei der Brunnendame ungleich schwerer fallen, ihr annähernd auf den Grund zu kommen. Aus d'eser herauszubringen, was sie für Haupt- und Nebenabsichten hat, ist, um volksthümlich mich auszudrücken, gewiß kein Spaß. Daß die Dame mit der Rechten den Stier beim Hörne faßt, ließe allerdings vermuthen, sie sei sich ihres Zweckes klar bewußt. Anderseits ist aber auch anzunehmen, sie finde in ihrer Existenz selbst einen mächtigen Haken, einen Haken, der noch krummer ist, als das Horn eines Rindviehes. — Die Schale, welche die Frauensperson mit der linken Hand uns entgegcnhält, erinnert ausfällig an die Schüsselchen, die in den Stuben der Geldwechsler im Gebrauche sind. Will nun die Dame geben oder nehmen? Da nach einem bekannten Sprichwort Geben seliger ist als Nehmen, so dürfen wir im Hinblicke auf ihre gutmüthige Miene wohl auch annehmen, daß sie nicht nehmen, sondern geben will. Wir würden ihr übrigens auch das Nehmen oder Sammeln nicht verübeln; könnte sie doch bei der bekannten Gutherzigkeit der Münchener mit dem unausbleiblichen Erlös zu Nutz und Frommen ihres Rückenabschlusscs ihr seltsam spanisches Mäntelchen um etliche Zoll verlängern lassen, was im Hinblick auf die Rauheit der Nordseite gewiß kein Luxus wäre. — Da nun aber die Dame in nobler Selbstvergessenheit einmal gewillt scheint, zu schenken, so kennen wir dieses wohl dankbar an, verhehlen uns aber dabei nicht, daß bei der Kleinheit ihres Geschirres die Gabe nur eine sehr bescheidene sein kann. Die homöopathische Dosis, die unsere Brunnenfrau bietet, steht sehr im Gegensatze zu der Gabenfülle, welche sonst Wassergottheiten und Allegorien zu reichen Pflegen. Ich erinnere nur an den berühmten Tafelkessel des verehrten Gottes Acgir, der nach Versicherung eines hochnordisch-mythischen Aichmeisters die respektable Tiefe von einer Meile gehabt hahen soll. Daß es, wenn dieser Kessel geleert wurde, meist sehr voll und toll zuging und die ganze Tafel- gesellschaft aus Rand und Band gerieth, können wir glauben, auch ohne daß die Edda darüber peinliche Details zu erzählen brauchte. Man kann da so recht sehen, was Ueberfluß und Ueppigkeit für Uebel und Unheil anzurichten vermögen. Da nun im Haushalt der Natur doch meistens ein weises, unnützem Verschwenden abholdes Walten sich zeigt, so hat wohl Bildhauer Hildcbrand zunächst diese Thatsache im Auge gehabt, als er unsere Brunnenspenderin mit dem niedlichen, winzigen Gefäße ausstattete. Wahrscheinlich hat er nebenbei auch an den Spruch gedacht: „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister", und um nun allseits als Meister zu erscheinen, hat er nicht nur besagtes Geschirr, sondern gleich die ganze Brunnen-Idee und Auffassung so beschränkt und knapp gehalten, daß wir schließlich auch in Betreff der zweiten Figur an den Meister uns wenden müssen, um die authentische Versicherung zu erhalten, daß dieselbe die belebende und befruchtende Kraft des Wassers bedeute. Bei allem Forscherfleiß ist es mir nun leider doch nicht geglückt, die völlige Erklärung der beiden Hildebrand'- schen Colossalfiguren allein bieten zu können. Man wird mir aber gütigst zugestehen, daß ich doch wenigstens sehr nahe hin gerathen habe. Beunruhigen würde es mich nur, wenn der eine oder der andere meiner verehrten Zuhörer den leisen Vorwurf für mich in xstbo hielte, ich hätte von dem Goethe'schen Rathschlag: Im Auslegen seid frisch und munter. Legt ihr's nicht aus, so legt was unter, einen allzu kühnen, ausgiebigen Gebrauch gemacht. (Schluß folgt.) —SÄMcs- An Maria. O Mutter mit dem Jesukinde, Das jedes Leiden uns versüßt Und uns erlöst von Tod und Sünde: Sei, milde Jungfrau, uns gegrüßt! Sieh aus dem Himmel deiner Freuden Auf uns herab mit Mutterblick, Die wir im Thal der Zähl' und Leiden Uns sehnen nach des Himmels Glück! Bitt', daß nach deinem schönen Bilde Stets heilig unser Wandel sei, « xr Voll Unschuld, Demuth, Sanftmuth, Milde, In allem Gottes Wille treu. Dann zeigest freundlich du einst droben Im Vaterland uns deinen Sohn; Und er, der dich so hoch erhoben, Reicht dann den Kranz auch uns zum Lohn. Die Wallfahrt Steinbach Lei Grönenbach. (Mit Illustration.) (Nachdruck verdorr,..^ Zwischen Memmingen und Kempten, am Rande eines weiten Hochplateaus und fast unmittelbar am linken Ufer der Jller, unweit des schönen Ortes Lautrach und gegenüber dem hochgelegenen, die Gegend beherrschenden Schlosse Kronburg, nahe der württembergischen Grenze liegt das sehr alte Dorf Stcinbach.*) Dasselbe gehörte schon im 12. Jahrhundert mit seiner dem hl. Ulrich geweihten Kirche dem ehemaligen Prämonstratenser-Stifte Roth oder Mönchsroth, Oberamts Leutkirch, im heutigen Königreich Württemberg, und soll der Chronik der Truch- sessen von Waldburg zufolge vorher dem Berchtold von Laupheim, einem Vasallen des Grafen von Hochenberg, zugehörig gewesen sein.**) Abt Konrad von Roth ließ 1510 die Pfarrkirche zu Steinbach neu erbauen, und wurde dieselbe im Jahre 1519 von dem Weihbischofe Melchior von Konstanz zu Ehren des hl. Ulrich und der hl. Verena eingeweiht. Im Jahre 1723 erhielt die Pfarrkirche eine Partikel des hl. Kreuzes von dem Abte Herrmann zum Geschenk, welche an den Freitagen zur öffentlichen Verehrung ausgesetzt wurde. Einige Jahre später wurde ein großes hölzernes Kreuz über dem Hochaltare der Kirche aufgestellt, welchem bald darauf die Statuen der schmerzhaften Gottesmutter und des heiligen Johannes folgten. Die Statue der Mutter Gottes stammte aus der Kloster- kircheMönchsroth, und war es vorzüglich diese Statue, wegen welcher die Pfarrkirche zu Stetnbach von Wallfahrtskirche Ktetnkach. stoß erregenden Andachten und die überschwängltche Verehrung des Gnadenbildes. Das hierwegen erlassene Dekret aus Konstanz vom 4. Dezember 1730 drang auf Entfernung des Marienbildes; das Stift Noth aber ließ diese Sache nicht beruhen, sondern wendete sich an die päpstliche Nuntiatur in Luzern, welche nach durchgeführter Untersuchung und auf Grund der von den in der Nähe Steinbachs angestellten Geistlichen und Beamten eingeholten Zeugnisse am 1. April 1733 zu Gunsten des Stiftes entschied und die Belastung der Muttergottes- Statue in der Kirche zu Steinbach erlaubte. Nunmehr sah sich auch das bischöfliche Ordinariat von Konstanz veranlaßt, die Vorgänge in Stcinbach einer genaueren Untersuchung zu unterziehen, und ernannte hie für eine eigene Kommission, welcher auch zwei Kunstverständige zur Untersuchung des Gnadenbildes, nämlich die Maler Martin Zink von Kempten und JosephFörg vonAichstetten, beigegeben waren. Die Kommission kam am 7. September 1733 in Steinbach an. Nach eidlicher Vernehmung von über hundert Zeugen, deren Name, Stand und Wohnort sich getreu aufgezeichnet finden, erklärte diese Kommission die Wahrheit der geschehenen Wunder als erwiesen. Das auf die Ergebnisse dieser Untersuchung sich gründende ober- hirtliche, von dem Bischöfe Johann Franz von Konstanz, nachmals auchBischof von Augsburg, unterzeichnete eingehende Dekret vom 19. Dezember 1733 findet sich im Sulzbacher Kalender für katholische Christen, Jahrgang 1853 Seite 98, in seinem ganzen Wortlaute abgedruckt. Das Kloster Mönchsroth erbaute nunmehr auch eine einer sich immer mehrenden -Aufnahm. °°n s. B°°der. PH°.°g°°P»Im «rumbach. iB°rMEMguns-r-ch. °°.b-h.l^eue größere Pfarrkirche, Zahl Andächtiger besucht wurde, um so mehr, da auch Erzählungen von wunderbaren Gebetserhörungen und plötzlichen Heilungen körperlicher Gebrechen und Leiden laut wurden. Daß sich hiedurch die Pfarrkirche bald zu einer förmlichen Wallfahrtskirche umwandelte, darf nicht Wunder nehmen; aber gegen dieselbe erhoben sich alsbald Klagen bei dem bischöflichen Ordinariate Konstanz, welchem die Pfarrei Steinbach damals unterstellt war, über die AnDasselbe ist vom Markte Grönenbach aus auf gutem, ausfichts- und abwechslungsreichem Pfade in leicht 2 Stunden zu erreichen. **) Nach Andern gehörte es den Edlen von Wildenberg und ging von diesen an das von denselben im Jahre 1126 gestiftete Kloster Roth über. (Bavaria.) welche im Jahre 1753 vollendet wurde. Diese Kirche, welche mit sehr vielen Fresken geschmückt ist, enthält auch eine bedeutende Arbeit des fürstlichen Hofmalers Franz Georg Hörmann aus Kempten, welcher den Plafond des mittleren Schiffes mit einer großartigen und eigenthümlichen Zusammenstellung des Alten und Neuen Testamentes schmückte. Die Wallfahrt blieb seither immer in Aufnahme. Es werden jährlich etwa 40,000 hl. Kommunionen ausgetheilt und über 12,000 hl. Messen gelesen. Vor Aufhebung des Stiftes Roth waren fünf Geistliche an der Wallfahrtskirche angestellt, jetzt sind es deren noch drei. — 156 — Allerlei. Die größte Entfernung, auf die hin die Menschenstimme je gehört worden ist, beträgt, so wunderbar das klingt, 30 Kilometer (4 geographische Meilen). Das war in dem Grand Canon (Felsenschlucht) von Colorado, wo ein Mann den Namen „Bob" an dem einen Ende laut ausrief und an dem andern deutlich verstanden wurde. — Lieutenant Foster, Theilnehmer an Peary's dritter Nordpolexpedition, fand, daß er mit einem Manne auf der anderen Seite des Hafens Bowen auf eine Entfernung von 2 Kilometern sprechen konnte. Sir John Franklin erklärte ebenfalls, daß er sich bequem auf 1*/z Kilometer weit mit Anderen unterhalten habe. — Doctor Aoung berichtet, daß bei Gibraltar die menschliche Stimme 16 Kilometer weit hörbar gewesen sei. — Der Schall wird vom Wasser besonders kräftig fortgeleitet. Bei Versuchen im Genfer See schätzte Colladon die Vernehmbar- keit einer untergetauchten Klingel auf etwa 100 Kilometer. — Franklin behauptete, das Aneinanderreiben von zwei Steinen im Wasser 800 Meter weit gehört zu haben. Dicht über dem Wasser oder einer Eisfläche wird der Schall mit großer Kraft und Klarheit fortgeleitet. Doctor Hutton erzählt, daß er an einer ruhigen Stelle der Themse bei Chelsea eine Person auf 42 Meter Entfernung deutlich vorlesen hörte, während das auf dem Lande höchstens bis 23 Meter weit möglich ist. — Professor Tyndall beobachtete im Gegentheil auf dem Montblanc, daß ein Pistolenschuß nicht stärker schallte, als ein aus der Flasche springender Champagnerpfropfen. Personen in einer Ballon- Gondel können Leute von der Erde aus noch weit länger hören, als sie sich den Leuten unten vernehmbar machen können. * Der schnellste Eisenbahnzug der Welt ist der Empire State Erpreß der New-Iork Central and Hudson River-Bahn. Er legt die 229 Kilometer betragende Strecke New-Iork-Albany in 2 Stunden 40 Minuten zurück, mithin erreicht er auf dieser Distanz eine Geschwindigkeit von 85,5 Kilometer per Stunde. Auf der darauffolgenden Strecke Albany-Utica, im Ganzen 380,4 Kilometer, erreicht er eine Schnelligkeit von 88,9 Kilometer. Auf der ganzen Strecke New-Aork-Buffalo beträgt seine durchschnittliche Geschwindigkeit 86,72 Kilo- meter per Stunde, den Aufenthalt auf den Stationen abgerechnet. Nur wenig langsamer ist der Nachtzug, der sogenannte Scotch Expreß, der in 7'/z Stunden von King's Croß nach Edinburg fährt. Er erreicht eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 86,56 Kilometer per Stunde. * „Die Liebe gleicht alles aus." Baron: „Elfe, ich liebe Dich." Sie: „Ich begreife nicht, wie Du mich lieben kannst. Du hast einen vornehmen Namen, und ich besitze nur meine Mitgift von einer Million." — Er: „Die Liebe gleicht alles ausl" Treffend. Gast zum Kellner, der ihm ein Glas Bier bringt, welches mehr Schaum als Bier enthält: „Kellner, ich will mich nicht rasieren, ich will Bier trinken." * Boshaft. Herr scher auf sein Flaum - Bärtchen sehr stolz ist): „Liebe Cousine, wie finden Sie meinen Bart?" — Cousine: „Ich finde ihn gar nichtl" Zu unseren Bildern. Vvuli, da kommen stet Zu den ersten Vorboten des herannahenden Frühlings gehört auch die Waldschnepfe, die dann auf ihrem „Strich" vom Süden nach Nordeuropa, wo sie am häufigsten brütet, unsere Gegenden berührt, um im Herbste wieder in die warmen Länder, vorzüglich nach Südeuropa, zurückzukehren. Die Schnepfen ziehen meistens nur Nachts, am liebsten bei Mondschein, und halten sich tagsüber in feuchten, lichten Waldungen, jungen Birkenbeständen u. dgl. auf. Da das Wildpret der Schnepfen sebr fein und wohlschmeckend ist, so wird ihnen eifrig sowohl mit Flinten als mit Schlingen und Netzen nachgestellt. Die Gedärme der Schnepfen enthalten in der Regel große Mengen Eingeweidewürmer, mit denen sie zusammengehackt und mit Gewürzen versetzt auf Brodschnitten gebacken und als Leckerbissen (Schnepfen- dreck) genossen werden. Alle zur Familie der Schnepfen gehörigen Vögel charaktcrisiren sich durch einen auffallend langen Schnabel und haben ein mehr oder weniger braunes, theils licht, theils dunkel gefärbtes, gestocktes oder gebändertes Gefieder. Ihre Nahrung besteht aus Insekten, Mollusken, Würmern, die sie aus sumpfigem und schlammigem Boden hervorholen. Die Schnepfen sind zum Theil nächtliche Thiere, leben paarweise, sind Bodennister und legen vier gelblich- oder grünlich-braune, dunkelgefleckte Eier. _ In den Dolomiten. Von Jahr zu Jahr wächst die Zahl der Bergsteiger von Passion, denen die Dolomiten Südtirols als das gefährlichste und gerade deßhalb erstrebenswertheste Ziel ihres Sportes erscheinen. Dolomit oder Bitterkalk nennt man eine Gesteinsart, die sich vom Kalk nur durch einen höheren Gehalt an Magnesium unterscheidet. In großer Menge treten Gebirge dieses Gesteins, Dolomiten, vielfach in höhlenreichen Felsformen, mit zerrissenen, ruinenähnlichen Contouren in der Gegend von Altenstein und Liebenstein im Thüringischen, dann in der fränkischen Schweiz bei Muggendorf und Streitberg, vor allem aber in den Kolossen Südtirols auf, in dem landschaftlich berühmten Fassa- und Ampezzothal. In vielen der Dolomitablagerungen hat man wohl auch ehemalige Korallenriffe zu erblicken. Das Fassathal, die oberste Stufe des vom Avisto durchflossenen Thals in der tirolischen Bezirkshauptmaunschaft Cavalese, ist von den schroffen Dolomit- und Porphyrgipfeln der Marmolada (3494 w), des Langkofls (3179 m) und des Rosengartens mit dem berühmten Winklerthurm (2780 m) umgeben, während das eigentliche Ampezzothal, etwa 15 Lm lang, sich in südlicher Richtung von der Peutelsteiner Klamm bis zur italienischen Grenze erstreckt. Das Ampezzothal, das eine gute Poststraße, von der Bahnstation Toblach bis Eonegliano, 112 km lang, durchzieht, schließt viele der herrlichsten Bilder ein. welche die Alpen überhaupt auszuweisen haben. Für die Hochtouren auf den Monte Cristallo, den Sorapiß und zu dem unvergleichlichen Misurinasee (1796 mt bildet der im Ampezzothal gelegene Ort Schluderbach (1441 m), der auch als Sommerfrische viel besucht wird, den Ausgangspunkt. Nikd-r-KSthsek. Auflösung des Ergänzungsräthsels in Nr. 19: vorn, Idee, Lris, Teno, Lger, Imst, Irux, vanu, vigi. Die Zeit bringt Rosen. --KZRZS- — -8 21. Irettag, den 13. März 189k. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Die Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit deö dreißigjährigen Krieges. Don Max Benno. (Schluß.) Als er in's Freie trat, wurde auf einer Bahre der Körper Donald-Devereux' fortgetragen. Er trat näher und erkannte den Todten sofort. Eine Ahnung stieg in ihm auf. Er gedachte der grimmigen Eifersucht dieses Mannes, des durch ihn vereitelten Entführungsoersuchs bei Pilsen, und auf einmal war für ihn das Abenteuer erklärt. Leßlie schickte sich eben an, den Unglücksplatz zu verlassen, da gewahrte er Georg. Er schritt auf ihn zu. „Herr Hauptmann", sagte er mit erzwungener Ruhe. „Ihr habt mir einst das Leben gerettet. Ich wurde dadurch Euer Schuldner. Nun sind wir quitt. Mein eigenes Schwert hat mir eine schwerere Wunde geschlagen, als eS je ein Schwedenhieb zu thun vermocht hätte. Der arme Fritz! So rücksichtslos er sonst seinen Weg gehen mochte, für den Onkel trug er ein treues Herz in der Brust. Ich kann mir denken, was ihn zu einem Angriff auf Euch bewog. Ich kannte seine Leidenschaft und seinen Groll; sie rissen ihn fort, und mein Arm mußte es sein, der eine so furchtbare Strafe an dem eigenen Fleische vollzog." Georg maß den Oberstwachtmeister mit einem drohenden Blick. „Der Dienst, welchen ich Euch einst geleistet", ent- gegnete er, „hätte keiner Vergeltung bedurft. Schaut in Euer Gewissen, denkt an die letzten vierundzwanzig Stunden, und Ihr werdet mehr als genug die Ursache dafür finden, daß die Rache des Himmels Euch traf." „DeS Himmels Rache?" wiederholte Leßlie. „Vielleicht habt Ihr Recht. Ich haßte den Friedländer mit allen Fasern meines Herzens, so glühend und grenzenlos, wie nur ein menschliches Gemüth Haffen kann — warum, brauche ich Euch nicht zu sagen; Ihr selbst habt die Qualen jener Stunde gefühlt. Ich konnte nicht offen mit dem Schwert in der Hand vor ihn treten, weil er ein Gewaltiger war und ich ein Knecht; deshalb habe ich es mit andern Waffen versucht. Ich siegte, er unterlag — fast in jedem Stück das ganz gleiche Verhältniß, wie bei dem Spiele, das er mit dem Kaiser, seinem Herrn gewagt hat, nur mit anderm Erfolg. Ihr habt den Herzog gekannt, Hauptmann; legt die Hand auf's Herz und nennt mich einen Lügner, wen« ich behaupte: Wallenstein hätte an meiner Stelle das Gleiche gethan- Ich habe mir viele Feinde gemacht", fuhr Leßlie fort,' als Georg schwieg, „doch ich frage nicht viel danach." Auch Ihr zürnt mir, was ich Euch nicht verdenke. Ihr seid noch jung, Ihr habt die Welt noch nicht auf der häßlichsten Seite geschaut und messet mit einem andern Maße, als ich. Aber tief schmerze» würde es mich, wenn Zhr im Groll von mir ginget. Ich gewann Euch lieb, Haupimann, aufrichtig lieb. Mein schwer geprüftes Herz ist noch der Liebe fähig, wenn es auch für hart und menschenfeindlich gilt. Unsere Wege trennen sich jetzt: vor Euch liegt der Tag mit Glück und Sonnenschein, meiner wartet die Nacht. Reicht mir zum Abschied in Frieden die Hand; eS wird für dieses Leben wohl das letztem«! sein." Ohne die dargebotene Rechte zu ergreifen, starrte Georg vor sich hin. Daß Leßlie's Augen mit flehende« Ausdruck auf ihm ruhten, beachtete er nicht. Aber ein anderes Bild tauchte vor seinem Geiste empor. Er glaubte die edle Gestalt des Pater Vincenz zu sehen, und die Lehren, welche der ehrwürdige Greis ihm eingepflanzt hatte, zogen als Friedensboten in sein grollendes Herz. Eine wohlbekannte Stimme flüsterte ihm zu: „Die Liebe sei Dein höchstes Gebot; mein ist die Rache, spricht der Herr; greife der Hand des Ewigen nicht vor!" Sein gutes, versöhnliches Herz gewann den Steg. „Lebt wohl, Leßlie", rief er, „ich will vergeben und vergessen, und wünsche auch Euch, daß Ihr zu vergessen vermögt." Rasch wandte er sich ab und verschwand im Dunkel der Nacht. In Gedanken über die bedeutungsvollen Ereignisse der letzten Tage vertieft, durchmaß der Hauptmann am folgenden Morgen sein Zimmer. Er fragte sich, ob er bei Marion einen Krankenbesuch machen solle; doch in der Voraussetzung, daß sie ihn zu gelegener Zeit selbst rufen werde, stand er davon ab. Da kam der FestungsCommandant Gordon zu ihm. Derselbe bedauerte die Vorkommnisse des vergangenen Abends, setzte sich aber, als er Georg's Zurückhaltung bet seinen Fragen über die Angelegenheit sah, mit unverkennbarer Befriedigung möglichst schnell über die leidige Sache hinweg, so daß des Hauptmanns Donald-Devereux kaum Erwähnung geschah. Diese Wahrnehmung gereichte Georg zu großer Befriedigung. Er glaubte daraus den Schluß ziehen zu dürfen, daß der Zwischenfall abgethan sei. War doch der Tod Donald's, in dessen Kopf zweifellos der Plan zu dem Attentate entstanden und der den Lieutenant nur als Handlanger benutzt hatte, ohnehin eine schwere Sühne für die aus Leidenschaft und Verblendung entsprungene ,That. Umsomehr mußte es ihn befremden, als er erfuhr, daß der gefangene Genosse des Erster» zum Tode durch den Strang verurtheilt worden sei und der Vollzug dieser Strafe unmittelbar bevorstehe. Man ging dabei mit der größten Heimlichkeit und Eile zu Werk. In weitem Kreisen, aus welchen Georg zufällig die Nachricht geschöpft hatte, war nicht einmal der Name des Opfers bekannt. Georg begriff nicht, warum ihm durch Gordon von alledem gar nichts gesagt worden war. Schnell entschlossen eilte er zu dem Commandanten, um kein Mittel unversucht zu lassen, das die Aufhebung des Urtheils versprach. Mit verlegenem Achselzucken hörte Gordon ihn an. „Ich habe gern bemerkt", erklärte er, „daß Ihr keine Genugthuung für die erlittene Unbill verlangt. Aber es mußte ein Exempel statutrt werden; denn es handelte sich nicht nur um den Angriff auf Euch, vielmehr wurden durch die Hand des Lieutenants Kametsch zwei Soldaten getödtet und einer gefährlich verletzt; ich habe ihn weder zu schonen noch zu retten vermocht, und jetzt ist's zu spät: soeben ging die Ordonnanz von mir, welche die Meldung vom Vollzug des Urtheils brachte. Tief erschüttert kehrte Georg in seine Wohnung zurück. — Georg befand sich noch keine Stunde in seiner Wohnung, als ein Bote von Elsbeth erschien mit der Bitte, Georg möchte ohne Verzug in die Herberge kommen. Er wurde durch die Alte vor der Thüre empfangen. Unter Thränen theilte diese ihm mit, daß der Zustand Marion's fast hoffnungslos sei. Er eilte die Treppe hinauf, und ein einziger Blick in das Antlitz der Kranken gab ihm die Ueberzeugung, daß die Befürchtung gerechtfertigt war. Mit einem matten Lächeln reichte Marion ihm die Hand. „Wie danke ich Euch", flüsterte sie, „daß Ihr kommt! Nun sterbe ich gern." Georg suchte vergeblich die Kranke auf andere Gedanken zu bringen. Sie bewegte in stiller Ergebung das Haupt. „Ich fühle es", sagte sie, „wieder Tod zu meinem Herzen heraufzieht. Doch es ist gut so; ich lasse Euch froh und glücklich zurück!" Sie schaute mit einem Blick voll Liebe auf ihn. „Vernehmet das Bekenntniß einer Sterbenden", fuhr sie dann, sich ein wenig emporrichtend, fort, „der Euere Gegenwart die letzte Stunde versüßt. Was unter andern Verhältnissen wohl nie über meine Lippen gekommen wäre, erfahret Ihr heute: ich liebte Euch fast vom ersten Augenblick an, und dieses Gefühl hat meinem Leben den Stempel eines, wenn auch nur kurzen Glückes aufgedrückt. Ich kann Euch nicht alles so sagen, wie ich gern möchte; die Kraft fehlt mir dazu. Doch das sollt Ihr wissen: durch die Liebe zu Euch bekam mein Dasein erst einen Zweck. Um meinem armen Vater ein hartes Loos zu ersparen, habe ich mich gleichsam in die Gewalt meines Onkels verkauft. Ich war ihm, da er nichts Böses verlangte, anfangs zu Pillen, ohne mich um sein Thun zu bekümmern. Wir hielten uns eine Zeit lang in München und Wien auf, nachher an mehreren protestantischen Höfen und zuletzt in Dresden, von wo wir nach Großmeseritsch kamen. Mein Onkel unterhielt überall einen regen Verkehr. In Großmeseritsch bemerkte ich, daß er Euch für seine Pläne zu gewinnen versuchte. Nun bekamen diese ein Interesse für mich. Ich forschte nach und erfuhr gerade genug, um ihm zu erklären, daß er dabei auf meine Unterstützung nicht zählen dürfe. Er stand davon ab. Später hat er seine Absicht mit einem Andern, den er in die unmittelbare Umgebung des Herzogs zu bringen wußte, erreicht: mit Fritz Donald, welchem eine hervorragende Rolle in den geheimen Umtrieben zugetheilt war. Mein Oheim ist französischer Agent. Er wußte sich einen umfassenden Einblick in die Geheimnisse aller Parteien zu verschaffen und beutete diese, den Einen gegen den Andern benutzend, zu seinem Zweck aus. Kaiserliche Räthe, schwedische und sächsische Befehlshaber, ja der Astrologe Seni selbst haben mit ihm in Verbindung gestanden und in der Akrobatenbude verkehrt. Kein Wunder, wenn man in Paris über die wahre Sachlage in Deutschland stets viel besser unterrichtet war als in München, DreSden und Wien. Dazwischen spielten sich jedoch auch Privatränke ab. Donald erwartete als Lohn für seine Dienste meine Hand, und mein Onkel hatte sie ihm zugesagt, während ich ihn verabscheute. Aus Rücksicht für meinen Vater, dessen Existenz in dem Belieben Leferrier's lag, mußte ich jedoch vorsichtig sein. Ich that das Möglichste, verstand mich aber auf die Verstellungskunst nicht gut genug, um zu verhindern, daß Donald errieth, wie es in meinem Herzen aussah. Deßhalb haßte er Euch. Er verbündete sich mit einem andern Offizier, der ebenfalls einen bittern Groll gegen Euch hegte, zu einem Kampf auf Leben und Tod. Ein Zufall machte mich mit ihren Anschlägen bekannt. Mein Herz gebot mir, über Euch zu wachen. Ich habe es nach Kräften gethan. Ihr solltet aber Euere Feinde auch selbst kennen lernen. Um dies zu bewirken, bat ich Euch in Pilsen zu mir. Ihr kamt nicht, und ich konnte nicht auf Euch warten; denn mein Onkel kehrte plötzlich zurück und führte uns weiter nach Prag. Die Sorge um Euch rieb mich fast auf. Da traf ich Euch hier, und nun ist meine Absicht erreicht: Ihr seid außer Gefahr, und die Ruchlosen hat, wie mir Elsbeth sagte, das Schicksal ereilt!" „Ja", erwiderte er, „sie wurden Beide furchtbar gestraft, und bei dem Einen ist überdies noch die Prophezeiung mit grauenvoller Ironie in Erfüllung gegangen, die er von Euch einst bezüglich seiner Zukunft bekam: vor wenigen Stunden wurde er zum Galgen geführt." „Möge der Unglückliche einen gnädigen Richter finden", flüsterte daS Mädchen und fügte dann mit wehmüthigem Ernste hinzu: „Der Scherz, welchen ich wir damals in Großmeseritsch mit den ohne Wahl und Absicht aus einem französischen Buche entnommenen VerS- chen erlaubte, trug jedenfalls keine Schuld, weder an Euerm Glück noch an des Andern Schmach. Es gibt eine gerechte Vergeltung." Eine fahle Blässe überzog plötzlich ihr Antlitz. Mit einem Seufzer sank sie in die Kissen zurück. Die Aufregung hatte die Katastrophe beschleunigt. Noch einen letzten langen Blick warf sie auf Georg, dann schloffen sich die schönen Augen für immer. Die langsam verglühenden Strahlen der Abendsonne fielen durch die bleigefaßten Scheiben auf Marion'S noch im Tode liebliche Züge. 159 Als der Hauptmann in das Quartier zurückkam, fand er ein Schreiben von Piccolomini, worin dieser ihm mittheilte, daß eine wichtige Angelegenheit ihn schleunigst nach Wien gerufen habe. Er beklagte das erschütternde Drama in Eger, welches, trotz der Absicht es zu verhindern, nun wohl ihm von der Welt zur Last gelegt werde. Gleichzeitig wurde dem jungen Manne ein unbeschränkter Urlaub ertheilt. Die letztere Vergünstigung war Balsam für Georg's wundes Gemüth. Keinen Tag länger mochte er innerhalb der Mauern Eger'S mit ihren blutigen Erinnerungen bleiben. Selbst die bevorstehende Bestattung Marion's hielt ihn nicht auf. „Fort, fort in die Het- math", riefen tausend Stimmen in ihm, und er folgte ihrer Mahnung ohne Verzug, um, wenn auch nicht zu vergessen, so doch vielleicht zu verwinden, was ihm hier so weh gethan. Als er am folgenden Morgen die Thore der Stadt passirt hatte, begegnete ihm ein halb geschlossener Wagen, in dem sich neben dem Akrobaten Leferrier der Astrologe Seni befand. Wenn er je noch an Marion's Mittheilungen gezweifelt, durch diesen Anblick wurde der letzte Nest des Zweifels zerstört. Der Vertraute des Herzogs von Frtedland hatte für seine Kunst schnell einen neuen Wirkungskreis zu finden gewußt. 15. Der Frühling hielt seinen Einzug tn's Land. Schon seit Wochen schallte das tausendstimmige Concert der gefiederten Sänger durch den Buchenwald, der früher als sonst sein Auferstehungsfest feierte und sich über den lustig zu Thal rauschenden Wtldbächen mit duftendem Grün zu schmücken begann. In Stadt und Burg Groß- meseritsch herrschte ein reges Leben. Das vollständig erneuerte Schloß prangte im Festschmuck, und vom Thorweg bis hinunter zur Kirche war die ganze Straße mit Blumen bestreut. Heute, nachdem etwas über ein Jahr seit dem Tode des Herzogs verflossen, gedachte der Schloßhauptmann Georg Selkow die Braut heimzuführen. Jsabella, die Wittwe Wallenstein's, hatte schon seit einiger Zeit Großmeseritsch zum bleibenden Wohnsitz gewählt, den sie jährlich nur einmal zum Besuch ihrer Tochter Maria, die in Wien beim Großvater erzogen wurde, auf einige Wochen verließ. Die alte Leibdienerin war vor einem halben Jahre gestorben, und seitdem befand sich Magdalena bei ihr. Sie hatte auch, als wäre das Mädchen ihre eigene Tochter gewesen, für eine reiche Aussteuer gesorgt. In dem Gemüthe Georg's waren die peinlichen Bilder der Vergangenheit allmülig verblaßt. Auch ein Zusammentreffen mit dem Schloßvogt und dessen Frau blieb ihm erspart. Martin's Vater hatte wenige Tage vor seiner Ankunft in Großmeseritsch das Zeitliche gesegnet und sein Weib bei einer in Prag lebenden Schwester eine Heimath für den Lebensabend gesucht. Nur Eines beunruhigte Georg noch: das Geheimniß, welches ihm von Leßlie bezüglich Magdalenens anvertraut worden war. Mehr als einmal schon hatte er sich gefragt, ob er nicht wenigstens den Pater Vincenz einweihen solle; allein er erinnerte sich des gegebenen Wortes, an dessen Zurücknahme er bei der letzten Begegnung mit dem Oberstwachtmeister in seiner Aufregung nicht gedacht hatte, und schwieg. Ob auch Leßlie den übernommene» Verpflicht ungen nachkam? Er hoffte es, wenn auch der Charakter jenes Mannes keine sichere Gewähr hierfür gab. Am Morgen der Hochzeitstages befanden sich in dem zum prächtigen Gemach umgeschaffenen ehemaligen Zimmer der verstorbenen Base Georg Selkow und dessen Braut, Pater Vincenz und die Herzogin Jsabella. Eine besondere Veranlassung hatte sie zusammengeführt. Es war ein Bote von Wien mit einem versiegelten Schreiben gekommen, das nach einer ausdrücklichen Bestimmung auf dem Couvert vor den genannten Personen geöffnet und allen vollinhaltlich bekannt gemacht werden sollte. In gespannter Erwartung blickte man auf den Pater Vincenz, der es erbrach. Außer Georg, welcher die Bedeutung der Botschaft errieth, besaß Niemand auch nur eine Ahnung von dem Inhalt. Pater Vincenz hatte das Siegel gelöst, und zwei zusammengefaltete Schriftstücke fielen auf den Tisch; das eine war der Taufschein Magdalenens mit einem angehefteten Schreiben der verstorbenen Gräfin, welches den Enthüllungen Leßlie's in Allem die vollste Bestätigung gab; das andere ein Brief des Oberstwachtmeisters, worin Jener mittheilte, daß er seiner Aufgabe nicht mehr in ihrem ganzen Umfange gerecht werden könne; denn der Vertrauensmann, bei welchem Magdalenens Erbe hinterlegt worden sei, habe seitdem fallirt und das Weite gesucht. Diese Einbuße fiel für die Brautleute in ihrer Freude über den wettern Inhalt des Briefes kaum in's Gewicht. Sie fühlten sich so glücklich, daß ihnen daS verlorene Vermögen geradezu als ein willkommenes Opfer erschien. Ueberdies war für ihr Auskommen durch Georg's Stellung und die Güte der Herrin mehr als genügend gesorgt. Die Herzogin wurde durch die unerwartete Enthüllung mit hoher Freude erfüllt. Sie zog das Mädchen zärtlich an die Brust. „Seit ich Dich kenne", sagte sie, „hast Du meinem Herzen nahe gestanden; nun begrüße ich Dich als meine Tochter. Fürderhin sollen meine Liebe und Sorgfalt zwischen Maria und Dtr getheilt sein." Dann führte sie die Jungfrau dem Bräutigam zu. „Die Mittheilung", fuhr sie fort, „welche uns heute zukam, kommt mir vor wie ein Gruß aus dem Jenseits von der Heimgegangenen Mutter, die an dem bedeutungsvollen Feste ihres Kindes gedacht hat. Es ist ihr Segen, und der Segen einer Mutter ist einHochzettsgeschenk, wie ich kein besseres zu nennen vermag. Möge der Himmel Euch jenes Glück schenken, das die unglückliche Frau vergeblich suchte!" Drei Stunden später legte Pater Vincenz die Hände Georg's und Magdalenen's zusammen und flehte die Gnade des Himmels auf ihren Lebensweg herab. Lange schaltete Georg Selkow an der Seite seiner treuen Magdalene als Schloßhauptmann auf Großmeseritsch. Das Glück und der Friede hatten endlich daselbst ihr Heim aufgeschlagen. Geliebt und verehrt bewegte sich die schwergeprüfte Herzogin in ihrer Mitte und setzte sich in den Herzen der Armen und Kranken der ganzen Gegend ein bleibendes Denkmal. Pater Vincenz erlebte noch daS Ende des dreißigjährigen Krieges. Nur wenige Wochen nach Veröffentlichung der FricdenSbestimmungen schloffen sich die Augen des fast neunzigjährigen Greises. Er starb, wie er gelebt hatte, als ein Apostel der Liebe. Ein Lächeln schwebte um den welken Mund, und das bleiche Antlitz war von dem Hauche jenes heiligen Friedens verklärt, den der Herr über Leben und Tod auch den sterblichen Hüllen der Gerechten verleiht. ALLe^Lsr. Was ein Pfund Kohle thut. „Die Zeit ist nicht mehr fern, wo wir Hitze und Arbeitsleistung ohne Hilfe von Feuer erhalten können," sagt der Civil-Jn- genieur Marston Mc. Grath im St. Louis „Globe- Democrat". „Das wird möglich sein, sobald wir Elektricität direkt von der Kohle erzielen können, ohne etwas von der wunderbaren Kraft zu verlieren, welche in derselben steckt. Ich habe den ganzen Werth der Kohle als Krafterzeuger erst dann erkannt, als ich dieselbe auf einer Fahrt über den Ocean auf dem Dampfer „Maje- stic" beobachtete. DaS Schiff führt 2400 Tonnen Kohlen, fast genug um jeder Familie in St. Louis einen halben Bushel zu geben, und eS verbraucht 290 Tonnen täglich, um seine Geschwindigkeit von ungefähr dreiundzwanzig Meilen die Stunde zu erhalten. Das sieht wie ein kolossaler Kohlenverbrauch aus, doch die „Majestic" ist ein großes Schiff, 682 Fuß lang, und es gehören 18 000 Pferdestärken dazu, um es mit Volldampf über die Wellen zu führen. Rechnet man es aber im einzelnen aus, so findet man, daß anderthalb Pfund, also weniger als eine gute Hand voll, eine Pferdestärke für eine Stunde liefert. Eine Pferdestärke ist gleich der Arbeit, mit der man 300 Pfund einen Fuß hoch heben kann, so daß anderthalb Pfund Kohle 300 Pfund einen Fuß hoch eine Stunde laug zu heben im Stande sind. Oder man nehme einen anderen Vergleich. Es würden 100 000 Galeerensklaven Tag und Nacht rudern müssen, um der „Majestic" eine Geschwindigkeit von dreiundzwanzig Meilen zu geben. Dividiert man 18 000 Pferdestärken durch 100 000, so findet man, daß anderthalb Pfund Kohle ungefähr die einstündige Arbeit von sechs Ruderern leisten. Freilich würde man auf der „Majestic" nicht mehr als 480 Ruderer plazieren können und zehn Bushel Kohlen würden dieselbe Arbeit leisten, während 100 000 Galeerensklaven, jeder im Durchschnitte 150 Pfund schwer, fünfmal soviel wiegen würden als die 1740 Tonnen Kohlen, welche die „Majestic" für eine sechstägige Fahrt braucht." Die Macht der Musik. Im Jahre 1809, einige Jahre vor dem Tode des greisen Tonsetzers Haydn, schloß die Dilettantengesellschaft in Wien ihre Winterkonzerte mit einer glänzenden Aufführung der Schöpfung, zu welcher Haydn eingeladen ward. Er erschien, und schon der ausgezeichnete Empfang, der ihm zu theil ward, machte auf den Schwachen, durch die Last der Jahre Gebeugten einen außerordentlichen Eindruck; aber noch tiefer erschütterte ihn sein eigenes Werk, und bei der ergreifenden Stelle: „Es ward Licht," fühlte er sich dergestalt überwältigt von der Gewalt der Harmonieen, die er selbst geschaffen, daß ihm die Thränen über die Wangen rollten und er mit erhobenen Armen ausrief: »Nicht von mir, von dort kommt allesI" Er unterlag den ihn bestürmenden Gefühlen und mußte hinweggetragen werden. --0-48WU-»-- GoLLKSrrrsr. So viele Blüthen des Lebens fallen ab — später so Viele halbreife Früchte. Ist nun der Herbst davon leer? Der Mensch kann, wie der Baum, nicht alle Blüthen zu Früchten vollenden, die er treibt. Jean Paul. Das Gute wird verschwiegen, ?, DaS Böse sieht man von Mund zu Munde fliegen. ' --—«xv-LS--- Iiir die aögevrarmlen Gauvstnunnen in Kohenrvart. Leutla, gell, ihr mächtet frauga Was ma z' Hoahawart iez mach? Baua halt — mit nasse Auga — Baua unt'; Oh und Ach. 's ischt ja gar so grauseg g'wea Was in scll'r Nacht ischt g'scheah. Nv' kan i dös Sturma heara, Fuirjoh schrei» bei d'r Nacht, 's Fuir hat naufg'schla bis an d' Steara, Fürchteg praschtlet, g'schncllt und kracht: Und dös herrlich Institut Ischt v'rbrennt zue Staub und Schutt. Alls, von oben» bis unda: Dachstuehl, Lada, Käschta, Schränk'; Alles hi, in weanig Stunda, Bctschet, Sessel, Tisch und Bank': Alle Bett'r, alles G'wand, WaS s' net g rad am Leib g'het Hand. O ihr druimal arme Kind'r: Taubstumm, arm und hoimathloast Wäg'r reckt zum Daula sind 'r Und uir Elend riesagroatz: Könnet it a mal bettln gau, That ui ja koi Mensch v'rstaul Sott iez i als alt'r Kerle No für ui gcbeitla gau? In de junge Jauhr, ja währle! Han i's oft und freudig thau: Und wenn halt iez Keiner gaut, Woiß i z'letscht koin andra Rauth. Und d'rum iez, ihr Schwäbala, bitt' i recht schea, O theand deane taubstumme Mädala gea! Sie Hand ja koi Hoimath, koi Bettle, koi HäS, Da mach Dn 'n Vett'r, da mach Du a Bäs, Da mach Du da Vat'r, und d' Muett'r mach au. Dau sei Du gnä' Herr und da sei du gnä' Fraul Von Aub'm hear simmr ja alle v'rwandt, D'rum müeß m'r dau helf», sonscht wär es a Schand, Ma ka doch dia Närrla in Noath it v'rlau. Was seitens denn treiba, wohi sottens gau? Sie wäre ja so scho gar jammerle dra, Wöl koiS ebbes heart und au 's Schwätza it ka; Da kommt no dös Fuir aus und nimmt na ihr Haus, Ihr Bettla, ihr Häswerk, o dös ischt a Grans! Iez sott ma dau baua, und 'S Baua dös loscht. Drum schicket iez Thal'r mit Bota und Post, Und Eirichtung schafsa? o Leut I dös loscht viel, Mit drui und vier Tauscd kommscht lang it an'S Ziel; Drum Hand iez Erbarm», ah kommet! ah gand! Und sind m'r recht brave, mitleidige Mandl D'r Stadtpfarr' von Dillinga nähmS in Empfang, Herr Niedcrmair hoißt 'r, dear wartet scho lang: Und wend 'r a Quitting. ear thätS ui scho gea, Ear hat a nett's Schristle, dös liest si so schea» A Anwcising isch oft a guldiga Kroa, O saget's doch Alle, um dös ka ma's thoa! Fr. Keller. Dechiffrir-Aufgabe. Jede Buchstabengruppe ist zu einem sinmnäßigen Worte zu ordnen-, blovsl rastnen euip üimnvnpek, Ibisse«; Iiiuet rlinumerliAi enis, llvret mnrligibres inse Ulrv uisslivvr Viveenv seuiv verstau nepi. Lgulo. Auflösung des Bilder-Näthsels in Nr. 20: Oie Absicht leiht erst einer That Bedeutung. ——- AnWattungsSlatt M „Augsburger PostMung". « 22 . Dinstag, den 17. März 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Truck und Verlag der Rterarischen Instituts von HaaS Ä Grabberr in Augsburg (Vorbesitzer Ilr. Max Huttler). Judas Wakkabäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. INachLkuL v«rb>»r„., 1. Kapitel. Treu bis zum Tode. Herrlich ging die Sonne hinter den Hügeln, welche Jerusalem umgeben, unter, indem sie Ströme goldenen Lichtes über die mit Reben, Granat - und Oliven- bäumen bekleideten Thäler ergoß. Prächtig funkelten die Strahlen in den Wellen des Baches Kidron wider, und ein reicher Gluthschein lag auf den flachen Dächern, Brustwehren und Wällen der Stadt. Der rothgefärbte Himmel bildete einen herrlichen Contrast zu den Zinnen des Tempels, der damals, zu der Zeit meiner Erzählung, die Höhe des Berges Zion krönte. Es war dies nicht der prächtige Tempel, welchen Salomo erbaut hatte, es war aber auch nicht derjenige, welchen König Herodes geschmückt hatte, sondern das Gebäude, wie es dort in seiner einfachen Majestät vor uns steht, ist von den Hebräern bei ihrer Rückkehr von Babylon unter Führung des Serubabel und Josua errichtet worden. Nicht die Macht gewaltiger Fürsten, noch das Gold der Reichen hatten jenen Tempel erbaut, sondern der ernste Eifer eines bedrückten, in den Staub getretenen Volkes; und sein höchster Schmuck war die Verheißung, welche Haggais begeisterte Lippen ausgesprochen hatten: „Da soll dann kommen aller Heiden Trost; unb ich will dies Haus voll Herrlichkeit machen, spricht der Herr Zcbaoth; es soll dieses Hauses Herrlichkeit größer werden, denn des ersten gewesen ist." Die Erfüllung dieser Verheißung war bisher noch Gegenstand des Glaubens, und selten hat der Glaube einem heftigeren Verfolgungssturm die Stirn zu bieten gehabt als dem, welcher zu jener Zeit — ungefähr 167 Jahre vor Entstehung des Christenthums — über das alte Volk Gottes hereinbrach. Der Römer hatte noch nicht als Eroberer den Boden Palästinas betreten. Antiochus Epiphanes, einer der grausamsten Tyrannen, welche je gelebt haben, herrschte in der Stadt Davids. Er hatte die Straßen Jerusalems mit Blut überschwemmt; er hatte den Tempel geplündert und verunreinigt, hatte das unreine Thier auf Gottes heiligem Altar geopfert und das Bild des Jupiter Olywpius an die Stelle gesetzt, die der Anbetung des Herrn Zebaoth geweiht war. An dem bereits geschilderten Abende wanderte ein junger Mann im Schatten grauer Olivenbäume in einem kleinen Thale östlich von Jerusalem. Die rothen Sonnenstrahlen durchdrängen hier und dort die grau verzweigten Stämme und das Laub und schienen voll auf die Gestalt LycidaS', des Atheners. Niemand hätte ihn aber für einen Hebräer halten können, selbst wenn er die Kleidung der Juden anstatt derjenigen der Griechen getragen hätte. Die klassisch schönen Züge des Fremden waren derart, wie sie uns in den Meisterstücken des Alterthums, die in unsern Museen so geschätzt werden, überliefert worden sind. Lycidas hätte wohl dem Phi- dias zu einer Statue des Endymion dienen können. Seine Gestalt war fehlerlos proportionirt und eher merkwürdig durch Ebenmaß und Grazie, als durch Kraft, und sein Gesicht hätte man wohl seiner Schönheit wegen für ein weibliches halten können, wäre ihm nicht ein so entschiedener Zug scharfen Verstandes aufgeprägt gewesen. Diese junge Stirn hatte schon in Olympia beim Wettstreit eigener Dichtung den Lorbeerkranz getragen. Lycidas hatte seine Verse vor den kritischen Ohren der Athener laut vorgetragen. Seine Mitbürger und Tausende aus anderen Theilen Griechenlands hatten ihm Beifall zugerufen. Das war ein schöner Moment für den jugendlichen Athener gewesen, aber sein Ehrgeiz war durch diesen ersten Erfolg noch nicht befriedigt. Lycidas war sein eigener, strengster Kritiker und betrachtete sich eher auf einer Uebergangsstufe stehend, wie am Ziele. Er hatte beschlosien, ein Gedicht zu schaffen, dessen Ruhm mit dem der Jliade wetteifern sollte, und hatte zum Gegenstand seiner Gesänge gewählt: „Der Heldenmuth der Tugend." — Lycidas wollte seine Gemälde aus der Geschichte nehmen und entlehnte dazu seine Modelle den Menschen und nicht den sogenannten Gottheiten, mit denen Aberglaube und Einbildungskraft den Olymp bevölkert hatten. Der jugendliche Dichter hatte eine angeborene Vorliebe für alles Reine und Wahre und verwarf daher alles, was zu dem Gebiete der Fabel gehörte. Um für sein Gedicht „Der Heroismus der Tugend" Stoff zu sammeln, war Lycidas weit und breit umher- gereist. Er hatte Rom, damals eine mächtige Republik, besucht, hatte mit Begeisterung in den Annalen derselben, die an Beispielen hingebender Vaterlandsliebe so reich waren, geforscht. Der Athener hatte dann seinen Weg ostwärts genommen, hatte Alexandria besucht, war 162 den Nil hinaufgefahren und hatte die Pyramiden gesehen, die damals schon durch ihr Aller von 2000 Jahren ehrwürdig waren. Nachdem er die Wunder des Landes der Pharaonen gesehen halle, war Lycidas weiter gereist nach Gaza und Jerusalem, wo er nun lebte. Er war ein gelegentlicher Gast am Hofe des Königs von Syrien, bei dem er sich durch einen Empfehlungsbrief des Königs Perseus von Macedonien eingeführt hatte. Nicht um poetischen Träumereien nachzuhängen, hatte Lycidas an jenem Abend die Abgeschiedenheit des Olivenhaines aufgesucht. Wenn die Richtung des Stromes seiner Gedanken auf seinem Gesichte zu lesen gewesen wäre, so würde man einen Ausdruck von Unwillen, welcher zuweilen in Hellem Zorn aufblitzte, wahrgenommen haben, während seine Lippen sich bewegten, als ob sie Worte starken Mißmuthes oder ernster Klage hervorstoßen wollten. Niemand war in der Nähe, um das Gesicht des jungen Griechen zu beobachten, bis er plötzlich einer reich gekleideten Persönlichkeit in der Tracht, wie sie damals am syrischen Hofe Sitte war, begegnete. Dieselbe kam auf ihn zu an einer Stelle, wo die geringe Breite des Weges den beiden Männern ein Ausweichen unmöglich machte, und so wurde eine Begegnung herbeigeführt, welche, dem letzten Ankömmling wenigstens sehr unwillkommen war. „Ah I — mein Herr Pollux, bist Du es?" rief Lycidas mit höflichem Gruß. „Ich vermißte Dich heute plötzlich an meiner Seite bei jener — soll ich es Tragödie nennen, denn niemals hat eine schrecklichere Scene vor den Augen eines Menschen gespielt." „Ich wurde von einem Schwindel befallen, einem Fieberanfall", antwortete der mit dem Namen Pollux angeredete Höfling. Er sah hager und blaß aur, als er das sagte. „Ich wundere mich nicht, wundere mich gar nicht, wenn Dein Blut, wie das meine, in Fieberhitze kochte!" rief Lycidas. „Kein edler Geist konnte ungerührt bleiben bei dem Anblick der sieben Brüder, die einer nach dem andern in Gegenwart des Antiochus vor den Augen ihrer Mutter zu Tode gequält wurden, weil sie sich weigerten, das Gesetz, welches sie als göttlich betrachteten, zu brechen." „Nun", versetzte Pollux, „ihr Schicksal berührt mich nicht; was kümmert es mich, wenn sie vorzogen, wie Narren ihr Leben wegzuwerfen für einen eitlen Aberglauben!" „Narren? sage lieber Helden!" rief Lycidas, indem er plötzlich stehen blieb; denn er war jetzt dicht an Pollux herangekommen. „Ich wundere mich, daß Du so wenig Sympathie für jene tapferen Jünglinge hast, Du, der Du, nach dem Schnitt Deines Gesichtes zu urtheilen, zu ihrem Volke gehören mußt." Pollux stampfte mit dem Fuße und zog die Augenbrauen zusammen, als ob ihm diese Bemerkung unwillkommen wäre. „Ich habe die olympische Arena gesehen", fuhr Lycidas fort, indem er seinen Gang wieder aufnahm und seine Schritte in dem Maße beschleunigte, wie der Gegenstand ihn erregte, „ich habe die Athleten gesehen, jede ihrer Muskeln verrenkt, jedes Glied durchschnitten, ringend wie Milo und dennoch vorwärts eilend, um die Krone oder Palme zu gewinnen, als ob ihnen das Leben weniger theuer sei als der Sieg. Aber niemals haben meine Augen einen Kampf gesehen, wie heute, wo der Triumph dem Manne über die Furcht vor dem Tode ging, wo Sterbliche mit der Todesangst rangen und sie dennoch überwanden, still, oder Worte äußernd, die sich in das Gedächtniß hineinbrennen, Worte von Sterbenden! — Da war kein Beifallrvfen, um die Athleten anzufeuern, wenigstens keins, das man hören konnte; da war kein Jauchzen, wenn ein Sieger das Ziel erreichte. Aber wenn die Kraft der leidenden Tugend wirklich ein Schauspiel ist, auf welches die Götter bewundernd blicken, dann sei versichert, daß heute die Unsichtbaren auf diese glorreiche Arena niedergeblickt haben, die Krone oder Palme in Bereitschaft haltend. Denn ich kann eher glauben", fuhr der Athener fort, indem er seinen Arm gegen die untergehende Sonne ausstreckte, „daß jener Himmelskörper verloren ist, ausgelöscht, verdunkelt vor dem Universum, weil er dort niedersinkt vor unsern Augen, als daß jene edeln Geister, welche diese gequälten Glieder belebten, mit denselben sterben sollten für immer." Pollux wandte das Gesicht ab, er wollte nicht, daß der Athener den Schmerzenszug sehen sollte, mit dem er seine Unterlippe biß. „Es ist klar", fuhr der Athener fort, „daß die Dulder an ein Fortleben nach dem Tode glaubten; einer der Brüder heftete, als er vortrat um zu leiden, einen ernsten, ruhigen Blick auf Antiochus — ich zweifle nicht, daß dem Könige dieser Blick erscheinen wird, wenn seine Todesstunde kommt — und sagte — ich erinnere mich wohl der Worte —: „Böser Fürst, Du beraubst uns des irdischen Lebens, aber der König des Himmels wird uns, die wir in Vertheidigung seines Gesetzes sterben, dafür eines Tages das ewige Leben geben." Der nächüe Märtyrer streckte seine Hände aus, als ob er die Palme anstatt des Streiches der Scharfrichter empfangen sollte, und sagte mit derselben Ruhe: „Ich erhielt diese Glieder von Gott im Himmel, darum will ich sie gern fahren lassen um seines Gesetzes willen, denn ich hoffe, er werde sie? mir wiedergeben." — — Ist es möglich', daß diese Menschen glaubten, daß nicht nur Seelen, sondern auch Körper wieder auferstehen würden? daß eine gehetmnißvolle Macht sie dem ewigen Leben wiedergeben könnte und wollte? Ist dies der Glaube der Hebräer?" Diese letzte Frage wurde ungeduldig von Lycidas wiederholt, bevor er eine Antwort erhielt. „Einige von ihnen haben diesen kühnen Glauben," sagte Pollux. „Ein erhabener, geheimnißvoller Glaube", bemerkte Lycidas, „ein Glaube, der diejenigen, die daran festhalten, unverwundbar macht, wie den Körper des Achilles, nur ohne den einen schwachen Punkt. Er begeistert Frauen und Kinder mit gleichem Heldenmuth, wie ich heute Zeuge gewesen bin. Der siebente der hebräischen Brüder war noch von zartem Alter und schön, selbst der König bemitleidete seine Jugend und bot ihm Gnade und Ehren an, wenn er das Gesetz seines Gottes verließe. Antiochus schwur, daß er ihn zu Reichthum und Ehren bringen und ihn unter seine bevorzugtesten Höflinge stellen wolle, wenn er sich dem Willen des Königs beuge. Ich beobachtete das Gesicht des Knaben, als das Anerbieten ihm gemacht wurde. Er sah auf der einen Seite die verstümmelten Gestalten seiner Brüder und die grimmigen Gesichter der Scharfrichter, auf der 163 andern allen Glanz und Reichthum der Eide, loch schwankte er keinen Augenblick in seiner Wahl." Pollux konnte kaum einen Seufzer unterdrücken und Hüne mit schlecht verhehlter Ungeduld zu, als der Athener in seiner Erzählung fortfuhr: „Dann ließ der König der Mutter sagen, sie möchte ihren Sohn ermähnen, daß er dem Willen seines Königs gehorche. Sie stand während der ganzen, fürchterlichen Scene nicht wie eine Niobe in Thränen, sondern mit gefalteten Händen und erhobenen Augen, als sähe sie unsichtbare Dinge und höre Worte, die nur ihren Ohren verständlich. Sie hörte den König, näherte sich ihrem Sohne, legte ihre Hand auf seine Schulter und sah ihn mit einem Blick unbeschreiblicher Zärtlichkeit an. Der Glaube hatte die Furcht besiegt und die Liebe noch tiefer gemacht. Sie beschwor ihren Sohn bei allem, was sie für ihn gethan und gelitten, fest zu glauben und sich nicht zu fürchten. „Zeige Dich Deiner Brüder würdig", sagte sie, „damit ich Euch eines Tages durch Gottes Gnade in dem Himmel, welcher uns erwartet, allcsammt empfangen möge." — Und der schöne Knabe lächelte und folgte dem Beispiele seiner Brüder, indem er für sein Vaterland betete und für seinen Glauben starb. Zuletzt wurde die Mutter auch hingerichtet, aber ich konnte nicht bleiben, um jenes Opfer auch noch zu sehen; ich hatte genug gesehen, wehr als genug." „Und ich habe genug gehört, mehr als genug",murmcltePollux, welchem die Beschreibung des Ly- cidas unerträgliche Qual verursacht hatte, die Qual der Gewissensbisse und der Scham. „Du bemitleidest diese Märtyrer?" bemerkte der Athener. „Mitleiden! Ich beneide", war der Gedanke, dem die blassen Lippen eines Abtrünnigen keinen Ausdruck zu geben wag'.en. Pollux schüttelte zur Antwort nur sein Haupt. „Ich möchte wohl mehr von der Religion der Hebräer wissen", sagte Lycidas nach einer Pause. „Ich habe wunderbare Geschichten gekört, erhabenere, als unsere Dichter je besungen haben, von e uer Gottheit, welche dieses Volk aus Aegypten führte, einen Pfad für sie durch die Tiefen des Meeres machte, indem sie seine schäumenden Wellen im Zaume hielt, wie ein Reiter sein weißgcmähntes Roß. Er gab den^ Durstigen Wasser aus dem Felsen, den Hungrigen Brod vom Himmel und zerstreute Israels Feinde vor ihm her, wie Spreu vor dem Winde. Ich habe gehört, daß der feurige Wagen der Sonne stille stand auf die Stimme eines Mannes, dem die Kraft dazu von einer Gottheit gegeben worden war. Sage wir, welches ist der Name dieses mächtigen Gottes der Hebräer? —" Pollux preßte die Lippen zusammen, er wagte nicht, den Namen desjenigen auszusprechen, den er verleugnet hatte. Der Höfling legte seine .Hand auf den mit Juwelen besetzten Griff, welcher seinen Günel zu- > sammenhiclt. Vielleicht war diese Bewegung zufällig vielleicht wünschte er auch die Aufmerksamkeit seines Begleiters auf Herkules und den nemerischen Löwen zu lenken, welche in das Gold eingravirt waren. „Du vergißt", bemerkte Pollux, „daß ich ein Verehrer der olympischen Gottheiten bin, daß ich dem mächtigen Jupiter opfere." „Ich frage nicht nach Deiner Religion", entgcgnete Lycidas, meine Frage betraf diejenige der Hebräer, welche Dir wohl nicht unbekannt sein kann. Welches ist der Name des Gottes, den sie nicht verleugnen wollten, selbst um sich von Marter und Tod zu retten?" „Ich kann hier nicht länger zögern, edler Fremdling", war die etwas eilige Antwort des Pollux, „die Sonne ist untergegangen, und ich muß zur Stadt zurück; Antiochus verlangt meine Gegenwart bet dem Banket heute Abend." „Ich bin auch dazu gebeten, aber ich gehe nicht hin", sagte der junge Athener. „Blutvergießen bei Tage, Feste bei Nacht, Blut an den Händen, Wein an den Lippen; ich hasse, ich verabscheue diese Vereinigung svon Gemetzel und Fröhlichkeit. Gehe Du hin und erfreue Dich an der rauschenden Lustbarkeit im Palast des Königs. Wäre ich dort gegenwärtig, ich würde dann bei jenem Mahle die schattenhaften Gestalten jener herrlichen Matrone und ihrer Söhne sehen. Ich würde durch das Gelächter Stimmen hören, die da sängen von unerschütterlichem Vertrauen auf Gottes Gnade und von einer herrlichen Hoffnung auf Unsterb- blichkeit dort, wo kein Unterdrücker mehr sein wird." Und mit einem etwas erzwungen höflichen Gruß gingen der freie Grieche und der Schmeichler eines Tyrannen ihre verschiedenen Wege. — (Fortsetzung folgt.) —- Elternpstichten. „Es ist ganz unbegreiflich, wie schlimm die Kinder heutzutage sind!" Wer hätte diese Klage nicht schon einmal gehört, und wer hätte, wenn er dieselbe hörte, nicht zustimmend beipflichten müssen: „Ja, viele derselben sind schlimm, und Gott weiß, wie das noch einmal werden soll, wenn das heranwachsende Geschlecht nicht bald wieder in andere Bahnen gelenkt wird!" Wirklich sind viele Kinder heutzutage zum großen Theile gar nicht so, wie Kinder eigentlich sein sollen; aber daß es so ist, ist keineswegs gar so unbegreiflich, als es manchen kurzsichtigen, verblendeten Eltern bisweilen scheinen will. Die Ursache dieser traurigen Erscheinung liegt für Jeden, der sie bemerken will, ganz nahe am Tage, und wenn es dennoch genug Eltern gibt, welche dieselbe durchaus nicht zu entdecken vermögen, so liegt das keineswegs darin, daß sich der Grund des Uebels vor ihnen sorgfältiger verbirgt, als vor anderen Leuten, sondern einzig und Fritjof Uansen. /-M. ^Si -> - - SiW SMS ^ '71 U«s M W M! 1 E --E L'LR:NLT LLML MN IMX lSW M, ?«>->' WWMW MM SL, GNS M»Ä »IW«, MWM! WWtzIWSS LÄ- ML: kW»M M-ic Wiv -SrÄ^'- N Ä EE chUmM K ^r N- MZM ML N- rr L '— MG'WWI WS^MLSZLÄW MN -UM -7— .LE^' ^ZN »»»Mj lVLTNM ! »M 166 allein darin, daß sie den wahren und eigentlichen Grund als solchen nicht anerkennen wollen und lieber die fernst liegenden Umstände verantwortlich machen, ehe sie sich dazu verstehen mögen, mit sich selber zu Gericht zu gehen und sich zu fragen: „Tragen wir an den Unarten und Fehlern unserer Kinder nicht etwa selbst die größte Schuld, und ist die Erziehung und das Beispiel, sind die Lehren und Unterweisungen, die wir der Jugend geben, nicht ganz und gar dazu angethan, dieselbe in eine falsche Richtung hineinzutreiben?" Es gibt Eltern, die es bei jeder Gelegenheit mit einem gewissen Stolze aussprechen, daß die Jungen heute klüger seien als die Alten, daß die Rollen zwischen Kindern und Eltern fast vertauscht seien, und daß diese eigentlich von jenen lernen müßten, anstatt daß die Kinder, wie es sonst Ordnung gewesen, in den Eltern ihren natürliche Lehrer zu erblicken hätten. Wo das so ist — und es kommt häufig genug vor — wo die Kinder wirklich die Lehrmeister der Eltern und in unmittelbarer Folge davon die Tyrannen der ganzen Familie spielen dürfen, da muß mit Recht von einem unnatürlichen Zustande gesprochen werden, der weder für den einen noch für den andern Theil zum Guten ausschlagen kann, der in seinen Folgen eben so verderblich für die Kinder wie für die Eltern werden muß. Wohl ist das richtig, daß im Wechselverkehr zwischen Eltern und Kindern stets für beide Theile eine Gelegenheit zum Lernen geboten ist, und daß auch der vernünftigste Vater und die klügste Mutter erziehend und belehrend immer noch Manches erfahren können, wie ja der Mensch überhaupt niemals auslernt. Wo aber die Jugend mit ihrer frühreifen vorlauten „Weisheit" das ganze Haus in Bewunderung und Entzücken versetzen kann und Vater und Mutter sich freiwillig ihres Lehramtes begeben, weil sie ihrem gescheidten Jüngelchen oder ihrem zungenfertigen Töchterchen „doch nicht bekommen zu können" glauben, da ist das ein gefährlicher und ungesunder Zustand, ein Zustand, der es durchaus nicht mehr unbegreiflich erscheinen läßt, daß so viele Kinder so entsetzlich schlimm sind und Streiche verüben, welche dann die erschrockenen Eltern mit Angst und Be- sorgniß erfüllen. Wenn heuizutoge manche Kinder so frühzeitig schon „was zu sagen" haben, wenn das Geld in ihren Fingern blinkt, wenn sie naschen und für ihre „Bedürfnisse" selbst Diebereien verüben, wenn sie über „die dummen Alten" bald „hinaus" sind, wenn gar ein sechzehnjähriger Junge oder ein fünfzehnjähriges Mädchen sich das Leben nimmt „unglücklicher Liebe halber", was ja in neuester Zeit keineswegs mehr zu den Seltenheiten gehört, und wenn so ein Knirps, der von Rechtswegen der Zuchtruthe noch lange nicht entwachsen sein sollte, aus Eifersucht ins Wasser springt, oder sich eine Schlinge um den Hals legt, oder auch einen blutigen Racheakt an anderen Personen verübt: — Hand aufs Herz, Ihr Eltern, wen trifft denn in einem solchen Falle die größte Schuld, Euer mißrathenes Kind oder Euch selbst? Wahrlich, auf die Frage kann es nur eine Antwort geben, und die Antwort kann nimmermehr zu Gunsten derer ausfallen, die berufen waren, über des Kindes Seele zu wachen wie über seinen Leib und die moralische Gefahr von dem Pfande, welches ihnen der Himmel anvertraute, Ebensowohl und mit größerer Sorgfalt noch fernezuhalten wie die physische Gefahr! Die Eltern müssen sich stets ihrer Pflicht bewußt bleiben, der geistigen Entwickelung ihrer Kinder Schritt für Schritt nachzugehen und das Unkraut überall da, wo es sich einschleichen will, rechtzeitig auszujäten. Das aber wollen viele Eltern nicht, und nur jene sind zum Theile — aber auch sie nur zum Theile — zu entschuldigen, welche durch ihre harte Tagesarbeit von den Kindern meist ferngehalten werden. Aber dann müssen sie sich nach gethaner Arbeit und Sonntags, anstatt stets ins Wirthshaus zu gehen, um dieselben nach Möglichkeit und mit Eifer bekümmern. Viele Eltern aber, denen es ein Leichtes wäre, die falschen Begriffe ihrer Kinder gehörig zu berichtigen, die Irrthümer derselben durch ein näheres Eingehen auf ihre Anschauungen kennen zu lernen, um dieselben abzustellen — viele Eltern, denen dies ein Leichtes wäre, versäumen es in strafwürdiger Verblendung, weil ihnen eben das Wesen des Burschen, welcher so altklug spricht und „Alles am besten weiß" und dreist und spitzig sich überall mit seiner Weisheit hineinmischt, „zum Beweise" dient, daß der Junge ein überaus aufgewecktes Kind ist, dessen „naturgemäßer Entwickelung nicht vorgegriffen" werden dürfe! Und so entwickelt sich dann der Junge „naturgemäß", bis sich auf einmal zum Schrecken der Eltern herausstellt, daß die Entwickelung bei Lichte besehen doch eine sehr naturwidrige war und daß dem Jungen eine Leitung äußerst noth gethan hätte. Andere Eltern freilich können die Fortschritte ihrer Kinder nickt so genau kontrolircn, denn khncn gegenüber mag. der Junge in mancher Beziehung ilüger scheinen als sie selber sind. Aber doch auch nur in mancher Beziehung, denn die Erfahrung haben die Eltern jedenfalls immer voraus, und auch die richtige Erkenntniß, was gut und was böse ist. Wenigstens sollten sie diese voraus haben vor ihren Kindern; wo das nicht der Fall ist, da ist es allerdings sehr schlimm bestellt um den einen Theil sowohl wie um den andern. Jene Erkenntniß befähigt zuletzt jeden Vater und jede Mutter, wenn sie auch zu ihrer Zeit von all den schönen und großen Sachen noch nichts gehört haben, von denen jetzt die Kinder zu erzählen wissen, sich über den moralischen Werth oder Unwerth dieser Dinge ein Urtheil zu bilden und darnach immer noch belehrend und berichtigend einzugreifen, wo es irgend erforderlich und wünschenswerth sein sollte. Dann aber ferner: Wer trägt an den beklagens- werthen Verirrungen der Kinder die Schuld, diese oder die Eltern selbst, sofern letztere die rechte Lehre sparen und das gute Beispiel fehlen lassen und die Zuchtruthe als ein „veraltetes" Erziehungsmittel in den Winkel geworfen haben, dafür aber die Kinder mit- ins Wirthshaus und in den Tanzsaal, ja vielleicht gar in unsaubere Vorstellungen, in die Tingel-Tangel schleppen? Wenn die Kinder dann schließlich in Folge einer solchen Erziehung die Zahl der Verkommenen und Verlorenen mehren, dann mag vielleicht manchen Eltern zum Bewußtsein kommen, was sie an ihren Kindern verschuldet haben, aber dann ist alle Einsicht und jede Reue zu spät. Der Vorwurf der versäumten Pflicht aber wird als dauernder Stachel im Herzen jener Eltern sitzen und dasselbe noch empfindlicher verwunden, als das bittere Gefühl, welches die Lieblosigkeit der eigenen Kinder ihnen verursachen wird. Diese Lieblosigkeit aber ist die erste und unausbleibliche Strafe jeder sorg- und gewissenlosen Erziehung. 167 Der Krieg in Abefsynien. (Mit Illustrationen.) In der Märzschlacht bei Metemneh im Jahre 1889 fand König Johannes, der Negus Negesti (Hauptkönig) des christlichen Abcssyniens, einen ruhmvollen Tod im Kampfe gegen die fanatischen Mahdisten. Von den Nas oder Unterkönigen des Berglandes war Menelik von Schoa Jahres begann die Entscheidung zu nahen, wobei die Italiener eine Reihe ehrenvoller Niederlagen erlitten. Anfang Dezember erhielten die abessynischen SchaarenFühlung mit dem südlichsten Posten der Italiener, einem etwa 1200 Mann starken Bataillon eingeborener Truppen, die von europäischen Offizieren und Unteroffizieren geführt wurden und unter dem Kommando des Majors Pedro Toselli standen. Am 7. Dezember wurde dieses Bataillon auf dem Tafelberge (Amba) Aladschi von 20,000 Abesssyniern unter Führung von Nas Makonnen und Ras Mikael angegriffen. Nach heldenmüthigem Widerstand mußten die Italiener weichen, wobei Major Toselli fiel. Nun rückte das abessynische Heer vor, und es galt, den Feind aufzuhalten, damit der Befehlshaber der Kolonialtruppen, General Baratieri, dieselben sammeln und dem Feinde gegenüber eine günstige Stellung einnehmen konnte. Die Aufgabe fiel dem Major Giuseppe Galliano zu, der mit 1300 Mann Italienern und Eingeborenen, Makalle gegen den andringenden Feind vertheidigen sollte. Makalle ist die Hauptstadt der Landschaft Tigre. Hier ließ sich einst Negus Johannes von dem Piemontesen Naretti einen Palast erbauen, in dem später der von den Italienern vertriebene Ras Mangascha residierte. Beherrscht wird die Stadt durch das Fort Enda Jesu. Negus Menelik erschien vor Makalle an der Spitze von 70,000 Streitern, aber die tapfere Besatzuug hielt daS Fort vom 7. bis 21. Januar d. I. und schlug mit Todesverachtung mehrere Stürme ab. Erst als der letzte Wasservorrath erschöpft war, kapitulierte Galliano unter ehrenvollen Bedingungen. Es wurde ihm freier Abzug mit allem Kriegsmaterial bewilligt, und Ras Makonnen, der König der Landschaft Harrar, übernahm die Bürgschaft für sicheres Geleite der Vertheidiger Makalles bis zu den italienischen Linien. Galliano, der für sein tapferes Verhalten zum Oberstlieutenant ernannt wnrde, erreichte mit seiner Truppe glücklich Adigrat, wo General Major Toselli ch. General Varalieri. Gderstlteul. Galliano der mächtigste und schickte sich nun an die Würde des Hauptkönigs zu erlangen. Klugerweise suchte er die Freundschaft Italiens, das an der Küste des Rothen Meeres seine afrikanische Kolonie Erythräa gegründet hatte und auch Abefsynien unter seine Schutzherrschaft zu stellen trachtete. Wiederholt hatten sich bereits abessynische Waffen mit den italienischen gekreuzt, ohne daß einer der Gegner den entscheidenden Sieg errungen hätte. Menelik schloß Frieden mit Rom und erkannte die Schutzherrschaft Italiens an. Er ließ sich mit allem Pomp krönen, und die Italiener ergriffen Besitz von den nördlichen Ausläufern des abessynischen Berglandes. Sie begannen mit emsiger Rührigkeit an der Civilifirung des Landes zu arbeiten; sie bauten gute Straßen, befestigten die Städte, und italienische Ansiedler kamen nach Erythräa, um auf den Hochebenen Ackerbau und Viehzucht zu treiben. Diese Entwickelung der Kolonie wurde anfangs gar nicht durch einen diplomatischen Zwist berührt, der durch verschiedenartige Auslegung des Schutzvertrages veranlaßt wurde. Da sollte im Jahre 1894 der Friede jäh gestört werden. Ras Mangascha, der Unterkönig der Landschaft Tigre und ein natürlicher Sohn Meneliks, empörte sich gegen die Herrschaft der Italiener. Der Aufstand wurde zwar mit bewaffneter Macht niedergewo^ König Menelik von Abernten. U°- Makonnen von Horror, den Italienern besetzt, aber Ras Mangascha floh ^ ^ « " - ». zu seinem Vater und stachelte ihn sowie die anderen Unterkönige Abcssyniens zum Kriege gegen Italien auf. In der That sammelte Menelik ein starkes Heer und zog, von den Unterkönigen begleitet, gegen die italienischen Kolonialtruppen zu Felde. Die einzelnen Episoden dieses afrikanischen Krieges, dessen Ende noch nicht absehbar ist, erregten die Theilnahme der Welt weit über die Grenzen Italiens hinaus. Gegen Ende des vorigen Baratieri mit der Hauptmacht der Kolonialtruppen Stellung genommen hatte. Dicht auf dem Fuße folgte aber ihnen das große Heer Meneliks, und am 1. März kam es in der Nähe von Adua zu einer Schlacht zwischen den beiden Heeren der Abcffynier und der Italiener, welche mit einer gänzlichen Niederlage für die letzteren endete. Auf italienischer Seite hatten an dem Kampfe 168 15,000 Mann theilgenommen, die unter dem Oberbefehle des Generals Baratteri standen. Der vierfach überlegene Feind zwang die Italiener zu solch vollständiger Deroute, daß diese u. a. ihre gesammten Gebtrgs- batterien mit 60 Kanonen im Stiche lassen mußten. Gleich nachdem diese abermalige italienische Niederlage in Rom bekannt wurde, nahm das Ministerium Crispt seine Entlassung, und am 10. März trat ein neues Ministerium unter dem Vorsitz des Marchese Rudini zusammen. Das Colonialprogramm Rudini's lautet: Aufrechthaltung des afrikanischen Besitzstandes von 1891 und Zurückziehung der Truppen auf das Dreieck Massaua, Keren, Asmara, Anknüpfung guter Beziehungen zu allen abessynischen Häuptlingen, um einen durch den andern in Schach zu halten, Verzicht auf den Vertrag von Utschalli, ehrenvoller Frieden mit Menelik. Da auch die italienische Bevölkerung von einer Fortsetzung des unseligen Kolonialkrieges nichts wissen will, so steht zu hoffen, daß weiterem unnützen Blutvergießen in Afrika ein Ende gemacht wird. Zu unseren Bildern Fritjof Nansen, der Uordlandfahrer. Aus den Eisfeldern Sibiriens kam in den letzten Wochen die Kunde, daß es dem kühnen Norweger Fritjof Nansen gelungen wäre, das Ziel, für das schon so viele Tapfere ihr Leben gelassen, zu erreichen: der Nordpol wäre den Sterblichen nickt mehr unbekannt. Leider ist die Nachricht noch heute ohne Bestätigung, Nansen selbst ist noch fern von jedem Kulturland, aber daß er Botschaft vorausgesandt haben kann von seinem großen Erfolge, das wagt niemand ernstlich zu bestrei- ten. Ist die Meldung richtig, so hat der tapfere Mann in jungen Jahren Höchstes erreicht. Nansen steht heute in der Blüthe seiner Kraft. Er ist am 10. Oktober 1861 in der Nähe von Christian« geboren. Nachdem er in den Jahren 1880 und 1881 seine Universitätsstudien erledigt hatte, machte er im Sommer 1882 auf dem Seehundsfänger Viking seine erste Reise ins Eismeer. Dann übernahm er das Amt des Konservators am zoologischen Museum in Bergen. Aber es duldete den Thatenlustigen nicht bei seiner stillen bürgerlichen Beschäftigung. Er faßte den Plan, zu vollbringen, was noch niemand vor ihm gelang. So zog er im Mai 1888 mit fünf Gefährten aus, Grönland zu durchqueren. Nach mancherlei Irrfahrten an der durch das Eis versperrten Ostküste begann am 15. August vom Gyldenlövefjörd aus die Wanderung mit fünf Schlitten, und am 16. September erreichte sie bei Godthaab an der Westküste ihr Ende. Wohlbehalten hatte man die 490 Kilometer zurückgelegt, dabei Höhen von 3000 Meter überstiegen und Temperaturen von — 50 Grad Celsius beobachtet. Mit einem Schlage stand Nansen in der ersten Reihe der Nordlandfah- er. So wunderte sich niemand, als er einige Jahre später mit einem ganz neuen Plane, an den Nordpol zu gelangen, hervortrat. Er wollte sich von Neusibirien aus nördlich wenden, um den großen Eisstrom zu erreichen, der nach seiner Meinung von dort über den Pol hinweg nach der Ostküste Grönlands treibt. Von diesem wollte er sich einschließen und mitführen lassen, die Naturkräfte klüglich benützend, statt gegen sie anzukämpfen. Am 24. Juni 1893 verließ er auf dem zu diesem Zweck eigens gebauten Schiff „Fram" Christiania in Begleitung von vierzehn Gefährten und mit einer auf fünf Jahre berechneten Ausrüstung an Nahrungsmitteln. Bis Chabarowa an der Jugor'schen Straße, der letzten europäischen Station, wo Nansen eine Anzahl für die Expedition nothwendiger Hunde an Bord nahm, begleitete ihn sein Sekretär Christofersen. Dieser sah ihn am 3. August 1893 in das karische Meer Hinaussegeln, am 20. bat man ihn dort noch erblickt, und seitdem ist keinerlei Nachricht über den weiteren Verlauf und das Schicksal der Expedition nach Europa gelangt. Im August 1893 waren nach den Aussagen von Robbenfängern die Eisverhältnisse Nansens Vorhaben sehr günstig. Was ihm dann weiter zugestoßen ist, kann man allerdings nur vermuthen. Daß Nansen schon jetzt zurückzuerwarten sei, hat er selbst nicht in Aussicht gestellt, vielmehr die Dauer seiner Expedition auf vier bis fünf Jahre bemessen. Allein eS ist wohl denkbar, daß er die Fahrt zum Nordpol in kürzerer Zeit zurückgelegt hat, als er selbst in Aussicht nahm. Andererseits ist es auch möglich, daß er auf Hindernisse gestoßen ist und ein großes, weitausgedehntes Land angetroffen hat, das er nicht umschiffen konnte und das ihn zur Rückkehr zwang. Wer weiß es?I Jedenfalls aber wünscht alle Welt dem unermüdlichen Forscher den schönsten Lohn für seinen stolzen Wagemuth. _ Die größte Drauerei der Weil. Im Bereiche der Pabst'schen Brauerei zu Milwaukee^steht noch das wahrhaft liliputanische Holzhäuschen, in dem Jakob Best, der Begründer des Unternehmens, wohnte. Damals, 1844, zählte Chicago 5000 Einwohner, Milwaukee kaum halb so viele, so daß für's erste 200—300 Barrels Bier jährlich für den totalen Bedarf genügten. Mit der Stadt wuchs auch die Brauerei, und der Inhaber hatte bereits einen Jahresumsatz von 11,000 Barrels erzielt, als er seinen Schwiegersohn Fritz Papst, einen Thüringer von Geburt, als Theilhaber in seine Firma aufnahm. Papst hatte bis dahin als Dampferkapitän den Michigansee befahren, aber, obgleich nicht „vom Fach", griff er doch so zielbewußt ein, daß der Konsum stetig zunahm und die Brauerei öfter erweitert werden mußte. In neuerer Zeit ist sie in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und mit vollem Rechte „Pabst Brewing Company" genannt worden. Heute wird das Pabstbier in ganz Amerika getrunken, aber auch nach Asten, Afrika (Capland) und Australien verschickt. Die Leiter des Unternehmens führen deutsche Namen: Pabst, Schandein, Best, Falk und so weiter. Amerikanisch großartig produzirt es jährlich 1'/, Millionen Barrels — 2 Millionen Hektoliter Bier. Das in dem Hauptcomptoir aufliegende Fremdenbuch weist durchschnittlich 300 Eintragungen pro Tag auf, daher ist's nöthig, daß die Firma drei Leute zum Herumführen der Besucher hält. Zunächst geht's in das Maschinenhaus, wo die Dampfkraft und die kalte Luft für die Lagerräume erzeugt werden. Das Bier wird hier nämlich nur mittelst kalter Luft gekühlt, für die mächtige Eismaschinen sorgen, indem sie täglich ein Kälte-Aequivalent von 750 Tonnen oder 15,000 Zentner Eis hervorbringen. Weiß überfrorene eiserne Röhren absorbiren die in andern Maschinen- häusern oft so lästige Hitze und führen den Kältestrom dahin, wo man feiner benöthigt. Ein größeres Interesse erweckt das eigenartige Leben und Treiben in der Bottlerei, wo Bierflaschen gefüllt und versandtbereit gemacht werden. Auf Rädern, durch eine unsichtbare Kraft vorwärts bewegt, rollen große, mit leeren Flaschen gestillte Körbe heran, flinke Hände nehmen die Flaschen heraus und stellen dieselben unser Röhrenmündungen, aus denen das Bier nur so lange strömt, bis die Flaschen gefüllt sind. Während die gefüllten durch leere ersetzt werden, wandern erstere in beweglichen Flaschengestellen vor eine Maschine mit einer unablässig sich drehenden Scheibe, auf der je fechs Flaschen Platz finden. Nun beginnen die menschlichen Armen vergleichbaren Maschinentheile zu arbeiten, einer setzt den Kork auf, der zweite treibt ihn in den Flaschenhals, der dritte legt den Draht darum, und so geht's weiter, bis die Flaschen vollständig verkorkt, gedrahtet und verkapselt sind. Jede dieser Maschinen macht in einer Minute fünfundzwanzig Flaschen versandtbereit, und da sechs Maschinen beständig arbeiten, ist es der Brauerei möglich, jährlich weit über zwanzig Millionen Flaschen Bier zu versenden. Von der großartigen Ausdehnung der Mälzerei kann man sich ein Bild machen, wenn man hört, daß die Pabst Brewing Company jährlich 1,700,000 Bushels Malz, 10,000 Zentner Hopfen und 30,000 Zentner Reis verarbeitet. Der Reis dient zur Herstellung des sehr beliebten, außerordentlich hellen „böhmischen" Bieres. Mit dem elektrischenAufzug hinauf aufs „Observatorium", d. h. auf die Dachhöhe der Mälzerei, von der man einen herrlichen Blick auf Milwaukee genießt. Wie schön sie doch daliegt, die deutscheste Stadt Amerikas, einem duftenden Waldblumenstrauß vergleichbar, den der Michigansee sich an die Brust steckte. Um das eigentliche Geschäftsviertel schließt sich ein Kranz von Gärten mit hocheleganten Villen und unzähligen hübschen Holzhäusern im Kottrgestil. Die Villa Pabst und Villa Schandein sind die schönsten, und ganz Chicago hat keinen so gefälligen „Wolkenschieber" auszuweisen, wie ihn Milwaukee in seinem zwölfstöckigen „Pabstbau" besitzt. Derselbe enthält ein großes Restaurant, mehrere Kaufläden, eine Bank, sowie einige hundert Comptoii'räume, alles gut vermiethet. Auch das deutsche Stadttheater hat Pabst erbaut, und er verliert daran freiwillig Geld, indem er es einer tüchtigen deutschen Schauspielertruppe, die sonst nicht bestehen könnte, pachtfrei überläßt. Auch das „Künstlerheim", eine prächtige altdeutsche Bierstube, und das reizende Ausflugsziel „Whitefishbay" sind uneigennützige Pabst'fche. Gründungen. Christian Benkard. 23. Ireitag, den 20. März 189k. . ^ ^ ^ Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischsn Instituts von HaaS «c Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Zudas Makkaöäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) 2. Kapitel. Das Mitternächtliche Begräbnis?. Die Scene, welcher Lyctdas beigewohnt, hatte sein Gemüth in einen erregten, fieberhaften Zustand versetzt. Der kühle Abeudwind, welcher durch die Blätter der Olivenbäume säuselte, und die Einsamkeit wirkten erfrischend aus den Geist des jungen Griechen. Er warf sich in das Gras unter einen der Bäume, lehnte sich gegen den Stamm und blickte aufwärts zu den Sternen, welche wie Edelsteins den azurblauen Himmel zierten. „Ob die Geister jener Braven wohl jetzt aus einem dieser Himmelskörper herrschen?" dachte der Poet. „Oder find die Sterne selbst lebende Wesen, Geister, welche, befreit von den Fesseln des Irdischen, für immer dort oben am Firmament leuchten? Ich möchte mehr wissen von der Religion der Hebräer und jemand ausfindig machen, der mich in ihre Geheimnisse einweiht, wenn es einem Fremden überhaupt gestattet ist, sie zu lernen." Die Gedanken des Lycidas kehrten zu seinem Gedicht zurück und versuchten, die Ideen, welche ihm durch das Märtyrerthum, dem er beigewohnt hatte, eingegeben worden waren, in Verse zu bringen, aber er verzweifelte bald an diesem Versuch. „Poetische Ausschmückung würde die großen Umrisse einer solchen Geschichte nur verderben", sagte er zu sich selbst. „Wer würde Blumen graben auf Pyramiden, oder einen Obelisken, der zum Himmel zeigt, mit Gänseblümchen bekränzen?" Nach und nach bemächtigte sich der Schlaf des jungen Griechen, sein Kopf sank auf seinen Arm, seine Augen schlössen sich, und er schlummerte lange und tief. Da wurde Lycidas erweckt durch leise, unterdrückte Laute, den vorsichtigen Tritt vieler Füße, gedämpftes Geflüster und leises Rauschen von Gewändern in seiner Nähe. Der Athener öffnete seine Augen und erblickte von seinem hinter dichtverzweigten Olivenstämmen verborgenen Platze eine seltsame, ergreifende Scene. Der Mond, voll und rund, war eben ausgegangen, aber daS Laub der Bäume verdunkelte bisher noch den größten Theil seines Lichtes, seine Silberlampe hing nahe am Horizont, lange, schwarze Schatten über die Erde werfend. Mehrere Gestalten bewegten sich in dem schwachen Schein umher, wie eS schien, in eine Arbeit vertieft, welche Verborgenheit erheischte; denn keine von ihnen trug eine Fackel. Lycidas, still wie das Grab, beobachtete die Scene vor ihm mit einer Begierde, welche eine Zeit lang sein Gemüth so sehr einnahm, daß er darüber seine eigene, persönliche Gefahr ganz vergaß, obgleich er gewahr wurde, daß das Eindringen eines Fremden in diese ge- heimnißvollen, mitternächtlichen Vorgänge nicht allein sehr unwillkommen, sondern auch für ihn selbst gefährlich werden konnte. Die Gruppe der an jenem Orte versammelten Männer gehörte augenscheinlich dem hebräischen Volke an, und als die Augen des Lycidas sich mehr an die Dunkelheit gewöhnten und der aufsteigende Blond mehr Kraft hatte, sie zu durchdringen, fand er bald einen heraus, der der Führer und das Oberhaupt des Ganzen sein mußte. Nicht, daß seine Tunika und sein Mantel von reicherem Stoffe gewesen wären als der seiner Kameraden. Einfach und staubig von der Arbeit waren die Sandalen an seinen Füßen, und er trug den weißen Turban, den ein Feldarbeiter auch getragen haben würde. Aber niemals hatte ein Turban eine majestätischere Stirn umrahmt, und die in den Mantel gehüllte Gestalt hatte jene majestätische Würde, welche diejenigen auszeichnet, die zum Befehlen geboren sind. Der Tritt seiner Füße erinnerte Lycidas au den des Wüstenkönigs, und aus den dunklen, tiefliegenden Augen blickte die ruhige Seele eines Helden. „Hier sei der Platz, sagte der Anführer, indem er auf die Erde unter den nämlichen Zweigen deutete, gegen deren Stamm Lycidas seine Schläfe preßte und begierig sich vorbog, um zu beobachten und zu hören. Nicht ein Wort wurde geantwortet, aber die Männer gingen, nachdem sie ihre Oberkleider abgelegt hatten, an's Werk, um, wie es schien, ein weites Grab zu graben. Der Führer selbst warf seinen Mantel ab, nahm einen Spaten und arbeitete mit einem Eifer, welcher die ganze Kraft seiner mächtigen Glieder bei dieser niedrigen Arbeit zeigte. Alle arbeiteten in tiefem Schweigen, ohne inne zu halten, nur von Zeit zu Zeit horchten sie auf, wie Menschen, denen Gefahr einige Vorsicht auferlegt. Während sie fortfuhren zu graben, strengte Lycidas seine Augen an, um die Umrisse einer anderen einige Schritte davon entfernten Gruppe zu betrachten, obgleich welche von der ersteren getrennt, zu derselben Gesellschaft zu gehören schien. Zwei Gestalten saßen auf dem Boden. Die eine war in dunkle Gewänder gekleidet, die andere mit einem leinenen weißen Schleier bedeckt. Noch andere Gestalten in Weiß schienen auf dem Boden ausgestreckt zu sein. Lycidas betrachtete lange die Gruppe, und alle blieben regungslos wie Marmor, nur daß dann und wann die dunkle, weibliche Gestalt eine schwankende Bewegung vor- oder rückwärts machte, und daß mehreremale der verschleierte Kopf sich mit einer schnellen Bewegung umwandte, wie in Unruhe, wenn der Wind ein wenig lauter als gewöhnlich in den Blättern rauschte oder Laute aus der Stadt hinübertrug zu den empfindlichen Ohren der Frauen. Indessen ging daS Werk des Grabens stetig vorwärts, und der aufgeworfene Erdhaufen wurde groß; denn die Arme der Arbeiter waren stark und willig, und kein Mann hielt inne, um zu ruhen oder zu sprechen, außer einmal. Es war beinahe eine Erleichterung für Lycidas, endlich den Laut einer menschlichen Stimme zu hören von jenen phantomgleichen nächtlichen Arbeitern. Der, welcher sprach, war der am wildesten aussehende der Männer mit etwas von der Wildheit der Rasse JsmaelS in den Zügen, deren stark markirte Umrisse die hebräische Abstammung im ausgedehntesten Sinne des Wortes kennzeichneten. „Es liegt etwas in der Luft", sagte er, indem er sich auf seinen Spaten stützte und sich an den wendete, dem Lycidas innerlich den Namen „der hebräische Fürst" gegeben hatte, wegen der Vornehmheit und Hoheit seines BenchmcnS und der Ehrerbietung, mit welcher seine Befehle in Empfang genommen wurden. Keine Antwort erfolgte auf die Bemerkung, und der wild aussehende Jude sprach weiter: „Habt Ihr gehört, daß Apelles morgen nach Modin mit einem Auftrage des Tyrannen geht, die dortigen Einwohner zu zwingen, einem seiner verfluchten Abgötter zu opfern?" „Ist das wahr? Dann will ich vor Tagesanbruch nach Modin abreisen", war die Antwort. „Es möchte doch dem ehrwürdigen Mattathias lieber sein, wenn Du hier bliebest", bemerkte der erste Sprecher. „AbischatI wenn der Sturm losbricht, ist des Sohnes Platz bei seinem Vater", entgegnete der hebräische Fürst, und als er dies sagte, warf er einen Spaten voll Erde auf das Loch, welches, wie Lycidas nicht zweifelte, ein Grab werden sollte. Wieder ging die Arbeit stillschweigend vorwärts. Der Mond war über den Bäumen aufgegangen, bevor jenes Stillschweigen noch einmal, und zwar diesmal durch den Führer der Schaar, gebrochen wurde: „Es ist jetzt tief und breit genug, bringt jetzt die verehrten Todten!" Dem Befehle wurde sogleich Folge geleistet. Alle Männer, mit Ausnahme des Führers, welcher in dem Grabe stand, gingen aus die Gruppe zu, deren wir vorher Erwähnung gethan. Lycidas blieb wie angewurzelt an seinem Baume stehen, obgleich die Klugheit ihm rieth, diese günstige Gelegenheit zu benutzen, um sich in aller Stille davonzuschleichen. Der Grieche bemerkte nun, sich im Schatten haltend, wie auf der rohesten aller Todtenbahren, bestehend aus zwei Speeren, die durch Querhölzer aneinander befestigt waren, die eingehüllten Todten einer nach dem andern an den Rand des Grabes getragen wurden. Sie waren gefolgt von den beiden weiblichen Gestalten, welche bet den Todten Wache gehalten hatten, während das Grab gemacht wurde. Die erstere dieser beiden, eine große, stattliche Frau, deren zurückgestrichenes Haar im Mond- licht wie Silber erglänzte, zeigte noch die Spuren einstiger Schönheit in ihrem Gesichte. Ernst und traurig stand die hebräische Matrone an dem Grabe der Märtyrer, keine Thräne in ihren Augen, die wie von prophetischer Eingebung glänzten. So würde die Debora wohl gestanden haben, hätte Sissera den Sieg errungen, um den Todtenschleier über Israels Erschlagene zu breiten, anstatt die Eroberer bei ihrer Rückkehr zu begrüße». Die andere Gestalt, kleiner und außerordentlich anmuthig in ihren Bewegungen, hielt sich etwas zurück und blieb dicht verschleiert. Lycidas bemerkte, daß die Augen deS Führers die verschleierte Gestalt, als sie sich näherte, mit einem weichen, etwas ängstlichen Ausdruck beobachteten. Dies war jedoch nur für einige Augenblicke, dann aber widmete er seine Aufmerksamkeit dem frommen Werke, mit welchem er beschäftigt war. Noch in dem Grabe stehend, empfing der Anführer die todten Körper, einen nach dem andern, von den Männern, welche sie nach dem Beerdigungsplatze getragen hatten. Er nahm jeden Körper in seinen mächtigen Arm und legte ihn ohne Hilfe in die letzte Ruhestätte nieder, so sanft, als ob er einen Schläfer auf sein weiches Kissen legte, welchen er aufzuwecken fürchtete. Lycidas gewann einen Blick in das blasse, ruhige Gesicht einer der verdeckten Gestalten, aber er bedurfte nicht dieses Blickes, um zu fühlen, daß diejenigen, deren Ueberreste so geheimnißvoll von ihren Freunden und Verwandten mit Gefahr ihres eigenen Lebens beerdigt wurden, dieselben waren, deren Märlyrerthnm er mit so tiefem Unwillen beigewohnt hatte. Lycidas wußte genug von dem syrischen Tyrannen, um ermessen zu können, wie gewagt und schwierig es sein mußte, so viele Körper seiner Opfer vor der Schande zu schützen, den Hunden oder Geiern überlassen zu werden. Die Ergebenheit der Lebenden, sowie das Märtyrerthum der Todten gab jenem mitternächtlichen Begräbniß einen Vorzug, den kein irdischer Pomp ihm beigelegt haben würde. Der Geist des jungen Atheners glühte von edlem Mitgefühl, und obgleich er von hoher Abstammung war, würde er es für eine Ehre gehalten haben, das Grab für jene acht Hingerichteten Juden mit helfen graben zu dürfen. Die Bestattung verlief im tiefsten Stillschweigen, außer was die Matrone anbetraf, deren feierliche Worte eine passendere Seelenmesse für die Märtyrer waren, als die lautesten Klagen gemietheter Leichenbegleiter gewesen sein würden. Als der Anführer jeden todten Körper in seinen Armen empfangen hatte, sprach die Matrone einige kurze Worte darüber in einer Sprache, die, vermischt mit dem Chaldäischen, seit ihrer Väter Zeit bei den Juden Sitte war. Ihre Gedanken kleideten sich, als sie denselben Ausdruck gab, in nicht vorher überlegte Poesie. Der Athener konnte weder ihre Worte verstehen, noch ihre Anspielung auf das Vergangene; aber ihre majestätischen Bewegungen und der melodische Ton ihrer Stimme ließen ihn aufhorchen, als ob er den Orakelspruch einer begeisterten Priesterin hörte. „Wir wollen nicht laut um Dich, mein Sohn, wehklagen, noch unsere Kleider zerreißen, nicht uns in Sack und Asche setzen, noch Staub auf unsere Häupter wer- fen. Er, der Dir das Leben nahm, hat auch unsere Thränen hinweggenommen, aber Du ruhest nun in Abrahams Schooß, wo der Tyrann Dich nicht mehr erreichen kann. Du bist vom Bösen hinweggenommen. Du siehst nicht mehr, wie Jerusalem niedergetreten ist von den Heiden, noch die Gräuel der Verwüstung im Heiligthum des Herrn. Wie Jsaak auf den Altar gelegt wurde, so gabst Du Deinen Leib dem Tode, und Dein Opfer ist angenommen worden. Wie das dürre Holz von AaronS Ruthe, welche, abgeschnitten von dem Stamme, auf welchem sie gewachsen war, dennoch grünte und Früchte trug, so wirst auch Du, der Du in der Fülle Deiner Jugend abgeschnitten bist, für immer in unserm Gedächtniß blühen. Die heiligen drei Knaben gingen unversehrt in den feurigen Ofen, der siebenmal geheizt war. Er, der mit ihnen war, ist sicherlich auch mit Dir; und der Engel des Todes hat Dich vom Feuer unverletzt hinweggeholt, ausgenommen diese Bande des Fleisches, die der freie Geist dahinter gelassen hat. Einen todten Körper zu berühren, wird sonst für Befleckung gehalten; den Deinen zu berühren, sehe ich eher als eine Heiligung an. Denn es ist ein heilig Ding, welches Du freiwillig Deinem Gott geopfert hast.« (Fortsetzung folgt.) -« . 4 - * . »,—,- Quellen und Brunnen in Beziehung zur Kunst und Geschichte. Von Max Fürst. (Schluß.) Kaum keimten an den unteren Wasserabläufen des Wittclsbacher-Brunnens die ersten grünen Algen', als ein muthwilliger, bronzcgrüner Junge an einem anderen Brunnen die Gemüther vieler Münchener und Münche- nerinnen in erneute Aufregung versetzte. Wie man früher einmal von Seite der hohen Polizei die leibhaftigen Jungen des bekannten Malers Diefcnbach ob ihrer weitgehenden Vergehen gegen die Klciderordnnug energisch zur Ordnung rief, so wurde in jüngster Zeit auch der Erz- Schlingel des Bildhauers Gasteiger des gleichen Vergehens wegen zur Anzeige gebracht und zur Rechenschaft gezogen. Zur Entschuldigung des letzteren Jungen ließe sich immerhin manch' triftiger Grund ausfindig machen; zunächst sicherlich der, daß man dem Knaben nicht die leiseste Absicht anmerkt, er wolle irgend Jemanden verstimmen. Außerdem ist es ja hinlänglich bekannt, daß Leute, die im und am Wasser sich zu schaffen machen, in der Regel etwas legere sich bewegen. Man kann dieses ganz besonders am Strande von Neapel sehen, von dem wir Münchener allerdings — besonders in der Winterszeit — sehr weit entfernt uns fühlen. Diese thatsächliche Entfernung des so viel gepriesenen Südens glauben nun — und sei es auch nur zum Scheine — viele Bildhauer und Maler dadurch mindern zu müssen, indem sie mit Vorliebe in ihren Werken die fragliche Südlands-Mode des theilweisen oder gänzlichen Kleidermangels zur Verwerthung bringen. Dieser Künstlerbrauch ist jedoch nicht von heute und nicht von gestern. Gerade im benachbarten Augsburg, der altberühmten Stadt, aus welcher die Weiser stammen, zeigen mehrere prächtige Brunnen sehr stark südliche Sitte und Mode. Wir erinnern zunächst an die Gestalten, welche auf dem von Adrian de Erics geschaffenen Herkules-Brunnen Platz genommen haben. Dort macht sich u. a. eine kleidn- scheue Frau damit zu schaffen, die Wasserfeuchten Strähnen ihres Haares auszuwinden — dennoch hat in diesem AugSburger Brunnen bisher noch Niemand ein Haar gefunden. Was den Gasteigerbrunnen anbelangt, so wundert mich in allem Ernste nur das Eine, daß der Name des Künstlers, der das Werk gespendet, nicht einen Fingerzeig geboten hat, den Brunnen dort aufzustellen, wo er sicher am günstigsten gewirkt hätte — in unseren herrlichen Gasteig-Anlagen. Dort würde er, seinem ganzen Wesen entsprechend, einen mehr arkadischen Landschastsrahmen gefunden haben, als im prosaischen Alltagsgetriebe des lärm- erfüllten Karlsplatzes. Genugsam haben wir bisher die engen Bande erörtert, welche die Bildhauerei mit dem Wasser verketten. Viel mehr noch als die bildende Kunst hat sich aber — wie wir dieses schon im Eingänge flüchtig angedeutet — die Dichtkunst mit dem Wasser in Beziehungen gesetzt, so daß es wohl am Platze ist, schließlich das Augenmerk noch etwas näher diesem poetischen Verhältniß zuzuwenden. Die begnadete Schaar derer, die durch einen Trunk vom kastalischen Quell Begabung und nicht selten auch Unsterblichkeit sich geholt, hat wohl vor Allem Ursache, das hohe Lied von der Bedeutung des Wassers anzustimmen. Allerdings ist die Verehrung, welche die Dichter für das Wasser hegen, meistens sehr platonischer Natur. Wenn Pindar singt: „Das Beste ist das Wasser", so wissen wir doch nicht genau, ob er dasselbe Hiebei als Getränke im Ange hatte. Zumeist bietet das Wasser den Dichtern nur die Bilder, um ihre Ideen und Gedankenfluthen zu verkörpern. Die ganze, volle Wasserscala der Welt, vom Tropfen an, der als Thauperle auf der Blume oder als Thräne im Menschenauge glänzt, bis hinauf und hinaus zum unermeßlichen Ocean, ist schon viel hundert- und tausendmal in das Reich der Dichtung hereingezogen worden. Am wenigsten sparsam mit dem Wasser belieben vor Allem die sogenannten Weltschmerzdichter umzugehen. Noch ist der Hydrometer nicht construirt, der die Wassermengen anzugeben vermöchte, welche oft schon ein einzelner Dichter dieser Gruppe verbraucht hat. Kleine und große Geister tummeln sich mit eigenartiger Vorliebe an und über dem Wasser, gleichsam als wie ein Reflex von jenem Geiste, der am Anfange der Dinge über den Wassern schwebte. „Wie die Säule des Lichts auf des Baches Welle sich spiegelt", so glitzern und schimmern thatsächlich die dem Wasser entlehnten zahllosen Bilder. „Fließend Wasser ist der Gedanke", sagt E. Geibel, und der im Erfassen aller Erscheinungen so mächtige Goethe spricht die schönen Worte: Des Menschen Seele Gleicht dem Wasser; Vom Himmel kommt es, Zum Himmel steigt es. Ein anderer Satz: „Alles was oben ist, spiegelt das Wasser", wird sicher von Jedermann als eben so wahr anerkannt. Im Hinblick darauf konnte Johannes Schrott die hochpoetische Aeußerung machen: Das Wasser ist der Sonne Braut, In dem sie liebend sich beschaut! Allerdings gibt es auch Wasserläufe, zu denen kein Sonnenstrahl grüßend hinabdringt, Wasserläufe, von denen man gut thut zu sagen: Begehre nie und niinmer zu schau'n, ' Was die Götter bedecken mit Nacht und mit Grau'nl Wir detiken da nicht bloß an grauenvolle Meeres- tiefeu oder an die geheimnißvoll fließenden Wasser in den Höhlen des Karstes, wir denken da zunächst auch an die riesigen, mit modernem Schwemmsystcm versehenen Kanal- netze, wie sie jetzt unterirdisch fast alle größeren Städte durchziehen. Neidlos überläßt hier der ehrgeizigste und habsüchtigste Mensch den Wassern der Tiefe eine Aufgabe, die eine der gewaltigsten ist, welche geheime Naturkräste zu lösen vermögen. Merkwürdig, was die Herren Gelehrten, was Professor Pettenkofer und seine Schüler in langen, umfassenden Darlegungen über die so überaus verdienstliche Thätigkeit des Wassers hinsichtlich seiner Selbstläuterung uns sagen; das hat der letzterwähnte Dichter I. Schrott schon vor Jahren in ganz wenigen, einfachen Worten zum Lobe des Wassers ausgesprochen: Mag auch die Erde viel an ihm verüben, Sie kann dasselbe niemals lange trüben. Da schon manchmal ein kräftiges Dichterwort ebenso überzeugend gewirkt hat, als die gelehrtesten Thesen, so sei obiges Citat — der Dichter wird es uns wohl verzeihen — zur besonderen Beruhigung isarabwärts gerufen, von wo so Viele noch mißtrauischen Blickes nach jenem dunklen Punkte schauen, der auf Fröttmanings schweigsamen Gefilden die Stelle kündet, wo Münchens Orkus seinen Ausgang nimmt. Wenn somit in der letzt vorgeführten, gar heiklen Angelegenheit eine merkwürdige, erfreuliche Uebereinstimmung des Poeten mit dem Physiker zu constatiren ist, so ist es um so erklärlicher, daß aus der Verwerthung des Wassers von Seite der Dichter auch andere Disciplinen, vor Allem die Pädagogik und Mora- listik, besonderen Gewinn zu ziehen vermocht haben. Abgesehen von der einzigen — überdieß nur von überängstlichen Leuten betonten — üblen Eigenschaft: daß das Wasser „keine Balken" hat, sind die weisen Lehren und Nutzanwendungen, welche aus dem Wasser gezogen werden können, in der That unversiegbar. Daher mag es auch kommen, daß fast alle Wortbezeichnungen, welche auf das Wasser Bezug haben, auf die mannigfachen Erscheinungen des menschlichen Geistes- und Gemüthslebens übertragen werden konnten. Auch bei umfassenden Lehrgedichten, bei literarischen Zeit- und Sittengemälden früherer Zeiten mußte als geeignete Basis zur Entfaltung der Gesammtidec mehr- fach das Wasser herhalten. Erklärt doch Sebastian Brandt in der Vorschrift zu seinem berühmten „Narrenschiff", daß er für den Transport seiner verrückten Schaaren den Wasserweg gewählt habe, weil die Landwege viel zu ungenügend sich erweisen dürften, um alle Narren entsprechend befördern zu können. Ob wohl die Narren im Sinne Seb. Brandt's heute weniger geworden? Ich bezweifle es. — Welche Anerkennung, welch' anspornende Ermuthi- gung für die Thätigkeit aller Kanalvereine ist nicht in der Anschauung Brandt's geboten! Bei solch'ausgiebiger Propaganda für Wasserstraßen, wie sie im besagten „Narrenschiff" zu Tage getreten, dürften wohl noch nachträglich alle Kanalvereine der alten und der neuen Welt den ehrengeachteten Herrn Sebastian Brandt zu ihrem Ehrenmitglieds ernennen. — Auch Schiller hat in einem Vielsagenden Distichon das Wasser gewissermaßen zur Grundlage gewählt, um einen ernsten und wahren Gedanken daraufzustellen: An den Ocean schifft mit tausend Masten der Jüngling, Stm im geretteten Boot treibt in den Hafen der Greis. ^Prägnantster Ausdruck, als er hier geboten, kann dem Riesenkapitel der Enttäuschungen und zerronnenen Hoffnungen wohl nicht mehr geliehen werden. Vielleicht sind meine verehrten Zuhörer heute ebenfalls um eine Enttäuschung reicher geworden, indem sie in dem Glauben hieher gesteuert, ein trautes Eiland behaglicher Unterhaltung hier vorzufinden. Wenn demnach diese oder jene meiner Ausführungen, mancher Erguß meiner Laune Ihnen wenig oder nicht zugesagt, so kann ich trotzdem nicht empfehlen, daß Sie Wasser aus dem Lethestrom darübergießen. Schon aus sanitären Gründen ist es nicht mehr angezeigt, diesem Wasser sich zu nahen, denn es ist schon zu viel — und manchmal recht unappetitliches Zeug — in dasselbe versenkt worden. Ich will daher ein anderes Mittel erproben. Da ja schon einmal ein bedeutender Dichter einige seiner Verse einfach selbst energisch abgewiesen hat, so kann ich um so leichter dessen Worte mir aneignen, indem auch ich meinen Ausführungen zurufe: „Ihr wart ins Wasser eingeschrieben, Eo fließt denn auch mit ihm davon!" -- KLLeNÜetz. Ueber das Wachsthum einzelner Baum- arten sind, der Freis. Ztg. zufolge, im Garten des Hospitals zum Heiligen Geist in Berlin interessante Beobachtungen gemacht worden. Es wurde dort eine größere Zahl von Baumarten in durchweg 4 Centimeter starken Exemplaren vor zehn Jahren in Sandboden eingepflanzt. Das größte Wachsthum zeigten die Pappelarten. Die Balsampappel (?oxu1us lmlrmmikörg.) erreicht eine Höhe von 14 Meter und einen Durchmesser von 33 Centimeter bei 0,50 Meter Höhe, die Silberpappel (k. Äi-ssöutsa) eine Höhe von 11 Meter bei einem Durchmesser von 32 Centimeter. Bei der kanadischen Pappel (k. cmrmäsimio) betrug die Höhe 12 Meter, der Durchmesser 32 Centimeter. Am schnellwüchsigsten neben den Pappeln erwiesen sich die verschiedenen Ahorne und die amerikanische Nüster (Ulmns amsrivLna). Die entsprechenden Maße stellen sich bei der letzteren auf 10 Meter und 25 Centimeter, beim eschenblättrigen Ahorn (Xosr Äe§unäc>) auf 8 Meter 17 Centimeter, auf 10 Meter und 25 Centimeter beim rauhfrüchtigen Ahorn (L. äaszeaarxrim) und Spitzahorn (X. platanoiciss); dieselbe Höhe erreichte der gemeine Ahorn (^.. I'ssuäo- xlntanrm) bei einem Durchmesser von 18 Centimeter. Die Beobachtungen ergaben zugleich lehrreiche Aufschlüsse über den Empfindlichkeitsgrad der verschiedenen Baumarten gegen enge Pflanzung. Linden erreichen im Gebüsch nur acht Centimeter, freistehend dagegen genau den doppelten Durchmesser, die Akaze desgleichen 12 Centimeter bezw. 17 Centimeter, die Roßkastanie 8 Centimeter bezw. 20 Centimeter. Das langsamste Wachsthum zeigten l^inrocrlaäus und Praxirmo (Eiche); diese brachten eS durchweg nicht über einen Durchmesser von 8 Centimeter. Die Gewichtszunahme war bei allen Baumarten eine gleiche; es wurde etwa das Hundertfache des Ursprünge lichen Gewichts erreicht. * Frage: „Was ist für ein Unterschied zwischen einem Reifenspiel und dem Examen?" — Antwort: „Im Reifenspiel fallen die Reifen durch, im Examen die Unreifen." —— -HZUSA--— « 24 . Samstag, den 21. März tt 1896. -kür die Redaction verantwortlich: Vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Zudas MakkaSäus, Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. ColoniuS. (Fortsetzung.) Mit besonderer Zärtlichkeit hauchte die Matrone ihr Requiem über den siebenten Körper, als er zu den übrigen gelegt wurde. „Du Jüngster und am meisten Geliebter Deiner Mutter, Du Blume des Frühlings, Du sollst in Frieden schlummern an ihrer Seite. Ihr liebtet Euch innig im Leben, und im Tode sollt Ihr nicht getrennt werden." So äußerlich ruhig hatte die Matrone, ihren Kummer beherrschend, ihre letzten Worte über die todten Körper der hingeopferten Brüder gesprochen. Aber in ihrer Wehklage über die Mutter der sieben Brüder lag eine Bitterkeit des Schmerzes, welche Lycidas jedes Wort wie Blutstropfen, die sich losrangen von dem Herzen der Sprecherin, erscheinen ließ. „Gesegnet, dreimal gesegnet seist Du, meine Schwester Salame! Sieben Söhne hast Du geboren und unter ihnen nicht einen, der seinen Gott verleugnet hat! Dein Diadem bedarf keines Edelsteines! Gesegnet ist sie, die Mit ihren Söhnen sterbend zu ihrem Gölte sagen konnte: „Siehe, hier bin ich und die Kinder, die Du wir gegeben hast!- Und als die Matrone ihre Klagen beendet hatte, raufte sie ihr Haar, zerriß ihre Kleider und beugte ihr Haupt mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes. Da nun alle Körper in ihr Grab niedergelegt waren, stieg der Anführer heraus und trat zu seinen Gefährten. Da redete Abischai ihn an: „Hadassah hat ihre Wehklage beendet, Sohn des Phinehas, Nachkomme Aarons, deS Hohenpriesters, hast Du kein Wort zu sagen über das Grab derjenigen, die in ihrem Glauben starben?" Der Anführer hob seine rechte Hand zum Himmel und sprach leise jene Verse aus dem Jesaia, welche jenen, die in jener Periode lebten, geheimnißvoll wie auch trostvoll erscheinen mußten. „Aber Deine Todten werden leben und mit dem Leichnam auferstehen. Wachet auf und rühmet, die Ihr lieget unter der Erde; denn Dein Tau ist ein Tau des grünen Feldes, aber das Land der Todten wirst Du stürzen." «— Die Worte jener glorreichen Verheißung schienen Hadassah aus ihrem Kummer zu erheben. Ihr gebeugtes Haupt auflichtend, sah sie ruhig und verklärt aus. Indem sie sich zu dem neben ihr stehenden Mädchen wandte, sagte sie: „Wir können für diese, unsere geliebten Todten kein Näncherwerk brennen, aber Du, Sarah, mein Kind, hast Blumen mitgebracht, deren Wohlgeruch wie Weihrauch aufsteigen wird; wirf sie in daS Grab, bevor wir eS schließen." Gehorsam dem Befehl ihrer alten Verwandten glitt das Mädchen, zu dem Hadassah gesprochen, an den Rand des Grabes und warf einen duftenden Blüthenregen hinein. Da nun bei dieser Bewegung ihr Schleier sich etwas zurückschob, sah Lycidas den Schimmer eines Gesichtes, dessen Lieblichkeit alles, was der Poet jemals in seinen Träumen gesehen, übertraf. Der volle Strahl des Mondes fiel auf das Gesicht der schönsten aller Töchter Zions. Ihre langen, dunklen Augenwimpern gesenkt und von Thränen feucht, vollführte sie gegen ihre todten Verwandten diesen einfachen Akt der Ehrfurcht. Dann erhob Sarah ihre Augen mit einem kummervollen, süßen Ausdruck, der sich aber plötzlich in Schrecken verwandelte. Sie fuhr zurück, und ein leiser Schrei entwand sich ihren Lippen. Das Mädchen hatte den Fremden, der sich in den tiefen Schatten bückte, erblickt ihr Auge war dem seinen begegnet, eine Verborgenheit war nunmehr unmöglich; Lycidas war entdeckt. 3. Kapitel. Leben oder Tod. „Ein Spion! ein Verräther! Werst ihn nieder — haut ihn in Stücke!" Das waren die Rufe, die nicht laut, aber schrecklich, wie Donner auf Blitz dem Aufschrei der Sarah folgten. Kalter Stahl schimmerte im Mondlichte. Lycidas, der bisher kaum an seine eigene persönliche Gefahr gedacht hatte, sah sich nun plötzlich von einer wüthenden Bande umgeben, die Waffen gegen ihn erhoben, um ihm das Leben zu nehmen. Mit dem Instinkt der Selbsterhaltung sprang der junge Athener vorwärts, umfaßte die Kniee des Anführers und rief: „Kein Spion! Kein Syrer! Kein Feind! Wie Du auf Gnade hoffst in Deiner Todesstunde, höre mich an!" Dann beschämt, bei etwas ertappt worden zu sein, was ihm für feige Furcht ausgelegt werden konnte, sprang der Grieche, nach Athem haschend, in die Höhe und erwartete beim nächsten Athemzuge den Dolch in seiner Seite und daS Schwert an seiner Kehle zu fühlen. „Haltet ein — laßt ihn sprechen, bevor er stirbt!" 174 Bei diesem Commandowort führe» die Klinge» in die Höhe, und wie Leoparden auf dem Sprunge umgaben die Hebräer ihren Gefangenen, um die Möglichkeit seiner Flucht zu verhindern. „Was kannst Du zu Deiner Vertheidigung sagen, junger Mann? fragte der Anführer in ruhigem, ernstem Tone. „Kannst Du leugnen, daß Du als ein Spion einer Scene beigewohnt hast, die, wenn Du sie verräthst, für unser Leben gefährlich werden kann?" „Ich bin ein Grieche, ein Athener", erwiderte Lycidas, welcher seine Selbstbeherrschung wiedergewonnen hatte und nun instinktmäßig fühlte, daß er von der Gnade eines Mannes abhing, der wohl ernst und gerecht, aber niemals übermäßig grausam sein würde. „Ich bin hier, aber nicht als Spion, — nicht, um mit Späheraugen Eure feierliche, heilige Handlung anzuschauen. Durch Zufall an diese Stelle geführt, übermannte mich unter diesem Baume der Schlaf. Ich wollte lieber meine rechte Hand, ja, sogar mein Leben hingeben, als daß ich eine so edle Handlung verrathen sollte." — „Willst Du ihn anhören, den heidnischen Hund, den Sohn des Belial, den lügenden Heiden?" rief Abischai, dessen glänzende weiße Zähne und flammende Klugen ihm beinahe eine wolfähnltche Wildheit verliehen, die gut zu seinem Geschrei nach Blut paßte. „Er war gegenwärtig — ich weiß es — als unsere Brüder hingeschlachtet wurden. Er sah ihre schreckliche Marterl — Mißt ihn in Stücke! — Setzt Eure Fersen auf seinen Nacken! — Er hat sich über den Tod der Gerechten gefreut!" "„Nein!" rief Lycidas mit Heftigkeit, „ich rufe zum Heugen den —" „Stopft ihm die Lästerzunge Mit dem Stahl!" j rief Abischai wüthend. „Laßt ihn nicht unsere Ohren mit dem Namen der Götter beleidigen, welche er anbetet! Haut ihn nieder, jenes Grab kann noch einen Körper aufnehmen — das Blut unserer Brüder schreit um Rache!" Mehrere Stimmen wiederholten diese ungestüme Forderung, aber mitten in diesem wilden Nachegeschrei hörten die Ohren des Lycidas und des Anführers den / schwachen Ausruf des Mädchens: „O, Judas, habe Er- i barmen, schone ihn!" Noch hielt die ausgestreckte Hand des Führers ' allein die wüthende Bande zurück, welche ihr wehrloses Opfer niedergehauen haben würde. Aber da lag auf der Stirn des FührerS noch ein banger Zweifel. Nicht, daß er sich von der blutigen Forderung des Abischai beeinflussen ließ, sondern er überlegte für sich und seine Gefährten die Größe der Gefahr, wenn er den Gefangenen frei ließ. Lycidas fühlte, daß sein Schicksal an den Lippen dieses ruhigen, fürchterlichen Mannes hing, und war beinahe von dieser Thatsache befriedigt. Ein Wunsch stieg in dem Innern des Griechen auf: „Wenn ich sterben muß, so sei es durch diese Hand." „Fremdling", begann der Sohn des MattathiaS, ^ und bei dem Ton seiner Stimme schwieg der Tumult, alle standen still, um zu hören. „Ich zweifle nicht an f Deinem Wort, ich dürste nicht nach Deinem Blut. Wäre ^ nur mein eigenes Leben in Gefahr, nicht ein Haar auf Deinem Haupte sollte Dir gekrümmt werden; aber an Deinem Stillschweigen über das, was Du heute gesehen, hängt die Sicherheit aller hier Versammelten, selbst diejenige dieser Töchter Zions; denn der Tyrann schont unsere Frauen nicht. Wir haben nicht die Macht Gefangene festzuhalten — würdest Du angesichts dieses Märtyrergrabes im Stande sein, uns Grausamkeit vorzuwerfen, wenn wir uns für jenen Weg entschieden?" Lycidas begegnete, ohne zurückzufahren, dem ruhigen ernsten Auge des Sprechers, aber er konnte die Frage nicht beantworten. Er wußte, daß unter ähnlichen Umständen weder Grieche noch Syrer vorher gezögert, noch nachher Gewissensbisse bei einer That gefühlt haben würden, die sie als erste Nothwendigkeit erachteten. Die beredten Lippen des Dichters hatten kein Wort, für sein Leben zu bitten. „Warum noch Worte verschwenden?" rief der wilde Abischai aus. „Warum zögerst Du noch, Judas? Man sollte Dich kaum für den Sohn des PhineaS halten, der sich dadurch unsterblichen Ruhm erwarb, daß er Simri und CaSbi mit einem Stoße durchstach. Dein Auge darf nicht bemitleiden. Deine Hand darf nicht schonen, Schuld liegt auf Deinem Haupte, wenn Du diesen gehen läßt. Wurden nicht die Kananiter im Lande ausgerottet? Wer heißt uns die Hand zurückziehen, wenn der Herr selbst die Beute unseren Schwertern überliefert?" „Ich thue es — ich!" rief Hadassah, indem sie an den Rand des Grabes trat, welches sie und ihre Enkelin von den hebräischen Männern und ihrem Gefangenen trennte. „Schäme Dich, Abischai, Mann des Blutes, Du, obgleich der Gemahl meiner verstorbenen Tochter — ich wiederhole, Schande über Dich, daß Du den Namen des Herrn mißbrauchst, um Deinen Rachedurst damit zu beschönigen! Höre mich, Sohn des Matta- thias, Ihr Männer von Juda, höret mich! Der Allbarmherzige heißt mich sprechen, und ich kann Mich nicht enthalten, Euch die Worte zu verkünden, die er mir selbst in den Mund legt.",, Die Matrone stand augenscheinlich bei den Anwesenden in hohem Ansehen. JudaS war mit ihr durch die Bande des BluteS verwandt und Abischai durch Heirath. Zwei der anderen fünf Hebräer waren in glücklichen Tagen ihre Diener gewesen; aber es war hauptsächlich die Hoheit in Hadassahs Charakter, die ihren Worten Gewicht gab. Die verwittwete Frau wurde beinahe als eine Prophetin betrachtet, die mit Weisheit von oben erleuchtet war. Ihre Forderung mochte wohl nicht einleuchten, aber sie wurde mit Respekt angehört. „Der Kananiter wurde aus dem Lande vertrieben," sagte Hadassah; „Seba und Zalmuna wurden erschlagen, Casbi und Simri mit einem Wurf getroffen, aber diese waren Sünder, und ihr Maß des Bösen war voll. Die Schwerter Israels führten nur Gottes gerechten Rachebefehl über sie aus, ebenso wie die Wellen des Meeres den Pharao überwältigten und die Sündfluth eine Welt von Bösewichtern. Aber der Gott der Gerechtigkeit ist auch ein Gott der Gnade, langsam zum Zorn und voller Güte. Er nennt die Rache fein, — sein eigenes Werk. Er hat seinem heiligen Diener zu predigen befohlen: „Freue Dich über den Fall Deines Feindes nicht, und Dein Herz sei nicht froh über seinem Unglück." „Ein Feind, im Hause Israels geboren, nicht ein niedriger Heide", murmelte einer der Männer. „Hat der Herr nur die Juden erschaffen, nicht 175 — auch die Heiden?" rief Hadafsah. „Du sollst einen Fremden nicht bedrücken, sagte der Herr. Lebt nicht Hobab, der Medianiter, unter dem Volke Israel, wurde nicht Achior, der Ammoniter, von den Aeltesten in Bethern begrüßt? Wurde nicht das Blut des Hethiters von der Hand Davids gefordert? und Jthai, der Gethiter, treu erfunden, als die Jsraeliten von ihrem Könige abfielen? Gott sagte von Cyrus dem Perser, er ist mein Hirt, und Alexander von Macedonien durfte dem Herrn und dem Gatte Jakobs opfern. Ja, hat nicht Jesaia, der Prophet, erklärt, daß er, der Heilige, der Messias, auf den wir warten, den Heiden Gerechtigkeit bringen soll? Daß er seine Hand über die Heiden erheben wolle? Ach, die Zeit kommt, — möge sie bald kommen! — Wenn die Abgötter ganz vertilgt werden sollen, wenn des Herrn Haus wieder aufgerichtet wird und alle Völker darin versammelt werden." Die edlen Züge der Matrone flammten vor Begeisterung, und als sie ihre Hand zum Himmel erhob, schien sie den Herrn anzurufen, seine glorreichen Gna- denverheißungen dem Volke, das noch in Finsterniß wandelte, zu bestätigen. (Fortsetzung folgt.) » I I » Arzt und Priester. Von A. Radar. DupUhtren, der berühmte französische Chirurg, arbeitete fast beständig; wenig Menschen haben ein so arbeit- reicheS Leben geführt wie er. Sommers wie Winters war er um 5 Uhr auf, um 7 Uhr war er im Hotel Dieu, in dem berühmten Pariser Spital, das er um 11 Uhr verließ. Dann machte er seine Besuche bet Privatpatienten und ging nach Hause, um Kranke zur Konsultation zu empfangen. Obgleich er sie mit einer fast brutalen Geschwindigkeit beförderte, so waren sie doch jeden Tag so zahlreich, daß die Konsultationen oft bis in die späte Nacht dauerten. Eines Tages, als sich die Untersuchungen noch länger als sonst hinausgezogen hatten, wollte Dupuytren, erschöpft von Müdigkeit, sich ein wenig ausruhen, als ein letzter, verspäteter Besuch an der Thür seines Kabinets erschien. Es war ein Greis von kleinem Wuchs. Man hätte nur schwer sein Alter errathen können. Das Antlitz des Männchens war voll und rosig, hatte etwas Rundliches und Freundliches, obfchon augenscheinlich das Rasiermesser niemals darüber zu gehen brauchte. Unter einem Netz zahlreicher feiner Furchen und Fältchen hatte er einen kleinen Mund, eine kleine, feingezeichnete Adlernase; seine Füße und Hände waren wie alles übrige sn rniniatnro; in seinen blauen Augen, in seiner Physiognomie, in seinen Bewegungen zeigte er eine Schüchternheit, eine Sanftheit, eine Güte, die köstlich waren. Es gibt solche glückliche Physiognomien, auf denen der Blick mit Wohlgefallen verweilt. Wenn man das ruhige, friedliche Gesicht des kleinen Greises betrachtete, war es einem, als wenn man selber besser würde; man wurde unwiderstehlich zu ihm hingezogen; man empfand es wie ein Bedürfniß, ihn zu lieben. In seiner Rechten hielt das Männchen einen Stock mit Schnabelgriff; er trug ein ganz und gar schwarzes Kostüm; wenn er grüßte, zeigte sich eine große Tonsur; es war ein Priester. Dupnytren heftete die Augen auf ihn, streng und eisig. „Was haben Sie?" sagte er hart. „Herr Doktor," erwiderte sanft der Priester, „darf ich mich setzen? — Meine armen Beine sind schon ein wenig alt ... . Vor zwei Jahren bekam ich eine Anschwellung an dem Hals. Der Arzt in meinem Dorfe — ich bin Pfarrer von Belleville bei Nemours — hat mir gesagt, es habe nicht viel zu bedeuten; aber daS Uebel wurde immer schlimmer, und nach fünf Monaten ging die Geschwulst auf. Ich habe lange daS Bett gehütet, ohne daß es besser wurde; dann war ich genöthigt, aufzustehen; denn ich bin allein, habe die Seelsorge in vier Filialen, und ... ." «Zeigen Sie mir Ihren Halst« herrschte ihn der Arzt an. „Die guten Leute," fuhr der Greis unbeirrt fort, „haben mir wohl angeboten, sich alle Sonntage an einem Orte zu versammeln, um dort die hl. Messe zu hören: aber sie haben viel Arbeit während der Woche und nnr den einen Tag, um sich auszuruhen. Ich habe mir gesagt: Es ist doch nicht recht, daß alle diese Leute sich deinetwegen gar so bemühen, und dann, wissen Sie, da ist auch der Erstkommunikanten-Unterricht, der Katechismus. Se. Bischöflichen Gnaden wollten noch warten, bis sie mir einen Geistlichen zur Hülfe schickten. Da haben mir aber meine Pfarrkinder gesagt, ich solle nach Paris gehen, um Sie zu konsultieren. Ich habe einige Zeit nöthig gehabt, bis ich mich entschloß; denn die Reisen kosten viel Geld, und ich habe viel arme Leute in meiner Gemeinde. Ich habe aber nachgeben und thun müssen, was sie wollten; so benutzte ich die Post .... DaS ist also mein Leiden, Herr Doktor!" sprach er, indem er ihm den Hals hinstreckte. Dupuytren untersuchte lange. Der Hals des Kranken zeigte ein Loch von nahezu einem Centimeter Durchmesser. Es war ein Absceß am Unterkiefer, kompliziert durch eine Geschwulst der Blutader. Die Wunde war an mehreren Stellen krebsartig. Der Fall war dermaßen ernst, daß Dupuytren erstaunte, daß der Kranke vor ihm noch auf den Beinen stehen konnte. Er schob die Ränder der Wunde weit zurück und untersuchte die Umgebung durch so schmerzhaftes Drücken, daß man hätte ohnmächtig werden können. Der Geistliche zuckte nicht einmal. Als die Untersuchung beendigt war, drehte Dupuytren plötzlich den Kopf des Patienten in seinen beiden Händen herum, betrachtete ihn fest und sagte ihm ins Gesicht, indem er ihn mit schrecklicher Stimme anfuhr: „Jawohl. Herr Abbs, da ist nichts zu Machen, mit so etwas muß man sterben." Der AbbL nahm sein leinenes Tuch und umwickelte feinen Hals, ohne ein Wort zu sprechen. Dupuytren hatte immer die Augen auf ihn geheftet; als er sich fertig verbunden hatte, zog der Priester ein in Papier gewickeltes Fünffrankenstück aus der Tasche und legte es auf den Schreibtisch. „Ich bin nicht reich, Herr Doktor!" sagte er mit einem ruhigen Lächeln. „Verzeihen Sie mir, daß ich eine Konsultation des Herrn Doktor Dupuytren nicht besser honorieren kann ... Ich bin glücklich, Sie besucht zu haben; wenigstens bin ich vorbereitet auf das, was mir bevorsteht. Vielleicht hätten Sie diese große Entscheidung," sagte er mit unendlicher Sanftmuth, „mir mit etwa- mehr Rücksicht mittheilen können. Ich bin fünfundsechzig 176 Jahre alt, und tn meinem Alter hängt man manchmal doch noch sehr am Leben. Ich bin Ihnen aber doch nicht böse. Sie haben mich auch nicht überrascht; seit langem bin ich auf diesen Augenblick gefaßt. Adieu, Herr Doktor! So will ich denn in meinem Pfarrhaus sterben." Und so ging er weg. Dupuytren blieb in Gedanken versunken. Dieser eiserne Charakter, dieses mächtige Genie zerbrachen wie dünnes Glas gegen ein paar einfache Worte eines armen Greises, den er ganz hinfällig und krank in seinen Händen gehalten und mit dem er spielen zu können geglaubt hatte. Er war in diesem schwachen und leidenden Körper einem Herzen begegnet, das stärker war als seines; einem Willen, der energischer war als seiner: Er hatte seinen Mann gefunden. ^ Dann eilte er rasch aus dem Zimmer. Der kleine Priester stieg eben langsam die Stufen hinab, indem er sich an dem Geländer festhielt. „Herr Abbs!" rief er, „wollen Sie noch einmal heraufkommen?" Der Abbs kam sofort zurück. „Es ist vielleicht eine Möglichkeit, Sie zu retten.« sagte der Arzt, „wenn Sie wollen, daß ich Sie operiere." „Ach, guter Gott, Herr Doktor!" sagte der Abbs, indem er sich mit einiger Lebhaftigkeit seines Stockes und Hutes entledigte, „aber ich bin ;a nur deßhalb nach Paris gekommen. Operieren Sie nur alles, was Sie wollen!" „Aber vielleicht machen wir einen vergeblichen Versuch, uud die Sache wird lang und schmerzhaft sein." „Operieren Sie, operieren Sie, Herr Doktor! Ich werde alles ertragen, was nothwendig ist. Wie würden sich meine armen Pfarrkinder freuen!" „Nun denn gut! Sie begeben sich sogleich in das Hotel Dien, Saal St. Agnes. Sie werden dort vollkommen gut aufgehoben sein; die Schwestern werden es an nichts fehlen lassen. Sie ruhen sich heute Abend gut aus, auch morgen und übermorgen, das andere wird sich finden." „Es ist abgemacht, Herr Doktor! Ich danke Ihnen." Dupuytren warf einige Worte auf ein Papier, das er dem Abbö übergab. Dieser ging direkt nach dem Spital, wo fast die ganze Schwesternschaft herbei kam und ihn in einem kleinen, mit weißen Vorhängen umgebenen Bette unterbrachte. Alle machten sich mit ihm zu thun, brachten Kissen herbei und erfrischende Säfte zum Trinken. Der kleine Priester wußte gar nicht, wie er ihnen danken sollte. Den zweiten Tag darauf waren die fünf- bis sechshundert Schüler, die jeden Tag dem klinischen Vortrag deS Meisters folgten, kaum versammelt, als Dupuytren ankam. Er schritt auf das Bett des Priesters zu. Das imposante Geleite folgte, und die Operation begann. Dupuytren schnitt mit Messer und Scheren darauf los. Seine stählernen Zängelchen sondierten die Tiefe der Wunde und führten Fäden empor, die er drehte und darauf befestigte. Dann entfernte knirschend die Säge kariöse Stücke aus dem Unterkiefer; jeden Augenblick wurden die Schwämme ausgedrückt; das Blut lief in Strömen. Die Operation dauerte 2b Minuten. Der Abbs zuckte nicht mit den Wimpern; nur als die Umgebung mit befreiter Brust aufathmete, und alle vor Erwartung und Furcht beklommen aufstöhnten und Dupuytren sagte: „ES ist fertig", war der Abbs etwas blaß. Dupuytren verband ihn selbst. „Ich glaube, alles geht gut", sagte er freundlich zu ihm. „Haben Sie viel gelitten?" „Ich habe mich bemüht, an etwas anderes zu denken", erwiderte der Priester. Dann wurde er ohnmächtig. Dupuytren beobachtete ihn einen Augenblick in tiefstem Schweigen; dann zog er die weißen Vorhänge des BetteS zu, und die Krankenvisite wurde fortgesetzt. Der Priester war gerettet. Jeden Morgen, wenn Dupuytren kam, übersprang er, sonderbar und ganz gegen seine Gewohnheiten, die ersten Betten und begann seine Visite mit seinem Lieblingskranken. Später, als dieser aufstehen und einige Schritte machen konnte, kam Dupuytren nach Beendigung seiner Klinik auf ihn zu, nahm seinen Arm und machte mit dem Rekonvalescenten einen Gang durch den Saal. Für jeden, der die rücksichtslose Härte kannte, mit der Dupuytren gewöhnlich seine Kranken behandelte, war diese Veränderung der Behandlungsweise unerklärlich. Als der Abbs im Stande war, die Reise aushalten zu können, nahm er von dem Doktor Abschied und kehrte zu'seinen Pfarrkindern zurück.- Einige Monate später sah Dupuytren, als er in das Hotel Dien kam, den Abbs auf sich zukommen, der ihn im Saale St. Agnes erwartet hatte. Der Abbs trug wie immer seinen bescheidenen schwarzen Anzug; aber der war voller Staub, und feine Schnallenschuhs waren ganz weiß, als ob er einen weiten Weg zu Fuß zurückgelegt hätte. Er trug im Arm einen großen Weidenkorb, der mit Stricken befestigt war und aus welchem Strohhalme heraussahen. Dupuytren empfing ihn sehr freundlich, und nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Operation keinerlei schlimme Folgen gehabt hatte, frug er. was ihn nach Paris geführt habe. „Herr Doktor!" erwiderte der Priester, „es ist heute der Jahrestag meiner Operation, ich wollte den sechsten Mai nicht vorübergehen lassen, ohne Sie zu besuchen und Ihnen ein kleines Geschenk Mitzubringen. Da habe ich denn in meinen Korb zwei schöne Hühner gesteckt auL meinem Hofe, Obst aus meinem Garten, wie Sie solches kaum in PariS bekommen. Sie müssen mir versprechen und mir die Hand darauf geben, von allem diesem auch zu versuchen!" Dupuytren drückte ihm innig die Hand; er wollte den guten Greis veranlassen, mit ihm zu speisen; aber dieser schlug es ab, nicht ohne einen gewissen Kampf mit sich selber. Seine Augenblicke seien gezählt, meinte er; und er müsse wieder den Rückweg antreten.-— Noch zwei Jahre, am sechsten Mai, sah Dupuytren den kleinen Priester mit seinem unvermeidlichen Korb und seinen unvermeidlichen Hühnern wiederkehren. Der Doktor empfing feine Besuche mit einer Art Bewegung. Eine wahre, innige Freundschaft hatte die beiden Männer verbunden. Da fühlte Dupuytren die ersten Anzeichen jener Krankheit, vor welcher sogar seine Wissenschaft, so groß sie sein mochte, zurückweichen mußte. Er reiste nach Italien, aber ohne Hoffnung, daß er durch diese Reise, die zu unternehmen ihn die vereinigte Fakultät veranlaßt hatte, Heilung finden werde. Als er nach Frankreich zurückkehrte, es war im Monat März 1834, schien sich sein Zustand gebessert zu haben; aber diese Besserung war nur scheinbar, und Dupuytren fühlte das wohl. Er sah sich sterben; er hatte die ihm noch gestatteten Augenblicke gezahlt. Sein Charakter wurde noch verschlossener, finsterer in dem Maße, als er sich dem verhängnißvollen Zielpunkte näherte. In diesen letzten und traurige» Stunden der moralischen Einsamkeit und der Vereinsamung, die ihn, Angesicht gegen Angesicht, dem Tode gegenüber stellte, gab dem Sterbenden sein Gewisien eine feierliche Mahnung. Eines Tages erhielt der Abbs in Belleville folgenden Brief: „Mein theurer Abbs! Nun ist die Reihe am Doktor. Er braucht Sie. Komme» Sie schnell! Vielleicht kommen Sie zu spät. Ihr Freund Dupuytren.- . Schon am andern Tage war der kleine Pfarrer zur Stelle. Lange blieb er mit Dupuytren eingeschlossen. Als der Abbs auS dem Zimmer des Sterbenden trat, waren seine Augen feucht, und sein Antlitz strahlte von einer sanften Begeisterung. Tags darauf, es war der achte Februar 1835, war Dupuytren gestorben. Am Tag der Beerdigung war der Himmel vom Morgen an traurig mit grauen Wolken bedeckt. Ein feiner und andauernder Regen, mit Schnee untermischt, durch- drang eisig die ungeheuere und schweigsame Menge, die den Platz Saint-Germain-l'AnxerrotS und den weiten Hof des SterbehcmseS erfüllte. Die Kirche Saint-Eustache faßte kaum das Leichengeleite. Nach dem Gottesdienst trugen die Schüler den Sarg bis zum Friedhof. Der kleine Abbs aus Belleville folgte weinend dem Zuge. (Luz. Vaterland.) Eiue Nigibestelgung. Von Mark Twain. Vorbemerkung der Redaktion. Die Leser unseres Feuilletons sind dem vorgenannten amerikanischen Humoristen an dieser Stelle schon begegnet. Der fröhliche Geselle Humor, um dessen Freundschaft so manche Feder umsonst buhlt, ist Mark Twain ein treuer Begleiter, wie kaum einem zweiten. Seine Eingebungen erfüllen mit heiterer Ruhe und Behagen. Nachstehend ein Beweis hiefür. Wir entnehmen die Probe dem 6. Bande der soeben bei Nob. Lutz in Stuttgart erschienenen Neuausgabe von „Mark Twains ausgewählten humoristischen Schriften." « «- Der Rigi kann per Eisenbahn, zu Pferde oder zu Fuß erstiegen werden, je nach Belieben des Reisenden. Ich und mein Freund warfen uns in Touristenanzüge und fuhren an einem herrlichen Morgen per Dampfboot den See hinauf. In Weggis, einem Dorfe am Fuße des Berges, drei Viertelstunden von Luzern, gingen wir ans Land. Bald ging's behaglich und stetig den schattigen Fußweg hinauf und unsere Zungen waren, wie gewöhnlich, bald in schönster Bewegung. Alles ließ sich herrlich an, und wir versprachen uns nicht wenig, sollten wir doch zum erstenmal den Genuß eines Sonnenaufgangs in dm Alpen erleben; das war ja der Zweck 177 - unserer Tour. Wir hatten akischeküend keinen triftigen Grund, zu eilen, unser Reisehandbuch hatte den Weg von Weggis bis zum Gipfel als nur 3'/^ Stunden weit angegeben. Anscheinend, sage ich, weil uns Bädeker schon einmal angeführt hatte. Als wir etwa eine halbe Stunde gegangen waren, kamen wir in die richtige Stimmung für das Unternehmen und trafen Anstalt zum Steigen, das heißt, wir mietheten einen Burschen zum Tragen der Nlpcnstöcke, Reisetaschen und Ueberzieher, wodurch wir die Hände frei bekamen. Wahrscheinlich haben wir häufiger im schönen, schattigen Gras geruht, um ein paar Züge aus unseren Pfeifen zu thun, als unser Führer gewohnt war, denn plötzlich fuhr er uns mit der Frage an, ob wir ihn nach dem Tarif oder fürs Jahr miethen wollten. Wir sagten, er möge immer vorangehen, wenn er Eile habe. Er erwiderte, Eile habe er eigentlich nicht, doch möchte er den Berg hinauf kommen, so lange er noch jung sei. Wir sagten ihm, er möge nur vorausgehen, das Gepäck im obersten Hotel abgeben und unsere baldige Ankunft melden. Er meinte, Zimmer wolle er für uns schon bestellen; wenn aber alles voll sei, wolle er ein neues Hotel bauen lassen und dafür sorgen, daß Maler- und Gypserarbeit trocken wären, bis wir ankämen. Unter solchen spöttischen Bemerkungen verließ er uns und war bald unsern Augen entschwunden. Um 6 Uhr waren wir schon ein gutes Stück in der Höhe, und die Aussicht hatte an Reiz und Umfang bedeutend zugenommen. Bei einem kleinen Wirthshause machten wir Halt, genossen im Freien Brod, Käse und ein oder zwei Liter frischer Milch, und dazu das großartige Panorama; — dann setzten wir uns wieder in Bewegung. Nach zehn Minuten begegneten wir einem Engländer mit heißem, kupferrothem Gesicht, der in mächtigen Sätzen den Berg herabstürmte, indem er sich an seinem Alpen- stock immer eine tüchtige Strecke vorwärts schwang. Athsmlos und schweißtriefend hielt er bei uns an und fragte, wie weit es bis Weggis drunten am See sei. — „Drei Stunden!" „Was? der See scheint ja so nahe, als ob man einen Kieselstein hineinwerfen könnte. Ist das ein Wirthshaus?" „Ja." „Das ist recht! Ich kann es nicht noch einmal drei Stunden aushalten." Auf meine Frage, ob wir wohl nahe am Gipfel seien, rief er: „Meiner Treu! Ihr habt ja eben erst angefangen zu steigen!" Ich schlug deshalb meinem Neisegenossen Harris vor, auch im besagten Wirthshaus zu bleiben. Wir drehten um, ließen uns ein warmes Nachtessen bereiten und verlebten mit dem Engländer einen lustigen Abend. Die deutsche Wirthin gab uns hübsche Ziminer und gute Betten, und ich und mein Freund legten uns nieder mit dem Entschluß, früh genug aufzustehen, um unsern ersten Sonnenaufgang in den Alpen nicht zu versäumen. Aber wir waren todmüde und schliefen wie Nachtwächter; folglich war es, als wir am Morgen erwachten und ans Fenster stürzten, für den Sonnenaufgang schon zu spät; es war halb 12 Uhr. Das war ein harter Schlag, doch trösteten wir uns mit der Aussicht auf ein gutes Frühstück und beauftragten die Wirthin, den Eng- 178 länder zu rufen; aber sie erzählte uns, daß dieser unter allerlei Verwünschungen schon bei Tagesanbruch auf und davon gegangen sei. Wir konnten nicht auf den Grund seiner Erregung kommen. Er hatte die Wirthin nach der Höhe des Wirthshauses über dem See genau gefragt und sie hatte 1495 Fuß angegeben; diese Zahl mußte ihn ganz außer Rand und Band gebracht haben, denn er habe hinzugefügt: „In einem Lande wie in diesem können Narren und Reisehandbücher einem in 24 Stunden mehr Bären aufbinden, als sonstwo in einem Jahre." Gegen Mittag nahmen wir den Weg wieder unter die Füße und strebten frischen, gewaltigen Schrittes dem Gipfel zu. Als wir etwa 200 Meter marschiert waren und anhielten, um zu rasten, blickte ich beim Anzünden meiner Pfeife von ungefähr nach links und entdeckte in einiger Entfernung eure Rauchsäule, die wie ein langer schwarzer Wurm lässig den Berg hinauskroch. Das konnte nur der Rauch einer Lokomotive sein. Auf unsere Ellbogen gestützt, stierten wir das uns völlig neue Mirakel dieser Bergbahn an. Es erschien unglaublich, daß das Ding schnurgerade aufwärts kriechen konnte, auf einer schiefen Ebene, steil wie ein Dach; es geschah aber vor Unsern Augen: ein leibhaftiges Wunder! — Noch ein paar Stunden, und wir erreichten ein schönes zephymmsäuseltes Hochthal, wo die Dächer der kleinen Sennhütten mit großen Steinen belegt waren, um sie am Grund und Boden festzuhalten, wenn die großen Stürme toben. Weit weg am andern Ufer des Sees konnten wir einige Dörfer erblicken und jetzt zum erstenmal ihre zwerghaftcn Häuser mit den Bergriesen vergleichen, an deren Fuße sie schliefen. Wenn man sich inmitten eines solchen Dorfes befindet, kommt es einem ziemlich ausgedehnt vor, und die Häuser erscheinen stattlich, selbst im Verhältniß zu den hereinragenden Bergen; aber von unserm hohen Platze aus, welch eine Veränderung! Die Berge erschienen massenhafter und großartiger, dagegen waren die Dörfer so klein geworden, beinahe unsichtbar, und lagen so dicht am Boden, daß ich sie nur vergleichen kann mit winzigen Erdarbeiten von Ameisen, überschattet von dem himmelanstrebenden Bau eines Münsters. Die Dampfboote, welche drunten den See durchschnitten, erschienen in der Entfernung nur noch so groß wie Kinderspielzeug und vollends die Segel- und Ruderboote wie winzige Fahrzeuge, bestimmt für die Elfen, die in Lilienkelchen haushalten und auf Brummhummeln zu Hofe reiten. Wir gingen weiter und stießen bald auf ein halbes Dutzend weidender Schafe unter dem Gischt eines Gieß- baches, der wohl hundert Fuß hoch sich am Felsen herabstürzte. Doch horch! Ein melodisches „Lal . . . loil-lahi-o-o-o!" trifft unser Ohr. Wir hören zum erstenmal das berühmte Alpenjodeln inmitten der wilden Gebirgsgegend, in der es heimisch ist. Es ist jenes seltsame Gemisch von Bariton und Falsett, das wir zu Hause Tiroler Triller nennen. Das Gejodel war hübsch und munter anzuhören, und bald erschien der Jodler — ein Sennbub von 16 Jahren. In unserer Freude und Dankbarkeit gaben wir ihm einen Franken, damit er weiter jodle. Er jodelte, und wir lauschten. Beim Weitergehen jodelte er uns großmüthig außer Sicht. Ebenso der zweite, auf den wir eine Viertelstunde später stießen, und dem wir seine Kunst mit einem halben Franken bezahlten. Von nun an begegneten wir alle zehn Minuten einem Jodler, dem ersten gaben wir 8 Cts., dem zweiten 6, dem dritten 4, dem vierten 1 Cts., Nummer 5, 6,7 erhielten gar nichts! Für den Rest des Tages erkauften wir das Stillschweigen der übrigen Jodler mit 1 Fr. per Kopf. Mau bekommt es unter solchen Umständen doch schließlich satt. Zehn Minuten nach 6 Uhr erreichten wir die Kalt- badstation, wo ein geräumiges Hotel mit Veraudas steht, die einen weiten Umblick auf die Berge und Seen gestatten. Wir waren nicht so sehr ermüdet, aber um am andern Morgen ja den Sonnenaufgang nicht zu verschlafen, machten wir unsere Mahlzeit so kurz als möglich und eilten zu Bett. Es war unaussprechlich angenehm, unsere steifen Glieder in den kühlseuchten Betten auszustrecken. Und wie fest wir schliefen! Kein Schlaftrunk wirkt so trefflich, wie eine solche Alpenfußtour. Morgens erwacht, waren wir beide mit einem Sprung aus den Federn; wir zerrten die Vorhänge zurück, erfuhren aber leider eine neue herbe Enttäuschung: es war nämlich schon halb 4 Uhr mittags. In sehr mürrischer Laune kleideten wir uns an, wobei jeder dem andern die Schuld in die Schuhe schob. Harris meinte, wenn ich ihm gefolgt wäre und wir den Reisediencr mitgenommen hätten, wäre uns dieser Sonnenaufgang nicht, entgangen. Ich behauptete dagegen, daß dann einer ^ von uns hätte aufbleiben müssen, um den Diener zu wecken, außerdem hätten wir Mühe genug mit uns selbst aus dieser Klettertour, auch ohne die Sorge für den Reisediencr. Das Frühstück regte unsere Lebensgeister wieder etwas an, besonders auch die beruhigende Versicherung im Bädcker, oben auf dem Nigi brauche der Reisende nicht besorgt zu sein, daß er den Sonnenaufgang verschlafe, er werde vielmehr bei Zeiten von einem Mann geweckt, der mit einem großen Alphorn von Zimmer zu Zimmer gehe und seinem Instrumente Töne entlocke, die Tote zu erwecken im Stande seien; und noch eine andere Bemerkung des Reisehandbuches tröstete uns, die Versicherung nämlich, daß oben in den Nigi-Hotels die Gäste sich morgens nicht ganz anzukleiden brauchen, sondern sich einfach ihrer rothen Bett-Teppiche bemächtigen und mit diesen, wie Indianer drapirt, ins Freie stürmen. O, das muß schön und romantisch sein! — 250 Personen auf dem windigen Gipfel gruppiert, mit fliegenden Haaren und wehenden rothen Bett-Teppichen, in der feierlich ernsten Gegenwart der schneeigen Bergspitzen, beleuchtet von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, das muß ein herrlicher und denkwürdiger Anblick sein! Unter diesen Umständen war es fast ein Glück, kein Unglück, daß wir die frühem Sonnenaufgänge verfehlt hatten. Nach dem Reisehandbuch waren wir nun 3228 Fuß über dem Spiegel des Sees und konnten somit volle Zweidrittel unserer Wanderung als vollendet betrachten. Wir brachen in Kaltbad ^ nach 4 Uhr nachmittags von neuem auf; etwa hundert Schritte über dem Hotel verzweigte sich die Bahnlinie, der eine Arm ging gerade aufwärts den steilen Berg hinan, der andere bog nach rechts ab in ziemlich sanfter Steigung; wir folgten dem letzteren über eine Meile, bogen um eine Felsenecke und kamen in Sicht eines neuen hübschen Hotels. Wären wir gleich weitergegangen, so hätten wir den Gipfel erreicht, aber Harris wollte allerhand Erkundig- 17S ungen einziehen. Er wurde belehrt — und zwar falsch, wie gewöhnlich, — daß. wir umkehren und den andern Weg gehen müßten. Dies kostete uns eine schwere Menge Zeit. Wir kletterten und kletterten; wir kamen wohl über vierzig Hügel, aber immer erschien ein neuer so groß wie die frühern. Es begann zu regnen; wir wurden durch und durch naß, und es war bitterkalt. Dampfende Nebelwolken deckten bald den ganzen Abgrund zu; der Eisenbahndamm, auf welchen wir stießen, war unser einziger Wegweiser! Manchmal krochen wir längs desselben ein Stück weit fort, allein als sich der Nebel etwas zertheilte, bemerkten wir mit Schrecken, daß wir uns mit dem linken Ellbogen über einem bodenlosen Abgrund befanden, weshalb wir eiligst wieder den Bahndamm zu erreichen trachteten. Die Nacht brach ein, rabenschwarz, neblig und kalt. Etwa um 8 Uhr abends hob sich der Nebel etwas und ließ einen ziemlich undeutlichen Pfad erblicken, der links aufwärts führte. Diesen Weg einschlagend, waren wir eben weit genug weg vom Eisenbahndamm, um denselben nicht wieder finden zu können, als auch schon wieder eine Nebelwolke herabschoß und alles in undurchdringliches Dunkel hüllte. Wir befanden uns an einem rauhen, dem Unwetter vollkommen preisgegebenen Ort, und waren genöthigt, auf- und abzugehen, um uns warm zu machen, obgleich wir dadurch Gefahr liefen, gelegentlich in einem Abgrund zu verschwinden. Um 9 Uhr machten wir die wichtige Entdeckung, baß wir jeden Pfad verloren hatten. Wir krochen auf Händen und Knieen umher, konnten ihn aber nicht mehr finden; somit setzten wir uns wieder in das nasse Gras und warteten das weitere ab. Plötzlich jagte uns eine ungeheure dunkle Masse, die vor uns auftauchte, nicht geringen Schrecken ein; sie verschwand aber alsbald wieder im Nebel, es war, wie wir später erfuhren, das längst ersehnte Nigi-Kiflm-Hotel, aber die nebelhafte Vergrößerung ließ es uns als den gähnenden Nachen eines tödtlichen Abgrundes erscheinen. Da saßen wir nun eine lange Stunde mit klappernden Zähnen und zitternden Knieen, den Rücken gegen den vermeintlichen Abgrund gekehrt, weil von dorther etwas Zugluft zu verspüren war. Dabei ereiferten wir uns leidenschaftlich, denn jeder wollte dem andern die Dummheit in die Schuhe schieben, denBahnkörper verlassen zuhaben. Nach und nach wurde der Nebel dünner und als Harris zufällig um sich blickte, stand das große, hell erleuchtete Hotel da, wo vorher der Abgrund gewesen war. Man konnte beinahe Fenster und Kamine zählen. Unser erstes Gefühl war tiefer, unaussprechlicher Dank, unser zweites rasende Wuth, weil das Hotel wahrscheinlich schon seit dreiviertel Stunden sichtbar gewesen war, während wir pudelnaß dasaßen und uns zankten. Ja, es war das Rigi-Kukm-Hotel auf dem Gipfel des Nigi, und wir fanden dort die Zimmer, die unser Bursche für uns bestellt hatte, — allerdings bekamen wir zuvor die hochmüthige Ungefälligkeit des Portiers und des sonstigen Dienstpersonals gründlich zu kosten. Wir verschafften uns trockene Kleider, und während unser Abendbrod bereitet wurde, irrten wir einsam durch eine Anzahl höhlengleicher Wohnräume, von denen einer einen Ofen besaß. Dieser Ofen in einer Ecke des Zimmers war von einer lebendigen WäNd der allerver- schiedensten Menschenkinder umgeben. Da wir nun nicht anS Feuer herankommen konnten, wandelten wir in den arktischen Regionen der weiten Säle umher, unter einer Menge Menschen, die schweigend in sich verloren und wie versteinert das Problem zu ergründen suchten, warum sie wohl solche Narren gewesen waren, hierher zu kommen. Einige davon waren Amerikaner, einige Deutsche, die weitaus überwiegende Anzahl aber waren Engländer. In einem der Räume drängte sich alles um die „Souvenirs äu Liglli", die dort feilgeboten werden. Ich wollte zuerst auch ein geschnitztes Falzbein mit Gemshorngriff mitnehmen; ich sagte mir jedoch, daß mir der Nigi mit seinen Annehmlichkeiten wohl auch ohnedies in guter Erinnerung bleiben würde, — und erstickte deshalb das Gelüste. Das Abendessen erwärmte uns, und wir gingen sofort zu Bette, — d. h. nachdem ich an Bädeker noch einige Zeilen geschrieben hatte. Derselbe ersucht nämlich die Touristen, ihn auf etwaige Irrthümer in feinem Reisehandbuch aufmerksam zu machen. Ich schrieb ihm, daß er sich, indem er den Weg von Weggis bis zum Gipfel nur zu 3^ Stunden angebe, just um drei Tage geirrt habe. Eine Antwort habe ich nie erhalten, auch ist im Buche nichts geändert worden — mein Brief muß also wohl verloren gegangen sein. Wir waren so todmüde, daß wir sofort einschliefen und uns nicht regten noch bewegten, bis die herrlichen Töne des Alphorns uns weckten. Man kann sich denken, daß wir keine Zeit verloren, sondern schnell ein paar Kleidungsstücke überwarfen, uns in die praktischen rothen Teppiche wickelten und unbedeckten Hauptes in den pfeifenden Wind hinausstürzten. Wir erblickten ein großes hölzernes Gerüste, gerade am höchsten Punkte der Spitze. Dorthin lenkten wir unsere Schritte, krochen die Stufen hinauf und standen da, erhaben über der weiten Welt, mit fliegenden Haaren und im Wind flatternden rothen Teppichen. „Mindestens fünfzehn Minuten zu spät!" sagte Harris mit trauriger Stimme, ,die Sonne steht schon über dem Horizont." „Schadet nichts," erwiderte ich, „es ist dennoch ein großartiger Anblick, und wir wollen ihn noch weiter genießen bis die Sonne höher steht." Einige Minuten waren wir tief ergriffen von dem wunderbaren Anblick und für alles andere todt. Die große, klare Sonnenscheibe stand jetzt dicht über einer unendlichen Anzahl weißer Zipfelmützen — bildlich gesprochen. Es war ein wogendes Chaos riesiger Berg- massen, die Spitzen geschmückt mit unvergänglichem Schnee und umfluthet von der goldenen Pracht des zitternden Lichtes, während die glänzenden Sonnenstrahlen durch die Nisse einer der Sonne vorgelagerten schwarzen Wolkenmasse gleich Schwertern und Lanzen aufschössen zum Zenith. Wir konnten nicht sprechen, ja kaum athmen; wir standen in trunkener Verzückung und sogen diese Schönheit ein, als Harris plötzlich schrie: „Der-, sie geht ja unter!" Wahrhaftig, wir hatten das Morgenhornblasen überhört, hatten den ganzen Tag geschlafen und waren erst am Blasen des Abendhorns aufgewacht; das war niederschmetternd. Auf einmal sagte Harris: „Allem Anschein «ach ist nicht die Sonne der Gegenstand der Aufmerksamkeit der unter uns versammelten Menschen, sondern wir, hier oben auf diesem Gerüst, in diesen eselhaften Teppichen. 250 fein gekleidete Herren und Damen starren uns an und kümmern sich kein Haar nm Sonnenauf« oder Niedergang, so lange wir ihnen ein derartiges läckierliches Schauspiel bieten. Die ganze Gesellschaft will ja vor Lachen bersten, und das junge Mädchen dort wird nächstens platzen. In meinem Leben ist mir kein solcher Mensch vorgekommen wie Sie!" „Was habe ich denn gethan?" erwiderte ich erregt. „Sie sind um halb 8 Uhr abends ausgestanden, um den Sonnenaufgang zu sehen, ist das nicht genug!?" „Und haben Sie nicht dasselbe gethan? möchte ich wissen; ich bin immer mit der Lerche aufgestanden, bis ich unter den versteinernden Einfluß Ihres ausgetrockneten Gehirns kam." „Schämen Sie sich nicht, in diesem Aufzug auf einem vierzig Fuß hohen Schaffst auf dem Gipfel der Alpen zu stehen, unter uns eine endlose Zuschauermenge? Ist das der Schauplatz für derartige Expektorationen?!" So ging der Streit in diesem Maskenanzug fort. Als die Sonne untergegangen war, schlichen wir uns ins Hotel zurück und wieder zu Bett. Wir begegneten dem Hornbläser auf dem Wege dahin, und er versprach, uns morgen sicher zu wecken. Er hielt Wort, wir hörten das Alphorn und standen sofort auf; es war finster und kalt. Als ich nach dem Zündhölzchen umhertappmd mit schlotternden Händen eine Anzahl Dinge zerbrach und zu Boden warf, wünschte ich, die Sonne möchte bei Tag aufgehen, wo es hell, warm und angenehm ist. Es gelang uns endlich, uns bei dem zweifelhaften Licht zweier Kerzen anzukleiden; doch konnten wir mit unsern zitternden Händen nichts zuknöpfen; ich überlegte wieviel glückliche Menschen in Europa, Asien, Amerika rc. jetzt friedlich in ihren Betten ruhten und nicht aufzustehen brauchten, um den Rigi - Sonnenaufgang zu sehen. Ja diesem Gedanken versunken, hatte ich etwas zu ausgiebig gegähnt, so daß ich mit einem meiner Zähne an einem Nagel über der Thür hängenblieb. Während ich auf einen Stuhl stieg, um mich loszumachen, zog Harris die Vorhänge zurück und sagte: — „O! welches Glück! wir brauchen ja nicht einmal das Zimmer zu verlassen — da unten liegen die Berge in ihrer ganzen Ausdehnung." Das war erfreulich' in der That, man konnte die großen Alpenmassen sich in unsichern Umrissen gegen das schwarze Firmament abheben und einen oder zwei Sterne durch das Morgengrauen schimmern sehen. Gut angekleidet und warm versorgt in den wollenen Teppichen, stellten wir uns am Fenster auf mit brennenden Pfeifen und in unterhaltendem Geplauder, in behaglicher Erwartung eines Sonnenaufgangs bei Kerzen- bcleuchtung. Nach und nach verbreitete sich ein leichtes ätherisches Licht in unmerklicher Zunahme über die luftigen Spitzen der Schneewüste, — doch auf einmal schien ein Stillstand eingetreten zu sein; ich sagte: „Mit diesem Sonnenaufgang scheint es einen Haken zu haben. Es will nicht recht gehen. Was meinen Sie, daß schuld sei?" „Ich weiß nicht, es macht den Eindruck, wie wenn irgendwo Feuer wäre. Ich sah nie solch einen Sonnenaufgang." „Nun, was mag wohl der Grund sein?" Harris sprang jetzt mit einemmal auf und rief: — „Ich hab's! Ich hab's I wir sehen ja dorthin, wo gestern abend die Sonne unterging!" „Vollkommen richtig! Warum haben Sie daS nicht früher gemerkt? Jetzt haben wir wieder einen verfehlt; und alles durch Ihre Dummheit. Ja! Das sieht nur Ihnen gleich, eine Pfeife anzuzünden und den Sonnenaufgang im Westen zu erwarten." „Es sieht mir auch gleich, den Irrthum entdeckt zu haben; Sie hätten das doch nie gemerkt! Ich muß alle diese Dummheiten entdecken!" „Sie machen sie alle! Aber wir wollen die Zeit nicht mit Streiten verlieren, vielleicht kommen wir doch noch rechtzeitig!" Allein es war zu spät, die Sonne war schon weit oben, als wir auf den Platz kamen. Wir begegneten der heimkehrenden Menge — Herren und Damen in allerlei komischer Bekleidung und mit frierenden Gesichtern. Etwa ein Dutzend waren noch auf dem Platze. Sie suchten mit Reisehandbuch und Panorama jeden Berg zu bestimmen und die verschiedenen Namen und Formen ihrem Gedächtniß einzuprägen. Es war ein betrübender Anblick. Nach meiner Schätzung brauchten wir einen Tag, um zu Fuße nach WeggiS oder Vitznau zu kommen; soviel war aber sicher, daß wir mit der Bahn etwa eine Stunde brauchen würden und deshalb wählte ich das Letztere. Eine herrliche Thalfahrt auf der schwindelnden Bergbahn, die uns eine Wunderwelt geich einer Reliefkarte zu unsern Füßen ausgebreitet sehen ließ, bildete den würdigen Schluß unserer ereignißreichen Rigibesteigung mit ihrem verunglückten Sonnenaufgang. Rösselsprung. che he ein am le auch flieh ruh auch fei stil ruh mal sei al du ru li gen all Sonntags» zur was er stahl nun bath wün die laß les herz schwel den rolle wei um streng be ta sab sche wil du Pflegt die ten chend still den den ruh se den ge dich fchaf po auch frie lei der Auflösung der Dechiffriraufgabe in Nr. 21: Eines andern Pein empfinden Heißet nicht, barmherzig sein; Recht barmherzig sein, will heißen: Wenden eines andern Pein. Logau. --S-KW-S- « 25 . 1896 . „Augsburger PostMung". Dinstag, den 24. März Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Max Huttler). Judas Wakkabäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) Ein verworrenes Gemurmel erhob sich unter den Zuhörern. Wenn Hadassah's Forderung auf einige Eindruck gemacht, so hatte sie doch bei anderen eine wilde Eifersucht erregt, welche diese darüber unwillig machte, daß die Heiden Israels Vorrechte theilen sollten. Das Leben des Gefangenen hing an einem seidenen Faden, und er wußte es. „Hadassah", sagte der Anführer, indem er sich mit Ehrfurcht an die Wittwe wandte, „verlangst Du denn, daß wir diesem Fremdling trauen, während, wenn er sich als falsch ausweist, so viele hebräische Leben das Opfer gemißbrauchten Vertrauens sein würden?" „Ich verlange, daß Ihr dem traut, der gesagt hat: „Du sollst nicht todten", der befohlen hat: wer „Menschenblut vergießt, deß Blut soll auch durch Menschen vergossen werden." Wir zeigen wenig Glauben, wenn wir meinen, Sicherheit in der Uebertretung des Gesetzes zu finden." Wieder erhob sich ein wildes, zorniges Gemurmel. Lycidas hörte die Worte: „Narrhett, Tollheit, Gott versuchen", vermischt mit Ausrufen wie „Hunde von Heiden, die Unreinen, Anbeter von Götzenbildern!" Judas ergriff seinen Spieß, den er gegen den Stamm des Olivenbaumes gelehnt hatte, als er die Waffe mit dem Spaten vertauschte. Das Herz des Lycidas schlug schneller, er las in dieser Bewegung sein Todesurtheil, aber er nahm sich zusammen, um muthig zu sterben, wie es einem Landsmann des Miltiades geziemte. Wieder tiefes Schweigen. Alle warteten, was dieser Bewegung des Führers folgen würde. „Die Zeit vergeht, jede Minute, die wir hier noch zögern, bringt Gefahr, unsere Entscheidung muß getroffen werden", sagte Judas und trat zu Hadassah und Sarah, um die Männer, die an der Seite des Grabes nahe an dem Baumstamm standen, zusammentreten zu lassen. Als dies geschehen war, warf der Sohn des Mattathias seinen Spieß wieder auf den Boden. „Alle, die den Gefangenen frei gehen lassen wollen, die seiner Dankbarkeit und seiner Ehre trauen, schreiten über meinen Spieß!" rief Judas. „Wenn die größere Zahl ihn überschreitet, so schonen wir; bleibt sie zurück, so schlagen wir. Seid Ihr zufrieden?" fragte er. Die meisten Anwesenden murmelten ihr: „Zufrieden." Der Anführer wandte sich dann an Lycidas und richtete an ihn dieselben Worte. Der junge Gefangene beugte sein Haupt, kreuzte die Arme über der Brust und antwortete: „Zufrieden." „Die Weiber sollen aber nicht mitstimmenl" rief Abischai. „Sie werden mitstimmen", sagte der Anführer mit Entschiedenheit. „Ihre Gefahr ist der unseren gleich, da soll es ihr Vorrecht auch sein." Mit sonderbaren Empfindungen sah Lycidas eine Wage aufgerichtet, eine Wage, bei der es sich um Freiheit und Leben handelte. Furcht war kaum das vorherrschende Gefühl. Eine Wolke verdunkelte für einige Zeit das Gesicht des Mondes, aber durch den Schatten konnte der Gefangene die stattliche Gestalt der Hadassah sehen, als sie über den Spieß ging, und das Wehen von Sarahs weißem Schleier. Als die Silberkugel wieder hinter den Wolken hervortrat, waren die Frauen, gefolgt von den beiden Männern, die Hadassah's Diener gewesen waren, hinüber. „Vier auf jener Seite, fünf auf dieser!" rief Abischai heftig, - „er stirbt!" Aber als dieser Ausruf noch auf seinen Lippen war, sprang Judas über den Spieß und stand auf Sarah's Seite. „Er lebt, der Allmächtige sei gepriesen!" rief Hadassah. Abischai aber stieß mit einem wilden Fluch sein Schwert in die Scheibe zurück. „Gefangener, gehe in Frieden", sagte der Sohn des Mattathias, „aber ehe Du diese Stelle verläßt, gelobe feierlich über das, was Du hier gesehen, Stillschweigen." Lycidas gehorchte augenblicklich. „Mögen die Qualen der Todten, die in diesem Grabe ruhen, welches ich ohne Deine Gnade mit ihnen theilen würde, über mich kommen, wenn ich jemals meinem Gelübde untreu werde!" rief der Grieche. Der Anführer winkle mit der Hand, er möchte gehen, und die Hebräer das Werk, welches sein Erscheinen unterbrochen hatte, vollenden lassen. Lycidas zeigte jedoch keine Eile, zu entkommen. Er blickte auf Hadassah und Sarah. „Darf ich nicht erst meine Dankbarkeit aussprechen?" begann er, indem er ihnen einen Schritt näher trat; aber die Wittwe verbot ihm durch eine Bewegung mit der Hand die Annäherung. 182 „Beweise Deine Dankbarkeit, Fremdling, sprich sie nicht aus", sagte sie. „Wenn jemals Dein Feind Dir wehrlos gegenübersteht, erinnere Dich dieser Nacht. Und wenn Du vor einem Götzen niederknieen willst und anbeten, wie Dein Volk betet zum tauben Holz oder gefühllosen Stein — dann halte inne und erinnere Dich erst, was Du vom Glauben der Hebräer an dieser heiligen Stätte gelernt hast", — Hadassah deutete, als sie sprach, auf das cffene Grab — „wie er den Schwachen zum Leiden stärkt und den Starken zum Mitleid bewegt." 4. Kapitel. Ein Feind. Als Lycidas den Begräbnißplatz verließ, welchen er kaum lebend zu verlassen erwartet hatte, fühlte er sich wie unter einem Zauberbann. Freude über die kaum gehoffte Rettung von einem schrecklichen Tode war kaum das vorherrschende Gefühl in seinem Innern und wurde es bei jedem Schritt, mit dem der Athener sich aus dem Olivenhain entfernte, immer weniger. Sonderbar, wie es ihm selbst erschien, wünschte der junge Dichter beinahe die ganze Scene noch einmal zu durchleben, trotz der peinlichen und schrecklichen Rolle, die er selbst darin gespielt hatte. Lycidas würde gar nicht unzufrieden gewesen sein, hätte er die schrecklichen Ausrufungen noch einmal hören und die blitzenden Waffen noch einmal um sich her sehen müssen; er würde gern die ganze Begebenheit, die Erwartung des Urtheils- sprucbes vor Augen gehabt haben, nur um noch einmal die sanfte Bitte zu hören: „Habe Erbarmen, schone ihn!" um noch einmal den Anblick von Sarahs Gestalt zu haben, wie sie im Vollmondschein ihren Tribut von frischen Blumen in das Grab streute. „Diese hebräischen Frauen sind nicht wie andere Frauen der Erde, sie gehören einer höheren Sphäre an", dachte Lycidas, als er seinen Weg zur Stadt verfolgte. „Diese Matrone besitzt die ganze Majestät einer Juno, und das Mädchen ist schöner wie — nun, mit welchen Göttern des Olymp könnte ich ein so schönes und reines Geschöpf wohl vergleichen? — Venus? Der bloße Gedanke wäre schon Entweihung — Diana mit ihren erbarmungslosen Pfeilen? Pallas? schrecklich ihren Feinden? — Nein! Sonderbar, hier ist es eine Beschimpfung, eine Frau mit einer Göttin zu vergleichen!" Lycidas blickte zu dem schönen Blau des östlichen Himmels auf. Um ihn her lag die Landschaft mit den schönen Bergen und herrlichen Thälern in ruhigem Schlaf, während der Mond seinen feinen silbernen Schleier über das Ganze gebreitet hatte. Die volle Empfindung dieser Herrlichkeit durchdrang die Seele des Dichters „O, du heilige und wohlthätige Natur", murmelte er, hast Du keine Stimme, den Menschen durch Deine sichtbaren Wunder die Geheimnisse der unsichtbaren zu erklären? Flüsterst Du nicht meiner Seele eben jetzt zu: „Reinheit und Güte des Herzens sind die Attribute der Göttlichkeit, denn sie sind den Werken der Schöpfung aufgeprägt, und so müssen auch auf Erden Reinheit und Güte die Merkmale aller wahren Anbeter der Gottheit sein. Der Geist in meinem Innern sagt mir dasselbe wie die Stimme der Natur: Reinheit und Güte, nicht Macht und Gewalt verleihen dem Sterblichen oder Unsterblichen die höchste Würde! Aber wenn es wirklich so ist, wenn meine Hand den Schleier, welcher die Wahrheit vor dem profanen Blick des Menschen verhüllt, berührt hat, wenn ich einen Schimmer von den heiligen Geheimnissen da über uns habe, wie fern von der Wahrheit, in welch einem Nebel von Irrthum müssen dann alle Völker dahinleben." Lycidas ging unwillkürlich langsam und legte die Hand an seine Stirne. „Vielleicht nicht alle", dachte er, „nach allem, was ich höre, scheint es, daß diese Hebräer, diese Handvoll eines bezwungenen Volkes, sich für den einzigen Hüter eines Glaubens halten, welcher erhaben, seelenveredelnd und rein ist. Sie nennen sich selbst ein Licht auf einem Berge, hochgestellt von Alters her, zu zeigen einer finsteren Welt, daß da noch ein Licht ist, ein Licht, das da überbreiten soll die Welt, wie die Wasser, die das Meer bedecken, so waren die Worte der Hadassah. Und sie sprach auch von einem, nach dem die Juden aussehen, der den Heiden Gerechtigkeit bringen sollte' Hoffen denn die Juden auf die Zukunft einer Gottheit auf Erden, oder nur auf die eines Propheten? Ich wollte, daß ich Hadassah wiedersehen könnte, und ich will sie wiedersehen — ich will nicht aufhören, nach einer, die mich zur Wahrheit führen kann, zu suchen. Komme, was da will, ich muß sie und jenes schöne Mädchen wiedersehen." Es war kein Wunder, daß der Athener, in Gedanken versunken, seinen Weg verfehlte und unwillkürlich eine ganz andere Richtung, als er beabsichtigt hatte, einschlug. Das Mondlicht verließ ihn, Wolken hatten sich erhoben, und nur dann und wann fiel ein schwacher Schein auf seinen Weg. Lycidas wurde über die Gegend, in welcher Jerusalem lag, unsicher. Der junge Athener war müde, weniger von physischer Anstrengung, als von den Folgen der starken Erregung, deren Nachwirkung sein Körper empfand. Zuweilen glaubte er, einen schleichenden Schritt hinter sich zu hören, und stand dann still, um zu lauschen. Dann meinte er, daß seine Sinne sich getäuscht haben wüßten, und ging, durch die Finsterniß hintappend, weiter. Wie sonderbar jene Episode dem Griechen in seinem Leben erschien— kaum eine bloße Episode; denn es war ihm, als ob sie alle Poesie seines vergangenen Lebens verwischt habe und .neue Erwartungen und Hoffnungen für die Zukunft gäbe. Dem Lycidas war die Erinnerung seiner dichterischen Triumphe in der olympischen Arena und das Beifallrufen der Menge, welches damals seine Seele mit Entzücken erfüllt hatte, wenig mehr, als einem Manne die Erinnerung an sein Spielzeug, das ihn in seiner Kindheit belustigt hatte. Der Grieche hatte dem Ernst des Lebens gegenüber gestanden, und was einst seinen Ehrgeiz stark erregt hatte, erschien ihm jetzt wie Schatten, die vorübergehen. „Und doch", dachte der junge Poet, „ich möchte noch einmal den Lorbeerkranz gewinnen, damit ich ihn dann zu Sarahs Füßen legen könnte. Aber was würden solche Trophäen irdischer Auszeichnung für sie sein? Nicht eine der Blumen werth, die durch ihre Berührung geheiligt sind — die sie in das Märtyrergrab warf! Ha I War es mir doch, als ob ich hinter mir das Rauschen von Gewändern hörte! Wie mächtig ist doch die Einbildungskraft, dies Wunder des Gemüths, welches uns Dinge vorspiegelt, die nicht da sind!" Lycidas hatte jetzt eine Stelle des Weges erreicht, die an der linken Seite von einem Abhänge begrenzt war; der Hügel, an dessen Seite der Weg breit erschien, mußte wohl an dieser Stelle abgestochen worden sein. t, 183 l. wahrscheinlich um mehr Raum für etliche weinbekleidete Terrassen da unten zu gewinnen. Lichter erschienen in der Ferne und bezeichneten die Lage der Stadt, in welcher die Gäste des Antiochus, geleitet von Fackelträgern, ihre verschiedenen Quartiere aufsuchten. Töne wilder Lustbarkeit von denen, die taumelnd von dem Gelage heimkehrten, wurden schwach von dem Nachtwinde aus den verschiedenen Straßen herübergetragen. Lycidas jedoch blieb, als er an die Stelle kam, von wo die Lichter sichtbar wurden, weder zu hören, noch zu sehen Zeit. „Hund von einem Heiden! jetzt habe ich Dich!" zischte eine Stimme hinter ihm, und Lycidas wurde augenblicklich mit Abischat, dem Juden, in einen Faustkampf verwickelt, welcher, sobald er gekonnt, sich von seinen Geschäften fortgeschlichen hatte, um den Schritten des Griechen zu folgen. Es war, wie es schien, für den Athener ein hoffnungsloser Kampf. Sein Feind übertraf ihn an Muskelkraft und Schwere des Körpers, trug einen Dolch und war willens, ihn zu gebrauchen, wenngleich ein gewisser Sinn für Ehre den Abischai verhindert hatte, nach dem nichts ahnenden Jüngling zu stechen, ohne ihn, als er heimlich hinterherschlich, zu warnen. Aber die Liebe zum Leben ist stark, und Verzweiflung gibt beinahe übermenschliche Kraft. Lycidas fühlte die Schärfe des Eisens wieder und wieder. Er fühlte, wie das Blut warm aus den Wunden floß. Er hob den zum Schlage erhobenen Arm mit der Kraft der Verzweiflung und bemühte sich, die mörderische Waffe hinwegzuschleudern. Die beiden Männer kamen nun, ringend und kämpfend, sich gegenseitig die Glieder verrenkend, Zoll um Zoll dem steilen Abhang näher. Abischai verlor bei dem Kampfe seinen Dolch und konnte sich in der Finsterniß nicht bücken, um ihn wieder aufzuheben; aber er ergriff den keuchenden Jüngling bei den Locken und schleuderte ihn mit einer riesenhaften Anstrengung über den Rand des Abhanges. Mit hervortretenden Augen und einem Blick voll wildesten Triumphs lehnte sich Abischai über den Rand und suchte in der Finsterniß die leblose Gestalt seines Opfers zu entdecken. „Diesen Heiden habe ich für immer still gemacht", rief der wilde Hebräer zähnefletschend. „Ich sagte nicht „Zufrieden", als die Frage gestellt wurde, aber ich sage es jetzt." Er zog sich von dem Abgrunde zurück, wischte sich den Schweiß von der Stirn und ließ einen rothen Fleck darauf zurück. „Bevor ich zur Ruhe gehe, will ich Hadassah wissen lassen, daß mein Arm jene Sicherheit geschaffen hat, welche ihre Tollkühnheit beinahe geopfert haben würde. Mich wundert nur, daß sich Judas, dieser kühne und weife Mann, durch die thörichten Bitten eines Weibes von seinem Vorhaben abbringen ließ. Aber ich glaube", fügte er mit einem Grinsen hinzu, „daß ein Blick von Sarah mehr über ihn vermochte, als alle Bitten Hadassahs. Es wird unter uns, ihren Verwandten, gesagt, daß jene Beiden ein Paar werden sollen. Aber dies ist keine Zeit zum Freien und Heirathen zu stiften, wenn das unreine Thier auf Gottes heiligem Altar geopfert wird, der Schatten des Abgottes den Tempel verfinstert und den Söhnen Abrahams die Wahl gelassen wird, ob sie abfallen oder sterben wollen. Der Tag der Rache ist da, mögen alle Feinde Juda's umkommen, wie jener arme Bursche umgekommen ist!" Abischai suchte seinen Dolch und fand ihn. Dann verließ er ven Ort, wo er eine so schwarze That vollführt, mit einem weniger beunruhigten Gewissen, als hätte er am Sabbath Korn zwischen den Händen gerieben oder eine der von altersher vorgeschriebenen Waschungen versäumt. (Fortsetzung solgt.) -—«> * . ->- - Die nächtliche Ruhe. Wir begrüßen alle dankbar ihr leises Nahen, abe^ peinvoll die Nächte, in denen sie uns flieht. Schlaflose Nächte sind das unliebsamste Erbtheil der Sorge, der Schmerzen und des zunehmenden Alters. Das Sprichwort sagt zwar sehr schön: „Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen," aber man kann sich auch mit dem besten Gewissen auf dem Lager herum werfen, ohne von dem ersehnten Schlafe in traumlose Vergessenheit gewiegt zu werden. Der Schlaf, d. h. der sanfte, erquickende Schlaf, den keine Traumbilder stören, ist die beste Arzenei, welche die gütige Mutter Natur den Menschen reicht; er erquickt den müden Körper, erfrischt den matten Geist und tilgt auf Stunden alles aus, was uns bedrückt und quält. Im Schlafe wie im Tode, seinem Bruder, sind alle Menschen gleich, der König wie der Bettler, und der glücklichste Moment des Lebens ist der Augenblick des Einschlafens, nur kennen wir ihn nicht. — Eine schlaflose Nacht ist dagegen eine bittere Qual. Man sehnt sich nach Ruhe, ohne sie finden zu können; man wälzt sich auf dem Lager hin und her, die Minuten werden zu qualvollen Stunden, und der lebhafte Geist tritt seine Wanderungen an, springt von einem Ding zum anderen, bald in die Vergangenheit, bald in die Zukunft, und diese Gedankensprünge reihen das Tollste und Widersinnigste aneinander. In der Jugend schläft der Mensch so fest wie ein Murmelthier; weder lautes Gespräch, noch Musik, noch ein anderes Geräusch vermag ihn zu wecken, ja es ist vorgekommen, daß bei Ueber- schwemmungen Kinder in ihren Wiegen davon trieben, ohne zu erwachen. In späteren Jahren dagegen schreckt uns das leiseste Geräusch auf; man schläft so zu sagen wie ein Hase im Kohl mit gespitzten Ohren. Denkträge und gleichgültige Menschen, die sich nicht leicht Sorge machen und Gottes Wasser über Gottes Land lausen lassen, schlafen unzweifelhaft fester als diejenigen Menschen, die einen lebhaften, lebendigen Geist haben, und die selbst von geringfügigen Unebenheiten im Leben recht aufgeregt werden. Das beste Schlafpulver ist die Arbeit; wenn der Körper ermüdet vom Tagewerk aufs Lager sinkt, findet auch der Geist bald Ruhe; nur darf die Ermüdung nicht in Uebermüdung ausarten, denn auch hier ist das Zuviel vom Uebel. Der größte Feind des Schlafes ist ein voller Magen; in solchem Falle rebelliert das körperliche Ungemach gegen die Ruhe. Ein tüchtiger Spazier- gang am Abend ist hundertmal besser als ein sogenannter Schlaftrunk, der statt in Milch meist auch noch in Spiritussen genommen wird, und selbst die Leute, die von der Nervosität, dieser Modekrankheit unseres Jahrhunderts, geplagt sind, werden die Wohlthat einer solchen Bewegung bald empfinden. Eine schlaflose Nacht — wer sollte sie noch nicht kennen gelernt haben! Das Licht des müden Tages ist erloschen, und die Nacht hat ihren dunklen Mantel über Stadt und Land gebreitet. Die Augenlider sind schwer, und in der Hoffnung, bald von Morpheus' Armen umschlungen zu w.rdcn, suchst du die Ruhestätte auf. Das laute Gewühl auf den Stoßen ist verstummt; du hörst nur den einförmigen Ticktack der Uhr an der Wand, das Pochen des eigenen Herzens, und in den Bäumen vor dem Fenster rauscht es leise und einschläfernd. Weshalb will der Schlummer nicht nahen? Stört dich vielleicht das Licht des Mondes, der durch die Spalte des Fensterladens herein ins Zimmer lugt? Eine summende Fliege umkreist dich; ärgerlich rückst du die Kissen hin und her, um so besser ruhen zu können, und allmählich verdämmern deine Gedanken, die unklar zwischen Schlafen und Wachen hinirren, und blasse Traumbilder schwanken vor dir auf und nieder. Da ertönt in der Ferne ein Schrei, — war es Traum oder Wirklichkeit? Wer soll zu dieser späten Stunde einen Schrei ausstoßen? War es ein Vogel, eine Eule, die auf Beute ausgeht, oder ein Mensch in Gefahr? Du fährst empor und lauschest, aber nichts regt sich weiter, nur in deinem Ohr gellt der Schrei nach; die Phantasie spinnt ihn aus zum Roman, und Schreckgestalten huschen durch das Dunkel der Nacht. Hast du nicht in der Jugend gelesen, daß ein einsamer Wanderer im Walde von Unholden erschlagen und beraubt worden? Kann sich das, was früher einmal war, nicht heute wiederholen? Da du nun einmal aber der Jugendzeit gedacht hast, werden tausend Bilder und Gestalten vor deinem geistigen Auge lebendig. Du siehst sie wieder, die Genossen, die mit dir gespielt, die Plätze, wo du den Ball geschlagen, wo du den Drachen steigen ließest, und wo du mit Nachbars Mariechen und Paul lustig herumgesprungen bist. Du siehst sie wieder die alte Mühle mit den schwarzen und moosbewachsenen Rädern und den Bach, auf dem du dein selbstgefertigtes Schifflein treiben ließest.. Dein ganzes Leben zieht im schnellen Fluge an dir vor- über. Wo sind die Gefährten, mit denen du einst gelacht und gesungen, mit denen du fröhlich gewesen bist? Das Schicksal hat sie nach allen Himmelsgegenden zerstreut; von dem einen weißt du, was aus ihm geworden, vom anderen nicht. Und du selbst, bist du glücklich geworden? Bist du zufrieden mit deinem Geschick, hast du nichts zu bereuen, und würdest du alles noch einmal so machen, wie du es gemacht hast? Plötzlich siehst du den schmalen Weg zwischen den hohen Weißdornhecken vor dir, auf dem dir an einem schönen Sonntag Nachmittag die Freundin deiner Schwester begegnete. Der Weg war so schmal, daß ihr nickt an einander vorbei konntet, und so bliebet ihr stehen und plaudertet lange Zeit mit einander. Ueber was, weißt du nicht mehr; du weißt nur noch, daß ihr dann zusammen über die blumigen Wiesen gewandert und auf der schmalen Brücke, die über das Flüßchen führte, stehen geblieben seid, und daß ihr Hand in Hand und wortlos hinabgeschaut habt in das klare, murmelnde Wasser, in welchem die kleinen Fischchen sich tummelten. Wie schön war es damals, wie unvergeßlich jene Stunde, die so viele Hoffnungen in dir weckte, und die auch jetzt wieder mit allen Einzelheiten lebendig vor dir steht. Es war ein schöner Traum deines Lebens, aber mehr nicht! . . . Längst vcrscklossene Gräber öffnen sich; du siehst die Freunde und Verwandte, die in die dunkle Giuft gestiegen, denen du das letzte Geleit gegeben. Sie stehen vor dir, wie damals, als sie noch unter den Lebenden weilten, nicht als ob so viele Jahre dazwischen lägen. Und dort naht dir auch deine gute Mutter, die dich so treu behütet, die so sehr für 134 — dich besorgt war. Du siehst ihr freundliches Lächeln ihre mild-ernsten Züge, du hörst wieder die mahnenden Woite, die sie an dich gerichtet; du vergissest auf einen Augenblick, daß längst der grüne Rasen die Theure deckt. Du springst auf, denn du kannst nicht mehr schlafen. Die Stirn ist heiß, der Kopf brennt, und du öffnest das Fenster. Am stahlblauen Himmel funkeln unzählige Sterne, die Erde schläft, kein Laut stört die Ruhe der Nacht, nur aus weiter Ferne hallt leise der Schritt des Wächters wieder, ein kühler Lufthauch umfächelt deine Stirne, und abermals legst du dich nieder. Du denkst an das wogende Kornfeld, an die auf- und absteigenden Wellen des Meeres, an alles, was dich beruhigen kann, aber der Schlaf flicht dich, eben weil du denkst. Du zählst die trägen Schläge der nahen Thurmuhr und hegst uur noch den einen Wunsch, daß diese schier endlose Nacht ein Ende nehmen möge. Endlich, der Tag dämmert durch eine Spalte, am Fenster glänzt dos Frühroth herein; es weichen die Schatten der Nacht, die Geister verschwinden, und auf die müden Augen senkt sich ein sanfter Schlummer. Wenn du jetzt erwachst, ist es Heller Tag. Die Sonne steht leuchlend am Himmel, das bange Herz hat sich endlich einigermaßen beruhigt, und freundlich lacht dir der Morgen und mit dem Morgen ein neues Leben. Nur traumhaft erinnerst du dich der schlaflosen Nacht, und sprichst du zu anderen davon, dann hörst du allenthalben dieselben Klagen nervöser, denkender, den Tag über viel geistig beschäftigter Menschen. Lautrach. "Mit Illustrationen.) (Nachdruck verboten.) Lautrach, ein Pfarrdorf mit 714 Seelen, im kgl. Beztrksamte Memmingen und am linken Ufer der Aller gelegen, war ursprünglich ein Römerort, wovon noch, außer den sichtbaren Verschanzungen, die an der nördlichen Seite des Kirchthurms eingemauerten gekröpften Quadern Zeugniß geben. Es war wohl vollsret; später wurde es welfisch, da ja die Welsen im Allgäu großen Besitz hatten. Die Ahnen der Ritter von Lautrach sind vermuthlich Edle gewesen. Heinrich von Lutraha (Lutrach, Lautrach) mit seinen Söhnen Herimann und Heinrich war bereits 1164 Zeuge eines Gütertauschcs zwischen den Klöstern Ochsenhausen und Roth. In dem Vergleiche zwischen Kempten und Jsny über das Falllehen, 1239, werden die Brüder Diepold und Heinrich von Lautrach unter den kemptischen Dienstmannen aufgeführt. Dieselben waren bet dem Gütertausche mitthätig, den die Klöster Jsny und Roth gerade auf ihrer Burg Lautrach 1247 abgeschlossen haben. Die Herren von Lautrach zeigten stets große Vorliebe für das Kloster Roth; aber durch ihre Freigebigkeit gegen dasselbe wurde der Glanz ihrer Familie vermindert. Schon lange vor dem Aussterben der Ritterfamtlie von Lautrach (1356) kam die Herrschaft von Lautrach in den Besitz des Heinrich von Schellenberg, 1413 kam es an die Besserer von Ulm, 1417 an die württembergische Nebenlinie der Herren von Landau. Die Wappen der Ritter von Lautrach und der Herren von Landau befinden sich an der östlichen Seite des Kirchthurms, ebenso oben beim Zifferblatts auf der nördlichen Seite das Schellenberg'sche Wappen. Die Herren von Landau be- MW L W '->- * ^L», M-MLL A ^-'ch ü » ÄSÄ T'M MMk MtiÄ^Ä VMM N^WM -?M«s ÄM WWN OKK WWW MM HM? »MSI 8W-M MK -MW WZW 186 saßen Lautrach bis 1609, da sie ausstarben. Durch Erbschaft kam es an die oberpfälzischen Herren vonMuggen- thal, die es 1646 an das Stift Kempten verkauften. Nun wurde für Lautrach vom Stifte Kempten ein eigenes Pflegeamt errichtet und dieses immer an einen Kemptcr Stiftskapitular verliehen, der jedoch nicht den Titel Pfleger führte, sondern Propst benannt wurde. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß es schon 1644 zu Lamrach eine althergebrachte Gewohnheit war, daß die Unterthanen am Aschermittwoch ihren Herrn oder Junker gefangen nahmen und dieser ihnen alsdann einen Trunk bezahlte und selbst mitzechte; dieser Brauch erhielt sich auch, nachdem Lautrach an das Stift Kempten gekommen, worüber es in den ersten Zeiten mit dem stiftischen Pfleger oder Propst zu unruhigen Auftritten kam. ^ Im Frühjahr 1780, zur Zeit einer Fastnachtsgasterei, gerieth das Schloß zu Lautrach in Brand, wobei 5 Personen das Leben verloren; der damalige Propst land. Im Dezember 1860 verkaufte Institutsdirektor Deybach das Schloßgut und die zwei dazu gehörigen, von ihm angekauften Höfe Gotteswald und Vogelfang an den Fürsten von Zeil um 168,000 fl., wetzhalb im August 1861 das weibliche Erziehungsinstitut aufhörte. Im Oktober 1861 wurde jedoch ein weibliches Erziehungs- Jnstitut von Frl. Mathilde Jörres wieder eröffnet, dauerte aber nur bis Juli 1863. Jetziger Besitzer dieses Schlosses ist Herr Alfred Freiherr von Ziegler. Inzwischen hatte Direktor Deybach auf der alten Burgstelle das kleine vorhandene Häuschen erweitert und eröffnete 1845 ein Knabeninstitut für Merkantil-Wissen- schaften. Auch dieses blühte rasch auf, so daß eine bedeutende Erweiterung nothwendig wurde und das jetzige Mittelgebäude entstand. Aber auch dieses genügte bald nicht mehr und nun wurde 1851 das alte Gebäude größtentheils verändert und der Hinterbau, 1862 ein dem M U U M IN Schloß Kautrach. Original-Aufnahme von Gustav Baader, Photograph in Krumbach. (Dervielfältigungsrecht vorbehalten.) in Lautrach, Kapitular von Weiden, ließ das Schloß auf einem anderen Platze, auf dem Schloßfelde, aufbauen. Propst von Weiden starb 1787; nach ihm wurde Castolus Freiherr von Reichlin-Meldegg Propst, der 1793 als Fürstabt gewählt wurde; er war der letzte Fürstabt, mußte die Säcularisation des Stiftes in den Jahren 1802 und 1803, das an Bayern kam, erleben und starb schon am 28. Mai 1804. Das Schloßgut zu Lautrach wurde an den Grafen Firmas-Päries, das Amtshaus, das Bräuhaus usw. an Bürger von Lautrach verkauft. Die Wittwe des Grafen Firmas-Psries verkaufte 1830 das Schloßgut an Frhrn. Gustav von L>päth und dieser im Jahre 1838 an Abbs Jos. Deybach, geb. 3. Juni 1806 zu Colmar, und dessen Frl. Schwester Therese Deybach. Dieses Geschwisterpaar errichtete am 1. Juli 1838 im Schlosse ein Privat- Erziehungsinstitut für Töchter, das schnell aufblühte; Zöglinge kamen aus Deutschland, Frankreich und Eng- Hinterbau vollkommen ähnlicher Vorderbau aufgeführt. — Im Jahre 1866 wurde die Genehmigung ertheilt, daß das neuerbaute Haus auf der alten Burgstelle fortan Schloß Deybach genannt werden dürfe. Auf einer Romfahrt im Juni 1868 erhielt Direktor Deybach die Würde eines päpstlichen Kämmerers und bei der folgenden Romreise im Frühjahre 1870 die Würde eines päpstlichen Hausprälaten und Commandeurs des Ordens vom hl. Grabe. Im Jahre 1887 entschloß sich Prälat Deybach wegen hohen Alters, das Institut zu schließen; er starb 11. April 1889 im Alter von 82 Jahren und ruht nun neben seiner Schwester in der von ihm errichteten Familien- Gruft, einem schönen Kapellenbau auf dem Gottesacker zu Lautrach. L,. I. Sofort wurde Schloß Deybach von der Verwaltung der Regens Wagner'schen Wohlthätigkeitsanstalten angekauft und in dasselbe die bisher zu Glött bestandene 187 Cretinenanstalt verlegt. Den Anforderungen der neuesten Zeit entsprechend mußten im Innern große bauliche Veränderungen vorgenommen werden. Bald wurde auch unter Leitung des Herrn Architekten Müller von München eine schöne Kapelle neben der Anstalt erbaut, mit derselben durch einen Gang verbunden; diese Kapelle wurde vom Hochwürdigsten Bisitofe Pancratius v. Dinkel am 28. August >892 eingeweiht und consekrirt. In der Anstalt sind gegenwärtig mehr als 140 Pfleglinge weiblichen Geschlechtes untergebracht, die in 3 Abtheilungen getheilt sind, in eine Pflegeabtheilung, Beschäftigungsabtheilung und Schulabthetlung. In der Pflegeabtheilung befinden sich die eigentlichen Cretinen, Geschöpfe, welche die menschliche Hilflosigkeit im höchsten Grade darstellen und das innigste Mitleiden Aller erwecken, welche die Anstalt besichtigen dürfen; diese be- Pflege und Unterricht besorgen 6 Frauen und 5 Schwestern vom Orden des hl. Franziskus von Dillingen. Die Oberaufsicht führt die Anstaltsoberin mit mütterlicher Liebe, Sorgfalt und Umsicht. Sämmtliche Pfleglinge genießen eine äußerst liebevolle Behandlung und freundliche Pflege und haben an der Anstalt eine wahre zweite, liebgewonnene Heimath. Das jährliche Kostgeld betrügt 240 M., kann jedoch nur für die wenigsten Pfleglinge geleistet werden; nur durch die gnädige Fürsorge der hohen kgl. Regierung und Unterstützungen edler Wohlthäter ist die Aufnahme so vieler Cretinen ermöglicht. -- si ' ! Cretinrn-Anstalt Deydach bei Kautrach Original-Aufnahme von Gustav Baader, Photograph in Krumbach. fNervletsaUigungSrechr vorbehalten.) U 8 8 5 L ^kkkl iUlI L dürfen der besten Pflege, fortwährender Bedienung und der opferwilligsten Liebe. In der Beschäftigungsabtheilung sind solche Pfleglinge, bei denen sich einige Arbeitsfähigkeit zeigt, auch solche, welche wegen Mangels an besserer Begabung oder wegen vorgerückten Alters für einen regelmäßigen Unterricht nicht fähig sind; sie werden angehalten zum Nähen, Stricken, Putzen, Waschen, Kehren, Holztragen und auch zu Oekonomiearbeiten. In die Schulabthetlung kommen die einigermaßen bildungsfähigen oder dazu Hoffnung gebenden Kinder; der größere Theil der Schülerinnen macht sehr große Fortschritte. Abwechselung in die Einförmigkeit des Anstaltlebcns bringen die Feier des Martinsabends, die Christbaumfeier am Weihnachtsabende, theatralische Aufführungen von Candidatinnen und besseren Pfleglingen, bei günstigem Wetter größere Spaziergänge in der schönen Umgebung. Ein großer Spielplatz ist unmittelbar bet der Anstalt. Allerlei. Ableben der Erde. Ein alter Astronom, Schwitz in Köln, der siebzig Jahre Astronomie studierte, hat ausgerechnet, daß die Erde blos noch 1500 Jahre Menschen ernähren und mit Licht und Wärme der Sonne versorgen könne. Nach ihm bewegt sich nämlich die Erde nicht rund um die Sonne, sondern spiralförmig in immer weiteren Kreisen abwärts, und in 1500 Jahren werde sie sich so weit von der Sonne entfernt haben, daß deren Licht nur noch leuchten und wärmen werde, wie jetzt der Mond. Und dann könne nichts mehr wachsen, kein Mensch, kein Thier mehr leben auf der klein, kalt und eisig gewordenen Erde. Die Erde werde mit der Entfernung von der Sonne fortwährend kleiner und kälter. Schon jetzt habe sich ermittelt, daß die Meilen der Grade unserer Erde um viele hundert Schritte jede einzelne im Vergleich zu denen vor 50 Jahren kürzer geworden seien. Das komme von dem 188 Kleinwerden der Erde, die in 1500 Jahren so eng zu- sammengekrochen sein werde, daß eine jetzige Meile nur noch dreifünftel Meile lang sein könne. Damit hängt zusammen, daß die Tage und Stunden fortwährend kürzer werden. Jeder folgende Tag sei einfünftel Sekunden kürzer als der vorhergehende, folglich werde jedes Jahr um 360 Sekunden, d. h. um 60 Minuten, d. h. um eine Stunde kürzer. Also verlieren wir alle 24 Jahre einen Tag. In hundert Jahren wird das Jahr beinahe 5 Tage kürzer sein, als das jetzige, in tausend Jahren um mehr als 50 Tage, u. s. w. Die Erde wird fortwährend kleiner, kälter und dunkler, endlich ein kleiner Eisklumpen, als welcher sie sich in die Weiten des Himmels verlieren oder allmählich wieder in Aether auflösen und als Aether zur Sonne zurückkehren wird. * Die Familie eines Millionärs. Einer gesundheitlichen Zeitschrift wird geschrieben: Ich hatte kürzlich Gelegenheit, die Familie eines Millionärs kennen zu lernen, bei der ich zu Tisch geladen war. Wie gut muß es denen gehen, dachte ich mir, wie beneidenswerth sind diese Menschen; sie können doch Alles haben, was sie wollen. Bald wurde ich anderer Ansicht und lernte von Neuem, daß das kostbarste Gut, Gesundheit, nicht mit Gold zu erkaufen ist. — Da war zunächst die älteste Tochter, ein Mädchen von 15 Jahren; sie war eben von der Franzensbader Cur zurückgekehrt, aber trotzdem leichenblaß, und jede Bewegung schien ihr schwer zu fallen. Sie war im höchsten Grade blutleer. Neben ihr saß ihr Bruder, ein ziemlich kräftiges Bürschchen; aber leider hatte er so furchtbare Zuckungen in seinem Gesicht, das in einem fort verzerrt wurde, so daß es schauerlich war, ihn anzusehen. Der Mund war alle Augenblicke schief und das ganze Gesicht verzogen. Sein jüngerer Bruder, ein Knabe von acht Jahren, Hütte ganz nett ausgesehen, wenn nicht seine Athmung erschwert gewesen wäre. Er war genöthigt, nur durch den Mund zu athmen, da er sich kürzlich einer Nasenoperation hatte unterziehen müssen und trotz derselben noch immer nasenleidend war. Während der Mahlzeit tranken die beiden Jungen wacker ein Glas Bier und Wein nach dem anderen; als die Erwachsenen in das Rauchzimmer gingen, zündeten sie sich auch ihre Cigaretteu an und schmauchten lustig mit. Ihr Vater belachte den guten Witz und meinte, sie rauchten natürlich nur zum Scherz, aber sie vertrügen das Trinken und Rauchen schon so wie die Erwachsenen. Ich aber konnte nicht lachen. Als ich heim kam und meine rothbackigen Kinder mir entgegen sprangen, da konnte ich jene armen reichen Kinder um ihre Millionen nicht mehr beneiden. * ä. Aus dem Wiener Cavalierleben. In einem der Wiener eleganten Cafäs saßen drei junge Kavaliere. Die Unterhaltung dreht sich um verschiedenes, auch um die Justizpflege. Einer der Cavaliere Graf X, meinte, er wolle arretirt werden ohne was unrechtes gethan zu haben, die zwei anderen bestritten dies. Graf X bot seinen Kameraden eine Wette von 1000 fl. an, was von letzteren angenommen wurde. Graf X ging nach Hause, verschaffte sich einen abgetragenen Anzug, steckte eine 100. fl. Banknote zu sich und verfügte sich in ein feines Wein-Restaurant. Dort begehrte der eingetretene Gast eine Flasche Wein, die ihm der Kellner auch brachte, dann langte der Gast, ängstlich um sich sehend, in die Stiefelröhre, und zog zur Bezahlung den 100 fl. Schein hervor, der Kellner schöpfte Verdacht, schickte zur Wache, der Wachmann kam, und auf die Frage, wer er sei, erfolgte die Antwort: „Graf T", dabei auf seine Freunde im Cafe sich berufend. Dieselben wurden herbeigeholt, die Ueberraschung war groß, aber die Wette von Seite des Grafen X war glänzend gewonnen. Der verstorbene Jesuit Dnter Georg von Rlalilburg-Aeil an ilen abgefallenen Jesuiten Ocrrn Grasen v. Iioensbrocck: Aus Liebe nur, von keiner Macht gezwungen, Hab' ich, o theure Schaar, dich auserseh'n. Im Kampfe sah ich dich, vom Feind umrungen, Und sah dein Banner immer mnthig weh'n. Ich sab, wenn schwerste Arbeit dir gelungen, Zum Himmel dich um neue Arbeit fleh'n: D'rum hab' ich deine Fahne auserkoren, Die laß ich nicht — ich hab' es Gott geschworen. Die laß ich nicht und müßt' ich bettelnd wallen Von Thür zu Thüre in der rauh'sten Zeit; Die laß ich nicht und müßt' ich endlich fallen Nach heißem Kampf in blutgetränktem Kleid. Für dich — mag auch der Welt Gelächter schallen — Bin ich zu Schmach und Ehre gleich bereit. Zur Fahne halt' ich, die ich auserkoren — Die laß ich nicht, ich hab' es Gott geschworen. Du Heiland in des Himmels lichten Höhen, Der Du der Schaar Dein Banner hast verlieh'n, Der Du mich hießest zu dem Kreuze stehen, Ihm nach durch steten Kampf zum Siege zich'u: O wolle gnädig auf mich niedersehen, Daß nie die Kräfte mir im Streite'flieh'n! Denn Deine Fahne hab' ich auserkoren, Die laß ich nicht — ich hab' es Dir geschworen. Und Du, Maria, auf dem Sterncnthroue, In der ich früh' die beste Mutter fand, O flehe Du zum Heiland, Deinem Sohne, Der mich in Schlachten heiß und wild gesandt, Daß noch im Tod' für alle Müh' zum Lohne Sein Banner halte die erstarrte Hand. Denn Seine Fahne hab' ich auserkoren — Die laß ich nicht — ich hab' es Ihm geschworen. sZu unserem Bild Seite 185.) Abendglorken. Von Otto Baisch. Wie sanft beim Abendglockenklang Des Lebens Pulse schlagen, Als würden wir mit Engelsang Gen Westen fortgetragen; Wie Stimmen, die uns goldig klar Zu schönern Fluren locken, So tön: in's Ohr uns wunderbar Der Klang der Abendglocken. Die Alten blicken stumm zurück In jene fernen Stunden, Da sie der Jugend Kraft und Glück Voll frischen Muths empfunden. Nun lebt sich s still bis zu der Zeit, Da ibre Pulse stocken Und sie zur letzten Ruhe weiht Der Klang der Abendglocken. Wie anders fühlt der junge Sinn I O schönes, reiches Leben, Da noch der Seele zum Gewinn Die weite Welt gegeben, Da fröhlich wogt um's Angesicht Die Fluth der gold'nen Locken Und schon vom nächsten Morgen spricht Der Klang der Abendglocken I ---4SÄ88Ü-S- O 2b. Kreitag, den 27. März 189b. Kür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg Ag.); jede dieser iwci Abtheilungen wird von einer anderen Person und in einem anderen Ton gesungen. Uralt ist die Procession dieses Tages, sie fand schon statt, bevor die Benediction der Palme eingeführt war. So berichtet die dem vierten Jahrhundert angehörende „?sr6Ariii3.tio Lrlvias", die Beschreibung der Pilgerfahrt einer vornehmen Dame aus Gallien ins Heilige Land, die sich sehr genau über alle Einzelheiten der jerusalemischen Liturgie verbreitet, nichts von einer Weihe der Palme, wohl aber von der Procession mit der- 198 selben in Jerusalem. Alle Kinder, erzählt Silvio, selbst diejenigen, die ob ihres zarten Alters noch von ihren Müttern getragen werden mußten, trugen Palm- und Oel- zweige in den Händen; der Bischof ritt als Repräsentant des Heilandes, wie dieser, auf einem Esel vom Oelberge zur Auferstehungskirche; die vornehmeren Leute, Männer und Frauen, saßen ebenfalls auf Eseln; das übrige Volk ging zu Fuß einher; der Zug bewegte sich sehr langsam, damit die Leute nicht ermüdet wurden. Die Kirche will in der Procession dem Heilande dieselbe Ehrfurcht bezeigen, die ihm die Einwohner von Jerusalem erwiesen. Diese nahmen nach dem Berichte des Evangeliums Palmzweige, gingen ihm entgegen und riefen: „Hosanna! Gebenedeit sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König Israels!" So nahmen denn auch die Gläubigen schon in der alten Kirche an diesem Tage Palmzweige in die Hand, zogen in Procession einher und huldigten Christo in Gebet und Gesang als ihrem Könige. Nach dem heiligen Bernhard sollen wir in der Procession am Palmsonntage eine Vorbedeutung jenes glorreichen Triumphzuges sehen, in dem wir einst, nach einem guten Leben, mit allen Heiligen und Auserwählten in den Himmel einziehen werden. Bis dahin wird es noch manchen harten Kampf kosten, daran erinnert die Kirche, indem sie bei der alsbald auf die Procession folgenden Messe, wie erwähnt, die Passion lesen oder singen läßt. Es liegt hierin für den Christen die ernste Mahnung: Willst Du einst in das Reich des ewigen Friedens eingehen und Antheil haben an der Glorie Deines Heilandes, so mußt Du mit Ihm in Deinem Leben den königlichen Weg des Kreuzes gehen. In Gegenden, wo keine Palmen zu haben sind, vertreten die Zweige anderer Bäume deren Stelle, wie denn das römische Missale ausdrücklich sagt: „Laosräoz... proesclib nä chansäioslläum ruinös palvauruin sivs olivurnin st uliaruin arkoruin;" also Zweige von Palmen, von Oelbäumen oder von anderen Bäumen können geweiht werden. In Italien ist um diese Jahreszeit die Vegetation schon weiter vorgeschritten, die Zeit der Blumen ist bereits angebrochen, daher der Palmsonntag dort auch gerne xusguu äsi Lori genannt wird. In Spanien wird an diesem Tage der Boden der Kirche mit Blumen bestreut, und als Spanier gerade am Palmsonntag in Nordamerika eine Halbinsel entdeckten, nannten sie diese deshalb Florida, welcher Name dem Lande bis aus den heutigen Tag geblieben ist. Die Palmweihe ist wie gesagt jüngeren Ursprungs als die Palwprocession, reicht aber im Abendlande jedenfalls ins siebente Jahrhundert zurück. Die Weihe der grünenden Zweige bringt den Palmsonntag in Verbindung mit dem wiederkehrenden Frühling und veranlaßt manche Volksgebräuche, die zunächst den Sieg der grünen Vegetation über den unfruchtbaren Winter, im höheren Sinne aber einen geistigen Sieg bedeuten. In manchen Gegenden werden die gesegneten Palmzweige an den Marksteinen in die Felder gesteckt und über den Thüren der Wohnhäuser angebracht: eine Bitte um Gottes Segen. In Niederbayern ziehen die „Pueri-Buben" (eine sonderbare Tautologie!) herum; sie haben den Namen von einer Stelle, die in dem bei der Rückkehr der Procession in die Kirche zu singenden Responsorium vorkommt! Hslirusornin pnsri rssurrsotionsin vitss xronunoiuntss sto. Sie singen bei ihrem Umzug den „Pueri-Gesang", schlichte, volks- thümliche Lieder frommen Inhalts; z. B.: . Jesus in das Haus reitet ein Demüthig auf einem Eselein. Schämt Euch, Ihr stolzen Weltkinder I Ihr richtet Alles auf den Schein; Geprangt, gespitzt muß Alles sein — Das gefällt Gott nicht, o Sünder! Wieder in anderen Gegenden, z. B. am Niederrhein, werden die geweihten Palmen auf die Gräber gesteckt, jedenfalls im Hinblicke auf die Seile in der Apokalypse des heiligen Johannes 7, 9: „Ich sah eine große Schaar, die Niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Völkern und Stämmen und Sprachen; sie standen vor dem Lamme, angethan mit weißen Kleidern, und hatten Palmen in den Händen." Die Palme galt schon in der vorchristlichen Zeit als Sinnbild des Sieges; mit Palmzweigen wurde der heimkehrende Sieger empfangen und begleitet. Wie der Vogel Phönix, soll nach der Ansicht der Alten die Palme wieder aus ihrer Asche erstehen; sie bedeutete darum den Ruhm des Siegers, der sich einen unsterblichen Namen erworben. Darum kommen — in die christliche Symbolik übertragen — auf christlichen Bildern unzählige Male Palmen in den Händen der Engel und Märtyrer vor, um den Sieg über das Irdische auszudrücken. Zwei kreuzweise übereinandergelegte Palmzweige bezeichnen das heilige Kreuz als das große Siegeszeichen Christi und des Christen über Hölle und Welt. Als Sinnbilder auf Grabdenkmälern zeigen die Palmen an, daß der Verstorbene den guten Kampf gekämpft, den Steg errungen und die Krone der Gerechtigkeit erlangt hat. Auf den Grabdenkmälern der Katakomben ist die Palme oft mit dem Phönix verbunden, um anzudeuten, daß die Märtyrer durch das Opfer des zeitlichen Lebens den Sieg über den Tod errungen und das ewige Leben gewonnen haben. Der Palmbaum erscheint auf Katakombenbildern auch als Attribut Christi, und der heilige Augustin nennt den Heiland in einem Hhmus „xulrnu dsllatoruin", die Palme der Streiter, das heißt der Mitglieder der hier auf Erden weilenden streitenden Kirche. Wie der als Homilet berühmte Bischof Eberhard ausführt, paßt die Palme, die dem Palmsonntag den Namen gibt, besonders gut dazu, um das demüthige, ringende und kämpfende Leben des Christen und das siegende und glorreich vollendete Leben der Heiligen zu bezeichnen. Die Palme ist der schönste und edelste Baum des Morgenlandes, die herrlichste Zierde der Pflanzenwelt, die „Fürstin der Bäume", wie Linns sagt. Sie wächst in sandigem, wenig versprechendem Boden. Wo im Flugsande der glühenden Wüste nur ein wenig Wasser sich sammelt und den Boden befruchtet, da steht der Wanderer die Palme gegen Himmel streben. Die Palme ringt sich aus dürrem Erdreich empor; von der Erde bedarf sie wenig, vom Himmel aber Sonnenschein und Wärme. Sie steigt zu einer Höhe hinan, die andere Bäume, welche stärker angelegt zu sein scheinen, nicht erreichen. Ihre Krone welkt nicht, sie grünt im Regenschauer und Sonnenbrand, sie grünt Sommer und Winter und erinnert so trefflich an die unverwelklichen Kronen der Heiligen. Die Palme ist, wie der höchste Schmuck, so die reichste Segenspenderin des Morgenlandes; das Leben ganzer Völkerschaften knüpft sich an das Dasein der Palme. So ist die Palme das von Gott gewählte treue Bild des geistigen Wachsthums und der Vollendung seiner Heiligen, ein Bild der Liebe, die wenig nimmt und viel gibt, mit Allem dient und Alles opfert. Eine solche Palme ist auch das Kreuz Christi, der lebendige, weltüberschattende 199 Baum des Lebens, dessen Betrachtung die mit dem Palmsonntag beginnende stille Woche sich zur Aufgabe stellt. Es sei noch daran erinnert, daß am Aschermittwoch die Palmen, die am vorjährigen Palmsonntag gebraucht wurden, verbrannt werden und der Christ das Zeichen der gesegneten Asche als Erinnerungszeichen an den Tod und als Siegel seiner Verpflichtung zur Buße empfängt. So wird aus dem Symbole des Sieges und der Ehre das Symbol der Buße und der Treue gewannen. --»S-iNS-S- - Judas Wakkabäus. Historischer Roman von A. L. O. E. (Fortsetzung.) Es war im Monat Schcbat, unserem Januar entsprechend, und Palästina prangte schon im ersten Grün des jungen Frühlings. Die purpurfarbene Wolfskirsche stand in Blüthe, die Krokus, Tulpen und Hyacinthen bedeckten die Felder, der blaue Flieder contrastirte mit Tausenden von scharlachrothen Anemonen. Der Mandelbaum stand in Blüthe, und ein duftender Hauch wehte über die Blüthen der Ltmonen und Citronen. Der Winter war in diesem Jahre mild gewesen, und einige Feigen aus dem vergangenen Herbst hingen an den noch unbelaubten Zweigen. Der Wein an den Hügeln bekam schon Laub, und in den Feldern zeigte das aufgehende Korn seine ersten jungen Blüthen. Aber Judas war zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, um der Landschaft, die ihn umgab, viel Aufmerksamkeit zu schenken. Für Israel war der geistige Winter noch nicht vorüber und lastete schwer auf dem Gemüth des Pilgers. Der Reisende eilte ohne zu rasten weiter, bis er am Nachmittag das Thal von Askalon erreichte. An einem Brunnen, der sich an der Seite der Straße befand, stillte der müde Wanderer feinen Durst und setzte sich für eine Weile unter dem Schatten einiger Dattelpalmen zur Ruhe nieder. Der Hasmonäer zog aus der Tasche, welche er bet sich trug, seine einfache Mahlzeit von getrockneten Feigen, wusch in dem kühlen Wasser Gesicht und Hände und fing an zu essen. Bevor einige Minuten verstrichen waren, kam ein Weib in den Trauerkleidern einer Wittwe, ein ungefähr sechs Jahre altes Kind auf dem Rücken tragend, mit müdem Schritt auf den Brunnen zu, neben welchem der Reisende saß. Sie legte ihren Knaben auf den Boden, trank von dem Wasser und gab ihrem Sohne auch zu trinken. Ihre Erscheinung zeugte von der äußersten Armuth, und das Kind litt augenscheinlich sehr unter der Krankheit. Judas theilte seine geringe Mahlzeit in drei Theile, und mit dem freundlichen Gruß: „Friede sei mit Dir!" bot er einen Theil der Wittwe und einen dem Knaben an. „Der Segen des Gottes Abraham sei mit Dir!" rief das arme Weib, „Deine Magd hat seit Sonnenaufgang keine Speise geschmeckt." Und die Wittwe und ihr Sohn nahmen, nicht weit von Judas auf dem Rasen sitzend, von den getrockneten Feigen mit der Hast solcher, die dem Hungertode nahe sind. „Dein Kind sieht krank aus", bemerkte der Hasmonäer, indem er voll Mitleid auf die verkommene, zusammengesunkene Gestalt des Knaben blickte. „Er wird nicht lange mehr leiden", erwiderte die Wittwe mit der ruhigen Apathie der Verzweiflung, „seines Vaters Haupt legte ich im vergangenen Monat in's Grab, und in diesem Monat werde ich Theras Haupt an seine Seite legen. Das Siegel des Todes ist ihm aufgedrückt; ich werde bald allein sein in der Welt." „Nein, verzweifle nicht. — Gott ist gut, Dein Kind kann ja noch leben", sagte Judas. „Warum sollte ich wünschen, daß es lebe? Sein Vater wurde hinweggcnommen, es wird auch hinwegge- nommen werden. Jerusalem ist beschmutzt und das Land ist in Gefangenschaft, Israel ist ein Raub der Heiden geworden. Der Gläubigen sind wenige im Lande, und die Verfolgung wird auch diese bald hinwegraffen. Es gibt keinen Ruheplatz als unter dem Rasen und keine Freiheit als im Grabe. Der Name Juda's wird bald aus den Völkern getilgt sein." „Niemals!" rief Judas mit Nachdruck, „so lange der Gott der Wahrheit lebt und regiert. Judäa kann niemals untergehen. Der Weinstock, der aus Aegypten gebracht wurde, kann abgebrochen werden, seine Zweige abgerissen, seine Frucht zerstreut, der Bär des Waldes kann ihn verwüsten, das wilde Thier des Feldes ihn verschlingen; aber dennoch wird Israel grünen und blühen und wird den Erdboden mit Früchten füllen. Bliebe nur ein Mensch von dem auserwählten Volke Gottes, so würde von diesem einen Menschen der Erlöser kommen, der den Völkern Frieden verkünden und herrschen wird immerdar." „Könnte ich nur hoffen", stammelte die Wittwe. „Kannst Du nicht glauben?" rief der Hasmonäer. „Sieh hinunter, blicke nach Westen, da ist Gibeon, über welchem die Sonne auf die Stimme Josuas stillstand; über diesem Thale von Askalon stand der Mond still an dem Tage, an welchem die Amoniter vor Israel flohen. Er, der einen Moses, Josua und Gideon erhoben hat, kann durch menschliche Werkzeuge oder ohne dieselben die Wunder aller Zeiten wiederholen und sein Volk wieder erlösen." Und als der Hasmonäer diese Worte gesprochen, erhob er sich, um seine Reise fortzusetzen. Er konnte seinen müden Gliedern nur wenig Ruhe gönnen; denn der Weg, den er vor sich hatte, war noch lang. „Meine Heimath ist nicht mehr weit", sagte die Wittwe, sich ebenfalls erhebend, „und ich habe nun wieder Kraft, vorwärts zu gehen." Sie wollte ihren Knaben aufnehmen, aber Judas kam ihr zuvor. „Ich kann Dir die Last abnehmen", sagte er und nahm das Kind auf seine Schultern. Sie halten ein Stück Weges im Stillschweigen zurückgelegt, und die Wittwe dachte über die Worte des reisenden Mannes nach, als hinter ihnen Pferdegetrappel und Waffengeklirr hörbar wurde. Das Kind, welches der Hasmonäer trug, sah sich um und rief, indem es die Locken seines Beschützers ergriff: „Sieh, Reiter in glänzenden Waffen mit Bannern und Speeren! Flieht, flieht, die Syrer kommen!" Judas wandte sich weder um, noch änderte er seinen Schritt. Er ging nur ein wemg auf die Seite der durch Kaktus begrenzlen Straße, um den Reitern mehr Raum zum Vorbeikommen zu geben. Die Syrer ritten in guter Ordnung weiter, ihr Stahl glänzte im Sonnenschein, und eine dichte Staubwolke umgab die Hufe ihrer Rosse. In der Mitte des Zuges befand sich ein mit Vorhängen bedeckter Karren, zu welchem die Krieger eine Art Eskorte zu bilden schienen. In dem Dache dieses Karrens war eine Oeffuung, augenscheinlich, um eine darin befindliche Figur, welche zu hoch war, besser foit- schaffen zu können; denn oben aus der Oeff- nung sah der weiße Marmorkopf einer griechischen Statue heraus. Judas und seine Begleiterin betrachteten dieselbe mit Abscheu und Schrecken, den alle fromme Juden bei dem Anblick eines Götzen empfanden. Als die Syrer vorbei waren und das Geklirr ihrer Waffen nicht mehr hörbar war, rang die Wittwe ibre Hände und rief: „Da unten reitet Apelles mit seinen Kriegsleuten nach Modin, um die Befehle des grausamen Tyrannen auszuführen, und sie tragen das verfluchte Ding da mit sich, damit es dort aufgestellt und angebetet werde. Ach, sie werden alle Hebräer zu Modin zwingen, vor ihrem steinernen Götzen niederzuknieenl" „Vielleicht nicht", sagte Judas. „Alle sollen gezwungen werden, dem Götzen zu. opfern, da wird es keinen Weg geben, dieser Schande zu entfliehen." „Salome und ihre Söhne fanden einen Weg", bemerkte der Hasmonäer, „und Gott kann wohl für einen andern sorgen." Der Reisende hatte indessen die Thür von der bescheidenen Wohnung der Wittwe erreicht. Judas setzte seine Last nieder, uno die Wittwe bat den gütigen Fremden, indem sie ihm herzlich dankte, hereinzukommen, um ein wenig zu ruhen. „Ich kann nicht bleiben", lehnte Judas ab, „ich habe noch eine lange Reise vor mir, ich muß heut' Abend noch in Modin sein." „In Modin?" rief das Weib, erstaunt auf das ermüdete Gesicht des Sprechers blickend. „Die Reiter werden kaum Modin heut' Abend erreichen, obgleich sicherlich des Königs Auftrag dringend ist!" „Meines Königs Geschäfte sind ebenfalls dringend," entgegnete der Hasmonäer, indem er seinen Gürtel enger schnallte, und mit ernstem, höflichem Gruß setzte er seinen Weg fort. Die Wittwe betrachtete eine Weile stillschweigend seine fürstliche Gestalt, dann rief sie: „Das kann kein anderer als Judas, der Sohn des Mattathias sein, es gibt keinen zweiten Hebräer wie er ist. Ach, mein Thera, das ist ein Mann, den der Syrer nicht erschrecken wird!" „Eher wird er die Syrer erschrecken", äußerte der Knabe. In späteren Tagen wurde so manchesmal diese letzte Aeußerung Theras wiederholt, als Judäa längst vor seinen Feinden Ruhe hatte, und er längst ein alter Mann war. Wenn er unter seinem Wein- und Feigenbaum saß und niemand zu fürchten brauchte, dann konnte er nicht müde werden, jene fürstliche Gestalt, die einen so tiefen Eindruck auf sein kindliches Gemüth gemacht hatte, daß er dieselbe im Gedächtniß behalten hatte, zu beschreiben. Er sprach mit hoher Begeisterung von dem fürstlichen Manne, der ihn auf seine Arme genommen und auf seinen Schultern getragen hatte, der so sanft war gegen ein krankes Kind, wie er später Israels Feinden schrecklich wurde. Die Sonne war eben untergegangen, als der Fuß des Hasmonäers das Thal von Saron betrat. Es war gut, daß von da ab jeder Schritt des Weges dem Judas bekannt war, denn er hatte bald kein Licht mehr, um auf dem richtigen Wege zu bleiben, als das der Sterne. Der Wind erhob sich und schüttelte die blätterreichenKronen der immergrünen Palmen. Er trug zu dem Ohr des erschöpften Reisenden das wilde Geheul des Schakals, das, immer höher steigend, wie die Wehklage eines mit Betrübnitz erfüllten menschlichen Wesens klang. Der Hasmonäer war müde, und die Füße schmerzten ihn, aber dennoch eilte er tapfer vorwärts, bis er zuletzt das willkommene Rauschen des mittelländischen Meeres hörte, welches die Küste, in deren Nähe Modin lag, bespülte. Es war dies ungefähr eine Meile vonJoppe. Dankbar erblickteJudas endlich sein Vaterhaus, wo er seinen Körper nach den heftigen Anstrengungen ruhen lassen konnte. Er schlief den tiefen und süßen Schlaf des Müden nach einer Reise, welche an einem Tage zu Fuß nur von einem Manne, der starke Energie und physische Kraft besaß, zurückgelegt werden konnte. (Fortsetzung folgt.) - Veilchenzauber und Beilchenkultus. Es schlich sich in wonnigster Frühlingsnacht Der blaue Himmel zur Erde sacht Und hat sie glühend umfangen- Da blieben der jungen Erde am Kleid Verräther seiner Zärtlichkeit — Viel blaue Flöckchen hangen. Und immer noch trägt sie als liebstes Geschmeid Die Veilchen in seliger Frühlingszeit. Diese blauen Flöckchen am Brautkleide der Erde, unsere Veilchen, haben durch ihren Zauber und Liebreiz seit Jahrtausenden wie heller^Krühlingssonncnscheiu räch langer, banger Winternacht der Menschen Gemüth und Herz erheitert und begeistert. Auch das deutsche Volk hat sie in seiner seclcnvollcn Innigkeit tief in das Herz geschlossen. Schon die Germanen, welche trotz unbändiger Kraft und wilden Freiheitsdranges in nahester Beziehung zur Welt der zarten Blüthen standen, haben die duftenden „Tyrsviolen" mit ihren Sitten und heiligen Gebräuchen verflochten. In der Veilchenzeit war es ja, wenn vom Glänze des Frühlings die Natur überquellen wollte, wo sie Ostara in rauschenden Festen feie» ten, Ostara, die holde Göttin des Frühlings, des aufsteigenden Lichtes und der Morgenröthe, die ihnen reichste Segcnsfülle gespendet. 202 Veilchen sind die lieblichste Gabe des jungen Lenzes, der sie bald in den grünen Teppich webt, wenn der letzte Schnee zerronnen und die traumumiangene Flur erwacht. Die Bäume haben sich oft noch nicht in ihre grünen Schleier gehüllt, »nd die blauen Augen blicken schon unter schirmendem Blättergrün zum lochenden Frllhlings- himmel hinaus, ringsum die Luft durchwürzend mit köstlichem Aroma. Die ersten Veilchen! Im Mütelalter war es in ganz Deutschland Sitte, daß man die ersten dieser ersehnten Lenzender, die man fand, an eine Stange band, sie aufrichtete und fröhliche Reigen um sie tanzte. Es war die glühende Sehnsucht nach den Tagen, in denen sich „alles, alles wenden muß*, das Jung und Alt beseelte und sich als lauter Jubel der Menschcnbrust entrang. Und die Zuneigung zu den Veilchen hat sich von Geschlecht zu Geschlecht weiter vererbt, um heute noch fortzuleben im Volke wie ein Denkmal einer untergegangenen Weltanschauung. Die frohe Kinderschaar, die ja vorzugsweise unter dem bestwirkenden Vcilchenzauber steht, bricht in freudiges Jauchzen aus, wenn sie im Hag unter schwellenden Büschen und Hecken die ersten Blauveilchen entdeckt. Aber auch wir großen Leute, denen seltener gegönnt ist, nach des Tages Last und Mühen an den Busen der Natur zu flüchten, verschmähen kein duftend Vcilchensträußchen, das ein armes Kind uns zum Kaufe bietet. Worin nur der wundersame Zauber liegt, dem diese doch unscheinbaren Blumen seit uralten Zeiten eine solch hohe Stelle in der Blüthenwclt verdanken! Ist es die Zeit der Brautfeicr der Erde, die sich „in wonnigster Frühlingsnacht" mit dem blauen Himmel vermählte, jene zaubcrreiche Zeit, die erst ausgesungen sein wird, wenn der letzte Dichtermund verstummt? Ist es ihr heimlich verstohlenes Blühen an lausch'gcn Plätzchen, jenes Vcrborgcnscin und jene stille Innerlichkeit, die sie zum Symbole der Demuth und Bescheidenheit erhoben, die sich in sich zurückzieht, wenn die Außenwelt sie nicht vcist'hen will? Oder ihr dunkles, sattes Blau, das dem Auge so wohlthuend entg-gcristrahlt und den Griechen Sinnbild der Trauer und Treue, den Galliern ein Zeichen der Freude und Unschuld war? Oder endlich ihr c Sittliches, seelenvolles Aroma, das holde Kunde in's Gemüth uns wehr, vaß reicher Scgm herniederträufelt und Licht und Liebe ohne Ende sich auf das Haupt der Menschen häufln? — Wann zuerst im grauen Alterthume das sinnende Menschenauge mit Wohlgefallen auf diesen blauen Lenzkindern geruht haben mag, läßt sich natürlich nicht mehr feststellen. Spuren eines gewissen Veilchcnkultus finden wir aber schon bei den alten Indern und Persern, Griechen und Römern. Wie die Schöpfungsgeschichte der Perser erzählt, vollendete Ormvzd in dreißig Tagen die Pslanzenschöpsung, zu deren Hüter er Armodad bestellte. Dieser nahm Hom, den Keim aller Gewächse, und setzte ihn in das Gewässer Taschters an der Quelle Ardoisur, wo bald das Blumenheer der Erde entsprang, darunter mit den heiligen Kräutern „Guli Peigamber", der Rosenprophet — nnscr Blauveilchen. Noch einer anderen orientalischen Sage entstand es aus Adams Freudenthräncn auf dem höchsten Berge Ceylons, wo er hundert Jahre büßend auf den Knieen lag, ehe er Verzeihung vom Schöpfer erlangte. Eine griechische Sage behauptet, daß Jup ter die ersten Veilchen schuf, um seiner geübten Jo süße Nahrung zu bieten, und eine siciüanische Trakntion sagt, daß Proserpina im Thäte von Enva Veilchen pflückte, als Pluto sie raubte, und daß sie erschrocken die Wüthen fallen ließ, die sich von nun an weit und breit zerstreuten, durch ihr dunkles Gewand Tod und Trauer verkündend. Eine andere Mythe dagegen berichtet, daß Apollo, der leuchtende Sonnengott, einst, mit seinen heißen Strahlen eine der schönen Töchter des Atlas verfolgte, jenes Riesen, der zur Strafe für seine Theilnahme am Sturme der Titanen auf den Olymp das Himmelsgewölbe tragen mußte. Um sich vor ihm zu retten und dem Verderben zu entgehen, flehte die Verfolgte in ihrer Angst zum bimmelbeherrschenden Zeus und bat ihn um Schutz und Rettung. Dieser lieh der Bedrängten willig sem Ohr, verwandelte die unmuthige Jungfrau in das Veilchen und führte es in den lichten Halbschatten des Waldes, wo es im Verborgenen w itcr blühte und dem hohen Götter Vater in seinen heiligen Eichenhainen die Rettung lohnt durch dankbare Opferdüfte. Veilchen waren die Lieblingsblumen der Jonier und Athenienser, welche sie, namentlich um Mika, mit großer Sorgfalt cultivirten, weshalb Pindar singt: »Da verbreiten liebliche Veilchendüste sich über das Land, Das Wunderland, und man flicht sich Rosen in's Haar." Und: „O herrliches, veilchenbekränztes, besungenes Griechenland, Burgseste, hochberühmtes Athen, du himmelbegeisterte Stadt!" Die Stadt Athen, in der sie in großen Mengen zum Verkaufe feil geboten wurden, stellten Maler und Bildhauer als majestätische Frau dar, die auf dem Haupte einen Veilchenkran; trägt. Die Bacchantinnen schmückten die in einen Fichtenzapfen auslaufenden, mit Epheu und Weinlaub umwundenen Thyrsosstäbe mit Veilchen, und ebenso wurden die Statuen der Hausgötter damit geziert. Als Symbol der Unschuld bestreute man, wie bei den Galliern, das Lager der Braut und den Sarg der Jungfrauen mit duft nden Veilchenblüthen. Sie waren überhaupt bei den Griechen die gesuchtesten Blumen zu Prunk und Pomp, weswegen man eigene Veilchengärten anlegte, um den Bedarf zu decken. Der Veilchencultus stand auch bei den Römern in Blüthe, und ihre Dichter besangen sie wie die Rosen, unter denen sie sich entfalteten. Sie benutzten dieselben freilich auch zu einem höchst prosaischen Zwecke: sie würzten mit ihnen den Wein, den sie über Rosenfilter gössen. Horaz tadelt sie daher, weil sie über diesem süß duftenden Unkraute die früchtereichen Olivenhaine vergaßen. Die Germanen glaubten, daß die lieblichen Blumen, die ihren Odem auch mit der rauhen, nebelerfüllten Atmosphäre des Nordens vermischten, unter den Tritten der Frühlingsgöttin erschienen. Sie waren Tyr geweiht und wurden, wie eingangs erwähnt, „Tyrsviolen" genannt. In Sachsen gehl die Mähr, daß Zernebogh, der Wendengott, eine herrliche Burg besaß, die bei der Verbreitung des Christenthums mit ihm in Felsen verwandelt wurde, während seine schöne Tochter zu einem Veilchen wurde, das alle hundert Jahre einmal sich erschließt und jedem, der es findet und pflückt, die hübscheste Maid des Landes zuführt. Die Veilchen besaßen übrigens früher noch einen weiteren Vorzug; sie verhalsen wie Schlüsselblumen, Vcr- 203 gißmeinnicht und Schneeglöckchen armen Leuten zu Reichthum und Ansehen, indem sie dem glücklichen Finder die Bergesschluchten öffneten, worin ungeheure Schätze aufgespeichert lagen. General Daldistera. -MH WMM -WHK Wir belächeln heutzutage freilich diese kindliche Naivität, und die Gegenwart hat die Veilchen, wie ja fast alle Blumen, aller mythischen Reize entkleidet. Wir düifcn jedoch nickt vergessen, daß all' diese lieblichen Sagen Zeugnisse einer sinnigen Naturauffassung unserer Vorfahren sind, die ihre ästhetischen Empfindungen und frommen Gefühle in die Natur hineinverlegtcn. Die Bevorzugung vor vielen anderen Blumen ist den Veilchen jedoch bis heute geblieben, und man wird fast versucht, auch jetzt noch von einem Veilchencultus zu sprechen, wenn man erwägt, daß einzelne Gärtner Norddeutschlands oft bis 200,000 Töpfe besitzen, von denen ein großer Theil fortwährend in Blüthe gehalten wird. Man will die Blumen, deren Wohlgcruch nicht berauscht, in keiner Jahreszeit mehr entbehren, und der Kunst ist es thatsächlich gelungen, ihnen das lange, liebe Jahr hindurch üppigen Blülhen- reichthum zu entlocken. In neuerer Zeit haben es die Veilchen zu historischer Berühmtheit gebracht. Sie waren eine Zeit lang die Nationalblumen der Franzosen und, wie in einer früheren Abhandlung dargethan wurde, mit dem Geschicke der Napoleoniden enge verbunden. Sie bildeten die Lieblingsblumen der Kaiserin Josephine, der ersten Gemahlin Napoleon I., der sie alljährlich an der Wiederkehr ihres Vermählungstages mit einem frischen Veilchenstrauße überraschte und beglückte, bis er die österreichische Kaisertochter freite. Sie sollen auch Eugenicns Licblingsblumen gewesen sein — brachten aber auch ihr kein Glück. Daß Kaiscr Wilhelm I., wie sein königlicher Vater, die Veilchen liebte und jeden Tag im Jahre mit frischen Sträußen umgeben sein wollte, dürfte noch in lebhafter Erinnerung haften. Nach persischer Mythe ebnen die Veilchen der königlichen Rose die Bahnen. Sie erschließen und ebnen aber auch oft den Weg zum Herzen und spielen daher im Liebesleben mit seiner verzehrenden Qual, seinem himmelhohen Jauchzen und Zutodebctrüblsein eine wichtige Rolle. Ebu Abrahmt, ein Araber, vergleicht das weinende blaue Auge der Geliebten mit den im Thau gebadeten Veilchen, und ähnlichen Gedanken begegnen wir öfters auch in deutscher Poesie. So warnt bespiclsweise Neinick vor den blauen Frühlingsaugen, die ein heimlich Sehnen erwecken: „Und am Abend, und am Abend, Wenn in Gärten allerwegen Holde Kinder sich ergehe», Und verstohlen nach dir sehen Aus den grünen Laubgchegen: Hüte dich fein In den Lenzen Vor dem Glänzen der Aeugelein!" Goethe, der stets bei seinen Spaziergängen um Weimar Veilchensamen an den Rändern der Wege ausstreute, stellt in seinem stimmungsvollen Gedichte „Das Veilchen" das Loos der bescheidenen Liebe dar, welche selbst in dem Schmerze, den ihr der geliebte Gegenstand bereitet, eine Quelle des Glückes findet: „Es sank und starb und freut' sich noch: Und Verb' ich denn, so sterb' ich doch Durch sie, durch sie Zu ihren Füßen doch." Ein andermal vergleicht er die schüchternen, jungfräulichen Blumen mit dem in stillem Kreise wirkenden Mädchen: „Viele der Veilchen zusammengeknüpft, das Sträußchen erscheinet Erst als Blume; du bist, häusliches Mädchen, gemeint." General Uateriano Weyler q Nicolau, der neue Commandeur der spanischen Sireitträste aus Cuba. Und Chamisso erzählt von Eisblumen, die am Fenster flimmern, und von dem ahnungslosen Jünglinge, der davor betrachtend steht: „Und hinter den Blumen blühet noch gar Ei» blaues, ein lächelndes Augenpaar. Märzveilchen, wie jener noch keine geseh'n, Der Reif wird angehaucht zergeh'». Eisblumen fangen zu schmelzen an — Und Gott sei gnädig dem jungen Mann!" Allerlei. Heubäder. Wer im Sommer so glücklich ist, das herrliche Südtirol bereisen zu können, der wird in den Städten und Dörfern längs der Etsch, also im deutschen Theile des Landes, häufig der öffentlichen Bekanntmachung begegnen, daß da und dort „das Heubad" eröffnet worden sei. Und diese Ankündigung ist nicht etwa ein Scherz, sondern voller Ernst. Das Heubad besteht in Südtirol als Volksheilmethode schon lange, und zwar darin, daß das von den Bergen hereingebrachte, noch feuchte Heu in irgend einer Halle oder einem Schuppen aufgeschichtet und festgetreten wird. Kommt dann der nach einem Heubade Lüsterne, zieht der „Bademeister" eine tiefe Grube in das dampfend heiße, gährende Heu, und in diese Grube muß sich der Badegast hineinlegen. Nun wird er völlig mit Heu bedeckt, so zwar, daß nur sein Kopf aus der duftigen Masse hervorragt. — Bald umfängt ihn eine wohlthätige Wärme, die sich steigert und zur gewaltigen Hitze wird. Der Schweiß dringt dem Badegaste aus allen Poren, und er schwitzt nun so lange er es eben aushält. — Dann wird er genau so wie in einem Dampfbade behandelt, und wenn sein Rheumatismus oder ein ähnliches Gebreste der ebengeschilderten 14 Tage lang fortgesetzten Kurmethode nicht weicht, dann ist dagegen überhaupt kein Kraut gewachsen. — Doch soll, wie behauptet wird, ein Mißerfolg dieser unbekannt von wem ersonnenen Volkskur nur höchst selten zu verzeichnen sein und das Heubad immer wenigstens den Appetit zu einer ungeahnten Höhe steigern. -- Zu unseren Bildern General Daldissrra. Die Hoffnung der durch den schlimmen Tag von Adua schwer geprüften italienischen Nation ruht jetzt auf dem neuen Oberbefehlshaber in der Erytbräischen Kolonie, General Baldissera, der dem unglücklichen Führer Baratieri im Kommando gefolgt ist. Ein eigenartiger Zufall will es, daß beide Feldherren durch ihre Geburt politisch nicht echte Italiener sind. Während Baratieri aus dem österreichischen Welsch-Tirol stammt, wo ihm anläßlich seiner letzten Anwesenheit im Sommer vorigen Jahres von den romanischen Heißspornen allerhand Ovationen bereitet wurden, ist Baldissera ein Friauler, als solcher aber ebenfalls unter österreichischer Herrschaft geboren. Er erblickte im Jahre 1838, zu einer Zeit, als Venetien noch zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörte, zu Udine als Sohn eines Polizeibeamten das Licht der Welt. So konnte er später von der gesetzlichen Erlaubniß, eine Freistelle an der Schule von Cividale anzunehmen, Gebrauch machen. Dann erhielt er durch kaiserliche Verfügung einen Platz im Theresianum, der bekannten Militärakademie in Wiener-Neustadt. Hier zeigte er in allen Fächern eine ganz hervorragende Begabung. Bis zum Jahre 1866 diente er unter dem Doppeladler. Als damals aber Venetien an Italien kam, trat er wie viele andere Offiziere in die italienische Armee über und zwar mit dem Range eines Majors im Generalstab, den er bis dahin bekleidet hatte. Allmählich stieg er von Stufe zu Stufe, ohne jedoch Gelegenheit zu finden, sich im Felde auszuzeichnen. An der Oeffentlichkeit wurde sein Name genannt, als er im Range eines Bersaglieri-Obersten das glänzende fünfzigjährige Jubiläum dieser Truppe anregte und durchführte. Als Oberstlieutenant verheiratete er sich mit der Tochter des ersten StaatSanwstts am Appellhof zu Aquila. Dieser Ehe sind zwei Kinder entsprossen, die heute neun und zwei Jabre zählen. Zum Oberbefehlshaber in Afrika ist er durch Patent vom L. Februar ernannt, die Beförderung wurde aber geheim gehalten, auch die Abreise fand in aller Stille statt. Am 4. März traf er in Massauah ein — wenige Tage vorher war die Armee, die er hatte führen sollen, zersprengt worden. Es ist eine ungemein schwierige Aufgabe, die dem General in den Steinwüsten Abys- stniens cu stellt ist. Um der Uebermacht des Feindes zu begegnen, zieht General Baldissera, unter Preisgabe aller vorgeschobenen Posten, seine Streitkräfte zwischen Massauah, Keren und Asmara zusammen. General Naleriano Weqler y Ntcolau. Aus Cuba telegraphirte General Weyler, daß in den letzten Tagen sieben Gefechte stattfanden, in denen die Aufständischen 16 Todte und 15 Verwundete verloren. Er setzt, seit der Jn- surgentenführer Maceo die doppelte spanische Linie in den Provinzen Pinar del R!o und Habana durchgebrochen hckt, alles daran, den Gegner möglichst rasch aus der Provinz Habana in die Provinz Matanzas und auch aus dieser wieder in östlicher Richtung weiter zu vertreiben, um in dem reichsten und am meisten bevölkerten Theil der Insel bald die Ruhe wiederherzustellen und die Erntearbeiten zu ermöglichen. Die spanischen Eolonnen haben daher den Befehl zu rücksichtsloser Verfolgung des Feindes erhalten, um diesem keine Ruhe zu gönnen und die entsch edene Abspannung und Ermattung der Aufständischen zu erhalten und zu vergrößern. Auf der großen Transport- linie Habana-Jaruco-Colon wurden zahlreiche Truppen nach letzterem Orte geschafft, damit sie i > der Provinz Matanzas mit den Gomez und Maceo verfolgenden Eolonnen concentrisch zusammenwirken können. General Valeriano Weyler y Nicolau, dessen Bildniß wie hier ebenfalls bringen, wird allem Anschein nach entschiedener vorgehen als sein Vorgänger Martine; Campos, der zu sehr mit der autonomist,schen Partei liebäugelte. Er gilt nicht nur als der tüchtigste, sondern auch als der rücksichtsloseste Befehlshaber der spanischen Armee, und man rechnet es ihm als ein besonderes Verdienst an, daß er zwar die Verhältnisse auf Cuba aus eigener langjähriger Erfahrung genau kennt, aber zu dem eiufluß-eichen Theil der Bevölkerung in keinerlei verwandtschaftlicher oder gesellschaftlicher Beziehung steht. Bei dem letzten Aufstand auf Cuba hat seine Cvlonne mehr Aufständische zusammengeschossen als die übrigen zusammengenommen, weshalb er von den Nordamerikanern der „Schlächter genannt wird. General Weyler ist germanischer Abkunft, er wurde am 17. September 1839 zu Palma auf der Insel Mallorca geboren. -—««« 4 -— Goldköruer. Ich begreife nicht, wie ein Mensch, der über sich nachdenkt und doch von Gott nichts weiß oder nichts wissen will, sein Leben vor Verachtung und Langeweile tragen kann. Bismarck. Nikder-Fläthset. Auflösung der L-chach-Aufgabc in Nr. 26: Weiß. Schwarz. 1. D. V1—V2:s- T. L2—V2: 2. T. 63-L3 beliebig. 3. T. oder L. gibt Matt. --8WZS- HL 28. Freitag, den 3. April 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Golgother. Joh. 19 , SS ff. Nach einem stillen Hügel Zieht's heut' die Herzen hin, Auf des Gebetes Flügel Sollst du mit ihnen zieh'n. Er steht in fernen Landen Und ist doch allen nah', Wo Jesu Kreuz gestanden. Der Hügel Golgatha. Dort weinet Magdalene Ob der geheimen Schuld, Es nennt mit frommer Thräne Joseph des Herren Huld, Mit seinem Salbenkruge Ist Nikodewus da Und schließt sich an dem Zuge Zum Hügel Golgatha. Was sie dem edlen Meister Im Leben nicht gethan, Sie thun es um so dreister Auf seiner letzten Bahn, Sie kommen und sie spenden Viel Aromatika Und tragen auf den Händen Ihn dann vom Golgatha. Im nahen Garten bergen Sie d'rauf die theure Last, Bei eines Reichen Särgen Soll ruh'n der stumme Gast. Für seiner Seele Wunden Er niemals Freunde sah. Nun hat er sie gefunden Im Tod auf Golgatha. Was dortmals einst geschehen, Erneut sich immerdar: -Du kannst im Leid vergehen, lFern bleibt der Freunde Schqar. fAm Ende deiner Tage ^Vielleicht sind manche da Und singen dir die Klage, Wie dort auf Golgatha. " " Adolph Müller. —- ... —ch- H Artdas Maklraöäns. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. ColoniuS. (Fortsetzung.) 7. Kapitel. Der erste Kampf. Die Ankunft des Apelles, eines Kundschafters des Antiochns Epiphanes, hatte die Stadt Modin in große Aufregung versetzt. Durch eine Proklamation war am Morgen des folgenden Tages verkündet worden, daß alle Einwohner, Männer, Weiber und Kinder, sich um die Mittagszeit auf dem Marktplatz versammeln sollten, um dem Befehl des Königs zu gehorchen und vor dem Altar des Bacchus, welcher an jener Stelle errichtet worden war, zu beten. Flüche wurden zwar nicht laut, aber heftig in manchem hebräischen Hause ausgestoßen. Viele syrische Krieger waren für die Nacht in Modin einquartiert worden. Das gemästete Kalb mußte geschlachtet und der beste Wein für die heidnischen Gäste ausgegossen werden, deren bloße Gegenwart ein Mahl schon verunreinigte. Die Syrer belohnten die zurückhaltende Gastfreundschaft durch Berichte aller in Jerusalem verübten Verfolgungsschrecken. Sie erzählten von den Grausamkeiten, die an Salome und ihren Söhnen > vollstreckt worden waren. Schaudernde Frauen preßten : ihre Kleinen fester an sich, als sie hörten, wie zwei Mütte j von der Südseite des Tempels gestürzt worden waren,' ihre Kinder fest in ihren Armen haltend, nachdem sie die weinenden Kleinen nach der von Mose vorgeschriebenen Weise Gott geweiht hatten. Solche Beweise von Grausamkeit erfüllten mit Schrecken die Herzen derjenigen, deren Muth noch nicht im Glauben stark war. Es war erwiesen, daß Antiochus fürchterlich war, wenn er Ernst machte, und daß sich, wenn sein Zorn durch Widerstand erregt wurde, die Schrecken von Jerusalem in Modin wiederholen würden. Ein hoher Altar, auf welchem sich das Bildniß des Weingottes befand, war in der Mitte des Marktplatzes errichtet worden. Die Schläfe des Gottes, in dessen sämmtlichen Zügen sich Sinnlichkeit ausprägte, war mit Epheu bekränzt, während die Hand ein Bündel Weintrauben trug. Vor diesem war der Opferaltar, und um diesen versammelte sich, als die Mittagsstunde nahte, eine bunte Menge. ' Da waren die weiß gekleideten Priester des Bacchus 20k M den erwählten Opfern. Krieger zu Fuß und zu Pferde bildeten um den Altar einen Halbkreis, um, wenn eS nöthig werden sollte, mit blanker Waffe dem syrischen Monarchen Gehorsam zu erzwingen. ApelleS selbst, prächtig gekleidet, mit einer Tunika von lyrischem Purpur, und an seinen Füßen Sandalen mit Edelsteinen und goldenen Fransen besetzt, saß auf einem erhöhten Platz zur Rechten des Altars und wartete die festgesetzte Zeit, wenn die Sonne im Zenith stehen würde, ab. Eine zahlreiche Menge beider Geschlechter und jedes Alters füllte den Marktplatz; denn die Soldaten hatten Modin durchstreift und alle Einwohner gezwungen, ihre Wohnungen zu verlassen, um auf dem Altar des Bacchus zu opfern. Gerade dem Altar gegenüber stand eine Gruppe von Hebräern, die alle übrigen überragte und auf welche die Augen des versammelten Volkes gerichtet waren. Da stand Mattathias mit weißem bis auf den Gürtel herabhängendem Bart — ein ehrwürdiger Patriarch, umgeben von seinen fünf Söhnen. "Da stand Jonathan, der Erstgeborene, Simon mit der ruhigen, geistvollen Stirn, Eleazar mit dem schnellen, feurigen Blick, Johannes, Judas, der dritte, aber unter den berühmten Brudern der erste. Mit ernstem Stillschweigen beobachtete die hasmo- näische Familie die Vorbereitungen, die von den Priestern gemacht worden, um ihre feierliche Handlung zu begehen. Nicht ein Wort entschlüpfte den Lippen der Hebräer, nur durch Blicke verriethen sie ihren gerechten Zorn. Mattathias, welcher in gerader Linie durch Phi- neaS von Aaron abstammte und ein Mann von großer Weisheit und fleckenloser Nechtschaffenheit war, besaß in seiner Vaterstadt Modin bedeutenden Einfluß. Streitigkeiten wurden seiner Entscheidung vorgelegt, sein Urtheil in den schwierigsten Fällen erbeten, und sein Beispiel hatte größeres Gewicht, als das irgend eines anderen Mannes in Judäa. ApelleS war mit dieser Thatsache vollkommen vertraut. »Ist Mattathias gewonnen, so ist alles gewonnen", hatte der syrische Höfling zu seinem Könige gesagt, bevor er seine Reise nach Modin antrat. „Die Söhne dieses alten Mannes kennen kein anderes Gesetz, als das seines Willens, und wenn die Hasmonäer ihre Häupter beugen, um Deinen Gott anzubeten, so wird ganz Judäa einstimmen, um demselben zu opfern." „Ehrwürdiger Mattathias", sagte ApelleS, indem er den alten Mann mit stattlicher Höflichkeit begrüßte. „Dein hoher Stand und Dein weit verbreiteter Ruhm berechtigen Dich, den Platz eines obersten LeiterS bet der heiligen Handlung einzunehmen, durch welche Modin zugleich seine Huldigungen unserm mächtigen Monarchen Antiochus Epiphanes darbringt und bei der Anbetung des Bacchus ihre Ehrfurcht bezeigt. Daher komme Du nun zuerst und erfülle den Befehl des Königs, gleich wie es andere vor Dir gethan haben, die Männer von Juda und auch die in Jerusalem wohnen; dann sollst Du und Dein Haus in die Zahl der Freunde des Königs aufgenommen werden, und Du und Deine Kinder sollen mit Silber und Gold geehrt werden." Als der Syrer zu sprechen aufgehört hatte, entstand eine so tiefe Stille, daß man das Rollen der Wogen am Strande und den Schrei des weißgeflügelten Seevogels deutlich unterscheiden konnte. Der alte Mann hatte den Appelles bis zum Ende ernst angehört, dann aber heftete er seine durchdringenden Augen, die unter den überhängenden Brauen wie vulkanisches Feuer unter einem schneebedeckten Berge hervorblttzten, auf ihn und antwortete mit so lauter Stimme, daß jedes Wort über den ganzen Marktplatz schallte: „Und wenn alle Länder dem Antiochus gehorsam wären und jedermann von dem Gesetz seiner Väter abfiele und in des KönigS Gebot willigte, so wollen ich and meine Söhne und Brüder doch nicht von dem Gesetz unserer Väter abfallen. Da sei Gott für! Es wäre uns nicht gut, daß wir von Gottes Wort und GotteS Gesetz abfielen. Wir wollen nicht in das Gebot Antiocht willigen und wollen nicht opfern und von unserem Gesetz abweichen und eine andere Weise annehmen." Kaum waren diese Worte verhallt, als in grellem Contrast zu dieser erhabenen Scene zu Ehren des Bacchus eine Hymne ertönte und ein geputzter, mit Epheu bekränzter Jude sich beeiferte,- des Königs Gunst zu gewinnen, indem er singend an den Altar trat. Alles Blut des PhineaS kochte in den Adern seines Abkömmlings. Hierdurch wurde der Herr der Heerschaaren öffentlich beschimpft und seinem Gesetz öffentlich Trotz geboten. Vorwärts sprang der alte Hasmonäer, als ob er plötzlich Jugendkraft erhalten hätte; einen Augenblick blitzte sein Dolch im Sonnenlichte, und im nächsten hauchte der Abtrünnige am Altar des Bacchus mit dem letzten Athem die Seele aus. Die Ausübung der Justiz in so abgekürzter Weise und vor allem Volk war in der That ein Signal, das Schwert zu ziehen und die Degenscheide fortzuwerfen. Ein wilder Racheschrei entfuhr den syrischen Kriegern, sie umringten Mattathias, aber nicht ihn allein. Nicht eine Minute waren seine Söhne von seiner Seite gewichen, und wie Löwen zum Sprunge bereit, vereinigten sie sich, ihren Vater zu vertheidigen. Sie blieben aber nicht ohne Beistand in ihrem Kampfe. Unter der versammelten Menge befanden sich Hebräer, denen die Stimme des Mattathias gewesen war, was der Trom- petenrnf dem Kriegsroß. Da waren Männer, die ihren heiligen Glauben theurer achteten als ihr Leben. Diese stürzten mit wilden Rufen zur Hilfe herbei, und bald bot der Marktplatz von Modin die Scene eines verzweifelten Kampfes, wo Disziplin und Uebermacht aus der einen Seite, und Ergebung, Heldcnmuth und Vertrauen auf die gute Sache auf der andern einen gefährlichen Kampf unterhielten. Es war ein harter Kampf. Das Gefecht wurde am dichtesten in der Nähe des Altars, um ihn floß das Blut der menschlichen Opfer. Dort legte der mächtige Arm des Judas den ApelleS leblos in den Staub. Dies war der Höhepunkt des Kampfes; denn bei dem Fall ihres Führers wurden die Syrer von panischem Schrecken ergriffen. Die Rosse in ihrem glänzenden Schmuck wurden von ihren Reitern zu rasender Eile angetrieben oder stürzten mit entleerten Satteln durch das Gedränge, um die Kunde von dieser Niederlage weithin zu tragen. Flucht war alles, was den Truppen des Antiochus und den Priestern des Bacchus übrig blieb; nur wenigen gelang es zu entkommen; denn viele Juden, die bisher dem Kampfe fern geblieben waren, schloffen sich den Verfolgern an. Weiber hoben Steine auf und warfen sie auf den fliehenden Feind. Kinder stimmten ein in das Triumphgeschrei. Der Altar des Bacchus wurde mit wildem Geschrei nieder- geworfen, der Götze in Stücke gebrochen «nd auf den im Staube rollenden Stücken herumgetreten. Diejenigen Juden, die vorher noch Furcht gezeigt hatten, suchten jetzt durch wüthenden Eifer die Erinnerung an ihre Unterwerfung aus ihrem und anderer Gedächtniß auszulöschen. Ein Geist schien alle zu beleben, der Geist der Freiheit. Modin war aufgestanden wie Simson, als er daher kam zum Kampf mit der Kraft eines Riesen. Aber diese Aufwallung des Eifers war weit mehr feurig als andauernd. MattathiaS traute jenem Muthe nicht, der nur da sich zeigt, wo Erfolg ist. Der alte Mann wußte, daß der Kampf mit der Macht Syriens erst anfing, daß er wahrscheinlich lange Zeit dauern würde, und daß e§ unpraktisch sei, Modin gegen Schaarcn, welche bald gesandt werden würden, um eS zu unterwerfen, zu vertheidigen. Der Patriarch stand in der Mitte des Marktplatzes mit dem Fuß auf dem zerbrochenen Altar, und noch einmal erschallte seine Stimme weithin! „Wer um daS Gesetz eifert und den Bund halten will, der ziehe mit mir aus der Stabil" Wie viele Einwohner ModinS gehorchten dem Ruf? Viele beschlossen, Stadt und Hcimath- zu verlassen, um mit den Thieren in den Höhlen der Berge zu wohnen. Die Geschichte erzählt, daß nur zehn, einschließlich der Hasmonäer, den Kern der Brüderschaft bildeten, die den syrischen Schaaren einen Sieg nach dem andern abrangen und so jenen fleckenlosen Ruhm erwarben, der nur denen gebührt, die feste Ausdauer und sich selbst verleugnenden Heldenmuth in einer gerechten und heiligen Sache entwickeln. 8. Kapitel. HadassahS Gast. An keinem Orte war die Kunde von dem Aufstande in Modin mit größerem Frohlocken aufgenommen worden, als in der einsamen Wohnung der Hadassah. Sie konnte sich kaum enthalten, die Zimbel von der Wand zu nehmen und wie Mirjam ein Lied anzustimmen: „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er thut Wunder; er sieget mit seiner Rechten und mit feinem heiligen Arm!" Beständige Nachricht über alles, waS vorging, wahr oder falsch, ob Sieg oder Niederlage, wurde der Hadassah von ihrem Schwiegersohn Abischai überbracht, der nicht ahnte, daß jedes seiner Worte von dem verwundeten Athener, welcher nur durch den Vorhang von ihm getrennt war, gehört wurde. Bei einem seiner Besuche in HadassahS Hause erzählte Abischai, daß Judas in den Bergen eine Standarte errichtet hätte mit der Inschrift: „Wer ist Dir gleich unter den Göttern, Jehova?" „Es wird gesagt", bemerkte Abischai, „daß aus den Anfangsbuchstaben dieser Inschrift das Wort „MakkabänS" gebildet worden ist, unv daß Judas allgemein bet diesem benannt wird. ES ist dies ein Name, den der Syrer bald Ursache haben wird, zu fürchten." „Es ist ein gut gewählter Name!" rief Hadassah. „Lasse ihn genannt werden: „Macce baiah", ein Sieger in dem Herrn, denn sicherlich wird der Gott, dem er dient, den Sieg verleihen." Dieser triumphirenden Freude der Hadassah wurde bald Einhalt geboten, als sie einige Zeit darauf durch Abischai von dem schrecklichen Hinschlachten Lausender von gläubigen Hebräern hörte, die nicht weit von Jerusalem in einer Höhle Zuflucht gesucht hatten. Von den Syrern am Sabathtage angegriffen, hatten sich diese Hebräer im wahren Sinne des Wortes hinschlachten lassen, ohne Widerstand zu leisten, und zwar nur, um nicht, wie sie wähnten, daS dritte Gebot zu übertreten. Bekümmert über den Verlust so vieler Menschenleben, war es für Hadassah ein Trost, daß ein solches Opfer irrthümlichen Pflichtgefühls nicht wiederholt werden sollte; denn als die Nachricht davon MattathiaS und seine Söhne erreicht, hatten sie, tief betrübt über das Hinschlachten ihrer Landsleute, zu einander gesagt: „Wenn wir thun, wie unsere Brüder gethan haben, und fechten nicht gegen die Heiden für unser Leben und Gesetz, so werden wir bald von der Erde vertilgt werden." Es wurde daher von dem Lager aus ein Dekret in die Berge gesandt, daß fortan die Selbst- vertheidigung angegriffener Hebräer auch am Sabbathtage gesetzlich recht sei. Mittlerweile heilten unter der Pflege HadassahS die Wunden des LycidaS. Miemals ist einem Menschen Einsamkeit und Leiden mehr versüßt worden. Denn war er nicht in Sarahs Nähe, hörte er nicht die sanfte Musik ihrer Stimme, athmete er nicht dieselbe Lust, sah er nicht ihre leichte Gestalt an seinem Versteckplatz vor- übergleiten, obgleich das Mädchen denselben niemals betrat? Die Nothwendigkeit, die Anwesenheit des LycidaS, namentlich vor dem blutdürstigen Abischai, zu verheimlichen, gebot, die nach dem Hinteren Theile deS HanseS, welcher nach dem kleinen Gärtchen zu lag, führende Thür bei Tag zu schließen. Bauern und Reisende pflegten gelegentlich, wenn auch selten, dorthin zu kommen, um ihre Krüge zu füllen und ihren Durst in der dem Hügel entströmenden Quelle zu stillen. Hätte die Thür zu dem Gemach, welches LycidaS scherzhafter Weise seine kleine Höhle nannte, offen gestanden, so würde nichts die Fremden verhindert haben, einzutreten. Der ganze Zufluß belebender Luft hing daher von der Gemeinschaft mit dem Vorderzimmer ab, welches das öffentliche Gemach genannt werden konnte. In diesem wurden nicht nur Speisen bereitet und eingenommen, und gelegentlich Gäste empfangen, sondern auch von den Frauen die täglichen häuslichen Geschäfte vorgenommen. Hier pflegte Sarah zu spinnen, während Hadassah auf Rollen von Pergament aus dem Gesetz und den Propheten abschrieb. Diese letztere Beschäftigung war mit großer Gefahr verknüpft; denn wäre Hadassah beim Abschreiben der heiligen Schrift betroffen worden, so hätte cs ihr das Leben kosten können. Antiochus hatte mit Eifer alle Abschriften zu zerstören oder durch häßliche, an den Rand gemalte Bilder zu entweihen gesucht. Gottes heiliges Wort zu besitzen oder gar abzuschreiben, wurde als ein Verbrechen angesehen. Aber der Glaube schien Hadassah über alle persönliche Furcht zu erheben. Die mit dieser Arbeit verbundene Gefahr trieb sie um so mehr an, dieselbe zu verfolgen. Die Anwesenheit des jungen Heiden war für die Wittwe eine viel größere Quelle der Unruhe, als irgend eine ihrer Person selbst drohende Gefahr. Wäre Hadassah imstande gewesen, ihren Patienten ganz abzuschließen, so würde sie viel lieber die Pflichten der Gastfreundschaft gegen ihn erfüllt haben, aber solche Abgeschlossenheit würde die beschränkte Räumlichkeit ihrer Wohnung unmöglich gemacht haben, selbst wenn LycidaS in diese Absonderung gewilligt hätte. Dies war jedoch keineswegs der Fall. Er verlangte nicht nur oft, daß der Vorhang zurückgezogen würde, damit er freier athmen L09 könne, sondern er war auch, als seine Kräfte zunahmen, begierig zu sehen und gesehen zu werden, und ebenso gern zu sprechen als zu hören. Auch die ängstlichen Warnungen vor dem plötzlichen Eintritt Abischais konnten den Griechen nicht abhalten, seine müden Glieder auch außerhalb der durch den Vorhang gezogenen Grenzen auszustrecken und in die Unterhaltung einzustimmen. Lycidas schloß absichtlich seine Augen vor der Thatsache, daß seiner Wirthin wenigstens seine Anwesenheit sehr unwillkommen war. Er täuschte sich in dem Glauben, daß er sich für die Freundlichkeiten, welche er empfing, dankbar beweise, wenn er die Eintönigkeit des abgeschlossenen Lebens, welches die hebräischen Frauen führten, durch sein unterhaltendes Wesen belebte. Der junge Athener ließ den reichen Schatz seines Wissens hervorleuchten. Bald erzählte er wunderbare Dinge aus fremden Ländern, bald machte er ihnen lebhafte Beschreibungen seiner eigenen Abenteuer. Poesie floß von seinen Lippen wie ein Strom, der sich durch glänzende Phantasie in feierliche, erhabene, tiefernste Gedanken vertiefte. Lyeidas war in Athen, sowohl seiner geistigen Gaben als auch seiner körperlichen Schönheit wegen, mit Apollo verglichen worden. Sarah lauschte seiner glänzenden Unterhaltung, die so verschieden war von allem, was sie je gehört, mit unschuldigem Vergnügen. Sie war ihrer alten Verwandten stets gehorsam, selbst wenn sie in die oberen Räume des Hauses mit Aufträgen geschickt wurde, die nach ihrer Ansicht nutzlos waren; aber sie erschien immer wieder in dem unteren Gemach, in welches sie stets eine neue, mächtige Anziehungskraft zog. Wenn Hadassah zuweilen dem schönen, jungen Wesen, das sie liebte, reizbar und gebieterisch erschien, so kam dies dadurch, daß ihr Gemüth beunruhigt und ihre Ruhe durch Befürchtungen gestört wurde, die sie niemand mittheilen konnte. Hadassah wußte kaum, welches Uebel sie am meisten fürchtete, die Entdeckung des Lycidas durch Abischai — ein Umstand, der unvermeidlich ihre Schwelle mit Blut beflecken würde, oder den langen Aufenthalt des Fremden unter ihrem Dach, den sie mit Rücksicht auf die damit verbundene Gefahr ungern eingelassen^ und noch weniger gern in ihrem Heim zurückhielt. 9. Kapitel. Der Tod des Mattathias. Mattathias und sein Gefolge führten in den Bergen ein wildes Leben, ein Leben voller Gefahren und Mühseligkeiten. Den Gefahren wurde aber männlich entgegengetreten und die Mühseligkeiten fröhlich ertragen. Inmitten wilder Felsen, die, einst auseinaudergerissen durch irgend eine gewaltige Erschütterung der Natur, mit ihren riesenhaften Bruchstücken tiefe Höhlen und Schluchten bildeten, fand diese kleine Heldcnschaar ihre Heimath. Wo die Hyäne ihren Schlupfwinkel und der Leopard sein Lager hat, wo die Gemse ihre Zuflucht sucht und das Kaninchen in den Steinklüften sich verbirgt, da lauerten die Hebräer in ihrem Versteck und vertheidigten die gewaltigen Festungen, die nicht von Menschenhänden errichtet waren, und aus denen sie zu vertreiben für den Feind eine schwere Aufgabe war. Der kleinen Schaar, die sich um Mattathias bei dem Rückzüge aus Modin gesammelt hatte, hatten sich bald andere kühne und eifrige Söhne Abrahams angeschlossen, und die Berge wurden bald ein Zufluchtsort vieler, welche vor der Verfolgung flohen. Als ihre Zahl anwuchs, vergrößerten sich auch die Schwierigkeiten, Lebensmittel herbeizuschaffen. Die Hasmonäer und ihre Gefährten lebten hauptsächlich von Wurzeln. Die weniger Abgehärteten litten sehr unter der Kälte und der schneidenden, scharfen Bergluft, die über die schneebedeckten Höhen wehte. Häufige Ausfälle wurden in die Ebene gemacht, Götzen-Altäre niedergeworfen, Festungen verbrannt und Abtheilungen von Syrern abgeschickten. Kein Feind im Umkreise einiger Meilen legte sich sicher vor den Ueber- fällen in der Finsterniß zur Ruhe nieder, und oftmals deutete am Morgen ein Haufe von Trümmern an, wo am Abend vorher von den Wällen einer wohlbesetzten Festung das syrische Banner geweht hatte. Der kühne Geist des Makkabäus war wohl mit dieser abenteuerlichen Lebensweise vertraut, obgleich er nicht derjenige war, der ein Banditenlebeu gewählt haben würde. Wie selbst in der harten, felsigen Wüste Stellen sind, wo eine reiche Vegetation die unten verborgene Quelle verräth, und diejenigen, welche tief genug graben, einen Strahl glänzenden, frischen Wassers finden, so tief war in dem Herzen des Haswonäers eine Quelle von Zartheit verborgen, die nicht verhärtet werden konnte durch die ernste Nothwendigkeit des Kriegslebens. Dieser geheime Gemüthszustand macht den Krieger ritterlicher gegen die Frauen, nachsichtiger gegen die Schwachen und mitleidiger gegen alle Leidenden. Wenn er einen Triumph feierte, war der Gedanke, der den Sieg noch süßer machte: „Wird Sarah sich darüber freuen?" War er aus großer Gefahr errettet, meinte er: „Sarah hat für mich gebetet." Und die Errettung war ihm daher doppelt willkommen. Wenn der Abendstern am Himmel glänzte, so erschien ihm dieser reine, schöne Himmelskörper wie ein Sinnbild der Sarah; wenn er ihn erblickte, gab sich der Krieger entzückenden Träumen hin. Dieses Kriegsleben würde doch nicht ewig währen! Wenn der Herr Zebaoth die Waffen seiner Knechte segnete, konnte wohl eine Zeit kommen, da die Schwerter zu Pflugscharen gemacht würden, die Kinder sorglos auf der Weide spielten, die keines Feindes Fuß wieder betreten durfte, und Freude wieder einziehen würde in das Land der Freien. Beseligende Hoffnungen schlichen sich so in die Seele deS Hasmonäers, bis er plötzlich wie eine Schildwache stutzte, die auf ihrem Posten eingeschlafen ist. Wie durfte er, der Führer von Israels verlorenen Hoffnungen, sich Träumereien hingeben, die ihn fühlen ließen, wie köstlich das Leben für ihn durch den Besitz eines Herzens werden könnte, während er dieses Leben dem Dienste Gottes und dem Vaterlands gewidmet hatte! Stand David still, um die Lilien des Feldes zu pflücken, als er sich genöthigt sah, seine Heerden vor den Klauen des Löwen und Bären zu schützen? „Es ist gut," dachte Judas Makkabäus, „daß ich Sarah niemals zu verstehen gegeben habe, was in meinem Herzen vorgeht. Wenn ich falle, wie ich wahrscheinlich auf dem Schlacht- felde fallen werde, möchte ich sie nicht dem Kummer- einer Wittwe preisgeben." Ein Ereigniß nahte heran, das von allen, denen Judas Sache theuer war, als ein schwerer Schlag gefühlt wurde, besonders aber von den hasmonäischen Brüdern, welche seit ihrer Kindheit ihren Vater mit Ehrerbietung und Liebe betrachtet hatten. Mattathias war ein alter Mann, und obwohl sein Geist niemals der Arbeit erlag, so mußte sein Körper doch endlich ihrer Einwirkung zum Opfer fallen. Der Patriarch 209 fühlte, daß seine Tage, ja, seine Stunden gezählt seien, und versammelte daher seine Söhne um sich, damit sie seinen letzten Willen höxen und zum Abschied seinen Segen empfangen möchten. In einer Höhle, nahe am Fuße eines Berges, lag ausgestreckt auf Kissen von Thierfellen der ehrwürdige Mann. Auf seinem Gesicht lag schon die Blässe des Todes, aber sein Antlitz war ruhig. Der alte Pilger sah aus wie einer, der wirklich fühlt, daß er Gottes Stecken und Stab bei seinem Weg durch das Thal des Todes zur Stütze hat. Draußen war es helle Mittagszeit, aber dennoch fiel nur ein matter Schein in die Höhle auf die Gestalt des sterbenden Greises und seiner fünf stattlichen Söhne, welche in stummem Gram um ihren verehrten Vater knieten. Mattathias bat seine Söhne, ihn ein wenig zu erheben, damit er besser sprechen könne. Jonathan und Eleazar hielten ihn kniecnd mit ihren Armen, während die drei übrigen Brüder in derselben ehrfurchtsvollen Stellung schweigend die letzten Worte des Patriarchen hörten. Ich wage nicht, meine eigenen Worte denjenigen hinzuzufügen, welche der Historiker als die sterbenden Aeußerungen dieses edlen, alten Mannes, eines Helden und Vaters von Helden, aufbewahrt hat. Ich gebe sie, wie sie in die Ohren des Judas Makkabäus und seiner Brüder fielen, welche sie empfingen, wie Joseph den Abschiedssegen Israels empfing. „Es ist eine große Tyrannei und Verfolgung und ein großer Grimm und harte Strafe über uns gekommen. Darum, liebe Söhne, eifert um das Gesetz und waget Euer Leben für den Bund unserer Väter; und gedenket, welche Thaten unsere Väter zu ihren Zeiten gethan haben: so werdet Ihr rechte Ehre und einen ewigen Namen erlangen. Abraham ward versucht und blieb fest im Glauben, das ist ihm gerechnet worden zur Gerechtigkeit. Elias eiferte um das Gesetz und ward gen Himmel geführet. Sadrach, Mesach und Abed-Nego glaubten und wurden aus dem Feuer errettet. Daniel ward wegen seiner Unschuld errettet von den Löwen. Also bedenket, was zu jener Zeit geschehen ist, so werdet Ihr finden, daß alle, die auf Gott vertrauen, erhalten werden. Derohalben, liebe Kinder, seid unerschrocken und haltet ob dem Gesetz, so wird Euch Gott wiederum herrlich machen." Der alte Mann hielt, wie um neue Kraft zu sammeln, inne, dann streckte er seine ermattende Hand gegen Simon, seinen zweiten Sohn, aus und fuhr fort: „Euer Bruder Simon ist weise, dem gehorchet als einem Vater." Dann streckte sich die Hand von neuem aus, sie lag diesmal auf dem gebeugten Haupt des Judas: „Judas Makkabäus ist stark und ein Held, der soll Hauptmann sein und den Krieg führen." Da war in dem Auge des edelmüthigen Johannes kein murrender Blick der Eifersucht, wie seine Brüder als erhabener in solchen Eigenschaften, mit denen Führer begabt sein müssen, ihm vorgezogen wurden. Johannes wußte, daß die Weisheit des Simon und die kriegerischen Talente des Judas seine eigenen bei weitem übertrafen; er wollte mit und unter ihnen dienen und sich gern dem Willen seines Gottes und den Rathschlägen seines Vaters unterwerfen. Wir finden nicht den leisesten Zug von eifersüchtiger Nebenbuhlerschaft unter jenen glorreichen fünf Brudern, welche alle den Vorzug theilten, für ihr Vaterland zu leiden. Drei von ihnen starben sogar für dasselbe. Darauf schied Mattathias, nachdem er seine Söhne feierlich gesegnet hatte, dahin wie einer, der einen guten Kampf gekämpft und fest am Glauben gehalten hat bis an sein Ende. Großes Wehklagen erhob sich in Judäa über den Tod dessen, der dem Volke ein Führer war. Die Söhne des Mattathias brachten seinen Leichnam nach Modin und begruben ihn im Grabe seiner Väter. In späteren Friedenszeiten errichtete Simon ein schönes Denkmal von Marmor in Form von sieben hohen Pfeilern, welche weithin von den auf den Fluthen des Mittelländischen Meeres segelnden Schiffen gesehen werden konnten. Der hasmonäische Fürst baute dieses Denkmal zu Ehren seiner Eltern und ihrer fünf Söhne, nachdem Jonathan, Eleazar und Judas Makkabäus das Bekenntniß ihres Glaubens mit dem Tode besiegelt hatten. (Fortsetzung folgt.) -- Richter Lynch. Lynchhinrichtungen, d. h. Fälle, wo zornige, erregte Volksmengen an Stelle dcZ Strafrichtcrs das Gesetz selbst in die Hand nahmen, sind nirgendwo in so großer Zahl wie in den Vereinigten Staaten beobachtet worden. Keine Woche vergeht hier, ohne daß in den Zeitungen eine Lynchhinrichtung besprochen würde. Im 19. Jahrhundert sind innerhalb des Gebietes der Vereinigten Staaten wenigstens 20—25,000 Menschen dem Richter Lynch verfallen. Eine genauere Zahlung hat man für den Zeitraum von 1890 bis Ende 1895, in welchem an nicht weniger als 1118 Personen von der Volksjustiz, aber nur an 723 Personen von den ordentlichen Gerichten die Todesstrafe vollzogen wurde. Die Geschichte des „Richters Lynch" hat noch kein Historiker zu schreiben versucht. Wie lange er schon im Lande haust und wie er zu seinem eigenthümlichen Namen gekommen ist, weiß Niemand recht zu sagen. In Vir- ginien erzählt man, sein Name sei auf denjenigen eines Farmers Lynch zurückzuführen, der zu AnSgang des 17. Jahrhunderts lebte und an allen Ucbelthätcrn, die auf seinen Grundstücken Unfug anstifteten, eigenhändig Justiz ausübte, indem er sie an einen Baum fesselte und gehörig peitschte. Lynchhinrichtungen ereigneten sich während des 17. und 18. Jahrhunderts in den englischen Colo- niecn Nordamerikas nicht eben selten; ganz besonders aber kamen sie um die Mitte dieses Jahrhunderts in Flor, als in Folge der Entdeckung der kalifornischen Goldfelder Schaarcu von Auswanderern und Abenteurern aus allen Theilen der Welt nach dem Westen strömten und jene bis dahin noch fast ganz unbekannten Wildnisse zu besiedeln begannen. Inmitten jener Wildnisse, wo die einsamen Blockhütten der Culturpiouiere häufig viele hundert Meilen von der nächsten größeren Niederlassung entfernt lagen, gab cS natürlich keine Richter und Gerichtshöfe; man kannte nur das eine, in allen Steppen und Einöden gleichlautende Gesetz: „Auge um Auge, Zahn um Zahn!" Besonders zwei Verbrechen wurden stets mit dem Tode bestraft: der Pserdediebstahl und Verbrechen gegen Frauen und Mädchenl^Die Pferde waren der kostbarste Bestandtheil der Habe der Ansiedler, denn nicht nur boten sie die einzige Möglichkeit dar, die endlosen Prärieen und Wildnisse zu durchkreuzen, sondern von ihrem Vorhandensein, von ihrer Schnelligkeit und 210 Ausdauer hing in Fällen der Gefahr, die in Gestalt von Prärie- und Waldbrändcn oder Angriffen seitens der Indianer die Ansiedler stets bedrohten, das Leben ab. Es konnte demnach die Ansiedler kaum ein verhänguiß- vollerer Verlust treffen, als wenn ihnen die Pferde gestohlen wurden, was die Pferdediebe verhältnißmäßig leicht auszuführen vermochten, da man Ställe kaum kannte, sondern die Pferde frei im Walde oder auf den Prärieen umherlaufen ließ. Auch die weiblichen Angehörigen der Ansiedler blieben nicht selten ohne genügenden Schutz, besonders dann, wenn die Männer der Jagd oder den Feldarbeiten oblagen. In solchen Augenblicken war beständig zu befürchten, daß umherstreifende Strolche, an denen im fernen Westen wie im Süden der Union kein Mangel ist, die Gelegenheit sich zunutze machen würden, um die schutzlosen Frauen und Mädchen anzufallen. Dieser Gefahr sind besonders die auf vereinsamten Plantagen und Farmen wohnenden weißen Frauen und Mädchen des Südens ausgesetzt, da die hier vorherrschende Neger- und Mischlingsbevölkerung reich an sinnlichen Elementen ist. Die weißen Südländer behaupten ganz offen, daß diese Leute die weißen Frauen denen ihrer eigenen Rasse vorziehen und ihnen häufig Fallen stellen. Um die Leidenschaften der Schwarzen und Mulatten niederzuhalten, gebe es kein anderes Mittel, als die Strafen für die gegen Frauen und Mädchen begangenen Verbrechen so abschreckend als möglich zu gestalten. In der That bezeigen die Ansiedler des Südens bei der Vornahme derartiger Lynchhinrichtuugen zuweilen eine Grausamkeit, die geradezu barbarisch genannt und nur dadurch erklärt werden kann, daß das Beispiel, wie die in denselben Ländern hausenden Indianer mit ihren Gefangenen verfuhren, nicht ohne Einfluß auf die Anschauungen der Ansiedler blieb. Daß dies thatsächlich der Fall, beweisen mehrere Lynchhinrichtuugen, die während der letzten Jahre im Staate Texas an Negern vollzogen wurden, welche Attentate auf weiße Frauen unternommen hatten. Besonders eine im Jahre 1891 in Texas vollzogene Hinrichtung eines Negers war eine so grauenhafte Handlung, daß, als die That in ihrer ganzen Schrcck- lichkeit bekannt wurde, ein Schrei des Entsetzens die Vereinigten Staaten durchfuhr. Nicht minder schrecklich war die am 30. Oktober 1895 erfolgte Hinrichtung des Negers Henry Hilliard, der die Frau eines Farmers vergewaltigt und ermordet hatte, dafür aber von seinen Vcrsolgem auf offenem Marktplatz des Ortes Tyler in Texas im Beisein einer nach Tausenden zählenden Volksmenge langsam zu Tode geröstet wurde. Die Rechtspflege ist in vielen Theilen der Vereinigten Staaten noch heutzutage äußerst mangelhaft. Gestaltet sich in den wenig besiedelten Gegenden das Zusammenbringen eines geordneten Gerichtshofes vielfach zu einem schwierigen Unternehmen, so ist es fernerhin eine offenkundige Thatsache, daß viele Richter käuflich sind, und daß zahlreiche Verbrecher der verdienten Strafe entgehen, wenn sie Mittel besitzen, die Richter oder die Geschworenen zn bestechen oder sonstwie zu beeinflussen. Diese Fälle ereigneten sich in manchen Gegenden so häufig, daß das Volk alles Vertrauen zu der Rechtspflege verlor und sogenannte „Vigilanz-Comitos" oder „Negulatoren-Ver- bindungen" bildete, deren Streben dahin ging, die bestehenden Zustände zu verbessern, vornehmlich da, wo die Gesetzlosigkeit überhand nahm und die Rechtspflege der Lage nicht gewachsen war. Der Antheil, den diese Regulatoren und UeberwachungsauSschüsse an dem Fortschritt der Civilisation im Westen der Vereinigten Staaten haben, ist nicht gering; ohne sie wäre ein großer Theil des amerikanischen Westens noch heute eine für gesittete Menschen unnahbare Wildniß. Die Ortschaften und Städte, die mit der Zeit an den Stromläufeu und Eisenbahnen entstanden, waren in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens meist Sammelpunkte des verworfensten Gesindels, das nicht die geringste Achtung vor dem Gesetze kannte und Zustände schuf, die jeder Beschreibung spotten. Manche dieser Ortschaften erlangten in Folge der zahllosen Verbrechen und Mordthaten, die sich daselbst ereigneten, eine geradezu traurige Berühmtheit, wie z. B. Dodge City in Kansas, Virginia City in Montana, Julesburg in Colorado, Tombstone in Arizona u. a. Jahrelang schalteten hier die verrufensten Banditen unumschränkt, bis endlich die nach Ordnung und Sicherheit verlangenden besseren Elemente der Umgegend sich zu UeberwachungS- ausschüssen zusammenthaten und den Kampf gegen daS Gesinde! aufnahmen. Daß dieser in der Regel mit der Vertreibung des Gesindels endende Kampf nicht ohne Gefahren für die Femrichter selber war, beweist der Umstand, daß in Dodge City während eines Jahrzehnts über 30 Personen ihr Lcben verloren, welche geordnete Zustände schaffen wollten, ä,' Es darf nicht verschwiegen bleiben, daß die geheimen Femrichter in dem Bestreben, die Moral zu verbessern, nicht selten im Namen der Gerechtigkeit und Moral selber Gewaltthaten aller Art begehen. Es wird keineswegs immer untersucht, ob die Verdächtigen auch wirklich die Schuldigen sind; haben die Femrichter es sich in den Kopf gesetzt, daß der oder jener Urheber des Verbrechens sei, so genügt dies, um sich des Betreffenden zu bemächtigen und ihn je nach Laune zu hängen oder zu erschießen. So geschieht es nicht selten, daß Personen dem Lynch« gericht verfallen, die, wie sich hinterher herausstellt, dcS ihnen vorgeworfenen Verbrechens vollkommen unschuldig waren. In den 80er Jahren wurde in Colorado ein deutscher Gelehrter, der Studien halber die Felsengebirge durchzog und arglos von zwei des Weges kommenden Pferdedieben ein kurz zuvor gestohlenes Maulthicr gekauft hatte, von den Verfolgern der Gauner erreicht und als der vermeintliche Pferdedieb erbarmungslos aufgeknüpft. Ganz besonderes Aufsehen erregte auch die Nieder- metzelung von 11 Sicilianern, die im Jahre 1891 zu New-Orleans einer Mordthat wegen vor die Urthcils- jury verwiesen wurden. Einige der 19 Angeklagten waren freigesprochen worden; betreffs mehrerer anderer konnte die Jury sich nicht einigen. Die Bevölkerung von New- OrleanS zog daraus den Schluß, daß die Geschworenen bestochen seien, weshalb sie sich zusammenrottete, das städtische Gefängniß stürmte und die in demselben noch befindlichen 11 Sicilianer erbarmungslos niederschoß. Dadurch entstanden bekanntlich die diplomatischen Verwicklungen zwischen den Vereinigten Staaten und Italien, die erst beigelegt wurden, nachdem den Hinterbliebenen der Gctödtetcn eine angemessene Entschädigung ausbezahlt worden war. Manche der vielfach im geheimen wirkenden Negu- latoren-Verbindungen, wie z. B. die seit längerer Zeit im Süden und Westen verbreiteten „Wcißkappsn", treten als Tugendwächter und Sittenrichter auf und haben es vorzugsweise darauf abgesehen, die Reinheit und Heiligkeit des Familienlebens zn schützen und Trunkenheit und andere Laster zu bestrafen. Nicht selten werden Personen beiderlei Geschlechts, die sich einem unmoralischen Lebenswandel ergaben, zur Nachtzeit aus den Betten geholt und barbarisch gepeitscht. In den südlichen Staaten, wo in Bezug auf die Rasscnfrage noch strenge Ansichten herrschen, gegen die niemand ungestraft sich vergehen darf, ereignet es sich zuweilen, daß eine Negerin oder Mulattin, die Gelüste hat, sich mit einem Weißen ehelich zu verbinden, vor der Hochzeit eine „vkits wasvinA" erhält, das heißt mit Pinsel und Tünche bearbeitet wird, damit sie ihrem weißen Liebhaber wenigstens äußerlich ähnlich sehe. Das früher sehr beliebte „Theeren und Federn" kommt jetzt nur noch selten zur Anwendung, ereignete sich aber noch im Jahre 1894 in Colorado, wo der Politiker Tarsney von politischen Gegnern überfallen, nach einer einsamen Stelle geschleppt und daselbst getheert und gefedert wurde. Ein anderer Fall, der einen unsittlich lebenden Schulmeister betraf, ereignete sich im Februar dieses Jahres in Tennessee. Diese Strafe gilt nicht nur als äußerst schimpflich, sondern ist für den also Mißhandelten auch mit den größten Schmerzen verbunden, da cS dem mit Theer und Federn Ucberzogcnen ungeheure Mühe kostet, seines Fedcrkleides ledig zu werden. Der dicke Theerbelag, der die Thätigkeit der Hautporen völlig unterdrückt, verursacht zunächst einen Zustand furchtbarer Beängstigung dazu kommt, daß die feinen, den Körper bedeckenden Haare von dem Theer so fest gehalten werden, daß die geringste Aenderung der Stellung das Gefühl verursacht, als ob ein jedes Haar einzeln ansgerissen würde. Nicht minder schmerzhaft ist die mit Oel und Bürsten zu bewirkende Entfernung des Teers, was geraume Zeit beansprucht und, wenn auch mit größter Behutsamkeit durchgeführt, den Körper in einem Zustande der Blutrünstigkcit zurückläßt, der erst nach Wochen eine völlig schmerzlose freie Bewegung der Glieder wieder gestattet. Wer mit der Vertheilung der Nassen in den Vereinigten Staaten einigermaßen bekannt ist, weiß, daß die Staaten, in denen keine Lynchhinrichtungen stattfanden, nur eine ganz geringe Negerbcvölkcruug besitzen und auch in der allgemeinen Civilisation am weitesten vorgeschritten sind. Die Staaten mit vereinzelten Lynchhinrichtungen bilden mit ihren größer» Proccntsätzcn einer Negerbe- völkeruug die Uebergangsgebiete zu den Südstaaten, in denen die schwarze Rasse besonders stark vertreten ist und wo die meisten Lynchmorde sich ereignen. Verglichen mit den hochcivilisirten Nordstaaten stehen die Südstaatcn noch auf einer Stufe der Halbcultur, die, wie sie in manchen andern Dingen zum Ausdruck kommt, sich am schärfsten in dem Vorkommen der zahlreichen Lynch- binrichtnngen kennzeichnet. ---SWWVS-«-- Verßrechendentisikatiorr. Von Otto Opet. Zu den schwierigsten Problemen, mit deren Lösung sich die Strafrcchtspflege seit Jahrtausenden beschäftigt, gehört die Ermittelung eines Verfahrens, das die rasche und zweifellose Wiedererkennung von Verbrechern ermöglicht. Die Nothwendigkeit eines solchen Verfahrens stellt sich namentlich dem rückfälligen Verbrecher gegenüber heraus, dessen Bestrafung mit Rücksicht auf die durch wiederholte Begehung von Strafthaten offenbarte an sich verbrecherische Willensrichtung nach den meisten Gesetzgebungen härter als die deS bloßen Gelegenheitsverbrechers normirt ist, deren Verhängung jedoch nur unter dem Nachweis, daß man eS thatsächlich mit einem bereits bestraften Verbrecher zu thun habe, erfolgen kann. Das älteste Mittel, das zwar nicht das Erkennen einer bestimmten Persönlichkeit, immerhin aber die Feststellung ermöglichte, daß ein Verbrecher bereits früher eine gerichtliche Bestrafung erlitten, war die Brandmarkung. Ihrer gedenkt bereits die Genesis in der Erzählung vom Kainszeichen, das freilich an jener Stelle einen abweichenden Zweck, die Sicherung des Brudermörders vor feindlichen Angriffen, verfolgt. Die europäischen Kulturvölker des Alterthums, die Griechen und Römer, machten in früherer Zeit von der Brandmarkung nur gegenüber bestraften oder wiederholt entflohenen Sklaven Gebrauch, denen auf Finger oder Hand mit glühendem Eisen ein Zeichen eingebrannt wurde. Mildere Herren begnügten sich damit, um den Hals des eingesungenen Flüchtlings eine, unseren Hundehalsbändern vergleichbare, eiserne Kette schmieden zu lassen, deren Inschrift die Aufforderung enthielt, den Träger der Kette gegen Empfang einer Belohnung seinem namentlich bezeichneten Eigenthümer zurückzubringen. Eine Anwendung der Brandmarkung auf freie Personen erfolgte erst in der durchweg durch grausame Verschärfung des Strafrechts berüchtigt gewordenen Gesetzgebung der römischen Kaiserzeit. Die Bezeichnung mit dem Stigma, wie die Römer mit einem dem Griechischen entlehnten Ausdruck das Brandmal bezeichneten, wurde zur Nebenstrafe, als unzertrennliche Begleiterin jeder auf Aberkennung der Freiheit lautenden Hauptstrafe. Allerdings kannte das antike Strafrecht nur lebenslängliche Freiheitsstrafen; die deßhalb an sich überflüssige Brandmarkung sollte jedoch die Flucht aus den Bergwerken oder der Arena, in denen der Verurtheilte als Bergarbeiter oder Gladiator den Drang der Römer nach Brod und Spielen befriedigen mußte, verhindern oder ihn auch im Fall der Begnadigung als einstigen schweren Verbrecher kennzeichnen. Für die Anbringung des Brandmals hatte die Gesetzgebung ursprünglich keine Vorschriften enthalten, so daß jeder beliebige Körpertheil damit versehen werden konnte. Eine Aenderung erfolgte durch ein ungemcin mildes Dekret Kaiser Konstantins, der die Brandmarkung des Gesichts, „als des Ebenbildes göttlicher Schönheit", verbot und dafür die Handfläche oder das Schienbein zu verwenden befahl. Vervollkommnung hatte auch das Brandzeichen selbst erfahren. An die Stelle des rohen Mals war durch die gesteigerte Kunst der Tütowirung eine förmliche Inschrift getreten, die in tironischen Noten, der Stenographie des Alterthums, am eigenen Leibe des Thäters in unauslöschlichen Zügen seine Verbrecherlaufbahn schilderte. Die germanischen Stamme, die nach dem Zusammen» bruch des römischen Reichs auf dessen Boden die Begründer der modernen Staatenbildungen wurden, nahmen neben sonstigen Resten antiker Kultur auch zahlreiche Bestandtheile des römischen Strafrechts in ihr Nechtsleben auf. So begegnet uns denn auch die Brandmarkung bei Langobarden, Angelsachsen und Nordgermanen, jedoch nicht als Nebenstrafe, sondern in selbstständiger Function als Sühne bestimmter Verbrechen, mit dem ausdrücklichen Zweck, neben ihrem Charakter als Hauptstrafe auch das spätere Wiedererkennen deS bereits Bestraften zu ermöglichen, den besonders bei wiederholtem Dtebstahl härtere Bestrafung traf. Dabei erfuhr die Form des Brandmals 212 eine interessante Wandlung, welche die Neigung jugendlicher Völker, rechtliche Vorgänge in sinnlicher Darstellung Zu symbolisiern, zum Ausdruck brachte. Die tätowirte Buchstabenschrift der römischen Brandmarke befriedigte nicht die naive Anschauung des Germanen, der den Beweis einer früheren Unthat sehen, nicht lesen wollte, letzteres meist auch gar nicht konnte. Für die Schrift trat deßhalb wieder die Brandzeichnung ein, diesmal jedoch nicht ein beliebiges Mal, sondern die Darstellung eines Gegen-, standes, der ohne weiteres auf die Natur des verübten Delikts schließen ließ. So wurde dem Diebe auf Wange oder Stirn ein Schlüssel eingebrannt, erhielt der Falschmünzer das Bild eines Geldstücks in das Gesicht geprägt. Das Prinzip, das Verbrechen bereits in Art und Vollzug der Strafe zum Ausdruck zu bringen, beschränkte sich jedoch nicht auf die Brandmarkung. Auch die übrigen Strafen sollten, soweit angängig, nach germanischer Anschauung das Delikt kennzeichnen und durch ihre äußere Erscheinung am Körper i>es Schuldigen bei Nückfall dessen härtere Bestrafung garantiren. An dem sündigenden Glied wird die Strafe genommen: dem Verleumder wurde die Zunge ausgeschnitten, dem Meineidigen die Schwurhaud abgehauen, dem Raufbold ein Messer durch die Hand gestoßen, der Unzüchtige entmannt. Daß die Strafe daS Delikt wiederspiegeln muß, war ein seit grauer Zeit im Volksbewußtsein lebender Gedanke. Schon in der alten Sage vom Zwerg Laurin wird jedem, der den Rosengarten zertritt oder sonst beschädigt, Verlust des linken Fußes und der rechten Hand angedroht; in ähnlicher Weise wurden nach der Schlacht im Teutobnrger Wald den gefangenen römischen Nechtsgelehrten, die schon damals das fremde Recht auf deutschem Boden hatten einführen wollen, von den erbitterten Siegern die Zunge ausgeschnitten und die Lippen vernäht. Eine Wiedererkennung schon bestrafter Verbrecher ermöglichten ferner die übrigen, ohne besondere Beziehung auf das fragliche Verbrechen angedrohten verstümmelnden Strafen, wie Blendung, Abhauen von Gliedmaßen, Abschneiden von Nase und Ohren, Ausbrechen der Zähne. Allerdings kamen diese grausamen Strafen nicht in allen Fällen, in denen sie verhängt waren, auch zur Anwendung; meist durfte der Verurtheilte die Strafe „ledigen", sich durch eine dem Verletzten und dem Gericht geleistete - Geldzahlung von der Verstümmelung loskaufen. Allein auch dann blieb er als Verbrecher gekennzeichnet: als ehr- und rechtlos wurde er aus dem Kreis seiner bisherigen Standesgenossen ausgeschlossen, jeder Mitwirkung in Gericht und Gemeinde enthoben. Bei der Enge der mittelalterlichen Verhältnisse, die sich stets in genossenschaftlichen Verbänden bethätigten, verging daher kein Tag, der nicht durch eine erneute Zurücksetzung des Missethäters sein Verbrechen im Gedächtniß seiner Umgebung wach erhalten hätte. Durch Auswanderung vermochte sich der Verbrecher nur selten diesen Folgen zu entziehen; der Verkehr war schwierig und die Aufnahme in einen neuen Genossenschaftsverband vom Nachweis eines Leumunds abhängig, den ein in seinem Recht Geminderter kaum hätte erbringen können. Die bloße Niederlassung an fremdem. Ort verschaffte dagegen dem neuen Zuzügler keinen An- 'i spruch auf Duldung, sondern setzte ihn steter Gefahr der Vertreibung aus. - Mit dem Anbruch der neueren Zeit, unter dem Eindringen der individualistischen römischen Nechtsanschauung verlor das Genossenschaftswesen seinen starken Zusammenhalt, verminderte sich die Antheilnahme der Volksangehörigen am Gemeinde- und Gerichtsleben. Damit büßte aber auch der Ehrverlust die Garantie ein, die er bisher für die Identifikation der Verbrecher geboten hatte. Unzulässig erschien es nunmehr, sich durch Geldopfer von einer verstümmelnden Strafe zu befreien, eine Möglichkeit, die bei dem allmäligen Verarmen der großen Masse der Bevölkerung ohnehin schon als ein hassenswertheS Privileg eines kleinen, mit Glücksgütern gesegneten Bruchtheils der Nation erschienen sein mochte. Das berühmte Strafgesetzbuch Kaiser Karls V., die Hals- oder Peinliche Gerichtsordnung, abgekürzt Carolina genannt, schließt deßhalb die Ledigung der verstümmelnden Strafen auch vollständig aus. (Schluß folgt.) --»-S-W8S—- Wassiorrs- und Werzeit. L. Gründonnerstag. 's ist nur ein alter Weidenbaum, Der blühend hier vor'm Fenster steht — Und das ist nur der Abendwind, Der frühlingSschancrnd d'rüber weht. Es ist das Abendglühen nur, Das drüben noch im Westen flammt. Und doch, — eS scheint der Sonnenzug Heut, wie ein Nicseuopferbrand l Wie trübe Vorbedeutung zieht's Rings müde dämmernd über'm Hag; Wie ahnuugSschwer erstarb, dies heut. — Es war — Gründonnerstag. 2. Charfreitag. Nebel wallen, Nebel ziehen Und umdunkeln Sounenglühen, Und umdüstern Blüthenpracht Mit gehcimnißvoller Nacht. Vöglcin flattern scheu und schweigen Auf den knospcuweichen Zweigen, Und im blauen Nebeldust Rastet athcmbange Luft. Und doch rieselt Himmelsthauen Nieder rings auf Frühlingsauen, Während an des Kreuzes Stamm Blutend stirbt ein Opferlamm. Welt und Himmel hält umfangen Eines GottcS TodeSbangen; — Liebeswundcr! Durch die Nacht Zitterl's leiö: — „Es ist vollbracht." 3. Ostermorgen. Heller war noch nie ein Morgen Aus der Nächte Schootz gestiegen, Alles Dunkel, alles Bangen Scheint sein Lichtglanz zu besiegen. Und eö brechen alle Knospen, Die ihr Blühen zag geborgen, Jauchzend tönen Vogelstimmen Durch den segcnSvollen Morgen. Und das Menschenherz erzittert In den ungeahnten Wonnen; Endlich ist es Licht geworden! Endlich ist das Heil gekommen! Jubelnd braust es in den Lüften, Jauchzend dringt von Land zu Landen Eine überfrohe Kunde: „Christus ist dem Grab erstanden." Elsa Glas. Auflösung des Bilder-NäthselS in Nr. 27: Kryptogramm: Die Liebe verklärt die Wirklichkeit. « 29 . 1896 . „Augsburgrr PostMung". Dinstag, den 7. April Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefttzer Dr. Max Huttlcr). Osterlie-. Ist der Frühling neu erschienen Tragen in die Erdenrunde Jedes Jahr die Osterglocken Allen Herzen frohe Kunde: Alleluja, Alleluja! Christ der Herr ist auferstanden! Kühn, ein hochgemuther Degen Brach der Held des Todes Banden. Alleluja, Alleluja! Aus dem Schatten dunkler Grüfte Steigt des Siegers Kreuzesfahne Hocherflatternd in die Lüfte. Alleluja, Alleluja! Der getödtet war, er lebet, Und die Himmelsheere jauchzen Und der Höllenpfuhl erbebet. Alleluja, Alleluja! Preis dem Todesüberwinder, Der der Lohn für die Gerechten Und das Heil ward für die Sünder. Alleluja, Alleluja! Der am Kreuz in Schmach gestorben Hat durch seinen Tod das Leben Aller Welt und uns erworben. Laßt uns seiner Fahne folgen, Seine Wege laßt uns gehen. Daß wir all' zu ewigem Leben Mit ihm, durch ihn auferstehen! -«SANS«—- Audas Makkaöäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) 10. Kapitel. Verborgenheit. Wir wollen nun zurückkehren in die stille Wohnung der Hadassah, wo Lycidas Tag für Tag hoffnungsloser in die seidenen Maschen, die ihn als einen unfreiwillig Gefangenen in dem hebräischen Hause festhielten, verstrickt wurde. Die Gefahr seiner Lage machte dieselbe noch reizvoller. Mit Entzücken bemerkte der Grieche, wie sehr Sarah um seine Sicherheit besorgt war. Wenn Lycidas die Schwelle seiner „Höhle" überschritt, hielt Sarah in der Nähe der Eingangsthür, ihre Spindel in der Hand, sorgfältig Wacht, um ihm bei dem Eintritt eines Fremden rechtzeitig Warnung zukommen zu lassen. Ein Wink des Mädchens warnte den Athener hinreichend. Die Aussicht von dem Thorwege gewährte einen so weiten Blick auf die Straße, daß es für einen Fremden unmöglich wurde, das Haus so plötzlich zu betreten, daß Lycidas nicht Zeit gehabt hätte, auf einen schnellen Wink sich hinter seinen Vorhang zurückzuziehen. Einmal kam aber doch eine Gelegenheit, wo die vornehme Schildwache nicht recht auf ihrem Posten war. Lycidas gab auf ihren Arm gestützt der Hadassah eine Beschreibung des Kampfes bei Thermopylä, während seine Augen auf Sarah gerichtet waren, die in der Nähe sitzend ihre ganze Aufmerksamkeit auf seine ergreifende Schilderung lenkte, als plötzlich Abischai, athemlos vor Erregung, in das Haus trat, ohne daß Sarah sein Kommen bemerken und ihr gewohntes Signal geben konnte. Hadassah hörte zuerst den Ton schneller Fußtritte, obwohl auch nicht eher, als bis Abischai beinahe die Schwelle überschritten hatte. Mit großer Geistesgegenwart warf die Wittwe einen großen gestreiften Mantel von Ziegenhaar über Lycidas, welchen sie für Judas Makkabäus für den Fall gemacht hatte, daß eine Gelegenheit sich fände, ihn dem Führer zukommen zu lassen. Hadassah setzte sich dann so, daß sie sich zwischen ihrem Gaste und der Thür befand. Diese Bewegungen waren so schnell, daß sie zu ihrer Ausführung weniger Zeit beanspruchten, als der Bericht. „Aber Kind, Du siehst ja so entsetzt und erschreckt aus, als ob die Syrer hinter Dir wären!" rief Abischai der Sarah zu, als er ihr entsetztes Gesicht gewahr wurde. Seine Augen blitzten triuwphirend, und seine Bewegungen verriethen die höchste Aufregung, als er fortfuhr: „Ich bringe Euch Siegesnachrichten — ein glorreicher Sieg ist von unserem Helden Judas Makkabäus erfochten I Apollonius — mögen die Gräber seiner Väter beschimpft werden — Apollonius, der die Häuser am Berge Zion niederriß, um aus den Steinen derselben Befestigungen zu machen, ist nun überwältigt worden. Der Mörder, der Bedrücker, das Werkzeug eines Tyrannen, ja, beinahe schrecklicher als der Tyrann 214 selbst, liegt nun in seinem Blute und sein mächtiges Kriegsheer ist vor den Streitern des Judas entflohen!" „Der Herr der Heerschaaren sei gepriesen," rief Hadassah, „aber erzähle uns von dem Kampfe, mein Sohn." Dabei nöthigte sich Abischai, an ihrer Seite Platz zu nehmen, so daß er Lycidas den Rücken zukehren mußte. Der Jude setzte sich so nahe an den Griechen, daß die Fallen seines Oberkleides den Mantel berührten, unter welchem Lycidas zusammengekauert lag. Wenn Abischai seine Hand nur um einen Zoll breit weiter bewegte, mußte er fühlen, daß ein warmer lebender Körper unter den Ziegenhaarstreifen sich verborgen hielt. „Wie Deine Wangen die Farbe wechseln, Kind," rief Abischat, indem er mit Erstaunen seine Nichte betrachtete, welche, als sie in der offenen Thür stand, weder ihren Schrecken verbergen, noch das Zittern ihrer Kniee verhindern konnte. „Du hast keine Ursache zur Besorgniß, Makkabäus ist nicht einmal verwundet. Apollonius begegnete ihm im Kampfe und fiel durch seine Hand. Hinfort wird Judas, wie man sagt, das Schwert selbst benutzen, daß er dem besiegten Syrer abnahm." Sarah hörte kaum die an sie gerichteten Worte. Der Gedanke an die Gefahr des Atheners schloß alle anderen auS. Sollte irgend eine Bewegung von ihm seine Gegenwart ihrem fanatischen Oheim verrathen, so wußte sie, daß sein Schicksal besiegelt war. Denn Lycidas war noch viel zu schwach, um mit der entferntesten Aussicht auf Erfolg sich selbst zu vertheidigen, und seine liegende Stellung machte ihn obendrein noch äußerst hilflos. Hadassah betrachtete ängstlich Sarah's Gesicht und las in ihrem Herzen die sie beschäftigenden Gedanken. Da sie fürchtete, daß das Mädchen dort, wo sie stand, in Ohnmacht fallen könnte, trat sie zu ihr und bat sie, näher zu kommen, und sich zu ihren Füßen zu setzen. Sarah gehorchte und trug Sorge, nahe genug zu sein, um nöthigen Falles seine Kniee umfassen zu können und mit ihrer geringen Kraft seine Bewegungen zu hindern, die Anwesenheit des Griechen zu entdecken. „Judas hat unserem Geschlechte große Ehre gemacht!" rief Abischai begeistert, welcher der Erregung seiner Nichte einen ganz anderen Grund als den wirklichen beilegte. „In seinen Thaten gleicht er dem Löwen, er hat die Bösen aufgescheucht und verfolgt, er hat die Götzen zerstört, ihre Altäre niedergeworfen und den Zorn von Israel abgewendet." „Er ist ein mächtiges Werkzeug in der Hand des Herrn," bemerkte Hadassah. „Ist er nicht mehr?" rief Abischai, noch erregter werdend. „Sollte die Zeit der großen Erlösung noch nicht gekommen und der große Erlöser noch nicht unter uns sein, von dem geschrieben steht: „Mein Arm mußte mir helfen, und mein Zorn enthielt mich. Ich habe sie gekeltert in meinem Zorn und zertreten in meinem Grimm. Das Jahr, die Meinen zu erlösen, ist gekommen." Wilde Hoffnung blitzte auS den Augen des Ebräers, als er dies sagte und, von seinem Sitz sich erhebend, hoch aufgerichtet vor den Frauen stand. „Schäme Dich, Sohn des Nathan", entgegnete ihm Hadassah mit Würde, „Du sprichst wie einer, der die Schriften der Propheten nicht kennt. Er, der da kommen soll, der Messias, ist vom Stamme Juda und nicht von dem des Lcvi, soll zu Bethlehem geboren werden und nicht zu Modin; auch sind die von Daniel geweissagten Jahrwochen noch nicht verflossen. So wisse nur und merke: „Von der Zeit an, so ausgehet der Befehl, daß Jerusalem soll wiedererbaut werden, bis auf Christum, den Fürsten, sind sieben Wochen und zweiundsechzig Wochen", die Zeit ist noch nicht gekommen." Die wilde Erregung des Abischai verschwand vor dem Tadel jemandes, der ihm an Wissenschaft und geistiger Kraft ebenso überlegen war, wie er sie an physischer Kraft übertraf. Er war beschämt, als er sich der Unwissenheit und Unkenntniß der Heiligen Schrift überführt sah. „Du weißt, Hadassah, daß ich von Jugend an ein Mann des Schwertes und nicht des Buches gewesen bin; auch kann ich nichts lesen, wenn ich auch wollte. Du weißt, daß Antiochus unsere heiligen Schriften, um sie zu vernichten oder zu verunreinigen, gesucht hat, ausgenommen die Abschriften derjenigen, die ich gelegentlich im Hause des Aeltesten Salathiel sehe, wenn wir dort heimlich zusammenkommen, um Gott am Sabbathtage anzubeten. Sonst kommt mir nicht einmal eine Rolle des heiligen Wortes vor Gesicht." (Fortsetzung folgt.) t "V" Dativs, ein Kurort für Lungenleidende. Von G. Welsch. (Mit Illustration.) --- (Nachdruck verboten.) Im Februar 1895 waren es 30 Jahre, seit die beiden ersten Kurgäste in dem entlegenen, einsamen Ge- birgsdorfe Daoos ankamen — zwei schwer erkrankte, schwindsüchtige Deutsche — von denen der eine noch heute als Hotelier daselbst lebt und sich einer trefflichen Gesundheit erfreut. Seitdem hat sich Davos als Kurort für Lungenkranke einen Weltruf erworben. Nichtsdestoweniger herrschen über Davos, seine Lage und sein Klima vielfach, selbst unter Aerzten, ganz irrige Ansichten. Weil es ein Winterkurort für Lungenkranke ist, sucht man eS im Süden, oder glaubt doch, daß es ein südliches Klima, etwa wie die Kurorte am Genfcrsee, habe. Beides ist, wie aus dem Nachfolgenden zu ersehen, falsch. Davos liegt im schweizerischen Kanton Graubünden, und zwar in dem nördlichen, deutsch redenden Theil dieses sprachlich gemischten Kantons, in dem auch die italienische und romanische Sprache gesprochen wird. Die bequemste Reiseroute führt von Bayern her über den Bodensee nach dem schön gelegenen schweizerischen Hafenstädtchen Rorschach, von hier per Bahn auf der Linie Rorschach-Chur das schöne Rheinthal aufwärts durch St. Gallisches Gebiet, vorüber an dem Fürstenthum Liechtenstein und den berühmten Badeorten Ragatz und Pfäffers nach Landquart. Hier zweigt die schmalspurige Landquart-Davoser-Bahn ab, jetzt rhättsche Bahn genannt, welche durch das reizende Prättigau in scharfer Steigung, jedoch ohne Zahnrad, in eine großartige Gebirgslandschaft führt. Bei der Station Wolfgang erreicht sie den Höhepunkt mit 1632 m. über dem Meere. Von hier aus geht es wieder mäßig abwärts, vorüber an dem fischreichen Davoser See nach Davos-Platz, dem Endpunkt der Bahn mit einer Schienen- höhe von 1560 w. über dem Meere. Diese Bahn, welche die Strecke von 51 Lm. in nicht ganz 3 Stunden zurücklegt, ist die höchstgelegene Adhäsionsbahn Europas mit Jahresbetrieb. Davos ist nicht der Name einer einzigen Ortschaft, MMigk Ssterzkil unsern Lesern allen! - - Wufevfleylmg. Ech gehe durch dir jungen Miesen Hinab zum Vrchlein in das "Shal, Den Auferstandenen zu genießen In seinem großen Hiebesmahl. Dekrachke, wie die heiligen Hunnen ^nm (Znabe einst grwandelli sind, (Zar herrlich duflen rings die Hnen, (Irweckk vom leisen (Dorgcnwind. Die Ilerche in den Izüflen singe?, ^s rausch? der Dach so frisch und kühl, Achd meine Aeele froh durchdringr? ^in Huferstehungsvargefühl. Ich sehe in der (Dorgenröiihe Des Heilands Siegesfahne weh'n, Denk' meiner Vadken im *) Natürlich war damals die hebräische Rolle noch nicht in Kavitel eingetheilt. 223 „Hadassah, Hadassah, in welcher Wildniß von Ketzerei wanderst Du!" rief Abischai. Die Wittwe schien ihn nicht zu hören, sondern fuhr, wie laut denkend, fort: „Niemand hat Gott je gesehen; er selbst hat erklärt: „Kein Mensch soll mich sehen." Aber wer erschien denn sichtbar dem Abraham? Wer war es, der mit Jakob rang? Wer sprach mit Gideon? Und wessen Glanz wurde Jesaia beschieden zu schauen? Wer wurde wandernd im feurigen Ofen gesehen? Wer war es, der da kam in des Himmels Wolken, gleich eines Menschen Sohn bis zu dem Alten?" „In einem Augenblick betrachtest Du den Messias als Opfer, im nächsten als Gott!" rief der Ebräer. „Wenn Gott Willens wäre, menschliche Gestalt anzunehmen, menschliche Schuld zu tragen, menschlichen Tod zu erdulden, müßte er dann nicht beides sein?" fragte Hadassah. Als sie sah, daß Abischai bei dieser Frage stutzte, deutete sie aus den Theil der Rolle, welche die Weissagung des Jesaia enthielt, und las laut: „Uns ist ein Kind geboren." — „Hier ist klar eine Anzeige menschlicher Geburt, doch wird dieses Kind uns offenbart als der Mächtige Gott, Ewigvater, Friedefürst." „Solche Gedanken sind zu wunderbar und zu hoch, als daß ein Mensch sie fassen könnte", rief Abischai stirnrunzelnd. „Das schwache Gefäß muß zerspringen, wenn solch heißes, geschmolzenes Gold hineingeworfen wird", fuhr er erregt fort. „Alles, was ich auf das, was du gesagt hast, antworten kann, ist dies: Ich glaube nicht — und werde niemals glauben, daß, wenn der Messias, die Hoffnung Israels, kommt, er von unserem Volke verworfen wird. Wäre es so, so würde auf Israel ein entsetzlicher Fluch fallen, daß die ägyptische Geißel, die babylonische Gefangenschaft, die syrische Verfolgung nichts wären gegen die Schrecken, die Gottes gerechte Rache über unser Volk bringen würde. Wir würden zerstreut werden in alle Länder wie Spreu vor dem Winde, bis —" Abischat hielt inne, ballte die Faust, biß die Zähne zusammen, als ob die Sprache ihm fehlte, die äußerste Verlassenheit und das Elend zu beschreiben, welches ein so furchtbares Verbrechen, wie die Verwerfung des Messias, über die Nachkommen Abrahams bringen müßte. Da Abischai seinen Ausspruch nicht beendete, so that Hadassah dies für ihn. „Bis", sagte sie mit verklärtem Angesicht — „bis Juda seine Missethat bereut und wieder umkehrt zu dem, der es nicht verleugnete. Höre, Sohn des Nathan, noch diese eine Weissagung aus der Heiligen Schrift: Also spricht der Herr: Ueber das Haus Davids und über die Bürger zu Jerusalem will ich ausgießen den Geist der Gnade und des Gebets, denn sie werden mich ansehen, welchen jene zerstochen haben; und werden ihn klagen, wie man klaget ein einziges Kind, und werden sich um ihn betrüben, wie man sich betrübet um ein erstes Kind. Und der Herr wird König sein über alle Lande." Abischai verließ die Wohnung der Hadassah mit ganz verstörtem Gemüth, nicht willens, zuzugeben, daß die Ansichten, die so ganz verschieden von seinen eigenen waren, auf Wahrheit beruhen sollten. Die Idee eines verachteten, leidenden, sterbenden Messias war über alle Maßen den inneren Gefühlen des Hebräers widerstreitend. „Sehet da ein Weib, welches ihre ganze Seele in ein dunkles Studium versenkt hat", murmelte Abischai, als er den Hügel hinabstieg. „Hadassah ist närrisch, ihr Verstand hat sie verlassen." 12. Kapitel. Prüfungen des Herzens. Zum ersten Male in ihrem Leben fürchtete Sarak eine Begegnung mit Hadassah. Obgleich die Jahreszei- soweit vorgerückt war, daß alles sich vor den Sonnenstrahlen zu verbergen suchte, weilte das Mädchen immer noch auf dem schattenlosen Dache. Während sie ihre Stirn an die Brustwehr gelehnt hatte, blickten ihre Augen bekümmert nach Jerusalem. Doch ihre Seele verweilte kaum bet den Gegenständen, auf welche ihr Blick gerichtet war. War es eine Vorahnung kommenden Leides oder ein Gefühl von Selbstvorwurf, worüber das Mädchen in ihrem Innern nachdachte? Sarah fürchtete, sich ihre Gefühle klar zu machen, sie wußte nur, daß ihr das Herz sehr schwer war. Beinahe zwei Stunden waren so vergangen; die Sonne hatte den Horizont erreicht und die Hitze war weniger drückend. Sarah hörte Hadassah mit leisen Schritten die Treppe heraufkommen und stand auf, um ihr entgegen zu gehen, während sie sich einer gewissen Empfindung von Furcht nicht enthalten konnte. Die Erinnerung an jenen Blick trauriger Unzufriedenheit hatte das Gemüth des gewissenhaften Mädchens beschwert. War Hadassah böse auf ihre Enkelin? War sie gekommen, um ein Herz zu prüfen, das seit ihrer Kindheit niemals ein Geheimniß vor ihr gehabt, und welches so voll kindlicher Achtung und Liebe vor der Großmutter war? Sarah wagte nicht, ihre Augen zu denen Hadassah's, als sie derselben gegenüberstand, zu erheben, da sie fürchtete, wiederum jenem ernsten Blicke zu begegnen. Aber niemals hatte das Antlitz der alten Frau einen Ausdruck größerer Zärtlichkeit gezeigt, wie an jenem Abend, als sie ihre Enkelin auf dem Dach des Hauses traf. „Hast Du hier in der Sonnenhitze gesessen, mein Täubchen, und Dein Haupt unverschleiert den glühenden Sonnenstrahlen ausgesetzt?" sagte Hadassah zärtlich, nachdem sie einen Kuß auf die Stirn des Mädchens gedrückt hatte. „Ich muß Dich ernstlich schelten, meine Sarah; setze Dich dort in den Schatten jener großen Palme, ich will mich neben Dich setzen; wir wollen von den Siegesnachrichten sprechen, welche Abischai uns heute gebracht hat." Es war ein großer Trost für Sarah, das dies der Gegenstand der bevorstehenden Unterhaltung sein sollte. Sie blickte schüchtern zu dem Gesicht der Hadassah auf und nahm, über das, was sie in den Zügen ihrer Großmutter sah, vollständig beruhigt, ihren Lieblingsplatz zu den Füßen derselben ein. „Ist es nicht augenscheinlich," nahm Hadassah das Wort, „daß der Arm des Herrn über Juda ausgestreckt ist, daß sein Segen mit Judas Makkabäns geht? Freust Du Dich nicht, Sarah, über den Sieg, welchen unsere Helden erfochten haben?" „Ich freue mich und danke Gott dafür," antwortete das Mädchen. „Ich hoffe, es kommt die Zeit, daß wir hinausgehen, gleich den Frauen Jsrael's in alten Zeiten, welche dem David und Saul nach dem Siege über die Philister singend und tanzend entgegengingen." „David machte sich, als er die Philister schlug und die Hand der Königstochter gewann, um sein Vaterland 2L4 nicht verdienter als Judas Makkabäus," bemerkte Hadassah. „Bist Du nicht stolz auf Deinen Verwandten, mein Kind?" „Ganz Judäa ist stolz auf seine Helden," antwortete Sarah. „Glücklich das Weib, welches er zu seiner Braut erwählen wird," bemerkte Hadassah. Das Mädchen gab keine Antwort. „Sarah, warum soll ich Dir länger verhehlen, was meine Gedanken schon so lange beschäftigt?" fuhr Hadassah nach einer Pause fort. „Warum sollst Du nicht Kenntniß erhalten von der hohen Ehre, welche meine Tochter erwartet? Von Deiner frühesten Kindheit an haben wir beide, Mattathias, unser ehrwürdiger Verwandter, über dessen Grab Friede walten möge, und ich gewünscht, in Zukunft Euch Beide, Dich, meine geliebte Sarah, und Judas, zu vereinigen." „Judas! o nein, nein!" rief Sarah, indem sie plötzlich ihre zitternde Hand aus derjenigen ihrer Großmutter, in welcher sie so lange gelegen hatte, zog. „Er ist seinem Vaterlande verlobt, er wird niemals daran denken, ein Weib zu nehmen." Diese Worte waren schnell und mit einiger Erregung gesprochen. „Seine Arbeiten und Triumphe werden, wie ich fest glaube, zu künftigem Frieden führen," begann Hadassah von neuem. „Dann mag er sich an dem Glück, das er so wohl verdient hat, erfreuen. Willst Du ihm dieses Glück nicht geben, meine Sarah, Du, deren Name „Klarheit" bedeutet?" „Ich ehre Makkabäus als einen Helden, ich verehre ihn als meinen Fürsten, ich könnte vor ihm knieen und den Staub von seinen Füßen waschen oder mein langes Haar abschneiden, um seinen Bogen damit zu spannen, aber ich kann nicht seine Braut werden!" rief Sarah, „ich bin so unbedeutend und unwürdig. Es wäre gleich, als ob man den Adler mit dem Sperling, der dort auf der Hausspitze sitzt, verbinden wollte. Makkabäus ist der edelste der Menschen." „Gesegnet das Weib, welches seinen Herrn so ehren kann," sagte Hadassah. „Ich ehre Makkabäus aus der Tiefe meiner Seele, aber ich fürchte ihn," stammelte Sarah. „Wärest Du eine Syrerin, so hättest Du alle Ursache dazu," bemerkte Hadassah mit einem Versuche, zu lächeln, „aber nicht als eine Tochter von Juda. Ist er auch den Feinden seines Vaterlandes gegenüber schrecklich und grausam gegen die bewaffneten Tyrannen, so hatte doch nie ein Mädchen Grund, Judas Makkabäus zu fürchten. Den Kaktus machen seine scharfen Dornen zu einer so dichten Umzäunung, daß sie der stärkste Feind nicht durchbrechen kann, und doch trägt er herrliche Blumen und erfrischende Früchte. Das starke Schl 'chiroß tritt die Feinde in der Schlacht nieder, aber ein Kind kann ruhig mit seiner Mähne spielen. Die Tapfersten sind immer die sanftesten. Judas ist keine Ausnahme von dieser Regel. Mit seinem reinen und aufrichtigen Herzen ist er ganz der Mann, eine Frau glücklich zu machen." Sarah seufzte und ließ den Kopf hängen. „War es nicht ein stolzer Augenblick für Achsa, als Athniel nach dem Siege von Kirgathsepher als Steges- prcis um ihre Hand bat?" fragte Hadassah. „Aber Achsa war die Tochter eines Kaleb," sagte Sarah. Dann fragte sie, plötzlich ihr Haupt erhebend: „Bestimmte mein Vater mich auch zum Weibe des Judas?" Hadassah fuhr bei dieser Frage zusammen, als ob eine schmerzhafte Wunde durch dieselbe berührt worden wäre. „O, mein Kind, habe Mitleid mit mir," murmelte sie leise, „und sprich nicht von ihm!" Sarah wußte schon lange, daß es einen Punkt gab, den sie niemals berühren durfte. Ihre Großmutter trug einen verschlossenen Kummer in ihrem Herzen, den niemand wagen durfte, zu enträthseln. Ob Sarah's Vater todt war oder nicht, Sarah wußte es nicht. Sie erinnerte sich schwach aus ihrer früheren Heimath Beth- surah eines großen, schönen Mannes, der mit ihren Flechten gespielt und sie in seinen Armen hatte tanzen lassen. Aber seitdem hatte sie in Gesellschaft ihrer Großmutter Bethsurah verlassen und diesen Mann nie wieder gesehen oder jemals von ihm gehört. Die leiseste Anspielung Sarah's auf ihre Abkunft hatte bei Hadassah stets solchen Kummer verursacht, daß das Kind, wenn auch diese Frage es oft beschäftigte, bald zu schweigen gelernt hatte. Hadassah sprach oft von Mirjam, ihrer einzigen Tochter, und von Sarah's sanfter Mutter — Zwillingsrosen — wie sie die Beiden stets nannte, welche beide früh, im ersten Jahre nach ihrer Heirath, für den Himmel gepflückt waren. Aber von ihrem Sohne sprach sie nie. Ein Geheimniß schwebte über dem Schicksal Abner's, welches seine Tochter vergebens zu enthüllen sich sehnte. Ihr Herz machte ihr Vorwürfe über ihre unüberlegte Frage. „O, vergib mir, Mutter!" rief Sarah, indem sie die Hand der Hadassah küßte, welche zitterte und kalt war. „Dein Wort, Dein Wille soll mir in allen Dingen genug sein bis auf eins: o, befiehl mir nicht, daß ich meinen Verwandten heirathel" „Ist es — kann es sein, weil ein Anderer einen näheren Platz in Deinem Herzen hat?" fragte Hadassah forschend. Bei dieser Frage wurde das schöne Antlitz Sarah's plötzlich so rosig wie die Morgenröthe, darauf so weiß wie der Schnee des Libanon. „O, dann sind meine Befürchtungen nur zu wahr gewesen!" rief Hadassah in einem nicht zornigen, aber ängstlichen Tone. „Müssen denn stets die Sünden der Väter an den unschuldigen Kindern heimgesucht werden! Ein Heide! — ein Götzenanbeter l O, wäre ich an diesem Tage gestorben!" „Zürne mir nicht, Mutter," stammelte Sarah, Hadassah's Hand mit ihren Thränen benetzend. „Ich bin nicht böse, meine Taube, es macht mir nur Schmerz, daß ich die grausamen Schlingen aussetzen mußte. Aber Du," fuhr die Wittwe mit erhobener Stimme fort, „Du wirst sie zerreißen, und befreit wird mein Vogel, rein und unbefleckt, seine silbernen Schwingen über der Erde erheben. Verschieden sind die Versuchungen, deren sich der Feind der Seele bedient, um Gottes Diener von der Treue abzuziehen. Einige lenkt er durch ihre Feigheit, andere durch ihre Liebe zur Welt, ihren Reichthum und ihre Vergnügungen, wieder andere gewinnt er durch Herzensfesseln. Aber der Herr gibt seinem Volke Kraft zu widerstehen, ob die Versuchung von Furcht oder von Liebe herrührt. Du bist die würdige Verwandte der Salome, welche ihr Leben für ihren Glauben hingab." 225 „Vielleicht ist das Opfer des Lebens nicht daS schwerste, welches man bringen kann," antwortete Sarah träumend. „Salame gab ihre sieben Söhne", sagte Hadassah. „O, welch eine Gnade war es, daß sie zuletzt ihnen folgen durfte," rief Sarah, „hätte sie alle ihre Söhne, die sie so sehr liebte, überleben müssen, so wäre Salame das elendeste Weib auf Erden gewesen!" „Nein, nicht das elendeste," entgegnete Hadassah, „denn sie starben alle im Glauben. Besser, o, viel besser, sieben durch den Tod verlieren, als den einen durch — den Abfall von Gott!" Und mit beinahe un- hörbarer Stimme fügte die alte Frau, die Augen schließend, hinzu: „Muß ich dieses Elend nun zum zweiten Male durchmachen?" „Meine Mutter, meine einzig geliebte Mutter, Du sollst niemals Elend durch mich erfahren!" rief Sarah mit Lebhaftigkeit. „Ich will beten, ich will streben, ich will versuchen, aus meinen Gedanken alles, was zwischen mich und den Glauben einer Tochter Abra- ham's kommen will, selbst fortzudrängen, nur führe mich, hilf mir, sage Deinem Kinde, was es thun soll!" Und das Mädchen küßte wieder und wieder leidenschaftlich die Hand der Hadassah und legte dann ihren schmerzenden Kopf an die Brust ihrer Mutter. Letztere umfing sie dann in einer langen und zärtlichen Umarmung. „Ich möchte Dich nach Bethsura zu meiner alten Base Rahe! senden," sagte die Wittwe, „nur —" „O, schicke mich nicht fort, laß mich bei Dir bleiben! Deine Gesundheit ist schwach, ich würde fern von Dir keine Ruhe haben," schluchzte Sarah in flehendem Tone. „Nun freilich, ich darf mein Kind nicht ohne sichere Begleitung nach Jdomea senden, während die Syrer, die Männer des Belial, das Land besitzen. Es ist besser, sie hier in der sicheren Abgeschiedenheit meines Hauses unter meinem schützenden Flügel zu behalten. Aber, ach, mein Kind, höre die Stimme Deiner Mutter. Du mußt fortan vermeiden, dem fremden Heiden zu begegnen. Du mußt Dich weniger in den unteren Räumen aufhalten, Sarah, und niemals, außer wenn ich dort bin. Deine Versuchung wird nicht mehr lange währen. Die Wunden des Atheners heilen. Nach dem Passah- fest wird Abischai Jerusalem verlassen, um sich mit der Patriotenschaar zu vereinigen. Wenn Lycidas erst vor der Nähe des Feindes sicher ist, so will ich ihn nicht länger beherbergen. Er ist schon zu lange unter meinem Dache gewesen. Dein schmerzlicher Kampf wird also nur noch eine kurze Zeit währen, meine Sarah." Sarah dachte, obwohl sie es nicht äußerte, daß dieser Herzenskampf so lange dauern würde, wie ihr Leben auf Erden. „Wirst Du mir gehorchen, meine Tochter? Wirst Du fernerhin die zu anziehende Gesellschaft des Fremden meiden?" Das Mädchen neigte zustimmend ihr Haupt und murmelte: „Bete für mich, Mutter, ich bin so schwach." „Mein Leben soll ein Gebet sein," sagte Hadassah. „Meines — ein Opfer," dachte das arme Mädchen, „o, möge dieses Opfer angenommen werden!" (Fortsetzung folgt.) -- VerKrerherideutifikation. Von Otto Opet. (Schluß.) Allein die Zeitrichtung wurde der Grausamkeit, welche den Vollzug der verstümmelnden Strafe verlangte, von Jahrhundert zu Jahrhundert abgeneigter. In den Ländern des gemeinen Rechts, in denen die Carolina Gesetzeskraft behielt, suchte man durch gekünstelte Auslegung ihrer Bestimmungen die Anwendung der verstümmelnden Strafen zu beseitigen; neuere Gesetzbücher nahmen sie überhaupt nicht mehr unter die Strafmittel auf; selbst die Brand- markung, die noch im Bayerischen Strafgesetzbuch von 1813, der ersten in modernem Geist verfaßten Straf« rechtskodifikation, eine Stelle gefunden hatte, ist seitdem aus der Strafrechtspflege verschwunden. Damit war das letzte der bisherigen Jbentifikations« Mittel beseitigt; für die Gewohnheitsverbrecher, die in immer geringerem Maße der Gefahr einer Wiedererken- nung ausgesetzt waren, schien ein goldenes Zeitalter anzuheben, das auch bald zur Ausbildung eines internationalen Gaunerthums führte, das keine frühere Periode ingleicher Weise gekannt hatte. Immer stärker stellte sich daher die Nothwendigkeit eines neuen, die Jdentifizirung ermöglichenden Verfahrens heraus. Zunächst suchte man die entstandene Lücke durch Aufnahme genauer Personalbeschreibungen der Delinquenten auszufüllen. Allein Angaben, wie sie noch heute auf Passen und Jagdscheinen üblich, erweisen sich im konkreten Fall als völlig unzureichend, da der Sprachgebrauch nur ungenaue Bezeichnungen liefert. Daß beispielsweise eine Schilderung der Körpergröße durch Ausdrücke wie „Mittel, gewöhnlich", eine die Uebergänge gänzlich ignorirende Kennzeichnung der Augenfarbe durch Worte wie „blau, schwarz" für eine überzeugende Jdentifizirung ohne jeden Werth, leuchtet ohne weiteres ein. Größere Garantie bot das Photographiren der Verbrecher, das seit den fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts bei den europäischen Sicherheitsbehörden zur Einführung gelangte, sich indeß in den meisten Fällen, in denen es sich nicht um die Feststellung einer vermutheten gegenwärtigen, sondern um die Ermittelung einer verfolgten abwesenden Person handelte, als unzulänglich erwies. Die Ursache lag in der mangelnden Fähigkeit der Beamten, sich das Photographische Bild stets gegenwärtig zu halten, was nur durch besondere Beobachtung seiner charakteristischen Eigenthümlichkeiten erreichbar. Die Photographie kann aber auch deßhalb keine genügenden Ergebnisse liefern, weil die Anzahl der bei den Polizeiverwnltungen in den Verbrecheralbums aufgestapelten Porträts im Laufe der Zeit so angewachsen ist, daß es häufig faktisch unmöglich wird, die Photographie einer ihren Namen verheimlichenden Person herauszufinden und damit ihre Identifikation vorzunehmen. Einen anderen Weg schlug der englische Arzt Or. Francis Galion ein, indem er für die Jdentitätsfeststcllung die Benutzung von Fingerabdrücken empfahl. Es veranlaßte ihn hiezu die in Bengalen bestehende Sitte, Quittungen und sonstige Dokumente statt mit dem Namen der Unterschriftpflichtigen mit deren Fingerabdruck unterzeichnen zu lassen, ein Verfahren, das nach andern Nachrichten in China schon längst für polizeiliche Zwecke verwendet wird. Daß auch im deutschen Mittelalter der Fingerabdruck häufig die Unterschrift vertrat, ergibt sich aus der alten, für wichtige Dokumente üblichen Bezeichnung „Hand- — 226 feste", die noch heute in dem Namen der Bremer Nenten- briefe fortlebt. Wie die seit 1888 an über 3000 Personen vorgenommenen Versuche Galions darthun, lassen zwei in allen Punkten zusammenfallende Fingerabdrücke den sicheren Schluß zu, daß die Abdrücke vom Finger ein und derselben Person herrühren, während die Nichtübereinstimmung ein eben so sicheres Zeichen dafür bildet, daß eS sich um die Fingerabdrücke von zwei verschiedenen Personen handelt. Das unterscheidende Merkmal bilden die Hautzetchnungen der inneren Daumenseite, die während der ganzen Lebenszeit des Menschen unverändert bleiben, von den entsprechenden Hautzeichnungen anderer Personen jedoch völlig abweichen. Theoretisch entspricht daher das Galton'sche Verfahren allen an eine Jd entifi- kationsmethode zu stellenden Forderungen; seiner praktischen Anwendbarkeit steht indeß das schwere Bedenken gegenüber, daß die Abdrücke häufig nicht genügend mar- kirte Abstufungen zeigen, daß ein Urtheil über die Abdrücke eine ganz spezielle Ausbildung und Erfahrung verlangt, wie sie der Beamte durchschnittlich nicht erwerben kann, daß endlich der Fingerabdruck für die Ermittelung einer auf freiem Fuß befindlichen verfolgten Person keinerlei Anhalt bietet. Alle Schwierigkeiten vermeidet das von Dr. Alfons Vertillon aufgestellte System des anthropomctrischen Signalements, das der bisher fast ausschließlich vom Zufall geleiteten Ermittelungsthätigkeit der. polizeilichen und gerichtlichen Behörden eine wissenschaftliche Grundlage gibt, den Beamten in einen praktischen Anthropologen verwandelt. Beriillons Theorie geht von der Erwägung aus, daß, so wenig sich in der ganzen Pflanzenwelt jemals zwei gleiche Blätter finden, eben so wenig sich auch bei zwei Menschen ganz gleiche Organe finden; für die Identifikation handelt es sich deshalb nur darum, diejenigen körperlichen Verhältnisse, die bei den verschiedenen Menschen selbst möglichst verschieden, beim einzelnen Menschen dagegen einen möglichst gleich bleibenden Charakter tragen, zu ermitteln. In erster Reihe bietet sich für diescnZweck die Körpermessung, da das menschliche Knochengerüst vom 20. Jahr ab fast absolute Unveränderltchkeit besitzt, der Knochenbau der verschiedenen Menschen ein durchaus abweichender, die Maße auf der lebenden Person mittelst sehr einfacher Instrumente von jedem Beamten genau und leicht festgestellt werden können. Dem entsprechend läßt Bertillon von jedem Verbrecher das Körpermaß in Körpergröße, Spannweite und Sitzhöhe, das Kopfmaß in Länge und Breite des Kopses, Länge und Breite des rechten Ohres und das Gltedermaß in Länge des linken Fußes, des linken Mittelfingers, des linken kleinen Fingers und des linken Vorderarmes feststellen. Die gefundenen Maße, die für jede einzelne Person auf einer Signalementskarte verzeichnet sind, werden dann unter Hinzunahme der durch Geschlecht, Alter und Farbe des Auges gebildeten Verschiedenheiten in Abtheilungen zerlegt, die es ermöglichen, bei Neuver- messung eines Verbrechers in kürzester Zeit festzustellen, ob die sich hierbei ergebenden Maße bereits in jenen Abtheilungen vorhanden, ob es sich also um einen rückfälligen Verbrecher handelt. An die Messung schließt sich die Aufnahme einer genauen Personenbeschreibung, die sich namentlich auf die Gestaltung der Stirn, Nase und Ohr bezieht und durch eine scharfe Klassirung der im Sprachgebrauch unklar bleibenden Abweichungen genaue Resultate ergibt, die wiederum auf der Signalementskarte Aufnahme finden. Eine dritte Rubrik für besondere Kennzeichen zählt die am Körper des Untersuchten befindlichen Schönheitsflecke, Schnittwunden, Narben und Tätowirungen auf, unter genauer Angabe ihrer Lage und Ausdehnung, da auch hier Erscheinungen vorliegen, die sich entweder während des ganzen Lebens nicht verändern oder doch bei künstlicher Beseitigung, wie sie jetzt bei Tätowirungen üblich, mindestens unzweideutige Spuren ihres früheren Vorhandenseins zurücklassen. Um die rasche Fixirung dieser häufig sehr zahlreich auftretenden besonderen Kennzeichen zn ermöglichen, verwendet Bertillon eine von ihm ersonnene Kurzschrift, deren Bezeichnung mit Rücksicht auf die internationale Bedeutung des Verfahrens in den Anfangsbuchstaben mit den entsprechenden lateinischen, französischen und englischen Ausdrücken übereinstimmen. Gewöhnlich werden der Signalements- karte noch zwei Photographien des Gemessenen eir laos und 6N xroül beigefügt, deren Aufnahme unter Verwendung eines mit besonderen Vorkehrungen versehenen Aufnahmestuhles erfolgt, dessen Konstruktion die aufzunehmende Person zwingt, während des Aktes dieselbe Haltung zu beobachten. Die Photographirnng ist jedoch nicht obligatorisch; wichtiger sind die auf der Signale- mentSkarte verzeichneten Maße und Merkmale, deren charakteristische Partien, von dem mit der Ermittelung betrauten Beamten als Gedächtnißbild, xortrait xarls, auswendig gelernt, bereits regelmäßig die Identifikation ermöglichen. Die Bertillon'sche Methode hat sich seit ihrer im Dezember 1882 in Frankreich erfolgten Einführung als eine mächtige Waffe im Kampf gegen das Verbrecher- thum erwiesen. Die Zahl der durch sie ermittelten, ihren wahren Namen verheimlichenden Verbrecher betrug allein in Paris, wo Bertillon selbst an der Polizeipräfektur als Chef du Service de l'Jdentits judiciaire fungirt, 1883 bereits 49, um allmählich anwachsend 1892 auf 680 zu steigen. Die Gesammtzisfer der in den letzten zehn Jahren in Paris derart ermittelten Personen be- läuft sich auf nicht weniger als 4564 — und das ohne den großen Kosten- und Zeitaufwand, den die Ermittelung des wahren Namens sonst durch die lange Untersuchungshaft zu verursachen pflegt. Auch die Verbrecherkreise haben bereits die Konsequenzen aus dem neuen Verfahren gezogen, indem sie den ihnen zu heiß gewordenen französischen Boden mit dem des sprachverwandten, aber noch nicht zur Einführung des anthropometrischen Systems gelangten Belgien vertauschten. In augenfälligster Weise hat sich z. B. die Zahl der Pariser Taschendiebe vermindert; während sich 1885 bei den Messungen noch 65 Taschendiebe als rückfällig erwiesen, fanden sich 1890 nur noch 14 Personen dieser Kategorie. Die offensichtlichen Erfolge, deren sich das Bertillon'sche System in immer steigendem Maße rühmen darf, haben ihm auch schon weite Anerkennung über sein Ursprungsland hinaus verschafft. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika, Belgien, Rußland, die Schweizer Kantone Bern und Genf, zahlreiche südamerikanische Staaten, Tunis, das englische Indien, Rumänien haben seine Einführung entweder bereits vollzogen oder prinzipiell beschlossen. Der Aufnahme der Vertillon'schen Jdenti- fikationsmethode im deutschen Polizeidienst stand bis jetzt der Mangel einer Anleitung für das Messungsverfahren in deutscher Sprache entgegen, dem jedoch nunmehr durch 2S7 die von Professor von Sury besorgte deutsche Ausgabe des Bertillon'schen Werkes abgeholfen ist, die das System in klarer, allgemein faßlicher Sprache erörtert, jedes Messungsstadium in zahlreichen Zeichnungen erläutert und durch ein weit über dreihundert Abbildungen enthaltendes Album zur Aufnahme der Personalbeschreibung und der besondern Kennzeichen anleitet. Hoffentlich zögert jetzt auch Deutschland nicht länger, sich des Ber- tillon'schen Verfahrens zu bedienen, da eS sonst der Gefahr ausgesetzt wäre, der Sammelplatz all derer zu werden, die eine Identifikation zu fürchten hätten. -«W8»-o-- Ein Brsirch Lei Capitain-General Wehler, dem Höchstcommandirenden auf Cnba. Von Karl Böttcher.*) Nachdruck verboten. Havana (Cuba), 22. Februar. Hoch zum wolkenlosen Himmel loht der Feuerbrand. Zucker- und Tabakplantagen stehen in Flammen, deren weißes Nauchgewölk kerzengerade emporqualmt. Dies ein Widerschein der Revolution, den ich von Bord unserer „Columbia" aus beobachtete, während das stolze Schiff in Mittagsgluth an den Gestaden Cuba's entlang- zieht und bald in Havana landet. Kaum, daß ich einige Zeit in der Stadt herumschlendere, ihre Paläste, ihre Dome, ihre langen Boulevards, ihre kühlen Arcaden bewundere — überall ist sie fühlbar, diese Revolution .... Das Volk in dumpfer Lethargie; kein Geschäft in flottem Gang; viele Läden und Werkstätten geschlossen.... Und erst, wenn man ein wenig in öffentlichen Localen herumhorcht!... Die letzten Reste von Credit im Wanken. Dafür Schulden in Massen. Und doch draußen auf den Plantagen die Zucker- und Tabakernte in üppigster Fülle. Aber vom Hereinbringen keine Rede; sie verfällt den Verheerungen der Scharmützel und Schlachten. Arbeitslose Menschen in großen Massen. Dazu schickt sich bereits wieder eine Tabakfabrik an, ihr aus fünfzehnhundert Mann bestehendes Personal zu entlassen. Was sie dann thun, diese Armen? Sie vermehren die Bataillone der Insurgenten. So wird der Kampf der regulären Armee gegen die Aufrührer schwieriger. Hunderttausend Mann spanischer Soldaten füllen jetzt die Insel, und weitere fünfundzwanzigtauscnd sollen in den nächsten Tagen eintreffen. Trotzdem — der Aufruhr tobt weiter. Dazu schwirren in der Bevölkerung die widersprechendsten Gerüchte über Schlachten, Einäscherungen verschiedener Provinzstädtchen, nächtliches Erschießen gefangener Insurgenten.... Aber man hofft, der neue Höchstcommandirenve, der neue Allgewaltige, Capitain-General Valeriana Weyler, wird die alte Ordnung wieder herstellen. Schon seine erste, vor einigen Tagen an die Einwohner Havana's erlassene Proklamation, welche zugleich über die ganze Insel den Belagerungszustand verhängt, ist streng wie mit Blut geschrieben. *) Dieses interessante Interview hatte der bekannte Schriftsteller gelegentlich seiner soeben beendeten Westindienfahrt. — Bei dieser Gelegenheit wollen wir unsere Leser auf Karl Böttcher's zuletzt erschienenes Buch „Von sonnigen Küsten" (Leipzig, Verlag von B. Elischer Nachfolger) besonders aufmerksam machen, welches in stimmungsvollen, zumeist humoristischen Schilderungen alle Hanptstationen am Mittelmeer behandelt. Die Redaction. Eine Idee! Wie wärs, wenn ich den Allgewaltige» aufsuchte, ihn interviewte! . . . Ich gehe nach dem an der Plaza de Armas gelegenen Negierungsgebäude. Am eisenverzitterten Portale mehrere Soldaten auf Posten. Alle mit aufgepflanzten Bajonetten und in seldmäßiger Ausrüstung. Alle sixiren mich scharf, lassen mich jedoch passiren. Man geleitet mich in einen weiten, mit Marmorplatten belegten Saal. Vor mir Soldaten jeder Waffengattung und jeder Rangstufe, vom goldstrotzenden General bis herab zum Gemeinen. Buntes Durcheinander, große Verwirrung. Ich reiche dem dienstthuenden Adjutanten meine Karte, kläre ihn auf über den Zweck meines Besuchs. Er verschwindet im Audienzsaal des Allgewaltigen, kommt bald zurück und bedeutet mir, ich möge ein wenig warten. Dann setzt er sich neben mich; eine lebhafte Unterhaltung über Politik beginnt. Ich fühle, wie er mich dabei sondirt in meinen Ansichten. Sie muß zur Zufriedenheit ausgefallen sein, diese Sondirung; als er abermals aus dem Audienzsaal zurückkehrt, theilt er mit, daß mich Se. Excellenz empfangen werde; nur müsse ich mich noch etwas gedulden, die Generäle, die Adjutanten, die Ordonnanzen, die Depeschen — Ach, ich warte gern. Ist es doch ein interessantes Bild, das sich dem Beobachter zur Audienzstunde im Vorzimmer eines Commandanten bietet, der eine Revolution bekämpft — ein Stück Kriegsleben hinter den Coulissen.... Hier ein Auf und ein Nieder, ein Kommen und Gehen, begleitet von Säbelrasseln. Debattirende Officiere stehen in Gruppen zusammen. Verstaubte Ordonnanzen, deren ganze Haltung Mühsal und Ermüdung eines beschwerlichen Ritts direct vom Kriegsschauplatz zeigt, treten hastig ein. Sofort wird ihr Führer dem Capitain-General gemeldet, sofort vorgelassen. Neugierig umdrängt man die Zurückgebliebenen, führt mit halber Stimme eine erregte Unterhaltung.... Ich komme dahinter, was los ist. Fünf Stunden von Havana entfernt fand diesen Morgen ein blutiges Gefecht statt. Die Insurgenten wurden zurückgeschlagen. „Bravo! Bravo!" ruft ein alter graubärtiger Officier, der mit seinem dicken Gesicht und spitzen-Knebclbart an Bazaine erinnert. Jetzt wird diese Scene von einer anderen verdrängt. Ein zerlumptes, abgehärmtes Weib, vier gleich zerlumpte, ausgehungerte Kinder wanken herein. Der Adjutant scheint sie bereits zn kennen. Er weist sie nach einer Bank in der Ecke. „Dies sind die Angehörigen eines gefangenen Insurgenten, der vielleicht morgen früh erschossen wird", flüstert er mir zu; „sie wollen bei Sr. Excellenz um Gnade bitten." Eben, als ich noch die Armen theilnahmsvoll betrachte, öffnet sich die Thür des Audienzsaales. Stramm pflanzt sich ein Officier vor mir auf, legt die Hand an das Käppi: „Se. Excellenz lassen bitten." Wenige Augenblicke — dann stehe ich einem auffallend kleinen Herrn im schwarzen Salonanzug mit breitem, rothem Gurt um den Leib gegenüber — einem mittleren Fünfziger. So mag Altmeister Adolph Menzrl ausgesehen haben vor etwa zwanzig Jahren.... Auf der kleinen Figur ein energischer Kops mit graninelirtem Backenbart und glatt- rasirtem Kinn. Ich will mich eben im großen Saal nach dem Capitän-General, dem Allgewaltigen Cuba's, umsehen; aber nein, er ist es selbst, der kleine Herr da vor mir 228 Mit den energischen Zügen und den sprühenden Augen. — Ich stelle mich als deutscher Schriftsteller, als Vertreter einer Reihe deutscher und amerikanischer Zeitungen für die Wcstindienfahrt der „Columbia" vor, bemerke, daß man in Deutschland der kubanischen Angelegenheit mit größter Aufmerksamkeit folgt. Er: Ich weiß es, die Elite der Völker ist es, die mit uns sympathisirt. Und dann hat Deutschland gerade auf Cuba ausgedehnte Handelsbeziehungen. Ich: Hiesige Deutsche sagen mir, daß diese Beziehungen jetzt arg zerstört sind. Er: Alles ist gestört in diesem Lande. Aber Sie werden sehen, es kommt bald alles wieder in's alte Geleis. Ich: Wie steht es auf dem Kriegsschauplatz? Er: Ganz ausgezeichnet. (Er ergreift eine vor ihm liegende Depesche.) Das ist eine wunderbare Nachricht! Ich hoffe, in anderthalb Jahren wird der Krieg beendet sein. Ich: Verzeihen Sie, habe ich recht verstanden? In anderthalb Jahren? Er: In anderthalb Jahren! Ist das zu lange? Ich: So lange dauerte nicht einmal der ganze deutsch- französische Krieg. Er: Das war etwas anderes. Dort war es der Kampf einer regelrechten Armee gegen eine regelrechte Armee. Aber gegen wen kämpfe ich! Gegen hundert Armeen und gegen keine. Ich: Wieso? Er: Da taucht draußen auf dem Land plötzlich ein größerer Trupp dieser Banden auf, dann noch einer. Wir ziehen unsere Soldaten zusammen. Es sieht aus, als sollte eine Schlacht zu Stande kommen. Bei den ersten Schüssen stiebt die Horde auseinander und ergreift die Flucht. Ich: Aber die Verfolgung! E r: Ah, Verfolgung! Die FelSgründe, die Schluchten, die Gebirgsregionen Cubas bieten so viel Schlupfwinkel. Ich: Wie war es möglich, daß der Aufstand solche Ausdehnung gewinnen konnte? Er: Die Hauptschuld trägt ein größerer Theil unserer Bevölkerung. Die Leute sind gleichgiltig. Sie sind sich auch darüber unklar, zu wem sie halten sollen, ob zur Regierung oder zu,den Revolutionshorden. So konnten die Insurgenten eine Zeit lang im Trüben fischen. Jetzt ist diese Periode vorbei. Haben Sie meine Proklamation gelesen? Ich: Jawohl. In der „Gaceta de la Havana". Er: Dann wissen Sie, daß ich mit eiserner, wenn nöthig, mit blutiger Strenge vorgehen werde, um diesem Lande den Frieden wiederzugeben. Ich: Besten Dank für Ihre Mittheilungen, Excellenz! Er: Gern zu Ihren Diensten. Darf ich Ihnen meinen Palast zeigen? Ich: Zu liebenswürdig .... Er führt mich in eine Reihe prunkvoller Gemächer, dann in den Thronsaal, den das lebensgroße, glänzend uniformirte Knabenbild des Königs Alfons XIII. schmückt. Er führt mich sogar in seine anstoßende Privatwohnung, in den pompösen Speisesaal, in das luxuriöse Schlaf- gemach. Dabei ist er in seiner eigenartigen französischen Ausdrucksweise immer gleich höflich und gleich liebenswürdig .... Beim Abschied drückt er mir fest die Hand und wünscht mir glückliche Weiterfahrt. Ein Adjutant geleitet mich bis an die Treppe. Wie ich die Stufen hinabsteige, denke ich att die abgehärmte Frau mit ihren vier hungrigen Kindern. In diesem Moment wird sie vor den Allgewaltigen geführt, wird sie flehen: „Gnade! Barmherzigkeit!" Er war in bester Stimmung. Ich hoffe er begnadigt. . . . . Aber sagte er nicht, daß er mit eiserner Strenge verfahren müsse? — Zwei Stunden später, bei meiner Wanderung durch das große gelbe Staatsgefängniß, sehe ich in einem besonderen Raum einige zwanzig gefangene Officiere der Insurgenten — schöne, kräftige Gestalten mit intelligenten Gesichtern. Sie erheben sich, als ich mit dem Schließer eintrete. Ach, jeden Morgen krachen jetzt im Hof der Citadelle Gcwehrsalven auf gefangene Aufrührer, die aus diesem Gefängniß abgeholt werden. Möglich, daß schon in den nächsten Tagen diesen Armen das Cvmmando- wort „Feuer!" in die Ohren schauert und sie zusammenbrechen vor dem Aufblitzen der Gewehrläufe . . . Nicht mitleidige Neugierde ist es, mit der ich sie jetzt betrachte, sondern innige Theilnahme für Menscheuschicksale, die im Pulvergewölk auf dem Sandhaufen enden sollen. Tief ziehe ich meinen Hut beim Abschied. Wehmüthig dankbares Lächeln flimmert über die ernsten Gesichter .... Lebt wohl denn auf ewig! ALLeVLeß. Die Kraft, welche wir mit unseren Kinnbacken und Kaumuskeln auszuüben im Stande sind, ist bekanntlich eine sehr große, wie wir z. B. Nüsse, Knochen und andere harte Gegenstände ohne Schwierigkeiten mit den Kinnbacken zu zertrümmern vermögen, während die gleiche Leistung auf anderem Wege nur unter Zuhilfenahme kräftiger Hebelwerke, wie sie die Nußknacker z. B. darstellen, möglich ist. Ein amerikanischer Zahnarzt in Jacksonville, vr. Block, welcher sich für diese Frage ganz besonders zu interessiern scheint, hat nun durch Versuche die Kraftleistung in verschiedenen Füllen festgestellt, indem er die Kiefer von etwa fünfzig Personen verschiedensten Alters auf ein diesem Zwecke angepaßtes Dynamometer einwirken ließ. Die schwächste, bei einem siebenjährigen Mädchen festgestellte Kraftleistung war 13,5 Kilo Druck mit den Schneidezähnen, 30 Kilo mit den Backenzähnen; das kräftigste Gebiß ergab sich bei einem Arzte von 35 Jahren, welcher 122 Kilo Druck auf das Dynamometer ausübte. Die meisten Personen leisteten eine Kraft von 45 Kilo mit den Backenzähnen, die doppelte mit den Schneidezähnen, wobei jedoch auffälliger Weise die sonstige Körperconstttution durchaus nicht als maßgebend sich erwies, da sonst kräftige Personen oft wenig, schwach gebaute dagegen große Leistungen am Dynamometer ergaben. Im Uebrigen bemerkt Dr. Block, daß die Kraft, wie sie zum Zermalmen der Speisen durch die Zähne ausgeübt wird, eine für diesen Zweck viel zu große sei und die Sache sich gerade so verhielte, als wenn man etwa weiches Wachs in einem Steinbrecher verarbeitete. (Mitgetheilt vom Internationalen Patentbureau Carl Fr. Reichest« Berlin LlW. 6.j AMWttimgsSlatt M „Augsburger postMung". M 31. Dinstag, den 14. April 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler). Judas Wakkaöäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) 13. Kapitel. Stiller Kampf. DaS Mädchen hielt sein Versprechen. Treulich befolgte es den Befehl der Hadassah. So selten als möglich betrat es den Raum, welcher mit dem Versteck- platz des Lycidas in Verbindung stand, und niemals anders, als in Gegenwart der Matrone. Sarah's Spinnstuhl wurde in ihr Schlafgemach getragen. Hitze und Unbequemlichkeit hielten sie nicht ab, die mehr abgeschlossenen Theile der kleinen, ärmlichen Wohnung aufzusuchen. Sarah vermied durch ihre freiwillige Gefangenschaft, den zu sehen, der ihr als eine Verkörperung alles dessen erschien, was Schönheit der Gestalt und Hoheit des Geistes anbetraf, und dessen Gesellschaft dem Lichte glich, welcher alle Gegenstände, auf die es fällt, erleuchtet. Und Sarah strafte nicht wie so viele Mädchen an ihrer Stelle gethan haben würden — ihre Großmutter dafür, daß diese ihren Einfluß in die Wagschale der Pflicht geworfen hatte, indem sie ihr die Größe des Opfers, das sie verlangt hatte, zeigte. Das junge Mädchen bemühte sich, eine heitere und freundliche Miene zu zeigen, während ihr Herz blutete. Hadassah hörte Sarah niemals seufzen, niemals fand sie sie in Thränen. Keine Pflicht wurde vernachlässigt, kein Werk blieb ungethan. Ja, Sarah spann fleißiger denn je; denn die Kosten, die die Unterhaltung des Fremden verursachte, waren ein nicht unerheblicher Abzug von den knappen Einkünften Hadassah's, und für ihn zu arbeiten, für ihn zu beten, war das Einzige, was Sarah sich ohne Gewissensbisse gestatten durfte. Sie versuchte, so schwer ihr auch diese Anstrengung wurde, selbst ihre Gedanken von dem Gegenstände, der ihr die verbotene Frucht der Eva erschien, abzulenken. Die Kluft, welche Sarah von dem Heiden trennte, war so groß, daß es, wie sie wußte, sogar sündlich sein würde, die Regenbogenbrücke der Einbildungskraft darüber zu bauen. Sie mußte ihr Inneres zwingen, sich nicht dem gefährlichen Rande zu nahen. Wie viele Psalmen David's — immer so traurigen Inhalts — wiederholte sich Sarah, um bei Tage ihrem Herzen Trost und bei Nacht ihren Augen Schlaf zu geben. Während Judas Mnkkabäus wider die Feinde seines Vaterlandes einen harten Kampf unterhielt und durch ernstes Aushalten siegte, kämpfte Sarah mit demselben Glauben und Gehorsam, der den Krieger beseelte, einen viel schwereren Kampf in ihrem Herzen gegen den Heiden. Es gab einen Gegenstand, zu welchem Sarah oft zurückkehrte, wenn sie ihre Gedanken aus dem Kanal, in welchem sie sonst schwammen, ableiten wollte; das war das Geheimniß, welches über dem Schicksal Abner's, ihres Vaters, schwebte. Die wenigen Worte, welche Hadassah in einem unbewachten Augenblicke entschlüpft waren, erschienen wie das traurige, rothe Licht einer Fackel, die, über einen gähnenden Abgrund gehalten, die Tiefe desselben in schrecklicher Finsterniß läßt. Oft hatte Sarah sich gesehnt, mehr von ihrem Vater zu wissen, wie er starb und wo seine theuren Ueberreste begraben seien. Daß er nämlich todt sei, hielt sie für ganz bestimmt. Alles, was ihn betraf, war für sie, sein einziges Kind, von größtem Interesse. Allein jeder Versuch, die Zurückhaltung, welche Hadassah's Lippen schloß, zu durchbrechen, hatte bei dieser jedesmal so tiefen Kummer verursacht, daß Sarah die Hoffnung längst aufgegeben hatte, vonseiten ihrer Großmutter Aufklärung zu erhalten. Hannah war in Hadassah's Dienste getreten, seitdem letztere Bethsura verlassen hatte. Die Dienerin konnte daher nicht erzählen, was sich früher in der Familie begeben hatte. Salome hatte, wenn sie gelegentlich Besuche bei ihrer Verwandten machte, der Sarah keine Gelegenheit gegeben, über eine so delikate Sache zu sprechen. Einmal, als Sarah die Frage that: „Kanntest Du weinen Vater?" schien Salome dieselbe nicht zu hören und war augenblicklich auf einen zwecklosen Gegenstand der Unterhaltung übergegangen. Abischai wußte zweifellos viel I über den Bruder seines Weibes, aber Sarah schrak ! davor zurück, ihn zu befragen. Bei seinem wilden, ungestümen Charakter war er nichr der Mann, das Vertrauen eines zarten, schüchternen Mädchens zu gewinnen. Sarah schien es fast, als ob ihr Oheim ihr abgeneigt wäre und aus irgend einem Grunde, den sie nicht begriff, sie mit einem Gemisch von Mitleid und Verachtung betrachtete. So war die Tochter Abner's angewiesen, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen, da sie von allen Mitteln, die gewünschte Aufklärung zu erhalten, abgeschnitten war. Ein unbestimmter Zweifel, welcher kürzlich in 230 Sarah's Gemüth aufgestiegen, aber bisher als Verrath an dem Andenken ihres Vaters zurückgedrängt worden war, hatte Form unv Gestalt durch den Ausruf Hadassah's, welchen ihr der Kummer ausgepreßt hatte, angenommen: „Muß ich denn dieses Elend zum zweiten Male durchmachen?" Viele Umstände kehrten in das Gedächtniß Sarah's zurück, besonders die Seelenqual, welche Hadassah bei dem Begräbniß der Salome verrathen hatte, indem sie die Matrone fast um die Art, wie sie ihrer Söhne beraubt wurde, zu beneiden schien. Sarah beugte sich tiefer und tiefer über den Abgrund, dessen Tiefen zu erforschen sie sich sehnte und doch fürchtete, da sie mit Anstrengung das Dunkel zu durchdrungen suchte, welches ihr die furchtbarsten Schrecken enthüllen konnte. „Wäre es möglich, daß mein Vater noch auf Erden athmete, lebend — das Leben eines Abtrünnigen?" Der Gedanke erschreckte Sarah wie ein Gespenst. Es gab nur eine Hoffnung, es zu bannen. Wenn er lebte, konnte er für die Reue aufgespart sein. Gott ist gnädig, er richtet nicht strenge, er freut sich, wenn seine Verirrten zurückkehren. Sagte nicht Nathan zum reuigen David: „Du sollst nicht sterben!"? Wurde nicht selbst der schuldige Manaffe wieder auf den Thron gesetzt? Ach, der Sohn der frommen Hadassah, einer Frau von solchem Glauben und solcher Gottesverehrung, konnte niemals verloren gehen! Nach solchen Betrachtungen fand das belastete Herz Sarah's Trost im inbrünstigen Gebet für ihren Vater. Ihre kindliche Liebe kam ihrem religiösen Gehorsam zu Hilfe: „Gott erhört kein Gebet von denen, in deren Herzen ein Abgott ist. Um meines Vaters wie um meinetwillen werde ich mich eines unbedingten Gehorsams gegen den Herrn bestreben." So brachte sie müde Tag für Tag hin, indem sie sich bemühte, den einen Kummer mit Hilfe des andern zu überwältigen und über beide einen Schleier zu werfen, ohne durch ein Murren das Opfer ihrer sanften Unterwerfung zu beflecken. 14. Kapitel. Eine Krisis. Mittlerweile ereiferte sich Lycidas in wilder Ungeduld über die Abwesenheit der Sarah. Er konnte sie nicht mehr beobachten, außer wenn sein scharfes Ohr einen Ton ihres Gesanges, der aus den oberen Räumen tönte, auffing. Warum war sie fort, warum mied sie ihn? Sie, deren Gegenwart allein seine Gefangenschaft nicht nur erträglich, sondern angenehm gemacht hatte, während der Zustand der Wunden den Griechen verhindert hatte, ohne Beistand die Wohnung der Hadassah zu verlassen. Lycidas theilte nicht die Skrupel Sarah's hinsichilich der Vereinigung zweier Personen von verschiedener Religion zu einem Ehcbunde. Er war entschlossen, das schöne hebräische Mädchen zum Weibe zu gewinnen. Er war sich seiner Reize, denen wenige junge Herzen widerstehen konnten, wohl bewußt. Indem er seinen Reichthum nur als ein Hilfsmittel betrachtete, wollte er all' seine Kräfte auf's äußerste anstrengen, um sich den köstlichsten Preis, um den je ein Mensch gestritten hat, zu sichern. Lycidas brachte manche Stunde damit zu, ein Gedicht von einfacher Schönheit zu Ehren Sarah's zu verfassen. Melodisch flössen die Verse, und der Weihrauch des Lobes, das er ihr spendete, war dem zartesten Dufte ähnlich. Die Reiche der Natur und der Kunst wurden zu Sinnbildern der Schönheit geplündert. Aber Lycidas war seines Werkes überdrüssig, bevor er es vollendet hatte. Er kam sich vor wie einer, der eine schöne Statue mit Edelsteinen schmücken und miOchönen^Ge- wändern behängen will, um sie damit zu ehren, in der That aber dadurch nur ihre wirkliche Schönheit verdeckt. Einige wenige Worte, die Hadassah aus dem heiligen Pergament vorlas, schienen ihm mehr zu sagen, als alle Beschreibungen. Lycidas hatte an Sarah gedacht, als er den Ausdruck „die Schönheit der Heiligkeit" hörte. „Ich j will nun nicht ^länger ein Gefangener sein, wenn ich in dieser erstickenden kleinen Höhle abgeschlossen bleiben soll, nicht nur von der Welt, sondern auch von ihr, die für mich mehr ist, als die Welt," dachte der Grieche. Nach Monaten des Leidens und der Schwachheit kehrten die Kräfte langsam in die Glieder des Lycidas zurück. Und als einmal niemand, der ihn hätte beobachten können, in der Nähe war, versuchte er, wie weit ihm seine Kräfte zu gehen erlaubten. Er erhob sich, obgleich er in der verwundeten Seite Schmerzen empfand. Dann ging der Grieche von einem Ende seines Gefängnisses bis zum andern, indem er sich dabei der Wand als Stütze bediente. Dies war wenigstens ein Anfang, Jugend und Liebe befähigten ihn bald, mehr zu thun. Aber vor Hadassah und Hannah verbarg Lycidas sorgfältig, daß er schon so weit war. Diese sahen ihn nie anders als liegend. Er fürchtete, daß man Maßregeln treffen würde, dem' Vogel die Flügel zu beschneiden, sobald man bemerken würde, wie diese Flügel schon befiedert waren. Am Tage vor der Feier des großen Passahfestes war Hadassah sehr unwohl. Ob diese Krankheit vom Wetter herrührte — denn der Monat Nisan war in diesem Jahre heißer, als je, oder von der Wirkung des langen Fastens auf den vom Alter geschwächten Körper, oder ob ein geheimer Kummer die Matrone an das Krankenlager fesselte, Sarah wußte es nicht. Vielleicht kamen alle diese Ursachen zusammen. Das Mädchen wurde sehr besorgt um ihre Großmutter und verdoppelte ihre zärtliche Fürsorge für ihre Bequemlichkeit. An dem gedachten Tage war sie nach Jerusalem gegangen, um das Garn, das die hebräischen Frauen gesponnen hatten, zu verkaufen, sowie um einige nothwendige Nahrungsmittel einzukaufen. Hadassah erlaubte ihrem schönen Kinde nie, die Wälle der Stadt zu betreten oder den Umkreis der Heimath zu verlassen, außer wenn sie am Sabbath nnd an Festtagen dicht verschleiert in die Wohnung des Aeltesten Salathiel ging, der ungefähr eine halbe Meile von Hadassah's Wohnung entfernt lebte, um dem Gottesdienste beizuwohnen. (Fortsetzung folgt.) - Got-KSrner. Dein Vorsatz gleicht der Blüth', Die leichtlich kaun verwehen, L-chau, was für Frucht in dir Nach Frost und Sturm bleibt stehen. Rückert. 231 Unter den Campagnolen. (Ein Besuch in den Sabinerbergen.) - Nachdruck verboten.) „In den Bergen ist es schön"; namentlich im schönen Land Jtalia. Gewiß ist schon mancher von den Lesern dieser Zeitung in Rom gewesen. Von Rom aus hat er alsdann ohne Zweifel einen Ausflug gemacht in die Albanerberge, in diese Berge mit ihren tiefen, dunklen Seen, mit ihrem Feuerwein und ihrer Zauberschönheit. Vielleicht ist er auch auf der Höhe von Rocca Priora gestanden. Welch' weite herrliche Rundficht bot sich da seinen Blicken! Er sah die Berggruppen der Sabinerund Volskerberge sich zu einem weiten Kreise zusammenfügen; nur nach einer Seite blieb er hoffen. Und an dieser offenen Seite verrieth ihm ein silbern leuchtender Streifen das wogende Meer. Zwischen dieser Küste und den Bergen sah er nun eine weite, sich wellenförmig erhebende grüne Fläche, die römische Campagna. Freilich blieb sein Auge haften an dem majestätischen Bilde der ewigen Roma und des gigantischen St. Peter-Domes, freilich traf er hie und da auf prächtige Felsenstädtchen und einzelne Landhäuser, aber im Großen und Ganzen mußte er meinen, in ein großes Grab menschlichen Lebens zu schauen. Und so ist es auch. Die Campagna Roms ist im Verhältniß zu ihrer Ausdehnung überaus spärlich bewohnt. Sie ist ein großes Weidefeld für Rinder-, Schaf- und Pferdeheerden. Den Pflug empfindet die Campagna nur an wenigen Stellen; der Ackerbau ist zu mühsam und lohnt nicht die Mühe. Nur in den Bergen und in der nächsten Umgebung Roms betreibt man den Weinbau. Darum ist es wohl verständlich, daß das Volk der Campagna, die Campag- nolcn, ein armes Volk ist. Allein so arm wie es ist, so interessant ist es auch. Dort haben noch die alten Vätersitten, dort haben noch Glaube und Liebe ihr Heimathrecht bewahrt. Wer darum einmal etwas von diesen armen Campagnolen möchte erzählen hören, wie sie leben und arbeiten und auf ihren Gott vertrauen, der mache sich jetzt mit mir auf den Weg in die Sabinerberge, zur sogenannten Mentorella. , Also, mein verehrter Leser, wir steigen jetzt auf die Mentorella. Es ist das jener hohe Berg, der gerade in der Mitte zwischen Tivoli und Genazzano liegt. Die Berge, in denen wir uns jetzt befinden, heißen noch von den alten Römern her die Sabinerberge nach dem Volksstamm, der darin wohnt. Es sind Ausläufer der Apenninen. Sie bestehen aus einem kalkartigen Tuffgestein. Einst, vor manchen tausend Jahren, waren hier noch keine Berge zu sehen, sondern das weite, wogende Meer. Durch Hebung des Landes trat das Meer allmählich zurück. Viele Muscheln und andere Seethiere lagerte es aber im Laufe der Zeiten ab, und diese Ablagerungen erblicken wir heute als die Sabinerberge. Was uns in diesen Bergen gleich auf den ersten Blick auffällt, ist die große Oede; fast nirgendwo sehen wir Bäume, von Wäldern gar nicht zu sprechen. Nun, es war nicht immer so. Auch hier war einst ein prächtiger Waldwuchs, wie ihn die Albanerberge noch heute tragen. Aber die Räuber hatten diese Waldungen zu ihren Schlupfwinkeln auserkoren. Darum ließ Papst Nikolaus V. sie mit Stumpf und Stiel aushallen, um den Räubern endlich einmal ihr unsauberes Handwerk legen zu können. Gegen die Räuber mag das Mittel wohl geholfen haben, aber wie sehr es auf der andern Seite geschadet hat, kann uns unser Blick rechts und links belehren. Wir steigen jetzt den schmalen, mit vielem Geröll bedeckten Weg vom Städtchen Polt zur Spitze der Mentorella hinan. Was sehen wir rechts und links? Lange, lange parallele Terrassen von Felsstein. Alle fünf Schritte zählen wir wieder eine neue Parallelreihe, und so geht es den ganzen Berg herauf. Wozu denn das? Nun, als die Bäume weg- geschlagen waren, hatte die Erde keinen Halt mehr auf den Felsen und wurde vom Wind und Regen heruntergetragen. Als man darauf aufmerksam wurde, suchte man zu retten, was noch zu retten war, und half sich in der Weise, die wir eben rechts und links erblicken. Durch diese Steindämme ist die Erde am Rutschen verhindert, und so bleibt doch noch wenigstens so viel, daß man etwas Mais darin ernten kann. Sonst ist in diesen Bergen nicht viel zu sehen. Interessanter sind für uns die Leute. Wir sehen hie und da einige an der Arbeit. Reinlich sehen sie zwar nicht besonders aus, aber wir sind halt eben in Italien, wo man's" nicht gerade so genau nimmt. Eigenthum haben sie auch nicht viel; denn der Berg gehört zum größten Theile dem Fürsten Torlonia aus Rom. Dieser hält dort seine Heerden und Hirten. Etwas Pachtgut und ein Fleckchen Land ist den Campagnolen doch geblieben. Und dieses Fleckchen Ackers macht ihnen so viele Mühe wie manchem rheinischen Bauern sein Hofgut. Alles, was der Cam- pagnole zur Arbeit nöthig hat, muß er oft stundenweit auf seinem Kopfe heraustragen; dabei ist der Bergpfad so steil und so mit Steinen besät, daß der Fuß jeden Augenblick ausrutscht. Höchstens hilft ihm ein Grnuthier etwas beim Tragen. Ist er nun an seinem Acker angelangt, so fängt eine neue Mühe an, die Bearbeitung. Alles muß mit der Hand geschehen; mit der Hacke und Schaufel wird der Boden zwischen den überall Vorschauenden Felsen gelockert, und der Nest der Arbeit wird Reichs- und Kandtags-Adg. Nomdekan Reindt f. den Schweinen überlassen. Diese Schweine folgen ihren Herren den ganzen Weg hinauf getreulich wie Hunde. Oben wühlen sie dann im Boden herum und helfen ihn so vorbereiten für die Maissaat. Glücklich der Bauer, der ein Gespann Ochsen sein eigen nennt! Oben, eine halbe Stunde unterhalb der Mentorella, sehen wir einen solchen bei seiner Arbeit. Er pflügt. Aber welch eine Mühe, den Pflug durch dieses Fclsgestein hindurch richtig zu lenken! Und sehen wir uns einmal den Pflug und das Joch der Stiere an. An einem solchen Pfluge und unter einem solchen Joche haben gewiß schon die Stiere unserer grauen Vorväter gezogen. Der Pflug ist nichts weiter als ein etwas zugerichteter langer Baumstamm, an dessen einem Ende ein hakenförmig umgebogenes Eisen befestigt ist. Wenn wir diesen Mann so arbeiten sehen, dann fühlen wir, daß es vor achtzehnhundert Jahren gerade so gewesen sein muß. Wir erinnern uns an die Worte, die uns der Dichter Horaz aufgezeichnet; vielleicht hat er von seiner in der Nähe von Tivolt gelegenen Villa aus diese Leute beobachtet; dann hat er sie also beschrieben: Soldaten — landentsprossener Mannesstamm — Wohlkundig, mit dem Pflug von Sabellerart Gar schwere Schollen auszuwerfen Und nach dem Willen der strengen Mutter Nach Haus des Holzes Scheite zu tragen, wenn Die Sonne läng'ren Schatten den Bergen schenkt, Das Joch den müden Stieren nimmt Und sinkend die freundliche Zeit herausführt. Oä. III. 6. „Wie die Arbeit, so der Lohn." Ja, mühevoll wie die Arbeit, so karg ist der Lohn. Denn nichts anderes wächst in diesen Bergen als ein spärlicher Mais. Aus Mais ist das Brod in der Frühe, aus Mais ist die Polenta am Mittag, aus Mais ist die Polenta am Abend. Mais heute, Mais morgen, so geht es das ganze liebe Jahr hindurch. Kartoffeln und Gemüse und erst das Fleisch, das liegt für diese Campagnolen verschlossen hinter den Thoren des Paradieses. Am Fuß dieser Berge, z. B. bei Genazzano, Poli, Palestrina, Zagarolo, pflanzt man freilich auch noch eifrig den Weinstock. Darum verlassen viele Campagnolen im Sommer und Herbste diese Berge, um sich in der Ebene als Taglöhner zu verdingen; sie ersparen sich dann ein kleines Stück Geld, kaufen sich dafür im Herbst etwas Mais und kehren für den Winter in ihre Behausungen zurück. Auf der Höhe der Mentorella liegt ein kleines Dorf mit Namen Guadagnolo. Wir wollen einmal hindurchgehen. Freilich muß dies mit Vorsicht geschehen; denn schmutzig ist es hier wie in allen Dörfern des schönen Italien. Schweine, Hühner und Menschen wohnen eben in einem Gemach, und dieselbe Thür bietet allen Einlaß. Aber wenn wir glücklich hindurchgekommen sind und auf die vorspringenden Felsen treten, dann genießen wir eine wundervolle Aussicht auf die ewige Stadt und St. Petri Dom, auf die wette Cawpagna, das silberne Meer und die blauen, mit Wein und Wald bestandenen Albanerberge. Einen Blick müssen wir nun noch über unsere Berge hin nach links gleiten lassen. Dort sehen wir auf einer kleinen Höhe, vielleicht drei Stunden entfernt, ein kleines Kirchlein seinen Thurm gen Himmel strecken; dieses Kirchlein heißt S. Pietro. Dort hat vor mehr denn 1800 Jahren der erste Apostelfürst, der hl. Petrus, gestanden und hat von dort aus zum ersten Male das große Babel an der Tiber, das wcltbeherrschcnde Rom, gesehen. Ob dem armen Fischer beim Anblick dieses blendend weißen Häusermecres, dieser unzähligen Tempel und Tempelchen falscher Götter nicht das Herz geklopft hat? Er, der Fischer von Galiläa, war berufen, alle diese Tempel zu stürzen und über den Ruinen aufzupflanzen das heilige Kreuz seines Erlösers. Daß ihm sein Werk gelungen, besagt uns ein Blick nach vorwärts auf die Kuppel vom Petersdome. Allein wir brauchen nicht einmal soweit zu schauen, um den Sieg des hl. Petrus zu erkennen, ein Blick in die Herzen der Campagnolen gibt uns schon Beweis genug. Oder was wäre es denn, was diese armen Campagnolen mit ihrem harten Loose aussöhnt, was sie auch noch in ihrer bitteren Armuth zufrieden, ja glücklich sein läßt? Nur die heilige Religion des Kreuzes. Fragt man die Campagnolen, wie es ihnen gehe, so antworten sie: „RinArutüumo lääio"; fragen wir sie, wie der Mais gerathen, so ^geben sie uns alle zur Antwort: „81 81^llor6, ö un xooo; ma ns rin^ratjaiuo Ickäio" („Ja, Herr, es ist wohl nur wenig; aber danken wir Gott dafür"). Die kathol. Kirche hat das wunderbare Brod der hl. Kommunion. Gerade dem Armen bereitet es den süßesten Trost. Wenn irgendwo auf der Welt, so haben dies die Campagnolen in diesen Bergen erkannt. Immer und immer wieder, selbst mitten in der Woche, nahen sie sich dem Altare, um diese Seelenspeise zu empfangen. Hätten wir, mein verehrter Leser, den Tag des hl. Michael zu unserem Aufstieg auf die Mentorella gewählt, so könnten wir uns hiervon persönlich überzeugen. Aber laß mich jetzt Dir etwas erzählen von diesem Feste. Wenn wir gleich von Guadagnolo aus nach der anderen Seite heruntersteigen, dann wirst Du nach einer halben Stunde ein Klösterlein sehen. Drin haben einige Nesurrekttonisten-Patres ihre Wohnstätte. Das Klösterlein heißt S. Eustachio, denn hier ist aus dem heidnischen Feldherrn Placidus der Sieger Christi St. Eustachius geworden. Einst jagte Placidus einen Hirschen. Der Hirsch floh vor seinem Jäger; auf einmal konnte er nicht weiter; er war auf jenen hohen, spitzen Felsen geflohen, den Du neben dem Klösterlein vor Dir siehst. Von diesem Felsen aber gab es keinen Abweg mehr. Placidus hatte jetzt den Hirsch in seiner Gewalt; eben legte er den Todespfeil auf die Sehne, da wandte sich der Hirsch ihm entgegen, und zwischen seinem Geweih erglänzte ein goldnes Kreuz. Nun war es um das Herz des Waidmannes geschehen, er war selbst gejagt worden von einem Stärkeren. Placidus wurde Christ und wurde Martyr und wird heute verehrt als der hl. Eustachius. Also hier in diesem Kirchlein, worin — nebenbei gesagt — die Gebeine des berühmten Jesuitenpaters Kirchner ruhen, wird das Fest des heil. Michael mit besonderer Feierlichkeit begangen. Mehrere Geistliche kommen für dieses Fest von Rom her zur Aushilfe. Wenn nun die Uhr anhebt, die Vesper des hl. Michael zu schlagen, dann wird es in diesen rauhen Bergen lebendig. Gegen vier Uhr kommen die ersten Processionen unter Wechselgesängen auf der Höhe der Mentorella an. Es kommen ihrer immer mehr, und damit beginnt für die Priester die Arbeit des Beichthörens. Mit einer kleinen Unterbrechung um acht Uhr und um Mitternacht wird die ganze Nacht hindurch die Beichte angehört; in der Frühe lesen die Priester ihre hl. Messe, theilen die hl. Kommunion aus und setzen sich wieder bis gegen 1l Uhr in den Beichtstuhl. , Wäh- 238 rend der Nacht schlagen die Pilger, Männer, Frauen, ! Fernsicht auf die Abruzzen und können unsern Blick durch Kinder und Säuglinge, ihr Nachtquartier einfach in der ^ das weite, fruchtbare Aniothal Hinschweifen lassen. Neben Kirche auf oder lagern sich um dieselbe herum im Freien. ! uns hängt hier oben beim Kapcllchen des hl. Eustachius Einige Kleriker müssen für die Ordnung sorgen. In eine mächtige Glocke. Offenbar soll man sie läuten. Eine Storchrnfamilie. tliach dem Gemälde von H. Hartwig. der Frühe kehren alsdann die Processionen allmählich wieder zurück. Vorher aber machen noch alle einen Besuch auf dem Felsen des hl. Eustachius. Auch wir können hinaufsteigen; denn eine bequeme Treppe führt jetzt hinan. ^ Oben genießen wir alsdann die prachtvolle So ist es; alle, die hier hinaufsteigen, pflegen einmal am Glockenstrang zu ziehen und so den Dörfchen im Grunde und dem fernen, berühmten Subiaco einen Gruß vom hl. Eustachius zu senden. Wenn wir noch etwas sehen wollen von dem reli- 234 giösen Sinne der Campagnolen, so wollen wir unsere Schritte wieder rückwärts lenken gen Guadagnolo. Machen wir dem freundlichen Pfarrer und dem Kirchlein einen Besuch. Das erste, worauf unser Blick in der Kirche fällt, ist die Statue der Madonna. Was wären die Italiener ohne ihre Madonna? Die Madonna ist ihr Erstes und Letztes. Schauen wir uns nur den Schmuck der Mutter Gottes vor uns an. Lange, seidene Gewänder, Korallenschnüre um den Hals der Mutter und des Jesukindleins, lang herabbaumelnde goldene Ohrringe und ein Rosenkranz in den Händen. Allein etwas sonderbarer muthet uns der Schmuck neben der Statue an; Messer, Revolver, Pistolen sehen wir dort. Nun, in der Hitze des Zornes greift der heißblütige Italiener leicht zur Mordwaffe, aber wenn der Zorn Als ich nun fragte, was ihnen denn für ein Leid zugestoßen, erhielt ich als Antwort: „Vor vier Jahren ist unser Vater gestorben, und jetzt liegt unsere Mutter am Sterben." Und dann riefen sie von neuem zur Madonna so laut und flehentlich, daß es mir schrecklich in den Ohren klang. Bei dieser Gelegenheit konnte ich auch wieder das den Italienern, auch den armen Campa- gnolen angeborene Gefühl für Anstand erkennen. Diese Mädchen wußten, daß sie sich bittflehend einer Höheren nahten, und darum hatten alle ehrerbietig ihre Schuhe ausgezogen und neben sich hingestellt. Aus demselben Grunde vermeiden die Campagnolen es auch, beim Verlassen der Kirche ihrer Madonna den Rücken zuzuwenden; sie gehen rücklings mit der Madonna zugekehrtem Gesichte zur Thür hinaus. Noch eine schöne Sitte blüht in diesen WWW Reitenbach verraucht ist, faßt ihn die Reue, und der Madonna schenkt er dann Herz und Waffe. Die Madonna ist den Campagnolen wirklich Mutter und Alles. Wenn wir so über eine der weiten Campagnastraßen wandern und können einem neugierigen Campagnolen sagen, wir gingen ,a,11a Naäonna", so bittet er uns gleich um ein Ave bei ihr: „LiAnorsl prs^ats anolis xsr ras". Es ist noch nicht so lange her, da war ich in diesen Bergen Zeuge einer echt italienischen Scene. Vor der verschlossenen Thüre und den Gitterfenstern einer kleinen Mutter-Gottes- Kapelle knieten zwei erwachsene und vier jüngere Mädchen. Alle waren bitterlich am Weinen und riefen mit einer Stimme, die laut über die Straße gellte, zur Madonna, daß sie jetzt ihre Mutter sein müsse. Die Mädchen ließen sich durch die vorübergehenden Leute gar nicht stören. bei Klütlen. Bergen und Dörfern der Campagna. Wenn wir zur Abendstunde über eine der einsamen, weiten Cawpagna- straßen wandern, dann erblicken wir oft in den Mauern ein Marienbild, und davor grüßen uns einige Lichtlein, die eine liebevolle Hand angezündet. Wenn wir alsdann die Dörfer betreten und einen Blick werfen in die Läden und Geschäfte, dann schaut uns die Madonna entgegen und bietet uns des Hauses Willkomm. Ja in manchen Geschäften, selbst Osterien, gibt das flackernde Licht vor dem Bilde der Madonna Tag und Nacht Zeugniß von dem frommen Sinne, von der Liebe und Dankbarkett,der Bewohner dieses Hauses. Und nun wollen wir Abschied nehmen, mein lieber Leser, von den Campagnolen. Dieses Volk der weiten Campagna ist zwar arm und bedrückt, ^aber es ist nicht 235 traurig^und unglücklich. Die Liebe zu Gott und jzu seiner heiligsten Mutter wirft ihr mildes Licht über das Handeln7>undI Leiden dieser Campagnolen; diese Liebe verleihHihnen einen hohen- Adel der Gesinnung und gibt ihnen jenes Glück und jene Ruhe, welcher heute so viele Millionen armer Menschen auf verkehrten Wegen nachjagen. — 8 — -—- Katholische Pfarrei Nettenbach. Mit 2 Illustrationen. Slnsnahme durch Herrn Photographen M. Eggart in Kaufbeuren. Die katholische Pfarrei Nettenbach in der bayerischen Provinz Schwaben, im bischöflichen Landkapitel, k. Bezirksawte und Amtsgerichte Oberdorf gelegen, mit 500 Einwohnern, war ehemals Eigenthum verschiedener Die in den letzten 2 Jahrzehnten schön restaurirtc gothische Pfarrkirche, eingeweiht zu Ehren des hl. Märtyrers Vitus und der übrigen hl. Noihhelfer am 9. November 1508 von dem Weihbischof Heinrich von Adrya- mentum zu Augsburg, hat drei neue gothische Altäre, gefertigt nach den Plänen des Herrn Professors Mar- graff in München von dem Kunstschreiner und Altarbauer Herrn Joseph Keller in Altenstadt bei Schongau. Die Altargemälde, 3 des Hochaltares, nämlich Christus am Kreuze, Christi Geburt und das Tiberiasbtld, i ferner das Bild der unbefleckten Empfängniß Martä auf dem rechten und das Bild des hl. Märtyrers Sebastian auf dem linken Nebenaltar, sind Meisterwerke, Meisteroriginalwerke des verstorbenen Herrn Kunstmalers Johann Kaspar zu Obergünzburg. Die Photographische Momentaufnahme des Innern der Pfarrkirche zeigt auf dem ,-i M r'L Inneres der Pfarrkirche Edlen. — Sie besitzt im Pfarrdorfe Nettenbach eine schöne im gothischen Stile restaurirte Pfarrkirche. Pfarrkirche und Pfarrdorf liegen auf einem Hügel, im Süden begrenzt von dem 1*/^ Stunde entfernten, 1030 Meter hohen isolirten Auerberge, welcher mit der auf seiner Spitze erbauten Kirche einen freundlichen Anblick und zugleich eine reizende Fernsicht bietet; die Ostgrenze bildet der 2500 Fuß hohe Weichberg mit dem stattlichen, neuerbauten Weichberghofe, ehemals mehr- hundertjähriger Besitz der früher adeligen Familie Nied; im Westen bildet die Grenze der an einem Bergzuge liegende Vierpfarrwald und im Norden der Krottenhiller- berg mit der zur Pfarrei und Gemeinde Jngenried gehören Ortschaft Krottenhill. Das Pfarrdorf Nettenbach mit dem Filial- und Kirchdorfe Frankau mit 24 Anwesen und 110 Einwohnern mit einer Kirche zur hl. Anna liegt an der Distriktsstraße Schongau-Füssen. zu Uelleukach bei KtSIten. Hochaltare das in Holz geschnitzte Bild der hl. Dreifaltigkeit aus dem Atelier des Herrn Bildhauers Beyrer in München, welches wie die Kaspar'schen Gemälde allgemeine Bewunderung erregt und findet. Auf den drei Altären steht ein kostbares, von Herrn Beyrer aus Olivenholz vom Oelberge zu Jerusalem geschnitztes Crucifix, eine Schenkung des Herrn Pfarrers und Jerusalemptlgers Anton Löchle von hier. Großes Interesse findet ferner der am Marienaltare stehende, sehr werthvolle, aus röthlichem Marmor nach Zeichnung des Herrn Professors Margraff in der Fabrik des Herrn von Löwenstein in Oberalm bei Hallein in Oesterreich aus einem Stücke hergestellte Taufstein. Der Sockel desselben ist Füssener Marmor. Außer diesen ebengenannten Kunstwerken weist die hiesige Pfarrkirche noch mehrere andere auf, welche die photo- graphische Moment-Aufnahme nur theilweise ersehen läßt; 236 so die 10 Glasgemälde aus der Mittermeyer'schen Kunstanstalt zu Lauingen; dann den in origineller Weise von Herrn Kunstmaler Johann Kaspar in Obergünzburg in Oel gemalten und nach den Gesichten der gottseligen Anna Katharina Emmerich ausgeführten, sehr werthvollen Kreuzweg; endlich die Frescogemälde am Plafond, von dem Kunstmaler Osterried ausgeführt im Jahre 1859, welche die hl. Mutter Gottes und den hl. Kirchenpatron Vitus am Throne der allerheiligsten Dreifaltigkeit als unsere Fürbitter darstellen. Im Jahre 1878 erhielt die Pfarrkirche auf der Westseite einen Anbau, ein neues Vorzeichen, unter welchem eine Oelberggrotte aus Tuff- und Tropfsteinen, aus den Steinbrüchen zu Bayersoien errichtet wurde. Dieser Oelberg ist bereichert mit mehreren von Herrn Pfarrer A. Lächle aus Jerusalem mitgebrachten Steinen. Im Jahre 1894 wurde in nächster Nähe der Pfarrkirche eine Lourdeskapelle mit Grotte im gothischen Stile erbaut. Die Photographie des Pfarrhauses zeigt auch das Aeußere derselben. Bauzeichner und Bauleiter war Herr Kunstschretner und Altarbauer Joseph Kraut in Bernbeuren. Herr Kraut hat sich seiner schwierigen Aufgabe als vollkommen gewachsen gezeigt. Die eigentliche Felsengrotte ist eine sehr gut gelungene Imitation der Felsengrotte in Lourdes. Einen besonderen Schmuck derselben bildet der naturgetreu hergestellte Epheu und Rosenstrauch und die aus der Anstalt für kirchliche Kunst von Herrn Karl Port zu Augsburg gelieferten, fast lebensgroßen 4 Statuen der Madonna, der Bernadette und ihrer zwei Schwestern. Lourdesgrotte und Pfarrkirche Rettenbach erfreuen sich eines sehr starken Besuches seitens der Freunde kirchlicher Kunst wie des frommen chrtstgläubigen Volkes von nah und fern. 8. -—- Allerlei. „O selig, o selig ein Bahnwärter zu sein!" ruft ein Lehrer in einer schweizerischen Zeitung aus und schreibt dann weiter: „Der unterste Bahnwärter der Nordostbahn tritt seinen Dienst mit Fr. 1140 an; der Lehrer im Aargau mit Fr. 900. Der Eisenbahnangestellte hat dazu Vergünstigungen wie Dienstkleider, Alterspension, Freibillets. Der Wärter kann es auf 1749 Fr. bringen, der Lehrer erhält 1200 Fr., wenn er gut arbeitet und den Leuten gefällt. Im letzteren Falle kann ihm die Gemeinde noch eine Gratifikation gewähren, wenn sie will. Der Kondukteur steigt in den ersten fünf Jahren von 2100 auf 2340 Fr., der Lokomotivheizer bleibt zwischen 2280 und 2400 Fr., und der Primarlehrer im Aargau hat die Freude, nach 15jähriger Thätigkeit im Dienste des Staates zum Wohle der Menschheit noch 100 Fr. zu seinen 1200 Fr. zu erhalten." -»ssssics— Zu unseren Bildern Aomdekan Reindl f. Eine Trauernachricht, die besonders uns Schwaben nahegeht, hat dieser Tage schmerzliches Aufsehen hervorgerufen: Einer der eifrigsten und hervorragendsten Parlamentarier, Reichstags- und Landtagsabgeordneter Domdekan MagnuS Reindl, ist in Rosenheim an Herzlähmung plötzlich gestorben, i Der Lebensgang deS uns so nahestehenden Heimgegangenen ist an anderer Stelle geschildert worden. Reindl gehörte dem Vor- I > stände der bayerischen und deutschen Centrumsfraktion an, war ! im bayerischen Landtag Vorsitzender des Pctitionsausschusses, ein ebenso undankbares als dornenvolles Ehrenamt, das neben großer Sachkenntniß ein umfangreiches Wissen und eben so viel Geduld als Energie erfordert; er übernahm ferner das Referat über den Lokalbahngesetzentwurf, an dessen Erstattung er durch seine Krankheit verhindert wurde. Als Redner im Parlament war Reindl besonders deshalb geschätzt, weil er, zwar in einem etwas eigenartig klingenden Dialekt, aber außerordentlich sachlich das jeweilige Thema behandelte. Die Entwicklung der Gedanken war äußerst scharf, die Logik zwingend. Persönlich war Herr Reindl als Abgeordneter außerordentlich liebenswürdig und gefällig. ImReicbStage verfocht er dieJnteressen des Volkes und der Kirche ebenso unerschrocken als im Landtage. Für die Parlamente war er eine hochgeschätzte, unermüdliche Arbeitskraft, die nicht so leicht zu ersetzen ist. Wie hoch er überall dort geschätzt wurde, wohin ihn seine Pflicht als Seelsorger rief, brauchen wir hier wohl nicht auseinanderzusetzen; die Liebe und Verehrung von Seiten seiner jeweiligen Pfarr- angehörigen hat sich bei den verschiedensten Gelegenheiten doku- mentirt. Nun hat der Tod, der schon von seinem Lager gebannt schien, ihn plötzlich dahingerafft zum großen Schmerze all Derer, die ihm je näher gestanden sind. Gott hat dem Streiter für Leine Ehre die Waffe aus der Hand genommen und ihn hcimgerusen zur ewigen Ruhe. I!. I. k. Eine Ktorchenfamilie. Wenn der Frühling ins Land zieht, dann bildet das Storchcnnest anf dem Schornsteine des Rathhauses den Gegenstand gespanntester Aufmerksamkeit für Alt und Jung im Städtchen. Ob sie wohl wiederkommen werden, die gnten, alten Bekannten, die nun schon seit einer Reihe von Jabren im Frühjahr das Städtchen durch ihre Ankunft erfreuen? Und wie ein Lauffeuer Pflanz' sich die Kunde „Sie sind da, sie sind da!" von Mund zu Mund, wenn eines Nachmittags das Stvrchenpaar mit mächtigem Flügelschlag herbeigerauscbt kommt, mehrmals das Rathbausdach umkreist und dann sich auf dem alten Standplatze niederläßt, von wo es ruhig und gravitätisch, als sei gar nichts vorgefallen, auf die Menschenkinder hinab- schaut. Mit Interesse verfolgen von Stund' an die Einwohner das Treiben des Storchenpaares in seiner luftigen Höhe, und es gehört zu den lokalen Ereignissen, wenn eines Morgens ein halbes Dutzend junger Störchlein ihre gelben Schnäbel zum Neste Herausstrecken. Da ist es dann rührend, zu beobachten, mit welch' unermüdlicher Sorgfalt die Storcheneltern für die Fütterung ihrer Brüt sorgen, wie sie derselben die feinsten Leckerbissen in Gestalt von Fischen, Fröschen, Schlänglein und dergleichen aus Sümpfen und Weihern herbeiholen, und wie sie dann später, wenn die Jungen flügge geworden sind, denselben die Kunst des Fliegens beibringen, bis dann im Herbste die ganze Storchenfamilie wieder Abschied nimmt und sich zum Winteraufenthalte dem sonnigen Süden zuwendet. Gewitter. Die Wolken ballen schnell sich zum Gewitter, Und Stürme bergen sich in ihrem Schoß, Vom Felde kehren heim die müden Schnitter, Der Schiffersmann verläßt sein schwankend Floß. Es blitzt, und Donner folgen mit Gekrache, Des Himmels Wolken schütten aus ein Meer. Stand auf der Herr von seinem Sitz zur Rache, Weil ihn der Mensch beleidigt oft und schwer? O nein. Er liebt die Welt, die er erschaffen, Und er sie durch dies Ungestüm erneut, Gar bald das wilde Tosen wird erschlaffen, Und jedes Leben neugestärkt sich freut. S ch i l l e n a u e r. Altrömische Inschrift zu übersetze». c>!» »Uz PM »»>»!>, HZ 32. Areitag, den 17. April 1898. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbefitzer vr. Max Huttler). Indas WaklraDäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. ColoniuS. (Fortsetzung.) Hadassah behütete mit eifersüchtiger Sorgfalt ihre weiße Taube vor den Augen der Syrer. Die alte Frau hatte eine sehr unruhige Nacht gehabt. Mit schauerndem Interesse hatte Sarah sie im Schlaf stöhnen hören: „Abner, mein Sohn, mein armer, verlorener Söhnt" Die versiegelten Lippen waren geöffnet, da die Seele keine Kraft mehr hatte, ihre Aussprache zu verhindern. Hadassah erwachte am Morgen fieberhaft und krank. Sie machte vergebliche Anstrengungen, sich zu erheben, um ihre tägliche Arbeit vorzunehmen. Sarah bat sie, stillzuliegen. Stundenlang lag die Wittwe auf der Matte ausgestreckt, während Sarah neben ihr wachte und ihre fieberhafte Stirn fächelte. „Laß mich Dir einen kühlen Trank bereiten, meine Mutter," sagte das Mädchen, indem es aufstand und nach dem Wasserkruge ging, der in der Ecke des Zimmers stand. „Ach, er ist leer, Hannah vergaß ihn, ehe sie zur Stadt ging, zu füllen; ich will gehen und ihn selbst Wen." Sarah hob den Krug auf, setzte ihn auf den Kopf und ging die rauhen Stufen der Außentreppe hinab, um sich zur Quelle an der Rückseite des Hauses zu begeben. Die Quelle war von Oleandern umgeben, welche zu dieser Jahreszeit in Palästina in reichster Blüthe stehen. Aber die Jahreszeit war heiß und trocken gewesen und der Spätregen noch nicht gefallen, so daß die Quelle zu sinken begann. Sarah stellte ihren Krug unter die Oeffnung, aus welcher rein und hell das Wasser floß, aber dies geschah so sparsam, daß sie beinahe die herausfallenden Tropfen zählen konnte. „Ach, mir scheint eS, als ob meine irdischen Freuden diesem mangelhaften Quell glichen," dachte das Mädchen, als sie das langsame Tröpfeln des Wassers beobachtete. „Sie werden bald alle vertrocknet sein. Die Kräfte meiner geliebten Großmutter nehmen sehr ab. Sie wird unfähig sein, morgen dem Feste in Salathiel's Hause beizuwohnen, obgleich ihr Herz bet den Anbetern dort verweilen wird. Wie verschieden, ach wie verschieden ist das Passahfest von dem des vorigen Jahres. Denn da war zwar wirklich ein Götze im Tempel des Herrn, und das heilige Opfer konnte nicht geweiht werden, aber der Verfolgungssturm mit allen seinen Schrecken war noch nicht losgebrochen. Wie viele waren ferner damals um den Tisch des Salathiel versammelt gewesen, die ich auf Erden nie wiedersehen werde! Salame, «eine Verwandte, und ihre sieben Söhne waren in jener feierlichen Versammlung gegenwärtig. Azahel mit den feurigen Augen, der furchtlose Mahali, der junge Joseph, welcher vor zehn Jahren, als ich von Bethsura hierherkam, mein lustiger Spielgefährte war. Ich erinnere mich, daß Hadassah, wenn sie auf die Brüder sah, sagte, sie wären wie die Plejaden, jetzt sind sie noch mehr jenem Sternenbilde gleich, nur scheinen sie nicht auf Erden, sondern im Himmel. Und Salame sah stolz auf ihre Söhne und sagte, daß nicht einer unter ihnen ein Erröthen auf die Wangen seiner Mutter gebracht habe, dann bereute sie, geprahlt zu haben, und ich glaube einen erstickten Seufzer von Hadassah gehört zu haben. War es der prophetische Geist, der über sie kam, so daß sie die schreckliche Zukunft voraussah, oder war es — ach, ich wage nicht darüber nachzudenken, weshalb sie seufzte. Und der alte Mattathias, der nun im Grabe seiner Väter schläft, war dem Gesetze Mosis gemäß nach Jerusalem gekommen und hielt im Hanse des Salathiel das Passahfest. Wie ehrwürdig sah der alte Mann in seinem langen, schneeigen Barte aus! Ich dachte damals, daß so Abraham ausgesehen haben müsse, als seine Pilgerschast auf Erden zu Ende ging. Mattathias legte seine Hand auf mein Haupt, segnete mich und nannte mich seine Tochter. Sich, kann eS sein, daß er an mich als eine wirkliche Tochter dachte? - Der fürstliche Judas stand dabei, und als ich meinen Kopf erhob, begegnete ich dem Blick seiner Augen. Ich begriff damals den Ausdruck dieses Blickes nicht, er war mir wie der zärtliche Blick eines Bruders. Mattathias ist dahin, Salame und ihre Söhne sind dahin. Judas mit seiner kriegerischen Schaar steht wie ein von den Jägern dicht umringter Löwe auf dem Sprunge. Apollonius ist durch unsere Helden besiegt, Seron vernichtet; aber nun haben sich Nikanor und Gorgias mit den Streitmächten des Piolemäus verbunden, um ihn durch Uebermacht zu vernichten. WaS kann die Hingebung unserer Vaterlands' freunde helfen, als daß diese die Zahl der Märtyrer, welche bereits ihr Leben für die Vertheidigung unseres Glaubens und unseres Gesetzes hingegeben haben, vermehren! Ach, es wird ein trauriges Passahfest werden. 238 Ich werde außer dem Gesicht des Abischar keines Verwandten Antlitz sehen, und den kann ich nur sehr wenig lieb haben. Und, was das Schlimmste von allem ist, ich fürchte, daß ich immer noch von dem alten Sauerteige in meinem Herzen habe, den ich mich vergebens bemühte, ganz abzuthun. Ich liebe im geheimen noch immer das Verbotene, obgleich nicht vorsätzlich — nicht vorsätzlich, wie Er weiß, den ich beständig um Kraft bitte, alles, waS ihm nicht wohlgefällt, zu vermeiden." Der Krug war nun voll; Sarah schickte sich bei dem letzten durch ihre Seele gehenden Gedanken an, ihn aufzuheben, fuhr aber, während sie dies that, erschrocken zurück. Lycidas, dessen ganze Seele aus seinen Augen strahlte, war dicht neben ihr. Das Mädchen stieß einen schwachen Schrei aus und bemühte sich, an ihm vorbeizukommen, um in das Haus zu gehen. „Bleib', Sarah, Abgott meiner Seele!" rief der Athener, ihre Hand ergreifend. „Du darfst mich nicht fliehen. Du mußt mich einmal hören, — nur ein einziges Mal." Und mit einem leidenschaftlichen Strom von Beredsamkeit legte der junge Grieche seine Hoffnungen, feine Güter und sein Herz ihr Zu Fußen. Sarah wurde leichenblaß, ihre Gestalt zitterte. „O, Lycidas, habe Erbarmen!" flehte sie. „Es ist schon Sünde, wenn ich Dich nur anhöre; es wäre grausam. Dir Hoffnung zu machen. Unser Gesetz verbietet einer Tochter Abrahams, einem Heiden anzugehören. Es würde ungehorsam gegen meinen Gott sein, Deine Liebe zu erwidern. Lieber leide ich, lieber sterbe ich, als daß ich von dem Glauben meiner Vater abfalle." Und mit Anstrengung zog sie ihre eiskalte Hand aus der Hand des Mannes, den sie liebte, sprang dann eilig an ihm vorbei mit der Schnelligkeit einer Gazelle und flog die Treppe hinauf zu dem Gemach, in welchem sie Hadassah verlassen halte. Lycidas stand durch des Mädchens plötzlichen Rückzug enttäuscht da. Es kam ihm vor, als ob die Thür des Paradieses plötzlich vor ihm verschlossen worden wäre. 16. Kapitel. Die beiden Feldlager. Während sich diese zuletzt beschriebenen Szenen in der Gegend von Jerusalem abspielten, bereitete sich Judas in den Bergen zu einem großen Angriffe vor. Wie Welle auf Welle, eine höher steigend als die vorhergehende, schleuderten die Feinde ihre Kräfte gegen die Heldenschaar, welche das Banner der Wahrheit hochhielt, als eine Leuchte, die dort schien, wo der Sturm am heftigsten heranbrauste. Der mächtige Nikanor, ein Sohn des Patroklus, ein Mann, der in der Gunst des Königs ganz besonders hoch stand, hatte eine gewaltige Macht zusammeugefchaart, um das ganze Volk der Juden auszurotten, und mit ihm hatte sich Georgias, ein Befehlshaber von großer Kriegserfahrung, vereinigt. Ein ausgedehntes Lager wurde von den Syrern zu Emmaus, ungefähr eine Sabbathtagereise von Jerusalem, errichtet. Die Hügel waren von ihren Ziegenhaar-Zelten verfinstert, die Straßen oollgedrängt von Kriegern und vielen Kaufleuten, welche Silber und Gold brachten, um hebräische Gefangene als Sklaven für ihre Märkte zu kaufen. Denn Nikanor war so siegesgewiß, daß er vor der Hand schon einen Verkauf von Sklaven hatte ausrufen lassen, welche er sich aufzubewahren gedachte, ja, er hatte schon eine» Preis festgesetzt, den er für seine besiegten Feinde fordern wollte. Für ein Talent*) sollten nach der Proklamation neunzig hebräische Gefangene gegeben werden. „Diese kühnen Geächteten," sagte der hochmüthige Syrer, „sollen ihre überflüssige Kraft, wie einst ihr Simson, anwenden, Korn für ihre Sieger zu malen, oder deren Felder, die sie einst ihr Eigenthum nannten, bei der Geißel des Arbeitsvogtes zu beackern. Ha, ha, es wäre doch eine Wonne, den erhabenen Makkabäus selbst zu sehen, wie er mit geblendeten Augen das Rad dreht, oder seinen stolzen Nacken beugt, um mir, wenn ich mein arabisches Roß besteige, als Schemel zu dienen. Dies wäre süßere Rache, als ihn mit demselben Schwerte, welches er Apollonius nahm, in Stücke zu hauen. Laßt den Hasmonüer in weine Hände fallen, und er soll schmecken, was es heißt, einen lebendigen Tod sterben!" MakkabäuS seinerseits hatte seine Streitkräfte nach Mispath geführt, wo er sich gelagert hatte. Hier wurde durch den hasmonäischen Führer ein Tag zu feierlicher Kasteiung bestimmt. Er und seine Krieger fasteten, saßen in Sack und Asche und beteten zum Herrn Zebaoth. Dann ordnete der Führer sein Heer noch besser, theilte es in Nnterabtheilungen und setzte über jede derselben einen Hauptmann. Während göttliche Hilfe angefleht wurde, wurden menschliche Mittel nicht versäumt. Früh am Morgen des folgenden Tages hielten Makkabäus und Simon, sein älterer Bruder, einen ernsten Kriegsrath miteinander. Die Gegend, in welcher sie sich befanden, war historisch. Dieselben Steinhaufen, auf welchen die hasmonäischen Führer saßen, bezeichneten die Stelle, wo einst ihr Vorfahre Jakob von Laban, als er zu seinem alten Vater zurückkehrte, Abschied genommen hatte. Nur wenige Monate waren erst verflossen, seit Judas, wie ihn der Leser zuerst sah, in dem Grabe der Märtyrer stand, aber diese ereignißreichen Monate haben eine sichtbare Veränderung auf den hasmonäischen Führer hervorgebracht. Anstrengung, Arbeit, die Last der Sorgen, die schwere Bürde der Verantwortlichkeit, dazu der Kummer über den Tod seines Vaters hatten ihre Spuren auf seinem ausdrucksvollen Gesicht zurückgelassen. Makkabäus sieht aus, wie ein ermatteter Mann, doch ist noch größere Majestät in feinem Benehmen, dessen Würde mit Stolz nichts gemein hat. Denn Stolz hat seine Ursache in Selbstbewußtsein, wahre Würde in Selbstvergessenheit. „Dies wird unser härtester Kampf werden, der Feind ist stark," bemerkt Simon, indem er seinen Blick nach der Richtung schweifen ließ, wo die syrischen Schaaren lagerten. „Dem Herrn ist es gleich, seine Allmacht ist unsere größte Hilfe," antwortete Makkabäus. „Wie stark sind unsere Streitkräfte?" fragte Simon. „Sechstausend mit denen, die gestern dazugekommen sind," war die Antwort. „Aber heute will ich durch eine Bekanntmachung kund thun, daß alle Diejenigen, die Weinberge pflanzen, oder Häuser bauen, oder kürzlich Weiber genommen haben, wenn sie wollen, zurückkehren und dann — Ha! Eleazar schon zurück," rief der Führer sich unterbrechend, als ein junger Hebräer, als *) 1 Talent — 100 Drachmen, nach unserer Rechnung 4030 Mark. 239 syrischer Kaufmann gekleidet, mit schnellem Schritt die Anhöhe, auf welcher die Hasmonäischen Brüder saßen, hinaufstieg. „Ich bin mitten unter ihnen gewesen!" rief Elea- zar, „ich habe in ihren Zelten gestanden, ihre Lieder und ihr stolzes Prahlen gehört, habe vernommen, wie die Söhne des Mammons über Leib und Leben der freien Söhne Abrahams verhandelten. Sie mögen unsere Körper als Leichname haben," fügte der junge Hasmo- näer mit stolzem Lächeln hinzu, „aber niemals als Sklaven, und selbst unsere Leichen sollen sie theuer genug erkaufen müssen." „Kennst Du die Zahl der Syrer?" fragte Simon, dessen ruhiges, gesetztes Wesen zu dem feurigen, jungen Eleazar einen starken Contrast bildete. „Nikanor hat vierzigtausend KriegSknechte und siebentausend Pferde," war die Antwort, „ohne derer zu gedenken, die das Lager umgeben und wie Geier das Blutbad von Weitem wittern." „Mehr als sieben auf einen," bemerkte Simon kopfschüttelnd. „Die Hebräer haben schon größere Streitkräfte als diese angegriffen," rief der junge Mann. „Ja, wenn alle standhaft wären," warf der ältere Bruder ein. „Zweifelst Du an unsern Männern?" rief Eleazar. „Viele von ihnen werden treu sein bis in den Tod, aber ich weiß, daß in einigen Vierteln Mißtrauen herrscht, ich möchte es sogar Furcht nennen," antwortete Simon mit Ernst. „Nicht alle," fuhr er fort, „find erprobte Krieger. Einige haben sogar von Unterwerfung gesprochen." „Unterwerfung!" rief Eleazar, die Faust ballend, „ich würde diese Sklaven mit Geißelhieben in den Kampf treiben, wie Hunde, welche auf der Jagd zurückbleiben wollen." „Im Gegentheil," sagte Makkabäus, der bisher stillschweigend die Unterredung mit angehört hatte, „ich werde morgen bekannt machen lassen, daß jeder, welcher sich fürchtet, meine volle Erlaubniß hat, heimzukehren." — „Wäre das wohl rathsam?" fragte Simon zweifelhaft, „der Feind übertrifft uns an der Zahl ohnehin schon." „Es ist nach dem Gesetz," antwortete JudaS ruhig. „Es ist dasselbe, waS Gideon that, bevor er Midian angriff. Wir können keinen Mann unter uns brauchen, der nur mit halbem Herzen bei der Sache ist, keinen, der sein Leben bei dem Kampf, der uns bevorsteht, theuer achtet." „Wenn wir im Kampfe fallen, wird die Hälfte unserer Zahl zum Opfer genügen," bemerkte Simon. Er sprach ohne Furcht, aber wie einer, der sich der ganzen Ausdehnung der drohenden Gefahr bewußt ist. „Siehst Du jenen Stein, mein Bruder," fragte Makkabäus, auf einen Hügel auf dem Wege vor ihnen deutend, welcher deutlich gegen den dunkelblauen Himmel sichtbar war, „das ist Ebenezer, der Stein der Hilfe, welchen Samuel zur Erinnerung an den Sieg über die Philister setzte, als Gott vom Himmel donnerte und die Feinde Israels vernichtete." „Ja, ich sehe ihn," versetzte Simon, „und ich sehe die Macht und Treue des Herrn der Heerschaaren darauf geschrieben, wir find in seiner Hand, nicht der des Nikanor." „Gott wird aufstehen und wird die Feinde zerstreuen!" rief Eleazar. „Mein Bruder, gib Befehl, daß die Posaunen geblasen werden, und laß unsere Proclamation im Lager bekannt werden, damit alle, die sich fürchten, sogleich zurückkehren und uns am Tage der Schlacht dadurch, daß sie ihren Rücken zeigen, keine Schande machen." Der Befehl des Führers wurde sogleich befolgt. Die Proclamation wurde veröffentlicht, und ihre beunruhigende Wirkung war schnell zu sehen. Die kleine Schaar des Makkabäus fing an wie Schnee an den Sonnenstrahlen zu schmelzen. Ein Mann erinnerte sich der Thränen seiner jungen Frau; ein anderer der hilflosen Lage seiner verwittweten Mutter; die Herzen nicht Weniger hingen an ihren Heerden, während viele in der herannahenden Erntezeit einen Vorwand suchten, um nicht durch den wahren Grund der Feigheit vor ihren Kameraden errathen zu müssen, wenn sie die Sache des Vaterlandes verließen. Das kleine Heer des Judas war auf diese Weise lange vor dem Hereinbrechen des Abends bis zur Halste zusammengeschmolzen. „Sie haben sich für unwürdig gehalten, den Ruhm, der ihrer tapferen Brüder wartet, zu theilen!" rief Eleazar unwillig, indem er sich auf seinen Bogen stützte und die lange Reihe der Flüchtlinge, die ihren Weg westwärts nahmen, betrachtete. Makkabäus hielt unverzagt, wenn auch ein wenig durch den Verlust der Hälfte seiner Truppen entmuthtgt, unmittelbar vor Sonnenuntergang eine kurze Anrede an die Männer, die ihm noch geblieben waren: „Rüstet Euch und bewahret Euere Unerschrockenheit, daß Ihr morgen bereit seid, wider diese Heiden, die uns und unser Heiligthum zu vertagen gedenken, zu streiten. Für uns ist es besser, daß wir im Streite umkommen, als daß wir solchen Jammer an unserem Volk und Heiligthnm sehen. Aber, was Gott im Himmel will, das geschehe." So zogen sich die Hebräer, fest entschlossen, zu siegen oder zu sterben, jeder an seinen bestimmten Platz in dem kleinen Lager zurück, bis die Morgenröthe sie zu dem verzweifelten Kampfe wecken würde. 16. Kapitel. Die Schlacht bei Emmans. Der Kampf sollte nichtz bis zum Morgen verschoben werden. Die Nacht hatte bereits den Schleier der Finsterniß über die Erde gebreitet, und Simon hatte sich, um sich für die bevorstehenden Anstrengungen des nächsten Tages zu kräftigen, klugerweise, in seinen Mantel gehüllt, auf einige Stunden niedergelegt, um zu ruhen, als er durch eine Hand, die seine Schulter berührte, geweckt wurde. Als er die Augen öffnete, sah er bei dem Lichte einer Fackel, welche der Waffenträger des Judas hielt, daß Makkabäus vor ihm stand. „Erwache, stehe auf, mein Bruder!" rief er, „dies ist keine Zeit zum Schlafen." Simon war augenblicklich auf den Füßen und hörte aufmerksam zu, als sein Bruder fortfuhr: „Ein Kundschafter hat soeben aus dem syrische« Lager die Nachricht gebracht, daß Nikanor fünftausend Mann Fußtruppen und tausend auserlesene Reiter 240 — beordert hat, uns diese Nacht anzugreifen und zu überrumpeln." .Sie werden uuS vorbereitet finden," entgegnete Simon, sein Schwert umgürtend. „Nein, sie werden ihre Beute ausgeflogen finden," versetzte MakkabäuS mit ernstem Lächeln. „Wir wollen das syrische Lager in ihrer Abwesenheit überfallen, dem Feind seine eigene Lection lehren und so die Ueber- rumpelung auf die Feinde übertragen." „Wohl erwogen!" rief Simon, „die Dunkelheit wird unsere geringen Kräfte verbergen." „Unsere Brüder sollen jetzt die Krieger ordnen," befahl Judas. „Alles hängt nächst Gott von Stillschweigen, Schnelligkeit und Entschiedenheit ab. Wir fechten für unser Leben und unser Gesetz." Der Führer wandte sich zum Gehen; da ließ er unversehens etwas auf den Boden fallen. Er bückte sich, hob es auf und wickelte es schnell um seinen linken Arm unter dem Aermel. Dieser Vorfall war so geringfügig, daß er kaum Simon's Aufmerksamkeit auf sich zog, obgleich ihm der Gedanke kam. daß es doch sonderbar wäre, daß sein Bruder am Vorabend einer Schlacht stillstehen konnte, um etwas so Werthloses wie eine Strähne ungebleichten Garnes aufzuheben. Es war in der That wrrthlos, doch nicht für den, der es trug. Jenes Garn hatte einst dazu gedient, einige längst verwelkte Blumen, die in das Märtyrergrab gestreut worden waren, zusammenzuhalten. Die kleinen Strähne waren auf den aufgeworfenen Nasen gefallen, ungesehen, außer von dem Auge des Einen. Vielleicht geschah es zur Erinnerung an die Todten, daß Makkabäus die Strähne um seinen Arm befestigte, während er sich nicht nach einer Perlenschnur gebückt haben würde. Vielleicht auch waren die Hoffnungen, die die Ueberlebenden betrafen, herrlicher und süßer, als die Blumen, die in jenes Garn eingebunden gewesen waren, so daß Makkabäus diese Hoffnungen gewissermaßen durch Aufbewahrung der Strähne festhalten wollte. Durch die sofortigen Bemühungen der fünf has- moumschcn Brüder stand das hebräische Heer bald unter Waffen und bereitete sich zum nächtlichen Angriffe vor, indem es alle Kräfte auf eine verlorene Hoffnung setzte. Wie eine dunkle Wolke am Himmel bewegte sich still und finster die Heldenschaar, und gleich einer Wolke trug sie das Unwetter mit sich. Die meisten Syrer hatten sich in jener Nacht einem tiefen Schlaf übergeben, aber nicht alle, einige hielten noch in ihrem Lager Wache. Aller Luxus, den die Phantasie ersinnen und der Reichthum gestatten konnte, war, um die ernste Seite des Krieges zu verdecken, in Emmaus angehäuft, so daß das Lager bei Tage aussah, wie ein Bazar mit der Pracht und Ueppigkeit eines Hofes. Der Sorbet funkelte in silbernen Gefäßen, der rothe Wein wurde in goldene Schalen mit eingelegter oder erhabener Arbeit gegossen. Da waren prächtige Gewänder in allen Farben des Regenbogens, reiche Erzeugnisse des orientalischen Webe- stuhls, Mäntel aus Tyrus, Shawls aus Kaschmir, sowie Waffen aller Art — Schwerter, Schilde, Streitäxte, Speere und Helme. Die Schildwache machte ihre Runde und stand zuweilen still, um die Ausbrüche wilder Lustigkeit und die Klänge munterer Lieder zu hören, die aus den Zelten, wo vornehme junge Syrer bei nächtlichen Gelagen Späße wechselten, ertönten. Dort saß bei dem Licht einer Fackel eine Gruppe von Befehlshabern bei irgend einem Hazardspiel. Sie hatten Gefangene auf's Spiel gesetzt, welche am Morgen die Räder vom Triumphwagen ziehen sollten. Jeder Würfel entschied über das Schicksal eines Hebräers, wenigstens dachten die lustigen Spieler in dieser übermüthigen, siegesbewußten Weise. Aber die zu Sklaven Bestimmten kamen eher auf den Markt, als die sie erwartenden Herren dachten und wünschten, und der Preis für jeden Hebräer wurde eingetrieben, aber nicht in Gold, sondern in Blut. Plötzlich wurden die Spieler beim Spiel, die Zecher beim Mahl, die Schläfer von ihrem weichen Kissen durch das Schmettern der Posaunen und das Kriegsgeschrei: „Hier Schwert des Herrn und Makkabäus!" aufgeschreckt. Der volle Becher stürzte von der Lippe, und der Würfel aus der Hand. Nun gab es ein wildes Rufen, Schreien und Hin- und Herstürzen. Krieger griffen zu den Waffen, Kaufleute flogen, um sich zu retten, hier- und dorthin in die Finsterniß, indem viele, über Zelttheile stolpernd, zur Erde fielen. Da war wirrer Lärm und Schrecken, Fußgetrawpel, Pferdegewieher und Rufe zu den Waffen. Ein panischer Schrecken herrschte überall im mächtigen syrischen Heere. Die Wenigsten blieben, um den unsichtbaren Angreifern zu widerstehen, die Meisten ergriffen die Flucht. Bald war der Boden mit Schätzen aller Art, die die erschreckten Flüchtlinge hatten fallen lassen, bestreut, während Waffen von den Kriegern, die nicht den Muth hatten, sie zu gebrauchen, weggeworfen waren. Zelte wurden schnell in Flammen gesteckt, und Pferde vermehrten, erschreckt durch den plötzlichen Schein und toll gemacht durch die sengende Hitze, die schreckliche Verwirrung, indem sie hinten ausschlagend wild durch das Lager stürzten. Makkabäus eilte, mit dem Schwerte des Appollonius in der Hand, vorwärts über den Haufen von niedergeworfenen Feinden. Schrecken ging als Herold vor ihm her, und Sieg folgte, wohin er trat. Es schien, als ob der Herr der Heer- schaaren, wie in den alten Zeiten des Gideon, für Israel stritt. Heftig wurden die fliehenden Syrer verfolgt. Makkabäus und seine Krieger blieben hart auf ihrer Spur. Als der Morgen nach jener schrecklichen, wenn auch glorreichen Nacht dämmerte, ertönten die Posaunen des Judas Makkabäus, um die Truppen zusammenzurufen. Der Anführer hatte wohl bedacht, daß Gorgias, dessen auserlesene Kriegerschaar die seinige um das Doppelte übertraf, noch angegriffen werden mußte. Mit ernstem Mißmuth sah Makkabäus, wie seine mit Blut und Staub bedeckten Krieger sich mit dem reichen Plunder beluden, der auf der Straße herumlag, wie Früchte unter Obstbäumen nach einem wilden Sturm. „Ihr sollt nicht plündern!" rief er, „wir müssen noch eine Schlacht schlagen; darum bleibt in Ordnung und wehrt Euch. Wenn Ihr dann die Feinde geschlagen habt, könnt Ihr sicher und ohne Gefahr plündern." Es ist schwerer, Hunde von der Beute, die sie schon niedergerissen, wieder loszureißen, als sie von der Koppel zu lassen, wenn das Wild in Sicht ist. Es bedurfte der ganzen Gewalt eines solchen moralischen Einflusses, wie ihn Makkabäus über seine Truppen besaß, um die Plünderer von den zu ihren Füßen liegenden Schätzen zu entfernen und an den unbedingten Gehorsam gegen ihren Führer wieder zu gewöhnen. Sehr bald ward eS auch sichtbar, daß die Mahnung deS has- monätschen Führers nicht unnöthtg gewesen war. Nur wenige Stunden darauf erschien in einiger Entfernung auf der Spitze des Hügels die Vorhut der Truppen des Gorgias. Sie hatten die ganze Nacht vergeblich das Lager der Hebräer gesucht. Nach einem langen, ermüdenden Marsch befand sich Gorgias auf einem Hügel, von dem aus er das Land weithin übersehen konnte. „Die Sklaven sind geflohen, sie haben sich in die Berge gerettet!" rief er, indem er bet dem ersten Strahl goldenen Lichts am östlichen Himmel von seinem ermatteten Kriegsrosse stieg. „Dann haben sie Spuren ihrer Arbeit zurückgelassen!" rief ein Krieger, nach der Richtung deutend, wo Nikanor's Lager, welches die Syrer nur von der Spitze des Hügels aus sehen konnten, gewesen war. „Siehst Du dort den Rauch von jenem dampfenden Haufen aufsteigen? Dort bei EmmauS muß eine Schlacht stattgefunden haben. Der Löwe ist durch das Netz gebrochen. Makkabäus hat diese Nacht nicht geschlafen." „Nein, Pollux, es ist unmöglich! Die Hebräer werden niemals eine so große Ueberzahl anzugreifen wagen!" rief Gorgias, welcher das, was er vor sich sah, nicht glauben wollte. Aber als das Tageslicht die Zeichen der Flucht und des Unglücks deutlicher offenbarte, und man den Rauch von den Trümmern in der ruhigen Morgenluft aufsteigen sah, zwang sich die Ueberzeugung von der schrecklichen Wahrheit dem Gemüth des Anführers auf, und mit Erstaunen und Unwillen rief er: „Wo sind die Schaaren des Nikanor?" „Jene dort unten werden Dir die Aufklärung geben können," sagte Pollux, indem er nach Süden deutete, woselbst die Hebräer in einem Thale von ihrem Führer geordnet wurden. „Da ist, wie ich wähne, der übermüthige Geächtete, der unser Lager zu einer Fleischbank gewacht bat. Siehst Du das Blitzen der Speere? Makkabäus stellt seine Krieger in Schlachtordnung. Sie sind nur eine Hand voll. Wollen wir einen Angriff auf sie machen und sie vom Erdboden vertilgen?" Gorgias blickte wieder nordwärts nach den rauchenden Trümmern des syrischen Lagers bei Emmaus, dann südwärts, wo das kleine Heer sich um das Banner des Makkabäus geschaart hatte. Obgleich die Zahl der Truppen des Gorgias doppelt so groß war, als die der Hebräer, wagte er doch nicht mit denen, die soeben Ntkanors ungeheure Schaaren überwunden hatten, eine Schlacht zu eröffnen. Wäre der syrische Anführer von so furchtlosem Geiste beseelt gewesen, wie sein Gegner, so würde nach menschlicher Berechnung für Judas auf den nächtlichen Sieg eine Niederlage gefolgt sein. Aber Gorgias zeigte bei dieser Gelegenheit einen ungewöhnlichen Aufwand an Vorsicht; und »Pollux wünschte, obgleich er einen herausfordernden Ton annahm, im Innern keineswegs mit Makkabäus anzubinden. Die Kräfte der Hebräer waren zwar durch den Kampf und die Verfolgung erschöpft, aber ihr Geist war ungebrochen. Makkabäus beobachtete mit einiger Unruhe die Bewegungen des Feindes auf der Höhe, indem er jeden Augenblick einen Angriff erwartete, welchen seine kleine Schaar so wenig im Stande war, auszuhalten. „Sie werden bald hier sein," sagte Simon, indem er sich müde auf seinen Speer lehnte. „Nein, sieh', sie verschwinden von der Spitze deS Hügels!" rief Eleazar triumphirend. „Diese Feiglinge! nur tapfer beim Wein! Nicht ein Fleck auf ihren Schwertern, nicht eine Schramme auf ihren Schilden. Hätten wir doch Kraft genug, die Memmen bis an die Mauern von Jerusalem zu jagen!" „Gott hat ihnen Furcht in ihre Herzen gegeben, ihm sei Preis," sagte Makkabäus, indem er sein Schwert in die Scheide steckte. Und darauf gingen sie hin und sangen einen Lobgesang und priesen den Herrn für seine Güte und Gnade, die ewiglich währet. 17. Kapitel. Abgereist. Als Sarah blaß und zitternd nach dem Zusammentreffen mit LycidaS nach dem Zimmer der Hadassah floh, ließ sie den Wasserkrug an der Quelle stehen. Der Anblick ihrer Großmutter, die auf ihren niedrigen Kissen ausgestreckt mit vertrockneten Lippen und geschlossenen Augen lag, rief dem armen Mädchen die Absicht, mit welcher sie das Krankenlager verlassen hatte, in's Gedächtniß zurück. Als Sarah so in peinlicher Unentschlossenheit an der Schwelle stand, hörte sie zu ihrem großen Troste unten die Stimme Hannah's und rief ihr zu, den Wasserkrug, den sie am Brunnen finden würde, herauszubringen. Hannah gehorchte schnell und kam nicht nur mit dem kühlen Trank, sondern auch mit reifen Früchten und Gemüsen, die sie aus Jerusalem mitgebracht hatte. Diese bestanden 'n weißen Maulbeeren, frischen Feigen, Gurken und einer Melone und waren für Hadassah ein angenehmer Vorrath. Angenehmer jedoch als diese Nahrungsmittel und selbst ein erfrischender Trnn? kalten Wassers waren für Hadassah die Nachrichten, die Hannah aus der Stadt mitgebracht hatte. Die Dienerin brannte darauf, diese glorreichen Nachrichten mitzutheilen: „Ich sah selbst Gorgias und seine Reiter abgemattet, niedergeschlagen durch die Straßen reiten!" rief Hannah. „Es wundert mich, daß sie sich nicht schämten, ihre Angesichter zu zeigen, sie hatten nicht einmal mit unseren tapferen Helden die Waffen gekreuzt." „Oder sie hätten nicht mehr gelebt, um es zu erzählen!" rief Hadassah, welcher die Siegesnachrichten von Emmaus neue Energie und neues Leben gegeben hatten. „Wir durften freilich nicht in die Hände klatschen und jauchzen," fuhr die jüdische Magd fort, „aber da ist auch nicht ein hebräisches Kind, das nicht vor Freude außer sich wäre. Wir segneten den Namen des Makkabäus, obgleich wir es nur im Flüstertöne durften." „Es wird ein Tag kommen," sagte Hadassah, „an welchem man diesen Namen wird so laut ertönen hören, daß die Mauern das Echo wiedergeben. O, mein Kind," fuhr sie zu Sarah gewendet fort, „das wird morgen eine dankbare Feier des Passahsestes werden. Der Herr bringt allen seinen Anserwählten Freiheit, ebenso wie er sie einst von der Knechtschaft des hochmüthigen Pharao erlöste." „Es wird doch ein sehr stilles Fest morgen werden," warf Hannah kopfschüttelnd ein. „Man sagt, daß der König AntiochnS über die Flucht des Nikanor und den 24L schmählichen Rückzug des GorgiaS gleich einer Bärin wüthet, der man die Jungen geraubt hat. Ein Bote ist sofort mit Aufträgen an König Lysias, welcher in den westlichen Provinzen regiert, abgeschickt worden." „Ist es bekannt, waL diese Aufträge enthalten?" fragte Hadassah. „Man erzählt sich," antwortete Hannah, „daß Lysias ein Heer aufbringen wird, welches schrecklicher und mächtiger als irgend eins, das jemals das Land überschwemmt hat, sein wird, bei weitem mächtiger als jene Schaaren, die Apollonius, Seron oder Nikanor geführt haben. König Antiochus soll bei allen falschen Göttern geschworen haben, daß er die Hasmouäer mit Stumpf und Stiel ausrotten wolle." „Wer kann ausrotten, was Gott gepflanzt hat?" entgegnete Hadassah. „Denkt Antiochus Epiphanes, daß er die Macht besitze, wider den Herrn zu streiten?" „Er hat schreckliche Macht über die Menschen," sagte Hannah, die ein weniger muthiges Herz als ihre Herrin hatte. „Schrecklichere Maßregeln als jemals , sollen getroffen werden! Es wird ihnen gerade so gehen, wie Salame und ihren Söhnen." „Wollte Gott mir die Kraft geben, daß ich morgen dem Feste beiwohnen könnte!" rief Hadassah, für welche > die mit dem Feste verbundene Gefahr erst recht ein Sporn war. „Keine Meuschenfurcht könnte mich zurückhalten. Aber er, der mir die Kraft versagt hat, wird den Willen seiner Dienerin annehmen." „Ich will mit meinem Oheim Abischai gehen," sagte Sarah. „Um Dich zu freuen und Dank zu sagen," bemerkte Hadassah. i Aber Sarahs sinkendes Herz konnte keiner Freude ! Ausdruck geben, sie neigte das Haupt, faltete die Hände l und murmelte leise: „Zu beten für Dich, für mich selbst § und —." Kein menschliches Ohr konnte das Wort, , welches ihre blassen Lippen unhörbar aussprachen, j vernehmen. , „Gehe zu unserm griechischen Gast, Hannah," ge- j bot Hadassah, „trage ihm von diesen reifen, kühlenden ! Früchten hin und erzähle ihm von den Triumphen des JudaS. Obgleich Lycidas nur ein Heide ist," fügte sie ! hinzu," als die Magd, um den Befehl ihrer Herrin - auszuführen, daS Zimmer verlassen hatte, „so wird er die Thaten unserer Helden doch bewundern, wenn er sie auch nicht ausführen kann." (Fortsetzung folgt.) -->^8SLS-"-- Der Ackerbau im heutigen Palästina. Von Dr. Seb. Euringer, Pfarrer. sNachdruL vrrboten.) „Man wird wohl kaum ein Land auf der Erde finden, welches für Colonisationsbestrebungen ungünstigere Verhältnisse darböte, als der Orient im Allgemeinen und Palästina im Besonderen. Der bessere Boden ist durch einen tausendjährigen Raubbau, der nichts gibt und nur nimmt, außerordentlich ausgesogen, der geringere, meist unbebaute, ist abscheulich verwildert. Die Niederungen, besonders die Flußthäler, sind in Folge mangelnder Ne- gnlirung der Gewässer voll von Sümpfen, die nicht nur die unmittelbare Umgebung, sondern auch weiterhin die Atmosphäre mit Fieberluft erfüllen und einen großen Theil des Landes ungesund nmchen. Noch- größere Hindernisse aber werde» durch die türkische Mißregierung bereitet. Die Bodeuerzeugnisse werden sehr hoch und nicht nach gesetzlich festgestellten Normen besteuert, so daß der Producent den Gewaltthätigkeiten des SteuereintreiberL preisgegeben ist. Hiegegen sind zwar die europäischen Co« lonisten durch die Konsulate einigermaßen geschützt; allein weil sie in allen Landangelegenheiten unter dem türkischen Gesetze stehen, so befinden sie sich doch in einer üblen Lage, welche dadurch noch verschlimmert wird, daß die agrarischen Besttzverhältnlffe sehr ungeordnet und verwirrt sind, so daß die Lokalbeamten sich sehr leicht einmischen können und dann die Ausländer bei dem Widerwillen der Regierung gegen europäische Unternehmungen ihr Recht nicht finden. Kurz, die ackerbauenden Colonisten begegnen überall Widerständen und finden nirgends eine Hilfe und konnten sich nicht halten, wenn sie sich nicht entschließen wollten zu dem alles entscheidenden Bachschisch (— Trinkgeld) ihre Zuflucht zu nehmen."*) Dieses Klagelied singt der Mitvorsteher der Tempel- gemeinde in Palästina, Christoph Paulus, in der Zeitschrift des deutschen Palästinavereins 1883^) von der Lage der europäischen Bauern im hl. Lande. Wenn nun schon die Europäer, welche durch die Konsulate wenigstens einigermaßen gegen die Plackereien von Seiten der türkischen Beamten geschützt sind, zu solchen Klagen sich veranlaßt fühlen, wie mag es da erst dem armen, eingeborenen Fellachen (Bauern) gehen? Zwar sind in manchen Beziehungen die Verhältnisse für den Landbau in Palästina günstiger gelagert als anderswo; aber im Ganzen ist der Fellach (der Bauer) in Palästina ein bedauernswürdiger Mensch: feine sociale Lage ist schlimm, seine Arbeit hart, feine Werkzeuge und Acker- geräthe höchst primitiv. Ich habe mir vorgenommen, was ich von den land- wirthschaftlichen Verhältnissen des heutigen Palästina selbst, gesehen, gehört und gelesen habe, in Kürze hier zu erzählen; vielleicht trägt meine Schilderung dazu bei, daß mancher Leser Gott dankt für die geordneten Verhältnisse, in welchen wir leben, wenn auch bei uns noch lange nicht alles vollkommen ist. Der Grundbesitz in Palästina wird in 3 Klaffen eingetheilt: 1) arä iniri — Regierungsland, Krongut würden wir sagen. Dazu gehören die fruchtbarsten Ebenen des Landes, nämlich die Jafa- und die Esdrelon-Ebene. Diese Ländereien werden von der Regierung an ganze Dörfer oder einzelne Personen verpachtet. Der Pächter hat daS Recht des Bebauens, muß aber dafür der Regierung den Zehnten (^ösalrr) zahlen. Solches Land ist unveräußerlich und kann daher weder verkauft noch vererbt werden. Dagegen kann das Recht der Bebauung veräußert werden. Stirbt aber der Verleiher des Rechtes der Bebauung, so sind alle Kontrakte, welche er gemacht hat, null und nichtig, auch wenn ihre Zeit noch nicht abgelaufen ist. Das Bebaunngsrecht (muieärrr'Ä) geht dann ohne Weiteres auf die Erben des Verleihers über, welche dann wieder darüber verfügen können. Sind aber keine Erben vorhanden, so fällt die lnuLÜrn n. wieder an den Staat zurück. 2) arä vvakk — Stiftungsländereien, wir würde» ') 1883 S. 3l, 32. ') Diese Zeitschrift wird immer durch die Buchstaben 2vkV citirt. — 243 — vielleicht sagen „Güter der todten Hand* oder Widduru. ES sind das Ländereien, welche zum Unterhalt von Moscheen, Schulen, Armenhäusern gestiftet und geschenkt wurden. So hat die berühmte Omarmoschee in Jerusalem reiche Ländereien als Widdum. Solches Land kann wieder nur verpachtet, aber nicht veräußert werden. Der Zehent wird an die Stiftungspfleger (rnutrMli) abgeliefert, welche für ihre Bemühung einen Antheil an dem Zehent haben. Aber diese Stiftungsverwaltungen find türkisch, und man schimpft, wie man behauptet mit Recht, daß die Beamten den Zehenten fast ganz oder doch zum größten . Theil „auffressen*. 3) arä rnrälr ----- Privatbesitz. DaS sind kleinere Grundstücke, welche entweder mit KaktuShecken oder Steinmauern abgegrenzt sind. Diese können veräußert und vererbt werden. Den Kaufbrief (keääooke) haben bisher meistens Privatleute ausgestellt, welcher, mit den nöthigen Zeugenunterschriften und Siegeln versehen, vollkommene Giftigkeit hatte. Jetzt steckt bereits die türkische Regierung ihre fürsorgliche Nase auch in diese Angelegenheiten hinein. Nicht alles Land ist bebaut; wegen Armuth und Faulheit gibt es viel Land, welches brach liegt (arä kür), namentlich im Gebirge; ferner gibt eö „todtes Land" (arä mojstts), welches schon lange unbebaut daliegt. Wer dieses Land urbar macht, macht es sich dadurch zu eigen. Auf diese Art haben sich fleißige Bewohner von Nazareth hübsche Weinberge verschafft. Es ist nun noch eine Landesart, araäi inaklüls, zu erwähnen, nämlich Grund und Boden, welcher von seinem Besitzer verlassen wurde, sei es nun, daß die Familie des Eigenthümers ganz aus- starb, oder daß der Besitzer aus Ucberschuldung oder weil zu sehr im Rückstand mit der Steuer einfach „durch" ist und sich anderswo, meist im Ostjordauland, angesiedelt hat. v) Wie hoch steht ein Tagwerk — 0,3152 Hektar Ackerboden im Preis? Nach dem soeben Gesagten kann bei einer Preisbestimmung nur von arä wnilr, von Privat- ländereien geredet werden, da Regierungs- und Stiftungsland nur verpachtet, fast nie aber verkauft wird. Die Preise sind natürlich je nach der Güte des Bodens, nach der Schwierigkeit der Bewässerung und des Absatzes der Erzeugnisse verschieden. Einige Beispiele, welche Anderlind in V 1886 S. 52 u. sf. zusammengestellt hat, mögen einen Einblick in die diesbezüglichen Verhältnisse gewähren. An den Bergen zwischen Bethlehem und den Teichen Salomons kosteten 1883 15 Hektar Weideland 160 M., also das Hektar 10 M. 66 Pf. In der Ebene Nephaim zwischen Jerusalem und Bethlehem kostete 1881 das Hektar bester Boden 480 bis 1600 Mark. In der deutschen Kolonie Sarona kostete das Tagwerk — 0,3152 Hektar: MiM-- Smd s Ma,k Der Preis für Felder, welche vou der Kolonie etwas abgelegen waren, betrug 1883 pro Hektar 40—80 Mk. In der deutschen Kolonie Haifa am Fuße des Karme! kostete in den 70er Jahren das Hektar durchschnittlich 240 Mark, 1883 circa 320 Mark; dagegen °) Nach Klein in 2OI>V 1831 S. 70 u. sf., und Schick, österr. Monatsschrift f. d. Orient 1879 Nr. 3. eine Gehstunde östlich von Haifa, im Kisonthale, verlangt» die Fellachen seit 1860 pro Hektar 16—46 Mk. Früher waren diese Felder noch billiger. Der große Preisunterschied erklärt sich durch daS Sumpffieber, welches am Kison so erschrecklich haust, und durch die Versumpfung des Landes mangels Korrektion des Kison. Die wenigen Felder der Fellachen in der fruchtbare» Ebene ESdrelon bet Nazareth kosteten 1884 pro Hektar durchschnittlich 155 Mark. Eine Viertelstunde östlich von Nazareth kaufte eine Klostergemeinde, wenn ich nicht irre, die barmherzigen Brüder, zwecks Gründung eines Hospitals 70,000 Quadratmeter Land um 1600 Mark, das Hektar zu 228 Mark 57 Pfg. Diese Grundstücke bestehen zur Hälfte aus einer Berglehne mit gutem Boden und zur Hälfte aus Berghängen, wo vielfach Gestein zu Tage tritt, so daß eS bisher nur zur Weide diente. Diese Angaben mögen genügen. — Der größte und fruchtbarste Theil Palästinas ist, wie schon erwähnt, RegierungS- oder Stiftungsland und daher unveräußerlich; dagegen können derartige Ländereien verpachtet werden. ' Jede Ortschaft hat gewisse, ihr zugetheilte Strecken, welche beim Beginn der Regenzeit den einzelnen Bewohnern durch das Loos zugewiesen werden. Diese Aus- loosung ist so charakteristisch, daß ich nicht umhin kann, ste eingehend zu schildern. Ich lasse dabei das Wort dem ausgezeichneten Palästtnakenner Baurath Schick in Jerusalem ^): „Alle diejenigen, welche pflügen wollen, versammeln sich in der oaka (offener Platz). Der Jmüm (muh. Priester), welcher zugleich Dorfschreiber, Archivbevahrer, Rechnungsführer rc. ist, hat bei diesen Versammlungen den Vorsitz. Alle, welche pflügen wollen, melden sich und geben die Anzahl von Pflügen (laääan), welche sie stellen wollen, an. Hat einer nur einen halben Pflug, d. h. nur ein Zugthier, so tritt er mit einem andern zusammen. Man theilt die Gesammtheit in Klassen. ES melden sich z. B. 40 Pflüge. Diese werden in 4 Klassen getheilt, je 10 zusammen, und über ste ein Chef oder Schech (- Vertrauensmann) erwählt, welcher seine Partie mit ihren 10 Pflügen zu vertreten hat. Diese Klaffen» eintheilung erleichtert die Austheilung deS Landes. Dasselbe ist nicht überall gleich gut u. s. w. Sind nun 4 Klassen gemacht, so wird das Land in vier Theile getheilt, so daß jeder dieser Theile gutes, mittelgutes und schlechtes in sich begreift. Die einzelnen Parcellen haben von Alters hergebrachte Namen, z. B. Rebhuhn- feld, Fuchsfeld u. s. w. Sind die Schechs über die Vertheiluug in 4 Theile einig, so daß kein großer Unterschied dabei sein kann, so wird das Loos gezogen; dies geschieht dadurch, daß jeder der 4 Schechs dem Jmam eine Kleinigkeit in seinen Beutel legt. Er ruft nun einen von den 4 Theilen anS durch Hersagen der Parcellen- namen, die dazu gehören, und ein herbeigeholtes Kind hat einen der 4 in den Beutel gelegten Gegenstände herauszunehmen. Wem nun der herausgezogene Gegenstand gehört, dem wird dieser Theil für dieses Jahr zu bearbeiten zugewiesen. Nun gehen die 4 Schechs daran, die ihnen zugewiesenen Stücke an dir einzelnen Mitglieder ihrer Partei zu vertheilen. Aber nicht so, daß ein Pflug seinen Antheil in einem zusammenhängende» *) Ocstcrr. Monatsschrift für d. Orient 1873 Nr. 3. Vergleiche auch 2vkV 1831 S. 75 (Klein). — 244 Stück bekäme, vielmehr hat jeder Pflug ein Zehntel an allen Grundstücken seiner Partei anzusprechen; die einzelnen Grundstücke werden darum in ebensooiele wuras (eig. Schnur) oder Streifen getheilt, als Pflüge da sind. Dadurch bekommt aber der Einzelne statt 2 oder 3 große Stücke eine Anzahl langer Streifen, die an ganz verschiedenen Orten der Dorfmarkung liegen. Die Grenzen werden durch Furchen (tslm) oder Steine bezeichnet, und noch heute gilt die Verrückung der Landmarke als eine fluchwürdige That, wie in den Zeiten Israels (Deut. 19, 14).« Wir kommen nun zur Aussaat; daher muß ich die klimatischen Verhältnisse Palästinas behandeln. Es gibt nur 2 Jahreszeiten im heil. Lande: die Regenzeit (tast Wost-8olüta) und die trockene Zeit (sök, tasl es-set). Die Regenzeit beginnt etwa Mitte Oktober und dauert bis Ende April; die trockene Zeit, der Sommer, reicht von Ende April bis Mitte Oktober. Um Rtitte Oktober kann der erste Regen, der sog. Frühregen, fallen, oft aber läßt er bis November, ja bis Dezember auf sich warten. Im März und April fällt der Spätregen. Vom Mai an hängt die Vegetation, was ihren Bedarf an Feuchtigkeit anlangt, einzig von dem tief in die Erde eingedrungenen Regen und von dem starken Nachtthau (iiücka) ab, da in diesen 6 Monaten, außer sehr seltenen Ausnahmefällen, kein Tropfen Regen fällt. ^) Die Regenzeit zerfällt nach Chaplin (2Ol?V 1891 S. 96 u. ff.) in 3 Abschnitte: 1. Der Frühregen, von oen Eingeborenen ei WÄ8M ei i>säri, „das frühe Zeichen«, genannt. Dieser kündigt sich oft durch Gewitter an; dieser in der heil. Schrift oft genannte Frühregen feuchtet das Land an und macht es zur Aufnahme der Saat geeignet, und somit gibt der erste Regen das Zeichen zum Bereitstellen der Pflüge. 2. Die starken Winterregen, welche das Erdreich sättigen, die Cisternen und Teiche füllen und die Quellen wieder speisen. 3. Der Spätregen im Frühling. Derselbe läßt die Aehren des Kornes schwellen, befähigt Weizen und Gerste die trockene Sommerhitze zu ertragen. Der Spätregen ist höchst wichtig für den Ausfall der Ernte. Bleibt er ganz aus oder fällt er nur spärlich, so entsteht eine Mißernte und infolge der mangelhaften Verbindung der einzelnen Landtheile untereinander oft Hungersnoth. °) Der Frühregen, die starken Winterregen und der Spätregen wurden schon im Alten Testamente genau von einander gehalten, wie die Stelle bei Joöl 2, 23 zeigt: „Gott wird euch herabsenden den schweren Winterregen, den Frühregen und den Spätregen, damit voll werden die Tennen von Weizen und die Keltern von Most und Oel überfließen.« Der Frühregen, der für die Aussaat so wichtig ist. da er stark genug sein muß, das ausgedörrte dürre Erdreich aufzuweichen, bleibt selten ganz aus, unsicher dagegen ist das Eintreten des Spätregens, ihm steht der Landmann nicht ohne Besorgniß entgegen, hängt ja von seinem Ergebniß der Betrag der Ernte ab. Daher betheuert Job 29, 23: „Sie warteten auf mich wie auf den Frühregen und lechzten nach meinem Worte wie nach dem Spätregen.« (Schegg, Archäolog!« I, 140.) Die Fellachen haben ein diesbezügliches Sprichwort, das lautet: °) Vergl. 2V?V 1881 S. 72 und 73 (Klein). «) Bädeker: Palästina S. 1,111. „Aprilregen bringt mehr als der Pflug und das Joch an Segen.« Dr. Thomas Chaplin hat während 22 Jahren (1860 bis 1882) das Klima von Jerusalem nach meteorologischen Grundsätzen beobachtet und setne Resultate in den Huatsrlx Ltubsmauts des kalsstina Lxploration I'uvä 1883 veröffentlicht. Dr. Otto Kersten hat diese Artikel in 2OkV 1891 S. 93 u. ff. bearbeitet und zum Theil ergänzt. Diesem lehrreichen Aufsätze sind die folgenden Daten entnommen: 1. Die durchschnittliche Dauer aller Regenzeiten betrug in diesen 22 Jahren (1860—1882): 188,5 Tage, die längste Regenzeit dauerte 221, die kürzeste 126 Tage; die trockene Zeit dauerte durchschnittlich 177 Tage (211 Tage die längste, 134 die kürzeste). 2. In 10 Jahren fiel der Beginn deS Regens in die Zeit zwischen dem 4. -28. Oktober, in 12 Jahren zwischen 1.—28. November (beidemal einschließlich der genannten Tage). In 4 Jahren fand schon im M"nat September ein kleiner Regenfall statt. 3. Der letzte Regen fiel in 8 Jahren zwischen 2. bis 29. April, in 14 Jahren zwischen 1.—27. Mai; beidemal einschließlich jener Tage. Ein sehr schwacher Regen ist manchmal noch im Juni gefallen. 4. Die durchschnittliche Zahl der Regentage in jeder Regenzeit war 52, die höchste Zahl 71, die niederste 37. 5. Die Regenhöhe in jeder Regenzeit betrug durchschnittlich 581,9 nun (1090,6 miu Maximum, 318,5 mm Minimum), «e»--:'« 6. Schnee ist in 14 Jahren (Winter sind gemeint) gefallen, in 8 Wintern gab es keinen Schnee. Am meisten Schnee siel am 28. und 29. Dezember 1879, wo eine Schicht von 432 mrn fiel. 7. In diesen 22 Jahren wurden 12 Erdbeben beobachtet, von welchen 9 in die Regenzeit fielen. 8 waren mit Sturm verbunden, 4 kamen bei Schneefall vor. Nahezu jedesmal ging ein östlicher Wind einem Erdbeben voraus oder folgte ihm. 8. Regen kann bei jeder Windrichtung fallen; die ergiebigen Regen brachte jedoch fast immer der Südwestoder Westwind. Von 506 Negenfällen kamen 8 von Norden, 14 von NO., 12 von Osten, 10 von SO., 19 von Süven, 238 von SW., 156 von Westen, 49 von NW. 9. Die meisten Regentage halte der Februar, nämlich 10,45 Tage, die wenigsten Oktober (1,50) und Mai (1,59). Der April unter den Monaten des palästinensischen Wetterkalenders ist demnach der Februar (sostslM). Von ihm sagt die Fellachenregel: sebobat wo alsk rebät, d. h. „dem Februar ist nicht zu trauen«: andererseits heißt es auch von ihm: tu sobabst valabat, r!bs>t ss-ssk kid, d. h.: „Wenn er auch lobt und rast in wildem Sinn, So ist doch der Geruch des Sommers darin." (Fortsetzung folgt.) AnteMltimgMatt M „Augsburger PostMung". « 33. Dinstag, den 21. April 1896. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Track und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). jJudas Wakkabäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) Nach einer kleinen Weile kam Hannah in das obere Zimmer zurück. Auf ihrem Antlitz war Unruhe und Erstaunen ausgeprägt. „Ich kann den griechischen Herrn nirgends findenI" rief sie. „Er ist aus dem Hause entflohen. Da ist nichts von ihm zurückgeblieben als sein Mantel, und dieser liegt bei der Quelle." Hadassah warf einen fragenden Blick auf Sarah; aber das Mädchen verrieth kein Erstaunen und äußerte kein Wort. Sie zitterte nur ein wenig, wie vor Kälte; denn die schwüle Hitze des Nisan schien sich für sie in Wtnterkälte verwandelt zu haben. Hadassah äußerte nichts weiter über die Flucht des Lycidas, bis die Magd das Zimmer verlassen hatte, dann sagte die Wittwe plötzlich: „Es war doch sonderbar, so ohne Abschiedsgruß und ohne ein Wort des Dankes davonzureisen, nachdem er Monate lang wie ein Gast, ja wie ein Sohn behandelt worden ist." Sarah hatte mit ihren kalten, zitternden Fingern eine Ecke ihres Schleiers erfaßt und . zupfte dieselbe, ohne es zu bemerken, an den Fransen. „Wenn ich mich nicht über die Sicherheit des Abischai beunruhigte," — versetzte Hadassah — aber hier unterbrach Sarah zum ersten Male in ihrem Leben die Rede ihrer Großmutter. „Habe keine Furcht für Abischai I" rief das Mädchen, indem sie ihren Kopf erhob und ihre langen Flechten, die bet der gebückten Stellung über ihr blasses Gesicht gefallen waren, zurückwarf, „fürchte nichts für Abischai," wiederholte sie. „Der Grieche wird niemals Deine edel- müthige Gastfreundschaft durch Rache an Deinem Sohne heimzahlen. Ich stehe für seine Mäßigung." „Du hast Recht, mein Kind," sagte Hadassah zärtlich. „Ich that Lycidas Unrecht, indem ich an ihm zweifelte. Abischai ist seiner Verschwiegenheit gewiß, und da dieses der Fall ist, glaube — nein, bin ich gewiß, daß es besser ist, wir beherbergen den Fremden hier nicht länger. Ich bin dankbar, daß Lycidas uns verlassen hat, obgleich die Art, wie er es gethan, mir etwas unziemlich erscheint." Ob Sarah auch dankbar war? Vielleicht war sie es, obgleich in ihrem Herzen eine Leere entstanden war, die durch nichts ersetzt werden konnte. Mehr eine Waise als die Vater- und Mutterlosen, verlassener als eine Wittwe, liebend und geliebt. Sarah schien es, als ob nur ein schwaches Band sie noch an das Leben knüpfte und als ob selbst dieses Band allmählich risse. Am Abend jenes schweren Tages war die Quelle hinter Hadassah's Häuschen ganz versiegt. Nicht ein einziger Tropfen rieselte von dem Hügel, um die verwelkenden Oleander zu beleben. Kurz vor Sonnenuntergang wurde ein Maulthier vor die bescheidene Zufluchtsstätte der Hadassah getrieben. Es wurde von Jaob, einem Diener, der in früheren Jahren ein Diener der Wittwe gewesen war und in jener Nacht fleißig an der Herstellung des Märtyrergrabes mitgeholfen hatte, geführt. Seine Gegenwart verursachte daher an jenem wenig besuchten Orte keine Unruhe. „Hannah", sagte er zu dem Hausmädchen, welches in dem Thorwege stand, und welches er beim Namen kannte, „hilf mir das Maulthier abladen und trage Deiner Herrin hin, was ich hier mitbringe. „Von wem kommt denn dies alles?" fragte Hannah mit nicht geringer Neugierde. „Ich begegnete heute," versetzte Joab, „demselben Fremden, den wir fingen, als er das Begräbniß der Salame belauschte, er sah todtenbleich aus, als ob er eben vom Grabe auferstanden wäre, und konnte kaum gehen. Ich half ihm auf mein Maulthier und ließ ihn zu einem Hause in der Stadt, welches er mir bezeichnete, tragen. Ich bin im Zweifel, ob der Heide mich erkannt hatte; sein Geist schien abwesend. Als ich ihn fragte, wo er gewesen, seitdem wir ihn beim Mondlicht unter den Bäumen trafen, stutzte er und sah mir in's Gesicht. Er erkannte mich und hatte nicht vergessen, daß ich einer von denen gewesen war, die ihm das Leben gerettet hatten, indem sie über den Speer traten. Der Heide ist nicht undankbar," fuhr der Maulthiertreiber mit einem häßlichen Lachen fort, „ich vermuthe, daß er sich auch noch einer andern Schuld erinnerte, denn er bat mich in einigen Stunden wieder zu kommen, und als ich kam, trug er mir auf, diese Sachen in die Wohnung der Hadassah zu tragen, und gab mir auch diesen Beutel voll Silber für ihr Hausmädchen." „Der Herr Lycidas hat ein edles Herz, wollte Gott, er wäre ein Sohn Abrahams!" rief die entzückte 246 Hannah, als sie die Gabe des Griechen erhielt. Dann trug sie mit einem Gemisch von Neugierde und Vergnügen die von Joab gebrachten Sachen auf das Dach des Hauses, wo die hebräischen Frauen saßen, um die kühle Abendluft zu genießen. Auf Geheiß der Hadasfah entfernte Hannah die äußere Umhüllung dessen, was Lycldas gesandt hatte und zog eine Menge mit dem feinsten Geschmack ausgesuchter herrlicher Dinge hervor, reizende Gewänder, Goldstickereien, eine Lampe von feinster Arbeit, einen Spiegel von polirtem Stahl und noch mehrere Kostbarkeiten. Hannah konnte sich einiger Ausrufe der Bewunderung nicht enthalten; Hadassah aber und ihre Enkelin saßen stillschweigend dabei, bis eine Rolle zum Vorschein kam, welche Hadassah öffnete und laut las: „Mit diesen werthlosen Zeichen des Gedenkens nehmet die tiefste Dankbarkeit eines Mannes an, der in wenigen, nur zu kurzen Monaten unter Eurem Dach mehr gelernt hat, als er anderswo in einer Lebenszeit hätte lernen können von der Hoheit des Glaubens und dem Heldenmuth der Tugend." 18 . Kapitel. Das Paffahfcst. Sehr verschieden war die Feier des Festes der süßen Brode zur Zeit des Königs Antiochus Ep'phanes von den früheren Zeiten, als die Kinder Israels von ihren eigenen Königen regiert wurden. Da war kein gewaltig großes Zusammenströmen, wie einst von Dan bis Berseba. Hirten trieben einst ihr brüllendes Vieh, Schäfer ihre Heerden von den Abhängen des Karmcl und den Weiden unter den schneegekrönten Höhen des Libanon nach Hause zurück. Fischer zogen ihre Netze an die Ufer der inländischen Seen und ließen ihre Kähne am Strande des Meeres ruhen, um nach der Sitte der Väter hinaufzugehen und den Herrn in Zion anzubeten. Da waren keine Pilgerschaaren von Saron's Ebenen und den Bergen von Gilead. Jerusalem war nicht von Anbetern gedrängt voll, und die Straßen nicht unpassirbar durch das Treiben der zum Opfer bestimmten Heerden, wie zu den Zeiten, da Josiah sein großes Passahfest hielt. Da gab es keine laute, freudige Musik, als wenn die Sänger der Söhne Asaphs den Chor der Danksagung leiteten. Gruppen von Hebräern zu Zweien oder Dreien gingen heimlich ihre Wege, als wie durch irgend einen geheimen oder gefährlichen Auftrag gebunden, zu den wenigen Häusern, in denen die Besitzer kühn und fromm genug waren, das Passahfest vorzubereiten. Unter diesen Wohnungen war auch die des Aeltesten Salathiel, eines Mannes, der trotz der angedrohten Verfolgung dennoch Gott nach alter, von Mose vorgeschriebener Weise anzubeten wagte. In einem oberen Raume seines Hauses war alles für die Feier des Festes, so wie die Umstände es erlaubten, zurecht gestellt. Das Passahlamm war in einer runden Vertiefung des Fußbodens ganz geröstet worden. Es war zu diesem Zweck von zwei langen Bratspießen durchstochen worden, von denen, um die Form des Kreuzes anzudeuten, der eine lang, der andere quer durchstochen war. Die wilden und bitteren Kräuter, welche dazu gegessen werden sollten, waren sorgfältig gewaschen und vorbereitet. Auf dem Tische standen Schüsseln mit ungesäuertem Brod und vier Schalen voll rothen, mit Wasser gemischten Weines. Es war mit Schwierigkeiten verknüpft gewesen, nur zehn Theilnehmer zur Feier des Passahfestcs zusammenzubringen. Drei der gegenwärtigen Personen waren Frauen, zwei zu Salathiel's Familie gehörig, die dritte Sarah, welche, dicht in ihren Schleier gehüllt, unter dem Schutze ihres Oheims Abischai gekommen war. Die Gäste kamen spät, da sie, um nicht Verdacht bei den Syrern zu erregen, mehr als einmal ihren Weg hatten ändern müssen. Die Feier hatte begonnen. Das Brod war durch Salathiel gebrochen und herumgegeben. Die erste Schale Wein wurde still geleert. Aber als die zweite herumgegeben wurde, sang man das kleine Hallel, bestehend in dem 113. und 114. Psalm, in leisen und unterdrückten Tönen. Plötzlich verstummte der Gesang mitten in einem Verse, und jeder Kopf wandte sich, um zu lauschen. Das Geklirr einer Waffe, die unten auf den Boden gefallen war, hatte die Versammlung erschreckt, wie Wild durch das Bellen der Bluthunde aufgescheucht wird. „Die Syrer haben uns aufgefunden, wir sind verrathen I" rief Abischai, indem er aufsprang und das Schwert zog. „Flieht! Flieht!" so schallte es von Mund zu Mund. Das Gemach, tn welchem die Hebräer versammelt waren, hatte zwei Thüren, die eine führte vermittelst einer Treppe zum Hofe, die andere am entgegengesetzten Ende zum Dache, welches nahe genug an den anderen Wohnungen war, um unter dem Schutze der Dunkelheit ein Entkommen zu ermöglichen. Hauptsächlich war es auch dieser voriheilhaften Lage wegen, daß Salathiel's Haus zur Abhaltung der Feier des Passah- festes gewählt wurde. Die zweite Thür, durch welche eine Flucht ermöglicht werden konnte, war klugerweise offen gelassen worden und alle stürzten bei dem ersten Alarm dorthin. Der Schreck übt oft eine so verwirrende Wirkung auf das Gemüth aus, daß die Eindrücke, welche durch Ereignisse entstehen, zwar peinlich lebhaft in ihrer Färbung, aber unbestimmt in ihren Umrissen sind. Sarah würde daher keinen genauen Bericht von der folgenden Scene, die ihr wie ein schrecklicher Traum vorkam, haben geben können. Sie wollte fliehen, aber als sie es versuchte, blieb ihr Schleier an etwas hängen, sie wußte nicht, was es war. — Drei oder vier Sekunden, die ihr wie ebenso viele Stunden erschienen, vergingen, bevor sie ihn losmachen konnte. Sarah hörte donnernden Lärm an der einen Thür und das Getöse der Flüchtlinge an der anderen, dann wurde die schwache Barriere, welche sie vom Feinde trennte, weggerissen und der Raum füllte sich mit Kriegern. Ein Anblick aber hatte sich ihrem Gedächtniß unauslöschlich eingeprägt, es war der Abischai, welcher, ganz mit Blut überströmt, die Augen stier und gläsern, die Zähne fletschend, mit den letzten Athemzügen nur das eine Wort „Abtrünniger!" hervorzischte. Sarah wußte, daß es der Tod war. Dann legten sich rauhe Hände an sie selbst, und das erschreckte Mädchen fühlte sich wie die Gazelle unter den Klauen des Tigers. Sie war in so tödtlicher Angst, daß sie nicht einmal Kraft zum Schreien hatte. „Halt, thut dem Mädchen kein Leid!" rief eine Stimme, welche Sarah sehr bekannt klang, obgleich sie sich nicht erinnern konnte, wo sie dieselbe gehört hatte. Dann sah sie einen Krieger in syrischer Kleidung, denselben, welcher dem Leser unter dem Namen Pollux mehrere Male vorgestellt 247 worden ist, und welcher der Anführer der Angreifer zu sein schien. Sarah streckte ihre Hände nach einem aus, an dem sie selbst in jenem Augenblick einen hebräischen Typus bemerkte. Aber sie konnte nur durch eine flehende Geberde Gnade suchen. Der Schreck hatte sie so überwältigt, daß sie ohnmächtig wurde. Der Befehl des Antiochus hatte mehr auf Ergreifen als auf Niedermetzeln gelautet, und so trugen die Krieger auf Geheiß des Pollux nur ein ^bewußtloses Mädchen als ihre einzige Gefangene fort und ließen den todten Körper des Abischai in seinem Blute schwimmend am Boden liegen. 19. Kapitel. Ein Gefängniß. Sarah erwachte aus ihrer langen Ohnmacht mit einem Gefühl unbeschreiblicher Angst. Die kalten Schweißtropfen standen an ihrer Stirn und das Herz war ihr wie zugeschnürt. Das arme Mädchen konnte sich nicht einmal besinnen, was eigentlich vorgefallen war. Sie wußte nur, daß es etwas Schreckliches war. Das erste Bild, welches vor ihrem Gedächtniß auftauchte, war der sterbende Abischai. Sarah schauderte, zitterte und erhob sich mit einer Anstrengung aus ihrer sitzenden Stellung und wild umherblickend rief sie: „Wo bin ich? Was ist geschehen?" Der Raum, in welchem sich das Mädchen befand, war beinahe ganz dunkel, aber als sie aufwärts blickte, konnte sie die blassen Sterne durch das kleine, schwarzvergitterie Fenster sehen. Sie wußte, daß sie in einem syrischen Gefängniß sein mußte. Beide Hände vor das Gesicht pressend, erinnerte sich die junge Gefangene der schrecklichen Scene, von welcher sie eine Zeugin gewesen war. „Gott fei gepriesen, daß meine geliebte Großmutter nicht dort war l" Diese Worte wiederholte sich Sarah wieder und wieder, um sich an den einzigen Trost zu halten, der sich ihr bot. „Abischai'sSchick- sal ist schrecklich, schrecklich!" rief Sarah, indem sie vor Mitleid und Entsetzen schauderte. „Aber es ist für meinen armen Verwandten besser, viel besser, daß er nicht lebend in die Hände der Feinde fiel, wie ich, dies würde für ihn noch viel schrecklicher gewesen sein!" Sarah war keine hochbegeisterte Heldin, sondern nur ein schüchternes, sanftes, liebenswürdiges Mädchen, welches, vor Gefahr zurück- bebend, der Furcht unterworfen war und sich für jeden Schmerz, ob körperlich oder geistig, sehr empfindlich zeigte. Obgleich sie mit Salame und Hadassah verwandt war, hatte sie weder die ruhige Geistesgröße der Einen, noch die erhabene Seelengröße der Anderen. Sie hielt sich nicht für fähig, die inspirirten Worte einer Prophetin hervorzubringen, noch die große Stand- haftigkeit einer Märtyrerin zu zeigen. Und es war eine Märthrerprobe, die dem Mädchen bevorstand. Sie sollte, wie Salame und ihre Söhne, entweder ihrem Glauben oder ihrem Leben entsagen. Für Sarah war dies eine schreckliche Wahl; denn obgleich sie sich wenige Stunden vorher nach dem Tode gesehnt hatte, um von ihrem Kummer befreit zu werden, war doch der Gedanke an seine Nähe, und obendrein herbeigeführt durch solche Torturen, wie hebräische Gefangene sie gewöhnlich AMI Ncr Pupprnmörder. Nach einem Originalgemälde von Gnst. Jgler. 248 zu erdulden hatten, unaussprechlich fürchterlich für dieses zarte Geschöpf. „Ach, ich fürchte, daß ich nicht bis zum Ende aushalten werde, mein Muth wird nachlassen, ich werde mich selbst, mein Vaterland und mein Volk entehren und mir den Zorn meines Gottes zuziehen I" rief Sarah, indem sie sich die gewaltige Probe, welcher ihr Glaube würde ausgesetzt werden, vorstellte. „Wehe mir! Was soll ich thun — was soll ich thun? — Ist denn da keine Möglichkeit zu entkommen?" Jene massiven steinernen Wände und starken Eisengitter gaben genügende Antwort auf diese Frage. Sarah lehnte sich an die Mauer und erhob ihre gefalteten Hände zum Himmel, von dem sie einen Schimmer durch das Eisengitter sehen konnte. „O, mein Gott, verlast' wich nicht!" rief sie, „schwach und hilflos in mir selbst, setze ich meine ganze Hoffnung auf Dich alleinI Du hast gesagt: „Wenn Du durch das Wasser gehst, will ich bei Dir sein; wenn Du durch das Feuer gehst, sollst Du nicht verbrennen I" Trage Dein schwaches Lamm auf Deinen Armen und last' mich fühlen Deinen Schutz!" Die Thränen flössen schnell von Sarah's Wangen, als sie dies undeutliche Gebet hervorschluchzte. Und weiter fuhr sie fort: „Ich bitte Dich ja nicht, mich vor dem Tode zu bewahren, ja selbst nicht vor der Tortur, wenn es Dein heiliger Wille ist, daß ich sie erdulden soll, aber ach, hilf mir, daß ich nicht von Dir abfalle, hilf mir, daß ich nicht meinen Glauben verleugne und das Herz meiner Mutter breche. Und ich werde-gerettet werden!" sagte Sarah ruhiger, denn ihr Glaube hatte durch das Gebet an Kraft gewonnen. „Vielleicht macht der Herr keine Probe über meine Kräfte, er, dem alle Dinge möglich sind, kann es thun — oder er sendet einen Engel, mich zu schützen, wie er sonst seine heiligen Diener zum Schutze der Seintgen sandte. Die Phantasie Sarah's malte ihr ein Wesen mit glänzenden Flügeln vor, wie es ihr zur Hilfe her- niederfliegt mit einem dem Lycidas vollkommen gleichen Gesicht, welches ja für sie den Typus der größten Schönheit hatte. „Oder der Herr sendet mir vielleicht einen irdischen Freund," fuhr Sarah fort, und wieder malte die Einbildungskraft einen Lycidas, aber dieser hatte keine Flügel. Das Mädchen hörte zu weinen auf und wischte sich die feuchten Tropfen von ihren Augen. Ein Schimmer von Hoffnung schien das Dunkel vor ihren Augen zu erleuchten. Wie eifrig hören wir auf die Stimme der Hoffnung, selbst wenn es nur das Echo eines Wunsches ist. Sarah's Gefängniß würde noch viel grausiger, die bevorstehende Probe noch viel schrecklicher gewesen sein, hätte sie gewußt, daß Lycidas nach Bethlehem gekommen war, ohne etwas von der Gefahr, in der das von ihm geliebte Mädchen sich befand, zu ahnen. In derselben Unkenntniß über Sarah's große Gefahr war ein Anderer, dem sie theurer war als sein Leben oder das Licht seiner Augen. Er lag in tiefem Schlafe viele Meilen von Jerusalem, ohne ein anderes Kissen unter seinem Haupte als nur seinen starken Arm, um welchen immer noch die kleine Strähne Flachs gewickelt war. Ein König hätte ihn um den Traum, welcher seine Züge verklärte, beneiden können. Makkabäus träumte, auf dem versengten, trockenen Erdboden liegend, er sei in einem Eden mit Blumen, und Sarah, deren kleine Hand er in der seinen hielt, sei an seiner Seite. Sie hörte mit freundlichem Lächeln und niedergeschlagenen Augen auf die Worte, die der Krieger niemals zu ihr gesprochen hatte, außer in seinen Träumen. Alles war Friede innen und außen. Dies war des Hebräers Traum von Sarah. Wie verschieden war derselbe von der Wirklichkeit! Hätte Judas die wirkliche Lage, in der das hilflose Mädchen sich befand, gekannt, er würde gern, um sie zu schützen, sein Herzblut vergossen haben. Dieses Herz, das niemals angesichts der größten Gefahr gezittert hatte, würde mit einem Male die tödtliche Angst kennen gelernt haben.W 20. Kapitel. Der Hof des Antiochus. Der Zorn und die Enttäuschung des Antiochus war fürchterlich, als er von dem Resultat des nächtlichen Angriffes auf seine Streitkräfte in Emmaus und dem darauf folgenden Rückzug des Gorgias, ohne einen Schlag gethan zu haben, hörte. Vergebens bemühten sich die Truppen jenes zu vorsichtigen Führers durch Uebertreibung der Zahl des Feindes ihre feige That zu beschönigen. Antiochus war wüthend über das, was er als Uebermuth .einer Handvoll Geächteter bezeichnete, sowie über die Feigheit seiner Truppen, welche siegesbewußt mit fliegenden Bannern ausgezogen waren und dann, wie buntgefiederte Vögel vor dem Stoß des Adlers, die Flucht ergriffen hatten. Nicht nur die unterdrückten Einwohner Jerusalems und seiner Umgegend hatten Ursache vor der Wuth des Tyrannen zu zittern, sondern auch seine eigenen syrischen Anführer und die gehorsamen Höflinge, welche ihn umgaben. Und unter diesen keiner mehr, als Pollux, der einst auser- wählte Gefährte und Günstling des syrischen Königs. Pollux war durch seinen launischen Herrn mit Reichthum und Ehren überschüttet worden, und wurde dadurch der Gegenstand des Neides seiner Genossen, besonders des Lysimachus, eines Syrers von hoher Geburt, welcher sich in der königlichen Gunst durch einen Nebenbuhler, den er verachtete, übertroffen sah. Aber nun war wenig Ursache, Pollux, den elenden Schmarotzer eines Tyrannen, zu beneiden. Er, welcher Gewissen und Selbstachtung für das Lächeln eines Tyrannen hingegeben hatte, hatte den sichern, wenn auch schmalen Pfad der Tugend verlassen, um sich auf den unsicheren Flugsand zu begeben, wo der Boden bald unter seinen Füßen sinken mußte. Bald konnte er sich von der Unbeständigkeit königlicher Gunst überzeugen. Sein Neider wartete auf eine Gelegenheit, ihn beim Könige anzuschwärzen. Dazu boten die Umstände, daß er sich bet der Torrur der Märtyrer zurückgezogen hatte, und die feige Flucht des Gorgias, dessen Feldzug er auf Befehl des Antiochus mitgemacht hatte, reichlichen Stoff. Pollux hatte sonst oft den König durch seine glänzenden Witze entzückt, nun fielen seine besten Späße wie Funken auf Wasser. Antiochus war seines Günstlings überdrüssig, wie ein Kind, das sein Spielzeug heute hätschelt und morgen achtlos beiseite wirft. Dennoch bemühte sich Pollux, die Gunst des Königs wiederzugewinnen, und dieser gab ihm Gelegenheit, sich von dem Verdacht des Veirathes an der syrischen Sache zu reinigen. Er erhielt, wie wir wissen, den Auftrag, einen Theil Hebräer bei der Feier des Pastahfestes gefangen zu nehmen. Als das Resultat dieses Auftrages nur die Gefangennahme eines einzigen unschuldigen Mädchens war, stieg der Zorn des Königs noch mehr. Doch war der König willens, sich 249 »Ä WLH LAS ALM 7ML -MM M8S >"L>-,'LW2L MWW P4M '-MibI 1^ sMÄR WÄ KM KMA WM- KNN ^M- In der Genesung. Nach dem Gemälde von Walter Fiele. 250 wenigstens etwas Erheiterung durch die Gazelle, die seine Bluthunde niedergerissen hatten, zu verschaffen. Ein Wesen, welches, obwohl zum schwachen Geschlechte gehörig, kühn genug gewesen war, das Paffahfest mitzufeiern, würde am Ende seiner Willkür genügenden Widerstand leisten und so ihm ein kleines Vergnügen gewähren, da gerade nichts Anderes zur Hand war. Der Monarch gab daher, nachdem er die Nutze nach der Mahlzeit beendet hatte, Befehl, daß die hebräische Gefangene vorgeführt werde. Der Tyrann von Syrien saß zu diesem Zwecke auf seinem elfenbeinernen Throne. Sein Fußstuhl war ein liegender silberner Löwe, über seinem Haupte befand sich ein goldener Baldachin. Vor dem Könige stand ein prächtiger Altar, auf welchem beständig ein Feuer vor einem kleinen Bilde des Jupiter brannte. Es war, wie man heute noch auf Münzen sehen kann, ein königlich aussehender Mann mit regelmäßigen, stark markirten Zügen, aber einer zurückgebauten Stirn und kaltem, hartem, Ausdruck. Niemand würde von ihm die geringste Menschlichkeit erwartet haben. Antiochus sah aus, wie der, der er war, ein kalter, herzloser Tyrann. Zu jener Zeit konnte man ihm die schreckliche Krankheit, welche« ihn binnen Jahresfrist zu einem Gegenstände des Schreckens und des Abscheus für alle, die in seine Nähe kamen, noch nicht ansehen; eine Krankheit, so entsetzlich schmerzhaft, daß sie in sich alle Martern, die er einst seinen Opfern auferlegt hatte, zu vereinigen schien. (Fortsetzung folgt.) --SÄ88MS-. Der Ackerbau im heutigen Palästina. Von Dr. Seb. Euringer, Pfarrer. (Fortsetzung.) Vom März (durchschnittlich 8,50 Regentage) sagen die Bauern: ustu-233.IÜ2r1 rvalniniür — — — rvn ^iiisostnk öirni stala. nur: „Er ist der Vater der Erdbeben und Regengüsse — der Hirte wird aber doch ohne Feuer trocken (so. an der Sonne). Vom Juli (tainüs) orakelt man: ü tamnL tiAbli-Iuia Ü-1)—- Zu unseren Bildern Der Duppenmörder. O Graust Er mordet allhier Die Puppe voller Rachbegier Und schlug die Schwester in's Gesicht Der arge, kleine Bösewicht. Die Schwester, ein gar sanftes Kind, Besänftigt die Mama geschwind, Doch schenkt sie seine Strafe nicht Dem argen, kleinen Bösewicht. In der Genesung. Auf dem Stuhl im Obstgarten, den geschwächten Körper in das Kissen gelehnt, das ihr die sorgsame Hand des alten Großmütterchens zurechtgcrichtet hat, sitzt ein bleiches, abgemagertes Menschenkind, das müden Auges in die ringsum beginnende Frühlingsherrlichkeit blickt. Nach monatelanger, schwerer Krankheit ist es heute zum ersten Male, daß das junge Mädchen wieder unter Gottes freien Himmel treten durfte, daß es die Vöglein zwitschern hören und balsamische Frühlingsluft einathmen kann. Noch niemals ist ihr die Gottes-Natur so schön erschienen wie heute, noch niemals hat so heißes Dankgefühl für den Schöpfer all der Herrlichkeit ihr Herz erfüllt. Nur Muth und Gottvertrauen, du armes Menschenkind; der da rings um dich neues Leben erstehen läßt, der wird auch dir bald wieder vollständige Gesundheit schenken! -_ I>. Franz Z>. Hattler, 8. ck. Unter den schriftstellerisch thätigen Mitgliedern der Gesellschaft Jesu in Oesterreich nimmt ohne Zweifel ? Franz S. Hattler einen der ersten Plätze ein. Geboren am 11. Sept. 1829 zu Anras im Pusterthale als der Sohn eines kaiserlichen Forstbeamten, machte er seine Gymnasialstudien bei den Franziskanern in Bozcn und trat 1852 in die Gesellschaft Jesu ein. Im Jahre 1862 wurde er nach Kalksburg bei Wien berufen, wo er dann in der von seinem Orden gegründeten Lehr- und Erziehungsanstalt durch fast 20 Jahre wirkte. In die Zeit der Wirksamkeit in Kalksburg fällt auch der Beginn der schriftstellerischen Thätigkeit Hattler's. Im Jahre 1865 wurde der „Sendbote des göttlichen Herzens Jesu" ins Leben gerufen, dessen Mitarbeiter er bis zur Stunde blieb, und so ist es erklärlich, warum die meisten seiner Schriften den Zweck des Sendboten verfolgen, die Kenntniß und Verehrung des gott- menschlichen Herzens Jesu zu verbreiten. ?. Hattler ist sein Leben lang nie von fester Gesundheit gewesen (er leidet an nervösen Herz- und Kopfschmerzen); er gab daher 1882 ferne Stelle als Lehrer und Erzieher auf und übernahm die Redaktion des „Sendboten des göttlichen Herzens Jesu" in Innsbruck. Da aber die Stadtlust wegen des lästigen Siroco seiner geschwächten Gesundheit nicht zuträglich war, so bezog er den zum Jnnsbrucker Kollegium gehörigen Zenzerhof an der Brennerbahn, anderthalb Stunden von der Landeshauptstadt entfernt in romantischer Lage und Einsamkeit, wo er sich bereits durch zehn Jahre aufhält. Wegen seiner angegriffenen Gesundheit mußte er, indem er Mitarbeiter blieb, 1886 die Redaktion des „Sendboten" wieder aufgeben, die er in einer Zeit geführt hatte, in welcher die Zeitschrift die gröbsten und unverdientesten Angriffe erfahren mußte. Durch den „Sendboten" war und ist ?. Hattler fast ein Weltapostel, denn die Zeitschrift zählt jetzt 29,000 Abonnenten und kommt durch die Jesuitenmissionen in alle fünf Welttheile. Die Schriften des ?. Hattler sind ungemein erbaulicher Natur, seine Schreibweise ist überall von echt Tyroler Innigkeit und Sinnigkeit, namentlich auch verbunden mit einem geweckten Sinne für die Schönheiten der Natur. Mitten in ernste und tiefe Mahnungen Angeflochten, liest man viele Geschichten, viele Gleichnisse, viele meist natürlich und ungezwungen sich ergebende Beziehungen auf das Menschenleben in Haus und Hof, in Feld und Wald, auf Bergen und in Thälern, in Schlössern und Hütten, alles voll geistlicher Deutungen, aber stets klar und verständlich, dabei durch gemüthlichen Humor gewürzt. Der Stil ist meisterhaft zu nennen, so daß man vielfach ein ästhetisches Kunstwerk vor sich hat, das aber doch naiv und einfältig ist im schönsten Sinne des Wortes. Frei nach Schiller. Stolz in die Welt hinaus strampelt auf blitzblankem Zweirad der Jüngling, Still mit verbog'nem Gestell schiebt er sich Abends nach Haus. Consultirt dann sofort den geschicktesten Wundarzt im Umkreis, Der dem gequetschten Gelenk geben soll kühle Compreß. In die mechanische Werkstatt hin schickt er das schwerkranke Stahlroß, Daß es zu neuer Gefahr trage den muthigen Mann. Besser, o Mensch, hättest du wohl benützt einer Droschke Be- quemheit, Sicherer bringt sie zurück dich als das tückische Rad. Auflösung der Altrömischen Inschrift in Nr. 31: (Korallenarmband Odoru8 — Chor, omnidn8 — allen, pauper — arm, volmusn — Band). --EZÄ- AL3S. ZreiiLkS, den 21. April 189b. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag VeS Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesttzer vr. Max Huttler). Zudas Makkaöäus« Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) 21. Kapitel. DeS Mädchens Prüfung. Vor dieser glänzenden Versammlung — vor diesem schrecklichen König stand, umgeben von den Wachen, ein zitterndes Mädchen, welches ihren leinenen Schleier immer dichter und dichter um ihre leichte Gestalt und ihr gebeugtes Haupt hüllte. „Reißt ihr den Schleier ab," sagte der König. Der Befehl wurde augenblicklich ausgeführt. Und wie aus der Finsterniß plötzlich an's Tageslicht gebracht, so brach die Schrecken erregende Pracht um sie her über Sarah herein. Ihre außerordentliche Schönheit, welche zum Vorschein kam, als ihr Antlitz bei dem Anblick so vieler auf sie gerichteter Blicke dunkelroth, plötzlich aber wieder vor Furcht leichenblaß wurde, verursachte ein unwillkürliches Gewürme! der Bewunderung. „Keine herkulische Aufgabe, diese Weidenruthe zu biegen," bemerkte Antiochus, dessen hartes Antlitz sich selbst zu einem Grinsen verzog. „Bringt sie nähert" Die Wachen gehorchten. „Da ist der Altar des Jupiter Olympius — derjenige der Venus würde für eine so schöne Anbeterin passender gewesen sein," sagte Antiochus mit einem Schwur, „aber es ist gleich, welche Gottheit die Huldigung empfängt, wenn sie nur richtig dargebracht wird. Mädchen, wirf einige Körner jenes Weihrauches in die Flammen, beuge Deine Kniee und bete an, und ich verspreche Dir," fügte der König mit Lachen hinzu, «einen stattlichen Gemahl, Perlen und Goldschmuck, kurz alles, was ein junges Mädchen sich nur wünschen kann." Sarah bewegte sich nicht, sie schien die Worte des Königs nicht einmal gehört zu haben, und ihre Lippen bewegten sich in ängstlichem Gebet. Antiochus wiederholte ernsthaft seinen Befehl, Weihrauch zu opfern. Sarah fuhr in stillem Gebet fort: „O, mein Gott, hilf mir, laß mich nicht über meine Kraft versucht werden!" Während ihr zu Tode geängstigtes Herz betete, schüttelte sie als einzige Antwort leise gebeugt das Haupt. „Was, noch immer still?" rief Antiochus ungeduldig. „Weißt Du nicht, kleine Stumme, daß meine Arbeiter hier Wunder wirken können?" dabei beutete er auf einige schwarze afrikanische Sklaven, welche das Scharfrichteramt verrichteten. „Jene dort sind geschickt genug, auch den geschlossensten Lippen gellende Töne zu entlocken!" Voll Schrecken erhob Sarah ihre dunklen Augen und blickte wild umher, indem sie vergeblich hoffte, jemand zu erspähen, von dem sie hätte Schutz oder Mitleid erwarten können, vielleicht von Lycidas selbst. Aber da gab es kein einziges Antlitz unter der dichtgedrängten Schaar der Höflinge, welches etwas anderes als kalte Gleichgiltigkeit, wenn nicht gar grausames Vergnügen an ihren Leiden oder ihrer Erniedrigung gezeigt hätte, außer vielleicht dem des Pollux selbst. Sarah's Auge haftete für einen Augenblick mit einem flehenden Blick auf seinem Gesicht, der auch ein härteres Herz als das seine hätte rühren können. „Ich ertrage kein längeres Zögern!" rief Antiochus, „wenn Dir Dein Leben lieb ist, so opfere augenblicklich meinem Gott!" „Ich kann nicht, — ich darf nicht!" rief das junge Mädchen; wenn auch der Ton ihrer Worte nur leise war, so waren dieselben bei der tiefen Stille, die in dem Marmorsäule herrschte, deutlich zu hören. Die Antwort überraschte Antiochus und seine Höflinge. „Ha, da ist schließlich doch einiger Widerstand in der Weidenruthe!" rief der König, halb belustigt, halb ärgerlich. „Ich wette, zähe Aeste wachsen auf dem Baume, welchem jener schlanke Zweig entsprossen ist. Nenne mir, schöne Widerspenstige, Deinen Namen, Ver- Wandschaft und Geburtsort," fuhr er fort. Sarah war fest entschlossen, keinen Freund zu verrathen, vor allem aber wollte sie nicht den Sturm der Verfolgung auf das Hans der Hadassah einbrechen lassen. Mitten in allem diesem Elend, das das Mädchen zu erdulden hatte, vergaß sie keinen Augenblick diesen Entschluß. „Mein Name ist' Sarah, ich bin in Bethsura geboren, mein Vater wurde Abner genannt," stammelte die junge Gefangene hervor. Pollux fuhr unwillkürlich zusammen und keucht,, als ob jedes Wort wie eine glühende Kohle auf seine bloße Brust gefallen wäre. Es war ein Glück für ihn, daß in diesem Augenblick aller Augen, selbst die des Lysimachus, auf Sarah gerichtet waren. „Lebt Dein Vater noch?" fragte der König, welcher tu dem gewöhnlichen Namen Abner den beinahe vergessenen früheren eines seiner Günstlinge nicht wiedererkannte. „Ich weiß es nicht," war die Antwort. „War er nicht bei Dir in der aufrührerischen Versammlung?" fragte Antiochus Eplphanes. „Nein, ich kam mit meinem Oheim, welcher erschlagen wurde, er war mein einziger Begleiter dorthin," sagte das zitternde Mädchen, froh, ein wahres Wort sagen zu dürfen, welches niemand in Gefahr brachte. Es folgte eine kurze Pause, welche für Sarah unaussprechlich schrecklich war. Dann sagte Antiochus, der die Todesangst Salomes. und ihrer Söhne gesehen hatte, mit der strengen Stimme des Befehls: „Ich bin nicht gewohnt, dreimal zu bitten, und wehe denen, die meinem Befehl nicht gehorchen: Wirf Weihrauch auf jenes Feuer, oder die Folgen kommen über Dein Haupt. Schon Andere haben erfahren, was es heißt, meinem Mißmuth zu trotzen oder meinem Befehl nicht zu gehorchen!" Betäubt und erschreckt, kaum der Wichtigkeit dieser Handlung sich bewußt, duldete Sarah, daß man einige Körner Weihrauchs in ihre Hand legte; dann aber warf sie, nachdem sie ihre Selbstbeherrschung wieder gewonnen, die Körner mit einem Blick des Abscheus und Schreckens weit hinter sich. „Ha, ist das so?" donnerte Antiochus, „wenn der Weihrauch nicht in's Feuer geht, dann soll die Hand, die ihn hielt, hinein! Scharfrichter, thut Eure Schuldigkeit!" Vier der wilden, schwarzen Sklaven näherten sich dem Mädchen. Sie schlug die Hände zusammen und rief: „Vater, rette mich!" Es war kein Sterblicher, an den sie jenen flehenden Hilferuf richtete. Aber der Ruf wurde von einem Sterblichen beantwortet. Pollux sprang, wie von einem unwiderstehlichen Drang getrieben, vorwärts, gebot den Scharfrichtern durch eine Handbewegung Stillstand und beugte das Knie vor Antiochus. „Der mächtige König," begann er mit einer großen Anstrengung, ruhig und gleichmüthig zu erscheinen, „der mächtige König hat von Zauberern gesprochen, welche die Geschicklichkeit besitzen, Stumme zum Sprechen zu bringen. Ich setze die Macht jener schwarzen Magiker nicht in Zweifel, aber die Kunst, Gesang anstatt Geschrei hervorzubringen, achte ich höher, und ist es gleichfalls höher zu schätzen, den starken Willen durch Ueber- redungskunst als durch Marter zu beugen. O, erhabener Beherrscher der Welt, lasse mich nur einmal vierundzwanzig Stunden meine Zaubersprüche an dieser jungen Widerspenstigen versuchen, und ich will mit meinem Kopf dafür haften, daß sie, bevor vierundzwanzig Stunden vergangen sind, gern und willig jedem Gott des Olymp opfert, Schweinefleisch ißt, wie. eine Bacchantin tanzt, oder Wein trinkt, wie vor alters Belsazar aus den Gefäßen des Tempels. Versuche meine Macht, o König, und von dem Verfehlen oder Gelingen meines Vorhabens hänge mein und des Mädchens Schicksal ab." Antiochus zögerte und betrachtete mit argwöhnischen Blicken den vor ihm knieenden Höfling. Sarah beobachtete mit athemloser Angst des Königs Züge, eine Frist von vierundzwanzig Stunden erschien der armen Gefangenen schon als eine Gabe von unschätzbarem Werth. Sie hörte, wie der Tyrann dem Pollux antwortete: „Eine vierundzwanzigstündige Frist hast Du erbeten, und ich gewähre sie. ES ist doch ein größerer Triumph, einen Ketzer zu bekehren, als ein Opfer hinzumorden. Ich selbst feierte einst," fuhr der Tyrann mit bitterem Nachdruck fort, „wie Du wohl weißt, Pollux, einen solchen Triumph. Nimm jene widerspenstige Jüdin und versuche an ihr Deine Zaubersprüche, welcher Art sie auch sein mögen, aber höre meine endgiltige Entscheidung. Wenn Dir bis morgen," sagte der König, welcher zu diesem feierlichen Eide seine Hand erhoben hatte, „Dein Vorhaben nicht gelungen ist, und das Mädchen in ihrer Widerspenstigkeit verharrt, so wird der Augenblick, da sie das Opfer verweigert. Dein letzter auf Erden sein; sie soll zum Schmelzofen gehen und ihr Beschützer zum Blockt" Darauf verließ Antiochus die Versammlung. 22. Kapitel. Eine kleine Frist. Die Gefangene war nicht in das Gefängniß, welches sie in der vergangenen Nacht innegehabt hatte, zurückgebracht worden, sondern in ein Zimmer deS Palastes, welches zu der Reihe von Gemächern gehörte, welche Pollux bewohnte. Sarah befand sich in einem so prachtvoll ausgestatteten Raum, daß sie, abgesehen davon, daß die Thür verschlossen war, um ihr Entkommen zu verhindern, und auch eine Flucht durch die vergitterten Fenster unmöglich geschehen konnte, gar nicht zum Bewußtsein kam, noch eine Gefangene zu sein. Der Fußboden des Gemaches war mit kostbarem Marmor ausgelegt, an den Wänden sah man Malereien, Scenen aus der Mythologie darstellend. Schwellende Divane luden zur Ruhe ein. Vasen mit herrlichen Blumen, gefüllt mit Nosenwasser, daneben andere mit einer Menge der schönsten Früchte und Leckereien standen umher. Das junge hebräische Mädchen, welches an die Einfachheit von Hadassah's bescheidener Wohnung gewöhnt war, blickte verwundert umher. Als die Wachen sie verlassen hatten, drängte eS sie zunächst, vor ihrem himmlischen Beschützer niederzuknieen und ihm für die so gnädig gewährte Frist innig zu danken. Sarah war jung und die Hoffnung stark in ihr. WaS konnte nicht innerhalb vierundzwanzig Stunden geschehen, um die Freiheit zu ermöglichen? Sie wusch sich Gesicht, Hände und Arme in duftenden Wasser, flocht ihr langes Haar und fühlte sich dadurch sehr erfrischt. Dann genoß sie mit einem gewissen Wohlbehagen von den Früchten, die vor ihr standen. Die Natur dieses zarten Wesens war sehr erschöpft und hatte nicht allein von der entsetzlichen Aufregung, die sie durchgemacht, sondern auch von Schlaflosigkeit und Hunger sehr gelitten. Grobes Brod, das man ihr in'S Gefängniß gebracht, war unberührt geblieben, nicht allein, weil die arme Gefangene keinen Appetit zum Essen gehabt hatte, sondern auch, weil es gesäuertes Brod war, welches zu jener Zeit den Juden gesetzlich verboten war. Sarah enthielt sich sorgfältig jeder Berührung mit Speisen, die Mose für unrein erklärt hatte und nahm nur von den Früchten, welche rein waren, da Gott sie selbst gemacht hatte, und welche sie auch am meisten erfrischten und ihre brennenden Lippen kühlten. «Wie gut ist mein Herr, mir selbst den Tisch in soo dieser Wüste der Versuchung zu decken!" rief Sarah, und sie fühlte, was die Kinder Israels in der Wüste gefühlt haben mußten, als das Htmmelsbrod dalag. Der Geist des Mädchens war beruhigt und heiter, sowie ihr Körper neu belebt. Sie ließ sich auf einem der Divane nieder und war nun im Stande, ruhiger über die Ereignisse des TageS nachzudenken. „Wie dankbar bin ich, daß ich bet aller meiner Feigheit und Schwachheit bewahrt geblieben bin, etwas so Abscheuliches zu thun," dachte Sarah. „Ich brauche nicht meine Freunde zu verrathen und «einen Gott zu verleugnen, und doch hätte mein Glaube mich beinahe verlassen. Ich konnte kaum die Furcht ertragen, wie hätte ich die Folter aushalten sollen? Aber sollte er, der mich schon einmal unterstützt hat, mir nicht auch durch das Andere durchhrlfen, wenn ich für meinen Glauben vor jenem schrecklichen König sterben muß? Ich will mich nicht durch fortwährendes Denken daran ermüden, ich will alles meinem Gott anheimstellen. ES ist so süß in seiner Liebe wie ein Kind in seiner Mutter Schooß zu ruhen." Sarah lag eine ganze Weile still, um ihre überreizten Nerven neue Spannkraft gewinnen z« lassen. Es war ein so großer Trost, ganz allein zu sein und nicht durch das leiseste Geräusch gestört zu werden, außer dem Girren der Tauben in einem Garten, der den Palast von dem Berge Zton trennte. Die junge Gefangene stand auf, ging zu dem Gitter und sah hindurch. Angenehm für ihr Auge war das reiche Blattwerk des Wachholders, der Akazie, der Terebtnthe, Palme, Orange, Mandel und Citrone, welche von marmorbe- grenzten Weihern bewässert wurden, um die Mrkung der schwülen und trockenen Jahreszeit zu verhindern. Hier und dort warfen Springbrunnen ihre glänzenden Wasserstrahlen, Diamanten gleich, in die Sonne. Aber die Augen des Mädchens von Juda wanderten über dies Paradies, welches zu« Vergnügen eines Tyrannen geschaffen war, hinaus und ruhten auf dem heiligen Berge und dem Tempel, der aus dessen Gipfel stand. Als Sarah auf den heiligen Thurm vor sich blickte, kamen in die Seele von Hadassah'S Enkelin Worte der heiligen Schrift, welche sie mit einer Freude erfüllten, die, genährt von dem Thau himmlischer Hoffnung, aber ihren Ursprung in irdischer Liebe hatten. Leise und nachdrücklich wiederholte sich Sarah die Worte: „Und der Fremden Kinder, die sich zum Herrn gethan haben, daß sie ihm dienen und seinen Namen lieben, auf daß sie seine Knechte feien, ein Jeglicher, der den Sabbath hält, daß er ihn nicht entweihe und meinen Bund festhält. Dieselben will ich zu meinem heiligen Berge bringen und will sie erfreuen in meinem Bethause; denn mein HauS soll ein BethanS heißen allen Völkern." „O gesegnete Verheißung!" rief Sarah, „JSrael ist wie Joseph unter vielen Brüdern auserwählt, den bunten Nock, welchen er von seinem Vater geschenkt erhalten hat, zu tragen und durch Gefangenschaft und viel Trübsal zu Würden und Ehren zu kommen. Aber seine Brüder sind nicht vergessen, er soll noch ein Segen werden für sie alle, die ihn gehaßt und verkauft haben. Durch Israel soll Licht über die finstere Welt verbreitet werden, und mit dem Brod des Lebens sollen die hungrigen Völker gespeist werden." Sarah wurde in ihrem Nachsinnen durch den Eintritt «»bischer Sklavinnen unterbrochen, welche still die Vasen wieder stillten, die Silberlampen anzündeten, da' der Tag sich neigte, reiche Kleider auf den Divan legten und sich dann wieder entfernten. Ihr Kommen hatte einige Unruhe in dem Herzen der schüchternen Gefangenen verursacht, und es war ihr eine Erleichterung, als sie wieder jener Einsamkeit, die man kaum als solche bezeichnen konnte, da sie an ihren süßen Gedanken so angenehme Gefährten hatte, überlassen war. Sarah ging zu dem Divan und betrachtete voll Bewunderung die seidenen Gewänder und reichgestickte» Schleier. „Diese Kleider soll ich anlegen," sagte das Mädchen, „aber ich will sie nicht anrühren. Die Heiden wollen mich verlocken, wie die Schlange die Eva, unsere Mutter, durch Augen- und Fleischeslust. Gestickte Kleider sind nicht für Gefangene, ebenso wenig silberne Gürtel für Märtyrer. Dieses einfache blaue Gewand, welches von meinen eigenen Händen gesponnen und gewebt ist, ist gut genug, um darin zu sterben." Sarah betrachtete darauf die Sonne, wie sie am westlichen Horizont niedersank und mit ihren Strahlen die Zinnen des Tempels vergoldete. „Vielleicht wird dies mein letzter Abend auf Erden sein," dachte die Gefaugene. „Ehe die Sonne zum zweiten Mal untergeht, bin ich vielleicht schon zur ewigen Ruhe eingegangen." Ein tiefer, heiliger Friede kam in des Mädchens Herz, obgleich der Ausdruck ihrer schönen Züge bet dem Blick in die Zukunft gedankenvoll war. Sarah kniete nieder und verrichtete inbrünstig ei» Gebet zu Gott. Zuerst bat sie für Habassah, daß der Herr die > Verlassene trösten und die Wünsche ihres Herzens ge- i währen möchte. Thränen mischten sich mit dem Gebet, als Sarah an die Verlassenheit, in welcher sie die alte Wittwe zurückgelassen hatte, dachte. „Lass' sie nicht um mtch weinen," murmelte daS Mädchen, „und lass' es ihr nie fehlen an einem Wesen, das sie in Krankheit pflegt und besser für sie sorgt, als ich dies jemals gethan habe!" Das junge Mädchen betete dann für ihr Vaterland und für die, die für seine Freiheit kämpften, besonders für Judas, daß Gott ihn segnen und behüten und sein Haupt am Tage der Schlacht schützen möge. Sarah vergaß auch nicht ihren unbekannten Vater. Sie bat für ihn inbrünstiger, als sie vorher gethan hatte, und durch eine Gedankenverbindung kam ihr die Erinnerung an jenen edelmüthigen Höfling, dessen Dazwischentreten sie ihren jetzigen Zufluchtsort vor Marter und Gefahr verdankte. Die junge Gefangene flehte Gott inbrünstig an, den Syrer nicht für seine Güte gegen eine Fremde leiden zu lassen, sondern ihm seine gute That tausendfach zu vergelten. Sarah erhob sich noch nicht von ihren Knieen, sondern ihr Gebet wurde inniger, als sie für einen Andern, den Theuersten von allen, betete. ES war für sie, die Sterbende, nicht sündhaft, zu lieben, dachte sie. Ihr Tod konnte das Mittel werden, das Gott gebrauchte, um LycidaS vom Heidenthum abzuwenden. Es würde ihr erlaubt werden» ihrem Geliebten von jenseits des Grabes zuzuwinken. Sarah erhob sich fast selig von ihre» Gebet. ES schien ihr, als sei die Bitterkeit des TodeS schon überwunden. Sie nahm wieder mit dankbarem Herzen etwas Nahrung zu sich und legte sich dann nieder, um zu ruhen. Die 256 Gefangene hatte während der vergangenen schrecklichen Nacht keinen Schlaf gehabt, und nun waren ihre Augen» lider schwer. Im sanften Schlummer kamen Sarah die Worte deS Psalmisten über die Lippen: „Ich liege und schlafe ganz im Frieden, denn Du, Herr, hältst mich an Deiner rechten Hand." 23. Kapitel. Endlich gefunden. So tief war der Schlummer des ermatteten Mädchens, daß sie nicht hörte, wie die Thür leise geöffnet wurde, noch, wie sich jemand auf marmornem Fußboden leise dem Divan näherte. „Lieblich, sehr lieblich — schöner noch als ihre Mutter!" murmelte Pollux, als er an dem Ruhebette Sarah's stand, auf deren schlummernde Gestalt daS Licht der Silberlampe fiel. „Eben so schön und rein lag meine Noemi da, als der Engel des Todes ihre Seele wegholte und mich eines Gutes beraubte, dessen ich unwürdig war!" Was für bittere Erinnerungen früherer Jahre mochten bei diesen Worten durch die Seele des Abtrünnigen gehen! Glückliche Tage mochten es gewesen sein, als noch kein Makel an feiner Stirn haftete! Gesegnete Tage, die niemals, niemals wiederkehren konnten. „Horch, sie spricht im Schlaf, was sagt sie?" Pollux beugte sein Haupt und fing die Worte auf: „Mein armer, armer Vater!" Der tiefe Seufzer des Abtrünnige» weckte die Schlüferin. Sarah fuhr in die Höhe und warf mit unruhiger Gebärde die langen Flechten, welche theilweise über ihre Stirn gefallen waren, zurück. „Fürchte nichts, armes Kind, ich wollte Dich nicht beunruhigen," sagte Pollux in einem so sanften Tone, daß Sarah's Ruhe sogleich zurückkehrte. „O nein, ich fürchte Dich nicht!" rief sie, ihren Beschützer erkennend, „Du warst es — der Gott Jakob's segne Dich dafür — der mich heute rettete." „Und der es wieder thun wird," warf Pollux ein, indem er sich an Sarah's Seite setzte, „aber ohne Dein Zuthun kann ich Dich nicht retten, Du mußt Dich von mir leiten lassen." „Was willst Du, daß ich thun soll?" fragte Sarah. „Dich den Umständen anbequemen," antwortete Pollux, „den König befriedigen, seinem Willen einen äußerlichen Gehorsam zu gewahren. Ich habe mich selbst zum Pfande gesetzt, baß Du es thun würdest. Schließlich ist es ja auch nicht so schlimm," fuhr der Höfling gezwungen lächelnd fort, „die Kniee, wie andere es thun, zu beugen," oder ein paar Körner Weihrauch zu verbrennen. Es ist ja eigentlich nur eine Kleinigkeit!" „Eine Kleinigkeit?" wiederholte Sarah, die Augen in unschuldigem Erstaunen aufreißend. „Ist es für mich eine Kleinigkeit, meine Seele fortzuwerfen und das Herz meiner Großmutter Hadassah zu brechen?" Pollux fuhr bei Erwähnung dieses Namens zusammen, aber schnell sich fassend, bemerkte er: „Keines Weibes Herz wurde jemals auf diese Weise gebrochen. Dein zeitweiser Abfall wird nicht solchen Kummer verursachen, als wenn Du durch deS Henkers Hand füllst." „Du hast Hadassah nie gesehen, Du kennst sie nicht rief Sarah. „Sie hat mir selbst gesagt, daß sie lieber sieben Kinder durch den Tod, als eines durch Abfall von Gott verlieren möchte." Pollux biß seine Unterlippe, bis sie blutete. Als er wieder anfing zu sprechen, klang seine Stimme hart und strenge. „Wenn Du Dich nicht um Deine eigene Gefahr kümmerst, Mädchen, so denke an die «reinige. Mein Kopf hängt an Deiner Unterwerfung." Sarah sah für einen Augenblick bekümmert und verwirrt aus, dann klärte ihr Gesicht sich wieder auf: „Selbst der grausame Antiochus würde niemals einen seiner Edlen, dem es nicht gelungen ist, ein hebräisches Mädchen dahin zu bringen, ihr Gewissen zu verletzen, tödten. Du kannst nicht durch mich in Gefahr kommen." „Und dennoch ist es so. Du magst eS glauben oder nicht," sagte der Höfling. „Aber mich dünkt, wenn man wie Du noch im Morgen des Lebens steht, mit so vielem, was das Leben angenehm macht," — Pollux blickte auf die prachtvolle Ausstattung des Gemaches — „sollte man glauben, daß Musik, Tanz und Feste besser sind, als Tortur; Leben besser, als Tod; Sonnenschein und Liebe besser, als ein namenloses Grab. Der König ist gegen diejenigen, die sich seinem Willen nicht widersetzen, freigebig; feine Hand ist gütig und offen. Höre mich an, schönes Mädchen: Antiochus hat versprochen. Dich, wenn Du seinem Willen nachgiebst, zu verheirathen; eS soll meine Sorge sein, Dir einen Edlen und Vornehmen auszusuchen, einen, der Dich, wenn Du Deine eigene Religion beibehälst, gewähren läßt, und der Dir vollkommene Freiheit läßt in Deinem Hause, wenn Du willst anbeten." Pollux überlegte, welcher von den Edlen am Hofe wohl am ersten auf diese Bedingungen eingehen würde, und dann, laut dsikend, sagte er: „So einer wie Lyci- das, der Athener." Wie erbebte Sarah's Herz bei diesen Namen! Die Versuchung war furchtbar stark. Sie sah das gerettete Leben und Lycidas auf der einen Seite, und auf der anderen den kalten Stahl, das glühende Feuer und jene schwarzen, furchtbaren Diener des Todes. Die Erinnerung machte sie schaudern. Pollux, der nach Art der Höflinge Geschick besaß, die Gedanken der Menschen auf dem Gesicht zu lesen, sah in dem Gesicht seiner Gefangenen Anzeichen von Nachgiebigkeit und benutzte seinen Vortheil. BtS dahin hatte er auf Sarah's Gefühle seine Hoffnung gesetzt, jetzt suchte er ihren Verstand zu verwirren. Mit schlauer Berechnung brachte er Beweismittel vor, mit denen seine Seele nur zu vertraut war. Pollux sprach von der Nothwendigkeit jener schlauen Ausrede des Versuchers, der Gott den Herrn selbst für die Sünden seiner Geschöpfe verantwortlich macht, da er sie in Versuchungen führt, gegen welche Widerstand nicht möglich ist. Als ob die Größe der Versuchung den, welcher derselben unterliegt, hinlänglich entschuldigte. Dann sprach Pollux von dem Unterschiede zwischen wirklichem Leben eines Menschen, dessen Seele von einem hohen Glaubensbekenntniß durchdrungen sei, und der blos äußerlichen Stellung deS Körpers. Der letztere, meinte er, könne ja knieen im fremden Tempel, während der Geist feine Anhänglichkeit dem einen wahren Gatte bewahre. Ja, der Versucher führte, wie der Teufel dies oft thut, sogar die Heilige Schrift an und meinte: „Gott sieht daS 257 Herz an und gibt wenig auf das Beugen der Kniee." Der Höfling suchte das Mädchen in seine falschen Phi» losopbieen zu verwickeln, aber der einfache Glaube und die Liebe eines weiblichen Herzens durchbrach alles. „Verlasse mich — verlasse mich!" rief Sarah leidenschaftlich, als Pollux die erste Pause machte. „ES ist sündhaft und grausam, mich so zu versuchen. Du würdest auch jene Drei in Babylon versucht haben, das goldene Bild anzubeten. Ich kann mit einem, der so gelehrt wie Du ist, nicht rechten und streiten; aber ich weiß, daß in der Schrift steht: „Du sollst anbeten Gott Deinen Herrn und ihm allein dienen," und das ist für mich genug!" „Aber Du wirst die Qualen, die Dich erwarten, niemals ertragen, wenn Du in Deinem hartnäckigen Widerstände so unsinnig beharrst!" rief Pollux. „Ich weiß, daß ich tu mir selbst keine Kraft habe; ich weiß, daß ich ein schwaches, zitterndes, feiges Mädchen bin!" rief Sarah, in Thränen ausbreckend, „aber Gott, «ein Gott machte eine Mauer von Wasser, und er, der die Versuchung sendet, wird auch die Kraft geben, sie zu bestehen!" „Sarah, Du treibst mich zum Aeußerstenl" rief Pollux, durch die Beständigkeit eines so schüchternen, gebrechlichen Wesens beunruhigt. „Wende Dich nicht ab, ich will, daß Du mich anhörst. Ich befehle Dir, dem König zu gehorchen, und ich habe ein Recht, Dir dies zu befehlen, Sarah! — der mit Dir redet, ist Dein Vater!" Hatte nicht eine bestimmte Ahnung dies vorher- gesagt? War da nicht etwas in der Stimme, dem Gesicht des Höflings gewesen, das sie an Hadassah erinnerte und das Herz des Mädchens mächtig zu ihm hinzog? Abner'S Tochter sprang mit einem Schrei auf; ihre Arme hatte sie um seinen Hals geschlungen, während ihr Haupt an seiner Brust ruhte, und indem sie mit ihren Thränen seine Kleider benetzte, schluchzte sie: „Mein Vater! Mein Vater!" und vergaß in diesem Augenblick - alles vor Entzücken, den Verlorenen endlich gefunden zu l haben und einen Vater umarmen zu dürfen. Und Pollux konnte auch eine Weile nichts anderes denken, als daß er seine Tochter in den Armen hielt. Er drückte sie an sein Herz, hielt sie dann von sich, um ihr Gesicht zu betrachten, drückte dann Kuß auf Kuß auf ihre Lippen und nannte sie seinen Liebling, seinen Stolz, sein schönes Kind! Aber als dieser Sturm vorüber war, ließ Pollux Sarah sich an seine Seite setzen, und, indem er ihren Arm um ihre leichte Gestalt schlang, nahm er die Unterhaltung, die durch Offenbarung der nahen Verwandtschaft unterbrochen war, wieder auf. „Du siehst nun, mein Kind, daß Du mit leichtestem Herzen nachgeben kannst. Der Eltern Befehle sind für ein hebräisches Mädchen Gesetz. Wenn irgend eine Sünde ist in dem, was Du thust, so liegt sie auf mir allein." „Und gedenkst Du Sünde auf Dein Haupt zu bringen?" fragte Sarah. „O nein, das würde ein zu böser Vater sein!" „Ich habe eine solche Last mit mir umherzu- fchleppen," sagte Pollux bitter, „daß ich eine so kleine Zugabe kaum fühle. Sarah, es ist Deine Pflicht, nachzugeben, denn «eine Sicherheit hängt davon ab. Wenn Du Dich weigerst, dem Antiochus zu gehorchen, so besiegelst Du daS Schicksal Deines Vaters." Voll tiefer Angst hielt Sarah beide Hände an ihre hämmernden Schläfen. Selbst der Weg der Pflicht erschien vor ihren Augen dunkel und unsicher. Dann kam ihr plötzlich ein Gedanke wie eine Eingebung. „O nein, ich will meinen Vater retten!" rief sie, „retten vor etwas Schlimmerem als dem Tode! Lass' uns zusammen fliehen! Obgleich," fuhr sie fort, — „nein, nicht zusammen, ich würde Dir bei Deiner Flucht beschwerlich fallen, aber fliehe, mein Vater, von diesem bösen Hof, diesem barbarischen König, diesem Leben, das für einen Sohn Hadassah's Elend und Gefangenschaft sein muß. O fliehe, fliehe! sei sicher, sei frei! Sei wieder, wie Du einst gewesen bist! Es ist nicht zu spät, eS ist nicht zu spät! Sarah war bei dieser neuen Hoffnung, ihren Vater aus dieser Höhle der Schande, diesem Abgrund der Ver- dammniß zu ziehen, voll seliger Freude. Pollux starrte vor dieser neuen plötzlichen Eingebung. „Wohin könnte ich fliehen?" fragte der Abtrünnige finster. „Zu Judas MakkabäuS, unserm Helden," sagte Sarah. „Sein Lager ist ein Zufluchtsort für alle Flüchtlinge." „MakkabäuS?" wiederholte Pollux. „Er würde einen Abtrünnigen verschmähen und verabscheuen." „O nein, er würde den Vater Sarah's niemals verschmähen!" rief das Mädchen, indem sie innerlich über die geheime Macht, welche sie über den Anführer der Hebräer ausübte, frohlockte. „Judas würde Dich willkommen heißen, seine Gefährten würden Dich willkommen heißen, wenn Du kommst, um das Vergangene zu sühnen und Dein Schwert dem Vaterlands zu weihen. Gott würde Dich wieder annehmen, und Hadassah," fuhr Sarah fort, indem ihre Begeisterung sich bis zum Entzücken steigerte, „Hadassah, Deine Mutter, würde in ihrer Freude all ihren Kummer vergessen. In ihrer Glückseligkeit, ihren lange verlorenen Sohn bei Makka- bäus zu wissen, würde sie sich auch darüber freuen, daß ihre Sarah bei Gott ist." «Unmöglich, unmöglich!" rief Pollux, indem er von seinem Sitz, wie um fortzugehen, aufstand. Sarah bemerkte in dem Tone seiner Stimme einige Unent- schiedenheit. Sie warf sich zu seinen Füßen, umklammerte seine Kniee und bat mit leidenschaftlicher Inbrunst, denn sie sah, daß Seele und Leben ihres Vaters auf dem Spiele standen. „O, mein Vater, wenn Du Dich doch entschließen könntest, diesen schrecklichen Ort zu verlassen und zu Deinem Volke, Deiner Mutter, Deinem Gott zurückzukehren, dann wollte ich gern sterben. Wir würden uns in einer besseren Welt, alle für immer vereinigt, wiederfinden!" Dem Abtrünnigen war. als hörte er die Stimme seines Schutzengels, als erschiene ihm sein einst geliebtes Weib in menschlicher Gestalt, um ihm zu rathen, ihn zu warnen, zu bitten, ihm zu sagen, daß es noch Gnade für ihn gäbe, wenn er nur umkehre und Neue empfände. Ein schrecklicher Kampf tobte in seinem Innern. Er konnte sich nicht entschließen, einen so kühnen und plötzlichen Sprung zu thun, obwohl er sich des Elends und der Gefahr seiner gegenwärtigen Lage am Hofe wohl 2öS bewußt wär. Der elende Pollux zögerte, wie das von Wölfen getriebene Wild am Rande des Abgrundes zögert, sich hinabzustürzen, obgleich es ihm die einzige i Möglichkeit bietet, dem Nachen seiner Verfolger zu entfliehen. Er würde keinen Augenblick gezögert haben, hätte er gewußt, daß in derselben Zeit, als Sarah in Thränen zu seinen Füßen lag, Antiochus in Gegenwart deS Verleumders LystmachuS das Todesurtheil für Pollux unterzeichnete, dem am nächsten Morgen die Vollstreckung folgen sollte. Seinem Nebenbuhler war es endlich gelungen, seinen Sturz herbeizuführen. Die einzige Thür der Sicherheit, die dem Abtrünnigen noch offen stand, war die, durch welche sein Kind ihn ziehen wollte. Pollux ahnte nicht, wie bald jene Thür verschlossen werden würde. Unfähig, einen schnellen Entschluß zu fassen, auf allen Seiten Schwierigkeiten und Gefahren sehend, gleichviel ob er floh oder blieb, verschwendete er die kostbare Zeit, die ihm noch geblieben war und ließ sie vorübergehen. Endlich verließ er seine Tochter, um in der Einsamkeit seinem erregten Jnuern Ruhe zu verschaffen und einen Entschluß zu fassen. Pollux verließ Sarah, welche noch auf ihren Knieen lag und sich auch, als er sich von ihren Armen losriß, nicht erhob. Als die Tochter ihren Vater selbst nicht mehr bitten konnte, bat sie für ihren Vater. Sie flehte, daß ihm Weisheit und Gnade in diesem Höhepunkt der Gefahr gegeben werden möchte. Kein Schlaf kam in jener Nacht in Sarah'S Augen. (Fortsetzung folgt.) -s-iM*—- Der Ackerbau im heutigen Palästina. Von Dr. Seb. Euringer, Pfarrer. (Fortsetzung.) Zur Bespannung des Pfluges nimmt «an ein Paar Ochsen, selten Kühe; in Judäa oft statt des zweiten Ochsen einen Esel. Diese Thiere paffen leidlich zusammen, da daS Rindvieh klein, der Esel aber ver- hältnitzmäßig groß und stark ist. Im Süden kann «an oft ein Kamel, in Galiläa auch ein Pferd davor sehen. (W?V 1886, S. 28). Anderlind nennt die Fellachen geschickte Pflüger und erwähnt 1'/, Kilometer lange Furchen bei Höms, welche fchnurgerade gezogen waren. Gedüngt werden die Felder selten. Der Mist wird getrocknet und mit Strohhäcksel vermengt, in dem Holzarmen Lande als Feuerungsmittel verwendet. Die Fellachen behaupten übrigens, bet dem heißen Klima verbrenne der Dünger die Pflanzen. Die deutschen Kolonisten in Haifa und Sarona düngen jedoch ihre Felder reichlich (z. 6. in Sarona das Hektar alle zwei Jahre mit 30—40 zweispännigen Pferdefuhren) und haben es bis jetzt noch nicht bereut. Der Samen wird 8—10 om. tief unter die Erde gebracht durch Einpflügen, um die Saat vor den Ameisen und vor dem Eintrocknen zu schützen; wir haben also Nachpflügen anstatt EggenS. Da die Fellachen, namentlich in Süd- und Mittel- palästina, das Unkraut wie die Steine einfach-umgehen, so verwildert die Saat ungemein, und daS Getreide würde durch daS Unkraut fast erstickt werden, wenn man nicht mehrmals jäten würde. DaS gejätete Unkraut bleibt einfach an Ort und Stelle liegen. Die Erntezeit ist verschieden; in den tiefer- liegenden Gegenden fällt die Weizenernte in den Mai, in den höherliegenden in die erste Hälfte des Juni, die Gerstenernte füllt oft schon in den April. (Bädeker 1,111.) Die Halme werden nicht mit der Sense, sondern mit der Sichel geschnitten, und zwar so, daß etwa kniehohe Stoppeln stehen bleiben. Der Schnitter kann also fast in aufrechter Stellung arbeiten. Die Sichel (manä- svdal) ist aus Stahl und hat eine gezähnte Schneide und am oberen Ende einen kleinen Haken, mit welchem die Halme zusammengerafft werden. DaS geschnittene Getreide wird entweder von Menschen oder auf Kamelen, Maulthieren, Eseln, selten auf Wagen nach der Dreschtenne geschafft. Zum Transport des Getreides bedient man sich eines aus Bast geflochtenen Netzes mit Holzhaken, daS sodduiL genannt wird. Dörfer und Städte besitzen einen oder mehrere öffentliche Dreschplätze, auf welchen jeder sich seinen Platz aussucht. Im Gebirge benutzt man eine große Felsenplatte, in der Ebene eine steinfreie, glatte Fläche mit festem Boden; künstliche Tennen gibt es nicht. Eine Bedachung ist unnöthig, da es um diese Zeit nicht mehr regnet. Das Stroh bildet während des Sommers und Herbstes wegen Mangels an Grnnfutter ein wichtiges Futtermittel für das Vieh; aber im Klima von Palästina verholzt und verhärtet es sich bald. Daher wenden die Fellachen ein Dreschverfahren an, bet welchem daS Stroh die geeignete Weichheit erlangt. Es gibt bei den Kolonisten und den Eingeborenen sechserlei Dreschweisen. Die eingeborenen Bauern verwenden jedoch nur folgende zwei: 1) Das Dreschen mittelst bloßen Thiertriebs, das Triften. Die Thiere, gewöhnlich Ochsen, werden über daS kniehoch aufgeschüttete Getreide getrieben. Es ist diese Art so ziemlich außer Gebrauch gekommen, da sie viel Zeit beansprucht. Ich habe eS nur ein paar Mal beobachtet. 2) DaS Dreschen mittelst Dreschschlitten. Dieser ist ein bloßes Brett, 5 Fuß lang, 3 Fuß breit, vorne aufgebogen, die Unterseite ist mit eisernen Nägeln oder scharfen Basalt- oder Feuersteinen, welche ,1'/z cm. über die Erdfläche des Brettes hervorragen, besetzt. Darauf steht ein Mann, der das angespannte Thier mit einem langen Stecken zu raschem Laufe antreibt und in Schlangenlinien über die dicht liegende Ernte hinfährt. Er steht frei auf dem schwanken Breitlein, wie ein Kunstreiter balancirend, und kommt nicht so leicht aus dem Gleichgewicht. Das Dreschbrett (naurLäsott) wird so oft über daS Getreide geführt, bis das Stroh ganz klein und zu Häckerling zerschnitten ist. Diesen zwei Dreschverfahren hängt der Uebelstand an, daß die Thiere, welchen auch heutzutage noch „daS Maul nicht verkörbt wird", durchschnittlich täglich 30 Liter Weizenkörner pro Ochse fressen. Ist das Dreschen (äarao) beendet, so tritt die Wurfschaufel oder besser gesagt die Wurfgabel in ihr Recht. Das Worfeln geschieht zuerst mittelst einer zwei-, später, wenn nur mehr Spreu und Körner da sind, mit einer fünfzinkigen Eichengabel, indem man Spreu und Körner auf offener Tenne gegen den Wind in die Höhe wirft; dabei treibt der Wind die Spreu seitwärts. Ist daS Worfeln mit der seda üb- und der wiära-Gabel zu Ende, so werde» die Körner noch durch Sieben gereinigt. ES gibt zweierlei Siebe, welche aiis Riemen ber- gestellt werden, das IrirkLI mit größere» 1'/, em. Maschen« wette und das rirdLl mit kleineren Augen, welch letzteres nur die Wohlhabenderen benützen. Diese Riemensiebe bestehen nach Wetzstein aus einem Geflecht von schmalen Streifen, die aus der Haut eines geschlachteten oder gefallenen Kamels geschnitten und noch ungegerbt mit dem hölzernen Nandreifen und unter sich verknüpft werden. Beim Trocknen nehmen sie die Natur der Darmfellen an und ziehen sich zusammen, wobei sich die Maschen des Netzes unlöslich verbinden, so daß die Weite der Augen unverändert dieselbe bleibt. Als Kuriosum sei erwähnt, daß diese Siebe meist von einem Wandervölkchen gefertigt werden, welches Wandervölkchen einen nordindischen Dialekt spricht, den mau seiner Weichheit wegen UsLn sl Sperlingssprache, nennt. Man rechnet dieses Völkchen wohl mit Recht zu den uunrvar, zu den Zigeunern. (2I)kV 1891, S. 1.) Das ^iriM mit den weiten Augen dient zum erstmaligen Durchsieben deS geworfelten Getreides, um größere Steiuchen, Erdklümpchen, unvollkommen zerriebene Aehreu, längeres Stroh u. s. w. auszuscheiden, was beim Worfeln mit der Worfgabel zu schwer war, als daß eS vom Winde bis zum Häckselhaufen getragen werden konnte, und daher auf den Körnerhaufen niedergefallen war. Dies alles bleibt beim Sieben in dem IrirdLI und wird auf die zum Dreschen ausgebreitete Halmschicht zurückgeworfen, um noch einmal unter den Dreschschlitten zu kommen. Die durch das Lirdäl-Sieb auf den Boden gefallenen Körner werden nun durch das enge Sieb, rirIM, gereinigt. Dieses Sieb ist so enge, daß es nur Staub, Erde, Spreu, flache oder beim Dreschen zerrissene Körner, aber keine guten, normalen durchläßt; diese bleiben in ihm zurück. Somit hätten wir den Fellachen von der Aussaat bis zur Tenne und zum Kornhaus begleitet und sind bei der Mühle angelangt. Einige Angaben über das Eruteerträgniß in Palästina dürften nicht uninteressant sein. Dr. Auderlind hat sich die Mühe genommen, durch Befragen mehrerer Sachverständiger nachfolgendes statistisches Material zu sammeln; er hat dasselbe in W1?V 1886, S. 48 u. ff. veröffentlicht. In den Gebirgsgegenden Zudäas, wo eS nur eine dünne, oft blos schuhhohe Ackerkrume gibt und wo der Boden daher bald austrocknet, rechnet man alle 4 Jahre eine volle und drei geringe respective schlechte Ernten. Judäa ergibt im Durchschnitt mehrerer Jahre an den Bergen, wo die Ackerkrume oft nur schuhtief liegt und nicht gedüngt wird: Weizen das 2fache") » Gerste „ Zfache lKorn. Speise- u. Kamellinse das 2Zfache s In den Thälern von Hebron, wo man düngt und wo die eingeborenen Fellachen den Ackerbau rationeller treiben als ihre übrigen arabischen Collegen: Weizen das 4fache » Gerste „ Sfache > Korn. Speise-».Kamellinsedas4- u. Sfache' Die deutschen Kolonisten zu Sarona bei Jafa ernteten 1883 auf ihren nahe dem Meer gelegenen, aus mehr oder weniger humusreichem Dünensand bestehenden Fel- ") Hier sei erinnert, daß in Deutschland die Winterfrucht Weizen höchstens das 11—12fache, Gerste auf vorzüglichem Boden das 26—ZOfache Korn ergibt. (Schegg S. 136.) dem bei guter Düngung (pro Hektar alle 2 Jahre 30 bis 40 zweispännige Fuhren Stallmist) und bet nur ziemlich guter Ernte auf dem Hektar: Weizen 20 Centner (1 Ctr. — 60 Kgm.) Körners 45 „ Stroh. Gerste 24 „ Körner. 46 „ Stroh. Kartoffeln 180 Centner. Es ertragt Weizen höchstens das 30fache „ wenigstens das 4—6fache » durchschnittl. das 8fache Gerste höchstens das SOfache „ durchschnittl. das löfache In der deutschen Kolonie in Haifa Karmel auf Kreidekalkboden trägt Weizen durchschnittlich das 7fache Gerste „ „ lOfache Auf der großen Ebene ESdrelon, wo wirds: Weizen höchstens lOfaches „ mindestens Ifaches „ durchschnittlich 7—8 faches Gerste höchstens lOfaches „ mindest. Ifaches (d. Aussaat) ^ Korn. „ durchschn. kaum das 6fache f Nach einer Mittheilung der Zeitung „Warte deS Tempels" Jahrgang 1884, Nr. 12 sollen im Hauran, wo der aus Lavaverwitterung entstandene Boden seit Menschengedeuken nicht gedüngt wurde, die Weizenfelder 60-, 80-, ja lOOfältige Frucht tragen. Hier möge eine Correspondenz aus Sarona, welche die „Warte des Tempels" Jahrg. 1830, Nr. 33 enthält, mitgetheilt werden, da sie die Kolonialverhältniffe des oft genannten Sarona kurz zusammenfaßt: „Die deutsche Kolonie in Sarona bebaute 1880 800 Württembergische Morgen (L ca. '/z Hektar), davon sind ungefähr 200 Morgen Weinberge und Gartenland. Ein Morgen liefert durchschnittlich 6—12 Centner guten Weizen oder 10 Centner Gerste. Die Hälfte deS Ackerlandes wird mit diesen Getreidearten, die andere mit Sesam, Welschkorn, Mais (Durrah), Kartoffeln und Melonen bebaut. Die Kartoffeln wurden am 16. März bestellt und waren am 16. Mai reif; 1 Morgen lieferte ca. 24 Centner. Ein Notl — 6 Pfund konnte ä 45 Pf. verkauft werden. Bei 40 Morgen Landbesitz hat eine Familie ihr gutes Auskommen. Ein Morgen gutes Land gilt 10—12 Napoleon (—200—240 Franken), geringeres 3—6 Napoleon (60—120 Franken)." Dieser Correspondenz, welche Socin in Wl?V 1881, S. 133—34 mittheilt, fügt der Referent bei: „Während die deutsche Kolonie bei Jafa und eine in der Nähe am ^Audscheflusse gegründete jüdische Niederlassung relativ blühen, kommen von der deutschen Colonie bei Haifa Berichte über schwere Geldverlegenheiten." (Fortsetzung folgt.) -'^ss-v-rs-- Goldkörner. Gegner glauben uns zu widerlegen, wenn sie ihre Meinung wiederholen und auf die uusrige nicht achten. Goethe. Das Gewissen hat immer recht, denn es spricht nur. wenn eS recht hat. Naupach. ^Korn. ^ Korn. am Fuße des ^ Korn. nicht gedüngt ) Korn. Atlevtei. Einige kleine Geschichten aus dem Leben König Ludwigs I. von Bayern finden wir in dem kürzlich veröffentlichten Buche „Charakterzüge und Anekdoten aus dem Leben der bayerischen Könige Max Josef I., Ludwig I. und Max II. (von Dr. Hans Reidelbach, München, Verlag von M. Kellerei). — „Wie geht es?" fragte König Ludwig, als er bei einem Besuche, den er bei seinem Sohne, dem König Otto von Griechenland, machte, in Athen einem traurig dreinsehenden dicken Feldwebel begegnete, der mit den bayerischen Truppen nach Griechenland gekommen war. „Schlecht, Euer Majestät", erwiderte mit grämlicher Miene der Feldwebel. „O, wenn i doch nur a oanzig's Mal wieder in Münch'n wär'. Dort ist doch a ganz anders Leben, als in diesem verfluchten Griechenland! da. Schauen'S, Majestät, hier bringt mi der Durscht noch ums Lcb'n. Koan Tropfen Bier, höchstens a süßer Wein, auf den man sich speien möcht', und der oan Durscht macht, daß man erlechzen kunnt. Wie ganz änderst ist do das Leben in Münch'n. Schauen'S, Majestät, do hat ma' dös ganze Jahr durch a guats und a billtg's Bier zum Durschtlösch'n. Im Frühjahr, um Joscphi rum, da giebt's döS Salvaterbier, alle Tag a paar Maßl, döS dringt tnS Blut und giebt a Kraft. Nachher im Mai, da kommt glei' daS Bockbier, da braucht man die Bockkur, alle Tag vier Seidel, aber nur in der Früh', ja net auf die Nacht, denn da thut's a das gewöhnliche Bier. Und zu dem Bier an Brunnkreßsalat, daS ist was G'sund's für die Brust. Natürli den Salat net alloani, sonst wär' er zu stark, a Stück Nierenbratl und a paar delikate Würscht müssen allemal dabei sein. Und nachher kommt die Nadizeit. I sag' Euer Majestät, nichts Besseres für den Magen giebt's gar net, als an guten Nadi und a paar Maßl Bier dazu im nüchternen Magen, das vertreibt die Verschleimung. Na, und daS übrige Jahr hindurch da geht man halt fleißi ins Hofbräuhaus, dös ist die beste Apothek' der Welt, da bleibt ma g'sund und fröhlt. O, Herr König, thun S' ma den oanzigen G'fallen und sorgen S', deß i sobald wie möglich aus dem vermaledeiten Griechenland! hinaus nach Münch'n komm', hier geh i an Durscht z' Grund." Der König sagte seine Verwendung zu, und bald darauf wurde des Feldwebels Herzenswunsch erfüllt und er wieder in die Heimath nach München befördert. — König Ludwig, der viel im Lande umherreiste und sich auch in München viel auf den Straßen bewegte, glaubte, wie Reidelbach schreibt, daß ihn fast alle Leute kennen sollten; doch das war nicht immer der Fall. Einmal ging er in gewohntem einfachem Anzüge an der Türkenkaserne vorüber, und als der Posten weder salutirte, noch die Wache herausrief, redete ihn der König etwas ungehalten an: „Warum rufst Du denn nicht heraus?" — „Vor wem denn?" fragte der Soldat, sich nach allen Seiten umsehend. „Ich glaube gar, Du kennst nicht einmal Deinen Brodherrn I" fuhr der König fort. „So, so", sagte der Posten, „Sie sind der Bäcker vom Türkengraben, der uns immer so schlechtes Brod schickt? Vor dem sollt' ich rausrufen? Das könnt' mir einfallen." Der König lachte herzlich und ging seines Weges vergnügt weiter. -Sk- Das Verschieben ganzer Wohnhäuser ist in den Vereinigten Staaten nichts Seltenes mehr. Die größte Kraftleistung dieser Art soll demnächst in Chicago zur Ausführung kommen, indem man die Jmanuel- 260 — Baptistenkirche um ca. 15 m weiter zu schieben und um fast 2 m zu heben beabsichtigt. Diese Kirche ist ein massiver Steinbau von unregelmäßiger Gestalt mit mächtigen Pfeilern, einem 70 in hohen Thurm von 56 Hw, Grundfläche und einer Frontlänge von 30'/z m. Die Verlegung der Kirche geschieht auf Kosten des Besitzers des daneben liegenden Hotels Metropole, welcher für diesen Zweck 300,000 M. bewilligt hat, bloß um seinem Hotel besseres Licht zu verschaffen. Die Verlegung soll, nach einer Mittheilung des Patent- und technischen Bureaus von Nich. Lüders in Görlitz, nicht länger als drei Monate dauern, und ist mit der Ausführung des Planes der Architekt Harvey Sheeler in Chicago betraut, der daS ganze Bauwerk mittels 1600 Schrauben auf Stahlschienen heben und dann an seinen Bestimmungsort bewegen will. * Eine Stilblüthe von ganz besonderer Schönheit fand sich vor einiger Zeit in einem Leitartikel der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung": „DaS Ergebniß dieser durch schnödesten Mißbrauch der Abstraktion geschaffenen Anthithese kann kein anderes sein als eine Steigerung der aus der Realdialektik der Geschichte niemals zu climinirenden sozialen Gegensätze zu ganz und gar unversöhnlicher, tödtlicher Feindschaft." --SÄLN-S-- Abschied au den Wald. Ich kann nicht mehr gesunden In dir, du kühler Wald, In frohen, trüben Stunden Mein liebster Aufenthalt. Muß ziehen in die Ferne, Mich treibt ein irrer Sinn, Dort wähn' ich schön're Sterne Dort Freunde und Gewinn. Ich will dort Ruhe suchen, Wech nicht, ob ich sie find', Ob dort wie deine Buchen So gut mir Menschen sind. Doch nicht im größten Glucke Sollst du vergessen fein, Kehr' nimmer ich zurücke, Gedenk' bisweilen mein! Schillenaner. Schachaufgabe. Schwarz. « M 5 .L Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem 2. Zuge matt. AnteMltimg M „Augsburger Pojtzeitung". M 35. Vinslag, den 28. April 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des iüterarischen Instituts von HaaS L Grabdcrr in Augsburg (Borbesttzer Dr. Max Huttlcr). IV" Durch ein bedauerliches Uebersehen trägt das am vergangenen Freitag erschienene Unterhaltungsblatt die Nr. 33, während es richtig Nr. 34 tragen sollte, was wir unsere verehrt. Leser zu beachten bitten. Judas Makkaöäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) 24. Kapitel. Die Entscheidung. Das- Gemüth des elenden Pollux glich, rückwärts und vorwärts auf dem wilden Meere der Zweifel getrieben, einem Schiff ohne Ballast, Kompaß oder Ruder. Der Höfling schritt auf einer Veranda auf und nieder, auf welcher ein kühler Wind ihn fächelte und wo er vor Störung sicher war. Ohne es zu wissen, gab er durch äußere Gebärden der inneren Qual, die er empfand, Ausdruck. Sollte er es aufgeben, alles das, wofür er seine Seele hingegeben? Rang, Stand, Reichthum? Das Leben wieder anfangen auf der niedrigsten Stufe der Leiter mit dem Brandmal der Schande? Konnte er ertragen, vor Makkabäus zu erscheinen, um von ihm das Amt eines Holzhauers oder Wasserträgers zu erbitten? Sollte er Stolz, Macht, Pomp und Reichthum für Arbeit, Mangel, Armuth und Gefahr eintauschen? Pollux fühlte, daß sein Stolz solche Erniedrigung nicht ertragen würde. Der Sprung, den er nehmen mußte, war von einer solchen Höhe und in einen so tiefen Abgrund, daß es ihm war, als müsse er bei dem Fall in Stücke brechen. Aber welche Wahl blieb ihm, wenn er den gefürchteten Sprung nicht that? Wenn Sarah festhielt an dem Glauben, mußte sie sterben. Konnte der Vater es ertragen, Zeuge bei dem Martyrerthum - seines schönen Kindes zu sein? Und war nicht sein eigenes Leben in Gefahr? War nicht schleunige Flucht vom Hofe der einzige Weg der Sicherheit für Vater und Tochter? War sie nicht das einzige Mittel, einen Abtrünnigen vor der Verwünschung seiner Landsleuie, dem Fluch seiner Mutter und dem Zorn des Höchsten zu retten? D».^ Gewissen wollte sich nicht länger beschwichtigen lasset Sarah hatte den Schläfer erweckt. Pollux war sich neben dem Glauben und der Reinheit seines Kindes wie ein Dämon vorgekommen. Und Sarah hatte nicht nur das Gewissen, sondern auch die Hoffnung erweckt. Sarah hatte von der Möglichkeit gesprochen, daß er Hadassah noch Freude bereiten könne, der Hochherzigen, die er trotz seines sündhaften Lebens nicht aufgehört hatte, zu verehren und zu lieben. Jahre lang hatte Pollux versucht, alle Erinnerung an seine Mutter aus dem Gedächtniß zu vertilgen; jetzt stand ihr Bildniß lebhaft vor ihm, aber nicht voll Zorn, sondern mit ausgebreiteten Armen, um ihren verlorenen Sohn zurückzuempfangen. Während Pollux überlegte und Sarah betete, saßen Lystmachus und seine Gefährten in der Stadt zechend beim fröhlichen Gelage. Der Sturz und der bevorstehende Tod seines Nebenbuhlers gaben den rauschenden Lustbarkeiten des verschwenderischen Syrers einen ungewohnten Beigeschmack. „Ein Glas auf die Gesundheit unseres herrlichen Freundes Pollux!" rief Lystmachus, indem er einen ungeheuer großen Becher Wein erhob. „Er tritt morgen eine lange Reise an; dies Glas auf eine schnelle Ueber- fahrt über den Styx und fröhliches Willkommen am Schattenhofe des Königs Pluto!" Und die Zuhörer schämten sich nicht, über diesen Scherz zu lachen, obgleich sie sehr vertrauten Umgang mit Pollux gepflogen, ihm geschmeichelt und ihn umschwärmt hatten, als er sich noch in königlicher Gunst sonnte. Einer der Gäste berechnete, wie er in den Besitz einiger Edelsteine kommen sollte, die er in dem Gürtel des Pollux hatte funkeln sehen, dem er einst unveränderliche Freundschaft geschworen hatte. Ein Anderer bestimmte das arabische Roß des gestürzten Höflings zu seinem Antheil am Raube. Es war nicht Einer unter diesen Schmeichlern, die in jenem nächtlichen Gelage zusammenkamen, der ein Wort der Warnung oder einen Gedanken des Mitleides für ihn, der von allen Edlen am prächtigen Hofe des Antiochus am meisten bewundert, umschmeichelt und beneidet gewesen war, gehabt hätte. Die Sterne erblaßten, die Nacht schwand dahin, die Thür der Sicherheit schloß sich leise, unmerkiich — bald, bald war es zu einer Entscheidung für Pollux zu spät. Liegt erst einmal der Weg der Pflicht klar vor unsern Augen, so bringt jede Minute der Verzögerung Gefahr; während wir zaudern, schleicht der Feind heran. Während wir zweifeln, können wir uns sch m unter seinen Klauen befinden. „Sarah soll für mich entscheiden!" rief der un- 262 glückliche Zauderer zuletzt. „Finde ich ihren Entschluß > unerschütterlich, so werde ich, es mag kommen, was da wolle, ihr einen Weg bahnen, auf welchem sie dem schrecklichen Schicksal, von dem sie bedroht ist, entrinnen kann!" In wenigen Minuten trat Pollux, blaß und erregt durch die in ihm widerstreitenden Gefühle, von neuem in das Gemach, in welchem er Sarah verlassen hatte. „Sarah!" rief er mit hohler Stimme, indem er das Mädchen bei der Hand ergriff und ihr mit einem verzweifelten Blick in das Gesicht starrte. „Ich komme, um Dich zu fragen, welches Deine letzte Entscheidung ist. Bist Du noch unsinnig genug, Marter und Tod zu wählen?" Sarah blickte ihrem Vater voll in das Gesicht, sie war blaß, aber sie schwankte nicht. In ruhigem, entschiedenem Tone sagte sie: „Ich werde niemals meinen Glauben verleugnen." „Dann ist der Würfel gefallen!" rief Pollux, fast erleichtert, da er sich nun von der Last der Unent- schiedenheit befreit sah. „Wir leben oder wir sterben zusammen — wir wollen noch vor Tagesanbruch fliehen!" Es blieb nur wenig Zeit zu Worten, auch für Sarah, um die dankbare Freude auszudrücken, welche ihr Herz erfüllte. Sie rettete ihren Vater von Schande und Schuld, sie gab ihn seinem Vaterlande zurück. „Lege diese Kleidung einer syrischen Sklavin an," sagte Pollux. „Nimm jenen leeren Wasserkrug, es muß den Anschein haben, als ob Du ihn am Brunnen füllen wolltest. Wir können nicht zusammenbleiben, das würde Verdacht erregen. Wir werden an Wachen vorbeikommen und möglicherweise auch an anderen Menschen, obgleich zu dieser frühen Stunde selbst die Sklaven noch kaum ihre Morgenarbeiten begonnen haben werden." „Wie werde ich meinen Weg finden, Vater?" fragte Sarah, „dieser weite Palast ist ein Labyrinth für mich." „Du darfst mich niemals ganz aus den Augen verlieren," antwortete Pollux, „Du mußt mir in ge? nügender Entfernung folgen, doch darf niemand merken, daß Deine Bewegung durch die meinigen geleitet werden. Aber dieser Plan ist nicht durchzuführen," fuhr er fort, indem er die Hand an die Stirn preßte. — „Ich würde Dich ja nicht im Auge haben, und solltest Du angerufen werden, würde ich nicht im Stande sein, Dir zu Hilfe zu eilen. Du, mein Kind, mußt zuerst gehen." „O, mein Vater, meine Gegenwart vergrößert Deine Gefahr!" rief Sarah. „Laß mich hier, ich flehe Dich an, fliehe allein, niemand wird Dich anrufen!" Pollux beschwichtigte diese Bedenken seiner Tochter durch eine ungeduldige Handbewegung. „Folge meinen Anordnungen," sagte er, „wir haben schon zu viel Zeit vergeudet. Du folgst mir durch den ersten Hof, dann gehst Du mir voran. Halte Dich zur Rechten, bis Du an der ersten Schildwache vorbei kommst. Dann wirst Du Dich in einem Garten befinden, in dessen Mitte ein Brunnen ist. Fülle Deinen Krug oder thue, als ob Du ihn füllen wolltest, dann wird der lange, dunkle Gang, welchen Du zur Linken siehst, zu einem Gitter- pförtchen des Palastes führen; dort wird nochmals eine Schildwache stehen." „Wie soll ich an dieser vorüberkommen?" fragte Sarah, welche die Schwierigkeiten und Gefahren des Unternehmens begriff. „Ich weiß es nicht, aber der Gott, dem Du dienst, wird Dir helfen, mein braves, unschuldiges Kind. Ich werde Dir in nicht zu großer Entfernung folgen, jeder Krieger oder Sklave kennt mich — rufe mich, und ich eile Dir zu Hilfe." „Vater, gib mir Deinen Segen," stammelte Sarah. „Meinen Segen?" rief Pollux zurückfahrend. „Bittet irgend jemand einen Schurken um seinen Segen, von dessen Lippen er wie ein Fluch klingen würde?" „O sage das nicht," rief Sarah. „Du thust jetzt, was großmüthig, edel und gerecht ist. Du ziehst jetzt gleiches Loos mit dem Volke Gottes, wie Lot wendest Du Sodom den Rücken." „Und Du bist der Engel, der mich fortführet!" rief Pollux. „O heiliges, heiliges Kind einer heiligen Mutter, Du bist die Erste gewesen, die einen Strahl von Hoffnung in die Finsterniß der Schuld und Verzweiflung geworfen hat. Wenn ich jemals wieder bei Gott Gnade finde, wenn ich jemals wieder in das Angesicht meiner Mutter blicken darf, wenn ich jemals dem Schicksal des Abtrünnigen entrinne, so schulde ich es Dir; welches auch das Ende unseres gefährlichen Vorhabens heute Nacht sein werde, erinnere Dich, daß ich Dir danke, Dich segne — und Du sollst gesegnet sein, meine Tochter!" Pollux legte seine beiden zitternden Hände auf das Haupt seines knieenden Kindes und stammelte das erste Gebet zum wahren Gott, welches zu beten der Abtrünnige seit vielen Jahren nicht gewagt hatte. 2 5. Kapitel. Ein Rückblick. Hadassah hatte während dieser Zeit rechte Herzensmarter ausgestanden. Als Sarah unter dem Schutze Abischai's ihre Heimath verließ, um der Feier des heiligen Festes beizuwohnen, sandte Hadassah, da der schwache, kranke Körper zurückbleiben mußte, ihre Seele mit. Im Geiste wohnte sie dem Feste bei, in Gedanken nahm sie am Opfer theil und stimmte in die Lobgesänge ein. Ihr Geist wanderte in die alten Zeiten ihrer Väter zurück, wo die Kinder Israels mit gegürteten Lenden, den Stab in der Hand, ihr erstes Passahmahl vor dem Auszuge aus Aegypten gehalten hatten. „Ist dies nicht noch das verheißene Land?" dachte Hadassah, „obgleich diejenigen, die es jetzt inne haben, wie die Kananiter der alten Zeiten sind, obgleich auf dem Berge Zion unheiliger Gottesdienst gehalten wird und auf den Mauern von Jerusalem Götzenbilder aufgestellt sind? Ja, es bleibt das verheißene Land, bis jede Weissagung erfüllt ist, bis der König „niedrig und auf einem Esel reitend" einzieht, bis — o dunkles Wort — die dreißig Silberlinge dargewogen werden für den Herrn und dem Töpfer hingeworfen, bis er Frieden lehren wird unter den Heiden und seine Herrschaft sein wird von einem Meer bis an's andere und vom Wasser bis an der Welt Ende. Der Glaube sieht mit Dankbarkeit auf die erfüllten Verheißungen zurück und auf die noch unerfüllten mit Hoffnung. Die herrlichsten Tage werden noch für Zion kommen. Der 263 Herr krönte es in alten Zeiten mit Ruhm, aber in den Tagen, welche noch darüber aufgehen sollen, wird der Herr eine liebliche Krone sein und ein herrlicher Kranz den übrigen seines Volkes." In so tiefe Betrachtungen versenkt und voll von Hoffnungen, die die Siege des Makkabäus in der Seele Hadaffah's erregt hatten, welche ihr erschienen wie Vorbilder und Pfänder kommender Siege, wurde der greisen Frau die Zeit bis zu der Stunde, in welcher sie Sarah zurück erwarten konnte, nicht lang. Selbst als die Rückkehr sich verzögerte, wurde sie zuerst noch nicht ernstlich beunruhigt. Irgend welche Umstände konnten es dem Mädchen gerathen erscheinen lassen, im Hause Salathiel's zurückzubleiben. Sie konnte möglicherweise gezwungen sein, die Nacht über in Jerusalem zu verweilen, da nicht selten Syrer in den Hügeln lauerten. Hadaffah hatte so oft mit und ohne ihre Enkelin den Versammlungen im Hause des Aeltesten beigewohnt, daß ihr schon aus Gewohnheit die Feier weniger gefahrbringend erschien, als sie es in Wirklichkeit war. Die Mitternacht brach an, und Hadaffah's Herz wurde ungeachtet ihres Glaubens und Muthes von großer Unruhe befallen. Sie ließ Hannah sich niederlegen, während sie selbst trotz ihres Unwohlseins bet der Thür Wache hielt. Plötzlich hörte sie das Nahen leichter, eiliger Fußtritte. Hadaffah ahnte Gefahr und öffnete die Thür, ohne zu forschen, wer da käme, und ob die Schritte bei ihrer Thür anhalten würben. Das Licht, welches die Wittwe in der Hand hielt, fiel auf ein vor Furcht geisterbleiches Antlitz. Sie erblickte das Gesicht Salathiel's und wußte, bevor er ein Wort hervorgebracht, daß er der Ueberbringer einer Unglücksnachricht war. „Der Feind kam — wir flohen über die Dächer — Abischai ist erschlagen — Sarah in den Händen der Syrer!" Wie ein Todesurtheil tönte diese schreckliche Kunde in das Ohr der Hadaffah. Salathiel konnte nicht bleiben, um mehr zu erzählen; er mußte seine Familie einholen, um mit ihr zu fliehen. Dann verschwand er wieder in der Finsterniß, beinahe so schnell, wie der Blitz verschwindet, aber gleich diesem ein Zeichen an dem Baume, den er getroffen, zurücklassend. Hadaffah schrie nicht, noch sank sie hin oder fiel in Ohnmacht, aber sie war wie von einem Todesstoß getroffen. Sie stand da und wiederholte sich immer von neuem den letzten Theil der wenigen, aber fürchterlichen Worte, als ob sie zu schrecklich seien, um wahr zu sein. Wäre Sarah aus irgend einer natürlichen Ursache von ihr genommen worden, würde die Hebräerin, wie Hiob, ihr Haupt gebeugt und den Namen des Herrn in trauernder Unterwerfung gesegnet haben; aber der Gedanke, ihren Liebling in den Händen der Syrer zu wissen, verursachte der alten Frau einen Schmerz, der mehr dem des Jakob glich, als er bet dem Anblick der blutbefleckten Kleider seines Sohnes sich nicht trösten wollte. Hadaffah liebte das junge Mädchen mit einer Innigkeit und Stärke, wie dessen nur eine solche Natur wie die ihrige fähig war. Sarah war alles, was der Großmutter auf dieser Welt geblieben, das einzige von allen Schätzen, die sie einst besessen. Es möge hier als eine kleine Abschweifung gestaltet sein, einen kurzen Bericht von Hadaffah's früherem Leben zu geben, damit der Leser ihre Lage in dem Zeitpunkt, bei welchem meine Geschichte angelangt ist, besser verstehen kann. Wohl wenige Frauen erfreuten sich eines glänzenderen Looses als Hadaffah. Schön, begabt und beliebt, ein zufriedenes Weib, eine glückliche Mutter, lebte sie nahe bei Bethsura in Jdumea im besten Wohlstände, durch welchen sie vielen ihrer Umgebung eine große Wohlthäterin war. Hadaffah hatte in ihrer Jugend einen ehrgeizigen und stolzen Sinn und eine Liebe zum Herrschen, welche in gewissem Grade die Schönheit ihres wirklich edlen Charakters verdunkelte. Bald jedoch kam viel Trübsal, um ihren stolzen Sinn zu erweichen und ihren Geist zu demüthigen. Hadaffah wurde früh Wittwe, und der Kummer lastete schwer auf der Verlassenen, die tief und leidenschaftlich geliebt hatte. Zwei Kinder blieben ihr jedoch zum Trost, ein Sohn und eine Tochter, und diese, besonders den Sohn, liebte Hadaffah nur zu sehr. Abner wurde von seiner Mutter beinahe abgöttisch geliebt. Wenn sie noch Ehrgeiz besaß, so war es des Sohnes wegen. Er war ihr Stolz, ihre Freude und der Gegenstand ihrer kühnsten Hoffnungen. Abner's Fehler erschienen in Hadaffah's Augen wie Tugenden. So flogen Jahre ungestörten Beisammenseins dahin. Mirjam, die einzige Tochter der Hadaffah, wurde mit Abischai vermählt; Abner mit einem schönen Mädchen vereint, die Hadaffah wie eine wirkliche Tochter liebte und umfing. Die hebräische Wittwe verlebte noch einmal glückliche Tage mit ihren Kindern, das Leben war ihr noch süß. Dann kam Schlag auf Schlag in schrecklicher Reihenfolge, von denen jeder in dem Herzen der Wittwe eine tiefe Wunde zurückließ. Die beiden jungen Weiber wurden in ihrer Jugendblüthe dahingerafft — kurz nacheinander — Mirjam starb kinderlos, Noemi ließ eine kleine Tochter zurück. Aber der schwerste Schlag sollte noch kommen. Als Selcukus, König von Pergamus, unter Mitwirkung der Römer Antiochus auf den Thron von Syrien gesetzt hatte, zeigte sich bald, daß dieser neue Monarch ein heftiger Gegner des Glaubens seiner Unterthanen in Judäa war. Omias, ihr ehrwürdiger Hohepriester, wurde abgesetzt und der Verräther Jason erhoben, ein Amt zu verwalten, welches er beschimpfte. Ein Gymnasium wurde in Jerusalem erbaut, der mosaische Gottesdienst abgeschafft. Durch Lehre und Beispiel suchte Jason, der unwürdige Nachfolger Aaron's, den Unterschied zwischen Juden und Heiden zu verwischen und alles in eine Uebereinstimmung von Weiblichkeit und Irreligiosität zu bringen. — Nach den Worten des Geschichtsschreibers Dr. Nitto: Das Beispiel einer Person von so hervorragender Stellung riß viele mit sich fort und gab den schlaffen Grundsätzen vollen Spielraum, namentlich unter den jüngeren Leuten, welche der Strenge und Einschränkung der jüdischen Sitten überdrüssig, entzückt waren von der Freiheit und Ungebundenheit der griechischen. Die Andachtsübungen wirkten wie Bezauberung auf die Gemüther. Solchen Versuchungen war auch Abner nicht gewachsen. Seine Religion war ihm nie Herzenssache gewesen, seine Vaterlandsliebe kalt; er war nur darauf stolz, ein Weltbürger zu sein. Unglücklicherweise war Abner, nach dem Tode seines Weibes des Aufenthaltes in Bethsura überdrüssig, nach Jerusalem gegangen, um sein Gemüth von den schmerzlichen Erinnerungen zu befreien. Dort lernte er Jason kennen und stürzte sich unter dessen Einfluß in eine Fluth von Vergnügungen, wodurch es ihm nur zu gut gelang, sein Herz vom Kummer abzuziehen. Bald gesellte auch der Ehrgeiz seine mächtige Lockspeise zu der -- 1 264 des Vergnügens. Abner erschien vor dem neuen König bald nach dessen Thronbesteigung und gewann bald die Gunst des Monarchen. Es war nur noch der hebräische Glaube zwischen ihm und den höchsten Auszeichnungen, die ein Freund des Königs erreichen konnte. Abner gab der glänzenden Versuchung nach, trennte sich von seiner Religion, die er ja nur dem Namen nach besessen hatte, vertauschte seinen Namen mit dem des Pollux, verließ seine früheren Freunde und Beziehungen und ließ sich am syrischen Hofe nieder, der damals gewöhnlich zu Antiochia residirte. Abner, oder, wie wir ihn genannt haben, Pollux, wagte nicht mehr, seiner Mutter vor Augen zu treten, nachdem er allem, was sie gelehrt, heilig zu halten, den Rücken gewandt hatte. Der Abtrünnige kam nicht wieder nach Bethsura, er hielt sich fern von dem Ort, wo er seine unschuldige Kindheit verlebt hatte, und wo die irdischen Ueberreste seines jungen Weibes schliefen. Abner schrieb an Hadassah, um ihr mitzutheilen, in wie weit seine Absichten sich geändert hätten, empfahl seine kleine Tochter ihrer Obhut und bat sie zu vergessen, daß sie jemals einem Sohne das Leben geschenkt. Hadassah lag, nachdem sie diese Epistel empfangen, wochenlang auf dem Tode und war nahe daran, den Verstand zu verlieren, doch genas sie endlich, aber völlig verändert und gebrochenen Herzens. Sobald die Wittwe im Stande war zu reisen, verließ sie Bethsura für immer. Der Anblick alles dessen, was sie an frühere glückliche Tage erinnerte, verursachte ihr zu tiefes Weh. Sie würde es nicht ertragen haben, jemandem zu begegnen, der mit ihr von ihrem Sohne gesprochen hätte. Hadassah's erstes Ziel war nun, ihren Sohn aufzusuchen und ihn mit aller Ueberredungskunst, deren eine Mutter fähig ist, von einem Wege, der in ewiger Verdammniß endigen muß, zurückzubringen. Doch war Abner weder in Jerusalem, noch in einer der umliegenden Ortschaften zu finden. Er hielt seinen neuen Namen sorgfältig vor seiner Mutter verborgen. Der Hebräer hatte sich in einen Syrer verwandelt; Abner war todt für seine Familie — sein Vaterland — und für Hadassah ein Fremder. Es dauerte lange, bevor Hadassah ihre Forschungen nach Abner aufgab, aber niemals hörte weder ihre Liebe noch ihre Hoffnung für ihren Sohn auf. Die Liebe war, wie die Ader im Marmor, ein Theil ihrer selbst, der durch nichts ausgelöscht werden konnte. Kaum gab es für Hadassah noch eine Stunde des Wachens, in welcher sie nicht für ihren Wanderer betete, und auch in ihren Träumen war er ihrem Herzen oft nahe. Durch diesen Kummer, welchen sie schweigend ertrug, wurde ihr Charakter erhoben und geläutert. Die Schlacken des Ehrgeizes und Stolzes wurden in dem Ofen der Trübsal hinweggebrannt, die oft heftige, ungestüme Frau in eine Heilige verwandelt. Ein Schriftsteller hatte einst gesagt: „Alles, was uns in diesem Leben Wichtiges begegnet, was uns großen Kummer verursacht, dessen Nutzen wir in diesem Leben oft nicht einsehen können, hat dennoch einen bestimmten Zweck es mag wie ein unfruchtbarer Kummer erscheinen in der Geschichte eines Lebens — in der Geschichte einer Seele kann eS sich als eine Freude ausweisen." Hadassah's tiefe, unendliche Liebe für ihren Sohn ließ sie auch das Kind, welches er ihrer Obhut übergeben hatte, mit zärtlicher Sorgfalt umfassen. Sie liebte Sarah um feinet- und ihretwillen. Sarah war die Blume, vie ihr in der Wüste noch geblieben, über welche der Samum gefegt. Ihr Lächeln erschien der beraubten Mutter wie ein Schimmer von Hoffnung. Hadassah konnte und wollte, als sie die Tugenden Sarah's erkannte, nicht glauben, daß der Vater eines solchen Kindes verloren gehen könne. Gott würde endlich die Gebete einer Mutter erhören und Abner von dem Schicksal eines Abtrünnigen erretten. Alles, was Hadassah für sich von Gott erflehte, war, daß sie ihren Sohn noch einmal auf dem Wege der Pflicht wiedersehen möchte, dann wollte sie ruhig sterben. Die Liebe zu Abner, welche noch in dem Herzen der Wittwe lebte, war wie das Feuer, welches ungesehen in der Erde glüht, und welches nur an der Wärme der Quellen, die zum Licht strömen, erkennbar ist. Ebenso auch wie jene Quellen war die Liebe der Wittwe zu Abner's Tochter. (Fortsetzung folgt.) - - k. Julian Edelmann, Conventual des ehemaligen Benedictiner- Neichsstiftes Ober-Elchingen. Schon wiederholt ist den geehrten Lesern dieses Unterhaltungsblattes in jüngster Zeit von der Entstehung und von den Heimsuchungen, aber auch von glücklichen und festlichen Tagen des seit >802 aufgehobenen und ehemals herrlich gelegenen Benedictiner- ReichsstifteS Ober-Elchingen erzählt worden. Namentlich sind in Nr. 13 und 15 des Unterhaltungsblattes zur Postztg. in gefälliger Form interessante Mittheilungen über Bestand und über Angehörige des denkwürdigen Stiftes zu Ende des vorigen Jahrhunderts gegeben. Das Benedictiner-Kloster Ober-Elchingen zählte während seines fast 700jährigen Bestandes manchen weisen und thatkräftigen Abt, manchen gelehrten und eifrigen Conventualen. Unter diesen allen aber leuchtet der heiligmäßige ?. Julian Edelmann besonders hervor. Wie Herr Lorenz Werner berichtet, stellt Benedict Baader in seinem 1786 geschriebenen Diarium seinen Mitconventualen k. Julian als das Muster eines Benedictiners dar und schreibt unter anderm über diesen: „. . . Ein Mann ohne alle Passion und Leidenschaft zu unserer größten Verwunderung. Ganz allein in Gott und das Geistliche vertieft, sucht er Alle zum Himmel anzutreiben; er gibt ganz sonderliche Beispiele der Frömmigkeit und Abtötung, die ihm nit so bald einer nachmachen wird. Er liebt Alle und wird auch von Allen geliebt; er mischet sich in gar nichts Zeitliches, ist ihm Alles recht. So kenne ich ihn von Jugend auf, noch als Knab von 10 Jahr — immer sich gleich — fromm und heilig. — Wahrlich, wenn Elching dtsmahl keinen Heiligen bekommt, so wird es spät werden, etwas Dergleichen mehr zu erhalten." Dies das Urtheil eines Zeitgenossen und Mitbruders des sel. Julian. Um das Andenken dieses Edelsten der Elchinger Benedictiner zu ehren und neu zu beleben, sei es unternommen, diesmal eine einzelne Persönlichkeit aus Elchingens Kloster-Geschichte hervorzuheben und eine kurze Biographie derselben den verehrten Lesern vorzuführen. Allerdings kann dabei nicht von einem Manne die Rede sein, der durch großartige Leistungen auf dem Gebiete der Wissenschaft oder der Kunst die Welt in Staunen versetzte, der durch die Macht seiner Rede, etwa als hervorragender Kanzelrcdner, wellberühnu gcworven. WE 48»c»^ «M«WW -s > > r> > > KOW UM A»,-^i->' Uu>K MWG^ - MMM 260 Der Lcbensgarig eines äußerst bescheidenen, edlen Mannes doch soll geschildert sein, der durch seinen heilig- mäßigen Lebenswandel und durch wahrhaft apostolischen Seelen-Eifer, durch seine Askese und Wohlthätigkeit im engsten stillen Kreise seines segensreichsten Wirkens, als auch in weiteren Kreisen die größte Verehrung und Hochachtung genoß; dessen Name heute noch in Elchingen und dessen weiter Umgebung mit Ehrfurcht genannt und verehrt wird. k. I. Edelmann wurde geboren den 10. Okt. 1757 zu Unter-Elchingen, einem damals dem Reichsstifte Salmansweiler angehörigen Dorfe. Er erhielt in der heiligen Taufe den Namen Joseph und genoß eine sehr gute Erziehung. Seine Eltern, fromme und schlichte Bauersleute, hielten es für ihre heiligste Pflicht, ihre Kinder in der Furcht Gottes zu erziehen. Besonders wird von seinem Vater erzählt, daß er unverzüglich die Arbeit unterbrach, sobald das Zeichen zur heiligen Messe gegeben wurde, und sich anschickte, dieselbe anzuhören. Der ungefähr 9jährige Knabe wurde daher in die mit dem Kloster Ober-Elchingen verbundene Studien- Anstalt geschickt und besuchte zunächst die unteren Klassen derselben, welche man damals Jnferiora nannte. Der junge Student mußte nun ungefähr täglich zweimal (vor- und nachmittags) je eine halbe Stunde Weges hin- und zurückgehen. (Unter-Elchingen liegt am Fuße jenes Höhenzuges, auf welchem Ober-Elchingen liegt.) Dabei versäumte er niemals, vor Beginn des Unterrichts die Kloster-Kirche bezw. die heilige Messe zu besuchen. Er erwarb sich die Zufriedenheit und Zuneigung seiner Lehrer; besonders war ihm sein Professor k. Victorian sehr wohl geneigt. Dennoch geschah es, daß dem jungen Edelmann das Studieren einmal geradezu entleiden wollte, was er seinen Eltern keineswegs verhehlte. Sein Stiefvater, ein wackerer, dabei resoluter und etwas derber Mann, war indeß nicht in Verlegenheit, was nun zu beginnen UWW-U MW WKlVSU WWUWM MNlsB Der Kreml in Moskau mit der KrSnungskirche. Josephs Eltern waren aber auch bestrebt, aus ihren Kindern brauchbare Menschen zu machen; sie hielten deshalb viel auf fleißigen Schulbesuch und auf körperliche Beschäftigung. Bei der guten Erziehungsart, welche der kleine Joseph Edelmann im elterlichen Hause genoß, war es daher kein Wunder, daß sich derselbe durch Sittsam- keit, Gehorsam, Frömmigkeit und Fleiß vor anderen Kindern seines heimathlichen Dorfes auszeichnete. Dabei übte sein verehrungswürdiger Pfarrer Andreas Holz, einem zweiten Franz von Sales gleich, einen gar glücklichen Einfluß auf die geistige Entwicklung des talentvollen Knaben aus. Dieser fromme, einsichtsvolle Pfarrer (später Drcan des nun aufgelösten Landkapitels Elchingen) sah voraus, daß die Kirche Gottes von diesem guten Knaben, in dessen Seele so schöne Talente verborgen lagen, einst vielen Nutzen erhalten könnte. Daher gab er den Eltern, die wohlbemittelt waren, den Rath, ihren Sohn Joseph studieren zu lassen, wozu sie mit Freuden ihre Zustimmung ertheilten. sei. Er gab dem (vom Strike-Fieber etwas ergriffenen) jungen Studenten die Mistgabel in die Hand und sprach mit aller Entschiedenheit: „Entweder recht fortstudiert, oder dahier recht gearbeitet!" Das machte auf den jungen Edelmann tiefen Eindruck; er legte die verhängniß- volle Gabel beiseite, entschloß sich allen Ernstes, das Studium ernstlich wieder fortzusetzen und that dies mit bestem Erfolg. Nachdem Joseph Edelmann, mit den besten Zeugnissen ausgerüstet und mit verschiedenen Preisen (Preisbüchern) beehrt, seine Gymnasialstudien zu Ober-Elchingen vollendet hatte, verfügte er sich im Jahre 1777 nach Dillingen. Dort hörte Edelmann an der von Jesuiten geleiteten Universität die philosophischen Fächer mit großem Fleiß und bestem Erfolg. Auch gewann er während seines Aufenthaltes in Dillingen den später als theologischen Schriftsteller berühmt gewordenen Decan Königsdorfer zum vertrautesten Freunde. Mit dem ersten akademischen 267 Grade, dem Baccalaureat, ausgezeichnet, kehrte Edelmann im Jahre 1778 nach OLer-Elchingen zurück, um im dortigen Kloster-Collegium das Studium der Theologie zu beginnen. Gleichzeitig bat der angehende ouuä. bstsvl. um Aufnahme in den Benedictiner-Orden bezw. in das Die Erbkrone des russischen Aaren. Elchinger Kloster. Diese wurde ihm nach strenger Prüfung gewährt, und nach Verlauf des Probejahres legte der erst 22jährige Novize und Ordenskleriker Joseph Edelmann am 24. Oktober 1779 die Ordensgelübde feierlich ab, wobei er den Namen Julian erhielt. Nach diesem dem Allerhöchsten gebrachten Opfer bestrebte sich I'r. Julian der größten Tugendhaftigkeit und des eingehendsten Studiums der höheren Vecufs-Wissenschaften. Nach Vollendung derselben empfing er am 18. September 1784 die Priesterweihe. Am sehnlichst erwünschten Ziele angelangt, begann nun die echt priester- liche und höchst segensreiche Wirksamkeit des k. Julian. Der tiefsehende, damals regierende Abt Robert I., der an dem jungen Priester regen Eifer, die Ehre Gottes und des Nächsten Heil zu fördern, erkannte, übertrug ihm im Jahre 1786 die Pastorir- ung der benachbarten Pfarrei Thalfingen, welche ?. Julian bis zum Jahre 1801 sxourranäo (auskaufend) versah. In diesem Jahre ernannte ihn das Vertrauen seines Obern zum Pfarrer von Ober- Elchingen. Hier war Julian in seinem rechten Elemente. Seine eig ne alte Reichsapfel im innere Heiligung und die Kronschatze zu Moskau. Sorge für das Heil seiner Pfarr-Angehörigen beständig im Auge und im Herzen behal- tend, entfalteteer eine außerordentlich wirksame Thätigkeit. Es galten von ihm so recht die Worte: „Der Eifer für Deine Sache, o Herr, verzehrt mich fast." In Kirche und Schule, auf der Kanzel und im Beichtstuhl war Julian unermüdlich und äußerst gewissenhaft thätig. Mit großer Liebe war er den Kindern zugethan, die ihn innig ver- Krone des Aaren Kimeon von Kasan. ehrten. Seine Zeitgenossen rühmen außerdem seine besondere Fürsorge für die Kranken und Sterbenden, denen er nicht selten eigenhändig Samariter-Dienste leistete. „Auf drei Buchstaben, auf 3 K (so pflegte er oft zu sagen) richtete der eifrige Gottesmann, dessen Aeußeres viel Aehnlichkeit mit einem gleichzeitigen Ordensgenossen, dem bekannten verdienstvollen l?. Aegidius Jais von Benedictbeuern, hatte, sein Augenmerk, nämlich auf die Kirche, auf die Kinder und auf die Kranken; für alle drei war er stets mit dankenswerthester Treue besorgt." Dabei darf nicht unerwähnt bleiben, daß die Pastoration der Pfarrei Ober- Elchingen insofern stets eine angestrengtere Thätigkeit erheischte, als an der dortigen Klosterkirche eine sehr besuchte Wallfahrt zur Llator äolorosu besteht, deren Ursprung weit in's Mittelalter zurückreicht. ?. Julian hing mit ganzer Seele an seinem erhabenen Berufe und an seinem Kloster, das seine zweite Heimath geworden war. Gott hatte augenscheinlich sein Wohlgefallen an dem Wirken des edlen Priesters und erfüllte es mit seinem reichsten Segen. Dennoch aber lag es in des Höchsten Rathschluß, diesen seinen getreuen Diener zum Zeugen der letzten schweren Heimsuchung des altehrwürdigen Klosters zu erwählen. (Schluß folgt.) Hu unseren Bildern Knlerdrochenes Mittagessen. Da ist der gefürchtet- Augenblick, dem der kleine Sünder noch immer durch eilige Beendigung des Mittagessens und sofortigen Aufbruch zur Schule sich zu entziehen gehofft hatte, nun doch eingetreten. Das ganze Mittagessen war ihm schon durch die fortwährende Angst vor dem rächenden Schicksal versalzen, und selbst die Knödel, sonst seine Lieblingssveise, wollten ihm heute gar nicht munden, denn immer schwebte ihm die zer- ! hrochene Fensterscheibe vor Augen. Er hat sie ja allerdings nicht absichtlich eingeworfen, der Stein galt einer Katze, die auf 268 dem Apfelbaum ein Vogelnest belauerte, und verirrte sich unglücklicherweise in das Fenster der Nachbarin. Zwar lief er, sobald er die Glasscherben klirren hörte, spornstreichs davon, aber die Nachbarin batte ihn doch noch gesehen und rief ihm zornig nach, daß sie die Unthat seinem Vater melden würde, der für den Schaden aufkommen müsse. Und da ist sie nun wirklich gekommen und hat das ganze Fenster als eorxus äolioti gleich mitgebracht. Kaum hat der schuldbewußte Sünder sie in der Thüre erblickt, als er auch schon, vor Schrecken den Stuhl umwerfend, mit mächtigem Satze aus dem gefahrdrohenden Armbereiche des Vaters entfloh und bei der weniger strengen Mutter vor dem heranziehenden Ungewitter Schutz suchte. Hoffen wir, daß die Sache für diesmal noch gnädig abgegangen ist, und daß der kleine Schütze ein andermal heim Steinwerfen vorsichtiger ist. _ Ker Kreml in Moskau mit der Krönungskirche.*) Der Kreml war und ist auch jetzt noch für Moskau, was das Kapitol für Rom war; in ihm gipfeln alle Reminiszenzen der Vergangenheit. Für den rechtgläubigen Russen ist er, wie Kiew, ein heiliger Wallfahrtsort, zu dessen Reliquien jährlich Tausende von Frommen aus dem weiter: Reich Pilgern. Durch seine hohen, zinnengekrönten und thurmgeschmückten Mauern führen fünf Thore (darunter das Erlöserthor, „LMglchHVarotg,", mit cinern wunderthätigen Heiligenbild, vor dem auch jeder Fremde das Haupt entblößen muß) ins Innere, welches von kirchlichen Bauten, Palästen, Staatsgebänden und großen Plätzen bedeckt ist. Die bemerkenswerthesten Gebäude sind: Der Usspenski Sabor (die Mariä-HimmelfahrtSkathedrale), 1326 unter Johann Kalita aus Holz erbaut, 1475 79 von: Baumeister Fioravante aus Bologna von neuem in Stern aufgeführt, halb in byzantinischem, halb in tatarischem Stil. Sie birgt ebenso wie die folgenden Kirchen eine Menge Reliquien, ist mit alten Fresken, mit von Edelsteinen bedeckten Heiligenbildern, Mosaiken und verschiedenen Kostbarkeiten überfüllt und dient seit ihrem Bestehen als Krönungskirche der russischen Zaren, sowie als Grabstätte der Metropoliten von Moskau. Ihr gegenüber steht der Archangelski Sabor (Katbedrale des Erzengels Michael), 1333 errichtet, 1805 von dem Mailänder A. Novi umgebaut, mit den Gräbern der russischen Zaren von Jobann Kalita bis Johann Alexejewitsch (gest. 1696), dem Bruder Peters d. Gr. Den höchsten Punkt des Kremls kiönt der Blagowjeschtschenski Schor (Kathedrale der Verkündigung Mariä), 1489 erbaut, nach einem Brand 1554 neugebaut, mit neun Kuppeln. Die Kirche Spass na Boru (des „Heilands im Walde", 1330 aus Stein neuerbaut) wird als älteste aller Kirchen betrachtet. Bemerkenswerth ist der 1600 von Boris Godunow erbaute, 82 m hohe Glockenthurm Iwan Welikis (Johanns d. Gr.), von dessen Spitze man eine prachtvolle Auösicht über die Stadt genießt. Am Fuß des Iwan Weliki steht die berühmte, 1731 gegossene, ca. 1960 metr. Zir. schwere Rieseuglocke „Zar-Kolokol." Insgesammt gibt es in Moskau (die Klosterkirchen mit eingerechnet) 355 griechisch-katholische, 2 lutherische, 2 reformirte, 2 römisch- katholische Kirchen, 3 armeno-gregorian. Kirchen und 3 der Alt- gläubigen, dazu eine Synagoge und eine Moschee. Unter ihnen nennen wir nur die auf dem Rothen Platz im Kitai Gorod stehende, durch ihre phantastisch-bizarre Bauart bekannte Katbedrale des hl. Basilius (Wassili Blashenni). 1554 unter Iwan dem Schrecklichen erhaut. Andere interessante Gebäude im Kreml sind: der 1487 erbaute alte Zarcnpalast (Tremni Dworßz); der Facettenpalast (Granowitaja Palata), unter Johann III. erbaut, mit einem kolossalen Saal, dessen Gewölbebogen von einer in der Mitte stehenden Säule ausgehen; der durch architektonische Schönheit ausgezeichnete große kaiserliche Palast; die 1851 vollendete Orusheinaja Palata, welche unschätzbare Sammlungen von Kostbarkeiten (Kronen, oldsachen, Waffen, Kunstwerke des Alterthums, Prunkwagen rc.) enthält (neben derselben steht die unter Feodor Jwanowitsch gegossene, 393 metr. Ztr. schwere Riesenkanone „Zar Puschka"), und das 1701—36 erbaute Arsenal, vor dessen Fronte die 1812 erbeuteten Geschützrohre (über 800) liegen; ferner das Synodalgebäude, vom Patriarchen Nikon gegründet, mit einer kostbaren Bibliothek und einer Sammlung von Kirchengewändern und Silbergeräthen. Im Kitai Gorod, an dem mit dem Denkmal von Minin und Posharski (von Marios) geschmückten Rothen Platz, befindet sich das Kaufhaus (Gostinnoi Dwor) mit über 1200 Perkaufsläden, Wohl die *) Einen eingehenden Artikel über den Kreml und seine Geschichte hat die „Augsburger Postzeitung" in ihren Beilagen Nr. 53 u. ff. Jahrgang 1889 aus der Feder des Herrn I. Baumann gebracht. Die Nummern sind vergriffen. größte beständige Waarenniederlage Europas; im Bielgorod das Exerziei haus (151 m lang, 47 m breit). Die Kronen der russischen Aaren sind von ausgesuchter Kostbarkeit und theilweise von großer Schönheit. Bei der bevorstehenden Krönung des Kaisers Nicolai werden sie mit all den andern Schätzen und Prunkgeräthen aus der kaiserlichen Schatzkammer hervorgeholt werden, um den Glanz und Reichthum des mächtigen Herrschergeschlechtes allen Besuchern zu zeigen. Eins der schönsten Stücke im russischen Kronschatz ist die seit Jahrhunderten vererbte Zarenkrone, die im Kreml zu Moskau aufbewahrt wird. Sie ist aus wundervollem Goldfiligran gearbeitet und wird durch ein massiv goldenes Kreuz überragt, das an seinen vier Enden mit großen, außerordentlich werthvollen Perlen geschmückt ist. Auf dem oberen Theile der Wölbung sind zwischen drei edlen Perlen ein Topas, ein Saphir und ein Rubin eingelassen; den unteren Theil der Krone schmücken vier Smaragde, vier in Gold gefaßte Rubine und fünfundzwanzig Ormuz-Perlen auf goldenen Füßen. Sie ist, wie alle anderen russischen Kronen, am Rande mit dem schönsten Zobelpelz eingefaßt und innen mit roiber Seide gefüttert. — Ein ebenfalls sehr werthvolles Stück unter den Schätzen des russischen Herrschergeschlechts ist die Krone des Zaren Simeon von Kasan. Iwan IV. hatte 1553 den musel- manischen Khan Ediger von Kasan endgültig besiegt und ihn gezwungen, sich taufen zu lassen. Ediger erhielt bei dieser Gelegenheit den Namen Simeon, und Iwan IV. verlieh ihm großmüthig, um den immer noch mächtigen Mann an sich zu fesseln, den Titel „Zar von Kasan" und schenkte ihm die oben erwähnte prächtige Krone. Sie besteht aus Goldfiligran, das mit schwarzem Scbmelz überzogen ist. An der Spitze trägt sie einen schön geschliffenen Topas. Ursprünglich befand sich an dieser Stelle ein großer Rubin; dieser wurde aber im Jahre 1625 ausgebrochen, um bei der Krone, die sich Zar Michael Theo- dorowitsch machen ließ, Verwendung zu finden. Ueber und unter dem Steine sind zwei große Perlen angebracht. Die Krone wird geschmückt durch 33 Rubine, 18 große und 12 kleinere Türkise und 12 halbirte Perlen. — Eine Art Aufsehen erregt im russischen Kronschatz zu Moskau noch ein drittes Stück: der alte Reichsapfel mit dem großen Kreuze. Er trägt 58 Diamanten, 89 Rubine, 23 Saphire, 50 Smaragde, die in Gold gefaßt sind, und 37 feine Perlen. Die Emailminiaturen, welche den Reichsapfel schmücken, stellen die Salbung Davids, seinen Sieg über Goliath, seine Rückkehr nach dem Siege und seine Verfolgung durch Saul dar; zwffchen diesen Miniaturen sind symbolische Figuren (Adler, Löwe, Greif und Einhorn) angebracht. Der Reichsapfel des griechischen Kaisertums war, wie man es auf den alten Münzen sieht, stets von einem großen Kreuze über agt, dessen Form sich bis zum XI. Jahrhundert nickt änderte. Der oben beschriebene russische Reichsapfel bezeugt durch sein großes Kreuz und die schöne Transparenz seiner auf Ciselirungen gemalten Reliefemaillen, daß er aus der Blüthezeit der byzantinischen Emaillirkunst stammt. lDas Porträt des Zarenpaars haben wir in No. 411894 des Unterhaltungsblattes gebracht.) --s-«srcs— Mmmeksscstau im Monat Mai. —X. Merkur im Stiere nahe bei Aldebaran erreicht um die Mitte des Monates seine größte östliche Entfernung von der Sonne und ist abds. im Westen zu finden. Venus Z im Widder erscheint gegen 4 U. mgs. im Osten. Mars in den Fischen geht anfangs gegen 3 U., zuletzt um 2 U. früh auf. Jupiter H im Krebs bleibt bis nach 1 U. nachts, in den letzten Tagen bis Mitternacht über dem Horizont. Saturn H in der Waage steht der Sonne gegenüber, erreicht um Mittern. seine größte Tageshöhe und ist die ganze Nacht sichtbar. In der Nähe des Mondes befinden sich Mars am 7., Venus am 11., Merkur am 14., Jupiter am 18., Saturn am 25. Vom Mond werden bedeckt Regulus am 20. früh 5 U., Antares am 27. früh 3 U. ---SÄ8WS- M 3«. Freitag, den 1. Mai 189b. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Judas Wasrkaöäns. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. ColoniuS. (Fortsetzung.) 26. Kapitel. Müde Wanderer. Hadassah hatte geglaubt, daß sie bereits bis an die äußersten Grenzen menschlichen Ertragens gelitten, daß es keine Tiefe wehr geben könne, in die sie noch hinabsteigen müsse; aber die Nachricht, die ihr Salathiel in jener verhängnißvollen Nacht gebracht, zeigte ihr, daß sie sich geirrt habe. Der Gedanke, daß Sarah, ihre heißgeliebte Sarah, sich in den Händen der Syrer befinde, verursachte ihr beinahe unerträgliches Herzeleid. So sorgfältig war das Mädchen gepflegt und vor allem Schaden behütet und beschützt worden, wie ein unge- fiederter Vogel unter dem warmen, weichen, schützenden Flügel, daß die Verlassenheit seiner gegenwärtigen Lage Hadassah mit Schrecken erfüllte. Und wie — die Wittwe konnte nicht umhin, sich diese Frage vorzulegen — vermochte ein so schüchternes, empfindliches Geschöpf der Probe der Verfolgung Stand zu halten, vor welcher oft die Wüthigsten znrückbebten? Sarah weinte bei Erzählungen von Leiden anderer und wurde beinahe ohnmächtig, wenn sie Blut sah. Sie war nicht im Geringsten beherzt, und ihre jungen Vettern, Salome's Söhne, pflegten ihren Scherz bei dem Entsetzen Sarah's zu haben, wenn ein Tausendfuß sich unter einem Kissen in ihrer Nähe eingenistet hatte. Vermochte ein so weicher Seidenfaden einen Windstoß auszuhalten, welcher das stärkste Tau zerreißen konnte? Hadassah zitterte für ihren Liebling und würde gern eingewilligt haben, die größten Martern zu ertragen, für Sarah, die sie so wenig fähig glaubte, die Probe auszuhalten. Der Glaube der hebräischen Frau wurde hart geprüft. Wie Hütte sie auch ahnen sollen, daß die Gebete vieler Jahre gerade vermittelst desselben Unglücks, das jetzt ihr Herz zerriß, erhört werden würden! In ihrer Scelenangst schien Hadassah ihre körperlichen Leiden zu vergessen. Vor Tagesanbruch schleppte sie ihre müden Schritte zu dem Thor des Gefängnisses, welches ihr Kind festhielt, in Begleitung der treuen Hannah. Vergebens flehte Hadassah um Einlaß, vergebens erbot sie sich, die Gefangenschaft Sarah's zu theilen, wenn es ihr nur erlaubt würde, sie zu sehen. Sie wurde von den Wächtern mit Hohn fortgetrieben, um nur immer wieder und wieder zu kommen, wie ein Vogel zu seinem geplünderten Nest. Aber keine Klage, kein Murren wurde von Hadassah wider den, der dieses Leid verhängt hatte, gehört, nur jener erhabene Ausdruck unerschütterlichen Glaubens: „Ob er mich schlägt, so will ich ihm vertrauen." Dann dachte die Wittwe an den Griechen Lycidas. Sie hatte Anspruch auf seine Dankbarkeit und wußte, daß er Sarah liebte. Konnte er nicht mit seinem Reichthum, seinen Talenten und seiner Beredsamkeit ihr Kind retten helfen? „Hannah," sagte die Wittwe, „könnten wir nur den Griechen finden, er würde uns Rath und Hilfe gewähren in dieser unserer großen Noth, aber ich weiß nicht, wo er wohnt." „Joab weiß es," bemerkte die Dienerin, „und ich weiß das Stadtviertel, in welchem dieser mit seiner Mutterschwester Hephzibah wohnt; denn ich habe Oliven, Melonen und andere Früchte von ihr erhandelt. Aber Herrin," fuhr sie fort, „Du bist müde, die Hitze der Sonne ist jetzt so groß, suche einen geschützten Platz und ruhe, während ich gehe, Joab aufzusuchen." „Für mich," entgegnete Hadassah bestimmt, „gibt es keine Ruhe, bis ich meine Sarah finde, und warum soll ich für mich Schutz suchen, während sie nur den des Gefängnisses über sich hatt" - - Die beiden Frauen machten sich auf den Weg und kamen in ein Viertel Jerusalems, welches nur von den Aermsten des Volkes bewohnt wurde. Obgleich das Gewand der Hadassah nur einfach war, trug sie doch so unverkennbar den Stempel ihres hohen Standes an sich, daß ihr Erscheinen unter den halbbekleideten und halbverhungernden Kindern, die ihr beim Vorübergehen nachstarrten, Staunen erregte. Die Straße war so eng, daß die Frauen, als sie einem beladcnen Kameel begegneten, sich dicht an die Mauer drückten mußten, um das schwerfällige Thier vorüber zu lassen. Hungrige, abgemagerte Hunde knurrten über abgenagten Knochen, die auf der Straße umherlagen. Pestartige Gerüchte machten die erstickende Luft noch drückender. Aber Hadassah eilte, unempfindlich für jede äußere Plage, vorwärts. Hephzibah, ein erbärmlich aussehendes altes Weib, mit halb blinden, von Entzündung entstellten Augen, stand im Thorwege und warf gerade den Ausschuß von Gemüse, mit welchem sie handelte, fort. Hannah hatte 27V sie schon oft gesehen und es bedurfte daher keiner Vorstellung. „Wo ist Joab?" fragte die Magd auf Geheiß der Hadassah. Das alte Weib schielte mit ihren triefenden Augen nach Hadassah, während sie der Magd antwortete: „Joab ist, wie immer, beim Hahnenschrei fortgegangen, um sein Maulthier mit Früchten und Gemüsen zu beladen, er wird vor Einbruch der Nacht nicht zurückkehren." Hadassah legte die Hand an die brennende Stirn und wandte sich nun selbst an die Alte: „Hast Du vielleicht von Joab gehört, wo ein Grieche, ein Athener wohnt, Lycidas mit Namen?" „Lycidas? Nein, in unserm Viertel wohnt niemand, der diesen Namen trägt," war die leise gemurmelte Antwort. „Hat Joab niemals zu Dir von einem sehr gut aussehenden Fremden gesprochen, schön von Gestalt," beharrte Hadassah in ihren Fragen, indem sie hoffte, daß die Schönheit deS Lycidas es vielleicht weniger schwieriger machen würde, ihn aufzufinden. Hephzibah schüttelte den Kopf und zeigte ihre wenigen Zähne mit einem Grinsen, wobei sie sagte: „Und wäre er schön wie David, ich habe weder von ihm gehört, noch mich um ihn bekümmert." „Der Fremde hat eine offene Hand, er gibt reichlich," bemerkte Hannah. Diese Worte übten eine erstaunliche Wirkung auf das Gedächtniß der alten Jüdin. „Ach ja," sagte sie, „ich erinnere mich eines Fremde«, der dem Joab Gold gab, wo ein Anderer Silber gegeben hätte. Hil hi! hil unser Maulthier ist ein starkes Vieh, aber niemals brachte es uns bisher eine so starke Miethe!" „Wann war das?" fragte Hadassah. „Zwei Tage, nachdem Joab den Jüngling nach Hause gebracht hatte." „Kannst Du mir sagen, wo jenes Heimath ist?" fragte Hadassah eifrig. „Warte, lass' mich denken," murmelte Hephzibah. Hadassah warf eine Münze in die Hand der Fruchtverkäuferin. Hephzibah drehte sich um und um, indem sie dieselbe ansah, als ob sie glaubte, daß das Betrachten des Geldes ihr helfen würde, eine Antwort zu geben. Endlich sagte sie langsam: „Ach, ich erinnere mich, daß Joab sagte, er hätte den Fremden nach dem großen Hause mit einem Hofe an der linken Seite des westlichen Thores gebracht, welches Apollonius — sie stieß einen Fluch aus — niederriß." Dies war genügende Auskunft, und Hadassah verließ, dankbar, so viel gewonnen zu haben, mit ihrer Begleiterin die- erstickende Umgebung von Hephzibah's Wohnung, um diejenige des Griechen aufzusuchen. Schrecklich war der Glanz und die Hitze der Sonne an jenem Nachmittage, und groß schien die Entfernung, die noch zurückgelegt werden sollte. Doch gönnte sich Hadassah keine Nutze, bis sie sich dem Gymnasium Näherten, welches der abtrünnige Priester Jason errichtet hatte. Mit Mühe bahnten sie sich einen Weg durch Haufen von Syrern und anderen, die nach Vergnügungsplätzen eilten. Hadassah seufzte, aber nicht vor Müdigkeit; sie wandte ihre Augen von dem Gebäude ab, welches für so viele ihres Volkes eine Pforte des Verderbens geworden war, und die lustigen Stimmen 6ex" Herbeieilenden tönten trauriger in ihr Ohr, als die Wehklagen über einen Todten. Kostbare Seelen wurden in jenem Gymnasium gemordet, die hebräische Mutter dachte unwillkürlich an ihren Sohn. Beinahe vor Mattigkeit umsinkend, erreichte Hadassah endlich den Ort, welchen Hephzibah beschrieben hatte. Es machte der Hadassah keine Schwierigkeit, eine Zusammenkunft mit dem Wirth zu erlangen, der sie mit der Höflichkeit empfing, die sich für den Bürger einer der cultivirtesten Siädte der Welt ziemte. Cimon bot der Hadassah einen Sitz unter dem Schatten des Thorweges, der in feinen Hof führte. „Wohnt der Herr Lycidas hier?" fragte Hadassah schwach. Sie konnte kaum sprechen, ihre Zunge schien ihr am Gaumen vor Hitze, Anstrengung und Aufreguug zu kleben. „Der Herr Lycidas verließ diesen Ort gestern," antwortete der Grieche. „Wohin ist er gegangen?" keuchte Hadassah. „Ich weiß es nicht, er sagte nicht wohin," antwortete Cimon, indem er seinen Gast voll Mitleid und Neugierde betrachtete. „Monate sind vergangen, seit der athenische Herr plötzlich verschwand, nachdem er dieses Haus eine Zeitlang mit seiner Anwesenheit beehrt hatte. Gesucht wurde er vergebens. Ich fürchtete, daß meinem Gast Uebles begegnet sei, und da Zeit verrann, ohne daß eine Nachricht von ihm kam, schrieb ich an seine Freunde in Athen und fragte an, was mit dem unter meiner Obhut befindlichen Eigenthum dessen geschehen solle, der, wie ich vermuthete, ein frühzeitiges Ende genommen. Bevor die Antwort kam, erschien Lycidas selbst vor meiner Thür, aber in einem schlimmen Zustande, mit elendem Körper und unruhigem Gemüth. Er wollte nicht über das Vorgefallene berichten und sagte nicht, wo er gewesen. Und gestern Morgen bestieg er, obgleich er kaum stark genug war, um sich im Sattel zu halten, sein Pferd und ritt fort, ich weiß nicht, wohin; auch sagte er nicht, wann er wiederkäme. Wenn Du eine Freundin des Lycidas bist," fuhr der Athener, dessen Neugierde stark erregt war, fort, „so kannst Du mir vielleicht die Gunst erweisen und auf das Geheimniß, welches seine Bewegungen begleitet, ein Licht werfen." Aber Hadassah war gekommen, um Auskunft zu gewinnen, und nicht zu geben. „Ich kann hier nicht länger weilen," sagte sie, „aber wenn Lycidas zurückkehrt, sage ihm, ich bitte Dich ernstlich darum, daß das Kind einer Frau, die ihn in Krankheit gepflegt hat, jetzt eine Gefangene des syrischen Königs ist." Bekümmert, enttäuscht und verzagt über das Fehlschlagen ihrer Hoffnungen, wandte sich Hadassah von der Wohnung des Griechen weg. „O Herrin, ruhe aus, oder Du sinkst um vor Mattigkeit!" rief Hannah, deren eigene, rüstige Gestalt schon unter der Anstrengung litt, deren Hälfte zu ertragen sie einen Tag vorher ihre Herrin für unfähig gehalten haben würde. Hadassah antwortete nicht; sie sank mehr, als sie sich setzte, unter einen kleinen Schatten, den eine zerfallene Mauer gewährte. Darauf bedeckte sie ihr Antlitz, und Hannah bemerkte an der leichten Bewegung ihres Kopfes, daß Hadassah betete. Dann erhob diese ihr Haupt. Sie war todtenblaß, aber ruhig. 271 «Ich kann hier nicht bleiben," muMelte sie. „Ich muß das Schicksal meines Kindes wissen. Hannah, lass' uns zn dem Gefängniß umkehren." Selbst mit Hilfe der Magd war Hadassah kaum fähig, aufzustehen. Die Beiden erreichten das Thor des Gefängnisses. Eine Gruppe syrischer Krieger hielt dort Wache. Die Erscheinung der ehrwürdigen, von solcher Last der Betrübniß gebeugten Dulderin bewegte einen der Krieger zum Mitleid. „Du kommst vergebens, Weib," sagte er, «das Mädchen, das Du suchest, ist nicht hier." „Todt?" stieß Hadassah schwach hervor. „Nein, nein, nicht todt," antwortete der Krieger schnell. „Ich weiß nicht alles, was sich begeben hat, aber sicher ist das junge Mädchen vor den König gebracht worden." „Vor den, der Salowe und ihre Söhne mordete — den unbarmherzigen Feind," war der vernichtende Gedanke, der Hadassah in's Herz schnitt. „Und was folgte?" Sie fragte mit den Augen, denn ihre Lippen konnten die Frage nicht hervorbringen. „Vielleicht dachte der König, es sei schade, einen so schönen Vogel zu tödten, und ließ ihn am Leben, damit er ihm Musik in seinen Lustgärten mache," sagte die Wache. „Alles, was ich sagen kann, ist, daß das Mädchen nicht in das Gefängniß zurückgebracht worden ist, sondern im Palaste blieb." „Im Palast l" rief Hadassah, mehr betrübt als beruhigt durch diese Nachricht. „Natürlich!" sagte ein anderer Krieger mit einem rohen Scherz. „Das Mädchen beging nicht die Thorheit, für ihren Aberglauben zu sterben, wie ein frömmelndes, fanatisches altes Weib, das nicht mehr Verstand besitzt, als der Stab, auf den sie sich stützt. Natürlich that das Mädchen, was jedes vernünftige Weib auch gethan haben würde: sie betete alles an, was der König ihr befahl, anzubeten, die Musen, Grazien oder Furien. Bekehrungen sind leicht bei ihrem Alter gemacht, mit jeder Art von Qualen auf der einen Seite und aller Herrlichkeit der Welt auf der anderen." Hadassah wandte sich ab von dieser Stelle. Konnten die Worte des Kriegers wahr sein? Hatte Sarah ihrem Glauben abgeschworen, wie ihr Vater gethan, obgleich unter so anderen Umständen? „O, Gott wird ihr vergeben — er wird meinem armen, verlorenen Kinde vergeben, wenn es einer so schrecklichen Versuchung erlegen ist!" murmelte die hebräische Frau, indem sie die Hand auf das Herz preßte, das ihr zu brechen drohte. Aber Hadassah glaubte keinen Augenblick, daß Sarah's Stand- haftigkeit sie verlassen haben könne. Sie beschloß, trotz aller Gefahr, sie auf jeden Fall zu sehen und steuerte, indem sie alle Kräfte zusammennahm, sogleich nach dem Palast. Das unglückliche Weib hatte sich freilich wohl denken können, daß es vor der Hand ein hoffnungsloser Versuch sein würde, in jenes prachtvolle Gebäude voll Luxus, Grausamkeit und Verbrechen Eintritt zu gewinnen. Ueber ihr dringendes Flehen um Einlaß zn dem gefangenen hebräischen Mädchen wurde seitens der Wache nur gespottet. „Dann muß ich den König selber sprechen!" rief Hadassah, „ich will warten, bis er das Thor verläßt." „Der König geht heute nicht aus," sagte ein syrischer Edler, der soeben den Palast verließ, und der bei dem Anblick der alten Frau von dem Ernst und der Angst in den edlen Zügen derselben ergriffen war. „Aber Antiochus reitet Morgens bald nach Sonnenaufgang fort," bemerkte er. „Dann," dachte Hadassah, „soll der Tagesanbruch Mich hier finden. Ich will den Antiochus bei seine« Aufbruch erwarten. Ich will den Tyrannen zwingen, mich zu hören. Gott wird mir eingeben, was ich sagen muß. Er wird das Herz des Königs rühren. Vielleicht läßt sich der Tyrann erbitten, ein Leben für ein anderes zu nehmen. O, meine Sarah, Kind meines Herzens, es wäre Seligkeit, für Dich zu leiden!" Im Vertrauen auf die letzte verlorene Hoffnung willigte Hadassah endlich auf die Bitten Hannah's ein, die Wohnung einer hebräischen Familie aufzusuchen, mit welcher sie ein wenig bekannt war, um dort etwas Speise zu sich zu nehmen und sich zur Nutze niederzulegen. Endlich kam ihr der Schlummer, aber mit Träumen; Hadassah glaubte ihren Sohn, ihren Abner zu sehen, heiter und sorgenlos wie in seiner Jugend. Dann änderte sich die Scene. Hadassah träumte, Sarah wäre unerwartet zurückgekehrt. Entzückt schloß sie das gerettete Mädchen in ihre Arme; dann sah sie zu ihrem Erstaunen, daß es nicht Sarah, sondern Sarah's Vater war, den sie in den Armen hielt. Es war sonderbar, daß sie inmitten so vieler Angst so wonnige Träume hatte, infolge deren ein Lächeln die gramerfüllten Züge der alten Wittwe überflog. Flüsterte da vielleicht ein guter Geist ihr in's Ohr: „Während Du schläfst, betet Dein Sohn, Deine Gebete für ihn sind nun endlich erhört." Aber Hadassah verlor mit Schlafen nicht viel Zeit. Als die Sterne noch am Himmel flimmerten, weckte sie ihre Dienerin, die zu ihren Füßen in tiefem Schlummer lag. Hanuah stand auf und Hadassah verließ mit ihr, ohne die Hausbewohner zu wecken, geräuschlos die gastliche Wohnung, die ihnen Schutz gewährt hatte, und wandte ihre Schritte zu dem Palast des Antiochus Epiphanes. Als die beiden Frauen durch die stillen, engen, leeren Gassen schritten, stießen sie plötzlich in einem Winkel, der durch eine Querstraße gebildet wurde, auf einen jungen Mann, dessen schneller Schritt Ungeduld und Angst bekundete. Er eilte mit solcher Hast vorwärts, daß er Hadassah beinahe anlief, bevor er stillstehen konnte. „Ha, Hadassah!" „Lycidas! Gott sei gepriesen!" riefen in einem Athem der Grieche und die Hebräerin. „Ist es — kaun es wahr sein — Sarah — gefangen — in Gefahr?" rief der junge Mann, den die Nachricht von dem Angriff auf Salaihiel's Wohnung und der Gefangennahme eines Mädchens erreicht hatte. Und zwar traf ihn dieselbe zu Bethlehem, wo er sich in jener Nacht aufhielt, und er eilte nun sofort nach Jerusalem. Lycidas war zuerst nach dem Hause des Cimon geritten, wo die von Hadassah hinterlassene Botschaft seine schlimmsten Befürchtungen bestätigte. Indem er sein Pferd, welches auf der felsigen Straße lahm geworden war, zurückließ, eilte er zn Fuß nach dem Palast mit keiner geringeren Absicht, als um jeden Preis eine Zusammenkunft mit dem Könige zu erlangen. „Sarah ist in jenem Palaste eine Gefangene," sagte Hadassah. „Du würdest alles thun, waS in Deiner Macht steht, um sie zu retten?" 272 — „Ich würde für sie sterben," war die Antwort deS Griechen. Hadassah machte nun in wenigen Worten den jungen Athener mit ihrer Absicht, den Austritt des Antiochus am Thor des Palastes abzuwarten und von ihm Leben und Freiheit Sarah's zu erflehen, bekannt. Gern nahm sie das Anerbieten des Lycidas, an ihrer Seite zu bleiben und ihre Bitten mit dem Gewicht feines Einflusses, den er vielleicht auf den Tyrannen hatte, zu unterstützen, an, wenn dieser Einfluß auch noch so gering sei. Hadassah, welche dankbar war, in ihrer Noth einen so eifrigen Freund gefunden zu haben, stützte sich auf den Arm des Lycidas, wie sie sich auf den Arm eines Sohnes gestützt haben würde. Verschiedenheit der Nation und des Glaubens waren für eine Weile vergessen. Beide waren durch eine große Liebe und einen großen Schmerz vereinigt, und der Heide konnte aus tiefstem Herzen zu dem Gebet der Wittwe „Amen" sagen. (Fortsetzung folgt.) --sr-k-rs—- ?. Julian Edelmann, Conventual deS ehemaligen Benedictiner- Neichsstiftes Ober-Elchingen. (Schluß.) Am 30. August 1802 wurde daS herrliche NeichS- stift, das Jahrhunderte hindurch in der weiten Umgebung viel Segen und Wohlfahrt verbreitet hatte, ein Opfer der unglückseligen Säcularisation; es wurde nach dem Grundsätze: Gewalt geht vor Recht — aufgehoben. Der Abt wurde peusionirt, während 3 Convcntualen zur Leitung der Seelsorge verbleiben durften. Unter diesen befand sich auch der hochverehrte Pfarrer von Oberelchingen, k. Julian. Schweren Herzens mag er die Schwelle der Klausur verlassen haben. „Doch der Pensionsstand hinderte den frommen und eifrigen Ordensmann keineswegs, auch fortan mit zartester Gewissenhaftigkeit soweit als möglich seine Ordensgelübde zu beobachten und für das Heil der Seelen, besonders zur Lehre und zum Troste der zahlreichen Wallfahrer, thätig zu sein, den Armen und Kranken nach Kräften beizustehen." Seine volle Kraft widmete)?. Julian seiner pfarramtlichen Thätigkeit, bis er in derselben durch Ift Peter Martin am 21. März 1805 abgelöst wurde. Damit begann für k. Julian eine neue LebersPeriode; was er zuvor amtshalber thun mußte, that er jetzr mit eben so großem Eifer aus freiem Willen. Er wurde nun allgemeiner Aushilfspriester; wo man ihn verlangte (in Unterelchingen, Falheim, Bnrlafingen, Straß, Thalfingen, Westerstetten), überallhin folgte er mit freudiger Bereitwilligkeit und Uneigennützigkeit. Sein ständiger Wohnsitz jedoch blieb Oberelchingen, woselbst er ein äußerst bescheidenes Stübchen bewohnte. Sein OrdenS- kletd legte er nicht ab und wollte in demselben auch begraben werden. Da er 36 Jahre laug an einem Fußübel litt, führte er beständig einen Stock bei sich. Die Leute nannten ihn nach seiner Resignation immer den „alten Herrn Pfarrer" und bezeigten ihm stets die größte Verehrung und Hochachtung. Da er ein besonderer Verehrer der schmerzhaften Gottesmutter war, suchte er die zu Elchingen bestehende Bruderschaft zur schmerzhaften Mutter GstteS möglichst zu fördern und verfaßte i. I. 1826 ein eigenes Lehr- und Gebetbuch dieser Bruderschaft. Zu Anfang dieses Jahrhunderts war im weiteren, wie auch im engeren Vaterlande viel Wandel, Unzufriedenheit und falsche Aufklärung im Volke rege. Auch in dieser Beziehung suchte der edle ?. Julian durch Wort und Schrift die Achtung vor den Obrigkeiten, vor den Gesetzen und staatlichen Einrichtungen zu erhalten, zu befestigen. Es fehlte eben damals selbst in den untersten Volksklassen nicht an harten Urtheilen über verschiedene Neuerungen und Verordnungen, k. Julian suchte diese Urtheile möglichst zu mildern und erwarb sich somit auch durch Loyalität bedeutende Verdienste. Als am 29. November 1802 zwei bayerische Commissäre erschienen, um allen Bewohnern von Elchingen den Eid auf den neuen kurfürstlichen Landesherrn von Bayern abzunehmen, ging k. Julian den ehemaligen Unterthanen des NeichL- stiftes mit dem guten Beispiel voran. Während der leidigen Kriegsjahre zu Ende des vorigen und zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts beherbergte Elchingen und dessen Umgebung nicht selten verwundete Krieger des eigenen und des feindlichen Landes, besonders nach der am 14. Oktober 1805 stattgesnndenen Schlacht von Elchingen. k. Julian suchte die verwundeten und sterbenden Krieger auf und spendete ihnen ohne Rücksicht auf Nationalität leibliche und geistliche Hilfe, wie ein echter barmherziger Samaritan. Er that dies vor den Augen des französischen Kaisers Napoleon I., welcher im Kloster sein Hauptquartier genommen hatte. k. Julian Edelmann hat unendlich viel Gutes gethan. Er war die verkörperte Selbstlosigkeit und Uu- eigennützigkeit. Wohlthätigkeit zu üben, war ihm Genuß. Er entzog sich an Speise und Trank, an Kleidung und Ergötzung alles, was nur ein wenig über das Nothwendige ging. Seine Einfachheit und Genügsamkeit war geradezu erstaunlich, erregte in der ganzen Umgegend Verwunderung und wurde vielfach unter dem Volks besprochen. Die unzähligen Wohlthaten, welche der selige Julian Armen und Bedrängten verschiedener Art im Stillen erwiesen hat, sind wohl einzig nur im goldenen Buche des Lebens aufgezeichnet, wo man seinen Namen ewig lesen wird. Durch seine erstaunliche Sparsamkeit gewann er aus feiner, wenn auch geringen Pension die Mittel für Stiftungen und Vermächtnisse, welche seinen edlen Sinn und seine Opferwilligkett großartig dokumentieren. k. Julian stiftete zur Anschaffung von sogenannten Preisebüchern und zur Bezahlung des Schulgeldes für arme Schulkinder für 5 Schulorte je 100 fl. — 500 fl. Für die Kirche in Oberelchingen spendete er nach und nach die Summe von 1500 fl. Zur Errichtung der Herz-Jesu-Bruderschaft in seinem Geburtsorte Unterelchingen leistete er 500 fl. Dem Orte seiner ersten pfarramtlichen Wirksamkeit, dem nahen Thalfingen, wendete er ein Vermächtnis; von 537 fl. zu, und vier anderen Orten, in denen er seel- sorgerisch thätig war, ein solches von 600 fl. Außerdem existiren heute noch verschiedene Jahr» tags-Stiftungen von ihm. Die einzige nennenswerthe Ausgabe für seine Person verursachte ihm ein Fußübel (es mußten ihm 2 Zehen amputirt werden), an welchem er lange Jahre litt. k. Julian Edelmann war im Umgänge mit Andern sehr entgegenkommend und gefällig; stets bekundete er ein heiteres, freundliches Wesen; im Ausdruck war er kern- haft und klar; er war durch und durch religiös und edel gesinnt. In Ausübung seines Berufes war er unermüdlich; er war seinem Gotte treu ergeben in allen Verhältnissen des Lebens. Es sollten daher an ihm die Worte in Erfüllung gehen, welche der Selige früher beim feierlichen Chorgebet und später beim stillen Breviergebet so oft beim 90. Psalm gebetet: „Ich will ihn segnen mit langem Leben und ihn schauen lassen mein Heil." k. Julian hatte bereits das 75. Lebensjahr erreicht. Der Abend seines edlen Lebens war genaht. Da sollte ihm durch Gottes Gnade noch eine gar seltene Freude zu Theil werden. Mit dem 18. Sept. 1834 nahte der 50. Gedächtnißtag seiner Weihe zum Priester. Es sollte ihm das große Glück beschieden sein, seine Sekundiz feiern zu können. Der demüthige Jubelgreis wollte zwar diesen so wichtigen, festlichen Tag in stiller Andacht und innigstem Danke feiern; allein seine Freunde hatten einen andern Beschluß gefaßt. Ohne dem hochw. Jubilar und dem Publikum Kenntniß zu geben, bereiteten dieselben eine gar würdige Jubiläums- Feier vor. Obwohl nur spärliche Mittheilungen hierüber laut geworden waren, nahm dennoch eine große Volksmenge an der herrlichen Feier theil. In feierlicher Procession, unter Absingung der Psalmen ConLteinini (117) und Imatatus (121) wurde der hochwürdige Jubelgreis (auf einen eigens vorher geweihten Stab sich stützend) zur Klosterkirche geleitet. Mit kräftiger Stimme sang der bejahrte Jubilar das Hochamt und hielt am Kreuzaltare eine ergreifende Rede über die Worte: „Nun, o Herr, entlassest Du Deinen Diener in Frieden!" Dabei äußerte er auch den Wunsch, sein geliebtes Elchingen möge einst wieder aufleben und dem Benediktiner-Orden zurückgegeben werden. Als auch der hochwürdigste Bischof Jgnaz Albert von Riegg von der in Oberelchingen stattgefundcnen Jubelfeier Kenntniß erhalten hatte, sandte Hochderselbe unterm 7. November 1834 ein äußerst anerkennendes längeres Schreiben an den hochverehrten, verdienstvollen Jubel-Priester. Ein gleiches erhielt derselbe unterm 10. Dezember 1834 vom Bischöflichen Ordinariate Augsburg. Lange noch erzählte man sich von dem schönen, zu Elchingen gefeierten goldenen Priester-Jubiläum. Auch nach demselben änderte ?. Julian nichts an feiner gewohnten Lebensweise. Er diente als Hilfspriester, wo immer man ihn erwünschte und so lange es seine Kräfte erlaubten. Endlich erging der Ruf des Herrn: „Du guter und getreuer Knecht, geh' ein in die Freude deines Herrn!" Die morsche Hülle der edlen Priesterseele brach. Julian wurde von einer Lungenentzündung ergriffen, und nach einem kurzen, nur viertägigen Krankenlager nahte das Ende seines heiligmäßigen Lebens. Mit allen heil. Sterbsakramenten versehen, vollkommen in Gottes heiligen Willen ergeben, sprach er noch: „Sucht mir meinen Stecken her — ich will fort!" Auf die Frage, wohin er wolle, antwortete er: „Ich will heim; ich will zu Gott!" Mit diesen Worten entschlief er sanft im Herrn, früh */z7 Uhr, am 16. Januar 1835, am Feste des heiligsten Namens Jesu. Eine wahrhaft edle Seele war zu ihrem Schöpfer zurückgekehrt, um jedoch unzweifelhaft nur ewigen Lohn zu empfangen. Kaum hatte die Sterbeglocke verkündet, daß der fromme k. Julian gestorben sei, da eilten Schaaren von Verehrern herbei, um ihn noch einmal zu sehen, um für ihn zu beten. Große und aufrichtige Trauer herrschte unter allen, welche den heiligmäßigen Pater gekannt hatten. Ein altes Mütterlein, welches den sel. k. Julian noch gekannt und wie einen Heiligen verehrt hat, erzählte dem Schreiber dieser Zeilen auf dem Wege von Nersiugen nach Oberelchingen einmal, daß nach dem Tode deS sel. l?. Julian viele eifrig bestrebt waren, irgend einen im Gebrauch des Seligen gestandenen Gegenstand oder wenigstens einen Theil desselben zu erhäschen, als gelte es in den Besitz einer Heiligen-Neliquie zu gelangen. Am 21. Januar wurde der Leichnam des auch im Tode noch hochverehrten Paters auf dem nordseitig an die Klosterkirche anstoßenden Friedhofe der geweihten Erde übergeben. Trotz des stürmischen Wetters hatten sich außer sehr vielen Geistlichen außerordentlich viele Laien aus nah und fern zur Leichenfeier in Oberelchingen einge- funden. ' Der gleichfalls pensionirte ehemalige Elchinger Benedikttner-Conventual k. Peter Martin — damals Pfarrer von Oberelchingen — nahm die Einsegnung der Leiche vor. In seiner Leichenrede über die Schriftstclle: „Und ein Edelmann reiste in ein weit entlegenes Land, um von seinem Reiche Besitz zu nehmen", Luc. XIX. 12, führte der hochw. Ofstziator aus, daß?. Julian Edelmann nicht nur ein Edelmann dem Namen nach, sondern in der That ein solcher gewesen sei, und pries denselben als Kinder- und Kirchenfreund, als Sünder- und Armen- freund. Der edle Gottesmann ist nun seit mehr als einem halben Jahrhundert schon aus diesem Leben geschieden. Wenn man gewöhnlich sagt: „Aus den Augen, aus dem Sinn", so gilt diese Regel bei k. Julian keineswegs. Obschon derselbe bereits im Jahre 1835 gestorben ist, so steht sein Andenken dennoch immer noch in hohen Ehren, und sein Grab ist heute noch Gegenstand besonderer Pflege und Verehrung. Dasselbe ziert ein einfacher Gedenkstein mit einem hohen, vergoldeten, eisernen Kreuze. Im Jahre 1882 wurde das Grabmonument einer gründlichen Renovation unterzogen; desgleichen die auf demselben angebrachte große Inschrift, welche lautet: „Hier ruht der hochwürdige k. Julian Edelmann. Er war ein echter Diener Christi; in ihm war kein Falsch; für das Haus Gottes und die Armen spendete er Alles und starb im Rufe der Heiligkeit, 76 Jahre alt, am 15. Januar 1835. R. I. Möge diese ehrwürdige Ruhestätte immerfort erhalten und pietätvollst (besonders von den Bewohnern der beiden Elchingen) stets besucht und gepflegt werden. Möge aber auch sich erfüllen, was ?. Melchior, 0.8. B. — Sankt Bonifaz — München, schreibt: „Möge der selige, wir dürfen ohne Zweifel sagen — der heilige k. Julian am Throne Gottes bitten, daß das herrliche Gotteshaus Obcrelchingen und dessen Wallfahrt erhalten, bleibt!" (Es sei hiemit an dieser Stelle dem vorgenannten hochw. Herrn ?. Melchior der beste Dank erstattet für die mündlich und concessiv gegebenen Mittheilungen.) Das Andenken an den edlen I?. Julian wird nie erlöschen, denn: ia msrnorirr astornu erit jrrstusl — Julius Editus. —--»4SWAS-.- Dn Ackerbau im heutigen Palästina, Von vr. Seb. Enringer, Pfarrer. (Fortsetzung und Schluß.) Kehren wir zu den Ernteerträgnissen zurück, so bemerken wir, daß große Schwankungen im Ertrage herrschen. Ueber die Bedingungen, welche die Ernte günstig resp. ungünstig beeinflussen, gibt uns die AvkV 1886, S. 46 folgende Aufschlüsse: „Zunächst ist zu bemerken, daß überall da, wo man nicht bewässern kann, also fast überall in Palästina, nur mittelmäßige Erträgnisse zu verzeichnen sind. Geringe Ernten, ja völlige Mißernten können stattfinden, wenn während der Regenzeit die Negenhöhe hinter der normalen beträchtlich zurückbleibt, wenn beim Keimen des Weizens und der Gerste die Regenzeit durch einen ansehnlichen regcnlosen Zeitraum unterbrochen wird, wenn der Spätregen gar nicht, nicht reichlich genug oder zu spat eintritt, wenn während des Wachsthums der cnls Osten, Südosten, Süden und Südwesten über die Wüsten kommende, den Boden rasch austrocknende Chamsinwind ( Sirokko) tagelang weht, und wenn große Heuschrccken- schwürme sich einstellen oder Mäuse, Ameisen, Engerlinge u. s. w. große Verbreitung erlangen. Sind die äußeren Verhältnisse nicht ungünstig, so gibt es namentlich in den Ebenen oft sehr ergiebige Ernten." Ueber das Betriebskapital, dessen ein Fellache bedarf, um einen FeddLn zu bebauen, gibt uns Schumacher 2l)kV 1889, S. 164 folgende Zusammenstellung, welche sich zunächst auf die Verhältnisse in Galiläa bezieht, aber mit geringen Modifikationen auch für das übrige Palästina gilt. Unter leääLv versteht man in Galiläa stets die Arbeit eines Paars Ochsen, die es während der Pflug- zeit je eines Jahres, in der Regel während eines Monats zu leisten im Stande ist. Bei Nazareth ackert der Fellach mit einem Paar Ochsen mittleren Schlages 30 Württembergische Morgen — 9,45 Hektar im Jahre. Nach diesem Maß rechnet auch die Regierung, indem der gesetzliche teclciäll — 9 Hektar ist. Zum Betrieb eines solchen IsäckLn braucht der Fellach: 1 eichenes Pfluggestell 46 Piaster^) — 6 M. 90 Pf. 1 Pflugschar (siklri) 30 „ — 4 M. 50 Pf. 1 Ochsenstachel (ininsao) 8 „ ---1 M. 20 Pf. 1 Joch und Zubehör 18 „ — 2 M. 70 Pf. Macht für einen Pflug 102 Piaster — L5M. 30 Pf. Die übrigen Gerüche kosten: 1 blecherne Röhre zum Säen "" ' (link) . ..... 4 Piaster--0 M. 60 Pf. 1 Sichel (inancksalral) .12 „ —IM. 80 Pf. 1 Dreschschlitten (nanracksoli) 46 „ ^6 M. 90 Pf. 1 Wnrfgabel mit 2 Zinken (soliaüst) .... 3 „ — 0M. 45Pf. 1 Wurfgabel mit 5 Zinken (miclrn).12 „ — 1 M. 80 Pf. Holzhaken und sostbLIr, Geflecht (für EctreidetranS- port auf Lastthicren) nebst Sieb werden vom Fellachen selbst gefertigt. . 0 ^ 0 M. 00 Pf. Somit kosten alle Ackergeräthe zusammen 179 Piaster — 26 M. 85 Pf. Dazu kommen: Saatfrucht für einen FeddLn (Weizen, Gerste, Lura) sammt Weizen zum Hausgebrauch bis zur Ernte 800 Piaster — 120 M. Ein Paar Ochsen kräftigen Schlages L 600 Piaster — 1200 Piaster — 180 M. Also braucht der Fellache ein Betriebskapital von 2179 Piaster oder 326 M. 85 Pf., um einen FeddLn — 30 württembergische Morgen — 9,45 Hektar zu bebauen. Diese Summe ist auch für jeden Grundbesitzer maßgebend; für jeden neu eintretenden Pflüger hat der arabische Grundbesitzer diese Summe beizubringen, die dem Fellachen bis zur Ernte mit Zins und Ziuses- zins aufgeschrieben und ihm auf der Tenne von seinem Antheil am Ertrag (dem Fünften) abgezogen wird. Da der Fellach ein schlechter Rechner, der Grundbesitzer aber Mein und Dein gerne verwechselt, so ist nicht zu verwundern, daß der Bauer trotz aller Arbeit stets ein Deficit macht, das ihn Zwingt, jedes andere Jahr das Dorf zu verlassen und seine Lehmhütte in einem andern aufzurichten. Wachsen aber seine Schulden ihm über den Kopf, so packt er seine paar Decken, seinen Kochkessel, seinen Wasserschlauch und, wenn es hoch kommt, seinen Wasserkrug (ibmlr) und seine Schuhe zusammen, bepackt den einzigen Esel, wenn ihm dieser noch gelassen wurde, und seine Frau damit und wandert bei Nacht und Nebel durchs Jordanthal in den Hanran und nach "Adschlün, wo er vor seinen Gläubigern sicher ist. (2I)?V 1889, S. 165.) Da ich gerade daran bin, das Klagelied des Fellachen zu singen, so möge noch ein Passus aus der Rede des Herrn Pfarrers Künzer aus Haifa folgen, welcher in der Generalversammlung des Palästinavsreins der Katholiken Deutschlands am 27. Nov. 1893 sich vernehmen ließ: „Nicht der einzelne Mensch ist besteuert, sondern der Bezirk. Die etwas haben, müssen beitragen; die nichts haben, können eben nicht. Es arbeitet also jeder nur so viel, als nöthig zum Leben; die fleißig sind, müssen für die Faulen mitbezahlen. Das System ist gleichsam eine Prämie auf den Müßiggang. Ein anderer Uebelstand ist der Naturalzehnt. Von jedem durch die Ernte Erzielten muß der Zehnt abgegeben werden. Nun gefällt es dem Steuer-Einnehmer oft nicht, zu kommen, um die Ernte zu schätzen. Diese muß also liegen bleiben, und oft, um die ganze Ernte nicht verderben zu lassen, muß der Eigenthümer noch einen „Backschisch" geben, damit der Einnehmer die Gnade hat, zu kommen. Also die Art und Weise der Besteuerung ist mit schuld an dem Niedergang des Landes .... und so wird das Sprichwort: „Unter dem Fuße des Islam kann nur die Wüste blühen!" ein wahres Wort. In unserer Nähe passirte kürzlich Folgendes: Der Kommandeur der Garnison hörte, daß auf einem Dorfe noch ein ziemlicher Wohlstand herrscht. Sofort rückte er mit einer Abtheilung Soldaten hin und sagte dem Vorsteher, es hätten sich Militärpflichtige aus dem Dorfe der Gestellung entzogen. Alles Widersprechen und Beweisen half nichts; er blieb da, so lange noch eine _ 77 Piaster —11M. 55 Pf. ,") 1 Piaster selmrülr (solche sind gemeint) ist — ca. 15 Pfennig. ") So scheint eS nach Schumacher in Haifa, Nazareth und Umgebung zu sein. Gewöhnlich aber (nach Konsul Wetzstein) werben die Siebe von den narnvar verfertigt. Siehe oben. Wetzstein gibt aber keinen Preis an. ") Der Zinsfuß ist meist 20°/„. 275 Kuh und ein Hammel da war. Dann zog er wieder ab, um das Experiment an einem anderen Ort zu wiederholen. Natürlich hat man da keine Lust, sich zu Plagen, damit cS ein Anderer wegnimmt." Die Fellachen, welche nahe bei den Bedninengebieten ihre Aecker bebauen, haben noch eine weitere Plage. Es geschieht nämlich gewöhnlich, daß die Beduinen meistens des Nachts über die anstehenden Feldfrüchte einer Gemeinde herfallen nnd nicht selten Hunderte von Kamelen auf einmal beladen. Da sie keine Sicheln haben, so schneiden sie die obere Hälfte der Halme mit Säbeln ab, weßhalb dieser Diebstahl karä, d. i. Aösäbelung, genannt wird. (Wetzstein bei Schegg, Archäologie, S. 147.) Daher zahlen die Bauern ihren räuberischen Nachbarn die „Bruderschaft" (okrnvrvo), einen Tribut an Getreide, und kaufen sich dadurch von den Räubereien der Beduinen los. Ich weiß nicht, ob es einen härteren Kampf um's Dasein gibt, als den eines palästinensischen Fellachen. Der Boden Syriens ist fruchtbar. Bibel und Talmud, FlaviusJosephns und Ammianus Marcellinus (14,6), ja selbst der klassische Antisemit Tacitus (bist. 5, 6) bezeugen uns dieses für das Alterthum. Aber auch jetzt noch ist er fruchtbar oder könnte reichen Ertrag liefern. „Selbst die syrische Wüste besteht nicht aus Sand, sondern aus gutem Boden, der nach dem ersten Regen eine Unzahl von Blumen und Kräutern, die fetteste Weide hervorsprießen läßt." (Bädeker I.VI.) Raubbau, Entwaldung und nach Fraas eine Aenderung des Niveaus haben Palästina um den Ruhm gebracht, das Land zu sein, wo Milch nnd Honig fließt. Charakteristisch für das heilige Land ist der Mangel an Humus. „Selbst die grüne Ebene zwischen Meer und Gebirge, die Ebene von Saron und Esdrelon, bietet wohl den lieblichsten Anblick und gewährt namentlich dem Wüstenreisenden doppeltes Entzücken — aber von Rasenvegetation ist keine Rede. ES ist vielmehr eine kräuterreiche Steppenvegetation, üppig zwar in der Niederung, entzückend durch hundertfache Farbennüancen — aber immer tritt der Fuß auf nackten Boden, auf Sand in allen Farben, auf rothen und braunen Lehm, der über den Kalken liegt, auf lichte Mengungen von Kalk und Kreide — nur nicht auf europäischen Grasboden." (Fraas, Aus d. Orient, 1867, S. 196 u. ff.) Während Conder den Unterschied zwischen einst und jetzt nur einen Unterschied des Grades und nicht der Art nennt (Pds Lnivs^ ok "lV. kniest. 4. Band x. 495), schließt Fraas a. a. O. aus dem einstigen Hnmusreich- thum, worauf die Wiesen und Wälder, an welchen nach den alten Berichten Palästina so reich war, hinweisen, und aus der jetzigen Abwesenheit von Humus, daß eine Niveauänderung der Oberfläche des heiligen Landes eingetreten >ein muß. Wie dem auch sei, der Raubbau und die Entwaldung haben sicher viel beigetragen, den Ackerbau weniger lohnend zu machen. Das geht schon daraus hervor, daß da, wo der Ackerbau rationell betrieben wird, z. B. in den deutschen Kolonien, sich ganz günstige Resultate ergeben. Eine Aufforstung im großen Stile würde sicher nicht ohne bedeutenden Einfluß auf die hydrographischen Verhältnisse und dadurch aufKlima undFruchtbarkeit bleiben. Der unermüdliche Dr. Anderlind hat auch hierüber Forschungen angestellt, von welchen er2vkV 1885, S. 101 u. ff. in dem Artikel „Der Einfluß der Gebirgswald- ungen im nördlichen Palästina auf die Vermehrung der wässerigen Niederschlüge daselbst" Rechenschaft gibt. Anderlind vergleicht die meteorologischen Beobachtungen von Jerusalem mit denen von Nazareth. Jerusalem liegt nämlich in einer nahezu waldlosen Gegend, erst im Norden 75 Kilometer in der Luftlinie und 45 Kilometer nach Osten bei eS Salt trifft man größere Wälder; westlich von Jerusalem befinden sich nur zwei kleine Wäldchen (ca. 16 Kilometer entfernt) bei Bet Mahsir, welche zusammen 6'/z Hektar ausmachen. Dagegen ist Nazareth von Wälder» umgeben. Allerdings sind diese Wälder nicht so dicht wie bet uns und sehr oft nur Niederwald. „Es umfassen die Waldgebiete um Nazareth herum einschließlich der darin enthaltenen »»bewaldeten Flächen 1580 Quadratkilometer---158,000 Hektar; die darin vorkommenden wirklichen Waldflächen, das heißt die mit vollkommenen oder unvollkommenen Waldbeständen bedeckten Flächen, 580 Quadratkilometer oder 58,000 Hektar; die Vollwalduugen, das heißt die Flächen, welche sich ergeben, wenn man die zu einem großen Theile nicht vollbestandenen wirklichen Waldflächen sich auf vollbestandenen Niederwald resp. Hochwald zurückgeführt denkt, 258 Quadratkilometer oder 25,800 Hektar, wovon 194 Quadratkilometer (19,400 Hektar) alsVollniederwaldungen und 64 Quadratkilometer (6400 Hektar) als Voll-Hoch- waldungen gelten können. Ich habe bei dieser Schätzung angenommen, daß die Niederwaldungen durchschnittlich zur Hälfte voll bestockt seien, daß ein Hutewald nur ein Drittel von der Stammzahl eines Hochwaldes gleicher Flüchen- größe enthalte und daß daher die Dichtheit der Bestock« ung erst 3 Flächeneinheiten Hutewald gleich zu erachten seien einer Flächeneinheit vollen Hochwaldes" (1. v.S.112). Wie diese Niederwaldungen aussehen, davon gibt Hr. Pfarrer Künzer in seiner bereits citirten Rede folgende, auch nach meinen Erfahrungen treffende Schilderung: „Wenn man zuweilen Reiseschilderungen liest, z. B. über den Karmel, dann denkt man, es muß eine Pracht sein, dieser Berg. Aber wie wird man enttäuscht bei dem Anblick. Kein Wald, nur Gestrüpp, nicht einmal Gras; nur einige dürftige Kräuter sprossen hier und da hervor." Von den 5 großen Waldgebieten um Nazareth, welche, wie gesagt, mit den 2 kleinen Wäldchen bei Jerusalem die einzigen Wälder diesseits deS Jordans sind, kenne ich 3 aus eigener Anschauung: den Karmel, den Tabor und den großen Wald zwischen Haifa, Akko und Nazareth ; dagegen die 2 übrigen, den Wald bet Umm el fahm ") und den zwischen Tyrus-Safed-Nazareth liegenden, habe ich nicht besucht. Wenn ich mein Urtheil über die von mir durchrittenen Wälder abgeben soll, so kann ich nur sagen, daß selbst die Hochwälder nie und nimmer das sind, was wir Deutsche einen Wald nennen. Denn die Bäume stehen zu weit auseinander; es machen diese «Wälder" den gleichen Eindruck wie der Münchener Hofgarten. Dort stehen auch eine Menge Bäume, aber jeder in respektabler Entfernung von dem andern. Die Niederwälder machen den Eindruck wie die Auen an unseren Flüssen. Erst der Cedernwald auf dem Libanon ist das, was man im Deutschen einen Wald nennt. Anderlind gelangt nach Vergleichung der meteorologischen Beobachtungen der beiden Orte zu dem Resultate, daß die GebirgSwalduugen Nordpalästiua's die Regenmenge daselbst wahrscheinlich nicht unerheblich vermehren. „Aeußern sonach", schließt Auderlind S. 114, „wahrscheinlich schon Wälder von der Ausdehnung und Beschaffenheit der im nördlichen Palästina vorkommenden ") Das ist der Wald Ephraim der Bibel. 276 — einen Einfluß auf die Vermehrung der Siegenmenge, so müßte dies in noch bedeutenderem Maße der Fall sein, wenn Waldflächen vorhanden wären, die einen größeren Theil, etwa 25 bis 30 Prozent, von der Landfläche ausmachten, die ferner voll und statt mit den wenig zweckmäßigen Nieder- und Hntewüldern mit Doppelwäldern bestanden wären, das heißt Hochwäldern, welche außer einem geschlossenen Oberbestande noch einen aus schattenertragen- den Holzarten bestehenden Unterbestand enthielten." In seinem Aufsatz „Ackerbau und Thierzucht in Syrien" kommt Anderlind noch einmal auf die Waldungen zu sprechen (2vkV 1886, S. 47) und führt dabei aus: „Bet Anlage und Erhaltung umfänglicher dichter Hochwaldungen auf den Gebirgen würde eine Verbesserung der Ernten wohl kaum ausbleiben. Denn der Thaufall nähme dann zu, mindestens in der Nähe von Waldungen; ferner würden nicht nur die wässerigen Niederschlüge durch Mineralerde, Humus und Streudccke des Waldes längere Zeit, als dies auf unbewaldeten Flächen geschieht, festgehalten, sowie an der Versickerung in's Erdinnere verhindert und zum allmäligen Abfließen gebracht, sondern auch die Negenfülle wahrscheinlich vermehrt werden. Manche Bäche und Flüsse, welche jetzt während des Sommers vollständig austrocknen, dürften dann beständig Wasser führen." Die Aufforstung der Gebirge müßte aber in großem Maßstabe ausgeführt werden, das wäre die Aufgabe des Staates; aber der türkische Staat ist zu so etwas kaum fähig. — Würde fernerhin eine Bewässerung der Felder auf künstliche Weise ausgeführt werden, wie es im Norden von Syrien der Fall ist, so könnte man einmal eine doppelte Ernte alle Jahre erzielen, dann könnte man den ausbleibenden Regen ersetzen, die Wirkung des austrocknenden Gluthwindes paralysiren und das schädliche Ungeziefer, Mäuse, Ameisen, Engerlinge rc., vernichten. Aber dazu gehören imwerfließende Bache. Solange die Aufforstung nicht in Angriff genommen wird, ist auch keine Hoffnung auf künstliche Bewässerung im großen Stile. Da den Kolonisten kein Einfluß auf die Regierung zusteht, so sucht man durch Wort und Beispiel auf die Eingeborenen zu wirken, damit wenigstens das, was geschehen kann, geschieht. Dazu ist bereits eine blühende Ackerbauschule eingerichtet. Der Kanonikus Antonio Belloni, ein Schüler Dom Bosco's, hat in Beth-Dschimsl bei Jerusalem eine Ackerbauschule und Kolonie gegründet. Das Kolonialgebiet, das theils von katholischen Familien, theils von den 50 Zöglingen der Anstalt bebaut wird, beträgt 12 Kilometer im Umfangs oder 900 Hektar Fläche, welcher Grundkomplcx um eine ganz unbedeutende Summe von den arabischen Bauern erstanden wurde. Kultivirt waren davon 1884: 200 Hektar, nämlich 157 Getreide, 30 Oliven, 7 Fruchtbäume, 3 Gemüse, 1 Wein. Die Kolonie und Schule werden von zwei Weltpriestern, einigen Laienbrudern, fünf Oekonomen und vier Laienschwestern geleitet. Ferner besitzen die Lcsura äs Notrs Ilams äs Lisa in St. Johann (Ain Karim) ein Kloster mit ausgedehntem Grundbesitz, bestehend in Olivenpflanzungen, Wein- und Gemüsegärten, welche unter der Leitung zweier tüchtiger europäischer Oekonomen von mehreren Eingeborenen, für welche diese Arbeit als Bodenkulturschule dient, bearbeitet werden. (Schnabel: Die römisch-katholische Kirche in Palästina, 2vkV 1884, S. 279 u. ff.) Der Palästinaverein der Katholiken Deutschlands hat in Tabra (auch Tabgha geschrieben) am See Genesareth große Grundstücke angekauft, welche unter der Leitung von?. Bisver bearbeitet werden. Die Franziskaner sind durch ihre Ordensregel verhindert, Ackergründe und Weinberge zu erwerben und können daher keine Ackerbauschulen errichten. Die deutschen und die jüdischen Kolonien geben den Fellachen das beste Beispiel; aber so lange das Aus- saugungssystem nicht aufhört, werden die Bauern nur in geringem Maße etwas von den Kolonisten annehmen. Der Fluch, welcher über dem hl. Lande liegt, ist verkörpert durch die türkische Regierung, und es ist keine Hoffnung, daß es anders wird, denn wenn nicht alle Zeichen trügen, folgt auf den Sultan der Zar. Abgesehen vorn Klima, das dem Deutschen nicht zuträglich ist (Malaria, unter welcher übrigens die Eingeborenen ebenso, wenn nicht mehr leiden), ist eS Niemand zu rathen, als Kolonist in Palästina sich anzusiedeln. Socin in Tübingen schreibt 2V?V 1881, S. 134: „Der Umstand, daß europäische Kolonisten in Palästina mehr oder weniger von den Eingeborenen abhängig sind und, falls sie geschädigt und beleidigt werden, bei den türkischen Gerichten nur mit Mühe ihr Recht erlangen können, muß die Anhänger von weiteren KolonisationsProjekten immer wieder stutzig machen ..... wir sind der Ansicht, daß erst Manches noch gründlich gebessert werden mühte, bevor europäische Ansiedler sich in Palästina sicher und geborgen fühlen können." Ich schließe mit dem guten Rath: „Bleibe im Lande und nähre Dich redlich!" ----s-Hk-sc-- A ü 5 § x L e ß. 139 Jahre alt. Dieser Tage erschien bei einem Arzte in Moskau ein Greis und bat, seine verletzte Hand zu verbinden. Der Arzt legte den nöthigen Verband an und fragte nach dem Alter des Greises. Es erwies sich, daß derselbe im Jahre 1757 geboren war, somit also im Patriarchenalter von 139 Jahren steht. Der Alte wurde in der Negierungszeit der Kaiserin Elisabeth geboren und lebte unter den Herrschern Peter III., Katharina II., Paul, Alexander I., Nikolai I., Alexander II., Alexander III. und jetzt unter der Regierung des Kaisers Nikolai II. Der Greis ist Moskauer Kleinbürger und war bis zu seinem 86. Lebensjahre Kutscher; als er einst unglücklicherweise die Kalesche mit einer Verwandten seiner Herrschaft umwarf, wurde er nach Sibirien verschickt. In Sibirien lebte der Alte bis zum Jahre 1891. In diesem Jahre beschloß er, die Heimath aufzusuchen. Vorher jedoch machte er mehrere Wallfahrten und gelangte erst 1894 nach Moskau. Hier blieb er nur kurze Zeit und wallfahrte nach Kiew, von wo er in diesen Tagen nach Moskau zurückkehrte. Der Alte, Kusmin mit Namen, besitzt ein ungetrübtes Sehvermögen, hört gut und ist vorzüglich zu Fuß. Kusmin hat bis zum Jahre 1891 niemals Branntwein getrunken, „auf meine alten Tage erlaube ich mir jetzt aber mitunter ein Gläschen", erklärte der Greis. Auflösung der Schach-Aufgabe in Nr. 34: Weiß. Schwarz. 1. L. L2-61 beliebig. D,, T. oder Sp. Matt. —»AZUW"- AnttrAattimgsdlatt M „Augslmrger PostMung". M 37. Dinstag, den 5. Mai 1896. Für die Redaction verantwortlicb: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Berlag des Lilerarischen Instituts von Haar L Graddcrr in Augsburg (Borbesttzer l>r. Mar Huttler). Judas Wakkabäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) 27. Kapitel. Die Flucht. Mit einem sonderbaren Gemisch von Glückseligkeit und Furcht folgte Sarah ihrem Vater aus dem Gemach, welches ihr Gefängniß gewesen war. Der Segen Abner's lag so warm auf dem Herzen seiner Tochter. Sarah war nun nicht mehr wie eine, die in die Tiefen der Finsterniß blickt, um den Schimmer irgend eines schrecklichen Gegenstandes zu erspähen; sie hatte gefunden, was sie gesucht, und durch die Bande der Liebe einen verlorenen Vater an's Licht gezogen und gerettet. Es erfüllte Sarah mit Entzücken, wenn sie daran dachte, wie groß die Freude der Hadassah bei der Wiederkehr ihres Sohnes sein würde. Das Mädchen konnte sich der überstandenen Gefahren freuen und mit einem Muth, über den sie sich selbst wunderte, den bevorstehenden entgegengehen. So klar konnte sie nun sehen, daß ihre Leiden für die, die sie liebte, ein Mittel zum Segen gewesen waren. Mit leichtem, geräuschlosem Schritt folgte Sarah der Weisung ihres wiedergefundenen Vaters und, ihn immer im Auge behaltend, kam sie in den ersten Hof, den sie zu durchschreiten hatte. Er war gepflastert, von Pfeilern umgeben, unter freiem Himmel, dessen tiefes Blau im Morgenlichte erblaßte. Sie bemerkte, daß ihr Vater ängstlich zu dem Gebäude, welches die linke Seite des Hofes bildete, blickte, wo marmorne Pfeiler mit gekrönten Säulen und reich verzierten Kapitälen einen prachtvollen FricS trugen. Antiochus selbst bewohnte diesen Palast, aber kein Auge blickte zu jener frühen Stunde auf die beiden Gestalten, welche da unten über den marmorgepflasterten Hof glitten. Unter dem Schatten des nun erreichten Säulenganges erwartete Pollux seine Tochter. Die erste Gefahr war glücklich überstanden. Pollux deutete nun auf einen breiten, bedeckten Gang zur Rechten, welcher von Lampen erleuchtet war, deren einige schon ausgebrannt waren, während andere nur noch flackerten. Sarah sah auf dem andern Ende dunkle Gestalten. Es waren die Wächter, die, von der langen Nachtwache ermüdet, augenscheinlich schliefen; denn sie schienen sich in halb sitzender, halb liegender Stellung zu befinden und verhielten sich vollkommen ruhig. Sarah mußte nun zuerst gehen, und mit klopfendem Herzen näherte sich das Mädchen den beiden Kriegern, indem sie, da sie die Größe der Gefahr fühlte, ein un- hörbares Gebet hauchte. Der Gang, an dessen Ende die Krieger Wache hielten, mündete in einen der kleinen Gärten, welche das Innere des ausgedehnten Gebäudes schmückten, mit einem Bassin in der Mitte, von welchem gewöhnlich ein schöner Springbrunnen aus einer Gruppe von Marmorstatuen, die Niobe mit ihren Kindern darstellend, in die Höhe stieg. Es war unmöglich, den Garten zu erreichen, ohne an den beiden Wächtern vorbeizukommen. Sarah konnte nicht unterscheiden, ob sie wirklich schliefen, und der Raum zwischen ihnen war kaum breit genug, um ihr den Durchgang zu ermöglichen. Zitternd und doch voll Hoffnung ging Sarah langsam und doch vorsichtig, den Krug auf dem Kopfe, vorwärts. Gerade, als sie bet der Wache vorbeiglitt, fuhr die eine in die Höhe und ergriff ihr Gewand. „Ha, Sklavin! Was hast Du vor zu dieser frühen Stunde?" „Mein Herr hat mir geboten, meinen Krug in jenen Teich zu tauchen," sagte Sarah mit so fester Stimme, als es ihr nur möglich war. „Ich glaube, Dein Herr hat sich mit starken Getränken erhitzt, sonst würde er zu dieser frühen Stunde kein Wasser brauchen," sagte der Krieger, indem er Sarah losließ, welche verwundert über ihren Erfolg schnell in den Garten eilte. Sie vergaß beinahe in ihrer Hast zu entkommen, daß es doch nöthig war, ihren Krug in das Wasser zu tauchen, da sie noch in Sicht der Syrer war. Das Mädchen mußte noch zwei bis drei Schritte zurückgehen und beugte sich dann über den Rand des Bassins. Das kühle Wasser erfrischte sie, als sie ihre schlanken Finger hinetntauchte. „Nun," dachte Sarah, „ist noch ein langer, dunkler Gang zu durchschreiten, liegt er zur Rechten oder zur Linken? Ich kann mich kaum der Weisung meines Vaters erinnern und ein Irrthum kann für ihn und für mich verhängnißvoll werden. O, mag Gott mich führen!" Als Sarah ängstlich umherblickte, bemerkte sie zur Linken, in der Menge von Gebäuden, welche den Garten einschlössen, eine enge Oeffnung. Die Ocffnung war so finster, daß sie dem zitternden Mädchen wie der Mund eines offenen Grabes vorkam, und sie fürchtete sich hineinzugehen. 278 Als sie noch zögernd dastand, hörte sie hinter sich ihren Vater, wie er der Schildwache die Losung sagte. Seine Stimme stärkte den Muth seines Kindes. Es war sür sie ein großer Trost, ihn in der Nähe zu wissen. Indem Sarah nun den Garten verließ, trat sie in den dunklen Gang. Er war nicht ganz so finster, als er von außen geschienen. Das Mädchen konnte schwach in der Wand eine Nische unterscheiden, in welche sie ihren Krug stellte, welcher ihr bei ihrer Flucht nur noch eine Last war. Der Gang, durch welchen Sarah sich jetzt tappen mußte, war ein Schleichweg für Sklaven, welche Fleisch und andere Lasten trugen. Auch kam es nicht selten vor, daß Höflinge mit geheimen Aufträgen ihn benutzten. Er grenzte an einen viel größeren Gang, der ihn in einem rechten Winkel durchschnitt und zu einer Pforte des Palastes führte, an welchem Tag und Nacht viele Krieger Wache hielten. Als Sarah den Punkt erreichte, wo der kleine Gang in den größeren mündete, wurde sie des größten Hindernisses gewahr, welches sie zu bestehen gehabt. Die hier Wache haltenden Krieger waren nämlich wach und die Thür, welche ein weiteres Vordringen ermöglichte, stark verriegelt. Dem jungen Flüchtling schien dieses Hinderniß unüberwindlich. Dem Auge Sarah's zeigte sich nicht die kleinste Möglichkeit, diese Thür aufzuriegeln, damit sie hinauskäme. Das Herz des fliehenden Mädchens sank. Es war schrecklich, der Freiheit so nahe zu sein und noch ein so unüberwindliches Hinderniß vor sich zu haben. Wie schrecklich sahen die tödtlichen Waffen der Krieger aus, als sie dort in dem erblaßten Fackellicht schimmerten, wie ernst starrten die wettergebräunten Krieger des Antiochus Epiphanes vor sich hin. Sarah lehnte sich an die Wand des dunkeln, engen Ganges und horchte auf die Fußtritte ihres Vaters. Sie wagte nicht, sich aus dem Schatten in den erleuchteten Gang zu begeben. Jetzt war Pollux an ihrer Seite; sie fühlte seine Hand leise auf ihrer Schulter. „Alles ist verloren, wenn Du mich zu retten suchst, Vater," flüsterte des zitternde Mädchen. „O, gehe ohne mich weiter, — überlasse mich Gottes Führung. Ich kann nicht an jenen Wachen vorbeigehen." „Wenn ich meine Hand erhebe, dann komm' und folge mir," flüsterte Pollux. Darauf trat der Höfling, nicht wie ein Gefangener, der fliehen will, sondern mit dem festen Tritt eines Mannes, der nicht an seinem Recht und seiner Macht zweifelt, zu gehen, wohin es ihm beliebt, in den Gang und näherte sich den Wachen, welche nach orientalischem Brauch einen Edlen hohen Standes, der ihnen allen bekannt war, grüßten. „Die Losung ist: Das Schwert des Antiochusl Riegelt jenes Thor schnell auf, ich bin hier in dringenden Angelegenheiten, die keinen Aufschub erleiden dürfen," redete Pollux die Wachen im Tone des Befehls an. , Dieser Befehl wurde augenblicklich befolgt. Sarah hörte mit freudig klopfendem Herzen, wie Riegel auf Riegel zurückgeschoben wurde und die Thür in den Angeln kreischte. Sie fühlte das Wehen der frischen Luft, die von außen eindrang. Pollux schien hinausgehen zu wollen, als er plötzlich die Hand zum Zeichen für seine Tochter erhob. Sarah gehorchte in athem- loser Spannung dem Zeichen und glitt vorwärts, um aus dem Palast zu kommen. Einer der Krieger versperrte ihr jedoch den Austritt mit seiner Waffe. „Lass' die Sklavin gehen," gebot Pollux ernst. Augenblicklich senkte sich die Spitze der Waffe. Aber ein anderer Krieger war im Begriff, Einspruch zu erheben. „Es ist gegen die Ordnung," begann er. Aber Pollux ließ ihn nicht ausreden. „Mich dünkt, Du dientest unter mir im Heer des Gorgias," bemerkte der Höfling mit großer Geistesgegenwart. „Ja, gewiß mein Herr," antwortete der Krieger. „Wenn wir das nächste Mal Makkabäus wiedersehen, wollen wir ihn nicht schonen," bemerkte der Edle. „Hier, mein Braver," sagte er, indem er einen schweren Beutel mit Gold hervorzog, „theile dies unter Euch und trinke auf glücklichen Sieg für die Tapferen." Die Krieger konnten kaum ein Freudengeschrei über die unerwartete Freigebigkeit des Pollux unterdrücken. Nicht einer sah mehr auf Sarah, als sie in die freie Luft sich hinausbewegte. O beseligendes Gefühl der Freiheit! Wie köstlich wehte die frühe Morgenluft in das Antlitz der Flüchtlinge, wie herrlich breitete sich das Gewölbe über ihnen aus, welches im ersten Licht der Dämmerung sich zu röthen begann! Pollux fühlte, wenn auch in viel geringerem Grade, etwas von der Freude, die seine Tochter empfand, als er mit ihr die Marmorstufen hinabstieg, die von dem im griechischen Stil erbauten Palast zu der Plattform, auf welcher er errichtet war, hinabführten. „Dies ist der Weg, den wir einzuschlagen haben," sagte Pollux, indem er Sarah fortzog und auf eine der hohen, engen Straßen Jerusalems deutete. „Wir müssen soviel Raum als möglich zwischen uns und die Verfolger bringen, bevor die Sonne ausgeht. Wollte Gott, wir wären eher fortgekommen! Viele Gefahren liegen noch vor uns." Eine war näher, als der Sprecher ahnte. Kaum waren nämlich die Flüchtlinge in die nächste Straße eingebogen, als sie einem syrischen Höfling in prächtiger Kleidung begegneten, dessen unsicherer Gang verrieth, in welcher Weise er die Nacht zugebracht hatte. Trotzdem er mehr als halbberauscht war, erkannte Lystmachus doch sofort den Pollux. „Ha, wo willst Du hin?" rief Lysimachus, welcher in dem engen Pfade dicht vor den Flüchtlingen hin- und herschwankend stehen blieb. „Ich gebe über meine Handlungen nur denen Rechenschaft, die ein Recht haben, danach zu fragen," sagte Pollux stolz, indem er an seinem Gegner vorbei ging, während Sarah dicht hinter ihrem Vater blieb. „Der Fuchs haite die Falle bemerkt, Pollux hat gewittert, daß ich sein Todesurtheil in den Händen habe, und daß vor Sonnenuntergang sein Kopf noch fallen muß!" schrie Lysimachus. Pollux fuhr bei diesen Worten seines Feindes auf. „Er will fliehen!" fuhr Lysimachus noch lauter fort. „Er will zu den Hebräern zurück, aber dies soll ihn aufhalten." Und mit einer schnellen, unerwarteten Bewegung stieß der Syrer einen Dolch in die Brust des Pollux. Dann aber fiel er selbst leblos in den Staub. Lysimachus war von einem Schwerthiebe des Lycidas niedergestreckt worden, der nur wenige Schritte hinter ihm gewesen war. 279 Sarah erblickte den Griechen und die ehrwürdige Gestalt der Hadassah erst in diesem entscheidenden Augenblick. Ihr Auge heftete sich auf die Beiden. Sie hatte den Schlag, der ihren Vater traf, nicht gesehen. Dieser war, obwohl tödtlich getroffen, nicht sogleich gefallen. ALS Trost am Mntlrrticrzcn. Nach dem Gemälde von M. Schneidt. letzten Umarmung. — „O, Mutter," rief Sarah, „er hat mich gerettet! Er ist nun wieder Dein Sohn, der seinem Vaterland und seinem Gott ergeben ist." Hörte Hadassah den freudigen Ausruf? Wenn nicht, so that das wenig zur Sache. Sie hatte mit Entzückenschon alles erfaßt, was diese Worte bedeuten konnten; denn die letzten Ausrufe des Lysimachus, bevor er fiel, hatten ihr Ohr erreicht. Ihr Sohn, ihr geliebter Sohn kehrte zu den Hebräern zurück, ja, was noch viel mehr war, zu dem Glauben, welchen er einst abgeschworen hatte; er war zurückgegeben—gerettet von dem Verderben. — Er rettete sein Kind vom Tode, seine Mutter von Verzweiflung. Hadas- sah's Herz hatte dieses Alles erfaßt und in der Freude schnell begriffen. Sie brauchte nichts weiter zu wissen; — ihr Sohn war von ihren Armen umschlungen. Pollux und Hadassah sanken zur Erde zusammen nieder. Der Anblick einigerBlutstropfen auf dem Steinpflaster brachte Sarah zuerst auf den Gedanken, daß Lysimachus ihrem Vater eine Wunde beigebracht haben könnte. „O, er ist verwundet!" rief sie aus, indem sie sich neben ihm auf die Kniee warf. „Todt!"riefHan- nah, welche sich vergebens bemühte, den Kopf des Pollux aufzuheben. „Nein —nein — nicht todt! O, Lyci- das! — Lycidas!" rief Sarah, indem sie sich voll Schrecken unwillkürlich an den Athener wandte, da sie glaubte, er Denn Pollux erblickte nun auch Hadassah, und der plötzliche unerwartete Anblick seiner Mutter, von welcher er solange getrennt gewesen, schien selbst über die Hand l würde sie von der schrecklichen Befürchtung, die Hannah des Todes Macht zu haben. Mutter und Sohn be- § in ihr erregt, befreien. gegnetcn sich und empfingen sich in einer ersten und — > „Es ist nur zu wahr," sagte Lycidas traurig; 280 denn er konnte das Antlitz des Pollux nicht ansehen, ohne zu glauben, daß das Leben erloschen sei. „Wir müssen den Sohn sanft aus den Armen der Mutter lösen." Aber diese Beiden, die im Leben so lange getrennt gewesen waren, konnten im Tode nicht getrennt werden. Ein Mensch hatte nicht die Kraft, sie von einander zu scheiden. Oft hatte Hadassah geglaubt, daß ihr Herz vor Kummer brechen würde, — nun war es vor Freude gesprungen! Die Tage ihrer Trübsal waren vorüber. Ihre ewige Sabbathruhe hatte begonnen. Das selige Lächeln, welches kürzlich noch im Schlaf ihre Lippen umspielt hatte, lag auch jetzt darauf im letzten, friedlichen Schlummer, aus welchem sie zum Weinen nie wieder erwachen sollte. Ihr war nach Herzenswünschen gegeben, so konnte sie in Frieden dahinfahren. Gesegneter Tod, glückselige Heimfahrt! 28. Kapitel. Vereinigt im Grabe. Lycidas wagte erst nicht, Sarah die schreckliche Wahrheit zu entdecken, daß sie mit einem Schlage ihrer beiden Beschützer beraubt, daß sie nun wirklich eine Waise und allein in der Welt sei. Sarah sah, daß ihr Vater todt war, glaubte aber, daß Hadassah nur in tiefer Ohnmacht läge. Die halb unterdrückte Wehklage Hannah's über ihre Gebieterin offenbarte zuerst die ganze Ausdehnung ihres Verlustes. Seine Größe betäubte sie beinahe. Es war ein lähmender Schreck. Lycidas erinnerte sich nunmehr der großen Gefahr, in der Sarah, welche dieselbe für den Augenblick ganz vergessen hatte, schwebte, sobald sie von den Syrern entdeckt und verhaftet würde. DeS Griechen Hauptsorge war jetzt, ihr kostbares Leben zu retten. Er versuchte sie zur Flucht zu bewegen, aber selbst seine Bitten konnten die Trauernde von den todten Körpern des Pollux und der Hadassah nicht fortbewegen. Es schien, als ob Sarah die Größe des Verlustes nicht fassen könne. „Was ist hier zu machen?" rief der Grieche voll Verzweiflung. „Wenn die Syrer sie hier finden, ist sie verloren. Die Stadt wird bald lebendig sein, schon höre ich das Dröhnen von Rossehufen." In demselben Augenblicke erschien ein Mann, der ein großes, mit zwei leeren Körben beladenes Maulthier am Zügel führte und im Begriff war, einsam seines Weges weiter zu ziehen. Bet seiner Annäherung erkannte Lycidas zu seiner großen Freude, daß es Joab war, ein Mann, dessen Gesicht er wohl so leicht nicht vergessen konnte, da es von den hervorragendsten Ereignissen in dem Leben des jungen Atheners unzertrennlich war. „Ha l die Frau Hadassah!" rief der Maulthiertreiber in einem Ton des Erstaunens und des Bedauerns, als sein Auge auf den leblosen Körper fiel, an den Sarah sich fest klammerte. „Ich habe Dich früher schon gesehen, ich weiß, daß Du ein guter, zuverlässiger Mann bist," sagte Lycidas schnell, „Du wagtest Dein Leben beim Begräbniß der Märtyrer, Du wirst uns auch jetzt in unserer großen Noth helfen. Lass' uns diese Körper auf Dein Maulthier laden und bringe sie so heimlich und schnell als möglich in das Haus der Hadassah." „Ich wollte alles für meine alte Herrin wagen," entgegnete Joab, „aber was jenen seidegekleideten Syrer anbetrifft, so habe ich nicht Lust, mein Maulthicr mit seinem Leichnam zu beladen." Der Maulthiertreiber sah dabei mit Erstaunen auf den Körper des Pollux. „Wer ist er?" fuhr Joab fort, „und wie kommt es, daß er von den Armen der Frau Hadassah umschlossen ist?" „Mein Vater, — er ist mein Vater!" schluchzte Sarah. „Nimm sie Beide auf!" sagte Lycidas, „wir können sie nicht trennen, und es ist keine Zeit zu verlieren!" Die vereinigten Anstrengungen sämmtlicher genügten kaum, die beiden Körper auf den Rücken des Maulthieres zu heben, welches, obgleich ein großes, starkes Thier, kaum die doppelte Last tragen konnte. Joab nahm seinen großen, groben Mantel und deckte ihn über die Leichname, um sie zu verbergen. Dann nahm er sein Thier am Zügel und führte es stillschweigend vorwärts. „Droht von diesem keine Gefahr?" fragte Hannah den Lycidas, indem sie auf Lysimachus deutete, welcher besinnungslos und, da sein Kopf beim Fall sich stark an einen Stein gestoßen hatte, blutend am Boden lag. Nach einer kurzen Untersuchung überzeugte sich Lycidas, daß der Höfling sich wirklich in einem Zustande völliger Bewußtlosigkeit befand und von dem, was um ihn vorging, nichts merkte. Lycidas wandte sich nun zu Sarah, die, wie eine geknickte Lilie gebeugt, dem Leichnam der Hadassah und des Pollux folgte. Er bot ihr bei dem Gange seine Hilfe an. Sie vermochte dieselbe nicht zurückzuweisen. Eine Todeskälte schien über sie gekommen zu sein, und hätte Lycidas sie nicht gehalten, würde sie auf dem Wege umgesunken sein. Mit sonderbaren Gefühlen dachte Lycidas später an diesen Gang durch Jerusalem. Das Wesen, welches er auf dieser Welt am meisten liebte, lehnte sich auf seinen Arm, zu erschöpft, um seine Hilfe zurückzuweisen. Er war unaussprechlich glücklich, ihr so nahe zu sein. Was aber die Seele des Lycidas am tiefsten bewegte, war eine verzehrende Angst um Sarah und der Wunsch, bald einen Ort zu erreichen, wo er sie bei der drohenden Gefahr geborgen wußte. Entsetzlich langsam erschien ihm der Gang des schwer beladenen Maulthieres, schrecklich lang die Strecke, die noch zurückzulegen war. Der Maulthiertreiber vermied absichtlich den geraden Weg und wählte einen weniger besuchten, der außerhalb der Stadt an den Trümmern der Mauern von Jerusalem vorbeiführte, die Apollonius niedergerissen hatte. Sehr unwillkommen war dem Lycidas das Anbrechen des Tages, das die Stadtbewohner zu neuem Leben erweckte. Jedes menschliche Wesen, das ihnen begegnete, selbst wenn es nur ein Kind war, flößte ihnen Schrecken ein. Der wüthige junge Grieche war voll tödtlicher Angst um ein Wesen, das in seinem Kummer allen Sinn für persönliche Gefahr verloren hatte. Daß die kleine Schaar nur Wenigen begegnete, verdankte sie theils der Klugheit und Geschicklichkett, mit welcher Joab seinen Weg wählte, theils der frühen Tagesstunde, in welcher nur Leute aus ärmeren Klassen in den Straßen sich zeigten, um ihrer Tagesarbett nachzugehen. Fragende Blicke richteten sich zwar oft auf den kleinen Zug, doch lehrte jene Zeit der Gefahr und — 281 — Gefangenschaft jeden eine gewisse Vorsicht und ließ es auch hier gerathen erscheinen, die Neu- gierde zu unterdrücken. Nur einmal ward derMaulthiertreiber angeredet. „Was hast Du denn unter Deinem Mantel, Joab?" fragte ein Weib mit einem großen Krug auf dem Kopf, indem sie, die sonderbare LastdesMaulthieres musternd, stehen blieb. „Ein Bündel der ersten reifenFrüchte, ein Hebeopfer, De- borah," antwortete Joab mit Nachdruck. „Es werden bald mehr, viel mehr niedergehauen werden," sagte daS alte Weib düster, „der Herr wolle sie verderben, die syrischen Schnitter!" Joab sah den besorgten Blick des Atheners. „Fürchte nichts, Fremder, kein Hebräer wird uns verrathen, Deborah ist treu wie Gold, ich kenne sie sehr wohl." In Judäa hat man kein langes Zwielicht; der junge Tag hüpft beinahe mit einem Sprunge auf seinen Thron. Die Erde war lange in Sonnenlicht gebadet,bevor der langsame Zug die einsame Wohnung in den Hügeln erreicht hatte. Wie dankbar warLycidas für die Abgeschiedenheit jenes wilden Ortes; hier war Sarah vor allen Nachstellungen sicher. Hadassah hatte, als sie am vorhergehenden Morgen M W W > ./ 'U ?! 7! W .f v-; MU W -Xd N /k» v ^ kh ^ Z ^ ^ ^ L ^ 8 ^ ^ L v L s 4 4 ! ^ ^ ^ .L ^ ^ z ^ ^ ^ ^ . X? ^8 ^ 8 ^ 8^ 'vX ^ ^ XX' X--X: l ^ ! s 282 voll Angst um ihre Sarah die Wohnung verließ, die Thür verschlossen, aber Hannah hatte den Schlüssel. Mit wie dankbarer Freude würde die hebräische Wittwe ihre Schwelle zum letzten Mal überschritten haben, hätte sie geahnt, daß ihr Kind so bald gerettet zurückkehren würde, wenngleich als eine Trauernde, die ihrem Leichnam folgen würde! Die beiden Körper wurden nun ehrfurchtsvoll auf Matten, die auf dem Fußboden ausgebreitet waren, gelegt. Lycidas ging mit Joab hinaus, um, soweit es die Umstände erlaubten, Vorbereitungen zum Begräbniß zu treffen, welches bei dem heißen Klima nach Gebrauch jenes Landes sehr bald stattfinden mußte. Joab übernahm es, Männer, die ihm helfen würden, ausfindig zu machen. Mit diesen wollte er ein Grab, dicht neben dem der Märtyrer, auswerfen und versprach, nach Mitternacht zu kommen und die Leichen zu holen. ! die Hand an den Zügel seines Maulthieres und ging davon. (Fortsetzung folgt.) -- Goldkörner. Vielen Menschen fehlt es gar nicht an Empfindung, aber an Gefühl. Graf v. Loeben. Wer nicht kann was er will, der wolle was er kann. Die Hrojectirte Eisenbahn Heiligenblut- Glocknerhans. Wit Illustrationen.s Im Laufe des vorigen Sommers wurden auf Grund einer von der österreichischen Regierung ertheilten Vor- Unterer pasterzenkces (Ausblick Lycidas zog Gold hervor, aber Joab weigerte sich, es anzunehmen. „Märtyrer zu begraben, ist ein heiliges Amt und nicht zu gering selbst für die Vornehmsten," sagte der Maulthiertreiber, „aber was jenen Syrer anbetrifft, so habe ich nicht Lust, seine Knochen zu denen der Märtyrer zu legen, und wenn er auch ein Sohn der Hadassah ist. Ich glaube, er war nichts anderes als ein Verräther." „Er fiel," entgegnete Lycidas, „durch die Hand eines Syrers, als er ein hebräisches Mädchen rettete, er starb in den Armen seiner Mutter." Diese Worte waren mit zarter Rücksicht auf die Gefühle Sarah's gesprochen, weil sie, das wußte er, diesen Mangel an Ehrfurcht vor dem todten Körper ihres Vaters schmerzlich empfinden würde. „Versage ihm nicht ein Grab unter seinem Volk." Joab zuckte nur die Achseln zur Antwort, legte Kilometer 7 der projectirten Bahn). concession umfassende Studien zu einer Zahnradbahn von Heiligenblut nach dem Glocknerhaus vorgenommen. Der große Fremdenverkehr im obern Möllthal läßt eine bequeme Verbindung mit diesem, von der Section Klagen- furt des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins Jahrzehnte hindurch mit großen Opfern erhaltenen Schutzhaus längst wünschenswcrth erscheinen. Wir lassen hier eine kurze Beschreibung der interessanten Bahnlinie in Verbindung mit einer Reihe von Abbildungen folgen, die wir dem Vorconcesfionär der projectirten Bahn, Herrn Ingenieur Theodor Schenkel in Graz, verdanken. Die Linie zieht sich an der linken Steillehne des obersten Möllbachs, im Volksmund Pasterzenbach genannt, in einer Länge von 7390 Mir. dahin. Der ge- sammte Höhenunterschied beträgt auf diese Länge 834 Mir., und zwar liegen die Steigungen zwischen 40 Pro- mille und 29 Proc.; es ist deßhalb ein gemischtes Oberbausystem, d. h.^theilweise für ,Adhästonsbetrieb,^ theil- 283 Tunnel durch die Knschkewitzivand. KWK WM weise für Zahnstangenbetrieb (einfache und doppelte Zahnstange), in Aussicht genommen. Mit Rücksicht auf die sehr kostspielige Zuführung von Brennmaterialien und auf die vorhandenen ausgiebigen Wasserkräfte empfiehlt es sich, den elektrischen Betrieb für die Anlage anzuwenden, der überdies den Vortheil bietet, daß Steigungen bis zu 56 Promille noch mit Adhäsion überwunden werden können. Kostspielige Bauten sind trotz der enormen Höhenüberwind- ung nicht erforderlich. An jenen Lehnen, die Steingängen oder jährlich wiederkehrenden Lawinen ausgesetzt sind, wird man Galerien anlegen. Nur zwei bedeutendere Nebenthäler sind zu überqueren: die Thalspalte des Tauernbachs und die des Gutthalbachs, zweier Gletschcrwässer, die zur Zeit des jährlichen Gletscyerrück- gangs bedeutende Wassermengen liefern. Durch die Vortheilhafte Entwicklung der befahrenen Lehne läßt sich die Anlage künstlicher Steigungen vermeiden; nur die Durchquerung der Geierlochwand und der Laschkewitzwand macht zwei kleine Tunnelbauten nöthig, da gerade an diesen Stellen die Lawinengänge häufig find. Die gesammte, im Tunnel liegende Strecke dürfte wohl kaum 100 Mir. überschreiten. Außer der Ausgangsstation Heiligenblut und der vorläufig vorgesehenen Endstation Glocknerhaus find noch zwei Haltestellen, die eine am Gutthal, die andere oberhalb der den Touristen wohlbekannten Bricciuskapelle, geplant, die beide hauptsächlich als Ausweichen dienen sollen. Die Station Het- ligenblut > erhält ein Stationsgebäude, ein«; Reparaturwerkstätte und' ein kleines Frachtenmagazin, die Station Glocknerhaus eine gedeckte Personenwartehalle und eine Wagenremise für zwei Wagen. Der Oberbau der Bahnlinie erhält 1 Mtr. Spurweite und besteht aus zwei Vtgnolfahrschienen, der eingelegten Abt'schen Zahnstange und einer isoltrten Leitungsschiene für den elektrischen Strom. Die verkehrenden Wagen, jeder zu 12 Sitzplätzen, werden mit 50- pferdigen Zwillingsmotoren ausgerüstet; die Fahrgeschwindigkeit kann im Mittel zu 10 Kilomtr. in der Stunde angenommen werden, was mit Anrechnung des Aufenthalts auf den Zwischenstationen eine Fahrzeit von 1 Stunde 5 Min. für die Bergfahrt ergibt. Freiwand. Fuscherkar. Glocknerhaus. Wasserrad Rächerin. WWW -§r' s-) Trare-Enln-ieklung an den oberen Dreterwänden. 284 Die Einnahmen der Bahn ergeben sich aus dem Personenverkehr, der Gepäckbeförderung, der Verprovian- tirung der umliegenden Schutzhäuser sowie der am Paster- zenboden zu errichtenden Alpcnhotels, endlich aus dem Transport landwirthschaftlicher Erzeugnisse, d. i. von Holz und Futter. Dementsprechend wird der Verkehr etwa vom 1. Juni bis Mitte November aufrechterhalten werden müssen, was bei den günstigen Witterungsver- verhältnissen des Spätherbstes auch zu ermöglichen sein dürfte. Der Personenfahrpreis würde sich auf 25 Kr. ö. W. für daS Kilometer stellen, sodaß auf die Bergfahrt der mäßige Betrag von 1 Fl. 85 Kr. für die Person entfallen würde. Bei dem voraussichtlichen jährlichen Fremdenverkehr von etwa 16 000 Personen dürfte die Bahn eine genügende Rente abwerfen. Zur Kraftgewinnung läßt sich entweder der Abfluß des Letterthals oder der des Gößnitzthals verwenden, und zwar an jenen Stellen, wo die Gewässer in mächtigen Fällen von der rechten Lehne in das Möllthal stürzen. Der gesammte Kapitalsaufwand für die Bahnlinie berechnet sich auf 380000 bis 400000 Fl. ö. W. Für die Folge ist eine Fortsetzung der Bahnanlage durch das Leiterthal bis zur Erzherzog-Johann-Hütte auf der Adlersruhe geplant, und dann soll auch Heiligenblut mit der Südbahnlinte Marburg-Franzensfeste durch eine elektrische Kleinbahn verbunden werden, die etwa 40 Kilometer Länge haben und nur am Jselberg auf einige Kilometer Zahnstangenbetrieb erfordern würde. Die elektrische Kraftstation könnte in der Nähe der Ortschaft Winklern am Möllfluß errichtet werden. Vorläufig, d. h. bis zur Ausführung der eben erwähnten Möllthal- bahn, ist die Einrichtung eines regelmäßigen Wagenverkehrs mit zweimaligem Pferdewechsel geplant. ES würde die Aufgabe einer Transportunternehmung sein, die nöthigen Straßenverbesserungen und -Verbreiterungen an der jetzigen Bezirksstraße durchzuführen. Außerdem müßte durch eine größere Hotclanlage in Heiligenblut dem jedenfalls verdreifachten Frcmdenzuzug Rechnung getragen werden. Die für den Wagenverkehr, die Straßenverbesserungen und Hotelanlagen nöthigen Kosten würden sich auf etwa 300000 Fl. ö. W. belaufen. Hoffen wir, daß sich diese Pläne bald verwirklichen lassen, denn die großartigen Naturschönheiten des Möll- thals und der Glocknergruppe verdienen es sicherlich, dem großen Strom der Reisenden erschlossen zu werden. -—- Allerlei. Frauenberufe in England. Dem englischen Parlament ist soeben eine Berufsstatistik aus den Volkszählungsjahren 1871, 1881, 1891 zugegangen. In derselben findet man sehr interessante Aufschlüsse über den Fortschritt, den die Frauenberufe in England gemacht haben. Im Jahre 1871 waren als öffentliche Beamte 5000 Frauen angestellt, 1891 waren es 8546. Im Jahre 1871 gab es wohl schon weibliche Studenten der Medizin, aber keinen ausübenden weiblichen Arzt. Im Jahre 1881 praktizierten 29, im Jahre 1891 schon 101 Aerztinnen. In letzterem Jahre findet man zum ersten Male zwei Thierärztinnen. Die Zahl der Krankenwärterinnen dagegen belief sich auf 53,000. Unter der Bezeichnung „Schriftsteller, Redakteure und Journalisten" verzeichnet im Jahre 1891 die Statistik 660 Frauen, gegen 452 im Jahre 1881 und 225 im Jahre 1871. Speziell als „Reporter" bekannte sich 1871 noch keine Frau. Zehn Jahre später thun dies 15, zwanzig Jahre später 191. Am rapidesten ist die Zahl der Künstlerinnen gestiegen. Im Jahre 1881 waren in England 1960 Malerinnen, Nadirerinnen und Bildhauerinnen. Bis 1891 war die Zahl auf 3032 angewachsen. Die Zählung vom Jahre 1891 erwähnt zum ersten Male Architektinnen, und zwar 19. Endlich erscheinen in der Statistik von 1891 nicht weniger als 19,000 Musiklehrerinnen und 3698 Schauspielerinnen. * Ueberall, wo man auf das Zifferblatt einer Uhr sieht, kann man sicher sein, daß auf demselben, wenn mit römischen Ziffern versehen, die Vier durch das Zeichen IIII, nie aber durch das sonst allgemeine Zeichen IV markirt ist; ein Umstand, der wohl noch von den Wenigsten beachtet worden ist. Dieser merkwürdige allgemeine Gebrauch wird auf Kaiser Karl V. zurückgeführt, welcher ein besonderer Liebhaber von eigenartig gestalteten Uhren war; bis zu dessen Zeiten sollen die Zifferblätter durchweg mit der „IV" versehen gewesen sein, während der Kaiser bei allen seinen Uhren die andere Form der IIII verlangte. Da nun alle Uhrmacher wetteiferten, dem Herrscher, in dessen Reich die Sonne nicht unterging, kostbare Uhren zu verehren, so wurde die erwähnte Art der Vier bald typisch und erhielt sich in alleiniger Form bis heute. Mitgetheilt vom Internationalen Patent-Bureau Carl Fr. Reichest, Berlin HIV. 6.^ --«««cs—- Trost am Multerherzen. (Zu unserem Bild Seite 279.) „Ich wollte kein Wort dir sagen, Es schmerzt so sehr, Und kann's doch allein nicht tragen, Ich kann's nicht mehr! Du sabest mein Glück, ob es nimmer Ein Wort verrieth Nun, Mutter, ist's aus für immer, Verhallt das Lied." „„Mein Kind, was dein Herzchen gestritten So stumm allein, Ich hab' es mit dir gelitten In tiefer Pein. Nun lerne, Liebling, dich fassen; Der Schmerz verzehrt; — Der Falsche, der dich verlassen, War dein nicht werth!"" „Mutter, ach, könntest du's fühlen, Wie weh das thut! Willst du die Wunde mir kühlen, Sei still — lei gut! Laß leise den Kopf mich schmiegen In deinen Schoß, Ein Weilchen am Herzen dir liegen, Ein Weilchen bloß!" Und stille ward's in der Kammer. Die Mutter litt Des Lieblings unsäglichen Jammer Verzehnfacht mit. Sie hat mit zärtlichem Neigen Sie leis gekost. So ward ihr Weinen und Schweigen Des Mägdleins Trost. Frieda Schanz. ---EZS-- -U 38. Ireitag, den 6 . Mai 1.896. Kür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttlcr). Audas Makkaöäus, Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. ColoniuS. (Fortsetzung.) In der folgenden Nacht befand sich LyctdaS wieder in dem Olivenhain. Er stand unter demselben Baum, dessen Zweige ihm, als er Sarah zum ersten Male sah, Schutz gewährten. Der Erdboden war infolge der langen Dürre sehr hart. Dem Joab und seinen Gefährten, die er sich zur Hilfe mitgebracht hatte, verursachte eS große Mühe, den Boden auszuwerfen. „Wenn wir jetzt den starken Arm des Makkabäus zur Hilfe hätten," sagte einer der Männer, indem er inne hielt, um sich die Schweißtropfen von seiner Stirn zu wischen. „MakkabäuS macht jetzt Gräber für seine Feinde, nicht für seine Freunde," war die ernste Antwort des Maulthiertrcibers. Dicke, schwere Wolken bedeckten den Himmel, nicht ein Windhauch bewegte sich, die Luft war drückend und schwül, selbst in jener Mitternachtsstunde. Eine kleine Fackel war das einzige Licht, welches die Todtengräber bei ihrem gefährlichen Werk zu benutzten wagten. In beinahe vollkommener Finsterniß wurden die Ueberreste Hadassah's und ihres unglücklichen Sohnes in den Staub gelegt. Kein silbernes Mondlicht schien durch die Stämme der Olivenbüume, noch war Sarah gegenwärtig, um Blumen in das offene Grab zu streuen. Ihre Körperkräfte waren endlich unter den langen Leiden, die sie zu erdulden gehabt hatte, gewichen. Das arme Mädchen lag in ihrer verlassenen Wohnung darnieder, zu krank selbst, um zu wissen von der Beerdigung derer, die sie, so lange sie dessen fähig gewesen, bewacht und beweint hatte. Es war für Lycidas eigenthümlich, auf diese Weise der einzige Stellvertreter von Hadassah's Familie bei ihrem und ihres Sohnes Begräbniß zu sein — er, der nicht nur kein Verwandter, sondern auch anderer Religion, mit einem Wort, ein Ausländer war, aber dieses Vorrecht schätzte er so hoch, daß er es nicht für den höchsten Ehrenplatz bei den prachtvollsten Feierlichkeiten der Welt hingegeben haben würde. Als das Grab über Hadaffah und ihrem Abner sich schloß, öffneten sich die Wolken und der lange, lange ersehnte Regen strömte hernieder. Der versengte, trockene Rasen schien neues Leben zn trinken das welke Laub schien sich zu beleben. Die ganze Natur erfreute sich dieser Himmelsgabe. Als die Sonne aufging, tröpfelte wieder das Wasser aus dem Quell hinter Hadassah's Wohnung. Die Oleander waren noch nicht todt, sondern erblühten in neuer Schönheit. 29. Kapitel. Der Trauernden Heimath. Ich gehe nun über die Begebenheiten mehrerer Monate leicht hinweg. Der Sommer ging mit seiner großen Hitze und seinen heißen Winden vorüber. Dann kamen starke Nachtthaue, und die Tageshitze nahm ab. Der Herbst näherte sich, aber wenige Bewohner Jerusalems hatten den Muth, die Festzeiten zu berücksichtigen. Die Zeit des Laubhüttenfestes nahte heran, und niemand wagte, die blätterreichen Hütten von Palmen und Weiden zu errichten, um darinnen eine Woche fröhlich, wie früher zuzubringen. Früh im Sommer hatte Antiochus Epiphanes Judäa verlassen, um nach Persien, wo er einen Aufstand zu unterdrücken hatte, zu gehen. Dieser war infolge seiner Grausamkeit ausgebrochen. Die Abwesenheit des Tyrannen hatte in etwas die Heftigkeit der Verfolgung gegen solche Juden, die dem Gesetz Mofis zu gehorchen bestrebt waren, gemildert, doch wagte noch niemand, jüdischen Gottesdienst in Jerusalem zu halten, und das Bild des Jupiter Olympias entheiligte immer noch den Tempel auf dem Berge Zion. Judas Makkabäus bot dem Feinde im südlichen Judäa kühn die Stirn. Die Macht seines Namens fühlten die reichen Weidelande, die Hebron umgaben, bis an die schöne Ebene am Südosten des todten Meeres. Soweit der Einfluß des Hasmonäers reichte, wurden Felder angesäet und im Herbst in Frieden abgeerntet. Der Landmann folgte seinem Gespann, der Hirte seiner Heerde. Mütter freuten sich ihrer Kinder, die sie nun ohne Furcht dem Herrn darbringen konnten. Aber von neuem zog eine schwere, von AntiochuS gesendete Kriegswolke heran. LystaS, der Beherrscher der westlichen Provinzen, hatte auf Befehl des Antiochus eine sehr große Kriegsmacht um sich gesammelt, ein Heer, viel größer noch als das, welches Nikanor geführt hatte, und Syrien sammelte wieder seine Horden, um durch Uebermacht den JudaL und sein kleines Heer zu vernichten.- 286 Und wie hatte Sarah dieses letzte halbe Jahr zugebracht? Sehr langsam und sehr schwer war ihr die Zeit vergangen, wie sie gewöhnlich denen vergeht, die ein großes Leid im Herzen tragen. Tief, sehr tief trauerte Sarah um Hadaffah, die ihr mehr als eine Mutter gewesen, ihre Rathgebertn, ihre Führerin. Viel weinte auch Sarah um ihren Vater, obgleich eine wehmüthige Freude diesem Kummer sich beimischte. Tausendmal wiederholte sie sich seine Segensworte, — tausendmal dankte sie Gott inbrünstig, daß er sie und ihren Vater zusammengeführt. Die Worte des Lysimachus hatten ihr Herz von dem, was es sonst schwer bedrückt haben würde, erleichtert. Jene Worte sagten ihr, daß Pollux ein verurtheilter Mann war, daß ein Abfall ihrerseits fein Leben nicht gerettet haben würde, und daß, wenn er nicht von dem Dolch des Syrers starb, er unwiderruflich dem Beil des Scharfrichters verfallen mußte. Und wäre Pollux auf solche Weise umgekommen, so würde jener Hoffnungsschimmer, der, in Sarah's Augen wenigstens, auf Abner's Grabe ruhte, nicht vorhanden gewesen sein. Sarah verließ nie den Umkreis ihrer abgeschiedenen Wohnung, außer, wenn sie das Grab besuchte. Wohin sie ging — so oft sie sich hinauswagte, war sie von der treuen Hannah begleitet. Kein fremder Fuß überschritt jemals ihre Schwelle. Sarah's einfache Bedürfnisse wurden immer befriedigt. Hannah veräußerte in Jerusalem den Flachs, den ihre junge Gebieterin gesponnen, sobald sie hinreichende Kraft fühlte, um ihre bescheidenen häuslichen Arbeiten wieder vorzunehmen. Während der Krankheit des Mädchens hatte Hannah heimlich jene kostbaren Pergamentrollen, von welchen Hadaffah eine Abschrift gemacht hatte, verkauft und dafür einen Preis bekommen, der sie in den Stand setzte, der Kranken für viele Wochen jede Bequemlichkeit, deren sie bedurfte, ja manchen Luxus zu verschaffen. Die Abschriften entstanden selbst von einer Hand, die nun im Grabe ruhte, und Sarah zählte sie zu ihrem kostbarsten Besitzthume. Ihre liebste Beschäftigung war, in ihnen zu lesen, über ihnen zu beten und den Inhalt ihrem Gedächtniß einzuprägen. Sarah hatte nicht die Mittel zu einer längeren weiteren Reise, wenn sie dieselbe nicht zu Fuß machen wollte, sie hätte denn einige Juwelen, die sie von ihren Eltern geerbt hatte, veräußern müssen. Aber hierzu konnte sie sich nicht entschließen, da sie ihr zu theuer waren, auch fürchtete sie, daß durch den Verkauf der Edelsteine ihr Zufluchtsort leicht entdeckt werden könne. Hannah war wohl als Dienerin treu, aber als Rathgebertn nicht zuverlässig, und ihre junge, schüchterne, sanfte Gebieterin fühlte sich so ohne jeden Schutz und Führer nicht stark und muthig genug, um eine so gefährliche Reise von Jerusalem nach Bethsura zu unternehmen. Die Nothwendigkeit, den Schutz deS Makkabäus aufzusuchen, falls Rahel nicht mehr lebte, vergrößerte noch ihre Unlust, ihren jetzigen Zufluchtsort zu verlassen. Das Mädchen erinnerte sich noch zu gut dessen, was Hadaffah ihr hinsichtlich ihrer Vereinigung mit Judas eröffnet, um nicht zu fühlen, daß es äußerst peinlich für sie werden würde, wenn sie sich an die Güte ihres braven Verwandten wendete. Sarah hätte ihm um alles nicht sagen können, warum ihr der Gedanke einer Vereinigung mit ihm verhaßt und warum sie abgeneigt war, die Wünsche des MattathiaS und der Hadaffah zu erfüllen. Während Makkabäus oft eine fast unüberwindliche Sehnsucht fühlte, Sarah noch einmal zu sehen, schauderte diese bei dem Gedanken an den hebräischen Führer. Eine große Liebe fesselte auch die Waise an das Grab ihrer Eltern und an den Ort, wo sie ihre Kindheit verlebt hatte; liebe Erinnerungen knüpften sich beinahe an jeden Gegenstand, auf dem ihr Auge ruhte. Diejenigen, denen die Gegenwart eine dornige Einöde und deren Blick in die Zukunft durch düstere Nebel getrübt ist, verweilen lieber als andere bei freundlichen Bildern, die das Gedächtniß in der Vergangenheit erblickt. Es ist der Jugend so natürlich, in die Zukunft zu schauen, Sarah dagegen blickte, was ihr Leben auf Erden anbetraf, nur zurück. Welch ein Segen war es für sie, daß sie es mit einem so wenig beunruhigten Gewissen thun konnte. Wer nicht den Werth eines Schatzes erkannt, bis die Zeit das verachtete Gut hinwrggefpült, trägt selbst die Schuld an dem Elend, das er fühlt und macht sich die Welt zu der Wildniß, die sie ist. Als der Winter heranzog und die Zeit der Weinlese vorüber war, die Blätter fielen und die Luft nach Sonnenuntergang kälter wurde, traten Umstände ein, welche eine Veränderung in dem einförmigen, ruhigen Leben Sarah's herbeiführten. Der Sturm des Lebens war im Begriff, eine andere Wendung zu nehmen und sie neuen Prüfungen auszusetzen. 30. Kapitel. Veränderungen. Eines Abends gegen Sonnenuntergang, als Sarah allein an ihrem Rade saß und die Rückkehr Hannah's aus der Stadt erwartete, wurde sie dadurch erschreckt, daß eine Hand leise an ihre Thür klopfte. Die Hand war nicht der Hannah gehörig; denn diese hatte bet ihrer Rückkehr stets eine besondere Art, ihr Erscheinen kund zu geben. Da niemals ein Besucher in Sarah's Wohnung kam, war es kein Wunder, daß diese bei dem ungewohnten Geräusch erschrak, besonders als sie ihre gewöhnliche Vorsicht, in Hannah's Abwesenheit die Thür zu verriegeln, versäumt hatte. Als das junge Mädchen hastig aufstand, um das Versäumte nachzuholen, wurde die Thür von außen geöffnet und Lycidas stand vor ihr. Das Gesicht deS Griechen drückte Angst und Unruhe aus. „Vergib mir mein Eindringen," sagte Lycidas, indem er sich höflich vor dem erstaunten Mädchen verneigte, „allein die Sorge um Deine Sicherheit zwingt «ich, die Zusammenkunft zu suchen. Ich sah heute LysimachuS, den syrischen Höfling — wie wir zusammentrafen und weßhalb er mir das sagte, was ich im Begriffe bin, Dir zu eröffnen, thut nichts zur Sache, und ich werde mich kurz fassen: Lysimachus erzählte mir, daß nach Mittheilungen, ^die er erhalten hätte — wie, das weiß ich nicht — er Ursache hätte, zu vermuthen, daß das Mädchen, welches vor ungefähr einem halben Jahre von Antiochus zum Tode verurtheilt worden wäre, falls sie sich weigerte, von ihrem Glauben abzufallen, in einem einsam liegenden Häuschen im Osten von Jerusalem wohne. Der Syrer erklärte, daß er die Absicht habe, morgen früh jeden Fleck, der möglicherweise dem Mädchen als Zufluchtsort dienen könne, sorgfältig durchsuchen zu lassen und, wenn sie gefunden würde, 287 sie zu ergreifen, um sie dann als Gefangene nach Persien zu dem erbarmungslosen Tyrannen, dem er diene, zu schicken." Sarah wurde bei dieser Nachricht sehr blaß. «Du mußt diese Nacht noch fliehen, theures Mädchen," sagte LycidaS, «diese Wohnung bietet Dir keinen Schutz mehr." „Wohin kann ich fliehen und wie?" murmelte die Waise, «ich habe keinen Freund hier, außer —" Sarah zögerte und LycidaS beendete den Satz. „Außer dem Einen, dem Dein leisester Wunsch Befehl ist, dem jedes Haar auf Deinem Haupte theurer als sein Leben istl" rief der Athener. «Sprich nicht so zu mir, LycidaS," sprach Sarah tn bittendem Tone, «Du kennst zu gut die unüber- steigliche Kluft, welche uns trennt." „Nicht unübersteiglich, Sarah!" rief der Grieche. «Sie ist beseitigt, ich habe sie überschritten, sie trennt uns nicht mehr. Höre mich, Tochter Abrahams! Viel habe ich gelernt, seit ich diese Schwelle überschritt, viel habe ich geforscht in Euren Schriften, schon lange habe ich heimlich die Weisen befragt und mich von ihnen unterrichten lassen in Eurem Glauben. Ich bin nun überzeugt, daß es nur einen Gott gibt, einen Gott, der sich selbst dem Abraham offenbart hat: ich habe jedem heidnischen Aberglauben entsagt, ich handle in allen Dingen nach dem GesiO- Mosis, ich bin als ein völlig Bekehrter in die jüdische Religion aufgenommen und bin nun, wie Achior der Ammoniter, außer Namen und Geburt, in allen Dingen ein Hebräer." Sarah konnte einen Ausruf des Entzückens nicht unterdrücken, ihr ganzes Gesicht war überstrahlt von einem Ausdruck glückseliger Freude, die einen Widerschein auf den, der vor ihr stand, warf. In jenem wonne- vollen Moment fühlte LycidaS, daß er geliebt wurde. «O Freude!" rief Sarah, indem sie ihre Hände faltete, „dann bist Du also auch in den heiligen Bund aufgenommen und wirst zu den Kindern Abrahams gezählt! Dann darf ich auf Dich wie auf einen Brudex sehen!" „Kannst Du nicht auf mich wie auf etwas mehr als einen Bruder sehen, Sarah?" rief der Athener. „Kannst Du nicht fliehen, — da Du doch fliehen mußt von diesem gefährlichen Ort — unter dem Schutze eines liebenden. Dir verlobten Gatten?" Sarah erröthete, zitterte, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und sank auf den Divan, von welchem sie sich erhoben hatte, als sie das Anklopfen des Griechen gehört hatte, zurück. LycidaS wagte eS, sich neben sie zu sehen, eine ihrer Hände zu nehmen und sie zuerst an sein Herz, dann an seine Lippen zu drücken — denn er hielt Sarah'tz Stillschweigen für Zustimmung. Aber das Gesicht des Mädchens trug nicht den Ausdruck ungetrübten Glückes, sie fühlte sich beunruhigt und war unschlüssig über das, was sie thun sollte. Sie bedeckte wieder ihr Gesicht mit den Händen und murmelte: „O, daß meine Mutter hier wäre, mich zu leiten!" „Hadassah würde eine» Bekehrten, den die Nettesten angenommen haben, nicht zurückstoßen, sie war zu großherzig und zu gerecht," sagte LycidaS enttäuscht und etwas verletzt durch die Zweifel, welche augenscheinlich das Gemüth des Mädchens beunruhigten. „Höre nun, «eine Sarah," fuhr er fort, „den Plan, welchen ich zp Deiner Flucht entworfen. Ich habe schon mit dem treuen Joab Vorkehrungen getroffen. Er wird eine Stunde nach Mitternacht eine Pferdesänfte bringen, welche Dich und Deine Magd aufnehmen und fortbringen wird. Ich selbst werde mich bewaffnen und zu Rosse Dich begleiten. Wir werden zunächst unsem Weg nach der Küste zu nehmen. In Joppe werden wir, so hoffe ich, ein Schiff finden, dessen weiße Flügel uns bald in mein schönes, herrliches Vaterland bringen werden, wo Liebe, Freiheit und Glück meine schöne Braut erwarten." Einige Minuten lang gab Sarah keine Antwort. Wie verlockend war die Aussicht, die sich da so plötzlich vor ihr öffnete, strahlend in rosigem Licht, wie die Wolken beim Sonnenaufang. Dann zeigte Sarah ihr Antlitz wieder, aber ohne es zu erheben oder LycidaS anzublicken, und sagte mit vor Bewegung zitternder Stimme: „Hadassah, meine Mutter, würde es für unschicklich befunden haben, wenn ein Mädchen aus ihrem Vaterlande in ein Land, wo Gott weder bekannt ist, noch angebetet wird, unter dem Schutze eines Mannes, der nicht zu ihrer Verwandtschaft gehört, flieht." «Ich glaubte, Du hättest keine Verwandten, Sarah," sagte LycidaS, „und es wäre von Deiner Familie niemand übrig geblieben» dessen Schutz Du suchen könntest." «Ich habe — oder hatte — eine alte Verwandte, Nahel von Bethsura," antwortete Sarah, „welche, wenn sie noch lebt, mich in ihrer Heimath aufnehmen wird. Demnächst sind die hasmonäischen Brüder meine Verwandten." «Die edelste Familie des Landes!" rief der Athener. „Wenn es denn wirklich unmöglich für Dich ist, mit mir nach Griechenland —" „Nicht unmöglich, aber unrecht," warf Sarah sanft ein. „ES wäre gegen den Willen meiner Mutter, deren Wünsche mir jetzt heiliger sind, denn je." „Dann werde mein in Deinem eigenen Vaterlande l" rief LycidaS, «wo ich zeigen werde, daß ich verdiene. Dich zu gewinnen. Werden der edle Judas und seine Brüder mich für unwürdig halten, mich mit einer ihres Stammes zu verbinden, wenn ich mein Schwert derselben Sache weihe, für welche sie kämpfen, einer Sache, die ebenso glorreich ist, als die, für welche mein Vorfahr bei Marathon starb?" Noch wollte die Wolke deS Zweifels nicht von Sarah's Stirn weichen. Es gab noch ein Hinderniß, welches dem LycidaS zu offenbaren ihr schwer wurde. Endlich sagte sie schüchtern, indem ihre Wangen sich mit einer Purpurröthe überzogen: „Soll ich ganz aufrichtig gegen Dich sein, LycidaS?" „Ganz," antwortete der Athener mit peinlicher Be- sorgniß im Herzen. „Meine geliebte Großmutter ist zur Ruhe, ich kann ihre theure Stimme nicht wehr hören, aber sie hat mich über ihre Wünsche und Pläne nicht in Unwissenheit gelassen," sagte Sarah. „Ich glaube — ich bin sogar ganz gewiß," — Sarah konnte tn ihrer Verwirrung kaum deutlich genug für das Ohr des LycidaS sprechen, der sich bemühte, keines ihrer Worte zu verlieren — „sie hat «ich für einen Anderen bestimmt, ich weiß nicht einmal, ob ich nicht schon verlobt bin." LycidaS konnte sich kaum eines leidenschaftlichen Ausrufes enthalten. „Es war böse — grausam — schändlich I" rief er, „so über Deine Hand zu verfügen, ohne Deine Zustimmung!" „Solche Worte dürfen niemals gebraucht werden gegen etwas, was sie that. Die treue Mutter hatte stets das Glück und die Ehre ihres Kindes im Auge. Sie würde mir niemals eine Ehe aufgedrungen haben, gegen die mein Herz sich empörte, aber sie machte mich mit ihren Wünschen bekannt, und an dem letzten Tage, an welchem wir zusammen waren" — die Thränen flössen reichlich aus Sarah's niedergeschlagenen Augen, indem sie fortfuhr — „an jenem verhängnißvollen Tage, bevor ich sie verließ, um dem Passahfeste beizuwohnen, beauftragte sie mich bet der Liebe, die ich für sie hegte, niemals einen wichtigen Schritt im Leben zu thun, ohne vorher ihn, den sie für «einen besten irdischen Beschützer hielt, um Rath zu fragen." „Und wer wag dieser Anserwählte sein?" fragte LycidaS beinahe heftig, während eine qualvolle Eifersucht sich in seinem Innern regte, als er den Namen seine- Nebenbuhlers zu hören wünschte. Sarah murmelte: „Judas MakkabäuS." „Judas Makkabäus!" rief der junge Grieche in die Höhe springend, ebenso bei dem Klänge dieses Namens beunrnhtgt, als die Krieger von Nikanor. Lycidas hatte die Laufbahn des hebräischen Helden mit der begeisterten Bewunderung betrachtet, wie solche nur edle, nur poetische Naturen, gleich der seinigen, empfinden. Die Geschichte deS Makkabäus erschien dem Griechen wie ein Heldenspicl. Im Charakter, im Ruhm schwebte Judas in seinen Augen wie ein Riese über allen anderen Menschen seines Zeitalters. Lycidas war dem Anführer nur einmal im Leben begegnet, aber bei diesem einen Zusammentreffen mit Judas hatte Lycidas Eindrücke empfangen, die ihm Makkabäus mehr als ein Wesen, gleich dem der Halbgötter, von welchen die Dichter sangen und die man anbeten mußte, erscheinen ließen. Er war in den Augen des begeisterten Dichters eine lebende Verkörperung deS „Heldenmuthes der Tugend." Der Grieche hatte niemals vorher daran gedacht, daß Makkabäus menschlichen Leidenschaften unterworfen fein könne, und daß er ebensowohl versuchen könne, eines WeibeS Herz zu gewinnen, als über seine Feinde den Steg davonzutragen. Der Gedanke, ihn zum Nebenbuhler zu haben, erfüllte den jungen Athener beinahe mit Verzweiflung. Es schien mehr als vermessen, mit einem Gegner, wie diesem, die Arena zu betreten. Lycidas war überzeugt, daß, hätte Antiochus Epiphanes die Krone von Syrien zu Sarah'S Füßen gelegt, sie dieselbe zurückgewiesen haben würde; aber athmete ein Mädchen in Judäa, das anders als mit Stolz die dargebotene Hand eines solchen Helden angenommen haben würde — eines Helden, der gegen andere Sterbliche war wie der schneegekrönte Libanon gegen einen Maul- wurfshngel. Sarah fühlte, daß ihre Enthüllung dem Gemüth des Lycidas mehr Unruhe verursachte, als sie beabsichtigt hatte, oder als gerechtfertigt werden konnte durch den wirklichen Stand der Beziehungen zwischen ihr und dem hebräischen Führer. Sie beeilte sich, die Befürchtungen des Griechen zu beseitigen. „Ich verehre Makkabäus," sagte das Mädchen, „ich fetze das höchste Vertrauen in seine Weisheit und seine Ehre, aber persönlich ist Judas mir nicht mehr, wie einer seiner Bruder." Lycidas athmete erleichtert aus. Dankbar für die Ermuthigung, welche er in diesem Geständniß fand, nahm der Grieche seinen Platz wieder an Sarah's Seite ein. „Was willst Du denn bei Makkabäus?" fragte er. „Ich muß ihn um Rath fragen, wie Hadassah mir befohlen," sagte das Mädchen, „er muß alles wissen, was mich angeht, es ist mir, als ob er jetzt Vaterstelle an mir verträte." Die Gemüthsstimmung des Lycidas hob sich bet diesem Worte. Sein Herz füllte sich mit neuer Hoffnung. „Unser erstes Ziel, Geliebte," sagte er, „muß nun sein, Deine Person in Sicherheit zu bringen. Da Du keine Zuflucht in Attika suchen willst, wollen wir unseren Weg südwärts richten, was ja auch Dein Wunsch ist, und Deine alte Verwandte in Bethsura aufsuchen. Ich wollte, sie wohnte in einer anderen Gegend als Bethsura; denn diese Stadt hat eine syrische Besatzung, daS Heer deS LystaS ist unterwegs und das südliche Judäa wird so von kriegerischen Banden beunruhigt, daß das Reisen sehr unsicher dort ist. Hast Du in Galiläa keine Freunde und Verwandten oder an der Küste?" Sarah schüttelte den Kopf. „Ich weiß von niemand," sagte sie. „Nahe! wohnt nicht in Bethsura, sondern nahe dabei an einem abgelegenen Ort, daß der Feind ihn kaum finden wird. Wenn das Land von bewaffneten Banden beunruhigt wird, so sind dies die Männer des Makkabäus, und von diesen haben wir nichts zu befürchten." Obgleich Lycidas nicht wenig enttäuscht darüber war, daß er seinen Plan, Sarah nach der Küste und dann nach Attika zu bringen, hatte aufgeben müssen, so konnte er doch ihre Bedenken nur ehren und mußte gestehen, daß der Weg, für welchen sie sich entschieden, nicht nur der beste, sondern auch der weiseste sei. Sie kamen nun dahin übercin, daß Sarah unter dem Schutze deS Lycidas zu der zuerst von dem Griechen vorgeschlagenen Stunde reisen, aber daß ihr Ziel anstatt Joppe Bethsura sein sollte, welchen Ort sie, wenn sie die ganze Nacht reisten, vor der Morgendämmerung erreichen konnten. Während Sarah mit Lycidas über diese Vorkehrungen berieth, kehrte Hannah von Jerusalem zurück. Das Gesicht der treuen Dienerin verrieth die größte Angst. Eine Warnung, die sie von einer hebräischen Bekanntschaft erhalten, machte sie über die Sicherheit ihrer Herrin unruhig. „Q Gott, die Hunde sind dem Wilde auf der Spur." Herzlich froh war die Magd, als sie hörte, daß der athenische Herr gekommen sei, um die Flucht Sarah's zu bewerkstelligen, und daß seine Talente, sein Muth und das Gold, welches er reichlich spendete, die Schwierigkeiten, die ihrer Flucht hinderlich fein könnten, beseitigen würden. (Fortsetzung folgt.) ---i-AL-i-»-- Goldkörner. Zwischen Lipp' und KclcheSrand Schwebt der finstern Mächte Hand. Fr. Kind. —s-- Der schwarze Diamrmt. Aus dem Englischen von Emma Hanrieder. Nachdrul velbote». ES war ein trüber Frühlingsmorgen. Der Dampfer „Nelson", der vor vier Wochen Calcutta verlassen hatte, kam nun in Sicht von Southampton. Die Leute auf dem Ausguck hatten das Land gesehen, lange bevor das ungeübte Auge eS selbst durch ein Glas bemerken konnte. Allein als die Morgennebel zerflossen, erschien ein langer Küstenstrich, und bald waren der Hafen und seine Umgebung deutlich sichtbar. Viele Passagiere hatten sich auf dem Deck versammelt, um einen ersten Blick auf das Land zu werfen. ES waren darunter sonnverbrannte Soldaten, von denen einige ihr Vaterland seit Jahren nicht mehr gesehen, und die über die Veränderungen nachdachten, welche die Zeit in ihrer Heimath mit sich gebracht haben mochte. Es befanden sich dabei zarte, blonde Kinde?, von besorgten Müttern bewacht, deren Herzen sich zufammenkrampften beim Gedanken an die zurückgelassenen Gatten, beim Gedanken an die Kleinen, die sie, ach, so bald, der Obhut Fremder übergeben sollten. Als ich daneben stand und die aufgeregten Gesichter, die alle nach einer Richtung schauten, beobachtete .sagte ich mir, daß vielleicht keines von ihnen so froh sein würde, das Ziel unserer Reise zu erreichen, als ich. Gewöhnlich denkt ein jeder auf diese Weise, denn die eigenen Angelegenheiten scheinen uns immer viel wichtiger zu sein als die Anderer. Für mich war gewissermaßen dieser egoistische Gedanke berechtigt, denn für mich bedeutete die Landung in Southampton mehr, als bloß eine glückliche Ueberfahrt von Indien nach England, nämlich das Erreichen eines Zieles, welches seit Monaten der Gegenstand all' meiner Hoffnungen nud Gedanken war. Mit dieser Landung war eine Mission, von welcher meine ganze Zukunft abhing, glücklich beendet. An ihr hing für mich in der That die Entscheidung zwischen Erfolg und Mißlingen. Während der fünfnnddreißig Jahre meines Lebens hatte ich mancherlei durchgemacht, aber nichts, das mir soviel Angst eingeflößt hätte, als diese Reise von Calcutta nach Southampton. Meine Miipassagiere auf dem Dampfer hatten keine Ahnung, welch' ungeheure Verantwortlichkeit auf mir lag — daß, wenn ich ein nasses Grab gefunden hätte, 80 000 Psd. Sterling mit mir in die Tiefe gegangen wären, daß Braffingion, die wohlbekannte Londoner Juwelenhandlung, nicht im stände gewesen wäre, einen königlichen Auftrag, nämlich Lieferung eines Hochzeiisgeschenkes für eine Prinzessin auszuführen. Seit mehr als zehn Jahren war ich in dem Geschäfte der Herren Brassington angestellt, und obwohl man mir dort immer das größte Vertrauen geschenkt hatte, so erblickte ich doch in meiner Sendung nach Indien, wo ich den Ankauf eines historischen, einem reichen Najah gehörigen Diamanien abschließen sollte, die höchste Auszeichnung, deren ich mich je zu erfreuen hatte. Ich erinnere mich noch lebhaft des Entzückens, das ich empfand, als der ältere Brassington, der Chef der Firma mich auf sein Zimmer kommen ließ und, nachdem er über die Unterhandlungen wegen deS Diamanten gesprochen, zu mir sagte: „Herr Fenton, wir haben beschlossen, Sie mit der verantwortlichen Aufgabe zu betrauen, ihn aus Indien zu holen." Meine Kollegen, wenn auch etwas neidisch öö« meine Bevorzugung, überhäuften mich mit Glückwünschen und erklärten, daß der „alte Dick" auf dem besten Wege sein Glück zu machen! Meine Gedanken waren in der That ähnlicher Natur, denn, falls ich weine Mission erfolgreich ausführte, würde ich voraussichtlich nie wieder zu den andern Schreibern gezählt, sondern höchst wahrscheinlich jüngerer Theilhaber der blühenden Firma Brassington und Comp. werden. Beseelt von dieser sanguinischen und ehrgeizigen Hoffnung, ging ich nach dem Osten, wo ich meine Instruktionen bis auf den letzten Buchstaben ausführte und das werthvolle Objekt, einen prächtigen Stein in Haselnnßgröße, erwarb. Unter meinem Rock und meiner Weste trug ich einen starken, ledernen Gürtel, in welchem sich eine kleine Kapsel befand. In dieser wollte ich den Stein nachhause bringen. Ich hatte Mich entschlossen, den Gürtel weder bei Tag noch bei Nacht abzulegen, bevor ich den kostbaren Inhalt nicht meinem Auftraggeber ausgehändigt Hütte. Nachdem der Diamant in meinen Besitz übergegangen war, verbrachte ich bis zu meiner Einschiffung in Calcutta eine unruhige Zeit. Denn der Verkauf des Steines war bekannt geworden, und die Eingeborenen waren eine kräftige, listige Nasse, auf die ein Juwel eine ebenso große Anziehungskraft ausübt, wie ein Magnet auf eine Nadel. Jedoch es gelang mir, mich allen Plünderern zu entziehen, und ich ging an Bord des Dampfers mit dem Gefühle, daß, wenn nur die Eleuiente günstig wären, ich nichts mehr zu fürchten hätte. Im Ganzen genommen war die Heimreise schön, und als Southampton in Sicht kam, fühlte ich mich wie einer, der weiß, daß ihm der Sieg sicher ist. Nach meiner Landung mußte ich zu einem Juwelier in der Stadt, einem Agenten unserer Firma gehen, dem Herr Brassington die Beangenscheinignng des Diamanten versprochen hatte. Wenn ich diesen Mann gesprochen hatte, blieb mir nur mehr übrig, einen passenden Zug zu wählen und nach London zu reisen, wo ich noch vor Ladenschluß anzukommen hoffte, um mich dortselbst von jeder weiteren Verantwortlichkeit zu befreien. Als ich mit den andern Passagieren den Dampfer verließ, bemerkte ich einen großen schwarzen Mann, den während der Reise gesehen zu haben, ich mich nicht entsinnen konnte. Er trug einen schäbigen, europäischen Anzug, hatte aber eine auffallende Ähnlichkeit mit einem der eingeborenen Diener des Najah, von welchem ich den Diamanten gekauft. Dieser Mensch sah wenig vertrauenerweckend aus, und ich vermuthete stark, daß er sich in den Besitz des Steines sehen wolle, denn in Calcutta war er mir überallhin auf dem Fuße gefolgt. Als ich länger darüber nachdachte, kam ich jedoch zu der Ueberzeugung, daß der Diener Najah kaum mit dem Manne, der mit mir sich ausschiffte, identisch sein könne. Denn während der erstere keine Gelegenheit versäumte, mich mit seinen wachsamen und listigen Blicken zu verfolgen, ging der andere ohne das geringste Zeichen des Er- kennens an mir vorbei und verlor sich bald unter der Menge. Ich ging sogleich zu Herrn French, dem ersten Juwelier in Southampton, den ich zu meinem Aerger nicht zu Hause fand. Ich war angewiesen, den Diamanten nur ihm zu zeigen, und deshalb genöthigt, seine Rückkehr abzuwarten. Dies verhinderte mich, den Früh- zug zu benutzen, und ich entschloß mich, mit dem Abend- 290 Schnellzug nach London zu fahren. Bald nach Mittag kehrte ich zu dem Juwelier zurück, der mich bereits erwartete. Er war ein melancholischer, kleiner Mann, eines jener sonderbaren Geschöpfe, die, selbst unzufrieden mit dem Leben, auch andere zu ihren düsteren Ansichten bekehren wollen. Er bewunderte den Diamanten un- gemein, aber als ich ihm sagte, wie sehr ich mich freute, ihn glücklich herübergebracht zu haben, antwortete er mit trübem Lächeln: — „Ach, mein lieber Herr, loben Sie den Tag nicht vor dem Abend! Sie müssen Ihren Schatz noch einige Meilen weiter tragen, und manches kann sich während dieser Zeit noch ereignen! Da er mich dadurch, gelinde gesagt, verstimmt hatte, wartete er mir noch mit einer sehr heiteren Anekdote auf. „Ach, sagte er zu mir, wie gut erinnere ich mich noch des armen Forley, der die Rubinen der Gräfin von Blank aus New Jork herübergebracht hat. Um die Wahrheit zu gestehen, er war ein leichtgläubiger Ire und unfähig, etwas für sich zu behalten. Er wurde von Amerika aus verfolgt und wenige Meilen außerhalb Londons mit durchschnittener Kehle aufgefunden. Jede Spur von den Edelsteinen fehlte." In meiner Lage war diese Geschichte keineswegs angenehm zu hören. Herr French beobachtete mich einige Augenblicke mit kritischen Blicken und erkundigte sich dann, ob ich Feuerwaffen bei mir führte. Ich antwortete daß dies nicht der Fall sei. Dies sei ein großer Fehler, versicherte er mir und drang unablässig in mich, daß ich mit ihm gehen und vor meiner Abreise einen Revolver kaufen mutzte. Dann verabschiedete ich mich von meinem neuen Freunde mit einem Gefühle der Erleichterung und versuchte der Furchtsamkeit, mit welcher er mich angesteckt hatte, los zu werden. In einem ZeitungS-KioSk verschaffte ich mir noch einen kleinen Vorrath Lektüre. Ich wählte mir ein kleines Coups 2. Klasse und die grausigen Geschichten des Herrn French noch immer im Kopfe, versicherte ich mich, ob ich in dem Coups auch allein und ungestört bliebe. Ich schleuderte meine Zeitungen und die Reisetasche auf einen Sitz und suchte dann auf dem Perron nach einem Schaffner. Diesem ließ ich etwas in die Hand gleiten und bat ihn, darauf zu sehen, daß niemand in meine Abtheilung komme. Er ging mit mir zurück und sperrte, als ich meinen Platz eingenommen, die Thüre ab. Ich richtete mich bequem in einer Ecke ein, in dem Gefühle absoluter Sicherheit, das mich schon seit langem geflohen hatte. Vor Abgang des Zuges rüttelte noch manch ungeduldige Hand an der Thüre, aber da es unmöglich war, den Eingang zu erzwingen, verließ ich Southampton ungestört. ES war noch hell genug, um zu lesen. Ich durchblätterte die Zeitungen, lehnte mich in die Polster zurück und vertiefte mich in meine Blätter. Dabei belästigte mich mein Revolver in der Seitentasche. Nun muß ich eine große Schwäche eingestehen, nämlich meine außerordentliche Abneigung gegen Feuerwaffen. Um Bon Gualtier's Worte zu gebrauchen, „habe ich einen heilsamen Schrecken vor Pulver und Stahl." Und so zog ich den Revolver aus meiner Tasche und legte ihn neben mich. Dies war sehr unvernünftig gehandelt, da ein plötzlicher Ruck des Wagens ihn hätte Herabschleudern und entsetzliches Unglück veranlassen können. Jedoch ich that es, und fing mit erneutem Eifer wieder zu lesen an. Eine Viertelstunde lang vertiefte ich mich in einen interessanten Artikel, legte die Zeitung dann weg und blickte um mich. Plötzlich machte ich eine überraschende Entdeckung: der Revolver war verschwunden. Zuerst befremdete eS mich nur. Ich schaute auf die Sitze neben mir, langte in meine Taschen, um zu sehen, ob ich ihn in der Zerstreutheit nicht etwa eingesteckt habe, — aber er war nicht zu finden. Und als ich so dasaß, erstaunt und erschreckt, drängte sich mir die entsetzliche Ueberzeugung auf, daß ich nicht allein sei, daß jemand sich unter meinem Sitze befinde und mit mir eingeschlossen sei. ES war ein lähmender Gedanke. Ich wagte nicht, mich zu bewegen und beschloß, in dieser höchst kritischen Lage mich so tapfer als möglich zu halten. Zuletzt beredete ich mich, daß der hier Verborgene eS keinesfalls auf mich könne abgesehen haben. Zufälligerweise hatte icb wohl den Wagen, in welchem irgend ein unglückliches Geschöpf sich versteckt hatte, gewählt. Der Versuchung nicht widerstehend und waffenlos, hatte es sich meinen Revolver angeeignet. Ich glaubte, daß unter diesen Umständen vielleicht doch der nächste Halteplatz heil zu erreichen wäre. Ich brauche nicht zu bemerken, daß an eine Fortsetzung meiner Lektüre nicht zu denken war. Mit der Zeitung in der Hand saß ich da, starr vor mich Hinblicken!». Ich weiß nicht, wieviel Zeit verflossen sein mochte, als ich fühlte, daß etwas meinen Fuß berühre. Ohne meinen Körper im Geringsten zu bewegen, beugte ich meinen Kopf vor und sah hinunter. Was mußte ich sehen! Eisig kalt durchschauerte es meinen Körper und jede Fiber meines Innern zitterte. Am Boden an meinem Fuße war eine Hand, — und diese Hand war schwarz! Nun wußte ich es ganz gewiß, daß ich in Todesgefahr schwebte; ich stand diesem elenden Bösewichte, der mir bis hieher nachgeschlichen war in der entschiedenen Ansicht, sich des Diamanten auf jeden Fall zu bemächtigen, allein und ohne Waffen gegenüber. Ich fühlte, daß er einen Strick um meine Füße schlingen wollte, um mich noch hilfloser zu machen. Es kam mir wie ein entsetzlicher Traum vor, aus dem ich jeden Augenblick zu erwachen hoffte. Mein Schicksal schien besiegelt. Keine Möglichkeit zu entkommen war gegeben. Der Tod starrte mir inS Gesicht. Was immer für Schwächen ich auch an mir haben mag, feige bin ich nicht; und so war ich entschlossen, nöthigenfalls zu sterben, mich aber meiner Haut bis aufs Aeußerste zu wehren. Ich nahm meinen ganzen Muth zusammen, ergriff Mit einer blitzschnellen Bewegung jene dunkle Hand und zog den Jndier aus feinem Versteck. Mein Angriff kam ihm so unerwartet, daß er keine Zeit fand den Revolver zu ergreifen. Er hatte ihn, wie es scheint, in seine Brusttasche gesteckt, während er sich mit dem Strick zu schaffen machte. Meinen Vortheil sofort wahrnehmend, packte ich seine Hände mit verzweifelter Anstrengung. Aber die Bestie war auf mir wie ein Panther. Er war ein großer Mann, an Körperkraft mir weit überlegen, und ich erkannte bald die Hoffnungslosigkeit meines Bemühens. Trotzdem entspann sich ein wüthendes Ringen. Wie ich glaube, dauerte es kaum einige Sekunden; dabei fand ich aber doch noch Zeit, mehr als einmal an den wahrscheinlichen Ausgang zu denken, ohne aber daS Nichtige zu treffen. — Plötzlich, ohne vorhergehendes Warnungszeichen, stieß der Zug auf seiner Bahn auf ein ernstes Hinder- niß. Ein entsetzlicher Krach erfolgte; der Wagen, in dem wir uns befanden, bäumte sich tn die Höhe, und zersplitterte wie die Nuß in einem Knacker. Gleich der erste, heftige Stoß hatte mich von meinem Feinde getrennt. Von ihm sah und hörte ich nichts wehr. Ich für meine Person wurde unter den Trümmern des Wagens begraben. Meine rechte Seite, Arm und Bein waren schrecklich zerquetscht. So heftig mein Schmerz auch war, ich blieb doch beim Bewußtsein und die Sinne schwanden mir nicht völlig. Seit einer halben Stunde hatte ich versucht, dem Tode in Voraussicht meines nahen Endes inS Auge zu schauen, und so blieb mir gewissermaßen die Panik, welche alle anderen Passagiere im Zuge ergriffen hatte, erspart. Ich konnte ihre markerschütternden Hilferufe vernehmen, ich konnte die hastigen Schritte durch zu ihrer Rettung Herbeieilenden hören und ab und zu den flackernden Schein der Laterne, die sie trugen, sehen. Aber das Alles nahm ich nur ganz unbestimmt wahr. Ich wußte nicht recht, wo ich mich befand, und was weiter um mich vorging. Von Zeit zu > Zeit fiel ich in eine Art Betäubung, aus der mich der i Schmerz in meinen gebrochenen Gliedern wieder weckte ! und ins Leben zurückbrachte. i Nach einer Weile hob sich das Holzwerk, das auf ^ Mich drückte, und ich sah freundliche, thetlnahmsvolle : Blicke, die sich auf mich richteten. Während man sich ! bemühte, mich herauszuziehen, mußte ich wohl das Be- ! wußtsein verloren haben, denn, als ich wieder zu mir s kam, merkte ich, daß man mich im Dunkeln forttrug, und wieder sah ich den schwachen Laternenschimmer hin- und herflackern. Darauf wieder eine lange Ohnmacht, — und als ich aus ihr erwachte, fand ich mich auf einem Bette, in einem kleinen Raume, den man offenbar in aller Eile zur Aufnahme für die Verwundeten hergerichtet hatte. Kraftlos und zerschmettert, wie ich nach dem Durch- z lebten war, sank ich mit einem Seufzer der Erleichterung in meine Kissen zurück. Neben meinem Lager stand ein Mann, den ich für einen Arzt hielt, und in einiger Entfernung eine Wärterin mit weißer Haube. Alle diese Einzelheiten nahm ich in halbwachem Zustande wahr, — da trat plötzlich die Erinnerung an meinen Diamanten mir vor die Seele. Was war aus ihm geworden? Mein rechter Arm war jetzt geschient und nicht zu gebrauchen. Ich konnte gar nicht daran denken, ihn zu bewegen. Meine linke Hand war zwar auch nicht unbeschädigt, aber es war mir doch möglich, mit ihr den ledernen Gürtel zu befühlen. Nun aber befand sich die Kapsel mit dem Diamanten unter meinem kranken Arme. Mochte ich mich drehen und wenden wie ich wollte, auf keinen Fall konnte ich in dieser Lage an sie kommen. Meine Ruhelosigkeit mochte dem Arzte aufgefallen sein, denn er kam herbei und warf einen fragenden Blick auf mich. Sein Gesicht war so freundlich und vertrauenerweckend, daß ich nicht Anstand nahm, ihm mitzutheilen, was mich so beklommen machte. Ich sprach leise und so kurz als möglich — vom Jndier jedoch sagte ich kein Wort. Vielleicht hielt er anfänglich meine Angabe für die Ausgeburt einer fiebernden Fantasie; als er aber dann seine Hand nach «einer Anweisung unter meine rechte Seite gebracht hatte, fühlte er alsbald das Täschchen in dem Gürtel und gab mir die beruhigende Versicherung, daß der Diamant sich noch darin befände. „Sie werden kaum imstande sein, Ihren Schatz z« hüten", sagte er. „Soll ich ihn etwa in Verwahrung nehmen, bis Sie Ihre Reise wieder fortsetzen können?" Mit herzlichem Danke für sein Anerbieten erklärte ich, daß eS mir nicht möglich sei, mich von ihm auch nur auf einen Augenblick zu trennen. Offenbar war ich damals sehr aufgeregt. Meine Schläfen hämmerten, und meine Zunge war kaum fähig, die Worte zu bilden. Mit kritischen Blicken maß mich der Arzt, befühlte meinen Puls und suchte mich mit sanften Worten zu beruhigen. „Regen Sie sich nicht auf. Schließlich ist es besser so, wie es ist. Es weiß doch niemand von der Existenz des Steines. Lassen Sie die Furcht beiseite, und denken Sie an nichts, als an Ihre Gesundheit." Er schüttete etwas in ein Glas und reichte eS wir. Bald war ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf verfallen. Es mochte um die Zeit der ersten Morgendämmerung sein, als ich wieder erwachte und um mich schaute. Ich befand mich weit besser als vorher und war nun imstande, meine Umgebung mit Interesse zu mustern. Da bemerkte ich, daß in dem Raume drei Betten standen. Das eine zu meiner Linken war leer; zweifellos war der Arme, der Darin gelegen, gestorben und während meines Schlafes weggeschafft worden. Das Zimmer war durch ein Nachtlicht nur dürftig erhellt, so daß ich anfänglich die verschiedenen Gegenstände nicht deutlich erkennen konnte. Nachdem aber meine Augen nach einer Weile sich an das Zwielicht gewöhnt hatten, vermochte ich das Bett rechts besser zu übersehen und meinen Leidensgefährten zu erkennen. Was ich auf dem weißen Kiffen dort sah —, das war der schwarze Kopf meines mörderischen Feindest Die vielen ausgestandenen Schmerzen hatten mich ungemetn geschwächt und im ersten Augenblicke war ich fast gelähmt vor Furcht — ein Gefühl, von dem ich im Zuge keine Spur empfunden hatte. Zuerst wollte ich um Hilfe rufen, aber es kam mir der Gedanke, daß mich die Wärterinnen höchstens für fieberkrank halten würden. Zudem schien es wahrscheinlich, daß der Schwarze mich nicht erkannt hatte. So nahm ich denn das bischen Muth, das ich noch besaß, zusammen, entschlossen, mich völlig ruhig zu verhalten und meinen Kopf von ihm abzuwenden, damit diese listigen, grausamen Augen mich nicht sehen möchten. Wieviel Zeit so verging, weiß ich nicht; ich merkte nur, daß mein Herz wie ein Schmiedehammer schlug und das Betttuch sich mit jedem Athemzug hol und senkte. Endlich glitt eine Wärterin in das Zimmer und gab mir, da sie mich wach sah, einen Löffel Arznei. Leise bat ich sie, mich nicht zu verlassen. Lächelnd sagte sie zu und ließ sich neben mir auf einem Stuhle nieder. Die Medizin mußte etwas Betäubendes enthalten haben, kaum hatte ich sie genommen, so schlief ich von neuem ein. Darauf hatte die Wärterin wohl das Zimmer verlassen und war zu andern Patienten in dem anstoßenden Gemache gegangen. Da wurde meine Bettdecke fast un» merklich gelüftet. Es führte dennoch mein Erwachen herbei. Als ich meine Augen aufschlug, sah ich, wie jenes dunkle böse Gesicht sich über mich beugte. Bevor ich einen Laut hervorbringen konnte, legte sich eine schwere Hand auf meinen Mund. Der Ledergürtel, der soeben durchschnitten worden war, wurde herausgezogen, und im nächsten Momente schlich sich der Jndier zum 2S2 Fenster. Ich schrie um Hülfe so laut ich vermochte, aber unterdessen war der Schwarze bereits zum Fenster hinausgeschlüpft und in der Dunkelheit verschwunden. Ich hatte versucht, mich aufzuraffen, um ihn zu verfolgen, aber meine kraftlosen Glieder versagten mir den Dienst und ich fiel ohnmächtig in das Bett zurück, als der Arzt und die Wärterin in das Zimmer eilten. Sobald ich wieder zu mir kam, schrie ich wild und leidenschaftlich, daß ich beraubt, ruiniert, meine ganze Existenz vernichtet seil Der Arzt sah mich lächelnd an. „Seien Sie nicht gar zu sicher", sagte er. Bei diesen Worten zog er etwas aus seiner Westentasche, legte es auf seine Handfläche und hielt es mir hin. Es war der Diamant des Najah! Auf einige Augenblicke dachte ich vor Entzücken und Erleichterung an nichts anderes. Dann aber fragte ich verblüfft, wie das sein konnte; denn ich war der sicheren Meinung gewesen, daß ich den Diamanten gehabt hätte. Der Arzt hatte mich damals von dem Vorhandensein des Steines überzeugt, und ich hatte mehr denn einmal meinen verwundeten Arm an meine Seite gepreßt und dann jedesmal den kleinen, harten Gegenstand, der soviel werth war, gefühlt. Der Doktor lachte. „Das war nur ein Ersah", sagte er, und erklärte mir darauf, er habe es in Anbetracht meines Schwäche- zustandes nicht für räthlich gehalten, den Diamanten bei mir zu lassen. Voraussichtlich würde ich mich bei der Trennung von dem Steine in ein heftiges Fieber hineingearbeitet haben. Er hatte es verstanden, während ich schlief, den Diamanten herauszunehmen und, um mich in Ruhe zu erhalten, ihn gegen etwas anderes umgetauscht. »- „Ich hatte beabsichtigt, einen kleinen Kieselstein hineinzuthun:", sagte er, „konnte aber in der Eile keinen gleichgroßen finden und unterschob statt dessen ein Stück Kohle, das gerade so war, wie ich es benöthigte. Wie Sie sehen, ist Ihr Freund aus dem Osten mit einem Diamanten von seiner eigenen Färbung durchgegangen." -—-- ALLssLsr« Poetisch. „Ach, liebe Camilla, theile meinen Schmerz! Du weißt, wie ich die Thiere liebe. Täglich ging ich nach dem benachbarten Streuheim, um dort die prächtigen Heerden zu bewundern. Vor allem war es ein Kalb, das sich durch seinen Frohsinn und seine munteren Sprünge meine herzlichste Zuneigung erworben. Gestern, denke Dir, kam aus unser'm Städtchen ein großer starker Mann mit einem Hunde nach Streichet«. Er handelte mit dem Besitzer meines Lieblings, und sie wurden Handeleins. Das Kalb ahnte, was ihm bevorstand. Lautlos ergab es sich in sein Schicksal und warf mir nur einen einzigen Blick zu, einen Blick, als ob eS sagen wollte: „Leb' wohl! . . Auf Mederseh'n auf der Speisekarte!"" * Stoßseufzer eines Mainzers. „Herrgott, wenn nor emol ener e' Maschin' erfinde that', daß wer am Sunntag sei' Fraa net mehr mitnehme müßt'!" Widerlegt. Richter fzu einem jugendlichen aber vielfach vorbestraften Angeklagten^: „Sie sind ja schon ein recht abgefeimter Bursche! DaS kommt von den schlechten Gesellschaften!" Angeklagter: „Wieso? ich habe doch meist mit den Behörden zu thun!" * Ruhestörung. „Ist Ihre Furcht vor Einbrechern beseitigt, seit Sie sich den Hund angeschafft haben?" — „O ja." — „Na, dann ist Ihre Nachtruhe ja doch nicht mehr gestört?" — „O doch, durch den Hund." Jagdvorbereitnngen. Oberhofmeister: „Habev Sie alle Vorkehrungen zur Jagd für Se. Durchlaucht getroffen?" — Forstmeister: „Jawohl, alle Jäger und Treiber sind bereits in die Unfallversicherung eingekauft." * Generös. Prinzipal zum Lehrling: „Mater, ich muß Sie bitten, mit Ihren Interpunktionen nicht so sparsam zu sein, besonders diesem Kunden gegenüber, der uns so viel Geld zu verdienen gibt!" -- v > < -*--- Im Maien. O, war' ich werth, Maria, Dich zu preisen, Wär' fromm mein Herz und meine Seele rein, — Ich wollte singen Dir in tausend Weisen, In solchem Singen müßt' ich — selig sein. Dir blüht der Blumen Gruß auf tausend Fluren, Dein Lob verkünden Wind und Wolkenzug, Und alles, was da Deiner Würde Spuren Als Gottgeschaff'nes in sich hat — und trug. Kaum gottbewußt — und doch nur Dir zu Ehren! Wie wird das Kleinste da vom Kleinen groß, Darf'S mit dem ganzen Ich Dein Lob vermehren; Nur ich steh' zagend fern und spendelos. Nicht Rosen hab' ich, die im Licht erglühten» Maiholde Frau, zu Deines Thrones Zier, Nur einen Kranz von schlichten Herzensblüthen; O, nimm als Opfergrnß ihn an von mir! München, 2. Mai 1896. Elsa GlaS. - ^ > > > - > Schach aufgäbe. Schwarz. 6 S Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem 4. Zuge matt. —-EVS-- M 39. altimgsdla „Nugsburger PostMung". Dinstag, den 12. Mai 189k. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Berlag des LiterariiLen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Zudas Makkabäus. Historiicher Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) 31. Kapitel. Die nächtliche Reise. Die mit Sarah's Abreise verbundene Eile machte ihr den Abschied weniger schmerzlich, als er sonst wohl gewesen sein würde. Es blieb ihr wenig Zeit, sich trüben Gedanken darüber hinzugeben, daß sie einen Ort verlassen mußte, den die Erinnerung noch mit geliebten Wesen belebte. Auch leblose Gegenstände, wie der Tisch, an welchem Sarah so oft gesessen, der Rocken, an dem sie gesponnen, die Blumen, die sie gepflegt, waren zu kostbare Dinge, als daß sie sich ohne Schmerz von ihnen getrennt hätte. Es war nur wenig, was Sarah in einer Sänfte mit sich nehmen konnte. Außer den Pergamentrollen, einigen Kleidungsstücken und ihren wenigen Juwelen mußte alles zurückgelassen werden. Obgleich Sarah in großer Gefahr schwebte und die Wunde ihres Herzens noch nicht geheilt war, fühlte sie doch eine so große Freude, daß es ihr schien, als könne diese Freude sie niemals verlassen. „Lycidas ist als ein Sohn Abrahams angekommen! Lycidas gehört zum auserwählten Volke Gottes!" Dieser Gedanke machte Sarah's sanfte Augen glänzen, beflügelte ihre Schritte und erfüllte ihre Seele mit Hoffnung und Freude. Nicht, daß Sarah in ihrem neuen Glück ihre Großmutter vergessen hätte, sondern das Andenken der Todten war im Gegentheil mit jedem freudigen Gedanken verwebt und diente dazu, ihn zu heiligen. „Wie würde Hadassah, wenn sie dieses erlebt hätte, den Namen des Heirn gepriesen haben!" dachte Sarah. „Ihre Worte waren ein Samen, der auf den reichsten Boden fiel, während ihr Kind sich nun der Ernte freut. Sie war es, die zuerst das kostbare Leben meines Lycidas rettete und darauf seine noch kostbarere Seele zur Quelle des Heils führte l Hätte Lycidas nie die Stimme meiner Mutter gehört, so wäre er jetzt noch ein Götzendiener." Trotz ihrer schüchternen Natur empfand das Mädchen bei dem Gedanken an die bevorstehende Reise mehr Freude als Furcht. Lycidas sollte ihr Beschützer sein, Lycidas wollte ihr nahe bleiben, seine Gegenwart versprach ihr Sicherheit und Glück. „Und würde es bei der künftigen Reise durch's Leben nicht auch so sein?" flüsterte die Hoffnung dem jungen Mädchen zu. „Kann Judas Makkabäus wider die Verbindung seiner Verwandten mit einem Bekehrten etwas einzuwenden haben, wenn er sieht, daß ihr Glück damit verbunden ist und daß Lycidas ein wüthiger Vertheidiger des Glaubens, den er angenommen hat, sein wird?" Sarah wurde bei dieser Frage etwas unruhig und zweifelhaft, aber durchaus nicht muthlos. Das Mädchen ahnte nicht, wie tief sie von dem, der gewohnt war, jeden Ausdruck seines Gefühls zurückzuhalten, geliebt wurde. Sie fürchtete sein Mißfallen zu erregen, aber sie glaubte nicht im entferntesten, daß sie Macht habe, ihn unglücklich zu machen. Wie wäre es auch möglich gewesen, daß ein so gewaltiger Held, ein so begeisterter Führer sich um ein Mädchenherz kümmern würde. Die Liebe war in Sarah's Augen eine Schwäche, deren sie ein so ruhiges und erhabenes Wesen wie Makkabäus nicht für fähig hielt. Aber ist der Baum des Waldes darum weniger stark und majestätisch, weil der Frühling ihn mit tausend Blüthen schmückt? Oder sind jene Blüthen deshalb keine echte Blumen, weil ihre Farbe zu sehr der der Blätter gleicht, als daß sie von einem achtlosen Beschauer bemerkt werden könnten? Makkabäus würde mit seinem gedankenvollen, zurückhaltenden Wesen eben so wenig zu Sarah von seiner Liebe gesprochen haben, wie von dem Schlagen seines Herzens. Beide waren ein Theil seiner Natur, eine Nothwendigkeit seines Daseins. Joab war pünktlich. Eine Stunde nach dem Eintreten der Dunkelheit näherten sich dem Hause der Hadassah Rossehufe. Hannah öffnete vorsichtig die Thür, um zu erspähen, ob die sich Nähernden Freunde oder Feinde seien. „Es ist der Herr Lycidas!" rief sie freudig, als der Reiter seine Zügel an der Thür befestigte. Der Athener fand Sarah und ihre Magd zur Abreise bereit, und in wenigen Minuten saßen die Beiden in der Sänfte, die Joab führte; die Vorhänge wurden niedergelassen, und die Reisenden verließen ihre einsame Wohnung, um die gefährliche Reise anzutreten. Das Wetter war bei der vorgerückten Jahreszeit kalt, besonders Nachts; aber Lycidas war froh, daß die Regenzeit ein Ende hatte, welche, wie gewöhnlich, das Herannaht n des Winters ankündigte. Der Himmel war wolkenlos und klar und das blaue Gewölbe mit Sternen übersäet. Nach einigen Windungen in den Hügeln kam die Reisegesellschaft in das Thal Rephaim, welches reich an Kornfeldern, Wein und Obstgärten war. Das Korn war längst eingeerntet, die Weintrauben gesammelt, aber die Feigenbäume waren noch mit Früchten beladen. Sarah achtete nicht viel auf die sie umgebende Landschaft, obgleich dieselbe vom Schein der Sterne ein wenig beleuchtet wurde. Die rauhe Bewegung der Sänfte über felsige Straßen schloß jede Unterhaltung aus, auch hatte Sarah nicht Lust, eine solche mit ihrer Gefährtin einzugehen. Das Schwanken der Sänfte lud zum Schlafen ein, und nachdem ungefähr eine Stunde der Reise vergangen war, überschlich sie die Müdigkeit. Da wurde Sarah plötzlich durch einen Ruck aufgeschreckt, welcher, obwohl nicht heftig, doch genügte, um sie in Unruhe zu versetzen und vollständig zu ermuntern. „Ist etwas vorgefallen?" fragte das Mädchen, indem sie die rothen Vorhänge der Sänfte auseinanderschob. Lycidas war abgestiegen und augenblicklich an ihrer Seite. „Es ist nichts von Bedeutung," sagte er, „beunruhige Dich nicht, liebes Mädchen, einer der Riemen hat nachgegeben. Joab wird schnell alles in Ordnung bringen, ich bedaure nur die Verzögerung." „Wo sind wir jetzt?" fragte Sarah. „Noch bei dem Dorfe Bethlehem," war des Atheners Antwort. „Achl Bethlehem muß ich noch einmal sehen!" rief sie bewegt, indem sie die Vorhänge auseinanderschob, um auf die dunkle Landschaft mit schwellenden Hügeln und reichen Weiden eine weitere Aussicht zu gewinnen. „Meine geliebte Mutter pflegte mich jedes Jahr an diesen Ort zu bringen, sie nannte diese Steine das Denkmal der Vergangenheit und die Wiege der Zukunft." „Ich weiß, daß Bethlehem ein Ort von großer historischer Bedeutung ist," bemerkte Lycidas umherblickend. „Hier war es, wo David, der gesalbte Hirt, seine Heerde hütete und den Löwen und Bären überwältigte. Und hier war es, wo die fromme Ruth Gerste sammelte unter den Schnittern des Boas." Der junge Grieche freute sich, seine kürzlich erlangten Kenntnisse der heiligen Geschichte zu zeigen. „Ja, meine Mutter pflegte mir die Orte zu bezeichnen, wo die Ereignisse stattfanden, welche sie den Hebräern theuer machen," bemerkte Sarah, „aber Hadassah sagte immer, daß Bethlehems Bedeutung mehr in der Zukunft, als in der Vergangenheit liege. Hier ist es" — Sarah ließ ehrfurchtsvoll die Stimme sinken, als sie fortfuhr: „hier ist es, wo der Messias geboren werden soll, wie uns der Prophet geweissagt hat." „Man sollte dieses Dorf kaum einer so hohen Ehre werth halten," bemerkte Lycidas. „Auch Du erinnerst mich an etwas, was meine liebe Mutter mir erwiderte auf Worte, die ich vor mehreren Jahren, als ich noch sehr jung war, an sie richtete," sagte Sarah: „Es wird noch lange dauern, bis der Fürst kommen kann, denn ich habe rund umhergeblickt, aber ich kann nicht sehen, daß auch nur ein Stein zum Palast gelegt ist, in welchem er geboren werden soll." - „Denkst Du, Kind," sagte Hadassah, „daß ein Gebäude, welches noch tausendmal schöner ist wie das, welches Salomo errichtet, seiner Ehre und seinem Ruhm das Geringste zusetzen würde? Die Gegenwart des Königs macht den Palast, wenn es auch nur eine Höhle ist. Erhöht es den Werth des Diamanten, wenn die Erde, in welcher er gebettet liegt, mit Goldflittern gemischt ist?" Ich habe jenen sanften Vorwurf nie vergessen," fuhr Sarah fort, „und ich kann nicht anders, als mit Ehrfurcht selbst auf ein Gebäude, wie jener Gasthof, den wir dort sehen, blicken, denn wer kann sagen, ob der Friedensfürst nicht in einem kleinen Häuschen geboren wird!" Da Joab noch mit dem Befestigen des Riemens beschäftigt war, stand Lycidas, den Zaum in der Hand, neben Sarah's Sänfte und setzte die Unterhaltung fort: „Das Gemüth Hadassah's pflegte dieses geheimniß- volle Wesen, auf dessen Ankunft sie hoffte — wir alle hoffen — mit Erniedrigung, Leiden und Opfern in Verbindung zu bringen. Wenn ihre Ansicht die richtige ist, so kann es wohl möglich sein, daß nicht allein der Tod des Messias, sondern sein ganzes Erdenleben ein langes Opfer sein wird von der Wiege bis zum Grabe." Die Unterhaltung richtete sich dann noch auf weniger hohe Dinge, bis Joab mit dem Befestigen des Riemens fertig war. Lycidas bestieg sein Roß, und der Zug setzte seine Reise fort. Bethlehem lag bald hinter ihnen. Es ist nicht nöthig, die Reise weiter zu beschreiben, oder zu erzählen, wie Lycidas und seine Gefährten an Salowo's Lustplätzen, seinen Gärten, Obstbäumen und Teichen vorüberkamen, oder wie die Straße durch die Hügelreihen führte, welche sich bis gegen Hebron ausdehnten. Das Reisen war langsam und beschwerlich, die Straße uneben und die Pferde wurden müde. Aber dennoch hielt es Lycidas nicht für gerathen, daß die Gesellschaft Halt machte, um sich zu erfrischen und auszuruhen. Ein Flug Tauben, der, wie sie meinten, von den Syrern kam, vergrößerte noch ihre Unruhe. Lycidas witterte Gefahr auf allen Seiten; er wußte nicht mehr, ob er vor- oder rückwärts gehen sollte. Die Verantwortung lag schwer auf ihm, fast beneidete er den abgehärteten Joab um den stumpfen Gleichmuth, mit welchem er seinen Weg verfolgte. Der Athener wollte Sarah's Heiterkeit durch Mittheilung der Sorgen nicht stören, die sein Gemüth bedrückten. Das unbedingte Vertrauen, welches das fromme Mädchen in seine Macht, sie zu schützen und zu führen, setzte, rührte ihn. Er war so dankbar, daß, während er Augen und Ohren aus's äußerste anstrengte, um die fernste Annäherung einer Gefahr zu entdecken, Sarah sich der Erfrischung des Schlafes hingab. 32. Kapitel. Freunde oder Feinde? „HallI steht! wer seid Ihr, und wohin wollt Ihr?" war die strenge Herausforderung, deren Ton Sarah aus einem freundlichen Traume erweckte. Die Sänfte stand plötzlich still, eine starke Hand legte sich auf die Zügel des Rosses, welches Lycidas ritt, während eine Waffe sich auf die Brust des Griechen richtete. Es war nicht hell genug, um unterscheiden zu können, ob diejenigen, die unsere Gesellschaft an der Fortsetzung der Reise hindern wollten, Syrer oder Hebräer seien. „Wir sind friedliche Reisende," sagte der Athener. „Laßt uns in Frieden unsere Reise fortsetzen. Wenn Gold Euer Begehr ist, so will ich es Euch geben." „Wenn wir Dein Gold begehrten, so würden wir es uns nehmen!" rief der Führer der Bande, welche nun die Sänfte umgab. „Seid Ihr Anhänger des Antiochus Epiphanes? „Nein," sagte Lycidas kühn. Die einfache Wahrheit zu sagen, ist immer eines Mannes würdig und erwies sich auch hier als das Sicherste. 296 Die Hand, die sich nach Lyctdas' Zügel ausgestreckt, fuhr zurück, die Spitze der Waffe senkte sich, und in einem etwas höflicheren Tone fragte der Führer: „Seid Ihr denn Freunde des Judas Makkabäus?" „Der Herr wolle alle Feinde durch ihn vernichten!" rief Joab, bevor Lyctdas eine Antwort finden konnte. „Es ist seine Verwandte, die wir in dieser Sänfte nach Bcthsura bringen wollen, damit sie von dem Tyrannen, welcher geschworen hat, sie zu todten, weil sie seinen Götzen keinen Weihrauch opfern will, sicher sei." „Was, die Wittwe Hadassah?" fragte einer der Männer. „Nein, es sind schon mehr denn sechs Monde, seit diese Mutter in Israel in Abraham's Schoß getragen wurde," versetzte Joab, indem seine Stimme sich senkte. Den Lippen der Männer entfuhr ein Ausruf des Bedauerns und der, der zuerst gesprochen hatte, bemerkte, daß dies eine traurige Nachricht für Makkabäus und seine Brüder sein würde. Lyctdas wandte sich nun an einen Hebräer, der ihm von höherem Range zu sein schien als die Anderen. „In dieser Sänfte," sagte er, „befindet sich die Enkelin der Wittwe Hadassah. Sie flieht vor der Verfolgung und sucht in der Heimath einer alten Verwandten, die bei Bethsura wohnt, eine Zufluchtsstätte." „Ah! Nahe!, die Wittwe, wir kennen sie wohl," war die Antwort. „Dann könnt Ihr dies Mädchen zu ihrer Wohnung führen." „Sie in die Wolfshöhle bringen?" rief der Hebräer, während einer seiner Begleiter lachend hinzufügte: „Der einzige Weg von hier nach Rahel's Wohnung führt über Leichen von Feinden, die wir vielleicht, bevor der Morgen anbricht, vernichten." Unruhig darüber, Sarah an einen Ort gebracht zu haben, der bald zum Schauplatz eines erbitterten Kampfes werden sollte, fragte Lycidas voll Sorge: „Wo können denn das Mädchen und ihre Gefährtin Schutz und Obdach finden?" „Schutz hat sie, so viel unsere Schwerter geben können — ihr Schicksal muß unser Schicksal sein," antwortete der Hebräer, an den Lycidas seine Frage gerichtet hatte. „Obdach," fuhr er fort, „hat sie in der Hütte eines Ziegenhirten hier in der Nähe. Einige unserer Männer haben die Nacht dort zugebracht, während unser Führer auf dem Erdboden schlief." Dann flüsterten die Männer untereinander einige Worte, welche Lyctdas auffing. „Diese schöne Verwandte kommt zu sehr unpassender Zeit am Vorabend einer Schlacht, von welcher das Schicksal ganz Judäas abhängt, zu Judas Makkabäus." „Ich bitte Euch," sagte der Grieche voll Unmuth darüber, daß Sarah solchen Bemerkungen ausgesetzt war, und ungeduldig, Sarah sobald als möglich an einen Ort zu bringen, wo sie, abgesondert von den rohen Kriegern, von der Reise ausruhen konnte, „zeigt uns sogleich jene Hütte; das Mädchen ist die ganze Nacht gereist und infolge dessen müde." „Ich will sie zu der Hütte führen," sagte einer der Hebräer, „und Du, Saul," fuhr er, sich an einen Gefährten wendend, fort, „gehe sogleich zu unserm Fürsten und verkündige ihm die Ankunft des Mädchens." Wieder bewegte sich die Sänfte vorwärts, und die müden Rosse wurden zu einer Hütte, welche in nicht zu großer Entfernung gelegen war, geleitet. Einer der Kriegsleute lief voraus, um anzuordnen, daß die Hütte von ihren kriegerischen Bewohnern geräumt würde und daß sie, soweit es die Umstände und die drängende Eile erlaubten, für die Aufnahme des Mädchens in Ordnung gebracht würde. Die Hebräer, welche die kalte Nacht unter dem Dache der Hütte zugebracht hatten, verließen sie sogleich, um für das Mädchen und ihre Dienerin Raum zu machen, indem sie einen Theil ihres einfachen Frühstücks für die neu ankommenden Gäste zurückließen. Eine Sorge beschäftigte Sarah's Gemüth auf ihrem Weg zur Hütte. „Hannah," sagte sie zu ihrer Magd, „wir sind dem Joab sehr verpflichtet, und ich habe keine Münze, mit welcher ich die Miethe für die Pferde und die Sänfte bezahlen und ihn für seine treuen Dienste belohnen kann. Es ist nicht schicklich, daß der Herr Lycidas für mich bezahlt. Lasse Joab mit mir sprechen, wenn ich die Sänfte verlasse, oder gib Du ihm dieses Kleinod von mir." Das Juwel, welches Sarah nach diesen Worten der Hannah übergab, war ein massives silbernes Armband, das von dem unglücklichen Pollux getragen worden war. Es lag in der Form des Armbandes etwas Heidnisches, weshalb das Mädchen es als Andenken an ihren Vater nicht behalten wollte. „Joab ist nicht hier," entgegnete Hannah, „er hat die Führung des Rosses einem der hebräischen Krieger übergeben." Joab war in der That mit Saul gegangen. Er brannte vor Eifer, der Erste zu sein, der dem Makkabäus alles mittheilte, was sich in Jerusalem begeben, seit sie sich bei dem Märtyrergrab getrennt hatten. „Wenn ich den Joab nicht selbst sprechen kann, so muß ich den Herrn Lyctdas bitten, es zu thun und meinen Auftrag auszurichten, denn der Maulthiertreiber darf nichi ünbelohnt von mir gehen." Nachdem das Mädchen mit Hilfe des Lycidas die Sänfte verlassen und mit Hannah die Hütte untersucht hatte, bat sie schüchtern ihren Beschützer, diesen kleinen Auftrag für sie auszurichten und mit dem schweren silbernen Armbande ihre Schuld an Joab zu bezahlen. „Dir selber," fügte sie mit niedergeschlagenen Augen hinzu, „kann ich nur meines Herzens tiefsten Dank bieten." Die Lebensgeister des Lyctdas hatten sich in ihm erhoben, wie in der Natur war auf das Dunkel der Nacht das helle Tageslicht gefolgt. Die Freude seines Herzens, das kürzlich noch schwer und unter großer Angst und dem Druck der Verantwortung gelitten, war so groß, daß es ihm schien, als sei die Sorge von ihm geschieden. Lycidas hatte seine schwere Mission erfüllt, er hatte seine geliebte Last der Fürsorge ihrer Verwandten übergeben, er fühlte, daß ihr Herz ihm gehörte. Das Kriegsgetöse, welches ihn umgab, war für den kühnen Geist des Griechen Musik. Ex wollte unter dem heldenmüthigen Führer mitkämpfen. Er wollte Sarah verdienen und dann sie gewinnen. Das Herz des jungen Atheners schlug höher. „Nun, Sarah," sagte Lycidas froh als Entgegnung auf die Worte des Mädchens, „es kann sich begeben, daß ich eines Tages etwas Besseres von Dir begehre als Dank. Was das Armband anbetrifft, so sei versichert, daß ich den treuen Joab wohl belohnen werde. Er soll nicht derjenige sein, der etwas verliert, wenn ich das Kleinod als Pfand behalte und mich nicht davon trenne, außer, um es meiner Braut zu geben." Lycidas befestigte das 296 Armband um seinen Arm und mit stolzem und freudigem Schritt verließ er die Hütte „Lycidasl" rief Sarah, indem sie ihm über die Schwelle folgte, aber dann stehen blieb und seiner verschwindenden Gestalt ein Lächeln nachsandte, das ebenso strahlend wie sein eigenes war. „Wie konnte er einen Nebenbuhler fürchten!" dachte sie bei sich, dann wandte sie sich, um wieder in die Hütte zu treten und sah vor sich — Judas MakkabäusI (Fortsetzung folgt.) -—»« 84 —- k. Joseph Peters Fenfterer, 8. «I. Zu Ende des vergangenen Jahres brachten einige Blätter einen ganz kurzen Bericht über den nach telegraphischer Nachricht an das Provinzialat in Wien am 6. Dezember l895 zu Norwood in Australien verstorbenen k. Joseph Peters Fenfterer, 8. (l. Geboren zu Dürrwangen am 17. August 1834, zum Priester geweiht am 18. August 1857 im Geor- gianum zu München, feierte er mit seinem 3 Jahre älteren, doch erst später dem Studium zugegangenen, 1883 als Pfarrer von Jllertissen gestorbenen Bruder Xaver am gleichen Tage: dem 6. September 1857, in seiner Heimath die Primiz, bei welcher der nachmalige, im Frühjahr 1893 verblichene hochw. Herr Domkapitular Alois Gratz die Festpredigt gehalten hatte. Schon zu Allerheiligen des gleichen Jahres in Kempten als Stadtkaplan thätig, trat er im Herbste 1862 die II. Studienlehrerstelle in Wallerstein an, woselbst er — wie bisher als Kaplan — sich als einen werkthätigen Freund der Jugend und der Armen, aber auch als heute noch in dankbarster Erinnerung stehenden Beichtvater und als mit besten, nach Geist und Körper von Gott begnadeten Prediger erwiesen hat, dessen Berufung zum Missionär damals weder ihm schon klar war, noch sonst Jemand ahnte. Sein tieffühlendes Gemüth zog allerdings ihn in ernsten Wcihcstunden in die Stille der jährlichen Exercitien nach Gosheim und später nach Innsbruck. Vom Jahre 1867 im April bis zum September 1871 war er Pfarrer von Oberliezheim. (Die letztgenannte Pfarrei feierte auch pietätvoll seinen seligen Heimgang.) Einsender dieses kann bezeugen, wie gewissenhaft von dem selig Entschlafenen die Vorbereitung zu seinem Eintritt in den Ordensstand in dem so stillen kleinen Orte durch vieles Studium und Geb't geschehen ist, und wie nicht eher die heiß begehrte Aufnahme erbeten ward, bis daß er kindlich dankbar seiner lieben Mutter und später seinem guten Vater — einem Veteranen des französisch-russischen Feldzugs von 1812 sf. — die letzte Pflege und pietätvollste Bestattung an seinem Pfarrsitze in anhänglichster Weise besorgt hatte. In St. Andrä in Körnten und in Wien verlebte er sein Noviziat, und von dort weg war der hochw. I>. Anton Reschauer, mit dessen Erlaubniß der nun folgende Bericht über frühere und letzte Lebenslage des k. Fenfterer veröffentlicht werden darf, sein Reisegefährte und steter Mitarbeiter. „Wir verließen — so schreibt I>. Reschauer — am 30. November 1873 Wien und langten am 5. Februar 1874 in Adelaide an. Für ungefähr zwei Wochen hatten wir uns bei unseren Patres in Bombay (Indien) aufgehalten. Mehr als 10 Jahre lebte und arbeitete ich mit ihm — im selben Hause — — in meinen Armen ging er in die ewige Heimath hinüber. Der gute ?. Joseph war die fast 22 Jahre hier, ständig in Norwood stationirt. Letzteres ist eine große Vorstadt von Adelaide. Wir haben da eine herrliche Kirche zum hl. Jgnatius. Der opferwillige, seeleneifrige, heiligmäßige Pater machte diesen Missionsdistrikt zu einer der besten Pfarreien der Erzdiözese Adelaide. — In weniger denn 6 Monaten bemeisterte er die Sprache des Landes — englisch —, daß er allgemein — jedenfalls — als einer der besten Prediger galt. Seine Leutseligkeit, seine Ausdauer, sein eiserner Fleiß mit all den schönen Naturanlagen, erhöht durch seine Frömmigkeit und seinen Gebetsgcist, machten ihn zum Liebling Aller. Zwei, drei und mehr Ansprachen und Predigten jeden Sonntag kann ich für Jahre und Jahre die Regel nennen nebst dem langen Fasten (in unserer Hitze), wo der Priester meistens zwei hl. Messen zu lesen hat und kaum vor 1 Uhr Nachmittag sein Frühstück nehmen kann. Außerdem war der gute Pater Joseph gesuchter Missionsprediger und Exercitienmeister. Die Priester schätzten sich glückl'ch, wenn er in den vielen Plätzen über Süd-Australien eine Woche oder länger Missionen geben konnte. Weit her kamen die Leute, und oft bis tief in die Nacht hatte er die Beichten zu hören. Wie viel Gutes er da gethan —4 In unserer eigenen Kirche war er der unermüdlichste, höchst gesuchte Beichtvater. Aehnlich war es mit den Exercitien, die er den Priestern und Klosterfrauen so häufig gegeben, — immer mit dem größten Segen, — nicht bloß in Adelaide, sondern auch in Melbourne (Victoria). Für 20 Jahre hatte er im Durchschnitt jährlich über 10,000 Beichten gehört; Generalbeichten rechne ich zusammen über 13,000 in di> sein Zeitraume. Diese Ziffern sind nicht übertrieben. Kranke von allen Richtungen pflegten zum guten „Father Peters" zu kommen, seinen Segen zu erhalten. Er legte, selbst voll Glauben und Vertrauen, die Reliquien auf u. s. w., und es kann nicht in Abrede gestellt werden, daß viele, sehr viele recht staunenswerthe Heilungen bewirkt wurden. An Kreuzen und Opfern, wie allen Dienern Gottes, fehlte es dem guten k. Joseph wahrlich nicht. Da gerade erprobte er seine Güte, Starkmuth und Tugend. So lebte und arbeitete er bis Dezember 1895. Oft im Laufe des Jahres hatte er mir gesagt, er werde 1895 nicht überleben, — so übel fühlte er sich oft in Mitte seiner vielen Arbeiten. Ich habe ihm stets Ruhe angeboten, ihn getröstet und ermuthigt. Es war nicht zu helfen., In Mitte der Arbeiten wollte und sollte er heimgehen. Am 1. Adventsonntage las er hl. Messe um 10 Uhr und predigte über den Tod und das Gericht. Zu Mittag sehr ermüdet, erholte er sich etwas. Nachmittag hielt er seine gewohnte Andacht und Ansprache an die Ostilärsn ok (Jungfrauen-Congregation). Abend 7 Uhr wollte er wieder den Rosenkranz beten und den Segen halten. — Am 3. Dezember, dem Feste des hl. Xaverius (dem Namensfeste seines verstorbenen Vaters und hochwürdigen verstorbenen Bruders), las er seine letzte hl. Messe. — Seine Krankheit: heftige Lungenentzündung nebst Leber- und Nierenleiden von alten Zeiten her, nahm so zu, daß Us,M WO Im Mal. 9tach dem Gemälde von Karl Ludwlg 298 keine ärztliche Kunst und Aufmerksamkeit mcbr helfen konnt-'. Zwei hervorragende Doktoren hatten wir. Mittwoch Abend, 4. Dezember, empfing er die hl. Sterbsakramente. Donnerstag und Freitag wieder empfing er die hl. Communion. Unsere Patres hatten hl. Messen für ihn gelesen und die Bruder Communionen und Rosenkränze für ihn aufgeopfert. Er war recht wohl vorbereitet für seinen Eingang in's bessere Leben. Demüthig und fromm, wie er stets war, vereinigt mit Gott im Gebete und vollends ruhend in dem heiligsten Herzen Jesu unter dem tröstlichen Bewußtsein seiner innigsten Liebe zum göttlichen Herzen und seiner außerordentlichen Liebe und Verehrung der unbefleckten Gottesmutter wie des hl. Joseph, duldete er die Zeit seiner Leiden, seufzte er nach der ewigen Heimath, und umgeben von seinen Mitbrüdern übergab er seine Seele, frei von den Banden der Gefangenschaft der sterblichen Hülle, der göttlichen Güte. R>. I. ?. Welch' ein Trost, gerade am 1. Freitag des Monats, gerade nach der öffentlichen Andacht in unserer Kirche! Am selben Morgen hatten alle unsere guten Schulkinder wie so viele andere fromme Seelen ihre monatliche hl. Communion für ihn aufgeopfert. Die Nachricht von seinem Tode war blitzschnell verbreitet. Samstaa, Sonntag, Montag sortwäh'ende Pro- cessionen zum Leichenzimmer. Auch der Erzbischof war unter den Besuchern. Montag den 9. Dezember war feierlicher Seelcn- gottesdienst. Der Erzbischof und alle Priester, die je kommen konnten, waren zugegen, die Kirche voll von Gläubigen; selbst Protestanten kamen. Ich selber hatte das Seelamt. Der Erzbischof gab die Absolution. Nachmittag begleitete eine der größten Prozessionen' die je in solchem Falle gesehen wurden, die Leiche zum Bahnhöfe. Die Schulkinder, die Mitglieder der katholischen Genossenschaften, allen ihren Trauerabzeichen, die Mädchen und Jungfrauen weiß, mit schwarzen Schärpen; eine lange, lange Reihe also von Kutschen und Chaisen hinter dem Trauerwagen. Eine und eine halbe Stunde brauchten wir langsamen Schrittes zur Eisenbahn. Dort dann die letzte Ehre, bevor die Abfahrt nach Pevenhill. Viele angesehene Herren und Damen hatten sich dort eingesunken, — darunter der Regierungspräsident und 2 Minister. Nicht wenige Priester begleiteten die Leiche nach Pevenhill, wo wir eine große Kirche mit einer Gruft für unsere verstorbenen Vater und Brüder haben. Um Mitternacht kam die Leiche an. Nächsten Morgen der gleiche Gottesdienst wie Tags zuvor in Norwood. Von nah und fern kamen die vielen Freunde des guten k. Joseph. Nach beendigtem Seelengottesdienste wurde die Leiche in unserer Gruft beigesetzt. L. 1. I*. Es ist Gewohnheit, hier nach 30 Tagen wieder einen feierlichen Seelengottesdienst zu halten. So wurde er gehalten in Norwood ähnlich wie der am Tage der Bestattung. Der Erzbischof war hier, die meisten Priester der Diözese und andere die Kirche voll von Gläubigen. Der Erzbischof hielt eine Lobrede auf den verblichenen ?. Joseph, schilderte seine große, segensreiche Arbeit als ein Streiter Jesu Christi durch nahe 22 Jahre unter der Fahne des hl. Jgnatius hier in Australien; wie er mit den herrlichen Eigenschaften eines wahren Vaters und dem Herzen einer Mutter alle an sich zog, alle zum Heilande führte. Den Schluß machte der erlauchte Redner mit der Ermahnung für den Verstorbenen zu beten. Die Freunde des verewigten k. Joseph arbeiten daran, die Kirche des hl. Jgnatius mit einem großen Glasgemälde und einer großen Orgel zum Andenken an den guten „Father Peters" zu bereichere. Nach etwa 8 Monaten wird, so hoffen wir, alles fertig stehen." Diesem Berichte fügt der dem l. Verstorbenen dank- schuldigstc Ein'ender nichts mehr zu, als: es hat sich bewahrheitet: Selig die Barmherzigen, sie werden Barmherzigkeit erlangen. R. I. k. Hiemit ist auch berichtigt, was irrig über ?. Joseph Peters aus einer Mittheilung aus Sydney entnommen, in den Blättern zu lesen war. - Wie man die Negerknaben lehrt. Schmerzen zn ertragen. Muth geht dem Wilden über jede andere Tugend; den Schmerz zu verachten, lernt er von Kindheit auf. Um diesen kalten Muth und diese Verachtung allen Schmerzes zu erlernen, wird daheim in friedlicher Hütte der Jüngling von den Häuptlingen, von den Männern seines Stammes gemartert auf alle nur ersinnliche Weise. Bis zu seinem 16. Jahre wächst er sorglos auf und hat nichts zu thun, als mit seinesgleichen zu spielen und sich im Gebrauch der Waffen zu üben. Will er nun in den Kreis der Männer treten, muß er vorher Beweise der Standhafligkeit geben, wie sie von einem Manne verlangt werden. Die Jünglinge begeben sich in die Hütte des Medicinmannes, welcher die Ceremonien leitet. Vier Tage und Nächte dürfen sie die Hütte nicht verlassen, keinerlei Verkehr mit dem außerhalb derselben befindlichen Volke unterhalten, noch dürfen sie in der Zeit essen oder trinken, um sich auf die Martern vorzubereiten, welche ihrer am fünften Tage harren. Indessen liegt der Medicinmann bei einem kleinen Feuer, raucht die Medicinpfeife und ruft von Zeit zu Zeit den großen Geist an, daß er den Jünglingen während ihrer harten Prüfung beistehen möge.. Um die Hütte herum werden während der vier Tage fortwährend Spiele und große Feierlichkeiten von dem gesammten Volke abgehalten. Am fünften Tage beginnt die Marter für die in ihren Kräften fast erschöpften Jünglinge in Gegenwart der Häuptlinge und aller Männer, welche Zeugen des Muthes sein sollen, den die jungen Menschen zeigen. Während der Medicinman so stark raucht, als er nur kann, treten in den Kreis der Jünglinge zwei Männer, von denen der eine das Messer, der andere hölzerne Stäbchen in der Hand hält. Einer der Jünglinge tritt vor. Der Mann mit dem Messer zieht auf jeder Schulter oder auf jeder Seite der Brust ein Stück Fletsch zwischen Daumen und Zeigefinger in die Höhe, nimmt das Messer (welches zuerst auf beiden Seiten geschärft und dann schartig gemacht ist, damit es um so mehr Schmerzen verursacht) und stößt es unter seinen Fingern durch das heraufgezogene Fleisch hindurch, worauf der zweite Schinderknecht je einen der kleinen Holzstäbe durch jede Wunde steckt. Von außen und oben werden sodann zwei Stricke in das Innere der Hütte herabgelassen, die Stricke an die Stäbchen befestigt und der Gemarterte an denselben so weit in die Höhe gezogen, daß er über dem Boden schwebt, worauf noch an den Armen unterhalb der Schul- 299 ter und am Ellbogen, an den Schenkeln und unter den Knieen ähnliche Einschnitte gemacht und Stäbchen hin- durchgesteckt werden, an die man Schild, Bogen, Köcher und sonstige schwere Gegenstände anhängt. Nun werden sie, während das Blut herabströmt, soweit hinaufgezogen, bis die angehängten Gegenstände den Boden nicht mehr berühren. Die Standhaftigkeit, mit der die Jünglinge alle diese Martern ertragen, grenzt ans Unglaubliche, keiner von ihnen verzieht auch nur eine Miene, wenn das Messer durch das Fleisch gestochen wird, und mehrere, welche bemerkten, daß ich zeichnete, gaben mir zu verstehen, ich möchte ihr Gesicht betrachten; ich konnte denn auch nichts anderes wahrnehmen, als ein freundliches Lächeln, wenn ich sie anblickte, während ich hörte, wie das schartige Messer das Fleisch zerriß und mir unwillkürlich die Thränen in die Augen traten. herabgelassen, die Holzstäbchen an denen er hing, werden herausgenommen, die übrigen bleiben noch im Fleische stecken. Sobald er sich stark genug fühlt, sich erheben zu können, wobei niemand behilflich sein darf, schleicht er mit der ganzen Last in einen Winkel der Hütte zu einem Alten und erklärt, zum Danke für den Beistand, den ihm der große Geist geleistet, bereit zu sein, den kleinen Finger der linken Hand zu opfern, worauf ihn der Alte mit einem Beilhicb abtrennt. Alle diese Wunden werden nicht verbunden, die Sorgfalt sie zu heilen, überläßt man dem großen Geiste. Während der ganzen Zeit dieser Marter beobachten die Häuptlinge sorgfältig, wer am längsten hängen kann, bevor er ohnmächtig wird, und wer sich nachher am schnellsten wieder erholt. Danach bemessen sie, wer sich am besten eignet, einen Kriegszug anzuführen oder sonst eine gefährliche That zu vollbringen. !- DWN Gablingen. Ongmal-Austiahmr vvn Gustav Baadtl, Psvlourapy IN «rumdach. sV-rvieUaUigungSttch» vorbehalten.; Wenn der Gemarterte in der beschriebenen Weise freischwebt, tritt ein anderer hinzu und bringt chn in eine drehende Bewegung, die allmählich immer schneller wird, wodurch die Schmerzen so gesteigert werden, daß der Unglückliche sich nicht mehr überwinden kann und in den rührendsten Klagetönen den großen Geist anfleht, ihm in dieser Prüfung Kraft zu verleihen, während er zu gleicher Zeit wiederholt, daß das Vertrauen in seinen Beistand unerschüttert sei. Das Drehen wird so lange fortgesetzt, bis die Klagen verstummen, der Kopf sinkt auf die Brust herab, oder hintenüber, je nachdem er aufgehängt ist, still und leblos hängt er da. Nun wird er von seinen Quälern genau beobachtet, denn er darf so lange nicht herabgenommen werden, als sich noch das leiseste Zucken bemerkbar macht und er nicht, wie sie sagen, „ganz todt" ist. In dem Zustande wird er langsam auf den Boden Nun wird jeder der Jünglinge noch von zwei kräftigen, jungen Menschen an den Armen mit Riemen gebunden und so gezwungen, ihnen, die mit den Enden der Riemen in den Händen davonlaufen, zu folgen. Dabei suchen alle Umstehenden etwas von den angepflöckten Anhängseln abzureißen. Bald verlassen den ohnedies Erschöpften die Kräfte gänzlich, er fällt zu Boden, wird aber immer weiter geschleift, wobei die Umstehenden noch die letzten Anhängsel abreißen — wobei jedesmal ein Fetzen Fleisch mitgerissen wird — eher hört die Procedur nicht auf. Trotzdem der Körper auf das jämmerlichste zerfetzt ist, erholen sich die jungen Leute doch ziemlich bald. Daß Menschen, welche eine solche Selbstverleugnung besitzen, zu den größten Opfern, den kühnsten Wagnissen befähigt sind, wird niemand bezweifeln, und dieser erprobte Muth, die unerhörte Standhaftigkeit im Ertragen 300 großer Leiden erscheint ihnen als einziges Kennzeichen eines tapfern Mannes. Wohin man auch komme, welche von den wilden Völkerschaften man auch besuche, die Sitten sind in dieser Hinsicht ziemlich gleich, ihre Tapferkeit, Unerschrockenheit und Todesverachtung finden in der civilisirten Welt nicht ihresgleichen. - Gablingen. (Mit Bild.) Im Schmutterthale nördlich von Augsburg liegt am Fuße des westlichen Höhenzuges, von welchem Lützelburg in die Lechebene herableuchtet, der stattliche Flecken G ab- lingen. So ansehnlich auch der Ort ist, so ist doch seine Vergangenheit mehr in's Dunkel gehüllt, als es bei den kleinsten Dörfern der Nachbarschaft der Fall ist. Herr v. Naiser, welcher überall ein römisches Castell vermuthet, wo römische Münzen gefunden werden, findet auch in Gablingen Spuren römischer Ansiedelung, weil im Schloßgarten römische Münzen gefunden wurden. Da aber die Nömer in Gablingen keine sicheren Spuren ihres Waltens hinterlassen haben, so müssen wir schon mit der Annahme zufrieden sein, daß eben schon damals Ansiedler hier waren, welche mit den Römern verkehrten und ihres Geldes sich bedienten. Nicht einmal von einer mittelalterlichen Burg, geschweige denn einer römischen Station findet sich in Gablingen eine Spur, obwohl im Mittelalter ein Rittergeschlecht hier saß. Im Jahre 1217 erscheint in einer Urkunde des Klosters hl. Kreuz ein Wtrich von Gabelung als Zeuge bei der Ueber- gabe des Zehnls von Ehingen an Klosterholzen. Hundert Jahre später erschienen die in ganz Mittelschwaben damals reichbegüterten Ritter v. Knöringen im Besitze von Gablingen und behaupteten ihn 200 Jahre lang. Es ist gewiß, daß mehrere dieser Edlen im Flecken saßen und dort sicherlich ein Schloß hatten, wenngleich sich keine Spur mehr davon findet. Im Jahre 1466 gab Wolfart Junker v. Knöringen zu Gablingen an's Kloster St. Georg 2 Gulden Bodenzins auf 3 Tagwerk Mahd bei Biberbach, und im Jahre 1496 saß Jörg v. Knöringen zu Gablingen. Er verkaufte an den Pfleger ! der St. Leonhardskapelle zu Wettenhausen 3 Sölden zu Scheppach um 22 rh. Gulden. (Wettenh. Annal. x. 740.) Neben den Hauptinhabern des Ortes, den Rittern v. Knöringen, besaßen auch reiche Augsburger Bürger und Klöster einzelne Güter in Gablingen. So verkaufte im Jahre 1432 Hartmann Langenmantel sein Gut zu j Gablingen, das 2 ungarische Gulden galt und das er ! von seinem Vater Peter Langenmantel ererbt, an den ^ nachmaligen Bürgermeister Erhard Vögelin von Augs- ! bürg um 53 rh. Gulden. (Llou. L. XXIII. 392.) ! 20 Jahre später, im Jahre 1452, vermachten Vögelin's Erben dasselbe Gut an den Abt von St. Ulrich für 3 Jahrtage. Im Jahre 1527 kam Gablingen von den Rittern v. Knöringen an die Fugger. Sebastian v. Knöringen verkaufte das Dorf sammt Großzehnt und Kirchensatz an Raimund Fugger. Dessen Nachkommen bauten das heutige Schloß (Jagdschloß, und blieben im Besitz des Fleckens ! bis zur Säkularisation und als mediatistrte Ortsherren ' bis 1848. i Im Schwedenkrieg hatte Gablingen das Glück, un- ! unterbrochen einen eigenen Pfarrer zu haben, wie das ! Verzeichniß der Pfarrer und ihre Präsentations-Urkunden vom Jahre 1590—1700 ausweisen. Die geräumige Kirche ist dem hl. Martinus geweiht. In ihr befindet sich das Grabmal des Anno 1772 gestorbenen Pfarrers Leonhard Steidle mit einer Grabschrift, welche wir wegen ihrer eigenthümlichen und naiven Reimerei hersetzen: „Es liegt ein Priester da, ein guter, lieber Mann, An den man ohne Schmerz nicht einmal denken kann. Er war ein guter Hirte, der seine Schafe liebte; Bist du ein gutes Schaf, so zeig' es jetzo an Und ruf' den großen Gott für deinen Hirten an! Im Frieden ruhe er, um dieses bitte Gott, So bleibst ein treues Schaf auch nach des Hirten Tod." - -«ÄLüWHe- (Zu unserem Bild Seite 297.) Im Mat. Niemals ist die Natur so wonnesam, wie im wunderschönen Blüthenmonat Mai Die ganze Erde prangt und strahlt in festlichem Gewände, das sie »u Ehren der Ankunft des jungen Frühlings angelegt bat, Wiesen und Raine überziehen sich wie mit einer grünen Sammetdecke, aus welcher Gänseblümchen und Löwenzahn gleich eingewebten gelben und weißen Sternen berausleuchten, Birken und Erlen am Bachesrand fangen ebenfalls schon an, ihren Blätterschmuck anzulegen, die Obstbäume sind über und über mit Blüthenschnee bedeckt, vereinzelte Schmetterlinge fliegen taumelnd durch die warme Frühlingsluft. und hoch oben am azurblauen Himmel läßt die Lerche ein schmetternd Lied erschallen. Wer bei solcher Jahreszeit in's Freie kann, der eilt hinaus aus der kleinen Stube drückender Enge, um Gottes Pracht und Herrlichkeit in der aller Orten wiedererwachten Natur zu bewundern, um mit dem Blüthenduft und der würzigen Luft frische Hoffnungen und erneuten Lebensmuth einzuathmin und sich an dem Treiben der in Berg und Thal, auf Feld und Auen berumschweifenden Jugend zu erfreuen. für deren harmlose Fröhlichkeit der Mai so recht der Wonnemonat ist. Den Ifiöfillcin« letzte« Grüßen. Siehst wandeln du über dem Waldessaum Das Wölklein die einsame L>pur? Es gleicht dem flüchtigen Morgentraum Der erwachenden Frühlingsnatur. Noch klart sich in purpurnem Morgenstrahl Des Wölkleins scheidender Blick, Als dächte es lächelnd zum letzten Mal An's geträumte, entschwundene Glück. So wallte es sinnend den müden Pfad Am fernen Horizont hinab, Schon sank seines Daseins rollendes Rad In's gähnende Zeitengrab. Da senkt sich trauernd des Knaben Blick; Eine Thräne in's Auge ihm schleicht; Umsonst umrauscht ihn das holde Glück, Das Jugend und Lenz ihm gereicht. Denn Lenz und Jugend, wie gleichen sie Dem Wölklein, das drüben entschwand? Kaum eint sie die lieblichste Harmonie, Verbleicht schon das knüpfende Band. 1. 17. Logogriph. Du trägst's in dir. Steck' 'was hinein, Gleich wenden hier Soldaten sein. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 38: Weiß. Schwarz. 1. D. 05-L7Z- K. L8-L7: 2. S. L5-S6 -j- K. L7-V8 3. S. Sö-b'? -j- K. V8-08 4. S. S6-L7 -j- Matt. -- Äl 40. Ireitag. den 15. Mai 1896. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Max Huttler). Des Kerren Auffahrt. „Ich gehe heim, euch lasse ich zurück In euren Mühen und in euren Sorgen; Euch ist vollendet noch nicht das Geschick, Ich hielt es gnädig ja bisher verborgen; Noch vieles hab' ich euch zu sagen. Doch alles könnt ihr jetzt nicht tragen." So sprach der Herr, so schied er aus der Welt, Dom Oelberg sind die Jünger heimgegangen Und harrten auf den Trost vom obern Zelt Mkt heiligem Beten und mit stillem Bangen; Dann zogen sie hinaus, seltsame Krieger: Furchtlose Helden und demüthige Sieger. «Ich gehe heim, euch lasse ich zurück", Vergiß das Wort doch nie in deinen Sorgen, Und sag's dir, wenn dein bischen Erdenglück In Nacht versinkt nach einem kurzen Morgen. Der Meister hat den Kelch zuerst geleeret. Nun ist's der Jünger, dem er ihn gewähret. „Ich gehe heim, euch lasse ich zurück", Denk', Seele, d'ran in jedem Thränenleide, Wenn dich des Tages erster Sonnenblick Zu neuer Klage weckt, zu neuem Streite! Im Antlitz noch des Oelbergs FesteSröthe Ging's bei den Jüngern in des Kampfes Nöthe. «Ich gehe heim, euch lasse ich zurück", So wall' ich einsam denn auf meinen Wegen, Dir, Aufgefahrener, befehl' ich all mein Glück, Gib deinem Knechte mild den Abschiedssegen! Der Meister schied, daß es den Jünger triebe Allein zu zeugen von des Heilands Liebe. „Ich gehe heim, euch lasse ich zurück In euren Mühen und in euren Sorgen." Es ist vollendet noch nicht mein Geschick, Ich warte treu auf einen höher'n Morgen. Das and're Wort ist uns noch nicht erschienen: Wo ich bin, werdet ihr sein, die mir dienen. Adolph Müller. -—-sAM-S--«- Andas Mclkkaöäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) 33. Kapitel. Der Führer und der Mann. Bei dem ungeordneten Zustande des heiligen Landes, in welchem seine tapferen Söhne eine Art von Banditenkrieg zu führen gezwungen waren gegen den mächtigen Feind, der sie mit eiserner Faust darnieder zu halten suchte und in ihrer Hauptstadt regierte — wo Mittheilungen zwischen nicht weit von einander entfernten Orten schwierig und gefährlich waren und ein geschriebener Brief eine beinahe unbekannte Sache — waren die has- monäischen Brüder über die Ereignisse, welche einen großen Theil dieser Blätter füllen, in Unkenntniß geblieben. Joab hatte daher bei seiner Ankunft im Lager der Hebräer vieles zu berichten, was ihnen gänzlich neu war. Judas hatte mit tiefstem Interesse den Bericht des Maulthiertreibers über Sarah's Gefahr und Entkommen aus dem Palast des AntiochuS und den Tod Hadassah'S und des Pollux angehört. Die zarte Satte seines Gemüths, welche unter dem ruhigen, ernsten Acuhern des Führers verborgen lag, war auf's tiefste erschüttert. Kummer, Bewunderung und Liebe schwellten sein Herz. Makkabäus konnte den Bericht Joab's kaum bis zu Ende anhören. Sarah war ihm nahe — seine schöne, geliebte, erwählte Braut — dieses zarte, verwaiste Mädchen, aller Liebe, alles Schutzes beraubt, außer dem seinen — aber ihm theurer in ihrer Armuth und Verlassenheit, als sie ihm gewesen sein würde, wenn sie ihm ein Reich als Brautschatz gebracht hätte. Mit solchen Gedanken im Herzen und mit einer Ungeduld, die nicht eines Augenblickes Verzögerung ertragen hätte, näherte er sich schnellen Schrittes der Hütte, die sein Liebstes barg. Er fand sie bald — konnte sie das wirklich sein? Kein verlassener, weinender, zitternder Flüchtling begegnete dem Blick des Führers, sondern ein Mädchen, das strahlend und schön wie der junge Tag war, ein Erröthen auf ihren Wangen, ein Lächeln auf ihren Lippen, die Augen auf einen Griechen gerichtet, der in einer anderen Richtung ihren Blicken entschwand, als von welcher Judas sich ihr näherte. Die innersten Tiefen waren im Herzen des Führers auf's Neue erregt, aber diesmal wie mit einer Stange rothglühenden Eisens berührt. „Wer ist jener Heide?" war der plötzliche, heftige Ruf, der den Lippen des Kriegers entfuhr. Niemals hatte vorher ihr Verwandter sie so schrecklich angeblickt, wie diesmal, da er sie durch seine plötzliche Erscheinung erschreckte. Nicht weil sie ihren Verwandten zum ersten Mal im kriegerischen Harnisch sah, seine große, mächtige Gestalt zum Theil mit glänzendem Stahl bedeckt und auf dem Kopfe einen federgeschmückten Helm, in welchem er dem Kriegsgotte glich, den Lycidas ihr beschrieben; nein, das Auge, die Miene, der Ton des Judas waren es, was das Lächeln des Mädchens in einem Augenblick in Verwirrung und Furcht verwandelte. Selbst Antiochus war auf seinem Nichterstuhl der vor ihm zitternden Gefangenen kaum schrecklicher erschienen, als in diesem Augenblick ihr Verwandter, der gekommen war, um sie zu begrüßen, und der gern gestorben wäre, um sie vor dem Bösen zu schützen. Makkabäus wiederholte seine Frage, bevor Sarah Muth fand, ihm zu antworten. .„Das ist Lycidas, der Athener," stammelte sie, „derselbe, den Du am Märiyrergrabe schontest. Er hat Deine Barmherzigkeit wohl belohnt. Er schützte und unterstützte Hadassah bis zu ihrem Ende und erwies ihrem Leichnam die letzte Ehre, er streckte den Syrer, der meinen Vater erstach, nieder. Lycidas hat den hebräischen Glauben angenommen, er ist gekommen, für diesen Glauben zu kämpfen und, wenn es nöthig ist, zu sterben." Das Mädchen sprach schnell und mit großer Erregung. Sie wagte nicht wieder, in das Gesicht ihres Verwandten auszublicken, um die Wirkung ihrer Erklärung zu sehen, denn alle falschen Hoffnungen, die sich in Betreff seiner Gleichgiltigkeit gegen sie gemacht, waren wie Wasserblasen bei der Berührung verschwunden. Makkabäus antwortete nicht sogleich. Schweigend führte er Sarah in die Hütte zurück und deutete aus einen Sitz, den Hannah für ihre junge Herrin zurechtgemacht hatte, indem sie einige Kiffen aus der Sänfte genommen und auf dem Boden der Hütte ausgebreitet hatte. Dann entließ er die Dienerin durch eine Bewegung mit der Hand. Das düstere Schweigen wirkte keineswegs beruhigend auf Sarah, welche sich wie ein Verbrecher, der vor seinem Richter steht, fühlte — ob- schon ihr Gewissen hinsichtlich ihres Benehmens gegen Lycidas rein war. — Makkabäus stand vor Sarah, der Schatten seiner hohen Gestalt fiel auf das Mädchen, auf welches er finster herabblickte. „Sarah," sagie er endlich, „es muß ganz klar zwischen uns werden. Du weißt, in welchen Beziehungen wir zu einander stehen; Du hast mir gesagt, was jener Heide Hadassah und Abner, Deinem Vater gewesen, sage mir nun: was ist er Dir?" Sarah kämpfte, um ihren Muth wieder zu gewinnen, da sie wußte, wie tief ihre Furcht daS Herz ihres Verwandten verwundete. Sie wagte auch nicht, direkt auf seine Frage zu antworten. „Lycidas ist kein Heide," antwortete sie, „er ist wie Du ein Diener Gottes, ein wahrer Bekenner, er ist zu allen Vorrechten unseres Volkes zugelassen." „Auch zu dem Vorrechte, ein hebräisches Mädchen rum Weibe zu nehmen?" Sarah erschien der Ton seiner Stimme weniger ernst; und dankbar, daß er es war, der diesen zarten Punkt berührte, antwortete sie einfach: „Hadassah würde uns nicht getadelt haben." Ungeachtet alles dessen, was vorausgegangen war, war Sarah auf die Wirkung ihres Bekenntnisses nicht vorbereitet. Es war weder ein Stöhnen noch ein Schrei, was sie hörte, aber ein Ton, der beiden: glich, ein Ton, den die letzte Wendung der Folter der Brust nicht hätte abringen können, wie er ihn jetzt ausstieß. Es war der Ausdruck eines Wehs, wie nur wenige Herzen es zu empfinden fähig sind, und noch weniger stark genug, es zu ertragen. Keine Todtenklagr und kein Schmerzensruf, den Sarah jemals gehört, traf ihr Herz wie jener Ton. Sie hörte ihn nur einmal, sie hatte ihn nie vorher gehört, und bevor sie sich von der Erschütterung erholt hatte, die er ihr verursacht, war Judas aus der Hütte verschwunden. Er war wie ein Besessener. So wild waren die Dämone des Hasses und der Eifersucht, daß sie für eine Weile Vernunft und Gewissen vollständig beherrschten. Ein wildes Verlangen, seinen Nebenbuhler zu todten und ihm Glied für Glied vom Leibe zu hauen, war das Einzige, das bei ihm bestimmte Gestalt angenommen hatte. Ein solches Chaos von Leidenschaft hatte diese Nachricht zur Folge. Es war ein Glück für Lycidas, das er damals nicht den Pfad des Löwen kreuzte. Makkabäus eilte in das tiefste Waldesdunkel; unwillkürlich suchte er den dichtesten Schatten, den die immer grünen Bäume ihm gewähren konnten. Wie sehnte er sich, seine Qual vor den Augen der Menschen zu verbergen in der dunkelsten Höhle, im tiefsten Grabe! Das Sonnenlicht war so drückend! Alles war für ihn verloren, alles für immer dahin! Woran die Hoffnung sich gehalten, was die Liebe durch lange, lange Jahre des Wartens angehäuft, was dem Tapferen neuen Muth verliehen und dem Müden neue Kraft, Jugend, Glück, der Becher der Freude, bei der Ankunft Sarah's bis zum Rande gefüllt, war ihm ohne eines Augenblickes Warnung von den Lippen gerissen und die letzten Tropfen vom durstigen Sand verschluckt. Das Elend eines langen Lebens schien in einige Minuten zusammengedrängt, während welcher der Führer Israels, die Hoffnung Judäas, am Boden lag und in seiner Verzweiflung den Staub aufwühlte. Haß und Eifersucht rasten in ihm und ein noch viel schlimmerer Dämon hatte sich zu ihnen gesellt, einer, dessen Gegenwart mehr als alles Andere die Seele zur Holle machte. Wie brennende Gifttropfen fielen die Eingebungen des aufrührerischen Unglaubens auf das Gemüth des getäuschten Mannes. Dafür hast Du Deine Hände in Unschuld gewaschen und Deinen Fuß auf dem Wege der Wahrheit gehalten? Dafür hast Du Gott und dem Vaterlande Deine ganze Kraft geweiht, bist Du vor keiner Arbeit zurückgeschreckt, hast keine Gefahr gefürchtet? Er, dem Du treu gedient, hat nicht über Deinen Frieden gewacht, noch Deinen Schatz gehütet, den Du seiner Fürsorge anheimgegeben? Welchen Nutzen hast Du nun von Deinem Gehorsam, welchen Segen von Deiner Hingebung? Dein Gebet ist Eitelkeit gewesen, Dein Glaube Selbsttäuschung. Augenblicke wie diese sind die schrecklichsten Erfahrungen, die ein Diener Gottes machen kann. Sie gewähren einen Blick in die Tiefen der Schuld und des Elendes, in welches auch das edelste Menschenherz ohne 303 die stützende Hand der Gnade sinken kann; sie zeigen, daß solche Seele gleich dem hellsten Planeten nicht mit ihrem eigenen Lichte scheint, sondern mit einem ihr verliehenen, und wenn sie desselben beraubt ist, in tiefe Finsterniß gehüllt wird. Ein Abraham konnte, sich selbst überlassen, lügen, ein David seine Seele mit unschuldigem Blute beflecken. Alle mußten für ihre Schuld Buße thun, alle bedurften der Gnade, welche von oben kommt. Aber Judas Makkabäus blieb in Gefahr, durch seine wilden Leidenschaften bis an den Abgrund des Verbrechens zu gelangen, nicht ohne Beistand. Diese Leidenschaften, welche gewohnt waren, dem Zügel des Gewissens zu gehorchen, glichen einem Rosse, das von namenlosem Schmerze getrieben, einem Abgrunde zustürzt. — Aber die Hand seines Reiters hält noch den Zügel. Sein Auge sieht die Gefahr, und das wahnsinnige Thier muß, ob es sich auch hinabstürzen will, doch endlich dem Willen seines Herrn gehorchen. Wenn aber der Reiter sein wildes Roß nicht anders bändigen kann, so versetzt er ihm einen kräftigen Schlag, damit durch einen kleineren Unfall ein größerer vermieden werde, und so leitet er es zurück, zitternd, bebend zwar, mit Schweiß und Schaum bedeckt, aber gebändigt, fromm und dem Willen seines Herrn gehorsam. Ebenso behielt auch das Gewissen des hebräischen Fürsten die Oberhand über seine Leidenschaften, sobald er in der Angst seiner Seele Raum zum Gebet fand, war der Höhepunkt der Gefahr vorüber. Makkabäus stand von der Erde auf, blaß wie einer, der eine Todeswunde erhalten hat; aber ergeben und ruhig. „Sollte ich, der ich so über alle Hoffnungen und ohne mein Berdienst begnadigt bin, es wagen, wider den Willen dessen zu murren, der alle Dinge nach seiner unendlichen Weisheit und Güte ordnet?" So dachte der Führer Israels. „Wer bin ich, daß ich von dem, was der Herr über mich verhängt hat, frei werden will? Schande über den Führer, der in einer Zeit wie dieser selbstsüchtigen Gedanken Raum gibt! Wir werden bald in die Schlacht gehen, und wenn ich in dem Kampf falle" — der Gedanke war doch tröstend — „wie werde ich dann in eine Welt herniederblicken, in welcher dieses unwürdige Herz für eine kurze Zeit in seinem Glauben an den Gott meiner Väter wankend gemacht wurde. Wenn ich die Gefahren dieses Tages überlebe, so ist es besser, wenn keine selbstsüchtigen Hoffnungen und Sorgen mich hindern, meine ganzen Kräfte und Gedanken dem Werke zu widmen, das mir zu thun obliegt. Ich habe meine Zeit mit eitlen Träumen irdischer Freuden vergeudet. Ich bin auf eine harte Weise geweckt worden: O Herr der Heerschaarenl gib Deinem Diener Kraft und stärke Du auch seinen Geist, damit er furchtlos und treu die Pflichten des Tages erfülle!" Dann kehrte Makkabäus mit langsamem Schritt und ruhigem Blick in sein Lager zurück. 34. Kapitel. Fanatismus. Wir wollen nun einen Blick in das Lager der Hebräer werfen, welches in einer hügeligen Gegend mit der AuSsicht auf die Thürme Bethsuras liegt, einer starken Festung, die, einst von Rehabeam errichtet, später von edomitischen Ansiedlern wieder aufgebaut war. Bethsura ist von syrischen Truppen besetzt. Weithin steht man die zahllosen Zelte der mächtigen Schaaren. Auf einer kleinen Anhöhe, nahe dem Mittelpunkt deS hebräischen Lagers, stand auf einer Art Nednerbühne ein alter Jude, in ein Gewand von Kameelshaaren gekleidet. Sein langes, graues, wirres Haar hing ihm bis über die Schultern herab. Mit heftigen Geberden und erregten Gefichtszügen erhebt er seine gellende Stimme derart, daß sie in beträchtlicher Entfernung gehört wird. Ein immer mehr anwachsender Kreis von Zuhörern versammelt sich um ihn — ernste, wettergebräunte Männer, die viel für ihren Glauben gearbeitet und gelitten haben. Was Wunder, wenn die Religion dieser Krieger in Fanatismus sich verfinstert und ihr Muth in Roheit ausartet! Es ist die Folge des Krieges, besonders wenn er einen banditenmäßigen Charakter an sich hat, die Leidenschaften zu entflammen und das Herz zu verhärten. Nur die entsetzliche Nothwendigkeit kann den unnatürlichen Streit rechtfertigen, der Männer gegen ihre Mitmenschen bewaffnet. Selbst der edelste Kampf, den ein Patriot in Vertheidigung der Freiheit seines Vaterlandes eingeht, zieht schreckliche Uebel nach sich, unter denen eine weitere Ausdehnung menschlicher Leiden vielleicht nicht das größte ist. „Ja, ich fluche Dir, Joab, ich fluche Dir, Sohn des Ahijah, daß Du uns einen Spion, einen Verräth« in's Lager gebracht hast!" schrie der wilde Redner Jascher, indem er mit seinem runzeligen Finger auf den derben Maulthiertreiber wies, der in der innersten Reihe des Kreises stand. „War nicht dieser Grieche, wie Du selbst zugegeben hast, bei dem Tode der gesegneten heiligen Salome gegenwärtig, stand er nicht bei ihrem Grabe in Untersuchung, wo er wie eine Schlange, die sich in's Dunkel verkriecht, entdeckt wurde? Gehört er nicht zu dem Volke der Götzendiener, die da Bilder anbeten, welche von Menschenhänden gemacht sind?" „Alles, was ich sagen kann" — antwortete Joab finster, „ist, daß, was Lycidas auch gethan haben mag, er kein Götzendiener mehr ist." „Wer bist Du, daß Du rechten willst, Du Nabal, Du Sohn der Narrheit?" rief der wüthende Redner. „Merket," fuhr er dann, zu der Menge gewendet, fort, „Ihr Männer von Juda, merket die Blindheit, die etliche Menschen befällt — ja selbst Heilige, wie die Wittwe Hadassah. Joab hat von ihrer Magd gehört, daß dieser LycidaS, diese Schlange, monatelang in ihrem Hause gepflegt und gewartet worden ist, als ob er ein Sohn Abrahams wäre. Ohne Zweifel war diese Handlung von Seiten der Hadassah schlimmer denn Narrheit. Merket nun, was folgte. Die erwähnte Schlange entkommt aus ihrer Wohnung, und am nächsten Tage — ja den Tag darauf überfallen die syrischen Hunde das Haus Sala- thiels, während er daS heilige Fest feiert! Wer führte sie dorthin?" Die Frage wurde mit leidenschaftlichem Nachdruck wiederholt, und die Gefühle des Redners fingen augenscheinlich an, sich den Zuhörern mitzutheilen. „Wer lag als ein blutender Körper, von den mörderischen Syrern erschlagen, auf der Schwelle?" fuhr Jascher, immer wilder werdend, fort, „wer anders als Abischat, der brave, gläubige Mann, der die Viper umgab und sie zu vernichten suchte, aber vergebens — er war es, der zuletzt ihrem verräterischen Stich zum Opfer fiel". Jascher endigte seine Rede mit einem zischenden Ton, der aus seinen gefletschten Zähnen hervorkam, und der Kessel menschlicher Gefühle um ihn her fing an zu sieden und zu kochen. Der Fanatismus überlegt nicht, noch hört er auf die Stimme der Vernunft. Joab konnte sich kaum bei dem Gebrüll der wüthenden Stimmen, die sich um ihn her erhoben, verständlich machen. „Lycidas war gegenwärtig und half bei dem Be» gräbuiß der Wittwe Hadassah l Er wagte sein Leben, um ihre Tochter zu retten!" rief Joab, der ehrliche Vertheidiger des Griechen. „Ha, ha, wie viel er wagte, wissen wir nicht, aber wir können wohl errathen, was er gewinnen wollte!" rief Jascher mit einem Blick voll Verachtung. „Er hat sich die Gunst eines närrischen Mädchens erschlichen, die daS Herkommen ihres Volkes vergißt, die eine schöne Person" — das Gesicht des Alten verzerrte sich zu einem höhnischen Lächeln — „allem vorzieht, was ein Kind Abrahams mit Ehrfurcht betrachten sollte. Aber was können wir von der Tochter eines meineidigen Verräthers erwarten? Hatte sie nicht Abner zum Vater, und kann es da anders sein, daß sie als Tochter dieses Abtrünnigen ihre Familie, ihren Namen, ihr Volk beschimpft, indem sie einen verfluchten Heiden, einen verabscheuungswürdigen Griechen heirathet?" „Niemals, niemals!" riefen hundert Stimmen. Und einer aus der Menge rief laut: „Ich würde sie mit eigener Hand züchtigen, wenn sie meine Tochter wäre!" „Ich kann nicht glauben, daß Lycidas falsch ist!" rief Joab aus, ohne der Gefahr zu achten, dieses Un- gewitter auf sich selbst herabzuziehen. „Du kannst ihn nicht für falsch halten, Du Sohn des niedrigen Mühlsteines!" schrie Jascher wuthschnau- bend, „man sollte glauben, Du wärest gleich jenem betrügerischen Griechen in jenem abgöttischen, niedrigen, undankbaren Athen, das seine eigenen guten Mitbürger verbannte und seine Weisen vergiftete, geboren!" Die hitzigen Vorurtheile wurden nur zu leicht in jener Versammlung von Hebräern erregt, und wenn Jascher von einigen seiner Zuhörer getadelt wurde, so geschah es, weil er zugab, daß ein Athener überhaupt weise und gut sein könnte. „So höre mich doch nur einen Augenblick — Du mußt mich anhören!" rief Joab, indem er seine Stimme auf das äußerste anstrengte und doch kaum im Stande war, sich verständlich zumachen, „Lycidas ist von unseren Priestern in den Bund aufgenommen worden!" „Und doch ist er ein Spion!" rief Jascher aus, mit den Füßen stampfend. „Hast Du niemals von Zopyrus gehört? Weißt Du nicht, wie Babylon, die goldene Stadt, unter dem Schwert des Darius fiel? Zopyrus, der Günstling jenes Königs, floh zu der Stadt, welche er belagerte. Die Babylonier glaubten ihm, nahmen den Betrüger auf, und Ihr wißt, was folgte. Babylon fiel, nicht weil es seinen Vertheidigern an Muth fehlte oder Hungersnoth ihre Reihen gelichtet Hütte, sondern weil sie einem Betrüger geglaubt und ihn aufgenommen hatten! Hebräer! ein Zopyrus ist in unser Lager gekommen. Wollt Ihr, um ihn zu empfangen, Eure Arme öffnen oder Eure Schwerter ziehen?" Ein wahres Wuthgeheul entfuhr den Lippen der dichtgedrängten Menge, so laut und schrecklich, daß es Hebräer aus allen Theilen des Lagers herbeizog. Unter Anderen eilte auch der junge Bekehrte herbei, um eifrig zu erkunden, was die Ursache solches Lärmes und Aufruhrs sei, ohne zu ahnen, daß er selbst in irgend einer Weise damit in Verbindung stehe. (Fortsetzung folgt.) -—-UM*—.-- Die sogenannte Pafistfirofihezeinng deS heiligen Malachias. Selbstverständlich handelt es sich nicht um den kleinen Propheten des Alten Testaments Malachias, sondern um den heiligen Erzbischof von Armagh in Irland dieses Namens, welcher im Jahre 1148 gestorben ist. So oft ein neuer Papst den Stuhl Pstri besteigt, wird eine Bezeichnung der alten Prophezeiung hervorgeholt, welche auf den Neuerwählten mehr oder minder zutrifft. Nach dem I,nin6Q äs ooslo Leo XIII. ist man bemüht, den I§vi8 aräens zu finden. Die Einen glauben, dasselbe in der goldenen Sonne, welche auf dem Wappen des Cardinals von Bologna strahlt, erblicken zu müssen, die Anderen sehen in der Bezeichnung eine Anspielung auf den Namen des Cardinals von Frascati (Hohenlohe), Andere inter- pretiren dieselbe in noch anderer Weise. Wie verhält es sich nun mit der Angelegenheit? Ist die Prophezeiung wahr oder falsch? Welchen Werth messen derselben die Geschichtsschreiber und Kritiker bei? Wichtig ist es zunächst, dem Leser die Prophezeiung selbst als Beweisstück vorzuführen. Wir theilen dieselbe, wie man später sehen wird, in zwei Theile. Der erste reicht von Cölestin V. (1143) bis Urban VII. (15. Sept. 1590); der zweite beginnt mit Gregor XIV. (1590) und umfaßt den Nest des Actenstückes. Erster Theil. Prophetische Namen der Devise. Päpste. Lx Castro Tibsris Cölestin V. 1143. Iniwicus exxuls. Lucius II. 1144. Lx waZnitnäine Eugen III. 1145. montis. LbbasLuburranus. l>s rurc albo. üx tctro carccrs. vs via Irans- tiberina. ve Lannonia. Tusciae. üx unsere custocks Anastasius IV. 1153. Adrian IV. 1154. Victor IV. 1159.-) Pascal III. 1164. Calixtus III. 1163. Alexander III. 1159. Begründung der Devise. Geboren zu CittL di Castello am Tiber. Hieß Gerard Caccianemici. (Vertreibt die Feinde.) Geboren zu Montemagno. (Großer Berg.) Genannt Conrad von der Suburra. Geboren zu St. AlbanS. Cardinal vom Titel S. Nicolaus in Carcere. Cardinal von St. Maria in Trastevcre. Ungar und Cardinal von Tusculuiu. Paperoni. (VonderGanS.) Lux in ostio. Lucius III. 1161. UmbaldoAllunciagoli,Cardinal von Ostia. Lns in cribro. Urban VI. 1185. V.d.Fam,Crivelli(Wappen: Sieb a. Schweineborsten), ünsis Laurentü. Gregor VIII. Wappen:ZweiDegen.Car- 1187. dinal von St. Laurcntius in Lucina. ve setiolu exiet. ClemensIII.1187 Aus der Familie Scolari. vs rure vovsnsi. CölestinIII.1191 Aus der Familie Bobo. Oomes sixnutus. Jnnocenz III. Aus der Familie der Grafen 1198. von Segni. vanonieus äs Honorius III. Domherr am Lateran, latere. 1216. ^.vis ostieusis. GregorIX. 1227. Ein Adler im Wappen. Cardinal von Ostia. Leo Labinus. CölestiuIV. 1241 V. d. Familie Castiglioni, Bischof von Sabina. OomesVuurentius Jnnocenz IV. Graf de Lavagna, Cardinal 1243. v.S. Laurcntius i.Lucina. LiZnum Ostisnss. Alexander IV. Aus der Familie der Grafen 1254. von Segni, Cardinal von Ostia. -) Die gesperrt gedruckten Namen beziehen sich auf die Gegenpäpste. Einige Ungenauigkeiten in der chronologischen Reihenfolge stammen von Denjenigen, welche uns die Prophezeiung übermittelt haben. 305 Prophetische Devise. Nomen der Päpste. lernsalsm 6am- Urban IV. 1261. xania. vraeo äsxrsssns. ClemenöIV.1265 LmZuinsus vir. Gregor X. 1271. Ooneionator Jnnocenz V. AsIIns. 1276. Bonus eowss. Adrian V. 1276. Lisoator lusous. Rosa eomposita. Lx telonio Iniia- osi blartini. Lx Losn Leonina. Lious intereseas. Lx oromo oslsus Lx uväarum de- usäietions. vouoionator La- taraons. Ils Xaoiis Lqui- taniois. vs Lntois 0880 V. Lorvus sokisma- lious?) Lri§iäns Lbbas. Lx rosa Ltreda- tensi. Osmontibuskam- marokii. LaliusViooeomes. Kovns äs virZinö torti. vs ornes axosto- lioa. Buna vosmsäina. Lokisma baroino- wioum. vs inkecuo pri- Lnauj. Oukns äs mix- tions. vs meiioro siäers. Xauta. äs xonte niFro. vlaKsilnm Zolls. vsrvus Lirenas. JohannXXI.1276 piicolaus III. 1277. Martin IV. 1231. Honorius IV. 1285. NicolauSIV.1283 Cölestin V. 1294. - BonifatiuöVIII. 1294. Benedict XI. 1303. - Clemens V. 1305. . Johann XXII. 1316. NicolauS V. 1328 BenedictXII.1334 Clemens VI. 1342. Jnnocenz VI. 1352. Urban V. 1362. Gregor XI. 1370. Clemens VII. 1378. Benedict XIII. 1394. ClemensVIII. 1424? Urban VI. 1378. Bonifatius IX: 1389. Jnnocenz VII. 1404. Gregor XII. 1406. Alexander V. 1409. Johann XXIII. 1410. Korona voll anrsi. Martin V. 1417. Vupa cwlsstina. Eugen IV. 1431. lVwator oruels. Felix V. 1439. vs moäioitats NicolausV.1447 Irmas. Los pasesns. Calixt III. 1455. vs capra st al- PiuS II. 1458. berxo. ve eervo st Isons. Paul II. 1464. Begründung der Devise. Geboren in Campanien, Patriarch von Jerusalem. Wappen: Ein Drache von einem Adler überwältigt. Von der Familie Visconti. Franzose; vom Orden des hl. Dominions. Ottobono von den Grafen von Lavagna. Peter, Bischof v. Tusculum. Eine Rose im Wappen; wurde Composto genannt. Schatzkämmerer v.S. Martin i.Tours.Lilien i.Wapp. Wappen: Eine von zwei Löwen gehaltene Rose. Geb. zu Ascoti in Picenum. Wurde aus der Einsamkeit d.Wüste an's Licht gezogen. Hieß Benedict. Wappen: Wogen. Geboren zu Patara; vom Predigerorden. Geboren in Gascogne. Wappen: Drei Bänder. Sohn des Jacobuö Ossa, eines Schuhmachers. Gegenpapst, geb.z.Corbaro. Abt von Font-Froide. Bischof vonArraS.Wappen: 6 Rosen. Cardinal vom Titel des hl. Pammachius. Franzose und Nuntius bei Visconti. Beaufort; Cardinal von S. Maria Nuova. Wappen: Ein Kreuz. Cardinal von den 12 Aposteln. Petrus dc Lunc. Cardinal v.S.Maria inCoSmedin. AusBarceloua.Gegcnpapst. Bartholomäus Prägnant. Geboren in einem Landgut, genannt Inferno. Wappen: Untereinander gemengte Fingerhütc. Migliorati. Wappen: Ein Stern. Commcndatarius einer Kirche in Negroponte. Wappen: Die Sonne, die Planeten geißelnd. Geboren zu Neapel (Parthe- nope). Cardinal von S. Eustachius. (Hirsch.) Wappen: Eine Krone. Cardinal von S. Giorgioa Velabro. Wappen: Eine Löwin. Amadcus von Savoyen. Wappen: Ein Kreuz. Aus einer einfachenFamilie in Sarzano. (Lnni.) Wapp.: Ein weidend. Ochse. Secretär der Cardinäle Capranica und Albcrgati. Commcndator von Cervia und Cardinal von S. Marcns. (Löwe.) ^) Andere lesen: ve kos-i- aguitanicis. Anspielung auf dre Cardinäle von Aquitanien. b) Von den Gegcnpäpsten sind nur zwei als solche bezeichnet. Prophetische Namen der Devise. Päpste. Begtündnng der Devise. Liseator minorita SixtusIV.1471. Sohn eines Fischers; vom Orden der Minoriten?) Lrasenrsor Jnnocenz VIII. Hieß Johann Baptiste. War Lioiiias. 1484. im Dienste des KönigS von Sicilien. Los aldauus in Alexander VI. Wappen: Ein OchS; war xortu. 1492. Bischof von Albano und Porto. vs xarvo Kamins. Pius 117. 1503 Adoptirt von der Familie Piccolomini. Vructus )ovis ju- Julius II. 1503. Wappen: Eine Eiche (dem vadit Jupiter geweiht), vs crmicula ko- Leo X. 1513. Sohn des Lorcnzo da Me- litiana. dici (ein Rost), Schüler des Politian. Leo VIorentius. Adrian VI. 1522. SeinVater hieß FlorentiuS. Wappen: Ein Löwe. Hyacilitkus Neäi- Paul III. 1534. Wappen: Hyacinthen. Car-' corum. diual von SS. Cosma und Damian (Aerzte). ve corona Noa- Julius UI. 1550. Aus der Familie Delmonte. taria Wappen: Zwei Kronen. Vrumentum tloc- Marccllll. 1555. Wappen: Getreidcährcn. ciäuw Regierte 22 Tage. ve käs ketri. Paul IV. 1555. Hieß Petrus. Förderer des GlaubensgerichteS. H.ssculLpü pkar- Pius IV. 1559. Aus der Familie Medici macum. (daher AeSkulav). Angelas nemo- Pius V. 1566. Hieß Michael (Engel), ge» rosus. boren zu Bosco (Wald), läeämm corpus Gregor xm. Wappen: Die Hälfte d. Kör- xilarum. 1572. perö e. Drachen, Kugeln. Tlxis in meäietste Sixtus V. 1585. Wappen: Eine Achse oder signi. eine Planke, quer ein Löwe (Zeichen deöTbierkreiscs). ve rare eoeli. UrbanVII. 1590. Geboren zu Rvssano, wo man eine Art von Manna sammelte. Zweiter Theil. ve amiguitLts Gregor xiv. Geboren zu Mailand, einer urbis. 1590. alten Stadt?) ki» civitas in dello. Jnnocenz IX. Geboren zu Bologna, einer 1591. frommen Stadt. vrux Uomules. Clemens VIII. Wappen : Ein Silbcrband, 1592. durchquert von Barren. Unäosus v!r. Leo XI. 1605. Regierte nur 25 Tage. veas pervers». Paul V. 1605. Wappen: Ein Drache und ein Adler?) In tridul-uions GregorXV.1621. Beschwichtigte Unruhen. pacis. viiium et ros». UrvanVlll.1623. Wappen: Drei Bienen?) )ucur>äit»s crueis. JnnocenzX.1644 Gewählt anr 14. September (Erhöhung des .Kreuzes). sloiNniiTi custos. Alexander VII. Wappen: Ein Stern über 1655. sechs Hügeln. Zyäus oloruw. Clemens IX. Hatte im Conclave das 1667 Schwänezimmcr. ve Kamins Clemensx.1670. Geboren z.Zeit einer Ueber- m-gno. schwemmuug des Tiber, vellu» insatiLdilis. Jnnocenz XI. Wappen: Em Löwe und 1676. ein Adler. H Aus Anlaß dieser Devise SixtuS'IV. macbt der Verfasser des BucheS Llillo s non pur mills folgende Bemerkung: Die Sache ist um so merkwürdiger, da zur Zeit des MalachiaS Franz von Assist noch nicht geboren war. °) Diese Devise paßte für den Cardinal Simoncelli, Mitbewerber Gregors XVI., welcher zu Orvieto, einer alten Stadt, geboren wurde, besser. Hier aber beginnt, wie wir später ausführen werden, der prophetische Geist seine Sicherheit einzubüßen. °) Andere erklären die Devise damit, daß die Familie Borghese, welcher Paul V. angehört, mit den Casfarelli verwandt war, welche einen bösen Ruf hatten- v Die Bienen saugen die Rosen und Lilien, also sollten Inlimn st rosa Urban VIII. bezeichnen. 306 — Prophetische Namen ^der Begründung der Devise. koenitentia Alexander VIII. Geboren am Tage des hl. xloriosL. 1089. Bruno (eines Büßers). RLLtrum in porta. Jnnoccnz XII. (hieß Pignatelli). 1691. klares circumästi. ClemenSXI.1700 Wappen: Eine Guirlande, ve bans religions. Jnnociknz XIII. Für heilig gehalten. i 1721. Mies in dello. Bencdict XIII. Italien befand sich im 1724. KricgSgetümmel. Lolumnn excels». Clemens Xlk. Schmückte Nom mit Monu- 1730 meuten. Unimni rurnle. Bencdict XIV. Unermüdlich in der Arbeit. 1740. kosn vinbrine. Clemens XIII. Aus der Familie Rezzonico 1758. aus Venedig?) Visus velox oder Clemens XIV. War schnell in seinen Ent- Ursus velox. 1769. schlüssen. kercgrinus Lpo- PiuS VI. 1775 . Ging nach Wien zu Josef II. stolicus. Hguila rnpax. PiuS VII. 1800. DerAdlerNapoleons führte ihn fort. e->nis er coluder. Leo XII. 1823. War treu und klug. Vir reli^iosus. Pins VIII. 1829 Bemerkenöwcrth durch seine > Frömmigkeit. vo dalneis, He- Gregor XVI. AusCamaldoliinToscana. trurine. 1831. Lrux MM 314 blitzen. Dieselben, die die Leiier niedergeworfen haben, ergreifen ihn, um ihn hinunterzuschleudern. Ein Gedanke an Sarah durchführt das schwindelnde Gehirn des jungen Mannes, ist es sein letzter? — Nein, ein großer Schild schiebt sich plötzlich zwischen Lycidas und seine Angreifer, sie sinken von den Streichen eines furchtbaren Schwertes getroffen, zurück. Die andere Leiter ist von den Braven mit unwiderstehlicher Ausdauer erstiegen worden. Judas Makkabäus selbst hat seinen Fuß auf die Bollwerke gepflanzt. Schritt für Schritt treibt er ihre Vertheidiger zurück und erscheint gerade in diesem für das Schicksal des Lycidas entscheidenden Augenblick, um seinem Nebenbuhler das dritte Mal das Leben zu retten. Das Banner des Makkabäus ist auf den höchsten Thurm Bethsuras gepflanzt. Es weht im Licht der Abendsonne, und die Sieger lassen ein so lautes, wildes Triumphgeschrei erschallen, daß es wohl meilenweit zu hören ist. Es erreicht auch Sarah in ihrer Hütte und erfüllt ihr Herz mit Hoffnung und Frohlocken! denn sie kennt die Stimme ihres Volkes, niemand anders als die Sieger konnten die Luft von solcher Fröhlichkeit erzittern machen. Dann folgt der Ruf: „Jerusalem! Jerusalem!" Dieser, unter allen am meisten geliebte Name ertönt nicht nur von den hebräischen Helden in jener Stunde des Sieges, sondern von allen Kindern Israels. Jerusalem, die Mutter dieser Kinder, soll frei werden. Ihre Befreiung von einem drückenden Joch ist der Lohn für ihre Arbeit und Gefahr, kein Feind wagt es mehr, die Sieger auf ihrem Marsche gegen die heilige Stadt aufzuhalten. Makkabäus stimmt in das Jauchzen und Frohlocken ein. Seine kleinen Bekümmernisse tritt er unter seine Füße, damit sie den Triumph nicht verdüstern, dessen Gott die Waffen seines Volkes gewürdigt. Der Fürst erhebt sein Haupt und seinen siegreichen Arm gen Himmel und ruft laut, nicht mit Stolz, sondern froher Danksagung: „Siehe, unsere Feinde sind geschlagen! Lasset uns nun gehen, das Heiligthum reinigen und wiederum dem Herrn weihen!" (Schluß folgt.) -—«« 84 —- Tödliches Gift.*) In frühern Zeiten wurde, besonders auf dem Lande, häufig zur Beseitigung unliebsamer Persönlichkeiten ein Gift angewendet, das in schleichender Art wirkte, aber stets unausbleibliche tödliche Wirkung hatte. Das Geheimniß der Zusammensetzung dieses Giftes war und blieb lange Zeit wohlbehütetes, unaufgeklärtes Geheimniß; erst spätere Zeiten brachten Licht in die Sache — das so sicher wirkende Gift bestand aus nichts anderem, als einem Glase Wasser, das man unter das Bett eines Sterbenden gestellt und während dessen Agonie und Tod dort belassen hatte. Der Niederschlag der in der nächsten Atmosphäre des Kranken befindlichen, von demselben ausgesträmten Angststoffe der Todespein verleibt sich dem Wasser in einer Art ein, daß der Genuß desselben als tödliches Gift für andere wirkte. Diese gefährliche Thatsache ist zwar freilich nicht so bekannt, daß sie als Warnung zur Vorsicht dienen könnte, jedenfalls aber dürfte sich in diesem Punkte die größte *) Aus „Professor vr. Gustav Jägers Monatsblatt." ».Stuttgart, Kohthammer.) Vorsicht bei schweren Krankenfällen und in den Zimmern Sterbender empfehlen in Bezug auf Speisen und Getränke. Es wird hierin aus Roheit, Unwissenheit und Leichtsinn vielleicht gar oft gefehlt, und mancher Fall von Unwohlsein und Krankheit möchte sich auf die Unvorsichtigkeit zurückbeziehen, die manchen Ortes, besonders bei den untern Ständen, in solchen Fällen geübt wird. Wo peinliche Ordnung und regelrechte Krankenpflege herrscht, da sind ja die Gefahren solcher Unvorsichtigkeit ausgeschlossen, aber manchmal wird mit einer Unklugheit verfahren, die geradezu unbegreiflich ist. Man kann nicht selten die Beobachtung machen, daß Speiseüberreste, die tagelang im Zimmer eines Schwerkranken gestanden hatten, noch einem Kinde verabreicht werden, und die Betreffenden glauben damit noch etwas Gutes zu thun, da es ja etwas „Feineres" war, was das Kind gern ißt und was wegzuwerfen schade wäre. In Städten, wo der Raum in den Wohnungen ja oft so sehr beschränkt ist, habe ich auch schon beobachtet, daß im Zimmer eines Schwerkranken ein Büffet oder ein offener Speisekasten stand, der zur Aufbewahrung von Speiseresten, von Fleisch, Bäckereien u. s. w., auch Zucker, Thee, Kaffee, Brod und anderm, während der Krankenzeit benutzt wurde; es ist anzunehmen, daß dies der Nahrung schädlich ist, während in zweiter Richtung auch der verschiedenen Nahrungsmitteln entströmende Geruch für den Kranken nicht zuträglich ist; auch die beste Lüftung vermag diese doppelte Gefahr nicht zu beseitigen. Ebenso zu tadeln ist es, vom Kranken nicht berührte oder zum Theil genossene Nahrung im Krankenzimmer selbst — oft gar über Nacht — stehen zu lassen, um dieselben dem Kranken später wieder zu bieten; das heißt den Kranken mit dem eigenen Gift vergiften, ihn noch schwererer Erkrankung aussetzen. Und gilt diese ganz natürliche Vorsicht schon von Räumen, wo Kranke liegen, so ist sie noch um so viel eher auf Zimmer anzuwenden, wo Todte liegen; man soll etwaige Nahrungsmittel, die dort etwa in der Verwirrung und Bestürzung eines Sterbefalles vergessen wurden und liegen blieben, wo irgend möglich nicht mehr genießen und benutzen; hier kann übel angewandte Sparsamkeit verhängnißvollen Schaden bringen. In manchen Gegenden ist es Sitte, an der offenen Thür des Zimmers,' wo der Todte gewöhnlich drei Tage aufgebahrt liegt, auf einem Tischchen Brod aufzulegen, von dem jedes, das zum Beileid und zum Beten kommt, ein Stück erhält. Dem tieferen Sinne nach ist ja dieser alte Brauch sehr schön, aber gesund kann der Genuß dieses Brodes, das länger oder kürzer der Letchenluft, also den Ausdünstungen eines Kadavers in allernächster Nähe ausgesetzt war, nicht sein, und es wäre daher aus hygienischen Gründen das Abkommen dieser Sitte zu wünschen. Blumen, besonders gewisse Gattungen, die besonders sensitiv sind, sterben langsam ab, wenn sie einige Zeit in Krankenzimmern gestanden sind; manche Gewächse Mieren im Wachsthum und bekommen nach und nach immer mehr gelbe Blätter und kränkliche Triebe; ein Gärtner sprach mir einmal davon, daß er Pflanzen nicht sehr gern zur Dekorterung von Sterberäumen hergebe, da er trotz guter Bezahlung oft Schaden habe, indem es nicht selten vorkommt, daß werthvolle Gewächse zurückgehen, oft auch ganz absterben; dies ist schon genug Hinweis für die Schädlichkeit des dort herrschenden Duftkreises und zeigt, wie schädlich derselbe auf den mensch- 315 lichen Organismus wirken kann, wenn er durch von ihm verdorbene Nahrungsmittel oder Getränke in denselben eingeführt wird. ->s«88es- 8prm»»i»tv Erinnerungen von Karl von Wertach. (Schluß.) Lange Jahre waren vergangen, — Jahre emsigen Schaffens, rastloser Arbeit. Durch Anspannung aller Kräfte bis zum Aeußcrsten wollte ich den Seelenschmerz betäuben, den der Verlust meiner geliebten Clara in mir erzeugte. Es gelang mir nur halb. Mitten in der Arbeit trat gar oft das Bild der Unvergeßlichen vor meine Seele und die Erinnerung an den Verlust lahmte meine Hand, lahmte meinen Geist. Der Anbl'ck meines Kindes konnte mich nicht trösten, — im Gegentheil, er riß die alte Wunde stets von Neuem auf, trat mir doch in dem aufblühenden Mädchen das volle Ebenbild der Mutter entgegen, nicht nur im Aeußcrn, sondern auch in den seelischen Eigenschaften. Die kleine Clara war ebenso sanft und gut wie ihre Mutter, ebenso der Liebling Aller, die sie kannten.-— — Von den zwei Brudern Castor und Pollux hatte ich nichts mehr gehört, dagegen blieb ich in freundschaftlicher Correspondenz mit der Familie des Justizraths. Auch hier trennte der unerbittliche Tod liebende Herzen. Einige Jahre nach unserer Begegnung in Florenz fiel der noch in den besten Jahren stehende Mann einem tückischen Leiden, für das er in Italien Genesung gesucht halte, zum Opfer. Von Zeit zu Zeit cor- respondierte ich noch mit der Wittwe, aber immer seltener.-- Lange Jahre waren vergangen, mein Töchterchen war zur Jungfrau heran- geblüht. Sie hatte noch nichts von der Welt gesehen, denn ich fühlte seit meiner Hochzeitsreise nie mehr das Bedürfniß, eine Vergnügungsreise zu machen, und war so egoistisch, auch von Andern vorauszusetzen, daß sie gleich mir ihr Leben hinter den allbekannten vier Mauern vertrauern sollten. Da sagte Clara eines Tages, nachdem sie in einer Reisebeschreibung gelesen hatte.- „Es ist recht schön hier, Papa, aber wo es Berge und Seen gibt, da muß es noch weit schöner sein! Ich kann mir's gar nicht vorstellen, — die Bilder, die man sieht, sind doch nur ein schwacher Abklatsch der großartigen Natur!" „Gewiß mein Kind, erwiderte ich. Du bist freilich noch nirgends hingekommen und schon eine stattliche Jungfrau geworden. Würde es Dich denn freuen, einmal mit mir in fremde Länder zu reisen?" „Oh Papa, es würde mich namenlos glücklich machen! Schon lange ist so eine unbestimmte Sehnsucht in mir, eine Reise mit Dir zu machen, ich getraute mir nur nicht, es zu sagen. Gelt, Popa, Du nimmst's mir nicht übel, wenn ich heule so offen spreche?" . . . Ich erfüllte gern den Wunsch meiner Tochter. Zum ersten Male nach 20 Jahren nahm ich wieder Urlaub. — Das „wohm" war mir bald klar. Wer weiß, ob ich später nochmal eine Reise machen konnte? War es nicht am besten, mit meiner Tochter, dem getreuen Ebenbild ihrer Mutter, all' die Plätzchen aufzusuchen, wo ich einst glückliche Stunden verlebte? Es wurden dadurch wohl die alten Wunden aufgerissen, aber ich wollte die Erinnerung nicht verbannen, es war mir ein süßer Schmerz, darin zu schwelgen. So reisten wir denn nach Italien. Unser erster Aufenthalt war am Comersee. Das Entzücken Clara's, welche, wie bereits gesagt, nie eine andere Gegend gesehen hatte, als das bescheidene, von sanften Hügeln begrenzte Thal, in welchen wir lebten, kannte keine Grenzen und machte mich auf Stunden meinen Schmerz vergessen. In Bellaggio nahmen wir unser Absteigequartier. Wie groß war meine Ueberraschung und Freude, als ich dort die Justizräthin traf. Sie war im Begriff, ihren Sohn, der zu einem blühenden, schönen jungen Mann herangereift war, nach Rom zu begleiten, wohin er sich zu seiner wettern Ausbildung begab, und hatte zuerst einige Zeit im prächtigen Bellaggio zubringen wollen. Wie viel hatten w r uns zu erzählen, freilich meist trauriger Natur. Während wir uns über vergangene Zeiten unterhielten, gingen die beiden jungen Leute amUfer des See's spazieren. Es war ein hübsches Paar, — Alfred, ein in der Fülle der Jugend strotzender, junger Mann und meine um sieben Jahre jüngere Clara, die aufbrechende Knospe! Sie verkehrten so kindlich unbefangen miteinander, als ob sie sich schon längst kannten und Geschwister wären . . . . Die Weiterreise erfolgte gemeinsam. Wir fuhren nach Florenz. Unser erster Besuch galt Sän Miniato mit seiner herrlichen Aussicht und den poesievollen Grabinschriften. Da sahen wir, an eine Cypresse gelehnt, einen Mann, der, vonSchmerz überwältigt, kein Auge hatte für diejihn umgebende Schönheit. Wir wollten ihn in seinem Sinnen nicht stören und schlichen uns vorbei. Er hob ein wenig den Kopf und — träumte ich oder war es der lebensfrohe Pollux, dessen eingefallenes Gesicht mir entgegenstarrte? Einen Moment zögerte ick, dann schritt ich auf ihn zu. Er erkannte uns sogleich und reichte uns beide Hände entgegen, während ein trübes Lächeln auf einen Augenblick sein Angesicht verklärte. „Oh wie freut es mich, Sie noch einmal zu sehen, rief er, haben wir doch eine schöne, unvergeßliche Stunde gemeinsam verlebt. Ich war seither jedes Jahr auf diesem schönen Fleckchen Erde, aber nie mehr so glücklich", — und eine Thräne rollte über seine Wange. — — Langsam gingen wir der Stadt zu und erzählten uns gegenseitig unsere Erlebnisse. Auch Pollux hatte die eiserne Hand des Schicksals berührt: er verlor seinen geliebten Bruder und damit war jede Lebensfreude für ihn entschwunden!- Die Reise-Saison für Italien war vorüber und der Fremdenverkehr deßhalb ein spärlicher. In dem lauschigen, kleinen Restaurationslokal des Hotel Bonciani waren wir die einzigen Fremden. Wir saßen am selben Geh. Justizrath! GestrkenZch. HM- 316 Tischchen wie damals, aber nicht in derselben Stimmung. — Bevor wir aufbrachen, um uns zur Ruhe zu begeben, flüsterte Pollux dem Kellner etwas zu, und bald erschien derselbe mit einem Eiskübel, aus welchem der Hals einer Flasche herausschaute. Pollux schenkte Jedem ein Glas ein und gab die halbgeleerte Flasche dem Kellner zurück. Mit vor Erregung zitternder Stimme sprach er: „Vor 20 Jahren fanden wir uns hier zusammen in einer glücklichen Stunde, und in der übermüthigen Laune des Augenblicks freuten wir uns dieses Göttertrankes. — Das Schicksal hat nicht gewollt, daß wir uns nochmals so treffen sollten, es hat uns Allen das Liebste entrissen, was wir besaßen! Ihnen hat es wenigstens einen theilweisen Ersatz geboten, denn Sie haben blühende Kinder an Stelle des verlorenen Gatten, der verlorenen Gattin an Jdrer Seite, während ich einsam in der Welt dastehe. Doch, rechten wir nicht mit dem Schicksal, — was Gott thut, das ist wohlgethan! Widmen wir den theuren Dahingeschiedenen, die wir Alle nie vergessen werden, einen stillen Trunk!" Lautlos wurden die Gläser geleert, und manche Thräne mag hineingeflossen sein. Mit einem stummen Händedruck verabschiedeten wir uns. Das war der einzige Schluck, den ich nach 20 Jahren noch getrunken. * » * „Das Alte fällt,. Und neues Leben blüht aus den Ruinen." Die Herzen Alsred's und Clara's haben sich gefunden. — —- Die Beiden sind auf der Hochzeitsreise — — nach Italien! Heute Morgen erhielt ich ein Telegramm: „Glücklich in Florenz angekommen, wohnen im Hotel Bonciani." —- Während ich in später Abendstunde Scenen der Vergangenheit vor meinem Geiste vorüberziehen lasse, — vor mir auf dem Schreibtisch das Bild der unvergeßlichen Gattin, — sitzen sie wahrscheinlich am bekannten Tischchen als glückliches junges Ehepaar in fröhlichster Stimmung beim „^sti opuinuirtö". -SS8RLS—- Zu unseren Bildern Dttppcher» hat Durft. Es ist reizend zu beobachten, mit welch fürsorglicher Aufmerksamkeit die kleinen Mädchen, wenn sie selbst noch der mütterlichen Pflege in allweg bedürftig sind, an ihren Püppchen Mutterstelle vertreten. Freud' und Leid theilen sie mit ihnen, und alle Bedürfnisse, die sie selbst baben, übertragen sie auf dieselben. So glaubt die Kleine auf unserem Bilde, nachdem sie eben ihre Milch getrunken hat, auch den ihrer Pflege anvertrauten Liebling nicht vergessen zu dürfen. Mit einem Ernste, als ob es gelte, denselben dem Tode des Verdurstcns zu entreißen, gießt sie ihm aus der großen Kanne, die sie kaum zu halten vermag, den stärkenden Trank ein. Und der kleine Nimmersatt will auch gar nicht genug bekommen. Was wird aber die Mutter, die dem in Bälde von der Tagesarbcit heimkommenden Vater das Essen zubereitet, für eine Freude haben, wenn sie die Milch, mit der sie auf den morgigen Feiertag etwas Besonderes zubereiten wollte, in so edler Weise verwerthet sieht? Hoffentlich läßt sie es bei einer ernsten Strafpredigt bewenden und greift nicht zu der gefürckteten Ruthe, die hinter dem Spiegel steckt. Der Schaden läßt sich dadurch ja doch nicht meU gut machen, und das Kätzchen wird froh sein, die Milch Ft>on dem Boden auflecken zu dürfen. -- Geh. Iuftizrath Geffcken Der tragische Tod des Geheimen Justizrathes Pros. Frdr. Heinr. Geffcken in München in Folge der Explosion einer Petroleumlampe bat allseitiges Aufsehen erregt. Pros. Geffcken hat im Jahre 1888 durch Veröffentlichung des Tagebuches des Kaisers Friedrich große Sensation erregt und sich selbst eine dreimonatliche Untersuchungshaft zugezogen, die wieder aufgehoben wurde, ohne daß man ihm den Prozeß gemacht hätte. Geffcken war am 9. Dezember 1830 zu Hamburg geboren, studirte Jura, wurde 1854 Legationssekretär in Paris, 1856 hamb. Geschäftsträger in Berlin, 1859 hanseatischer Ministerresident daselbst, 1866 nach London versetzt, 1869 zum hamb. Syndikus gewählt und nahm 1872 einen Ruf als Professor der Staatswissenschaft und des öffentlichen Rechtes an die Universität Straßburg an, auf welche Professur er 1882 verzichtete. Geffcken gehörte zu den vertrautesten Rathgebern des späteren Kaisers Friedrich. -» « « «> * - Allerlei. Auch ein Schwerenöther. Handwerksbursche: Ein armer Handwerksbursche bittet um eine kleine Gabe, liebe Frau! — Frau (die Katze auf dem Arm): Ich gebe nichts, machen Sie, daß Sie fortkömmen l — Handwerksbursche (zur Katze): Vielleicht legen Sie, verehrtes Fräulein, ein gutes Wort bet Ihrer Frau Mama für mich ein? * Umsicht in der Gefahr. Fremder: „Wollen Sie nicht packen? Es brennt ja im Hause." — Der Herr Sekretär: „Wir packen ja schon! Aber helfen Sie, wir suchen die wichtigsten Dokumente zusammen und da fehlt uns der Impfschein unserer verstorbenen Tochter." -SWüses- Magisches Quadrat. Es sollen die Felder obenstehenden Quadrats mit 16 aufeinanderfolgenden Zahlen derart besetzt werden, daß die Summe der Wagerechten, senkrechten und Diagonalreihen, sowie der vier zusammenliegenden Mittelfelder stets 46 ergibt. Auflösung des Kreuzräthsels in Nr. 40: § 0 8 l 8 0 8 18 8 1 8 8 8 IV 8 I 8 08^888188 8081V8I288 8 12 I 8 8 8 8 8 --WRZ 8 -- -r «r 42. Mittwoch, den 20 . Mai 4896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag der Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr, Max Huttler). Judas Wakkaöäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. ColoniuS. (Fortsetzung statt Schluß.) 37. Kapitel. Nach der Schlacht. ES gibt sowohl Freude wie Kummer, in welche ein davon nicht Berührter nicht eindringen «nd welche keine Feder beschreiben kann. So erging eS LycidaS und Sarah, als sie sich zuerst nach der Schlacht bet Bethsura wiedersahen. DaS Mädchen mäßigte ihre Freude doch etwas und fühlte Angst und Unruhe, als sie den jungen Griechen sah, wie er ihr, blaß vor Blutverlust, erschöpft vor übermäßiger Anstrengung, den linken Arm in der Binde, entgegentrat, aber sie beruhigte sich bald; denn LycidaS hatte keine ernstliche, unheilbare Wunde davongetragen. Der junge Bekehrte freute sich sogar, eine Wunde erhalten zu haben, als Beweis, daß er unter JudaS MakkabäuS gefochten und einer der ersten unter denen gewesen war, die Bethsura gestürmt hatten. LycidaS gab der Sarah und ihrer Gefährtin eine genaue Schilderung des Gefechts. Sarah hörte athemloS und zitternd zu, als der Erzähler in seiner Beschreibung an die Stelle kam, wo er selbst in so großer Gefahr gewesen war, von der Mauer geschleudert zu werden, wenn nicht JudaS MakkabäuS ihm in demselben Augenblicke Hilfe geleistet hätte. „Ich wußte, daß eS mit mir aus war, wenn nicht der Fürst plötzlich vor mir erschienen wäre. Hätte ich nicht längst alle Fabeln, die ich in meiner Kindheit gehört, den Winden übergeben, so würde ich geglaubt haben, daß Mars selbst, strahlend in himmlischem Glänze, aus einer Kriegswolke niedergefahren wäre. Aber der Held Israels bedarf keines erborgten Glanzes, mit welchem die Phantasie eines Dichters ihn umgeben könnte — er selbst verwirklicht die erhabensten und herrlichsten Ideen des Homer." „Und MakkabäuS war derjenige, der Dich rettete und vertheidigte? Das. war groß und edel!" murmelte Sarah. „Ja, es scheint so meine Bestimmung zu sein, daß ich in einer immer mehr anwachsenden Schuld der Dankbarkeit ganz versinken soll!" rief LycidaS, indem er im Scherz einen Schein von Unzufriedenheit auf die Dankbarkeit «nd Bewunderung warf, die er für seinen Erretter fühlte. „Ich wollte, eS wäre meine Rolle gewesen, den Retter zu spielen, und mein Schwert hätte sein Haupt geschützt, und daß MakkabäuS nicht dazu bestimmt gewesen wäre, mich in allem, selbst in der Macht, Groß- muth an einem Rivalen zu üben, zu verdunkeln. Aber ich darf ihn nicht um die Lorbeeren, die er erntet, beneiden," fügte der junge Athener mit einem strahlenden Blick auf Sarah hinzu, „da die Blumengewinde des Glückes mir zuerkannt find." Am Morgen nach der Schlacht bei Bethsura besuchten Simon und Eleazar ihre Verwandte in der Hütte des Ziegenhirten, wo sie mit Hannah die Nacht zugebracht hatte. Sie betrachteten sie noch als ihre zukünftige Schwester und boten ihr ihre Begleitung zu dem Hause der Nahe! an, welche nicht weit von der Festung lebte. Da Sarah wünschte, so bald als möglich unter den Schutz eines weiblichen Verwandten zu kommen, nahm sie das Anerbieten froh und dankbar an. Die Sänfte wurde vor die Thür der niedrigen Hütte gebracht, und nachdem die Vorhänge derselben niedergelassen waren, traten das Mädchen und ihre Dienerin ihre kleine Reise zu Rahe! an, die hocherfreut das Kind der Hadassah empfing. Sarah sah an jenem Morgen nichts von LycidaS — und MakkabäuS vermied eS, sie zu sehen. Im hebräischen Lager war alles emsig und thätig Zelte wurden abgerissen und alles für den bevorstehenden Marsch nach Jerusalem bereit gemacht. Die ermatteten Krieger vergaßen ihre Müdigkeit, die Verwundeten ihre Schmerzen, so begierig waren Alle, die reichen Früchte ihres Sieges innerhalb der Mauern von Jerusalem einzusammeln. Die Gedanken des Fürsten weilten mitten in aller Unruhe und Verwirrung und trotz der vielen Sorgen, die von allen Seiten auf ihn einstürmten, bet Sarah. Er fühlte, daß sie für ihn verloren war. Er würde den Gedanken, ihre Hand dennoch zu begehren, mit Verachtung von sich gewiesen haben, da er wußte, daß ihr Herz einem andern gehörte. Aber er beschloß, wenigstens an dem verwaisten Mädchen wie ein Bruder zu handeln. So schmerzlich auch dem MakkabäuS der Anblick seines Nebenbuhlers war, beschloß er dennoch eine Zusammenkunft mit LycidaS zu haben, um sich selbst zu überzeugen, ob er auch eines hebräischen Mädchens würdig sei. LycidaS hatte sich als tapferer Krieger gezeigt, er hatte die Bewunderung selbst des fanatischen Jascher gewonnen, aber würde der junge Grieche auch in dem angenommenen Glauben fest stehen, wenn eS 318 keine neuen Lorbeeren oder einen schönen Preis zn erringen galt? „Die entfernteste Hoffnung, Sarah zu gewinnen," dachte Makkabäus bei sich selbst, „wäre schon hinreichend, einen Mann zu bewegen, der Sache ihres Volkes bei- zutreten und allen Abgöttern, außer der Vergötterung dieses Mädchens, zu entsagen. Ich muß diesen Athener selbst befragen, ich muß ihn prüfen, ob er diesen Glauben ganz unabhängig von irdischen Beweggründen angenommen hat und als ein treuer Bekenner dieses köstlichsten aller Edelsteine würdig ist. Wenn es so ist, dann mag er glücklich sein, da ihr Glück mit dem seinigen so eng verkettet ist. Niemals will ich ihren sonnenhellen Weg mit dem Schatten, der auf dem meinigen jetzt immer bleiben wird, verdunkeln." Mit nicht geringer Unruhe folgte LycidaS dem Ruf des Fürsten und traf ihn in einem Häuschen der Festung allein, die er zu erobern geholfen hatte. Der Grieche konnte nicht umhin, zu glauben, daß sein Schicksal, was seine Vereinigung mit Sarah anbetraf, von dieser Zusammenkunft mit seinem großen Nebenbuhler abhängen würde. Die Zusammenkunft war nicht lang; was darin verhandelt wurde, blieb verschwiegen. Lycidas hatte nicht einmal Sarah diese Unterhaltung mit dem Manne, dessen Lebensglück er zerstört, mitgetheilt. Als der Grieche den Fürsten verließ, begegnete er Simon und Eleazar, welche soeben von der Begleitung ihrer jungen Verwandten zu der Wohnung RahelS's zurückkehrten. Die hasmonäischen Brüder begrüßten den Fremden freimüthig und herzlich, den sie zum ersten Male am vorhergehenden Tage im Kampfe gesehen. Die Binde, welche der Athener um seine Schläfe trug, und die Schlinge, in welcher er seinen Arm trug, waren als Beglaubigungen ein Freibrief für die Gunst und das Vertrauen seiner neuen Waffengefährten. „Du bist schnell zu Ruhm und Ehre gekommen, schöner Grieche!" rief Eleazar. „Du hattest die höchste Stufe der Leiter erreicht, bevor ich meinen Fuß auf die unterste setzen konnte. Ich könnte Dich um den Ruhm, den Du Dir erworben hast, beneiden." Eleazar und Simon gingen dann zu MakkabäuS hinein, während Lycidas sich entfernte. DaS Lächeln, welches der junge Hebräer bei der Anrede an Lycidas um seine Lippen hatte, war noch vorhanden, als er in das Gemach trat, in welchem der Fürst allein saß. Aber der erste Blick des Eleazar auf Makkabäus verbannte schnell jede Spur des Lächelns. „Du bist krank!" rief er, indem er auf das beinahe geisterhafte Antlitz seines Bruders blickte. „Du hast gewiß eine tödtliche Wunde bekommen!" Der Fürst verneinte dies durch ein leichtes Kopf- schütteln. „Die Last der Verantwortung, der Mangel an Schlaf, die Anstrengung des gestrigen Kampfes zehren Deine Kräfte auf," bemerkte Simon ernst. „Judas, Du bist nicht im Stande, die Mühsale deS langen Marsches, der vor uns liegt, auszuhalten." „Ich war niemals mehr bereit und sehnte mich noch ine so sehr nach einem Marsch," entgegnete Makkabäus, indem er plötzlich aufstand; denn es schien ihm, als ob heftige körperliche Anstrengungen allein im Stande wären, fein Leben erträglich zu machen. „Mich soll nur wundern," sagte Eleazar, „ob unser junger, schöner Bekehrter die Strapazen des Marsches ebenso leicht aushalten wird, wie er gezeigt hat, daß er der Gefahr in's Auge sehen kann. Mich dünkt, er sähe unter unsern grimmigen Kriegern wie eine Marmorsäule aus Salomo's Palast unter rauhen Eichen, wie sie jenen Hügel dort bekleiden, aus. Wenn Lycidas erst —" „Er wird — Sarah's Gemahl werden," unterbrach ihn Makkabäus; seine Stimme klang fremd und hart, und er wandte bei diesen Worten das Gesicht ab. „Sarah's Gemahl!" wiederholte Eleazar mit Erstaunen, „warum" — Simon's warnender Blick verhinderte den jungen Mann, mehr zu sagen. Die Brüder wechselten verständnißvolle Blicke. Das war das letzte Mal, daß Sarah's Name von einem unter ihnen in Gegenwart deS Makkabäus genannt wurde. Sarah überzeugte sich bald, daß ihr Aufenthalt in ihrer neuen Heimath nur von kurzer Dauer sein und daß sie möglicherweise weit eher nach Jerusalem zurückkehren würde, als sie bei ihrer Abreise in jener Nacht voraussetzen konnte. Rahel, ein Weib, welches, obgleich hochbetagt, doch nichts von ihrer Jugendkraft und begeisterten Vaterlandsliebe eingebüßt hatte, war über den Sieg von Bethsura voll triumphirender Freude und erklärte Sarah, daß sie die Absicht habe, bet dem Vorrücken des Heeres nach der Stadt abzureisen. „Ich habe ein Gelübde gethan, ein feierliches Gelübde," sagte die alte Jüdin zu dem Mädchen. „Lange habe ich um die Verwüstung Zions getrauert; und ich habe dem Herrn gelobt, daß, wenn jemals wieder geopfert werden sollte auf dem Altar deS Herrn zu Jerusalem, meine junge Kuh, meine schöne, weiße, junge Kuh das erste Friedensopfer sein sollte. Auch habe ich gelobt, selbst in die heilige Stadt zu gehen, um dort mit meinen eigenen Händen mit Oel gesalbte Oblaten zu machen, welche bei dem Opfer der Danksagung gegessen werden sollten. Die Zeit der Erfüllung meines Gelübdes ist gekommen. Wir wollen, meine Tochter, zusammen hinaufgehen und meine Leibeigene soll die weiße Kuh vor mir Hertreiben. Meine Seele kann nicht mit Frieden dahin- fahren, bevor ich das Heiligthum gesehen, in welchem meine Väter den Herrn anbeteten, und bevor ich ihm von ganzem Herzen mein Gelübde dargebracht habe." Sarah machte gegen die Wünsche ihrer Verwandten keine Einwendungen, zumal dieselben mit ihren eigenen sehr übereinstimmten. Die Vorbereitungen zur Reise wurden schnell getroffen. Die Pferdesänfte, in welcher Sarah nach Bethsura gekommen war. genügte für die Bequemlichkeit der beiden Frauen bet ihrer Rückkehr nach der heiligen Stadt vollkommen. Der treue Joab wurde wiederum mit der Leitung des Rosses beauftragt, und Hannah, sowie die Mägde Nahel'S reisten mit. Unter frohen Erwartungen machten sich die Reisenden nach der Stadt David's auf. (Schluß folgt.) «- « M « »- GoldkSxuer. DaS Kleinste, beut eS Liebe dar, Verwandelt sich zum Scqenl Ein treuer Rath, ein tröstend Wort, Ein redlich Wollen fort und fort Kann manche Thräne trocknen. Krank. -«-SSW-S--- 81S „Geheimuißtwlle Kräfte. Unter dem Titel „Geheimuißvolle Kräfte" erzählt Graf Nikolaus Bethlen in einem ungarischen Blatt eine räthselhafte Geschichte, die auf den Erlebnissen eines französischen Richters beruht. „Bor zehn Jahren hatte ich als Untersuchungsrichter meine Aufgabe in einem entsetzlichen Mordproceß vollendet; Tag und Nacht sah ich seit Wochen im Geiste nur Leichen, Mordscenen und Blut. Zu meiner Erholung suchte ich einen entlegenen Luftcurort aus, wo es kein Casino und keine Eisenbahn gibt, nur alte Stellwagen; ich spazierte den ganzen Tag in den Waldungen herum, die dort eine riesige Ausdehnung haben, und verirrte mich eines Abends derart, daß ich ganz erschöpft war, als ich aus dem Walde auf eine entlegene Straße gelangte, von wo meine Wohnung noch zehn Kilometer entfernt lag. Nächst der Straße befand sich ein Einkehrwirthshaus mit der Firma: „Zum guten Freund." Ich trat ein und verlangte ein Nachtmahl. Der Wirth und seine Frau hatten ein verdächtiges Aussehen, und sonst war kein menschliches Wesen im Hause zu sehen. Nach dem herzlich schlechten Essen verlangte ich eine Unterkunft, da es bereits zu finster war, um den Heimweg anzutreten; die Wirthin führte mich längs eines Ganges in ein Dachzimmer, das sich oberhalb hes Stalles befand. In dem Zimmer fand ich außer dem Bett nur zwei Sessel und einen Tisch mit einem Krug» Wasser. Als vorsichtiger Mann untersuchte ich das Zimmer und fand eine Thür, die sich auf eine Leiter im Freien, welche zur Stallthür führte, öffnete. Ich verbarrikadirte die Thür mit den Sesseln und dem Tisch, auf welch' letzteren ich einen Krug stellte, so daß man die Thür nicht öffnen konnte, ohne den Tisch und Krug umzuwerfen. Todmüde verfiel ich in tiefen Schlaf; da erwachte ich plötzlich auf ein großes Geräusch; es schimmerte Licht durch das Schlüsselloch. „Wer ist da?" rief ich erschrocken. Keine Antwort; tiefe Stille. Nach langer Zeit, gegen Morgen zu, schlief ich endlich wieder und hatte folgenden Traum: Es schien mir, daß man die Falllhür öffnete; der Wirth erschien mit einem großen Messer in der Hand und hinter ihm die Frau mit einer Laterne, vor welche sie ihre Hand hielt; der Wirth nahte mit leisen Schritten und stieß sein Messer in die Brust des Mannes, der im Bette lag; der Wirth packte den Ermordeten bei den Füßen und die Frau beim Kopf, und so trugen sie ihn die Leiter hinunter. Der Wirth nahm den Ring, an dem die Laterne hing, in den Mund. In dem Augenblick erwachte ich, in Schweiß gebadet; die Sonne stand schon hoch am Himmel. Ich warf mich hastig in meine Kleider und stürmte die Treppe hinunter; als ich auf die Straße gelaugte, fühlte ich mich ganz erleichtert und eilte in meine Wohnung in den Curort. — Ich vergaß ganz meinen Traum; nach drei Jahren las ich folgende Notiz in den Zeitungen: „Die Gäste des Curortes X. befinden sich in großer Aufregung; der Advokat Victor Armand ist seit acht Tagen, seit er zu Fuß einen Ausflug in das Gebirge machte, verschwunden; man fürchtet, daß er verunglückt sei." In dem Augenblick, als ich die Notiz las, erinnerte ich mich meines Traumes. Noch stärker ergriff mich diese Erinnerung, als ich einige Tage später folgende Mittheilung fand: „Man ist auf der Spur des verschwundenen Advokaten; er verbrachte die Nacht vom 84. August im Einkehrwirthshaus „Zum guten Freund". Ein Fuhrmann hat ihn dort gesehen; Wirth und Wirthin sind schlecht beleumundet; vor sechs Jahren verschwand ein Engländer in derselben Gegend; andererseits hat ein Hirtenmädchen ausgesagt, daß es am 26. August sah, wie die Wirthin in einem Tuche unter dem Holze blutige Leinentücher versteckte. Eine strenge Untersuchung wird eingeleitet. Eine innere Stimme flüsterte mir zu, daß mein Traum zur Wirklichkeit geworden, und unwiderstehlich zog es mich nach dem Curort L. Die Richter bemühten sich dort, das Geheimniß zu lüften, doch ein unzweifelhafter Beweis konnte nicht gefunden werden. Ich traf gerade den Tag in X. ein, als der Untersuchungsrichter die Wirthin verhörte, und ersuchte ihn, zu gestatten, daß ich dem Verhör beiwohne. Die Frau erkannte mich nicht; sie bemerkte gar nicht meine Anwesenheit. Sie sagte aus, daß ein Herr am 24. August Abends im Gasthaus weilte, aber die Nacht nicht dort zugebracht habe; als Beweis ihrer Aussage führte sie an, daß es im Gasthause nur zwei Gastzimmer gebe, und daß beide von Fuhrleuten besetzt waren; eine Thatsache, welche die Betreffenden in der Untersuchung bereits bestätigt hatten. Da griff ich in das Verhör plötzlich ein und rief: „Und das dritte Zimmer über dem Stall!" Die Frau schrak zusammen und schien mich in dem Augenblick zu erkennen. Ich fühlte mich wie in- spirirt und fuhr fort: „Victor Armand schlief in diesem dritten Zimmer; Nachts kamen der Wirth und Sie auf der Stallleiter in das Zimmer, indem Sie die Fallthür öffneten; Ihr Mann hielt ein Messer in der Hand und Sie eine Laterne. Sie blieben bei der Thür stehen, während der Wirth den Reisenden ermordete und ihm seine Uhr und sein Portefeuille raubte." Das war mein Traum vor drei Jahren; mein College, der Untersuchungsrichter, war ganz verblüfft; die Frau aber zitterte am ganzen Leib, ihre Zähne klapperten vor Furcht, und Entsetzen sprach aus ihren Augen. „Dann" — so sagte ich weiter — „ergriff Ihr Mann die Leiche bei den Füßen, und Sie hielten den Kopf. Beide trugen die Leiche auf der Leiter hinunter; um zu leuchten, nahm der Wirth den Ring, an dem die Laterne hing, in den Mund." Leichenblaß stand die Wirthin vor uns und murmelte unwillkürlich die Worte: „Der hat Alles gesehen!" Aber sofort raffte sie sich auf, verweigerte ihre Unterschrift auf das Protokoll und sprach kein Wort mehr. Nun wurde der Wirth vorgeführt. Mein College wiederholte ihm meine Erzählung; der Wirth glaubte, daß seine Frau ihn verrathen habe. Mit einem fürchterlichen Fluche schrie er wüthend: „Die Elende soll es mir büßen!" Mein Traum ist also nach drei Jahren bis in die kleinste Einzelheit — wie z. B. daß der Wirth den Ring der Laterne in den Mund nahm — zur Wirklichkeit geworden. Im Stalle des Wirthshauses fand man unter dem Kehrichthaufen vergraben die Leiche des unglücklichen Victor Armand und noch andere menschliche Gebeine, vielleicht jene des vor sechs Jahren verschwundenen Engländers. Mir ist es immer, als ob mir dasselbe Loos bestimmt gewesen wäre. In jener Nacht, als ich träumte, habe ich wirklich durch das Schlüsselloch das Licht schimmern sehen, oder war das auch nur ein Traum, eine grauenhafte Vorahnung? Ich weiß es nicht. Aber ich fühle auch, daß eine geheimnißvolle Kraft mich als Werkzeug benutzte, um ein Verbrechen an das Tageslicht zu bringen, das sonst ungestraft geblieben wäre. Und während meines langjährigen Wirkens als Richter hatte ich öfter Gelegenheit, zu erfahren, daß der Verbrecher — um 320 seine That zu verhüllen — nicht allein mit uns Menschen zu kämpfen hat, sondern auch mit einer geheimnißvollen Macht, welche die Wissenschaft noch nicht zu ergründen vermochte." -- Allerlei. Funken. Man sagt oft das Schlimme, das man von jemand denkt; man denkt selten das Gute, daS man von jemand sagt. — Man begräbt häufiger seine Freundschaften als seine Freunde. — Wen wir lieben, dem geben wir die Macht, uns Leiden zu bereiten. — Eine Steuer auf die bösen Zungen und jede andere Steuer ist überflüssig. — Glückliche Frau, die einen Feinschmecker zum Manne hat: sie ist immer sicher, den Weg zu seinem Herzen zu finden. — Wenn sich eine Frau schlecht kleidet, so sagt man, sie habe keinen Geschmack; kleidet sie sich gut, so sagt man, sie denke nur an ihren Putz. — Eine Dummheit wieder gut machen wollen heißt, sie an eine große Glocke hängen. — Die größte Kunst des Alters besteht darin, sich zu erinnern, daß man jung gewesen, ohne zu vergessen, daß man eS nicht mehr ist. — Tausend Thore führen in das Paradies der Liebe, nur eines führt hinaus: der Ueberdruß. — Kummer bildet den Charakter, Erniedrigung entstellt ihn. *> Druckfehler. In einem Thiergarten ist der Elefant erkrankt. Alan beschließt, ihn zu erhängen. In der Zeitung stand folgender Bericht über diese Execution: Da plötzlich hob sich der Krähn, die Ketten zogen an, der Elefant schwebte in der Luft und war nach kurzen Secunden eine Lerche —" * Warum — darum. Fürst (auf der Durchreise zum Schulzen): «Sagen Sie mir, mein lieber Schulze, wie kommt es, daß ich in dieser Gegend gar so viel Kinder barfuß umherlaufen sehe?" — Schulze: „Ja, Durchlaucht, so kommen sie bei uns auf die Welt." » Guter Rath. Student seiligst an einen anderen herantretend): „Sapperlot — ein paar Gläubiger lind mir auf den Fersen." — Kommilitone: „Schnell geh da hinein in die „Sparkasse", dort fuchtDich keiner." * Hausfrauen-Jammer. „Höre, Mann, mit der Käthe ists nicht mehr zum Aushalten! In vier Wochen hat sie in der Küche alles kurz und klein geschlagen — nur das Brennholz nicht!" Fehler in der Erziehung. Onkel: „Mach' mir einen Grog, liebe Emma!" — Nichte: „Den verstehe ich nicht zu bereiten." — Onkel: „Was, nicht mal' einen Grog kannst Du machen? Ja, was hast Du denn eigentlich in der Pension gelernt?" * Der Sonntagsjäger. Oberförster: „Sie wünschen also eine Anstellung bet uns — waS haben Sie denn seither getrieben — was sind Sie?" — Bewerber: „Jäger!" — Oberförster: „Ich meine, an Wochentagen?" * Ein guter Posten. Ich sollte in meiner letzten Stellung 200 Mark den Monat bekommen, erhielt aber nach halbjährigem Dienste keinen Pfennig, weil die Firma in Konkurs gerieth. — Gut! Wenn sie Kaution leisten, engagiere ich sie unter den gleichen Bedingungen! Fatale Erklärung. A.: Was bringt denn Deine junge Frau mit? — B.: Ich weiß nicht; als ich vor der Hochzeit meinen Schwiegervater darnach fragte, wurde er grob. — A.: Und nach der Hochzeit? — B.r Hm — da wurde er noch gröber. DaS Recht und die Rechte. Der berühmte Göttinger Gelehrte Lichtenberg sagte einst: „Um sicher Recht zu thun, braucht man sehr wenig vom Rechte zu wissen; allein um sicher Unrecht zu thun, muß man die Rechte studiert haben." Faule Ausrede. Pantoffelheld: „Kinder, ich muß jetzt nach Hause, ich habe mir heute statt des Hausschlüssels aus Versehen meinen — Wanduhrschlüssel eingesteckt." * Unverfälscht. Landmann: „Ist das aber auch ächtes Hunbcfett, Herr Apotheker?" — Apotheker: „Gewiß lieber, Mann, sehen Sie hier diesen dicken Pudels der wird jede Woche einmal ausgebraten." Wonnemond. Nun des Lenzes Düfte wieder Schmeichelnd Fora und Au durchwallen, Grüßen uns die frohen Lieder Sangesrcicher Nachtigallen; Frühlings Rosen lieblich blühen Untcr'm Strahl der gold'nen Sonne, Ihre sammt'nen Wangen glühen Wunderbar in Lust und Wonne. Jedes Herz in heil'gcr Stunde Trifft des Lenzes frohes Ahnen, Trifft des Lenzes süße Kunde Wie ein selig Himmelsmahncn; Gottes Walten, Gottes Weben Füllet all' die Menichengeistcr, Daß sie sich in Andacht heben Zu dem Meister aller Meistert Maximilian Dursch. --- tzekegrapyett-Natyjer. (Die Striche sind durch die Vokale aaeeeeeeeeeee eeiiiioööuuuuuüüüzu ersetzen. Die Punkte sind Konsonanten, die dem Sinn entsprechend zu ergänzen sind.) Auflösung des magischen Quadrats in Nr. 41 19 6 5 16 12 9 10 15 9 13 14 11 7 18 17 4 —--EZS-- »r M 43. Kreitag, den 22. Mai 1896. Kür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag der Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). Schick salsrvege. Erzählung von Clarisse Borges. INkchdru« vnboltN.1 I Ein trüber Herbsttag neigte sich seinem Ende zu. Am Stand der Sonne hätte man dies allerdings nicht entdecken können, denn dieselbe hatte sich schon längst hinter undurchdringlichen, schwarzgrauen Wolken verschanzt, aus denen der Regen in Strömen herabrieselte und deren Dunkelheit den Tag in Nacht einhüllte. War auch für zahllose Menschen, die Wind und Wetter Trotz bieten mußten, diese trostlose Witterung wenig erfreulich, so kümmerte es nicht die Herrin der Villa Nosenheim, die am Kamin in dem großen, saal- artigen Wohngemach mit Wohlbehagen in das lustig knisternde Feuer schaute und wohl den Regen gegen die Fenster schlagen hörte, sich aber in ihren vier Wänden vor aller Unbill der Jahreszeiten gesichert und geschützt fühlte. Die prasselnde Flamme des Kaminfeuers war der einzige Schein, der das große prunkvolle Gemach matt erleuchtete; denn Frau Marlitz liebte das trauliche Dämmer- dunkel und saß oft Stunden lang in Träumereien versunken, ohne darauf zu achten, wie flüchtig die Zeit dahin eilte. Die feingeschnittenen, bleichen Züge der Dame des Hauses und die dunkeln Ringe um die großen blauen Augen schienen wenig zu den freundlichen Bildern zu Passen, die ihre Umgebung ihr bot. Ihr Haar war längst gebleicht, und es mußten wohl schwere Seelen- kämpfe und bitteres Leid gewesen sein, die mit ehernem Griffel ihrem Antlitz tiefe Furchen eingegraben hatten. — Armuth und Reichthum! Wie nahe wohnen sie neben einander! Solche Gedanken mochten wohl das Herz der reichen Dame erfüllen, als sie seufzend sich von ihrem Sitz erhob und ihre müden Blicke in den strömenden Regen Hinausschweifen ließ. Jetzt gedachte sie längst vergangener Jahre; und Wenige ahnten wohl, daß die reiche Wittwe mit ihrem traurigen, sanften Ausdruck in ihrem edeln Antlitz schweres Herzeleid erfahren hatte, und hätten die Menschen es gewußt, so wäre der Neid um ihre irdischen Güter gewiß in Mitleid verwandelt worden. Angela, Comtesse von Wildenthal, war die jüngste von neun Geschwistern. Ihr Vater, früher ein reich begüterter Edelmann, hatte durch Leichtsinn und verfehlte Speculationen nicht allein längst vor der Geburt seiner jüngsten Tochter sein ganzes Vermögen verloren, sondern auch sein Landgut im südlichen Deutschland so hoch mit Schulden belastet, daß er sich mit seiner zahlreichen Familie dem Ruin gegenüber sah. Keiner der vielen Gläubiger wollte sich durch Versprechungen dazu verstehe«, dem verarmten Edelmann neue Summen vorzustrecken, und es war fast ein Wunder, daß die gräfliche Familie ihr Dasein fristete. Armuth! Das war das Schreckgespenst, das die kleine Angela von frühester Kindheit auch in des Wortes tiefster Bedeutung kennen lernte. Ein neues Kleidchen, eine Puppe oder sonstiges Spielzeug war ein Luxus, den sie nie kennen lernte und daher auch kaum entbehrte. Ihre Kleidung wurde aus der Garderobe ihrer Mutter oder Geschwister hergestellt, und diese selbst waren so einfach und dürftig gekleidet, daß für die Jüngste kaum das Nothwendigste übrig blieb. Mit ihrem zwölften Lebensjahre hatte sie schon ein tiefes Verständniß für die Angst und Sorge ihrer Mutter bei dem Erscheinen des Postboten, der nur neue Rechnungen brachte; noch schlimmer war es, wenn die Gläubiger selbst kamen, sich Eingang erzwängen und sich hartnäckig weigerten, das Schloß zu verlassen, bevor sie den Grafen gesprochen hatten, selbst wenn sie stundenlang auf ihn warten mußten. Der Tod lichtete die kleine, hilflose Schaar, so daß nur fünf heranwuchsen. Es blieben Angela nur zwei Brüder und zwei Schwestern, und als sie ihr achtzehntes Lebensjahr vollendet hatte, entfaltete sie sich trotz ihrer höchst einfachen, ja fast dürftigen Kleidung als eine der herrlichster. Mädchenknospen der ganzen Umgegend. Oft beweinte sie bitter die sich täglich mehr entwickelnde Schönheit, der sie allein die Ursache ihres tiefen Seeleu- letdens Zuschrieb. Keines der Geschwister war verheirathet, so sehr die gräflichen Eltern es auch gewünscht hatten. Kurt, der älteste Sohn und Erbe des Titels und der enormen Schuldenlast des Vaters, durfte nur eine reiche Erbin heirathen, denn nur mit fremden Gütern konnte er sein Wappenschild neu vergolden. Dann folgten zwei Töchter, Marie und Helene, beide waren aber höchst einfach und unansehnlich, ja ihr eckiges, schroffes Wesen ließ sie noch häßlicher erscheinen, als sie in Wirklichkeit waren, und bis jetzt hatte sich noch kein reicher Edelmann gefunden, um diesen armen Comtessen Herz und Hand und mit denselben ein Heim zu bieten. Nun folgte Hans; er war ein frischer, aufgeweckter Jüngling, nur ein Jahr Liter als Angela; er hatte seine Studien nach nicht be- endet und lag denselben mit Eifer und Fleiß ob. Die einzige Hoffnung der gräflichen Eltern auf Errettung aus ihrer bedrängten Lage gründete sich auf die Schönheit und liebliche Anmuth ihrer jüngsten Tochter. Angela sollte einen reichen, einflußreichen Gatten heirathen, Gäste um sich schaaren, unter denen sich zweifellos Grafen oder andere Edelleute für die Schwestern und eine reiche Braut für den Bruder finden würden. Doch die Entrüstung der Eltern und der drei heiratsfähigen Geschwister spottete jeder Beschreibung, als ein junger, talentvoller Ingenieur, Karl Marlitz, um Herz und Hand der schönen Angela bat und diese seine Liebe auch aus vollem Herzen erwiderte. Die Schale des Zornes und der Erbitterung goß sich über die Liebenden aus. Der alte Graf fühlte sich in seiner „Ehre" gekränkt, daß ein Bürgerlicher die Augen zu seiner schönen Tochter zu erheben wagte; seine Gattin und seine drei ältesten Kinder pflichteten ihm bei, und sie gelobten sich, die Liebenden zu trennen. Der junge Ingenieur entstammte einer guten, achtbaren Familie, hatte kein Vermögen, aber desto mehr Fleiß und Energie. ES schmerzte ihn wohl, daß der Graf ihm höhnend sein Haus verbot, aber er verlor den Muth nicht, Angela zählte erst achtzehn Jahre und gern wollte er noch drei Jahre warten, bis sie Majoren« war und frei über ihre Hand verfügen konnte Noch einmal trafen sich die Liebenden. Karl Marlitz hatte unter den günstigsten Bedingungen eine Stellung in den Vereinigten Staaten in Amerika bei Brückenbauten angenommen. Gern hätte er seine junge Gattin mit in die neue Heimath herüber genommen, aber es Widerstrebte seinem ehrlichen Charakter, sie zu einer heimlichen Flucht aus dem Elternhanse zu überreden; auch wurde Angela zu streng von den Geschwistern beobachtet, so daß ein Entfliehen ganz unmöglich war. Karl Marlitz schwur daher seiner Geliebten ewige Treue und versprach ihr, in drei Jahren zurückzukehren, falls sie bis dahin ihm ihre Liebe bewahrt habe. Sie waren ja beide noch jung, und die kurze Zeit der Trennung würde bald vergehen. Die arme, unglückliche junge Braut! Sie ahnte nicht den Betrug ihrer Eltern und Geschwister und wie frevelhaft mit ihrem ganzen Lebensglück gespielt wurde! Mit rastlosem Eifer lag der junge, talentvolle Ingenieur auf seinem neuen Arbeitsfelde seinen Pflichten ob, und das Glück begünstigte alle seine Unternehmungen. Er spcculirte, wucherte mit seinem Talent; es gelang und er häufte Schätze auf Schätze. Sein Herz hing Nicht an Gold und irdischem Reichthum, aber er wußte, für wen er arbeitete, und mit diesem Ziel vor Augen überwand er alle Schwierigkeiten. Nur ein Schatten um- düsterte seinen Weg: so häufig er auch schrieb und seine geliebte Angela um eine einzige Zeile anflehte — kein Wort gelangte von ihr in seine Hände, und dieses Schweigen erfüllte sein Herz mit namenlosem Weh. Er konnte ja Nicht ahnen, daß daheim seine geliebte Braut sich in heißem Sehnsuchtsschmerz die Augen trüb und roth weinte, daß die vielen Briefe von der Mutter unterschlagen wurden, ebenso wie sie geschickt die seinigen auffing. So vergingen Monate. Angela welkte sichtlich dahin; ihre Wangen wurden bleich, und die seelenvollen blauen Mgen lagen tief in ihren Höhlen. Luftveränderung — Prisen — schlug die Mutter vor und sandte ihr jüngstes Töchterlein «ach der nahegelegenen Residenz zu einer ent. fernten Verwandten, die sie im Vertrauen bat, keinen Brief nach Amerika zu dem Ingenieur Marlitz abgehen zu lassen. Die alte Tante war nur allzu gewissenhaft. Sie überwachte mit Argusaugen ihren Schützling und sandte alle Briefe zur Weiterbeförderung der besorgten Mutter zu. Ja noch mehr, sie führte Angela in die Gesellschaft ein und wußte es bald dahin zu bringen, daß ein alter, reicher Junggeselle, der längst ein halbes Jahrhundert überschritten hatte, dem jungen, geistreichen Mädchen Herz und Hand zu Füßen legte. Angela war empört. Sie hing mit jeder Faser ihres Herzens ihrem Geliebten an und sogar der Umstand, daß alle ihre heißen Liebesverstcherungen, die mit ihren Thränen benetzt waren, unbeantwortet blieben, vermochte ihr Vertrauen nicht zu erschüttern. Um aber in dem Herzen des alten Grafen nicht falsche Hoffnungen zu erwecken, kehrte sie in das Elternhaus zurück, nicht ahnend, welcher herbe Schlag sie dort treffen würde. Achtzehn Monate waren bereits seit der Abreise des jungen Ingenieurs vergangen, als Angela aus der Residenz zurückkehrte. Die alte Gräfin mochte wohl befürchten, daß durch irgend einen unglücklichen Zufall ein Brief aus Amerika in die Hände der Tochter gelangen könnte, darum sandte sie nicht allein den letzten ««eröffnet zurück, sondern schrieb auch selbst, daß Angela sich verlobt habe und die Trauung bald stattfinden werde. Es war der erste Brief, den Karl Marlitz erhielt. Er glaubte jedes Wort, das da vor ihm geschrieben stand; die Buchstaben tanzten vor seinen Augen, dann brannten sie sich wie Feuer in seine Seele ein. Als er ruhiger geworden war, packte er mit schwerem Herzen die wenigen Zeichen seines kurzen Liebesglücks zusammen. Angela's Bild, das sie ihm vor der Abreise geschenkt hatte, eine blonde Haarlocke und zwei Briefe, die er von ihr erhalten, als er noch in Deutschland war; das war MeS — aber sein Herz blutete, als er sich von diesen Schätzen trennte. Nur wenige Worte fügte er hinzu: „Du bist frei — sei glücklich!" Dann übergab er selbst diese Kleinodien der Post, ohne zu ahnen, daß dieses die ersten Worte seien, die nach achtzehnmonatlichem treuen Warten seiner Geliebten in die Hände gelangten. Angela starb nicht vor Schmerz beim Empfang dieser Zeilen; sie wurde auch weder krank noch ohnmächtig ; aber niemand ahnte das tiefe Seeleuleiden und die Wunden, an denen ihr Herz verblutete. Sie kehrte in die Residenz zu ihrer Tante zurück; äußerlich ruhig, denn ihr Schmerz war ihr zu heilig, um ihn offen der Welt zu zeigen. Der alte Junggeselle erneuerte seinen Antrag — vergebens. Angela gab ihm ernst und freundlich zu verstehen, daß jede Hoffnung nutzlos sei. So vergingen die Jahre. Der alte Graf war gestorben und der älteste Sohn Kurt verwaltete die verschuldeten Güter. Der jüngste Sohn Hans war nach Beendigung seiner Studien nach Indien gereist, um im fernen Lande das Glück zu suchen, welches seiner ganzen Familie in der Heimath nicht blühen wollte. (Fortsetzung folgt.) - —- Goldköruer. Unter allen Lagen bleibet stolze Armuth stets die schlimmste. Calderon. - —— « »- L GKDöb»«- 323 Judas Makkabäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. ColoniuS. (Schluß.) 28. Kapitel. DeS Siegers Heimkehr. Gibt es wohl einen herrlicheren, herzbewegenderen Anblick, als den eines tapferen Volkes, das sich, indem es sich von dem Joch der Fremdherrschaft frei macht, die Fesseln, die es drückte, abwirft, siegreich sich erhebt und frei — frei ist, um den einen wahren Gott in Lauterkeit und Wahrheit anzubeten? Gleichwie der Mond, wenn die Finsterniß vorüber, durch die Wolken bricht, um in neuer Schönheit am Firmament zu leuchten, so war es in Jerusalem, als Makkabäus und die Seinen in die heilige Stadt kamen, welche sie durch den Arm des Herrn befreit hatten. Die Stadt befand sich in einem wahren Freudentaumel, den sie zu verbergen nicht nöthig hatten. Die Stimme der Danksagung wurde in jeder Straße gehört. Weiber weinten vor Entzücken, und während die jüngeren Bewohner ihr Jauchzen erschallen ließen, segneten die Alten den Herrn, daß sie einen solchen Tag erleben durften. Die vorgerückte Jahreszeit verbot jeglichen Blumenschmuck, aber überall, wohin man blickte, wehten Palmenzweige, waren Thüren und Fenster mit Immergrün geschmückt und Zweige auf den Weg gestreut. Jede Spur von Heidenthum war eifrig zerstört worden, und in den Straßen traten die Kinder die Trümmer der Götzen und Altäre unter ihre Füße. „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er thut Wunder!" und Weiber gingen mit Cimbeln den Kriegern des Judas entgegen. Obgleich eS schon spät im Jahre war, schien die Sonne hell und warm, als ob die Natur an der allgemeinen Freude thcilnehmen wollte. Hierauf zogen sie zum Berge Zion, die Braven und Treuen, sie, die trotz vieler Anfechtung den Glauben bewahrt hatten, die vor dem Götzen niemals ein Knie gebeugt, noch den Bund des Herrn verlassen hatten. MakkabäuS ist der Erste hier wie einst in der Gefahr: „Erhebt Euch, ihn zu sehen, Ihr Kinder von Jerusalem, jauchzet ihm entgegen, Ihr Söhne der Freien!" Eine Gruppe von Weibern und Mädchen stand in der Vorhalle des Tempels. Sarah und Rahel waren unter ihnen. „Du sollst die Erste sein, die Sieger zu begrüßen, meine Tochter," rief Nahel ihrer jungen Begleiterin zu, welche sehr geneigt war, zurückzutreten. „Das hasmonäische Blut fließt in Deinen Adern, und Du hast selbst um Deines Glaubens willen Verfolgung erlitten. Was? Thränen in Deinen Augen an solch einem Morgen wie diesem?" „O, daß meine geliebte Mutter Hadassah gelebt hätte, um dieses zu sehen," dachte Sarah. „Sie würde diesen Tag als ein Vorblld und einen Vorläufer jener gesegneten Zeit angesehen haben, wenn die Erlöseten deS Herrn wiederkommen zu Zion mit Gesang und ewiger Freude, wenn sie werden Freude und Wonne haben und Kummer und Seufzer wird weg müssen." Ja, was jener helle Wintertag, dem bald Frost und Stürme folgen mußten, im Vergleich zu dem herrlichen langen Sommer war, das war das Glück Judüas unter der Herrschaft seines ersten hasmonäischen Fürsten im Vergleich zu dem Ruhm, der ihm gebührte, wenn die Zeiten der Anfechtung und Verfolgung ein Ende haben sollten. Zur Zeit des Makkabäus und seiner Nachfolger hatte sich die „verlassene Königin" aus dem Staube erhoben, aber sie hatte in jener Periode noch nicht den Thron bestiegen. Schreckliche Gerichte, fürchterliche Verfolgungen sollten noch nach jener Zeit des Glückes und der Freiheit In der Geschichte Zions kommen. Die Römer, noch schrecklicher als die Syrer, sollten Jerusalems Söhne dem Schwert und ihren Tempel den Flammen übergeben; und Gottes altes Volk sollte in alle Länder zerstreut und ein Sprichwort und ein Gespött der Leute werden. Aber ihr Ruhm ist nicht für immer dahin. Wir, oder unsere Nachkommen, werden den Weinstock sehen, der, nachdem er aus Aegypten wiedergebracht ist, zu neuer Schönheit erblüht und in dem verheißenen Frühling neues Leben athmet. „Er kommt, er kommt, Makkabäus, unser Held!" so schallte es aus aller Munde, als die wettergebräunten Sieger mit Palmenzweigen in ihren Händen erschienen. Frohlockte auch das Herz deS Makkabäus in jenem Augenblick? Vielleicht nickst, vielleicht würde er das Jauchzen des ganzen Volkes für ein liebendes Willkommen der einen treuen Stimme hingegeben huben. Judas erblickte Sarah. Ihre Augen waren die einzigen, die nicht auf ihn gerichtet waren. Sie suchte eifrig nach einer Gestalt im Gefolge des Führers — der Gestalt ihres Verlobten, des heidnischen Bekehrten, den sie liebte. Die Sieger betraten den Tempel von Zion. Sie kamen nicht nur, um anzubeten, sondern auch zu säubern. Kein Opfer konnte im Heiligthum dargebracht werden, bis das hinweggethan war, was das Heidenthum beschmutzt hatte. Mit Zorn und Abscheu erblickten Judas und seine Anhänger das Bild deS Jupiter, das so viele Jahre den Tempel entheiligt hatte. Seit der Abreise des Antiochus hatte kein Anbeter mehr das Knie vor dem Götzenaltar gebeugt. Das Gebäude war verlassen und vernachlässigt worden. Das Ganze hatte einen Anschein von Verwahrlosung, als ob der Zorn Gottes darauf ruhte, und zeigte einen solchen Abstand gegen das, was es früher gewesen, daß eS die Herzen des Makkabäus und seiner Krieger mit tiefer Betrübniß erfüllte. Ich lasse hier die Worte des Geschichtsschreibers folgen: „Und da sie sahen, wie das Heiligthum verwüstet, der Altar entheiligt, die Pforte verbrannt und daß der Platz rings umher mit Gras bewachsen war, wie ein Wald oder Gebirge, und der Priester Zellen zerfallen waren, da zerrissen sie ihre Kleider und erhoben eine große Klage, streuten Asche auf ihre Häupter, fielen nieder auf ihre Angesichter und bliesen Trompeten und bliesen gen Himmel." Aber es blieb zum Klagen nicht viel Zeit übrig. Makkabäus machte sich mit der ganzen Energie seiner Natur an das Werk der Wiederherstellung. Er wühlte die eifrigsten und besten Priester aus, daS Heiligthum zu reinigen, jede Spur von Abgötterei zu zerstören, die Steine, die entheiligt waren, fortzuschaffen, und den Altar, der entehrt worden war, niederzureißen. Neue Gefäße wurden gemacht, Schaubrode und Weihrauch zubereitet und in dem neuen Heiligthum alles zu dem fröhlichen Fest der Einweihung vorbereitet. Dieses Fest sollte, so bestimmte JudaS Makkabäus, jährlich gehalten werden. Und es wurde von der Zeit ab zwei Jahrhunderte jährlich gehalten, bis die dunkelste, längste Trübsal über Jeru- salem kam. Wer soll nun das Fest der Einweihung des Tempels halten, wenn der herrliche Tempel selbst dahin ist? 39. Kapitel. DaS Fest der Einweihung. Laut und freudig erschallte die Musik der Zithern, Harfen und Cimbcln — der Berg Zion hallte wieder von den frommen Gesängen — als am frühen Morgen die Anbeter des Herrn in seinem Tempel erschienen, um die Opfer der Danksagung zu opfern. Die Vorderseite des Gebäudes war mit goldenen Kronen und Schilden bedeckt, und so erzählt die gewaltige Sprache des alten Geschichtschreibers: „Und war sehr große Freude im Volk, daß die Schande von ihnen genommen war, die ihnen die Heiden angelegt hatten." Dann stiegen, als Sinnbild der Danksagung, Tau» sende rosiger Wolken köstlichen Wohlgeruches von dem Weihrauchaltar auf. Judas Makkabäus stand dabei blasser und nachdenklicher vielleicht, als es für diese Gelegenheit denkbar erscheinen mochte, indem er den aufsteigenden, sich kräuselnden Rauch beobachtete, wie er sich in der durchdufteten Luft verlor. Jetzt nahm der Fürst etwas von seinem Arm und warf es in die Flamme. Die Bewegung war so ruhig, daß sie nur von wenigen der Umstehenden bemerkt werden konnte; und niemand wußte, was das war, das da einen Augenblick hell aufflackerte und dann nicht einmal sichtbare Asche hinterließ. Es waren nur einige Flachsfasern, die einst einige längst verwelkte Blumen zusammen gehalten hatten. Es schien ein werthloses Opfer. Aber, als ein paar Jahre später Judas Makkabäus sein Leben aushauchte, als auf dem verhängnißvollen Felde von Eleasa der feindliche Stahl ihm sein wüthiges Herz durchbohrte, ist ihm sicherlich nicht solcher Schmerz verursacht worden. Und hier will ich meine Geschichte schließen und den Helden von Juda als Sieger über seine Feinde und als Sieger über sich selbst verlassen. Mag das Gemälde vor dem Auge des Lesers bleiben, wie es in der Stunde des Triumphes und der Freude war — als der Herr das Gefängniß Zions wendete und ihre frohlockenden Bürger waren wie die Träumenden. -- Der Kalcnderstreit und seine Folgen in Augsburg. ( 1583 - 1591 .) Nachdruck verboten. R. Die 1547 durch den Schmalkaldischen Krieg der Reichsstadt Augsburg geschlagenen Wunden waren vernarbt, und das am 3. August 1548 wieder in den Besitz der Negierungsgewalt gelangte Patriziat bemühte sich redlich, das Loos der Bürger zu verbessern und namentlich die bedauerliche Kluft zwischen den Bekennern der alten und der neuen Lehre zu überbrücken. DaS Kunsigewerbe erreichte die höchste Blüthe, eine außerordentliche Bauthätigkeit legte in vielen Werkstätten aufs Neue einen goldenen Boden, und sogar in den Theuerungsjahren von 1567 bis 1572 wußte die Umsicht deS Rathes, ungeachtet er 4000 Personen das Almosen zu reichen hatte, die Einwohnerschaft vor den Schrecken einer Hungersnoth zu bewahren. Außerdem störten die großen Welthänbel Augsburgs Ruhe nicht. Zwar hatte Kurfürst Moritz von Sachsen im April 1552 der Stadt sich bemächtigt, das Zunftregiment wieder hergestellt und die gesperrten Kirchen den Evangelischen zurückgegeben, allein dieser Zustand dauerte nur vier Monate, und die Rückkehr in die alten Verhältnisse ließ die Unterbrechung um so lieber vergessen, als Kaiser Karl V. diesen Vorgang mit Milde behandelte. So verfloß die lange Ne- gierungszeit der beiden Stadtpfleger — eine seit 1548 wieder eingeführte Bezeichnung der höchsten Staatswürden — Heinrich von Nehlingen (1549—1575) und Christoph von Peutinger (1553—1576) ziemlich ruhig, denn das Zerwürfniß unter der katholischen Geistlichkeit und dem von Karl V. 1552 nicht beanstandeten evangelischen Predigtamte artete nicht in ärgerliche Auftritte aus, wodurch allmählig ein versöhnlicher Geist bei der Bürger- schaft einkehrte und das ganze Gemeinwesen während 40 Jahre frisch auflebte. Nun aber trübte ein völlig fernliegendes, lediglich aus Zweckmäßigkeitsgründen entsprungenes Ereigniß den heiteren Himmel glücklichen Friedens. Bet dem von Julius Cäsar 46 vor Chr. dem römischen Weltreiche gegebenen Kalender fand die 325 nach Nicäa einberufene Kirchenversammlung, daß seit dieser Zeit das Frühlingsäquinoktium immer auf den 24. März falle, was endlich 1474 den Papst SixtuS IV. bestimmte, durch den gelehrten Bischof von Negensburg Regiomon- tanus zu Rom die Berichtigung der Zeitrechnung vornehmen zu lassen. Der plötzliche Tod dieses Mannes (1° 1476) ließ die Arbeit unvollendet bis Papst Gregor XIII. mit der Fortsetzung derselben eine Commission beauftragte, zu der auch der Bamberger Mathematiker Clavius gehörte. Das von ihr vorgelegte Gutachten veranlaßte die päpstliche Bulle vom 24. Februar 1582, welche anordnete, daß auf den kommenden 4. Oktober nicht der 5., sondern der 15. Oktober zu folgen habe. Diesen neuen oder Gregorianischen Kalender nahmen Italien, Spanien, Portugal, Frankreich, Lothringen und die katholischen Landstriche der Schweiz und der Niederlande anstandslos an, während er in einem Theile des deutschen Reichs und ganz besonders in Augsburg auf heftigen Widerstand stieß, der an dem kirchlichen und an dem politischen Gebiete der sich sträubenden Reichsstadt nicht spurlos vorüberging. — Die erste Kunde von einem neuen Kalender verbreitete sich in Augsburg während des 1582 hier gehaltenen Reichstags, ohne besonderes Aufsehen zu erzeugen, weil man wissen wollte, der Kaiser habe auf den Rath der Kurfürsten dem päpstlichen Legaten gegenüber wegen der Neuerung sich ablehnend geäußert, wie denn auch den versammelten Ständen keine Vorlage darüber zuging. Niemand legte deßhalb dem Vorhaben Roms eine Bedeutung bei. Ehe jedoch das Jahr sich vollendete, verlautete abermals, daß bezüglich der Abänderung der Zeitrechnung unter den Fürsten und Ständen Verhandlungen im Gange seien, denen sich allmälig die Aufmerksamkeit aus weiteren Kreisen zuwendete. Ganz besonders war es ein Mann in Augsburg, welcher in dem neuen Kalender einen versteckten Angriff auf den am 26. September 1555 mühsam erkämpften Neligionsfrieden witterte und deßhalb einen Sturm auf die Unabhängigkeit des evangelischen Ministeriums seiner Vaterstadt voraussagte. Dieser um die Erhaltung der Ovuksssio ^.u- ssustann besorgte Wächter war Or. Georg Müller oder Mhlius, wie er selbst sich schrieb. Von der Hochschule 83k 1572 in die Heimath zurückgekehrt, erhielt der 24 Jahre alte Theolog auf Ansuchen daS Diakonat bei Heiligkreuz, rückte 1579 auf die Pfarrei St. Anna vor und nahm bald darauf als Superintendent und Rektor des Kollegiums St. Anna die höchste Stelle im geistlichen Ministerium ein. Ausgezeichnet durch Gelehrsamkeit und ein beliebter Prediger, trat er auch als ein streitbarer und seiner Würde nichts vergebender Magister auf, welche Charaktereigenschaften ihn mit den übrigen 13 Prädi- kanten zu einer scharfen Fehde mit der weltlichen Obrigkeit hinrissen. Die Nachsicht der beiden Stadtpfleger Heinrich Nehlingen und Ch. Peutinger, welche keinem StaatS- oder Kirchendiener gegen die angestrebte Ausdehnung ihrer Amtsbefugnisse eine Schranke setzte, was die evangelischen Kirchenpfleger im Rathe soweit irre führte, daß sie, obwohl nur zur Vermittlung des Verkehrs der Prediger mit dem Rathhause berufen, die Vertretung des PredigamteS, sich anmaßten, zeitigte auch bei dem von einen einflußreichen Anhange umgebenen Dr. MyliuS den irrtümlichen Glauben, daß er mit dem Konvent einen eigenen und besonderen Stand im Reiche bilde, dem die ordentliche Obrigkeit in Neligions- und Gewissenssachen nichts vorzuschreiben habe, wie derselbe auch ausschließlich zur Regelung der kirchlichen Angelegenheiten berufen sei. Diesen Rechtsboden, weil mit dem jns krinoixis des Rathes einer freien Reichsstadt nicht vereinbar, be- stritten die 1575 gewählten Stadtpfleger Marx Fugger- Kirchberg-Weißenhorn und Anton Christoph Nehlingen- Horgau dem Superintendenten, waS ihn nach der schon 1576 gemachten Erfahrung nicht überraschen durfte. Er war nämlich wegen der am Sonntag Dxauäi gehaltenen ' Predigt, worin er die Jesuiten anklagte: „durch ihr blutgieriges Einblasen der Potentaten Herz verbittert und dadurch die Pariser Vluthochzeit (1572) angezettelt zu haben", vor die Stadtpfleger geladen und allen Ernstes ermähnt worden, „solcher Sachen in dieser Zeit auf der Kanzel zu geschweige»". Hatte ihn, den Diakon, die Citation und der Verweis, wozu er nur das Ministerium als berechtigt erachtete, gekränkt, so hoffte er in der jetzigen Würde das, was der Helfer in stillem Zorne hinnehmen mußte, mit Erfolg zurückgeben zu können. Die Gelegenheit zu dieser Kraftprobe stellte sich bald ein. Seit dem 15. Oktober 1582 gebrauchten mehrere europäische Staaten die neue Zeitrechnung, in Folge dessen der dorthin gerichtete deutsche Handel mit Widerwärtigkeiten mancher Art und mit empfindlichen Verlusten sich bedroht sah. Den darüber verlauteten Klagen halfen etliche Fürsten und Stünde im Reiche durch Annahme des neuen Kalenders ab. Argwöhnisch betrachtete Dr. MyliuS diese Vorgänge, und er hielt es jetzt an der Zeit, ehe auch der hiesige Rath mit der Angelegenheit sich beschäftigen könnte, seine Gemeinde an den Gedanken zu gewöhnen, Allem, was von dem Papste ausgehe, die Kirchen zu verschließen. Willig gehorchte der gemeine, urtheilslose Haufen dem Lockrufe, der aber auch gebildete Männer verführte, darunter sonderbarer Weise den berühmten Botaniker und Stadtarzt Dr. Adolf Occo (geb. 1524), welchem Deutschland die Einfuhr der Tabakpflanze verdankte. Aergerlich über die voreilige Verhetzung der Bürgerschaft, vermieden doch die katholischen Stadtpfleger jeden Schein der Gewissensbedrückung und sie schritten gegen die Prädikanten nicht ein; allein mit ungetrübtem Blicke in die Zukunft schauend, wollten sie für alle Fälle gegen kurzsichtige Gegner gerüstet sein. Sie beauftragten deßhalb den Augsburgischen Mathematiker Dr. Georg Henisch mit der nochmaligen Prüfung der Kalenderänderung, und der allgemein geachtete Gelehrte sprach sich rückhaltlos dahin aus: „er finde an dem neuen Werke nichts Ungereimtes." Als nun am 2. Januar 1583 Herzog Wilhelm von Bayern an den Rath schrieb, er sei entschlossen mit dem Erzbischof von Salzburg den neuen Kalender anzunehmen, und in gleicher Weise der hiesige Bischof Mar- quard II. zu erkennen gab, er werde in seinem von Dillingen bis Füssen sich ausdehnenden Gebiete denselben einführen, so blieb dem Rathe keine andere Wahl, als sich den Nachbarn anzuschließen, sollte nicht das Gemeinwesen und die Handelschaft schwer geschädigt, ja sogar den Jahr- und Wochenmärkten die unentbehrliche Zufuhr der Lebensmittel aus Bayern und Schwaben abgeschnitten werden. Demgemäß entschied sich der gebotene Rath „einhellig" zu Gunsten des neuen Werkes, daS schon „bis an die Ringmauer der Stadt" reiche, „aber — wie bei der Publikation des Beschlusses zur Beruhigung der Bürger ausdrücklich bemerkt wurde — mit Nichten auf des Papsts Ersuchung, viel weniger auf desselben Befehl und zum allerwenigsten ihm einige Superiorität über diese Stadt und derselben Obrigkeit dadurch einzuräumen oder der Augsburgischen Confessions-Neligion und ihr zugethanen Bürgerschaft einigen Abbruch ihrer Lehr halber zuzufügen, sondern allein dessen wegen, die merkliche Zerrüttung und Konfusion, welche ob der Ungleichheit des alten und neuen Kalenders in Haltung der Feier» und Fest-, auch Raths- und Gerichtstäge, dergleichen in den kommerziell, Jahr- und Wochenmärkten nothwendig entstehen müssen, abzustellen, also ganz und gar ein politisch Werk weder dem Neligionsfrieden noch dem Gewissen anhängig, das anzurichten jeder Obrigkeit, die Macht hat, Statuten zu machen, Zukommt, also auch in Einführung oder Aenderung und Versetzung der Feiertäge auch derer, welche zur Ehre Gottes angesehen werden." So wohlgemeint der durch unabwendbare Verhältnisse dem Rathe abgerungene Beschluß und die ihm angehängte Belehrung war, auf Dr. MyliuS und seine Anhänger wachte dieses keinen Eindruck. Sie verlangten „dem Papst seinen losen Kalender anheimzu- schicken", denn es sei „ein vermessen Stück Kaiserlicher Majestät, den Kur- und Fürsten (Bayern ausgenommen) und den übrigen Ständen vorzugreifen, insonderheit von Augsburg, allda ein getheiltes Kirchenwesen gefunden wird, daher alles so lange in Ruhe zu stehen habe bis ein anderes durch den Reichstagsabschied festgesetzt sei oder der Augsburgischen Confessionsverwandten hohe und niedere Neichsstände sich dessen miteinander einhellig verglichen haben werden". Weil die drei Kirchenpfleger sich anmaßten, „die ganz unbescheidene Schrift" am 15. Januar zu vertheidigen, so wurden sie „unter Verweisung ihres Unfugs glimpflich verabschiedet", die Supplikanten aber verständigt, daß es bei dem Rathsbeschluß verbleibe. Die dadurch wegen ihrer Religion geängstigten evangelischen Bürger, bestärkt in dem Irrthume, daß der Rath nur auf die Ausrottung der Augsburgischen Konfession abziele, scheuten sich jetzt nicht, gegen die eigene Obrigkeit den Rechtsweg einzuschlagen. Sie reichten bei dem Kammergericht zu Speyer eine Klage ein und verbanden damit die Bitte um ein munäutniu sins oluu- Luiu. das ihnen auffallender Weise schon am 26. März 326 — gewährt wurde. Der Rath antwortete jedoch ohne Ver- zug Mit der xstltio xro oassalions raanäuti, und UM dem Mißtrauen nicht weitere Nahrung zu geben, aber auch zur Verhütung einer Täuschung, daß er den ange- fochtenen Beschluß zurücknehme, machte er öffentlich bekannt, daß „des Gerichts, Raths und der Märkte halber gemäß seinem Dekret nachgegangen werde und nur, wie auch bishero, wegen der Haltung der Feiertäge nach dem neuen Kalender ein Kammergerichts-Erkenntniß abgewartet werden wolle". Anstatt nun in Ruhe dem Verlaufe deS Prozesses sich zu fügen, steigerte sich immer mehr die Verbitterung unter den Bürgern, und brutale Ausschreitungen waren keine Seltenheit. Derselben Meister zu werden und die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten, sahen sich die Stadtpfleger genöthigt, die Stadtgarde mit mehreren Knechten zu verstärken. Ungeachtet dadurch die Steuer nicht erhöht wurde, ja sogar die ökonomische Lage der Stadt die Verringerung des Umgelds ermöglichte und die aus der Zeit des Schmalkaldischeu Krieges herrührende Schuldenlast sich verminderte, wuchs die Unzufriedenheit mit den Negterungshandlungen, und die feindselige Stimmung artete in die thörichtsten Exzesse aus. Ein dumpfes Gerücht schlich durch die Gassen, es sei der Plan geschmiedet, am Tage Simon und Judä die evangelischen Einwohner zu massakriren und sie ihres Eigenthums zu berauben, und angesehene Familien schämten sich nicht, dem Blödsinn Glauben zu schenken, denn „sie fingen an, ihre Behausungen aufs best zu verriegeln und zu vermauren, mit einer Anzahl von Büchsen zu versehen und sie legten Knechte hinein, nicht anders als wenn der Türk vor den Thoren stände". Diesem unleidlichen, durch das Stillschweigen der Prädikanten unterstützten Zustande schien ein Mandat des Kaisers ein Ende zu machen. Rudolf II., dessen Schwerfälligkeit bei der Erledigung aller Staatsgeschäfte allgemein bekannt war, verfügte am 4. Scpt. 1583: „wir haben uns entschlossen das neue Calcndarium sowohl als Römischer Kaiser deutscher Nation, als auch in unseren Königreichen und Landen zu gebrauchen und dasselbe auf den Oktober des laufenden Jahres einzurichten, und wir leben der gnädigen ungezweifclten Zuversicht, ihr werdet eures Theils euch solcher unserer Resolution und Erinnerung zu accommodiren und derselben gemäß zu halten wissen." Der Rath, sehr erfreut, in dem allerhöchsten Befehl die gleichen Erwägungen anzutreffen, die ihn bisher in der Sache geleitet hatten, ließ das Mandat unter Trompetenschall auf allen Plätzen der Stadt verlesen und gleichzeitig publiziren: „hierauf wird sich männiglich gegen der kaiserlichen Resolution der Gebühr zu erzeigen, und sich fürohin gegen einem Ehrsamen Rath schuldigen Gehorsams zu verhalten, auch alles das zu vermeiden wissen, das der ordentlichen Obrigkeit verkletnerlich, auch ihnen selbst verweißlich fällt und zu Pflanzung oder Fortsetzung dergleichen Mißtrauens und Spaltung, so durch etliche (denen es zum wenigsten gebühret) hierüber ohne alle Noth und Fug erwecket worden ist, fürdersam und dienstlich sein mag. Das wird ein E. Rath gegen die so sich getreue Warnung und eines E. Raths Lang- müthtgkeit nicht zur Besserung leiten lassen, mit allem Ernst zu ahnden keineswegs umgehen." Die erwartete Wirkung bei der Partei des Dr. Mylius blieb aus, und hatte sie schon den „Beruf vom 17. April 1683 als ganz fremd, beschwerlich und recht verdrießlich, ja als leibliche Marter" empfunden, fo glaubten die evangelischen Bürger jetzt lieber ihrem Ministerium, das sich nicht scheute, das kaiserliche Mandat des befehlenden Charakters zu entkleiden und ihm den Stempel einer nicht verbindliche» Privatäußerung aufzudrücken. In feierlicher Weise bekräftigte der ganze Konvent seinen Widerspruch dadurch, daß er am Sonntag den 9. Oktober von allen Kanzeln „eine Purgation des Predigamtes an seine verärgerten Zuhörer" kundgab. „Nicht aus Muthwillen, noch viel weniger aus Verachtung unserer lieben Obrigkeit — lautete der Protest — sondern aus aufgedrungener Noth lehnen wir den neuen Kalender ab, wir würden sonst mit unserem Nachsehen die löbliche Freiheit unserer Kirche schwächen, nicht einen Fuß darf der Papst in dieselbe setzen, daraus er Gottlob ausgemustert ist, derohalb wir flehen uns im Argen nicht zu verdenken, wenn wir die Fest- und Feiertage als ein pur lauter Kirchenwesen nach des PapstS Kalender anzurichten uns bestandiglich verwidern." Der Rath nahm Abstand von der strafrechtlichen Verfolgung der beispiellosen Renitenz in der Hoffnung, ein günstiges Urtheil aus Speyer in nicht ferner Zeit zu erhalten. Dasselbe vom 13./23. Mai 1584 hob nicht nur das angefochtene Mandat auf, sondern wies auch die Klage in allen Punkten ab und belastete die Kläger mit sämmtlichen Gerichtskosten. Bitt diesem Richter- spruch fiel das letzte Bollwerk der Gegner, die dessen ungeachtet weder kapitulirten, noch um Frieden baten. Ob sie dabei auf die kräftige Vermittlung der angerufenen evangelischen Fürsten und Stünde hofften, oder durch einen Gewaltakt eine Sinnesänderung auf dem Rath- hause erzwingen wollten, mag dahingestellt bleiben, jedenfalls machte die versuchte Verschleppung und ihre trotzige Haltung sie verdächtig, dem nunmehr verbrieften Recht sich zu entziehen. Zunächst reichte der ganze Convent bet dem Rath eine Supplikation ein: „des kaiserlichen Kammergerichts Urtheil wolle von Etlichen dahin verstanden werden, als ob mit selbigem auch dem evangelischen Kirchenwesen der neue Kalender auferlegt sei, welcher Meinung sie sich nicht versehen mögen und auch in dem Urtheil nicht finden können. Demnach womit eines E. Raths Dekret dem politischen Wesen in der Stadt Maaß und Ordnung gegeben werde, wissen sie sich gehorsamst schuldig in solchem eines E. Raths Willens zu leben, wofern aber mit gedachtem Dekret auch das Kirchenwesen gemeint sei, bezeugen sie für Gott, daß sie sich hierinnen im Gewissen beschwert erachten und bitten sie um GotteS Willen, mit gefährlichen Prozessen ihrer gnädiglich zu verschonen." Da nunmehr eine ganz klare Sachlage sich gebildet hatte, lag für den Rath kein Grund vor, die übermüthige Eingabe einer Antwort zu würdigen, welches Stillschweigen dagegen die Prädikanten als ein Berücksichtigen ihrer Einwendung ausgaben. Deßhalb ließ der Superintendent am nächsten Sonntag von den Kanzeln verlesen, es werde am Donnerstag in altherkömmlicher Weise das Hiwmelfahrtsfest (von den Katholiken schon vor Wochen begangen) gefeiert werden. Hievon unterrichtet, ordnete der Stadtpfleger Nehlingen an, daß unverzüglich vom Erker des Rathhauscs ausgerufen werde: „dieweil wider eines E. Raths Edikt und des kaiserlichen Kammergerichts Mandat, allem der Obrigkeit zu besonderem Trotz, Verachtung, Ungehorsam und Spott, die Diakonen in den Predigten den Auffahrtag verkündigt haben, wolle ein E. Rath ernstlich mandirt haben, 327 baß man auf künftigen Donnerstag alle Läden aufthue, feil halte und den Wochenmarkt, wie alleweg, fortgehen lasse bei ernstlicher Straf." In dieser Schärfe trat der Gegensatz zwischen dem weltlichen und geistlichen Regiments noch nie in die Oeffentlichkeit, und Jedermann fühlte das Nahen eines folgeschweren Ereignisses. Volkshaufen bildeten sich in den Gassen, die lebhaft die Zukunft besprachen, Drohworte gegen die Obrigkeit und die Mitbürger ausstießen und Unfug mancher Art verübten. Berittene Soldaten zerstreuten die lärmende Masse und hielten den öffentlichen Wandel aufrecht. Aufregende Gerüchte schwirrten in der Luft, welche erzählten, die Schlüssel zum Perlach, wo die Sturmglocke hing, seien in das Amtszimmer der Stadtpfleger gebracht, die Fallgatter werden herabgelassen und die verstärkten Thorwachen untersuchen die ankommenden Reisenden, ob sie etwa Waffen mit sich führen. Mit ängstlicher Spannung sah man deßhalb dem auf Montag den 4. Juni neuen Stils angesagten außerordentlichen Rathstage entgegen, über welchen Etliche geheimnißvoll flüsterten, er sei gegen die Prädikanten gemünzt und gelte hauptsächlich dem Pfarrer von St. Anna, den der Papst begehre und für den in Rom schon der Kessel mit Oel über dem Feuer hänge, worin er gesotten werden soll. *) Die Neugierde und die Theilnahme an dem Loose der Prediger versammelte zahlreiche Bürger auf dem Platze vor dem Nathhause, welche tn besonnener Ruhe den Ausgang der Berathung abwarteten; allein sie hörten darüber nichts und sahen nur die Nathsherren, darunter mehrere evangelische, ernster als gewöhnlich den Sitzungssaal verlassen. Ganz unverletzt blieb jedoch das Amtsgeheimniß Nicht. Man hörte, daß auf 2 Uhr Nachmittags die Prediger vor die Stadtpfleger geladen seien und daß der Stadtvogt der Nathssitzung anwohnte: Vorgänge, welche die Aufmerksamkeit der evangelischen Bewohner so sehr auf sich lenkten, daß viele die Arbeit verließen und die Behausungen ihrer von Gefahren bedrohten Geistlichkeit bewachten. Um die Essensstunde entleerten sich aber die Straßen, und diese Zeit wählte der evangelische NeichL- Stadtvogt Augustin Weyß, den ihm morgens gewordenen Auftrag des Raths zu vollziehen. Nur von einem einzigen Diener begleitet, ging er zu Dr. MyliuS, welchen er in der Studierstube allein antraf, und indem er ihm ein Rathsdekret aushändigte, eröffnete er ihm, daß er Vollmacht und Gewalt habe, ihn ohne Verzug und geräuschlos aus der Stadt und über deren Eiter hinaus zu führen, etwa nach Pferse, in Zobels Sommersitz oder wohin es ihm gefalle. Der Bitte, mit seinen Kollegen und Mitbrüdern sich zu besprechen, konnte der Stadtvogt, der mit Leib und Leben sich verbürgte, daß ihm an Leib und Gut kein Leid widerfahre, nicht entsprechen, und so rüstete sich der Superintendent mit den Worten zum Aufbruche: „er hätt sich solchen schnellen Prozeß gegen seinen Herren mit Nichten versehen." Alles hatte im Nebenzimmer die Frau Pfarrerin gehört, und sie erhob jetzt am geöffneten Fenster mit den Ehehalten ein solches Jammergeschrei, daß viel Volk herbeiströmte, darunter auch Müller's beide Schwäger. Diese, tn das Haus eingetreten, schloffen sich mit der Erlaubniß des Vogts ihrem Schwager an. Alle gingen durch den Hof und trafen außerhalb der kleinen Gartenthüre gegen den Zwinger einen Wagen, ') Dieses Märchen und ähnliche erzählt Dr. MyliuS selbst in seinem Buche „Augsburger Händel" als glaubwürdige Nachrichten den sie bestiegen. Als die Kutsche aus dem engen Gäßchen auf den Platz an dem Göggingerthore einbog, sang Dr. MyliuS sammt seinen Verwandten mit lauter Stimme den 31. Psalm „In dich hab' ich gehoffet Herr, hilf, daß ich nicht zu Schanden werde", und plötzlich war der Wagen von einer wtldtobenden Menschenmenge umringt. Der Fuhrmann wurde vom Bock gezogen, junge Gesellen schnitten die Stränge der Pferde ab, und mehrere Bürger forderten unter Trostworten den Geistlichen auf, auszu- steigen, was er that. Sie eilten dann mit ihm in ein benachbartes Haus, wo er ein sicheres Versteck gewann (Schluß folgt.) Ein gefährlicher Feind. Bei Gelegenheit der im September v. I. in Stuttgart stattgehabten Verhandlungen über die Erbauung von Heilstätten durch die Jnvaliditäs- und Altersversicherungsanstalten machte der Direktor deS ReichS-Ge- sundheitsamtes, Geh. Ober-Negierungs-Nath Köhler, Mittheilungen über die Verbreitung der Lungenschwindsucht, die wahrhaft schreckenerregend sind. Er führte aus: Von 1000 Todesfällen im Deutschen Reiche find etwa 105 bis 107 auf Tuberkulose zurückzuführen, d. h. diejenige Rolle, die im vorigen Jahrhundert vor Einführung der Schutzpockenimpfung die Blattern bei uns spielten, von denen man sagte, daß der zehnte Mensch an den Pocken sterbe, dieselbe Rolle spielt die Lungenschwindsucht, eher noch in verstärktem Maße, denn nicht bloß der Zehnte, sondern ungefähr der neunte stirbt schon daran. Ganz anders wird das Bild, wenn wir die einzelnen Altersklassen vornehmen. Von 1000 Todesfällen in der Altersstufe von 0 bis 1 Jahr — nach den Zahlen des Jahres 1893 — sind 10,8 auf Tuberkulose zurückzuführen, von 1000 Todesfällen im Alter von 1 bis 15 Lebensjahren 62,2, vom 15. bis 60. Lebensjahre 322 , 3 , über das 60. Lebensjahr hinaus 60. Mit anderen Worten: von der erwerbsfähigsten Altersklasse unseres Volkes, das sind die von 15 bis 60 Jahren, stirbt von dreien, die in diesem Alter überhaupt das Leben beende«, immer einer an der Tuberkulose. Wenn wir auch in der Hoffnung, den Schwind- suchtserreger zu überwinden, getäuscht waren, so hat sich doch manches geändert. Man hat den Feind studirt und ihn kennen gelernt; man weiß, daß viele Wunden, die er dem Körper des Einzelnen schlägt, heilbar sind, und daß mancher arbeitsunfähige Tuberkulöse unter richtiger Behandlung wieder die Fähigkeit erlangt, für sich und die Seinen zu arbeiten. Mit der Erkenntniß, ^daß ein winziger Spaltpilz, der daoillus tuderoulosus, der vergiftende Träger der Ansteckung ist, waren auch die Mittel gegeben, ihm den Weg von Mensch zu Mensch und von Thier — auch ein Theil der Thiere leidet an der Tuberkulose — zu Mensch zu verlegen. Der Tuberkelbacillus befindet sich im Auswurf Tuberkulöser und wird von da, wenn der Auswurf eintrocknet und verstaubt, sei es am Boden, sei es in einem Taschentuchs, vom Winde oder dem Luftzuge in Mund und Nase der Gesunden getragen und gelangt so mit dem Athmen und Essen in deren Körper. Ebenso befindet sich der Bacillns in der Milch perlsüchtiger d. h. tuberkulöser 328 Kühe und wandert mit dieser beim Trinken in den Menschenkörper. Daraus ergeben sich folgende Vorfichts- regeln: Man halte für den Auswurf stets einen mit Wasser gefüllten Spucknapf bereit, man sorge, daß von den benutzten Taschentüchern kein feiner Staub auffliegt, man vermeide das Ausspeien auf der Straße, und man trinke Milch von unbekannten Kühen nicht anders, als gekocht, weil der Bacillns durch das Kochen vernichtet wird. Nun ist es aber eine bekannte Thatsache, daß nicht jede Kugel im Kampfe trifft. Genau so liegt es auch hier. Nicht jeder Tuberkelbacillus, der in unseren Körper gelangt, hat seine bösen Folgen, sondern diese stellen sich nur dann ein, wenn er in dem Körper einen geeigneten Boden zum Wachsen findet, d. h. einen geschwächten Organismus. Ererbte Körperschwäche, oder eine durch die Lebensweise, durch schlechte Nahrung, enge und ungesunde Wohnungen, körperliche oder geistige Ueberanstrengungen oder ausschweifendes Leben untergrabene Gesundheit sind Diener, die dem Schwindsuchts- bacillus den Boden zum Gedeihen zurecht machen. Die Schwindsucht zeigt sich darin als eine eng mit den socialen Verhältnissen verknüpfte Krankheit und sie ist zum großen Theil auch auf dem Gebiete socialer Neformarbeit zu bekämpfen. Ferienkolonien für kränkliche Kinder, Verbesserungen der gemeindlichen hygienischen Verhältnisse, Schaffung gesunder Wohnungen, Beseitigung der überlangen Arbeitszeit, Einrichtung gesunder Arbeitsräume, genügender Arbeitslohn, billige und gute Lebensrnittel und ein vernünftiges, solides Leben — das sind Waffen, mit denen man dem Tuberkelbacillus Terrain abgewinnen, Gesunde vor ihm schützen und viele Erkrankte noch von ihm befreien kann. Als weitere vorzügliche Kampfmittel treten dazu die Sanatorien für Schwindsüchtige. Diese an klimatisch günstigen Orten gelegenen Heilanstalten versprechen, richtig und frühzeitig angewendet, die schönsten Erfolge. Nicht nur wird durch Entfernung des Erkrankten aus seiner Familie und Umgebung die Gefahr der Ansteckung für diese beseitigt, sondern es erwächst auch für den Patienten durch die geregelte Lebensweise bet Arbeit und Erholung und durch die das Gemüthsleben anregende neue und gesunde Umgebung die größte Hoffnung auf Heilung. Nun gibt es zwar schon eine Anzahl solcher Sanatorien, aber dieselben find fast ausschließlich den Wohlhabenderen zugänglich; für die Unbemittelten, die den harten Kampf um's Dasein zu kämpfen haben und von der Hand in den Mund zu leben gezwungen sind, fehlt eS bisher noch an Heilanstalten. Und doch sind eS gerade diese Kreise, die durch unzulängliche Lebenshaltung, gesundheitsschädliche Arbeit und ungenügende Wohnräume der Gefahr besonders ausgesetzt find und die von den Wunden, die die Schwindsucht schlägt, doppelt schmerzhaft betroffen werden. Der seelische Schmerz, einen nahen Verwandten leiden zu sehen und ihn durch den Tod zu verlieren, ist Reichen und Unbemittelten gemeinsam, dazu kommt aber für letztere noch die materielle Sorge. Jeder Kranke drückt bei den Unbemittelten schwer auf die Lebenshaltung der ganzen Familie, und der Tod oder auch nur die ernste Erkrankung der ernährenden Mitglieder bedeutet für die Familie Noth und Verarmung. Deßhalb ist die Schaffung von Sanatorien für unbemittelte Schwindsüchtige eine wichtige soziale Aufgabe, an deren Lösung das ganze Volk das größte Interesse haben muß. Die Aufgabe ist so groß, die Hilfe so dringend und der Heilstätten fehlen so viele, daß private Arbeit allein, so dankenswerth sie auch ist, hier nicht genügt, sondern daß es dazu der systematischen und kräftigen Mitarbeit aller staatlichen und kommunalen Organisationen bedarf. Selbstverständlich wird damit die private Thätigkeit nicht überflüssig, sondern sie soll von den Behörden in der ausgiebigsten und vorurtheilslosesten Weise gepflegt und gefördert werden. In den Vordergrund drängt sich dabei der Wunscy, und die letztjährige Versammlung des VereinS für öffentliche Gesundheitspflege hat ihn eingehend erörtert, daß die großen Zwangsorganisationen der Arbeiter in den Krankenkassen und der Jnvaltditäts- und Altersversicherung und vor Allem die dabei aufgehäuften Kapitalien, die bereits rund eine Viertelmilliarde betragen, diesem Zwecke dienstbar gemacht werden, sei es, daß die Versicherungsanstalten allein, oder in Verbindung mit den Krankenkassen und Kommunaloerbänden die Erbauung von Volkssanatorien in die Hand nehmen, oder sich daran mit der Tragung der Kosten betheiligen. Den glücklichen Anfang damit hat die hanseatische Versicherungsanstalt mit ihrem Harzer Sanatorium in Andreasberg gemacht. Daß die auf den Bau von Sanatorien verwandten Kosten durch Ersparnisse auf anderen Gebieten wett gemacht werden, liegt auf der Hand; wurden doch nach dem Ergebniß von 23 Versicherungsanstalten, wie der Direktor der hanseatischen Versicherungsanstalt in Lübeck auf der Versammlung des Vereins für öffentliche Gesundheitspflege mittheilte, 12,82 pCt. oder 8500 infolge der Tuberkulose arbeitsunfähig. Freilich ist es, wenn die aufgewandten Kapitalien für Sanatorienban Frucht tragen sollen, nothwendig, daß die Sanatorien nicht Siechenhüuser und Sterbeasyle, sondern Gesnndungsanstalten, Sanatorien im wahrsten und schönsten Sinne des Wortes werden. Unheilbare Schwindsüchtige, für die in anderer Weise zu sorgen ist, sollen nicht ausgenommen werden, sondern nur solche, die vom Arzt für heilbar erklärt werden, diese aber so früh als möglich. Sache der Aerzte wird eS sein, die Krankheit schon in ihren Anfängen festzustellen und darauf zu halten, daß der Erkrankte Aufnahme in ein Sanatorium findet. Zu vermeiden ist bei der Organisation der Volkssanatorien Alles, was manches unserer Irrenhäuser und Krankenanstalten so unbeliebt im Volke macht. Die Sanatorien sollen durch und durch volkstümlich sein und der Erkrankte soll gern hineingehen in dem Gedanken, daß er dort sich an Leib und Seele erholt und dann gesund zu neuem Schaffen und Wirken ins Alltagsleben zurücktreten kann. Man hat in letzterer Zeit viel von einem inneren Feind geredet und zu seiner Bekämpfung aufgefordert. Hier in dem winzigen Tuberkelbacillus ist ein Feind, der viel schlimmer ist, als jene meist nur eingebildeten Schrecknisse und Gespenster. Ihn zu bekämpfen ist soziale Pflicht. Auslösung des TelegrvphenräthselS in Nr. 42: Wer einmal lügt, muß oft Zu lügen sich gewöhnen, Denn sieben Lügen braucht's, Um eine zu beschönen. « 44 . 1896 . „Augsburgrr Postzeitung". Dinstag, den 26. Mai Für die Redaction verantwortlich: Vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbesitzer vr. Max Huttler). Pfingsten. Komm', heiliger Geist, von oben, Lehr' uns den Vater loben, Die Menschheit ist erschlafft. Wohl sausen Dampf und Räder, Doch fehlet dem Geäder, Des rechten Oeles Kraft. Gib Deiner Kirche Zeugen, Die sich der Welt nicht beugen In hohem, edlen Muth. Laß nie den Geist vergehen, Der einst mit Sturmeswehen Gebar das Martyrblut. Und über Land und Krone Als treuer Hüter throne, Du Geist der Heiligkeit! Daß in der Zeit Gewittern Nicht Volk, nicht Fürst erzittern; Denn Du hast sie gefeit. In alle Hütten gehe, Durch alle Häuser wehe, Dein ernster Friedenshauch, Auf daß in steten Treuen Die Bande sich erneuen Und Sitte bleibt und Brauch. In Seelen, die verzagen, In Herzen, welche klagen, Kehr' ein als trauter Gast! Daß sie gleich Adlern fliegen Und Jugendkräfte kriegen, Weil Du durchweht sie hast. Schon blüht's auf allen Fluren In allen Kreaturen Der frische Trieb sich regt: Komm, Schöpfer Geist, auf Erden, Die Menschenherzen werden Durch Dich allein bewegt. Adolph Müller. Schick salsrvege. Erzählung von Llarisse Borges. (Fortsetzung.) Angela war jetzt dreiundzwanzig Jahre. Die Noth und die Sorge in dem täglichen Kampfe um's Dasein im Elternhause war ihr längst zuviel geworden, und sie entschloß sich, die Heimath zu verlassen, um sich allein einen Weg in der^Welt zu bahnen. Sie trat in ein Krankenhaus ein und suchte durch treue Pflege die Noth der Leidenden zu lindern und durch gewissenhafte Pflichterfüllung ihren eigenen Schmerz zu vergessen. Nach zweijähriger, musterhafter Krankenpflege folgte sie einem Rufe als Oberin in eine norddeutsche Hafenstadt, wo sie von jetzt an in einem Privat-Krankenhause segensreich wirkte. Hier war es, als nach langer, langer Zeit die Liebenden wieder vereint wurden. Zwanzig Jahre waren vergangen, seitdem der junge, energische Ingenieur seine Heimath verlassen hatte, jetzt, vor den Thoren der Ewigkeit angelangt, bis zum Tode krank und elend, wurde er treu und liebevoll von derjenigen gepflegt, die er als Gattin so gerne glücklich gemacht hätte. Nur wenige Worte genügten, um beiden zu erklären, wie grausam und frevelhaft mit ihrem Lebensglück gespielt worden war. Ihre Jugend und das verlorene Glück konnte ihnen keine Macht der Erde ersetzen, aber der Schmerz um das zerstörte Liebesglück verlor seinen Stachel in dem Bewußtsein der gegenseitigen Treue. Es war ein beglückendes Gefühl, zu denken, daß in all' diesen Jahren die Liebe in beider Herzen nicht erloschen war. Der Ingenieur war in der neuen Welt in allen seinen Unternehmungen glücklich gewesen. Jedes Vorhaben wurde mit Erfolg gekrönt, und nach einem Zeitraum von zwanzig Jahren hatte er ein unbesiegbares Verlangen, in sein Vaterland zurückzukehren. Er machte seinen erworbenen Grundbesitz zu Geld; als vielfacher Millionär war er kaum im Stande, den dritten Theil seiner Zinsen zu verbrauchen, selbst wenn er ein verschwenderisches Leben führte. Ein wehmüthiges Lächeln umspielte seine bleichen Lippen, als er jetzt seines Reichthums gedachte, den er so nutzlos aufgespeichert und den er so gern mit seiner Geliebten getheilt hätte. Er verließ Amerika, landete nach glücklicher Ueberfahrt in der Norddeutschen Hafenstadt, fiel aber beim Verlassen des Schiffes so unglücklich, als er zuerst den Fuß auf heimathlichen Boden setzte, und trug dabei so schwere innere Verletzungen davon, daß er in ein Krankenhaus getragen werden mußte. Es war dasselbe Hospital, in dem Angela schon seit Jahren so segensreich wirkte. Von der ersten Stunde an war es dem Patienten eine Gewißheit, daß an eine Genesung nicht zu denken sei, aber dieser Gedanke beunruhigte ihn keineswegs. Er war mit seiner geliebten Angela wieder vereint, und der Gedanke, daß sie ihm die ganzen langen Jahre hindurch Treue bewahrt hatte, machte ihn so zufrieden und glücklich, daß ihm selbst das Scheiden nicht schwer wurde. „Aber Du mußt erst meine Gattin werden." flehte er mit glücklichem Lächeln. „Wir haben uns doch länger als zwanzig Jahre treu geliebt. — Werde doch mein licbes treues Weib, ehe ich sterbe." 330 „Aber-" „Ich weiß, Geliebte, was Du sagen willst," unterbrach er sie. „Ich habe höchstens noch zwei oder drei Wochen zu leben, vielleicht auch nur so wenige Tage, aber ich will Dir das Recht geben, um mich zu trauern. Du sollst in Zukunft meinen Namen tragen; in den ganzen langen Jahren unserer Trennung hielt ich Dich für den Gatten eines Anderen. Lass' mich doch das Bewußtsein haben, daß Du die Meine bist, ehe ich sterbe." Angela schluchzte leise. „O, Karl," klagte sie, „ich spreche mich selbst nicht frei von Schuld. Ich hätte ahnen sollen, daß wir betrogen wurden, und auch in späteren Jahren nicht aufhören sollen, zu schreiben; ich durfte ja nicht denken, Du habest mich vergessen." Herr Marlitz sah vor seinem Ende den größten Wunsch seines Herzens erfüllt. In aller Stille wurden die Vorbereitungen zur Trauung getroffen; er selbst sprach mit dem Vorstände des Krankenhauses von seiner romantischen Liebe und bat selbst, nach seinem Ende die Oberin von den übernommenen Pflichten zu entbinden. Es war glücklicherweise ein Privathospital und die Pflegerinnen daher auch nicht verpflichtet, sich zeitlebens ihrem Berufe zu weihen, und obgleich man Angcla's Hilfe sehr ungern entbehrte, legte man ihr doch in keiner Weise ein Hinderniß in den Weg. Im Krankenzimmer fand schon stach wenigen Tagen eine feierliche Trauung statt, und seit diesem Augenblicke wich die junge Frau nicht vom Lager des Kranken. Am Abend des Hochzeitstages machte Marlitz sein Testament, und gewiß ist niemals ein kürzeres Testament gemacht worden. Es lautete: „Ich vermache mein ganzes Vermögen meiner Gattin Angela." Die junge Gattin hatte keine Ahnung von dem Erbe, das ihr zufallen würde, sie wußte nicht einmal, ob er ein Vermögen erworben hatte oder nicht, aber der Kranke selbst sprach vor seinem Ende mit ihr davon. „Du wirst reich, sogar unermeßlich reich werden, Angela," sagte er mit matter Stimme. „Ich weiß, Du wirst von dem Gelde einen guten Gebrauch machen, aber ich bitte Dich um eine Gunst: „Gib das Gold nicht denen, deren Betrug so grausam unser Lebensglück zerstörte." „Karl, das könnte ich niemals thun," versichert! sie mit vor Thränen erstickter Stimme und hochgerötheten Wangen. „Es käme mir ja selbst vor, als sollte die Schlechtigkeit belohnt werden. Nein, sei ruhig, ich will alles dem Krankenhause oder wohlthätigen Stiftungen überlassen." Doch der Sterbende schüttelte sein müdes Haupt. „Thue das nicht, Angela," flehte er leise, „Barmherzigkeit ist eine edle Tugend, aber es wäre mir doch lieber, wenn Du mit dem Gelde Glieder Deiner Familie glücklich machen würdest. Das Unrecht, das uns geschehen ist, ist über zwanzig Jahre her, Geliebte, und nach dieser langen Zeit darf man nicht mehr zürnen. Es müssen viele in Deiner Familie sein, die damals noch nicht geboren waren. Mit den Zinsen Deines Vermögens hilf Deinen Geschwistern, Angela, aber lass' das Capital — sieben bis acht Millionen — der neuen Generation zukommen, die an unserem Leid keine Schuld trägt." „Ich verspreche es feierlich." „Gut, ich danke Dir. Jetzt küsse mich noch einmal." „O Karl," schluchzte Angela, die erst seit drei Tagen Gattin war, „wollte Gott, ich könnte mit Dir sterben. ES wird mir unerträglich einsam sein, wenn Du nicht mehr bei mir bist." In derselben Nacht noch schloß er in den Armen seiner Gattin seine müden Augen für dieses irdische Neben. Ohne Kampf, mit einem friedlichen Lächeln auf dem Antlitze ging er hinüber zu einem besseren Leben, wo keine Trennung und kein Leid mehr ist. Angela war seine einzige Erbin, denn Marlitz hatte gar keine Verwandten, mit denen sie so gerne den Reichthum getheilt hätte. Alles fiel ihr allein zu. Bald nach seinem Tode verließ sie das Hospital. Sie glaubte im Sinne des Verstorbenen zu handeln, wenn sie den Reichthum, den er für sie erworben, auch genießen sollte. Sie kaufte eine reizende kleine Villa, Roscnheim, am Rhein, im südlichen Deutschland, hielt sich Wagen, Pferde und genügende Dienerschaft, führte aber trotzdem ein einsames, zurückgezogenes Leben. Sie war kaum vierzig Jahre alt, aber trotzdem ihr Haar stark ergraute, galt sie immer noch als eine bedeutende Schönheit und wurde in der ganzen Nachbarschaft allgemein geliebt. Sie gab weder Gesellschaften, noch arrangirte sie Festlichkeiten in ihrer Villa, aber sie war gastfrei, und kein Armer verließ ohne Trost und Hilfe ihr Haus, so daß sie ein wohlthätiger Engel der ganzen Nachbarschaft wurde. „Angela ist eine Thörin," bemerkte Graf Kurt von Wildcnthal zu seiner Gattin. „Wie kann sie nur damit zufrieden sein, ihr enormes Vermögen in Staatspapieren anzulegen; wenn sie damit speculirte, so könnte sie dasselbe mindestens verdoppeln." Aber die Angeredete theilte nicht die Meinung ihres Gatten. Sie war ein liebliches junges Mädchen gewesen, als sie vor ungefähr fünfzehn Jahren ihrem Gatten die Hand zum Bunde für's Leben reichte. Ja, Einige nannten sie sogar eine Schönheit und beneideten wohl den verarmten Edelmann, der mit diesem Juwel auch gleichzeitig ein ganz beträchtliches Vermögen heirathete. Aber ihre Reize und Jugendfrische waren so schnell verschwunden, wie das letzte Blatt, mit dem der Herbstwind spielt. Die früher nie gekannte aristokratische Armuth drückte sie wie eine allzu schwere Last darnieder und lähmte ihre Geistes- und Körperkräfte. Ihr junger Gatte war ganz getreu in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Um seine zerrütteten Verhältnisse besser zu gestalten, hatte er mit dem Gelde seiner Gattin speculirt und — verloren. Sie hatte nicht geklagt, aber die Armuth drückte sie schwer, und daher fand sie kein tadelndes Wort für die reiche Angela, die so sicher ihr Vermögen depo- nirt hatte. „Ich halte Angela für sehr vernünftig," wandte sie deshalb ein, „die Zinsen allein repräsentiren schon ein ganz enormes Capital, von dem sie gewiß nur den kleinsten Theil verbraucht, aber was macht sie wohl mit ihrem Gelde?" „Sie ist geizig," schalt der Graf gereizt. „Denke nur, Margot, ich schrieb vor einigen Wochen und bat um die lumpige Kleinigkeit von 20 000 Mark, und — Du wirst es kaum glauben — sie hat nicht einmal meinen Brief beantwortet. Ist das nicht empörend?" „Na," lächelte die Gräfin überlegen, denn sie war gerade in der Stimmung, ihrem Gatten zu widersprechen, „darüber dürfen wir uns doch nicht wundern. Dergleichen Bittgesuche wird sie viele bekommen; bedenke, 331 sie ist daS einzige reiche Glied in dieser ganzen, armen Familie." „Das ist wenig schmeichelhaft für uns," erwiderte der Gatte stirnrunzelnd. „Ich höre es nicht gern, unsere Familie so zu nennen." „Ich spreche ja nicht von uns allein," beharrte Margot, „aber es ist doch sonderbar, daß alle Deine Schwestern spät und, mit Ausnahme von Angela, schlecht gehetrathet haben." ,Jch bin ganz zufrieden," lenkte der Graf ein, der seine schnell verblühte Gattin aufrichtig liebte und es oft bedauerte, deren Vermögen so leichtsinnig verloren zu haben. „Du warst reich, Margot, und es ist meine Schuld, daß Du jetzt Noth leidest." „Lass' es gut sein, sprich nicht von Dingen, die sich nicht ungeschehen machen lassen," sagte die Gräfin sanft. „Aber denke an Deine Schwestern. Marie war dreißig Jahre alt, als sie den Anwalt Rieding heirathete, und Helene war nur ein Jahr jünger. Ich verabscheue den Juristen, denn ich bin überzeugt, er ist kein guter, rechtschaffener Mann, auch fürchte ich, daß Deine Schwester an seiner Seite nicht das Glück gefunden hat, welches sie erhoffte. Was nun Helene anbelangt, so finde ich ihre Wahl höchst thöricht. Bedenke nur, ein einfacher Elementarlehrer auf dem Lande mit einem Einkommen von höchstens 15—1800 Mark! Das ist rein lächerlich!" „Meine Liebe!" sagte Kurt freimüthig, „ich halte die Wahl meiner Schwestern gewiß nicht für sehr günstig oder Vortheilhaft, aber bedenke wohl — wenn sie nicht ihr eigenes Heim hät- tten, so müßten sie doch bei uns leben. Was den Anwalt anbelangt, so halte ich ihn für ehrgeizig und strebsam, aber ich muß offen gestehen, daß ich seine Handlungen oft nicht billigen kann. Der Lehrer Berghaupt, lebt aber in dem Dorfe Ebersheim mit Helene sehr glücklich; die Beiden lieben sich innig, und ich bin überzeugt, sie würden nicht mit der ganzen Welt tauschen. Es war eine romantische Liebe, die auf Gegenseitigkeit gegründet ist." „Und sie haben zehn Kinder!" sagte Margot mit unverhohlenem Neid, denn sie konnte zu dem Stammbaum der Familie kein Blatt hinzufügen und dieser Gedanke war oft ein bitterer Wermuthstropfen in den Kelch ihres Lebens. „Nun," lächelte der Graf, „ich glaube kaum, daß Angela für ihre Schwestern auch nur einen Finger rühren wird; sie widersetzten sich zu sehr ihrer Verbindung mit Marlitz. Ich weiß nicht, ob Marie oder Helene mehr dagegen war, aber gewiß ist, daß wir Alle ihr die Verbindung unmöglich machten." „Aber sie hat Deinen Brief unbeantwortet gelassen," beharrte die junge Gräfin nachdenklich, „soll ich schreiben und sie auf einige Wochen zum Besuch bitten?" „Warum — wozu sollte das führen?" „Ich möchte gern, daß sie unseren Leo kennen lernte, er ist ein hübscher, aufgeweckter Knabe — unser Stolz und unsere Freude — Angela wird gewiß Gefallen an ihm finden und ihn vielleicht zu ihrem Erben einsetzen." Gräfin Margot hatte in ihrem ehelichen Leben viele trübe Erfahrungen gemacht und manche bittere Stunde verlebt, aber am meisten schmerzte es sie, daß ihre Ehe kinderlos geblieben war. Sie fühlte die Lücke im Hause, die nur das Band ersetzt, das Ehegatten vereint, glaubte sie doch zu bemerken, daß ihr Gatte ihr innerlich Vorwürfe mache, und in diesem schmerzlichen Gefühl welkte sie sichtlich dahin. So reifte der Entschluß in ihrem Herzen, eine arme kleine Waise an Kindesstatt an ihr Herz zu drücken, ihm Heimath, Namen und Eltern zu geben, ihn einzusetzen als Erben des Titels seines Pflegevaters, aber auch Erben seiner Armuth und drückenden Schuldenlast. So kam der kleine Leo als zweijähriges Knäblein in das Schloß und unter der sorgfältigsten und liebevollsten Pflege entwickelten sich seine bedeutenden Geistesund Körperkräfte auf's herrlichste. Gräfin Margot lebte sichtlich auf, seitdem sie ihr Dasein nicht mehr als ein völlig zweckloses erkannte, und auch der Graf konnte nach und nach den Entschluß seiner Frau nur loben, da er solchen Umschwung in ihr hervorgebracht hatte. „Meine liebe Frau," nahm jetzt der Graf wieder das Wort, „ich gebe zu, daß Leo, ein hübscher, stattlicher Knabe geworden ist, aber daraus geht keineswegs hervor,daß meineSchwester ihn zu ihrem Erben einsetzen soll. Wenn er auch alle Rechte unseres ^eigenen Kindes genießt und ich ihm gerne eine bessere Zukunft wünsche, so kennt Angela ihn gar nicht; sie hat ja ihn noch nicht einmal gesehen." Sie hat die kleinen Rieding's und Berghaupt's auch noch nicht gesehen," schmollte Margot. „Nein. Angela hat in der That ihre ganze Familie schmählich vernachlässigt. Als sie nach dem Tode des Vaters das Schloß verließ, hat sie sich von uns allen losgesagt. Es fanden seitdem in der Familie drei Hochzeiten statt, aber keine dieser Festlichkeiten, nicht einmal der Tod unserer Mutter konnte sie zur Rückkehr bewegen. So lange sie im Hospital Krankenpflegerin war, kümmerten wir uns auch wenig um sie, jetzt aber, seit zwei Jahren, da sie unermeßlich reich ist und allein eine reizende Villa bewohnt, ist die Sache doch anders." „Ganz entschieden. Soll ich sie einladen? Vielleicht hat sie jetzt in den veränderten Verhältnissen Sehnsucht, den Ort ihrer Kindheit wiederzusehen." Aber obgleich die Einladung höflich und freundlich Mustaffer Eddin. der neue Schah von Pei sien. MSN — 332 abgefaßt wurde, Angela schlug sie aus. Sie wollte kein Glied ihrer Familie sehen, bis sie einen festen Entschluß für die Zukunft gefaßt hatte. Es war wahr, sie hatte seit einer langen Reihe von Jahren die Schwelle ihres Elternhauses nicht wieder betreten; waren ihr doch die Gefühle ihrer Geschwister nicht fremd, denn so lange sie selbst in Dürftigkeit lebte, hatten dieselben es nicht der Mühe werth gehalten, ihr die Verlobungen anzuzeigen. Sie wußte aber, daß die Geschwister verheirathet waren, auch daß ihr Bruder Hans — ihr Liebling — nach dem fernen Indien ausgewandert war, um dort sein Glück zu suchen. Er hatte der Schwester einmal geschrieben; es war ein ausführlicher, liebevoller Brief gewesen, den Angela auch in derselben herzlichen Weise beantwortet hatte. Aber damit hatte die Correspondenz ein Ende. Das Porto war in jenen Tagen noch theuer, und im Hospital fand auch Angela sehr wenig Zeit für Privatcorrespondenz. Doch bei dem Bruder Hans weilten ihre Gidanken gern. Er hatte ihr damals geschrieben, daß er sehr bald Indien verlassen und nach New-Zjork gezogen sei; er habe sich dort auch verheirathet und lebe mit seiner jungen, schönen Gattin sehr glücklich und zufrieden. Aber seit jener Zeit waren viele Jahre vergangen. Sie war jetzt eine reiche Frau, und sterbend hatte ihr Gatte sie gebeten, mit dem Ueberfluß ihres Geldes Menschen glücklich zu machen. Das war eine schwere Aufgabe. Heimlich und vorsichtig stellte sie über die Verhältnisse ihrer Geschwister Nachforschungen an. Von Hans in New-Aork schien jede Spur verschwunden, und trotz der eifrigsten Bemühungen war dieselbe nicht zu entdecken. Die andern lebten alle in großer Dürftigkeit. Kurt lebte in derselben Weise auf dem alten Stammschlosse, wie ihr Vater es gethan hatte; die Gläubiger drängten von allen Seiten, und nur mühsam konnte er sein Dasein fristen. Sie freute sich aber über den Adoptivsohn, der auch in alle Rechte ihres leiblichen Neffen eintreten sollte. Ueber den Anwalt Rieding war sie tief empört. Er hatte sich dem Trunke ergeben, mißhandelte seine Familie und erfüllte nur sehr wenig die Pflichten seines Berufes. — Wenn sie aber der kinderreichen Familie Berghaupt gedachte, so blutete bei dem Gedanken an Helene's Schicksal ihr Herz. Wenn auch die Hausfrau Alles noch so sparsam einrichtete und in dem Dorfe Ebersheim das Leben gewiß billiger war, wie in der Großstadt, so konnte sie doch bei aller Sparsamkeit kaum das tägliche Brod für ihre zehn Kinder beschaffen. Nach Empfang des letzten Briefes von Gräfin Margot wartete Angela noch ein halbes Jahr, dann schrieb sie ihrem Bruder Kurt und ihren beiden Schwestern. Sie bot ihnen an, die Erziehung des ältesten Sohnes aus jeder Familie zu übernehmen. Die Knaben sollten auf ihre Kosten zuerst ein Gymnasium, dann die Universität besuchen, um sich zu einem Berufe vorzubilden, der ihren Wünschen und Neigungen entspreche; auch wollte sie für Bücher, Kleidung, Taschengeld und alle erforderlichen Bedürfnisse Sorge tragen. Sie stellte nur eine Bedingung. Wenn die Knaben leichtsinnig Schulden machten oder durch ein schlechtes Betragen ihre Entlassung aus den Anstalten verschuldeten, so wolle sie ihre Hand von den Unwürdigen zurückziehen. (Fortsetzung folgt.) Die radfahrende Menschheit. (Nachdruck verboten.) N Berlin, 14. Mai. Ein gutes Rad ist theuer; aber es hilft Alles nichts, bald wird der Mensch erst beim Radfahrer anfangen. Soeben lese ich in Berliner Blättern, daß ein unternehmender Mann um die Erlaubniß nachsucht, an den Straßenecken und auf den öffentlichen Plätzen Dreiräder zum Verleihen aufzustellen. Es sind zunächst 230 Standplätze in Aussicht genommen; wer nun schnell und billig einen Weg zurücklegen will, miethet sich an der nächsten Ecke ein Dreirad, liefert es an dem Standplatz, der seinem Ziel am nächsten ist, wieder ab, und bezahlt für die erste Viertelstunde 10 Pfg., für jede folgenden 10 Minuten 5 Pfg. Dieser Tarif ist unglaublich billig; man kann auch sagen unheimlich billig. Denn wenn der „Scherz" nur 10 Pfg. kostet, so werden die grünen Jungen in Masse ein Dreirad unter die Beine nehmen, und die armen Fußgänger auf den Berliner Straßen erhalten dann erst recht Gelegenheit, ihre Sünden abzubüßen. Auch ohne dieses Leihrad, das man Strampel- Drosche nennen könnte, nehmen die mit Menschen besetzten Räder auf den Straßen schon erschrecklich zu. Ich weiß nicht, wo die jungen Leute das Geld zur Anschaffung eines Zweirades pumpen oder stehlen, aber sie bringen es zu Rovers trotz aller schlechten Zeiten, und sie jagen damit, als ob der böse Feind hinter ihnen und das Glück vor ihnen wäre. Dazu kommen die „geschäftlichen" Dreiräder der „berittenen Dienstmänner", der Eilboten der Privatpost, der militärischen Boten, der Austräger der Geschäfte usw. Rudolph Hertzog stellt neuerdings 15 hochfeine Transporträder mit uniformirten Fahrern in seinen Diensthund dieses Vorgehen der berühmten Firma wird in der feinen Geschäftswelt zur Nachahmung reizen. Die Privatpost auf Rädern macht der Reichspost auch auf dem Gebiete der Rohrpost-Briefe und Stadt-Telegramme erfolgreich Concurrenz; — das schlimmste Zeichen der „Radkrankheit der Zeit" ist aber das Anwachsen der weiblichen Radfahrer. Ueber die Schönheit und die Zuläs- sigkeit der strampelnden Weiblichkeit ist ja schon in Zeitungen, die „in erster Linie interessant" sein wollen, eine große Debatte eröffnet worden. Nächstens werden wir in Romanen lesen, daß ,Sie' an einer Straßenecke ,Jhn' umgefahren hat, daß ,Er' sich in ,Sie' verliebt hat, als ,Er' neben ,Jhr' im Schmutz lag und ,Ihren' zarten und doch festen Radfahrstiefel an »Seiner' Nase fühlte usw., bis die Beiden im letzten Kapitel auf einem Tandem zur Hochzeit fahren. „Kommt Zeit, kommt Rad", sagte neulich ein Kalauerfabrikant, und er hat Recht, da Niemand dem „Rad der Zeit" in die Speichen fallen kann. Es wird immer mehr geradelt werden, und wenn die Fußgänger klug sind, so bitten sie jetzt schon die triuwphirende Partei, die auf dem hohen Rad sitzt, um etwas Schonung und Gnade. Was die „strampelnde Weiblichkeit" angeht, so hoffe ich immer noch, daß die große Masse der deutschen Frauen und Jungfrauen es für unschön und unschicklich erachten wird, nach Männerart auf dem Rade zu sitzen. Die Techniker thäten gut daran, ein elegantes und leichtes Fahrzeug für Damen zu bauen, das sich gerade so treten läßt, wie die Nähmaschine. Die Männer mögen meinetwegen auf Zwei- oder Dreirädern fahren, soweit sie Kraft und Lust dazu haben. Aber es wird Zeit, daß die Radlerei aus den Flegeljahren »-V-« ZK§L ^^5 c^LL' .^U- M;rKiZ MWA MM WKiZK M« WW MWÄ M-M ßMW 33 t in das vernünftige Alter tritt. Uebcrall verkündet man uns, daß das Fahrrad nicht mehr in erster Linie dem Sport, sondern vielmehr dem Geschäfts- und Erholungsverkehr diene. Leider merkt man bei einem sehr großen Theil der Fahrer, ja man kann sagen bet der Mehrzahl der Zweirädler, von dieser erfreulichen Wandlung noch gar nichts. Diese Leute machen sich meistens nach wie vor den Hauptspaß daraus, in der größtmöglichsten Schnelligkeit durch die Straßen zu sausen, namentlich über das ebene Asphaltpflaster. Diese übertriebene Schnelligkeit ist die Wurzel vieler Uebel und hat in den seltensten Fällen eine innere Berechtigung. Der Radfahrer sagt, das Zwetrad habe gerade in der schnellen Bewegung, die es ermögliche, eine wesentliche Eigenschaft. Gewiß, der Mann soll schneller fahren, als ein Fußgänger geht, oder eine Droschke schleicht. Aber wenn der Radier ohne besonderen Grund seine Beine in die größt- möglicheTretschnellig- keit setzt, so handelt er gerade so unvernünftig, wie ein Spaziergänger, der ohne Anlaß in einem fort Trab läuft, oder wie ein Fuhrmann, der un- nöthigcrweise die Pferde Galopp laufen läßt. Gehen und Fahren sind so alte Beschäftigungen der Menschen, daß sie nur in Ausnahmefällen noch „sportmäßig" betrieben und übertrieben werden. Der kleine Junge, der noch in den Anfangsschuhen der Beinbenutzung steckt, findet freilich wohl noch ein Glück darin, im Galopp über die Straße zu rennen; dem ausgewachsenen Menschen aber fällt es ganz gewiß nicht mehr im Traume ein, sich selbst oder seinen Mitmenschen dadurch imponiren zu wollen, daß man auffallend schnell geht. Wenn die Nadlerei erst älter wird und der Radfahrer ebensowenig Aufmerksamkeit findet, wie jetzt ein Fußgänger, so wird auch Niemand der bloßen Eitelkeit halber ein schnelleres Tempo einschlagen, als sich bei einer angenehmen, nicht ermüdenden Muskelarbeit ergibt. Das Rennen wird dann in die Rennbahn verwiesen und auf den gewöhnlichen Wegen einfach gefahren werden. Der aufgeblasene Gummireifen ist für die Fahrer eine werthvolle Errungenschaft; für die Fußgänger ist er unangenehm und gefährlich. Alle sonstigen Fuhrwerke auf dem Straßendamm kündigen sich durch ihr eigenes Geräusch an; auch die Equipagen mit Gummirädern auf dem Asphaltpflaster, weil die aufstampfenden Pferdehufe weithin hörbar sind. Der Radfahrer aber ist, um ein Berliner Wort zu gebrauchen, der wahre „Deibel auf Socken". Man hört kein natürliches Geräusch von seinem Fuhrwerk; die Klingel, welche er willkürlich ertönen oder auch nicht ertönen läßt, ist das einzige „Lebenszeichen", das er den betheiligten Fußgängern gibt, und diese Klingel ist auch so'zierltch gearbeitet, daß sie ihren Warnungszweck nur unvollkommen erfüllt. In den Straßen, wo viel Radfahrer verkehren, ist also das Ueberschreiten des StraßendammeS immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Ich kenne Leute, die inFolge langerUebung sich mit der größten Gemüthsruhe durch ein Gewirr von bewegten Droschken, Omnibussen und so- garPferdebahnen hin- durchschlängeln, aber über die heimtückisch dahersausenden Zweiräder nervös und — unhöflich werden können. In der That wirkt es, namentlich am Abend, recht unangenehm auf die Nerven, wenn da plötzlich ein Ding von unsicheren Umrissen hart an seinem vor- betsaust,d> unerwartet aus dem Dunkel aufgetaucht und spurlos wieder in's Dunkel verschwindend. Ich möchte wünschen, daß die Zweiräder auf den Straßen einen wirksamen Lärmapparat hätten, der unaufhörlich im Betriebe ist, und zwar im Gleichmaß mit der Schnelligkeit des Fahrens. Ferner müssen die Zweiräder aber noch eine bessere, mehr nach den Seiten strahlende Beleuchtung haben. Von den wohlerzogenen Radfahrern wäre außer der Mäßigung der Schnelligkeit noch zu fordern, daß sie nicht zu scharf am Bürgersteig vorbeifahren und an den Straßenübergängen ganz besonders vorsichtig und rücksichtsvoll sind. Es ist ein Irrthum, wenn die Radfahrer glauben, daß der Damm nur den Fuhrwerken gehöre, und die Fußgänger also das Ausweichen zu besorgen hätten. Die Fußgänger müssen über den Damm gehen, um an die andere Seite der Straße zu kommen; so lange wir nicht Uebergänge unter Eine Strafpredigt. Von F Hiddemann. Photographie im Beilage der Photographischcn Union in München. MWM «M »K «« MM dem Damm oder auf „Galgen" haben, müssen die Fuhrwerke und auch die Radfahrer den Fußgängern ausweichen. — Neulich hat eine Dame mit Recht öffentlich Klage erhoben, weil ein Radfahrer, der sie überfahren hatte, die „gekränkte Unschuld" spielte und sich seinerseits beschweren wollte, daß sie sein Klingeln nicht respectirt habe. Wie soll man denn in Berliner Straßen jedes leise Zeichen immer gleich hören, richtig deuten und befolgen? Namentlich an Frauen darf man in dieser Hinsicht keine großen Anforderungen stellen; die hauptstädtischen Straßen sind auch nicht dazu da, daß jeder junge Bursche seinen Kräfteüberfluß auf einer Eilmaschine austoben kann. Die Radfahrer draußen vor der Stadt haben die Neigung, auf den glatten Fußwegen der Chausseen zu fahren. Meinetwegen; aber sie dürfen sich nur nicht einbilden, daß ssie da 'zu Hause sind und nicht von den lein Ispiegeln sich im Wasser oder sind wie Schwalben- Nester an die Wände geklebt. Hoch von oben herab schaut eine Villa, in einem neuen, unschönen Stile erbaut. Doch auch diese sonderbare Erscheinung vermag die liebliche Anmuth des Thales nicht zu stören, das unter die schönsten Gegenden weit und breit zu zählen ist. Da Wildenroth viele und große Ähnlichkeit mit Bethlehem hat, so wird es vielfach das „bayerische Bethlehem" genannt. Die Markung von Wildenroth stößt unmittelbar an jene von Grafrath und Unteralting, dessen Kirchthurm über die Höhe herüberblinkt. Wildenroth ist sehr alt; das adelige Geschlecht der Wildenroder wird schon im 13. Jahrhundert in Urkunden öfters genannt. Konrad von Wildenrod war Marschall der Herzoge Ludwig und Rudolf von Bayern. Dessen Enkel verkaufte im Jahre 1347 seinen Besitz an das - Witdrnrolh an der Ampcr. Nach ein« Photographie von Max Merz in Diessen am Ammersee. Fußgängern verlangen, daß sie immer flott auf den Damm springen. Soll man auf einem Spaziergang einigen Dutzend Radfahrern in einem fort ausweichen, so hört die Gemüthlichkeit auf. Die Hauptsache ist: Eile mit Weile, auch wenn du auf einem Rade sitzest! - — - Wildenroth an der Amper. Mit Bild.) (Nachdruck verboten.) 6l-I. In einem engen Thalgrunde, von mäßigen, dicht bewaldeten, steil aufsteigenden Hügeln eingefaßt, liegt das idyllisch schön gelegene Wildenroth. Die grüne Amper rauscht mitten durch das Dorf und braust mit wildem Zorne über ein hemmendes Wehr. Die niedlichen Häus- Kloster Fürstenfeld, wo er bis zu dessen Aufhebung verblieb. — Die Umgebung von Wildenroth ist historisch merkwürdig. Das Sträßchen von Schöngeistng bis Wildenroth läuft auf dem Grunde der römischen Verbindungsstraße von Schöngeistng nach Eching. An derselben ist eine trichterförmige Vertiefung zu sehen, welche den keltischen Ureinwohnern als Keller für ihre aus Holz darüber gebauten Wohnungen diente. Im nahen Wald „Mühlhart" befinden sich viele Grabhügel, etwa 200, aus sandigem Thone, Gräber der alten Kelten. In ihrer Mitte sind zwei heidnische Opfersteine, an denen die Rinnen zum Ablaufen des Blutes noch deutlich sichtbar Und. Eine Viertelstunde vom Fahrweg entfernt lag die Sunderburg auf einer gegen die Amper vorspringenden Anhöhe. An der Stätte eines römischen Kastelles erbaute Graf Friedrich von Diessen, ein Bruder des hl. Rasso, eine Burg, wovon jetzt noch Ueberreste zu sehen sind. Die Anhöhe ge- 336 währt einen weiten Umblick und eine reizende AuSsicht auf das stille, waldumsäumte Amperthal. Zwischen Wildenroth und Grafrath lag auf einem Hügel die Rassenburg, die der hl. Naffo sich als Wohnung baute, die aber im Jahre 955 von den Ungarn zerstört wurde, nachdem ihr Erbauer in dem nahen von ihm gegründeten Kloster Wörth (dem jetzigen Grafrath) im Jahre 954 eines heiligen Todes verstorben war. i-v-s—«- Zu unseren Bildern. Mussaffer Eddin, der neue Schah von Persten, der zu dieser Würde nach den heimathlichen Bräuchen als der erste in Purpur geborene Sohn Nassr Eddins gelangte, hat soeben seine Reise von seiner bisherigen Residenz Täberis nach der Hauptstadt des Reiches angetreten. Mussaffer Eddin Mirza ist am 25. März 1853 geboren. Man glaubte, Mussaffer Eddin werde sich noch enger an Rußland anschließen, als es sein Vater gethan; doch bat er die Beileids- und Beglückwünschungstelegramme der anderen Souveräne in gleicher Form beantwortet, wie jenes deS Zaren. Dir Mnstkprobe. Fast den ganzen Sommer hatten unsere fünf lustigen Dorfmusikanten ihre Instrumente ruhen lassen. Nur ein paarmal holten sie aus Anlaß einer Hochzeit dieselben aus ihrem Winkel hervor, um die alten Weisen, die bald die Spatzen vom Dache pfeifen, beim fröhlichen Reigen herunterzududeln Aber jetzt ist die Kirchweib in der Nähe, wo es gar hoch hergeht; da dürfen sie nicht mit ihren alten, abgedroschenen Stücken aufwarten, da muß etwas Neues kommen. Allabendlich sitzen sie d'rum in ihrem Lokale zusammen und streichen und blasen, daß es ein wahres Vergnügen ist. Wie freut sich nicht der Franz! dort hinten an der Wand, der gerade Pause hat, über die Anstrengungen, die sein dicker Nachbar mackt, um den an ihn gesellten Anforderungen gerecht zu werden. Da muß noch manche Maß die durstige Kehle hinunterlaufen, bis die Töne alle rein herauskommen werden. Viel leichter geht es seinem Vis-L-vis, der kann seine Sache schon auswendig und auch dem Flötenspieler daneben scheint das Stück keine besonderen Schwierigkeiten mehr zu bereiten. Die Seele des Ganzen aber, der Alte mit dem Brummbaß, zählt dazu den Takt und horcht, ob sich nirgends ein Mißton Anschleiche. Das muß eine herrliche Kirchweih werden. Eine Strafpredigt. Es ist ein eigenthümlich Los der ersten bösen That, daß sie selten lange verborgen bleibt. Zum ersten Male hatte heute der kleine Hans an dem in der äußersten Ecke des Gartens stehenden Apfelbaume mit seinen rothwangigen Früchten, die zudem noch nicht einmal ganz ausgereist waren, sich vergriffen und schon war er auf dem Sprunge gewesen, hinter der schützenden Hecke mit seiner Beute zu verschwinden, um sich daran gütlich zu thun — da rief ihn des Vaters kräftige Stimme zurück. Langsam war er, vor Schrecken halb gelähmt und ungewiß der Dinge, die da kommen sollen, herbeigetrollt. Von Schuldbewußtsein überwältigt wagt er nicht die Augen aufzuschlagen und den Vater anzublicken, der ihm in ernsten Worten das Verwerfliche seiner That vorhält. Aber er wollte ja den Baum nicht schädigen, er wollte nur einen einzigen Apfel herunterschlagen und konnte nicht dafür, daß die schwere Stange den ganzen Ast abriß. Gewiß wird er sich die Worte des Vaters tief ins Herz einprägen, das können wir aus seinem reuigen Gesichte lesen, wird geduldig warten, bis die Aepfel reif sind, dann ist ja der Vater gerne bereit, seinen Wunsch zu erfüllen. --SLA8S- Allerlei. Die Bewässerung des Culturlandes in Aegypten von den Schwankungen der Nilhöhe unabhängig zu machen, ist eine Aufgabe, die für das Delta durch das buriLAs äu IM genannte Stauwerk an der Deltaspitze der Lösung nahe gebracht ist. Jetzt hat nun die Regierung das Ziel ins Auge gefaßt, auch Oberägypten durch gewaltige Stauwerke außerhalb der Ueber- schwemmung mit dem nöthigen Wasser zu versorgen. Es stehen sich drei Vorschläge gegenüber. Der eine will den alten Mörissee wiederherstellen. Aber diese Anlage läge zu weit flußabwärts (im Fayum), um von großer Bedeutung werden zu können. Der zweite will bei Asfuan das Stauwerk anlegen. Dadurch würde die wunderschöne und berühmte Insel Phtlä mit ihren unschätzbaren Denkmälern zu Grunde gerichtet. Das Anerbieten eines Amerikaners, die ganze Insel mit allen Tempelrutnen höher zu legen, kann wohl kaum ernst genommen werden. Der dritte Plan endlich verlegt das Werk in die Gegend von Wady Haifa. Man macht dagegen geltend, daß die feindlich gesinnten Sudanesen durch Zerstörung der Anlage ganz Aegypten in Gefahr bringen könnten. Die Engländer würden wohl Anlaß nehmen, eine starke englische Garnison zum Schutze des Werkes zu schaffen. Zwischen diesen drei Plänen schwanken also die Ansichten. Der Segen einer derartigen, zweckmäßig durchgeführten Anlage für das Land wäre so groß, daß man sich selbst mit dem Gedanken befreunden müßte, die an natürlichem Reiz und geschichtlicher Bedeutung unvergleichliche Landschaft von Philä zu verlieren. - —»« 84 —»-- Jer Maikönigin. Von waldiger Höhe herab in's Thal Da glänzt die Kapelle im Morgenstrahl. ^ Zum Thürmchen empor sich ein Vog'lein schwingt, Wie ein Hymnus sein Morgenliedchen klingt. Dazwischen die Glocken erschallen leis Zu Gottes und zu der Jungstau Preis. Im Kreise die Tannen sie rauschen sacht, Sie neigen sich flüsternd und sind erwacht. Es flimmert und schimmert der weite Hag, Herein bricht ein herrlicher Maientag. Und in der Kapelle — wie süß und mild, Erglühet der Jungfrau liebliches Bild. Es bricht durch die Fenster ein Strahlenkranz, Erfüllet das Küchlein mit Maienglanz. „Du Schönste der Frauen, Maikönigin, Dir huldigt der Mai, nimm es gnädig hin, Die Kinder der Erde, fast ohne Zahl, Sie grüßen mit ihm Dich vieltausendmall" Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt. M 45, Freitag, den 29. Mai 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Haas L Gradhcrr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). Z-chicksttisWege. Erzählung von Einrisse Borges. (Fortsetzung.) Dieser Brief blieb nicht unbeantwortet. Die Eltern nahmen für ihre Söhne daS Anerbieten an, aber jede Familie machte eine Bedingung. Kurt schrieb, daß er für Leo das Anerbieten annehme; er wünsche aber, daß der Knabe nicht mit seinem Vetter, Martin Nieding, zusammen dieselbe Anstalt besuche. Er halte gerade nicht viel von dem Charakter seines Neffen und fürchte einen schlechten Einfluß auf Leo. — Marie Rieding schrieb auch; es war der erste Brief, den sie in ihrem Leben an die Schwester richtete. Sie wünschte, ihr talentvoller und reich begabter Sohn Martin solle in einer der vornehmsten Pensionen untergebracht werden, die nur zu finden sei. Er müsse sich die Söhne reich begüterter Leute zu seinen Freunden machen, denn nur durch vornehme und hervorragende Bekanntschaft sei es heutzutage möglich, später in der Welt ein gesichertes Fortkommen zu haben. — Die reiche Frau lächelte verächtlich beim Lesen dieser Zeilen, dann nahm sie Helene's Brief zur Hand. Die Schwester hatte einen langen, ausführlichen Brief geschrieben und von all' ihren zehn Kindern berichtet. Sie war glücklich im Besitz dieser großen Familie, aber dennoch war der Brief mit ihren Thränen benetzt, die deutliche Spuren hinterlassen hatten. Am Schlüsse schrieb sie: „Um unseres Kindes willen nehmen wir Dein Anerbieten an, aber ach, Angela, erwecke nicht ein Gefühl nach Glanz und Reichthum in seinem jungen Herzen, damit er dem Elternhause nicht entfremdet werde." Frau Marlitz ging auf alle Bedingungen ihrer Geschwister gern ein. Sie sandte die drei Knaben, die alle im vierzehnten Lebensjahre standen, nach verschiedenen Lehranstalten, aber vorher nahm sie dieselben jeden allein drei Tage in ihre Villa auf. Sie war nicht umsonst eine lange Reihe von Jahren Krankenpflegerin gewesen und hatte in ihrem Leben hinreichend Gelegenheit gehabt, die verschiedenen Charaktere zu studiren, und so lernte sie auch in wenigen Tagen die drei Knaben genau kennen. Leo von Wildenthal's offener, ehrlicher Charakter gefiel ihr gut und erfüllte sie mit den besten Hoffnungen für die Zukunft. — Martin Rieding war scheu, listig und verschlagen; er hatte keinen offenen Blick, und seine geistigen Fähigkeiten schienen auch nur sehr unbedeutend zu sein. Willy Berghanpt dagegen war ein schwächlicher Knabe, mit einem müden Ausdruck in seinem bleichen Antlitz. Ein lästiger Husten quälte und schmerzte ihn, dabei war er über sein Alter hinaus früh gereift, und die häuslichen Sorgen, unter denen er aufgewachsen war, hatten ihm die fröhlichen Kinderjahre geraubt. Angela beschloß, zunächst für das« körperliche Wohl ihres kranken Neffen zu sorgen, darum übergab sie ihn der Pflege einer ihr sehr befreundeten Familie, die in einer gesunden und stärkenden Gebirgsgegend wohnte. Sie wußte, daß hier alles zur Wiederherstellung seiner Gesundheit gethan wurde, und die Fortsetzung seiner Studien sollte nur langsam und nebensächlich betrieben werden. Die Bedingungen wurden von beiden Seiten treu» lich gehalten. Angela bezahlte alle Unkosten ihrer drei Neffen, aber keiner erhielt von ihr auch nur eine Zeile, und auch die Briefe der Eltern ließ sie unbeantwortet. Die Ferienzeit verbrachten die Knaben in ihrem Elternhause; aber so wenig sie es auch ahnten, war die Tante doch ganz genau über die Fortschritte und das Betragen ihrer Schützlinge unterrichtet. So wußte sie, daß Leo mit Fleiß und Energie seinen Studien oblag, daß er die besten Zeugnisse und die ersten Preise seinen Eltern heimbrachte. Es war sein Wunsch, sich der Landwirthschaft zu widmen, er wollte später die landwirthschaftliche Schule besuchen, um dann selbst die Güter seines Vater- wieder in die Höhe zu bringen. Martin Rieding war weniger strebsam und fleißig, und es wollte ihm auch nicht gelingen, sich mit seinen Mitschülern zu befreunden. Trotz seines reichlichen Taschengeldes hatte er stets eine leere Börse, die er mit List von seinen Schulkameraden zu füllen suchte. Sein ganzes Streben ging darauf aus, Geld zu erwerben, und dabei scheute er vor keinem Mittel zurück, und dann vergeudete er das Geld in leichtsinniger Weise. — Willy Berghanpt erholte sich bei liebevoller Pflege und stärkender, hinreichender Nahrung sichtlich; er konnte jetzt regelmäßig das Gymnasium besuchen, machte gute Fortschritte und wollte Arzt werden. So waren zehn Jahre vergangen. Die Jünglings hatten ihre Studien beendet und standen auf eigenen' Füßen, da raffte der unerbitterliche Tod die reiche Wittwe plötzlich dahin und vereinte sie mit ihrem Gatten, den sie so sehr geliebt hatte. 338 II. Die einzelnen Glieder der gräflichen Familie von Wildenthal zeichneten sich nicht durch große Herzlichkeit und hingebende Liebe aus. Vielleicht hatte auch die Armuth ihre Herzen verbittert, und die drei von der reichen Tante bevorzugten Jünglinge beobachteten einander mit Mißtrauen. Der Graf und die Gräfin von Wildenthal waren empört, daß Leo vor seinen Vettern von der reichen Tante nicht den Vorzug erhielt. Der Anwalt Nieding hielt seinen Knaben für drn besten der drei Neffen und verlangte dafür Anerkennung, die ihm nicht gewährt wurde, während die arme Lehrerfamilie sich oft bekümmerte, daß die beiden Vettern mitleidig auf ihren ältesten Sohn herabsehen möchten. Die Jahre waren auch an diesen drei Familien spurlos vorüber gegangen. Graf Kurt konnte sich vor seinen Gläubigern kaum retten. Leo war theoretisch und praktisch als Landwtrth ausgebildet und hatte auf einem großen Rittergute in der Nähe von Ebersheim eine Stelle als Inspektor angenommen. Martin Nieding hatte die juristische Laufbahn erwählt und half seinem Vater, aber ohne Energie und Ausdauer in seinem Berufe zu zeigen, und deshalb mißglückten auch alle seine Unternehmungen. — Willy Berghaupt hatte sein Ziel erreicht, als junger Arzt hatte er sein letztes Staatsexamen glücklich bestanden und weilte jetzt auf kurze Zeit bei seinen Eltern, um sich körperlich zu erholen, da seine Gesundheit in letzter Zeit wieder bedenklich gelitten hatte. Da kam plötzlich die ganz unerwartete Nachricht von dem Tode der reichen Wittwe, die der Anwalt der Verstorbenen, Herr Rnthberg, den Verwandten mittheilte. „Beim Himmel, wie plötzlich I" rief Graf Kurt, als er das Schreiben flüchtig überlesen hatte. „Was ist geschehen?" fragte seine Gattin bestürzt, wollen die Gläubiger nicht länger Frist gewähren, daß wir unser Heim verlassen müssen, oder was ist es?" „Angela ist todt! Ich wußte gar nicht einmal, daß sie krank war. Wir müssen zur Beerdigung Hinreisen." „Ich nicht," verbesserte Margot. „Wenn Du und Leo hinreist, so ist das wohl genug. O, Kurt, ich hoffe, sie hat uns in ihrem Testamente bedacht." „Das hoffe ich ganz bestimmt," versetzte der Gatte sinnend. „Sie kann kaum in all den Jahren den vierten Theil ihrer Zinsen verbraucht haben; das angehäufte Kapital muß jetzt ganz enorm sein." »Ich glaube aber nicht, daß sie uns bedacht hat," wandte Leo ein, der gerade zum Besuch bei seinen Eltern weilte; „rechne wenigstens nicht darauf, Vater, sonst ist die Enttäuschung hernach zu bitter." Leo hatte seit der ersten Zusammenkunft vor zehn Jahren die reiche Tante noch einmal beim Verlassen der Universität gesehen und die Ueberzeugung gewonnen, daß sie seinem Vater noch immer nicht gewogen sei. „Wie kommst Du zu dieser Meinung?" fragte der Graf erschreckt, „sie war doch gegen Dich stets nobel und großmüthig." , „Sie war die Güte selbst; aber sie wünschte ausdrücklich, ich solle mir als Jnspector wein Brod verdienen, um nie abhängig zu sein. Ich glaube, sie verpachte ihr ganzes Vermögen für wohlthätige Zwecke." 7 „Unmöglich! Na, wir werden es bald genug er- ifghren. Die Beerdigung ist am Mittwoch. Nieding wird mit seinem Sohne auch dort sein; der junge Martin gefüllt mir durchaus nicht." Leo lachte. „Er ist ein erbärmlicher Feigling," versicherte er, „aber wir werden nicht viel zusammenkommen, und im Testament wird er ebenso wenig bedacht sein, wie wir." Es war ein lieblicher Maientag. Die Frühlingssonne sandte ihre goldenen Strahlen vom azurblauen Himmel als letzten Scheidegruß in die kühle Gruft, die die irdische Hülle der Entschlafenen deckte. Ungesehen und unerkannt hatte sie auf Erden so viele Noth der Armen gelindert, so viele Thränen getrocknet, und die Liebe und Dankbarkeit der Bedrängten folgte ihr über das Grab hinaus. Die feierliche Ceremonie war beendet. Im Gartensaal der Nosenvilla waren die wenigen Leidtragenden versammelt. Graf Knrt, Herr Nieding und der Lehrer Berghaupt, jeder mit seinem Sohne; dann der Advokat Nuihberg und ein alter Kommerzienrath Ambach, der> nächste Nachbar und treu erprobte Freund der Entschlafenen. „Ich kenne den alten Herrn," flüsterte Leo seinem Vater zu. „Sein Enkel ist mir ein lieber Studienfreund, und der Großvater besuchte ihn oft. Da erzählte er oft von Tante Angela, die er stets lobte und mit der er sehr befreundet schien." Der Anwalt Nuthberg öffnete das Testament. Die Dienerschaft war nicht zugegen, obgleich sie reichlich bedacht war. Doch er hatte versprochen, derselben später die für sie gemachten Bestimmungen mitzutheilen, da er eine Scene, wenn nicht einen Sturm der Entrüstung unter den Verwandten befürchtete. „Ehe ich mit dem Vorlesen beginne," sagte er, sich gegen die Anwesenden verneigend, „möchte ich bemerken, daß meine Klientin sich bei der Abfassung des Testamentes weder beeinflussen, noch von Anderen bestimmen ließ, und daß die pünktliche Ausführung desselben ihr letzter Wunsch war. Herr Kommerzienrath Ambach ist von ihr als Testamentsvollstrecker ernannt, und ich bin überzeugt, daß er nur auf dringendes Bitten der Entschlafenen diese Pflichten übernommen hat. Frau Marlitz versäumte auch nicht die Vorsicht, ihrem Willen ein ärztliches Attest beizulegen, daß sie bei der Abfassung des Testaments im Vollbesitz ihrer Geisteskräfte war." Eine Wolke des Unmuths lagerte sich auf deS Grafen Stirn; das Testament fiel gewiß nicht zu seinem Gunsten aus, da seine Schwester diese Vorsichtsmaßregeln getroffen hatte. — Anwalt Ruthberg las mit klarer, vernehmlicher Stimme. Die Dienerschaft war reichlich bedacht. Die Villa mit sämmtlichen Mobilien, Silberund Kunstgegenständen fiel dem Watsenhause zu. Dann vermachte sie ihren neun Nichten — zwei Töchter des Anwalts Nieding und sieben Töchter des Lehrers Berghaupt — jeder ein Capital von 15 000 Mark, welches ihnen am Tage ihrer Verheirathung oder an ihrem dreißigsten Geburtstage ausgezahlt werden solle. Inzwischen erhalte jede Nichte bis zur Auszahlung des Kapitals eins jährliche Nente von 1000 Mark. Der Lehrer Berghaupt athmete erleichtert auf. Die Zukunft seiner sieben Töchter hatte ihm schwerer auf dem Herzen gelegen, als Worte es beschreiben können. Jetzt schien mit einem Schlage alle Noth vorüber; er hatte siebentausend Mark jährliche Rente, so lange sie unverheirathet blieben, das war eine Hilfe, die er weder erträumt noch 33S erhofft hatte. Der Advokat fuhr mit dem Lesen des Schriftstückes fort: „Das meinen neun Nichten ausgesetzte Kapital wird von den in den letzten zehn Jahren angehäuften Zinsen meines Vermögens genommen. Das Vermögen selbst besteht in sicher angelegten Staatspnpieren in einer Höhe von acht Millionen Mark, über die Herr Ambach ein Jahr nach meinem Tode in meinem Sinne, den er genau kennt, verfügen wird. Es ist mein Wunsch und Wille, daß diejenigen meiner Verwandten mich beerben, die des Erbes würdig sind, und ich habe volles Vertrauen in das Urtheil meines Freundes Ambach, der aber in der Austheilung des Erbes keinem meiner Verwandten Rechenschaft abzulegen hat." Eine peinliche Pause entstand, die der junge Martin Nietung zuerst unterbrach. „Das ist eine lächerliche Idee; das Testament darf nicht bestehen, es muß umgestoßen werden," rief er gereizt. „Durchaus nicht," widersprach Herr Nuthberg. „Ich muß sogar darauf aufmerksam machen, daß meine Klientin befürchtete, das Erbe könnte in unwürdige Hände kommen. Sie wollte mit Recht dem Kommerzienrath zwölf Monate Zeit geben, um die Charaktere ihrer Verwandten zu prüfen." „Ich verstehe ihre Meinung," sagte der Lehrer nachdenkend. „Sie wollte sehen, wie ihre drei Schützlinge sich nach ihrem Tode machen würden. Sie hat ihnen allen dreien eine sorgfältige Pflege angedcihen lassen, so daß sie ihr Fortkommen in der Welt haben." „Da haben Sie vollkommen Recht," rief Herr Am- bach, dem Lehrer kräftig die Hand schüttelnd. „Das war der einzige Wunsch der guten Frau Marlitz. Sie hielt es für ein Unglück, ein Mädchen mit einem großen Kapital zu bedenken, darum setzte sie ihren Nichten nur ein geringes aus. Ich darf Ihnen vor Jahresfrist die Absicht der Entschlafenen noch nicht sagen, aber so viel darf ich verrathen, daß die drei Neffen, für die sie sich so sehr interesstrte, ihre Zukunft in ihren eigenen Händen haben. Die Rente Ihrer Töchter ist halbjährig fällig, und werde ich Ihnen die erste Sendung zugehen lassen. Jetzt habe ich nichts mehr zu sagen und empfehle mich den Herren," mit leichter Vernetzung des Hauptes verließ er das Gemach, gefolgt von dem Anwalt Nuthberg. Die sechs Herren blieben allein — drei Vater und drei Söhne. Graf Kurt biß die Zähne aufeinander, so schwer wurde es ihm, seine Gefühle zu beherrschen. Er war empört, daß seine Schwester ihm kein Vermögen ausgesetzt hatte, dann aber auch freute er sich, daß dem Kommerzienrath Zeit gegeben war, seinen Sohn Leo kennen zu lernen, und er zweifelte nicht daran, daß dieser feine beiden Vettern übertreffen werde. Wenn es ihm nur gelingen wollte, die vielen lästigen Gläubiger noch ein Jahr hinzuhalten, so war er aller Noth enthoben. Der Lehrer Berghaupt ließ nur ein Gefühl in seinem Herzen aufkommen — Zufriedenheit und Dankbarkeit. Er hatte sich sein ganzes Leben so kümmerlich hindnrchgeholfcn, daß ihm jetzt die Rente seiner Töchter ein unermeßlicher Reichthum erschien; drei seiner Töchter waren freilich schon heirathsfähig, aber sie waren noch nicht verlobt, und wenn sie später einen Bund für's Leben schließen wollten, so verließen sie doch nicht das Elternhaus mit leeren Händen. Martin Nicding und sein Vater waren weder hoffnungsvoll, wie Graf Kurt, noch dankbar, wie der Lehrer. Sie zürnten über das ungerechte Testament, das sie nicht anerkennen wollten, und äußerten ihren Unmuth unverhohlen. Die beiden Töchter waren längst verlobt, und das Legat konnte die Trauung nur beschleunigen, aber Martin vertröstete sich, daß der Kommerzienrath Ambach zu weit von der Residenz entfernt wohne und unmöglich erfahren könne, wie schlecht und nutzlos er seine Zeit zubringe. „Es scheint mir wie ein Unrecht, jetzt noch undankbar zu sein," wandte sich Herr Berghaupt an seinen Sohn, als sie in die Heimath zurückfuhren, „aber ich hatte doch gehofft, Frau Marlitz hätte Dir ein kleines Vermächtniß hinterlassen." Willy lächelte wehmüthig. „Lass' eS gut sein, Vater, ich werde ganz gut fertig," beruhigte er. „Mir ist die Stelle als Assistenzarzt in B. angeboten, das ist nur zwei Stunden Entfernung von Ebersheim, und immerhin ein guter Anfang für mich." „Du wirst dort sehr viel zu thun haben, mein Junge." „Vielleicht, aber Mutter wird sich freuen, daß ich hier in Eurer Nähe bleibe; ich kann bei gutem Wetter sogar zu Fuß nach Ebersheim gehen." „Gibst Du denn jede Hoffnung auf das Erbe Deiner Tante auf, mein Sohn? Du hast doch dieselben Aussichten dazu wie Deine beiden Vettern." „Ich denke gar nicht daran," versicherte Willy entschlossen. „Die Ungewißheit würde mich nur beunruhigen und mir die Freudigkeit zu meinem Berufe rauben. Ich wünsche, Leo wäre der Erbe; sein Vater kann das Geld gut gebrauchen, und bei Martin würde es nur in schlechte Hände fallen." Helene Berghaupt war bet der unerwarteten Nachricht überglücklich; war doch mit einem Male alle Noth verschwunden und für ihre sieben Töchter reichlich gesorgt. Ihr ältester Sohn Willy war Arzt; Paul, der zweite, war Kaufmann und hatte feine Lehrzeit bereits hinter sich; Albert, der jüngste, zählte erst zehn Jahre, aber die guten Verhältnisse der Schwestern sollten ihm auch zum Vortheil werden. „War Hans nicht in dem Testament bedacht?" fragte sie plötzlich, als sie am Abend mit ihrem Gatten allein war. „HanS? meinst Du etwa den Anwalt Nieding damit?" „Nein, ich meine meinen Bruder Hans. Er war Angela's Lieblingsbruder und lebte zuletzt in New-Aork; ich weiß aber nicht, was aus ihm geworden ist." „Sein Name ist gar nicht erwähnt. Der alte Herr Ambach kann eigenmächtig über das Erbe verfügen, vielleicht hat die Verstorbene ihm nähere Anweisungen gegeben. Hoffe aber nicht zu sehr, daß Willy der Erbe wird, Du sparst Dir damit eine herbe Enttäuschung." „Nach meiner Meinung hätte das Vermögen in drei gleiche Theile getheilt werden müssen," sagte Helene gedankenvoll. „Graf Kurt bedarf das Geld, denn eS geht ihm schlechter denn je." „Er war fast verzweifelt, der arme Mann," gab der Lehrer zu, „er erwartete bestimmt eine bedeutende Summe." Helene schüttelte traurig ihr Haupt. Angela hat uns Allen nicht vergeben, daß wir UNS ihrsr Verbindung mit Marlitz widersetzten; Kurt wirb ebenso wenig bekommen wie wir Schwestern." 340 Die Sonne schien hell und warm. Ihre Strahlen brachen sich tausendfältig in den Thautröpfchen, die an Gräsern, Sträuchern und Bäumen glitzerten; welke Blätter, das Zeichen deS herannahenden Herbstes, bedeckten vielfach den Boden, auch die Bäume boten durch die mannigfache Schattirung des Laubes einen eigenartig schönen, malerischen Anblick. Herbstblumen wie Georginen und Astern, auch hier und dort eine verspätete Rose, die Kelche mit Thau gefüllt, bewegten leise und melancholisch die bunten Häupter in dem leichten, frischen Wind, der sich mit Sonnenaufgang erhoben hatte. Es war ein strahlend schöner Tag, und die frische, fröhliche Mädchenschaar, die sich gruppenweise um die allgemein beliebte Vorsteherin des Familienpensionates, La Nochette, schaarte, um Einige für immer. Andere nur für oie füufwöchentliche Ferienzeit Abschied zu nehmen, konnte wohl zufrieden sein, solch selten herrliches Wetter zu ihrem Reisetage zu haben. Das große, peinlich sauber gehaltene Schulzimmer war jetzt still, öde und leer. Große Landkarten hingen an den Wänden, in der Ecke auf einem Seitentische stand ein riesengroßer Globus, Tische und Bänke waren sorgfältig weiß gescheuert, nur zahlreiche Tintenflecke zeugten von dem Fleiß der Schülerinnen. Weiße, duftige Mullgardinen bewegten sich leise vom Winde, der durch die geöffneten Fenster strich, und hinter denselben verborgen stand-eine junge, bleiche Dame, allein und verlassen in dem großen, öden Schulzimmer. Sie hatte die bleichen, schmalen Lippen fest aufeinandergepreßt, und die mit Thränen gefüllten, tiefblauen Augen blickten träumend in den sonnigen Herbsttag hinein, ohne anf die sie umgebende Schönheit zu achten. (Fortsetzung folgt.) -.^SWWS-°-- Die Nörltgeirsirahlen sichtbar! Die Röntgenstrahlen können unter Umständen für das menschliche Auge sichtbar gemacht werden, dies ist wieder eine Entdeckung an diesem so wunderbaren Phänomen. Sie wurde von dem Privatdozenten Dr. Brandes in Halle gemacht, worüber Folgendes berichtet wird. Dr. Brandes kam durch eine Mittheilung des italienischen Physikers Salvioni über die sehr geringe Durchlässigkeit der Linse des thierischen Auges für Nönt- genstrahlen auf die Vermuthung, daß dieser Umstand vielleicht die Unsichtbarkeit der neuen Strahlen erklären könne. Er ließ daher ein wegen eines Augenleidens beider Linsen beraubtes Mädchen an die gänzlich verdunkelte Strahlenquelle herantreten. Als der Strom durch die Röhre ging (es wurde für den Versuch ein sehr starkes Jn- duktorium benutzt, und die große birnförmige Hittoif'sche Röhre war an der kritischen Stelle bedeckt mit Jod- rubidium, das ganz hervorragende Wirksamkeit bei Erzeugung der Röntgenstrahlen besitzt), meldete das junge Mädchen eine Lichtempfindung im linken Auge. Ursprünglich wurde an die Möglichkeit des Eindringens wirklicher Lichtstrahlen ((Überspringen des Funkens) gedacht, aber auch als diese eventuelle Fehlerquelle ausgeschaltet war, hatte das Mädchen immer noch dieselbe Empfindung. Eine Nachprüfung ergab dann das überraschende Resultat, daß auch die Forscher eine Lichtempfindung im Auge hatten. Dr. Brandes hat dann diese Erscheinung weiter untersucht und festgestellt, daß es wirklich die Röntgenstrahlen sind, welche den Reiz auf die Netzhaut ausüben. Bringt uran den in einen völlig undurchsichtigen Behälter eingeschlossenen Kopf in die Nähe der Strahlenquelle so treten auch bei geschlossenem Auge Lichterscheinungen auf, die an der Peripherie am stärksten sind; sie bleiben in gleicher Weise bestehen, wenn eine große Aluminiumplatte, die also die elektrischen Reizungen völlig ausschließen würde, zwischen Hittorf'scher Röhre und Beobachter eingeschaltet wird. Bringt man dagegen eine dicke Glasscheibe, die bekanntlich die eigenartigen Röntgenstrahlen nur in sehr geringem Maße hindurch läßt, zwischen Strahlenquelle und geschlossenes oder verdecktes Auge, so tritt vollkommene Dunkelheit ein. Ob nun die Röntgenstrahlen die nervösen Elemente des Auges direkt zu reizen im Stande sind, oder ob sie nur irgend welche innere Theile des Auges fluoresziren machen und dadurch indirekt eine Lichtempfindung verursachen, hofft man durch neue Experimente entscheiden zu können. — In.Charlottenburg betreibt Pros. Dr. Buka von der technischen Hochschule Versuche über die unmittelbare Beobachtung innerer Körpertheile mittelst der Röntgenstrahlen. Er verwendet dabei einen Barium- und Platincyanürschirm. An einem zehnjährigen Knaben konnte man, wie in der „Deutsch, med. Wochenschr." mitgetheilt wird, was zunächst das Skelett angeht, die Rippen und deren Bewegung bei der Athmnng, die Wirbelsäule, Schultcrgclenk, Schlüsselbein, Scapula, Oberarm, Ellbogengclenk, die Beckenschausel u. a. m. zur Anschauung bringen. Von inneren Organen konnten in ihren Umrissen das Herz und die Leber erkannt werden, wenn der Rücken des Knaben der Hittors'schen Röhre zugewandt wurde. Günstige Ergebnisse lieferte das Buka'sche Verfahren auch bei der Aufsuchung von Fremdkörpern. - —- Zeitungen. „Ein ZeitungSblatt gewähre nur, Der Wünsche höchstes Ziel." Holtcl's Lenore. . Pfingstmontag fder Artikel kommt etwas verspätet zum Abdrucks ist einer von den wenigen zeitungsleeren Tagen im Jahre, was von dem zeilungshnngerigeu Lcse- publicnm gewiß nicht mit solcher Befriedigung empfunden wird, wie von den vielgeplagten Hervorbringern dieser täglichen Kost. Man ist so verwohnt jetzt, wo die Meisten außer einer größeren Zeitung auch noch einige Localblätter hallen oder doch lesen und so immerfort anf dem Laufenden des Neuen, Neuesten und Allerneuesten bleiben und dabei noch den Kopfzerbruch und die Muthmaßungen über zukünftige Ereignisse mit in den Kauf bekommen. Viele Blätter erscheinen zudem zweimal im Tage; da kommt dann zum Neuen immer noch das Neuere hinzu. Und das alles muß der Zeitungswolf entbehren an diesem schönen, freundlichen Pfingsttage oder den wenigen andern Tagen seines Gleichen. Wie gern hörte er anstatt des Blättcr- gesäusels vom Baume vor seinem Fenster das leise Knistern der Blätter seiner geliebten Zeitung! Stirnrunzelnd geht er an den „Tisch des Hauses", sucht aus dem ZeitungS- packet das Neueste heraus und versucht sich in gewohnter Weise zu amüsiren. Aber es gelingt ihm nicht, es ist alles schon viel zu alt. Es ist eben Pfingstmontag und er uiuß sich noch 24 Stunden gedulden. Aber auch bei Menschen, die weniger heißhungerig auf die Zeitnngs- 341 Lcctüre sind, macht sich — so groß ist die Macht der Gewohnheit — eine gewisse Unzufriedenheit geltend. Es ist nicht immer so gewesen. Vor mir liegt eine alte, ja recht alte Zeitung, deren Titel ist: „Kaiserliche Reichs-Ober-Post-Amts-Zeitung zu Köln. 176. Stück. 1780. Mit Seiner römisch-kaiserlichen Majestät aller- gnädigster Freiheit. Freitag, den 3. November." Die ganze Zeitung besteht aus einem vergilbten Quartblatt, noch nicht so groß wie das Ergänzungsblatt der Köln. Volkszeitung, hat einen schönen, leserlichen Druck und weiß uns, unbeschadet ihres geringen Umfanges, allerhand Interessantes zu erzählen. Den Anfang macht ein Bericht über einen in Ober- Oesterreich im August 1780 stattgefundenen Waldschwund mit Baumsturz. Von Oberösterreich führt uns die K. R.- O.-P.-A.-Z. direct nach Frankreich, was bei dem damaligen Uebergcwicht des französischen Wesens nicht zum Verwundern ist. Es handelt sich aber nicht um Haupt- und Staats-Actionen, deren Zeit — neun Jahre vor dem Ausbruch der Ncvolirtion — noch nicht gekommen war, sondern um die Ankunft einer Kaufsahrteiflotte im Hafen von Marseille. „Es läßt sich von selbst ermessen", sagt der Berichterstatter, „in welche Freude das Handlungswesen durch diese glückliche Ankunft versetzt wurde, um so mehr, da die Schiffe theils zu Constantinopel, Smyrna und Salonichi, theils in Syrien mit morgenländischen Waaren befrachtet worden." Folgen noch von Naelis und Brest Schiffs- und Truppen-Nachrichten; dann über Paris, etwa ein Viertel der Zeitung einnehmend, ein Bericht über Vorgänge aus der Revolutionszeit in Amerika. Von da geht's wieder zurück nach Deutschland, und zwar nach der Weser, von woher die Entsendung kurhannover- scher Truppen nach „Aengland" berichtet wird, und nach Negensburg, in dessen Nähe im Hause eines Taglöhncrs während des Gottesdienstes eingebrochen und einer Las Haus bewachenden Frau der Kopf gespalten und zugleich Feuer angelegt wurde. „Dasselbe hat man zwar gelöschet, den Mörder hat man aber noch nicht entdecken können", was man bei uns, 116 Jahre später, bekanntlich auch nicht immer fertig bringt. Zur Erholung von dieser in elf Zeilen erzählten Schauergeschichte kommt etwas Kurzweiliges, wobei man sich freilich müde lesen muß an all den langen Titulaturen; handelt es sich doch um einen Kurfürsten, dessen Coadjntor, und einen Freiherr« von Hoesch, „Seiner letzt- verstorbenen Kurfürstlichen Durchlaucht ehemaliger Oberst- hoskanzlcr und hernächst Sr. Kaiserlichen Majestät Carl VII. gewesener wirklicher geheimer Rath und Hofkanzler". Der Herr mit dem langen Titel hatte, als besondere Ehrung für Kurfürst und Coadjntor, „ein musikalisches Hochamt unter Lösung verschiedener Böllerschüsse feierlich absingen lassen". „Die Vormittags zur Erwccknng mehrerer Andacht gebrauchten musikalischen Instrumente dienten am Nachmittag den Dorfschaften Strümp, Ossnn undBosig- horen zur Ermunterung einer ehrbaren, bis heute früh geendigten Lustbarkeit, zu welcher des gedachten kaiserlichen Rathes Exzellenz die in dergleichen Fällen für männ- und weibliche Geschlechter nothwendigen Sachen vollkommen besorgt haben." Dann kommt von Karl Theodor von der Pfalz die „gnädigste Bestätigung" eines Urtheils, erlassen gegen einen wegen Betrugs, Fäschung, Unbotmäßigkeit usw. seiner Ehrenämter beraubten und entadelten Adeligen, dessen „Frau und wirklich habenden ehelichen Kinder gleichwohlen davon nicht betiöffen werden. Düsseldorf, bett 25. October 1780". Man würde diese Verfügung als „amtlich" jetzt gc» wiß auf der ersten Seite einrücken, anstatt gerade vor den Inseraten. Es sind nämlich auch solche da, aber verschwindend wenig, im ganzen vier. Zuerst die Ankündigung, daß das Porträt Maximilians, Erzherzogs von Oesterreich, Coadjutors des Erzstiftes Köln, in der Haasischen Buchhandlung für 36 Stüber verkäuflich ist. Die drei folgenden Inserate sind Mittheilungen über kurfürstlich kölnische Lotterie-Augelegenheitcn, und das ist alles. Wie man sieht, sind wir den Leuten der vorigen Jahrhunderts-Neige in betreff der Inserate jedenfalls „über". Das buntscheckige, vielgestaltige Ungethüm Neclame war damals noch nicht erfunden. Besonders stark sind darin die Localblätter, zur Erheiterung harmloser Leser. Vor zwei Jahren stand wochenlang in allen Kölner Blättern die Nachricht: Corona kommt! Corona ist noch nicht eingetroffen! Corona wird nächste Woche kommen! Wer war Corona? Eine Schauspielerin, eine Kunstreiterin, eine Ricsendame? O nein, Corona war ein Corset, welches dem Publicnm angekündigt werden sollte. Inzwischen hatte aber ein Pfifficus inserirt, sein Schnaps „Corona" sei angekommen und von unvergleichlicher Güte. Der empörte eigentliche Corona-Besitzer theilte nunmehr dem Publicnm den Sachverhalt mit und überließ es demselben, über das Verfahren des andern sein Urtheil zu bilden. Das that es auch — es lachte. Den Nutzen von der Geschichte hatten aber die Blätter. Ein glücklicher junger Papa hat die Geburt eines Knaben kurz und bündig mit den Worten: „Ein Jüngcl- chen!" angezeigt. Aus dem einen wurde aber eine Menge „Jüngelchen", denn ein Schalk hatte sich den billigen Spaß gemacht, mehrere Tage hintereinander in verschiedenen Blättern das Jüngelchen, wenn auch ohne Nennung des Vaternamens, zu inscriren. Am ersten Tage stand es auf allen vier Seiten an hervorragender Stelle. Es waren gewiß viele harmlose Leser ebenso heiter darüber wie der junge Vater über die Ankunft des „Jüngelchcns". Den Umschwung der Verhältnisse merkt man in dem erwähnten Zeituugsblatte ganz besonders an dein gänzlichen Fehlen aller parlamentarischen Nachrichten, Land- und Neichstags-Neden usw. Woher hätten .die auch kommen sollen, da der -beschränkte Untcrthancuverstand noch nicht ein Mal erfunden war? Deshalb waren die damaligen Berichterstatter nicht im Stande, den kannegießernden Zeitungs- lescrn die collegialischcn Grobheiten der Reichsbotcn unter sich und die olympischen Reden vom Ministcrtische zum Morgenkaffee oder Abendschoppen vorzulegen. Es mußte auch so gehen. Auch an dem, was man Klatsch nennt, fehlt es in dem alten Blättchcn ganz, was wohl hauptsächlich der Censur zuzuschreiben ist. Es werden weder Persönlichkeiten angegriffen, noch wird dem Urtheil über zukünftige Entwickelungen und Ereignisse vorgegriffen. Wie oft ein solches trügt, zeigt sich jedem, der sich die Mühe geben will, alte Zeitungen durchznlesen. Arthur Milchhöfer erzählt in einem Reisebericht aus Griechenland, da ihn die Zeitungen nicht täglich erreichen konnten, habe er sich dieselben in großen Packeten nachschicken lassen und dann immer wieder eingesehen, daß alles gewöhnlich anders kommt als man dachte — wie wir ja auch bei Kanzlerkrisen, Schul- und Umsturz-Vorlagen usw. erfahren habend Solche Ueberraschnirgen konnte man freilich den frühern ZsitungSlcsern nicht allzu oft bieten, und wir würden es auch verschmerzen, wenn sie seltener kämen. Am Feuilleton scheint es den damaligen Zeitungen ganz gefehlt zu haben. Man kann sich das jetzt kaum vorstellen. Manche Herren behaupten, sie Hütten keine Zeit, daS Feuilleton zu lesen. Das mag ja zutreffen. Die Damen aber studiren es jedenfalls um so eifriger, und gerade deßhalb ist die Auswahl durchaus keine gleichgültige Sache. Das tägliche Lesen einer unsittlichen, wenn auch fesselnd geschriebenen Erzählung wirkt gerade in der Zeitung, wo man es, weil es weniger ist, auch mit größerer Aufmerksamkeit liest als in einem Buche, für junge und unreife Leute wie eine langsame Vergiftung. Und wenn es auch reinen Frauen nicht schadet — warum sollen sie ihre Seelen damit betrüben? Sie können ihre Zeit besser verwenden. Das sittenreine, an- muthig geschriebene Feuilleton dagegen hat ein freundliches Interesse für die ganze Familie, besonders den jüngeren Theil derselben. Es läßt sich ja sonst selten einrichten, daß alle das Gleiche lesen. Bei den Zeitungen geht es aber, und dann ist nachher der Gedankenaustausch über das Gelesene, die Muthmaßung über das, was morgen kommen mag, eben so anregend als den Geschmack bildend. In einigen Familien hat man die löbliche Gepflogenheit, die Zcitnngsgeschichten zu verwahren und später einzuheften, und vieles ist auch werth, auf solche Weise erhalten zu werden. Es kommt eben alles darauf an, daß die Zeitung gut, daß sie in religiöser und sittlicher Beziehung einwandfrei ist. Darauf wird bei Auswahl der Hauszeitungen noch immer zu wenig geachtet. Und doch sollte man bedenken, daß für viele Menschen die Zeitung wie das tägliche Brod ist und es gewiß darauf ankommt, daß dasselbe rein und unverfälscht sei. Man hört so oft das Wort: „Mir schadet das nicht." Das mag sein; aber wer weiß denn, ob es nicht andern, besonders der heranwachsenden Familie, schadet? Man läßt sich immer mehr oder weniger durch die tägliche Zeitungslectüre beeinflussen. Auf den eigenen Doctor und die eigene Zeitung halten wir wie auf etwas, das zu uns selbst gehört. Wer schlechte Zeitungen lesen muß, thue das möglichst auswärts, halte zu Hause aber gute, bewährte Blätter, woran es Gott Lob jetzt nicht mehr fehlt, die aber noch immer nicht genug unterstützt werden. ----*S>--— Der KasenderstreiL und srlue Folgen in Nngsburg. ( 1583 - 1591 .) (Schluß.) , Nachdem der Stadtvogt durch die unter das Gewehr getretene Thorwache einige Alarmschüsse hatte abfeuern lassen, um das in der Nähe postirte Fähnlein herbeizurufen, wollte er über den Vorfall auf dem Nathhause Meldung erstatten, erlitt aber unterwegs, als er mit seinem Hauptmann Peter Gleim von Mellerstadt redete, durch einen aus einem Kaufmannshaus abgegebenen Schuß eine schwere Verwundung am Arm. Auch in der Annastraße wurde trotz des Befehles, nur durch Luft- schüsse die Nebcllen zurückzutreiben, ein einziger Mensch („eine tolle und ganz lüderliche Person, die gegen alle Ermahnung von ihrer Unsinnigkeit nicht ablassen wollte, durch Müller aber zu einem Heiligen erhoben wird") durch eine Kugel tödtltch verletzt. Der Lärm und daS Schießen rief die Bürger in Waffen auf die Sammelplätze, doch gingen sie ohne Ausschreitungen wieder nach Haus, da sie Gewißheit über die glückliche Rettung deS Dr. Mylius, und daß die übrigen 13 Prediger nicht gefährdet seien, erlangt hatten. Bis zum Abend war der Aufruhr gestillt, und während der Nacht kam mit Hülfe seiner Freunde Pastor Müller aus der Stadt. Er begab sich nach Mm, wo er eine gastliche Aufnahme fand?) Nach wenigen Tagen erreichte ihn dort die Trauerbotschaft von dem plötzlich erfolgten Ableben seiner Frau; doch wagte er nicht, deßhalb nach Augsburg zurückzukehren angesichts des ihm zugefertigten Dekrets, worin ihm der Rath eröffnete, „daß er wegen Anstiftung deS Ungehorsams gemeiner Bürgerschaft gegen die Obrigkeit, und weil nicht Willens von diesem Unwesen abzulassen, alsbald aus der Stadt zu weichen, seinen Pfennig anderswo zu verzehren und des Zugangs und PraktizirenS unter und mit den Bürgern sich gänzlich zu enthalten habe. Sein Platz und Stell soll sogleich mit einem an- , deren Prediger der Augsburger Konfession wieder ersetzt i werden." Die überraschend schnelle und unfreiwillig erfolgte j „Beurlaubung" des Superintendenten verfehlte nicht die erwartete Wirkung, daß in dem Ministerium die Beseitigung des verwirrenden Einflusses dieses Mannes als eine Erleichterung empfunden wurde. Es genügte jetzt eine einzige Besprechung der Stadtpfleger mit den Prä- dikanten zur Gewinnung des Bodens einer Verständigung. Gerne bot der Rath die Hand zum Frieden, und indem er dem Predigtamte die gewünschte Erlaubniß ertheilte, noch einmal das Pfingstfest an dem Tage nach dem alten Kalender feiern zu dürfen, erklärte sich dasselbe bereit, fortan in der Kirche der neuen Zeitrechnung sich zu bedienen und die Gemeinde zu ermähnen, „den eingeriffenen Unfrieden und alle Widerwärtigkeit zu vergraben." Dem entsprechend wurde am Sonntag den 17. Juni 1584 stxlo novo und am nächsten Montag von allen Kanzeln verlesen: „dieweil leider große Zerrüttung und Unruhe, ja auch gar gefährliche Verbitterung zwischen gemeiner Bürgerschaft eine Zeit lang gewesen und dieses schädliche Uebel aus Ungleichheit der Feier- und Werktage nach altem und neuem Kalender meistentheils entstanden ist, so hat man sich der Nöm. Kais. Majestät und E. Rathe allhier zu Ehren und Gehorsam also verglichen, daß es in dieser ganzen Stadt mit Feiern und Arbeiten forthin nicht nach dem alten, sondern nach dem neuen Kalender durchaus gleichförmig soll gehalten werden." ^ Der leidige Kalenderstreit war nach hitzigem Kampfe auf beiden Seiten sonach beendet?) Pflichtschuldig berichtete der Rath über den Vorgang am 4. Juni (25. Mai a. St.) nach Wien, worauf eins kaiserliche Commission zur Untersuchung und Schlichtung 2) Nach einem Aufenthalt von 10 Minuten in Ulm berief ibn der Kurfürst von Sachsen nach Wittcnberg als Kanzler der Akademie und Propst der Schloßkirche, auch lelnte er als Professor an der Universität zu Jena und leitete 1592 die Kirchen- vlsitation im ganzen Kurfürstenthum; er starb 1607 in diesem Dienst. 3) Der Gregorianische Kalender fand 1586 in Polen, 1587 in Ungarn Eingang, wurde 1699 von den cvangel. Ständen deS deutschen Reichs als „verbesserter" Kalender angenommen und 1752 in England, 1753 in Schweden eingeführt. Rußland, Griechenland und die Slaven griechischer Konfession rechnen noch nach dem Julianischen Kalender (a. St.). 343 -er Wirren in Augsburg eintraf und sich einer mühevollen Arbeit nicht wegen des beigelegten Kalenderstreites, sondern wegen einer aus demselben erwachsenen, auf kirchlichem Gebiete wichtigen Folge unterziehen mußte. Unter den Gründen, mit welchen dem Rathe die Berechtigung zur Abänderung der kirchlichen Festtage abgesprochen werden wollte, erschien auch die Machtbefugniß des Ministeriums, alle persönlichen und inneren Angelegenheiten der Kirche allein regeln zu können, wogegen jedoch am 1. Februar 1584 Stadtpfleger Nehlingen mit Entschiedenheit protestirte, weil dieser Satz in seiner allgemeinen Fassung mit den uralten Privilegien des städtischen Regiments sich nicht vertrage. Jetzt griff Dr. Mylius in seinen aus Ulm an die evangel. Gemeinde gerichteten Trost- und Sendschreiben leidenschaftlich das Stadtoberhaupt an, welches sich nicht scheue zu behaupten, Kirchendiener zu wählen, zu nominieren, zu bestätigen und zu beurlauben stehe ebensowohl als die Vokativ« bei den Stadtpflegern und den Geheimen, „und doch lebt ihr in einem freien Staat und in keiner Monarchie oder unter einem Diktator." Ungeachtet derartiger aufreizender Schriften, denen gegenüber die Prädikanten sich ruhig verhielten, wollte der Rath weder dem in Aussicht stehenden kommissarischen Gutachten, noch weit weniger einer allerhöchsten Entschließung vorgreifen, und er begnügte sich mit Mahnungen „an jeden Bürger, Inwohner und Verwandten dieser Stadt in gebührender Bescheidenheit eine Resolution abzuwarten, verbotene Zusammenkünfte zu meiden und Geldsammlungen zu Conspirattonen und Meutereien zu unterlassen." Mit einem Auszug aus dem durch die Kaiserlichen Sub- und delegirten Commissarien aufgerichteten und von dem ganzen Rathe angenommenen Vertrag lief bei der Nathskanzlei im Monat Juni 1586 das von Rudolph II. zu Prag am 30. Januar 1586 ergangene Mandat ein. Dasselbe drückt zunächst „das ganz ungnädigste Mißfallen den ausgeschnfftcn und aus- gewichenen Bürgern ob ihres Ungehorsams und Mnth- willens" aus, will aber die gehorsamlich sich unterwerfenden von Strafe liberiren und verhofft sich einer künftigen „Reverenz und schuldiger Achtung." Was sodann den Hauptpunkt, die Nomination u. s. w., betrifft, so spricht sich der kaiserliche Wille unzweideutig dahin aus: „die Nomination, Präsentation und Confirmation der Kirchendiener Augsburger Konfession soll einem E. Rath, als dem Haupt der Stadt, welches auch die ganze Gemeinde repräsentirt, ungeschmälert bleiben, und er habe jederzeit 14 Prädikanten und nicht weniger in Bestallung zu erhalten, daneben aber soll dem Ministerio unverwehrt sein in Erledigung einer Kirchenstelle einen zum Amte tauglich Oualifizirten vorzuschlagen ohne deßhalb einem E. Rathe an dessen habenden Rechten etwas zu derogiren oder zu nehmen." Ohne Säumen ernannte der Rath aus seiner Mitte 3 Kirchenpfleger Augsburgischer Konfession und beauftragte sie, den Kirchendienern das kaiserliche Dekret bekannt zu geben. " Obwohl in der Zwischenzeit Dr. Mylius seinen Wohnsitz in Wittenberg genommen hatte, so lockerte die größere Entfernung keineswegs die Bande, mit welchen er seine vormalige Heimath an sich geknüpft hatte. Genau unterrichtet von allem, was dorten vorging, griff er noch immer mit den Trost- und Sendbriefen in die Ereignisse der, wie er meinte, hart bedrängten Stadt ein und sorgte dafür, daß die Fackel der Zwietracht nicht erlösche. Schmerzlich berührte ihn allerdings die Nachgiebigkeit des Predigamtes in dem Kalenderstreite, jetzt aber wachte er demselben gegenüber seinen ganzen Einfluß geltend, um eine zweite Niederlage abzuwenden. Nicht nur hatte er einst als seine Hauptaufgabe die Machtstärkung deS Ministeriums aufgefaßt, sondern seine Thätigkeit gegen den Wirkungskreis der weltlichen Obrigkeit durfte auch namhafte Erfolge verzeichnen, bis die neuen Stadtpfleger seine Zirkel störten. Ihm war wohl bewußt, daß von dem Siege über den kaiserlichen Willen, von dem er schon Kenntniß aus Wien erlangt hatte, ehe dieser auf dem Nathhause in Augsburg verlautete, die Fortdauer der Gewalt bet der ihm noch anhängenden Bürgerschaft bedingt sei, und daß der Ausgang dieses Kampfes in vielen Gemeinden ähnlicher Lage maßgebend werden könnte. Die durch ihn und seine Freunde bearbeiteten Prädikanten gelobten auf dem Plane auszuharren. Das Geheimniß über diesen Widerstand blieb nicht gewahrt, daher der Rath auf schnelle und kräftige Entschließungen sich vorbereitete. Als nun die 11 Pfarrer und Diakone erklärten, daß ihnen „der Artikel, belangend die Bestellung des Predigamtes, allzuschwer, unerträglich und begehrtcrmaßen ganz unmöglich sei und sie dann dieser Stadt E. Kirchen und der Gemeinde nicht länger dienen könnten", erhielten sie umgehend den Bescheid: „Kaiser!. Majestät habe einem E. Rathe den lauteren Befehl gegeben, die publizirte Resolution strack zu halten und gegen diejenigen, so sich deren widersetzen, mit ernstlicher Straf zu prozediren; wollten sie also auf ihrer Erklärung verharren, so werde man ihnen einen friedlichen Abschied aus dieser Stadt nicht versperren und mit erstem trachten, mit anderen der Augsburger Konfession verwandten tauglichen Personen und winistrig ihre Plätze zu besetzen." Eine so feste Sprache verlangte nur Ja oder Nein, und in einer langen Snpplikation begründete der ganze Konvent am 13. Juli sein ablehnendes Verhalten zu dem Artikel über die Berufung und Anstellung der evangelischen Geistlichen durch die weltliche Obrigkeit. Ju 6 Tagen hatten die Prädikanten ihre Entlassung in der Hand. „Ihres gegen der Kais. Resolutionen, Dekreten, Mandaten und aufgerichteten Vertrag erklärten Ungehorsams halber — hieß es in dem kurzen Beschlusse vom 18. Juli 1566 — sind sie allhier nicht länger zu dulden, haben sich des Predigens und des Küchendienstes nicht ferner zu unterfahen, sondern noch vor Nachts ihren Abzug mit aller Still' und Ruh', ohne Geschrei, Ge- läuf und Bewegung der Gemeinde zu nehmen, auch ihre Weiber und Kinder aufs ehest hienach zu ihnen zu fordern, dargegen will man jedem sein ganz Quatcmbergeld erlegen und bezahlen. Es soll und wird bei diesem Dekret endlich bleiben." In kurzer Zeit vollzog sich die Wiederbesetznug der Stellen. Wie tief den vr. Mylius die erlittene Niederlage schmerzte, zeigt die von ihm zu Wittenberg 1586 im Druck heransgcbene Schrift „Augsburger Händel". Allein diese Selbstvertheidignng verfehlte ihren Zweck. Die maßlosen Uebertreibungen und die lächerlichen Erdichtungen irrten so weit von dem Wege der Wahrheit ab und der Verfasser ließ dem Groll gegen den Rath und besonders gegen den Stadtpfleger Nehlingen so leidenschaftlich die Zügel schießen, daß ein Theil der eigenen Partei von ihm sich abwendete. Außerdem veranlaßte das „Famos- gedicht" den vr. Georg Tradel, im Auftrage der Herren Pfleger und Geheimräthe einen „wahrhaften Gegenbericht" durch die Presse zu veröffentlichen, in welchem mit nicht minder derben Ausfällen das ganze Gebühren des vormaligen Superintendenten in andere Beleuchtung gerückt wurde, die seinem Ansehen in weiten Kreisen schadete. All das bestimmte den Wittenberger Schloßprediger und Universitäts-Prosessor nicht, die spitzige Feder niederzulegen. Er fuhr mit den Send- und Trostbriefen fort. deren einer mit dem Schlußwort „Nöm. 16, 20: Der Gott des Friedens zertrete den Satan unter euren Füßen in Kurzem, Amen" die Tendenz aller kennzeichnet. Namentlich vergißt sich ein Schreiben „an die Bürgerschaft über ihren betrübten Zustand, daß ihnen ihre liebe Seelsorger und Prediger abgeschafft und alle zumal auf einen Tag zur Stadt ausgetrieben werden" — soweit, daß er die Schließung der Kirche als das kleinere Uebel an- rathet. „Wenn ihr — fordert vr. Mylius die Gemeinde auf — der treulosen Miethlinge von der Kanzel und aus der Kirche nicht los werden könnet, so enthaltet euch der Predigten und würdiget sie nicht ein Wort von ihnen anzuhören, die auch allbereit mehr gestohlen als sie euch je bringen können, gebrauchet nicht ihre Sakramente, weil sie nicht im göttlichen Berufe stehen, erholet nicht ihres Trostes bet Kranken und Sterbenden, taufet selbst eure Kinder und suchet in euren Häusern mit Gesind und Kindern eure Postillen und reinen Bücher auf, um in dieser Gemeinschaft das Gebet und die schönen Psalmgesänge erschallen zu lassen." Die neuen Prediger traten mit diesem „lästerlichen und einem evangelischen Lehrer ungebührlichen" Brief vor die Gemeinde, nicht „wegen der Schmähung unseres guten Leumunds, Geruchs und Ehren", sondern wegen unserer Berufung durch einen E. Rath, und „wir können nicht verhalten, daß Dr. Müller und seine gewesenen Mit- brüder allhier diesen Artikel nicht recht verstanden und damit sich sammt euch des Berufs halber böslich und schädlich verführt, auch bei diesem Punkt weit und breit geirrt haben." Dieses Bekenntniß füllte allmälig die Kluft zwischen der evangelischen Bürgerschaft und der weltlichen Obrigkeit aus, und daß bis zum endgültigen Friedensschlüsse noch 4 Jahre verstreichen wußten, verschuldete nur der damalige schleppende Geschäftsverkehr mit der kaiserlichen Kanzlei. Dadurch erlebte auch nicht die Krönung seines Werkes der Mann, durch dessen Staatsklugheit dem Rathe die ihm rechtlich zustehende politische Stellung dem evangelischen Ministerium gegenüber unbeschadet des allgemeinen Ncligionsfriedens erhalten blieb. Der Stadipfleger Anton Christoph von Rehlingen starb nach 14jähriger sturmvoller Regierung 1589. Die kaiserliche Confirmirung „der Artikel, wie es hinfüro in Berufung der Kirchendiener Augsburgischer Konfession gehalten werden soll", erfolgte 1591. Dieser wichtige Vergleich bestimmte: „daß einem E. Rath als der Obrigkeit allhier zu Augsburg alle und jede ffnris- äiotio über die evangelischen Kirchen, derselben Diener und Zuhörer, sonderlich aber das jus evangel. Kirchendiener zu vociren, zu conformiren und zu bestätigen den Herrn Stadipflegern und Geheimen von eines Ehrbaren Raths wegen zugehören und bleiben soll." Mit der Rückkehr des Friedens in die Mauern der Stadt hielt leider die Wiederbelebung des frenndnachbar- ltchen Verhältnisses zu der Reichsstadt Ulm nicht gleichen Schritt. Seit alten Zeiten standen die beiden Städte in guten und bösen Tagen hülfreich sich zur Seite, und auch bei den jüngsten Wirren erzielten die ulmischen Delektiert mit den Gesandten mehrerer Fürsten und Stände wiederholt eine Verständigung zwischen der Obrigkeit und der Bürgerschaft. In einem der aufgerichteten Verträge hatten die Verbündeten auch dahin sich geeinigt, daß sie nicht dulden werden, Zerwürfnisse in der Heimath von außen her zu nähren. Gestützt auf diese Beredung verlangte nun Augsburg die Ausschaffung des Dr. MyliuS und der später ausgewiesenen Prediger aus der Stadt und dem Gebiete Ulms wegen ihrer fortwährenden Friedensstörungen. Allein der Senat an der Donau lehnte den Antrag, als nicht in dem Nahmen der getroffenen Uebereinkunft liegend, ab und verweigerte die Ausweisung der in seinem Lande gastlich aufgenommenen Personen. Sofort verließen die aus dem Städtetag in Ulm weilenden Abgesandten Augsburgs den Konvent, und von dieser Zeit an ließ sich die Reichsstadt ungeachtet der jedesmal an sie ergangenen Einladung nimmer bei dem süddeutschen Fürsten- und Städtebunde vertreten. In dieser isolirten Lage verharrte Augsburg noch bei dem Abschlüsse der protestantischen Union am 4. Mai 1608 und bei der am 10. Juli 1609 gegründeten katholischen Liga, ohne daß die einst mächtigste Reichsstadt dadurch dem bald darauf entfesselten Kriegssturme zu entrinnen vermochte. --ss-v-es-.-- ALLeZriei» Ein Bewunderer des PapstesLeo war auch der am 1. Mai ermordete Schah von Perflen. Er hätte auf seiner letzten Reise durch Europa auch gern dem Vatikan einen Besuch abgestattet, unterließ es aber schließlich mit Rücksicht aus den König von Italien. Obwohl strenggläubiger Muhammedaner, rief der Schah in sein Reich, das 400,000 Christen zählt, Mönche vom Orden des hl. Vincenz von Paul. -- Kiimnelsschcm im Monat Juni. —X. Merkur 8 kann gegen Ende des Monates Morgens in der Dämmerung sich zeigen. Venus tz verliert sich immer mehr in der Morgen- Dämmerung. Mars A noch ziemlich lichtschwach geht erst etwa eine Stunde nach Mitternacht auf. Jupiter A geht immer früher auf, anfangs gegen 11U. 45 M., zuletzt nach 10 U. abds. und steht in NW. Saturn H rückgängig in der Wage ist sehr hell, erreicht zwischen -10 U. und 8 U. abds. seine größte Höhe und geht 1 U. 30 M. in WSW. unter. In der Nähe des Mondes befinden sich am 5. Mars, am 10. Venus, am 11. Merkur, am 21. Saturn. Vom Monde werden bedeckt Jupiter am 14. abds. 10 U. 46 M., Negulus am 16. und Antares am 23. vorm. 11 U. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 44: Weiß. Schwarz. 1. D. V3-V1 L. L3-66 (L, L) 2. D. V1-H5 L. 66-W 3. D. L5-L6 Matt. i.: t. L. W-b"? (66) 2. D. vl-b'S beliebig. 3. D. Matt. L. L. . . . . . 65-64 oder 63-62 2. D. v1-§1(odF3-s) L. 3. D. Matt. « 46 . 1896 . „Augsburger PostMung". Dinstag, den 2. Juni Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Berlag des Literarischen Instituts von Haas Sc Grabherr in Augsburg lVorbesitzer Dr. Mar Huttler). Kchicksalsrvege. Erzählung von Clarisse Borges. (Fortsetzung.) Mademoiselle leitete seit ungefähr zwanzig Jahren das Pensionat „Jugendheim". Es war ihr Stolz und ihre Freude, die ihrer Obhut anvertrauten Zöglinge streng religiös zu erziehen und sie zu nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft heranzubilden. Es waren nicht nie Reichsten und Vornehmsten, die in Jugendheim Aufnahme fanden, nein, der gut situtrte Mittelstand, Töchter der Kaufleute und Beamten, die sich zur Lehrerin, Gesellschafterin, oder sonst einem Berufe ausbildeten, waren hier größtentheils vertreten. Gegen alle ihre Schülerinnen war sie streng gerecht und es war zu verwundern, daß Martha Adair trotz aller Bemühungen die Liebe und Zuneigung der Vorsteherin nicht erringen konnte. Sie war nicht hart oder ungerecht gegen die arme Kleine, die schon als fünfjähriges Kind ihrer Pflege anvertraut wurde, nein, sie sorgte gewissenhaft für das körperliche und geistige Wohl des Kindes, gab ihr jeden Preis, den sich die Kleine durch Fleiß und Ausdauer bei ihren Studien erwarb, und doch entbehrte die kleine Martha Eines — Liebe — und ohne dieselbe drohte die herrliche Menschenblüthe fast im Keime zu ersticken. Sie war der Liebling sämmtlicher Lehrer, die Schul- freundinnen hingen an ihr mit mehr denn schwesterlicher Liebe, und als sie älter wurde, verehrten sie sie fast mit einer Zuneignng, die an Schwärmerei grenzte. Darum war es fast unbegreiflich, daß Mademoiselle La Röchelte sie nicht in ihr Herz schließen konnte. Leider war die strenge Dame aber schon vorher, ehe das Kind vor vierzehn Jahren zu ihr gebracht wurde, gegen dasselbe eingenommen, und dieses Vorurtheil hatte sie nicht besiegt, selbst jetzt nicht, als Martha mit neunzehn Jahren das Lehrerinnenexamen mit Auszeichnung bestanden hatte. Jetzt hatten die Schulfreundinnen von der Einsamen Abschied genommen, und die meisten von ihnen hatten sich nur mit schwerem Herzen von ihr getrennt, denn sie setzten mit Bestimmtheit voraus, bei ihrer Rückkehr die Freundin nicht mehr im Pensionat anzutreffen. „Niemand bleibt nach dem Examen hier," hatte Mathilde Grün, sie umarmend, gesagt, „und Du hast so viel gelernt, gewiß läßt Dich Deine Mutter jeßt wieder zu sich kommen." „Oder sie geht erst nach Paris oder London," warf eine muntere Brünette ein, „dann wird sie später eine große Dame werden; jedenfalls hat sie bei unserer Rückkehr das Nest verlassen." Die arme Martha! sie hatte nur traurig das Haupt geschüttelt und über das liebliche Gesichtchen rannen Thränen, die sie nicht zurückhalten konnte. Jetzt stand sie träumend allein am geöffneten Fenster, ihre Blicke schweiften in die unendliche Ferne und ihre Gedanken wanderten weit, wett zurück zu den lieblichen Bildern ihrer frühesten Kindheit. Ach, ihre Erinnerungen waren nur sehr schwach, und von Mademoiselle La Nochette hatte sie späterhin auch nur wenig erfahren. Die Hände gefaltet, ließ sie ihre großen, seelen- vollen Auge» über den weiten Himmelsdom schweifen; sie verfolgte mechanisch die einzelnen kleinen weißen Wölkchen, wie sie langsam weiter zogen auf ihrer vorgeschriebenen Bahn sie alle gehorchten einer einzig leitenden Hand. Warum stürmte es denn sv ungestüm in ihrem Herzen, warum wollte sie eigenmächtig ihrem Schicksalsrad eine andere Richtung erzwingen? War sie hier nicht geschützt vor allen rauhen Stürmen, behütet und — — geliebt, wollte sie in ihren Gedanken hinzufügen, doch mißmuthig schüttelte sie das Haupt und ein wehmüthiger Zug grub sich in das feingeschnittene Antlitz, als sie der Stunde gedachte, da man so freventlich mit dem Glück ihrer Kindheit gespielt hatte. Sie erinnerte sich ihres Vaters kaum; sie mußte noch sehr jung gewesen sein, als ihn der Tod ihr entrissen. Dann dachte sie ihrer Mutter; es waren Tage der Armuth, der Noth und des Elends gekommen. Die gute Mutter hatte viel geweint und dann mit ihr das große, prunkvolle Haus verlassen, um ein niederes Dach- kämmerlein zu beziehen. Martha erinnerte sich der sanften, lieben Züge der Mutter; sie wußte, daß sie Schauspielerin geworden war, um sich und ihr Kind vor Noth und Entbehrung zu schützen. — Doch plötzlich nahm eine andere Erinnerung Gestalt in ihrem Herzen an. — Ein großer, breitschultriger Mann mit schwarzem Vollbart und stechenden, blitzenden Augen, Monsieur La Nochette. Er war täglich zu der weinenden Mutter gekommen, hatte eindringlich auf sie eingesprochen, dabei das Kind feindselig angeblickt, so daß dieses sich scheu in einen Winkel verbarg. Dann war er auch einmal gekommen und brachte eine Puppe, Zuckersachen und ein schönes neues Kleid, diese Schätze wollte er > Martha schenken, wenn sie mit ihm komme. — Die 346 Mutter hatte viel, viel geweint, hatte ihr Kind geherzt und geküßt, es ermähnt, stets gut und brav zu sein, damit sie später in den Himmel komme zu dem lieben Papa, dem sie auch dorthin folgen wolle. Dann hatte sie der kleinen Martha das Sonntagskletdchen angezogen und gesagt, sie solle getrost mit dem Manne gehen, ihm gehorchen und alles thun, was er von ihr verlange. Martha folgte gehorsam. Er führte die Kleine auf ein großes Schiff, und lange Zeit sah sie nichts als Himmel und Wasser. Dann hatte Monsieur La Röchelte ihr gesagt, sie würde die Mutter nie wiedersehen und er brachte das Kind seiner Schwester. So wett gingen Martha's Erinnerungen. Mademoiselle hatte dann später gesagt, daß ihr Bruder die Mutter geheirathet habe, daß sie sehr fleißig sein müsse, damit das Geld für die Pension nicht unnütz gezahlt würde. Er sei ein sehr reicher Kaufmann und habe nur die eine Bedingung gestellt, daß das Kind entfernt bleibe. — Weiter wußte Martha nichts; sie wußte nicht einmal, in welcher Stadt ihre Mutter lebte, oder ob sie in den vierzehn Jahren der Trennung Geschwister bekommen hatte. Wie drückend mußte die Noth der Mutter gewesen sein, daß sie sich entschließen konnte, ihr einziges Kind aufzugeben, und sie haßte den Mann, der dieses Opfer verlangt hattet Gern hätte sie Armuth und Entbehrung getheilt, nur nicht die Liebe verloren. Es war jetzt ihr größter Wunsch, Geld zu verdienen, um dem Manne jeden Heller zurückzuzahlen, den er für sie gegeben hatte. Jetzt verstand sie auch Mademoiselles Abneigung gegen sie. Die streng religiöse Dame liebte ihren Bruder von ganzem Herzen, es war ihr Wunsch, ihm nach New- Jork zu folgen, um dort seinen Hausstand zu leiten. Nach ihrer Meinung führten alle Schauspieler ein leichtsinniges, lasterhaftes Leben, das direkt zur Hölle führen mußte. Daß nun ihr Bruder heirathete und somit ihren Plan vereitelte war schlimm, daß er aber eine Schauspielerin erkor, war viel schlimmer. Mit sehr gemischten Gefühlen empfing sie regelmäßig jedes Quartal den Wechsel. Es war ja schön, daß sie das Pensionsgeld so regelmäßig bekam, daß der Bruder es aber für ein Kind zahlte, das keine Rechte an ihm hatte, kränkte sie. Gewissenhaft verwandte sie auch jede von ihm bestimmte Summe für Martha's Garderobe, und obgleich sie die einfachsten, schlichtesten Farben wählte, ließen die Stoffe an Feinheit und Güte nichts zu wünschen übrig. Die Ferien hatten begonnen. Mademoiselle wollte in ein Seebad; Martha Adair sollte wie gewöhnlich mit der Hausverwalterin allein bleiben. Doch ehe die Vorsteherin ihr Jugendheim verließ, wollte das verlassene Mädchen sich eine Unterredung erbitten. Die Frage war nur — wann war der geeignete Augenblick dazu? Sie fühlte sich so einsam, schütz- und freundlos in der Welt, und jetzt, da sie das Examen so glänzend bestanden hatte, sehnte sie sich hinaus in die Welt, denn sie schauderte bei dem Gedanken, als junge Lehrerin in diesem Hause wirken zu müssen. Gleichsam als hätte Mademoiselle ihre Gedanken errathen, öffnete sich in diesem Augenblick die Thür und die Gefürchtete trat ein. „Warum übst Du nicht Klavier?" fragte sie streng und vorwurfsvoll. „Es sind ja Ferien," lautete die gereizte Antwort. Doch im bescheidenen Tone fuhr das junge Mävchcn fort: „Wenn Sie Zeit für mich haben, Mademoiselle, so möchte ich um einige Augenblicke bitten, ich habe Ihnen so Vieles zu sagen." Verwundert setzte sich die Vorsteherin nieder; sie ahnte nicht die Gefühle ihres Zöglings. „Wenn Du bedauerst, daß ich die Einladung Mathilde Grün's für Dich ausgeschlagen habe," sagte sie scharf, „so ist jedes Wort nutzlos. So lange Du unter meiner Obhut weilst, bin ich fest entschlossen, Dir keine Ausflüge in den Ferien zu gestatten." „Das meine ich nicht," entgegnete Martha höflich, „ich möchte nur wissen, wie lange ich noch hier bleiben soll?" — Die alte Dame blickte erstaunt auf. „Willst Du gern fort, bist Du hier nicht zufrieden?" fragte sie herbe. „Ich bin neunzehn Jahre alt, habe das Examen gemacht, und kein junges Mädchen bleibt nach demselben hier," versetzte sie ausweichend. „Das ist ein Unterschied. Jede Andere hat eine Heimath, wohin sie gehen kann," kam es streng von Mademoiselles Lippen. „Und ich?I" Martha's Wangen wurden aschfahl, „habe ich denn keine Heimath? Soll ich denn niemals meine Mutter wiedersehen?" „Kannst Du Dich denn etwa Deiner Mutter erinnern? Du warst kaum fünf Jahr, als Du von ihr fortkamst; es ist nur Einbildung zu sagen, daß Du Dich nach ihr sehnst." „Ich liebe sie von ganzem Herzen," rief Martha leidenschaftlich. „Ich bin jetzt alt genug, um zu verstehen, warum sie mich fortsandte und warum ich in der ganzen Zeit keine Zeile von ihr erhalten habe." „Sie heirathete meinen Bruder unter der Bedindung, Dich aufzugeben. Er ist ein reicher Mann, aber er sagte Deiner Mutter vor der Hochzeit, Du solltest sein Heim nie theilen." „Niel? soll ich denn nie meine Mutter wiedersehen? Das ist grausam, schändlich — er muß ein schlechter Mensch sein!" „Er ist sehr wohlthätig. Bedenke, er hat in den vierzehn Jahren Tausende für Dich bezahlt." Martha's Augen glühten vor Entrüstung. „Ich will alles zurückbezahlen," rief sie heftig, „selbst wenn ich die besten Jahre meines Lebens opfern sollte. Jeden Heller soll er von mir zurück erhalten." „Wie soll das geschehen? Willst Du das große Loos gewinnen oder eine Goldmine entdecken?" fragte Mademoiselle spöttisch. „Ich will arbeiten. Ich bin stark und gesund, habe eine gute Erziehung genossen, und wenn ich auch für den Anfang nicht viel verdiene, so hoffe ich mit der Zeit, wenn ich älter bin, auf Besserung." Das Antlitz der Dame erhellte sich sichtlich. „Das ist ein guter Gedanke von Dir, Martha," sagte sie viel freundlicher. „Es ist zwar lächerlich, an eine Rückzahlung zu denken, das erwartet wein Bruder auch nicht, und der Gedanke an eine Schuldenlast würde Dir in Deinem neuen Berufe nur erdrückend sein. Wenn Du aber ernstlich vorhast, Dir Deinen Lebensunterhalt zu erwerben, so will ich Dir gern behülflich sein." „Am liebsten finge ich gleich morgen an," gab Martha eifrig zu. „Es hat keine Eile. Aber mein Bruder ist nicht 347 mehr jung. Wenn aber ein Mann mit 64 Jahren für neun Kinder zu sorgen hat, so muß er auch an die Zukunft denken und unnütze Ausgaben so viel wie möglich vermeiden." „Neun Kinder!? ist es denn möglich, daß ich neun Geschwister habe?" rief Martha überrascht. „Du brauchst Dich gar nicht darüber zu freuen, Martha, denn Du wirst sie doch niemals sehen. Ja, Du hast neun Stiefgeschwister, der älteste Knabe ist zwölf Jahre alt. Mein Bruder ist wohl ein reicher Mann, aber er muß angestrengt arbeiten, um die Zukunft seiner Kinder zu sichern. Wenn er plötzlich stirbt, so kann seine Familie doch in Noth gerathen." „Wenn Sie mir helfen, will ich gerne arbeiten, Mademoiselle; dann kann das Pensionsgeld für mich gespart werden. Am liebsten ging ich auf's Land und unterrichtete dort Kinder." „Nun, das trifft sich gut, und ich kann Dir helfen. Erinnerst Du Dich der kleinen, blassen Berghaupt?" „Gewiß." Martha erinnerte sich genau, ein schmales, blasses Mädchen von kaum sechzehn Jahren vor einigen Monaten im Hause gesehen zu haben. Sie sollte den jüngeren Kindern Handarbeitsunterricht ertheilen, aber ihre Fähigkeiten waren allzu gering, so daß Mademoiselle La Rochette sie schon nach wenigen Tagen entlassen mußte. „Nun, Herr Berghaupt ist ein entfernter Verwandter von mir. Es that mir leid, daß ich seine Tochter nicht behalten konnte, aber sie leistete nichts. Jetzt schreibt er mir, daß seine Töchter geerbt haben. Jenny und ihre jüngere Schwester kommen nach den Ferien in meine Pension; für seine drei jüngeren Mädchen wünschte er eine Erzieherin. Ebersheim ist ein kleines reizendes Dorf, mit der Bahn fährst Du in drei Stunden hin, und ich glaube, es wird Dir dort gefallen." „Würden sie mich als Erzieherin nehmen?" „Sie nehmen jede Dame, die ich ihnen sende, und baten um ein heiteres, junges Mädchen. Der älteste Sohn ist Arzt, der zweite ist aus dem Hause, er wird Kaufmann, und der Vater unterrichtet jetzt noch den Jüngsten. Deine älteste Schülerin wird vierzehn, die jüngste acht Jahre sein. Ich zweifle nicht daran, daß Du gut mit ihnen fertig wirst; denn die Kinder sind wohl erzogen, nur in ihren Kenntnissen zurück." Mademoiselle La Rochette freute sich, Martha zur Annahme dieser Stellung so bereit zu finden, denn am nächsten Tage bekam sie von ihrem Bruder eine ganz unerwartete Nachricht. — Seine Gattin war bei der Geburt des zehnten Kindes gestorben, und er freute sich, daß seine Stieftochter jetzt selbständig sei, da er nicht länger für sie sorgen könne und wolle. „Ich habe jetzt zehn Kinder," schrieb er, „und ich ziehe meine Hand von Martha ab. Meine liebe Gattin sprach von ihr noch bis zum letzten Augenblick, und ich mußte ihr versprechen, einen Brief und einige Schriftstücke des Vaters ihrer erstgeborenen Tochter zukommen zu lassen. Martha sollte diese Papiere aber nicht vor ihrem vollendeten 21. Lebensjahre erhalten, oder an ihrem Hochzeitstage, falls sie sich vorher verheirathet. Sie weiß wenig oder nichts von ihrem Vater, und die Mutter wünschte, ihr von ihm zu sagen. Ich übergebe Dir diese Schriftstücke mit der Bitte, den Wunsch meiner Gattin zu erfüllen. Sage Martha, daß sie selbst ihr Brod verdienen muß, da ich aufhöre, ferner für sie zu sorgen." „Das ist überflüssig," grübelte Mademoiselle, „ich will noch heute an Berghaupt's schreiben, und es genügt Martha zu wissen, daß ihre Mutter todt ist. Das arme Kind! erst seit gestern fange ich an, sie zu lieben. IV. Sechs Monate waren bereits seit dem Tode der reichen Frau Marlitz verflossen und die Verwandten hatten noch nichts von dem Kommerzienrath Ambach oder von der geheimntßvollen Testamentsvollstreckung gehört. Der alte Herr hatte oft Gelegenheit, Leo von Wildenthal in seinem neuen Berufe als Inspektor zu sehen und zu beobachten, denn das große Rittergut in der Nähe von Ebersheim gehörte seinem Freunde, den er jetzt häufiger besuchte, denn je. Hier traf er auch häufig den jungen Azrt Berghaupt, aber wehmüthig schüttelte der alte Herr sein Haupt, wenn er die hagere, schlanke Gestalt mit den tiefliegenden, hohlen Augen betrachtete, auf dessen bleichen Wangen verrätherisch rothe Flecken brannten, die nur mit dem Namen „Kirchhofsrosen" bezeichnet werden konnten. Waren denn seine Umgebung, seine Eltern und Freunde ganz blind, daß sie diesem hinfälligen jungen Mann diese angestrengte Thätigkeit gestatteten? Den jungen Rieding hätte der alte Herr gern soviel als möglich vermieden, doch erhielt er häufig seine Besuche, die leider nie einen ungünstigen Eindruck verfehlten. Plötzlich wurde Leo ganz unerwartet zu seinen Eltern zurückgerufen. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel war die Katastrophe über den Grafen hereingebrochen, die Geduld der Gläubiger war erschöpft und das alte Stammschloß, die Güter und alle bewegliche und unbewegliche Habe kam unter den Hammer des Auktionators. Der Graf war verzweifelt, doch Leo suchte ihn nach Kräften zu trösten. „Bedenke," sagte er in seiner einfachen, überzeugenden Weise, „Du hast seither den Kampf mit dem Leben kaum ertragen können, und so lange ich denken kann, hat Dich die Schuldenlast fast erdrückt. Ich bin jung und stark, verdiene genug, um für Vater und Mutter zu sorgen, also lass' den Gedanken an Erhaltung des Schlosses fahren und verlasse ein Heim, das Dir nur eine drückende Last gewesen ist." „Wir haben noch ein kleines Kapital, das meine Frau kürzlich geerbt hat," wandte der Graf getröstet ein, „dann miethen wir uns ein kleines Haus, und ich werde mich so reich und glücklich fühlen, wie noch nie in meinem Leben." Die Gräfin Margot wollte sich nicht trösten lassen. „Für uns ist es zwar besser," schluchzte sie unter Thränen, „aber wir haben Deine Zukunft vernichtet, Leo, doch vielleicht erbst Du das Vermögen Deiner Tante und kannst später das Gut zurückerstehen." „Rechne nicht darauf," erwiderte Leo kopfschüttelnd. „Nach meiner Meinung wird Willy Berghaupt der Erbe. Er ist ein guter Mensch, ich lernte ihn jetzt erst kennen, und dabei schwach, elend und das älteste von zehn Geschwistern." Doch die Gräfin wollte ihrem Liebling die Hoffnung nicht rauben. „Du wirst der Erbe," behauptete sie kühn. „erlangst dann das alte Schloß wieder — oder Du mußt eine reiche Erbin heirathen." „Ich heirathe niemals, Mutter!" „Leo!" „Es ist mein fester Entschlnß," beharrte er, „ich bin zu stolz, um eine Gattin zu wählen, die reicher ist, 318 wie ich es bin, und obgleich meine Stellung und mein Gehalt für mich als Junggesellen genügend ist, so würde es doch für einen eigenen Hausstand nicht hinreichend sein." Lo wurde dann die verschuldete Besitzung veräußert; der Graf zog mit seiner Gattin in ein bescheidenes Häuschen zurück, und Leo nahm seine Thätigkeit als Inspektor wieder auf. „Es muß ein schwerer Entschluß für Dich gewesen sein, Leo," bemerkte Willy Berghaupt bei der Rückkehr des Vetters, „aber nach einigen Monaten bist Du Dein eigener Herr und kaufst die Güter und das Schloß zurück." „Lass' uns einen Pact machen, Willy," bat der Angeredete, „wir wollen nicht wehr von Frau Marlitz' Erbe sprechen. Ich habe ein Gefühl, als käme noch Unheil daraus; in wenigen Monaten ist das Ende entschieden, und bis dahin will ich mich nicht falschen Hoffnungen hingeben." Eine brennende Nöthe färbte die Wangen des jungen Arztes. „Ich frage für mich wenig nach Geld und Reichthum," gestand er leise, „aber ich möchte gern einen ganz kleinen Theil haben, genug, um eine bequeme Häuslichkeit einzurichten." „Ich ahne den Grund," scherzte Leo, „Du bist heimlich verlobt und willst Deiner Zukünftigen ein trauliches Heim bieten." Willy nickte. „Mein Vater heirathete mit einem sehr geringen Einkommen," sagte er, „und ich habe von Kindheit an zu viel von häuslicher Sorge erfahren, um einst meiner Gattin ein solches Loos bereiten zu wollen. Es wird Jahre dauern, bis ich genügende Praxis habe, um an die Gründung eines eigenen Hausstandes denken zu können, daher sind meine Aussichten ziemlich hoffnungslos." »Bist Du denn schon verlobt?" fragte Leo gespannt, denn er fühlte ein lebhaftes Interesse für die romantische Liebe des Jünglings. „O nein! ich denke nicht daran, sie an mich zu fesseln, ehe ich ihr eine sorgenfreie Existenz bieten kann." „Lebt sie hier in der Nähe?" „In Ebersheim, im Hause meiner Eltern. Sie ist die Erzieherin meiner jüngeren Schwester, Du kannst sie selbst heute Abend sehen, wenn Du die Einladung zum Abendessen annimmst, die ich Dir im Namen meiner Mutter bringen soll." Leo nahm gern die Einladung an. Obgleich ganz in der Nähe wohnend, hatte er die Familie Berghaupt noch nicht kennen gelernt, aber sein Interesse für Willy's Geliebte erkaltete plötzlich. Eine Gouvernante! Hm, sie fühlte sich vielleicht nicht glücklich und zufrieden in ihrem Berufe, und der junge Arzt war so herzensgut, vielleicht war es nur Mitleid, nicht Liebe, die sich in seinem Herzen regte, und er verstand seine eigenen Gefühle noch nicht. „Bah," grübelte er weiter, als er allein war, „wie thöricht sind doch oft die Männer. Vielleicht ist die Dame alt und häßlich und hat es verstanden, den guten Willy in ihr Netz zu fangen. Wie schade, er ist ahnungslos in diese Falle gegangen. Leo hatte den ersten Besuch in der Lehrerfamilie wohl ein wenig gefürchtet, zu seiner Erleichterung aber waren die drei Kleinen nicht anwesend. Sie aßen ihr Abendbrod im Schulzimmer und mußten dann zuBette gehen. Frau Berghaupt und der Lehrer empfingen ihren Gast auf's Herzlichste; die Mutter stellte ihre drei Töchter vor; die beiden ältesten, mit eckigen, scharf markirten Zügen konnten nicht einmal den Anspruch auf „hübsch" machen, die vierzehnjährige Lilli war ein hochaufgewachsenes, blasses Mädchen, dabei so scheu und furchtsam, daß sie auf die freundliche Anrede des Gastes kaum ein Wort erwidern konnte. (Fortsetzung folgt.) -—i I — - Der Bauernfänger. Eine Berliner Geschichte. Der Polizei-Präsident von Berlin trat gegen 10 Uhr Morgens in sein Bureau. Es war an einem kalten Dezcmbertage, aber in dem Bureau herrschte eine angenehme Temperatur, der man es sofort anmerkte, daß hier auf Kosten des Staates geheizt wurde. Der Polizei- Präsident gab seinen Pelz einem ihn begleitenden uniformsten Beamten, steckte sein Monocle wieder ins Auge und warf einen Blick auf seinen Schreibtisch, auf welchem die Briefe lagen, welche die erste Post gebracht hatte und die nun erledigt sein wollten. Es waren viele solcher Briefe eingetroffen, was dem Beschauer nicht angenehm zu sein schien. Der Polizei-Präsident war ein Lebemann trotz seiner Jahre, die das erste Grau in seinem wohlgepstegten Bart oberflächlich andeutete. Er war groß und etwas corpulent, als Freund einer gängereichen Tafel hatte er seine einst so schlanke Taille gänzlich mitverzehrt, und er machte daher den Eindruck einer gewissen Abrundung, der man es ansah, daß er mehr Lu- cull als Don Juan war. Trotzdem war er ein vortrefflicher Beamter, ja, das Modell eines guten Beamten. Er war pflichttreu, fleißig, gewissenhaft und hatte aus der Militärzeit einen schneidigen Ton in sein Amt mitgebracht, welcher dem Ohre des Civilisten mit Recht so unmelodisch klingt, aber in dem Untergebenen keinen Widerspruch aufkommen läßt. Er sprach nicht viel, aber das Wenige kurz und bestimmt, wie es sich von einem Manne erwarten läßt, der an der Spitze eines so wichtigen Verwaltungszweiges steht. Der Selbstherrscher aller Schutzmänner von Berlin muß ein bischen Czar sein. Er rieb die Hände, zündete eine Cigarre an, seufzte und setzte sich an den Schreibtisch vor die angelangten Briefschaften. Zuerst öffnete er die Schreiben, welche er mit kundigem Blicke als die von Behörden erkannte. Eines der ersten, in einem mit thalergroßem Siegel verschlossenen Umschlag, veranlaßte ihn, die elektrische Klingel in Bewegung zu setzen. Der Beamte, den wir schon gesehen haben und der das Amt eines Polizei-Kammerdieners bekleidete, trat geräuschlos ein. „Stuppke," sagte der Polizei-Präsident zu ihm, während er den eben gelesenen Brief noch in der Hand hielt, „da wird vom Magistrat in Schwiesen der Bürgermeister bei uns angemeldet. Soll hier Bauernfang stu- diren, weil in letzter Zeit etliche Bauernfänger in Schwiesen aufgetaucht. Wenn der Mann kommt, gleich reinführen, er heißt — der Polizei-Präsident blickte in den Brief — Krämer, werde ihm den Eriminalschutzmann Schallow beigeben, der ja Bescheid weiß." „Na ob," wagte Stuppke zu sagen. Der Polizei-Präsident sah ihn wegen dieser Bemerkung fast erschrocken an, dann, in einer Anwandlung von unbeschreiblicher Güte, wie einen großen Verbrecher begnadigend, sagte er mit einer leichten Bewegung des Kopfes: „'s ist gut. Schallow soll kommen." z?s«tz US^ In die Weit hinaus. Von Georg Knorr. W 8 s- WMDW ÜUM WW !^WW ML L-W 350 7 -; Stuppke ging mit einer militärisch strammen Wendung ab, froh, wegen seines unbegreiflich kecken „Na ob" noch so gut davongekommen zu sein. Der Polizei-Präsident überflog noch einmal den Brief des Magistrats der guten Stadt Schwiesen, und dabei streifte eine gewisse Heiterkeit seinen strengen Ausdruck. „Nicht übel," sagte er dabei so schroff vor sich hin, daß die Cigarre zwischen seinen Lippen einen Seiten- sprung machte. Schallow trat ein. Schallow war der bescheid- wissende Criminalschutzmann, dessen hervorragende Kenntnisse auf dem Gebiete des Bauernfanges von den Berichterstattern der Presse oft lobend hervorgehoben und eben noch von Stuppke durch seine zweisylbige Bemerkung in das hellste Licht gerückt worden waren. Schallow war allerdings ein bedeutenderSpccialist — er kannte alle die Schliche des Bauernfanges wie ein gelernter Bauernfänger, kannte alle die schlauen Bursche, welche täglich zahlreiche Opfer fanden und ausplünderten; er wußte sofort, wenn ihm eine besonders gründliche Plünderung gemeldet wurde, aus der Art und Weise, wie sie geschehen war, den Thäter, wenn auch nicht gleich zu finden, doch genau zu bezeichnen. Er spielte das Teufelsspiel,Kümmelblüttchen genannt, so meisterhaft wie irgend ein Matador der Bauernfängerei, und man rühmte ihm nach, es sei ein Glück, daß er Criminalschutzmann und nicht Bauernfänger geworden sei, da er als solcher unbeschreibliches Unheil angerichtet haben würde. „Befehlen, Herr Präsident —" „Schallow," sagte der Höchstcommandirende, „da kommt zur Abwechslung mal wieder ein Bürgermeister, der Bauernfang hier an Quelle studiren soll, damit sie in seiner Weltstadt wissen, wie mit Kram und Kerls umspringen. Heißt Krämer. Ehrsamer Böttchermeister. Werde ihn an Sie weisen, zeigen Sie ihm Schlupfwinkel und Individuen und sagen ihm, wie damit umzuspringen. Wird ja nicht viel nützen. Wenn Krämer noch so viel kennen lernt, wird kein einziger Bauernfang in Schwiesen verhindert werden. Aber kann das dem Mann doch nicht sagen und ihn abweisen. Ist ja Behörde. Wissen also Bescheid, Schallow, können's kurz machen, haben mehr zu thun." Schallow sagte nichts, er war überhaupt wortkarg, l Felix Freiherr v. Koö. besonders dem Polizei-Präsidenten gegenüber, der immer Alles sagte, was zu sagen war. Kaum war Schallow abgetreten, so meldete Stuppke den Bürgermeister von Schwiesen, den Böttchermeister Krämer. „Konnt' wohl nicht früher kommen. Besuch bei tagschlafender Zeit," murmelte der Chef. Dann sagte er: „Eintreten." Der Eintretende war eine gewöhnliche Erscheinung, wie sie den Uebergang vom Bauer zum Bürger charaktertsirt. Man sah ihm die kleine Provinzialstadt an. Er machte den Eindruck eines ernsten Mannes, der regelmäßig zu Mittag aß und mindestens zehn Stunden schlief außer dem halben Stündchen nach Tisch. Er verbeugte sich breit und würdevoll, mit dem Stolze, den eine hervorragende Stellung in der Stadt Schwiesen einflößt, und mit der Ungeschicklichkeit, welche er seiner Erziehung und seinem Umgänge verdankte. „'Morgen," sagte der Polizei-Präsident, der sich ein ganz klein wenig erhoben hatte. Dann wies er auf einen Stuhl und setzte hinzu: „Bitte." Der Gast setzte sich bescheiden nieder. Der Raum, in dem er sich befand, der einflußreiche Beamte, mit dem er Verkehren sollte, schienen ihn mit einem heillosen Respect zu erfüllen. „Der Herr Bürgermeister kommen so früh," begann der Polizei-Präsident. „Ich bitte deßhalb um Entschuldigung. Es war so unruhig im Hotel, und dann möchte ich auch den Tag so nützlich wie möglich verwenden, damit ich in längstens zwei Tagen wieder davonreisen kann. Schwiesen ist klein, muß aber trotzdem verwaltet werden. Glauben Sie, Excellenz, daß es auch wirklich so rasch gehen wird?" „Bin nicht Excellenz, einfach Polizei-Präsident oder Herr von," warf der Gefragte ein. „Können ganz gut in zwei Tagen wieder abdampfen. Werde Ihnen einen Beamten mitgeben, Schallow, Criminalschutzmann Schallow, kennt die Bauernfängerei gründlich, wird Ihnen alles Nöthige zeigen und mittheilen, daß Sie in Schwiesen Maßregeln treffen können. Wird freilich wenig nützen." „Meinen Sie?" fragte der Bürgermeister ängstlich. „Natürlich," antwortete der Poltzei-Präsident. „Bauernfänger sind gerissene Jungen, schwer, ihnen bei- zukommen. Selbst uns, die immerfort damit zu thun - 351 haben und doch auch nicht auf den Kopf gefallen, geben Gauner manchmal was zu rathen. Uns!" „Nicht möglich!" sagte derart verblüfft der Mann aus Schwiesen, als hätte ihm der Polizei-Präsident erzählt, der Kölner Dom sei gestohlen worden. „Also —." Mit diesem Worte deutet der Präsident seine Bereitwilligkeit an, dem Besucher zum Abschiede die biedere Rechte zu schütteln, wie ein Mann, dessen Augenblicke kostbar sind. Aber das Also hatte keine Wirkung. Der Gast blieb sitzen. „Haben Sie noch was?" fragte ihn der Polizei-Chef. „Noch eine Bitte," sagte zögernd der Mann aus Schwiesen. „Der Magistrat hat mich in dem Schreiben, „Weiß schon," drängte der Hörer, „kenne die Linden. Weiter!" „Da kommt ein älterer Herr auf mich zu, der mir ein Taschentuch zeigt und mich fragt, ob ich das verloren hätte, es läge da auf der Straße. Ich dankte und sagte: Nein. Dann wollte er es dem Schutzmann geben. So kamen wir ins Gespräch und bummelten. Es war ein wirklich liebenswürdiger Mann, der viel zu erzählen wußte, und ich war sehr froh, als er mich aufforderte, mit ihm in eine einfache, aber solide Weinstube zu gehen und zu Abend zu essen." „Wurde da nicht Clavier gespielt und gesungen?" unterbrach ihn der Polizei-Präsident, der immer heiterer IMS« WWW MM WMWWWMWA DDK Ktegrslicivutzt. Nach dem Gemälde von M. Wunsch. Photographie im Verlage der Photographischen Union in München. in welchem er mich ankündigte, an Sie auch für den Fall gewiesen, daß ich Geld brauchte, und es ist mir gestern Abends etwas passirt, was mich ganz blank gemacht hat." „Nanu!" rief der Polizei-Präsident. „Was passirt? Heraus damit!" Und er beugte sich über die Lehne seines Sessels zu dem Fremden, um kein Wort von dem, was er hören sollte, zu verlieren, während ein vielsagendes Lächeln die Strenge seines Ausdruckes verscheuchte. „Ich komme gestern Abends mit dem Acht-Uhr-Zuge an, fahre in das „Central-Hotel", mache mich sauber und gehe unter den Linden spazieren. Prächtig war es. Die hellen Schaufenster, die vielem Menschen —" wurde. — „Allerdings, es war höchst unterhaltend. An unserem Tische saßen noch einige Herren, in welchen mein Begleiter Landsleute fand. Diese Herren spielten ein merkwürdiges Spiel, das eigentlich gar kein Spiel war, sondern ein Kunststück. Der Spieler hatte in der linken Hand den Pique-Buben, in der rechten zwei andere Karten, und nachdem er die drei Karten auf den Tisch geworfen hatte, sollte man rathen, welche von ihnen der Pique- Bube Ein Gelächter des Polizei-Präsidenten unterbrach den Erzähler, der den Lachenden halb erstaunt und halb beleidigt ansah. Der Polizei-Präsident war aufgesprungen und rief: „Das ist großartig! Lieber Freund, Sie haben 352 gestern Abends Bauernfang an Quelle studirt, können Examen machen, brauchen gar nicht weiter zu arbeiten. Ihr liebenswürdiger Begleiter, Gauner in Folio, hat Sie gewarnt vor Spiel, hat selbst aber mehrmals Pique- Buben richtig herausgefischt und gewonnen, dann sind Sie selbst in Falle gegangen und haben richtig Alles verloren. Weiß Alles, als ob dabei gewesen wäre. Sind ganz gemeinen Bauernfängern auf den Leim gegangen, brauchen sich gar nicht weiter in Berlin zu bemühen." Und der Polizei-Präsident lachte aus vollem Halse, während der unglückselige Besucher dasaß und schier verzweifelte. „Wieviel haben Ihnen die Banditen denn abgeknöpft?" fragte endlich der Polizei-Präsident, um wieder, wie es sich für die ganze Scenerie ziemte, das Praktische zu berühren. „Meine ganze Baarschaft", jammerte der Bürgermeister, „dreihundert Mark." „Freuen Sie sich, daß es nicht mehr ist", war die ganze Antwort, die den Armen trösten sollte. „Werde Ihnen gleich die Summe überweisen lassen." Der Polizei-Chef klingelte, gab dem Bürgermeister eine Anweisung und ließ ihn von dem eintretenden Stuppke zur Kasse führen. Dann gab er ihm die Hand zum Abschied und sagte ihm dabei: „Hätten Unterricht billige haben können, sparen aber jetzt Herumlaufen mit meinem Schallow. Gehen Sie in Ihr Hotel, schlafen Aerger aus, gehen Abends nicht mit liebenswürdigem älteren Herrn zum Essen mit Musik und fahren morgen nach Schwtesen. Grüßen Sie Schwtesen. 'Morgeni" Der Bürgermeister von Schwiesen war fast zu Thränen gerührt, als er dem Polizei-Präsidenten von Berlin die Hand drückte. Dann blickte er ihn bewundernd an und sagte: „Sie wird kein Bauernfänger über's Ohr hauen!" Der Präsident lächelte geschmeichelt mit amtlicher Freundlichkeit und ließ sich, als der Bürgermeister fortgegangen war, seinen Schallow kommen, um ihm das tragikomische Abenteuer des armen Schwiesener Bürgermeisters zu erzählen. Beide lachten herzlich dabei. (Schluß folgt.) -—- Allerlei. Die gesammten Schulden der 20 größten Staaten Europas betragen 116600 Millionen Franc, was bet einer Gesammteinwohnerzahl von 366425 790 Einwohnern durchschnittlich 320 Francs pro Kopf ausmacht. Auf den einzelnen Bewohner der verschiedenen Nationen gerechnet, stellt sich folgende Reihenfolge heraus: Es kommen in Portugal 794, Frankreich 677, England 529, Niederland 480, Italien 417, Oesterreich 364, Belgien 350, Spanien 349, Griechen-^ land 334, Deutschland 274, Rumänien 192, Rußland 146, Serbien 143, Dänemark und Türkei je 137, Norwegen 87, Schweden 78, Bulgarien 65, Finnland 31 und in der Schweiz 25 Francs Staatsschulden auf den Kopf der betreffenden Bevölkerung. Aus dieser Zusammenstellung ist zu ersehen, so schreibt das Patent- und technische Bureau von Richard Lüders in Görlitz, daß das kleine Portugal das am meisten und die Schweiz das am wenigsten verschuldete Land ist, während unser deutsches Vaterland, das erst an zehnter Stelle steht, wie immer die goldene Mitte hält. Ganz einfach. Dame: „Sagen Sie, Herr Doktor, ich leide so sehr an Gedächtnißschwäche — was können Sie mir dagegen empfehlen?" — Doktor: „Hm — einne Bleistift und ein Notizbuch, gnädige Frau!" -- Zu unseren Bildern Freiherr Felix v. Koe. Am Pfingstmontag Nachmittag verschied in Räkelwitz in Sachsen bet seiner Schwester, der Gräfin von Hoensbroch, einer der bekanntesten Adeligen aus dem Rheinland, neben dem verstorbenen Freihcrrn von Schorlemer-Alst einer der einflußreichsten Männer unter den katholischen Bauern Nordwest- Deutschlands, Freiherr von Loö-Terporten. Der Verstorbene war geboren am 23. Januar 1825, absolvirte ein vierjähriges Universitätsstudium und diente ats Lieutenant im 7. Ulanen-Rcgiment 1848—1851. Von 1859—1867 war er Landrath des Kreises Eleve. Dem Reichstag gehörte er an von 1867 bis 1872, dem Landtage von 1870—1876 und zum zweiten Male von 1890 bis zu seinem Tode. Während des Kulturkampfes errang sich Freiherr v. Los so hohe Verdienste, daß ihm Papst Pius IX. den Titel eines päpstlichen Grafen verlieh. Als Gründer des rheinischen Bauernvereins trat er in hervorragender Weise für die Bauern ein und brachte seinen Verein zu hoher Blüthe. In letzter Zeit brachten die ausgeprägt agrarischen Strömungen den Verstorbenen in einen gewissen Gegensatz zu anderen katholischen Kreisen im Rheinland. Indessen wäre es eine Beleidigung für Frciherrn v. Loö, wenn man ihn irgendwie in Vergleich stellen wollte mit so manchen höchst zweifelhaften Gerngroßen, wie sie namentlich in Bayern heutzutage als Bauernfreunde auftauchen. Freiherr v. Los war ein Edelmann von makellosem Charakter und ein treuer Sohn der katholischen Kirche. L. I. ?. In die Well hinaus. Von Julius Lohmeyer. Kein Freundesblick sucht sie zu halten, Kein Vaterhaus ruft sie zurück: Mit jener stillen, guten Alten Begrub sie all ihr Hcimathsglück. Blaudämmernd liegt vor ihr die Ferne, Von Frühlingssonnenglanz erhellt: Ein reines Herz und Gottes Sterne, Sonst blieb ihr nichts auf dieser Welt. Was wird die karge Mutter geben Dem fremden, glückverlass'nen Gast? Was bietet ihr das harte Leben, Das rauh der Armuth Kinder faßt? An welchen Strand trägt sie die Welle? Wird Harm und Noth ihr Schicksal sein? Ruft sie von gastlich trauter Schwelle Ein holdes Glück zu sich herein? Wer sagt es ihr? Mit mächt'gem Brausen Naht jetzt der Zug dem kleinen Ort. Schrill tönt sein Pfiff: die Räder sausen Und tragen sie zum fernen Port. Der Sturm faßt eine bleiche Rose Und führt sie durch die Lande weit — O hielten freundlich sanfte Loose Ein stilles Eden ihr bereit! Siegesbewußt. Es ist eine bekannte Thatsache, daß die Kinder schon von frühester Jugend auf den Karten ein großes Interesse entgegenbringen. Mit gespanntester Aufmerksamkeit folgen sie dem Spiele der Alten, um rhnen abzugucken, wie es gemacht wird, und hernach die gewonnenen Kenntnisse in eigenem Spiele zu verwerthen. Der Franz! hat längst alle Vortheile und Schliche los, und mit überlegenem Lächeln schaut er seinen drei Geschwistern zu, die sich den Kopf darüber zerbrechen, wie sie ihm am besten beikommen könnten. Doch da ist alle Mühe umsonst. Wenn er sich seines Sieges nicht so sicher bewußt wäre und seine Gegner nicht so gut kennen würde, würde er gewiß nicht dulden, daß sie zu dreien gegen ihn allein zu Felde ziehen. -- - «47. Ireltag» den 5. Juni 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbcfitzer vr. Max Huttler). Kchickfalsivege. Erzählung von Clarisse Borges. (Fortsetzung.) Der junge Arzt schaute enttäuscht im Gemache umher, doch Lilli beantwortete seine unausgesprochene Frage und sagte: »Ich will in'S Schulzimmer gehen und Fräulein Adair zum Abendessen rufen," doch die Mutter hielt sie von ihrem Vorhaben zurück. »Bemühe Dich nicht," sagte sie schroff, »Fräulein Adair weiß, daß pünktlich um acht Uhr gespeist wird, darnach kann sie sich richten." Noch vor wenigen Monaten hatte sie sehnlichst gewünscht, ihre Töchter zu Lehrerinnen oder Gouvernanten auszubilden, damals fehlten aber leider die Mittel dazu und jetzt — — sah sie eine weite Kluft zwischen ihren Töchtern und deren Erzieherin, die ja für ihr tägliches Brod arbeiten mußte! Martha Adair war bereits im Speisezimmer. Willy bot ihr zum Gruß die Hand und stellte Leo vor, doch er war entrüstet, daß weder Mutter noch Schwestern während der Mahlzeit auch nur ein Wort an sie richteten. Die junge Dame hatte sich in den wenigen Monaten, seitdem sie in der Lehrerfamilte weilte, sehr zu ihrem Vortheil verändert. Der matte, müde Ausdruck aus ihrem Antlitz war verschwunden und hatte einer lebhaften Frische Platz gemacht, nur ein melancholischer Ausdruck lagerte noch oft auf ihrem lieblichen Gesichtchen, wenn sie an den plötzlichen Tod ihrer Mutter gedachte, die sie so gern in diesem Leben noch einmal wieder gesehen hätte.- Leo von Wildenthal konnte kaum seine Blicke von der lieblichen Erscheinung abwenden. So unmuthig und bezaubernd in ihrer kindlichen Bescheidenheit hatte er kaum in seinem Leben eine junge Dame gesehen, und jetzt verstand er Willh'S Gefühle, die von dieser seltenen Schönheit mächtig angezogen waren. Und doch fühlte sich Martha Adair entäuscht in ihrem neuen Wirkungskreise. Die Kinder liebten sie und machten gute Fortschritte; der Lehrer und der Arzt kamen ihr mit zuvorkommender Höflichkeit entgegen, aber Frau Berghaupt und die beiden ältesten Töchter suchten die neue Hausgenossin in „ihre Schranken" zurückzuhalten ind zeigten ihr bei jeder Gelegenheit den großen Unterschied, der zwischen ihrer Familie und der armen Erzieherin bestand. Martha selbst konnte diesen gewaltigen Unterschieb nicht gnt einsehen. Sie erinnerte sich genau der Zeit, da Jenny Berghaupt in ihrem fadenscheinigen, ärmlichen Kleide Mademoiselle La Rochette angefleht hatte, sie doch als Handarbeitslehrerin zu behalten, sie wolle ja kein Geld beanspruchen, sonderu nur um das tägliche Brod arbeiten. Wie sie dann nach vergeblichen Bitten schluchzend bei Martha Adair Trost gesucht und geklagt hatte, daß die Eltern jetzt nach ihrer Rückkehr wieder ein Kind mehr zu beköstigen haben würden. Es berührte den jungen Inspektor seltsam, daß die drei Herren die Kosten der Unterhaltung ganz allein tragen mußten; Frau Berghaupt und ihre beiden Töchter verhielten sich ganz schweigsam, und wenn das Wort an sie gerichtet wurde, antworteten sie einsilbig und stockend, man merkte es ihnen an, daß sie in großer Zuriickge- zogenheit gelebt hatten und dadurch ihre Ansichten beschränkt und ihr Gesichtskreis ein enger war. Leo bemitleidete die arme Gouvernante, deren LooS in dieser Familie gewiß nicht zu beneiden war, er fand keine Gelegenheit mehr, mit ihr zu sprechen, und bald nachher trat er mit Willy den Rückweg an. „Nun?!" Leo verstand wohl dieses kleine an ihn gerichtete Wörtchen und wußte, daß Willy sagen wollte: „Wie gefällt sie Dir?" aber er beantwortete nicht die unange- sprochene Frage und sagte nur: „Dein Vater gefällt mir sehr gut; er ist daS echte Bild eines biederen deutschen Lehrers." „DaS ist er," pflichtete der Sohn bet, „so lang. ich denken kann, hat er sich bemüht, uns Kindern ein liebevoller Vater zu sein. Meine Mutter ist auch gut, aber sie hat oft sehr beschränkte Ansichten." „Sie hat vielleicht bittere Erfahrungen im Leben gehabt." »Deshalb darf sie aber nicht hart und ungerecht sein, und meine beiden Schwestern sind ebenso wie sie. Leo, es hat mich empört, wie rücksichtslos sie Fräulein Adair behandelten." »Sie waren gerade nicht freundlich gegen sie," gab Leo zu, »es ist doch sonderbar, daß Frauen gegen es« schönes Mädchen oft so hart und rücksichtslos sind." »Hältst Du sie wirklich für schön?" „Sie ist entzückend. Lieber Willy, siehst Du denn nicht die Gefahren, die ihr drohen? Glaubst Du, daß Deine Mutter ihre Einwilligung zu Deiner Verbindung mit ihr geben wird?" „So weit sind wir noch nicht. Es wird noch Jahre dauern, ehe ich an eine Heirath denken kann." „Wie soll es denn werden?" „Was?" fragte der Arzt ahnungslos. „Ich verstehe Dich nicht." „Du sagst selbst, eS sollen noch Jahre darüber hingehen? Glaubst Du denn, daß Du Deiner Mutter und Deinen Schwestern Dein Geheimniß solange verbergen kannst? Denke an meine Worte, Willy! Sobald die Deinigen Deine Absicht erfahren, wird Fräulein Adair ihr Haus verlassen müssen." Der Arzt seufzte. „Daran habe ich nie gedacht," gestand er. „Ich hoffte, Fräulein Adair würde so lange bleiben, bis Anna fertig ist, und sie ist erst acht Jahre alt."- Leo lachte herzlich. „Lieber Junge," scherzte er, „glaube doch nicht, daß eine so bildhübsche Dame fünf oder sechs Jahre von der Männerwelt unbemerkt bleibt. Entweder mußt Du Dich bald mit ihr verloben — oder auf sie verzichten." V. Es war sonderbar, daß nach diesem ersten Besuche der junge Inspektor seinen Weg sehr häufig nach Ebersheim nahm, noch auffälliger, daß er zu den Besuchen in der Lehrersfamilie Stunden wählte, in denen er Willy in seinem Berufe beschäftigt wußte. Er wurde bald ein Liebling der ganzen Familie. Die Kleinen freuten sich, wenn er kam, denn er stellte sich niemals mit leeren Händen ei«. Der Lehrer verplauderte gern ein Stündchen mit ihm, sogar Frau Berghaupt und die beiden ältesten Mädchen, Babette und Florentine, legten allmählig ihre Schüchternheit ab und empfingen den Gast mit aller Freundlichkeit, die ihnen zu Gebote stand. Die mit Töchtern so reich gesegnete Mutter hatte keinen anderen Gedanken, als daß der reichbegabte Pflege- sohn ihrer Schwester Gefallen an einem ihrer Mädchen gefunden habe, nur wußte sie nicht, ob er Babette oder Florentine den Vorzug geben solle. Es war zwar traurig, daß das alte Stammschloß der Familie verloren gegangen war, aber es schien ihr, daß Leo der Liebling ihrer Schwester Angela gewesen sei, und als ihr Erbe konnte er zweifellos die Güter wieder erwerben. Immerhin war er eine sehr gute Partie, aber ach! warum zögerte er so lange, sich offen zu erklären? Ihrem Gatten sagte sie kein Wort von ihrem Lieblingstraum, auch Willy nicht, wohl aber ihren Töchtern, und alle drei Damen stimmten überein, daß Florentine die passendste Gattin für Leo werden würde. „Ich würde in bescheideneren Verhältnissen weit glücklicher sein," gestand Babette offen, „aber Florentine ist wie geschaffen dazu, um ein Dutzend Dienstboten zu befehlen und in einem großen Schlosse zu herrschen; sie ryuß Leo'S Gattin werden." DaS lautete für jeden Unbefangenen selbstlos, aber feit einigen Monaten hatte ein reicher Gutsnachbar, Herr Mayfeldt, häufig den Lehrer Berghaupt besucht, und sowohl Babette wie ihre Mutter hielten diese Besuche nicht für absichtslos. So war der Winter dem Frühling gewichen. Der Lehrer schien für alle Vorgänge in seinem Hause blind zu sein; auch Willy hatte nur feine Augen für Martha Adair offen und ahnte nichts von den Träumen seiner Mutter, die Herrn Mayfeldt und Leo bereits wie ihre eigenen Söhne ansah. Mittlerweile wurde die Gouvernante von Tag zu Tag bleicher; ihre glänzenden Augen blickten trübe, und nur mühsam konnte sie ihre täglichen Pflichten erfüllen. Leo beobachtete sie scharf, und es war ihm zur Gewißheit geworden, daß die Entdeckung von Wtllh's Geheimniß diese traurige Veränderung hervorgerufen habe. „Hat Fräulein Adair niemals eine Ferienzeit?" fragte Leo den Lehrer, als er sich in der Familie zum Abendessen wieder einmal einstellte. „Sie verlangt gar nicht darnach, da sie weder Freunde noch Verwandte hat, zu denen sie anch auf kurze Zeit Hinreisen könnte," lautete die Antwort. „Aber sie bedarf einer Erholung," beharrte Leo, „ich wundere mich, daß Du als Arzt diese Veränderung nicht siehst, Willy; sie schleicht einher wie ein Schatten. Entweder hat sie großen Kummer oder sie ist ernstlich krank." Der junge Arzt war sichtlich erschrocken. Beim Heimweg lenkte er das Gespräch gleich wieder auf Martha Adair. „Ich weiß wirklich nicht, wozu ich mich entschließen soll," begann er, „biete ich ihr jetzt schon Herz und Hand an und sie schlägt meine Bitte ab, so ist mein Elternhaus kein Aufenthalt mehr für sie; spreche ich aber nicht offen mit ihr, so habe ich kein Recht, nach ihrem Kummer zu fragen." „Sprich offen mit ihr," rieth Leo mit seltsam bebender Stimme, „sie hat das Herz auf dem rechten Fleck. Wenn sie Dich liebt, wird sie entweder warten oder ein Leben unter wenig günstigen Aussichten schon jetzt mit Dir beginnen." Der auffallend bewegte Ton der Stimme ließ den Arzt verwundert aufschauen. Plötzlich fiel es wie Schuppen von seinen Augen, und er rief erschreckt aus: „Oh Leo, sage mir nicht, daß Du sie auch liebst, das könnte ich niemals ertragen! Raube mir nicht daL einzige Glück meines Lebens, denn ich habe nur die eine Hoffnung, Martha's Liebe zu gewinnen." ES entstand eine lange, peinliche Pause. Leo kämpfte einen schweren Kampf; er liebte die bleiche, schöne Gouvernante mit allen Fasern seines Herzens, aber konnte er den Freund betrügen, der ihm vertraut hatte? Willy hatte ihm das Geheimniß feines Herzens geoffenbart, ehe er Fräulein Adair gesehen hatte, und es wäre schlecht und niedrig von ihm gewesen, dem Freunde die einzige Hoffnung und Lebensfreude zu rauben. Endlich brach er das Schweigen und sagte so ruhig als möglich: „Von mir hast Du nichts zu befürchten, alter Junge; auf den Trümmern Deines Glückes würde ich nie das weinige aufbauen. Aber Andere sind vielleicht weniger gewissenhaft. Wie könnten sie es auch sein, da Dein Geheimniß Niemandem außer mir bekannt ist? Folge meinen: Rathe und sprich gleich morgen mit Fräulein Adair; es ist doch besser wir diese quälende Ungewißheit. Wenn Deine Mutter sie fortschickt, was ich fast befürchte, so wird Dein Vater sich doch um eine andere Heimath für sie bemühen. Sie scheint ohnehin nicht glücklich in Eurem Hause zu sein, und ich fürchte, daß Deine Schwestern ihr das Leben beträchtlich erschweren." 355 Willy athmete erleichtert auf. Er bemerkte gar nicht, daß Leo nicht gesagt hatte: „Ich liebe sie nicht", aber er vertraute ihm und freute sich, keinen Nebenbuhler in ihm zu finden. „Morgen soll sich mein Schicksal entscheiden," sagte er ernst, „Du hast Recht, Gewißheit ist besser wie Ungewißheit, und dann komme ich gleich zu Dir und sage Dir das Resultat." Aber das war für Leos Edelmuth zu viel. Darum fiel er eifrig ein: „Nein, nicht morgen. Ich habe sehr viel zu thun und muß in Geschäften nach der Residenz. Sage mir später von Deinem Erfolg." Er wollte erst warten, um selbst ruhiger zu werden, und lieber in angestrengter Thätigkeit seinen Schmerz betäuben und Vergessenheit suchen. Wie lag doch sein Leben so öde und trostlos vor ihm! Er war ja nicht blind gegen die Regungen in seinem Herzen, er liebte Martha Adair und wußte, daß diese Liebe hoffnungslos sei. Aus eigenem freien Willen war er zurückgetreten, um dem Freunde den Weg zu ebnen. Er zweifelte keinen Augenblick daran, daß sie Willh's Herz und Hand annehmen würde; sie war so einsam und verlassen; aber dennoch regte sich eine Stimme in seinem Herzen, und er fürchtete, daß Martha nicht an der Seite des jungen Arztes glücklich werden würde. So oft er Willy sah, stieg unwillkürlich der Gedanke in ihm auf, daß seinem Leben bald ein Ziel gesetzt sei. Er war so bleich und abgemagert, seine Gestalt gebeugt, und deutlicher denn je brannten die rothen Flecken auf seinen Wangen. Er war ein kranker Mann — er würde niemals durch angestrengte Thätigkeit ein reicher Mann werden, sein einziges Lebensglück bestand in seiner Liebe; würde diese ihm geraubt, so versetzte man ihm den Todesstoß. „Nein!" rief er aus, die Hand gegen die brennende Stirne drückend, „ich konnte und durfte nicht anders handeln. Es wäre ja feige und ehrlos gegen Willy gehandelt. Aber meine kleine Martha, meine einzige Liebe, sie soll nie den Kampf erfahren, den ich heute Abend errungen und bestanden habe." Am nächsten Morgen lagen die Sorgen der vergangenen Nacht centnerschwer auf seinem Herzen. Die Sonne hatte ihren Schein, die neu erwachenden Natur ihren Reiz für ihn verloren. Mit verdoppeltem Eifer lag er seinen Pflichten, ob und gegen Mittag eilte er nach der Station, um nach der Residenz zu fahren. Auf dem Wege dorthin begegnete er dem Pfarrer des Ortes. „Ich war gerade auf dem Wege zu Ihnen," begann der geistliche Herr in feiner leutseligen Weise. „Kommen Sie mit mir, hier in dieser Allee sind wir ungestört. Ich muß mit Ihnen über unsern jungen Arzt sprechen." „Willy! was ist mit ihm? Ich sprach noch gestern Abend mit ihm, aber da hatte sich nichts Besonderes ereignet." „Ich glaube, er stirbt," flüsterte der alte Herr sichtlich bewegt, „und es wäre mir lieb, wenn Sie seiner Familie diese Nachricht schonend überbringen wollten." Leo erschrak. „Er klagte gestern gar nicht und schien sogar heiter und hoffnungSfreudig. Irren Sie auch nicht, Herr Pfarrer?" Der Pfarrer erzählte alles, was er selbst wußte und gesehen hatte. Der junge Arzt war früh im Krankenhause beschäftigt gewesen und hatte dort drei Mal eine anhaltende, tiefe Ohnmacht gehabt. Ein Arzt sei schnell zur Hülfe gewesen, der größte Ruhe und Schonung anempfohlen habe, jedoch der Patient selbst halte seinen Zustand keineswegs für bedenklich und rechne seine Schwäche allein dem angreifenden Frühlingswetter zu. „Ich hielt seinen Zustand schon lange für bedenklich," schloß der Pfarrer, „und ich denke, Sie können am besten die Eltern auf diese Nachricht vorbereiten." „Sind Sie auch ganz sicher?" „Ganz entschieden. Er kann seine Pflichten nicht länger im Krankenhause erfüllen, der Doctor schlägt ei» südliches Klima vor." „Aber wir sind doch glücklich über den Winter hinaus." „Wir sind erst im März," verbesserte der Pfarrer. „Der Frühling ist die schlimmste Jahreszeit für Schwindsucht." „Ist es denn — Schwindsucht?" Der Pfarrer nickte. „Der Doctor hat den Kranken von Kindheit an in Behandlung gehabt, und er wundert sich selbst, daß er bis jetzt sein Leben erhalten hat. Nun, Herr Jnspector, gehen Sie schnell und bereiten Sie den Lehrer schonend vor." „Man wird mir kaum glauben, — Herr Pfarrer, lassen Sie uns zusammen gehen — es wird zu schwer." „Es wird ihnen ein harter Schlag sein, aber vielleicht empfinden sie ihn nicht so schmerzlich, da eS ihnen doch bedeutend besser geht. Es ist sonderbar, seitdem die Mädchen geerbt haben, sind Mutter und Töchter weit weniger liebenswürdig wie früher. „Ich kannte die Familie früher gar nicht. Willy und der Lehrer sind meine Freunde." „Auch die meinigen. Sie dürfen aber nicht so sprechen, junger Freund, denn ich hörte, Sie seien im Begriffe, sich mit Florentine zu verloben. Die Verlobung ist zwar ein offenes Geheimniß, aber da die Spatzen auf den Dächern davon zwitschern, begehe ich gewiß keine Jndiscrction, davon zu sprechen." Leo erbleichte. „Dann wissen die Leute mehr, wie ich selbst," sagte er entschieden. „Es ist mein fester Entschluß, niemals zu hetrathen." „Dann rathe ich Ihnen, das Haus Ihrer Freunde nicht so oft zu besuchen", warnte der Pfarrer, „oder es steht der Familie eine große Enttäuschung bevor. Doch eilen Sie jetzt; Sie treffen Frau Berghaupt nicht an; ich sah sie erst mit der Gouvernante zur Bahnstation fahren." „Dann muß Willy sein Vorhaben aufschieben", dachte Leo, als er sich vom Pfarrer trennte. Er ahnte ja nicht, was sich inzwischen im Lehrerhause zugetragen hatte. — Der Großgrundbesitzer Mayfeldt war ein reich begüterter, in der ganzen Umgegend hochgeachteter und beliebter Herr. Erst seit kurzer Zeit war er ein häufiger Gast der Lehrerfamilie, und Frau Berghanpt vermuthete mit Recht, daß der reiche Junggeselle sich aus ihrem Hause eine Gattin heimführen werde. Gerade an diesem Morgen, der für Fräulein Adatr so verhängnißvoll werden sollte, hatte sie ein Briefchen von ihm erhalten, welches ihr stolzes Herz mit triumphtren- der Freude erfüllte. Es war nur kurz und geheimnißvoll und theilte ihr nur mit, daß er gegen 11 Uhr am selbigen Morgen kommen würde, in der Hoffnung, mit ihr eine Sache von größter Wichtigkeit, sein zukünftiges Lebensglück betreffend, zu besprechen. „Er liebt Babette", jubelte eS in dem Herzen der glücklichen Mutter, „aber beide Mädchen sollen heute im Hause bleiben. Fräulein Adair wird mit den Kleinen einen längeren Spaziergang machen, damit wir ungestört sind, und da mein Gatte in der Schule beschäftigt ist, wird Alles glatt ablaufen." Pünktlich zur festgesetzten Stunde wurde Herr May- feldt in das kleine Empfangszimmer geführt, und mit einem Lächeln auf dem harten Antlitz trat Frau Berghaupt ihm entgegen, mit der Versicherung, eS sei ihr eine Freude, seine Wünsche erfüllen zu können. „Sie waren gewiß erstaunt, mich in letzter Zeit hier so häufig zu sehen", begann der junge Freier in seiner offenen, ehrlichen Weise. „Es ist ja nicht zu leugnen, Ihr Haus hatte eine große Anziehungskraft für mich. Ich bin des Junggesellenlebens müde, und die junge Dame — Er stockte verlegen, eS war doch schwerer, wie er gedacht, seine Wünsche in Worte zu kleiden; Frau Berghaupt lächelte und half ihm bereitwillig, indem sie selbst seinen Satz vollendete und sagte: „Die junge Dame ist mir lieb und theuer; sie gehört unserer Familie an, und da haben Sie gedacht, ich könnte Ihnen am besten helfen. O Herr Mayfeldtl eine Mutter ist nicht blind und erräth leicht kleine Herzensgeheimnisse. Schon seit Wochen habe ich dieses Geständniß von Ihnen erwartet; sie sind beide wie für einander geschaffen, und das liebe Kind wird Sie glücklich machen." Absichtlich nannte sie nicht Babette's Namen — immerhin konnte es noch Floreniine sein, daß es aber keine von beiden war, kam der guten Mutter gar nicht in den Sinn. „Sie sind sehr gütig", versetzte Herr Mayfeldt mit aufrichtiger Herzlichkeit. „Sie halten also meine Liebe nicht für hoffnungslos? Wollen Sie mir Gelegenheit geben, bei ihr meine Sache selbst zu führen?" „Ich darf nichts verrathen", gab die glückliche Mutter geheimnißvoll zurück, „sprechen Sie selbst mit dem lieben Kinde, Herr Mayfeldt, meiner Zustimmung können Sie gewiß sein." „Bis jetzt hatte ich noch nie eine Gelegenheit, allein mit ihr zu sprechen; sie scheint mich sogar absichtlich zu vermeiden. Oft kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß sie meine Gefühle ahnt und mir deßhalb ausweicht. Vielleicht will sie mir durch ihr Benehmen zeigen, daß meine Hoffnungen grundlos sind." Frau Berghaupt biß sich auf die Lippen. Es mußte also doch wohl Floreniine gemeint sein, denn sie hatte ihm zu häufig zu einem ungestörten tsta-ä-töts mit Babette Gelegenheit gegeben; noch vor wenigen Tagen bei einem längeren Spaziergange hatte sie dafür gesorgt, daß der Gutsherr der Begleiter ihrer ältesten Tochter war. „Sie ist noch sehr jung und —" „Und bezaubernd in ihrer berückenden Schönheit", fiel Herr Mayfeldt ihr in's Wort, „von dem ersten Augenblick an, da ich sie sah, gehörte ihr mein ganzes Herz und meine Liebe. Ich glaube gern, daß sie in Ihrem Hause zufrieden ist, daß sie Liebe und Freundlichkeit genießt, aber sie ist doch in abhängiger Stellung, Md da möchte ich sie so gern recht bald als Herrin in Meinem Hause einführen." Während dieser letzten Worte war Frau Berghaupt hleich geworden. Ihre Zähne bohrten sich in die Unterlippe, daß sie blutete, und nur mit großer Anstrengung konnte sie ruhig erwidern: „Sie wollen also Fräulein Adair heirathen? Wissen Sie auch, daß sie eine Waise und gänzlich ohne Vermögen ist?" Herr Mayfeldt wunderte sich, wie schnell das Interesse für das »liebe Kind" abgekühlt war, aber jetzt konnte er ganz offen sprechen und fuhr deßhalb unbeirrt fort: „Ich bin reich genug und sehe nicht auf das Vermögen meiner Gattin. Ich liebe Martha Adair, und gerade ihre Einsamkeit in der Welt veranlaßt mich, sie schon recht bald heimzuführen." „Sie sind sehr edelmüthig", höhnte Frau Berghaupt. „Natürlich möchten Sie gern Fräulein Adair selbst sprechen, um ihre Antwort von ihren eigenen Lippen zu hören. Ich will sie rufen lassen." Sie erhob sich und zog die Schelle. „Fräulein Adair soll sofort kommen — sie kann die Kinder im Schulzimmer lassen," befahl sie dem eintretenden Hausmädchen. Die Antwort kam schnell zurück. „Fräulein Adair und die Kinder sind nicht im Schulzimmer. Fräulein Babette sagt, sie machen einen langen Spaziergang." „Ah! sie gehen regelmäßig in den Klostergarten", sagte Frau Berghanpt, wiewohl sie ausdrücklich geboten hatte, die entgegengesetzte Richtung einzuschlageen. „Dort werden Sie Fräulein Adair treffen, Herr Mayfeldt. Schicken Sie die Kleinen heim, dann haben Sie ein ungestörtes täta-ü-tsts. Sollten Sie zufällig die Begegnung verfehlen, so erwarte ich Sie zum Abendbrod; ich werde inzwischen die junge Dame vorbereiten." Er war fort, Frau Berghaupt brauchte sich nicht länger einen Zwang auferlegen. Unwillig stampfte sie mit dem Fuß den Teppich, und ihre Augen flammten zornig. Herr Mayfeldt, der einzige heirathsfähige Junggeselle im ganzen Umkreise, hatte ihre eigenen Töchter übersehen und seine Blicke auf die Gouvernante ihrer Kinder geworfen, das war empörend, unerträglich l Die beiden Schwestern sahen den Gast davonreiten, sie waren von der Mutter nicht in das Wohnzimmer gerufen worden, jetzt konnten sie die Ungeduld nicht länger zügeln, und sie kamen unaufgefordert. „WaS in aller Welt ist geschehen, Mama", begann Floreniine ungestüm, „Du siehst aus, als habest Du einen Geist gesehen." „Beruhige Dich", fiel Babette boshaft ein, „wenn er Flora vorzieht, so kommt doch wenigstens eine von uns unter die Haube. Dank Tante Angela's Güte sind wir ja nicht gezwungen zu heirathen." „O, meine Kinder, — meine armen beleidigten Kinder", schluchzte die Mutter unter Thränen. „Wer hätte jemals geahnt, daß Herr Mayfeldt so falsch und hinterlistig sein könnte! Oh! hätte ich ihm meine Meinung nur ganz offen gesagt, aber diese falsche Schlange soll noch heute unser Haus verlassen." „Mama — Mama", riefen beide Mädchen bestürzt, „Du sprichst in Räthseln, so sage uns doch, was geschehen ist." (Fortsetzung folgt.) 1 357 Der Bauer«fönger. (Schluß.) Ein paar Stunden später saß der Polizei-Präsident in voller Arbeit, als Stuppke eintrat und meldete: „Der Bürgermeister von Schwiesen!" „Schon wieder? Ist ja heute gar nicht todt zu kriegen!" rief der Polizei-Präfident ungeduldig. „Zu Befehl, Herr Präsident, eS ist ein Anderer." „Ein anderer Bürgermeister von Schwiesen?" rief mit weit aufgesperrten Augen der Polizei-Präsident und sah Stuppke an, als ob er ihn auf seine Nüchternheit hin untersuchen wollte. „Vielleicht hat Schwiesen zwei Bürgermeister wie Berlin. Schwiesen wird Weltstadt!" sagte Stuppke. „Ruhe!" schrie der schon sehr nervös gewordene Polizei-Präsident. „Soll eintreten." Der Bürgermeister von Schwiesen, Böttchermeister Krämer, trat ein, ein älterer, freundlicher und etwas dumm aussehender Herr, der mit künstlicher Gewandtheit auf den Polizei-Präsidenten zuschritt, von dem er scharf angeblickt wurde, und sehr viel Worte machte, als er mittheilte, er sei der dem hochlöblichen Polizei-Präsidium vom Magistrat in Schwiesen angekündigte Bürgermeister, der zu dem in dem Schreiben angedeuteten Zwecke nach Berlin gekommen und dem fördernden Wohlwollen der hohen Behörde empfohlen sei. „Der war heute Morgens da!" rief der Polizei- Präsident, der überzeugt war, daß er einen Betrüger vor sich habe. Der Bürgermeister von Schwiesen konnte nicht mißverstanden haben und traute doch seinen Ohren nicht. Der Polizei-Präsident klingelte. Stuppke erschien. Schallow sollte kommen. Schallow kam sofort. „Kennen Sie den Mann, Schallow?" rief der Polizei-Präsident diesem entgegen. Schallow sah den Bürgermeister von Schwiesen genau an. Nein, er kannte ihn nicht, und er kannte doch das Verbrecher-Album genau. Er wollte es aber nochmals durchsehen, vielleicht fand sich ein Porträt darin, das auf die Spur führte. Er ging wieder fort, um sich an die Arbeit zu machen. Der Polizei-Präsident blieb mit dem Bürgermeister allein und nahm diesen in ein scharfes Verhör. Der Bürgermeister war gestern Abends von Schwiesen mit dem Acht-Uhr-Zug angekommen und war im „Central- Hotcl" abgestiegen. Merkwürdig, genau wie der Andere. Er wäre schon in der Frühe auf das Polizei-Präsidium gekommen, wenn ihm nicht ein vertrauenerweckender Mann, der auf der letzten Station in sein Coups gestiegen und mit dem er ins Gespräch gekommen war, gesagt hätte, daß der Herr Polizei-Präsident sich in den Vormittagsstunden nicht sprechen ließe und vor dem zweiten Frühstück nicht recht genießbar sei. Das habe ihm der Mann wie jemand gesagt, der es genau wisse, und der Mann habe überhaupt einen so guten Eindruck auf ihn gemacht, daß er ihm seinen Namen genannt und mitgetheilt habe, zu welchem Zwecke er nach Berlin fahre. Er habe ihm einfach eine Copte des Briefes des Magistrates gezeigt, welche er als Legitimation mitgebracht habe. Der Bürgermeister von Schwiesen hatte bereits diese Copie aus einer colossalen Brieftasche herausgesucht und hielt nun das Dokument in der zitternden Hand. „Ist ja unglaublich!" sagte der Polizei-Präsident außer sich. „Mir dürfen Sie Alles glauben," versicherte treuherzig der Bürgermeister, „ich lüge nicht." Der Polizei-Präsident sah den Mann an, der wirklich den Eindruck der Ehrlichkeit machte. „Ist es denn möglich!" rief der Polizei-Präsident. „Was soll denn unmöglich sein?" fragte der Bürgermeister und fuhr dann fort: „Mein neuer Freund kannte Berlin genau, das merkte ich sofort, und ich war daher ganz froh, als er mir anbot, mit mir den Abend zu verbringen, denn er sei Strohwittwer und mochte nicht allein sein. Ich ging also in's Hotel, machte mich sauber und schloß mich wieder dem Manne an, der vor dem Hotel auf mich wartete. Nun bummelten wir in der Stadt herum, bis wir Hunger bekamen. Da standen wir denn auch zufällig vor einer Weinstube, die mir mein Freund als sehr solide empfahl, und wir traten ein —" „Weiß schon", fiel der Polizeipräsident sehr aufgeregt dazwischen. „Da wurde Klavier gespielt und gesungen, und da saßen an Ihrem Tisch noch einige Landsleute Ihres Freundes, die ein Spiel spielten, das eigentlich kein Spiel war, sondern ein Kunststück mit dem Pique- Buben, der nie da lag, wo man ihn sicher vermuthete — o dieser Pique-Bube hat es in sich — und nachdem Ihr neuer Freund mehrmals gewonnen hatte, wurden Sie Ihr ganzes Geld los! Weiß Alles! Und nun kommen Sie und wollen nicht nur Beamten haben, der Sie mit den Geheimnissen des Bauernfangs bekannt macht, sondert auch Credit in Anspruch nehmen." „So ist eS freilich", sagte der Bürgermeister, obschon er eigentlich sprachlos vor Staunen hätte sein müssen, daß der Polizei-Präsident dies Alles so genau wußte. Der Polizei-Präsident ging um seinen Schreibtisch herum. Er war reingefallen, das war ihm klar. Er sagte also zu dem Bürgermeister, indem er vor diesem stillstand: „Lieber Freund, Sie sind reingefallen, sind Opfer eines Bauernfängers geworden, haben Bauernfang gestern Abends gründlich kennen gelernt, können ruhig wieder nach Schwiesen fahren, werde Ihnen hundert Mark für Rechnung des Schwiesener Magistrats anweisen lassen." — Der Bürgermeister war in einen Stuhl gesunken, und der Polizei-Präsident hatte seine Fassung wiedergefunden, als er sagte: „Sehe klar in der Sache, bin nicht zu täuschen, kenne die Schliche dieser Gauner!" Der eintretende Schallow sah den Bürgermeister wieder scharf an wie vorher und meldete, er habe in dem ganzen Ver- brecher-AIbum keine unter all den Galgen-Visagen gefunden, die dem anwesenden- Der Polizei-Präsident ließ ihn nicht ausreden. „Es ist gut, Schallow", unterbrach er ihn. „Führen Sie den Herrn zur Kasse und lassen Sie ihm gegen seine Quittung hundert Mark auszahlen." Dann setzte er leise hinzu: „Wie die Dreihundert, die der — heute Morgens bekommen hat, zu buchen sind, werde ich noch bestimmen." Schallow sah den Polizei-Präsidenten an und sagte: „Zu Befehl!" Ein feines Ohr mußte so etwas wie ein „Ach so!" heraushören. Der Polizei-Präsident drückte nun dem sich verabschiedenden Bürgermeister von Schwiesen die Hand, indem er sagte: „Sehr angenehm gewesen!" Das war aber nicht wahr, es war ihm durchaus nicht angenehm gewesen, und als er nun allein war, zündete er feine Cigarre wieder an, goß sich einen Cognac ein und be. — 353 schloß, künftig noch etwas vorsichtiger als bisher zu sein. Als Stuppke in's Bureau kam, um irgend etwas auf den Schreibtisch zu legen, sah ihn der Polizei-Präsident nicht an, und das war vernünftig, denn Stuppke lächelte ein klein wenig schadenfroh. -»—r-->»-- Der Wirbelstnrm von St. Louis. Die ungeheuren Verheerungen, welche der Cyklon a« Mittwoch Abend in St. Louis, der am Mississippi gelegenen Hauptstadt des Staates Missouri, mit 452,000 Einwohnern, der fünftgrößten Stadt der Vereinigten Staaten, verursacht hat, werden erst jetzt nähere Einzelheiten bekannt, weil mehr als 12 Stunden lang alle telegraphischen Verbindungen unterbrochen waren und auch am Donnerstag Morgen erst nur zwei Linien benutzt werden konnten. Am Mittwoch Morgen war in St. Louis das Wetter ruhig und schön, und es wehte ein leichter Wind. Am Nachmittag, um 4 Uhr ungefähr, wurde die Atmosphäre drückend und schwül, bald aber erhob sich ein starker Wind, der beständig umsprang. Schwere Wolken jagten hin und her, allein allmälig schienen sich auch die verschiedenen Luftströmungen zu concentrireu, bis ein Sturmcentrnm sich im Westen entwickelte. Von Südwssten sah man eine Wolke, wie eine hohe Röhre, heranrücken. Noch war die Sonne sichtbar, allein bald verwandelten die Wolken, die dem Tornado vorangingen, den Tag in völlige Nacht. Es war dieser Cyklon, der über Ost-St. Louis fuhr und alles in seinem Wege zerstörte. Mittlerweile wüthete ein von Nordwesten gekommener Wirbelsturm in dem westlichen Theile der Stadt. In der Zeit von bis ^7 Uhr entfaltete der Sturm seine größte Stärke, indem er mit einer Geschwindigkeit von 130 Kilometer per Stunde über die Stadt fuhr. Mit dem Sturm kam ein heftiger Regen mit Blitz und Donner. Dampfer und Boote wurden von ihren Ankerplätzen gerissen und stürzten um oder trieben fort. Glücklicherweise fuhren zwei mit Passagieren beladene Dampfer zu der kritischen Zeit oberhalb bezw. unterhalb der Stadt auf dem Flusse, doch sind verschiedene andere, auf dem Flusse befindliche Dampfer mit Mann und Maus untergegangen. Der Wirbelsturm überraschte Tausende von Menschen, die aus dem Geschäftscentrum der Stadt nach Hause eilten. Da das elektrische Licht erloschen, der Trambahn- und Eisenbahn- dienst eingestellt war, so mußten viele Tausende die Nacht in der Stadt zubringen. Viele Häuser wurden in Trümmer gelegt, andere durch die Blitze in Brand gesteckt. Die Feuerwehr bekämpfte 14 Brände. Die Geschäftstheile, besonders in Ost-St. Louis, haben stark gelitten. Viele hohe Elevatoren und zwölfstöckige Lagerhäuser am Mississippi find in Trümmer gelegt. Alle am Quai liegenden Dampfer sind untergegangen. Der große „Vandalia"- Speicher stürzte mit einem gewaltigen Krach zusammen. 35 Leute wurden unter den Trümmern begraben. Eine Mauer dcS Gefängnisses fiel ein, und von der Straße aus konnte man in das Innere des Gebäudes sehen. Zur Zeit machten sich die 200 Gefangenen im Gefängnißhofe körperliche Bewegungen, sie benutzten aber die Gelegenheit zur Flucht nicht; auch wurde keiner von ihnen verletzt. Die Bassins der „Oel-Gesellschaft" flogen in die Luft. Besonders in dem Armenquartier von Ost-St. LouiS hat der Cyklon furchtbare Verheerungen angerichtet. Ein Eisenbahuzug wurde, als er die Brücke über den Mississippi passirte, umgeweht, und nur die starke stählerne Balustrade verhinderte, daß er in den Fluß fiel. Die Passagiere wurden arg durcheinander geworfen, doch kamen sie mit geringen Verletzungen davon. Eins Cigaretten- fabrik, wo 200 Mädchen beschäftigt waren, fiel ebenfalls ein. Wie viele Mädchen umgekommen sind, steht noch nicht fest. Die Güterwagen auf den Bahngeleisen stieß der Sturm hin und her. Einige fielen in den Graben, andere wurden ellenweit in's Feld geschleudert. Lokomotiven wurden umgeworfen und die Personenwagen waren ein Spielzeug für den Cyklon. Tausende von Schafen und Rindvieh sind zu Grunde gegangen. Das grüne Wasser des Mississippi bauschte sich zu ungeheuren Wellen auf und prallte gegen den Quai an. Einige Schiffe wurden in die Luft gehoben und dann wieder unter dem Wasser fortgewirbelt. St. Louis steht aus, als ob es vom Feinde bombardirt worden wäre. Die ganze Nacht war die Stadt in Dunkel gehüllt. Viele Personen wurden durch den Sturm gegen die Mauern geschleudert, und selbst Wagen mit Pferden wurden durch die Luft gerissen. Durch die überall herumliegenden elektrischen Drähte sollen nicht wenige Menschen getödtet worden sein. Da eS nicht möglich war, telegraphisch Ambulanzen herbeizurufen, so wurden die Todten und Verwundeten in gewöhnlichen Wagen nach dem städtischen Hospital gebracht, das bald überfüllt war. Ein Theil dieses Hospitals war überdies auch durch den Sturm zerstört worden, und so brachten die Aerzte ihre Patienten in provisorische Räume. Einige der 450 Kranken stürzten schreiend aus ihren Betten auf die Straße, um sich zu retten. Ein Theil des Daches von Convention Hall, wo die republikanische Nationalconvention am 17. Juni abgehalten werden soll, ist fortgerissen worden, und die übrigen Theile des Gebäudes sind durch herumfliegende Eisenstücke durchlöchert worden; doch glaubt man, in 10 Tagen die nothwendigen Reparaturen machen zu können. Als der Sturm auf seinem Höhepunkte war, brach ein Gasometer zusammen, und die Leute wurden durch hoch in die Luft schießende Flammen erschreckt. Der Wasserbehälter war zur Zeit fast voll, allein der Sturm warf ihn ganz um. Sehr schwer hat das im äußersten Südosten der Stadt liegende Armenhaus gelitten. DaS ganze Dach des von Frauen bewohnten Gebäudes wurde fortgerissen; der Thurm auf dem Mittelgebäude wurde weggeweht und stürzte durch dasselbe. Von den 1030 Insassen wurden merkwürdigerweise nur 8 durch herumfliegende Eisen- und Glassplitter verletzt. Viele Mühe machten den Wärtern die Irrsinnigen, die erst nach dem Aufhören des Sturmes beruhigt werden konnten. In einem der Hospitäler saß eine Frau neben ihrer kranken Schwester, die ein 1 Jahr altes Kind auf ihren Armen hielt, während ihr 4jähriges Kind nebenan spielte. Die Frau sah den Sturm kommen, allein noch ehe sie den Raum verlassen konnten, stürzten die Mauern auf die Gruppe und tödteten sofort beide Kinder. Ein Bild wildester Zerstörung boten die Ufer des Mississippi. Auf dem Westufer desselben zwischen Biddlestreet und Chateau Avenue lagen eine Menge Dampfer und Werftboote. Dieselben waren nach dem Sturme alle verschwunden, gesunken oder weggetrieben. Das Anchortine-Werftboot und ein Excursionsboot waren hoch auf den Quai geworfen worden, und zwar erkannte man aus ihrer Lage die rotirende Bewegung des Sturmes. Nördlich von der Cad-Brücke ist am Ufer nicht ein Haus stehen geblieben. und eS gibt kaum eine Familie, die nicht mindestens ein Mitglied verloren hat. In vielen Fällen sind ganze Familien getödtet worden. Der Maschinist des über die Cad- Brücke fahrenden ZugeS von Alton nach Chicago vermochte durch seine Geistesgegenwart großes Unglück zu verhüten, indem er Volldampf gab, sobald er die Gefahr bemerkte, die durch das Abfallen der Granitquadern an dem Endpfeilrr drohte; so sauste er über die gefährliche Stelle hinweg, und es war keinen Augenblick zu früh, denn gleich nachdem der Zug durch war, erfolgte der Einsturz. Die Brücke ist auf einer Länge von 100 m abgebrochen. Der im Südwesten der Stadt verwüstete Theil ist 6 Kilometer lang und ^Kilometer breit. Am Donnerstag fuhren die Eisenbahnzüge wieder. In jedem Theil der Stadt find Hospitäler eröffnet und viele Bürger haben ihre Häuser für die Verwundeten zur Verfügung gestellt. Das Rettungswerk schreitet jedoch nur langsam fort, da die Mauern der verwüsteten Häuser einzustürzen drohen. Die Zahl der Getödteten dürfte zwischen 400 bis 500 schwanken, während der Schaden an Eigenthum zwischen 10 und 30 Millionen Dollars geschätzt wird. Die Verkehrsstörung wird noch längere Zeit dauern, da der Sturm über St. Louis hinaus gewüthet hat; u. A. find mehrere Eisenbahnzüge vom Geleise in die Prairie geschleudert worden. Im Süden von Illinois find mehrere Ortschaften schwer heimgesucht worden, und auch von dort wird der Verlust vieler Menschenleben gemeldet. Die Stadt St. Louis ist in Folge ihrer Lage den von Wirbel- stürmen drohenden Gefahren besonders ausgesetzt. Auch sonst ist die Stadt wiederholt von schweren Unglücksfällen betroffen worden. Im Jahre 1849, als St. Louis nur 75,000 Einwohner hatte, wurde die Hälfte der Stadt während eines Sturmes durch Feuer zerstört. Es verbrannten außerdem 20 Dampfer. Am 29. Januar 1853 verbrannten die Dampfer „New-Lucy" und „New-Eng- land", und am 6. Juli 1856 wurden sechs Dampfer durch Feuer zerstört. Im September 1863 suchte ein Erdbeben die Stadt heim, und im Monat darauf verbrannten wieder verschiedene Dampfer. Am 25. Oktober 1866 verursachte ein Cyklon großen Schaden, und am 19. Januar 1870 zerstörte ein heftiger Sturm viel Eigenthum. Im März und April 1872 wurde der Ort von drei Cyklonen heimgesucht. Am 11. April 1877 brannte das Southern Hotel nieder, wobei viele Menschen umkamen, und am 13. Juli 1883 und am 12. Januar 1890 wütheten heftige Stürme. Diese und manche andere Kalamitäten haben die Einwohner von St. Louis mit der ihnen eigenen Energie stets schnell zu überwinden gewußt und es unterliegt keinem Zweifel, daß sie auch dem neuesten, besonders schweren Unglück gewachsen sein werden. Freude und Leid der aufstrebenden Stadt finden um so eher einen Widerhall in Deutschland, als in St. Louis nicht weniger denn 150,000 Deutsche, also ein Drittel der gesammten Bevölkerung, leben. Ein guter Freund. .Suche in niemand einen guten Freund tu finden. Der nicht einen Freund in Dir gesunden hat!' Ein etwas scharfer Freund zwar ist es, von welchem hier die Rede sein soll, doch ein sehr empfehlenswerther, vtelbeliebter, wenn gleich noch immer nicht so allgemeiner Allerweltsfreund, wie er wegen seiner vielen guten Eigenschaften es verdiente: Der Rettig! Lange, sehr lange und wett reicht schon fein Ruf zurück, bis ins graueste Alterthum, als er — im Reiche der Chinesen, seiner eigentlichen Heimath, wild emporwachsend — noch im engern Kreise seine wohlthätige Wirkung! ausübte, ja bis zu den mumienhaften Acgyptern dieselbe hin erstreckte. — Auch bei uns wird er seit alten Zeiten geschätzt und angebaut, als Sommer- wie als Winterrettig; seine feineren, zarten Sprößlinge dagegen: die Monatsrettige oder Radieschen, kamen erst im 16. Jahrhundert aus Italien nach Deutschland. Aus dem Alterthum verpflanzte Freund Rettig sich und seine Heilkräfte ins Mittelalter, deren nützliches Wirken durch frühes Aufstehen und entsprechende Bewegung unterstützt werden mußte. „Steh' bet Zeiten auf, dann setz' dich in ein Schwitzbad, und — iß einen Rettig!" lautete eine mittelalterliche Gesundheitsregel. Mehr und mehr verbreitet, als wohlfeiles, wohlthuendes Genuß- wie als eine Art von Hausmittel aber ward der Rettig, nachdem er auch in die Neuzeit hinein Wurzel schlug! Hoch im Norden wie im sonnigen Süden hat er Anhänger gefunden, obgleich er z. B. im schönen Italien nicht recht gedeihen will, sondern dorthin importiert wird. Dem frugalen Spanier bedeutet er sogar eine genügende Mahlzeit, während der französische Feinschmecker ihn mehr als Mittel zum Zweck, das heißt pikantes Zubehör, betrachtet. In Rußland aber hat er sogar im vorigen Jahrhundert schon eine diplomatische Rolle gespielt, die zugleich Zeugniß ablegt für seine dortige Beliebtheit, indem nämlich der mächtige Fürst Potemkin, Günstling der großen Czarin Katharina II., ihn zur Beschwichtigung der vielen, in seinem Vorzimmer auf Audienz harrenden Bittsteller benutzte, durch Präsentieren silberner Schüsseln mit Nettigscheiben, nebst dem obligaten Schnaps dazu, was auf Gaumen und Geduld der wackern Russen eine so günstige Beeinflussung ausübte, daß sie nicht einmal murrten, wenn sie am Ende, nach langem Warten, ohne empfangen worden zu sein, sich von bannen trollen mußten. — Besonders jedoch ist Deutschland die Hauptstätte für Rettigkultur und Nettig- liebhaber, speziell der Süden mit seinem gemüthlichen Land des Bieres: Bayern, und dessen Residenzstadt an der schönen grünen Jsar: München! Nichts geht dem echten rechten „Astrologen" über seinen „Radi", wie die landesübliche Bezeichnung lautet für den guten Freund des Hauses und Wirthshauses, der namentlich im Sommer zum Bier gehört wie's liebe Brot, kunstgerecht und fein geschnitten, und richtig gesalzen, wie es — ausnahmsweise einmal auf gastronomischem Gebiet — am besten und gewandtesten das stärkere Geschlecht versteht. Welch ein Genuß ist für den Kenner ein frisch aus der Erde gezogener Rettig, mit kühlem Wasser abgewaschen, um dann in möglichst dünnen Scheiben zum schäumenden Nasse des Gambrinus verspeist zu werden, ganz abgesehen davon, daß Freund Rettig die gute Eigenschaft besitzt, vor der Mahlzeit den Appetit zu reizen, und nach derselben — in Folge seiner stark zertheilenden Kraft — die Verdauung zu befördern. — So pflegt er überall, wo er sich eingebürgert hat, ein gar gern gesehener Gesell zu sein, der besonders tief im Volke eingewurzelt ist, als allgemeiner Leib- und Magenfreund! Außerdem aber ist er eine Art von Naturarzt, gut für den Magen, und gesund für daS Blut. Schon in früheren Zeiten galt er dafür, ward seine frische Wurzel bei Husten und Ver- schleimung von den Aerzten selbst verordnet, während man den heilsamen Saft gegen die schreckliche Pestkrankheit 360 — anwendete. Auch gegenwärtig gilt Rettigsast mit Kandiszucker als gutes Hausmittel gegen Heiserkeit und Husten, oder man betrachtet als lösendes Mittel gegen chronischen Husten: Honig, etliche Tage in der Hülle eines ausgehöhlten Rettig aufbewahrt, weil — ohne seine Süßigkeit zu verlieren — derselbe Aroma, Kraft und Saft deS Rettig an sich zieht, ähnlich wirkend wie Nettigsaft und Rettig-Bonbons, die ja bekannte Handelsartikel bilden, wegen der Tugend der Nettigwurzel, den zähen Schleim im Körper zu zertheilen, und auS der Brust ihn zu vertreiben. Auch soll das auS der Wurzel gebrannte Wasser, noch mehr aber der Rettigsast, gute Dienste leisten bei Milz- und Leberleiden rc., und die Wurzel selbst — in dünne Scheiben geschnitten und mit Salz bestreut — auf die Fußsohlen gelegt, bei Fieber die Hitze abziehen. — So manchem aber hat besonders eine steine „Rettig- Kur" von jungen Sommerrettigen schon wohlgethan, womöglich schwarze oder braune, da just deren Schale vor allem auflösende Kraft besitzt, zu feinen, runden Schnitten gespalten, die man salzt und gleich verspeist, ohne sie erst wässern zu lassen, weil das sehr schädlich für den Magen wäre. Etwa drei Wochen hindurch, außerhalb der Essenszeit, 1—2 Rettige täglich gegen vier Uhr nachmittags gegessen, macht frei von mancherlei Beschwerde, indem der Rettig die lobenswerthe Eigenschaft besitzt: schädliche Stoffe auszuscheiden; es macht aber auch beweglich, heiter, und Appetit, nur darf man ja nicht unterlassen, sich darauf Bewegung zu machen, um Freund Rettigs heilsame Thätigkeit Tag - für Tag nach dem Genuß zu unterstützen. So weiß dieser gute Freund das Angenehme mit dem Nützlichen stets plastisch zu verbinden, und ist er im großen Ganzen auch bet den Herren der Schöpfung beliebter als beim Ewig-Weiblichen, so weiß doch die Hausfrau ihn zu schätzen, als billigen, gern gesehenen Tischgast; theils in seiner schlichten, natürlichen Gestalt, theils recht feinscheibig geschnitten, unter Gurkensalat gemischt. — Daß sogar auf dem Gebiet der Kunst der Rettig bereits rühmlichst sich hervorgethan, beweist seine Mitwirkung bet Garten- und landwirthschaft- lichen Ausstellungen, an denen er — ausgezeichnet durch Staats- und andere Preise — nebst der großen Familie seiner Arten, Abarten und Färbungen, mit ehrendem Erfolge Antheil nimmt. Auch Frau Poesie hat Freund Rettig mehrfach schon besungen! So findet er z. B. sogar in einem Stammbuch des vorigen Jahrhunderts sich verewigt, nämlich in dem eines reisenden Bäckergesellen und Hamburger Bürgerssohn, der nach damaliger guter Sitte dasselbe mit auf die Wanderschaft nahm. „Bier und Brot in jeder Noth, geb' Dir unser Herregott!" schrieb ihm ein gemüthlicher Münchener hinein; ein zweiter lustiger Bicrbruder fügte schnell hinzu: „Und ex begnad'Di auch mit'n Radi!" — Was aber eigentlich ein guter „Radi" (Rettig) zu bedeuten hat, und wie lieblich der Lockruf: „Die ersten Rettige!" stets in die Ohren klingt, und den Mund schon im voraus wässern macht, trotz der anfangs oft noch recht „gesalzenen" Preise, daS weiß freilich nur der „Eingeweihte" voll zu würdigen, denn nichts geht über diesen scharfen, aber guten Freund. ---S-MSS-- Allerlei. Dieser Tage vollzog sich in Madrid eine jener eigenartigen Feierlichkeiten, wie sie der spanische Hof in unübertroffener Fülle bietet, das ist die Uebergabe deS Anzuges, den der kleine König AlphonS XIII. während des feierlichen Gottesdienstes am Dreikönigstage trug, an den Grafen von Nibadeo. Um halb zwölf Uhr Vormittags verließ den königlichen Palast ein prachtvoller, von sechs normannischen Pferden gezogener Prunkwagen; in diesem saß ein Kammerherr, begleitet von einem Lakai, der auf einer herrlichen silbernen Schüssel den bewußten Anzug trug. Neben und hinter dem Wagen ritt eine Abtheilung Hellcbardiere. Der Zug begab sich nach der Castellana-Avenue, wo der Palast des Herzogs von Hijar steht, der zugleich Graf von Nibadeo ist. Der Herzog empfing das eigenthümliche Geschenk, indem er seinen tiefgefühlten Dank dafür aussprach. Diese Förmlichkeit wiederholt sich, laut „Frkf. Ztg.", jedes Jahr um diese Zeit, und zwar schon seit mehr als vier und einem halben Jahrhundert. Im Jahre 1431, als sich der König von Kastilien, Don Juan II., in Toledo befand, verschworen sich die Großen des Reiches auf Anstiftung deS Jnfanten Don Enrique gegen ihn und beschlossen, ihn zu tödten. Die Ermordung sollte während eines Gastmahls, an dem der König am Dreikönigstage theilnehmen sollte, erfolgen. Als nun am genannten Tage das erwähnte Bankett seinen Anfang genommen hatte, trat plötzlich Don Rodrigo Villandrando, Graf von Nibadeo, an Juan II. heran und raunte ihm einige Worte in's Ohr, worauf sich der König hastig erhob und mit dem Grafen in einem Seiten- Gemach verschwand. Die Großen vermutheten, daß die Verschwörung entdeckt worden, und ehe der König entfliehen konnte, stürzten sie mit gezücktem Degen in daS bezeichnete Seitengemach. Dort fanden sie einen Mann, der mit den Abzeichen der königlichen Würde bekleidet war, stießen ihn nieder und zogen sich schleunig zurück. Sie hatten aber nicht den König getödtet, sondern den Grafen von Nibadeo, der seinen Anzug mit dem seines Fürsten vertauscht hatte. Juan II., der dadurch gerettet wurde, verlieh aus Dankbarkeit den Nachkommen deS Grafen das Vorrecht, jedes Jahr am Dreikönigsfest zur rechten Seite des Königs zu essen und den an diese« Tage vom Könige getragenen Anzug eingehändigt zu bekommen. So haben sich seit 46S Jahren im Hause der Nibadeo die königlichen Anzüge in staunenswerthem Maße gehäuft und bilden eine der merkwürdigsten Kostümsamm- lungen, die es in der Welt gibt. ---SLIWS---- Der Korsthof. Um des WalbeS Lichtung schließen Föhren sich zum grünen Kranz, Freundlich spielt auf ihren Wipfeln dann und wann der Sonne Glanz; Friede, Gottes Friede weilet über'm kleinen Försterhaus, Friede wandelt mit des Forstes frischen Düften ein und auS. Treues Bild des Sommerhimmels, grüßt der stille, blaue Teich» Und cS gleiten schwarzeSchwäne plätschernd durch ihr kleinesReich; Försters Tochter, schlank und züchtig, sinnend steht am Uferrand, Löst die dunklen Ringellocken mit der schmalen weißen Hand. Düst're Geister, düst're Sorgen, fleucht von hinnen, hebt euch fort— Denn geweiht ist diese Stätte, denn geweiht ist dieser Ort! Friede wohnt in jedem Raume, Friede wandelt ein und aus, Friede, Gottes Friede weilet freundlich über Hof und Haus! Maximilian Dursch. ——»ZZAA--- « 48 . 1896 . „Augsburger Postzeitung". Dinstag, den 9. Juni Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druc! und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Schicksalsroege. Erzählung von Clarisse Borges. (Fortsetzung.) Doch die Entrüstung der Mädchen war ebenso groß als die der Mutter, als sie dem Berichte gelauscht hatten. Es kam ihnen gar nicht in den Sinn, daß Fräulein Adair die Liebe des Gutsbesitzers gar nicht gesucht, im Gegentheil, sie hatte seine Nähe vermieden und würde wahrscheinlich seine Bewerbung ausschlagen. Sie verurteilten sie ungehört und gaben ihren Unmuth in den heftigsten Ausdrücken kund. „Sie hat mir stets mißfallen; sie ist eine herzlose Kokette", rief Babette zornig, „aber ich glaubte, sie wollte einen Anderen in ihre Netze fangen." „Wen meinst Du?" „Ich habe keine Beweise, sonst hätte ich Dich längst gewarnt, Mama, aber ein Jeder kann sehen, wie sehr sie ihre Fühlhörner nach dem Inspektor von Wildenthal ausstreckt. Es würde ihr schon gut gefallen, Leos Gattin zu werden, besonders wenn das alte Stammschloß später wieder in seinen Besitz übergeht — dann wird sie auch eine Gräfin." „Und jetzt wird sie die reiche Frau Mayfeld", jammerte Florentine. „Oh, es ist entsetzlich; sie wird über uns triumphiren, und das ertrage ich nicht. Wenn das Gut wenigstens nicht ganz in der Nähe von Ebersheim läge, so wäre es nicht so schrecklich." „Seid ruhig, meine lieben Kinder", tröstete die Mutter, „Fräulein Adair wird niemals Herrn Mayfelds Gattin werden." „Kannst Du das vermeiden? Wenn er sie hier im Hause nicht sieht, wird er ihr schreiben." „Ich habe ihn gebeten, heute zum Abendbrod zu kommen." „MutterI" wie ein Angstschrei kam dieser Ausruf von den Lippen beider Mädchen. „Thörichte Kinder! Glaubt Ihr denn, ich würde diese Schlange länger in meinem Hause behalten? Ehe wenige Stunden vergangen sind, ist sie längst wieder in der Residenz, und dort kann sie in Ruhe über ihren gestörten Glückstraum nachdenken." „Dort kommt sie", rief Babette, einen Blick durch das Fenster werfend, „sie biegt soeben in den Garten ein." „Frau Berghaupt wünscht Sie zu sprechen", berichtete das Hausmädchen, und ahnungslos betrat die Gouvernante das Wohnzimmer. Es war eine entsetzliche Scene. Drei erzürnte Frauen stürmten heftig auf ein armes Mädchen ein, und alle drei waren klug genug, nicht mit schlichten Worten zu sagen, womit sie gefehlt und wodurch sie die Damen beleidigt habe. In herben, schroffen Ausdrücken sagte Frau Berghaupt, daß sie ihr die Obhut ihrer Kinder nicht länger anvertrauen könne, da sie ein frevelhaftes, kokettes Spiel hinter ihrem Rücken treibe und nur die Aufmerksamkeit junger Herren zu fesseln suche. „Natürlich könne man sich darüber nicht wundern, wenn man ihrer Herkunft gedenke", fügte die gereizte Frau höhnend hinzu, „aber für eine ehrbare Lehrerfamilie sei eine solche Hausgenossin nicht passend, sie müsse daher das Haus noch am selben Tage verlassen." Dieser plötzliche Sturm traf Martha Adair gänzlich unerwartet. Hätte Frau Berghaupt offen eine Anklage ausgesprochen, so würde sie sich vertheidigt haben, aber jetzt stand sie ganz sprachlos da. Konnte die höhnende Bemerkung über ihre Herkunft sich auf ihre Mutter beziehen, die in ihrer drückenden Noth als Schauspielerin ihr Dasein gefristet hatte? Oder wußte sie, daß der junge Inspektor Wildenthal häufig mit ihr auf den Spaziergänger: zusammentraf? Diese Begegnungen waren nach ihrer Meinung ganz zufällig gewesen; sie hatte im Hause offen darüber gesprochen, und auch die Kinder hatten von Leo erzählt und freuten sich über die lustigen Geschichten, die er zu erzählen verstand. Sie sah bestürzt die Mutter, dann die Töchter an, doch Aller Blicke waren feindselig und erzürnt auf sie gerichtet. Die drei Damen waren nie freundlich gegen die arme Erzieherin gewesen, aber bis heute war sie noch nicht von ihnen beleidigt. Endlich fand sie ihre Sprache wieder. „Ich habe kein Unrecht gethan und bin mir keiner Schuld bewußt", sagte sie ernst, sich hoch aufrichtend. „Vom ersten Tage an, seitdem ich Ihr Haus betrat, habe ich gewissenhaft meine Pflichten erfüllt und verstehe daher nicht, wodurch ich Sie beleidigt habe." „Wir sind nicht so blind, wie Sie zu glauben scheinen", rief Frau Berghaupt empört. „Jedenfalls bin ich Herrin in meinem eigenen Hause, und als solche gebiete ich Ihnen, dasselbe sofort zu verlassen. Sie werden weder mit den Kindern, noch mit dem Hausmädchen ein Wort reden, denn Sie sollen in unserem glücklichen Familienkreise nicht noch mehr Unheil anrichten. Bis Ende dieses Quartals zahle ich Ihnen Ihr Gehalt, es ist» mehr, wie Sie durch Ihr Betragen verdient haben — aber sagen Sie Mademoiselle La Röchelte, daß ich aus ihrem Hause und auf ihre Empfehlung keine Erzieherin mehr nehmen werde." Das Glück schien die erregte Frau zu begünstigen. Der Lehrer ließ sagen, daß er bei einem College« speisen und vor 4 Uhr nicht zurückkehren werde. Den Kleinen wurde gesagt, Fräulein Adair habe Kopfschmerzen, und Babette erzählte ihnen im Schulzimmer eine Geschichte, um sie dort zu fesseln. Frau Berghaupt begab sich selbst in Fräulein Adair's Zimmer, um das Einpacken der wenigen Habseligkeiten zu beschleunigen und ihr zu sagen, daß der Wagen vor der Thüre zur Abfahrt bereitstehe. Schweigend schob sie dem armen Mädchen einige Goldstücke hin; sie brannten wie Feuer in Martha's Fingern, und am liebsten hätte sie dieselben liegen lassen, doch gänzlich mittellos durfte sie den Kampf mit dem Leben nicht aufnehmen. — Schweigend fuhren sie der entfernt liegenden Bahnstation zu. Mit geschlossenen Augen lehnte sich die Ausgestoßene in die Kissen zurück und sann über die ungerechte Härte nach, die ihr begegnet war. An die Zukunft dachte sie gar nicht; sie wollte zu Mademoiselle zurückkehren; sie war ja hart und streng, aber auch gerecht. Frau Berghaupt löste ihr eine Fahrkarte III. Classe, und es war die höchste Zeit, denn der Zug stand schon zur Abfahrt bereit. „Es wird ein Tag kommen, wo Sie einsehen werden, daß ich keine Schuld habe, dann bereuen Sie vielleicht Ihre ungerechte Härte gegen mich", sagte Martha, als sich der Zug langsam in Bewegung sehte. „Führen Sie fernerhin ein weniger leichtsinniges Leben", höhnte die erbitterte Frau, doch ihre Worte verhallten ungehört, und als sie langsam den Heimweg antrat, ahnte sie nicht die Sorgen, die ihrer harrten, und gern hätte sie Jahre ihres Lebens dahingegeben, um ihre That ungeschehen zu machen. Sie war ungewöhnlich ruhig; eine eisige Kälte lagerte sich auf ihrem Antlitz. „Kommt heute Herr Mayfeldt — was willst Du ihm sagen?" flüsterte Babette ihr leise zu. „Er kommt nicht, ich habe ihm einige Zeilen geschrieben", lautete die ebenso leise gegebene Antwort. Ja, sie hatte geschrieben und gesagt, Fräulein Adair sei sehr bestürzt und erschrocken gewesen; sie habe ihr im Vertrauen mitgetheilt, daß ihr Herz nicht mehr frei sei, deßhalb bitte sie Herrn Mayfeldt, ihr Haus in nächster Zeit zu vermeiden. „Wo ist denn unser liebes Fräulein Adair?" fragte der Lehrer gut gelaunt, als er sich mit seiner Familie am Nachmittage um den Kaffeetisch versammelte, „die Kinder sagen, sie habe Kopfschmerzen, aber eine Tasse Kaffee würde ihr doch gut thun." Frau Berghaupt gab ihren Kindern ein Zeichen, das Zimmer zu verlassen, und als sie mit ihrem Gatten allein war, sagte sie kurz und rauh: „Fräulein Adair hat auf meinen Befehl unser Haus verlassen I" „Helene!" noch nie hatte der Lehrer seine Gattin so vorwurfsvoll angeblickt; „es ist wohl nur Scherz? Sie war doch heute Morgen noch hier, und ich bin überzeugt, daß sie von Deinem Vorhaben keine Ahnung hatte. Was hast Du mit dem armen Mädchen gemacht!?" „Ich bin doch Herrin in meinem eigenen Hause", sagte die Frau, vor Erregung an allen Gliedern bebend, „Fräulein Adair hat meine liebsten Hoffnungen zerstört, darum sandte ich sie fort." „Was hat sie Dir gethan?" Dreimal wiederholte der Lehrer im strengen Ton diese Frage, ehe die Gattin erwiderte: „Sie stand unseren Töchtern hinderlich im Wege. Da ist der reiche Herr Mayfeldt und der Pflegesohn meiner Schwester. Beide Herren sind passende Gatten für Babette und Florentine, aber Fräulein Adair mit ihrem puppenartigen Wachsgesicht wollte sie in ihre eigenen Netze ziehen." „Ist das Alles?" „Ist es etwa nicht genug? Babette würde die rechte Gattin für Herrn Mayfeldt werden, und Leo liebte Flora von Anfang an. Es ist mein Wunsch, beide Paare vereint zu sehen." .Helene", begann der Lehrer sehr ernst und feierlich, „noch vor einem Jahre hätte ich Dir den Wunsch vergeben, Deine Töchter schnell verheirathet zu. sehen. In unserer drückenden Lage hätte ich es Dir sogar nicht verdenken können, Dich selbst nach Schwiegersöhnen umzusehen. Aber jetzt liegen die Verhältnisse ganz anders, und kein Schatten von Noth und Entbehrung kann je das Leben unserer Töchter trüben, da sie hinreichende Mittel haben, später eine sorgenfreie Existenz zu führen. Dein Benehmen gegen die arme Erzieherin finde ich einfach unweiblich, grausam und ungerecht." Frau Berghaupt weinte vor Zorn und Empörung. „Sei doch nicht so hart gegen mich", schluchzte sie. „Warum sollte diese Person die Herzen aller Männer gewinnen, während — — —" „Du irrst Dich", unterbrach der Gatte. „Ich denke gar nicht daran, daß Fräulein Adair die Herzen aller Männer gewann. Sie ist schön und anziehend, und da sie einsam und allein in aller Welt steht, fühlt man natürlich ein inniges Mitleid mit ihr. Daraus geht aber noch nicht hervor, daß jeder Mann, der unser Haus besucht, sie zu seiner Gattin machen will, und sollte das der Fall sein, ist es dann die Schuld des unschuldigen Mädchens? Kannst Du denn nur für einen kurzen Augenblick denken, daß Männer, die durch Fräulein Adair's Schönheit angezogen sind, auf Deinen Befehl ihre Meinung ändern und sich schnurstracks in Babette oder Florentine verlieben würden?" „Du hast doch nichts an Deinen eigenen Töchtern auszusetzen?" fuhr die Mutter weinend fort. Der Lehrer zögerte. „Sie sind in trüben Verhältnissen aufgewachsen", sagte er dann langsam, „und ich glaube, die drückende Jugendzeit hat ihren Charakter verhärtet und ihr Gemüth verbittert. Meine liebe Helene, ich glaube kaum, daß ein Fremder sie hinreichend anziehend oder liebenswürdig genug findet, um sie als Lebensgefährtin zu erwählen. Beide können sich nicht einmal interessant unterhalten und haben sehr beschränkte Anschauungen." „Aber Beide sind gut und arbeitsam." „Ganz gewiß; Beide würden auch in bescheidenen Verhältnissen gute, sparsame Hausfrauen werden. Aber Leni, weder Herr Mayfeldt noch Leo bedürfen einer solchen Sparsamkeit, im Gegentheil, sie müssen eine Herrin haben, die zu repräsentiren versteht." Frau Berghaupt war nicht im Mindesten überzeugt. 363 „Du bist, wie alle Männer", spottete sie, „ein hübsches Gesicht macht Dich gegen Deine ganze Familie ungerecht. Du verlangst vielleicht, daß ich jetzt Fräulein Adair um Verzeihung bitte und sie zur Rückkehr in unser HauS veranlasse." „Nein, das verlange ich nicht. Aber ich prophezeie Dir, daß Du keine That Deines Lebens bitterer bereuen wirst, wie die heutige." „Wieso?" Der alte Lehrer beobachtete die Züge seiner Gattin scharf, dann sagte er, jedes einzelne Wort betonend: „Wenn ich nicht irre, hast Du Einen von der Liste der Herren ausgelassen, die sich um Martha Adair's Gunst bewerben, und indem Du sie hartherzig verstoßen hast, zerstörtest Du die Hoffnungen, ja das Lebensglück Deines eigenen Sohnes?" „Willy?I Du willst doch nicht sagen, daß er sich um sie bekümmerte?" „Meine liebe Frau, schon seit Wochen habe ich sein Geheimniß geahnt und weiß, daß nur seine untergeordnete Stellung als Assistenzarzt ihn von seiner Werbung abgehalten hat. Noch vor Liner Stunde traf ich ihn und fragte ihn ganz offen, und er will noch heute kommen, um dem Fräulein Herz und Hand anzubieten. Der arme Schelm ist nichts weniger als gesund und kräftig; noch heute Morgen litt er an heftigen Ohnmachtsanfällen, von denen er sich aber bald wieder erholt hat. Ich sagte ihm, Martha Adair sei gerade die richtige Lebensgefährtin für ihn, sie würde wohl wie ein Sonnenstrahl sein Leben erhellen." Das Herz der gequälten Frau zog sich jetzt krampfhaft zusammen. „Was soll ich ihm denn sagen?" stöhnte sie schmerzlich. Der alte Herr schüttelte wehmüthig sein Haupt. „Du kennst Deinen Sohn ebenso gut wie ich ihn kenne", sagte er leise, „er ist treu, beständig und wechselt nicht schnell seine Gefühle. Wenn jemals ein Mann eine heitere, fröhliche Gattin bedarf, so ist es unser Willy." „Aber Fräulein Adair hat gar kein Vermögen", warf die Gattin ein. „Meine Liebe, Du hattest auch keinen Heller, als ich Dich als Gattin heimführte, außerdem warst Du in einem vornehmen Schlosse erzogen, und Martha Adair würde in einer Hütte glücklich und zufrieden sein. Als ich vor Kurzem unseren Sohn verließ, war mein Herz voller froher Hoffnung für seine Zukunft, während jetzt-" Frau Berghaupt erbleichte. Ach! die Folgen ihrer unüberlegten Handlung zeigten sich allzu rasch. „Wer soll es ihm sagen?" schluchzte sie. „Das istDeine Strafe —nur sage es ihm schonend", erwiderte ernst der Lehrer. „Es ist niemals gut, dem Geschick muthwillig entgegen zu treten, und abgesehen von der Angst und Sorge, in die Du das arme Kind gestürzt hast, zerstörst Du mit grausamer Hand das Glück Deines Sohnes. Du warst hart und grausam gegen Martha, kannst Du je erwarten, daß sie Deine Tochter werden möchte?" „Willy wird mir niemals verzeihen, daß ich sie fortsandte," schluchzte die arme Frau bitterlich. „Sage ihm die volle Wahrheit. Es ist besser, er hört sie von Dir, als wie von fremden Menschen. Wohin wollte sich Martha wenden?" „Gewiß zu Mademoiselle La Rochette. Ich fragte sie aber nicht." „Hm I Die Dame ist gerecht — sie wird ihr Obdach gewähren. Unter den obwaltenden Umständen halte ich es für besser, daß Willy sofort an die Hochzeit denkt, vorausgesetzt, daß sie jetzt noch seine Werbung annimmt." Zum ersten Mal in ihrem Leben fürchtete Frau Berghaupt die Unterredung mit ihrem Sohne; es war ihr nicht möglich, seinen Blicken zu begegnen, als sie die traurige Geschichte erzählte. Kein Wort, kein Vorwurf kam über seine bleichen Lippen, nur auf seinem Antlitz malte sich stumme Verzweiflung. „Sie ist jetzt sicher bei Mademoiselle La Rochette", fuhr die Mutter weinend fort und hoffte vergebens auf ein einziges Wort, denn das Schweigen ihres Sohnes war beängstigend, „reise morgen zu ihr, mein lieber Willy, und alles wird wieder gut werden; aus Liebe zu Dir wird sie auch Deiner Mutter vergeben." Doch der junge Arzt schüttelte nur wehmüthig das Haupt. „Jetzt darf ich es nicht mehr wagen. Glaubst Du, ich könnte ihren Blick ertragen, nach allen Beleidigungen, mit denen Du sie überhäuft hast? Nicht einmal in demselben Zimmer möchte ich mit ihr weilen." „Aber sie liebt Dich und Du liebst siel" Er wollte sprechen, doch ein tiefes, beängstigendes Röcheln erstickte seine Stimme. Leichenblaß fiel er in den Sessel zurück, und zum Schrecken seiner Mutter entquoll ein Blutstrom seinen Lippen. Ach! diese unerwartete Nachricht war verhängniß- voll für ihn geworden. Jetzt brauchte der gutmüthige alte Pfarrer nicht mehr besorgt zu sein, den Eltern schonend die Nachricht zu überbringen. Sie wußten jetzt, daß das Ende nicht mehr fern und beschleunigt sei durch die unbesonnene Handlung der Mutter. VI. Mademoiselle La Rochette saß allein in ihrem Arbeitszimmer. Ihre tiefen, seelenvollen Augen blickten ernst auf die wenigen Worte eines Telegrammes, das sie in der Hand hielt, und eine tiefe Falte des Un- muths lagerte sich auf ihrer Stirn. Sie las die Worte zum zweiten und zum dritten Male, ohne den Inhalt genau zu verstehen. „Bitte, veranlassen Sie Fräulein Adair sofort zur Rückkehr zu uns; wir wollen sie herzlich empfangen", las sie wieder und wieder. Sie verstand den Sinn dieser Botschaft nicht und wurde erst durch die schüchterne Bemerkung des Hausdieners aus ihrer Träumerei geweckt, der leise bemerkte, daß der Bote draußen schon lange ihrer Antwort harre. Schnell warf sie mit Bleistift die wenigen Worte auf Papier: „Erklären Sie sich deutlicher, wenn ich Ihnen helfen soll. Ich habe Fräulein Adair nicht wiedergesehen, seitdem sie vor Monaten zu Ihnen ging." Sobald die Depesche abgesandt war, suchte sie vergebens den Gedanken an Martha Adair zu verscheuchen. Es wollte nicht gelingen, selbst als sie in der Selecta ihren Zöglingen den englischen Unterricht gab, tauchte vor ihrer Seele das bleiche Antlitz ihrer früheren Schülerin auf und schien sie vorwurfsvoll anzublicken. Gleich nach beendeter Schulzeit ließ sie Jenny 364 Berghaupt und deren jüngere Schwester Nosa kommen ! und fragte, ob sie Nachricht vom Elternhause haben und ^ ob sich dort etwas Besonderes ereignet habe. Die Mädchen antworteten ganz offen, es sei schon acht Tage her, seitdem der Vater geschrieben, und es gehe dort ganz gut. „War Fräulein Adair noch dort?" „Gewiß", versetzte Jenny schnell, „die Kleinen haben sie lieb, und Vater sagte, sie machen gute Fortschritte." „Mama hat sie nicht gern, denn sie ist kokett und eitel", warf Nosa ein. Mademoiselle entließ ihre Zöglinge; die Antwort hatte sie nicht befriedigt. Jetzt mußte sie geduldig einen Brief von Frau Berghaupt abwarten, aber sie war fest entschlossen, auf Marthas Seite zu stehen, selbst wenn die ganze Familie Berghaupt sie auch anklagte. Ehe die erwartete Nachricht kam, wurde ihr der Besuch eines fremden Herrn gemeldet, „Leo von Wildenthal" las sie auf der Karte und darunter die mit Bleistift geschriebenen Worte: „Im Auftrag der Familie Berghaupt". Diese wenigen Worte wirkten elektristrend. Schnell eilte sie in das Empfangszimmer und war nicht wenig erstaunt, dort einem jungen aristokratischen Herrn gegenüber zu stehen, der in seiner stattlichen Manneskraft das Bild ihres längst verschwundenen schönen Jugendideals bot. „Ich bin ein Verwandter und zugleich Hausfreund der Familie Berghaupt", stellte sich der Fremde vor, „und selbst gekommen, nm die traurige Sache zu erklären. Wir hofften, Fräulein Adair hier zu finden, nachdem sie gestern Ebersheim verlassen hat." „Ich muß zuerst wissen, warum sie ihre Stellung so schnell verlassen hat", fragte Mademoiselle streng. „Es war doch ein plötzlicher Entschluß, denn sie hat mir in ihren Briefen nie davon geschrieben." Leo erzählte Alles, sogar die Hoffnungen des Herrn Mayfeldt verschwieg er nicht Frau Berghaupt habe geglaubt, Fräulein Adair habe die Zuneigung dieses Herrn gewonnen, den sie gern als ihren eigenen Schwiegersohn gesehen hätte. In ihrer blinden Eifersucht habe sie die arme Erzieherin entlassen, ohne sogar auf die Rückkehr ihres Gatten zu warten. „Das war sehr unrecht und unweiblich", fiel Mademoiselle dem Sprecher in's Wort. „Sie müssen mir hier Recht geben, obgleich es Ihre Tante ist, die dieses Unrecht begangen hat." Leo nickte. „Ich war selbst über diese erbärmliche Behandlung empört", gab er mit gesenkten Blicken zu, „aber Frau Berghaupt ist hart genug bestraft". „Wieso? Wünscht der Lehrer die Rückkehr der Gouvernante? Berghaupt ist ein gerechter Mann, wiewohl zu schwach für seine Gattin." „Nein, das ist's nicht." In wenigen schlichten Worten erzählte er von der Liebe des kränklichen jungen Arztes, und wie die unerwartete Nachricht ihn auf'sKrankenlager geworfen habe. Mademoiselle barg doch in der äußeren Schale ein weiches Herz. Leo bemerkte, wie sie verstohlen eine Thräne aus den Augen wischte, und obgleich sie die Versicherung gab, sie sei stark erkältet, wußte er doch, daß sie inniges Mitleid mit dem Arzte fühlte. „Und was soll Fräulein Adair jetzt in Ebersheim thun?" fragte Mademoiselle endlich. „Man kann doch nicht von ihr verlangen, daß sie einen Mann heirathet, der nach Ihrer Aussage im Sterben liegt. Sie soll auch nicht ihre Pflichten dort wieder aufnehmen." „Nein, die Heirath ist außer aller Frage", versetzte Leo ernst, „der arme Schelm kann höchstens einige Monate, vielleicht nur ebenso wenige Tage leben. Aber verstehen Sie denn nicht, Mademoiselle, daß er nicht ruhig sterben kann, ehe Fräulein Adair gefunden ist? Der Gedanke, daß sie allein und verlassen in der erbarmungslosen Welt ist, ist ihm eine unerträgliche Qual". Mademoiselle zuckte verächtlich die Achseln. „Das ist die Schuld seiner Mutter", sagte sie wegwerfend. »Zugegeben — aber sie bereut ihre That bitter genug. Der Gedanke, die letzten Tage ihres Sohnes getrübt zu haben, peinigt sie wie Folterqualen. Wenn Sie uns helfen, die Verschwundene zu finden, Mademoiselle, so sind Sie unserer größten Dankbarkeit sicher." „Hml" machte Mademoiselle, „vielleicht weiß Herr Mayfeldt ihren Aufenthalt." „Nein. Er glaubt, wie viele Leute in Ebersheim es glauben, Fräulein Adair sei plötzlich an das Krankenlager einer Freundin gerufen." „Sie hat keine befreundete Familie." Leo's Stirne umwölkte sich. „Sie war seit ihrer Kindheit bei Ihnen, Mademoiselle, wollen Sie uns nicht helfen, ihren Aufenthalt aufzufinden?" bat er flehentlich. „Gehen Sie nach dem Centralbahnhof und halten Sie dort Nachforschungen", schlug die alte Dame vor, „vielleicht fürchtet Sie sich hierher zu kommen und nimmt ein kleines Logis in der Vorstadt, bis sie eine andere Stellung findet." „Aber wie soll ich sie allein auffinden? Hätten Sie des Arztes tieftraurigen Blick gesehen, als ich mich zur Auffindung seiner Geliebten anbot, so würden Sie meine Sorge verstehen, ohne Nachricht heim zu kommen. Mademoiselle seufzte. „Es thut mir leid um den jungen Mann, aber wie ist ihm zu helfen, da geschehene Dinge sich nun einmal nicht ändern lassen? Nach meiner Meinung ist es vergebliche Mühe, Fräulein Adair hier in einer der vielen Vorstädte aufsuchen zu wollen; sie könnten ebenso vergeblich eine Stecknadel in einem Heuwagen suchen. Sollte sie aber zu mir kommen, so findet sie bei mir eine Heimath und liebevolle Aufnahme; doch das wird sie kaum thun, denn sie ist stolz und hat einen festen Charakter. Wenn Sie meinen Rath hören wollen, so erkundigen Sie sich auf dem Centralbahnhof, vielleicht erinnern sich die Beamten ihrer und wissen, wohin sie sich gewendet hat." „Ich will's versuchen", sagte Leo, der alten Dame die Hand zum Abschiede reichend, „aber Sie sind doch unsere einzige Hoffnung, Mademoiselle. Fräulein Adair wird ohne Hülfe keine Stellung finden, und wer sollte ihr helfen, wenn Sie es nicht thun?" Er ging nach dem Centralbahnhof. Das Glück begünstigte ihn, denn er traf dieselben Beamten, die gestern dort thätig gewesen waren. „Eine junge Dame mit einem schwarzen Reisekoffer?" wiederholte der Beamte, der das Gepäck beaufsichtigt hatte. „Nein, die ist hier nicht ausgestiegen. Es waren sehr viele Reisende in dem Zuge, aber sie hatten kein Gepäck mit sich oder sie fuhren weiter. Nur'zwei Reisekoffer wurden hier ausgeladen. Der eine gehörte einer alien, halb erblindeten Dame, die ein Dienstmädchen zur Begleitung hatte, der andere einem alten Herrn mit . ' - 366 großem, weißen Vollbart. Er hatte eine schöne, junge Dame, wahrscheinlich seine Tochter oder seine Enkelin, bei sich, und beide fuhren in einem Wagen davon." (Schluß folgt.) - Bertoldsheim. (Mit Illustrationen.; (Auszug aus der Beschreibung von Bertoldsheim in dem Neu- burger Collektaneen-Blatt von 1866 und 1867.) Zwischen den zwei merklich heraustretenden, felsigen Höhenpunkten bei Marxhetm mit der Burgruine Lechs- gemünd und dem Antoniusberge bei Stepperg, fast in der Mitte, liegt das Pfarrdorf und der Rittersitz Bertolds- hetm, 3 Stunden westlich von Neuburg und 3 Stunden östlich von Monheim entfernt, auf einer gegen die Donau hervortretenden Anhöhe eines Hügelrandes, der eine Fortsetzung des schwäbisch-fränkischen Juras ist. Ist das liebe Donaugelände ohnehin von Ulm bis Orte „die Bertoldsheimer" sich nannte. Der erste urkundlich Erscheinende aus diesem Geschlechte ist Reinbot von Berchtoldsheim, der 1130 bei Verleihung des SteinhofeS in Pöttmes durch die Aebtisstn Tutta in Monheim an Otto Ritter von Werd als Zeuge vorkommt. Im Jahre 1260 erscheint der letzte dieses Geschlechtes, ein Siegfried von Pertelzheim; vermuthlich erlosch es mit ihm, denn von nun an verschwindet es in den Urkunden, und an dessen Stelle erscheinen die Waller als Besitzer. Die Waller sind ein uraltes Geschlecht; da eS aber verschiedene adelige Geschlechter dieses Namens gibt, so ist nicht bekannt, wo die Bertoldsheimer Waller herstammen. Die Waller starben nach dem Jahre 1504 aus. Im Jahre 1509 erscheint ein Hans von Ellrichshausen als Besitzer von Bertoldsheim. Von diesem Geschlechte kam im Jahre 1638 Bertoldsheim durch Kauf an Gottfried v. Perling. Die Perling waren eine altadelige Familie aus Franken. Von den Perling kaufte die Hofmark Bertoldsheim anno 1712 Franz Fortunat Freiherr von Isselbach, kurpfälztscher General, k. k. spanischer Ge- Bertoldsheim. Original-Aufnahme von Gustav Baader, Photograph in Krumbach. fVervielfülttgungSrecht vorbehalten.; zum Dorfe Joshofen bei Neuburg schön mit wechselvollen Partien, so bildet doch die Lage Bertoldsheims mit seinem Schlosse eine wahre Zierde und einen der schönsten Punkte an der vaterländischen Donau, die sich noch mehr herausstellt, wenn man des Dorfes Höhepunkt besteigt und die entzückende Aussicht genießt über das Donauthal abwärts und noch mehr aufwärts, bis endlich, das Schmutterthal westwärts, sich der Blick in den bläulichen Alpengipfeln verliert. Der Ortsname wurde in verschiedenen Urkunden Per- toltesheim, Bertolhesheim, Berchtoldesheim geschrieben und drückt nichts anderes aus, als die Heimalh eines gewissen Pertold. Dieser Pertold ist wahrscheinlich ein Graf von Lechsgemünd und Graisbach, der selber und sein Geschlecht auch die naheliegenden Besten Hütting, Kunstein und Stepperg theils zum zeitweiligen Aufenthalte, theils zum Schutze seiner Besitzungen erbaute. Die Burg, welche die mächtigen Grafen von Lechsgemünd zu Bertoldsheim erbauten, übergaben sie einem edlen Geschlechte, welches sodann zu ihrem Dienstadel sich rechnete und von dem neralfeldzeugmeister, Gouverneur zu Mannheim. Versehen mit einem ungeheuren Vermögen, das er auf Eseln aus Spanien transportieren ließ, und angezogen durch die herrliche Lage des alten Schlosses in Bertoldsheim, beschloß er den Bau eines ganz neuen, viel prächtigeren, das weit herum nicht seines Gleichen haben sollte. 1714 wurde der Bau durch den Jesuitenbruder des Kollegiums in Neuburg Johann Knör, geboren 24. August 1657 zu Dollnstein, gestorben 25. Oktober 1716, begonnen und in ungefähr anderthalb Dezennien vollendet. General Melbach äußerte sich, es bestehe das Sprichwort: „Pfaffen- und Soldatengut thue kein gut!" Er wolle dieses Lügen strafen und ein Werk herstellen, das Jahrhunderte von ihm zeugen müsse, und er hielt Wort. Er führte ein herrliches, ganz in italienischem Stile gebautes imposantes Schloß auf, mit 70 Gemächern, das auf einem Hügel gelegen von weitem sichtbar ist. Vor dem Schlosse ist eine Terrasse mit einem Lindenwäldchen, welche äußerst anziehend ist und einen besonderen Reiz ausübt durch die herrliche Aussicht über die ungeheure, von der Donau 367 in Schlangenwindungen durchzogene, abwechslungsweise von Bergen, Wäldern und zahlreichen Ortschaften wie mit einer Rahme eingefaßten Fläche. Im Jahre 1790 verkauften die Usselbach'schen Erben Bertoldsheim um 60,000 fl. an den Freiherr» Bernhart von Hornstein, Landmarschall des Herzogthums Neuburg. Dieser verschönerte sowohl das Innere des Schlosses als dessen Umgebung vielseitig, ließ eine treffliche Gemäldesammlung im Schlosse aufstellen und legte unter großen Kosten den schönen Park an, der sich nördlich vom Schlosse bis zur Kirche erstreckt. Von den Freiherren von Harnstein, einer uralten schwäbischen Familie, kam Bertoldsheim durch Kauf an den General Grafen von Eckart. Als dieser 1828 starb, erhielt dessen Tochtermann, der französische General Graf du Moulin, diese Hofmark. Dieses Geschlecht ist gegenwärtig noch im Besitze der Bertoldsheimer Herrschaft. ist jetzt herausgenommen und dafür eine Statue Mariens mit dem Leichname ihres Sohnes auf dem Schooß hinein- gesetzt. Rechter Hand beim Eingang in den Gottesacker ist das schöne Denkmal der Freifrau Theresia v. Hornstein, geb. v. Preyßing, geb. 14. Sept. 1765, gest. 4. August 1804. Links ist das Grabmal der Gräfin Eugenie du Moulin, geb. Gräfin Eckart, Besitzerin von Bertoldsheim, Leonberg und Winklarn, einzigen Tochter des Grafen Eckart und Gattin des Generals du Moulin. Sie starb 11. Aug. 1856, 72 Jahre alt. Im Gottesacker, hinter dem Presbytertum, sind die Grabstätten und sehr schönen Denkmäler des Pfarrers vr. Lorenz Platzer, gest. 7. Juli 1881, dessen Bruders Josef Ferdinand Platzer, kgl. Landrichters in Markt Bibart, gest. 30. Januar 1888, und dessen Schwester Creszentia Platzer, Professorstochter, gest. 24. März 1884. Diese edle Familie machte sich durch Schlotz in Dertoldsheim. Oriftinal-Aufnahme von Gustav Baadcr, Photograph in Krumbach (VerviclsältigungSrecht vorbchatten.) Die Pfarrkirche St. Michael in Bertoldsheim liegt oberhalb des Dorfes auf einem Hügel, ostwärts gegen Rennertshofen. Sie ist sammt dem Thurme ein sehr altes Gebäude, aus der gothischen Bauzeit stammend. Im Innern enthält sie 3 Altäre. Das Hochaltarblatt mit dem Engelsturze des hl. Michael ist sehr gut; die beiden Seiten-Altarblätter, die hl. Familie und Mariä sieben Schmerzen, sind ohne allen Kunstwerth. In und an der Kirche sind mehrere bemerkenswerte Denkmäler angebracht. Im Presbytertum steht man an der Epistelseite ober dem Chorstuhl einen großen Grabstein, der in der Mitte eine Nische und an jeder Seite derselben eine Reihe Wappenschilder zur Einfassung hat. Auf der linken Seite sind: Emerskoven, Thann, Schillwatz, Rindsmaul, Trugenhofen, Ems, Kreut, Ellrichshausen; auf der rechten: Lichtenau, Wernau, Werdenstein, Rehberg, Ellerbach, Aurbach, Walter. Pappenheim. In der Nische stand ehemals ein geharnischter Ritter in Stein gehauen, nämlich Hans Rumpolt von Ellrichshausen darstellend; dieser wohlthätige Stiftungen für Kirche und Gemeinde hochverdient. Wann die Pfarrei Bertoldsheim entstanden, ist unbekannt; jedenfalls ist sie sehr alt. Das Kirchenlehen gehörte den Herzogen von Bayern, die es von den Grafen von Lechsgemünd 1342 erhielten. Herzog Ludwig der Aeltere gründete damit ein Benefizium an der Pfarrkirche in Jngolstadt, und Bischof Peter I. von Augsburg ertheilte am 30. Januar 1430 die Bestätigung. Im Jahre 1449 verordnete Herzog Heinrich mit Consens des Ordinariates, daß von der Pfarrei Bertoldsheim, was auch in mehreren Pfarreien der Btsthümer Augsburg und Eichstätt geschah, zu St. Barbara Meß in der Pfarrei der schönen Unserer Lieben Frau in Jngolstadt jährlich auf Georgi 20 fl. als Jnkorporationsgeld bezahlt werden sollte, was auch 1670 vom Ordinariat bestätigt wurde. Dies geschieht heute noch. Der Magistrat von Jngolstadt sp ach auch dos Patronatsrccht über Bertoldsheim und Wctchering an. Gegenwärtig besitzt dasselbe Patronats- 368 recht Seine Majestät der König; früher hatten dasselbe die Herzoge von Neuburg; noch früher (noch im Jahre 1553) hatte ein Kaplan zu Unserer Lieben Frau in Jn- golstadt das jus uominauät, der Kurfürst das jus xras- söntanäi. Im Jahre 1542 wurde durch Herzog Otto Heinrich auch in Bertoldsheim die Lehre Luthers eingeführt. Nach dem Pfarrvisitationsprotokolle vom Jahre 1587 kam die Gemeinde zur Freitagspredigt und Vesper mehrentheils unfleißig, weßhalb sie zu mehrere« Fleiß und zur Gottseligkeit ermähnt wurde. Die Jugend bestand im Verhöre wohl, die Mägdlein besser als die Buben. Im Jahre 1617 wurde mit der Rückkehr des Herzogs Wolfgang Wilhelm zur katholischen Kirche die alte katholische Religion wieder eingeführt. Der Pfarrhof liegt unterhalb der Kirche, ist groß und schön, und wurde 1697 unter Pfarrer Kern neu erbaut. Zwei Drittel des Großzehntes hob der Pfarrer, ein Drittel das Domkapitel Augsburg durch sein Amt in Mauern, jetzt das Landkapitel Burgheim. Im Jahre 1792 bewarb sich das Collegiatstift St. Peter in Neuburg um Einverleibung der Pfarrei Bertoldsheim wegen zu geringer Dotation. Der Pfarrer August Freiherr von Leoprechting in Bertoldsheim wehrte sich dagegen. Nach seinem Tode 1795 trat die Temporalien-Union in's Leben. Bei der Säkularistrung des Collegiatstiftes St. Peter 1803 inkamerirte der Staat auch die Temporalien der Pfarrei Bertoldsheim, gab aber die Urkunde zurück 12. April 1820. Reihe der Pfarrer. (Die Pfarrer vor Einführung des Lutherthums sind unbekannt.) Lutherische: 1549 Georg Mock. 1553 Peter Johann Egenhover. 1558 Rud. Wild. 1561 Friedrich Dillbaum. 1568 Willibald Rans- peck. 1574 Anton Bütter. 1575 Matthä Gailhofer. 1681 Leonhard Schmid aus Burgheim. Er studtrte fleißig in der Bibel privat, konnte gut daraus antworten, schreibt seine Predigten und hat bei Männiglich ein gut Zeugniß wegen seines Fleißes und eingezogenen gottseligen Wandels. 1599 Mich! Grießmayr. Katholische: 1617 Jakob Man, verlieht auch Renartshofen. 1621 Johann Mayer. 1632 Kaspar Schwarz. 1633 Philipp Ludwig Silbermann. 1634 Gg. Wagner. 1639 Michael Klingler. 1655 Simon Pau- mann. 1658 Hieronymus Heimbucher. 1689 Ulrich Sailer. 1690 Johann Kern. 1725 Leopold von Kainz, Dr. iom., ein Tiroler. 1755 Christoph August Freiherr von Leoprechting, war bei der Gemeinde sehr beliebt. 1795 Jak. Jgnaz Will, Dekan. 1827 Johann Michael Billmayr, Dr. xUilos., langjähriger Professor in Kempten. 1862 Dr. Lorenz Platzer, Professorsfohn aus Dillingen. 1881 Joseph Steinmayr, Dekan. 1893 Raphael Rath. -—«8888-S- Im Spreewald. (Zu unserem Bild Seite 365.) Der Spreewald, der in den südbrandenburgischen Kreisen Kottbus, Kalau und Lübben zu beiden Seiten der Spree eine Fläche von 45 Kilometer Länge und 6—12 Kilometer Breite bedeckt, ist das typische Bild eines Sumpfwaldes. Von der Spree in zahlreichen netzförmig verbundenen Armen durchflossen, ist die Niederung häufigen Ueberschwemmungen preisgegeben. Ein Theil des sumpfigen Bodens ist durch Kanäle entwässert und in Felder und Wiesen umgewandelt, während ein anderer, größerer Theil mit Wald, meist Erlenwald, bestanden und nur auf Kähnm zugänglich ist — ein Waldvenedig. Ein kleiner Theil der Bewohner des oberen Spreewaldes hat bis auf den heutigen Tag die charakteristischen Zeichen seiner Zugehörigkeit zu dem Volksstamme der Wenden bewahrt, während die übrigen germanisirt sind. Die Haupterwerbsquellen der Spreewäldler sind Viehzucht, Fischerei und Gemüsebau. —«»«es-- — Allerlei. Der zuversichtliche Freier. Sie: „Ja, Herr Dümmling, ich fühle mich durch Ihren Antrag sehr geehrt, aber ich habe leider keine wirthschaftltchen Talente; ich kann nicht kochen, nicht waschen.." Er: „O, Fräulein,— das thut nichts. Mein Freund Müller hat auch eine ganz dumme Gans geheirathet und lebt jetzt glücklich mit ihr!" * Das soll Einen nicht ärgern. Tochter: Nein, Mama, eine entsetzlichere Beleidigung kann ich mir wirklich kaum denken! — Mutter: Was ist denn geschehen, liebes Kind? — Tochter: Denke Dir, mein ehemaliger Bräutigam schickt mir meine Photographie zurück und bezeichnet sie als Muster ohne Werth. -«8SA-S-- Unsterblichkeit. Nein, nein, mein Geist! Verfolge nur Auf Erden aller Schönheit Spur! Was reißt dich hin zu ungeahnter Ferne? — Du bist beschränkt und eng begrenzt, So lang noch Jrd'sches dich umglänzt: Der Erde Flitter und das Gold der Sterne. Erst wenn in Nacht zerfließen alle Träume, Wenn sich erschließen jene cw'gcn Räume: Dann bist du frei und schrankenlos; Es fällt des Leibes Kleid, Und in der Wahrheit Fülle tief versenket, Dein Sinnen nur der höchsten Schönheit denket, Und schaut und jauchzt und liebt, Befreit von Raum und Zeit — Denn aller Güter Schönstes liegt In der Unsterblichkeit. . ?. Johannes Bapt. Diel 8. 1. Kcharhaufgade. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 2. Zuge matt --EIS-- äL 49. Ireitag, den 18. Juni 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des litterarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbesttzer Dr. Max Huttler). ZchicksaLsmege. Erzählung von Clarisse Borges. (Fortsetzung statt Schluß.) Niedergeschlagen und traurig kehrte Leo nach diesen erfolglosen Nachrichten nach Ebersheim zurück. Was sollte er Willy antworten, wenn er seine schönen, dunklen Augen auf ihn richtete? Der Lehrer erwartete ihn an der Thürschwelle. „Keine Hoffnung?" kam es tonlos von seinen zuckenden Lippen, als er einen Blick in das verstörte Antlitz seines jungen Freundes warf. „Dann helfe uns Gott! Mein armer Sohn wird die Nachricht kaum überleben und die Mutter erliegt fast unter den quälenden Gewissensbissen. Ist eS nicht entsetzlich, Leo, daß in wenigen Stunden so viel Unheil angerichtet werden konnte? Gestern früh war noch alles gut, — als ich am Nachmittag zurückkehrte, war das Unglück geschehen." „Wie geht's Willy?" „Er ist matt, sonst fühlt er sich recht wohl. Der Arzt brachte heute noch einen Collegen mit, und beide sind der Meinung, daß das Ende nicht mehr fern sei; die gestrige Aufregung hat eS beschleunigt. Er wird nicht mehr viel leiden, große Schwäche, Abnehmen der Kräfte und dann — — Ruhet Seine Mutter klagt sich als seine Mörderin an; die arme, arme Frau, aber wir dürfen nicht mit ihr rechten. Vielleicht findet sie später in dem Gedanken Trost, daß dieses Ende doch gekommen wäre, auch unter glücklicheren Verhältnissen." Leo's Herz war zu schwer; er konnte kaum sprechen. „Willy ist glücklich gewesen", sagte er dann mühsam. „Er war stets ein munterer, fröhlicher Knabe trotz seiner Körperschwäche und allgemein beliebt! Seine Liebe zu Fräulein Adair erhellte sein Leben, und eS wäre ihm ein herber Schmerz gewesen zu glauben, ihr Herz gehöre einem Anderen." „Aber wo ist sie?" seufzte der Lehrer. „Leo, ich fühle, daß die Schuld der Mutter an unseren Kindern heimgesucht wird". Leo schüttelte ernst sein Hanpt. „Ich muß jetzt zu Willy gehen", sagte er ausweichend. „Soll er noch nach einem wärmeren Klima gebracht werden, wie der Doctor gestern sagte?" „Nein. Der arme Junge könnte die Reise nicht mehr aushalten, wir behalten ihn bis zu seine« Ende hier. Ihn zu Pflegen ist der armen Mutter ein Trost, und es ist ihm eine Freude in dem Hause zu sein, wo Martha Adair geweilt hat." Der Patient lag auf dem Sopha. Im ersten Augenblick glaubte Leo, die Familie sähe allzu schwarz und der Kranke würde seine Schwäche noch einmal überstehen, denn seine Augen leuchteten und seine Stimme klang klar und deutlich, als er jetzt fragte: „Hast Du sie gefunden? — ist sie mit Dir gekommen ?" „Ich that mein Bestes — wirklich, ich forschte genau nach, aber bis jetzt habe ich ihre Spur noch nicht gefunden. Doch bald werden wir von ihr hören; sie kann doch nicht am hellen, lichten Tag verschwinden, und dann kommt sie hierher zurück." Die Augen des Kranken suchten in der Seele des Freundes zu lesen. „Ist eS die Wahrheit? Verheimlichst Du mir auch nichts?" fragte er dann leise. „Auf mein Ehrenwort, es ist die volle Wahrheit." „Dann werde ich sie wiedersehen", flüsterte Willy, und ein glückliches Lächeln verklärte sein bleiches Antlitz. „Ich werde sie wiedersehen, das fühle ich in meinem Herzen. Ich kann nicht eher ruhig sterben, bis ich weiß, daß sie nicht ohne Freunde und ohne Schutz in der Welt umherirrt, und bis über ihre Zukunft entschieden ist." Auf dem Bahnsteig der letzten Station vor der Residenz ging ein ältlicher, stattlicher Herr auf und ab, um die Ankunft des Zuges zu erwarten. Aechzend und stöhnend brauste der Zug näher, und als er im nächsten Augenblicke hielt, hörte er die ängstlichen Hülferufe einer jungen Dame, die sich vergeblich bemühte, die Thür ihrer Wagenklasse zu öffnen. Der Fremde — Herr Commercieurath Ambach — eilte schnell herbei, riß mit kräftigem Ruck die Thüre auf und sah einen blasirten, jungen Mann mit verlebten GefichtSzügen, der gerade mit kühner Dreistigkeit seine Hand auf die Schulter der erschrockenen Dame legte und spöttisch sagte: „So seien Sie doch ruhig, schönes Kind, dieser Zug fährt nach der Residenz, und wir können ruhig sitzen bleiben." Wie ein Blitz schoß ein Gedanke durch die Seele des alten Herrn, die junge Dame werde von dem Reisegefährten belästigt und deshalb wolle sie auSsteigen, und er hatte auch in dem Reisenden den jungen Nieding erkannt. Er winkte einem Schaffner, der deu lästigen Geselle« 370 bald entfernte, dann nahm er selbst der jungen Dame gegenüber Platz, obgleich seine Fahrkarte auf erste Classe lautete. „Ich fürchte, Sie wurden sehr belästigt", redete er seinen Schützling freundlich an, als sich der Zug in Bewegung setzte. „Aber jetzt find Sie ganz sicher, wir sind bald am Ziel, dann kommen gewiß Ihre Freunde oder Verwandten und nehmen Sie in Empfang." „Ich habe Niemanden auf der Welt", antwortete vaS junge Mädchen und fing bitterlich an zu weinen. Er sah fie mitleidig an. Wo hatte er nur ein solches Gesicht, diese tiefen, seelcnvollen Augen schon gesehen? — Frau Marlitzü Ja! er hatte ein Bild von ihr geerbt, sie als junges ISjähriges Mädchen darstellend, und es beuchte ihm, als trete sie aus dem Rahmen des Bildes lebendig vor ihn. „Vielleicht haben sie einen Beruf gewählt und sind auf dem Wege zur neuen Stellung", lenkte er deshalb ein. „Haben Sie guten Muth, Sie werden sich auch in der Fremde bald heimisch, zufrieden und glücklich fühlen." Das junge Mädchen konnte die Thränen nicht mehr zurückhalten. „Ich bin Gouvernante, aber ich habe keine Stellung und weiß nicht, wohin ich mich wenden soll", schluchzte fie. „Heute wurde ich plötzlich entlassen — weil meine Mutter in früheren Jahren eine Schauspielerin war", fügte sie leise hinzu, denn diese Thatsache hielt fie selbst als den Grund ihrer Entlassung. „Mein liebes Kind, weinen Sie nicht mehr. Wenige Leute haben heutzutage diese alten, beschränktenAnsichten", tröstete er. „Frau Berghaupt wollte mir die Obhut ihrer Kinder nicht mehr anvertrauen", schluchzte sie bitterlich, denn sie mußte ihr gequältes Herz erleichtern, „und dadurch hat sie mir das ganze Leben getrübt, und ich bin noch so jung." „Frau Berghaupt? Meinen Sie die Familie Berghaupt in Ebersheim?" fragte der Commercienrath gespannt. „Ja. Kennen Sie die Familie? Ich gehe nicht wieder dorthin zurück, selbst wenn fie eS wünschen." „Ich kenne die ganze Familie. Der Lehrer ist doch ein guter, rechtlich denkender Mann." „Oh, er war gar nicht zu Hause!" Dann erzählte sie den ganzen traurigen Vorgang des Tages. Der alte Herr mochte wohl tiefer blicken wie das erregte, weinende Mädchen, darum sagte er heiter: „Das trifft sich ja ganz prächtig. Ich suche gerade eine Gesellschafterin für meine Schwester, und am liebsten nähme ich Sie sofort mit mir. Meine Schwester ist zwar alt und oft von der Gicht geplagt; es wird daher vielleicht kein angenehmer Aufenthalt für Sie sein. Aber kommen Sie mit mir und bleiben Sie bei uns, bis Sie eine bessere Stellung gefunden haben." „Aber Sie kennen mich doch gar nicht." „Ich weiß mehr, wie Sie ahnen. Sie waren sechs Monate bei Berghaupt's. Mademoiselle La Rochette hat Sie erzogen, das genügt mir, denn ich weiß, daß aus ihrer Anstalt nur nützliche Glieder der menschlichen Gesellschaft hervorgehen." Das alte Fräulein Ambach war über die neue Hausbewohnerin überglücklich. Sie hatte Frau Berghaupt vor ihrer Verheiratung gekannt und kannte deren heftigen, reizbaren Charakter. „Es ist doch sonderbar", sagte sie zu dem Bruder, „wie sehr dieses Fräulein Adair der verstorbenen Angela von Wildenihal gleicht, die ich so gut kannte, ehe sie ihr Elternhaus verließ; aber vielleicht findest Du die Aehn- lichkeit gar nicht." „Gewiß, eS fiel mir sofort auf. Ja, ja, wie sich das Glücksrad im Leben dreht! Der alte Graf von Wildenthal lebt jetzt mit seiner Gattin in ganz bescheidenen Verhältnissen so glücklich wie noch nie in seinem Leben, und ich glaube, er denkt gar nicht mehr an das Erbe seiner Schwester. Ich kenne jetzt einen der drei Neffen, Ulrike, der jede Aussicht auf das reiche Vermögen verscherzt hat. Martin Nieding hat selbst seine Hoffnungen zerstört, denn der junge Taugenichts belästigte unsere kleine Martha Adair, als ich fie zufällig auf der Reise traf." „Weiß er, daß Du ihn erkannt hast?" „Das kann ich nicht sagen. Vielleicht leugnet er, jemals dritter Classe gefahren zu sein, aber das ändert meinen Entschluß nicht." „Ich wünschte, der 10. Mai wäre erst vorüber", seufzte die alte Dame. „Du wirst nicht eher ruhiger werden, bis die Sorge um die Erbschaft von Deinem Herzen genommen ist." „Meine liebe Schwester, wie ich es auch machen werde, die Verwandten werden gewiß klagen, denn ich kann eS doch nicht allen recht machen. Meine größte Sorge ist, daß ich Angela'S hauptsächlichen Wunsch nicht erfüllen kann." „Welches ist dieser Wunsch?" fragte die alte Dame. „Du kannst ihn mir schon jetzt sagen, denn in wenigen Wochen weiß es die ganze Welt." „Gewiß", gab der alte Herr zu, „eS ist auch wenig zu sagen. Angela wußte, daß früher oder später das alte Stammschloß verkauft werden würde, und sie wünschte, daß ich es erwerben solle. Es war ferner ihr Wunsch, daß nach Ablauf des JahreS derjenige ihrer drei Neffen die Besitzung wiedererlangen soll, der am würdigsten sei, und die Hälfte des enormen Capitals solle dem Besitzer zur Aufrechterhaltung der Güter überwiesen werden. Leo von Wildenthal und Willy Berghaupt sollten um den Preis wetteifern — an Martin Nieding scheint die Entschlafene gar nicht gedacht zu haben." „Er hat selbst seine Aussichten zerstört", sagte Ulrike, „wir haben ja nie etwas Gutes von ihm gehört". „Wir haben uns alle in dem jungen Nieding getäuscht. Aber er wird im Leben schon durchkommen; er ist Wtnkeladvocat, Geldverleiher und Wucherer." „Nein, er hat keine Aussicht auf das Vermögen", gab die Schwester zu. „Aber Du hast mir noch nicht Alles gesagt, warum kannst Du den hauptsächlichsten Wunsch der Verstorbenen nicht erfüllen?" „Sie bat mich, eine Spur ihres verschollenen BruderK Hans aufzufinden; seine Kinder sollen die andere Hälfte des Geldes haben." „Hast Du in all diesen Monaten denn nichts gethan? Gewiß hast Du Dich doch bemüht, eine Spur zu entdecken. „Ich that, was ich konnte. Da ich zu alt bin, um selbst nach Amerika zu reisen, sandte ich einen geschickten Anwalt. Aber ich richtete nur wenig aus. Hans ist früh gestorben und hinterließ eine Wittwe und ein Kind." „Einen Knaben?" — 871 „Nein, ein Mädchen. Die Wittwe scheint wenige Frennde in New-Mrk gehabt zu haben, aber vmn erinnerte sich ihrer. Sie sei nach dem Tode des Gatten mit dem Kinde plötzlich verschwunden. Nachforschungen in den Zeitungen blieben erfolglos. Das Kind muß jetzt herangewachsen sein, bedarf vielleicht das Geld nothwendig, aber was soll ich thun, um es aufzufinden?" „Die Wittwe kann wieder geheirathet haben, und oas Kind trägt vielleicht den Namen des Stiefvaters", meinte die Schwester nachdenklich. Der alte Herr sah ganz verblüfft drein. „Ich glaube wirklich, daß Du Recht hast", rief er überrascht aus. „Ihr Frauen findet doch immer das Richtige. Zum Glück ist der Agent noch drüben; anstatt dir Todten- register soll er jetzt die der Eheschließungen nachforschen. Gewiß hat sie wieder geheirathet, und ich dachte gar nicht an diese Möglichkeit." „Schreibe sofort hin", mahnte die alte Dame. „Es ist doch noch schwer genug für Dich, zwischen Leo von Wildenthal und Willy Brrghaupt zu wählen." „Leo ist ein prächtiger Mensch, der seinen Pflegeeltern alle Ehre macht, und in seinem Berufe ist er ganz tüchtig." „Dann muß er auch belohnt werden", meinte Ulrike. „Aber der junge Arzt ist auch treu wie Gold. Es ist doch nicht seine Schuld, daß er eine harte, grausame Mutter har, die vor wenigen Wochen unsere liebe Martha aus ihrem Hause verstieß. Der 10. Mai rückt immer näher, da will ich mir die beiden jungen Leute doch einmal kommen lassen." Noch am selben Tage schrieb der Commercienrath zwei Briefe: für den Inspektor und den jungen Arzt. Beide waren sehr kurz. Der alte Herr bat um den Besuch beider Herren vor dem 10. Mai. Mit umgehender Post bekam er von dem Jnspcctor Antwort, doch diese überwältigte ihn dermaßen, baß er fast seine Fassung verlor. Er theilte ihm mit, Willy sei sterbenskrank; er würde bis zum Mai kaum noch unter den Lebenden weilen. „Wir waren stets gute Freunde", schloß er seinen Brief, „und in den letzten Monaten sind wir uns noch näher getreten. Ich verlasse ihn kaum noch auf einige Stunden und bringe meine freie Zeit allein bei ihm zu. Daher lehne ich Ihre Einladung auf einige Tage dankend ab; wenn Sie mich aber auf ein paar Stunden haben wollen, so komme ich gern. Bis Willy ausgelitten hat, trenne ich mich nicht gerne lange Zeit von ihm." Der Commercienrath telegraphirte: „Kommen Sie sofort." Dann erzählte er seiner Schwester und Martha den Inhalt des Briefes. Martha Adair war über diese traurige Nachricht tief erschüttert. Sie achtete den jungen Arzt wie einen treuen Freund und liebte ihn wie einen Bruder, aber ein anderes Gefühl hatte sie nicht für ihn. Herr Ambach empfing seinen jungen Gast zuerst allein in seinem Arbeitszimmer; er wollte ihn auf ein Wiedersehen mit Martha Adair vorbereiten, denn er zweifelte nicht daran, daß er in der Familie BergHauPL ein gewisses Vorurtheil gegen sie hegte. „Ich danke Ihnen, daß Sie zu mir gekommen sind", begann er, „ich konnte nicht zu Ihnen kommen, denn mein hitziges Temperament wäre bei Frau Berghaupt's Anblick übergebraust. Wie hart und herzlos muß sie sein, ein schutzloses, armes Mädchen ohne allen Grund aus ihrem Hause zu verstoßen." Leo prallte entsetzt zurück. „Sprechen Sie von Fräulein Adair! haben Sie sie gesehen?" stammelte er. „Oh! wenn Sie mir ihren Aufenthalt sagen, so erleichtern Sie die letzten Stunden eines Sterbenden." „Ob ich sie gesehen habe? — natürlich, sie ist ja seit Wochen hier in meinem Hause, und ich kenne auch die ganze Geschichte. Da ich aber auch Frau Berghaupts Charakter kenne, bedauerte ich das arme Mädchen. Meine Schwester hat Martha Adair lieb gewonnen, und sie sagt, sie habe ein Herz wie Gold." „Oh, Herr Commercienrath", rief Leo mit bebender Stimme, „wenn Sie wüßten, welche Sorge das Schicksal dieser Dame uns gemacht hat! Willy liebte sie; er wollte ihr Herz und Hand anbieten, da war sie plötzlich fort. Dieser Schlag wurde für ihn verhüngnißvoll. Der Gedanke an sein verlorenes Glück verläßt ihn keinen Augenblick, trotzdem seine Tage gezählt sind." ^ „Seine Mutter trägt allein die Schuld." ^ „Sie bereut ihre That bitter genug. Wir haben j keine Mühe gescheut, Martha aufzufinden, und Mademoiselle ! La Röchelte hat uns geholfen. Da alle Bemühungen vergeblich waren, fürchteten wir, sie sei todt; nur Willy wollte eS nicht glauben; er hofft zuversichtlich, sie vor seinem Ende wiederzusehen." „Das soll er; vorausgesetzt, daß seine Mutter meinen > Schützling nicht beleidigt. Wenn Martha mein eigenes ! Kind wäre, könnte ich sie nicht inniger lieben, als wie ' ich es jetzt thue." Als nach wenigen Stunden Leo nach Ebersheim zurückkehrte, begleiteten ihn Herr Ambach und Martha Adair. Der alte Herr wollte dem jungen Mädchen nicht erlauben, eine Nacht im Hause des Lehrers zu verweilen, und nahm deshalb dem Jnspector das Versprechen ab, sie noch am selbigen Abend nach dem Gasthofe zu führen, in dem er Zimmer gemiethet hatte. Martha war sehr schweigsam, aber ihr Herz war übervoll; auch Leo sprach nur wenig; er dachte an Willy und wie fest dieser an die Rückkehr seiner Geliebten geglaubt hatte. Als sie dem Hause nahe kamen, flüsterte sie leise ihrem Begleiter zu: „Wird Frau Berghaupt auch nicht zürnen, daß ich komme?" „Sie wird sehr dankbar fein; es war ihr eine drückende Last, ihrem Sohne die letzten Stunden getrübt zu haben." „Ist keine Hoffnung auf Besserung?" Leo schüttelte sein Haupt. „Nein, Fräulein Martha, er gehört zu den wenigen glücklichen Menschen, die der Himmel gnädig aller Erdennoth frühzeitig entrückt. Trösten Sie sich in dem Gedanken, daß alle Noth und Sorge dieses dunkeln Erdenthales für ihn verschwunden sind." Der Lehrer stand an der geöffneten Thür, denn Leo hatte die Rückkehr mit Martha angekündigt. Mit väterlicher Herzlichkeit drückte er die Hand der jungen Dame und sagte in seiner schlichten Weise: „Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind, Fräulein Adair." „Sie war in all' diesen Wochen bei Herrn Ambach", fiel ihm Leo iu's Wort. „Wie geht's Willy, erwartet er uns?" „Er ist froh und heiter; seine Mutter hofft sogar 372 auf seiue Erhaltung. Ja, er weiß, daß Fräulein Adair kommt, und er freut sich auf das Wiedersehe»." (Schluß folgt.) -—SWNS-«- AiLerrLei. Polarreise im Luftballon. Für Andrses Polarfahrt sind der Luftballon und daS HauS für diesen jetzt fertiggestellt. DaS HauS ist 24 Meter hoch. Die Errichtung des HauseS auf Spitzbergen muß, wie der Voss. Zeitung geschrieben wird, so erfolgen, daß weder eine Steinsprengung noch Ausgrabung des Bodens in Frage kommen kann. Andräe gab kürzlich vor einem großen Kreise geladener Gäste im Ballonhause eine vollständige Darstellung, wie er sich das Aufsteigen aus diesem Hause gedacht habe und wie dieses dazu eingerichtet sei. Der Zweck des Hauses ist, den Ballon während des Füllens zu schützen und ihn im gefüllten Zustande vor allen Ge- fährnissen zu bewahren, während auf günstigen Wind gewartet werde. Das Gebäude ist für daS Aufsteigen des Ballons so konstruirt, daß die eine Hälfte mit großer Leichtigkeit niedergelegt werden kann. Da die Auffahrt nur mit südlichem Winde geschehen soll, so ist die nieder- legbare Seite nach Norden gerichtet. Eine solche Anordnung ist deßhalb nothwendig, weil der Ballon sonst beim Aufsteigen, bevor er genügend in die Höhe gekommen ist, von dem Winde gegen die Schntzseite des Gebäudes geworfen würde; ist die Seite fortgenommen, dann erhält der Ballon freie Bewegung und kann in schräger, aufsteigender Richtung das Haus verlassen und seine Fahrt antreten. Dies Niederlegen kann durch Ziehen an einigen Seilen in ganz kurzer Zeit bewerkstelligt werden. Der Apparat zur Bereitung des Wasserstoffgases wurde am 16. Mai in der Jnedahl'schen Werkstatt bei Stockholm in Gegenwart Andraes und vieler Fachleute geprobt; die Gasentwicklungsgefäße ergaben im Durchschnitt während einer mehr als zweistündigen Thätigkeit 67 Kubikmeter Gas in der Stunde, ein Ergebniß, das das berechnete übersteigt. Die Gasentwicklung ging besonders regelmäßig vor sich. Nach zweistündiger Thätigkeit ergab der Apparat nur 2 Prozent unverbrauchte Schwefelsäure. Der Dampfer „VIrgo", Kapitän Zachan, der Andrse mit seinen Mitreisenden und Apparaten nach Spitzbergen führen soll, hat bereits seine werthvolle Ladung eingenommen. Andrer hat aus den Vereinigten Staaten einen Brief zur Beförderung erhalten, der an Nansen adres« firt ist. Der Spargel, der im Augenblicke wieder die Vorherrschaft auf dem Gemüsemarkt ausübt, war schon bei den Alten ein gesuchter Leckerbissen. Bei den römischen Schriftstellern Cato, Columella, PliniuS und PalladiuS finden wir nach Pros. Fischer-Benzon (Altdeutsche Gartenflora, 1894) sehr genaue Angaben über die Spargelcultur. Damals machte man die Sache genau so wie jetzt. Nach Columella werden die aus Samen gezogenen Pflanzen nach 2 Jahren, wenn sich ein ordentliches Wurzelgeflecht gebildet hat, versetzt und wenigstens ein Jahr lang geschont, damit die Wurzeln ordentlich fortwachsen können. Columella (um 50 n. Chr.) erwähnt übrigens 2 Spargelarten, den Gartenspargel und jenen, den die Landleute „corruäa" nennen. Dies ist wahrscheinlich der bereits von Theophrast (f 286 v. Chr.) erwähnte fpitzblättrige Spargel (^sxargH-ns aoutikoliua), der in Griechenland und Italien wild wächst; seine zarten und wohlschmeckenden Triebe werden in beiden Ländern gern gegessen. Auch die wilde Form des Gartenspargels (^.axaragu» Eainalia) wird noch jetzt, z. B. in Südtirol, von manchen höher gestellt als däe zahme. Cato (der Aeltere), dessen Angaben über Spargelcultur (in einem Werke über den Ackerbau) die ältesten sind, die wir besitzen, läßt die aus Samen gezogenen Pflanzen 9 — 10 Jahre stehen; erst dann setzt er sie um. Es ist bemerkenswerth, daß man heute beginnt, dieselbe Art der Cultur anzuwenden, die der erste bekannte Spargelzüchter vor mehr als 2000 Jahren angewandt und beschrieben hat. Die Spargel, welche die Alten zogen, standen an Größe den heutigen nicht nach. Plinius sagt an einer Stelle, wo er über die Feinschmeckeret der Reichen eifert: „Die Natur gab uns milden Spargel, damit sich ein Jeder davon ausstechen könne; doch siehe, jetzt hat man gemästeten Spargel, und in Navenna wiegen drei Stück ein Pfund." Auf den Wandmalereien von Pompeji sind auch eine ganze Reihe von Zier- und Nutzpflanzen, von Blumen und Früchten mit großer Treue wiedergegeben. Der Spargel fehlt darunter nicht. Er findet sich nach Orazio Comes in einem Bündel von dicken Stengeln im Speisezimmer des Hauses „Der Hahn". Nach K. I. Slang war der Spargel wegen der Leichtigkeit, mit der er gekocht und zubereitet wird, bei den Alten das Sinnbild der schnellen Beendigung und Vollbringung einer Sache. Der Kaiser Augustus pflegte daher von jeder leichten und geschwind abzuthuenden Sache sprichwörtlich zu sagen: Sie wird geschwinder als ein Spargel gekocht sein. Im Mittelalter ist die Spargelcultur in Deutschland sehr gering gewesen, jedenfalls fehlt es an Nachrichten; eS ist nicht sicher, ob der von Albertus Magnus angeführte „axaigus" wirklich unserem Spargel entspricht. --- Des Znngkittgs Lust. Kennst Du vielleicht die Freude, Die 'S JünglingSherz durchbebt, Wenn er von seiner Arbeit, Nicht fremdem Brode lebt. Er gleicht dem Wüstenkönig, Frei von Gefangenschaft, Der nun mit eig'ner Beute Erneut die welke Kraft. Im Jüngling brennt Verlangen Nach Arbeit, Tbat und Müh'n, Und mutz er müßig weilen, Mutz seine Kraft verblüh'». Daher die stolze Freude, Wenn er verdienen kann, Daher die stolze Rede, Seht her, ich bin ein Mann. Was ich sür's Leben brauche, Verdien' ich mir allein, Ich will mich selbst ernähren Und will kein Bettler sein. Dann bin ich werth, zu leben, Scheid' gern aus dieser Welt, Den Lohn wird Gott mir geben, Wenn zu mein Auge fällt. Schillenaner. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 48: Weiß. Schwarz. 1. T. 66-63 beliebig. 2. L. L3-V4 oder D. LS—L2 (W) Matt. « 5V. 1896. „Augsburgrr PostMung". Mustag, den 16 . Juni Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag der Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg lVorbesitzer Dr. Max Huttler). WHeingotö. Novelle von Cary Groß. (Nachdruck verboten.) I. Auf der Landstraße, die von Honnef nach Königs- wtnter, mitten durch das Eden des Rheinlands, führt, rollte ein Landauer dahin, so gut Staub und etwas müde Miethpferde das schwer gebaute Vehikel rollen ließen. Es war ein schöner Tag, sommerlich warm, aber nicht drückend heiß. Ein leichter Ostwind fegte den Himmel von Wolken rein und milderte die Gluth der Mittagssonne, die den breiten Rheinstrom und die Kuppen des Siebengebirges beleuchtete. „Eine schöne FahrtI nicht wahr, liebes Fräulein Hennig?" sagte die ältere von den zwei Damen, die in besagtem Wagen saßen. Ihre Miene ließ dabei errathen, daß ihre Gedanken weniger vom Zauber der Gegend erfaßt, als von einem Verdruß, der sie beschäftigte. „Wie schade, daß Ottilie Grube diesen Blick auf die Berge nicht mitgenteßtl Nirgend präsentirt sich der Drachenfels imponirender als von dieser Seite. Beim Wandern durch das Heisterbacher Thal und das Nachtigallenwäldchen erblickt man den Berg nicht so zu seinem Vortheil!" „O, Fräulein Ottilie Grube hat in der Steiermark und auf ihren weiten Reisen in der Schweiz und Oberitalien Besseres geschaut! Unser Rheinland mit seinen Mittelgebirgen kann einem so verwöhnten Auge schwerlich viel Eindruck machen", lautete die trockene Antwort der Gefährtin, deren scharfe Züge zu ihrer Stimme paßten. „Nicht doch, liebe Hennig! Gestern erst sprach Ottilie wahrhaft begeistert vom Siebengebirg, vom sagen- umkränzten Rhein und den goldenen Domen, die sich in ihm spiegeln! Ich hörte ihr mit Entzücken zu. Sie erinnerte mich an ihren Vater, den gelehrten Professor Dr. "Grube, der so fließend und angenehm von seinen schönen Reisen erzählte. Mein seliger Mann hielt große Stücke auf diesen Studienfreund und bewunderte seine Begabung. Mein Wilhelm war eben so talentvoll!" Frau Näthtn Nehwald versenkte sich mit einem Seufzer in das Andenken ihres Seligen, der vor etwa zehn Jahren gestorben war und seine schwache und gutmüthige Gattin um so vereinsamter zurückließ, als er sie, die in ihrer Jugend sehr hübsch und anschmiegend gewesen war, sehr verwöhnt und umhegt hatte. Als Wittwe entbehrte sie sehr, nicht mehr Mittelpunkt des interessanten Verkehrs zu sein, in dem ihr Gatte gelebt hatte. Sie faßte es nicht, weßhalb ihr Reichthum und ihre Gastfreundschaft nicht hinreichten, solche Menschen an sich zu fesseln wie einst ihr kluger und einflußreicher Mann, und bedauerte es um so lebhafter, als sie sich früher viel eingebildet hatte auf die „distinguirten Leute" ihres Kreises, und in ihre Klagen um Wilhelms Verlust mischte sich stets das Bedauern über das Einst ihrer Umgebung. Ihre Gesellschafterin hatte aber heute nicht Lust, sich damit und mit den Ansichten des unvergeßlichen Wilhelm langweilen zu lassen. Sie zog es vor, eine kleine Wunde, die sie in Frau Rehwalds leicht verletzbarem Gemüth wahrnahm, noch etwas zu reizen und zu vergrößern. „Fräulein Ottilie Grube mag allerdings von ihres Vaters Begabung profitirt haben, ist aber jedenfalls auch von ihm benachtheiligt. Ich weine, er hat zu sehr in sie hineingeschaut und ihr gestattet, alle ihre Launen zu befriedigen. Der Herr Professor hält sein Erztehungs- verfahren für genial und die Tochter für einen Ausbund von Talent und Genie. Uns gewöhnlichen Menschenkindern erscheint aber das Fräulein häufig seltsam, auffallend, wo nicht unangenehm und verletzend." „Unangenehm oder gar verletzend ist Ottilie Grube nie!" eiferte nun die Frau Räth in, für einige Minuten ihre klagende, melancholische Sprechweise aufgebend. „Ich kenne meinen lieben Gast schon länger als Sie; ich habe Ottilie auf einer gemeinschaftlichen Reise an den Lago Maggiore und bei einem Besuch in ihres Vaters Haus beobachtet. Ihr Frohmuth verwandelt sich bisweilen in Uebermuth, das ist nicht zu leugnen. Die Eingebungen ihres großmüthigen Herzens werden niemals beirrt durch hergebrachte Formen oder kleine Bedenken. Da sie längst schon ihre Mutter verloren hat, brachte ihr Niemand Rücksichten auf die Ansichten der Welt bei. Aber sie ist voll Liebe und Aufmerksamkeit für ihre Umgebung, das sagt auch Miß Rtch, ihre Gesellschafterin, die Ottilie anbetet." „Miß Rich ist die albernste Engländerin, die mir noch in diesem, an Engländerinnen überreichen Rheingebiet vorgekommen ist! Sie hat kein anderes Verständniß, als für getrocknete Blumen, was sie Botanik nennt, und womit sie aller Welt lästig wird." „Nicht doch, Heimischen! Miß Rich ist wirklich eine gebildete Botanikerin und verwendet ihre Kenntnisse zur Krankenpflege, für die sie viel Liebe und Geschick 374 hat. Auch sind ihre Pflichttreue und Hingebung für Ottilie außer allem Zweifel. Mein seliger Wilhelm sagte aber stets, Pflichttreue und Hingebung genügten, um ein Frauenleben zu einem verdienstlichen zu machen." „Jawohl thut es das! Doch Herr Rath Rehwald meinte damit Frauen wie seine Gattin. Er hätte es aber gewiß nicht gebilligt, daß die alberne Miß Rtch, statt Ottilie an die Rücksicht zu mahnen, die sie eben dieser Frau, ihrer Gastfreundin, schuldet, zustimmte, als das Fräulein beim Nachtigallenwäldchen diesen Wagen verließ, der für theures Geld, ihr zu lieb, gemiethet ward, um sie bequem auf den Drachenfels zu bringen. Das unbesonnene, junge Mädchen zieht vor, bei dieser Hitze zu Fuß durch Flur und Wald zu wandern, und Miß Rich stimmte nur zu, weil sie unterwegs Blumen pflücken will, die sie doch schon hundertmal in ihrem Herbarium haben muß. Natürlich werden Beide später als wir oben ankommen. Die „pflichttreue Miß" wußte aber gar wohl, welche Wünsche Sie, Frau Räthin, hegen, und hätte sich bedenken sollen, daß Leute auf den Drachenfels bestellt sind, die nun Gott weiß wie lange dort warten müssen, bis Miß Rich ihre Oaltstu palustris, I^ostrus rssxsitinas oder sonstige Wiesenblümlein gepflückt hat." Die Worte der Hennig erregten den Verdruß der Frau Rehwald auf's Neue. Ihr kleiner Feldzugsplan, der nichts Geringeres bezweckte, als eine Heirath zu stiften, war bedroht, und die Hennig hatte durchschaut, was die Gedanken der guten Räthin beschäftigte. Sie hatte nämlich eine große Vorliebe für's Heirathstiften, und hatte sich Fräulein Ottilie Grube zum Objekt aus- ersehen. Die Sache war nicht leicht, da diese den heutzutage unerhörten Vorsatz gefaßt hatte, um ihrer selbst willen, das heißt nicht um ihres ansehnlichen Vermögens willen, gefreit und geliebt zu werden. Frau Rehwald mißbilligte diesen AuSspruch zwar nicht, denn Ottilie war ungewöhnlich schön und begabt und durfte ihn erheben. Sie selber schätzte nur reiche Mädchen und gönnte dieses Goldfischchen vor Allen ihrem Hausarzt, Dr. Lebert, der sich in ihre Gunst gestohlen hatte. Sie fand ihn zartfühlend, wie Keinen, denn er zeigte sich gerührt, wenn sie ihm von ihrer Wittwentrauer erzählte, er verlängerte gern seine Visite, wofür sie ihn mit extrafeinem Cognac belohnte. Lud sie ihn wegen eines Leckerbissens zu einem feinen Souper ein, so küßte er ihr sogar die Hand und betheuerte ihr oft, daß der unvergeßliche Wilhelm schwer aus dem Leben schied, nur weil er eine solche Gattin zurückließ. Ein so gebildeter Mann war gewiß fähig, seine Frau zu lieben, sogar sie aus Liebe heirathen zu wollen. Er hatte es der Frau Räthin oft versichert. Sohin paßte er für Fräulein Ottilie, und um diese nicht im vornhinein mißtrauisch zu machen, hatte die gute Räthin Rehwald den Doctor auf den Drachenfels zu einer „zufälligen" Begegnung bestellt. An Zufall konnte man dort viel leichter glauben, als zu Haus in ihrer Villa, wo Ottilie nur für wenige Tage weilte. — Von einer Partie von Honnef sollten die Damen frühzeitig auf dem Drachenfels eintreffen, ehe noch allzu viele Menschen sich einstellten. Die Sache war auf's Schönste eingefädelt gewesen, und war nun durch Ottiliens Laune bedroht. Doctor Lebert war jedenfalls sehr früh hinaufgekommen, denn Frau Räthin hatte ihm genau gesagt, was Ottilie werth sei. Dem jungen Mädchen aber hatte sie nichts gesagt, nur schlau des Doctors Vorzüge gepriesen, von seinem Zartgefühl angefangen, bis zu seinen wohlgepflegten, weißen Händen. Bei der Rückfahrt vom Drachenfels wollte die Räthin dem Doctor den vierten Platz in ihrem Wagen anbieten. Deßhalb sollte Fräulein Hennig in Königswinter zurückbleiben, unter dem Vorgeben, bei den Ihrigen einen bis zwei Tage verweilen zu wollen. Der Räthin Rehwald lag aber die Sache nicht nur aus Freundschaft für Lebert am Herzen. Sie hoffte, wenn diese Heirath zu Stande käme, sich ihren Freundeskreis nicht nur zu vergrößern, sondern wieder mit distinguirten oder gar berühmten Männern zu versehen, wie zu Wilhelms Lebzeiten, und zugleich Ottiliens Vater einen Gefallen zu thun. Professor Grube sah es nicht gern, daß Ottilie schon daS zweiundzwanzigste Jahr heran hatte kommen lassen, ohne einen ihrer Bewerber anzunehmen. Wohlgefällig hatte er deshalb die Andeutungen der Frau Rehwald angehört und gern die Tochter bei ihr in Bonn gelassen, während er eine Reise nach Brüssel machte, von der aus er sich in Frankfurt bei einem Gelehrtencongreß etnfinden wollte. Dorthin sollte ihm die Tochter nachkommen. Frau Räthin wünschte sehnlichst, daß bis dahin Doctor Lebert schon ihr Herz gewonnen habe. Sie rechnete in Art des Milchmädchens, den Reichthum an Freundschaft nach. die sie gewinnen würde: außer der Dankbarkeit Leberts die Grube's, der, wenn die Tochter sich nach Bonn ver- heirathete, wohl auch Graz mit dieser seiner Jugend- heimath vertauschen würde, zumal auch Ottmar, sein einziger Sohn, hier studirte. Mit dieser Phalanx „akademisch Gebildeter", die in ihrer eigenen Verwandtschaft dünn gesäet waren, konnte sie sich wieder eines Verkehrs rühmen, wie es der Wittwe, Rath Rehwalds, ziemte. Sogar die gefeiten Reihen der Untversttätsprofessoren würden sich ihr zuwenden, ohne daß sie ferner der Vermittlung und Beihilfe ihres spottsüchtigen, arroganten Vetters bedürfte, des jungen a. o. Professors Dr. Max Heermann, der erst vor Kurzem von einer schweizerischen Universität an den Rhein zurückgekehrt war. Frau Räthin fühlte ordentlich, wie ihr flaches, aber gutmüthiges Gesicht sich verfinsterte und ein ihrem Wesen fremder Zug sich darin festsetzte, als ihre Gedanken diesen Or. Max Heermann streiften. Von allen ihr bekannten jungen Männern mochte dieser dem alten Grube der willkommenste Schwiegersohn sein. Sie vermuthete sogar, Grubes Bereitwilligkeit, ihr Ottilie einige Tage zu überlassen, entspränge der Hoffnung, daß diese bei ihr so den jungen Gelehrten kennen lernen, gegenseitiges Wohlgefallen die jungen Leute zusammenführen werde. Wie Beide geartet waren, konnte diese Berechnung richtig sein. Aber eben darum wünschte Frau Nehwald, daß ihr Günstling Lebert dem Heermann zuvorkommen möge, den sie haßte, soweit ihre gutmüthige Natur es zuließ. Sie hatte sich absichtlich in stetige Abneigung gegen den sonst allgemein beliebten, heiteren Mann hineingearbeitet. Ehemals hätte sie ihn lieben mögen. Das war, als sie ihn für Traudchen, ihre jüngste, nicht hübsche und nicht liebenswürdige Schwester ausersehen hatte und mit ihr eine Heirath zu stiften hoffte, und diese war damals nicht wenig in den flotten Studenten verliebt gewesen. Aber er hatte nur zu deutlich ge- 375 äußert, daß er lieber ein Hagestolz werden, als um des schnöden Goldes willen eine ungeliebte Frau nehmen wolle. DaS war schon lange her. Traudchen hatte eine ihrer Schwester nicht genehme Partie gemacht; daran war, nach Frau Rehwalds Erachten, Max schuld, der böse Max, der noch immer keine Lust für den Ehestand zeigte, obgleich er in den Anfang der Dreißig gelangt war und sich bereits einen guten Namen in der Gelehrtenwelt gemacht hatte, Einkommen besaß und dazu über ein ansehnliches mütterliches Erbtheil verfügte. Gar manches rheinische Jungfräulein blickte sehnlich auf den von den Müttern als „gute Partie", von den Jungen als heiterer Gesellschafter und wackerer Freund Geschätzten, der sich bei jugendlichem Aussehen und Gebühren auch ein gut Stück rheinischen Humors inmitten der Ge- Stelle zu fahren, wo Ottilie und Miß Rich versprochen hatten zu ihr zu stoßen. (Fortsetzung folgt.) -—- Kchicksalsrvege. Erzählung von Clarisse Borges. (Schluß.) Die nächsten Stunden verlebte Martha wie im Traume. Mechanisch fliegt sie die breite Treppe hinan, und sie erinnerte sich später, daß Frau Berghaupt oben auf dem Corridor stand, daß sie ihre Arme ausbreitete, sie an ihr Herz zog und einen Kuß auf ihre Stirn Vor der Txcculton. Nach einem Originalgemalde von W. Schutze. lehrtenarbeit bewahrte. — Daß sich zu dem Humor auch manchmal treffende Witze gesellten, die an Spott grenzten, hatte Frau Nehwald erfahren, die dafür dem jungen Verwandten ihre Neigung ganz entzogen und sie dem artigen Lebert zugewandt hatte. Noch immer konnte sich die Partie auf den Drachenfels günstig für Lebert gestalten, wenn auch Ottilie etwas später kam als wünschenswerth war. Es blieb so manche Stunde bis zum Abend übrig, und etwas Gutes ließ sich auch vom Zufall hoffen. Frau Näthin war so weit mit ihren Beschlüssen im Reinen, daß es dabei blieb: ihre Gesellschafterin mußte, ob gern oder ungern, in Königswinter den Wagen verlassen. Frau Rehwald fühlte sich erleichtert, als die übellaunige Gefährtin fort war, und befahl dem Kutscher langsam auf weitem Umweg den Berg hinan zu der drückte. Sie hatte auch geweint, ihr einige Worte zugeflüstert, dann stand sie allein vor dem Sopha, auf dem Willy ruhte. „Es thut mir so leid, daß Sie krank sind — ich hörte erst gestern davon", begann sie, die schlaff herabhängende Hand des Kranken erfassend. „Es kam so plötzlich, alle meine schönen Träume von Glück und Liebe sind mit einem Schlage vernichtet, aber jetzt sehe ich ein, daß es so gut ist", hauchte er matt. „Ich wollte Ihre Liebe gewinnen, Martha, wir wollten unser Leben zusammen führen, denn ich liebte Sie vom ersten Tage an, da Sie in unserem Hause weilten." „Sie waren immer gut gegen mich", erwiderte Martha leise, „Sie waren mir der beste, treueste Freund; wenn ich oft verzagen wollte, gedachte ich Ihrer Freund- 376 schüft, und dieser Gedanke erfüllte mich mit frischem Muth." Er sprach von seiner Liebe, sie nur von Freundschaft. Die Augen der Sterbenden sehen scharf, und in diesem Augenblick erkannte Willy Berghaupt, daß er Martha's Herz nicht gewonnen hatte und ihre Liebe nie gewinnen würde, selbst wenn er alle Schätze Indiens ihr zu Füßen gelegt hätte. „Es ist besser so", sagte er, mühsam athmend, „ich gehe jetzt ein in das Land des Friedens, wo alles Leid hinter uns liegt, und mir bleibt der Schmerz erspart, Sie als Gattin eines Anderen zu sehen." Martha hielt seine fieberglühende Hand fest in der ihrigen und erzählte ihm von ihrem neuen Leben. „Fräulein Ambach ist so gut", schloß sie ihren Bericht, .ich fühle mich dort so wohl, wie in meinem eigenen Hause, und sie will mich immer bei sich behalten." „Glauben Sie das nicht, Martha", lächelte der Kranke müde. „Leo, bist Du da?" „Ja, der Doctor ist gekommen, und es ist Zeit, daß ich Fräulein Adair in den Gasthof zurückführe; sie wird morgen wieder zu Dir kommen." Der Sterbende schüttelte traurig sein Haupt. „Ich will jetzt Abschied nehmen", hauchte er tonlos. „Der Himmel segne Dich, Martha, sei glücklich." Dann erfaßte er ihre Hand und legte sie in Leos Rechte. „Du mußt ihr ein treuerer Freund sein, als ich es werden konnte", flüsterte er, „mache sie glücklich, und vergeht mich nicht in Eurem Glücke." „Ich komme morgen wieder", versprach Martha, und eine Thräne glänzte in ihrem Auge, als sie einen Kuß auf die welke Hand des Sterbenden drückte. Aber für den jungen Arzt brach kein irdischer Morgen mehr an, denn als die letzten goldenen Strahlen der untergehenden Sonne sich durch das Fenster stahlen, öffneten sich ihm die Pforten des Paradieses. Herr Commercienrath Ambach kehrte gleich am folgenden Tage Ebersheim den Rücken, er wollte weder die Versicherung der Reue Frau Berghaupts noch die Klagen der Familie über den Tod des Sohnes anhören. Doch da Martha Adair von den letzten Ereignissen zu sehr angegriffen, die Witterung aber sehr günstig war, beschloß er, seine Schwester mit seinem Schützling nach der Schweiz zu schicken, damit er für den kommenden 10. Mai in aller Stille seine Vorbereitungen treffen könne. Der wichtige Tag kam herbei. Der alte Graf von Wtldenthal und sein Pflegesohn Leo wurden von dem Commercienrath eingeladen, ebenso der Anwalt der Verstorbenen, Herr Ruthberg. Herr Rieding und sein Sohn Martin erschienen ungeladen. Herr Ambach erklärte, die Güter und das Stammschloß der gräflichen Familie Wildenthal durch Ankauf erworben zu haben. Das für die zehn Nichten bestimmte Capital sei in Staatspapieren sicher angelegt, es handle sich also nur um die Vertheilung des Hauptcapitals. Doch Herr Rieding unterbrach den Sprecher unwillig. „Was geschieht mit dem Schlosse und den Gütern?" fragte er höhnend. „Sind diese Besitzthümer etwa der Lohn für Ihre Mühe?" „Schurke I" kam es leise von den Lippen des alten Grafen, doch Herr Ambach schien die höhnende Bemerkung gar nicht gehört zu haben und fuhr unbeirrt fort: „Es war der Wille meiner verstorbenen Freundin, die Besitzungen zu erwerben und dieselben am heutigen Tage mit der Hälfte deS Vermögens demjenigen ihrer drei Neffen zu übergeben, der dieses Erbes würdig ist. „Lieber Leo", wandte sich der alte Herr an den jungen Jnspector, „Sie sind der Erbe, und sobald einige nothwendige Formalitäten beobachtet sind, können Sie Besitz davon ergreifen. Ich gratulire Ihnen zu diesem Glück, das Sie wohl verdient haben." „Es kommt mir vor, als beraube ich meine Pflegeeltern", stammelte Leo verwirrt, doch der alte Graf beruhigte ihn. „Es ist der schönste Tag meines Lebens", versicherte er, „wie wird sich Deine Mutter über diese Botschaft freuen, und wir sind ganz zufrieden in unserer einfachen Häuslichkeit." „Das ist schon Alles gut", warf Herr Rieding unwillig ein, „aber was erhält mein Sohn? wie groß ist sein Antheil? bekommt er die andere Hälfte des Vermögens?" „Ihr Antheil, Herr Martin, ist — nichts! Die andere Hälfte des Vermögens gehört den Kindern des in Amerika verschollenen Bruders Hans." „Warum wird mein Sohn von der Erbschaft ausgeschlossen? Ich nenne das eine himmelschreiende Ungerechtigkeit", rief Rieding empört aus. „Er hat sich seinen Verlust selbst zuzuschreiben; durch sein Benehmen hat er jedes Anrecht auf den Besitz verscherzt", erklärte der alte Herr. „Wäre Willy Berghaupt noch am Leben, so wäre das Vermögen in drei gleiche Theile getheilt worden, denn er war ein edler, tugendhafter Mensch, der wohl einen Preis verdiente." Die Herren entfernten sich, nur Leo von Wildenthal blieb noch zurück. „Sobald Fräulein Adair zurückgekehrt ist, werde ich häufig Ihr Gast sein", scherzte er. „Ich liebe Martha, aber es scheint mir herzlos, jetzt schon von meiner Liebe zu sprechen, da kaum das Gras auf Willy's Hügel wächst." „Sie liebte ihn gar nicht", beruhigte Herr Ambach, „aber ich verstehe wohl Ihre Gefühle — Sie wollen jetzt noch nicht von Ihren Hoffnungen sprechen, da Ihr Freund erst so kürzlich geschieden ist." „Als er starb, legte er ihr Glück in meine Hand", gestand Leo. „Er kannte meine Empfindungen, und für ihn war doch jede Hoffnung geschwunden." Nach diesem ereignißreichen Tage reiste Herr Ambach zu seinen Damen. „Ich will Dir schon jetzt sagen, wie eS werden wird", sagte er zu der Schwester. „Wir werden die Kleine nicht mehr lange behalten, aber als Leos Gattin wird sie sehr glücklich werden. Es ist zwar hart für uns, Ulrike, denn ich hätte Martha gern als Tochter adoptirt." Die alte Dame lächelte überlegen. „Martha ist wie geschaffen als Herrin auf einem Schlosse. Natürlich werden wir sie schmerzlich vermissen, aber vorläufig bleibt sie noch bei uns, und später findet sich vielleicht die Tochter des verstorbenen Bruders Hans, die dann Marthas Stelle bei uns einnehmen kann." „Ich fürchte, das Kind ist todt", seufzte der alte Herr. „Alle Nachforschungen sind vergebens; Mutter und Kind scheinen spurlos von der Erde verschwunden zu sein." „Ob wohl Frau Berghaupts Herz durch den Tod ihres Sohnes erweicht ist?" fragte sie sinnend. M-s Ä-MM MK WEN MM MM WWW 378 „Es müßte wohl sein, aber das Herz dieser Frau war so hart, wie ein Mühlstein. Vielleicht ist sie wieder auf der Jagd nach einem Schwiegersohn." Herr Ambach kehrte bald mit seinen Damen in die Heimath zurück, und Martha beeilte sich, zum ersten Mal Mademoiselle La Rochette aufzusuchen. Die alte Dame küßte ihre frühere Schülerin, und Thränen schimmerten in ihren Augen. „Ich merkte erst, wie sehr Du an mein Herz gewachsen wärest, nachdem ich von Deinem Verschwinden hörte. Ich halte im Allgemeinen nicht viel von jungen Herren, aber dieser Jnspector Wildenthal hat mir gut gefallen. — Na, Martha, Du brauchst nicht gleich errathen; ein Jeder kann ja leicht denken, daß Du Interesse für ihn hast, er aber noch mehr für Dich. Du wirst bald heirathen, denn Du bist viel zu gut, um ledig zu bleiben. Da Du aber von Kindheit an unter meinem Schutze weiltest, bitte ich Dich, mir Deine Verlobung mitzutheilen, sobald sie stattfindet." „Ich werde niemals heirathen", versicherte das junge Mädchen, „Fräulein Ambach will mich stets in ihrem Hause behalten, und sie zahlt nur mir ein so hohes Salair, daß ich mit der Zeit hoffe, meinen Verpflichtungen gegen Ihren Bruder nachzukommen." „Denke nicht daran; mein Bruder bedarf das Geld gar nicht. Im nächsten Monat schickt er mir zwei seiner Töchter in Pension; Du mußt die Kinder oft besuchen, Martha, sie sind ja Deine Schwestern." Martha Adair ging gedankenvoll nach Hause und ahnte die Ueberraschung nicht, die ihrer dort harrte. Weder Herr Ambach noch seine Schwester waren im Salon, doch sobald sie eintrat, sah sie die Gestalt eines Herrn mit ausgebreiteten Armen auf sich zukommen. „Martha!" „Leo!" In diesem Augenblicke erinnerte sie sich, daß sie ihn mit seinem Vornamen genannt habe, und ihre Wangen färbten sich purpurroth, doch er zog die schlanke Mädchengestalt fest an sich und flüsterte ihr zu: „Geliebte! Willy Berghaupt hat sterbend Dein Glück in meine Hände gelegt. Ich liebte Dich schon lange, aber da ich das Geheimniß meines Freundes kannte, schien es mir ein Verrath, offen mit Dir zu sprechen. Solange der Grabeshügel noch so frisch war, wagte ich auch nicht von meiner Liebe zu reden, aber alle meine Gedanken und mein Herz weilten bei Dir. Mein Liebling, willst Du mir Dich anvertrauen und späterhin meine geliebte Gattin werden?" Sie zögerte einen Augenblick. „Weißt Du auch, daß meine Mutter eine Schauspielerin war, und daß ich von meinem Vater gar nichts weiß", stammelte sie endlich. „Du bist jetzt ein reicher Mann, — ich bin keine passende Gattin für Dich." „Was hindert es, daß Deine Eltern arm waren! Gott im Himmel weiß, wie arm meine Pflegeeltern waren. Ich liebe Dich, und wenn Du nicht meine Gattin werden willst, ist mein ganzes Lebensglück vernichtet. Findet denn meine heiße Liebe kein Echo in Deinem Herzen?" Sie antwortete nicht, aber ihr Haupt sank auf seine Schulter, und sie weinte Thränen des Glückes und der Freude. Unter den zahlreichen Freunden, die bei dieser frohen Nachricht das Haus des alten Commercienraths förmlich^bestürmten,'.um^den Verlobten Glück zu wünschen, fand Mademoiselle ^La Rochette sich zuerst ein. Sie überreichte der glücklichen Braut einen umfangreichen Brief, der noch nicht geöffnet und mit fremdländischen Briefmarken versehen war. „Auf ihrem Sterbebette wünschte Deine Mutter, daß dieser Brief an Deinem Verlobungstage, oder wenn Du Dein einundzwanzigstes Lebensjahr vollendet habest, in Deine Hände gelegt werden sollte", sagte die alte Dame feierlich. „Aber, mein Kind, befolge meinen Rath und wirf das Schriftstück ungelesen ins Feuer. Es enthält gewiß Nahrichten über Deinen Vater, und es ist sicher besser. Du weißt gar nichts, als schlechte Neuigkeiten zu hören." Doch Leo und Martha theilten nicht die Meinung der alten Dame; sie hatten keine Geheimnisse vor einander und öffneten daher das Schriftstück gemeinschaftlich. Zuerst fiel ein Brief in ihre Hände, der mit dem Namen „Martha La Rochette" unterzeichnet war, und den Martha's Mutter geschrieben hatte, als sie ihr Ende herannahen fühlte. Es war ein langer, liebevoller Brief, und jede Zeile athmete heißes Verlangen nach dem abwesenden Kinde. Sie erzählte, daß ihre drückende Armuth sie veranlaßt habe, ihren Namen aufzugeben und ihren früheren Mädchennamen anzunehmen. „Dein Vater war ein stolzer, deutscher Edelmann", schloß der Brief, „und stammte aus einer gräflichen Adelsfamilie. Dein richtiger Name ist „Martha von Wildenthal", und vielleicht leben noch Dein Großvater oder Deine Verwandten im südlichen Deutschland. Ich schreibe Dir dieses in der Hoffnung, daß die Gewißheit Deiner Herkunft im späteren Leben für Dich von Wichtigkeit sein wird." Diesem Briefe waren zwei wichtige Papiere eingeschlossen: der Trauschein des Grafen Hans von Wildenthal mit Martha Adair und der Geburtsschein ihrer Tochter Martha. — „Nun ist die arme, kleine Erzieherin der Berg- haupt'schen Familie sogar eine reiche Erbin", scherzte Leo, „hätte ich das früher gewußt, so würde ich nicht gewagt haben, meine Augen zu Dir zu erheben." Herr Ambach war hocherfreut. Er erklärte, das Geheimniß längst errathen zu haben, denn Niemand habe der guten Frau Marlitz so ähnlich gesehen, wie Martha, nur haben ihm die Beweise gefehlt. Ehe der Winter ins Land zog, fand im Hause des alten Commercienraths große Hochzeit statt, bei der auch Mademoiselle La Rochette und der Lehrer mit seinen Kindern zugegen war. Frau Berghaupt konnte nicht überredet werden, an der Festlichkeit Theil zu nehmen, und schützte ablehnend die Trauer um ihren Sohn Willy vor. In Wahrheit wollte sie das Glück der Liebenden nicht mit ansehen, denn sie konnte es Leo nicht vergeben, Martha vor ihren eigenen Töchtern den Vorzug gegeben zu haben. Die beiden kleinen Stiefschwestern der Braut streuten Blumen auf dem Wege zum Traualtar und freuten sich schon auf die kommenden Ferien, die sie fortan auf dem Schloß Wildenthal zubringen sollten. Es war der jungen Frau eine große Freude, mit Einwilligung ihres Gatten ihrem Stiefvater alles Geld mit Zinsen zurückzuzahlen, das er für ihre Erziehung gegeben hatte, und sie war fest entschlossen, ihren kleinen Stiefschwestercheu alle Liebe zu bieten, die sie in ihrer Jugend so schmerzlich entbehrt hatte. 379 Für alle Anwohner des Schlosses Wildenthal fing mit dem Einzüge des jungen Paares ein neues Leben an. Wie Frau Marlitz den Armen und Nothleidenden wie ein Engel der Liebe und Güte erschienen war, so stillte Martha jetzt die Thränen der Noth und der Armuth, und die unerwartete Erbschaft wurde zum Segen für Tausende. Allerlei. Die Vernichtung der Cholera-Bacillen durch das Wasser indischer Flüsse. Die indischen Aerzte haben sich bekanntlich stets hartnäckig gegen die Annahme gesträubt, daß der Ausbruch von Cholera- Epidemieen durch den Genuß infizirten Wassers veranlaßt werden könnte. Die Gründe gegen diese Annahme waren wichtig genug. Niemals breiteten sich Cholera-Epidemieen den Ganges abwärts aus, sondern gelangten stets von dem eigentlichen Choleraherde, in Bengalen, an die Ganges- Mündung. Auch wurden zahlreiche Cholera-Leichen in die Flüsse geworfen, ohne daß sich jemals bet Leuten, welche zum Theil sogar ausschließlich Flußwasser genossen, eine Ansteckung in Folge dessen gezeigt hätte. Nunmehr hat jedoch Hankin nach einem vorläufigen Bericht an die „Annalen des Instituts Pasteur" in Paris eine Entdeckung gemacht, welche diese Thatsachen mit der obigen Theorie in Einklang bringt. Hankin hat nämlich durch Untersuchungen den Nachweis geliefert, daß das Wasser gewisser indischer Flüsse, besonders der Dscha- muna und des Ganges, die Fähigkeit hat, die Cholera-Bacillen zu vernichten. Wodurch das Flußwasser diese Eigenschaft gewinnt, ist noch nicht festgestellt, man nimmt die Gegenwart gewisser, den Bakterien schädlicher Säuren an. Im Wasser der Brunnen fand Hankin stets zahlreiche CholeraBacillen, so daß also die oben erwähnte Auffassung der indischen Aerzte von der Unschuld des Wassers im Allgemeinen nicht zutreffend ist. Nur die Flüsse besitzen eine Art von Selbstreinigung. Besondere Feststellungen gibt Hankin bezüglich der Dschamuna in der Umgebung von Agra, einer Stadt von 160,000 Einwohnern. Die Stadt bezieht ihr Wasser aus dem Flusse und leitet ihre sämmtlichen Abwässer unterhalb wieder in den Fluß zurück, trotzdem verschwindet die bak- teriologische Verunreinigung des Flusses in 12^ englischen Meilen Entfernung unterhalb der Stadt vollkommen. An der Ableitungsstelle des Wassers, oberhalb der Stadt, wurden 700—750 Bakterien im Kubikmeter Wasser gefunden, die Zahl steigt unmittelbar unterhalb der Stadt auf 16,000 bis 21,000, fällt dann in 2—3 Meilen auf 6200—4300, in 5—6 Meilen bereits auf 760—500 und endlich in 120 Meilen auf 125—130, d. h. eben so viel wie bei Dhobus-hat, 5—6Meilen oberhalb Agra. Diese Zahlen stammen vom Anfang des Monats Februar. Das Wasser des Flusses besitzt für den Cholera-Bacillus dieselbe tödtende Kraft oberhalb wie unterhalb der Stadt und ebenso in der Nachbarschaft eines eben in die Strömung geworfenen Cholera- Leichnams, wie in der Nähe einer schon länger im Wasser gelegenen Leiche. Hankin gibt dann noch interessante Vergleichszahlen: Ftltrtrtes Dschamunawasser, oberhalb der Stadt dem Flusse entnommen, das ursprünglich 1200 Kolonien von Cholera-Bacillen enthielt, hatte deren nach einer Stunde nur noch 200, nach zwei Stunden bereits keine einzige mehr, Wasser von unterhalb der Stadt, ursprünglich mit 1500 Kolonien inficirt, hatte diese nach Verlauf einer Stunde bereits sämmtlich ver- 4 » >»> 4 ^— Partie aus Mittrnwald. 4 Ws MIM ASM 380 nichtet, im Wasser, das neben einer alten Leiche geschöpft wurde und 1250 Kolonien enthielt, waren nach einer Stunde bereits sämmtliche Kolonien bis auf 50 getödtet, nach einer weiteren Stunde auch der Rest; im Wasser, neben einer frischen Leiche, mit anfänglich 2000 Kolonie»/ erhielten sich nach einer Stunde 500, nach zwei Stunden noch 200, nach 3'/z Stunden keine mehr. Wurde das Wasser dagegen gekocht, so verlor es seine bakteriocide Eigenschaft; wenn in solchem anfangs 1250 Kolonien vorhanden waren, nahm deren Zahl in 3*/z Stunden zwar auf 200 ab, stieg aber nach 48 Stunden auf 48,000. Im Brunnenwasser stieg die Zahl in 48 Stunden von 1200 auf 16,000. Aehnliche Experimente an anderen Orten ergaben dieselben Resultate. Ebenso bestätigten Versuche mit Cholera-Kulturen in Pepton die völlige Tödt- ung aller Cholerakeiwe in frischem Dschamuna-Wasser. * Pflügen des Wassers behufs Platingewinnung. So bekannt das Pflügen des Erdbodens ist, so befremdend muß es Jedermann erscheinen, daß auch das Wasser gepflügt werden kann. Freilich darf man darunter nicht das flüssige Element verstehen und scheint es ziemlich natürlich, daß es sich um ein Pflügen des Grundes des Wasserlaufes handelt. Dieses eigenartige Verfahren wird, wie uns das Patentbureau von G. Dedreux in München mittheilt, von den Anwohnern des Flusses Tura im russischen Gouvernement Tomsk ausgeübt. Der hiezu erforderliche Pflug besteht aus einem Floß, an welchem eine geeignete Rinne mit einer Pflugschar befestigt ist. Dieser Pflug fährt stromabwärts und der von der Schar abgeschnittene Grund fällt in die Rinne und aus dieser in einen Bottich, woselbst der Flußsand ausgewaschen wird, um die in dem Sande enthaltene große Menge Platin zu gewinnen. So primitiv die Vorrichtungen auch sind, so nutzbringend sollen sie sich gestalten, so daß die Bauern das Pflügen des Wassers seiner Rentabilität wegen der des Landes vorziehen. -X- UebertriebeneHöflichkeit. „Der Herr Professor ist zu Hause?" — „Ja, mein Herr." — „O, dann will ich nicht stören, dann besuch' ich ihn lieber ein anderes Mal!" --SÄ88WS-- - Zu unseren Bildern. Vor der Execulion. In der Küche, in der Speisekammer und im Hausflur war es schon seit langem nicht ganz in Ordnung. Man hörte zuweilen ein verdächtiges Geräusch auf dem Fußboden, in den Ecken und im Gerümpel: es raschelte, knisperte und knusperte; manchmal klang auch ein leises, feines Pfeifen, und dann war es wieder, als huschte etwas über den Fußboden und an den Wänden hinauf. Die Mutter berichtete eines schönen Tages, daß der Speck in der Vorrathskammer angefressen sei, auch das Brod hatte ein ganz merkwürdiges Loch an der einen Seite, und auch noch sonstige Spuren ließen auf höchst sonderbare Dinge schließen und die Kinder kamen zu der Ueberzeugung, daß Mäuse im Hause sein mußten. Und als dann auch Käthchen eines Tages von einer lebendigen Maus, die an ihr vorbei in das Loch in der Ecke schlüpfte, auf s Höchste erschreckt wurde, da war kein Zweifel mehr möglich, es war konstatirt: man hatte Mäuse I Selbstverständlich beschloß man sofort, dem Ungeziefer energisch zu Leibe zu gehen. Es fand sich noch eine Mausefalle vor, welche die Mutter vor Jahren von einem herumziehenden braunen Gesellen gekauft hatte. Das Instrument wurde wieder in Stand gesetzt und, nach dem uralten Rezept: „Mit Speck fängt man Mäuse", mit einem etwas angebratenen, lieblich duftenden Speckstückchen ausgerüstet, unter das Gerümpel in die Ecke gestellt. Das geschah gegen Abend. Am andern Morgen, als die Kinder in dem Vorraum der Küche spielten, fiel es dem Franz ein, nach der Mausefalle zu sehen. Sie wurde hervorgeholt, und — siehe da! — es befand sich eine Maus darin, eine richtige Maus! Große Erregung unter den kleinen Leuten I Nun wird das gefangene Thierchen, das ängstlich in seinem Käfig umherläuft, von allen Seiten beobachtet, und schließlich kommt Nachbars Lieschen auf den genialen Einfall, ihre Hauskatze zu holen, welche an dem kleinen Verbrecher die Execution vollziehen soll. Das ist der Moment, welchen unser liebenswürdiges, reizendes Bild darstellt. Der Renommist. An' größcr'n Aufschneider Gibt'^ auf der Welt net, Wie der Forstg'hilf vo' Klasing, Da gibt's goa' koa' G'red'. Der frißt die Wildschützen Mit Haut und Haar scho', Wenn's aber d'raf o(n)kimmt, Nacher laaft er davo'. So hat er 'n G'schwendtner In der Früah glei' derzäblt, Daß er z'Nachts hat an'Wildschütz In d' Klamm abi g'schnellt. „Er is ma begcgn't durt Am Hoa(n)kogel d'rent Und wollt' mit an' Gamsbock G'rad' abi zum G'wänd'. Da pack' i'n und reiß'n Wie—r—an' Strohwisch glei' z'samm, Und wie ma—r—a so raafa, Fallt er abi in d' Klamm." „O Donna", sagt der G'schwendtner Und schmunzelt dazua, — „Werts' denn?—Herr gib eahm Die ewige Ruahl" — „Wer'sg'we'nis? J woaß net, Dees is ja die G'schicht', Denn g'schwärzt hat drSpitzbua Mit Ruaß sei' ganz' G'sicht." Der Forstg'hilf thuat wichti', Der G'schwendtner, der lacht, Denn er is ja selm g'we'n, Der Wildschütz heu(n)t Nacht. Und wie—r—a mit'nGamsbock Auf'n Hoamwcg is scho', Beaegn't eahm der Forstg'hilf Und der — laaft davo'I Jetzt fitzen s' nebmananda Ganz sriedli' bei'n Glas, Und hart nebma eahna Steckt der Gamsbock im Faß. Mitlenwald. Der Markt Mittenwald, an der Jsar gelegen und vom Karwendel-Gebirg, welches 2368 Meter hoch ist, überragt, ist ein berühmter Lustkurort und eine der beliebtesten Partien im bayerischen Gebirge. Im Süden führt der Scharnitzpaß nach Tirol, im Westen erhebt sich der Wetterstein. Der Ort soll unter dem Namen Inutrlum schon den Römern bekannt gewesen sein und war im Mittelalter Station der großen Handelsstraße zwischen Augsburg und Italien. Mittenwald ist weithin hekannt durch seine Fabrikation musikalischer Instrumente, die 1684 von Mathias Klotz, einem geborenen Mittenwalder und Schüler von Niccolö Amati, gegründet wurde. Schachaufgabe. Von Johann Berger. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 4. Zuge matt. „Augsburgrr PostMung". ^ 51 . Ireitag, den 19. Juni 1896 . Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbefitzer Dr. Max Huttler). WHeingokö. Novelle von Cary Groß. (Fortsetzung.) II. Am untern Saum des Nachtigallenwäldchens, fernab vom Staub der Landstraße und außer Bereich von Fräulein Hennigs hämischen Blicken und spitzen Reden, saß zur selben Zeit ein junges Mädchen unter dem Schaitendach einer Eiche, an deren Stamm sich die mittelgroße, schlanke Gestalt in behaglicher Ruhe lehnte. — Aromatischer Duft stieg aus dem frisch gemähten Anger empor, der vom Wäldchen zu den noch von zartem Sommergrün umsponnenen Weingeländen sich hinabsenkte. In das Gezirp der Grillen tönten hie und da die kräftigeren Noten der Grasmücken und Drosseln. Die Silberfluth des Rheins blinkte durch das Weiden- gebüsch am fernen Rand des Stromes, der wie ein funkelndes Geschmeide das keck sich aufthürmende Rolandseck am jenseitigen Ufer umkränzte; das liebliche Bild spiegelte sich in den großen Augen der einsamen Beschauerin und senkte Frieden und Sonnenglanz tief hinein in ein empfängliches Herz, von wo sie wieder das ganze Wesen des holden Mädchens durchstrahlten. Freude und Entzücken leuchtete aus jedem Zuge des leichtgebräunten GesichtchenS, daS in seiner Zartheit und Regelmäßigkeit ein Wunderwerk der Natur war. Sie schien eS mit besonderer Sorgfalt geformt zu haben, damit es einem lebhaften Geist und tiefen Empfindungen zum leichten Ausdruck diene und die Schönheit der Form sich zu einer äußerst seelenvollen und anziehenden gestalte. Ottilie Grube war es, die hier daS Glück einsamen Wanderns genoß. Wenn ihre Augen so wie jetzt entzückt an der Schönheit der Gegend sich weideten, erschienen sie unter dem Schatten der langen Wimpern ticfdunkel, und sie glich, trotz des Goldhaars mit dem metallischen Schimmer, einem Kinde des Südens, das pathetisches Fühlen in Miene und Geberde offenbart. Aber dieselben Augen konnten in kindlicher Fröhlichkeit strahlen und wie Sterne im hellen Lichte funkeln; dann verbreiteten sie Lust und Freude, die in Ottilie sich gar oft zu Schelmerei und zu Uebermuth steigerten. Ihr vom Vater ererbtes rheinisches Naturell erhielt alsdann die Oberhand über den tiefern Grund ihres Wesens, einen Zug zur Schwärmerei, den ihr Vater ihr „Mutterbe" nannte. Ihm entstammte ihre Vorliebe für Kunst und Musik, sowie ihr Verlangen nach edler Liebe und ihr Vorsatz, keinem Freier Gehör zu schenken, der sie nicht um ihrer selbst willen liebte, sie nicht suchen würde, wenn sie keine Erbin wäre. Daß sothaner Vorsatz schwer auszuführen sei und man dabei getäuscht werden könne, wußte Ottilie; aber diese Einsicht vermochte die Romantik ihrer Gesinnung nicht abzuschwächen, zumal ihr Herz noch für Niemand gesprochen hatte. Ihr Vater, der sein Kind gar wohl verstand und sich gewöhnt hatte, ihr in Allem Freiheit zu lassen, waS ihrer Natur entsprach, begann schon zu fürchten, ihre Grille könne nachtheilig auf ihren Lebensgang wirken. Er verlachte ihre Furcht, aus Berechnung gefreit zu werden, weil er besser wie sie einsah, in welche« Grad anziehend seine Tochter war. Gerade die Doppelnatur in Ottilie, die sich nicht sowohl in Contrasten, als im harmonischen Zusammenklingen verschiedener Anlagen äußerte, gab ihrer Schönheit den höchsten Zauber, und des Vaters Sorge bestand weniger darin, daß sein Kind echte Liebe erregen könne denn dieß erschien ihm selbstverständlich — eher war er besorgt, sie werde aus Laune den rechten Mann von sich weisen, der ihr reiches Herz und ihren eigenthümlichen Charakter zu verstehen und zu leiten wisse. Ottiliens Träumerei unter der Eiche wurde unterbrochen durch eine sanfte Stimme, die ganz in ihrer Nähe aus dem Buschwerk hervortönte. „Währt es Ihnen zu lange, Liebling, wenn ich am Waldsaume die Tausendguldenkräutlein sammle, die in Hülle und Fülle hier wachsen. Schwester Clementine möchte damit ihren Arzneivorrath mehren. Nehmen Sie einstweilen, was ich für Sie gepflückt habe." Mit einem Sträußchen Waldesbceren und einer Ranke rother Heckenröschen trat nun eine kleine, runde Dame mittleren Alters zu der jungen Schönen heran. „O, wie schönt Besten Dank gute Mißil" sagte diese, sich der gebotenen Gaben bemächtigend. „Thun Sie ganz nach Ihrem Belieben. ES ist noch früh; ich eile gar nicht von dem köstlichen Punkte hinweg. Sehen Sie nur, wie herrlich von hier aus Strom, Insel und Bergwclt erscheinen." Sie legte den Arm zärtlich um der Engländerin Schulter und bewog sie, sich dem Land- schastSbild zuzuwenden. „Ja — herrlich!" sagte Miß Nich, nach einem zerstreuten Blick in die Ferne. „Aber allzu viel Zeit dürfen wir doch nicht verlieren. Ich pflücke meine Kräuter im Anfwärtsgchen und kann an der Waldecke oben zu 382 Ihnen stoßen, wenn Sie langsam dem Waldpfad dorthin folgen. Wir dürfen die gute Frau Näthin nicht warten lassen? Sie hofft uns droben im Wald am Fuß deS yelsens zu finden. Sie wünscht, daß wir mit ihr vereint auf dem Drachenfels ankommen." In Ottiliens Auge blitzte der schelmische Glanz. „O, ich merke, Sie theilen meine Lust an diesem Kaldweg nur halb, Mißt. Nur um des Tausendgüldenkrauts willen haben Sie mir die Rast und Erfrischung fn Waldesfrische gegönnt. Aber rechnen Sie nur nicht ohne meine Kobolde! Sie find mir überall dienstbar. Auch heute haben sie mir zugeflüstert, daß ein Plan gegen meine Freiheit geschmiedet wird und sogar meine liebe Mißt sich bewegen läßt, dem Waldvöglein Schlingen zu legen, Schlingen, denen es jedoch zu entgehen weiß!" Auf dem offenen Gesicht der Engländerin zeigte sich peinliche Verlegenheit. Sie wand sich bestürzt aus dem Arm Ottiliens, die sie lachend ansah. ,0, sliLnrs!" rief sie. „Sie beschuldigen mich fälsch, Kind! Ich mache keine Complotte, die Sie zu fürchten haben! Beraubt es Sie der Freiheit, wenn jSie sich einmal Leute ansehen, die Andere als vorzügliche Menschen kennen? Soll ich mich widersetzen, wenn ein jbistinguirter Herr, ein Gentleman, das Glück sucht, Ahnen vorgestellt zu werden, um Sie kennen zu lernen? Abzuschätzen nach Goldwerth l — Dieser Verdacht geht zu weit! Wahrlich, Kind, eS wird ihre Manie, in jedem Mann, der den Blick auf Sie richtet, einen Goldsucher, einen Glücksjäger zu vermuthen. Wenn das so fort geht, werden Sie eine alte Jungfer werden, wie ich." „Als ob das ein Unglück wäre, eine so liebe, freundliche, nützliche alte Jungfer zu werden, wie Mißt!" „O, mit Schmeichelei kirren Sie mich nicht, Ottilie! Sie würden auch gar nicht so werden wie ich, die von der Nothwendigkeit früh am die Arbeit gewiesen wurde, die nicht aus Uebermuth, nicht aus Zweifelsucht brave Bewerber abgewiesen, nicht eigensinnig sich von dem natürlichen Pflichtweg der Frau abgewandt hat. Sie find freilich noch jung, sehr jung. Niemand drängt Sie ur Entscheidung; aber warnen muß ich Sie vor der rankhaft werdenden — ja krankhaft! — so sagt selbst Phr Vater — krankhaften Sucht, bei jeder Bewerbung Berechnung zu vermuthen. Als ob nur Ihre Mitgift Ähren Reiz bildete. Sie find schön, geistreich, voll jLalent." „Und so weiter! in netsinum. Ich kenne schon pie ganze Liste meiner Vorzüge, die meine Mißt und Mein guter Vater, ja bisweilen sogar «ein Bruder lOttmar mir vorsingen. Merkt Ihr denn die Gefahr picht, daß Ihr mir durch Lob erst vollends den Kopf perdreht und ich mich immer höher schätze und gar nur hem schönsten Prinzen oder stolzesten Ritter mich zu eigen -eben will. Das schöne Königskind vom Kynast — vielleicht gab es auch eins auf dem Drachenfels! — Machte eS so. Unser heutiger Besuch dort oben könnte Mir die Lust eingeben, von einem gewissen Hcilkünstler /einen Gang oder Ritt rings um die zerbröckelten Felsen M Probe seiner Uneigennützigkeit zu verlangen. Ja Mißt, das will ich, ob Sie den Kopf schütteln oder »licht. Es wäre allerliebst, könnte man eine derartige Probe machen, wenn auch keine gar so halsbrechende, für die ein zartfühlender AeSkulapsjünger sich schon von Amtswegen bedanken müßte." Miß Rich erröthete immer tiefer und bewunderte dabei den Scharfblick ihres Lieblings, der die Pläne der Näthin durchschaut und ihre Parteinahme erkannt hatte. — Aber weil die Pläne gut waren, sagte sie mit schüchternem Pathos: „Um Gotteswillen, Ottilie, denken Sie sich nur keine romantischen Proben aus!" „Ausdenken!" war die lachende Entgegnung, „nein, ausdenken werde ich mir gewiß nichts, zumal es hier der Probe nicht bedarf. Es wäre nur allerliebst, wenn sich zufällig einmal etwas böte, was wenigstens Abwechslung in unsere Alltäglichkeit brächte. Heutzutage schlagen sogar die Nachtigallen von Roensdorf nur zu vorbestellten Stunden, und Niemand wagt es einen andern Schritt zu thun, als sein Vormann." „Nun, gar so ausgetreten find die Pfade nicht, auf denen mein Liebling mich oft genug zwingt, ihm zu folgen!" sagte Miß Rich mit feinem Lächeln. „Auch fehlt eS meiner lieben Ottilie gerade nicht an Muth ihren Einfällen zu folgen. — Fräulein Hennigs spitze Blicke glichen Dolchen. Es schien mir geradezu gefährlich, nachzugeben, als Sie Ihrer Laune folgten, um der bequemen Wagenfahrt den anstrengenden Weg vorzuziehen, und den Wagen der Räthin verließen." Ottilie lachte. „Gefährlicher noch wären die Worte gewesen, die ich vernommen hätte, wenn ich bei den Damen blieb; bedenken Sie doch die Lobsprüche, die oft gehörten, lästigen —" „Auf den unvergeßlichen Wilhelm?" „Nein, die kann ich ertragen, das verwittwete Herz flößt mir sogar Mitleid ein. Ich vermeine die auf einen gewissen „distinguirten" Menschen, von Ihnen Gentleman geheißen, liebe Mißi." Miß Rich erröthete neuerdings. „Immerhin wollen wir unserer guten Wirthin Geduld nicht auf die Probe stellen", sagte sie abbrechend. „Ich eile die Kräuter zu pflücken. Bitte, folgen Sie bald dort hinauf!" Belustigt blickte Ottilie der Gefährtin nach, als sie zum Blumensammeln enteilte. »Ich sollte ihr helfen", sagte sie zu sich selbst, „aber die Gute verlangt es nicht einmal. Dafür kann ich noch ein Weilchen den Zauber der Waldeinsamkeit genießen." Lange sollte aber Ottilie sich dieser Einsamkeit nicht erfreuen. Sie hatte eben ihren Rastort verlassen und begann dem sanft ansteigenden Pfad in den Wald zu folgen, als tiefer unten, auf dem im Zickzack geführten Weg, Stimmen laut wurden. Noch andere Spaziergänger folgten ihr auf dem Waldpfad, trotz der warmen Mittagszeit. Das Unterholz verhinderte Ottilie die Nachkommenden zu sehen, aber sie unterschied deutlich die Stimme eines Mannes und eines Mädchens. Bisweilen stehen- bleibend, führten die Nachkommenden eine laute, Ottilie verständliche Unterredung. Die Rede des Mannes klang wie von einer Bühne dröhnend, als sagte er etwas auswendig Gelerntes auf, das voll Pathos und Leidenschaft sich in oft gehörten Floskeln bewegte; dazwischen hinein klangen Bitten des Kindes in schlichten Worten nur um so ergreifender. Auch vernahm Ottilie, die unwillkürlich stehen blieb und horchte, verhaltenes Schluchzen, das öfters in die thränen- vollen Bitten des Mädchens sich mischte. Die Stimme des Mannes» den die Weinende Vater nannte, kam — 383 Ottilie bekannt vor. Aufmerksam lauschend, harrte sie der Nachkommenden. Bald verstand sie jedes Wort. Der Mann ergoß sich in Klagen über sein bitteres Loos, über seine Verlassenheit und die Undankbarkeit des einzigen Kindes, das ihn an der Schwelle des Alters und der Armuth vor den Menschen verleugne, sich seiner schäme, ihn gering schätze, weil er der Welt und ihrer Lust dienen müsse. Doch habe er in diesem Beruf sich nicht entehrt, ihn auch nicht selbst gewühlt; die Muse habe ihn ihm gegeben, aber die Götter seien grausam, verließen schnöde ihre Lieblinge. Dazwischen sagte er wieder in milderem Ton, er zweifle ja nicht am Herzen der Tochter, die er gleich einer vornehmen Dame mit sauren Ersparnissen erzogen habe, weil er selbst sie, wenn nicht einem besseren, doch wenigstens einem sichereren Beruf bestimmt habe als der seine; allerdings meine er nicht den Schleier, den sie nur deshalb nehmen wolle, um zwischen sich und der Welt, in der ihr Vater lebe, eine Scheidewand herzustellen. Trotz dieser Einsicht wolle er an ihre kindliche Ergebenheit glauben, wenn sie nur heute, nur dies einemal sich nicht geweigert hätte, ihn in seinem Wirken zu unterstützen, heute, da sicher viele Gäste auf den Drachenfels kommen, seine Stimme hören und von ihrem Urtheil sein Engagement als „Rheinsänger" für den Sommer abhängig sein werde. Ein solcher sei auf dem Drachenfels beliebter noch, als auf andern Burgen. Gerade heute sei er seiner Stimme nicht sicher ohne Begleitung, und heute, wo er den leichten Dienst vom einzigen Kinde verlange, weigere es sich und schütze die Verwundung des Handgelenks vor, als ob sie die hindere, wenige Accorde auf der Guitarre zu spielen. Diese Hülfe würde hinreichen, seine gebrochene Kraft zu heben, ihn befähigen zu seinem Wirken , das allerdings seines Talentes nicht würdig sei, aber doch ihn davor schütze, als Bettler durch die Welt zu gehen. Wahrlich, der Blinde drüben am Aufgange zum Felsen sei besser daran wie er; denn der habe noch eine Mignon, während er verlassen sei von der seinen. Die Thränen seines KindeS, deklamirte der Mann weiter, entstammten der Scheu sich öffentlich zeigen, an des Vaters Seite stehen zu sollen, der doch schützend die Arme vor sie breiten werde; sie beweine nicht ihr beiderseitiges Unglück. — Nach jeder derartigen Tirade hörte Ottilie immer dieselben demüthigen Bitten der Begleiterin deS Sprechenden, er möge ihr verzeihen, sie denke nicht daran, sich seiner, des treuesten Vaters, zu schämen, nur Scheu vor der Welt und Unfähigkeit, die geschwollene Hand zu brauchen, bestimmten ihre Wünsche, ihn nicht auf den Drachenfels zu begleiten. Ihre Thränen seien Zeugen, wie leid es ihr thue, dem Vater nicht dienen zu können. In der That war das Gesicht des jungen Mädchens, das nun an der Wendung des Weges sich Ottilien zeigte, von Weinen geröthet. Der in der Schlinge getragene Arm und die zitternde Stimme sprachen noch deutlicher von der traurigen Lage des jungen Geschöpfes, dem sofort Ottiliens Theilnahme sich zuwandte. Sie bemerkte, wie dürftig, aber in Schnitt und Farbe bescheiden und anständig, das Gewand war, das die schmächtige Gestalt umschloß. Sie sah in dem blaffen Gestchtchen neben den Thränenspuren auch den kindlichen, rührenden Ausdruck der Hülflosigkeit, eine sympathische, noch nicht völlig entwickelte Schönheit. Nur das Hütchen, von Rosen und Flittergold überreich bedeckt, paßte nicht zu dem Eindruck, den das Kind machte. Ohne diesen Kopfputz und die an buntem Band getragene Guitarre Hütte die Kleine «ehr einer Klosterschülerin, als einer fahrenden Sängerin geglichen. Mühsam Athem holend blieb das Mädchen stehen und bemühte sich, mit der freien Hand die reichlich fließenden Thränen zu trocknen. So bemerkte es Ottilie nicht, die dem Zug ihres mitleidigen Herzens folgte, u. ihr näher trat. Aber des Mädchens Vater bemerkte sie sofort, als auch er nun um die Ecke des Weges bog. — Er unterbrach seine Klageergüsse. Sein Schönheit liebendes Künstlerange haftete an der Erscheinung voll seltener Grazie, die im lichten Gewand, mit den wallenden Locken, von denen sie den Hut abgenommen hatte, mitten im beschatteten Waldweg stand. Sonnenstrahlen drangen durchs Laub- dach und zauberten Goldreflexe auf das wellige Haar und vermehrten den eigenartigen Liebreiz der jugendlichen Erscheinung. „Loreley oder Dryade?" rief der greife Sänger im Ton einer Theaterrolle — „Waldfee oder Muse? Wer naht sich uns Armen hier im düstern Hain, auf dem Danaerveg der Unglücklichen? Ist es uns zum Fluch oder zum Segen, wenn Göttliche nahen?" „Zum Segen, wenn Sie mich damit meinen, Herr Werner Goldmuud", lautete die heitere Antwort, „mich, Ottilie Grube, ein sterbliches Mädchen, dem Sie einst Unterricht ertheilt haben in unsterblichen Weisen. Erinnern Sie sich meiner nicht mehr?" Ottilie hatte den Mann trotz seines veränderten Aeußern, einen alten Mustklehrer, wieder erkannt, an den Stimme und Redeweise sie sofort gemahnt hatten. Vor wenigen Jahren noch ein berühmter Sänger und Musiker, hatte er, als sein Tenor anfing nicht mehr für große Bühnen auszureichen, in der Hauptstadt Steier- marks Unterricht im Singen ertheilt; Ottilie gehörte zu seinen bevorzugten Schülerinnen. Sie hatte den Mann trotz seiner Wunderlichkeiten, die zum Theil auf Größenwahn beruhten, schätzen gelernt. Sie hatte damals schon erfahren, wie zärtlich besorgt er für seine Familie war. Die Tochter ließ er zu Paris in eine« vornehmen Pensionat erziehen, und scheute keine Gcldapfer für diesen Zweck, sowie für die Pflege seiner siechen Frau, die in einem südfranzösischen Badeort weilte, und bis zu ihrem Tode ihrem Gatten große Kosten verursachte, der überdies leichter erwerben als verwalten konnte und große Verluste an seinem Vermögen erlitten hatte, so daß er gezwungen war, sein Können mühselig zu verwerthen. Bald nachher war Goldmund aus der Künstlerwelt verschwunden; seit nahezu drei Jahren hatte Ottilie nichts mehr von ihm gehört, ihm aber ein gutes und dankbares Andenken bewahrt, das stets lebendig wurde, wenn sie die von ihm erlernten Lieder sang. Als Goldmund unerwartet vor die einstige Schülerin trat, trug er einen langen, weißen Bart, wie er ihn für die Erscheinung eines Burg- und Nhetnsängers geeignet hielt. Lange, graue Locken 'deckte ein breiter Schlapphut. Ein braunes Gewand von vergriffenem Sammt umschloß die noch immer stattliche, nur wenig gebeugte Gestalt. — Das theatralische Auftreten gehörte zu seinem innersten Wesen, aber ebenso der Ausdruck eines rechtschaffenen und anständigen Mannes, dessen Gepräge unverkennbar in seinen Zügen zu lesen war. Ottilie, die ihn als solchen genügsam kannte, überließ sich unbedenklich der freudigen Stimmung, mit der die Begegnung sie erfüllte. «Ich hoffe Sie freuen sich doch auch, mich hier -t» 384 — sehen", rief sie dem noch immer Staunenden zu. „Einst nannten Sie mich Sappho und sich Anakreon; wissen Sie es nicht mehr, daß Sie sich unbedenklich zu der lesbischen Dichterin Lehrer stempelten? Glauben Sie nicht, es sei ein guter Stern, der uns hier zusammenführt?" „Meine Sterne sind längst untergegangen", rief Goldmund, entzückt Ottilie betrachtend, „aber eine Sonne geht mir hier auf, eine Sonne, der ich geblendet ins Auge sehe. Ja, Sappho, das sind Siel Wie eine Sappho sehen Sie aus, ihr gleichen Sie weit mehr noch, als einer Mignon, Loreley oder Waldfee. Strahlen von allen Huldgestalten spielen um Ihre Stirne. Gewiß find Sie auch eine geweihte Sängerin geblieben! O, daß meine Feltcitas — Jnfelicitas sollte sie heißen, — mein Töchterlein hier, mein einziges Kind, Ihre Mittel hätte, Ihr Talent, Ihre Stimme! — Aber was hülfe es? Sie würde dennoch den alten Vater verlassen wollen! Im kühlen Schatten des Heiligthums ruht die Vestalin, sicher vor Stürmen, die dem greisen Sänger die Locken zerzausen!* „Lassen Sie die Vorwürfe ruhen, Meister!" bat Ottilie und zog das bebende Mädchen zu sich heran. „Ihr Kind scheint krank zu sein und zu leiden, wie ich aus Ihrem Gespräche soeben vernahm. Sie sieht nicht aus, als wolle sie den Vater kränken. Erzählen Sie mir lieber, was ihr widerfahren ist." „Ein Geschick, ein Mißgeschick! Das ist es ja, weß- halb ich sie Jnfelicitas nenne, meine arme, kleine Licie, die wirklich ein gutes, nur zu schüchternes Kind ist. Sie hatte, trotz ihrer Schüchternheit, endlich doch eingewilligt, mich nicht mehr zu verlassen. Jetzt, da ich die Pension nicht mehr bezahlen kann, war ihr Bleiben im Kloster ohnehin zu Ende. Sängerin kann sie nicht werden; ihre Stimme reicht dazu nicht aus; aber sie soll meine unsicher werdende Stimme unterstützen mit der Guitarre. Heute liegt mir besonders viel daran. Von meinem Debüt auf dem Drachenfels hängt meine arme Zukunft ab. Licie kommt auch geduldig mit mir, schmückt sich sogar nach meinem Wunsch mit den Symbolen der Jugend und Poesie, den Nosen und dem Gold. Beim Anssteigen aus dem Kahn, der uns über den Rhein trug, gleitet sie aus, fällt, stützt sich dabei auf die Hand und hat sie verrenkt, verdehnt, oder gar gebrochen. Am Hafenplatz war ein Arzt, der ihr sofort einen Gypsverband oder Derartiges machte. Vielleicht wäre kaltes Wasser besser gewesen oder kühlende Blätter des Epheu, der den Sängern hold ist. Ich hoffte noch. Sie hoffte. Aber es war Wahnsinn; die Schmerzen ließen zwar nach, aber ^ie Geschwulst sinkt nicht ein." Längst hatte Ottilie FelicieS freien Arm in den ihren gezogen und stützte des Mägdleins Schritte, während sie den Weg fortsetzten und Vater Goldmund die traurige Geschichte erzählte. Das ging lange her, denn der Sänger siel dabei in alle Rollen, die er je gespielt hatte, und declamirte sie mit Pathos. Aber Ottilie kannte ihn und hörte aus dem Wortschwall doch seinen aufrichtigen Schmerz heraus. Felicie dagegen wurde von ihrem mitleidigen Herzen auch ohne Worte verstanden, so daß sie lebhaft mit dem geängstigten scheuen Vögelchen fühlte, dem es vor dem Flug in die Welt bangte, in die es dem Vater folgen sollte. Verwundert sah Miß Nich, die an den Tannen Ottiliens harrte, die drei herankommen. Sie mußte sich für den Rest des Weges anschließen und sich mit den Aufklärungen begnügen, die ihr Werner Goldmund in einem zwar fließenden, aber nichts weniger als landläufigen Englisch ertheilte. Er ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, zu zeigen, daß er die Sprache Shakespeares und Shelleys beherrschte, er, der in dem Paradies und Peri die Worte im Urtext gesungen hatte! Goldmunds Name war der Miß nicht unbekannt, obgleich sie erst zu Ottilie gekommen war, als er Graz schon verlassen hatte. Sie hörte andächtig auf seine Deklamationen, war aber doch etwas beurnhigt durch die wachsende Vertraulichkeit zwischen den voraus- schreitenden Mädchen. Wie würde sie sich und Ottilie von diesen auffallenden Begleitern wieder los machen können? Sie wünschte nicht mit ihnen von Frau Reh- wald oder gar von Fräulein Hennig gesehen zu werden. Welcher Kritik würde Ottilie sich aussetzen! Und siehe, dort oben, wo die Fahrstraße vom Oelberg herüber mündete, hielt ein Landauer! Die gute Frau Rehwald hatte den weiten Umweg gemacht, um hier ihre treulosen Gäste zu erwarten. Wie beschämend war solche Güte für Ottilie oder vielmehr für die, der man sicherlich Mitschuld gab, daß Ottilie die Fußpartie unternommen hatte. Als ob irgend Jemand von Ottiliens Angehörigen je den Versuch gemacht hätte, des verwöhnten Lieblings Wünsche zu kreuzen! Hielten doch Alle die Meinung fest, daß Ottilie nie etwas wolle, was nicht gut sei. Im Grund hatten sie Recht; dennoch war Miß Rich in Verlegenheit und überlegte ängstlich, waS sie zu Ottiliens Entschuldigung der Frau Näthin sagen könnte, deren Wagen die Vier nun schon auf hundert Schritte nahe gekommen waren. Auch Ottilie hatte die ihrer harrende Näthin bemerkt. Sie blieb jetzt stehen und wandte sich zu Miß Nich und Goldmund lebhaft um. „Mißt", rief sie, „Mißt, Liebe! Hören Sie mich! Es ist mir ein herrlicher Einfall gekommen! Sie müssen mir dabei behülflich sein. Erschrecken Sie nicht, eS ist etwas Gutes und dabei köstlich unterhaltend. Sie haben nichts zu thun, als der Frau Nehwald meinen Plan mitzutheilen u. ihn, soweit eS nöthig ist, zu vertheidigen. „Hören Sie also: Ich werde an FelicieS Stelle meines alten Meisters Lieder auf der Guitarre begleiten, indeß Felicie meinen Platz am Kaffeetisch einnimmt und Herren und Damen liebenswürdig anlächelt, die sich dabei einstellen. Sie stellen sie etwaigen Bekannten als meine Freundin vor; Fremde sollen sie aber für mich selber halten, denn ich will natürlich unerkannt bleiben und, so lange ich mein Amt ausfülle, für Herrn Goldmunds Tochter gelten. Sie selber dürfen mich nicht wieder kennen, noch anreden, bis wir uns diesen Abend in Villa Nehwald wieder finden!" „Sie wollten so etwas Unerhörtes thun? Unmöglich!" riefen Goldmund und Miß Nich wie aus einem Munde, aber mit wesentlich verschiedenem Ausdruck und Gefühlen. „Warum unmöglich?" fragte Ottilie, und aus den dunklen Augen blitzte der helle Strahl des lustigen, trotzigen Uebermuths, den Mißt nur zu gut kannte, vor dem jeder Einwand vergeblich war. „Halten Sie mich etwa für unfähig, bester Meister, Ihnen unsere lieben alten Rheinlieder würdig zu begleiten?" fragte Ottilie schelmisch Goldmund. „Nicht? Nun gut. dann gibt es kein „unmöglich" mehr bet der Sache. Frau Rehwald wird sich nicht weigern, meiner netten, jungen Freundin hier so lieb und freundlich zu begegnen wie mir selbst und mir zu lieb wein unschuldiges Geheimniß zu wahren. Es kennt mich auf dem Drachenfels, außer ihr, keine Menschenseele. Herr Goldmund wird schon mir zu Ehren so gut singen, daß er gewiß die Stelle erhält. Dafür gewährt er mir die Bitte, morgen seiner Felicie zu erlauben, daß sie ihr armes Händchen und Herzchen bei den Nonnen in Nonnenwerth pflege, wo man ihr wohl will und wohin ich sie von Frau Nehwald aus begleiten werdet Aber nun schnell zur Arbeit. Zuerst eilen wir zu dem Wagen, um mich bei Frau Nehwald für heute zu verabschieden." „Aber um Gotteswillen, Ottilie äsar!" rief Miß Rich in Heller Verzweiflung, das junge Mädchen am Rock fassend, „das ist ja Alles Tollheit, ist gar nicht ausführbar! Hören Sie nur ein vernünftiges, leises Wort: Bedenken Sie doch, Frau Rehwald erwartet Leute, die getäuscht würden. Welche Verlegenheit! Dr. Lebert z. B. wünscht, Sie kennenzu lernen; Frau Nehwald versprach —" „Ach, that sie das?" kam es von den Lippen der widerstrebend Horchenden, und ihre Augen erschienen wieder dunkel, während sie den Kopf trotzig zurückwarf. „Nun, um so schlimmer für sie und ihn; Ei so besser für mich, daß mir der Einfall zu diesem Tausch gekommen ist. Jetzt erst gefällt er mir auch um meiner selbst willen. Zuerst dachte ich gar nicht an diese Seite des Abenteuers. Mag doch der feine Herr sein Urtheil und seine Gefühle erproben. Wahrlich, eS muß mein Jncognito von Jedem heilig gehalten werden, der mich lieb hat, hören Sie, Mißi? Auf Sie rechne ich, denn ich kenne ja Ihr Herz und Ihre Freundschaft." Ehe die ungleiche Gesellschaft den Wagen erreichte, hatte sich Ottilie der Fügsamkeit ihrer Gesellschafterin versichert. „Bestes Tantchen Nehwald", begann sie, sie um- schmeichelnd. „Seien Sie recht lieb und nett mit dieser meiner Freundin. Miß Rich wird Ihnen sogleich oder später erklären, weßhalb ich diese Bitte an Sie richte, und noch die weitere dazu fügen, mein Geheimniß gegen Niemand zu verrathen. Erst heute Abend sollen Sie mich wieder kennen, und ich werde Ihnen herzlich danken. Lassen Sie meine kleine Freundin inzwischen Ottilie sein. Ich selber heiße so lange Licie." Frau Nehwald begriff nicht im mindesten, was sie Mit dem jungen Mädchen anfangen sollte, dessen Guitarre nun in Herrn Goldmunds Arm wanderte. Sie machte zögernd Platz im Wagen, lächelte süßsauer, innerlich Gott dankend, daß Gleichen Hennig in Königswinter weilte und ihre Schwäche nicht mit Augen sehen konnte. Erst als Ottilie der Fremden und Miß Ntch nicht in den Wagen folgte, dämmerte ihr ein Licht auf, daß etwas Ungeheuerliches vorgehe. Zur Salzsäule erstarrt sah sie noch, daß Ottilie ihr elegantes weißes Kaschmir- mäntelchen über den verbundenen Arm des jungen Mädchens hing und statt des rosengeschmückten Hütchens ihren eigenen breitkrämpigen Strohhnt mit der prächtigen blauen Feder auf die reichen blonden Flechten der Fremden drückte. „So — jetzt fahrt zu! Tantchen, blicken Sie ja nicht mehr nach mir sich um bis diesen Abend, bitte, o bitte!" Noch ein Handkuß, und zurück vom Wagen sprang Ottilie, das Rosenhütchen am Arm, das zu ihrer lichtblauen Blouse mit den rosa Schleifen und dem weißen Rock wenigstens der Farbe nach paßte. Der Wagen rollte davon, und es blieb den aufgeregten Insassen der Anblick erspart, wie Ottilie die Guitarre aus des Sängers Hand nahm, sie sich umhängte und dann wohlgemuth ihrem Begleiter den steilen Felspfad hinan zu der Burg folgte, als wäre sie von jeher zu der Rolle seiner gehorsamen Tochter erzogen worden. (Fortsetzung folgt.) --o-i-BM-»-- In der Portierloge. Humoristische Skizze von Gustav A. Müller. Nachdruck vttbote». Wenn man eine Umfrage versuchen würde im Kreise seiner Freunde, um deren Meinung zu hören darüber, welche Berufsmenschen die gewiegtesten Menschenkenner seien, käme man wohl zu einem ergötzlichen Resultate. Der Briefträger, der Geldbote, der Dicnstmann, die Polizei, der Kammerdiener, die Köchin; der Beichtvater, der Lehrer, der Schauspieler, — alle diese „Berufsarten" würden wohl in der Sammelliste figuriren. Ich, lieber Leser, stimme für den Portier und den Oberkellner eines großen Hotels, seitdem ich einen Tag in der Portierloge eines Münchener Gasthvfs mit psychologischer Forschung verbracht habe. So zwei Leute verfügen über eine Menschenkenntniß, die den feinsten Psychologen frappiren müßte; sie sind so erfahren in der Beurtheilung der Fremden, daß sie vor jeder Gaunerei, vor jeder Eventualität sich, soweit das Interesse des Geschäfts dies zuläßt, von vornherein zu schützen wissen; und es gibt Portiers und Oberkellner, die respectvoll vor Demjenigen den Hut ziehen würden, der im Stande wäre, sie „hereinzulegen". Das macht die Wanderschaft durch die Welt, die fortwährende Berührung mit den verschiedenstgearteteu Menschen und buntesten Verhältnissen und meist ein — angeborenes Talent. Die beste Schule zur intimeren Kenntniß der menschlichen Tugenden und Thorheiten ist die Portierloge. Ich will dies beweisen, indem ich einen Tageslauf aus derselben erzähle, von dem jeder Strich erlebt ist, wenngleich er sich vielleicht anders darstellt, als wie er erlebt ward. Es ist morgens 7 Uhr im März. Wir betreten die Parterreloge des Portiers. Der Jourhabcnde sortirt die eingelaufenen Briefe. Die Postkarten, oft süß-dis- cretcsten Inhalts, liest er zum Frühstück. Eine Karte ist an das Hotel selbst adressirt; er liest, lächelt und streckt uns das Corpus äslioti hin. Wir lesen auch und lachen. Es ist eine Zimmerbestellung von köstlicher Unbestimmtheit: „Falls es nächsten Donnerstag schönes Wetter ist und ich dann von zu Hause abreisen darf, und falls ich dircct nach München fahren sollte, bitte ich Sie, mir bestimmt ein Zimmer zu rescrviren. Ich bitte um postwendende Antwort." Der Portier ist gut gelaunt und schreibt die Antwort folgendermaßen: „Falls Sie zu besagter Zeit reisen dürfen, können und wollen, falls Ihr Zug hier eintrifft und Sie anssteigen, und falls noch ein Zimmer bei uns frei sein sollte, werde ich Ihnen, wenn möglich, ganz bestimmt ein solches re- servirt halten." Eine weitere Karte an das Hotel. . . Lesen und Lachen.Treffe morgen Nacht zehn Uhr ein, reise früh 6°° Uhr weiter, und bitte um ein son- 386 nigeS Zimmer." Ein dritte Karte. . . Lesen und Lachen . . . „Komme nächsten Montag Abend an, be- stelle hiemit ein Zimmer, ein GlaS Bier und die Rechnung." Das genügt vollkommen dazu, daß die angemeldeten Gäste dem Portier vortrefflich bekannt find, ehe sie nur kommen. Die Uhr schreitet weiter. Die Früheren der dreihundert Gäste kommen bereits zum Frühstück . . An der Portierloge gehen sie nicht vorbei, es muß etwas gefragt werden, ob es gleich selbstverständlich ist; es muß etwas gesagt werden, das den Portier gar nicht interessirt; man muß etwas wissen, was kein Mensch weiß: und der Portier hört und spricht, und indem er spricht, ertheilt er dem Frager eine Lection, die dieser aber gar nicht versteht. Ist etwas für mich da? — Welche Nummer? — 36. — Nein; was immer kommt, wird an Ihre Nummer gehängt? — Hängt nichts daran? — Wie Sie sehen, nein! — Zweiter Gast: Ist dort das Frühstückszimmer, wo es angeschrieben steht? — Zweifellos. — Portier, wissen Sie, ob es jetzt in Bozen schneit? — Nein? — Aber das sollten Sie doch wissen. Wieviel Grade hat eS heute dort? Das wissen Sie auch nicht? Höchst primitive Einrichtung! — Ei, Herr Portier, ist vielleicht vor vier Wochen ein Herr hier über Nacht gewesen, der einen grauen Koffer hatte, wie ich? — Wie war sein Name? — Den weiß ich nicht, aber sein Koffer war grau wie der meine. — Dann kann ich Ihnen nicht dienen. — Was? Sie wissen nicht einmal, wer hier wohnt? Eine saubere Ordnung! — Herr Portier, ich gehe jetzt zum Frühstück! — Schön! — Portier, soll ich heule oder erst morgen reisen? Was würden Sie thun? — Sagen Sie, Herr Oberkellner, liegen die blauen Husaren in Bonn? — Bitte, Herr Portier, ist die alte oder die neue Pinakothek interessanter? — So wechseln in fast närrischer Fülle die neugierigen Fragen ab, die ein geplagter Portier alle möglichst „wissenschaftlich" beantworten soll. Wir verzeihen ihm, wenn er einem scheuen Reisenden auf die Frage, ob die — einzige Treppe, die überhaupt in Betracht kommen kann, „hinaufführe", etwas malitiöS erwidert: „ja, aber auch wieder herunter!" — - Ueberaus lästig werden die zahlreichen Reise-Onkels, die jährlich mehrmals wiederkehren und deßhalb sich so ganz wie zu Hanse geriren. Stundenlang nöthigen sie den Portier, ihre faden Witze und zweifelhaften Reiseabenteuer anzuhören oder ihre Tagespläne zu vernehmen: ein gewandter Portier hört sie schon nimmer an, ohne es merken zu lassen. Aber — er denkt sein Theil über die moralische und geistige Bedeutung seiner Gäste, die da meinen, vor einem „Hotelbediensteten" sich nicht blamiren zu können. Während wir diesen Welterfahrungen unseres Portiers lauschen, betritt ein gelehrt dreinschauender älterer Gast die Loge und prüft das medicinische Wissen unseres Wächters: „Was meinen Sie, Portier? Wird ein warmes oder ein kaltes Bad mehr aus meinen Appetit wirken?" — „Das weiß ich wirklich nicht, mein Herr!" — Aergerlich schüttelt der Fragende sein unbelaubtes Haupt und geht mit der verächtlichen Replik dann weiter: „Ach, verstehe nicht, wozu Sie dann Bäder im Hause haben!" Ein Schnellzug ist angekommen. Eine Völkerwanderung so minintnis wälzt sich heran, die Bagage schleppen keuchende Hausknechte. Nun heißt es für den Portier: organisiren, allerlei Wünsche anhören, Gepäckträger entlohnen, Briese suchen und ein offenes Auge dafür haben, wer mit und ohne Gepäck anlangt. Zu den Gästen mit federleichtem Gepäck gehört ein Herr, dem man den jovialen Studiosus auf hundert Schritte ansieht. Er hat ein Päcklein in der Hand, das er mit der gebietenden, unverwüstlichen Laune eines fahrenden Scholaren und mit den stolzen Worten übergibt: „Lassen Sie mein Gepäck anf's Zimmer bringen." Viel mehr als ein Papierkragen ist nicht in der Hülle, und unser Portier hätte nicht übel Lust, dem pnnpsr stuäiosus auf die verschämte Frage nach dem nächsten Dienstmann auch gleich die Adresse des nächsten — Leihamts zu sagen. Ein Bruder Studio findet aber leicht Credit, und darum wird er auch hier mit ausgesuchter Höflichkeit empfangen. Auch ein avisirtes Hochzeitspaar ist, ein schamhaftes Roth auf den Wangen, soeben eingetroffen. Nach kurzer Toilette erscheint es wieder unten. Der junge Herr naht sich schüchtern, fast unterthänig der Portierloge und verbeugt sich tief, indem er den Zimmerschlüssel abgibt. Dann ertönt die verblüffend ergebungsvolle Frage an den Portier: „Gestatten Sie, daß ich mit meiner Frau vor Tisch noch ein wenig zur Stadt gehe?" — „Aber mit Vergnügen, mein Herr", lautet der gnädige Bescheid. Ein dankbares Complimeut — das der Portier respektvoll erwidert. Von einem solch kühnen und rcise- kundigen jungen Ehemann ist ein gutes Trinkgeld sicher . . . Mit der Fremdenschaar ist auch ein einfach gekleideter Geistlicher angekommen. Ein biederer Landpfarrer, denkt der Portier mit uns. Diese Herren lieben das Schlichte, Billige ... ein Zimmerchen nach hinten im vierten Stock ist wohl das Richtige. Dahin geleitet der Bursche den alten Herrn, dem das Steigen nicht sehr anmuthig erscheint. Ein sauberes, aber enges Gemach mit Ausblick auf die Waschküche . . . Kostet auch nur 1 M. 50 Pfg. Name, Stand, Herkunft. . . Der Bursche bringt das Buch und die Karte herunter und entgeht mit knapper Noth einer Ohrfeige des fassungslosen Portiers: „Monsignor N. N., Erzbischof von N., päpstlicher Thron-Assistent." Buchstäblich steht so zu lesen; die Verlegenheit ist entsetzlich, dem angebotenen Zimmer gemäß. Da tritt der „biedere Landpfarrer" in den Speisesaal, der Portier eilt ihm ehrfurchtsvoll nach: „Verzeihen Euer Gnaden, ich konnte unmöglich ahnen, wer uns in Ihrer hohen Person die Ehre gebe — ich befehle sofort einen Salon im ersten Stock." — „Warum nicht gar!" ist die lachende Antwort. „Ich bin plötzlich auf den Gedanken gekommen, hier einen Tag zu bleiben. Den hochwürdigsten Nuntius kann ich nun freilich nicht auf meinem Zimmer empfangen. Doch was thut's? Ich gehe eben zu ihm, und für mich ist das Zimmerchen doch groß genug." Diesmal hat also unsern Psychologen die Treff, sicherheit verlassen, und der nächste wirkliche „biedere Landpfarrer" riskirt, daß er statt eines erwünschten billigen Zimmers im vierten Stock einen Salon erster Güte erhält und daß sein Eintrag „Chrysostomus Gäble, Pfarrer von Durlesbach" für das bescheidene Jncognito eines Fürstbischofs ungläubig belächelt wird. So gcht's den ganzen Tag iu inLuiiuru weiter. Ich frage den Leser: lernt man so die Welt und die — S87 Menschen nicht kcNltett, und erfährt man dabei zum Mindesten nicht, wie man — nicht reisen soll? -»— Aus der Geisterwrlt. In Berlin sprach vor einiger Zeit ein Herr Karl Wald über den Spiritismus und seine Bedeutung. Danach ist der Spiritismus eine exakte Wissenschaft, und zwar Naturwissenschaft auf dem Boden der Experimente. Der Spiritismus — so erklärte der Vortragende nach einem Referate der Berliner „Germania" — lehrt zunächst, daß der Mensch nicht bloß ein Produkt deS Stoffes ist, sondern daß sich in dem Menschen, umkleidet vom Stoff, ein Geist befindet, und daß dieser Geist unsterblich ist. Der Spiritismus steht allerdings nicht auf dem Standpunkte derjenigen, welche den Geist nach dem Verlassen des Körpers entweder ins Paradies oder in die Hölle eintreten lassen, sondern er steht auf dem dar- winistischen Standpunkt aufs Geistige übertragen: daß der Geist sich erst allmählich, aber sicher zur größten Vollkommenheit entwickeln muß. Der Spiritismus lehrt auch den Glauben an Gott, ohne sich indessen direkt für den persönlichen Gott Zu erklären, obwohl er zugibt, daß dersebe existieren kann. „Nur der Spiritismus", so führte der Redner aus, „lehrt die Unsterblichkeit des Ichs aus Erfahrung, und das ist es, worin die größte Bedeutung dieser Wissenschaft liegt. Daß der Geist des Menschen wirklich fortlebt in einem ewigen Leben, sagt auch die christliche Religion schon; aber die schönen Worte genügen nicht mehr bei der fortgeschrittenen Wissenschaft. Wir wollen nicht bloß hören, wir wollen auch wissen. Der Redner führte dann aus, daß der Spiritismus nichts Neues sei, daß er im Alterthum, im Mittelalter bis in die neue Zeit hinein als Geheimlehre gelebt habe. Nach seiner Ueberzeugung waren die weisen Frauen der alten Germanen Medien, die in stetem Verkehr mit den Geistern standen. Dieselben vererbten ihre Fähigkeiten weiter, bis im Mittclalter durch die schreckliche Verfolgung und Vernichtung der sogenannten Hexen, die unzweifelhaft auch Medien gewesen feien, die fähigsten Vermittler des Verkehrs mit den Geistern ausgestorben seien. Der Redner verglich dann das Telephonieren ohne Draht mit dem spiritistischen Verkehr mit den Geistern. Um die Verbindung mit der Geisterwelt zu erlangen, bedürfe der Mensch sehr feiner Organe, die mit dem Tode dem Körper entflohene Kraft könne uns nicht mehr Mittheilungen machen, die mit den leiblichen Ohren zu hören feien. Nur eine gewisse, noch unbestimmte, höchst empfindliche psychische Kraft, die von dem Medium ausgehe, könne die Verständigung bewirken. Der Redner kam dann auf das bekannte Tisch- rücken zu sprechen. Setzt sich das Medium an einen Tisch, um mit den Geistern zu verkehren, so hört man bald Klopftöne, aus welchen das Medium, wie der Telegraphist aus seinem Apparate, Worte, bezw. Buchstaben heraushört. Stellt sich das Medium 3 oder 4 Schritte vor den Tisch und fordert diesen auf, zu kommen, so bewegt sich der Tisch zu dem Medium hin. Der Spiritismus erklärt dies durch das Einwirken einer „verborgenen intellektuellen Kraft in nicht tellurtscher Materie". Welche Art diese Kraft ist, hat noch nicht festgestellt werden können. Sie existiert aber und muß beachtet werden. Man nimmt an, daß es durch das Einwirken eines Geistes vom Jenseits, vielleicht vom Mars, von der Venus oder einem andern Stern, geschieht, gleichzeitig stellt man es aber noch in den Bereich der Möglichkeit, daß die Erscheinung ein Ausfluß der Psyche deS Mediums selbst, eine psychische Kraft, die aus dem Individuum selbst entströmt, ist. Aehnlich verhält es sich mit den Phantomen selbst. Auch über diese hat der Spiritismus noch nichts Definitives festgestellt. Am Schlüsse betonte der Redner das Glück, welches schon Millionen im Spiritismus gefunden hätten. Viele, die an nichts «ehr geglaubt hätten und dem krassesten Atheismus anhingen, seien durch ihn gerettet worden. Man wolle keine neue Religion stiften. „Bei uns kann jeder nach seiner Fa?on selig werden. Wir haben nur die Wissenschaft mit zwingend überzeugenden Experimenten dahin geleitet, daß sie zugeben muß, daß das Leben doch etwas anderes ist, als das Dasein einer vorübergehenden Eintagsfliege, daß dieses Fühlen in der Brust, diese Unsumme von Licht nicht für nichts da sein kann. Wir haben wissenschaftlich nachgewiesen, daß der Mensch einen Zweck hat, da zu sein, daß der Tod nur ein Uebergang ist zu einem anderen Leben — wenn wir dies auch nicht gleich zu einem himmlischen machen. So der spiritistische Redner. Die bedeutenden Namen, welche sich unter den gelehrten Vertretern des Spiritismus finden, lassen den naheliegenden Verdacht, daß alles Schwindel sei, nicht aufkommen, wenngleich der Spiritismus von Schwindlern vielfach ausgebeutet wird. Was die Behauptung des Spiritismus angeht, daß durch ihn wissenschaftlich die Unsterblichkeit der Seele nachgewiesen sei, so ist dieser wissenschaftliche Beweis doch noch nicht vollständig erbracht. Die Möglichkeit, daß die bei dem Auftreten der Phantome wirkende verborgene intellektuelle Kraft eine psychische Kraft ist, die aus dem Individuum selbst entstammt, erscheint noch nicht ausgeschlossen. Dem spiritistischen Beweise der Unsterblichkeit der Seele ist daher kein großer Werth beizumessen. Der neuere Spiritismus verdankt überhaupt seine große Ausbreitung nur dem Streben des sinnlichen Menschen, immer handgreifliche Belege für seinen Glauben zu haben. Seine vielen Millionen Anhänger zählt er in jenen Kreisen, welche den echten Glauben verloren haben. Die Möglichkeit der Erscheinungen Verstorbener kann nicht in Abrede gestellt werden. Das wirkliche Erscheinen kann aber nicht in der Gewalt der Lebenden liegen. Es ist nur unter dem Gesichtspunkt der göttlichen Vorsehung im Leben Christi und der Kirche zu erklären und kann nicht der Neugierde, sondern bloß höheren Zwecken dienen. Gott gebraucht aber in der Regel gewöhnliche Mittel zur Ausführung seiner Zwecke. Andernfalls würden diejenigen Recht erhalten, welche alle spiritistischen Erscheinungen der Einwirkung des Teufels zuschreiben. Schon der heilige Thomas bemerkt: „Wie AugusttnnS und Chrysostomus sagen, verstellen sich die Dämonen oft als Seelen der Verstorbenen." -—..-SÄM-S--'-- Allerlei. Der ehemalige französische Hauptmann Dreyfus, der seiner Zeit wegen LandesverrathS auf Lebenszeit deporttrt wurde, bewohnt zur Zeit die öde Teufelsinsel (Jle du Diable), auf der sich außer ihm und sechs Wächtern kein einziges menschliches Wesen befindet. Auf dem allerdings sehr beschränkten Raume der Insel, die in zwei Stunden leicht rund um und um begangen werden kann, darf er sich frei und ungehindert bewegen. Nur beim Herannahen des Bootes, das von der benachbarten Königsinsel (Jle Noyale) Lebensmittel bringt, wird der Dcportirte in eine Hütte gesperrt, die er erst verlassen darf, wenn das Boot bereits abgesegelt ist. Da sonst kein Schiff in die Nahe der TeufelSinsel kommt, so ist jeder Fluchtversuch ausgeschlossen. Durch Schwimmen könnte freilich leicht das Ufer einer benachbarten Insel erreicht werden. Aber eine große Anzahl von Haifischen halten furchtbare Wacht um die Insel, so daß der Fluchtversuch durch Schwimmen dem Selbstmorde gleichkäme. So ist denn vorläufig jede Hoffnung auf Entrinnen für den Ver- urtheilten abgeschnitten. Gegen 18 Stunden im Tage verbringt der Unglückliche in seinem Bette, da er seine Zeit nicht todtzuschlagen vermag, obwohl ihm das Lesen aller Bücher freigegeben ist. Die Wächter haben den strengen Auftrag, kein Wort mit ihm zu wechseln, und sie kommen dieser Verordnung gewissenhaft nach. Käme der Arzt nicht manchmal von der Königsinsel herbei, um den Gesundheitszustand von Dreyfus zu prüfen, so hätte dieser seit Jahresfrist nicht mehr den Laut einer menschlichen Stimme vernommen. Der Arzt zeigt sich aber humaner und leistet DreyfuS oft Stunden lang Gesellschaft. In seinem Acußeren ist der ehemalige Artillerie-Hauptmann sehr verändert. Der Bart, den er sich wachsen ließ, ist ganz weiß und macht ihn völlig unkenntlich. Er erhält und betreibt eine eifrige Korrespondenz mit den Mitgliedern seiner Familie. Jedoch sind sowohl die Briefe, die er schreibt, wie diejenigen, die er erhält, der Durchsicht durch den Oberwächter unterworfen. * Elektrische Bahnen. Die Verdrängung der Pfekde-Eisenbahnen durch elektrische Bahnen ist eine bekannte Thatsache; eben so bekannt ist, daß diese Verdrängung einen immer schnelleren Gang annimmt. Weniger bekannt dürfte jedoch sein, daß in Europa bei weitem Deutschland an der Spitze dieser Umwälzung steht. Im Jahre 1895 ist in Europa die Zahl der im Betriebe befindlichen elektrischen Eisen- und Straßen-Bahnen von 70 auf 111 gestiegen, ebenso ihre Gesammtlänge von 700 auf 902 Kilometer, die Leistungsfähigkeit der Central- Stationen von 18,150 auf 25,095 Kilowatt und die Zahl der Motorwagen oder Locomotiven von 1236 auf 1747. Von den 902 Kilometer Gesammtlänge entfallen nicht weniger als 406 auf Deutschland. An zweiter Stelle sieht Frankreich mit 132, an dritter England mit 94 Kilometer; dann folgen Oesterreich-Ungarn (71 Km.), Schweiz (47), Italien (40), Spanien (29), Belgien (25), Irland (13), Rußland (10), Serbien (10), Schweden- Norwegen (8), Bosnien (6), Rumänien (5), Holland und Portugal (je 3). Die Zahl der Motorwagen beträgt in Deutschland 857 (die Gesammtleistungsfähtgkeit 7194 Kilowatt), in Frankreich 225 (4490), in England 143 (4243), in Oesterreich-Ungarn 167 (1949), in der Schweiz 86 (1559), in Italien 84 (1890), in Spanien 26 (600), in Belgien 48 (1120), in Irland 25 (440), in Rußland 32 (540), in Serbien 11 (200), in Schweden- Norwegen 15 (225), in Bosnien 6 (175), in Rumänien 15 (140), in Holland 14 (320), in Portugal 3 (110). Dänemark, Griechenland und Bulgarien haben noch keine elektrischen Bahnen. Am meisten verbreitet ist das System oberirdischer Strom-Zuführung mit Contactwelle; Anlagen mit unterirdischer Strom-Zuführung gibt es nur drei, und zwar je eine in Deutschland, Oesterreich-Ungarn und England. Neun Linien haben das System der Mittelschiene, darunter keine in Deutschland, acht den Accumu- latoren - Betrieb, davon ebenfalls keine in Deutschland. * Eine rührende Episode behandelt ein Gedicht deS greisen Schriftstellers Ferdinand Franke l. LnS letzte GlaS.*) ES kommt so mauLer Gast zu mir, Zur Post oft nach Seeöhaupt, Und macht sich ein Vergnügen hier, Wie's Brauch ist überhaupt. — Doch einmal fuhr ein Wagen vor, Vergeß's mein Leben nicht, Ein traurig Antlitz schaut hervor, Voll Wehmuth zu mir's spricht: Bringt ein Glas Wasser mir heraus, Das letzte wohl — mein König trank es aus! Das Glaö hat für mich großen Werth, Ein Kleinod bleibt es mir, Mein König hat nach ihm begehrt, D'rum bleibt's des Hauses Zier. Bevor in's Wellengrab er sank, Von Geistesnacht umhüllt, Nahm er daraus den letzten Trank, Sein Wunsch ward ihm erfüllt. Und seine Thräne siel hinein — Eine Perle soll dem Glas sie sein! D'rum schätz' ich dieses Glas so hoch, Als Kleinod für mein HauS, Ein Schatz bleibt es dem Enkel noch, Mein König trank daraus! — Ein Fürst, der von dem Volk geliebt, Wohl Keiner so wie Er! D'rum bin ich heut' so tief betrübt, Zehn Jahre ist's nun her, Da kam zuletzt er vor mein Haus, Das letzte Glas, mein König trank's hier aus! *) Am 12. Juni 1886 war es, als der König früh 4Uhr von der hohen Staatscommission in Hohenschwaugau abgeholt und nach Schloß Berg überführt wurde. Eine Menge Volkes hatte sich zu diesem Akte in Hohenschwaugau angesammelt. Bezirksamtmann Sonntag hielt mit der kgl. Gendarmerie die Ordnung aufrecht. Die allgemeine Theilnahme für den viel' geliebten König und Landesvater war groß und sichtbar. Um 4'/4 Uhr früh erfolgte die Abfahrt. Die ganze Fahrt verlief ruhig. In Seeöhaupt wurde um 10 Uhr 30 Minuten Vormittags Halt gemacht. Der König wurde von den versammelten Ortsbewohnern und Sommerfrischlern ehrfurchtsvoll begrüßt und dankte in freundlichster Weise. Hier verlangte Seine Majestät ein Glas mit Wasser, welches dein König durch die Frau deS Herrn Posthalters Vogl überreicht wurde. Dieses letzte Glas bildete den Stoff sür daS vorstehende Ge- dicht des greisen Volksdichters F. Fränkel. Auflösung der Schach-Ausgabe in Nr. 52: Weist. Schwarz. 1. D. 66-L8 V5-04: 2. D. L8—08 (eS droht 3. S. 04—02 oder 05:ch und 4. D. 08-05 Matt. 3. D. 08-05-j- 4. L. L1—02 Matt. K. 03-04: K. 04-05: L. 1 . 2. S. 03—vif 3. S. O1-O3f 4. D. 08-^8 Matt. L2-L.1 D. K. 03—04 05-64: (Dill. 1. 06—05 2. S. 03-vl-j- K. 03—04 3. S. 04-06-j- (wie bei L) 4. wie bei L Matt. Andere Varianten leicht. --SWiWS- M „Augsburger PostMung". « 52 . Dinstag, den 23. Juni 1896 . Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). WHeingotö. Novelle von Carl) Groß. (Fortsetzung.) III. Der Wirthschaftspächter vom Drachenfels musterte zufrieden die Anzahl seiner Gäste, die schon in früher Nachmittagsstunde Bergbahn und Wägen heraufbefördert hatten und die besten Tischen auf den geräumigen Terrassen besetzt hielten. Die bald in noch größerer Menge erwarteten Fußgänger würden sicherlich alle übrigen Plätze einnehmen. Dabei wunderte er sich, daß die bei ihm hochangesehene, gastfreie Räthin Rehwald mit ihrer Gesellschaft sich am äußersten Rand der obern Terrasse an einem Tische niedergelassen hatte, der meist wegen Zugluft und Sonne gemieden war, den vom Wirth ihr bewahrten Platz verschmähend, den sie doch sonst vorzog, wo sie zugleich Schatten, Aussicht und die Lieder des Burgsängers hätte genießen können. Ja, sie hatte verdrießlich ' und verwirrt ausgesehen, als der geschäftige Wirth ihr zuraunte, es debütire heute ein berühmter Musiker, der von einer bildhübschen Tochter begleitet werde, die vermuthlich auch ein Lied zum Besten gebe. Der Alte hatte bereits für seinen ersten Vortrag großen Beifall geerntet. Noch sonderbarer war, daß die Rälhin heute nur Kaffee bestellte und nichts von einer Pfirfichbowl verlautete, vielmehr einschärfte, die Pferde sollten gut gefüttert werden, um zu baldiger Weiterfahrt bereit zu sein. — Indeß hatte der Drachenfelssänger schon mehrere Lieder gesungen, die laut beklatscht wurden. Goldmund fühlte sich beglückt und gehoben. Reminiscenzen an einstige Triumphe belebten sich in dem verborgenen Herzenswinkel, wo sie, gleich welken Lorbeerkränzen, aufgespeichert ruhten. Stolzer erhob der Alte das lockenumwehte Haupt. Daß der Klang seiner Stimme zurückgekehrt war, wagte er sich nicht einzureden; aber er nahm an, daß seine Schule und sein Vortrag von dem guten Accompagnement seiner Begleiterin unterstützt, heute zur Geltung kamen. Hatte er doch alle Feinheiten der Compositionen beobachtet und dort, wo keine vorhanden waren, sie hineingelegt. Er hatte das: „O Rhein, mein Rhein, mein schöner Rhein", mit rührender Innigkeit gesungen und voll Enthusiasmus die verwitterten Reste des Drachenfels als größte Rhetnherrlichkeit gepriesen. Goldmund fühlte sich also berechtigt Beifall anzunehmen und dachte nicht entfernt daran, daß er ihn dem schönen Mädchen neben ihm verdanke. Die Lautenschlägerin that aber auch gar nicht dergleichen, als habe sie den mindesten Theil an des Sängers Erfolgen. In sich gekehrt, sprachlos, verschüchtert saß sie da, wie die wirkliche Felicie es nicht mehr hätte sein können; Wangen und Stirn waren mit Roth überflogen, das nicht aus Beschämung, sondern von Zorn über Verletzung ihres Zartgefühles hervorgerufen worden war. Sie suchte zu verbergen wie ihr zu Muth war und hatte deshalb das abscheuliche Hütchen tief in die Stirne gedrückt das sie erst aufsetzte, als Vorübergehende ihre Goldhaare und ihre dunklen Augen laut bewunderten. Leider wirkte das Hütchen mit seinen Flitterrosen erst recht als wie das Aushängeschild einer echten Bänkelsängerin, so daß Schmeichelworte immer freier um Ottilie laut wurden. Gar bald schon, nachdem sie ihren Platz neben Goldmunds Notenpult am Sängertisch der obern Terrasse eingenommen hatte, war ihr das Bedenkliche ihres Unterfangens klar geworden. Ihr Muth sank und mit ihm die frohe Laune. Sie hatte nicht geahnt, daß man ihr je — in ganz anderer Weise nahen werde, als zu Haus bei ihrem, sie zwar vergötternden, aber sorglich schützenden Vater. Dort wurde zwar auch ihrer Schönheit gehuldigt, aber diskret, vorsichtig. Man wußte ja, daß sie beanspruchte, ebenso wenig dieses, nur äußeren Vorzugs wegen aufgesucht zu werden, als um ihrer Glücksgüter willen. Mit einem Schlag sah sie sich nun in eine ganz andere Welt versetzt, als die sie bisher gekannt hatte. In der über Erwarten zahlreichen Menge der Lustfahrcr waren junge Männer genug, die weder durch feine Sitte, noch durch Hochachtung des weiblichen Geschlechtes sich auszeichneten. Sie wähnten, plumpe Huldigungen würden von jeder Frau gerne angehört und dürften ohne Rücksicht einer wandernden Mustkantin geboten werden, deren Erscheinung Aufsehen erregte. Nie hatte Ottilie geglaubt, daß es so lästig sei ein schönes Gesicht und eine schöne Gestalt zu haben, als jetzt, wo sie ihr aufdringliche Bewunderung zuzogen. Zornig hatte sie aufgeblickt, als zuerst ein Vorübergehender sie mit „Holde Schöne" anredete. Aber ihre Augen senkten sich rasch wieder, nicht nur weil sie bemerkte, daß sie vom arglos lächelnden Goldmund keinen Schutz erwarten konnte, sondern auch, weil ihr gegenüber ein frecher Jüngling laut ausrief: „Donnerwetter, welche Augen! Es blitzt ja drin wie beim Gewitter l" — 390 Der alte Goldmund hörte diese Reden nicht. Der Blick in sein zufriedenes Gesicht hatte Ottilie rasch belehrt, wie viel ihm der Beifall werth war, den er sich allein zuschrieb. Sie sagte sich, daß sie durch Auflehnung gegen Huldigungen statt ihm zu nützen, ihm schaden würde. Wollte sie ihrer großmüthigen Absicht getreu bleiben, so mußte sie die unbedachten Folgen ihres Schrittes ertragen. Es regte sich auch das muthtge Trotzgefühl ihres Herzens wieder. Hatte ihr Wille schon oft gegen kalte Erwägungen gesiegt, bisweilen sogar zum Nachtheil Mancher, so konnte und sollte es diesmal auch sein, wo es galt ein gutes Werk durchzuführen. Daß sie das Gute auf andere Weise hätte thun können, war ihr nicht eingefallen. Jetzt wollte sie die verspätete Einsicht nicht mehr in Beachtung nehmen. Niemand sollte erfahren wie bald sie ihren raschen Entschluß bereut hatte, am wenigsten Frau Rehwald. Sie wollte das süßsaure Lächeln nicht sehen, mit dem diese sagen würde: „Es war Ihres distinguirten Vaters, eines Professors nicht würdig, soweit hinabzusteigen!" Lieber wollte sie taub und blind sein für weitere Ungehörigkeiten. — So gut wie möglich suchte Ottilie sich hinter Tischen und Stühlen im Schatten Goldmunds und seines Notenpults zu bergen, bemühte sich, recht gleichgiltig und gelangweilt auszusehen beim übermäßigen Beifall muth- williger Hörer, der offenbar nicht dem Sänger galt, obgleich er mit immer größerem Aufwand von Gefühl und Leidenschaft seine abgedroschenen Rheinverherrlichungen sang. Wenn nur Frau Rehwald nicht in die Nähe kam, oder gar Miß Rich I Die Gute wäre im Stande, herbeizueilen, um Ottilie aus der Verlegenheit zu retten. Noch hatte diese Felicie und die Damen nirgends erspäht und ebensowenig ihren Bruder Ottmar, den Bonner Studenten, der gegen Abend auf den Drachenfels zu kommen versprochen hatte, ein Umstand, der Ottiliens Jncognito übel gefährden konnte! Jetzt ergab sich durch Verschiebung einiger Tische und Aufstehen mehrerer Gäste ein Durchblick durch die Menge zum entgegengesetzten Ende der obern Terrasse. Dort unter der Linde, deren Schatten durch einige Zeltvorhänge vergrößert war, gewahrte Ottilie mit Herzklopfen den hochgethürmten Spitzhut mit den gelben Akazien- blüthen der Frau Räthin. Sie thronte inmitten einer zahlreichen Gesellschaft, die sich um ihren Tisch gereiht hatte. Auch Miß Rich ward sichtbar. Sie und Frau Rehwald saßen mit dem Rücken gegen Ottilie gewendet. Sicher war das nicht zufällig geschehen; dagegen sah Ottilie in das schmale Gesichtchen von Goldmunds echtem Töchterlein. Es kam bisweilen unter der himmelblauen Hutfeder zwischen den Schultern von Miß Rich und ihrer Nachbarin zum Vorschein. Die Kleine schien zuzuhören, kurze Antworten zu geben auf die Reden eines neben ihr sitzenden Herrn. Diesen konnte Ottilie gut sehen; er war groß, beugte den langen Rücken, der in einem tadellos eleganten Sommerrock stak, unermüdlich, um dem kleinen Fräulein Aufmerksamkeit zuzuwenden. Er hatte ein langes, fahles Gesicht, vom dunkelschwarzen Henriquatre noch verlängert. Das mußte der Frau Rehwald interessanter Doktor sein! Ottilie erkannte ihn nach einer Photographie, die sie bei seiner Gönnerin gesehen hatte. Mit dieser Erkennung kehrte Ottiliens Lustigkeit zurück und half ihr über die Schrecken der Gegenwart hinweg. „Wenn Dr. Lebert sich dort drüben unter der Linde in meine Stellvertreterin verliebt", dachte sie belustigt, „so ist der Beweis geliefert, daß auch ein anderes Genre, als das meinige, ihm gefallen kann, und Frau Rehwald kann dagegen ihre Behauptung aufrecht halten, vr. Lebert strebe nicht nach Mitgift, wenn er der kleinen Felicitas auch morgen noch die Cour macht." Ottilie hätte laut auflachen mögen, wenn sie sich vorstellte, welche Sorge der Irrthum vr. Leberts im jetzigen Augenblick der armen Räthin bereite, die sicherlich kein Mittel fand unter der Bewabung von Miß Rich ihren Günstling aufzuklären. — So gut Ottilie im Allgemeinen die Meinung der wohlwollenden Räthin zu schätzen wußte, diese Belehrung und kleine Angst gönnte sie ihr für ihr aufdringliches Heirathsttften. — Völlig erheitert griff sie wieder zur Guitarre als Goldmund sie darum ersuchte und präludirte mit kräftiger Hand. Sie beachtete ihre nächste Umgebung gar nicht mehr, suchte nur die Gesellschaft unter der Linde, so gut es anging, im Auge zu behalten. Mehrfach wechselten die Besucher der Terrassen. An Stelle Fortgehender kamen neue Zuhörer. Unter Letztem waren auch mehrere Bonner Corpsstudenten. Sie hatten eine Tour in die Berge gemacht und kamen etwas angeheitert, folglich zu Uebermuth geneigt, auf dem Drachenfels an, um dort zu rasten. — Auf der tieferen Terrasse, just unterhalb des Standorts des Sängers, hatten sie Plätze eingenommen, ohne daß Ottilie es beachtete. Auch Goldmund sah sie erst, als er mit dem Sammelteller, über dem ein Notenblatt gelegt war, die Runde an den Tisch machte. „Alte Lerche, hat Dein lahmer Flügel Dich bis auf diese Höhe getragen, so begieb Dich wieder in Dein Nest!" apostrophirte ihn einer der lautesten von den Ankömmlingen. „Siehst Du nicht, daß Du überflüssig bist, jetzt wo eine ganze Schaar Rohrdommeln hier eingefallen sind >und nach ihren eigenen Schnäbeln singen und flöten werden. Du kannst zwar mitpfeifen, wenn Du willst, aber unentgeltlich. Silberfedern haben wir nicht und lassen uns auch nicht rupfen." Beschämt und unmuthig wandte sich der alte Sänger von dem ausgelassenen Burschen hinweg. Während er sich einen Weg durch das Stuhllabyrinth bahnte, flüsterte ein Kellner einem der Studenten etwas ins Ohr. Dieser sprang rasch auf einen Stuhl, um die obere Terrasse besser zu übersehen. „Tausend und eins, die ist freilich schön!" rief er laut und winkte den Kameraden seinem Beispiele zu folgen. „Der schönen Tochter zu lieb mag der Alte sammeln. Wir lassen der Jungen für ihre Prachtaugen einen Salamander steigen. Wollt Ihr?" „Einverstanden!" schrien belustigt die Andern, die gleichfalls auf Stühle gestiegen waren und neugierig nach Ottilie blickten. „Meinetwegen kannst Du singen, Alter, Deine abgedroschenen Rheinlieder oder was Du willst", rief der erste Sprecher, dem die Uebrigen zustimmten, „aber Dein holdselig Töchterlein muß auch singen; dafür erhältst Du einen blanken Thaler aus der Veretnskasse I — Hier ist er schon bereit für Dich. Geh' und sag' ihr anzufangen." Im alten Sänger erwachte, ob der rohen Scherze, das künstlerische Würdegefühl früherer Tage. Zugleich regte sich in ihm das Bewußtsein, daß er ritterlich einzutreten habe für das Mädchen, das sich unter seinem Schutz befand, ob sie seine Tochter war oder nicht. Er verwechselte ohnehin, seit ihm der Erfolg und ein 391 paar Gläser Wein zu Kopf gestiegen waren, die Identität der Mädchen. „Wer hier singen soll, darüber entscheidet doch wohl der Direktor des Etablissements, der mich berufen hat", sagte er, mit einer Geberde voll Stolz das Geldstück zurückweisend. „Meine Tochter braucht hier nicht zu singen. Sie ist für's Kloster erzogen und nicht für's Wirthshaus." „Für's Kloster? Hört! Der alte Narr! Ist hier oben ein Kloster? Ist sie vom Nonnenwerth drunten herausgeflogen? Ein schöner Vogel ist sie allerdings. Wäre schade für sie, im Kloster zu bleiben. Wer will Ritter Toggenburg sein?" So schwirrten Gelächter und lustige Reden durcheinander, spottend blickten die jungen Leute dem Alten nach, der, sich in die Brust werfend, langsam nach seinem Platz zurückkehrte. Ottilie hatte nichts von diesem Vorgang bemerkt. Ihre Aufmerksamkeit war nach einer anderen Seite gelenkt worden. Sie hatte dort den Namen der Frau Räthin Rehwald nennen hören, und zwar von Herren, die ganz in ihrer Nähe einen Tisch aufsuchten. Ihr däuchte zu hören, daß sie dieser Ostseite der Terrasse den Vorzug gaben, weil die Räthin am andern Ende saß. Sie hatten also das gleiche Interesse wie Ottilie selber; drohte hier die Gefahr, mit Bekannten zusammenzutreffen? Sie faßte die Ankömmlinge in's Auge. Beide waren ihr unbekannt. Der jüngere, der noch nicht gesprochen hatte, mochte Anfang der Dreißig sein. Er hatte ein geistreiches, feingeschnittenes Gesicht, blickte mit lebhaften, fröhlichen Augen um sich, hatte gewandte, jugendliche Bewegungen. Er war der Typus eines Rheinländers, dessen natürliche Anlagen durch feine Sitten und geistige Bildung veredelt und erhöht sind. Der ältere Herr glich ihm ein wenig, war aber größer und weniger verfeinert in Kleidung und Haltung. Er mochte ein Künstler sein oder auch der Geschäftswelt angehören. Seine Manieren waren weniger beherrscht, seine Rede lauter, als der gute Ton es gestattet. „Du wirst Dich neuerdings schlecht anschreiben", sagte er, auf einen von seinen Gefährten gewählten Tisch zuschreitend, „die Frau Räthin hälts Dich ohnehin für unverbesserlich." „Es geht auf die alte Rechnung", antwortete der Jüngere leichthin, indem er noch einige Stühle herbeiholte und sie um den gewählten Tisch lehnte, als Plätze für Nachzukommende. „KZ - s-j „Weißt^Du^denn, ob^unsere Damen mit diesem abgelegenen Plätzchen zufrieden sein werden?" hub der Andere wieder an. „Die Tante wenigstens säße lieber in der Nähe der Rehwald. Unter der Linde weilt auch Dr. Lebert. Mit dem neckt Tante sich gern; das heißt sie „zieht ihn auf", den Gecken!" „Sie kann sich da drüben einfinden und dort bleiben solange es sie freut. Die Frau Professor sitzt dagegen lieber hier und gewiß auch die Frankfurter Damen. Ich selber werde drüben nur aufZ einen Augenblick mich vorstellen." „Also wirllst Du Dich doch beimachen? Gewiß um dem Besuch aus Graz zu gefallen. Hm, Du bist schlauer als Du gestehen willst?" „Warum schlau", war die halblaute Antwort, in der ein wenig Aerger vernehmbar war. „Ich bitte Dich keine Absichten zu vermuthen, wenn ich aus Rücksicht für Ute kleine Kehrcrin. Nach dem Originalgemälde von E. Schuback. HMW DWAW ASM MWWKMWA 392 den Vater der jungen Dame ihr die pflichtschuldige Artigkeit erzeige. Was hindert mich sonst in der Nähe der Linde unsern Platz zu wählen?" Jetzt bemerkten die jungen Männer Ottilie am Sängertisch, die aus Interesse an dem Gehörten ihre Vorsicht vergessend, ihr Gesicht ihnen zugewendet hatte. „Schau, Max, welche Schönheit! Das wäre ein Modell für meine Poesiel" Der Aeltere sagte es, den Bruder anstoßend, so laut, daß Ottilie es hören mußte. Jähes Roth flog wieder über ihr Gesicht und sie wandte sich unmuthig ab. Wie hatte sie so unbehutsam sein können! Was durfte man von ihr denken, wenn sie selber die Leute anstarrte? Sie sah den mißbilligenden Blick nicht mehr, den der jüngere Herr dem lauten Sprecher zusandte; dagegen fiel ihr das verstörte und aufgeregte Aussehen Goldmunds auf, der eben von der unteren Terrasse herauf ihr zuschritt. Lautes Lachen tönte zugleich von unten ihm nach. AIs Goldmund bei Ottilie anlangte, mußte er die neugekommenen Herren am nächsten Tisch bemerken. Sie erkannten ihn und grüßten höflich. Er besann sich einen Augenblick, dann eilte er zu ihnen hin. „O Herr Professor vr. Heermann, welche Freude, Sie hier zu sehen I Wie schön, daß Sie mich erkannten!" hörte Ottilie den Alten sagen, dem sie um alle Welt nicht nachblickte. Sie vernahm nur, daß man ihm Platz bot, worauf er weiter redete: „Danke, danke, ich sitze ganz gut so I Freut mich, Herr Ör. Heermann, daß ich bei diesem Anlaß auch Ihren Bruder kennen lerne. Wohl in Bonn ansässig? Künstler, Kunsthändler oder Beides? Um so schöner! Wie wohlthuend, daß ein so feiner Herr sich des alten Goldmund, trotz seiner Erniedrigung, noch erinnert! Es ist freilich noch nicht lange her, seit Sie mich in Freiburg auf der Bühne sahen. Herr Professor, es ging rasch abwärts mit mir! Tenore dauern nicht lang, wie Sie wissen. Krankheit, häusliches Unglück beschleunigten den Sturz, nahmen die Ersparnisse". Des alten Mannes Stimme zitterte, der eben erlittene Spott hatte ihm weh gethan. Die unerwartete Freundlichkeit eines geachteten Herrn bewegte nun sein Gemüth in Rührung. In Ottilie regte sich sofort wieder nichts als herzliches Mitleid mit dem armen, halb verwirrten Greis. Es that ihr wohl, wie wenn er ihr wirklich nahe stände, daß sie dieselbe Regung in Stimme und Wort bei dem jungen Mann bemerkte, der schonend und mit äußerster Höflichkeit Rede und Antwort mit Goldmund wechsclte- „Jch wähnte, Sie hätten sich auf Unterrichten ver. legt?" sagte er, „warum blieben Sie nicht dabei, Herr Goldmund?" „Es ging nicht mehr recht. An manchen Orten gewann ich Ruhm als Lehrer, mußte aber immer wieder fort, bald der kranken Frau, bald der Söhne wegen, die ich leider verlor. Zuletzt mußte ich die Tochter abholen, die ich sorgfältig erziehen ließ, die sich aber doch noch kein Brod verdienen kanü. Nun ist es Sommer, da sind nirgends feste Verhältnisse. Es gilt, mir hier Geld zur Weiterreise zu verdienen oder Bekanntschaften zu machen, die mir ein neues Heim für mich und das Kind gründen helfen. — Hier am Rhein regte sich auch das alte Künstlerblut in mir. Man sehnt sich darnach gehört zu werden, so lange man uoch gefällt." „Und deshalb? — Hm! — Ihre Tochter begleitet Sie? Singt sie nuch?" Es war der ältere Heermann, der mit dieser zweifelnden Frage herausplatzte. Ottiliens Köpfchen senkte sich sofort auf das Notenblatt herab. Sie hätte jetzt weit weg sein mögen. — Der Name des Doktor Heermann war ihr bekannt. Sie wußte nun, weßhalb er vorhin erklärt hatte, daß er der Tochter ihres Vaters Artigkeit zu schulden glaube. Der alte Grube schätzte ihn, hatte sogar an ihn den Sohn empfohlen, als Ottmar auf die Universität kam. Wie hatte sie nur so toll sein können, sich hier im Rheinland unter lauter Wildfremden zu wähnen, wie etwa in einem neuentdeckten Welttheil. Die Frage des älteren Heermann verwirrte aber Goldmunds Kopf noch mehr. „Singt? Ob sie singt? Ja freilich singt sie. Ist ja meine Schülerin und hat eine weiche, klangvolle Stimme. Aber eigentlich singt sie nicht. Im Kloster vernachlässigte man absichtlich ihr Talent. Wohl aus Furcht vor der Welt, in der ich lebte; dazu kommt noch, daß sie allzu schüchtern ist. Begrübe sich am liebsten in Klostermauern." „Wäre Schade", warf der Kunsthändler wieder dazwischen. „Schade? — Ja, das sage ich auch, wenigstens traurig für mich wäre es. Eigentlich schön ist das Mädchen ja nicht und paßt nicht auf's Theater." „Nicht schön? Na da muß ich bitten! Ein Künstlerauge, wie meins, versteht sich doch wohl auf Formen und Farben." „Sie kennen Licie? Ach — ja so! — Sie sahen — wie? Was wollte ich doch sagen? Ich verstehe — ich vergaß ganz —" „Sie vergaßen?" „Daß ich wieder zu singen habe! — Viele Herrschaften brechen früh auf, Andere haben noch nichts gehört. — Entschuldigen Sie, meine Herren." Ottilie athmete leicht auf, als der Alte den verfänglichen Fragen ein Ende gemacht hatte und wieder neben ihr Posten faßte. Lieb war ihr, daß seine Mittheilungen ihr gewissermaßen ein Recht auf die schüchterne Rolle gaben, durch welche sie der Annäherung an Bekannte ihres Vaters sich am besten zu entziehen hoffte. — Gefaßt griff sie wieder zur Guitarre, als der Alte das beliebte Lied anstimmte: „An den Rhein, an den Rhein! geh' nicht an den Rhein, mein Sohn, ich rathe Dir gut." Er that Wunder. Die leichte Melodie lag in seiner Stimme; die Nähe von Dr. Heermann rief ihm bessere Stunden zurück; er verfiel in keine Uebertreibung, sondern sang das Lied mit einfacher Fröhlichkeit zu Ende. „Herrlich! Bravo!" brüllte aber jetzt ein vielstimmiger Chor am Rand der unteren Terrasse, wo die Köpfe der Studenten sich zeigten. „Bravo! Alter vom Berge! Aber auch Bravo Dein schönes Wunderkind. Ein neuer Salamander steigt ihr, der Schönsten der Schönen!" Ottilie raffte ihren Muth zusammen. Sie sagte sich, daß Sprödigkeit das Uebel nur schlimmer machen würde und sie ihrer Rolle gemäß sich zu verhalten habe. In nächster Nähe einen Menschen zu wissen, der ihren Vater kannte, dem sie sich nur zu nennen brauchte, um seines Schutzes gewiß zu sein, gab ihr zugleich einige Ruhe. Wie zum Dank, neigte sie das Haupt gegen die Beifallklatschenden. Sie hoffte damit genug gethan zu haben; aber einige der Vorlautesten traten näher. Ein Blumenstrauß flog auf den Tisch; Ottilie schob ihn dem Alten hinüber, während sie eifrig mit dem Stimmen ihrer Guitarre sich beschäftigte. Ottiliens Haltung zwang ihm doch eine bescheidenere Redeweise ab, als er zuerst beabsichtigt hatte. „Nein", sagte sie ruhig, „ich singe nicht;" fügte aber, weil die Lüge ihr widerstrebte, hinzu: „hier nicht! jetzt nicht!" W st M ,'st «MWOMEAM»WM MU MWlM» MM «W MZS U'M UM-' UM ' ^ MHK Saltini. Tins — zwei — drei! „Sie singen doch hoffentlich auch, mein Fräulein?" wurde sie nun von einem der muthwilligen Jünglinge angeredet, der sein schwarzes Schnurrbärtchen herausfordernd gegen die hochrothen Wangen hinaufdrehte. „Und warum hier nicht? Sind wir Musensöhne etwa nicht würdig eine Muse zu hören?" fragte kecker werdend der Student. „Klosterbrüder sind wir freilich nicht, auch keine Chorknaben, aber doch ein Corps; ein 394 Corps lustiger, freier deutscher Jünglinge l Gibt es kein Lied für solche? — Schweig', Alter! Dich haben wir gehört. Hier ist sogar Silber für Deinen Sang; gewiß nimmst Du den Thaler jetzt, wenn Deine stolze Tochter ihn Dir überreicht." Ermuthigt durch den Beifall der Kameraden, legte er den Thaler vor Ottilie nieder. Sie richtete sich auf, die schüchterne Rolle war nicht länger nach ihrem Sinn. „Warum nicht?" sprach sie, die dunklen Augen ruhig und ernst auf die Jünglinge richtend. „Dem Künstler gebührt größerer Lohn als dieser für die lange, ehrenvolle Laufbahn, die er hinter sich hat. Freie deutsche Jünglinge ehren den Künstler auch noch im Mißgeschick und verlangen nicht mehr von ihm und den Seinen, als was er freiwillig bietet." Verlegen trat das schwarze Schnurrbärtlein zurück; aber die hinter ihm Stehenden drängten vor. Sie hatten des feurigen Weines zu viel genossen, um so schnell ihre erhitzten Köpfe zu beugen. „Aber wenn wir Gold böten statt Silber! Was dann?" hörte Ottilie sie fragen, hörte aber zugleich auch hinter sich am Tische ihrer Nachbarn warnend flüstern: „Was willst Du thun, Max? Es sind Corpsstudenten, die hören nicht auf Dich. Es gibt Unannehmlichkeiten." Aber schon stand Dr. Max Heermann neben dem alten Goldmund. Die meisten Studenten kannten ihn. Er war kein Corpsstudent gewesen, war Philister einer nicht farbentragenden Verbindung, deßhalb murrten Einige, aber sie achteten den jungen Privat-Dozenten genugsam, um ihn zum Wort kommen zu lassen. „Ganz recht, meine Herren. Selbst Gold ist nur verdienter Lohn für den wackern Sänger. Herr Goldmund ist durch sein Verdienst berechtigt, es ohne weitere Leistung anzunehmen. Ich denke, wir veranstalten eine Sammlung für ihn, ganz extra für sein schönes Lied, in dem die rheinischen Männer ein adlig Geschlecht genannt werden. Nur Gold darf gespendet werden. Wer kein geprägtes hat, gebe dafür das Gold edler deutscher Jugendlust, die den Sänger und die Frauen zu ehren weiß, und stimme ihnen zu Ehren einen schönen Chorgesang an." Ein Goldstück fiel aus Heermanns Hand auf den Teller, dem rasch ein zweites sich gesellte. Eine fein gekleidete Dame, deren ergrauendes Haar trotz der jugendlich lebhaften Bewegungen und der sprühenden Augen die Matrone kennzeichnete, war an den Tisch getreten und hatte das Goldstück zu dem Heermanns in den Teller geworfen. „Dr. Heermann gibt das rechte Losungswort", sagte sie, den Teller nehmend, den sie zwei Damen entgegenhielt, die mit ihr gekommen waren; diese zögerten nicht, ihrem Beispiele zu folgen. „Dem Sänger werde Gold gespendet von Seiten der Alten und Reichen und Achtung von Seite der Jugend", schloß die Dame mit ihrer sonoren Stimme. Die Studenten waren achtungsvoll zurückgewichen. Die Sprecherin war Allen bekannt als die Gattin eines beliebten Bonner Professors, die in ihrer Jugend Sängerin gewesen war und jetzt in ihrem gastlichen Haus oft Musikfreunde versammelte, auch der akademischen Jugend gern schöne Feste bereitete und freundlich für sie eintrat. Im Augenblick war die kampflustige Stimmung der Studenten zu einer friedlichen umgeschlagen. „Vivut der Kunst! Vivat der Frau Professorin Führer! Vivat allen schönen deutschen Mädchen und edlen Frauen!" scholl es aus den Reihen der jungen Leute. Sie entfernten sich dabei von dem Tische, wo die Goldstücke im Teller blinkten, sammelten sich aber auf den Stufen der Terrasse, wo sie auf einen Wink der allerverehrten Dame das schöne Lied anstimmten: „In allen guten Stunden, Bewegt von Lieb' und Wein." Als die Strophen zu Ende gesungen waren, zogen sich die Studenten zurück, im Hochgefühl, doch noch anständig aus einer schwierig gewordenen Lage herausgekommen zu sein. Sie grüßten und schwenkten die Mützen während sie nach dem Ausgang gegen Honnef zogen und auf dieser Seite den Berg verließen. (Fortsetzung folgt.) -- Das Haus der seligsten Jungfrau in Ephesus. L Smyrna, im Mai. Der „Courrier de Smyrnä" vom 29. April bringt folgende interessante wörtliche Einzelnheitcn über die in den Blättern bereits kurz angezeigte Auffindung des Wohnhauses der Mutter Gottes in Ephesus: „Die Frage bezüglich des Hauses, in welches sich die jungfräuliche Mutter des Heilandes nach dem göttlichen Opfer am Kreuze zurückzog, in welchem sie selig entschlief (odäoriuitio) und von wo aus sie in den Himmel aufgenommen wurde (assuirixtio), bildet gegenwärtig das Tagesgespräch. Die Pariser Hauptblätter bringen darüber ganze Spalten. Die Cardinäle in Rom besprechen die Sache, der Papst bekundet das höchste Interesse dafür und hat eine Untersuchung anbefohlen. Dies ist wirklich ein schöner Lohn für die fortgesetzten Bemühungen der Lazaristen - Väter, — und wenn wir nicht wüßten, daß Pater Jung höhere Ideen hat, so würden wir sagen, er könne stolz sein auf seine Entdeckung: sie nimmt das Interesse der distinguirtcsten Personen in Anspruch, sie bildet das Lieblings- und Attractionsthema in religiösen Kreisen. Nur in einem Punkte sind die Pariser und römischen Blätter, welche über die Auffindung des Hauses der seligsten Jungfrau berichteten, ungenau. Sie schreiben nämlich diese Entdeckung dem Pater Eisbach, Oberen des französischen Seminars in Rom, und dem Pater Poulin, Oberen der Lazaristen in Smyrna zu, und erzählen ihren Lesern, beide Patres hätten erst kürzlich bei einem Ausflüge nach Ephesus von Bauern erfahren, daß in einiger Entfernung von der Stadt, nicht weit vom früheren Dianatempel, sich Ruinen befänden, welche das Volk mit dem Namen „Panagia Capouli" — das Thor der seligsten Jungfrau — bezeichne, — und beide Patres hätten dann bei näherer Untersuchung gefunden, daß die Ruinen mit der Schilderung des von Anna Katharina Emmerich beschriebenen Hauses übereinstimmen. Das ist insoferne ungenau, als die genannten Patres die schon aufgefundenen Ruinen des Hauses der Mutter Gottes nur besucht haben; entdeckt hat sie lange vor ihnen der Lazaristen- Pater Jung von Smyrna. Bekanntlich herrscht in den meisten Klostercommunitäten die Gewohnheit, bei den Tischzeiten laut vorzulesen. So wurden auch 1891 im Nefectorium der barmherzigen Schwestern, welche unser französisches Hospital besorgen, die Visionen der Anna Katharina Emmerich vorgelesen. Eine Stelle in jenen Visionen siel der Oberin, Schwester de Grancey, auf. Diese Stelle bezog 395 sich auf ein kleines Haus in der Nähe von Ephesus, in welchem die seligste Jungfrau lebte, und, umgeben von heiligen Frauen, entschlief. Die Oertlichkeiten waren näher beschrieben. „Wie kommt es denn", dachte Schwester de Granceh bei sich, „daß wir, die doch jenen Oertlichkeiten so nahe leben, noch gar nicht daran gedacht haben, die Richtigkeit dieser Bision an Ort und Stelle zu erproben?" Die Oberin theilte ihre Gedanken dem Hospitalkaplan Pater Jung mit und gab ihm „das Leben der Anna Katharina Emmerich". Pater Jung studirte es durch und ließ sich sogar das deutsche Original senden. Als ein Mann, der sich durch nichts aufhalten läßt und der alle seine Thatkraft vom Glauben herleitet, beschloß er, „selbst hinzugehen und zu sehen". Eines Morgens bestieg denn Pater Jung in Begleitung seines Confröre nen, sich dort in Gegenwart von Ruinen zu befinden, welche viele Aehnlichkeiten mit dem von Katharina Emmerich beschriebenen kleinen Hause haben: — dieselbe Lage, dieselben Abtheilungen, eine Quelle zur Rechten, eine kleine Kapelle im Hintergründe, sogar eine Schlucht zurSeite. Es konnte kein Zweifel obwalten: dies war, was Pater Dung suchte. Sie fragten einen Bauern, der sein ärmliches Obdach hart dabei aufgeschlagen, nach dem Namen des Platzes: „Panagia Capouli — Wohnung der heilig st enJungfrau" — war die Antwort. Auf die Frage, warum er nicht lieber in den Ruinen wohne, erwiderte er: „Es ist ein heiliger Ort." Die Reisenden verbrachten die Nacht auf dem Berge und kehrten am nächsten Tage nach Smyrna zurück. "n I « ü !l ik'ini»i, k .« i z r i'il z z ^ z L L L 2 , S» i'-'v. Krumdüd bei Krumbach. Original-Aufnahme von Gustav Baaver, Photograph in Krumbach. sVervieljSIiigungSrecht vorbehalten.) Pater Vervault und eines Dieners den Eisenbahnzug. Er kam nach Ephesus und lenkte von dort aus seine Schritte nach den von Anna Katharina Emmerich angegebenen Oertlichkeiten. Einen ganzen Tag lang wanderten die drei Reisenden in den Bergen umher. Es war wirklich etwas Aehnliches dem, was die deutsche Nonne erzählte; aber alle Berge sehen sich einander sehr gleich. Von Müdigkeit erschöpft und vor Durst fast verschmachtend, dachten die drei Reisenden daran, irgend ein Obdach für die Nacht zu finden. Sie hätten viel Geld für ein Glas Wasser gegeben. Der Diener konnte es nicht mehr aushalten und wurde halb ohnmächtig. Zum Glück erreichten sie eine kleine, etwas bebaute Hochebene. Ein Hirte weidete dort einige Ziegen; das bedeutete Hoffnung, das bedeutete Leben. Von ihm erfuhren sie, daß ungefähr hundert Meter entfernt sich eine Quelle befinde. Sie gingen darauf zu. Wie groß war nicht Pater Jung's Erstau- Pater Jung fand anfangs bloß ungläubige Ohren. „So kommt nach Panagia und Ihr sollt selbst sehen", war jedesmal seine Antwort. Wirklich begaben Pater Poulin, Superior der Lazaristen in Smyrna, Pater Loby, Visitator der Provinz Konstantinopel und mehrere Andere sich zu der Stätte und kehrten überzeugt zurück. Im August 1891 begaben Pater Dung, die Herren Borrel, d'Andria und ich uns dorthin, um zwölf Tage inmitten dieser heiligen Ruinen zu verbringen. Die Tageszeit brachten wir damit zu, von den Oertlichkeiten Photo- graphien aufzunehmen, Pläne zu zeichnen und nach irgend einem Steine zu suchen, auf welchem wir etwa ein Zeichen bemerken könnten. Zur Nachtzeit schliefen wir im Freien oder unter einem Zelte. In einer Nacht wurden wir plötzlich durch klägliches Bellen unserer vier Hunde geweckt. Waren lauernde Briganten in der Nähe? Wir wissen es heute noch nicht. Wir griffen zu unseren Gewehren und 396 blieben die ganze Nacht wach. Unvergeßlich wird uns die heil. Messe bleiben, welche Pater Dung am 15. August (Maria Himmelfahrt) auf dem Steinaltare im Oratorium der seligsten Jungfrau im Freien celebrirte. Die einzige Musik dabei war das Flüstern der von Katharina Emmerich beschriebenen Quelle. Dann sangen wir mit dem ganzen Feuereifer unseres Glaubens das Ave Maria und das Ave Maris Stella — den Gruß an die jungfräuliche Gottesmutter, deren letzte bescheidene Erdcnwohnung wir mit heiliger Ehrfurcht grüßten. Der 15. August 1891 gehört zu den denkwürdigsten und schönsten Tagen unseres Lebens. Wir besuchten das Haus Unserer Lieben Frau seitdem zu öfteren Malen, und unser Glaube und unsere Ueberzeugung wuchs mit jedem neuen Besuche. Auch die Vater von St. Polycarp besuchten eines Tages in unserer Begleitung die „Panagia Capouli". Mehrere kehrten eben so überzeugt nach Smyrna zurück, wie wir selbst. Somit haben wir den geehrten Lesern kurz erzählt, unter welchen Umständen das Haus Mariens entdeckt wurde. Sicher werden diese Ruinen dereinst eine vielbesuchte Wallfahrtsstätte werden. -ss-s-cs— Zu unseren Bildern. Die kleine Kehrerin. „Still gesessen jetzt, ihr Kleinen, Aug' und Ohr zu mir gericht'tl Dürst nicht lachen oder greinen, Wenn der strenge Lehrer spricht. Ernste Miene, nicht gewackelt! Karl, wie sitzt er wieder da? Ei, da wird nicht lang gefackelt, Wer nicht hört, muß fühlen, ja! Habt Respekt vor meiner Brille, Achtung vor dem Birkenreis." Jctzo herrscht die größte Stille — Weil man nichts zu sagen weiß. — Strengen Blick, die Faltenstirne, Wie er räuspert sich und spuckt, Hast Du ihm, Du kleine Dirne, Wirklich trefflich abgeguckt. Schulrath Franz, der Herr Inspektor, Freut sich Deiner Disziplin. Er ernennt Dich bald zum Rektor, Weißt Dn 's Kindlein recht zu zieh'n. Und ich seh', an rechte Stelle Hast Du heut' Dich hingesetzt. Doch merk' Dir auf alle Fälle: „Aus der Schul' wird nicht geschwatzt!" Ein» — zwei — drei! Zum Großvater geht die kleine Anna mit ihrem Schwesterchen immer gerne. Sind sie ja doch seine Lieblinge und bei ihm gibt es stets etwas Interessantes zu hören oder zu sehen. Bald erzählt er ihnen eine schöne Geschichte, bald gibt er ein Spätzchen aus seinem eigenen Leben zum Besten, bald muß der kleine Schnauzer eine Vorstellung geben, wie dies auf unserem Bilde der Fall ist. Mit einer Geduld, die die beiden Mädchen sicherlich nicht haben würden, wenn ihnen ihre Mutter eine leckere Speise vorenthielte, wartet der kleine Schnauzer, den wohlschmeckenden Bissen auf der Nase, auf die erlösende „drei". Noch einen Moment, dann ist die harte Probe, welche den beiden Mädchen so große Freude bereitet, überstanden, und die Vorstellung endet mit der Vertilgung des mühsam erworbenen Gutes. Krumbad. Krumbad, bei Krumbach in Schwaben gelegen, ist ein alter, durch seine Mineralquellen berühmter Bade- und Luftkurort. In Nro. 62 des schwäbischen Postboten von 1892 wurde bereits über seine Wiedercrwerbung durch Herrn Pfarrer Dom. Ring- eisen in Ursbcrg, der es ganz und allein für Heilzwecke bestimmte, berichtet. Heute wollen wir Einiges aus der Geschichte dieses Bades mittheilen. Lechsenried und das Krumbacher Bad oder Krumbad liegen in fast gleicher Entfernung zwischen Edenhausen und Krumbach, und zwar letzteres an der Straße, ersteres aber jenseits eines Berges vom Bade gerade gegen Mittag durch ein Holz hinüber. Hiltipold, ein Bruder Mangolds, Dynasten zu Krumbach, erbaute sich im Jahre >145 unweit Lechsenried, welches ein Landgut mit einer Kapelle war, und das er kurz vorher an Ursberg verschenkt hatte, auf einem Berge eine Burg, welche von seinem Namen Hiltipoldsberg und nach der Platten Mundart Hilpelsberg genannt wurde. Dieses Schloß kam in der Folge mit Krumbach an die Ritter von Ellerbach. Im Jahre 1390 hatte Ritter Ulrich v. Ellerbach auf seine Gemahlin, Adelheid v. Roth, einen eifersüchtigen Argwohn geworfen und sie im rasenden Zorn bis in eine Stallung verfolgt, welche er verriegelte und anzündete. Die Unglückliche ward zwar dadurch elender Weise erstickt, ihr Körper aber blieb unversehrt und wurde in der v. Roth'schen Begräbniskapelle zu Wettenhausen beigesetzt, wo im Jahre 1692 zum ewigen Andenken ein schönes Monument errichtet wurde, wie in den Badbüchlein zu lesen ist. An der Stelle ihres Todes entsprang sogleich eine sehr heilsame Quelle, der Badbrunnen genannt, bei welcher das Krumbacher- oder Krumbad erbaut wurde, welches noch heut zu Tag stark besucht wird und in Leibesverstopfungcn, bei schwächlichen oder gelähmten Gliedern und Füßen sehr gute Hilfe leistet. Die Wirkung des Wassers sowohl, als der sogenannten Badesteine, welche auf dem Berge, woraus das Wasser entspringt, ausgegraben werden, sind im Jahre 1754 durch Herrn Jos. Friederich Rübel. der Medizin Doktor, untersucht worden, und im Jahre 1758 hat Herr Georg Friedrich Guttermann, protestantischer Stadtphysikus zu Augsburg, dem Gotteshause Ursberg ein Büchlein von diesem Bade, um es drucken zu lassen, übergeben, welches auch geschehen ist. Daraus kann man sowohl die Wirkungen des Wassers und der Steine, als auch die Art, wie dieses Bad zu gehrauchen ist, ersehen. Nur dasjenige will ich noch anführen, was mir ein geschickter Arzt. dem dieses Bad sehr wohl bekannt ist, erst neulich sagte: dieses Wasser hat die Wirkungen eines Schwefelbades, und es steht den berühmten Schwefelbädern wenig nach, nur ist es etwas schwächer. Das Wasser, innerlich und äußerlich angewandt, ist vortrefflich; die Steine aber taugen nicht viel, besonders ohne das Wasser. Dieses Bad, zu welchem das Schloß Hilpelsberg nach dem traurigen Vorfall mit der unschuldigen Adelheid verwendet worden, kaufte sammt Lechsenried, welches vom Kloster wieder hinweggekommen war, im Jahre 1418 Wilhelm, Abt zu Ursberg, sammt allem Zugehör von Diepold v. Eichelberg, Ritter, um 1060 fl. Seine Söhne Konrad, Albert und Burkart wollten zwar nach 15 Jahren den Kauf umstoßen, allein sie richteten nichts aus, und von dieser Zeit ist es immer bei diesem Gotteshause verblieben. Es sind daselbst 1) das im Jahre 1717 ganz neuerbaute Herrn- oder obere Badhaus, in welchem viele und einige ausgemalte Zimmer mit Nebenzimmern, Küchen und Kämmern sind; 2) das gemeine oder untere Badhaus; 3) das Wirtbs- haus; 4) des Badmeisters Haus. An das obere Badhaus stößt eine kleine Kirche, welche im Jahre 1727 den 28. April zur Ehre der hl. FelizitaS mit ihren sieben Söhnen, der hl. Walburga rc. eingeweiht worden. Der Ort gehört in die Pfarrei Attenhausen, doch wird von Mai bis in den Herbst, solange Badgäste anwesend sind, von einem besonders dazu aufgestellten Religiösen vom Kloster aus alle Sonn-, Feier- und Donnerstage eine hl. Messe gelesen. Nicht weit davon jenseits des Berges, gegen Mittag, ist Lechsenried, jetzt nur noch eine Kapelle zu Ehren der seligsten Jungstau. Sie ist im Jahre 1772 ganz erneuert und schön ausgemalt worden. Dahin haben die andächtigen Badgäste einen schönen Spaziergang. Im Jahre 1800 haben diesen Ort anfangs die Kaiserlichen, hernach aber die Franzosen mit vieler Mannschaft besetzt und mit einem Verhaue umgeben. Letztere wurden zwar von den Kaiserlichen etliche Male hinausgeworfen, endlich drang aber die ganze französische Hauptmacht durch das Kammelthal bis an die Donau vor, wodurch dann dieser Ort, wie die ganze Gegend, sehr Vieles gelitten hat. Im Krumbad, mit seinen drei altberübmten Heilquellen für so viele Leiden, wurden in letzter Zeit verschiedene Verbesserungen und Erneuerungen bethätiget, und findet dasselbe besonders auch durch die Schwesternpflege immer größeren Besuch von solchen Leidenden, welche ein stilles, vom Lärm der Welt abgesondertes Erholunasplätzlein für Leib und Seele suchen. Das Bad wird gewöhnlich am 1. Mai eröffnet und geschlossen, wenn der Besuch zur Wetterführung zu schwach geworden ist, was gewöhnlich im Oktober der Fall zu sein pflegt. « 53 Ireitag, den 26 . Juni 1896 . . ^ Kür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). WHeingotö. Novelle von Cary Groß. (Fortsetzung.) IV. Durch den Abzug der Studenten wurde der Ausblick nach der Linde wieder frei; sogleich flog Ottiliens Blick hinüber. Gottlob, der ganze Tisch war leer. Vermuthlich hatte die Gesellschaft der Frau Rehwald den Aufstieg zur Thurmruine unternommen, denn Shawls und Schirme waren auf den Stühlen zurückgeblieben; ein Kellner rüstete den Tisch für eine Bowle, Kuchen und Gläser wurden bereitgestellt. So war anzunehmen, daß die Räthin und Miß Nich die Verlegenheit, in welche Ottilie soeben gerathen war, gar nicht bemerkt hatten; sie brauchte weder Schadenfreude, noch Vorwürfe zu fürchten, noch um die der guten Miß Nich verursachte Sorge sich selber Vorwürfe zu machen. — Nun konnte Ottilie wieder hoffen, daß das ganze Abenteuer trotz aller Zwischenfälle, auf die sie nicht gefaßt war, noch einen harmlosen, sogar lustigen Verlauf nehmen würde und sie ihre Rolle unerkannt zu Ende führen werde. Aber gerade als sie mit dieser erheiternden Zuversicht sich beruhigt hatte, bedrohte eine schlimme Gefährdung ihr Jncognito auf's Neue. Zwischen den Zuschauern, die der Studenten Lied und Abzug herbeigelockt hatte, sah sie plötzlich ein bekanntes Gesicht mit namenloser Verwunderung auf sich gerichtet. — Es war ein freundliches Frauenantlitz, das Ottilie zu jeder andern Zeit mit Wonne erblickt hätte, denn es gehörte einer lieben, fast mütterlichen Freundin Ottiliens an, der einzigen nahen Bekannten, die das junge Mädchen in dieser Gegend besaß, die sie aber ferne von Bonn geglaubt hatte. Doch gerade um Ottiliens willen war Fräulein Hermine Stark von Düsseldorf zurückgekommen, wo sie auf Besuch gewesen war, und hatte sogleich zur Partie auf den Drachenfels sich einigen Freunden angeschlossen, weil ihr gesagt wurde, daß Räthin Nehwald mit ihrem Gast hinaufgefahren war. Hermine freute sich darauf, Ottilie dort zu überraschen. Die Ueberraschung war aber auf ihrer Seite, als sie, die wenig später als die Professorin Führer die Terrasse erreicht hatte, Ottilie am Tische des Sängers in fremdartigem Aufputz, mit der Guitarre in der Hand, erblickte. Sie hätte fast aufgeschrieen, denn Hermine Stark war lebhaften Fühleus und nicht gewöhnt mit dem Ausdruck desselben ängstlich zurückzuhalten; aber sie schloß den schon geöffneten Mund wieder, denn blitzschnell hatte Ottilie die Gefahr erkannt und in bittender Geberde den Finger auf den Mund gelegt. Fräulein Stark war zeitlebens keine Spaßverderberin gewesen; sie verstand sogleich, daß es sich hier um einen Scherz handle, und fühlte dabei sich sogleich in ihrem Element. Ohne eine Miene zu verziehen, suchte sie sich zu orientieren, wer bei der Sache mitwirkend war, wer nicht. Sie näherte sich sachte, ohne aufzufallen, dem Tisch der Sänger, so daß Ottilie ihr zuflüstern konnte: „Beste Tante Mina! Verrathen Sie mich nicht! Ich habe einen tollen Streich gemacht, kann nicht zurück. Helfen Sie mir ihn zu Ende führen. Miß Rich weiß Alles. Sie sitzt bei der Räthin. Gehen Sie hin, schützen Sie meine Stellvertreter in." „Wer ist das?" „Goldmunds Tochter." „Wie lange?" „Bis heute Abend. Schicken Sie mir Bruder Ottmar an die Trambahn. Hier soll er mich beileibe nicht kennen und nichts ausplaudern; bitte, bitte!" Fräulein Hermine verwickelte sich absichtlich in dem Stuhlchaos und stellte sich an, als danke sie dem jungen Mädchen für die kleine Hülfe, die es dabei leistete, so, daß die Worte unbemerkt gewechselt werden konnten. Jetzt erst trat sie an den Tisch, wo ihre beiden Neffen,' die Brüder Heermann, für sie und die Professorin Führer nebst ihren Freundinnen längst Plätze belegt hatten. „Du kommst spät, Tante Mina", rief man de< Ankommenden entgegen. Unter diesem Namen war die' heitere Dame, eine echte Nheinlandstochter, nickt nur ihren ^ vielen Verwandten, sondern auch einer großen Zahl vor^ Freunden bekannt. Der Name gefiel ihr, sie hatte ihn auch bei Ottilie, die bei einer Schweizer Badereise sie kennen gelernt hatte, die Tante gespielt, und zwar um so lieber, da Ottiliens Vater ein alter Bekannter von Fräulein Stark war. Als Ottilie die Freundin von den Brüdern Heer- mann Tante nennen hörte, brauchte sie daher nicht anzunehmen, daß sie wirkliche Neffen Mina's seien. Erst allmählig wurde ihr die Beziehung klar, als Fräulein Stark am Nachbartisch absichtlich laut sprechend die Herren begrüßte mit „Tag, Max! Lag, Walter! Danke Euch, mir den Platz bewahrt zu haben; kann aber nicht hier bleiben. Habt an Frau Professorin und den lieben Frankfurterinnen bessere Gesellschaft als an mir. Ich 398 muß zu Frau Näthin Rehwald, habe der „lieben Emma" versprochen, Bowle mitzutrinken; fahre wohl auch mit ihr nach der Villa, zum Abendessen. Kommst Du nicht auch hinüber an den Tisch der Näthin, Max? Sie hält bekanntlich viel auf Deinen Besuch und liebt Dich sehr!" „Wie sollte sie nicht? — Wir kennen einander längst gut", entgegnete lachend der junge Mann. „Erlaube mir jedoch, daß ich Dir später nachkomme, Tante, um der „lieben Emma" aufzuwarten und zugleich mich Professor GrubeS Tochter vorzustellen. Das läßt sich Beides nicht umgehen." „Nun so zögere nicht lange, denn ich glaube, die Näthin bricht bald auf." Unter lebhaftem Bevauern der Andern verabschiedete sich Tante Mina. — „Man muß den Freunden Wort halten", sagte sie bedeutungsvoll und blickte dabei auf Ottilie, als sie an dieser vorbei sich zur Linde begab." Das junge Mädchen war froh, der Eingebung gefolgt und Tante Mina als Wächter!» zu der Näthin geschickt zu haben. Jetzt konnte von dort kein Ueberfall kommen, selbst von Ottmar nicht, der sein Erscheinen ohnehin nicht fest zugesagt hatte. Im Mfühl vermehrter Sicherheit beängstigte es nun Ottilie keineswegs, als Frau Professor Führer den Sänger aufforderte, mit seiner Tochter an ihrem Tisch Platz zu nehmen und Thee mitzutrinken. Die Damen und Herren hatten bereitwillig Platz gemacht, so daß Ottilie zwischen Dr. Heermann und Frau Schwitz aus Frankfurt zu sitzen kam. Tante Mina, die nur hübsch langsam, da und dort Bekannte grüßend, sich entfernte, sah diese Veränderung noch von weitem; ein lustiges Lächeln überflog ihre Züge. — „Hml" dachte sie bei sich, „wenn Neffe Max wüßte, daß er sich gar nicht weit zu bemühen braucht um Grubes Tochter kennen zu lernen, ja, wenn sie ihm schon gefällt, ehe er nur weiß wer sie ist, so wäre das eine allerliebste Geschichte I Der Mensch denkt und Gott lenkt! Tolle Streiche sind schon oft der Vorsehung Leit- kxile geworden." In bester Laune kam Tante Mina bei der Näthin an, deren bekümmerte Miene ihre Heiterkeit vollends hervorrief. Frau Proffessor Führer aber beschäftigte sich, Während sie den Thee bereitete, mit Goldmunds vermeintliche Tochter. „Kein Wunder", sagte sie zu dem Alten, der neben ihr saß, „daß Ihr schönes Kind den Studenten auffiel! Wäre sie bei dieser Schönheit auch noch mit Stimme begabt, so könnte man ihr Glück wünschen zu einer glänzenden Künstlerlaufbahn. Singen Sie wirklich nicht, mein Fräulein?" „Gewiß, ich singe!" erwiederte Ottilie, die sich beeilte dem die Sänger Gelegenheit zu neuen Verwirrungen abzuschneiden. „Ich bin ja Schülerin von Papa Goldmund! Aber ich konnte und wollte mich nicht zwingen lassen an einem Ort zu singen, wo mein eigentlicher Platz Nicht ist." „Sie hatten recht. Aber ich kann sagen, wo Ihr eigentlicher Platz ist, Fräulein! Wenn Sie die entsprechende Stimme haben, so ist Ihr Platz das Theater, Mo Ihnen glänzender Erfolg sicher ist." Ottilie lächelte muthwillig. »Ich zweifle ob mein Vater damit einverstanden wäre!" „Wie, Herr Goldmund, Sie, ein Künstler, könnten Ihrer Tochter die Künstlerlaufbahn wehren?" so wandte sich die Professorin entrüstet gegen Goldmund. „Ich — bewahre — nein!" sagte dieser halb erschreckt. „Ich nicht! Sie selber will nicht. Sie paßt auch nicht für's Theater. Ihre Schüchternheit ist unüberwindlich, dazu ihre klösterliche Erziehung." Er hielt inne; er merkte, daß er wieder von Fettete sprach. Frau Professorin blickte erstaunt von einem zum andern ihrer Gäste. So taktvoll und bescheiden Ottilie auftrat, war doch von Schüchternheit ihr nichts anzumerken. Zur klösterlichen Erziehung stimmte auch die geschmackvolle Kleidung nicht, die mit großer Eleganz getragen wurde; ohne das Hütchen, da§ Ottilie nun abgelegt hatte, würde man sie für eine Dame aus feiner Gesellschaft gehalten haben. Dr. Max Heermann hatte Aehnliches gedacht und zugleich wahrgenommen, daß zu wiederholten Malen schon das junge Mädchen durch Goldmunds Mittheilungen in Verlegenheit gebracht und vom Eingehen auf ungezwungene Unterredung abgehalten worden war; deßhalb zog er den alten Goldmund in ein Gespräch über Musikpublikationen mit seinem Bruder und hatte bald die Genugthuung zu sehen, daß seine Taktik dem jungen Mädchen nützte. Ottilie verkehrte ungezwungen und anmuthig mit den Damen, sobald sie Goldmunds Einrede nicht mehr fürchtete, und Max suchte und fand Anlaß sich am Gespräch mit heiterem Humor zu betheiligen. Es gelang ihm, der wenn er wollte, von Witz und Geist sprudelte, bald die ächte lustige Rheinlandstimmung hervorzurufen. Die Zeit verging im Fluge; im Publikum verlangte man nicht mehr nach dem Sänger. Die Gäste, welche das Dampfschiff erreichen wollten, brachen auf, ebenso Andere, die noch weite Wege zu Fuß vor hatten. Auch am Tisch unter den Linden schien man sich zum Weggehen vorzubereiten. Max Heermann sah es zufällig und erinnerte sich seines Vorhabens, die Näthin zu grüßen. „Sie werden uns untreu", riefen, als er aufstand, die Damen mit Ausnahme Ottiliens. „Die kleine Grube soll reizend sein. Sie wird Sie drüben fesseln." „Ich bin ein Aal, der jeder Fessel entschlüpft." „Bis er einmal in eine Grube fällt", lachte sein Bruder ihm nach. „Ich wette eine Bowle, daß er drüben bleibt und mit Näthin Nehwald nach der Villa fährt." „Eine Erdbeerbowle! Sie müssen sie zahlen, wenn Ihr Bruder zurückkommt!" bestimmt Frau Schwitz. Ottilie vertauschte ihren Platz mit einem andern neben Goldmund. Unauffällig konnte sie von dort den Tisch unter der Linde beobachten. Neben Goldmunds Töchterlein entdeckte sie diesmal eine blaue Cerevismütze. Die Mütze saß auf dem Lockenkopf ihres Bruders. Gewiß hatte Hermine Stark Wort gehalten und Ottmar war von ihren Bestimmungen benachrichtigt, und somit war auch ihr Rückweg gedeckt. Vermuthlich war das Abenteuer ganz nach Ottmar's Geschmack. Er hatte sich mit einem Anschein von brüderlicher Vertraulichkeit neben Fettete niedergelassen und plauderte lustig zu ihr. Das junge Mädchen hörte offenbar vergnügt zu; sein Gesicht- chen schaute nicht mehr so blaß wie vorhin unter der himmelblauen Feder hervor, sondern strahlte von kindlichem Frohsinn, der seine Lieblichkeit erhöhte. Soeben trat Dr. Max Heermann, der zuerst die ältern Damen begrüßt hatte, vor Felicie hin. Ottilie war sicher, daß er sich als Bekannten und Schüler ihres Vaters vorstellte, denn Felicie verbeugte sich verlegen und erröthete. „Wenn ihA die Tochter meines Vaters dort drüben besser gefällt wie hier", gestand sich Ottilie — „so ist es nicht schmeichelhaft für mich — würde mir auch weniger belustigend vorkommen, als es bei Dr. Lebert der Fall wäre." Der ältere Heermann beobachtete gleichfalls was am Tische der Näthin vorging. „Alle Wetter!" rief er auf einmal, „das hatte ich nicht erwartet. Kellner, besorgen Sie eine feine Erd- beerbowle mit Champagner für unsern Tisch! Max kehrt wirklich zu uns zurück." Ueber dem Lachen und Beifallklatschen Aller bemerkte man nicht, daß Ottiliens schönes Gesicht freudig erstrahlte. Aufs Lustigste wurde der wiederkehrende Max begrüßt und mit Fragen bestürmt, wie er Professor Grubes Töchterlein gefunden habe. „Hübsch genug, aber nicht interessant. Allerdings kann ich nicht urtheilen in so wenig Zeit", sagte er ablehnend. „Jedenfalls gefällt sie meiner Tante Mina sehr. Sie will mit Frau Näthin, die einen Platz frei hat, zurückfahren und den Abend in ihrer Gesellschaft verbringen." „Macht Fräulein Grube mehr Glück bei Damen als bei Herren?" fragte Frau Schruitz. »Ich möchte gern dem Vater, wenn ich ihn in Frankfurt sehe, eine ganze Liste von Eroberungen melden, die seine Tochter in der Bonner Herrenwelt gemacht hätte." „Dann schreiben Sie nur getrost den eleganten Doktor Lebert auf die Liste", scherzte Max. „Er sieht ganz ingrimmig aus, wenn das Fräulein mit seinem eigenen Bruder, dem jungen Grube, plaudert, der allerdings auffallend munter ist. Die Geschwister scheinen sich besonders gut zu verstehen. Ich war jedenfalls überflüssig und stelle mich als eintägiger Freiwilliger wieder zu Diensten." „Das muß solenn gefeiert werden", sagte Frau Professorin Führer und schlug vor, die Bowle lieber in den hübschen Gartensalon bringen zu lassen, wo keine Gäste seien und man nicht befürchten müsse, von der Abendkühle zur Eile getrieben zu werden. „Ein Klavier ist auch dort, und wer weiß, ob wir nicht unbehelligt von ungebetenen Zuhörern ein Liebchen von jugendfrischer Stimme zu hören bekommen l" schloß sie, Ottilie freundlich ansehend. Diese blickte diesmal nicht streng auf bei der Anspielung. AIS die Tafelrunde in dem eleganten Saal etablirt war und fast alle Gäste von den Nachbartischen sich verloren hatten, erhob sich Goldmund, sein Notenbuch zu holen. Aber Ottilie hielt ihn zurück, und ihm ihr Glas zuschiebend, griff sie nach der Guitarre und erklärte selbst singen zu wollen. „O, Welt, wie bist Du so wunderschön!" klang es glockenrein in Jubeltönen durch den Saal. — Entzückt lauschte die gewählte Gesellschaft der Musikfreunde, und des Beifalls und Lobes ihrer Stimme wie ihrer vortrefflichen Schulung im Vortrug wollte es kein Ende werden. — Als Ottilie mit dem alten Goldmund auch noch ein Duett aus Schumanns Genovefa gesungen hatte, das die Professorin wünschte und selbst auf dem Klavier begleitete, steigerte sich in Frau Führer das Entzücken zu Enthusiasmus, und sie rückte sogleich mit dem ganzen Kunstfeucr vor, um GoldmundS unbegreiflichen Widerstand gegen den Künstlerberuf seiner Tochter zu besiegen, wobei sie von den Uebrigen unterstützt wurde. Nur Dr. Heermann verhielt sich ruhig. Er horchte um so gespannter auf das, was Ottilie selbst entgegneie, und verleitete daher diese, als sie es bemerkte, zu der Schelmerei, zu sagen, sie werde Hiebei sich ganz von der Einsicht ihres Vaters leiten lassen, der bisher den Wunsch noch nie geäußert habe, sie auf der Bühne zu sehen. Dies erschien hinwieder der Frau Professorin empörend, denn Goldmunds Tochter würde ein Stern ersten Ranges am Bühnenhimmel werden. Da dem alten Gold- mund dabei wacker eingeschenkt wurde, zeigte er sich immer nachgiebiger, versprach die Sache zu bedenken, erregte aber dadurch der Professorin Unmuth gegen die philisterhaften Anschauungen der Neuzeit, die sogar Künstler bedenklich machten. Der junge Heermann fand während der lebhaften Discussionen über Kunst und Beruf des älteren Gelegenheit zu einem andauernden Gespräch mit Ottilie, deren Meinung er ebenso geschickt zu ergründen suchte, als sie verstand, einen Theil davon, und zwar gerade den, der ihn am meisten interessirte, zu verschweigen. Dagegen konnte Max sich überzeugen, daß das junge Mädchen gründlich und vielseitig gebildet war, viel gelesen und gedacht hatte, ein zutreffendes Urtheil und feinen Geschmack auf dem Gebiet der Litteratur und Kunst besaß. Max wunderte sich nicht mehr, daß eine so sorgfältige Erziehung dem alten Goldmund viele Opfer auferlegt hatte; er staunte nur, daß eine Jnstitntserziehung ein solches Resultat gehabt hatte, denn die Auffassung deS jungen Mädchens war so frisch und ursprünglich, als habe sie mehr durch Anschauung als durch schablonmäßigeS Lernen sich unterrichtet, dabei auch volle Freiheit genossen nach Liebhaberei und Talent sich zu entwickeln, wie es nur die Mnzelerziehung und diese nur unter den günstigsten Verhältnissen gewähren kaun. Wahrlich, ein derart erzogenes und ausgebildetes Mädchen hatte Alles in sich, um als Künstlerin nicht nur in Gefahren zu bestehen, sondern auch die Höhe zu erreichen, der ihr Talent entsprach. Dennoch widerstrebte es dem jungen Professor, die Frage der Professorin einfach zu bejahen, ob nicht ein außerordentliches Talent die Verpflichtung auferlege, es bis zur Kunstvollendung auszubilden. Damit zog er sich aber die Ungnade von Frau Führer zu, die, ihres guten Rufes gewiß, nichts lieber that, als von ihrer eigenen Laufbahn als Künstlerin zu sprechen. „MnnneregoiSmus ist es", eiferte sie gegen Max. „Ihr glaubt immer, die feinsten Blumen sollten nur dazu dienen, Euer Haus und Eucrn Küchengarten zu schmücken. Mag ja sein, daß viel Schönes dort gedeihen und beglücken kann, besser als anderswo. Aber den seltenen, den ungewöhnlichen Wunderblumen, wie Goldmunds Kind zu sein verspricht, ihnen gebührt die Stelle im Zaubergarten der Kunst, und zwar aui einer Höhe, wo Tausende sie bewundern können, wo sie Wonne und Veredlung dem Fürsten und dem Volke spenden." „Aber auch von plumpen Füßen zertreten, vom Staub der Oeffeutlichkeit belästigt und befleckt werden können." „Altmodische Einwendungen! Solche Blumen schützt die Höhe, oder auch die Hand der Liebe. Oder sollten auch Sie, Dr. Heermann, den ich trotz seiner Weiberscheu, oder vielleicht wegen derselben, für einen Diener des Ideals und Verehrer edler Weiblichkeit halte. 400 zu Jenen gehören, die sich die Gattin nur aus den Reihen der im Schooße des Ueberflusses Erzogenen holen würden ? Sind Sie nicht der Mann, zu begreifen, daß die beste Liebe nur da sich entfaltet, wo das Weib um seiner Vorzüge, die ihm innewohnen, die unzertrennlich zu ihm gehören, gewühlt und gefreit wurde? Daß Geld und Rang gar nichts zum inneren Werth beifügen?" Ottilie hatte, als die Rede der Professorin eine verfänglich ernste Wendung nahm, sich sachte entfernt und am Klavier sich zu thun gemacht. — Dr. Heermann blickte verstohlen zu ihr hinüber, als er in halblautem, aber gleichfalls ernstem Ton antwortete: „Ziehen Sie die gute Meinung nicht zurück, die Sie von mir hegen, gnädige Frau! Ich hoffe Sie noch zu rechtfertigen; aber verdenken Sie mir auch den Wunsch nicht, sofern ich ein Kleinod von unschätzbarem Werth fände, es bei mir sicher zu bergen." Ein wohlklingender Accord ertönte. Ottilie hatte sich an's Klavier gesetzt und spielte die Einleitung zu der wunderbaren Widmung an die Musik von Franz. Jetzt ertönte von ihrer sympathischen Stimme das Lied: „Wenn die Schatten dunkeln." Mäuschenstill war es im Saale geworden. Als das Lied geendet war, eilte Frau Führer auf Ottilie zu und umarmte sie. „Sie haben unsern Streit wunderbar geschlichtet, theures, hochbegnadrteS Geschöpf! Mit der Lehre, die ihre Widmung gibt, können wir Frieden schließen. Wer sich der Musik weiht, ernstlich und für immer sich ihr hingibt, der dient der Kunst auch außerhalb des Theaters und bleibt geheiligt auch in seiner Oeffentlichkeit. — Aber Sie, liebe Sängerin, lasse ich heute nicht mehr von mir. Sie müssen mit mir kommen in unser Tusculum nach Godesberg. Professor Führer wird glücklich sein Sie kennen zu lernen, und wir verbringen einen wunderbaren Abend. Goldmund schließt sich den Herren an, indeß Sie mit mir und den Damen vorausfahren. Ich lade sämmtliche Herren zum Abcndbrod in meine Villa ein." Aber Ottilie lehnte die Einladung ab. Entschieden erklärte sie, Papa Goldmund könne weitere Aufregungen nicht ertragen, und sie selber müsse rechtzeitig in die Familie zurück, zu Freunden ihres Vaters, die ihr Schutz und Asyl gewährten. Goldmund bestätigte auf ihren Wink ihre Aussage. Ohne Zeit zu neuen Einwendungen zu geben enteilten beide dem Drachenfels auf den Weg, die zur nahen Trambahnstation führte, um den letzten Zng abwärts zu benützen. (Fortsetzung folgt.) -- Ueber das Mormonenlhnnr. „Was wissen Sie von den Mormonen?" Diese Frage wurde mir unlängst vorgelegt. Ich konnte nur eine kurze Antwort geben, wenig mehr, als auf das von den „Heiligen der jüngsten Tage" (wie sich die Mormonen nennen) erbaute neue Jerusalem und auf einige kurze Glaubenssätze hinweisen. Diese unvollständige Antwort bewog mich, das Leben und Treiben dieser Secte durch eingehendes Studium diesbezüglicher Schriften kennen zu lernen. Da manche der geehrten Leser vielleicht auch nicht mehr zu antworten wissen, als ich seinerzeit wußte, so zeige ich mit kurzen Notizen das Lehren und Treiben der Mormonen. Joe Smith, geboren am 23. September 1605 zu Sharon im amerikanischen Staate Vermont, ^ist der Stifter dieser abergläubischen, schwärmerischen/ jüdifch-christlich-mahomedanischen Secte; — er war der Sohn eines Landmanns und empfing, den einfachen Verhältnissen gemäß, nur eine dürftige Schulbildung, nach derselben widmete er sich dem Kaufmannsstande. Durch sein religiös gestimmtes Gemüth und sein Forschen nach religiöser Wahrheit getrieben, las er in seiner freien Zeit viel die Wesleyanischen Predigten und die Bibel, gerieth aber in einen Wirrwarr von Widersprüchen und Zweifeln, darin er sich nicht zurecht finden konnte. Da er eine positive Abneigung gegen die katholische Kirche besaß, suchte er Belehrung und Rath bei der protestantischen, — englischen, — puritanischen, — metho- distischen Kirche; doch konnte ihn keine dieser Religionen befriedigen, daher erklärte er alle Religionen und Con- fessionen für falsch und beschloß eine neue Religion zu stiften. — Joe Smith behauptete, mit Gott und den Engeln in Rapport zu stehen und göttliche Offenbarungen empfangen zu haben. In seinem 17. Jahre (1820), gab er an: eine Stimme vorn Himmel habe zu ihm gesprochen und alle bestehenden Religionen für falsch erklärt. — Da er als ein Abgeordneter Gottes gelten wollte, kam er mit vielen religiösen Sectenpredigern in Streit, die ihn als einen Betrüger und Schwärmer erklärten. Diesen gegenüber vertheidigte er seine Stellung durch folgende Mittheilung: Am 21. September 1823 habe ihm ein Engel gesagt, er solle die an einer bestimmten Stelle der Erde vergrabenen Tafeln der Offenbarungen aufsuchen; er habe jahrelang gesucht und endlich eine auf goldene Platten mit ägyptischen Buchstaben geschriebene Urkunde gefunden, die eine Ergänzung der heiligen Schriften des alten Testamentes sei und deren Verfasser „Mormon" geheißen. Bei diesen Platten hätten zwei transparente Steine gelegen, die ihm als Instrument gedient, den Inhalt der Urkunde zu übersetzen. Diese Uebersetzung der Urkunde, — das Buch der Mormonen, — sei der heiligen Schrift gleich zu achten; — eS berichtet die Geschichte der Ureinwohner Amerikas, die nach dem verunglückten Thurmbau zu Babylon aus Asien gewandert, um sich in Amerika niederzulassen. — Weiter wird erzählt, daß Christus nach seiner Auferstehung zuerst den Amerikanern erschienen und bei ihnen seine Kirche gegründet habe. — Im vierten und fünften Jahrhundert n. Chr. wurden die Christen aber, ihrer Sünden wegen, ausgerottet. Mormon, der letzte christliche Prophet, schrieb eine Geschichte der amerikanischen Christen, ihre Lehren und Weissagungen und grub dieselben in jene Platten ein, die Joe Smith gefunden. Mormon's Sohn Morant empfing, als auch er verfolgt wurde, von Gott den Befehl, die von seinem Vater geschriebenen Tafeln zu vergraben; Gott selbst wolle dieselben in Schutz nehmen und erst „in den jüngsten Tagen" wieder an's Tageslicht befördern. — Thatsächliche Untersuchungen dieser eklatanten Betrügerei haben festgestellt, daß im Jahre 1812 ein anglikanischer Prediger in Neu-Salem, Salomon Spaulding, einen Roman geschrieben über die Ureinwohner Amerikas und die Abenteuer der in Amerika zerstreuten Stämme Israels. Das Manuscript dieses Romans kam in den Besitz eines Freundes Smiths, Namens Sidney Rigdon. Beide Freunde fabricirten nach dem Manuscript in betrügerischer Weise die Urkunde des Mormon und nannten dies Werk die „goldene Bibel". Der werthvolle Fund dieser, die göttlichen Offenbarungen enthaltenden „goldenen Bibel", durch amerikanische Zeit- ungen bekannt gemacht, würbe acceptiert von einer Schaar gläubiger Anhänger. Dadurch ermuthigt, beglückte Joe Smith die Seinen mit einem neuen inspirirten Buche, das Offenbarungen von Engeln enthielt. — Das hebräische Original, das er von Engeln empfangen, habe er selbst übersetzt; er gab an, eine Wunderbrille zu besitzen, durch welche er hebräische und griechische Prophezeiungen ins Englische übersetzen könne. — Auch dieses Machwerk fand Glauben. Smith's Anhänger nannten sich „die Heiligen der letzten Tage.- — Die Dogmatik dieser wunderbaren Heiligen behauptet Folgendes: Sion wird wieder hergestellt. Christi Reich dauert 1000 Jahre; am Ende desselben erfolgt die Auferstehung der Todten. — Gott ist ein körperliches, mit Sinnen begabtes Wesen. — Die ganze Welt mit allen Schätzen gehört den Mormonen. Ihre Kirche besitzt die Gnaden und Wundergaben des Urchristenthums. — Sie glauben an Gott, an Jesum Christum, an die Erlösung durch ihn und an den heiligen Geist. Eine verschiedene Taufe ist nothwendig, eine für Sünder, eine für Kranke, eine für Todte. Die Taufe geschieht in der Kirche oder in Flüssen durch Untertauchen. — Die Taufe der Todten befreit die Verdammten aus der Hölle. — Nächstenliebe, Gehorsam gegen die Obrig- ^rit, Mäßigkeit, Fleiß und Vielweiberei sind geboten. — Das Priesterthum unterscheiden sie nach der Ordnung des Mclchisedech und nach der Ordnung des Aron. Die Hierarchie besteht aus Propheten, Aposteln, Bischöfen, Hirten, Großpriestern, Lehrern, Aeltesten und Diakonen. — Der Platz, an dem das neue Jerusalem erstehen sollte, wurde von Smith durch Prophetie bestimmt. An einem Orte im Staate Missouri, im Counth Jackson sprach Smith: „Wahrlich, ich sage euch, mein Knecht Sidney Gilbert (ein mormonischer Apostel) soll sich an diesem Orte anbauen und — einen Laden etablieren." So wurde dort 1833 Neu-Sion erbaut. Die Mormonen geriethen in Folge ihrer fanatischen Anmaßungen und Herrschsucht mit den übrigen Einwohnern in Conflikt. Ein gewaltiger Aufruhr entstand gegen die „Heiligen der letzten Tage", bei dem Joe Smith Nachts aus dem Bette geholt und gelyncht wurde, in der Weise, daß man ihn mit Theer überschüttete und ihn sodann mit Federn umhüllte. — Nach dieser schimpflichen Behandlung zogen die Mormonen von bannen im Jahre 1834 und erbauten Nauvoo am Mississippi. Die Gemeinde bestand damals aus 15,000 Mann. Joe Smith gründete hier einen Gottesstaat; er gab als Prophet, König und Hohepriester seine Gesetze; bildete eine Miliz, baute einen prachtvollen Tempel, der 1,000,000 Dollars kostete. Dieser Tempel trug in goldenen Buchstaben die Inschrift: „DaS HauS des Herrn, erbaut durch die Kirche Jesu Christi, der Heiligen der letzten Tage. Begonnen am 1. April 1841." In diesem Tempel befand sich ein umfangreiches Taufbecken aus Metall, das auf 12 Ochsen mit vergoldeten Hörnern ruhte. Da es Joe gelang, auf legislativem Wege viele bedeutende Privilegien zu erhalten, war er in seinem Hochmuth so vermessen, daß er als Candidat der Präsidentschaft der Vereinigten Staaten auftrat. In alle Welttheile sandte Joe seine Apostel aus, die neue Lehre zu verbreiten, — und nicht umsonst. Ihre Propaganda hatte reichen Erfolg. Da die Mormonen in ihrem Glück übermüthig wurden und ihre Gegner mit schroffen Maßregeln angriffen und verfolgten, bot der Staat Illinois seine Miliz auf, den Uebermuth der Mormonen zu dämpfen. In diesem Aufruhr wurden Joe Smith und sein Bruder Hiram inS Gefängniß gebracht, und am 27. Juni 1844 drangen als Indianer verkleidete Männer ins Gefängniß und ermordeten den großen Propheten-König sammt seinem Bruder. Nach dem Tode Joe's entstanden verschiedene Parteien und Spaltungen innerhalb der Secte. Der nach langem Streit gewählte neue Propheten-König Brigham Doung gab den Befehl, den bisherigen Wohnort zu verlassen. 1846 geschah die Auswanderung, einem unbestimmten Ziele zu. Ein ganzes Jahr hindurch wanderten sie unter Mühsalen und Entbehrungen, bis sie endlich in Utah, fern von allen'Verkehrswegen, in dem unbewohnten Lande, das einer öden Wildniß glich, ihre Wohnstätte nahmen, wo ein neues Sion gegründet und der „Gottesstaat" hergestellt werden sollte. Mit großem, energischem Fleiß haben die Mormonen das Land bearbeitet und cultiviert; schon im Jahre 1850 besaßen sie dort drei große Colonien und sehr viele Farmen. Ein neues Jerusalem wurde auf dem östlichen Ufer des Flusses, den sie Jordan nannten, erbaut. Großartig ist die Stadt angelegt. Die Straßen sind 132 Fuß breit. Jedes Haus muß 20 Fuß von der Straßenfront abstehen; dieser Raum wird mit Sträuchern und Blumen bepflanzt. Durch jede Straße rinnt ein klares Büchlein, dasselbe dient zur Reinhaltung der Straßen und zum Nutzen der Gärten. Der Bau eines colossalgroßen Tempels wurde in Angriff genommen, der aber so bald seine Vollendung nicht erreichen wird, da eS der größte Tempel der Welt werden soll. Nachdem sie sich nun eine blühende Hetmath gegründet, wurden viele Missionäre ausgefandt, um immer mehr GlaubenSbrüder zu gewinnen; sie verbreiteten kräftigltch den Glaubenssatz: nur auf dem heiligen Boden ihres Landes könne man selig werden. Im Jahre 1849 hatten die Mormonen sich eine demokratisch-theokratische Verfassung in ihrem Staate gegeben. Der Congreß verweigerte jedoch die Genehmigung und verlangte einen uichtmormonischen Gouverneur; dagegen sträubten sich aber die Heiligen. Es gelang ihnen durch eigene Zwischen- fälle, daß ihr Propheten-König Brigham Joung zum Gouverneur ernannt wurde. Doch schon 1858 bestimmte der Congreß durch energisches Eingreifen einen Gouverneur, der Nichtmormone war, dadurch sollte insonderheit bezweckt werden, der Vielweiberei ein Ende zu machen. Leider ist dieser Zweck bis jetzt noch nicht erreicht. Die Gemeinde der Heiligen wird zunächst mit unumschränkter Machtvollkommenheit regiert von dem Propheten-König, der mit zwei ihm zur Seite Stehenden ein Triumvirat bildet. Sodann folgen 7 Apostel, 2085 Mitglieder des Sieben- ziger-Nathes, 715 Oberpriester, S94 Aelteste, 514 Priester, 471 Monitoren und 227 Diakonen. Das Missiouswerk der Mormonen ist ein über alle Länder der Erde verbreitetes. Nahe an 600 Missionäre sind thätig. Im Jahre 1858 gab es 120,000 Mormonen; 68,000 in Amerika, 39,000 in Europa, 3500 auf den Sandwichinseln, 2400 in Australien, 1000 in Asien und 100 in Afrika. In Europa sind sie am zahlreichsten in England, Dänemark, Schweden und Norwegen. Bemerkens- und bedauernswerth ist die Thatsache, daß Joe Smith im Jahre 1830 seine Secte organisirte mit 30 Anhängern; in neuerer Zeit zählt sie über eine halbe 402 Million Seelen, die auf diesem Wege der wahren Kirche Christi verloren gehen. — Mögen die vielen Zerwürfnisse, Spaltungen und Uneinigkeiten innerhalb der Secte, sowie unserseits beharrliches Beten und Arbeiten für die Kirche Christi krüftigltch dazu beitragen, daß die armen betrogenen „Heiligen" zur Erkenntniß der Wahrheit kommen, damit die Entstellung und Verunglimpfung der christlichen Religion vom Erdball verschwinde. „Stcckeichrocesslon" und StaLchfer. *) In den kleinen Mittheilungen von Nr. 24 des „Bayerland" war von einem ehemaligen Krcuzgange der Pfarrei F. nach Mühldorf die Rede, welche man den Stcckenkrcuzgang nannte, „weil jeder Theilnehmer mit einem Stecken versehen sein mußte, der in Mühldorf in einen hölzernen Behälter des Gottesackers geworfen wurde". Leider hat der Einsender dieser Notiz es unterlassen, sich über Zweck und Charakter jener Processivn weiter zu äußern. Er fügt nur noch die Vermuthung an, daß jener eigenthümliche Brauch mit einem Ereignisse im Schwcdcnkriege zusammenhänge. Das Letztere möge dahingestellt bleiben. Doch sei es gestattet, auf weitere Thatsachen aufmerksam zu machen, welche darthun, daß ein eigenthümlicher Gebrauch von Stäben bei Processionen und Wallfahrten weder eine singuläre Erscheinung, noch jungen Datums sei. Auch in Negcnsburg cxistirt eine Procession, welche ganz ebenso wie jene in F. bei Mühldorf im Volksmunde die „Steckenprocession" heißt. Sie wird veranstaltet von der marianischen Cougregation und bewegt sich von der ehemaligen Dominikanerkirche aus, in welche die Cougregation nach dem Brande der Jcsuitenkirche St. Paul (1809) verlegt wurde, über den Vismarcks- platz zur Kirche zurück. Nur Männer bcthciligen sich an derselben, und zwar entsprechend der großen Zahl der Congregationsmitglieder sehr viele von Stadt und Land. Da sieht man nun allerdings, wie fast ein jeder entweder mit seinem städtischen Spazierstocke oder seinem urwüchsigen, in Strauch und Wald geschnittenen „Kruüen- stccken" in der Hand cinherwaudelt, wie eben sonst auch. Doch davon allein kann die Procession nicht recht wohl „Steckenprocession" genannt worden sein. Der Name muß irgend welchen historischen, nunmehr vergessenen Grund haben, der vielleicht noch um ein gutes Stück hinter der Zeit zurückliegt, da die Jesuiten die genannte Procession in Negcnsburg einführten. Längere Stäbe, welche oben mit einem farbigen Tuche nach Art eines Fähnleins und in der Regel auch mit irgend einem frommen Emblem aus Metall geschmückt sind, werden allenthalben in Süddeutschland von einzelnen Bruderschaftsmitgliedcrn bei feierlichen religiösen Umzügen mitgetragen. Jeder, der die Fronleichnams- procession in München kennt, erinnert sich der als Pilger gekleideten Gestalten, welche derartige Stäbe führen. Doch scheint dieser Brauch mit dem Stcckenkrcuzgang von F. nichts gemein zu haben und eher daran zu gemahnen, daß gewisse kirchliche Vergünstigungen, wie Ablässe, welche ehemals an eine Pilgerfahrt an entfernte Orte geknüpft waren, allmälig auch an Bruderschaften übergingen und von deren besonderen Andachtsübungen abhängig gemacht wurden. *) Aus der Zeitschrift „Das Vayerland".. Eine große Aehnlichkeit mit dem genannten Steckenkreuzgang von F., bei welchem man die Stäbe am Ziele der Pilgerfahrt deponirte, finde ich dagegen bei den Wallfahrten zum Grabe des heil. Bischofs Ulrich von Augsburg, welche bereits kurz nach dessen Tod (973) begannen. Propst Gebehard, welcher zwischen 983 und 993 das Leben und die Wunder des hl. Ulrich beschrieb, erzählt uns davon. Nach ihm hätte der eigenthümliche Gebrauch, Stäbe am Grabe des hl. Ulrich niederzulegen, auf Veranlassung des Propstes bei St. Afra, Wiksred, seinen Anfang genommen. Zu diesem sei ein fieberkranker Mann, Reginwalech, aus der norischen Provinz gekommen, ein Mittel gegen seine Krankheit zu erhalten. Da sprach Wiksred: „Geh' und hole Dir einen Stab und trage ihn Zum Grabe meines Herrn, des hl. Ulrich, zur Erlangung Deiner Gesundheit!" „Und dieser ging, schnitt sich einen Stab von Birkenholz und brachte ihn zu dem genannten Propste, welcher ihn zu dem heil. Grabe führte und ihn anwies, den Stab darauf zu legen. Zur Stunde wurde er sodann, der auch auf das Gebet der Geistlichen vertraute und durch ihre Unterweisung im Glauben bestärkt wurde, fieberfrei und gesund." Daraufhin kam eine unglaubliche Menge von Leuten, die ebenfalls von einem damals herrschenden Fieber befallen waren, zum Grabe des Augsburger Bischofs, „die einen mit Stäben, andere auch noch mit anderen Opfergaben". Die Stäbe wuchsen begreiflicherweise zu einer solchen Zahl an, daß sie in den Ecken der Kirche nicht mehr Platz fanden und in dem Balkenwerke des Daches aufbewahrt werden mußten (ok. Volssri opp. Nürnberg 1682: Llircreuka. 8. Hckalrioi x. 574 ss.). Offenbar galten sie als die schlichteste und einfachste Art von Wcihegcschcnkcn, als ein bloßes Zeichen der Verehrung und des Dankes gegen den Heiligen, nicht als die Darangabe eines wirklichen Werthes an sein Heilig« thum. **) Sollte sich nicht auch anderwärts in der Ueberlieferung oder in geschriebener oder gedruckter Literatur die Erinnerung an eine ähnliche Sitte erhalten haben? Geht sie vielleicht zurück auf einen urgermanischen, noch heidnischen Gebrauch? Dr. E. in N. Alis dem Vogelleben. Eine fesselnde Skizze aus dem Vogekleben theilt der „Köln. Volksztg." ein Leser aus Gymnich mit. Es handelt sich darin um merkwürdige Erlebnisse mit einem Buchfinken. Der Winter 1894P5 führte bekanntlich, so erzählt der Vogelfreund, ein recht strenges Regiment, namentlich blieb der hart gefrorene Schnee andauernd liegen, so daß die armen Vogel, denen es am Nothwendigsten gebrach, dichter um die Wohnungen der Menschen sich ansammelten. Wir hatten im Spätherbst die zur Reife gelangten Sonnenblumen abgeschnitten und sie an einem luftigen Ort zum Trocknen aufgehängt. Diese wurden jetzt hervorgeholt und an den Bäumen unseres Gartens befestigt. Es währte nicht lauge, so kamen die Meisen herbei und pickten mit hurtiger Geschicklichkeit die schwarzen Samenkörner aus ihrem Versteck heraus. Das geschäftige **) Unwillkürlich erinnert man sich an die Redensart, welche von einer Sache, die gar nichts werth ist, sagt: „sie fei keinen Stecken werth". 403 Treiben der munteren Gesellschaft machte uns viel Vergnügen. Da, eines Tages gesellte sich ein dicker Buchfink zu der kleineren Vogelschaar. Ohne Ansehen der Person hackt er rechts und links um sich und treibt alle in die Flucht, bis er sich selbst gesättigt hat. Ein solch unverschämtes Auftreten erregte natürlich unseren gerechten Zorn; zu steuern war jedoch dem Unfug nicht, und dann hatte das Thterchen auch wohl großen Hunger, und so ließen wir es gewähren. Damit die anderen nicht zu kurz kamen, hingen wir noch mehrere Sonnenblumen auf, streuten außerdem Brodkrumen und verschiedene Samen auf die Fensterbank. Aber auch hier behauptete der Dicke bald seinen Platz als Alleinherrscher. Als es draußen zu grünen und zu knospen begann, stellten wir das Füttern ein. Mit diesem Verhalten war jedoch der Buchfink keineswegs einverstanden. Eines Tages sitzen wir beim Kaffee, da fliegt ein Vogel außen an den Fensterscheiben auf und ab, als begehre er Einlaß. Wir öffnen das Fenster und streuen Samen auf den Blumentisch. Der Dicke — er war es — bedenkt sich nicht lange, sondern hüpft lustig hinein und verzehrt Alles, was wir ihm hingelegt. Von dem Augenblick an wurde er täglich kühner und unternehmender. Wenn er uns von außen bei Tisch erspähte, krallte er sich gegen eine Scheibe an und klopfte mit dem Schnabel an's Glas. Sobald wir ihm dann öffneten, kam er herein, sogar bis auf den Eßtisch, und holte sich die Brocken von unseren Tellern. Unser früherer Ingrimm gegen den frechen Gesellen verwandelte sich so allmälig in Liebe und Anhänglichkeit. Wir hatten uns mit der Zeit derart an den gefiederten Gast gewöhnt, daß wir ihn recht schmerzlich entbehrten, als er vergangenen Herbst plötzlich ganz ausblieb. Da auch Buchfinken bei uns überwintern, so glaubten wir nicht anders, als das Thierchen fei durch einen Sperber oder eine Katze ums Leben gekommen oder infolge zu guter Nahrung eingegangen. Wir sprachen noch Manchmal — bereits in der Vergangenheit — von dem netten Kerlchen, und den vielen Bekannten, die sich nach ihm erkundigten, mußten wir stets dieselbe traurige Antwort geben: „Unser lieber Dicker kommt nicht mehr." Dieses Frühjahr nun, vor mehreren Wochen, als die Sonne so prächtig und warm schien, höre ich einen Buchfinken im Garten singen. Der etwas herausfordernde Schlußton dünkt mich bekannt. Ich trete an's Fenster und rufe: „DickerI Dicker!" Siehe da: es währt nicht lange, so sitzt unser Dicker auf dem Fenstersims, hüpft gleich darauf geschäftig auf den Blumentisch, zum Kanarienvogel, zum Papagei, auf den Eßtisch — als sei er erst gestern noch dort gewesen! Im ganzen Hause herrschte Freude über die Rückkehr des Todtgeglaubten. Er besucht uns nun Tag für Tag. Wo Jemand sich blicken läßt, sei es im Wohn- oder Eß-Zimmer, in der Küche oder den Schlafräumen, sofort ist der liebe Dicke da und klopft und ruft, bis man ihm aufmacht. Verspürt er besonders tüchtigen Hunger oder hat er Eile, dann setzt er sich auf den Kirschbaum vor dem Hause und schreit aus Leibeskräften. Tritt man an's Fenster, so fliegt er Einem schon entgegen. Seine Kühnheit nimmt stetig zu. Mehrere Male hat er mir schon aus der Hand gefressen. Man merkt jedoch seinem Wesen an, daß er dieses Unternehmen selbst für ein großes Wagniß hält; dagegen scheut er es gar nicht, mir auf den Schooß zu fliegen und dort gemüthlich zu speisen, während ich arbeite und mit ihm spreche. In der Küche hält er sich mit Vorliebe auf; dort gibt es so mancherlei auf der Anrichte und vom Boden aufzupicken. Nie versäumt er es, meiner Schwägerin, die augenblicklich leidend ist, seinen täglichen Krankenbesuch abzustatten; bei der Gelegenheit fallen dann auch immer einige gute Brocken ab, die er auf dem Bette verzehrt. Ganz frei von Eigennutz sind also diese Besuche wohl nicht. Doch wie manches gute Werk verträgt eine eingehende Prüfung des Beweggrundes? Unsere anderen Hausthiere dulden den Eindringling. Möpschen, der draußen allen Vögeln nachstellt, betrachtet ihn als zur Familie gehörig, und wenn ich mich nur dem Fenster nähere, schreit Lora schon aus voller Kehle: „Dekahr." Sie spricht das „Dicker" wie ein Garde-Lieutenant auS. — Eben jetzt, während ich über ihn schreibe, sitzt er neben mir auf dem Schreibtische und sieht mich mit seinen schwarzen klaren Aeuglein so klug und zutraulich an. Ja, du kleiner Schelm, die Hauptsache darf ich doch nicht von dir verschweigen: daß du nämlich ein sehr aufmerksamer Gemahl bist. Sobald nämlich fein Weibchen einen Ton von sich gibt, horcht er auf, beim zweiten schon läßt er die feinsten Leckerbissen im Stich und fliegt mit augenscheinlicher Hast zu ihm hin in den großen Kastanienbaum. Oder sollte er am Ende trotz seines selbstbewußten Auftretens doch nur ein Pantoffelheld sein? . --S2-V-LA-»- ALLssLstz« Selbstmord eines indischen Fürsten. Ueber den Selbstmord eines indischen Fürsten wird der „Franks. Ztg." aus Chandernagor geschrieben: Vor Kurzem entleibte sich der Maharadscha von Patna; aber die Beweggründe, die ihn zu diesem verzweifelten Schritte getrieben haben, sind erst jetzt bekannt geworden. Der Herrscher von Patna war ein sogenannter „unabhängiger" Fürst. Jedem indischen Fürsten wird von der englischen Regierung ein sogenannter politischer Agent an die Seite gestellt, der den Verkehr des Fürsten mit der Regierung vermittelt und ihm in allen Angelegenheiten mit Rath und That beistehen soll. Der Maharadscha darf ohne ausdrückliche Erlaubniß dieses Agenten keinen Europäer einladen, er kann keine Reise unternehmen, kein Fest geben, kurz, er befindet sich vollständig in den Händen des politischen Agenten. Nun mißbrauchte aber der politische Agent in Patna seine Stellung in ganz unglaublicher Weise. Er untersagte dem Maharadscha selbst die harmlosesten Vergnügungen. Eines Tages brachte ihm einer seiner Spione einen Brief, in dem der Maharadscha den Vicekönig flehentlich M Abberufung des politischen Agenten ersuchte. Nun kannte seine Wuth keine Grenzen mehr; er beschimpfte den Maharadscha vor seinen Dienern mit den gemeinsten Schimpfwörtern. Jeder Tag brachte eine neue Beleidigung. In einem Briefe, den der Maharadscha wenige Wochen vor seinem Tode geschrieben hat, beschwert er sich darüber, daß man ihm Alles versage, außerdem drückt er seine Furcht vor einer Tigerjagd, zu der man ihn zwingen wolle, aus. Im Laufe der Jagd wHde ihm gewiß „unglücklicherweise" ein Arm abgeschossen Enden. Zuletzt erhebt er noch die schwere Anklage, daß er fast mittellos sei, da der politische Agent und der Dewan des Staates sich seiner Kasse und aller Einkünfte bemächtigt hätten. Der Fall hat unter den anderen Fürsten eine ungeheure Aufregung hervorgerufen. 404 Die Regierung gebe sich die größte Mühe, diese zu beschwichtigen. Die englische Presse schweigt den Fall todt, dagegen kann sie nicht verhindern, daß die einheimische Presse von fast nichts Anderem redet. » EinHospital fürAuSsätzige inLouisiana. Da im Staate Louifiana die Zahl der Aussätzigen in erschrecklicher Weise zunahm, wurde ein Hospital zur Aufnahme derselben gegründet, um sie von der menschlichen Gesellschaft abzusondern und so eine weitere Verbreitung der schrecklichen Krankheit durch Ansteckung zu verhindern. Als das Spital zur Ausnahme der Kranken fertig war, meldete sich Niemand zur Uebernahme desselben. Man mußte an die katholischen Krankenschwestern sich wenden, und die Barmherzigen Schwestern waren bereit, die Anstalt zu übernehmen. Die in New-Orleans erscheinende ,Picayunst beschreibt in einem längeren Bericht den Abschied dieser Heldinnen der Nächstenliebe und ihre Abreise nach ,Leper Land'. „Schaudern Sie nicht vor dieser Misston und werden Sie nicht von Furcht ergriffen?" so fragte der Berichterstatter die Oberin dieser Schwestern. Er erhielt von der Schwester Beatrice die schöne Antwort: „Warum sollte eine Barmherzige Schwester sich fürchten? Wir haben ja unser Leben der leidenden Menschheit geweiht. Gott wacht über dieses Asyl für Aussätzige. Er wird seine Kinder, uns und die Kranken, die unsere Brüder und Schwestern sind, in seinen Schutz nehmen." Als der Dampfer sich in Bewegung setzte, wurde den Schwestern von der Volksmenge ein herzlicher und ehrfurchtsoller Abschied bereitet. Die Herren zogen ehrerbietig ihre Hüte und die Damen schwenkten ihre Taschentücher. Alle waren von Bewunderung für die muthvollen Schwestern ergriffen. „Jetzt wird die Sache schon arbeiten", sagte Herr Ncynes, der Sekretär des Ver- waltungSrathes des Spitals. „Bald werden alle Aussätzigen im Staate sich in unserer Anstalt befinden; zum Mindesten gibt es in Louifiana 100 Aussätzige. Wir haben bis jetzt erst 31 davon in unserer Anstalt. Aber die anderen werden schon kommen, nachdem die Barmherzigen Schwestern die Anstalt übernommen haben. Jetzt können sie der besten Pflege versichert sein." Den prot. Protectivisten kommt dieser Bericht der ,Picayuni' sehr in die Quere. Man hört im Volke die spöttische Frage: „Warum haben die von der American Protective Association sich nicht erboten, die Leitung der Anstalt zu übernehmen?" * Die Musik in der englischen Königsfamilie. Die Königin Victoria ist äußerst musikalisch. Schon als zwölfjähriges Mädchen sang sie vor geladenen Gästen Duette mit ihrer Mutter, der Herzogin von Kent. Später bildeten Händel, Gluck und Mendelssohn ihre Lieblingscomponisten und unter den Werken des letztem besonders die Lieder ohne Worte. Die Königin hat bis vor wenigen Jahren Pianospiel und Gesang fortgesetzt. Jetzt rührt die 77jährige Monarchin das Instrument nur selten an. In ihren verschiedenen Schlössern besitzt die Königin 30—40 Pianos. Das schönste darunter steht im Scharlach-Saale im Schlosse Windsor; es hat einen wunderbar weichen Ton. Die Prinzessin Beatrice benutzte es häufig. Auf der Violine hat es die Königin niemals zur Meisterschaft gebracht; auf diesem Instrument glänzt der Herzog von Coburg. Dieser ist das einzige Mitglied der englischen Königshauses, welches eine echte Stradivarius- Geige besitzt, obgleich der berühmte Geigenbauer von Cremona vier Geigen für Georg I. anfertigte. » Der neueste Frauenhut. Jüngst ging ich zur Mode hin, — Zu der Weltbeherrscherin, — Und ich habe unverzagt — Nach dem neu'sten Hut gefragt. — „Blumen, Schmelz und Straußenfedern — Werden nachgerade ledern;" So begann die Königin, — „Höheres erstrebt mein Sinn; — Sieh das herrlichste Modell!" — Und sie lüftet ein Gestell. — Tief geblendet von der Pracht — Fragt' ich: „Ist das selbst gemacht?" — Freilich, keiner steht so gut, — Wie ein eig'ner Doctorhut." Scherzfrage. Wie theilt man einen Seufzer in fünf Theile? — Antwort: Indem man ihn in einen Handschuh aushaucht. ---8SLWS8"--- Kimmclsfcliau im Monat Juki. —X. Merkur ^ entfernt sich immer mehr weiter westlich von der Sonne und ist in den ersten Tagen als Morgenstern schwach sichtbar. Venus Z geht bereits nach 8 Uhr abds. unter. Mars F zwischen dem Kopf des Walisisches und Widders geht auf gegen Mitternacht. Jupiter H steht nach Sonnenuntergang niedrig in NW. und geht nach 9 U. abds. unter. Saturn D geht anfangs vor 1 U. nachts, zuletzt vor 11 U. unter und wird lichtschwächer. In der Nähe des MondeS befinden sich Mars am 5.; Merkur am 9.; Venus am 10.; Jupiter am 12.; Saturn am 19. Vom Monde werden bedeckt Negulus am 13. abds. 5 U. und Antares am 20. abds. 6 U. Am 28. findet ein Sternschnuppenfall statt in langen, langsam ziehenden Bahnen aus dem Radianten zwischen Steinbock und Wassermann. -SSWLS-"-— „Gttellc»k>»Nl!e." Oftmals frug ich Wind und Welle Nach des Glückes holdem Sterne, Lauschte lange an der Quelle, Ob's nicht rauschte nah' und ferne: „O das Glück, es lächelt gerne Jedem an des Daseins Schwelle." Doch es klang wie heimlich Höhnen Anö dem neckischen Wellenspiele Zu des Herzens wildem Sehnen; Und es rauschte laut und stille: „O, wie fern stehst du dem Ziele, Wirst du's wohl erreichen können?!" Also klang die kurze Kunde. — Und ich sah die Wasser wallen Lange noch im Wiesengrunde — Sah dann aus der Tiefe strahlen Sanft den Himmel, Frieden allen Winkend auf dem Erdenrunde. Da vergaß ich Erdenweben, Frug nicht länger Wind und Welle, Ob sie Glück mir könnten geben: Aus der Tiefe klar und helle, Aus dem Himmel quillt die Quelle Frieden träufelnd in das Leben. ll. N. M 54 1896. „Augsburger Postzeitung". Dinstag, den 30. Juni Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Berlag des Literarischen Instituts von Haas >L Grabherr in Augsburg (Borbefitzer vr. Max Huttler). MHeirrgolö. Novelle von Cary Groß. (Fortsetzung.) V. ES war noch lange nicht Zeit zum Besuch machen, als der Sänger Goldmund sich des andern Morgens am Gartenthor der Villa Rehwald einfand. Auf sein heftiges Läuten erschien langsam ein Gärtner, der ihm bedeutete Frau Räthin empfange so früh keine Besuche; auch wisse er, daß sie heute Migräne habe. Ihre Fenster seien noch fest verhängt. — Von den Gästen des Hauses wußte er nur, daß eine Mamsell schon früh ausgegangen sei und vielleicht noch im Garten verweile. Jn's Haus habe er Niemand gehen sehen. Wirklich kamen leichte Schritte den Kiesweg unter dem Rebengang herunter, und Ottilie eilte freundlich auf ihren seltsamen Beschützer und Vater von gestern zu. Sie trug Hut und Sonnenschirm und erklärte, längst wohl ausgeruht zu haben. In ihrem Morgenkleid aus grauer Leinwand, das eine schlichte Stickerei am Rand des Rockes verzierte, sah sie eben so elegant und an- muthig aus wie gestern. Das Abenteuer vom Drachenfels hatte weder Reue noch Ermüdung hinterlassen. Ihre Augen glänzten wie die liebe Morgensonne, die das schöne Rheinthal begnadete. Sie führte Goldmund durch den Rebengang sachte aufwärts zu einem Steinsttz über der niederen Seiten- mauer, wo eine herrliche Aussicht sich bot. Zwischen glühenden Glycinen, die eine Gttterwand und Fenster umspannen, zeigte sich das Siebengebirg noch beschattet in duftiger Ferne. Ottilie schob dem alten Mann einen Weidenstuhl zurecht, wo er bequem sich niederlassen und die Aussicht auf den Drachenfels genießen konnte. Freundlich antwortete sie auf des alten Mannes Entschuldigungen und Fragen, die er mit unverkennbarer Aufregung vorbrachte. „Sie sind ungeduldig, Felicie wiederzusehen. Ich habe sie mit meiner getreuen Miß Rich in der ganz nahe gelegenen Pension einlogirt, um die gute Räthin, deren Migräne ich verschuldet habe, in keiner Weise zu belästigen. Es geht der lieben Ltcie vortrefflich. Wir waren schon zusammen in der Kapelle auf dem Kreuzberg in Begleitung der Miß natürlich. Ich kam allein herüber, um Ihnen eine Bitte vorzutragen, die Ihrem Töchterlein so sehr wie gestern am Herzen liegt." „Jn's Kloster will siel Ich sehe es kommen", jammerte Goldmund. „Verhandelte sie doch schon in Nonnenwerth alles Mögliche. Und das jetzt, wo es nöthig wäre, daß sie nicht abgeschlossen von der Welt sich und Andere prüft! Ich ahne schon den Einbruch meiner Luftschlösser, das Kloster steckt ihr einzig im Kopf!" „Doch vorerst nur, um einige Monate, vielleicht ein bis zwei Jahre dort gegen französischen Unterricht ihre eigene Fortbildung zu betreiben, vielleicht bis zum Lehrerinnenexamen. Das sollten Sie aber um so lieber gestatten, als Sie in der nächsten Zeit ihr noch kein gesichertes Heim bieten können, und als ihr Klosterberuf zum mindesten unwahrscheinlich ist; mir wenigstens ist er seit gestern Abend sehr zweifelhaft." Ottiliens Augen blitzten in froher Schelmerei, als sie ihre Rede schloß. „Mir war er von jeher zweifelhaft. Vielleicht urtheilte ich thöricht und aus Selbstsucht. Seit gestern Abend aber weiß ich, daß dem Kind außerhalb der neidischen Mauern, die schützen, aber auch trennen, ein schöneres Glück blüht, als ich für Felicie zu träumen wagte. Sie ist doch keineswegs schön, kaum hübsch." „Sagen Sie lieber — sie sei es noch nicht. Sie ist, oder war bisher nur zu befangen, zu schüchtern. Sie ist noch zu kindisch gewesen, um zu interesstren." „So glaubte auch ich bis gestern. Aber sie hat trotzdem gefallen, hat es in einer Weise, die mein Staunen erregt. Es ist genug, wenn ich Ihnen sage, daß sich eine glänzende Versorgung für mein Kind bietet, glänzend wenigstens den vorzüglichen Eigenschaften und der gesicherten Zukunft des Bewerbers nach. Er bat quaoi schon einen Antrag gestellt — eine sehr ernstgemeinte Werbung, wenn es sich auch zunächst erst um die Möglichkeit handelt, daß er ihr Herz gewinne; denn sie liebt ihn noch nicht. Aber gerade darum ist es unmöglich, Felicie in ein Kloster zu sperren, und darum bedarf ich Ihres Raths, Ihrer Hülfe, Fräulein Ottilie!" Ottilie war überrascht. Sie fürchtete, es habe Jemand mit dem Alten sich einen Scherz erlaubt; einer der Studenten etwa! Oder sollte ihr tollköpfiger Ottmar seine rasche Flamme schon dem Alten geoffenbart haben? Zögernd fragte sie: „Wie ist das zugegangen? Ernst gemeint, sagen Sie? Etwa von einem Jüngling, einem Studenten?" „Fräulein Grube!" erwiederte Goldmund vorwurfsvoll und richtete sich gravitätisch auf. — „Sie kennen 406 den alten Goldmund schlecht! Was seine Verpflichten betrifft, dabei ist er vorsichtig wie der feinste Staatsmann. Mit Studenten würde ich mich nicht in die geringste Erörterung einlassen. Anders ist es aber, wenn ein ernster, wohlfituirter, vortreffliches junger Mann, den alle Welt achtet, dessen Worten zu trauen ist, selbst wenn er weniger deutlich gesprochen hätte, sich um mein einziges Kind bewirbt, dann muß ich die Möglichkeit wohl in Erwägung ziehen, wie es anzustellen ist, daß er ihre Liebe gewinne! Ihnen darf ich ihn schon nennen. Sie kennen ihn auch; es ist kein Geringerer als der liebenswürdige, geistreiche Professor Dr. Max Heermann." „Max Heermannl" Ottilie wiederholte den Namen mechanisch, wie ein Echo. Ein Schatten senkte sich von den langen, dunklen Wimpern auf die leicht, ganz leicht erblassende Wange. „Kannte er Fclicie schon lange?" fragte sie, wie traumbefangen. „Schon lange? Nicht daß ich wüßte. — Aber er sah sie gestern auf dem Drachenfels, und da machte sie ihm sofort einen tiefen Eindruck, wie ich es nimmer von dem unfertigen Mädchen vorausgesetzt hätte. Doch es ist Thatsache. Ich wurde sagen er habe eine Leidenschaft für sie gefaßt, aber das ahnt man nur. Er ist zu vorsichtig, sein Gefühl herauszulassen, wie unsereiner thun würde. Die verhaltene Gluth bemerkt man aber in jedem Wort und Blick dennoch. Gestern Abend, als Sie mich kaum verlassen hatten, trafen wir zusammen, und er wollte fast mir den Schwur abzwingen, meine Tochter nicht auf's Theater zu lassen, so viel man mich auch bereden würde!" In die dunklen Augen war längst der goldene Schimmer zurückgekehrt; um die Lippen, die einen Augenblick schmerzlich gezuckt hatten, spielte wieder jener schelmische Zug, der dem schön geformten Mund so gut ließ. Ottilie beugte sich nieder und betrachtete die wunderlichen Zeichen, die ihre Sonnenschirmspitze in den Sand grub, während der Alte auf ihre Bitte geordnet erzählte, daß gestern Abend, nachdem Ottmar die Schwester an der Tramstation in Königswinter abgeholt hatte und Goldmund auf das letzte Dampfschiff nach Bonn wartete, die Brüder Heermann zu ihm gestoßen seien. Der eine habe sich zu seiner jungen Familie nach Mehlem begeben, wo diese ein Sommerfrischhäuschen bewohne; der andere, der Professor, sei mit Goldmund auf dem Schiff nach Bonn gefahren, habe ihn mit Artigkeiten überhäuft, mit ihm in Bonn im Hähnchen zu Abend gegessen, habe ihn mit echtem Rheinwein bewirthet und allerlei Fragen über den Aufenthalt der Tochter gestellt, die er, Goldmund, nur auf die diskreteste Weise beantwortet habe, zumal er mit Recht sagen konnte, sie wohne bei einer Dame in guter Hut, die er nicht näher kenne. — Alsdann habe der junge Herr zu verstehen gegeben, wie glücklich er sein würde, sich dem jungen Mädchen, das einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn gemacht habe, nähern zu dürfen, und zwar um ihr Herz und ihre Hand zu gewinnen. Er habe es sogar ganz deutlich ausgesprochen, daß, sofern er nur die Zuneigung des seltenen Geschöpfes gewinnen könne, er sofort um sie anhalten würde, ja er habe sich gewissermaßen ihm gegenüber gebunden, um dafür sein Versprechen zu erhalten, sie weder für's Theater zu bestimmen, noch sie in der Ocffentlichkeit singen zu lassen, wie gestern. Als der Alte diese Worte ausgesprochen, mochte ihm das schalkhafte Lächeln Ottiliens, die sich rasch aufgerichtet halle, doch auffallen. Er hielt plötzlich inne — sah mit offenem Mund Ottilie an, bis er endlich hervorstieß: »Ja so — das waren ja Sie, die gestern sang! — O ich alberner Schwachkopf! — Der Wein — die Sorge — die Neuheit und Verwicklung der Lage verwirrten mich I Wie konnte ich an eine solche Gunst des Geschicks glauben? Wie annehmen, daß mein armes, scheues Täubchen je solche Eroberung machen würde! — Sie gehört nicht zu den sieghaften Erscheinungen, die man steht und sich ihnen gefangen gibt - oft für immer." „Sie würden das nicht sagen, wären Sie gestern Abend mit mir und Ottmar nach Villa Nehwald gekommen, hätten miterlebt wie wein Bruder Studiosus ihr seine ganze frische und, wie ich gewiß weiß, auch ausdauernde Jugendneigung zuwandte und nichts lieber gewollt hätte, als sich rasch mit ihr zu verloben. Von einem Freier, den sie mir abspänstig gemacht hat, gar nicht zu reden. Niemand außer der Räthin glaubt, daß auch dieser tief verwundet das Haus verließ." Man schellte an der Gartenthüre. Ottilie bog den Kopf durch die Ranken der Glycinen, um nach dem Eingang zu sehen. — „Tante Mina ist's! Die kommt gerade recht zur Berathung! Papa Goldmund, bitte, erwarten Sie mich hier!" Der Sänger blieb aber lange allein. Er verkürzte sich die Zeit mit einem Gabelfrühstück, das der Diener in die Laube brachte. - Es wollten ihm aber weder Wein noch Fleischspeisen gut munden. Er fühlte sich beschämt durch seinen Irrthum und bedrückt durch die Vernichtung seines schönen Traums. Sein trüber Muth verschwand aber doch vor dem sonnigen Lächeln Ottiliens, als diese mit der freundlichen Hermine Stark endlich wieder kam. Die Freundinnen hatten viel inzwischen besprochen. Es mußte Ernstes und Heiteres gewesen sein, denn in den Augen der Aclteren wie der Jüngeren schwamm noch ein verrätheri- sches Naß, beglänzt vom Sonnenschein innerer Freude. Dem alten Herrn hatte Tante Mina Gutes zu berichten. In der Pension Harling verlangten reiche Engländerinnen einen Singlehrer ersten Ranges. Statt der Stelle auf dem Drachenfels sollte Goldmund diesen Unterricht übernehmen, der ihm gutes Honorar abwarf. Auch Verpflegung und Wohnung wurden ihm in dieser Pension bei guten, aufmerksamen Wirthen zugesichert, und er konnte somit die Tochter eine Zeit lang entbehren, die nirgends besser versorgt sei als in Nonnenwerth. Daß Felicie immer noch dahin verlangte, versicherte sie ihm bald selber. Sie sah dabei so fröhlich aus, wie Goldmund die Kleine noch nicht gesehen hatte. Sie schien seit gestern gewachsen und verschönt. War da wirklich etwas vorgegangen, was des Kindes Sinn vom Klosterleben abgewendet hätte? Seiner krankhaften Furcht davor konnte der arme Alte nur deshalb nicht los werden, weil es ihm mit Verlust des einzigen Kindes gleichbedeutend war. Aber er konnte sich weder dem herzlichen Wort Ottiliens verschließen, von deren Sympathie er einen so glänzenden Beweis hatte, noch den süßen Bitten seines Töchterchens, das ihm zugleich versprach, gewiß nur der Fortbildung und gesicherten Schutzes willen für einige Zeit in Nonnenwerth zu leben. Er willigte also in die Vorschläge, die man ihm machte, endlich ein. Es wurde beschlossen, daß heute 407 noch Felicie übersiedeln dürfe, denn Ottilie wollte morgigen Tages schon mit Miß Rich nach Trier reisen, das sie noch nicht kannte. Sie zog vor, dort und nicht in Bonn die Rückkehr ihres Vaters zu erwarten, damit nicht ihr Debüt auf dem Druchenfels in der Gegend bekannt und besprochen würde. Die Räthin war mit dieser Bestimmung nur im Interesse Leberts einverstanden. Sie fühlte sich ihm gegenüber schuldbewußt, da sie es an Muth und Geschick hatte fehlen lassen, ihn rechtzeitig von dem Austausch der Mädchenrollen zu benachrichtigen. Sein Benehmen hatte aber selbst ihr mißfallen. Dies trug bei, sie mit Ottiliens tollem Streich auszusöhnen und endlich Ottiliens Bitten nachzugeben, Luft und Unterhaltung gegen ihre Migräne zu erproben und sich dem munteren Kreis zu gesellen, der sich im Gartensalon versammelte. Dort gestand sie bald zu, daß ihr bisheriger Günstling gestern eine gar zu klägliche Rolle gespielt hatte. Erst als Ottmars Auftreten Dr. Lebert belehrt hatte, in welchem Irrthum er sich befunden, versuchte er es zwar noch mit einer Eifersuchtsscene, um seinen kläglichen Rückzug zu decken, mußte er aber einsehen, daß er sich lächerlich machte, denn er schützte plötzlich Krankenvisiten vor, um nicht mit der Räthin nach der Villa fahren zu müssen. In der Morgenfrühe aber hatte ein Billet seineKlientin benachrichtigt,Doktor Lebert sei mit einem Patienten nach Berlin gereist und werde einige Tage fortbleiben. „Der wäre außer Schußweite", sagte Tante Mina, als die Räthin halb belustigt, halb mitleidsvoll das Mißgeschick Leberts besprochen hatte. „Er ist übrigens nicht der einzige, der Stadt und Gegend verlassen mußte, ehe er über die Komödie der Irrungen aufgeklärt wurde. Mein Neffe Max ist auch über Hals un) Kopf abgereist, in Wahrheit gezwungen durch eine Archivarbeit in Mainz, die er vollenden muß, bevor der Congreß in Frankfurt angeht, denn dort hat er sein Erscheinen zugesagt. Er soll in der schlechtesten Laune gewesen sein, als er gestern Abend spät das Telegramm vorfand, das ihn abrief. Ingrimmig ist er mit dem ersten Zug heute abgefahren. In seinen Archiven wird er schwerlich Dokumente finden, die ihm die gestrige Komödie erklären. Vielleicht hat er später mehr Chancen in Frankfurt." Ein bittender Blick Ottiliens auf die muthwillige Sprecherin machte Tante Mina verstummen. Frau Rehwald erfuhr nichts von den Erlebnissen des bösen Max. Sie gönnte es ihm, wenn auch er von Ottilie ein wenig mysttfictrt worden war. Ihr Frieden mit Ottilie ward um so vollständiger. Die Migräne verschwand, und sie nöthigte Goldmund und sein Töchterchen in ihrem gastlichen Haus zu bleiben, bis gegen Abend alle ihre Gäste Felicie nach Nonnenwerth begleiten könnten. Ottilie und Mina hatten tagsüber verschiedene geheime Abmachungen mit Goldmund, der sich eine Menge Adressen und Notizen in ein scharf von beiden Damen controllirtes Taschenbuch schreiben mußte. Die arme Felicie wäre über dieser Geheimnißkrümerei fast vergessen worden, wenn nicht zum Glück Ottmar Grube Zeit gefunden hätte aus Bonn herüber zu kommen, s Gerhard Uosilfs ch. nur um einmal nach dem Rechten zu sehen. Er übernahm auch die Pflicht, das Mädchen auf dem etnftündigen Weg nach Nonnenwerth ausschließlich zu unterhalten, und es gelang ihm so gut, daß Beide höchlich überrascht waren, als sie an der Fähre gegenüber von Nonnenwerth angelangt waren. Der Weg war ihnen sehr kurz erschienen. Der Abschied ging nun zu rasch, als daß Goldmund Zeit gehabt hätte, sich wieder in trübe Stimmung zu vertiefen. Noch einmal nur mußte Felicie ihm feierlich, „angesichts der ewigen Berge", versprechen, den Schleier nicht zu nehmen! Sie that es unbefangen. Als dabei ihr Blick zufällig den Studenten streifte, erröthete sie noch mehr als gestern Abend beiOr.HeermannsVorstellung, und dies wohl bedeutungsvolle Zeichen hatte die Kraft die tiefe Falte zu glätten, die Ottmars junge, aber energische Züge verdüsterten, seit die Klostermauern in Sicht waren. Nur Ottilie und Frau Rehwald fuhren mit Felicie zur Insel hinüber. Tante Mina machte ganz harmlos dem jungen Grube den Vorschlag, sich zum Erwarten der Nückkehrenden eine Hütte zu bauen, an gleicher Stelle, wo auf dem Rolandseck ein gewisser Ritter geharrt und gehofft habe. Sie fing auch wirklich an das Rezept zu besagtem Bau und geduldiger Bewohn- ung desselben aus Ritter Toggenburg zusammen zu suchen, so gut sie sich ihres Schiller noch erinnerte. Ottmar ließ sie aber nicht zu Ende kommen. „Ein Zelt würde genügen", meinte er. „Solider Hüttenbau rentirt sich nicht. In anderthalb Jahren bin ich mit der Jurisprudenz fertig, mache meinen Doktor, und dann wenn nicht früher! — kann das Zelt zusammengefaltet werden. Statt der Hütte baue ich mir dann ein Haus." Er sagte es lachend, warf aber den Kopf trotzig zurück, und aus seinen Augen leuchtete ein gewisser Strahl, der ihn seiner Schwester ähnlich machte. VI. Acht Tage später saß im Mittagsschnellzug, der von Mainz nach Frankfurt fährt, schweigsam, ungesellig in eine Ecke gelehnt, Professor Max Hcermann. Er hatte vermieden mit Bekannten zusammen zufahren, als wäre er ein einsiedlerisch beanlagter Mann und nicht der muntere Gesellschafter, den man so gern aufsuchte. Er mußte sich, statt mit Menschen, heute mit seinen Gedanken beschäftigen, denn er hatte seit acht Tagen seine liebe Noth mit ihnen. Sie waren rebellisch geworden, ließen sich gar nicht mehr zusammenhalten und nicht mehr in die gewohnten Bahnen des Studiums lenken. Kaum hatten sie bei den dringend nothwendigen Arbeiten, die vor dem Gelchrten-Congreß in Frankfurt erledigt sein mußten, nothdürftig parirt. Hielt Dr. Heermann nur einen Augenblick die Zügel weniger stramm, so rasten sie fort, denn Flügel wuchsen ihnen und trugen sie über Berg und Thal, rheinabwärts immer zu. bis sie auf dem Drachenfels anlangten. Dort suchten sie ein schönes Mädchen, lauschten seinen klugen Reden, seinem herzgewinnenden Lachen und seinem herrlichen Gesang. Kehrten sie endlich zu ihrem Herrn zurück, so vermehrten sie seine Qual, weil sie ihm nur immer dieselben Dinge vorführten, die sich an einem unvergeßlichen Nachmittag ereignet hatten, dagegen gar nichts Neues von dem holden Wesen zu berichten wußten; die er immer dort suchen ließ, wo er ihre Gegenwart nicht einmal wünschte. — Max hatte darum versucht, auch durch körperliche Boten etwas von der Beherrscherin seiner Gedanken zu erfahren, hatte aber nichts oder doch nichts Zuverlässiges gelernt. Dieses Wenige war sogar schlimmer als nichts, denn es gab ihm Räthsel auf, und Räthsel hatte er schon übergenug zu lösen. Das größte Räthsel war er sich selber. Er, der so viel von edlem Stand und altgeachteten Namen hielt, daß er selber für stolz gehalten wurde, so daß man nie gewagt hätte, ihm eine reiche Erbin vorzuschlagen, wenn deren Familie nicht hochangesehen und über jeglichem Tadel stand, auch solchem, der die Erwerbsquelle betrifft, den man heute leicht vergißt, sobald Millionen oder große Bruchtheile derselben Mitgift werden. Ihn, den stolzen Dr. Heermann, vermochten ein Paar dunkle Augen, die allerdings überaus tief und strahlend waren, bei einem Bänkelsänger als Bewerber um seine Tochter aufzutreten? — Und als Bewerber hatte er mit Goldmund im Enthusiasmus des ersten Abends sich ausgesprochen. Er konnte es nicht leugnen, ja er wollte es gar nicht, bereute es bis zur Stunde noch nicht, trotz der Bedenken, die ihm von seiner Vernunft vorgehalten wurden. Das Herz hatte Antwort auf alle Einreden der bisher so hochgehaltenen Vernunft; es half dieser gar nichts, wenn sie mit der Stimme des persönlichen Stolzes, des Familienstolzes und des Pro- fefforenstolzes sich verstärkte. Das Herz übertönte das ganze Quartett seiner Gegner und kleidete seine Reden auch in ganz vernünftig klingende Formen. Goldmund war gar kein Bänkelsänger, sondern ein Künstler, der Gutes leisten konnte als Lehrer und Musikkenner, sobald ihm nur Jemand den Weg aus dem Elend herauswies. Seine Tochter war nicht nur gut, sondern vortrefflich erzogen, unberührt von Gesellschaft der Leute geringen Schlags; sie war nirgends wo öffentlich aufgetreten, außer das eine Mal neben dem Vater. Heermann hatte ja Alles miterlebt und das Verhalten des Mädchens bewundert. Ein Mädchen vom Werth wie des Sängers Tochter, deren Namen Max nicht einmal kannte, weil Goldmund mehrere angewandt hatte, brauchte weder Titel noch Wappenschild. Ihr Adel war recht von Gottes Gnaden und verschaffte sich deshalb Achtung von der ganzen edel denkenden Welt. Nur eine Sache reute Heermann bitterlich. Er hätte Sorge tragen müssen, daß nicht nur die Tochter Goldmunds, sondern er selber nicht mehr auf dem Drachenfels sang, bevor nicht die Entscheidung gefallen war, ob er des Mädchens Herz gewinnen werde oder nicht. Sobald sie ja gesagt zu seiner Werbung, konnte er sofort ihr ein sicheres, wenn auch bescheidenes, auf Arbeit gegründetes Heim bieten. Er war überzeugt (und das Wohlgefallen, das Frau Führer, die edle, angesehene und erfahrene Dame, an dem Mädchen genommen hatte, bestätigte seine Ueberzeugung), daß die Frau seiner Wahl allgemeine Achtung erlangen und verdienen werde. Es lag ihm aber doch sehr daran, daß ihr Vater nicht in seiner Heimath als Bänkelsänger bekannt und vielleicht belacht würde. Bei jener Unterredung mit dem alten Sänger hatte er seine Absicht, um der Tochter Hand zu bitten, so schnell offenbaren müssen, um für sie das Versprechen zu erlangen, an dem ihm am meisten gelegen war, das durch die sonderbaren Reden und Verwechslungen des Alten bedroht schien. Sehr fatal war ihm alsdann die Pflicht in die Quere gekommen, die ihn nach Bonn abrief. Er hatte nicht daran denken können, das Mädchen noch einmal zu sehen, hatte am Quartier Goldmunds, zu dem er auf die Gefahr hin, den Zug zu versäumen, noch geeilt war, den Bescheid erhalten, er sei zu seiner Tochter schon früh aufs Land gegangen. So war es gekommen, daß Max keine Boten mehr hatte, als seine Gedanken, die so ganz anders geworden waren, seit ein holdes Mädchen sich in sein Herz hineingeblickt, gelacht und gesungen hatte. Um aber doch seine Gedanken bisweilen auch für Anderes als Liebessorgen verfügbar zu haben, hatte Heermann von Mainz aus dem alten Goldmund geschrieben, ihm gesagt, daß er auch nach reiflicher Erwägung festhalte an dem Vorhaben, welches er rasch geäußert hatte. Er berufe sich auch auf das gestern Gesagte und bitte zunächst, ihm Nachricht von sich und seiner Tochter und deren Verweilen zu geben. — Mehr schriftlich zu sagen wagte er nicht. Bei dem zerstreuten Goldmund konnte ein Brief wunderliche Schicksale haben. Goldmund war aber nicht minder behutsam als Max. Seine Antwort, in großen, ungelenken Buchstaben geschrieben, enthielt wenig mehr als allgemeine Artigkeitsfloskeln; keine andere Mittheilung über seine Tochter, als daß es ihr gut gehe, sie nach ihrem Geschmack versorgt sei, ihr verletztes Händchen Pflegen könne, umso ruhiger, als er, Goldmund, nicht bet Stimme sei und vorderhand ihrer Dienste nicht bedürfe. Diese Zeilen enthielten Beruhigendes, aber eS war doch verzweifelt wenig in Heermanns Lage, dem die Arbeit über den Kopf wuchs, und der vor dem Congreß auch nicht für einen Tag abkommen konnte. — Ein zweiter Brief an Goldmund hatte keinen besseren Erfolg. — Auch in dieser Antwort, die einige Tage ausgeblieben war, gab der Alte weder Auskunft über die Adresse seiner Tochter, noch über ihr Ergehen und ihre Gesinnung. Es hieß nur, Dr. Heermann möge der Dankbarkeit und Verehrung von Vater und Tochter gewiß sein. Letzterer könne er keine Grüße ausrichten, da sie eine kleine Reise angetreten habe. Max bebte vor Ungeduld als er diesen Brief las. Eine Reise? Warum sagte Goldmund nicht, wohin? Mit wem? Zu wem? Was hätte Max darum gegeben, wenn er frei gewesen wäre, um Goldmund persönlich zu befragen und zugleich ihm Lektionen über Genauigkeit im Briefstil beizubringen. Er mußte aber in Mainz aushalten und über Hals und Kopf weiter arbeiten, und das ward um so schwerer, als ihm durch einen Landsmann, einen Geistlichen aus Bonn, dem er am Mainzer Dowplatz begegnete, eine Vermehrung der Unruhe gebracht wurde. Der gesprächige Herr hatte ihn zu erfreuen gedacht und ihm eilig erzählt, es gehe seiner Tante, dem verehrten Fräulein Stark, gut; er habe sie recht munter und gut aussehend angetroffen, als er aus Nonnenwerth von einem Besuch bet dem Hausgeistltchen daselbst zurückkommend, aus der Fähre gestiegen sei. Sie habe im Verein mit verschiedenen Damen und Herren eine Can- didatin oder Pensionärin begleitet, eine Musikerstochter, soviel er gehört habe, deren Stimme voraussichtlich beim Kirchenchor recht erwünscht sei. Der Unglücksrabe wußte weiter nichts, nicht einmal ob die Candidatin schön sei, goldnes Haar und dunkle, 409 wunderbare Augen habe. — Er sah sogar recht verwundert und fast ein bischen malitiös aus, weil ihm solche Kenntniß zugemulhet wurde, und das von einem mit gelehrten Arbeiten beschäftigten Mann, den doch die Candidatinnen von Nonuenwerth nichts angingen. Dieß letzte Räthsel war es, was noch dem Faß den Boden ausschlug. Bei Anwendung dieses Vergleichs bleibt zweifelhaft, ob des jungen Professors Geduld je ausgiebig genug war, um ein Faß zur Aufbewahrung zu bedürfen. Jedenfalls war sein Vorrath nun zq Ende. Der Congreß in Frankfurt sollte aber eben jetzt seinen Kaiser Wilhelm I. Denkmal auf dem Kyffhiiascr Anfang nehmen, zu dem Or. Heermann angemeldet war, und zwar — als Sekretär einer Sektion. Mit unlösbaren Räthseln im Kopf kann aber kein Mensch arbeiten, noch dazu wenn er von ungehorsamen Gedanken gequält wird, die nun ihren Flug nicht mehr zum Drachenfels, aber zu dem Nonnenkloster am Fuße des Berges auf der Rheininsel machten. Trotz aller Beharrlichkeit konnten sie aber nicht ergründen, wer die Candidatin sei, die dorthin in der Fähre gefahren war, wer die begleitenden Herren und Damen, und was in aller Welt Mina, die vtelgeschäftige Tante Mina, bei der Sache zu thun hatte? Welchen Beruf hatte sie, Musikerstöchter zum Kirchenchor der Nonnen zu geleiten? War sie etwa durch Frau Professor Führer auf Goldmunds Tochter aufmerksam gemacht worden? Hatte dieser Wahrheit gesprochen, als er von seiner Tochter Klosterberuf sprach und von Nonnenwerth als dem Ort, wo sie nach ihrem Geschmack untergebracht sei? — Schönes Unterbringen dieses! Da wäre ihm das Theater noch lieber gewesen. Vom Theater konnte er das Mädchen seiner Wahl wegholen, wenn sie nur wollte. Aus dem Kloster gab es kein Entrinnen. Die lächerlichsten Vorstellungen, die Goldmund sich vom Gefängniß des Klosterlebens gemacht hatte, wurden plötzlich von dem klugen, ruhig urtheilenden Max adoptirt. Am Ende hatte Tante Mina, vielleicht durch feinen Bruder unterrichtet, seine Neigung bemerkt und half nun, das Mädchen, das dem Fa- milienstolz nicht entsprach, aus dem Weg zu räumen? Daß dies Wahnsinn war, wußte Max. Die gute Tante Mina würde eher behilflich gewesen sein, ihm zu seiner Herzenswahl zu helfen. Er wollte an sie schreiben, fürchtete aber doch, sich lächerlich zu machen. Es blieb keine Wahl; wollte Max bei dem Congreß etwas leisten, wie es sein Ehrgeiz verlangte, so mußte vorher diese Unruhe aus seinem Gemüth. Nur eine Unterredung mit Goldmund konnte es bewirken. Deßhalb hatte Max an den Sänger geschrieben, ihn gebeten, zu einer Unterredung mit ihm zu kommen, und zwar nach Frankfurt, wodurch ihm Zeit für Antwort und Reise blieb. Er hatte dem von Mainz aus abgesandten Brief eine Fünfzigmarknote beigelegt, obgleich er zagte, damit den Alten zu beleidigen. Um so herzlicher hatte seine Bitte gelautet, ihm-den Dienst zu leisten, der rein zum persönlichen Nutzen des Bittstellers erbeten werde. Antwort über Zeit und Ort der Zusammenkunft hatte Max xosbs rastunts Frankfurt erbeten. Als der Zug aus Mainz in Frankfurt anlangte, eilte Max sofort auf die Centralpost. — Ein Brief an ihn lag da, aber er war aus Mehlen, von Walter. Ohne ihn zu öffnen steckte Max ihn zu sich. Auf ein Telegramm hatte er nicht gerechnet, doch sparte er den Weg nicht,zum Telegraphenamt und sollte belohnt werden. Eine Depesche lag vor mit seiner ausführlichen Adresse. Vor- und Zuname, Titel, Amt, Mitgliedschaft des Congreffes rc. — nichts fehlte. Der Inhalt war um so lakonischer. Heute. Punkt 3 Uhr. Frankfurter Hof. Nr. 24. Goldmund. Das Datum war aus Bonn. — Heermann war so erfreut über das Resultat seiner Bestellung, daß er vergaß nachzurechnen, auf welche Weise so bald schon Goldmund in Frankfurt eintreffen wollte, da der passendste Zug erst gegen fünf Uhr Abends von Bonn ankommt, u. weß- halb er den besuchtesten, theuersten Gasthof zum Ort der 410 Zusammenkunft gewählt hatte. — Er mußte nun eilen, da die Herzensangelegenheit ihr Recht erhalten hatte, die geschäftlichen Erfordernisse auf dem Bureau des Comites in Ordnung zu bringen, sich zu melden und Bestimmungen über seine Thätigkeit in Empfang zu nehmen. Erst beim Essen, das er eilig in seiner oorausbestellten Hotelwohnung einnahm, kamen ihm Bevenken über Goldmunds eigenthümliche Bestimmungen. Er hatte aber auch jetzt nicht Zeit darüber zu grübeln, wollte er um drei Uhr pünktlich beim Stelldichein erscheinen. Auf dem Wege dahin fiel ihm erst der Umstand auf, daß Professor Grube aus Graz, einer der Koryphäen, bei dem bevorstehenden Congreß, im Frankfurter Hof abgestiegen war. Er hatte eine geschäftliche Zuschrift Grubes schon in Mainz erhalten, mit dem Stempel des Gasthofs. Sobald die Unterredung mit Goldmund vorüber war und Pfarrhof stehen im Dorfe Pfronten-Berg, 2'/z Stunden westlich von Füssen, dem natürlichen wie kirchlichen Mittelpunkte des ganzen Pfarrbezirkes, welcher sich weit über Hügel und Thäler ausbreitet und im Süden und Westen von hohen Vorbergen der Tiroler Alpen, dem Breitenberge, Aggenstein, Kienberge und Edelsberge, eingeschlossen wird. Die Nachrichten zur älteren Geschichte von Pfronten sind sehr dürftig. In der Zeit alemannisch-schwäbischer Einwanderung, als das Land vor dem Gebirge überhaupt zu Bau gebracht wurde, zog die Cultur des Bodens auch über die bewaldeten Höhen und durch die feuchten Thäler des Bezirkes von Pfronten, den die Römer schon kannten und mit einem Namen bezeichneten, welchem der spätere Name Pfronten entstammt. Daß die Erinnerung an diesen Urzustand jener Gegend und an die Cultivtrung derselben bei den späteren Bewohnern nicht entschwand, geht aus -AN pfronten» Nied, Derg und Halden von Metlingcn aus. Original-Ausnahme von Gustav Basier, Photograph in krumbach. sLervielsüIiigungSrechi vorbehalten.) ihm Beruhigung gebracht hatte, wollte er versuchen den Herrn Professor, seinen alten verehrten Lehrer, zu besuchen. Auf jeden Fall konnte er eine Karte abgeben. (Schluß folgt.) — -s -- Pfronten, Bez.-Amt Füssen, Landger. Füssen?) (Mit Illustrationen.) Einen Ort des Namens „Pfronten" gibt es nicht; dieser Name ist vielmehr eine Collectiv-Bezeichnung für den ganzen Pfarrsprcngel und die zu ihm gehörenden einzelnen Ortschaften; daher die Namen Pfronten-Berg, Pfronten-Kappel, Pfronten-Steinach usw. Pfarrkirche und 0 Aus Strichele, „Das Bisthum Augsburg" dem im 15. Jahrhunderte für Pfronten geschriebenen Rechts- und Markungsbuche, dem sog. Pfarr-Rechte, hervor; denn in diesem werden die Nachkommen gemahnt, nicht zu vergessen, daß ihre Vordern und Eltern es gewesen, „die ire freien guot vß wilden wälden erreut haben". Die in einer freiheitlichen Verfassung sich bewegende Gemeinde des Bezirkes mag anfangs unter dem Schutze des Reiches gestanden sein, später eine Zeit lang unter den Grafen von Tirol; gewiß aber ist, daß schon frühe das Hochstift Augsburg hier Rechte übte, aus welchen endlich die völlige Landeshoheit über den Bezirk Pfronten erwuchs. 2) *) Dieses bis auf unsere Zeit iu Pfronten aufbewahrte Pfarr-Recht, welches die heutigen Bewohner, wie es ihre Vorfahren thaten, unter dem Namen des „göttlichen Rechtes" wie ein Heiligthum verehren, gewährt einen tiefen Blick in das 411 Auch aus späterer Zeit finden sich nur sehr dürftige geschichtliche Nachrichten über Pfronten. Nach dem Hochstiftischen Salbuche von 1316 bezog damals der Bischof Geldgefälle aus Pfronten. Den Wiodumhof „zu Pfraunten" und den halben Zchenten der Kirche „zu Pfrondten" erhält durch den Hohenekk'schen Theilungsbrief vom 22. September 1361 Andreas von Hohenekk zu Vilsekk. Der ganze Bezirk von Pfronten blieb aber unter der Landeshoheit und höchsten Gerichtsbarkeit der Bischöfe von Augsburg, deren Vögte auf dem Falkensteine saßen, bis diese Beste im 16. oder 17. Jahrhunderte der Zerstörung durch Feuer erlag. Was die früheste kirchliche Geschichte von Pfronten betrifft, so will die Sage wissen, die Filiale Kappel sei der erste Ort der Gemeinde Pfronten und ihre Kapelle das erste Gotteshaus für die Gegend gewesen; ja, die- hört Pfronten zu den Urpfarreien des Bisthums Augsburg. Unter den Pfrontener Pfarrern früherer Zeit verdient Erwähnung N. Magnus Pirgmann, als bischöfl. Pönitentiar zu Augsburg genannt 1478 und 1497. Xaver Bahr, Pfarrer zu Pfronten 1803 — 1811, aus der Schule I. M. Sailers hervorgegangen, wehrte mit der Waffe des göttlichen Wortes und eigener Glaubenskraft erfolgreich dem Andringen des Aufstandes, welcher i. I. 1809 von Tirol aus auch seine Gemeinde zu ergreifen drohte.^) Die Besetzung der Pfarrei übten, soweit die Nachrichten reichen, jederzeit die Bischöfe frei aus; daher auch gegenwärtig mit landesherrlicher Anerkennung vom noch übrig die Burgmauern, in einem länglichen Vierecke von kaum 25 Futz Länge und 12 Fuß Breite bestehend, und Trümmer einer Mauer, welche, ringsum am Saume des Abgrundes pfronten, MeiUngrn, Ried und Heitiern. Original-Ausnahme von Gustav Baadcr, Photograph in Kruinbach. sVervielsältigungsrecht vorbchalteng selbe habe als Pfarrkirche gedient, ehe die St. Nikolaus- Kirche auf dem Berge gebaut worden sei. Jedenfalls ge- Leben und die Verfassung der vereinigten Gemeinden in den Jahrhunderten des Mittelalters. Die Handschrift in ihrer gegenwärtigen Gestalt, enthaltend „die recht, alte herkamen vnd ur- kunt der Pfarre zu Pfronton" mit der „newen Ordnung" stammt aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, ist aber gewiß nur als eine Erneuerung und Zusammenstellung uralter Gebräuche und Satzungen anzusehen. ") Am 1. November 1424 wird Hans Haslach vom Bischöfe Peter auf seines „gotzhuses vefte vud behusunge Bastenstem zu einem Vogt vnd burkman" gesetzt Domkapitl. Urk. in München. Nach v. Hormahr's goldn. Chronik von Hohensckwangau, S. 147, hätte die Bürgeischaft von Augsburg, Rache nehmend für wegelagernde Angriffe und Beschädigungen ihrer Kaufmannsgüter, im Jahre 1434 den Falkenstein und den Schwangauischen Frauenstein zerstört. Ersterer muß aber wieder hergestellt worden sein, denn bei Stiftung des Benefiziums in Kappel. 20. März 1497, erscheint noch Hans Maurer der Aeltere, Pfleger auf dem Falkenslein. Von dem längst zerstörten Felsenneste sind angebracht, den nur wenige Schritte breiten äußeren Bodenraum mnzog. linier Bayr's pfarrlicher Amtsführung brauste die Jr- surreciion auS Tirol herüber in die Tbäler desAUgäu und erregte ihm selbst einen Kampf, d-n er männlich bestand. Mit der Maln dc^ göttlichen Wortes trat er den Empörern entgegen, erntete aber dafür Mißtrauen und Haß. Eines Sonntags, bevor er die Kanzel bestieg, war ihm gesagt worden, es würden sich einige Insurgenten in die Kirche schleichen mit Stutzen unter den Röcken, um ihn beim ersten Worte, das er gegen die Jnsurrcction sprechen würde, von der Kanzel zu schießen. Betroffen über diese Nachricht bedachte sich Bahr einen Augenblick, was er thun sollte. Doch sammelte er sich schnell und bestieg, auf die Kraft des Evangeliums vertrauend, das er verkünden sollte, muthig die Kanzel. In Ernst und Liebe, entschieden und furchtlos sprach er gegen die Jnsurrcction, und sieh — die Gegner blieben ruhig, warfen nach dem Gottesdienst beschämt die Gewehre weg und versöhnten sich mit ihrem Seelsorger, dessen Worte sie überwältigt hatten. In Anerkennung seiner Verdienste aus jener Zeit verlieh ihm die bayerische Regierung die Medaille des königlichen Civil-Verdienst-Ordenö. — Bay> siaib als Pjarrcr zu Dirlewang am 16. Aug. 1844. 412 3. September 1836 und 24. Juni 1854 das freie bisch. Collatur-Recht bei derselben besteht. (Schluß folgt.) --so-«k-cs— Zu unseren Bildern Gerhard Kohls» ch- Zu Rüngsdorf bei Godesberg am Rhein verschied am 3- Juni Hofrath vr. Gerhard Rohlfs, der hervorragende Afrikaforscher und Ethnograph, der wiederholt auch zu diplomatischen Sendungen an afrikanische Fürsten verwendet worden, ist. Am 14. April 1832 in Vegesack bet Bremen geboren, trat er 1849, knapp siebenzehn Jahre alt, in die Schleswig-Hol- steinische Armee ein und wurde nach der Schlacht von Jdstedt zum Offizier ernannt. Nach dem trübseligen Ausgange des Feldzuges widmete sich Rohlfs dem Studium der Medizin und war dann, als Arzt in französischen Diensten, Zeuge der Kämpfe gegen die Kabylen. Der Aufenthalt in Algerien wurde für sein weiteres Leben entscheidend. Von Wissensdrang getrieben, durchwanderte er, als Mohammedaner verkleidet, 1862 die marokkanische Sahara von Westen nach Osten bis zum Wadi Draa, wo er von seinen Führern ausgeplündert und verwundet wurde, drang 1864 über das Schneegebirge des Atlas bis zur Oase Tuat vor, von der er die erste Beschreibung lieferte, und kehrte über Ghadames und Tripolis auf kurze Zeit nach Deutschland zurück. Eine neue Reise führte ihn 1865 nach Mursuk. 1866 zog er über Bilma nach Bornu und lieferte von diesem Wege die erste vollständige Skizze. Von dort wandte er sich nach Westen und gelangte durch damals noch gänzlich unbekannte Gegenden zum Venus und fuhr diesen Fluß bis zur englischen Niederlassung Lokodja an seiner Einmündung in den Niger hinab. Im April fuhr er den Niger aufwärts bis Rabba rind drang durch die Urwälder von Joruba bis zur Küste von Lagos vor, wo er sich 1867 nach England einschiffte. 1868 begleitete Rohlfs die englische Armee auf ihrer Expedition nach Abessinien und übernahm 1869 den Auftrag, die Geschenke des Königs Wilhelm von Preußen an den Sultan von Bornu zu überbringen. In Tripolis übergab er die Geschenke dem vr. Nachtigal zur Weiterbeförderung, während er selbst eine Reise nach Kyrcnaika und der Oase des Jupiter Ammon unternahm. Nach seiner Rückkehr, 1870, nahm er seinen ständigen Wohnsitz in Weimar. Einer Aufforderung des Khedive folgend, führte er 1873 eine aus zehn Deutschen bestehende Expedition in die Libysche Wüste und erreichte mit dieser nach sechsund- dreißigtägigem Marsch durch gänzlich wasserlose Gegenden die Oase Sinah (Jupiter Ammon). Die wissenschaftlichen Ergebnisse dieser Reise erschienen in einem großen Sammelwerk 1878 führte er eine neue Expedition nach Jnnerafrika, zu welcher die deutsche Regierung 30.000 Mark beigesteuert hatte; gleichzeitig sollte Rohlfs Geschenke des deutschen Kaisers dem Sultan von Wadai überbringen. Schon hatten die Reisenden die noch von keinem Europäer betretene Oase Kusra erreicht, als sie von Suya-Arabern überfallen wurden; nur mit Lebensgefahr und unter großen Opfern konnten sie sich retten. Im September 1880 übernahm Rohlfs einen neuen Auftrag Kaiser Wilhelms I-, ein Schreiben an den Negus von Abessinien zu überbringen. 1885 wurde Rohlfs zum deutschen Generalkonsul in Sansibar ernannt, kehrte aber nach kurzem Aufenthalt krankheitshalber nach Deutschland zurück und nahm seinen Wohnsitz in Godesberg. Außer zahlreichen Aufsätzen und Berichten in Fachzeitschriften veröffentlichte Rohlfs eine Reihe von Rcisewerken. Das neue KyMzSusrr-Denkmal. Das Kyffhäuser-Denkmal, dessen Bild wir bringen, ist ein gewaltiges, aber in allen Linien schön gegliedertes Bauwerk, nach jeder Richtung bin dem hervorspringenden Punkt angepaßt, auf welchem es fußt. Die ungeheuren Größen Verhältnisse — die Höhe des Thurmes beträgt an der ersten Terrasse 69 Meter, also 29 Meter mehr, als das Niederwald-Denkmal, das Reiterstandbild des Kaisers ist 9,70 Meter hoch, der Kaiser- kopf mit Helm allein mißt 1,30 Meter, ein Bein 3,20, ein Arm 2,50 Meter — gleichen sich ungemein symmetrisch aus, mit einem Worte, sowohl Bruno Schmitz als Architekt, Prcfessor Hundrieser als Schöpfer des Reiterstandbildes des Kaisers, N. Geiger als Künstler des aus tiefem Schlafe erwachenden Barbarossa baben ihre große und schwere Aufgabe glänzend gelöst. Bemerkenswerth ist besonders die 30 Meter hohe freistehende Spindel des Thurmes, die aus der Kuppel des Thurmsaales aufsteigt und die Wendeltreppe stützt, welche zur höchsten Gallerte innerhalb der Kaiserkrone emporführt, eine ungemein kühne Arbeit. Auf wenigen Stufen steigt man von der untersten Terrasse zu drei in das Gestein eingesprengten niedrigen Portalen. Hinter ihnen ruht und verkörpert sich das Sagenhafte des Berges. Felstrümmer und Kunst verschmelzen und ergänzen sich: Wir sind im Felsenhofe Barbarossas. Dort ruht der Held aus seinem Throne unter einem mit Ornamenten geschmückten Bogen an der Stirnseite des Denkmals, unterhalb des Standbildes des Neuerrichters des deutschen Reiches. Ueber dem Haupte Barbarossas schreitet das Streitroß Kaiser Wilhelms stolz und wuchtig aus der Nische des Thurmes. Hund- riesers Gruppe schimmert im Glänze ihres reinen Erzes; aus Zinnen und riesigen Quadern heraus wächst der kolossale Thurm, der in seinen oberen Theilen den Reichsadler und die Namen des Bundesstaaten eingemeißelt trägt. Der Thurm ist von der Hochterrasse aus 57 Meter hoch; er wiegt rund ier- zehn Millionen Kilo. Die auf acht massiven Stützen rutcnde Krone besitzt einen Durchmesser von 3,5 Metern, eine Höhe von 6,6 Metern; sie ist zusammengefügt aus 40 Meter Kubik- steinen. Die Gesammtmaffen des Denkmals betragen 55,000 Kubikmeter, sein Gesammtgewicht 1'/« Millionen Centner. Professor vr. Westphal, der Anstifter zum Gedanken des Denkmalbaues, meint, das Mauerwerk des Monuments würde hinreichen, um eine Stadt für 5000 Einwohner aufzubauen! Die Gesammthöhe des Denkmals von dem untersten Punkte der Ringterrasse bis zur Thurmspitze beträgt 81 Meter. Von der Decke des Tonnengewölbes des Hauptsaales führen an der freistehenden kühnen Spindel 238 Stufen zur Krone hinauf. Die Kosten des Denkmals, wozu die Anlagen der vielen neuen und bequemen Straßen auf den Rücken des Kyffhäusers gehören, werden sich auf ungefähr 1,200,000 Mark belaufen, von denen 900,000 Mark durch die bisherigen Sammlungen des Deutschen Kriegerverbandes gedeckt sind. Die Gestalt des Kaisers Wilhelm I. tritt, hoch zu Roß, auf der Stirnseite des Wartthurms in Erz getrieben hervor. Darunter, in der breiten Vorderwand erblicken wir die aus dem Stein herausgearbeitete Gestalt Kaiser Rothbarts, vom Bildhauer Nikolaus Geiger geschaffen, ein Werk, welches genau mit der Idee des ganzen Denkmals übereinstimmt. Der Kaiser der alten Sage ist im Erwachen dargestellt, von webendem langem Bart umwallt; er sieht in die Ferne nach den Raben, ob sie noch um den Berg flattern, und versucht, aufzustehen und sich von den Felsmassen, in die er hineingewachsen ist, zu befreien. -» -t- > 6 Am Aodensee. Ueber blauer Fluthen Säumen Streift der Möve leicht Gefieder, Und wie sclig-wogend Träumen Klingt's aus Wellentiefen wieder. Winde sausen bald und brausen Wirbelnd über Wasserflächen. Und der Schiffer hört mit Grausen, Wie es tönt aus Fluthenbächen: „Lieber Knabe, zieh' nicht weiter, Lausche meiner Wogen Rauschen! Drohend, bald erhaben heiter, Wie sich Glück und Unglück tauschen, „Wallt der Wasser drängend Leben Aus des Abgrunds dunklen Tiefen, Geht der Wolken fernes Schweben, Die im blauen Aether schliffen. „Glück und Unglück wirst Du finden In des Lebens altem Flusse, Glück und Unglück wird Dich binden Bei des Schicksals kaltem Kusse. „Wie das Schicksal, so mein Wallen,, Kalt und ewig schmeichelnd wieder, Heute leises, flüsternd Lallen, Morgen branden wilde Lieder/ Wilh. Nötiger. --WRZS-- O 55. Freitag, den 3. Juli 1896. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag der Literarischeu Instituts von Haas L Gradherr in Augsburg (Bvrbesttzer vr. Max Huttler). Irauenherz «nd Irauenrvatten. Lebensbild von Mary Dobson. Nachdruck verboten. I. Die Dämmerung eines schönen MaitageS war eingetreten, und die Abendruhe begann für die Natur wie die Menschen sich geltend zu machen, als langsam sich einem freundlichem Hause in einem der Vororte der Stadt . . . dessen Fenster dicht verhangen waren, drei Wagen näherten und alsbald vor diesem hielten. Dem zweiten entstiegen ein älterer und ein jüngerer Mann, wie ein etwa achtzehnjähriges, in tiefe Trauer gekleidetes Mädchen, welche sich hineinbegaben, während den dritten ebenfalls vier Männer verließen. Diese traten an den ersten Wagen, der von ansehnlicher Länge, schwarz und gänzlich geschlossen war, was alles leicht seine traurige Bestimmung erkennen ließ. Nur halblaut sprechend, öffneten sie ihn und entnahmen ihm einen mit verschiedenen Kränzen geschmückten Sarg, den sie in's Haus trugen, wo die zuerst ausgesttegenen Männer sie erwarteten und in ein erleuchtetes Zimmer führten, in welchem schon alle Vorbereitungen zur Ausstellung desselben getroffen waren. Nachdem sie ihn niedergelassen, entfernten sie sich und bestiegen nochmals ihren Wagen, der dann mit den übrigen langsam davon fuhr, die Hausthüre ward geschlossen, und die Zuschauer, welche sich eingesunken, um ernst und schweigend der letzten Heimkehr der ihnen im Leben bekannt gewesenen Frau Nothenfels zuzusehen, gingen, nachdem sie noch erfahren, daß deren Beerdigung am folgenden Morgen stattfinden würde, ebenfalls von dannen und besprachen ihren in der Ferne erfolgten Tod, der Alle mit aufrichtiger Theilnahme erfüllt. Drinnen im düsteren Leichenzimmer hatten unterdeß die beiden Männer noch einige Anordnungen getroffen, und kaum war dieß geschehen, so erschienen zwei in tiefe Trauer gekleidete Frauengestalten, von denen die eine das schon erwähnte junge Mädchen, die andere aber die Gattin des älteren und Mutter des jüngeren Mannes war. Eine Weile umstanden sie in traurigem Schweigen den Sarg, dann brach Ersteres in lautes Weinen aus, und das Haupt an der Brust seiner Begleiterin bergend, sagte es mit schmerzlicher Stimme: „O, liebe, liebe Tante, jetzt habe ich nur Euch noch, die Ihr stets so freundlich und gütig gegen mich gewesen!" „Du wirst immer unser Kind bleiben, Hedwig", erwiderte sie an sich schließend Frau Neichardt, während deren Gatte und Sohn sie voll inniger Theilnahme anblickten und nähertretend Ersterer hinzufügte: „Und so lange wir leben wird es Dir an Liebe und Schutz nie fehlen!" Hedwig Nothenfels hatte keine Erwiderung auf diese Versicherung ihrer treuen Freunde, welche dies schon ihren Eltern gewesen, und ließ sich in das gegenüberliegende Zimmer führen, wohin Vater und Sohn ihnen folgten. Frau Neichardt blickte voll Besorgniß in ihr bleiches Gesicht, das nur zu deutlich von den vielseitigen Aufregungen sprach, welche sie während der letzten Zeit erfahren, und trotz welcher sie ungeachtet aller Vorstellungen darauf bestanden, die Leiche ihrer vor einer Woche auswärts verstorbenen Mutter in die Heimath zu begleiten. Während nun der kleine Kreis eingehend die letzte Vergangenheit bespricht, was offenbar der jungen Waise eine traurige Erleichterung gewährt, wollen wir die Leser mit den vorgeführten Personen bekannt machen. Hedwig Nothenfels ist das einzige Kind eines städtischen Beamten, der vor mehreren Jahren gestorben, seiner Gattin und Tochter eine nur mäßige Pension und ein sehr geringes Vermögen hinterlassen, von welcher Einnahme Erstere jedoch zn leben und ihrer Tochter eine gute Erziehung zu geben vermochte. Stets von zarter Gesundheit bildete sich leider nach und nach bei Frau Nothenfels ein Nervenleiden aus, das rechtzeitig zu bekämpfen durch dringende Vorstellungen die Freunde das Ihrige thaten. Die strengbefolgten Anordnungen des Hausarztes waren jedoch vergeblich, da auch durch den unerwarteten Tod ihres Bruders und einzigen Verwandten ihre Nerven einen zweiten schweren Stoß erlitten. Ein zu Rathe gezogener Spezialarzt erklärte, daß unfehlbar eine Gemüthskrankheit das Ende ihres Leidens sein würde, und rieth daher zu schneller Orts- und Luftveränderung, und bald war auch ein geeigneter Aufenthalt, eine Heilanstalt für Nervcnleidende, in der schönsten Gegend des Nheinlandcs gefunden. Zu Anfang des JahreS reiste sie mit ihrer Tochter, denn von dieser hatte sie sich nicht trennen wollen, nach . . ., und bald schien auch aller Hoffnung auf ihre Genesung sich in etwas verwirklichen zn wollen. Dann aber trat im Frühling auf unerklärte Weise eine Verschlimmerung in ihrer Krankheit ein, die nur zu schnell ihre Kräfte schwinden ließ und sie ihrer kaum ihr schweres Geschick begreifenden Tochter entriß. Voll aufrichtiger Trauer vernahmen dieß die Freunde in der Heimath, und während Herr Neichardt zur Stütze der Letzteren sogleich nach dem Rhein reiste, traf seine Gattin alle Vorkehrungen zur Ankunft der Verstorbenen und deren verwaisten Tochter, denn Frau Nothenscls hatte den bestimmten Wunsch ausgesprochen, an der Seite ihres Gatten ruhen zu wollen. Am folgenden Morgen fand ihre Beerdigung statt, unter Betheiligung von Herrn Neichardt und seinem Sohn, wie der wenigen Bekannten, welche sie gehabt; Frau Neichardt aber nahm sich Hedwigs an, deren Kräfte, als der Sarg mit der irdischen Hülle ihrer Mutter aus dem Hause getragen ward, zusammenbrachen, und die sie bewußtlos in ihr Zimmer brachte. Dieß verließ sie erst nach einigen Wochen wieder, kaum genesen von einem Nervcn- sieber, in welchem Frau Neichardt sie voll mütterlicher Liebe und Sorge gepflegt, während ihr Gatte, Hedwig's Vormund, die schwere Krankheit voll Bekümmeruiß verfolgte. Beider Sohn, Arthur Neichardt, welcher bereits verheirathet war und als Compagnon seines Schwiegervaters mit seiner Gattin und kleinem Sohn in einer nahegelegenen Stadt wohnte, und nur zur Bestattung der ihm länger bekannt gewesenen Frau Rothcnfels gekommen, war nach derselben wieder abgereist. Es war für Herrn Neichardt eine große Freude, als, eines Tages vorn Geschäft in der Stadt zum Mittagessen heimkehrend, er Hedwig mit einer Handarbeit beschäftigt im Wohnzimmer antraf. Ihre gegenseitige Begrüßung nach so langer Zeit war eine herzliche, mit tiefem Mitgefühl aber sah er die Veränderung, welche binnen der wenigen Wochen mit ihr vorgegangen. Die reichen Wellen ihres goldblonden Haares umgaben eine bleiche, blaugeäderte Stirn, ihre sonst so lebhaften dunklen Augen blickten matt unter den feingewölbten Brauen und den weißen Lidern hervor, während die übrigen Theile des sonst so blühenden jugendlichen Gesichts ebenfalls von der kaum überstandcnen Krankheit sprachen. Demungeachtet aber machte ihre Herstellung dauernde Fortschritte, doch war der sie behandelnde Arzt, welcher auch das Leiden ihrer verstorbenen Mutter gekannt, der Ansicht, daß zur vollständigen Kräftigung ihrer Gesundheit noch eine Luftveränderung, verbunden mit Mineraloder Seebädern, erforderlich und keine Zeit damit zu verlieren sei. Die Sache ward in ernste Erwägung gezogen, und da auch Frau Neichardt's Gesundheit keine starke war, sie ebenfalls einige Wochen der Erholung bedurfte, so schlug ihr Gatte vor, Hedwig zu begleiten, ein Vorschlag, dem sie zu deren Freude nach einiger Ueberlegung zustimmte. Nun ward der Aufenthalt selbst besprochen, die Wahl fiel auf ein See- und Stahlbad, und als auch der Arzt hinzukam, entschied er sich für Letzteres und rieth, sich so schnell wie möglich dahin zu beaeben. II. In dem Badeort .... hatte die Kürzest ihren Höhepunkt erreicht, und während des besonders günstigen Sommers hatten die leidenden u. schwachen Menschen die berühmten und bewährten Heilquellen mehr denn je aufgesucht. Auch viele Touristen kehrten zeitweilig dort ein, sahen sich die Badegesellschast und ihr Thun und Treiben an, oder wanderten weiter in das nahegelegene Wesergebirge und den Tentoburgerwald und suchten davon die schönsten Punkte auf. In einem freundlichen Fremdeuhause, nahe der Hauptallee und dem Brunnenplatz, wohnten Frau Neichardt und Hedwig Rothcnfels für die Dauer ihrer Kürzest. Sie waren in den Händen des geschicktesten Arztes, an den Dr. Stein seiner jungen Patientin wegen noch besonders geschrieben, und Bäder, Brunnen und Waldluft begannen ihre gute Wirkung geltend zu machen, was Beide nach der Heimath berichteten und von Herrn Neichardt voll Freude und Theilnahme gelesen ward. Da Hedwig's Kräfte zunahmen und sie der Erheiterung und Zerstreuung bedurfte, so wurden Ausflüge in den näheren Bergen, auch in Gemeinschaft der ihnen bekannt gewordenen Hausgenossen, gemacht. Auf einer solchen suchten sie die Ruine einer einstigen Ritterburg auf, unterhalb welcher sich eine schöngelegene Försterei befand, die den Touristen Ruheplätze und jede gewünschte Erquickung gewährte. Als nach dem weiten Ritt die Gesellschaft sich dort durch einen Imbiß gestärkt, stieg sie zu der auf dem abgeplatteten Eipiel des Berges liegenden Ruine hinauf. Von dem umfangreichen und durch den Förster sorglich erhaltenen Mauerwerk aus überblickte man weit- ^ hin die Gegend und vergegenwärtigte sich dabei, wie es vor Jahrhunderten in demselben gewesen sein mochte, als dessen Bewohner das Land ringsum beherrscht. Die' Welt war seitdem eine andere geworden, auch in der dortigen Gegend halten sich schon die Wandlungen der Zeit geltend gemacht, die Berge und Höhsnzüge jedoch waren dieselben geblieben, keine Veränderung an sie herangetreten. Noch die herrliche Aussicht bewundernd, hörten sie Männerstimmen, und bald auch erschienen höflich grüßend drei rüstige, jüngere Wanderer. Diese erfreuten sich ebenfalls in lebhaftester Weise des weiten Blickes über die Gegend, die im Licht der Nachmittagssonne voll Abwechslung vor ihnen lag, es entspann sich eine Unterhaltung mit den Anwesenden, welche zugleich erfuhren, daß die offenbar den besseren Ständen angehörenden Ankömmlinge eine Ferienreise benutzten, um das Wesergebirge und den Tentoburgerwald zu durchstreifen. Da es kühl zu werden begann, wollte die größere Gesellschaft sich entfernen, doch schloffen sich ihnen die jungen Männer an, und einer derselben wußte dabei so fesselnd von andern schon gesehenen Ruinen mit schauerlichen Verließen und unterirdischen Gängen zu erzählen, daß die ihm voll Spannung lauschende Hedwig die letzte Stufe einer kleinen, ins Freie führenden Treppe übersah und vielleicht unsanft zu Boden gestürzt wäre, hätte nicht gewandt und mit starkem Arm sein älterer Gefährte sie davor bewahrt. Frau Neichardt, welche dies gesehen, trat besorgt hinzu und sprach mit Hedwig deren Beschützer ihren Dank für seinen Beistand aus, den er jedoch mit einem theilnehmenden Blick auf ihre bleichen Züge ablehnte. Bald darauf empfahlen sich die drei Wanderer und schlugen den ihnen vom Förster bezeichneten Weg durch die Berge ein, um noch vor Anbruch der Dunkelheit den Aufenthalt für die Nacht zu erreichen, die Badegesellschast aber nahm in der Försterei ein kleines Mahl ein und trat in jeder Weise befriedigt den Rückweg an. Der gehabte Schrecken war für Hedwig's leicht 415 erregbare Nerven ohne nachtheilige Folgen geblieben, und gewissenhaft ihre Kur fortsetzend, konnte über ihr Befinden nur Günstiges in die Heimath berichtet werden. Herr Neichardt freute sich dessen und rieth, als Nachkur noch eine kleine Gebirgsreise zu unternehmen. — An einem sonnigen Sommertag zu Anfang August trafen sie mit einigen Bekannten aus . . . ., welche sich ihnen angeschlossen, nach einer längeren Bergtour im besten Wohlsein in der korta 'Westta-licn ein, um noch diese so verschiedenen Endpunkte des Wesergebirges zu ersteigen. Kaum hatten sie die kahle, umfangreiche Hohe des Jacobsberges erreicht, so vernahmen sie lebhafte Männerstimmen, und bald standen ihnen ihre Bekannten aus der Bergruins bei ... . gegenüber. Nach gegenseitiger freundlicher Begrüßung erkundigte sich der Aeltere von ihnen theilnehmend nach Hedwig's Befinden, und als diese ihm darauf geantwortet, wandte er sich > an Frau Neichardt mit der Frage, ob es ihm und seinen Gefährten gestattet fei sich ihnen anzuschließen. »Das kann uns nur erwünscht sein", entgegnete diese, der Zustimmung ihrer Begleiter gewiß. Er stellte darauf die Seinigen vor. Sie waren Bruder; der ältere in seiner Vaterstadt C. als Referendar angestellt, der jüngere als Assistenzarzt in einer Klinik der Universitätsstadt Halle beschäftigt. „Mein Name", fuhr er dann fort, „ist Albrecht Günther, und ich bin ebenfalls in Halle in der chirurgischen Klinik Gehülfsarzt. Meine Vaterstadt, wo später ich mich auch niederlassen werde, ist . . . ." „Die ist auch die unselige und zugleich unser Wohnort", unterbrach lebhaft Frau Neichardt. „Da mochte ich um die Erlaubniß bitten, bei Ihnen vorsprechen zu dürfen, falls einmal ich meine Mutter und Schwester besuche, denn leider habe ich meinen Vater vor längerer Zeit verloren", erwiderte Dr. Günther. „Dieß ist Ihnen gern gewährt", sprach freundlich Frau Neichardt, „und mein Mann wird sich freuen, ebenfalls Ihre Bekanntschaft zu machen I" Nach dieser Vorstellung trat die so unerwartet vergrößerte Gesellschaft den Weg nach den Steinbrüchen an, die sie lange eingehend besichtigte, dabei aber auch die prächtige Aussicht über die Abwechslung aller Art bietende Gegend genoß; dann begaben sie sich nach der gegenüber liegenden bewaldeten Margarcthenkluft und freuten sich des kühlen, sie hier umgebenden Schattens. Sie erstiegen auch an dieser Seite der Porta die äußerste Berghohe und wurden durch den herrlichsten Neberblick über das Weserthal gelohnt. Auf diesem Wege hatte Dr. Günther sich Hedwig zugesellt, welcher er ein fürsorglicher Führer ward. Sie unterhielten sich dabei über das, was sie seit ihrer ersten Begegnung gesehen und erlebt, und sprachen ihre Verwunderung aus, sich nicht einmal in den Bergen getroffen zu haben. Sie äußerte so lebhaft ihre Freude und Bewunderung über alle Genüsse, welche ihr diese geboten, daß er nicht umhin konnte, die Frage an sie zu richten, ob sie dieselbe zum ersten Mal gesehen. Sie verneinte dies und erzählte von ihrem Aufenthalt am Rhein und dessen trauriger Veranlassung, wodurch er auch daS Leiden und den Tod ihrer Mutter erfuhr. Ihr über deren Verlust seine Theilnahme aussprechend, gewahrte er Thränen in ihren Augen und wechselte daher den Gegenstand des Gespräches. Da auf der Höhe fühlbare Kühle herrschte, stieg bald die Gesellschaft an den Fuß des Berges hinab, wo sich ein freundliches Wirthshaus befand, in dem sie auszuruhen und nach allen Anstrengungen sich zu stärken gedachten. Mit dem Nächsten vom Rhein kommenden Zug setzten dann Frau Neichardt und Hedwig nach freundlichem Abschied von allen Bekannten die Rückreise fort.. Diese aber hatten verabredet, gemeinschaftlich noch andere schönö Punkte des Wesergebirges aufzusuchen, und verließen, dieß Vorhaben auszuführen, ebenfalls die Porta West- falica. III. An dem düsteren, naßkalten Januartag war frühzeitig die Dämmerung eingetreten und, am Fenster des Wohnzimmers eines nahe der Stadt gelegenen HauseS (in entgegengesetzter Richtung von dem der Familie Neichardt) stand eine jugendliche Frauengestalt und blickte auf die Straße hinaus, wo eben die Gaslaternen angezündet wurden. Diese, welche auch bald ins Zimmer hineinleuchteten, ließen sie erkennen, daß mit dem Regen auch Schneeflocken vom Himmel herabfielen, die der heftige Nordostwiud gegen die Fenster trieb, von denen sie schmelzend herabsanken. Eine Weile blickte sie dem unwirtlichen Wetter zu. gedachte darauf des Frühlings und des Sommers Pracht und Herrlichkeit — dann traten Bilder vergangener Tage vor ihr geistiges Auge — und langsam wandte sie sich vom Fenster ab nnd dem Innern des größeren Raumes zu. Dieser war behaglich, doch ohne Luxus ausgestattet, und die röthlich glimmende Kohlengluth verlieh ihm ein freundliches, anheimelndes Aussehen. Der milde Feuerschein fiel voll auf einen Sessel, in dem in weiche Decken gehüllt ein älterer Mann ruhte, dessen rechtes Bein noch durch einen Schemel gestützt ward, und der in die helle Ofengluth blickte, deren leises Knistern für den Augenblick die einzigen hörbaren Laute in dem großen Zimmer waren. Jetzt hatte die Frauengestalt den Sessel erreicht, und sich leicht über dessen Lehne neigend, sagte sie in besorgtem, liebevollem Ton: „Haben die Schmerzen noch nicht nachgelassen, Vater?" „Nein", entgegnete dieser kurz und verdrießlich, „sie plagen mich vielmehr ärger denn jel" und da er schwieg, fuhr sie in überredendem Ton fort: „Du solltest uns einen Arzt holen lassen —" „Ein hiesiger vermag mir ebenso wenig zu helfen, wie die auswärtigen es gekonnt", erwiderte abwehrend der Kranke. „Habe ich auf unserer Ncise deren nicht schon genug gebraucht?" „Der Versuch wäre dennoch zu machen", entgegnete die Tochter mit einem theilnehmenden Blick auf sein durch heftige Schmerzen entstelltes Gesicht, „nachdem Du so lange vergeblich alle früheren Mittel angewandt!" Ihren Worten folgte eine längere Pause, dann sagte einlenkend und einen Grad weniger verstimmt ihr Vater: „Du könntest Recht haben, Marie, denn auch mit den Brustbeschwerden wird es immer schlimmer. ES war ein großes Unglück für mich, daß ich im vorletzten Sommer auf der Reise, die ich zum ersten Mal zu meinem Vergnügen unternommen, das Bein brechen mußte, das ich seitdem nie mehr wie sonst gebrauche« konnte und das mir schon so viele Plage gemacht." 416 Ein neuer Schmerzenänfall verzerrte nochmals seine Gesichtszüge, und ächzend und stöhnend wand er sich im Sessel, während seine Tochter voll tiefen Mitgefühls, doch unfähig zu helfen, ihm zur Seite stand. Als endlich die Qualen nachließen, sagte er mit mattex Stimme: „Wir konnten es einmal mit dem früheren Ge- hülfsarzt des Professors S. in Halle versuchen, der, wie dieser uns im letzten Sommer gesagt, sich hier niedergelassen hat. Der Professor rühmte ihn sehr, und wir wissen aus Erfahrung, daß er umsichtig und tüchtig war l" Die im Zimmer herrschende Dämmerung verbarg ihm die höhere Nöthe, welche plötzlich die Wangen seiner Tochter färbte. Ihre Erregung aber schnell unterdrückend, erwiderte sie mit ruhiger Stimme: „Wenn Du so großes Vertrauen zu ihm hast, Vater, ist es gewiß sehr rathsam, ihn kommen zu lassen „Es ist mir jetzt schon eine Beruhigung, zu wissen, daß ich ihn sehen kann", versetzte dieser lebhafter, „und ich begreife nicht, daß wir nicht längst an ihn gedacht." „Wir sind erst seit sechs Wochen wieder hier", antwortete die Tochter. Ein neuer, wenn auch nicht so heftiger Schmerzenanfall trat ein, und während dessen drängte der Kranke: „Schicke doch sogleich zu ihm, Marie! — Sein Name war, meine ich, Günther, und seine Adresse wirst Du in meinem Taschenbuch notirt finden. Berufe Dich in dem Brief auch auf unsere frühere Bekanntschaft in Halle und auf Professor S." An den Tisch tretend, zündete die Tochter dte Lampe an und ließ die Vorhänge des Fensters herab, wobei sie gewahrte, daß jetzt die Straße mit Schnee bedeckt war, der noch in großen Flocken gegen die Fenster anschlug. An den Tisch zurücktretend, siel das volle Licht der hohen Lampe auf ihre Gestalt und Gesichtszüge. Erstere ging über die mittlere Größe hinaus, war schlank, doch kräftig gebaut und ward, wenn Möglich, noch durch einen dunklen, geschmackvollen Anzug gehoben. Ihre Gesichtszüge waren weniger schön, als sympathisch, und ließen auf Herzensgüte und geistige Begabung schließen, die auch aus ihren dunkelblauen Augen hervorleuchtete. Sie hatte einen wohlgeformten, durch schöne Zähne gezierten Mund, um den gleich wie um das länglichrunde Kinn ein entschieden fester Zug hervortrat, und reiches lichtbraunes Haar, das sie in einfacher, kleidsamer Weise um den Kopf geordnet trug. Marie Feldhelm hatte das zweiundzwanzigste Lebensjahr erreicht, vor Jahren schon ihre Mutter verloren, und seitdem die größere Haushaltung ihres Vaters geleitet, welcher ein bedeutendes Holzgeschäft betrieben. Im Bewußtsein jedoch, für sich und sein einziges Kind, das ihm von vieren geblieben, hinreichend Geld und Gut zu besitzen, hatte er es vor mehreren Jahren, als sein letzter Sohn gestorben, verkauft und seitdem sich nur der Verwaltung seines Vermögens gewidmet. Im Laufe der Zeit hatte Herr Feldheim sich ein rheumatisches Leiden zugezogen, das in schmerzlicher Weise sich geltend machte, und dazu, wie bereits erwähnt, auf einer Vergnügungsreise mit seiner Tochter vor längerer Zeit einen gefährlichen Beinbruch erlitten. Nach Heilung desselben in Halle, in dessen Nähe der Unfall statt- gefundW, hatten sie seitdem die Zeit auf Reisen zugebracht und hätten auch den Winter in Italien verlebt, wenn nicht dringende Eeschäftsangelegenheiten ihn heimaerufcn. (Fortsetzung folgt.) -- — . . . Wherngokö. Novelle von Carl) Groß. (Schluß.) Er mußte über sich selber lachen ob der Bedingung, die er sich gestellt! Wer ihm je vorausgesagt Hütte, daß er von der Unterredung mit einem alten, herabgekom- menen Sänger einen Pflichtbesuch abhängig machte, und sogar mit Herzklopfen der Begegnung entgegeneilte, er, der vernünftige, wählerische Max Heermannl — Am Frankfurter Hof nannte Max seinen Namen dem Portier, ihn fragend, ob keine Bestellung für ihn da sei. „Ah — sind Sie der Herr, der auf Nr. 24 er» wartet wird? Gut, man wird Sie führen und anmelden. Piccolo — erster Stock! Der Herr kann den Lift benutzen!" Max zog die Treppe vor. Er konnte nicht umhin, beim Betreten der weichen Teppiche sich über GoldmundS Wahl des vornehmen Hotels zu wundern. Schon stand Max vor Nr. 24, und der schon wieder entgegenkommende Piccolo bedeutete ihm einzutreten. — Kein Irrthum war möglich, und doch mußte einer vorgefallen sein; denn in dem eleganten Salon, den er ohne anzuklopfen betrat, stand nicht Goldmund, sondern ein distinguirt aussehender, ältlicher Herr, mit einer wohlbekannten, klug-fröhlichen Nheinländcrphysiognomie. Kein anderer war es als Professor Grnbe, dem Max seinen späteren Besuch zugedacht hatte. — Wie ärgerlich war die Verwechslung. Er wollte sich rasch zurückziehen, aber die Hand mußte er sich doch schütteln lassen, mußte ein Wort stammeln von seinem Irrthum und einem unfaß- lichen Mißverständnis). Aber Grube hielt dte erfaßte Hand mit kräftigem warmen Druck in der seinen. „Nein, nein, Sie haben sich nicht geirrt, Sie wurden auf Nr. 24 erwartet, bester Heermann, und brauchen nicht weiter zu gehen, um einen Ausschluß zu erhalten, den man Ihnen schuldig ist." „Nicht Aufschluß, Vater, habe ich zu geben, sondern Verzeihung zu erbitten", sagte eine klangvolle, wohlbekannte Stimme, und aus einer Seitenthüre trat die auf Max zu, die seine Gedanken in weiter Ferne gesucht hatten. Es war sie selbst, keine Erscheinung, weder Fee, noch Engel, noch Traumbild, wie mau aus dem Gesichtsans- druck des jungen Mannes hätte schließen können, sondern das leibhaftige holde Mädchen, mit dem fröhlichen Lächeln und den strahlenden Augen, in denen aber ein eigenthümlicher feuchter Schimmer sich zeigte, als es zaghafter und verschüchterter ihn anblickte als bei der ersten Begegnung auf dem Drachenfels. „Diese unerwartete Bewohnerin von Nr. 24 lassen Sie mich an Goldmunds Stelle Ihnen vorstellen, aber nicht als feine Tochter, wofür das unbesonnene Wesen eine Zeit lang gelten wollte, sondern als die meinige, Ottilie Grube. Die Namen Dame Kobold, Mamselle Uebermuth oder verzogenes Kind würde sie viel besser verdienen, und verdient eS sogar, meinen ehrbaren, schlichten Namen demnächst zu verlieren. Wenn Sie ihr verzeihen können und sich im Nebligen gut mit ihr auseinandersetzen, soll mir's lieb sein. Sehen Sie aber gut zu, sichere Be- 417 bingungen zu stellen. Ruft mich, wenn Ihr mich dabei braucht." Nach dieser Rede erst ließ Grube die Hand des jungen Kollegen los, die er nochmals herzlich gedrückt hatte. Dann zog er sich geräuschvoll in ein offenstehendes Nanchzimmerchen zurück, wo er sich am Fenster mit einer Zeitung niederließ. Max sah es und sah es nicht. Es schwindelte ihm vor den Augen. Er hörte auch nur Ottiliens Stimme, ohne zu verstehen was sie sagte, und doch sprach sie ganz langsam und deutlich: „Ich durfte Sie nicht länger in Täuschung belassen und eilte zu meinem Vater, daß er mir Verzeihung erlange, wenn ich Sie beleidigt oder zu einer Uebereilung verleitet habe. Wenn es Sie reut, was Sie zu Goldmund sagten, will ich es tragen als Strafe für meinen Uebermnth." Jetzt erst blickte Max der Sprecherin fest in die Augen, sah, daß der feuchte Schimmer sich in eine zitternde Thräne verwandelt hatte, und bekam unendlich Lust diese hinwegzuküssen. Sie belehrte ihn ja, daß er das Herz bereits besaß, das er sich hatte erringen wollen. Drum brauchte er ihre Entschuldigung nicht weiter anzuhören. Er faßte ihre Hände, zog sie an sich und redete Worte der Lust und der Freude, des Dankes und der Liebe, der Wehmuth und Demuth, bunt durcheinander, wie sie bräutliche Stimmung aus tiefen und reichen Gemüthern hervorquellen läßt, eine Sprache, die Niemand zu hören braucht, als die Beiden, die über dem Hören die ganze Welt vergessen. So dachte auch Professor Grube und ließ sie geraume Zeit allein miteinander. Als zwei Stunden später der rechtsrheinische Zug angelangt war, kamen mit dem Omnibus des Frankfurter Hofes drei Personen an's Haus gefahren, zwei Herren und eine Dame, die sofort sich erkundigten, ob Professor Grube auf seinem Zimmer nnd zu sprechen sei. Zu Hause sei er, denn er habe Besuch schon seit geraumer Zeit, lautete der Bescheid, dem ein geschäftiger Kellner beifügte, es sei soeben eine Flasche Johannis- berger nnd Nömergläser auf das Zimmer des Herrn Professors befohlen worden. „JutI Dat is jut", sagte Fräulein Hermiue im schönsten Kölnerdcutsch, wie es stets den Hochpnnkt der Gefühle bei ihr anzeigte, und eilte, ohne die Zimmernummer zu erfragen, von den Herren gefolgt, genau zur Thür Nr. 24, die sie sachte aufmachte. Herr Grube saß zwischen den jungen Leuten und schenkte soeben die Nömer voll. „Wenn die Verlobung am Main gefeiert wird, dürfen des Rheines Abgesandte dabei sein, und zwar die Mitwissenden vom Drachenfelser Komplott: Papa Goldmund, Ottmar und ich!" Jetzt kam der Jubel der Herzen erst zum lauten Ausdruck. Goldmund, der etwas ängstlich der Begegnung mit dem von ihm Mystisizirten entgegen gesehen hatte, verlor rasch seine Scheu bei Dr. Hcermauns herzlichem Gruß und des alten Grube jovialen Worten: „Natürlich mußten Sie mitkommen. Tante Mina hatte Recht, es zu wollen. Sie mußte doch mit Augen sehen, ob es die Rechte Ihrer Töchter ist, die sich hier verlobt. üebrigcnS sind Sie der Urheber dieser Verlobung nnd der eigentliche Brautvater. Von meiner Tochter wollte Dr. Heermann nie etwas hören! Erst als er sie als die Ihrige fand, gefiel sie ihm, und auch sie, die Mißtrauischste ihres Geschlechtes, lernte unter Ihrem Schutz an echte, uneigennützige Liebe glauben." „Drum muß auch mein Verlobnngsvater bei mir bleiben", schmeichelte Ottilie, „bis zu meiner Verhei- rathung, die erst erfolgen soll, wenn Herr Max, das o. ö. vor den Professor setzen kann. So hat es Papa bestimmt und gar lange wird es nicht dauern. Aber in der Brautzeit will ich viel Musik machen und dazu sollen Sie helfen, und zugleich finden sich alle ihre Schülerinnen in Graz wieder zusammen nnd Sie können Ihr rechtes Töchterlein in ein behagliches Heim führen, wenn das unrechte Sie verläßt." „Wenn Felicitas nur inzwischen im Kloster ihr Herz nicht ganz von der Welt abwendet und dort bleibt für immer", seufzte Goldmund. „Das wird sie nicht. Ich habe ihr Wort!" platzte Ottmar heraus, und als Alle lachten, fügte er mit trotzig zurückgeworfenem Kopf und gerötheten Wangen hinzu: „Warum soll ich mich nicht freuen! Ich brauche übrigens die ganze Jurisprudenz und den Doktor gar nicht, wenn Papa wir sein Gut in der Steiermark übergibt, und am besten ist's, ich hole Felicie gleich herbei." Aber Grube schüttelte freundlich, doch bestimmt mit dem Kopf. „So eilig ist's nicht. An einer Verlobung ist's für heute genug. Beim Doktor bleibt's auch. Gerade weil ich so selten etwas bestimme, muß das geschehen, was ich festgesetzt habe. Inzwischen vollendet auch Gold- mnnds Kind die selbstgewählte Aufgabe, und sprechen dann die Herzen noch, werden wir beiden Alten es hören. Keine Sprache ist klangvoller wie die der Herzen, zumal wenn diese sind wie die rheinischen Herzen. Echtes Gold ist darin, und auf dieses Rheingold sollt Ihr mit mir anstoßen mit dem flüssigen Gold der rheinischen Neben. — Füllt die Römer! Das Brautpaar lebe hoch! — Max nnd Ottilie! -«-sttk-rs-«-— Die Htssllig-Vlllrn in Nrilhenhnll. . Wenn man in Neichenhall die Straße nach Groß- gMain cwporwandelt, wo es links in's Bcrchtesgadener Land, rechts in'S Oberösterreichische geht, sieht man eine prächtige Villa in die Höhe streben. Sie zeigt sich im Stil der italienischen Renaissance, am Bergeshang hin- gelagert, mit schön gegliedertem Mittelbau, an den sich zwei niedrigere, mit großen Terrassen geschmückte Flügel schließen. Schwungvolle Freitreppen führen zur Straße hinab, herrliche Baumgrnppen heben sich von dem leuchtenden Weiß der Mauern. Das Ganze wirkt harmonisch, ruhig, eS überkommt den Beschauer wie ein Hauch von hellenischer Kraft, Freude und Schönheit. Man wird begierig, hinaufzusteigen, daS weiße Haus in der Nähe, von allen Seiten, von innen zu besehen. Das ist ein Leichtes. Gastlich offen stehen die Thore des Parkes mit seinen schönen Bäumen: lichtes Lanbholz, Blutbuchen, dunkle Fichten und Föhren in nuancenreicher Vereinigung. Eine schattige Kastanien-Allce führt langsam hinauf, und nach links über einen Platz mit Noscnbceten gelangt man an die Rückfront. Wir treten in's Haus. Vorüber an der Treppe, die sich leicht hinaufschwingt in die oberen Stockwerke, gelangt man in schöne Wohngemächer, licht und hoch, elegant möblirt. Nicht nur elegant, auch originell, denn jedes Stück ist nach guten Zeichnungen kunstvoll gearbeitet nnd fügt sich trefflich in's Ganze. Am rechten Ende befindet sich ein großer Speisesaal, durch dessen — 413 breite Fenster man in'S Grüne blickt; von der Decke füllt mattes Oberlicht herab. Am linken Ende ein ähnlicher Raum als ConversatiouSsaal. Die beiden Süle lassen die Bestimmung des Hauses sogleich erkennen; es ist keine Privatbilla, wie man aus der ruhigen Vornehmheit hätte schließen können, sondern eine Pension. Jeder kann dort wohnen, all der Schönheit sich erquicken und sich so recht seines Lebens erfreuen. Nach einem guten Diner sitzt man draußen auf einem der vielen Balcons in angenehmer Gesellschaft, Neichcnhall liegt zu unseren Füßen, von hohen Bergen umrahmt, von unten tönt die Curmusik ganz deutlich herauf, und die Vogel schmettern gratis ihr Lied dazu. Die Bäume blühen und duften, und die Brust wird Einem weit, daß man aufjubeln möchte: Wie schön bist du, du weite Gotieswelt! Der Mann, der all dies mit Künstlerauge geschaffen, genießt gar wenig von der Pracht und Herrlichkeit. Es ist der geniale Meister Friedrich Hessin g, dessen rastloser Geist sich nicht damit begnügt, kunstvolle Apparate für Kranke zu bauen — Hessing baut auch Wohnstätten für die müden, erholungsbedürftigen Stadtmenschen, sie sollen sich hier in Licht und Schönheit baden, und ihre Nerven sollen wieder gesund und stark werden. Der Meister aber, der Erholung manchmal selbst am meisten benöthigt, gönnt sie sich nur im allergeringsten Maße. Selten und nur aus kurze Zeit kommt er nach Neichcnhall. Sein ständiger Aufenthalt ist GLggingen, denn dort sind seine Kranken, die seine unermüdliche Pflege genießen, Tag für Tag, Stunde um Stunde. Der Renaissancebau, Friedrtchshöhe genannt, ist nur ein kleiner Theil dessen, was Hessing in Reichenhall geschaffen. Wenn wir weiter wandern, durch den Park mit den gewundenen Kieswegen, den schattigen Plätzchen, gelangen wir zu einem zweiten Baue, die altdeutsche Villa genannt. Von der Renaissance zurück zur Gothik, einer etwas phantastischen Gothik. Eine kleine Festungs- maucr umgibt ihn, von Eckthürmen untergrochen. Ein i Thor führt auf den Vorplatz mit schönen Platanen; überall rankt sich Grün hinauf und überall gibt es kleine Ausblicke auf Berg und Thal. Vom Vorplätze gelangen wir in eine Glashalle, ein angenehmer Aufenthalt im Regen- wetter. Sie ist am Bergcsabhang hingebaut, mit einem großen Balcon, auf welchem zwei eiserne Ritter Wache halten. Unter der Halle sind sechs Badecabinen sehr praktisch angebracht und für Soolbäder eingerichtet. Die altdeutsche Villa selbst ist ein traulicher Giebelbau, das Dach trägt reichgeschnitzte, groteske Holzverzierungen. An den Wänden zeigen sich Fresken, die zum guten Theile die Hcilkunst des Meisters allegorisch versinnbildlichen. Und wie heimlich, wie gemüthlich ist es im Innern! Freundliche kleine Wohnränme, auf die Holztreppe fällt gedämpftes Licht von Butzenscheiben. Dann präsentirt sich uns eine gewölbte gothische Halle, ganz holzgetäfelt, mit bunten Wappen verziert, die durch hohe Scheidewände in drei reizende Zimmer getheilt ist. So ist jedem Geschmack Rechnung getragen, der verwöhnte 1?tir äs sieola-Mensch kann prunkvoll wohnen oder sich in einen behaglichen kleinen Winkel einnisten. Will er volle Ruhe und Stille finden, weit ab vom Getriebe des Curortes, so schreite er rüstig aus und steige etwa 20 Minuten bergan. Dort empfängt ihn ein neues Paradies. Hoch oben erhebt sich ein anderer Bau Hesstng's, „zur schönen Aussicht" genannt. Das herrlichste Panorama bietet sich dem Auge. In weitem Umkreis sind die mächtigen Bergriesen gelagert, massig die einen, wie der sagenreiche Untersberg, andere in bizarren Formen züm Himmel strebend, in allen Mulden voll leuchtenden Schnee's. Und weiter rückwärts, da flimmert's und glihert's ganz weiß, das sind die Loferberge, die herübergrüßen. Unten im Thals die überall aus dichtem Grün hervorblinkenden Villen, die großen Hotels mit flatternden Fahnen, die Kirchen und Kirchlein, Alles vereinigt sich zu frohem Bilde. Der Bau ist in phantastischem und originellem Stile ausgeführt. Eine Säulenhalle verbindet das Haus mit dem großen Speisesaale und führt von hier zu einem geschlossenen Pavillon mit herrlichem Ausblick, hinüber zum Gaisberg und den Höhen des Salzachthales und hinunter über saftige Wiesen nach Nink-Lehen in Bayerisch-Gmain, wo Hessing noch eine prächtige, musterhaft gehaltene Oeko- nomie besitzt. Dann treten wir den Rückweg an, reich an freundlichen Eindrücken und von Verehrung erfüllt für den Mann, der all das Schöne hier geschaffen. --SrWNS--- Die gegenwärtige Fahrsncht. Ein trauriges Kapitel. Ist es nicht unerhört, daß man in einer Zeit, wo alles vorwärts schreitet, gerade diejenigen, die denn doch in erster Linie dazu berufen wären, mehr und mehr einem kläglichen Stillstände überantwortet? Ich rede natürlich von unsern Füßen. Seit Jahrtausenden haben sie die trefflichsten Dienste geleistet; eine außerordentlich: Geschichte, reich an Leistungen ersten Ranges, liegt hinter ihnen. Und nun stellt man dieses altbewährte, dieses hochelegante und natürliche Beförderungsmittel zu Gunsten all' der neuen, ungeschlachten und künstlichen Beförderungsmittel sozusagen kalt oder zwingt es, falls es mit ihnen wetteifern will, zu einer nähmaschinenartigen Raserei, die ebenso widerwärtig als unnatürlich ist. DaS Traurigste aber ist nicht die Thatsache als solche, sondern die Gemüthsruhe, womit sie von der Bevölkerung im großen und ganzen hingenommen wird. Man könnte glauben, Pietät und Widerstandskraft seien verlorengegangene Gegenstände. Nun, es lebt zum Glück noch eine ansehnliche, über die ganze Monarchie verstreute Männergesellschaft, die weder der einen noch der andern ermangelt. Es ist die wackere Schaar der a. D.'s, deren Schicksal leider eine zu große Aehnlichkeit mit demjenigen des genannten Körpertheiles im allgemeinen besitzt, als daß er im besondern ihrer besondern Fürsorge nicht werth erscheinen müßte. Nicht bloß willfahren sie pietätvoll einem angeborenen Triebe, indem sie Tag für Tag ihre sechs bis acht Stunden im Freien herumlaufen, hin und wieder pflanzen sie sich auch gleichsam als stumme und doch so grimmig-beredte Proteste an den Schienen der vorbei- eilenden Straßenbahnen und an den Schlagbäumen der dreist ihren Weg kreuzenden Eisenbahnen auf, und wie verkörperte Mene Tekel sieht man sie den Staub aufwirbelnden Radfahrern drohende Blicke nachschleudern. Freilich, was hilft es? Das Unheil ist im Zuge oder vielmehr in allen möglichen Fuhrwerken. Einst, als noch die Postkutsche so poetisch durch die Natur humpelte, war ein nicht geringer Theil der Reisenden Fußreisende, Leute, die jeder Fahrerei abhold waren und alles zu Fuß machten. Jetzt haben wir bereits eine eben so große Menge Sitzreisende, Leute, welche in den drei, vier Wochen, die sie unterwegs sind, eigentlich gar nicht 419 auö dem Sitzen herauskommen, nur bei Nacht, wo sie liegen, wie cS immer Brauch war. Man kennt ihre Methode: aus dem Hause in die Droschke, aus der Droschke in die Eisenbahn, aus der Eisenbahn in den Hotcl-Omni- buS, dann vermittels Auszuges auf den Stock, wo gleich rechts oder links ihr Zimmer ist. Zurück ebenso, in die Droschke, auf den Dampfer, auf die Drahtseil- oder Zahnradbahn. Sind sie in einer Großstadt, so empfängt sie die Pferde-, die Dampf-, die elektrische, wenn nicht gar die Stadt- oder Untergrund-Bahn. Und alle diese verschiedenen Beförderungsmittel liefern sie richtig wieder im Gasthofe und schließlich wieder zu Hause ab. Solche Reisende sind wie Frachtgüter, die fortwährend umgeladen werden. Und welche Rolle spielen bei dieser langwierigen Sitzprocedur die Beine? So gut wie keine, sie sind lediglich für den Fall der Noth da, ähnlich wie in elektrisch erleuchteten Sälen der Vorsicht halber immer ein paar Gasslärumchen brennen. Verständige Leute würden höchstens den Kopf schütteln, wenn die geschilderte Methode einzig für die Reise vorbehalten bliebe. Sie wird indessen von gar vielen I das ganze Jahr über angewendet, vor allem von den so- genannten Großstädtern. Sie führen zur Entschuldigung > die riesigen Entfernungen an. Das scheint mir aber nur halb richtig zu sein, denn daß im Grunde etwas ganz anderes dahintersteckt, als Zeit, Geld und Kraft zu sparen, sieht man in gewissen Kleinstädten, wo die Leute bisher ganz gut ohne Pferdebahnen und dergleichen ausgekommen sind, jetzt dagegen, wo sie sich solche zugelegt haben, die tollsten Streiche machen, wie ich unlängst erleben mußte. Ich war nämlich auf den Gedanken gerathen, wieder einmal nach Krähwinkel zu gehen. Krähwinkel ist mir immer als das gemüthlichste Städtchen von der Welt erschienen, so puppig und still — wenn ich am einen Ende der Stadt nieste, rief mir regelmäßig der Obsthändler, der am andern Ende seinen Stand hatte, Prost zu. Wie erstaunte ich daher, als das erste, was ich bei meiner Ankunft sah, eine Pferdebahn war. „Potztausend!" sagte ich zu meinem Freunde, der mich am Bahnhöfe abgeholt hatte, „da habt ihr ja eine Pferdebahn." „Das will ich meinen! Es war aber auch hohe Zeit." Dabei strahlte seine Miene ordentlich vor Vergnügen- Ich traute meinen Ohren nicht. „Ha, hat sich denn die Stadt so vergrößert?" „Das nicht", bemerkte er. „Aber wenn du glaubst, unsere Pferdebahn rentire sich nicht, da sieh' nur! Komm rasch, daß wir auch noch Plätze erwischen." Eigentlich war es ganz überflüssig, die kurze Strecke bis zu meines Freundes Wohnung zu fahren. Indessen der Cnriosität halber fügte ich mich. Natürlich kam es» wie ich es vorausgesehen hatte: Kaum daß wir glücklich saßen, mußten wir wieder aufstehen, wir waren am Ziel. In der nächsten halben Stunde war ich stark beschäftigt. Ein Familienglied nach dem andern erschien, um mich zu begrüßen, und jedes legte mir die Frage vor: „Nun, was^ sagen Sie denn zn unserer Pferdebahn?" Gerade hatte ich znm siebenienmal mein grenzenloses Erstaunen ausgedrückt, als die Thüre aufging und meines Freundes Schwiegermutter eintrat. „Willkommen, willkommen". — rief sie — „soeben vernahm ich, daß Sie da sind, und sofort bin ich mit der Pferdebahn her- gceilt, um Sie zu sehen." Obwohl tief gerührt, konnte ich doch nicht umhin, zu fragen, ob sie denn nicht mehr dicht nebenan wohne? „O gewiß", erwiderte sie, „aber ich mache das immer so: Ich nehme die Pferdebahn bis zum Bahnhof und fahre dann mit dem nächsten Wagen hierher. Ach, es ist ja gar zu angenehm! Man trifft immer so viele Bekannt: und hört immer 'was Neues." Ich war sprachlos. Doch es kam noch schöner. Gegen Abend führte mich mein Freund hierhin und dorthin, zu diesem und jenen: Bekannten, aus einer Kneipe in die anders. Trotzdem es sich immer nur um einen Katzensprung handelte, wurde jedesmal die Pferdebahn genommen. Er behauptete, alle Welt mache es so. Und so war es auch. Ein fortwährendes Ein- und AuL- steigen, daß die Pferde gar nicht aus dem Schritt kamen. Blos ein alter lahmer Herr war eigensinnig genug, nebenher zu humpeln; er hatte jedoch schon bald einen derartigen Borsprnng, daß er nicht mehr einzuholen war. Nachher zu Hause klopfte ich meinem Freunde auf die Schulter und bemerkte: „Hör' 'mal, ihr müßt ja mit eurer Pferdebahn brillante Geschäfte machen, und du, alter Glückspilz, hast natürlich einen ganzen Stoß Actien davon im Schrank." „Nicht ein Stück." „Wie?" staunte ich ihn an. „Nein, niemand hier hat Actien. Die fremden Kapitalisten, die auf den guten Einfall kamen, waren bisher nicht zu bewegen, die Actien auf den Markt zu bringen, und ich fürchte, sie werden es auch in Zukunft nicht thun. Es ist wirklich recht schade." Nach dieser Eröffnung sann ich auf eine Ausrede, um mich baldmöglich aus den: Staube zu machen. Offen gestanden, Krähwinkel war mir unheimlich geworden. In der That, es ist einfach ein krankhafter Zustand. DaS eine Drittel der civilisirten Menschheit ist bereits vollständig ergriffen, ein Drittel zeigt sehr bedenkliche Anwandelungen, lediglich das letzte Drittel hält sich, wie wir eingangs gesehen haben, noch tapfer. Ob auch auf die Dauer? Warten wir's ab. Wir haben es leider mit einer wahren Manie zu thun, und man weiß, wie ansteckend dergleichen ist. Allgemein gesprochen möchte ich sie Fahrsucht nennen, doch gibt es allerhand Spezialitäten, wovon die schlimmste die Tretradsucht ist. Schon feit längerer Zeit bildet sie den Gegenstand meines besonderen Studiums. Die Ergebnisse liegen soweit vor, daß ich demnächst damit herausrücken kann. Also auf Wiedersehen! (Köln. Volksztg.) --s—- Goldkörner. Es giebt Menschen mit leuchtendem und Menschen mit glänzendem Verstände. Die ersten erhellen ihre llmgebnng, die zweiten verdunkeln sie. M. v. Ebner-Eschenbach. Sei auf deiner Hut vor Aufwallungen des Zorns. Laß deinen Unmnih niemals Leute fühlen, die dir nichts darauf erwidern dürfen oder mögen. Placken. Gemeinsam leiden macht die Bürde leichter. Das Bitr'rc wird durch Gewohnheit süß. Wohl dein Ganzen, findet Sich einmal einer, der ein Mittelpunkt Für viele Tausend wird, ein Halt; — sich hinstellt Wie eine siste Sänl', an die man sich Mit Lust mag schließen und mit Zuversicht. _ Schiller. ALLeVLbZ. Die Ehren-Fräulein der Königin von England. Die Königin von England wählt ihre Ehren- Fräulein unter den Töchtern der Peers, welche mit Ihrer Majestät befreundet sind. Meistens werden die Eltern der jungen Dame, auf welche die Wahl der Königin fällt, brieflich von dem Wunsche der Monarchin als besonderer Gunstbezeigung verständigt. Es ist kaum jemals vorgekommen, daß die Bitte abgelehnt wurde. Ein Ehren- Fräulein der Königin bezicht ein Gehalt von 300 Pfd. Sterling. Jedes Ehrenfräulein hat ihr eigenes Schlafzimmer, muß aber ihr Wohnzimmer mit einer Kollegin theilen. Jedes Fräulein trügt ihr Abzeichen. Dieses ist ein in Brillanten gesetztes Miniaturbildniß der Königin. Das Fräulein, welches am Dienste ist, hat vor den Privat- gcmüchern der Königin zu weilen, während Ihre Majestät sich zum Mahle vorbereitet. Das Fräulein trägt einen Blumenstrauß in der Hand, welchen sie zur Rechten des Couverts niederlegt, sobald Ihre Majestät den Speisesaal betritt. Wenn keine Gäste da sind, nimmt das Ehren- Fräulein zur Rechten der Königin neben dem Lord- Kammcrherrn Platz. Sobald das Mahl vorüber ist, darf sich das Ehren-Fräulein in ihre Gemächer zurückziehen, wenn die Königin sie nicht auffordert, zu singen, Klavier oder Karten zu spielen. Da die Königin niemals Geld annimmt, welches im Umlauf gewesen ist, so haben die Ehren-Fräulein stets eine hübsche Summe neu von der Münze gekommenes Geld. Ein Ehren-Fräulein der Königin Viktoria muß hochgebildet sein und deutsch und französisch fließend sprechen. Ebenso nothwendig ist es, daß sie vom Blatte ab singen und spielen kann. Auch muß sie eine gute Vorleserin sein. Das ist eine ihrer Pflichten. Die Königin ist ganz eigen bezüglich der Kleidung ihrer Ehren- Fräulein. Ihre Majestät liebt das Einfache und würde eine aufgethürmte Frisur nicht dulden. Die Königin macht den jungen Damen häufig werthvolle Geschenke. Ihre Majestät redet sie mit ihren Vornamen an, während die Anrede der Ehren-Fräulein „Madame" ist. Die Königin interessirt sich tief für die Freuden und Sorgen ihrer Ehren-Fräulein. Sie ist eine höchst rücksichtsvolle Herrin. Das Leben am englischen Hofe verläuft höchst regelmäßig. Eine Ehrendame muß deßhalb vor Allem sehr praktisch sein. Danach muß sie ein heiteres Gemüth haben und bereit zu allem Guten sein. Gespräche über die persönlichen Angelegenheiten der Königin sind streng verboten. Während der langen Negierungszeit der Königin Viktoria ist nur ein Ehren-Fräulein entlassen worden. Das erzeugte zu seiner Zeit mit Recht viel Gerede. Ehren- Fräulein haben in der Regel dreimal im Jahre einen Monat Dienst. Und auch dann werden sie nur jeden zweiten Tag zum Dienst befohlen. Sind sie frei, so schreibt ihnen Niemand vor, was sie thun sollen. « Die Frage nach der Mutter. Als Kaiser Joseph II. von Oesterreich durch Medwisch in Siebenbürgen kam, redete ihn eine hochbetagte Frau, die ihn um die Entlassung ihres Sohnes aus dem Kriegsdienste bitten wollte, mit den Worten an: „Guten Tag, Herr Kaiser! Ich wünsche, daß der Herr noch fein gesund sei! Was macht die Frau Mutter? Ist sie auch noch fein gesund?" Der Kaiser antwortete ihr auf alle diese Fragen sehr freundlich, gab ihr ein kleines Geschenk und sagte: „ES hätte ihn auf allen seinen Reisen noch Niemand um seine Frau Mutter gefragt, als diese gute alte Frau; in elf Tagen sollte sie auch ihren Sohn wieder frei bei sich haben." Und es geschah. Ec ist ciie Kieke. Auf allen Blättern steht geschrieben, Wie Wundergut der Vater ist. O Herz, wie magst Du ihn nicht lieben, Der Dich auS jeder Blume grüßt? Auf alle Vlättlein möcht' ich schreiben, Wie sehr mein süßer Freund mich liebt, Und all sein Thun und all sein Treiben, Das er als Mensch für mich geübt. Auf alle Vläitcr möcht' ich malen Des Liebsten klares Angesicht, Doch alle Farben, alle Strahlen Erreichen feine Schöne nicht. Und allen Blättern möcht' ich sagen Won feiner Treue, seiner Huld, Ilnd allen Steinen muß ich'ö klagen, Daß ihn getödtet meine Schuld. ---— Rösselsprung. neu des in ver dan die las cS ich und er er der daß 6- sei sich te to ken jün scn brau be be will de die be strr get der schöpf de fri des al ein mit ßen schen he keil wer scn le ter mal wenn ring de ne noch lcn früh der cke ran ich'S fas ling sin er Win Berichtigung zum Krnmbad-Artikel in Nr. 52 des UnterhaltnngSblattcS. Auf den drei Stellen, an denen Nitt-r Hans von EllcrS- bach die Scheune, in welche seine heiligmäßige Gemahlin Adelheid vor seiner Eifersuchtswuth geflüchtet war — im Jahre 1390 erbarmungslos angezündet hatte, sprudelten beim Abräumen des Brandschuttcs drei Quellen hervor, welche bald als Heilquellen anerkannt und benützt wurden und dem Krum- bade nach den verlässigsten geschichtlichen Quellen und Notizen sein Dasein gaben. Diese drei Quellen fließen heute noch, sind jede eigens gefaßt und liefern das Heilwasser des Krumbades. Bon den ältesten Zeiten an wurde in diesem Wasser auch ein gewisser Stein gesotten und zur Heilkur mitvcrwendet. Derselbe wird aus dem Berge gegraben, dem die besagten Quelle» nachweislich entspringen, und ist unter dem Namen „Badstein" oder „Krumbaderstein", auch „Krumbacherstein" bekannt. Die Untcrsuchung(Analyfe) ergab bei diesem Steine einen reichen Satz von Heilbestandtheilen, wcßhalb er auch auf Verlangen jederzeit versendet u. zu Bädern verwendet wurde, welche ebenfalls bedeutende Heilerfolge bei solchen Kranken erzielten, die das Krumbad nicht besuchen konnten. Freilich gehören Quelle und Stein zusammen und wirken so am stärksten und schnellsten und nachhaltigsten, aber er erscheint doch als wahre Wohlthat für die bezeichneten Nothsällc, in welchen kein persönlicher Badbesuch möglich ist. So das richtige, thatsächliche Verhältniß. « 56 . „Augsburger PostMung". Dinstag, den 7. Juli 1896 . ssür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Lilerarischen Instituts von Haas Ä Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Arauenherz und Krauenwatten. Lebensbild von Mary Dobson, (Fortsetzung.) IV. In einem bescheiden, doch behaglich eingerichteten Zimmer im Erdgeschoß eines weder großen noch ansehnlichen Hauses inmitten der Stadt stand eine Frau, welche das fünfzigste Lebensjahr weit überschritten, in einfacher Hauskleidung am Fenster und blickte auf die durch Gasflammen hellerleuchtete und durch Wagen und Fußgänger belebte Straße hinaus. In dieser war nur noch wenig von dem gefallenen Schnee vorhanden, der im Freien die Erde weiß deckte und noch immer vom heftigen Wind vor sich her getrieben ward. Nachdem die Frau die nasse Straße und die eilig Vorübergehenden eine Weile beobachtet, sagte sie, sich an ein junges Mädchen wendend, das beim hellen Schein der Lampe eifrig mit einer Handarbeit beschäftigt war: „Es ist ein schauerliches Wetter, Bertha, und besser von hier aus anzusehen, als sich darin zu befinden!" „Und dennoch muß ich mich hineinbegeben, Mutter", erwiderte aufsehend die Tochter, deren äußere Erscheinung nicht darauf schließen ließ, daß sie Wind und Wetter scheute. Nicht regelmäßig schön, war sie dennoch sehr hübsch zu nennen, wozu die lebhaft und entschlossen in die Welt hineinblickenden Augen und das reiche wellige braune Haar besonders beitrugen. Sie war von mittlerer Größe und zierlicher, doch kräftiger Gestalt, und alle ihre Bewegungen bekundeten Festigkeit und Entschlossenheit. Sie hatte bereits das vierundzwanzigste Lebensjahr erreicht, doch hielt man sie stets für jünger als sie war. „Ist es nothwendig, Kind?" fragte in fast besorgtem Tone die Mutter. „Kannst Du den Weg nicht bis morgen hinausschieben oder Christine gehen lassen?" „Aber Mutter, sollte ich das Wetter nicht so gut ertragen können wie sie?" fragte mit leichtem Lachen die Tochter und fügte mit sanfter Emschtedenheit hinzu: „Die Arbeit muß noch heute abgeliefert werden, da in nächster Zeit das Sophaklssen zum Hochzeitsgeschenk gebraucht wird. Unsere Christine könnte ich auch schon, weil Frau Müller mir ihre Rechnung gern selbst bezahlt, nicht schicken!" „Ach, Bertha", fuhr nach kurzer Pause die Mutter besorgt fort, „ich fürchte, dieß angestrengte Arbeiten schadet auf die Dauer Deiner Gesundheit, denn Du stehst bleich und angegriffen aus — —" „Das muß so sehr nicht auffallen, Mutter, denn sonst würde es auch wohl Albrecht bemerken", entgegnete, sie mit den lebhaften Augen ansehend, die Tochter. „Albrecht hat, wie die meisten Aerzte, für die Seinen keine Zeit", erwiderte leicht verstimmt Frau Günther. „Er ist so sehr beschäftigt, Mutter", entschuldigte Erstere den Bruder. „Müssen wir uns nicht freuen, - daß neben seiner Anstellung am Krankenhause er in so kurzer Zeit schon eine ziemlich ausgebreitete Praxis erlangt?" „Das ist allerdings wahr, Kind", versetzte noch immer verstimmt die Mutter, „doch kann er von seiner Einnahme noch immer nicht viel für sich verwenden, da er für uns so viel — —" „Aber Mutter, äußere vor allen Dingen nicht Albrecht gegenüber solche Gedanken", bat ernst die Tochter. „Er hält sich verpflichtet, Dir einigermaßen das zu ersetzen, was Du und der verstorbene Vater für ihn geopfert. Auch hast Du ja Deine Pension-" „Die aber mir meinem Tode aufhört, wo Dir dann nur unsere geringen Ersparnisse bleiben", versetzte trübe Frau Günther. „Ja, hättest Du Deine Verlobung nicht aufgegeben! — Jetzt ist Otto Neufeld schon ein Jahr Assessor, und wenn auch seine Einnahme nur eine mäßige, so härtet Ihr doch genug daran gehabt!" „Ja, das hätten wir", entgegnete Bertha mit veränderter Stimme, „und wenn nicht sein Vater, als er vor mehreren Jahren nach . . . versetzt ward, auch zufällig der Mitvormund eines sehr reichen, jungen Mädchens geworden, so hätten wir uns auch gewiß gehei- rathet. Von der Zeit an aber war er gegen mich verändert, auch seine Familie behandelte mich nicht liebevoll und freundlich wie sonst, und da ich das nicht ertragen konnte und wollte — —" „So machtest Du der Sache ein schnelles Ende und gabst ihm mit seinem Ring auch sein Wort zurück und erhieltest den Deinigen wieder", unterbrach fast traurig Frau Günther. „Ja, Mutter, und es war richtig, daß ich den entscheidenden Schritt that", fuhr merktjch erregt die Tochter fort, „wenn es mir auch, nachdem wir zwei Jahre verlobt gewesen, nicht leicht geworden ist. Seine Verlobung 422 aber mit der reichen Mündel seines Vaters läßt noch immer auf sich warten, und mag das Herz des jungen Mädchens auch schon gewählt haben. Doch nun, Mutter, laß uns von der Sache schweigen, Albrecht könnte kommen und — —" Jetzt ward schnell die Hausthür geöffnet und geschlossen, ein fester Schritt näherte sich dem Zimmer, und gehörig gegen Wind und Wetter geschützt trat Dr. Günther ein, dessen Bekanntschaft der Leser vor etwa anderthalb Jahren in der Burgruine bei . . . gemacht. AIs nach gegenseitiger Begrüßung seine Mutter auch ihm gegenüber das schlechte Wetter beklagte, erwiderte er beruhigend: „Es ist so schlimm nicht damit, Mutter, denn der Wind läßt nach, und der Regen und Schnee hört auf zu fallen. Auch kann ich noch nicht zu Hause bleiben, da ich außer einigen Patienten Reichardt's besuchen muß I" „Ist dort Jemand krank?" fragte Frau Günther, welche die Familie vom Hörensagen kannte, und einem aufmerksamen Beobachter wäre nicht entgangen, daß ihre Gesichtszüge einen leichten Grad von Mißbilligung ausdrückten. Eine Antwort erhielt sie nicht, denn nochmals ward die Hausthür geöffnet, und auf den Flur hinausgehend, erblickte Bertha einen jungen Mann, welcher nach höflichem Gruß ihr einen Brief übergab und sich darauf die Antwort des Herrn Doktors erbat. Dieser war schon hinzugekommen, und das Schreiben seiner Schwester Hand entnehmend, öffnete er es und las die wenigen Zeilen, welche Marie Feldheim im Namen ihres Vaters geschrieben. Sich dann dem Ucber- bringer zuwendend, trug er ihm auf, Herrn Feldheim zu sagen, daß er sogleich kommen werde, und ließ sich von ihm noch dessen Wohnung bezeichnen, worauf der Diener sich mit dem, wie er wußte, so erwünschten Bescheid entfernte. Dr. Günther kehrte zu seiner Mutter und Schwester zurück, und dieser den Brief reichend, las sie die schön und mit fester Hand geschriebenen Zeilen, während er eingehend erzählte von wem sie gekommen und schließlich hinzufügte: „Nach Herrn Feldheim werde ich Herrn Reichardt besuchen, der, wie seine Gattin mir geschrieben, mich eines Ohrenleidens wegen zu sprechen wünscht!" „Hat sich das plötzlich eingestellt?" fragte Frau Günther. „Denn da Du doch die Familie zuweilen siehst-" und ihr forschender Blick streifte ihren Sohn. „Ich habe bisher nicht davon gewußt, Mutter", erwiderte dieser ruhig, „bin auch seit vielen Wochen nicht bei ihnen gewesen! Doch nun, auf Wiedersehen —" und seinen Hut nehmend verließ er eilig das Zimmer und das Haus. Als er gegangen, sagte Frau Günther mit leichter Verstimmung: „Mir gefallen Albrecht's Privatbesuche bei der Familie Reichardt nicht, denn ich fürchte, ihre Pflegetochter ist die Hauptveranlassung dazu!" „Und wenn dem so wäre, Mutter?" entgegnete Bertha von der Arbeit aufsehend, an der sie eben die letzten Perlen aufnähte und noch einige Seidenfäden befestigte. „Fräulein Rothenfels ist ein sehr hübsches Mädchen, soll eine vorzügliche Erziehung genossen haben und sehr häuslich sein!" „Sie wäre dennoch aber kaum eine geeignete Frau für Albrecht", fuhr in demselben Ton Frau Günther fort. „An eine Frau denkt auch Albrecht gewiß noch nicht", versetzte mit leichtem Lächeln über ihre Sorge die Tochter. „Denn wer wie er so unaufhörlich in Anspruch genommen ist — — " „Das ist freilich wahr", gab Frau Günther zu. „Heute wiederum den neuen Patienten — von seiner Tochter muß er uns erzählen — —" fuhr sie dann von einem plötzlichen Gedanken erfaßt fort. „Sollte die vielleicht eine Frau für Albrecht sein?" fragte sich lächelnd erhebend ihre Tochter, fügte aber ernster hinzu: „Ich wollte, Albrecht heirathete nie, Mutter, denn dann müßten wir ihn entbehren, und das würde mir sehr, sehr schwer werden!" und dieß sagend verließ auch sie das Zimmer, um ihre Besorgungen auszurichten. Frau Günther aber sann über die Möglichkeit einer ehelichen Verbindung ihres Sohnes nach, der ihrer Ueberzeugung nach in seinem Beruf die höchsten Ziele erreichen würde, und dessen Zukunft daher in jeder Beziehung eine glänzende sein mußte. V. Herr Fcldheim hatte Dr. Günthers Antwort unter heftigen Schmerzen entgegengenommen, und als der Diener das Zimmer verlassen, sagte er, sich an seine Tochter wendend, in mürrischem Ton: „Der wird wahrscheinlich auch nichts für mich thun können, und wenn es so fortgeht — —" „Laß uns Besseres von ihm hoffen", erwiderte diese ermuthigend, „denn dürften wir das nicht, so hätte der Professor ihn Dir nicht so warm empfohlen!" Er hatte keine Antwort auf diese Bemerkung, und es verging noch eine kleine Weile, bis die Glocke der Hausthür erklang, u. während Herr Feldheim in unverkennbar befriedigtem Ton sagte: „Da ist er schon! "strömte seiner Tochter einen Moment alles Blut zum Herzen u. färbte dann ihre Wangen mit tiefem Noth. Sich höher aufrichtend war jedoch im nächsten Augenblick diese Erregung verschwunden, und sie sah mit ruhigem Blick dem eintretenden Dr. Günther entgegen. Ueber die Förmlichkeit der Begrüßung kamen sie schnell hinweg, dann sagte, für den Augenblick seine Schmerzen vergessend, der Kranke in gewohnter kurzer Weise: „Es freut mich, daß Sie so schnell gekommen sind, Herr Doktor. Erinnern Sie sich unserer noch von Halle her?" „Es würde die Unwahrheit sein, wollte ich Ihre Frage bejahen, Herr Feldheim", erwiderte aufrichtig der Arzt seinen Patienten zugleich mit dem Auge eines solchen betrachtend. „Ich habe dort so viele Kranke kennen gelernt und behandelt — —" „Das thut auch nichts zur Sache", entgegnete Ersterer, diese Erklärung begreifend, während seine Tochter Beide beobachtete, „wichtig dagegen ist, daß Sie da sind und es mit meiner Behandlung versuchen wollen!" „Gewiß, Herr Feldheim", versicherte Dr. Günther, „und so lassen Sie mich dann erfahren, auf welche Weise das geschehen muß, denn ich sehe Ihrem Gesichte an, daß Sie heftige Schmerzen leiden." Der Patient begann seinen Bericht, den oftmals seine Tochter ergänzen mußte. Nach diesem fand die Untersuchung statt, dann schrieb Dr. Günther einige Rezepte, ertheilte Marie mündliche Verordnungen, und sich darauf nochmals an den Kranken wendend sagte er: „Ich werde, um die Wirkung der Mittel besser beobachten zu können, erst übermorgen wiederkommen. Sollten Sie aber bis dahin meine Gegenwart wünschen, so bitte ich es mir wissen zu lassen", und entfernte sich mit einer leichten Verbeugung. Als die Thür sich hinter ihm geschlossen, sprach Herr Feldheim in gewohnter verstimmter Weise: „Laß alles schnell besorgen, Marie, damit wir sehen, ob dieser Dr. Günther mir zu helfen im Stande ist. Er gefällt mir übrigens nicht besonders, hat, seit wir ihn kennen gelernt, sich sehr verändert und tritt für einen noch jüngeren Arzt sehr bestimmt auf. Meinst Du das nicht auch?" „Wir wollen hoffen, Vater, daß er Dir bald Linderung verschafft", entgegnete die Tochter, deren Züge den gewohnten milden Ernst trugen und in denen ein aufmerksamer Beobachter auch noch einen leisen Anfing von Schmerz und Traurigkeit gefunden haben würde, der ebenfalls in ihren ausdrucksvollen Augen lag, „und Du dann Deine Meinung über ihn änderst", und dieß sagend rief sie den Hausdiener herbei und trug ihm die Besorgung der Recepte auf. Gleichzeitig erschien auch der Wärter, welcher die Nächte bei dem Kranken zubrachte, damit seineTochter, die am Tage so vielfach durch ihn in Anspruch genommen wurde, ungestört schlafen konnte. Mehrere Stunden später, als bereits die Nacht angebrochen, betrat diese ihre Zimmer im oberen Stockwerk des Hauses, welche ihr Vater geschmackvoll und freundlich für sie hatte ausstatten lassen. Das Wohn- gemach war behaglich durchwärmt, auf dem Tische brannte eine zierlicheLampe und in einem neben diesem stehen den Sessel sich niederlassend, stützte sie gegen dessenLehne dasHaupt. Lange sann sie nach, ihreZüge nahmen dabei einen tieftraurigen Ausdruck an, und endlich sagte sie leise, indeß ein schmerzlicher Seufzer den Weg über ihre Lippen fand: „Vergessen — vergessen — während ich - ich" Nach einer Weile richtete sie sich auf, bald auch blickten ihre Augen in gewohnter ruhiger Weise, und wenn auch an ihren Zügen noch ein schmerzlicher, trauriger Ausdruck haftete, fuhr sie dennoch mit sicherer Stimme fort: „Ach ich muß vergessen, daß damals in Halle er einen tiefen Eindruck auf mein Herz gemacht! — Muß vergessen, daß ich thöricht genug gewesen, zu hoffen, auch er-— nein, nein, seine so freundliche Aufmerksamkeit galt war seinem Patienten, dessen Tochter aber war und blieb ihm gleichgültig, und jener Zeit erinnert er sich nicht mehr! — Ob in seinem Herzen ein anderes Bild gelebt? — Jünger und schöner als ich gewesen?" Nochmals sann Marie Feldheim eine Weile nach, dann aber sich höher aufrichtend fügte sie entschlossen hinzu: „Vergessen — einem erträumten Glück entsagen, das ist mein Loos wie es schon einmal zur Zeit meiner ersten Jugendblüthe gewesen, und Niemand — Niemand darf ahnen, am wenigsten aber er selbst, daß so lange sein Bild in meinem Herzen gelebt", und nach diesen Worten an ihren Schreibtisch tretend, öffnete sie das kunstvolle Schloß und nahm aus einem Fach ein sorgfältig gefaltetes Papier hervor. Es ebenfalls öffnend, betrachtete sie die darin vorhandenen getrockneten Blumen und Blätter, legte sie dann auf die noch im Ofen befindliche Kohlengluth, so daß sie schnell aufloderten und verbrannten, und nahm nochmals im Sessel Platz. Nach einer Weile richtete sie sich wieder auf, ihr Gesicht überzog ein schnelles Roth, die Augen blickten freudig und halblaut sagte sie: „Und wenn dennoch in jener Zeit, wo wir uns täglich gesehen, auch sein Herz in wärmerer Regung für mich zu schlagen gelernt, er dieß noch empfindet und nur äußerlich kalt und ruhig ist, um meine Gefühle zu erforschen?" Der Ausdruck freudiger Erregung verblieb einige Minuten in ihrem Gesicht, denn das Menschenherz ersaßt so gerne auch die leiseste Hoffnung, dann aber verschwand er allmülig und leise sprach sie: „Nein, nein, es ist nicht möglich, er hätte es diesen Abend beim Wiedersehen sicherlich verrathen, während wir offenbar seinem Gedächtniß gänzlich ent- , schwunden waren!" Und während nun Marie Feldheim zu dem vor , ihr liegenden Buch greift, um durch den fesselnden Roman ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben, müssen wir zum Verständniß der Leser berichten, daß früh schon, als der einzigen Tochter ihres Vaters, viele junge und auch ältere Männer sich ihr genähert, um ihre Neigung zu erwerben, was ihnen indeß nicht gelang, wohl aber dem Lehrer ihres damals noch lebenden Bruders. Ihr Vater entdeckte die Liebe der noch sehr jungen Leute, die seinen Ansprüchen bei weitem nicht genügte, und entließ auf der Stelle den Lehrer, der um seine Neigung wirksam zu überwinden, sich zu seinem in Südamerika als Kaufmann lebenden Bruder begab, welcher ihm bald zu einer geeigneten Stellung verhalf. // 424 Wie Marie später durch Bekannte erfuhr, hatte er dort Glück und ward mit der Tochter einer angesehenen Familie verheirathet. Im Hause selbst war nie mehr die Rede von der Sache, und um seine Tochter von ihrer Liebe zu heilen, beschloß Herr Feldheim unter den vielen Bewerbern einen Schwiegersohn zu wählen. Ihm sagte als solcher, ein reicher Fabrikherr gesetzten Alters am besten zu, den aber seine Tochter verwarf und ihrem Vater zugleich erklärte, nie heiraten zu wollen. Da alle Vorstellungen erfolglos blieben, theilte er dem wenig erfreuten Bewerber die Weigerung seiner Tochter mit, der, um sich zu rächen, sich in ganz nächster Zeit mit einer jungen, hübschen und lebensfrohen Wittwe verlobte, und diese bald darauf heirathete. Seitdem war von Herrn Feldheim's Seite nie mehr von einer Verheirathung seiner Tochter die Rede und bei eintretender Kränklichkeit war er erfreut, sie, die auch in geschäftlichen Angelegenheiten ihm gewandt zur Hülfe kommen konnte, in seiner unmittelbaren Nähe zu haben. VI. Gehen wir in unserer Erzählung um etwas länger als ein Jahr zurück und betreten wir wiederum das Haus, in das zu Anfang derselben wir unsere Leser geführt. Es ist einige Tage nach dem Weihnachtsfest, und wir finden Herrn und Frau Reichardt wie Hedwig, welche als Tochter bei ihnen geblieben, im Wohnzimmer. Die Dämmerung des kurzen Wintertages, an dem blendendweißer Schnee die Erde deckt, ist eingetreten, im Ofen glimmt ein lebhaftes Kohlenfeuer, das den Raum genügend erhellt, und Erstere halten Mittagsruhe, während Hedwig, nachdem sie einige häusliche Angelegenheiten besorgt, eben die Lampen anzünden will, als die Glocke der Hausthüre erschallt und sie auf den Flur hinausgeht, um nachzusehen, wer Einlaß begehrt. Die Thüre öffnend, steht ein hochgewachsener Mann vor ihr, den kaum sie erblickt, als errathend und erbleichend, was jedoch die Dämmerung ihn nicht erkennen läßt, sie lebhaft ausruft: „Herr Doktor, Sie sind eS?" »Ja, Fräulein Nothenfels", erwiderte dieser, sie ebenfalls erkennend, vermochte aber nicht mehr zu sagen, denn Frau Reichardt, welche den Ruf vernommen, erschien, und sich ihr zuwendend, sagte Dr. Günther, nachdem sie sich begrüßt: „Sie sehen, Frau Reichardt, daß ich von Ihrer mir in der Porta Westfalica ertheilten Erlaubniß Gebrauch mache —" „Seien Sie uns willkommen, Herr Doktor", erwiderte sie freundlich, die ihr dargereichte Hand ergreifend, „und treten Sie näher, damit ich Sie auch mit meinem Mann bekannt machen kann!" Er kam ihrer Aufforderung nach, und während die Männer sich ebenfalls freundlich begrüßten, zündete Hedwig die Lampe an und ließ die Vorhänge herab, worauf Alle Platz nahmen. Dr. Günther erkundigte sich denn nach dem Ergehen der Familie Reichardt und erfuhr, daß seit dem vergangenen Sommer sie sich vollkommen wohl befunden. Er dagegen erzählte, daß er sich um eine Vakanz an einem der städtischen Krankenhäuser beworben und auch die Stelle eines ersten Gehülfsarztes der chirurgischen Abtheilung erhalten, mit der Befugniß, Privat- praxis auszuüben. „Und sind Sie mit dem Wechsel zufrieden?" fragte Herr Reichardt, dessen Gattin wie Hedwig ihre Arbeit zur Hand genommen. „Gewiß, Herr Reichardt", entgegnete der Arzt, „dann ich habe bereits den Anfang mit eigener Praxis gemacht. Besonders erfreut darüber aber sind meine Mutier und Schwester, deren Häuslichkeit ich theile!" Die Unterhaltung ward noch eine Weile, auch die Sommerreise berührend, fortgesetzt, dann aber empfahl Dr. Günther sich, nachdem Herr und Frau Reichardt ihn aufgefordert, seinen Besuch zu wiederholen, was er auch zusagte. Er hielt, wenn auch nach längeren Zwischenpausen, Wort, wodurch Neichardt's von seiner schnell zunehmenden Praxis erfuhren, es ihnen aber auch klar ward, daß Hedwig die besondere Anziehungskraft für ihn sei, wie, daß ebenfalls sie ihn nicht mehr mit gleichgültigen Augen ansah. Diese gegenseitige Neigung konnte nicht anders als ihre vollständige Billigung haben, und sie beschlossen, den Dingne freien Lauf zu lasten und diesem ruhig zuzusehen. Die Zeit verging, der Winter machte dem Frühling Platz, und dieser verfloß, ohne der Familie Reichardt ein bemerkenswerthes Ereigniß zu bringen, da auch ihr Sohn mit seiner Familie sich voll befand. Den Sommer verlebte Hedwig bei dieser, was besonders Dr. Stein befürwortet, da deren Wohnort zugleich ein Seebad war. Erst im Oktober kehrte sie frisch und blühend zu ihren Pflegeeltern zurück, die sie nicht länger entbehren wollten, obgleich Arthur Reichardt und besonders seine junge Gattin sie nur ungern scheiden sahen. Dr. Günther, welcher seiner Zeit von Hedwig Abschied genommen, hatte Neichardt's wie sonst besucht und sich stets theilnehmend nach ihr erkundigt. Eine Woche nach ihrer Heimkehr erschien er ebenfalls, und Letzteren konnte Beider freudige Erregung beim Wiedersehen nicht entgehen. In gewohnter Weise schwanden die Tage bis ins neue Jahr dahin, wo, wie wir wissen, Dr. Günther zu Herrn Feldheim berufen ward und nach diesem Herrn Reichardt ebenfalls als Arzt besuchen mußte. Er ward von Hedwig empfangen, welche, für den Augenblick sich selbst vergessend, in ihm nur den Erleichterung und Hülfe bringenden Arzt sah, den sie sogleich zu dem Kranken führte. Bei diesem war, wie die Untersuchung ergab, eine augenblickliche Operation erforderlich. Hedwig ging ihm dabei mit ruhiger Besonnenheit zur Hand, während Frau Reichardt ihm den Verband aulegen half. Nach einigen Anordnungen verließ Dr. Günther auch diese Familie, jedoch mit der Zusage, am folgenden Tage wiederkommen zu wollen. Raschen Schrittes ging er durch die jetzt hartgefrorenen Straßen dahin. Er mußte noch mehrere Häuser betreten, in denen er sehnlichst erwartet ward, er sah menschliches Elend, Kummer und auch Armuth, und hatte, wo es Noth that, aus seinen bescheidenen Mitteln auch Beistand, der ihm Dank und Segenswünsche eintrug. Den warmen Winterrock fester an sich ziehend, eilte er nach beendigtem Tagewerk seiner Wohnung zu, wo, wie er wußte, seine Mutter und Schwester seiner harrten. Es war gegen zehn Uhr, als er sie erreichte und mit tiefempfundenen Behagen das wohldurchwärmte Zimmer 425 betrat, in welchem Erstere die Zeitung vorlas, während Letztere, welche alle Besorgungen ausgerichtet und neue Bestellungen entgegengenommen, mit einer Handarbeit beschäftigt war und auf dem gedeckten Tisch das Abendbrod bereit stand. Soweit er befugt war, erzählte Dr. Günther dabei von seinen Patienten, besonders von Herrn Feldheim und seiner Tochter, welche seinem Gedächtniß ganz entschwunden gewesen, dann aber wünschte er Mutter und Schwester eine gute Nackt und ricth auch ihnen, sich zur Ruhe zu begeben. Als die Thür sich hinter ihm geschlossen, begann Frau Günther über das mühevolle Leben eines jungen, unermüdlichen Arztes zu sprechen und fügte mit einem Seufzer hinzu: „Könnte er doch einmal eine reiche oder auch nur wohlhabende Frau heirathen, damit ihm die Sorge für das Leben leichter würde",und zu einem anderen Gedanken übergehend fuhr sie fort: „Fräulein Frld- heim würde nach allem, was ich von ihr gehörter als eine solche für ihn schon gefallen. Sie muß aber damals in Halle keinerlei Eindruck auf ihn gemacht haben — —" „Das glaube ich auch nicht", erwiderte die Tochter, welcher einebestimmteAhnung sagte, daß sein Herz bereits für eine Andere schlage und diese,wenn sie seineLiebe erwidere, die Seinige werden müsse. — VII. Mehrere Wochen waren vergangen, seit Herr Feldheim Doctor Günthcr's Patient geworden, und er hatte schon, was erauchwar, Ursache damit zufrieden zu sein, denn wenn, wie Letzterer Marien gesagt, es für sein eigentliches rheumatisches Leiden nur Linderung, keine Herstellung gab, so hatte doch sein Allgemeinbefinden sich gebessert und damit seine Stimmung sich gehoben. Dazu trug auch die Hoffnung bei, gegen Ende März soweit hergestellt zu sein, um mit seiner Tochter nach Italien reisen zu können und dort seine vollständige Genesung zu erwarten. Während dieser Zeit hatte auch Herr Neichardt sein Ohrenleiden soweit überwunden, daß es ihn nicht mehr an der gewohnten täglichen Arbeit hinderte. Damit aber hatten auch Dr. Günther's ärztliche Besuche aufgehört, und er erschien wiederum nur gelegentlich. Eines Abends, nachdem er mehrere seiner Kranken besucht, schellte er an der ihm so wohlbekannten Thür und ward von Hedwig begrüßt, welche ihm mit einem leichten Grad von Befangenheit sagte, daß Rctchardt's ausgegangen seien, jedoch bald zurückkehren würden. Sie führte ihn ins Zimmer, wo Beide Platz nahmen und er ein umfangreiches Papier aus der Tasche zog, welches er ihr mit den Worten reichte: „Hier, Fräulein Rothenfels, sind die bewußten Ansichten, von denen ich Ihnen und Frau Neichardt gesagt. Sie werden leicht die Ihnen bekannten Punkte wiedererkennen — —" „Sie find sehr gütig Herr Doktor", erwiderte Hedwig, das kleine Packet in Empfang nehmend. „Die Bilder werden uns viele Freude gewähren, denn wir sprachen oft von unserm Aufenthalt in. mit seiner ganzen Umgegend I" Bei diesen Worten hatte sie schon die Umhüllung entfernt und betrachtete mit lebhafter Bewunderung das erste Blatt, die Porta Westfalica darstellend; dann griff sie, während er kein Auge von ihr verwandte, zu dem zweiten, das sie nicht sogleich erkannte, daher der Lampe näher brachte und dann lebhaft ausrief: „Ist das nicht die Ruine mit derFörsterei bei ... . ?" und sah vielleicht unbewußt leicht erröthend zu ihm auf, senkte aber schnell ihre Augen vor den seinigen, die forschend und voll Liebe ihr entgegenblickten. »Ja, Fräulein Rothenfels", entgegnete er mit unverkennbarer Erregung, „es ist die alte Burgruine mit ihrer Umgebung und die Stelle, an der ich Diejenige kennen lernte, deren Bild seitdem mir immer gegenwärtig gewesen!" Hedwig, welche längst gewußt, daß ein Augenblick wie dieser kommen würde, erröthete noch tiefer, während Dr. Günther bewegt fortfuhr: „Fräulein Rothenfels, Sie müssen längst empfunden haben, wie theuer Sie meinem Herzen sind; sollte ich mich getäuscht haben, wenn seither ich mich der Hoffnung hingegeben, auch nicht gleichgültig zu sein?" (Fortsetzung folgt.) WoiWiö« ISiirWrMÄ' Falkenkein 426 Pfronten, Bez.-Amt Füssen, Landger. Füssen. (Schluß.) Die dem hl. Bischöfe Nikolaus geweihte Pfarrkirche steht in Mitte des Pfarrbezirkes hoch im Orte Pfronten- Berg. Der Bau derselben begann im Jahre 1687. Sie ist gefällig und geräumig gebaut und in ihrem Innern nach dem Geschmacke des vorigen Jahrhunderts geziert. Die Deckengemälde — im Chöre das hl. Abendmahl, im Schiffe Scenen aus der Legende des hl. Nikolaus, — malte Jos. Keller aus Pfronten i. I. 1780; auch die meisten übrigen Bilder der Kirche stammen von der Malerfamilie Keller. Der Bau des neuen Thurmes, der einen Aufwand von 9000 Gulden aus Mitteln der Kirchen- stiftung erforderte, wurde im Jahre 1748 vollendet; hoch und schlank mit Kuppel ist dieser Thurm eine wahre Zierde der Gegend; dazu kam aus denselben Mitteln für 2000 Gulden ein herrliches Geläute von fünf Glocken, welche Franz Xaver Freiherr Adelmann von Adel- mannsfelden, Bischof von Maktaris und Weihbischof zu Augsburg, am 9. Dezember 1750 zu Pfronten benedicirte. Auch gegenwärtig hängen im Thurme fünf Glocken. Ein neuer^Gottesacker wurde im Jahre 1835 durch den Pfarrer Magnus Jocham, welcher imJahre1841 alsProfessor derTheo- logie nach Freising berufen wurde, außerhalb des Ortes Pfron- ten-Berg angelegt; eine Kapelle gothischen Stils, in einfachen, gefälligen Formen, erstand im Jahre 1841 auf demselben; ihr Altar trägt ein geschnitztes Crucifix-Bild aus dem 15. Jahrhunderte. In sie sind 9 Jahrmessen gestiftet. Im Jahre 1687 wurden in der Pfarrkirche zwei Bruderschaften, die des Rosenkranzes und die des heil. Joseph, errichtet; zu ihnen kam bald darnach eine Bruderschaft von St. Antonius. Später vereinigte man die drei Bruderschaften in eine, welche unter dem Namen St. Josephs - Bruderschaft sich bis heute in der Pfarrei erhalten hat. EingepfarrteOrte. Wir erwähnten bereits oben, daß ein Ort des Namens „Pfronten" nicht bestehe, daß k. 'tz Kourdesgrolle am Falkenstein. dieser Name vielmehr den ganzen Pfarrsprengel bezeichne und die in diesem gelegenen Orte an jenem Namen in der Weise Theil nehmen, daß man von einem Pfronten- Berg, Pfronten-Kappel, Pfronten-Steinach usw. spreche. Diese einzelnen Orte, nach politischen Gemeinden abgetheilt sind: In der Gemeinde Pfronten-Berg (äußere Gemeinde), links der Vils: 1. Berg, Sitz des Pfarrers und der Pfarrkirche, auf einem mäßigen Hügel an der Landstraße von Innsbruck nach Kempten. 2. Halden, */z Stunde westlich. 3. Kappel, von der Pfarrkirche ^St. nordwestlich, an der Straße Innsbruck- Kempten; Kirche 8. Martini. 4. Kreuzckk, Std. nordwestlich, auf einem Hügel an der Landstraße. Hier steht schon seit Jahrhunderten eine dem heiligen Kreuze geweihte Kapelle. 5. Meilingen, ^ St. östlich. Ein Theil der Häuser liegt auf einem Hügel und hieß früher Jmnat,cinTheil,gegen die Schloßruine Falkenstein gelegen, hieß der Burgweg, ein dritter Theil unten am Hügel und am linken Ufer der Vils hieß Drittel-Meiling. Letzterer hat eine Kapelle zu U. L. Frau. 6. Refleuten, St. westlich, hart am Fuße des Edelsberges. Die Kapelle 8t. Xo1ianni8 Laxt. in Refleuten wurde im Jahre 1702 von der dortigen Gemeinde gebaut. ^Reh- bühel, b/^St. nördlich auf einem Hügel. Die Kapelle in Nehbühel stand auf dem sogen. Kehbühel bis zum Jahre 1668, in welchem man sie des schlechten Grundes wegen abbrach und auf dem Platze, auf welchem sie heutigen Tages noch steht, wieder aufbaute. 8. Ried, an der Vils und an der Hauptstraße, in der Ebene des Gebirgsthales, nur durch einige zwischenliegende Accker von Pfronten-Berg getrennt; Sitz des k. Hauptzollamts Pfronten. 9. Weißbach, ^ St. nordwestlich an der Hauptstraße, k. Post-Expedition. Auf dem Josberg in der Gemeinde Weißbach erbaute man im Jahre 1637 eine Kapelle zu Ehren St. Fabian's und Sebastian's. Weil aber der Ort ungelegen und besonders im Winter schwierig zu besuchen war und der Berg zu reißen anfing, wurde im Jahre 1661 die Kapelle abgetragen und 427 bei den Häusern der Gemeinde Weißbach wieder aufgebaut. — L. In derGemeinde Pfronten-Steinach (untere Gemeinde), rechts der Vils, liegen: 1. Dorf, ^ St. südwestlich, hart am Kienberge. Hier stand das Hochstiftische Amthaus. Zur Ortschaft Dorf wird gewöhnlich auch gezählt die Fall-Mühle, 1 St. von der Pfarrkirche, einsam an der Ach zwischen hohen Bergen. 2. Heitlern, ^ St. südwestlich, an der Vils und an der Hauptstraße, hängt mit „Dorf" zusammen; Kirche 8. I^ousturäi. 3. Osch, '/z St. südlich an der Hauptstraße. Hier steht eine Kapelle zu St. Koloman. 4. Steinach, das größte Dorf der Pfarrei, St. südlich, an der Hauptstraße. Die Kirche zu Steinach, ursprünglich den drei heiligen Erzengeln geweiht, stammt aus dem Jahre 1635 und schreibt ihren Ursprung von der Pest her, welche in jenerZeit diePfarrei heimgesucht hatte. Die Kirche, jetzt zu St. Michael genannt, wurde in neuerer Zeit durch Gemälde und Sculpturen desPfron- tener Künstlers Franz Osterried geziert. Im Thurme mit Pultdach hängen zwei Glocken. * * * Das Pfrontener Thal wird viel von Touristen und Sommerfrischlern besucht, und durch die neueröffnete Bahn Kempten-Pfron« ten wird Pfronten mit seiner großartigen Gebirgsnatur und seiner stärkenden und milden Luft wohl bald zu den besuchtesten Gegenden unseres All- gäu'S gehören. Die Verpflegung in den dortigen Gasthäusern wird sehr gerühmt, ebenso diegutenWohn- ungen. lag, begab er sich in ein wohlbefestigtes Schloß am Alpen- schlunde, in welchem ihn um das Jahr 1080 Sigfrid's Partei belagerte, bis ihm durch Welf's Verheerungszug gegen Augsburg Entsatz wurde. Welche der festen Burgen am Alpen-Eingange unter diesem Schlosse zu verstehen sei, läßt sich mit Bestimmtheit nicht ermitteln; am wahrscheinlichsten ist jedoch der Falkenstein damit gemeint, an welchen auch dasVolk seineSagen überjeneEreignisse knüpfte. * * -t- Berühmt und viel besucht ist die vor einigen Jahren auf dem Falkenstein erbaute Lourdesgrotte, welche, in natürliche Felsen eingehauen, umgeben von der großartigen Gebirgsnatur, wohl die schönste nicht nur in der Diözese, sondern weit über dieselbe hinaus sein dürfte. Zahlreiche Andächtige wallen im Laufe des Sommers zuderherrlichenGrotte auf dem Falkenstein. * * fDie Illustrationen zu vorstehendem Auf- satzePfronten sind nach Original -Aufnahmen von Gustav Baader in Krumbach in Autotypie hergestellt.) -— Goldkörncr. Wie sind wir doch Alle mit unserer ge- prahlten Selbstständig- keit an die Natur gebunden, und was ist unser Wille, wenn die Natur versagt! Schiller. Wer sich nicht zu viel dünkt, ist viel mehr als er glaubt. Goethe. -- Erstes Gebet. Von W. Kray. «ALL UW WM Auf einem hohen Felsenvorsprunge des Manzen- berges, östlich über Pfronten, ragen heute noch die Trümmer einer alten Burg schauerlich in die Lüfte hinaus. Sie hieß der Falkenstein. Ihre Entstehung und älteste Geschichte wird mit den Bischöfen von Augsburg in Verbindung gebracht. Die Burg soll nämlich im 11. Jahrhunderte vom Bischof Heinrich II. (1047—1063) erbaut oder neu befestigt und von ihm persönlich als Zufluchtsstätte in seiner Fehde gegen die Grafen von Vohburg be- nützt worden sein. Als der vom Herzoge Wels I. von Bayern geschützte Gegenbischof Wigold mit dem Bischöfe Sigfrid II. von Augsburg (1077—1096) im Kampfe Zu unseren Bildern Johann Adam MSHler. Der berühmte Theologe Johann Adam Mähler wurde geboren zu Jgersheim iu Württemberg am 6. Mai 1796 und zum Priester geweiht im September 1819. Seine Lehrthätig- keit begann er im Jabrc 1823 an der Universität Tübingen, folgte 1835 einem Rufe nach München, wurde im März 1838 zum Domdekan in Würzburg ernannt, starb aber schon am 12. April des nämlichen Jahres an einem Lungenleiden, tief betrauert von seinen zahlreichen Verehrern und Schülern. (Einen längeren Aufsatz über das Leben und Wirken des verdienstvollen Gelehrten haben wir in den Nummern 19, 20 und 21 der Beilage zur Augsburger Postzeitung vom Mai d. I. gebracht.) _ 428 Erstes Gebet. Ein äußerst wirksames Motiv hal sich hier der Künstler zur Schaffung eines schönen Bildes gewählt—das erste Gebet eines Kindes. Mit andachtsvollem Auge hängt die Kleine an dem Munde der lieben Mutter, die ihr Wort für Wort vorspricht, um es dann selbstständig zu wiederholen. Wohl kommt noch manches Wort ungeschickt aus dem kleinen Munde heraus und muß nochmals gesagt werden, aber aller Anfang ist schwer. Der hl. Schutzengel, der Zeuge des rührenden Aktes, sieht auf das Herz und den guten Willen der kleinen Betenden und wird sicher vor Gottes Thron seiner Schutzbefohlenen ein lobendes Zeugniß über dieses erste Gebet ausstellen. -—- Allerlei. Nur noch 10 Minuten. Der kaiserliche Prinz Louis Napoleon, einziger Sohn des Kaisers Napoleon III. von Frankreich, hatte schon in seiner frühesten Jugend die üble Gewohnheit, wenn man ihn vom Spiele rief oder ihn mahnte, daß es Zeit sei, aufzustehen oder zu Bette zu gehen, um eine Frist von 10 Minuten zu bitten. Als sein Vater, Napoleon III., des französischen Kciiser- thums beraubt war und der Prinz, welcher inzwischen zu einem jungen Manne herangewachsen war, in England in der Verbannung lebte, schloß er sich den englischen Truppen an, welche in Südafrika gegen die Koffern kämpften. Dort ritt er eines Tages mit einer kleinen Abtheilung aus, um einen Platz für ein Lager auszuwählen. Dies war bald geschehen, und man war im Begriffe, zurückzukehren, als der Prinz den die Abtheilung führenden Offizier bat, nur noch zehn Minuten länger zu warten, damit er eine begonnene Zeichnung vollenden könne. Man gab dem Wunsche des Prinzen nach, und als man nach Ablauf der zehn Minuten die Pferde besteigen wollte, brach eine Anzahl wilder Koffern hervor. Es blieb keine andere Wahl, als vor der Ueber- macht die Flucht zu ergreifen. Alle kamen mit dem Leben davon, nur der Prinz, welcher nicht schnell genug sein Pferd besteigen konnte, wurde nach kurzer Gegenwehr von den Wilden mit einem Speere durchbohrt und getödtet. Man kann sich den Schmerz der Mutter des Prinzen denken, als sie von dem Tode ihres einzigen Sohnes hörte und erfuhr, daß er seiner Gewohnheit, um einen Aufschub von zehn Minuten zu bitten, zum Opfer gefallen sei. * Gute Aussichten für „Paukanten". Der Dirigent der Capelle des Hessischen Infanterie-Regiments Nr. 81, Herr Kalkbrenner, hat ein dreirädriges leichtes Fuhrwerk construirt und in einer Fahrradfabrik anfertigen lassen, auf welchem in Zukunft die Pauke der Capelle bet allen Uebungen und Paraden mitgefahren werden wird. Die Construction ist derart einfach und practisch, daß der Paukenschläger mit dem durch die Pauke beschwerten Wägelchen bequem alle Drehungen und Bewegungen der Capelle mitmachen kann. Das Tragen der Pauke ist in der deutschen Armee für den betreffenden Musiker stets eine große Plage gewesen. In Oesterreich werden schon seit langer Zeit die Pauken auf kleinen, von Hunden, ja hier und da von abgerichteten Ziegen, gezogenen Fuhrwerken gefahren. Nur ein Regiment gibt es (und zwar die 43er), welches ein Hunde-Paukenfuhr- werk besitzt. Dasselbe soll noch aus Oesterreich stammen. Sobald mit dem neuen Kalkbrenner'schen Paukenwägelchen gute Erfahrungen erzielt sind, soll es in der ganzen Armee sofort eingeführt werden. Elektrische Malerei nennt sich ein Verfahren, Glasplatten für Möbel und Luxusgegenstänoe mit künstlerisch ausgeführter Malerei zu versehen, welches der schwedische Maler Swen in Göteborg erfunden hat. In der That haben die Einlagebilder des Herrn Swen vermöge der Eigenartigkeit in der Behandlung der Farben einen elektrisch leuchtenden Schein, so daß die wunderbarsten Effecte erzielt werden. Die Malerei ist zugleich unvergänglich, da sie auf die Rückseite starker Krystall- platten aufgetragen und deßhalb vor zerstörenden Einflüssen jeder Art dauernd geschützt ist. Vor Majolica- platten haben die bemalten Swen'schen Glasplatten den Vorzug größerer Schönheit und unbegrenzter Dauer. Wie uns das Bureau für Patentschutz und -Verwerthung von Dr. I. Schanz L Co. (Berlin) versichert, dürfte diese patentirte Erfindung für Industrielle von nicht geringem Werthe sein. * Eine unerwartete Einnahme hatte der bremische Staat in diesen Tagen. Bei Vertheilung der französischen Kriegsentschädigung von 5 Milliarden war ein Rest verblieben, welcher in diesen Tagen zur Auszahlung gelangte. Der auf Bremen entfallende Antheil, welcher bei der Generalkasse eingezahlt wurde, betrug neun Pfennige, die ganze zur Vertheilung bestimmte Summe ungefähr 55 Mark. Wie viel Tinte mag wegen dieser 9 Pfg. geflossen sein? * Letzte Zuflucht. Zofe: „Wo ist denn der Herr Baron?" — Kammerdiener: „Der hat mit der Frau Baronin wieder einen Zank gehabt und jetzt sitzt er in der Küche und läßt sich von der Köchin und dem Kutscher Trost zusprechen!" -- Kreuzcharade. 1 2 3 4 In jedem Feld der Zeichen zwei — D'raus kombinire mancherlei: 1 2 der Damen Luft fürwahr, Auch trägi's der Richter und Notar. 3 4 ist unser Schirm und Schutz, Des Landes Feinden bietet's Trutz. 1 4 als deutscher Fluß bekannt, Doch mündet er in fremdem Land, 3 1 verschlang das Meer einst wild, Die Sage dock verklärt sein Bild. 3, 2, in des Olympos Höh'n Hat frohen Dienst sie zu verseh'n. 2 4 wird ein Poet genannt, Von dem ein Drama sehr bekannt. 4 2, bist düs, ich gratulir' — Und alle Schätze gönn' ich dir. Auflösung des Rösselsprungs in Nr. 55: Wenn ich's noch einmal erlebe Daß es draußen Frühling werde, Sich des Todes Decke bebe Und verjünget sei die Erde: Allen Winter der Gedanken Will ich in der Stube lassen, Mit der Sinne frischen Ranken Die erneute Schöpfung fassen. -- l -r ^ 57. Irettag, den 10. Juli 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas ie, Fräulein Feldheim, besitzen bei aller Herzensgütc diese Eigenschaften, und da sie Ihnen großes Vertrauen weiht, werden auch Ihre Bemühungen nicht ohne Erfolg sein!* „Ich werde alle Ihre Wünsche erfüllen", versprach tiefbewegt Marie. „Sie müssen noch mehr thun, Fräulein Feldheim", fuhr erregter Frau Neichardt fort. „Ich gehe in ein von schwerer Krankheit heimgesuchtes Haus und verhehle mir auch die für mich damit verbundene Gefahr nicht. Die Fügungen des Himmels sind wunderbar, und ich könnte zu meinen Kindern gegangen sein, um lebend nicht mehr hierher zurückkehren zu sollen!" „Frau Neichardt l" unterbrach fast erschrocken Marie. „Man muß in Fällen wie der vorliegende auf alles gefaßt sein", fuhr unbeirrt Frau Neichardt fort. „Sollte mir also etwas Menschliches zustoßen — dann — dann — dann, Fräulein Feldheim, müssen Sie Hedwig Ihre ganze Sorge weihen, denn ein solcher Schlag würde sie furchtbar treffen I" „Aber, Frau Neichardt-", unterbrach nochmals Marie. „Lassen Sie mich ausreden, theures Fräulein Feldheim", sprach tief Athem holend Frau Neichardt. „Leider, leider ist Hedwtgs Mutter einer traurigen Nervenkrankheit erlegen, vor der durch rechtzeitige Ueberwachung sie gewiß bewahrt werden kann. Sollte also eine schwere Stunde kommen, so seien Sie ihr mit Liebe und Trost nahe, und haben Sie Geduld, auch wenn sie Beides zurückweist. Und nun — —" , und hier erhob sich Frau Neichardt, „muß ich gehen. Leben Sie wohl, Fräulein F-eldheim", hier ergriff sie deren beide Hände, „und nehmen Sie meinen Dank für das mir geleistete Versprechen. Möge Gottes Segen immer bei Ihnen sein und Ihnen im Leben alles Glück zu Theil werden, welches Sie in so reichlichem Maße verdienen!" und Marie unter Thränen in ihre Arme schließend, verließ sie dann schnell auch dieß Haus und eilte an dem mondhellen Abend dem ihrigen zu. Marie Feldhcim blickte ihr tiefbewegt nach, denn eine bestimmte Ahnung sagte ihr, daß sie Frau Neichardt, welche sie verehren und hochschätzen gelernt, zum letzten Mal gesehen. Täglich gingen Nachrichten aus . . . über das Befinden seines Sohnes und Enkels bet Herrn Neichardt ein, und Vertha Günther beförderte sie stets dorthin, wo sie so sehnlich erwartet wurden. Anfänglich kamen sie von Frau Neichardt's Hand und meldeten die Zunahme der Krankheit bei Beiden; dann hatte Ersterer die Krisis glücklich überstanden, bei Letzterem jedoch das Fieber zugenommen. Darauf kam eines Tages mit der ersten Post ein von dem Schwiegervater geschriebener Brief; Arthur Neichardt's Zustand besserte sich, der kleine Max aber war in Lebensgefahr und auch Frau Neichardt vom Typhus ergriffen. Diese Nachrichten, welche die Betheiligten auf's Schmerzlichste erregt, erfuhr Hedwig durch Marie, die von Herrn Neichardt und Dr. Günther gebeten worden sie ihr mitzutheilen. Diese zu ungewohnter Stunde bei sich eintreten sehend, rief sie, deren ernstes Gesicht gewahrend, in höchster Besorgniß: „Marie, Sie bringen mir gewiß schlimme Nachrichten -" „Ich habe Ihnen allerdings traurige Mittheilungen zu machen, Hedwig", erwiderte ruhig Marie im vollen Bewußtsein dessen, was sie Frau Neichardt in der 439 Scheidestunde versprochen, „und wir dürfen uns nicht verhehlen, daß die Lage der Dinge in . . . sehr ernst ist, „und sie wiederholte ihr den Inhalt des Briefes, den am Morgen Herr Neichardt erhalten. Hedwig hörte ihr mit steigender Aufregung zu und sagte, als sie alles vernommen, mit bebenden Lippen: „Es wäre ein furchtbarer Schlag für Arthur und Elfrtede, wenn sie wirklich ihr ältestes Kind verlieren wüßten. Ich — ich glaube cs nicht ertragen zu können", und sie drückte ihren neben ihr stehenden Knaben so leidenschaftlich an sich, daß dieser sie erschrocken ansah. „Dem Menschen wird nur das vom Lenker aller Schicksale auferlegt, was er zu ertragen vermag, Hedwig", erwiderte mit leisem Nachdruck Marie, und Beide besprachen dann die erhaltenen traurigen Nachrichten in eingehendster Weise. — Am folgenden Tag hatte sich der Zustand des kleinenMax verschlimmert, während sein Vater der Genesung entgegenging, Frau Neichardt aber im heftigen Fieber lag, und am Nachmittag traf schon seine Todesnachricht ein. Hedwig war bei dieser aufs Schmerzlichste bewegt, nahm sie aber ruhiger auf, als ihr Gatte und Herr Neichardt, der sie ihnen überbrachte, gedacht. Nur zu Manen sagte sie, als diese sie aufsuchte: „Wie kann eS nur die arme Elfriede ertragen, ihr Kind von sich geben zu müssen, um es auf den Kirchhof gebettet zu wissen! — Ich glaube, ich würde an ihrer Stelle auch sterben oder wahnsinnig werden l Mit dem ihr eigenen milden Ernst suchte Marie sie zu beruhigen, was anscheinend ihr auch gelang; sie sah aber ein, daß Frau Reichardt's Befürchtungen nicht unbegründet gewesen. — Leider folgte in einigen Tagen schon Frau Neichardt ihrem Enkel, nachdem die über sie eingegangenen Berichte immer ungünstiger geworden. Die zwar erwartete Nachricht versetzte die Familie und alle ihr Nahestehenden in die größte Trauer, und Hedwig, welche sie wiederum durch Marie erfahren, wies alle Vorstellungen und jeden Trost der Freundin hartnäckig, ja, fast heftig, zurück. Einige Tage später fand Frau Reichardt's Beerdigung statt, nachdem am Abend zuvor ihre Leiche angekommen, die Arthur Reichardt's Schwiegervater begleitete und ihr Gatte und Dr. Günther am Bahnhof in Empfang genommen. Sie ging unter großer Betheiligung von Verwandten, Freunden und Bekannten vor sich, und Jeder beklagte den so frühen Tod der allgemein verehrten Frau. Auch Frau Günther und Bertha waren ihr zu Grabe gefolgt, Marie aber bei Hedwig geblieben. Diese, im höchsten Grade aufgeregt, war sehr leidend und fand einen traurigen Trost darin, fortwährend von der Verstorbenen zu sprechen, und Marie hörte ihr mit der größten Geduld zu. Wie sie wußte, war Dr. Günther seiner Gattin wegen keineswegs besorgt, sondern der bestimmten Ansicht, daß nur die letzten Ereignisse ihre Nerven in hohem Grade erregt, sie aber bei Ruhe und Schonung sich bald wieder kräftigen würde. LII. Das Leben geht auch ohne die geliebten Dahingeschiedenen weiter, und soviel auch der Mensch geschafft, gewirkt und geleistet, er ist — das ist leider eine traurige Wahrheit — zu entbehren, seine Stelle wird ersetzt. Dieß galt auch in Bezug auf Frau Neichardt, die anfänglich schwer vermißt wurde und ohne die die Ihrigen nicht leben zu können glaubten. Ihr Leben ging indeß in gewohnter Weise weiter, wenngleich überall täglich von ihr gesprochen ward. Ihr Gatte hatte sich von dem ihn so unerwartet getroffcmnSchlag erholt,Bertha Günther leitete vollU msicht sein Hauswesen, und seine Kinder und Enkel befanden sich wohl, wenn Erstere auch die gehabten Verluste noch nicht überwunden. Auch Hedwig gewöhnte sich, ihre zweite Mutter zu entbehren, und der kleine Albrecht fragte nur zuweilen nach der Großmama. Ihre Gesundheit schien die frühere zu sein, doch lebte sie nur für ihre Familie und ihre Haushaltung. Rührig und rüstig wie immer wohnte Frau Günther in ihrer Nähe, Marie Feldheim aber, die unverändert dieselbe geblieben, wachte über sie und suchte, so weit sie cs zuließ, sie zu erheitern und zu zerstreuen. Zu Hedwig's großer Freude und Genugthuung mehrte sich die Praxis ihres Gatten, auch unter den Aerzten des Krankenhauses stand er in hohem Ansehen, und wie stets seine Mutter gehofft, war die Zeit nicht fern, die ihn als einen der bedeutendsten Aerzte seiner Vaterstadt sehen würde. Die fortwährenden Anstrengungen aber schwächten seine Nerven, er bedurfte dringend einer Erholung, und eines Mittags nach Hause kommend, theilte er Hedwig mit, daß er einen vierwöchent- lichen Urlaub genommen und die Zeit mit ihr und den Kindern in einer ruhig gelegenen, waldreichen Sommerfrische zu verleben gedenke. Hedwig war darüber sehr erfreut, ein geeigneter Aufenthalt war bald gefunden, und von diesem kehrte körperlich und geistig erfrischt und gekräftigt die Familie zurück. Marie Feldheim hatte unterdeß die Familie Stanfield, die in Baden angekommen, besucht, doch ließ sie sich, wohl wissend, daß Hedwig ihrer bedurfte, zu weiterem Bleiben nicht bewegen. Der Winter — schon der zweite nach Frau Reichardt's Tod — verging wiederum Allen in gewohnter thätiger Weise, und im Frühling ward zu ihrer Erzherzog Otto. 440 — P großen Freude im Günther'schcn Hause ein Töchterchcn geboren. Zum Andenken an die theure Verstorbene erhielt sie in der Taufe deren Namen Margaretha Wil- helmine, und ward beschlossen, sie Marga zu nennen. Im Sommer ward in aller Stille ein zweites Familienfest gefeiert, Herrn Reichardt's und Berthas Hochzeit, nachdem sie nur kurze Zeit verlobt gewesen. Der Unterschied der Jahre war allerdings bedeutend, allein Herr Neichardt war noch immer ein stattlicher Mann und in gutenVermögensverhältnissen, und Bertha, die zum großenKummer ihrer Mutter nach ihrem Tode mittellos gewesen wäre, besann sich nur kurze Zeit seinen Antrag anzunehmen, und gleich nach der Hochzeit sicherte ihr Gatte testamentarisch ihre Zukunft. Bald darauf ward Arthur Reichardt ein Sohn geboren, und sämmtliche Ereignisse beschäftigten die betreffenden Familien in erregender Weise. Für den Winter hatte Marie Feldheim eine Einladung der Familie Stanfield nach Wiesbaden angenommen, und wenngleich Hedwig sie nur ungern und so lange entbehrte, beredete sie sie dennoch dorthin zu gehen. Marie blieb drei Monate bei ihren englischen Freunden und kehrte dann zu Aller Freunde nach . . . und ihrer schönen, durch verschiedene Ankäufe vergrößerten Besitzung zurück. Wiederum waren zwei Jahre verflossen, doch hatten sie den Familien keinerlei bedeutende Veränderung gebracht. Sie lebten in schönstem Ein- verständniß un^dregem Umgang, und besonders glücklich wäreFrauGünther gewesen, hätte sie nicht Hedwig's wegen in steter Sorge gelebt, die sie indeß nur Marie Feldheim anvertraute. Diese Sorge schien indeß vollständig ungegründet, und auch Marie versuchte sie ihr auszureden, doch gelang ihr dieß nicht, denn sie war der festen Ueberzeugung, daß Hedwig, wie sie stets gefürchtet, die traurige Krankheit ihrer Mutter geerbt habe. Zu ihrer großen Freude ging ihr Sohn mit seiner Familie auf längere Zeit nach einem freundlichen Ort des Harzes, und unter- deß bereisten sie, Marie Feldheim, Herr Reichardt und seine Gattin verschiedene deutsche Hauptstädte, und Alle kehrten befriedigt von dem was ihnen der Sommer geboten zurück. — Dann kam und ging der Herbst; ein kalter Winter folgte, und im März, wo es wiederum Frühling werden sollte, gab es dagegen Schnee und Eis mit heftigem Nordostwind. Aus vielen Städten brachten die Zeitungen ungünstige Gesundheitsberichte; Epidemien, die namentlich für die Kinder gefährlich, waren aufgetreten, doch war glücklicherweise die Stadt ... mit ihrer nahen und fernen Umgebung verschont geblieben. Da brach dennoch das Scharlachfieber aus, und Günther's ältester HEG. MG Ätz ^ W MB .^ U« Sohn, ein schöner, höchst begabter Knabe, ward zu ihrem und Aller Schrecken davon ergriffen. Die Krankheit nahm gleich einen bösartigen Charakter an, und um möglicherweise die jüngeren Kinder davor zu schützen, nahm Frau Günther sie zu sich in ihre Wohnung, während Marie Fcldheim, welche sie bereits gehabt, Hedwig ^11 — in der Pflege ihres Sohnes Hilfe leistete. Die tückische Krankheit aber blieb nicht auf den kleinen Albrecht beschränkt, eines Tages kehrte auch Dr. Günther davon ergriffen heim. Nun reichten Hedwigs Kräfte nicht mehr aus, und L' Ä' WK WWW M Diakonissin angenommen. Was die Aerzte befürchtet und sie auchMarien nicht vorenthalten, trat ein. Des kleinenAlbrcchts Zustand verschlimmerte sich schnell, denn das Fieber nahm zu, es zeigten sich gefährliche Krankheitserscheinungen, und ungeachtet der größten Sorge und Pflege starb er nach dreiwöchentlicherKrank- heit. Marie war tieferschüttert bei dem so frühzeitigen Tod des hoffnungsvollen Knaben, und Dr. Günther, bei dem die Krankheit keinen gefährlichen Charakter hatte, vernahm ihn mit tiefem Schmerz; doch war er durch die Nachrichten, welche er stets über ihn erhalten, darauf vorbereitet gewesen. Er war der Ansicht, daß, sobald wie thun- lich, seine Gattin ihn erfahrenm üsse, und ließ Herrn Reichardt bitten, die Bestattung seines Kindes zu besorgen, und zwar in dem Rothen- AL fels'schen Familiengrab, was dieser bereitwillig übernahm. Er undBertha beklagten das schwere Geschick ihrer Verwandten, und hätten ihnen dieß so gern selbst gesagt, doch durften sie, da Letztere die Krankheit nicht gehabt, auch deren Haus nicht betreten. (Forts, folgt.) --- 5« Velletri. P. Bender. ein geschickter Wärter ward zur Hülfe genommen. Die furchtbare Angst und Aufregung aber, in der sie lebte, wirkte nachteilig auf ihre Nerven, und das frühere Leiden begann sich geltend zu machen. Beide den Kranken behandelnde Aerzte forderten dringend, daß sie der Pflege gänzlich fern bleibe, und es ward noch eine Von Dr. Joseph Herb eck. (Schluß.) Cieco erwachte am hellen Morgen aus einem betäubenden Schlummer, richtete sich im Bett empor und bemühte sich mehrere Minuten vergeblich, sich der Vorfälle der Nacht zu entsinnen. Plötzlich wurde ihm Alles wieder klar. Er sah verstört nach dem Bilde hin. „ GutenMorgen,alterWeinkieser!" rief Cieco ihm zu; denn Cieco war, wie die meisten Leute, bei Tage weit dreister, als bei Nacht. Das Conterfei rührte sich nicht und sagte kein Wort. „Schlecht geschlafen?" fuhr Cieco forl; aber das Bild war nicht aufgelegt zu einer Unterhaltung. „Wo ist denn die Urkunde und der Plan? Das könnt Ihr mir doch wohl sagen", sprach Cieco weiter, allein das Gemälde ließ sich nicht eine Silbe entlocken. „Ich muß es näher besehen", sagte Cieco, stieg bedächtig aus dem Bette, ging^auf das Bild zu, griff es an, und richtig, da hing ein altes Pergament aus dem Rahmen herunter. Es war wirklich der Plan eines außerhalb Chiavenna gelegenen Berggrundes, und die wenigen Zeilen besagten den Inhalt des dort verborgen angelegten Kellers, zu dem man durch einen langen wag- rechten Schacht, dessen Außenöffnung künstlich mit Gestrüpp und Steinblöcken verlegt war, gelangte. „Beim Liber, das ist wundersam", sagte Cieco und blickte abwechselnd nach dem Bild und dem in seiner Hand liegenden Pergament und abermals nach dem Bilde hin. „Sehr seltsam", sagte Cieco. Er kleidete sich an, um sofort zu Antonio Dario zu gehen. Ein Vorhang mit einer Art Draperie überhing den Uebertritt in die nur durch ein schmales Gewölbe vom Gastzimmer getrennte Küche, so daß er das Prasseln der Polenta nicht ohne Behagen hörte. Der Wirth erschien, die Hände auf dem Rücken. Er begrüßte Cieco mit freundlichem Lächeln. Er versprach ein bill'ges Fuhrwerk bis zu dem Einschiffplatz des Comersee's zu verschaffen. Cieco schmunzelte in sich hinein. Dann lachte er ihm geradezu in's Gesicht. „Guten Morgen, Alberghiere", sagte er. „Ich habe bereits guten Morgen Ihnen gewünscht. „Mein werther Herr Wirth", antwortete Cieco, „wollen Sie die Güte haben, sich einen Augenblick niederzulassen!" Der Wirth machte eine äußerst verwunderte Miene, ließ sich jedoch nieder, und Cieco setzte sich dicht neben ihn. Er erfaßte des Wirthes Hand und hielt sie umfangen, während er sprach. „Mein werther Herr Wirth", begann Cieco, der immer höflich war, „mein werther Wirth, Sie verdienen es in der That, eine unerwartete Entdeckung und Bereicherung zu erleben." „Was fehlt Ihnen, Signore?" rief der Wirth aus, was auch natürlich genug war, denn Cieco's Anfang war etwas ungewöhnlich, um nicht mehr zu sagen, besonders wenn man bedenkt, daß er den Wirth am vorigen Abend zum ersten Male in seinem Leben gesehen hatte. „Was fehlt Ihnen, Signore?" rief also der Wirth aus. „Ich verachte alle Schmeichelei, mein Lieber," fuhr Kt. Alban (Kirche und Fischerhaus). Original-Aufnahme der beiden Bilder von Max Merz, Photograph in Dicffen-Weilheim. fVerviclsiiltigungsrecht vorbehalten.) Signore," entgegnete der Wirth. „Was befehlen Sie zum Frühstück, Signore?" Cieco überlegte bei sich selbst, wie er die Sache am besten angreifen könnte, und gab daher keine Antwort. „Ich kann mit sehr guter Polenta", fuhr der Wirth fort, „und mit schönen leckeren Forellen aus dem Comer- see dienen. Was befehlen Sie, Signore?" Diese Worte weckten Cieco aus seinem Nachsinnen. Er gedachte der Freihaltung während der Ferien. Die Speisekammer schien trefflich ausgerüstet zu sein. „Wen stellt das Gemälde in meinem Schlafzimmer dar?" fragte Cieco. „Es ist mein Urahn, Signore," erwiderte stolz der Wirth. „Wo liegt er begraben?" fuhr Cieco fort „Er ging eines Abends in die Berge fort", versetzte der Wirth, „und ist nie mehr wiedergekehrt." „So!" sagte Cieco. „Haben Sie noch etwas zu befehlen?" fragte der Wirth, demCieco'sBcnehmcn ein wenig eigenthümlich vorkam. Cieco fort; „Sie verdienen einen fürstlichen Weinkeller Ihr eigen zu nennen, und ich weiß gewiß, daß Sie in diesem Falle auch mir fürstliche Beweise Ihrer Freigebigkeit anbieten würden." Während Cieco so sprach, schweiften seine Blicke im Zimmer umher, wie wenn er darin noch ein paar Wochen zu bleiben gedächte. Der Wirth sah noch weit verwunderter aus, als vorhin, und wollte aufstehen. Cieco drückte ihm leise die Hand und suchte ihn zurückzuhalten, was ihm gelang. Der Wirth blieb sitzen. „Ich bin Ihnen für Ihre gute Meinung sehr verbunden, Signore," sagte der Wirth halb lachend, „kaufen Sie beim nächsten Agenten drüben auf meinen Namen ein Mailänder Loos, und wenn ich den ersten Treffer bekomme, soll es Ihr Schaden nicht sein." „Wenn — wenn Sie den ersten — einen ersten Treffer bekommen", sagte Cieco, äußerst listig aus dem rechten Winkel seines linken Auges blinzelnd. „Wenn—" „Nun ja", sagte der Wirth, diesmal nicht bloß mit 443 halbem Lachen, „wenn mir irgend Jemand einen großen Gewinn verschafft, so würde er von mir seinen redlichen Antheil daran erhalten." „Wie? wenn ich Ihnen noch eine Erbschaft von Ihrem Urahn zubringen könnte?" sagte Cieco. „Was fehlt Ihnen, Signore?" rief der Wirth abermals. „Ich weiß von der Hinterlassenschaft Ihres Urahns mehr als Sie." „Ich bin überzeugt, daß dies nicht der Fall ist", versetzte der Wirth und fing an, zurückhaltender zu werden. „Hm!" sagte Cieco. Der Wirth fragte Cieco, wie weit dieser sein Spiel treiben wolle; ob Cieco glaube, daß sein Gastgeber als bejahrter Mann ein Gegenstand studentischer Witze sei; ob es sich nicht für den Gast gezieme, wenn er etwas Wahrhaftes zu sagen hätte, es wie ein ernster Mann seinem Nebenmann frei zu sagen, statt sich in unverständlichen Gleichnissen zu bewegen. „Ja, ja", wiederholte der Wirth ungeduldig. „Und auch der Urkunde glauben und an der bezeichneten Stelle nachsehen?" fuhr Cieco fort, „und auch Ihre Christenpflicht an einem Leichnam erfüllen?" „Ja doch, ja doch, geben Sie nur das alte Papier her!" antwortete der Wirth. „Da ist es", sagte Cieco und gab ihm das Pergament. Eine furchtbare Aufregung bemächtigte sich des Wirthes. Cieco sah sofort, daß der Wirth längst Geahntes bestätigt fand. Die Enkel hatten stets von geheimen Kellern ihres Urahns reden hören und glaubten auch, daß er in einem solchen verunglückt sein könne. „O der arme Ahn!" rief der Wirth aus. „Sie werden den Schatz heben", sagte Cieco. „Beruhigen Sie sich!" „Ich beruhige mich", keuchte der Wirth. „Bleiben Sie dicse Ferien bei uns, wir wollen dem Velletri wacker St. Alb an (Villa und Gasthaus). NM-I „Ich will Ihnen Alles sagen", entgegnete Cieco, „hoffe aber, daß Sie auch Ihrer vorigen Betheuerungen nicht uneingedenk sind." „Was ist's?" fragte der Wirth, Cieco erwartungsvoll ansehend. „Es wird Sie in das größte Erstaunen setzen", sagte Cieco, in die Tasche greifend. „Sie find in Geldverlegenheit", erwiderte der Wirth, „ich kann Ihnen nicht dienen." „Pah!" fuhr Cieco fort, „ich habe wenig Geld, aber nie während meiner Reise gerade auf Sie gerechnet. Das ist's nicht." „Bei meiner Nase, was kann es sein?" rief der Wirth fast geängstigt aus. „Erschrecken Sie nicht!" sagte Cieco, zog langsam das Pergament hervor und faltete es auseinander. „Lesen Sie dies und betrachten Sie die Zeichnung!" sagte er. „Geben Sie her!" sprach derWirth. „Was ist damit?" „Wollen Sie Ihrer Versprechungen eingedenk sein?" zusprechen, und ich will auch sorgen, daß Sie bei der Heimreise nicht allzusehr denselben vermissen." „Ich nehme Ihr Anerbieten an", sagte Cieco, und trotz der Fragen des Wirthes verschwieg er, auf welche wundersame Art er zu dem Pergament gekommen. Der Urahn, in dem Vorgewölbe zur Mumie geworden, fand seinen Platz auf dem Cimiterio Chiavenna's. Der Wein — ein Velletri von seltenstem Alter und auserlesener Güte — wanderte nach und nach in den Hauskeller des Antonio Dario. Cieco aß und trank nach Herzenslust vier Wochen lang in dem behaglichen Albergo. Als er schied, weinte Dario. Ob aus Schmerz, den Freund zu verlieren, oder aus Freude, den Schmauser los zu werden, steht dahin. Sein Versprechen, dem Studenten noch zur Weiterreise die Börse zu füllen, hielt er. Auf dem Heimweg suchte Cieco durch weise Abstufungen, indem er vom Velletri in Bozen zum Kälterer Seewein, in Meran zum Terlaner, in Innsbruck zum Spezial und in Kufstein zum gewöhnlichen Tiroler über- 444 ging, seine Geschmacksnerven wieder für weniger kostbare Genüsse zu präpariren. Cieco's Geschichte wurde von Jedermann geglaubt, seine Feinde ausgenommen. Von diesen sagten Einige, Cieco hätte sie vom Anfang bis zum Ende erdichtet; Andere, er wäre bckneipt gewesen, hätte sie geträumt, und die Urkunde sei schon Abends zufällig beim Herabheben des Bildes aus dem Rahmen desselben herausgefallen. Es besteht kein triftiger Grund, die wenigstens theilweise Wahrheit der Erzählung Cieco's, die Verfasser woitgetreu wiedergab, anzufechten, und dabei muß es sein Bewenden haben. —»s-!8«es—- — Zu unseren Bildern Erzherzog Glto. Nach dem Tode des Kronprinzen Rudolf, des einzigen Sohnes Kaiser Franz Joseph'S, ging nach der Tbronfolgeord- nung der österreichisch-ungarischen Monarchie die Anwartschaft auf die Thronfolge auf den ältesten Bruder des Kaisers, den Erzherzog Karl Ludwig, über. Nach dem vor wenigen Wochen eingetretenen Tode des Erzherzogs Karl Ludwig gina der Anspruch auf die Thronfolge auf den Erzberzog Franz Ferdinand d'Este über, der, seit seiner Weltreise in seiner Gesundheit erschüttert, zu seiner Herstellung großer Schonung bedaif und für längere Zeit sich auf sein Schloß Kouopischt in Böhmen zurückgezogen hat. Der Tod des Erzhczogs Karl Ludwig machte die Ueberlragung der von diescnr mit größter Hingebung erfüllten RepräsentationSpflichten auf andere Schultern nothwendig. Da der hierzu in erster Linie berufene Erzherzog Ferdinand d'Este wegen seiner leidenden Gesundheit mit derartigen Aufgaben nicht betraut werden konnte, so wurden dieselben und die damit verbundene Stellvertretung des Kaisers dem Erzherzog Otto übertragen, dem hierbei seine Gemahlin, Erzherzogin Maria Josepha, eine Tochter deS Prinzen Georg von Sachsen, zur Seite lieht. Der bisherige beschränkte Hofhält des erzherzoglichen Paars wird aufgelöst, an seine Stelle tritt ein größerer Hofstaat. Das erzherzogliche Paar wird in dem lauschigen Augartenpalais, dem Buenretiro Kaiser Joseph'S II. und deS nachmaligen Kaisers Maximilian von Mexico, residiren und — auf ausdrücklichen Wunsch des Kaisers — einen Hofhält in großem Stil führen. Der Hofwelt und den höheren wiener Gesellschaftskreisen wird sich sonach im Augartenpalais eine neue Stätte geselligen Verkehrs erschließen. Erzherzog Otto Franz Joseph, am 21. April 1865 geboren, ist ein Sohn des verstorbenen Kaiserbruders Karl Ludwig aus dessen zweiter Ehe mit der 1871 verstorbenen Prinzessin Maria Annunciata von Bourbon-Sicilien. Er genoß, wie seine Geschwister, unter den Augen seines Vaters, eine sorgfältige Erziehung. Im praktischen Truppendienst, dem er mit großer Pflichttreue oblag, ist er, meist in kleinern Städten garniso- nirend, zum Oberst und Commandanten eines Husarenregiments emporgcrückt und wird demnächst als Generalmajor eine Brigade der wiener Garnison übernehmen. Seiner Ehe mit der Prinzessin Maria Josepha von Sachsen, die schon zu wiederholten Malen bei Hoffeierlichkeiten an Stelle der abwesenden Kaiserin fungirte, entsprossen die Erzherzoge Karl und Max. Diese noch im jugendlichen Alter stehenden Prinzen nehmen in der Thronfolge- und Hofrangordnung den Rang unmittelbar nach ihrem Vater ein. Genesen. Den ganzen langen Winter über hat die Arme, von einer bösartigen Krankheit heimgesucht, auf dem Leidenslager zugebracht. Der alte Spitalarzt hegte nur noch geringe Hoffnung, sie dem Leben zu erhalten, doch Dank der unermüdl chen selbstlosen Pflege der freundlichen Schwester ist m t dem erwachenden Frühling allmälig wieder neues Leben über den siechen Körper gekommen, und seitdem der Lenz seinen Einzug gehalten und die warmen Sonnenstrahlen die duftenden Rosenkelche geöffnet haben, kann sie an der Hand ihrer treuen Pflegern: schon einige Stunden des Mittags in dem freundlichen Garten zubringen, dessen seliger Friede, dessen duftige Farbenpracht im Verein mit dem lustigen Gesänge der munteren Vögelein so wohlthuend auf Keilt und Körver der Genesenden wirken. Von Tag zu Tag fühlt sie ihre Kraft erstarken, bad blühende Roth, das ehedem auf ihren Wangen gethront, kehrt langsam wieder zurück, und in einigen Wochen schon wird sie sich dankbaren Herzens gegen Gott und die menschenfreundlichen Schwestern ihrer Arbeit wieder unterziehen können. Sankt Alban am Ammersee. Am westlichen Ufer des Ammersee's, zwei Kilometer vom Markte Diessen entfernt, spiegeln sich die etlichen Häuschen mit der alten Kirche und der Badeanstalt nebst Gartenwirthschaft St. Alban im Ammersee, eine wahre Perle deS Seetbales. Weit zurück in die Römerzeit reicht die Geschichte dieses lieblichen Erdenfleckchens, denn noch jetzt finden sich binter den beiden Fischerhäuschen die deutlichen Spuren eines Wallgrabens, der das Wachthaus der Fähre nach Hersching umgab. Auf der nahen, westlichen Höbe zog die Römerstraße vorüber, und das jetzige Oekonomiegut Romanthal da oben mag wohl dereinst die Villa eines Tribunen gewesen sein. — Um das Jahr 970 erbaute die fromme Gräfin Cunissa von Diessen und Andechs, eine geborene Gräfin von Oeningen, das Kirchlein zu Ehren des heiligen Märtyrers Alban von Mainz, dessen Leichnam ihr der Schwager, Bischof Aribo von Mainz, ein An- dechser Graf, geschenkt hatte. Im Jahre 1490 ward die Kirche so baufällig, daß sie der Propst Zallingcr au: den einmüthigen Wunsch der Pfarrangehörigen, welke großes Vertrauen zu dem wundertbätigen Heiligen hatten, erneuern ließ. Bei dieser Gelegenheit wurden St. Albans Gebeine, welche unter Propst Jacob im Jahre 1416 der Sicherheit wegen nach Andechs gebracht worden waren, wieder in die erneute Kirche überführt. Im 18. Jahrhundert erfolgte noch ein Umbau, und da die Kirche im Jahre 1812 versteigert wurde, erwarb dieselbe der Diessener Bierbrauer Johann Mambofer für die Pfarrei. Am 2l. Juni jeden Jahres wird das Patrocmium in St. Alban mit Amt und Predigt gefeiert, wobei viele auswärtige Wallfahrer erscheinen. Ganz nahe bei der Kirche befindet sich die Badeanstalt mit Gastwirthschaft, welche seit der Uebernahme durch Herrn Lauter wesentlich verbessert und verschönert wurde. Es ist wirklich ein Genuß, von dem schattigen WirthSgarten aus, in welchem übrigens auch für die leiblichen Bedürfnisse durch vorzügliches frisches Bier und kalte Speisen bestens gesorgt ist. das schöne Landschaftsbild, den herrlichen See, die jenseitigen bewaldeten Höhen mit dem alten, ehrwürdigen Kloster und Wallfahrtsorte Andechs, dann die im bläulichen Dufte sich zeigende Gebirgskette von der Benediktenwand bis zur Zugspitze zu schauen. Liebhaber erhalten in der Wirthschaft auch vorzügliche Milch und guten Kaffee, denn Herr Sauter hat selbst eine Oekoncmie. Es war lange Zeit still an diesem Fleckchen, aber seit einem Jahre ist's lebhasr geworden, die Diessener, besonders gesellige Vereine, wandern oder fahren zu dem selbst musikalischen Besitzer des Gasthauses und amüsiren sich dort vortrefflich. Vom WirthSgarten aus führt ein Steg zum Badehäuschen im See, welches mehrere Kabinen enthält. Versäume es nicht, lieber Wanderer, hier in der kühlen, herrlichen Fluth deinen Leib zu erfrischen, behauptet ja ein berühmter norddeutscher Arzt, daß die Ammerseebäder den Nordseebädern an Wirkung gleichkommen. Bist Du ein Freund von Fischen, so werden zwei Fischer Deine Sehnsucht stillen, und kommst Du im August, so wird Dir Herr oder Frau Fischer Rauch eine Delikatesse des Ammersee's, die geräucherten Schilche, vorsetzen. — Sowohl in der Badewirthschaft, als bei den beiden Fischern und im Schusterhause sind eingerichtete Zimmer zu haben. Also auf nach Sankt Alban, dieser Perle des Ammersee's I F. Sch... Auflösung der Schachaufgabe iu Nr, 57: Weiß. L-ckwarz. 1. S. 68-V7 -j- K. 68-67 2. T. 4.8-68 K. 67—66 3. S. 07-66 §7-86: 4, D. 67—671- K. 66-65 5. S. V7—65 §6 65: 6. L. §3-64 §5—64: 7. L. 61—§3 §4-63: 8. D. §7-§7 -j- K. 65 - 66 9. K. 63-62 114-113 10. 62-63 65-114 11. 63-64 66-115 12. 64 - 65 117—116 13. D. §7—§6 f 14. 65-66 Matt. K. 66 -117 - -KZWZ-- — M 59, Ireitag, den 17. Juli 1898. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Borbefitzcr Dr. Max Huttler). Krarkenherz rmd Irauenwatten. Lebensbild von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Am Tage vor der Beerdigung öffnete Hedwig, welche sich in einer völligen Nervenabspannung befand und wiederum mehrere Stunden ruhig dagelegen, die Augen und war erfreut, Marie an ihrer Seite zu sehen. Sie blickte sie einige Augenblicke forschend und fragend an und sagte: „Marie, wie geht es Albrecht? — Gestern ist mir gesagt worden, es stehe nicht gut um ihn-" „Wen meinst Du, Hedwig?" sprach ausweichend Marie, „Deinen Mann oder Dein Kind — —" „Erzähle mir erst von meinem Mann", und wiederum forschten ihre Augen in den Augen und Zügen der Freundin. „Es geht allerdings noch nicht besser mit ihm", sprach Marie so ruhig sie vermochte, „allein die Aerzte sind seinetwegen ohne jegliche Besorgnihl" „Marie", rief sich hastig aufrichtend Hedwig, „sprichst Du auch die Wahrheit?" „Gewiß, Hedwig I" versicherte Marie und hielt nochmals deren forschenden Blick aus. „Ich will Dir glauben", erwiderte langsam Erstere, „aber nun sage mir auch, wie es mit meinem Kinde steht!" Marie war auf diese Frage vorbereitet, dennoch zauderte sie einen Moment, ehe sie antwortete. „Leider, Hedwig, befindet Albrecht sich nicht so gut wie sein Vater. „Das Fieber nimmt in bedenklicher Weise bei ihm zu — —" Hedwig war Mariens Zögern nicht entgangen, und deren Hand fassend, rief sie hastig und nochmals mit einem forschenden Blick: „Marie, Du sprichst nicht die Wahrheit! — Mein Kind ist bereits todt — Albrecht wird auch sterben — ich — ich will mich selbst überzeugen —" und sie machte Miene sich zu erheben. Marie hielt sie mit sanfter Gewalt zurück, versicherte ihr nochmals, daß ihr Mann lebe und mit Gottes Hülfe genesen werde, ihr Kind aber, wie bereits gesagt, sehr krank sei. Mit einem lauten Aufschrei sank Hedwig bewußtlos zurück, und glücklicherweise trat die Diakonissin, welche eine Stunde Schlaf genossen, wieder ein. Nach Anwendung belebender Essenzen öffnete sie die Augen, und Marie erblickend, sagte sie mit sanfter, trauriger Stimme: „Ich weiß, daß Beide todt sind, Marie — —" „Aber, Hedwig, Dein Mann lebt — Albrecht auch noch — —", unterbrach diese ruhig, doch ernst. „Nein, nein, ich glaube es nicht", erwiderte Hedwig heftiger. „Während ich krank gewesen, sind sie gestorben und begraben, und ich werde ihnen bald folgen — —" und nochmals schloß sie die Augen. Marie blickte die erfahrene Krankenpflegerin besorgt an, diese aber winkte ihr beruhigend und zog sich zurück, während sie an ihrer Seite blieb. Nach einer Weile erwachte Hedwig wieder und sprach ruhig über den Tod ihres Mannes und Sohnes, den sie als gewiß annahm. Ihre beiden jüngeren Kinder schienen ihrem Gedächtniß entschwunden zu sein, wie sie auch Frau Günther's und Neichardt's nicht erwähnte. Die Diakonissin gab Marien ein Zeichen auf ihre Ideen einzugehen, deßhalb auch widersprach sie ihr nicht, war aber von der furchtbarsten Angst um sie erfüllt, denn die Befürchtungen der verstorbenen Frau Neichardt, wie auch diejenigen von Frau Günther schienen in schrecklicher Weise sich bewahrheiten zu sollen. — XIII. Dr. Günther war vollständig genesen und hatte auch seine Praxis wieder aufgenommen, seine ältester Sohn ruhte im stillen Grabe neben seinen Großeltern, die jüngeren Kinder aber waren wieder in seine Wohnung zurückgekehrt, in der seine Mutter schaltete und waltete, denn Hedwig, das so innig geliebte Weib seines Herzens, vor einem Jahre noch blühend in frischer Jugendkraft, war unfähig ihren Pflichten als Gattin und Mutter, die sie stets so gewissenhaft geübt, nachzukommen, sie weilte — es war um die Mitte Mai — in der kaum eine halbe Stunde von der Stadt gelegenen Irrenanstalt. — — Da nach ihrem verhängnißvollen Gespräch mit Marie Feldheim die sie behandelnden Aerzte es sich nicht verhehlen konnten, daß in Folge aller Aufregung ein Nervenleiden — eine augenblickliche Geistesstörung — bei ihr eingetreten war, so wurde der Oberarzt der genannten Irrenanstalt, ein Mann von bedeutendem Nuf, zu Rathe gezogen, und nachdem er Alles erfahren, erklärte er, die Patientin nur in der Anstalt beobachten und behandeln zu können, und daß sie, da auch eine Orts- Veränderung, wie ein Umgangswechsel für sie nothwendig j sei, dorthin überführt werden müsse. Diese Erklärung war für die Familie wie auch für Marie Feldheim ein harter Schlag; da aber in der Sache sofort gehandelt werden mußte, übernahm diese es, Hedwig in Begleitung der Diakonissin, die ihre einzige Gesellschaft gewesen, nach der Anstalt zu geleiten. Hedwig, welche sich vollkommen bewußt war krank zu sein, stimmte, als Marie ihr vorschlug, ihre Wohnung zu verlassen und in einer freundlich gelegenen Anstalt Kräftigung ihrer Gesundheit zu suchen, damit überein, wenngleich sie mit der ihr eigen gewordenen traurigen Ergebung hinzusetzte: „Es wird mir doch nichts nützen, Marie, und ich werde, was ich auch am liebsten will, meinem Manne und Kinde gewiß bald folgen!" Am nächsten Morgen fuhr Marie mit ihr, die ruhig und gleichgiltig ihr sonst so glückliches Heim verließ, dorthin. Dr. Günther, seine Mutter und Neichardt's, welche auf Anordnung der Aerzte sie nicht wieder erblickt, sahen vom Fenster auS der Abfahrt zu und erschraken über die binnen wenigen Wochen mit ihr vorgegangene Veränderung. Der Oberarzt und zwei Wärterinnen empfingen sie am Eingang eines Seiten- flüges der Anstalt, der, mit grünen Fensterjalousien versehen, rings mit Nasen und Blumenbeeten umgeben, denen sich schattige Wege anschlössen, einem freundlichen Gartenhause glich. Auf Dr. Günther's besonderen Wunsch bekam seine kranke Gattin zwei behaglich ausgestattete Zimmer, in denen sie ihre Handarbeiten, leichte Unterhaltungsschriften und auch ihren Flügel fand, denn seit ihrer Erkrankung hatte sie eine besondere Vorliebe für die Musik an den Tag gelegt. Der Oberarzt forderte Marie zum Bleiben auf, und diese half ihre Zimmer ordnen und unternahm dann mit ihr einen schon lange entbehrten Spaziergang. Sie durchschritten mehrere Wege und Alleen, welche mehr oder weniger im frischen Frühlingsgrün prangten, über das Hedwig lebhafte Freude empfand, und gelangten durch eine der letzteren fast an das Ufer des Flusses, der auch die Stadt berührte. Auf einer der am Wege stehenden Bänke sitzend, sah sie mit einigem Vergnügen dem Vorüberfahren mehrerer größerer und kleinerer Schiffe zu. Gegen Abend überließ Marie Hedwig der Obhut und Sorge fremder Hände, was diese indeß nicht zu empfinden schien, und nahm mit schwerem Herzen von ihr Abschied, nachdem sie ihr und auch dem Oberarzt versprochen, baldigst wieder zu kommen. Sie begab sich nach Dr. Günther's Wohnung, wo sie voll Spannung erwartet ward und von den Vorgän-en des Tages Bericht erstattete. Frau Günther und Neichardt's hörten ihr unter Thränen zu, mit bleichen Gesicht aber, in dessen Zügen sich der tiefste Schmerz aussprach Dr. Günther, und wenn sie auch ihre Hoffnung auf HedwigS Genesung aussprachen, glaubten sie in der Tiefe ihres Herzens kaum an eine solche. — Nach diesem traurigen Tage waren Wochen vergangen. Durch die ihr zu Theil werdende Pflege und Behandlung ward Hedwig körperlich kräftiger, und hoffte der Arzt, daß dadurch auch ihre Nerven sich kräftigen und belebend auf ihre geistigen Fähigkeiten wirken würden. Zuweilen schien es ihm als ob die Erinnerung in ihr wach werden wolle, und veranlaßte er sie daher j einmal von ihrer Familie zu sprechen. Zu seiner Freude ging sie darauf ein, erzählte ihm von ihren Eltern, ihrer Pflegemutter und dem kleinen Max Neichardt. die gleich ihrem Manne und ihrem Sohne gestorben seien, nnd fügte traurig hinzu: „Die meisten Menschen, mit denen ich in Berührung komme, sterben, Herr Doktor, und daher wäre es gewiß besser, ich stürbe, damit nicht Marie Feldheim, meine einzige Freundin, dasselbe Schicksal hat!" Nach dieser Unterredung sagte dem langjährigen Irrenarzt die Erfahrung, daß er ähnliche Gespräche meiden müsse, er und empfahl ihren Wärterinnen strenge an, sie nie außer Acht oder allein zu lassen und niemals nach der Richtung des Flusses mit ihr zu gehen. — Wieder waren Wochen dahingeschwunden, Ende Juli herangekommen, und weder Dr. Günther noch seine Mutter, weder Neichardt's noch Marie Feldheim dachten an irgend einen Sommergenuß. Ihre Gedanken waren nur nach der Irrenanstalt gerichtet, wo ohne ein Zeichen von Besserung Hedwig sich noch immer befand und Marie sie, so oft es der Arzt gestattete, besuchte. Sie freute sich dessen stets, sah sie aber auch ohne Betrübniß scheiden, und beklagte auch ihr gegenüber oft, daß sie schon so vielen Menschen den Tod gebracht, und fügte den Wunsch, baldigst zu sterben, hinzu, um wieder mit ihrem Manne und Kind vereinigt zu sein. Marie versuchte, ihr dergleichen schwermüthige Gedanken auszureden, stellte ihr in Aussicht, bald genesen zu sein, und fügte liebevoll und ermuthigend hinzu: „Und dann bleibst Du bei mir, Hedwig! Wir richten uns in dem Gartenzimmer ein —" „Nein, nein, Marie, das werde ich nie thun", erwiderte sie dann ängstlich. „Du würdest sonst auch sterben, und ich — ich hätte Niemand mehr auf der Welt!" Mit schwerem Herzen zwar machte Marie ihr dann in heiterer Weise Vorstellungen, doch waren diese vergeblich, Hedwig ward nur noch trauriger. Die einzige Zerstreuung gewährte ihr die Musik, und zu dieser nahm Marie ihre Zuflucht. Spät am Nachmittag eines schönen SommertageS, den Hedwig mit ihrer Wärterin im Freien zugebracht, nahm sie ermüdet von einem weiteren Weg mit dieser auf einer Gartenbank Platz. Sie war verstimmt, denn sie hatte Marie erwartet, die zwar erst am Tage zuvor bei ihr gewesen, und war ihrer Begleiterin gegenüber der Ansicht, daß sie krank geworden und sie sie daher lange nicht wiedersehen werde. Jene versuchte, ihr Gegenvorstellungen zu machen, und sie schien auch darauf einzugehen, als plötzlich die Wärterin ihren Namen angstvoll rufen hörte. Ohne auch nur einen Moment nachzudenken, verließ sie Hedwig, eilte der Richtung, woher der Ruf gekommen, zu, und sah auch bald, daß eine andere, mit einer kranken Dame beschäftigte Wärterin bereits Beistand bekommen. Jetzt plötzlich sich der begangenen Sorglosigkeit bewußt werdend, lief sie so schnell sie vermochte nach der Bank zurück, doch war ihre Pflegebefohlene und ihr eigener großer Gartenhut verschwunden, und hatte diese den ihrigen zurückgelassen. Von Schrecken und Angst erfaßt, blickte sie angestrengt lauschend umher, doch war Niemand zu sehen und ebenso wenig irgend ein Laut zu hören. Sie stürzte nun der Richtung des Flusses zu, vor dem sie in Bezug auf ihre Kranke so dringend gewarnt worden war, und rief zu- 447 gleich mehrere in der Nähe sich befindend Wärterinnen herbei, wie sie dem ihr begegnenden Gärtner auftrug, dein Oberarzt anzuzeigen, daß Frau Dr. Günther verschwunden sei. Dieser ward durch die Meldung in den größten Schrecken wie Zorn gegen die Wärterin versetzt, und bald waren alle in der Anstalt zu entbehrende Menschen unterwegs, die Entflohene zu suchen. Ein Theil derselben eilte zu beiden Seiten des Flußufers entlang, während die Uebrigen in den Spaziergängen nach ihr forschten. So schwer eS ihm auch ward, hielt dennoch der Oberarzt es für seine Pflicht, Dr. Günther und Marie Feldheim von dem Verschwinden seiner Patientin sogleich zu benachrichtigen, da auch die Möglichkeit vorhanden, daß sie den Entschluß gefaßt, sich zu Marie zu begeben, deren Erkrankung sie angenommen, und er führte dieß auf der Stelle durch zwei besondere Boten aus. — Unterdeß war flüchtigen Schrittes eine Frauen- gestalt im leichten, grauen Mantel, und mit dem großen Hut der Wärterin versehen, mehrere Wege durcheilt und gelangte auf einem derselben an das offenstehende Thor der Anstalt. Dieß durchschritt sie langsam, ging eben so langsam eine kleine Strecke die Landstraße hinab und nach der gegenüberliegenden Seite, dann aber schneller und schneller bis sie ein Stück Weideland erreichte, hinter welchem sie den Fluß ruhig fließen sah, an dessen Ufer sich theilweise niedriges Gebüsch hinzog. Sich mehrere Male umsehend, erblickte sie jedoch Niemand auf der weiten, stillen Grasfläche und ging nun langsam dem Flußrand zu. Hier stand sie eine Weile still, preßte beide Hände gegen die Brust und sprach halblaute Worte, bei denen Thränen ihre Wangen hinabglitten. Sich nochmals nach allen Richtungen umblickend, sah sie in geringer Entfernung einen sich in den Fluß erstreckenden Steg, der zur heißen Sommerszeit zum Wafferschöpfen diente, und auf diesen schritt sie zu, indem sie dabei von den umherliegenden Steinen sammelte, mit denen sie ihre Taschen füllte. Nun betrat sie den Steg, ging diesen einige Schritte entlang — ein Fall — und die eben noch so leicht und ruhig sich kräuselnden Wellen schlugen, so plötzlich getheilt, heftig zusammen, und unter ihnen hatte ein Menschenherz die gesuchte Nutze gefunden. — Mehrere der ausgeschickten Leute kehrten nach vergeblichem Suchen zu dem Oberarzt zurück, einer der Wärterinnen aber kam der Gedanke, die Kranke könne die Anstalt verlassen haben, und sie ging daher auf die Landstraße hinaus, auf der sie glücklicherweise noch einen daselbst beschäftigten, ihnen Allen bekannten Arbeiter traf. Sie fragte ihn, ob er irgend Jemand daZ Thor habe verlassen sehen, worauf er ihr antwortete, daß vor länger als einer Viertelstunde eine Wärterin hinaus und über das Weideland gegangen sei. Die Fragerin hatte genug erfahren und forderte im Namen des Oberarztes den Arbeiter auf, die von ihm bezeichnete Wärterin sogleich zu suchen, während sie ihm die Anzeige machen wolle, daß sie gesehen worden fei. Von Schrecken ergriffen, vernahm der Oberarzt diese Nachricht, und Wärter und Wärterinnen wurden fortgeschickt die Entflohene zu suchen. Lange war dieß vergeblich; da ward in der Nähe des Steges ein weißes Taschentuch mit den eingestickten Buchstaben „H. G." gefunden. Nun blieb kein Zweifel mehr, wohin sie sich gewandt, und es wurden schleunigst Stangen und Haken zum Suchen herbeigeschafft. Längere Zeit waren auch hier alle Bemühungen vergeblich, endlich aber zog man, und zwar nahe dem Steg und von den Wurzeln eines Gebüsches festgehakt, die Leiche hervor. Es war ein Glück, daß diese deren Kleider erfaßt, sonst wäre sie, da mit Steinen beschwert, jedenfalls tiefer gesunken, und um so schwieriger aufzufinden gewesen. Tieferschüttert umstanden Alle die Leiche der schönen, jungen Frau, und es ward eine mit einer Matratze und Decken versehene Bahre geholt, um sie nach der Anstalt zu bringen. XIV. Wie oft hatte Marie Feldheim HedwigS Kinder mit deren Wärterin eingeladen, um ihnen in ihrem großen Garten mit dem reichlich vorhandenen Spielzeug einen fröhlichen Tag zu bereiten. Gegen halb sieben Uhr hatte sie die Kleinen zurückgeschickt, und zwar u« ihnen Freude bereiten zu können, in einem Wagen, in dem auch die von ihnen gepflückten Blumen und Früchte Platz gefunden, welche sie ihrem Vater und ihrer Großmutter mitnehmen wollten. Den Wagen erwartend, in dem sie sich zu Reichardt'S begeben wollte, hörte Marie schnell die Hausthür öffnen, und aus dem Zimmer blickend sah sie einen ihr unbekannten Mann, welcher ihr einen Brief überreichte und um Antwort bat. Das Schreiben in Empfang nehmend fragte sie ihn, von wem er komme, worauf er ihr erwiderte: „Vorn Herrn Oberarzt der Irrenanstalt!" Von einem jähen Schrecken ergriffen, trat sie inS Gartenzimmer zurück, öffnete hastig den Brief und laS die wenigen verhängnißvollen Zeilen. Von der furchtbarsten Aufregung ergriffen, fragte sie den Boten, ob er bei Dr. Günther gewesen, oder sich noch zu ihm begeben wolle, worauf er ihr erwiderte, daß ein Anderer dorthin gegangen sei. Nun schrieb sie hastig einige Zeilen, steckte sie in ein Couvert, das sie adresfirte, und übergab es dem Manne, welcher sich schnell damit entfernte. Dann kleidete sie sich zum Ausgehen an, und da auch der Wagen zurückgekommen, sagte sie Johann, daß sie vielleicht erst spät wiederkehren werde, stieg schnell ein und gab zu seiner Ueberraschnng dem Kutscher die Weisung, wiederum und so schnell wie möglich nach Dr. Günthers Wohnung zu fahren. Hier hatten kaum mit freudestrahlenden Gesichtern die Kinder ihre Schätze vertheilt und selbst Dr. Günthers Züge sich bei ihrem Anblick erheitert, als hastig die Hausthür geöffnet ward und die nichtsahnende Dora ein Schreiben in Empfang nahm, auf das der Ueber« bringn sogleich Antwort erwartete. An dergleichen Bestellungen gewöhnt, übergab sie es Dr. Günther, welcher ebenfalls ahnungslos es öffnete und las, dann tödtlich erblassend seiner Mutter ein Zeichen gab, ihm in sein Zimmer zu folgen. Bei seinem Anblick von Schrecken erfaßt, that sie dieß, und hier sagte er, indem er zugleich an den Schreibtisch trat, mit stockender Stimme: „Mutter — Mutter — der Brief ist vorn Oberarzt — Hcdwig ist verschwunden und gewiß-" „Ums Himmclswillen, Albrecht!" unterbrach wankend Frau Günther und sank auf einen Stuhl, er aber schrieb Listig die wenigen Zeilen, versiegelte sie und übergab sie dem Boten, welcher sich damit entfernte, 448 während er zu seiner Mutter, die starren Auges und kvrachloS dasaß, sagte: .Es wird ein Unglück geschehen sein, und ich muß sogleich nach der Anstalt. Laß vorläufig hier im Hause Niemand davon erfahren, Neichardt'S aber kommen und bleibe selbst in der Wohnung!" Seine Mutter versprach alles und fügte schnell hinzu: „Und Fräulein Feldheim?" „Sie wird natürlich Nachricht bekommen haben —" „Wenn Hedwig zu ihr gegangen wäre — —" Eine Antwort erhielt sie nicht, denn in schnellem Trabe fuhr ein Wagen vor, dem Marie Feldheim entstieg und inS HauS eilte. Dr. Günther ging ihr entgegen, ein gegenseitiger trauriger Blick verständigte sie hinlänglich, und ihm in sein Zimmer folgend, begrüßte sie mit einem theilnehmenden Händedruck seine heftig erregte Mutter, indem sie zugleich beruhigend sagte: „Die Sache klärt sich vielleicht günstiger auf als wir denken, Frau Günther, wir dürfen wenigstens diese Hoffnung noch nicht aufgeben!" und sich dann wiederum an deren Sohn wendend fügte sie hinzu: „Im Begriff hinauszufahren, Herr Doktor, bitte ich Sie den Wagen gleichfalls zu benutzen-" In der nächsten Minute fuhren sie, das Herz voll schwerer und wie sie sich sagen konnten gerechtfertigter Sorgen, auf dem Weg nach der Irrenanstalt dahin. Sie sprachen kaum, ihre zunehmende Angst und Aufregung ließ sie keine Worte finden. In verhältnißmähig kurzer Zeit, dennoch bei bereits sinkender Sonne, erreichten sie die Anstalt, wo der Oberarzt selbst sie mit traurigem, teilnehmendem Gesicht empfing. Er führte sie in sein Zimmer, und in der heftigsten Bewegung sagte Dr. Günther: „Was — was haben Sie uns mitzutheilen, Herr Doktor? — Ihren Gestchtszügen nach zu urtheilen, haben wir gewiß das Schlimmste von Ihnen zu erfahren —" „Leider und zu meinem größten Schmerz", erwiderte ebenfalls bewegt der Oberarzt, und erzählte was geschehen und wie Alles sich zugetragen. Seine Zuhörer unterbrachen ihn nicht, hatten auch keine Antwort als er seinen Bericht beendet, doch forderte Dr. Günther mit tiefer heiserer Stimme die Leiche seiner Gattin zu sehen, indeß Marie ihrer unglücklichen Freundin heiße Thränen nachweinte. Der Oberarzt führte sie in die von der Dahingeschiedenen bewohnten Zimmer, wo diese in ein weißes Gewand gehüllt auf ihrem Bette ruhte. Das reiche, noch nasse blonde Haar war von der Stirn gescheitelt und zu beiden Seiten des Kopfes auf das Kissen gebreitet. Die Augen waren geschloffen, und auf dem marmorbleichsn Gesicht trat unverkennbar ein tieftrauriger Zug hervor. Lange stand im tiefsten Schmerz Dr. Günther neben der Leiche seines geliebten Weibes, dessen Liebe auch er in so reichem Maße besessen, und das in dem Wahn gestorben, mit ihm und ihrem Kinde wieder vereint zu werden. Dann küßte er die schöne, im Tode noch so jugendliche Stirn, wandte sich darauf Marien zu, und ihr die Hand reichend sagte er kaum vernehmbar : „Nehmen Sie hier meinen innigsten Dank, Fräulein Feldheim, für alles was Sie meiner armen Hedwig gethan und ich Ihnen werde nie vergelten können!" Unfähig zu antworten drückte Marie seine Hand, dann verrichteten Beide ein stilles Gebet — sie verhüllte das Antlitz der Todten, und langsam verließen sie das Zimmer. Ernsten, traurigen Gesichtes erwartete sie der Oberarzt, bei dem Dr. Günther befürwortete, die Leiche seiner Frau unter üblicher Ueberwachung in ihrem Zimmer verbleiben zu lassen, am nächsten Tage werde er die für die Beerdigung erforderlichen Anordnungen machen. Dann schieden sie von dem Irrenarzt, bestiegen den ihrer harrenden Wagen und begaben sich zu Frau Günther und Neichardt'S, die in der größten Angst und Besorgniß ihrer warteten. Zwar nicht auf günstige Nachrichten vorbereitet, erfüllte dennoch die Bestätigung aller ihrer Befürchtungen sie mit der größten Trauer, und lange blieb der kleine Kreis beisammen, die Frauen um wieder und wieder das schreckliche Fa- milienereigniß zu besprechen, das ohne die Achtlosigkeit der Wärterin vielleicht nicht geschehen wäre, die Männer um alle Anordnungen für die Beerdigung zu verabreden, das Letzte was sie für die ihnen als Gattin und Pflegetochter gleich thener gewesene Hedwig zu thun vermochten. (Fortsetzung folgt.) - Das Negenttnulder auf der Säule Marc Aurel's in Norn. Ein berühmtes Denkmal aus der römischen Kaiser- zeit ist die noch ziemlich gut erhaltene Säule des Marco- mannensiegerS Marc Aurel. Wahrscheinlich erst nach seinem Tode am 17. März 180 errichtet, bildet sie noch heute einen altehrwürdigen Schmuck der Piazza Colonna, wo einst die Prachtbauten der Antonine sich erhoben haben und die heute zu einem Verkchrsmittelpunkt des römischen Volkes geworden ist. Die Säule ist offenbar eine Nachahmung der Trajanssäule auf dem nach ihm benannten Forum. Das antike Postament ist bis auf einige Siegesgöttinnen mit Kränzen seines Marmorschmuckes beraubt und wurde erst im Lause des sechzehnten Jahrhunderts in den jetzigen Zustand gebracht. Nur mehr der obere Theil desselben ist sichtbar, der untere wurde unter dem Schütte der Jahrhunderte vergraben. Die Säule selbst besteht aus 28 Stück, die Zwei für die Base und das Capitäl mitgerechnet. Im Inneren führt eine Wendeltreppe zur Höhe hinan, von der aus man eine schöne Nundsicht über Rom genießt. Der Zugang zur Treppe ist neu, denn der alte liegt tief unter der Erde. Von außen laufen um die Säule in 20 Spiralen, bestehend aus etwa 28 Stück weißen Marmors, Reliefs herum, die nach vr. Petersen einst mit Farben bemalt waren. Heute ist die Bemalung gänzlich verschwunden, und die Darstellungen können von unten nur mit Mühe noch irgendwie unterschieden werden. Eine der interessantesten derselben ist ohne Zweifel die Darstellung des Negenwunders. Wiederholt wurde dieselbe von den Gelehrten früherer Zeiten zum Beweise für die Thatsächlichkeit des Wunders angezogen, allein die Abbildungen, welche man bisher gab, sind durchaus unrichtig. In jetziger Zeit hat das deutsche archäologische Institut ein genaues Studium des Denkmals begonnen. Durch eine Arbeit des Directors Petersen wurden wissenschaftliche Controversen über das Wunder veranlaßt, an denen sich hervorragende Archäologen wie Harnack, Mommsen u. A. betheiligten. Professor Grisar, der seit Neujahr 449 für die LIviltL oattoliou die „Archeologia" betitelte Gruppe liefert, saßt nun im ersten Hefte des Jahrganges 1895 die Ergebnisse dieser Forschungen kurz zusammen, widerlegt mit triftigen Gründen die Behauptungen Mommsens u. A. und gelangt zu dem Schlüsse, daß wir in dem Relief der Marc Aurel-Säule mit Recht eine Bestätigung des berühmten Negenwunders zu erblicken haben. Zur Verdeutlichung seiner Ausführungen fügt er seiner Darstellung zum ersten Male eine ganz genaue Reproduktion des Reliefs hinzu. Dieselbe zeigt uns zwei Heere; das zahlreiche römische links vom Beschauer scheint durch einen wunderbaren Zufall wie verzaubert, während das barbarische rechts nur mehr durch einige Leichen und Trümmer vertreten, also offenbar zu Grunde gegangen ist. In der Mitte zwischen Beiden oben am Horizonte schwebt ein Genius, dessen Arme, Bart und Haare sich in dicht herabstürzenden Regen auflösen. Diese Personifikation des RegenS ist ohne Zweifel absichtlich gewählt, um etwas Besonderes anzudeuten. Das ist kein gewöhnlicher Regen, welchen der Künstler darstellen wollte, denn sonst hätte er schwerlich den Regen in die Person eines Genius gekleidet, da ihm zur Darstellung desselben, wie der linke Hintergrund zeigt, wo Soldaten mit ihren Schilden den Regen auffangen, andere viel einfachere Mittel zu Geböte standen. Uebcrdies ist die Erscheinung dieses Genius offenbar mit wunderbaren Folgen in Verbindung gebracht. Während die römischen Soldaten in Reih' und Glied dastehen, und theilweise mit Bewunderung zur Erscheinung emporblicken und zwei davon sogar mnthig den Kampf fortsetzen, sind die Barbaren in wilder Verwirrung übereinander gestürzt, als wären sie mit einem Schlage und plötzlich vernichtet worden. Die volle Bedeutung des Bildes' läßt sich aber nur aus den Berichten der gleichzeitigen Schriftsteller begreifen. Grisar zergliedert eingehend die Berichte derselben. Der erste ist Avollinar, Bischof von Hierapolis, dessen Bericht uns Eusebius erhalten hat; er schrieb seine Erzählung ein oder zwei Jahre nach dem Ereignisse. Der zweite Zeuge Tertullian schrieb etwa zwanzig Jahre nach dem Kriege und spricht von dem Ereignisse in seiner Apologie wie von ciner allbekannten und gut bezeugten Thatsache. Der Heide Dion endlich beruft sich in seiner Erzählung auf einen Brief Marc Anrels selbst. Alle drei Berichterstatter stimmen in folgenden Punkten übcrcin. Während des Quadenkricgcs liefen die römischen Truppen Gefahr, zu verdursten, allein nachdem man Gebete veranstaltet hatte, fiel ein so ausgiebiger Regen, daß sich das ganze Heer daran erguickcn konnte und das Ercigniß allgemein als ein Wunder des Himmels angesehen wurde. Als besondere Umstände hiebci erwähnen Npoüiuar und Dion übereinstimmend: 1. daß eben beim Eintritte des Ereignisses ein Kampf mit den Barbaren bevorstand; 2. daß der Regen die Römer erquickte und ihnen den Sieg verschaffte, eben zu der Zeit, als über die Barbaren das Nngewittcr mit Donner und Blitz' sich entlud und sie in Verwirrung brachte. Nur über die Ursache der Erscheinung urtheilen die Schriftsteller verschieden. Nach Apollinar und Tertullian waren es die christlichen Soldaten, welche durch ihr Gebet den Regen erlangt hatten, während Dion vernommen zu haben vorgibt, daß ein ägyptischer Zauberer mit Namen Aruuphis, welcher sich im Gefolge Marc Aurels befand, den Donnerregen vom Himmel herabgezaubert habe. Dieses letztere ist aber schon aus dem Grunde nicht annehmbar, weil Marc Aurel als Philosophenkaiser Zauberer überhaupt in seinem Gefolge nicht zu dulden Pflegte. Uebrigens ist die feindliche Gesinnung Dions gegen das Christenthum aus seinen Schriften genugsam bekannt und eine absichtliche Entstellung der Thatsachen zu Gunsten des Heidenthums nicht ausgeschlossen. Es bestätigt auch Dion das Außerordentliche der Erscheinung, indem er den Sieg ausdrücklich Gott zuschreibt. Nach der Erzählung dieser Gewährsmänner setzte sich das Wunderbare der Thatsache aus zwei Elementen zusammen, nämlich erstens wird das römische Herr durch den Regen vom Durste befreit und so vom Untergänge gerettet, und zweitens erringt es durch die Dazwischenkunft eines Un- gewitters einen glänzenden Sieg über die Barbaren. Der Künstler hat nun von diesen zwei Momenten das Letztere zur Grundlage seiner Darstellung genommen, wahrscheinlich weil es sich besser bildlich versinnlichen läßt, während die Erquickung durch den Regen sich weniger dafür eignen mochte. Jedoch scheint auch dieses Moment nicht gänzlich ausgeschlossen, wie die oben beschriebene Stellung der Römer, bei denen der Regen offenbar ganz entgegengesetzte Wirkungen hat als bei den Barbaren, klar genug es auszusprechen scheint. Außerdem kann noch hinzugefügt werden, daß die Römer, welche noch im Kampfe begriffen sind, so unmittelbar unter dem rechten Flügel des Regengottes stehen, daß man mit Recht darin eine Hindentung aus den besonderen Schutz desselben erblicken kann. Somit kann das Relief als eine Bestätigung der Ueberlieferung betrachtet werden, wenigstens soweit es sich um den Hauptinhalt derselben handelt. Von betenden Soldaten, Blitzen u. dcrgl., wie sie Themistius u. a. zu sehen glaubten, ist allerdings darauf nichts zu finden. Eben so wenig kann man in der Personifikation des Regens eine Anspielung auf irgend eine heidnische Gottheit erblicken, sondern einzig die bildliche Flxirung irgend einer außerordentlichen Thatsache. Baronius nennt darum die Säule ein herrliches Monument des christlichen Glaubens. Die Säule allein genügt allerdings nicht für die Feststellung des Wunders, aber das Relief auf der Säule dient als Bestätigung für die Tradition und verleiht derselben Nachdruck und Kraft. Wenn nun Monimsen dagegen einwendet, man müsse bei jeder wunderbaren Erzählung, welche von einem christlichen Apologeten berichtet wird, nicht allein das Factum als solches in sich als unannehmbar bezeichnen, sondern auch jeden kleinen Umstand desselben vom Standpunkte der Geschichte aus verwerfen, so spricht er damit den folgenschweren Satz aus: Niemals ist ein christlicher Apologet in seiner eigenen Sache ein verläßlicher Zeuge. Sobald aber ein solcher Satz einmal zur Grundlage der Forschung und Kritik gemacht wird, beginnt der Skepticismus in der Geschichte; denn wenn man konsequent sein will, so müßte man den Satz noch mehr auf die Heiden als aus die Christen anwenden. Diesen waren in ihren Apologien schon durch die Art der Schriften, welche ja dazu bestimmt waren, die Heiden und Feinde des Christenthums von der Wahrheit des Christenthums zu überzeugen, gewisse Schranken gesetzt, um. sich vor ihren eigenen Angreifern durch erfundene 450 Erzählungen nicht lächerlich zu machen oder durch Ausstellung leicht zu widerlegender Behauptungen mehr zu schaden als zu nützen, während den H^dcn, die ja für Gesinnungsgenossen schrieben, eine solche Vorsicht nicht auferlegt war und anderweitig feststeht, daß sie gegenüber den Christen und znr Unterdrückung derselben als herrschende Partei nicht selten zu offenbaren Lügen und Lerläumdungen ihre Zuflucht nahmen. Wer sich ausführlicher unterrichten will, den verweisen wir aus die Aussührungen Grisar's an der oben genannten Stelle. Dort findet er auch eine sorgfältige Analyse der Quellen und die wichtigsten Ansichten neuester Gelehrten, welche über dieses Relief geschrieben haben. Hier genügt es, auf diese interessante Frage aufmerksam gemacht zu haben. --«St--- Ein menschlicher VieuensW. - (Nachdruck derb»!«».) Babylon, Ninivch und das tausendthorige Theben sind gefallen. Mit Staunen stehen wir vor ihren Ruinen, die uns ein Bild davon geben, welche Ausdehnung und Pracht diese Plätze einst besaßen. Es ist der ewige Kreislauf von allem, was von Menschenhand herrührt; eS findet stets in seinem Bestehen einmal ein Hemmniß, das es nicht überwinden kann, seien es Verheerungen durch Feiudeshand, seien es Erdbeben und Wassersluthcn oder der natürliche Lauf der Dinge, ein Etwas, was man Altersschwäche nennen könnte. Der Aussprnch Cato's des Aclteren „tüotsrnm ovusso, Oartüaxinsni esss äelsuclanr" ist das Mene Tckcl, welches an den Mauern aller Riesenstädte als Mahnung an ihr endliches unvermeidliches Schicksal angeschrieben sein sollte. Der englische Historiker Macaulay gibt uns in einem seiner Werke ein Bild, wie es aussehen wird, wenn dereinst ein Neuseeländer die Ruinen des jetzt so ungeheuren London durchforschen wird. Kommen wird die Zeit, wenn eS auch dann nicht gerade ein Australier sein dürfte; aber wann und wie, wer kann es sagen, ehe dieser menschliche Bienenstock, den wir London nennen, in Ruinen liegen wird, denn immer noch nimmt es an Ausdehnung und Pracht von Tag zu Tag zu. Der Begriff „London" ist ein relativer, den» er umfaßt nicht allein das kleine eigentliche London, einen Platz von kaum mehr als einer englischen Quadratmcile (4'/, englische Meilen — 1 deutschen), sondern auch Hunderte von Städten und Dörfern, die es, nachdem die Mauern gefallen waren, die es früher eng umschlossen, an sich gerissen hat. Zum Riesen angewachsen, streckt es noch heute seine Arme nach allen Weltgegenden aus und verschlingt Stadt auf Stadt, Dorf auf Dorf, die fortan, wenngleich mit Verlust ihrer Individualität, ein Atom in dem Begriff London bilden. Ich muß hier vor allem anführen, daß bis heute die City, das eigentliche London, ihre Selbstverwaltung bewahrt hat. Ein Gleiches bestand bis vor wenigen Jahren in allen den hinzugewachsenen Theilen, als durch ParlamentSbeschluß ganz London zu einer eigenen Provinz, die County of London, gemacht und deren Verwaltung (mit Ausnahme der City, die ihre eigene Verwaltung beibehielt) unter eine Centralbchvrde, „ills Iconäon tüonntz-- Oonucil", gestellt wurde. In Gemeinde-Angelegenheiten, Armenverwaltung u. s. w., ist, mit einigen Beschränkungen, die Selbstverwaltung in den Händen der einzelnen Stadtthcile verblieben. Eine Folge davor» ist die, daß die Armeusteuer, da jede Gemeinde für ihre Armen selbst zu sorgen hat, in den ärmeren Theilen übermäßig hoch, in den reicheren dagegen sehr niedrig ist. Das heutige London, exclusive der City, bedeckt 448,334 Margen Landes oder ungefähr 700 englische Quadratmcilen. Seine Ausdehnung von Norden nach Süden beträgt 15, und von Osten nach Westen 17'/, Meilen. Wäre es möglich, alle Straßen der Stadt in eine fortlaufende Linie zu bringen, so würde dieselbe eine Länge von 7500 Meilen haben, eine Ausdehnung, die jedoch von Jahr zu Jahr fast fabelhaft vergrößert wird, wenn wir die 900 Häuser in Betracht ziehen, die jeden Monat neu erbaut werden. In der Stadt selbst ist wenig Raum für die Zunahme an Gebäuden, der Zuwachs entsteht fast allein in den äußersten Vorstädten, und er bedingt dadurch eine fortwährende Vergrößerung der Stadt. In diesem ungeheueren Hänscrmcer leben, dicht gedrängt zusammen, nahe an 6,000,000 Menschen. Wie kann es anders sein, als daß sich in diesem menschlichen Bienenstöcke die Extreme überall berühren, der überschwenglichste Reichthum Schulter an Schulter mit der bittersten Armuth, der größte Luxus gegenüber dem gräßlichsten Elend und Tod durch Verhungern. Leider muß man sagen, daß unglücklicherweise für einen bedeutenden Procentsatz dieser 6 Millionen der Begriff „leben" ein unrichtiger ist, „existiren" wäre der richtigere Ausdruck. Glücklicherweise jedoch ist Wohlthätigkcitssinn eine der Haupttugenden des Engländers. Er gibt mit vollen Händen, und seit es sich private Gesellschaften zur Ausgabe gemacht haben, zweckloses Almosengcben möglichst zu verhindern und dafür systematisch dem Elend abzuhelfen, wird viel Noth gelindert, wo ein bloßes Almosen nutzlos gewesen wäre. Trotzdckn jedoch lesen wir in den Zeitungen nur zu oft das Urtheil der Leichenbeschau: „Tod durch Verhungern". Die zahlreichen, ungeheueren und auf's beste ausgestatteten Hospitäler der Stadt werden sämmtlich durch freiwillige Beitrage unterhalten, nur die für ansteckende Krankheiten, wie Pocken, Scharlach, Typhus rc., gehören der Regierung. Man sollte annehmen, daß in einer solchen Riesenstadt sich auch menschliches Leiden und Krankheit in unverhältnismäßig hohem Grade zeigen müsse, und doch ist dem nicht so. London übertrifft in seinen Gesundheitszuständen alle großen Städte der Welt. Die allwöchentlich darüber veröffentlichten amtlichen Listen zeigen nur höchst selten einen Procentsatz von über 16 Sterbefällen auf das Tausend. Das fortwährend wechselnde, aber stets feuchte Klima von London kann also durchaus nicht ungesund sein, wenn man von Brust- und Lungenleidenden absieht, für die es sicherer Tod ist. Nicht wenig tragen zu diesen glücklichen Gesundheitsverhältnissen die herrlichen Parks und zahllosen offenen, zum größten Theile mit uralten Bäumen bestandenen Plätze bei, zu welchen das Publikum völlig freien Zutritt hat. Man kann diese mit Recht die Lungen Londons nennen. Im Ganzen besitzt das innere London jetzt etwa 240 solcher Plätze von größerer oder geringerer Ausdehnung mit einem Flächeninhalt von circa 21,000 Morgen (3,9 Morgen — 1 Hektar). Beginnen wir an der Themse, im Südwesten der Stadt, so treten wir fast sofort in den schattigen, historischen St. James-Park von 93 Morgen, 151 an den sich der durch die politischen Versammlungen bekannte Hyde-Park mit 360 Morgen anschließt, der uns westwärts ohne Unterbrechung nach Kensington Garden, 874 Morgen groß, führt. Nach Nordosten zu schließt sich an den Hyde-Park der kleinere Grcen-Park, der wiederum die Verbindung mit dem großen Negents-Park von 472 Morgen bildet. Von diesem letzteren jedoch sind Theile für den zoologischen und den botanischen Garten abgetrennt. Im äußeren London finden wir eine fast ununterbrochene Reihe großer, offener, schön bewaldeter Plätze, die Commons, zu welchen allen das Publikum ungehinderten Zutritt hat. Aus den publicirten ossiciellen Listen ersehen wir, daß täglich ungefähr 400 Kinder geboren werden, jedoch nur 200 Todesfälle vorkommen. 120 Ehen werden jeden Tag geschlossen. In einem Staate wie England, welches an der Spitze des Welthandels steht, und besonders in London, welches das politische und Handels-Centrum dieses Landes bildet, finden wir natürlich alle Nationen der Welt reprä- sentirt, bei Einwohnern anderer europäischer Staaten oft durch Tausende. Es wird angenommen, daß in London mehr Juden als in ganz Palästina wohnen. Im Allgemeinen jedoch ist die fremde Bevölkerung Englands mit seinen 25,000,000 Einwohnern keine so große, als daß sie die ewige Klage der Engländer über unmäßig vermehrte Einwanderung rechtfertigen könnte. Unsere deutsche Kolonie ist natürlich die zahlreichste. Sie betrug nach /dem Census von 1891 circa 50,000, von denen etwa idie Hälfte auf London kommt. Darunter sind 2000 Bäcker und 1700 Schneider. Wenn ich hier von der deutschen Kolonie in London spreche, so ist es wohl passend, daß ich einige wenige Worte über deren innere Verhältnisse beifüge. Für religiöse und Erziehungszwecke besitzt sie 6 rein deutsche protestantische Kirchen (die katholischen Kirchen haben sämmtlich einen oder mehrere deutsche Geistliche), mit denen alle deutsche Volksschulen verbunden sind, die dafür sorgen, daß das hier geborene oder jung hcrübergekommene Kind deutscher Abstammung mit dem Vaterlande in Verbindung bleibt. Das schönste Beispiel deutschen Gemeinsinns und deutscher Wohlthätigkeit jedoch ist das durchaus aus deutschen Mitteln begründete deutsche Hospital, welches, obgleich fast nur (durch Vermächtnisse hat sich ein kleiner Fonds angesammelt) auf freiwillige Beiträge und Subskriptionen angewiesen, doch bereits über 200 Betten gebietet. Ihre Majestäten unser sowie der österreichische Kaiser und fast alle deutsche Fürsten betheiligrn sich an dem guten Werke durch jährliche reiche Subskriptionen. Obgleich ausschließlich für unsere Landsleute bestimmt, nimmt im Falle von Unglück rc. das Hospital einen jeden Hilfsbedürftigen auf, ohne nach dessen Nationalität zu fragen. Immer mehr hatte sich das Bedürfniß herausgestellt, einen Mittelpunkt für deutsches Leben in London zu besitzen; für lange Zeit scheiterte alles an dem Kostenpunkte, bis man etwa vor 30 Jahren diese Schwierigkeiten unter Beihilfe einiger patriotischer Landslcute besiegen und zur Erbauung der großen, herrlich eingerichteten deutschen Turnhalle schreiten konnte. Das für Ankauf des Platzes, Bau und Einrichtung Nöthige Kapital betrug circa 9000 Pfund Sterling. Unter Iden vielen, jetzt bestehenden englischen Hallen gilt die 'unselige als eine Musteranstalt. Die ungeheure Ausdehnung der Stadt bedingt auch dementsprechend« Verkehrsmittel, und obgleich solche dem Publikum in jeder Art und Weise und im weitesten Umfange zu Gebote stehen, immer noch sind dieselben nicht genügend, und man ruft und verlangt nach Erweiterung und Verbesserung derselben. Im Umkreise von 12 Meilen vom Mittelpunkte der Stadt, der Gcneral-Postosficin, gibt es 780 Meilen Eisenbahn mit 702 Stationen. Eisenbahnen unter, auf und über der Erde und die unterirdische Bahn, die den lokalen Verkehr besorgt, befördern jeden Tag eine Million Passagiere, während nicht weniger als 2,500,000 Personen per Omnibus (deren Anzahl 5000 beträgt), bei 7500 zweirädrigen und 14,000 vierrädrigen Droschken und Pferdebahnen mit über 6800 Wagen, welche fast alle die Hauptstraßen der Stadt durchlaufen, reisen. Die Themse, welche London von Westen nach Osten in zwei Hälften theilt, ist durch 11 Eisenbahnbrücken überspannt, und Hunderte von Dampfbootcn bringen für weniges Geld einen jeden schnell genug nach irgend einem am Wasser gelegenen Theile der Stadt. Es bleibt uns jetzt nur noch übrig, zu sehen, wie es möglich ist, den Nimmersatten Niesen zu füttern. Die ganze Welt hat dazu beizusteuern, denn das kleine, übervölkerte England kann nicht einmal genug für den Bedarf von London producircn. Laut einer Erklärung von Lord Plahfair im Oberhause sind nur etwa 30 Proc. des für England nöthigen Brodgetreides heimisches Produkt, während man für 70 Proc. auf das Ausland, vorzugsweise aus Südrußland, Kalifornien und Indien, angewiesen ist. Bekanntlich ist der Engländer ein großer Fleisch- esser, und auch darin müssen andere Länder in die Lücke treten. Argentinien, Norddeutschland, Dänemark, Spanien und Holland senden Hundcrttauscnde von lebenden Ochsen, während eigens dazu gebaute Dampsboote Millionen von Centnern gefrorenes Ochfenfleisch von Amerika und Schaffleisch von Neuseeland aus die englischen Märkte bringen. Im Jahre 1891 kamen in den Londoner Ccutralfleisch- markt allein davon 307,500 Tons (1 Ton — 1100 Kilo); die tägliche Zufuhr daselbst betrug 1005 Tons und erreichte an einem Tage sogar 2936 Tons. Für Weihnachten 1889 versah Chicago allein den Londoner Markt mit 27,000 Ochsenvierteln. 127,000 Tons Fische kamen in demselben Jahre auf den Londoner Hauptfifchmarkt. Auch der Import von Hühnereiern ist ein großartiger. Es klingt fast fabelhaft, von 1,200,000,000 Stück pro Jahr zu hören, von denen Rußland 75,000,000, Deutschland und Frankreich zusammen 714,400,000 und Belgien, Italien, die Türkei und Acgypten den Nest lieferten. Zusammen repräscntiren diese 1200 Millionen Stück einen Geldwerth von 3,000,000 Pfund Sterling. Als Kurivsuin füge ich hier den Londoner Küchenzettel für eine Woche bei. Er enthält 3,500,000 Laib Brod, zn 4 Pfund jeder, 7000 Tons Ochsen- und Schafsteisch, 4000 Tons Fische, 100,000 Stück Geflügel aller Art, 2 Millionen Eier, 3 Millionen Pfund Butter, 6000 Tons Früchte und Gemüse und 2 Millionen Quart Milch. An Kohlen verbrennt London jährlich nicht weniger als 16 Millionen Tons. Die Sicherheit der Stadt und ihrer Einwohner ist den Händen von 12,000 uniformirten und 400 geheimen Polizisten anvertraut, ungerechnet 800 solche, welche den riesenhaften Verkehr in den Straßen zu ordnen haben. Durch die Straßen der City allein passiren jeden 452 Tag 95,000 Wagen und circa 1,180,000 Fußgänger. Der Verkehr auf dem Flusse ist bewacht von 500 Wasserpolizisten. RudolphSchück. -- A i i e r L e i. Mißverstanden wie telephonirt, so lautet die neueste Variante der früheren Sentenz »gelogen wie telegraphirt". Daß sie nicht ganz der Berechtigung entbehrt, will die folgende Zeitungsnummer beweisen, welche nach dem »Tourist" auf dem Wege der telephonischen Berichterstattung entstanden lein soll, aber vermuthlich ebenfalls „gelogen" ist: Wie der Ausrufende telephonirt Wie es verstanden und gedruckt hat: wurde: Wien. Julius Paper, der Julius Meyer, der Leiter der Leiter der österreichischen Nord- ersten österreichischen Nordpol-Expedition, hat sich nach bahn-Dircclion, ist in Bremen Bremcrhaven gewandt, wo er zum Grafen ernannt, weil er alsdann eine neue Expedition mit aller Gewalt eine neue ausrüsten will. Konfession, die der Christen, will. Nom. Die Papiere der ita- Die Füsiliere der Italiener lienischen Bank haben heute an sind krank, sie haben heute ein den Börsen meistentheilS der- böseS Reißen in den Ohren; lorcn; sie notiren ungefähr 755. esdcsertirten ausdemHcere755. Stuttgart. Die socialistische Bei dem socialistischen Lakai Partei Wür.'tcmbergs vublicirt Hirtenberg exvlodnte soeben soeben ihre Kandidatenliste. Die eine Granatenkiste. Die Kiste Liste enthält 18 Personen, von enthielt 18Patronen, von denen denen einige in mehreren Mahl- einige mehrere Male leise deto- kreisen candidircn. nuten. Budapest. Offen wird in In Ofen und in Bndweis Budapest ausgesprochen, daß ist die Pest ausgebrochen, so Wekcrlc uech in diesem Jahre daß der Schrecken noch in die- die Geschäfte wieder in die sein Jahre heftig überhaud Hand nehmen wird. nehmen wird. Bangkok. DerKconprinz von " Der Kronprinz von Siam, Siam, der an Asthma litt, der auf dem Asphalt schritt, bat ausgelitten. Sein Hin- ist ausgeglitten. Sein Hinscheiden hat die Bevölkerung gleiten hat die Bevölkerung tief tief erschüttert. Man rühmt erbittert. Man rühmt ihm ihm nach. daß er einen vortreff- nach, daß er vortrefflicher und lichenkharakter, wie sein Vater, compacter wie sein Vater ge- besessen habe. fessen habe. » Ueber die Dauer deS Holzes bei der Aufbewahrung unter Wasser haben schon verschiedene Funde von uralten Eichen im Strombett einiger Flüsse, dann von alten Brückenpfeilern, z. B. in Mainz, Aufschluß gegeben. Neuerdings ist wieder ein eklatanter Beweis hiefür in der Auffindung von Pfeilern einer Brücke aus der Nömerzeit bei Bregenz geliefert worden. Wie nämlich aus Hardt in Vorarlberg berichtet wird, wurde im neuen Nheinbette die ehemalige N ö m e r st r a ß e aufgedeckt. Es ist historisch erwiesen, daß diese Straße von Brigantium (Bregenz) an den Rhein, diesem entlang bis Chnr und über den Splügen nach Italien führte. Ihre hölzernen, jetzt schon 2000 Jahre alten Pfeiler mit dem Rost blieben in dem feuchten Grunde ganz frisch, so daß nun das Holz, das die alten Rhätier fällten, heute noch Verwendung finden kann. -r- Besser ist besser. Der Hofnarr des Königs Jakob von England hatte einen Edelmann beleidigt, welcher ihn zu ermorden drohte. „Sei ohne Sorgen", sagte der König zu seinem Hofnarren, „ermordet er Dich, so lass' ich ihn aufhängen." — »Mir wär'cS lieber", versetzte der Narr, „wenn er den Tag vorher gehängt würde." Deplacirt. A.: „Haben Sie gelesen, der Kapitän Willigerod vom Norddeutschen Lloyd hat die Fahrt nach New-Aork jetzt mehrere Hundert Male gemacht!" — B.: „Donnerwetter! Der muß aber unterwegs jeden Baum und jeden Strauch kennen!" » Aus derSchule. Lehrer: „WaS ist ein Nordpolfahrer, Karl?" — Schüler: „Ein Nordpolfahrer ist ein Mann, der zu weit nach Norden fährt, sich die Füße erfriert und dann ein Buch schreibt." » Wenn man auf dem linkenOhre nicht gut hört. Herr sän der lalols ä'fiötsj: „Gnädiges Fräulein, darf ich Ihnen mein Herz anbieten?" — Dame: „Danke, ich würde ein Stückchen Kalbsschlegel vorziehen." Gute Ausrede. Richter: „Sie behaupten, eine fünfzigjährige Praxis in Amerika ausgeübt zu haben; Sie waren ja aber gar nie dort!" — Angeklagter: »Ganz einfach, die Behandlung war eine briefliche." » Unglaublich. Vater: „Sieh' 'mal, Fritzchen, wie ähnlich sich die beiden alten Herren dort sehen — eS sind Zwillinge!" — Fritzchen: „So alte Zwillinge gibt's doch gar nicht!" Schmeichler. Lieutenant: „Wo sind gnädiges Fräulein eigentlich geboren?" — Dame: „In Graz." — Lieutenant: „War eigentlich überflüssige Frage, bei so viel Grazie!" Ausweg. Braut: „...Ach, ich befürchte, Arthur, daß Du mich nur meines Rittergutes wegen liebst." — Bräutigam:„Na, dann können wir ja morgen das Dings versilbern!" * Falsch aufgefaßt. Bräutigam: „Du,Anna, den Bädeker nehmen wir mit auf die Hochzeitsreise." — — Braut: „Nein, Paul, wir fahren ganz allein!" ... -i-rrM-o-- An einen Griesgrämigen. Du sitzest still am Fensterbrett Und schauest stumm hinaus, Als ob dich Grillen plagten, Ja plagten — Ich lach' dich aus. O höre nur der Lerche Lied, Die sich zum Himmel schwingt; Sie läßt die Erde liegen, Tief liegen, Und jauchzt und singt. Mein Nachbar hat 'neu Rosenstrauch, Ei! wie der blüht und glüht; Ich freu' mich, wenn sein Driften, Süß Dusten, Mein Herz durchzieht. So sitz' nur still am Fensterbrett Und schaue stumm hinaus; Du schaffst dir selber Qualen, Ja Qualen — Ich lach' dich aus. k. Johannes Bapt. Diel 8. I. AnWattungsAalt „Augsburgrr postzritung". « kv. Dinstag, den 21. Juli 1896. ^ür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Arauenherz und Irauenwatten. Lebensbild von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Hedwtg Günther war neben ihren Eltern und ihrem Sohn zur ewigen Ruhe gebettet, und viele Leidtragende hatten sie von ihrer einstigen Wohnung aus, wohin ihre Leiche am Abend nach ihrem Tode gebracht worden, dorthin begleitet. Trotz aller Umsicht und Fürsorge war ihr trauriges Lebensende bekannt geworden, und Jeder beklagte umsomehr daS so frühe Dahinscheiden der vor nicht langer so Zeit glücklichen, schönen, jungen Frau. Der durch ihren Tod am schwersten Getroffene, obgleich die ganze Familie schwer dadurch litt, war ihr Gatte, der es sich nicht vergeben konnte sie der Anstalt anvertraut zu haben, bevor er noH andere Irrenärzte zu Rathe gezogen. Auf alle Gegenvorstellungen seiner Mutter hatte er keine Antwort, wie er diese überhaupt Niemandem gestattete und täglich ernster und verschlossener ward. Frau Günther war seinetwegen in großer Sorge, und als sie diese eines Tages wiederum ihrer Tochter gegenüber geäußert, fügte sie traurig erregt hinzu: „Hatte ich nicht Recht, Bertha, als vor Jahren ich mich über Albrecht's Verlobung mit Hedwig Nothenfels nicht freuen konnte? — Alle meine traurigen Vorahnungen sind in schrecklichster Weise in Erfüllung gegangen, und es war ein unglücklicher Tag, an dem er sie zum ersten Mal gesehen!" „Sprich nicht also, Mutter", erwiderte ihre Tochter, „Albrecht ist mit Hedwig sehr glücklich gewesen —" „Um sie desto schwerer zu entbehren", fuhr weinend Frau Günther fort. „Er wird ihr schreckliches Ende nie überwinden, folgt ihr vielleicht schon bald und denkt in seinem Gram nicht an die armen Kinder, für die er gar kein Auge hat!" „Er muß zum Ueberwinden Zeit haben, Mutter", antwortete Erstere beruhigend. „Es sind erst Wochen seit jenem Abend vergangen, wo sich daS Schreckliche zugetragen, und auch wir Alle, Arthur und Elfriede mit eingeschlossen, sind kaum im Stande uns über Hedwigs Verlust zu trösten! — Was aber die Kinder anbetrifft, so sind sie, schon seit hier im Frühling die schreckliche Krankheit ausgebrochen, dem Vater mehr oder weniger entfremdet, und eS konnte auch kaum anders sein. Laß sie ihm wie sonst in diesem Zimmer finden, und Du wirst Dich bald überzeugen, daß sie ihm noch so lieb find, wie sie es immer gewesen!" „Du magst Recht haben, Bertha", antwortete nach einigem Nachdenken Frau Günther, „und ich will sie mit allem ihrem Spielgeräth holen. Die armen Kleinen! — Sie sprachen so oft von ihrer Mutter — was werden sie noch einmal sagen, wenn sie erfahren, auf welche Weise sie geendet?" „Warum aber und wie sollten sie das je erfahren, Mutter?" versetzte ihre Tochter. „Warum überhaupt von der Zukunft sprechen, wenn noch die Gegenwart so traurig und sorgenvoll vor uns liegt? — Für den Augenblick nimmt Albrecht unser ganzes Denken in Anspruch, und müssen wir nach Kräften das Unsrige thun, ihm sein schweres Geschick tragen zu helfen!" Als am Nachmittag Dr. Günther von einem längeren Besuch bei seinen Patienten heimkehrte, fand er seine Mutter, mit einer Handarbeit beschäftigt, an einem der weitgeöffneten Fenster des Wohnzimmers sitzen, während inmitten desselben die Kinder, reichlich drei und fünf Jahre zählend, sich mit Spielsachen aller Art unterhielten und neben Marga ein schöner, sorglich von ihr verhüllter Puppenwagen stand. Einen Augenblick den Raum übersehend, überflog der Ausdruck unbeschreiblicher Trauer sein bleiches Gesicht, dann begrüßte er seine ihn aufmerksam beobachtende Mutter und trat darauf zu den Kindern, welche einen Moment ihn schüchtern anblickten, dann aber seine Hände ergreifend ihn begrüßten. Er sah sie mit einem schmerzlichen Blick an, neigte sich zu ihnen und küßte sie zärtlich. Dadurch wüthiger geworden, erfaßten sie wiederum seine Hände und führten ihn an ihren Spieltisch, wo Hugo ihm seine neuesten Soldaten zeigte, welche Tante Marie ihm geschenkt, Marga ihm einen Kasten voll Küchengeräth entgegen hielt und mit leuchtenden Augen hinzusetzte: „Nun mußt Du auch Baby sehen, Papa", und ohne seine Zustimmung abzuwarten, machte sich die bewegliche kleine schwarzgekleidete Gestalt eifrig daran dem Wagen eine reizende Wachspuppe zu entnehmen, mit welcher sie zu ihrem Vater trat und zugleich lebhaft sagte: „Hier ist Baby, Papa! — Tante Marie hat sie mir aus England mitgebracht, Mama sie aber mit dem Wagen verwahrt bis ich größer sein sollte, und nun hat Großmama mir alles gegeben!" „Baby hat auch einen schönen Mantel und Hut", 454 ergänzte Hugo, der offenbar für die prächtige Wachspuppe das größte Interesse empfand, „und auch noch viele Kleider, und alles liegt in einem kleinen Schrank, den Tante Marie Marga geschenkt." Plötzlich aber in seinem Eifer innehaltend, fügte er dann schnell hinzu: „Ich spiele aber nicht mit Baby, Papa, und auch, nicht mit dem Puppenwagen, das thun nur Mädchen I Ich lasse meine Soldaten marschiren und fahre mit meinem Wagen Holz in die Küche", und seinen Vater mit leuchtenden Augen ansehend, gewahrte er dessen tieftrauriges Gesicht, bemerkte auch, daß seine Großmutter die Augen trocknete, und fügte plötzlich ernst geworden hinzu: „Du mußt nicht mehr so traurig sein, Papa! — Unsere liebe Mama ist im Himmel beim lieben Gott, der auch Albrecht hingenommen, mit dem ich nun nicht mehr spielen kann, und der liebe Gott ist doch gewiß so gut — — „Ja, Hugo, das ist er", erwiderte, seine Bewegung bekämpfend, Dr. Günther, dem das Geplauder seiner Kinder vollständig neu war, wie es ihn zugleich schmerzlich berührte. Dennoch setzte er es eine Weile fort, bis wiederum von seinem Beruf in Anspruch genommen, er sie und seine Mutter verließ und sich zu mehreren seiner wartenden Patienten in sein Zimmer begab. Bet eingetretener Abenddämmerung schlug ein einsamer Wanderer den Weg nach einem der Kirchhöfe der Stadt ein, welcher etwa eine Viertelstunde von derselben entfernt lag. Es begegneten ihm nur wenige Menschen, und als er sein Ziel erreicht, gingen theilnehmend grüßend der Todtengräber und sein Sohn an ihm vorüber, welche nach beendigtem Tagewerk sich nach ihrer Wohnung begeben wollten, er abersuchie eine mit Cypressen und Taxusbäumen geschmückte Grabstätte auf, die ein in der Mitte stehender höherer Sandstein als der Familie Rothenfels gehörend bezeichnete. Verschiedene dunkle Marmortafeln trugen die Namen Derer, die hier zur ewigen Ruhe gebettet waren; auf den beiden letzten las man die frischgoldene Inschrift: „Unserm Albrecht" und „Meiner Hedwig", und vor diesen seinem Kinde und seinem Weibe gewidmeten Gedenksteinen blieb Dr. Günther stehen. Lange überließ er sich seinen Erinnerungen, ließ glückliche und traurige Bilder an seinem geistigen Auge vorüberziehen und sagte endlich leise: „Warum, Hedwig, ach, warum mußte Dich die traurigste Krankheit heimsuchen und mir ein Glück rauben, wie ich es nie wiederfinden werde? — Ich kann Dir nicht vergelten was in dem unglückseligen Wahn Du um mich gelitten, auf unsere Kinder aber will ich auch den Theil meiner Liebe übertragen,- der sonst Dir gehörte und den Du nicht entbehrst^ ihnen Vater und Mutter sein und sie so glücklich zu machen suchen, wie nur Du, die treueste Mutter, es gethan!" Eine Weile noch stand Dr. Günther an der immergrünen Grabstätte, dann ging er langsam zur Stadt und in seine Wohnung zurück, wo voll Sorge ihn seine Mutter erwartete, die nur zu gut wußte, wohin er seine Schritte gelenkt. — XV. Mehrere Tage später ging in vorgerückter Nachmittagsstunde Marie Feldheim in ihrem Wohnzimmer auf und ab, dessen nach dem Garten hinausgehende Fenster zugleich Thüren waren und weit geöffnet standen. Ihr Gesicht war bleich, was die Trauer, welche sie um Hedwig Günther trug, noch mehr hervortreten ließ, tiefernst dessen Züge, und ebenso ernst blickten die ausdrucksvollen blauen Augen. Sie sann nach, hatte schon lange nachgesonnen und sagte endlich halblaut: „Ich muß Abwechslung haben, am liebsten Arbeit, die alle meine Gedanken beschäftigt! — Jahrelang hat Hedwig mich in Anspruch genommen — jetzt bedarf sie meiner nicht mehr, und ihre Kinder sind in sicherer Obhut, sodaß ich für sie jetzt kaum mehr thun kann, als sie bei ihrem Vater zu besuchen oder zu mir einzuladen. Das aber würde mir nur kurze Zerstreuung gewähren, und die genügt mir nicht. Warum aber nicht reisen — nach Italien gehen, was ich so lange hinausgeschoben? — Jedoch allein? — Denn wer soll für den Augenblick mich begleiten? — Aber ich könnte nach England gehen, Florence, die glückliche junge Frau, besuchen, und wenn sie nicht nach Baden gehen, den Herbst bei ihren Großeltern verleben. Wie sehr würden Alle sich freuen, mich zu sehen!" Ihr Sinnen und Selbstgespräch ward hier unterbrochen. Die Glocke der Hausthüre erscholl, diese ward geöffnet, sie vernahm eine wohlbekannte Stimme, und nach gewohntem Klopfen trat Dr. Günther ein. Die Züge seines bleichen Gesichts waren traurig-ernst, und sie begrüßend sagte er, sie mit den forschenden Augen des Arztes ansehend: „Fräulein Feldheim, ich komme, mich nach Ihrem Ergehen zu erkundigen. Wir Alle waren Ihretwegen in großer Besorgniß, da weder meine Mutter noch meine Schwester die Freude Ihres Besuchs gehabt!" „Dennoch bin ich, wie Sie sehen, nicht krank, Herr Doktor", entgegnete ruhig Marie, „und ich werde in diesen Tagen Neichardt's wie Frau Günther und die Kinder besuchen, die Alle, wie ich hoffe, sich wohl befinden!" „Das thun sie in der That", erwiderte Dr. Günther, den ihm von Marie gebotenen Platz einnehmend. , „Und Sie, Herr Doktor?" fuhr diese, ihre Augen voll offener Theilnahme auf ihn richtend, fort. „Ich, Fräulein Feldheim? — Auch ich könnte Ihnen sagen nicht krank zu sein, dennoch aber — dennoch leide ich furchtbar und fürchte fast — —" und hier nahmen seine Züge einen düsteren Ausdruck, seine Stimme einen tieferen Klang an — „ich fürchte fast, das mich betroffene Unglück nicht zu überwinden!" „Es sind seitdem erst Wochen verflossen", versuchte Marie ihn zu beruhigen., „Umsomehr ist mir noch Alles gegenwärtig, und auch Hedwig's Bfld in seiner ganzen einstigen Lieblichkeit!" erwiderte in unveränderter Weise Dr, Günther. „Gewiß würde eine Ortsveränderung rathsam für Sie sein, Herr Doktor", fuhr nicht ohne Besorgniß Marie fort. „Können Sie nicht eine Erholungsreise beantragen?" „Ich habe gleich in den ersten Tagen gedacht, fort, weit fort von hier gehen zu müssen", sprach mit dumpfer Stimme Dr. Günther und strich mit der Hand durch sein volles dunkles Haar, „das ist aber leichter gesagt als gethan, und vor allen Dingen binden mich meine beiden Kinder!" „Sollten sich dennoch nicht alle Schwierigkeiten beseitigen lassen, Herr Doktor?" fragte mit zunehmender Unruhe Marie und fügte nach momentaner Pause hinzu: „Wenn Sie besonders der Kinder wegen Bedenken haben, möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen — —" Er sah sie sichtlich überrascht und fragend an, sie aber fuhr fort: „Den, sie mir während der Dauer ihrer Abwesenheit zu übergeben - —" „Ihnen, Fräulein Feldheim?" fragte Dr. Günther, als habe er ihre Worte nicht verstanden. „Ja, Herr Doktor, und Sie kennen mich zur Genüge um überzeugt zu sein. daß ich sie gewissenhaft überwachen werde", erwiderte Marie, gewaltsam ihre zunehmende Erregung beherrschend. Es trat eine längere Pause ein, dann antwortete Dr. Günther mit wiedergewonnener Fassung: „Fräulein Feldheim, ich weiß, daß Ihr Vorschlag der Liebe zu meiner verstorbenen Hedwig und Ihrem Interesse für deren Kinder entstammt, und ich bin Ihnen sehr, sehr dankbar dafür. Sollte die Notwendigkeit einer Reise an mich herantreten, so wäre die Sorge für die lebhaften Kinder für meine Mutter zu anstrengend, und bei meiner Schwester würden sie vielleicht deren Mann stören. In dem Falle also, Fräulein Feldheim, möchte ich Ihnen, die Sie stets die treueste Freundin, der gute Engel unserer Familie gewesen, mein Theuerstes übergeben, fürchte aber, daß auch Ihnen die Kinder für die Dauer zu viele Mühe und Störung bereiten werden!" „Hätte ich selbst ein solche Befürchtung, Herr Doktor, so würde ich Ihnen mein Anerbieten nicht gemacht haben", entgegnete mit unveränderter Ruhe Marie. „Auf diese Versicherung hin werde ich Ihnen meine Kinder bringen, Fräulein Feldheim, die ich bet Ihnen in der sichersten Hut weiß", sprach bewegt Dr. Günther. „Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Herr Doktor", versetzte in derselben Weise Marie. Als sie sich darauf noch eine Weile über die traurigen Ereignisse unterhalten, welche die Ruhe und das Glück seiner Familie untergraben, nahm Dr. Günther Abschied, und nachdem er gegangen, sagte halblaut Marie: „Da wäre nun unerwartet die so begehrte ernste Arbeit, die mich ganz in Anspruch nehmen wird! Sie sind die Kinder meiner armen, unglücklichen Hedwig — sie sind aber auch seine Kinder, der mich die treueste Freundin, den guten Engel seiner Familie nennt und nie, nein, nie die tiefverborgene mächtige Triebfeder aller meiner Handlungen ahnen wird, wie dieß auch kein anderer Mensch thut!" Ein prächtiger Sommermorgen war es zu EndeAugust, undMarie Feldheim's Haus und Garten umstrahlte der hellste Sonnenschein. Sie selbst stand leuch- tendenAuges und blickte auf die Kinder, welche unter Aufsicht der Wärterin auf dem breiten Kiesweg ihre Wagen zogen. JndemMarga's lag Baby sorglich vor der Sonne geschützt, Hugo fuhr Holz, das Johann, mit dem er schon früher Freundschaft geschlossen, ihm gegeben, und lebhaft plauderten sie dabei mit Dora und sprachen besonders ihre große Freude darüber aus, recht lange in Tante Mariens schönem Hause und Garten sein zu können. Ja, die Kinder waren am Tage zuvor eingezogen und in einigen Räumlichkeiten zur ebenen Erde, neben Mariens Zimmern, untergebracht, während sie die Fremden- und Gastzimmer nach dem oberen Stock verlegt. Sie waren eingezogen, trotz leisem Widerspruch von Seiten Reichardt's wie auch Frau Günther's, welche für Marie die durch sie erwachsende Sorge und Mühe gefürchtet. Denn Dr Günther wollte am folgenden Gurr Lurch Afrika. Nach dem Gemälde von M. Stockes. MWM L-M, KÄM MM 456 Tage ein Reise antreten, die leicht ihn auf ein Jahr von seiner Familie und Vaterstadt entfernt halten konnte. Der Aufenthalt in dieser war nach und nach ihm fast unerträglich geworden, er hatte daher seine Staatsanstellung einstweilen aufgegeben und wollte nach Amerika reisen, denn er war der Ueberzeugung, daß nur in neuer, unbekannter Umgebung die schrecklichen Erinnerungen, welche er nicht zu beherrschen vermochte, weichen würden. Alle erforderlichen Vorbereitungen zur längeren Abwesenheit waren schnell getroffen worden, und am gedachten Augustmorgen erschien er in Mariens Hause, um von ihr und den Kindern Abschied zu nehmen. Sie wurden ins Gartenhaus gerufen, mit bewegter Stimme sprach er in zärtlicher Weise mit ihnen, küßte sie wiederholt, und als sie weinten und ihn baten bald wieder zu kommen, versprach er ihnen dieß und nahm dann Abschied von der langjährigen Wärterin. Darauf sich Marien zuwendend, sagte er, ihr die Hand reichend: „Leben Sie wohl, Fräulein Feldheim, und mögen wir uns, wenigstens was mich anbetrifft, zu einer besseren Zeit wiedersehen!" „Das wollen wir hoffen, Herr Doktor", erwiderte Marie mit klarer Stimme, indeß ruhig ihre Hand in der seinen lag, während ihr Herz den Trennungsschmerz so schwer empfand. „Nehmen Sie meine besten Wünsche für Ihre Reise und geben Sie uns recht bald Nachricht — —" „Ich werde Ihnen, wie meiner Mutter von Hamburg aus schreiben, dann aber erst wieder von New- Jork, wohin ich mir mit dem zunächst abgehenden Schiffe unter der angegebenen Adresse einen Brief erbitte. Und nun nochmals Lebewohl, Fräulein Feldheim. Möge der Himmel Sie und die Kinder schützen!" und diese nochmals küssend, verließ er schnell das Zimmer und das Haus. Sie blickten ihm einige Sekunden nach, brachen dann in Thränen aus, und sich an Marie wendend, welche gewaltsam ihre Bewegung beherrschte, rief kaum verständlich Hugo: „Papa soll nicht weggehen, Tante Marie! Mama ist auch Weggefahren und nicht wiedergekommen, und liegt nun auf dem Kirchhof bei Albrecht!" Marie versuchte, da auch die kleine Marga laut weinend nach ihrem Vater rief, die Kinder zu beruhigen, indem sie sie zugleich aufforderte, wieder an ihr Spiel zu gehen. Dieß wiesen sie, von ihrem kindlichen Schmerz zum Eigensinn übergehend, entschieden zurück, worauf, sie voll inniger Theilnahme betrachtend, Marie ihnen vorschlug, sich mit Dora und Carl einen Garten anzulegen. Sie sahen sich bei diesem Vorschlag einige Augenblicke an, und schon in etwas von seinem Kummer abgelenkt, erwiderte Hugo: „Wir haben aber keine Schaufeln und Hacken, Tante Marie, denn Carl seine sind für uns viel zu groß — —" „Johann kann zur Stadt gehen und alles Garten- geräth, welches Ihr braucht, kaufen", versetzte Marie, froh ihren Gedanken eine andere Richtung gegeben zu haben. Dieß war ihr auch vollständig gelungen, denn wenn auch mit thränenfeuchten Wangen und Augen, drängten dennoch die Kinder sie, Johann sogleich gehen zu lassen und ihnen ihren Garten zu zeigen, und munter sprangen sie dann ihr und Dora voran. Als am folgenden Tage Frau Günther und Bertha kamen, um sich nach ihrem Ergehen zu erkundigen, fanden sie die Kinder in fröhlichster Stimmung in ihrem Garten beschäftigt, während Geräth aller Art um sie her lag und sie kaum Zeit fanden, ihre Großmutter und Tante zu begrüßen. Als diese ihnen noch Grüße von ihrem Vater sagten, nahmen sie dieselben ruhig entgegen, begannen aber desto lebhafter von den Blumen und Pflanzen zu erzählen, mit denen sie schon theilweise ihre Beete angefüllt hatten. Da sie fortwährend dabei Mariens Namen in Anwendung brachten, konnten Frau Günther und Bertha zur Genüge daraus entnehmen, wie sehr sie sich schon an diese als ihre mütterliche Beschützerin gewöhnt. Ihnen gedankenvoll zusehend und zuhörend, trat vor das geistige Auge der Ersteren, wie mehrfach schon in diesen Tagen, in schwachen Umrissen, doch ihr erkennbar, ein schönes Zukunftsbild. Aber schnell, sobald es festere Gestalt zu gewinnen begann, an die traurige Wirklichkeit denkend, verschwand es dann langsam wieder, doch blieb still in ihrem Herzen verborgen eine leise, schöne Hoffnung zurück. (Fortsetzung folgt.) -—»SS-«-«-'- Das Schiff der Zukunft. Die Frage, die Schnelligkeit der Dampfschiffe so sehr zu beschleunigen, daß sie der Geschwindigkeit eines Eisenbahn-Eilzuges gleichkomme, diese Frage, deren Lösung den Schiffstechnikern beinahe so phantastisch erschien wie die Erfindung des „^erpstuuva wostils", diese für den Handel und für den Verkehr so wichtige Frage ist von dem französischen Ingenieur Bazin gelöst worden. Bazin hat nämlich das rollende Schiff erfunden, das in einer Stunde 100 Kilometer zurückzulegen vermag. Hundert Kilometer — damit ist die Geschwindigkeit der schnellsten Etlzüge erreicht. Was ist aber das rollende Schiff? Worauf beruht diese Erfindung des französischen Ingenieurs? Stellen Sie sich vor, daß Sie einen Karren schieben sollen, dessen Räder aus irgend einem Grunde stecken geblieben sind, und die sich daher nicht drehen. Vielleicht werden Sie diesen Karren trotz der steckengebliebenen Räder vorwärts bringen, besonders wenn er leicht, Ihr Arm aber kräftig ist; jedenfalls wird es aber sehr schwer gehen; denn in diesem Falle ist das Hinderniß der Reibung ungemetn groß. Wenn dagegen die Räder sich frei drehen können, dann werden Sie zum Vorwärtsschieben dieses Karrens viel weniger Kraft brauchen, und Ihre Anstrengung würde auf ein Minimum herabgemindert werden, wenn zu gleicher Zeit irgend ein treibender Mechanismus die Achse und die Drehung der Räder beschleunigen würde. Dies ist eine Thatsache, deren Nichtigkeit die Erfahrung lehrt, die aber nicht nur für Beförderungsmittel auf dem Lande zutrifft. Nehmen Sie z. B. ein Rad, das hohl ist, dessen Seiten aber solid und gewölbt sind. Wenn Sie es auf das Wasser stellen, wird es vertical schwimmen. Stoßen Sie es nun vorwärts. Diese linsenförmige Scheibe, deren Profil zwei übereinander gelegten Schiffskielen gleicht, wird auf der Oberfläche des Wassers gleiten und so einige Meter sich weiter bewegen. Aber sie wird nur mühsam vorwärts kommen und bald still stehen. Wenn Sie aber die Scheibe zu gleicher Zeit, da Sie sie auf das Wasser schleudern, mittelst einer Achse, welche durch ihr Centrum geht, in eine mehr oder weniger lebhafte Drehbewegung bersetzen, so wird sie sofort mit unglaublicher Geschwindigkeit davonlaufen, ohne beinahe das Wasser, das sie mit ihrem drehenden Kamm - ähnlich Ertrages der Arbeit. Es hat den Anschein, daß da die Kraft nicht mehr longitudinal, sondern vertical von oben nach abwärts wirke, daß das Rad sich durch die Zer- quetschung der Wassermolecüle vorwärts bewege, daß es in eine Art hydraulischer Schiene eingreift. ^ 7 ^ VMM MM WWW wie eine Circularsäge — durchschneidet, in Bewegung zu versetzen. Dieser Versuch lehrt, kurz gesagt, folgendes: Wenn man eine vorwärts treibende Kraft mit einer Rotation verbindet, so ergibt dies eine große Verminderung der Reibung und daher das Maximuw der Ausnützung des Auf diesen Erfahrungssatz hat Herr Bazin das rollende Schiff aufgebaut. Wie sein Name es ergibt, wird dieses Schiff — das Schiff der Zukunft — nicht, wie die bisherigen Schiffe auf dem Wasser gleiten, sondern auf dem Wasser rollen. Eine große Plattform, auf die man — wie auf einem Floße — Cabinen und Salons, 458 Heizkessel und Maschinen aufstellen und die auf jeder Seite von ungeheuren hohlen Rädern getragen sein wird, das ist in wenigen Zügen der ungewohnte Anblick, den diese Schiffe der Zukunft darbieten werden. Die bewegende Kraft wird nicht nur zur Propulsion verwendet, sondern sie wird getheilt werden. Ein Theil wird dazu dienen, den ganzen Bau mit Hülfe von Schrauben oder Schaufelrädern vorwärts zu treiben, der andere Theil wird die Aufgabe haben, die hohlen Räder zu drehen. Auf diese Weise wird — dank der Verminderung der Reibung — mit einem Minimum von Kosten und Kraftaufwand ein Maximum der Geschwindigkeit (60 Knoten und noch mehr die Stunde) erreicht werden können. Das ist nicht eine phantastische Träumerei! Denn die empirischen Annahmen des Herrn Bazin haben nicht nur den enthusiastischen Beifall von Allen, die irgend einen Namen in der nautischen Welt haben, gefunden, den enthusiastischen Beifall der Ingenieure, der Schiffsbauer und Schtffstechniker, sondern — was von größerer Bedeutung ist — sie werden auch durch die mathematischen Berechnungen hinterher von jenen Gelehrten, für die nur das, was durch Formeln erwiesen ist, extstirt, vollauf bestätigt. Wenn es der Wissenschaft gelungen sein wird, das beste Verhältniß zwischen der propulfiven Kraft und der Schnelligkeit der Umdrehung der rollenden Scheiben zu statuiren, so wird — nach der Meinung der Schtffstechniker — die nützliche Bewegung ungefähr 60 Procent des entwickelten Umfanges betragen. Das heißt, ein Dampfer mit Rädern von 22 Metern Durchmesser, die zu einem Drittel im Wasser eintauchen und die 24 Umdrehungen in der Minute machen, wird 60 Kilometer in der Stunde zurücklegen. Von Hamburg wird man also nach New-Aork gelangen können in — vier Tagen. Wir sind allerdings noch nicht so weit; aber wir nähern uns mit Riesenschritten diesem schönen Ziel. Denn das erste rollende Schiff ist — wie das ,W. Tgb/ berichtet — gegenwärtig in St. Denis, auf der Werft der Firma Cail in Bau. Das wird allerdings kein Riesenschiff, wie etwa die Amerikadampfer, sein. Aber ein Schiff von 280 Tonnen, das immerhin etwas. Und das wird das Tonnenmaß des „Ernest Bazin", des ersten rollenden Schiffes, sein. Dieses Schiff wird 40 Meter lang und 12 Meter breit sein; es wird mit einer Dampfmaschine von 750 Pferdekräften ausgerüstet werden. Die von dieser Maschine erzeugte Kraft wird zwischen einer Schraube und drei Paaren von drehenden Scheiben — „Rollern" — die jede einen Durchmesser von 10 Metern haben werden, vertheilt werden. In einigen Wochen wird das rollende Schiff vollendet die Schiffswerft verlassen. Es wird die Seine hinabführen und dann nach Nouen remorquirt werden. Von dort wird es nach Havre, dann durch den Canal la Manche und durch die Themse nach London eilen... Das wird die Probefahrt des rollenden Schiffes sein. Sicherlich wird sie glatt, ohne irgend einen Unfall verlaufen. Warum sollte auch ein rollendes Schiff — das heißt ein von Rettungsbojen getragenes Floß — nicht ebenso seetüchtig sein, wie das traditionelle, gewöhnliche, gleitende Schiff? Ganz im Gegentheil, gerade die Ausdehnung seiner Basts, die Theilung in mehrere sich drehende, von einander unabhängig autonome Kiele, die nicht untergehen können und die im Falle einer Havarie einander ersetzen und unterstützen können, die Durchlöcherung der Seitenwände, die nicht eine feste Mauer bilden, sondern die durchbrochen sind usw. usw., sollten dem rollenden Schiff eine größere Stabilität garantiren und es in Stand setzen, mit Leichtigkeit und vollster Sicherheit auch den wüthendsten Anprall des sturmgepeitschten Meeres auszuhalten. So ist denn endlich das Problem der Vergrößerung der Schnelligkeit der Dampfer gelöst: dieses Problem, das bereits ein Schreckphantom für alle Schiffsbauer geworden war, an dessen Lösung die Welt schon fast verzweifelte. Denn der Widerstand des Wassers wächst ja im geraden Verhältniß mit dem Quadrat der Geschwindigkeit. Daher mußte sich die geringste Vermehrung der Schnelligkeit der Schiffe in einer maßlosen Vermehrung der bewegenden Kraft, das heißt des todten Gewichtes, äußern. Die Zeit schien nicht mehr fern, da man, um einen Knoten Geschwindigkeit zu gewinnen, auf dem Dampfer den ganzen verfügbaren Platz der Maschine und den Kohlenkammern überlassen mußte, ganz so, als wenn man gezwungen wäre, einen Expreßzug auf die Locomotive und auf den Tender zu beschränken! Nun kam Herr Bazin! Er hat neue Wege eingeschlagen. Er hat mit einem weitaus geringeren Aufwand an Kraft und Gewicht Geschwindigkeiten, die Niemand erhofft hätte, erreicht. Er bietet den „Globe-Trotters" das ideale Paquetboot, den Ultra-rapiden, maritimen Luxuszug, eine Art schwimmender Terrasse, auf der man mit ganzer Brust die würzige Seeluft einathmen können wird. Das Schiff, das so schnell wie ein Schnellzug fährt, ist erfunden. (Sonntagsbl. d. „Germania".) -—» I — - — Ober-Tiefenbach. Mit einer Illustration nach photographischer Aufnahme von I. Heimb ucher, Photograph in Sonthofen und Jmmenstadt. sVervielfältigungsrccht vorbehalten.) (Nachdruck verboten.) In der Nähe der Gerichts- und Schulferien stellt sich mancher der Herren Beamten und Professoren die Frage: wo werde ich Heuer den Akten-, wo den Schul- staub von mir schütteln? Der eine Ort liegt zu nahe, der andere zu entfernt von der Eisenbahn, der eine bietet zu wenig Naturschönheiten, der andere keine Gelegenheit zur Kräftigung der Gesundheit im Bade, da ist's zu überfüllt, dort gar zu langweilig, bald hat man zu klagen über Mangel allen Komforts, bald über die hohen Preise. Den über ihren Ferienaufenthalt zu Rathe gehenden Familien soll durch diese Zeilen mit einem Bilde ein zwar wenig bekannter, aber alle Ansprüche und Erwartungen befriedigender Ort genannt sein, Tiefenbach im bayerischen Allgäu. Tiefenbach, nahezu 1000 m über dem Meere gelegen, ehedem eine Filiale von Fischen, ist von der Bahnstation Fischen mit Lohnfuhrwerk in einer Stunde, von den Bahnstationen Langenwang und Oberstdorf in 1 bis 1 */z Stunden zu Fuß zu erreichen und vereinigt alles, was man sich für einen Ferienaufenthalt wünschen kann; da gibt es keine strenge Toilettenordnung, keine rauschende Musik, aber auch keine das Auge und die Lungen belästigenden Staubwolken. Tiefenbach hat eine romantische, gegen rauhe Winde durch die es umschließenden Berge geschützte Lage, ringsum ozonreiche Nadel- und Laubwälder und gewährt die Möglichkeit, täglich nicht nur gesundheitsfördernde Promenaden in den Wäldern, sondern auch 459 größere Ausflüge mit den lohnendsten Aussichten zu machen, nach dem 1^ Stunden entfernten Nöhrmos mit seinen großartigen, zerklüfteten Gottesackerwänden, über den Zwingsteg nach der in Vorarlberg liegenden Walser- schanze, über den Hirschsprung nach dem frei und lieblich gelegenen Oberwaiselstein, nach dem vielgenannten bayerischen Sibirien, dem Pfarrdorfe Balderschwang, nach dem in 3*/, Stunden erst seit einem Jahrzehnt auf geordneten Wegen erreichbaren hochgelegenen Frcibergsee, nach dem nur 10 Minuten von Tiefenbach entfernten Wasach, von dessen Terrasse aus ebenso gut in den Thalkessel von Oberstdorf und weit hinaus in das Jllerthal das Auge schweifen, als ein Gebirgspanorama überschaut werden kann, wie man es ausgedehnter und herrlicher nur selten findet; man sieht von dort, wie in einem Rahmen eingefaßt, den Entschenkopf, das Nubihorn, die Seeköpfe, den Schattenberg, die Höffats- und Bockkarspitze, das Naucheck, kam mit der Grafschaft Rothenfels an die Grafen von Königsegg und gelangte durch die Heilung des Grafen Haug von Königsegg-Rothenfels schon früh zu bedeutendem Rufe. Der gegenwärtige Besitzer, Herr Georg Schmid, durch langjährige Thätigkeit in den größeren Städten Deutschlands im Hotelfache sehr bewandert, im Gewände eines von Gesundheit strotzenden Tirolers sich den Gästen präsentirend, hat Gasthof und Bad der Neuzeit entsprechend eingerichtet, sorgt jederzeit freundlichst für Fahrgelegenheit von und nach allen Richtungen, gewährt schnell und erfüllt pünktlich alle Wünsche der Gäste, und seine Gattin, eine gewandte, auf Reinlichkeit bedachte, alle Surrogate wie Margarine u. dgl. streng abweisende Haus- und Küchendirektorin, bietet den Gästen Speisen, wie man sie besser in den ersten Hotels nicht finden kann. Der Keller bietet eine reiche Auswahl von Weinen, vorzugsweise Ttrolerweinen, der ^ Stall kräftige Kuh- und Dber-Tiefrnbach die großen Grottenköpfe, das Hohe Licht, den Himmel- schrofen, kurz eine lange Reihe von Bergen, die im Glänze der untergehenden Sonne eine köstliche Augenweide bilden. Neben den Genüssen für das Auge und den unberechenbaren Vortheilen für die Athmungswerkzeuge findet der Besucher von Obertiefenbach aus in dem damit fast zusammenhängenden, in einer Thalschlucht gelegenen, aber gleichwohl der Sonne noch zugänglichen Bade Unter- tiefenbach für den müden oder kranken Körper Kraft und neues Leben. Die Quelle, alkalisches Schwefelwasser mit reicher Jodbeigabe, schon vor vielen Jahrhunderten aufgefunden und, wie Einige glauben, schon den in Ouraxoäuiiuw, dem heutigen Kemplen, seßhaften Römern bekannt, hat zahlreiche Kurerfolge bei gichtisch-rheumatischen Zuständen, Hämorrhoidalleiden, Luftröhrenkatarrhen, Geschwüren, auch Isolrias nsrvosn, an Rekonvalescenten nach langwierigen Krankheiten rc. zu verzeichnen. Die Badeanstalt, früher in Montfortischem Besitze, Ziegenmilch, Alles bei mäßigen Preisen. Hübsch eingerichtete Zimmer zu 0,70—1,40 M., das Bad zu 0,70 M. mit Bedienung, Mittags- und Abcndttsch nach Karte. Wer hie und da größere Gesellschaft aufsuchen will, kann einen Spaziergang nach Oberstdorf oder eine Bahnfahrt nach Sonthofen und Jmmenstadt machen. -—- Zu unseren Bildern Das Tischgebet. Da« einfache Mittagsmahl ist aufgetragen, die Familie ist um den iauber gedeckten Tisch versammelt und verrichtet mit Anbackt das Tischgebet, in welchem sie Gott dankt für die Wohlthaten des Leibes und der Seele, die er immer von Neuem wieder den Menschenkindern erweist. Daß dieses täglich stck wiederholende Gebet den schlichten Bauersleuten nicht zu einer leeren Gewohnheitssache wird, sondern daß die Worte ihnen aus tiefstem Herzen kommen, das kann man deutlich an den gesammelten, andachtsvollen Gesichtern erkennen. Nur dem 460 kleinen Burschen, der auf dem Schemel kniet, scheint das Gebet etwas zu lang zu dauern, denn mit verlangendem Seitenblick schielt er nach der großen Schüssel, aus welcher die „Spätzle" ihm gar lieblich entgegenduften. Guer -urch Afrika. „Quer durch Afrika" sind sie gerissen, Miesbeth und Maunzel, die Kätzchen klein, Was sie dort trieben, das kann man wohl wissen, Ohne gerade ein Wißmann zu sein: „Geographieseuche" heißt das Leiden, D'ran jetzt erkrankt ist die ganze Welt, Und so hat es sich bei den beiden Thierchen natürlich auch eingestellt. Aber schon naht sich ein mächtiger Kater, Wie er ja meistens zu kommen pflegt, Wenn verflogen der Rausch I D'rum hat er Hier sich bereits auf die Lauer gelegt.— Maunzel und MieSbeth, wie wtrd's euch ergehen, Wenn ihr die ganze Karte zerfetzt; Theuer kommt euch die Sache zu stehen, Fremdes Gebiet habt ihr schnöbe verletzt I Ja, wenn das „koloniale Fieber" Gleichfalls jetzt schon die Thierwelt erfaßt, Ist das nicht gräßlich? — Na, Schwamm darüber I Habe ja bloß ein Bissel gespaßt. Will mich gewiß an Niemandem reiben, Doch die Bemerkung erscheint mir am Platz: Kolonial-Politik zu treiben Ist entschieden — nicht für die Katz'I I Eduard Jürgensen. - -SÄ8XB-S - AiLexieL. JapanischesZeitungsWesen. Wie überall, so gibt nach einer Darstellung der Papier-Zeitung auch in Japan der Stand der Presse ein treues Spiegelbild der Entwickelung deS Volkes. Während der über 250 Jahre dauernden Herrschaft der Tokugama-Schogune war jede öffentliche Meinungsäußerung verboten, und die Presse diente lediglich der schönen Literatur, die in Japan schon seit langer Zeit blüht. Auch nach der 1868er Umwälzung wurde es damit nicht viel anders; man hatte noch kein Bedürfniß für öffentliche Besprechung der Tagesfragen, und die amtlichen Datjokuan Nischi, die die behördlichen Verordnungen enthielten, wurden fast ausnahmslos nur von den dazu verpflichteten Beamten gelesen, ähnlich wie bet uns die Verordnungsblätter selten über den Kreis der Verwaltungsbehörden hinaus bekannt zu sein Pflegen. Besonders wichtige Ereignisse wurden indeß auch damals schon von unternehmenden Druckern durch Extrablätter verbreitet, die besonders in der Hauptstadt gern gekauft wurden. Der deutsch-französische Krieg mit seinen in schneller Folge sich überstürzenden Neuigkeiten, sowie das zu jener Zeit überall in der Welt reger pulsirende Verkehrsleben dürfte den Anlaß gegeben haben, statt der unregelmäßigen Extrablätter dem Volke regelmäßig erscheinende Zeitungen darzubieten, denn es entstanden 1871 in Tokio ein Wochenblatt und bald darauf sogar zwei Tagesblätter, die Mainischi Schimbun und die Nischi Nischi Schimbun. Der Inhalt beschränkte sich indessen lediglich auf die trockene Wiedergabe von Ereignissen, da man jede der Regierung nicht wohlgesinnte Meinungsäußerung bestraft zu sehen gewohnt war. Auf die Europäer wurde indessen diese Behandlung nicht ausgedehnt und deßhalb wagte es 1872 ein Engländer, I. E. Black in Jokohama, ein tägliches Blatt großen Stils, die Nischtn Schinjischi, herauszugeben, das in unerschrockener Sprache die öffentlichen Mißstände rügte. Die Folge war, daß nicht nur die Mißstände abgestellt wurden, sondern daß man auch der Presse größere Freiheit gewährte, indem man ihren Nutzen schätzen lernte. Hieraus schöpften denn auch einheimische Unternehmer Muth, und es entstanden binnen zwei Jahren in rascher Folge nicht weniger als 50 Zeitungen. Seitdem ist deren Anzahl ganz bedeutend gewachsen, denn 1893 wurden nicht weniger als 767 Blätter gezählt. Die Zahl der durch die japanifchePost beförderten ZeitungsNummern betrug 1887 18,248,305 Stück, 1891 schon 49,081,972 Stück, was einer Steigerung von fast 90 vom Hundert für das Jahr gleichkommt. Die Erscheinungsweise der Blätter ist die bei uns übliche: während die hauptstädtischen Zeitungen täglich außer Festtags erscheinen, beschränken sich die Lokalblätter in kleineren Orten auf ein- bis dreimaliges Erscheinen in der Woche. DaS bisher in Japan fast unbelastete Buchdruckgewerbe sieht übrigens einer umfangreichen Besteuerung entgegen, denn nach einem in der Zweiten Kammer eingebrachten Gesetzentwurf über die Besteuerung von Gewerbebetrieben ist für die Druckereien vom 1. Januar 1897 ab folgende jährliche Belastung vorgesehen: 1. ^gggg des Anlage- Kapitals; 2.4/zgg des jährlichen Miethspreises oder Mieths- werthes; 3. 1 Jen (—4 M.) jährlich für jeden Betriebs- Beamten, und 4. 30 Sen (— 1 M. 20 Pf.) für jeden beschäftigten Arbeiter. Um neue Betriebe nicht zu belasten, ist vorgesehen, daß diese Besteuerung erst vom vierten Betriebsjahre ab in Kraft treten soll. * Höchste Seltenheit. Erklärer fim Raritäten- Cabinetj: „Hier sehen Sie, meine Herrschaften, zwei Steine aus Transvaal." — Herr: „Was ist denn daran so Merkwürdiges?" — Erklärer: „Na, Sie wissen doch, daß dort die ganze Erde voller Gold steckt." — Herr: „Ach so, das sind goldhaltige Steine." — Erklärer: „Im Gegentheil, es sind die einzigen beiden Steine aus Transvaal, in denen nicht eine Spur von Gold vorhanden istl" --SS88-S— Schachaufgabe. Schwarz. Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem 2. Zuge matt. --KZAIK-- MM O 61. Ireitag, den 24. Juli 1896. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Max Huttler). Arauenherz und Iranenwatten. Lebensbild von Mary Dobson. (Fortsetzung.) XVI. Dr. Günther's erste Briefs waren angekommen; er schrieb von der kurzen Reise nach Hamburg und seinem dortigen Aufenthalt, hatte feine Ueberfahrt nach New- Uork besorgt und sollte diese am folgenden Abend antreten. „Von dieser Reise werde ich hoffentlich als ein anderer Mann heimkehren, Fräulein Feldheim", schrieb er an Marie, „um meinen Kindern und meiner Mutter das sein zu können, wozu ich ihnen gegenüber verpflichtet bin. Erstere befinden sich in Ihrer Obhut gewiß so wohl, wie es mein Herz nur wünschen kann. Lassen Sie mich, ich bitte sie dringend darum, recht viel von ihnen erfahren, auch schreiben Sie mir von meiner Mutter, welche beim Abschied sehr erregt war. Doch konnte ich ihrem Wunsche nicht entsprechen, nicht in der Vaterstadt zu bleiben, wo jeder meinen Verlust und mein Unglück kennt und mich oft genug daran erinnert u. s. w." Auf diesen Bries antwortete Marie mit dem nächsten Schiff, schrieb in eingehender Weise von dem Wohlbefinden der Kinder, berichtete auch über seine Familie, so weit sie dieß ohne ihr vorzugreifen konnte, und schloß mit Grüßen und Bestellungen von Ersteren, welche diese ihr in die Feder gegeben. Mit diesem Brief gingen auch die Briefe von Mutter, Schwester und Schwager ab, welche sämmtlich von Mariens Lob und Bewunderung voll waren. Auch sprachen Erstere ihm in herzlichster Weise ihre Wünsche für sein Wohlergehen in der neuen Welt aus; Herr Reichardt aber, den er zu seinem Bevollmächtigten für die Dauer seiner Abwesenheit ernannt, hatte ihm auch geschäftliche Mitteilungen zu machen. Der Sommer mit seiner Pracht und Herrlichkeit ging wiederum zu Ende, und mit kälteren, wechselvollen Tagen trat der Herbst an seinen Platz. Die Kinder konnten nicht mehr wie sonst draußen spielen und arbeiten, wenngleich sie so oft wie möglich im Freien waren. Marie hielt jede Verweichlichung von ihnen ferne, wußte sie doch zur Genüge, daß nur schwache, leicht erregbare Nerven HedwigS Unglück nach und nach herbeigeführt. Sie besuchte Frau Günther und Rei- chardt's oft mit ihnen, und diese waren eben so oft bei ihr und mit ihrer Erziehungsweise einverstanden. Auch die Gräber ihrer Mutter und ihres Bruders suchte sie mit ihnen auf, und als es keine Blumen mehr gab, sie zu schneiden, wurden Kränze aus Epheu und Immergrün gebunden. Von Dr. Günther kamen oft Briefe, die meisten an seine Mutter und Marie gerichtet, an. Er war von New-Aork nach anderen größeren Städten gereist, überall von den deutschen Cvnsuln voll Entgegenkommen aufgenommen. Die Wtntermonate gedachte er im Süden zuzubringen, später aber wieder nach den Vereinigten Staaten zurückzukehren. Er verfolgte überall wissenschaftliche Zwecke und ward von feinen Collegen, welcher Nationalität sie auch waren, voll Entgegenkommen dabei gefördert. — Die Zeit verging, der erste Wiuterschnee fiel auf Hedwigs und ihres Kindes Grab, und bedeckte die Kränze, mit denen die Liebe der Ihrigen sie geschmückt. Das Weihnachtsfest ward im Kreise derselben still begangen, und gegen Ende Januar zog in diesem große Sorge ein. Frau Günther hatte sich eine starke Erkältung zugezogen, nach welcher ein nervöser, fiebernder Zustand blieb. AIs voll Besorgniß Marie mit dem Arzt, dem Freund ihres Sohnes, sprach, erklärte dieser, daß ihr die Trennung von ihrem Sohne und den Kindern nachhänge und eine zeitweilige Ortsveränderung für sie erwünscht sei. Sie bot dazu ihr Haus an, Reichardt's waren damit einverstanden, und nun galt es, die Zustimmung der Kranken zu erlangen. Dieß war indeß nicht so leicht, sie schützte die Mühe und Sorge vor, welche nothwendig sie verursachen würde, und fügte ihren Einwendungen hinzu: „Haben Sie denn nicht schon durch die Kinder genug, Fräulein Feldheim?" „Die Kinder machen mir weder Sorge noch Mühe, Frau Günther", entgegnete voll herzlicher Freundlichkeit Marie, „und auch Sie würden dieß nicht thun, könnten Sie sich entschließen, zu mir zu kommen. In steter Unruhe aber würde ich Ihretwegen sein, wüßte ich Sie allein mit dem Mädchen in Ihrer Wohnung!" „Ich will zu Bertha gehen." „Bertha hat nicht die Kinder, die Sie aufheitern und zerstreuen werden, und wird Sie oft besuchen." — Marie drang mit ihren Vorstellungen durch, und schon in den nächsten Tagen bezog Fran Günther ei» 462 — fkenndliches Zimmer im Erdgeschoß ihres Hauses. Sie s erholte sich bald in der frischeren, freieren Luft und erheiterte sich an der Gegenwart der Kinder, die so lebensfroh, kräftig und gesund waren und in Beweisen ihrer Liebe gegen sie nicht ermüdeten. Ost, wenn in der Dämmerungsstunde sie auf dem Sopha ruhte und beim Schein der hellen Ofengluth Hugo und Marga an Mariens Seite sah, wo sie lebhaft mit ihr plauderten, oder sie ihnen eine ihrer schönen Geschichten erzählte, wenn sie dann an ihren abwesenden Sohn dachte, dessen Eemüthsstimmung eine immer ruhigere und lebens- muthigere ward, dann trat wohl das schöne Zukunftsbild, das sie so getreulich festgehalten, deutlicher vor ihre Seele, sie betrachtete es auch schon länger, ihr Herz erfreute sich daran, und mit einem leisen Seufzer pflegte sie dann ebenso oft leise zu sagen: „Wie Gott Willi" — Zu Anfang April ward das Osterfest begangen, und mit ihm die Auferstehung der Natur, die Hugo und Marga bald in jedem knospenden Blatt, in jeder sich färbenden Frühlingsblume entdeckten. Als Carl die Gartenarbeiten vornahm, begannen auch sie die ihrigen, streuten Sämereien aller Art in die verschiedenen Beete und sahen deren Aufkeimen erwartungsvoll entgegen. Bald nach Ostern kehrte, vollständig hergestellt und gekräftigt, Frau Günther voll Dank gegen Marie in ihre Wohnung zurück. Schon in den ersten Tagen fühlte sie sich einsam und verlassen, nachdem sie fast drei Monate in der heitersten Umgebung und in der liebevollsten Pflege gewesen, doch beschloß sie, dieß Gefühl Niemandem, am wenigsten Marien, zu verrathen und auch nie ihrem Sohn darüber zu schreiben. Dieser, welcher den Winter im Süden von Nord- und in Mittel-Amerika verlebt, war, wie er in seinem letzten Briefe angedeutet, im Begriffe die heißen Gegenden zu verlassen und nach dem Norden znrückzukehren. Er schrieb stets voll hoher Befriedigung über seine Reise, schrieb von seiner gekräftigten Gesundheit, und zu Aller Freude, daß er im Juli oder August heimkehren werde. Von seiner Mutter Kränklichkeit hatte er durch sie selbst erfahren und Marien herzlich für die ihr erwiesene Liebe und Sorge gedankt. — Im Mai reiste Bertha mit ihrem Gattin nach Carlsbad. Es hatte sich bei ihm ein Leberleiden geltend gemacht, das frühzeitig zu bekämpfen der Arzt gerathen. Bei ihrer Heimkehr im Juni ward ihnen eine freudige Ueberraschung zu Theil, die Frau Günther selbst erst am Morgen erfahren und außer ihr noch Niemand wußte. Der Oberarzt der chirurgischen Abtheilung bes Krankenhauses, an dem auch Dr. Günther angestellt gewesen, hatte von einer größeren Universität den Ruf eines Professors der Chirurgie erhalten und diesen angenommen, und war nun Dr. Günther an seine Stelle von der Verwaltung des Krankenhauses zum Oberarzt ernannt. Die Mittheilung machte Frau Günther ihren Kindern, als diese am Nachmittag sie zu besuchen kamen, und als Bertha das versiegelte, officielle Schreiben sah — denn die erste Nachricht war ihrer Mutter in vertraulicher Art durch einen Collegen ihres Sohnes zugegangen, und sie wie ihr Gatte hatten ihre große Freude darüber ausgesprochen — fügte sie mit leisem Nachdruck hinzu: Nun beginnen Deine früheren Hoffnungen sich zu «füllen, Mutter, denn Albrecht gelangt zu einem höheren Ansehen in feiner Vaterstadt!^ „Möchte ihm dieß nur selbst Freude bereiten", entgegnete bewegt Frau Günther, „und er sein neues, schwieriges Amt geistig und körperlich gekräftigt antreten können!" „Das wird er gewiß", versetzte Herr Reichardt, zugleich als Bevollmächtigter seines Schwagers, das amtliche Schreiben öffnend, während seine Gattin an einen andern stillen langgehegten Wunsch ihrer Mutter dachte, dessen Erfüllung auch sie unbeschreiblich beglücken würde. Frau Günther sprach nun die bestimmte Ansicht aus, daß auch Marie Feldheim die so wichtige Nachricht erfahren müsse, und eben erklärten Reichardt's, sie ihr überbringen und sie zugleich begrüßen zu wollen, als die Hausthüre geöffnet ward und kleine Füße sich schnell dem Wohnzimmer näherten. Dieß betraten alsbald Hugo und Marga mit freudestrahlendem Gesicht und blumen- gefüllten Händen, und Ersterer rief lebhaft: „Großpapa — Tante Bertha, wir sind in Eurem Hause gewesen, und Christine hat uns gesagt, daß Ihr schon angekommen und hier wäret!" Herr und Frau Reichardt begrüßten die Kinder, wie auch die ihnen folgende Marie, welche sie dagegen daheim willkommen hieß. Dann begäben sich Alle zu Frau Günther, welche voll herzlicher Liebe und Freude ihre Enkel küßte, Marie die Hand zum Gruß reichte und voll freudiger Aufregung ihr die Ernennung ihres Sohnes mittheilte. In der ihr eigenen ruhig-freundlichen Weise wünschte Marie ihr wie auch ihren Kindern Glück dazu, und Herr Reichardt bemerkte: „Es ist nur schade- daß Dr. Günther selbst die Nachricht möglicherweise erst nach einigen Wochen erfährt, denn für den Augenblick wissen wir nicht einmal bestimmt wo er sich aufhält!" „Das kann ich Ihnen sagen", antwortete ebenso ruhig Marie, „denn ich habe diesen Mittag einen Brief von ihm gehabt. Dr. Günther wird am 24. ds. Mts. in der Stadt St. John in Neufundland sein, dort einige Tage bleiben und dann die Reise nach New-Iork antreten, wo er in dem uns bekannten Hotel wohnen wird!" „In Neufundland?" rief fast erschrocken Frau Günther. „Was aber will er da? — Müßte er nicht zurückkommen, so ginge er wohl gar nach Grönland und noch weiter, und wir würden ihn in diesem Jahr kaum wiedersehen!" Die Anwesenden lächelten über diese Erklärung, und Herr Reichardt sagte: „Ich möchte allerdings auch, er wäre uns näher, oder wir wüßten wenigstens bestimmt, wo er sich diesen Abend oder morgen früh aufhält, denn dann würde ich ihm eine Depesche schicken. Was gedenken Sie in Bezug auf eine Antwort zu thun, Fräulein Feldheim?" „Ich habe, da Dr. Günther dringend Nachricht von hier begehrt, gleich heute geantwortet, und da wir erst den achten Juni haben, den Brief nach St. John geschickt", erwiderte Marie. „Ein Brief an Sie, Frau Günther", wandte sie sich dann an diese, „ist unterwegs, unterdeß aber lesen Sie diesen, der eine längere Reisebeschreibung enthält", und das Schreiben aus der Tasche nehmend, übergab sie es ihr. In der für Dr. Günther so wichtigen Angelegenheit beschloß sein Schwager sogleich zu schreiben, mit der Aufforderung, ihm nach Empfang des Briefes durch 463 ein Telegramm seine Antwort zu schicken. Sollte die Depesche nicht kommen, so war anzunehmen, daß er den Brief nicht erhalten, und in dem Fall wollte Herr Nei- chardt nochmals und nach New-Z)ox! schreibe». XVII. In Dr. Günther's Wohnung war große, wenn auch stille Freude eingekehrt, denn seine Mutter erwartete ihn daheim, und zwar an einem Abend gegen Ende Juli. Seine Zimmer standen bereit und waren von den Kindern mit den Blumen ihrer Gärten geschmückt; auf dem Schreibtisch, den Bertha wie in früheren Zeiten geordnet, lagen bereits für ihn eingegangene Briefe und amtliche Schreiben, wie auch die neuesten Zeitungen, und Hedwig's über demselben hängendes Bild war mit einem zarten Kranz von duftende« Grün umrahmt. Bertha wollte ihren Bruder bei ihrer Mutter erwarten, deren Aufregung mit jeder Minute zunahm, ihr Gatte aber seinen Schwager am Bahnhof in Empfang nehmen. Arthur Reichardt hatte ebenfalls kommen wollen, den Gatten seiner verstorbenen Pflegeschwester bei dessen Ankunft zu begrüßen, doch war er durch eine nothwendige plötzliche Reise seines Schwiegervaters daran verhindert. Hugo und Marga waren nicht nach Hause gekommen. Dr. Günther hatte in seinem letzten Brief aus England bemerkt, sie in Fräulein Feldheim's Obhut zu lassen, welcher er selbst sie anvertraut, wie überhaupt am Abend seiner Ankunft in keinerlei Aufregung zu versetzen. Marie, welche durch Frau Günther diese Bestimmungen ihres Sohnes erfahren, war damit einverstanden und sah seinem Besuch entgegen. Frau Günther und Bertha schien der Zug länger als sonst mit dem so sehnlich Erwarteten auszubleiben, doch hatte er zur gewohnten Stunde die Stadt berührt, und gegen neun Uhr fuhr auch der Wagen mit den beiden Schwagern vor. Dr. Günther stieg zuerst aus und schritt schnell dem Hause zu, an dessen Schwelle seine Mutter und Schwester ihn sprachlos und unter Thränen begrüßten, während auch seine Augen feucht glänzten. Dann begaben sie sich inS Wohnzimmer, wohin ihnen Herr Reichardt, welcher unterdeß das umfangreiche Gepäck besorgt, folgte. Hier äußerten sie in lebhafter Weise ihre Freude, gesund und wohlbehalten wieder vereint zu sein, und voll Stolz betrachtete Frau Günther den stattlichen Sohn, dessen zwar immer noch ernstblickende Augen gleichzeitig voll Thatkraft leuchteten, und dessen Gang und Haltung den früheren Lebensmuth und hohes, edles Selbstvertrauen verkündeten. Dann erkundigte er sich eingehend nach dem Befinden seines Schwagers, und als er darüber Auskunft erhalten, fragte er nach Marie Feldheim und seinen Kindern. Nur zu gerne und mit freudestrahlenden Augen erzählte seine Mutter von ihnen, und als sie ihrem Herzen Genüge gethan, er tiefernst ihr zugehört, hatte Bertha das bereitgehaltene Abendessen auftragen lassen. Als die kleine Familie sich zu diesem niederließ, begann Dr. Günther von seiner neuen Stellung zu sprechen, deren erste Ankündigung er wirklich in St. John erhalten und sogleich telegraphisch darauf geantwortet, daß er sie annehmen würde. Das Vertrauen und die Anerkennung, welche ihm die Verwaltung des Krankenhauses dadurch bewiesen, erfüllte ihn mit hoher Freude, und er erklärte, sich am folgenden Morgen dorthin begeben zu wollen, um persönlich seine Heimkehr anzuzeigen. Als in einer späteren Stunde Reichardt'S sich nach Hause begaben und auch Mutter und Sohn sich getrennt, betrat Dr. Günther zum ersten Male sein Arbeitszimmer, wo, vor seinen Schreibtisch tretend, er die Lampe ergriff und Hedwig's Bild beleuchtete. Lange betrachtete er die lieblichen, von Glück und Lebensfrohsinn strahlenden Züge seines so früh verstorbenen Weibes, wie diese in den ersten Jahren ihrer Ehe gewesen, dann die Lampe zurückstellend, richteten sich seine Augen nochmals auf das so sinnig geschmückte Bild, nur zu sicher ahnend, wer dieß gethan uud er wandte sich dann mit schmerzlich bewegten Gestchtszügen ab. — Am folgenden Morgen sah Frau Günther nur wenig von ihrem Sohn, der verschiedene Besuche abzustatten hatte und längere Zeit im Krankenhause verweilte, wo er von seinen früheren Collegen voll Herzlichkeit begrüßt ward und dem bisherigen Oberarzt zusagte, seine neue Stellung schon um die Mitte August antreten zu wollen, da dieser zu Anfang September in dem neuen Wohnort erwartet ward. Am Nachmittage eilte er nach dem Feldheim'schen Hause, wo Marie, welcher er seinen Besuch hatte melden lassen, ihn erwartete. Die Kinder, nachdem sie erfahren, daß ihr Vater angekommen, hatten dieß unter lautem Jubel im Hause verkündet, bald aber mit gänzlich verändertem Gesicht gesagt: „Wird Papa uns heute mitnehmen, Tante Marie? Laß uns lieber hier bleiben, wo wir Deinen und unsern Garten haben, in dem wir so gern pflanzen und arbeiten Wögen!" „Ich kann nichts dazu sagen, Kinder", erwiderte mit tiefgekühltem Herzen Marie. — „Ihr müßt jedenfalls thun wie es Papa will.", „Nein, nein, Tante Marie, ich gehe nicht nach der Stadt", rief entschieden die kleine Marga und blickte unerschrocken zu ihr auf. „Ich will Papa bitten, baß er uns bei Dir läßt, und gewiß wird er eS auch thun", und ihres Sieges gewiß, ergriff sie die Hand ihres Bruders und eilte mit ihm ins Freie, während traurig Marie im Gartenzimmer zurückblieb. — — Sie blieb aber nicht lange allein, bald ertönte die Glocke der Hausthür, und als diese geöffnet ward, vernahm sie eine bekannte, lange nicht mehr gehörte Stimme, welche in sehr freundlicher Weise mit Johann sprach. Ihr Herz schlug einen Moment heftig, schnell färbten sich ihre Wangen, ebenso schnell aber war die Bewegung wieder verschwunden, und als ein kurzes, scharfes Klopfen den Einlaß Begehrenden meldete, antwortete sie mit ruhiger und sicherer Stimme, und Dr. Günther trat ein. — Ihr seine Hand reichend, in die sie die ihrige legte, richteten sich nach der langen Trennung Beider Augeu auf einander, und ihre Rechte mit einem warmen Druck umfassend, sagte er mit tiefer, bewegter Stimme: „Da bin ich wieder, Fräulein Feldheim, ein anderer Mann als ich gegangen — — „Willkommen in der Heimath, Herr Doktor", ent- gegnete ebenfalls bewegt Marie, den Druck seiner Hand erwidernd, „und möge Ihnen diese wiederum lieb und theuer werden!" „Sie ist es immer gewesen, Fräulein Feldheim", versicherte er in demselben Tone, „auch als ich unter dem furchtbarsten Geschick zu leiden hatte, und der schwere Schlag ist nun etwas überwunden!" „Sie haben die Ihrigen wohl angetroffen", fuhr, als sie Platz nahmen, Marie fort. „Ja, und auch meine Kinder werde ich gesund und wohl wiedersehen", antwortete Dr. Günther, dessen Ge- stchtszüge sich etwas erheiterten. „Ja, ich hoffe, Sie werden mit meiner Sorge und Pflege zufrieden sein", antwortete, zu einem leichteren Ton übergehend, Marie. „Sollen wir sie im Garten aufsuchen oder sie rufen lassen, denn Sie werden mit großer Sehnsucht von ihnen erwartet!" Das war nicht erforderlich, denn muntere Kinderstimmen kamen näher und riefen, ehe sie noch die Thür erreicht: „Tante Marie — Tante Marie —" hielten aber, vor dieser stehend, mit weitgcöffneten Augen inne, stürzten mit dem Ausruf: „Papa! — Papa!" zu diesem, der sie in seinen Armen auffing. Sie umschlangen seinen Hals mit ihren Armen, während er sprachlos sie wieder und wieder küßte und in Mariens Augen Thränen glänzten. Die Kinder gewannen zuerst die Sprache wieder, und ihre Arme von seinem Hals lösend, ergriffen sie seine Hände, sahen ihn mit freudig glänzenden Augen an und sprachen: „Nun bleibst Du doch immer hier, Papa, und gehst nie wieder weg!" „Nein, Kinder, ich bleibe jetzt bei Euch", antwortete er, sie voll Vaterliebe und Bewunderung betrachtend. Jetzt erschien Dora, welche den Kleinen gefolgt war und auch von ihm mit freundlichen Worten begrüßt ward. Dann aber hefteten sich seine Augen wiederum forschend und prüfend auf die Kinder. ES waren dieselben Gesichter und Gestalten, aber gesund, kräftig und lebensfrisch, das eine Jahr hatte sie gänzlich umgewandelt. In lebhafter Weise fragten sie ihn jetzt nach seiner Reise und Ankunft, und als sie darüber eine ihnen verständliche Auskunft erhalten, erzählten sie ihm von ihrem Garten und fragten, ob er ihn sehen wolle. „Gewiß, Kinder", erwiderte er freundlich und sich zugleich erhebend, während sie mit leuchtenden Augen seine Hände ergriffen und ihn so schnell sie konnten fortführten, Dora aber Marie bedeutungsvoll anblickte und ihnen folgte. Dr. Günther und seine Kinder, die ihn munter umsprangen, hatten deren Anlage erreicht, auf der es grünte und in den buntesten Farben blühte, und die er voll Ucberraschung betrachtete, indeß sie voll Spannung zu ihm aufsahen. Seine Gedanken wandten sich dabei voll Dankbarkeit Marien zu, die auch dieß zum Besten der Kinder ersonnen, denen aber sein Schweigen zu lgnge währte, denn Hugo fragte: „Ist unser Garten nicht sehr schön, Papa?" „Ja, Kinder", erwiderte Dr. Günther schnell und erkundigte sich nach allen Pflanzen und Blumen, und Beide wußten ihm genaue Auskunft zu geben, erzählten ihm auch, daß sie von letzteren Kränze gebunden und sie ihrer Mama und ihrem Bruder gebracht. Bei dieser Erklärung wurden ihre Gesichter ernst; da er sie aber nicht in traurige Stimmung versetzt sehen wollte, erkundigte er sich nach einer größeren, frischgrünen Fläche ihres Gartens, und die kleine Marga war im Begriff eingehend zu antworten, doch kam Hugo ihr schnell zuvor und sagte: „Was da wächst, bekommst Du zum Abendesien, Papa. Weil Du angekommen bist, dürfen wir heute mit Euch essen und sollen bei Dir sitzen. Gehe nun aber wieder zu Tante Marie, lieber Papa. damit wir alles fertig machen können!" Dr. Günther blickte seine Kinder lächelnd an, ebenfalls lächelnd auf Dora, und ging dann langsam dem Hause zu, während die Kinder sich an die Arbeit machten und vorsichtig die größten Pflanzen auszupften. Bald betrat er das Gartenzimmer, wo voll Spannung Marie ihn erwartet hatte, und ihr seine Hände reichend sagte er mit tiefer, bewegter Stimme: „Haben Sie Dank, Fräulein Feldheim, für das was Sie meinen Kindern gethan und ihnen gewesen sind l" „Herr Doktor-" unterbrach ebenfalls bewegt Marie. „Wie — wie vermag ich Ihnen je Ihre Liebe und Fürsorge für die kleinen mutterlosen Waisen zu vergelten ?" „Herr Doktor", begann die eingetretene Pause unterbrechend Marie mit unsicherer, leicht stockender Stimme, „wenn Sie glauben, daß ich nach bestem Wissen und Willen für Ihre mutterlosen Kinder gesorgt, und allen Ernstes meinen, deshalb in meiner Schuld zu sein, so giebt eS ja, ich will Ihnen daS nicht verhehlen, es giebt eine Möglichkeit nur — ich bediene mich aber nur Ihres eigenen Ausdrucks — dieß zu vergelten —- —" „Was — was kann ich thun? Sprechen, o, sprechen Sie, Fräulein Feldheim!" rief lebhaft erregt Dr. Günther und sah sie erwartungsvoll an. „Lassen Sie mir die Kinder, die zu entbehren mir unendlich schwer werden würde", und bei diesen Worten blickten Mariens Augen ihm voll Spannung entgegen. Er war in der That überrascht und zögerte einen Augenblick, was ihr nicht entging, dann aber erwiderte er ruhig und entschlossen: „Meine Kinder bleiben Ihrem Wunsche gemäß bei Ihnen, Fräulein Feldheim! — Ich habe an Hedwig'S Grabe immer wieder gelobt, sie so glücklich wie möglich zu machen, es würde aber kein Glück für sie sein, wollte ich sie dem schönen Leben entreißen, welches sie unter Ihrem Schutze führen!" „Haben Sie Dank für dieß Versprechen, Herr Doktor", erwiderte voll tiefer Rührung Marie und reichte ihm die Hand, die er mit der seinen fest umschloß. Hier ließen sich die Stimmen der Kinder vernehmen, und als sie nach einigen Sekunden das Zimmer betraten, trug Hugo zierlich geordnet einen Teller voll frtschrother Radieschen, die er seinem Vater, den er wie auch Marga triumphirend ansahen, mit den Worten reichte: „Die haben wir schon vor langer Zeit für Dich gesäet, Papa —" Dr. Günther nahm den Teller entgegen, und dessen Inhalt betrachtend, sagte er voll Herzlichkeit: „Ihr habt mir durch diese Radieschen eine große Freude gemacht, Kinder, und wir wollen sie diesen Abend, wie Ihr gesagt, essen. Hört nun aber, was ich Euch noch zu sagen habe. Tante Marie und ich, wir haben über Euch gesprochen —" Die Kinder sahen ihn fast erschrocken an und dann auf Marie, während er den Teller auf den Tisch stellte und fortfuhr: „Tante Marie hat zu meiner Freude Euch sehr liebgewonnen und will Euch noch länger hier behalten, 465 und ich, weil Ihr immer meine guten Kinder gewesen seid, will Euch hier lassen!" Bald ihn, bald Marie ansehend, hatten die Kinder ihm aufmerksam zugehört und jedes seiner Worte verstanden. Bei den letzien aber kam neues Leben in sie, ihre Augen und Züge strahlten vor Freude, und schnell zu Marien tretend, sagten sie: „Ist es wahr, Tante Marie? — Bleiben wir bet Dir?" „Ja, Kinder", erwiderte sie bewegt, und als diese sie dann voll stürmischer Zärtlichkeit umarmten und liebkosten, schloß sie sie fest an ihre Brust. Einen Augenblick blickten Dr. Günther's Augen ernst, dann sah er voll Befriedigung auf die schöne Gruppe. Den Kindern aber kam bald ein anderer Gedanke, und von Mariens Schooß kletternd, sprangen sie zu ihrem Vater, umarmten auch ihn herzlich, und Hugo sagte: „Wie gut bist Du, Papa, daß Du uns hier lassen willst! — Wirst Du uns auch oft besuchen?" „So oft ich kann", erwiderte ruhig sein Vater, „denn ich bekomme jetzt viel Arbeit —" Er ward durch seiner Mutter und Netchardt's Kommen unterbrochen, die kaum Marie, ihn und die Kinder begrüßten, als diese ihnen voll Freude erzählten, daß ihr Vater ihnen gesagt, sie würden bet Tante Marie bleiben. Aller überraschte Blicke gewahrend, bestätigte Dr. Günther die Worte seiner Kinder, und während sie sich erfreut darüber auSsprachen, nahm Frau Günther's Vision — das schöne Zukunftsbild — eine festere Gestalt an. XVIII. Dr. Günther hatte sein neues Amt angetreten, und kamen seine Collegen wie die leidende Menschheit ihm vertrauensvoll entgegen. Er ward durch letztere mehr noch als früher in Anspruch genommen, doch der ver- hältnißmäßig noch junge Oberarzt besaß eine große Arbeitskraft, und war seine Gesundheit durch die Strapazen der langen Reise in der neuen Welt gestählt. Seine bedeutenden Kenntnisse, sein scharfer Blick und seine sichere Hand begannen schon ihm Ehre und Ansehen auch über die Grenzen seiner Vaterstadt hinaus zu bringen. Seine Mutter war stolz auf ihn und alle seine Erfolge, beklagte aber, daß sie so wenig von seiner Person hatte. Oft sah sie ihn während des ganzen Tages kaum länger als beim Mittagessen, da auch Rcichardt'S Ansprüche an seine Gesellschaft machten und er, sobald er eine Stunde erübrigen konnte, zu seinen Kindern ging, bei denen er stets Erheiterung fand. Oft, sehr oft auch lenkte er seine Schritte nach dem stillen Friedhof, wo die Gräber seiner Theuren stets mit frischen Kränzen geschmückt waren. Wer dieß that, wußte er nur zu gut, denn oft genug erzählten ihm seine Kinder, daß sie ihre Mama und ihren Bruder besucht. So war die Zeit vergangen, der Sommer dem Herbste gewichen und diesem der Winter mit seinen kurzen Tagen, mit Stürmen, Schnee und Eis gefolgt. Letzterer hatte auch das Weihnachtsfest und den Jahreswechsel gebracht, die von Günther's, Netchardt's, wie auch Marie Feldheim in stiller Weise begangen worden. In Dr. Günther's und seiner Mutter Lebensweise war keine Veränderung eingetreten. Oft fragte sich diese und sprach auch mit ihren Kindern darüber, wie lange sie ihm wohl noch gefallen würde, da sie seinem Herzen nicht genügen konnte, nachdem er eine glückliche Häuslichkeit kennen gelernt, und als einmal sie die Sache wieder anregte, antwortete ihr Schwiegersohn: „Sei unbesorgt, Mutter, Albrecht wird nicht immer wie jetzt leben, er muß sich nur erst in seine neue Stellung wie alles was sie mitbringt hineingefunden haben. Ist das geschehen, so macht auch das Herz seine Rechte wieder geltend, und das wird nicht vergeblich sein!" Und es machte sich bereits, wenn auch erst in leiser Weise, geltend. Oft wenn er seine Kinder besuchte, die ihn mit offenen Armen empfingen und mit stürmischen Liebkosungen begrüßten, mit denen er dann in Mariens großem, behaglichem Wohnzimmer, wo er sie vor Jahren kennen gelernt, eine glückliche, schnell entschwundene Stunde verlebte, dabei sich mit Marien unterhielt, die mit klarem Verständniß auf alle seine Mittheilungen, mochten sie Krankenfälle oder seine amerikanische Reise, auf die er so gern zurückkam, betreffen, einzugehen wußte, wenn er dann im Dunkeln durch Sturm, Regen und Schnee den Rückweg unternahm, auf diesem deS traulichen, glücklichen Heims seiner Kinder gedachte, dann kam ihm wohl das Gefühl, daß sein jetziges Dasein aller Freude entbehre, welche er zu Hedwig's Lebzeiten gekannt, und in letzter Zeit regte sich auch in feinem Herzen der Wunsch, solcher Lebensfreuden wiederum theilhaftig zu werden, wenn er auch noch nicht weiter überdachte, wie dieser theilhaftig zu werden sei. Spät an einem Nachmittag, als wiederum er Marie und die Kinder verlassen, ging er von ihnen zu einer einen ernsten Fall betreffenden Consultation. Nach vorgenommener Untersuchung fand er diesen weniger gefährlich und konnte dem Kranken die Versicherung geben, ihm durch eine Operation den Arm zu erhalten, und sollte diese am folgenden Tage im Krankenhause ausgeführt werden. Der Patient war ein unbemittelter Arbeiter und daher seine wie seiner Frau Freude über die günstige Aussicht groß. In seinen Gedanken mit dem Fall beschäftigt, von dem er bedauerte, ihn nicht früher erfahren zu haben, um leichter helfen zu können, erreichte er seine Wohnung, wo er zuerst seine Mutter aufsuchte, die er an dem Tage nur bei dem verspäteten, eilig eingenommenen Mittagessen gesehen. Zu seinem nicht geringen Schrecken fand er sie bleich und angegriffen auf dem Sopha liegend, allein, ohne jegliche sorgende, liebevolle Pflege. Sich schnell nach ihrem Befinden erkundigend, erkannte er einen leichtnervösen, fieberhaften Zustand, der indeß bald gehoben werden mußte, wenn er bei ihrem Alter nicht schwächend nachwirken sollte. Dieser Zustand aber mußte schon länger gewährt haben, und er machte sich Vorwürfe, daß er ihn nicht früher beachtet, wie seiner Mutter leise Vorstellungen, daß sie nicht mit ihm darüber gesprochen, und fügte schließlich nachdrücklicher, als er vielleicht wollte, hinzu: „Du mußt Hülfe haben, Mutter, junge, kräftige Hilfe! — Wir wollen eine tüchtige Haushälterin annehmen, die Dir zugleich Gesellschafterin sein kann!" „Nicht doch, mein Sohn", beruhigte ihn Frau Günther, und ihre matten Augen blickten ihn liebevoll an, „eine fremde Person würde hier wenig nützen, ich aber werde nach einigen Tagen der Ruhe wieder hergestellt sein." . „Warum hast Du nicht zu Bertha geschickt, die doch — 466 — gewiß gekommen sein würdet fragte in hohem Grade verstimmt ihr Sohn. „Du vergißt, daß Werth« einen Mann hat, der fast in meinem Alter steht, seit einiger Zeit kränkelt und ebenfalls ihrer Pflege und Sorge bedarf!", erwiderte seine Mutter mit merklichem Nachdruck. (Fortsetzung folgt.) Polnische Bauern. Von Professor Dr. Guglielmo Ferrero. Wenige Länder sind für den Europäer des Westens so interessant und merkwürdig wie Russisch-Polen, d. h. jener Theil Polens, in welchem die alte Civilisation und der alte Geist der Nation noch lebendig sind; vielleicht eben darum, weil eine Regierung mit den ganzen ihr zu Gebote stehenden unbarmherzigen Zwangsmitteln dahin gearbeitet hat, diese Civilisation und diesen Geist zu ersticken. Für uns, namentlich für alle Jene, die in Gegenden aufgewachsen sind, welchen das Stadtleben Civilisation und das Landleben Unwissenheit bedeutet, macht es einen sonderbaren Eindruck, ein Volk zu sehen, das nahezu ohne Städte lebt, zerstreut über unendliche Ebenen, ohne daß diese Zerstreuung die ausgleichende Macht der Ergebnisse der Civilisation verringerte. Die einzige große Stadt von Russisch-Polen ist Warschau, dessen Bevölkerung überdies nur zum Theile aus Polen zusammengesetzt ist; die Mehrzahl der Bewohner sind Russen, Deutsche und Juden. Die anderen sogen. Städte, wie Grodno, Lomza, Petrikau, sind fast ausschließlich von Juden bewohnt und gleichen weit eher Dörfern zweiter Ordnung, als wirklichen Städten. Die Häuser sind fast alle aus Holz, die Straßen schlecht gepflastert, schmutzig und von Bächen durchfurcht; die Gasthöfe sind miserabel, häßlich und ärmlich die Kaufläden. Das Einzige, was an die großen Städte gemahnt, sind die hohen Preise, die — leider! — des civilisirtesten Volkes würdig wären. Man möchte meinen, daß man Dörfer vor sich habe, die zu Städten werden wollen, aber nicht können, abscheuliche Mißgeburten, die dem polnischen Edelmann verhaßt sind und die dieser den armen Juden überläßt, während er sich selbst in das auf seinen Gütern erbaute Haus zurückzieht. Das ist das wahre Heim des Polen, die eigentliche ursprüngliche Schöpfung der polnischen Civilisation. Auf je 8 oder 10 Kilometer Entfernung, inmitten einer Besitzung, erhebt sich ein schönes, gemauertes Haus, der Sitz des Eigenthümers der Ländereicn; in geringer Entfernung davon befindet sich das Dorf, ein Haufe erbärmlicher Holzhütten, in denen die Bauern wohnen. In jenen wohnt die Blüthe der gebildeten Classen Polens, in diesen die Masse der elenden Bauern; die Einen und die Anderen führen zusammen ein merkwürdiges und eigenthümliches Leben; sie haben Beziehungen zu einander, wie man sie nirgends sonst antrifft. Der erste Eindruck, den man erhält, ist der, daß man fast immer noch die Nähe der Knechtschaft fühlt. Die Leibeigenschaft wurde in Russisch-Polen erst im Jahre 1863 abgeschafft; sie liegt aber auch heute, nach dreiunddreißig Jahren, noch in der Luft, erfüllt von ihren verschiedenen Einflüssen. Die Vergangenheit ist noch gegenwärtig in den Gedanken, in den Gefühlen, in den Gebräuchen, während die neue Lage der Dinge nur langsam in die Bevölkerung eindringt und die Gesellschaft inmitten schmerzlicher Widerwärtigkeiten einer Um-' Wandlung unterwirft. Viele Häuser, welche ehemals Knechte beherbergten, sind nun von kleinen unabhängigen Besitzern bewohnt; aber die Gewohnheiten der Unterwerfung find noch nicht ganz verschwunden. Der ehemalige Knecht oder dessen Sohn grüßt noch den ehemaligen Herrn und küßt ihm ehrerbietig die Hand, wenn er ihm begegnet. In allen Angelegenheiten jeder Art, besonders aber in jenen, welche in Beziehung zu der russischen Verwaltung stehen, wendet sich der Bauer stets um Aufklärung und Rath an den Gutsherrn. Ja, der ehemalige Herr wird sogar allenthalben als eine Art Vorsehung angesehen, so daß er oft gezwungen ist, seinen ehemaligen Knechten gegenüber als Arzt und Apotheker zu wirken. Diese kleinen, ärmlichen Dörfer besitzen weder Arzt noch Apotheke, und der Arzt sowohl als die Medicamente müßten aus der zunächstliegenden Stadt geholt werden, die aber in den meisten Fällen sehr weit entfernt ist. Der Bauer regt sich deßhalb aber nicht auf, und er findet Mittel und Wege, die Ausgaben für den Arzt und die Medicinen zu ersparen. Wenn er sich unwohl fühlt, geht er zu seinem ehemaligen Herrn, theilt ihm seine Schmerzen und Leiden mit und verlangt von ihm irgend ein Heilmittel; und derjenige Gutsherr, welcher sich weigern würde, die Krankheit zu bestimmen und das Medicament zu verschreiben, würde als ein harter und unmenschlicher Mann betrachtet werden. Die Familim der polnischen Edelleute müssen darum stets mit einer kleinen, wohl assortirten Apotheke versehen sein, und eines ihrer Mitglieder muß mit den Lehren der Heilkunde wenigstens oberflächlich bekannt sein und die gangbarsten chirurgischen Operationen auszuführen verstehen, wie zum Beispiel Abscesse schneiden, Wunden auswaschen und Zähne ziehen; im entgegengesetzten Falle würde der ehemalige Knecht sehr bald jeden Rest von Ehrfurcht für den einstigen Herrn verlieren, der so unwissend und egoistisch ist, daß er nicht einmal seine Leiden zu heile» im Stande ist. Dieser Respect gegenüber dem ehemaligen Herrn ist wohl zum Theile Tradition, zum Theile aber auch Hypo- kcisie des Bauern, der jahrelang unterdrückt gewesen war und der sich eine Art Genugthuung zu schaffen trachtet, indem er seinen einstigen Herrn nunmehr auszubeuten sucht; denn die Befreiung an sich und die Art und Weise, wie diese durchgeführt wurde, trug selbst dazu bei, in dem früheren Paria die Instinkte des Eigenthums in der schärfsten Form wachzurufen und einen heimlichen Antagonismus zwischen Herrn und Knecht zu begründen. Das kaiserliche Decret der Befreiung aus der Knechtschaft bestimmte, daß die befreiten Leibeigenen als freie Bürger die Rechte bewahren sollten, die sie als Knechte ihres Herrn besessen hatten, ohne die Pflichten erfüllen zu müssen, die ihnen in diesem Falle durch ihre freie Stellung auferlegt wären. So behielt der Bauer, welcher als Knecht die Nutznießung eines Stückchens Boden gehabt hatte, unter der Bedingung, seinem Herrn zu dienen, diesen Boden als unabhängiger Eigenthümer; die Knechte, welche das Recht gehabt hatten, Holz aus den Wäldern zu nehmen, behielten dieses Recht, ohne deßhalb die Dienste versehen zu müssen, zu denen sie früher gezwungen gewesen waren. So geschah es, daß die Rechte der Knechte und Herren sehr bald miteinander verwechselt wurden, weil sie nicht, wie dies hätte sein sollen, durch deutlich redigirte und unwiderlegbare Docu- mentc bestimmt worden waren. Die Herren waren aufgebracht über die Befreiung und nicht geneigt, weitgehende Concessionen zu machen, was zu Reibungen und tiefgehenden Zwistigkeiten zwischen beiden Theilen führte, während welcher der befreite Knecht damit begann, seine Personalität als freier Mann zu behaupten durch mysteriöse Feucrsbrünste, die in den Wäldern des Herrn aus- brachen, oder durch Flintenschüsse, die des Abends hinter den Büschen abgefeuert wurden. Diese Conflicte mußten natürlich dazu beitragen, im Knechte das Gefühl des neuerworbenen Besitzthums zuzuspitzen. Und so wurde der ehemalige Knecht von einer immer wachsenden, maßlosen, fanatischen Leidenschaft für den Grund und Boden ergriffen, die einen heimlichen, heftigen, zähen und siegreichen Kampf gegen den einstigen Herrn zur Folge hatte, um diesen aller seiner Besitzungen zu berauben. Und während in allen anderen Ländern Europas der kleine Besitz von dem großen verschlungen wird, wird in Russisch-Polen der Großgrundbesitz zersplittert, und die Bruchstücke fallen in die Gewalt der ehemaligen Knechte, die nach so langer Fastenzeit hungrig über Grund und Boden herfallen. Sie arbeiten gleich den Termiten: eine riesenhafte Eiche scheint sicher und kräftig auf ihren Wurzeln emporzuwachsen; aber Millionen von Ameisen sind in die Fiber des Holzes eingedrungen und haben jahrelang gewühlt und genagt, bis eines Tages der stolze Niese in Splitter zerfällt. Der Bauer führt diesen Angriff auf das Eigenthum des einstigen Herrn auf alle mögliche Weise, vor Allem aber durch die Versuche gewaltsamer Ucbcrgriffe. „So sicher wie in jedem Jahre im April der Schnee schmilzt," sagte mir ein polnischer Gutsbesitzer lachend, „so sicher wird jeder kleine unabhängige Eigenthümer, wenn die Zeit herankommt, da man die Felder Pflügt, seinen Acker um einen Meter, einen Fuß, eine Hand breit auf das angrenzende Gebiet des Gutsherrn auszubreiten trachten, und er wird nicht müde werden, diesen Versuch der Usurpation Jahr für Jahr zu wiederholen. Seine Geduld ist geradezu erstaunlich; und wenn wir nicht jedes Jahr genau Acht geben würden, um diese gewaltsamen Ueber- griffe zu verhindern, dann wären wir gar bald von diesen Heuschreckenschwärmen des Großgrundbesitzes zu Grunde gerichtet. Im Uebrigen vermag hier keine Ermahnung, keine Bestrafung auch nur im Geringsten bessernd zu wirken." — Ja, der Bauer glaubt wgar ein Recht zu haben, sich auf diese Weise die Güter seines ehemaligen Herrn anzueignen, nachdem er Jahrhunderte hindurch unter dem Joche für ihn gearbeitet hat, und er betrachtet die Macht des Gesetzes, welche ihn an den eben geschilderten Uebergriffen hindert, als eine ungeheure Ungerechtigkeit, die auf ihn ausgeübt wird, weil er arm und schwach ist. Deßhalb lautet der größte Schimpfname, dessen sich der polnische Bauer bedient, um einen Gegner heftig zu beleidigen: „Geometer!" Der Geometer, der mit seinen teuflischen Instrumenten im Stande ist, in den Schollen der Erde zu lesen und, ohne zu irren, auf einen Zoll genau festzustellen, wem ein bestimmtes Stückchen Feld gehört, ist in seinen Augen das verächtlichste und hassenswertheste Geschöpf der Welt. Der Geometer ist in Polen beim Volke noch weit mehr verhaßt und ^verachtet, als bei uns etwa der Scharfrichter. — "/Die Geduld und die Ausdauer des polnischen Bauers 'im Kampfe Men den, Gutsherr« itz^eine, so ungeheuer große, daß er, wenn es ihm nicht gelingt, durch Usur< pationen seinen Besitz auszudehnen, Alles ins Werk setzt, um dies auf gesetzmäßigem Wege zu thun. Gelingt ihm der Raub nicht, so muß ihm der Kauf gelingen! Die polnischen Edelleute sind in einer rapiden Dccadenz begriffen. Ihre einstigen Reichthümer schwinden rasch dahin; der Ertrag von Grund und Boden ist in Polen ungeheuer gesunken, zum Theil in Folge der Werthvcr- minderung der landwirthschaftlichen Erzeugnisse, besonders des Getreides; andererseits in Folge der schweren Abgaben, die darauf lasten, insbesondere nach den den Polen auferlegten Kriegssteuern nach der Revolution vorn Jahre 1864. Und die polnischen Edelleute, die seit Jahrhunderten gewohnt sind, ihre Landhäuser mit dem ganzen Comfort ausgestattet zu sehen, der ihnen ein angenehmes, Vergnügungsreiches Leben ermöglicht, unterbrochen von wenig Arbeit und erheitert durch schöngeistige Beschäftigungen, haben ihr kostspieliges und glänzendes Leben der glücklichen alten Zeiten auch später noch fortgesetzt, als ihre finanziellen Verhältnisse nicht mehr so gute waren. Einige von ihnen, die vorsichtiger waren als die Anderen, haben sich der Entwickelung den landwirthschaftlichen Industrien gewidmet, besonders der Bereitung des Bieres und der alkoholischen Getränke. Die Meisten aber, welche die Ausübung der bürgerlichen Handclsgcwerbe unter ihrer Würde fanden, fuhren gedankenlos fort, das kostspielige Leben zu führen und sich mit Schulden zu überhäufen, und so kam für Alle früher oder später der Tag des Zusammenbruches heran. Da sie ihre Schulden nicht mehr zahlen können, sind sie gezwungen, ihre Felder zu verkaufen und die väterlichen Güter zu veräußern, um die Wucherer zu befriedigen, mit deren Geldern sie lange Zeit hindurch so sorglos und glänzend gelebt hatten. Und da kommen nun die ehemaligen Knechte heran und suchen das Wrack zusammen, das aus dem Schiffbruch der reichen Herren zu retten ist. Die Ländereien der Herren sind im Allgemeinen sehr ausgedehnt und in Folge dessen zu groß für die ökonomische Stärke des armen Bauers. Um die große Schwierigkeit zu überwinden, nehmen die polnischen Bauern Zuflucht zu einem System, das wohl einzig ist in dieser Welt: sie vereinigen sich zu einer zeitweiligen Gesellschaft, kaufen gemeinschaftlich das Stück Land und vertheilen es untereinander in Gemäßheit der eingezahlten Quoten. Trotzdem bleibt es immer sehr räthselhast, wie es möglich ist, daß die kleinen Bauern Geldsummen, seien sie auch verhältnißmäßig noch so gering, aufzutreiben im Stande sind, um Ländereien anzukaufen. Die Felder Polens sind im Allgemeinen nicht fruchtbar, die landwirthschaftlichen Produkte haben nur geringen Werth, die Bauern besitzen zum größten Theile Felder von geringer Ausdehnung und sind den Diebereien der russischen Staatsbeamten ausgesetzt, die oft aus deren Unkenntni ß der russischen Sprache Nutzen ziehen, um sie zur Bezahlung höherer Steuern zu zwingen, und endlich haben sie Alle zumeist zahlreiche Familie. Und trotz alledem ersparen sie noch Geld, um sich neue Felder zn kaufen. Wovon nähren sie sich? Wie leben sie? Ein Physiologe wäre vielleicht um eine Antwort auf diese Fragen verlegen. Sie leben nur, um neue Felder zu erwerben; sie concentriren ihre ganzen Geistes- und Willenskräfte in dieser höchsten Leidenschaft und finden Mittel, um das außerordentliche Wunder zu verwirklichen, daß sie, die elenden, erbärmlichen Bauern, die Güter der fallitm Großgrundbesitzer anzukaufen vermögen. Sie 468 leiden viele Jahre hindurch und führen ein wahres Märtyrerleben, sie fügen sich in ein Dasein furchtbarer Entsagungen, um einen fernen Ersatz von wenigen Quadratmetern selbstgekaufter neuer Erde zu finden, die ihnen nicht dazu dienen wird, ihr Loos günstiger und erträglicher zu gestalten, die aber ihre Hoffnung aus eine weitere Ausdehnung ihrer Felder erhöhen wird. Wir haben es hier fast mit einem ökonomischen Mysticismus zu thun, mit einer übersinnlichen Leideuschaft des Länderbesitzes, welchem der polnische Bauer Alles opfert, sowie der Asket auf alle Freuden des Lebens verzichtet, um das Paradies zu erlangen. Das, was der polnische Bauer zu erreichen trachtet, ist blutwenig; aber die Willenskraft, die er dazu anwendet, um sein Ziel zu erreichen, ist so groß, daß sein Sieg über den einstigen Herrn in Wirklichkeit als einer der größten Triumphe des menschlichen Willes betrachtet werden kann. Die Verschiedenheit der menschlichen Schicksale ist, wie man sieht, heute nicht geringer als zu den Zeiten, da Horaz sie zum Gegenstände seiner schönen Dichtungen machte. Der Schwärm der befreiten Leibeigenen des Alterthums vertreibt aus den väterlichen Ländern die ehemaligen Herren, die genöthigt sind, ihre Lebensweise zu ändern und neue Arbeit und neue Erwerbsquellen zu suchen. Die herrschaftlichen Landhäuser des alten Polen- landes verfallen; die reichsten unter ihnen verlieren ihren Glanz von ehemals, nachdem die Armuth in ihnen Einzug gehalten; viele sind geschlossen oder fallen in die Hände der wohlhabenden Wucherer. Der Lärm des lustigen und sorgenlosen Lebens, der so lange Zeit hindurch in ihren Mauern wiederhallte, verklingt nach und nach und macht einem traurigen Schweigen Platz. Inzwischen wächst in den Städten das Bürgcrthum, das zum Theile aus Fremden, zum Theile aus polnischen Edelleuten besteht, welche die Bedürfnisse des Lebens Handel treiben gelehrt haben. Die russische Regierung steht dieser Umwandlung wohlgefällig zu, denn die Herrschaftshäuser der polnischen Landedelleute waren stets die Citadellen des Nationalgefühls, die Mittelpunkte, von welchen aus sich die Ausstände über das ganze Land verbreiteten und gleich Waldbränden rasch um sich griffen. Denn die Landedelleute waren stets die Anführer der aufständischen Heere, die in der Oppositions-Politik jenen Ausfluß des angeborenen Thätigkeitsbedürfniffes fanden, das ihr müßiges Leben ihnen nicht anderswo zu finden gestattete. Mögen sie Alle zu Kaufleuten werden, denkt die russische Regierung; so werden sie vorziehen, Geld zu erwerben, statt sich dem gefährlichen Svort der Revolution zu widmen! ^ Allerlei. ,, * Vor einiger Zeit erschien in mehreren Blättern ein Artikel, wonach die beständige Beschäftigung mit dem Schachspiele nachtheilig auf Körper und Geist einwirken soll. Hiezu wird uns geschrieben: Wir theilen Ihnen hier folgende Zusammenstellung der Lebensdauer der berühmtesten bereits verstorbenen Schachmeister mit, wobei wir ausdrücklich bemerken, daß wir nicht etwa für unseren Zweck nicht passende Daten absichtlich weggelassen haben. ES erreichten ein Alter: Andersten Adolf von 61 Jahren, St. d'Amant 72, Cochrane 80, Deschappelles 67, Du- fresne Jean 64, Evans 82, Kolisch Jgnaz 52, Lewis 83, Köwenthal 66, Mackenzie 54, Morphy 47, Pausten Louis 59, Philidor 69, Staunton 64, Zukertort 46; so daß sich die durchschnittliche Lebensdauer derselben auf (966:15) 64 Jahre 5 Monate beläuft. Außerdem stehen noch folgende derzeit noch lebende berühmte Schachmeister in einem Alter: Bird von 65 Jahren, Blackburne 54, Lange 64, v. d. Lasa 78, de Riviöre 66, Rosenthal 59, Steinitz 60, Winawer 58. Aus dieser kurzen Zusammenstellung dürfte sich mit Sicherheit die Schlußfolgerung ziehen lassen, daß von einem Körper und Geist schädigenden Einfluß des Schachspieles, selbst bei ausschließlicher Beschäftigung mit demselben, wohl nicht die Rede sein kann. » N ormal-Festbericht, den modernen Festen auf den Leib geschnitten: Welch ein Wetter — blauer Himmel, Voll Erwartung — Groß' Gewimmel, Lange Züge — Aus dem Wagen Menschenmassen — Rennen, Jagen. Festcomits — Auf dem Platze Schöne Herren — Schnurrbart, Glatze. Bravo! Hurrah! — Hoch willkommen! Stolze Heimath — Nutz und Frommen > Zug zur Hütte — Blumenregen Alle Herzen — Warm entgegen. Auf zur Arbeit — Strammes Schaffen Händeklatschen — Großes Gaffen. PreiSvertheilung — Festjungsrauen. Lorbeerkränze — Kaum getrauen. Jubclstimmung — Gratuliren, Becherkreisen — Depeschiren. Große Reden — Freunde, Brüder Fest umarmen — Kommet wieder. Feuerwerke — Ehrenweine, Später Aufbruch — Schwanke Beine. Arger Kater — Bald genesen, Abschiedsküsse — Schön gewesen. Blätter melden — Vcm Profite? O bewahre — Deficite. Aimmelsscha» im Monat August. —X Merkur, Venus und Jupiter sind nicht sichtbar. Mars F nimmt etwas an Helligkeit zu, geht anfangs um 11 U., zuletzt um 9 U. 45 M. abdS. auf. Am 4. geht Mars gegen 11 U. unter der Mondsichel auf. - Saturn tz läuft in der Waage vorwärts, steht abds. am südwestlichen Himmel und geht zuletzt um 9 U. 30 M. unter. Am 14. steht er in der Nähe des Mondes. Vom 10.—13. findet ein Sternschnuppenfall aus dem Radianten im PerseuS statt. Die Sternschnuppen sind indessen vereinzelt 14 Tage vor- und nachher zu sehen, und der Radiant verschiebt sich parallel der Erdbahn. In den Morgenstunden des 9. August findet bet uns eine partielle Sonnenfinsterniß statt; der Anfang der Finsterniß ist jedoch nicht sichtbar, da die größte Finsterniß 4 U. 33 M. früh eintritt, das Ende 6 U. 23 M. und an diesem Tage die Sonne 6 U. 2 M. aufgeht. Die Zone der Totalität erstreckt sich von Norwegen über Sibirien nach Japan. " Am 23. findet eine partielle Mondsfinsterniß statt, die in Amerika, an den Küsten von Westeuropa und Westafrika sichtbar ist. Sie beginnt 6 U. 24 M. mgs. und hat eine Größe von 0,738 in Theilen des Monddurchmessers, ist aber in unserer Gegend nicht sichtbar, da der Mond an diesem Tage bereits 5U. 14 M. früh untergeht. « 62 , „Augsburger PostMung". Dinstag, den 28. Juli 1896 . Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lBorbefitzer vr. Max Huttler). Irauenyerz und Irauenrvatten. Lebensbild von Mary Dobson. (Fortsetzung und Schluß.) Dr. Günther hatte keine Erwiderung, verschrieb jedoch einige Rezepte, die er durch den kürzlich angenommenen Hausdiener besorgen ließ. Dann nahm er neben seiner Mutter Platz, erzählte ihr von Marie und den Kindern, welche er so wohl und glücklich wie immer angetroffen, und sie meinte einen wärmeren Klang als sonst in seinem Tone zu entdecken und konnte daher nicht unterlassen, ihn verschiedentlich forschend anzusehen. Auf seine Uhr blickend, gewahrte er, daß die neunte Stunde nahe war und er in eine ärztliche Versammlung gehen mußte, zu welcher er seine Anwesenheit zugesagt, was auch seine Mutter wußte. Er nahm nun einstweilen Abschied von ihr und bat sie, Christine, ihre langjährige Dienerin, an ihrer Seite bleiben zu lassen, und begab sich zu seinen Kollegen. Als er das Zimmer verlassen, blickte seine Mutter ihm gedankenvoll nach und sagte leise: „Sollte — sollte mein heißester Wunsch dennoch in Erfüllung gehen? — Aus seiner Bewunderung und hohen Achtung vor Marie ein wärmeres Gefühl für dieß edle Wesen entstanden sein? — Er erkennt in ihr die treueste Mutter seiner Kinder, die liebevollste, fürsor- gendste Tochter seiner Mutter, warum sollte er da in ihr nicht auch ein geliebtes Weib erkennen können, das nochmals ihn glücklich macht und sein jetzt so mühevolles, thätiges Leben verschönt? — Aber Marie?" unterbrach sich dann Frau Günther. „Würde sie ein solches Gefühl erwidern können oder wollen? — Albrecht's Persönlichkeit muß jedem weiblichen Auge gefallen", setzte sie dann mit einiger Genugthuung hinzu, „und sein Wesen und seine Stellung auch Marie Feldheim genügen können. Vielleicht auch —" hier war sie in ihrem Gedankengang durch den zurückkehrenden Hausdiener unterbrochen, welcher ihr Medicin brachte und von ihr den Auftrag erhielt, Christine zu schicken. Erst nach mehreren Stunden verließ Dr. Günther die Versammlung, welche sein ungetheiltes Interesse in Anspruch genommen und in der er das gefeierte Mitglied gewesen. Auf dem Rückwege theilweise von einigen Kollegen begleitet, fiel, sobald er allein durch die nächtlichen Straßen dahinging, der Gedanke an seine Mutter ihm schwer auf die Seele, und mit schnellen Schritten eilte er zu ihr zu kommen. Er fand sie in ihrem Schlafzimmer, ihr Zustand hatte sich nicht verändert, doch konnte auch die Medicin kaum gewirkt haben. Sie erkundigte sich nach der Versammlung, und er erzählte ihr von dieser, bei der auch einige fremde Aerzte gegenwärtig gewesen, die er am folgenden Tage im Krankenhause empfangen müsse. Seine nochmaligen, dringenden Vorstellungen, mehr Hülfe für dies Haushaltung zu nehmen, lehnte sie wiederum entschieden ab, und zwar mit der abermaligen Versicherung, in den nächsten Tagen hergestellt zu sein. Da es bereits spät geworden, wünschte er ihr eine gute Nacht, worauf sie ihn liebevoll und zugleich forschend anblickte und sagte: „Begieb auch Du Dich zur Ruhe, mein Sohn, deren nach allen Anstrengungen dieses Tages Du gewiß bedarfst —" Dr. Günther versprach seiner Mutter dieß zu thun, verließ sie, nachdem er der im Nebengemach weilenden Dienerin anempfohlen, ihn erforderlichen Falls zu wecken, und begab sich in sein Zimmer. Hier hielt er jedoch sein Versprechen nicht, sondern begann in demselben auf und ab zu wandern. Die Erkrankung seiner Mutter hatte die Sorge um sie in ihm wachgerufen, die er, so lange sie ruhig und rüstig gewesen, nicht gekannt, sie mußte Ruhe und Pflege haben, wie aber ihr die verschaffen, wenn sie jeder fremden Hülfe in der durch seine neue Stellung bedeutend schwieriger gewordenen Haushaltung zurückwies? — Rathlos und niedergeschlagen ging er hin und her, hielt endlich vor dem Bilde seiner verstorbenen Frau inne und sagte, es eine Weile betrachtend: „Wärest Du mir geblieben, Hedwig, ich hätte so schwere Sorgen nicht kennen gelernt, die mir um so drückender sind, da mein Beruf mich nach allen Seiten hin so ganz in Anspruch nimmt!" Wieder begann er seine Wanderung; aufgeregt wie er war, ward ihm das Herz immer schwerer, und er, der sonst so starke Mann, hatte das Gefühl als könne noch einmal ein schweres Unglück über ihn hereinbrechen. Da trat, erst in schwachen Umrissen, dann aber deutlicher, ein Bild vor seine Seele, das Bild einer edlen Frauengestalt, die während aller Jahre, wo er sie gekannt, mit ruhigem, klarem, kräftigem Geist, dennoch voll Milde und Güte gewaltet, und wohin sie sich gewandt, Friede und Wohlsein um sich her verbreitet. Seine ruhiger werdenden Gedanken verweilten bei diesem Bilde, 470 bei ihr, die er als die beste Tochter eines kranken Vaters kennen gelernt, dann wieder als die treueste Freundin, als den helfenden, tröstenden Engel bei seinem Familien- unglück gesehen, die jetzt die zärtlichste, fürsorglichste Mutter seiner Kinder geworden, welche, geleitet vom scharfen Blick, vom richtigen Gefühl der Kinder, sie mit derselben Innigkeit liebten, wie sie ihre leibliche Mutter geliebt. Und sollte sie, die so ganz die Begabung hatte den eigentlichen Beruf des Weibes zu erfüllen, nicht auch als liebende Gattin glücklich machen und glücklich werden können und wollen? — Dr. Günther's Züge nahmen nach und nach einen ruhigeren Ausdruck an, er trat nochmals vor das Bild seiner verstorbenen Frau, stand lange vor diesem, als halte er Zwiesprache mit der Verewigten, und als er sich endlich zur Ruhe begab, hatte er einen Entschluß gefaßt, den er so bald als möglich auszuführen gedachte. — XIX. Dr. Günther hatte schwere Morgenarbeit im Krankenhause gehabt, dann die Operation des Arbeiters, die er als eine gelungene betrachten konnte, und darauf die fremden Aerzte empfangen, welche sich die rühmlich bekannte Anstalt anzusehen wünschten. Als auch dieß geschehen, nahmen Alle ein am vorigen Abend verabredetes Mittagessen ein, er begleitete die Gäste nach dem Bahnhof und begab sich — es war bereits spät am Nachmittag des winterlichen Februartages — nach seiner Wohnung. Während des ganzen Tages hatte er seine Mutter nicht gesehen, auch nichts von ihr erfahren, was indeß im ein gutes Zeichen war, denn er hatte am Morgen ihm Hause die Anordnung zurückgelassen, ihn im Fall einer Verschlimmerung zu benachrichtigen, die er jedoch kaum befürchtete, da er sie durch den Schlaf gekräftigt gefunden. Bald hatte er das Haus und das Zimmer seiner Mutter erreicht. Sie lag wie am Tage zuvor sorglich in Kissen und Decken gehüllt auf dem Sopha, und als er nach gegenseitiger Begrüßung sich nach ihrem Befinden erkundigte, hatte sich dieß zu seiner Freude nicht verschlimmert, da sie auch durch den mehrstündigen Besuch ihrer Tochter einige Zerstreuung gehabt. An ihrer Seite Platz nehmend, fragte sie voll reger Theilnahme nach seinem Tagewerk. So weit er vermochte, entwarf er ihr ein Bild davon, dem sie voll Interesse lauschte und dabei im Stillen seine große Arbeitskraft bewunderte, erzählte ihr von einer neuen Consultation, die er für den nächsten Morgen angenommen, und ward nach einer Weile abgerufen. In seinem Arbeitszimmer fand er eine Frau mit ihrer kleinen Tochter. Das Kiud war gefallen und hatte sich eine Kopfwunde zugezogen, die er verband und der Mutter auftrug, ihn. falls es erforderlich sein sollte, am nächsten Morgen im Krankenhause aufzusuchen. Nachdem die Frau mit dem Kinde gegangen, hatte er einige Briefe zu erledigen, die er dem Hausdiener zur Besorgung übergab. Als er dann wieder bei seiner Mutter eintrat, sah sie, daß er zum Ausgehen gerüstet war und seine Züge einen ruhig entschlossenen, ungewöhnlich ernsten Ausdruck hatten. Ihn einige Augenblicke voll mütterlichen Stolzes betrachtend, sagte sie mit einem leisen Seufzer, denn sie hätte nach allen Anstrengungen des Tages ihn an dem kalten Winterabend gern daheim gewußt: „Du wirst wohl erst spät wiederkommen, mein Sohn?" „Nein, Mutter, das glaube ich nicht", erwiderte er mit unverändertem Ernst, „und wenn Du Dich darnach befindest, so erwarte mich hier!" „Willst Du auch zu Reichardt's gehen?" fuhr sie fort. „Ich kann es Dir nicht versprechen, Mutter", antwortete er. „Geschieht es nicht, so will sie morgen besuchen — hast Du sonst noch irgend einen Auftrag für mich?" „Ich hätte wohl einen, doch Du wirst ihn diesen Abend nicht mehr ausführen können, und es hat auch Zeit bis morgen damit", entgegnete Frau Günther. „Ich möchte Fräulein Feldheim und die Kinder gern sehen, die schon seit mehreren Tagen nicht hier gewesen sind!" „Wir haben schlechtes Wetter gehabt, Mutter", erwiderte ausweichend ihr Sohn. „Doch nun einstweilen, auf Wiedersehen, möglicherweise bin ich schon in einer Stunde wieder hier", und einen freundlicher Gruß erzwingend, verließ er sie, während ihm nachdenklich nachblickend sie leise sagte: „Er ist seit gestern mir vollkommen unverständlich, und gewiß beschäftigt ihn irgend eine wichtige Sache, die mit seinem Beruf nicht in Verbindung steht! — Möge, wenn er selbst es wünscht, sie ihm gelingen und ihm wie uns Allen Glück und Freude bringen!" Dr. Günther schritt auf dem ihm wohlbekannten Wege dahin, achtlos des prächtigen Winterabends, an dem der am Tage reichlich gefallene Schnee unter seinen Füßen knisterte, des Mondes, der klar und hell mit den funkelnden Sternen am tiefblauen Abendhimmel glänzte, wie auch des scharfen Ostwindes, der ihn umwehte. Seine Gedanken waren gänzlich von seinem Vorhaben in Anspruch genommen, und in kurzer Zeit hatte er sein Ziel erreicht. Die Gartenpforte öffnend und schließend, schritt er weiter, schellte bald an der Hausthüre, und diese ward ihm durch den ihn einigermaßen erstaunt anblickenden Johann, denn die achte Stunde war nicht fern, geöffnet. Auf seine Frage, ob Fräulein Feldheim zu Hause und allein sei, antwortete dieser bejahend, und nach scharfem Klopfen, der Antwort einer hellen, klangvollen Stimme trat er bei der ihn ebenfalls einigermaßen erstaunt anblickenden Marie ein, welche mit Lesen beschäftigt gewesen. Nach gegenseitiger Begrüßung sagte er mit sichtlicher, ungewohnter Erregung: „Verzeihen Sie, Fräulein Feldheim, diesen späten Besuch, ich komme indeß in einer besonderen Veranlassung !" „Es hat sich doch bei Ihnen nichts Außergewöhnliches zugetragen, Herr Doktor?" fragte sie schnell und besorgt. „Beruhigen Sie sich, Fräulein Feldheim", antwortete er ernst. „Meine Mutter ist allerdings etwas leidend, doch wird sich ihr Zustand bald bessern!" „Es thut mir leid, dieß nicht gewußt zu haben, ich hätte sie sonst diesen Nachmittag besucht, das heißt des scharfen Ostwindes wegen aber allein." „Sie sehnt sich nach Ihnen und den Kindern", entgegnete Dr. Günther, sie gewiß unbewußt mit einem wärmeren Blick ansehend. „Wir müssen morgen zu ihr gehen oder fahren." „Ja, morgen, Fräulein Feldheim, oder Sie gehen auch nicht — vielleicht nie wieder - —" Marie blickte ihn befremdet an, aber jeder Bemerkung zuvorkommend, fuhr er schnell fort: 471 „Fräulein Feldheim, Sie werden mich sogleich verstehen, und ich bitte Sie dringend mir ein kurzes Gehör zu gewähren, denn nur deshalb bin ich noch zu so später Stunde gekommen I" „Herr Doktor, Sie setzen mich immer mehr in Erstaunen und ängstigen mich ebenfalls", erwiderte Marie mit einiger Erregung. „Sagen Sie was ich erfahren soll und muß, es darf, wie Sie wissen, auch das Schlimmste sein, ohne mich außer Fassung zu bringen." „Nun wohl, Fräulein Feldheim, so will ich sprechen, und ich ersuche Sie, mich ruhig anzuhören", antwortete Dr. Günther nach momentaner Pause. „Ein Mann, der seit Jahren Sie als die edelste, aufopferndste Ihres Geschlechtes kennen gelernt, dessen Dankbarkeit Ihnen gegenüber nie enden kann, dieser Mann, der sich wieder nach einem häuslichen Glück sehnt, welches er seinem ganzen Umfange nach gekannt und ein furchtbares Geschick ihm entrissen, fragt an, ob Sie ihm dieß Glück gewähren können und wollen, ihm ein theures, geliebtes Weib, die Genossin seines Lebens sein und damit die Mutter seiner Kinder werden, deren Liebe Sie schon im vollstem Maße besitzen?" In Mariens Herz wallte es heiß auf; ihr war die Liebe dessen geworden, dem so lange still verborgen die ihrige schon gehört, dennoch aber unterdrückte sie gewaltsam das beseligende Gefühl und sagte langsam und mit abgewandtem Gesicht: „Und Hedwig?" „Hedwig", erwiderte er mit tiefer, bewegter Stimme, „deren Liebe den jungen Mann so unendlich beglückt, deren seliger Geist in den lichten Höhen, in denen er jetzt wandelt, klar und ungetrübt sieht, Hedwig wird sich unserer Liebe freuen und unsern Bund segnen, der auch ihren Kindern eine treue, liebevolle Mutter giebt. Welche Antwort habe ich nach dieser Erklärung von Ihnen zu erwarten?" Marie richtete ihre tiefblauen, ausdrucksvollen Augen auf die seinen, und es strahlte ihm ein kleiner Theil ihrer Liebe entgegen. Zugleich reichte sie ihm ihre Hand, und diese fest mit der seinen umfassend, drückte er sie wiederholt an seine Lippen, schloß seine Braut an seine Brust, und Beide standen einige Augenblicke in tiefer Bewegung da. Das Schweigen unterbrechend, sagte er mit unsicherer Stimme: „Marie, mein stetes Streben wird sein, Dir als mein Weib mit reicher Liebe zu vergelten zu suchen, was in Deiner Hochherzigkeit und Deinem Edelsinn Du für mich und die Meinen gethan und, wie ich Dich kenne, immer thun wirst I" Einen Augenblick kämpfte Marie mit einem Entschluß, dann war er gefaßt und sie erwiderte: „Albrecht, Du und die Deinen, Ihr habt das meiner Hochherzigkeit und meinem Edelsinn zugeschrieben, was einen ganz andern Beweggrund hatte, den Du erfahren sollst und mußt, und damit ein Geheimniß meines Lebens, das indeß nur für Dich als meinen künftigen Gatten und für mich ist und, wenn diese Stunde nicht gekommen, mit mir begraben worden wäre. Du wirst es bewahren —" „Ein Geheimniß Deines Lebens ist jetzt auch das meinige, Marie, ich nehme es ohne Bedenken auf mich und gelobe Dir, es heilig zu halten!" antwortete Dr. Günther. „Habe Dank, Albrecht", entgegnete seine Braut und lehnte sich fester an die hohe stattliche Gestalt, die der Schutz und Schirm ihres künftigen Lebens werden sollte. Dann sich mit ihm im Sopha niederlassend, fuhr sie fort: „Was Du auch hören wirst, Albrecht, unterbrich mich nicht, damit ich meine Mittheilungen schnell beenden kann l — Als vor Jahren ich mit meinem Vater in Halle war und er von einem Assistenzarzt des Professors S. behandelt ward, welcher ihm außerdem viele freundliche Aufmerksamkeiten erwies, lernte mein Herz diesen jungen Arzt lieben" — hier fühlte Marie die Gestalt ihres Verlobten erbeben und die Hand zucken, welche die ihrige umfaßt hielt — „in der thörichten Hoffnung, daß auch sein Herz sich mir weihen könne. Ich verwahrte die Blumen und Sträußchen, die er gelegentlich meinem Vater brachte, trocknete sie und nahm sie mit als wir nach Wochen abreisten. Nach anderthalb Jahren berief auf die Empfehlung des Professors mein kranker Vater diesen Arzt, der mittlerweile hier in seiner Vaterstadt ansässig geworden, zu sich, und schon seine ersten Worte ließen wich erkennen, daß er sich unserer von Halle her nicht mehr erinnerte, meine Liebe also, die noch in meinem Herzen lebte, keine Erwiderung gefunden. Als an dem Abend seines ersten Besuches ich mich in mein Zimmer begeben, nahm ich die getrockneten Blumen und Sträuße aus dem Schreibtisch hervor, in welchem ich sie noch immer verwahrt, legte sie auf die glimmende Kohlen- gluth, daß sie hoch aufloderte, und gab damit meine Liebe auf, in der Ueberzeugung, daß Eine, die schöner und jünger als ich war, das Herz des Arztes gewonnen!" Dr. Günther unterbrach seine Braut nicht, umfaßte sie aber fester und drückte ihre Hand voll inniger Zärtlichkeit. „Schon nach einigen Monaten starb mein Vater, und sein Arzt und ich, wir standen an seinem Todten- bette. Bald nach seiner Beerdigung erhielt ich die Verlobungsanzeige dieses Arztes, und mein höchster Wunsch war, seine Braut zu sehen. Ich erfuhr, wie und wo das Brautpaar sich kennen gelernt, und wußte nun, daß, als er in Halle meinen Vater behandelt, sein Herz bereits nicht mehr ihm gehört. Er stellte mir seine Braut vor; sie war jung, reizend und glückstrahlend, während aus seinen Augen die innigste Liebe zu ihr leuchtete. Als sie gegangen, war ich in nie gekannter Aufregung, ich wollte sie hassen, weil sie sein Herz gewonnen, während das meine vergeblich für ihn geschlagen, und wollte Beide nie wieder sehen. Diese schwand, mir kamen bessere Gedanken, und als ich darauf die Mutter und Schwester des Arztes kennen lernte, da war jeder Haß verschwunden, und ich wünschte ihm und seiner Braut das Glück, dessen sie selbst theilhaftig zu werden hofften. Nach einiger Zeit ging ich auf Reisen, erfuhr im Herbst in Baden, daß die Hochzeit des jungen Paares stattgefunden, und in meinem Herzen wallte noch einmal der alte Schmerz auf. Ich brachte ihn jedoch zum Schweigen, wünschte dem Ehepaar Glück, gelobte mir dieß Glück nach Kräften zu befördern, und ich — ich — —" Von ihrer Bewegung überwältigt, hielt Marie inne, ebenso bewegt drückte Dr. Günther einen innigen Kuß auf ihre Lippen — auf ihre Stirn und sagte leise: „Und wie hast Du Wort gehalten, Marie, edles, hochherziges Wesen, das Du dennoch bist, und niemals, niemals im Leben kann ich Dir Deine Liebe genügsam vergelten. Ich gelobe Dir nochmals, Dich so glücklich zu machen, wie es nur in meinen Kräften steht —" 472 „Bin ich jetzt nicht schon glücklich genug, Albrecht?" unterbrach Marie, ihn durch Thränen ansehend. „Mit Deiner Liebe giebst Du mir so viel — die Kinder, die nun mein Eigen sind, Deine liebe, theure Mutter — doch sagtest Du nicht, sie sei krank?" und schnell richtete sie sich an seiner Brust auf. „Meine Mittheilung wird sie gesund machen, Theure", erwiderte Dr. Günther mit freudiger Bewegung. „Und da sie mir versprochen, mich erwarten zu wollen, muß sie dieselbe auch so bald wie möglich erfahren!" Frau Günther hatte schon lange auf ihren Sohn gewartet, der, endlich heimkehrend, schnell das Wohnzimmer betrat, in welchem sie noch auf dem Sopha ruhte. Ihn anblickend, gewahrte sie eine große Veränderung in seinen Gestchtszügen, und nach gegenseitiger Begrüßung sagte er mit sichtlicher Bewegung: „Mutter, ich bringe Dir eine gute Nachricht —" „Was könnte das sein, mein Sohn?" fragte Frau Günther, sich höher aufrichtend. „Ich habe mich verlobt —" „Verlobt — Du? — Und mit wem?" „Mit Marie Feldheim, Mutter —" „Mit Marie Feldheim?" wiederholte langsam Frau Günther, und von einem lichten Glanz umgeben stand vor ihrem geistigen Auge das schöne Zukunftsbild als noch schönere Wirklichkeit. „Albrecht, dadurch ist mein innigster Wunsch erfüllt, und Gottes bester Segen mit Dir und Deiner Braut!" Sie reichte ihm ihre Hand, auf die er mit seinem Dank seine Lippen drückte, und sie fuhr fort: „Wann werde ich sie sehen, um sie als meine Tochter zu begrüßen?" „Morgen Nachmittag, wenn Du Dich wohl genug fühlst. Ich werde bei Marie und den Kindern essen, die von mir erfahren müssen, daß ich ihnen eine Mutter wiedergebe, und darnach kommen wir hierher. Gleich morgen früh will ich zu Reichardt's gehen, sie von meiner Verlobung in Kenntniß setzen und sie bitten hierher zu kommen. Falls Du mit diesen Anordnungen, die Marie getroffen, nicht einverstanden bist — — —" „Laß Alles, wie sie es bestimmt, Albrecht", rief eifrig Frau Günther, deren Krankheit plötzlich gehoben zu sein schien, „ich füge mich ihrem Schalten und Walten gern, hat sie doch stets das Richtige und Beste getroffen und gethan! — Doch nun erzähle mir, wie Alles gekommen. Denn die Aufregung würde uns doch nicht schlafen lassen!" — — Am folgenden Nachmittag ruhte Frau Günther, nur von einem Kissen unterstützt und in eine weiche Sammetdecke — Mariens letztes Weihnachtsgeschenk — gehüllt, auf dem Sopha. Ihr zur Seite saß Herr Reichardt, während Bertha geschäftig hin und her ging. Auf allen Gesichtern lag Freude und Erwartung, und bedeutungsvoll, nur ihnen verständlich, sahen sich zuweilen Mutter und Tochter an. Dann kam ein Wagen — er hielt.— Bertha und ihr Gatte gingen durch das Vorzimmer aus den Flur um das Brautpaar zu begrüßen, durch dasselbe aber eilten, kaum sie sehend, Hugo und Marga ins Wohnzimmer, hielten in ihren Händen einen verdeckten Korb und riefen ohne jeglichen Gruß: „Großmama — Großmama, Tante Marie wird schon bald Papa seine Frau und unsere Mama, Papa hat es uns diesen Mittag gesagt!" Frau Günther sah sie lächelnd an, und dieß gewahrend, sagte ihre kleine Enkelin: „Es ist gewiß wahr, Großmama-" „Ja, und wir bleiben Alle in Tante Marien's Hause, Papa auch und Du, Großmama, mit Christine und dem neuen Johann, denn der alte will sich mit Kathrine verheirathen", fügte fast außer Athem Hugo hinzu. Frau Günther lauschte mit glücklichem Lächeln und blickte zugleich erwartungsvoll nach der Thür, die wiederum geöffnet ward und durch die ihr Sohn und seine Braut, gefolgt von Reichardt's, erschienen. Erstere traten an ihre Seite, und mit bewegter Stimme begann Dr. Günther: „Mutter, hier bringe ich Dir Deine Tochter —." Frau Günther, welche sich vom Sopha erhoben, reichte ihnen ihre Hände entgegen und zog Beide an ihre Brust. Dann sprach sie ebenfalls tiefbewegt: „Marie, ich brauche Dich nicht erst als Tochter willkommen zu heißen, denn Du mußt es gefühlt haben, daß ich Dir stets die ganze Liebe einer Mutter entgegengebracht!" „Ja, Mutter", entgegnete mit thränenfeuchten Augen Marie, „und ich bin Dir in meinem Herzen dankbar dafür gewesen. Als Deine Tochter kann ich sie Dir vergelten und werde es gewiß nach Kräften thun!" Die Kinder hatten sich jetzt ihres Korbes erinnert, und ihn mit Aufbietung ihrer gemeinsamen Kräfte auf Frau Günther hinhaltend, sagten sie: „Das haben wir diesen Morgen mit Tante Marie eingepackt und Dir mitgebracht, Großmama. Du mußt Alles bald essen, damit Du schnell wieder gesund wirst und wir Dich im Wagen abholen können!" Frau Günther küßte lächelnd ihre Enkel und versprach, ihren Wunsch zu erfüllen, diese aber hatten rechtzeitig die bewegte Stimmung unterbrochen, an deren Stelle eine ruhig heitere trat, und nochmals auf dem Sopha ruhend, blickte sie immer wieder auf ihren Sohn und Marie, in deren Augen und Zügen der Ausdruck stillen, großen Glückes lag. Ende. -» -z- 4- »- Die Parfumeriesabrikation in Grosse. *) Von Dr. Gustav Zacher-Hamburg. Die Kunst der Parfumbereitung ist uralt, und wie bei alten Fabrikationsmethoden überhaupt, z. B. auch der des Glases, vererben sich die Kenntnisse und Kunstgriffe des Handwerks fast unverändert von einem Geschlecht zum anderen. Selbst die großartigen Fortschritte der Chemie in unserem Zeitalter haben die Darstellung mancher Erzeugnisse, die fast tagtäglich dem menschlichen Gebrauche dienen müssen, gar nicht oder nur unwesentlich beeinflußt. Allerdings hat die chemische Synthese uns in den Stand gesetzt, aus dem Gebiete der Parfumbereitung manche Wohlgerüchc, deren Gewinnung und Conservirung auf längere Zeit bei der Verwendung der von der Natur gelieferten Rohmaterialien äußerst zeit- *) Wir entnehmen den oben stehenden interessanten Artikel der Zeitschrist „Prometheus", jener von Dr. Otto N. Witk in Charlottenburg herausgegebenen illustrirten Wochenschrift, welche sich mit bestem Erfolge bestrebt, weitere Kreise über alle Fort- schritte auf dem Gebiete der Industrie, des Gewerbes und der Wissenschaft aus dem Laufenden zu erhalten. W 474 raubend war und bei dem selteneren Vorkommen einzelner Parfumpflanzen oder -Träger auch sehr kostspielig sich stellte, in beliebiger Menge und verhältnißmäßig bedeutend billiger künstlich herzustellen; wenn man trotzdem zur Herstellung einer großen Anzahl und gerade der feinsten Parfums auch heute noch die Benützung der natür- lichen Quellen derselben, der Blumen, bevorzugt, so liegt das daran, daß wir noch lange nicht alle in der Natur vorkommenden Wohlgerüche künstlich auf chemischsynthetischem Wege darstellen können. Da das Thierreich und das Mineralreich nur verschwindend wenige aromatische Stoffe erzeugen, sehen wir uns bei der Parfumeriefabrikation hauptsächlich aus das Pflanzenreich angewiesen, das uns dafür aber auch eine fast unbegrenzte Leiter von Wohlgerüchen der verschiedensten Arten liefert. Aromatische Stoffe enthält fast jedes Gewächs, und ztvar oft in seinen verschiedenen Theilen wie Wurzel, Stengel, Blüthen, Blättern und Früchten wesentlich verschiedene. Doch spielen bei der Parfum- Fabrikation die Blüthen der Pflanzen die erste Rolle, und gerade bei der Gewinnung der Parfums aus den Blüthen oder, besser gesagt, den Blumenblättern hält man noch heute die seit Alters her bewährten Wege fast unverändert ein, wenn man natürlich auch, wo es angängig, die Hilfsmittel der modernen Chemie und Technik durchaus nicht verschmähte. Diese conservative widerlegende Vorurtheil mit, daß nur die unter einem milden, südlichen Himmel gedeihenden Blumen das zur Par'umbereituug passende und sie lohnende Aroma in vollem Maße besäßen, so daß man z. B. in Deutschland, das in der Reihe der Parfums verarbeitenden Länder Die Kunsthalle. Seite der heutigen Parfumfabrikation äußert sich ferner auch noch darin, daß sich der Kreis derjenigen Pflanzen, die man bei derselben verwendet und der ein ziemlich eng gezogener war, durch die Verwendung bisher nicht benutzter Gewächse nur unwesentlich erweitert hat. Dabei wirkte übrigens auch das wie alle anderen schwer zu Das Weinhaus. eine der ersten Stellen einnimmt, erst in den letzten Jahrzehnten ernstliche Versuche gemacht hat, auch den Duft unserer zahlreichen, gewürzhaft riechenden, einheimischen Blumen in das Bereich der Parfumfabrikation einzubeziehen. Diese Thatsache ist um so auffallender, wenn man bedenkt, daß z. B. der Duft unseres bescheidenen nordischen Veilchens anerkanntermaßen für bedeutend zarter und feiner gilt, als der seines prunkhaften südländischen Verwandten. , Allerdings wird man einwenden Q hören, daß unser Klima für Blumenculturen im Großen, wie sie an der Riviera betrieben werden, nicht geeignet sei. Dieses ist aber auch wieder nur ein ganz unbegründetes Vorurtheil, da es sich durchaus nicht einsehen läßt, warum bei uns seit jeher oder doch schon seit Jahrhunderten einheimische Pflanzen nicht ebenso gut im Großen wie im Kleinen cultivirt werden könnten, und die in der Umgebung Leipzig's vor mehreren Jahren von einer dortigen Firma unternommenen Versuche, Rosen behufs Gewinnung von Rosenöl im Großen zu ziehen, haben jenes Vorurtheil durch den dabei erzielten praktischen Erfolg glänzend widerlegt. Mißerfolge können derartige Versuche, die schon aus nationalökonomischen Gründen durchaus zu befürworten.^und zu unterstützen wären, jedenfalls nur dann haben, falls man Züchtungsversuche mit Pflanzen unternimmt , die unser Klima in seinen oft bedeutenden Schwankungen nicht vertragen, oder falls man glaubt, das im Süden erprobte und bewährte Anbauverfahren ganz unverändert auf unseren Himmelsstrich und aus 475 unsere Heimathspflanzen übertragen zu dürfen. Auch hier müssen Zeit und Erfahrung den Lehrmeister machen, was ohne Aufwand an Arbeit, Zeit und Geld natürlich nicht abgehen wird. Jedenfalls sind wir aber überzeugt, daß gewisse Parfums sich in unserem deutschen Vaterlande ebenso gut und auch in beliebiger Menge und nicht theurer werden herstellen lassen wie im Süden, in Italien und Frankreich, wodurch selbstverständlich unsere ganze Parfumfabrikation dem Auslande gegenüber wesentlich an Selbstständigkeit und Konkurrenzfähigkeit gewiunen würde, ganz abgesehen davon, daß die heute nach Italien, Frankreich, der Türkei u. s. w. wandernden Geldsummen den nationalen Wohlstand erhalten helfen und zum großen Theile unserer arbeitenden Bevölkerung zu Gute kommen würden. Ebenso unterliegt es keinem Zweifel, daß unsere Parfumfabriken genau ebenso gut die verschiedenen Parfumpomaden aus den von ihnen selbst cultivirten Blumen darstellen könnten wie die Fabriken an der Riviera und in Südfrankreich, und dabei hätten sie außerdem noch die Bürgschaft, wirklich unverfälschte, reine Waare zu erhalten, was gerade bei der aus dem Auslande bezogenen Handelswaare in Folge der schwierigen Controle durchaus nicht immer derFall ist. Um nun den Lesern eine genaue Vorstellung davon zu verschaffen, in welcher Weise die Gewinnung der aromatischen Stoffe in den Parfumerie- Fabriken Italiens und Frankreichs vor sich geht, wollen wir im Folgenden mit ihm einen Gang durch eine solche in dem französischen Orte Grasse antreten, auf dem er uns freundlichst begleiten mag. Das bei Cannes im Departement der Seealpen gelegene, sonst wohl kaum bekannte Städtchen Grasse liegt an der so überaus herrlichen Riviera, 3 Meilen vom Meere entfernt, am Südabhange eines Ausläufers der oben genannten Alpenkette. Historisch merkwürdig ist dieser Gebirgsausläufer durch die Revue, die Napoleon 1. hier nach seiner Rückkehr von Elba im Jahre 1815 aus dem Plateau desselben hielt. Zwei hochragende dunkle Pinien bezeichnen noch heute diesen denkwürdigen Platz. Durch diesen Bergzug wird der kalte Nordwind vollständig von dem Thale abgehalten, das in seiner Tiefe das von Olivenbäumen, Orangehaiuen und Blumenfeldern rings umgebene, etwa 14,000 Seelen zählende Städtchen Grasse birgt. Nur nach Süden öffnet sich die Gebirgs- einsenkung, und so hat hier die Natur selbst ein großartiges Treibhaus eingerichtet, und mit viel größerem Rechte als die blühende Touraine kann die Umgebung von Grasse auf den Namen eines „Gartens Frankreichs" Anspruch erheben. Besonders in dem durchsichtigen, leuchtenden Mondschein, wie er den Nächten des Südens fast ausschließlich eigen ist, scheint diese Landschaft mit ihren sanft im Seewinde ihr stolzes Haupt wiegenden Palmen, den Myriaden von Glühwürmchen, die' wie goldene Pünktchen die bunten Riesenteppiche der weit ausgedehnten Blumenfelder durchwirken, dem ferneher tönenden schmelzenden Gesänge der Nachtigall uns in ein fernes Feenland zu versetzen. So poetisch dieser Anblick jedes Gemüth stimmen mag, ebenso nüchtern und abstoßend muß der Besuch der Stadt selbst auf uns einwirken. Ganz Grasse scheint durch sein Aeußeres und ebenso durch sein Inneres, hier vielleicht in noch höherem Grade als dort, es geradezu darauf angelegt zu haben, uns aus jenen Träumen von einem Feenlande energisch herauszureißen, und unter den an und für sich schon nicht im Rufe der Sauberkeit stehenden südlichen Städtchen behauptet Grasse unbestritten > einen der wenig beneidenswerthen ersten Plätze. Das ganze Städtchen besteht nur aus einem Durcheinander von schmutzigen, übel riechenden Gäßchen, Höschen, Treppen und Durchgängen, wie selbst die verwegenste Phantasie es sich unheimlicher und abstoßender nicht ausmalen kann. Wären nicht die freundlichen, heiteren und zuvorkommenden Einwohner da, so könnte man fast auf die Vermuthung kommen, daß dieses Städtchen der liebe Herrgott in seinem Zorne geschaffen habe, und wenn man dann bedenkt, daß hier die später alle Welt mit ihrem entzückendenDuste erquickenden Wohlgerücheihren Ursprung nehmen, so kann man wohl mit vollster Ueberzeugung den Satz unterschreiben: Die Extreme berühren sich. Neben Grasse wird die Blumeucultur im Großen noch in den Umgebungen von Cannes, Nizza und Nimes getrieben, und wenn auch nur 7 Blumen hauptsächlich im Großen gezüchtet werden, so hat doch jede derselben, je nach der Bodenbeschaffeuheit der Umgebung dieser Städtchen, ihren besonderen Verbreitungsbezirk, wo dieselbe in untadelhafter Qualität und als Specialität gebaut wird. L-o erzeugt Grasse hauptsächliche Akazien-, Jasmin- und Orangenblüthen, Rosen und Tuberosen, Nizza Veilchen und Reseda, die besser auf etwas gebirgiger Höhe gedeihen, während der Anbau von Thymian, Rosmarin und anderen gewürzigen Kräutern sich auf die Umgebung von Nimes conceutrirt. Nebenbei sei noch bemerkt, daß Citronen-, Bergamotte- und Orangen-Oel aus Süditalien, Lavendel- und Pfefferminzöl aus England bezogen werden, während das kostbare Rosenöl, meistens aber schon verfälscht, der Orient und die europäische Türkei liefern. Auf die mit der Gewinnung von Rosenöl in Deutschland gemachten Versuche wurde schon oben hingewiesen. (Schluß folgt.) Das Armeemuseum. Die Bayerische Landesausstellung zu Nürnberg. Mit Illustrationen.) Die Sehenswürdigkeiten von Nürnberg sind in diesem Jahre um eine vorübergehende vermehrt worden, wir meinen die Bayerische Landes-Jndustrie-, Gewerbe- und Kunstausstellung, die sich eines außerordentlich regen Besuches zu erfreuen hat und diesen in der That verdient. Mag uns der Leser auf einem kurzen Gang durch die Ausstellung folgen. Schon die Eingänge machen einen freundlichen Eindruck; die weißen Portale heben sich prächtig von dem dunkelgrünen Hintergrund ab, den der städtische Hauptpark bildet. Diesen Park durchschreiten wir zuerst auf schattigen, von hundertjährigen Kastanien- und Ltndenbäumen eingesäumten Wegen. Wir kommen auch am Rosengarten vorbei, der von mächtigen Bäumen und üppigem Strauchwerk umrahmt ist; er steht in voller Blüthe, unbeschreiblicher Duft entströmt den ungezählten Tausenden von Rosen, die in zartestem Weiß und CrSme, im duftigsten Rosa bis zum feurigsten und dunkelsten Noth schimmern. Hier und dort taucht zwischen den Bäumen eine anscheinend aus zierlichem Gitterwerk gebildete Kuppel vor unsern Augen auf. Schließlich gelangen wir in eine Statuenallee; wir befinden uns dem Jndustriegebäude gegenüber. Der erste Blick fällt über eine lustig sprudelnde Fontäne und sorgfältig gepflegte, geschmackvolle gärtnerische Anlagen hinweg auf oas monumentale Eingangsportal, das von einem luftigen Thurm und einer durchbrochenen Kuppel gekrönt wird. Hier ist eine reizende Farbenzusammenstellung bemerkbar. DaS Portal und der Thurm sind, wie alle andern Bauten, weiß gehalten, nur bet Ersterem kam etwas Gold für Inschriften, Wappen und Medaillons zur Verwendung; die Farbe des Gitterwerks der Kuppel ist golden und mattgrün. Ueberlebensgroße allegorische Gruppen, von hervorragenden Künstlern modellirt, zieren das Portal. Nachdem wir es durchschritten haben, gelangen wir in eine etwa 24 Mtr. breite und 150 Mtr. lange Wandelhalle, deren Inhalt aus einigen Obelisken, einer Fontäne, grünem Gesträuch, Blumen, Rasengärtchen und Bänken besteht. Links und rechts von diesem Wandelgang zweigen die Hallen ab, die den acht Kreisen des Königreichs zur Ausstellung der Producte ihrer Industrien und des Bodens eingeräumt sind. Die Haupteingänge zu den einzelnen Kreisabtheilungen sind künstlerisch ausgeführte Portale; bet verschiedenen derselben gelangte die Haupteigenart des zugehörigen Kreises symbolisch zur Darstellung. Die territoriale Eintheilung, an Stelle der gruppenweise«, hat ohne Zweifel einen verstärkten Wettbewerb zwischen den einzelnen Kreisen und eine reichere Beschickung der Ausstellung zur Folge gehabt, da der kleinere Gewerbetreibende nicht zu fürchten brauchte, von der Masse der größer« Concurrenten erdrückt zu werden. Die Fayade des Hauptgebäudes bilden, wie wir in der Abbildung sehen, Säulengalerien, die sich zu beiden Seiten des Portals hinziehen und an den Flügeln vorbiegen; gekuppelte Pylonen schließen sie ab. Die Fortsetzung des rechten Flügels führt uns zum Gebäude der staatlichen Anstalten, des Unterrichts und Verkehrs. Parallel zu diesem Bau liegt die Maschinenhalle. Die reichhaltigen Collectionen auf allen Industriegebieten legen ein glänzendes Zeugniß von der Leistungsfähigkeit und Kunstfertigkeit des Bayernlandes ab. (Schluß folgt.) --««Lies—- Allerlei. Neue Erfindung, v. Stumpfwitz: „Haben Sie schon von der neuesten elektrischen Erfindung gehört? Man kann jetzt telegraphiren ohne Leitungsdraht I" v. Pumpwitz: „Alte Geschichte I Immer, wenn ich keinen Draht habe, telegraphire ich an meinen Vater I" Zerstreut. Dienstmädchen: „Herr Professor, soeben ist ein Stammhalter angekommen." — Professor: „Schön! Man gebe dem Dien st mann ein gutes Trinkgeld!" --ss-sr-es-- Wie die Men jungen, so zwitschern die Jungen. „He, Werner!" rief des Schloßhcrrn Kind Mit reiner, frischer Mädchenstimme; „Sei wieder lieb, komm' her geschwind" — Wie lachte schelmisch da der Schlimme! Und von der Stirne blüthenweiß Strich Werner sich die Locken eilig; „Nicht beugt mich", sprach er, „sremd' Geheiß, Nur eig'nen Willen acht' ich heilig. Gehorsam ist des Weibes Pflicht, Dem freien Manne ziemt er nicht!" Schön Hildchen war mit Recht empört; „Ei!" rief sie, „solchen Trotz zu wagen! Nein, dieses Wort ist unerhört — Wer wollte da von Bildung sagen? Ist dies der Fortschritt uni'rer Zeit, Daß Männerstolz sich maßlos brüstet, DeS WeibeS Würde steck entweiht Und gegen Pflicht und Brauch sich rüstet? Verachtung sei hinfort Dein Lohn!"- Sie wandte sich und ging davon. Maximilian Dnrsch. -. 4 v -, ->- Schachaufgabe. Schwarz. ^ 8 0 v 8 ? U Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt Auflösung der Schach-Aufgabe in Nr. 60: Weiß. Schwarz. 1. K. 84—04 beliebig. 2. D. oder K. durch Abzugsschach Matt. --SWZS-- ri >> O «l 63. Areitag, den 31. Juli 1896. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). Ein furchtbares Geheimniß. Dem amerikanischen Originale der MrS. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. - (Nachdruck verboten.! Erstes Buch. 1. Kapitel. Bräutigam und Braut. Zitternd spielte des Feuers Schein auf dem blauen, liliendmchzogenen Teppich, auf den weißen Möbeln, den goldverzierten Tapeten. Blausetdene Gardinen verhüllten die Fenster. Auf dem geöffneten Piano liegen Musikalien zerstreut, und vor demselben steht ein schönes, zürnendes Mädchen, Jnez Chateron. ES war am 29. August, ein Tag, dessen sich Miß Chateron lebenslang erinnerte. In den großen Sälen von Chateron Royals ist eS kalt; selbst wenn die Augustsonne glüht, so flackert auch letzt das Feuer lustig in dem Kamin. Mit gefalteten Brauen blickte die junge Dame vor sich hin, ein schlankes, dunkles Mädchen von etwa neunzehn Jahren, Sir Victor Chaterons verlobte Braut. Er war ein begünstigtes Glückskind, jung, schön, gesund, mit eine« jährlichen Einkommen von zwanzig- tausend Pfund. Jnez liebte den Bräutigam mit all der Gluth ihres südlichen Blutes. Bon der Mutter, einer Castilierin, hatte sie den spanischen Namen, die dunkle Schönheit, das heiße, überwallende Herz. In eine« Monat soll sie vermählt werden; und doch jetzt, wo die Nacht hereinbricht, der Wind in die Bäume heult und die Zweige der großen Ulme gespenstisch an die Scheiben pochen, steht sie da, voll zürnender Ungeduld. Als sie zehn Jahre zählte, folgte ihr englischer Vater der Mutter ins Grab. Jnez kam nach Chaterons Noyals und herrschte seitdem dort mit ihrem aufbrausenden Temperament. Sie kam nicht allein. Ihr einziger Bruder Juan, ein großer zwölfjähriger Junge mit blauschwarzem Haar, wild glitzernden Augen und diabolisch schönen Zügen, begleitete sie. Er blieb nicht lange. Zur Freude der ganzen Umgebung war er so plötzlich, wie er erschienen, auch verschwunden und seit Jahren nicht mehr gesehen. Passend und mit Vorliebe nennt sie ihr Bräutigam ^eine maurische Prinzessin". Wie sie so dasteht in dem schleppenden, rothseidenen Gewände, dem funkelnden Rubin- kreuze auf der Brust, scheint wildes Feuer von ihr auszustrahlen. DaS große Haus ist still wie das Grab. Draußen stürmt der Wind und schleudert schwere Tropfen gegen die Scheiben, innen macht sich nur das leise Knistern des Feuers hörbar. Es schlägt sieben Uhr. Jnez richtet sich auf. „Sieben Uhr", flüsterte sie, „und um sechs Uhr sollte er da sein. Wie, wenn er mir trotzte und nicht käme?" Sie tritt an's Fenster, zieht die Gardinen zurück und blickt hinaus. Aber sie steht nichts, als das Schwanken der sturmgepeitschten Bäume. „Ob er es wohl wagt, mich zu trotzen?" Ihr Auge fällt auf zwei große Bilder, das eine eine sanfte, liebliche Frau, das andere ein lächelnder, blonder, blauäugiger Jüngling, Sir Victor Chateron und seine Mutter. „An Deinem Sterbebett versprach er auf den Knieen, mich zu lieben", wendete sie sich leidenschaftlich an Lady Chaterons Portrait, „er hüte sich, jetzt das Gelübde zu brechen l" Wie drohend hebt sie die juwelengeschmückte Hand empor. Da ertönt das langersehnte Geräusch nahender Wagenräder. Des Schlosses Gebieter kommt. Jnez steht bleich wie eine Marmorstatue; sie liebt ihn, Monatelang hatte sie sich nach seinem Anblick, dem Klänge seiner Stimme gesehnt, und nun kam er, ihr Geschick zu bestimmen. Der feste wohlbekannte Schritt näherte sich. Ihr Auge glüht, ihr Mund öffnet sich halb — sie hat Alles vergessen, nur nicht ihre Liebe. Die Thür wird ungestüm aufgerissen, und lächelnd steht Victor Chateron vor ihr. „Guten Abend, Jnez", rief er, sie leicht umarmend, „wie geht es Dir? Ich freue mich, Dich wieder zu sehen und finde, daß Du prächtig aussiehst. Warum können wir nicht Alle maurische Prinzessinnen sein und uns in Purpur kleiden?" Nachlässig warf er sich in den Lehnstuhl am Kamine und beugte das blonde Haupt zurück. „Eine Stunde zu spät, nicht wahr? Tadle die Eisenbahn» nicht mich, und obendrein daS verteufelte Wetter." Das junge Mädchen zieht sich vor ihm zurück, ein harter Ausdruck lagert sich über ihre Züge. Sir Victors Benehmen sagt genug. Er blickt nicht sie an, sondern ins Feuer und spricht nervös aufgeregt. Das Antlitz trägt einen weibischen Ausdruck, selbst 478 der Schnürrbart kann den unschlüssigen Zug um den Mund nicht verbergen. Und während er schnell spricht und nachlässig mit der Uhrkette spielt, spiegelt sich in den blauen Augen etwas wie Furcht. Und dem Manne hatte das starke, dunkle Mädchen ihr Herz und Geschick anheimgegeben! „'S ist eine wahre Freude wieder zu Hause zu sein. Du glaubst nicht, welch' heimischen Eindruck das Zimmer bei meinem Eintritte auf mich machte, eS erinnert mich an vergangene Zeiten, an meine Mutter und die Cousine mit dem Zigeunergesichtchen." Jnez lehnte am KaminsimS und blickte ihn fest an. „Ich freue mich, daß Sir Victor Chateron sich vergangener Zeiten, seiner Mutter und seiner Zigeuner- Cousine erinnert", spricht sie endlich, »aus seinem Benehmen konnte das allerdings nicht geschlossen werden." „Das wird hübsch werden", dachte der junge Mann, „wenn Jnez so die Lippen schließt und solche Blicke entsendet, bedeutet es Krieg bis auf's Messer." „Du hättest am ersten Juli hier sein sollen", fährt ste fort, „nun ist der August zu Ende. Jeder Tag war für mich eine Beleidigung. Und selbst jetzt wärst Du nicht da, hätte ich Dir nicht in einer Weise geschrieben, die Du nicht zu mißachten wagtest. Du bist einfach gekommen, weil Du nicht den Muth hattest wegzubleiben." Noch fließt etwas von dem kühnen Sachsenblute in seinen Adern. Er schaute voll auf ste. „Nicht wagen? Du führst eine starke Sprache, Jnez, aber ich entschuldige ste mit einem erregbaren Temperament, daS von jeher zu Hyperbeln geneigt war. Ueber- dies ist Reden ein Privilegium der Damen." „Dem Manne geziemt freilich die That. Ich fange an zu glauben, Du seiest weniger als ein Mann. DaS Blut der Chateron hat manch' schlimmen Charakter erzeugt, jetzt hat eS AergereS hervorgebracht, einen Ver- räther, einen Feigling." Glühenden Blickes springt er auf, sinkt aber sofort Wieder zurück. „Meinst Du mich?" -Ja." „Wieder eine starke Sprache. Von wem erbtest Du wohl die zweischneidige Zunge? Sicher von Deiner spanischen Mutter, die Frauen unseres Geschlechtes waren nie so. Aber selbst Du könntest zu weit gehen, Jnez. Erkläre Dich, warum nennst Du mich einen Verräther NNd Feigling? Wir müssen uns gegenseitig verstehen." Er ist bleich, sein Auge funkelt unheilvoll. „Wir werden uns auch verstehen, bevor wir uns irennen, und Du sollst sehen, ob Du mit mir nach Belieben spielen darfst. Erinnerst Du Dich, was der 23. September sein soll?" „Mein Gedächtniß ist treu", entgegnete er kalt, „eS hätte unser Hochzeitstag sein sollen!" Bei diesen grausamen Worten weicht jede Spur von Farbe aus ihrem Gesichte, der Augen Gluth erlischt, Schrecken spricht aus ihnen. Sie liebt den Mann, den sie so bitter getadelt, und er sagt: „eS hätte sein sollen". „Himmel, Jnez, Du wirst doch nicht ohnmächtig? Was hab' ich gethan? Komm', setz' Dich!" Er hat sie in die Arme genommen. Einst hatte er die schwarzäugige Cousine geliebt und gefürchtet, jetzt, Po sein Zorn verraucht ist, fürchtet er sie wieder. „Hätte sein sollen", flüsterte sie, »Viktor, heißt dgs, haß es uie sein soll?" Er wendete sich von ihr — Scham, Gewissensbisse, Furcht im Gesicht. Sie hielt sich an dem Stuhl, als wäre er ihre letzte Hoffnung. „Nimm Dir Zeit, ich kann warten", hauchte sie, „ich habe so lang gewartet, was schaden ein paar Minuten? Ueberlege, bevor Du sprichst. Meine Zukunft, mein ganzes Leben hängt an Deinen Worten. Hast Du bedacht? „Hätte sein sollen", sagtest Du, heißt das, daß eS nie sein soll?" Keine Antwort. Mit abgewandtem Antlitz steht er wie der Schuldige vor seinem Richter. „Laß mich die Vergangenheit zurückrufen, während Du überlegst. Erinnerst Du Dich des Tages, wo ich und Juan aus Spanien kamen? Ich sehe Dich noch, ein kleiner, flachshaariger Junge im violetten Sammt. So hatte ich noch kein Kind gesehen. Wir wuchsen zusammen auf und waren glücklich, bis ich sechzehn und Du zwanzig Jahre zähltest. Nun kam unser erster Schmerz, Deiner Mutter Tod." Noch steht er schweigend, bedeckt aber das Gesicht mit der Hand. „Erinnerst Du Dich der Nacht, da sie starb? Wir knieten an ihrem Bett, draußen stürmte eS, wie heute. Dort empfingen wir ihren letzten Segen, vernahmen ihren letzten Wunsch. Weißt Du, Victor, welcher Wunsch das war?" Sie streckte ihm die Arme entgegen, er aber bewegte sich nicht. „Mit sterbender Hand gab sie unsere Hände zusammen, ihr brechender Blick richtete sich auf Dich. »Jnez ist mir. Dich ausgenommen, das Theuerste hienieden", sprach sie, „versprich mir, mein Sohn, ste zu lieben, zu schützen Dein Leben lang. Sie liebt Dich, wie keine Andere Dich je lieben wird, versprich mir, sie heut' über drei Jahre zu ehelichen." Und Du bedecktest ihre Hand mit Küssen und Thränen und versprachst. Wir trennten uns. Du begabst Dich nach Oxford, ich ging in ein Institut nach Paris. In der Scheidestunde betraten wir Hand in Hand ihr Zimmer, küßten das Kissen, auf dem sie sterbend geruht, und knieten wie damals an ihrem Bette. Du stecktest den Ring an meinen Finger und erneuertest daS Gelübde, daß über drei Jahre, am 23. September, ich Dein Weib werden sollte." Ste küßte den Ring. „Lieber Ring", fuhr sie weich fort, „Du warst in der langen Zeit mein einziger Trost. Bet all der Kälte und Vernachlässigung blickte ich auf Dich und wußte, daß er das der Lebenden und der Todten gegebene Wort nicht brechen würde. Voriges Jahr kam ich aus dem Institute zurück. Du bewillkommnetest mich nicht, bestimmtest den ersten Juni für Dein Kommen und brachst Dein Wort. Ermüden Dich all die Details? Ich muß sprechen. Den Gerüchten, die über Dich zu mir drangen, glaube ich nicht und erwähne sie nicht, Du magst schwach sein, aber Du bist ein Ehrenmann, und Du wirst Wort halten. — Warum veranlassest Du mich, Dir harte Redm zu halten? Victor, ich hasse mich selbst darob, und doch stachelt mich Deine Vernachlässigung auf'S Aeußerste." Wieder streckte sie flehend die Hände aus. „Sieh, ich liebe Dich, damit ist Alles gesagt; ich vergebe die Vergangenheit, nur komm' zu mir. Dein Verlust bräche mir daS Herz." Er aber bebte zurück vor der Berührung der weichen Hand. X 47S „Laß Mich gehen, Jnez, eS kann nicht sein. Du weißt nicht, was Du verlangst." Sie weicht zurück. „Kann nicht sein?" wiederholte sie. „Nie, nie! Ich bin, was Du mich genannt, ein Verräther und Feigling. Als Meineidiger stehe ich vor Gott, meiner Mutter und Dir. ES kann nicht sein, ich bin schon vermählt." DaS furchtbare Wort ist gesprochen, sie scheint es nicht zu fassen. Alles bleibt todtenstill, nichts als des Sturmes Wüthen, des Regens Prasseln, des Feuers Knistern macht sich hörbar. „Ich bitte Dtch nicht um Vergebung", fährt er nach einer Pause fort, „es ist Alles vorbei. Ich traf und liebte sie. Seit sechzehn Monaten ist sie mein Weib, und ich habe einen Sohn. Sieh mich nicht so an, Jnez, ich bin ein Schurke, aber —" Ueberwältigt von ihre« Anblick, bricht er zusammen. Wie lange die folgende Pause dauerte — er wußte eS nicht. Er sah, wie sie zum Bilde seiner Mutter sich wandte und die seltsamen Worte sprach: „Er schwur an Deinem Todtenbette, sieh, wie er seine Eide hält!" Ohne eine Silbe an Sir Victor zu richten, wendet sie sich zur Thüre. Auf der Schwelle blickt sie um. „Ein Weib und einen Sohn", sprach sie deutlich und langsam, „bringe sie heim, Victor, ich werde mich freuen, sie zu sehen." 2. Kapitel. Gattin und Erbe. In eine« eleganten Hause, nahe dem Russe! Square, erwartet eine junge Dame ungeduldig Sir ChateronS Rückkehr. Es ist ein sonniger Tag, aber selbst der Sonne lichte Strahlen vermögen in ihrem Antlitz keine Makel zu entdecken. Sie ist anmuthig mit dem goldenen Haar, den azurblauen Augen, dem feinen Gestchtchen. Die zierliche Gestalt mag wohl in zwanzig Jahren eine dicke, behäbige, englische Matrone sein, jetzt aber ist sie so tadellos wie ihr Anzug. Ein weißes, mit prächtigen Spitzen geschmücktes Kleid umgibt sie wie eine Wolke, den Hals ziert ein Perlenband, die Finger find juwelen- gepanzert, das lose Haar hält ein blaues Band zusammen. Wenn je ein Aristokrat Entschuldigung hatte für die Thorheit einer Mißheirath, war dies bei Sir Victor Chateron der Fall, eS war aber auch eine großartige Mißheirath. Vor sechzehn Monaten promentrte er am Strand, sein Auge fiel auf das blonde Antlitz im wallenden Haar, und sein Schicksal war auf ewig besiegelt, seinem Gedächtniß entschwand die dunkle Jnez auf immer. Der blendenden Grazie irdischer Name war Margaretha Dobb. DaS allein mochte den glühendsten aristokratischen Verehrer abkühlen, an Sir Victor ging eS spurlos vorüber. Der junge Mann war excentrisch, selbstsüchtig und unbeständig, Wunsch und Erfüllung waren bei ihm unzertrennlich. Von der Wiege an hatte die Mutter ihn verzogen, später verdarben ihn willfährige Diener und Jnez' grenzenlose Liebe. Wie im Trau« ließ er sich dem Mädchen vorstellen. Man sagte ihm, sie sei eines wohlbestallten Londoner Seifensieders einzige Tochter, er aber träumte fort. Ihres Vaters Werkstätte war in einem der häßlichen Stadttheile, sie aber batte so viel natürlichen Stolz und Selbstachtung, als flösse blaues Blut in ihren Adern. Acht Tage später warb er um sie — und ward angenommen. Wie sollte auch einer Seifensieders Tochter einen Baron abweisen? Dennoch schwindelte er vor Furcht, als sie ob seiner Worte erbleichte. Sollte nicht jedes Mädchen bei solcher Frage erröthen? Aber sie beseligte ihn mit ihre« Jawort, und die Freude der Scifenstederfamilie spottete jeder Beschreibung. Sie verbeugten sich buchstäblich vor ihm, der biedere Londoner Bürger und sein behäbiges Weib verehrten den Boden, den er betreten, mißachteten ihre Mitbürger und trugen die Nase höher denn je. In sechs Wochen war Miß Dobb Lady Chateron. Die Trauung war still und geheim, nur die Eltern der Braut und zwei Zeugen waren zugegen. Er liebte die Verlobte rasend, schämte sich aber doch ihrer Familie und fürchtete Jnez. Dem ehrbaren Seifensieder genügte, daß die Ehe rechtsgültig sei, seine Tochter eine vornehme Dame und er selbst der Großvater künftiger Barone. Die Braut sagte in ihrer Schüchternheit wenig, sie liebte den glänzenden aristokratischen Verlobten und war froh, noch nicht in den Glanz des neuen Lebens zu kommen. Er nahm sie mit in die Schweiz, nach Deutschland und Frankreich, vermied mit andern Reisenden in Berührung zu kommen, und eS folgten zehn Monate namenlosen Glückes. Der Gedanke an Jnez war der einzige bittere Tropfen in seinem Wonnebecher. Gefürchtet hatte er sie sein Leben lang, jetzt war sie ihm unheimlich. Sie kehrten zurück. In Nussel Square erwarteten sie häusliche Gemächer und sie führten ein behagliches Stillleben und empfingen außer dem Hauptmann Croll keine Besuche. Vier Monate später wurde ein Sohn geboren. Als Lady Chateron das Kind betrachtete, begann sie zu überlegen. Amme und Gatte sind Antagonisten, und da Erstere zur Zeit alles beherrschte, wurde Letzterer verbannt. Und Lady Chateron wurde unwillig, daß der Erbe von Chateron RoyalS in London das Licht der Welt erblicken, daß sie selbst wie eine Nonne in klösterlicher Zu- rückgezogenheit leben sollte. „Du hast keine Verwandten, als Deine Cousine-, sprach sie kühl, „bist Du Herr im Haus oder sie? Furchtest Du die Dame, die so lange Briefe schreibt, welche ich nicht lesen darf, wagst Du Deine Frau nicht in Dein HauS zu führen?« Er hatte etwas von der Geschichte seiner Verlobung mit seiner Cousine Jnez gesagt, nur nicht die nackte Wahrheit von seinem häßlichen Verrath. Des Seifensieders Tochter hatte mehr Seelenadel als der Baron. Wäre ihr die Wahrheit bekannt gewesen, sie hätte ihn gründlich verachtet. „Das Geheimniß währte lange genug«, sagte Lady Chateron entschlossen, „ich will wissen, ob Du Dich meiner schämst, oder sie fürchtest. Bringe mich heim und anerkenne Deinen Sohn.« „Du hast Recht", entgegnete Sir Victor kleinlaut, „und ich werde Euch nach Chateron RoyalS bringe», sobald Du reisen kannst." Drei Wochen später kam der Brief, der seine Rückkehr befahl. Die Stunde war gekommen. Entschlösse» reiste Sir Victor mit dem nächsten Zuge ab, um dem gefürchteten und gekränkten Weibe zu begegne». * * Des Nachmittags Sonne sinkt. Wenn Sir Victor heute zurückkehrt, muß er in wenigen Minute» kommen. 480 — Sie sah auf die Uhr. Ein Wagen fährt vor und bäld umfängt sie liebend des Gatten Arm. „Wie geht's, lieb Herz, noch immer bleich? Nun, die Luft von Cheshire soll Dich stärken. Wie befindet sich mein Sohn und Erbe?" Und mit väterlicher Liebe beugt er sich über die Wiege. „Endlich", flüsterte sie leicht erröthend, „wann reisen wir?" „Morgen, wenn Du willst. Je eher, desto besser." Er sagte es mit erzwungenem Lächeln. Ihre Stirn umwölkte sich. „War Deine Cousine sehr böse, sehr überrascht?" „Ich glaube Beides. Die Wahrheit zu gestehen, sah ich sie nur einmal, und das Zusammentreffen war so unerquicklich, daß ich am andern Tage wieder fortging. Willst Du morgen reisen, so schreibe ich einige Zeilen an Croll, um ihn in Kenntniß zu setzen." Er schob einen kleinen Schreibtisch vor, blieb ungeschickter Weise hängen, und der Tisch fiel krachend um. , ^ DaS Kind schrie auf, die junge Mutter flog zur Wiege, und er kauerte sich nieder, um all die Dinge aufzuheben, die auf dem Boden zerstreut lagen. 7 Plötzlich hält er etwas von sich wie eine Schlange. Anscheinend ein sehr harmloses Ding, die Photographie eines Mannes. Entsetzt starrt er das Bild an. „Guter Gott!" hört sie ihn stöhnen, blickt auf, erkennt das Bild von der Rückseite und beugt sich erbleichend nieder über das Kind. „Meta", begann Sir Victor ernst, „was bedeutet daS ?" „Still, Liebchen, still! Bitte, sprich nicht so laut, Victor, das Kind soll einschlafen." „Me kommt Juan ChateronS Photographie hieher?" Ihr Athem stockt, des Gatten Ton ist unheilvoll. Anfangs wagt sie nicht ihn anzusehen, bald aber naht sie sich ihm und blickt ihm über die Schulter. . - »Ist 3ua» ChateronS Bild noch hier? Ich glaubte eS längst verloren." Wie konnte ich auch so thöricht sein, eS zu behalten, denkt sie im Stillen. „Du kennst also Juan Chateron und sagtest mir nie etwas davon?" „Sei doch vernünftig, Victor, ich hätte viel zu thun, wollte ich Dich mit allen alten Bekannten auf dem Laufenden erhalten. Ja, ich kannte Juan Chateron obenhin, ist daS ein Verbrechen?" „Ja", sprach Sir Victor drohend, „ja, ich möchte keinen Hund, den Juan Chateron früher besessen. Ihn zu sehen ist Befleckung, ihn zu kennen Schande." „Schande?" „Ja,- Schande. ES ist das widrigste, gemeinste Subjekt, das je einen alten Namen besudelte. Ich befehle Dir, zu sagen, ob Dir der Mann etwas war?" „Und wenn, was dann? Habe ich feine Sünde zu verantworten?" fragte sie stolz. „Mehr oder minder haben wir alle unserer Freunde Schuld zu verantworten. Woher hast Du daS Bild? Was war er Dir? Liebtest Du ihn? Um'sHimmels- wtllen, Meta, nur das nicht!" „Und warum nicht? Ich sage nicht, daß dem so «Wesen, wenn aber ja, waS dann?" „Was dann? Dann könntest Du nie mehr auf Wirre Liebe rechnen!" „Sag' das nicht, Victor", rief sie abwehrend, „aber ich habe ihn ja auch nie geliebt, nie, nie!" Zitternd Är Furcht fließ sie die Worte heraus. So hatte sie den Gatten nie gesehen, so nicht sprechen gehört, obwohl er schon öfters Eifersucht verrathen. „Sprichst Du die Wahrheit?" „Gewiß. O, sieh mich nicht so an." „Wie kam das elende Bild hierher?" „Er gab es wir, ich kannte ihn kaum, wie wußte ich, daß er ein Schurke sein, daß es unrecht, sein Bild zu haben? Mir schien er gut; was that er?" „Frage lieber, was er nicht that. Jedes Gebot hat er mit Füßen getreten, jedes göttliche und menschliche Recht verachtet. Uns allen, selbst seiner Schwester ist er seit Jahren todt. Meta, kann ich glauben — ?" „Ich habe Dir's gesagt, glaube was Du willst." Sie wandte sich weg, sie wußte, daß Eifersucht und Zorn nur seiner Liebe zu ihr entspringen, daß es ihm peinlich ist, sie zu quälen, obgleich er es oft thut. Als sie über das Kind sich beugte, wich die Eifersucht einem Paroxismus der Liebe. „Vergib mir, Meta, ich wollte Dich nicht kränken, aber der Gedanke an den Mann — pfui! UebrigenS ist es Thorheit, auf Dich, «ein Täuschen, eifersüchtig zu sein. Komm' küsse mich und wirf die Schlange zum Fenster hinaus. Nur wollte ich, Du hättest es mir gesagt." Er zerriß das unselige Bild und warf es zum Fenster hinaus. Sie versöhnte» sich, aber die Gluth lohte fort unter der Asche und die Thorheit ihrer Vergangenheit fängt an, sich an der jungen Frau zu rächen.- 3. Kapitel. Ladh Chateron'S Einzug. Spät an einem Septembernachmittag brachte Sir Victor Gattin und Sohn nach Chateron NoyalS. Gattin und Sohn! Die Umgebung war verblüfft. Und er hatte Jnez Chateron hintergangen, hatte heimlich eine Seifensiederstochter geheirathet, und als er das Geheimniß nicht länger zu bewahren vermochte, brachte er Gattin und Sohn heim. Der Adel war niedergeschmettert. Hielten sie sich noch öesuchsfähig? Wohl kann der Reichthum den Adel gewissermaßen ersetzen, eine Grenzlinie aber gab es doch; des Seifensieders Tochter konnten sie nicht empfangen. Dennoch wurden alle Anstalten getroffen, und der Schwärm der Dienerschaft empfing die Ankommenden feierlich. Wenn das junge Ehepaar bleich und schweigend war, wer sollte sich wundern? Sir Victor hatte die Gesellschaft ignorirt, nun war die Gesellschaft an der Reihe. Lady Chateron fühlte zudem eine gewisse Scheu vor der Cousine ihres Mannes. Als des alten Schlosses hohe Tbürflügel sich dröhnend hinter ihr schloffen, empfand sie namenlose Angst. „Ich fürchte mich, Victor", flüsterte sie; Sir Victor lachte gezwungen. „Fürchten, wovor? Vor der weißen Dame, die zweimal des Jahres im großen Thurm spukt? Gleich allen andern Familien haben wir unser Gespenst, daS wir um nichts hergeben; doch davon ein ander Mal." Da waren sie; bleich schritt er durch die Halle, Meta klammerte sich ängstlich an ihn. Lächelnd begrüßte er die Dienerschaft, stellte MrK. Marsh und Mr. Hooper feiner Frau vor und fragte nach Miß Jnez. Sie fei ganz wohl und erwarte ihn im Salon, lautete die Antwort. 481 - ES war der größte Saal des HauseS; fie begaben sich dahin, die Amme folgte mit dem Kinde. Lady Cha- terons Schönheit und Sanftmuth hatten bereits der Dienerschaft Herzen gewonnen. „Sie wird eine gütige Herrin sein", dachte Mrs. Marsh, «wenn fie je Gebieterin wird im eigenen Hause." Der Salon war glänzend erleuchtet, und im volle» Lichtglanz empfing Jnez Chateron die Ankommenden. Sie sah bezaubernd aus in dem goldigen Seidenkleide, geschmückt mit funkelnden Brillanten. So sah Sir Victor fie wieder und hob wie geblendet die Hand zum Auge. Dann führte er seine Gemahlin vor. «Cousine, das ist meine Frau Meta." In den einfachen Worten lag ein gewisser Pathos. Znez verbeugte sich wie eine Fürstin. „Meta ist ein hübscher Name", lächelte sie, „und Deine Frau ist gleichfalls hübsch, ich gratulire Dir ob Deines Geschmackes, Victor." In der jungen Dame ganzem Wesen lag unerträglicher Hohn. Meta bot ihr die Hand, sie nahm nicht die geringste Notiz davon. „Ei, da ist das Kind, das muß ich sehen." Sie lüftete den Schleier und betrachtete den Säugling. «Der Erbe von Chateron Noyals ist ein netter dicker Junge; wem gleicht er? Dir nicht, Victor. Ist er vielleicht schon getauft? Zweifelsohne gibst Du ihm «ach alter Ahnensitte der Mutter Familiennamen. Deine Mutter war eine Marquise St. AlbanS und Du heißest Victor St. AlbanS Chateron. Laß den guten Brauch nicht abkommen und nenne das Kind Victor Dobb Chateron." Das Blut schoß dem Baron ins Gesicht, aber er schwieg. Zu seinem Staunen wandte sich Meta mit blitzenden Augen an die Cousine. «Und wenn er so hieße, was dann? ES ist ein ehrlicher Name, dessen sich Niemand zu schämen braucht. Meines Mannes Mutter mag die Tochter einer Marquis gewesen sein, ich bin die Tochter eines Handwerkers, und der Name, der mir genug war, wird eS auch für meinen Sohn sein. Ich muß erst lernen, daß im ehrlichen Handel Schmach liege." „Zweifelsohne, Sie werden gewiß noch Vieles zu kernen haben. Sage übrigens Deiner Frau, daß eS angezeigt wäre, ihre Stimme nicht so hoch zu erheben. Das arme Kind kann freilich nichts dafür, eS ist nur Folge ihres Standes, ihrer Erziehung. In einer Stunde läutet die Tischglocke, bis dahin gehabt Euch wohl." Das war Meta's Willkomm. Zwei Stunden später schritt ein junger Mann rasch die Allee entlang, die nach Chateron Royals führt. Es war finstere Nacht, er aber kehrte sich weder daran, noch an die ihn umgebende Oede und schritt pfeifend dahin. Düster zeichnete sich das Schloß am Horizont ab. «Vor vier Jahren", sprach er finster, „warfst Du Mich wie einen Hund vor die Thüre, edler Baron, schwurst mich ins Zuchthaus zu bringen, wenn ich je wiederkäme, und ich gelobte, Dir's bei Gelegenheit zu vergelten. Die Gelegenheit ist da, Dank der kleinen Meta, die jetzt Herrin ist. Sie ist hoch hinaufgekommen, des Seifensieders Tochter, will sehen, wie der stolze, eifersüchtige Mann mich aufnimmt." Er ließ den Thürklopfer erdröhnen; ein würdiger Greis in schwarzem Rock und seidenen Strümpfen öffnete. „Junker Jüan!" schrie er auf, als der Fremde aus dem Schatten trat. «Wie geht's, altes Haus?" lachte dieser und schüttelte derb des Hausmeisters Hand, „hast Du kein Wort des Willkommens, alter Schwede, Freund meiner Kindheit? Bist Du betäubt vom Anblicke des verlorenen Sohnes? Ist die Herrschaft oben im Speisesaal?" „Ja", stammelte der alte Hooper entsetzt, «Gut, ermüde Deine alten Beine nicht, ich kenne den Weg." Er eilte die Treppe hinan und betrat einen Augenblick später den Speisesaal, wo alle Anwesenden bei seinem Anblick erschrocken aufsprangen. Er nahm eine theatralische Stellung ein. „Scene: Speisesaal des berüchtigten Don Juan» tremulirende Musik, herabgeschraubte Lampen und herein tritt des tugendhaften Don Pedro Statue", lachte er. «Ihr erwartet mich wohl nicht? Nicht wahr, eine angenehme Ueberraschung? Baron, Ihr Diener. Bedaure zu stören, aber man sagte mir, meine Frau sei hier, und so kam ich natürlich. Wer hätte gedacht, daß ich Dich treffen würde als geehrten Gast? Küste mich doch, Meta, und sag', daß Du Dich freust, Deinen lieben Mann wieder zu haben." Er schritt auf sie zu, ehe Jemand Worte, fand und beugte sich zu ihr, als sie stöhnend das Haupt sinken ließ und bewußtlos zurückfiel. (Fortsetzung folgt.) -- Prokopins Divisch. Zu seinem 200jLhrigen Geburtstag (1. August 1696) VSNA.G. Ein Beitrag zur Geschichte des Blitzableiters. (Nach der Geschichte deö Blitzableiters von Dr. Hch. Meidlnger.j * Manche haben Prokop Divisch (auch Diwisch geschrieben) als den Erfinder des Blitzableiters bezeichnet, als denjenigen, der überhaupt den ersten Blitzableiter errichtet habe; dem aber ist nicht so, denn man darf Benjamin Franklin nicht vergessen. Divisch hat nach bestem Wissen neue Entdeckungen auf diesem Gebiete gemacht und praktisch verwendet; Dank hiefür hat er zu seiner Zeit schon blutwenig geerntet, und nahezu vergessen und verschollen wäre er, wenn nicht gerade besonders in unserem Jahrhundert sein Andenken aufgefrischt worden wäre. Er war Kanonikus in Brenditz in Mähren und lebte von 1696 bis 1765. Ein großer Kenner der Elektrizität, hatte er sich schon frühzeitig mit Experimenten beschäftigt und um das Jahr 1750 in Wien großes Aufsehen erregt mit seinen Kenntnissen auf dem Gebiete der Elektrizität, und damals schon hatte er die Wirkungen der Spitzen studirt. Der Tod NichmannS im Jahre 1753 gab ihm Gelegenheit zu einem Schreiben an die Präger Zeitung, in dem er auseinandersetzte, in welcher Weise der Versuch ohne Lebensgefahr für den Beobachter hätte angestellt werden sollen; auch kam er hiednrch auf den Gedanken, durch eine ganz eigenthümliche, von ihm als meteorologische oder Wettermaschine bezeichnete Vorrichtung die Gewitter zu zerstreuen und unschädlich zu machen. Er stellte die Maschine im Jahre 1754 in der Nähe seines Pfarrhauses auf einem Gerüst in der Höhe von 130 Fuß auf; dieselbe bestand aus einer eisernen Stange mit horizontalem Kreuz, von dessen Enden vierhundert Drahtspitzeu senkrecht in die Höhe ragten, die Eisentzange — 482 wär mit betn Boden durch drei Ketten verbunden. Leider hat der Erfinder über diese Maschine nichts veröffentlicht, fie stand sechs Jahre, als die Bauern sie zertrümmerten, weil sie im Aberglauben wähnten, dieselbe sei an der Trockenheit schuldig, welche damals herrschte. Die Oberen gestatteten dem Erfinder eine Neuherstellung nicht, und fie wurde auch an einem anderen Orte nicht mehr er» stellt. In den Tagesblättern kamen Artikel für und gegen die Maschine, die nähere Einrichtung blieb auch in Fachkreisen im Großen und Ganzen ein Geheimniß. Als der Erfinder mit Tod abging, wurde eine von ihm verfaßte mystische Schrift von Oetinger, württembergischem Superintendenten, herausgegeben; es findet sich darin aber bloß der Hinweis auf die Wettermaschine. Pfarrer Fricker führte in einer weiteren Schrift aus, Divisch habe sein Gerüst derart gemacht, daß die elektrische Kraft deS Gewitters in der Höhe ohne Schläge durch bloße Ex- halation zertheilt und ausgelöscht wurde. Petzel hat in einem seiner Werke die komplizirte Herstellung des Spitzen- kreuzeS beschrieben und Berichte über die Wirkung der Wettermaschine bei herannahendem Gewitter beigefügt, wie sie nach den Aufzeichnungen Divisch's von den Blättern veröffentlicht wurden. An Professor Euler in Berlin hatte der Erfinder der Wettermaschine Mittheilungen über dieselbe und übe^ ihre Erfolge während eines Sommers, alle Gewitter fern zu halten, gemacht. Auch Zeitgenossen von Divisch machten diese Mittheilungen an Euler, der es nicht für unmöglich hielt, „Wolken ihrer elektrischen Kraft zu berauben und den Donnerschlägen zuvorzukommen". Professor Tetens in Kiel ist mit seinem Urtheil über die Erfindung Divisch's gleich fertig; er fällt nämlich folgendes — wohl ziemlich schnelles — vernichtendes Urtheil: „Schon die erste Schrift von Divisch, die mir zu Handen kam, ließ es nicht zweifelhaft, daß dieser Prokopius ein Phantast gewesen sei und in der Elektrizität ungefähr das, was Theophrastus Para- celsus in der Medizin war. Ich gestehe also, daß ich jetzt eben so stark an der Wahrheit der von ihm angeführten Erzählungen zweifle, als an der Nichtigkeit der Erzählungen von des Paracelsus Wunderkuren und Goldpulver." Auch Professor Groß in Stuttgart glaubt nicht an die Wirksamkeit der Erfindung von Divisch, wohl aber Gcheimrath Lichtenberg in Gotha. Divisch legte seine Erfindung dem Kaiser Franz vor mit dem Vorschlag, mehrere Wettermaschinen zu fertigen und an verschiedenen Orten aufzustellen, die Wiener Mathematiker aber standen der Angelegenheit sehr skeptisch entgegen, und die Sache zerschlug sich. Daraus aber, daß der Erfinder es wagte, sogar seinem eigenen Landesherr« seine Erfindung vorzulegen, dürfte doch geschlossen werden, daß er von den Wirkungen derselben überzeugt war, sonst wäre dieses Vorgehen doch etwas zu kühn gewesen, für einen Geistlichen möchten wir sagen gewissenlos. Wenn darum auch Meidinger den Stab über Divisch bricht, so könnte man fast denken, daß besonders die deutschen Gelehrten deßhalb nichts Gutes an Divisch und seinen Experimenten lassen, eben weil er ein Geistlicher war, denn von diesen soll ja bekanntlich nicht erst von gestern an nichts Gutes kommen. Letzterer sagt u. A.: „Mit Recht wurde von den Mathematikern WienS die Förderung des Projektes zurückgewiesen, dasselbe war fast werthlos (fast!). Die Anlage war zu kostspielig, die vielen überflüssigen Spitzen konnten ihren Zweck nicht erfüllen. Dabei waren die drei Ketten überflüssig, eine hätte genügt; die Bodenleitung war mangelhaft, da die Ketten bloß bis zu dem Boden herabhingen; der Schutzkreis war zu weit angewiesen. Divisch ist nur Dilettant, bei seiner Maschine fehlte es an allem, das Prinzip war irrig, die Ausführung war ungenügend, die Sache selbst verdient nicht die Beachtung." Dieses Urtheil ist hart und, soferne man bedenkt, daß Divisch die Geheimnisse seiner Erfindung mit in'S Grab genommen, wohl zu hart. Wenn vo« gleichen Experten gesagt wird, daß, wenn Divisch von der Brauchbarkeit seiner Maschine überzeugt gewesen wäre, er doch eine Beschreibung derselben veröffentlicht hätte, so ist das schnell gesagt und niedergeschrieben; es gab schon große Männer, welche trotz der Brauchbarkeit ihrer Erfindungen nichts veröffentlicht haben. Sodann steht fest, daß die Opposition gegen Divisch's Erfindung zu seinen Lebzeiten nicht von Naturforschern ausging, sondern nur allein vom abergläubischen Volk, und weiter steht fest, daß Divisch von den Fachmännern auch Lob, mitunter großes Lob, erntete; wie ihn z. B. Fließ „den Franklin Europa's" nennt. Verdienste sind ihm sicher nicht abzusprechen auf dem Gebiete der Blitzableiter, dies dürfte für den unparteiischen Betrachter und Forscher sicher fein. Endlich sei noch erwähnt, daß Divisch mit seinen Anschauungen, daß es möglich sei, die Gewiiterbildung lokal zu verhüten, nicht allein in der Geschichte dasteht. Verschiedene Männer kamen auf den gleichen Gedanken, zumeist in Verbindung mit dem weiteren, die Hagelbildung zugleich zu unterdrücken, wie z. B. Ausgang des letzten Jahrhunderts Böckmann, Fischer, Bertholon und anders. - o - Die Parfumeriefabrikation m Grasse. Von Dr. Gustav Zacher-Hainburg. (Schluß.) Welch ungeheure Mengen Pflanzen angebaut werden müssen, um die zur Darstellung der im Handel verlangten Parfumpomaden erforderlichen Blumen- und Blüthenquantitäten zu erhalten, kann man sich ungefähr vorstellen, wenn man vernimmt, daß 1000 Kilogramm Jasminblüthen 30,000 Pflanzen auf 1500 Quadratmeter Boden und 1000 Kilogramm Nosenblüthcn 5000 Rosensträucher erfordern, die 1800 Quadratmeter Gartenland für sich beanspruchen, und daß demnach nach der amtlichen Statistik um Grasse und Nizza etwa folgende Quantitäten Blumen jährlich geerntet werden: Grasse Nizza Orangenblüthen 2,000,000 Kilogv. 1,800,000 Kilogr. 1 , 000,000 , - Nosen Veilchen Jasmin Tuberosen Cassien Jonquillen_ 3,495,000 Kilogr. dazu Akazienblüthen Reseda 150,000 200,000 80,000 50,000 15,000 1 , 200,000 200,000 180,000 60,000 30,000 20,000 3,510,000 Kilogr. Die Anpflanzung der Blumen geschieht auf großen, mächtigen Nückenbeeten, die in gewissen Abständen behufs des Angießens der Pflanzen mit schmalen Quer- gängen versehen sind und sonst durchaus nichts Eigen» 483 thümliches bieten. Die Ernte beginnt im März mit dem Veilchen, dann folgen die Rosen- und Orangenblüthen im Mai und Juni, denen sich Jasmin, Tuberosen und Jonyuillcn im Juli, August und September anschließen und ganz spät im Oktober noch die Cassiablüthe sich zugesellt. Um nun die ätherischen Oele, die eben die Träger des Wohlgeruchs sind, den frisch gepflückten Blüthen zu entziehen, ist man auf die Verwendung eines sehr prosaischen Mittels angewiesen, nämlich des Schweinefettes, das bisher durch kein pflanzliches Oel oder Fett genügend hat ersetzt werden können. Ohne dasselbe wäre es nach dem heutigen Stande der Parfumerie-Kunst und der Chemie ganz unmöglich, den zarten Duft des Veilchens oder Jasmins zu conserbiren, da Oele sich zum Extra- hiren nicht eignen. Gerade von der untadelhaften Reinheit dieses Fettes hängt nun aber das Gelingen des ganzen weiteren Extractions-Processes ab, und daher wird dasselbe auch auf das Sorgsamste untersucht und zubereitet. In den letzten Wochen des Jahres bringen die Händler aus den Bergen herunter die pannss (Bauchfett) frisch geschlachteter Schweine, und jede Fabrik kauft davon nach Bedarf; die kleineren begnügen sich mit einigen Hundert Kilo, die großen dagegen nehmen wohl 20,000 Kilo und mehr. Nach genauer Besichtigung der erhaltenen Waare wandern diese panuss in eine Maschine, welche sie in ganz kleine Stücke zerschneidet. Von da kommt das Fett in große hölzerne Bottiche, wo es gewaschen, d. h. unter beständigem Zusatz von frischem Wasser mehrere Stunden lang mit massiven hölzernen Stößeln kurz und klein gestampft wird, bis das Wasser auch das geringste Anhängsel von Fleisch- und Blutrückständen entfernt hat. Diese Manipulation ist von größter Wichtigkeit, und die peinlichste Sorgfalt wird darauf verwendet, denn ohne diese Vorsichtsmaßregeln könnte leicht bei der großen Sommerhitze und der oft jahrelangen Lagerung der Waare ein großer Lagerkessel voll parfumirten Fettes ranzig und damit völlig unbrauchbar werden. Das so gereinigte Fett wird nun zerschmolzen, wobei wiederum mit aller erdenklichen Vorsicht zu Werke gegangen werden muß, und endlich wird es in großen Blechbüchsen von mehreren Hundert Kilo Inhalt im kühlen Keller bis zum nächsten Frühjahr aufbewahrt. Bei dem Schmelzen wird auch noch ein kleiner Bruchtheil Ochsenfett zugesetzt, um dem fertigen Fabrikate mehr Consistenz zu geben. Das Abpflücken der voll erblühten Blumen wird von Frauen besorgt, und die Ernte der Veilchen allein z. B. dauert volle drei Wochen. Centnerwcise wandern nun die gepflückten Blüthen in die Fabriken, wo der Werkmeister mit der Liste seiner Lieferanten in der Hand im Wägeraum die ihm von den Bauernfrauen in Körben und Säcken gebrachte Waare in Empfang nimmt. Hier werden die Blüthen geprüft, da nur frische und ungestielte verwendet werden können, dann gewogen und gesiebt, um alle anhaftenden Erdtheilchen möglichst zu entfernen. Alles Welke wird unbedingt zurückgewiesen. Vom Wägeraum gelangen die Blüthen, Veilchen In diesem Falle, in den Pomade-Saal, wo mächtige Blechgefäße, zur Hälfte mit flüssigem Schweinefett gefüllt, stehen. Nasch werden die Blumen nochmals gewogen, und jeder Kessel bekommt sein bestimmtes Quantum; und nun entschwinden die Kinder Flora's unseren Blicken, denn zwei Arbeiterinnen, meist Piemon- tesett-Frauen, nehmen je einen solchen Kessel und fangen an, mit großen hölzernen Kellen die nur langsam erstarrende Masse durcheinander zu rühren, bis das Fett wieder geronnen ist; alsdann werden die Kessel sorgfältig gedeckt und so über Nacht stehen gelassen, Während dieser Zeit entsteht nun innerhalb dieses Blumenfettkuchens eine Art Gährung, bei welcher den Blumen aller Duft von dem Fette entzogen wird, das diesen innig mit sich verbindet. Die Blume hat nicht nur ihre Schönheit und Form, sondern auch ihren Geruch verloren und wird am folgenden Tage aus der Masse als unbrauchbar für die weiiere Verwendung in der Fabrikation entfernt. Der wieder flüssig gemachte Blumenbrei wird nämlich in große Preßtuchsäcke gefaßt und 10—20 solcher Säcke mit ihrer duftenden Last unter mächtige, von Dampfkraft getriebene, hydraulische Pressen gebracht. Mit einem Druck von 300 Kilogramm auf den Kubikeentimeter wird während einer halben Stunde gepreßt und durch diesen ungeheuren Druck der Blume auch noch das letzte Nestchcn von Geruch entzogen. Langsam rinnt das Fett ab, wird aufgefangen, gerinnt von neuem und ist nun die fertige Handelswaare, die „Pomade", d. h. der versandfähige Träger des Veilchengeruches. Der in den Säcken zurückbleibende Blumenkuchen wird zum Düngen der Felder wieder benutzt. Diese vom Grasser Fabrikanten „Pomade" genannte Verkaufswaare bildet neben den ätherischen Oelen, deren Gewinnung die bekannte, durch einfaches Extrahiren mittels Oliven-Oels zweiter Qualität, ist, seinen Haupthandelsartikel und kostet etwa 20—25 Francs per Kilo. Was man sonst im gewöhnlichen Leben unter „Pomaden" versteht, etwa unsere Haar-Pomaden, hat mit dieser Poniade durchaus nichts zu thun, da jene nur als ganz minderwerthige Nebenproducte der eigentlichen Parfumerie- Pomaden abfallen. Die bisher geschilderte Fabrikations-Methode der Parfnmerien nennt man luaosrnticm oder prooöäe okauä, das „heiße Verfahren", und diesem unterliegen außer dem Veilchen auch noch die Rose, Cassie und die Orangcnblüthe, doch müssen alle diese Blumen, da sie auch noch saftgrüne Theile, wie Kelch und Stiel, bei ihrer Ablieferung tragen, die dem Fette einen herben Beigeschmack (goüt äs vsrt) geben könnten, behufs Trennung von diesen unbrauchbaren Theilen einem besonderen Verfahren, das man tria^s nennt, unterworfen werden, was bei den Unmassen, die in einzelnen Fabriken zur Verarbeitung kommen, oft 150,000 Kilogramm Rosen und ebenso viel Orangenblüthen in den beiden Monaten Mai und Juni, wahrlich keine Kleinigkeit ist. Zu diesem Zweck sind in dem Triage-Saal lange Reihen von Tischen und Bänken aufgestellt, auf welch erstere die Blumen oft meterhoch aufgeschüttet werden. Oft muß sogar der Fußboden aushelfen, wenn die Ernte ausnehmend ergiebig war. Hunderte von Weibern und Kindern finden hierbei eine ziemlich lohnende Beschäftigung, welche einfach im Entfernen der grünen Bestandtheile, des Kelches und des Stieles, besteht. Die abgelösten Blumenblätter werden in Körken gesammelt und machen dann die bei der Verarbeitung der Veilchen oben beschriebene Procedur ebenso durch. Andere Blumendüfte, wie der des Jasmin- sind zu delicat, um diesen Proceß aushalten zu können, und hier tritt ein anderes Verfahren an die Stelle des pro- cöäs ollauä, der xrooeäs troiä, das „kalte Verfahren", auch övüeura^v genannt. In einer großen Fabrik erfordert diese Art der Darstellung des Jasminparfums und anderer in dieser Hinsicht verwandter Blumen 30—40,000 massive quadratische Holzrahmen, deren jeder eine starke Glasscheibe von etwa 30 gm umschließt. Jede dieser Scheiben wird mit einer dünnen Schicht kalten Fettes bestrichen, die Fettschicht wird mit einer groben hölzernen Gabel gefurcht, um so möglichst viel Oberfläche zu bieten, und dann wird ein gewisses Quantum Blumen darauf gelegt, welche an dem Fette festkleben bleiben. Diese Nahmen werden nun, mit der Fettseite nach unten, im kühlen Keller aufbewahrt bis zum nächsten Morgen, wo dann. die erste Lage Blumen einer neuen Platz macht. Dieses Verfahren wird so lange fortgesetzt, bis jeder Nahmen seine durch Versuche bestimmte Menge Blumen ausgesogen hat. Dann erst wird das nunmehr parfumirte Fett abgekratzt, unter mäßiger Wärme im kmiu marls geschmolzen und im Lagergewölbe aufbewahrt. Um nun endlich den Aussud oder das unter dem Namen „Riechwasser" bekannte Product herzustellen, bedarf es einer weiteren Manipulation, welche darin besteht, daß das parfumirte Fett in 99" Alkohol „gewaschen" und so seines gesammten Parfums beraubt wird. Wie die Blume der Natur, so hat das Fett dem Menschen als Träger des Duftes dienen müssen; die Blume wandert in die Düngergrube, das Fett nach dem letztgeschilderten Verfahren in die Seifenfabrik, nur das Parfum, die Seele der Blume, bleibt zurück, um Tausende und Abertausende in fernen und fernsten Ländern mit seinem Dufte zu ergötzen. Selbstverständlich kommt zur Verfeinerung und Erweiterung der Tonleiter der Gerüche noch eine große Anzahl ätherischer Oele zur Verwendung, mit deren Hilfe der Fabrikant-Parfumenr unter allen erdenklichen exotisch klingenden Titeln neue Gerüche combiniren kann; aber es dürsten doch nur äußerst wenige Niechwasser existiren, denen nicht der eine oder andere jener natürlichen Blumengerüche zu Grunde gelegt wäre. >, > ^ H v - l ^- AKLesLsr. Eine großartige elektrodynamische Kraftanlage wird jetzt zur Licht- und Triebkraft-Erzeugung zu Lyon geplant, die jener der Niagarakraftanlage wenig nachstehen wird. Durch Ausnutzung der RHSne-Gefälle denkt man nach einer Mittheilung des Internationalen Patent- BureauS Carl Fr. Reichelt, Berlin 6, mittelst zwanzig Turbinen gegen 20,000 Pferdestärken nutzbar zu machen (die Niagara Power Company arbeitet zur Zeit mit 15,000 Pferdestärken), welche Kraft in Elektricität umgesetzt durch fünf Hauptleitungen den zahlreichen industriellen Etablissements, Privathäufern und der öffentlichen Beleuchtung zugängtg gemacht werden soll. Die mit der Ausarbeitung des Voranschlages betrauten Ingenieure behaupten, daß auf diese Weise die BetrtebS- krast um 40 Procent billiger wie durch die besten Dampf- Maschinen erhalten werden könnte. Boshaft. Wirth: VHier, Herr Amtsrichter, gebe ich Ihnen zum Abschiede noch eine Nasche Wein zum Besten!" — Amtsrichter: „Aber, lieber Herr Mahlmann, machen Sie mir den Abschied doch nicht so sauer!" Einsame Wächte. Die Schatten werden länger schon, Es steigt die Nacht auf ihren Thron, Sie breitet still die Hände aus: Da lieget dunkel Dorf und HauS, Sie löschet, waS vom Tag noch glüht, Sie wieget ein, WaS singt und blüht. Bis alle Kreaturen schlafen Und müde von des Tages Streit In uächt'ger, kühler Einsamkeit Ausruhen wie das Schiff im Hafen. O scgenSmächtige Einsamkeit! Wie wird in dir das Herz so weit! Von ferne her auf gold'ner Bahn Die Geister der Erinnerung nah'n. Die Geister aus der Kinderwelt, Hell funkelnd wie das Sternenzelt, Die aus des Lebens Maientag, Aufjauchzend wie der Lerchenschlag. Und wem der Tod ein Liebstes nahm, Den überkommt's jetzt wundersam, Wir schauen in der stillen Zeit Die Lieben aus der Ewigkeit, Wie sie im wallenden Gewand Hinschrciten durch ein grünes Land, Daß oftmals Sehnsucht uns durchglüht^ Die uns von hier zum Vater zieht, Zum Vater oben, den im Rund Umstehet ein verklärter Bund. Zur Gottheit treten wir hinan, Bekennen still, was wir gethan, Und rufen zitternd nach Erbarmen, Da säuselt es wie FricdenSweh'n, Da ist eS, als ob Engel geh'n, Wir finden Gott und ruh'n in seinen Artuen. Du fandest Gott, Du fandest Dich, Dein echtes Wesen, wahrstes Ich. In solch' einsamer Träumerei Hast Du auch Deine Stunde frei, In Thränen löset sich das Leid, Zur Freundin wird die Einsamkeit, An deren Brust die Seele klagt, In deren Ohr sie alles sagt; Ja, nur die schweigend stille Nacht Thut kund des Schmerzes heilige Macht, Wir beugen uns in Gottes Zucht, Die unö zum Frieden heimgesucht. Und wie den Aar der stolze Flug Hinwegträgt über Karst und Pflug, So tragen uns des Geistes Flügel Dann aus der kalten Nüchternheit Hin über Noth und Drang und Zeit Nach Edens magisch Hellem Hügel. D'rum komme Du, o ernste Nacht, Wenn uns die Sonne nicht gelacht, Noch hangt die Scholle zwar am Fuß, Noch drückt den Geist das Soll und Muß; Komm', Stunde, die schon oft im Flug Mich über daö Gemeine trug! Komm', Einsamkeit! du bist der Bronnen, Draus holen wir uns Kraft und Licht Für unseres Tages Amt und Pflicht Und für das Herz, wenn ihm sein Glück zerronnen. Adolph Müller.' > - -- , . , Auflösung der Schach-Aufgabe in Nr. 62: Weiß. Schwarz. 1. S. L7—b'S K. 65-V5 (L.) 2. D. L8-V4: K. V5-66 (L6)od. ander» S. S. kö-L7 (D- L4-L4 oder 64) Matt. L. 1.l. . . . K. 65-66 2. wie oben beliebig. 3. D. L4-64 (S. §5-L7) Matt. Andere Varianten leicht. 1896. „Augsburger Postzritung". M 64. Dinstag den 4. August Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Lilerarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbesttzer Dr. Mar Huttler). Gin furchtbares Geheimnis;. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) 4. Kapitel. Ich will nichts hören. Desdemona ist mir treu. Mit furchtbarem Schrei springt Sir Victor vor und reißt die ohnmächtige Frau aus den Armen des piraten- ähnltchen Mannes. „Zurück, höllischer Schurke!" schrie er heiser vor Wuth, „oder bei Gott es geht an Dein Leben. Wie wagst Du, mein Weib zu berühren?" „Ihr Weib? Ihres? Das gefällt mir. Wissen Sie nicht, daß es gegen die Gesetzgebung dieses engherzigen Landes ist, zwei Gatten zu haben? Beruhigen Sie sich, einem Baron geziemt nicht heftige Rede. Wie kommt er dazu, sie sein Weib zu nennen, Jnez?" „Sie ist es." „Der Kuckuck hole mich, wenn sie's ist. Da herrscht ein kleines Mißverfländniß. Ich heirathete Miß Mar- garetha Dobb vor zwei Jahren am 13. Mai zu Glasgow, wann heiratheten Sie dieselbe, Sir Victor?" Der Baron antwortete nicht. Er war bleich vor Wuth und Furcht. Meta lag wie todt da. „Siehst Du, Jnez", wandte sich der Junker an seine Schwester, „ich traf Meta vor zwei Jahren in Schottland, wir liebten uns und wechselten Photographien und Ringe. Du kennst ja selbst das Programm. Die Zeit der Trennung kam; Meta sollte ins Institut zurückkehren, ich eine Reise nach China antreten. Am Tage der Abreise nun wurden wir getraut. Ich leugne nicht, daß wir uns an der Kirchenthüre trennten und nicht wieder sahen, aber sie ist mein, da die Trauung legal war. Sie werden doch nicht eines Andern Weib wollen, Herr Baron?" „Sie kommt zu sich", sprach Jnez. Ihr Auge glühte. Sie kannte des Bruders Lügenhaftigkeit, wenn das aber doch wahr wäre und die Rache so bald sich einstellte? Meta schlug die Augen auf und richtete sich empor. „Was ist geschehen?" Da fällt ihr Blick auf den finstern Gast, und schaudernd verhüllt sie ihr Antlitz. „Fürchte Dich nicht", sprach Sir Victor und blickte herausfordernd den Gegner an, „der Feigling hat eine furchtbare Lüge gesagt, leugne es, Lieb', ich verlange nicht mehr und die Diener sollen ihn hinauswerfen." „Wirklich?" höhnte Junker Juan, „übrigens verstehe ich nicht, Meta, wie der Baron dazu kommt, Dich sein Weib zu nennen, Du kannst Dich doch nicht der Bigamie schuldig gemacht haben?" „Hörst Du's, Meta!" rief Sir Victor voll Angst, „o sprich, der bloße Anblick dieses Menschen macht mich wüthend. Sprich, weise die große Anschuldigung zurück." „Sie kann es nicht." „Ich kann und thue es!" sprach Meta mit blitzenden Augen, „'s ist eine gemeine Lüge. Schicke ihn fort, Victor, es nicht wahr — nicht wahr." „Erlauben Sie mir zwei Fragen an die Dame zu stellen, Sir Victor. Warst Du vor zwei Jahren in Schottland? Ist das nicht Dein Bild? Gabst Du mir nicht den Ring? Denke an die kleine Kirche in Glasgow und leugne, wenn Du kannst." Wie eine Löwin trat sie ihm jetzt entgegen. „Ich leugne es! Wie wagen Sie mit solcher Lüge hierher zu kommen? O höre mich, Victor, und vergib mir. Ich habe Unrecht gethan, Dir nicht sofort Alles zu sagen; aber ich glaubte ihn ertrunken, und meine Eltern widerriethen es, weil sie Dich zu verlieren fürchteten. Ich kannte Juan Chateron in Schottland, glaubte ihn zu lieben und nahm seine Photographie an." „Aha", lachte Juan, „die Wahrheit wird doch siegen. Sage die volle Wahrheit, Meta." „Still! Wagen Sie nicht so mit mir zu sprechen. Als ich die Ferien in Glasgow verlebte, lernte ich Mr. Chateron kennen, und er nistete sich in meine mädchenhafte Phantasie ein. Was wußte ich damals von Liebe? Als ich nach Hause wollte, wechselten wir Ringe und Bilder, und er führte mich in eine einsame Kapelle und ließ mich dort erklären, daß ich sein Weib sein wolle. Niemand außer uns war gegenwärtig. Auf dem Rückwege begegneten wir Papa, wir trennten uns und ich habe ihn nicht wieder gesehen. Beurtheile mich nicht zu hart, Victor, ich war ein Kind und fürchtete ihn. Sobald ich ihn aus den Augen verloren, mochte ich ihn nie mehr. Er schrieb mir, ich antwortete nur ein einziges Mal, um seine Briefe zurückzusenden und zu verlangen, daß er mich in Ruhe lasse. O vergib, mein Gatte, ich bereue so sehr." „Ich glaube Dir, Meta, Dein einziger Fehler war, daß Du mir das nicht längst gesagt. Sie aber, Juan Chateron, sind ein Schuft. Als Sie vor fünf Jahren Wechsel im Betrage von dreitausend Pfund auf meinen 486 Namen fälschten, warf ich Sie hinaus und ließ Sie gehen. Die gefälschten Wechsel aber habe ich noch. Betreten Sie nur noch einmal mein Haus und wiederholen die Lüge, dann beim Himmel, sollen Sie im Zuchthause zu Grunde gehen. Ich schonte Sie damals, Ihrer Schwester und des Namens halber, den Sie tragen und schänden; sobald Sie aber wieder mein Weib verleumden, bringe ich Sie an Ketten und wären Sie mein Bruder. Gehen Siel" Er warf die Thüre wett auf. Frech und mit einer unverwüstlichen Laune blickte Juan auf ihn. „Ei, wer hätte das gedacht? War doch sonst solch ein Milchbart. Ich gebe zu. Sie haben der Wechsel halber Macht über mich, und zwanzig Jahre Zwangsarbeit ist kein Vergnügen. Wenn Meta nicht kommen will, läßt sie's bleiben, aber 's ist schändlich, denn die Geschichte in Schottland war eine Trauung, man mag sagen, was man will. Natürlich zieht sie den reichen Baron dem armen Matrosen vor. Sei Du schwesterlich, Jnez, und besuche mich, ich wohne im Gasthaus zu Hes- holm. Adieu, meine Herrschaften! Wenn ich wieder heirathe, werde ich mich meines Weibes zu versichern wissen." Er ging hinaus, nickte Sir Victor freundlich zu und schüttelte die Haare zurück. „Adieu, alter William!" rief er dem Hausmeister zu, „ich gehe wieder, wie Du siehst. Sehr gastfreundlich ! Man hat mir nicht einmal ein Glas Wein angeboten. Gute Nacht, Kamerad!" Die Thür schloß sich hinter ihm. Er blickte zurück auf die erleuchteten Fenster und lachte. „Wenigstens hab' ich sie ordentlich erschreckt. Die Geschichte von der Heirath ist natürlich Fabel, aber es war doch ein Jux und die Komödie hat noch nicht ausgespielt, denn der blonde Baron ist eifersüchtig wie ein Großtürke. Hoffentlich besucht mich Jnez und gibt mir Geld. Wenn nicht, so muß ich sie aufsuchen." Als er fort war, herrschte Todtensttlle. Lichter brannten, Blumen dufteten, seltene Weine, tropische Früchte winkten, aber ein Gespenst saß zu Tisch. Viel Böses hatte Juan Chateron gethan im Leben, doch kaum verübte er eine ruchlosere That als heute. Aus Jnez' Augen leuchtete unerträglicher Triumph. Sie verabscheute den Bruder, nun aber hätte sie ihn küssen mögen. Die junge Frau hatte ihr Alles geraubt, Reichthum, Stellung, den Mann, den sie liebte, aber auch ihr Pfad war nicht mit Rosen bestreut. Todtenbleich setzte Sir Victor sich wieder an den Tisch. Niemand sprach. Glücklicher Weise begann das Kind zu schreien, und die junge Mutter eilte fort. Sie kehrte nicht wieder. Ueber eine Stunde saß sie an des Kindes Wiege, an seiner Seite fühlte sie sich ruhig und sicher. Ihr bangte vor der Begegnung mit dem Gatten. Sie hatte sich eines Mangels an vertrauender Aufrichtigkeit schuldig gemacht; würde er ihr je wieder Liebe und Vertrauen schenken? Endlich begab sie sich auf ihr Zimmer, fetzte sich an's Fenster und blickte hinaus in die sternenhelle Nacht. „Das ist mein Willkomm in meines Gatten Haus", dachte sie, „und die Thorheit meiner Jugend kehrt wieder mit dem furchtbaren Mai." Sie schauderte. „O, warum sagte ich's nicht? Warum verlangte die Mutter, daß ich es verberge? Sie fürchtete den Baron zu verlieren, und ich war schwach und feige." Er trat ein. „Ist das Fenster offen?" fragte er kühl, „entferne Dich sofort davon, Du möchtest Dich erkälten!" „O, vergieb mir, Victor", flehte sie. Er schwieg einen Augenblick. Wohl liebte er sie leidenschaftlich, aber noch zerrissen Zweifel und Eifersucht seine Seele. „Meta, warum täuschtest Du mich?" rief er endlich schmerzlich, „ich hätte geschworen, Du seiest die Wahrheit selbst, eine fleckenlose Lilie. Der Gedanke, daß ein Anderer sich Dir nahte und gerade Juan Chateron, macht mich verrückt." Sie sank auf die Knie und faltete bittend die Hände. „Ich war ja nur ein Kind, Victor, und wußte nichts von Liebe. Wohl that ich schweres Unrecht, daß ich Dir vie Wahrheit verhehlte, aber Du warst so eifersüchtig, und ich liebte Dich und fürchtete Dich zu verlieren." „Und ich war Baron. Hatte das nicht auch mit Deiner Furcht, mich zu verlieren, zu thun? Oder hat nur Liebe die Unaufrichtigkeit bedingt?" Es war das erste grausame Wort, das er je gesagt, und er bereute es sofort. Sie erhob sich und wandte sich ab. „Ich verdiene das. Einmal sagte ich Dir nicht die volle Wahrheit, warum solltest Du mir jetzt glauben? Das Weib, das Juan Chateron gekannt, könne Dein Weib nicht sein, sagtest Du, und darauf hin sollte ich noch bekennen? Ich verbarg die Wahrheit aus Furcht, Dich zu verlieren. Suche das Motiv worin Du willst. Es steht Dir auch frei über mich zu verfügen, und Du magst mich fortschicken." Sie sah in die Nacht hinaus. Er beobachtete sie ruhig. Sie wegschicken? Sie kannte ihn und wußte wohl, daß er nicht leben konnte ohne sie. Plötzlich umfaßte er sie leidenschaftlich. „Dich wegschicken, mein Lieb! Ich stürbe, verlöre ich Dich!" „So vergibst Du mir! Sieh, nur aus Liebe zu Dir verschwieg ich es", schluchzte sie, „nun aber will ich nie wieder ein Geheimniß vor Dir haben." Sie war noch fast ein Kind, die jugendliche Mutter, und als er das liebliche, flehende Gesicht, die großen, thränenvollen Augen, die bebenden Lippen sah, küßte er sie und vergab. 5. Kapitel. In der Dämmerung. „Keine Worte sind stark genug, Dein Benehmen zu tadeln, Victor. Du hast an Jnez schmählich gehandelt, hörst Du, schmählich, und Du bist der erste, der den Stammbaum verunreinigt hat. Herzogstöchter betraten Chateron Royals als Bräute, und Du hetrathetest die Tochter eines Seifensieders." So sprach Lady Helena Powys, vierzehn Tage nachdem er Weib und Kind heimgebracht, zu ihrem Neffen. Zornig hörte ihr der junge Mann zu. Während der letzten vierzehn Tage hatte Jnez ihm das Leben unsagbar verbittert, endlich war er zur Tante gekommen, um Hülfe zu holen und Trost, und nun wurde er so empfangen. „Das ist zu viel, Tante Helena, das ertrage ich nie, niemals von Dir. Die Abstammung meiner Frau ist der einzige Vorwurf, den man ihr wachen kann. 487 Jnez läßt's an Vorwürfen nicht fehlen, genug, um Jemand rafend zu machen, von Dir hätte ich's nicht erwartet." „Deine Frau beschuldige ich keineswegs, ich habe sie nur einmal gesehen und glaube, sie ist so gut wie hübsch. Gegen Dein Betragen wider Jnez aber muß ich Protestiren und wundere mich, daß sie's so ruhig erträgt." „So ruhig! Barmherziger Gott! Ich wollte, Du sähest es mit an. Sie quält meine Frau mit Nadelstichen und mein schuldiges Gewissen heißt mich schweigen. Seit Meta Chateron Royals betreten, hat sie keine glückliche Stunde mehr gehabt, und daran ist nur Jnez' teuflische Zunge schuld. Sie nehme sich aber in Acht, sie könnte sonst zu weit gehen." „Heißt das, daß Du sie verstoßen willst?" „Ja; Jnez ist meine Cousine, Meta meine Frau. Du würdest Dich um Erstere verdient machen, Tante, wenn Du ihr einen Wink gäbest." Er wandte sich, um zu gehen. „Gut, ich will es thun. Du bist zu tadeln, nicht das arme Kind. Ich werde mit Jnez sprechen und Dir, um Deiner Mutter willen, zu vergeben suchen. Sie hätte es verziehen, wenn Du ihr Herz gebrochen, ich will gleich ihr zu handeln versuchen, Besuche mich am nächsten Donnerstag; wenn ich Deine Frau empfange, empfängt sie sicher die ganze Nachbarschaft." „Ich danke, Tante, Du bist sehr gütig. Wir werden kommen." Er bot ihr die Hand. Sie allein hatte Notiz von seiner Frau genommen. Der Adel der Umgegend hatte beschlossen, es sei unmöglich, des Seifensieders Tochter zu empfangen. Wäre sie noch eine Banquierstochter gewesen, aber eines Seifensieders Tochter, eine heimliche Ehe, der Erbe von Chateron Royals in einer Stadtwohnung geboren und Miß Chateron schmachvoll hinter- gangen, nein, es war zu arg. Sie konnten Lady Chateron nicht besuchen, wenigstens nicht bis sie gesehen, wie Lady Helena Powys sie aufnahm. Es war das die einzige Schwester der seligen Mutter des Barons, und Sir Victor und Jnez sehr zugethan. Der Todten letzter Wunsch war gewesen, daß ihr Sohn seine Cousine hei- rathe. Er hatte es versprochen, und Lady Helena hatte erwartet, daß es geschehe. Wie ein Donnerschlag traf sie folglich die Kunde von seiner Mißheirath. Sie konnte das nicht vergeben und weigerte sich, seine Frau zu empfangen. Als er aber bleich und traurig zu ihr kam, erweichte sich ihr Herz, und ihr Mann, der die junge Frau in Chateron Noyals gesehen, ergriff sofort ihre Partei. „Was geschehen ist, läßt sich nicht mehr ändern", spxach er philosophisch, „und das Klügste ist, zum bösen Spiele gute Miene machen. Zudem ist sie reizend und meiner Treu, ich hätte sie auch geheirathet. Vergib ihm, Frau, junge Leute sind eben junge Leute, geh' und besuche sein Weib." Lady Helena gab nach, die Liebe war stärker als der Zorn. Sie ging, und in dem düsteren Saal von Chateron Noyals schwebt eine kleine Feengestalt mit goldenem, wallendem Haar, blauen Augen und einem solch' kindlichen Wesen, daß ihr ganzes Herz sich sofort mütterlich ihr zuneigte. „Du liebes Kind", sagte sie und küßte sie, als zähle sie erst acht Jahre. „Zeig' mir Deinen Kleinen, meine Liebe." Von der Stunde an waren sie Freundinnen. Dankesthränen im Auge, führte Meta sie in das Gemach, wo ihr Knäbchen schlummerte, und als die Dame es küßte, schwand aller Zorn aus ihrem Herzen. „Sie ist hübsch, artig, gut und eine vollendete Dame", bemerkte sie Jnez gegenüber, „und sie sieht auch recht glücklich aus. Sei nicht hart gegen sie, was kann sie für die Sachlage? Nur Victor ist zu tadeln, das fühlt Niemand mehr als ich. Ein wenig Liebe wäre für das arme blauäugige Kind so wünschenswerth." „Ich weiß, was ich meinem Vetter und seiner Frau schulde, und werde die Schuld abtragen." Lady Helena blickte sie ängstlich an, sie verstand sie nicht. „Ich verlange nicht, daß Du ihr Liebe entgegenbringst, Du vermagst das schließlich nicht, an Deiner Stelle aber würde ich sie in Ruhe lassen. Sie ist ja doch die Frau vom Hause, Du könntest zu weit gehen und dann —" „Würde mich Victor aus Chateron Royals vertreiben. Sagte er das? Verstelle Dich nicht, Tante, ich weiß es -ja doch. Also, wenn ich ihr nicht meinen Platz einräume, soll ich wegen der Seifensiederstochter verstoßen werden? Gut, daß Du mich darauf aufmerksam machtest, ich werde es nicht vergessen." Lady Helena war in Verlegenheit. Des Mädchens ernste Miene erschreckte sie. „Willst Du nächsten Donnerstag kommen? Verstehe wohl, ich dränge Dich nicht. Aus Liebe zu Victor will ich die Sache von der guten Seite nehmen. Ich gebe ein Diner und stelle Lady Chateron vor. Ich muß es thun. Wenn ich sie empfange, empfangen sie Alle. Wenn Du aber lieber nicht erscheinen wolltest, Jnez — —" „Warum sollte ich nicht? Victor mag ein Feigling sein, ich bin es nicht. Ich werde der ganzen Gesellschaft unter die Augen treten, ihr trotzen, wenn sie mich bedauert. Nimm Du die Seifensiederstochter auf, wenn Du willst, aber ich zweifle, ob Du mit all' Deiner Macht sie flott zu erhalten vermagst!" „Das arme Wesen!" dachte Lady Helena, als sie heimfuhr, „'s ist schön, die Herrin von Chateron Noyals zu sein, mit Jnez als Rivalin aber würde ich mich bedanken." Ja, daS arme Wesen! War Sir Victors Dasein verbittert genug, so war das seiner Frau geradezu unerträglich. Jnez wußte sicher zu treffen und trug den grimmigsten Haß in ruhigen, sanften Tönen zur Schau. Sie versäumte keine Gelegenheit. Ihre Zunge war ein zweischneidiges Schwert, und grausam beobachtete sie ihres Opfers Zuckungen. Meta ertrug es; sie liebte den Gatten, er fürchtete die Cousine, und seinethalben ertrug sie es. Einmal nur schrie sie auf: „O, Victor, ich gehe zu Grunde, bringe mich nach London oder wohin Du willst, nur befreie mich von ihr." Er beruhigte sie möglichst, ritt zur Tante, und den Erfolq kennen wir. Der Tag des Diners kam. Meta war ohnehin in Folge des endlosen Spottes, der schmähenden Worte, der stillen Verachtung der Cousine furchtbar aufgeregt, und das Fest wurde für sie zur Qual. Wie, wenn sie durch irgend einen Mißgriff den Gatten beschämte? Warum sollte sie denn überhaupt gehen? „Sei nur ruhig, liebes Kind", schmeichelte Victor, „zieh' ein hübsches Kleid an und schmücke Dich mit 488 Blumen und Perlen; Dein einfaches, liebenswürdiges Wesen wird allgemein gefallen." Als sie eine Stunde später in einem lichtblauen Seidenkleide, Lilien im Haar und Perlen um den Hals erschien, erinnerte sie an eine Fee. Jnez' schwarze Augen blitzten zornig. Mochte auch das Blut des Seifensieders in ihren Adern rollen, keine Fürstin konnte feiner und schöner aussehen. Miß Chateron selbst war pompös in dem weißen Seidenkleide, glühend von Rubinen. Stolzen Hauptes bestieg sie den Wagen. Lady Helena's Säle waren überfüllt; alle Einladungen waren angenommen worden. Alles wollte Sir Victors niedergeborenes Weib sehen und erfahren, wie Miß Chateron die ihr angethane Schmach ertrug. Lächelnd trat Jnez ein. Ihr Wesen schien zu sagen: „Bemitleidet mich doch, wenn ihr's wagt." Ihr folgte an Sir Victors Arm eine zierliche Gestalt. Lady Helena nahm die neue Nichte sofort unter ihre Fittige. Die Anwesenden wurden ihr vorgestellt, Komplimente ihr gesagt. Bei Tische saß sie am Ehrenplatz und war aller Augen Zielpunkt. Sie ertrug es ruhig, ihr Muth stieg, sie sprach unbefangen und eroberte Aller Herzen. „Ich gratulire, liebes Kind", flüsterte Lady Helena ihr zu, „der Anfang ist brillant. Die Herren sind entzückt, die Damen eifersüchtig." Bisher hatte Jnez nicht einen Giftpfeil entsendet; ihre Zeit aber sollte kommen. Nach Tische wurde must- ztrt. Lord Herriker, der jüngste und vornehmste Edelmann der Gesellschaft, nahm Lady Chateron förmlich in Beschlag. Er führte sie an's Piano, sie sang eine schottische Ballade, und Beifallsgemurmel erhob sich. Dazwischen tönte Jnez' sarkastisches Lachen. Capitain Barden schwärmt für sie, lehnt sich über ihren Sessel und erzählt ihr leise, daß Jack Singleton sich jüngst zum Gespött der Menschen gemacht, indem er die jüngste Miß Potter von Potter-Park geheirathet. „Wirklich", lachte Miß Chateron, „hatte der Vater nicht früher einen Kramladen und zog sich, zurück, als er genug Geld zusammengescharrt hatte? Und der arme Lieutenant Singleton hat die jüngste Miß Potter geheirathet? Wen die Götter verderben wollen, dem nehmen sie den Verstand. Nun, das Mädchen ist wohl hübsch und so süß, wie des Vaters Candis, so schmelzend wie dessen Butter. In manchen Familien ist es Sitte, das Wappen der Braut auf dem Familienschtld anzubringen. Ich denke, die Armatur der Familie Potter wäre wohl dann ein weißer Schurz und eine Käse." Unterdrücktes, schreckliches Lachen geht durch den Saal. Sir Victor ist wie mit Blut übergössen, Meta befindet sich noch an Lord Herrikcr's Seite und hat nur Gedanken an Flucht. Fort von dem grausamen Volke, fort von der scharfzüngigcn Jnez. Aengstlich blickt sie auf den Gatten; sollte sie dies ertragen? Er aber ist absichtlich blind und taub, er besaß nicht den Muth, den Handschuh für sein Weib aufzunehmen und der Cousine Schweigen zu gebieten. Nach Mitternacht fuhren die Gäste nach Haus. In Sir Victors Wagen herrschte Todtenstille. Meta lehnte bleich und stumm in der Ecke, Jnez besah sich die Sterne, der Baron zürnte sich selbst, haßte die Cousine und scheute sich, seine Frau anzusehen. Ihr Wesen ist eigenthümlich verändert, ihre Antworten sind kalt und kurz. Nicht ohne Grund verachtet sie den Mann, der nicht den Muth hat, sein Weib vor Verhöhnung zu bewahren. Am folgenden Tage erschien sie weder beim Frühstück noch bei Tische. „Mylady ist ausgegangen", meldete der Lakai, „vor etwa einer halben Stunde schritt sie mit einem Buche dem Lorbcerhain zu." „Ich werde sie suchen, man warte mit dem Essen", befahl Sir Victor, Meta war fort, weil sie nicht mehr mit Jnez Chateron an einem Tische Brod brechen wollte. Wäre das Münchener Bierhalle. MLLü Kind nicht, sie wäre längst aus dem Hause entflohen, wo sie immer die Rache eines Weibes verfolgte. Die Dämmerung senkte sich über die Bäume, finster hebt das Schloß sich vow Horizonte ab. Meta schaudert davor. Nur schmerzliche Tage hatte sie in diesen Mauern verlebt. Selbst ihre Liebe scheint in bitterer Verachtung zu ersterben, wenn sie daran denkt, wie er zu seiner Cousine Verhöhnung geschwiegen. Es ist kalt, sie hüllt sich fester in den Shawl und schreitet langsam auf und Gebäude für staatliche Anstalten und technischen Unterricht. Aus der Bayerischen Landesausstellung zu Ullrnberg 489 nieder. Thränen rollen über ihre Wangen, sie fühlt sich unsagbar allein, dem mitleidlosen Weibe preisgegeben. „O", stöhnte sie, „warum heirathete ich ihn überhaupt ?" „Wenn Sie Sir Victor meinen", spricht plötzlich eine Stimme, „so heiratheten Sie ihn eben, weil er Sir Victor war. Uebrigens kann eine Dame nicht zwei Gatten haben, und Sie wissen, daß ich Ihr gesetzlicher Gatte bin." Entsetzt weicht sie zurück; Juan Chaterons schwarze Gestalt steht in der Dämmerung vor ihr. Nürnberger Bierhalle. „Sie?" schrie sie auf. „Ja, ich I Wäre meine Schwester zu mir gekommen, hätte ich der Gegend wohl lange den Rücken gekehrt, so aber will sie mir nicht einmal die paar hundert Pfund geben, die ich unbedingt brauche. Zu Sir Victor kann ich aus zarten Gründen nicht gehen, folglich komme ich zu Ihnen. Geben Sie mir fünfhundert Pfund, und ich belästige Sie nie wieder." Er trat näher und streckte die große, braune Hand aus. „Zurück, Juan Chateron I" gebot sie, „wie wagen Sie hier einzudringen und mit mir zu sprechen?" „Wie ich's wage? Nicht übel! Wenn ein Mann mit seiner Frau nicht reden soll, mit wem soll er's dann? Es nimmt sich gut aus, wenn die Frau Baronin sich auf's hohe Roß setzen. Rathsamer dürfte sein, mir die fünfhundert Pfund zu geben und mich in Frieden ziehen zu lassen." „Wenn Sie sich nicht sofort entfernen, rufe ich meinen Mann." „Wollen Sie mir das Geld geben?" fragte Juan und kreuzte herausfordend die Arme. „Ich habe es nicht, und wenn ich's hätte, gäbe ich Ihnen doch keinen Heller." „Sie haben Diamanten", sprach er, auf ihre Hand zeigend, „geben Sie mir diese, oder bei Gott, ich erzähle die Geschichte Ihrer Bigamie in England." „Sir Victor hat Sie in seiner Gewalt, cr wird seine Drohung halten, wenn Sie die häßliche Lüge zu wiederholen wagen." „Werde ich die Juwelen bekommen?" „Nein, gehen Sie oder ich rufe um Hülfe!" „Sie wollen mir also die Ringe nicht geben?" „Nein! Es kommt Jemand, wir wollen sehen, wer sich fürchtet." „Gut, ich gehe, aber ich werde wiederkommen. Bemühen Sie sich nicht, Ihren heloenhaftcn Gatten zu rufen." — Pfeifend verschwand er hinter den Bäumen. „O, mein Gott, was wird morgen geschehen!" seufzte Meta verzweifelnd, „soll ich nie erlöst werden von dem Geschwisterpaar?" Sie wandte sich dem Schlosse zu, als ihr weißes Kleid ganz verschwunden war, tauchte Sir Victor aus dem Schatten hervor und der Mond beleuchtete sein todtenbleiches Gesicht. 6. Kapitel. Im Mondlicht. Er hatte kein Wort gehört, aber er hatte sie beisammen gesehen und das genügte. Wie betäubt stand er, als er seine Frau allein im Dunkeln mit Juan Cha- teron sah. Dieser hatte also Chesholm nicht verlassen, und sie wußte es. Wie oft hatten sie sich schon getroffen, wie, wenn sie doch sein Weib wäre? Wenn die Ceremonie in der schottischen Kirche bindend wäre? Und wenn sie Juan noch liebte? So lange cs ging, hatte Meta die Sache ihm verborgen, hatte ihn getäuscht, that es noch jetzt. So schön und so falsch. Ihm schwindelte. Er lehnte sich an einen Baum. „Ich will zu ihr gehen", sprach er endlich, „und hören, was sie sagt. Theilt sie mir die Begegnung freiwillig mit, so will ich ihr glauben, schweigt sie, so sei es ein Beweis ihrer Schuld." Er begab sich ins Haus. Ein Diener trat ihm entgegen. „Ein Bedienter von Powys Place hat dieses Billet gebracht, Herr Baron; den gnädigen Herrn hat ein Schlag getroffen, und Ihre Anwesenheit wird dringend gewünscht." Sir Victor brach das Siegel und las. Im Speisesaal traf er seine Frau nicht und begab sich in das Ktnderzimmer, wo er sie noch immer gefunden. Sie beugte sich über die Wiege. Die Amme stand in einiger Entfernung. Der Baron gewahrte sie nicht. „Ich erhielt eben ein Billet von Tante Helena, den Onkel hat der Schlag getroffen, und sein Befinden ist kritisch. Ich reise sofort ab und kehre diese Nacht nicht zurück." Kulmbacher Bierhalle. Sie sah ihn erschrocken an. Seine fahle Farbe mochte sich durch das Billet bedingen. Mit einigen Worten des Bedauerns beugte sie sich wieder zum Kinde. „Hast Du mir nichts zu sagen, ehe ich gehe?" Sie hob den Kopf, die Worte schwebten ihr auf derZunge. Aber die Amme war gegenwärtig, und warum ihn jetzt aufhalten, es war klüger, bis morgen zu warten. „Ich habe Dir nur Lebewohl zu sagen und Dich zu bitten, die Tante zu grüßen. Hoffentlich steht's mit dem armen Onkel nichl so schlimm." 490 Sie sah ihn dabei nicht an. Er wandte sich zur Thüre, Zweifel und Eifersucht tobten in ihm. Auf der Schwelle blieb er stehen. Etwas schien ihn festzuhalten. „Adieu, liebes Weib", sprach er mit erzwungenem Lächeln, „Du magst mich für thöricht halten, aber mir bangt, Dich heute Nacht zu verlassen. Gib recht Acht auf Dich, ich werde sobald als möglich wiederkehren." Sie blickte ihm vom Fenster aus nach. „Wie lieb er mich hat, der gute Victor", dachte sie, und als er sich umwandte, warf sie ihm eine Kußhand zu, „wie glücklich könnten wir sein, wären die Geschwister nicht." Bald darauf trat Jnez ein. „Ich suchte Victor und glaubte seine Stimme zu vernehmen. Wie geht es dem Erben von Chateron Royals?" Auch sie bemerkte die Amme nicht und beugte sich mit ihrem gewöhnlichen höhnischen Lächeln über das Kind. „Ob er wohl wirklich der Erbe von Chateron Royals ist? Ich lese eben Walter Scott's „Ehegesetze" und hege meine Zweifel. Wenn Sie Juans Frau sind, können Sie nicht Victors Gattin sein, folglich kann die Legitimität seines Sohnes ange—" Sie endete den Satz nicht. Es war der letzte Tropfen in dem überschäumenden Becher, eine Beleidigung, die nicht zu ertragen war. Mit feuersprühenden Augen trat Lady Chateron vor sie hin. „Sie haben Ihre letzte Bosheit verübt. Unter diesem Dache sollen Sie mir keine weitere Kränkung anthun. Ich bin Sir Victors Gattin und die Herrin von Chateron Royals, das Sie morgen verlassen werden. Sobald mein Mann wiederkommt, gehen Sie oder ich auf Nimmerwiederkehr." (Fortsetzung folgt.) — Die Bayerische Landesausstellung zu Nürnberg. (Mit Illustrationen.) (Schluß.) Die Gebäude sind aus Holz aufgeführt, mit Stuck bekleidet und mit plastischem Schmuck versehen. Bei letzterem zeigt sich ein wohlthuender Einfluß der modernen Richtung. Der Stil ist eine glückliche Modification des Barocks. Das Ganze macht einen ruhigen, harmonischen Eindruck, was wohl auch dem Umstand zuzuschreiben ist, daß die Entwürfe von einem einzigen geschickten Künstler, dem Director des Bayerischen Gewerbemuseums v. Krämer in Nürnberg, herrühren. Abseits von diesem Gebäudecomplex müssen wir im Park noch zwei officielle Bauten, die Kunsthalle und das Armeemuseum, welch' letzteres eine wohlgeordnete Sammlung von Waffen und Uniformstücken enthält, suchen. Von ersterem Gebäude lassen die umgebenden Bäume kaum mehr als die hohe Kuppel und das stilvolle Atrium sehen. Das Armeemuseum, das der Zeichner gleichfalls im Bilde festgehalten hat, ist zwar von bescheidenem Umfang, zeichnet sich aber durch reizende Architektur aus. Die officiellen Ausstellungsgebäude bedecken eine Fläche von 44,000 Quadratmeter. Und nun zu den leiblichen Genüssen! Für diese sorgt eine hinreichende Anzahl von Kosthallen, Restaurants, Cafes und Conditoreten, schmucke und zum Theil sehr ausgedehnte Bauten, die, von Gruppen mächtiger Bäume eingeschlossen, im Park verstreut liegen. Daß in Bayern in erster Linie für die Biertrinker gesorgt wird, ist selbstverständlich. Die Bterhallen sind deßhalb, wie aus den vorstehenden Abbildungen ersichtlich, nicht nur schmuck, sondern auch recht geräumig; sie vermögen Tausende von Durstigen zu fassen. Das originellste Gebäude dieser Art ist aber ohne Zweifel das Weinhaus, das einen von der Zeit arg mitgenommenen Rittersitz, der aus einem Kloster hervorgegangen zu sein scheint, vorstellt. Die ganze Ausstellung trägt einen vornehmen Charakter, und zwei größere Privatunternehmen, eine künstliche Eisbahn und ein trefflich gemaltes Panorama der Schlacht von Bazeilles, die sich in ihrem Gebiet befinden, thun ihr durchaus keinen Abbruch. Nürnberg, im Juli. Oskar Heinrich. Das Geheimniß von Dillingeu. *) (19. Juli 1796.) Von Heinrich Leher. Das Jahr 1796 brachte für Bayern schwere Schicksalsschläge: unser theureS Vaterland wurde überschwemmt von den französischen Heeren; Plünderungen, Brandschatzungen, Raub und Mord, kurz alle Drangsale des Krieges ergossen sich über seine Gefilde. Die politische Lage ist die denkbar traurigste und jämmerlichste. Es fehlt nicht an Lichtblicken, das sind die Ruhmestage von Amberg und Würzburg, an denen Oesterreichs siegreicher Held, Erzherzog Karl, die französischen Heere besiegte und Franken und Bayern von seinen Drangsalen befreite. Heute sei in Kürze des hundertjährigen Gedächtniß- tages eines merkwürdigen Ereignisses erwähnt, welches wohl heute vollständig vergessen ist. Der Schauplatz desselben war die damals der Herrschaft des Fürstbischofs von Augsburg unterstehende Stadt Dillingen; das Datum der 19. Juli 1796. An diesem Tage wäre das gute, harmlose Dillingen bald Zeuge der blutigen Szene eines Königsmordes geworden. Ludwig XVI. von Frankreich hatte sein edles Haupt auf dem Schafott verloren; sein Sohn, der Dauphin, in der Geschichte als Ludwig XVII. vorgetragen, war von dem Schuster Simon zu Tode mißhandelt worden. Erbe der Krone Frankreichs und dessen König war der Bruder Ludwig's XVI., der Gras von Provence, als Ludwig XVIII. geworden; er irrte als Flüchtling in Italien und deutschen Landen umher. Insbesondere war es der Kurfürst von Trier, der sächsische Prinz Clemens Wen- zeslaus, der zugleich Fürstbischof von Augsburg war, welcher ihm Zufluchtsstätte bot. Das Vordringen der republikanischen Heere im Frühjahr 1796 nöthigte den König bald, vom Nheine zu fliehen; er begab sich zuerst zur kleinen Armee, welche mit englischen Hilfsquellen Prinz Conde um sich gesammelt hatte, verließ aber dieselbe in Villingen, als die Nachricht erneuter Niederlagen der Oesterreicher eintraf. Als passender Zufluchtsort erschien zunächst das Augsburger Gebiet, welches, wie bereits erwähnt, ebenfalls dem Kurfürsten von Trier gehörte, mit welchem Ludwig XVIII. in innigster nächst- verwandtschaftlicher Beziehung stand. Die Mutter Ludwigs XVIII., Maria Josefa, war eine Schwester Friedrich Augusts III., Kurfürsten von Sachsen und Königs von Polen, dessen Sohn Kurfürst Clemens Wenzeslaus war. Am 19. Juli Abends -^10 Uhr traf Ludwig XVIII. im strengsten Inkognito, nur von drei Dienern begleitet, *) Wir entnehmen diese interessante Skizze der von Herrn Heinrich Leher trefflich redigirten Zeitschrist „Das Bayerland". Verlag vcn R. Oldenbourg in München. 491 in Dilltngen ein und nahm seinen Abstieg in dem heute noch bestehenden Kasthofe zum „goldenen Stern". Es wimmelte in Dillingen von Emigrierten; auch der Bruder des Königs, der Graf von Artois, der später als Kart X. den Thron von Frankreich bestieg, war daselbst angekommen. Der König blieb, wie bereits gesagt, im strengsten Inkognito; keine der Behörden von Dillingen wußte, welch' ein hoher Gast in den Mauern der Stadt verweile. Wir folgen bei Darstellung der Ereignisse des Abends dem Berichte, welchen der Herzog von Villequier dem im Lager zu Ueberlingen stehenden Prinzen von Conds erstattete. Der Herzog schreibt: „Der König arbeitete den ganzen Nachmittag in seinem Gasthause zunächst mit dem Grafen von Avaray, den er mit verschiedenen Briefen als Gesandten fortschicken wollte. Der Graf wollte soeben Se. Majestät den König verlassen, um sich in seine Gemächer zu begeben; es war etwa 10 Uhr Abends. Der König, müde von der Arbeit und von der Hitze, begab sich mit dem Herzog von Fleury ans Fenster. Der Mond schien helle, sein Licht fiel zwar nicht auf daS Haus, aber die hinter dem König auf dem Tische stehenden Kerzen beleuchtetenscharfdessen Haupt. Der König stand ungefähr eine Viertelstunde am Fenster, als plötzlich ein Schuß krachte, der aus einem gegenüberliegenden Bogengänge abgefeuert worden war. Die Kugel traf den König dicht am Scheitel, schlägt in die Mauer und fällt dann ins Zimmer. Auf die Bewegung des Königs schreit der Herzog von Fleury um Hilfe, der Herzog von Gramont läuft herbei, der Graf Fuße; sie glauben, ihr O Gasthof „zum goldenen Stern" in Dillingen. StStle des Attentate» auf König Kudwig XVUl. von Avaray folgt ihm auf dem Gebieter sei tödtlich verletzt, da sie sein Gesicht mit Blut überströmt sehen. Der König aber sagt ganz ruhig: „Meine Freunde, es ist nichts, gar nichts! Ihr seht, daß ich noch aufrecht dastehe, obwohl der Schuß dem Kopie galt." Es war im ersten Augenblicke kein Chirurg da, der des Königs war noch in Ulm beim Train der Armee. Man mußte das Blut stillen, das Haar wegschneiden, um die Tiefe der Wunde messen zu können; es war dies die Aufgabe der drei Kammerdiener Ludwigs, der bei der Operation ganz ruhig blieb und sogar scherzte. Bald darauf erschienen Arzt und Chirurg aus der Stadt und legten den ersten Verband an; um 4 Uhr Nachmittags des nächsten Tages kam der Leibarzt des Königs, der die getroffenen Anordnungen billigte und folgendes Bulletin ausgab: „Die Kugel war gegen den Obertheil des Kopfes gerichtet, die Schädeldecke ist leicht gestreift; der Patient hat kein Fieber; die Verwundung wird ohne ernste Folgen bleiben. Colon, Chirurg des Königs." Es wird folgende Bemerkung des Königs notirt. Als einer der Diener rief: „Ach, mein Herr und Gebieter, wenn der Elende nur ein Haar tiefer gezielt hätte!" „Dann, mein Freund", antwortete kalt Ludwig XVIII., ,dann würde der König von Frankreich heute KarlX. heißen." Militär- und Zivilbehörden von Dillingen haben sich aufs vorzüglichste benommen, sich dem Dienste des Königs und den Nachforschungen nach dem Mörder rastlos hingegeben, letzteres allerdings ohne Erfolg." Diese Bemerkungen sind um so wichtiger, als sie aus dem Munde eines Zeitgenossen die späteren Vorwürfe widerlegen, welche gegen die Behörden Dtl- ltngens erhoben wurden. Die Angaben des Herzogs von Villequier bestätigen in ausgedehntestem Maße, was Professor Dr. Englert im Jahre 1891 auf Grund genauer archiva- lischer Forschungen neuerdings darlegte: die Zurückweisung späterer, gehässiger französischer Berichte, welche die Stadt als einJakobiner- nestschilderten, indem der König aufs unhöflichste empfangen worden wäre, der Magistrat habe die Mörder, Jakobiner, welche dem Fürsten von Landau aus durch den damaligen Konvent nachgeschickt worden seien, in böswilligster Weise entschlüpfen lassen. Der Gastwirth habe zum Andenken des Frevels das Fenster, wodurch die Kugel eindrang, mit einer gelben Glasscheibe versehen und nicht erlaubt, den Fußboden vom Blute zu reinigen. Von allen diesen Behauptungen ist nur die erstere wahr, die gelbe Glasscheibe. Dieses geschah nicht aus Sympathie mit den Jakobinern, sondern aus Interesse für die historische Begebenheit. Das Loch, durch welches die Kugel drang, war bis vor wenigen Jahren - 492 noch vorhanden. In Wirklichkeit thaten die Behörden von Dillingen alles, was in ihren Kräften stand; diePolizei erfuhr erst durch das Attentat, daß der König von Frankreich in Dillingen weile. Sie machte sofort Anzeige bei der fürstlichen Regierung, und noch um Mitternacht wurden die Mitglieder derselben zusammenberufen, um die nöthigen Maßregeln zu berathen. Der Stadt- und Gerichtsarzt nebst einem Chirurgen wurde zur Untersuchung und Hilfeleistung zum König beordert und eine eigene Regierungskommission, bestehend aus einem Oberpolizeikommissär und zwei Regierungsräthen, bestellt, welche nicht nur die gehörige Untersuchung pflegen, sondern auch Maßregeln treffen sollte, wie der Thäter entdeckt und verhaftet werden könnte. Der Stadtkommandant Gardekapitain v. Schütz wurde beauftragt, eine eigene Wache im Gasthof aufzustellen und niemand ohne vorherige Erlaubniß und Untersuchung in denselben einzulassen. Die Stadtthore wurden sogleich gesperrt und mit Wachtposten umstellt; in der Stadt selbst zogen Patrouillen von Bürgern und Militär herum, um etwaige Gefangene festzunehmen. — Die Mühe war vergebens, der Attentäter blieb unbekannt, der Mordanschlag von Dillingen zählt heute noch zu den unenthüllten Geheimnissen der Geschichte. -- Allerlei. Durch die elektrisch geladenen Accumula- toren ist es nunmehr möglich, eine irgendwo in der ^ Welt vorhandene Kraft wie sonst eine Waare, in eine ! Kiste verpackt, beliebig anderswohin zu senden und daselbst zur Wirkung zu bringen. Einen interessanten Beleg dafür gibt uns eine Mittheilung vom Patent- und techn. Bureau von Richard Lüders in Görlitz. Auf die Welt- Ausstellung zu Chicago hatte die Stadt Venedig eine Anzahl der charakteristischen venetianischen Gondeln gesandt, welche, auf den Teichen und Kanälen des Aus- stellungSparkes fahrend, allgemeines beifälliges Aufsehen erregten. Als Gegenleistung hat nun die Ausstellungs- Commisfion den Venetianern eine schöne, durch elektrische Accumulatoren betriebene Bark als Präsent übermittelt, deren Accumulatoren auf den Niagarafall-Werken, wo bekanntlich die riesige Wasserkraft in Elektrizität umgewandelt wird, geladen wurden. Es ist also schließlich die Kraft des Niagarafalles, welche dann auf den Kanälen Venedigs die Gondel bewegt — gewiß eine technische Errungenschaft, von der man sich vor dreißig Jahren nichts hätte träumen lassen. * R Der Tabak kann in diesem Jahre auch ein Jubiläum feiern. Es war im Jahre 1496, als ein spanischer Mönch, Roman Pano, der sich der EntdeckungsExpedition des Christoph Columbus angeschlossen hatte, auf Domingo den Tabak kennen lernte und über diese Pflanze und ihre Verwendung bei den Eingeborenen den ersten Bericht nach Europa gelangen ließ. Der Tabak galt anfänglich als Arzneimittel, bald aber wurde er auch zum Rauchen — Tabaktrinken wurde es genannt — verwendet. Es sind somit 400 Jahre verflossen, seit das Labsal der Raucher, Schimpfer und — Kauer in Europa seinen Einzug gehalten hat. * Ihr Grund. Mutter: „Das war recht unartig von Dir, Edith, uns zu unterbrechen, als ich gestern Abend mit den Damen sprach. Du mußt stets warten, bis wir schweigen, dann darf auch ein Kind einmal reden!" — Edith: „Ja, Mama, das hab' ich auch versucht, aber .Ihr schwiegt ja niemals still!" * Geschäfts-Variante. Kleine Reparaturen erhalten die Kundschaft. -- Aus der „Nachfolge Khristi"?) Eitelkeit ist's, Reichthum suchen Und auf ihn die Hoffnung setzen; Eitelkeit, nach Lobe trachten, Ruhm und Rang und Ehrenplätzen. Eitelkeit ist's, auf des Fleisches Lust und Leidenschaft zu hören Und was sich durch schwere Strafe Später rächet zu begehren. Eitelkeit ist's, langes Leben Sich zu wünschen, statt ein gutes; Immer nur für's Jetzt zu sorgen, Um die Zukunft leichten Muthes. Eitelkeit ist's, das zu lieben, Was verweht wie Wind, der schauert, Aber nicht dahin zu trachten, Wo die Freude ewig dauert. *) Siehe „Des gottseligen Thomas von Kempen Nachfolge Christi in deutschen Reimen" von Hermann Jseke. Verlag von F. W. Cordier, Heiligenstadt (Eichsfeld). Preis brosch. M. 3.-, Salonband M. 4.50. InisnniLtzionalss IVlSistSn-ststunniSi' in ZinrnIberK. Wir tbeilen einige interessante partieen aus diesem Neister-I'uinisre mit. (blaebdruelc verboten, da das Ueebt der Publication von dem Lcbaebclub blnrnberA vorbsbalten rvurde. U. Red.) I. do Weiss: (Wmsrilra). 8ebvvarr: (Rußland). dL rS Weiss: SieinilL (Amerika). 8 e b vv a r r: I-sskei» (blnAland). i e2-et e7—e6 24 8. I3XIR2 1. e4 - b4 2 d2-d4 d7-d5 25 12—13 1. b4Xb2 3 8. bl—d2 e7-c5 26 v. b6—e7 1'. 1,2-bl-s 4 d4>(e5 In I8XeS 27 L. ssl-12 v. 1,5-b4f 5 8. d2—b3 In e5-b6 28 v. e7—§3 v. !,4> ausschließlich für humanitäre Zwecke. So erbaute er allein das Sebastiane» oder Priesterhaus und übergab dasselbe in das Eigenthum der Barmherzigen Bruder, die einen großen Pavillon hinzubauten, in welchem sich Fremdenzimmer, Sprechzimmer, Wandelbahn und die Bade-Anstalt befinden. Auf der Anhöhe prangt ein herrlicher Ziegelrohbau, das Kneipp'sche Kinder-Asyl, von ihm um 150,000 Mark erbaut, in welchem 120 Kinder von 2 bis 18 Jahren die sorgsamste Pflege von Seite der Franciscanerinnen erfahren. Nicht ohne stille Wehmuth durchschreitet man die reinlichen Räume, in welchen man diesen armen Kindern, mit den verschiedensten Krankheiten und Leiden behaftet, begegnet. Es gibt fast keine Krankheit, die hier nicht vertreten wäre, Kinder im zartesten Alter, die nicht selten die Sünden ihrer Eltern büßen, werden hier mit mütterlicher Sorgfalt behandelt und erhalten nebst der körperlichen Pflege auch einen entsprechenden Unterricht. Neben diesem Kinder-Asyl erhebt sich ein zweiter dreistöckiger Rohbau, welcher noch nicht ganz vollendet ist und den Prälaten 200,000 Mark kostete. Derselbe war für Lupus-Kranke bestimmt; allein da ihm von einer Seite, von der man es am wenigsten erwarten sollte, die größten Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden, will er es für ein Frauen-Spital bestimmen. Welche Verbreitung die Kneipp'schen Bücher gefunden, erhellt am besten aus der Thatsache, daß die Wasser-Kur bereits in der sechzigsten deutschen Auflage und daneben in fünfzehn verschiedenen Uebersetzungcn erschienen ist und das Werk „So sollt ihr leben" soeben die dreißigste Auflage erlebt hat. Wo ist je ein Werk in der Welt binnen zehn Jahren in so vielen Auslagen erschienen? Außer dieser tagtäglichen aufreibenden Thätigkeit hält Prälat Kneipp täglich abends *^5 Uhr einen populären Vortrag über verschiedene Krankheiten und deren Heilung, über zweckmäßige Kleidung in gemeinverständlicher instruktiver Weise, dem sämmtliche Cur-Gäste mit größter Aufmerksamkeit beiwohnen. Diese einstündigen Vortrage, die im Winter in einem Glashause gehalten werden, sind in der Regel mit interessanten Fällen, Beispielen und Vergleichen gewürzt und tragen zur Aufklärung der Massen sehr viel bei. Schließlich sei noch erwähnt, daß die Gemeinde Wörishofen einen neuen großen Friedhos mit einer schönen Umfassungsmauer erbaut hat und demnächst mit sehr großen Kosten den Ort mit Kanälen versehen wird. Viele Hunderte und Tausende leidender Erdenpilger sind im Laufe der Zeit hiehcr gewandert, und die Meisten haben Heilung oder doch wenigstens Linderung in ihren schweren Leiden gefunden. Alle ohne Ausnahme, welch Standes und welcher Religion immer, zollen diesem edlen Wohlthäter der Menschheit den Ausdruck innigster Dankbarkeit und Verehrung. Das Oberhaupt der Kirche, Papst Leo XIII., hat diesen Priestergreis in Anerkennung seiner barmherzigen Verdienste zu seinem Gcheimkämmerer ernannt und ihn bei seiner Anwesenheit in Rom mit einer Auszeichnung empfangen, wie sie einem einfachen Priester wohl noch nie zu Theil wurde. Der Patriarch von Jerusalem hat ihn kürzlich zum Commandeur des Ordens vom Heiligen Grabe ernannt, gewiß eine sinnreiche Auszeichnung für einen Mann, der so viele Tausende . dem nahen Tode entrissen und ihnen die Freude der j Auferstehung von ihren Leiden bereitet hat. Und welche Anerkennung wurde diesem edlen Greise von der Regierung feines Landes zu Theil? Wohl nie hat je ein Mann dem bayerischen Staate solche materielle Vortheile verschafft, als Prälat Kneipp, ganz abgesehen von seiner Thätigkeit. Bisher hat die bayerische Regierung nicht daran gedacht, diesem Priester auch nur ein Zeichen der Anerkennung zu geben — wohl aus Furcht vor den Männern der mcdicinischen Wissenschaft. Zum Glücke ist Prälat Kneipp nicht der Mann, welcher nach Menschengnnst und äußeren Ehren hascht. Sein Wirken fließt aus der reinsten katholischen Humanität, und seine größte Freude und Stolz ist, wenn er den Elendesten und Acrmstm seiner Mitmenschen seine Hilfe kann angedeihen lassen. Es wäre fast Schade, wenn der himmlische Lohn, der diesem frommen, demüthigen Priestergrcis gewiß beschicken sein wird, durch irdischen Lohn getrübt würde. Darum möge Gott ihn bis an die äußerste Grenze des menschlichen Lebens zum Wohle der leidenden Menschheit erhaltenl - - Hoffnungsfroh. „Was habe ich gehört? Ihr Kassier ist mit einem bedeutenden Betrage und Ihrer Tochter dnrchgebrannt?" — „Na, na, es ist nicht so arg. Er schreibt mir soeben, er werde mir alles zurückzahlen; die Tochter hat er mir schon zurückgeschickt." Kurz angebunden. Chef: „Nun, was sagte der Baron, als Sie ihm die Rechnung vorzeigten?" — Commis: „.Johann', weiter nichts!" ——- „Augsburgrr PostMung". « 66 . Dinstag, den 11. August 1896 . Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Lnglanä). 1 e2—e4 s7—e6 26 8. 14—e6 D. a4—ä? 2 ä2-ä4 ä7-ä5 27 8. e6X0ä8 T. a8Xä8 8 8. bl—c3 8. g8-k6 28 D. e3—«5 T. ä8—c8 4 e4—e5 8. g6-ä7 29 D. e5XDs7 X. e8Xe7 5 k2—k4 o7—e5 30 D. 12—e3 T. c8—e8 e ä4Xeö 8. b8-e6 31 D. e3—g5f X. e7—17 7 a2—a3 8. ä7X°5 32 T. 11—ei TXTt 8 b2—b4 8. cö—ä7 33 DXT T. b8—e3 9 D. ll—ä3 a7—a5 34 D. cl—sl b4—b3 10 b4- b5 8. e6-b8 35 §2XK3 1. e8—g8j 11 8. gl-13 8. ä7—c5 36 X. gl-12 aö—a4 12 D. e1-e3 8. b8-ä7 37 v. sl—b4 T. g8—g6 13 0 -0') g7—g6 38 X. 12—13 8.4 23 14 8. c3—e2 D. 13-«7 39 v. b4Xa3 T. g6Xbk 15 D. äl-el 8. ä7-l>6 40 D. a3—«5 T. b6-e8 16 8. l3-ä4 D. «8—ä7 41 D. cö—e7 X. 17-6? 17 D. ei—k2 8. b6 - a4 42 X. 13-14 b7—b6 18 T. al—bl b7—b5 43 b3—b4 T. e6—c8 19 b7-b6 8. c5Xä3 44 D. e7—b8 D. ä7—e8 20 c2Xä3 D. s?Xa3 45 X. 14X15 T. e6—b8 21 14-15 göXIS 46 D. b8-e?t X. e7—18 22 8. e2-l4 1i5-b4 47 v. c7—ä8 b6—bö 23 T. bl-al D. a3—e7 48 sö—s6 I. K6—b? 24 T. a1Xa4 D. ä?Xa4 49 X. 15—e5 b5-b4 25 8. ä4X«6 l?Xe6 SO D. ä8-ä6t aulgsgebeo. *) Kleine Koebaäs. _ Anmerkung. In obiger kartis bat äer jugenälicbs — 23zäbrigs — amerikanisebs Llsister, welcber, nebenbei bemerkt, im 1895er internationalen Turnier eu Uastings äen I. kreis errang, seinen kübnen ^.ngritk vom Beginn bis rum Lnäs mit leinen Oplerkombioationen siegrsieb äurebgelübrt; liessen gewaltiger 6egner musste trotr taxlerer Vertbeiäigung naek äem 50. 2ugs äis Vaklen strecken. Diese glänrenäe kartis äürlts bis jstrt äis meiste äll- wartscbalt auk äsn Kotbscbilä-kreis baden. Lins weitere, sebr elegante kartis rwiseben äem österreiebiscben bleistsr Llbin nnä äem Ungarn Lbaroussk lolgt in einer äer näcbsten Uuwwern. _ X. Holm ann. Vsiss. Ltellung naeb äem 25. 2ugs. X -— -—-»SLAWS-- « 68 . 1896. „Augsburger PostMung^. Dinstag, den 18. August Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS^^rabherrin Augsburg on Millfield, einer etwa fünf Meilen von Sandypoint entlegenen Fabrikstadt, nach Hause. Am frühen Morsien war sie mit einem Nachbar herübergefahren, um sich ein Kleid zu kaufen, und da sie den Weg gut kannte, machte sie sich gegen Abend auf den Heimweg. Den Merino trug sie als Talisman gegen Wind und Witter im Arm, unb voll froher Gedanken darüber, wie hübsch der Stoff sie kleiden würde, eilte sie flüchtigen Fußes dahin. Noch aber hatte sie kaum den dritten Theil des Weges zurückgelegt, als der Schnee in großen Flocken herniederzuwirbeln begann. Entsetzt blickte sie auf; es war ein Feldweg, der über Berg und Thal führte und den sie nicht zu finden vermochte, wenn es schneite. Die Nacht nahte schnell. Was war zu thun? Die Klugheit rieth ihr, umzukehren. Jugendliche Ungeduld und Uebermuth aber riefen „Vorwärts!" Sie eilte weiter; der große Haushund Bruno war ihr einziger Begleiter. Schneller und dichter fielen die Flocken, es wurde ein Schneesturm. Sollte sie umkehren? Furcht kannte sie nicht, mit Bruno's Hülfe glaubte sie den Weg zu finden, und so hüllte sie sich fester in ihren Shawl und ging muthig vorwärts. Wieder war eine Meile zurückgelegt, aber es war Nacht geworden, der Schnee fiel noch immer, und zwei englische Meilen lagen noch zwischen ihr und der Heimath. Ihr Herz begann zu pochen, Bruno suchte ängstlich, der Weg war förmlich im Schnee begraben, das Gewirbel der fallenden Flocken blendete sie, das Waten ermüdete sie furchtbar. Wenn sie sich verirrte und die Nacht herumliefe? Wenn sie nur irgendwo Licht sähe, sie wollte darauf zugehen und Schutz suchen vor Nacht Nacht und Sturm. Umsonst — es war nichts zu sehen. Vorwärts I Horch! Was war das? Bruno spitzte die Ohren. Unfehlbar ein Schrei, ein Angstschrei. Schwach und klagend tönte er auS der Ferne zu ihr. Edith zauderte nicht. Wie oft schon hatten Fremde diesen Weg gemacht und waren erfroren gefunden worden. „Such', Bruno, such', alter Bursche!" rief sie dem Hunde zu und wandte sich nach der Richtung, aus welcher der Hülferuf gekommen. „Wo sind Sie?" schrie sie laut hinein in die Nacht. „Hier!"klang es schwach über denSchnee, „hierlinks." Sie eilte vorwärts. Wo sie war, wußte sie nicht. Plötzlich sah sie im Schnee die dunkle Gestalt eines Mannes liegen. „Wie kamen Sie daher?" fragte sie und berührte des Fremden kaltes Gesicht. „Ich war auf dem Wege nach Sandypoint", entgegnen er schwach, „die Nacht überraschte mich, ich verlor den Weg, glitt aus und brach wohl den Fuß. Ich hörte Sie dem Hunde rufen und versuchte zu schreien. Wenn Sie nur am nächsten Hause sagen wollten, daß —" 518 Die Stimme erstarb. Das nächste Haus, wo war es § In einer halben Stunde war der Aermste erfroren, wenn ,r?e ihn allein liegen ließ; was sollte sie thun? Sie riß eiln Black aus ihrem Notizbuch und schrieb darauf: „Folgt kommt sogleich I" Dann befestigte sie es an ihrem Taschentuche und band dieses um des Hundes Hals. „Geh' heim, Brvmo, geh' heim und hole Papa." Die großen, klugnn Augen blickten sie an, sie schob ihn mit beiden Händen fvirt, und Bruno verstand sie. Nun war Edith allein »mit dem Erstarrenden, allein auf dem Schneemeere. Sie .hatte Zündhölzer gekauft, und neugierig, wie der Fremde au-^b-he, zünvete sie eines an. Es leuchtete zwei Sekunden und e-.rlosch. Sie hatte ein bleiches Gesicht mit geschlossenen Augen und schmerz- verzerrten Lippen gesehen. „Sie dürfen nicht schlafen", rief sie, ihn rüttelnd, „hören Sie!" „So — darf ich nicht?" fragte er schläfrig. „Sie erfrieren sonst; suchen Sie aufzustehen, sick wach zu erhalten. Ich schickte den Hund heim und will bei Ihnen bleiben, bis Hülfe kommt. Schmerzt Ihr Fuß sehr?" „Jetzt nicht — aber — ich bin — schläfrig und —" „Ich sage Ihnen, Sie dürfen nicht schlafen", und sie rüttelte ihn so heftig, daß er sich aufrichtete. „Sie müssen wach bleiben und mit mir reden." „Reden? Es ist sehr schön, daß Sie bei mir bleiben wollen, aber ich darf es nicht dulden, Sie würden selbst erfrieren." „Nein, mir fehlt nichts, und hätten Sie den Fuß nicht verletzt, so hätte es bei Ihnen keine Gefahr. Wenn ich nur etwas für Sie thun könnte; ich will Ihre Hände reiben, um Sie wach zu halten und etwas um Ihre Füße hüllen." Und mit hochherziger Selbstaufopferung entfaltete sie den granatrothen Merino und wickelte ihn um des Fremden Stiefel. „Sie sind zu gütig; wenn ich gerettet werde, habe ich Ihnen das Leben zu verdanken. Wie heißen Sie?" „Edith." „Ein hübscher Name, eine angenehme Stimme. Bitte, reiben Sie die andere Hand. Ich fühle mich schon besser." Edith blickte erstaunt auf den Fremden, das Abenteuer reizte ihren Sinn für Romantik. „Sind Sie hier fremd?" fragte sie. „Ja, und es war recht thöricht von mir, in diesem Sturm einen Weg finden zu wollen. Aber wäre es nicht besser, Sie gingen heim, Sie könnten sich sonst erkälten?" Diese Besorgniß um sie, in all' seiner Gefahr, rührte sie. Mit mütterlicher Zartheit beugte sie sich über ihn: „Mir ist warm, und ich habe nichts zu fürchten; wenn Sie übrigens glauben, ich würde irgend Jemand mit gebrochenem Bein dem Tod überlassen, so verkennen Sie mich. Ich bleibe bei Ihnen bis zum Morgen." Er drückte ihr dankbar die Hand. Bald aber stöhnte er laut und fiel in Ohnmacht. In unsagbarer Angst rieb sie Gesicht und Hände, rüttelte ihn und suchte ihn aufzurichten; aber stumm und regungslos lag der Fremde im Schnee. So verstrich eine Stunde, ihr däuchte es eine Ewigkeit. In ihrem ganzen Leben gedachte sie der Nacht. Aber Hülfe kam. Durch die Todtcnstille erschollen Stimmen. Laternen- licht beschien die Schneefläche, und Bruno sprang in mächtigen Sprüngen freudig bellend auf sie zu und leckte ihre Hände. Sie waren gerettet. Schwindelnd sank sie in des Vaters Arme. Einen Moment schien alles sich zu drehen, dann sprang sie gefaßt auf. Der Fremde wurde in Mr. Darrells Haus getragen. Seine Füße waren erfroren, das Bein nur geschwollen, er selbst ohnmächtig. „Geh' zu Bett", sagte die Stiefmutter zu Edith, „damit Du nicht auch krank wirst, der Fremdling wird mir ohnehin für die nächsten vier Wochen eine schöne Last sein." „Ja, geh' zu Bett, Dithy", fügte der Vater bei and küßte sie zärtlich, „Du bist ein wüthiges Kind und rettetest sein Leben. Ich bin stolz auf Dich." Fünf volle Wochen dauerte es, bis der junge Mann wst Krücken umhergehen konnte. Er hatte in Fieber- )elinr-n gelegen, und Edith war meistentheils die Krankenpflege zugefallen. Sie schien es natürlich zu finden. In den schlimmsten Stunden vermochte der Ton ihrer Stimme, die Berü-hrung ihrer Hand ihn zu besänftigen. Oft rief er nach s einer Mutter und Trixy. „Wer: war Trixy?" fragte sich Edith mit unerklärlicher Angsir. Noch ÜMmer wußte die Familie nicht, wer der Kranke war. Seine.: Kleider und Wäsche waren fein, er hatte eine werthvaster Uhr und Kette und einen prachtvollen Diamantring/ Papiere, Briefe und Karten bei sich. Seine Wäsche war r»it R. S. gezeichnet. Die Aprstssonne beleuchtete das Gemach, in welchem der Fremde bleich und abgemagert im Fauteuil saß. Edith arbeitete eifrig im Blumengarten, Mr. Darrcll trat ein und bat den Gast, seinen Namen zu nennen, daß man seine Familie benachrichtigen könne. „Meine Fam.stie? Sie sind sehr aufmerksam, aber wahrlich, meine Leu-te lassen sich meinetwegen kein graues Haar wachsen, sie find an meine Abwesenheit und mein Schweigen gewöhnt. Nächste Woche will ich übrigens selbst ein paar Zeilen schreiben. Mein Name ist Rudolf Stuart." „Stuart?" sagte Mr. Darrell, „ein Sohn des Banquiers Stuart in Nxw-Iork?" „Ja, James Str-art ist wein Vater! Kennen Sie ihn?" j Des Hausherrn Ge.stcht wurde ernst. „Ihr Vater ist Geschwisterkind mit Edith's Mutter. Hörten Sie nie von Levra Stuart reden?" „Die Friedrich Darrell heirathete? Freilich! Und Sie sind Mr. Darrell; ist's möglich, daß ich das Glück habe mit Ihnen verwandt zu sein?" „Mit meiner Tochter, wenn sie wollen, nicht mU mir. Ihre Familie hat/thr Anathema über mich ausge" sprachen, und ich werde mich nicht aufdrängen. Komm, Edith, und vernimm die Kunde." Das junge Mädchen warf den Spaten weg und kam lachend mit beschmutzten Händen herein. „Was gibt's? Hat nnser Gast den Fuß verrenkt?" „Das nicht." Und er theilte ihr t,ie eben gemachte Entdeckung mit. „Es ist ein Feenwürchen, wo schließlich Jeder ein Anderer wird", rief Edi^ freudig. „Sie sind also mein Cousin; und r " ^ „Trixy ist meine Schwester; woher wissen Sie etwas von ihr?" „Sie riefen im Fieber oft nach ihr." Edith Darrcll und Rudolf Siuart trafen sich selten, ohne sich zu zanken, sie sagten sich unverhohlen ihre Meinungen und waren stets kampfbereit. Dem jungen Mann schien das zu gefallen, sein Fuß wurde zusehends kräftiger, und doch verschob er die Abreise wieder. Ende April schlugen Rudolf und Edith die letzte Schlacht und schieden. Er kehrte in die Welt zurück, für sie begann wieder das düstere, öde Leben. Rudolf erzählte seinen Eltern die jüngsten Erlebnisse, und es entstand eine lebhafte Correspondenz zwischen Edith und den neuen Verwandten. Beatrice besonders schrieb oft, und viel und es gestaltete sich allmählich ein inniger Verkehr. Im Laufe des Sommers kam Rudolf auf vierzeft Tage nach Sandypoint zum Fischen, und der B"ffu, ^WWWW Herzog PHM"" M cleany »nd seine Kraut ildete eine Oase in Ed..^ » Wieder stritten sie die ganze Zeit und suchten sich doch immer. Nach seiner Abreise begannen die c'den Tage, das Kochen, Putzen und Flicken wieder, bis es dem Mädchen unerträglich wurde. So vergingen zwei Jahre'; Edith zählte achtzehn und war des Lebens müde. Und eben als ihr Ueber- druß greifbare Formen anzunehmen begann, kam Rudolf mit dem Briefe seiner Mutier, und von der Stunde an datirte sich die Geschichte von Edith Darrell's Leben. 3. Kapitel- Trixy's Gesellschafterin. Vierzehn Tage genügten zu den nöthigen Vorbereitungen für Edith's Abreise. Mr. Darrell hatte eingewilligt; was konnte er dem Liebling abschlagen? Und so verbarg er den Schmerz ob ihres Verlustes, so gut er es vermochte. Mrs. Darrell war froh, die Stieftochter, mit der sie stets in bewaffnetem Frieden lebte, los zu werden. „Es spricht sehr für Deine Liebenswürdigkeit, Ditbft/, neckte Rudolf, „daß man Deine Abreise hier so beschleunigt. Die vier kleinen Darrell's laufen im 'Hause umher mit dem Jubelgeschrei: „Dithy geht,,churrahl" Deiner Stiefmutter Gesicht strahlt vor Vergnügen, und selbst die Zöglinge scheinen sich erleichtert zu /fühlen. Deine Abreise muß wirklich ein unendlich angenehmes Ereigniß für Alle sein." Er lehnte sich zurück - .ud betrachtete die Cousine. Sie ließ die Arbeit sinkert. „Ich wundere mickh nicht, daß Du das sagst; ich weiß selbst, daß i> Europa nicht in Scene gesetzt wird, um Dich und Trixy zu verheirathenl" „Wirklich?" „Es befinden sich wohl viele Adelige auf Reisen, die ihre Kronen durch einen Bund mit dem Reichthum vergolden lassen wollen. Wohl manche Dame wartet auf das höchste Gebot." „Gleich Edith Darrell." „Ja, es ist ganz schön von Liebe zu reden und von der Oede des Lebens ohne ihren Glanz. In der Hinsicht haben mir aber die Romane den Kopf nicht verdreht; ich glaube, daß, wenn man Niemand liebt, als sich selbst, kein menschliches Wesen einen elend machen kann." „Eine Ansicht, deren Wahrheit Deinem Egoismus gleichkommt." „Die Egoisten aber kommen am besten durch die Welt, und ich gestehe, daß ich selbstsüchtig, weltlich, ehrgeizig und herzlos bin." „Ein unnöthiges Geständniß, mein Kind, die Thatsache ist dem oberflächlichsten Beobachter klar. Doch, ernsthaft gesprochen, angenommen, ich liebte Dich, Edith, ich läge zu Deinen Füßen, ich beschwört« Dich, Edith, mein Weib zu werden, würdest Du mich abweisen ob meiner Abhängigkeit vom Vater und meiner leeren Börse?" Er erfaßte ihre Hand und hielt sie trotz ihres Widerstrebens. „Ganz gewiß, und wenn Du mein ganzes Herz fülltest. Als ob ich nicht wüßte, was aus sogenannten Liebesheirathen wird! Meine eigene Mutter verließ die Hetmath und den Comfort des Lebens und heirathete Papa. Lange Jahre der Armuth kamen, aber sie zehrte ab und starb. Ich war, so lange ich denken kann, unzufrieden mit meinem Loos und strebte nach dem Glanz der Welt, der nur durch Heirath mir erreichbar wird. Bietet sich keine erwünschte Partie, so gehe ich als Edith Darrell zu Grabe." „Was kaum geschehen wird. Mädchen, die aus egoistischen, weltlichen Motiven suchen, erreichen gewöhnlich ihr Ziel. Ich wünsche Dir allen möglichen Erfolg bei Deinem lobenswcrthen Beginnen. Es ist gut, daß wir uns vom Anfange an verstehen, sonst könnte ich mich eines Tages versucht fühlen, mich zum Narren zu machen. Aber wo, um Himmelswillen, lerntest Du so hart, so unweiblich zu sein?" „Ist das unweiblich? Wenigstens bin ich ehrlich. Mein eigenes hartes Leben lehrte es mir, Bücher zeigten es mir, ich lernte es von meiner Mutter, hörte es von der Stiefmutter und fühle mich alt und müde mit achtzehn Jahren. Je nachdem mein Schicksal fällt, werde ich gut oder böse werden. Aber laß mich doch hier, wenn Du Dich vor mir scheust, sage Deiner Mutter, ich passe nicht zur Gesellschaft Trixy's." „Dich hier lassen? Warum nicht garl Was geschehen ist, ist geschehen. Ich gehe nicht ohne Dich, Du amüstrst und interessirst mich, bist mir eine Studie, so ganz anders als andere Mädchen. Nur bitte ich Dich, behalte Deine Offenheit für Deinen harmlosen Vetter und verbirg' sie vor der Welt. Millionäre gehen nicht in die Falle, wenn diese nicht unter Rosen sich versteckt. Komm', lass' uns einen Spaziergang machen, wer weiß, wann wir wieder den Sonnenuntergang an der klassischen Bucht von Sandypoint sehen." Sie gingen hinab zur Küste. Fischerboote schwammen auf den goldenen Wellen d em Ufer zu, froher Gesang hallte herüber. „Es erinnert mich an den Aprilabend vor zwei Jahren, wo wir uns hier verabschiedeten", sprach Rudolf, „damals weintest Du, weißt Du's noch? Du zähltest eben e^rst sechzehn Jahre und wußtest eS nicht besser, jetzt würdest Du wohl um keinen Mann der Welt mehr weinen." „Wenigstens nicht um Dich", lachte sie. „Und wenn ich wieder draußen läge im Schnee, riSkirtest Du wohl Dein Leben nicht wieder?" „Lebew. risktren? Unsinn. Uebrigens so herzlos und weltlich ich iauch geworden sein mag, ich glaube nicht, daß ich Weggänge und einen Unglücklichen sterben ließe." „Edith, -ich ahne, daß ich Dich eines Tages hassen werde. Ich hätte nicht viel gelitten, hättest Du mich damals erfrieren lassen; nun aber ahne ich, daß ich erst Dich lieben, von Dir hintergangen, Dich hassen und unsägliche Qualen ^erdulden werde." „Welch' ein Prophet! Wie wäre es übrigens, wenn wir das unangenehme Gespräch aufgäben? Dort ist ein Schiff; willst Du Dich mit Steuern befassen, so rudere ich Dich zum letztem Male über die Bai." Sie stoßen ab; , Rudolf drückt den Hut tief in die Augen und steuert, L-dith rudert eifrig. Schweigend fahre-n sie dann dahin. Der Purpur der untergehenden Soune erbleicht, die Nacht sinkt besternt hernieder. Es ijst die letzte Nacht ihres Bleibens in Sandypoint. Edith beobachtete das Aufgehen des Mondes und flüsterte lesise vor sich hin. „Was murmelst Du da?" „Ich wünsche mir etwas, das thue ich immer, wenn Neumond ist." „Einen reichen Gatten, natürlich. Wie wäre eS, wenn Du den Baron siechtest?" „Welch' vulgäre Sprechweise! Nein, ich lasse ihn Trixy. Wenn Du aber genug Mond- und Sternenlicht genossen, rudere ich heimwärts, ich habe Hunger." Sie fahren an's Ufer. Arm in Arm gehen sie den felsigen Pfad hinan. „So endet das aflte Leben", flüsterte Edith, „eS ist mein letzter Abend im elterlichen Hause, ich sollte wohl traurig sein, aber ich bin's nicht. Ich fühle mich sehr, sehr glücklich." Rudolf erfaßte ihre Hand. „Gedenke Deines Versprechens: was immer das neue Leben Dir bringen Mag, mich darfst Du nicht tadeln." 521 Der erste Zug von Sandypoint nach Boston entführte Edith Darrell und Rudolf Stuart. Die Frau des Müllers von Sandypoint reist nach New-Iork und hat die Rolle der Dame de Garde übernommen. Am M Die Ktalue des am 13. Juli enlhülllen Denkmals der Jungfrau von Vrlrans vor der Kathedrale in Uhrims. Modellirt von Paul Dubois. folgenden Tag ist Beatricen's Geburtstag, zu dessen Feier sie rechtzeitig eintreffen wollen. Am Ziele der Reise angekommen, verabschiedeten sie sich von Frau Rogers, bestiegen einen Wagen und rollten der prächtigen Heimath entgegen. Edith lehnte sich zurück, ihr Herz klopfte. Plötzlich streckte sie, wie ein hülf- loses Kind, Rudolf die Hand entgegen. „Mir ist furchtsam und scheu zu Muthe, verlaß mich nicht, mir ist als wäre ich verloren im fremden Lande." „Beruhige Dich, Dithy, ich verlasse Dich nicht." Der Wagen hält, Rudolf führt die Cousine durch die prächtigen Hallen in einen luftigen Saal, wo drei Personen beim Frühstück sitzen. Einen Moment fühlte sich Edith wie geblendet. Die Familie hat sich erhoben. Ein ehrwürdiger, alter Herr mit einem glänzenden Kahlkopf schüttelt ihr die Hand und bewillkommt sie, eine bleiche, kränklich aussehende Dame und ein großes, blühendes Mädchen küssen sie. Edith ist's, als besänge sie ein Traum. „Ich will Dich selbst in Dein Zimmer führen", rief Beatrice, „hoffentlich gefällt Dir's, ich ließ es ganz nach meinem Willen einrichten. O, wie freue ich mich, daß Du gekommen bist, ich habe Dich jetzt schon lieb. Und wie hübsch Du bist! Sieh', da ist Dein Zimmer, gefällt es Dir?" Edith war entzückt, und Beatrice führte sie im ganzen Hause herum und zuletzt in ihr Zimmer, wo sie ihr Ballkleid entfaltete und dessen Reiz pries. „Wenn das den Baron nicht fängt", lachte sie triumphirend, „so weiß ich nicht mehr was. Und sieh', das sind die Perlen, sind sie nicht prachtvoll?" „O Beatrice, was bist Du für ein Glückskind!" „Weil ich Perlen habe? Als ob Du nicht auch Diamanten und Perlen haben würdest l Du machst natürlich eine gute Partie, Brünetten sind jetzt Mode, und Du siehst bet Gaslicht gewiß schön aus. Was wirst Du heute Abend tragen?" „Ich habe nichts als ein weißes Mullkleid, und das paßt nicht für Eure Salons." „Mull paßt jetzt wohl für ein junges Mädchen, ich trug ihn viel in meiner ersten Saison. Ich fühle mich schrecklich alt heute. Einundzwanzig Jahre! Wahrhaftig, ich muß etwas anfangen, ehe der Winter kommt. Wollen wir das Kleid besehen? Ich habe ein ambrafarbiges Kleid, das ich nur einmal trug und das Dich trefflich kleiden würde. Nun, Du bist doch nicht böse?" „Gewiß nicht", entgegnete Edith erglühend, „wenn mein Mullkleid paßt, trage ich es, wo nicht, so bleibe ich in meinem Zimmer. Wohlthaten aber nehme ich nicht an." „Wohlthaten? UnsinnI Wer hat je an so etwas gedacht? " (Fortsetzung folgt.) --- 522 Die alte Wallfahrtskirche zu Vilgertshofen. (Mit Bild.) Im Kreise Oberbayern, im k. b. Bezirksamt Landsberg, nördlich von Epfach, zwischen Pflugdorf und Reich- ling, liegt in der kathol. Pfarrei Stadl am rechten Lech- ufer, gegenüber der Eisenbahnstation Asch-Leeder, der Weiler Vilgertshofen mit seiner alten Wallfahrtskirche, einem der schönsten Denkmäler deutscher Baukunst. Das hohe Alter von Vilgertshofen ist verschiedentlich bezeugt, und schon in den ersten Jahren, als das Christenthum in Bayern Eingang fand, soll an der Stelle, wo heute die große, schöne Kirche steht, ein Castrum gestanden haben, eine Tradition, die dadurch an Wahrscheinlichkeit gewinnt, daß die Lage der Kirche als eine solche ins Auge fällt, wie sie für ein Kastell jener Zeit geeignet war, auf einem Hügel, der gegen Osten und Süden steil abfällt, gegen Norden und Westen aber sich in einer Hochebene fortsetzt, die sich bis an den Lech ausdehnt, der bei Mund- raching eine starke Krümmung macht. Der Ort und die Kirche werden zum ersten Male in dem Kalen- darium des Wes- sobrunner Abtes Benedikt ('s 943) erwähnt. Ueber den Ursprung des hölzernen Marienbildes (einer Pietü) in Vil- gerlshofen ist nichts Näheres bekannt. Dem Stil nach stammt dasselbe aus der Zeit der Spät- gothik, aus dem Ende des 15. Jahrhunderts. Die in der Kunst des Sengens und Brennens bewanderten Schweden fanden die Figur und warfen sie ins Feuer; sie verbrannte aber nicht, sondern wurde nur stark beschädigt. Cölestin Leutner (1753) berichtet über den Zustand der Statue vor dem 30jäh- rigen Kriege in folgender Weise: „Die schmerzhafte Gottesmutter sitzt unter dem Kreuz und hält den Leichnam ihres Sohnes auf dem Schoß. Die Statue galt als Kunstwerk der Plastik, war eine Zeit lang verloren und wurde nach ihrer Wiederausfindung so kunstfertig bemalt, daß man im Zweifel war, ob dem Maler oder dem Bildhauer der Vorzug gebühre ..." Um sie etwas höher zu stellen, fertigte man 1618 einen Sockel an, auf dem sie befestigt wurde. Da die Kirche im Laufe der Zeit zu klein geworden war, so wurde 1281 von Abt Ulrich III. eine neue und größere gebaut. Zu dieser Zeit waren jedoch schlimme Zeiten im Lande; die Fehden zwischen den Herzögen Rudolph und Ludwig von Bayern, der Krieg des Kaisers Ludwig mit Friedrich dem Schönen von Oesterreich, in welchem 1315 Landsberg eingeäschert und Liessen zerstört wurde, ließen auch Vilgertshofen nicht unberührt. Nach dem 30jährigen Kriege hob sich die Wallfahrt wieder, namentlich unter dem würdigen Pfarrer Nikolaus Praun, der kurz vor seinem Tode (1682) nach Augsburg reiste und bet dem dortigen Ordinariat eine Vorstellung einreichte, in welcher er erklärte, daß bei der großen Anzahl von Kommunikanten, die sich jährlich in Vilgertshofen einfinden, diese Wallfahrt am besten dem Kloster Wessobrunn, zu dem sie vor dem 30jährigen Kriege gehörte, wieder zugewiesen werde, was nach seinem Tode auch geschah. In Wessobrunn regierte damals Abt Leonhard Weiß von Fürstenfeldbruck, aus der Bürgerfamilie, die heute noch das Post-Anwesen inne hat. Er übernahm die Kirche von Vilgertshofen und ließ sie in den Jahren 1687 bis 1692 durch den Baumeister Johann Schmuzer aus Wessobrunn um die Summe von 30,000 Gulden neu aufbauen. DieKirche faßt 6000 Menschen und ringt heute noch jedem Beschauer Bewunderung ab. Sehr viel für die Kirche that der Nachfolger des Erbauers Abt Virgilius Z Dallmayr.Er ließ das hölzerne Priesterhaus abbrechen und durch einen neuen Steinbau ersetzen, worauf er die Pfarrei von Jssing nach Vtl- gertshofen verlegte. Dies blieb so bis zur Säkularisation im Jahre 1803, in welchem Wessobrunn vom Staate eingezogen und die Kirche von Vilgertshofen — zum Abbruch bestimmt wurde. Allein trotz der wiederholten Abbruchbefehle blieb dieselbe stehen. Die Kirche zu Vilgertshofen ist in Kreuzesform erbaut. Den Chor umgiebt ein Umgang, der in den untern, nur durch Thüren mit dem Prcsbyterium verbundenen Theilen Sakristeiräume enthält, oben aber in hohen Bogensiellungen gegen die Kirche sich öffnet. Westlich schließen sich an den länglich rechteckigen Mittelraum zwei Thürme an, hinter welchen eine abgerundete Vorhalle mit 3 Eingängen folgt. Ausgebaut ist nur der Südthurm. In der Vorhalle befindet sich eine auf 6 Säulen ruhende Musiktribüne, welche von den Thürmen aus zugänglich ist. Von dem innern Kirchenraum wird die Vorhalle durch ein großes eisernes Gitter abgeschlossen. Die Wandgliederung des Innern der Kirche besteht 1896. 523 in korinthischen Mastern, welche Gesimsstücke tragen. Des weiteren sind 10 große Nischen angebracht, vor welchen überlebensgroße Gipsstatuen stehen von solchen Heiligen aus dem Benediklinerorden, welche sich durch besondere Verehrung der Gottesmutter ausgezeichnet haben. Die leeren Flächen des Gewölbes und zum Theil auch die Wände überzieht eine reiche Stuckdekoration. Erleuchtet wird die Kirche durch 20 große Haupt- senster, unter denen je wieder ein kleines rundes Fenster angebracht ist. In der Vorhalle ist rechts das Wappen des Abts Beda von Wessobrunn (1743—1760), der die Kanzel und den Stephansaltar in Vtlgertshofen stiftete. Die Kanzel wie auch der Stephansaltar sind beide vorzügliche Arbeiten. In der nördlichen Seitenkapelle befindet sich ein Der Choraltar hat kein Gemälde. Er wird durch zwei hochanstrebende Säulen gebildet, die sich zur Decke emporheben, und durch diese hindurch erblickt man den Altar auf der Emporkirche, so daß dessen Altarbild auch zugleich für den untern Altar dient. Dieses Bild stellt die Himmelfahrt Mariä dar und hat wenig künstlerischen Werth, dagegen macht das Deckengemälde des Chores, die schmerzhafte Mutier Gottes darstellend, auf den Beschauer einen geradezu überwältigenden Eindruck. Das Deckengemälde des Hauptraumes stellt ein großes Kreuz im Strahlenkranz vor. Zur Seite ober den beiden > Emporkirchen sehen wir den Gruß des Engels, die Geburt Christi, die Anbetung der Engel, die Beschneidung, die Flucht nach Aegypten und den Gang Mariä zu Elisabeth. Zwischen den Mastern an der Ost- und Westseite des Mittelbaues öffnen sich Bögen mit vortretenden Bal- . Dilgrrtshofen. Original-Aufncihme von Max Merz, Photograph in Diessen-Weilheim. ^Dervielfältigungtzrecht vorbehalten. Altar zu Ehren des heil. Ulrich. Das Hauptgemälde stellt den hl. Ulrich dar, wie er neben dem Kaiser Otto zur Hunnenschlacht ausreitet; im Hintergrund sieht man das Lechfeld. Unter diesem Bilde ist ein anderes, die Hunnen vorstellend, wie sie im Jahre 955 das Kloster Wessobrunn ausplündern und den Abt Thiento mit 6 Mönchen auf dem Kreuzberg enthaupten. Ober dem St. Ulrich- und St. Benno-Altar ist das Bildniß des letzteren als Schutzpatron von Bayern angebracht. Auf dem Tabernakel des Choraltars ist das aus Holz geschnitzte Gnadenbtld vom Ende des 15. Jahrhunderts aufgestellt; dasselbe ist mit Kleidern behängen und stellt die schmerzhafte Goitesmutter vor, wie sie den Leichnam Jesu nach der Abnahme vom Kreuz auf dem Schoß hält, auf goldenen Wolken thronend. kons. Die Brüstungen der Cboremporen zeigen Darstellungen von Gnaden und Heilungen, die auf die Fürbitte der Gottesmutter erlangt wurden. Die Außenseite der Kirche, welche ein Barockbau ist, zeigt schöne toskanische Pilaster und Gesimse. Die Kirche ist aber nicht nur künstlerisch werthvoll, sie ist auch von besonderem kunstgeschichtlichen Interesse als ein Werk der Wessobrunner Stuccatoren. —- Zu unseren Bildern. Die Derlodung des Herzogs Philipp von Drleans Mit der Erzherzogin Maria Dorothea von (Oesterreich. Am 15. Juli fand auf dem Schloß Alcsuth, d.r Sommerresidenz der Eltern der Braut, der Ringwechsel zwischen dem französischen Thronprätendenten Herzog Ludwig Philipp Robert 524 von Orleans und der Erzherzogin Maria Dorotbea Amalia, der ältesten Tochter des Honved - Obercommandanten Erzherzogs Joseph und der Erzherzogin Clotilde, einer Prinzessin aus dem Hause Sacbsen-Coburg und Gotha, statt. Die Vermählung wird im Oktober in Wien gefeiert werden, und das Ehepaar wird seinen Sitz in England aufschlagen. Die Verlobten wurden durch gegenseit-ge Neigung zusammengeführt, und die Politik spielt bei d-esem Ehebündniß nur insoweit eine Rolle, als der Herzog von Orleans, als anerkannter Führer der monarchischen Partei in Frankreich und Thronprätendent, in näherer oder fernerer Frist vielleicht dereinst berufen sein wird, den französischen Thron zu besteigen, als dessen legitimen Erben er sich betrachtet. Es ist seit lange bekannt, daß die am 14. Juni 1867 geborene Erzherzogin Maria Dorothea eine durch hervorragende Begabung und edle Charaktereigenschaften wie nicht minder durch Schönheit ausgezeichnete Dame ist. Sie zeigte seit ihrer frühesten Jugend einen ernsten Drang nach tieferer wissenschaftlicher Ausbildung und wußte es durchzusetzen, daß ihre Erziehung dem gelehrten Abt Holdhazy, dem Gouverneur ihrer Brüder, übertragen wurde, dessen eifrige und gelehrige Schülerin sie selbst in den mathematischen und naturwissenschaftlichen Disciplinen war. Aber auch in der Malerei und Musik hat sie sich zur Künstlerschaft emporgearbeitet. Gemälde von ihrer Hand, namentlich Landschaftsbilder, fanden auf Wiener und Budapester Ausstellungen den Beifall der Kenner; von ihr componirte Lieder und Tänze sind im ganzen Ungarland populär geworden. Auch als dramatische Künstlerin hat sie in engern Kreisen bewundernde Anerkennung gefunden. Ihre Liebenswürdigkeit, Güte und Mildthätigkeit werden durch zahlreiche im Volksmunde cursirendc Anekdoten illustrirt. Der durch einen Jagdunfall herbeigeführte Tod ihres heißgeliebten Bruders Ladislaus hat sie so rief erschüttert, daß sie'monatelang in tiefster Zurückgezogenheit lebte und nur mit Mühe von dem Entschlüsse abgebracht werden konnte, den Frieren eines Klosters aufzusuchen. — Der am 6. Februar 1869 geborene Herzog Philipp von Orleans trat zum ersten Mal in die Oeffentlickkeit, als er seinen Vater, den Grafen von Paris, nach Frohsdorf an das Todtenbett des Graten von Chambord begleitete. Er erhielt unter den Augen seines Vaters eine sorgfältige Erziehung, abiolvirte eine englische Cadettenschule und diente kurze Zeit als Offizier in der anglo-indischen Armee. Großes Aufsehen erregte es, als er, ohne Wissen seiner Familie, als Verbannter in Paris erschien und, auf sein Recht als französischer Staatsbüraer pochend, verlangte, seine Dienstpflicht in der französischen Armce erfüllen zu dürfen. Er wurde zu zweijährigem Gefängniß verurtheilt, aber vom Präsidenten Carnot nach dreimonatlicher Haft begnadigt. Nach dem am 8. September 1894 erfolgten Tode seines Vaters trat in der Lebenshaltung des in jugendlichem Ungestüm dahinlebenden Prinzen eine Wendung ein; er übernahm die Rolle eines Prätendenten und führte sie seither mit unleugbarer Würde und Schneidig- keit durch. Seine Anhänger, deren Zahl in steter Zunahme begriffen ist, rühmen ihm Thatkraft und Scharfblick nach. Er hat das „alte Cabinet", das unter seinem Vater die Propaganda leitete beseitigt, und junge Kräfte an seine Seite gezogen. Die Zukunft wird lehren, welchen Einfluß seine geistig hochstehende Gemahlin auf das dermalige Oberhaupt der „maison äs Kranes" ausüben wird. Auch in der relativ bescheidenen Rolle der Gattin eines Thronprätendentcn kann die begabte Tochter des Erzherzogs Joseph zu historischer Größe emporwachsen. Dias Jeanne d'Arc-Denkmal in Rheims. Im Jahre 1886 faßte die Akademie der alten Bischofsstadt RheimS den Beschluß, der Jeanne d'Arc ein Reiterstandbild zu emchten, um die Erinnerungen an den 17. Juli 1429 zu verewigen, wo Jobanna Karl VII., den Siegreichen, in der altberühmten Kathedrale dieser Stadt von dem Erzbischof Regnault de Chartres batte krönen lassen, nachdem die Rathsherren von Rbeims am Taae vorher dem mit seiner Armee vor den Thoren lagernden französischen König ihre Unterwerfung angezeigt batten. DaS war der Höhepunkt des Lebens und Wirkens der Jungfrau von Orleans, und von da ab ging es schnell mit ihr abwärtts. Deswegen hat Rheims nun eine historische Pflicht erfüllt, wozu es seit der Anregung des Gedankens immerhin zehn volle Jahre bedurfte. Die rbeimser Akademie beauftragte den bekannten Bildbaucr Paul Dubois, auch Dubois-Pigalle genannt, mit der Ausführung des Denkmals, welches 150 000 Francs kostete. Jeanne d'Arc zeigt sich auf ibrem Streitroß, das ener- gifch vorwärts schreitet. Sie hat es fest im Zügel. Ihre zarte, schlanke Gestalt steht fast aufrecht in voller Rüstung in den Steigbügeln. In der Rechten hält sie triumphirend das Schwert. Der Blick ist nach oben gerichtet und aibt Zeugniß von dankbarer Befriedigung über die vollbrachte Aufgabe und von glaubensstarkem Gottvertrauen. Die Gesammtwnkung des Standbildes ist anmuthig und kraftvoll zugleich. Nur der Kritiker kann sicb nicht ganz einverstanden erklären mit der Auffassung des Künstlers, denn er weiß, daß Jodanna sowohl bei ihrem Ein- als Auszug, bei der Krönung in der Kathedrale wie während ihres ganzen Aufentbalts in Rheims ihre historische Standarte keinen Augenblick aus der Hand ließ, und darum wundert er sich, sie nun auf dem freien Platz vor dem altehrwürdigen Bauwerk, dem sie den Rücken zukehrt, und aus dem sie hcrauszureiten scheint, mit dem Schlrcktsckwert in der Hand vor sich zu sehen. Der Sockel trägt vorn dieJwchrift: „4. äsanns ä'.4re. Kdeims. Vranee. — Lonserixtion onverts xar 1'aeaäsmis äs Rirsims. 1886 — 1896." Auf der Rückseite liest man das Datum: „17. äuiliet 1429". Trotzdem wurde das Denkmal merkwürdigerweise nicht am 17., sondern am 15. Juli feierlich enthüllt; aus welchen Gründen, ist bis jetzt unbekannt geblieben. Der Präsident der Republik, Faure, wobnte persönlich der Feier bei, die sich in jeder Beziehung zu einer imposanten gestaltete. Harrtet Reecher-Zilowe ch Die Verfasserin von ..Onkel TomS Hütte", wohl die einflußreichste und erfolgreichste Schriftstellerin, die je gelebt hat, die Sklavenbefreierin Frau Harriet Beecher-Stowe, ist zu New- Aork im Alter von 84 Jahren gestorben. Im Jahre 1851 war es, als sie für die Zeitschrift „National 8va" ihre weltbewegende Erzählung „Undo Vom's dabin" lieferte, die im nächsten Jahre als Buch erschien und nicht nur in Amerika, sondern in allen Eidtheilen eine derartige Sensation erregte, daß sie rascher und weiter verbreitet wurde, als die Schriften aller jener bedeutenden und berühmten Schriftstellerinnen, mit deren dichterischen Leistungen die schlichte, rührselige Erzählung der Verstorbenen nickt entfernt verglichen we: den darf. Der Erfolg der genannten Erzählung war beispiellos; in Amerika ist sie in nahezu einer Million Exemplaren verbreitet, in England erschien sie in etwa vierzig Auflagen, in Deutschland in fünf verschiedenen Ueber- setzungen und Bearbeitungen, die alle denselben großen Erfolg beim Publikum batten. Dieser fast zufällige ungeheure Erfolg von „Onkel Toms Hütte", der mehr in dein Stoffe und in der Tendenz als in dem Werthe des Buches begründet war, erhob Mrs. Harriet Beecher-Stowe nnt einem Schlage zu einer Welt- berühmtbeit, der ihre sonstige literarftche Befähigung aber nicht gewachsen war und die ihr deßhalb zeitlebens unbehaglich blieb. Ihre weiteren Schriften, meist religiöse Dichtungen, sind unbekannt geblieben, und selbst ihre kühnen Byron-Enthüllungen verloren sehr bald das Interesse der Leser. Harriet Beecbcr war am 14. Juni 1812 als Tochter eines Predigers in Connecticut geboren und hatte in ihrer Jugend reichlich Gelegenheit, das Elend der schwarzen Sklaven von Grund aus kennen zu lernen. Sie bildete sich für das Lehrfach aus, hcirathete 1836 den Professor Calvin Ellts Stowe und schrieb fünfzehn Jahre später ihr zweibändiges Hauptwerk, das einen Einfluß auf den Gang der Weltgeschichte nahm wie kaum ein anderes Buch, und das ihr auch reicke pekuniäre Erträge brachte, wiewohl der Schutz und der Ertrag geistigen Eigenthums noch nicht auf der heutigen Höhe standen. Auch für die Jugend bearbeitete sie den dankbaren Stoff unter dem Namen: „ü. xesp into linde l'om's eabin, kor dülären", und rief damit jene unzähligen Jugendbücher in die Erscheinung, die die Schicksale Onkel Sis — so hieß der Held der Erzählung ursprünglich — in allen Sprachen der Welt erzählen. Auch eine Dramatisirung von „Onkel Toms Hütte" wurde viel gespielt und war jahrelang das Haupt- repertoirestück der Neaertruppcn. Der Hauptheld der Erzählung war ein cewisser Josiah Hewon, ein Vollblutneger mit ver- krüpvelten Armen; die grausamen Züchtigungen seitens eines Sklavenaufsebers batten dieses Gebrechen verschuldet. Der Rubin von „Onk l Toms Hütte" erstreckte sich aucb auf Henson, der späterhin Prediger einer farbigen Gemeinde wurde, große Reisen machte und selbst in Windior Castle vom englischen Hofe empfangen wurde. Seine Selbstbiographie wurde von Mrs. Beecher- Stowe herausgegeben. Nach dem Tode ibres Gatten, der seine Professur niedergelegt und zuletzt ein literarisches Wochenblatt „Asartb anä doms" redigirt hatte, lebte sie in stiller Zurück- gezogenbeit, die .Irüchte ihres berühmten Backes, au welches sie zuletzt gar nicht mehr erinnert werden mochte, genießend, in Connecticut, schließlich in New-Aork, wo sie am l. Juli b. I. gestorben ist. »r « 69. Ireitag, den Ll. August 1896. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesttzer vr. Max Huttler). Ein furchtbares Geheimniß. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) Der Tag verstreicht; die Damen ziehen sich zurück, um Toilette zu machen. Edith lehnte jede Hülfe ab und kleidete sich selbst höchst einfach in weißen Mull und einen Korallenschmuck ihrer Mutter. Sie steht sehr hübsch aus und weiß es. Beatrice rauschte herein, glänzend in Rosa-Seide, das blonde Haar in künstlichen Pyramiden aufgebaut und mit Camelien beladen. „Wie sehe ich aus, Dithy? Steht mir die Farbe? Und Du bist ja herzig, wer hätte geglaubt, daß sich die einfache Toilette so hübsch machte?" Sie eilt fort, Edith ist wieder allein, sie steht zum Fenster hinaus auf das Nachtleben der großen Stadt. Wagen um Wagen fährt vor, es überkommt sie im Gewirr dieses Lebens ein Gefühl der Verlassenheit. Ist es die alte Unzufriedenheit, die sie beschleicht? Wenn nur Rudolf heraufkommen dürfte, neben ihr sitzen und plaudern und rauchen, welche Wohlthat wäre das. Ohne ihm fühlt sie sich allein und unzufrieden. Während sie so nachdenkt, pocht es, und die Zofe tritt mit einem herrlichen Bouquet ein. „Eine Empfehlung von dem jungen Herrn, er erwartet Sie am Fuße der Treppe, um Sie in den Ballsaal zu führen, Fräulein." „Danke, sagen Sie Mr. Stuart, daß ich sofort erscheinen werde." Das Mädchen geht. Lächelnd betrachtete Edith die Blumen. „Lieber, guter Rudolf", flüsterte sie, „was würde aus mir ohne ihn." Sie wählt einige Blüthen, flicht sie kunstreich ins Haar und eilt hinab. Rudolf erwartet sie lächelnd und führt sie in den glänzenden Saal. Blumen, Gas, Juwelen, schöne Frauen, elegante Männer überall. Edith ist's, als träume sie. Einen Augenblick später befindet sie sich unter den Tanzenden, und nun glaubt sie im Himmel dahinzu- schweben. Sie wird Herren und Damen vorgestellt, ein Tänzer nach dem andern erbittet sich die Ehre einer Tour, bis sie endlich müde und erhitzt in einem Fauteuil ruht. Rudolf nähert sich mit einem blonden, jungen Mann Von freundlicher Erscheinung. Instinktiv erkennt sie ihn. „Edith, da bist Du ja, erlaube mir. Dir Sir Victor Chateron vorzustellen." 4. Kapitel. Unter dem Gaslicht. Zwei dunkle Augen blickten ernst auf Sir Victor. Beide verbeugten sich und murmelten ein paar nichtssagende Worte, und Edith Darrest ist mit dem Baron bekannt. Mit einem Baron! Gestern noch glättete und flickte und kochte sie zu Hause, heute ist sie im Ballsaal, umfunkelt von Diamanten, und ein fabelhaft reicher, adelsstolzer Baron bittet um die Gunst des nächsten Walzers. War eS ein Traum, und würde sie erwachen und der Stiefmutter schrille Stimme hören, die sie zur Hülfe in die Küche entbot? Was soll sie dem Baron sagen? Noch ist dem jungen Mädchen von Sandypoint die Gcscllschaftssprache Sanskrit, und sie zittert beinahe, während sie mit dem Fächer spielt. Sir Victor lehnt sich leicht an die Lehne ihres Stuhles und denkt, welch' reizendes Mädchen sie sei für eine Brünette. Brünetten sind nicht seine Passion, er hat sein Ideal und sieht in ihm die künftige Lady Chateron. Im fernen England weilt eine blonde, blauäugige Grafentochter, für ihn der Inbegriff edelster Weiblichkeit. An sie denkt er, ihr Bild schwebt ihm vor, als die Musik in donnernden Accorden intonirt. Wieder wendet er sich zu Edith, und in den Pausen des Tanzes unterhält er sich mit ihr über die bevorstehende Reise nach Europa. DaS junge Mädchen verliert die Schüchternheit, die sie erst befangen hatte, und wird wieder sie selbst. „Darf ich Sie meiner Tante vorstellen, Miß Darrell?" sagte der Baron am Ende des Tanzes, „sie wird Sie gewiß recht lieb haben." Erröthend nimmt Edith seinen Arm. Seine Artigkeit ist zweifelsohne nur Form und Gewohnheit, aber ungemein schmeichelnd. Jetzt schien es, als kenne er keine andere Dame der Schöpfung, als Miß Darrell. Langsam schreiten sie durch die glänzenden Räume, viele Augen heften sich auf sie; Jeder kennt den blonden Baron, den Meisten ist die dunkle Dame fremd. „Wer ist wohl das schöne, junge Mädchen?" fragen sich die Herren. „Wer ist das Mädchen in dem ärmlichen Mullkleid und den altmodischen Korallen?" flüstern sich die Damen zu; alle staunen, als sie die Antwort vernehmen: „Eine arme Cousine vom Lande, die als Beatricens Gesellschafterin mit nach Europa geht." Edith bemerkt die Blicke und erglüht. Stolz hebt sie das Haupt, sie fühlt, was über sie gesprochen wird, und kontrastirt des Barons Artigkeit mit dem sehr verletzenden Gegaffe der Anderen. Sir Victor intereffirt sie, eS liegt ein Schatten über seinem Wesen, und was konnte das Leben ihm geboten haben, als Sonnenschein und rosiges Licht? Neben Mrs. Stuart und einem fremden, besternten Herrn aus Washington sitzt eine ältliche Dame auf einer Art Ehrenthron, ihr stellt Sir Victor Miß Darrell vor, und das gütige Auge der englischen Matrone wendet sich dem schönen amerikanischen Mädchen zu. Nach einigen freundlichen Worten der Tante aber entführt der Baron sie wieder in den Ballsaal, und sie schwebt dahin in der duftgeschwängerten Atmosphäre, umwogt von den Klängen des Faustwalzers. Athemlos wirbelt Trixy an ihr vorüber, nickt lächelnd ihr zu und denkt, wenn es nur ewig währte. Aber wir Alle wissen, daß des Lebens goldene Momente fliegen. Die Stunden entrinnen. Einmal findet sich Edith neben Lady Helena, die mütterlich zu ihr spricht und des Mädchens ganzes Herz gewinnt. Sir Victor lehnt sich über der Tante Stuhl und hört ihr lächelnd zu, ihr Ton ist ein zärtlicher, wenn sie mit ihm spricht; es ist klar, daß sie ihn wie eine Mutter liebt. Bald ist alles vorüber. Wagen um Wagen fährt ab. Trixy's Geburtstagsfeier, Edith's erster Ball und der erste Abend ihres neuen Lebens — alles vorbei. 5. Kapitel. Alte Nummer des „Chesholm Courier". „Sir Victor hat viermal mit mir getanzt, Dithy, hörst Du, viermal." „Ja, ich höre." „Du siehst aber nicht so aus. Sag' einmal, sind vier Tänze nicht vielversprechend?" fragte Beatrice lebhaft, „ich versichere Dich, mir bricht das Herz, wenn er Mich nicht zur Lady Chateron macht." Miß Darrell hatte nur ein schwaches Lächeln. Sie lag im Salon in den Tiefen eines schwellenden Fauteuils, als hätte sie von jeher in solchen gelegen. Prächtig stach ihr dunkler Teint von den rothen Kissen ab. Im Schaukelstuhle daneben sitzt Trixy, der vollendete Typus einer jungen Dame New-Aorks. Sie kon- trastiren auffallend: Blondine und Brünette, Glanz und Bescheidenheit, Mode und klassische Einfachheit. Drinnen der reizend möblirte Salon, draußen der graue, sturm- durchheulte April-Nachmittag. „Als Tochter des Hauses mußte er mich natürlich öfter engagiren", fuhr Beatrice, Alles erwägend, fort, „doch glaube ich nicht, daß er viermal mit mir getanzt hätte, wenn-Edith, wie oft tanzte er mit Dir?" „Wie oft, was? Verzeih', ich verstand nicht, was Du gesagt." „Du schläfst ja halb; einen Pfennig für Deine Gedanken." „Sie sind keinen Heller werth. Was fragtest Du eben?" „Wie oft hat Sir Victor mit Dir getanzt?" „Ich glaube, dreimal." „Und mit mir tanzte er viermal und führte mich zum Souper. O, Dithy, der Gedanke, Mylady zu werden, macht mich verrückt." „Warum denkst Du denn daran? Beherzige Du lieber den Spruch vom Hühnchen zählen, ehe die Eier gelegt sind. Uebrigens mag sich die Sache noch immer gestalten. Sir Victor ist sein eigener Herr und kann thun was er will." „Allerdings, aber die Engländer geben ungeheuer viel auf Geburt und Blut, und wir haben das nicht. Es ist schön, daß Papa seinen Namen mit „u" statt mit „ew" schreibt und folglich für einen Abkömmling der schottischen Königsfamilie gilt, er schrieb auch jüngst nach England um ein Familienwappen. Warum lachst Du, Edith? Ich sage Dir, wir werden unsere Briefe bald mit einem Greife oder einem Thiere siegeln. Freilich ändert das nicht die Thatsache, daß Großpapa als Auskehrer in einem Laden begann und bis zur Revolution arm war. Lady Helena und Sir Victor sind sehr artig, wenn's aber zum Heirathen, kommt ist's ganz was Anderes. Aber, ist Sir Victor nicht hübsch? Haben seine Augen nicht den melancholischsten Ausdruck, den Du je gesehen?" „Das ist richtig, am Ende ist er ein Opfer unglücklicher Liebe." „Als ob das bei einem reichen Baron je der Fall wäre? Nein, Edith, es ist etwas viel Aergeres," fuhr Beatrice ernst und geheimnißvoll fort. „Aergeres? Mein Gott, es kann doch nichts Aergeres geben. Was ist's denn?" „Mord!" Edith Darrell riß die Augen auf. „Du willst doch nicht sagen, daß wir die ganze Nacht mit einem Mörder getanzt?" „Sei keine Thörin! Hab' ich behauptet, daß er Jemand getödtet? Nein, der Mord wurde begangen, als er noch ein Kind war." „Ein Kind war?" „Ja, seine Mutter wurde im Schlafe ermordet und man weiß noch nicht, wer eS gethan hat." „Erzähle doch, das klingt ja ganz interessant." „Gut; sein Vater, auch ein Sir Victor, heirathele die Tochter eines gewöhnlichen Geschäftsmannes. Damit läßt sich anfangen, ich bin auch die Tochter eines Geschäftsmannes. Hoffentlich setzt sich aber die Ähnlichkeit nicht auch nach der Heirath fort." „Das wäre höchst unangenehm für Dich, aber weiter, die Sache interessirt mich." „Er war aber auch verlobt, und zwar mit seiner Cousine Jnez Chateron, einer stolzen, schönen Brünette von sehr heftigem Temperament. Sir Victor scheint sie gefürchtet zu haben, und nicht mit Unrecht. Nachdem er etwa anderthalb Jahre verheirathet war und der jetzige Sir Victor drei Monate alt war, brachte er Gattin nnd Kind nach Hause. Heftige Scenen waren die Folge, und sechs Wochen später fand man die arme, junge Frau im Schlafe erdolcht. Sir Victor war zur Zeit abwesend und verfiel in Wahnsinn, als er es hörte. Miß Jnez Chateron hatte kurz vor dem schrecklichen Ereigniß mit der unglücklichen Frau Streit gehabt, sie hatte auch einen Bruder, der behauptete, vor Sir Victor mit dessen Gattin vermählt gewesen zu sein, es war eine verwickelte Geschichte, klar war nur, daß die Arme ermordet und Juan Chateron entflohen war." 627 „Im ganzen aber scheint es eine reine Familten- sache gewesen zu sein, und darin liegt ein Trost. Was geschah mit Miß Jnez?" „Sie wurde ins Gefängniß gesetzt, entfloh und blieb verschollen." „Aber woher weiß Du das Alles? Hat er Dir schon so bald seine Familienchronik ins mitleidige Ohr geflüstert?" „Nein, aber Mr. Hampson, ein uns bekannter Engländer, stammt ebenfalls aus Cheshire und hält noch heute den „CheSholm Courier"; durch ihn erfuhren wir Alles, ja, wir erhielten sogar die betreffenden Nummern." „O bitte, laß mich sie sehen." „Ja, ich will sie holen, es interesfirt mich selbst, sie wieder einmal durchzulesen." Beatrice kehrte bald mit einem halben Dutzend vergilbter Zeitungen zurück; es war der „Chesholm Courier" vor dreiundzwanzig Jahren. Beide Mädchen vertieften sich so sehr in dessen Spalten, daß sie es überhörten, als die Thüre geöffnet und Sir Victor gemeldet wurde. Bei seinem Eintritt sprangen sie, die Nöthe des Schuldbewußtseins im Gesicht, auf. Er näherte sich lächelnd. Trixy hatte das ZeitungSblatt noch in der Hand. Sein Blick fiel darauf, er las die in fetter Schrift gedruckten Worte: „Die Tragödie von Chateron Royals". Das Lächeln verschwand, Sir Vitors Lippen erblaßten, dann blickte er Mr. Stuart voll inS Gesicht. „Darf ich fragen, woher Sie die Zeitung haben?" fragte er ruhig. ^ „O, ich bedaure sehr — — ich wußte nicht — ich wollte nicht-verzeihen Sie, Sir Victor, wenn ich Ihre Gefühle verletzte." „Das wollten Sie natürlich nicht, Miß Stuart; erlauben Sie mir daher nochmals die Frage, woher Sie das Blatt bekamen?" „Es wurde uns von einer Dame geliehen, deren Vater aus Cheshire stammt. Ich wollte, es wäre nicht geschehen." „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, Fräulein, Sie sind durchaus nicht zu tadeln. Ich hoffe, Sie und Miß Darrell haben sich von den Anstrengungen des Balles erholt?" Er setzte sich. Zwei dunkle Augen begegneten ihm, aber Edith sprach kein Wort. Beatrice machte verzweifelte Anstrengungen, den rechten Morgenbesuchsgesprächston zu finden. Umsonst, auf allen lag der Bann deS „Chesholm Courier", und es war eine Erleichterung, als Sir Victor sich zum Gehen erhob. „Lady Helena läßt sich empfehlen", sprach er, „sie interesfirt sich sehr für Sie, Miß Darrell, und hofft, Sie Beide heute Abend in der Oper zu sehen." „Gewiß", entgegnete Beatrice, „empfehlen Sie uns der gnädigen Frau." Der Baron verbeugte sich. „Da geht meine letzte Hoffnung", seufzte sie und blickte ihm trübe nach, „warum auch holte ich die elenden Zeitungen? Nun wird er mich nie mehr ansehen können." - „Das sehe ich nicht ein", rief Edith, „wenn ein Mord begangen worden, bleibt das kein Geheimniß. UebrigenS scheint der junge Mann es tief zu fühlen, und ich bedaure ihn sehr." „Bedaure ihn so viel Du willst, nur liebe ihn nicht. Als Rivalin kann ich Dich nicht brauchen, viel lieber als Schwägerin. O, brauchst nicht zu erröthen, ich sah es gleich, wie die Aktien standen, und Rudolf ist kein übler Junge. Da läutet es schon wieder, nun geht's so fort bis in die Nacht." Und so war es auch, ein Herr erschien nach dem andern, um sich nach dem Befinden der Damen zu erkundigen. Edith's Kopf schmerzte förmlich, und die Zunge war wie gelähmt von all' den Albernheiten der Gesellschaftssprache. Gegen Abend brachte ein Diener zwei Schachteln mit Sir Victors Empfehlungen. Die an Beatrice adressirte enthielt ein reizendes Bouquet von weißen Rosen, Lilien und Jasmin, die für Edith bestimmte einen Strauß von rothen und weißen Camelien. „Für die Oper!" rief Beatrice mit funkelnden Augen, „wie edel das von ihm ist." „Möcht' wissen, warum er Dir weiß sandte?" fragte Edith, „wohl ein Symbol fleckenloser Unschuld; und trage ich etwa Aehnlichkeit mit der Cameliendame? Wenn die Blumensprache wahr ist, magst Du noch hoffen." Zwei Stunden später rauschte die Familie Stuart in ihre Loge. Miß Stuart trug ein filbergraues Seidenkleid und hielt das jungfräulich weiße Bouquet in der Hand. Miß Darrell hatte das weiße Kleid von gestern, einen rothen Theatermantel und das Camelienbouquet. Die Primadonna sang eben, Edith lehnte sich vor und vergaß alles um sich her vor Entzücken. Eine Legion von Operngläsern richtete sich auf ihre Loge. Beatrice war bekannt, wer aber war das dunkle Mädchen? Der Vorhang fiel. Edith lehnte sich mit einem Ausruf der Bewunderung zurück und begegnete Sir Victors Blick. „Sie wußten nicht, daß ich hier sei", lächelte er, „und Sie waren so hingerissen, daß ich Sie nicht ansprechen wollte. Einst hatte es mich auch begeistert, aber die Tage sind bei mir vorüber." „ES ist wohl guter Ton, jeder Neigung abgestorben zu sein? Halten Sie mich für so kindisch und so unwissend, als Sie wollen, aber ich gestehe, daß ich Bla- strtheit nicht für einen Vorzug halte." „Wenn aber Blasirtheit Normalzustand geworden? Unser Publikum ist übrigens enthusiastisch genug, sie haben die Künstlerin herausgerufen." Der Sängerin Erscheinen verdoppelte den Applaus- Sie sang Wagners Lied an den Schwan. Sir Victor fühlte sich ergriffen, Edith athmete kaum. Als der letzte Ton verklungen, der Zauber gebrochen war und daS Haus von einem Beifallssturm erschüttert ward, wandte sich Edith mit bebenden Lippen, das brauen Auge voll Thränen zum Baron. Er beugte sich über sie. Rudolf Stuart beobachtete die Beiden. Sein Antlitz aber verrieth keine innere Bewegung, als er am Schlüsse der Oper seiner Mutter den Arm bot. In der Nacht verfolgte Sir Victor Chateron ein braunes, von Thränen umflortes Augenpaar. Edith setzte die Camelien sorgfältig ins Wasser. Sie träumte, sie stünde in Scharlach gekleidet, mit rothen Camelien gekrönt an Sir Victors Seite am Traualtar, als die Thüre sich öffnete, die ermordete Lady Chateron hrreinschritt und sie in Geisterarmen entführte. Sorch' aufregende Träume störten Miß Darrell'S Schlummer. 628 6. Kapitel. Eine Mondnacht. Am zehnten Mai sollten die Familie Stuart und Sir Victor und Lady Helena nach Europa abreisen. Für Edith Darrell waren die letzten Wochen nur eine Kette von Aufregung und Entzücken gewesen. Oper, Schauspiel, Diners, Abendgesellschaften, Spazierfahrten, Alles hatte sie mitgemacht, ihre Garderobe war vervollkommnet, das weiße Mullkleid hatte durch des alten Onkels Stuart Güte einen Zuwachs von einem halben Dutzend Seidenroben erhalten. Selbst einen Nubin- schmuck hatte er seiner Nichte gegeben, und obwohl sie sich sträubte, er bestand auf der Annahme, und sie nahm sich ungewöhnlich schön aus mit dem funkelnden Gestein. Am letzten Abend vor der Abreise war die Familie Stuart zu einem Feste bei Mrs. Fatrmann gebeten, einer jungen, verwittweten Dame, deren auffallendes Kokettieren mit Rudolf für Edith stets ein Dorn im Auge war. Sie weigerte sich zu gehen. „Ich fühle mich ermüdet und abgespannt und bleibe bei Tante Lotte zu Hause." Und so fuhr Beatrice in Begleitung von Vater und Bruder ab. Edith setzte sich an's Piano, sie sah in dem grünen Seidenkleide mit schwarzen Spitzen und der halb entblätterten Rose im Haar sehr hübsch aus. Wenigstens dachte das der junge Mann, der unbemerkt eingetreten war. Tante Lotte nickte im Fauteuil. „Wo kommst Du her, Rudolf", rief sie plötzlich auffahrend, „ich glaubte Dich bei Mrs. Fairmann." „Dort war ich auch; ich kam, sah und ging. Nun bin ich da, wenn Du und Dithy mich haben wollten." „Wir fanden uns ganz behaglich ohne Dich", ent- gegnete Mrs. Stuart, „wir hatten wenigstens Frieden, was nicht der Fall ist, wenn Du und Edith zusammenkommen. Du darfst nur unter der Bedingung bleiben, daß Du nicht streitest." „Ich streiten?" rief Rudolf und zog die Brauen in die Höhe, „aber, liebe Mntter, Du bist doch eigenthümlich befangen, wenn Du nicht einstehst, daß Edith ganz allein daran Schuld ist. Mein Grundsatz ist, mit Niemand zu streiten, weil es der Verdauung schadet und ermüdet." „Was thut Trixh?" fragte Edith lachend. „O, sie befindet sich in des Barons Nähe so wohl wie der Fisch im Wasser, übrigens erkundigte sich Sir Victor mit einer mir unwillkommenen Wärme nach Dir. Ein Baron als Schwager ist gut, ein Baron als Nivale wird nicht geduldet. Uebrigens könntest Du etwas singen, Dithy." Miß Darrell trat an's Klavier, sie war im innersten Herzen wohl befriedigt. Rudolf hatte den Ball und Mrs. Fairmann verlassen und war bei ihr. Sie konnte sich's nicht mehr leugnen, daß sie Rudolf liebte. In jüngster Zeit war es ihr aufgefallen, daß auch der Baron ihr auffallende Aufmerksamkeiten erwies, sollte er um sie werben, so würde sie natürlich ihm ihr Jawort geben, lieber konnte sie aber nur Rudolf. Es war ein herrlicher Abend. Mrs. Stuart nickte friedlich im Lehnstuhl. Rudolf neckte seine Cousine unbarmherzig, bis sie ärgerlich vom Stuhle aufsprang. „Zu sagen, daß ich wie eine Katze singe, ist doch zu arg, ich spiele nie wieder vor Dir." Ngch einem Wortwechsel, in dem sie wie gewöhnlich schmählich geschlagen wurde, setzte sie sich jedoch wieder und sang und spielte bis zwölf Uhr. Edith weckte Mrs. Stuart. „Komm', Tantchen. es ist spät geworden, und wir haben morgen einen schweren Tag vor uns. Gute Nacht, Rudolf." Sie nahm die schläfrige Tante bei« Arm und führte sie hinauf. Rudolf sah den Beiden nach. Edith's liebreiche Stimme hallte zurück: „Und Karl ist mein Geliebter, Mein Schätzchen, meine Lust, Ja, Karl ist mein Geliebter, Hat's selber nicht gewußt." Alles Neckische in ihrem Wesen brachte sie bei Rudolf zum Vorschein, mit Sir Victor sprach sie stets vernünftig und ernst. Der letzte Tag kam. Im Glänze der herrlichen Maisonne löste das Schiff Mittags zum Abschiedsgruße die Geschütze und dampfte der alten Welt entgegen. Edith lehnte sich über die Brüstung und betrachtete das zurückweichende Ufer. „Adieu, Heimath", seufzte sie, eine Thräne i« Auge, „wer weiß, ob ich Dich wiedersehe?" Keine Hand lüftete den Schleier der Zukunft, und es war gut. Die Tischglocke läutete, Alles strömte in den Speisesaal, wo zwei lange mit Krystall und Blumen geschmückte Tafeln standen. Wie schön war eine Seereise; aber Seekrankheit — bah ein Hirngespinnst. Nach dem Mahle suchte Rudolf ein besonderes Plätzchen für Edith aus; Beatrice paradirte an Sir Victors Seite auf dem Verdeck. Mrs. Stuart und Lady Helena begaben sich in Erwartung der kommenden Leiden in die Damenkajüte. Der Nachmittag verstrich, die Sonne sank, es erhob sich ein Wind, die See erwachte. Eben wankte Beatrice,. von Sir Victor geführt, bleich wie der Tod, an Edith vorüber. „O, Edith — mir wird schlecht — mir ist — als wär' ich — todt — als-" Sie riß sich vom Baron los, sprang zur Seite und Edith's dunkles Auge blickte lächelnd in Sir Victor's blaues. Dann eilte sie an Trixy's Seite und führte die bleiche Heldin in die unteren Regionen, woraus sie fünf ganze Tage nicht erstand. Das Wetter war schön, aber die See ging hoch und Jedermann fühlte sich ziemlich krank. Ein Tag Tribut von Edith genügte dem alten Neptun, später fühlte sie nie mehr etwas. Sie beschäftigte sich viel mit der Pflege der Tante und Beatricens. Letztere litt überdies an den Qualen der Eifersucht. „Ob wohl Sir Victor mit den Damen auf dem Verdeck spazieren ging?" O, es war schmählich, so daliegen zu müssen, ohne den Kopf hoch tragen zu können. Bei solchen Reflexionen hob sie ihn gewöhnlich, aber der Effekt war jammervoll. Ehe sie die hohe See erreichten, war es Vollmond, und keine Worte malten Edith's Entzücken. Vielleicht war es Mitleid mit Trixy, daß sie ihr nichts sagte von den vielen Spaziergängen, die sie mit dem Baron machte; wie sie, über die Brüstung gebeugt, die Sonne blutigroth ins Meer sinken und auf der anderen Seite die silberne Diana wie eine zweite Aphrodite den Fluthen entsteigen sahen; wie sie bei Tisch zusammensaßen er, ihr vorlas und sie freundschaftlich vertraut wurden. In zwei 629 Tagen wird man zur See bekannter als zu Land in zwei Jahren. War von Seite des Barons all' das nur Höflichkeit? Die eigenen Gefühle vermochte sie wohl zu analystren; von Liebe fühlte sie nicht die mindeste Spur. Rudolf Stuart beobachtete Alles. „Der Wille des Herrn geschehe", sagte er sich, „Seekrankheit ist schlimm genug, ohne das grünäugige Monstrum." Eines Abends begab sich Miß Darrell auf's Ver- deck, es war ziemlich leer. Mit magischem Licht versilberte der Mond die endlos wogende Fläche. Das junge Mädchen nahm einen Feldstuhl und setzte sich hinter das Radhaus. Wie großartig war daS stern- wimmelnde Firmament, der schrankenlose Ocean mit den meilenweiten silbernen Streifen. Ein eisiger Wind strich über das Verdeck, Edith aber achtete es nicht, sie war versunken in die Schönheit des Strahlen streuenden Mondes. Leise begann sie zu singen. Ein Schritt nahte. Es war Sir Victor. Edith erwachte aus ihren Träumereien und bewillkommnete ihn. „Ich hörte singen, Miß Darrell, und glaubte eine Najade triefend den Fluthen entsteigen zu sehen. Es ist eine wunderbare Nacht, aber fürchten Sie nicht, sich zu erkälten?" „Ich erkälte mich nicht." „Es ist halb zwölf Uhr, wissen Sie das? Alle Lichter sind gelöscht." „Guter Gott!" rief Edith aufspringend, „was wird Trixh sagen? Mondscheinbetrachtungen scheinen vollständig zu absorbiren; ich glaubte, es sei zehn Uhr." „Warten Sie einen Moment, ich möchte ein paar Worte mit Ihnen sprechen, Fräulein." Edith's Herz pochte, als Sir Victor aber sprach, fühlte sie sich sofort enttäuscht. „Es betrifft die alten Nummern des Chesholm Courier", begann er, „und die Tragödie von Chateron Nohals. Dreiundzwanzig Jahre sind seitdem verflossen, ich lag damals in der Wiege, und ich fühle noch denselben Schmerz, wenn ich davon spreche, als wäre es erst gestern geschehen." „Warum denn davon sprechen? Ich habe kein Recht eS zu hören." „Vielleicht nicht, und doch wollte ich die ganze Zeit mit Ihnen davon sprechen. Wer weiß, ob zwischen unS nicht eine geistige Verwandtschaft besteht?" Edith erröthete. „Es war so geheimnißvoll", fuhr Sir Victor fort, „und es ist noch in unergründliches Dunkel gehüllt. Meine Mutter war so jung, so schön, so gut, und es ist so schrecklich zu denken, daß eine menschliche Hand sich gegen ein solches Wesen mordend erheben konnte. Und doch ist es geschehen." „Es ist eine grausige Geschichte, aber man liest deren täglich in den Zeitungen. Sie sagen, das Verbrechen sei noch in unergründliches Dunkel gehüllt, dem „Chesholm Courier" schien eS nicht so." „Sie meinen Jnez Chateron; sie war unschuldig." „Wirklich?" „Sie wußte nur, wer es gethan, und verhehlte es. Das weiß ich gewiß." „Ihr Bruder Juan natürlich?" „Das ist nicht so sicher. Meine Tante glaubt an dessen Unschuld." „Wer war dann der Mörder?" „Ja, wer?" sagte der Baron traurig, „vielleicht erfahren wir das nie." „Doch, wir werden eS erfahren", sprach sie mit prophetischer Ruhe. „Meine Tante vermag noch jetzt nicht von der Sache zu sprechen; waS ich weiß, erfuhr ich von Anderen. Bis zu meinem achtzehnten Jahre wußte ich gar nichts. Meiner Mutter entsinne ich mich natürlich nicht; meine fernste Erinnerung ist, daß sich eine junge, schöne Frau über mein Bett beugte und mich weinend küßte. Meine Mutter war blond, das Gesicht aber, dessen ich mich entsinne, ist dunkel. Sie lachen wohl über den Träumer?" Sie blickte innig zu ihm auf. „Ich hoffe, Sie denken besser von mir; eS ist heut' zu Tage selten genug, Männer mit verehrungsvollem Andenken von ihrer Mutter sprechen zu hören, sei diese nun lebend oder todt." Der Baron schien entwaS sagen zu wollen, besann sich aber sofort und fuhr mit völlig verändertem Ton fort; „Aber, ich lasse Sie hier, egoistisch in der Kälte; bitte, Fräulein, nehmen Sie meinen Arm. Ich weiß nicht, warum ich mit Ihnen sprach; mit Andern wäre es mir unmöglich gewesen. Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Theilnahme." Er verbeugte sich an der Kajütenthür und verschwand. Ernst und gedankenvoll trat Edith ein. Beatrice schlief und ahnte nicht die verrätherischen Vorgänge. Edith beugte sich über sie; war ihr Thun ehrenhaft? „Arme Trixyl" seufzte sie und küßte leise ihre Stirn. Am folgenden Morgen beobachtete Rudolf Miß Darrell beim Frühstück mit unheilvoller Miene. Nach demselben führte er sie auf's Verdeck. „Warum warst Du gestern mit dem Baron zu solch' ungewöhnlicher Stunde oben?" fragte er schmollend. „Woher weißt Du das? Hast Du spionirt?" „Nein, ich schlief; ich geistere nicht in mitternächtlicher Weile umher." „Woher weißt Du das dann?" „Von einem Offizier deS Verdeckes." „Der könnte sich bessere Beschäftigung suchen, sag' ihm das mit meiner Empfehlung." „Du leugnest also nicht, daß Du hier oben warst?" „Nein." „Mit Sir Victor allein?" „Mit ihm allein." „Wovon spracht Ihr?" „Von Dingen, die ich zu Deiner Erbauung nicht wiederholen kann. Hast Du mehr zu fragen?" „Warb er um Dich?" „Nein", seufzte sie, „solches Glück blüht nicht für Edith Darrell." „Würdest Du ihn heirathen, wenn er um Dich würbe?" «Ob ich ihn heirathete? Bitte, frage doch vernünftigere Sachen." „Würdest Du ihn heirathen?" „Aergere mich nicht, Rudolf, sprich lieber vom Weiter, ist's nicht ein herrlicher Morgen?" Rudolf Stuart aber läßt sich nicht irre machen. „Antworte! Würdest Du Sir Victor heirathen/ wenn er um Dich werben würde?" Sie blickt den Mann, den sie liebt, fest an. „Wenn Sir Victor um mich wirbt, werde ich sein Weib? 630 7. Kapitel. Kurz und sentimental. Zwei Tage später zeigte sich am fernen Horizont Irlands felsige Küste. Mittags sollten sie in Queenstown landen. Rudolf summt ein Liebchen vor sich hin; so lange Edith nicht Lady Chateron ist, verbannt er Verzweiflung und Trübsinn. Sie selbst sprang auf mit einem Schrei des Entzückens. „O steh, Trixy, endlich ein Land meiner Träume, endlich grün Erin!" »Ich sehe", entgegnete Beatrice schläfrig und schlüpfte aus der Hängematte, „ich halte noch nicht viel davon. Ein Haufen zerklüfteter Felsen und auch nicht grüner als die Heimath." Seit drei Tagen war die Seekrankheit überstanden, sie konnte bei Tische erscheinen und an Sir Victors Arm auf dem Verdeck wandeln. Als hätte sie ein Recht, fing sie da wieder an, wo sie aufgehört. Seit der Mondnacht. von der glücklicherweise Trixy nichts wußte, waren zwischen dem Baron und Miß Darrell nur gleichgültige Worte gewechselt worden. Beatrice Stuart nahm ihn vollkommen in Beschlag, und ohne zu wissen wie, befand sich .der junge Engländer immer an ihrer Seite, unfähig von ihr loszukommen. Edith sah es und lächelte. „Heute mir, morgen Dir", dachte sie, „Trixy ma- növrirt wirklich so gut, daß es schade wäre, sich einzumischen." ' In den letzten Tagen war Rudolf ihr Kavalier. Beide nahmen das Gute, das sich ihnen bot, und sorgten nicht für den Morgen. Sie landeten, brachten eine Stunde in Queenstown zu, begaben sich dann nach Cork, wo sie zwei Tage weilten, Blarney Castle besuchten und sich nach Killarney aufmachten. Und immer noch war Sir Victor Trixy's Gefangener, immer noch hielten Rudolf und Edith ihre heilige Allianz. Lady Helena beobachtete ihren Neffen und die amerikanische Erbin, und ihr feines Gefühl sagte ihr, daß ihm von dort keine Gefahr drohe. „Wäre es die Andere", dachte sie, „aber es ist klar, wie die Sachen zwischen ihr und Cousin Rudolf stehen." Durch ganz andere Brillen betrachtete der alte Mr. Stuart die Sachlage. Es war seines Lebens Traum, seine Kinder mit der britischen Aristokratie zu vermählen. „Reichthum haben sie genug", sagte er sich stolz. „Jedes soll eine Million haben, und ihre Abkunft ist der besten würdig, denn das Blut der Stuart fließt in ihren Adern"; daß sein Vater noch Stewart unterzeichnet, das wollte er vergessen. Ueber die Fortschritte seiner Tochter lächelte der alte Herr vergnügt, des Sohnes Benehmen erzürnte ihn. „Bedenke, woran Du bist, junger Mann", sagte er eines Tages, „ich habe ein wachsames Auge auf Dich. Ich habe nichts einzuwenden gegen gewöhnliche Aufmerksamkeit für Fred Darrells Tochter, aber hüte Dich vor Thorheiten, verstehst Du? Wenn Du nicht hetrathest, wie ich will, gebe ich Dir keinen Schilling." Rudolf sah seinen Vater mit eigenthümlicher Miene an. „Beruhige Dich, Vater, ich heirathe Fred Darrells Tochter nicht, wenn Du das eine Thorheit nennst. Darüber sind wir längst einig." Unterwegs gesellte sich ein Reifender im Etlwagen zu ihnen, ein großer, junger Mann von militärische« Aussehen. „Hammond, beim Zeus, wo kommst Du her, alter Junge?" rief Sir Victor, „freut mich. Dich zu sehen; Hauptwann Hammond, mein Freund, Mr. Stuart aus New-Iork." Der Offizier verbeugte sich, Rudolf lüftete den Hut. „Fürwahr", sprach Ersterer heiter, „wer hätte Dich hier zu treffen geglaubt, es hieß, Du erforschtest Canada." „Einsteigen, meine Herren!" Sir Victor hatte beschlossen, sich neben Edith zu fetzen; was aber ist des Mannes Wille gegen der Frauen Entschlüsse? „Bitte, helfen Sie mir hinauf, Sir Victor, es ist so hoch, und bitte, setzen Sie sich zu mir und zeigen Sie mir die Schönheiten der Natur, man genießt sie viel besser, wenn man darauf aufmerksam gemacht wird." Was konnte Sir Victor thun? Und fort ging's über Stock und Stein, und die ganze Dorfjugend hinterher. „Was sagst Du zu Trixy's diplomatischem Talent?" flüsterte Rudolf Edith zu; „armes Kind, sie sucht nur des Vaters Gebot zu erfüllen." „Ehre den Vater, auf daß Du lange lebest u. s. w. Schade, daß sie keine Aussicht hat." „Meinst Du?" „Sir Victor, wer ist Ihr ernster Freund?" flüsterte Beatrice. „Es ist der ehrenwerthe Hammond, zweiter Sohn des Lord Glengary und Hauptmann eines schottischen Regiments." Mit neuer Ehrfurcht betrachtete Miß Stuart den großen, schweigsamen Krieger, den Sohn eines Lords. Es war ein herrlicher Tag; die Scenerie geistvoll, Sir Victor aber benahm sich einsilbig und zerstreut Und gab vor, etwas verstimmt zu sein. Hell und laut scholl Edith's Lachen herüber. „Auf der andern Seite wenigstens scheint gute Laune zu herrschen", bemerkte Lady Helena lächelnd, „Edith Darrell ist wirklich ein reizendes Mädchen." Beatrice warf einen Seitenblick auf den Baron. „Es ist eine bekannte Geschichte", sagte sie, „daß Rudolf und Edith nur glücklich sind, wenn beisammen. Ich glaube, mein Bruder wäre ohnehin nicht mit, wenn Edith nicht dabei gewesen wäre." „Es ist also eine alte Neigung?" fragte Lady Helena. „Ja, sehr alt, und Edith wird für mich eine reizende Schwägerin abgeben, glauben Sie nicht, Sir Victor?" Er versucht zu lächeln und etwas Verbindliches zu sagen, aber Beides mißlingt. Mürrisch sitzt er da und horcht auf die lustigen Stimmen drüben, überzeugt, daß auch er Edith Darrell liebe. Im Zwielicht erreichten sie Glengariff und fuhren beim Mondschein nach einer Insel. Ein glücklicher Zufall führt Edith an Sir Victors Seite, und Hauptmann Hammond huldigt Beatrice. Die Eltern, für welche Mondlicht auf der See längst seinen Zauber verloren, Thau und Nacht aber ihre Schrecken behalten haben, bleiben am Lande. Die irischen Bootleute spannen die Segel. Sir Victor hält sich dicht au Edith's Seite. Wie schön sie ist im Silberltcht des Mondes! „Komm' ich zu spät?" fragte er sich, „liebt sie ihren Vetter?^ Edith beobachtete Alles. Hätte sie je ihre Macht über ihn bezweifelt, jetzt war sie derselben gewiß. Sie lächelte und hatte nur Aufmerksamkeit und freundliche Worte für den Baron. „Wenn wir England erreicht haben werden, spreche ich", dachte dieser erleichtert, »Edith Darrell soll mein Weib werden." (Fortsetzung folgt.) -«-SSWSS—- Das internationale Schachmeisterturnier zu Nürnberg. G Das große Ringen auf den 64 Feldern um den schachlichen Siegespreis hat am Montag den 10. August spät Nachts mit der Partie Win - Tarrasch seinen Abschluß gefunden. Der Kamps in Bezug auf den ersten Preis (3000 Mark und ein werthvoller Pokal) war indeß schon am Samstag den 8. August entschieden, als Lasker über Or. Tarrasch in einer von letzterem überaus matt geführten Partie schon am Vormittage siegte. Mit oiesem Siege hatte es Lasker nämlich auf 13'/z Gewinn- partieen gebracht, ein Stand, den keiner seiner Mitbewerber mehr erreichen konnte. Die unerwartete Niederlage gegen Charousek in der letzten Runde war daher für Lasker belanglos. Lasker hat mit dem Gewinn des ersten Preises In diesem so bedeutungsvollen Turnier einen neuen Triumph zu verzeichnen, und zwar einen Triumph, nach welchem er schon lange geizte, da der Gewinn des ersten Preises in einem großen Turnier ihm bisher versagt war, so groß sonst seine Erfolge im Einzelkampse gegen die ersten Spieler seiner Zeit waren. Ganz ungetrübt blieb allerdings auch diesmal ihm der Sieg nicht, da er drei Partien gegen Charousek, Janowski und Pillsbury verloren hat. Namentlich der Verlust gegen Pillsbury wird Lasker nicht glcichgiltig gewesen sein, da dieser junge Amerikaner sich mehr und mehr als der einzige Schachmeister zeigt, der dem ersten Sieger gewachsen zu sein scheint. Die Partie, welche Pillsbury in diesem Turnier dem Champion abrang, war wiederum ein Meisterstück feiner und eleganter Strategie und zählt zweifellos zu den besten Leistungen des Turniers. Einen gewiß ziemlich unerwarteten Erfolg hat der junge Ungar Geza Maroczy aus Budapest zu verzeichnen, der zum ersten Mal an einem Meisterturnier mitspielt und mit 12'/„ Gewinnpartien den zweiten Preis (2000 M.) gewann. Sein Erfolg ist namentlich auch deßhalb bedeutsam, weil er der einzige Theilnehmer ist, der nur eine Partie (gegen Steinitz) verloren hat. Allerdings weist sein Turnierstand eine große Zahl von Remis- partien auf, ein Ergebniß der großen Vorsicht, die er bei seinen Kombinationen walten ließ. Von seinen Gewinnpartien sind namentlich jene gegen Janowski und Pillsbury zu verzeichnen. Den dritten und vierten Preis (1500 und 1000 M.) theilten Pillsbury und Dr. Tarrasch mit je 12 Gewinnpartien. Der junge Amerikaner hat zu Anfang des Turniers etwas lässig gespielt, dann aber eine großartige Spielweise entfaltet, die namentlich in der überaus feinen Gewinnpartie gegen Lasker ihren Ausdruck findet. Pillsbury hat in diesem Turnier zweifellos einen moralischen Erfolg ersten Ranges errungen, indem er alle die großen Matadore Lasker, Dr. Tarrasch, Steinitz und Tschigorin in überlegener Weise aus dem Felde schlug. Mit etwas mehr Aufmerksamkeit am Anfang hätte er leicht den ersten Preis erstreiten können. An Dr. Tarrasch wurde allseits die frühere Festigkeit und Energie, die seine Spielweise auszeichnete, vermißt. Er spielte sich sichtlich schwer, und seine Partie gegen Lasker zeigt geradezu eint bedauerliche Unsicherheit der Kombination. Fast scheint es, als habe er den Höhepunkt seines Glanzes bereits überschritten. Nur in wenigen Partien, wie gegen Charousek, Tschigorin und Steinitz, machte sich sein früherer Genius bemerkbar. Den 5. Preis (600 M.) hat sich Janowski, der Vertreter Frankreichs, erstritten, dessen ideenreiches Angriffsspiel die allgemeine Aufmerksamkeit erregte. Mit kühn forcirten Angriffen überwand er den schlauen Lasker und den bedächtigen Steinitz, und selbst Pillsbury entging nur mit Mühe der sicheren Niederlage durch ein momentanes Nachlassen seiner Aufmerksamkeit. Steinitz, der ruhmreiche Altmeister, muß sich mit dem 6. Preis (400 M.) begnügen. Wohl gab er auch diesmal glänzende Proben tiefdurchdachter Strategie, aber seine frühere Spannkraft hat ihn sichtlich verlassen, was übrigens bei dem 60jähr. Manne Niemand Wunder nehmen kann. ^ Den letzten Preis (200 M.) theilten Karl Schlechter aus Wien und August Walbrodt aus Berlin mit je 10'/, Gewinnpartien. Beide noch jung an Jahren, befleißigen sich einer überaus vorsichtigen Spielweise, welche die große Zahl Remispartien erklärlich macht, die sie auch diesmal wieder erzielten. Schlechter ist noch vorsichtiger gestorben, als er sich letztes Jahr in Hastings zeigte, woselbst er manches hübsche Angriffsspiel durchführte. Seiner zähen, jeglichen Risikos sich enthaltenden Spielweise verdankt er es, daß er nur zwei Verlustpartien gegen Janowski und Steinitz auszuweisen hat. Walbrodt hatte lange Zeit hindurch einen guten Stand in dem Turnier, bis schließlich seine Spannkraft nachließ. Die rasch sich folgenden Ver« lustparticn gegen Charousek, Teichmann und Blackburne drängten ihn dann in den Hintergrund. An die Preisträger reihen sich zunächst die beiden Russen Michael Tschigorin und Emanuel Schiffers mit je 9'/, Gewinn- partien. Nichts spricht wohl beredter für den geringen Stärkeunterschied der Turniertheilnehmer, als die Thatsache, daß ein so genialer Spieler wie Tschigorin außerhalb der Reihe der eigentlichen Preisträger zu stehen kommt. Es ist daher begreiflich, daß das Comits es nicht über das Herz bringen konnte, Meister seines Schlages ohne jedes Andenken von sich ziehen zu lassen, und daher den beiden Russen noch zwei weitere Preise stiftete. Das geringe Resultat Tschigorins ist übrigens ein erneuter Beweis für die mehr und mehr hervortretende Thatsache, daß gcgm die heranwachsende moderne Schachjugend und ihr nüchternes, berechnendes Spiel mit kühnen Angrisfs- wendungen nicht mehr viel auszurichten ist. Der sprachgewandte, feingebildcte Schiffers hat etwas zäher als sein Landsmann gekämpst, aber seine vielen Remispartien verhinderten auch ihn, einen besseren Stand zu erzielen. Den Preis für das beste Resultat gegen die Preisträger (100 M.) erhielt Harry Blackburne, der den britischen Schachruhm wie gewöhnlich mit Energie und in geistvoller Spielweise vertreten hat. Einen Beweis der ihm noch immer innewohnenden Kraft hat er durch seine Siege über Pillsbury, Tarrasch und Walbrodt gegeben; gleichwohl konnte er nur 9 Gewinnpartien erreichen. Auch für ihn bietet, gleichwie für Tschigorin, der moderne Spieltypus kein Feld mehr für das liebgewonnene, aber riskante Angriffsspiel. Als hauptsächlicher Vertreter der mächtig emporstrebenden Schachjugend ist in diesem Turnier Charousek, ein junger Ungar voll kühner Kombinationen, zu betrachten, der sich nebenbei ebenso als gewandter Theoretiker, wie als feiner Kenner des Endspiels erwies. Er erzielte 8'/z Gewinne, darunter Siege über Lasker, Janowski, Blackburne und Walbrodt und würde vielleicht ein noch besseres Resultat erzielt haben, wenn ihn nicht manchmal der jugendliche Wagemuth zu weit geführt hätte. Marco, der Repräsentant der bei den Zuschauern wenig beliebten Wiener Schule, hat es durch die diesem Typus anhängenden Remisen nur auf 8 Gewinnpartien gebracht. Feiner spielte sein Landsmann Adolf Albin, der zwar nur 7 Gewinnpartien auszuweisen hat, unter denen sich indeß zwei elegante Spiel- proben gegen Steinitz und Charousek befinden, die ihm alle Ehre machen und seine Beiziehung zum Turnier als durchaus gerechtfertigt erscheinen lassen. Bei Winawer, dem findigen Altmeister, machte sich neben der Zahl der Jahre wohl auch der Mangel an entsprechender Uebung geltend. Einen schwachen Trost mag diesem allseits beliebten jovialen Schachmeister der hübsche Sieg über Steinitz bieten, den seine 6'/z Gewinnpartien einschließen. Von Porges, dem Präger Meister, und dem Amerikaner Showalter hätte man ein besseres Resultat erwartet, als die 5»/, Gewinnpartien, welche sie mit Mühe und Noth erreichten. Einen ganz erheblichen Mißerfolg hat auch der deutsche Altmeister Emil Schallopp mit 4*/z Gewinnen zu verzeichnen. Wie leider schon häufig in früheren Turnieren, nahm dieser geistvolle Spieler auch diesmal die Sache zu leicht und verlegte sich zur Unzeit auf theoretische Finten, die meist zu seinem Nachtheil ausschlugen. Den Reigen schließt Teichmann mit 4 Gewinnpartien; dieses ungünstige Ergebniß des talentvollen, in englischen Schachkreisen sehr geschätzten Spielers, ist indeß nicht zum wenigsten auf die andauernde Unpäßlichkeit zurückzuführen, unter welcher Teichmann während des Turniers zu leiden hatte. Den Schlußstand des Turniers gibt die nachfolgende Tabelle: Internationales Schachturnier in Nürnberg. (Stand nach der IN. Runde.) Namen der Schachmeister Albin N «2 § Janowski A Marco Marüczy 8 N- Porges L, <2 d O Schiffers Schlechter Showalter Z Tarrasch Teichmann Tschigorin ^ Walbrodt Winawer ^ Summa Albin . 1 1 0 0 0 V. i 0 0 '/- 1 0 1 0 0 0 7 Blackburne 0 — 0 0 0 1 0 i 1 1 0 1 0 1 1 9 Charousek 0 1 — 1 1 V- 0 '/, 1 0 '/, 1 0 0 0 0 1 -/- 8'/, Janowski '/- '/- 0 — 1 1 0 '/- 1 1 1 1 0 1 0 1 0 1 1 II -/2 Lasker . 1 1 0 0 — 1 '/- 0 1 1 1 1 1 1 1 1 '/, 1 13-/2 Marco . 1 0 0 — 0 '/- 1 '/- 0 0 V, '/- '/- 1 8 Marüczy 1 '/, 1 1 '/- 1 1 1 1 0 '/- '/- -/- 1 12-/, Pillsbury 1 0 '/- '/» 1 1 0 — '/- 1 0 '/, 1 1 1 1 1 0 1 12 Porges . '/, 1 0 0 0 '/, 0 0 '/, '/, 0 '/, i 0 0 0 5'/, Schalopp 0 0 1 0 0 0 0 0 1 — 0 0 1 0 1 0 0 0 4'/- Sckiffers 1 0 '/- 0 0 1 '/, 1 — 1 0 1 '/- 9'/- Sä'lechtcr 1 '/- '/- 0 '/- '/, 1 '/, '/, 0 1 1 1 lO-/, Sbowalter '/, 0 0 1 0 0 0 0 0 0 -/, 1 1 0 0 5'/- Steinitz . 0 1 1 0 0 i 1 0 1 1 -/, 1 1 _ 0 1 1 -/, 0 11 Tarrasch 1 0 1 1 0 1 '/, 0 '/- '/- 1 '/- '/- 1 — 1 1 '/- 1 12 Teichmaun 0 '/. 1 0 0 '/, 0 0 0 0 0 0 0 0 _ 0 1 -/, 4 Tschigorin 1 1 1 1 0 0 1 1 '/- 0 0 0 0 1 _ 0 1 9'/- Walbrodt 1 0 0 0 '/, '/, '/, 1 1 1 '/- 1 '/, '/- 0 1 _ 1 10-/, Winawer 1 0 '/- 0 0 0 0 0 1 1 0 1 1 0 '/, 0 0 — 6'/. ALLssLeZ. Die größte Häuserbesitzerin der Welt ist die Königin von England. Sie besitzt in verschiedenen Theilen des Landes bei 600 größere Häuser, die keine Krongüter, sondern ihr Privateigenthum sind. Außerdem ist sie Eigenthümerin von vielen Pachtgütern, auf denen bei 6000 Wohnungen stehen. Auch die Schlösser OSborne auf der Insel Wight und Balmoral in den Hochlanden sind ihr Privateigenthum. Die Krongüter und Paläste, welche sie und die königliche Familie benutzen, müssen von der Nation unterhalten werden; so kostet der Unterhalt von Hampton Court den Engländern zum Beispiel jährlich bei 30,000 Mk. Dann stehen der Königin auch noch vier Jachten für ihre Reisen auf dem Wasser zu Diensten, von denen die eine die Kleinigkeit von 2,400,000 Mk. gekostet hat. Der Unterhalt dieser Fahrzeuge muß ebenfalls von den Engländern bestritten werden und beläuft sich auf 264,000 Mk. jährlich. ----SLWLS-. - Aerzage nicht! ES ist ein Kampf, ein steter Streit DcS Menschen Erdenpilgcrleben; Von Mühsal, Kreuz und bitt'rem Leid Wird fort des Dulders Herz umgeben. Doch — auf, mein Freund, verzage nicht Auf sturmbewegt-gepeitschtem Meere, Uns führt des Glaubens mächtig Licht, Das Trost und Kraft und Muth gewähre! Und an der Hoffnung grünem Band Gelangen wir zum heiß ersehnten Ziele: Wo ist der Liebe Vaterland, Wo unser Freuden harren viele! ^ Burkarb Auslosung der Schach-Aufgabe in Nr. 66: Weiß. Schwarz. 1. L. 86—61 87—86 (85) 2. 82—84 (83) 86—85 (84) 3. T. 81—82. DieS ist der entscheidende Zug, der ein Matt durch Doppelschach vorbereitet. Schwarz kann nur spielen: K. 84—84 worauf 4. T. 82—84 matt setzt. « 70 . 1896 . „Augsburgrr PostMung". Dinstag, den 25. August Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Drucl und Berlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). Ein furchtbares Geheimnis;. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) 8. Kapitel. In zwei Booten. Früh am nächsten Morgen bestiegen unsere Touristen den Wagen; sie saßen wie Tags zuvor, Sir Victor neben Beatrice, Rudolf neben Edith. Aber des Barons Düsterheit war vorüber, Hoffnung erfüllte sein Herz. Er war ein bescheidener Mann; daß die arme Amerikanerin unter ihm stand, bedachte er nicht; daß sein Rang, sein Reichthum sie beeinflussen konnte, träumte er nicht. Es war ein herrlicher, wolkenloser Tag voll frischer Gebirgsluft und prächtiger Gegend. Wilde Thäler, bemooste Felsen, donnernde Gießbäche, barfüßige Kinder, Menschen und Vieh unter einem Dach, Schmutz und Armuth, wie sie es nie erträumt hatten. Sie reisten eben in dem arm — gemachten Irland! „Mein Gott, wie kann man so erbärmlich leben!" rief Edith. „Deines Lebens Gespenst ist die Armuth", sagte Rudolf; „ich wette, die Leute essen, trinken, lieben, hei- rathen und sind glücklicher wie wir." „Welch' thörichte Rede! Heirathen und sind glücklich! Sie heirathen wohl, und in der Ecke grunzt ein Schwein, und jede Hütte wimmelt von Kindern — aber glücklich!" „In Deinem Wörterbuch sind Armuth und Elend synonym." „Synonym? Kein menschliches Uebel kommt der Armuth gleich!" — Arme Edith! Wie bitter wirbst Du enttäuscht werden! Spät Abends erreichten sie Killarney. Ueber den herrlichen See strahlte der friedliche Mond. Der Scene Schönheit spottete aller Worte. Sie standen am Ufer und betrachteten schweigend die wunderbare Gegend. „Dort sind Boote", sprach Sir Victor endlich, „ich schlage eine Wasserfahrt vor." „O ja, ja!" rief Trixy begeistert, „eine Fahrt auf dem Killarney-See. Edith, kannst Du's fassen?" „Willst Du mit mir fahren", wandte Rudolf sich an seine Cousine, „oder gehst Du lieber mit den Andern?" „Mein Gott, wie artig Du auf einmal wirst, wie bedacht auf Anderer Gefühle; es ist wirklich eine ganz neue Seite Deines interessanten Charakters. Natürlich gehe ich mit Dir, Rudolf Stuart, fromm wie ein Lamm, ist ein beachtenswerther Gegenstand." Er bot ihr lächelnd den Arm. „So seien wir den letzten Abend vergnügt beisammen." „Den letzten Abend? Was fällt Dir ein? Wenn Du auf Flucht sinnst, so sag's, Ungewißheit ist lästig." Der Baron und Trixy hatten sich bereits vom Ufer entfernt. Noch ein drittes Boot war abgestoßen, in ihm befand sich ein junges Mädchen mit einer Guitarre, ihre liebliche Stimme scholl über die See und fand in den Bergen hundertstimmiges Echo. Edith blickte auf zum Sternenhimmel. „O, welche Nacht! Wie schön ist die Welt, wie glücklich könnte man sein, wenn —" „Man jährlich dreißigtausend Dollar Rente hätte!" „Ja. Warum kann das Leben nicht so sein, warum kann man nicht Alles haben, was das Herz begehrt, und einen Gefährten, den man recht gern hat." „Den man recht gern hat? O, Edith, oft frage ich mich, ob Du mich gern hast, ob Du überhaupt jemand Andern, als Dich selbst lieben kannst?" „Danke, natürlich liebe ich mich selbst am meisten, das gebe ich zu, hernach —" „Nun, hernach?" „Kommst Du. Sei ruhig, Rudolf, Du wirfst sonst das Boot um. Warum sollte ich Dich nicht lieben? Bist Du nicht mein Vetter, verdanke ich Dir nicht all' mein Glück? O, ich segne jene Nacht im Schnee, sie war die glücklichste meines Lebens." „Und die unseligste des meinen. Edith, verständigen wir uns, und wäre es selbst auf Kosten einer Trennung." Sie erbleicht, wendet sich ab und blickt hinaus über das schimmernde Wasser. Früher oder später hatte es kommen müssen, jetzt war es da. Rudolf beugte sich auf die Ruder, sie schaukelten leise dahin. „Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß ich Dich liebe", fuhr er nach kurzer Pause fort, „Du weißt es zur Genüge, und ich hoffe, Du hast für mich ein antwortendes Gefühl. Set wahr gegen Dich selbst! Edith, willst Du mein Weib werden?" Leidenschaft zittert in seinem Tone, aus seinen Augen, aber treu dem Grundsatz, keine Scene zu erregen, bleibt er bei den Rudern sitzen. „Sprich, Edilh, vergiß den Cynismus, der Dir ja doch nicht von Herzen kommt, und sag', daß Du mein sein willst, mein, dessen Leben Du gerettet!" „Dein?" lacht sie, ihr Herz aber erbebt, „es wäre schön, aber es kann nicht sein." „Edith!" „Wir sind Cousins, Rudolf, gute Freunde werden wir immer sein — aber lieben — nein." „Und weshalb?" „Hab' ich Dir das nicht schon oft gesagt? Wenn Du mich noch für herzlos haltst, ist es meine Schuld? Ich weiß was ich mit meinem Cynismus will. Hättest Du Deines Vaters Vermögen, ich würde Dich morgen heirathen und das glücklichste Weib der Welt sein." „Bin ich Dir also nicht ganz gleichgültig?" „Gleichgültig? Siehst Du nicht, Rudolf, ich bin nicht ganz egoistisch, ich liebe Dich so, daß ich lieber stürbe, als Dich heirathen. Ich würde Dich nur unglücklich machen." „Mein Vater liebt mich, er ließe sich erweichen." „Nein. An dem Tage, wo er in Cork bet Dir war, saß ich hinter den Gardinen verborgen und hörte unabsichtlich, was der Vater sagte, sowie auch Deine Antwort. Mein erster Gedanke war, vorzutreten, seine Gunst zurückzuweisen und zu bitten, er möge mich heimschicken; als ich aber Deine ruhige Antwort hörte, verrauchte mein Zorn. „Ich und Fred Darrells Tochter heirathen nicht", sagtest Du, und ich bewunderte Deine Ruhe und Wahrheit. Dabei wollen wir bleiben, Du und Fred Darrells Tochter werden sich nicht heirathen." „Aber, Edith, Du kannst doch nicht glauben —" „Ich glaube von Dir nur Edles. Ich weiß, Du würdest Deinem Vater wüthig entgegentreten, wenn ich es duldete. Du sollst ihm aber nicht trotzen, und ich will keinen armen Mann heirathen." „Ich bin jung, stark und kann arbeiten, habe Hände und Kopf, eine gute Erziehung und viele Freunde, wir würden nicht hungern." „Nicht hungern?" wiederholte Edith mit traurigem Lächeln; „vielleicht nicht, aber wir würden ohne allen Komfort dahin leben und namenlos elend sein. Du kannst nicht arbeiten, bist nicht dazu erzogen, und ich kann, selbst um Deinetwillen, dem Ziele meines Lebens nicht entsagen." „Du kannst das nicht", sprach er bitter. Und so fuhr sie gesenkten Hauptes fort. „Zürne mir nicht, einst wirst Du mir's danken. Komm', lass' uns nicht mehr davon sprechen. Siehst Du denn nicht, daß wir unter den gegebenen Verhältnissen nicht glücklich sein können, daß wir folglich besser uns trennen?" „Ich bin ein schlechter Redner, und Deine Sophistik ist so klar, daß Jeder sie verstehen muß. Du warfst mich ohne Schmerz über Bord und willst den Baron heirathen. Noch aber bist Du nicht sein Eigenthum, noch nicht erkauft mit seinem Gelde, antworte mir denn, ob Du mich liebst." Ihr Haupt sank tiefer, das Auge füllte sich mit Thränen, ihr Herz war voll Weh. Ihn ohne Schmerz über Bord werfen? Edith wußte, waS es sie kostete, jetzt herzlos zu sein. „Antworte!" sprach er gebieterisch, „das wenigstens kann ich verlangen, liebst Du mich oder nicht?" „WaS hilft die Frage, Rudolf", entgegnete sie leise, „Du weißt es so gut wie ich." ^ Schweigen folgte. Aus der Ferne tönte des Mädchens Gesang. „Komme, was da wolle", sprach Rudolf endlich, „es ist besser, daß wir die Sache besprachen. Und wenn Du morgen Sir Victor heirathest, ich möchte die Vergangenheit nicht anders wissen. „Verachte Du mich nicht!" flehte sie mit gebrochener Stimme und begrub das Gesicht in die Hände, „ich kann nichts dafür, aber ich will lieber sterben als arm sein." Er weiß, daß sie weint, und ihre Thränen bewegen ihn seltsam. Er nimmt ihre Hand, und seine einzige Antwort ist: „Ich werde Dich lieben mein Leben lang." Auf dem anderen Boote spielte sich ebenfalls eine interessante Scene ab. Trixy sprach unaufhörlich. Zerstreut und träumerisch lauschte Sir Victor. Endlich entstand eine Pause. „Vergebung, Miß Stuart", begann der Baron. „Ich habe etwas auf dem Herzen, wovon ich heute noch mit Ihnen sprechen wollte." Beatrice richtete sich wie elektristrt auf. „Nun fängt er an", dachte sie. Eine peinliche Pause folgte. „Ja, Sir Victor", stammelte das Mädchen er- muthigend. „Ich wollte die Sache erst nicht berühren, bevor wir England erreichten", fuhr der Baron verlegen fort, „ich — ich fürchte eine Abweisung so sehr, daß ich mich zu sprechen scheue." Was sollte Beatrice sagen? Was paßt sich für eine gebildete Dame? „Wie kann er Abweisung fürchten?" dachte sie, „war je ein Sterblicher so bescheiden?" „Kürzlich erst lernte ich meine eigenen Gefühle kennen, als ich von einem Anderen erwiesene Aufmerksamkeit mit Vergnügen angenommen sah, ließ die Eifersucht mich begreifen, daß ich liebe." „Er weint den Hauptmann Hammond", sagte sich Trixy, „wie gut, daß wir uns trafen." „Und doch verzweifle ich nicht ganz! Glauben Sie, Miß Stuart, daß ich Grund zu Hoffnung habe?" „Ja, ich glaube es", stammelte sie. „Und werden ihre Eltern meine Werbung gut aufnehmen ?" „Meiner Ansicht nach werden sie eine solche sich nur zur Ehre rechnen", entgegnete sie in bebendem Tone. „Glauben Sie also, daß mein Herz und meine Hand nicht abgelehnt werden, falls ich spreche?" „Warum in aller Welt thut er's nicht?" dachte Beatrice, „er ist wahrhaftig verrückt." „Sie schweigen, Fräulein, wäre es möglich, daß bereits eine Verlobung existirt?" „Ich bin gewiß, Sir Victor wird keinen Korb erhalten." „Danke." Und ebenso, wie Rudolf Edith's, erfaßte er ihre Hand. Hierauf folgte Schweigen. Trixy's Herz war zum Zerspringen voll. Wäre sie nur am Lande, um Mama und Papa ihr Glück zu melden. Lady Chateron! Die Worte sind zu arm, solche Wonne zu beschreiben. Sie schloß die Augen und ließ sich in grenzenloser Freude dahinschaukeln. Als sie landeten, führte Sir Victor seine Dame schweigend ins Hotel. „Noch eine Gunst, Fräulein", bat er, bevor sie sich trennten, „lassen Sie unsere Unterredung ein paar Tage 535 Geheimniß bleiben unter uns. Meine Tante war mir eine zweite Mutter, und sie soll zuerst von meinen Gefühlen erfahren." „Gut, Sir Victor, Ihr Wille geschehe." „Gute Nacht." Miß Stuart eilte die Treppe hinauf. Sie wollte Edith sehen. Der Gedanke, zu ruhen war lächerlich, sie fragte sich, ob sie je wieder schlafen würde. Edith's Zimmer war dunkel, sie selbst stand am Fenster und blickte noch völlig angekleidet hinaus zu den Gestirnen. „Ganz im Finstern, Dithy, ist es nicht eine himmlische Nacht?" „Kommst Du, um mir das zu sagen?" „Nein, ich wollte Dir sagen, daß ich glücklich bin, daß es eine wunderbare Fahrt war. Hast Du Dich auch unterhalten?" „Unendlich", bemerkte Edith bitter. „Ich glaube, Du hast geweint." „Geweint? Nein, so kindisch bin ich nicht. Ich bin müde und habe Kopfweh. Gute Nacht, Trixy." „Wart' einen Augenblick,Edith,ich kann's ja nicht bei mir behalten, es drückt mir das Herz ab. Wünsche mir Glück, Sir Victor hat um mich geworben." „Trixy I" Sie konnte sonst nichts sagen, wie betäubt sank sie in einen Stuhl. „Ja, Edith, und ich bin ganz außer mir vor Freude, denke nur, ich werde Lady Chateron." Edith war todten- bleich geworden, sprachlos saß sie da „Uebrigens ist er ein sonderbarer Kauz", fuhr Beatrice fort, „konnte er nicht einfach wie ein Mann sagen: „Beatrice Stuart, wollen Sie mich heirathen?" Nein, er ging herum, wie eine Katze um den heißen Brei, sprach verwirrtes Zeug von einem Rivalen, und daß er mit Papa und Mama und Lady Helena reden wolle, sobald wir in England seien. Vielleicht machen es die englischen Aristokraten so, ich aber sehe nicht ein, weshalb er nicht direkt sprach, er hatte wahrlich Aufmunterung genug." — Die letzten Worte reizten Edith zum Lachen, aber es klang unnatürlich. „Du bist heiser wie ein Rabe und bleich wie ein Gespenst; das kommt, wenn man im Zug sitzt und den Mond beguckt. O, Edith, ich bin so glücklich, und wenn ich Lady Chateron bin, sollst Du immer bei mir weilen, bis Du wirklich meine Schwester bist und Rudolf's Frau." „Ich bin müde, ich friere." „Willst Du mir denn nicht Glück wünschen, Dithy?" „Ich wünsche — Dir — Glück." Ihre Lippen waren kreideweiß, sie bebte wieEspenlaub. Beatrice ging, und Edith athmete tief auf. AlsodochTrixyI Und sie hatte geglaubt, daß er sich für sie interessirte. Mit ihr hatte er gesprochen, sie betrachtet, wie nie Beatrice, bei ihrem Nahen war er errathet, sie hatte sein Herz pochen gefühlt, wenn sie sich auf seinen Arm stützte, und doch war es Trixy! Krank vor Aerger und Neid, legte sie den Kopf auf die Arme. „Eine hübsche Heldin", höre ich den Leser rufen, „ein niedriges, selbstisches, herzloses Geschöpf!' Ja, aber reine, edle Geschöpfe, die auf ihre Ideale verzichten, um Andere zu beglücken, finden sich wohl äußerst selten hieniedcn. 9. Kapitel. Arme Trixy. „Gott sei Dank, heute Abend geht unsere Pilgerschaft zu Ende", sprach Lady Helena acht Tage später im Zug zwischen Dublin und Kingston. Die ganze Reisegesellschaft war noch beisammen, auch Kapitän Hammond war der Einladung nach Powys Ptace gefolgt. Edith Darrest beugte sich über ein Buch. Seit der Botschaft hatte Beatrice ruhig und entschlossen von Sir Victor Besitz ergriffen. Sie glaubte, ein Recht dazu zu haben, und wenn ein Mann allzu bescheiden ist, darf dann ein Mädchen nicht etwas ihm entgegenkommen? Ehe Edith am folgenden Morgen ihr Zimmer verließ, 8«. stgk. Kostest Drin; Llupprecstt von Kagcrn als Major im königl. bayer. 2nfaiiterie-Leib-Rkgiment. 536 war sie zu Trixy gegangen und hatte sie herzlich geküßt. — „Verzeih' mir, ich war gestern thöricht und gereizt, vielleicht auch ein wenig neidisch. Doch das ist vorbei, und ich wünsche Dir von ganzem Herzen Glück. Du bist das beste, liebste Mädchen und verdienst das Glück." Ja, sie war das beste Mädchen, und wenn Sir Victor sie ihr vorzog, was sollte sie ihr zürnen? Gegen den Baron aber fühlte sie grimmen Zorn. Wie wagte er's, sie zur Vertrauten zu machen? Ihr bedeutungsvolle Blicke zuzuwerfen, wenn er Trixy heirathen wollte? Wie hätte sie sich Blößen gegeben, wenn sie weniger zurückhaltend sich benommen hätte? Seitdem war sie ihm, wenn auch nicht auffällig, ausgewichen, und wenn er es fühlte, verrieth er es in keiner Weise. Er dachte, Miß Stuart habe über ihre Unterredung etwas verlauten lassen, und hielt Edtth's Benehmen für mädchenhafte Scheu. Er liebte das und bemerkte auch mit Wohlgefallen, daß der traute Verkehr Edith's und Nudolf's aufgehört hatte. Kurz vor Mitternacht bestiegen sie den Zug in Holy- head. Fort ging's durch Wales, vorbei an Gebirgen, Stationen, zur Linken die endlose See, vorbei an Dörfern, Ruinen, Schlössern und Hütten, bis sie um zwei Uhr Morgens im Bahnhof von Ehester einfuhren. Zwei Wagen erwarteten sie, und eine Stunde später hatten sie Powys Place und das Ziel ihrer Reise erreicht. „Willkommen in Powys Place", rief Lady Helena, „ich wünsche nur, daß es Ihnen hier ebenso gut gefallen möge, wie mir in New-Aork." Als am andern Morgen Miß Stuart auf fabelhaft hohen Absätzen über den polirten Eichenboden eilte, glitt sie aus und verletzte sich das Bein. Sir Victor war der Erste, der ihr zu Hülfe eilte, und trug sie in ihr Zimmer, wo ihr Fuß sofort verbunden wurde. Bleich und müde kam Edith aus ihrem Zimmer. Auf der schlüpfrigen Passage erwartete sie Sir Victor. „Ich verlegte Ihnen absichtlich den Weg", begann er lächelnd, „damit Ihnen nicht ein Unfall zustoße. Es soll hier sofort ein Teppich gelegt werden. Aber Sie sind bleich, fühlen Sie sich krank?" Sein Ton verrieth so viel liebende Angst, wie es sich für einen Verlobten einer Andern nicht geziemt. Edith war zu deprtmirt, um es zu beachten. „Ich fühle mich ziemlich wohl, höchstens der Kopf ist etwas eingenommen." „Wollen Sie mit mir nicht etwas spazieren gehen? Der Park ist sehenswerth. Kommen Sie mit mir, Miß Darrell, es wird Ihnen gut thun." Sie zauderte, ging aber doch. Was lag daran, jetzt konnte Trixy nicht eifersüchtig sein, und sie bedurfte der Bewegung in der freien Luft. Und so ging sie den schicksalsschweren Weg. Es war ein Maitag, alles grünte und blühte, die Vögel sangen und die frische Luft hauchte Edith's Wangen rosig an. „Hier gefällt mir Powys Place am besten", sprach Sir Victor, „und wenn Sie mit mir die Anhöhe besteigen, kann ich Ihnen Chateron Noyals zeigen." Sie nahm feinen Arm und schritt die Anhöhe hinan. „Welch' wunderschöner Platz", rief sie; „Ihr Engländer, deren Ahnen hier lebten und starben, müßt jeden Stein, jeden Baum Eurer Besitzungen lieben. Wäre ich nicht eine Amerikanerin, so möchte ich eine Engländerin sein." Er betrachtete sie voll Liebe und Bewunderung. „Möchten Sie das?" rief er schnell, „würden Sie Amerika aufgeben und Ihr ganzes Leben in England zubringen, könnten Sie sich dazu entschließen?" „Das wäre kein großes Opfer." Die letzte Schranke brach. Er hatte sich vorgenommen, zuerst mit Lady Helena und Mrs. Stuart zu sprechen, jetzt war alle Ueberlegung vorüber. Er umfaßte ihre Hände und sprach sein ganzes Herz in jedem Wort. „O, so theilen Sie meine Heimath, werden Sie mein geliebtes WeibI Ich liebe Sie, liebte Sie vom ersten Augenblicke, da ich Sie sah!" „Arme Trixy!" war Edith's erster Gedanke, dann war's ihr, als müsse sie laut auflachen, nicht vor Triumph oder Freude, sie fühlte Beides nicht, sondern über das schreckliche Mißverständniß, das Triry angestellt hatte. Daß ein solches vorlag, war klar, sonst hätte doch Sir Victor nicht so gesprochen. „Ich wollte erst mit Lady Helena und Mrs. Stuart reden", fuhr er fort, „aber ich kann nun nicht länger mehr warten, muß von Ihnen mein Geschick erfahren. Ich liebe Sie, Sie sind die Erste, der meine Lippen solches gesagt, die Erste, für die ich Liebe gefühlt. Edith, darf ich hoffen?" Sie schwieg. Sie standen auf der Spitze des Hügels. Fern konnte sie die Wipfel der Bäume, die Schornsteine eines großen Gebäudes sehen, zweifellos Chateron Noyals. Es konnte ihre Heimath werden; der Baron stand neben ihr, bot ihr, der armen, niedern Edith Darrell, Rang und Reichthum. All' die Träume ihres Lebens waren erfüllt, und doch fühlte sie weder Triumph noch Freude und staunte schweigend über die eigene Apathie. „O, sagen Sie nicht es sei zu spät, sagen Sie nicht, daß schon Jemand ihr Herz gewonnen, ich ertrage es nicht. Ihre Cousine versicherte mich, daß ich eine günstige Antwort erhalten würde. Während der Bootfahrt zu Killarney sprach ich mit ihr, ich nannte zwar Ihren Namen nicht, sie aber verstand mich sofort und meinte, daß ich die Hoffnung hegen dürfte, daß-" Leidenschaft, Liebe und Furcht erstickten seine Worte, er wandte sich. „O, Trixy! Trixy!" dachte Edith, „welchen Unsinn hat das Kind angestellt!" Sie zeichnete mit dem Sonnenschirm apathisch Figuren in den Sand. Wäre ihr Leben davon abgehangen, sie hätte Sir Victor nicht antworten können. Allmählich mochte sie Freude empfinden, jetzt nicht. Er wartete auf Antwort, sie kam nicht. „Ich sehe wie es ist", sprach er traurig, „Sie lieben Ihren Cousin und sind mit ihm verlobt. Ich fürchtete es lang." Langsam hob sie das Auge zu ihm. „Mit meinem Cousin? Sie irren, ich bin mit Niemand verlobt und liebe Niemand." „Niemand? Auch mich nicht?" „Auch Sie nicht, Sir Victor. Wie sollte ich? Ich träumte nie davon." „Träumten nie davon? Mußten Sie nicht sehen, nicht wissen — —" s f „Ich dachte, Sie interessirten sich für Trixy." „Für Miß Stuart? Also hat sie Ihnen nichts gesagt von unserer Unterredung bei der Fahrt auf dem UM HWS AMmMKL «MKW WWW ^WK WW WßM- MKZ ME MWLM MMMH- MW WW OWWM -iWM '?/.^V'.^7.' 8M O-. Mtzd.-! WLÄÄüL MMWUMMMOM WWWWW -z^WW« AHMW -EE 538 See zu Killarney? Sie war mir eine gütige Freundin, eine sympathistrende Vertraute. Keine Schwester konnte aufmerksamer und aufmunternder sein, als sie." „Arme Trixy, eine SchwesterI" dachte Edith, „welche Scene wird es geben, wenn Du das hörst l" „Um Himmelswillen, sprechen Sie, Edith! Ohne Sie ist mein Leben elend, und warum soll ich nicht hoffen, wenn Sie frei sind? Ich verlange nicht, daß Sie mich jetzt lieben, ich will geduldig warten. Meine Liebe ist so groß, daß sie die Ihre erzwingen wird. Sagen Sie, daß Sie mein Weib werden wollen." „Sir Victor, ich weiß nicht, was ich sagen soll, ich habe ja weder Rang noch Reichthum." „Aber Schönheit, Grazie, die Güte eines Engels, und ich liebe Sie." „Lady Helena wird nicht einwilligen." „Sie willigt in Alles, was mich glücklich macht, meines Lebens ganzes Wohl liegt in Ihrer Hand, und ich kann, ich will Sie nicht verlieren." „Geben Sie mir Bedenkzeit, Sir Victor, morgen früh sollen Sie Antwort haben, jetzt schwindelt mir der Kopf von der unerwarteten Werbung. Ich bin stolz und dankbar ob der mir erwiesenen Ehre, aber ich gestehe offen, ich liebe Sie nicht." „Aber, Sie lieben Niemand, sagen Sie mir das noch einmal?" Sie erbleichte und blickte hinaus in die sonnige Landschaft. „Ich fürchte, ich bin ein herzloses, selbstsüchtiges Wesen, das vielleicht nie Jemand wirklich lieben wird. Das müssen Sie wissen, wenn Sie um mich werben. Ihre Frau zu sein, wäre mir die höchste Ehre — doch bitte ich um Bedenkzeit bis morgen früh." Er verbeugte sich und bot ihr den Arm. Im Salon waren alle versammelt. Trixy lag bleich auf dem Sopha. Lady Helena saß neben ihr, Rudolf in einer Fensternische. Alle drei betrachteten die Kommenden, Trixy mit Eifersucht. Wenn Sir Victor sie liebte, war sein Platz nicht an ihrer Seite? „Ich reite nach Drexel Court", sprach der Baron nach einer Weile, „ich versprach Hampton —" „Ja, Lady Arabella ist dort", unterbrach ihn Lady Helena lachend, „geh' und grüße sie, wir erwarten Dich aber zu Tische." Victor erröthete wie ein Mädchen, ängstlich blickte er auf Edith, die sich in ein Album vertieft hatte. „Wo warst Du und Sir Victor die ganze Zeit, Edith?" fragte Trixy, sobald sich Gelegenheit bot. „Im Park." „Wovon spracht Ihr?" „Von allerlei Dingen, von der schönen Aussicht, dem Wetter und dergleichen, hätte ich Dein Interesse geahnt, so würde ich die Unterhaltung notirt haben." „Spracht Ihr von mir?" »Ja, Dein Name wurde erwähnt." „Sagte er etwas von — von — Du weißt schon was ich meine?" „Er sagte kein Wort, daß er Dich lieben oder hei- rathen wolle, wenn Du das meinst. Aber beendige das Verhör und laß mich die Bilder betrachten." Zur Tischzeit kam Sir Victor, er sah bleich und angegriffen aus. Alle Fragen der Tante über die Familie Drexel beantwortete er so kuiz wie möglich. „Bist Du krank, Victor?" fragte die Tante ängstlich. „Krank? Nein, sei unbesorgt, mir fehlt nichts." „Aber Du bist bleich und schweigsam und issest nicht." „Morgen will ich Dir alles sagen, verschone mich bis dahin." Sie ahnte nicht die Wahrheit und drang nicht weiter in ihn. Edith war in heiterer Laune. An „morgen" wollte sie nicht denken. Heute war sie noch frei, morgen konnte sie bereits gebunden sein, Fesseln, wenn auch goldne, tragen. Sie spielte Schach mit Sir Victor, seine Hand bebte, die ihre war fest. Hauptmann Hammond bat um ein schottisches Lied. „Singe: „Und Karl ist mein Geliebter", sagte Trixy boshaft, „das ist ja doch Dein Lieblingslied." Rudolf saß auf einem Sopha daneben. »Ja, singe es, Dithy, Du hast es schon lange nicht mehr gesungen." „Und ich werde es auch nie mehr singen", lachte sie, „man wird der alten Lieder so bald müde." Sie sang es in neckischer Weise, und Sir Victor trank jeden Ton von ihren Lippen. Nachdem sie sich in ihr Zimmer begeben, setzte sich Edith an's Fenster und sann und sann. Sollte sie Sir Victor heirathen? Sie liebt ihn nicht, würde ihn vielleicht nie lieben. Ihr ganzes Herz gehört Rudolf. Wenn sie den Baron heirathete, besaß sie Reichthum und Rang, ein herrliches Leben, alle Freuden des Daseins. Sie liebte Vergnügen, Luxus und Rang. Liebe — nun, Sir Victor liebte sie, und für eine Frau ist es immer besser geliebt zu werden, als zu lieben. Auf der andern Seite konnte sie Rudolfs Weib werden, eine Zeit lang selig sein und dann arm — ihr ganzes Leben lang. Sein Vater würde ihn verstoßen, er müßte arbeiten, und die alte Geschichte jvon Armuth und Entbehrung begänne von Neuem. Schaudernd wandte sie sich von dem Bilde. Sie wollte nicht ihr und Rudolfs Leben verderben, und wenn auch ihr Herz bräche. An ihrem Verlobungstag aber mußte sie Rudolf auf immer entsagen. Ihr Wort mußte rein und unbefleckt erhalten bleiben, und Rudolf und sie durfte nicht mehr ein Haus beherbergen. Sie suchte sich vorzustellen, was das Leben sein würde ohne ihn. Es war ihr, als dächte sie keine Zeit wo er ihr nicht gehörte. Und jetzt sollte sie ihn auf immer aufgeben! Sie erhob sich und ging zur Ruhe, sie wollte nicht mehr denken, sondern schlafen, vergessen. Als sie erwachte, vergoldete die Sonne ihr Zimmer und sie sprang klopfenden Herzens auf. Sir Victor Chateron hatte um sie geworben, der Zweifel, das Zögern war vorüber. Sie sang beim Ankleiden und begab sich dann in den Garten. Eine wohlbekannte Gestalt schritt dort rastlos auf und nieder. Ein Blick in des Mädchens lächelndes Gesicht genügte. „Ich komme um meine Antwort, Fräulein." „Ich möchte Ihnen eine Freude machen, Sir Victor, was soll ich thun?" „Mir Jawort geben,Edith, o — sagen Sie nicht nein." Sie blickte ihn so frei und offen an, wie Mädchen in solchen Momenten wohl nie dem geliebten Manne in die Augen sehen, und legte die kleine Hand in die seine. „Wenn Sie es so sehr wünschen, so geschehe Ihr Wille, ja, ich nehme Ihre Werbung an." (Fortsetzung folgt.) 539 Die künstliche Seide. Von Dr. Julius Thilo (Mühlheim a. M.). Ein großer Theil der technischen Bestrebungen ist darauf gerichtete, Produkte, die von der Natur geliefert werden und die einen großen Masscnkonsum haben, entweder direkt der Natur nachzuahmen oder, wenn das nicht geht, durch irgend ein anderes Kunstprodukt von annähernd gleichen Eigenschaften, wenn auch nicht gle cher Zusammensetzung wie das Naturprodukt, zu ersetzen. Natürlich haben solche Bestrebungen nur dann Zweck und Erfolg, wenn es gelingt, das Kunstprodukt billiger zu fabriziren, als das Naturei zeugniß sich stellt, und zwar muß die Preisdifferenz um so wesentlicher sein, je mehr das Erstere in seinen Eigenschaften gegen das Letztere abfällt. Als ein industriell sehr bedeutsamer Versuch in dieser Richtung ist die Industrie der künstlichen Seide Verbindung der drei Elemente Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff, die die Salpetersäure bilden, eine aus Stickstoff und Sauerstoff bestehende Gruppe heraustritt und sich mit dem Glycerin verbindet. Diese Atomgruppe, die nicht blos dem Glycerin, sondern auch vielen anderen Substanzen bei ihrem Eintritt in dieselben gefährlich explosive Wirkungen ertheilt, heißt die „Nitrogruppe" (van Nitron, der Salpeter), und die chemische Thätigkeit des Einführens dieser Niliogruppe heißt „Nitriren". Der Holzstoff, die Cellulose, bietet nun für die Nitro- gruppe ein weites Operationsfeld. Die Cellulose kann stärker und schwächer nitrirt werden, je nachdem mehr oder weniger Nitrogruppen in dieselbe eintreten. Von einer gewissen Anzahl derselben an gewinnt nun die Cellulose explosive Eigenschaften, und zwar von so starker Natur, daß die entstehenden Körper wahre Sprengstoffe sind; die st u - - GadUngen. Original-Ausnahme von Gustav Baader, Photograph in Krumbach. sVervielsältigungsrecht vorbehalten.) zu betrachten, die seit einiaen Jahren besteht und wie es scheint vom Erfolg begünstigt ist. Im Prinzip beruht die Herstellung der künstlichen Seide etwa in Folgendem: Sie stellt sich nicht als eine Nachahmung der natürlichen Seide dar, sondern als ein Ersatz derselben; ihre chemische Beschaffenleit ist eine ganz andere als die der Naturseide. Die Cellulose oder der Holzstoff spielt eine sehr große Rolle im Haushalt der Natur und in der Technik; das Holz, die Baumwolle, das Papier bestehen im Wesentlichen aus Cellulose. Nun hat die Cellulose die für die Verwendung äußerst wichtige Eigenschaft, daß sie „nitrirt" werden kann. Der Charakter des „Nitrirens" sei an einem Beispiel geschildert: Das Glycerin, diese harmlose, ölige Flüssigkeit, wird, wenn es mit Salpetersäure in Wirkung tritt, zu dem Nitroglycerin, jenem bekannten furchtbaren Sprengstoff. Das geht so zu, daß aus der Schießbaumwolle, die auch den Hauptbestandtheil des rauchlosen Pulvers bildet, ist eine nitricte Cellulose. Die Nitrocellulose löst sich in einem Gemisch von Alkohol und Aether leicht auf, eine Lösung, welche in der Medizin und Photographie viel unter dem Namen „Col- lodium" verwendet wird. Die künstliche Seide ist nun eine nitrirte Cellulose, der nachher, um die Explosivität herabzumindern, der größte Theil der eingetretenen Nitrogruppen wieder entzogen wird. Der erste Erfinder der künstlichen Seide ist der Franzose Chardonnet, der zum ersten Mal auf der Pariser Weltausstellung im Jahre 1889 sein Produkt einem größeren Kreise vorführte. Als Cellulose-Material benutzte man zuerst Baumwolle; später aber gereinigten Holzstoff. Diese Cellulose wird affo mit einer Mischung von Salpetersäure und Schwefelsäure (die Letztere dient 540 nur zur Verdünnung der Salpetersäure), nitrirt und die entstandene Nitroccllulose in Alkohol-Aether-Mischung gelöst. Diese Lösung wird sodann in ein von Wasser um- spültes Rohr und von diesem in die sogenannten Fadenbilder gedrückt; diese Fadenbilder sind ebenfalls Röhren, die an das Hauptrohr angesetzt sind und eine sehr feine kapillare Oeffnung haben. Um die Oeffnung dieser Fadenbilder herum cirkulirt nun fortwährend Wasser, so daß der herausgepreßte Strahl von Collodium sofort ins Wasser fließt, dort erstarrt und seinen Alkohol und Aether ans Wasser abgibt. Die auf diese Weise erzeugte» Fäden können nun wie gewöhnliche Seide gespult werden. Ihrem chemischen Charakter nach leiden dieselben aber natürlich noch an zu großer Entzündlichkeit; sie verpuffen schnell, wenn sie an eine Flamme gebracht werden. Die künstliche Seide wird deshalb „denitrirt", d. h. es wird ihr der größte Theil ihrer Nitrogruppen entzogen und damit ihre Explosivität so weit herabgemindert, daß sie nicht entzündlicher als gewöhnliche Baumwolle wird. Die Mittel hierzu sind verschiedene. Es genügt auch schon kaltes Wasser, gewöhnlich aber wird das Produkt in einem Bade, welches Essigsäure und Schwefelverbindungen oder auch verdünnte Salpetersäure enthält, denitrirt. Die weitere Behandlung ist nun die der natürlichen Seide. Die Chardonnet'sche künstliche Seide, welche, wenn auch noch in geringem Maße, in Deutschland Verwendung findet, ist ein stark glänzendes, grauweißes Gespinnst; im Gefühl ist sie nicht so weich wie Seide. Sie hat auch sonst noch einige wesentliche Eigenschaften, in denen sie erheblich hinter der Naturseide zurücksteht. Zunächst ist ihre Festigkeit bedeutend geringer; auch ihre Elastizität soll der der Naturseide nachstehen, sie zieht auch noch stärker Wasser aus der Luft an und ist endlich in ihrem spezifischen Gewicht um 13 pCt. höher als die natürliche Seide. Verschieden sind die Urtheile über ihr Verhalten beim Färben. Während sie nach einigen Mittheilungen sich ebenso gut färben lasse wie Naturseide, verliert nach anderen fachmännischen Urtheilen der Faden beim Benetzen völlig seine Stärke und wird so schwach, daß er nur mit größter Vorsicht bearbeitet werden kann, und daß das Färben nur sehr geschickten Händen anvertraut werden darf. Die Industrie der künstlichen Seide ist in Frankreich bereits auf großem Fuße ausgebildet, und es wird sich im Laufe der nächsten Jahre zeigen müssen, ob sie geeignet ist, für zahlreiche Verwendungsarten die Naturseide zu verdrängen oder nicht. -- Zu unseren Bildern. Unter und Mutter zugleich. Noch nicht gar lange ist es her, dah man die treubesorgte, gute Mutter nach schwerer, hoffnungsloser Krankheit hinausgetragen hat auf den Ruheplatz der Todten. Die ungewohnten Anstrengungen, welche ihre Krankheit den schwachen schultern der jugendlichen Tochter aufgebürdet, die schlaflosen Nächte, welche dieselbe am Bette der theuren Kranken zugebracht, der ununterbrochene Aufenthalt in der dumdfen Luft der Krankenstube und schließlich der namenlose Schmerz über den unersetzlichen Verlust, haben sie selbst aufs Krankenlager hingestreckt. Der Vater, mehr gewohnt, im wilden Wintersturme draußen des Waldes unwirsche Gesellen zu fällen, als zarte, kranke Pflänzlein zu Legen und zu pflegen, reicht ihr besorgt in das Auge blickend, aus dem ihm das Bild der Mutter entgegen- strahlt, mit schwieliger Hand die kühlende Milch. Er ist jetzt Vater und Mutter zugleich und wird es dem theuren Kinde, dem einzigen Kleinod, das ihm noch geblieben, an nichts fehlen lassen, bis es wieder gesund geworden, die Stelle der Hausfrau übernehmen und ihm seine Liebe vergelten kann. Gadltngen. In Nr. 39 des Unterhaltungsbl. vom Jahre 1896 gaben wir ein Bild von Gablingen mit geschichtlichen Notizen, auf welche wir auch für das vorstehende sehr gelungene Bild verweisen. -- Goldköruer. Es gibt nur ein Glück: die Pflicht! ^ Nur einen Trost: die Arbeit! Nur einen Genuß: das Schöne! Carmen Sylva. InßsnnLz.ßiOna.Iss IViSistzSt'-l'tit'nisr' in AinrnlkvrK. Wir theilen hiermit 6is äritts Dartie aus äiessm Nsistsr- lurniere mit. (Kaehäruclc verboten, 6a äas Recht 6er Dubli- eation von äsm 8chacheluh Kurnber" vorbehalten rvuräe. D.R.) III. (Zebluss.) Italienische lÜrötknunA. IV siss: 4Il>in (Oesterreich). 8 e b rv a r r: OllUI 0 N 8 kK (Ungarn). dL rS Weiss: 41h >» (Oesterreich). 8 chrvarr: Oliuronzek (Dnoarn.) i s 2 —e4 s7—eS 18 e4x15 D. e 8 X 1 o 2 8 . 8 . l> 8 —e 6 19 8 . 27 D. 17—e4 1. H6-16 ll 8 . b>-cI 2 e7 —«6 ^28 1 . äl—c16 §7 —06 !2 D. e3>6 15 I. 11 —sl L. x 8 —b 8 32 8 . §5—e 6 8 . 16—Ii5 16 8 . 62-11 17—15 33 D. e2—e4 aulosLehon. 17 8 . 11 -B 8 . H5—14 *) Kleine Roehaäs. KnmsrlcunA. Diese Dartis ist bis in äis kleinsten Details ant 6as exakteste änrobgelührt. K. Dolmann. Lohrvare am 8u^s. 480DDDS8 Weiss. LtellunA nach äsn, 22. 2m^e von Weiss. ^ 71 . Ireilag, den L8. August 1896 . Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). Ein furchtbares Geheimniß. Dem amerikanischen Originale der MrS. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) 10. Kapitel. Wie Trixy es aufnahm. ES »lochte halb ein Uhr gewesen sein und Trixy faß allein und düster in ihrem Zimmer. Edith trat ein, schön und leuchtend wie der junge Morgen. „Guten Tag, Trixy, wie geht'S mit Deinem Fuß?" „Er thut sehr weh", entgegnete sie barsch, „es ist ein Unsinn, spiegelglatte Böden herzustellen. Seit wann bist Du auf?" — „Seit zehn Uhr." „Warst Du im Garten?" Im" ^Sa'hst Du Sir Victor?" «Ja." „Hat er nach mir gefragt? „Natürlich", entgegnete Edith, obwohl der Varon ganz vergessen hatte, daß Beatrice Stuart existirte. „Er ist ein sehr aufmerksamer Wirth", rief Beatrice bitter, „er weiß, daß eine Dame krank liegt, und steht nicht einmal nach ihr." „Aber, liebe Trixy, die Herren besuchen doch die Damen nicht in ihrem Zimmer, das schickt sich nicht." „Sage mir, Edith, ob er etwas sprach — Du weißt schon was." „Dich zu heirathen? Nein, Trixy, nicht ein Wort." Sie stellte sich hinter den Fauteuil und schlang ihre Arme um des jungen Mädchens Hals. „Glaubst Du nicht, es könnte in Killarney ein kleines Mtßverständniß obgewaltet haben?" „Mißverständniß? Ich verstehe Dich nicht", rief sie mit steigender Angst, „um Himmelswillen, komm' herüber, daß ich Dich sehen kann, stehe nicht wie ein böser Geist hinter mir." „Sei nicht böse, Trixy, ich habe etwas Unangenehmes zu sagen, und ich fürchte mich. Es war ein Mißverständniß damals." „Wie könnte es eines sein. Er sagte mir, daß er liebe, daß er einen Rivalen fürchte, mit Papa und Mama sprechen wolle; wo sollte da ein Mißverständniß möglich sein?" ' „Ja, Trixy, es ist doch so. Sir Victor wird heute Mit Deinen Eltern sprechen, aber nicht über Dich." „Edith!" Sie sprang auf mit bleichem Gesichte und mit funkelnden Augen. „Was willst Du sagen?" Edith umschloß sie fester und legte schmeichelnd die Hände an ihr Gesicht. „In dem Boote auf dem See von Killarney sprach Sir Victor von mir." „Von — Dir?" tönte es von Beatricen's erbleichenden Lippen. „Ja, meine Liebe, von mir, und er glaubt noch heute, daß Du ihn so verstanden. Set mir nicht böse, ich kann nichts dafür. Er warb gestern um mich." „Um Dich?" fragte Trixy wie betäubt, „und Du wiesest ihn ab?" „Ich nahm ihn an." Eine Pause folgte. Beatrice war leichenblaß vor Zorn, Enttäuschung und Erstaunen. Endlich brach sie in einen Strom von Thränen aus. „Trixy, liebe Trixy, weine nicht, ich wußte nicht, daß Du ihn liebtest." „Ihn lieben?" rief sie mit blitzenden Augen, „ich liebe ihn nicht; was aber brauchte er so zu schwätzen und Anspielungen zu machen?" „Es war freilich sonderbar, daß er überhaupt mit Dir dämm sprach, aber, siehst Du, er meinte, Du hättest ihn recht verstanden." „Ihn recht verstanden? Die Engländer sind lauter Narren und Sir Victor der größte darunter." „Weil er mich heirathcn will?" „Ja, gerade deshalb, Du kümmerst Dich keinen Deut um ihn." „Kümmertest Du Dich um ihn, als Du sein Weib werden wolltest?" „Jedenfalls mehr als Du, ich liebte wenigstens keinen Anderen." „Und wen liebe ich?« „Rudolf. Leugne es, wenn Du es wagst." Sie blickte Edith an. Ihr zorniges Auge, ihr ganzes Wesen glich so sehr Rudolf, daß sie momentan die Fassung verlor. Sie senkte die Augen. „Laß uns nicht streiten um eines Mannes willen, den wir Beide nicht lieben, wir, die wie Schwestern waren." 542 «Wie — Schwestern!" rief Beatrice bitter, »ich glaube, Du betrügst und intriguirst." „Beatrice!" „O, ich weiß was ich sage. Ehe Du nach New- Aork kamst, schenkte der Baron wir Aufmerksamkeit, und wäre ich nicht seekrank geworden, so hätte er mich gefreit. Auf dem Schiffe aber locktest Du ihn an Dich, ko- kettirtest dann mit Rudolf, um Sir Victor zu reizen. Du bist ein kluges Mädchen, Dein Plan ist gelungen, und ich wünsche Dir Glück." „Ich nehme mir nicht die Mühe, Deine Anklagen zu leugnen, Du weißt, daß sie falsch sind. Weder in New-Aork, noch aus dem Boote, noch sonstwo suchte ich Sir Victor auf. Wäre er ein Prinz gewesen, ich Hütte eS nicht gethan. Du kannst auch zu weit gehen, Trixy. Er erwies mir die Ehre, um mich zu werben, und ich nahm ihn natürlich an. Ich konnte nicht anders handeln. Und wenn er in Killarney Unsinn schwätzte, bin ich nicht dafür verantwortlich. Er glaubt, klar gesprochen zu haben, und ahnt nichts von einem Mißverständniß. Uebrigens will ich Dich jetzt verlassen, denn ich will mit Dir nicht streiten." Ihre Stimme brach. Sie wandte sich zur Thür, und Trixy wurde das Kleinliche ihres Betragens klar. Ihr großmüthiges Herz tadelte eS. „Bleibe, Edith, ich will auch nicht mit Dir streiten, und es ist verächtlich und erbärmlich, wenn ich nun um einen Mann weine, der keinen Funken Interesse für mich hat. Als ich Dir damals Mittheilung machte, gratu- lirtest Du mir, laß mich erst zu mir selbst kommen, und ich thue es auch. Die ganze Sache aber kommt so unerwartet, weil ich glaubte, Du liebtest Rudolf. „Freilich liebe ich ihn wie einen Bruder." „Wie einen Bruder, Unsinn! Liebet Ihr Euch wirklich nicht seit zwei Jahren!" Edith lachte. „Eine absurde Frage. Ich glaube, weder ich noch Dein Bruder können sich ernstlich verlieben. Er fände es fieberhaft und ermüdend, und ich — wenn Liebe jene Bücherleidenschaft ist, welche die Leute nicht essen und nicht trinken läßt, kannte ich sie nie?" „Aber Du liebst Rudolf." „Ja, ich liebe ihn so sehr, daß ich ihn nicht hei- rathen und zu Grunde richten möchte. An dem Tage, wo wir mehr als Freunde wären, würde sein Vater ihn enterben, und der Vater ist nicht der tobende Alte in der Komödie, der vier Akte lang wüthet und in dem fünften seinen Segen gibt. Rudolf und ich sind vernünftig, wir haben uns die Hand gegeben und uns gelobt, gute Freunde bleiben zu wollen." „Und weiß Sir Victor von diesem vetterlichen Uebereinkommen?" „Set nicht sarkastisch; ich habe Sir Victor nichts zu gestehen, und wenn ich verheirathet bin, soll weder Dein Bruder noch ein Anderer Platz in meinem Herzen finden." „So! Und wann soll die Hochzeit sein?" „Das weiß ich nicht; es mag lange dauern. Natürlich widersetzt sich Lady Helena." „Und fürchtest Du sie nicht?" „Nein, sie ist seine Großtante, seine einzig lebende Verwandte, aber er ist majorenn und kann handeln wie er will." Stolz wie eine Königin wandte sie sich zur Thüre. „Diesen Nachmittag soll eine Spazierfahrt stattfinden. Du wirst hinunter getragen werden und Hauptmann Hammond als Dein Kavalier fungiren." „Und Du?" „Sir Victor fährt mit." „Allein natürlich", sprach Trixy mit bitterem Höhne. „Natürlich allein", entgegnete Edith kalt und verließ das Gemach. 11. Kapitel. Wie Tante Helena eS aufnahm. Aber die Spazierfahrt kam nicht zu Stande, denn während zwischen Edith und Beatrice sich die unangenehme Scene abspielte, ereignete sich eine ähnliche in einem andern Zimmer des Schlosses. Lady Helena hatte sich in ihr Zimmer begeben, um nach der Morgcnpost, die ihr mehrere Briefe gebracht, zu sehen. Einen derselben ergriff sie begierig. Er trug das Postzeichen von London und sie erbrach hastig das Siegel. Während sie in des Schreibens Inhalt sich vertiefte, klopfte es, und ihr Neffe trat ein. Schnell zerknitterte sie den Brief, versteckte ihn und sah ihm lächelnd entgegen. Victor war ihr Augapfel, ihres Herzens Liebling. „Störe ich? Bist Du beschäftigt?" „Nein, Victor, ich wollte eben mit Dir über die Einladungen zum Ball sprechen; kommst Du deshalb?" „Nein, Tante, ich habe Dir Wichtigeres zu sagen." Sie faßte ihn näher inS Auge. Sein Antlitz war geröthet, sein Auge glänzte, glückliches Lächeln umspielte seine Lippen. „Du siehst ja ganz strahlend aus." „Ich habe Grund dazu, Tante, gratulire mir, ich bin der glücklichste Mann der Erde." „Und worin besteht dieses Glück?" „Erräthst Du es nicht? Ich glaubte, Frauen seien in dieser Hinsicht sehr scharfsichtig. Hast Du wirklich keine Ahnung?" Sie erbleichte jedoch. „Ich werde wich verheirathen." Sir Victor hielt inne, denn mit einem Angstruf erhob sich Lady Helena. Hätte er gesagt, „ich werde gehängt", ihre Bestürzung konnte nicht größer sein. Wie um einen Schlag abzuwehren, streckte sie die Hände aus. „Nein, nein, nicht heirathen! Um HimmelSwillen, Victor, sage das nicht." „Tante Helena!" „Es kann ja nicht sein, Du kanttst nicht heirathen wollen, was brauchen Jungen von dreinndzwanzig Jahren Frauen." Er lachte gutmüthig. „Ich halte Jungen von breiundzwanzig Jahren für ziemlich erwachsen und selbstständtg; mein Vater war ebenso alt, als er Gattin und Kind nach Chateron Royals brachte." Sie sank in einen Stuhl. „Du bist bleich, Tante, und mein vorschnelles Sprechen hat Dich erschreckt. Soll ich Wasser holen?" „Nein, bleibe! Gib mir Zeit nachzudenken." Er setzte sich; jede Scene war ihm peinlich, und der Anfang versprach nichts Gutes. Die alte Dame schwieg einige Minuten, unbewußt aber flüsterten ihre Lippen: „Die Zeit kam, die Zeit ist gekommen!" Sir Victor brach selbst das Schweigen. „Ich verstehe Dich nicht, Tante, und Deine Auf- 843 fassung Meiner Mittheilung gefällt mir nicht. Du mußtest Dich doch mit dem Gedanken vertraut gemacht haben, daß ich eines Tages heirathen würde, gleich andern Männern. Die Zeit ist gekommen, wie Du selbst sagst; ich sehe darin nichts Entsetzliches." „Aber nicht so bald",stöhnte sie, „oVictor, nicht so bald." „Dreiundzwanzig Jahre ist nicht zu bald, und ich liebe meine Braut von ganzem Herzen. Dank dem Himmel, daß sie mich angenommen hat, ich möchte ohne sie nicht leben." „Wer ist sie? Natürlich Lady Arabella." „Es ist Miß Darrell." Lady Helena starrte ihn entsetzt an. „Miß Darrell, die Amerikanerin? Du scherzest wohl, Victor?" „Ueber solche Dinge werde ich nie scherzen, Tante. Diesen Morgen machte mich Miß Darrell zum glücklichsten Mann der Welt, indem sie meine Werbung annahm. Aber, Tante, Du mußt es ja längst vermuthet, gesehen haben." „Ich sah nichts, ich bin eine alte, blinde Frau." Wieder folgte eine Pause, daS Wesen der Tante war m entruutbiaend. „Ich liebte Edith vom ersten Moment des Sehens", begann er wieder, „und ich mag nicht daran denken, was ohne sie mein Leben gewesen wäre. Du aber warst meine Mutter, so lange ich denken kann. Du wirst jetzt mein Glück durch Deinen Widerspruch nicht trüben wollen." "'""„Aber ich widerspreche ganz entschieden, mehr noch, ich verbiete die Heirath. Du bist zu jung; wenn Du dreißig Jahre alt bist, ist's früh genug an derlei zu denken. Reise, besieh Dir die Welt, geh' in den Orient, wie Du oft gesagt, nach Afrika, wohin Du willst. Niemand kennt sein eigenes Herz im lächerlichen Alter von dreiundzwanzig Jahren." ^ Sir Victor lächelte ruhig und entschlossen. „Ist meine Jugend also Dein einziger Einwand?" „Nein, ich habe deren mehr, die Idee ist in jeder Hinsicht verwerflich, und ich widersetze mich ganz entschieden. Du sollst nicht eine Amerikanerin ohne Familie und Stellung, die Du erst einige Wochen kennst, von der Du absolut nichts weißt, heirathen. Der bloße Gedanke ist absurd." Des Barons Stirne faltete sich. „Ich bin mein eigener Herr, will aber al? Deine Einwände beantworten, weil ich das schuldig zu sein glaube." „Miß Darrell steht unter Dir", zürnte Lady Helena, „die Chateron haben immer vornehm gehetrathet. Deine Großmutter war die Tochter eines Marquis." „Und meine Mutter die Tochter eines Seifensieders. Vergessen wir das nicht." „Warum sprichst Du mir von ihr? Du weißt, ich kann es nicht ertragen. O, warum sahst Du je die fremde Abenteurerin, warum kam sie je in unsere Nähe?" Lady Helena erregte sich furchtbar in einer dem Neffen ganz unerklärlichen Weise. „Du gehst zu wett, Tante", sprach er langsam, „Miß Darrell ist keine Abenteurerin, sie hat in keiner Weise mich zu gewinnen gesucht, und meines Glückes einziger Schatten ist, daß sie mich nicht liebt, wie ich sie liebe. Frei und offen gestand sie mir das, aber ich vertraue, daß meine Liebe Gegenliebe erzwingen wird. Jedenfalls ist es mein fester Entschluß, sie in thunltchster Bälde zu heirathen." Sie blickte ihn an, in seinen Zügen lag eiserner Wille. „Ich hätte wissen können", sagte sie bitter, „er ist seines Vaters Sohn. Dieselbe Hartnäckigkeit, dieselbe Verschlossenheit gegen jede Warnung. Früher oder später mußte es kommen, aber so früh." Langsam rollten Thränen über ihre bleichen Wangen, und das wirkte mehr als Worte. „Weine nicht, Tante, Du betrübst mich, und ich glaube. Du solltest mich nicht in dieser Weise tadeln. Ich liebe Edith, und damit ist Alles gesagt." „Du liebst sie? Armer, armer Junge." „Ich glaube kein Mitleid zu verdienen. Sage mir lieber einen vernünftigen Grund für Dein Benehmen." „Einen vernünftigen Grund?" „Nun, natürlich, glaubst Du nicht, daß ich sehe. Du habest noch einen andern Grund? Laß einmal hören. Sorgen sind wie die wilden Thiere, blickt man ihnen fest inS Auge, so ergreifen sie die Flucht. Weshalb sollte ich mit dreiundzwanzig Jahren nicht heirathen? Wäre mein Alter auch ein Hinderniß, wenn ich z. B. um Lady Arabella würbe?" „Du sollst gar nicht heirathen." „Was? Als alter Hagestolz zusGrabe gehen, daS ist doch etwas zu viel für eine vernünftige Dame." „Da ist nicht zu spaßen, Victor, es wäre besser Du heirathetest nicht, besser, der Name Chateron verschwände vom Erdboden." „Tante Helena!" „Ich weiß, waS ich sage, Victor, und Du würdest Mir beistimmen, wüßtest Du, waS ich weiß." „Laß mich denn Alles wissen und selbst urtheilen. Sobald Du mir ein vernünftiges Hinderniß sagst, mich überzeugst, daß eS unrecht sei vor Gott und den Menschen, wenn ich sie heirathe, so will ich sie aufgeben, so namenlos ich sie auch liebe." „Würdest Du eS thun, Victor, hättest Du die Kraft hiezu? Gott weiß, ich Möchte nicht hart sein, möchte Dich gern glücklich sehen, aber-" „So sage mir Alles und laß mich urtheilen." „Ich weiß nicht, was ich thun soll!" rief sie erregt, „ich versprach ihr, Dir's zu sagen, nun aber der Tag gekommen, kann ich es nicht." Er erbleichte in unbestimmter Furcht. „Du mußt, Tante, und ich bin kein Kind mehr, das vor Schreckgespenstern erschrickt. Welch' furchtbares Geheimniß birgt sich hinter all' dem?" „Ein furchtbares Geheimniß, ja, Du hast es gesagt." „Spielst Du auf meiner Mutter Tod an? Kanntest Du die ganze Zeit ihren Mörder und verbargst ihn?" Keine Antwort. Sie bedeckte das Gesicht und wandte sich ab. „Habe ich Recht?" Sie sprang auf. „Laß mich, Victor, dreiundzwanzig Jahre laug bewahrte ich das Geheimniß, glaubst Du, Du könntest es mir in einem Moment abringen? Welches Recht hast Du, mich zu fragen? Wüßtest Du Alles, so wüßtest Du, daß Du kein Recht hast, ein Weib an Dich zu ketten, kein Recht selbst auf den Namen, den Du trägst." Er stand erbleichend auf. Sprach Lady Helena im Wahnsinn? Ehe er noch zu sprechen vermochte, pochte es, und ein Diener brachte ein Billet. „Eine Dame wünscht Mylady in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen", meldete er. „Ich kann Niemand empfangen." 544 — „Mhlady entschuldigen, die Dame sagt, Sie würden sie sicher empfangen, lesen Sie das Billet." Lady Helena riß es auf und überflog die wenigen Zeilen, welche die Unterschrift „Jnez" trugen, mit einem Ausdruck der Erleichterung. „Führen Sie die Dame sofort herein." „Vergib, wenn ich in meiner Erregung Ungebührliches sagte", wandte sie sich, nachdem der Diener sie verlassen, an den Neffen, „gib mir Zeit und Du sollst bald hören, was Du wissen mußt. Diese Dame kommt sehr gelegen." „Soll das heißen, daß die Fremde Deine Vertraute ist und auch die meine werden soll, daß Du sie konsul- tiren willst, ehe Du mir das Geheimniß mittheilst, von dem mein Lebensglück abhängt?" „Ja, und Du wirst Alles verstehen. Die Dame gehört zu unserer Familie; mehr kann ich vorerst Dir nicht sagen. Geh' nun, Victor, Morgen womöglich sollst Du die Wahrheit hören." Er verbeugte sich kalt und ging. Was bedeutet all' das? Bisher war sein Leben friedlich verlaufen, nun tauchten auf einmal Familiengcheimnisse auf. „Mag der Morgen bringen, was er wolle", sagte er entschlossen, „Edith Darrell wird mein Weib." 11. Kapitel. Am Tage des heiligen Patrick. Beim Hinabgehen begegnete er einer schlanken, großen, tiefverschleierien Dame. Wer mochte sie sein? Er verbeugte sich und eilte vorüber, um Edith aufzusuchen. Des Mädchens Auge war scharf, und Sir Victor verstand es nicht, sich zu verstellen. „Lassen Sie sich wahrsagen, Sir Victor", lächelte sie, „ich sage Ihnen die Vergangenheit aus den Linien der Hand. Sie waren bei Lady Helena, theilten ihr Ihre Werbung mit und baten um ihren Segen; Sie wurden natürlich entrüstet abgewiesen." Der Baron erröthete. „Ich hielt Sie stets für eine Zauberin, nun weiß ich es gewiß. Können Sie die Zukunft prophezeien?" „Vielleicht; Lady Helena wird darauf bestehen, daß Sie das arme, unbekannte Mädchen aufgeben; sie wird triftige und vernünftige Gründe dafür vorbringen, und Sie werden mir eines Tages erklären, daß Sie bedauern, einen Mißgriff gemacht zu haben, und mich bitten, Ihr Wort zurückzugeben. Edith Darrell wird wieder in das Dunkel zurückkehren, aus dem sie gekommen." Er lachte; sie hatte seine Sprechweise genau nachgeahmt. Dann sprach er ernst und tadelnd: „Und so kennen Sie mich nicht besser? Ich liebe meine Tante sehr, aber alle meine Tanten der Welt könnten mich nicht von Ihnen trennen." „Vielleicht wäre eine solche Trennung für uns Beide besser. Werden Sie nicht böse, Sie wissen wie ich's meine. Ich bin nicht von aristokratischer Abkunft, mein Vater hat ein Knabenpensionat, ich bin eigentlich Miß Stuarts Gesellschafterin, jedenfalls nur eine arme Verwandte. Seien Sie weise, Sir Victor, so lange es Zeit jst, lassen Sie sich warnen, bevor es zu spät ist. Ich verspreche nicht zu zürnen, ja sogar Ihre Vernunft zu bewundern. Lady Helena war Ihnen eine Mutter, es lohnt sich nicht, sie meinetwegen zu kränken. ES gibt Dutzende von reichen, schönen, adeligen Mädchen, die Sie lieben werden. Geben wir uns die Hand und scheiden wir." Mit ungezwungenem Lächeln reichte sie ihm die Hand, die er mit Küssen bedeckte. „O, Edith, wie leicht sprechen Sie vom Scheiden! Ich aber lasse Sie nicht. Sie mein Weib zu nennen, ist meines Lebens Hoffnung. O, daß Sie wüßten, wie ich Sie liebe, wie leer und werthlos mir die ganze Welt ist ohne Sie. Es könnte für mich nichts Schrecklicheres geben, als Ihren Verlust." „Sie lieben mich also sehr?" „Ich stürbe für Sie, Edith!" „Sterben Sie nicht", lächelte sie hold, „leben Sie für mich, ich glaube, es ist nicht hart, Sie lieben zu lernen." „Sie wollen also nicht mehr vom Scheiden reden Sie wünschen es wirklich nicht?" „Hätte ich dann Ihre Werbung angenommen? Wenn wir uns je trennen, geschieht es von Ihrer, nicht von meiner Seite aus." „Von meiner Seite?" lachte er glücklich, „und wenn Sie sich frei glauben, will ich Sie sofort binden." Er zog ein kleines Etui hervor. „Sehen Sie, Edith, diesen Ring trugen die Frauen unseres Geschlechts seit zweihundert Jahren, es ist der Verlobungsring der Chaterons." Ihr dunkles Auge funkelte bei diesem Anblick. ES war ein wundervoller, großer Solitaire, wie ein in Gold gefaßter Wassertropfen. „Es knüpft an diesen Ring sich die Sage, daß die Braut eines Chateron, welche ihn nicht trägt, ein unglückliches Leben führt und eines unseligen Todes stirbt. Sie begreifen wohl, daß es nöthig ist, ihn eifrig zu tragen." Sie hob gedankenvoll ihr Auge. „Trug ihn Ihre Mutter, Sir Victor?" Er erbleichte. „Nein, mein Vater heirathete sie heimlich und dachte nicht an den Ring. Führen ein unglückliches Leben und sterben eines unseligen Todes", fuhr er fort, „sie trug ihn nie, und bei ihr traf es ein." „Ein seltsames Zusammentreffen", sagte Edith und betrachtete den blitzenden Stein an ihrer Hand, der Hand, die noch vor zwei Monaten im alten Hause am MeereS- gestade gewaschen und gearbeitet hatte. „Sprechen wir nicht von meiner Mutter", bat er, „mir ist es furchtbar, an ihren Tod zu denken." „Wissen Sie, daß ich gern Chateron Royals sehen möchte?" bat sie, „darf ich?" „Ich bin glücklich, Ihnen Ihre künftige Heimath zu zeigen, und wenn Sie soweit gehen können, wollen wir uns gleich auf den Weg machen und zu Tische wieder herüberführen." Es war ein herrlicher Weg über Felder und duftende Wiesen und entlang die stille Landstraße, auf der einst ein anderer Sir Victor auf ewig von dem geliebten Weibe fortgeritten. Vergoldet von den Sonnenstrahlen, umrauscht von alten Bäumen, zeigten sich Chateron RoyalS epheuum- wundene Mauern und hochaufstrebende Thürme. Furchtlos äs'te das Wild, Perlhühner stolzirten umher, ein Pfau flog aufgeschreckt empor. Ueberall feierliche Ruhe. „Willkommen in Chateron Royals, willkommen als dessen Herrin, meine liebe Braut", sprach Sir Victor innig. Sie hob den thränenvollen Blick zu ihm. Wie gut war er, wie dankbar mußte sie ihm sein! 545 Ein aller Diener ließ sie ein. An des Verlobten Arm durchschritt Edith die langen Zirnmerreihen, riesige Hallen, Salons und Gemäldegalerien. Welch' kolossales Gebäude! Sie betrachtete die funkelnden Rüstungen, bis ihr die Augen schmerzten. Voll scheuen Staunens durchschritt sie den Ahnensaal, wo ein halbes Hundert Cha- teronS düster auf sie herabsahen. Einst sollte auch ihr Bild hier prangen. Die Frauen, die sie sah, lagen vermodert in der Ahnengruft, einst würde man auch sie kalt und starr darunter legen und ihr ein Marmordenkmal errichten. Sie schauderte und athmete tief auf, als sie wieder an die frische Lust kamen. „Es ist ein wunderbarer Besitz", sprach sie, „aber ein Zimmer haben Sie mir noch nicht gezeigt, und ich fühle ein krankhaftes Verlangen es zu sehen. Sind Sie böse, wenn ich darum bitte?" „Ihnen böse? Sprechen Sie." „Es ist das Zimmer, wo — o, verzeihen Sie, ich hatte nicht darum bitten sollen." „Doch, und Sie sollen es sofort sehen. Ich bin in manchen Dingen feige." Sie standen auf der Schwelle. Es war finster, die Läden geschlossen, die Vorhänge heruntergelassen, wie es feit jener schrecklichen Nacht gewesen. Nichts war verändert. Dort stand die Wiege, dort der Tisch, auf dem der Dolch gelegen, dort der Stuhl, auf dem Meta Cha- teron den Todesschlaf begonnen. Todtenstille lag über Allem. Edith zog Victor mit sich fort. „Wer that es?" fragte sie, als sie wieder unter dem blauen Himmel standen. „Ja, wer? Tante Helena weiß es." Gesicht und Ton waren ernst. „Wie konnte man ungerächt sie im Grabe liegen lassen? Ohne Zweifel hat es ein Chateron gethan, und um des Namens Ehre zu retten, ließ man den Mörder unentdeckt." „Ich glaube nicht, daß es Jncz war." „So war es ihr Bruder; lebt er noch?" „Soviel ich weiß, lebt er, und ich habe im Sinne ihn der Gerechtigkeit zu überweisen." „Sprechen wir nicht von der Sache, es macht Ihnen Schmerz; aber wenn ich je Herrin des Schlosses werde, lasse ich da§ Zimmer zumauern." „Wenn Sie die Herrin werden, wann wollen Sie eS sein?" „Wer weiß; vielleicht nie. Ich kann mir nicht denken, daß ich es je werde." , „Bitte, bestimmen Sie den Tag, heute ist der letzte Mai, darf ich die erste Woche im Juli nennen?" „Nein, auch nicht die erste Woche im August; weshalb die Sache überstürzen?" „Warum verzögern? Ich ertrage es nicht?" „Ich werde Sie nicht heirathen, so lange Lady Helena nicht ihre volle freie Einwilligung gibt." „Das wird sie binnen einer Woche thun. Wenn Sie mich nur ein wenig lieb hätten, so gebrauchten Sie nicht derlei Einwände." „Doch; man heirathet nicht so stürmisch, zudem habe ich Mrs. Stuart versprochen, den ganzen Sommer auf dem Kontinent französisch und deutsch zu reden." „Als meine Braut ändert sich das, Sie werden das selbst einsehen." „Allerdings." „Sie erweichen, ich seh' es an Ihrem Gesicht", flehte er, „o, Edith, lassen Sie es wenigstens dke erste Woche des September sein." Sie lächelte wie damals, als sie ihm ihr Jawort gab. „So sei es denn; sprechen Sie aber nicht mehr von dem Eigensinn der Frauen." „Gut, die Trauung findet am ersten September statt, am Tage des heiligen Patrick." (Fortsetzung folgt.) - — - - Vor 100 Zähren. A« 30. August findet im benachbarten Lechhausen eine bemerkenswerthe historische Gedenkfeier statt. An genanntem Tage Vormittags 11 Uhr wird nach vorausgegangenem Gottesdienste eine Gedenktafel enthüllt, welche dem Andenken an den vormaligen Hohenlohe'schen Oberlieutenant FranxoiS de Bouchö gewidmet ist, welcher vor 100 Jahren als Fremder mit seiner Gattin durch Lechhausen auf der Reise begriffen war und bei Gelegenheit der Netirade der kaiserlichen Truppen und des Vorrückens der französischen Armee unter Mo- reau dem Orte Lechhausen ganz außerordentliche und beträchtliche Dienste geleistet hat. Herr Gemeinde-Sekretär Reich! hat über die damaligen Vorgänge eine längere geschichtliche Abhandlung veröffentlicht, der die Abendzeitung Nachstehendes entnimmt. Die Nheinarmee, welche, wie kürzlich auch in einer historischen Neminiszenz im „Sammler" geschildert, ihren Marsch vom rechten Donauufer her durch Brand und Plünderung bezeichnete, schien auch den Ortschaften am Lech und an der Jsar gleiches LooS bereiten zu wollen. Lechhausen lief dabei Gefahr, wenn auch nicht gänzlich vernichtet zu werden, doch zu verarmen, und an Stelle der jetzigen blühenden Gemeinde wäre vielleicht ein unansehnlicher Ort. Die Rettrade der kaiserlichen Truppen war allgemein. Unter heftigem Geschützfeuer setzten die Franzosen über den Lech. Für Lechhausen kamen schwere Stnnden. Die Geschosse schlugen in die Mauern, und manches Haus stand schon in Flammen, als der erste Schwärm Franzosen plündernd, mit den Waffen in der Hand, die Straßen des Ortes überfluthete. Auf das kurfürstliche Mauthamt war eine Rotte, reiche Beute ahnend, zuerst eingedrungen. Eigenthümlicherweise erregte das zahlreiche Mobiliar der ver- wittweten Grenzmauthnerin von Stubenrauch, welche nebst einer 60jährigen Magd die einzige Vertheidigung des Mauthamtes bildete, in so hohem Grade das Gefallen der Rotte, daß sie, die Mobilien sämmtlich raubend, von einer Plünderung der Mauth absah. Allmälig füllte sich der Ort, Plünderung und Mißhandlung wurde bald allgemein. Der Jammer der Bewohner, die durch fortwährende Einquartierung der kaiserlich-königlichen Truppen ohnehin schon schwer gelitten, kannte keine Grenzen. In der breiten Straße war ein großer Tumult. Geplünderte, welche, jammernd sich um ihr Eigenthum wehrend, mit Kolbenschlägen zurückgetrieben wurden, riefen einen Mann um Hilfe an, der bereits andere zu schützen schien. Dieser, von stattlicher Figur, in Zivtlkleidern, einen Degen in der Faust, war bemüht, gegen Hunderte Bajonnete die bei ihm Hilfe Suchenden zu schirmen. Mit erregter Stimme machte er den Franzosen in ihrer Sprache heftige Vorwürfe über ihr brutales Vorgehen. Es schien nicht ohne Wirkung zu bleiben, da ein großer Theil der Soldaten murrend abzog. Dieser Mann sollte Lechhau- 848 seris Beschützer sein. ES war der seit einigen Tagen in dem oberen WirthShause nächst dem kurfürstl. Mauth- amte wohnende französische Emigrant Fran^oiS de Bouchs. Auf einer Reise durch Bayern mit seiner der Niederkunft nahen Gattin begriffen, war er durch das rasche Vordringen der Franzosen veranlaßt worden, in Lechhausen Quartier zu nehmen. Bouchs, aus einer lothringischen Adelsfamtlte stammend, deren Besitzthum durch die Revolution zerstört war. trat in das Regiment, welches Ludwig Fürst v. Hohenlohe-Waldenburg, Marschall und Pair von Frankreich, für das Emigrantenheer organisirte und gegen die Republik führte. Nach dem siegreichen Sturm der Verbündeten unter Wurmser auf die Weißenburger Linien, 13. Okt. 1793, wurde Bouchs Lieutenant. Als das Kriegsglück sich wendete und schon am 16. Dezember Ptchegru die Oesterreichs und Preußen bei Weißenburg schlug und zum Rückzug über den Rhein zwang, folgte Bouchs dem Fürsten Hohenlohe nach dem Kriegsschauplatz in den Niederlanden. Als Lieutenant im Hohenlohe'schen Regiment focht derselbe in den Kämpfen bei Nimwegen, Tiel und wurde bei Bommel Oberlieutenant. Aber die Sache der Oesterreichs stand auch hier schlecht. Im Januar 1795 zog Ptchegru, von den Holländern mit Jubel empfangen, in Amsterdam ein. Nachdem Erzherzog Carl das Oberkommando der Reichs» armee am Rhein übernommen und Fürst Hohenlohe in dessen Dienste trat, nahm auch Bouchs, als das Regiment sich auflöste, seinen Abschied. In diese Zeit fällt seine Verheiratung und ein längerer Aufenthalt in der Pfalz. Sein erwähntes Verweilen in Lechhausen sollte diesem Orte zum großen Glück gereichen. WaS BouchS alles zum Wähle dieser ihm gänzlich fremden Gemeinde mit steter Lebensgefahr aus purer Nächstenliebe unternahm, ist aus verschiedenen Zeugnissen zu ersehen, welche sich in höchstem Maße anerkennend über sein Vorgehen aussprechen. So heißt eS u. a. am Schluß eines Zeugnisses der Theresia von Stubenrauch, verwittw. Grenz- Mauthnerin von Lechhausen, ä. ä. 1V. Oktober 1796: »Ich und eine alte 60jährige Magd waren einzig und allein, die wir in unserm versperrten Hause schon sicher und alles überstanden zu haben glaubten, da ich eben im obern Zimmer die zerstreuten Geräthe wieder zu sammeln beschäftigt wax, als zum zweitenmal 5 robuste Kerle mit schrecklichen Drohungen zu den Fenstern hereinfliegen. Von aller Welt verlassen, tu einer unbeschreiblichen Betäubung wie von Sinnen rannte ich auf die Straße. Die Vorsehung führte mich zu Herrn Bouchs, den ich allen Leuten beibringen sah. Mit gen Himmel gerungenen Händen sprach ich ihn um seine Hilfe an. Aber er ließ sich nicht lange bitten. Die Kerle zwang er auf der Stelle, ihres heftigen Widerspruches ungehindert, da hinaus zu steigen, wo sie hereingestiegen waren; sie durften nicht ein Stück mehr berühren, und von dieser Stunde an widerfuhr mir unter seinem unablässigen Beistand kein Leid mehr. Er versah mich mit dem besten Rath, wie ich das Gerettete gegen fernere Nachstellungen in Sicherheit bringen solle und wirklich brachte; obgleich eine Horde von wenigstens 100 Köpfen dasselbe anzufallen drohte, unter die er sich aber mit eigener Lebensgefahr wagte und durch seinen entschlossenen Muth, durch seine geistvollen Vorstellungen, durch seine eigenthümliche Würde und Ansehen, wofür der tollste Pöbel zurückbebt, siegreich bewirkte, daß sie von ihrem verruchten Beginnen abstund. So vertrieb er eine andere Räuberbande, die schon mitten in der Nacht ins Haus eingedrungen war. Ich würde die Grenzen eines gewöhnlichen Attestats weit überschreiten müssen, wenn ich alle seine preiswürdige» Handlungen sollte erzählen wollen. Eine dankbare Thräne entquillt mir, und ein unerklärbarer Schmerz durchgingt meine Seele, daß mir meine Glücks-Umstände nicht erlauben, seine unaussprechlichen Wohlthaten anders als nur mit dieser vergelten zu können. Der Himmel sei sein Belohnn." Josef Graf von Königsfeld, Propst zu Altenötting, und Max Graf von Seinsheim bezeugen, daß Bürger von Lechhausen zu ihnen gekommen seien und erzählten, daß sie die ihnen, den Bürgern, durch Herrn Bouchs beim Durchmarsch der Franzosen erwiesenen, öfters sogar unter Lebensgefahr bezeugten außerordentlich guten und beträchtlichen Dienste nicht genug rühme« konnten, ja dieselben bekräftigten sogar, daß sie ihre und ihres Wohnortes Erhaltung nach Gott Herrn Bouchs zu verdanken haben und nur bedauern, daß" ihre Vermögensumstände nicht zureichen, um demselben deßhalb dankbar genug sein zu können. Daß Lechhausen in der That zur damaligen Zeit enorme Ausgaben machen mußte, möge aus einer Spezifikation vom 10. September 1796 hervorgehen, laut welcher die Gemeinde Lechhausen in einem Zeitraum von vierzehn Tagen für Brod, Wein, Branntwein, Haber, Heu, Stroh, Bier und Fletsch an die Kaiserlichen und Franzosen 3109 Gulden 40 Kreuzer verausgabte. Diese Summe erscheint natürlich viel bedeutender, wenn man die billigen Preise der Lebensmittel von damals bedenkt; denn es kosteten: 1 Laib Brod 3 Kreuzer, 1 Maß Bier 4 Kreuzer, 1 Pfund Fleisch 3 Kreuzer, und sind 12,000 Pfund Brod mit 498 Gulden berechnet worden. An Quartierlast hat Lechhausen ge- tragen Kaiserliche und Franzosen 23,568 Mann und ; 12,831 Pferde. Der Verlust an Vieh betrug 1200 Stück. ! Nachdem Bayern einen für dasselbe höchst ungünstige» ! Frieden mit Moreau zu Pfaffenhofen, 7. September 1796, k zu Stande gebracht, räumten die republikanischen Truppen das Land, und Bayern athmete, allerdings nur für kurze Zeit, wieder freier. Bouchs verließ, nachdem sich seiner Reise kein Hinderniß mehr bot, mit seiner Gattin Lechhausen. Die ganze Gemeinde gab ihm mit Dankesthränen das Geleite. Familienverhältnisse bewogen denselben später, in München sein Domizil zu nehmen. AIS bald darauf auch Pfalzgraf Maximilian als Kurfürst von Bayern, vom Volke jubelnd begrüßt, in München einzog, erfolgte die Ernennung des Oberlieutenants v. Bouchß zur kurfürstlichen Suite. Die kommende höchst kriegerische Zeit hätte dem tapferen Offizier eine glänzende Zukunft eröffnet, hätte ihn nicht nur zu bald ein gar trauriger Tod im schönsten Mannesalter erreicht. Von einer Soirse der Kurfürstin heimkehrend, erkrankte er in derselbe» Nacht und starb nach wenigen Wochen an einer Gehirnkrankheit. — Hundert Jahre sind nun seit diesen Ereignissen verflossen. Der einzig noch lebende Enkel des Ober- lieutenants Frangois de Bouchs, der kgl. bayerische Hofglasmaler und Commercienrath Herr Carl deBouchä in München, will der Feier anwohnen, welche, wie Eingangs erwähnt, am 100jährigen Gedenktage der rühmlichen That seines Großvaters, am 30. August dS. Js., begangen werden soll. * » Auch Friedberg hat vor 100 Jahren vor den Franzosen gezittert, ist aber nicht so glimpflich weggekommen, eS wurde geplündert. Der 24. August, St. Bartholomäus- tag, ist dieser Schreckenstag. Die Wogen der großen französischen, welterschütternden Revolution gingen damals sehr hoch. Der Convent sandte seine 14 stehenden Heere nach allen Richtungen aus. Auch Bayern und die damalige freie Reichsstadt Augsburg bekamen den Besuch dieser ungebetenen Gäste. General Moreau leitete vom Ulrichsthurme aus den Lech-Uebergang, den der General Van- Lamme befehligte. Die Franzosen durchschwammen den Lech, das Gewehr und den Säbel, welcher an einem Strick befestigt war, hochhaltend, um 10 Uhr. Der damalige Bürgermeister Andreas Strixer und noch einige Raths- Witglieder gingen denselben bis an den Fuß des Berges entgegen, dem General eine werthvolle goldene Uhr anbietend, welche derselbe zurückwies mit den Worten: „Es nützt Alles nichts, Ihr werdet geplündert!" Darauf begann die Plünderung und dauerte von 12 bis 4 Uhr. Dabei kamen viele Kleidungsstücke, auch Pelzhauben der Frauen, in das Bivouac, das die Krieger bezogen hatten. i Es war ein fürchterlicher Schreckenstag. Die Thurmuhr , wurde gestellt. Die Leute hielten ihr Mittagsmahl, bestehend in einer Wassersuppe, in den Kellern. Hierauf drohten die Franzosen die Stadt an den vier Ecken anzuzünden. Es mußte eine große Brandschatzung erlegt werden. Deßwegen gelobte man, einen Dankgottesdienst > am Sonntag vor dem Feste des heil. Bartholomäus in Unseres Herrn Ruhe abzuhalten. Der Dankgottesdienst .am 16. August in der prächtigen Wallfahrtskirche war .sehr schön und erbauend, der Kanzelvortrag des hochw. Herrn Stadtpredigers Alberstötter ausgezeichnet. (Nach dem Frdb. Gmdeb.) Der Finger Gottes. Ludwig Riebt erzählt in seinen interessanten „Lebens- ^ erfahrungen eines Convertiten aus dein Volke" folgende ! Gottesgerichte: Mein Hauptmann und Compagniechef, ein sonst sehr gemüthlicher, heiterer und namentlich auch bei seinen Untergebenen wegen seiner Milde beliebter Officier, ledig Und katholisch getauft, der von der Pike auf gedient Hatte, war ein erbitterter Feind seiner Kirche und der Priester. Er bildete sich nicht wenig darauf ein, schon eine sehr lange Reihe von Jahren, ich glaube seit seiner ersten hl. Commnnion, die hl. Sakramente nicht mehr empfangen zu haben. Derselbe wurde auf einen öffentlich ausgesprochenen, wahrhaft entsetzlichen Priesterhaß plötzlich und auf die schauderhafteste Weise von einem Gottesgericht betroffen. Die Compagnie marschirte nämlich zum Scheibenschießen, es war, soviel ich mich noch erinnere, der 16. August 1857, auf den großen Epercierplatz. Bei dieser Gelegenheit passirten wir die Hintere Schlohstraße zu Ludwigsburg. Der jetzige Pfarrherr in Hundertsingen, der hochw. Herr Professor Nestle, war damals Vicar in Ludwigsbnrg. Dieser ging, mit der Sutane bekleidet und dem Cingnlum umgürtet, die Straße hinab zur katholischen Kirche im königlichen Schlosse, um dort das heilige Meßopfer darzubringen. Der Anblick dieses Priesters in seiner Kleidung versetzte den Hauptmann sin eine wahre Wuth. Er schimpfte darüber, daß man die katholischen Geistlichen in einer protestantischen Stadt in einer solchen Kleidung auf der Straße passiven lasse; dies sollte von der Polizei verboten und gesetzlich nicht geduldet werben, weil es eine „freche Herausforderung" (!) sei; ihm sei heute der ganze Tag verdorben. Der Oberfeldwebel Hofmann, ein gut katholisch gesinnter württem- bergischer Franke, bat den Hauptmann, er möchte doch nicht vor der Mannschaft in solcher Weise über die Priester seiner Kirche sprechen und das religiöse Gefühl der katholischen Soldaten so tief verletzen. Der Oberfeldwebel sprach dies ganz ruhig. Auf diese berechtigte Bemerkung hin kam eine Fluth von Schimpfwörtern über die Lippen des Hauptmanns, ja er vergaß sich in seinem Toben so weit, daß er den fürchterlichsten Ausdruck gebrauchte, er möchte dem nächsten Priester mit seinem Säbel im Gedärme herumbohren, und bezeichnete an seinem Leibe eine Stelle, wo er dies thun wollte. Jetzt sagte der Oberfeldwebel mit erregter und feierlicher Stimme: „Herr Hauptmann, He wären vielleicht noch froh, wenn ein Priester in Ihrer letzten Stunde zu Ihnen käme!" ' .,So etwas wird bei mir nie vorkommen, vor so etwas will ich behütet bleiben", entgegnete der unglückliche Officier. Wir marschirten in die große Allee ein. Kaum 150 Schritte von der Stelle, wo der Hauptmann die entsetzlichen Worte gebrauchte, fühlte er ein entsetzliches ' Stechen in seinen Eingeweiden, gerade an der Stelle, die er zum Durchbohren der Priester bezeichnet hatte. Fürchterliche Schmerzen nöthigten ihn, die Compagnie zu verlassen. Er gab dem Oberfeldwebel den Befehl, da er die Compagnie-Officiere vom Ausrücken dispensirt hatte, nach dem Scheibenschießen ihm den Schießrapport zu bringen. Das war nun nicht mehr möglich und nöthig, wie wir weiter hören werden. Der Hauptmann eilte, wie von Furien gegeißelt, von den gräßlichsten Schmerzen getrieben, nach Hans, wo sein alter, protestantischer Diener mit Entsetzen seinen ^ Herrn kommen sah. Diesem rief er schon von Weitem ! zu: „Johann, ich bitte Dich, eile, so schnell Du kannst, und hole den katholischen Stadtpfarrer, er möge gleich Alles mitnehmen, was zum Versehen nothwendig sei, aber ja recht eilen." Der Bediente wollte schleunigst den ' Befehl des Herrn vollziehen, allein der Hauptmann fiel mit einem entsetzlichen Aufschrei auf den Boden feines Zimmers und war sofort eine Leiche. Sein Aussehen sei alsbald ein entsetzenerregendes geworden. Man kaun sich den Schrecken und das Staunen der Compagnie denken, als dieselbe vom Scheibenschießen nach Hause kam und den schauerlichen Tod des Hauptmanns erfuhr. Mehrere Protestanten der Compagnie, Katholiken gab es nicht viele, meinten: „Den hat unser Herrgott gleich beim Wort gepackt."- Lei meinem Regiment, in meiner zweiten Kapitulation, nachdem ich schon zur katholischen Kirche übergetreten war, war ein Feldwebel (Sergeant) Namens Fidelis Müller, aus Hochdorf, O.-A. Waldsee, gebürtig. Derselbe hatte sehr fromme Eltern und war streng in kirchlichen und sittlichen Grundsätzen erzogen. Er erlernte das Schreinerhandwerk und kam in die Fremde. Wie er mir selbst gestand, war er rein und unverdorben, voll kindlichen Glaubens in die Fremde gegangen, habe lange Zeit die kirchlichen Gebräuche und Gebots auf's gewissenhafteste beobachtet, bis ihm einmal zufällig Waiz- manns Gedichte in die Hände gefallen seien, diese hätten ihn sehr angesprochen, besonders hätte ihm der oberschwäbische Dialekt seiner Heimath gefallen. Schließlich wurde er ein begeisterter Verehrer Waizmanns, aber auch ein Verächter der Kirche, der die heiligen Sakramente nicht mehr empfing und ein recht ungebundenes Leben führte. Mittlerweile kam er zum Militär; er hatte sehr gute Talente und wurde bald befördert. Von der Kirche sprach er nie anders als mit Spott und Hohn, und dekla- niirte stets Waizmanns wüste Possen zum allgemeinen Aergerniß. Ich hatte deshalb manchen Verdruß und vielen heftigen Streit mit ihm. In der Christnacht des Jahres 1864 war er Commandant der Kasernwache zu Stuttgart. Nachts 12 Uhr weckte er die Frau des Profosen mit einem solch frivolen Spott über das hochgebenedeite Christkind, daß mich jetzt noch ein Schauer durchrieselt, wenn ich daran denke. Jedoch die Gerechtigkeit Gottes gebot ihm Halt! Bis hierher und nicht weiter! Als er von der Kasernenwache abkam, war er leidend und mußte bald darauf als gefährlich krank in das Spital gebracht werde». Auch hier witzelte und spöttelte er fortwährend und wies den Empfang der hl. Sakramente höhnisch von sich. Doch auf einmal besann er sich eines andern, eines bessern. Er verlangte aus freien Stücken die hl. Sakramente und legte unter lautem Schluchzen eine zweistündige Beichte ab. Es war hohe Zeit. Kaum hatte er die hl. Sakramente empfangen, > so trat eine Erstarrung bei ihm ein. Er öffnete schauerlich und weit den Mund, die Zunge, die Gott, seine Kirche und Priester so oft gelästert hatte, hing entsetzenerregend über das Kinn herab. Vollständig, das sah man ihm an, war er bei Bewußtsein; so oft man zu ihm kam, sah er einen mit Thränen in den Augen an und wollte sich mit dem Kreuzeszeichen bezeichnen, was er aber nicht mehr konnte. Endlich nach acht Tagen erlöste ihn der Tod von seinen entsetzlichen Leiden. Diesen Anblick, aber auch die Leichenrede, die ihm der nunmehrige hochwürdige Herr Domkapitular Zimmerle hielt, der damals Kaplan in Stuttgart war, werde ich nie wieder vergessen. — Es war im Jahre 1869, als ich Forstgehilfe war. Eine halbe Stunde von meinem ständigen Posten war ein Dorf, das ich bei meinen Gängen im Walde passiren mußte. In diesem wohnte ein vermögender und weit bekannter Frucht- und Viehhändler, der viel Geschick für Handel und Wandel, aber auch eine ebenso große Feindseligkeit gegen die Kirche und die Geistlichkeit zeigte, über welche er öfter in der unfläthigsten und unsittlichsten Weise spottete, besonders wenn er zufällig in ihre Gesellschaft kam. Er war ein eifriger Leser der damals in Ulm erscheinenden kirchenseindlichen Zeitungen „Kirchen- fackel" und der „Ulmer Schnellpost' . Aus diesen schöpfte er seine eingebildete Weisheit und seine Kirchenfeindlich- keit. Er handelte genau nach dem Grundsatz, der auf dem Begräbnißplatz der „Freireligiösen" in Berlin am Thore angebracht ist: „Macht hier das Leben gut und schön, kein Jenseits gibt's, kein Wiederseh'n." Ich verbat mir öfter seine Gesellschaft und Zudringlichkeit; denn seine einzige Unterhaltung war, Gott, seine Kirche und die Priester zu beschimpfen und zu lästern. Eines Abends, als ich vom Walde heimkehrte, hungrig, durstig und sehr erschöpft war, es war an einem sehr heißen Tage des Monats August, kehrte ich in dem Garten einer an der Straße gelegenen Wirthschaft ein., Ich saß allein an einem Tische in der Ecke des Gartens.' Zu meinem größten Acrger sah ich aus einmal den Genannten am obere» Ende des Tisches sitzen, denn ich wußte mit Bestimmtheit, baß er sich wieder an mich machen werde. Ich nahm mir deshalb fest vor, gegen seine gewöhnlichen Provokationen mich ganz still zu verhalten und ihn mit Verachtung zu strafen. Richtig, meine Vermuthungen täuschten mich nicht. Kaum sah er mich, so rückte er in nieine Nähe. In der frivolsten Weise suchte er mich durch seine kirchenseindlichen Reden zu reizen. Zuerst ließ ich seine faden Reden zu einem Ohr herein und zum andern hinaus.. Allein schließlich wurde mir die Sache zu bunt, und ich verbat mir allen Ernstes jeden weiteren Discurs. Dies machte ihn nur noch zudringlicher. Ich erzählte ihm nun die vorerwähnte Geschichte meines Hauptmannes, um ihm nahe zu legen, wie Gott oft plötzlich die Kirchen- und Priesterfeinde strafe. Er sagte, dies sei bloßer Zufall, worauf ich erwiderte, es könne ihm vielleicht auch noch so ergehen, daß er vergeblich nach einem Priester verlangen werde; er jedoch brach auf meine Erwiderung in die schrecklichen Worte aus: „Eher soll mir der T.. wenn es einen gibt, als ein Pfaff an mein Sterbebett kommen!" Die Haare standen mir bei diesen Worten vor Entsetzen zu Berge, ich schrak zusammen und ging fort mit den Worten: „Herr E., es ist schrecklich, in die l Hände des lebendigen Gottes zu fallen! Was der Mensch säet, das wird er ernten!" Er rief mir noch höhnisch nach: „Es ist nur gut, daß Sie kein Pfaff geworden sind, Sie haben eine besondere Gabe, die Leute fanatisch, dumm und abergläubisch zu machen!" Tief in der Seele schmerzte mich die höhnische Verblendung dieses alten Mannes, und ich war jenen Abend so aufgeregt, daß trotz der großen Ermüdung kein Schlaf in meine Augen kam. Immer und immer wieder kamen mir die entsetzlichen Aeußerungen des Frucht- und Viehhändlers in's Gedächtniß. Aber diesem ging es nicht so gut, und er mußte bald erfahren, daß Gott seine unbefleckte Braut, die hl. Kirche, nicht ungestraft beleidigen läßt. Ihm ging es weniger gut als meinem Hauptmaune, der doch noch einen Priester verlangen konnte. Noch in derselben Nacht, kaum einige Stunden nach obigem Auftritt, fiel er in ein Delirium, > aus welchem er nicht mehr kam. In seinen Phantasiern sah er nur schreckliche und schwarze Kobolde, auch den Priester, der ihm die hl. Oelung spendete, sah er als einen solchen an. In diesem Zustande starb er nach > wenigen Tagen, ohne mehr zum Bewußtsein gekommen zu sein. Als man ihn beerdigte, war ich gerade im Walde und hörte das Grabgeläute. Ich muß es gestehen, es überkam mich ein großer Schauer, und ich mußte unwillkürlich an das denken, was zwölf Jahre vorher die Soldaten beim Tode meines Hauptmannes sagten. Doch hoffen wir noch das Beste für seine arme Seele; vielleicht ist er, unsichtbar der Umgebung, doch zu lichten Augenblicken gekommen und hat die Gnade einer vollkommenen übernatürlichen Reue erhalten; viele derartige Beispiele erzählt ja die Geschichte des Reiches der Gnade. -—-SW8-S--- Goldkörner. Ein neuer Rock und ein neues HauS, Gar stattlich nehmen sich beide aus, Doch sollen sie uns behagen, Dann müssen wir unter Lust und Leid Im Hause erst wohnen längere Zeit Und den Rock eine Weile tragen. c» „Nugsburger PotzMmg". « 72. Samstag, den L9. August 1898. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbefitzer vr. Max Huttler). Ein furchtbares Geheimniß. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary Agnes Flemmtng nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) 13. Kapitel. Wie Rudolf eS aufnahm. Für Beatrlce Stuart verstrichen indessen die Stunden öde und traurig. Sie hatte ihrer Mutter die Kunde von Sir Victor's Werbung um Edith'L Hand mitgetheilt. Tante Charlotte riß die matten Augen wett auf. „Sir Victor will unsere Edith Heiratheu? Ach, und ich dachte, er interessirte sich für Dich." Mehr wußte Mrs. Stuart darüber nicht zu sagen. „Ob wohl ein Erdbeben Mama'S Gleichmuth erschüttern könnte", dachte Trixy empört, „will doch sehen, wie Rudolf eL aufnimmt." Rudolf war mit Hauptmann Hammond ausgelitten, und die Sonne senkte sich bereits als die beiden Männer heimkehrten. „Wie geht's, Trixy", sprach Rudolf, sich gemüthlich auf dem Sopha ausstreckend, „ist Dein Fuß bald wieder hergestellt?" „Danke, es geht besser, aber ich habe Dir viel Wichtigeres zu sagen. Du erräthst eS gewiß nicht." „Ich versuche eS auch nicht, mein Kind. Wenn Dir etwas auf der Seele lastet, heraus damit! Ungewißheit ist peinlich." Er schloß die Augen und wartete. „Sir Victor hat um Edith geworben, und sie hat ihn angenommen." Rudolf öffnete die Augen und sah sie an, ohne Staunen oder eine Bewegung kund zu geben. „Ist das eine wichtige Neuigkeit? Armes Kind, nach all' der Mühe, die Du Dir gabst, ist es hart für Dich. Wenn Du aber glaubst, wich dadurch in Staunen zu versetzen, kennst Du mich schlecht. Mir war die Sachlage längst sonnenklar. Habe ich auch selbst jeder zarten Regung entsagt, so betrachte ich sie doch bei Anderen mit väterlichem Interesse. Und so wollen sie sich heirathen? Gott segne Euch, meine Kinder", sprach er, die Hände erhebend, „und seid glücklich." Das war Alles, und Beatrice hatte geglaubt, er liebe Edith. Rudolf schloß wieder die Augen, als wolle er einschlafen. „Rudolf, Du bist ein Dummkopf —" „Ueberwältigt von der unwillkürlichen Anerkennung seitens der Versammlung erhebe ich mich-" „Ja, Du bist ein Dummkopf, Du hättest Edith gewinnen können, wenn Du gewollt hättest, sie liebt Dich mehr als Sir Victor. Aber nein, Du mußtest herumbummeln und —" „Umherbummeln? Guter Gott! Trixy, ich frage Dich wie ein Mann den andern, sahst Du mich je herumbummeln?" „Geh' fort, ich habe keine Geduld mit Dir." Der alte Mr. Stuart allein nahm die Nachricht nicht so ruhig auf. „Also Freds bettelarme Tochter", brummte er, „so hast Du Dir doch den Baron lächerlicherweise durch die Finger gleiten lassen." Trixy weinte beinahe. „Ich ließ ihn nicht gleiten, ich hatte ihn ja nie in der Hand. Zudem ist Edith schöner als ich. Ich that mein Bestes und halte es nicht für recht, noch obendrein gezankt zu werden." „Weine nicht, es gibt noch andere gute Partien. Hauptmann Hammond ist der Sohn eines reichen Lords, und das ist mir schließlich lieber als ein Baron. Komm', zieh' Dich an, geh' in den Salon und mache Dich dem Offizier interessant." Trixy befolgte den väterlichen Rath und erreichte mit Hilfe ihres Bruders und einer Krücke das Speisezimmer, wo sie Lady Helena bleich und zerstreut fand. Bei Tische ruhte auf allen sichtlicher Zwang. „Der Tante ist's nicht recht", kicherte der alte Stuart, „nun, kann mir's denken, wäre mir auch so, wenn es Rudolf wäre. Uebrigens will ich diesen nach Tische auf Lady Arabella aufmerksam machen. Lady Arabella Stuart würde sehr vornehm klingen." Und so brachte er in nächster Gelegenheit auch die Sprache darauf. „Nimm Dir ein Beispiel an Edith, Junge", begann er, „sieh, was sie ohne einen Heller für eine Partie macht. Du bist reich und hübsch, warum sollst Du nicht auch in die englische Aristokratie Heiratheu? Lady Arabella, zum Beispiel, ist zwar unbegütert, aber sie ist eines Grafen Tochter. WaS hindert Dich, ihr zu nahen?" Rudolf blickte auf. „In allen Heirathsangelegenhetten betrachte ich mich als nicht existirend und thue vollkommen nach Deinem 650 Willen. Gefällt «L Dir, so werde ich sie heirathen, aber den Hof werde ich ihr nicht Wachen und verlange eine Werbung durch Deputation. Mache Du der Dame die betreffenden Vorschläge, mich kannst Du wie ein Lamm leiten.« „Und würdest Du sie wirklich heirathen?« fragte Beatrice. „Warum denn nicht? Wenn ich überhaupt hei« rathen muß, kann es Lady Arabella so gut sein, wie eine Andere.« „Aber Du hast sie nie gesehen!« „Was liegt daran? Nach HammondS Beschreiben muß sie ein prächtiges Wesen sein; er spricht von ihr, als bestände sie aus Metall und Edelstein. Sie hat goldenes Haar, eine Alabasterstirne, Saphiraugen, Perlen« zähne und meinetwegen auch eine Rubinnase.« Mit eigenthümlichem Lächeln trat der junge Mann an den Whisttisch. Mit Edith zu reden, hatte er noch keine Gelegen« heit gefunden, sie vermied ihn absichtlich. Hauptmann Hammond posiirte sich an Trixy's Seite, und Papa Stüart sandte manch' väterlichen Blick der Anerkennung vom Spieltische hinüber auf das junge Paar. Am Piano saß Edith und spielte träumerische Me- odien. Victor weilte in stillem Entzücken neben ihr. Gegen elf Uhr erhob sich Lady Helena und begab sich in ihr Zimmer. Sie sah müde, und krank aus und ihr Anblick weckte den Neffen aus seinem Glücksrausch. Er begleitete sie hinaus. MrS. Stuart folgte dem Beispiel. Edith war allein am Klavier und betrachtete des Diamanten Blitzen. „Du warst den ganzen Abend in Anspruch genommen«, sprach plötzlich eine bekannte Stimme neben ihr, „daß ich noch nicht Gelegenheit fand. Dir zu nahen. Trixy sagte mir die Neuigkeit, erlaube mir, Edith, Dir von Herzen Glück zu wünschen.« Sein ganzes Wesen bekundete Wahrheit. Er sah ihr mit brüderlicher Offenheit ins Auge. Sie erröthete und zürnte. „ES ist unnöthig, Cousin, ich bin so glücklich, daß jch keiner weiter» Glückwünsche bedarf.« „ES ist aber hergebrachte Sitte, und so muß ich sie Dir dennoch in aller Demuth darbringen. Jch gratulire Sir Victor ob seines guten Geschmackes. Du bist eine Braut, auf die ein Baron stolz sein kann, und ich wünsche Euch Beiden Glück.« War daö SarkasmuS oder nicht? Sie wußte es nicht. Sein ruhiges Antlitz bürgte für die Wahrheit seiner Worte und doch hatte er ihr erst kürzlich gesagt, daß er sie liebe. Eben kehrte Sir Victor zurück. Er war heimlich eifersüchtig auf Rudolf; er ahnte, daß Edith die Liebe, die sie ihm selbst nicht geben konnte, längst ihm geschenkt. „Bin ich zu vorschnell, wenn ich gratulire, Sir Victor", sprach Rudolf herzlich, „wenn je, so möge mich die Thatsache entschuldigen, daß Edith mir wie eine Schwester ist. Herr Baron, Sie sind ein glücklicher, be« neidenswerther Mann.« Sir Victors Miene klärte sich auf, und er bot Rudolf freundlich die Hand. Edith wandte sich erbittert ab. Wie wagte er eS, sie mit seinem Lächeln, seinen Glückwünschen zu reizen, wenn er wußte, daß ihr ganzes Herz ihm gehörte? Von nun an vermied sie Rudolf um so mehr und beschäftigte sich so ausschließlich mit dem Bräutigam, daß dieser wonnetrunken war. Nachdem Alle sich zurückgezogen, vermochte Sir Victor allein nicht zu ruhen. Er begab sich in den Garten und schritt im Halbdunkel auf und nieder. ES war beinahe Mitternacht und noch waren der Tante Fenster beleuchtet. WaS bedeutet das? Welches Geheimniß bewahrte sie? War die schwarzgekleidete Dame noch bei ihr? WaS sollte er morgen hören?« Noch um ein Uhr brannten die Lichter. Länger wollte er nicht warten. Er winkte Edith'S Fenstern ein herzliches „Gute Nacht« zu und begab sich zur Ruhe. Und keine warnende Stimme sagte ihm, daß es feines Lebens letzte wahrhaft glückliche Nacht sein solle. 14. Kapitel. Morgen. Trübe brach der Morgen an. Miß Darrell erschien wegen Kopfschmerzen nicht beim Frühstück, und in Abwesenheit seines Idols blickte Sir Victor traurig zum Fenster hinaus, an dessen Scheiben der Regen schwer und langsam schlug. ES war ihm eine Erleichterung, als er zu seiner Tante berufen wurde. Lady Helena war bleich, die Augen vom Weinen gerröthet, aber aller Zorn, alle Erregung war aus ihren Zügen gewichen. „Guten Morgen, liebe Tante, Du hast doch nicht geweint?« „Setze Dich, Victor; ja, ich habe geweint und habe auch guten Grund dazu. Ich sandte nach Dir, um Dir Alles Mitzutheilen, was jetzt Dir zu sagen räthlich ist. Zunächst aber bitte ich Dich, es zu entschuldigen, wenn ich gestern über Deine Verlobung irgend etwas sagte, das Dich verletzt.« „Sprich nicht davon, liebe Tante, Du hattest ein Recht zu widersprechen, wenn Du Gründe dafür zu haben glaubtest. Edith's Armuth und niedere Abkunft mußten natürlich bet Dir ins Gewicht fallen. Mir selbst liegt daran nichts, und ich weiß, daß Dir mein Glück teuer ist. Ohne Edith wäre ich der Unglücklichste der Sterblichen, und darum hoffe ich, Du werdest sie als Tochter begrüßen." „Gegen Miß Darrells Persönlichkeit habe ich nichts einzuwenden; ihre Armuth und Abstammung sind Fehler in meinen Augen, wenn sie es aber in den Deinen nicht sind, will ich sie nicht weiter betonen. Die Einwände, die ich gestern erhoben, hätte ich auch gemacht, wäre Deine Braut eine Herzogs-Tochter gewesen. Jch hatte gehofft, Dn würdest noch lange nicht, vielleicht nie an's Heirathen denken.« „Aber, Tante Helena —« „Eine absurde Hoffnung, nicht wahr, aber ich war von jeher feige und verschloß mein Auge der Wahrheit. Die Zeit ist gekommen, wo meine Liebe Dich nicht länger schützen kann, ehe Du jedoch heirathest, mußt Du vieles erfahren. Erinnerst Du Dich, daß ich gesagt, Du habest kein Recht auf den Titel, den Du trägst? Jch sprach die Wahrheit, denn Dein Vater — —« Sie rang nach Athem. „Mein Vater?« „Dein Vater lebt.« Er war wie betäubt. Was sagte sie? Sein Vater lebe, folglich war er nicht Sir Victor Chateron. Er er» hob sich halb. „Mein Vater lebt? Mein Vater, den ich, seit ich denken kann, todt geglaubt? Welch' ein Betrug liegt hier vor?- „ES liegt kein Betrug vor, und wenn Dir die Sache lange geheim gehalten wurde, geschah e8 nach Deines Vaters eigenem Willen. Er lebt, ist aber hoffnungslos wahnsinnig. Die Gesundheit kehrte nach jenem furchtbaren Ereigniß wieder, nicht aber die Vernunft. Wir brachten ihn fort, suchten die beste ärztliche Hilfe — umsonst. Jahre lang blieb er irrsinnig, aber vollkommen gutartig. Er war unheilbar, wollte nie seinen Titel behaupten, seine Gesundheit aber ist gut, und er kann noch lange leben. Warum Dich also der Rechte entkleiden? Die Welt sagt Dir, er ist todt; Du erwuchsest und nahmst seinen Platz ein, als deckte ihn das Grab. Gesetzlich aber hast Du keinen Anspruch auf Titel und Erbe!« Schweigend erwartete er das Weitere. „In letzter Zeit zeigten sich in unbestimmten Perto- pen Spuren von Verstand. Bei solchen Gelegenheiten sprach er von Dir und ich wünschte wiederholt, daß sein Leben verheimlicht und er für die Welt todt bliebe. Du brauchst nicht zu erschrecken, Dein Vater wird nie seine Rechte beanspruchen." „Weiter", sprach er düster. „Wenn Du in die Vergangenheit Dich zurückversetzest, erinnerst Du Dich nicht einer schönen, jungen Dame, die sich Nachts über Dich beugte, Dich Deine Gebete sagen ließ, und Dich in Schlaf sang?" „Ich erinnere mich." „Weißt Du, wie sie aussah?" „Sie hatte dunkle Augen und Haare; mehr weiß ich nicht." „Weißt Du nicht wer es war?" „Nein, wer war sie?" „Die Dame, die Du gestern sahst." „Und wer war diese?" Lady Helena hielt einen Moment inne. „Jnez Chateron", sprach sie dann. „Was?" rief Sir Victor, „die Rivalin, die Rivalin, die Feindin meiner Mutter, die ihr Leben verbitterte, bei ihrem Tode betheiligt war? Sie, die Du aus dem Gefängniß befreitest, und die doch direkt oder indirekt meiner armen Mutter Tod verschuldete?" „Wie wagst Du, so zu sprechen, Victor! Ich sage Dir, Jnez Chateron ist eine Mürtyrin, keine Mörderin. Sie hatte ein Recht, Deiner Mutter Rivalin zu sein, denn sie war Deines Vaters Verlobte, lang, bevor er Meta Dobb gesehen. Daß sie aber Deiner Mutter Rivalin war, war ihr einziger Fehler, und ihr ganzes Leben hindurch sühnte sie ihn. War es nicht genug, daß sie ob eines Anderen Blutthat mit lebenslänglicher Schande gebrandmarkt, auf ewig von HanZ und Familie verbannt worden?" „Wenn sie nicht schuldig war, so war es ihr Bruder, und sie sollte eS beweisen", bemerkte Sir Victor kalt. „Wer bist Du, daß Du richten willst? Den Mörder kennt der Himmel und rechnet mit ihm. Beschuldige Niemand, weder Juan noch dessen Schwester, alles menschliche Urtheil ist trügerisch. An Deiner Mutter Tod ist Jnez schuldlos, und durch ihn wurde ihr ganzes Leben geknickt. Sie weihte ihr Dasein Deinem Vater, war all' die Jahre hindurch seine Wärterin und Gesellschafterin» war ihm mehr als Mutter und Schwester. Ich hatt» ihn lieb, hätte aber nie geleistet was sie gethan. Er behandelte sie grausam, ihre Rache war lebenslängliche Aufopferung. Sie hat ihn all' die Jahre nicht verlassen, und wird bei ihm bleiben, bis er stirbt. Glaubst Du mir?" fragte sie gebieterisch. „Ich glaube Alles, was Du gesagt", entgegnete er traurig, „kann ich Miß Chateron sehen, um ihr zu danken." „Ja, Du sollst sie sehen; warte hier, ich schicke sie Dir. Sie verdient Deinen Dank, obgleich jeder Dank zu schwach ist für Jahre langes Martyrerthum." Lady Helena verließ ihn, er blickte hinaus zu den schwankenden Bäumen. Wachte oder träumte er? Sein Vater am Leben. Wie vernichtet saß er da. „Victor!" Er hatte die Thüre nicht öffnen, die Cousine nicht kommen hören. Sie stand neben ihm. . Ganz in Schwarz gehüllt, ein bleiches Antlitz, große, traurige Augen, einst von Gluth und Stolz, sahen auf ihn mit starrem, trauerigen Blick; die Lippen, einst in herber Verachtung aufgeworfen, hatte jahrelanger hoffnungsloser Schmerz gemildert. (Fortsetzung folgt.) Allerlei. Don Friedrich dem Großen wird in der Neu- mark erzählt, er habe häufig, in einen alten Soldaten- mantel gehüllt, die Wirthshäuser besucht, um daS Treiben seiner Soldaten zu beobachten. So traf er, wie der „Bär" erzählt, auch einmal einen Soldaten an, der weidlich zechte und ihn zum Mittrinken aufforderte. Nach einigem Sträuben willigte der alte Fritz ein und fragte ihn zugleich, wo er denn das Geld zu solcher Zeche hernehme, denn der Sold reiche dann doch nicht hin. „Ja", meinte der Soldat, „das ist eben der preußische Pfiff!" „Was ist das, der preußische Pfiff?" entgegnete der König. „Das kann ich Dir nicht sagen, Du könntest mich verrathen." Diese Antwort machte den alten Fritz gewaltig neugierig, und er drang in den Soldaten, bis dieser ihm das Geheimniß bekannte. „So höre denn", begann er, „ich verkaufe Alles, was zu verkaufen ist; es ist ja eben Frieden — was brauche ich z. B. eine stählerne Säbelklinge, die ist verkauft, siehst Du?" damit zog er den Griff seines Säbels heraus und zeigte dem König eine hölzerne Klinge. Dieser that befriedigt und ging weiter. Er hatte sich aber den Soldaten wohl gemerkt, und nach einiger Zeit kam der Befehl, das und das Regiment solle vor dem König zur Parade antreten. Der König erscheint, reitet einige Male auf und ab, und als er den Soldaten auf Grund seines vorzüglichen Gedächtnisses hatte, befahl er ihm und seinem Nebenmann hervorzutreten. Darauf sagte er zu dem Kameraden mit dem preußischen Pfiff: „Ziehe Deinen Säbel und haue Deinem Nebenmann auf den Kopf!" Der Soldat erschrickt, faßt sich aber schnell und erwidert: „Ach. Majestät, warum sollte ich das wohl thun? Mein Kamerad Nebenmann hat mir ja nichts zu Leide gethan!" „Zieh", ruft der König, „sonst soll Dir Dein Nebenmann den Kopf abschlagen!" Da bleibt dem Manne mit dem preußischen Pfiff nichts übrig, er legt die Hand an den Griff, blickt zum Himmel und ruft: „Nun denn, wenn es nicht andttS sein kann, so möge mich Gott vor Mord behüten und geben, daß meine Klinge zu Holz wird!" Und stehe da, wie er den Säbel herausgezogen hat, ist die Klinge von Holz. Der alte Fritz lachte und sagte: „Ich merke, Du verstehst wirklich den preußischen Pfiff.- -»t- Die Uhr in der Kriminalistik. Häufig spielt die Uhr im Strafprozeß die ausschlaggebende Rolle, und nicht selten hängt das Schicksal des Angeklagten von wenigen Minuten ab. Am schärfsten zu Tage tretend bei dem sogenannten Alibibeweis, erstreckt sich diese große Bedeutung der Uhr über daS gesammte kriminelle Gebiet. Der Kuriosität halber mag nur erwähnt sein, daß gerade die gewiegtesten Einbrecher die Gewohnheit haben, in den Räumen, in denen sie den Einbruch verüben, die Wanduhr zum Stehen zu bringen. Man hat sich in kriminalistischen Kreisen eine Zeit lang den Kopf darüber zerbrochen, weßhalb die Einbrecher diesem Gebrauch huldigen. Durch Aussagen von Verbrechern hat sich folgender Grund für diesen sonderbaren Gebrauch ergeben. Der Einbrecher, der bei der „Arbeit" ist und mit Anspannung aller Geisteskräfte auf jedes verdächtige Geräusch hört, wird durch daS Ticken der Uhr im Lauschen gestört; er hält die Uhr an, um desto besser auf jedes Geräusch horchen zu können. Gewöhnlich denken die Einbrecher nicht daran, bei ihrem Abzüge die Uhr wieder in Gang zu bringen, und so bildet sich für die Untersuchung ein wichtiges Moment, indem man aus dem Stand der Uhr den Zeitpunkt bestimmen kann, an welchem der Einbrecher in den Raum gedrungen ist. » Die englische Zunge. Die Boeren erzählen in folgender boshafter Weise, wie die Engländer zu ihrer Sprache kamen: „Mutter Natur wollte jedem Volk eine eigene Zunge und Sprache geben. Mit einem Messer und einer Scheere stand sie an einem Tisch, auf dem ein großes Stück Fleisch lag. Mit diesem Messer schnitt sie für alle diejenigen, die sie um eine Sprache baten, Zungen aus dem Fleisch, und mit der Scheere gab sie den Zungen ihre Eigenthümlichkeiten. Alle Völker kamen zu ihr: der Franzose, der Deutsche, der Niederländer, ja selbst der Buschmann, und für alle wurde gesorgt. Nur der Engländer kam nicht. Er war, um seinen Durst zu stillen, in eine Kantine gegangen und blieb da so lange, bis er sein ganzes Geld vertrunken hatte. Endlich ging er schweren HaupteS und vollständig heiser zu Mutter Natur. Es war jedoch nichts mehr für ihn übrig geblieben, und so konnte er auch keine Zunge, mithin auch keine Sprache mehr bekommen. Jedoch die gute Mutter Natur wußte zu helfen. „Weißt Du was", sagte sie, „auf dem Fußboden liegen so viele Abfälle, nimm davon ein halbes Dutzend und mach' Dir davon selbst eine Zunge." So geschah eS auch, und so bekam der Engländer seine Sprache." Mißverständniß. Richter: „Sie waren schon einmal wegen Milchfälschung angeklagt?" — Bauersfrau: „Ja." — „Wieviel haben Sie damals bekommen?" — „Bekommen hab' ich gar nichts; ich mußt' noch zehn Mark zahlen.* * Berufsmäßig. Violinvirtuose „Ich habe soeben eine Tournee durch ganz Deutschland mit größtem Erfolge beendet!" — Kritiker: „Da werden Sie sich wohl ein schönes Stück Geld zusammengekratzt Wen!".. Wertrau' auf Gott! All' uns're Hilfe kommt von oben, Dom Vater, unser'm Gott, Der seine Kinder nicht vergiftet, Wenn Unheil sie bedroht. Wenn wilde Stürme Dich umtoben, Blick' auf zu Deinem Herrn, Dem gutm, mächt'gen Himmelvater, Er ist Dein Hoffnungsstern. Wenn herber Kummer, schwere Sorgen Dein armes Herz umgibt Und schwarze Wolken, dunkler Nebel Den Seelenfrieden trübt: Dann lenke Deinen Blick nach oben, Dem Herrn Dein Leid vertrau', Ergib Dich Gottes heil'gem Willen, Auf GottcS Allmacht bau'! Die Wogen werden sich dann legen, Der Friede kehret ein, Von schweren Sorgen wird enthoben Dein trauernd Herze sein. L. Burkard. Mmmelsschau im Monat september. —X Merkur L, der sich am 13. am weitesten östlich von der Sonne entfernt, ist in den Abendstunden sichtbar. Venus Z steht nach Sonnenuntergang sehr niedrig im Westen und ist am 23. nördlich von Spika. Mars F geht zwischen den Hörnern des Stieres hindurch, kommt gegen 9 U. 30 M. über den Horizont und steht 5 u. 30 M. in Süden. Jupiter 2 z geht im Löwen vorwärts, kommt um 4 U. mgS. über den Horizont in Ost gegen Nord und steht vor Sonnen-Aufaang unterhalb nördlich von Negulus. Saturntz ist abds. nach Sonnenuntergang niedrig in Südwest und verläßt nach 7 u. unsern Gesichtskreis in WSW. In der Nähe des Mondes befinden sich am 6. Jupiter; am 8. Venus; am 9. Merkur; am 11. Saturn; am 28. Mars. Am 26. geht der Mond durch die Ple- jaden und bedeckt sie im Südrand. Vom Monde wird bedeckt Antarcs am 13. mgs. 6 U. -- I - Schachaufgabe. Von Heinrich Meyer. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt. -SÄWLK « 73 . 1896 „Augsburger Pojhritung". Dinstag, den 1. September Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabberr in Augsburg (Borbesttzer Dr. Mar Huttlerl. Ein furchtbares Geheimniß. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFieifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) Und so sah Sir Victor Chateron nach mehr als dreiundzwanzig Jahren das Wesen, das seines Vaters Untreue elend gemacht. „Victor!" Scheu bot sie ihm die Hand. Der Bann des Mordes hatte immer auf ihr gelastet. Wer wußte, ob er nicht im innersten Herzen sie desselben zieh? „Miß Chateron", sprach er herzlich und ergriff ihre Hand, „ich habe eben erfahren, daß mein Vater lebt, daß Sie Ihr ganzes Leben ihm geweiht; er hat es nicht um Sie verdient, lassen Sie seinen Sohn Ihnen von ganzer Seele danken." „Ich bedarf keines Dankes", entgegnete sie weich, „aber nenne mich nicht Miß Chateron, Victor, sondern „Cousine Jncz". Seit dretundzwanzig Jahren habe ich diesen Namen nicht gehört und Du glaubst nicht, wie seltsam es klingt." „Sie tragen also nicht Ihren Namen?" fragte er überrascht. „Doch hätte ich's ja wissen können, weil Sie - " „Unter dem Banne des Mordes liegen", ergänzte sie mit leichtem Schauer. „Als ich das Gefängniß verließ und mich nach London begab, nannte ich mich Miß Black und lebte in ärmlicher Wohnung in einem der überfüllten Stadttheile. Des Scheines halber nahm ich Näharbeit an. In all' den Jahren war das die trostloseste, elendeste Zeit. Dort verlebte ich vier Monate. Inzwischen war Dein Vater wieder gesund geworden, aber die Furcht, daß sein Verstand zerrüttet, hatte sich bestätigt. Lady Helena wußte nicht, was sie mit ihm anfangen sollte. Wohl gab es Privatirrcnanstalten, aber der Gedanke schien ihr unerträglich. Der Kranke war völlig irre, aber harmlos und ich beschloß, was jetzt meines Lebens Zweck ist. Lady Helena miethete ein entlegenes Haus in der Vorstadt St. John auf viele Jahre für Mr. und Mrs. Victor. Dorthin brachten wir Deinen Vater, und seit seinem Eintritt hat er die Schwelle nicht wieder überschritten. Mrs. Marsh, die alte Haushälterin von Chateron Royals, und Mr. Hooper kamen zu uns und sind noch bei uns, obgleich Beide jetzt alt und schwach geworden. Vom Anfange an, in den Tagen meines jugendlichen Glückes, gehörte mein Leben ihm, ihm soll es gehöen, bis er stirbt, und ich war in den letzten Jahren nicht einmal unglücklich." Voll Mitleid und Bewunderung lauschte der junge Mann ihren Worten. Nicht unglücklich I Gcbrandmarkt, verbannt, alleinige Gesellschafterin eines Irren! Kein Wunder, daß sie mit vierzig Jahren ergraut ist, daß jede Spur von Farbe aus ihrem Gesichte verschwunden war. Vielleicht verrieth sein Blick ihr seine Gedanken. „Nein, Victor, ich bin nicht unglücklich", lächelte sie, „Dein Vater ging mir von jeher über die ganze Welt, und so ist es noch. Er ist nur noch die Ruine von dem Victor, den ich geliebt, und doch bin ich lieber bei ihm, als sonst wo. Und ich war nicht ganz verlassen. Tante Helena kam oft und brachte Dich mit. Mir ist's, als hätte ich Dich erst gestern auf meinen Armen eingeschläfert und jetzt — jetzt sagte man mir, Du wollest heirathen." Er erröthete. „Ich wollte es, aber ich wußte nicht, daß mein Vater lebt, daß Titel und Erbe sein sind. Was wird Edith sagen?" „Liebt Dich Miß Darrell?" fragte Jnez ernst, „ob Du sie liebst, brauche ich kaum zu fragen?" „Ich liebe sie so sehr, daß, wenn ich sie verliere —" er wandte sich ab, „o, daß ich die Sachlage vom Anfange gewußt hätte. Wer weiß wie Alles jetzt endet?" „Glaubst Du, Du müßtest mit Titel und Erbe auch Miß Darrell verlieren?" „Das nicht; Edith ist edel und wahr, aber es ist, als hätte man sie getäuscht, und Verlust von Titel und Erbe ist auch schließlich keinem Weibe gletchgiltig." „Einem liebenden Weibe wohl." „Sie wird mich lieben, sie hat es mir versprochen, und Edith hält Wort." „Also hat sie Dir gestanden, daß sie Dich nicht liebt? Vergib mir, Victor, aber Dein Glück liegt mir am Herzen." „Sie gestand es mir mit edlem Freimuthe, aber Liebe, wie ich sie fühle, erzwingt Gegenliebe." „Nicht immer, Victor, wie glücklich wäre ich sonst gewesen. Liebt sie keinen Andern?" „Nein", entgegnete er, im tiefsten Herzen aber regte sich Eifersucht auf Rudolf Stuart. „Wenn Edith Darrell ist, wie Du sie beschreibst, wird kein Verlust von Titel und Erbe sie Dir untreu 554 machen. Uebrigens verlierst Du Beides nicht und brauchst ihr nicht einmal davon zu sagen." „Ich will vor meiner Verlobten keine Geheimnisse haben. Edith muß Alles wissen, bei ihr wird das Geheimniß so sicher sein als bei mir." „Gut", sprach Jnez ruhig, „Du weißt, was geschieht, wenn zufällig entdeckt wird, daß Mrs. Victor und Jnez Chateron ein und dieselbe Person sind. Doch thue wie Du willst. Dein Vater ist Dir und der Welt so todt, als lege er in der Gruft neben Deiner Mutter." „Meine arme, ermordete, ungerächte Mutter! Sie sind edel und muthig, Cousine, war eS recht, Ihrem Bruder zur Flucht zu verhelfen? Recht, den Mörder unbestraft zu lassen, auf daß Ehre und Name der Chateron unbefleckt bleibe?" Was malte sich in ihren Zügen? Unendliches Mitleid, unendliches Weh. „Mein Bruder," flüsterte sie, wie zu sich selbst, „der arme Juan war von jeher derSündenbock der Familie. Ja, Victor, es war ein grausamer Mord", fuhr sie nach kurzer Pause mit erhobener Stimme fort, „und doch glaube ich, daß wir Recht thaten, den Mörder zu schützen. Lass' das in der Hand des Allmächtigen." „Ich werde mit Ihnen nach London zurückkehren und meinen Vater besuchen." „Nein, das ist unmöglich. Es ist Deines Vaters eigener Wunsch, daß Du nicht zu ihm kommst." „Meines Vaters Wunsch? Aber — —" „Er kann keinen solchen aussprechen, willst Du sagen? In den letzten Jahren hat er lichte Perioden zu eigener Qual." „Glauben Sie also, es sei besser für ihn, irre zu sein?" „Viel, viel besser. Er denkt und leidet dann nicht. Erinnerung ist ihm Qual. Mit dem Gedächtniß kehrt stets die Angst und Verzweiflung jener entsetzlichen Zeit zurück. Hättest Du ihn gesehen wie ich, Du würdest mit mir wünschen, daß sein Verstand auf ewig um- nachtet bliebe." „Das ist schrecklich." „Wenn er bei sich ist, spricht er von Dir, und bei solcher Gelegenheit befahl er, daß Du ihn nicht besuchen sollst, bis —" Sie schwieg. „Bis?" „Bis er auf dem Todtenbette liege. Der Tag kommt bald, Victor. Die kurzen Vernunftzwischenräume verkürzen sein Leben, denn ich kann Dir nicht sagen, was er in denselben leidet. Auf dem Todtenbette sollst Du ihn sehen und die Geschichte von Deiner Mutter Mord erfahren. Ich kehre mit dem Mittagszug zurück, vorerst aber möchte ich Deine Braut sehen. Ich bleibe hier am Fenster, gedeckt vom Vorhang, kannst Du sie nicht unter irgend einem Vorwand hierher führen, auf daß ich sie sehe und selbst urtheile?" „Ich will es versuchen. Darf ich ihr sagen, daß mein Vater lebt? Mehr braucht sie nicht zu wissen." „Meinetwegen; wenn ich sie gesehen habe, sollst Du Dich erst von mir verabschieden." „Ich darf Sie zum Bahnhof begleiten, nicht wahr, Cousine Jnez? Edith soll hier vorüberkommen, wenn sie überhaupt fähig ist, das Haus zu verlassen. Sie erschien Kopfschmerzen halber, nicht beim Frühstück." Sir Victor begab sich in den Salon, Edith war nicht in demselben. „Sie geistert irgendwo im Regen umher", sagte Trtxy, „wahrscheinlich sind nasse Füße ein Hauptmittel gegen Kopfleiden." Er eilte hinaus und sah bald zwischen den Bäumen Edith's rothes Kleid. Ohne Regenschirm wandelte sie bleich im Regen umher. „Edith, Sie werden sich erkälten." „Ich erkälte mich nicht. Schon als Kind lief ich gern im Regen umher, und die kühle Luft soll meinen Kopfschmerz lindern!" Er führte sie langsam in der Richtung des Fensters, wo die Beobachterin stand. „Ich habe Ihnen etwas zu sagen, Edith, das ich eben erfuhr, das ich keine schlimme Kunde nennen darf und die mich doch beinahe niederschmetterte. Mein Vater lebt." „Sir Victor!" „Lebt, Edith, ist aber hoffnungslos irrsinnig. Heute erst sagte mir's die Tante." Sie war stumm vor Staunen. Sein Vater am Leben, Wahnsinn in der Familie. Das mochte schwerlich Jemand gute Kunde nennen. Sie waren unter dem Fenster. Er blickte hinauf und bemerkte ein bleiches Antlitz. „Wenn Ihr Vater lebt, sind Sie nicht Sir Victor", lauteten Edith's erste kaltgesprochene Worte. Des jungen Mannes Herz krampfte sich zusammen. „Er wird in meine Rechte nie eingreifen, in Wirklichkeit lebend, ist er der Welt todt. Edith, würde es bei Ihnen einen Unterschied machen, wenn ich Rang und Besitz verlöre, würde ich dann auch Sie verlieren?" Der flehende, liebevolle Blick hätte sie rühren sollen, ihr aber war's, als hätte sie einen Stein im Busen. „Ich bin kein sentimentales Mädchen, sondern vielleicht nur zu weltlich. Ja, ich gestehe, daß es einen Unterschied bedingen würde. Ich gestand Ihnen offen, daß ich Sie nicht liebe, und sage Ihnen ebenso offen, wenn Sie nicht Sir Victor wären, heirathete ich Sie nicht. Es ist viel besser, wenn ich ehrlich bin und Sie nicht betrüge. Sie sind tausend Mal zu gut für mich, und wenn Sie sich von mir trennen, thun Sie ganz recht. Ich werde mein Wort nicht zurückziehen, aber ich will offen reden. Wenn Sie fühlen, daß Sie mich nicht hei- rathen können, so sprechen Sie jetzt." Er hörte sie bleich an. „Edith, um Himmelswillen, wollen Sie mich aufgeben ?" „Nein; ich versprach, Sie zu heirathen, und werde Wort halten; wenn Sie aber aufopfernde Liebe von mir erwarten, sage ich offen, daß ich keine zu geben habe. Wollen Sie mich dennoch, so werde ich Ihnen ein treues Weib sein, und mit der Zeit wohl auch ein liebendes." Sie sprachen nicht weiter darüber; er führte sie ins Haus und begab sich zu Miß Chateron. „Sahen Sie sie?" „Ja, es ist ein schönes, stolzes, edles Gesicht, aber—" „Weiter, schonen Sie mich nicht." „Ich mag mich irren, aber etwas in ihren Zügen scheint mir zu sagen, daß sie Dich nicht liebt und nie lieben wird." „Das wird kommen; mit oder ohne Liebe will sie mein Weib werden, und das ist Glück genug für die Gegenwart." „Sagtest Du ihr Alles?" 555 »Ich sagte ihr, daß mein Vater lebt und irrsinnig ist, weiter nichts. Es soll das unsere Pläne nicht ändern, wir heirathen am ersten September." Lady Helena trat hastig ein. „Der Wagen wartet, Jnez, wenn Du den Zug nicht versäumen willst, mußt Du sofort gehen. Soll ich Dich begleiten?" „Nein, Tante", sprach Sir Victor, „ich begleite sie, kehre Du zu den Gästen zurück, sie fühlen sich sonst vernachlässigt." Wenige Minuten später führte der Baron eine tiefverschleierte Dame an den Wagen und stieg mit ihr ein. Als sie an dem Salonfenster vorbeifuhren, rief Trixy: „Wer ist die schwarze Dame, mit der Sir Victor fortfährt? Du mußt das doch wissen, Edith?" „Ich weiß es nicht." „Hat er Dir's nicht gesagt?" ^ „Ich habe ihn nicht gefragt." „Nun, ich hoffe, daß mein Bräutigam einmal keine Geheimnisse vor mir haben wird. Wenn er nun durchginge? Siehst Da, wie schnell der Wagen fährt?" Edith rührte sich nicht. Jnez erreichte mit Mühe den Zug. Als er vorübersauste, winkte sie Sir Victor ein letztes Lebewohl. Wie träumend bestieg dieser den Wagen wieder und fuhr nach Hause. 15. Kapitel. Lady Helena's Ball. Am fünften Juni sollte auf PowyS Place ein großes Diner mit darauffolgendem Ball stattfinden. Zahllose Gäste strömten in die strahlenden Säle, um Sir Victors Braut zu sehen. Die Verlobung war öffentlich angekündigt worden und bildete das Lieblingsgespräch der Gegend. Sir Victor trat in des Vaters Fußstapfen und brachte ein bürgerliches Mädchen als Gebieterin nach Chateron Royals. Das Blut der Dobb machte sich geltend. Eine arme Verwandte reicher Bürgersleute aus Amerika! Die töchtergesegneten adeligen Familien schüttelten das Haupt. Es war traurig, ein altes Geschlecht so entarten zu sehen. Aber in dem Blute der Chaterons lag die Anlage zum Wahnsinn, und das erklärte viel. Arme Lady Helena! Alle Familien der Gegend aber kamen dennoch zum Feste. Sir Victor war immerhin der reichste Baron der Grafschaft und seine Gemahlin eine nicht zu verachtende Bekanntschaft. Zudem trieb sie die Neugier, das amerikanische Mädchen zu sehen, das Sir Victor wie im Sturm erobert hatte. Selbst Trixy war nervös, wenn auch nur wenig, denn Selbstbeherrschung ist der Amerikanerin erste Tugend. Lady Helena war ganz bleich. Wohl war Edith schön und gut erzogen, stolz wie eine Fürstin; wie aber würde sie sich benehmen unter allen mitleidlosen Blicken, die jede Bewegung bewachten, den herzlosen Zungen, die sofort einen Feldzug gegen sie eröffnen würden? „Fühlst Du Dich nicht aufgeregt, Dtthy?" fraate Trixy, „fürchtest Du Dich nicht?" Edith hob verächtlich das dunkle Auge. „Ich sollte mich vor den Leuten fürchten, die heute kommen? Warum nicht gar. Ich weiß so gut wie Du, daß sie kommen, Sir Victors Wahl zu kritistren, ihn zu bedauern, mich eine Abenteurerin zu nennen, weiß auch, daß jede der Damen ihn selbst gern geheirathet hätte, daß ich seinen Geschmack und meinen eigenen Werth zu verfechten habe. Ich hoffe jedoch zu bestehen und selbst den Vergleich mit den Grafentöchtern bei Licht auszuhalten." „Bei Licht, das ist's ja, gerade bei Licht seid ihr Brünetten immer schöner. Möchte wissen, was Lady Arabella Drexel heute tragen wird, ich möcht' gern die schönst- gekleidete Dame sein. Weißt Du, daß Rudolf von Lady Arabella gefesselt ist? Neulich war er ja nach Drexel Court gebeten. Papa sähe es gern, und es klänge wirklich gut in New-Iork zu sagen: „meine Schwägerin Lady Arabella Stuart". Ich hielte es für eine sehr passende Partie für Rudolf." „Wahrhaftig, eine sehr passende Partie! Sie ist zehn Jahre älter als er, was aber macht eine solche Kleinigkeit, wo treue Liebe besteht? Er hat Geld, sie Rang, er ist hübsch und reich, sie hochgeboren und trägt einen schönen Namen. Wie gesagt, eine schöne, passende Partie!" Wieder beugte sich Edith über ihr Buch, ihre Stirn aber wurde finster, der Inhalt mochte ihr mißfallen. „Lies doch nicht den ganzen Tag", rief Trixy ungeduldig, „es ist die höchste Zeit Dich anzukleiden. Was trägst Du?" „Ich weiß es noch nicht; im Grunde ist es einerlei, ich will in Allem gut aussehen." Als die Wagen vorführen, trat Edith kampfgerüstet aus ihrem Zimmer. Sir Victor erwartete sie am Fuße der Treppe. „Gefalle ich Ihnen, Sir Victor?" Er sah sie an wie geblendet. Weiße und rosa Wolken schienen sie zu umhüllen; er wußte nur, daß zwei braune Augen ihm entgegenlachten. „Glauben Sie, daß Sie sich meiner nicht zu schämen brauchen?" fragte sie. „Schämen?" Er lachte darüber und führte sie stolz in die vollen Säle. „Ich will in Allem gut aussehen", hatte sie gesagt und Wort gehalten. Sie trug ein weißes Tüllkleid und Rosen, um den Hals schlang sich eine goldene Kette mit dem diamantenumstrahlten Bilde Sir Victors. An ihrem Finger blitzte der Verlobungsring. So schien sie wie von Wolken umhüllt, und ihr dunkles Auge übertraf der Diamanten Ge- funkel. Lady Helena athmete bei ihrem Anblick erleichtert auf. Beatrice seufzte. „Trüge man auch den Cohinoor, sie würden Einen überstrahlen", dachte sie, und den Hauplmann Hammond Alüert Memann. 556 mit dem Fächer berührend, fragte sie lustig: „Finden Sie nicht auch, daß Edith Darrell das schönste, eleganteste Mädchen im Saale ist?" „Mit einer einzigen Ausnahme, Fräulein." Rudolf war zweifelsohne der hübscheste Mann. Er sah seine Cousine am Arme des Bräutigams und wandte sich zu einer großen, ziemlich verblühten Dame, die ihn eben gefragt, ob alle Amerikanerinnen schön seien. „Ich dachte es, bevor ich Englands Töchter gesehen", entgegnete er, sich verbeugend. O, der Falschheit der Gesellschaft! Eben dachte er, wie bleich und welk Lady Arabella in der grünen Atlasrobe sich ausnahm, und was sein Leben wäre, fügte er sich des Vaters Wunsch. Die Dame selbst aber, die dreißig Sommer gesehen und fünf jüngere Schwestern hatte, war liebenswürdig genug gegen den jungen Amerikaner. Edith Darrell ist gefährlich schön; Sir Victor kennt nur eine Dame im Saale, sein Idol, sein Stolz, seines Lebens Wonne. „Ich bin stolz auf Sie, Edith, Sie übertreffen sich selbst", flüsterte ihr Lady Helena zu, und mit Thränen in den Augen küßte Edith ihr die Hand. Nur einmal tanzt sie mit Rudolf und weiß nicht, schwebt sie auf der Erde oder in der Luft; ihr ist's als sei sie im Himmel. Ob sie wohl je wieder mit ihm tanzt? Im innersten Herzen fühlt sie, daß sie sich gegen den Verlobten versündige, und doch wünscht sie, der Walzer würde ewig dauern. „War das nicht ein reizender Walzer, Rudolf? Niemand findet sich gleich Dir in meinen Schritt." „Hoffentlich lernt es Sir Victor", entgegnete er kalt. Der Junimorgen dämmerte bereits, als Lady Helena's fünfhundert theure Freunde sich zum Aufbruch rüsteten. 16. Kapitel. Der Cousin. Matt und müde kamen die Damen im Laufe des Tages aus ihren Gemächern. „Ich gehe nach Chateron Royals", sagte Sir Victor nach dem Frühstück zu Edith, „wollen Sie mich nicht begleiten, die frische Luft wird Ihnen gut thun?" „Bitte, lassen Sie mich hier liegen, ich bin so müde, so müde." Enttäuscht wandte er sich ab. Edith schloß die Augen und legte sich bequemer hin. Als er fort war, warf Trixy das Buch weg und rief: „O Du herzloses, kaltblütiges Geschöpf!" „Was gibt's? welch' neues Verbrechen habe ich begangen?" „Nichts Neues, 's ist Altes nur im Einklang. Völliger Egoismus ist Dein Normalzustand. Armer Sir Victor, der Dich errungen, armer Rudolf, der Dich verloren! ich weiß nicht, wen ich mehr bedaure." „Du brauchst Dein kostbares Mitleid an Keinen zu verschwenden", entgegnete sie ruhig. „Ich werde Sir Victor ein gutes Weib sein, und Rudolf mag sich mit Lady Arabella trösten." „Edith, hast Du ein Herz? wie kannst Du Dich so verkaufen? Sir Victor ist Dir vollkommen gleichgültig und Du heirathest ihn, meinen Bruder liebst Du und überlässest ihn der Lady Arabella." „Es ist etwas zu spät für solch' zarte Geständnisse; wenn es Dir aber besonders lieb ist es zu wissen, Trixy so gestehe ich Dir, daß ich Rudolf liebe." „Und gibst ihn auf? Wahrhaftig, Du bist ein unlösbares Räthsel. Rang und Titel sind sehr schön, wenn ich aber einen Mann liebte, würde ich ihn heirathen, und wäre er ein Bettler." „Ich glaube Dir, Trixy, aber Du bist eben anders als ich. Ich liebe Rudolf, mich selbst noch mehr. Aber lassen wir das, mein Kopf schmerzt und ich bin müde. Du hast Recht, mich ein herzloses egoistisches Geschöpf zu nennen. Ich werde Sir Victor heirathen und Du magst ihn bedauern, denn er ist ein edler Mann und liebt mich von ganzem Herzen. Dein Bruder aber bedarf Deines Mitleids nicht. Er ist ein guter Mensch und hat mich geliebt, aber er altertrt sich nicht ob meines Verlustes, solange er eine Cigarre hat." „Er kommt, am Ende hat er uns gehört." „Meinetwegen, es wird ihm nichts Neues sein." „Wie schade, daß Ihr Euch nicht vcrheirathet, bezüglich Eures Egoismus seid Ihr wahrlich für einander geschaffen", rief Trixy ärgerlich und verließ das Zimmer. Rudolf warf sich in ein Fauteuil. „Hast Du gehorcht, Rudolf?" „Gehorcht? Ich ging unter dem Fenster auf und nieder und hörte Euch. Offene Geständnisse sind gut, aber, Cousine, Du sollst sie nicht unumwunden machen. Sir Victor hätte es statt meiner hören können." Sie schwieg. „Armer Sir Victor!" fuhr er fort, „er liebt Dich ohne Zweifel abgöttisch, was aber würde er sagen, wenn er das hörte?" „Sag' ihm's meinetwegen, mir ist's einerlei; sag' ihm, ich sei weder seiner noch irgend einen gutes Mannes werth, ich sei blasiert mit neunzehn Jahren, was werde ich mit neunundzwanzig sein! Sag' ihm, daß ich ihn nicht liebe, nie lieben werde, weil ich nur ein halbes Herz besitze und die Hälfte einem Andern gehört. Ich glaube, er gebe mich auf und ich achtete ihn darob. Hast Du den Muth hierzu, so kannst Du dann mich veranlassen, Dich zu heirathen. Du kannst es, und wenn der Honigmonat vorüber ist und die Armuth zur Thür hineinkriecht, werden wir uns hassen und uns mit dem Gedanken trösten, daß wir alles aus Liebe gethan." Sie lachte. „Heute bin ich zu Allem fähig; was sind Liebe, Rang und Reichthum, gesehen durch katzenjämmerliche Brillen?" „Ich verstehe Dich nicht und muß mit Trixy fragen, warum heirathest Du Sir Victor?" „Vielleicht ob des Triumphes, einen Preis zu erringen, um den hundert Andere sich vergeblich bemüht; vielleicht weil er mich liebt, wie kein Sterblicher mich je lieben wird; hauptsächlich aber, weil er Sir Victor Chateron von Chateron Royals mit zwanzigtausend Pfund Renten ist. Da hast Du die nackte Wahrheit. Ich habe ihn lieb, aber ich liebe ihn nicht, demungeachtet aber will ich ihm ein gutes Weib sein und einige Tage vor der Hochzeit wollen wir uns die Hand reichen und uns nicht wiedersehen." „Nicht wiedersehen?" „Wenigstens nicht, bis wir der Thorheit der Vergangenheit lächelnd gedenken können, oder bis eine Mrs. Stuart, vielmehr eine Lady Arabella Stuart existirt, dann aber haben mein Bild und meine Briefe für Dich keinen Werth mehr, und dann bitte ich Dich, gib mir sie zurück." „Wenn Du unter „dann" den Zeitpunkt verstehst, wo ich Lady Arabellas Gatte sein werde, so hast Du vollkommen Recht; bis dahin aber erlaube mir, sie zu behalten. Wir sind verwandt — wie natürlich, daß wir unsere Bilder besitzen. Ich sehe auch, daß Du noch immer die Türkisbroche mit meiner Photographie aus der Rückseite trägst. Gib mir sie, Türkise stehen Dir nicht, ich will Dir dafür Rubinen geben mit Sir Victors Bild." Er streckte die Hand darnach aus. Edith sprang errathend auf. „Ich werde Dir die Bräche nicht geben und will sie behalten, so lang' ich lebe; wie kannst Du so etwas verlangend" Er war ebenfalls aufgestanden, hatte ihre beiden Hände gefaßt und blickte ihr fest in die braunen Augen. einer Hinsicht kein übles Weib sein — eine Zierde für die Gesellschaft, eine verheirathete Coquette. Vor Kurzem noch beneidete ich Sir Victor, jetzt bemitleide ich ihn." Er wandte sich; zum ersten Male hatten Liebe und Zorn sich zum Kampfe bei ihm erhoben. Edith war auf das Sopha zurückgesunken, gedemü- thigt wie noch nie im Leben. Ihn rührte ihr Schweigen. , Er hörte unterdrücktes Schluchzen, und sein Zorn schwand. „O, vergib mir, Edith, ich war grausam, aber ich mußte sprechen. Es war das erste, es soll das letzte Mal sein; es seien die letzten Thränen, die ich Dir erpresse." Die Worte, welche besänftigen sollten, verletzten noch mehr. „Es seien die letzten Thränen, die ich Dir erpresse" — in den Worten lag ein ewiges Lebewohl. Sie hörte die Thüre öffnen, sie schließen und wußte, daß derjenige, den sie leidenschaftlich liebte, sie auf immer verlassen hatte. (Fortsetzung folgt.) Alle Fabrik „Lass' mich, o lass' mich!" bat sie „wenn Jemand käme, die Dienerschaft oder — Sir Victor." Er lachte verächtlich. „Ja, wenn Sir Victor käme und sähe uns! Wie wenn ich ihm die Wahrheit sagte, ihm erklärte, daß Du mein bist durch die Gewalt der Liebe, daß ihm nur sein Titel und Geldrollen Dich erkauft I" War das Rudolf Stuart? Derselbe stets sich selbst- beherrschende und leidenschaftslose Rudolf Stuart? Sie hielt den Athem an; ihr Stolz wich. Hätte er es gewollt, sie würde jetzt Sir Victor sein Wort zurückgegeben und sich ihm gegeben haben. Rudolf wußte es, jedoch plötzlich ließ er ihre Hände los und sagte in bitterem, kaltem Tone: „Wenn ich Dich so betrachte, Edith, in Deiner Schönheit und Deiner Selbstsucht, weiß ich nicht, ob ich Dich mehr liebe oder verachte. Dich heirathen? Nein, Du bist es nicht werth. Für Sir Victor wirst Du in r Augsburg. Die G. Haindl'sche Papierfabrik in Augsburg. ^Mit Illustrationen.^ Die „Offizielle Ausstellungs-Zeitung" der Land es- Ausstellung in Nürnberg veröffentlicht einen interessanten Artikel über die Haindl'sche Papierfabrik in Augsburg, welchem die nachstehenden Illustrationen beigefügt sind. Wir entnehmen der Darstellung folgende Angaben von allgemeinerem Interesse: Gegründet im Jahre 1689, hatte das Unternehmen, besonders in Bezug auf die Wasserausnützung, mit vielerlei Schwierigkeiten zu kämpfen und konnte bis Mitte dieses Jahrhunderts von keinem Besitzer dauernd zu nutzbringender Frequenz gebracht werden. Das Werk kam im Jahre 1848 in Konkurs und wurde nach einjährigem Stillstand von Georg Haindl erworben. Mit 7 Arbeitern wurde noch im gleichen Jahre mit der Fabrikation begonnen, und schon drei Jahre später, 1852, erfuhr das 558 Geschäft durch den Erwerb und Umbau einer in unmittelbarer Nähe am Stadtbach gelegenen Sägemühle eine wesentliche Vergrößerung. Die dort aufgestellte Papiermaschine kam im Jahre 1854 in Gang, und während im Jahre 1849/50 die Produktion 2000 Zentner betrug, bestes sich dieselbe 1854/55 schon auf 6800 Zentner fertiges Papier. Mit diesem Zeitpunkt trat die Fabrik, auch über die Grenzen Bayerns hinaus, in Wettbewerb mit der Konkurrenz. In die darauffolgenden Jahre fällt die allmälige Herstellung einer vollständigen Neuanlage für Sortirung, Schneiden, Reinigen und Kochen der Hadern und für Lagerung der Rohstoffe. Die Wasserräder wurden zur vortheilhafteren Ausnützung der Waffer- das obere Werk der Haindl'schen Papierfabrik, dessen Wiederaufbau sofort in Angriff genommen und in oer- hältnißmäßig kurzer Zeit ausgeführt wurde, das erste, welches in Süddeutschland, angeregt durch die Rotations- maschtnen der Maschinenfabrik Augsburg, das sogenannte endlose Papier auf den Markt brachte. Bet Gelegenheit der Weltausstellung in Wien 1873, wo die erste rotirende Schnellpresse den Interessenten im Betrieb vor Augen gebracht wurde, war Haindl'sches Fabrikat in Verwendung. Im Jahre 1878 starb Herr Gg. Haindl, der Begründer des Etablissements. Mit ihm schied ein Mann aus dem Leben von hoher Begabung und seltener Arbeitskraft, der sich durch Wissen und Willen aus ein- ^'2. "1 , I >1 > II " 'S, 77ii>' I « ,'is>v, I I . 5, , , , 1 I , , I I IM«" LL'', Hatndl'lche Papierfabrik in Augsburg. kräfte durch Turbinenanlagen ersetzt, und während dem ursprünglichen oberen Werk im Jahre 1866 durch Aufstellung einer Dampfmaschine vermehrte Kräfte zugeführt wurden, erhielt das Werk am Stadtbach in Folge Ankaufs eines benachbarten Anwesens eine Verdoppelung der Wasserkraft und eine zweite Turbine. Die Fortschritte der Technik in der Papiererzeugung machten die Erstellung einer neuen Maschine und der dazu erforderlichen Räumlichkeiten im alten Werke nöthig, und im Jahre 1873 wurde dessen Einrichtung durch eine neue, breite, englische Papiermaschine mit allen Nebenmaschinen ergänzt. Nach kaum vierwonatlichem Betrieb zerstörte jedoch ein großer Brand die ganze Anlage bis auf die Grundmauern. In jene Zeit fällt die Einführung des Rotationsdruckes, und trotz des Brandunglückes war fachen Verhältnissen zu einer unabhängigen, achtunggebietenden Stellung emporgearbeitet hat. Das Etablissement ging an seine beiden Söhne, Friedrich und Clemens Haindl, über, welche ihm bereits in der Geschäftsleitung zur Seite gestanden waren. Im Jahre 1879 erfuhr die Anlage durch eine neue große Papiermaschine und alle Hilfsmaschinen eine vollständige Umwandlung; gleichzeitig wurde eine Compound- Dampfmaschine von 130 Pferdekräften aufgestellt. Von einer für den jetzigen Stand des Etablissements weitgehenden Bedeutung ist die im Jahre 1880 in den Besitz der Firma Haindl durch Kauf übergangene Ehner'sche Papierfabrik, gegründet 1786. Mit der Erhöhung der Wasserkraft wurde sofort eine vollständige Umgestaltung der ganzen Fabrikanlage vorgenomen. 559 Die Fortschritte auf dem Gebiete der Zelluloseherstellung, insbesondere durch dtevon Pros. Mitscherlich gemachte Erfindung der Sulfit-Cellulose, lenkten die Fabrikation des Maschinendruckpapieres in andere Bahnen. ES folgte daher im Jahre 1885 die Erbauung eines Cellulosewerkes. Die maschinellen Einrichtungen erfuhren darauf im Jahre 1891 wiederum eine ganz erhebliche Vergrößerung und Verbesserung. Die Gesammtproduktion des Etablissements an Papier betrug: 1819/50 2000 Ztr., 1860 8500 Ztr., 1870 11,000 Ztr., 1878 26,000 Ztr., 1890 70,000 Ztr., 1895 140,000 Ztr. Das Cellulosewerk erzeugt jährlich durchschnittlich 15,000 Ztr. lufttrockene Cellulose. — Zur Zeit verfügen die drei Haindl'schen Fabriken insgesammt über 900 Pferdekräfle, bestehend in 3 Turbinen mit 4 kleineren Dampfmaschinen zum allgemeinen Betrieb und 3 großen Zwillings- und Werk- und JllustrationSdruck erzeugt. Ferner Schreibpapiere, Stretchpapiere für Bunt-, Gold- und Silberpapiere, weiße und farbige Kartons, mittelfeine und feinste Packpapiere, Hülsenpaptere für Tüben und Cannetten. Noch in diesem Jahre gelangt im unteren Werk, den steigenden Anforderungen des Rotationsdruckes in Bezug auf Brette und Größe der Zeitungsformate Rechnung tragend, die fünfte Papiermaschine neuester, größter Konstruktion zur Aufstellung. Vor kaum einem Menschenalter mit 7 Arbeitern angefangen, werden heute 200 Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt. Eine ^wesentliche Vergrößerung erfuhr das Etablissement durch die im Jahre 1887 zu Schongau am Lech erfolgte Gründung einer eigenen Holzschleiferei, die über eine Wasserkraft von 1800 Pferdekräften verfügt. Zur Zeit werden mit 1300 Pferdekräften jährlich ca. 200,000 Ztr. Holzstoff erzeugt. 'EW 2° S» Haindl fche Papierfabrik in Kchongau Compound-Maschinen als Beihilfe und vollständige Reserve für die Wasserkraft. Im Jahre 1891 schloß sich die G. Haindl'sche Papierfabrik der Augsburger Lokalbahn an, deren Geleise die Verbindung mit dem staatlichen Güterbahnhof herstellt. Der Bahnverkehr belief sich im Jahre 1895 auf 3000 Doppelwaggons, wovon 2500 Waggons mit 24^/z Millionen Kilogramm durch die Lokalbahn und 500 Waggons per Achse von und zur ,Staatsbahn befördert wurden. Mit allen Errungenschaften der Neuzeit ausgerüstet, schreitet die Haindl'sche Papierfabrik heute an der Spitze der Konkurrenz und ist in Bayern das größte Institut in der Branche, das sich im Einzelbesttz befindet. Als Spezialität werden Papiere für Rotations- und Formatdrucke von Zeitungen, für alle Sorten von Bücherdruck, feine satinirte Papiere für Die Holzstofffabrik Schongau Friedr. Haindl L Co. beschäftigt 80 Arbeiter und wird von Augsburg aus ad- ministrirt. Die G. Haindl'sche Papierfabrik wurde auf allen bisher beschickten Ausstellungen ausgezeichnet. Auf der Bayerischen Landes-Ausstellung zu Nürnberg 1882 war die Fabrik außer Preisbewerbung, da Herr Friedrich Haindl zum Vorsitzenden der Jury für Papierindustrie erwählt war. Aus den bescheidensten Verhältnissen hervorgegangen, gehört die G. Haindl'sche Papierfabrik heute zu den glänzendsten Namen in der Augsburger Großindustrie. Wir erfahren soeben noch. daß dieser Firma in Nürnberg der erste Preis, goldene Medaille, zuerkannt wurde. -- 560 (Zu unserem Bild Seite 555.) Albert Niemann. ,A. Niemann war unter den Genossen der Biihnenfestspiele von 1876 das eigentliche, Enthusiasmus treibende Element.- Rieb. Wagner. Das Motto spricht die Bedeutung des genialen Sängers erschöpfend aus, und zwar gerade Wagner darf als Autorität bei der Beurtheilung gelten. Man kann nicht sagen, daß er freigebig in solchem Lobe war, und „Tenoristen" hat er nur drei vollkommen gelten lassen, Tichatscheck, Schnorr v. Carols- feld und Niemann. Alle drei haben sich um Wagner's gesang- dramatiscbe Reformideen Verdienste erworben. Zuerst 1842 Tichatscheck, der erste „Rienzi", als Wagner, damals nur von wenigen gekannt, auf v. Lüttichau's Ruf von Paris nach Dresden kam und nach dem Rienzi-Erfolg königl. säcbsischer Kapellmeister wurde. Tichatschecks Stimme war trompetenhell, schmetternd, voll Temperament; sein Vortrag vielfach eckig, aber hinreißend zündend, sein Spiel minimal. Der zweite Wagnertenor, Schnorr, trat, von Wagner zäitlich geliebt und bewundert, als geist- und gefühlvoller „Tristan" 1865 auf den Plan und starb sehr jung; seine Stimme war dunkel, seine Figur sehr dick, im Gegensatz zu dem sehnig hageren Tichatscheck. Beide Genannte : übertraf Albert Niemann durch seine prachtvolle Hünenbaste Erscheinung und durch ein Spieltalcnt, das ihn zum größten Schauspieler befähigt haben würde. Er war 1861 (damals als hannöverisches Hofopernmitglied) der erste ..Tannhäuser" bei jenen berüchtigt skandalösen zwei Vorstellungen dieser Oper in Paris, und stand unerschrocken dem polternden, höhnenden und pfeifenden Jockeyklub gegenüber. Und weiterhin 1876 war er der erste „Siegmund" in der Walküre zu Bayreuth im Festspielhause. Tbc stimme hielt, was den Timbre anlangt, die Mitte zwischen beiden vorgenannten Kollegen. Sie war nicht zu hell, aber auch nicht dunkel, sondern wunderbar normal männlich, sowohl üle schäumend kraftvoll, wie auch tief empfindend, energisch, wo der Accent es verlangte, von blühender Weichheit in der Kantilene. Denn derselbe Länger, der die ^ Pilger-Erzählung im dritten Akte des „Tannbäustr" mit so großartigen erschütternden Accentcn vortrug, dessen wilde, un- > bußfertige Verzweiflung das Publikum fanaftsirte, dessen erste ! Phrase in den Nibelungen: „Weß Herd dies auch sei — hier ! muß ich rasten", nie, von keinem Tenor der Welt wieder er- re cht worden ist, war nickst minder als „Joseph" in Mehrils reizend lyrischer alter Oper so zart, daß auch diese Rolle von . keinem überboten worden in. Das Merkwürdigste ist: der Künstler, von welchem alle. die ibn gekört, mit schwärmender Bewunderung sprechen, machte gar nicht den Eindruck eines Sängers. Die Deklamation der Worte, jede Bewegung des i Körpers, die großen, ernstblickenden Augen, die stürmische Größe ! der Empfindung ließen den sckönen, hochragenden Mann zugleich ! als Sprecher, als plastische Statue, als klassisch lebensbew'gt, ja, als überlegenen Denker erscheinen, dem die malerischen Positionen völlig natürlick zu Gesickst standen. Also genau was Richard Wagner in seinen Schriften der vier-iger Jahre als den Typus des Kunstwerkes der Zukunft verkündete, die Vermischung aller Künste im dramatischen Kunstwerk, das war in Albert Niemann zur Wirklichkeit geworden. Bis 1861 hatte Wagner, der ja von 1849 bis dorthin in der Verbannung außerhalb Deutschlands gelebt hatte, Niemann nie gehört. Aber er hatte über ihn viel Rübmenswerthes gehört, und als jene ^ Vorstellungen des „Lannhäuser", welche die Fürstin Pauline Metternich angeregt und Napoleon III. befohlen hatte, vor sich gehen sollten, Roger aber, der einzig passende französische Tannhäuser, der in Betracht kommen konnte, versagte, ließ Wagner an Niemann, der des Französischen ausgezeichnet mächtig war, die Einladung ergehen. Niemann reiste nach Paris, sah, wie . die Sachen lagen, und kam nach höchster Anerkennung seines ^ Probesingens, mit dem Pariser Kontrakt in der Tascke, nach , Hannover zurück. Bekanntlich war in Paris für die armen Sänger jener Aufführungen keine Freude zu holen. Aber Niemann hatte das Seine gethan; die Erzählung von der Romfahrt, wie er sie leidenschastsglühend vortrug, bezwäng selbst die Feinde des Werkes und hob den für die Franzosen verständ- nißschwersten dritten Akt zur größten Wirkung. Niemanns Ruf stand nun fest. Aber die rechte Ausbreitung kam erst mit dem Jahre 1866, als er das stille Hannover mit Berlin vertauschte, ' in welchem er bis zu seiner Pensionirung ungezählte Triumphe ! feierte. Geboren ist Niemann, der jetzt in Berlin als Jagdliebhaber und Philosoph lebt, 1831 zu Eisleben. Sein Vater, ein Gastwirth, ließ dem Knaben eine tüchtige Erziehung geben; Maschinenschlosser, Mechaniker sollte der Sobn werden, und da dieser alles, wa^ er im Leben that, mit Tücht'gkeit durchsah'te, hätte Niemann welleicht als Techniker einen neuen Bühnenmechanismus oder einen ungekannten Motor erfunden, wenn n cht die Vermögen? Verhältnisse des Vaters zurückgegangen wären und ibm den Weg versperrten zu den höheren Studien der Mech rnik. Es galt, sich auf eigene Füße zu stellen, und so ging Albert Niemann muthig „zum Tbeater". In Dessau begann er, aber keineswegs als Sänger, sondern in winzigen Schauspiel- und dann in Chor-Rollen. Häufig übte er Gesang mit dem Baritonisten Nusch, nachdem Friedrich Schneider die prachtvolle Stimme erkannte. Vom Chor schwang er sich zu Solo Tenorrollen, ging von Dessau nach Halle und Von dort, bereits als Heldentenor von Ruf, nach Hannover. Von Hannover aus trieb ihn der Ehrgeiz nochmals zu Studien, die er bei Duprez in Paris machte. Meyerbeer, Wagner, Halevy, also das hochdramatischc Fach, war seine Domäne. Wer aber einen Blick in die Seele des hockg bildeten Künstlers thun wollte, der mußte ibn Schumann'sche Lieder singen hören. „Ich grolle nicht" gehört eben auch zu den Dingen, die ihm keiner nachsingt. Löwe, Schubert, Brahms, darin schwelgte die herrliche Stimme und der tiefergreifende Vortrag. Niemann verheirathete sich schon 1861 mit Marie Seebach, dem damals berühmtesten deutschen „Gretchen". Aber er ließ sich wieder scheiden, und 1870 nahm er ein anderes „Gretchen", Hedwig Raabe, die allerdings in dieser Rolle nicht gerade den Ruhm ihrer Vorgängerin errang. -- R — - Aus der „Nachfolge Khristi".*) Wenn ich schier auch alles wüßte, Dock nicht in der Liebe stände: Könnt' es wohl vor Gott mir helfen, Der die That nur wägt am Ende? Ist dein Wissen reicher, größer: Um so strenger wird dich richten Gott der Herr, wenn nickt auch strenger Du gelebt hast deinen Pflichten. Dieses ist die hehrste Kenntniß, Die gedeihlichste von allen: Daß uns selber wir erkennen, Daß uns selber wir mißfallen. Von sich selber nichts zu halten, Doch das Rühmlichste vom Nächsten: Das ist Weisheit, das ist Lugend, Solche Klugheit steht am höchsten. Siehst du an dem Nebenmenschcn Ein Verschulden, schlimm und schandhaft: Darfst du dich für besser schätzen? Kannst du schwören, daß du standhaft? *) Siehe „Des gottseligen Tbomas von Kempen Nachfolge Christi in deutschen Reimen" von Hermann Jseke. Verlag von F. W. Cordier, Heiligenstadt (Eichsfeld). Preis brchch. M. 3.-, Salonband M. 4.50. Auslviung ver L-cyach-Ausgabe m Rr. <2: Weiß. Schwarz. 1. L. 63-82 S. 64-82: (.4. 8, 6) 2. D. 67- 02 si K. 83—02: (82) oder L. 81-62: 3. S. 85-83 (03) Matt. 4. 1. K. 04-82: 2. D. 07—631- beliebig. 3. D. Matt. 8 . 1. S. 64—831- 2. K. 02-83 beliebig. 3. T. oeer S. Matt. 0. 1. 42-4.1 D. 2. S. 85—031- S. 64-86: 3. D. 67-86: Matt. s» ^ 74. Ireitag, den 4. September 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesttzer vr. Max Huttleri Ein furchtbares Geheimnis;. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary AgneS Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) 17. Kapitel. Die Prophezeihung. Sir Victor ging an einem warmen Junitag über die Felder nach Chateron Royals. Er hatte Frieden mit sich und der Welt und sah zufrieden und glücklich aus, wenn auch manch' bitterer Tropfen in seinem Kelch sich befand. Edith liebte ihn nicht, würde ihn vielleicht nie lieben; er wußte nun, daß sein Vater lebte, daß Irrsinn in der Familie herrschte, vielleicht auch ihn er» greifen würde. Und was mochte nur die Zukunft bringen? Allmälig schweiften seine Gedanken auf angenehmeres Gebiet. Am ersten September sollte die Trauung stattfinden; schon waren die Arbeitsleute bemüht, das alte stolze Schloß schöner denn je erscheinen zu lassen und nach einem Ausflug auf den Continent wollte er die junge Frau zur Christfreude in die neue Heimath bringen. Jeder ihrer Wünsche sollte erfüllt werden, er wollte früh und spät bemüht sein, seines WeibeS Herz zu gewinnen, wollte Liebe und Treue ihr entgegenbringen und glücklich leben, lange, lange — In demselben Moment, wo er leichten Herzens da» Hinschritt, lag Edith Darrell in ihrem Zimmer und vergoß die bittersten Thränen. «Bitte, Sir Victor, die Großmutter braucht Sie", sprach eine kindliche Stimme neben ihm, und ein neun» jähriges Bübchen zog sein Mützchen. Sie standen neben dem Eingangsthor und der Junge zeigte auf die Thorwohnung. «Wer bist Du, Kind?" «Ich bin Johny Miller; Sir Victor und die Großmutter braucht Sie." «Wer ist die Großmutter?" „Sie ist die Großmutter und Mama'S Mutter. Sie käme heraus zu Ihnen, Sir Victor, aber sie ist krüppelhast und kann nicht gehen." „Gut, kleiner Mann, zeige mir den Weg." Der Junge lief voraus und öffnete die Thür. Sir Victor betrat das kleine Zimmer an dessen Fenster Rosen und Geranien standen. In einem großen Armstnhl saß eine kleine, seltsame Alte und strickte. „Das ist die Großmutter, Sir Victor. Sie müssen aber laut sprechen, weil sie nicht hört. Hier ist Sir Victor, Großmutter!" brüllte Johny ihr ins Ohr. „AHI" sagte sie und betrachtete mit den matten Augen des Barons schlanke Gestalt, „ja, das ist Sir Victor. Ich bin ein altes Weib, neunundachtzig Jahre alt auf Michaeli, aber ich kenne seines Vaters Sohn. Es ist dasselbe Gesicht, hübsch und lächelnd. Es ist eine seltsame Welt, sehr seltsam!" Sie wiegte das greise Haupt und wies auf einen Stuhl. «Wollen Sie sich gefälligst zwei Minuten setzen, Sir Victor, und Du, Johny, lauf fort und schließe die Thür. Ich bedaure, wenn ich Sie störe, aber ich bin ein altes Weib und habe viel erlebt in meiner Zeit. Ich bin neunundachtztg Jahre alt und solche Leute sehen und hören sonderbare Sachen." „Aber, gute Frau, wenn Sie mir etwas zu sagen haben, bitte ich, es sofort zu thun, ich bin auf dem Wege nach PowyS Place und habe Eile." „Powys Place, o, ich erinnere mich dessen", nickte die Alte, „er war in Powys Place in der Nacht, wo die schöne Frau ermordet wurde' O, es ist eine böse Welt, eine böse, böse Welt!" „Sprechen Sie von meiner Mutter?" „Ja, Sie waren damals noch ein Säugling, war Ihre Mutter doch selbst noch beinahe ein Kind, als man sie im Schlafe ermordete und ihr Mann den Verstand verlor. Jetzt liegt der arme Herr im fremden Land begraben, aber Euer Gnaden gleichen ihm so sehr, daß ich ihn wiederzusehen glaube. Man sagt, Sie hätten eine Braut von über dem Ocean." Sie blickte ihn fragend an. Der Baron nickte zustimmend. „So wird wohl wieder Hochzeit sein in Chateron Royals mit Freudengeläute und Festgepränge, vielleicht erlebe ich'S nicht mehr; ich bin ein altes Weib und habe Sonderbares erfahren. Ja, ja, die Alten müssen sterben und die Jungen heirathen! Doch, ob ich's erlebe oder nicht, ich will's Ihnen sagen; aber vielleicht wissen Sie es schon." „WaS denn?" fragte Sir Victor ungeduldig, „ich verstehe kein Wort von Ihrem Gerede." Die alten, wässerigen Augen blickten ernst auf ihn. „Die Prophezeiung." „Welche?" „Die Prophezeihung von Chattton. Dachte ich'- doch, daß Ste's nicht wüßten, daß Lady Helena es Ihnen nicht gesagt habe." »Eine Prophezeiung? Das wird interessant", lachte Victor, „wir haben unser Familiengespenst, warum nicht ivuch eine Prophezeihung l Lassen Sie hören, gute Frau; betrifft Sie wich?" „Sie und Ihre Braut, sonst ist ja Niemand «ehr da. Sie lachen. Junge Leute lachen immer, die Alten weinen. Sie werden die Prophezeihung nicht glauben, 'aber sie wird sich doch bis zum Schlüsse erfüllen." „Wollen Sie sie endlich mittheilen?" Aber der Alten eilte eS nicht. „Ich denke der Nacht, wo wir bet Ihrem Vater wachten, John Hooper und ich, der ist jetzt auch todt, so viel ich weiß. ES regnete und stürmte, die Dame lag unten mit dem Dolchstich im Herzen, ihr Gemahl tobte jm Gehirnfieber, Miß Jnez war im Gefängniß. Der ,irrste Theil der Prophezeihung hatte sich also erfüllt, und ich sagte zu John: „Du wirst sehen, daß das Uebrige anch eintrifft. Er ist jetzt ein Kind, aber die Zeit wird kommen, in der er freien und heirathen wird, am Trau« ungStage aber erfüllt sich die Vorhersagung." „Ich muß gehen", unterbrach Sir Victor die Alte, »wollen Sie mir die Prophezeihung sagen oder nicht?" „Ich erinnere mich derselben wohl", flüsterte fie, das Haupt wiegend, „die erste Strophe bezog sich auf den Mord." »Wenn einst ein Chateron gemeinen Mord vollbracht, So sinkt der Stamm dahin in Nebel und in Nacht." „Jedermann weiß, daß es Juan gethan hat, ein böser Junge mit dem Teufel in den schwarzen Augen und bösen Gedanken im Herzen." „Ich bin ein altes Weib, aber ich habe eS nicht vergessen." „Wenn ein Chateron an Mörders Stelle Geschmachtet in Chesholms Gefängnißzelle", das bedeutet Miß Jnez. Sie wissen ja, daß sie schuldlos ins Gefängniß kam. Der Nest muß erst eintreffen, der ist für Sie." „Weiter l" Die blöden Augen hefteten sich auf ihn, und die alten Lippen sprachen langsam: „Der Bräutigam am Hochzeitstag verwittwet steht: Erlischt der Stamm — der Name selbst vergeht." ES folgte eine Pause. Sir Victor war zum Mindesten überrascht. Er hatte Neigung zum Aberglauben, und der VerS machte ihn stutzen. „Ist das Alles, gute Seele?" fragte er endlich lachend. „Alles und gewiß genug, eS wird sich erfüllen wie daß Uebrige, bedenken Sie das." Sir Victor legte ein Goldstück in die runzelige Hand. „Sie meinen es gut, aber wiederholen Sie den Unsinn gegen Niemand, ich verbiete eS Ihnen." „Gut, ich habe dreiundzwanzig Jahre geschwiegen und will nun schweigen bis an's Ende. Aber es war «eine Pflicht Sie zu warnen. Sie mögen es Unsinn nennen, es wird sich doch erfüllen wie das Uebrige." Er eilte fort. Natürlich war eS Unsinn und Aberglaube, aber es war doch unangenehm und daS Wort der Alten: „es wird sich erfüllen wie das Uebrige", klang th« immer im Ohre wieder. „Der Bräutigam am Hochzeitstag verwittwet steht", dg- hieße, daß Edith stürbe. Er schauderte. Sobald er PowyS Place erreichte, suchte er die Tante auf und theilte ihr sein Erlebniß mit. „Die alte Martha? Ja, die war während Deiner Kindheit in Chateron Royals, und was sagte sie Dir?" „Etwas, was Dein Blut erstarren ließe, eine schauderhafte Prophezeihung. Oder hast Du schon davon gehört?" Lächelnd wiederholte er den Vers. Lady Helena lauschte schweigend. »Nun, ist Dir das bekannt?" „Ja, ich hörte und las es oft. Die Prophezeihung steht in einem Codex der Bibliothek in Chateron Noyals. Du Magst Dich selbst davon überzeugen." »Aber Du glaubst doch nicht daran?" »Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Es gibt «ehr Dinge unter dem Himmel, als Eure Schulweisheit sich träumen läßt. Die Prophezeihung wurde vor dreihundert Jahren gegeben, der erste Theil hat sich erfüllt." »Zufall, weiter nichts." »Mag sein; wenn sich aber der Schluß erfüllt, wird das auch Zufall sein?" »Um Himmelswillen, Tante, was redest Du da?- „Ich will Dich nicht erschrecken, ich habe Dir's ja auch nicht gesagt, da Du nun aber davon gehört, gestehe ich, daß —" „Daß Du an die Erfüllung glaubst, und diese Erfüllung schließt Edith's Tod am Trauungstage in sich." „Ich weiß eS nicht, jedenfalls wird es am Platze sein, mit ihr davon zu reden." „Warum?" »Damit sie der Gefahr, wenn eine solche vorliegt, aus dem Wege gehen könne. Thue was Du willst, ich meine «an sollte ihr eS sagen, weil es sie hauptsächlich angeht." „Aber, liebe Tante, die dumme Reimerei ist absolut lächerlich." „Dann könnt Ihr Beide darüber lachen, und Du hast Deine Pflicht gethan." Es folgte eine Pause. „Glaubst Du, daß eS fie erschrecken und zur Umkehr veranlassen könnte?" fragte Sir Victor endlich ängstlich. „Nein; Edith Darrell ist ein Mädchen von ungewöhnlicher Charakterstärke und praktischer Vernunft. Ich glaube nicht, daß so etwas sie beeinflußt!" Lady Helena hatte Recht; als einige Stunden später Sir Victor der Verlobten zaudernd die Prophezeihung Mittheilte, lachte sie ihm ins Gesicht. „Sind Sie wirklich so abergläubisch?" »Ich fürchte, ja, ich glaube an Träume und — * »An die grausige Prophezeihung?" Er schwieg. „Gut", fuhr Edith fort, „ich bin durch dieselbe- hauptsächlich berührt, und wenn Sie es riskieren, thue ich's auch. Ich fürchte mich nicht. Wenn ich den Kopf auf das Kiffen lege, träume ich nicht, meine Ruhe bleibt ungestört, und wenn mir die weiße Frau begegnete, mich würde daS nicht genieren. Ich habe kein Herzleiden, der Muskel hier", sie deutete auf das Herz, „arbeitet regelmäßig, und so wollen wir eS mit der Prophezeihung aufnehmen und am Tage der Hochzeit weidlich darüber lachen." Sie bot ihm die Hand, er küßte dieselbe innig. Freude, Hoffnung und Liebe hatten seine Schwermuth verscheucht. An dem Tage wurde die Prophezeihung vergessen. 18 . Kapitel. Auf immer. Als des Juni sonnige Tage sich zu Ende neigten, reisten die Gäste von Powys Place ab; nur Edith blieb. Seit dem Tage nach dem Ball war diese beständig auf der Folter. Sie hatte Rudolf von sich gestoßen wegen eines Titels, eines Vermögens, und jetzt, da sie sich seines wahren Werthes bewußt geworden, da seine Liebe in Verachtung erstorben war, sehnte sich ihr ganzes Herz nach ihm. Es war ihr eine tägliche Qual, ihn zu sehen, ihn zu sprechen, seine Aufmerksamkeiten für Lady Arabella zu beobachten. — Sie verlor an Fülle und Farbe und bleichte zum eigenen Schatten. Sir Victor war voll Unruhe. Lady Helena sagte nichts, ihr scharfes Auge aber durchschaute Alles. „Je eher die Gäste gehen, desto bester", dachte sie, „je früher sie den Rivalen aus dem Auge verliert, desto früher kehrt ihre Gesundheit wieder." Vielleicht begriff Rudolf selbst die Sachlage, denn er drängte zur Abreise. „Sehen wir uns ei« wenig das Londoner Leben an", sagte er zu seinem Vater, „auf dem Lande ist es sehr schön, aber ich sehne mich nach dem Gewühle einer Großstadt." Der alte Herr war mit dem Vorschlage zufrieden und der Tag der Abreise wurde bestimmt. „Liebes Kind", sprach Lady Helena zu Edith, „ich glaube Du bliebest bester hier." Ihre Betonung trieb Edith daS Blut in die Wangen. Sie senkte das Haupt und schwieg. „Gewiß bleibt Edith", unterbrach ste Sir Victor stürmisch, „als ob wir hier leben könnten ohne sie." „Ich bleibe", sprach das junge Mädchen leise. „Meiner Ansicht nach geht die Familie Stuart gern", fuhr der Baron fort, „der alte Herr scheint trübe und düster, hast Du'S bemerkt, Edith?" „Ja, ich glaube es hängt mit seinen Geschäften in New-Uork zusammen. Papa spielte im letzten Briefe darauf an." Mr. Fred Darrell hatte geschrieben: „In New-Iork bereitet sich eine große Geldkrists vor und wälzt unermeßlichen Ruin mit sich. JameS Stuart soll sehr dabei betheiligt und vom Aeußersten bedroht sein. Hoffen wir, eS sei übertrieben. Einst hielt ich seinen Sohn für eine brillante Partie für Dich; wieviel besser aber leitete es die Vorsehung. Nochmals, liebe Tochter, ich gratulire Dir zu Deinen Aussichten. Deine Stiefmutter läßt Dich grüßen, sie verfehlt nicht, die Wundermähr, daß die kleine Edith die Frau eines reichen Barons wird, überall zu verbreiten." Miß Darrells Stirne faltete sich, sie zerriß die väterliche Epistel in Stücke und zerstreute sie nach allen Windrichtungen. Unaufhörlich kamen Briefe an Mr. Stuart, fast täglich brachte man ominöse Kabeltelegramme in orangefarbener Hülle. Und der alte Mann wurde immer bleicher und düsterer. Seine Familie erkundigte sich theil- nehmend nach seinem Befinden. Er wies sie mürrisch ab und verlangte, daß man ihn in Ruhe lasse, er sei ganz wohl. Daß Bankerott drohe, ahnten sie nicht. Des Vaters Reichthum schien ihnen unbegrenzt, ein goldener Strom, aus goldenem Ocean. Eines Tages bot Mr. Stuart Edith eine Banknote von tausend Dollars. „Ich wollte Dir mehr geben, aber die Verhältnisse haben sich kürzlich geändert; ein Brautkleid aber kannst Du immerhin dafür kaufen." Freundlich aber bestimmt verweigerte sie die Annahme. „Ich danke, lieber Onkel, aber ich kann es nicht annehmen. Sie haben für mich schon mehr gethan, als je vergelten kann. Sir Victor nimmt mich ohne jedwede Aussteuer, und Lady Helena gibt mir ein weißes Kleid nebst Schleier." Der alte Mann legte die Banknote wieder in sein Taschenbuch, vielleicht war er froh, daß sie nicht angenommen wurde. Die Zeit war vorbei, daß ihm tausend DollarS nur ein Tropfen im Meere waren. „Also übermorgen gehen wir", jubelte Trixy, „packe sofort, Edith. Es war hier recht schön, aber nach und nach wird man der Idylle müde und sehnt sich nach Gaslicht, Flitter und Menschengewühl. Und denke nur, Hauptmann Hammond geht auch mit und Lady Portia und Lady Arabella. Aber warum siehst Du so mürrisch aus, freust Du Dich nicht?" „Auf was?" „Auf den Wirbel der Zerstreuung in London." „Ich gehe nicht mit." „Du gehst nicht mit?" fragte Trixy niedergeschmettert. „Nein, es wurde beschlossen, daß ich bleibe. Du wirst mich nicht vermissen, Du hast Hanptmann Hammond." „Ich will aber Dich haben. Was hast Du denn eigentlich vor?" — „Ruhig hier bleiben, bis — bis —" „Und Du willst Dich zwei Monate hier langweilen und Liebcsgeflüster anhören, das Dir nicht sympathisch ist? Brause nicht auf, ich weiß was Du darum gibst. Du magerst zum Schatten ab und sollst mit uns nach London gehen und Dich erholen. Die Idee, zwei Monate lang mit dem Bräutigam unter einem Dache zu wohnen! Du schützest natürlich Lady Helena vor, ich aber sage. Du gehst mit uns, denn uns gehörst Du bis zur Heirath." Edith seufzte.' „Ich habe versprochen zu bleiben, Sir Victor und Lady Helena wünschen es." „Fürchten sie, Dein Vertrauen zu verlieren, wenn Du außer Sicht bist?" „Laß mich, Trixy, ich bin müde und krank an Leib und Seele." Jede Fieber ihres Herzens sehnte sich mitzugehen, aber es durste nicht sein. „Ich, ich will Dich lassen", zürnte Trixy, „wenn wir jetzt uns scheiden, sei es auf immer. Dein Betrug gegen mich, Deine Herzlosigkeit gegen Rudolf waren schlimm genug, das ist der letzte Tropfen in den vollen Becher. Dn wirfst uns weg um der Freunde willen, zu denen wir Dir geholfen; das ist so der Lauf der Welt und von Edith Darrell nicht anders zu erwarten." Roth vor Zorn stürzte Beatrice aus dem Zimmer. Edith war allein. Wieder ein Freundesherz verloren auf immer! Nun, sie hatte Sir Victor, und das mußte ihr Alles ersetzen. Sie blieb den ganzes folgenden Tag in ihrem Zimmer. Sie war wirklich krank. Morgen mußte sie sich von den Stuarts trennen und übermorgen-weiter mochte ste nicht denken. Sie kam die Treppe herab sich zu verabschieden. Der alte Onkel schüttelte ihr schnell und nervös die — 564 Hand, Tante Charlotte küßte sie zärtlich, Trixy berührte mit den Lippen nur förmlich ihre Wangen und Rudolf legte zwei kalte Finger in ihre Hand und sagte lächelnd ihr Lebewohl. Sie waren fort. Die Räder der davoneilenden Wagen donnerten über die Straße; es war Edith, als führen sie über ihr Herz. Am gleichen Abend noch quartierte sich die Familie Stuart in einem eleganten Hotel ein. Aber, ach, die Vergänglichkeit menschlicher Hoffnungen! Die glänzende Zeit, auf die Trixy sich gefreut, erschien nie. Am Morgen nach ihrer Ankunft kam ein Telegramm für Mr. Stuart. Der alte Herr befand sich zufällig in seinem An- kleidezimmcr; er nahm das Couvert mit zitternder Hand und blutunterlaufenen Augen. Einen Moment später erscholl ein lauter Schrei, dem ein schwerer Fall folgte. MrS. Stuart fand ihren Gatten ohnmächtig auf dem Boden, — das Telegramm in der Hand. Hauptmanu Hammond hatte sich mit Rudolf Stuart au einem Diner verabredet. Als die Schatten der Dämmerung sich senkten, erwartete der Offizier ungeduldig , es Freundes Ankunft. Eine Viertelstunde später erschien er bleich und heilte Hammond die schreckliche Nachricht mit, daß der Vater sich in Spekulationen verwickelt, von der Krisis vetroffen und vollständig ruinirt sei. Rudolf erzählte es ruhig. „Wie nehmen es Deine Mutter und Schwester auf?" 'ragte der Offizier ruhig. „Die Mutter weint, Trixy vermag es nicht zu fassen. Sie pflegt den Vater, der in einer Lethargie liegt, aus a:r er nicht zu erwecken ist. Natürlich kehren wir sofort na-' New-Uork zurück. Bettler haben hier im Hotel nichts ;u nichen." Der Haupimann wollte sprechen, schloß aber düster di, Lippen wieder. „Ich habe sofort Plätze auf dem Dampfer, der in vier Tagen abgeht, belegt", fuhr Rudolf fort, „wenn Du meiner Mutter und Schwester noch ein freundliches Wort sagen willst, wär mir's lieb, denn eS hat sie furchtbar .angegriffen." Hammond sprang auf. „Alter Junge", begann er, kam aber nicht weiter, dcr Strom seiner Rede versiegte, ein Händedruck endigte sie. Am folgenden Tage reiste Rudolf nach Powys Place, um Edith Mittheilung von der Sachlage zu machen. „Sie verdient eS nicht", sprach Trixy, „sie hat kein Herz." Die Dienerschaft starrte ihn verwundert an, als er Powys Place erreichte. Im Empfangszimmer erwartete er Edith's Kommen. In Abendtoilette, strahlend von Juwelen, rauschte sie herein. Er blickte auf und sie standen sich schweigend gegenüber. Kurz und traurig theilte Rudolf ihr den Wechsel der Verhältnisse mit, sagte ihr, daß sie Plätze auf dem nächsten Dampfer genommen hätten und er, in Erinnerung vergangener Zeiten gekommen sei, ihr Lebewohl zu sagen. Edith's Brust hob sich. Armer Rudolf! Einen Moment war ihr'S, als müsse sie Alles aufgeben und mit ihm den Bettelstab theilen. »Laß «ich Dir Adieu sagen, Dithy, Du bist glücklich, Deine Zukunft ist gesichert, ich kann Deinem Vater gute Kunde bringen." „Lebewohl", entgegnete sie bleich und kalt, „grüße Trixy und lass' uns hoffen, daß die Sachlage sich besser gestalte, als wir glauben." Sie wandte sich zur Thür. In ihrer Brust tobte es. Es war ein ewiger Abschied von Rudolf. Ihr Stolz schwand, sie eilte zurück und schlang stürmisch die Arme um seinen Hals. „Leb' wohl, mein Rudolf, leb' wohl auf immer!" Sie riß sich loS und eilte aus dem Zimmer. Wenige Minuten später fuhr Rudolf Stuart wieder gen Ehester und als der Mitternacht Gestirne blinkten, war er auf dem Wege nach London. 1S. Kapitel. Ein Telegramm. Die Sonne erhob sich über Londons zahllosen Dächern als Rudolf vor dem Hotel, das seine Familie bewohnte, Vorfahr. Er eilte tn seines Vaters Zimmer und trak Trixy auf der Schwelle. „Du darfst die Eltern nicht stören, sie schlafen Beide", sprach sie leise, „geh' auch Du zur Ruhe, ich wecke Dich zum Frühstück. Hast Du sie gesehen?" „Meinst Du Edith? Natürlich, deshalb reiste ich ja hin." „Und was sagte sie?" fragte Trixy bitter. „Wenig, wir sahen uns kaum zehn Minuten. Edith war in Abendtoilette, und ich wollte sie nicht aufhalten. Sie läßt Dich herzlich grüßen." „Ich brauche ihre Grüße nicht, sie ist doch das herzloseste, undankbarste Geschöpf." Ein Blick des Bruders schnitt die Rede ab. „Genug, Trixy, Edith ist eine der weisesten Jungfrauen und hat den besseren Theil erwählt. Was sollen wir auch jetzt thun? Sie wieder nach Sandypoint in ihres Vaters ödes Haus zurückbringen? Und was die Dankbarkeit damit zu schaffen hat, sehe ich nicht ein. Wir nahmen sie ausdrücklich mit, damit ihre Sprachkennt- nisse uns nützten, sie hat wahrlich das Ihre gethan. Schweig Du lieber von Edith, wenn Du ihr nichts Gutes nachzusagen vorhast." Mit hastigen Schritten eilte er die Treppe hinauf. Trixy brach in Thränen aus. Es war schlimm genug, Alles, Alles zu verlieren, warum mußte sie auch noch Edith, die ihr so tief ins Herz geschnitten hatte, entsagen? Ein süßer Tropfen freilich war in ihrem Leidenskelche; Hauptmann Hammond hatte bewiesen, daß nicht die ganze Welt selbstsüchtig sei, und hatte in der Stunde der Trübsal um BeatrtcenS Hand geworben. Voll Ueberraschung und Freude hatte diese gezögert, gelächelt, Einwände gemacht und schließlich ihr „Ja" hervorge- schluchzt. So wäre Augustus Hammond, der Trixy wirklich liebte, ganz glücklich gewesen, hätte nicht der Gedanke, daß in wenigen Tagen zwischen ihm und ihr der Ocean rollen würde, seine Freude getrübt. Spät Abends öffnete er sein Herz dem Freunde und künftigen Schwager. Rudolf hörte schweigend zu. „Das ist Thorheit, Wahnsinn von Deiner Seite", rief er endlich, „vor einer Woche, da Trixy noch eine Erbin war, hätte ich Dir die Hand gedrückt und Dir meinen Segen gegeben, jetzt aber find wir Bettler und müssen arbeiten, wenn wir nach New-Iork kommen. Wie das gehen wird, weiß der Himmel, denn wir wuchsen auf, wie Lilien auf dem Felde. Ich rede nicht viel über 665 die Sache, ein Mann soll über derlei Verluste nicht klagen. Dein Vater ist reich und betitelt, glaubst Du, er würde Deiner Werbung geneigtes Gehör leihen?" „Was liegt daran, wenn Trixy will —" „Trixy will aber nicht auf solche Weise in eine Familie eingeführt werden, und ich sage Dir, eine Heirath ist für den Moment außer Frage. Liebt Euch nach Herzenslust, sendet Briefe ballenweise über den Ocean, bleibt verlobt, so lange ihr wollt; aber unter den obwaltenden Umständen heirathens Nein!" So endete eS. Selbst Beairice erklärte jetzt, die Eltern nicht verlassen zu wollen, und bat den Geliebten, auf bessere Zeiten zu warten. Am folgenden Tage begleitete der Hauptmann die Familie nach Liverpool und an Bord des Schiffes, von dem er auf der Dampffähre zurückkehrte. Als der Dampfer sich zu bewegen begann, lehnte Trixy weinend an ihres Vaters Arm, und Rudolf stand «eben der Mutter. So warfen sie ihren letzten Abschieds- ilick auf Englands zurückweichende Küste, nur von einem Freundesauge verfolgt. » » * Edith kehrte in den erleuchteten Salon zurück, wo Sir Victor's liebendes Auge sofort die Todtenblässe bemerkte, die sich über ihre Züge gebreitet hatte. Wenige Minuten später sank sie ohnmächtig vom Stuhle und ward in ihr Zimmer getragen. Als ihr dunkles Auge sich wieder öffnete und sie den Verlobten erblickte, der sich angstvoll und zärtlich über sich beugte, wandte sie sich seufzend ab. O, lass' mich allein", bat sie immer wieder, bis man ihrem Flehen nachgab. So lag sie stundenlang mit aufgelöstem Haar und gerungenen Händen regungslos, dumpfen Schmerz im Herzen, da. Oft schlichen sie während der Nacht herein und fanden sie immer mit weit- geöffneten Augen. Am Morgen erwachte sie aus unruhigem Schlaf mit brennender Stirn, trockenen Lippen und fieberhaften Augen. Der Arzt schüttelte den Kopf und erklärte den Zustand für Nervenüberreizung. Gefahr sei nicht vorhanden, Ruhe und liebevolle Pflege würde sie bald herstellen, und dann solle eine Luftveränderung das ihre thun. Sir Victor hatte von dem Portier von Rudolf Stuarts schnellem Kommen und Gehen gehört und peinigte sich mit tausend Möglichkeiten. Was bedeutete der seltsame Besuch? Gegen ihn war sie kalt, es schien ihr gleichgültig, ob er kam oder ging. Er war ihr nichts, sollte es immer so bleiben? Lady Helena fragte Edith, was den Vetter nach Powys Place gebracht und ihre Ohnmacht bedingt habe? Ruhig und ernst theilte diese ihr das Unglück mit, welches die Familie Stuart betroffen. Lady Helena bedauerte die Armen herzlich und hielt durch die Sachlage Edith's Gemüthsbewegung für hinlänglich erklärt. Ende Juli wurde sie in eine hübsche Villa gebracht, wo sie auf Tante Helena's ausdrücklichen Begehr allein mit ihr weilte. „Geh', lieber Victor, und dränge ihr Deine Nähe nicht auf. Selbst wenn sie Dich liebte, würde sie ein Bräutigam ermüden, der nie ihr von der Seite wiche. So sind alle Frauen. Willst Du, daß sie Dich lieben lerne, so gehe fort, schreibe ihr vernünftige, angenehme Briefe und komme in drei Wochen wieder.". „In drei Wochen? Ich möchte am ersten September heirathen." „Daraus wird nichts, Victor, Edith muß sich erst erholen und vor dem Oktober kann von Deiner Trauung keine Rede sein. Edith selbst wünscht die Verschiebung, lass' sie erst erstarken, Dich lieben lernen, und Du wirst sehen, daß es so viel klüger war." Er mußte sich fügen und kehrte nach Chateron Royals zurück. Edith athmete tief auf, als er sie verließt Welch' anderer Abschied, als der vor vierzehn Tagen! Sie suchte zu vergessen, das Antlitz zu bannen, das stets ihr vorschwebte, die Stimme nicht zu hören, die ihr im Ohre wiederhatte. Es gelang ihr theilweise. Die Seeluft stärkte und kräftigte sie. Sie sagte sich immer wieder, daß nur Sir Victor ein Recht auf ihre Gefühle habe, daß sie Rudolfs nicht gedenken dürfte. Nach und nach erholte sie sich, ihr Auge glänzte, Farbe, Gesundheit, Heiterkeit kehrten wieder. Täglich kamen Briefe von Sir Victor, die sie lächelnd las und beantwortete. Sie liebte ihn nicht, aber sie hatte ihn lieb, und als die drei Wochen vorüber waren, konnte sie mit freudigem Willkommen ihm entgegentreten. Ihm waren es drei Jahrhunderte gewesen; nun aber entschädigte ihn die Freude, die Braut so frisch und blühend zu sehen. Es war Mitte August. Trotz Edith's Protest wurden große Vorbereitungen zur Hochzeit getroffen. Chateron Royals verwandelte sich in einen feenhaften Aufenthalt. Wie geblendet durchschritt Edith an des Verlobten Arm die prächtigen Räume; war es ein Märchen? War das Alles für Edith Darrcll, die noch vor wenigen Monaten in Sandypoint alle Hausarbeit verrichtete? Sie vermochte nicht, sich als Herrin des fürstlichen Hauses zu denken. Von Tag zu Tag erschien es ihr unwahrscheinlicher. Ein schreckliches Erwachen mußte dem glänzenden Traume folgen. Es war vierzehn Tage vor der Heirath. Ihr war es, als müsse sich etwas ereignen. Und es geschah. Am Abend des achtzehnten September kam ein Telegramm an Lady Helena. Sir Victor war mit Edith im Salon am Klavier. Eilig sandte die Tante nach ihm. Er fand sie bleich, erschrocken, entsetzt. Stumm reichte sie ihm das Telegramm. Er las es langsam: „Komme sofort; bringe Victor; er stirbt Jnez." (Fortsetzung folgt.) —-- Komik im Kulturkampf. Daß sich in dem so ernsten und schweren Kulturkampf doch mitunter recht komische Szenen und Situationen ergaben, ist bekannt, und es kursiren da viele verbürgte und unverbürgte Anekdoten. Weniger bekannt dürfte jedoch das folgende drollige Stückchen sein, dessen Wahrheit durch den Umstand am besten bezeugt wird, daß es der Hauptbetheiligte, der selige Prälat Janssen, in seinen letzten Lebensjahren, nachdem längst Gras über die Geschichte gewachsen war, in Freundeskreisen einmal selbst zum Besten gab. Stand da öfters im „Franks. Volksblatt" an der Stelle, wo die für wohlthätige Zwecke eingegangenen Gaben verzeichnet werden, auch zu lesen: K66 - Don Herrn Pros. Janfsen (durch Dr. Petz) ... M... Pf. Es war gerade zur Zeit, wo die Jesuitenhetze in bester Blüthe stand und jeder Patriot glaubte, daS Vaterland vor der Gefahr des Untergangs retten zn uiüffen, die ihm von den leidigen Jesuiten, einerlei ob im Talar oder im Frack oder auch — im Unterrock, in aller Kürze drohte. Da fand denn auch ein Frankfurter Polizei- Beamter den Namen des Dr. Petz in jener Zeitung, und gewissenhaft, wie solche Leute sein müssen, schlug er gleich das grobe Buch nach, um die Personalien dieses DoctorS festzustellen. Aber wie groß war der Schreck, der den Mann des Gesetzes besiel, als er auch nicht das Geringste von dem Herrn Petz fand? Wer ist dieser mystische Doctor? Das war jetzt das Problem, das den armen, treuen Beamten unaufhörlich beschäftigte und ihn Tag und Nacht keine Ruhe finden ließ. Warum hat Professor Jansien diesen Herrn bei der Polizei nicht angemeldet, oder warum hat jener dies nicht selbst besorgt? Doch endlich ging unserem Polizisten ein Licht auf. Wenn der geheimnißvolle Doctor gar ein verkappter Jesuit wäre, wenn deßhalb seine Persönlichkeit in so tiefes Dunkel gehüllt wärel Grauen erfaßte den Vertreter der „heiligen Ordnung". Aber in anderen Städten trieb sich solches lichtscheue Gesinde! herum, warum sollte da nicht einer von ihnen auch das ehrsame Frankfurt unsicher machen? Auf der anderen Seite winkte der Lohn für denjenigen, der einen solchen Reichsfeind gefangen einbrachte. Der gute Mann sah schon die Orden auf seine breite Brust herniederregnen, und er griff schon nach dem farbigen Bündchen — wollte sagen, nach dem Knopfloch, das in Bälde damit geschmückt werden würde. Aber die Sache mußte mit Schlauheit angepackt werden, da diese Jesuiten, wie er wußte, auch nicht gerade auf den Kopf gefallen waren. Nun dafür war er ja ein Frankfurter Kind. Jetzt wurde der Feldzugsplan entworfen. Als ein richtiger Stratege ging unser Held natürlich nicht direkt auf die Festung los. Nein, zunächst machte er unter irgend einem Vorwand einen Besuch bei dem Herrn Stadipfarrer Münzenberger und suchte dann so nebenbei das Terrain zu sondiren und mit Aufwand aller ihm zu Gebote stehenden Diplomatie etwas Näheres über den unheimlichen Herrn Petz zu erfahren. Er mußte jedoch innerlich lächeln, als ihm Herr Münzenberger ganz ahnungslos mit der größten Gutmüthigkeit jede nur wünschenswerthe Auskunft ohne weitere Bemühungen gab. Freilich, daß Dr. Petz ein Jesuit sei, sagte er gerade nicht; aber das glaubte unser Beamter mit aller Sicherheit aus der Sachlage schließen zu dürfen. Also Herr Petz war ein guter Freund des Herrn Janffen, er wohnt bei ihm, geht niemals aus — sehr verdächtig; schon zehn Jahre lang lebt er in Frankfurt — und bei der Polizei nicht angemeldet, entsetzlich! Er beschäftigt sich mit Geldsammeln für wohlthätige Zwecke — ja, für die geheimen Fonds der Jesuiten, grauenhaft! Es war rein zum Rasendwerden, in Frankfurt, der Stadt der Intelligenz und Aufklärung, wird daS Auge des Gesetzes so lange in der schamlosesten Weise hinters Licht geführt und das auch noch von einem solchen Finsterling. Aber jetzt muß das Nest ausgehoben werden. Kalthöflich verabschiedet sich der Beamte von dem Herrn Stadtpfarrer, holt sich ein halbes Dutzend Schutzleute, denen er rasch auseinandersetzt, um was es sich handelt, und befiehlt ihnen, die geladenen Revolver bereit zu halten — und jetzt auf verschiedenen Wegen nach der Wohnung Janssens. Die Schutzleute werde» unten posiirt und harren voll Erwartung der Dinge, die da kommen werden; ihr Anführer steigt klopfenden Herzen- die Stufen hinauf. „Könnt' ich einen Augenblick den Herrn Professor sprechen?" „Gewiß! Bitte, wollen Sie eintreten." Gegenseitige Vorstellung und Komplimente. „Herr Professor, Sie werden gestatten, gleich aus den Zweck meines Besuches zu kommen. Dürfte ich Sie bitten, mich zn dem Herrn vr. Petz führen zu wollen?" „Mit dem größten Vergnügen. Aber ich brauche Sie nicht erst hinzuführen; er befindet sich hier i« Zimmer." „Herr Professor, Sie belieben zu scherzen." „Nicht im Geringsten! Wollen Sie gefälligst nur jenen herrlichen — ausgestopften Bären da in der Ecke betrachten mit dem Teller in der Pfote. Das ist mein — Dr. Petz." Kalter Schweiß trat unserem Beamten auf die Stirne; „Aber Herr Stadtpfarrer sagte mir doch." „Ach! ich begreife, Herr Münzenberger hat auch Sie angeführt. Aber erinnern Sie sich an das, was er ihnen von dem „Herrn" Dr. Petz sagte, und Sie werden finden, daß alles auch auf den Bären da paßt. Er wohnt schon zehn Jahre bei mir — da habe ich ihn nämlich gekauft. Er geht niemals aus und sammelt bei meinen Besuchern Gaben für wohlthätige Zwecke; und da Sie nun gerade da sind, bittet er auch Sie um ein Scherf- lein. Uebrigens nichts für ungut. Der gute Herr Pfarrer hat sich diesen Scherz schon mit mehreren geistlichen Herren erlaubt, und alle siud sie auf den Leim gegangen." „Aber das waren auch keine Polzeibeamten", dachte der aus allen Himmeln gestürzte Mann und griff entsagend nach dem Knopfloch. Mit der Bitte, der Herr Professor möge die Sache einstweilen nicht publik werden lassen und auch den Herrn Stadtpfarrer darum bitten, verließ der Getäuschte die Wohnung. Ob er vorher noch dem Herrn vr. Petz einen Beitrag zu wohlthätigen Zwecken gegeben hat, verschweigt die Geschichte. Aus der Hochsiaplerlvelt. In Paris ist von einem hochgestellten Polizcibeamtett ein sehr interessantes Buch erschienen, welches manchen tiefen Einblick in die Verbrecherwelt gewährt. DaS Such führt den Titel „karis vsoarxs", was sich ungefähr mit der Bezeichnung „Das unterirdische Paris" übersetzen läßt, und der Verfasser desselben ist der Polizcibeamte Charles Virmaitre. Die Geschichten, welche derselbe erzählt, sind sehr lehrreich, nicht bloß für Polizeibeamte, sondern auch für das Publicnm, da es stets gut ist, die Art, wie die Hochstapler „arbeiten", kennen zu lernen, um sich vor den Anschlägen derselben zu schützen. Aus dem interessanten Werke mögen zwei von den daselbst erzählten Vorfällen, welche seiner Zeit großes Aufsehen machten, reproducirt werden: Eine junge, sehr hübsche und sehr distinguirte Darm trat eines Tages in den Verkaufsladen des berühmten Pariser Juweliers Melkerin und sagte: „Ich bin Gräfin de Solle. Meine Schwester ist im Begriff, sich mit dem Director des großen Krankenhauses in der Straße Longchamp, Doctor Manuel, zu vermählen. Ich bin beauftragt, eine Anzahl von Schmuck- Kkgenständen für die Morgengabe einzukaufett. Wollen Sie dieselben liefern? Wir zahlen natürlich baar." Man kann sich die Freude des Juweliers vorstellen. Er legte seine schönsten Schmuäsachen vor, die Dame traf ihre Wahl als Kennen», verhandelte lange und genau um den Preis und sagte endlich, als man bezüglich des» selben übereingekommen war: „Ich bitte Sie, uns diese Gegenstände zuzuschicken oder selbst zu bringen. Bitte auch die saldirte Rechnung nicht zu vergessen. Wir erwarten die Sendung Punct 2 Uhr. Zur bezeichneten Stunde trat der CommiS mit seinem Packete ein. Er trat in das Consultatious-Zimmer des Doctors. Die Dame war da und sagte ihm: „Haben Sie die Güte, mich einen Augenblick hier zu erwarten. Mein Schwager ist im Garten. Geben Sie mir Schmuck und Rechnung." Der Commis überreichte ihr das Gewünschte ohne Zögern. Nach wenigen Augenblicken trat der Doctor in Begleitung der Gräfin ein. Ich weiß nicht, ob der Leser hie Scene errathen wird, die nun folgte: wir Polizisten find an derlei theatralische Entwickelungen gewöhnt. Die schöne Gräfin hatte tags zuvor den Doctor aufgesucht und zu ihm gesagt: „Ich bin an einen jungen, geistreichen, schönen Mann vermählt, welcher aber an Hallucinationen leidet. Deiner Mutter wurden einmal Diamanten in sehr beträchtlichem Werthe gestohlen. Kurz darauf stand er in einer Nacht auf, ging ans Fenster, öffnete dasselbe und schrie hinaus: „Da sind die Diebe, welche meine arme Mutter ausgeraubt haben!* Und seitdem wiederholt sich diese Scene sehr häufig. Ich suche ihn zu beruhigen, so gut eS geht, was ich am best?« damit erreiche, indem ich auf seine Manie eingehe. Wenn wir zusammen ausgehen, vermeide ich es, mit ihm an Juwelicrläden vorüber zu gehen, um ihn nicht aufzuregen. Im höchsten Grade auffallend ist es, daß er sich sonst ganz vernünftig beträgt und bloß Symptome des Wahnsinns zeigt, wenn man ihm über Diamanten oder sonstige Schmuckgegenstände spricht." „Das ist eine nicht unbekannte Abart des Größenwahns, Frau Gräfin!" erklärte der Doctor mit gelehrter Miene. Und so betrat er jetzt sein Consultations-Zimmer Mit der vorgefaßten Idee, es mit einem Wahnsinnigen zu thun zu haben, der bei dem bloßen Gedanken an Edelsteine außer sich gerathe. Der unglückliche Commis, mit welchem sich der Arzt Nunmehr in eine Conversation einließ, begann alsbald seine Diamanten oder seine hunderttausend Francs zu reclamiren. Die Gräfin warf dem Doctor einen Blick des Einverständnisses zu, der ihr ein Zeichen machte, sie solle sich entfernen, um den Kranken nicht aufzuregen. Daß sie den Wink befolgte, versteht sich von selbst, allein als der Commis sah, daß sie im Begriffe war, die Schwelle zu überschreiten, stürzte er sich ihr wie ein Rasender in den Weg. „Meine Brillanten!" schrie er. „Meine Brillanten!" Drei handfeste Männer warfen sich alsbald auf ihn, hielten ihn fest und banden ihn. Man legte ihm die Zwangsjacke an; er heulte wie ein Besessener, in Folge dessen man ihn unter die Douche brachte. Sein Zustand war ein so aufgeregter, baß man ihn in bke Abtheilung der Tobsüchtig« brachte. Der Juwelier Melkerin, welcher darüber beunruhigk wurde, daß fein Commis solange nicht zurückkam, glaubte, derselbe sei entweder mit dem Schmuck oder mit dem Gelde durchgegangen, und machte die Anzeige bei der Polizei; die Detective-Brigade setzte sich in Bewegung, allein es blieb Alles vergeblich. Der verzweifelte Juwelier ließ nun die Personalbeschreibung seines Commis in die Blätter inseriren und schrieb einen bedeutenden Preis für Denjenigen aus, der ihn aus die Spur desselben bringen würde. Eine dieser Zeitungen gerieth eines Tages dem Doctor Manuel in die Hände, der bei der Lectüre des Inserates Berdacht schöpfte. Er ließ seinen Patienten vorführen, fragte ihn aus und überzeugte sich, daß derselbe absolut nicht wahnsinnig sei, sondern daß sie beide die Opfer eines schlau ersonnenen Betruges waren. Die falsche Gräfin aber blieb geraume Zeit spurlos verschwunden; erst viel später ergaben sich gewisse Anhaltspuncte, welche auf die Vermuthung führten, daß die Diebin in der That eine große Dame war und daß die Familie, mit Rücksicht aus den zu befürchtenden Scandal, den Juwelier entschädigte. Die Polizei fand es gerathen, die Sache fallen zu lassen. Eine andere Geschichte aus dem betreffenden Buche ist vielleicht noch merkwürdiger, da es in diesem Falle der Polizeidirector selbst war, der durch einen mit großem Raffinement ersonnenen Streich düpirt wurde. Die Affaire spielte noch unter dem Kaiserreiche und bestand in Folgendem: Eine Dame, die nicht zu den „oberen Classen" gehörte, hatte eine Einladung zu einem der maskirten Bälle erhalten, welche in den Tuilerien gegeben wurden. Auf diesem Balle verlor die Dame ein Paar Ohrgehänge von geradezu unschätzbarem Werthe. Das Gerücht von dem Vorfalle verbreitete sich alsbald in den Salons. Es war klar, daß es sich hier um einen Diebstahl handelte. In dem Augenblick, als die Dame den Ball verließ und ihre Mantille umnahm, fand sie eins der Ohrgehänge, welches sich in die Spitzen der Mantille angenestelt hatte. Sie übergab dasselbe dem Chef der Sicherheitsbehörde, der zu jener Zeit Herr Claude war. Am nächsten Tage, als Herr Claude gerade über diese Affaire nachdachte, sowie über die Mittel, das Ohrgehänge zu finden, ohne der Jndiscretion der Zeitungen den Namen der betreffenden Dame preiszugeben, das heißt, ohne einen Scandal zu provociren, erhielt er die Karte eines Herrn, auf welcher die Worte standen: „Graf L..., Osficier der Ehrenlegion." Er gab alsbald Befehl, denselben zu ihm zu führen. Der Besucher war ein Mann von hohem Wuchst, brünett und von vornehmem Aussehen. Er nahm in dem ihm angewiesenen Fauteuil Platz und begann: „Ich bin", sagte er in Beantwortung einer Fragt des Polizeidirrctors, „der Bruder der Gräfin L... In der vergangenen Nacht hat man ihr ein Ohrgehänge gestohlen, das für sie auch den Werth eines kostbaren Andenkens hat. Der Kaiser hat Ihnen, Herr Polizeidirector, den Auftrag ertheilt, Alles aufzubieten, nm das gestohlene Object wieder zu finden, und die Gräfin hat Ihnen auch das andere Ohrgehänge eingehändigt, um Ihnen die Recherchen zu erleichtern." „Das ist richtig," entgegnete der Polizeidirector. 568 — Und gleichzeitig nahm er das Ohrgehänge aus seiner Schreibtischlade hervor. „Nun, Herr Polizeidirector", fuhr der Graf fort, „es ist unnütz, daß Sie sich weiter in der Affaire bemühen. Heute früh wurde meiner Schwester unter Cou- vert ein Brief mit der Bitte um Entschuldigung zugestellt, in welchem sich das bewußte Ohrgehänge befand. Hier ist dasselbe. Wenn Sie mir nun das andere Ohrgehänge übergeben wollen, welches sich bei Ihnen befindet, so werde ich beide meine Schwester überbringen." Der Polizeidirector fühlte sich glücklich, daß das unangenehme Abenteuer ein so ruhiges Ende nahm; er übergab ihm das in seiner Verwahrung befindliche Ohrgehänge, begleitete ihn bis vor die Thür und drückte ihm sein Bedauern darüber aus, daß er sich die Mühe genommen, ihn in seinem Bureau aufzusuchen. Noch am selben Tage stellte sich heraus, daß der angebliche Graf der Dieb war und sich auf diese beispiellos schlaue Art in den Besitz des zweiten Ohrgehänges gesetzt habe. Herrn Claude aber hätte diese Affaire beinahe seine Stelle gekostet. -- ALLexLeS. Abriß des Goliathhausesl Aus Regensburg kommt eine fast unglaubliche Nachricht. Jedem Besucher der alten, architektonisch, hochinteressanten Stadt, der einen Gang über die Donaubrücke gemacht hat, wird bei der Rückkehr durch die originelle Brückstraße das mächtige, burgartige Gebäude mit dem zinnengekrönten Thurm und zwei kleinen, aus breiter Wandfläche vorspringenden Mauerthürmchen aufgefallen fein, das neben dem Schmuck reizender, gothischer Säulenfenster das riesige Freskobild „Goliath und David" trägt. Baulich und malerisch noch fesselnder ist die Ansicht der Hauptfront gegen Süden am sogenannten Watmarkt, der überhaupt ein ganz eigenartiges Bild mittelalterlicher Architektur darbietet; — wie lange noch- Das Goliathhaus, eines der ältesten der Stadt, etwa gleich alt wie der Dom, soll demnächst niedergerissen werden, nicht wegen Baufälligkeit, sondern um einem modernen Miethshause Platz zu machen. Und somit soll eines der vornehmsten Wahrzeichen NegenS- burgS, HauS und Bild zu« Goliath, das nicht blos in der Erinnerung des Fremden mit dem Bilde der Stadt, sondern noch weit mehr mit dem lokalpatriotischen und lokalhistorischett Empfinden jedes an seiner Heimath hängenden NegensburgerS innig verwachsen ist, dem Zug der modernen Zeit zum Opfer fallen. Den Inwohnern des Hauses ist bereits gekündigt, und bald wird die alte Donaustadt, einst die bedeutendste Stadt Süddeutschlands» wieder eine historisch und architektonisch werthvolle Zierde verloren haben. Pietät und Kunstverständniß scheinen ganz und gar zu schwinden. * Die Anfertigung von Drucktypen auS Aluminium ist die neueste Anwendung dieses in letzter Zeit zu so hoher Bedeutung gelangten Metalles. Nach längeren Versuchen ist es nämlich (zufolge einer Mittheilung des Patent- und technischen Bureaus von Ntch. Lüders in Görlitz) nunmehr gelungen, Aluminium zur Verbesserung des Typenmetalls zu verwenden. Zu diesem Zwecke werden dem bisher gebräuchlichen Buchdrucker- metall, welches bekanntlich aus einer Legirung von 4 Thl. Blei und 1 Thl. Antimon besteht, 5—15 Proz. Aluminium zugesetzt. Die mit dem neuen Typenmetall angestellten Versuche haben ausgezeichnete Resultate bezüglich der Schärfe der einzelnen Buchstaben ergeben; auch solle« die neuen Typen im Vergleich zu den bisher gebräuchlichen eine bedeutend größere Haltbarkeit ausweisen. -» .j > < ^ > > - Hlockerrruf. Heller wird's — um dült're Tannenhügel Glänzt des FrühlichtS röthlich gold'ner Schein, Säuselnd trägt der Wind mit weichem Flügel Einen Gruß von Gott durch Thal und Hain. Fernher aber hör' ich'S lieblich schallen, Glocken öffnen den geweihten Mund; Bald in Andacht fromme Pilger wallen Zur Kapelle tief im Waldesgrund! Maximilian Dursch. keratdWZs- kiutio. Lmeritrh - QuM. 6espie1t am 17. 4ugnst 1896 von 9"—11'°4,beu4s Lwisebs» Ltsinitr : IIII. L. Obsrbabnamtsoltirial Raebmann uuä Häusler vom Sebaebclud LuAsbnrA im Llubiocal: Lake „^NANsta". 15 D. 18—46 20 a2—a4 L. e3-e? 8 42-44 8. 16—b5 21 r. al—ei I. »8—13 S 8. bl—e3 17—16 22 45—46f- o?X46 10 8. e5xss4 8. b5-83 23 8. e3—45t L. e7—e8 11 D. äl—13 b7—b5 24 8. 45—e7f L. e8-s7 12 8. 84-12 8. 83xb1 25 8. 67—451 Remis. 13 8. 12xb1 D. e8—8^ ^vmorkunA. Diese kartie ist sebr elegant gespielt sebrvarr vortbsiäigis sieb vorrüßlieb, so 4ass sebliessliei» rveiss nur 4ureb „ewiges Lebaeb" Remis balten konnte. _ Lasxar Lolmann. 8cbv?arr. Stellung naeb äsm 23. Auge. -- «75 1896. „Augsburger PostMung". Mnstag, den 8. September Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbefitzer vr. Max Huttlcr). Ein furchtbares Geheimniß. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) 20. Kapitel. In Paplar Lodge. Eine halbe Stunde verging und Sir Victor kehrte nicht zurück. Edith spielte düstere Melodien. Endlich erhob sie sich und trat an's Fenster. Was mochte das Telegramm enthalten haben? Sie blickte hinaus. Der Wind heulte durch die Bäume und trieb die gelben Blätter wirbelnd vor sich her, der Mond schien nicht, aber zahllose Sterne funkelten am Horizont. Endlich ertönte ein Schritt; sie wandte sich lächelnd und blickte in Sir Victors ernstes, bleiches Antlitz. „Brachte das Telegramm schlimme Kunde? Betrifft es die Stuarts?" „Nein, es ist aus London und meldet, daß mein Vater im Sterben liegt." Schweigend sah sie ihn an. „Es ist sonderbar, wenn man nicht weiß, soll man die Kunde von des Vaters nahem Tode als eine gute oder schlechte Botschaft bezeichnen. In Anbetracht des Lebens, das er seit dreiundzwanzig Jahren geführt, kann man sein Scheiden nur als Erlösung erklären; seltsam ist aber, wie Tante Helena die Sache aufnimmt. Man sollte sie doch wohl für vorbereitet halten, sollte glauben, sie würde sich freuen, ihn endlich von all' dem Jammer befreit zu sehen; aber ich sage Dir, sie ist förmlich entsetzt." Edith schwieg; sie schien betäubt, gelähmt von Schrecken. „Ihr Entsetzen scheint aber nicht feinet- oder ihretwegen, sondern meinetwegen da zu sein", fuhr der Baron fort, „erklären kann sie nichts, sie hat alle Geistesgegenwart verloren. Uebrigens ist keine Zeit zu verlieren, wir müssen noch diese Nacht abreisen, und ich weiß nicht, wann wir wiederkehren. Mir aber ist der Gedanke, daß des Todes Schatten unsere Ehe umdüstern soll, unerträglich; ich fürchte eine zweite Verschiebung, fürchte, Dich hier allein zu lassen." „Denke nicht an mich, ich werde mich mit Musikalten und Büchern unterhalten, und Lady Arabella wird mich gelegentlich besuchen. Selbstverständlich muß der Grund dieser schnellen Abreise Geheimniß bleiben." „Versteht sich, es würde sonst endloses Gerede bringen. Ich freilich sehe nicht ein, weshalb man die Sachlage von Anfang an geheim hielt? Wenn ein Motiv vorhanden war, wird die Tante es mir wohl unterwegs sagen, und mir graut eigentlich, noch mehr zu hören, als ich bereits vernommen." Düster blickte er in die Sternennacht, die Ahnung kommenden Unheils lastete schwer auf ihm. Die Vorbereitungen zur Reise wurden schnell getroffen. Lady Helena schien Edith ganz vergessen zu haben und reichte ihr nur mechanisch die Hand, als diese vortrat. „Glaubst Du an Ahnungen?" fragte der Baron seltsam bewegt seine Braut, „mir ist, als treffen wir uns nicht wieder, wie wir scheiden, als häite sich bis dahin etwas zwischen uns gedrängt." „Ich glaube nicht an Ahnungen, plötzliche nächtliche Reisen aber bedingen unheimliche Gefühle, über die Du morgen bei Sonnenlicht lachen wirst. Zwischen uns wird sich nichts drängen." Er eilte hinab und bestieg den Wagen. Die Pferde zogen an und fort ging's in die dunkle Nacht. Edith stand noch am Fenster, als das Gerassel der Räder längst verklungen war. Seltsames Schweigen schien das Haus befallen zu habeu. Sie setzte sich gedankenvoll. Unfehlbar war ein Geheimniß, das die ermordete Lady Chateron betraf, im Spiele. Der Schmerz mochte ihren Gatten wahnsinnig gemacht haben; warum aber dies geheim halten? Warum ihn für todt ausgeben? Warum Juan Chateron schützen und den Mord ungerächt lassen? Weshalb Lady Helena's Abneigung gegen jede Hetrath ihres Neffen? Wer wußte ob nicht schon Wahnsinn im Gehirn des Mannes lauerte, dem sie ihr ganzes Leben widmen sollte? Konnten Titel und Reichthum dafür entschädigen? Sie erbebte. Die Prophezeihung, über die sie erst gelacht, widerhallte in ihrer Erinnerung. In vollster Jugendkraft und Schönheit Hütte ihre Vorgängerin der Tod erfaßt; was mochte ihr bevorstehen? Das Haus war grabesstill und erst als die Turmuhr die Mitternachtstunde verkündigte, erhob sie sich und ging zur Ruhe. Unterdessen trug der Bahnzug Sir Victor dem Wendepunkt seines Daseins entgegen. Still und bleich lehnte Lady Helena in der Ecke, und wenn er mit ihr sprach, antwortete sie einsilbig mit vollständig veränderter Stimme. Morgens erreichten sie die Metropole. Schwer und trübe hing die Luft über dem Thewse-Ba- 570 bylon. Regen drohte und begann während der Fahrt langsam zu fallen. Sir Victor kam es unglaublich vor, daß er jetzt den Vater sehen sollte, den Vater, der wie aus dem Grabe erstanden war. Sie bestiegen einen Wagen, und bald kamen die Bäume vom Regents-Park in Sicht. Lady Helena gab dem Kutscher ein Zeichen, und sie hielten vor dem Thore der einsamen Villa Poplar Lodge. Es war ein ödes, gefängnißarttges Haus; die es umgebende Mauer war hoch, dichte Bäume verhinderten jeden Einblick durch das Gitter. Und hier hatte sich Jnez Chateron zweiundzwanzig Jahre lang mit einem Irren und zwei alten Dienstleuten begraben. Mehrere Minuten vergingen, bis ein schlürfender Tritt sich näherte und die Thüre geöffnet ward. Ein weißhaariger Mann stand vor den Kommenden. „Kommen wir recht, Hooper?" fragte ihn Lady Helena athemlos, „ist Dein Herr noch — —" „Am Leben? Ja, Mylady." Der alte Diener heftete sein trübes Auge auf Sir Victor. „Wie sein Vater", flüsterte er, das greise Haupt schüttelnd. Eine andere Thüre öffnete sich; Jnez erschien auf der Schwelle, ihr bleiches Antlitz schien durch nichts blässer werden zu können, aber ihr dunkles Auge heftete sich voll unendlichen Mitleids auf den jungen Mann. „Ist er bei Verstand?" fragte Tante Helena wieder. „Ja, er ist seit gestern ganz vernünftig und verlangte sofort, daß nach seinem Sohne gesandt und ihm die Wahrheit gesagt werde." Schluchzend bedeckte Lady Helena das Gesicht. Jnez' Züge behielten die marmorne Ruhe. „Wartet einen Augenblick, ich muß ihm melden, daß Ihr gekommen seid." Gefaßt erwartete Sir Victor das Ende; er wußte, daß die Tante weinte, bittere Thränen um ihn. Grabesruhe schien über dem ganzen Hause zu liegen. „ Kommt I" rief Jnez' weiche Stimme. Schweigend schreiten sie die Treppe hinauf. Man hörte nichts als das Rauschen der Bäume und das Fallen des Regens. Unzerstörbar heftete sich das Bild in des jungen Mannes Seele. Des Zimmers düstere Beleuchtung, das große, weiße Lager, das Todtenantlitz des Mannes, der in den Kissen lag und ihn mit hohlen Blicken ansah — sein Vater — endlich I Wie bezaubert nahte er sich ihm. Fest heftete sich das gespenstische blaue Auge auf ihn, und die bleichen Lippen flüsterten: „Wie ich — wie ich war — Meta's Sohn!" „Mein Vater!" Er ließ sich entsetzt auf die Knie nieder. Zum ersten Male war er in Gegenwart des Todes, und der Sterbende war sein Vater, den er noch nie gesehen. „Wie ich" — sprachen die blauen Lippen wieder, „mein Gesicht, meine Größe, mein Alter. Mein Gott, wird sein Ende dem meinen gleichen?" Entsetzen durchbebte Alle. Der Sohn suchte des Vaters Hand zu fassen, er zog sie zurück. „Warte!" sprach er schmerzlich, „berühre mich nicht, sprich nicht mit mir. Knie nicht, Du weißt nicht, was Du hören sollst. Jnez, sag' es ihm jetzt." Mit unveränderter Miene bedeutete Jnez die Besucher sich zu setzen — es war, als könnte nichts «ehr sie erregen — — küßte den Sterbenden und begann mit fester Stimme die Erzählung. Eine halbe Stunde mochte verstrichen sein. Die Geschichte war erzählt. Schweigen herrschte im Zimmer. Mit verhülltem Antlitz saß Lady Helena regungslos in ihrem Stuhle, der Sterbende starrte seinen Sohn an, fester und fester umklammerte ihn der Tod. Jnez hielt seine Hand. Der Sohn hatte sich erhoben und stand bleich mitten im Zimmer. Was hatte er gehört? Wachte oder träumte er? War all' das geisterhafter Spuk — oder o Himmel. war es wahr? „Laßt mich hinaus", lauteten seine ersten Worte, „ich ersticke hier oder werde wahnsinnig." Wie ein Betrunkener wankte er der Thüre zu. Mit thränenden Augen und ausgestreckten Armen folgte ihm die Tante. „Victor, mein Junge, um Himmelswillen, sprich!" Er machte eine abweisende Bewegung. „Fort von mir", sprach er heiser, „lass' mich allein, noch kann ich mit Niemand sprechen." Barhaupt ging er hinaus in den Garten und schritt im Regen auf und ab. Eine Stunde verging, er kümmerte sich um nichts, er war betäubt und unfähig zu denken. Sein Inneres war ein Chaos und lange währte es bis die Fähigkeit des Denkens wiederkehrte. Plötzlich hörte er einen lauten Schrei. „Komm', komm!" rief die Tante und eilte den Pfad entlang, „er stirbt!" Sie zog ihn ins Haus, die Treppe hinauf ins Zimmer des Sterbenden. Aber der Tod war ihnen zuvorgekommen. Bleich und starr lag die Leiche vor ihnen. Schluchzend beugte sich Jnez über den geliebten Todten und benetzte sein Antlitz mit Thränen. Wie ein Steinbild stand der Sohn daneben und starrte auf das Todtenantlitz. 21. Kapitel. Wie der Trauungstag begann. Sechs Tage später kehrte Sir Victor und Lady Helena zurück. Für Edith war die Zeit angenehm und ruhig verstrichen. Auffallend war nur gewesen, daß in der ganzen Zeit nur ein Billet von Sir Victor einlief, ein seltsamer unzusammenhängender Brief, der des Vaters Tod und dessen Bestattung auf einem städtischen Friedhof, damit das Geheimniß seines Lebens und Todes unverletzt bleibe, meldete, und die Kunde brachte, daß das traurige Ereig- niß die Hochzeit nicht verschieben, sondern dieselbe am dritten Oktober stattfinden sollte. Hätte Edith den Verlobten geliebt, so hätte sein Schweigen sie verletzen müssen. Spät am Abend des sechsten Tages kehrten sie zurück. Der Baron umarmte seine Braut in stürmischer Freude, kalt entzog sie sich seiner Liebkosung. „Ich freue mich, Dich wiederzusehen", sprach sie ruhig, „aber Du stehst nicht gut aus, der Verlust hat Dich sehr angegriffen." Wirklich schien er um Jahre gealtert, und in seinen Zügen lag ein unbeschreibliches Etwas. Um ihn so zu verändern, mußte sich mehr ereignet haben, als der Tod des ihm unbekannten Vaters. Neugierig blickte sie auf ihn. Ob er ihr die Erlebnisse wohl mittheilte? Er that es nicht. Düster schaute er in die rothe Gluth und wiederholte, wie eine auswendig gelernte Lektion den Inhalt seines Briefes. Etwas lag darunter, das sie nicht wissen sollte. „Bleibt Miß Chateron in Johns Wood?" fragte sie gleichgiltig, um doch etwas zu sagen. „Vorerst, ja, später beabsichtigt sie zu reisen." „Kommt sie nicht nach Chateron Royals zurück?" Schmerzlich zuckte es um Sir Victors Mund. „Nein. Ihr Leben lang liegt sie unter dem Bann des Mordes." „Und sie ist unschuldig?" „Ja", entgegnete er ängstlich, beinahe scheu. Sie sollte das Geheimniß des Mordes also nicht erfahren. Lady Helena ließ sich an dem Abend nicht sehen. lieren und folgte ihr wie ihr Schatten. Hatte das Gespenst des Irrsinns ihn bereits erfaßt? Der erste Oktober — täglich mehr trat der Wechsel in Sir Victors Wesen hervor, er vermochte nicht zu essen, nicht zu schlafen, und ging, wie von Furien ge- peischt, bis in die Nacht auf und ab. Edith quälte das Gefühl banger Sorge. Der Gedanke, daß etwas geschehen müsse, daß die Trauung nie erfolgen würde, bemächtigte sich ihrer immer mehr. Sie durchwandelte die Räume vom Chateron Royals und es war ihr, als sollte sie nie dessen Herrin sein. In Carnavan war eine reizende Villa am Meeres- ufcr gemiethet, wo das junge Paar die ersten Wochen verleben sollte; ihr war's, als solle sie dieselbe nie sehen. Grotzmüllerchens Märchenschatz. Nach dem Originalgemälde von H. Werner. WZW i' !! UM» ZUM »HZ WWW MU. UM LzMW Als sie am folgenden Morgen zum Frühstück kam, erschrak Edith über ihren Anblick. Die schöne, stattliche, ältliche Dame hatte sich in ein schwaches, altes Weib, mit unsicherem Schritt, bebender Hand und durchfurchtem Gesicht verwandelt. Wie gebannt haftete ihr Auge auf dem Neffen, ihre Stimme wurde weicher, wenn sie mit ihm sprach, sie liebte ihn sichtlich, mehr denn je. Des Barons aber hatte sich eine fieberhafte Unruhe bemächtigt, die ihn wie einen ruhelosen Geist von Powys Place nach Chateron Royals und von Chateron Royals nach Powys Place trieb. Manchmal saß er stundenlang mit gerunzelter Stirn in düstere Gedanken verloren, dann wurde er wieder unnatürlich lustig, lachte und sprach wild, so daß Edith ihn verwundert betrachtete. In keiner Gemüthsstimwung aber mochte er sie aus dem Auge oer- Eine Art Apathie ergriff sie, sie ließ sich von der Zeit fortreißen; was sein sollte würde geschehen. Es war früh genug, aus dem Traume zu erwachen, wenn sie daraus aufgeschreckt würde. Am Vorabend der Trauung bekam die Braut Hals- und Kopfweh in Folge einer Erkältung. Lady Helena bestand auf feuchtwarmen Umschlägen und sandte sie nach Tisch sofort ins Bett. Der kurze Oktobertag senkte sich, die Gardinen wurden zugezogen, die Lichter angezündet. Lady Helena blieb lange bei Edith und küßte sie beim Gehen zärtlich. „Gute Nacht, Kind", sprach sie mit bebender Sümme, „Gott gebe, daß er Dich und Du ihn glücklich machst." Noch zögerte sie, das Auge thränenumflort, das Herz so voll. Worte schienen auf ihren Lippen zu zittern, 572 Worte, welche sie nicht auszusprechen wagte. Gerührt schlang Edith die Arme um der Tante Hals und legte ihr Antlitz einen Moment an die mütterliche Brust. „Ich werde mich bemühen, ihm ein gutes, treues Weib zu sein", flüsterte sie. Edith war allein, lag wie gewöhnlich hoch in den Kissen, die Arme um den Kopf geschlungen, das dunkle Auge auf das Feuer gerichtet. So betrachtete sie den zitternden Feuerschein an der Wand, das bleiche Mondlicht, das durch die Gardinen sich hereinstahl, lauschte dem Aechzen des Windes, dem Ticken der Uhr. Neun, zehn, elf Uhr; eine Stunde nach der andern verrann, und immer noch lag sie, ohne sich zu bewegen, ohne zu denken. Als die Uhr die zwölfte Stunde verkündete, sprang sie entsetzt auf. Ein neuer Tag, ihr Trauungstag I Unmöglich konnte sie länger ruhig bleiben. Sie sprang auf, kleidete sich an und schritt auf und ab. Eine Stunde verstrich. Ein Uhr schlug die kleine Uhr, ein Uhr klang es dumpf vom Thurme. Sie zog ein kleines, sorgsam verschlossenes Kästchen hervor und öffnete es. Es enthielt Rudolfs Photographie und die Briefe, die er ihr nach Sandypoint geschrieben. Sie las sie alle, einen nach dem andern und betrachtete das geliebte Bild. Was mochte er jetzt thun? Zweifelsohne schlief er ruhig und hatte sie vergessen, wie sie es verdiente. Gut, sie hatte es so gewollt und durfte nicht klagen. Seufzend legte sie Alles wieder in das Kästchen und flüsterte: „Leb' wohl, Rudolf!" Sie konnte sich nicht entschließen, die teuren Reliquien zu vernichten. Es mochte ungerecht sein, wann aber hatte Edith sich je in günstigem Lichte gezeigt? So lange sie lebte und Sir Victors Frau war, wollte sie Bild und Briefe nicht mehr besehen, zerstören aber konnte sie dieselben nicht. Als sie das Kästchen schloß, schlug es sechs Uhr; ein Sonnenstrahl blinkte herein und erfüllte das Zimmer mit goldenem Glänze. Wolkenlos und strahlend hatte sich die Sonne an Edith's Trauungstag erhoben. 22. Kapitel. Wie der Trauungstag endete. Sie trat an's Fenster und blickte hinaus. Auf Gräsern, Blumen und Bäumen funkelten Millionen Thauperlen. Im Hause war Alles munter, Sir Victor machte seinen Morgenspaziergang im Garten. Wie bleich und mager er aussah, so gar nicht wie ein glücklicher Bräutigam am Hochzeitstage! Bald erschien auch Lady Helena mit der Zofe und Edith wurde bräutlich geschmückt. Wie schön sie war in dem weißen Seidenkleide; das stolze, dunkle Antlitz blickte sternengleich aus den mystischen Wolken des Brautschleiers, ihr Haar krönte ein Myrtenzweig, kostbarer Schmuck blitzte um ihren Hals, ein Geschenk von Lady Helena. Der Bräutigam hatte ihr ein fleckenloses, weißes Bouquet gesandt. Um elf Uhr bestieg sie den Wagen und fuhr zur Kirche. Waisenkinder streuten Blumen und sangen den Festchor. Sie lächelte herab auf die kleinen, verwunder- ungsvollen Gesichtchen. Die Kirche war überfüllt. War es der Mühe werth, sich zu drängen, zu drücken, um sie getraut zu sehen? Eine Schaar Brautfräulein erwarteten die Braut, am Altare stand der Rector von Chesholm, bereit das unlösliche Band zu schlingen. Ein Gewürme! der Bewunderung durchflog die Menge, als Edith an Lord Westmores Arm durch das Schiff der Kirche schritt. Einen Moment später kniete sie an Sir Victors Seite und die Ceremonie begann. Laut und fest sprach die Braut ihr „Ja", in gebrochenem Ton flüsterte es der Bräutigam. Und was Gott zusammenfügt, soll der Mensch nicht trennen. Es war vorbei, sie war Lady Chateron, und nichts hatte sich ereignet. In der Sakristei werden sie von den Freunden umringt und beglückwünscht. Edith lächelt, Sir Victor aber ist bleich und lächelt nicht. Seltsame Idee, aber Edith war's, als sehe er sie voll Furcht an. An des Gatten Arm verläßt sie die Kirche. Beim Frühstücksmahl bemühte er sich umsonst heiter und unbefangen zu erscheinen, versucht in einer Rede den Gästen zu danken und es mißlingt. Eigenthümliches Schweigen beschleicht die Gesellschaft. Bereut der Baron so bald die Heirath mit dem bürgerlichen Mädchen? Nachdem das Frühstück vorüber, kleidete sich die Braut um und nahm in heiterer Ruhe von Allen Abschied. Unter festlichem Glockengeläute verließen sie Powys Place und der Wagen rollte der nächsten Bahnstation entgegen. Kein Wort wurde gewechselt. Wieder tauchte in Edith der Gedanke auf, daß Sir Victor sie fürchte. Wie seltsam er aussieht, wie sonderbar er von ihr Abstand nimmt, wie unverwandt er zum Fenster hinaus- starrt und ihren Anblick vermeidet! War er irrsinnig? Die alte Prophezeihung hallt in ihrer Seele wieder, Geisterstimmen scheinen ihr ins Ohr zu flüstern: „Der Bräutigam am Hochzeitstag verwittwet steht: Erlischt der Stamm — der Name selbst vergeht." Sollte sich das erfüllen? Sie blickt auf ihren Gatten hatte je ein Mann am Trauungstage solch' steinernes Gesicht? Und doch hatte er sie aus Liebe geheiratet, nur aus Liebe. Wie sollte an seiner Seite sich ihr Leben gestalten? Golden neigte sich die Sonne gen Westen, als sie Wales erreichten und die Equipage sie nach der Villa in Carnavan brachte. Die junge Frau begab sich sofort in ihr Toiletten- zimmer. Sir Victor murmelte, er wolle am Strande eine Cigarre rauchen, während sie ruhe. Nachdem Edith Gesicht und Hände gewaschen, trat sie in den kleinen Salon und warf sich in ein Fauteuil am offenen Fenster. Purpurverbrämt sank die Sonne hinab, die Kämme der Wogen erblitzten gleich zahllosen Diamanten. Es ist wunderbar schön, aber einschläfernd; ihre Lider sinken, sie schlummert. Etwa eine Viertelstunde entfernt schreitet Sir Victor am Strande auf und ab, zu seinen Füßen murmelt und plätschert die unendliche See; über ihm trillern die Vögel, nirgends ist eine menschliche Seele. Rastlos geht er auf und nieder, die Hände geballt, die Lippen fest geschlossen. Jetzt bleibt er stehen und blickt verzweifelnd hinaus auf die schimmernde See. Wie beseelt von göttlicher Inspiration fällt er auf die Knie und breitet die Arme dem strahlenden Firmament entgegen. Ein stürmisches Gebet entströmt seinen Lippen. Niemand hört es, als die schlafende See, die zwischernden Vögel und Er, der sie ge- 8 Der Dom zu Mrtzlar. 574 schaffen. Endlich fällt er auf sein Angesicht und bleibt liegen wie ein Stein. Handelt und spricht so ein vernünftiger Mensch? Ueber eine Stunde liegt er regungslos, dann erhebt er sich schwerfällig. Seine Züge sind ruhiger, es sind die Züge eines Mannes, der einen verzweifelten Kampf gefochten, einen verzweifelten Sieg errungen hat. Ein eiserner Entschluß ist ihnen eingeprägt Geisterhaft bleich schreitet er der Villa zu und steht seine Braut friedlich am offenen Fenster schlummern. Sieht so lieblich aus, er aber bebt zurück wie von einem furchtbaren Schlage getroffen. „Schlafend", flüsterte er, „auch sie schlief." Einen Moment steht er wie gebannt, dann stürzt er ins Speisezimmer, wo Alles von Krystall und Silber funkelt. Hastig schreibt er einige Zeilen, faltet das Blatt und trägt es in das Zimmer, wo Edith schlief. Er legt es auf den Tisch, sinkt vor der jungen Frau auf die Kniee und küßte thre Kleidung, ihr Haar, ihre Hände. Sie bewegte sich im Schlaf, und wie von Furien gejagt, eilt er aus dem Hause. Eine Stunde später passirt der Courierzug nach London die Station Carnavan. Ein Passagier wartet auf dem Perron und veschwindet in einem Coupö erster Klasse. Die Lokomotive pfeift, keuchend setzt sich der Zug in Bewegung, und führt den Bräutigam gen Englands Metropole. (Fortsetzung folgt.) —-«-«« 4 —-- Das Londoner Wirthshaus. Im Jahre 1892 hat das englische Volk 140,866,262 L. für Getränke verausgabt, und nach der Berechnung des Mäßigkeits-Apostels Sir Wilfrid Lawson während der letzten 20 Jahre 250 Millionen Pfund Sterling, also über fünf Milliarden Franken, dem Bacchus geopfert. Mehr als ein Drittel des Gesammtein'ommens verdankt der Staat dem Alkohol und dem Tabak; übersteigt doch der Zoll und die Steuer auf Spirituosen 225 Millionen Franken. Die Steuer auf Bier beträgt 200 und der Zoll auf Tabak über 225 Milk. Franken. Man hat berechnet, daß im Jahre 1892, als sich die Einwohnerzahl im vereinigten Königreiche auf 38,109,329 Personen beließ eine Ausgabe von rund 80 Franken für geistige Getränke auf Männlein und Weiblein entfiel, und daß jede Familie, aus fünf Personen bestehend, in demselben Jahre circa 400 Franken im Wirkhshause draufgehen ließ. England verbrauchte in demselben Jahre 28,756,849 Faß Bier, Irland 1,289,019 Faß; England mit Schottland vertrank 34,035,522 Gallonen geistiger Getränke, wäbrend Irland sich mit 5,476,934 begnügte; die Weintrinker der beiden erstgenannten Länder vertilgten die anständige Menge von 13,161,011 Gallonen Wein, während die der ärmeren Schwesterinsel sich mit 1,462,334 Gallonen begnügten. . Kein Zweifel kann darüber obwalten, daß die unteren Klassen im Verhältniß zu ihrem Einkommen eine größere Summe jährlich für Getränke verausgaben als die höheren Klassen; ja, der Statistiker Professor Lcvi hat sogar berechnet, daß auf die englische Arbeiterklasse 60 Procent der jäbrlichen Ausgaben für Getränke entfällt, so daß dieser Berechnung zu Folge im Jahre 1892 über 70 Millionen Pfund aus den Taschen der Arbeiter in die der Schankwirthe flössen. Kein Wunder daher, daß sich die Temperenzler beim Durchlesen dieser Zahlen die Haare raufen und darauf hinweisen, daß diese Summe genügen würde, den Arbeitern eine Alterspension zuzusichern. Sie behaupten, daß vom Augenblick, wo die jährliche Getränkerechnung um die Hälfte falle, England zum irdischen Paradies sich umgestalten würde. Die Herren Wassertrinker werden aber noch lange warten müssen, ehe ihr Millennium auf solche Weise in England verwirklicht wird, denn anstatt abzunehmen, steigt die Getränkerechnung jährlich. Jahr um Jahr klagt der Schatzkanzler beim Vorlegen des Budgets scheinheilig über die vermehrten Einnahmen, die in den Staatssäckel aus den Taschen der Trinker fließen; Jahr um Jahr dankt dieser heimlich dem lieben Herrgott, daß die Trinker in England noch nicht alle sind. Soviel zur Einleitung. Sehen wir uns nun einmal an Hand eines Genrebildchens der „Straßb. Post" ein Londoner Wirthshaus näher an. Für einen Deutschen, der an „Gemüthlichkeit" gewöhnt ist, bietet das englische Durchschnittswirthshaus wenig Anziehendes. E euer Erde befinden sich gewöhnlich rechts und links vom Haupteingange zwei Schanktische, sogenannte Bars, an denen Getränke an Stehgäste verabreicht werden. Dieses Amt wird in den meisten Wirthshäusern von Damen, sogenannten izarrnaids, be- ' sorgt, gewöhnlich hübschen Mädchen, die gern bereit sind, sich mit den Herren Gästen in ein Gespräch einzulassen, auch Geschenke nicht verschmähen rc. Ihr Gehalt beträgt meist 10 bis 15 Franken per Woche. Die werthvollen Ohrringe, Broschen und Armbänder solcher starrnaläs in den bessern Schankwirthschasten sind gewöhnlich Geschenke ihrer zahlreichen Verehrer In mehreren Wirthschaften in der Altstadt findet man kleine, abgeschlossene Bretterverschläge — oastinots xartivuliors — wo der Citymann in Frieden mit seinem Kunden über einem Glase Wein sein Geschäft erledigen, Verträge unterzeichnen, Geld auszahlen kann. Wie großartig die über einem Glase Wein abgeschlossenen Geschäfte zuweilen sein können, wurde mir einmal klar, als ich in einer Kneipe nahe der Wollbörse in Coleman-Street zwei Geschäftsleute, wahrscheinlich Baumwollenmakier, über Waaren im Werthe von etwa 250,000 Franken unterhandeln hörte und sie sich den Kaufhandschlag geben iab. In den Wirthshäusern der journalistischen Fleet-Street werden die Heben häufig mit dem Vorlesen des witzsprühenden Aussatzes eines angehenden Journalisten, dem funkelnagelneuen Gedichte eines zukünftigen xoöts. laursatus erquickt. In der Mitte des Schankzimmers läuft gewöhnlich ein hohes, mit Spiegelglas ausgeschlagenes hölzernes Gestell; hier stehen auf den verschiedenen Brettern mit bunten Marken versehene Flaschen Whisky, Brandy, Wach- holderbranntwein, Portwein, Sherry und Liqueure aus aller Herren Ländern, die sich beim Gaslichte in allen möglichen Farben widerspiegeln. Auf einem anderen Gestell thürmen sich die Cigarren-Kisten auf; Cigarren kann man hier von einem Penny an bekommen; doch würde ich die Penny - Cigarre kaum meinem ärgsten Feinde empfehlen. Auf einem kleinen Servier-Tische laden Stilton-, Cheddar- und Gcuyörc-Käse zum Imbiß ein; daneben kann man sich an den sogenannten porlr- pies, d. h. Schweinefleisch-Pasteten, die mit Pickles aufgetragen werden, oder an warmen Würsten und Kartoffelbrei gütlich thun, oder sich mit den einfachen 575 Genüssen eines Bisenits oder eines sogenannten Sandwich — ein Schinkenbrödchen, das nach dem Namen seines Erfinders, des Carl of Sandwich, getauft ist — begnügen. Nebenbei gesagt, ist diese Erfindung die einzige That in der Lebensgeschichte des edlen Lords, die ihn zur Unsterblichkeit berechtigt; Fleischbrühe und gebratene Würstchen im Winter sind eine neue Einrichtung, die der englische Schankwirth erst vor Kurzem seinem festländischen Bruder abgelernt hat. Der englische Schankwirth hält sich so streng an den Stände-Unterschied wie der Jndier und sondert daher die gewöhnliche Heerde von den Gentlemen in einem besonderen Schankzimmer ab, auf dessen Thür mit großen Buchstaben zu lesen ist: „Oeffentliches Schankzimmer" (kubliv Bar), während die Gentlemen — ohne ihre Damen — die für sie reservirte Abtheilung mit der Aufschrift „Olöntlsmeu vul^" benutzen. Selbst im Ostende, im berüchtigten Ratcliffe Highway, einer Straße, die selbst der Polizei Schrecken einflößt, liest man auf den Wirthshausthüren die dort etwas sarkastisch klingende Inschrift „Oleut- löluön onl^!" Freilich muß der Gentleman auch dafür zahlen, daß er ein Gentleman ist, denn in der ihm vor- behaltenen Abtheilung kann er keine Getränke unter zwei Pence erhalten, während in der für das gewöhnliche Volk Bier und Rum für einen Penny das Glas zum Verschonte gelangt. In den bessern Wirths- bäusern im Westende sieht man in der O^ntlsruan Dar gewöhnlich noch dazu auf einem Schilde die Anzeige: „In dieser Abtheilung kosten die feineren Schnäpse durchweg drei Pence das Glas" — eine Anzeige, die viele Leute sofort in die öffentliche Abtheilung verscheucht, wo sie für dasselbe Geld die doppelte Quantität von Wachholderbranntwein zu sich nehmen können. Natürlich hat dieser Unterschied im Preise auch eine gewisse Scheidung der Stände zur Folge; in der einen Bar amüsirt sich die starken Tabak rauchende, spuckende, schmierig gekleidete Menge; in der andern der Gentleman im Cylinder, mit der Cigarre oder Cigarette im Munde. Eine andere Eigenthümlichkeit, die dem Fremden beim Besuch einer englischen Kneipe sofort auffällt, ist die, daß das gewöhnliche Volk fast immer aus großen Zinnkrügen trinkt, während der „Gentleman" ein Glas vorzieht. Die Zinnkrüge werden häufig von Falschmünzern gestohlen und zu halben Kronen umgeschmolzen; daher denn an der Bar die Bekanntmachung prangt: „Eine Guinee Belohnung dem, der einen Zinnkrugdieb erwischt!" und dieser reiht sich die zweite an: „Kein Fluchen und kein Wetten erlaubt!" Zur Erleichterung des Gastes, dem das schwere englische Bier zu Kopf gestiegen ist, finden sich vor dem Wirthshause Bänkelsänger aller Art ein, die mehr oder weniger gute Vortrüge geben und durchwegs vorzügliche Geschäfte machen. Dies ist besonders an Samstagen der Fall, wo die Zechbrüder ihr Wochengehalt in der Tasche haben und daher auch freigebiger sind. Die italienischen Drehorgelspieler, Musikanten auf der Flöte, Violine, Ziehharmonika und Harfe, ja, ganze Quartette finden vor dem Wirthshause ihren regelmäßigen Lebensunterhalt. Zu dieser Klasse gehört auch ein geheimnißvoller Sänger, der nach und nach die verschiedenen Viertel der Riesenstadt durchzieht. Auf einem mit einem Pferde bespannten Fuhrwerke, das von seinem eigenen Kutscher geleitet wird, steht ein echtes, salonfähiges Piano, davor sitzt der Sänger, mit einem großen, über die Stirn gedrückten Schlapphut und blauer Brille angethan, und begleitet seine wunderschöne, klangvolle Tenorstimme mit kunstfertigem Tastenspiel. Hört man den Mann so vor dem Wirthshause spielen, so kann es einem nicht entgehen, daß man es mit einem wirklichen Künstler zu thun hat. Der Kutscher sammelt das Geld und sagt „Nur Silber!" zu den Zechbrüdern. Thatsache ist, daß diesem Verlangen gewöhnlich Folge geleistet wird. Ein Künstler ganz anderer Art machte noch vor mehreren Wochen die Runde durch die Wirthshäuser — ich las kürzlich seinenNekro- log in der „Times" — und ergötzte die Trinkgäste, indem er Korkstöpsel, Ketten usw. verschlang. Gewöhnlich wettete er einenSchilling, er sei bereit, einen halben Penny, eineZeitung, eine Kugel zu verschlucken; die Wette wurde von den Stammgästen angenommen und — verloren, denn dem Schlunde dieses Künstlers kam alles recht, ob Wurst, ob Thonpfeife. In der pflichtgetreuen Ausübung seines Berufes ist er an zerlöcherten Eingeweiden dahingegangen; ein Opfer des „Kampfes ums Dasein". Der ärztliche Bericht sagt: Wir fanden in seinem Magen eine Kugel, 30 Korkstöpsel, 20 Stücke Staniolpapier, eine 18zöllige Schnur mit zwei daran befestigten Stöpseln und ein Ozölliges Stück Leder mit zwei Haken. Einer der Haken und ein Stück Staniol verursachten seinen Tod. Daneben wird das Wirthshaus von einer Unzahl von Hausireru heimgesucht, die ihre Waaren, als da sind Schuhriemen, Manschettenknöpfe, Streichhölzer und selbst Operngucker, leicht loswerden, denn ein Käufer, der drei oder vier Gläser starken Whisky getrunken, ist weder wählerisch, noch knauserig. Die Zeitungsverkäufer bringen hier jeden Abend pünktlich ihrem sportliebenden und wett- lustigcn Kunden, der regelmäßig um dieselbe Stunde in Uilla Uewman, das Elternhaus der deutschen Kaiserin. DWNU WM 576 derselben Ecke sitzt, sein Leiborgan, dessen Inhalt er mit gierigem Blicke verschlingt und dann, falls er gewonnen, mit lauter Stimme „einen Schoppen für Jedermann in der Bar" bestellt oder, falls er verloren, entsetzliche Flüche über sein gewöhnliches Pech zum Besten gibt. Der Engländer huldigt mit Leib und Seele der Göttin des Spielglücks, des Zufalls, und ein Monte Carlo in England würde die ganze Nation an den Bettelstab bringen. Er betritt mit einigen Fremden das Wirthshaus; sofort heißt es: die Münze auswerfen um die Schoppen. Nun zieht jeder eine Handvoll Pence aus der Tasche, legt sie auf den Schanktisch, und der Mann, der die wenigsten Pence mit dem Kopfe der Königin nach oben auszuweisen vermag, hat die Zeche zu bezahlen. — Vielleicht werden noch folgende Zahlen den Leser in- teressiren: London allein zählt über l 5,000 Wirthshäuser; England und Wales 123,868 oder eins auf je 287 Einwohner, und jeder Gastwirth, der mehr als 700 Pfund jährlich einnimmt, hat für seine jährliche Schankerlaubniß 60 Pfund an den Staat zu erlegen. 8» unseren Bildern Alte Märchen. Wenn ich ein Märchen hörte In meiner Jugendzeit, Von Lieb', die ewig währte Von Prinz nnd von Königsmaid, — Eine Sage aus goldenen Landen, Vom Drachenkampf ein Lied, Von Herzen, die sich fanden, Von Herzen, die man schied, — Dann mußt' ich vergessen im Frieden Des Traumes, was um mich ist, Vergessen, daß man hienieden Auch einmal mich vergißt. Mußt' suchen immer anf's neue Nach Schätzen im Märchenreich, Nach Muth, nach Kraft und Treue, Nach Liebe goldesgleich. Diese Schätze der Rittertugend Schloß ich in's Herz hinein, Erkaufte damit meiner Jugend Das Recht, unsterblich zu sein. Bruno Mohren. Der Dom zu Mrtzlar. Die im preußischen Regierungsbezirke Koblenz, am Einfluß der Dill in die Lahn, 145 Meter über dem Meere gelegene Stadt Wetzlar entstand aus einer königlichen Villa und wurde im 12. Jahrhundert freie Reichsstadt. In diese Zeit fällt auch die Gründung des merkwürdigen Domes dieser Stadt, an dem verschiedene Jahrhunderte mitgebaut baben und der noch beute unvollendet dasteht. Der Chor des Domes ist für den kathol. Gottesdienst bestimmt, während das Schiff den Protestanten zur Benützung überlassen ist, welch letztere ungefähr fünf Sechstel der Gcsammtbevölkerung ausmachen. Wetzlar, welches von 1693 bis zur Auflösung dcS Deutschen Reiches im Jahre 1806 Sitz deS ReickSkammergerichts war, ging seiner Reichsfreiheit durch den Reichsdeputationsbanptschluß anno 1803 verlustig Vor 100 Jahren, am 15. Juni 1796, fand bei Wetzlar ein Gefecht zwischen den Oestcrreichern und Sachsen unter Erzherzog Karl und den Franzosen unter Jonrdan statt, dessen Ausgang den Rückzug der letzteren bei Neuwied über den Rbein zur Folge hatte; zum Andenken an diesen Sieg ist vor 50 Jahren, 1846, auf dem Schlachtfelde ein Denkmal errichtet worden. Ein Jugendheim der deutschen Kaiserin. Nicht nur zu Dolzig in der Niederlausitz, woselbst sie am 22. Oktober 1858 das Licht der Welt erblickte, auch zu Gotha, Kiel, Primkenau und an den Ufern der Elbe verlebte die deutsche Kaiserin Viktoria Elisabeth Augusta Charlotte aus dem Hause Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg sonnige wie trübe Jugendtage. Trübe, denn sie war die Tochter ihres Vaters, Friedrichs VIII., eines echten Sohnes 1er Insel Alsen, der für sein Wort: „Mein Recht ist Eure Rettung" schlimme Erfahrungen machen, aber schließlich doch der politischen Nothwendigkeit Heerfolge leisten mußte. Die Kämpfe des Vaters waren aber auch die Kämpfe seiner ältesten Tochter, seine Thränen waren auch ihre Thränen, doch wenn sein Herz lachte, hat auch das ihrige gelacht, denn sie liebte den Vater über alles. Alte Kieler entnimm sich noch sehr wohl der Kaiserin, wie sie als Kind am Strande zu Düsternbrook kleine Kieselsteine über die Meeresfläche warf und Kuchen aus Strandsand formte. Unser Bild gibt eine Ansicht der Villa Newman in Nienstedten bet Hamburg wieder, in welcher die herzog'icke Familie eine Zeit lang domizilirte. Aber auch in diesem Eltcrnhause wird Friedrichs VIII. Licblingstochter schwerlich geahnt haben, daß ihr hellblondes Jngeborg-Haar noch dereinst von dem Diadem der deutschen Kaiserin umstrahlt werden würde. Die Villa macht einen durchaus bürgerlichen, bescheidenen Eindruck; bescheiden wie diese Villa ist das Herz der Kaiserin geblieben. ^V. L. Allerlei. Ein junger Kaufmann in Aachen mußte dringender Geschäfte halber nach Köln reisen. Der junge Mann wickelte seine Geschäfte schneller ab, als er dachte, und wollte am dritten Tage heimkehren. Am Nachmittag erhielt seine Frau von ihm folgendes Telegramm: „Komme heute Abends 7 Uhr." Damit wollte er nur sagen, daß er Abends 7 Uhr hier sein wollte; weil nach dem kaufmännischen Briefstile der Kürze halber das „Ich" weggelassen war, fuhr seine Frau sofort nach Erhalten der Depesche nach Köln, um, dem Wunsche ihres Mannes entsprechend, Abends 7 Uhr dort zu sein. Welch' beiderseitiger Schrecken! Er hier, sie dort! Er eilte auf's Telegraphenbureau und telcgraphirte seiner Frau nach Köln: „Komme morgen mit dem ersten Zuge." Damit wollte er kaufmännisch kurz sagen, daß er andern Tages mit dem ersten Zuge nach Köln reisen werde, um sie zu holen. Seine Frau faßte die Depesche wieder auf wie jedes andere Menschenkind und reiste am andern Tage mit dem frühesten Zuge nach Aachen, um ihren Gatten doch endlich wiederzusehen. Doch welche neue Täuschung! Jetzt reiste er, ohne zu telegraphiren, sofort nach Aachen zurück; er fand seine Frau in Thränen gebadet zu Hause. -—-- Me Aase. Sah am Weg ein Röslein steh'n, Wollt' es brechen mir vom Strauch; Denn micb nimmer weitergeh'u Ließ der zarten Düfte Hauch. Doch als ich das Röschen brach In dem rothen Blüthenkleid, Unverseh'ns ein Dorn mich stach, Und um's Pflücken war's mir leid. Menschenkind, im Taumel hier Trinkst den Freudenbecher du, Freudumrauschet sage mir: „Fandst du die ersehnte Ruh'?" „Ach, die Freud' der Rose glich! Wollt' genießen sie das Herz, Bald die reine Freude wich; Denn sie war gemischt mit Schmerz." Robertus, 8. I). 8. --EZS-- M76. Freitag, den 11. September 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabhcrr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Ein fnvchtbaves Geheimnis;. Dem amerikanischen Originale der MrS. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) 23. Kapitel. Am folgenden Tage. Des Sonnenunterganges letzte Nöthe war verblichen, silbern blinkten die Sterne, der Mond spielte sich in der See, als Edith lächelnd erwachte. Im Traume war sie in Sandypoint, an Rudolfs Seite gewesen, hatte die auf immer verschwundenen Zeiten durchlebt. Nun erwachte sie, um das Mondlicht hereinsirömen zu sehen, der Nachtluft Geflüster, das sanfte Anschlagen der Wellen an die Küste zu hören, und erhebend, sich als Sir Victors Weib wiederzufinden. Es war ihr Hochzeitstag. Ihres Lebens ehrgeizigen Träume waren glänzend erfüllt, und doch lag ihr Herz wie ein Stein iu der Brust. In der Stunde fürchtete sie sich und ihren Mann. Sie erhob sich fröstelnd und blickte in dem vom Mondlicht schwach erhellten Zimmer umher. Sir Victor war nicht da. Dreiviertel auf sieben Uhr; natürlich erwartete er sie ungeduldig im Speisesaal. Unbeachtet lag das Billet auf dem Tische. Sie läutete. „Ist Sir Victor im Speisezimmer, Jamison?" fragte sie den vertrauten Diener, in dessen Zügen sich Staunen malte. „Sir Victor? Mylady, ich — ich dachte, Sir Victor wäre hier." „Sir Victor ging nach unserer Ankunft an den Strand, ich fragte, ob er zurückgekehrt sei?" „Ich sah ihn vor mehr als einer Stunde. Mylady schliefen am Fenster, als er kam. Er begab sich in den Speisesaal, schrieb einen Brief und trat dann hier ein." Edith horchte mit steigender Verwunderung. „Wenn Mylady erlaubt, zünde ich die Kerzen an und sehe nach, ob Sir Victor in einem andern Zimmer ist." Sie nickte bejahend. Als es hell geworden, bemerkte Jamison sofort das Billet auf dem Tische. „Hier ist ein Brief, Mylady." „Gut", sprach sie kurz und sich mühsam beherrschend, „wenn ich Sie brauche, werde ich läuten." Er verließ das Zimmer mit einer Verbeugung. Sie zauderte, das Siegel zu erbrechen. Was sollte das bedeuten? Warum schrieb ihr Sir Victor und entfernte sich? Endlich ermannte sie sich und las die hastig geschriebenen Zeilen: „Um Himmelswillen, bemitleide mich und vergib. Wir werden uns nie mehr sehen. O, Geliebte, glaube, daß ich Dich nie halb so sehr liebte, als jetzt, wo ich Dich verlasse. Liebte ich Dich weniger, ich wagte zu bleiben. Mehr kann und darf ich nicht sagen, mich bindet ein dem Todten und den Lebendigen gegebenes Versprechen. Ein schreckliches Geheimniß, Sünde, Schande und Schuld sind dabei betheiligt. Geh' zu Lady Helena, mein geliebtes Weib und leb' wohl! Mein Herz bricht beim Schreiben des grausamen Wortes, das geschrieben werden muß. Leb' wohl! Ich habe nur ein Gebet im Herzen, nur einen Wunsch in der Brust, daß mein Leben kurz sei. Victor." Sie stand wie betäubt. War das ein Traum oder war ihr Mann plötzlich dem Irrsinn verfallen? Sie saß ruhig nnd versuchte zu denken; wieder und wieder las sie den Brief. Konnte ein vernünftiger Mensch ihn schreiben? „Ein schreckliches Geheimniß, Sünde, Schande und Schuld sind dabei betheiligt." Betraf daS Geheimniß seiner Mutter Tod? Doch wie sollte er sie deshalb verlassen? Welch' furchtbare Enthüllung war ihm an seines Vaters Todtenbett geworden? Seit der Zeit war er nicht mehr er selbst gewesen. Ein Gedanke durchzuckte ihr Gehirn, schrecklich und unnatürlich genug, aber wie sollte selbst das, falls es wahr wäre, ihn veranlassen, sie aufzugeben? „Liebte ich Dich weniger, so wagte ich bei Dir zu bleiben", welche Notomontade war das? Beweisen Männer ihre Liebe dadurch, daß sie ihre Frauen verlassen? Es schien außer Zweifel, daß er irrsinnig geworden, ob des Vaters Tod. Zeitweise war er sichtlich vor ihr zurückgebebt, schien sie zu fürchten. Es war das Aufdämmern des Familienwahnsinns. Des Vaters fixe Idee war, sich einzusperren und sich für todt auszugeben, jene des Sohnes, die Braut am Hochzeitstage zu verlassen. Welch' herrliche Nacht es wart- Was that man in Sandypoint? WaS that Trixy, was Rudolf? Sie hatte beschlossen, nicht mehr an ihn zu denken, jetzt schwebte ihr fein Bild im Strahl deS Mondes vor, bleich, ernst, verachtungsvoll. „Wie muß er mir zürnen, mich verachten", dachte sie. „WaL immer Dir das neue Leben bringen mag, mich darfst Du nicht tadeln", hat er mir an jenem regnerischen Morgen in Sandypoint gesagt. Wie lange scheint das her, welche Ewigkeit seit jener Nacht im Schnee! O, daß ich damals an seiner Seite gestorben wäret". 578 Sie ließ den Kopf auf das Fenstergesimse sinken und bewegte sich nicht. Stunde um Stunde verrann. Sie weinte nicht, sie fühlte nur einen dumpfe'.!, unbeschreiblichen Schmerz im Herzen. Sie hatte das ersehnte Ziel errungen, war die Gemahlin eines reichen Aristokraten, um dessenwillen sie dem geliebten Manne entsagt, und das war das Ende! Gegen Mitternacht erst legte sie sich zur Ruhe. Oft find Sorgen das beste Schlafmittel, traumlos schlief sie bis zum Morgen. Als sie erwachte, richtete sie sich auf und blickte verwirrt um sich. Da blitzte der Gedanke an die Ereignisse deS gestrigen Tages auf, und sie rüstete sich entschlossen zur Abreise. Wie schnell waren ihre Flitterwochen zu Ende. Sie lächelte seltsam bei diesem Gedanken. Gegen Abend erreichte sie Powys Place, erschrocken wich der Bediente zurück bei ihrem Anblick. „Ist Lady Helena zu Hause?" Sie war zu Hause; noch blickte der Mann sie entsetzt an. Sie eilte an ihm vorüber und begab sich unangemeldet zu der Dame Privatgemächern. „Herein!" rief eine bekannte Stimme. Edith trat ein. Lady Helena stieß einen Schrei aus und blieb wie verzaubert vor ihr stehen. „Edith!" keuchte sie endlich, „was ist'L? Wo ist Victor?" „Ich weiß es nicht, ich habe ihn seit gestern Nachmittag nicht mehr gesehen." Lady Helena bewegte stumm die Lippen. Sprachloser Schrecken hatte sie befallen. „Ermüdet von der Reise schlief ich am Fenster ein", erzählte Edith ruhig, „nachdem Sir Victor mich verlassen, um, wie er sagte, am Strande spazieren zu gehen. Ich erwachte um sieben Uhr und befand wich noch allein. Er war inzwischen gekommen und gegangen." „Gegangen?" „Ja, und diesen Brief hat er hinterlassen; Sie sehen, daß ich nur auf seinen Wunsch hierher zurückkehre." Die Tante las das Billet erbleichend. „So früh", flüsterte sie, „o, ich fürchtete es." „Sie fürchteten es? Heißt das, daß Sie den Brief verstehen?" „Ich glaube, ja." „Habe ich einen Irren geheirathet?" Lady Helena stöhnte. „Wahnsinn liegt im Blute Chaterons", fuhr Edith fort, „sein Vater starb im Irrsinn, hat der Fluch nun auch den Sohn an seinem Hochzeitstage befallen?" Lady Helena schluchzte krampfhaft, es war ihre einzige Antwort. „Für Sie ist eS traurig", sprach die junge Frau düster, „denn Sie liebten ihn." „Und Du nicht?" fragte die Tante tonlos, „hei- r'Ähetest Du meinen Neffen ob seines Ranges und Reichthums? O, besser wäre es für ihn gewesen, er wäre gestorben bevor er Dich gesehen!" „Viel, viel besser für ihn und mich. Ja, ich hei- räthete ihn ob seines Ranges und Reichthums, ich liebte ihn nicht, ich liebte meinen Vetter und verdiene Alles, was über mich geht. Nun habe ich die Wahrheit gesagt und frage nicht, von welchem Geheimniß er spricht, aber ich möchte Sie bitten, nach ihm forschen zu lassen; wenn er irre ist, sollte er nicht sich selbst überlassen bleiben." „Irre? Er ist so wenig irre wie Du." „Nicht irre?" flüsterte Edith erbleichend, „nicht irre, und — er verläßt mich." „O, mein Gott, was habe ich gesagt? Vergib mir, Edith, ich weiß nicht, was ich rede. Lass' mich allein, auf daß ich die Sachlage zu fassen suche." „Gut, ich werde Sie heute nicht mehr stören." Sie wandte sich zur Thür; Lady Helena folgte ihr und umarmte sie weinend. „O, mein Kind, es ist schrecklich für Dich und mich, aber warum bist Du so eigenthümlich kalt? Du siehst aus wie erstarrt." „Ich fühle mich so", stöhnte sie, „ich kann nicht weinen, ich glaube, ich habe kein Herz." Langsam schritt sie aus dem Zimmer und begab sich in die liebgewordenen Räume. Der Abend war stürmisch und regnerisch. In später Stunde läutete es, und der Bediente erblickte in der Dunkelheit eine verhüllte Mannesgestalt. „Ist Lady Helena zu Hause?" fragte eine heisere Stimme. „Ja, aber zu solcher Stunde empfängt sie keine Besuche." „Geben Sie ihr daS, und sie wird mich empfangen." Trotz der Verhüllung lag im Wesen und der Stimme deS Fremden etwas Bekanntes. Der Bediente brachte den Brief seiner Herrin. „Weise den Herrn sofort in die Bibliothek", befahl sie, «ich komme." Der Fremde behielt Hut und Mantel an. Das Zimmer war schwach erleuchtet, er blieb im Schatten stehen. Lady Helena erschien bleich auf der Schwelle. „Bist — bist — Du eS?" stammelte sie. Sie nahte langsam und richtete den entsetzten Blick auf das verhüllte Gesicht. „Ja, ich bin'S, bitte, schließe die Thür." Sie entsprach und Sir Victor warf die ihn verhüllenden Kleider ab. 24. Kapitel. Der Tragödie zweites Ende. Trübe und regnerisch graute der Morgen über Powys Place. Edith schritt stundenlang im Zimmer auf und nieder. Das Bild ihres verlassenen, verlorenen Lebens rollte sich auf. Verlassen in der Stunde des Triumphes, gedewü- thigt wie noch nie eine Braut, der Gegenstand des Hohnes, des verächtlichen Mitleids aller Welt. Und was würden Rudolf und Trixy sagen, wenn sie davon hörten? Um Reichthum und Rang hatte sie sich verschachert, und das war das Ende. Sie litt furchtbar, ihre Züge verzerrten sich vor innerer Qual. Als sie aber zum Frühstück hinabging, hätte der schärfste Beobachter nichts davon bemerkt. Was auch kommen mochte, sie schien zu Allem bereit, auf Alles gefaßt. Bleich und zitternd erwartete sie Lady Helena. „Als ich eben aus meinem Zimmer trat", begann Edith nach der ersten Begrüßung, „flüsterten zwei Bediente im Corridor. Als sie mich sahen, schwiegen sie sofort, aus den wenigen Worten aber, die ich vernommen, schließe ich, daß mein Mann gestern hier war." Die Tante ließ klirrend den Löffel fallen. „Ich soll vielleicht das auch nicht wissen?? fuhr die 57S junge Frau fort, „wenn Sie mir'S aber sagen würden, könnte es meine Maßregeln beeinflussen." „Deine Maßregeln?" „Ja; wir wollen später darauf zurückkommen, zunächst fragt es sich nur, ob Ihr Neffe gestern hier war oder nicht?" „Ja." Sie verbarg das Gesicht in ihre Hände. „Helfe mir der Himmel, es ist mehr als ich ertragen kann. Und was soll ich Dir sagen, mein Kind, wie Dir betstehen in dem großen Leid, das Dich betroffen hat?" „Sie sind sehr gütig, ich bedarf keines Beistandes und habe mein Schicksal reichlich verdient. Aus Gewinnsucht heirathete ich Ihren Neffen, ohne einen Funken Liebe, und wer weiß, ob mein Herz sich ihm je zugeneigt hätte. Nun bin ich verlassen und verwittwet am Hochzeitstag." Sie lachte bitter. „Ich will nicht zu viele Fragen stellen, will nicht mit dem Schicksale kämpfen, sondern mich ihm ergeben; das nur möchte ich wissen, warum mich Sir Victor, der mich, so wenig ich eS auch verdiente, liebte, am Hochzeitstage verlassen konnte, wenn er nicht wahnsinnig ist! Und ich bitte Sie, Tante Helena, mir so offen zu antworten, wie Sie es vor Gott thun würden; ist mein Mann irre oder nicht?" Eine Pause folgte. „Gott sei Dir und ihm gnädig", sprach Lady Helena endlich,'„er ist nicht irre." Sie verhüllte ihr Antlitz und weinte. Am Fenster stand Edith regungslos und sah hinaus auf den fallenden Regen, den grauen Himmel, die sturm- aeveitschten Bäume. „Nicht irre? Sind Sie dessen gewiß? Nicht irre, und er hat mich verlassen?" „Er hat Dich verlassen. O Kind, wenn ich nur wagte, Dir alles zu sagen, Dir zu sagen, wie er nur aus großer, edler Liebe Dich verläßt. Hättest Du ihn gesehen, wie ich gestern, zum Schatten geworden in einem Tag, nach dem Tode sich sehnend, als den einzigen Befreier, selbst Du hättest ihn bedauert." „Ich verstehe all' das nicht, und doch bin ich dem Geheimniß, das er in seinem Briefe andeutet, vielleicht Näher, als er und Sie denken." „Was meinst Du?" fragte die Matrone erschrocken. „Daß das Geheimniß, das ihn von Mir treibt, sich auf den Mord seiner Mntter bezieht; soll ich Ihnen sagen, wer den Mord vollbracht?" Die Dame bewegte stumm die Lippen; wie gebannt blickte sie auf Edith. „Nicht Jnez Chatcron, die deshalb im Gefängniß lag; nicht Juan Chateron, auf den sich noch heute der Verdacht heftet — Sir Victor selbst hat kaltblütig sein Weib ermordet." Ein leiser Schrei ertönte; war das Entsetzen über das schreckliche Wort oder über die kühn gesprochene Wahrheit; wer wußte es? „Ich glaube, Sir Victor war ein feiger Mörder", fuhr Edith fort, „so feige, daß er den Verstand verlor, als er sah, was er gethan, und die Folgen ermaß. So bezahlte die Schuld seines Lebens mit Wahnsinn. DaS Motiv freilich vermag ich nicht zu ergründen, vielleicht war es Eifersucht auf Juan Chateron." Bleich und schreckvoll blickte Lady Helena auf die Sprecherin. „Und wenn dem so wäre — bedenke, ich stimme Deinen grauen Ansichten nicht bei — würde daS Deine- Mannes Fortgehen entschuldigen?" „Nein!" rief Edith blitzenden AugeS, „nachdem er mich geheirathet, sollten zehntausend Familiengeheimnisse ihn nicht veranlassen können, sich von mir zu trennen. Wäre er vor der Trauung zu mir gekommen und hätte mir Alles gesagt, wie es seine Pflicht gewesen wäre, so hätte ich ihn von ganzem Herzen bemitleidet, und wenn irgend etwas mich ihm als Gattin näher gebracht hätte, so wäre es dieses Mitleid gewesen. Jetzt aber wenn er käme und auf den Knien um Wiedervereinigung bäte, ich würde lieber sterben." Zürnend schritt sie auf und nieder. „All' das Gerede, daß er mich aus Liebe verlassen, ist barer Unsinn, von dem wir lieber nicht sprechen wollen. Kein Geheimniß auf Erden soll den Mann von seinem Weibe trennen, davon bin ich fest überzeugt." „Und doch hat er recht gehandelt", sprach Tante Helena mit feierlichem Pathos. „Ich begreife es nicht, ich vermag kein Motiv zu ergründen, das auch nur einigermaßen sein Benehmen rechtfertigen könnte. Ich hielt ihn für irrsinnig, Sie sagen, er sei es nicht; ich glaubte, er habe an mir ein schmähliches Unrecht begangen, Sie behaupten, er habe Recht gethan." „Einst wirst Du Alles erfahren, auf dem Todten- bette will er Dir den Schleier lüften, und je eher der Tag kommt, desto besser ist es für ihn. Gestern kam er, um bezüglich Deiner Zukunft mit mir zu sprechen." Seltsames Lächeln überflog Edith's Züge. „Was geht meine Zukunft ihn an?" „Welche Frage l Du bist ehrlich genug, zu gestehen, daß Du ihn ob seines Ranges und Reichthums geheirathet, und in der Hinsicht wenigstens sollst Du nicht getäuscht werden. Der Ehccontract wurde, wie Du weißt, sehr großmüthig festgesetzt, und dazu will er Dir jeden Heller geben, der ihm anfällt. Er beabsichtigt, nach dem Orient zu gehen, und hält sich nur die nöthigen Subststenzmittel vor. Sehen will er Dich nicht mehr, weil er sonst nicht fähig wäre, Dich zu verlassen. Du tadelst ihn, Dtt hassest ihn, aber ach, Du würdest ihn bemitleiden, ihm vergeben, wüßtest Du, wie er leidet, wie schrecklich ihm die Trennung ist und wie sie doch unvermeidlich ist." „Ich weiß eS nicht, jetzt aber fühle ich nur, daß er mich verlassen, und daß ich darob ihn, hasse und ihm nicht vergeben könnte, auch wenn er stürbe. Seine Groß- muth habe ich nie bezweiselt; meinen schnöden Eigennutz habe ich gestanden; aber es gibt Dinge, die eines KöntgS Reichthum nicht ersetzen kann, und hierher rechne ich es, die Braut am Hochzeitstage zu verlassen. Lassen Sie uns jetzt nicht weiter davon sprechen, morgen sollen Sie erfahren, was ich bezüglich meiner Zukunft beschlossen habe." - Sie wandte sich zur Thür. „Ich bedaure Sie vom Grunde meines Herzens und wünsche nur, Sie trösten zu können." „Das kannst Du; bleibe bei mir, sei meine Tochter, ersetze mir den Sohn, den ich verloren." Edith's bleiches Gesicht milderte sich nicht. „Morgen wollen wir das entscheiden", sprach sie. Sie verließ daS Zimmer und kam den ganzen Tag nicht wieder in die Familiengemächer. In ihrem Zimmer packte sie den kleinen Koffer, der, als sie nach New-Iork kam, all' ihre Habe enthalten hatte. Sie packte nur. 580 töäS dävials sie besessen. All' die Naben, Juwelen und kostbaren Geschenke, die sie von ihrem Gatten und dessen Familie erhalten, ließ sie zurück. Sie behielt nicht einmal den Trauring. Als Alles geordnet, schrieb sie an Lady Helena: „Ich gehe, liebe Freundin, um mir selbst einen Weg zu bahnen im Leben. Suchen Sie nicht, mich aufzufinden, denn nichts vermag meinen Entschluß zu ändern. Meine Habe, die ich bet meiner Ankunft hier besessen, befindet sich in dem schwarzen Koffer, den ich Sie bitte nach Verlauf einer Woche auf die Caston Station zu senden. Zwei Bücher von Ihnen nehme ich als Andenken mit, alles Andere lasse ich zurück. Von Sir Victor nehme ich nichts mit, nicht einmal seinen Namen. Sie werden einsehen, daß ich die letzte Spur von Stolz und Selbstachtung verlieren müßte, würde ich seinen Namen führen oder auch nur einen Heller von ihm annehmen. Adieu, liebe, gute Helena! Wenn wir uns im Leben .vicht wiedersehen sollten, so glauben Sie doch, daß in meinem Herzen sich nur Gefühle des Dankes und der Liebe für Sie befinden. Edith.« Mit bebender Hand schloß sie den Brief. Ihr ganzes Vermögen belief sich auf zwölf SovereignS. Damit wollte sie der Zukunft entgegentreten, und die Frage: „was thun?« erhob sich ernst und drohend vor ihr. „Geh' in die Welt und arbeite um's tägliche Brod. Blicke der Armuth, die Du so sehr gefürchtet, daß Du um ihr zu entgehen, Dich verkauft, kühn ins Auge. Geh' nach London, dort mußt Du Arbeit finden." So lautete die Antwort, die eine innere Stimme ihr gab. Sie schrak vor dem Gedanken zurück, arm und allein den Kampf mit dem Leben um das Leben aufzunehmen, sie entschloß sich dennoch. Kein Gedanke, nach Amerika heimzukehren, tauchte auf. Was bot ihr die Heimath? Sie wollte nicht wieder nach Sandhpoint und zu dem verhaßten Einerlei zurückkehren, abgesehen davon, daß sie hierzu nicht einmal die Mittel gehabt hätte. Sie litt furchtbar in der letzten Nacht ihres Aufenthaltes in PowyS Place. , - „Nette mich, Himmel, denn die Wasser der Trübsale strömen mir ins Herz!" lautete ihr wildes, werth- loseö Gebet. Ihr Leben war zerstört, ihr Herz verödet, als Bettlerin mußte sie hinaus in den Kampf ums Dasein. Und sie hätte Liebes Heimath und Rudolf besitzen können! . Gibt es einen «schmerz, der größer ist, als der, den wir selbst über uns bringen? , Sie sank auf die Kniee, bedeckte ihr Gesicht und weinte blutige Thränen. - Verloren! Verloren Alles, was das Leben lebens- werth macht! So verstrich die unglücklichste Nacht ihres Lebens. Fern im Osten erhellten sich die Berge, als Edith leise durch die Seitenthür hinausglitt. ES war rauh und kalt, ein heftiger Wind blies, aber es regnete nicht. Nach einem langen letzten Blick auf Lady Helena's Fenster flüsterten die bleichen Lippen wehmüthig: „Lebewohl! Lebewohl!" und entschlossen eilte die junge Frau den Pfad entlang und war bald aus dem Bereiche des Schlosses entschwunden. (Fortsetzung folgt.) -- » > , , , .>«—- „HerMlatter."*) F. W. Webers letzte Gabe! Er selbst hat diese Sammlung noch vorbereitet, aber ehe sie beendet war, mußte der greise Sänger sich zur letzten Fahrt rüsten. Wie er sich dieses letzte Buch gedacht hat, das hat er in der Widmung noch selbst sagen können: Vergilbtes Laub, farblose Blätter nur: Die karge Spende der Nvvemberflur; Mit blauem Enzian die Herbstzeitlose Und eine kranke, spätcrblühte Rose! Hätt' ich nicht achtlos in den Wind gestreut, Hätt' ich umhegt und wohlgepflegt bis heut', Was mir der Lenz, der lange Sommer gönnte, Welch voller Kranz, den ich euch bieten könnte! Wie Distcldauuen flog'ö in alle Welt; Nun rafft' ich, was ich fand im öden Feld: Ein letzter Strauß, schier eines Bettlers Gabe; Mag denn auch er vcrweh'n auf meinem Grabe. - Also ein poetischer Nachlaß; aber keineswegs ein ärmliches, mühsam aus allen Schubfächern zusammengesuchtes Werk. Die Herausgeberin hat nach dem Tode des Dichters dessen Absicht etwas erweitern zu dürfen geglaubt und eine ganze Anzahl von Dichtungen in die Sammlung aufgenommen, die uns einen kleinen Einblick in den Entwickelungsgang des Dichters gestatten. Als Sechzigjäriger zwar gab er erst fein „Dreizehnlinden" heraus; aber auch schon der junge Student war begeistert für die Schönheiten der deutschen Sprache und hat in manchem formvollendeten Gedicht seine Gedanken und Stimmungen festgehalten, ehe er daran dachte, mit den Ansprüchen eines zeitgenössischen Dichters vor die Welt zu treten. An anderer Stelle ist bereits bemerkt worden, daß man vielleicht besser dies letzte Werk Webers ganz so gelassen hätte, wie er es ursprünglich geplant hatte; zu einer Sammlung früherer Dichtungen hätte sich wohl noch Gelegenheit gefunden. Der Charakter des Buches wäre dadurch einheitlicher geworden, die Stimmung des Dichters wäre auch in einer kleineren Sammlung fühlbar zum Bewußtsein des Lesers gekommen. Dafür bietet man uns jetzt allerdings ein reichhaltigeres Buch, das Ernstes und Heiteres, sinnende Weisheit des reifen Mannes und frohen Jugendmuth des Werdenden, Eigenes und Fremdes vereinigt. Und auch dieses Buch zeigt uns den ganzen Weber, den kindlich-gläubigen katholischen Christen voll Liefen Lebensernstes und voll freudiger Begeisterung für alles Herrliche in der Gottesnatur, für alles Hohe und Ideale, was das-Herz des Christen- menschen bewegt. Es ist derselbe fromme Dichter, der am Ende von Dreizehnlinden als „armer Schreiber" um das Gebet der Leser fleht. An der Schwelle seines neunten Jahrzehntes blickt er zurück auf sein arbeitsreiches Leben mit der bangen Frage: „Nur Traum?", aber auch mit der gläubigen Bitte: „Der dunkle Fährmann winkt in seinen Nachen: — O gebe Gott ein seliges Erwachen!" Auf Weber paßt wohl das Wort vom frommen Sänger, der seine herrliche Kunst bescheidentlich in den Dienst Gottes stellt, dem er Alles dankt und auch die kleine Laute: „Wie arm ihr Spiel auch sei, es war des Klausners Trost manch trübes Jahr." Demüthig sagt er: „Nie möcht' ich mit den Schwänen streiten, Die himmelhoch die Flügel breiten: Horcht doch ein stiller Wand'rer auch » Dem Finkcnschlag in Busch und Strauch. *) Nachgelassene Gedichte von F. W. Weber. Paberborn, Ferdinand Schöningh. 681 Dem Niesenstrome Preis und Ehre. Der Masten trügt und wogt zum Meere: Doch Dank wird auch dem Bach gezollt, Der Wiesen tränkt und Räder rollt." Weil er nie nach dem Effect, nach dem Ruhme deS Tages gehascht hat, darum gerade zeigt sich uns F. W. Weber überall als der wahre, echte Dichter, der alles selbst durchlebt und durchdenkt, der mit der Welt, die ihn umgibt, lebt und fühlt, sich freut und leidet. Nie- wand wird sich wundern, wenn er bei solchen Charakter- Eigenschaften des Dichters auch schon bei dem jungen Studenten und Arzt jenen tiefen Lebensernst findet, der aus allen seinen Werken überzeugungsvoll zu uns spricht. Zu« Christtag 1836, da hat man ihm keinen Christbaum angezündet; er war fern von der Heimath und wehmüthig gestimmt: Und der mein Christbaum werden sollt' Der steht im wilden Hag Und wächst, von Geisterhand gepflegt, Noch manchen lieben Tag. Sein Bruder war'S, der mich als Kind An seinem Schatten barg: Sein Vater war die Wiege mir, Er selber wird — mein Sarg. Doch blieb der „Weltschmerz", der so viele Dichter jener Zeit gepackt hat, dem klaren Auges in's Leben blickenden Weber fern. Ein Christ kennt nicht das thatenlose Hindämmern in der Trauer um das Unvollkommene in dieser Welt; er mag es betrauern, aber er nimmt eS hin als Schickung des allmächtigen, allwetsen Schöpfers. Und für allen Schmerz gibt es eine große Samariterin, .die naht, Stumm, ungeseh'n, wenngleich sie Niemand bat, Die stillste, treu'ste der barmherzigen Schwestern. Ob Allen fremd, doch Allen wohlbekannt. Ist sie von je daheim in jedem Land, In Dorf und Stadt, in Hätt' und Burg. Sie reitet Auf einem Roß, das sacht, doch stetig schreitet. Und trifft sie einen, der geschlagen ward, Sie traust ihm lindernd Oel, berührt ihn zart Mit weicher Hand und haucht und flüstert leise Ihm Trost und Hoffnung zu nach Frauenwcise. Sie nimmt ihn auf und gibt ihm daö Geleit Zur stillen Herbcrg, oft auf dunklem Wege, Daß sein der milde Vater liebreich pflege. Wer ist die Samariterin? — Die Zeit. Aber auch ein Grübler und Kopfhänger ist der Dichter nicht gewesen in seinen jungen Jahren. Auch er hat den Becher der Jugendlust getrunken in vollen Zügen. Daß er sich daran übernommen hätte, davor schützte ihn sein gläubiger Sinn. Wenn der Einundzwanzigjährtge betet: „O leuchte mir, Du cw'ges Licht Durch Deinen heil'gen Namen! Du lieber Gott, verlaß mich nicht, Verlaß mich nimmer. Amen." — um den ist es wohlbestellt, der wird nicht so leicht der Versuchung unterliegen. So konnte auch der Greis ohne Neue „Im Herbst" zurückblicken auf die Tage der Rosen: „Ich ahne schon des Winters Tosen Und gäbe gern, so karg ich bin, Für eine Handvoll Frühlingsrosen Des Herbstes ganzen Reichthum hin." Webers kraftvolle Natur offenbart sich uns namentlich in seinen Liebesliedern. Wenn der junge Arzt in finsterer Sturmnacht seiner Pflicht folgte, denkt er an seine liebe Braut: / „Weit überschwillt die Ufer des Bachs empörte Fluch, Ihm graust nicht, denn er reitet in guter Geister Hut; Er hat in Stromes Mitte an sein FeinSlieb gedacht, Und seine Lieder klingen hinaus in Sturm und Stacht. Das ist die Lust der Eiche, wenn Wetter sie umweh'n. Das ist des Mannes Freude, im heißen Kampf zu steh'», Zu ringen mit dein Leben, wie feindlich es auch droht, Und um das Leben wieder zu ringen mit dem Tod. Du aber, meine Rose, Du mußt in Frieden blüh'n, Dir müssen alle Stürme harmlos vorübcrzich'n. Dir strahl' im milden Glanz: der Acther immerdar Blau, wie Dein frommes Auge, wie Deine Seele klar." Nichts von Weltschmerz, von jener weichlichen Erotik, die alle Liebespoesie dem Gespülte überantwortet hat! Und doch, bei aller Kraft der Empfindung, zart und sinnig! Solcher Natur ist auch der kernige Humor nicht fremd, wie in Herrn „SchnäufleinS Frühlingsfreude". Eine kostbarere Persiflage philiströser Frühlingsempfindung ist bald nicht zu finden: „Frühling! Auf den Emmerwiesen Gch'n in: Kümmel bald die Lämmer, Und die besten Kümmelkäse Macht GcrtrudiS an der Emmer. Blondes Haar und blaue Augen Hast Du, niedliche Therese; Doch Gertrudis, Deine Schwester, Macht die besten Kümmelkäse." Den Schluß des ersten Buches machen zahlreiche formvollendete Uebertragungen englischer, schwedischer, dänischer Dichter, wie denn der Dichter für die nordische Poesie eine große Liebe hegte. Im zweiten Buche treffen wir wieder auf einen reichen Perlenkranz eigener Weber- scher Dichtungen, christliche Lebensweisheit in der unmuthigsten, wechselnden Form. Wir würden der Heraus- geberin vorgreifen, wollten wir eine Auswahl aus diesen Liedern und Sprüchen hierherstellen. Es genüge der Hinweis, daß weitaus das Meiste von dem hier Abgedruckten vollkommen auf der Höhe der Weber'schen Schaffenskraft steht. Und wenn nicht jede Zeile original ist, so nehme man willig des Dichters Rath hin: „Ein gutes Wort, ein wahres Wort, DaS darf man zweimal, dreimal sagen; Ein Samenkorn am rechten Ort Wird Wurzel schlagen und Früchte tragen." Zu den alten germanischen Necken führt uns das dritte Buch zurück mit dem einleitenden Gedicht „Wodan auf den Karpathen" in der Dreizehnlindenstrophe, die der Dichter auch hier gar meisterlich handhabt. Balladenartig, in düster-ernsten Bildern spricht uns „Tristans Tod" an. Eine Perle der Lyrik ist wiederum das Gedicht „Uhlands Tod". Als Uhlands Arzt, der beim Hinscheiden des großen Dichters zugegen gewesen, dessen Haus verließ, hörte er von ferne das bekannte Uhland'sche Lied „vom guten Kameraden" singen. Diese Angabe hat in sinniger Weise der Dichter in sein Lied verflochten; Und ob im Todeskampfe Das deutsche Herz Dir brach: Dein Geist wird uns umschweben, Denn Deine Lieder leben Bis an den jüngsten Tag. Der Mond. der schien so helle. Der aus den Wolken trat, Im Neckar sang cS leise Und fern verklang die Weise: „Mein guter Kamerad". Die wenigen Proben mögen genügen, um dem Leser ein Bild zu geben vom Nachlaß Fr. W. Webers. Niemand wird es bereuen, dieses Buch gekauft zu haben. 582 Er hat darnit einen treuen Freund, einen Genossen mancher still-sinnenden Stunden zu sich in's Haus genommen. Die prächtige Ausstattung macht zudem das Werk zum Schmuck jeder Bibliothek. Möge es an Zahl der Auflagen seinen Vorgängern nicht nachstehen! ---sr-v-se-"- Der gesellschaftliche Gruß. Die Achtung seiner Mitmenschen zu besitzen, ist ein Wunsch, den jedes noch nicht ganz verdorbene Individuum in hohem Grade hegt, und darum ist es erklärlich, daß jeder Mißerfolg in dieser Richtung innerlich schwer verletzen muß. Eine der vornehmlichsten Ausdrucksweisen dieser so sehr erstrebten Achtung ist der Gruß, und es ist deßhalb begreiflich, daß die Menschen bei ihren Begegnungen eine große Aufmerksamkeit darauf zu richten pflegen, ob sie gegrüßt werden und wie dieser Gruß beschaffen ist. Das Versagen eines Grußes, eine nachlässige, verdrossene, kurze Art des Grüßens verstimmt den Gegrüßten in demselben Grade, wie ihm umgekehrt ein ehrerbietiger, artiger, freundlicher Gruß eine angenehme Erregung des Selbstbewußtseins und eine wohlwollende Stimmung gegen den Grüßenden hervorruft. Es ist also dieses Grüßen ein um so härterer Kampf, als er sich täglich erneut und ganz im Stillen ausgefochten zu werden pflegt, und es lohnt wohl die Mühe, diesen täglichen Kampf in seinen Einzelheiten einer kurzer Betrachtung zu unterziehen. — Das Militär, das in praktischen Maßnahmen dem Civil vielfach ein gutes Beispiel gibt, hat auch bezüglich der Art deS GrüßenS seine ganz bestimmten Vorschriften, und Niemand ist bet ihm darüber in Zweifel, wer zu grüßen hat, wen und wie man zu grüßen hat und wie der Gegrüßte danken muß, und wenn sich auch mitunter hochgestellte Militärs erlauben zu können geweint haben, statt die Hand an den Helm zu legen, dieselbe bloß etwas zu erheben und wieder sinken zu lassen, so haben sie doch bald genug erfahren müssen, daß das nicht gut thut. Das Militär ist deßhalb auch in der angenehmen Lage, wenigstens dieses Kapitel nicht in seinem sonst nicht eben dünnleibigen Buch der Aergernisse vorzufinden. Andets ist das beim Civil. Hier ist für Jedermann ein gänzlich freier Spielraum gelassen, Vorschriften gibt es nicht, und gerade deßhalb ist dieses Kapitel in psychologischer Beziehung ein äußerst interessantes. Der Respekt, vielleicht der Egoismus, gebieten selbstverständlich, jeden Vorgesetzten zu grüßen. Ist der Vorgesetzte ein liebenswürdiger, humaner Herr, so fliegen die Kopfbedeckungen fast freiwillig vor ihm herunter, und freundliche, dankbare Mienen sagen ihm, wie gerne man ihm den Tribut der Achtung zollt. Ist er ein harter, stolzer Mann, so wird ihm der Gruß in verschiedener Weiss dargebracht. Der selbstbewußte Untergebene grüßt artig, aber kalt; der devote Streber dagegen reißt seinen Deckel bis auf die Erde herab, verbeugt sich und hält dabei seinen Hut mit flehender Geberde vor sich hin, als wolle er einen Brocken Gnade hineingeworfen haben. Diese Sorte kennt ihre Leute, und sie spielt ein heuchlerisches und deßhalb unverschämtes Spiel, weil sie sich einbildet, den Vorgesetzten glauben zu machen, daß ihr Ersterben und ihre Ehrfurcht der Ausdruck tiefinnigster Ueberzeugung sei, und weil sie hofft, zu ihrem Vortheil den Vorgesetzten zu überlisten. Der unbetheiligte Zuschauer dieses Spiels kaun sich aber leicht ein Urtheil über den Gegrüßten wie den Grüßenden bilden. Viel interessanter ist jedoch das Beobachten des Grüßens der von einander unabhängigen, einander dienstlich oder gesellschaftlich gleich gestellten oder wenigstens nicht untergeordneten Personen. Von großen Städten, in welchen Bekannte sich seltener begegnen, ist dabei abzusehen; höchst amüsant ist dagegen in Städten mittlerer Größe, in denen sich die Leute meist kennen, das Studium der seelischen Vorgänge beim Grüßen, und man sagt gewiß nicht zuviel, wenn man behauptet, daß das Grüßen ein ewiger, stiller Kampf, ein immer sprudelnder Quell des stillen Ingrimms, der Enttäuschung und deS Dranges nach Vergeltung sei. Da kommt ein penfionirter höherer Offizier, ein mißvergnügter Adeliger, das Militär grüßt schon zum Theil gar nicht, zum Theil nur in höchst nachlässiger, geflissentlich gleichgültiger Weise. Er hat ja nichts mehr zu befehlen und hat vielleicht in der Zeit seiner Gewalt die Leute genug geärgert, und nun heimst er die Früchte ein. Und nun vollends das Civil, dem er jetzt zur größeren Hälfte angehört und das er immer so sehr von oben herab angesehen hat. Selten lüftet ein Civilist den Hut vor ihm, der vielleicht in einer Gesellschaft mit ihm in Berührung gekommen ist; auf anfangs artige Grüße hat er vielleicht, um sein früheres erborgtes Ansehen zu wahren, recht herablassend gedankt. Der Mann vom Civil sieht aber diesen Grund nicht ein, er hat sich damals über den nachlässigen Gegen- gruß geärgert, und das nächste Mal, gerade als der Pen- sionär recht artig grüßt, grüßt der Civilist recht nachlässig, und mit stillem Ingrimm denkt der Pensionirte nun seinerseits: „Na warte, das nächste Mal." — Da begegnen sich zwei ganz gleichgestellte Beamte. Jeder erwartet den ersten Gruß, beide fahren mit den Händen ein wenig in die Höhe „hutwärtS", jeder erwartet den Augenblick, daß der andere den Hut zuerst erfaßt haben wird, und sucht ihn dazu zu verlocken, um dann recht, liebenswürdig zu danken, allein der Moment kommt nicht,' — langsam sinken die Hände herab, kalt gehen die Herren an einander vorbei, und jeder sagt innerlich: „Aufgeblasener Kerll" — Der Herr Finanzmann, der täglich in großen Geldsummen wühlt, die freilich meistens anderen Leuten gehören, ist nach und nach zu der Ueberzeugung gekommen, daß er denn doch ein sehr wichtiges Individuum ist, und grüßt Niemand mehr zuerst. Jeder Gang über die Straße ist infolge davon ein Spießruthen- laufen für seinen verletzten Stolz, denn, ach! auch ihn grüßt Niemand mehr und Jeder, der das nicht thut, ist in seinen Augen ein unverschämter Mensch, und es ist doch recht hart, unter solchen sein ganzes Leben zubringen zu müssen. Anders macht es der strebsame Herr Inspektor. Vor jedem männlichen und weiblichen Wesen reißt er seinen Hut herab, als wolle er einen Groschen erbitten und innerlich denkt er dabei: „Die loben Dich alle, so wirst Du Carriöre machen." Allein auch er macht trübe Erfahrungen. Am schlimmsten ist der Herr Volksvertreter daran; er hat ja so unendlich viele Freunde; jeden muß er möglichst zuerst grüßen. Auch der größte Lump hat ihm seine Stimme gegeben und will dafür honorirt sein: ein versagter Erstgruß und eine Stimme ist für die nächste Wahl unwiederbringlich verloren. Armer, geehrter, geplagter Mann! Du mußt es Dir sauer werden lassen! Eine eigenthümliche Welt! Närrische Leute überall! Ueberall Ansprüche, Dünkel, Enttäuschung, Aerger, Rachedurst, Schmerzen, die um so grimmiger packen, als sie ganz im Stillen verbissen werden müssen. Welch' klein- liche, erbärmliche Naturen, die sich nicht zu dem Gefühl gesellschaftlicher Freiheit und dem internationalen humanen Grundsatz bekennen können: „Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt!" oder zu der philosophischen Höhe: „Wer meinen Gruß nicht erwidert, oder wer mich nicht grüßt, der — läßt es eben bleiben, meine Hutrasse kann nur dabei gewinnen." Aber nun noch für einen Augenblick zu dem schönen Geschlecht. Im Allgemeinen werden die Damen anerkennen Müssen, daß von Seiten des stärkeren Geschlechts ihnen ein nicht geringes Quantum von Ehrerbietung entgegengebracht wird. Viele weibliche Personen aber werden dadurch verwöhnt, und während ein Theil von ihnen in unmuthig freundlicher Weise den Gruß des Herrn erwidert, muß man auch häufig genug wahrnehmen, daß der Gegengruß einer großen Anzahl dann in einer Weise erfolgt, die zur Vermuthung Anlaß gibt, man habe die Schöne eben erst aus's Tiefste beleidigt, während man doch beabsichtigt hatte, ihr etwas Angenehmes zu erzeigen. Besonders viele junge Damen haben eine Art, selbst älteren Herren, die nicht die mindeste Verpflichtung ßabeu, sie zu grüßen, in einer so hochmüthigen, schnippischen Art zu danken, daß sie erst nach und nach durch Versagen des Grußes zur Einsicht gebracht werden müssen. Wie artig wird dann solch ein Backfischchen, doch auch welchen Aerger hat es hinuntergeschluckt, bis es zur Einsicht gekommen ist, daß, wenn man nichts weiter ist als das Töchterchen eines einflußreichen Papa'L, man doch besser thut, sein Naschen etwas weniger hoch zu tragen. — So spinnt sich alltäglich der stille, aber trotzdem heftig brennende Kampf weiter, und er wird fortdauern, so lange in Folge einer verkehrten Erziehung Ueberhebung, Hochmuth und zu großes Selbstbewußtsein im Menschenherzen wohnen. --- Verlorene Liebesmüh.' Herr Versicherungsagent Jfidor Schnapper geht fleißig auf die „Candidaten"- Suche aus. Unter anderm macht er einem ihm nur per Adreßbuch bekannten Herrn Müller einen „Acquisittons"» Besuch, trifft aber nur die Frau vom Hause an. Zwischen dieser und Herrn Schnapper entspann sich folgender Dialog: Schnapper: „Verzeihung, Herr Müller wohl zu sprechen?" — Frau Müller: „Mein Mann? bedauere sehr —— Schnapper: „O bitte, das macht vorläufig nichts, ziehe sogar vor, zuerst mit der Dame vom Hause eine kleine Rücksprache zu nehmen, sie in meinen menschenfreundlichen Bestrebungen zur — xuräon — Verbündeten zu machen. Habe die Ehre, ZWen mich als Vertreter der Neuen Neust-Greiz-Schleiz-Gera-Lobenstein'schen Allgemeinen Lebens- und Beamten-VerstcherungS-Gesellschaft auf Gegenseitigkeit vorzustellen." — Frau Müller: „Ah ..." — Schnapper: „Ja, und Sie zu bitten, mit mir vereint auf Ihren geehrten Herrn Gemahl einzuwirken, daß er baldmöglichst unserer höchst segensreich wirkenden Gesellschaft beitritt. Unsere Prospecte" — — (führt die Rechte Zur Brusttaschej. — Frau Müller: „Ich danke sehr, mein Herr, mein lieber Mann . . ." — Schnapper: „Ihr Herr Gemahl ist Spediteur, führt also ein ziemlich unruhiges, arbeitsvolles Leben — — Frau Müller: „Sie irren, mein Mann hat . . ." — Schnapper: „Ruhe? Das ist's eben, Ruhe, Ruhe! Stillsitzen, dickes Mut. Schlagfluß!-Herr Müller neigt natürlich zur Fettleibigkeit?" — Frau Müller: „Das war allerdings früher der Fall, aber jetzt . . — Schnapper: „Wieder Abnahme? Ein böses, sehr böses Zeichen, unregelmäßige Ernährung, Verdauungsstörungen ..." — Frau Müller: „Bitte sehr, davon ist ja keine Rede ..." — Schnapper: „Verzeihung, wenn das nicht der Fall, um so besser, ein regelmäßig lebender, solider Mann ist unsern humanitären Bestrebungen am leichtesten zugänglich. Sie, Vereinteste, haben ohne Zweifel auch großen Einfluß auf ihn?" — Frau Müller: „Einfluß? Leider ..." — Schnapper: „Ei, das wäre? Also ist Ihr Gemahl zum Widerspruch geneigt?" — Frau Müller: „O, nicht im Geringsten . . ." — Schnapper (eifrig): „Dann ist er unser! Helfen Sie mir, gnädige Frau: bedenken Sie, es gilt das eigentlichste Interesse Ihrer sowohl, als Ihrer Kinder ..." — Frau Müller: „Ach, wie gerne sähe ich, wenn mein lieber Fritz ..." — Schnapper (in Extase): „sich versichern wollte? Nun, was für ein Aber gicbts denn noch, wenn Sie für die Sache gewonnen sind? Was die Frauen wollen, will auch Gott!" — Frau Müller: „Ach wie schön Sie reden können, bester Herr. Aber es ist ja unmöglich, rein unmöglich, denn ..." — Schnapper (überschnappend vor Erregung): „Denn? denn? . . ." — Frau Müller: „Denn mein lieber Mann ist leider vor drei Monaten gestorben!" * StarhembergS Unerschrockenheit war so groß, daß man von ihm sagte: „Er würde, wenn der Himmel einfiele, die Farbe nicht ändern." Einst ließ Prinz Eugen von Savohen bei einer Tafel im Lager hinter dem Sitze StarhembergS unerwartet, als des Kaisers Gesundheit ausgebracht wurde, einige Böller losbrennen und in demselben Augenblicke, als das Zelt rückwärts zusammenstürzte, von allen Seiten die Feld- musik erschallen. Allein Starhemberg trank, ohne sich nur umzusehen, das Glas langsam aus und lächelte kaum. ^ * " ThenreS Andenken. Frau A.: „In dem Medaillon haben Sie wohl ein theures Andenken?" — Frau B.: „Ja, da ist eine Locke von meinem Mann drinn." — Frau A.: „Na, Ihr Mann lebt aber doch noch?" — Frau B.: „Ja, aber seine Haare leben nicht mehr." --- Maria KeömL?) Septembermorgen bricht heran, Die ersten, weißen Nebel zieh'n, Doch trägt die Linde noch ihr Blatt, Im hellen, sommerfrischen Grün. Dicht noch umspielt ihr zitternd Laub Das Kleinod an dem Stamm, dem grauen, Waldvöglein flattern im Gezweig, Und klug zum frommen Bild sie schauen. * Heut' ist der frohe Tag, An dem uns ward gesendet Die Jungfrau sündenfrei Durch die das Leid gewendet. *) Aus „Maricn-Leben" von Sophie von Künsberg. Und noch im wirren Kampf Die Erde bang sich mühte, Da sank hernieder leis Die erste Himmelsblüthe. So hold, so engelrein, Born Gnadenstrahl umgeben, Die einst als süße Frucht Uns sollt' den Heiland geben. Sie, deren hoher Sinn Sich auf zum Höchsten wandte, Und deren junges Herz Von Gottesminne brannte. Die schon als zartes Kind Sich ganz dem Herrn gegeben. Und ihre Demuth wahrt Durch's ganze Erdenleben. O jubelt laut und danket, Daß eine Jungfrau lebt, Die Gott aus Allen jetzt Zu seiner Braut erhebt, Die auf die kranke Welt Den Heiland niederzieht^ Und aus der wunderbar Der Retter aufgeblüht. Maria Mimen.*) Es rauschen froh die Zweige Im lauen Winde, so sacht, Als wär' gar holde Kunde Dem alten Baume gebracht. AIS klang' ein trauter Name Im wald'gen Grunde fort, Thaufrische Blumenkinder Die flüstern duftend das Wort. Und was der späte Sommer An Blüthen noch freundlich bringt, In farbenreichen Ranken Den Stamm der Linde umschlingt. « In tiefer Stille harrt die Schöpfung andachtsvoll Auf jenes süße Wort, das heut' erklingen soll. Die heil'gen Chöre all', sie lauschen auf den Laut, Der grüßt die Gottesmutter und die Himmelsbraut. Es jubelten die Höh'n, die Hölle bebend stand, Als dieses Kindes Name ward genannt: Maria. Uns Allen aber ward ein mächtig Wort gegeben, Das Sturm besiegen lehrt, das Wunden heilt im Leben. Ein Himmclsschlüssel ist's, wenn gläubig wir ihn kennen, Wenn wir als Mittlerin sie voll Vertrauen nennen: Maria! *) AuS „Maricu-Lcben" von SoblNe von 6i"nSberg. ^aobäruok verboten.) LxLrüLoks Lespielt am 12. Lugust 1398 von Herrn Ingenieur lticbarcl Uns vorn 8cbachclub Lugsburg in Simpsons Divan 2 U Dondou gegen äsn englischen Altmeister dir. Lircl. dc IVeiss: Dur (Lugsburg). 8cbwarr: vii-d (Dondon). 8: IV e i s s: Dur (Lugsburg). Sebwarr: vird (Dondon). i e2—«4 e7-e5 t9 D. e3—d4 D. X 2 8. gl—f3 8. b8—c6 20 I.dlxD.d4 L. d8—e7 S D. kl-b5 d7—d6 21 1'. ei—eis D. fö—e6 4 d2—d4 D. c8—d7 22 f2-f4 §7—g6 5 D. b5x8.c6 D. d7XD.c6 23 §2—g4 °7-k6 6 d4Xe5 d6Xo5 24 g4—g5f Iv. f6-f5 t 7 D.d1Xv.d8 V. a8XD.d8 25 L. §1—?2 H7—H6 3 8. k3xe5 D. c6Xe4 26 H2—b4 bOXgö 9 0-0*) D. c4Xc2 27 k4Xg5 r. b8-c8 10 8. bl—c3 D. k8—bt 28 L. §2-g3 r. c8-c5 11 8. c3-b5 c7—c6 29 r. el—e3 r. c5—d5 12 8. böXa? 8. g8—f6 30 r. d4X3l.d5 D. o6xr.d5 13 8. a7Xe6 b?X8.c6 31 a2—a4 D. dö—o4 11 8. e5Xe6 D. b4—e7 32 a4—a5 ! 8. d7—c5 15 8. c6XV.d8 L. c8X3-d8 33 b2—b4 8. c5-d3 16 D. ei—e3 8. f6—d7 34 r. elXD ! L. f5XV.e4 17 1'. al-cl D. c2—f5 35 a5—a6 18 I. fl-dl D. e7-f6 *) Heine Itocbade. Anmerkung. Line lehrreiche und von IVeiss vorzüglich äirigirte Vartis! — lüs durchschaute schon gleich Ln- kangs die „wohlmeinenden" Lbsicbten von Lchwarr, vereitelte solche lcure entschlossen clurclr energisch forcirten Lbtausclr und verschallte sich damit sofort äie günstige Position, sowie die Offensive. Durch späteren nochmaligen „Annäherungsversuch" des Lügners liess sich tVeiss nicht im Leringsten irre machen, sondern erwiderte darauf prompt nach Lebülir, behauptete seinen Vortheil konsequent auch im weiteren Verlaute der Dartio und führte letztere dann unter wohldurchdachten Opksrkomhinationen auf elegante IVeiss rum Löwinn. Schwärn sog nach dem 35. 2ugo noch rechtzeitig die Kapitulation einem unausbleiblichen „mat" vor!- Caspar Dokmann. Lebwarr. Ltellung nach dem 30- 2ugs. -SLWLS-- M 78. Ireitag, den 18. September 1896. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Ein furchtbares Geheimniß. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.BerlePsch. < Fortsetzung.) 3. Kapitel. Wie sie sich trafen. Miß Stuart begab sich zurück ins Arbeitszimmer, in dem sich über ein Dutzend junger Mädchen befanden. Diese bemerkten nicht, daß sie bleicher war als gewöhn» lich; auch ihr Schweigen fiel nicht auf, sie waren daran gewöhnt. Edith hielt alle in würdevoller Entfernung und war zudem bei Madame Mirabeau und der Vorarbei- terin beliebt. Folgerichtig konnten die Gefährtinnen sie nicht leiden, ihnen war ihr schweigsames, abgeschlossenes Wesen zuwider. Eine Atmosphäre des Geheimnisses umgab sie. In all' dem Gewühle war sie wie ein Fels im Meer. Aeußerlich hatten die zehn Monate sie wenig, innerlich war sie sehr und schwerlich zum Besten geändert. Lang und bitter hatte sie gekümpft, bis sie den sicheren Hafen gefunden. Monatelang trieb sie ohne Steuer und Compaß, ohne Lotsen umher auf dem men- schenumwogten London. FreundloS und allein war sie gekommen mit wenig Geld und Kenntniß des Stadtlebens. Eine Wohnung fand sie leicht und suchte nun Stellung als Erzieherin und Gesellschafterin. Dutzende wurden in den Zeitungen verlangt, sie aber hatte keine Referenzen, und alle Thüren schlössen sich vor ihr. Jung, hübsch, ohne Empfehlungen, Geld oder Freunde, wie sollte es ihr gehen? Die geringe Baarschaft war bald verausgabt, sie versetzte ihre Juwelen und Kleider. Bleich, hohläugig wurde sie in der schrecklichen Zeit, schwarze Verzweiflung erfaßte ihr Gemüth. Sollte sie dienen oder verhungern? Selbst als Zofe bedurfte sie Zeugnisse. In solch' dunklen Stunden las sie Madame Mirabeau's Gesuch um Arbeiterinnen und wandte sich an sie. Geschickte Mädchen brauchte diese; sie wurde angenommen. Wochenlang hielt man sie in strenger Aufsicht, dann war man überzeugt, daß sie keine Absicht hege auf die kostbaren Stoffe und werthvollen Spitzen der aristokratischen Kundschaft, daß sie wirklich Arbeit wolle und vollbrachte. Sie erwies sich so anstellig, geschickt und geschmackvoll, daß Madame Mirabeau sich schmeichelte, einen Schatz gefunden zu haben. Im Laden zu bedienen, weigerte sie sich entschieden. „Ich habe Gründe, mich geheim zu halten", sagte sie offen, „im Laden dürfte ich erkannt werden, und dann müßte ich Sie sofort verlassen." Madame Mirabeau wollte ihre beste Arbeiterin nicht verlieren und gab nach. Die sentimentale Französin dachte, Miß Stuart sei von Rang und verberge sich unglücklicher Liebe wegen vor ihrer Familie. Da aber eine hoffnungslose Leidenschaft dem Kleidermachen nicht im Wege stand, behielt sie das Mädchen, und Edith war nach unsagbar viel Schmerz, Angst und Sorge gelandet. Nun floß ihr Leben öde, sanft und ereignißlos dahin. Den ganzen Tag in der Arbeit, Abends im Sommer gelegentlich einen kurzen Spaziergang, dann begab sie sich, müde an Geist und Körper, sofort zur Ruhe. So war ihr äußeres Leben. Was soll ich von ihrem inneren sagen? Sie selbst konnte keinen Aufschluß geben. Wir bekommen irgendwo Kraft, das Unglück zu ertragen und zu leben. An den Gatten dachte sie nur mit Haß, sie verabscheute ihn. Das Paket- chen Briefe von Rudolf war ihre einzige Freude; sie las sie hundert Mal und betrachtete das Bild, bis das lächelnde Auge, die geliebten Züge überall vor ihrer Seele schwebten. Die Türkisbroche trug sie immer und küßte sie Morgens und Abends. All' das war unrecht, der Begriff aber war ihrem Geiste nicht klar, sie wußte nur, daß sie Rudolf liebte. Wie oft dachte sie an das, was hätte sein können. Rudolf arm, aber sie sein eigen, ihm vermählt, er arbeitete für sie, sie that das Ihre, um ihr Loos behaglich zu machen und ihn glücklich. Solchen Bildern hing sie nach, bis sie zur Qual wurden, und immer wieder erklangen in ihrem Herzen die Worte: „Was immer Dir das Leben bringe, mich darfst Du nicht tadeln." Die Zeit hat ihr Einsamkeit, Armuth und Verzweiflung gebracht — durch ihre Schuld; das war der bitterste Gedanke. Sie hatte die Armuth gefürchtet und deshalb sich und ihr Herz verkauft, und nun hatte ungeahnte Armuth sie befallen. Wäre sie wahr gewesen gegen sich selbst, wie glücklich wäre sie geworden? Znm Glück war sie meist zu müde, um zu denken. Bis zu Jnez' Besuch hatte sich in ihrem gleichförmigen Dasein nichts ereignet. Nun war ihr Herz voll bitteren Tumultes; alles Sanfte, Vergebende ihres Wesens schien erstürben, ihr Mann hatte sie schmählich beleidigt, was lag daran, wenn er starb? Dann war sie frei! An dem Abend wurden die Arbeiterinnen länger als gewöhnlich zurückgehalten, und als endlich die Feierstunde schlug, regnete und dunkelte es. Miß Stuart beachtete es nicht, daß eine verhüllte 594 Gestalt sie erwartete und ihr folgte. Nasch eilte sie dahin und gelangte an eine Stelle, wo sie über die Straße wußte. Wagen und Omnibusse fuhren zahllos vorüber, sie wartete mehrere Minuten, aber keine Unterbrechung machte sich fühlbar. Ungeduldig versuchte sie, die gefährliche Passage zu überschreiten. Es war naß und schlüpferig. Die Kutscher gaben Warnungsrufe. Sie verlor die Geistesgegenwart und streckte die Arme aus, wie um den Wagen abzuhalten. Plötzlich fühlte sie sich erfaßt und hinübergetragen. Am entgegengesetzten Randstein aber traf eine Wagencichse ihren Retter und schleuderte ihn zu Boden. Edith stand unverletzt auf dem Trottoir. Die Menge sammelte sich sofort um den Unglücklichen. Man trug ihn in die nächste Apotheke. Wie betäubt folgte Edith. Ihretwegen hatte der Fremde den Unfall erlitten. Sein Gesicht wurde von Blut und Schmutz gereinigt und — war sie noch betäubt, oder war es Sir Victors Antlitz, blutlos und leichenhaft? Sie stützte sich auf den nahen Tisch. Alles schien sich mit ihr zu drehen. Hatte er bet ihrer Rettung sich den Tod geholt? „Kennt ihn Jemand?" fragte der Apotheker. Niemand antwortete. Der anwesende Polizist schaute scharf auf Edith, deren Züge zu deutlich verriethen, daß sie wußte, wer er war. „Sie kennen ihn, Fräulein, nicht wahr, indem er Sie rettete, geschah ihm der Unfall; wer ist er?" „Sir Victor Chateron." „Dacht' mir's, daß er ein vornehmer Kauz sei. Wissen Sie wo er wohnt?" „Nein", sagte sie mechanisch, „vielleicht trägt er Karten oder Papiere bei sich. Sie glauben doch nicht, daß er todt ist?" Eine Stunde früher hätte sie vielleicht seinen Tod gewünscht, jetzt schien es ihr schrecklich. „Nein, Fräulein, todt ist er noch nicht, obgleich er darnach aussieht. Hier ist seine Visttenkartentasche. „Sir Victor Chateron, Baronet, Fentons Hotel", holen wir einen Wagen und lassen wir ihn heimbringen. Jemand aber muß ihn begleiten; ich kann nicht, hoffentlich können Sie, Fräulein?" „Ist es nöthig?" fragte Edith wiederstrebend. „Versteht sich", entgegnete der Polizist, „der arme Mensch sieht sonderbar aus, und wenn er unterwegs stürbe —" „Ich werde mitgehen", sprach Edith entschlossen. Der Wagen wurde geholt und der bewußtlose Baron hineingetragen. Edith nahm schweigend neben ihm Platz; was konnte sie thun? Es war schließlich mir eine Forderung der Menschlichkeit. „Fürchten Sie sich nicht", tröstete der Apotheker, „er ist nicht todt und wird wahrscheinlich bald wieder zu sich kommen." — Der Wagen rasselte fort. 4. Kapitel. Wie sie sich trennten. Entsetzt dachte Edith später an die Fahrt. Soviel als möglich wandte sie den Blick ab von den starren, bleichen Zügen, und doch zog es sie unwillkürlich immer wieder hin. So hatte Miß Chateron wahr gesprochen: der Tod stand auf seinem Gesicht. Wie, wenn doch ein Geheimniß vorlag, mächtig genug, um sein Vergehen zu rechtfertigen? Warum aber hatte er ihr dann keinen Aufschluß gegeben? ^ Sie erreichte.! das Hotel; Jamison erschrak VÄ dem Aussehen seines Gebieters und dem Anblick seiner Gemahlin. „Mylady l" stammelte er, als habe er ein Gespenst gesehen. „Ihr Gebieter hatte einen Unfall, bringen Sie ihn zur Ruhe und senden Sie nach einem Arzt. Sollte Lady Helena in der Stadt sein —" „Sie ist hier, Mylady, wollen Sie nicht gefälligst eintreten und warten, bis sie kommt." Edith überlegte einen Moment. Jemand mußte zur Erklärung da sein; sie konnte nicht fort, ohne zu wissen, ob er sich in ihrem Dienste tödtlich verletzt habe. „Ich werde bleiben; senden Sie sofort zu ihr." Sie folgte ihm in ein elegantes Gemach. Welch' seltsames Abenteuert Wie oft hatte sie die Freiheit ersehnt, jetzt schien sie ihr nahe und sie erbebte bei dem Gedanken. „Mir wird wie einer Mörderin zu Muthe sein, wenn er stirbt", dachte sie. Langsam verstrich die Zeit; eS war weit nach St. Johns Wood, und Edith schlummerte endlich ermüdet ein. Plötzlich erwachte sie mit dem Bewußtsein, daß Jemand bei ihr sei. Lady Helena betrachtete sie mit thränenvollen Augen. „Edith l" „Ich glaube, ich bin eingeschlafen", sprach sie verlegen; „aber ich war so müde und Alles um mich so ruhig. Wie geht es ihm?" „Besser; er schläft. Der Arzt gab ihm ein Opiat. ES war lieb von Dir, daß Du kamst." „Es war nur eine Pflicht der Menschlichkeit", entgegnete Edith und erzählte kurz den Vorfall. „Armer Junge!" rief Lady Helena mit schwerem Herzen, „gern stürbe er, Dir einen Moment des Schmerzes zu ersparen, und mußte Dir doch das größte Leid thun. Du kannst es nicht verstehen; wenn Du aber einst Alles erfährst, wirst Du ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. O, daß Du Jnez' Anerbieten angenommen hättest, er trüge dann leichter die Trennung. So aber tödtet es ihn, und Worte künden nicht, was er seit jenem ver- hängnißvollen Hochzeitstag gelitten. Sein Herz brach, als er Dich verließ. Aber auch Du littest, liebes Kind." „Sprechen wir nicht davon, Lady Helena, was ge< schehen ist, ist geschehen, und die schlimmste Zeit ist für mich überstanden. Ich bin froh, daß Sir Victor, indem er mich rettete, keine ernstliche Verletzung sich zuzog, und hoffe, daß er sich bald erhole. Jetzt aber ist es spät geworden und höchste Zeit, daß ich heimgehe." „Heimgehen, um diese Zeit? Gewiß nicht. Du mußt die Nacht über hier bleiben, ich habe bereits Befehl gegeben, daß ein Zimmer für Dich bereit gehalten wird." Edith gab nach und wurde alsbald in das betreffende Gemach geleitet. So sollte sie die Nacht unter einem Dache mit Sir Victor zubringen. Wie zornig hätte sie vorher den Gedanken zurückgewiesen! Früh am folgenden Morgen pochte Jnez an Ediths Thür. „Lady Helena wartet mit dem Frühstück auf Sie, bitte, kommen Sie bald." „Wie geht's Sir Victor?" „Besser; er weiß nun, daß Sie im Hause sind und bittet, Sie einen Moment sehen zu dürfen. Haben Sie Mitleid mit dem Sterbenden und begeben Sie sich Zu ihm." Edith entfärbte sich. „Daraus kann nichts Gutes entspringe», wenn er es aber sehr wünscht, will ich zu ihm gehen, verlasse ihn aber sofort, falls er eine Wiedervereinigung erstreben sollte." „Er wird es nicht thun, er weiß wie hartnäckig Sie sind. Nur eine letzte Bitte will er an Sie richten." Sie gingen hinab. Edith aß wenig; trotz ihres Stolzes, ihrer Selbstbeherrschung bangte sie vor dem Zusammentreffen. Endlich erhob sie sich bleich und ernst. Jnez führte sie an die Thür des Krankenzimmers und klopfte. Ediths Herz pochte laut. „Sagen Sie Sir Victor, Jamison, daß LadyCha- teton ihn zu sehen wünsche." Der Bediente verschwand. „Sir Victor bittet Mylady, sofort einzutreten." Edith trat ein und stand vor ihrem Gatten. Das Gemach war nur halb erleuchtet, dennoch bemerkte sie seine blutlose Blässe. """ „Sie wünschen mich zu sehen, Sir Victor?" Kalt und förmlich sprach sie die Worte. „Edith!" Das Wort entrann sich voll Liebe und Angst seinem Herzen, selbst ihr gegen alles Mitleid gewappnetes Wesen erzitterte. „Ich bedaure, Sie krank zu sehen und —" Sie stockte, selbst ihr schienen die Gemeinplätze unerträglich. „Edith!" wiederholte er in namenloser Verzweiflung, „vergib, habe Mitleid! Du hassest mich, und ich verdiene es, aber selbst Du ließest Dich erweichen, wüßtest Du Alles." Ein Stein hätte sich dieser Stimme voll Herzensangst erbarmt. „Ich bedaure Sie, Sir Victor", sagte Edith sanft, „aber vergeben kann ich Ihnen nicht; ich wurde behandelt wie nie ein Mädchen vor mir, und ich kann es niemals vergessen." Er bedeckte das Gesicht mit den Händen, und sie hörte ihn schluchzen im stummen Elend. „Es wäre besser gewesen, ich wäre nicht gekommen", fuhr sie weich fort, „Sie sind krank, und die Aufregung wird Ihnen schaden." „Ich bat Dich, zu kommen, auf baß Du wir versprächest, zu erscheinen, wenn ich auf dem Todtenbette nach Dir sende", sprach er traurig, „bevor ich sterbe, muß ich Dir das schreckliche Geheimniß sagen, das mein Dasein vernichtet, das im Leben zu enthüllen ich nicht den Muth fand. Wenn Du Alles weißt, wirst Du mir vergeben, Edith; o versprich, daß Du kommen wirst, wenn ich Dich rufe!" „Ich verspreche, zu kommen und anzuhören, was Sie mir sagen werden, nun leben Sie wohl, Sir Victor." Sie wandte sich, ohne eine Antwort abzuwarten. Als sie die Thüre öffnete, rief er klagend: „O, bleib' bei mir, Edith, meine Geliebte, mein Weib l« Sie eilte fort. So hatten sie sich getroffen und getrennt, nur der Tod sollte sie wieder vereinigen. Sie trat hinaus in den glänzenden Morgen, das Herz voll unwillkürlichen Mitleids mit dem Manne, den sie soeben verlassen. 6. Kapitel. Des Geheimnisses Enthüllung. Edith begab sich in das Arbeitszimmer in der Oxfordstraße, zurück zu dem alten Einerlei, und eine seltsame Ruhe kam über sie. Ihr war es, als seien die Ereignisse der verflossenen Nacht ein böser Traum gewesen. Immer wieder schwebte sein bleiches Antlitz ihr vor, tönte sein verzweifelter Aufschrei ihr im Ohr. All' ihr Haß, ihre Rachegedanken waren verschwunden! Sie verstand die Sachlage nicht mehr als früher, aber sie bedauerte ihn von Herzensgrund. Man störte sie weder durch Briefe, noch Besuche. Nur bemerkte sie im Laufe der Zeit, daß jeden Abend eine Gestalt ihr folgte. Sie wußte, wer es war, und gewöhnte sich daran. Sie verstand sein Motiv, wußte, daß er kam, sie zu schützen vor jedweder Gefahr. Er glaubte sich unbemerkt, und nur zwei Mal sah sie vorübergehend sein Gesicht. Wie todtenähnlich es war! „Armer Mensch", dachte Edith, und ihr Herz wurde weich, „wie treu er ist und wie er mich liebt." Die Tage vergingen und es war Mitte September geworden. Nie fehlte ihr Schatten auf seinem Posten. Wie man sich an Alles gewöhnt, so gewöhnte sie sich so sehr an ihn, daß sie nach ihm aussah. Endlich fehlte er. Abend um Abend verstrich, und sie kehrte allein nach Hause. Etwas war vorgefallen. Die ganze Zeit über war es sein erster Gedanke beim Erwachen, seine einzige Freude gewesen, daß er Abends seiner Frau folgen und ihre Gestalt sehen dürfte, vor ihrem Hause zu wachen, die erleuchteten Fenster zu beobachten und endlich, als es kälter wurde, heimzukehren und sich auf das nächste Wiedersehen zu freuen. Bei jeder Witterung war er gegangen und oft durchnäßt und erkältet heimgekehrt. Schlaflose, fieberische Nächte und körperliche und geistige Niedergeschlagenheit waren die Folge. Doch so lange er stehen konnte, erschien er auf seinem Posten. Endlich aber forderte die Natur gebieterisch ihre Rechte; es kam der Morgen, wo Sir Victor nicht mehr aufstehen und ein fester Wille den schwachen Körper nicht mehr beherrschen konnte. Voll Angst holte der treue Diener Lady Helena, die sofort nach dem berühmten deutschen Arzt, den sie längst zu konsultiren gewünscht hatte, sandte. Dieser hatte mit dem Kranken allein eine lange Unterredung, und als er endlich ihn verließ, trugen seine Züge den Ausdruck von Schmerz und Mitleid. Sir Victor sandte nach seiner Tante. Er lag auf einem Divan neben dem Fenster; die Abendröthe strahlte verklärend auf sein Gesicht. Träumerisch blickte sein Auge auf die sinkende Sonne, schwaches Lächeln umspielte seine Lippen. Es war ein seltsames Bild, das der Tante Herz erstarren ließ. „Was wünschest Du?" fragte sie leise. „Hast Du von zum Tode Verurtheilten gehört, Tante, die in letzter Stunde begnadigt worden? Ich glaube, mir ist jetzt so zu Muthe. Meine Befreiung naht." „Sagte Doctor Weither, daß Du Dich erholen würdest, Victor?" „Er sagte, ich leide an Atrophie des Herzens und würde keine drei Wochen mehr leben." Sie waren in Chateron Royals; auf seinen Wunsch hatte man ihn dorthin gebracht, so lange es noch ging. Noch immer war das Schloß herrlich geschmückt für die Braut, die nie gekommen war. '' Der September nahte seinem Ende. Seit des ArM 896 Besuch hatte es sich schnell verschlimmert und eine Lähmung der unteren Extremitäten stellte sich ein. Am letzten September erschien Doctor Weither zum letzten Male. „Ich kann nichts thun", sagte er zu Lady Helena, „menschliche Hilfe ist hier machtlos, Sir Victor überlebt diese Woche nicht." Der Baron hatte die Worte gehört und heftete mit jener, Sterbenden oft eigenen Heiterkeit den Blick auf den Arzt. „Sind Sie dessen gewiß, Doctor?" Ja, Sir Victor, ich sage meinen Patienten immer die Wahrheit." Lächelnd wandte er sich zur Tante. „Endlich, endlich darf Edith zu mir kommen und ich ihr Alles sagen. Danke Gott dafür und lasse sie sofort holen." Mit dem Nachtzug fuhr Jnez Chateron nach London und als Madame Mirabeau's Arbeiterinnen kamen, wartete sie auf Miß Stuart, die alsbald mit ihr das Geschäft verließ, um nicht wiederzukehren. Es war der zweite Oktober, der Jahrestag des Hoch- zeitsvorabendes. Und so kam die Braut endlich heim. Welch' schreckliches Jahr war es für sie gewesen, wie ein böser Traum. Endlich aber sollte sie Alles hören und der Tod Alles sühnen. Sie sprach auf dem ganzen Wege kein Wort. Ihr Herz war voll Leid und Furcht. Als sie die Säulenhalle von Chateron Royals betrat, dunkelte eS. „Sir Victor befindet sich sehr schlecht", meldete Ja- Mison, „und sehnt sich nach Mylady's Ankunft." Lady Helena empfing sie auf der Treppe und geleitete sie, nachdem sie sich erfrischt, ins Krankenzimmer. Bebend trat sie ein, Tante Helena schloß die Thüre, und sie war allein mit dem Sterbenden. Beim schwachen Schein von zwei Wachskerzen sah sie das bleiche Gesicht, auf dessen Augen selbst der Tod die Liebe nicht verbannen konnte. Edith kniete neben dem Lager nieder. „Es ist besser so", flüsterte er, „viel besser. Das Leben war eine Qual, und das hätte nie anders werden können. Wie oft dachte ich an Selbstmord, der Himmel aber hat gnädig mich davor bewahrt. Der Tod kommt von selbst und hat Dich nun auch mir gebracht. Du hast gelitten", sprach er zart, „ich wollte Dich vor jedem Leide schützen, Dein Dasein zu einem Traum des Glückes machen, und sieh, wie ich es that. Du hassest mich mit Recht, kannst mir vielleicht nicht einmal vergeben, wenn Du Alles weißt; und doch handelte ich, wie ich handeln wußte, und könnte nicht anders, wenn Alles wieder käme. Für Dich aber ist es hart." Selbst im Tode also galten feine Gedanken nur thr. Und als sie ihn anblickte und bedachte, wa§ er noch vor einem Jahre gewesen, schien es ihr zu viel zum Ertragen. „O, stille, stille, Victor", schluchzte sie „Du brichst mir das Herz." Ein seliges Lächeln verklärte seine Züge. „Ich will Dich nicht betrüben, Edith, und ich fühle mich heute glücklich, als hätte ich keinen Wunsch mehr, als wäre ich Deiner Vergebung gewiß. Es ist Glück genug, Dich hier zu sehen, Deine Hand in der meinen zu fühlen, zu wissen, daß ich Dir endlich Alles sagen darf. Mit unendlicher Sehnsucht erwartete ich diese Stunde, nur Vergebung und Tod, «ehr wollte ich nicht. Was wäre das Leben ohne Dich? Ob Du wohl je meine Liebe bezweifelt hast?" „Ich weiß eS nicht", entgegnete sie leise, „manchmal hatte ich schwarze, verzweifelte Gedanken, es war Nacht in mir und um mich, ich wage nicht, Dir zu sagen, wie böse mein Herz gewesen —" „Armes Kind, Du warst so jung, und Alles kam so plötzlich uno unerklärlich. Setze Dich neben mich und höre." Wortlos zog sie einen Stuhl an sein Lager und lauschte der Geschichte des Geheimnisses, das so lange sie getrennt. „ES datirt sich von der Nacht, wo mein Vater starb", begann Sir Victor, „wo ich das Geheimniß des Mordes meiner Mutter erfuhr und meinen Vater namenlos bemitleiden lernte. Der unglückliche Mann hat sein Weib selbst getödtet. Tante Helena und Jnez wußten es längst, Juan vermuthete es. Trotzdem schwieg er. Meines Vaters Hand durchbohrte meiner Mutter Herz. Warum hat er es gethan? frägst Du. Weil er wahnsinnig war, lange bevor Jemand es ahnte. Selbst seine Frau hatte keine Idee davon. Er litt an Mordmanie, Wahnsinn ist erblich in unserer Familie. Sein Wahn bestand im Morden. In jeder anderen Hinsicht war er bei Vernunft. Noch vor Ende der Flitterwochen entwickelte sich die Manie, sein Weib zu morden, und das Verlangen war kaum zu bewältigen, wenn er mit ihr allein war. Der Wahn entsprang aus der Macht und Tiefe seiner Gefühle. Er liebte sie von ganzem Herzen und fühlte immer mehr das wahnsinnige Sehnen, sie zu tödten, weil sie dann ganz sein sei. Er kannte seinen Irrsinn, wich entsetzt davor zurück, kämpfte mit dem gräßlichen Verlangen und bezwäng sich ein Jahr. Juan Chateron kam und forderte meine Mutter als sein Weib, und Eifersucht vollendete, was die unselige Manie eingeleitet. An dem verhängnißvollen Abend hatte er die Beiden im Park beisammen gesehen und war wüthend darüber. Da kam die Aufforderung, zur Tante Helena nach Powys Place zu kommen. Er ging. Unterwegs flüsterte ihm der Dämon der Eifersucht zu: „Deine Frau ist jetzt bei Juan, gehe heim und überrasche sie." Wie ein Rasender kehrte er um, die letzte Spur von Beherrschung war verloren. Er traf die Mutter nicht in Vetters Gesellschaft, sondern friedlich schlummernd am offenen Fenster. Auf dem Tische daneben lag ein Dolch, der als Papiermesser benutzt wurde. Zu dieser Zeit war er völlig verrückt. In einem Moment stak der Dolch in ihrer Brust, er zog ihn heraus, und sie lag todt vor ihm. Da ergriff ihn ein furchtbarer Schrecken. Er wandte sich zur Flucht. Seltsamer Weise begegnete er Niemand. Als er daS Thor passirte, schleuderte er den Dolch in daS Gebüsch und enteilte. Er ritt nach Powys Place, und bevor er es erreichte, kehrte die Schlauheit deS Wahnsinns zurück. Er durfte die Leute nicht wissen lassen, daß er es gethan, sie würden sonst denken, daß er verrückt sei, und ihn inS Irrenhaus sperren. Wie er es bewerkstelligte, wußte er nie. Niemand verdächtigte ihn, nur Jnez, die im Zimmer war, hatte Alles gesehen, den tödtlichen Stoß, die eilige Flucht, und stand sprach- und regungslos. Er erinnerte sich später an nichts mehr, des Wahnsinns Nacht umgab ihn völlig und hellte sich nur zeitweise auf. DaS ist die schreckliche Geschichte, die mir in jener Nacht erzählt wurde. 597 die sein und Dein und mein Leben vernichtete. Sprach' los vor Entsetzen hörte ich zu. Noch ist's, als klängen mir des Vaters letzte Worte im Ohre wieder: „Ich sage Dir's, theils weil ich glaube, daß Du's wissen sollst, theils, weil ich Dich warnen muß. Du willst heirathen, Victor, bedenke, was Du thust. Die schreckliche Ansteckung ist in unserem Blute, Du liebst Deine Braut, wie ich das Weib, das ich gemordet. Nimm' Dich in Acht, laß Dich warnen, sonst dürfte mein Geschick das Deine, Deiner Mutter Loos das ihre werden. Ich wünsche, wenn ich wagte, würde ich befehlen, daß Du Dich nie verwählst, daß Du den Namen und den Fluch aussterben lassest." Ich konnte nicht mehr hören und stürzte aus dem Zimmer, aus dem Hause — hinaus in Regen und Dunkelheit, als sei der Fluch schon über mich gekommen. Was ich that, wußte ich nicht. Endlich kam die Tante und sagte mir, daß der Vater todt sei. Ich schlug mir seine letzte Warnung aus dem Sinn und schwur, Dich nicht zu verlassen. Von der Stunde an war mein Geschick besiegelt. Ich kehrte nach Powys Place zurück, ein Anderer, als ich gegangen. Ich war wie gehetzt. Tag und Nacht verfolgte mich des Sterbenden Warnung, und als Refrain tönte mir die Prophezeihung der Alten im Ohr. Ich hielt es unmöglich, dem zu entgehen. Meiner Mutter Loos", fuhr Sir Victor fort, „mußte das Deine sein, am Hochzeitstage mußte ich Dich tödten. Es stand geschrieben. Niemand konnte eS ändern. Ich weiß nicht, lag es in meinem Blute, oder war es bedingt durch das endlose Brüten über das Gehörte, das Schicksal erreichte mich, ich verfiel der Mordmanie. O Edith, ich fühlte eS, hörte das schreckliche Flüstern in meinem Ohre, und in meinem Herzen regte sich der grause Wunsch, Dich zu tödten. Oft und oft floh ich Deine Gegenwart, wenn mir's war, als könnte ich der Versuchung nicht länger widerstehen. Und doch wollte ich Dich nicht aufgeben. Das kann ich mir nie verzeihen. Der Gedanke, Dich zu verlieren, schien mich zu vernichten, und ich wagte nicht, Dir die Sachlage mitzutheilen, weil ich fürchtete, Du würdest zurücktreten. Unser Hochzeitstag kam; er sollte der glücklichste meines Lebens werden und war der unseligste. Die ganze Nacht vorher und am Morgen kämpfte der Dämon mit mir. Ich vermochte nicht, ihn zu beschwören, am Altare stand er zwischen uns. Auf der Hochzeitsreise wagte ich kaum, Dich anzusehen, weil ich fühlte, daß ich sonst die Beherrschung verlieren und Dich todten würde. Was ich litt, vermag keine Zunge aus- zusprechen. Ich wußte, daß ich verrückt sei, daß der Wahnsinn mich früher oder später überwältigen würde. In Carnarvon überkam eS so wich gewaltig, daß ich von Dir entfloh. Der Gedanke, daß ich Dich tödten würde, Dich, die mir vertraut, die mich geheirathet, ahnungslos, daß Du ein blutdürstiges Ungeheuer an Dich gekettet, verfolgte Mich. Ich fiel verzweifelnd auf die Kniee, hob die Hände gen Himmel und flehte um Hilfe und Beistand. Eine Stimme schien mir zu antworten: „Verlast' sie, so lange eS noch Zeit ist. Sie liebt Dich nicht und wird sich nicht grämen. Besser, daß Dein Herz bricht, als daß Du ihr ein Haar krümmst." Entschlossen erhob ich mich, unsagbarer Friede erfüllte mein Herz. Alles schien leicht. Ich allein sollte leiden, nicht Du. So kehrte ich in die Villa zurück, und mein erster Blick traf Dich schlafend am offenen Fenster, wie meine Mutter an dem schrecklichen Abend, Hätte mein Entschluß noch gewankt, das hätte ihn gestärkt. Ich schrieb die Abschiedsworte, küßte Deine Hände und ging auf immer von Dir. ES brach mir das Herz. Ich konnte nicht leben ohne Dich. Nun hab' ich Dir Alles gesagt; entweder mußte ich Dich verlassen oder tödten. Es wäre eingetreten. Nun ist eS an der Zeit, zu erklären, ob Du mir vergeben kannst." Weinend sank sie vor ihm auf die Kniee, umarmte ihn und küßte zum ersten Male die Lippen des Mannes, den sie geheirathet. „Dir vergebend" schluchzte sie, „o, mein armer Gatte, Du mußt mir vergeben, Du bist fürwahr mehr als ein gewöhnlicher Sterblicher, Du bist ein Engel!" (Fortsetzung folgt.) -«-SWW8—- Amerikanische „Mammrtth-Gcschäsle". Von Philipp Berges. - (Nachdruck verrolm.) Wir sind in der Metropole des Westens, in Chicago, dem verkehrsbrausenden Herzen der Vereinigten Staaten; noch aber ist es still in den schnurgerad gestreckten, unendlich langen Straßen, deren längste, die State Street, ihre 18 englische Meilen mißt. Nur das Surren der Kabel, die, durch einen schmalen Spalt von der Straße getrennt, in ihren unterirdischen Kanälen laufen, bestimmt die ungeheure Last der Straßenbahnzüge fortzubewegen, klingt durch die Ruhe des Morgens. Die Metropole zwischen den beiden großen Wassern, die Königin des Westens, gleicht dem erstarrten Traum von einer kommenden Welt. Im Innern freilich bietet auch sie das typische Treiben der amerikanischen Großstädte, äußerlich aber vergleicht sie sich mit keiner andern Stadt. Ihre breiten Straßen, ungekrümmt, ohne Ecken und Winkel, verlieren sich fernab im Morgeuncbel; sinnverwirrende Kolossalgebäude streben empor, deren Giebel, wie die Häupter des Gebirges, ein Kranz von Wolken ziert. Doch während hier für die Dauer einer Meile Palast an Palast sich reiht, deren prunkende Schaulädcn auf Erden ihresgleichen suchen, artet dort die Straße plötzlich in verwahrloste Prairie aus, die auf beiden Seiten ein bilderbeklebter Bretterzaun vom Straßenraum trennt. Zu schnell und in zu riesenhaften Dimensionen ist die Pilzstadt aus dem Boden emporgewachsen, um überall schon gleichartig bebaut zu sein. Neben dem Palast steht noch das elende Blockhaus, neben dem prachtstrahlendsten Straßcnzug schlummert noch die öde Prairie. Was in den kleinen Städten scharf markirt, für die großen Städte der Union charakteristisch ist, hier artet es, wie alles Andere, in'S Ungeheure aus: vielmetcrlange Reklamcschilder leuchten von den Dächern, den Häuserwänden, den Bretterzäunen, ja sogar von den Fußsteigen; Theater- und Concert- Anzeigen in phantasievollen Bildern und wahrhaft exotischen Farbentönen glänzen an allen Seiten, jedes freie Plätzchen der Gaste, bis zum ungehobelten Pfahl der Telegraphenleitung, ist mit Kundgebungen der Reklame ausgefüllt. Wer früh Morgens plötzlich in das Herz von Chicago versetzt würde, vermöchte schon hieraus zu erkennen, daß er sich in einer großen und verkehrsreichen Stadt befinde. Wie unbeschreiblich gewaltig aber dieser Verkehr ist, das vermöchte er sich nun und nimmer vorzustellen, und kannte er selbst daS Treiben der Städte London und Paris und würde es miteinander addiren. Wenige Stunden nach Anbruch des Tages schon haben sich diese Straßen im Herzen Chicago's zu brausenden Strömen und fluchendem Leben verwandelt. Die Fahrwege sind buchstäblich gefüllt mit Wagen jeder Gattung und mit Menschen, durch deren Getriebe die Züge der Kabelbahnen, die mit der Geschwindigkeit unserer Pcrsonenzüge dahinsausen, sich glocken- läutend einen Weg bahnen. Im letzten Moment stets, so scheint es uns, öffnet sich das Gewühl, um sich gleich hinter dem Zuge wieder zu einer festen Mauer zu verdichten. Die Trottoirs überströmt unaufhaltsam eine Kopf an Kopf gedrängte Menge, die erst verebbt, wenn die Nacht hereinbricht. Kinder dieses Verkehrs, der die großen und populären Verkaufsläden zu wahren Bienenkörben macht, sind die Mammuth-Geschäfte, jene riesenhaften Detailhäuser, die die ganze Stadt zu umschließen scheinen, aber auch für die Bedürfnisse einer ganzen Stadt ausreichend zu sorgen im Stande sind. Vom Hosenknopf bis zur Luxus-Equipage, vom Schweincschinken bis zum Brillantschmuck ist in diesen Geschäften alles zu haben. Auch in Europa sind Häuser dieser Art bekannt, ich erinnere nur an den „Louvre" und an das Haus dorr LIai-eüs" in Paris, auch in New-Aork nicht minder, „Macy's" Geschäftsräume allein bieten den Boden für artige Fußwanderungen, allein Mammuth-Häuser von der immensen Ausdehnung wie diejenigen in Chicago gibt es eben nur in Chicago. Tausende von Menschen strömen hier täglich aus und ein, und es drängt sich hier in ebenso compaltcn Massen, wie draußen auf der Straße. „The Hub", „The Fair", „The Columbus" (denn alle diese Häuser haben ihre besonderen Namen), vor Allem aber die berühmte Firma „Siegel, Cooper L Co.", das find die gewaltigsten dieser Mammuth-Häuser. Es liegt auf der Hand, daß das typische amerikanische Geschäftsleben nirgends ausgeprägter in die Erscheinung treten kann, als hier. Man sucht fortwährend nach dem leichtesten und modernsten Weg, um die ungeheure Summe der Ansprüche, welche das nach vielen Tausenden zählende Publikum stellt, blitzschnell zu befriedigen; man wartet nicht gern in Amerika, rasch muß alles gehen, wenn es den Namen des „Geschäftlichen" führen will. Zur Bedienung der Menge stehen deshalb Tausende von Verkäufern und Verkäuferinnen, Einkäufern, Inspektoren, Kassirern und Comptoiristen bereit, die wieder untereinander sich leicht und schnell in Verbindung setzen müssen. Hier, wo die Arbeitslast eines Tages derjenigen eines ganzen Jahres in manchen und nicht kleinen anderen Geschäften gleichkommt, versteht man erst das viel angewendete Wort „Mws is mons^!" versteht man erst die knappe, nach unseren Begriffen fast grobe Art des persönlichen Verkehrs im amerikanischen Gcschäftsleben, und man wundert sich nicht mehr über die mechanischen, elektrischen, pneumatischen und ballistischen Vorrichtungen, die zur Erleichterung der Communikation und Controlle die weiten Geschäftsräume netzartig mit Drähten, Schienen und Bändern überspannen.-— " Um zunächst einen Begriff von der Ausdehnung eines der größten dieser Mammuth-Häuser zu empfangen, genügt es, eine ihrer Annoncen vorzuführen und sie zu erläutern. Jede einzelne Annonce bedeckt gewöhnlich eine ganze Seite der großen Tageszeitungen und stellt eigentlich nur einen Wegweiser vor. ,^Am Kopfe der Annonce sieht man eine etwas steife Abbildung des „Blocks" oder Häusergevierts, welches «Siegel, Coyper L Co." einnehmen, darüber die Firma; unten lttiks eine VkgNtte mit der Inschrift: „Das größte Ladengeschäft der Welt", und ein Band mit den Worten: „Ein Palast, gefüllt mit Waaren jeder Gattung." Am meisten jedoch intercssiren zwei Tafeln mit statistischen Angaben, von deren Nichtigkeit sich ja der Besucher auf der Stelle überzeugen kann. Die Aufzählung der „Departements", in welche das Geschäft eingetheilt ist, und deren jedes ein Geschäft für sich darstellt, ist so interessant, daß ich hier eine wörtliche Wiedergabe folgen lasse: 1. Schmucksachcn. 2. Bücher und Schreibmaterialien. 3. Apotheke und Droguerie. 4. Tüll und Tücher. 5. Knöpfe und Besatz. 6. Wollenwaaren. 7. Seide und Sammet. 8. Handschuhe. 9. Kleiderstoffe. 10. Haushaltungsgegenstände. 11. Herrcnartikel. 12. Schuhbazar. 13. Arzt. (0r. Beda.) 14. Bänder und Fächer. 15. Irdene Waaren, Porzellan. 16. Leinen. 17. Küchengegenstände. 18. Unterkleider. 19. Mantel und Shawls. 20. Musselin-Unterkleider. 21. Luxusartikel. 22. Schneiderei (Herren). 23. Putzgeschäft (Damen). 24. Kaffeehaus. 25. Teppiche. 26. Polsterei. 27. Spielwaaren. 28. Bilder und Bilberrahmen. 29. Korsetts. 30. Schirme. 31. Tapeten. 32. Branntweine und Tavake. 33. Mobilien. 34. Futterstoffe. 35. Haare und Verschönerungsmittel. 36. Kolonialwaaren, Gemüse. 37. Kohlen. 38. Schlächterei. 39. Sportartikel. 40. Postburecni(VcrsandtorbreS) 41. Kinderbekleidung. 42. Rcisekoffer. 43. Reit- und Fahr-Requisiten 44. Musikinstrumente. 45. Leder, Lederwaaren und AlbumS. 46. Optische Waaren. 47. Kurzwaaren. 48. Betten und Reisedecken. 49. Hüte und Mützen. 50. Pclzwaarcn. 51. Japanische Waaren. 52. Gummiwaaren. 53. Schneiderei (Damen). 54. Schleier. 55. Photographie-Atelier. 56. Konfekt. 57. Barbierstube. 58. Zahnarzt. 59. Oesen und Herbe. 60. Bankgeschäft. 61. Zuschneidemuster, Zeichnungen. 62. Auskunfts-Buream Sie staunen mit Recht, meine Herren! Zwciund- scchzig Geschäfte, Verkaufslokale meistentheils, unter einem Dach und mit einem gemeinsamen Mittelpunkt, dessen Chef auch von der kleinsten Bewegung in einem dieser Räume unterrichtet sein muß. Das ist ein staunenS- werthes Wunder des modernen amerikanischen Geschäftsgeistes. Man versetze sich nur im Geiste einmal recht in diese Unternehmung hinein, die eine einzige Firma leitet, und sehe dabei ganz von den Verkaufs-Departements ab; selbst dann noch bleibt eine staunenswcrthe Verbindung der widersprechendsten Zweige des Verkehrs übrig. Da ist zunächst ein Auskunsts-Bureau, in dem über alles Mögliche und Unmögliche, wie im Briefkasten einer Zeitung, und zwar unentgeltlich, mündliche Auskunft ertheilt wird; da ist ferner ein Cafs für die Damen, eine Branntweinhandlung (mit Probirstube natürlich), ein Tabakladen für die Herren, neben dem Photographie-Atelier hat der Zahnarzt seine Behausung, neben dem Raum des Consultations-Arztes ist die Apotheke, neben der Bankoffice die Barbierstube. Nicht mit Lager-Artikeln begnügt man sich hier, auch eine Schlächterei ist vorhanden, eine Kramerei und eine Gemüsehandlung. Es ist eine Universal-Markthalle, dieses Haus, eine commercielle Stadt. Bei Weitem aber sind die Departements mit diesen 62 nicht erschöpft, es sind nur die, welche das Publikum intercssiren; mit den Departements der inneren Verwaltung könnte man leicht eine neue, ebenso große Tabelle füllen. Zunächst ist hier der Kreis der Centralverwaltung: das 599 Comptoir, die Kasse, das Lager, das Einkaufsdepartement, die Controlle, die Hauspolizei, die Ncclame zu nennen; dann folgen die Druckerei, Tischlerei und Schlosserei, denn Alles wird im Hause angefertigt; die Maschinen, die Packerei, das Fuhrwesen. Zur Bedienung aller dieser Abtheilungen beschäftigt die Firma 2532 Angestellte; zur Beförderung der Käufer von einem Departement zum andern unterhält sie 12 große Dampffahrstühle (Elevators) von einer täglichen Besörderungs-Kapazität von 100,000 Personen, sowie 6 weitere Fahrstühle für Waaren mit einer täglichen Kapazität von 10,000,000 Pfund; zur Bewegung aller dieser Elevatoren arbeiten unausgesetzt 7 Dampfmaschinen von je 150 Pferdekraft; zur Heizung dieser Dampfkessel endlich werden täglich 50 Tons Kohlen verbraucht. Vier Dynamos speisen 5200 Glühlampen, sieben größere Dynamos speisen 500 Bogenlampen. Das Haus bedeckt einen Grund von 18 Acres; der innere Wandraum, könnte man ihn auf dem Boden ausbreiten, tvürde 20 Acres umfassen und die Gesammtfläche der Fensterscheiben etwa einen Acre. (1 Acre — 40*/, Ar.) Diese Ziffern sprechen eindringlicher als jede Schilderung. Doch genug der Ziffern! Treten wir also durch eine der 18 Thüren in das Haus ein — doch nein, betrachten wir es erst einmal von außen. Es ist ein Colossalbau von großartigen Dimensionen, der ein ganzes Häusergeviert vollständig bedeckt und in 10 Stockwerken, größeren und kleineren, in die Luft emporsteigt. Das Gebäude ist schmucklos, aber nicht unschön; mit seinen weißen Quadersteinen, seinen breiten und tiefen Fenstern macht es einen imposanten Eindruck. Nur die Fenster zu ebener Erde sind mit Schaustücken angefüllt, die oberen in allen anderen Stockwerken sind leer. Von der Eckspitze des Giebels leuchtet ein durchbrochenes Firmenschild, ein zweites über den Schaufenstern nimmt,die ganze Länge des Gebäudes ein — das ist aber auch Alles. Nur eins fällt noch auf: kleine Kästen mit GlaSdeckeln, neben jeder Eingangsthüre einer, in denen an einer schwarzen Stange sämmtliche Stockwerke verzeichnet, neben jedem ein rother, niedrrhängcnder Arm. Das ist ein Feuer-Direktionssignal. Bricht z. B. im achten Stock nachts ein Feuer aus, so drückt man hierauf einen Knopf und telegraphirt zu gleicher Zeit an die Feuerwehrstation und in den Kasten hinab, wo der rothe Arm zur rechten Seite des achten Stockes sich aufrichtet, um der anlangenden Feuerwehr die Lokation zu bezeichnen. Aehnliche Vorrichtungen, freilich zu anderen! Zwecke, sind auch an sämmtlichen Fahrstühlen angebracht. Hier hängt ebenfalls ein Glaskasten mit einer Stufenleiter sämmtlicher Stockwerke, an welchen ein Zeiger auf- und abläuft, welcher genau angibt, wo der Fahrstuhl sich befindet, ob er still steht oder in Bewegung ist, auswärts oder abwärts fährt, so daß man genau weiß, ob man ihn erwarten oder herbeiklingeln muß. Eintrittt und Austritt, Spazier- gänge durch alle Stockwerke und Räume, Fahrten in den Elevatoren sind natürlich in diesen großen Geschäften für Jedermann frei, eine Controlle ist hier unmöglich, und es ist gleichgiltig, ob ein Neugieriger, nachdem er sich stundenlang von einem Ladentisch zum andern herumgetrieben hat, etwas kauft oder nicht. Tausende von Damen, obne die geringste Absicht etwas zu kaufen, bringen ihre Nachmittage hier zu. Faulenzer aller Art wärmen sich hier ini Winter. Taschendiebe und Ladendiebinnen finden hier eines der ergiebigsten Felder ihrer Thätigkeit, aber auch eines der schwierigsten und gefährlichsten. Doch das gehört bereits in'S Innere des HanseS. — Das Innere des Hauses gleicht einem gigantischen Ameisenhaufen. Ein tausendköpfiges Publikum drängt sich in allen Gängen und Räumen, bevölkert die Treppen und belagert die Eingänge zu den Fahrstühlen. Nach allen Himmelsrichtungen laufen die langen Verkaufstische, hinter denen sowohl Herren wie junge Damen dem Verkehr mit dem Publikum obliegen. Drei Typen sind es, welche hier sogleich dem Kundigen in die Augen fallen: erstens eine Unzahl von kleinen Jungen und sehr jungen Mädchen, die ersteren zum Botendienst, die anderen zur Communikation zwischen den Verkaufstischen und der Kasse; zweitens langsam durch die Menge schreitende Herren, die sich am Verkauf nicht betheiligen, daS sind die „Floorwalker", eine Art Aufseher, welche die Kunden an das richtige Departement dirigiern, Streitigkeiten schlichten und allgemeine Controlle ausüben; drittens endlich die Mitglieder der Hauspolizci, eine kleine Armee von Detektives in Bürgerkleidung, die rastlos das Gedränge durcheilen und nach Dieben und Diebinnen suchen. Wer ertappt wird, kommt unfehlbar zur Polizei — die Beamten der Hauspolizei, die eingeschworene und staatlich anerkannte Detektives sind, sorgen für Anklage und Verurtheilung, ohne daß einer der sonstigen Angestellten des Hauses dadurch in Mitleidenschaft gezogen würde, es sei denn zu einer eventuellen Zeugenaussage. Ein sehr großer Theil des Verkaufspersonals hinter den Ladentischen besteht aus jungen Damen, jedem Tisch aber und vor allem jedem Departement sind auch einige Herren beigegeben, die alle in gleichem Range stehen; denn Rang- abstufungen liebt man nicht in amerikanischen Geschäften. Einer ist es nur, der einen wirklich höheren Rang einnimmt, das ist der sogenannte „Superintendent", der Vertreter des Chefs. Der Wechselverkehr zwischen den vielen Angestellten regelt sich nach den einfachsten Methoden fast von selbst. In jedem Departement befindet sich ein Angestellter, dem die Pflicht obliegt, täglich das Lager seiner Artikel zu revidiren und, falls einer derselben am Ausgehen ist, eine Ordre an die Central-Office gelangen zu lassen, von wo aus für Ergänzung des Vorraths gesorgt wird. Alle Artikel sind nicht mit Chiffren, sondern mit deutlichen Ziffern ausgezeichnet, und zwar nach Preis und Nummer, so daß ein Kind sie verkaufen könnte. Die schwierigste Seite eines Massenverkehrs ist unstreitig die Kassenrcgulirung, die Kassencontrolle, aber gerade sie ist in der lächerlich einfachsten Weise überwunden. Eine der ausfallenden Erscheinungen im Innern der Räume sind unzählige Drähte, die sich nach allen Seiten ausspannen, und an denen unaufhörlich, durch einen unsichtbaren Mechanismus bewegt, kleine geschlossene Kästchen hin- und herlaufen. Diese Borrichtung steht mit der Kassencontrolle in Verbindung. Demonstriren wir durch einen kleinen Einkauf es uns selber aä ooulos, wie die Sache arbeitet. Wir befinden uns in der Abtheilung der Handschuhe! Gut! Ein reizendes Kind — schwarze Haare, dunkle Gluthaugen, bräunlicher Taint, echt westlicher Typus — bedient uns. Im Nu stehen sechs Schachteln mit Handschuhen vor uns. Wir wählen ein Paar zum Preise von 4 Dollars aus, und das Geschäft ist beendet. Die Verkaufsdame schreibt nun eine regelrechte Rechnung aus, gibt sie aber nicht uns, sondern dem mechanischen Apparat. Ein Kästchen nimmt die Rechnung aus. Das Kästchen wird an einen der Drähte gehängt und rollt nun schnell, 600 in Folge seiner eigenen Schwere, fort. Wohin rollt es? In die Central-Office, hier wird Gegenstand und Betrag gebucht, die Rechnung gestempelt und vermittelst eines anderen Drahtes zurückgesandt zum Ausgangspunkt. Inzwischen sind die Handschuhe verpackt worden, und der Käufer begibt sich zur Kasse des Departements, begleitet von einem kleinen Jungen oder Mädchen (damit er nicht entwischt), hier zeigt er die Rechnung, „berappt" und geht seiner Wege. Am Abend ober müssen die Notirungen der Central-Office mit den Einnahmen aller Kassen stimmen. Eine doppelte Buchführung, Lamms il kaut! In manchen Geschäften wird mit der Rechnung zugleich der gekaufte Gegenstand mitsammt dem Gelde in die Central-Office geschickt, so daß die Kassen in Wegfall kommen. Jedenfalls ist auf diese Weise die Controlle auf die einfachste Manier zu handhaben. Die Räume im Allgemeinen gleichen einem einzigen ungeheuren Schaukasten. Der allgemeinen Sitte entsprechend, wird nichts in geschlossenen Kästen verwahrt, sondern alles offen zur Schau gestellt, womöglich mit weithin sichtbaren Preisen versehen. Von der Decke hängen riesige Schilder mit der Bezeichnung des' betreffenden Departements herab, an drei Stellen erhebt sich vom Boden bis zum Dach ein breiter, viereckiger Lichtschacht, um welchen sich die Stockwerke, ebenfalls mit gigantischen Schildern versehen, gallerieartig gruppiren. Hwr sind auch die Eingänge zu den Elevatoren, die mit einem Condukteur und einem Führer ausgestattet sind. Bei jedem Stockwerk hält das Gefährt still, und die verschiedenen Departements werden laut abgerufen. Einen eigenen Eindruck macht es auf den Besucher, wenn er nach stundenlanger Wanderung durch alle möglichen Waaren plötzlich in eine weite Kaffeehalle hineinsieht, in welcher Hunderte von Damen ihren Mokka schlürfen, um nach dieser Erholung auf's Neue an's Kaufen zu gehen. Die Office des Arztes, des Zahnarztes, die Barbierstube, die Apotheke, die Fleischerei und Gemüsekrämerei, alle natürlich hochnobel eingerichtet und nach denselben Principien geleitet wie die Verkaufsläden, interessiren uns weiter nicht — es genügt, daß sie da sind. Nur noch einen verstohlenen Blick in die Central- Office, bevor wir aus dem Gewühl der Käufer und Verkäufer scheiden. Die Central-Office, die Office in Amerika überhaupt, ist der Ort, wo man es stets eilig hat. Höflichkeit ist hier nicht zu Hause. Die Buchhalter, Correspondenten, Principale sitzen da mit den Hüten auf ihren gesegneten Köpfen und in Hemdärmeln. Auch der Besucher behält den Hut auf dem Kopfe. Man sagt nicht „Guten Tag!*, sondern „Hallo!" oder noch besser gar nichts. Geschwätz, Unterhaltung gibt es hier nicht. Man hat zu viel zu thun. Die Geschäftsstunden gehören dem Geschäft. Man schiebt keine Arbeit, die diesem Tage gehört, bis morgen auf, aber man arbeitet auch keine Sekunde über die Geschäftszeit. Um 6 Uhr Abends werden alle Offices, alle Läden, alle Geschäfte von Rang geschlossen. Das Schild, welches den Besucher von allen fänden grüßt und etwa bedeutet: „Heute habe ich meinen eiligen Tag*, sagt ihm, wie er sich zu benehmen hat: Lstis is wzr bnszr äaz?! t -" - Goldkörrier. .Durch Eile treibet dich des Satans List rur Schuld; Der Schlüssel wahren Glücks, mein Freund, ist die Geduld. Ju l. Hammer. ALAsVksr. Vom Alkohol. Folgendes Gedicht in BecherforA findet sich in den „Mittheilungen des deutschen VereinS gegen den Mißbrauch geistigen Getränke": Der Alkohol spricht: Wollt ihr Wunder und Zeichen (Lauen, Kommt zu mir, ihr Männer und Frauen, Laßt mich nach meinem Willen nur handeln, So kann ich die ganze Welt euch verwandeln. Arm mach' iL die Reichen, krank die Gesunden, Aus Arbeitern schaff' ich euch Vagabunden, Aus Frommen Spötter, aus Weisen Verirrte, Aus Fleißigen Faule, aus Guten Verwirrle, AuS züchtigen Jungfrauen schamlose Weiber, NnS tüchtigen Männern Diebe und Räuber AuS häuslichem Glücke Elend und Noth, AuS Nahrung Gift, aus Leben Tod. Wie ich das kann? Folgt mir heranl Das Naß Im Faß Thut das Jn's Glas, Dann an die Lippen Zum Kosten und Nippen, Dann nur munter Hinunter! Nur mehrl Gebt her! Und wieder Hernieder Und immer wieder! So nähr' ich das Feuer, ihr trinket und trinkt, BIS euch der Abgrund der Hölle verschlingt! ---SWMS--- Aus der „Nachfolge Eßristr"?) Jedem Wort und jedem Einfall Sollst du nicht zu hastig trauen; Jedes Ding mit Uckerlegung Mutzt du erst vor Gott beschauen. Sich im Handeln überstürzen Ist die Weisheit eines Narren; Gleicherweise, starren Trutzes Auf dem eig'nen Sinn beharren. Allen Reden aller Menschen Blind zu glauben zeigt den Thoren; Ebenso, das kaum Gehörte Einzublasen fremden Ohren. Mit gewissenhaftem Manne Pflege Rath erst und Verbindung! Folge bess'rer Unterweisung Statt der eigenen Erfindung! *) Siehe „Des gottseligen Thomas von Kempen Nachfolge Christi in deutschen Reimen" von Hermann Jseke. Verlag von F. W Cordier, Heiligenstadt (Eichöfeld). Preis brosch. M. 3.-. Salonband M. 4.50. Arithmogriph. 1 2 3 4 5 6 7 ein Ort Für Jung und Alt zum frohen Sport. 2 7 7 ein kleiner Fluß, Den man im Süden suchen muß. 3 5 6 7 1 wird abgesetzt, Und von der Hausfrau sehr geschätzt. 4 5 7 7, verderblicher Strahl, Wen's traf, der trug des Sünders Mal. 5 3 2 1 7 such' in der Ferne, Wo blinken der Märchen schönste Sterne. 6 5 6 7 streitbarer Gesell Mit einer Stimme kräftig hell. 7 5 3 1 bekommt man nicht gern, Hoch wird's gehalten von stolzen Herrn. ^-——— « 79 1896. „Augsburger PostMung". Vtustaz, den 22. September Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbefitzer vr. Max Huttlerl. Ein furchtbares Geheimniß. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) 6. Kapitel. Der Tragödie Schluß. Als Lady Helena eine Stunde später leise eintrat, fand sie des Kranken schwaches Haupt in den Armen der Knieenden, ihr Antlitz verborgen und naß von Thränen. Ein Blick in sein strahlendes Antlitz sagte ihr Alles. Die Verhältnisse waren mitgetheilt und vergeben. Ein Jahr nach der Trauung waren die Beiden endlich vereint. Es bedurfte keiner Worte. Die Tante küßte Beide. „Es ist spät geworden, Edith, und Duwirstmüdesetn", sprach sie, „begib Dich nun zur Ruhe, ich will bei Victor wachen." Aber Edith schmiegte sich nur um so inniger an ihn und sah flehend auf. „Nein, ich bin nicht müde und will ihn nie wieder verlassen. O Tante, warum wußte ich nicht früher Alles, warum kannte ich Sir Victor nicht! Wie unfreundlich war ich gegen ihn, ach, und er litt für mich! Wenn er stürbe, käme ich mir vor wie eine Mörderin." Ihre Stimme erstickte in Thränen; sie hatte ihn gehaßt, seinen Tod gewünscht, und all' die Zeit opferte er sein Leben für sie. „O, lass' mich bei Dir bleiben, Victor", bat sie wieder, „schicke mich nicht fort. Wir waren lange genug getrennt, lass' uns nun vereint bleiben." Mühevoll zog er ihre Hand an seine Lippen und lächelte selig. „Sie spricht, als ob sie mich fast liebe." „Dich lieben! O Victor, hätte ich doch Alles gewußt!" „Und wenn ich gewagt hätte, Dir Alles zu sagen, wärest Du nicht vor wir, wie vor einem Ungeheuer zurückgeschreckt, wärest Du bei mir geblieben?" „Hätte ich gewußt, wieDeinVater Deine Mutter ge- tödtet, wie seinWahn auf Dich übergegangen, so hätte ich Dich von Herzen bedauert und in Folge dessen geliebt. Ich hätte Dich nie verlassen, nie gefürchtet, und was Du scheutest, wäre nie eingetroffen." „Glaubst Du das?" „Ich weiß und fühle es. Du hättest dagegen gekämpft, ich hätte es nicht gefürchtet, und mit der Zeit wäre die fixe Idee verschwunden. Du bist von Naiur abergläubisch und krankhaft erregt. Die absurde Pro- phezeihung, die grause Geschichte und des Vaters Warnung waren zu viel für Dich allein. Hättest Du es mir gesagt, so wären die hypochondrischen Ideen halb getheilt gewesen. Ich hätte Dich nie verlassen, uno Du hättest mir nie ein Haar gekrümmt." Ihr fester Ton schien ihn zu überzeugen, sein Gesicht überschattete sich. „So war Alles umsonst, all' die Leiden und Opfer, Prinz Feräinnnä von Konrbon unä seine Verlobte, Prinzessin Marin von Kagern. , > ' 602 all' die schrecklichen Monate der Trennung", sprach er betäubt. Wieder nahte sich die Tante. „Du mußt nun gehen, Edith, wenn Du da bleibst, schläft er keine Minute, und wer steht dann für die Folgen? Sage ihr, Victor, daß sie Dich verlassen müsse, sie wird Dir gehorchen." Er sah, daß die Tante recht hatte. „Geh' auf ein paar Stunden", flüsterte er schwach, „wir bedürfen der Ruhe, und ich habe Dich dann morgen den ganzen Tag." „Gute Nacht", flüsterte sie, ihn küssend, „o, daß das Lebenselixir keine Fabel, die Zeit der Wunder nicht vorüber wäre. Wie glücklich wären wir, wenn er genäse I" Edith begab sich in ihr Zimmer. Mit welch' anderen Gedanken betrat sie es jetzt. Wohl erinnerte sie sich noch der Nacht vor zwölf Monaten, wo sie Abschied genommen von Rudolfs Bild und Briefen und auf die Morgenröthe des Trauungstages gewartet hatte. Als sie am Morgen erwachte, war ihr erster Gedanke: „Lebt Victor?" Sie läutete. Jnez erschien selbst. „Ich weiß, was Sie zu wissen wünschen", sprach sie herzlich, „ja, er lebt, ist aber sehr schwach. Die Erregung und Freude der letzten Nacht waren zu viel für ihn. Und er gedenkt noch des Jahrestages." Edith wandte sich ab, das Herz voll Pein. „Hatte ich es nur gewußt", rief sie schmerzlich, „wenn Sie, wenn er es mir gesagt, Alles wäre gut gewesen." „Ich glaube es nun selbst; Sie sind so stark und wüthig und hätten ihm diese Gefühle eingeflößt. Jetzt aber ist es zu spät, und wir können ihn nur glücklich machen, so lange wir ihn noch haben." „Zu spät! Zu spät!" widerhallte es trostlos in Edith's Herz. Sie war so nahe daran, den Gatten zu lieben. Sobald sie angekleidet war, eilte sie ins Krankenzimmer. Victor lag bleicher als das Linnen in seinem Kissen. Jetzt erst bemerkte sie die geisterhafte Blässe, sah, daß sein Haar mit Grau gemischt war, daß in seinem Gesicht die Anzeichen der nahen Auflösung sichtbar wurden. Er athmete schwer. Die ganze Nacht hatte er an Herzkrämpfen gelitten. Der Schmerz war vorüber, aber er war erschöpft, vom Eis des Todes angehaucht. So lag er, das Wrack des edlen, hoffnungsvollen, schönen Mannes, den sie vor einem Jahre geheirathet, und doch umspielte das alte Lächeln seine Züge, als er sie erblickte. Unfähig zu sprechen vor innerer Bewegung, setzte sie sich an seine Seite. Er bat sie, ihm Alles mitzutheilen, was sie erlebt seit jenem verhängnißvollen Tag, da er sie verlassen. Sie entsprach dem Wunsche, erzählte ihm, wie es ihr ergangen von der Flucht von Powys Place nach Chateron Royals. Die Schattenseite ließ sie ziemlich unberührt, aber er verstand sie und wußte, wie ihr Stolz gelitten und geblutet hatte. „Ich dachte nicht, daß Du so handeln würdest", flüsterte er, „aber ich hätte Dich besser kennen sollen. Meiner Absicht entsprechend, wärest Du bei Tante Helena geblieben und hättest genommen, was Dir gebührte; als ich von Deiner Flucht hörte, war ich wie betäubt und suchte Dich überall. Weißt Du, daß ich in Amerika war?" „Jnez sagte eS mir." „Ich konnte aber weder Deinen Vater, noch die Familie Stuart ausfindig machen. Dich selbst sah ich zufällig in Madame Mirabeau's Laden, und es war meine letzte Hoffnung, als ich Jnez zu Dir sandte. Sie litt Schiffbruch, und das war am schwersten zu ertragen." „O, daß ich's gewußt hätte!" „Ja, das war der Fehler; mit Deinem Stolz konntest Du nicht anders handeln, und doch gefällt mir Dein Wesen. Ich sehe Dich im Geiste als eines edlen Mannes glückliche Gattin; lass' dann aber nicht den Stolz zwischen Dich und Deine Zukunft treten. Edith, ich werde friedlicher im Grabe ruhen, wenn ich auf Erden Dich glücklich weiß." „O, Victor, Deine Güte bricht mir das Herz." „Um eins aber muß ich Dich bitten, Edith, willst Du mir es gewähren?" „Könnte ich Dir's versagen?" „Versprich mir, daß Du nach meinem Tode nimmst, was Dir gebührt. Kein falscher Stolz soll Sir Victor Chaterons Wittwe beeinflussen. Juan Chateron ist mit einer Creolin verheirathet und lebt gebessert auf der Insel Martinique. Er erbt gesetzlich den Titel Chateron Royals und dessen Revenuen. Das Uebrige gehört Dir. Meiner Großmutter bedeutendes Vermögen ist Dir testamentarisch gesichert, und es ist mein letzter Wunsch und Befehl, daß Du Alles ohne Zögern annimmst, auf daß ich Dich ruhig verlassen kann. Versprich es mir, Edith." „Ich verspreche es", flüsterte sie. Er sammelte glühende Kohlen auf ihr Haupt. Langes Schweigen folgte. Er lag mit geschlossenen Augen, erschöpft, aber glückselig. Des Todes Bitterkeit war vorübergegangen, er hatte heiligen Frieden. An der Seite des geliebten Weibes mochte er ruhig sterben, denn er wußte, daß in ihrem Herzen nur Liebe wohnte und Vergebung, daß sie einst glücklich sein würde. Edith verließ ihn keinen Moment. Tante Helena und Jnez theilten gelegentlich ihre Wache, sie alle sahen, daß das Ende nahte. „Lies mir vor", sprach er zu Edith während deS Tages. Sie las über des Lebeus Leiden und Versuchungen: „Aber das Ende wird kommen und alle Thränen sollen getrocknet werden, und es soll nicht mehr sein Trauer noch Schmerz. Danket dem Herrn für die Auflösung." Er sah sie begeistert an; ihre Stimme brach, sie legte das Buch weg. Als der Sonnenuntergang das Fenster vergoldete, erwachte er und blickte hinaus in die purpurne Gegend. „Oeffne das Fenster, Edith, ich möchte noch einmal des Tagesgestirnes Sinken sehen." Ambrosisches Licht durchstrahlte das Zimmer, wie des Paradieses Pforten leuchtete der Horizont. „Herrlich! O, wenn die Erde schon so schön ist, wie göttlich muß der Himmel sein!" Und leise wiederholte er die Worte, die sie gelesen: „Und es soll nimmer sein weder Trauer noch Klage noch Pein." Er athmete tief auf. „Du bist bleich, Edith, geh' ein Weilchen ins Freie, Du magst mich ruhig verlassen." Sie küßte ihn und ging. Ihr ganzes Leben war sie froh, daß sie mit einem Kusse von ihm geschieden. Sie ging hinab in den Garten und blieb etwa fünfzehn Mi- 603 nuten. Allmälig erlosch im Westen die Abendröthe, bleich blickte der Mond auf die ruhende Erde. Sie kehrte zurück. Noch lag er, wie sie ihn verlassen, und sie glaubte ihn schlafend. Sie beugte sich über ihn tiefer und tiefer. „Und das Ende wird kommen und es soll nimmer sein weder Trauer, noch Klage, noch Pein!" Ein Schrei durchzitterte die Luft, gequälter Wittwen- brust entrungen. Auf die Kniee sank sie neben dem Lager deS Todten. Eine Stunde später erklang vom Thurme in Ches- holm dumpf die Todtenglocke; sie klagte um Sir Victor Chateron, der zu früh zu den Vätern geschieden. 7. Kapitel. Zwei Jahre später. Ein schönes Schiff dampfte an einem Augustnachmittage Majestätisch hinaus in die offeneSee. Alle Kajüten waren gefüllt, alle Länder schienen vertreten. Man lernte sich kennen. Eine dunkle, schöne Dame in Wittwentracht erregte allgemeines Interesse. Auf der Passagierliste stand sie als Lady Chateron, eine reiche, adelige Engländerin, mit Dienerschaft. Die Zofe erzähltenach Weiberart so viel sie wußte. Lady Chateron war seit zwei Jahren Wittwe des verstorbenen Sir VictorChate- ron, der im ersten Jahre ihres ehelichen Lebens starb und ihr einen unendlichen Reichthum hinterließ. Mehr wußte Sarah Betty nicht, sie war erst in London engagirt H worden, um mit Lady Chate-' ron auf dem Continent zu reisen. Nun begebe sich diese nach Amerika, weshalb, wisse sie nicht. Allüberall wurde die Dame bewundert, aber sie schien kalt wie Marmor, stolz und gleich- giltig gegen Alles. Die Gesellschaft besuchte sie nicht, der Verlust ihres Gatten habe ihr das Herz gebrochen. Das war Betiy's Geschichte; der Bediente war ein würdiger, schweigsamer Mann, den man unmöglich fragen konnte. Er machte keine Mittheilungen, man mußte mit den Nachrichten der Zofe sich begnügen. So wurde Lady Chateron an Bord die Heldin des Tages. Sie machte keine Bekanntschaften. Ihr Schweigen aber konnte man kaum auf Rechnung des Stolzes setzen. Noch vor Ende der Reise war sie oft bet den Zwischendeckpassagieren, spendete reiche Gaben und wurde von Segenswünschen begleitet. Gewiß nicht Stolz — die tiefen, unergründlichen Augen waren so wunderbar weich — und doch hatte sie etwas so Unnahbares, daß Niemand ihr zu nah zu treten wagte. Vom Anfang an war Lady Chateron interessant und geheimnißvoll und blieb es bis zum Ende. Ja, es war Edith — Edith, die nach Hause ging. Ihr Vater sehnte sich nach seinem Kinde. Hoffte sie noch andere Freunde zu sehen? Je näher sie Amerika kam, desto heftiger schlug ihr Herz; sie wurde ruhelos. Sie erreichte New-Iork, und schon am folgenden Tage reiste Lady Chateron ohne alle Begleitung nach Sandypoint. In der Dämmerung eines Augusttages betrat sie das Hcimathstädtchen und schritt langsam durch dessen Straßen. Vor drei Jahren hatte sie es verlassen, ein glückliches, hoffnungsvolles Mädchen von achtzehn Jahren, als einsame, trauernde Wittwe kehrte sie nun zurück. Wie verändert war Alles, und doch so bekannt! Hier waren die Läden, in die sie zu gehen pflegte, um Einkäufe für den Familienbedarf zu machen. Hier dehnte sich die lachende See aus, auf der Rudolf und sie zu schiffen pflegten. Dort lag die Wiese, auf der sie in jener Nacht sein Leben gerettet. Wäre es nicht besser gewesen, wenn damals Beide gestorben? Da war das Riff, wo er ihr unter strömendem Regen seiner Mutter Brief gegeben, worauf ihr Leben neu zu beginnen schien, dort die Thür, an deren Schwelle er gesagt: „Was auch immer die Zukunft Dir bringe, mich darfst Du nicht tadeln." Und sie tadelte ihn nicht. Das Glück des Lebens war vor ihr gelegen, sie hatte es von sich gestoßen. Die Thüre öffnete sich, und ein ältlicherMann trat heraus. Mit einemAufschrei derFreude lag sie in des Vaters Armen. Sie blieb eine Woche; wie bekannt schien ihr Alles und doch so fremd. DieKinder lärmender denn je; der Vater grauer, stirngefurchter; die Stiefmutter immer gleich sauertöpfisch, doch gegen sie höchst willfährig. Die Leute, die sie kannten, kamen sie zu sehen, oder starrten sie von Weitem an. Eine Zeitlang unterhielt sie das, dann überkam sie die alte Ruhelosigkeit und Sandypoint war, selbst um des Vaters willen, nicht mehr zu ertragen. Sie wollte in die Metropole zurückkehren, im Gewoge der Menschen würde sie Ruhe finden, hoffte sie. Und so ging sie, nachdem sie den Vater der materiellen Sorgen für die Zukunft für immer überhoben hatte. Die Zeit verstrich; sie traf alte Bekannte, von der Familie Stuart aber vermochte sie nichts zu erfahren. Sie war verschwunden, und Edith begann sich nach England zurückzusehnen, zu Tante Helena und Jnez, mit welchen sie ein behagliches Stillleben zu führen und zu vergessen suchen wollte. Vor ihrer Abreise machte sie noch einige Einkäufe. Sie betrat ein Magazin am Broadway und verlangte schwarzen Seidensammt zu sehen. Der junge Mann, der WWM MWWDtztz Prinz Max, Herzog zu Sachsen 604 sich zu ihrer Bedienung genähert, antwortete nicht, sie blickte auf und erkannte — Rudolf Stuart. (Schluß folgt.) .- Wacht in Uom Das Abendroth ist still verglühet, Verklungen längst der Glockenton, Der Römerherzen aufgefordert Zum Gruß der Mutter mit dem Sohn. Und leise nun hat sich gesenket Die Nacht herab auf's ew'ge Rom, Ich stehe sinnend hier am Fenster Und schaue nach St. Peters Dom. Da steht der hohe Riesenwächter, Die Hallen meines Gott und Herrn, In gold'nem Schimmer ihn beleuchtet Vom Himmel friedlich Stern bei Stern. Nun schau' ich hin zum Vatikane, Dort strahlet noch ein kleines Licht — Der Völkerhirt — der große Leo — Er wachet noch — er schlummert nicht. O vor Mariens reinem Bilde Er kniet jetzt noch vielleicht und fleht, Und himmelwärts die Engel tragen Für Christi Heerdc sein Gebet. Wir schlummern friedlich, und in Müben Der Hirte betend für uns wachr, Gruß dir, du treubesorgter Hirte, O heil'ger Vater, gute Nacht! Rom. Robertus, 8. v. 8. --vSSiSOVS—- Grönenbach. (Mit Illustration.) ' -—^Nachdruck verboten.) Die erste geschichtlich bekannte Erwähnung von Grönenbach, welches an einem subalpinen Hügel anmuthig erbaut ist, geht ins 8. Jahrhundert zurück, indem ein gewisser Gottschalk von Grönenbach im Kampfeder Schwaben gegen die Franken anno 727 gefallen ist. Die erste freiherrliche Familie in Grönenbach nannte sich bald nach Wolfertschwenden, Ochsenhausen und Grönenbach. Länger blühte die Linie von Grönenbach. Zu ihren letzten noch bekannten Gliedern gehören Volpert und Hatto; dieser bezeugte die Stiftung des Klosters Ochsenhausen 1099 und war auch Zeuge der bischöflichen Bestätigung des Klosters Ursberg 1130. Noch 1152 schenkte Ruppert von Grönenbach die „Jttelsburg" bei Grönenbach an Ottobeuren und gleichzeitig 1150 der edle Bertholt» von Grönenbach als Pfarrer daselbst ein Gut mit 9 Huben in Niederdorf an dasselbe Kloster. Das die Schicksale Grönenbachs bestimmende Geschlecht waren aber die Herrn von Rotenstein und ihre Erben, die Marschälle von Pappenheim, indem dieselben die bedeutendste Herrschaft innerhalb der Graf- schaft Kemplen, die gegen Kempten lehnbare Burg Rotenstein, innehatten. Schon frühe kamen nämlich auf unbekanntem Wege die Gemeinden Grönenbach, Zell und Woringen, welch letzteres 1414 für immer den Rotensteinern verloren ging, an dieses Rittergeschlecht. Auch Grönenbach war denselben einige Zeit entfremdet, denn es fiel erblich an Hans Rizner von Mem- hölz und kam von diesem an Hans Sürgen, geboren zu Vöhringen, welcher das Schloß und die Herrschaft Grönenbach an Conrad und Ulrich von Rotenstein verkaufte. 1460 besaßen Rotenstein Thomas und dessen Gemahlin von Crivelly, Grönenbach aber Ludwig von Rotenstein und dessen Gemahlin Utta von Hirnheim; beide waren ohne Leibes-Erben. Umsomehr aber lebten dieselben durch ihren frommen Sinn in Grönenbach fort. Nachdem nämlich vom Bischof Walther von Augsburg 1136 die herrlich auf einem Berge gelegene Pfarrkirche zu Ehren der hl. Apostel Philippus und Jacobus geweiht worden, wurde dieselbe von Ludwig v. Rotenstein 1479 zum Stiftscollegium mit reicher Dotation erhoben. „Ich, Ludwig v. Rotenstein, zu Leostein Ritter, will nach reifer Bedenkung, daß nichts gewisser als der Tod und daß nach demselben nichts folgt als die guten Werke, daß die genannte Pfarrkirche mit allen Nutzen, Gilden und Renten zu einem Stift und Collegtat gemacht werde. Der Decan soll mit den 12 Chorherrn bei einander in dem aufgebauten Stifte wohnen, bet einander essen, in einer Stube, an einem Tische, einer Tafel und aus einem Hafen, während der Lector vorliest. Sie sollen aus ihnen einen Schaffner wählen, der ihnen über Einnahmen und Ausgaben Rechnung thut; sie mögen einen Heiligpfleger setzen, der ihnen jährlich treulich Rechnung macht, die Kirch mit Glocken und allem Nothdürftigen und Zierde hält. . . Im Spital und in dem Schloß, wenn in demselben eine Kapelle ist, soll alle Tage Messe gelesen werden. . . Ich habe an Obgenannte Pfarrer gegeben: Gilden, Zehnten u. Renten rc., so meine Hausfrau Utta von Hirnheim gereicht und gestiftet. Ich gib an das Stift das Panholz mit all seiner Weide und das Holz im Hirschstall ..." An diese hochherzige Stiftung erinnert noch daS Doppelwappen an der Nordseite des großen Pfarrhauses. Desgleichen verdankt das frühere Spital sammt Kirche zum hl. Geiste, sowie das Frühmeßbenefizium in Altusried den genannten frommen Edelleuten ihre Entstehung, deren Andenken in dem schönen Grabsteine in der Pfarrkirche mit der Inschrift erhalten wird: ,,^rmo ävvaini 1482 am 8. Tag Mai starb der edle Herr Ludwig v. Rotenstein und Leostein Ritter, Stifter dieses würdigen Stiftes, Unno äonainl 1501 am 15. Tag April starb die edle Frau Utta von Hürnheim, sein Hausfrau. Den Gott gnad." Bon der einzigen Schwester Ludwigs, nämlich Corona, die letzte dieses Stammes, kam nun durch Heirath mit Haupt von Pappenheim und Erbeinsetzung die Herrschaft an die pappenheimische Linie. Aus dieser Ehe entsproß ihr einziger Sohn Alexander, unter dessen Befehle die schwäbischen Reichsstädte ihre Truppen nach Flandern sandten, um den 1488 in die Gefangenschaft seiner untreuen Bürger in Brügge gerathenen Kaiser Maximilian zu befreien. — Einer seiner vier Söhne, nämlich Wilhelm, vergröberte den pappenheimischen Besitz durch Ankauf von Jttelsburg. Dieses Dorf bildete nämlich mit der gleichnamigen Burg eine eigene, vom Stifte Kempten lehnbare Herrschaft, die den Herren von Jttelsburg gehörte, von diesen an das Kloster Ottobeuren kam, 1354 von Berchtold von Jttelsburg wieder ausgelöst wurde, 1400 an Franz v. Wauler fiel, sodann 1406 wieder an Ottobeuren verkauft und 1410 an Hug Gerwig von Rotenstein zu Albrechts veräußert wurde. Die Rotensteiner verkauften aber bald Jttelsburg an Conrad Leulkircher von M zier letzte Mit. Nach dem Gemälde von G. Urlaub 606 Memmingen, von welchem dasselbe an den Mitbürger Zwicker kam; Hans Zwicker erbaute auf der sogenannten Heidelburg eine neue Feste Jttelsburg, die aber schon 1457 von den Kemptern gebrochen wurde. Von den Erben dieses Zwicker, an dessen Herrschaft ein noch vorhandener Meßkelch mit Wappen in der Ftlialkirche erinnert, kaufte Dorf und Gericht Jttelsburg 1496 der genannte Wilhelm Pappenhetm. In der auf einem Hügelausläufer gelegenen Burg,Falken' behauptete sich der Woringer Zweig der Roten- steiner bis ins 15. Jahrhundert, wornach sie an Memminger Bürger veräußert, von Heinrich von Notenstein 1492 aber zurückgekauft und neu auferbaut wurde. 1558 starb Herr Wolf von Pappenheim, von welchem in der Pfarrkirche ein sehr gut erhaltenes Grabdenkmal erhalten ist, als des hl. römischen Reiches Erbmarschall noch gut katholisch. Er hinterließ 3 Söhne, nämlich Alexander, Philipp und Christoph, welche das hl. Land besuchen wollten. Zwei davon, Philipp und Christoph, haben aber ihren Entschluß in Venedig geändert und gingen in der Schweiz zur reformirten Kirche über. Philippus kam mit einem im Handel verunglückten Eisenkrämer aus Basel nach Grönenbach und brachte in und um Grönenbach seine Unterthanen nach dem in jener Zeit allgemein üblichen Grundsätze „vujua i6§io, ajua reli^io" d. h. daß der Unterthan dem Glauben seines Herrn folgen müsse, zu seinem reformirten Bekenntnisse und sicherte dieses dadurch, daß er nach langen Streitigkeiten mit der katholischen Linie seines Hauses zu Grönenbach 1577 eine Theilung des Vermögens des schon 1550 bis auf den Decan und einen Chorherrn zusammengeschrumpften Stiftes durchsetzte. Jeder der beiden Theile durfte un- genirt vom Andern zur Versetzung seiner Religion und des Gottesdienstes Personen annehmen, und zwar Alexander drei katholische Priester, zwei Alumnen, einen Schullchrer und Meßner, Philipp einen Prädicanten und Lehrer. Jeder katholische Priester soll 104 fl., der reformirte Prädicant und Lehrer zusammen 216 fl. und 24 Klafter Holz erhalten. Die Stiftskirche diente zugleich dem katholischen und reformirten Gottesdienste. Weßhalb das Stift Kempten, dem die Lehenshoheit und die hohen Gerichte über Grönenbach zustanden, nicht gegen das Eindringen der damals im Reiche noch nicht anerkannten reformirten Religion sofort Gegenmaßregeln ergriffen hat, bemerkt Dr. Baumann, bleibt räthselhaft; erst nach dem 1619 eingetretenn Tode des Marschalls Philipp, der in seinem Testamente 1613 die Erhaltung seines Glaubens in seiner Herrschaft seinen Erben eingebunden hatte, gingen der Fürstabt von Kempten und der Bischof von Augsburg, denen der Kaiser 1601 den Schirm über das Stift eigens anbefohlen hatte, gegen das reformirte Bekenntniß daselbst vor, vermochten aber die pappenheimischen Unterthanen nicht zu ihrer Kirche zurückzubringen. Die Herzöge von Bayern und Württemberg, denen der Kaiser die Regelung dieser Dinge übertragen hatte, bestimmten nur, daß in Grönenbach an die Stelle der reformirten die Augsburger Konfession zu treten habe. Diesen Entscheid nahm auch der Marschall Maximilian von Pappenheim an, indem er damals zustimmte, daß in Grönenbach Stift und Pfarrkirche ausschließlich den Katholiken, die Spitalkirche der Augsburger Konfession zugehören solle. Obwohl jetzt Marschall Maximilian in seinen Besitzungen die Memminger Kirchenord- nung einführte, so erhielt sich doch das reformirte Bekenntniß, weil die Wittwe des Marschalls Philipp im untern Schlosse den reformirten Prediger Langhaus predigen ließ, bis ihn die kemptischen Beamten im „Schulerloch" gefangen nahmen und ihm die Rückkehr nach Grönenbach verwehrten. Seitdem gingen die Grönenbacher Reformirten in die Kirche zu Herbishofen, wo die Landeshoheit der Pappenheimer ihren Glauben schützte, bis auch hier und zu Teinselberg der Kaiser 1630 die reformirten Prediger auswies. Sie wurden aber schon 1632 von den Schweden zurückgeführt, ja in Grönenbach ereignete es sich, daß die Schweden den dortigen lutherischen Prediger, also ihren Glaubensgenossen, beseitigten, für ihn einen reformirten Diener am Worte einsetzten und diesem auch die Stiftskirche überwiesen. Dieses endigte durch die Schlacht bei Nördlingen, die den Katholiken in Grönenbach die Herrschaft zurückgab. Als 1633 daS Hospital und die Spitalktrche abbrannten, ließ der Stiftsdecan den lutherischen Pfarrer wieder in die Stiftskirche; die Reformirten aber setzten ihre Religionsübung in der rotensteinischen Vogteibehausung fort. Endlich machte der westfälische Friede den bisherigen Streitigkeiten wenigstens auf einige Zeit ein Ende, indem am 19. März 1649 eine Signatur von der constanzischen und württembergischen Commission erlassen wurde, wornach den Reichsmarschallen Pappenheim das Patronatsrecht in der Stifts- und Pfarrkirche Grönenbach, wie es am 1. Januar 1624 hergebracht war, zurückgestellt wurde und sie den reformirten Gottesdienst in der Spitalkirche wieder einzuführen befugt sein sollten. Da aber diese abgebrannt war, wollten die Reformirten im oberen pappenheimischen Amtshofe eine Kirche erbauen, erhielten aber eine solche 1650 unten im Markte und einen Prediger nach pfälzischer Ktrchenordnung. Noch in demselben Jahre wurden die beiderseitigen Differenzen in folgender Uebereinkunft geschlichtet: Das Präsentationsrecht auf die Stiftsgetstlichen soll den katholischen Herrschaften zustehen; der Sttftsschaffner soll abwechselnd von Fugger und Pappenheim gewählt, aber immer katholisch sein; die Heiligenrechnung soll beiden Herrschaften zugleich gestellt werden; die Ftlialkirche in Jttelsburg nur den Katholiken gehören; der katholische Meßner soll gemeinschaftlich ernannt werden, in den Kirchen beider Confessionen dienen und von allen Pfarr- genoffen die Gefälle ziehen; der Spitalmeister soll gemeinschaftlich ernannt werden. Als die pappenheimischen Besitzungen 1692 an das Stift Kempten übergingen, übernahm Chursachsen die Gewähr, daß dort in Religionssachen alles ungestört bet dem bisherigen Zustande verbleiben werde. So blieb es auch im ganzen wirklich in Grönenbach, nur wurden die Reformirten angehalten, die katholischen Feiertage mitzufeiern, die Angabe im Heidelberger Katechismus wegzulassen, daß die hl. Messe eine vermaledeite Abgötterei sei. Eine in diesem Jahrhundert ausgebrochene Streitigkeit wegen Gefälle wurde gütlich dahin 1833 beglichen, daß die reformirte Kirchengemeinde sich verbindlich machte, die zur katholische Kirche reclamirten Renten ferners an die katholische Kirchenadministration abzuliefern und an den katholischen Meßner wie früher die normirten Natural- und Geldreichnisse zu verabfolgen habe. Die beiden Confessionen leben nun einem von Fremden oftmals bewunderten religiösen Frieden, welcher gottlob nicht auf dem psychologisch ungereimten und dogmatisch unsinnigen Satze des Lesebuchs für Sonntagsschüler beruht: „Ehre (anerkenne) fremden Glauben", sondern auf dem durch die bayerische Staatsverfaffung geforderten Motive: „der gegenseitigen Achtung." 607 Zum Verständnisse der äußern Geschichte müssen wir nachholend bet Alexander, dem katholisch gebliebenen Sohn des Reichsmarschalls Wolfgang, anknüpfen. Dieser starb als kaiserlicher Rath und Oberster, ein altlöblicher Regent, 1612. Seine Tochter Anna hatte sich 1611 an Philipp von Rechberg verheirathet, nach dessen Tod aber mit Otto Heinrich Fugger, Ritter des goldenen Vließes, und ihn, weil aus dieser Ehe auch kein Leibeserbe vorhanden war, zum Universalerben ihrer Güter eingesetzt. Dieser Fugger hat auf Seite der katholischen Liga und des Kaisers den 30 jährigen Krieg bis zu seinem Tode 1635 mitgemacht und sich durch Tapferkeit ausgezeichnet. Von Otto Heinrichs Nachkommen kaufte den Besitz Roten- stein 1693 und Grönenbach 1695 um 100,000 st. der unermüdliche Fürstabt von Kempten, Ruppert v. Bodmann, dessen Wappen noch den Kirchthurm der kathol. Pfarrkirche ziert. Unter diesem umsichtigen Regenten wurde auch das hiesige Bräuhaus erbaut und das im 16. Jahrhundert erbaute Schloß erweitert.Für dieFörderung der Landwirthschaft wurde auch vondenFürst» übten hierorts die Verein- ödung durchgeführt. Grönenbach bekam auch von denselben ein „Pflegamt", wozuGrönen- bach, Altus- ried, Lachen, Zell, Jttels- burg, Herbis- ried und Ziegelberg als einzelne Gemeinden gehörten, deren Vorsteher „Hauptmann" hießen, wie dieses jetzt noch ver Hausname auf einem Anwesen in Ziegelberg bekundet. Dieses Pflegamt hatte auch eine eigene Landschaftskasse, die gemeinsam von einem katholischen und reformirten Kassier verwaltet wurde; dasselbe hatte auch eine zehn- köpfige Landschaft, welche die ehedem pappenheimischen Unterthanen desselben mit Berücksichtigung der beiden Konfessionen — 7 katholische und 3 reformirte Pflegeausschüsse — wählten. Bezüglich des Collegiatstiftes kam zur Hebung und Festigung desselben zwischen dem Fürstabte Honorius von Kempten und Clemens Wenzeslaus, Bischof von Augsburg, am 1. Mai 1784 ein Uebereinkommen zustande, wornach das Stift niemals auf den Stand einer einfachen Pfarrei hätte reducirtwerden können; aber die unersättliche Säkularisation erklärte 1804 dasselbe für aufgelöst, und das reich dotirte Stift Ludwigs von Roten- stein zerfloß im Staatssäckel, wie auch am 19. März 1873 sein Schloß Rotenstein den Hügel daselbst hinabkollerte. Wohl hat die katholische Pfarrgemeinde 1814 und 1843 unterm Vicar, dem späteren Prälaten Merkle das Pfarr- vermögen, welches mit dem Stifte seinerzeit unirt worden, durch wiederholte Vorstellungen zurückerhalten wollen, allein dieses wiederholte Untertauchen zur Holung des „goldenen Bechers" blieb erfolglos. Auch für den Chorregenten waren die täglichen 3 Glas Bier aus dem ärarialischen Bräuhause verloren, indem solche Bezüge als bloße gratis, krinoipiZ des Fürstabtes vom Aerare erklärt wurden. Von diesem Schicksalsschlage der Säcularisaiion ist aber die mit dem hiesigen Collegiatstifte incorporirte Pfarrei Zell mit ihren Groß- und Kleinzehnten verschont geblieben. Von den Decanen des Stiftes verdienten der Mitwelt zum dankbaren Andenken besonders erwähnt zu werden: Andreas Weiß, 1589—1613, welcher die Bibliothek sehr bereicherte; Georg Megglin, welcher 1663 die Stiftskirche restaurirte; Georg Huber, welcher bei seinem Tode 1762 bet 3000 fl. zum salestanischen Seminare in Dillingen vermachte,damit von deren Zinsen Stu- dirende der katholischen Pfarrei unterstützt werden, eine für eineLand- gemeinde seltene und noch jetzt wohlthätig wirkende Stiftung. Auch die noch in unserer Gegend existtr- enden Geschlechter der „Dodel* und „Epple" hatten Decanats- und Canonikersitze in Grönenbach inne. Desgleichen gab Grönenbach auch der Kunst und Wissenschaft seinen Zoll, z. B. in dem theologischen und kanonischen Schriftsteller Benedict Schmier, 1682 — 1744, und in dem Kupferstecher Johann Gottlieb, welcher 1739 daselbst geboren und dessen Werke seinerzeit beliebt waren. An diese geschichtlichen Notizen sollen sich zum Schlüsse einige Züge von dem Bilde reihen, welches das jetzige, 1485 zum Marktflecken erhobene Grönenbach darbietet. Oben auf dem Berge steht weithin im Jllerthale sichtbar die dreischiffige, gothische, neu restaurirte Hallenkirche mit einer geräumigen romanischen Krypta, auf deren Kreuzgewölbe der Chor ruht und die 1884 wieder dem gottes- dienstltchen Zwecke zurückgegeben wurde. Auch die reformirte Kirche, früher Spitalkirche, hat seit 1880 durch einen neuen Thurm mit pfarrlichem Geläute eine Verschönerung erfahren. Wenn auch 1879 das Landgericht aufgehoben wurde und in dem Schlosse eine Lehranstalt für Photo- Grönenbach. Original-Aufnahme von Gustav Baader, Photograph in Arumbach (Vervielfältigungsrecht vorbehattenf 608 graphie rc. sich nun befindet, so ist doch der nahe herrliche Tannenwald mit seinen einladenden Spaziergängen und unerschöpflichen Heidelbeerplätzen, sowie die lohnende Aussicht vom „Kornhofer Bänkle" undvom „Sommersberg" auf einen sehr großen Theil der Alpenkette geblieben, und jeder Besucher kann in dem an drei Weihern idyllisch gelegenen Bad Clevers durch eine erquickende Cur Körper und Geist erfrischen. Quellen: Geschichte des Allgäus von vr. Baumann; Acten des katholischen Pfarramtes Grönenbach; Intelligenz- blatt des Jllerkreises 1816 x. 447 ff. -- Zu unseren Bildern. Prinz Ferdinand von Hourdon «nd seine Drrlobte, Prinzessin Maria von Daqern. Prinzessin Maria, die Zweitälteste Tochter des präsumtiven Thronfolgers Prinzen Ludwig, hat sich mit dem PrinzenFerdinand, Herzog von Calabrien, verlobt. Am 6. Juli 1872 in Villa Amsee bei Lindau, der Besitzung ihres Vaters, geboren, genoß sie, gleich ihren zahlreichen Geschwistern, eine vortreffliche Erziehung, wie denn das Familienleben im Elternhause als muster- giltig allgemein anerkannt wird. Die Prinzessin ist geistig und körperlich bevorzugt; sie zeichnete stcb von jeher durch Anmuth, Natürlichkeit, gewinnende Liebenswürdigkeit, vor allem aber durch rührende Herzensgüte aus. Zu Idealen neigend und von Wissensdrang beseelt, erwarb sie sich hervorragende Kenntnisse auf dem Gebiete der Litteratur, der Kunst und besonders der Gesckichte: sie beherrscht fast alle neuern Sprachen, zeichnet und malt mit auffallender Begabung und hat im Klavierspiel eine Fertigkeit erlangt, die weit über den gewöhnlichen Dilettantismus hinausgeht. Dabei zeigten sich stets als Grundzüge ihres vorzüglichen Charakters schlichte Einfachheit, Frische der Anschauung und Streben nach Wahrheit. Bereits von frühester Jugend an körperlich abgehärtet, ist die schlank und elegant gewachsene, holdselia erblühte Prinzessin eine tüchtige Touristin und erklärte Freundin des Schwimm- und Rudersports. Kein Wunder, daß die so glücklich Veranlagte nicht nur im Elternhaus- sozusagen auf den Händen getragen, sondern auch von allen, die ibr nahe stehen, geliebt und verehrt wird. Erbprinz Ferdinand Pins von Sizilien, wurde am 25. Juli 1869 zu Rom geboren. Er ist der Sohn des Grafen Alfons von Caserta, eines Halbbruders des Königs Franzll. von Sizilien. Nach dem vor zwei Jahren erfolgten Tode dieses Fürsten nahm Prinz Alfons alle Rechte und Titel des Verstorbenen für sich in Anspruch, erklärte jedoch, vorläufig den Titel „Graf von Caserta" führen zu wollen. Durch seinen vor elf Jahren verstorbenen Oheim, den Grafen Ludwig von Trani, der die Prinzessin Mathilde von Bayern als Gemahlin heimgeführt hatte, ist der Bräutigam, der in spanischen Militärdiensten steht, bereits mit dem Wittels- bacher-Hause verwandt. _ Prinz Max. Herzog zu Dachse«. Durch die am 26. Juli d. I. in der Schutzenaelkirche zu Eichstätt von dem apostolischen Vicar des Königreichs Sachsen Bischof vr. Wahl an dem Prinzen Max, Herzog zu Sachsen, vollzogene Priesterweihe in Verbindung mit der Primizfeier des prinzlichen Priesters in der Josephinen-Stiftskirche zu Dresden am 1. August ist eine Angelegenheit zum Abschluß gekommen, über die seit 1893, in welchem Jahre Prinz Max aus freien Stücken den bunten Rock des Ulanenoffiziers mit dem schmucklosen Kleide des Priesterseminarzöglings, die freundliche Garnison Oschatz mit den stillen klösterlichen Räumen von Eichstätt vertauschte, gar viel geredet und geschrieben worden ist. Bei der Priesterweihe des Prinzen Max von Sachsen waren auch sein Vater und seine Geschwister zugegen, an der Feier des ersten heil. Meßopfers betheiligten sich außer diesen seinen nächsten Verwandten und den ersten katholischen Geistlichen des Königreichs Sachsen auch das sächsische Königspaar, sowie die Bischöfe von Eichstätt, Frhr. v. Leonrod, und von Straßburg, vr. Fritzen; jener hatte den Prinzen zum Priesterberuf vorbereitet, dieser war der Religionslehrer seiner Kindheit gewesen. Die Festvredigt bei letzterer Gelegenheit hielt der Dresdener Bischof vr. Wahl, dem seinerzeit der Prinz die erste Mittheilung davon gemacht hatte, daß er in den Dienst der Kirche einzutreten Willens sei. Der Vater des Prinzen Max, Prinz- Feldmarschall Georg, war vom ersten Augenblick an mit dem Vorhaben seines Sohnes einverstanden, und der Papst hatte dazu im August 1893 seinen Segen gesandt. Am 28. August 1893 erhielt Prinz Max vom Bischof Frhrn. v. Leonrod zu Eichstätt bereits die Tonsur. Die hervorragenden Theologen von Eichstätt — so sagte Bischof vr. Wahl in seiner Festpredigt — fanden gar bald, dast dem jungen Wettiner alle Eigenschaften die dem Priester nöthig sind, soll er in Segen wirken, in hohem Grade eigen waren, unk bei der Primizfeier in Dresden verlieh ihm nun der Festprediger unter Hinweis darauf, daß er sich selbst nach absolvirvm Studium der Rechtswissenschaften an der Landesuniversität Leipzig bereits den Doctortitel erworben, den Ehrentitel eines voetor wissriooräiao: das sei ein Lehrer und Meister der Barmherzigkeit! Das Priesterkleid, das Prinz Max trug, als er in der Josephinen-Stiftskirche zum ersten Mal die heil. Messe celebrirte, hatte ihm Königin Carola eigenhändig gestickt. Das Wort aber. das Bischof vr. Wahl am Schluß seiner Predigt dem jungen Priester mitgab auf seinen fernerm Lebensweg und als Leitstern des selbstgewählten Berufes, lautete: „Und nun ziehen Sie hinaus und üben Sie mit Milde und Umsicht, nicht mit Härte Ihr Amt!" Prinz Max steht nun, wie j der andere Priester, im Dienste der heiligen katholischen Kirche und ist bereits segensreich in der Seelsorgern London thätig. _ Der letzte Dill. Sternenhell ist die Sommernacht, Und es spielt der Mondenschein Am Brombeer hin, der überdacht Der Felsen nacktes Gebein. Ein Geist geht um in der Sommernacht,i Ahnend zittert das Laub. Silberblitze werden entfacht, Wo der Huf aufwühlt den Staub. Ein Reiter zieht in stillem Trab ^ Wobl über das Heidemoor. Walküren schweben hinab, hinab Und locken die Seele empor. Gleich wie ein Regen von Blüthenschneej Rieselt des Mondes Licht. Der Rei'er starrt in wildem Weh In ein mondfahl Leichengesicht. „Deiner Wange Rose glühte so warm, Der Sieg zur Seite dir ging, Stolzliebliche Maid dir ruhte im Arm, Hell blitzte dein Panzerring. O Todeswunde, du Nordlicht roth! O Welt, du Wüste von Eis!" Er küßte den Sohn, und der war todt. Mit dem Tod ritt heim der Greis. Karl Bleibtreu. Kreuzcharade. 1 2 3 4 So lang' es eine Menschheit gibt, Hat's auch gegeben 1 und 2, Bald überschätzt, verehrt, geliebt, Und bald in stumpfer Sklaverei. 3 4 ist als Befehl gemeint, Auch nennt es einen Menschenfreund. 3 2 sei, wo die Noth ist, gern. 4 2 verräth des Fasses Kern. 1 4 wiegt sich auf starken Schwingen Weit über 2 3, Thäler, See'n; Willst 3 14 nach Haus du bringen, Mußt in's 3 4 3 oft du geh'n. Auflösung des Aritbmogriphs in Nr. 78: LisbuLn. — Inn, Lahne, Dann, 4.sien, Lahn, Nase. --SÄ888SS- -- ostzeMW LL 8V. IreiLag, den 25. September 1898. k?ür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesttzer vr. Max Huttler). Ein furchtbares Geheimniß. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary AgneS Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Schluß.) 8. Kapitel. Vergeben und vergessen. Rudolf Stuart, das Original des Bildes, das Tag und Nacht auf ihrem Herzen ruhte. Ihr schwindelte vor Ueberraschung, sie lehnte sich an den Ladentisch und blickte ihn ungläubig an. „ Rudolf I" „Edith!" Ja, es ist seine Stimme, sein Lächeln, er reicht ihr die Hand über den Ladentisch. Sie sinkt in einen Stuhl, Alles schien sich zu drehen, ihr Herz hüpft vor Freude, sie hatte den wiedergefunden, nach dem sie unbewußt sich gesehnt. Rudolf faßte sich zu erst, wenn er die Fassung überhaupt verloren hatte. „DaS ist einmal eine Ueberraschung", sagte er, «ich glaubte, Du seiest abgereist." „Wußtest Du, daß ich hier war?" „Natürlich, ich lese täglich den Anzeiger und weiß folglich, welche vornehme Fremden ankommen. Nach Deinem Befinden brauche ich nicht zu fragen, Du sahst nie besser aus." „Du wußtest, daß ich hier sei", rief sie vorwurfsvoll, „und besuchtest mich nicht? Wußte Trixy es nicht?" „Nein, ich glaube es wenigstens nicht; denn wenn sie es irgendwie erfahren, hätte sie unfehlbar davon gesprochen und sich vielleicht auch die Freiheit genommen, Dich zu besuchen." Mit stummem, schmerzlichem Tadel erhob sie ihr Auge zu ihm. Er steht unbefangen vor ihr, spricht in gleichgiltiger Weise und sieht aus, als habe er jede Erinnerung der Vergangenheit begraben. „Darf ich Deine Mutter besuchen?" fragte Edith nach einer Pause verlegen» „ich möchte sie so gerne wiedersehen." „Gewiß, es wird sie sicherlich sehr frenen, wenn Lady Chateron sie beehren will." Er sprach mit der alten Nonchalance, aber mit der deutlichen Absicht, sie nicht zu verschonen. „Hier ist die Adresse", fuhr er fort, „wir bewohnen allerdings kein aristokratisches Quartier, und Trixy kommt vor sieben Uhr nicht nach Hause. ^ Sie ist in einer Mode- waarenhandlung in Kondition, ich hole sie gewöhnlich nach Ladenschluß und begleite sie dann nach Hause." Kleinlaut und mit bebender Hand nahm Edith die Karte. „Ich will gleich hingehen und bei Deiner Mutter warten bis Trixy kommt." „Wie Dir's beliebt; ich bedaure nur, Dich nicht begleiten zu können, meine Stelle verhindert das natürlich." Wie träumend verläßt Edith den Laden und fährt in die betreffende Straße. Die angegebene Adresse ist ein großes Miethhaus; sie eilt die Treppe hinauf, läutet, und Mrs. Stuart öffnet die Thür. „Tante Lotte!" „Mein Gott! Edith, Du bist's?« Ja, Edith küßt und umarmt. sie und seht sich in dem kleinen Zimmer neben die überraschte Matrone. Wie ganz anders ist eS hier, als einst in der Pracht des Hauses in der fünften Avenue, wie anders das schwarze Alpaccakleid, als die schwere Seide, die echten Spitzen der damaligen Zeit! Tante LottenS gutmüthiges Gesicht aber ist das gleiche. Tausend Fragen wurden gestellt und beantwortet. „Und so bist Du so jung Wittwe geworden, armes Kind", sprach die Tante bedauernd, „Hauptmann Ham- mond schrieb es uns, er steht mit Trixy noch immer in Correspondenz." „Ja, es waren trübe Zeiten; wie aber ist eS gegangen, Tantchen?" „Anfangs sehr schlimm; mein Mann erlag dem Jammer. Alles wurde verkauft, wir sahen uns am Bettelstab. Arbeit war schwer zu erhalten. Ich erkrankte und Rudolf verzweifelte beinahe. Alle alten Freunde waren verschwunden, und hätte uns die Vorsehung nicht Julie Seton geschickt, wir wären zu Grunde gegangen." „Wer ist Julie Seton?" „Sie war eine Jnstitutsfreundin von Trixy; ihre Eltern geriethen früher ebenfalls in beengte Verhältnisse, und sie kam uns wie ein Engel zu Hilfe. Ihr verdankt Trixy ihre Stelle, mich pflegte sie wie eine Tochter, und Rudolf beruhigte und erheiterte sie in den schwärzesten Stunden." „Ist sie jung?" fragte Edith beklommen. „In Trixy's Alter und sehr geistreich. Sie hatte die litterarische Bahn betreten und befindet sich in ganz behaglichen Verhältnissen. Wir zählen sie ganz zu unserer Familie, und ich glaube, sie wird auch heute mit Rudolf und Trixy kommen, sie sind immer beisammen. DaS er« 61V iNNttt mich, daß es Zeit ist, Thee zu machen, Du entschuldigst mich wohl gütigst." Sie geht, und Edith sitzt im kleinen Zimmer allein. Ihr ist schwer um's Herz; was sie verloren, hat die brave Julie wohl gewonnen. Sie verdient es, und doch empört sich ihr Herz bei diesem Gedanken. Die Minuten verstrichen langsam; es ist beinahe sieben Uhr. Wie wohl Trixy sie empfangen würde? Hatte sie großmüthig die Vergangenheit vergessen, oder würde sie es sie fühlen lassen gleich dem Bruder? Mrs. Stuart richtete den Tisch; wie sonderbar, Tante Lotte arbeiten zu sehen! Bald ist Alles bereit, das Aroma des Thees durchzieht duftend den Raum. Auf der Treppe machen sich Schritte hörbar, die Thür fliegt auf, und Trixy ruft laut: „Ist der Thee fertig, Mama? Julie und ich sind entsetzlich hungrig. Wie im Salon; feierlich gedeckt! Besuch?" Edith erhebt sich bleich. Trixy sieht die regungslose Gestalt und fährt mit einem Schrei zurück. „Trixy!" „Sie ist's, sie ist's!" ruft sie, stürzt auf Edith zu und umarmt sie, lachend, weinend und küssend in einem Athem. 9. Kapitel. Der Abschied. Der Empfang war nicht kalt, die unangenehmen Erinnerungen der Vergangenheit waren vergessen, Trixy's warmes Herz kannte nur Liebe und Vergebung. „O Edith, wie freue ich mich, Dich wiederzusehen?" ruft sie jubelnd, „aber Rudolf, wo bist Du, kennst Du Edith nicht?" „Gewiß kenne ich sie und sagte ihr auch. Du würdest Dich freuen, sie zu sehen." „Sagtest es ihr, wo? Wann?" „Heute Nachmittag im Laden, wo sie schwarzen Seidensammt wollte, den sie, nebenbei bemerkt, nicht bekam. Erlaube mir übrigens, Edith, Dich offiziell zu versichern, daß wir ein schönes Sortiment auf Lager haben. Aber, Trixy, wo sind Deine Manieren, Du hast ja Julie noch nicht vorgestellt. Da muß ich wohl den Eerrmoniennreister machen: Lady Chateron, Miß Seton." Beide verbeugten sich und betrachteten sich forschend. Edith sah ein junges Mädchen vor sich, nicht schön, aber sehr anmuthig. Die blauen Augen, der lächelnde Mund mußten sofort die Herzen gewinnen. Es war eine gefährliche Rivalin. „Lady Chaterons Name ist mir geläufig", lachte Miß Seton, „Trixy erwacht mit ihm und geht mit ihm zur Ruhe. Lady Chateron weiß nicht, wie eifersüchtig ich bisher auf sie gewesen." Mit Thränen in den Augen reichte Edith der Cou- ,me die Hände. „Du liebe, liebe Trixy!" rief sie gerührt. „So, nun laufe ich fort", sagte Julie, „Tantchen wartet auf mich, und Trixy wird tausend Dinge zu sagen und zu fragen haben. Nein, Trixy, kein Wort, Rudolf, was thun wir mit Ihrem Hut? Legen Sie ihn gleich Weg, ich brauche Sie nicht und gehe lieber allein." „Als wenn ich das erlauben würde." Er blickte sie lächelnd an, und Edith fühlte alle Dualen der Eifersucht, als die Beiden plaudernd sich entfernten. «Ist Julie nicht ein liebes Ding?" fragte Trixy, „und was ohne sie aus uns geworden wäre, mag ich nicht denken, gewiß ist, daß sie Mama'8 und Rudolf's Leben rettete." „Sein Leben?" stammelte Edith. „Es war eine schreckliche Zeit, wir verhungerten buchstäblich. All' unsere alten Freunde hatten uns verlassen, Arbeit fanden wir nicht, zum Betteln schämten wir uns. O, hättest Du damals den armen, hohläugigen Rudolf gesehen, sein Anblick hätte Dich tief bewegt. Den lieben langen Tag suchte er Beschäftigung und kam immer wieder enttäuscht, müde und verzweifelnd heim. In einer regnerischen Abendstunde fand ihn Julie am Fluß. O, Edith, er war nicht so sehr zu tadeln, ich glaube, er war nicht mehr bei sich. Was sie that oder sagte, weiß ich nicht, aber sie brachte ihn uns wieder. Am nächsten Tage sandte die Vorsehung den Platz im Laden. Ich weiß nichts von seinen geschäftlichen Vorzügen, aber er ist bei den Damen sehr populär. Wenn andere Com- mis beredt die Waaren anpreisen, schweigt Rudolf und läßt die Kunden reden. Faktum ist's, daß man ihn sehr gern hat. Du siehst, daß eS uns nun gut geht, ich habe beinahe ganz vergessen, daß wir einmal reich waren, schöne Kleider trugen und kostbar tafelten." „Bist Du glücklich?" fragte Edith erstaunt. „Ganz glücklich, und nun ich Dich habe, kenne ich keinen Wunsch mehr." Edith seufzte tief und verglich ihre Feigheit Mit Trixy's Muth, ihre Härte mit deren Großherzigkeit. Eine peinliche Pause folgte. „Seit wann bist Du in New-Iork?" fragte Trixy, „und ist es wahr, was Hammond schrieb?" „Was schrieb er?" „Daß es Unannehmlichkeiten gegeben und Du und Dein Mann Euch am Hochzeitstage getrennt hätten. Wir wollten es natürlich nicht glauben." „Es ist wahr, wir trennten uns am Hochzeitstage, um erst an seinem Todtenbette unS wieder zu vereinigen. Doch ich darf davon nicht sprechen. Zwei Jahre sind dahingegangen, mein Schmerz aber ist sich gleich geblieben. Ich war ein elendes, gewinnsüchtiges Geschöpf und er der beste, edelste Mann. Gottlob, daß wir versöhnt geschieden. Doch lassen wir die trübe Vergangenheit, sag' Du mir lieber, ob mit Deinem Glücke Hauptmann Ham- mond zu schaffen hat." „Nun, Dir kann ich's sagen, daß wir um Weihnachten Hochzeit haben." „Hochzeit?" „Ja, wir verlobten uns vor drei Jahren, als wir England verließen. August wollte damals gleich hei- rathen, davon aber konnte natürlich keine Rede sein. Wir waren verarmt, und er hatte nur seine Gage und seine Aussichten. Kürzlich nun kam ein schwarzgeränderter Brief und brachte die Kunde, daß seine Großmutter gestorben und August zum Erben eingesetzt habe. Um Weihnachten will er kommen, und, Edith, er ist ein guter Mensch und ich bin das glücklichste Mädchen in New-Aork." „Du wirst dann wohl in Schottland leben?" „Natürlich, die Mutter bleibt bei Rudolf, und Julie wird meine Stelle ausfüllen; wäre sie nicht eine reizende Schwägerin? Doch, da kommt Rudolf, trinken wir endlich Thee, ich habe gräulichen Hunger." Die kleine Lampe wurde angezündet und das Abendbrod eingenommen. 611 — Edith fühlte sich fremd, zwischen ihr und Rudolf lag eine nicht zu überbrückende Kluft. Sie erhob sich bald, um zu gehen. Umsonst bat sie Trixy noch länger zu bleiben. „Soll Rudolf einen Wagen holen?" fragte die Tante, „oder gehst Du lieber?" „Sie wird gehen", bemerkte der junge Mann plötzlich, „und ich begleite sie." Die Nacht ist sternenhell und herrlich. Die alten Zeiten kehren wieder, das alte Gefühl zufriedener Ruhe, mit dem sie sich auf Nudolf'S Arm stützte. „O, wie heimisch ich mich fühle", rief sie, „mir ist, als hätte ich erst gestern Sandypoint verlassen, als zeigtest Du mir wie damals die Wunder New-Iorks." „Erinnerst Du Dich, was ich damals zu Dir sagte? Hast Du in den drei Jahren nie gewünscht, ich möchte Dich nicht von Sandypoint weggeholt haben?" „Nein; ich habe auch Niemand getadelt, als mich. Meines Lebens Unglück habe ich mir selbst geschaffen; käme aber Alles noch einmal, ich ginge wieder. Ich habe viel gelitten, aber auch geliebt." „Ich freue mich, das zu hören, es hat mich oft beunruhigt. Um zu erfahren, ob Dn mich tadelst, wollte ich Dich heimgeleiten und um —", er stockte, „um Dir Lebewohl zu sagen." „Lebewohl?" wiederholte sie erbleichend. „Ja, und nachdem unsere Lebensbahnen so weit auseinandergehen, ein Lebewohl auf immer. Morgen reise ich nach Saint Louis, wo unser Haus eine Filiale hat und ich dauernd bleiben werde. Die Firma schenkt mir Vertrauen, es eröffnen sich mir glänzende Aussichten. Zu Weihnachten kehre ich allerdings wieder auf kurze Zeit hierher zurück. Trixy wird Dir gesagt haben, weshalb, dann aber bist Du wohl wieder nach England abgereist." „Trixy hat mir nichts gesagt", antwortete Edith und wunderte sich über die Festigkeit ihrer Stimme. „Nicht? Und da soll das Zeitalter der Wunder vorüber sein? Trixy bewahrt Geheimnisse! Nun, ich kehre zur Hochzeit wieder, und nach derselben begleitet mich die Mutter in meine westliche Heimath." Edith ist wie betäubt, sie versteht nichts. Die „Hochzeit" ist natürlich feine Hochzeit mit Julie Seton; Trixy hat sie in ihrer Aufregung ganz vergessen. Sie fühlte, oaß die Zeit des Leidens nun erst recht für sie begann. „Ich wünsche Dir von ganzem Herzen Glück." „Nun ja", entgegnete er kalt, „eine Heirath in der Familie ist stets ein Gegenstand der Glückwünsche, und ich muß sagen, sie hat sich als das beste, bravste Mädchen erwiesen. Wie lange gedenkst Du noch in New- Uork Zu bleiben?" „Ich werde sofort abreisen." Sie waren dem Hotel nahe. Unwillkürlich klammerte sie sich au Nudolf'S Arm. Ihr war's, als müßten in fünf Minuten die Wasser tosend über ihrem Haupte zusammenschlagen und Alles ein Ende haben. „Hier sind wir", sprach er, „ich freue mich, Edith, daß Du die Vergangenheit nicht bereust und die Zukunft reich und schön vor Dir liegt. Und nun leb' wohl, Gott segne und behüte Dicht" In stummem Schmerz hebt sich das Auge zu ihm, und er ahnt, daß Edith ihn liebt, daß das Herz, für das er sein Leben gegeben hätte, endlich ihm schlug. Er hält ihre Hand und blickt ihr tief ins Auge. Jemand geht vorüber und sieht sich um. Rudolf will auf der Straße keine Scene veranlassen. „Lebewohl!" ruft er nochmals, drückt ihr die Hand und eilt fort. Wie eine Statue steht Edith, sie fühlt, daß er auS ihrem Leben gestrichen war. 10. Kapitel. Zum zweiten Male vermählt. Am nächsten Morgen kam Julie Seton, um Rudolf Adieu zu sagen. Bleich nimmt er von ihr Abschied. Edith's stummflehendes Auge hatte ihn die ganze Nacht hindurch verfolgt, folgte ihm nach, noch als der Zug westwärts dampfte. Edith liebte ihn. Er halte es nie bezweifelt, nun aber brauchte er nur ein Wort zu sagen und sie würde ihm die Hand reichen, und Arbeit und Trennung wären vorbei auf ewig. Dieses Wort aber wollte er nie sprechen; was Edith Darrell ihm einst verweigert, sollte Lady Chateron mit all' ihrem Reichthum von ihm nicht erlangen. In Saint Louis fand er keine Zeit, sentimentalen Gedanken nachzuhängen, im Herzen des Amerikaners erstickten Geschäftsangelegenheiten der Liebe zarte Saat. Ein Brief von Trixy meldete, daß Edith i« Laufe der folgenden Woche nach Europa zurückkehren werde. „O Rudolf, warum muß sie überhaupt gehen? Wenn Edith Darrell Dich lieb hatte, ist das bei Edith Chateron um so wehr der Fall; sie erzählte mir die Geschichte ihrer Ehe, und Niemand kann sie tadeln." Ernst und gedankenvoll liest er den Brief, aber er erschüttert nicht seinen Vorsatz. Die Tage vergingen; eines Abends erhielt er ein Telegramm: „New-Iork, 28. Oktober 1670. Edith gefährlich erkrankt, ist sterbend. Komme sofort. Beatrics." Er laS es wieder und wieder. Edith am Sterben. Da fühlte er, daß all' seine Härte und Gleichgiltigkeit nur erkünstelt waren, eine Mauer von Hochmuth, welche die leiseste Berührung einstürzen ließ, daß die alte Liebe sein Herz noch entflammte. Er reiste, nachdem er feine Anordnungen getroffen, Tag und Nacht, und stand endlich bleich und müde an der Mutter Haus. Eine Ewigkeit hattte ihm die Fahrt geschienen. „Komme ich zu spät?" fragte er heiser. „Nein, sie lebt noch", entgegnete Trixy weinend. „Was fehlt ihr?" „Der Arzt erklärt es für Gehiruiyphus und gibt sie auf." «Ist keine Hoffnung?" „So lange sie lebt, ist Hoffnung! DaS Schlimmste ist, daß ihr am Leben nichts liegt, daß sie nichts zn haben scheint, wofür zu leben ihr der Mühe werth dänchte. „Mein ganzes Leben ist ein Mißgriff", sagte sie zu mir. „Stolz und Selbstsucht führten mich auf falsche Wege, und es ist besser, wenn ich sterbe." In den ersten Tagen ihrer Krankheit machte sie ihr Testament und vererbte Dir beinahe Alles, worüber sie frei verfügen kann. „Bei Lebzeiten hätte tch mir nicht erlaubt, ihm etwas anzubieten", meinte sie; „der Todten Wünsche sind heilig. Mein ganzes Leben lang habe ich ihm nur Kummer und Enttäuschung bereitet, mein letztes Gebet soll ihm Glück erflehen." Wenn sie phantafirt, K12 ruft sie immer nach Dir, bittet Dich, wiederzukehren, ihr zu vergeben, und deshalb telegraphirte ich." „Weiß sie das?" „Nein, sie wollte, daß ihre Leiche in Sandypoint neben ihrer Mutter beerdigt und nicht nach England geschickt würde. Du solltest erst nach ihrem Tode die Geschichte ihrer Heirath erfahren; soll ich sie jetzt Dir erzählen ?" Rudolf nickte. Leise erzählte Trixy Alles; es war bereits dunkel, als sie endigte. Regungslos hörte er ihr zu. „Wann darf ich sie sehen?" fragte er endlich. „Wann Du willst, der Arzt glaubt, Deine Anwesenheit dürfte gut thun. Gegenwärtig ist die Mutter bei ihr. Julie pflegt sie aufopfernd, und denke, sie meint, Du seiest mit Julie verlobt." , Eine halbe Stunde später betraten die Geschwister daS Krankenzimmer. Die Patientin befindet sich sehr schlimm, und mit besorgten Blicken betrachtete sie der Arzt. „Ihre Gleichgtltigkeit gegen den Tod ist das Aergste", sprach er, „wenn sie sich zum Leben zwänge, wäre sie vielleicht zu retten." Langsam und widerstrebend trat Rudolf näher. „Großer Gott, ist das Edith?" rief er und sinkt in einen Stuhl neben ihr Bett. Sie erwacht, die Lider heben sich, das dunkle Auge trifft Rudolf. „Rudolf!" flüsterte sie kaum hörbar und ein Strahl ruhiger Freude fliegt über das bleiche Gesicht. „Dachte ich's doch, daß es nicht schaden würde", nickte der Arzt zufrieden, „lassen wir die Beiden eine Zeit lang allein, meine Damen, es dürfte von günstiger Wirkung sein. Ich bitte Sie jedoch, Mr. Stuart, die Kranke nicht durch vieles Reden aufzuregen." Die Mahnung schien überflüssig; er war nicht zum Sprechen geneigt. Er hält ihre Hand fest, legt sein Gesicht auf ihr Kiffen und schweigt. So verstrichen mehrere Minuten. „Wann kamst Du, Rudolf?" fragte Edith schwach. „Vor einer Stunde." „Wer sandte nach Dir?" „Trixy. Aber Du sollst nicht sprechen, Edith." Wieder legte er sein Haupt auf ihr Kissen. „Ich glaube, Du weinst, Rudolf, hassest Du mich also doch nicht?" „Dich hassen?" war seine einzige Antwort. „Einst sagtest Du's, und ich verdiente es. Wenn ich todt sein werde und sie Dein glückliches Weib ist —" Ihre Stimme brach; selbst im Tode war ihn zu verlieren bitterer, als der Tod. „Wer?" „Julie; sie ist Deiner werth und ich war eS nie. Sie liebt Dich und —" „Du irrst; Julie liebt mich wie Trixy auch, sie ist meine zweite Schwester. Was ich auf dem See von Killarney gesagt, werde ich halten wein Leben lang. Wenn Du mein Weib nicht sein kannst, will ich nie heirathen. Kein Wesen der Welt könnte mir sein, was Du mir warst und bist." Eine Pause. „Endlich, endlich, wenn eS zu spät ist!" „O Rudolf, wie ganz anders würde Alles sich gestalten, könnte ich die Vergangenheit zurückrufen. Ich glaube aber, ich würde glücklicher im Grabe ruhen, stünde Edith Stuart auf meinem Leichcnsteine." Er beugte sich über sie. „Also müßte es Dich lebend und todt glücklicher machen, mein Weib zu sein?" „Es ist zu spät", flüsterte sie. „Es ist nie zu spät, wir lassen uns noch heute Nacht trauen." „Rudolf!" „Du darfst nicht mehr sprechen; ich werde Alles besorgen und einem mir bekannten Priester die Sachlage erklären. O Geliebte, Du solltest längst mein Weib sein, und selbst dem Tode trotzend, mußt Du eS noch werden." Er eilte fort; Edith hat das Gefühl, daß sie so glücklich gewesen, endlich würde sie Nudolf's Weib sein. Ruhig und entschieden theilte er den Ucbrigen die Sachlage mit. „Die Aufregung tödtet sie", bemerkte der Arzt, „ich werde solch' dramatische Effekte nicht zugeben." Aber er läßt sich doch bereden. ^ Dem Priester ist eine Heirath auf dem Todtenbette nichts Neues. Die zehnte Abendstunde wird bestimmt und Beatrice und Julie treffen die wenigen Vorbereitungen. Sie zieren das Zimmer und das Lager mit Blumen, hüllen Edith in ein weißes Nachtgewand und richten sie in den Kissen auf. In ihrem Gesichte und Blicke glüht das Fieber. Und doch ist sie unendlich glücklich. Ernst und bleich tritt der Bräutigam ein. Weinend umstehen die Andern das Krankenlager. Welch' seltsame traurige Trauung! Der Priester beginnt die Ceremonie. Sie reichen sich die Hände. Edith wendete kein Auge von Rudolf. Sie antwortete schwach, er unsagbar traurig. Der Ring ist an ihrem Finger, sie ist endlich, was sie längst hätte sein sollen — Rudolfs Weib. Er beugte sich über sie: mit aller Kraft erhebt sie sich zu einer Umarmung, aber schwer sinkt ihr Haupt zurück und kalt und leblos legt er seine Braut in die Kissen, ob todt oder in todtenähnlicher Ohnmacht — wer wußte es? 11. Kapitel. Der Abend. Mit Tagesanbruch erwachte sie aus der todgleichen Erstarrung und blieb tagelang am Rand des Grabes. Die Reaktion war gekommen. Bleich, stumm und regungslos lag sie. Selbst die geliebte Stimme hörte sie nicht, ihr Auge starrt in's Leere. Ein Erwachen aus dieser Lethargie war zweifelhaft. Tod und Leben rangen um die Oberhand. Es war eine trostlose Zeit, die Rudolf nie vergaß. Er verließ sie kaum je, thränenlos saß er an ihrer Seite, beinahe ebenso bleich und hohläugig wie die Sterbende, und hielt gelegentlich einen Spiegel an ihre Lippen, um sich des Athems zu vergewissern. Düster standen die Aerzte dabei. „Die Aufregung der Trauung hat ihr den Nest ge- gegeben", brummte der Eine, „ich hab' es ja gleich gesagt." Ein schwarzgerändeter Brief aus England lief ein und Meldete Lady Helena's Tod. „Sanft und friedlich ist sie eingegangen zur ewigen Ruhe", schrieb Jnez, „und hat ihr großes Vermögen testamentarisch zwischen Dir und mir getheilt. Es wäre gut, wenn Du bald nach England kämest, denn ich be- 613 ab sichtige, in ein Kloster in London zu treten und den Rest meines Lebens den Kranken und Hülflosen zu widmen. Mein Bruder gebietet nun in Chateron Royals, er ist in jeder Hinsicht zu seinem Vortheile verändert und wird kein unwürdiger Nachfolger des Geschiedenen sein. Sein Weib und seine Kinder lassen nichts zu wünschen übrig. Also komme bald, liebe Edith, zu Deiner Dich liebenden Jnez." Wieder hatte Edith ein Vermögen geerbt, war nun unermeßlich reich — alles Gold der Erde aber vermochte ihrem Leben keine Sekunde zuzusetzen. Welch' bittere Ironie! Die siebente Nacht brachte eine Krisis. „Morgen werden wir wissen, ob sie stirbt oder nicht", bemerkte der Arzt. „Also noch Hoffnung?" fragte Trixy. „Es wäre ein Wunder, wenn sie's überstünde und die Zeiten der Wunder sind wohl vorbei. Uebrigcns sollten Sie Mr. Stuart heute nicht wachen lassen, er ist von den beiden letzten Nächten zu angegriffen." „Wenn er weiß, daß die Krisis eintritt, wird er nicht gehen wollen. Geben Sie mir einen Schlaftrunk für ihn, und wenn's zum Aergsten kommt, kann man ihn ja wecken." Der Doctor willfahrte. „Ich komme mit Tagesgrauen wieder", sagte er. Sie kehrten an's Krankenlager zurück, weinen konnten sie nicht mehr. Wie stumpfsinnig saß Rudolf neben dem Bette. „Ruhen Sie jetzt ein wenig, Rudolf", bat Julie. „Heute Nacht?" fragte er schmerzlich, „die letzte Nacht? Nein, ich verlasse sie nicht." „Nur eine Stunde sollen Sie sich niederlegen, Rudolf, thun Sie's mir zu Liebe. Ich verspreche, Sie bei der geringsten Veränderung zu wecken." Nach längerem Drängen gab er endlich nach. „Trinken Sie noch dieses Glas Wein", bat Julie. Er trank es und ging. „Gott sei Dank", rief Trixy, „ich hätte ihn heute nicht hier sehen können. Wenn sie stirbt, wird eS ihn tödten." Juliens Lippen bebten. Was Rudolf ihr gewesen, wie ihr ganzes Herz ihm gehört, wußte selbst Trixy nicht. Ihres Lebens schönster Traum war vorüber. Ob Edith lebte oder starb, in seinem Herzen hatte kein anderes Weib mehr Raum. Die Stunden verstrichen. Schwach flimmerte die Lampe. Alles ist still. Im Nebenzimmer lag Rudolf angekleidet auf einem Bette. Als er erwachte, war es bereits Tag. Er richtete sich auf und starrte verwirrt vor sich hin. Alles fiel ihm ein. Der Morgen war da, er hatte geschlafen, während sie dem Tode nahe war. Dem Tode! Wer sollte ihm sagen, daß Edith nicht todt war? Wie trunken erhob er sich und ging auf die Thüre zu. Ueberall herrschte tiefste Stille. Dnrch'S Fenster drangen der erwachenden Sonne erste Strahlen. Unfähig, weiter zu gehen, blieb er stehen; sollte er Leben finden oder Tod? Geräuschlos öffnete sich die Thür. Julie kam bleich näher. Voll Angst schaute er auf sie. „Gottlob, der Arzt sagt, wir dürfen hoffen." Das Schlimmste zu hören, war er vorbereitet, nicht darauf. Er machte einen Schritt vorwärts und sank ohnmächtig zu Boden. 12. Kapitel. Der Morgen. Der Morgen war da und Edith lebte noch. Sie erwachte von einem erfrischenden Schlummer und lächelte Trixy schwach zu. Die Krisis war vorüber. Sie ließen Rudolf nur zu ihr, wenn sie schlief, doch das war leicht zu tragen — Edith sollte ja nicht sterben. „Es gibt Heilmittel, die entweder tödten oder retten", sprach der Arzt zu Rudolf, „Jhre Heirath war ein solches. Ich glaubte sie brächte den Tod und sie hat Heilung gebracht." Viele Tage kehrte Edith das Gedächtniß nicht zurück, sie aß und trank begierig und fiel dann wieder in erquickenden Schlaf. Endlich vermochte sie, sich wieder zu erinnern, und Trixy bemerkte, daß ihr immer wieder eine Frage auf den Lipp m schwebte. „Was möchtest Du denn eigentlich wissen?" „Wie lange war ich krank?" „Nahe an fünf Wochen; siehst Du, an mir sind nur mehr Haut und Knochen; was wird August sagen, wenn er kömmt?" „Ich war zeitweise wohl im Delirium?" „Freilich; aber deshalb brauchst Du nicht so betrübt auszusehen. Jetzt ist ja Alles gut." „Ja", seufzte sie, „Ihr wäret Alle sehr liebevoll mit mir. Es war wohl doch nur ein Phantasiegebilde?" „Was?" „Ich — o Trixy, ich glaubte, Rudolf sei bei mir gewesen." „So, nun das war er auch." „Ihre Augen leuchteten, wieder zitterte eine Frage auf ihren Lippen. „Weiter, es liegt Dir noch etwas auf dem Herzen, heraus damit!" „Ich fürchte, Du lachst mich aus, und eS ist ja wohl nur ein Traum, aber ich dachte, Rudolf und ich wären —" „Nun was?" „Verheirathet. Sag ihm aber nichts davon, aber der Wahn schien so deutlich, daß ich Dir's mittheilen wollte." Sie wandte sich ab. Trixy küßte sie. „Arme Dithy, Du liebst Rudolf, nicht wahr? Nein, eS ist kein Wahn, ihr wurdet vor vierzehn Tagen getraut. Meines Lebens Hoffnung realistrte sich, Du bist meine Schwester und Nudolf's Frau." Mit leichtem Aufschrei verhüllte sie das Gesicht. „Er ist im Hause", fuhr Trixy fort, „der Arzt aber wollte ihn nicht zu Dir hineinlassen, wenn Du wachtest, weil er die Aufregung fürchtete. Jetzt kannst Du daS Wiedersehen aber wohl ertragen, nicht wahr?" Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte sie aus dem Zimmer. „Deine Frau wünscht Dich zu sehen", sagte sie zu Rudolf, „bleib' aber nicht zu lange und sprich nicht zu viel." Er wirft hastig die Zeitung weg, springt auf und eilt die Treppe hinauf. * * * MrS. Rudolf Stuart erholte sich schnell. Ihre — 614 Jügendkraft und die beglückende Thatsache, daß sie endlich Nudolf's Weib sei, bedingte daS. Es kam ein Tag, wo sie zusammen sitzen konnten. Sie sprachen, wer weiß, wovon? Zwei Seelen und ein Gedanke, zwei Herzen und ein Schlagt Vierzehn Tage später begaben sie sich auf die Hochzeitsreise, drei Wochen wollten sie im Süden verweilen und zu Trixy's Hochzeit zurückkehren. Weihnachten kam und brachte August Hammond, der sein Bräutchen in's friedliche Schottland entführen wollte. Es war eine prächtige Hochzeit, bei der Julie Seton als erstes Brautfräulein glänzte. Mr. und Mrs. Hammond reisten sofort nach Europa ab; Rudolf, der seine Frau vergötterte, begab sich mit ihr noch einmal nach Florida. Seine Mutter sollte mit Julien zusammen- wohnen, bis die beiden jungen Paare sich häuslich niedergelassen hätten, worauf sie immer sechs Monate bei Rudolf und sechs Monate bei Trixy verleben sollte. Auch Rudolf und Edith wollten ganz nach England übersiedeln, dort war Ediths Vermögen und beide liebten das schöne Land. Im Mai verließen sie die alte Hei- «ath, um zunächst ein Wanderleben auf dem Kontinent zn beginnen. An einem prachtvollen Sommertage betraten sie die altgothische Kirche, in der die Gebeine der Chaterons ruhten. Der Sonne Licht vergoldete die hohen Fenster, ein Mädchen entlockte der Orgel klagende Accorde. Trauer erfüllte Ediths Herz, als sie vor dem Grabe stand, dem letzten in der langen Reihe, in dem Victor schlummerte. Sie zog den Schleier über das Gesicht und weinte die ersten Thränen seit ihrer Trauung mit Rudolf. Auf einem Piedestal von schwarzem Marmor steht ein gebrochener Säulenschaft aus kanarischem Marmor und darunter in goldenen Lettern: „Sir Victor Chateron, Baronet, gestorben am 3. Oktober 1867, im 27. Jahre seines Lebens. Seine Sonne versank noch am Tage." —-»-- Was ist denn los in Südafrika? Wir hofften vom letzten Christbaum allerlei goldene Früchte zu pflücken und glaubten, wie gute Kinder, unfehlbar sie zu bekommen. Aber Herr Papa hat sie uns verweigert. Ich sage: wir; denn mit Arisnahme eines kleinen Bruchtheiles wünschen alle Europäer sowohl als Afrikaner (in Afrika Geborne), eine große Familie in Süd- Afrika zu bilden, in der alle Kinder die gleichen Rechte genießen, sowohl in sozialer als religiöser Beziehung. Wozu denn diese Grenzpfühle, diese Zolle, diese verschiedenen Nationalfarben? Diese Beschränkungen, Ungleichheiten und stiefmütterlichen Verkürzungen fühlen die Europäer besonders in der Bauern-Nepnblik Transvaal, aber auch in den extremsten Theilen dieses neuen Afrika fühlt man Unbchaglichkeiten von Blutstockungen und Beengungen; z. B. auch Missionäre finden Widerstand betreffs religiösen Lebens innerhalb der Grenzpfühle dieser Bauernwirthschaft. Um nur Eines zu erwähnen, in Transvaal sind die Katholiken mit Juden auf eine Stufe gestellt. Weder die Einen noch die Anderen dürfen Aemter verwalten. Wahlrecht haben blos die Boers (Bueren), alle Einge- wanderien aber erst nach vierzehn Jahren der Ansässigkeit. Nun sind aber in neuester Zeit in der Bueren-Republtk Goldgruben entdeckt worden, wahrscheinlich die reichsten der Welt, und von allen Welttheilen strömen die Goldgräber und Eolddurstige zusammen in dieser Republik, besonders von Europa, Amerika und Australien. Das Centrum dieser Goldfelder ist Johannesburg geworden. Wo vor 10 Jahren noch keine Hütte stund, liegt jetzt eine Stadt, die bei der letzten Volkszählung über 136,000 Einwohner ausweist. Paläste, Kaufgewölbe, Bank- und Kaffeehäuser wetteifern an Pracht mit den schönsten von Europa. Da drinnen wohnen viele Millionäre und überhaupt Herren, die in ihrem Leben gewohnt sind, ein großes Wort mitzusprechen. Kleinere Goldstädte, wie z. B. Baber- ton, gibtS noch mehrere im Lande, die alle von Fremden d. h. Nichtbueren gegründet wurden. Den Grund und Boden aber haben sie den Bueren theuer bezahlt. Vor Entdeckung der Goldfelder war die Republik bettelarm und nahezu bankerott; seit der Eröffnung dieser goldenen Felder macht die Republik jährlich Millionen xlus. Das kommt daher, daß dieser Buerenstaat den Fremden daS goldreiche Land, das die Bueren selbst umsonst den Kaffern abgenommen, um hohe Preise verkauft und seither den Goldgräbern große Steuern abnimmt. In letzter Zeit hat der Staatspräsident eine neue empfindliche Steuer den Einwohnern der großen Goldstadt auferlegt, nämlich für die Einfuhr aller Lebensmittel in die Stadt, die ohnehin schon fabelhafte Preise hatten. Gegen diese Verpflichtungen weigern sich die Fremden oder Ausländer (holländisch Uitlanders) nicht, wenn sie mit den Inländern (Boers) auch dieselben Rechte genießen könnten. Das ist aber durchaus nicht der Fall. Denn die BoerS gewähren den Uitlandern erstens kein Stimm- und Wahlrecht in das Parlament (Volks- raad von den Bueren genannt), zweitens gewähren sie den Ausländrrn nicht dasselbe Recht der Sprache, noch gewähren sie nicht holländischen Schülern einen Grant, d. h. Unterstützung. In wie weit diese Klagen der Uitlanders berechtigt sind, ist mir nicht genug bekannt. Da aber unter den 136,000 Bewohnern von Johannesburg nur 15,000 Holländer sind, so kann Niemand verlangen, daß alle Schulen die holländische als Unterrichtssprache haben. Und wenn alle Ausländer zn den Schulgeldern beitragen, warum soll nicht auch Allen Schulgrant gewährt werden? Wo in der Welt ließe sich ein civilistrtes Volk eine solche Ungleichheit gefallen, zumal wenn die Civilifirten Unterthanen sind, und die Nichtcivilisirten am Staatsruder fitzen? Ich nehme zum Beispiel die Deutschen in Bosnien. Das Verbosthal ist meistens von Deutschen besetzt. Ich setze den Fall, sie hätten sich auch so schnell vermehrt, wie die Fremden in Transvaal. Ließen diese dann sich daS gefallen, daß sie blos Verpflichtungen und Abgaben gegen eine uncivilisirte türkische Regierung, aber keine Rechte haben? Man erlaube mir einen Vergleich zwischen einem holländischen Boer inTransvaal und einem mohamedanischen Bosniaken. Weder der Eine noch der Andere hat als Bauer so viel Bildung, daß er lesen und schreiben könnte. Sitzt er aber im Volksraad, oder in Medschlis, so ist der Grund vielleicht blos der, daß er mehr Geld hat und es nebenbei zum Lesen und Schreiben gebracht hat. Es gibt aber auch im türkisch-bosnischen wie im holländischen Volks- raade solche, die weder lesen noch schreiben können. Während meiner vielen Reisen in Deutschland fand ich so Viele so begeistert für diese südafrikanischen Holländer. Ist dem» 615 bc>8 etwas Großes, daß sie auf nacktem Pferde so behend reiten können? Das kann jeder Türke, ja jeder Roßbube auf ungarischen Steppen. Oder ist es etwas Großes, daß er mit seinem Stutzen so sicher hantieren kann? Der türkische Bosniake hantiert noch viel sicherer mit seinem Handjar und der Koffer mit seinem Affagai, und für Handjar und Affagai braucht'? größere Kraft als für einen Hinterlader, und vielleicht auch mehr Muth, denn der mit dem Hinterlader versteckt sich, jener mit dem Haumesser muß heraus aus dem Busch. Nimmt man aber die Boers als Nation, was haben sie denn Großes gethan in Süd-Afrika s Dasselbe, was alle nomadischen Völker heutzutage im Orient thun. Viele Viehherden lassen sie wachsen und liegen dazu hin. Und hätten sie doch dieses Vieh verbessert Wer in Südafrika hat denn je gehört von einer verbesserten Viehrace in Transvaal. Zur Bodenkultur haben die Bueren bis jetzt gar nichts gethan in Transvaal. Wo man sie an andern Orten noch trifft, wachsen ihnen die Dornen zu den Fenstern hinein. Betreffs anderen Fortschrittes in Industrie, Eisenbahnen, Handwerken, Maschinen u. s. w. find sie noch keinen Schritt weiter als die Chinesen, und derselbe Aberglaube hat sie bis in die letzten Jahre vor dem Dampfrosse erschreckt. Wodurch die Boers alle anderen Nationalitäten in Südafrika übertreffen, ist der Fanatismus. Sich halten sie für das auserwählte Gottesvolk, alle andern aber um sie herum für Madianiter, Ebioniter und Moabiter, die gelegentlich auszurotten sind. Ist das etwas Rühmliches? Solchen, denen das an den Bueren gefällt, wünschte ich blos, 14 Jahre unter diesen Helden leben zu müssen, um dann auch holländische Boers zu werden. Zum Glück hat man nicht überall solche Ansichten wie einige Boersenthusiasten in Berlin und Frankfurt. Im Gegentheil war der weitgrößte Theil der Ausländer, sowohl der amerikanischen wie australischen, bis an den Hals herauf satt der Buerenwirthschaft und der Liebenswürdigkeit dieser „Helden", von den Engländern gar nicht -u reden. Ich kann es gar nicht begreifen, wie solche Leute, die Johannesburg aufgebaut, die alle von Ländern der Freiheit herkommen (Nordamerika), die nie ein anderes als ein konstitutionelles Volksleben gewohnt waren, so viele Jahre sich geduldet haben, ohne Rechte zu genießen. Dies kann man nur dadurch erklären, daß sie zu sehr mit sich und der Erbauung der Stadt von fast andert- halbhunderttausend Einwohnern in diesen 9 Jahren beschäftigt waren, um an den socialen und bürgerlichen Druck zu denken, wie auch arme und unterdrückte Kinder an gar keinen Christbaum mehr denken. Endlich dieses Jahr pflanzte man in Johannesburg dem Volke einen Christbaum auf, und an diesem Christbaume hingen die goldenen und glänzenden Früchte: „Stimmfrriheit", „Sprachen- gleichheit," „Schulglcichheit". Schon vorher hatte sich unter den UitlanderS (jeder Farbe und Sprache) eine National-Union gebildet, die ein Komitee aus sich wählte Mit einem Ch. Leonhard an der Spitze. Von diesem Komitee erschien gerade in den Weihnachtstagen ein Programm, in dem alle jene Rechte aufgezahlt waren, welche sie von nun an gleichheitlich mit den ungebildeten Boers verlangen, resp. genießen wollen. — Da wurde jeder, der noch Nerven und Adern im Leibe hat, in ganz Südafrika elektristrt, ich glaube der Boer nicht weniger als alle Eingewanderten auf der entferntesten Farm der Nhodesia und englischen Kolonien, nur mit dem Unterschiebe, die meisten entwickelten Positivs Elektrizität, die Bueren aber negative. Es war beabsichtigt, jeder sollte dieses Programm studieren, und am 6. Jänner (hl. 3 Könige ist in Südafrika kein gebotener Feiertag) sollte es in Johannesburg zu einem großen Meeting (Zusammenkunft) kommen. Da sollten diese Rechte besprochen werden, und dann wollte man den alten Fuchs Krüger, den Präsidenten dieser Buerenwirthschaft, um Gewährung der Gleichheit aller angehen. Bis hieher konnte jeder beistimmen, denn daS Bitten ist ja keine Sünde. Die Aufregung in Johannesburg wuchs von Stunde zu Stunde. In einem Tage werden alle Vorräthe von Heu, Hafer und Mais, sowie alle eingemachten Früchte zusammengekauft für eventuelle Belagerung der Stadt, in wenigen Tagen alle Goldgruben geschlossen, Kaufmannsgewölbe verbarrikadirt, — kein Geschäft mehr. Arbeiter (Kaffern), Weiber und Kinder stürzen auf allen drei Eisenbahnlinien fort, hinaus über die Grenzen von Transvaal. Schon bilden sich Kompagnien von Freiwilligen zur Vertheidigung von Eigenthum und Leben. Man fürchtet mit Recht, die Bueren werden die Stadt umzingeln und das Meeting der UitlanderS verhindern. Alle Tageszeitungen in Afrika erleben 2—3 Auflagen, alles will Zeitung lesen, man belagert die Druckereien. Sogar in Evans ist der einzige Zeitungsleser elektristrt. Tausende in Natal und Cap-Colonie möchten als Freiwillige ihren Brüdern in Johannesburg helfen — aber es ist ihnen verboten, laut früherer Verträge. Während man so liest, politisirt und kombinirt, kommt auf einmal die Kunde: „Schon Blut geflossen"! Einer ließ sich nicht aushalten, seinen Landsleuten zu helfen — vr. Jameson kam mit 900 Bewaffneten, meistens berittenen Polizeisoldaten, von Nordwesten her (von Betschuanaland) und — überschritt die Grenze. Das war gefehlt, es war Friedensbruch. In Eilmärschen ging's gegen Johannesburg, zwei Tage hatten weder Mannschaft noch Pferde etwas genossen. Hungrig, hundsmüde und halbtodt kamen sie in Krügersdorf, drei Stunden vor Johannesburg, an; werden aber in fast doppelter Ueberzahl von den Bueren überfallen. Wie Löwen kämpfen Jameson und die Seinen. Aber unbedingt muß er sich an die Bueren ergeben. Niemand durfte ihm während des Gefechtes zu Hilfe eilen, denn in diesem Momente hatte der englische Kommissär (Gouverneur von Cnpstadt) mit dem Präsidenten Waffenstillstand erwirkt. Jameson mit 460 seiner Leute wird als Kriegsgefangener nach Pretoria, Residenz der Bueren-Negierung, abgeführt — und das projektirte Meeting (Volksversammlung) in Johannesburg wird aufgehoben — verboten! Denke man diesen Umschlag! So viel Tausende schauen gierig, freudig entzückt auf den glänzenden Christbaum, langen schon nach den goldenen Aepfeln — auf einmal ein Patsch, alle Lichter ausgelöscht, die Kleinen stehen in der Finsterniß! Was ist loS? Gar nichts ist loS von dem vielversprechenden Christbaum. vr. Jameson mit seinen 400 wird auf Vermittlung des englischen Kommissärs Robinson nach England abgeführt — „zur Bestrafung"; auf allen Stationen in Südafrika wird er mit Jubel empfangen. In Johannesburg werden alle bewaffneten UitlanderS entwaffnet, die Widerspenstigen aus Stube oder Bett abgeholt und eingekastelt. Ganz Johannesburg steht da mit offenem Munde und zurückgehaltenem Athem — die Bauern, die „Helden" von Südafrika triumphiren. Während der ganzen Affaire 616 - hörte man oft die Frage: „Wo tst Mr. Rhodes?" (Dieser Herr sspr. Noihdsj ist eine Art Napoleon, der Dirigent der Nhodefia, die größer ist als Deutschland und Oesterreich zusammen, und zugleich Premierminister von der Cap-Colonte.) Dieser läßt sich nirgends sehen noch hören; sobald aber der Cap-Gouverneur nach Johannesburg eilt, Frieden zu vermitteln, resignirt Rhodes seine Stelle in Capstadt, ein Beweis, daß ihm ein solcher Friede nicht konvenirt. Bald nach dem Nummel taucht er auf in Kimberley, der Diamantenstadt. Da wird er mit Jubel empfangen, wie sein Statthalter Jameson als Gefangener in Natal. Was er da sagt, ist kurz, aber viel, nämlich: „Man hat geglaubt, meine öffentliche Carriere (Laufbahn) sei zu Ende, ich glaube aber, sie fängt erst an". Meine Ansicht ist: Von nun an schauen in Südafrika noch viel mehr auf RhodeS als zuvor, und — wer zuletzt lacht, lacht am besten. Es wird nicht zu lange gehen, dann wird man sehen, was in Südafrika los ist. -- A L s e V L s ll. I^x. Der Barometer als Wetterprophet im verflossenen Sommer. Wohl in keinem Jahre haben die Wetterpropheten so viel Spott und Hohn, aber auch Zank und Tadel, ja sogar Verwünschungen über sich ergehen lassen müssen, wie im heurigen Sommer. Die Ackerbau und Viehzucht treibende Landbevölkerung hoffte oft tage-, ja wochenlang zur Verrichtung der Feldarbeiten geduldig auf gutes Wetter. Doch manchmal riß der Geduldfaden der guten Leute, wenn sich alle Vorher- sagungen der Wetterpropheten und Kalendermacher, von Falb angefangen bis zu den reimvollen Bauernregeln herab, nicht erfüllen wollten. Es ist dem Landvolke nicht zu verübeln, wenn es bei fortgesetzter Enttäuschung und anhaltender naßkalter Witterung. übler Laune wurde und mißgestimmt Aeußerungen machte, wie die folgenden: „Ich könnte meinen Barometer gleich 'runterhau'nl" oder „Der Kempter (Kalender) errathet Heuer auch nichts." — — Wenn der erstbezeichnete drohende Ausspruch erfüllt worden wäre, so hätte es dem leblosen Luftdruckmesser an der Wand am schlimmsten ergehen müssen; denn zu tausend Theilen wäre die Glasröhre mit dem Queck- stlberinhalte zerstückelt worden, und blos deßhalb, weil der Barometer so hartnäckig war und nie „in die Höhe" wollte. Jedoch zur wirklichen Vornahme eines solchen Vernichtungsaktes ist es nicht gekommen, denn man wußte wohl, daß dieser Wetterprophet ein sehr empfindsames Mobiliarstück sei und vielleicht später noch ganz verlässige Dienste leisten könnte. Wenn nun das Quecksilber nur eine geringe Steigung auswies und die Sonne durch den düsteren Wolkenschleier zu blicken sich würdigte, so legte sich auch der Aerger und die Mißstimmung des Hausherrn, und siehe I eS wurde auch bei ihm besser Wetter, indem sich in seinem Herzen eine heitere Stimmung und eine freudige Hoffnung regte. Aber mit dem Steigen des GemüthsbarometerS wuchs auch die Achtung und Bewunderung vor dem Queckfilberbarometer, als dem ver- lässigsten Vorherbestimmn des Wetters. Ja, man zollte ihm wieder wie früher den ihm »gebührenden Respekt", denn die schwache AufwärtSbewegung »brachte", wenn auch nur für kurze Dauer, doch gutes Wetter, und man konnte vMrW mit. der Fcjdgrhejt einen Schritt vorwärts kommen. Und sind nächstens die Arbeiten auf dem freien Felde vollendet, so kommt der Barometer wieder eher in Geltung, als eL im heurigen nassen Sommer der Fall war. Er, als sicherster und verläsfigster Wetterbestimmer, mußte die feindseligsten Beschuldigungen erdulden. Und wie wäre es ihm in einem trockenen Sommer ergangen? Der Hartnäckige wäre nicht gesunken (wie im Sommer 1893), und es wäre der dienstbare Witterungsverkünder von Undankbaren desgleichen gescholten worden. Möchte nun dieser leblose Wetterprophet unter allen Kalender- machern und Verfassern von Witterungsregeln wie bisher auch fernerhin der sicherste und ver lässigste bleiben! » Grabsteine aus Glas. In Amerika ist soeben eine Gesellschaft auf Aktien gegründet worden, welche Grabsteine aller Art aus Glas anfertigen will. So sonderbar dies im ersten Augenblick auch klingt, darf man doch nicht außer Acht lassen, daß man aus auf eine eigene Art gehärtetem Glase bereits Eisenbahnschienen angefertigt hat, und daß die dicken Glasplatten, welche die Kabinen- fenster der Dampfschiffe schließen, der stürmischsten See Widerstand leisten und beinahe unzerbrechlich sind. Glas ist unzerstörbar, wenn nicht großartige Kräfte darauf wirken, und die gläsernen Lrlchenstetne werden folglich nach Hunderten von Jahren noch eben so neu aussehen als am ersten Tage, während man nach 50 Jahren kaum noch die Inschrift an Grabmonumenten aus Stein entziffern kann; denn Regen, Schnee, Wind, Hitze und Kälte üben einen großen, zerstörenden Einfluß darauf cuts. ' " » — i-AüN' d ^ -- Keröst. Im Spotlicht tanzet ein Mückenschwarm, Es schien die Sonne so wohlig warm, Roth zittert es über die Halde. Hoch in den Lüften die Schwalben flieh'n, Ein gelbes Blatt fährt wegwärts hin, Der Herbst kommt, wie balde, wie balde! Vom Baume fallet die reife Last, Sie reißt mit herunter den dürren Ast, Fort muß das welke, das alte. Die Astern am Hause blühen noch roth, Vielleicht eine Nacht nur, dann sind sie tobt, Der Herbst kommt, wie balde, wie balde 1 Im Dörflein schlagen die Glocken an, Es ging eine Seele die letzte Bahn, Die Baume rauschen im Walde. Jetzt sind wieder Glocken und Bäume still, — DaS Herz erschauert, was werden will, Der Herbst kommt, wie balde, wie balde! Das Leben hat wenig Sonnenschein, Oft bricht das Sterben mit Macht herein, Wie drüben über die Halde. Hienieden die Lust wie ein Hauch vergeht, Die Blüthe stirbt und der Duft verweht, Der Herbst kommt, wie balde, wie balde! Adolph Müller. — . . > > ' -> -- » Auflösung der Kreuzcharade in Nr. 79: Weiber, gehe! (Gehe), Geber, Heber, Weihe, Berge, Geweihs Gehege. -EZS-- M „Augsburgrr PostMung". M 81 . viastag, den 29. September 1896 . Für die Redaction verantwortlich: vi. Theodor Müller in Augsburg. Trust und Berlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Die Zettelträgcriu. Erzählung von D. Duncker. lNachdruck verboten.^ In einem der kahlen, unfreundlichen Hinterzimmer deS Gasthofs „Zur Königsburg" saß die Gabel'sche Theatergcsellschaft und blickte trübselig in die mit dünnem Punsch gefüllten Gläser, oder über dieselben hinweg, einander in die betrübten Gesichter. Die Vorstellung war noch nicht lange zu Ende. Sie war wenig besucht gewesen, wie sämmtliche Vorstellungen vor ihr, und wie es muthmaßlick sämmtliche nach ihr sein würden, wenn es nicht gelang, irgend etwas Besonderes herauszufinden, was die Bewohner von Küm- meritz in den Theatersaal der „Königsburg" zog. Diese Aufgabe war nicht leicht, vornehmlich da im Grunde keine maßgebenden Ursachen für den Mißerfolg der Theatergesellschaft ersichtlich waren und der bejahrte, außerordentlich gutmüthige Direktor der Truppe, der für seine Mitglieder sorgte wie für seine eigene Familie, sich nicht zu Unrecht bisher stets vergebens die Frage gestellt hatte: Wen trifft die Schuld? Er konnte keine Antwort auf diese Frage finden, die daS Leben so häufig aufgiebt und ebenso häufig unbeantwortet läßt. — Kümmeritz war eine kleine Fabrikstadt mit wohlhabenden, ja zum Theil recht begüterten Einwohnern. Weder im Städtchen selbst, noch in seiner näheren Umgebung bot sich irgend etwas Sehens- oder Hörenswerthes; eine Konkurrenz war nach keiner Richtung hin zu fürchten gewesen, so daß „die Gabel'schen", wie sie im Volksmund hießen, vollauf berechtigt gewesen waren, mit einem ganzen Sack voll froher Hoffnungen in das Städtchen einzuziehen. Erfreute sich doch die Truppe unter ihresgleichen eines beneidenswerth, guten Rufes; weshalb also sollte sie nicht erwarten, als hochwillkommene Abwechselrng in dem Einerlei des Kümmerttz'schen Alltagslebens begrüßt zu werden? Um so größer war die Enttäuschung, daß das gerade Gegentheil der Fall zu sein schien, um so bitterer die Verzweiflung, als nun schon durch manche Woche Tag für Tag den auf den Brettern sich redlich Abmühenden ein leerer Saal entgegengähnte. Der halbwüchsige Knabe, der in den Morgenstunden Theaterzettel und Einlaßkarten „zur Bequemlichkeit des hochverehrten Publikums" von Haus zu Haus trug, mochte in noch so beredten Worten „die allerneuesten Novitäten", „die prachtvolle Ausstattung nach Meininger Muster", „das Renommö der großen und berühmten Künstler und Künstlerinnen der Truppe" preisen, die Vorstellungen mochten in ihrer Art noch so annehmbar sein, die rothbezogenen Bänke in dem großen Festsaal der Königsburg wollten sich nicht füllen. Anfangs hatte das im Grunde leichtlebige Völkchen seinem guten Stern vertraut; dann war, wie schon gesagt, eine Aera tiefer Bedrückung, bitterlicher Verzweiflung gekommen. Heut' galt es, aus der Passivität der Empfindungen herauszutreten, einen thatkräftigen Entschluß zur Aufbesserung der Verhältnisse zu fassen, oder aber ein jähes Abbrechen der Beziehungen zu dem undankbaren Kümmeritz zu beschließen, falls nämlich der Wirth zur Königsburg und mit ihm etliche andere Küm- meritzer gewillt waren, ein, wohl auch zwei Augen zuzudrücken und die „Gabel'schen" ihres Weges ziehen zu lassen, ohne kleinerer und größerer Verbindlichkeiten, die man eingegangen, zu gedenken. Wohl eine Stunde schon hatte die Gesellschaft in dem dumpfigen Hinterzimmer beisammen gesessen, ohne daß zu diesem oder jenem Ende ein irgendwie beachtens- werther Vorschlag gemacht worden wäre. Eine Art stumpfsinniger Lethargie hatte sich der meisten Mitglieder bemächtigt. Wie sollte man Abhülfe schaffen, wenn man nicht einmal die eigentlichen Ursachen des Mißerfolges kannte? „Schlaft nicht, Kinder, redet", hatte der Alte schon zu unterschiedlichen Malen die Gedankenmüden angerufen, doch der Anruf war bisher antwortlos verhallt. Endlich aber erhob sich eine Stimme und zwar ein überaus sanfter und sympatscher Alt, der bisher den ganzen Abend über, geschwiegen hatte. „Um zu reden, alter Freund, muß man doch erst etwas zu sagen haben, und das hat hier, mit ziemlichem Recht, gar niemand, wie es scheint." Die Sprecherin war eine Frau, ansang der Fünfzig, der man es ansah, daß sie einmal von großer Schönheit gewesen sein mußte. Aber Gram, Krankheit, Entbehrung, ja die brutalste Noth, hatten mehr als die Jahre an diesen schönen Zügen genagt, und die damals hohe, fast königliche Gestalt gebeugt, wie die, einer Greisin. „Mama Leibig", und der Direktor sah die Frau sich gegenüber, die seit Jahren zu seiner Gesellschaft gehörte, an, als ob ihr Anblick ihm etwas vollkommen Neues, Ungewohntes sei, „Mama Leibig", seine Blicke 618 wurden immer eindringlicher, ja beinahe durchbohrend, „jetzt weiß ich auf einmal was uns fehlt — Sie, Sie ganz allein tragen die Schuld an unserm Mißgeschick." Eine lange, verblüffte Pause. „Ich — ?" sagte die Angeschuldigte endlich und sah den Direktor mit einem müden Lächeln an, „ich alte Frau, die eigentlich hier nur noch ein Gnadenbrod ißt — ich sollte „Gnadenbrod! Reden Sie keinen Unsinn, Mama Leibig l" brummte der Alte, der eine große Verehrung für die still-leidende Frau im Herzen trug. „Ich bleibe dabei, es ist so — Sie ganz allein sind schuld an unserm Unglück." „Aber um's Himmelswillen — „Lassen Sie mich doch ausreden. Ich wiederhole es, Sie ganz allein; denn von dem Augenblicke an, da Sie Ihr Amt als Zettelträgerin aufgaben, und das geschah erst hier in diesem elenden Nest, ist es bergab mit uns gegangen." Die Tischgenossen, die bisher stillschweigend zugehört, brachen nun auf das Stichwort ihres Direktors hin, ein lautes Durcheinander aus. „Ja, Mama Leibig trägt die Schuld." „Sie muß wieder Zettel austragen gehen." „Wenn sie zu den Vorstellungen einladet, sagt niemand nein." „Mama Leibig, Sie müssen uns retten." So stürmte es, von bittenden und anschuldigenden Geberden und Mienen begleitet, auf die blasse Frau ein. Der Aberglaube, ein bei dem Völkchen der Schauspieler alles besiegender Faktor, hatte sich, durch das wie eine Bombe in die Tafelrunde einfallende Wort des Direktors entzündet, blitzschnell der Gesellschaft bemächtigt und wenn sämmtliche guten und bösen Geister des Himmels und der Hölle sich diesen Augenblick in der Hinter- stube der „Königsburg" versammelt und den „Gabcl'schen zugeschrieen hätten, daß Mama Leibig an den Mißerfolgen in Kümmeritz unschuldig sei wie ein neugeborenes Kind, jetzt hätte ihnen niemand mehr geglaubt. „Also, meine gute Leibig, die Sache ist abgemacht, gleich morgen werden Sie Ihr Amt wieder übernehmen. Der Sonntag ist ein guter Tag zum Anfangen." Mama Leibig antwortete nicht gleich. Dann sagte sie in einem Ton vollkommenster Resignation: „Wenn Ihr wirklich glaubt, daß ich Euch helfen kann, so muß ich's ja wohl thun, obgleich mtr's bitter hart ankommt, unter Menschen zu gehen." Niemand antwortete. Nur die Nachbarin der Leibig, eine junge, schmächtige Brünette mit großen, traurigen Augen, drückte ihr mitleidig die Hand. „Wenn es nur was hilft", fuhr Mama Leibig fort, als sie sah, daß niemand gewillt schien, das Opfer zurückzuweisen. „Unser Willy da ist ein frischer, kecker Bursch, der den Mund auf dem rechten Fleck hat; wenn er nichts ausrichtet, was soll denn ich alte, gebeugte Frau —?" „Nein, nein", rief es wiederum durcheinander. „Sie dürfen nicht mehr zurück. Sie haben so was Besonderes, Mama Leibtg, so was furchtbar Gebilvetes, so ein gewisses Etwas, was den Leuten imponiert. Nein, Sie müssen wieder gehn!" „Natürlich müssen Sie. Besonders draußen in der Villenvorstadt werden Sie Furore machen, Verehrteste", fuhr daS scharfe Organ des Charakterspielers, der sich bisher ganz wieder seine Gewohnheit sehr zurückgehalten hatte, nun plötzlich durch die Stimmen der Andern. „Da draußen wohnt die oräws der Kümmeritzer Gesellschaft, da sind Sie unter Ihres Gleichen." Die Angeredete zuckte bei dieser ironisch gemeinten Bemerkung zusammen, aber der „Franz Moor" der Truppe ließ sich nicht beirren. „Im übrigen aber ist's mit Mama Leibigs Bildung allein denn doch nicht gethan", fuhr er mit souveräner Stimme fort, „irgend etwas Neues, zu dem uns're treffliche Fürsprecherin einladen soll, wird denn doch noch gefunden werden müssen, und ich glaube, ich habe es schon." „Reden, reden!" drang eS von allen Seiten auf den im stillen Gefürchteten ein. „Mit den alten Schmarren" — er warf einen verächtlichen Blick auf den Direktor — „sind wir hier nicht weit gekommen. Weihnachten ist vor der Thür, die Erwachsenen haben nicht angebissen, vielleicht thun's die Kinder. Wie wär'S, wenn wir eine Anzahl von Ktndervorstellungen veranstalteten?" „Hm, nicht schlecht, nicht schlecht die Idee." Der Sprecher zog die spitzen Schultern bis an die Ohrlappen. „Nicht schlecht — ausgezeichnet ist die Idee! Ich habe da so ein paar Dinger bei mir" — fuhr er nach einer Kunstpause mit gemachter Gleickgütigkeit fort — „in denen der Teufel eine bedeutende Rolle spielt." — Die übrigen Mitglieder blinzelten sich zu, als wollten Sie einander sagen: „Merkt Ihr was?" aber sie wagten nicht den Gefürchteten zu unterbrechen, der doppelt entsetzlich war, sobald ihm eine Rolle streitig gemacht werden sollte. „Weiß der Himmel, der Teufel zieht immer", lachte er frivol, „darum, meine verehrte Mama Leibtg, werden Sie es morgen gar nicht schwer haben, gleich einem zweiten Rattenfänger von Hameln, uns die Kinder dieses bisher so renitenten Städtchens mit der Aussicht auf den Teufel, einzufangen und in die „Königsburg" einzuliefern. Damit, denke ich, wäre die Sache Wohl erledigt und der Beginn einer neuen Aera gemacht." Mit diesem inhaltsschweren Wort erhob sich der große Mann und verließ das kleine Zimmer, und wenige Augenblicke später folgten ihm die Uebrigen nach, um ihre Ruhestätten auf den Böden der Königsburg aufzusuchen. Nur zwei Personen blieben in dem kalten, öden Raum zurück; Mama Leibig und die schmächtige Brünette mit den traurigen Augen. Sie wußten Beide, daß sie noch lange keinen Schlaf finden würden; sie kannten es Beide, was es heißt, sich ruhelos mit quälenden Gedanken auf dem Lager zu wälzen. Die Qual der Nacht kam ihnen Beiden noch früh genug. Die Junge hatte nach dem Fortgang der Anderen den kleinen Kopf mit dem schwarzen, kurzgeschnittenen Kraushaar in die Hand gestützt und starrte rathlos eine lange Weile in den graublauen Qualm, der das Zimmer füllte, dann legte sie mit plötzlicher Energie ihre sehr feine, jugendliche Hand auf die welkere der älteren Frau, und sagte kurz: „Warum haben sie nicht nein gesagt, Mama Leibig?" Die Alte lächelte schmerzlich: „Weil ich selten mehr ein „nein" gesprochen habe, seit ich es einmal zur rechten Zeit zu sprechen versäumt." Dann strich sie der Jungen liebreich über das dunkle Haupt. „Wollen Sie nicht schlafen geh'», Marinka? Es ist spät, und bei Ihnen kommt der Schlaf wohl noch." Aber die Brünette schüttelte lebhaft abwehrend den Kopf. „Nein, Mama Leibig — schicken Sie mich nicht fort! Es ist zu schrecklich, mit seinen Gedanken allein zu sein!" - Dann schmiegte sie sich, einer plötzlichen Eingebung folgend, dicht an die ältere Frau an, und bat leise: „Bitte, bitte, Mama Leibig, Sie kennen meinen Kummer — wollen Sie mir den Ihren nicht endlich anvertrauen? Oder glauben Sie mir noch immer nicht, daß ich Ihnen ergeben bin, daß ich Sie lieb habe, wie eine Tochter ihre Mutter?" Bei den letzten Worten zuckte die Alte zusammen. Es war ein beinah wilder Schmerz, der sich auf dem faltigen Gesicht spiegelte, ein Schmerz, wie man ihn nur in jungen Augen, auf bleichen, aber glatten Stirnen zu finden pflegt. Aber sie faßte sich schnell und dem jungen Weibe mii der müden Hand über das blasseAntlitz streichelnd, sagte sie sanft: „Ja, Sie haben recht, Marinka — ich willJhnen endlich meine Geschichte erzählen, gleicht sie auch der Ihren in keinem Punkt, denn ich — ich wurde nicht verlassen, ich verlieb, ich verstieß, aus guter Absicht, o ja — und niemand geringeres, als mein Kind, wein einziges Kind,meineTochter! Dieser „vernünftige Schritt", einstens so viel belobt, ist der Fluch meines Lebens geworden. Hören Sie, wie es begann und wie es endete, enden mußte,denn eine Mutter, die ihr Kind verschenkt, wer weiß, vielleicht verkauft, ist keines besseren Schicksals werth." Sie machte eine kurze Pause, dann fuhr sie ruhiger fort. „Ich hatte sehr jung geheirathet, kaum achtzehn Jahre alt, dem Willen meiner Eltern entgegen. Mein Mann war beim Theater; ich folgte ihm auch bald in seinen Beruf. Zeitweise wirkten wir bei derselben Bühne, häufiger roch getrennt. Wenige Monate, nachdem meine kleine Martha geboren worden war, eröffnete sich uns in einem Augenblick peinlichster materieller Noth die Aussicht auf ein gemeinsames Engagement bei einem leidlichen Stadttheater. Mein Mann folgte dem Rufe sofort, ich selbst konnte — es war mitten im Winter — mich mit dem kleinen Kinde nicht sogleich auf den Weg machen, auch hatte das Wochenbett und die anstrengende Pflege des zarten Geschöpfes meine Klüfte so sehr mitgenommen, daß ich mir kaum getrauen durfte, schon wieder an die Ausübung meines Berufes zu denken. Zunächst schien es, als ob meinem Manne, obgleich er während der Verhandlungen über mein Zurückbleiben sehr verstimmt gewesen war, mit dieser Trennung nun, da sie vollzogen, kein übler Gefallen geschehe. Es mochte ihm genehm sein, der Familienmisäre der letzten Monate entrückt zu sein, auch deuteten seine Briefe darauf hin, daß es der Direktion in jener fernen Stadt im Grunde weit mehr um ihn, als um mich zu thun gewesen sei. Aber nicht lange, so wendete sich das Blatt. War's Wahrheit, war's eine Lüge, ersonnen, nur um so sicherer das Ziel zu erreichen, das ihm seit der Geburt des Kindes, un- verrückt vor Augen stand, ich weiß es noch heute nicht, aber es gewann mit einem Male den Anschein, als sei auch ich an jener Bühne auf's dringenste nothwendig geworden, ja, als würde ich der Stellung verlustig geh'n, wenn ich mich nicht bald entschlösse, zu kommen. Ich sah mein Kind, meine kleine Martha an. Lieblicher ward sie von Tag zu Tag, aber noch immer war sie zart und schwach; der Winter schien kein Ende nehmen zu wollen, und jene Stadt lag im fernsten Osten des Reichs. Ich besann mich nicht lange und schrieb ein „Nein, noch nicht —" und nach kurzen Pausen wieder und wieder ein „Nein." Mitnehmen konnte ich das Kind in ein noch rauheres Klima nich: — es zurückzulassen, daran dachte ich nicht einmal. Ich hatte zu leben. „Mein Mann schickte gerade soviel, daß wir nicht zu verhungern brauchten, aber das genügte mir. Hatte ich nicht das Kind? Nachholen im Beruf ließ sich Versäumtes wohl, versäumte Pflicht an einem so jungen Menschenkinde niemals. So schrieb ich's meinem Manne, aber er wollte nichts davon hören. Immer dringender wurden seine Briefe, ihm zu folgen, meine Karriere, meinen Beruf nicht zu ruinieren und das Kind, das all' meine Kräfte und Gedanken in Anspruch nähme, wenn ich denn gar so ängstlich darum besorgt sei, einstweilen dort und anderen Händen zu überlassen, wie es Hunderte von Frauen in meiner Lage vernunftgemäßer Weise zum Besten ihrer Kinder thäten. — Das war die erste Masche des Netzes, in dem ich mich verfangen sollte. Und die Quittung auf meine entrüstete Antwort über dieses Ansinnen? Die Geldsendungen meines Mannes blieben aus. „Plötzlich, eines Tages, kam er selbst, trotz der weiten Entfernung, und trat mit der trotzigen Forderung vor mich hin, ihm auf der Stelle zu folgen, da unsere Fächer sonst ohne Aufschub anderweitig besetzt würden. Er habe keine Lust wegen des Wurmes in der Wiege da um alles betrogen zu werden, was er noch von mir und dem Leben erwarte. Zögernder kam er dann mit EU -LrÄL-. Das Grad der allrrseUgsten Jungfrau Maria 620 der Enthüllung heraus, daß ich das Kind unter allen Umständen für diese Saison zurücklassen müsse. Als Aequivalent für mein langes Zögern habe der Direktor diese Bedingung gestellt. Ich sollte an seiner Bühne für unverheiratet gelten, eine ledige Liebhaberin sei für die männliche Jugend der Stadt eine bedeutsamere Zugkraft, als eine verheirathete Frau und Mutter. „Ueber der Todesangst, mich auch nur auf kurze Zeit von meinem Kinde trennen, es fremder Pflege überlassen zu sollen, merkte ich nichts davon, daß diese „Bedingung des Direktors" nichts als eine plumpe Falle meines Mannes war, fühlte nichts davon, mit welch' vcrabscheuungswürdiger Frivolität, er, wenn auch nur seinem falschen Spiel zu Liebe, sein eigenes Weib zum Lockvogel für andere Männer stempelte. Einzig der Gedanke beherrscht mich, mein Kind behalten zu dürfen. Aber trotz allen Sträubens — mein Gatte war klüger als ich. Er überlistete mich fein und fing mich in meinem eig'nen Netz. „Wohl ausgedacht war die Komödie, die er spielte. Er heuchelte plötzlich selbstlose Liebe zu dem Kinde — welche Mutter hätte ihm nicht geglaubt? Er beklagte es um seiner unsicheren Zukunft willen, um einer Zukunft, der es stets an einem geordneten Heim und allem, was ein solches schmückte, fehlen würde. Und als er mit kläglichen Sophismen mich und meine befltzheischende Liebe endlich in meinen eigenen Augen zur ungeheuerlichsten Egoistin gemacht, kam er langsam, ganz langsam damit heraus, daß er wohl eine Heimath, eine gesunde Atmosphäre für das Kind wisse, und daß, wenn ich es wahrhaft liebte, ich die letzte sein dürfte, dem Kinde solche Zukunft zu verschließen. „Zu welchem Zweck, Marinka, die übermenschliche Qual jener Tage in allen Einzelheiten wieder heraufbeschwören? „Sie wissen ja längst, wie es kam! Binnen kurzem hatte er mich durch seine spitzfindigen Teufeleien zu dem Ungeheuerlichen gebracht, daß ich es selbst als eine That edler Selbstlosigkeit erachtete, mein eigenes Fletsch und Blut, mein heißgeliebtes Kind wildfremden Leuten für alle Zeit zu überlassen, und mir noch überdies das Versprechen ablocken ließ, meine kleine Martha nie wieder zu sehen, mich niemals als ihre Mutter zu bekennen." Die Zettelträgerin hielt inne. Trotz der inzwischen eisig gewordenen Luft in dem düstern Hofzimmer, stand ihr der Schweiß in dichten Perlen auf der Stirn. Sie fuhr mit dem Tuch darüber hin, athmete ein paar mal schwer und heftig auf, und fuhr dann ruhiger fort: „In den ersten Wochen, nachdem Entschluß und Trennung einmal überstanden waren, schien sich mein Leben ganz erträglich zu gestalten. Die Neigung meines Mannes, die von dem Augenblick an, da ich Mutterhoffnungen nährte, bedenklich in's Schwanken gerathen war, schien sich wieder zu befestigen, die gemeinsame Thätigkeit in bescheidenen aber gesicherten Verhältnissen that mir nach der Zeit endloser Aufregungen und Entbehrungen verhältnißmäßig wohl, aber dieser Zustand währte nicht lange. Die Reue, in die grausamste Unnatur gewilligt zu haben, kam mit vernichtender Gewalt über mich, und ließ mich niemals wieder los. Hätte ich zehn Kinder zu warten und zu pflegen gehabt, sie hätten mich nicht mehr von meinem Beruf abziehen, mich nicht untauglicher machen können, als das eine, das ich fortgegeben, um mich meiner Thätigkeit mit Ruhe und Muße widmen zu können. Meine Leistungen wurden unter dem Druck der unablässigen Gewissensqual von Jahr zu Jahr unbedeutender, schlechter, unmöglicher. Von meinem Manne trennte ich mich. Ich konnte den, der mich zu dieser teuflischen That überredet, nicht länger vor Augen sehen. Tag und Nacht verfolgte mich der Blick, die Stimme meines Kindes. Ich meinte, seine kleinen, hilfeheischenden Händchen zu fühlen, das runde, weiche Köpfchen, das sich verlangend an meine Brust drängte. Von Tag zu Tag wuchs die Schwere meiner Schuld in meinem Bewußtsein an. Ich wußte wohl, das Kind lebte in einer anständigen, sorgenlosen Atmosphäre; aber wußte ich auch, ob es geliebt war, geliebt mit jener Liebe, die nur eine Mutter geben kann? Wußte ich, ob es diese Liebe nicht täglich, stündlich vermißte? Ob es sich nicht insgeheim, instinktiv vielleicht nur, nach der Mutter sehnte? Ach, Marinka, darüber kann kein Weib! Für den Mann, der uns die Treue gebrochen, giebt eS vielleicht Ersatz und Trost — um daS Kind aber, das die Mutter unter dem Herzen getragen und das sie freiwillig von sich gestoßen, trägt sie lebenslange Reue — bitterliche Verzweiflung!" Die Frau legte den Kopf in beide Hände und schluchzte leise auf. Dann faßte sie sich wieder und griff nach einer schwarzen Schnur, an der sie ein kleines goldenes Kreuzchen mit einem Gottesauge unter dem Kleide auf der Brust trug. Sie zog den unscheinbaren Goldschmuck hervor. „Das ist das einzige, was mir von meinem Kinde geblieben. Es hat es vom ersten Tage an auf seinem kleinen rosigen Leibe getragen, einer Freundin zum Gedenken, die mir es nach der Geburtsstunde gab. — Und nun kommen Sie, es ist Morgen geworden." Langsam und schwerfällig stiegen die beiden leid- gebeugten Frauen die schmale hohe Treppe zu ihren Schlafkammern unter dem Dach hinauf. — Es war ein klarer, sonniger Wtntermorgen, an dem Mama Leibig ihren Gang antrat. Eine wohlthätige Feiertagsruhe lag über Kümmeritz gebreitet. Die Straßen waren still, fast ausgestorben. Nur von der Chaussee her, die in weitem Bogen nach Westen zu, die Stadt umgürtet, tönte von Zeit zu Zeit Jubeln und Aufkreischen herüber: die Stimmen der Knaben, welche die Sonntagsfreiheit benutzten, um sich mit Schneebällen und Schlittenfahren zu vergnügen. Auf den Dachfirsten und Vorsprängen der Häuser lag der Schnee, von dem scharfen Frost der letzten Nacht zu festen Streifen gebannt, wie blinkende Silberbänder in der Frühsonne da. Hinter den blanken Scheiben standen blühende Blumenstöcke, und zwischen ihnen durch, lugte manch altes und manch junges Gesicht in die Straße hinaus und blickte der hohen, heut' wunderlich aufrecht gehenden Gestalt der Zettelträgerin nach. Von Schritt zu Schritt wurde der langsam Schreitenden leichter zu Sinn. Die mit so schwerem Herzen übernommene Aufgabe wollte thr nun, da sie dicht vor der Erfüllung stand, nicht mehr allzu bedrückend dünken, und der meist so trübe gesenkte Blick des Weibes schweifte weit hinaus über die Dächer und ragenden Schlote des Städtchens, fort in die in Sonnenschein gebadete Landschaft hinein. Er umfaßte die nahe Hügelkette, die glänzend und gleißend ausgebreitet lag, den Strom, der reißend das tiefgelegene Thal durcheilte, und in die müde, gequälte Brust der Wanderin verirrte sich einer der Mil- MW -WM MWA Klalllrasö-ir. ««-- SÄ-- U^W WWW- «WuM« - "k WWW !N«K MW 8E -MMi -WÄ: HMHK ssssi ->MZ! MW WMU MÄ MW! ^KL 622 liarden tanzenden Sonnenstrahlen, und ein Gefühl von Licht und Wärme, wie sie es seit Jahrzehnten nicht gekannt, durchzuckte Leib und Seele des Weibes. War's die Rückwirkung des Geständnisses, das sie in dieser Nacht — mehr noch vor sich selbst, als vor der traurigen Marinka — abgelegt? War's der lachende Tag und das erhebende Gefühl, noch zu etwas in der Welt nütze zu sein, — selbst elend und zermartert, andern Bedrängten noch hilfreich sein zu dürfen? Sie wußte es nicht. Sie fühlte nur, daß an diesem Morgen, auf diesem stillen, einsamen Gange zum erstenmal seit langen, langen Jahren wieder sanftere Gefühle ihr Herz durchzogen, daß die wilde Empörung gegen ihren Gatten einer Art milden Mitleids wich, und die herzbeklemmende Angst um ihr dahingegebenes Kind sich in das schwache Hoffnungsfühlen wandelte, daß ihre Martha, all' ihrer finsteren Sorge zum Trotz, am Ende doch nicht liebeleer durch's Leben wandle. — Ganz im Gegensatz zu den meisten Frauen, denen Tod oder Leben ihre Kinder geraubt haben auch zu denen, welchen Muttcrglück überhaupt versagt geblieben ist, und in deren aller Herzen oft eine völlige Empfindungslosigkeit, öfter noch Bitterkeit und Härte gegen Kinder einzuziehen pflegt, fühlte Mama Leibigs trauriges Gemüth warm und zärtlich für die kleine Welt, und dieses Fühlen kam ihrer heutigen Mission zu gut. Wohin sie kam, wußte sie so beredt und eindringlich den Kleinen die Wunder des Märchenzaubers zu schildern, die sich von den Brettern her ihnen erschließen sollten, so ganz das rechte Wort für das Auffassungs- und Anschauungsvermögen der Kinder zu treffen, daß die Jugend von Kümmeritz mit ahnungsvollen Schauern die Wunder der zu schauenden Herrlichkeiten vernahm und nicht anders glaubte, als Frau Holle oder irgend eine andere ihrer geliebten Märchengestalten sei leibhaftig zu ihnen herabgestiegen, sie in ihr Reich zu entführen. Der unfehlbare Charakterspteler hatte mit seiner Behauptung, daß Mama Leibig in Kümmeritz die weibliche Rolle des Hamelner Rattenfängers spielen würde, wirklich einmal recht gehabt. Mit stetig sich füllender Börse und naturgemäß ebenso stetig abnehmendem Einlaß- kartenvorrath schritt Mama Leibig von Haus zu Haus. So war es beinahe schon Mittag geworden, als sie die eigentliche Stadt hinter sich hatte und in das Villenviertel hinauspilgerte, in dem die wohlhabenden Fabrikanten des Städtchens, fern vom Qualm ihrer rauchenden Schornsteine, ihren Wohnsitz hatten. Ohne besondere Wahl betrat die Zettelträgerin die erste Villa linker Hand, die ziemlich weit von der Landstraße entfernt in einem verschneiten Garten lieblich eingebettet lag. — In dem geräumigen, wohldurchwärmten Vorflur spielten mehrere blondhaarige Knaben und Mädchen Haschen, blieben aber wie festgezaubert vor Mama Leibtg stehen, als sie hörten, daß die Frau, die da plötzlich, wie mit den neufallenden Flocken hineingeweht, zwischen ihnen stand, Karten zu Märchenvorstellungen anbot. Eine Theatervorstellung und gar ein Märchen I O, da mußte Mutter „Ja" sagen, „Ja" um jeden Preis. Und die kleine lebhafte Schaar bat mit glänzenden Augen und rasch gerötheten Wangen, doch ein paar Minuten, zu warten, Mutter würde gewiß eine Menge, Menge Karten kaufen; sie selbst wollten sie bestürmen, und ein kleiner Pfiffikus fügte mit großen Augen und wichtigen Mienen hinzu: „Sie können sich fest darauf verlassen, denn Vater ist nicht zu Hause, der arbeitet selbst heut', am Sonntag in der Fabrik, und wenn er nicht da ist, thut uns Mutter nochmal so leicht den Willen." Und fort waren sie, in den ersten Stock hinauf. Nach Minutenfrist erschienen sie wieder — wie ein Blüthenstrauß an einem Stiel erwachsen — an der Mutter hängend, einer Frau in der Kraft und Fülle der Jugend, blond und blauäugig wie ihre Kinder. Ein unbändiger Schmerz erfaßte die Brust des kurz vorher noch fast frohgestimmten Weibes bei diesem holden Anblick. So heiß wallte das bitter brennende Weh plötzlich in der Einsamen auf, daß sie, nach Athem ringend, zu ersticken wähnte und die Knöpfe ihres ärmlichen Mantels weit voneinander reißen mußte, nur um Luft zu schöpfen, die plötzlich versagende Sprache wieder zu gewinnen. Dann athmete sie erleichterter und zugleich bestürzt auf. Wie viele Mütter und Kinder hatte sie an diesem Morgen schon zärtlich beieinander gesehen? Wie kam ihr plötzlich bei diesen gerade, der heiß aufwallende Schmerz, als umfasse sie gerade hier mit einem einzigen, furchtbar hellsehenden Blick alles, was sie verloren hatte? Wie durfte ein Glück sie erschüttern, wie durfte sie eines beneiden, um daS sie sich selbst betrogen l Die herbe Erkenntniß machte sie gefaßt; ruhiger trat sie der jungen Frau entgegen und brachte schlicht ihr Anliegen vor. Der Herrin des Hauses, im Herabsteigen von den Kleinen umkost und umplaudert, war die jähe, mühsam zurückgedrängte Erregung der Zettelträgerin bisher entgangen. Nun erst. als die leise wohllautende Stimme der Frau ihr an's Ohr schlug, als sie in das gramdurchfurchte Antlitz sah, bemerkte sie, daß das arme Weib, das ihren Kindern ein Jubeln ohne Gleichen in's Haus gebracht hatte, leichenbleich und wie von Fieberfrost geschüttelt, zu Tode erschöpft, vor ihr stand. Sie ergriff die kalte Hand und zog die Fremde, wie einen lieben Gast, gütig auf einen Stuhl nieder. ^ „Sie sind krank, liebe Frau. Ruhen Sie aus und erwärmen Sie sich — dann wollen wir über die Märchenvorstellung sprechen." Und scherzend, das gramvolle Antlitz aufzuheitern, fügte sie hinzu: „Hoffentlich reicht Ihr Kartenvorrat noch für meine begehrliche Schaar, die am liebsten Haus und Hof mit hineinschleppen möchte, in die lang ersehnte Wunderwelt." Mama Leibig wollte erwidern, aber eine plötzliche, unüberwindliche Mattigkeit überfiel sie, und die Augen schließend, sank sie wie in tiefer Ohnmacht zurück. Sie hörte nur noch die Stimme der lieblichen Frau, welche leise sagte: „Maxi, ein Glas Wein — aber schnelll" Dann verließ sie das Bewußtsein. — Sie erwachte nicht in dem geräumigen Treppenflur, sondern auf einem bequemen Ruhebett in einem mit traulicher Behaglichkeit ausgestatteten Gemach. — Ihr erster Blick fiel auf die junge blonde Frau, die mit angstvoll starr auf sie gerichteten Augen vor ihr stand. Verwirrt erhob sich die Zettelträgerin und blickte von der jungen, fast leblos dastehenden Frau auf sich selbst. Man hatte ihr Hut und Mantel abgenommen und das Oberkleid gesüftet. Mit einer raschen Bewegung schloß sie die Falten des Kleides wieder zusammen und tastete dabei instinktiv nach dem Kreuzchen mit dem Gottesauge auf ihrer Brust. Die suchende Hand fuhr entsetzt zurück. Das Kleinod war verschwunden. Laut auf stöhnte die Frau. Es war der erste Ton, der zwischen diesen beiden Schmerzgebannten hörbar wurde. Dann trat die junge Blonde nahe auf sie zu, legte eine kalte bebende Hand auf die der Alten und fragte stockend und kaum hörbar: „Suchen Sie — ein Kreuz — das Kreuz — Ihres Kindes? Hier — nehmen Sie —" und sie ließ den Schmuck in die hastig ausgestreckte Rechte seiner Besitzerin zurückgleiten. Ihres Kindes! Was war das? Was wußte diese Fremde von ihrer verlorenen Tochter? — Und doch — blitzschnell fuhr eS der Alten durch den Sinn — wenn sie eine Spur von ihr hätte? Wie emporgeschnellt sprang sie auf, um in den Zügen der Anderen zu forschen. (Schluß folgt.) -- Das Grab der allersel. Jungfrau Maria. Von Dr. G. Müller. (Mit einer Original-Abbildung.) Seit den frühesten Jahrhunderten hören wir von der Verehrung, in welcher das Grab der Mutter Jesu bei Gethsemani in Jerusalem stand, und die Geschichte der heiligen Stätten Palästina's berichtet uns, daß auch über der einstigen Ruhestätte Mariens eine herrliche Basilika sich erhob. Nach uralter Tradition der jerusalemitischen Gemeinde ist die Gottesmutter auf Sion gestorben, von den Aposteln im Thal Josaphat, unweit vom Garten Gethsemane, in einer Felsengruft — wohl der Begräbnißstätte ihrer Eltern — beigesetzt und nach wenigen Tagen bei lebendigem Leibe von ihrem göttlichen Sohne in den Himmel aufgenommen worden. Die historische Kritik bestätigt die Thatsache, daß in den Tagen der Kaiserin Eudoxia dteGrabkirche Mariens aus dem Schutt und der Vergessenheit bedrängter Zeiten wiedererstand, und daß man das Grab leer und darinnen nur Tücher fand, in die der hl. Leib einst gehüllt gewesen war. Der Ort des Grabes und die thatsächliche stete Erinnerung an seine Echtheit ist bezeugt durch die Tradition der Jahrhunderte und die hohe Wahrscheinlichkeit der Umstände. Wir geben hier eine Abbildung der Grabkirche, die für das von mir herausgegebene „Illustrierte Centralblatt für christliche Alterthumskunde" eigens angefertigt worden ist. Die Kirche ist in eine obere und untere getheilt, zu welch letzterer 4 Stufen hinabführen, als der eigentlichen Felskapelle mit dem Grabe Mariens. Das Gebäude ist ein kleiner Ueberbau über der Grabeshöhle, welcher eigentlich nur ein Dach der Eingangstreppe zur unteren Grabkapelle bildet. Dieser Ueberbau in der Form eines plattgedeckten Hauses ragt ansehnlich über den vertieften Vorplatz, unbedeutend aber über den an die Ost-, Nord- und West-Seite des Gebäudes stoßenden Erdboden hinauf. Das Innere der Kirche ist geschmückt mit einer Menge von Lampen und mit Altären der christlichen Bekenntnisse. Die Grabkapelle ist viereckig und so klein, daß sie nur für wenig Personen Raum hat. Das Grab Mariens stellt einen ziemlich hohen Sarkophag vor, dessen Deckel schwarzgeäderter Marmor ist. Teppiche und Seide bekleiden Altar und Wände, das Aeußere zeigt wieder die Spitzbogen-Architektur. Drei dünne Wand-Säulen zu beiden Seiten des Spitzbogen-Einganges tragen ein verziertes Horizontal-Gesims, auf welchem die Spitzbogen aufsitzen, die der Anordnung der Wandsäulen conform so eingestuft sind, daß der weitere äußere die beiden kleineren inneren Bogen über dem Eingangsthor einschließt. Auch hier ist die Bedachung flach. In den Zeiten des Königreiches Jerusalem befand sich hier eine Benediktiner- Abtei, welche Gottfried von Bouillon stiftete und reich dotirte. Das Kloster war südlich angebaut, so daß der jetzige viereckige Vorplatz den Klosterhof bildete. Gegenüber der uralten jerusalemitischen Tradition, wonach Maria in Jerusalem starb und dort begraben wurde, kann die viel jüngere, willkürliche Legende, daß die Hochgebenedeite bei Ephesus starb, nicht aufkommen. Die neuesten Forschungen haben die volle Richtigkeit der alten Ueberlieferung und die Echtheit des Grabes Mariä in Jerusalem unwiderleglich erwiesen. - — Zu unseren Bildern. Dr. Eugen Jäger, Redacteur und Besitzer der „Mälzer Zeitung" in Spever, vertritt seit dem Jahre 1887 den Wahlkreis Dillingen in der bayerischen Abgeordnetenkammer. Er ist geboren am 28. August 1842 zu Ann- weiler in der Pfalz, studirte an den Gymnasien in Mannheim und Speyer und besuchte das Polytechnikum in Karlsruhe, München und Zürich und die Universität München. Herr Dr. Jäger hat eine Reihe von wichtigen socialpolitischen und volkswirtbschaftlichen Schriften verfaßt und ist besonders dadurch bekannt geworden, daß er zu Beginn der letzten Landtagspenode, unterstützt vomCentrum, eine Reihe von tiefeinschneidenden Anträgen zu Gunsten der Landwirthschaft stellte, welche zum Theil in der im heurigen Sommer zu Ende gegangenen Session des Landtags Gesetzeskraft erlangt haben. KtaUtragSdie. Eine ungewöhnliche Erregung herrscht heute in dem zur Nachtzeit sonst so stillen Stalle. Kein Wunder! — ist es doch der List des durchtriebenen Meister Reinecke, der unserer friedlichen Hühnerfamilie längst Tod und Verderben geschworen hat, endlich gelungen, derselben seinen „halsumdreherischen" Besuch abstatten zu können. In ängstlicher Eile sucht die Henne ihre Küchlein, die vor Schrecken in buntem Gewirr über einander purzeln, mit ihren breiten Flügeln zu decken, während der Hahn im Gefühle seiner Verantwortlichkeit als Haupt der Familie sich dem Eindringling gegenüber energisch zur Wehre setzen will. Doch da wird er wenig ausrichten: Meister Reinecke ist ein geriebener Raubmörder, er hat schon manchem tapferen Hahne den Hals umgedreht, worauf es ihm dann ein Leichtes ist, mit den übrigen — vollends aufzuräumen. -. > . Goldköruer. Das schönste Glück des denkenden Menschen ist: das Er- forschliche erforscht zu haben, und das Unerforschliche ruhig zu verehren. Goethe. _ . ..ä Dr. Eugen Jäger. -««8WS— 6S4 Allerlei. Die Macht der Annonce. Die praktischen Engländer und Amerikaner verstehen am besten den ungeheuren Nutzen des Inserats und der Ankündigung zu würdigen, und sie wissen, daß die großen Summen, die sie für diese Zwecke verwenden, Zinsen und Zinseszinsen tragen. Es gibt Unternehmungen, die nur durch die kolossalste Publizität die größten Erfolge erzielt haben; überall findet man sie, überall stößt man auf ihre Namen. Der Reisende, welcher z. B. über den Aermelkanal fährt, um England zu besuchen, erblickt, noch einige Meilen von der Küste entfernt, eine Tonne im Meere, auf welcher mit Ntesenlettern geschrieben steht: „?6a.r's 8onx" (Pears Seife). Bei dem ersten Blicke, der auf die Kreidefelsen von Dover fällt, liest man sofort wieder: „Pears Seife", und auf Schritt und Tritt, in jedem Bahnhöfe, auf den Pflastern der Städte, an jeder Mauerccke, in jeder Zeitung und in allen Gassen finden sich Bilder und Zeichnungen, die zuweilen mit künstlerischem Geschmack ausgeführt sind und auf denen wieder zu lesen ist: „Pears Seife". Das ganze Unternehmen ist auf einem in solchem Umfange vielleicht noch niemals durchgeführten System von Ankündigungen und Plakatierungen aufgebaut. Pear hat Volkssänger und Bänkelgesellschaftcn bezahlt, nur zu dem Zwecke, daß sie populären Gassenhauern einen Text unterlegen, in dem Pears Seife empfohlen wird. Vor einem Jahre wurde dieses Unternehmen in eine Aktien- ^ gesellschaft verwandelt, und diesem Umstände verdanken , wir einige Kenntniß über das Verhältniß zwischen den Auslagen für Ankündigungen und dem Reingewinn. Im Jahre 1885 hatte Pear für Ankündigungen den Betrag ! von 31,159 Pfund ausgegeben, und der Gewinn stellte sich auf 95,106 Pfund. Im Jahre 1886 summirten sich die Kosten der Ankündigung mit 58,884 Pfund und der Gewinn mit 117,565 Pfund. Im Jahre 1887 wurden für Annoncierungen 82,312 Pfund ausgegeben; der Gewinn bezifferte sich mit 128,109 Pfund. Im Jahre 1888 erforderten die Ankündigungskosten 86,491 Pfund, und der Gewinn stellte sich auf 133,706 Pfund. Im Jahre 1889 stiegen die Ausgaben von Annoncierungen auf 119,902 Pfund, der Gewinn auf 149,770 Pfund. Im Jahre 1890 betrugen die Ankündigungskosten 126,994 Pfund, der Gewinn stellte sich auf 165,355 Pfund. Für das Jahr 1891 werden die Annoncierungskosten mit 103,596 Pfund und der Gewinn mit 175,920 Pfund berechnet. Pear hatte also im Laufe von sieben Jahren mehr als 12 Millionen Mark ausgegeben und mehr als 17 Millionen Mark als Reingewinn erzielt. » In Eisenberg hat ein Herr Kaufmann ein Licht erfunden, das er Sonnenglanzlicht nennt. Seine Erfindung beruht auf einem Bewunderung erregenden und doch einfachen Mechanismus, welcher die denkbar geringste Bedienung erfordert. Durch einen Fingerdruck wird der Apparat in beliebig lange andauernde und selbstthätige Bewegung gesetzt. Eine durch einen sinnreichen Mechanismus betriebene Pumpe füllt, so oft es nöthig, den Gaserzeugungsapparat mit neuer Luft, und in Verbindung mit dieser wird nun aus der Gasstofffüllung ein billiges, geruchloses, jede Explosionsgefahr ausschließendes, zu BeleuchtungS-, Koch-, Heiz- und vielen anderen Zwecken verwendbares Gas erzeugt. Das mit diesem Gas erzeugte Licht steht dem elektrischen Lichte nicht nach und bietet nicht nur diesem, sondern auch allen anderen Beleuchtungsarten gegenüber nicht geringe Vortheile sowohl in sanitärer, als auch in pekuniärer Hinsicht. Da der Apparat nur einen geringen Raum (ca. 1*/? stm) beansprucht und an jedem beliebigen Orte aufgestellt werden kann, so ist es möglich, daß jeder größere Haushalt, ob ! in Dorf oder Stadt, jede Villa, jedes Gut oder Schloß, ^ jede Fabrik, jede öffentliche Anstalt ihre eigene billige Gasanstalt und ein hellstrahlendes Licht erhalten kann. * Die „13" gilt bekanntlich als Unglückszahl. Wie viele Personen gibt es, die an einer Tafelrunde von 13 nicht sitzen mögen! In den meisten Gasthöfen gibt es kein Zimmer Nummer 13, sondern neben 12 liegt gleich 14. Dem gegenüber ist es nicht uninteressant, festzustellen, daß der einzige Passagier, welcher beim Schiffbruche des „Drummond Castle" gerettet wurde, Herr Marquardt aus Stuttgart, auf dem untergegangenen Dampfer gerade die Kabine 13 bewohnt hatte. Ob Nummer 13 jetzt, wenigstens für Schiffe, eine Glückszahl werden wird? — » V ^ - Der Abendstern. Ost schaut in stiller Abendstunde Mein Aug' hinaus in weite Fern', Blickt still empor zum blauen Himmel, Schaut sinnend nach dem Abendstern. Ost stand ich da in süßer Freude, Ost auch in bitt'rem Herzensweh, Und meine sturmbewegte Seele Glich d nn der aufgetrieb'nen See. Da hab' ich ruhig nach dem Himmel Und nach dem Abendstern geschaut, Hab' alle Leiden, alle Freuden Dem Sternlein hoffend anvertraut. Mir ist, als ob im Abendsterne Still meines Gottes Auge blickt, Und ob zu ihm ein frohes Schauen Das bange Herze neu erquickt. Rom. Robertus, 8. v. 8. Himmelsschau im Monat Olrtober. —Merkur L erreicht in der letzten Hälfte seine größte westliche Entfernung von der Sonne und ist in der Jungfrau morgs. in Osten aufzusuchen. Venus Z ist Abendstern, aber noch lichtschwach und steht niedrig in WSW. Mars «L geht vom Stier gegen die Zwillinge, wird immer Heller und kommt anfangs 8 U. 30, zuletzt vor 7 U. über den östlichen Horizont. Jupiter h noch verhältnißmäßig wenig hell, geht zuerst nach 2 U. früh, zuletzt vor 1 U. auf. Saturns verschwindet in den Strahlen der untergehenden Sonne. In der Nähe des Mondes befinden sich am 4. und 31. Jupiter; am 8. Venus; am 9. Saturn; am 26. Mars. Vom Mond werden bedeckt Regulus am 3. abds. 10 U. und am 31. mgs. 7 U. Antares am 10. nchm. 2 U. Am 18. findet ein Sternschnuppenfall statt nordöstlich vom Orion, besonders in später Nacht. Am 23. geht der Mond durch den südlichen Rand der Plejaden. --KMZS-- HL82. Areitag, den 2. Oktober 1896. Mr die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabhcrr in Augsburg (Borbefltzer vr. Max Huttler). Km fehlendes Wort. Original-Novelle von C. Borges. —-- (Nachdruck verboten.) I. Es war ein herrlicher Frühlingstag. Der warme Sonnenschein lockte die Veilchen aus ihrem dunklen Versteck, färbte die knospenden Bäume, schlüpfte durch die grünlich schimmernden Ziersträucher und legte sich breit und erwärmend auf die weiten Rasenflächen, von welchen längst die glitzernde Schneedecke verschwunden war. Lautes Vogelgezwitscher, melodisches Summen der Mücken und Käfer harmonierten lieblich mit dem märchenhaften Säuseln und Flüstern des leisen Zephyrs, der in den Kronen der uralten Tannen und Fichten spielte. In der säulengetragenen Vorhalle einer stolzen Villa in der Vorstadt einer süddeutschen Residenz saß in einer Fensternische die verwittwete Frau von Schalldorf, Herrin eines bedeutenden Vermögens, des weitläufigen Parkes, der sich vor ihren Augen ausbreitete, und des prächtigen Hauses. Sie athmete mit Behagen die balsamische, würzige Frühlingsluft, die ungehindert einströmte, und freute sich über die malerische Scenerie der neu erwachenden Natur, die sich vor ihren Augen ausbreitete. Vor ihr stand ein Tischchen mit weiblichen Handarbeiten. Doch ihre Hände waren auf den Schooß hinabgeglitten und hielten nur die feine Stickerei, ohne daran zu arbeiten, während sie träumerisch zu dem klaren, tiefblauen Früh- ltngshimmel hinaufsah. Neben ihr, mit gesuchter Koketterie hingegossen, in halb liegender, halb sitzender Stellung, lag in einer bequemen Chaiselongue ihre jüngere Schwester, Frau Karoline Neumann, eine längst verblühte Schönheit mit hellen, Wasserblauen Augen, gelangweiltem Gesichtsausdruck, einer langen, spitzen Nase, einem großen Mund, der sich beim Oeffnen bedenklich schief zog. Obgleich längst die Vierziger überschritten, und Mutter von fünf Kindern, fand Frau Neumann immer noch Gefallen daran, sich durch Hilfe der verschiedenartigsten Toilettenkünste ein jugendliches Ansehen zu bewahren, ohne zu ahnen, wie lächerlich sie sich in den Augen der Welt machte. Sie schmückte sich mit Vorliebe mit rothen Korallen- schnüren als Arm- und Halsbänder; rothe Korallensterne hielten das leicht gekräuselte blonde Haar zusammen, das noch bis vor Kurzem in langen ungeordneten Locken herabfiel. „Wie geht es Dir heute, meine liebste Mathilde flötete sie jetzt in ihrer klanglosen Stimme und weckte dadurch die Schwester aus ihrer süßen Siesta. „Keine wesentliche Veränderung ist seit gestern in meinem Befinden eingetreten, als Du dieselbe Frage an mich richtetest", lautete die sarkastische Antwort. Ohne aufzusehen, fühlte Frau Neumann die Blicke ihrer Schwester vorwurfsvoll auf sich ruhen, doch sie war zu weltklug, um ihren Unmuth darüber offen zu zeigen. Mit der reichen, kinderlosen Wittwe war nicht zu spaßen; sie hatte ihre Eigenheiten, aber vermuthlich — noch kein Testament gemacht, und da Karoline Neumann es meisterhaft verstand, sich überall einzudrängen, zweifelte sie keinen Augenblick an der Erfüllung ihres Lieblingswunfches, das Vermögen der Schwester sich oder ihren Kinder» zu sichern. Sie hatte früh, kaum der Kindheit entwachsen, ge- heirathet. In dem kleinen Provinzialstüdtchen, in dem ihre Eltern und Geschwister Glück und Zufriedenheit gefunden, genügte ihr das gesellige Leben nicht. Selbst das Elternhaus befriedigte ihrem unzufriedenen streitsüchtigen Gemüth nicht den Hang nach den Zerstreuungen und Vergnügungen, die das Leben einer Großstadt bietet. Die unbärttgen Jünglinge, die ihre Tanzstunden interessant machten, liebten die herzlose Kokette vielleicht umso begeisterter, je schlechter sie von ihr behandelt wurden. Nur einer machte eine Ausnahme. Der junge Jurist Neumann schaute mit unverhohlenem Spott und Verachtung auf seine Freunde, die um die Gunst der koketten Schönen eiferten, der die Liebe ein Spiel war. Er konnte nur lieben, sobald er an Herzensgüte, Wahrheit und Treue glauben konnte, und diese Tugenden konnte er in dem Herzen der vielumworbenen, stolzen Lina nicht entdecken. Diesen ernsten, strebsamen jungen Mann als Sklaven zu ihren Füßen zu sehen, war fortan das Streben der selbstbewußten jungen Dame. In äußerst liebenswürdiger Weise wußte sie sein Interesse zu fesseln; der zwanglose Verkehr und die Künste der Koketterie lockten ihn bald in ihre Netze. Als ein Muster aller Tugenden und des Wohlwollens täuschte sie leicht ihre arglosen, guten und treu ergebenen Freunde und umstrickte das Herz des jungen Anwalts, der durch die heuchlerischen Vorspiegelungen irre an sich selbst geworden war. Und so geschah es, daß er bald Name, Herz und Hand der jungen Sirene anbot, auf ihren Wunsch sich als Notar in der süddeutschen Residenz niederließ, wo 6L6 — er mit einer geringen Praxis für die Existenz seiner Familie täglich ringen mußte. Die ältere Schwester Mathilde hatte ein glücklicheres Loos gezogen. Der reich begüterte Laudedclmann von Schalldorf hatte kurz vor seinem Tode, vor kaum Zwei Jahren, in Ermangelung eines Erben, seine umfangreichen Besitzungen veräußert, um behaglich mit seiner Gattin die Früchte seines Reichthums zu genießen. Er kaufte eine prachtvolle Villa, mit großem Park umgeben, aber schon nach wenigen Wochen stand seine weinende Wittwe am Sarge des theuren Gatten, den eine kurze, heimtückische Krankheit so früh von ihrer Seite gerissen hatte. Sie hatte kein Kind, das ihren Schmerz lindern, der Trost ihres Alters werden konnte, hingegen ihre Schwester Lina hatte deren fünf. Kein Wunder also, daß Letztere ein fast täglicher Gast in der Villa war und der Gunst der Schwester sich vergewissern wollte. Kein mißzuverstehender Wink, keine spitze, sarkastische Bemerkung seitens der reichen Verwandten vermochten diese Besuche einzuschränken; mit verblüffender Kühnheit stellte sich Tante Lina, oft sogar mit ihren Kindern, immer wieder in der Villa ein, die auch von andern Gliedern der Verwandtschaft allzu häufig besucht wurde. Man machte der reichen Wittwe bei jeder Gelegenheit Geschenke, die sie nicht gebrauchen wollte oder konnte; zu jedem kleineren oder größeren Familienfeste erhielt sie die erste Einladung, obgleich dieselben niemals angenommen wurden. Man bat um ihren Rath in jeder Familienangelegenheit und zollte ihr jede Aufmerksamkeit, die ein Tribut derjenigen sind, über die das launische Geschick das Füllhorn der irdischen Güter so verschwenderisch ausgeschüttet hat. Mit fünfzig Jahren war sie immerhin noch eine stattliche Erscheinung, mit dunkeln feelenvollen Augen, obgleich zahlreiche Silberfäden ihr dunkelblondes, glatt gescheiteltes Haar durchzogen. In ihren wohlwollenden Zügen spiegelten sich innere Zufriedenheit und Seelenfrieden, die aber einen härteren Ausdruck annahmen, sobald sie, wie jetzt, von ihren Verwandten belästigt wurde. Auch heute war Lina Neumann nicht allein, sondern in Begleitung ihrer ältesten Tochter Mathilde gekommen, die nach der reichen Wittwe genannt und deren Pathen- kind sie war. Mathilde Nenmann war kaum achtzehn Jahre alt. Sie hatte von ihrer Mutter die schlanke ebenmäßige Gestalt, vom Vater die feinen, edel geschnittenen Gesichts- züge geerbt; ihr Wesen schien gutherzig und ohne Berechnung — was man ihrer Mutter nicht nachsagen konnte. Durch ihr naives Geplauder gewann sie das Vertrauen der reichen Wittwe, die ihre Aufmerksamkeiten und kleinen Zeichen der Liebe gern und dankbar hinnahm. „Mathilde Neumann ist die einzige meiner Verwandten, die mich liebt", dachte oft die einsame Frau, oie so reich und gleichzeitig so bemitleidenswerth arm war; daher erhielt diese ihre Lieblingsnichte sehr häufig Einladungen zum Kaffee oder Thee, die den Neid der übrigen Verwandten erregten, da diese, wenn auch nicht seltener, so doch ungeladen kamen. „Wie ist es heute mit Deinen Kopfschmerzen, mein Kind ? Du klagtest gestern darüber", fragte theilnehmend die Tante, das krause, widerspenstige Haar ihres Lieblings streichelnd. „Ja, Tantcheu, das ist auch kein Wunder, da ich Meinen armen Kopf täglich so sehr anstrengen muß", klagte die Angeredte. „Bedenke doch, die vielen Stunden in der Selekta, dann der Musikunterricht, die fremden Sprachen, und zu alle dem steht das Gouvernanten-Examen im nächsten Jahrs als Schreckgespenst in dem Hintergrund." Frau Neumann seufzte, und sich aus ihrer beguemen nachlässigen Stellung halb aufrichtend, versetzte sie: „Du weißt doch, Mathilde, daß Du als älteste Tochter des Hauses bald auf eigenen Füßen stehen und Dir den Lebensunterhalt selbststündig verdienen mußt! Eine gute Erziehung ist alles, was wir Dir geben können." Mathilde zuckte die Achseln, Zog ein niedriges Ta- bonret herbei, setzte sich zu Füßen der Tante, ließ mit einem schelmischen Blick ihr viclgeplagtes Köpfchen in deren Schooß sinken und spielte mechanisch mit den Fingern, die liebkosend ihre Wangen streichelten. Die Tante freute sich über diese kindlichen Liebeserweisungen und duldete sie gern. „Möchtest Du gern in Deinen Sommerferien eine Nheinreise mit mir machen?" flüsterte sie ihr zu. Das junge Mädchen sprang von seinem Sitze auf, schlug in freudiger Erregung die Hände zusammen, dann tanzte sie in der geräumigen Halle umher. „Eine Nheinreise!" jubelte sie. „O, liebste, beste Tante, wie gern möchte ich eine Rheinreise mit Dir machen I" „Mathilde, beherrsche Dich! Sei nicht so ausgelassen, das schickt sich nicht für eine angehende Erzieherin", mahnte die Mutter im strengsten Tone, dann wandte sie sich an ihre Schwester. „Es ist mir sehr lieb, daß Du meiner Tochter diesen Vorschlag machst; die Abwechselung wird ihr gut thun. Offen gestanden, bedürfen wir alle der Erholung, meine fünf Kinder sowohl wie mein Gatte und auch ich." Die Wittwe fuhr, ohne die geringste Notiz von dieser Bemerkung zu nehmen, fort: „Mathilde soll eine Zerstreuung und Abwechselung haben; sie sitzt zu viel bei ihren Büchern, es ist unbedingt für ihre Gesundheit erforderlich —" „Dort kommen Tante Nosalte und Koustne Mathilde", unterbrach das junge Mädchen plötzlich, nach dem breiten Parkwege zeigend, auf dem soeben zwei Damen sichtbar wurden. Das Antlitz der Mutter umwölkte sich. «Schon wieder!" murmelte sie zwischen den Zähnen, dann fügte sie, zu ihrer Schwester sich wendend, laut hinzu: „ES scheint mir, die Familie Schalldorf ist beständig hier anzutreffen! Biete doch den Verwandten Deines Gatten lieber ein Obdach in Deinem Hause an, dann ersparst Du ihnen den täglichen Weg hierher." „Ich fürchte, sie würden dieses Anerbieten annehmen", lautete die gelassene Antwort, „aber die Schalldorfs sind nicht die einzigen Verwandten, die mich recht häufig mit ihren Besuchen beehren." Frau Nosalie von Schnlldorf mit ihrer ältesten Tochter Mathilde betraten in diesem Augenblicke das Gemach, die ältere Dame warf einen vernichtenden Blick auf Tante Lina, wie die Gattin des Anwalts von der ganzen Familie allgemein genannt wurde, dann begrüßte sie die reiche Wittwe. Mathilde von Schalldorf, ebenfalls ein Pathenkind der Tante, deren Namen sie trug, reichte mit unbefangener Offenheit allen Anwesenden die Hand zum Gruß entgegen. „Ihr lieben, guten Menschen müßt doch täglich viel Zeit erübrigen können, um Besuche zu machen", begann 627 s die Wittwe. »Es wundert wich, wie Ihr mit Eurer zahlreichen Familie darnach Euren Haushalt einrichten könnt!" „Du sollst Dich doch nicht von uns vernachlässigt fühlen, meine liebe Mathilde", entgegnete Frau von Schalldorf, Gattin eines pcnsionirten Offiziers, „wiewohl ich nicht begreifen kann, daß andere", hierbei warf sie einen bedeutungsvollen Blick auf Frau Neumann, „so häufig im Hause entbehrt werden können." „Das ist ganz meine Anficht", höhnte Tante Lina, „besonders, wenn ich bedenke, daß in manchen Häusern die Behaglichkeit durch die häufige Abwesenheit der Hausfrau bedeutend beeinträchtigt wird." Dabei warf sie der ihr gegenübersitzenden Dame, deren Schritte sie argwöhnisch beobachtete, einen feindseligen Blick zu. Die reiche Wittwe schien sich um die Unterhaltung ihrer beiden Verwandten wenig zu kümmern. Sie wußte nur allzu gut, daß die häufigen Besuche, die vielen Aufmerksamkeiten nicht ihrer Person, sondern nur ihrem Vermögen galten, und dieser Gedanke erfüllte ihr Herz mit Bitterkeit. Daher streichelte sie ihren Hund, einen kleinen schwarzen Pudel, der sich beständig in ihrer Nähe aufhielt, um ihre Gedanken von dem Gespräch der beiden Damen abzulenken. Sie hatte eine große Vorliebe für Thiere, besonders für Hunde, denn, wie sie oft zu sagen pflegte, entspraug die Treue und Anhänglichkeit der unvernünftigen Kreatur reineren Trieben, wie manchen Menschen, die unter dem Deckmantel der Liebe und Hingebung nur ihre eigenen Zwecke verfolgten. „Ich wollte Dich daran erinnern, meine liebe Mathilde", begann die Majorin von Schalldorf, „daß Du hier in Deiner Einsamkeit doch ein viel zu ruhiges und abgeschlossenes Leben führst. Dein lieber Gatte ist nun schon seit zwei Jahren todt, die Trauerzeit ist längst vorüber und da bist Du eS doch der Gesellschaft schuldig, aus Deiner Zurückgezogenheit hervorzutreten und an den geselligen Freuden wieder theilzunehmen. Wenn ich Dich nur überreden könnte, meinen gut gemeinten Rath zu befolgen!" „Wie oft habe ich schon wiederholt, daß ich mein jetziges, ruhiges Leben dem Geräusch der Welt vorziehe", versetzte die Wittwe gereizt. Die beiden jungen Damen hatten sich während der Unterhaltung der Mütter still und unbemerkt zurückgezogen; sie saßen hinter hohen Blattpflanzen und Palmen versteckt, aber ihre Interessen gingen zu wett auseinander, um eine Unterhaltung im Gange halten zu können. Mathilde von Schalldorf war ein schlankes, großes Mädchen, etwa zwei Jahre älter wie ihre Cousine, und im Gegensatz zu dieser prägte sich in ihren Zügen Charakterstärke und Willenskraft aus, und ihre dunkeln, feelenvollen Augen bekundeten deutlich, daß ihr der Ernst des Lebens nicht fremd geblieben war. „Aber Du hast Pflichten gegen die Welt und die Gesellschaft, der Du Dich nicht länger entziehen darfst", beharrte die Majorin. „Die Welt kümmert sich wenig um mich, und Pflichten habe ich ihr gegenüber nicht zu erfüllen", lautete die ruhige Entgegnung, „und was meine Einsamkeit anbetrifft, wie Du mein Leben hier zu nennen beliebst, so glaubst Du doch selbst nicht daran, weil es mir niemals an Besuchern mangelt." Die beiden Gegnerinnen warfen sich bei diesen Worten einen bedeutungsvollen Blick zu. „Selbst hier in meiner Zurückgezogenheit fehlt eS mir nicht an kleinen Freuden", fuhr die Wittwe lächelnd fort, „und diese erhellen wie ein lichter Sonnenstrahl mein trübes Dasein. So konnte ich gestern noch einem armen Wesen helfen, daS bei mir Schutz suchte." Tante Lina horchte bet diesen Worten entsetzt auf. „Ist es wirklich wahr, daß sie die Kühnheit hatte, Dich hier aufzusuchen? Das ist unerhört!" rief sie, vor Zorn bebend. Die Schwester lachte bei dieser Erregung laut auf. „Warum ereiferst Du Dich und regst Dich so unnütz auf, liebe Lina", gab sie heiter zurück. „Ja, ein armes, halb verhungertes Wesen stellte sich gestern in unserer Küche ein, und es scheint gar keine Lust zu haben, unser Haus wieder zu verlassen." Tante Lina konnte ihren Zorn kaum noch länger beherrschen, dunkle Nöthe färbte ihre Wangen, die sogar trotz der weißen Schminke sichtbar wurde. „Das ist zu arg, das dulden wir nicht", rief sie empört aus. „War es denn nicht genug, daß sie sich bei mir eindrängen wollte! Und Du hast ihr wirklich ein Obdach in Deinem Haufe gewährt! — Eine Frau, von der wir nicht wissen, wer sie ist, und woher sie stammt, die unsern armen Bruder Herbert bethörte und ihn in ihren Netzen verstrickte!" Die Züge der reichen Wittwe waren plötzlich sehr ernst geworden, finster und zugleich überrascht blickte sie ihre erregte Schwester an. „Karoline, wir verstehen uns augenblicklich gar nicht, und Deine unbegründete Heftigkeit kann nur auf einem Mißverständniß beruhen", begann sie langsam. „Das arme, halbverhungerte Wesen, das mein Mitleid erregte, war eine kleine Katze, die sich in unserer Küche einstellte, Du kennst ja meine Vorliebe für Thiere. Was meinst Du aber von der Gattin unseres armen Bruders? Ist sie hier in der Stadt? Hat sie um Deine Hilfe gebeten?" Tante Lina erbleichte. Unter keiner Bedingung durfte die Schwester von der Anwesenheit der neuen Verwandten in der Stadt erfahren, und vorn Zorn hingerissen, hatte sie in der Uebereilung Worte fallen lassen, die sie jetzt bitter bereute, und die sie gern zurückgerufen hätte. Herbert Wendtland, der einzige jüngere Bruder, hatte vor langen Jahren in Neapel die Verbindung mit einer jungen deutschen Dame geschlossen, die sich dort als Erzieherin in einer reich begüterten italienischen Familie aufhielt. Die beiden älteren Schwestern traten energisch dieser Verbindung entgegen; nicht aus persönlichen Rücksichten, denn die erwählte Dame war ihnen ja vollständig fremd, wohl aber, weil der Bruder fein eigenes Vermögen leichtsinnig verschwendet und sich nicht die Fähigkeiten erworben hatte, für die Existenz eines eigenen Hausstandes zu sorgen. Er war ein Künstler, mst außerordentlichen Talenten begabt, allein es fehlte ihm Energie und Ausdauer, und feine wenigen Gemälde erzielten hohe Preise. Nach einem unstäten Wanderleben raffte ihn der unerbittliche Tod von der Seite seiner Gattin, sie mit ihrem kleinen Sohn in der äußersten Noth zurücklassend. Niemand wußte, was aus ihnen geworden war oder in welcher Gegend sie sich ein neues Heim gegründet hatten. Die ältere Schwester Mathilde hatte ihren jüngeren Bruder aufrichtig geliebt und nach seinem Tode sich oft gesehnt, das zurückgebliebene Kind in die Arme schließen zu können; ebenso gern hätte sie nach besten Kräften d« 628 Mgen Wittwe geholfen. Tante Lina hingegen dachte stets nur an ihr liebes Ich; sie war keiner besseren Regung fähig, aber ihre eben ausgesprochenen heftigen Worte erweckten das grösste Interesse und die Neugier ihrer Schwester. Lina wußte zu gut, daß es zu spät war, die übereilten Worte zu widerrufen oder durch eine lügenhafte Ausrede dieselben zu vertuschen. „Vor kurzer Zeit kam eine Frau zu mir, die sich als Herberts Wittwe ausgab", gestand sie kleinlaut, „sie habe sich hier in der Stadt mit ihrem Sohne niedergelassen, um Beschäftigung zu suchen, gab sie vor. Sie war vielleicht nur eine Betrügerin, denn ich konnte mich nicht vom Gegentheil überzeugen. Ich habe sie selbstredend sehr kühl empfangen, und sie wird wahrscheinlich mich nicht wieder belästigen." Das Antlitz der älteren Schwester verfinsterte sich immer mehr und mehr. „War das Kind bei ihr, als sie Dich besuchte?" fragte sie streng. „Nein, sie kam allein. Aber selbst wenn sie die Wahrheit gesprochen hätte, so würde es uns in unserer Stellung doch unmöglich sein, sie als Verwandte anzuerkennen", fuhr die herzlose Schwester fort. „Sprach sie ihre Absicht aus, mich aufzusuchen?" „Sie sagte etwas derartiges", gestand Lina, „aber ich gab ihr die Versicherung, daß Du gar nicht von Fremden belästigt sein wolltest, und daß Du mit der Verbindung mit unserem Bruder durchaus nicht einverstanden gewesen wärst. Natürlich wollte die Person nur Geld von Dir erpressen." „Eine Absicht, in der andere ihr längst zuvorgekommen sind", rief unwillig die sonst so ruhige Wittwe. „Ein anderes Mal, Karoline, überlaß mir die Regelung meiner eigenen Angelegenheiten; ich bin, Gott sei Dank, noch selbstständig genug, um für mich selbst sprechen und handeln zu können. Hat sie Dir vielleicht ihre Adresse gegeben?" „Sie hat davon gesagt, aber da ich sie nicht aufschrieb, habe ich sie wieder vergessen." „Wenn Dein Gedächtniß so kurz ist, wird das meinige in späteren Tagen gewiß nicht besser sein", fuhr die Wittwe finster fort. Diese versteckte Drohung übte auf Tante Lina den gewünschten Erfolg aus, so daß sie die Wohnung Josephstraße 16 angab. Die beiden jungen Mädchen und die Majorin hatten mit gesteigertem Interesse der immer erregter werdenden Unterhaltung der Schwestern gelauscht, doch angesichts einer neuen drohenden Gefahr beschloß die Majorin, mit ihrer Gegnerin gemeinsame Sache gegen einen gemeinsamen Feind zu machen. „Wenn Dein Bruder gegen Deinen Willen einen Bund geschlossen hat, meine liebe Mathilde", wandte sie deshalb ernsthaft ein, „so darfst Du — als die Aelteste und das Haupt der Familie — sie nicht als eine Verwandte anerkennen; Du bringst sie dadurch nur in eine falsche Stellung." „Das Beste wäre, gar keine Notiz von ihr zu nehmen", schlug Tante Lina vor. Die Wittwe lächelte wehmüthig. „Karoline, Du müßtest doch als Gattin eines Juristen wissen, daß man keinen Rath unerwünscht und gratis geben soll", sagte sie schneidend. „Ich bin noch im Stande, meine eigenen Angelegenheiten zu ordnen, und ohne Euren Rath weiß ich recht gut, was ich zu thun und zu lassen habe." ^Natürlich", Pflichtete die Majorin bei, „aber mit Deinem Hang zur Freigebigkeit kannst Du leicht das Opfer einer berechnenden Abenteurerin werden. Hast Du die Absicht, die Frau in der angegebenen Wohnung aufzusuchen?" „Ich bin noch nicht fest entschlossen", versetzte die Angeredete, „wenn Herbert's Wittwe Beschäftigung sucht, so würde eS nur Christenpflicht sein, ihr nach Kräften zu helfen. — Ach, Herr Lieutenant", unterbrach sie sich, als ein breitschultriger schmucker Dragoner-Offizier vom Diener hereingeführt wurde, „wie gut, daß Sie heute kommen! Es hat fast den Anschein, als hätte ich heute meinen Empfangstag." Lieutenant Benno von Römer gehörte zu ihren Günstlingen. Er stammte aus einer altadeligen, reich begüterten Familie, und war in der einsamen Villa ein häufiger und gern gesehener Gast. Die beständige Furcht, nur um des elenden Goldes wegen nicht vernachlässigt zu werden, wich beim Erscheinen ihres jungen Freundes, denn er war selbst reich genug, ohne daran denken zu müssen, sein hochadeliges Wappenschild mit fremden Schätzen vergolden zu müssen. Diesen jungen, strebsamen Offizier dereinst mit ihrem Liebling Mathilde Neumann vereint zu sehen, war ein unausgesprochener, aber still gehegter Wunsch der reichen Wittwe. An ihrem Hochzeitstage wollte sie als gute Fee hervortreten und dem jungen Paare eine bedeutende Summe als willkommene Gabe in den Schooß legen. Das war ein schöner Traum, aber um ihn zu verwirklichen, ließ sie keine Gelegenheit unbenutzt vorübergehen, die Beiden in ihrem Hause zusammen zu bringen. Auch jetzt warf sie ihm einen verständnißvollen Blick zu, und gleich darauf verschwand er hinter den hohen Palmen, wo die beiden Cousinen ein lauschiges Plätzchen gefunden hatten. Mathilde von Schalldorf war viel zu ernst und reif für ihr Alter, um an den launischen und witzigen Scherzen des jungen Mannes Gefallen zu finden, daher nahm sie ein Buch und schritt durch die geräumige Halle dem Park zu. „Das Glück hat mir heute wieder huldvoll zugelächelt", begann der Lieutenant, sich neben Tante Ltna'S ältester Tochter in einen bequemen Sessel werfend. „Wie meinen Sie das?" fragte Mathilde naiv. „Ich finde Sie hier, Fräulein Neumann", versetzte er, mit einem vielsagenden Augenaufschlag. „Wie kommt es, daß ich Sie jetzt so selten treffe?" „Ich werde zu sehr mit den lästigen Schularbeiten geplagt", gestand sie, „aber meine Tante hat mir für den Sommer eine schöne Zeit in Aussicht gestellt. Ich darf eine Nheinretse mit ihr machen I" In ihrer Freude hatte sie auch ihrer Cousine von der verlockenden Aussicht erzählt, doch kein trüber Schatten des Neides war in ihren Zügen sichtbar geworden. „Das freut «ich für Dich", hatte sie geantwortet, „hoffentlich kehrst Du körperlich und geistig gekräftigt zurück, um mit frischem Muth Deine Arbeit wieder aufzunehmen." „Sie beneidet mein Glück — sie gönnt mir die Frende nicht", hatte die jüngere Cousine bei sich selbst gedacht, „nur will sie mir ihre Gefühle nicht zeigen. Ich an ihrer Stelle würde mich ärgern, zurückgesetzt zu werden." Als kurze Zeit später die Gäste die einsame Villa verlassen hatten, saß ihre Bewohnerin noch lange Zeit, das Haupt in die Hand gestützt, in tiefes Sinnen versunken. 629 „Hubert'S Gattin und sein Kind sind hier in der» selben Stadt — und ich wußte eS nicht!" stöhnte sie endlich. „Mein armer, guter Bruder, er hat allzufrüh Schiffbruch in seinem Leben erlitten, und ich! — Ist es mir besser ergangen?" (Fortsetzung folgt.) --» >i » *, »--<» -' Die Zettelt! ägerm. Erzählung von D. Duncker. (Schluß.) Vergebens. Die blonde Frau lag abgewandt in einer» Sessel, das Antlitz mit den Händen bedeckt. Ein Beben durchlief die kräftige, lebensvolle Gestalt und schluchzend und stockend stieß sie abgebrochene Worte zwischen den bergenden Händen hervor. „Es kann nicht sein — es ist unmöglich — daS alte Bild — es trügt — aber das da — das Kreuz — das Gottesauge — und darunter — der Tag der Geburt — und jene, die ihr's gab — und ruir's erzählte — daß ich fortan keine Ruhe mehr fand — o, mein Gott!" — Sie löste die Hände mit einer raschen, leidenschaftlichen Bewegung von dem Antlitz und sah der Alten mit brennendem Weh und sehnsüchtigem Verlangen tn's Auge. „O, mein Gott, ist eL denn möglich, daß Sie meine Mutter — meine arme, langersehnte Mutter —" Und schluchzend brach das junge Weib zusammen. Wie ein gewaltiges Wetter brauste das Unbeschreibliche über die alte Frau hin. Völlig umnachtet waren ihre Sinne. Sie wußte nichts davon, daß und wann endlich ihre Lippen stammelnd „Martha — Martha?" fragten. — Sie sah und hörte und fühlte nichts, bis sie eng umschlungen in den Armen ihrer Tochter lag und die Ströme dieser lang getrennten Herzen ineinander flutheten, als wollten sie in einer einzigen köstlichen Stunde nachholen, was ihnen ein langes Leben grausam geraubt hatte. Wortlos, stumm, in grenzenloser Bewegung schienen sie Eins im Andern aufgehen zu wollen ohne Ende. Nach einer Zeit, für die es Beiden niemals ein Maß gegeben, drückte Martha die Mutter auf das Ruhebett zurück, und zu ihren Füßen knieend, erzählte sie in hastenden Worten, was sich zuvor nur in abgebrochenen Lauten losgerungen. Daß sie vor Jahren durch einen Zufall jener Jugendfreundin begegnet sei, die dem Neugeborenen daS verhängnißvolle Kreuzchen umgehängt. Sie habe ihr entdeckt, was Martha längst empfunden, daß ihr das Mutterherz in frühester Kindheit geraubt worden sei, daß die, die sie Mutter nannte, ihr in Wahrheit niemals Mutter gewesen sei. Von jenem Tage an habe sie unablässig gesucht, obwohl jene Freundin ihr vertraut, daß die Mutter unter fremdem, auch ihr unbekanntem Namen lebe, und nach ihrer Verheirathung ihr Mann, — der in allen Dingen denke und fühle wie sie — mit ihr. Ach, jedes kleine Goldkreuz, das sie erschauten, habe ihnen den Athem stocken gemacht und die freudige Furcht erregt, ein Gottesauge und das Datum eines gewissen LageS darauf zu finden. Vergebens, immer vergebens! In wie viel Zügen hatten sie geforscht, die dem Keinen Jugendbtld, das jene Freundin ihr gegeben, zu (gleichen schienen! Umsonst, immer umsonst! Bei jedem Kinde, das ihnen neu geboren würden, hatten sie auf der Mutter Segen gewartet — gehofft — er blieb aus — immer aus. „O Mutter, Mutter, um wie viel seliges Glück hat das Schicksal uns gebracht!" Und wieder sanken sie einander in stummer Ergriffenheit aus Herz. Aber nur auf einen kurzen, schmerzlich-süßen Augenblick. Dann löste die alte Frau sich aus den Armen ihrer Tochter, umfing die blühende Gestalt mit einem langen, wehmüthig zärtlichen Blick, streckte ihr die welke Hand entgegen und sagte mit müder, gebrochener Stimme; „Habe Dank, meine Tochter, daß Du die Mutter, die sich so schwer an Dir vergangen, mit Kindesliebe an Dein Herz nahmst. Dich als glückliche, beglückende Frau wiedergefunden zu haben, ist mehr als ich je gehofft, mehr, weit mehr als ich verdiene. Nun kann ich meine Augen dermaleinst in Frieden schließen. Leb' wohl, leb' wohl, mein Kind!" „Leb' wohl? Mutter! Mutter! Meinst Du ich ließe Dich, nun, da ich Dich endlich gefunden, auch nur auf Augenblicke wieder von mir? — Und Du sprichst und blickst, als gälte es neue Trennung? Kannst Du selbst daran denken auch nur auf kürzeste Frist wieder von mir zu gehen? Nein, geliebte Mutter, Du bleibst jetzt und auf immer. Ich rufe die Kinder — sie werden Dich lieben mit ihrer holden Kindesliebe — sie haben nie ein Großmutterherz besessen. § Und mein Mann, Deinen Sohn? Willst Du auch nur auf Stunden gehen, bevor Du ihn gesehen, der Deine Martha so über- schwänglich, glücklich macht? O, Mutter, er ist der beste Mann der Welt und unbeschreiblich lieb' ich ihn", und dabei erröthete die Frau wie ein junges Mädchen, dessen Lippen zum ersten Mal von Liebe stammeln. „Nur einen Fehler hat der Geliebte", fuhr sie eifrig fort, da die Mutter sie mit keinem Laut unterbrach, „er arbeitet zu rastlos. Allzu glänzend möchte er mein und der Kinder Loos gestalten. Und dieser rastlose Fleiß, diese nimmermüde Sorge für fein Geschäft, sie trennen uns nur allzu oft." Sie zog die alte Frau an'L Fenster. „Siehst Du dort drüben über dem letzten grauen Schieferdach linker Hand einen Schlot rauchen, den einzigen in der ganzen Stadt? Das ist unsere Fabrik. Selbst heut' am Sonntag gönnt er sich keine Ruh'. Er erprobt mit feinem ersten Ingenieur und ein paar ihm besonders ergebenen Arbeitern eine neue Erfindung. Es heißt, sie solle bedeutend, epochemachend sein. O, Mutter, glaube mir, mein Karl ist ein Prachtmensch! Besser und klüger als alle auf der Welt!" " Mama Leibig strich der jungen Frau zärtlich über den Scheitel, unverständliche Worte murmelnd. Dann küßte sie die Tochter noch einmal sanft auf die Stirn. „Grüße Deinen Karl von mir und sage ihm meinen innigen Dank dafür, daß er Dich glücklich macht." „Sag' ihm das selbst, geliebte Mutter!" Mama Leibig schüttelte den Kopf. „Nein, nein, mein Kind — ich — ich gehe „Aber Du kommst zurück. In ein, zwei Stunden erwarte ich Dich. Nein, ich hole Dich selbst — oder besser noch, ich gehe mit Dir. O, welch' ein Festtag wird das werden!"- „Martha, mein Kind — nein — erwartet mich K30 — NW — ich komme nicht wieder — nicht heute, noch morgen — niemals." „Mutter!" „Ich habe kein Recht, in euren Frieden, euer Glück einzudringen. Eine Mutter, die ihr Kind verlassen, da es klein und ihrer bedürftig war, hat das Recht verwirkt, ihren Lebensabend von Kindesliebe gestützt und getragen zu genießen; ihr bleibt nichts, als stille Buße zu thun." „Mutter! Um Gott, Mutter!« „Gott segne Dich, mein Kind, und erhalte Dir Dein Glück." Als Frau Martha sah, daß es der alten Frau furchtbarer Ernst mit diesem Scheiden, mit einem Scheiden auf immer war, brach sie weinend zusammen. Aber auch der Tochter Thränen konnten den Entschluß der Frau nicht wankend machen. „Hätte ich Dich arm und unglücklich gefunden, hätte ich Dir geben, nun endlich geben dürfen, bei Gott — ich hätte Dich nicht verlassen. Aber dem Himmel sei Dank, Du bedarfst meiner nicht. Er hat gut gemacht an Dir, was ich Schlechtes an Dir that — Lebewohl — Lebewohl — Du darfst in Frieden meiner gedenken", und ohne sich auch nur einmal noch zu wenden, schritt die alte Frau zur Thür hinaus auf den geräumigen Vorplatz, auf dem die Kinder bei ihrem Kommen jubelnd umhergetobt. Jetzt lag tiefe Stille auf dem Platz. Auch der warme, wohlige Hauch, der ihn zuvor durchströmt, war verschwunden. Die Hausthür war zu einem breiten Spalt geöffnet und eisige Winterluft drang hinein. Auf der obersten Treppenstufe, vor der Hausthür, stand ein Mann in einer grauen Arbeiterblouse. Seine schwielige Hand war's, die die Thür geöffnet hielt. Angstvoll umherspähend, blickte er in den Flur. Dann wandte er sich zurück, rief ein, der alten Frau unverständliches Wort hinab, und gleichzeitig wurden schwere tappende Schritte laut, die Thür wurde weit geöffnet, und die Stufen hinauf schritten vier Männer mit einer Trage, auf der sorgfältig gebettet, ein Todter oder Schwerkranker lag. Mit einem einzigen, mehr ahnenden als verstehenden Blick hatte Mama Leibig das Furchtbare erfaßt: todt oder schwerverletzt wurde der geliebten Tochter der angebetete Gatte heimgebracht. Zwei Worte hin und her gewechselt, bestätigten ihr, daß sie recht gefühlt. Es war der Hausherr, durch einen Unglücksfall, der sich bei dem Experiment in der Fabrik zugetragen, dem Tode nahe gebracht. Vorerst dachte Mama Leibig nur das eine, wie sie die Tochter zartfühlend vorbereiten, ihr in dieser schwersten Lebensstunde liebreich beistehen könne! Geräuschlos ließ sie den Besinnungslosen in ein Hinterzimmcr bringen, das der begleitende Ingenieur anzugeben wußte. Erst dann trat sie in das kleine Kabinet zurück, in dem Frau Martha, der Mutter jähen Abschied beweinend, in dumpfem Schmerz zusammengesunken saß. Beim Anblick der alten Frau sprang sie mit freudig verklärter Miene auf, aber als sie ihr in's Antlitz sah, wußte Martha, daß etwas Furchtbares die Mutter zurückgebracht haben müsse. — Nächte um Nächte wachten Mutter und Tochter fortab am Lager des schwerkranken Mannes. Wahre Wunder der Mutterliebe vollzog die alte Frau an dem leidenschaftlich verzweifelnden jungen Weibe. Endlich dämmerte ein schwacher Hoffnungsschein auf. Langsam, ganz langsam kam die Genesung, und als der durch lange Wochen Besinnungslose endlich wieder zum Lebensbewußt» sein erwachte, fand er Mutter und Tochter in einer Vereinigung wieder, die nur der Tod zu trennen vermochte. Mama Leidig war zum Frieden mit sich selbst gekommen. Sie glaubte zum mindesten einen kleinen Bruchtheil ihrer Schuld an ihrem Kinde abgetragen zu haben. Die Kinder des Hauses haben das so sehnlichst herbeigewünschte Märchen nicht besucht. Aber sie haben es niemals bedauert: das Märchen ist zu ihnen gekom- mer; es sitzt fortab alle Tage leibhaftig mitten unter ihnen, herzlicher und inniger geliebt, als alle Märchenbücher oder Märchenstücke der Welt. Und wie die blonde Schaar zuvor gemeint, daß eS keine Kinder auf der Welt gebe, die eine Mutter, einen Vater besäßen, der dem ihrigen vergleichbar, so meinten sie jetzt, daß keine Großmutter auf der weiten Erde, die der ihren, lang gesuchten, endlich gefundenen, ähnlich sei. -—--SWW8-»- Warum Zorg Kainz nicht hcirathete. Von Dr. Josef Hcrbeck. ^Nachdruck virboten.I Jörg Kainz war ein wüthiger Mann, der vor keinem Abenteuer zurückschreckte. Allenthalben war er als dies bekannt. Bekannt aber war er in weiten Kreisen. Und wer ihn je gekannt hat, dem ist die Erinnerung an ihn geblieben. Mancher hat schon dies und jenes aus Kainzens Leben da und dort erzählt. Seinem Muthe kam seine Freude, die er an Geselligkeit und an einer von Aufschneidereien belebten Unterhaltung fand, gleich. In traulicher Gesellschaft versagte ihm der Redestrom nicht leicht. Dies war besonders der Fall, wenn er mit seinem Freunde Reimar zusammen war, der die Kunst des Zuhorchen- in erhöhtem Maße besaß. Jörg Kainz war Förster zu B. im bayerischen Walde und Neimar ebenfalls; Jörg Kainz gefiel dem Reimar, und an letzterem hatte der erstere nichts auszusetzen. Sie hatten gleich am ersten Tage ihre Bekanntschaft miteinander im Jägerlatein gesprochen, und dem braunen Nationalgetränke deL Bayerlandes war Jeder der Beiden in gleichem Grade hold. Es blieb unentschieden, welcher von den edlen Duumvirn kräftiger aufzuschneiden oder zugiger zu trinken vermochte. Kurz und bündig: Jörg Kainz und Reimar waren die besten Freunde. Die Liebe Zum Feuchten und der Haß gegen das Trockene hatten ihre Herzen geeint. Jörg Kainz war von mittlerer Statur. Ein gewaltiger Schnurrbart streckte seine beiden Enden spitz und kühn hinaus, während ein Knebelbart sein Kinn zierte. Seine Haare glichen an Schwärze einer glänzenden Kohle, und seine Mgen funkelten, wie brombeerschwarze böhmische Perlen. Diese Augen sprangen von Gegenstand zu Gegenstand wie zwei Kobolde. In der Freude leuchteten sie auf, wie Bergfeuer am Namensfest Seiner Majestät. Zielten sie auf ein Wild, so schienen befiederte Pfeile von ihnen auszufliegen. Hatte ihr Besitzer aber eins Schelmerei im Kopf, so tanzten elektrische Funken darin. Schelmereien jedoch und Flunkereien waren KainzenS Kapitalvergnngen. Er war auch Meister in dieser Branche. Auf die Pürsche pflegte Jörg Kainz schon vor TageS- anbruch zu gehen. Einen erlegten Bock schon der aufgehenden Frau Sonne zu zeigen, war sein Plaisir. Er krappelte die Zcllerwand hinan, durchquerte das Nißloch und erklomm die Gipfel des kleinen und großen Arber. Bei diesen frühen Ausflügen ereignete es sich zuweilen, daß er das Bett zuvor nicht gesehen hatte, aus lauter Zuneigung znr Geselligkeit. Wer je in der Mooshof- wirthschast bei B. gesessen, der weiß, daß die Wirthin durch prickelnde Speisen dem Durst zu ungeahnter Höhe zu verhelfen vermag. Der Durst unsers Jägers, schon unter gewöhnlichen Verhältnissen phänomenal, vergrößerte fich bei solchen Schmausereien ins Maßlose. Daß Jörg Kainz einen maßlosen Durst mit ebenbürtigen Waffen bekämpfte, war selbstverständlich. Aß er wie ein griechischer Heroe, so trank er wie ein mittelalterlicher Held. Dabei vertrug er allein eine Getränke- menge, die mehrere Andere unter den Tisch gebracht hätte. Hatte er sich einmal am Wirthstische festgesessen, so schien er ehernes Sitzfleisch zn besitzen. Von einem Gewölks Tabaksqualm umgeben, der seiner Pfeife entquoll, verschwommen die Umrisse seiner Figur ins Undeutliche. Eines Abends vor einer festgesetzten Frühpürsche saß Jörg Kainz mit seinem erprobten Freunde Neimar bei Speise und Trank im Mooshof. Das Essen, besonders der gebratene Rehrücken mit gebackenen Knödeln als Beilage, war vorzüglich. Jörg Kainz war in seinem Elemente, und seine Schnurren und Windbeuteleien ließen bei Männern und Weiberleuteu das Lachen nicht verstummen. Der Zuhörerkreis bestand zumeist aus Holzknechten und aus Mägden, die am Spinnrocken thätig waren. Es war spät in der Nacht, als Jörg Kainz seinen letzten Maßkrug austrauk und schweigend die Stube verließ; denn die einzigen Übriggebliebenen, der Wirth und Neimar, saßen zwar am Tisch, aber ihre Häupter ruhten schlaftrunken auf demselben. Mit einem Seufzer über die Schwächlichkeit des Jahrhunderts begab sich Jörg Kainz aus dem Hause. Die Nachr war stark finster, und der Wind pfiff aus den Schluchten des Gebirges. Nach einiger Zeit trat der halbe Mond aus einer schwarzen Wolke hervor und suchte mit mattem Schein das Dunkel da und dort zu durch- dringen. Jörg Kainz drückte seinen Hut fest ins Hinterhaupt und ließ seine heiße Stirn vom Winde kühlen. »Das ist eigentlich kein Wetter Mr Pürsche", sagte er zu sich. Deßungeachtet wanderte er gegen den Wald hin weiter, regelmäßige Zickzacke auf der Straße beschreibend. Nach einiger Zeit verließ er die Straße und stieg, an dem sausenden Gewässer des Hochfalls angelangt, einen Bcrgpfad aufwärts. Zn seinen beiden Seiten ragten jhurmhohe Felswände in den Nachthimmel empor. Unbekümmert um alle Schrecken der Nacht schritt Jörg Kainz rüstig weiter und pfiff laut ein altes Waldlerlied kn die Finsterniß hinein. Jedermann sieht ein, daß Jörg Kainz bei der herrschenden Finsterniß noch nicht zn fürchten brauchte, mit seinem Pfeifen um ein jagbares Wild zu kommen und daß er ferners keinen besonders tiefen Gedanken nachhing; er trabte eben ganz prosaisch der Diensthütte auf der Höhe des Vorbergsattels zu, völlig ohne Ahnung dessen, was kommen sollte. Allerhand Lieder, die er in feinem Gedächtniß vor- räthig fand, herunterpfetfend, gelangte er schließlich an das obere Ende des Nißloches, einer gewaltigen Felsenschlucht. Er verwandte wenig Augenmerk auf die im schwachen Mondlicht wie Schaumsilber viörireuden Kaskaden des Gebirgsbaches, sondern strebte unaufhaltsam höher auswärts der Diensthütte zu. Sein Athem ging schneller, und sein Pfeifen verstummte. Endlich lichtete sich der dichte Forst, und auf einem weiten Plan, unsicher vom Mond beleuchtet, lag die kleine Diensthütte vor Kainzens Augen. Die Dicnsthütte, für gewöhnlich Zugesperrt, war ein hochgelegener Ruhcpunkt für Jäger; Jörg Kainz besaß einen Schlüssel zu derselben. Kainz öffnete das Schloß, in der einzigen Stube des Gebäudes zündete er eine Kerze an, dann setzte er sich, das Gewehr zwischen den Füßen, auf einen Stuhl, und so wollte er die Morgendämmerung abwarten. Das Licht auf dem Tische flackerte bei den Windstößen, die das ganze Haus durchstöhnten, unruhig hin und her. Bald rasselte der Wind in den Sparren des Daches der Diensthütie, bald toste er im Keller derselben, wo Kaiuz Bier, in Flaschen abgezogen, aufzubewahren pflegte. Wunderlich tönte in das Sausen das gleichmäßige Ticken des Holzwurms m den fichtenen Wänden der Untcrkunftsstcitts. Jörg Kainz gedachte der vielen naturwüchsigen Frühstücke, die er schon hier oben eingenommen hatte, worunter Rehleber, nach seiner eigenen Methode am Herd der Hütte bereitet, eine große Rolle spielte. Er erinnerte sich mancher Kameraden und mancher Abenteuer. Seinen Rücken bequem an die Wand lehnend, die Füße von sich spreizend, schloß er die Augen und siel in einen Schlummer, aus dem er seltsam geweckt wurde. Aufwachend rieb er sich die Augen und sprang verwundert empor. Nie vernommene Stimmen drangen von der Flur her, welche die Hütte umgab, an seine Ohren. Leben und Getümmel umwogte die sonst stille Behausung. Als er unter die Thüre trat, sah er Treiber mit Ratschen, Bediente mit Windlichtern, zahlreiche Jäger. Jörg Kainz schaute unbeweglich und starr in das Getriebe. »Es ist höchste Zeit", sagte Jemand zu ihm, der ihm auf die Schulter klopfte. „Sie werden einen guten Standplatz erhalten. Kommen Sie m-.tl" „Ich?" rief Jörg Kainz sich umwendend aus. „Freilich, Sie." Der sonst redegewandte Jörg Kainz brachte kein Wort über die Lippen. Er sah immer mehr Menschen auf der Waldwiese vor der Hütte hin und her gehen und kannte keinen von ihnen. Sie kamen aus dem Forst, durcheilten den Plan und verschwanden wieder im Forst. Die Leute trugen Kleider, wie er sie nur ans alten Bilderbüchern her kannte. Jörg Kainz schaute und schaute und kam zn keiner Klarheit. „Werden Sie bald in den Wald gehen?" fragte ihn der eine Perrücke tragende Mann, welcher ihn zuvor angeredet hatte. „Werden Sie bald in den Wald gehen?" fragte er, eine Laterne vor das Gesicht des Jägers haltend. „Mit Laternen?" sagte Jörg Kainz, einen Schritt zurücktretend. „Was soll denn das Ganze bedeuten?" »Es ist heute große Jagd," erwiederte der Andere. „Es muß noch nicht weit von Mitternacht weg sein," sagte Jörg Kainz. Der Andere antwortete ganz ruhig; „Nein". „Hat man auf mich angetragen," sagte Jörg Kainz. „Gewiß," sagte der Andere. „So, scll', sagte Jörg Kainz, „nun, wir werben ja sehen".- „ES geht oer Verwand zu", sagte der Andere. „Schnurstracks vour Arber zum See hinab! Hurrahl" Während so gesprochen wurde, stand plötzlich vor Jörg Kainz ein junger Herr in der Kleidung, wie sie böhmische Adelige im vorigen Jahrhundert trugen. Die Stoffe der Kleider waren hochfein, und Goldstickerei war an den Verzierungen nicht gespart. Der junge Herr trug kurze, schwarzsammtne Hosen, schwarzseidene Strümpfe, hirschlederne Schuhe, Spitzenmanschetten, einen dreieckigen Hut, einen Degen an der Seite, ein Gewehr unterm Arm. Seine Weste war von grüner schillernder Seide, und die Flügel seines gelbseidenen Halstuchs, das lässig geknöpft war, hingen weit herunter. Sein Benehmen war aristokratisch gemessen. Während Jörg Kainz noch das Gewand des Junkers musterte, trat eine Dame in grünem Sammet- klei'oe herzu. Ein schwarzes Barett schmückte ihr Haupt; ihr Antlitz war bildschön, wie Jörg Kainz sich ausdrückte. Jörg Kainz war außer sich vor Begeisterung beim Anblick dieser Erscheinung. Ein huldreicher Augeuaufschlag der Dame traf Jörg Kainz. Das Betragen des jungen Herrn gegenüber der Dame schien das eines Bruders seiner Schwester gegenüber zu sein. Ein äußerst ergeben dareinsetzender Leibjäger in pstaumenfarbigem Kleide folgte dem Paare. Die Dame hatte Jürgens Herz ganz für sich eingenommen. „Die Jagd kann losgchen", rief der junge Herr, die Hand an den Degen legend. „Die Jagd kann loSgehen", wiederholte der Leib- jäger, sich tief verbeugend. Jörg Kainz nahm den Hut ab, verneigte sich unmuthig vor der Dame und setzte seinen grünen Filz wieder auf. „Man stelle sich in Zugordnung auf!" schrie der Letbjäger im pstaumenfarbigen Kleide den Bedienten und Treibern zu; dabei deutete er auch Kainz an, sich seinem Winke zu fügen. „Ich werde meine eigenen Wege gehen", rief ihm der Förster zu. Der Pflaumenfarbene machte sofort ein bitterböses Gesicht; als aber sein Herr nichts dawider redete, ließ er die Sache bewenden. Als auch noch ein begütigender Blick der Dame den Letbjäger traf, nahm dessen Gesicht die gewohnten blöden, devoten Züge wieder an. „Wenn es den Herrschaften recht ist", sprach Jörg Kainz gemüthlich, „werde ich mich ihrem Letbjäger anschließen und besonders bei den drohenden Abgründen auf die zarten Füße der hohen Dame Acht haben. Kollega, reichen Sie mir Ihre Hand!" Der Leibjäger schlug zaghaft und wie gezwungen in die dargebotene Rechte, während der ganze Troß von Bedienten und Treibern dieser Scene großäugig und schier ungläubig zuschaute. „So etwas Wunderbares ist mir doch noch nie vorgekommen", sagte Jörg Kainz für sich. Der Zug setzte sich in Bewegung, voraus die Treiber, darnach die Bedienten mit Windlichtern, hinter diesen kam eine Sänfte, in welcher die hohe Dame saß, von vier Dienern getragen, zur Seite der Sänfte ging der Baron, und unmittelbar darauf folgten Leibjäger und Förster. Binnen kurzem schlug der Zug ein rasches Tempo an, und Kainz mußte mehr laufen als gehen. Er wollte die Träger der Sänfte tadeln, da letztere bei diesem Tempo sehr schwankte, aber er wagte es nicht, denn er sah, daß die Dame selbst zu rascher Gangart aneiferte. Deßungeachtet verwandte er sein Auge nur selten von der Dame. Diese sah sinnend in die Weite, der Kavalier schaute fast ehrerbietig zu ihr empor, und der Pflaumenfarbene schien eifersüchtig auf den Förster zu sein, den er in Aufmerksamkeit für die Dame zu überbieten versuchte. Sein Auge hing in abgöttischer Verehrung an ihr. Jürgens Gefühle waren zwischen Neugierde und auflodernder Liebe zu der Dame getheilt. Er konnte sich nicht entsinnen, je ein schöneres Müdchenbild gesehen zu haben. Und an schönen Gesichtern ist doch unter den Jungfern deS bayerischen Waldes kein Mangel. (Schluß folgt.) Auch ein Stammbuch. „Was haben Sie denn in diesem Buch alles anfnotirt?" — „Sämmtliche Kriege, die ich während meiner dreißigjährigen Ehe mit meiner Alten führte! Achtundzwanzig Schlachten hat sie gewonnen, ich dagegen dreißig — verloren!" Anzüglich. „Mensch, wo kommst Du denn her so in Gala?" — „Habe Schwiegermutter besucht!" — „Ach, deßhalb hast Du die Angströhre aufgesetzt!" Kind, hast du deine Mutter noch? Kind, hall du deine Mutter noch? Dann möcht' ich dich beneiden! Wie reich bist du, wie glücklich doch Selbst in der Armuth Leiden! Des Lebens Sorgen werden nicht Dein leichtes Herz bedrücken; Die Mutter sieht, was Dir gebricht, Weiß, was Dich kann beglücken. Und ob sie selbst die Dornen stechen, Sie sucht das NöSlcin dir zu brechen. Kind, hast du deine Mutter noch? O halt' sie hoch in Ehren! O folge jedem Winke doch, Horch' ihren frommen Lehren! Und hüte dich, das Mutterherz, Das treueste von allen, Zu quälen je mit Leid und Schmerz, Du würdest Gott mißfallen. Und täglich fromm die Hände falte Und fleh', daß Gott sie dir erhalte. Kind, hast dn keine Mutter mehr. Dann möcht' ich mit dir weinen Wohl bist Du zn beklagen sehr; Und dennoch will es scheinen, Als habe Gott im Himmel dort Besonders lieb die Waise. Er nahm zn sich die Mutier fort Und spricht in's Herz dir leise: „Ich selbst, o Kind, ich ganz allein Will Vater dir und Mutter sein!" S ch e r z r ä t h s e l. Mit b inögst du es reich besitzen, Bekommst mit u du's, mög's dir nützen! Mit s ist es ein harmlos Thier — Mit i sind's Geschöpfe voll Nanbbegier. Mit x ein wundersames Wort, Erkennst den Münchner d'ran sofort. « 83 . 1896 . „Augsburger PostMung". Dinstag, den 6. Oktober Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Kin fehlendes Wort. Original-Novelle von C. Borges. (Fortsetzung.) II. Ungeachtet ihres großen Reichthums, der den Neid vieler Menschen erweckte, die weniger mit Glücksgütern gesegnet waren, führte die reiche Wittwe ein trostloses, liebeleeres Leben. Seit den frühesten Jahren einer glücklichen Jugendzeit hatte sich plötzlich eine feste Eisrtnde um ihr Herz gelegt, die weder Zerstreuungen der Welt noch der spätere Reichthum zu sprengen vermochten. Als junges Mädchen von kaum achtzehn Jahren hatte Mathilde Wendtland mit der ganzen Kraft ihres jugendlichen Herzens einen jungen Ingenieur, Erich Waldhausen, geliebt. Anfänglich schien kein dunkles Wölkchen das Glück der Liebenden trüben zu wollen, und eine heitere, sonnenhelle Zukunft lag vor ihnen. Doch wie ein Blitz aus heiterer Höhe war das Unglück plötzlich hereingebrochen. Von allzu großer Liebe beseelt, waren die Augen der jungen Dame geblendet, so daß sie die Vernachlässigung mit Eifersucht zu sehen glaubte, ohne den geringsten Grund für diese Vermuthung zu haben. In ihrer Liebe sah sie überall Gespenster, und in ihrer Aufregung ließ sie sich zu heftigsten Worten hinreißen, die sie bitter bereute, sobald sie ihren Lippen entschlüpft waren. Der junge Mann war von seiner Unschuld zu fest überzeugt, um sich gegen einen unbegründeten Verdacht zu rechtfertigen; mit einem tieftraurtgen Blick schied er von ihr, und der kurze Liebestraum hatte ein jähes Ende erreicht. Der junge Ingenieur verließ seine Heimath und wanderte nach Amerika aus, und nach ungefähr Jahresfrist verbreitete sich die Nachricht von seinem Tode. Wer dieselbe ausgestreut und ob sie auf Wahrheit beruhte, wußte man nicht, aber Mathilde Wendtland trauerte um ihn; ihr Lebensglück war dahin und ihr Herz gebrochen. So waren Jahre vergangen. Da bot ihr der reichbegüterte Landedelmann von Schalldorf Herz und Hand an. Sie gelobte sich, ihm eine treue Gattin zu sein; aber die Wunden ihres Herzens konnten weder die Zeit noch der Gatte heilen; nur wurden sie nach und nach gemildert, ohne in ihrem Innern den Stachel der Bitterkeit zu verlieren. Nur eine kurze Spanne Zeit schien die Sonne des Glückes daS bekümmerte Herz erwärmen zu wollen. Selbst die Erinnerung an ihr kurzes Liebesglück verschwand durch das süße Lallen eines Kindermundes, und zwei kleine, weiche Händchen streichelten die Wangen der glücklichen Mutter, die in dem kleinen Liebling das rechte Erdenglück fand. Aber schon nach kaum zwei Jahren öffneten sich die Thore des Paradieses, um das kleine Wesen aller irdischen Noth zu entrücken unv es der Schaar der Englein einzureihen. Ein vorzügliches Oelgemälde in Lebensgröße war alles, was der armen Mutter von ihrem Liebling geblieben war. Es hing über ihrem Bette, und in langen, schlaflosen Nächten wandte sie keinen Blick von demselben ab, und wenn sie am Morgen nach kurzem, traumlosem Schlaf erwachte, der ihr keine Erquickung gebracht, so fiel ihr Auge wieder auf das kleine Mädchen, mit dem sie das letzte Glück ihres Lebens begraben hatte. Jetzt war sie eine einsame, alte Frau, umgeben zwar mit allem Luxus, den der Reichthum gewähren kann, aber dennoch unglücklich. Nur Mathilde Neumann und der junge Lieutenant von Römer schienen sie aufrichtig zu lieben, und diese Liebe wollte sie ihnen reichlich lohnen. Was sie in ihrem Leben vermißt hatte, wollte sie in dem jungen Paare später wieder finden. Die vielen Enttäuschungen des Lebens hatten sie weder verbittert noch egoistisch gemacht, und sie glich durchaus nicht ihrer herzlosen, koketten Schwester Lina Neumann. Jetzt warf sie einen Blick auf die sie umgebende kostbare Ausstattung ihrer reizenden Villa. Da waren orientalische Seltenheiten und werthvolle Kunstschätze aufgespeichert, dabei die verschiedenartigsten Ntppes im bunten Mosaik zusammengewürfelt, wie sie die Neuzeit so verschwenderisch zusammenstellen kann. Dann schweifte ihr Auge über die herrliche Umgebung. Dort dehnte sich der Park mit seinen uralten Tannen und Fichten aus, vor demselben der spiegelklare Teich, in dem Gold- und Silberfische im Sonnenschein spielten und stolze Schwäne majestätisch ihre großen Ringe zogen. Sie hatte wirklich ein schönes Heim, aber sie war allein, mit Ausnahme der täglichen, unwillkommenen Gäste. Aber halte sie denn Niemand, mit dem sie ihr häusliches Glück theilen konnte? Ihre Gedanken schweiften hinüber zu der unbekannten Fremden, Herbert's Wittwe, mit ihrem Kinde. Sie hatte dem Bruder gezürnt, der gegen ihren Willen eine Ehe geschlossen hatte, aber er war todt, und sie zürnte ihm nicht bis über das Grab hinaus. Sie 634 wollte noch heute die Wittwe aufsuchen und nach besten Kräften ihr helfen. „Lina würde kein Wort von ihr gesagt haben, wenn dieses lächerliche Mißverständnis; nicht ihr Geheimniß entlockt hätte", dachte sie bei sich selbst. „Sie ist zu engherzig und berechnend, will sich in meine Gunst einschmeicheln, um nach meinem Tode mein Vermögen sich oder ihren Kindern zu sichern. Ihre Habgier soll bestraft werden. Ja, wein Entschluß steht fest, ich will noch heute die neue Verwandte aufsuchen." Sie hatte Wort gehalten; schon im Laufe des Nachmittags hielt eine elegante Equipage vor einem kleinen Hause in der entlegenen Joscphstraße. „Wohnt Frau Wendtland hier?" fragte Frau von Schalldorf, als eine ältliche, reinliche Frau, augenscheinlich die Hauswirthin, die Thüre öffnete. „Ja, bitte, treten Sie hier ein", entgegnete die Angeredete, und die Thür eines kleinen Wohnzimmers öffnend, rief sie: „Hier ist eine Dame, Frau Wendlland", dann zog sie sich zurück. Frau von Schalldorf stand jetzt einer Dame in schlichter Trauerkleidung gegenüber. Vor dem Tische saß em rothwangiger, schwarzlockigec Knabe von circa acht Jahren, ein Bild blühender Gesundheit und Lebensfrische. Er war emsig mit seinen Schularbeiten beschäftigt, denn Bücher und Hefte lagen vor ihm auf dem Tische ausgebreitet. Die Augen der reichen Wittwe wurden feucht, als sie aufmerksam die Züge des Kleinen betrachtete, in denen sie getreu die ihres Bruders wiederfand. „Ich muß mich Ihnen selbst vorstellen", begann sie dann, und ihre Stimme hatte die gewöhnliche Festigkeit verloren. „Ich bin Ihre Schwägerin, Frau von Schalldorf, und wenn ich recht vermuthe, sind Sie die Wittwe meines einzigen Bruders Herbert." Die jüngere Dame verneigte sich, doch ihre Lippen blieben fest aufeinander gepreßt; kein freundliches Wort des Willkommens begrüßte die arme, reiche Frau, die mit einem Herzen voll Liebe diese Schwelle betreten hatte. Schweigend deutete Frau Wendtland auf einen Sitz, und als die ältere Dame Platz genommen hatte, ließ sie ihre Blicke im Zimmer umherschweifen und zuletzt auf dem Antlitz ihrer jungen Verwandten ruhen. Sie sah in ein seines, aristokratisches Antlitz, doch die dunkeln Augen blickten finster, fast feindselig auf sie herab. „Ich hörte erst heute von meiner Schwester von Ihrer Anwesenheit hier in der Stadt", unterbrach Frau von Schalldorf die peinliche Stille. „Ist das — Her- bert's Sohn?" fuhr sie mit bebender Stimme fort, auf den hübschen Knaben deutend. „Ja! Willy, gib der Dame die Hand; sie ist die Schwester Deines Vaters." Der Knabe gehorchte augenblicklich. „Ich bin Deine Tante Mathilde, mein liebes Kind", verbesserte Frau Schalldorf, dann zog sie den Kleinen zu sich heran und küßte ihn. „Du siehst Deinem Vater sehr ähnlich", und zu der Mutter gewandt fuhr sie fort: „Um meines Bruders willen bitte ich um Ihre Freundschaft und biete Ihnen meine Hilfe und meinen Beistand an." Frau Wendtlimds Lippen preßten sich noch fester aufeinander, doch dann versetzte sie im gereizten Tone: „Sie meinen es vielleicht gut, gnädige Frau, aber ich bedarf keiner Hilfe, weder für mich noch für Willy. Es st mir gelungen, eine hinreichende und lohnende Be- schäfligung zur Bestreitung unseres Unterhaltes zu finden. Als ich vor längerer Zeit Frau Neumann aufsuchte, geschah es nur in der Absicht, die Verwandten meines so früh verlorenen Gatten kennen zu lernen — aber nicht um eine Unterstützung oder um ein Almosen zu bitten I" Frau von Schalldorf schlug verwirrt die Augen zu Boden, sie fühlte die Schuld ihrer herzlosen, koketten Schwester Lina, die diese anmuthige, hoheitsvolle und stolze Frau so schnöde behandelt hatte. „Ich fürchte, meine Schwester Lina hat Ihnen großes Unrecht gethan", bemerkte sie daher verlegen. „Ich verließ ihr Haus in der festen Absicht, von nun an die Verwandten meines Gatten vollständig zu ignoriren, wie man bisher von meiner Existenz nicht die geringste Notiz genommen hatte", lautete die Entgegnung. „Karolina ist herzlos und unberechenbar in ihren Launen", fuhr jetzt die reiche Dame entrüstet auf, denn es schmerzte sie zu tief, daß sie hier um Liebe bettelte, die ihr durch die Herzlosigkeit ihrer Schwester nicht gewährt wurde. Dann fügte sie zu ihrer eigenen Entschuldigung hinzu: „Wir konnten auch mit der Wahl unseres Bruders nicht einverstanden sein und seinen Schritt nicht eher billigen, als bis wir überzeugt waren, daß er selbstständig für die Erhaltung eines eigenen Hausstandes sorgen konnte." Frau Wendtland's dunkle Augen flammten zornig auf. „Ich weiß es", versetzte sie bitter, „aber unsere gegenseitige Liebe machte uns unsere bescheidene Häuslichkeit zum Paradiese; ich hätte Armuth und Mangel an seiner Seite gern ertragen und wäre doch beneidens- werth glücklich gewesen." Die reiche Frau fühlte einen Stich in ihrem Herzen. Diese einfache, arbeitsame Frau hatte wahres irdisches Glück reichlich genossen, während sie sich vergeblich darnach sehnte. „Können wir nicht Freunde werden?" flehte sie noch einmal, „wenn Sie auch meinen Beistand ablehnen, gilt Ihnen denn auch meine Liebe nichts? Für das herzlose, unfreundliche Benehmen meiner Schwester Lina dürfen Sie mich doch nicht verantwortlich machen. — Darf ich fragen, in welcher Weise sie Ihren Unterhalt erringen — geben Sie wieder, wie vor Ihrer Verheiratung, wissenschaftlichen Unterricht?" Frau Wendtland lächelte. „Nein", versetzte sie, „es war freilich anfänglich meine Absicht, aber ich merkte bald, daß ich dabei nicht bestehen konnte. Ich habe hier in meinem Hause ein Atelier für Damen-Confektion eingerichtet, und jedes Kostüm, welches unter meiner Leitung angefertigt wird, ist ein Kunstwerk!" „Unmöglich!" rief Frau von Schalldorf sichtlich entsetzt. „Sie sind eine „Wendtland", wenn auch nur durch Heirath, und da ist es mir ein drückendes Gefühl, daß sie als Schneiderin ihr Brod erwerben." „Ich sehe nichts Entehrendes in dieser Beschäftigung", wandte die junge Verwandte lächelnd ein. „Viele Damen aus guter Familie können in die Lage kommen, sich durch Fleiß ihr Brod zu verdienen; ich würde ein Geschäft angefangen haben, allein es fehlte mir das erforderliche Kapital. Jetzt halte ich mir ungefähr zehn bis zwölf Damen, die oben in meinem Atelier arbeiten, und ich führe die Oberaufsicht. Wir fertigen größten- theils Hochzeits- und Äesellschaftsroben an, und ich gebe Ihnen die Versicherung, daß diese Arbeit eine sehr anregende und lohnende ist." K'N« KWU E.W A'L»D'-^' MM MM MKMWr MM WV KWLL-<^ ML v ".MR SW MEv DMLP: WLZSKi Ä 7 WH !E MKZMU M'y I'/.M ' 7 DS 5 -' ?>'W MMWGM^M LLEÄLvMi-Ä^MsW 8 SLM L 2 L WW MD UWW MW S«W SDM NM KMS -WE'A MWW ^.85 ML S« MM L'-L^LK 636 „Mir gefällt diese Idee durchaus nicht", gestand die reiche Dame. „Würden Sie diese Beschäftigung ganz und gar aufgeben, wenn ich für Sie und für Willy sorgen wtude?" „Nein, gnädige Frau, ganz entschieden nicht. Ich ziehe vor, für mich und für Willy zu arbeiten, ohne die Wohlthätigkeit fremder Menschen in Anspruch zu nehmen, selbst wenn dieselbe freundlich angeboten wird. So lange ich im Stande bin zu arbeiten, würde ich meine Selbstachtung verlieren, wenn ich fremde Hilfe in Anspruch nähme. Willy soll eine gute Erziehung haben, damit er späterhin seinem Namen Ehre macht, aber nur auf meine eigenen Kosten." „Bedenken Sie aber, wie peinlich es für mich werden könnte", wandte jetzt Frau von Schalldorf ein, „wenn ich in einer Gesellschaft mit Damen zusammentreffen würde, denen die Gattin meines Bruders die Kostüme angefertigt hat." Ein spöttisches Lächeln umsvielte die Lippen der jungen Frau. „In diesem Falle", versetzte sie in ihrer gleichmäßigen Ruhe, „werden Sie hoffentlich meinen Leistungen Beifall zollen, denn meine Kleider haben alle „ostio" und sitzen vorzüglich." Frau von Schalldorf überlegte. Nach ihren Begriffen schien die junge Verwandte ihren eigenen Vortheil außer Acht zu lassen, und es schmerzte sie tief, daß sie jeden Beistand hartnäckig zurückstieß. Wie ganz anders würde ihre habgierige Schwester Lina dieses Anerbieten ausgebeutet haben, deren lästige Aufmerksamkeiten ihr jetzt doppelt widerwärtig erschienen. „Da Sie sich hartnäckig weigern, meine Hilfe anzunehmen, und in ihrer jetzigen Stellung verharren wollen, so können Sie nicht von mir erwarten, Sie in Zukunft als meine erste Verwandte anzuerkennen", entgegnete sie jetzt mit eisiger Kälte. „Erlauben Sie mir, daran zu erinnern, daß ich diese Begegnung nicht gewünscht habe", lautete die ebenso kühle Antwort, „ich werde nie die Wege der Verwandten meines Gatten durchkreuzen." Die reiche Frau wandte sich jetzt an den Knaben, den sie so gern mit sich genommen hätte; er erinnerte zu sehr an ihren früh verlorenen Bruder. „Adieu, lieber Willy", sagte sie, ihm die Hand reichend, „Deine Mutter ist Schuld, wenn wir uns nicht wiedersehen." „Nein, nein, meine Mutter ist nicht schuld daran; ! alles was sie sagt ist recht und gut", rief der Kleine ! und umschlang den Hals der geliebten Mutter. ! Die Lippen der reichen Frau zitterten bedenklich, als sie sich der Thüre näherte. Frau Wendtland merkte die innere Bewegung und sagte besänftigend: „Ich bedauere, daß unsere erste Zusammenkunft sich nicht besser gestaltete. Sie meinten es gewiß gut mit uns, und ich bin nicht undankbar über das Anerbieten Ihrer Hilfe. Aber so lange ich die Kraft zur Arbeit habe, will ich lieber unabhängig sein." „Wieder eine herbe, bittere Enttäuschung", stöhnte die reiche Wittwe, als sie auf leichten Gummirädern geräuschlos ihrer einsamen Villa zufuhr. „Wie viele Bitterkeit des Lebens werde ich noch durchkosten müssen, ehe ich Ruhe im Grabe findel Wie gern hätte ich ihr geholfen, aber mit königlicher Würde schlug sie jede Hilfe aus! Und das Kind, das Kindl Wenn ich nur das ?tnd ab und zu bei mir sehen dürfte, wie glücklich würde S mich machen, seinem Spiel im Park und Garten zuschauen zu dürfen! O, diese Erfahrung raubt mir das letzte Lebensglück I Karoline darf meine heutige Niederlage nie erfahren, sie ist zu demüthigend für mich, und sie hat kein Verständniß für mein tiefes Seelenleiden." „Fräulein Neumann war hier; sie will morgen wiederkommen und hat diese Blumen gebracht", berichtete der Diener, als Frau von Schalldorf in ihrer Villa eintraf. „Das liebe, gute Kind! Ja, Mathilde Neumann meint es noch gut mit mir", flüsterte mit wehmüthigem Lächeln die reiche Dame, als sie die ersten Frühlingsblumen , Veilchen und Primeln, ins Wasser stellte. „Ihre kleinen, bescheidenen Gaben erfreuen mich uwso- mehr, da ich weiß, daß sie mir aus gutem Herzen dargebracht werden. Aber was ist das?" fuhr sie in ihrem Selbstgespräch fort, als sie einen offenen Brief vom Teppich aufnahm. „Fräulein Mathilde Neumann, Fürstcn- straße" las sie laut die Adresse. „Zweifellos der Brief einer Schulfreundin, den sie hier aus Versehen aus der Tasche gezogen hat; morgen will ich ihn ihr wiedergeben. Drei engbeschriebene Seiten I Was sich doch Schul- freundinnen alles zu sagen haben, die doch täglich mehrere Stunden beisammen sind!" fuhr sie dann fort. „Von Amalie Westen", las sie dann, einen Blick auf die Unterschrift werfend, „es ist gewiß kein Geheimniß darin und kein Unrecht, ihn zu lesen. Es zerstreut mich ein wenig, und es ist schon so lange her, seitdem ich einen Brief von einem jungen Mädchen gelesen habe; ich habe ja schon längst vergessen, was Schul- und Pensionsfreundinnen einander schreiben." Mit einem Lächeln auf den Lippen setzte sie sich in einen Sessel und las die engbeschriebenen Seiten. Doch das Lächeln war schnell verschwunden und das Antlitz aschfahl geworden; die zitternden Hände konnten kaum das Papier halten und die thränenumflorten Augen keine Silbe mehr entziffern. „Auch Du, Mathilde", stöhnte endlich ihre gepreßte Brust, „Du, mein geliebtes Kind, dem ich vertraute und dem ich glaubte! O, mein Gott, mein Gott! Was habe ich gethan, daß Du mich so hart bestrafst? Giebt es denn keine Seele auf Erden, die mich liebt? Ja, das unselige Gold verbittert mir das Leben; wie viel Unheil hat es über mich gebracht I Du allein trägst die Schuld, Du stolze, übermüthige Schwester Karoline. Deine Habgier und Herzlosigkeit sind der Giftbaum, der im Herzen Deines Kindes diese Früchte gezeitigt hat. — Ja, meine kleine, liebe Mathilde, wollte Gott, Dein Wunsch wäre erfüllt und ich todt und Du meine Erbin, wie es aus diesen Zeilen Deiner Freundin zu erkennen ist, der Du gewiß schon oft Dein Herz ausgeschüttet hast!" Stundenlang saß die unglückliche Frau regungslos in ihrem Zimmer, den Kopf in die Hand gestützt, in tiefes Sinnen versunken. Die Dämmerung war längst hereingebrochen, sie merkte es nicht, sah nicht, wie der Diener die silberne Astrallampe anzündete, hörte nicht seine Worte, ob er das Abendbrod servilen sollte. — ' Endlich erhob sie sich und schwankte in ihr Schlafzimmer, ! das sie fest hinter sich verriegelte, nachdem sie die er- ^ schrockene Zofe mit der Weisung entlassen hatte, sie bedürfe heute ihrer Hilfe nicht, da sie Kopfschmerzen habe und ungestört sein wolle. ! In früher Morgenstunde wurde der alte Diener ! durch ein unheimliches Geknister und Knattern aus seinem Schlaf erweckt. Er sprang auf. Dichter Rauch erfüllte I^emm'ln ' , , 7 vr 1 I«»»Ä^MIäI»«» M»U» Liliksr W ,^ea , , ... Nach einem Tableau des photographischcn Ateliers von HanS WciS, k. v. Hof-Photograph n, Memmingrn. lV.rviclfälticiungSrecht vorbehalten.) 638 das ganze Gemach, und Heller Feuerschein machte die Nacht zum lichten Tage. „Feuert Feuert" schrie er in Todesangst und stürzte auf den Hausflur, wo in diesem Augenblick sämmtliche Dienstboten schreckensbleich erschienen. Sie schliefen alle in den unteren Räumen. Nur die Herrin allein hatte ihr Schlafgewach in der oberen Etage. Das ganze obere Stockwerk stand bereits in hellen Flammen, schon die Treppe war von dem entfesselten Element ergriffen, aber mit unerschrockenem Todesmuth stürzte der alte, treue Diener hinauf und erreichte mit Gefahr seines eigenen Lebens die fest verschlossene Thür des Schlafzimmers seiner Herrin. „Frau von Schalldorf — gnädige Fraut Um Gotteswillcn, öffnen Sie die Thür — das ganze Haus steht in Flammen!" rief er mit der ganzen Kraft seiner Stimme. Vergebens — es erfolgte keine Antwort, und nur mit Mühe konnte der treue Diener das eigene Leben retten. Die Feuerwehr war schnell zur Stelle. .Dort sind die Fenster des Schlafzimmers", riefen die Diener durcheinander, „rettet Frau von Scholldorf l" Die erfahrenen Feuerwehrleute schüttelten ihr Haupt. „Da ist jede Hilfe zu spät", erklärten sie, „in jenen Räumen arhmet kein lebendes Wesen mehr. Gerade dort ist der Herd des Feuers, es muß dort ausgebrochen sein." Sie arbeiteten rastlos und mit aller ihnen zu Gebote stehenden Kraft, aber sie konnten des Feuers nicht Herr werden, und schon nach wenigen Stunden standen nur die rauchgeschwärzten Außenmauern um einen dampfenden Trümmerhaufen. (Forts, folgt.) Kunstmaler Merkte vr. 8. L. Aus Schwaben. Am 21. August lfd. Js. entschlief der in weiten Kreisen wohlbekannte und allgemein geachtete Kunstmaler Herr Andreas Merkte in seiner Hcimath Hammel bei Augsburg. Er war geboren am 22. November 1822 in Hammel als Sohn der Söldmrsehcleute Johann und Fravziska Merkte. In seiner Jugendzeit leb.'e in Ottmarshausen, zu dessen Pfarrgcmeindc Hammel gehört, ein Dorfkünstler, Namens Cornelius Hipp (si 1. Januar 1834), welcher bei dem berühmten Huber in Wcißenhorn eine Zeit lang gelernt halte und sich sein Brod damit verdiente, daß er Heiligenbilder, Scenen aus der hl. Schrift rc. an die Häuserwände al Irvsoo malte. Derselbe hatte entschiedenes Talent, frische Farben, kecken Pinsel und kräftige Zeichnung, wie man an dem Kreuzweg, dem Abendmahl rc. in der Kirche von Ottmars- bausen seken kann. Leider blieb sein Talent unausgcbildet. Der junge Andreas hat oft diesem Dorstenie zugeschaut, wie es in 1—2 Stunden die Giebelwändc mir Fresken zierte. Das erweckte in ihm das Verlangen, auch Maler und zwar Kunstmaler zu werden. Merkte bewahrte ihm daher ein pietätvolles Andenken. Nachdem Merkte in Kricgs- bader die allerersten Handgriffe seiner Kunst erlernt hatte, bezog er 1844 im Herbst die Akademie in München. 1894 feierte er in oller Stille dre 50. Wiederkehr jenes für ihn so bedeutungsvollen Tages. Nach Absolvirung der Akademie, wo er sich zuweist dem Porträlfache gewidmet hatte, erweiterte er seine Kenntnisse durch Reisen. Leider waren ihm zum Besuche Italiens kaum 2 Monate gegönnt. Als die Pdotographie allgemein wurde, verlegte er sich auf die religiös Malerei, und wir sehen ihn von da an in den verschiedensten Kapellen, Kirchen und Klöstern thätig, sei es, daß er neue Compofitionen lieferte, sei es, daß er alte Gemälde mit pietätvoller Hand restaurirte, sei es, daß er seinen geschätzten, kunstverständigen Rath er- tbeilte. Die letzten Jahre seines Lebens hat er größtenteils bei den Benediktinern in Augsburg gearbeitet, und durch die Liebenswürdigkeit des hochw. Hmn Abtes und der hochw. Herren Patres ist ihm das Kloster St. Stephan zu einem Tuskulum geworden. In seiner Heimathkirche hat er 1858 die Fresken an der Decke angefertigt, 1879 wurden die drei neuen, von dem Söldner Sebastian Mahler (si 14. Sept. 1876) mit 5000 fl. gestifteten Altäre unter seiner Leitung bezw. Mitwirkung (das Altarblatt und die übrigen Gemälde sind von seiner Hand) sehr schön und kunstvoll hergestellt. Und damit er auch noch nach dem Tode für die Zierde seiner Pfarrkirche thätig sei, hat er 1895 der Kirchenstiftung 500 M. übergeben, deren Zinsen von Zeit zu Zeit zur Reinigung und Restaurirung der Gemälde, Schnitzereien rc. verwendet werden sollen. Daß die Kirche von Ottmarshausen einen so hübschen und freundlichen Eindruck macht, ist ihm zu verdanken. Besonders ist weiterhin sein Kunstverständniß hervorzuheben. Wie viele Kunstqegenstände hat er vor Vernichtung oder Verschleuderung seitens der unkundigen Besitzer bewahrt! Trotz all seiner Kenntnisse und seiner angesehenen Lcb-nsstellung blieb Merkte immer der einfache, schlichte, bescheidene Mann, der aus sich nichts machte. Darum war er auch bci Allen beliebt, die mit ihm verkehrten. Seine Begeisterung für die Kunst war warm und aufrichtig und verließ ihn selbst in den Tagen der Schmerzen nicht. Dabei war Merkte ein überzeugter Christ und Katholik, und ist auch als solcher wohl vorbereitet durch ein langes, schmerzliches Krankenlager und gestärkt durch den öfteren Empfang der beiligen Sacramcnte im Alter von 74 Jahren in die ewige Ruhe eingegangen. Einst schrieb Merkte über die Thüre seiner Heimathkirche die Psalmenworte: „Herr, ich habe lieb die Zierde Deines Hauses und den Ort, wo Deine Herrlichkeit wohnt." Er hatte Recht: diese Worte sprechen das aus, was der Inhalt seines Lebens, Wirkens und Schaffens war. Möge es ihm nun vergönnt sein, den Urquell alles Schönen, die Herrlichkeit Gottes, von Angesicht zu Angesicht zu schauen! R. I. k. Memmin gen. (Mit Illustrationen.) Memmingen, eine unmittelbare Stadt, liegt in hübscher fruchtbarer Gegend an der Ach, einem Zufluß der Jller, eine Stunde von diesem Flusse entfernt. Die Stadt hat über 10,000 Einwohner, darunter gegen 3000 Katholiken; der größere Theil der Bevölkerung ist evangelisch. Memmingen ist Sitz eines Landgerichtes, HauptzollamteS, Landbauamtes und sonstiger Behörden. Die Bayerische Notenbank, sowie die Deutsche Reichsbank haben dort Filialen. Die Stadt ist eingetheilt in zwei protestantische und eine katholische Pfarrei. An Bildungs- und Erziehungsanstalten besitzt Memmingen eine sechskursige Realschule, Progymnasium, eine höhere Töchterschule und in Verbindung damit eine Präparandinnenanstalt und ein Volksschullchrerinnenseminar; an Wohlthätigkeitsanstalten weist die Stadt außer einem Pfründespital und einem wohleingerichteten Krankenspital viele milde Stiftungen auf, welche neben sehr bedeutendem Kapitalvermögen ins- besondere Besitzer großer Waldcomplexe sind. An industriellen Etablissements sind zu verzeichnen eine mechanische Leinenspinnerei und Weberei (System Prälat Kneipp), eine Tuch- und Jacquarddeckenfabrik, Eisengießerei und Fabrik landwirthschaftlicher Maschinen, Glockengießerei und Brückenbaugeschäft, Pulverfabrik u. s. w. Besonders blühend sind die Kunstmüblen, Gerbereien, Bierbrauereien, sowie die Seifen- und Bürstenfabrikation. Besonders zu erwähnen ist der sehr ansehnliche Hopfenbau im Stadtgebiet, sowie der Getreidebau in der Umgebung. Memmingen treibt starken Handel mit Hopfen, Butter, Käse, Wolle, Leder und Getreide; jedes Jahr findet im Oktober großer Jahrmarkt, im Juni Wollmarkt statt; die allwöchentlich stattfindenden Schrannen, sowie die Viehwärkle sind stets sehr gut besucht. Memmingen ist eine mittelalterliche, hübsche, fast ganz Meisters Julius v. Roeck, gestorben 1884, ausgeführt von Bildhauer L. Müller zu München. Das Ralhyaus beherbergt auch das städtische Museum, eine sehr geordnete Sammlung der herrlichen und besten Erzeugnisse Memminger Gcwcrbcfleißes. Die bedeutendste Kirche ist die St. Martinskirche, protestantische Hauptkirche, im gothischen Stil ausgebaut 1791, mit 67 Cborstühien in reichster spätgothischer Holz- sculpiur von Memminger Meistern, welche bei der fanatischen Bilderstürmerei im Jahre 1531 leider zum Theile verstümmelt wurden. Außer der Martinskirchc ist zu erwähnen die protestantische Pfarrkirche zu Unser Frauen, von hohem Alter. Herrliche Freskogemälde wurden in der Reformaiionszeit übertüncht und erst in den letzten zwei Jahren mit ungeheurer Mühe wieder ans Tageslicht geföroert. Die- 8 s 8 « 8 8 H 8 Z >ij sU' «i ^^5 l MSN Großer Markt in Memmingen mit dem Gtockenthurm der katholischen Kirche im Hintergründe. Original-Ausnahme von iSusta» Baader, Photograph in Nrumdach. süjermllsüiligungsriHr oordehali-n.s mit Mauern umgebene Stadt und bildet den Knotenpunkt für die Bahnlinien Kempten—Ulm einerseits, sowie München—Buchloe—Memmingen und Aulendorf—Memmingen andererseits. Von der Stadt und den umliegenden Höhen aus bietet sich nach Süden ein imposanter Ausblick auf die vorlegende Alpenkette. An hervorragenden Gebäuden hat die Stadt eine sehr große Anzahl. Das Ralhhaus am Hauptmarkt wurde 1589 mit einem Kostenaufwand von 30,000 sl, erbaut. Dasselbe enthält in den Gewölben zu ebener Erde das reichhaltige, wohlgeordnete städtische Archiv mit jausenden von Urkunden, Copialbändcn, Nechnungsbüchern u. dergl. Die Zahl der älteren Urkunden (vom Jahre 1010 bis 1599) beträgt allein 4052. Ueber 2 Treppen sind die großen Sitzungssäle des Stadtwagistrats und der Gemeindebevollmächtigten ; im ersteren befindet sich die Büste des um das Gedeihen der Stadt hochverdienten Bürger- selben (besonders ein Bildercyclus den Marienkultus darstellend) bilden eine Perle der mittelalterlichen Malerei. Die in die Häuserreihe eingebaute katholische Kirche (ehemalige Augustinerkirche) enthält hübsche Fresken. Den Katholiken ist der Thurm der ehemaligen Kreuzhcrrnkirche (nunmehr Zollhalle) zur Benützung zugewiesen. Die Stadt besitz! eine reichhaltige Bibliothek im ehemaligen Münzgebäude, dem sogenannten Sleucrhnuse. Die Anfänge dieser Bibliothek gehen bis zum Jahre 1479 auf den Hochmeister des Antonius-O^denS Llibs a. Oaprurus in Memmingen zurück; dieselbe enthält gegen 300 Jncunabeln, viele Werke theologischen, juristischen, medicinischen, philosophischen und historischen Inhalts und in durch Schenkungen und Ankäufe bis auf etwa 11,000 Bände angewachsen. Sehenswerth sind auch der Begräbnißplatz mit den Denkmälern alter Patriziergeschlechter, die verschiedenen 640 Stadtthore, von denen das Einlaßthor als unverfälscht erhaltener Nest der reichsstädtischen Befestigung geblieben ist, sowie die Häuser der alten Patrizier, von denen nur wenige Familien mehr ihren Wohnsitz in der Stadt haben. Aus der nächsten Umgebung Memmingens ist zu erwähnen das Schloß Eisenburg, zu Anfang des 13. Jahrhunderts urkundlich nachgewiesen als Eigenthum eines gleichnamigen Geschlechtes, welchem verschiedene Memminger Patrizierfamilien im Besitze folgten. Von den dortigen Höhen aus bietet sich ein herrliches Gebirgspanorama. Gegenwärtig befindet sich das Schloß im Besitze der Förster, Fabrikbesitzer in Augsburg. Außer dem in diesen Blättern bereits vorgeführten Schloßgut Buxheim ist noch zu erwähnen Bad Dickenreis, schon seit 1435 als eisenhaltiges Quellenbad frequentirt, '/, Stunde südlich von der Stadt, beliebter Vergnügungsort der Memminger. Auf dem dort befindlichen Höhenzug findet man mehrere alte Befestigungen und Hochäckerpartien. Die Gegend derStadt Memmingen gehörte in derNömer- zeitzurLandschaftVindelicien. Burgstellen,Hochäcker ».Grabhügel erinnern ringsum an die vorgeschichtlichen Perioden. Nach Strabo wohnten in dieser Gegend und weiter hinauf gegen die Alpen die Estionen. Das Alter der Stadt reicht nach ihrer Namensbildung (Mammingen, Maemmingen) mindestens bis ins 8. Jahrhundert hinauf. Urkundlich kommt die Stadt zum erstenmale im Jahre 1010 vor im Fundationsdiplom des Spitals zum heiligen Geiste. Nach dieser Urkunde war Memmingen zu dieser Zeit bereits eine mit Thoren versehene Stadt, allerdings von sehr beschränkter Ausdehnung. Im zwölften Jahrhundert gehörte die Stadt den Welsen und wurde 1129 vom Hohenstaufen Friedrich II«, Herzog von Schwaben, im Kriege gegen Heinrich den Stolzen von Bayern niedergebrannt. Nach dem 1191 im Schottenkloster zu Memmingen erfolgten Tode Weiss VI. fiel die,Stadt an den Hohenstaufen-Kaiser Heinrich II. Nach der Enthauptung Konradins von Hohenstaufen 1268 fiel Memmingen an das Reich. Kaiser Rudolph von Habsburg verlieh der Stadt 1286 bedeutende Privilegien, die von seinen Nachfolgern bestätigt und erweitert wurden. Seit dem Jahre 1403, unter König Rupprecht, hatte Memmingen ein aus der Wahl der Bürger hervorgegangenes Stadtregiment, hohe und niedere Gerichtsbarkeit, ein eigenes Stadtrecht und Sitz und Stimme auf den Reichstagen. Das fünfzehnte Jahrhundert ist ausgefüllt mit Kämpfen der Geschlechter und Zünfte um das Stadtregiment; erstere behaupteten es von 1552 an bis zum Ende der Reichsfreiheit. Im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert erhoben sich Handel und Gewerbe zu hoher Blüthe. Von besonderer Bedeutung war die Leinwandfabrikation, die viele fleißige Hände beschäftigte und zu lebhaften Handelsbeziehungen mit den mächtigen oberitalienischen Städten führte. Ein reicher Memminger Handelsherr aus dem Geschlechte der Vöhlin ließ sich in Gemeinschaft mit dem Hause Weiser in Augsburg sogar in überseeische Handelsunternehmungen ein, die ihm reichen Gewinn brachten. Die Reformation wurde in der Stadt durch Ambrosius Blarer und den Prediger Schappeler, einen Freund Zwinglis, eingeführt, welche trotz der Excommunication durch den Bischof von Augsburg durch den Rath der Stadt unterstützt wurden. Im Jahre 1525 wurde in der Martinskirche die Messe eingestellt und der katholische Gottesdienst abgeschafft. Im Bauernkriege wurde die Stadt, die eine Besatzung des schwäbischen Bundes aufgenommen hatte, von den Aufrührern belagert, durch Truchseß von Waldburg aber entsetzt. Die Anhänger der Bauern in der Stadt wurden, soweit sie nicht entfliehen konnten, enthauptet. Auf dem Reichstage zu Speyer 1529 trat Memmingen den protestirendcn Ständen bei und wurde Mitglied des schmalkaldischen Bundes 1531. Im gleichen Jahre wurde der Führer der altgläubigen Partei unter den Bürgern, der frühere Stadtschreiber Vogelmann, trotz kaiserlichen Geleitbriefes hingerichtet. Aus allen Kirchen wurden auf Geheiß des Rathes Tafeln, Altäre und „Götzenbilder" entfernt und was man nicht zerstören konnte verstümmelt, so das herrliche Gestühl der Martinskirche, ein Kunstwerk der Schreinerei. Das Messelesen wurde bei Strafe verboten und die widerstrebenden Priester aus Stadt und Gebiet verwiesen; Ornate, Meßgewänder, Kelche u. s. w. wurden verschleudert, die schönen, auf Pergament geschriebenen Meß- j bücher als Einbanddecken verwendet. Die Stadt neigte anfangs den Schweizer Reformatoren zu, nahm aber später das lutherische Bekenntniß an; der Religionsabschied von Nürnberg 1532 ermöglichte es, ungestört das neue Kirchenwesen auszubauen. Der dreißigjährige Krieg versetzte auch Memmingen einen harten Schlag. Bald von den Schweden, bald von den Kaiserlichen besetzt, war die Stadt unaufhörlich bedrängt und der Wohlstand der Bürger fast vernichtet. 1634 wurde sie von den Schweden unter Horn, 1647 von den bayerischen Truppen unter de la Pierre belagert und beschossen. Von 1702 bis 1704 war Memmingen von französischen Truppen besetzt, deren Anwesenheit die Stadt auf 800,000 fl. zu stehen kam. In den napoleonischen Feldzügen hatte die Stadt durch Einquartierungen, Erpressung und Plünderung viel zu leiden, bis sie durch den Frieden von Luneville 1802 Bayern einverleibt wurde. Am 29. November dieses JahreS erklärte ein kurpfalzbayerischer Commisiär dem versammelten Rathe, daß Seine kurfürstliche Durchlaucht Maximilian Joseph von Pfalzbayern sich veranlaßt gesehen, Civilbesitz von der Stadt zu ergreifen. Rath und Behörden wurden vereidigt, an den öffentlichen Gebäuden die reichsstädtischen Wappen und Jnsignicn mit den bayerischen vertauscht. Im Dezember schickte der Rath eine Deputation i an den neuen Landesherr«, um demselben im Namen der Stadt zu huldigen. Während bis zur Mitte unseres Jahrhunderts die Entwicklung der Stadt fast stille stand, kam dieselbe durch Einziehung in das Eisenbahnnetz zu großer Blüthe. Durch den Ausbau der Bahn nach Württemberg wurde Memmingen der Stapelplatz für das Württembergische Allgäu und erfreut sich einer rasch zunehmenden Bevölkerungszahl. Alle Dekannle. (Zu unserem Bild Seite 635.) Bei Leuten von dem Schlage der drei Gesellen, wie sie unser Bild zeigt, ist die Erinnerung des Wiedersehens, die sonst den Menschen erfreut, nicht immer rosig, namentlich nicht, wenn der Begegnende in dem Gewände eines Sicherheitswächters steckt. Doch keine Regel olme Ausnahme. Die Drei kommen schon seit Jahren in regelmäßigen Zwischenräumen in die Gegend und sind dem Gendarmen längst als ungefährlich bekannt. Sie gehen ja nur ihrem Geschäfte, das sie eben darin erblicken, der Arbeit aus dem Wege zu gehen, nach, und sprechen hin und wieder mildthätige Leute um eine. Unterstützung in diesem mühsamen Berufe an, und wenn sie Hiebei von dem Gendarmen nicht gestört resp. erwischt werden, warum sollten sie sich des Wiedersehens mit demselben nicht erfreuen? - 4 — -*>-«' - -N 84. Areitsg, den 9. Oktob«,. 1896. Tür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarilchen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (LorLefitzer vr. Max Huttier). Kin fekkendes Wort. Original-Novelle von C. Borges. (Fortsetzung.) III. Die Flammen hatten so heftig gewüthet, daß der Einsturz des Hauses viel schneller erfolgt war, als man vermuthet hatte. Es war fast unmöglich, unter den rauchenden Trümmern die Ueberreste der Unglücklichen zu suchen, die ein so jähes Ende gefunden hatte. Die Dienerschaft umstand zitternd die Unglücksstätte; sie war selbst mit genauer Noth einem schrecklichen Tode entgangen. Gegen acht Uhr erschienen der Major von Schalldorf und der Advokat Neumann auf dem Schrcckensplatze. Der Major, ein alter Herr mit silberweißen Haaren und von Gicht fast gelähmt, ging gestützt auf den Arm seines Sohnes Ernst. Erst seit kurzer Zeit war der junge, kaum 23jährige Btann von der Universität zurückgekehrt, wo er verschiedene Semester sich den Genüssen des Lebens hingegeben hatte, ohne an seine Studien zu denken. Ein Onkel hatte versucht, den leichtsinnigen, verschwenderischen jungen Mann in seinem Comptoir als Kaufmann heranzubilden, aber schon nach wenigen Tagen war der hoffnungsvolle Neffe ausgerückt, da ein arbeitsames Leben seinem Charakter durchaus nicht entsprach. In früheren Zeiten hatte er durch List und Schmeichelei von der reichen Tante oft bedeutende Summen erhalten, die aber sehr bald vergeudet oder verspielt waren, bis die Tante ihn nicht mehr in seinem Leichtsinn unterstützen wollte, es an ernsten Mahnungen nicht fehlen ließ und, als alles nicht fruchtete, ihm ihr Haus verbot und ihre Hand gänzlich von ihm abzog. „Das ist eine traurige Begebenheit", wandte sich der Anwalt an den Major, und dieser nickte beistimmend. „Niemand weiß, auf welche Weise das Feuer ausge- brochen ist; meine liebe Lina will sich gar nicht über das traurige Geschick ihrer Schwester trösten lassen und weint, als ob ihr das Herz brechen will. Sie ist immer so sehr gefühlvoll, sogar der Tod ihr ganz fernstehender Bekannten regt sie so sehr auf, daß sie kaum ihren Thränen gebieten kann." Der Major warf dem Sprecher einen verächtlichen Blick zu. Er kannte die „gefühlvolle" Tante Lina zu gut und wußte, daß sie mit ihren Thränen sehr häufig nur nach Effekt haschte. „Es ist eine fatale Gewohnheit, die Thüre des Schlafzimmers zu verriegeln, sie hätte sonst vielleicht gerettet werden können", brummte er, dann sagte er halblaut zu sich selbst: „Das wird wieder eine große Schneiderrechnung werden, wenn der Trauerstaat angeschafft wird." „Ist sie — die Leiche meine ich — aufgefunden worden?" fragte der Jurist. „Wir müssen warten, bis die Nachsuchuugen beendet sind", versetzte der Major. „Aber was fehlt Dir, Ernst", wandte er sich an seinen Sohn, „Du siehst ja leichenblaß aus und zitterst wie Espenlaub!" „Sprich doch nicht mit Gewißheit davon, daß die Tante todt ist, ich kann's nicht ertragen", flüsterte der junge Mann. „Bist Du denn auch so gefühlvoll? Geh' nach Hause, wenn Deine Nerven zu schwach für diesen Anblick sind; wir können Dich hier gut entbehren", brummte der alte Bater. „Dort kommt Herr Almer, der Anwalt der armen Tante", rief der junge Mann, auf einen ältlichen Herrn deutend, der sich schnellen Schrittes der Unglücksstüite näherte. „Meine Herren, ist es wahr, was ich soeben höre", begann der Ankommende fast athemlos, „ist Frau von Schalldorf ein Opfer der Flammen geworden?" „Leider ist es so. Meine unglückliche Schwägerin ist die Einzige, die nicht gerettet werden konnte; der Qualm hat sie zweifellos erstickt, denn auf lautes Rufen hat sie nicht mehr geantwortet", berichtete der Major. „Ich habe länger als zehn Jahre ihre Geldangelegenheiten geordnet", fuhr der Anwalt fort, „und be- daure aufrichtig ihr schreckliches Ende. Was nun ihr Testament anbelangt, so-", er hielt plötzlich inne. Der Major sowohl wie Herr Nenmann brannten vor Begierde, mehr über das Testament zu hören, und wechselten verständnißvolle Blicke, aber sie wagten doch nicht, direkt darnach zu fragen. „Sie wollen bemerken —" flüsterte der Major leise dem Anwalt zu. „Ach, ja", fuhr Herr Almer wie aus einem Traum erwachend fort, „es mögen vielleicht sechs Monate her sein, da machte Frau von Schalldorf in meiner Gegenwart ihr Testament, sie wollte gern bei Zeiten ihre Angelegenheiten ordnen." Der alte Major seufzte erleichtert auf. „Ist das Testament in Ihrem Besitze?" fragte Herr NeNtänn, der eS nicht vergessen konnte, daß seine Verwandte nicht seinen Rath in Anspruch nehmen wollte. „Leider nicht!" entgegnete Herr Almer. „Die Verstorbene wollte daS Testament selbst aufbewahren, um vielleicht noch Veränderungen oder Bedingungen hinzuzufügen." „Hatte sie denn das Schriftstück in ihrem Hause?" „Ja!" „Guter Gott, dann ist eS verbrannt!" stöhnte der Major. „Das glaube ich nicht", beruhigte der Anwalt. „Die Verstorbene hat einen feuerfesten Schrank für ihre Werthpapiere, und ich will hier warten, bis der Schutt abgeräumt ist, damit ich ihn, als ihr Anwalt, so lange aufbewahre, bis das Testament gelesen werden kann." Der Major und Herr Neumann eilten bet diesen Worten selbst nach der Brandstätte, um die Arbeiter zu bewachen, während Herr Almer von ferne gelassen zuschaute. Mehrere Stunden hindurch wurden unermüdlich Schutt und einige halbverbrannte Möbel fortgeschafft, aber von den Neberresten der unglücklichen Frau konnte keine Spur aufgefunden werden. Endlich fand man einen kleinen, feuerfesten, eisernen Schrank, den Herr Almer sich in seinen Wagen tragen ließ, um ihn in seinem Comptoir bis zur Verlesung des Testamentes in Verwahrung zu nehmen. In allen Zeitungen las man am nächsten Tage Artikel über den traurigen Unglncksfall, und Jedermann bedauerte das Geschick der armen Frau, die ihres Reichthums wegen allbekannt war. Gewöhnlich wird mit dem Verlesen des Testamentes bis nach der Beerdigung der Erblasser gewartet, aber hier in diesem Falle fand keine Beerdigung statt, und die gefühlvolle Tante Lina hatte sich gleich am nächsten Tage soweit beherrscht, um ganz energisch auf die Verlesung des Testamentes zu dringen. Zu diesem Zwecke versammelte sich eine große Zahl Erblustiger im Comptoir des Anwalts Almer: der Major von Schalldorf mit seiner Frau und Tochter Mathilde, beide in tiefer Trauerkleidnng, und sein Sohn Ernst, der heute gespenstig bleich aussah; der Anwalt Neumann mit seiner Frau und ältesten Tochter; beide Damen wußten, daß ihnen die elegante Trauerkleidnng gut stand, und suchten durch mühsam erpreßte Thränen Aufsehen zu erregen. Auch Lieutenant von Römer fehlte nicht; er war auf Anregen des Anwalts Almer gekommen und sah fast ebenso bleich wie sein Freund Ernst von Schalldorf aus; und im Hintergrund stand das ganze Dienstpersonal des Verstorbenen. Der alte Anwalt Almer ließ mit feierlichem Ernst auf einen Wink den kleinen, feuerfesten Schrank durch einen Diener herbeischaffen. Er war noch uneröffnet, und da kein Schlüssel vorhanden war, ließ man ihn durch einen Schlosser öffnen. — Ein leises Gemurmel, wie das Flüstern eines Windes in hohen Baumwipfeln, lief durch den Saal, als jetzt das Schloß aufsprang und der Anwalt vor den Augen aller Anwesenden daS wichtige Dokument zum Vorschein brachte. ES war noch unversehrt, zwar vom Rauch und Qualm vergilbt, aber noch deutlich zu lesen. Mit lauter, vernehmbarer Stimme las der Anwalt der athsmloS lauschenden Menge die letzten Bestimmungen seiner Clieutin vor. Den treuen, lang erprobten Dienern ihres Hauses vermachte sie einem jeden ein ansehnliches j Legat, ihrer Schwester Karoline Neumann nur ein ge« > ringeS Kapital von dreitausend Mark; sie begründete diese unbedeutend kleine Summe mit dem Bemerken, die Schwester habe bereits seit vielen Jahren hinreichende Geldgeschenke erhalten, die ein ansehnliches Kapital reprä» sentirten. Dieselben Bestimmungen waren für den Verwandten ihres Mannes, den Major von Schalldorf, getroffen ; auch er erhielt nur ein kleines Kapital von dreitausend Mark. Ernst von Schalldorf war mit eintausend Mark bedacht; die Verstorbene fügte diesem Legat die besten Wünsche für das Fortkommen ihres Neffen und die feste Hoffnung bei, er möge jetzt sein leichtsinniges Leben aufgeben und sich ernstlich bemühen, feinem Namen Ehre zu machen. Dann hieß es weiter: „Mein ganzes Vermögen von mehr als einer Million, das in Staatspapieren gut angelegt und in Aufbewahrung meines treuen Rechtsanwalts, Herrn Almer, sich befindet, vermache ich meinem PaLhenkinds und Lieblingsnichte Mathilde — sobald sie ihr vierundzwanzigstes Lebensjahr vollendet hat. Ich mache aber die Bedingung, daß mein junger Freund, Lieutenant Benno von Römer, ihr die Hand Zum Bunde für's Leben reicht. Sollten Beide meinen Wunsch nicht erfüllen, so sollten sie eine halbe Million unter sich theilen, während sich die andere Hälfte zum Bau eines Waisenhauses der Stadt vermache." Wie ein brausender Sturm brach der Unwille der Verwandten nach Beendigung der Verlesung los. Ein Jeder, mit Ausnahme der Dienerschaft, warf feindselige Blicke auf den Anwalt, der mit triumphirendem Lächeln im Kreise umherschante. „Mathilde? — Welche Mathilde ist gemeint?" riefen Frau Neumann und die Majorin von Schalldorf gleichzeitig. „Meine Tochter war das Pathenkind der Verstorbenen", warf der Major ein. „Die meinige ebenfalls", sagte Tante Lina, „Es sind hier zwei Pathenkinder, Beide tragen den gleichen Namen; Sie haben nur deu Vor-, nicht den Zunamen genannt, Herr Almer. Welche von den Beiden ist die Erbin?° „Diese Frage zu beantworten, steht leider nicht in meiner Macht", erwiederte der Anwalt. „Ich bedauere, daß das Testament meiner Clientin unvollständig und daher die Bestimmungen nicht zu erfüllen sind. Es fehlt in der That ein ganz wichtiges Wort, und es ist außerordentlich schwer zu bestimmen oder nur zu errathen, welche von den beiden Nichten als Erbin bestimmt ist. Die leere Stelle hinter dem Vornamen Mathilde ist nicht ausgefüllt worden." Tante Lina's Augen füllten sich mit Thränen — Thränen des Zornes und der Entrüstung, welchem Beispiel auch ihre Tochter Mathilde folgte. „War die Auslassung des fehlenden Wortes ein Zufall oder eine Absicht?" fragte der Major finster. „Die Verstorbene gab einer ihrer Nichten den Vorzug", versetzte der Anwalt und blickte dabei Mathilde Neumann an, „und wollte diese zweifellos als Erbin einsetzen, gleichzeitig das Glück ihres Günstlings, Lieutenant von Römer, befördern. Andererseits wollte sie der anderen Nichte gegenüber nicht ungerecht sein, sie hatte zwar ihre Zuneigung nicht gewonnen, wollte dieselbe aber noch prüfen und erst später eine endgtltige Bestimmung treffen." „Kurz gesagt", rief der Major zornig, „meine Schwägerin wußte gar nicht, was sie wollte, wenige — 643 - Frauen können einen festen Entschluß fassen. Aber sie hatte doch einen starken Willen! Das Testament, wie «s jetzt ist, ist null und nichtig!" „Die Verstorbene hat trotz ihres Reichthums ein trauriges Leben geführt", fuhr der Anwalt fort. „Die beständige Furcht, daß die Verwandten nicht ihrer Person, sondern nur des Vermögens wegen sich fast täglich in ihrer Villa aufhielten, erregte ihr Mißtrauen. Als sie vor sechs Monaten das Testament machte, sagte sie mir: „Eine meiner Nichten soll meine Erbin sein, ich weiß aber noch nicht, welche von den Beiden. Lassen Sie nach dem Worte Mathilde eine leere Stelle, die ich später ausfüllen werde." „Sie muß ihrer Stimme nicht mächtig gewesen sein", brummte der Major. „Im Gegentheil, ich kann behaupten, daß sie ebenso gut zurechnungsfähig war, wie' Sie und ich, sie war nur mißtrauisch. Ich bemerke, daß jede Veränderung im Testament unzulässig sei und später beglaubigt werden müsse. Sie wußte eZ sehr gut und versprach mir, mich holen zu lassen, um in «einem Beisein daS fehlende Wort zu ergänzen. Sie hat mich nicht «ehr rufen lassen, und der Tod ist ihr zuvorgekommen, ehe das Wort ersetzt wurde." Lieutenant von Römer erhob sich: „Unter diesen Umständen gestatten Sir mir, mich zurückzuziehen", sagte er, zu den Anwesenden gewendet. „Aber ehe ich gehe, möchte ich noch bemerken, daß ich keine Ahnung von der Erwähnung «eines Namens i« Testament der Verstorbenen hatte. Wie peinlich cS für mich ist, denselben in Verbindung «it einem andern Na«en zu finden, kann sich Jeder leicht vorstellen. Ich kann mich jetzt nur entfernen und überlasse es der Versammlung, allein die sonderbaren Bestimmungen zu erörtern." Kau« hatte sich die Thür hinter dem jungen Offizier geschlossen, als die Anwesenden freier aufathmeten und der Sturm von allen Seiten losbrach. „Die Bestimmungen sind lächerlich — meine Schwägerin muß geistig gestört gewesen sein", rief der Major erregt, „was soll jetzt geschehen, wie haben wir nnS zu verhalten?" „DaS kann ich jetzt noch nicht sagen; ich muß mit einem Kollegen berathen", versicherte der alte Anwalt Almer. „Wir wissen ja nicht, welche Nichte den Vorzug erhalten sollte." „Das unterliegt nach meiner Ansicht gar keinem Zweifel", siel die habzierige Tante Lina ein. „Ein Jeder weiß, daß meine Tochter Mathilde der Liebling war. Sie wurde mir Geschenken überhäuft und erhielt oft Einladungen nach der Villa." „Das beweist noch gar nichts", versetzte die Majorin gereizt. „Meine Tochter erhielt ebenfalls häufig Geschenke." „Mama, ich bitte Dich, rege Dich nicht unnütz auf und mache keine Einwendungen", flüsterte die junge Dame. „Schweig', Mathilde", lautete die unfreundliche Antwort der Majorin. Ueberlass' es Deinem Vater und mir. Deine Interessen zu wahren. Niemand kaun behaupten, daß die Verstorbene auch nur mit einer Silbe Mathilde Nrumann als ihre Erbin besti«mr hat!" „Wäre ich der Rechtsbeistand der Verstorbenen gewesen", wandte der Advokat Nenmann ein, „so würde dieses Masco nicht gemacht worden sein. Ich würde meiner Clientin die Thorheit eines solchen Testamentes vorgestellt haben." „Das ist geschehen, wenn auch nicht durch Sie, mein verehrter Herr Kollege. Aber reiche Damen lassen sich nicht leicht beeinflussen, wie Sie wohl wissen."' „Eines der beiden Mädchen ist Erbin — aber welches?" wiederholte der Major. „Natürlich knüpft sich die Bedingung noch daran, daß sie den Lieutenant hei- rathe, aber das ist jetzt nur Nebensache. Dir Hauptsache ist die Gewißheit, wer die Erbin sein wird." „Wenn ich Ihnen gut rathen soll, so fangen Sie keinen Prozeß an, der zu großen Weitläufigkeiten führen würde", rieth Anwalt Almer. „Wenn das nutzlos und die Wittwe ohne rechts- giltiges Testament gestorben ist, so fällt die Erbschaft ihren nächsten Verwandten, also «einer Frau Karoline zu", rief Herr Neusrarm siegesbewußt. „Die Frage ist doch recht einfach zu lösen. Die beiden Schwestern —" „Ich übergebe die Sache «einem Nechtsanwalt", brauste der Major auf. „Rissen Sie auch, mein verehrter Herr, daß ursprünglich das ganze Vermögen von meinem Bruder herstammte?" „Ganz recht", gab Herr Neumann zu, „aber ihr Bruder vermachte sein Vermögen seiner Wittwe, der Schwester meiner Frau, folglich — —" „Kein Wort weiter! Ich sage Ihnen, der Prozeß soll entscheiden", rief gereizt der Major. Dann wankte er, gestützt auf den Arm seiner Gattin und gefolgt von seinen Kindern, dem Ausgange zu. Der alie Herr von Römer war bei der Nachricht deS Todes der reichen Wittwe gleich nach der Residenz gekommen und war ebenso entrüstet wie sein Sohn über die unbegreifliche Klausel im Testament. „Das ist eine fatale Sache, Benno, und ich bin um Deinetwegen bitter enttäuscht. Was kann nur eine vernünftige Frau veranlaßt haben, ein solches lächerliches Testament zu machen?" „Die Frauen sind oft unberechenbar", entgegnete Benno düster. „Auf Deinen Rath, Vater, machte ich die Bekanntschaft der reichen Frau und that «ein Bestes, ihre Gunst zu erwerben. Ich hoffte, eS wäre mir gelungen, und sie hätte mich in ihrem Testament mit eine« ansehnlichen Sümmchen bedacht, anstatt die Bedingung einer Heirath daran zu knüpfen, noch dazu da der Name meiner Zukünftigen nicht vollständig und klar bezeichnet ist." „DaS wäre nicht so schlimm, wenn das wichtige Wort nicht fehlte; so aber ist das Dokument werthlos." „Ganz entschieden." „Es ist ein großes Unglück für uns, daß der Zuname ausgelassen wurde", fuhr der alte Herr seufzend fort, „denn selbst wenn sie Deine Hand verweigert hätte, würdest Du in den Besitz eines ansehnlichen Kapitals gelangen. Wir stehen am Rande des Bankcrotts. Unser Gut ist so hoch verschuldet, daß wir uns unmöglich lange halten können; wir sind ruinirt." „Kannst Du kein Geld mehr leihen?" fragte der Sohn. „Nein. Ein Jeder, der einen Blick in unsere Papiere wirft, verweigert mir seine Hilfe. Die letzte Hilfe ist für Dich eine reiche Heirath. Schon seit Jahren ist unser Vermögen zusammengeschmolzen; unglückliche und verfehlte Spekulationen beschleunigten das Verderben. Meine letzte Hoffnung beruhte in dem Vermögen der reichen Wittwe — Dn mußt doch versuchen, Bruno, die Hand der Erbin zu gewinnen; wenn wir nur wüßten, wer die richtige wäre." „Das ist leichter gesagt, wie gethan", murmelte ver« 644 drießltch der junge Lieutenant. „Mit der kleinen, leichtherzigen Mathilde Ncnmann würde cch im Leben schon fertig werden, auch glaube ich, daß ich ihr nicht gleichgültig bin. Wäre sie die Erbin, so würde ich ihr gleich Herz und Hand anbieten." „Wie gefällt Dir denn die andere Nichte?" „Mathilde von Schalldorf? Na, ein kaltes, unzugängliches und verschlossenes Mädchen, ich würde mit ihr nie glücklich leben können." „Wie dem auch sein mag, eines der beiden Mädchen ist die Erbin, und die ist für Dich bestimmt, Bruno. Ich bedauere Dich unendlich, denn Du befindest Dich in einer argen Zwickmühle, die Ungewißheit der Erbschaft verbietet Dir jetzt die Wahl einer Braut — Du könntest die falsche wählen." Der junge Mann runzelte unwillig die Stirn. „Die ganze Geschichte ist schon in unserem Klub bekannt", grollte er finster, „und das ist mir sehr ärgerlich. Der leichtsinnige Ernst von Schalldorf hatte nichts Besseres zu thun, als nach Verlesung des Testaments die Sache schön ausgeschmückt überall zu erzählen. Jeder spottet jetzt über meine unerträgliche Lage. Wenn daS so weiter fortgeht, werde ich Urlaub nehmen und auf einige Zeit die Stadt verlassen." „Nein, thue das nicht, mein Sohn; bleibe ruhig hier und biete der Verspottung die Stirn. Warte vorläufig das Resultat des Prozesses ab. — Es wird ein großartiger Prozeß werden", fuhr der alte Herr fort, als sein Sohn schweigend und mit finster gerunzelter Stirn sich zurückziehen wollte, „und die Advokaten werden den größten Profit davon haben. Nur zwei Klassen von Leuten sollten sich diesen Luxus erlauben — die Reichen, die mit dem Golde spielen können, und die Armen, die nichts zu verlieren haben. Was willst Du heute Nachmittag machen, Benno?" „Zuerst will ich Neumann's besuchen. Ich habe für Mathilde Blumen und Bücher bestellt, ich bin fest überzeugt, daß sie, nicht ihre Cousine, als Erbin bestimmt war." „Uebereile Dich nicht und halte Dich vorsichtig auf der Mittelstraße", ermähnte der alte Herr. „Bevorzuge nicht eine Familie, Du kannst es mit der anderen sonst leicht verderben, revvirl" (Fortsetzung folgt.) - — Warum Zorg Kainz nicht heiratete. Von Dr. Josef Herbeck. (Schluß.) Jörg Kainz konnte sich nicht verhehlen, daß die Augen der Dame mit Wohlgefallen auf ihm ruhten. Ihr behagte seine Begleitung. Die Liebe, die er zu diesen Augen trug, machte ihn vergessen, daß er in völlig fremder Gesellschaft zu nachtschlafender Zeit den gefährlichen Gehängen der Srewand zuschritt. Freilich war er allzeit ein tollkühner Geselle gewesen, und das verleugnete er auch jetzt nicht. Plötzlich hielt die Sänfte, und der Baron forderte seine Schwester zum Aussteigen auf. „Wie? hier hält der Zug?" rief Jörg Kainz. „Hier", sagte der Lcibjäger. „Die Wand fällt hier tausend Fuß tief in den See ab", sagte Jörg Kainz. „Sie sind ein Feigling", schnaubte ihn der Leibjäger an. „Für mich fürchte ich nichts", sagte Jörg Kainz. Die Dame war indeß aus der Sänfte gestiegen und schaute zu dem vom Mondschein schwach erhellten See hinab. Ihr Bruder stand neben ihr. „Mir schwindelt", sprach sie plötzlich und reichte Jörg die Hand. Er zog sie vom Rand des Abgrundes fast heftig zurück. „Sie gehören nicht zn uns", sagte der Leibjäger. Jörg Kainz sah ihn unmuthig an, ungewiß, ob er ihm eine Ohrfeige verabreichen oder schnellstens mit der Dame in den dunklen Wald flüchten sollte. Er that indeß keines von beider», sondern wartete ab, was sich weiter ereignen würde. Der Baron und die Dame blieben auf dem Felsenkegel, der in den Abgrund hinaus vorgeschoben war. Der Leibjäger und Jörg Kainz hielten sich hinter ihnen. „Warum müssen wir allein auf solch gefährlicher Höhe halten", sagte Jörg Kainz zu den Sänsteträgern, die mit der Sänfte in Sicherheit ein paar Minuten von dem Felsvorsprung entfernt auf dem Moos des Waldes lagerten; „wohin sind die Nebligen gegangen? Ha, jetzt beginnt das Ratschen der Treiber und das Hallohrufen!" Er hatte laut gesprochen, und ein Blick der Dame rief ihn an ihre Seite zurück. Ihre Augen schienen ihn um Hilfe bei allenfallsiger Gefahr anzuflehen. „Diese hohe Dame ist meine Schwester", redete ihn der Baron an. „Wissen Sie, daß sie die Fürstin des Ossa-Gebietes, daß ihr der ganze Grenzstrich zwischen Böhmen und Bayern zu eigen ist?" „Ich wußte es nicht", erwiederte Jörg Kainz, „aber ich las Hoheit in den Zügen Ihrer Schwester." Ein stolzer Augenstrahl Kainzens zuckte zu dem Baron auf, der besagte, daß, wenn auch des Försters Eltern keine Adelige gewesen, er einen Adelsbrief in seinem Herzen trage, das von niedriger oder feiler Gesinnung nichts wußte. Der Angenstrahl setzte den Baron und den Leibjäger in Verwirrung. Mild aber senkten sich die Blicke Jürgens auf die Augensterne der Dame, Vertrauen und Liebe erweckend. „Halloh, wir werden sehen, was der Fremde von der Jagd versteht", sagte der Leibjäger, indem er Hirschfänger und Gewehr vor sich auf einen Felsblock niederlegte. Der Baron setzte sich in die Haltung, um ein unter dem Felsen vorbeistrcichendes Wild auf seinem gachen Pfads erlegen zu können. Windlichter und Fackeln irrten da und dort umher, und der Mond gab seinen Schein dazu, so daß ein Zielen nicht unmöglich war. Plötzlich stieß die Dame einen durchdringenden Schrei aus. Jörg Kainz besaß ungewöhnlich viel Muth und Geistesgegenwart. Er hatte bisher der gespensterhaften Scene als schier unerschrockener Theilnehmer beigewohnt; was aber nun kam, machte doch seine Nerven beben: Ein Sechzehnenber stürzte mit seinen gewaltigen Schaufeln gerade gegen den Felsenvorsprung, so daß der Förster nur eben Zeit fand, die Dame bei Seite zu reißen. Der Baron sprang hinter einen Baum, und der Pflaumenfarbige stürzte in die Kniee. Der Hirsch aber kehrte sich kampfeslnstig' auf der Spitze des Felsenvorspruugs gegen seine Gegner. Seine Schaufeln wühlten das Erdreich auf, und seine großen Augen funkelten vor Wuth. Aus der Tiefe drang empor das Geplärre der Treiber 645 mit ihren Ratschen, und lodernde Flammen tanzten im Walde hin und her. Unfähig, hier mit dem Gewehr etwas zu leisten, zog der Förster sein großes Jagdmesser aus der Scheide. Der Hirsch schien es in seiner Wuth besonders auf die Dame im grünen Sammetkleide abgesehen zu haben und machte sich sturzbereit. Rasend geworden durch den vom Echo vervielfältigten Lärm, stieß er mit den Schaufeln umher und scharrte mit den Läufen das Moos vom Erdreich. Nun sprang er vor; aber in demselben Moment glitt die gewandte Gestalt des Försters unter ihm hin und stieß ihm das Messer in die Brust. Der Hirsch heulte laut auf, daß die Felswände davon wiederhallten. Er machte einen Satz in die Höhe und fiel über das Gewände in den Abgrund. Man hörte die gewichtige Masse im Gebüsche unten aufschlagen. Derpflaumenfarbige Leibjäger lag in Zappelnder Jämmerlichkeit auf dem Boden. Ein verächtlicher Blick Kainzens streifte die bebende Gestalt. „Sie haben mir das Leben gerettet", rief die Dame unter Thränen und schlang ihre Arme um seinen Nacken. „Vielleicht", sagte Jörg Kainz. Er war etwas mißvergnügt darüber, daß der Bruder der Dame gar kein Wort der Anerkennung für ihn hatte, sondern ihm nur gemessen die Hand drückte. „Wir dürfen keinen Augenblick hier verlieren", sagte die junge Dame. „Es möchte nochmals^AehnlicheS sich ereignen und schlimmer ablaufen." „Sehen Sie, auch Ihr Leibjäger richtet sich wieder auf", sagte Jörg Kainz, spöttisch nach dem sich vom Erdreich reinigenden Pflaumenfarbigen hinblickend. „Er hätte mich den Schaufeln des Hirsches preisgegeben", eiferte die Dame mit zorngeröthstem Antlitze. „Pfui über solche Diener!" „Fluch seiner Feigheit!" rief Jörg Kainz aus, dem Leibjäger den verächtlichsten Blick zusendend. „Wohlan, lassen Sie uns eilen, ins Schloß zu gelangen", fuhr die junge Dame fort. „Die Zeit drängt. Rasch über die Seewand hinab! Eilt Euch mit der Sänfte!" Nochmals sank sie, überwältigt von ihren Gefühlen, Jörg Kainz in die Arme; dann bestieg sie die Sänfte. Jörg Kainz hielt sich enge an ihrer Seite. Bisher jeder wärmeren Zuneigung zu irgend einem weiblichen Wesen bar, suhlte jetzt Jörg Kainz die Gluth der Liebe in seinem Herzen aufsteigen. Es konnte auch nur eine so ungewöhnliche Erscheinung, wie diese Dame, es vermögen, sein Herz in Flammen zu setzen. Seine Pulse klopften, wenn er in diese schönen schwarzen Augen hineinsah, und es wäre zweifelhaft gewesen, ob er jetzt noch mit seinem Messer einen so sicheren Stoß gegen die Brust des Hirsches zu führen im Stands gewesen wäre. Eins wundersame Rührung überkam ihn. Diese Angen hatten es ihm angethan. „Werden Sie mich verlassen?" lispelte die junge Dame. „Nie", erwiederte Jörg Kainz und meinte es auch so. „Mein theurer Retter!" rief sie aus, „mein geliebter, hilfreicher, ritterlicher Befreier aus bedrohlicher Gefahr!" „O still, still!" sagte er. „Warum soll ich von Ihrem Edelumthe schweigen?" fragte sie. „Weil", antwortete er, „ich für Sie durch Noth und Tod ginge." Die junge Dame lächelte aufs anmnthtgste Jörg Kainz an. Er konnte sich nicht enthalten, einen ehrerbietigen Kuß auf die Hand der Dame zu drücken. Und die Dame war dem Förster darob nicht böse. „Horch!" rief die junge Dame zusammenschreckend aus. „Hören Sie das Plätschern der Wellen des See's?" „Ja, ja", sagte Jörg Kainz, aber es war von keinem Plätschern die Rede, denn die Fluchen oes Arbersees tosten und brandeten. „Angehalten!" rief die junge Dame und schlug in die kleinen Hände. „Die Flöße herbei und zum Schlosse hinab!" Jörg Kainz sah zwei Flöße in den See schieben und den ganzen Troß mitsammt dem erlegten Wilde dieselben besteigen. Jörg Kainz drückte nochmals einen Kuß auf die linke Hand der Dame und schickte sich an, das Floß zu besteigen, auf das ihre Sänfte getragen worden war. „Wollen Sie auch nie eine Andere lieben, als mich — nie eine Andere heirathen?" sagte die junge Dame. Jörg Kainz versprach es mit den feierlichsten Beiheuerungen. Die Dame bewilligte seine Mitfahrt, und das Floß glitt in den erregten See. Kaum waren die Flöße in der Mitte des Sees, als ein jäher Sturmwind daö Gewässer in seinen Tiefen aufwühlte. Von einem Wirbelwind erfaßt, tanzten die Flöße wie Kinderspielzeug auf den schwarzen Fluthen, bis sie an einander zerschellten. Die feuchte Tiefe öffnete ihren Nachen, Weherufe hallten durch das Revier; Jörg Kainz war gegen das Ufer geschleudert worden, er schwamm, dann tappte er durch das N sse gegen den Rand der unglückseligen Fluth, er schrie nach seiner Dame, stampfte auf dem feuchten Moos des Gestades vor Aufregung mit den Füßen und sah, — daß der Tag anbrach, und saß auf dem hölzernen Stuhl der Diensthütte vor der heruntergebrannten Kerze; draußen rauschte der Regen, und einzelne Tropfen fielen durch die durchlässige Decke auf ihn, er schauderte vor Kälte und Feuchtigkeit und stampfte mit den Füßen, um sich zu erwärmen. Er drehte den Kopf hin und her, aber kein böhmischer Baron, keine Bedienten, keine Treiber, kein pflaumenfarbiger Leibjäger und auch keine junge Dame waren mehr zu sehen. Er sah sofort ein, daß etwas Geheimnißvollcs hinter der Sache stecke, und hat später immer die Geschichte so erzählt, wie ich sie vermeldet habe. Er hielt den Schwur treu, den er der Dame geleistet hatte, schlug die verlockendsten Partieen aus und blieb Junggesellr. Er rühmte sich, der einzige Zeuge einer Geisterjagd auf der Seewand gewesen zu sein. „ES war gut, daß du bei der Beschaffenheit deines Magens und deiner Gurgel Junggeselle geblieben bist, denn bei deinem Einkommen hättest du doch unter sothanen Umständen eine Familie nicht versorgen können", sagte später einmal der Mooshofwirth, nachdem er die Geschichte von dem Schwur am Arbrrsre zum xtenmal mit großer Aufmerksamkeit angehört hatte. „Es war gut", entgegnete der Förster. „Und so ist dir die ArLersceprinzessin zum wahren Heil gewesen", sagte der Wirth. „Kellnerin! dem Herrn Förster einschenken!" Goldköruer. DaS ist die Blume dc§ Lebens, doch nur Lein Größeren wird sie Trunken und weise zugleich, froh und erbaulich zu sein. Geitzel. Die Bootfahrt des Lebens. Jerome K. Jerome, der wohlbekannte englische Hmnorist, hat eine neue Geschichte geschrieben, die in deutscher Uebersctzung unter dem Titel „Drei Mann in einem Boot (vom Hund ganz zu schweigen)" soeben im Magazin für Literatur zu erscheinen beginnt. Im Anfang der Erzählung, in der diesmal der Dichter seine Vorliebe für illustrirende Abschweifungen etwas ausarten läßt, ist von den Vorbereitungen die Rede, die drei junge Leute für eine längere Bootfahrt auf der Themse treffen. In dieser Darlegung stoßen wir auf folgenden hübschen Exkurs: „Die erste Lifte, die wir zusammenstellten, mußte vernichtet werden; es war klar, der Oberlauf der Themse wäre nicht breit genug gewesen, um das Boot zu tragen, das die in jener Liste verzeichneten Sachen alle enthielte. So zerrissen wir denn die Liste und schauten einander an. Georg meinte: „Wir sind allcsammt auf dem Holzwege! Wir müssen nicht an alles das denken, was wir ^rauchen könnten, sondern an das, was wir absolut richt entbehren können." Georg hat manchmal einen ganz verständigen Einfall, >o erstaunlich das auch klingt. Ich heiße das Weisheit in höchster Potenz, nicht nur in Bezug auf die gegenwärtige Frage und Reise, sondern in Bezug auf die LebenSreise überhaupt. Wie viele Leute laden für diese Reise ihr Boot mit einem Haufen »«nöthiger Sachen voll, sodaß es beständig in Gefahr schwebt, umzukippen! All diese Sachen halten sie für unerläßlich zu ihrem Vergnügen und ihrer Behaglichkeit, während sie in der That ganz unnützer Ballast sind! Wie häufen sie doch das arme, kleine Ding an mit schönen Kleidern, mit großen Häusern, mit einer Bande fauler Bedienten, mit einer Schaar schmarotzender Freunde, die sich keinen Pfifferling um sie kümmern, und um die sie sich selbst keinen halben Pfifferling kümmern, wie beladen sie es mit kostspieligen Festen, an denen Niemand ein wirkliches Vergnügen findet, mit Förmlichkeiten und Modethorheiten, mit Anmaßung und Herausforderung, und — o schwerster und dümmster Ballast! — mit der Furcht, was wird mein Nachbar dazu sagen? Mit Luxus, der doch nur Tünche, mit Vergnügungen, deren wir doch bald überdrüssig werden I Mit leeren Schaustellungen, die unser Haupt schmerzen und bluten machen, wie die eiserne Krone, die man ehedem dem Verbrecher aussetzte! Ballast ist's, ihr Leute, lauter Ballast! Werft ihn über Bord! Er macht nur, daß euer Boot so schwer vorwärtszubringen ist, daß ihr beinahe darüber erliegt! Er macht, daß euer Boot so mühsam und gefährlich zu steuern ist, daß ihr niemals auch nur für einen Augenblick der Angst und Sorge ledig seid; daß ihr euch niemals, auch nur für einen Moment, dem üolea kau nisnts hingeben dürft, daß euch keine Zeit bleibt, die flüchtigen Schatten zu beobachten, wir sie über die Untiefen weghuschen, oder die glänzenden Sonnenstrahlen zu verfolgen, wie sie auf den kräuselnden Wellen umherhüpfen, oder das Auge zu weiden an den hohen Uferbäumcn, die ihr eigen Bild in der Tiefe betrachten, an den Wäldern mit ihren gold- grüuen Wipfeln, an den weißen und gelben Lilien, an den düstcrwogcnden Ried- und Schilfgräscrn, an den blassen Orchideen oder den blauen Vergißmeinnicht-Augen! Werft ihn über Bord, ihr Menschen, den Ballast! Laßt euer LcbenSschifflein leicht dahinschwebm, nur mit dem Nöthigsten beschwert! Ein heimliches Nest mit seinen stillen Freuden, ein oder zwei Freunde, die dieses NamcnL werth; Jemand, den ihr liebt, und Jemand, der euch liebt; eine Katze, ein Hund, eine Pfeife oder zwei; Kleidung und Nahrung, soviel man braucht; und etwas Ueberfluß an trinkbarem Stoff, — denn der Durst ist gefährlich! Dann werdet ihr das Boot leichter fortbringen, und es wird weniger der Gefahr des Umkippens ausgesetzt sein, und es wird auch nicht viel schaden, wenn es ein- vder das andremal umschlägt; gute, richtige Waare muß auch einmal naß werden dürfen! Ihr habt dann Zeit zum Nachdenken sowohl als zur Arbeit, Zeit, des Lebens Sonnenschein einzusaugcn, und Zeit, den Aeolsharsentönen zu lauschen, welche Gottes Winde auf den Saiten des MenschenherzenS erklingen lassen.* (Franks. Ztg.) - s« » Ku - E' > Dir Bedeutung dee ZsrSrn in der Pflanzenwelt. (Nach einem Vortrage von Dr, Meyer in Köln.) Nicht um des Menschen willen tragen die Pflanzen schöne und ausfallende Farben an sich, sondern ihrer selbst halber. Für manche Blume und Pflanze ist die sogenannte ISechselbefruchlung nothwendig, d. h. der befruchtende Blüthsnstaub einer «ärmlichen Blume muß hinübergefüyrt werden zu einer weiblichen Blüthe einer anderen Pflanze derselben Art. Diese Übertragung kann auf verschiedene Weise geschehen. Bei den «eisten Blumen wird sie bewirkt durch Insekten, die des süßen Saftes wegen die Blumen besuchen, in dieselben hineinkriechen, auf ihre« Leibe den befruchtenden Blüthsnstaub Mitnehmen und denselben auf andere Pflanzen abstreifen. Die leuchtenden Farben treffen das Auge der die Luft durchschwirrrnden Bienen, Hummeln, Sch«etterltnge u. a., sie «achcn die Blume um so «ehr bemerkbar, je «ehr sich die Farbe v»W Untergrund abhebt. Der goldgelbe Hahnenfuß auf dunkelgrüner Wiese, die blaue Kornblume am Rande des reifenden, der gelben Farbe sich zuneigenden AehrenfeldrZ können nicht übersehen werden, sie locken vielmehr willkommene Gäste von allen Seiten herbei. Bei nicht wenigen Blumen soll die Befruchtung durch Nachtschruetierlinge und Insekten der Finsterniß bewirkt werden, daher tragen sie dir weiße oder hellgelbe oder einen sonstwie auch in der Nacht sich bemerkbar machenden Farbenton an sich. Hierhin gehören Geißblatt, Nachtkerze, Königin der Nacht u. a. Zwar laden viele derselben auch durch süßen Duft zu freundliche« Besuch ein, wie das Geißblatt, aber das eine Lockmittel wird noch verstärkt durch das zweite, die leuchtende Farbe. Während das echte Veilchen so stark duftet, daß es durch den lieblichen Geruch sich genügend bemerkbar macht und einer lockenden, auffallenden Farbe entbehren kann — auch wenn es im Verborgenen blüht, wird es von den lüsternen Gästen aufgefunden —, strahlt das ihm nahe verwandte, aber dnftlosr Stiefmütterchen in leuchtender, lockender Farbenpracht. Die Blumen, bei denen die Befruchtung nicht durch Insekten bewirkt zu werden braucht, bei denen der Wind den befruchtenden Staub von der einen zur andern trägt, ermangeln der Farben gänzlich. Grau und unscheinbar sind die Blüthenkützchen der Haselnußstaude, der Erle, der Birke. Während nun bei gewissen Pflanzen die Blüthe in schöner Farbe prangt, läßt eine andere ihre Frucht für das Auge besonders auffallend erscheinen. Die leuchtend — 647 rothe Farbe der Kirsche, der Vogelbeere ruft die Vogel des Himmels herbei, daß sie sich nähren sollen von diesen Gaben der allsorgenden Mutter Natur. So kommen die Samen dieser Pflanzen, die Kerne der Früchte tn die Verdauungsorgane der leicht beschwingten Gäste; dort wird ihre Keimkraft nicht nur verringert oder zerstört, wie es scheinen könnte, sondern sogar, wie bestimmte Versuche bewiesen haben, noch vergrößert, und wo sie abgesetzt werden und die Bedingungen ihres Daseins finden, sprossen Pflanzen und Blumen auf, selbst auf unzugänglichen Felsen und Mauern. Die anlockende rothe Farbe auf dunkel« Untergründe der Blätter zeigen die Kirschen, die Preißelbeere, die Stechpalme u. a.; in der Reife blaue Beeren machen sich bemerkbar auf gelb werdendem Laub der Waldbesrs, des Holunders, des wilden Weines; in leuchtendem Weiß, einer sehr seltenen Fruchtfarbe, schimmert auf grauem Strauchgeäste die Schneebeere am St. Petrusstrauch. Von ganz besonderem Interesse ist ein Farbentvn in der Blumen- und Pflanzenwelt, der zwischen Gelb und Noth steht und in der Pflanzenkunde den Namen Anthokyan (Blumenblatt) erhalten hat. Am auffallendsten macht er sich bemerkbar an den absterbenden Blättern des Ahorns, bcS wilden Weines, des Götterbaumes, der Eiche. Wem ist nicht das wunderbare Farbenbrld des im Herbste seines Lebens stehenden Laubwaldes bekannt, und wer hat sich noch nicht die verwunderte Frage nach Grund und Zweck dieses seltsamen Farbenschcmspiels vorgelegt? Allbekannt ist, daß der junge Spargeltrieb, wenn er sich aus der Erde hervorhebt, am Kopfe sich bläulich färbt, daß junges Eichenlaub, das im Juni sich bildet und Johannistrieb genannt wird, bräunlich erscheint. Gewisse Flechtenarien färben sich zu heißer Sommerszeit roth hoch oben in den Alpen. Alles das ist Anthokyan. Wozu diese ganz eigenthümliche Farbenbildung? Zum Gedeihen fast aller Blumen und Pflanzen ist unbedingt nothwendig das sogenannte Chlorophyll, Blattgrün oder Pflanzengrün, ein Stoff, der, bei passender Beleuchtung, aus den unorganischen Nährstoffen, nämlich aus Kohlensaure und Wasser, organische, aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff zusammengesetzte chemische Verbindungen unter Ausscheidung von Sauerstoff erzeugt. Die Pflanze ist nur, weil sie, und nur, wenn sie Chlorophyll besitzt, zu dieser für sie charakteristischen Ernährungsweise geschickt. Dieses so unbedingt nothwendige Blattgrün leidet nun unter allzugrcller Beleuchtung, und deshalb deckt, wie schon oben gesagt, das dunklere Anthokyan (Blnmenblau) dasselbe ab bei jungem Spargeltrieb, frischem Somsrereichenlaub und gewissen Flechten in den von der Sonne allzugrell bestrahlten Alpen. Bei absterbenden Blättern bewirkt Anthokyaik, daß durch die dunkler gefärbten Blattrippen und Blattstiele die Nährstoffe leichter zurückgelettet werden zu Zweigen, Achten und Stamm, e§ begünstigt, indem es Licht in Wärme umsetzt, die Aufspeicherung der Nährstoffe in der eigentlichen Pflanze. Aus demselben Grunde bildet sich An- thckyan, wenn im Wachsthum der Pflanzen besonders starke Zubereitung der Nährstoffe nothwenoig ist, wie das deutlich erkennbar ist tn der röthlichen Färbung der jungen Nhabarberstengel und der jungen Nußbau»:Rätter. Möglichst starke Ausnutzung des Lichtes, Umsetzung desselben in Wärme ist bei vielen anderen Pflanzen Zweck der Anthokyanbildung. Während die aus dem Wasser schwimmenden Blätter der Teichrose auf der Oberfläche dunkelgrün und lederartig hart sind, damit sie gegen auffallende Schädlinge geschützt erscheinen, ist die Unterseite des Blattes röthlich gefärbt, weil sie das nur in geringem Maße zu ihr gelangende Licht auffangen und zu Wärme entwickeln will. Dieselbe Erscheinung findet sich noch bei vielen anderen Pflanzen, besonders solchen, die im Wasser oder im Schatten des Waldes ihr Dasein fristen. Eine röthliche Schicht auf der Unterseite der Blätter ist auch zu bemerken bei kurzlebigen Pflanzen, die also mit größter Intensität ihre Lebenssäfte zur Ausgestaltung bringen müssen. Als Beispiel fei genannt das allverbreitete und vielgeliebte Alpenveilchen. -- ALLsrrZsr. Die Erfinder deS Fahrrades Eine alte Nürnberger Chronik berichtet, daß dort im Jahre 1649 ein von einem gewissen Hans Hautsch hergestellter Kunstwagen aufgetaucht ist, „welcher in einer Stunde 2000 Schritte geht, man kann still halten, wenn man will, man kann fortfahren, wenn man will, und ist doch alles von Uhrwerk gemacht". Kurze Zeit darnach fertigte gleichfalls ein Nürnberger Uhrmacher, Stephan Farflex, nachdem er zuerst einen solchen vierrädrigen Kunstwagen gebaut, einen mit drei Rädern. Das dürste das älteste Dreirad fein. Nürnberg kann also in der Erfindung von Fahrwerk- zeugen, die man ohne Zuhilfenahme irgend welcher thierischer oder sonstiger Naturkraft fortbewegen kann, das Vorzugsrecht in Ansprnch nehmen. Daß auch das erste Zweirad in Bayern gemacht und praktisch benutzt wurde, ist nachweisbare Thatsache. In Schweinfnrt verfertigte sich der 1812 geborene Jnstrumeritenmacher P. Moritz Fischer zu Anfang der 50er Jahre em Aweirad mit Tretkurbeln, welches er zu seinen Geschäftstouren benutzte. Fischer, der schon vor vielen Jahren gestorben ist, theilte das LooS aller Erfinder; nur ein kleiner Kreis zeigte Interesse für sein Zweirad, von der Mehrheit wurde er verspottet und ausgelacht. Verrathen. Gatte: „Alle Wetter, nun Labe ich die Schlüssel zu meiner Kassette tm Bureau gelassen und von Dir paßt auch keiner, nicht wahr?" — Gattin: „Nein, ich habe mich auch schon darüber geärgert." ^Lllo Reedts vordeLslierr.) ÄAsselrivIrtO 4 a6—a5 S De2Xa4 t7—kö 30 b4—b5 Lb8-k3 10 De4-d3 tö—t4 31 b5—b6 Da4Xa2 11 Le3-d2 e6—«5 32 Lo4xk4 Lk8-b3 12 d4X«5 Le8—g4 33 1>6xg71- Lk6Xg? 13 Dd3—b3(a) 8c6—d4 34 Ik4—e4(o) Da2—als 14 Db3-d1 Lg4xk3(b) 35 Lo1-d2 Lb6Xb2f 15 g2X13 Lks-15 86 Ld2—e3 Lb8—f8 16 Lkl—d3 LföXoS-s- 37 f3—k4 Dal—a2 17 Ld3—e4 Dd8-d7 38 Lo3xb2 Da2Xb2 18 Ld2—o3 e?—c5 39 Lei-bl b7—b6 19 Ddl-d3 Las—08 40 Le4—e5 Lk8-b8 20 0-0-0 Dd7—a4 41 Ldö—e4(f) Dg7Xs5 Llj Lei-bl Lo7—f6 42 LdlxdOs- Lb8-g7 Weiss gibt die Dartis auk (g). a) Luf 13. Ld2—e3 würde 8e6—b4, 14. Dd3—e4,Lg4—k§ folgen. b) sogleieb 14. Lk8—f5 wäre nael» stärker. v) Damit begibt sieb Weiss in eins ganr unnötbigs 6s- fabr, indem er den gegnerisebon Lbürmen eins vortbeilbaftö Lvgriikslinio öffnet. Wenn es steinitr durobaus um einen Dauern r.u tbun war, wessbalb rog er dann niebt 22. Le4Xb7j-, was gekadrlos geseboben konnte? d) statt des Lönigsxugos konnte 28. Ld5—f7 geseboben; stoinits fürebtsts offenbar die lfortsetsung Lb6Xb2j-, 29. De3Xb21, Lb8Xb2f, 30. LblXb2, 8c3—o2f-, die indess an 31.Lb2-b1.Da4- b4f, 32.Dd3-b3, Db4X6lt, 33.Lbl— c2 sebeitert. s) statt dessen konnte Weiss mit 34. Le4Xd4, o5Xd4, 35. Le3Xd4 der gsfabrdrobeuden Lage sieb entsieben. f) Der Länksrxug ist notbwendig, um dem drobenden Lb8—b3 xn begegnen. g) Ironie des sebicksals! stsinit^ gibt die Dartio bier auf, in einer stsllung, in der er sie unsebwer remis balten konnte; er glaubte offenbar, dass der Verlust der Dame dureb Lb3—l>3 nun unvermeidlieb sei. sebrvars (danowski). stellung naeb dem 42. Auge. Lnf wclebs Weise Remis möglieb ist, das berausruündev überlassen wir vorerst dem sebarfsinno unserer Leser, denen wir die vorstebends stellung als Lndspielstudis vorfübren und die Lösung später mittbeilen werden, steinitr, der wäb- rend seines jüngsten Lukentbaltes dabier auf das Remis aufmerksam gemaebt wurde, war darüber böoblieb erstaunt, erklärte es aber alsbald für rutreikend. Die Minen jener sebaebfreunds, welobo die Endspiels sowie Droblems ete. ricbtig lösen und reebtroitig einsenden, werden in entspreebenden 2eitabsebnitten an dieser stelle veröikentliebt. _ (D D. in L.) Destsn Dank für Ibrs freundliobon Wunsebs, mögen dieselben naeb jeder Dicbtung bin in Erfüllung geben! Llles auk das sebacb Desügliebs ist ausnabmslos 2 u adressiren: „Ln die Redaction des Lugsburger sellueb- blutt — Lake Lugustu — Lugsburg." "WU! Algebraische Gleichung. u — t-s-b-s-v — X a) wichtige Verkehrseinrichtung, d) Nahrungsmittel, o) russischer Fluß, x) als mächtiger Gott aus der griechischen Mythologie bekannt. Auflösung des Scherzräthsels iu Nr. 82: Habe, Haue, Hase, Haie, Haxe. - t jjs ^ » D« ^ - « 85 . 1896 . „Augsburger Postzrüung". Viustag, den 13. Oktober Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des iliterarischen Instituts von Haas L Grabderr in Augsburg lVorbesttzer vr. Mar Huttler). Kin fehlendes Wort. Original-Novelle von C. Borges. (Fortsetzung.) Lieutenant von Römer schlenderte langsamen Schrittes dem Hause des Advokaten Neumann zu. Er hatte bald sein Ziel erreicht, als er Fräulein von Schalldorf bemerkte, die mit einem Hündcben an der Leine rasch vor- übereilte. Die junge Dame bestieg einen Omnibus und war bald seinen Blicken entschwunden. „Selbst wenn ich die Erbin wäre und Niemand mein Recht bestreiten könnte, würde ich mich nicht überreden lassen, die Hand des Lieutenants anzunehmen", dachte sie bei sich selbst, als das schwerfällige Gefährt langsam über das Straßenpflaster rasselte, „selbst wenn mein Herz nicht Rudolf Wieser gehörte. Der Lieutenant ist reich, jung und unterhaltend, aber es liegt etwas in seinem Wesen, was mir mißfällt, und ich könnte ihm nie vertrauen." Der Omnibus hielt in einer entlegenen Straße der Vorstadt. Die junge Dame ging nur noch wenige Schritte, dann blieb sie vor einem kleinen Häuschen stehen. Ein junges, sehr reinliches Hausmädchen mit schneeweißer Schürze öffnete die Hausthür und führte sichtlich erfreut die Dame in ein kleines, aber behaglich und sauber gehaltenes Wohnzimmer. Eine ältliche Dame mit silberweißen Haaren und edeln, aristokratischen Gestchtszügen lag auf einer Chaiselongue. Sie war fast gelähmt und konnte sich nur mit Hilfe der Krücken, die zur Seite standen, mühsam und mit Anstrengung fortbewegen. „Mein liebes Kind, das ist eine angenehme Uebcr- raschung", rief sie mit einem glücklichen Lächeln aus, „wie wird sich Rudolf freuen, wenn er Dich hier findet!" Mathilde von Schalldorf rückte ein niederes Tabouret herbei und ließ ihr Haupt in dem Schooß der alten Dame ruhen, die leise ihre Hand auf die Schulter ihrer jugendlichen Freundin legte. Es lag eine tiefempfundene Herzlichkeit in dieser leichten Berührung, und einen Augenblick sahen sich die beiden Damen mit unendlicher Liebe an. „Mein Vater hält jetzt täglich Berathungen mit seinem Anwalt, und meine Mutter ist bei einer Freundin", berichtete das junge Mädchen, „und da mußte ich doch die gute Gelegenheit benutzen und hierher eilen, wo ich am liebsten immer bleiben möchte." „Wir freuen uns auch immer, Dich hier zu sehen", versicherte die alte Dame, „so, mach's Dir bequem, mein Kind, dann erzähle ich Dir auch etwas Neues. — Wir haben endlich die beiden Zimmer vermiethet; das vordere große Wohnzimmer und das große Schlafzimmer, das nach dem Garten geht; eine ältliche und gewiß alleinstehende Dame wohnt seit gestern bei uns." „Wie heißt sie?" „Fräulein Winter. Wir merken kaum, daß sie im Hause ist; wir haben sie in Kost und Logis, aber sie ist sehr anspruchslos und wir hätten es niemals besser treffen können." „Wirklich?" Die junge Dame schielte besorgt nach einer dünnen Tapetenthür, die das Zimmer von den Räumen der neuen Hausbewohnerin trennte und die daher, ohne zu lauschen, jedes Wort hören mußte. „Ist sie jetzt in ihrem Zimmer?" fragte sie ängstlich. „Ja, sie geht fast gar nicht aus, höchstens nur spät am Abend." „Kann sie wohl hören, was wir sprechen?" „Wir wollen uns im Flüstertöne unterhalten. Es wäre für beide Theile besser, wenn die Zimmer getrennt oder durch eine feste Thür geschieden wären. Aber, mein Kind, Du hast ja heute einen Hund mitgebracht! Wie kommst Du dazu? Du hast doch sonst keine Liebhaberei für Thiere." „Waldmann! komme hierher", rief Mathilde, als der Hund anfing, an der dünnen Tapetenthür zu kratzen und zu scharren, und endlich knurrte und bellte. „Er gehörte meiner armen, unglücklichen Tante", fuhr sie fort. „DaS arme Thier wäre beinahe in den Flammen umgekommen, und da weder meine Eltern noch Neumann's Hunde leiden können, sollte das arme Thier getödtet werden. Aber meine arme Tante hatte ihn sehr lieb, und um ihretwillen habe ich mich seiner angenommen. Er folgt mir auf Schritt und Tritt. Aber Waldmann, was hast Du denn heute?" fuhr sie fort, als der Hund wieder von dem Schooße gesprungen war und bellend an der Tapetenthür scharrte, „Du bist doch sonst nicht so unruhig." „Das hast Du gut gemacht, Kind, daran erkenne ich Deinen edlen Charakter. Gerade da Deine Tante Dir so wenig Liebe erwiesen hat, freut es mich doppelt, daß Du Dich eines hilflosen Wesens annahmst, das sie liebte." „Es war nicht ihre Schuld; es gibt ja so wenig Leute, die mich gern haben", erwiderte das junge Mädchen mit einem Anflug der Bitterkeit. „Ich verstehe es zu 6ö0 wenig, wich einzuschmeicheln, und meine eigenen, Verwandten verstehen mich nun einmal nicht. Ehe ich Rudolf kennen lernte, hat Niemand Liebe oder Zärtlichkeit für mich verschwendet, aber jetzt, da ich weiß, daß ich seine Liebe gewonnen habe, hat das Leben neuen Reiz für mich bekommen." Sie sah in diesem Augenblick so strahlend glücklich und zufrieden aus, daß das Urtheil des Lieutenants: „kalt, verschlossen und unzugänglich" gar nicht am Platze war. Glück und Liebe hatten die schlummernden guten Eigenschaften im Herzen der jungen Dame geweckt. „Ich glaube", fuhr sie dann sinnend fort, „wenn meine Tante arm, anstatt so unermeßlich reich gewesen wäre, so würden wir beide sehr gut mit einander harmonirt haben. Ihr Geld bildete eine unüberwindliche Kluft zwischen uns. Ich wußte sehr gut, daß sie uns allen mißtraute und sich in dem Wahn befand, wir trachteten nur nach ihrem Erbe. Daher kam es vielleicht, daß ich kalt und zu wenig entgegenkommend gegen sie war, obgleich ich im Grunde des Herzens sie aufrichtig liebte." „Mein Sohn Rudolf war über die Bestimmung des Testamentes sehr erregt", gestand die alte Dame. „Er fürchtet, daß, wenn der Prozeß zu Deinen Gunsten ausfällt, Deine Eltern Dich zwingen würden, die Hand des Lieutenants anzunehmen." Die Lippen der jungen Dame preßten sich fest aufeinander. „Selbst nicht um meinen Eltern zu gehorchen oder ihre Wünsche zu erfüllen, könnte ich mich für's Leben unglücklich machen", versetzte sie entschieden. „Nein, Rudolf's Furcht ist ganz unbegründet, denn ich werde niemals die Erbin meiner Tante werden. Die geschicktesten Rechtsgelehrten der Welt können doch nicht ergründen, welches Wort die Verstorbene zu schreiben gedachte; ich weiß aber ganz genau, daß sie meiner Cousine den Vorzug gab." Ein leiser Schritt im Nebenzimmer erregte wieder die Aufmerksamkeit des Hundes, der laut zu bellen anfing ; zur selben Zeit ertönte der schrille Ton der Hausglocke. „Jetzt kommt Rudolf", rief die Mutter, „verbirg Dich einen Augenblick hinter der Thür, dann ist später seine Ueberraschung doppelt groß." Mathilde gehorchte. Den Hund auf den Arm nehmend, verbarg sie sich hinter einer schweren Portiere, als gerade der junge Mann das Zimmer betrat. „Hast Du heute Nachricht von Mathilde gehabt, Mutter?" fragte er, sich in einen Sessel niederlassend. „Ich bin heute so müde; die Knaben machten mir in der Klasse viel zu schaffen, es war ohnehin ein anstrengender Tag für mich. Na, was soll das bedeuten?" rief er aufspringend, als der Hund hinter der Thür zu bellen anfing. „Es bedeutet, daß Mathilde hier ist", jubelte das junge Mädchen, schnell das Versteck verlassend. Der junge Professor breitete feine Arme aus; seine Müdigkeit war verschwunden, sein Antlitz strahlte vor Freude. „Ich ahnte nicht, daß mir heute Abend noch diese Freude bevorstand; wir haben uns in letzter Zeit so selten gesehen." Rudolf Wieser war ein junger, bleicher Mann mit ernsten, seelenvollen Augen. Ein großer, dunkler Voll- bart umrahmte sein schmales Antlitz und ließ ihn älter erscheinen, als er in Wirklichkeit war. Als Professor am Gymnasium lag er treulich seinen vielfachen Pflichten ob, und als junger Gelehrter widmete er alle seine freie Zeit wissenschaftlichen Studien. Vor ungefähr Jahresfrist hatte er die Tochter des Majors von Schalldorf kennen und lieben gelernt. Es widersprach seinem rechtlichen Charakter, diese Gefühle geheim zu halten, und er trat vor den Major, um die Hand seiner Tochter zu erbitten. Unbegreiflicher Weise war der Major über dieses Geständniß der Liebe höchst aufgebracht. Er beschuldigte den Professor, die Pflichten gegen seinen ältesten Sohn in früheren Jahren und jetzt gegen die jüngeren Söhne nicht erfüllt zu haben, und legte ihm die Schuld bei, daß der Direktor des Gymnasiums mit der Entlassung der wenig befähigten, aber zu jedem schlechten Streich und zu jeder Unthat bereiten Knaben gedroht hatte. Er entließ ihn mit der Versicherung, seine Bitte zu erfüllen, falls die Knaben in der Anstalt bleiben und sogar bet der nächsten Versetzung in eine höhere Klasse aufgenommen werden sollten. Professor Wieser gab sich redliche Mühe, auf die Knaben nach besten Kräften einzuwirken. Er gab ihnen Privatunterricht, half bei den Aufgaben, suchte ihr Ehrgefühl zu wecken — alles war vergebens; die Knaben beharrten in ihrer Trägheit und sannen nur weiter auf lose Streiche. Als nun wirklich die Entlassung erfolgte, verbot der alte Major in seinem Zorn dem Professor, die Schwelle seines Hauses zu überschreiten, und seiner Tochter jede Zusammenkunft und jeden Briefwechsel mit dem Geliebten. Mathilde gab jedoch nicht das verlangte Versprechen. Sie versicherte dem Vater, daß sie nach wie vor die arme gelähmte Mutter des Professors besuchen werde, da diese sich in ihrer Hilflosigkeit an ihre kleinen Dienstleistungen gewöhnt habe und sie es für Christenpflicht halte, dieselben weiter zu üben. Sie versprach aber, mit einer Verbindung mit dem Geliebten so lange zu warten, bis die Eltern ihren Segen zu dem Bunde geben würden. „Mein lieber, guter Rudolf", sagte sie jetzt, als der kleine Kreis gemüthlich um den runden Theetisch saß, „Du hast Dir heute ganz unnütze Sorge gemacht, denn ich werde niemals die Erbin meiner Tante werden, und selbst wenn ich es würde, so machte das in meinen Gefühlen für Dich keinen Unterschied. Wenn ich nicht Deine Gattin werden darf, so sterbe ich lieber als alte Jungfer." Er küßte sie zärtlich und flüsterte ihr Liebesworte zu, die liebliches Roth auf ihre bleichen Wangen zauberten. Als das einfache Mahl beendet war, trat Mathilde den Heimweg an, begleitet von dem Professor. „Hat Fräulein Winter ihr Abendbrod bekommen?" fragte Frau Wieser, als das Mädchen den Speisetisch räumte. „Nein; sie verlangte nicht darnach. Sie klagte über Kopfschmerzen und hat sich früh zur Ruhe begeben." (Fortsetzung folgt.) -— - - Zwei Tage aus dem Leben Pipin's des Kleinen. Von Antonie Haupt. 1. Es war um die Mitte des achten Jahrhunderts. Papst Zacharias, „der heilige Friedensfürst", saß auf dem Stuhle Petri mild und voll Güte, ein treuer Vater, ein guter Hirte. Hoch ragte auf dem südlichsten Hügel Rom's der 651 stolze Palast der alten Lateraner über seine schöne Umgebung hervor. Er war seit Kaiser Constanttn's Bestimmung Sitz und Eigenthum des Nachfolgers Petri, des römischen Papstes. Die weiten Räume des Palastes, Patriarchtum genannt, sind mit großer Pracht mit Marmor, kostbarem Wandschmuck und goldstrahlendem Bildwerk ausgestattet. In seiner Lieblingshalle, die mit vollendet schönen Marmor-Statuen, den Bildern Jesu Christi, der heiligen Maria und der Apostel geschmückt ist, und deren in leuchtender Mosaik strahlende Wände vielfach von Schriftrollen und Folianten, kurz, von einer reichen Bibliothek verdeckt sind, finden wir den Vater der Christenheit. Zacharias ist eine hohe, vornehme Erscheinung mit klassisch fein geschnittenen Zügen. Wenn das Alter auch leuchten in gebieterischer Gluth. Das Feuer mildert sich jedoch zu sanftem Glänze, wenn sein Blick dem des Oberhauptes der Christenheit begegnet. Der Papst redet mit ihm, wie mit einem lieben Freunde. Und ein treuer Freund, ein treuer Sohn der Kirche war auch derjenige, der ihm gegenüberstand. Der kleine und doch so große Mann war Pipin, der mächtige Major- Domus, der eigentliche Beherrscher des Frankenreiches. König Childcrich. der stumpfe Abkömmling eines morsch gewordenen Geschlechtes, war ja nur ein Lchatteukönig. Längst hatte der Papst den Gast zum Sitzen eingeladen, lange schon hatten die beiden hervorragenden Geister in zündender Zwiesprache sich über mancherlei Zustände und Gebresten der Christenheit wie des Frankenreiches ausgesprochen. Da^ sagte Pipin endlich mit Vasall bereits sein Haupthaar gebleicht hat, so ist der Glanz seiner dunkeln Augen noch unvermindert. Geistige Bedeutung, unendliche Herzensgüte leuchten daraus hervor. Der Statthalter Christi ist nicht allein. Vor ihm steht ein Mann, der trotz seines kleinen gedrungenen Körperbaues etwas gewaltig Zwingendes, etwas von der Majestät eines geborenen Herrschers hat. Er trägt die einfache, eng anliegende Tracht der Franken von feinem Hirschleder. Nur das juwelenfunkelnde Schwertgehenke und der golddurchwirkte, mit Purpur verbrämte Mantel lassen auf hohen Rang des Besitzers schließen. Doch umwallen sein Haupt nicht die reichen Locken, wie sie nur die Könige der Franken tragen; sein blondes Haar ist kurz geschoren, ein langer Schnurrbart unter der scharf gebogenen Nase schmückt das ernste charakteristische Antlitz. Seine großen, kühn blickenden blauen Augen -Insel. raschem Entschlüsse: „Gestattet, heiliger Vater, daß ich Euch den eigentlichen Zweck meiner Romreise darlege." „Sprecht, theurer Freund, Ihr findet ein williges Ohr", ermuthigte Zacharias freundlich. „Nun wohl", begann der Frankcnfürst, „ich stehe als Bittender vor Euerer Heiligkeit, und zwar — nennt mich nicht unbescheiden — begehre ich nichts Geringeres von Euerer Gnade, als eine heilige Reliquie, vielleicht ein Andenken an unsern Erlöser selber. Ich begehre es für die von den Vorfahren meiner Gemahlin gegründete Klosterkirche in der Eifel. Erfahret: Bertrada von Mürlen- bach, aus dem edelsten fränkischen Geschlechte, faßte den Entschluß, mit ihrem Sohne Chartbert, dem Vater meiner Gemahlin, ein für ihre Familie und für die weite Umgegend segensreiches Werk zu schaffen. In einem von wilden Wäldern umgebenen lieblichen Wicsenthale zu 652 Füßen der Schnee-Eifcl, allwo die Flüßchen Prüm und Dettenbach zusammenfließen, erbaute sie eine Kirche und ein Kloster und schenkte dazu ihr halbes Erbtheil. Sie ließ das Kloster auf die Namen der heiligen Maria, der Apostelfürsten Petrus und Paulus und des heiligen Martinus weihen, dann gab sie es den Jüngern deS heiligen Benedictus zum Wohnsitze. Fast dreißig Jahre lang erflehen nun fromme Mönche alldorten Tag und Nacht die Barmherzigkeit Gottes. Fast dreißig Jahre lang wirken die eifrigen Söhne des heiligen Benedictus rastlos, nimmermüde und segensreich im weiten rauhen Eifellande. Bertrada, wein trautes Eheweib — ich sagte schon, sie ist die Enkelin der Klosterstiftertn — erbittet nun durch wich, ihren Gesandten, das Gnadengeschenk, eine Reliquie des Heilandes, damit es dem Kloster und seiner Umgebung zur Freude und zum Heile gereiche." Ernst neigte der Papst das Haupt. „Euere Bitte sei gewährt, mein Fürst. Ich verwahre in der Basilika des Laterans gar manche Reliquie des Heilandes. Ihr sollt eine kostbare in Empfang nehmen für Euere Kirche. Ich werde sie noch heute in Euere Hände legen. Doch, ehe ich Euch ersuche, mich an jene Stätte zu geleiten, wo die ehrwürdigen Schätze geborgen ruhen, lasset uns hier noch einiges besprechen." Und rasch, mit forschendem Blicke fragte er: „Wie befindet sich Euer König, der junge Childerich?" „Körperlich ganz wohl", lautete die Entgegnung. „Körperlich?" wiederholte der Papst und schaute sinnend vor sich nieder. Dann sah er mit festem Entschlüsse empor. „Mein Fürst, ich weiß, daß die Großen, der Adel und das Volk der fränkischen Nation einstimmig sich entschieden haben, Euch, einen kräftigen Herrscher, statt des geistig kranken Schattenkönigs auf den Thron zu erheben. Ich weiß, im Frankenreiche gilt noch das alte Recht: die Versammlung der freien Männer, so einmal im Jahre auf dem Maifeld zusammenkommt, darf einen untauglichen König absetzen und einen neuen König wählen." „Heiliger Vater, eine solche Wahl werde ich nicht annehmen", entgegnete Pipin erregt, „es sei denn, daß auch die Bischöfe sich für mich entscheiden. Diese aber tragen gerechtfertigte Bedenken, der Merovingischen Königs- famtlie ihr altes Erbe zu entreißen." Der Papst wiegte das Haupt. „Die Absetzung des armen Childerich ist keine unrechtmäßige, sondern eine gebotene Handlung, wozu das fränkische Volk befugt, ja sogar gezwungen ist. Für das Abendland ist es dringend erforderlich, daß ein kräftiger Herrscherstamm an Stelle eines entarteten, ohnmächtigen Geschlechtes tritt." Pipin's Auge flammte. Er richtete sich empor. „Ich fühle den Beruf und die Kraft in mir, das Geschick des Frankenlandes, das Geschick ganzer Völker vielleicht für Jahrhunderte lang zum Guten zu lenken, aber . . ." „Kein aber!" fiel Zacharias ein. „Die entscheidende Stimme der Bischöfe werdet Ihr haben." „So werde ich den fränkischen Thron besteigen!" rief Pipin in hoher Freude. Er kniete nieder. „Ich bitte um Euern Segen zu meiner hohen Aufgabe." „Den Segen ertheile ich Euch, dem baldigen Allein- beherrscher des Frankenreiches, mit Freuden. Ich habe den Wink Gottes erkannt und weiß, daß ich durch den päpstlichen Segen nur dem, was die Vorsehung seit langem im Stillen vorbereitet hat, gewissermaßen die irdische Beglaubigung gebe. Eine Stimme sagte es mir mit Euerer Thronbesteigung ist entschieden, daß nicht der Halbmond über Europa herrschen, sondern daß ein großes Deutsches Reich erstehen wird, das Christenthum, geistiges Leben und Cultur bis zu den fernsten Grenzen Europa's tragen soll." Der Statthalter Christi erhob sich. Seine geistvollen Züge belebten sich, sein dunkles Auge leuchtete. Er sprach den Segen über den Knieenden aus. Alsdann sagte er: „Folget mir in das Heiligthum." Zu der in allen Zeiten als besonders heilig erachteten Stätte, zu der an den Palast sich anschließenden, von Kaiser Konstantin erbauten Kirche des allerheiligsten Erlösers, schritt Papst Zacharias dem Frankenfürsten voran. Die „Goldene Basilika" wurde diese Kirche vom Volke genannt, denn Kaiser Constantin hatte sie durch seine Weihegeschenke im Innern wahrhaft mit Gold über- kleidet. Seine Mutter, die heilige Helena, hatte von ihrer Pilgerreise viele kostbare Reliquien aus Jerusalem, aus dem ganzen heiligen Lande nach Rom in die Kirche des Laterans gebracht. Zahlreiche Reliquien der Apostel ruhten hier. „Sehet, dieser goldstrahlende Altar, an dem ich täglich das heilige Opfer feiere, umschließt den Holztisch, auf dem der heilige Petrus einst in den Katakomben das heilige Meßopfer darbrachte. Der Baldachin, so den Altar überschattet, trägt die Häupter der Apostelfürsten", flüsterte der Papst. Die Beiden sanken in Andacht nieder und beteten lange mit Inbrunst. Dann folgte Pipin dem Papste in eine Gruft. Zacharias schloß eine Lade auf und entnahm derselben ein kunstvoll gearbeitetes Kästchen. Darin lag auf weißer Seide ein Stück feines, weiches Leder von gelbbrauner Farbe. „Sehet, einen Theil der Sandalen des Herrn, von denen Johannes gesagt: Ich bin nicht würdig, die Riemen seiner Schuhe aufzulösen! Auf diesem Leder ruhte der Fuß des Welterlösers, als er den letzten schweren Gang zum Calvarienberge that. Die Kaiserin Helena brachte die Reliquie von Palästina hierher." Tief ergriffen kniete Pipin vor dem unscheinbaren heiligen Kleinode nieder und berührte es ehrerbietig mit seinen Lippen. „O Herr, sei meiner Seele gnädig durch die Wunden deiner durchbohrten Füße", sprach er. „Dieses Heiligthum sollt Ihr für Euere in Prüm gegründete Kirche in Empfang nehmen", sagte Zacharias. Mit Staunen und Rührung vernahm Pipin diese Worte. „Wäre es möglich, heiliger Vater? Mit solch' hohem Gnadengeschenk wollt Ihr mich, wollt Ihr das Kirchlein zu Prüm auszeichnen! O, habet Dank, heißen Dank! Ihr sehet mich fassungslos vor Freude. Ich werde eifrig auf die Verehrung der Reliquie bedacht sein und diesem Zeugniß von unseres Herrn Erdenwallen, diesem kostbaren Schatz eine würdige Umhüllung, eine würde Aufbewahrungsstätte in Prüm schaffen. Ja", rief er von plötzlicher Eingebung erfaßt, „ich will dem Erlöser einen prächtigen Tempel bauen, der, wenn ich zum König erhoben bin, auch königlich ausgestattet werden soll. Ich werde das kleine Kloster zu Prüm zu einer der mächtigsten und reichsten Abteien des Frankenreiches machen. Das sei mein dem Herrn gezollter Dank für die Erhebung auf den Königsthron." „Der Herr wird Euch segnen für diesen hochherzigen z. § M <. ->«LW -'»< .? -„^ ^ «-?< >. ' 7' ML§_LQL-I W^DWW -WW8WM "2-^, E^ - GMGW LK-SL ,2 « E«W WN ZLZM MG 's^.'l, t"! 654 Entschluß. Euere Stiftung wird eine stehende Bitte zu dem Erlöser um die Wohlfahrt des Reiches sein", sprach Zacharias ernst bewegt. Dann begaben sich die beiden Männer in den päpstlichen Palast zurück, wo dem Frankenfürsten und seinem Gefolge Gastfreundschaft zu Theil wurde. (Schluß folgt.) -- 4 - 4 - >» Basalt und Basallinseln. (Mit Bild.) Zu den im Unterschied von den Krystallfoimen sogenannten Massengesteinen, die gleich der Lavagluth flüssig der Erde entströmten, um nachher zu erhärten, gehört namentlich auch der Basalt. Der Stein, dessen Name syrischen Ursprungs ist, ist ein außerordentlich hartes, meist dunkles, ja tiefschwarzes Gestein, in welches meist in krystallförmigen Bestandtheilen Olivin*) eingesprengt ist. Eine merkwürdige Eigenschaft dieses Gesteins, die sogenannten Kontrakttonsformen, die sich nicht nur in Bildung von Platten, sondern namentlich auch in einer säulenförmigen Absonderung geltend macht, führt zu den denkwürdigsten und phantastischen Formationen, welche neben ihnen noch manche andere Plutonische und vulkanische Gesteine ausweisen. Es sind Säulen, mehr lang als dick, immer kantig und ebenflächig, und zwar zumeist mit 5 oder 6, überhaupt mit 3 bis 9 Seiten und Kanten. Meist außerordentlich zierlich und regelmäßig, sind sie gar oft durch Querklüfte gegliedert, und zwar so, daß diese Theilungsklüfte eine Säulengrnppe in einer Fläche durch alle Säulen hindurchgehen, nicht in verschiedenen Höhen die Säulen gliedern. Berühmt durch solche Bildungen ist namentlich dieFingalshöhle auf der Insel Staffa an der Küste von Schottland; doch hat man auch am Rhein Gelegenheit, solch wunderbare Gebilde zu Gesicht zu bekommen. Die Basalte, welche zuweilen sichtlich mit erloschenen Vulkanen in Verbindung stehen, weisen demgemäß auch gar oft eine große Aehnlichkeit, wenn nicht gar vollständige Uebereinstimmung mit den Auswurfmassen unserer thätigen Vulkane auf. Neben dem Basalt selbst sind es namentlich Dolerite und Anamestte, Mandelsteine und blasige schlackige Massen, welche die gleiche Formation mit diesem zeigen. Außer diesen finden sich dann gar mannigfaltig gebildete Erzeugnisse der Zertrümmerung, Verkittung und Umschmelzung, wie dieselben bei gewaltsamen Vorgängen der Natur nicht anders erwartet werden können. Die äußere Gestalt der basaltischen Formationen ist im allgemeinen die der Trachyte?), allein ihr Gestein ist mehr verbreitet und bietet an den einzelnen Bildungsstätten weit beträchtlichere Berge und Gebirge als jene. Im Leitmeritzer Kreis Böhmens hat ein solches Gebirge die Länge von 8 und die Breite von 2 Meilen. Der Vogelsberg in Hessen bildet eine ganz aus Basalt bestehende Basaltdecke mit einem Flächenraum von 40 Quadratmeilen. Verschwindend klein aber sind die deutschen Basaltgebirge gegen diejenigen in Indien, wo der Basalt ein etwa 1200 Meter hohes Tafelland bildet, das eine fast horizontale Schichtung mit steil abhängenden Rändern *) Olivin — Mineral aus der Ordnung der Kieselsäure- salze (Silikate). ') Trachyte — jungvulkanische, gemengte krystallinische Gesteine. und tiefen Spaltungsthälern zeigt. Indessen hat auch Europa selbst eine Menge solcher GestetnSformationen auszuweisen. Die Eifel, das prächtige Siebengebirge unterhalb Bonn, Westerwald und Rhön, Habichtswald, Vogelsberg, das Lausitzer- und Riesengebirge, und neben ihnen die vulkanischen Berggebiete von Zentralfrankreich, die erloschenen Vulkane Kataloniens, die nordische Vulkanzone, die italienischen Feuerberge beweisen ebenso wie die riesigen Schlöte in den Anden und auf Teneriffa, „daß der großartige Anlauf zur Feuerthätigkeit, den nach der langen Ruhe während der mesozoischen^) Zeit die alternde Erde mit dem Miocän^) wieder genommen hat, noch gegenwärtig fortdauert, sowie daß zwischen der heutigen Lava und den etwas älteren Trachyten und Basalten keine oder nur eine fließende Grenze zu ziehen ist." Eines der schönsten Beispiele für das Auftreten einer säulenförmig abgesonderten Basaltdecke ist eine Landschaft am Rio Colorado in Nordamerika, wo sich ein freilich nicht sehr dicker Strom von eruptivem^) Metall über die Gegend ausbreitete, ehe ein Thal an dieser Stelle vorhanden war. Darüber kamen neue Ablagerungen, und als sich später hier ein Fluß sein Bett wühlte, legte er hochoben an den Gehängen einen Schnitt durch die Basaltdecke bloß. Mitten aus den brandenden und schäumenden Meeres- fluthen hebt sich eine schwarz glänzende, kahle Masse; es ist ein wundersames, in seiner Farbe unheimliches, in seiner Ausgestaltung anziehendes Gebilde. Aus lauter einzelnen Säulen scheint das Ganze zusammengesetzt, da und dort ragen noch aus dem Meere kleine Säulen hervor, über welche die Brandung hinweghuscht. Dies ist eine jener Basaltinseln, deren es noch gar manche gibt. Es ist, als hätten ein solches Wunderwerk Riesen mitten in die Gewalt der Meereswellen hineinstellen wollen, um ihre Kraft daran zu erproben. Aber kein Fuß betritt diesen Strand! So steht die Basaltinsel in einsamer, aber darum nicht weniger glänzender Höhe mitten im Meere, ein mächtiger und beredter Zeuge jener Jahrtausende langen Entwicklung unserer Erde, an deren Ende wir noch lange, lange nicht angelangt sind! -«L-v-kSe-—- Die heißen Quellen Neuseelands. (Mit Bild.) Zu den wundersamsten Gegenden unseres Erdballs zählt jener Theil Neuseelands, welcher sich vom oberen Waikato nördlich bis zur Plentybai erstreckt. Warme Seen, heiße Sprudel, siedende Quellen und dampfende Erdspalten, das sind die Ueberraschungen, die Neuseelands Seenland (IHre-äisIriol) dem staunenden ") Man unterscheidet im Aufbau der Erdkruste unter Beachtung der Gesteinszusammensetzung, der Lagerungsweise und der eingeschlossenen Versteinerungen folgende Schichten: s a) die azoische oder archäische Formation — älteste, noch Versteinerungsleere Schicht, l .b) die paläozoische Formation — Reste einer eine von der jetzigen vollständig verschiedene Thier- und Pflanzenwelt einschließenden Schicht, «)) die mesozoische Formation — der heutigen Formation sich nähernde und k^ ä) die känozoische Formation — in die jüngste Formation übergehende Schicht. .<) Miocän — Stufe der Terttärformation, in welche die känozoische Formation gehört. °) Eruptiv — von einem vulkanischen Ausbruch herrührend 655 Gaste vorführt. Ein unheimliches Gefühl überkommt den Fremdling, wenn ihn der ortskundige Führer zwischen den brodelnden, qualmenden Tümpeln hindurchfühlt, wenn er die wüthende Gluth, welche tief unter ihm frißt, durch die Lavaschichte hindurch fühlt, wenn ihm im buchstäblichen Sinne der Boden unter den Füßen brennt. Und wenn es dann urplötzlich aufwallt in einer der gährenden Pfützen, und er nur durch schleunige Flucht sich vor dem siedenden Schlammguß retten kann, dann glaubt er wohl, daß höllischer Brand da unten tobt, und daß fürchterliche Gewalten sich in der Tiefe bereit halten, in gräßlichem Ausbruch alles zu vernichten und zu verderben. Neben diesen schauerlichen Wundern bietet aber dieses Seeland auch die Reize erhabener Ruhe und sanfter Milde. — Man hatte die vulkanischen Kräfte, die Neuseeland durchpulsen, schon im Ersterben geglaubt, man hatte angefangen, sich der dämonischen Schönheit dieses Wunderlandes ohne Furcht zu freuen, und namentlich der Roto-mahana (der warme See) war es gewesen, dessen unvergleichliche Reize Bewunderer aus allen Weltgegenden herangezogen. Kleine Sprudel hatten hier im Laufe derZeitenWunder- werke geschaffen, wie sie sonst nirgends auf Erden bestanden. Unausgesetzt sprang das dunkelgrüne siedende Wasser aus den Kalksalze und Kieselsäure führenden Geysern') Unaufhörlich floß es an den sanft abfallenden Hügelwänden nieder, und Tröpfchen für Tröpfchen, Stäbchen für Stäbchen setzte sich aus den Niederschlügen des Wassers ab, und daraus wuchsen herrliche Sinterterrassen 2 ) auf. Wie ein riesiges Bauwerk von Künstlerhand SA rosafarbene Sinterterrasse gewiß die schönste. Vom frischen Grün der Hügel umrahmt, mit einem zarten Schimmer vom duftigsten Hellrosa übergössen, machte dieses entzückende Bauwerk einen überwältigenden Eindruck. Und neben seiner einzigartigen Schönheit spendete dieser Bau noch alle Annehmlichkeiten eines wohleingerichteten Bades. Da waren kleine Wannen für Etnzelbäder und große Becken für „Schwimmer", alle von der Mutter Natur eigenhändig erbaut, gespeist und geheizt vom Siedgrad bis zum lauen Bade. Der warme See selbst war ein Wunder für sich, seine Wasser waren nicht gleichmäßig warm, sondern zeigten Temperaturunterschiede, die zwischen 15 und 40° schwankten. Da kam der 10. Juni des Jahres 1886. Drohende Zeichen: Erdstöße, unterirdisches Grollen, rasende Stürme waren vorangegangen; früh morgens um 2 Uhr erfolgte ein fürchterlicher Ausbruch des Tarawera, eines Berges, der seit unvordenklichen Zeiten keine Spur vulkanischen Lebens gezeigt und längst für erloschen gegolten hatte. In wenigen Stunden waren die Wunderwerke jahrtausendelangen Schaffens vernichtet, die Terrassen verschwunden, und an Stelle des See's dehnte sich eineschlammtge Fläche aus, bedeckt mit unzähligen Kratern, dampfenden Quellen und rauchenden Erdspalten. Wie auf dieser Fläche dampft es noch an vielen Stellen des Imlre- äistrivt unaufhörlich aus dem Boden. Unser Bild führt uns an die bekannten heißen Quellen von Ohinemutu. Dieses Städtchen liegt an den hügelumsäumten Ufern des Roto-rua (Lochsee). Still und schweigsam breiten sich die herrlich blauen Wasser des etwa bis in die feinsten, zier- Da» Dachfensicrchen. Nachdem Gemälde von I. G. Meyer von Bremen. 9 Kilometer umfassen- lichsten Einzelheiten sorgfältig ausgearbeitet, hingen diese stufenförmig absteigenden Becken am Hügelhang. Siedendheiß sprang oben der Wasserstrahl aus dem Boden; von Becken zu Becken niederfließend, kühlten sich die Wasser allmälig und ergossen sich unten angelangt mit einer Wärme von etwa 20° 0.°) in den Roto-mahana. Von den Terrassen, welche sich auf diese Art am Roto-mahana gebildet, war die ') Geyser — heiße Springquellen. °) Sin erterrassen — Treppenstufen aus den Nicderschlägen des Wassers. °) 20° 6. — Wärmegrade nach der von dem schwedischen Astronomen Anders Celsius (6) geschaffenen Eintheilung des Thermometers (Wärmemessers) in 100 Theile oder Grade zwischen Gefrier- und Siedepunkt. denSee's vor uns aus. An seinem Gestade aber siedet und wallt es ohne Unterlaß, und dichte Dampfwolken erfüllen die Luft. Die Eingeborenen, Maoris/) haben dicht bei den kochenden Quellen ihre Hütten aufgeschlagen; ein schönes, mit phantastischen Schnitzereien bedecktes Berathungshaus ist der einzige Schmuck dieses Dorfes. Die Maoris sind wahre Künstler in Schnitzarbeiten, und ihre Kunstwerke haben dem Geschmacke der fremdländischen Besucher so sehr entsprochen, daß die Eingeborenen sich veranlaßt sahen, die eigenartigen Zieraten von Wänden und Dächern zu reißen, um dafür die klingende Münze, welche die Bewunderer in überreicher Menge dafür boten, einzusacken. Dem Aus- °) Maori — Eingeborener von Neuseeland. 656 sehen des Dorfes ist dies allerdings nicht zu gute gekommen, die Sammelwuth und Habgier haben es in einen Zustand des Verfalles gebracht, der von der Pracht des allein unangetasteten Berathungshauses grell und traurig absticht. Sie haben es bequem, diese Herren Maoris, die Natur hat ihren Haushalt in gütigster Weise vereinfacht. Da hocken sie an ihren Wassertümpeln und kochen sich in den heißen Quellen ihre Lebensmittel ab. Dort baden sie ihre Leiber in den warmen Wasserlöchern und waschen ohne weitere Beschwer ihr bißchen Wäsche in den geeigneten Naturkesseln. Ja sogar Dampfbäder haben sie sich ausgesucht und zugerichtet, und ein von der Mutter Erde selbst geheiztes Wärmehaus bietet ihnen eine wohlige Zufluchtstätte in kälteren Tagen. Wer sie aber um diese Vortheile beneiden möchte, der vergesse nicht, daß die Quelle dieser Annehmlichkeiten von einem unterirdischen Feuerherde ausgeht, der über kurz oder lang einmal herbe Buße für die geleisteten Dienste heischen kann. -—-«ÄS!*— - Allerlei. Kann schonsein. Tochter: „Ach, Du siehst wieder 'mal zu schwarz, Mama — Carl Schmidt ist ein entzückender Mensch!" — Mama: „Das bestreit'ich ja gar nicht, liebes Kind; aber er ist Agent für ein Bicycle- Geschäft, und paff' 'mal auf: sobald er Dir ein Rad verkauft hat, läßt er sich nicht mehr bet uns sehen." Grobe Höflichkeit. Junger Dichter fvoll Begeisterung einem Redacteur sein erstes Epos vorlesendj: „Verzeihen Sie nur, wenn ich die einzelnen Blätter meines Gedichtes auf den Fußboden fallen lasse—" — Redacteur fgemüthlichf: „Bitte, bitte, Sie können Sie ja nachher alle hier in den Papterkorb werfen." * Anzüglich. Dichter sM einem Kritiker, den er schon oft wegen Recensionen belästigt^: „In Bälde erscheint wieder ein neues Bündchen....." — Kritiker: „So — haben Sie glücklich wieder einmal Ihren — Pegastnus bestiegen?!" * Beim Wort genommen. Sommerfrischler seine junge Dame in der Hängematte schaukelnd^: „Ich und müde?! Wo denken Sie hin? So könnte ich Sie mein ganzes Leben schaukeln!" — Fräulein T sschnell^: „Bitte, sprechen Sie mit Mama!" * Immer Photograph. Lehmann: „Wie ich höre, hat Schulze mit seinem Haarwuchsmittel, das er uns so sehr anpries, nicht den gewünschten Erfolg." — Krüger ^begeisterter AmateurphotograpU: „Nee — er entwickelt jetzt die Platte." * So 'was kommt vor. „Merkwürdige Erscheinungen, die das Skatsptel hervorbringt!" — „Wieso?" — „Sehen Sie 'mal den Schneider Braun, der mauert fortwährend, und der Maurer Schwarz ist Schneider!" *> Gleich und gleich gesellt sich gern. „Kellner, alles was Sie mir vorgesetzt haben, ist ungenießbar, rufen Sie 'mal den Wirth." „Lassen Sie den nur weg, der ist auch ungenießbar." Nicht seefest. Kellner sän Bord eines Dawpfersj: „Mein Herr, darf ich Ihnen eine Seezunge anbieten?" — Passagier sseekrank^: „Nee, Seezunge! Mensch, bringen Sie 'ne Landzunge!" (Zu unserem Bild Seite 655.) Das Dachfensterchen. Der Mensch sieht gerne auf seine Mitmenschen herab, und wenn es auch nicht — was leider freilich oft genug der Fall ist — aus Hochmuth geschieht, so geschieht es doch mit Vorliebe von einem hohen Berge, einem weitschauenden Thurme oder wenigstens einem hochgelegenen Fenster aus, wie wir den drei Kleinen, die unser Bild zeigt, am Gesichte ablesen können. Der kleine Pausback in der Ecke, der mit dem Kinn kaum über das Gesimse reicht, schaut so stolz darein, als ob er die ganze Welt in die Schranken fordern wollte, während sein älterer Bruder die Sache mehr vom gemüthlichen Standpunkte aus betrachtet, da ihm hier oben seine Kameraden nichts anhaben können, mit denen er nicht immer auf gutem Fuße steht. Ohne derartige Gedanken schaut der beiden Schwesterchen zum Dachfenster hinaus, sie freut sich des schönen Ausblicks und winkt mit ihrem buntfarbigen Tuche den vorübergehenden Bekannten und Gespielinnen zu. -«88-S- Mtagsmenschen. Für nichts sich begeistern, Jede Regung bemeistern, Nur nach außen sich zierlich Und immer manierlich Mit Form überkleistern! In alles sich schicken! Mit spähenden Blicken Den Vortheil erlauern! Nach oben mit Schauern Von Ehrfurcht sich bücken, Um aufwärts zu klimmen — Nach untenhin drücken! JmStrome stets ichwimmen Mit lächelnden Mienen Froh allzeit geschienen, Ob Sorge die Seele Und Eifersucht quäle! Sich schmiegen und fügen, Nicht mucken, sich ducken, Wie'sHerz auch mag zucken !— Der Alltagsmensch zeigt sich so — Traurig und echt! O hole der Kuckuck Dies Schattengeschlecht! Schachaufgabe. Von B. Deutsch. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt Auflösung der algebraischen Gleichung in Nr. 84: Poseidon (Post, Ei, Don). M 8K. AreiLag, den 16. Oktober 1898. sküc die Redaction verantwortlich: Vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischen JnüitutS von Haas L Gradherr in Augsburg (Dorbefitzcr vr. Max Huttler). Ein fehlendes Wort. Original-Novelle von C. Borges. (Fortsetzung ) IV. DaS fehlende Wort im Testament der Tante war eine Quelle bitterer Enttäuschung für Mathilde Neumann, die sich ihrem Ziele so sicher und so nahe geglaubt hatte. Ihre schönen, lang gehegten Träume von Glück und Reichthum waren so schnell wie eine glänzende Seifenblase vergangen und nichts davon übrig geblieben, als das bittere Gefühl unbefriedigter Habgier. Ganz wie ihre Mutter in früheren Jahren cS gethan, machte Mathilde durch ihre Launen und Herzlosigkeit das Leben im elterlichen Hause sich und den klebrigen zu einer unerträglichen Last. Sie dachte nur an ihr liebes Ich und erging sich in den unziemlichsten Ausdrücken über die Verstorbene, von der sie nach ihren Aussagen betrogen und hintergangen war. Der Verlust des Briefes hatte sie anfänglich heftig erschreckt. Sie hoffte nur, ihn auf der Straße verloren zu haben — dann war aber am selbigen Abend das Feuer in der Villa auSgebrochcn, der entsetzliche Tod der Tante, das fehlende Wort im Testament, dieses waren sich auf einander folgende Ereignisse, die das Vermissen' des Briefes schnell vergessen machten. Aber Mathilde Neumanu grollte der unglücklichen Tante noch über das Grab hinaus. Warum hatte sie so lange gewartet, daS fehlende Wort zu ersetzen, bis es zu spät war! Sie hätte gern die Verpflichtungen erfüllt, die mit der Erbschaft verknüpft waren, denn wenn sich ein besseres Gefühl in ihrem Herzen regte, so war es nur für den Lieutenant Römer, der es verstanden hatte, ihrer Eitelkeit zu schmeicheln. — Er war jung, schön, von seinem märchenhaften Reichthum erzählte man Wunderdinge; sie ahnte gar nicht, daß fein äußerer Glanz bald wie ein Kartenhaus zusammenstürzen mußte, und daß er in Wirklichkeit ebenso arm war, wie sie selbst. Würde er ihr jetzt die Hand bieten oder der Cousine Aufmerksamkeit erweisen und sich erst nach Beendigung des kaum begonnenen Prozesses entscheiden? Das waren Fragen, die daS hochmüthige, junge Ding gern beantwortet hätte. Wenn er sie wirklich liebte — und sie zweifelte gar nicht daran — so durfte er nicht warten, bis sie als rechtmäßige Erbin anerkannt war, denn was lag an dem Gelde? Diese Gedanken folterten Mathilde Neumann be» ständig. Da sah sie zufällig die Cousine in Begleitung des jungen Professors Wieser und beschloß, diese Entdeckung zu ihrem Vortheil auszubeuten. Die Liebesgeschichte dieser Beiden war ihr hinlänglich bekannt; die Eltern hatten häufig genug darüber gesprochen und das Verhältniß scharf verurtheilt. „Also immer noch", murmelte sie halblaut, als sie mit den Augen das Paar verfolgte. „Das muß Lieutenant von Römer erfahren, denn wenn er jetzt noch zwischen mir und meiner Cousine unschlüssig ist, so muß dieser Vorfall zu meinen Gunsten entscheiden. Sobald er zu uns kommt, will ich ihm erzählen, wie sehr sich die Beiden lieben." Sie hielt Wort. Mit vielen Ausschmückungen erzählte sie die gemachte Entdeckung, und Tante Lina durfte diese Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen lassen, der Majorin in ihrer herzlosen, verletzenden Weise die gröbsten Uebertreibungen von heimlichen Zusammenkünften ihrer Tochter zu berichten. Der leicht erregbare Major gerieth außer sich vor Zorn. „Du mußt selbst zu Frau Wieser gehen", gebot er seiner Gattin, „und darauf bestehen, daß ihr Sohn jeden Umgang mit unserer Tochter aufgibt." Er hatte schon zu oft seiner Tochter mit Enterbung gedroht, diese aber darauf bestanden, übernommene Pflichten bei ihrer gelähmten mütterlichen Freundin weiter zu erfüllen, besonders da sie im väterlichen Hause weder Freude noch Verständniß für ihre Gefühle finde. ES war doch immerhin noch eine Möglichkeit vorhanden, daß der Prozeß zu Gunsten der Tochter ausfiel, und dann wollte der Major schon Mittel und Wege finden, eine Verbindung mit dem Lieutenant von Nömer zu Stande zu bringen. Mit klopfendem Herzen erfüllte die Majorin den Befehl ihres Gatten. In lauten, drohenden Worten redete sie auf die arme Frau Wieser ein, gab ihr die Versicherung, daß ihre Tochter zweifellos schon bald die Erbschaft der Tante antreten werde, und beschuldigte den Professor, sich des Vermögens bemächtigen zu wollen. Diesen ungerechten Anschuldigungen gegenüber hielt Frau Wieser eine Rechtfertigung unter ihrer Würde. Sie bat nur die erregte Frau, ihre Stimme ein wenig zu mäßigen, da sie eine neue Hausbewohnerin habe, dir nachgedrungen jedes Wort hören müsse, da die Scheidewand eine sehr dünne sei. Mit dem demüthigenden Gefühl, eine neue Niederlage erlitten zu haben, trat die Majorin ihren Heimweg an. „Wenn sie wirklich das Erbe erhält, werden doch Manche Leute Dich für einen Glücksritter halten, Rudolf", sagte Frau Wteser, als sie später ihrem Sohne das Er- lebniß des Tages mittheilte. „Sie wird keinen Pfennig erhalten, da das fehlende Wort nie ersetzt werden kann", behauptete der Sohn, „aber horch» sind das nicht Fräulein Winter's leise Schritte dicht an der Thür", fuhr er tm Flüsterton fort. „Ja, lass' uns leise sprechen, eS ist ein höchst unbequemes Gefühl, immer belauscht zu werden. Nun, rathe aber, welche Ueberraschung ich heute hatte! Ueber den Besuch der Majorin hätte ich fast heute diese Neuigkeit vergessen." „Ich bin nicht geschickt im Näthselrathen. Es scheint ja heute ein ereignißvoller Tag zu sein." „Eine große, große Kiste ist angekommen!" „Eine Kiste? Wer hat sie gesandt?" „DaS weiß ich nicht. Sie wurde hier abgegeben; ver Name und die Adresse standen ganz deutlich darauf geschrieben. Sie enthielt gegen dreißig Flaschen alten, schweren Wein, einen Schinken, Würste, einige fette, geschlachtete Hühner, Weintrauben, Südfrüchte, einen großen Kuchen und noch verschiedene andere Sachen. „Wir haben aber gar keine Freunde oder Bekannte in der Stadt, die uns derartige Sachen schicken könnten", warf der Sohn ein. „Diese Kiste war zweifellos für einen Empfänger bestimmt, dessen Name mit dem unsrigen gleichlautend ist." „Wir haben gewiß einen unbekannten Wohlthäter", entgegncte lächelnd die Mutter. „Ich werde wenigstens wagen, die herrlichen Sachen zu verspeisen. Die Hühner sollen morgen gebraten werden, und dann will ich Fräulein Winter bitten, hier bei uns zu speisen. Die arme Dame sitzt ohnehin immer allein in ihrem Zimmer, denn außer Frau Wendtland und den kleinen Willy erhält sie nie Besuche." „Ja, lade sie ein, Mutter. Aber wir werden in eine fatale Lage kommen, wenn sich der Eigenthümer der Kiste meldet und die Herrlichkeiten fast verzehrt sind." „Die Adresse war ganz richtig", betheuerte die Mutter, „aber ich möchte doch wissen, wem wir zu Dank verpflichtet sind. Es machte mir eine große Freude zuzusehen, wie das Mädchen auspackte. Hoffentlich kommt Fräulein Winter morgen zu uns; ich bedaure wirklich, daß sie vorzieht, ihre Mahlzeiten allein in ihrem Zimmer einzunehmen." Fräulein Winter nahm die Einladung gern an und erschien zum ersten Male am folgenden Tage im Wohnzimmer der gelähmten Dame. Eine schöne Photographie in einem Stehrahmen auf einem kleinen Seitentischchen erregte sofort ihre Aufmerksamkeit. Sie trat hinzu und betrachtete das Bild aufmerksam. „Darf ich nach dem Namen des Originals fragen?" begann sie mit seltsam bebender Stimme. „DaS Bild stellt meinen Bruder Erich Waldhausen vor", versetzte Frau Wieser in ihrer gewohnten, liebenswürdigen Weise. „Er ist Ingenieur, führt aber schon seit einer langen Reihe von Jahren ein ruheloses Wanderleben. Wir haben längst die Hoffnung aufgegeben, daß er nach Deutschland zurückkehrt, denn wir haben seit Jahren vergebens darum gebeten, aber er scheint gar keine Lust daran zu haben. Vor wenigen Wochen bekamen wir nach langer Zeit wieder einen Brief von ihm." „Erich Waldhausen — Ihr Bruder?" kam es von den zuckenden Lippen der Dame, die noch immer keinen Blick von dem Bilde abwandte. „Lebt er noch?" Frau Wieser blickte sichtlich überrascht die fremde Dame an. „O, gewiß lebt er noch! Warum sollte er auch nicht, er ist doch immer noch ein rüstiger Mann inmitten der Fünfziger. Wir wünschen so sehr, ihn wiederzusehen, aber, wie schon gesagt, er denkt gar nicht daran." „Zieht er das Leben im Auslande vor?" fragte Fräulein Winter gespannt. „Hm — ja — der arme Mensch hat in seiner Jugend eine herbe Erfahrung gemacht, die sein ganzes Leben verbitterte", erklärte Frau Wieser. „Der Grund seines ruhelosen Wander- und Junggesellenlebcns liegt in bitteren Enttäuschungen, die Wunden seinem Herzen geschlagen, die aber noch keine sanfte Hand zu verbinden oder zu heilen verstand." Fräulein Winter wandte ihr Antlitz ab, sie war leichenblaß geworden, dann stellte sie mit zitternden Händen das Bild wieder auf den Platz zurück. „Ist ihr Bruder seit jener Zeit niemals nach seinem Vatcrlande zurückgekehrt?" fragte sie leise. „Nein. Nach jenen traurigen Ereignissen schiffte er sich nach Amerika ein. Das Schiff scheiterte, und das Gerücht von seinem Tode verbreitete sich schnell. Aber schon nach wenigen Wochen widersprach Erich selbst diesem Gerücht; er war voneinem Schiff aufgenommen worden, das ebenfalls seinen Kurs nach Amerika nahm. Dort hat er wohl Reichthum erworben, aber nie Heilung für seine Wunden gefunden. Eine Dame hat aus unbegründetem Verdacht sein ganzes Lebrnsglück zerstört, aber solche Sünden werden gewöhnlich an den Urhebern am schwersten gestraft." DaS Eintreten des Professors und die Meldung der Küchenfee, daß das Essen servirt sei, machte der Unterhaltung ein schnelles Ende. Die Speisen waren vorzüglich zubereitet; die Hühner waren zart und weich und mundeten vortrefflich, aber dennoch berührte Fräulein Winter dieselben kaum, zum größten Leidwesen der freundlichen Wirthin. Selbst als zum Nachtisch Weintrauben und Konfekt aufgetragen wurden, nahm sie nur wenige Beeren, und unter dem Vorwande heftiger Kopfschmerzen zog sie sich bald in ihr eigenes Zimmer zurück. „Fräulein Winter scheint viel Noth und Elend deS Lebens durchgemacht zu haben", flüsterte der Professor seiner Mutter zu, „aber ihr Gesicht gefällt mir; ich muß sie auch schon im Leben gesehen haben, nur kann ich mich nicht entsinnen, wo und wann. Aber jetzt darf ich hier nicht länger bleiben, Mutter, ich habe noch Privatunterricht zu ertheilen. Wer weiß, ob nicht heute der rechtmäßige Eigenthümer der Kiste sich einstellt und seine Hühner verlangt, die wir verspeist haben", scherzte er, das Zimmer verlassend.- Aber es kam Niemand, und Frau Wteser sann noch immer nach dem Absender der Kiste. DaS launenhafte Glück schien doch endlich einen Anfang machen zu wollen, aus seinem großen Füllhorn Gaben auf Mathilde Neumann's Haupt ausschütten zu wollen. Ein Onkel, von dessen Existenz sie kaum eine Ahnung gehabt oder dieselbe längst vergessen hatte, war ge» starben und vermachte ihr ein Legat von sechstausend Mark. Zwar nur ein Tropfen im Vergleich zu der Erbschaft der Tante, die sie mit Bestimmtheit erhoffte, aber die Eltern, ganz besonders die Mutter, ließen es nicht an Hindeutungen fehlen, daß in kurzer Zeit der Prozeß zu Gunsten der Lieblingsnichte ausfallen müsse. DaS Gerücht der Erbschaft verbreitete sich mit Windeseile; die tausendzüngige Fama fügte nur eine Null und später noch eine andere hinzu. Tante Lina lächelte geheimnißvoll, aber sie widersprach nicht. Die junge Erbin wurde von allen Seiten umringt, man wünschte ihr Glück, heimlich aber lächelte man mitleidig, denn die Größe der angegebenen Erbschaft wurde von vielen in Frage gezogen. Auch Lieutenant von Nömer hörte von diesem plötzlichen Glückswechsel, und er überlegte. Mit sechshundert Tausend Mark wurde Mathilde Neumann immerhin eine begehrenswerthe Partie, selbst wenn die verlockende Million der Tante nicht in dem Hintergrund gestanden hätte. Er bedurfte des Geldes und wollte nicht zögern, bis es zu spät war und ein Anderer den Goldfisch weggeangelt hatte. Tante Lina merkte seine Absicht und spielte ihm vortrefflich in die Hände. Sie ließ es nicht an kleinen Winken fehlen, daß diese Erbschaft nur der Anfang sei, größere würden schon folgen. Sie arrangirte eine kleine Festlichkeit, freilich nur entrs nous, da ja die Trauerzeit um die gute Tante noch nicht abgelaufen war und die „gefühlvolle" Tante Lina sich zu einer größeren Festlichkeit nicht entschließen konnte. Doch der Lieutenant wurde hingezogen. Er durfte zwar nicht ahnen, daß gern eine große Festlichkeit veranstaltet worden wäre, wenn nur die Mittel gereicht Hütten, auch konnte in einem kleineren Kreise der Zweck besser erfüllt werden. Tante Lina hatte sich nicht geirrt. In einer Fensternische entdeckte sie die beiden Liebenden und erlauschte noch einige leise geflüsterte Liebesworte, die ihr stolzes Herz mit triumphierender Freude erfüllten. Mathilde hatte unmuthig ihre Augenlider gesenkt, ihr Köpfchen ruhte leicht gegen die starke Schulter des jungen Lieutenants, und die rosigen Lippen flüsterten: „Liebst Du mich denn auch wirklich?" Er küßte ihr die Worte von den Lippen. „Du bist das beste Mädchen der Welt, und ich weiß, daß wir zusammen recht glücklich leben werden", entgegnete er mit nie gekannter Freude. „Was wird Dein Vater sagen? Wird er einwilligen und unserem Bunde seinen Segen geben?" „Er sehnt sich nach dem Augenblick, sein Töchter- chen in seine Arme zu schließen. Wir müssen bald Hochzeit feiern, meine Kleine; eine lange Verlobungszeit taugt nichts." „Schon so bald? Wie ungeduldig Du bist", versetzte sie mit lieblichem Erröthen, „aber ganz wie Du willst, soll es geschehen." „Je kürzer die Verlobungszeit, desto geringer ist die Gefahr der Entdeckung der ganz geringen Erbschaft", dachte die lauschende Mutter in ihrem Versteck und nickte befriedigt. In aller Eile wurden die erforderlichen Vorkehrungen zur Hochzeit getroffen, die trotz der Trauerzeit mit großartigem Pomp gefeiert werden sollte. Die altadelige Familie von Nömer stand ja in dem Ruf eines fabelhaften Reichthums, was lag also daran, daß der Lieutenant hinsichtlich der Mitgift seiner Braut getäuscht wurde? Schon nach wenigen Wochen ward die feierliche Handlung vollzogen und Mathllde Neumann mit Lieutenant von Römer zum treuen Bunde fürs Leben vereint. „O Mathilde", flüsterte die Mutter ihrem 4inde zu, als das junge Paar den Wagen bestieg, um die Hochzeitsreise anzutreten, „ich hoffe, er wird Dir ein guter Gatte sein, wenn er erfährt, daß Du so gut wie arm bist." „Er wird's nie erfahren; er ist ja selbst reich genug", erwiderte mit glücklichem Lächeln auf den Lippen die herzlose junge Frau. V. Wochen waren vergangen. In einem der größten Hotels in PariS saß Lieutenant von Römer mit seiner jungen Gattin am Frühstücksttsch. Frau Neumann hatte nicht unterlassen, ihrem Kinde den Nest deS ererbten Vermögens von kaum dreitausend Mark nachzusenden, da die andere Hälfte für die Hochzeitsfeierlichkeit hingegeben war. Der Lieutenant pflegte noble Passionen, und im Getriebe der Weltstadt mit Theater, Konzerten und rauschenden Vergnügungen war daS Geld nur allzu schnell verflogen. Auch hatte die junge Frau in den großartigen Magazinen so vielerlei unnütze Kleinigkeiten gesehen, die aber alle sehr viel Geld kosteten und, wie sie meinte, für den neuen Hausstand ganz unentbehrlich waren, daß sie stets mit leerer Börse in ihr Hotel zurückkehrte. „Benno, willst Du mir etwas Geld geben?" sagte sie deshalb leichthin, als sie ihm am Speisettsch gegenüber saß. Er wischte sich verlegen mit der Serviette den Schnurr- bart, strich mit der Hand über das Antlitz, um den gelangweilten Zug daraus zu verbannen, und versetzte stockend: „Ja — die Sache ist — ich habe augenblicklich selbst kein Geld. — Wir führen hier ein theureS, verschwenderisches Leben und berechnen gar nicht die täglichen Ausgaben. Ich wollte Dich schon um Geld bitten, muß aber jetzt schon warten, bis wir wieder in unserer Hcimath sind." Die junge Frau öffnete weit ihre Augen und sah ihn ungläubig an. „Du willst wich um Geld bitten?" wiederholte sie kopfschüttelnd. „DaS kann Dein Ernst nicht sein, Benno, da Du doch fabelhaft reich bist." Der junge Gatte wechselte schnell die Farbe. „Die Ansichten über Reichthum gehen sehr weit auseinander", entgegnete er, nervös mit seiner Serviette spielend, „aber die Wahrheit muß doch gesagt werden. Schon seit Jahren haben unglückliche Spekulationen unseren Reichthum untergraben, und wie die Sachen jetzt stehen, werden wir vorläufig von Deinem, nicht von meinem Gelde leben müssen." „Was bedeuten Deine Worte? Willst Du mir sagen, daß Du arm bist?" fragte die junge Frau erbleichend. „So ist es. Ich kann nur hoffen, daß sich das Glücksrad bald wendet und es besser mit meiner Lage wird." „Aber Deine Güter?" wandte die junge Gattin ein. „Du meinst die Güter meines Vaters? — Ihm gehört kein Fußbreit Land, kein Ziegel auf dem Dache, so sehr ist er verschuldet." Mathilde brach in Thränen aus. „Du hast mich 660 schändlich betrogen", schluchzte sie, „Du ließest mich glauben, ein reicher, wohlhabender Mann zu sein." Der junge Offizier stand auf und schritt unwillig dem Fenster zu. „Ich glaube nicht, daß ich vor unserer Hochzeit jemals eine Anspielung auf meinen Reichthum gemacht habe", versetzte er düster. „Bin ich etwa zu tadeln, wenn Du Dir eine falsche Vorstellung gemacht hast? Ich dachte aber, Du hättest mich ein wenig geliebt. — Hast Du denn nur an mein Vermögen gedacht?" „Du hast mich absichtlich betrogen", beharrte sie, mühsam ihre Thränen bekämpfend. „Jetzt weiß ich aber, weßhalb Du die Hochzeit beschleunigt hast; Du hast befürchtet, Deine finanziellen Verhältnisse würden klar gelegt werden." Er trat dicht zu ihr und legte besänftigend seine Hand auf ihre Schulter. „Sei vernünftig, Mathilde", bat er leise, „eS ist jetzt zu spät, mir Vorwürfe zu machen. Wenn wir uns nur gegenseitig lieben, so kann nichts unser« Glücke fehlen." Sie trocknete schnell ihre Thränen und blickte zornig den jungen Ehegatten an. „Lieben?" höhnte sie. „Können denn Leute allein von der Liebe leben? Kann denn Liebe unsere Hotelrechnungen, unsere Reisen und unsern Haushalt bezahlen? Wie sollen wir unsere gesellschaftliche Stellung aufrecht erhalten. Ich hätte Dich doch für klüger gehalten, Benno, als mit dieser verbrauchten Phrase von Liebe mich hinhalten zu wollen." „Aber Liebe vereint mit Reichthum kann unS die Welt zu einem Paradiese verwandeln", sagte er mit ruhigem Ernst. „Wahrlich, Mathilde, Du wirst mir doch nicht einige Brocken von dem Ueberfluß Deines Reichthums wehren, wenigstens so lange, bis mein Gehalt steigt?" In den Augen der jungen Frau blitzte eS freudig auf; plötzlich kam ihr der Gedanke, daß sie durch ihre eigene finanzielle Lage ihrem Gatten nicht allein mit gleicher Münze, sondern mit Zinsen heimzahlen konnte. „Du sprichst von meinem Reichthum? Hast Du Dich durch meinen Reichthum bestimmen lassen, mir Herz und Hand anzubieten?" fragte sie langsam. „Da hast Du Dich doch arg verrechnet, Benno. Sechstausend Mark war doch wahrlich eine geringe Summe, um die Hochzeitsfeierlicbkeiten und unsern jetzigen Aufenthalt zu bestreiten." „Was?" rief der Gatte entrüstet, „Du sprichst doch nicht von Deinem Vermögen?" „Ganz gewiß", entgegnete sie gelassen. „Mein Onkel vermachte mir sechstausend Mark, nicht mehr und uicht weniger. Diese Summe «achte meinen unerschöpflichen Reichthum aus, auf den Du so zuversichtlich gerechnet hast, und jetzt ist die Summe dahin." „Ich ließ Dich in Ungewißheit über meine Ver- mögensoerhältnisse, und das war ein Unrecht, aber Deine Schuld ist noch viel größer", versetzte er unwillig. „Guter Gott! Wenn ich bedenke, welch' ein Gerede Deine Familie von dieser jämmerlichen Kleinigkeit machte, da konnte ich doch nicht anders glauben, als Du habest mindestens eine halbe Million geerbt! Sechstausend Mark, e§ ist ja rein lächerlich!" «Ich dachte. Du hättest mich ein wenig geliebt, hast Du denn nur an mein Vermögen gedacht?" Er preßte fest die Lippen aufeinander, als sie ihm feine eigenen Worte zurückgab, doch seine natürliche Gut- viüthigkeit gewann bald die Oberhand. „ES scheint, wir haben uns Beide über unsere Verhältnisse iw Irrthum befunden", lenkte er deshalb begütigend ein, „und wir müssen die Folgen so gut wie möglich tragen. Wir dürfen uns gegenseitig keine Vorwürfe machen; diese würden nur unsere Lage verschlimmern. Das Beste ist, wir reisen so schnell wie möglich ab, sonst sind wir nicht «ehr im Stande unsere Rückreise zu bezahlen." „Was werden unsere Bekannten zu dieser Entdeckung sagen", schluchzte die junge Frau. „Ich erzählte überall, wir würden uns eine prächtige Villa kaufen und ein großes Haus wachen! Ich wollte lieber todt sein!" Benno sah, daß er seine Gattin nicht trösten konnte, deshalb nahm er seinen Hut und verließ daS Hotel. Am folgenden Tage traten sie wieder die Reise in die Heimath an; die schönen Flitterwochen hatten ein schnelles, trauriges Ende genommen. Mit Thränen in den Augen erzählte Mathilde ihren Eltern von den zerrütteten Vermögensverhältntssen deS Gatten. Tante Linas Zorn kannte keine Grenzen, sie hoffte nur, daß der alte Herr von Römer noch gute Freunde finden würde, die in der augenblicklichen Noth eine rettende Hand bieten würden. „Sage unsern Verwandten nichts davon; die Majorin und Mathilde dürfen nie erfahren, wie schlecht es mir ergangen ist", flehte die Tochter, als sie das Elternhaus verließ. Aber die Frau des Majors von Schalldorf war zu sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt, um sich um andere zu kümmern. An jenem verhängntßvollen Abend, als das Feuer in der Villa ausgebrochen war, hatten drei Personen, deren eine ein Polizist, gegen nenn Uhr Abends einen Mann das Haus verlassen sehen. Nack> diesem Manne wurden eifrig Nachforschungen gehalten, und plötzlich verbreitete sich die Nachricht, Ernst von Schalldorf sei erkannt, er habe sich an jenem Abend im Hause der Tante aufgehalten. Wer daS Gerücht ausgebreitet hatte, wußte man nicht, aber dir Spatzen zwitscherten bereits das Geheimniß auf den Dächern, und der junge Mann konnte uicht «ehr das Haus seines Vaters verlassen, ohne von mißtrauischen Blicken verfolgt zu werden. War er der Mörder seiner Tante, und hatte er nach dem Verbrechen das HauS in Brand gesteckt, um die Spur zu verwischen? Dieser furchtbare Argwohn hing wie eine gewitterschwüle Wolke über dem Haupte des Jünglings und lastete centnerschwer über seinem ganzen Hause. Angesichts dieser neuen, schweren Sorge vergaß der Major seine verhältnißwäßig geringeren und bemerkte es kaum noch, daß seine älteste Tochter die täglichen Besuche im Hause ihrer mütterlichen Freundin, Frau Wteser, fortsetzte. Bei jedem Ton der Hausglocke gericth der alte Herr in fieberhafte Aufregung; er fürchtete das Eintreten der Polizeibeamten, die den Sohn verhaften und für immer seinen Namen mit Schande bedecken würden. Ernst selbst ging mit verstörtem Antlitz und niedergeschlagenen Augen einher; er wagte kaum seinem Vater zu begegnen, noch weniger das HauS zu verlassen, das, wie er wohl wußte, von Geheimpolizisten scharf bewacht wurde. Leider trafen auch viele Umstände zusammen, die zu Ungunsten des jungen Mannes sprachen und den Verdacht gegen ihn bestärkten. Nicht allein, daß er an jenem vcrhängnißvollen Abend das Haus seiner Tante betreten hatte und er» kannt worden war, er hatte auch seine Schulden bezahlt und verfügte immer noch über eine gefüllte Börse, ohne sich genügend über den Besitz des Geldes rechtfertigen zu können. Endlich konnte der alte Vater den quälenden Argwohn nicht länger ertragen, er ließ den Sohn zu sich kommen und herrschte ihn in strengem Tone an: „WaS hast Du im Hause Deiner Tante gemacht? So viel ich weiß, hatte sie Dir ein für alle Mal Deine Besuche verboten!" „Ich weiß es", gestand der Sohn, und Leicheu- blässe bedeckte sein sorgenvolles Antlitz, „aber es ging mir zu schlecht, und ich befand mich in großer Geldverlegenheit. Da wollte ich noch einmal meine Tante um Hilfe bitten. Ich wußte wohl, daß sie den Diener beauftragt hatte, mich nicht einzulassen, darum verbarg ich mich im Schatten des Hauses, um eine günstige Gelegenheit abzuwarten und ohne sein Wissen zu meiner Tante zu gelangen. DaS Glück schien mir günstig. Ich sah den Portier daS Haus verlassen, jedenfalls wollte er einen Brief, den er in der Hand hielt, zur nahen Post tragen, und zu meinen Gunsten ließ er die Hausthüre offen. Ungesehen betrat ich das Wohnzimmer der Tante, es war leer; ich klopfte an ihr Schlafzimmer, rief ihren Namen, erhielt aber keine Antwort. Da fiel mein Blick auf ihren Schreibtisch; fünfhundert Mark in Geldscheinen lagen offen da. Sie hatte mir früher oft die doppelte Summe gegeben, und ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, das Geld zu nehmen. Daß eS Unrecht war, wußte ich, aber ich war fest entschlossen, noch am selben Abend meiner Tante einen Brief zu schreiben, ihr meine That zu bekennen und sie um Verzeihung zu bitten. Schnell verließ ich das Haus, und ehe ich eine Ahnung von der furchtbaren Katastrophe hatte, war mein Brief fertig. Ich trage ihn seither in meiner Tasche, hier ist er — ein Beweis meiner Schuld. So, jetzt weißt Du alles, Vater!" „Du hast Dich eines Diebstahls schuldig gemacht," stöhnte der alte Herr, „und wenn daS bekannt wird, wer wird dann glauben, daß Du vor einem viel größeren Verbrechen zurückschreckst?" Der junge Mann schauderte. „Gott ist «etn Zeuge, daß ich weder an dem Brande noch an dem Tode meiner Tante schuldig bin", versetzte er heiser. „Ich schwöre Dir, daß ich nur daS Geld genommen, aber kein bitteres Gefühl gegen die Tante gehegt habe." „Du hast in letzter Zeit viel Geld ausgegeben, das hat zuerst Verdacht erregt", murmelte der Major. Er war fest überzeugt, daß der junge Mann ihm die Wahrheit gesagt hatte, schon der Brief in seiner Hand zeugte dafür, aber so lange die Ursache des Feuers nicht entdeckt war, blieb der Verdacht auf ihm haften. Auch im Hause des Professors Wieser wurde die traurige Angelegenheit ernstlich besprochen. Mathilde konnte dort über den Verdacht, der auf dem Bruder lastete, ihren Thränen freien Lauf lasten, unbekümmert um Fräulein Winter, deren leise Schritte man oft im Nebenzimmer hörte. Man war schon so sehr daran gewöhnt, daß die neue Hausbewohnerin jedes Wort verstand, und kümmerte sich daher wenig darum, ganz besonders, da die alte Dame fast nie das Haus verließ und man noch nie gehört hatte, daß sie irgend einen Gebrauch von den Gesprächen im Nebenzimmer machte. Da ertönte plötzlich ver schrille Ton der Hausglocke, daß Mathilde erbleichte und erschreckt den Arm des Geliebten umklammerte. Sie schwebte in beständiger Furcht nicht allein um den Bruder, sondern sie fürchtete auch ihren Vater, der offen sein Mißfallen über die täglichen Besuche seiner Tochter aussprach und schon oft gedroht hatte, sie selbst von dort fortzuholcn. Noch ein langer Augenblick, dann führte das Hausmädchen einen ältlichen Herrn in das trauliche Gemach. — Es war eine schöne, stattliche Erscheinung. Durch Bart und Haupthaar zogen sich zwar einzelne Silberfäden, aber sein Gang war leicht und elastisch, und seine Be« wegnngen waren von einer Frische, um die ihn mancher Jüngling hätte beneiden können. Die leuchtenden dunklen Augen sahen sich schnell in dem kleinen Kreise um, dann ging er mit ausgebreiteten Armen auf die gelähmte Dame zu und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. „Ja, Erich!" klang es jetzt laut von den Lippen der überraschten Frau. „Erich Waldhausen, Dein alter, treuer Bruder, den die Sehnsucht nach der Heimath endlich wieder aus fernen Landen trieb", versetzte er heiter. Es waren glückliche Stunden, die jetzt folgten. Der heimgekehrt Bruder wußte so viel von seinem ruhelosen Wanderleben zu erzählen, schilderte so anmuthig die Sitten und Erlebnisse im fremden Lande, daß die Zeit nur zu schnell verging. Mathilde vergaß ihre drückenden Sorgen, und Niemand dachte an das arme Fräulein Winter, daS leise weinend dicht an der Tapetenthür saß. (Schluß folgt.) - - Zwei Tsge aus dem Leben Pipin's des Kleinen. Von Slntonie Haupt. (Schluß.) 2. Pipin, der alle Vorzüge seiner Ahnen: Tapferkeit, Klugheit, Milde, Gerechtigkeit und Frömmigkeit, besaß, besten Haupt mit Ruhm gekrönt war —, war im Anfange des Jahres 752 in der Stadt Soissons durch die Wähl des ganzen FrankenrcicheS unter dem Zujauchzen deS Volkes zum König erhöben und von den ersten Bischöfen Galliens, vornehmlkch dem heiligen Bonifalius, gesalbt worden. Mit dem Könige war seine Gemahlin Bertrada gesalbt und nach alter Sitte auf Schild und Thron gehoben worden. Vorher hatte eine Frankenverfammlung durch Gesandte, worunter auch hohe geistliche Würdenträger sich befanden, öffentlich beim Papste Zacharias in Norn anfragen lassen: ob es besser wäre, daß derjenige König heiße und fei, der alle Macht in Händen habe und dem alle Reichsgeschäfte oblägen, als derjenige, welcher mit Unrecht König genannt werde. Und Zacharias hatte die Antwort gegeben: Es scheint nützlicher, daß derjenige König heiße und sei, der alle Sorgen deS HerrschcrthumS trägt, als jener, welcher unthätig bleibt und «it Unrecht König genannt wird. Mit dieser günstigen Botschaft waren die Gesandten heimgekehrt, und Piptn wurde König der Franken. Seitdem war ein Jahrzehnt verflossen. Stetes Sprossen, Wachsen und Gedeihen herrschte am Ufer der lieblichen Prüm. Neben dem von Bertrada gegründeten 662 Klösterlein erhob sich in Folge von Pipin's Freigebigkeit nun stolz ein mächtiges Abtcigebäude. Zu dem ungewöhnlich feierlichen Gottesdienste in der Klosterkirche strömte fortwährend das Volk aus der Eifel zusammen. Während früher nur wenige Häuser sich um daS Kloster geschnart, so mehrten sich nun die Ansiedelungen zusehends. Ja, Handel und Verkehr begannen sich im stillen Eifelthale zu entfalten. Das war dort ein reges, frisch-fröhliches Wetteifern aller menschlichen Kräfte. Und Gottes reicher Segen ruhte darauf. Im Anfange des Herbstmonats aber, als man schrieb 762, da regte es sich auf allen Höhen der Eifclgaue. Von allen Seiten strömten Völker herbei, in Schaaren geordnet, mit wehenden Fahnen. Alle stiegen hinab in daS gesegnete Thal der Prüm. Eine überraschende Freudenbotschaft war ja in die Eifel gedrungen: Der König naht! Der König, der eben einen siegreichen Feldzug nach Aquitanieu ausgeführt, naht im Triumphe! Ja, König Pipin kommt selber in Begleitung der Königin Bertrada, seiner Söhne Karl und Karlmann, vieler Großen des Reiches und vieler Bischöfe, um in seinem geliebten Prüm der Grundsteinlegung einer neuen, herrlichen Kirche zu Ehren deS ErlöserS beizuwohnen. Auch Dill er viele kostbare Reliquien, vor allem ein Stück der Sandalen des Heilandes, mitbringen. Der vornehme Bote, welcher die Nachricht verkündete, hatte zugleich eine von dem König, der Königin, ihren beiden Söhnen, zwölf Grafen und neun Bischöfen zu JrisgodroS unterzeichnete Stiftungs-Urkunde überbracht, wonach Pipin eine große Reihe reicher Schenkungen und Privilegien dem Kloster zuertheilte und die Abtei für reichsunmittelbar erklärte. Die Beweggründe zu dieser königlichen Stiftung hatte er am Anfange der Urkunde angegeben. Abt Assuerus zögerte nicht, den königlichen Brief den herbeigeströmten Gläubigen vorzulesen. Die Urkunde begann mit den Worten: „Weil die göttliche Fürsehung Uns auf den Thron erhoben und gesalbt hat, geziemt es sich, waS Uns gegeben ist, im Namen Gottes zu verwenden, damit Wir um so mehr Gottes Gnade und Wohlgefallen gewinnen mögen. Da Wir der Worte des Evangeliums gedeuken: „Wer den Willen «eines Vaters thut, der im Himmel ist, der wird eingehen in das Himmelreich", und ferner, da „die Könige von Gott ihre Herrschaft haben", und da er Uns in seiner Barmherzigkeit Völker und Reiche zu regieren übertragen hat, so haben Wir darauf Bedacht zu nehmen, daß Wir auch nachahmungswürdige Führer in Werken feien und die Armen nach der Liebe Christi zu regieren und zu erziehen nicht verabsäumen. Gott hat dem Gesetzgeber Moses eine Stiftshütte auszuschmücken befohlen; auch des König Salomo Tempel ist im Namen Gottes erbaut und ausgeschmückt worden. Und so wünschen denn auch Wir, Gott dem Herrn mit seiner Hilfe nach Vermögen hinzugeben, weil, wie der Apostel sagt, „wir nichts in diese Welt mitgebracht haben und unzweifelhaft auch nichts mit hinausnehmen werden", und dasjenige, was Wir mit opferwilligem Herzen von den vergänglichen Dingen dem Herrn geben, zum Heile Unserer Seele gereicht." Es folgten nun die Privilegien der Abtei und schließlich die Aufzühluna aller d'ir dem Kloster geschenkten Güter. DaS Volk hätte mit Freuden und Staunen zugehört. Vor allem erfüllte die Eifelbewohner der eine Gedanke mit Glück und Begeisterung: Der König kommt! Der siegreiche König kommt selber hierher! Er bringt uns Heiligthümer, er legt den Grundstein zu einem neuen, herrlichen Gotteshaus in Prüm! Der ersehnte Tag der KönigS-Ankunft ist gekommen. Welches Leben herrscht in dem sonst so stillen Eifelgebirge l Auf allen Höhen lodern Freudenfeuer empor. Von allen Höhen strömt noch daS Volk herab in Festkleidern, mit flatternden Fahnen in allen Farben. Die Glöcklein der Klosterkirche übertönen hell das Jubelrufen der Schaaren. Jetzt ertönen Trompeteuklänge — sie verkünden daS Nahen des KönigS. Die feierliche Musik erhebt die Herzen der Harrenden. Im Strahle der Morgensonne erglänzen die Rüstungen der voranreitenden Krieger. Wie das blitzt und schillert! Den Gewappneten folgt ein Neitertrupp, so überaus prächtig und reich gekleidet, wie man es im Eifellande nie gesehen hat. Das sind adelige Herren, Große des Reiches. „Wer sind die so einfach gekleideten hochragenden Jünglinge? Knabenhaft fast im Aeußern, und doch spricht eine Welt von Muth und Kühnheit aus ihren Zügen, just als ob sie schon Hrldenkraft bewiesen hätten." So fragt ein Eifelländer den fremden Kriegsmann an seiner Seite. „Das sind die Königssöhne Karl und Karlmann. Kein Wunder, daß sie so stattlich Hinreiten, haben sie doch i« Feldzuge gen Aquitanien Muth genug bewiesen ...!" Also gibt der Gefragte stolz und freudig zur Antwort. Seine Worte werden übertönt durch den brausenden Jubel des Volkes: „Heil, Heil dem Könige! Heil Pipin! Heil dem Sieger!" Auf feurigem, kaum zu zügelndem Araber zeigt sich inmitten seiner stattlichen Leibgarde der König. Er, der sonst der Einfachste ist, trägt heute dem Tage zu Ehren ein golddurchwirktes Kleid, umgürtet mit goldenem Schwerte, edelsteinbesetzte Schuhe, einen hermelinverbrämten Purpur- mantel, von goldener Spange gehalten, und um die königliche Stirne einen juwelenfunkelnden Goldreif. Seine männlich schönen Züge zeigen herzgewinnendes Wohlwollen. Er erwidert die Zurufe und das Jauchzen des Volkes mit freundlichem Blick und huldvollem Grüßen, so daß die Menge immer wieder auf's neue ihr „Heil Pipin!" mit aller Kraft erschallen läßt. Doch jäh verstummt das laute, jubelnde Zurufen; ehrfurchtsvolle Stille tritt ein. Der nachfolgende Ritter auf weißem Rosse trägt hoch die Purpurfahne mit dem Bilde des Erlösers. Ihm nach reiten würdevoll in bischöflicher Pracht neun Kirchenfesten: es sind die Bischöfe von Laon, Le Mans, Lattich, Noyon, Meaux, Würzburg, Köln und Speyer. In ihrer Mitte reitet der gelehrte Bischof Weomad von Trier. Vier Grafen auf schlohweißen Rossen halten einen goldstrahleuden Thronhimmel über sein Haupt. Bischof Weomad ist auserkoren, das Heiligthum zu tragen, welches Pipin für die Prümer Kirche bestimmt hat. Noch ist die Reliquie verhüllt in ihrem kostbaren Behältniß. Bischof Weomad hält einen kunstvoll gestickten Prachtschuh hoch empvr. Die Königin Bertrada selber hat den Prachtschuh, die Umhüllung des heiligen Kleinods, verfertigt. Alles Volk sinkt schweigend auf die Kniee, um den Segen der Bischöfe zu empfangen, sinkt auf die Kniee 663 vor dem verhüllten Zeugen des Erdenwallens unseres Heilandes. Und dann erheben sich alle und möchten rufen, jauchzen, jubeln: „Heil Bertrada l" Denn Königin Ber- trada mit ihren Edelfrauen folgt dem Heiligthume unmittelbar. Doch sie schweigen und beugen sich grüßend. Der Augenblick ist zu ernst, um laute Freude kund zu geben. Mit Entzücken ruhen die Augen der Menge auf der milden Frau. „Wie schön sie ist, wie freundlich, wie holdselig!" Golden erglänzt ihr lang wallendes, blondes Haar unter dem köstlichen Stirnreif und dem zarten Schleiergewebe. Es umrahmt ein edelgeschnitteneS, nur leise geröthctes Antlitz mit seelenvollen blauen Augen. Ein weißseidenes Gewand, hell blitzend von funkelndem Gestein, umfließt die schönen Formen der majestätischen Frau. Die Schultern der Königin umgibt ein von prächtiger Spange gehaltener golddurchwirkter Pupurmantel. Mit Anmuth und Würde reitet sie ruhig und feierlich dahin. Der Königin folgt ein wahrer Blüthenkranz von junger Ehrendamen. Das wogte heran in bunt schillernden Farben: blau, gelb und weiß, in Seide und Gold, mit glitzernden Edelsteinen, goldenen Binden, goldgestickten Schleiern, zobelverbrämten Purpurmünteln. Das rauschte und klang, das blitzte und glitzerte, daß man den Blick nicht ersättigen konnte. Gewappnete Krieger in ernster, stattlicher Haltung bildeten den Schluß des Festzuges, der sich jeden Augenblick vermehrte durch den Anschluß freudig zuströmender Eifelbewohner. Die Glocken der Kirche läuteten. Vor dem Portale des Gotteshauses stand im Fest-Ornate mit allen Abzeichen seiner hohen Würde der ehrenreiche Abt Assuerus. Er stammte aus edler Familie, dem Könige anverwandt. Mit Geistes- und Körper-Gaben reich ausgestattet, war er schön von Gestalt, beredt und bewandert im Latein wie in der Muttersprache; vor allem galt sein Ruhm dem Beschützer der Armen, Witiwen und Waisen. In der Mitte seines Conventes stand er da, um den König zu empfangen. Rührung, Freude und Liebe spiegelten sich in seinen Zügen, als Pipin nahte. Der aber stieg sogleich vom Rosse und beugte sich demüthig vor dem Abte, um dessen Segen zu erbitten. Assuerus segnete den König feierlich, dann begrüßte er ihn in lateinischer Rede, und der König sprach freudig bewegt seinen Dank aus. Darauf traten alle wohlvorbereitet zur Andacht in das mit grünen Laubgewinden, lieblttzen Blumen, duftigen Tannen prächtig geschmückte Innere der Kirche. In Schaaren zogen sie ein. Doch kaum ein Drittel der Herbeigeströmten fand Platz darin. In weiter Runde schlössen sich draußen die Pilgerschaaren an. Das erhebende Schauspiel gemahnte an die Bergpredigt des Heilandes. In der Kirche selber aber erstieg Weomad, der Bischof von Trier, die Stufen zum Hochaltar. In athem- loser Stille sah das Volk, wie der Trierer Obcrhirte die Hülle von dem Heiligthum, von der Reliquie des Herrn sinken ließ. Nieder auf die Kniee zog es alle mit wunderbarer Gewalt. Das Pontificalamt begann. Wer hätte in diesem Hochamte der Rührung sich erwehren können! Welches Gefühl durchbebte alle Herzen, während das Credo gesungen wurde! „Lt luauruatus est!" So tönte wie mit Engelsstimmen die Botschaft von der Menschwerdung Gottes vom Chöre nieder Und im Staube lagen alle vor dem Zeugen des Erdenwallens unseres Heilandes. Schauernd empfanden alle die Tiefe des Leidens, deS Sterbens unseres Erlösers; sie empfanden es mit erschütternder Wahrheit, wie nie zuvor. Die Reliquie der Sandale predigte so eindringlich vom Erdenwallen unseres Herrn. Thränen flössen von aller Augen. In Bußgesin- nung und Zerknirschung wohnten alle dem heiligen Opfer bei, als ob sie beim ersten Opfer auf dem Calvarien- berge zugegen gewesen wären. „Großer Gott, wir loben Dich, Herr, wir preisen Deine Stärke!" Also tönte vieltausendstimmig das Tedeum am Schlüsse der Feier. Es brauste mächtig durch die Kirche und hallte draußen von den hohen Eifelbergen wider. Als der Lobgesang verklungen war, schritt König Pipin und gingen alle geistlichen und weltlichen hohen Würdenträger, begleitet von einer großen Menge Volkes, zu der nicht fernen Stelle, allwo der König den Grundstein zur neuen großen Kirche des Erlösers legte. DaS geschah unter großen und erbaulichen Feierlichkeiten. * Der königliche Stifter hat die Vollendung der Kirche nicht wehr erlebt. Sein berühmter Sohn, Karl der Große, aber führte aus, was der Vater begonnen hatte. Jener wohnte im Jahre 799 am Feste der heiligen Anna der Einweihung der Salvatorkirche in Prüm bei. Papst Leo der Dritte hat selber daS prächtige Gotteshaus eingeweiht im Beisein von vielen Cardinälen und 360 Bischöfen. Die Reliquie der Sandale wurde damals unter feierlichem Umzüge in die neue Kirche übertragen, alldort zur Verehrung ausgestellt und sorgsam aufbewahrt. An Stelle der von Pipin einst gegründeten Kirche steht heute ein anderes großartiges Gotteshaus dem aller- heiligsten Erlöser geweiht da. Die Kirche, welche Pipin gegründet, ist im Laufe der Jahrhunderte verfallen. Prüm aber hat seinen kostbaren Schatz, die Sandale des Herrn, durch alle Stürme der Zeiten, durch alle Jahrhunderte gerettet und ihn bis auf den heutigen Tag glücklich bewahrt. — Am Sonntag den 11. Oktober 1896 begann wieder eine vierzehntägige Festfeter zur Verehrung deS Hciligthums. Tausende strömen herbei, gleich wie vor 1100 Jahren, vor dem sichtbaren Zeugen des Erdenlebens unseres Heilandes zu knieen und zu beten zu dem, der die Sandale einst geheiligt hat, als er ein Mensch unter uns aus- und einging, wohlthuend, tröstend, belehrend und heilend, bis er endlich die Höhe des Cal- varienberges bestieg, um dort für uns zu'sterben. --—- ALKsLLei. 8.-8.-0. Die kaiserliche Jacht „Standort", in welcher der Czar dieser Tage seine Reise nach Schott- land zurückgelegt hat, dürfte das kostbarste und prächtigst eingerichtete Fahrzeug dieser Art sein, welches existirt. Schon in seinen Dimensionen überragt es alle anderen Nachten der übrigen gekrönten Häupter. Der „Standart" hat eine Länge von 113 in, eine Breite von 15 na und geht 6,10 va tief. Es sind dies Abmessungen, wie sie etwa ein Passagierdampfer von 4 — 5000 Brutio- Negistertons ausweist, nur daß beim „Standart" die 664 Breite im Verhältniß zur Länge eine größere ist, als wie dies bei den Schiffen der genannten Art üblich zu sein pflegt. Der „Standart" hat drei Stahlmasten, von denen der mittelste, der Großmast, 55 rn hoch ist. Die Segelfläche beträgt etwas über 1000 Quadratmeter. DaS Schiff hat Doppclschrauben, die durch zwei von einander unabhängige Maschinen getrieben werden. Nach der Berechnung sollte das in Kopenhagen erbaute Fahrzeug 21 Knoten laufen; die wirkliche Leistung auf der Probefahrt ist aber wesentlich unter der veranschlagten geblieben. Es konnten nu- 19 Knoten erzielt werden. Eine Eigenartigkeit in ihrer Construcrion weist die Kaiseryacht insofern auf, als Maschinen und Kessel bedeutend weiter nach vorne gerückt sind, wie sonst üblich. Es ist dies zum Zwecke möglichster NauAgcwimmng für die von den hohen Personen zu benutzenden Kabinen geschehen. Die Wohnräume liegen um einen kleinen Speisesaal gruppirt, dessen Täfelung und Möbel aus geschnitztem Eichenholz bestehen. An der einen Wand dieses Salons befindet sich eine allegorische Darstellung der daS russische Reich begrenzenden vier Meere, der Ostsee, des Schwai-en und Weißen Meeres und der Kaspischeu See. Von den kaiserlichen Gemächern führt eine breite Treppe nach dem Oberdeck in den StaatS-Spciscsaal, der bei einer Länge von 30' und einer Breite von 20'reichlich 70 Personen zu fassen vermag. Die Wände und Möbel sind aus hellfarbigem Holz, die Stühle mit graublauen Lederpolstsm überzogen. Die Besatzung besteht aus 20 Ossi zieren, 350 Matrosen und Unteroffizieren. ^UA8tiurA6r lailo Uoclito vorbollLltoo.l ^uf8ads Kr. 1. 11s erstes Problem lüüren V/U' unseren Lesern die nacb- stsbendo Aufgabe vor, welcbs unserem Llilardeiter I,. L. von dem Lcbacbelub ru KeAövsburA ^e^viäiuet worden ist. Lebwarr. I» K Weiss. Weiss riebt an unä sotrt in drei Aü8«n matt. Mttelirlekivn an« ,acbverIaZ von Veit L Oomp. in Deipr.i'F ist ersebieneu: ,,Das internationale Lebaebtnrnier ?.u Lastings 1895"; eins LammlnnZ äor sammtlieben Kariioen mit auslübrliebeu Anmerkungen, äem Lildniss nnä äer L!o- xrai^biv der LivFür ete., bearbeitet von Kmil Lcballoxp. Kreis 7 LI. 50 Kk§. _ MvliriolwAe. Die dentseben Lcnacblreunda baden in diesem 8ommsr den Verlust sweier bervorra^ender und verdienter 8cbaeb- spielor rn beklagen xebabt. Der eins davon ist Dr. Kanl Loullert aus Kassel, welobor rnletrt seinen Wobnsitr in dlüncben xenemmen batto und daselbst sowobl im Lebaeb- club ^Itinnneksn als im ^kademiseben Lebacbelub, dessen Vorstand er war, eins eitrige Kbäti^keit entfaltete. Kanl Lonüert, der als starker Lpioler, boebZebildetor Kbeoretiker und liedenswürdixer Oesellsclialtor allseitig beliebt war, bat sieb rn Lntanß ^»Anst into!§e eines bsmütblsidons in einem Walde bei WürrbnrA erscbossen. Von seinon scbacblieben Krtolxen ist banptsäeblicb rn vrwäbnen, dass er 1893 rn Kiel mit v. Outtsoball und MotZer den 4. und 5. Kreis tbeilto. Au DeipLiF ist ferner am 29. ^.uZust ds. äs. der Astronom Ricbard LekuriZ, einer der Dezründer der berübmton LolmebAesellsebatt „Lngustea", im 72. Dobenssabro gestorben. 8elmri^ war nicbt nur ein sebr starker, praktisebor Lpiolor, sondern aueb ein überaus sebarlsinni^sr Krodlomautor, als weleber er rablroielm treülicbo LebaebaukZaben, namentliob soxsnannto Loldstmatts, verfasste. Kino besondere Vorliebe batte er — seinem matbomatiscben 8erufe entsprecbend — kür scbwieri^s, tiefsinnige Kndspiolstuäien. ^Is Leweis seiner sedaeblicben LsAadunA diene tollende, bübseb durebAekübrts Kartio: Kartie Kr. 2. bespielt im Rrübsabr 1849 su Dviprix, und swar beiderseits obne Lnsiebt dos Lretts. dv Weiss: Lobwarr: Weiss: 8 e b w a r r: SoburlA Dr.A.lbLnxoH^ 8eboiiA vr.N. I-LiiFS i 12—14 e7—ek 13 Vc2—k2 K7-K5 2 e2—e4 o7—eO 14 82—x4(a) b5X«4 3 . d2—d4 d7-ä5 15 Dd3—o2 Vd8—o7 4 e2—e3 D18-«7 16 A4—A5 d6X§5 5 8l-1—e3 8g8-k6 >7 14X§5 8d?Xeö 6 8»1-k3 0-0 18 d4Xs5 8k6—b7 7 D11-d3 De7-b4 19 Da3—d6 Ve7—ä? 8 0-0 Db4Xc3 20 §5—86 17X8» 9 K2X-3 a7—a6 21 De2X§6 1'e8—s? 10 Lei—a3 Kf8-e8 22 D86XK7-!- K88XÜ7 11 Ddl—e2 K7-K6 23 V12 -b4f Kb7—88 12 813—e5 8b8-d7 §24 Ld6Xe7 aukAeLoböll. a) Lngesicbts äes Lrsttos würde Weiss bior äou ungleicb stärkeren Äu§ 14. 8o5Xe6 sieberliek nickt übergeben baben. IldT' Dl:i27. Die Hamen sonor Lebaebkrounäe, wolobs unsere Knäspiols unä Kroblome ricbtiA lösen unä die Dösunxen innorbald äroiWoebon einsenden, werden stets an dieser Ltelle ver- üüentliebt. Llles auf äas Lobacb Lerö^liebe ist ausnabmslos rn aäressiren: „Ln die Redaction "des.INFSburAkr 8 ebaeü- blutt — Vukv LiiAnstr» — « 87 . 1896 . „Augsburger PostMung". Dinstag, den 20. Oktober Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg lVorbesttzer Dr. Mar Huttler). Kin fehlendes Wort. Original-Novelle von C. Borges. (Schluß.) VI. Wieder waren Wochen vergangen. Der Sommer mit seinem üppigen Blumenflor ging rasch seinem Ende entgegen, und das buntgefärbte Laub auf den Bäumen kündete einen frühen Herbst an. Im Hause des Majors von Schalldorf waren noch keine Veränderungen eingetreten. Zwar bewachten Geheimpolizisten nicht mehr den Sohn auf Schritt und Tritt, aber der schwere Verdacht ruhte noch immer auf ihm und hatte den leicht erregbaren Vater in einen lebensmüden Greis verwandelt. Da traf ein Brief des Advokaten Almer ein, der für den folgenden Tag zu einer festgesetzten Stunde den Major mit seiner Gattin zu sich in sein Comptoir bitten ließ. „Was mag er nur wollen?" brummte ärgerlich der alte Herr. „Neues hat er uns doch nicht zu sagen, denn der Prozeß scheint noch lange kein Ende nehmen zu wollen; ich behaupte doch, daß weine Tochter die rechte Erbin ist und ihr das Vermögen zuerkannt wird." Jedoch am nächsten Tag fand er sich zur bestimmten Stunde ein und wurde vom Diener in ein großes Empfangszimmer geführt. Kaum hatte er es sich mit seiner Gattin bequem gemacht, als die Thüre wieder geöffnet wurde und der Anwalt Neuwann mit Tante Lina eintrat. Der Major warf den Beiden einen feindseligen Blick zu: „Was wollen die hier, da ich hierher bestellt bin", drückte sich deutlich in seinen Mienen aus. Jetzt traten auch der Lieutenant von Römer mit seiner jungen Frau ein — das Erstaunen des Majors wurde immer größer, — oann Frau Wendtland mit ihrem kleinen Willy, — sogar seine eigene Tochter Mathilde und zu seinem größten Aerger noch dazu an der Seite des Professors Wieser, und zuletzt folgt,, sein Sohn Ernst von Schalldorf. „Ich denke, wir sind jetzt alle versammelt", ertönte jetzt oie Stimme des alten Notars Almer, der unbemerkt eingetreten war und lächelnd im Kreise umschaute. „Darf ich fragen, weshalb sie uns hier zusammengeführt haben, was soll es bedeuten?" fragte Herr Neumann mit finster gerunzelter Stirn. „Ich sehe hier ja alle Verwandten meiner verunglückten Schwester", warf Tante Lina spöttisch ein, denn sie konnte über das Erscheinen Frau Wendtlands und deren Sohnes Willy ihren Zorn kaum bcmeistern. Herr Almer schaute triumphirend die zornig erregten Gesichter im Kreise an, dann entgegnete er mit fester, vernehmbarer Stimme: „Die Beantwortung dieser Fragen überlasse ich meiner Clicntin", und ehe noch die Anwesenden den Sinn seiner Worte verstanden hatten, zog er eine schwere Portiere zurück, und im Thürrahmen stand mit glücklichem Lächeln auf dem edlen Antlitz die Todtgeglaubte, und zwar am Arm eines stattlichen fremden Herrn. Die Anwesenden waren so sehr vor Ueberraschung und Schreck gelähmt, daß sie kein Wort hervorbringen konnten. „Meine Gattin, Frau Waldhausen", rief jetzt der Fremde mit lauter Stimme, inmitten des Saales schreitend. Aber selbst diese Worte vermochten immer noch nicht den Bann zu lösen, man glaubte ein Gespenst zu sehen. „Lina, hast Du mir nichts zu sagen?" fragte jetzt die Eintretende, ihrer Schwester die Hand entgegenstreckend. Sie sah frischer und lebensfroher aus, wie in früheren Jahren, alle Härte und Bitterkeit war aus ihren Zügen gewichen, und ihre Stimme hatte einen weichen, melodischen Klang angenommen. „Mathilde! Bist Du's denn wirklich?" rief Tante Lina, endlich ihre Sprache wiederfindend. „Was bedeutet es nur? Wo bist Du die ganze Zeit gewesen? Wer hat Dich gerettet? O, diese Ueberraschung ist mir zu viel — sie wird mich noch tödtenl" Dann brach sie nach alter Gewohnheit in krampfhaftes Weinen aus. „Ich war gar nicht in meinem Hause, als das Feuer ausbrach, konnte also auch nicht gerettet werden", versetzte Frau Waldhausen. „Du warst nicht in Deinem Hause?" riefen der Herr Major und Herr Ncumann gleichzeitig. „Nein." „Warum ließest Du uns denn in dem Glauben, Du seiest in den Flammen umgekommen?" stieß Tante Lina hervor. „Das war grausam von Dir, gar nicht zu verantworten. Bedenke doch die Unkosten, die wir uns um die Trauerkleiduug wachten!" „Das ist auch meine Meinung", kam das Echo des Gatten. 666 „Ich gebe zu, daß ich eine Erklärung schuldig bin", versetzte die reiche Wittwe, jetzt Frau Waldhausen. „An dem ereignißreichen Tage, der dem Feuer voranging, suchte ich Frau Wendtland, die Wittwe unseres Bruders Herbert, auf. Ich lernte sie als eine strebsame Frau kennen, die es vorzog, sich durch eigenen Fleiß ihren und ihres Sohnes Unterhalt zu erwerben, und meine Hilfe ablehnte." Bei diesen Worten warf sie ihrer Schwägerin einen liebevollen Blick zu, der die Anwesenden überzeugte, daß Freundschaft und Vertrauen zwischen beiden Frauen bestand. „Darauf kehrte ich in meine einsame Villa zurück", fuhr die Sprecherin fort, „und fand einen Brief, den meine Nichte Mathilde Neumann in meiner Abwesenheit verloren hatte." — Dunkle Nöthe bedeckte bei diesen Worten das Antlitz der jungen Frau. — „Es war der Brief einer Schulfreundin, ich las ihn, und — wie Schuppen fiel es von meinen Augen; Mathilde, die meinem Herzen so lieb und theuer gewesen war, stand jetzt ebenso falsch und habgierig vor mir, wie ich leider so viele meiner Verwandten kennen gelernt hatte. In einem vorhergegangenen Briefe hatte sie der Freundin den Wunsch meines baldigen Todes geäußert, da sie bestimmt hoffte, in meinem Testamente bedacht zu sein, und in dem Antwortschreiben machte ihr die Freundin über diesen unnatürlichen Wunsch gerechte Vorwürfe." Die junge Frau senkte beschämt den Blick zu Boden; sie ärgerte sich, daß sie durch ihre Unachtsamkeit das Vertrauen der reichen Tante verscherzt hatte. Der Lieutenant warf seiner Gattin einen vorwurfsvollen Blick zu. „Als ich den Brief gelesen hatte, war ich vollständig niedergeschmettert", erzählte Frau Waldhausen weiter. „Mathilde war mein Liebling gewesen, die langen, traurigen Jahre meines Lebens hindurch hatte sie meine Einsamkeit wie ein lichter Sonnenstrahl erhellt. Jetzt war mein Vertrauen erschüttert, und ich fühlte mich trostlos, einsam und verlassen in meinem Reichthum. Da kam mir wieder der Gedanke an meine Schwägerin, Frau Wendtland. Sie allein hatte mich nicht aufgesucht; sie hatte sogar meine Hilfe verweigert, und einer augenblicklichen Eingebung folgend, entschloß ich mich, sie noch einmal am selben Abend aufzusuchen, obgleich es schon neun Uhr war. Wir waren vor einigen Stunden nicht freundlich von einander geschieden, jetzt reifte aber der feste Entschluß in mir, die Freundschaft und Liebe der jungen Frau zu erringen. Unsere Unterredung dauerte bis gegen Mitternacht, und ehe wir uns trennten, wußte ich, daß wenigstens ein treues Herz für mich schlug. Als ich in der stillen, lauen Sommernacht allein den Rückweg zu meiner entlegenen Villa antrat, bemerkte ich einen hellen Feuerschein. Nichts Böses ahnend, setzte ich ruhig und in glücklicher Stimmung meinen Weg fort. Die Feuerwehr stürmte an mir vorüber, und bald wurde es mir zur schrecklichen Gewißheit, daß mein eigenes Haus in hellen Flammen stand. Vor Schreck gelähmt, versagten die Füße mir den Dienst, doch die Worte eines vorbeieilenden Mannes: „Die ganze Dienerschaft ist gerettet, nur die Besitzerin der Villa ist in dem Feuermeer umgekommen", gaben mir meine Kraft zurück. Da fiel es mir auch centnerschwer auf die Seele, daß ich selbst die Schuld an dem Unglück trug. In meiner Eile, das Haus ungesehen zu verlassen, hatte ich die Lampe in meinem Schlafzimmer brennend und leider zu nahe der Portiere stehen gelassen. Diese mußte sich entzündet und dadurch den Brand verursacht haben. Die Worte des Mannes halten mich nachdenklich gemacht, Jedermann hielt mich für todt; es bot sich mir eine günstige Gelegenheit, meine Identität zu verbergen und ein Leben abzustreifen, das mir unerträglich geworden war. Unter einem anderen Namen wollte ich ein neues Dasein beginnen." „Du hast gar nicht an unsere Gefühle gedacht", schluchzte Tante Lina, die noch immer die unnützen Kosten der Trauerkleidung nicht verschmerzen konnte. Frau Waldhausen lächelte. „Das gebe ich zu", gestand sie, „aber ich war zu begierig auf Euer Benehmen nach meinem vermeintlichen Tode. Aber ich hatte noch einen triftigeren Grund zu dieser Handlung. Geld und Reichthum hatten mir kein Glück, keine Freundschaft gebracht, jetzt wollte ich versuchen, in bescheideneren Verhältnissen glücklich zu werden. Einige tausend Mark, die ich vor Jahren auf einen andern Namen in der Bank deponirt hatte, standen mir jeden Tag zur Verfügung, diese schützten mich vor Mangel, und durch das fehlende Wort in meinem Testament blieb mir mein Vermögen gesichert. Nun kehrte ich in derselben Nacht zu Frau Wendtland zurück, erzählte ihr, was sich ereignet hatte, enthüllte ihr meinen Plan für die Zukunft und bat um ihre Verschwiegenheit. Sie unterstützte mich nach besten Kräften. Einige Tage blieb ich bei ihr, dann fand sie ein Logis für mich bei Frau Wieser — —" „Tante", unterbrach Mathilde von Schalldorf erregt, „ist es möglich, daß Du mit „Fräulein Winter" identisch warst?" „Ja, mein liebes Kind", lautete die im herzlichen Tone gegebene Antwort, dabei umschlang sie zärtlich ihre Nichte. „Denke nur meine Ueberraschung, als ich von Deiner Verlobung mit dem jungen Professor hörte! Du hast eine gute Wahl getroffen, mein Kind", fügte sie dann hinzu, auch dem Professor ihre Hand reichend, „und ich hoffe, Du wirst sehr glücklich werden. Ich war fast wie eine Gefangene in meinem Zimmer, denn ich wagte nicht, es zu verlassen, aus Furcht, erkannt zu werden." „Jetzt verstehe ich auch, weshalb ich niemals einen Blick von „Fräulein Winter" haschen konnte", fiel die Nichte belustigt ein. „Die Thür war so dünn, daß ich jedes Wort ohne lauschen zu wollen hören mußte", lächelte die Tante, „und so hörte ich auch manches Wort, was nicht für meine Ohren bestimmt war. Ich lernte, daß ich mich in Dir getäuscht hatte. Du wärest mir eine treue Freundin geworden, nach der sich mein ganzes Herz sehnte, wenn ich mir nur die Mühe gegeben hätte, Dich besser zu verstehen." „O, Tante! Du warst immer so einsam und traurig", flüsterte das junge Mädchen. „Nicht als ich im Hause der guten Frau Wieser wohnte Hier machte ich viele neue Erfahrungen. Ich merkte, daß Du mich wirklich geliebt hattest, und freute mich, daß Du um meinetwillen Dich meines kleinen Hundes annahmst. Das gute Thierchen mußte meine Nähe spüren, denn es scharrte und kratzte fortwährend an der Thür. In meiner vermeintlichen Dürftigkeit empfing ich auch manche Beweise der Liebe, die ich früher nie erfahren hatte und die meinem Gemüth jetzt doppelt wohl thaten." „Jetzt weiß ich auch, woher eine gewisse Kiste kam die unlängst in unserem Hause abgegeben wurde", warf der Professor lachend ein. „Frau Wieser lud mich zu dem Mittagessen", lächelte Frau Waldhausen, „um mir eine Freude zu machen, und ich muß gestehen, daß dieses der glücklichste Tag meines Lebens wurde. Ich hörte, daß Erich Waldhausen noch lebte, er war der Bruder meiner Wirthin, und hier sah ich zum ersten Mal nach langer Zeit sein Bild wieder. — Ganz unerwartet kehrte er nach Deutschland zurück wir sahen uns, beschlossen eine baldige Hochzeit, und bis zu diesem Tage wollte ich wein Jncognito bewahren." „Seit wann bist Du wieder verheirathet?" warf Tante Lina mit verächtlicher Kopfbewegung ein, denn es verdroß sie, daß jetzt auf keine Erbschaft mehr zu hoffen war. damit Alle die Einzelheiten der letzten Wochen aus meinem Munde hören konnten." „Das war wirklich für uns alle eine großartige Ueberraschnng", rief der Major erstannt. „Wenn Ernst vorhat, ein neues Leben zu beginnen, so will ich ihm behilflich sein", nahm jetzt Herr Waldhausen das Wort. „Ich glaube, die letzten Wochen sind ihm segensreich gewesen, und ich bin überzeugt, daß er ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft werden kann, wenn er nur will. Ein Ingenieur in Amerika hat bald sein Glück gemacht; an Kenntnissen mangelt es ihm nicht, und was ihm noch fehlt, kann er sich leicht aneignen. Ich habe drüben noch viele Freunde, die sich gern seiner annehmen ; übergeben Sie ihn meiner Obhut, Herr Major, und es wird bald die Zeit kommen, daß Großvaters Friseur. Nach einem Originalgemälde von W- Roegge. «W „Die Trauung fand gestern in aller Stille statt", versetzte die Angeredete. „Schon seit Wochen hatte ich von dem schweren Verdacht gehört, der auf meinem Neffen Ernst lastete; ich allein konnte ihn davon befreien und benachrichtigte die Polizei durch meinen Freund Almer, daß ich noch am Leben und das Feuer in der Villa zufällig ausgebrochen sei. Mein Neffe wurde nicht belästigt, und daß kurze Zeit der Verdacht auf ihm ruhte, hat ihn hoffentlich dazu veranlaßt, in Zukunft sein leichtsinniges Leben zu ändern. Die an jenem Abend mitgenommenen fünfhundert Mark lasse ich ihm gern; es genügt mir zu wissen, daß er noch in derselben Nacht in einem Briefe an mich die That bekannte und um Verzeihung bat, die ihm gern gewährt wird. Schließlich bat ich Herrn Almer, alle Glieder meiner Verwandtschaft heute hierher zu bitten, Sie mit Stolz und Freude zu ihrem Sohne Hinaufblicken." — Der alte Major war sichtlich bewegt, stumm reichte er seinem neuen Freunde die Hand. „Ich will ein neues Leben beginnen und mich des Vertrauens würdig zeigen", gelobte ernstlich der junge Mann. Jetzt wandte sich Frau Waldhausen an den Major. „Nun komme ich als Fürsprecherin für meine liebe Nichte", begann sie bittend. „Sie wissen, wie sehr sich die beiden jungen Leute lieben, aber ohne Ihren Segen können sie nie glücklich werden. Geben Sie Ihre Zustimmung, damit Sie nicht das Lebensglück zweier Herzen untergraben. Meine zerstörte Villa soll in früherer Schönheit und Pracht wieder aufgebaut werden, und reichlich ausgestattet zieht dann das junge Paar ein, und sicherlich 666 werden sie dort ein glücklicheres Leben führen, als wie ich eS gethan habe." Der alte Major konnte nicht länger widerstehen. „Sei glücklich mit dem Manne Deiner Wahl", sagte er feierlich und drückte seine vor Freude weinende Tochter fest an sein Herz, dann reichte er auch dem Professor die Hand, die er nach alter Soldatenart kräftig schüttelte. „Wenn später der Lag kommen wird, daß im vollen Ernst mein Testament verlesen wird, so soll es rechtskräftig in meinem Nachlasse gefunden werden", nahm zum Schluß Frau Waldhausen das Wort. „Damit sich aber Niemand trügerischen Hoffnungen hingibt" — hierbei warf sie einen Blick auf ihre Schwester Lina — „und da ich Gelegenheit hatte, in den letzten einsam verlebten Wochen meine wahren Freunde kennen zu lernen, so verkündige ich hiermit feierlich, daß meine Nichte Mathilde von Schalldorf oder deren Kinder und die Wittwe meines Bruders Herbert, Frau Wendtland, oder ihr Sohn Willy meine Haupterben sein werden. Ein neues, voll- giltiges Testament soll bald verfertigt werden, und es soll keinerlei Veranlassung zu Uneinigkeiten geben durch ein fehlendes Wort!" i- < » . I Ueber das Heben gesunkener Schiffe. 8.-8.-0. Es bestehen z. Z. zwei Hauptmethoden zum Heben gesunkener Fahrzeuge, die je nach der Beschaffenheit der zu hebenden Wracks und der Lage, in der sie sich befinden, angewandt werden. Ist der Schiffsrumpf nur wenig beschädigt, so daß eine provisorische Dichtung desselben durch Taucher ausführbar scheint, so'wird das Wrack, nachdem es zuvor so gut wie angängig wasserdicht gemacht ist, ausgepumpt und zum Schwimmen gebracht. Bei dieser Art des Hebens muß besondere Rücksicht darauf genommen werden, ob das Deck den auf ihm ruhenden Wasserdruck auszuhalten vermag. Um ein Durchbrechen zu verhüten, wird dasselbe, nachdem man zuvor so viel wie angängig von der Ladung gelöscht, durch Streber abgestützt. Luken und andere Dccksöffnungen müssen durch dicke Bohlen verschlossen und vorsichtig abgedichtet werden; ebenso darf die Oeffnung, durch welche das Saugrohr der Pumpe hindurchgeht, nur gerade groß genug sein, um dieses durchzutasten. Die Luftzufuhr geschieht mittelst kleinerer bis über die Wasseroberfläche emporreichender Röhren. Sind alle Vorkehrungen getroffen, so werden die Pumpen, die auf in der Nähe der Wrack- stelle verankerten Fahrzeugen aufgestellt sind, angesetzt. Geht Alles gut, so hebt sich das Schiff; besondere Sorgfalt muß indessen beobachtet werden, um ein Umschlagen zu verhüten. Liegt das Schiff in beträchtlicher Tiefe, so wird der Wasserdruck so groß, daß das Deck ihn nicht auszuhalten vermag. Man baut alsdann eine wasserdichte, bis an die Oberfläche reichende Kammer aus schweren Balken und Brettern über dem Wrack und bedeckt sie mit einer Plattform, auf der die Pumpen aufgestellt werden. Das Wasser wird hierauf ausgepumpt und das Schiff, in dem Maße, wie es sich hebt, höher auf den Strand hinaufgezogen. Wenn das Deck über Wasser kommt, so entfernt man den Aufbau, setzt die Pumpen auf das Deck, um dann mit dem Auspumpen des Wassers aus den Schiffsräumen fortzufahren. Auf diese Weise sind große Schiffe aus beträchtlicher Tiefe gehoben worden, wie z. B. das vor mehreren Jahren im Hafen von Gibraltar gestrandete Auswandererschiff „Utopia". Die Methode ist allerdings umständlich, kostspielig und nicht ohne Gefahr, es ist aber die einzig mögliche Art, um große Dampfer wieder an die Oberfläche zu fördern. Ist die Wassertiefe so groß, daß die Anbringung und Befestigung einer Kammer an dem Wrack nicht mehr ausführbar ist, so hört natürlich die Möglichkeit des Hebens mittelst dieser Methode aus. Handelt es sich um das Heben von Fahrzeugen aus großer Tiefe, so wird neuerdings mit Erfolg eine zweite Methode angewandt. Dieselbe besteht darin, daß dicke Stahldrahttaue unter dem gesunkenen Schiffe hindurchgezogen werden, und zwar, je nach der Größe und dem Gewicht des gesunkenen Sckiffes, in mehr oder minder großer Zahl. Ueber dem Wrack werden Pontons verankert und nach diesen die Drahttaue hingeleitct. Liegt das Wrack an einer Stelle, wo Ebbe und Fluth auftritt, so benutzt man das Steigen des Wassers, um das gesunkene Schiff zu heben. Die Trossen (Taue) werden beim niedrigsten Wassersland steif gesetzt und an den Pontons befestigt. Steigt dann das Wasser, so werden diese letzten hochgehoben, und mit ihnen hebt sich das in den Stahltrossen hängende Wrack. Bei Hochwasser werden Schiff und Ponton nach einer paffenden flachen Stelle am Strande geschleppt und an Grund gesetzt. Mit der nächsten Ge- zeit wird dann das Experiment wiederholt, das Wrack wieder um eben so viel höher gefördert, als der Unterschied zwischen Ebbe und Fluth beträgt, und weiter so hoch nach dem Strande hinaufgebracht als wie nur möglich. Ist man auf diese Weise so weit gelangt, um das Schiff bei Niedrigwaffer trocken legen zu können, so wird es provisorisch reparirt, worauf es bei der nächsten Fluth flottgemacht und in ein Trockendock zur endgültigen Reparatur gebracht wird. Selbstverständlich müssen die Pontons zusammengenommen genug Tragfähigkeit besitzen, um das Gewicht des Wrackes im Wasser heben zu können, ebenso müssen die Stahl- trossen von genügender Stärke und Zahl sein, und ferner soll eine möglichst gleichmäßige Vertheilung des Gewichts auf sämmtliche Hebcfahrzeuge und Taue stattfinden, eine Aufgabe, deren Lösung namentlich bei unruhiger See, oder wenn sonstige hindernde Umstände obwalten, durchaus nicht leicht ist. Tritt an der Unfallstelle Ebbe und Fluth nicht auf, oder ist der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwaffer nur gering, so ist man bei dieser Methode zum Höherbringen des Wracks auf Maschinen- kraft angewiesen. Die zu diesem Zwecke anwendbaren Vorrichtungen sind in den letzten Jahren bedeutend vervollkommnet worden. Namentlich die Fortschritte, die man in der Herstellung von bieg- und schmiegsamen Drahtseilen gemacht hat, haben es ermöglicht, daß man heute weit größere Gewichte zu heben vermag, als früher, wo man für diesen Zweck ausschließlich Ketten benutzte. Die Drahtkabel werden durch Schächte, die in der Achse des Pontons liegen, nach unten geführt, sodaß die Kraft stets in der Mitte wirkt und das volle Deplacement nutzbar gemacht werden kann. Die Pontons sind durch Längs- und Querwände (Schotte) in eine Anzahl wasserdichter Kammern getheilt, welche theils als Maschinen- kammern und Aufenthaltsräume für die Mannschaft, theils als Wafferkammern zur Regelung des Deplacements dienen. Jeder Ponton hat elektrisch bewegte Winden, welche senkrecht zu seiner Längsachse verschoben werden können. Die seitliche Verschiebbarkeit der Winden ist noth- >!!!« K *v< Koliman-Kula, der schwarze Thurm in Ktobuk (Herzegowina). Von Pros. P. Zwerina, MVW INWM, -, «L z W« E -V' ^ ^ S» ^ -- 's»-' 070 wendig, um bei verschiedenen Breiten des zu hcbendcn Wracks stets eine vertikale Zugkraft in den Kurbeln zu behalten und zu verhindern, daß die Pontons sich einander nähern. Man hat neuerdings in England solche Pontons bis zu einem Deplacement von 1000 Tons hergestellt, sodaß vier derselben, an einem Wrack angebracht, ein Gewicht von nahezu 4000 Tons zu tragen vermögen. Beim Heben werden je zwei Pontons nebeneinander gelegt und das Wrack mit Hülfe elektrischer Winden bis nahe an den Boden derselben aufgewunden; dann werden letztere um die Breite des zu hebenden Fahrzeuges von einander entfernt und dieses alsdann weiter in die Höhe gefördeit und in seichtes Wasser gebracht. Die beiden vorstehend e> wähnten Metboden des H bcns mittelst Auspumpens und unter Anwendung von Stahltrossen dürften in der Mehrzahl der Fälle, wo eine Hebung überhaupt möglich ist, heute zur Anwendung kommen. Versagen beide Auskunftsmittel, sei es, weil der Boden des zu hebenden Fahrzeuges gänzlich offen gerissen ist, auch Kabel aus irgend welchen Gründen nicht unter dem Kiel hindurchgezogen werden können, oder schließlich das Gewicht zu groß ist, um mittelst Pontons gehoben werden zu können, so bleibt nur noch das Mittel des Einbauens einer Plattform in das Schiff und nach- herigen Auspumpens des darüber befindlichen Raumes übrig. Dasselbe ist indessen nur dann angängig, wenn das Wrack nicht tief liegt und bei Ebbe das Deck aus dem Wasser kommt. Die Methode erfordert sorgfältige Berechnung, ohne die der Bcrger leicht großen Schaden nicht nur an Gut, sondern unter Umständen auch an Menschenleben erleiden kann. In erster Linie muß bekannt sein: das Gewicht des Schiffskörpers, der Ladung und der in das Schiff gebrachten Bergungsgeräthschaften, dann der Kubikinhalt des Theils des Raumes, sofern ein solcher vorhanden ist, der durch Leerpumpen zum Heben des Schiffes beitragen kann, und schließlich der Kubikinhalt der Ladung, die oberhalb der Plattform aus dem Laderaum herausgeschafft werden muß, um dem Schiff genügenden Freibord zu geben, wenn das Auspump-n stattgefunden hat. Große Schwierigkeiten erfordert das Anbringen einer tiefen Plattform, und wo immer genügende Schwimmkroft erzielt werden kann, legt man sie so hoch wie möglich. Es bleibt dann mehr Zeit zwischen Steigen und Fallen des Wassers, um die Arbeiten auszuführen. Die Plattform muß in der Form den erforderlichen Umständen des Falles angepaßt werden, genau an die Schiffsseite anschließen und überhaupt wasserdicht sein. Erwähnung verdienen noch einige veraltete Methoden, die heute kaum mehr angewandt werden dürften, oder wenigstens nur da, wo moderne Hilfsmittel nicht zugänglich sind. Es ist dies zunächst die Anwendung von Luftsäcken, die im Raum der Schiffe befestigt und alsdann ausgepumpt werden. Die Erfolge, die man damit erzielt hat, sind nicht bedeutend. Das größte Fahrzeug, das auf diese Weise gehoben wurde, war der Raddampfer „Prince Consort" von 607 Brutto-Registertons, der im Hafen von Aberdecn gesunken war. Das System hat den Nachtheil, daß es nur bei leeien oder fast leeren Fahrzeugen anwendbar ist, und ferner sind die Säcke sehr der Beschädigung durch scharfe Gegenstände, wie vorstehende Bolzen rc., ausgesetzt. Aucki mst der Anbringung von Caissons, die außen am Schiffe befestigt werden und aus denen dann das Wasser durch Luftpumpen ausgetrieben wird, hat man selten gute Erfolge erzielt. Die Befestigung der Behälter durch Taucher gelingt selten so, wie man es wünscht. Aus den vorstehend beschriebenen Methoden des Hebens gesunkener Schiffe wird der Leser eine oberflächliche Vorstellung von der Art und Weise, wie derartige Arbeiten ausgeführt werden, wie von den Schwierigkeiten, mit denen man bei diesen Arbeiten zu kämpfen hat, zu gewinnen vermögen. So groß auch die Bergelöhne sind, die zeitweilig für das Heben gesunkener Wracks bezahlt werden, so lassen sie doch selten für den Bcrger einen entsprechenden Profit. Die Anschaffung und Erhaltung des Materials stellen hohe Anforderungen, zudem werden die Bergungskontrakte stets auf der Basis „kein Erfolg, keine Bezahlung" abgeschlossen. Gelingt es dem Unternehmer nicht, das Wrack zu heben, so hat er all' seine Mühe und die großen Kosten umsonst gehabt. ->S-»WS«—- Der Pelz in der Mode. Pelz auf den Hüten, an Mänteln und Kleidern, Pelz an den Handschuhen, den Stiefelchen und Pantoffeln, Pelz an Fächer, an Handtasche und Portemonnaie! Die Preise selbst der kostbarsten Felle sind herab- gegangen, die Nachahmungen zu lächerlich billigen Preisen zu haben, so daß selbst die weniger Bemittelten sich eine wärmende Umhüllung anzuschaffen vermögen. Die luxuriösen Kreise haben wohl noch niemals sich einem derartigen srnbarras ckv rlokosos in Bezug auf Pelz gegenüber gesehen, wie in der abgelaufenen Wintersaison. Vor Allem ist zu erwähnen, daß man sämmtliche Pelzarten nicht mehr, wie früher, lediglich zu Besatz oder Futter verwendet, sondern sie als Außenseite der Kleidungsstücke (Oberzeug) trägt, was reich und prächtig aussieht. Für den Salon hat die Mode ein Rauchwerk in den Vordergrund geschoben, das lange Jahre hindurch lediglich Repräsentationszwecken bei Hoff und Staatsactionen diente: den Pelz der Kaiser und Könige, den Fürstinnen über das Parkett von Schloßsälen schleifen: den Hermelin. Die kaum handgroßen Fellchen sind von außerordentlicher Kostbarkeit. Sie sehen schneeweiß aus und tragen auf schwefelgelber Ansatzstclle das kohlschwarze Schwänzchen des reizenden kleinen Thieres. Nicht nur zur Verbrämung von Prunk-Toiletten und Abcndmänteln wird der Hermelin verwendet, ganze Kragen und Capes, sowie weitärmelige Jacken von wahrhaft fürstlichem Aussehen stellt man daraus her. Das Futter wird in lichter, abstechender Seide, in Damast, Brokat mit metallflimmernden Blumen gewählt, oder aber — und das ist der Gipfel der Eleganz — es besteht ebenfalls aus Hermelin. Nächst diesem Pelz gilt als das kostbarste Fellwerk der echte Kamtschatka-Biber (See-Otter), von dem ein tadelloses Fell 2000 Frcs. im Preise steht. Sein fein dunkles Haar hat einen fabelhaften, beinahe glitzernden Schimmer. In dritter Reihe erst folgt sibirischer Zobel; dies weiche, duftige,^ entzückend kleidsame Pelzwerk, das durch die dichte Stellung seiner seidenfeinen Haare erwärmt, wie kein anderes. Zobelfutter (als Neuheit wird 671 dazu Zobelklaue, Zobelkopf, Zobelkehle, Zobelseite verwendet) gilt als das allerleichteste und somit zu stoff- reichen Pelzen geeignetste. Seit zwei, drei Saisons hat sich die Mode eingebürgert, die kostbaren, an der Außenseite aus Zobel gefertigten Mantel und Capes mit den lose herabhängenden Schweifen des Thieres zu schmücken, was weniger geschmackvoll als originell erscheint. Höchstens als Franse kann man die sonderbare Zier gelten lassen. Zobel ist der vornehme Stroßenpclz xar sxoel- Isuov, erfreut sich aber auch zum Besatz eleganter Toiletten großer Beliebtheit. In schmalen, rundgebogenen Streifen tragen ihn die jüngsten Mädchen zu hellen Tuchkleidern. Wundervoll hebt sich sein warm getöntes Braun von perlweißem, goldgesticktem Atlas ab, sowie von purpurrothem, grünem oder lila Sammt. Der amerikanische Zobel ist bedeutend billiger als der sibirische, wird auch entsprechend geringer bewerthet. Im Range folgt nun der Silberfuchs oderderBlau- suchs, kostbares Rauchwerk, das jugendlichen Erscheinungen angemessener erscheint, als der ernsthaft aus- sehcndeZobel, aber gleich ihm nur gold- gefülltenHän- den erreichbar ist. Auch der Seeal (Biberseehund aus Alaska),dieser seit Jahren so beliebte und gesuchte Pelz, ist noch ziemlich theuer. Er gleicht prachtvollem Hochflor- Seidenplüsch von tiefbrauner Farbe und ist kurzhaariger, als die übrigen edlen Pelzsorten. In Folge dieser Eigenschaft ist er besonders zu eng die Gestalt umschmiegenden Jacken und Paletots geeignet. Auch wird er von Damen für Fahr- und Reisepelze bevorzugt. Man stellt ganze Ulsters, Kaisermäntel und Rotunden daraus her, auch das Futter vornehmer Herrenpelze. Etwas Weicheres, Schmeichelnderes als Seal kann man sich kaum vorstellen, und etwas Einfacheres auch nicht. Er gehört so recht der Jugend. Sehr begehrt ist der hochmoderne Astrachan neben dem sich immer noch in der Gunst behauptenden Persianer. Der Letztere gleicht dichtgelocktem Nege'haar, der Erstere sieht aus wie das Fell eines edlen, hingemordeten Neufundländers. Aeußerst apart und fesch nimmt sich ein Bolerojäckchen aus Astrachan mit malerisch weiten Aermeln zu hechtgrauem oder russischgrünem Tuch aus. Der Nerz, das dem Zobel ähnlichste, aber bedeutend vulgärere Pclzwerk, ist augenblicklich ebenfalls sehr beliebt und wird gleich seinem kostbaren Doppelgänger vielfach mit Schweifen garnirt. Als eine hervorragende Pelzsorte gilt der Biber. Sein etwas buschiges Haar ist lichtbraun und kurz. Auf der spiegelnden, gefrorenen Fläche macht dem 'Biber freilich der so beliebte und kleidsame Chinchilla (Haselmaus) Concurrcnz. Er ist ziemlich theuer, dabei nicht praktisch; denn das silberschimmernde Grau, das er ausweist, und das wie mit Schnee bestreut erscheint, färbt sich während des Tragens gelblich. Wer ein Pelzwerk von kräftiger Eleganz, das nebenbei fast unverwüstlich ist, erwähl n will, der sei auf den Skunks (Bär) hingewiesen. Zu Herrenpelzen äußerst beliebt, hält er sich seit Jahren in der Gunst für einfachere Confection, für Muffe, Kragen und besonders für Boas, wozu auch der elegante Marder sich vortrefflich eignet. Die weiterhin in Betracht kommenden Pelzwerke sind nicht theuer, zum Theil aber hervorragend kleidsam. Es sind: grauer Krimmer, Waschbär, Luchs, Goldfuchs, Iltis, Kasto- rette, Bisam und Kanin. Das Färben des Letzteren hat eine ganze Industrie hervorgerufen. Weißer Kanin ist für die Kleinen und Kleinsten beliebt. Der Febpelz einfach grau, sowie weißgrau, kommt nur zu Futterzwccken in Betracht. Milliarden der kleinen Fehthierchen müssen alljährlich ihr Leben lassen für die Eleganz und das Wohlbefinden der Damen. Besonderer Erwähnung als pompös aussehendes Futter und Garnirung für raantsanx äs dal verdient noch das langlockige, weiße Fell des Thibetschafes. Wie aus Schneeflocken zusammengeweht erscheint dieser Pelz. Er ist in allen Farbcn-Nuancen bis zum tiefen Schwmz hinab zu haben, obgleich es sonst das löbliche Bestreben der Pelzhändler ist, keine gefärbte Waare in den Handel zu bringen. Bei den ganz billigen Sorten läßt sich das freilich nicht vermeiden. (Luz. Vaterld.) Sega«. Vriginal-Aufnahme von Gustav Baader, Photograph in »rumbach. lvervielsLltigungireiht vorbehalten.; WM WW 672 Zu unseren Bildern. Großvaters Friseur. Einen so geschickten lieben kleinen Friseur, wie der Großvater, hat Niemand im Haus. D'rum ist der alte Mann auch kreuzvergnügt, weint nicht wie die Grete, wenn ihr die Mutter den dicken Blondzopf sträblt, sondern schmunzelt beim Fristren, als ob ihn Engelshände über den greisen Kopf strichen. Engelsbände stnd's auch im Grunde, wenn auch recht kleine, dicke, mit Grübchen versehene und nicht immer mit übertriebener Sauberkeit behandelte, die Händchen der kleinen, braunen Lori, des jüngsten Enkelchens des Alten. Gründlich thut das Kraus- köpfchen sein gutes Werk; mit der großen Kleiderbürste, mit der der Vater Sonntags den dunkelblauen Kirchenrock putzt, fährt sie über des alten Mannes kahlen Schädel und über die wenigen silberweißen Fäden, die ihm als letzter Ueberrest seines einstigen kräftigen Lockenwuchses verblieben sind. Als ihm vor fünfzig Jahren die Hand seiner jungen Liebsten bewundernd und kosend über den glänzenden Hauptschmuck strich, lächelte er auch; aber ob mit so freundlichem Behagen wie heute, bei LorchcnS Frisirversuchen? — Ich glaube nicht! KoUman-Kula. Die wilde, mordlustige Schaar, welche im Thale die Bataillone des Kaisers aufzuhalten gedachte, ist zersprengt. Die splitternden Granaten rissen weite Lücken in ihre Reihen, und vor den blitzenden Bajonnctten, vor dem donnernden Hurrah der Söhne Oesterreichs wandten sich die Bcgs zur Flucht. Ein Häuflein sucht Zuflucht in dem Thurm, der vom steilen Abhänge trotzig herniederstebt; wild und düster ist der Bau, ein Raubnest, ähnlich dem Horste des Geiers, dem Verwesungsgeruch entströmt. Altes zerfallendes Gemäuer, überbaut mit Holzwerk, unwohnlich und unheimlich, wie die Menschen, die hier Hausen. Unter Allahgeschrei sind sie ausgezogen, um gegen die Fremden zu kämpfen und die Christen zu tödtcn. Bei den Luken sieht man sie hängen, auf langen Stangen ober dem Dache sieht man sie schwanken: die Trophäen, heimgebracht vom Schauplatze eines hinterlistigen Ueberfalls. Der christliche Fübrer der Tragtbiercolonne büßte es mit dem Leben, daß er den Soldaten den Weg gezeigt. Doch die Rache naht jetzt. Im Sturmschritt drängen den Fliehenden die Soldaten nach, klettern den steilen Hang hinauf. Die Bergkanonen senden ihre Geschosse herüber auf das Raubnest. Einer nach dem Andern der wilden Gesellen sinkt, und Jene, die mit verzweifeltem Trotze da oben noch ausharren, Kugel um Kugel aus den langen Flinten versenden, sie werden wobl kaum den Abend des Tages sehen. Sie kannten kein Erbarmen und wollen keine Schonung, sie werden kämpfen, so lange noch Pulver und Blei in ihrem Sacke ist, so lange noch ein Winkel ist, der sie birgt, eine Luke, um das Gewehr hinauszustrecken. — Unser Bild stellt Soliman-Kula, auch Kara Kula oder Erna Kula (Schwarzer Thurm) in Klo- buk dar. Die Bergveste Klobuk in der Herzegowina, an der montenegrinischen Grenze gelegen, war eines der berüchtigtsten Raubnester, sie galt als uneinnehmbar und unzerstörbar, da sie auf steiler, schwer zugänglicher Felsenhöhe lag. Den schwarzen Thurm soll Soliman II. erbaut haben, er war von jeher einer der gefürchtetsten Gefängnißthürme und Richtstätte. An dem äußeren Geländergang von Eichenholz waren ringsum Fallthüren angebracht, durch welche gleichzeitig 16 Justificirte hinaus- gehängt werden konnten. Im letzten Aufstand wurden Alle, die es nicht mit den Türken hielten, hier aufgeknüpft, so daß oft ein ganzer Kranz von Gehenkten den Thurm umgab. Die Berg- vestc Klobuk mit dem Thurme, in welchen sich die geschlagenen Insurgenten der Herzegowina geflüchtet hatten, wurde von der österreichischen Artillerie innerbalb 3 Stunden in Trümmer geschossen. Heute ist das ganze Raubnest zerstört. Kega«. Die Pfarrkirche in Legau wurde erbaut, soweit bekannt, im Jahre 766; erweitert im Jahre 1785; eingeweiht 8nd titulo sauotorum blari^ram 6oräiani st 8pimaelü ; das Patrocinium ist am Gcdächtnißtage dieser Heiligen, am 10. Mai. Der Tag der Consecration und der Name des Consecrators ist unbekannt. Die Kirche hat 5 Glocken mit den Tönen 6, v, 8, 61, ist 44 m lang mit Einschluß des Chores, Länge des Chores 12 m, Breite des Schiffes 12 m, jene des Chores 8 m, die Höhe der Kirche (innen) 12 m ohne Säulen, Backsteingemäuer. Im Jahre 1890 wurde das Innere der Kirche im polychromen Stile reich bemalt, was einen Kostenaufwand von ca. 30,000 M. erforderte. Die Pfarrei zählt gegenwärtig 1700 Einwohner. —«Mies-- ALLerLeL. In der Geschtchts stunde. Lehrer »ocirend^: ..Und so hat das Volk die Eigenthümlichkeit, die Namen seiner Herrscher mit gewissen bestimmten Prädikaten zu schmücken, die die Eigenschaften der Herrscher auch für die Nachwelt in knapper Weise veranschaulichen, wie z. B. Friedrich der Große, Philipp der Schöne, Karl der Kühne .... Nun, sage Du mir einen andern solchen Herrscher mit einem Beinamen." - Erster Schüler: „Ludwig der Fromme." — Lehrer: „Schön, nun Du!" — Jtzig Kohn: „Gott der Gerechte!" -- Hkauöe. Wie ein Quell den müden Wand'rer Labt und seine Kraft erneut. Wie des Mondes freundlich Leuchten Uns in dunkler Nacht erfreut: Sei der Glaube dir ein Stern; Folge diesem Lichte gern! Wenn die Stürme dich umbrausen, Find'st bei Menschen du nicht Trost, Wenn du keinen Freund kannst finden, Dich der wilde Schmerz erloost: Lenkt der Glaube deinen Sinn Hoffnungsvoll zum Himmel hin. Was in deinem Herzen blühet Still verborgen, fromm und rein. Wird im Lichte wahren Glaubens Himmlischer und schöner sein: Denn der Glaube ohne Trug Adelt deiner Seele Flug. Dieses Gut laß dir nicht rauben, Bleibe deinem Glauben treu. Wenn du nie im Glauben wankest, Wird dir Gottes Huld stets neu. Wohnt der Glaub' in Herz und Sinn, Schaut Gott liebend auf dich hin. Bete, daß die große Gnade Wahren Glaubens bleibe dir! Wenn einst naht die letzte Stunde, Wenn dein Leben endet hier, Mög' dein Glaube fromm und rein Führen dich zum Himmel ein. F. W. Wierleuker. Kreuz-Aäthser. 1 2 3 4 1 wirst in Rom du finden, 2 ist bei Riesen stets, 3 ist die 4 von hinten Im Inhalt des Gebets. 1 2 erfreut die Sinne Als ein Symbol der Minne. 3 4, willst du es sehen, Mußt du zum Meere gehen. 3 1 kennst du als Flüßchen In einem fernen Land. 1 4 bringt dir ein Küßchen Schenkst du's der Frau galant. 4 2 wird gut gebunden In jedem Haus gefunden. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 85: Weiß. 1. D. 64—84 2. 82-81 3. S. 85—66 (64) Matt. Schwarz. T. 85-84: T. 84 (L. 62) — 84: HL 88. Ireitag, den 23. Oktober 1898. svür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas ,nd dos llleistei-lnrnivi 8 an Budapest nach der IX. Runde vom 17. Oktober I8S6. Rillsburr)' j-6'/z,lVinawery6'/z, Obarousek 15'/,, lsobigorin fö'/z. älbin -j- 5, LIaröcax p 4'/,, dannowskx f 4, lValdrodt j- 4, Schlechter p ö'/„ Dr larrasch s 3'/„ Nareo p 3, Dr. Koaf2, v. Lopiel p 1. — Die Dorren älaxin und ülakowota haben bei Beginn des lurniers ihre lbeilnabme wieder aurück- gerogen. — Luserlesene Lartien von diesem lurnier folgen demnächst. Die Kamen jener Schaebkrounds, welche unsere Endspiels und Broblcme richtig lösen sowie die Lösungen innerhalb drei lV »oben einsenden, werden stets an dieser Stelle vor- vlköutlioht. ä.IIes auf das Scbach Leaügliobo ist ausnahmslos au adressiren: ,.5n die Redaction dos äugsbnrgei'Sebkolt« blatt — dnkv ängustu — ängLbui-g." "UM « 89 . 1896 . „Augsburger Postxeitung". Dinstag, den 27. Oktober Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabberr in Augsburg lBorbesitzer vr. Max Huttler). „W a g d a." Zwölf Monate eines modernen Lebensbildes. Der Wirklichkeit nacherzählt von Beda v. Ballheim. (Fortsetzung.) April. — Frühlingsstürme. Mit jenem Aschermittwoch trat in Magda's innerem Leben eine große Veränderung ein. Sie blieb nicht mehr auf der Schwelle des Kirchleins, sondern eilte, so oft es ihr möglich war, ihrem kindlichen Herzen Genüge zu thun, zu Füßen der Himmelskönigin. Aber merkwürdig — sie wagte über dies Alles, wie sehr es sie auch bewegte, keine Frage an ihre Eltern. Die alte Marianne allein besaß ihr Vertrauen, und mit glühendem, unermüdlichem Eindringen in den einfachen Schatz der alten Magd entlockte sie derselben bald Alles, was diese selbst wußte. Die Alte war ein lebendiges Legendenbuch. In bunten Reihen führte sie vor des Kindes Blicken die hehren Helden und Heldinnen vorüber, welche mit Seligkeit in den Martertod gingen, um den Glauben an den Heiland, den iie lebend verkündet, sterbend zu besiegeln. Aus den einfachen Worten der alten Marianne schufen die lebhafte Phantasie und die natürliche dichterische Begabung der Kleinen eine farbenprächtige, strahlende Welt des Leidens und der Demuth. Wenn Magda des Abends in ihrem Bette die Augen schloß, begann die glücklichste Zeit. Dann war sie selbst in seligen Träumen, in einer Sehnsucht des Leidens um Gottes und der heiligen Jnng- frau willen und jener heiligen Ueberwinderinnen. Mit der wunderbaren Empfänglichkeit des kindlichen Nervensystems empfand Magda fast selbst die Schmerzen des Martyriums, das dann immer in einer unbeschreiblichen Seligkeit endete, wenn sie in den großen, wehenden, blauen Raum erhoben wurde, in welchem strahlend die Mutter Gottes schwebte. Diese streckte ihr die Hand entgegen, und Magda's Sinne verließen sie in der Seligkeit, dieselbe berühren zu dürfen. Auf das äußere Sein des Kindes hatte diese merkwürdige innere Arbeit einen bedeutenden Einfluß. Es war demüthiger, freundlicher und gehorsamer als sonst, und die Eltern fragten sich oft verwundert nach der Ursache ihrer Umwandlung. Sie ließen es gewähren, wenn es beim Schlafengehen und Aufstehen lange knieend betete. „Diese Zeit der Inbrunst liegt in jeder Kinderseele", sagten sie sich, „sie geht vorüber, um so schneller, je weniger dagegen eingeschritten wird." Als aber Magda's Vater dieselbe eines Tages überraschte, wie sie beim Beten das Zeichen des heiligen Kreuzes machte, verwies er ihr dies sehr ernsthaft; das sei Aberglaube und Unsinn und der Gottesähnlichkeit des Menschen unwürdig. Wie Brausen und Donnern tönten diese Worte in der kleinen, stillen Welt. Sie verehrte und liebte ihren braven und ehrenwerthen Vater aus ganzer Seele, — wie sollte sie diese ihrem unschuldigen Heiligthume so fremde Sprache damit vereinen? — Für die damals zwölfjährige Magda begannen dadurch schmerzliche Kämpfe. Sie wagte Niemand zu fragen, aus Furcht, mehr von sich zu verrathen, wie, ihrem Gefühle nach, verstanden werden konnte. Nicht einmal mit der alten Marianne getraute sie sich über diesen Vorfall zu reden, weil sie gehört, wie der Magd mit Entlassung gedroht worden war, wenn sie ferner dem Kinde ihren „Hocuspocus" lehren würde. In die Kirche schlich sie sich jedoch stets noch, wenn sie es irgend unbemerkt thun konnte, und betete dort mit solcher Inbrunst und oft so heftigen Thränen vor dem Bilde der allerheiligsten Mutter, daß dieses eigenartige Kind dem alten Geistlichen, welcher nur an bestimmten Tagen den Gottesdienst in dem Filial- orte abhielt, auffiel. AIs Magdg eines TageS auch wieder vor dem Altare kniete, ging er vorüber, berührte freundlich ihr langes Haar und sagte, auf das Bild deutend: „Fahre nur fort zu bitten, mein Kind, sie wird Dich erhören!" Ungefähr ein Jahr darauf beschlossen Magda's Eltern, das Mädchen zum regelmäßigen protestantischen Confirmandenunterricht in die Stadt zu schicken. Das war ein Donnerschlag. Jetzt faßte das zaghafte Kind ein Herz und gestand der Mutter unter strömenden Thränen, daß es eigentlich, so lange es denken könne, an die Mutter Gottes glaube, daß diese es immer zur Artigkeit gelenkt und getröstet habe in all' seinen kleinen Schmerzen und Bedrängnissen, und daß es ihm unmöglich sei, an einem Religionsunterrichte theilzunehmen, nach welchem dieser Glaube eine Sünde sei. Die Eltern erschraken tief. Von einer Konversion ihres einzigen Kindes konnte keine Rede sein. Ihre alten protestantischen Traditionen machten dies ebenso unmöglich, wie ihre, wie sie es nannten, durch die Pflege der Wissenschaft errungene humanitäre Klarheit. DaS Kind, dessen seltene Gaben ihr Stolz und ihre Freude waren, in die „Nacht des Aberglaubens" versinken zu sehen, 682 nein, lieber wüßten si- es im Grabe. Liebevoll, aber fest bestanden sie auf ihrem Willen. Traurige Tage begannen für Magda. Ohne die Eltern in ihrem Herzen anzutasten, richtete sie einen an Haß grenzenden Widerwillen gegen den aufgedrungenen ^ Religionslehrer, den Superintendenten jener Stadt. Die j ganze stolze Ungebundenheit, die brillante Schlagfertigkeit I ihres Geistes wandte sie gegen sein merkwürdig ungeschicktes Benehmen, das t« Verirren begriffene Schaf seiner Heerde wieder zuzuführen. Die fromme, reine Welt ihres kindlichen Glaubens erblaßte in diesem skeptischen Kampfe. Es trat die Kritik an die Stelle der Andacht und gerade das, was sie im Glauben befestigen sollte, machte sie — glaubenslos. Das fremde, vielfach anregende Leben in einer größeren Stadt, in welcher sie jetzt zu dem genannten Zwecke längere Zeit zubringen mußte, so ganz anders, als ihre eigenartig stille Kind- heitSwelt, führte sie zu neuen Anschauungen und Zerstreuungen. Sie war dabei nicht glücklich. Ihre reh- artige Unbefangenheit wich mitunter einer fast geschraubten Fremdartigkeit und, vas Aufsitzen, welches die selten musikalische Begabung und die körperliche Schönheit des großen, schlanken Mädchens machten, dessen Frühreife die fünfzehn Jahre nicht anzusehen waren, fing an verderblich auf Magda's innere Gestaltung zu wirken. Doch ihre heiße Seele konnte nicht ausdauern ohne Ideal. Die Ausbildung ihrer ungewöhnlich schönen Stimme brachte sie in Berührung mit dem Theater. Mit der ihr eigenen enthusiastischen Weise erfaßte sie diese bunte Flitterwelt, welche sie, wie Alles, mit ihren Idealen in sich vertiefte und verklärte. Trotz mancher innerlichen und äußeren Kämpfe fanden Magda's Eltern sich früher, als man hätte erwarten sollen, in eine theatralische Zukunft ihres einzigen Kindes. Das dringende Zureden einiger musikalischen Freunde und das durchweg glänzende Urtheil Sachverständiger über Magda's stimmliche und schauspielerische Begabung trugen dazu ebenso viel bei, als die unwahre, unserem vom falschen Humanismus getränkten Zeitalter eigene Anschauung, daß eine künstlerische Bethätigung an dem Theater in seinem gegenwärtigen Zustande ein edler Daseinszweck sein könne, während doch diese Welt des Scheines nach außen, der Lüge, Intrigue und Charakterentartung, nach innen besonders die Reinheit des Weibes unwiederbringlich verdunkeln muß. In der Charwoche eines an Gewittern und warmen Tagen ungewöhnlich reichen April sollte Magda confir- mirt werden und nach dem Osterfeste gleich in die Residenz zu einer befreundeten Familie übersiedeln, um dort bei einem berühmten Gesanglehrer ihre Studien zu vollenden. Sie hatte inständig gebeten, noch einen Tag in ihrem Heimathsdorfe zubringen zu dürfen, ehe sie am Altare ihren ersten Schwur leistete, dessen Wahrheit ihr Herz noch immer dringend verneinte. Einer der schönsten, mildträumerischen Frühlingstage fluthete mit dem ganzen Zauber der Erinnerung über das junge Mädchen, als eS den theuren Boden betrat. Von Ort zu Ort trug es hastig sein Fuß, voll athmete die Brust, und wie lauter von den Eindrücken der letzten Jahre nur überdeckte Keime und Blüthen sproß die Vergangenheit ihrer Seele in Magda wieder auf. Sie kam zum Bache. Drüben über dem Walde hing eine von Frühlingsthränen schwere Gewitterwolke — und vor demselben, da lag ja das Ktrchlein, mit seinen im ersten Grün glänzenden Gräbern! Mächtig bewegt, schaute sie zur Wolke auf. Auch in ihrer Seele hing eine solche. — Träumerisch shritt sie durch den Bach, nicht achtend seiner Wellen. Sie betrat den Kirchhof. — Wie nahe der Heimathl Thränen stürzten aus ihren Augen, ihre Brust durchdrang unnennbar wehe Sehnsucht. Zwischen den Gräbern wandelte still sinnend der alte Priester, den eine kirchliche Handlung in der Gemeinde hergeführt hatte. Einen Augenblick stutzte Magda, als sie ihn erblickte. Dann trat sie auf ihn zu. „Wollen Sie mir einen Augenblick schenken, mein Vater?" Er hatte sie schon lange gesehen. An der Hand führte er das zitternde Kind liebevoll in die Sakristei, und dort erschloß eS ihm in langer, stürmischer Wort- fluth alle Kämpfe, alle Schmerzen seiner Seele. Mit tiefem Ernste, feuchten Auges hatte er es angehört. Dann schwieg er im Gebete. „Vertraue auf den Allmächtigen, mein Kind", schloß er eine längere, eindringliche Zuspräche, „nimm' in Demuth die Prüfungen hin, die er Dir schickt. Seine Wege sind oft wunderbar. Ich will Dir eine Hilfe mitgeben auf Deinen schweren Pfad. Sie wird Dir immer nahe sein, verlasse auch Du sie nie!" Damit nahm er von seinem Halse eine silberne Medaille mit dem Bilde der „unbefleckten Empfängniß", küßte sie und hielt sie Magda hin, welche inbrünstig ihre Lippen daraufdrückte. „Sie ist vom heiligen Vater geweiht", fuhr er fort, indem er sie ihr umhing. „Und nun komm', mein Kind, ich will mit Dir beten." Unter den Blitzen des inzwischen heraufgezogenen Gewitters, während der warme Frühlingsregen an die Fenster schlug und der Sturm draußen die grünenden Fliederbäume an den Grübe« bog, in dem wildjauchzenden Auferstehungstaumel der Natur, knieten der Greis und das Kind unter dem schützenden Fittige des zitternden Kirchleins vor dem Marienaltare und beteten: „O, Maria, ohne Sünden empfangen, bitte für uns!" Magda's „Konfirmation" nach protestantischem Ritus hatte stattgefunden, und sie selbst befand sich in der Residenz zu ihrer Ausbildung für den dramatischen Beruf. Auch in ihrem äußeren Leben waren die letzten Wochen sturmvoll gewesen. Seit Monaten hatte ein Brustleiden des Vaters die Familie um so mehr beunruhigt, als gleichzeitig pekuniäre Verluste das bis dahin immer noch durch einen bescheidenen Wohlstand angenehme Leben im elterlichen Hause nun in die engsten Grenzen der äußersten Nothwendigkeit zwängten. Ohne die Unterstützung einer hochstehenden Gönnertn der Familie, der Fürstin Waldenau, wäre die Ausbildung des jungen Mädchens nicht möglich geworden. Alle diese Umstände aber legten Magoa die heiligst aufgefaßte Verpflichtung auf, mit allen Kräften dahinzustreben, baldmöglichst die Vorstufen zu überwinden und in der von ihr ebenso, wie von den Eltern und Freunden absolut ideal angeschauten Laufbahn zugleich die Befreiung ihrer Theuren von Kummer und Sorgen zu erreichen. Sie überwand daher tapfer die Bangigkeit und Aengstlichkett, welche sie den ihr fremdartigen Gewohnheiten und scharfgeschliffenen Gedankenkreisen der großen, absolut Protestantischen Hauptstadt gegenüber empfand, wie unsäglich ihr Herz auch darunter litt. Durch die 683 Verbindung ihrer Familie war sie in dem Hause eines Gelehrten, deS Professors Holth, untergebracht, welcher, durch seine Frau dem höheren Adel verwandt, in Gesinnung und Geschmack aber den humanistischen Ultras der liberalen Richtung angehörte, die besonders durch Würdigkeit und ungezwungene Herzlichkeit sie noch am meisten anzog. Es war einer jener kühlen Maitage, welche unS für das frühe Vertrauen in die Allmacht des Frühlings strafen und oft den Blüthenflor des Jahres heimtückisch 2WA WW MW U . ÄWUWN» WE MW UM WM MW Es AM M'-' '8-MZ ' - MW MMWWWKK8W KWM^WWWL ^MAMKWWWVMÄ AS§K Der Ainsgroschen. Nach dem Gemälde von Tizian. das in der ganzen Welt verbreitete und vielgelesene Witzblatt „Das Stachelschwein" vertreten waren. Auch Magda hatte schon einige Male Gelegenheit gehabt, in dem Hause des Hauptredakteurs desselben, des bekannten Literaten Dauß, zu Verkehren, und in dessen Frau das erste Geschöpf in der Fremde gefunden, dessen Liebens- tödten. Die Musikmappe am Arme, öffnete Magda in der späten Nachmittagsstunde die Thüre zu dem lauschigen Salon der Frau Dauß. „Darf ich?" fragte sie. j „Nur herein, mein Kind I" rief diese aus der Tiefe j eines Fauteuils, in welchem die zierliche Gestalt vor dem Kiutoretto an der Leiche seiner M. Nc iner M. Nach dem Gemälde von H. Koch 686 Kaminfeuer behaglich zusammengerollt lag, wie ein Kätzchen. „Ich vermuthe, Sie suchen Tante Holth. Sie ist nicht mehr hier, hat mir aber für heute Abend pfleg- mütterliche Autorität eingeräumt. Und nun näher, wein Liebling!" Damit streckte sie Magda ihre beiden Hände entgegen, welche freudig mit der zutraulichen Scheu des durch Menschennähe gezähmten Wildes auf sie zuflog. „Wie das Kind kalt ist", fuhr die kleine Frau in ihrer nachlässig liebenswürdigen Weise fort, indem sie mit anmuthiger Kopfbewegung das offen getragene Haar zurückwarf. „Wollen Sie mein Reh magnetistren, lieber Seifflich", wandte sie sich dann an einen kleinen Mann mit ausgesprochen semitischen Zügen, der, offenbar von Magda's blendender Erscheinung frappirt, ein in der Fensternische eifrig geführtes Gespräch mit der ältesten Tochter des Hauses, Laura, unterbrochen hatte. „Lassen Sie mich lieber Sie einander vorstellen." Der Name des berühmten Abgeordneten, welcher damals auf Aller Lippen war, goß tiefes Erröthen über Magda's Antlitz. Sie verbeugte sich, ohne Erwiderung auf seine Anrede zu finden, und wagte kaum einen schüchternen Blick auf die ausnehmend häßliche Gestalt, deren in jenen Kreisen hochgepriesenen Geist ihre lebhafte Phantasie in eine der Wirklichkeit durchaus nicht entsprechende äußere Erscheinung gekleidet hatte. „Mein Gott, wie kann man so klein sein, wenn man so groß ist!" flüsterte sie Frau Dauß zu, während Seifflich wieder zu Laura zurückkehrte. „Süperbes Geschöpf!" sagte er, den Blick noch immer auf Magda gerichtet. „Mentel" erwiderte Laura, auf die Stirne deutend. „Das ist nicht wahr!" rief ihre Mutter. „Das Kind hat eben ein köstliches Bonmot gemacht, das Ihr nun zur Strafe nicht hören sollt!" „Wird sich zeigen, wird sich zeigen!" rief einer der drei Herren, die in diesem Augenblicke im lebhaftesten Gespräche eintraten. „Ah! Seifflich — da ist ja der Fuchs, von dem man sprach!" so begrüßten sie mit eifrigem Hände- schütteln den Abgeordneten. Magda kannte schon das berühmte Redaktions-Trio des „Stachelschweines". „Was wird sich zeigen?" fragte Frau Dauß, ohne aufzustehen, dazwischen. „Ob dieser große Cato hier auch dabei bleiben wird, daß die Militärnovelle fallen muß." Rudolph Kohlberg strich seinen rothen Bart, als er dies sprach. „Wenn ihm aber die Regierung das goldene Kalb einer Jahresrevenue von zehntausend Thalern schlachtet, nebst einem eigens gestifteten Militärverdienst-Orden", sagte satirisch der dicke Pembes. Mit einem ungemein pfiffigen Lächeln, das seinem Gesichte einen vollkommenen Iltis-Ausdruck gab, sah der kleine Seifflich Jeden an. „Und was gebt Ihr?" sagte er dann. Alle, sogar Frau Dauß, brachen in lautes Lachen aus. „Bravo, großer Cincinnatl" rief ihr Mann, „wir geben nichts, denken aber von dem Gerichte goldener Rübenschnitten mitzuspeisen, welches Dir das dankbare Volk durch die Subscription vorsetzen wird und zu welcher unsere nächste Nummer alle Theile der Erde aufruft, so weit die deusche Zunge lallt. Wie ist's, Laura", wandte er sich an eine Tochter, „Du hast das Ding ja geschrieben ?" Das junge Mädchen war mit gespanntem Interesse dem Gespräche gefolgt. „Wirksam, Dicker!" antwortete es kurz und bedeutend dem Vater, den es in seiner höchst eigenartigen Auffassung zarter Kindesliebe so zu nennen gewohnt war. „Uebrigens", sprach Pembes, „hat der kleine Fellheim, was kann kaufen oie Welt und alle Kunst, den Reigen schon eröffnet mit zehntausend Thalern, Baruch- leben folgt mit sechstausend, es dürfte eine reiche Ernte werden — nun, Cäsar am Rubicon?" „Theure Mitesser, denn das seid Ihr doch auf alle Fälle, wenn es Geld heißt." „Selbstverständlich!" bestätigte ein Unisono. „Vergeht nicht, daß in dem Führer Eurer Partei das Ideal eines Volkstribunen vor Euch steht — unbestechlich, stets nur das Gesammtwohl erwägend! Schießt Eure Appellation schleunigst los, unter dem Eindrucke der Subskriptionsliste werde ich uneigennützig und unparteiisch untersuchen und handeln! Uebrigens", fuhr er unter dem Gelächter der Anwesenden fort, „schwebt mir augenblicklich ein Gut vor, welches mir alle Ueber- legung raubt und das zu erlangen ich zu jedem Opfer fähig wäre l" Seine Augen suchten dabei verstohlen Magda, welche, an dem Fauteuil der Frau Dauß lehnend, halb erstaunt, halb träumerisch diese ihr durchaus unverständlichen Dinge anhörte. Ein faunisches Lächeln flog über die Gesichter der drei Männer. Laura zuckte ungeduldig die Schultern. „Lass' ab, verirrter Cato", spottete Pembes. „Deine Leidenschaft könnte Dich sonst mit Säbel und Pistolen in nähere Beziehungen bringen, als Dir trotz Deines eventuellen Militärverdienstordens irr sxs lieb sein würde!" „Die Fürstin Waldenau läßt die Kleine ausbilden", flüsterte Dauß dem kleinen Abgeordneten ins Ohr, der eine unüberwindliche Antipathie gegen Waffen jeder Gattung hatte, „und der bekannte componirende Attache Baron Faurier überwacht im Auftrage der Fürstin Magda's Studien; übrigens rein platonisch, wie ich sicher ermittelte." „Nein, das ist zu toll!" schrie jetzt hastig, die Thüre aufreißend, ein untersetzter Mann, dessen langes, schwarzes Haar ein blasses, eckiges Gesicht umflatterte, „der alte Filz läßt sich lieber übermorgen mit dieser blutigen Satire achtzigtausend Mal abdrucken, ehe er zahlt!" Damit warf er ein Blatt auf den Tisch,j welches einen bekannten Großindustriellen der Residenz in verwunderlicher Position sehr treffend skizzirt zeigte. „Was — nicht die elenden fünfhundert Thaler?" „Und unsere Waldmeisterbowle?" „Und der Executor, der mir morgen droht?" So rief es in dem Kreise durcheinander. „Gemeines Gesinde!I Kein Respekt mehr vor der Presse; aber nun soll er doppelt daran!" (Fortsetzung folgt.) -—- Goldkörner. Wahrheit ist das leichteste Spiel von allen; Stelle dich selber dar, Und du läufst nie Gefahr, Aus deiner Rolle zu fallen. -- Rückert. 687 Ein Lindaurr Kind als Missionär für Afsam in Asien. I'* Von einigen Seiten ist der Wunsch geäußert worden, es möchte Näheres mitgetheilt werden über den Missionspriester, welcher am Sonntag den 11. ds. Mts. sowohl im Arbeitervereine wie im Kath. Casino verschiedene Skioptikonbilder mit Erklärung vorgeführt hat. Es ist der aus Lindau i. B. gebürtige k. Pius M. Steinherr, Priester der Gesellschaft des göttl. Heilandes. Von 1892 bis 1896 im Frühjahr bekleidete er im Marien- colleg genannter Gesellschaft in Tivoli bei Rom die Stelle eines Lateinschullehrers, versah nebenbei das Amt eines Bibliothekars und Ceremoniars des Collegs und half in der Seelsorge der Stadt Tivoli aus. Das Colleg unterliegt baulichen Veränderungen, und so ward im Frühjahr die Schule in's Hauptcolleg nach Rom übertragen, während k. Steinherr ebendort inzwischen das Amt des Ceremoniars übernahm. In den Tagen des Juli und August begleitete er den von Assam in Ostindien eingetroffenen apostolischen Präsekten Hochw. ?. Angelus Münzloher bei seinen Ausgängen in Rom und ließ sich nach Einziehung der verschiedensten Mittheilungen über die Mission bestimmen, um die Versetzung dorthin nachzusuchen, und erhielt nach Ablegung des hiefür erforderten Examens bei der Propaganda am 24. August die Ernennung zum apostolischen Missionär für Assam nebst den diesbezüglichen Vollmachten. Die Abreise dürfte im Dezember oder Anfang Januar erfolgen. Diese Mission umfaßt die ostindischen Provinzen Assam, Bhutan und Manipur, von welchen Bhutan noch selbstständig ist. Die Mission zählt mehr denn 7 Millionen Seelen, welche meist noch dem Heidenthum angehören und der Früchte der Erlösung theilhaftig gemacht werden sollen. Sie zeigen vielerorts großes Verlangen nach dem Lichte des Christenthums und bitten um Priester und Katecheten, welche ihnen aber aus Mangel an Mitteln noch nicht in gewünschtem Umfange zugetheilt werden konnten, denn die Spesen sind enorme und die Mittel geringe. Zuschüsse kamen allerdings schon vom Ludwigsmisstonsverein wie auch von Paris und Lyon, aber es reicht bei weitem nicht aus, das ungeheure Gebiet erfolgreich zu bearbeiten. Mit den Unterstützungen von Frankreich und München und jenen opferwilliger Christen haben die wenigen Patres ordentlich gewaltet und gearbeitet und auch nennenswerthe Früchte errungen. Dabei stehen bleiben zu wollen, hieße aber den Rückgang des Werkes wollen. Das zu verhüten, geschehen seitens der Missionäreimmer wieder neue Opfer und neue Anstrengungen, die oft ganz bedeutende sind. Mancherlei über das Wirken der Patres findet der geneigte Leser im „Missionär" und in den verschiedenen Jahrgängen des Apostelkalenders, der namentlich für 1897 hübsch ausgestattet und sehr interessant ist (Preis 60 Pf.). — Wir sind von k. Steinherr ganz abgekommen. Wir wollten noch bemerken, daß auch er die Kosten der Expedition und der vierwöchent- lichen Reise nicht aus der Luft greifen und bezahlen kann. Viel Geld kostet die Einrichtung für die im Bau begriffene Kirche der Station Raliang, welche I?. Pius beziehen wird. Der bereits dort arbeitende k. Thaddäus Hofmann aus Würzburg klagte vor Kurzem seine Noth und theilte brieflich mit, daß er Gefahr laufe, wegen Mangels an Mitteln den Bau der Kapelle einstellen zu müssen. Die ganze Einrichtung von Raliang's Nothkapelle besteht im Reisealtarkoffer, welcher nur das Aller- nothwendlgste an Paramenten enthält. Viel Geld kosten Bücher, Wäsche u. s. w. — denn was nicht mitgenommen wird, ist in dem von aller Civilisation ganz abgeschlossenen Raliang (in den Khasi-Hügeln AssamS) durchaus nicht erhältlich. Es müssen Schreiner-, Schlosser-, Maurer- und Gärtner-Werkzeuge mitgenommen werden, und jeder weiß, daß man sie schwerlich umsonst bekommt, in Assam aber gar nicht. Ganz besonders liegt aber den Patres die Erhaltung des Waisenhauses von Raliang, das ca. 30 Knaben birgt, am Herzen, weil sie große Hoffnung hegen, nach guter Erziehung und Heranbildung derselben zu wackeren Katholiken später vermittelst derselben auf das übrige Volk bedeutend einwirken zu können. Woher aber sollen die Mittel für Schulunterricht, Kleidung, Nahrung rc. der armen Knaben gewonnen werden, zumal die Landwirthschaft dort zu Lande noch sehr zurücksteht. Auch eine kleine Druckerei ist absolut nöthig, um den beständigen Wühlereien der methodistischen Presse entgegentreten und das Volk im Glauben schützen zu können. Die engl. Prediger bieten im Grund genommen viel mehr Schwierigkeiten als das Khast-Volk selbst. Aber wiederum — die Mittel dazu, woher sollen sie genommen werden? Die Almosen der Gläubigen sind unzureichend, zumal diese Misston in Deutschland eigentlich verhältnißwäßig noch wenig bekannt ist. Und soll sie etwa blos wegen Geldmangels aufgegeben, — die Neuchristen sich selbst überlassen und der Gefahr des Rückfalles in's trostlose Heidenthum ausgesetzt werden? Mit nichte» I Nie und nimmer. Aber darum bitten wir auch ebenso dringend wie inständig, jetzt dem k. Pius Steinherr noch Mittel zu überweisen, damit er nicht mit leeren Händen seine Missionsstation betritt, für deren Wohlergehen er bereit ist. Alles zu opfern: seine Schule in Tivoli, an der sein ganzes Herz hing, und seine Heimath und das alternde Mütterlein und den Bruder und kurzum Alles zu verlassen und Gesundheit und Leben auf's Spiel zu setzen. Und könnten die Bayern einen Bayern im Stiche lassen? k. Pius nimmt sowohl Geldmittel wie Gegenstände, Geräthe und Instrumente an, zumal es leichter expedirt werden kann, wenn er's selber über das Meer mitnimmt. Geld und anderes kann, wer ein gutes Herz hat, am besten nach Lindau im Bodensee senden (Kirchgasse 7). Werkzeuge für Gärtner, Schuster, Schreiner, Schlosser und Maurer, Tuch und Leinwand, Sämereien, Kirchen- geräthe, Bücher und Geldmittel können dorthin übersandt werden. Es wird alles Geschenkte seine Reise machen bisBombay, Calcuita, den Fluß Brahmaputra hinauf bis nach Raliang und wird im edelsten Dienste, den es geben kann, Verwendung finden. Man sage nicht engherzig: wir haben für's Inland genug zu thun I Inland ist die ganze kath. Kirche auf Gottes großem, weitem Erdboden, und nirgend findet sich wohl solches Bedürfniß für Unterstützung wie gerade in manchen Missionen und darunter auch die von der Gesellschaft des göttlichen Heilandes anno 1890 übernommene Mission Assam-Bhutan-Manipur im fernen Asten. Gott wirds reichlich lohnen! 688 Allerlei. , ** Eine neue Abonnements-Einladuna bat ^ ein geschickter Buchdrucker iu folgender Form erfunden: > Warnung. Ein Mensch, der keine Zeitung liest, ist auf das Tiefste zu bedauern. Er weiß nicht, was in der Welt vorgeht, er kann nirgends mitreden und wird vielfach von Andern bei Unterhaltungen ausgelacht. Immer wird er als ein nur halb- oder gar ungebildeter Mensch behandelt, er erfährt nichts über die geschäftlichen Verhältnisse, wird in Folge dessen mich überall übervortheilt und kommt so immer mehr und mehr herunter. Hat er dazu nun auch Frau und Kinder, so wird er ein rechter Haus- tnrann, da er nicht, ivie viele Andere, über der Lektüre im Familienkreise die täglichen Sorgen vergißt und sie seine Angehörigen mitfühlen läßt, so daß er sich und auch seiner Familie sehr zur Last wird. Schließlich sieht er dann so aiis, wie wir ihn hierneben abgebildet haben. Das Bild ist das Porträt eines jener Unglücklichen. * Eine neue Zeitrechnung. Während Amerika und England auf dem Gebiete des Maß' und Gewichtssystems, letzteres auch noch dazu in seinem Münzwesen, sich absolut nicht dem fast überall eingeführten Dezimalsystem zur Vereinfachung der Rechnungen anzuschließen geneigt sind, geht bezüglich der Zeitrechnung von Amerika eine Neuerung aus, die von England auf das Wärmste unterstützt wird. Darnach soll das Jahr in 13 Monate getheilt werden, von denen die ersten zwölf je 28 Tage, der dreizehnte jedoch 29 resp. 30 Tage haben sollten. ES würde hierdurch der gewiß nicht zu unterschätzende Vortheil geschaffen, daß in sämmtlichen Monaten eines Jahres die Tage der Woche stets auf dasselbe Datum fallen würden, was in vielen Beziehungen ganz beträchtliche Vereinfachungen und Erleichterungen bieten würde. Seitens der Anhänger dieser Zeitrechnung, zu denen gewiß auch viele Angestellte gehören dürften, wird schon jetzt große Propaganda hierfür gemacht, und soll diese Frage gelegentlich der nächsten Pariser Weltausstellung einem internationalen Congresse unterbreitet werden. Ob sich die anderen Staaten für diese Umwandlung der Zeitrechnung erwärmen werden, bleibt noch eine große, kaum zu bejahende Frage. * Die Begründung. A.: „ES ist unrecht von Dir gewesen, daß Du mir neulich die 20 Mark nicht pumptest; bei Freunden soll immer Einer dem Andern helfen!" — B.: „Hm — Du willst aber immer der Andere sein." -««»es—- Zu unseren Bildern. Her Jinsgroschen. Am 22. Sonntag nach Pfingsten wird das Evangelium vom Zinsgroschcn verlesen. Die Pharisäer wollten dem göttlichen Heilande eine Falle stellen, um ihn entweder beim Judenvolke, das dem römischen Kaiser die Steuer nur widerwillig zahlte und sogar behauvtete, das sei ihm verboten, zu dis- kreditiren, wenn er die Zahlung der Steuer anbefabl, oder ihn wegen Aufwiegelung den Römern denunzircn zu können, wenn er die Juden in ihrem Vorhaben der Steuerverwcigerung bestärken sollte. „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was GotteS ist!" Damit hat Christus di« Frage entschiede». Das berühmte Tizian'sche Bild hält den Moment fest, in welchem ein Pharisäer dem Gottessöhne den Zins- groschen vorzeigt und Christus die Antwort gibt. Tintoretto an der Deiche seiner Tochter. Im gewöhnlichen Gange der Natur steht die Jugend klagend am Todtenbette derer, denen sie das Leben verdankt, doch in Gottes unerforschlichem Rathschlusse ist häufig ein Anderes beschlossen. Wie ein kalter Reif der jungen Maicnpracht nicht selten ein jähes Ende bereitet, so tritt auch der kalte Tod oft an ein junges Menschenleben heran, das sich kaum noch zu blühender Knospe entfaltet hat. Noch nie hat Meister Tintoretto, der so oft als Porträtmaler in Anspruch genommen wurde, so ungern zum Pinsel gegriffen, wie heute, da er an der Leiche seiner Tochter steht, um sie, die er schon so oft gemalt, zum allerletzten Male zu Porträtiren. Für immer find die lieben Augen, die ihm sonst so dankbar entgegenstrahlten, geschloffen; leblos find die Hände, die ihm liebend die Wangen streichelten und der Mund, der ihm des Tages Last durch fröhliches Geplauder leichter machte, ist still und ruhig geworden für immer. Ihr ganzes Leben läßt sich der alte, schwergeprüfte Vater nochmals, im Geiste vorübergehen, um ja keinen Zug derer, die sein Stolz und seine Hoffnung war, auf dem Bilde, das ihm nunmehr allein noch von ihr bleiben soll, zu vergessen. - Nimmelrfcllau im Monat November. —1. Merkur ist Morgenstern, aber für das unbewaffnete Auge nicht sichtbar. Venus Z im Skorpion und Schützen wird als Abendstern sichtbar, geht aber schon 1 bis 2 Stunden nach der Sonne in SW. unter. Mars L geht abends 7 U. auf, wird sehr hell und ist rückläufig im Stier nahe den Zwillingen, nördlich von Orion. Jupiter H wird Heller und geht anfangs 1 U>, zuletzt 11 U. nachts im Löwen auf. Saturn H kommt gegen Mitte des Monates in Conjunction zur Sonne und wird unsichtbar. Am 13. findet der Sternschnuppenfall der Leoniden statt, besonders in später Nacht. Diese Sternschnuppen waren bisher selten, nehmen aber jetzt an Anzahl zu, da sie 1899 das Maximum ihrer Häufigkeit erreichen, wie dieses in den Jahren 1833 und 1866 der Fall war. In der Nähe des Mondes befinden sich Merkur am 4.; Saturn am 5.; Venus am 7.; Mars am 22.; Jupiter am 27. -—t«8!4—- AritHmogripy. 13 4 13 gibt schönen Klang, 2 6 5 3 steck' nie in fremde Sachen, 3 4 5 3 2 im Blut und in der Erde, 4 5 4 5 Gottheit eines alten Volkes, 5 3 4 2 3 in Frankreich, 3 113 braucht der Landmann, 2 3 4 1 3 was übrig bleibt. 6 5 4 3 2 der Menschheit Wiege, 7 2 5 4 2 2 soll Niemand reden. Sind die Wörter richtig gefunden, ergeben ihre Anfangsbuchstaben im Zusammenhang den Namen eines um Deutschland hochverdienten Feldherrn. Auflösung des Kreuzräthsels in Nr. 87: Ro sen Eb be «om, Riesen, Gebet. Rosen. Ebbe. Robe, Ebro, Besen. --EZS-- « 9V. Areitag, den 3V. Oktober 1896. s?ür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). „Magd».« Zwölf Monate eines modernen Lebensbildes. Der Wirklichkeit nacherzählt von Beda v. BallheiM. (Fortsetzung.) Der eben Angekommene, Julius Wischek, der geschickte Zeichner der berüchtigten Caricaturen deS „Stachelschweins", stürzte zum Tische. Mit wenigen Strichen tauchte eine zweite Figur neben der ersten auf — eine weibliche. „Sublime!" rief Seisflich. „Ja, sie zahlt!" schrien die Anderen. „Schnell zu ihr; aber fordere taufend Thaler!" „Im E.nst, Kinder", sprach Dauß, während der Maler forteilte, „so kann es nicht fortgehen, wir leben nur noch vom Deficit, trotz derachtzigtausend Abonnenten!" „Das infame Eisenbahn-Unrernehmen ist's, das uns jetzt ganz aufsitzen läßt!" warf Kohlberg dazwischen. „Und vorerst keine Hoffnung auf Besserung", ent- gegnete Dauß, einen Brief entfaltend. „Da lest selbst. Mein Sohn ist in Verzweiflung über das tiefgehende Interesse, welches die hohe Regierung jetzt den Arbeiten widmen zu müssen glaubt." „Kann man ihr eigentlich nicht verdenken", lachte PembeS. „Vier Dammrutschungen und ein Brückeneinsturz in der ersten Betriebswoche des ersten Viertels der Strecke!" „Wir waren zu hitzig", sagte Kohlberg, den Brief, welchen er mit Interesse gelesen, seinem Kollegen reichend, „jetzt muß entschieden für einige Zeit solider gebaut werden, um nach allen Seiten hin Beruhigung zu geben; dann kann's ja wieder nach alter Manier weitergehen; unsere Presse thut ohnehin Alles, die fatalen Geschichten zu vertuschen." „Hoffentlich bringt zunächst Wischek die tausend Thaler für sein Stillleben", sprach Dauß. „Ueberdies muß der alte Stachelschweinvater, unser würdiger Verleger, wieder einmal in die gespickte Lasche greifen und mir aus der fatalen Lage helfen, welche mich sonst morgen aus diesem goldenen Käfig auf die Straße wirft." Frau Dauß hatte mit ihrer liebenswürdigen Nonchalance Seisfllch und Magda während dieser Scenen in ein lebhaftes Gespräch gezogen. „Ich vermuthe, Pembes", sagte sie jetzt, als die eifrige Unterredung der Anderen einen Augenblick schwieg, „daß Sie Hunger haben?" „Wie Sie in die Tiefen schauen, holde Zauberin; aber wo fließt noch unser Pactolus?" „Wenn Sie etwas Neues wissen aus Ihrem Ressort, eine pikante Medisance, eine medisante Pikanterie, so sollen Sie essen", war die feierliche Antwort. „Das Neueste dieses Genres kennen Sie vermuthlich schon, die „Carriere über Nacht" der kleinen Bcllan- zini, rsots Blanztg. Gestern noch verlorenes Gänschen im Chor, tritt sie übermorgen als Dinorah im Neustädte! Theater auf." Magda, aufmerksam geworden, wandte den leuchtenden Blick auf den Sprecher. „Ja, wie denn das?" sagte sie, „Andere brauchen doch Jahre zu diesem Schritt?" „Sie zum Beispiel nicht, mein Fräulein", wandte sich der kleine Abgeordnete zu ihr, „mit Ihrem Exterieur beherrscht man die Zeit, ohne alles Studium, selbst ohne Stimme." „Sagen Sie ihr das doch nicht", unterbrach ihn Laura, „das geht über ihren provinzialen Horizont. Wie war es mit der Bellanzini, lieber Pembes, wer prote- girt sie?" „Eine sehr, sehr hohe Persönlichkeit, mein Kind." Das „Kind" richtete sich auf und warf einen Blick i auf ihre prachtvolle Haarmähne, welche sie offen, gleich I der Mutter, umwallte. Der dicke Pembes spitzte belustigt den Mund. „Hat auch schon Equipage", fuhr er fort, „und Diamanten" — Da ging die Thüre auf, und ein Kellner mit weißverdecktem Eßkorbe trat ein, hinter ihm jubelnd die drei jüngeren Kinder Dauß'. Auch Laura stürzte hervor. „Ah, seht nur, seht nur, Pasteten, Salm und Hummern, Rheinwein zur Waldmeisterbowle, Champagner!" so riefen die vier Mädchen durcheinander und packten, zur kaum versteckten Belustigung des Trägers, die Speisen aus. „Die Antwort Wischek's! Das sieht ihm gleich. Hat also Erfolg gehabt mit seinem Stillleben!" Zugleich erschien auch eine dienende Hebe, ein großes Tablet mit Gläsern tragend. Im Augenblicke, wo sie es auf den Tisch stellen wollte, kniff Kohlberg sie unversehens in den fetten Arm. „Herr Gott!" schrie sie auf, und die Gläser klirrten zu Boden. Da richtete sich Laura mit ernster Würde auf. „Herr Gott? Wer ist der Herr? Ist mir nicht vorgestellt! Veraltete Institution! Räume das Zeug fort, und bringe andere Gläser, schnell!" „Deine Tochter, Dauß", lachte Kohlberg, „die kommt nicht aus der Fassung!" Magda hatte sich in diesem allgemeinen Tumulte betäubt und mit einem ängstlichen Gefühle auf die Veranda zurückgezogen, welche auf einen reich blühenden Garten hinausging. So sehr Frau Dauß' liebenswürdige Herzlichkeit ihr in dem neuen Leben fast erdrücktes junges Gemüth anzog, so unverständlich und verwirrend war ihr der ganze Ton im Hause, welcher mit dem ruhigen, taktvollen und doch geistig regsamen der Heimath in absolutem Widersprüche stand. Und doch befand sie sich jetzt in der blendenden Welt, in welcher die Ideale ihrer Seele sich verkörpern sollten, doch waren diese Menschen die berühmten Koryphäen geistigen Lebens, die „Träger der Kultur"! Als sie einst leise Fragen über das, was ihr in jenen Kreisen unstatthaft erschien, an ihre Pfleger zu richten wagte, antwortete man ihr, sie dürfe über geistig so hoch über ihr Stehendes nicht urtheilen, weil sie eS nicht begreife, da hinten in der Provinz habe man veraltete Anschauungen und verrottete Ideen von Leben und Streben. In der frischen, scharfen Luft fühlte sich Magda wohl. Kalt und freundlich lag der letzte, rothe Tagesschein auf den schauernden Blüthen, welche, in ihrem Erstaunen über die unsanfte Berührung ihres Freundes Mai, das Duften vergaßen. Magda's Blick flog über den Blüthenschnee der Baumkronen. „Morgen können sie alle erfroren sein", dachte sie, und eine wehe Ahnung berückte ihre Seele. Sie lehnte an der Brüstung der Veranda, den Kopf gegen einen der beiden Orangenbäume gestützt, die Niemand gegen die kommende kalte Nacht zu schützen gedachte, und schloß die Augen, wie, um innerlich klarer zu schauen in dem Tumult ihrer Brust. Da fühlte sie sich plötzlich umschlungen, ein glühender Kuß brannte auf ihrem Munde, und eine heiße, zitternde Stimme flüsterte: „Wunderbares Geschöpf, ich liebe Dich." Wetter kam er nicht, denn mit einem Schrei sprang Magda empor und starrte mit wildem Ausdrucke in das leidenschaftsglühende Antlitz des kleinen Abgeordneten. Wie sie hinaus in den Garten und durch ihn auf eine ihr fremde Straße gekommen, mußte sie nicht. Nath- loS, zitternd war sie unbewußt in einen Thorweg getreten, um vielleicht Jemand zu finden, der ihr einen Wagen verschaffen könne, um schleunigst nach Hanse zu gelangen.' Als sie noch zögernd ihre außergewöhnliche Situation überlegte, kam ein hoher, eleganter Mann die Treppe herunter. Er sah sie erstaunt an, ein ironisches Lächeln erstarb auf seinen Lippen, als er Magda erkannte. „Mein gnädiges Fräulein, wie kommen Sie hierher?" fragte er gespannt. Sie hob den Kopf. „Herr Baron", stammelte sie, „o bitte, wenn ich nur einen Wagen hätte, um nach Hause zu kommen, ich war bet Dauß' — ich mag dorthin nicht zurückkehren, — nach Hause, ach, nach Hause!" Einige Minuten später saß Magda in einem Wagen, der fie und ihren Schützer, den Baron Faurier, ihrer Wohnung zuführte. Faurier hatte mit vollendetem Takte keine weitere Frage an sie gerichtet. Stumm und zitternd, in tiefer, innerlicher Scham und Erniedrigung saß sie neben ihm, und ebenso suchte sie ihr Zimmer auf. Nur ein Gefühl bewegte sie, war ihr klar, fort, fort in die reine Heimath, an daS Mutterherz, und wie eine Vision zog der alte Priester an ihr vorüber. Unter strömenden Thränen schrieb sie sofort an ihre Eltern, Alles, Alles, was so lange in ihr quälend wie ein dumpfer Traum gelegen. „Laßt mich nach Haufe, um Gotteswillen, meine Theuren!" Das war der Schrei aus jedem Worte. Sie hörte nicht, daß Frau Professor Holth, welche sich umsonst bemüht hatte, das Räthsel ihrer unerwarteten Rückkunft unter so eigenthümlichen Umständen zu ergründen, leise eintrat, und sich über sie beugend, ihren fliegenden Schriftzügen folgte. Jetzt legte sich die knöcherne Hand der Dame auf das Papier. „Das wirst Du nicht abschicken, mein Kind", sagte sie ruhig, indem sie den Brief zerriß. „DaS Leben Deines Vaters" — dabei legte sich ihr kalter, grauer Blick wie Schnee in des Mädchens Seele — „Deiner Eltern sorgenfreies Alter darf an Deiner Empfindelei nicht zu Grunde gehen!" Als nach einer Stunde die Frau Professor das arme Kind verließ, lag dieses gebrochen auf den Knieen — ein Opfer kindlicher Liebe. Während draußen die kalte Mainacht launisch daS warme Blüthenleben erstarrte, war Magda's thränen- müdes Haupt aus die Kissen gesunken. Im Traume umhüllte sie ein dichtes Schneegestöber, wankend strebte sie auf unebenem Boden vorwärts, zu einem milden Scheine, der in weiter, weiter Ferne durch den fallenden Flocken- schleier strahlte. In heißer Sehnsucht hob sie die Hände, der zitternde Fuß versuchte zu eilen, aber von Neuem peitschte ein wilder Sturm Eisstücke in ihr Antlitz. Endlich brach sie erschöpft zusammen, vor ihrem ersterbenden Blicke aber erglänzte das Marien-Bild des KirchleinS ihrer Heimath mit der Inschrift: „Q, Maria, ohne Sünden empfangen, bitte für uns!" Juni. — Das Verhängntß. Drei Jahre später saß in dem eleganten Unter- richissalon des berühmten Gesanglehrers Professor Bath- now-Lusson, im eifrigsten Gespräche mit diesem, der Redakteur Dauß, die Seele des „Stachelschweines". „Einigen wir uns, lieber Bathnow", sprach derselbe, „es nutzt Alles nichts, die Harkhoff muß absolut nächsten Monat in H. singen." „Ich habe Ihnen aber doch eingehend bewiesen, daß ihre Ausbildung noch nicht fertig ist", entgegnete der Professor erregt, «vor Herbst kann ich ihr nicht erlauben, öffentlich aufzutreten, mein Ruf als Lehrer, meine künstlerische Ehre —" „Theuerster", fiel ihm der Andere lachend ins Wort, „keine Phrasen mir gegenüber, wir sind ja unter unS! Ihr Ruf als Lehrer sott in unserer Presse neuerdings — zum xten Male — herausgestrichen werden, daß er glänzt wie gewichste Stiefel. Ihre künstlerische Ehre aber wird sich in diesem Falls mit der Aussicht auf die große, goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft zufrieden geben, die wir Ihnen vorn Fürsten verschaffen." „Erlauben Sie, verehrter Freund —" „Schlagen Sie ein, abgemacht", schnitt Dauß, sich erhebend, jeden weiteren Einwand ab, „wird sind ohne» 6S1 hin generös, — Sie misten ja selbst, was Reklame „überm Strich" sonst kostet! Morgen stellen Sie die Harkhoff dem Intendanten vor, und die Angelegenheit ist erledigt." Der Professor nahm die dargebotene Hand an und geleitete den Redakteur durch einen zweiten, kleineren Salon zu einem ebenfalls luxuriös ausgestatteten Vorzimmer, in welchem mehrere der zahlreichen Schülerinnen Bathnow's dem Winke des Meisters harrten, um dann eine Viertel-, höchstens eine halbe Stunde des kostbaren, theuer erkauften Unterrichtes theilhaftig zu werden. Auch Magda befand sich unter denselben. Die Zeit, welche feit jenem Mai-Abend verflossen war, hatte auf ihre äußere Erscheinung eine mächtige Wirkung ausgeübt. Sie war eine voll aufgeblühte, imponirende Schönheit geworden, die, trotz gewandter Bewegung, dennoch den rehartigen Reiz ihres Wesens nicht verloren hatte. Freudig begrüßte sie ihren „väterlichen Freund", den Redakteur, und folgte dann dem Professor in das Unterrichtszimmer. „Nun, lieber Professor", sprach sie, „wie steht es mit dem Engagement nach H.S Sie wissen, ich lege die Entscheidung ganz in Ihre Händel" „Es hat mich große Ueberwindung gekostet, dem Drängen Ihrer Freunde nachzugeben, mein Kind", ent- gegnete dieser. „Sie wissen selbst, was Ihnen noch fehlt. Doch sollen sie meinetwegen morgen vor dem Intendanten singen." „Ach ja, stellen Sie mich vor, Profestorchen, liebes Profestorchen, ich habe Sie auch so lieb!" Sie war näher zu ihm getreten. Er erfaßte ihre Hände. „Haben Sie wich wirklich lieb, Magda?" Er zog sie auf einen Stuhl neben sich und sah ihr tief in die Augen. Der Blick des jungen Mädchens erwiderte voll und treu den seinigen. „Gewiß", sagte sie, „wem danke ich, daß ich nun bald am Ziele bin, wie viel Mühe —" „Danke nicht, Magda" — sein Blick wurde heißer — „es gibt ein Lieben, so tief, so heiß, zitternd, Magda, in Lust und Schmerz —" Magda bebte leise, tiefe Nöthe stieg an ihren Wangen auf. „O", murmelte sie, „ich liebe Sie, wie einen Wohlthäter, einen Vater." Er sprang ärgerlich auf. „Und morgen?" „So kommen Sie, unverbesserliches, ewiges Bsbßl Ich will Ihrem Glücke nicht im Wege stehen. Um elf Uhr werden Sie Probe fingen." Während nun Bathnow und Magda sich in eifrige Vorbereitungen für den Glanz deS morgigen TageS vertieften, hatte sich im Vorzimmer die Zahl der harrenden Schülerinnen noch vermehrt. Jetzt trat ein junger, auffallend schöner Mann herein, dem sich sofort die allgemeine Aufmerksamkeit zuwendete. Es war Dr. Friedrich Rothner, ein junger Schauspieler, der eines Halsleidens wegen seit einigen Monaten sein Engagement aufgegeben und die Residenz aufgesucht hatte, um sich der Behandlung eines renommirtcn Arztes zu unterziehen. Als Jugendfreund deS Sohnes täglicher Gast im Dauß'schen Hanse, kam er, ein gewandter früherer Journalist, der Redaktion des „Stachelschwein" sehr willkommen, da das Restort der Theaterscandalosa durch einen leichten Schlaganfall, der den dicken PembeS „in seiner Fülle Maienblüthe" getroffen, für den Augenblick verwaist war. In dem mit den Theaterverhältniffen in allen Phasen auf das Intimste vertrauten und zugleich ihre Interessen auf das Eifrigste — oft nur zu extrem — verfolgenden jungen Freunde fanden Dauß und Genossen eine für den Moment durchaus brauchbare Kraft. Seine gegenwärtige Stellung, sein Vortheilhaftes Aeußere und sein gewandtes, sich jeder Situation und Person anschmiegendes Wesen gaben Rothner eine gewisse Macht, besonders über das weibliche Geschlecht, die er auch auf das Weitgehendste auszubeuten wußte. Kein Wunder daher, daß auch die angehenden und theilweise schon engagirten jungen Schülerinnen deS berühmten Gesangslehrers, die er seinen Zwecken manchmal dienstbar machte, um seine Gunst geizten. „Sie kommen gerade recht, lieber Doktor", rief eine schon etwas abgeblühte Dame, welche die Jahre der Schülerinnen bereits hinter sich hatte, dem Eintretenden vom Sopha aus entgegen, wo sie lang ausgestreckt lag und ihren kleinen Hund aus einer Bonbonniere fütterte. „Sie wissen ja Alles. Wir streiten uns wegen der Harkhoff — kommt sie nach H.?" Neugierig spitzten sich alle Ohren, und forschend umdrängten den Angekommenen einige seiner Intimeren. „Höchst wahrscheinlich", erwiderte Rothner mit seinem diplomatischen Lächeln, dem seine näheren Bekannten die Bestätigung der Thatsache unterzulegen gewohnt waren. „Durch wen? Durch wen?" fragte es im Kreise. „Durch den Baron Faurier, der sie ja rasend pro- tegiren soll, seit Beginn ihrer Studien", sprach die Schön« vom Sopha. „Schatz, diesmal irrst Du", entgegnete Rothner, „der Protektor ist eine Dame, gegen alle Regeln unserer Sitten und des Herkommens, die Fürstin Waldenau, die Tante des Fürsten." „Dann begreife ich allerdings Vieles", sprach mit herber Betonung eine üppige, etwas frech dreinschauende Person, „denn Stimme und Talent hätten ihr das Engagement nicht verschafft. Mir stellte der Professor dasselbe ganz sicher in Aussicht, jetzt kann ich es ja gestehen —" „Wahrscheinlich in Folge Ihrer neuesten Photographie, liebe Browska", fiel eine kleine, matte Blondine ein, welche sich in einem hellblauen Rembrandt-Hute mit langer weißer Feder anscheinend ausnehmend gut gefiel und kokette Blicke zwischen dem Spiegel und Rothner theilte. „Lassen Sie sich diese neueste Aufläge unserer Collcgin zeigen, lieber Doktor, und staunen Sie!" „Höhnt nur, Ihr neidischen Racker", entgegnete die Browska, „es steht Euch ja frei, mich an Emanzipation vom Coftüme zu überbieten, so weit die vorhandenen Mittel es Euch gestatten. Eine künstlerische Studie, Doktor", wendete sie sich herausfordernd an diesen, ihm eine Photographie hinreichend. „Sie dürfen dieselbe behalten und" — fetzte sie leise hinzu — „bringen gelegentlich daS Bild nebst einigen entsprechenden Worten in der „Theaterwelt", nicht wahr? Meiner Dankbarkeit sind Sie ja stets sicher." Rothner betrachtete eingehend das Bild, welches die junge Künstlerin in einer die Grenzen der Decenz allerdings stark übersteigenden Aufnahme zeigte. „Brillant!" rief er, ihren Blick erwidernd, „Du 692 wirst Carriere machen, mein Kind, das lasse ,az mir gefallen, geniale Auffassung!" In diesem Momente öffnete sich die Thüre, welche zu den Salons des Professors führte, und Mazda trat ein. Nothner verbeugte sich kalt. „Nicht wahr, Harkhoff, Sie gehen nach H.?" fragte es von allen Seiten. „Ich hoffe, ja", erwiderte diese ruhig und grüßte, um zu gehen. „Bleiben Sie doch noch ein wenig, erzählen Sie uns." „Ich werde bet Dauß' im Garten erwartet", schnitt Magda mit einem schnellen, verstohlenen Blicke auf Nothner jede weitere Unterhaltung ab und eilte fort. Es war ein üppiges Hochzeitleben in der Natur. In wonniger, sonniger Pracht breiteten die Wiesen ihren Blumenteppich dem tiefblauen Himmel entgegen, und Bienen und Schmetterlinge flatterten schwer und trunken darüber hin. Das Kornfeld wiegte sich träumerisch im letzten Dufte der Blüthe und senkte schon die brodduftende Aehre im Beginne der Fruchtbarkeit. Athemlos, bald eilig, bald zögernd schritt Magda auf dem einsamen Wege zwischen beiden daher. Sie trug einen Strauß blauer Chanen, welche sie im Gehen gepflückt hatte, in der Hand und vergrub oft das plötzlich von einem hellen Freudenblitze erröthende Antlitz in die duftenden Blüthen. Ach, wie war die Luft so lau! Wie zärtlich umspielte der leise Wind ihre blühenden Wangen und ließ den Rosen- und Jasminduft, den er im Durchstreifen irgend einem Garten geraubt hatte, in ihren dunkeln Locken zurück. Da war der Wald, der geliebte Kindheitsgeführte, mit seinen Hochzeitskerzen, den treibenden Johanncsspitzen, dort das blaue Mlge eines Sees — und dort — und dort. Magda stand still. Sie breitete die Arme aus. O, wie fühlte sie das Leben! Ihr selbst unverständlich, aber groß und gewaltig wuchs es in ihrer Seele, losgerungen von ihrer Vergangenheit, erschien es ihr fremd und doch traut, beängstigend und doch unsagbar entzückend, was in ihr mächtig emporquoll und ihre Adern mit schneller pulsirendem Blute füllte. Jeder Nerv bebte wie die Blätter der Zitterpappeln am Wege, wenn der sanfte West sie berührte, und ohne daß sie es wußte, rannen Thränen über ihre Wangen. So steigt in der warmen, kurzen Johannisnacht des Fraucnherzens aus märchenhafter Tiefe, unter dem glänzenden Sternendom des Ideals, die blaue Wunderblume der Liebe empor. Selten bricht und behütet sie ein Sonntagskind. Wehe dem Frevler, der stein gieriger, Hand zerdrückt! Und nun schritt Magda weiter, langsam, zögernd. O, sie kannte und liebte diesen See, so weit von der Stadt gelegen, daß es einer kurzen Eisenbahnfahrt bedurfte, um ihn zu erreichen. Wie oft hatte sie in fröhlicher Gesellschaft hier die zwischen den Mauern und Häusern schmerzlich vermißte Natur aufgesucht. Aber so allein, und zu einem Zwecke wie heute, war sie noch nie hier gewesen. Allmälig legte cS sich wie Nebel und Zweifel auf ihre heiße Seligkeit, und die leise am Ufer plätschernden Wellen schienen zu murmeln: Entfliehe, entfliehe l Sie beugte sich gegen sie hin und lauschte innerlich, halb mit dem Sinne nach außen gewendet, wie das Wild, wenn es das erquickende Naß aufsucht, bereit zu entfliehen bei leisestem Geräusche. „BöseS Mädchen", rief ihr eS da entgegen, „so lange läßt es mich harren!" Und Dr. Nothner kam eilig zwischen den Bäumen her auf sie zu. Magda fuhr mit einem Schrei zusammen, einem tiefen Erröthen folgte geisterhafte Blässe, und ihr Fuß wandte sich zur Flucht. Aber wer entflieht dem eigenen Ich — dem Schatten, der an uns gebunden, ob wir auch in Wüsten uns begraben wollten. „Magda!" Sie stand still, und schon stand er an ihrer Seite. Sie regte sich nicht. Endlich erhob sie das Haupt, ihre Augen brannten in die seinen, und im selben Augenblicke legten sich zwei weiche Arme um seinen Hals — ein süßer, duftiger Mund berührte seine Lippen. Dann stand sie da, die stolze, prächtige Gestalt, magdlich und demüthig, in holdem Erröthen der Scham über dieses plötzliche Aufflammen ihrer heißen und zutraulichen Natur. „Magda, Du bist ein bezauberndes Geschöpf!" rief Nothner entzückt. „Und mein, nicht wahr, mein durch alle Zeiten und Ereignisse hindurch!" „Daß ich gekommen bin, Friedrich", antwortete sie, und der Blick ihres wunderbar glänzenden Auges fiel warm, wie die jetzt groß und klar sinkende Juni-Sonne, in seine Seele, „sagt Dir mehr als jedes Wort, wie ich Dich liebe. Das erste Unrecht — o, es ist ein Unrecht, das fühle ich hier — das thue ich für Dich!" „Süße Schwärmerin, daß die Liebe ein Unrecht sei, steht in keinem Codex. Sie ist das Höchste, dem besonders das Weib Alles opfern muß, — singst Du nicht so etwas Aehnliches, Liebchen? Nun gar die Künstlerin ohne Liebe, ohne Leidenschaft, wie wäre die denkbar?" Er hatte ihren Arm durch den seinen gezogen, und so gingen sie auf dem weichen Rasen unter den Kronev der alten Buchen dahin. „Es ist also entschieden", fuhr er fort, „daß Du morgen vor dem Intendanten singst und vielleicht schon in acht Tagen nach H. übersiedelst?" „Ja, Friedrich; wäre unser heutiges Zusammensein nicht ein Abschied, so würde ich nicht gekommen sein." „Abschied? Kind, wir nehmen nie Abschied und wenn Du heut von mir gehst, halte ich Dich für immer in meiner Hand." Etwas unbeschreiblich Niedriges zog auf einen Augenblick durch seine Züge. „Aber nach H. wirst Du recht oft kommen, nicht wahr?" fragte Magda. «Ach, wie viel leichter würde mir mein erstes Auftreten, wüßte ich Dich in meiner Nähe!" „Bewahre, Kind", rief Nothner eifrig, „das ist unmöglich, — wie leicht könnte man unser Verhältniß errathen !" „Nun — und weshalb soll man cS jetzt nicht kennen?" sagte das junge Mädchen einfach und sah ihn mit ihrem Kindesblick so offen an, daß er einer leichten Verlegenheit sich nicht erwehren konnte. „Da steh' einer den KindeLkopf, — jetzt weniger denn je! Einfach deshalb nicht, weil unsere Carriere hin wäre, Deine und meine. Denkst Du, daß sich der Fürst für Dich interesstrt wenn er weiß, Du hast einen Geliebten oder gar einen Verlobten? - Du brauchst H., meine Süße, um für die große Laufbahn fertig zu werden, denn das bist Du noch nicht und ein so günstiger Anfang findet sich selten. Es wäre Wahnsinn, ihn zu zerstören! Ohne die dringende Empfehlung der Fürstin Waldenau würdest Du das Engagement ohnehin kaum erhalten haben. Der Professor war entschieden dagegen. und nur das Eingreifen des Baron Faurier, der gerade zur rechten Zeit zurückkam und die Sache im Auftrage der Fürstin mit dem Intendanten schon so gut wie abgemacht hatte, erzwäng unter Mitwirkung des alten Dauß seine Einwilligung. — Der wunderbare Attache- Komponist will ja feine neue Oper, die er in Italien ausgebrütet hat, in H. einstudtren, und vielleicht blüht Dir eine Partie in dem Monstrum." „O, sprich nicht so von dem Attache", bat Magda, „er erwies sich als ein feiner und edler Mann in der kurzen Zeit seines damaligen Hierseins." „Nun, die Augen wird er aufmachen", fuhr Rothner fort, „wenn er sieht, was in den drei Jahren aus seinem Schützling geworden ist. Der scheue Wildling, der bei jedem Scherz davonlief, daS bist Du nicht mehr." „Weil ich nun die Scherze selbst bestimme, Friedrich", sagte sie mit einer gewissen Betonung, die ihn einlenken machte. „Mein Liebling, mein Alles", schmeichelte er zärtlich, „weiß schon das rechte Maß überall. Du wirst auch den liebenswürdigen Ton dem Fürsten gegenüber finden. Darfst nie vergessen, daß Deine Laufbahn, Deine Zukunft in seinen Händen liegt." Magda, die sinnend zu Boden geblickt hatte, schaute auf. „Ach", sprach sie, „mir ist durch die vielen Reden und Vorschriften hin und her diese Laufbahn und das Engagement und der Fürst nun gar, fast zuwider! Ich möchte mit Dir ganz allein wohnen, dort in diesem Häuschen mitten im See, — daß wir allein wären, ganz allein — und dann wollte ich Dir dienen und Dir singen, so schön wie nie, weil nur Du und der Himmel und der See mich hörten." „Schön gedacht, süßeS Herz, aber zu früh l Erst die Welt und die Laufbahn, dann die Hütte! Doch, bis in meine Arme haft Du ja nicht weit, mein Alles!" Er preßte sie feurig an sich. Wie ein goldener Schleier lag jetzt der Schein der sinkenden Sonne über dem Walde. Kein Blatt rührte sich. In ahnungsvollem Schweigen harrten die Bäume, daß der Abendwind mit ihnen flüsterte und der See ! plätscherte sein Abendlied. Sie gingen tiefer in den Wald. Magda erschauerte unter Nothner's glühenden Küssen. In einer unnennbaren Sehnsucht, einer unsäglichen Angst versuchte sie ihn von sich zu drängen.- Die Wunderblume war geknickt, die Arme gekettet an den, welcher der Fluch ihres Lebens werden sollte. „O, Maria, ohne Sünden empfangen, bitte für sie!" (Fortsetzung folgt.) -—«2-V-VS—- Die Frauen in China. Von vr. Joseph Wiese. Das zurückgezogene und durchaus orientalische Leben der chinesischen Frauen liefert der Neugier nur wenig Stoff zur Befriedigung. Man sieht sie niemals, man hört sie selten, und auch nur dann, wenn der Vater oder Gatte, die einzigen Menschen, die sich ihrer Gesellschaft erfreuen, die Erlaubniß gcgcbrn. Die chinesischen Frauen leben unbekannt, in einer Abhängigkeit, in einer Nichtbeachtung, daß schon allein der Gedanke daran unsere Frauen erschrecken würde. Hauptsächlich haben wir bei unseren Ausführungen die reichen und hochgestellten Frauen im Auge, denn die aus dem Volke führen in allen Ländern wohl dieselbe Existenz; ihre Armuth, die sie zur Arbeit zwingt, bringt sie zugleich in nähere Berührung mit dem Mann, dem sie von Nutzen sind, und dessen Kinder sie ernähren helfen. Diese Frauen aus niederem Stande sind indessen in China nie von der Schönheit, welche man bisweilen bei denen in Europa findet. Das hat seinen Grund darin, daß sich selten ein junges Mädchen mit hübschem Gesichte und schönem Wüchse findet, das nicht mit 14 Jahren schon verkauft oder irgend einer hohen Persönlichkeit zum Geschenke gemacht wird. Bei der Thronbesteigung eines neuen Kaisers führen die ersten Persönlichkeiten des Reiches ihm ihre Töchter zu, damit er unter ihnen seine Frauen wähle. Die Auserkorenen bringen ihrer Familie, die zugleich auch einen bedeutenden Einfluß gewinnt, große Ehre. Aus gleiche Weise bietet man auch allen Prinzen des kaiserlichen Hauses die Frauen an. Die Gemahlin ist die Herrin des Hauses und der anderen Frauen. Jeder Chinese hat nur eine Gemahlin, die allein ihm vor dem Gesetze die Erben schenkt. Gewöhnlich ist es die hübscheste und liebenswürdigste des Harems; denn der Titel „Gemahlin" wird von ihr weder durch die hohe Abkunft erworben, noch durch das Vermögen, da die Frauen niemals eine Mitgift mitbringen und nach dem Gesetze von jeder Art Erbschaft ausgeschlossen sind. Die Erhöhung hängt einzig von dem Grade der Zuneigung ab, die der Mann für sie empfindet, nnd von dem Reiz, den sie auf ihn auszuüben versteht. Die Frau kann niemals die Scheidung verlangen, die der Gatte oft unter der sonderbarsten Motivirung leicht bewerkstelligt. Kinderlose Ehe oder der Mangel an Söhnen nach der Geburt von drei Töchtern, schlechter Charakter, Ungehorsam gegen die Eltern des Mannes, Schwatzhaftigkcit und eine lose Zunge, chronische Krankheit, Ehebruch und Dicbstahl sind Scheidungsgründe. Dieser letztere wird uns etwas überraschend vorkommen, aber es ist zu beachten, daß die chinesische Frau derart degradirt ist, daß sie für ihre Handlungen nicht einmal die Verantwortung trägt; der Gatte allein ist der Justiz die Rechenschaft für die Handlungen seiner Frau schuldig, wie der Vater vor der Verheirathung der Tochter. — Vvm siebenten Jahre an dürfen die Töchter der Reichen und der Mandarinen nicht einmal mehr mit ihren Brudern zusammen essen. Mit zwölf Jahren hören sie auf auszugehen und sehen dann die Welt nur noch durch Jalousien und Vorhänge oder in den Spiegeln, die sie vor den Fenstern anbringe!,. Den jungen Mädchen gibt man Lehrerinnen, die vor allem sie lehren, richtig zu sprechen und sich als unterwürfige und abhängige Wesen zu betrachten. Unter ihrer Leitung lernen sie nähen, Seide und Leinwand weben, sticken, Blumen malen, den Göttern Opfer und Gaben darbringen, die heiligen Gefäße in schicklicher Weise ordnen, Parfüms verbrennen. Ueber alles andere werden sie in Unwissenheit gehalten. Sie können weder lesen noch schreiben; ihre Erziehung und ihre absolute Zurückgezogenheit berauben sie auch der Kenntnisse, die sie eines Tages zu thcilnehmcnden Gefährten ihrer Männer machen könnten und nicht zu ihren Dienerinnen und Sclavinnen. Mit 15 Jahren ist ihre Erziehung beendet, aber erst mit 20 Jahren dürfen sie heirathen. Nach der Hochzeit 694 — gehört die junge Frau ganz ihrer neuen Familie an. Sie sieht ihre eigene Familie mit Ausnahme des Vaters selten. Wenn sie in der Sänfte ausgetragen wird, so ist sie für das Publikum unsichtbar. Gegenseitige Besuche der Frauen finden statt, aber höchst selten. Im klebrigen regelt sich das alles nach dem Range, den der Gatte einnimmt, und nach dem Grade von Auszeichnung, die die Frau für sich in Anspruch nimmt. Die Zurückgezogen- heit und Abhängigkeit sind nämlich besondere Kennzeichen von hohem Reichthum und Ansehen, und wie die Europäerinnen sich darin gefallen, herrlichen Schmuck zur Schau zu tragen, so findet die Eitelkeit chinesischer Frauen darin ihre Rechnung, daß sie noch einer härteren Knechtschaft sich unterwerfen, als ihnen die Männer ohnehin auferlegen. Nach unseren Anschauungen ist in dieser Beziehung die Kaiserin am übelsten daran, die bei ihrem Ausgange von Wächtern begleitet wird, welche Jedermann vorher entfernen und sogar Thüren und Fenster der Häuser schließen, an denen die Herrscherin vorüberkommt. Die Frauen, die in China als die hübschesten gelten, die die Zierde des HoseS, das Entzücken des Kaisers und der Mandarinen bilden, stammen aus den Provinzen Tche-king und Fo-chang. Doch ist ihre Schönheit eine relative; diese Frauen, die den Chinesen so bcgehrens- werth erscheinen, würden in Europa wohl wenig Enthusiasmus erregen; einige würden hier sogar als häßlich gelten. Die chinesischen Frauen haben eine weiße Haut, kleine, ovale Augen, lange und magere Arme. Ihre durch die Mode verunstalteten Füße veranlassen euren schwerfälligen, gewissermaßen hölzernen Gang. Bekanntlich erhält man denselben dadurch, daß man die Zehen des noch sehr jungen Kindes unten mittelst seidener, straff angezogener Bündchen festbindet. Der Fuß kann, da die Emulation des Blutes kaum geschieht, nicht natürlich wachsen; er bleibt klein, wird aber nicht elegant, und ohne den großen Zehen, den man länger werden läßt, würde er einem Pferdefuße nicht unähnlich sein. Dieser Tortur müssen alle Töchter der Reichen sich unterziehen und wenigstens eine aus jeder armen Familie, die aus eine gute Heirath speculirt. Nur die tartarischen Frauen machen diese Mode nicht mit. Die kleinen und immer in dem weiten Aermel ver- borgengehaltenen Hände sind fast ebenso bemerkenswerth, wie die Füße, wegen der Länge der Nägel, die man wachsen läßt, und deren Entwickelung man mittelst silberner Krallen begünstigt, die man unter ihnen anbringt, und die als Stütze dienen. Obgleich die Frauen in China das Embonpoint unter die Schönheiten eines Mannes rechnen, betrachten sie es doch als einen großen Fehler ihres Geschlechtes und bemühen sich, eine recht schlanke Taille sich zu erhalten. Sie waschen die schon ohnehin schöne Haut mit einer Mischung von Milch und Bleiweiß, färben Wangen, die Lippen und das Zahnfleisch roth und ziehen über die Augenbrauen eine bogenförmige, dünne Linie. Bisweilen verschwindet die Augenbraue ganz, um einem feinen Weidenblatt Platz zu machen, das sie als geschickte Malerinnen bemalen. Die Stirn ist frei, die Haare werden nach hinten gekämmt und auf dem Hinterkopfe in mehrere Flechten geknotet. Niemals vernachlässigen sie es, sie mit Katürlichen oder künstlichen Blumen zu schmücken. Dies gilt von den Frauen des Landes und denen der Stadt, den alten und armen, den jungen und reichen. Mit Ausnahme derjenigen vom Hofe und von hohem Range, welche Mützen von schwarzem, mit Diamanten geschmücktem Sammt tragen, haben die Frauen keine andere Kopfbedeckung, als ihren Haarschmuck, über den sie beim Ausgehen einen Schleier werfen. Junge, heiraths- fähige Mädchen lassen die Haare an den Schläfen herab- wallen. Die chinesischen Frauen tragen niemals Leinwand. Den Oberkörper bedeckt zunächst ein Netz, das, wie alles Uebrige, aus Seide ist. Darüber liegt das Unterkleid und ein weites Beinkleid, die beide durch eine Satinrobe mit bauschigen Aermeln verdeckt werden; letztere legt sich mittels eines Gürtels anmuthig um den Körper. Im Winter tragen sie dazu Pelze von oft fabelhaft hohem Werthe. Die verschiedenen Theile des CostümS sind nicht von derselben Farbe, und in ihrer Auswahl entfaltet sich der Geschmack der Trägerin. Im Allgemeinen scheinen die dem Manne verbotenen Farben, nämlich Rosa und Grün, vorzuherrschen. Vergeblich aber würde man in dem Putz selbst der elegantesten Frauen Spitzen, Batist und alle jene feinen und kostspieligen Artikel aus Leinwand suchen, die das Entzücken der Europäerinnen bilden. Alle Stickereien sind aus Seide, Gold- oder Silberfäden, und selbst die Taschentücher sind aus Seide gestickt. Die Frauen der Mandarinen unterscheiden sich von den anderen durch ihre Toilette; sie sind mit Schmucksachen bedeckt und tragen jene herrlichen orientalischen Shawls, welche die Männer als Gürtel benutzen. Die Frauen mit dem kleinen Fuße legen keine Strümpfe an, das überlassen sie den Männern und den armen und tartarischen Frauen; sie ersetzen sie durch Seidenstreifen, die sie um Fuß und Bein winden. Ihre Schuhe aus Stoff haben eine weiße, dünne, aus Papier- blättern zusammengesetzte Sohle, die, da die Frauen nur in ihren Zimmern umherwandeln, lange vorhält. Die Frauen aller Klassen rauchen und beginnen schon als Kinder damit. Im Gürtel tragen sie eine Tabaksdose, daneben das Taschentuch und ein Kästchen, in dem die Araknuß aufbewahrt wird. Tragen sie den Fächer nicht in der Hand, so ruht er in einem ebenfalls am Gürtel befindlichen Etui. Sie kennen die bezaubernde Fächersprache gar wohl und machen einen Gebrauch von ihr, daß selbst die Spanierinnen noch von ihnen lernen könnten. Jede Frau besitzt eine ganze Anzahl von Fächern in allen Farben und Formen. Das Theater besuchen die chinesischen Frauen nie; aber in ihrem Hause findet oft eine Vorstellung statt, der sie hinter Fenstergittern beiwohnen. Aehnlich ist es bei Festen; denn die chinesische Sittsamkcit besteht nicht darin, die Frauen des Anblicks der Männer zu berauben, sondern zu verhindern, daß sie gesehm werden. Die Frauen aus dem Volke, besonders die der Bauern, werden nach dem Verhältniß ihrer Kraft und Gesundheit geschätzt. Sie nehmen Theil an allen Arbeiten.des Mannes, der ihnen oft das schwierigste Stück derselben zuweist. Beispielsweise geht der Mann im Pfluge, während die Frau, an die Seite des Ochsen gespannt, ziehen muß. Diese Bäuerinnen sind ihrer Familie eine große Stütze, denn sie erziehen nicht nur ihre Kinder und sorgen für ihren Unterhalt, sondern sie werden auch für die meisten Feldarbeiten verwendet. Ihr Fleiß hindert indessen die Männer nicht, rohe Gewalt gegen sie anzuwenden. Am 695. — berühmtesten wegen ihrer Kraft und Stärke sind die Franen aus der Provinz Kiang-Si; sie sind daher für die Bauern und Farmer die gesuchtesten. Die Frau, von welchem Range sie auch sei, ist wenigstens insoweit gut daran, daß sie Wittwe bleiben muß. Sie ist zwar nicht viel freier, als die verheiratete Frau, denn sie steht alsdann unter der Gewalt ihres ältesten Sohnes oder kehrt in's Vaterhaus zurück, aber die rohen Unterdrückungen, denen sie bei dem Manne ausgesetzt war, haben doch aufgehört. Die Behandlung der chinesischen Frauen seitens ihrer Männer erregt gewiß mit Recht unser Mitleid mit jenen; sie ist in der That eine barbarische. Wenn man bedenkt, daß das Christenthum die Würde der Frau sanktionirt und ihr die Freiheit gegeben hat, deren sie sich im Abendlande erfreut, daß wir sie die bessere Hälfte des Menschengeschlechtes nennen, daß die Civilisation ihr säst alle Fortschritte in der Feinheit und Gesittung unserer Bräuche verdankt, so muß man sagen, daß die tiefe Stellung der Frau in China zu bedauern ist. Dennoch rühmen sich die Chinesen ihres Systems. „Gerade dieser Knechtschaft, dieser Sklaverei der Frauen", sagen sie, „verdanken wir die gesellschaftliche Stabilität, deren wir uns seit 5000 Jahren erfreuen." Vielleicht wird im Laufe der Zeit, wenn einmal die, wie es scheint, in die Wegs geleitete Anbahnung von Beziehungen mit Europa und seiner Gesittung weitere Fortschritte gemacht haben wird, auch den Frauen ein besseres LooS zu Theil werden. (Beilage zur „Germania".) --8-MW-- Das soulirrmre Fürstenthttm Liechtenstein. Einem Veilchen, das im Verborgenen blüht, gleicht das souveräne Fürstenthum Liechtenstein. Man spricht wenig von ihm, denn es ist nicht tonangebend im europäischen Staatenconcert. Gleichwohl hat es seine Unabhängigkeit besser bewahrt als die übrigen sünfunddreißig Staaten, an deren Seite es im deutschen Bunde einst Sitz und Stimme hatte. Die fünfunddreißig zum Theil Duodezstaaten schnarchen heute unter der Hut Preußens, und ihre Fürsten spielen eine mehr oder minder bedeutende Rolle im „Gefolge" des deutschen Kaisers. Der regierende Fürst von Liechtenstein fährt wohl nicht im Suitewagen zu KrönungSfcsten und dergleichen, dafür ist er wirklicher Souverän eines Landes, das Ende des Jahres 1893 — 8750 fl. Staatsschulden besaß. Der Cabinetsrath des Fürsten von Liechtenstein, Carl von In der Mauer, hat in einer Broschüre die Constitution und die Verwaltung des Fürstenthums geschildert. In der Einleitung entwirft Herr v. In der Mauer ein Bild der historischen Entwicklung Liechtensteins. Die reichsunmittelbaren Herrschaften Vaduz und Schellenberg wurden im Jahrs 1719 zu einem Reichs- fürstenthum vereinigt und auf dem Wiener Congreß dem deutschen Bunde einverleibt. 1818 trat dort eine land- ständische Verfassung in Kraft. Mit dem Jahre 1866 hörte die Zugehörigkeit Zum deutschen Bunde auf. Die Thronfolge im Fürstenthum ist derart geregelt, daß dem im Sinne der Erb-Union vom Jahre 1606 nach der Primogenitur in das Majorat-Hauvrfideicommiß succcdi- renden männlichen Mitgliede des fürstlichen Hauses, als dem Chef des letzteren, jederzeit auch die Regierung des Fürstenthums mit der souveränen Würde zutommt. Das gesetzmäßige Organ der Lcmdesangchöngen gegenüber der Regierung ist der Landtag, der fünfzehn Mitglieder zählt, wovon drei durch den Landesfürstcn ernannt, sieben durch indirecte Wahl aus dem Oberlande, der ehemaligen Herrschaft Vaduz, fünf durch Wahlmänner des Unterlandes, der ehemaligen Herrschaft Schellenberg, auf die Dauer von vier Jahren entsendet werden. An der Spitze der Regierung, welche in Vaduz ihren Sitz hat, steht der Landcsverweser, welchem zwei vom Landesfürsten für je sechs Jahre ernannte Landräthe und zwei Landraths-Slellvertreter beigegebcn sind; die politische Necurs-Justanz befindet sich in Wien; hier befindet sich auch das Appcllationsgericht; das Oberlandes- gcricht in Wien versieht laut Staatsvertrag für Liechtenstein die Functionen eines obersten Gerichtshofes. Die Stellung der österreichischen Finanzorgane in Liechtenstein findet ein Analogon in der Stellung der französischen Doucmcnbcamten in Monaco; die österreichischen Finanz- commissäre haben dem regierenden Fürsten Treue und Gehorsam anzugeloben. Als Landesbehörde fungirt die fürstliche Regierung in Vaduz; von dieser depcndirt die Kassenverwaltung (für die Steuer-Erhebung und Verwaltung der öffentlichen Fonds), während die Buchhaltung gleich der Domänen- Verwaltung der fürstlichen Hofkanzlci in Wien untersteht. Oberste Justizbehörde ist das k. k. Oberlandesgericht in Innsbruck. Für das Civil- und Strafrecht gelten die österreichischen Gesetze. Die Staatsrechnung weist für das Jahr 1870 an Einnahmen 50253 fl. und an Ausgaben 43952 fl. österr. W. nach. Das Militär ist seit 1868 ausgelöst, und die Bevölkerung ist gegenwärtig von der Wehrpflicht entbunden. Durch Vertrag vom 23. December 1862 bildet Liechtenstein einen Bestandtheil des allgemeinen österreich.-ungarischen Zoll- und Steuergebiets und erhält infolge dessen jährlich ca. 20,000 Gulden von Oesterreich ausgezahlt. Münzen, Maße und Gewichte sind die österreichischen ; auch die Post wird von Oesterreich verwaltet. Das Landeswappen enthält fünf Felder und ein Mittelschild, welches das Zeichen von Liechtenstein (Gold über Noth quer getheilt) enthält; die Landesfarben sind Noth und Blau. «z« » j« KLLexleß. Völker ohne Feuer. Man sollte glauben, daß das Feuer, diese mächtige, erhabene und belebende Naturkraft, eines der ersten Hilfsmittel gewesen wäre, auf welches die Menschen durch die sie umgebende Natur selbst hingewiesen worden» 'und dennoch berichten uns Erzählungen aus den früheren Zeiten vieler nachmal wegen ihrer Bildung und Gesittung hochberühmter Völker, daß ihnen der Gebrauch des Feuers lange Zeit unbekannt gewesen. So erzählt Plinius, daß die alten Acgypter das Feuer nicht kannten und höchst erstaunt waren, als der berühmte Astronom EuxuduS es ihnen zeigte. Die Perser, Phönizier, Griechen und Chinesen gestehen ebenfalls die gänzliche Unwissenheit ihrer Vorfahren über diesen Punkt ein, und Pomponins, Mela, Plutarch und mehrere andere alte Schriftsteller berichten von Völkerschaften, die selbst in der Zeit, wo sie schrieben, den Gebrauch des Feuers gar nicht kannten oder doch soeben erst kennen gelernt hatten. Auch die Geschichte späterer Jahrhunderte hat ähnliche Beispiele auszuweisen; denn die Bewohner der 1551 entdeckten Inselgruppe der Mariannen hatten nie eine Idee von dem Dasein dieses Elements gehabt, und alsMagelhaenS an einer der Inseln landete und das Schiffsvolk ein 696 Feuer anzündete, kannte die Verwunderung der Eingeborenen keine Grenzen bei dessen Anblick, sie hielten es für ein sich von Holz nährendes Thier. Die Bewohner der Philippinen und der Kanarischen Inseln befanden sich im gleichen Zustande der Unwissenheit und in Afrika leben noch bis zum heutigen Tage Völkerschaften, die keine Ahnung von dem Dasein dieser „Himmelskcaft" haben. FindigeAankees. In New-Dork gibt es Leute, die sich ausschließlich damit beschäftigen, schwer einzutreibende Schulden einzukassiren. Eine wirksame Methode, dieses ärgerliche Geschäft zu erleichtern, fand ein schlauer „Kollektor schlechter Schulden", der an der Decke seiner Kutsche folgende Inschrift mit fetten Buchstaben anbringen ließ: „Dieser Wagen hält vor den Häusern von Leuten, welche mit ihren Schulden im Rückstände bleiben." Alle Leute, besonders die Geschäftsleute, fürchten diesen Wagen so, daß sie seinen Insassen mit den lange zurückgehaltenen Dollars förmlich bombardiren, um ihn nur schleunigst wieder loszuwerven. -- --SÄSWS- Gvldkörner. Ein leichtes Herz kennt keinen langen Schmerz. Da du einst geboren warst au's Licht, Weintest du, es fieuteu sich die Deinen; Lebe so, vaß, wein: dein Auge bricht, Du dich freust, die Menschen aber weinen. Gerok. kZekuelldlKit. fLUs Rsedto voi'deLaltou-l kartio Nr. 2. Die folgende interessante kartie entstammt äsr 1. Runds des Budapester Turniers. ?rLN2ös!8vLs?art!s. 8 « Weiss: killsburx (Now-Vork). Sebwarr: Llbiu (Wien). kc -s W eiss: killsburx (New-Vork). Sebwarr: 41kin (Wien). i o2—e4 s7—e6 >8 8b5-d6f Ke8-d8 2 d2 d4 67-d5 !9 813-g5 Kd8—c? 3 Sbl—e3 8g8 t6 20 8g5Xt7 Ke7—b8 4 e4 eö 8t6-d7 21 Db?Xb5(a) Bb6—d4 5 12—14 o7—e5 22 Bai—a2 8d7-e5 6 d4Xcö B18Xe5 23 Db5—gk 8o5—e4 7 Ddl—g4 g7—g6 24 b4—bö De7-e7 8 b2-I>4 b7—bö 25 BK1—b3 Bdl—c3s- 9 Dg4--g3 8b8- «6 26 Kel—tl b7-b6 10 a2—a3 8e6-d4 27 Ktl-gl b4-b3 11 Bkl-d3 8d r-fö 28 Bb3Xe3 Dc7Xc3 12 Bd3Xi5 g6XtS 29 Ba2-b2 De3-e1s 13 Dg3-g7 Bb8-t8 30 Kgl—b2 DsIXol 14 Sgl-13 Dd8—s7 3l Bb2Xb3 DolXttf- 15 b2-b4 Bo5—b6 32 Kb2—gl Dt4-k2f- 16 Dg7—1,7 a7—ao 33 Kgl—b2 8e4-d2 17 8e3-b5 aöXb4 34 Bb3—e3 Ba8—a4 Weiss gibt die kartie ant. a) killsburv bat nun rwar aut der Königsssite materielles Debsrgewicbt erlangt, dabei ist zedoob seine Stellung auf der Damenseite so sekwaeb geworden, dass es Llbin gelingt, dieselbe ru dnrebbreeben und sodann durok einen vortrelklieb getübrten Lngriik den teindlieben König in entsebeidender Weise ru bedroben. Diese kartie bestätigt aut's Neue den Orundsatr, dass man kleine watsriello Vortbsile lieber vermeiden soll, nenn ibr Oewinn mit Naobtbeilou in der eigenen Ltellung verknüpft is* Wirten rrn« 8vI,a«I>vv«It. Dg.8 internationale Sebaebmeisterturnier ru Ludaxesi. Das Turnier wurde am Idittwocb den 21. Oetobsr e. beendet und Zeigte naeb Vollendung der letzten Hunds naeb- stebenden Scblussstand: .S s O s Z Z >» Q cZ S e4 O s L cä 8 L-I 2) -r cS '-Z 1 Ldolk ^lbill . . 0 0 1 0 '/- 1 1 1 0 0 0 5 2 Rud. Obarousek . i — 0 0 i 1 1 1 1 1 8',. 3 David danowski . i 1 — i 1 1 0 0 0 0 1 7 4 6sorg blareo . . 0 I 1 0 0 0 1 0 '/- 0 4'/. 5 66ra Naroer^ . . i 0 0 '/- 0 0 1 1 0 1 0 5 6 Dr. doset Noa . . '/, 0 0 0 i — 0 1 '/- '/- 0 0 4 7 B. N. killsbur^ . 0 0 '/, 1 i 1 — I 0 1 1 7'/- 8 Ignar v. kopiel . 0 0 0 1 0 0 0 — 1 0 0 0 0 2 9 10 11 Karl Sebleektsr . Dr.Siegb. 1'arrascb Niebael Bsebigorin 0 '/- 1 '/- 0 1 1 1 1 0 1 '/- 0 1 '/, 1 0 1 1 '/- 0 '/- 1 1 0 '/, 1 1 1 0 '/, 7 6 8'/. 12 Karl4.ug. Walbrodt 1 1 '/, 0 1 0 1 '/- 0 0 — 1 6'/. 13 Simon Winäwer . 1 0 0 1 1 1 0 1 0 1 0 Sonaeb Sticbkampt rwiscbsn Dbarousek (Budapest) und Bselngürin (8t. ketersburg) bei so 8'/, Bewinnpartieo, um die beiden ersten kreise von 2500 bcrw. 2000 Kronen (Sieger, wer Zuerst rwei kartien gewinnt; remis räblt niebt). — III. kreis killsburrx (Amerika) 1500 Kronen bei 's 7'/,; IV und V. getbeilt rwiseben danowski (karis) und Sebleobtsr (Wien) mit 1000 und 600 Kronen bei ss f-7 ; VI. und VII. getbeilt rwiseben Walbrodt (Berlin) und Winawer (Warsebau) mit 400 und 200 Kronen bei ss (k/?. — Kinon Sperialxrsis kür das beste Resultat gegen die kreisträger orbält noeb l)r. Barrascb (Nürnberg) mit 's 6; — es folgen dann rllkin (Wien) und dlarüerx (Budapest) mit zs 5, LIarco (Wien) mit 4*/,, Br. Nua (Oesterreieb) niit 4, söwio v. kopiel (Bembsrg) uiit 2 gewonnenen kartien. _ (Vom Kltmeistsr William Stsinitr aus New- Vork.) Derselbe bat sieb bekanntlieb im rlnseblusss an seinen bissigen Lesueb am 20. August o. direkt naekWöris- botsn begeben, um dureb Oebrauek der Kneipp'seben Kur Heilung von einem langjäbrigen Beiden ru sneben. — Wie nun aus einer von Stsinitr aus Wörisboten an unseren lVlit- arbsiter K. II. unlängst geriobteten sebr berrlioben 2nsebritt bervorgebt, bat sieb sein Befinden vorrüglieb gebessert und siebt derselbe in kolgs dessen dem am 1. November c. in Noskau beginnenden Nateb gegen Basksr um die Weltmeister- sebatt — kreis 5000 Rubel — mit groser Auversiebt entgegen. — Wäbrend seines llukentbaltss in Wörisboksn, der bis rum 23. d LI. dauerte, war Stsinitr immer 6egenstand visier Aufmerksamkeiten; so wurde ibm unter Anderem die ^usreiebnung ru tbeil, von Seiner Küniglieben Ilobeit dem Ilsrrog von die eklen bürg in Osssllsekatt gezogen au werden, um llöobstdossen Osmablin mit den l?sinbeiten unseres königliobsn Sebaebs vertraut ru maebsn. — Kbsnso datts sieb Stsinitr stets der xorsönlioben Lebandlung und kürsorgo des Herrn krälaten Kneipp ru erfreuen. — In liebenswürdig launiger Weiss gab der Altmeister seine grosse Befriedigung über unser in's Beben getretenes »Lugsburger Sebaebblatt" kund, wobei er besonders bervorbob, dass speciell die kresse in Bauern mit böebst anerkennenswertber 2u- vorkommenbeit der edlen Scbacbknnst ibro Spalten ölknet, um das Interesse kisfür aueb weiterbin ru fördern. — Wir wünseben Stsinitr, weleber am 24. ds. Ms. naeb Noskau abreiste, um sieb daselbst, wie er bemerkte, einige läge vor Beginn des LIatebss ru aeelimatisiren, den besten Krtolg und werden unseren Besern über. den Verlaut des interessanten Wettkamxtes entsprecbend beriebten. Die Namen sensr Sebaobtrsunde, wslobs unsers Kndspislo und kroblems riebtig lösen, sowie dis Büsungen inner bald dreiWoebsn einsenden, werden stets an dieser Stelle ver ölksntliebt. 8^" H-Ilss auf das Sebaeb Berügliobs ist ausnabmslos ru adressiren: „Ln die Redaction des Lugsburger Scbneli- blatt — Duke Lugnsta — Augsburg." « 91 . 1896 . „Augsburgrr Poftxeitung". Dinstag, den 3. November Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbefitzer Dr. Max Huttler). Allerseelen. Was bleibt uns noch in diesen Herbstestagen? Daß wir an Gräbern um die Todten klagen, Mit Astern rings ihr friedlich Haus bestecken Das schwarze Land mit Immergrün bedecken, Darein die Liebe letzte Rosen flicht Wie einst im Licht. In Menschenseelen steigt's dann auf und nieder, Und die Vergangenheit kehrt geisternd wieder, Und Töne rauschen wie aus alten Zeiten. Und wenn die Nebel durch den Abend schreiten, Manch' lieber Mund in Treuen zu Dir spricht Wie einst im Licht. Ihr stillen Schläfer tief im schatt'gen Grunde, Frei ist ein Wort an euch in solcher Stunde: Grau kommt der Tag, denn ihr habt uns verlassen, Geschrei und Streit füllt uns'res Lebens Straßen, Nicht linde mehr weht's uns um's Angesicht Wie einst im Licht. Die Liebe starb, die's fromm mit uns gemeinet, Das Auge brach, das für uns oft geweinet, Die Hände modern, die in Trauerstunden Den Balsam legten auf die Seelenwunden; Die Menschen trösten, doch so ist es nicht Wie einst im Licht. D'rum, Welt, fahr' wohl mit Deinen bunten Farben Kurz währt Dein Glück, trugvoll sind Deine Garben, Laß einsam mich um meine Todten weinen, Süß wird Entsagung nur an Leichensteinen, Wo durch's Gewölk der Liebe Sonne bricht Wie einst im Licht. Adolph Müller. -SÄ88NS-- „Magd a." Zwölf Monate eines modernen Lebensbildes. Der Wirklichkeit nacherzählt von Beda v. Ballheim. (Fortsetzung.) Juli. — Zu spät erkannt. Auf dem Grunde einer engen Thalschlucht, welche durch hohe, theils dicht bewaldete, theils nackte und scharfkantige, eng ineinander geschobene Berge gebildet wird, liegt das Bad H. Ringsum hatten die Gnomen ihre Schätze ausgestreut. Der Reichthum der Berge an Silber und Blei war indessen anscheinend erschöpft und die Ausbeutung der Werke seit langer Zeit eingestellt, weil der Ertrag nicht einmal mehr die Betriebskosten deckte. Die romantische Lage des Ortes aber, ein ziemlich starker Säuerling, verbunden mit der kräftigen, reinen Waldluft, hatten das Städtchen zu einem beliebten Gesundheitsorte, vorzugsweise für Norddeutsche, gemacht. Besonders kam es als Sommeraufenthalt der Städter in Mode, seit der Fürst des Ländchens alljährlich einige Wochen daselbst zuzubringen pflegte. Die diesjährige Saison war durch zahlreichen Besuch besonders glänzend, ohne doch dem Leben der Gesellschaft den ungenirten, familienähnlichen Charakter zu nehmen. Auch die Redaktion des „Stachelschweins" finden wir unter den Namen der Badegäste vertreten. Der junge Dauß war mit der Ausführung einer neuen Bahnlinie durch das Ländchen betraut — wie gewöhnlich unter dem mächtigen journalistischen Protektorate seines Vaters und dessen Freunde, was die öftere Anwesenheit derselben in H. veranlaßte. Wir haben schon gesehen, wie das edle RedaktionsTriumvirat die Machtstellung, welche es in der Presse einnahm, zur Grundlage ausgedehnter Unternehmungen zu machen wußte, bestimmt, den übermäßigen und ungeordneten Luxusbedürfnissen der Chefs zu dienen. So waren es auch weitgehende und großartige Pläne, welche diesen kleinen Badeort gegenwärtig als Operationsbasts günstig erscheinen ließen. Seit einiger Zeit befand sich die ganze Gegend in Aufregung. Der alte Reichthum der Erde kehre wieder, hieß es. Der Ingenieur Dauß, ein geschickter, in aller Art ober- und unterirdischer Meßkunde, mehr aber noch in findiger Benützung gegebener Verhältnisse erfahrener Techniker, hatte, wie man erzählte, eine nächst H. an durch die neue Bahnlinie für den Verkehr besonders 698 günstiger Stelle gelegene verlassene Erzgrube untersucht und mittelst eines nur ihm gehörigen Verfahrens einen neuen, unermeßlichen Zukunftsfonds in ihr entdeckt. Während diese Kunde die Welt durchlief, war das „Stachelschwein" so vorsichtig gewesen, das Stück Land, in welchem dies neuerstandene Eldorado sich befand, käuflich zu erwerben. Es gehörte zum Besitzthum des Hauptpastors des Ortes, welcher dasselbe mit der Tochter eines wohlhabenden Großbürgers angeheirathet hatte. Da aber die Mythe, daß die Gruben einst wieder fruchtbar werden dürften, stets unter dem Volke umgegangen war, so hatte sich der Besitzer, durch das besagte Ankaufsgelüste aufmerksam gemacht, nur unter Sicherung eines gewissen Antheiles an der Ausbeute und jedem eventuellen anderen Gewinne zur Veräußerung herbeigelassen. Dem unlauteren Spekulationsgeiste von Dauß und Konsorten war es gegenwärtig um einen möglichst raschen Abschluß der bereits eingeleiteten Verhandlungen über den Weiterverkauf der Werke an den sehr reichen Fürsten des Landes zu thun. Derselbe, selbst Dichter, genoß den Ruf eines Mäcen der schönen Künste, besonders des Theaters, und liebte in dieser Eigenschaft die regenerirende Sonne des Geschmacks genannt zu werden. Im Momente unserer Erzählung beschäftigten ihn besonders die Vorbereitungen für die Darstellung einer eigenartigen, musikalisch-dramatischen Dichtung, welche Idee und Text ihm selbst, die Musik aber dem Attachö Baron Faurier, einem entfernten Verwandten seines Hauses, verdankte. Die Wahl der Sängerin für die Hauplpartie des Werkes war der Gegenstand der skrupulösesten Untersuchungen, in welche die verschiedenen Intriguen des kleinen Hofes hineinspielten. Wie wir wissen, hatte Magda's Gönnerin, die Fürstin Waldenau, das kleine Hoftheater als günstigsten Schauplatz für das Debüt derselben ausersehen. Die Herren vom „Stachelschwein", denen in dieser Beziehung das Zusammentreffen der Umstände sehr gelegen kam, hofften daraus größtmöglichsten Nutzen für ihre Operation zu ziehen. Nachdem das junge Mädchen unter ihrer Mitwirkung bereits engagirt und seit einigen Tagen in H, eingetroffen war, galt es zunächst, dasselbe dem Fürsten, trotz ihrer Anfängerschaft, für jene Rolle möglich zu machen. Den voraussichtlich großen Einfluß, den sie dadurch gewinnen würden, betrachteten sie als ihre wohl auszubeutende Domaine. Der nach dem Geschmacke des Fürsten reich und künstlerisch schön ausgestattete Concertsaal des Schlosses, welcher nur den Privatzwecken des Landesherrn diente, war mit einer glänzenden Versammlung gefüllt. Es fand eines der sich allwöchentlich ein- bis zweimal wiederholenden Concerte statt, bei denen die Mitglieder des sürstlicben Hoftheaters, oft auch fremde Künstler von Ruf mitzuwirken pflegten, und welche stets ein distinguirtes Publikum anzuziehen wußten. Im Munde aller Anwesenden war die Oper des Fürsten, aus welcher man heute eine Orchesternummer in das Programm aufgenommen hatte, die Präliminarien ihrer ersten Aufführung zur Eröffnung des Wintertheaters der kleinen Residenz, und endlich die Frage, wem die Hauptpartie in derselben anvertraut werden würde. Man besprach laut und leise das heutige Auftreten einer neu engagirtcn, von der Presse überaus günstig eingeführten jungen Sängerin, Magda v. Hark- hoff, welche man neben der seit Jahren bewährten Primadonna des Hoftheaters mit dieser Frage in Verbindung brachte, und fühlte sich gewissermaßen berufen zum richtenden Urtheile in dem heutigen Wettstreite der beiden Künstlerinnen. Sehr geschickt vertheilt saß die Garde des „Stachelschweines", gerüstet für den Nothfall zum Claque- kampfe für Magda, das heißt für ihr Projekt. Einige Nummern waren vorüber. Jetzt erschien der Fürst in seiner Loge, in Begleitung Faurier's und des Finanzrathes Tiefenborn, des ausschlaggebenden, stets zuverläßlichen Rathgebers seines Herrn in Budgetangelegenheiten. Die Primadonna erschien, — eine nicht mehr ganz junge, aber recht präsentable Blondine. Sie warf perlende Tontropfenschnüre in die lauschende Menge. Ihre Leistung zeigte große Routine einer immer noch schönen Stimme, und als der Fürst, nachdem sie geendet, mit seinen weißbehandschuhten Händen, über die Brüstung der Loge hinweg, lebhaft klatschte, stimmte das Publikum unisono ein. Es folgte ein Orchesterwerk, dann kam Magda's Nummer. Als sie erschien in ihrem weißen, wallenden Kleide, eine einzige Rose an der Brust, keinen anderen Schmuck als die verschwindend dünne, blauseidene Schnur, an welcher die Muttergottesmedaille hing, ging ein gewisses Rauschen durch den Saal, — ein unwillkürlicher Tribut der wunderbarsten Schönheit. „Superbei" hauchte es fast unbewußt von den Lippen des Fürsten. Mit magdlicher Demuth verneigte sich die Debütantin, während ein glühendes Erröthen wie Morgenlicht über ihre Züge flog. In süßer, durchsichtiger Klarheit schwebte ihr Gesang durch den Raum. Es war eine Fülle, eine Innigkeit, ein Seelenklang in dem Tone, — unwillkürlich vergaß man den Ort, ja selbst die herrliche Gestalt dort — man lauschte athemlos, das Herz voll glückseliger Empfindungen, und in jeder Seele stand hell und glänzend das Theuerste, was sie besaß, — eine Mutter, eine Braut, ein Kind — oder auch ein Grab. Magda hatte geendet — noch schwieg Alles, noch tönten die Klänge in den Herzen, noch sahen die feuchten Augen nur gebrochen das bebende Mädchen, welches stumm das Haupt senkte, in zitternder Erwartung seines Urtheiles, — da brach auf einmal — und man wußte nicht, wo er angefangen, ein frenetischer Jubel los, wie ein Donnerschlag, der nicht enden wollte. Immer wieder mußte die junge Künstlerin erscheinen — und sie weinte und lachte zugleich und breitete unbewußt entzückt die Arme aus. Als sie aber in das Foyer zurückkehrte, trat ihr der Fürst entgegen. „Sie haben die Partie", sprach er noch ganz bewegt, „keine Andere, wie Sie, vermag das Ideal meiner Dichtung zu verwirklichen!" — Am andern Morgen lag ein köstlicher Himmel wie ein Zeltdach von tiefblauer Seide über dem Thale. Magda saß auf einem Felsblocke, unfern der in den Bergwald an die steile Wand geklebten kleinen Villa, welche sie mit ihrer Duenna, der inzwischen verwittweten Frau Professor Holth bewohnte. Ueber ihr tönte das eigenthümliche Rauschen in den Wipfeln der Bäume, neben ihr murmelte ebenso eintönig und doch seltsam plaudernd eine im dicken Moos verborgene Quelle — und doch war es tief still umher. Das Thal drunten und der Wald über ihr träumten in der warmen Julisonne den Farbentraum des Sommers, und jenes Geräusch schien gleichsam das Athemholen der Schlummernden zu sein. Magda saß unbeweglich^ ihr Auge starrte 699 ausdrucklos in die Ferne, und vergeblich umschmeichelte sie der starke, süße Duft der Nadelbäume und der Thymians zu ihren Füßen. Sie achtete weder sein, noch des immer heißern Strahles der Hundstagssonne, des auf ihren Scheitel fiel. Das unermeßliche Weh der an sich selbst verzweifelnden Seele kämpfte in ihr. Gemeine Naturen haben kaum eine Ahnung davon. Die junge Künstlerin fühlte in diesem Augenblicke ihres ersten Triumphes ein Elend, endlos und qualvoll für Zeit und Ewigkeit. Ihr Vertrauen mißbrauchend, hatte Rothner sie zur Eingehung einer geheimen Ehe zu überreden gewußt, seit einigen Wochen war sie an ihn gekettet für's Leben, aber diese kurze Zeit hatte genügt, sie seinen niedrigen Charakter in seiner ganzen Häßlichkeit erkennen zu lassen. Rothner, ein kaltherziger Genußmensch von rücksichtsloser Energie, scheute kein Mittel zur Erreichung seiner Zwecke. Magda's eigenartige Schönheit, ihr seltenes Talent, welches eine bedeutende Zukunft versprach, hatten in ihm den Wunsch rege gemacht, sie dauernd an sich zu fesseln. Von seiner Seite hatte die kälteste Berechnung, nichtLiebe, denBund geschlossen; zerrüttet in seinen finanziellen Verhältnissen, war ihr Talent seine letzte Hoffnung, sollte ihm die versiegende Geldquelle wieder öffnen, zur Befriedigung seiner mannigfachen Leidenschaften, worunter das Spiel die erste Stelle einnahm. Einstweilen bedurfte Magda noch ihrer fürstlichen Gönner, um die Höhe zu erklimmen, wo angelangt ihr Talent ihr weiter Bahn brechen mußte, dabei konnte '' das Bekanntwerden ihrer Ehe nur ^ hindernd wirken. Das war der Grund, weshalb die Ehe vorerst noch ein Geheimniß bleiben sollte. Nach und nach war Magda zur Erkenntniß dieser Sachlage gekommen, sie sah sich als Opfer einer schnöden Spekulation, für die Dauer ihres Lebens an einen Mann gekettet, den sie nicht mehr lieben konnte, nachdem sie aufhören mußte, ihn zu achten. Trostlos, freudlos lag die Zukunft vor ihr, was war ihr noch das Leben? Eine Hand legte sich auf ihren Scheitel. „Aber find Sie wahnsinnig, Kind, sich der Sonne so auszusetzen! Ihr Haar fühlt sich brennend heiß an — Sie können den Tod haben!" Magda blickte verstört auf in das besorgte Gesicht Faurier's. „O", murmelte sie, „käme der Tod!" „Da haben wir schon die Folgen der Sonne", lachte , er, „an der Schwelle der glänzendsten Zukunft — der Tod! — Aber", fügte er ernster hinzu, indem er ihre Hand ergriff, um sie emporzuziehen, „kommen Sie nur mit mir, ich habe Ihnen viel zu sagen, Magda, und dazu müssen wir den Schatten aufsuchen." Wie schon früher empfand sie auch jetzt den unbeschreiblich milden und wohlthuenden Einfluß seines sicheren und zarten Wesens und ließ sich willig von ihm höher August Graf v. plalen Dir sage" hinauf geleiten, wo die scharfe Schneide der glühenden Sonne durch die Zweige und das Waldlaub abgestumpft und seitwärts gewandt wurde und ihr Glanz sich zu nebelartig abgeschwächten Dämpfen vertheilte. Dort hieß er sie niedersitzen ins schwellende Moos. Sie lehnte den Kopf zurück an einen Baumstamm, und der Blick ihrer prachtvollen Augen verschwand unter dem langen Schleier der gesenkten Wimpern. Mit unverhohlenem Entzücken betrachtete sie Faurier einen Augenblick. „Magda", sprach er dann mit weichem Wohllaute, „ahnen Sie, wovon ich mit Ihnen reden will?" Sie sah ihn überrascht an, aber ihr Auge fiel vor dem strahlenden Glanz des seinigen nieder, und ein wunderbar süßes und brennendes Wohlgefühl ging durch ihre Seele. „Wissen Sie, theueres Kind", fuhr er fort, „daß der gestrige Abend Ihnen eine herrliche Zukunft erschlossen hat? Mit der durch Ihren Fleiß wachsenden Macht Ihres Gesanges, mit der Gewalt Ihrer zauberischen Schönheit werden Sie allgemach — vielleicht im Fluge — die Welt erobern und müde von Gold, Ehre und Triumph vielleicht einst Ihre Hand nach einer Krone ausstrecken können." Ein kindlicher Glanz ging einen Augenblick bet diesen Worten im Antlitze des Mädchens auf, wie das Lächeln der Kleinen am Weihnachtsbaume. Er schwieg bewegt. „Und wenn ich es nun dennoch wage, Magda — theure Magda", begann er dann leiser und beklommen, sich über sie beugend, „wenn ich Ihren Blick von all' dieser Pracht wegwenden will auf ein Herz, Magda, ein Herz, das Sie liebt, in dem diese Liebe treu und heiß und männlich gewachsen ist seit Jahren — ein Herz, dessen Kleinod Du bist, Magda" - sie zitterte heftig und Gluth wechselte mit Erbleichen in ihrem Antlitze — „wenn ich seine Stimme war zum leisen Flüstern herabgesunken — „wirf ihn von Dir, den gefährlichen Glanz, der hohl ist und kalt und kein wahrhaftes Glück gibt, und werde das Weib eines Mannes, der ein bescheideneres Loos, ein einfaches Haus für Dich zur Burg und zum Tempel machen kann; werde mein Weib, Magda." Mit einem Schrei sprang sie empor und hielt die Hände vor ihr Gesicht. „Niemals!" rief sie, und ein Strom glühender Thränen stürzte aus ihren Augen. — So hotte sie noch nie geweint. — Alle Bitterkeit, aller Schmerz der Erde hob ihre krampfhaft zitternde Brust. Als sie, Herrin des wilden Kampfes geworden, aufblickte, war Faurier verschwunden. Sie preßte die Hände in wilder Ver- schlingung zusammen, und ihr zuckender Münd schluchzte: „O, Maria, ohne Sünden empfangen, bitte für uns!" Jener Antrag Faurier's war das Resultat einer durch die Verhältnisse herbeigeführten Kombination seiner 700 tiefen und heißen Liebe zu Magda und der edlen Ritterlichkeit seines Herzens. Reich, unabhängig und geistig bedeutend, gehörte er zu jenen in unserer Zeit immer seltener werdenden Männern, welche Selbstachtung und wahre Schätzung der idealen Bestimmung des Menschen dem weiblichen Geschlechte gegenüber stets in einer gewissen Reserve hält. Da ihm zugleich vielfache künstlerische und Lebenserfahrung zur Seite stand, so glaubte damals die Fürstin Waldenau in ihm den besten Anhalt für ihren unerfahrenen, kindlichen Schützling in dem gefahrvollen Treiben jener Kreise, in welche die Vorstufen ihrer Carriere Magda führen mußten, um so mehr gefunden zu haben, als seine musikalischen Arbeiten ihn zu derselben in mannigfache Beziehungen brachten. Die durch eine absonderliche Erziehung begünstigte seelische Eigenart des jungen Mädchens, welche dasselbe von der Gewöhnlichkeit scharf abhob, fand einen äußerst sympathischen, im weiteren Verkehr sich vertiefenden Anklang in Faurier. Auch Magda empfand mit verehrender Hinneigung lebhaft die Wohlthat der gütigen und decenten Unterstützung des bedeutenden Mannes, der, nie den Edelmann verleugnend, ohne irgendwie geistig durch denselben eingeengt zu sein, doch so gänzlich verschieden war von den anderen Herren, mit denen sie umzugehen Gelegenheit hatte, namentlich von jenen des „Stachelschweinzirkels". Dieser angenehme Verkehr hatte indessen nur kurze Zeit gedauert, da die diplomatische Laufbahn den Attache nach wenigen Wochen unverhofft auf Jahre in fremde Länder führte. Nur so war es möglich geworden, daß Rothner'S allerdings blendende äußere Erscheinung zwischen die Seelen zweier von Gott für einander geschaffener Menschen treten konnte, um sie zu trennen, — um sie zu vernichten. Als Faurier Magda in H. wiedersah, fand er sie so wunderbar entwickelt, daß das innige, für sie stets bewahrte Interesse, das er sich selbst nicht eingestanden hatte, in die helle Flamme einer glühenden Leidenschaft auSbrach, welche um so mächtiger war, je mehr er anfangs aus tausend in seinem Charakter liegenden Gründen die gewohnte Beherrschung aller seiner Empfindungen auch auf sie ausdehnte. In Magda's Seele drängte ebenfalls die mächtige Gewalt ihrer früheren Sympathie eine lebhafte Freude, in welche nur das Bewußtsein der jüngsten Vergangenheit tiefe Schatten warf. Faurier's erfahrener Blick erkannte bald die der jungen Künstlerin schon beim Eintritt in ihre Laufbahn drohenden Gefahren, durch gemeine Berechnungen von Magda's journalistischen Freunden. Dies alles hatte ihn dazu gedrängt, seine Reserve zu verlassen, um mit einem Schlage daS wiedergefundene Kleinod in die echte Fassung seiner Liebe zu setzen. Es lag in seinem Charakter, daß er, nach dem momentanen Resultate seiner Unterredung mit dem jungen Mädchen, mit feinem Takte den status WWH WWE UM- ^WM MMZW KMW -^>e- WM K-E 5K^ HMW NZM :sEK WWW '-ZqKs NAD 702 Zwischen zwölf Uhr Nachts und drei Uhr Morgens braucht nicht einmal ein Naturforscher eine Uhr. Wer sich nach diesem duftigen Zeitmesser richtet, weiß wohl: wieviel es in — Upsala geschlagen hat, denn fnr die dortigen Verhältnisse, also für Gegenden von 60 Grad nördl. Breite, gilt die Aufstellung Linns's. Eine andere, für Innsbruck, hat der Wiener Botaniker Hofrath Keiner in seinem „Pflanzenleben" angegeben. In Tirol begrüßt die wilde Rose den goldenen Tag, das Eiskraut wendet sich der Sonne um Mittag zu, und die bleiche Kratzdistel schließt ihre, dem Erdboden aufliegenden Strahlen angesichts der Abendröthe. Da wir nicht annehmen können, daß sich die Blumen öffnen und schließen, um uns den flüchtigen Schritt der Zeit erkennen zu lassen, muß es wohl einen andern Grund für diese Erscheinungen geben. Einen solchen deutet die auch für jedes Gewächs bestehende Verpflichtung sich fortzupflanzen an. Wären die Blumenblätter die ganze Nacht hindurch offen, so würde durch den Thau der Pollenstaub derart durchnäßt werden, daß ihn die Insekten am nächsten Tage nicht einfach von den Fäden abstreifen und auf eine Narbe des Fruchtknotens tragen könnten. Andererseits öffnen sich die zarten, so bunt bemalten Blüthentheile, um die in der Lust schwirrenden Sechsfüßler zum Besuche einzuladen. Von den letzteren hat jeder seine Specialität und seine bestimmte Flugzeit. So z. B. stecken die großen, schlanken Abend-Schwärmer unter den Schmetterlingen ihre langen Rüssel nur in solche Kelche, welche sich zu dieser Zeit erschließen. Die nächtliche Silene nickt eigentlich nicht dem Monde, sondern einem dieser Falter zu. Man hat auch der Natur in's Handwerk zu pfuschen gesucht, indem man die Bedingungen für diese periodische Thätigkeit der Kinder Flora's künstlich nachzuahmen suchte. Ein echtes Kind der Berge — der blaue Enzian — zeigte bei diesen Experimenten, daß es namentlich die Wärmestrahlen sind, welche seine schön gefärbten Glocken öffnen. Die „leuchtenden" Strahlen wandelt die Pflanze durch einen besonderen Farbstoff — das Anthokyan — in „wärmende" um. Darum findet sich dieser an der Außenseite der Blüthen, so sind die weißen Bündchen des gewöhnlichen Gänseblümchens an ihrer Rückseite oben bläulich oder violett angelaufen. Weit lebhafter, als dies die Kräuter vermögen, verkünden die Thiere den raschen Verlauf der Zeit. Wenn es Abend wird, steigen die Gespenster der Tiefe an die Oberfläche des Meeres, um mit der Morgenröthe wieder in den dunklen Grund zu versinken. Mit ihren beflügelten Füßen durcheilen sie zu Millionen die Fluthen. Es sind dies die sogenannten Pteropoden, deren oft nur wenige Centimeter große Körper fast durchsichtig sind. Auch andere Wesen tauchen in der Salzfluth periodisch auf und nieder. Die Uhr des Meeres, welche der Wellenschlag regulirt, hat noch keinen Linus gefunden; hingegen hat Professor Habcrlandt, gelegentlich feines Aufenthaltes in Java, eine Art Thier-Uhr für die Tropen angegeben. In dem Urwalde von Tjiboda gibt es nach seiner Schilderung früh Morgens zwischen sechs und a ch t Uhr zunächst ein großes Singvogel-Concert: ein lustiges Zwitschern und Trillern, zumeist aus recht kräftigen Vogelkehlen. Dann folgt eine Pause, worauf zwischen neun und zehn Uhr die zahlreichen Tauben ihr lautes, fast melancholisches Girren und Gurren ertönen lassen. Mit hohlem Baßtone läßt sich die große oolumsta asnsL vernehmen; dazwischen ertönt ein lautes Schnarren und der einem Glockenton ähnliche Ruf des japanischen Kuckucks. Zur Mittagszeit hört auch dieses Gurren und Rufen auf, und nur zuweilen unterbricht der Schrei eines Pfaues oder der melodische Flötenton eines einsamen Sängers die Stille des Urwaldes. Zwischen fünf und sechs Uhr Abends, nach den Gewittern und Regengüssen, beginnen Plötzlich, wie mit einem Schlage, die Grillen- und Cikadenheere ihr Concert. Das ist ein Zirpen, Knirschen und Schnarren, ein Kreischen und Schreien, das um so lauter wird, je dichter die Nebel des Abends durch das Geäste der Bäume ziehen. Es ist, als ob ein geheimnißvoller Dirigent den Taktstock über diesen geflügelten Massen schwingen würde. So singt, gurrt und zirpt es nun Tag für Tag genau nach derselben Zeiteintheilung. Fast auf die Minute genau läßt sich die Pünktlichkeit der Sänger kon- troliren, die offenbar eine Folge der großen Regelmäßigkeit ist, mit welcher sich die meteorologischen Erscheinungen täglich wiederholen. Der thatsächlichen Ausführung eines botanischen Zeitmessers steht die Schwierigkeit im Wege, daß man nicht alle vorhin angeführten Pflanzen an einem und demselben Platz findet und daß sie nicht sämmtlich zu gleicher Zeit blühen. Auch ein zoologischer Chronometer ließe sich bei uns schwer beschaffen; er hätte außerdem den Nachtheil, daß man die Stunde schlagen hören müßte, auch wenn man dies nicht wollte. Da beide Arten von Uhren den ganzen Winter über stehen bleiben, so haben unsere Uhrmacher vorläufig keinerlei Konkurrenz seitens der Mutter Natur zu fürchten. (Frkf. Ztg.) -» -z- v -4- -» Zu unseren Bildern. August Graf o. Pinien. Am 24. Okt. waren es hundert Jahre, daß Graf August von Platen zu Ansbach als einziger Sohn des Oberforstmeisters Grafen von Platen-Hallcrmündc das Licht der Welt erblickte. Kaum zehn Jahre alt trat er in das Kadettenkorps zu München ein, kaum vierzehn, in das Pageninstitut. Schon mit achtzehn Jahren wurde er Lieutenant und machte als solcher den Feldzug 1815 mit. Doch es duldete ihn nicht in dem geistig begrenzten Dasein eines Militärs. Nach Friedensschluß trat er in das Privatleben zurück, um sich an den Universitäten Würz- burg und Erlangen wissenschaftlichen Studien hinzugeben. Von seinem Fleiße gibt der Umstand Zeugniß, daß er in sehr kurzer Zeit zwölf Sprachen beherrschen lernte. Sein angeborener Wandertrieb ließ ihn jedoch nicht ruhen. 1824 reiste er durch die Schweiz nach Italien — das war das Land, das er „mit der Seele suchte." Von 182b ab kam er nur noch zwei Mal auf ganz kurze Zeit nach Deutschland. Er konnte aber auch um so ruhiger im Lande der Kunst leben, als er zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften in München ernannt wurde und vom König von Bayern ein Jahrgehalt erhielt. Im Jahre 1835 trieb ihn die Furcht vor der Cholera, die damals in Neapel grassirte, nach Sicilien. Daselbst erkrankte er und in der Meinung, es sei die Cholera, gebrauchte er die entsprechenden Mittel dagegen. Diese verschlimmerten sein Leiden, so daß er am 5. Dezember starb. Die Platen'sche Dichtung, so erhaben auch der Eindruck ist, den sie auf uns macht, sie wird uns innerlich immer fremd bleiben. Sie ist nur Kunst — „mannorschön" hat man sie genannt — deren einzelne Bestandtheile von reiner Schöne sind, aber es fehlt ihr das Leben. Er wähnte, die Stimmung lieae in der äußeren Form und dieser Wahn wurde um so verhängnißvoller, als er antike und morgenländiscbe Versmaße gebrauchte. Trotz alledem aber bat Platen doch ein Verdienst, um dessentwillcn wir ihn ehren müssen: er hatte das redliche Bestreben, eine reine und große Kunst zu schaffen. Nie Keichrnkarawane. Nach einer Orignalzeichnung von'E. Berninger. Allerseelen ist das große Fest der Liebe, welcbes die Seelen verbindet, jener Liebe, die Raum und Zeiten überwindet. Schon in den ältesten christlichen Zeiten ist es gefeiert worden, und so geschieht es noch heute allerwärts in frommer Erinnerung und unter liebgewonnenen Gebräuchen. Sein sichtbarer Ausdruck ist es, die Gräber der Verstorbenen mit Blumen und Lichtern zu schmücken und dort zu beten für die Ruhe der Abgeschiedenen, eingedenk der Worte des heiligen Augustiners: „Es ist kein Zweifel, daß die Gebete der heiligen Kirche, das heilsame Opfer und das Almosen (des Gebetes), welches man für die Verstorbenen darbringt, ihren Seelen gedeihlich und dazu behülflich sein können, daß Gott barmherzig und gelinder mit ihnen verfahre, als sie durch ihre Sünden verdient haben." — Unser Bild „Allerseelen in Tirol" vereinigt die innere Schönheit des Gegenstandes mit der Idylle der äußeren Gewandung zur glücklichsten Harmonie. _ Nie Keichenkarawane. Blutigroth sinkt die Sonne im Westen. In den Duft der Abenddämmerung gehüllt liegen die unübersehbaren Trümmerfelder von Babylon. Aus der sumvfigen Niederung des Euphrat steigen dunstige Nebel emvor und schleichen vom Äbendwind getragen über die einsame, wüstenartige Landschaft. Aus der Ferne ertönt das beisere Gebell des Schakals, und einige Geier ziehen still ihre Kreise im.dunklen Aether. Suchen sie ihr Nest zur Nachtruhe oder wittern sie Beute? — Da zieht von ferne heran, über die Hügel herauf, in langer, unabsehbarer Reihe eine Karawane. Stumm kommt sie heran; keines jener schwer- müthigen Lieder, mit denen der Kameelführer sonst die lange Reise kürzt, ertönt. Mund und Nase der Begleiter sind mit Tüchern verhüllt, und die bewaffnete Escorte hält sich in scheuer Entfernung zu beiden Seiten der Kamecle. Immer näher beran schwanken die Dromedare Jetzt kann man ihre hohen Lasten ! deutlich erkennen; es sind Särge — es ist eine Leichcnkarawane. I — Entsetzt weichen wir vor dem gräßl-chen Geruch zurück, den ! jetzt der Wind zu uns herüberführt. Eins der müden Th'ere bricht unter seiner Last zusammen; herunter poltern die Todten- kasten. Es össnet sich der Deckel; ein halbverwester Leichnam grinst uns entgegen — hinweg, du Bild des Entsetzens I Südlich von den wüsten Trümmerhaufen, welche die Stätte bedecken, wo einst Babylon und Niniveh standen, in der Ebene des Euphrat liegen Nedschef und Kerbel«, die berühmten Wallfahrtsorte der Mchamedaner. Dort ruhen die Gebeine Alis, des mohamcdanischen Reformators, des Begründers der Sekte der Schiiten, welcher vorzüglich die Perser angehören. So ist es nun der höchste Seelenwunsch eines frommen Persers, nach seinem Tode an dem Orte zu ruhen, der die Ueberreste seines Propheten birgt. — Das sogenannte Canalland, durch welches sich die Pilgerstraße Hinzieht, noch im 12. Jahrhundert mit den schönsten Palmenwäldern bewachsen, ist nach der Schilderung eines Reisenden in der „Allgem. Ztg." heut öde und verlassen, und nur festungöähnlicbe Karawanserais oder Chans unterbrechen die trostlose Einförmigkeit der Strecke. In solchen Chans, die alle besondere Namen haben (meist nach den Gründern, wie: Kjaja-Chan, Jskenderie-Chan, Jzaid-Chan u. s. w.) ist gute Rast für die geängstigten, oft die kostbarsten Schätze mit- führenden Karawanen. Aber der Reisende, der das Sicherheitsgefühl innerhalb der gewaltigen Mauern inmitten des Raubgebietes der Zobetd-Araber sehr zu schätzen weiß, bezahlt es dennoch zu Zeiten sehr theuer, wenn mit Sonnenuntergang die Leichcnkarawane durchs hohe Thor einzieht und in weitem Hofraum die Vesthauchenden Särge ablagert. Zwar behaupten übereifrige Zeloten: es sei alles Jasmin- und Rosenduft, aber der bekannte Reisende VLmbsry ist gleichwohl Leuten auf ihrem Pilgerzuge begegnet, die sich weitab von den Tragthieren hielten und ihre Nasen verbunden hatten. Selbst die Thiere werden mit der Zeit dienstunfähig; sie versagen und fallen um. Die Karawanserais sind weitläufige im Quadrat, oder Rechteck aufgeführte Bauten, im Innern mit arcadenumsäumtem Hofe, wo der Brunnen und die Lagerplätze für die Tragthiere sind. Doch haben die meisten Chans für letztere, sowie für die Waaren, eigene Räumlichkeiten im Erdgeschosse, während das erste Stockwerk zcllenartige Kammern für die Reisenden enthält. Eine solche Wohnstätte darf freilich nicht nach abendländischem Maßstabe gemessen werden, denn sie besitzt weder Ameublement noch Fenster- oder Thürvorrichtungen. Auf dem geborstenen Estrich tummeln sich Inletten und Skorpione, und an den Wänden zie' en sich ganze Ketten von schlummernden Fledermäusen, welche Nachts ihr lustiges Geflatter beginnen. Als Warte, von der aus weite Rundschau möglich ist, dient ein Thurm zunächst des Eingangs. Indeß sind die Karawanen innerhalb solcher Nachtstationen jederzeit sicher, keineswegs aber auf dem Marsche selbst; und Karawanen, die besonders koubare Waaren oder Geschenke für die Grabdome mitbringen, müssen oft von ganzen Bataillonen der Bagdader Garnison begleitet werden. Ganze Schiffsladungen von Leichen werden jährlich über das Kaspische Meer gebracht, um dann auf Dromedaren verladen die weite Reise nach Alis Grabdom anzutreten. So zieht denn die Karawane durch jene sumpfigen, fieberhauchenden Niederungen. Viele der Thiere und Begleiter erliegen der entsetzlichen Atmosphäre, welch- die Karawane umgibt. Ihre Leichen fallen den Schakals und wilden Hunden zur Beute, welche der Karawane folgen. „Welch ein Anblick für Gläubige mag die schimmernde Goldkuppel am rothgelben Wüstcniaume sein! Wonnetrunken stürzen sie auf den brennenden Sand nieder und küssen ihn mit dem Rufe: „O Ewiger, es haftet an unserem Halse dein kostbares Blut I" Und durch die ganze Karawane rauscht's wie von gedämpften Lobhymnen, indessen die todmüden Kameele mit ihrer Leichenlast auf den Boden niedertaumeln, um erst wieder emporzuschnellen, wenn das heisere „Kril Kri!" ihrer Treiber ertönt. Von weitem sieht man nur die mit vergoldeten Kuvferziegcln gedeckte Kuppel und die Goldhauben zweier Minarets. Den Dom umgeben hohe, mit Glasurziegeln bedeckte Mauern, und zwei Thore führen in den Hofraum. Es ist begreiflich, daß der Andrang ein ungeheurer ist. Aber gar so rasch mit der Befriedigung des letzten Wunsches der mitgebrachten Todten geht es keineswegs, denn die schiitisthe Geistlichkeit läßt sich die Ruhestätten theuer bezahlen — abgesehen on allen Geschenken, welche seit einem Jahrtausend im Innern des Grabes aufgehäuft worden sind." In welch leichtsinniger Weise die Bestattung geschieht, bezeugen die Kleiderfetzen und menschlichen Glieder, an denen die halbwilden Hunde auf den Begräbnißstätten herumzerren. So steigt denn aus jenen Gräbern, aus den Stätten der Verwesung, das furchtbare Gespenst der Pest un' schwingt seine Geißel über die traurigen Einöden, mit ibrer spärlichen, physisch und moralisch heruntergekommenen Bevölkerung. Die persischen Leichenkara- wanen durchziehen Jahr für Jahr das Bagdader Gebiet und jene gottverlassenen Steppen und Wüsten, in welchen einst der „Garten des Gottes Dunu", das biblische Eden, lag. „Nur in solchen Contrasten erkennt der Mensch die ganze Bedeutung des wechselvollen Völker- und Culturlehens und den Unbcstand alles Erdenglückes." Schachaufgabe, Schwarz. Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt Auflösung des Arithmogriphs in Nr. 89: Heize, Aase, Visen, Isis, Seine, vgge, Neige, listen, Unsinn. G n e i s e n a u. -- M SS. Ireitag, den 6. November 1890. s?ür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Berlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbcsitzer vr. Max Huttler). „W agd a." Zwölf Monate eines modernen Lebensbildes. Der Wirklichkeit nacherzählt von Beda v. Ballheim. (Schluß.) Das Einstudtren der Oper beschäftigte den Fürsten so lebhaft, daß er beschlossen hatte, bis zum Beginne der Mntersaison in H. zu bleiben. Magda, die sich «it großem, künstlerischem Ernst ihrer Partie widmete und mit der ihr eigenen kindlichen Gefügigkeit den Intentionen der Autoren entgegenkam, entzückte den Fürsten vollständig. Ihre Schönheit übte kaum einen größeren Reiz auf ihn aus, als die feine Natürlichkeit ihres Wesens, welchem jede, so oft fälschlich mit der Eigenartigkeit des Genies interpretirte Launenhaftigkeit und Leichtfertigkeit der Künstlerinnen fremd war. Faurier wachte über ihr mit der umfassenden, unsichtbaren Gewalt einer Vorsehung, und seiner Geschickltchkeit war es zuzuschreiben, daß der Enthusiasmus des hohen Herrn wenigstens bis jetzt in den Grenzen der Courtoifie blieb. Dauß und Konsorten hingegen sahen mit großer Befriedigung den rasch wachsenden Einfluß ihres Schützlings und hielten es an der Zeit, durch denselben auf die prompte Erledigung ihres Hauptcoups, den Ankauf des Werkes durch den Fürsten, hinzuwirken. Mit bewunderungswürdiger Verwendung aller ihrer „Druck- und Preßapparate" hatten sie es möglich zu machen gewußt, den da und dort und oft recht laut auftauchenden Zweifeln an der neuen Rentabilität der Grube die Spitze abzubrechen. Alle namhaften Parteiblätter des Reiches flössen über von den Schätzen, welche sich binnen Kurzem wieder über die Gegend ergießen würden. Kommissionen Sachverständiger hatten sogar zu wiederholten Malen den Befund untersucht und das günstigste Prognostikon gestellt. „Die Presse ist allmächtig, sie läßt sogar das Silber tn der Erde wachsen!" hatte sich mit spitzem Lächeln der Finanzrath Tiefenborn dem Fürsten gegenüber geäußert. Er war der einzige, aber mächtige Gegner des Kaufprojektes. Ein Mann von praktischem Blicke, seit lange betraut mit der Verwaltung des bedeutenden fürstlichen Vermögens und auf dessen Vermehrung mit großer Treue bedacht, hatte er, trotz aller Zeitungsreklame und Sachverständigengutachten, kein Vertrauen zu der Rentabilität einer zu jenem Ankaufe zu verwendenden Million Thaler — denn nicht geringer bezifferte sich die geforderte Summe. »Ihre Zukunft, Kind", hatte Danß mit väterlicher Autorität wiederholt zu Magda gesagt, „ist in unseren Händen; was Sie sind und sein werden, erfährt das Publikum durch uns, und nicht allein das Publikum hier, sondern in der Residenz, im ganzen Reiche und weit über dessen Grenzen. Wir stellen fest, wie es um Sie steht Von der angebeteten und bejubelten Stimme eines Engels aber löschen wir, wenn es uns zweckdienlich ist, leise und unbemerkt Strich um Strich, Farbe um Farbe, und nach Kurzem fragt die Menge verwundert, wie sie solchem Schatten einst huldigen konnte. Noch, mein Kind, ist Ihre Zukunft sehr klar", hatte er lächelnd hinzugefügt, „und bei Ihnen steht es, Nebel und Wolken ferne zu halten." „Was kann ich dazu thun?" war darauf Magda's bestürzte und beklommene Frage gewesen. „Zunächst muß jetzt der Fürst das Bergwerk kaufen, und", hatte Dauß bedeutsam geantwortet, „dazu können Sie ihn leicht bringen." Klarer und immer klarer wurde eS in ihr, noch hoffte sie, wenn auch schwach, daß wenigstens Rothner in keinen Beziehungen zu dem verbrecherischen Complott stehe, in welches man sie zu verstricken gedachte. Noth- ners Ankunft sollte sie auch hierüber aufklären, verlangte er doch von ihr unumwunden und immer dringender die Unterstützung dieser Pläne, von deren Gelingen seine ganze Existenz abhängig sei. Mit Abscheu hatte sie sich da von ihm abgewandt, lieber sterben, als sich von ihm in die abschüssige Bahn des Verbrechens führen zu lasten. Aber war sie nicht durch unauflösliche Bande au ihn gefesselt, ihm nicht vielleicht Gehorsam schuldig? O, wie drückten jetzt diese Fesseln, die sie im jugendlichen Leichtsinn sich selbst geschmiedet l Würde sie auf die Dauer die Kraft besitzen, dem Drängen ihres Gatten zu widerstehen, und was war dann das Ende? Ihre reine Seele schauderte davor zurück. Sie fühlte, sie stand am Scheidewege. Unwillkürlich sank sie in höchster Seelenqual auf ihre Kniee, wiederum tauchte die Erinnerung an ihre Kinderjahre vor ihr auf, sie erinnerte sich der Kapelle, wo sie mit solcher Inbrunst zur Mutter Gottes gebetet, unwillkürlich wiederholten ihre Lippen die Worte: „O, Maria, Du unbefleckt Empfangene, bitte für uns", und himmlischer Trost träufelte herab in ihre Seele, licht wurde eS in ihren Gedanken. Hier gab es nur einen Ausweg, die Flucht. 706 Rasch entschlossen richtete sie sich zum Ausgehen. Ein Gedanke blitzte dabei in chr auf. Seit längerem hatte ein Theateragent sich wiederholt Mühe gegeben, sie für eine Kunstreise zu gewinnen. Kurze Zeit darauf stand sie in seinem Empfangssalon. Nachdem sie sich seiner Verschwiegenheit versichert, machte sie ihn mit ihrer veränderten Stellungnahme seinen Anträgen gegenüber bekannt. Magda fand den Agenten von der entgegenkommendsten Freundlichkeit. Wer mochte auf ihn, der zu solchem Interesse nur durch die Aussicht auf sicheren pekuniären Vortheil bewogen werden konnte, eingewirkt haben ? „Was sagen Sie zu einer Tournee durch Amerika?* kam er nach der Begrüßung auf den Kernpunkt der Verhandlung. „Der Impresario Thomson bedarf noch einer neuen Kraft, besonders geeignet, die Goldmänner drüben zu clektrisiren. Ich habe Sie ihm genannt, liebes Kind", setzte er im Protektortone hinzu. „Ein Kenner, dessen Wort ich trauen kann, machte mich auf S iiaufmerksam." Eine wehmüthige Freude zog durch die Seele der jungen Sängerin, sie erröthete und richtete sich unwillkürlich höher auf. Sie fühlte unzweifelhaft die theuere Hand, welche ihrem wankenden Dasein in der Kunst die neue Stütze bot. „Alphousl" dachte sie; wenn auch für immer getrennt, war es ihr doch eine traurige Seligkeit, daß sie sein Herz ihr eigen wußte. Unter dem unsichtbaren Einflüsse und Drucke dieses „KeunerS" kam denn auch das Engagement mit wunderbarer Schnelligkeit zum Abschlüsse. Agent und Impresario überboten sich in Zuvorkommenheiten, und Magda war schon am nächsten Tage in der Lage, ihre Eltern von dem Glücksfall zu benachrichtigen, welcher selbstredend ihren plötzlichen Weggang von H. zur Genüge motivirte. Zugleich konnte sie eine ziemlich bedeutende Summe, welche sie als Vorschuß erhalten hatte, zwischen diesen und den für die nächste Zukunft unumgänglichen Vorbereitungen theilen — die erste Unterstützung, welche sie mit freudigem Herzen ihren Theuren zuwendete. Und so sagte sie denn an einem vollentwickelten, echten Spätherbsttage der Heimath Lebewohl. DaS allmächtige Meer, das nur langsam mit den scheidenden Küstensäumen seine gewaltige Herrschaft auf ihre Seele legte, sog allgemach Wehmuth und Wünsche, welche mit ihrem feuchten Auge an dem entschwindenden Vaterlande hingen, in sich auf, und eine heftige Sehnsucht nach dem Leben der künstlerischen That zog sie hinüber über die großartige Wasserschwelle in die neue Welt, der sie entgegeneilte. Das Neue des einförmigen und doch so bewegten Treibens des SchiffSvolkes, das familienartige Beisammensein so vieler einander fremden Menschen auf dem engen Raume inmitten der großen Wasserwüste regten Magda, die nur wenig von der Seekrankheit litt, außerordentlich an. Die kindlich forschende, Alles zu ergründen suchende Seite ihres Wesens trat hier, verbunden mit ihrer gewinnenden Liebenswürdigkeit, so lebhaft in ihr Recht, daß die junge, anmuthige Frau bald der allgemeine, verwöhnte Liebling war. Passagiere und Schisssvolk wetteiferten darin, ihr zuvorzukommen, ihr kleine Freuden und Bequemlichkeiten zn verschaffen. Unter der Gesellschaft der ersten Kajüte befand sich auch eine reiche amerikanische Familie, welche von einer europäischen Nundtour zurückkehrte. Mit den Kindern derselben hatte Magda große Freundschaft geschlossen. besonders daS jüngste, ein allerliebster vierjähriger Knabe, Robert, wurde ihr unzertrennlicher Begleiter. Es war gegen das Ende der Fahrt, als ein besonders warmer Abend Magda aus dem Salon gelockt hatte. Sie lehnte, ganz versunken in das Schauspiel der dem Untergang zueilenden Sonne, am Geländer des Decks. Die See war bewegt unter der Oberfläche. Noch lagen die goldenen, zitternden Strahlen des Tagesgestirns tausendfach gebrochen in den unruhigen Wellen, und vom fernen Horizonte blickte die Sonnenkugrl im feurigen Halbkreise zu ihr herüber. Magda fühlte sich berauscht von dem Anblick des Meeres, von diesem unendlichen Horizonte — dem Bilde der Ewigkeit, Untheilbarkeit und Einheit: Gott. Und als jetzt neue Welten und Wolken sich vor der glühenden Abendröthe aufthürmten, da zauberten sie ihr lebendig die Hügel und Wälder der Heimath vor die Seele, sie unterschied so manches licbgewordene Plätzchen darin, mit ihren Freuden und Leiden durchweht — auch das kleine Klrchlein mit seinen eingefallenen Gräbern stand da. Sie legte sich weit über den Rand und breitete mit glänzenden Augen die Arme aus. „Das gibt eine unruhige Nacht", sagte ein alter Bootsmann, der oft Magda'S Wißbegierde mit Aufklärungen befriedigte, im Vorübergehen auf die Wolkenschicht deutend. In diesem Augenblicke vernahm die junge Frau ein Kinderlachen. Robert war, um sie zu necken, auf den Rand des Geländers geklettert, sie fühlte seine blonden Locken, sein Händchen an ihrem Gesichte, — dann ein Fall — ein Schrei — das Kind verschwand in den Wellen. Ohne einen Laut, in rascher Entschlossenheit sprang Magda, eine tüchtige Schwimmerin, dem Kleinen nach und erfaßte ihn glücklich im Augenblicke, da er wieder emportauchte. „Brave Seele!" rief der alte Bootsmann, der ihr sofort zu Hilfe kam und unter dem eifrigen Beistands einiger Matrosen die beiden Triefenden glücklich an Bord brachte, so rasch, daß sich die übrige Reisegesellschaft deS Unglücksfalles kaum noch bewußt geworden war. Auf der sonst immer gleich unbeweglichen Stirn der amerikanischen Mr. Papa standen aber in diesem Augen blicke dicke Schweißtropfen, und die gelbe Farbe seines Ge sichteS war aschgrau geworden. Er drückte, während dt Mutter ihr Kind mit Thränen in die Arme schloß, die Hand der Retterin. „Well, Mrs. Noihner", sprach er, „ich calculire, Sie haben sich einen festen Freund gemacht in John Erittenden." „Das will was sagen", raunte, sich freudig die Hände reibend, der kleine Impresario ihr zu, „denken Sie an die fünf Journale, deren Eigenthümer er ist!" Und dann lief das Schiff eines Morgens im frischen, hellen Sonnenschein in die Bai von New-Mrk ein, und Magda'S entzückte Seele genoß das wundervolle Schauspiel der Einfahrt in den Hafen der Weltstadt. Unter dem wolkenlosen Himmel lagen im reinsten Lichte die beiden Inseln, welche die Bai begrenzten, getaucht in den glühenden Farbenreichthum, mit dem der Herbst hier das Laub färbt, — dann die mächtigen Strandbatterien — und endlich der herrliche Hafen selbst, der weitgespannt daliegt, als wolle er alle jene Schaaren hoffender Menschen gastlich empfangen, welche, müde des alten Europa, in das ungeheuere Festland strömen, das ihnen Erfüllung ihrer Wünsche und neue Hoffnungen geben soll. Wieder sind Jahre verflossen. Die neue Welt war 707 Magda's Hoffnungen in Bezug auf Geld und Ruhm nichts schuldig geblieben. John Crittenden hatte der Retterin seines Sohnes Wort gehalten. Die glänzende, echt amerikanische Einführung der Künstlerin durch seine zahlreichen Preßorgane ebnete ihr den Weg zu einer seltenen enthusiastischen Anerkennung ihrer reichen natürlichen Gaben. Ihr Verhältniß zu ihrem Gatten, das der Welt übrigens noch immer ein Geheimniß war, hatte sie durch ihren Anwalt seit Langem regeln lassen. Trotz der namhaften Summe, die sie ihm von ihren Einkünften zukommen ließ, fehlte es nicht an Bettelbriefen der dringlichsten Art. Neben der reinen Freude, welche ihr die Ausübung ihrer Kunst gewährte und die mit der reifenden Vollendung ihres Talentes wuchs, fand Magda die größte Befriedigung mitten in diesem Leben der Triumphe und des Glanzes, deren Hohlheit sie nur zu bald in der Leere ihres Herzens fühlte, in dem Bewußtsein, daß es ihr nun doch gelungen war, den mit schmerzlichen Opfern erkauften Zweck ihrer Laufbahn: die sorgenfreie, behagliche Lage ihrer Eltern, zu erreichen. So sammelte sie, und der Fonds ihres Kapitals war zu ansehnlichen Höhe gestiegen, als neue, vorthrilhafte Anerbietungen sie wieder nach Europa führten. Seit einigen Wochen waren sie nun in Europa, und das erste Gastspiel Magda's fand in derselben Residenz statt, in welcher sie ihre Studien gemacht hatte. Ihr Ruf war schon so zweifellos begründet, daß sie es ohne Furcht vor früheren Drohungen wagen konnte, Dauß und seiner Garde gegenüberzustehen. Der Erfolg bewährte dies glänzend. Ihre ehemaligen Protektoren, deren Macht durch eine ihrer Partei für den Moment ungünstige politische Zeitströmung bedeutend ins Schwanken gebracht worden war, so daß selbst die Existenz deS „Stachelschweines" gefährdet schien, näherten sich ihr sehr verbindlich und waren froh, durch die Großmuth der Künstlerin daS übliche Honorar, welches eine gewisse, leider dominirende Presse als selbstverständlich für ihre „objektive" Beurtheilung beansprucht, sehr reichlich ausfallen zu sehen. Magda blieb nun doch einmal für den Augenblick ein Stern erster Größe, Wolken des Hasses konnten sie jetzt nicht verdunkeln. Schon nach wenigen Vorstellungen hatte sie das Publikum in allen Kreisen enthusiastisch erregt und besonders die Sympathien eines sehr hochstehenden musikalischen CirkelS gewonnen, welcher mit großem Verständnisse speziell der Pflege ernster Musik oblag. Der Graf Kollhoven, die hervorragendste Persönlichkeit desselben, versammelte häufig auf seinem unfern der Stadt gelegenen Landsitze die ersten musikalischen Kräfte der Residenz, um die Kompositionen neuerer Meister vor einer ebenso durch feinen Geschmack wie durch hohen Rang ausgezeichneten Gesellschaft, in welcher sich oft Mitglieder des Herrscherhauses befanden, aufführen zu lassen. ES galt in der Künstlerwelt für eine besondere Ehre, in diesen Privatkonzerten mitwirken zu dürfen. Magda empfing eines Tages den Besuch deS Grafen selbst, welcher sie mit ausgezeichneter Courtoisie einlud, die Hauptsolopartie in einem neuen, größeren Werke zu übernehmen. Es war ein Requiem, und ein solches wurde alljährlich am Allerseelentage, einer alten Tradition gemäß, in seinem Schlöffe zum Andenken an eine düstere, für sein Geschlecht wichtige Begebenbeit früherer Zeiten aufgeführt. Die Musik wechselte in den Meistern. Von dem Autor der vorliegenden erfuhr man nur, daß er ein intimer Freund des Grafen sei, in Italien lebe und daß Jener den Komponisten, welchen er bei sich erwartete, mit der ohne Kenntniß desselben vorbereiteten Aufführung überraschen wolle. Magda unterzog sich der Aufgabe mit einer besonderen inneren Lust, weil ihr die Komposition wunderbar lieb und sympathisch erschien. Je mehr sie sich in dieselbe vertiefte, um so mehr wehte sie daraus etwas so süß Heimisches an, als habe sie diese Gedanken schon selbst empfunden, als spräche eine Seele zu ihr, welche, der ihrigen vertraut, deren eigenes, inneres Leben zum Ausdruck gebracht hätte. Sie studirte mit großem Eifer, und oft fühlte sie mitten im Gesänge ihr Gesicht in Thränen gebadet, die aus einer unendlich wehen und doch glücklichen Empfindung flössen. Die kleine Cilli, welche ihre Mutter so wenig wie möglich verließ, wenn dieselbe daheim war, saß dann still spielend in einem Winkel des Zimmers und richtete verwundert ihre glänzenden Augen auf die geliebte Mama. Der Tag des Konzertes war einer jener wild- stürmischen Novembertage, welche der letzte Kampf der Natur gegen die eisige Erstarrung des Winters zu sein scheinen. Ein durchdringender Wind jagte über die öde Flur und fegte im Wirbel das raschelnde Laub die Straße entlang, auf welcher Magda im bequemen Wagen zum Schlosse des Grafen fuhr. Sie war ernst und traurig. Das Bild draußen sah ihrem innerlichen Leben so gleich; sie schaute zum Himmel, er hing voll dichter, grauer Wolken, welche vereinzelte kleine Schneesterne herabsandten. Dann ward es Abend. Die angenehme Atmosphäre eines warmen, nach Cedernholz duftenden Zimmers umgab sie einschmeichelnd, und im anstoßenden Raume hörte man schon das leise Knistern und Rauschen der Seiden- roben, das Kommen und Gehen und die gedämpfte Unterhaltung der sich sammelnden vornehmen Gesellschaft. Die gefeierte Künstlerin betrat den Saal, leidenschaftlich bewundert wie immer. Die Aufführung begann. „Requiem avtsruam äona, sie Darwins", begann der Chor mit klagender Bitte; „Dies irrrs, äiee iltu", brauste es dann erschütternd durch die Herzen der Zuhörer und zerriß den Vorhang vor dem letzten der Tage. Woll ergoß sich jetzt Magda's herrliche Stimme in die Klage: „(juiä 8UM missr tuno äieturug" (WaS soll dann ich Armer sagen): es war ein Weh und ein Elend, ein Schmerz, so groß und tief wie das All', der auS diesen Tönen sprach. Die großartig schöne Komposition schien geboren in dieser Seele voll Trauer und Verzweiflung. nLalva wo kon8 pietatis" (Rette mich, Quell' deS Erbarmens), rang die Bitte in heißem Flehen, und voll Ergebung erstarken die Töne in dem Zittern der Scham: „Luxxliennti pures Deus" (Höre, Gott, mein heißes Flehen). Todtenstille lag über dem Zuhörerraume. Magda fühlte nicht, daß sie unter Menschen war, daß sie sang. Ihr inneres Leben strömte dahin in seiner Anklage und Verzweiflung. Die Töne wurden ihre Worte und Thaten, sie stiegen empor wie ihre eigenen Gedanken, und über den Wellen des Chores schwebte in Klängen voll und zauberisch die mächtige, wilde Demuth des seinen Stolz besiegenden Sünders: „Oro sunplex st ueolinis" (Tief im Staub ring' ich die Hände). Der Satz war zu Ende. Kein Summen und Plan- 708 dern, kein Laut im weiten Saale. Alle Herzen bebten in tiefer Erschütterung. Als Mazda später sang: „Ltabat raatsr äolo- rosu", da legte sich alle Sehnsucht ihrer Brust wie ein Liebeshymnus an die Mutter der Schmerzen. Das Ich war überwunden, geopfert vor dem Kreuze, an dem der sterbende Heiland die sündige Menschheit, auch sie, erlöste, und unter welchem die heiligste Mutterliebe die Welt in den ausgebreiteten Armen empfing, denen das eigene göttliche Kind in grausamen Leiden entrissen ward. „0, guaw tristis st aüiiota" (O, wie traurig, gram- beladen), klagte Magda, und tausend Thränen lagen in der Stimme, wie die Antwort der sich verfinsternden Natur klang dazu der Chor dumpf und gepreßt. Diese Mutterliebe, diese Erlösuugsliebe stieg empor, eine mächtige, heilige Flamme, alle Herzen brannten darin, und die Sehnsucht des OpfernS kam über Alle. „Oruviüxi Lgs Ooräi mso valiäs" (Präge des Durchbohrten Wunden meinem Herzen kräftig ein); bat Magda. „l?ao ras xlaZis vulnsrari" (Lass' mit Wunden mich bedecken); dringender und inniger bot sie die Brust den Schmerzen, um endlich in die jauchzende Ueberzeugung auszubrechen: ^Inüamiuatu8 st aoosnsns, kor ts,ViiAv, »um äsksnsus In ärs juäioii" (Ob des Glühens, ob des steten — Wirst, o Jungfrau, mich vertreten, — An dem Tage des Gerichts). ES war ein so überirdischer Gesang gewesen, das Antlitz der Sängerin strahlte von einem so heiligen Glänze, daß alle Mitwirkenden, hingerissen, ebenfalls Ungewöhnliches leisteten. Der Komponist konnte zufrieden sein. Er war es — Faurier. Da stand er vor ihr, hoch und bleich, das ganze Leben konzentrirt in dem blitzenden Auge. Sie erstaunte, erschrak aber nicht, sie lächelte verklärt. »Ich wußte es", sprach sie leise, indem sie ihm die Hand hinstreckte. Der Strom der Entzückten, welche nun den Komponisten und seine hervorragendste Jnterpretantin umgab, trennte sie. Als Faurier sich selbst wieder angehörte, war Magda verschwunden. Sie hatte, Ermüdung vorschützend, dringend nach Hause verlangt. Was sie diese Jahre her mit eiserner Hand der Pflicht zurückgedrängt in ihrer Seele, was sie überwunden glaubte, das strömte nun voll und glühend hervor, und sie «einte zu sterben in der schmerzvollen Seligkeit. Aber da war auch die Ueberzeugung des Opscrns. »st'ao ms xla§is vulnsrari", betete sie in unaussprechlichem Dränge der Leiden und in Demuth zur Erde gebeugt, schlug sie die Brust in wilder Heftigkeit, richtete sich auf in leidenschaftlicher Geberde und bot dem Himmel ihre ganze, herrliche Schönheit, ihr ganzes Ich zum Kreuze dar. Thränen strömten aus ihren Augen, so heiße, rastlose Thränen, alle Lavafluthen ihrer unendlichen Empfindung. Dann wurde es still — das Opfer war vollbracht. Vor ihrer Seele stand das Marienbild in dem Kirchlein ihrer Heimath, und geduldig legte sie zu den Füßen der Gebenedeiten diese Liebe, die — an sich so rein — für sie eine Sünde war; sie legte dahin das Wiedersehen — Alles — bis aus den Gedanken. Es war das Requiem ihres Herzens. Und als sie leer und arm geworden und nichts mehr besaß von dem, was sie, wider ihr Wissen, die Jahre her aufrecht erhalten, als sie ein großes, schweres, kaltes Leiden freudig auf sich genommen, da ward es mild und warm in ihr, und wie Engelsstimmen um- tönte es sie: „O, Maria, ohne Sünden empfangen, bitte für uns!" Zur Beethoven-Feier sollte sie die „Leonore" singen. Diese Partie kostete sie, so oft sie darin auftrat, stets einen moralischen Kampf. Es lag eine zu bittere Ironie auf ihre eigenen Verhältnisse darin. Dunkle Schatten stiegen wider ihr Wollen aus der GrabeShöhle ihrer geopferten Liebe in ihrem Herzen auf und wollten sich zu der Gestalt verdichten, für welche der Schrei: „Todt' erst sein Weib!" eine wildselige Wahrheit gewesen wäre — und daneben der entweihte Opfertisch, auf dem ihr Dasein verblutete! Auf den Tag der Aufführung hatte Rothner eine Kette von Gemeinheiten gehäuft, besonders drohte er mit allerhand wilden Ungeheuerlichkeiten, wenn Magda ihm nicht eine bedeutende Summe zur Tilgung dringender Verlegenheiten überlassen werde. Sie hatte sich geweigert wie immer. Ein jäher, brennender Schmerz in ihrer Brust erschütterte sie, es quoll leise darin anf, und als sie das unwillkürlich vor den Mund gedrückte Taschentuch wegnahm, war ein Heller, röthlicher Schaum darauf. Eine schreckliche Mahnung! „Hinreißender als je!" flüsterte eS im Publikum nach ihrem ersten Erscheinen, „sie ist heute wie eine Glocke, welche der Schmerz zu zersprengen droht!" Und mit immer steigendem Interesse und endlose« Beifalle begleiteten die Zuhörer diese großartige, herrliche Interpretation der reinsten Gattenliebe. „Tödt' erst sein Weib!" klang es gewaltig und erschütternd. Das war die gesprungene Saite, der letzte Ton der gequälten Brust hieniedeu. Noch Jahre nachher hallte er in den Herzen Derer, welche ihn damals gehört hatten. Mit ih« sank die Sängerin bewußtlos nieder. Der Vorhang fiel, und die Oper konnte nicht zu Ende gespielt werden. Während Magda noch schwer erkrankt darniederlag, rief sie eine Depesche an das letzte Letdensbett ihres Vaters. Ihr eigener Zustand machte die Reise unmöglich; doch wußte sie denselben ihren Eltern zu verschweigen. Sie erfuhr sein bald darauf erfolgtes Ableben erst durch einen Brief der Mutter, welche zugleich ihre Absicht ankündigte, nach nothwendigster Ordnung der Angelegenheiten des Verstorbenen zu der geliebten Tochter zu eilen, um sich nie von ihr zu trennen. Nach jenem letzten wilden Anlauf war Nothner wenig zu Hause. Er hatte ein anderes Mittel gefunden, seinen Willen bezüglich des Geldes durchzusetzen. Feindselig und in sich gekehrt, mied er das Zusa««ensein mit seiner Frau. Der letzte Tag des Jahres kam heran. Am Vormittage hatte der Arzt aufs Bestimmteste erklärt, die Kranke dürfe unbedingt längere Zeit nicht nur nicht singen, sie müsse auch schleunigst einen Luftkurort aufsuchen. Als Magda mit wilder Hast in ihn gedrungen, ob sie wieder in den Vollbesitz ihrer Sti««mitiel gelangen «erde, stellte er ausweichend die Bedingung sofortiger Abreise nach Italien. Und das alte Jahr ging zu Ende. Feierlich erklangen die Glocken von den Thürmen, Jubel und Jauchzen aus den Straßen: Glück zum neuen Jahrs! Glück! Wie lange lag das hinter Magda, und doch, wie nahe war es! Die offenen Augen schloß kein Schlaf, eine unnatürliche Erregung floß wie ein Feuerstrom durch die krankheitsmatten Glieder. Die Zeit stand still für sie; ob Minuten, ob Stunden, sie stand in ihrer Seele 709 vor der Ewigkeit. Gegen Morgen kam ein stolpernder Schritt die Treppe herauf, schwankte durch den Vorfaal. Jetzt tappte eins Hand unsicher an der Thüre des Zimmers, schwerfällig ging sie auf. Rothner taumelte herein. Sein gerathetes Gesicht zeugte in seiner Verzerrung von der wüst durchlebten Nacht. „Weißt Du auch, daß ich wich dort, wo sie noch lustig sind, losgerissen habe aus purer Freundschaft für Dich? Wollte Dir doch den Neujahrsgruß bringen!" Er hielt ihr ein Zeitungsblatt dicht unter die Augen. „Sieh hier — die Nachricht! Deinen alten Liebsten, den feinen AttachZ, den Wundermann Faurier hat der Teufel geholt! Todt ist er, hörst Du? Todt! Todt!" Er johlte die Worte in schaudervollem Entzücken. Sie zuckte zusammen. Aber es war wohl nur eine seiner Gemeinheiten. „Du bist betrunken", sagte sie, mit Mühe ihrer Stimme Festigkeit behauptend. „Nüchtern genug, um Dir die Wahrheit zu beweisen. Höre!" Und er las laut und langsam: „Der in der musikalischen Welt als Komponist rühmlichst bekannte Attachö Baron Alphons Faurier ist nach längerem Leiden am 25. ds. Mts. in Nom gestorben." Mazda griff mit schneller Bewegung nach dem Herzen, dann blieb sie unbeweglich, todtenblaß, aus dem hinausgedrängten Auge floß langsam ein großer Tropfen der Qual die Wangen hinunter. Und dann stand sie auf der Straße. Die Sterne blitzten in Myriaden an dem tiefen Horizonte, der Schnee 'mischte unter den Füßen. „Neujahrsnacht hell und klar, bringet ein gesegnet Jahr", sagt ein altes Sprichwort. Auch auf Mazda wartete der Segen. Sie wanderte mechanisch durch die ihr hie und da begegnenden heimkehrenden Nachtschwärmer. Viele waren betrunken, auch redete sie da und dort einer mit loser Rede an; sie hörte es nicht, und wenn gar Jemand einen frechen Blick unter die Capuze wagte, so taumelte auch der Kühnste zurück vor dem leichenhasten Antlitz. Wohin? Sie ging über eine Brücke, tief unten lag der schöne Strom; sie starrte hinunter; die blauen Wellen waren gefangen umer eisiger Decke. Weiter, weiter! Die Zähne klapperten im Froste, kaum trugen sie noch die Füße. Da lag ein großes, dunllcs Gebäude — eine breite steinerne Treppe. Sie schleppte sich die Stufen hinan, auf die oberste setzte sie sich, wie im Traume. Es war nur noch der Instinkt des Lebens in ihr, nicht mehr das Bewußtsein. Jetzt begann dicht über ihrem Haupte das FrühglScklein zu läuten. Sie schrak auf aus der beginnenden Erstarrung. Wie aus weiter Ferne hörte sie die Glocke, und es schien ihr als riefe Jemand: „Komm', komm', komm', komm!" Wer konnte sie rufen, wer verlangte nach ihr, der Verstoßenen? Aber mächtiger und näher tönte das „Komm, komm!" Und jetzt klang eS so süß, so feierlich, so dringend. O, das war eine liebe Stimme; sie kannte sie, oft war sie in ihr Herz gedrungen; sie begriff nicht, warum sie ihr nicht nachgegangen alle die Jahre. Und der Wald tauchte vor ihr auf und das Kirchlrin ihrer Hei- math. Die Thüre war weit aufgcthan. Lichterglanz und Weihranchdust strömten aus dem Innern. Sie saß wieder auf einem Grabhügel, und da drinnen rief es nach ihr so sehnsüchtig und liebend. Jetzt kam die alte Marianne leibhaftig zwischen den Gräbern daher, in deren einen! sie doch langst schon schlief; sie nickte und winkte und zeigte auf die offene Thüre. „O, ja, ich komme", sagte Magda für sich. Sie erhob sich. Nun erst gewahrte sie, daß sie auf den kalten Stufen gesessen, und das Gesicht verschwand. Aber die Stimme tönte fort und fort über ihrem Haupte, und da stand sie auch vor einer großen, schweren Thüre, und alte Mütterchen, die sie aufmerksam anschauten, fingen hinein. Es war Magda, als wenn die Stimme mit Wärurestrahlen in ihr Herz, in ihre Glieder dringe. Sie fühlte sich durchschauert von sehnsüchtiger Wchmuth. O, wie wallte es auf in ihrer Brust, und aus dem Nachtdunkel schwebte auf den Glockentönen näher und näher jenes süße Muttergottcs-Antlitz, das sie in ihren Kind» heitsträumsn schützend angeblickt; es neigte sich dicht an das ihrige, und ohne zn wissen, was sie that, zog sie die Medaille hervor und preßte sie an ihre Lippen. GrheiAnißvolles Wunder der Bekehrung einer Seele durch die Einwirkung der Medaille von der unbefleckten Empfängniß! Von der Höhe des Himmels hatte die Gottesmutter einst das fromme Kind Magda ansersehen, und als sie durch ihr Erscheinen in dem geschwärzten Bilde, vor welch:« die alte Magd betete, die Gluth einer heiligen Sehnsucht in dem Herzen desselben entzündete, da sagte ihr liebevoller Blick: „Du wirst mein eigen sein!" Die Kurzsichtigkeit der Eltern verhinderte den geraden Gnadenweg, die Welt und die Lust und die Lüge überschatteten ihr Herz. Aber durch die Hand deS alten Priesters hatte die allerseligste Jungfrau mit der Medaille den Eigenthnwsstempel auf diese Seele gedrückt, und das treueste Mutterange folgte ihr auf allen Irrwegen. Gottes Weisheit bediente sich derselben, um sie endlich in die himmlische Heimath zu geleiten. Verstoßen und verlassen, arm und krank zum Tode, sollte sie in der ewigen Liebe vollkommene Gcnesung finden. „O, Maria, ohne Sünden empfangen, bitte für uns!" --- Ermllenttrgrn an Ungarn. Von A. v. C. (Nachdnit virbole».) Wenn ich in Gedanken meine Neise-Erlcbnisse auffrische, so nimmt das schöne, rcichgesegnete Ungirn k nien untergeordneten Platz ein. In mehrjährigem Aufenthalte lernte ich sowohl das Leben auf dem Lande, als in der Stadt keimen und will es nun versuchen, meine geehrten Leser mit diesen Erinnerungen bekannt zu machen. Als ich bei Gelegenheit der eisten Reise nach Ungarn die schöne Kaiscrstadt Wien zum ersten Mal sah, verfehlte sie nicht, einen großartigen Eindruck auf mich zu machen, doch nur von kurzer Dauer war mein damaliger Aufenthalt, mein Reiseziel war in der Gegend von Stuhl- wcißenbnrg, cmch Alba genannt. Ueber Prcßburg und Naab ging es nach dieser ältesten Krönungsstadt der Arpaden, welche am Abhänge des Bakony Waldes liegt. Ich erinnere mich, daß mährend dieser Fahrt insbesondere dir weidenden Rinder mit ihren großen Hörnern und die Maisselder meine Ansmcrlsamkcit aus sich lenkten. In Stuhlweißenbnrg wurde ich empfangen, und dann ging es per Wagen nach der Pußta (xnsLber). Auf der Landstraße fuhren wir immer in einer Staubwolke, und meine beinahe ängstliche Frage, ob denn das immer so ,1V fei, erregte große Heiterkeit; ich wurde später noch oft damit geneckt. Ueberhaupt war auf der Pußta S. ein recht gemüthliches Zusammenleben, wie es auch wünscheuswerth ist, wenn ein kleiner Kreis von Menschen ausschließlich auf sich angewiesen ist und nur an den festgesetzten Gesellschaftstagen sich ein benachbarter Gutsherr oder Pächter, der Geistliche des Nächstliegenden OrteS oder ein Osficier einsinket, welchen der Dienst jahrelang an einem abgelegenen Orte festhält. Noch sehe ich das Herrenhaus mit dem Ziergarten vor mir, umgeben von den bescheidenen Wohnungen der Zugehörigen und den großen Oekonomiegebäuden. Der Nutzgarten hatte auch viele Maulbeerbäume, doch während die veredelte Maulbeere als beliebtes Dessert galt, wurden die anderen Arten gar wenig beachtet — das Feder Vieh machte sich das zu Nutzen. Doch sind gerade die Blätter des weißen Maulbrrrbaumes das Futter der Seidenraupe. Je nach der Farbe der Frucht unterscheidet man zwei Arten des Baumes, den schwarzen und weißen. In ziemlich weitem Umkreise konnte man die sogenannten „Tristen* sehen, denn es ist nicht möglich, alles Stroh unter Dach und Fach zu bringen. Diese malerischen Derschanzmigcn mußten manchmal bei heiteren Spielen der Jngend herhalten. In einer Einfriedung waren mitunter 30—40 Fohlen, der Stolz des Csikos. Weit und breit wechselten wogende Aehrenfelder mit ungeheuren Maisfeldern und Weideplätzen, dann kamen wieder endlos sich ausdehnende Akazien-Alleen. Hier darf man sich aber nicht die Kugel-Akazie vorstellen, welche sich bei uns zuweilen als Zierde öffentlicher Plätze findet; das waren herrliche, weitverzweigte Bäume, welche stolz zum Himmel ragten und zur Zeit der Blüthe herrliche Düfte entsandten. Weit und breit sah man keine menschliche Wohnung, dafür gewahrte man da weidendes Rindvieh, dort eine Hcerde Schafe und dann wieder Schweine mit ihren Hirten. Unter diesen gibt es eine Art Kasten-Einthcilung. Der Schweinehirt steht auf der untersten Stufe, dann folgen Rinder- und Schafhirt, obenan steht der Csikos, der kühne Nosscbändiger und Nossedicb, dieser echte Sohn der Pußta. Was der Ungar im eigentlichen Sinne des Wortes unter Pußta versteht, ist bekanntlich die weit«rsgedehnte, öde, wasserarme Fläche, welche mit brauner Heide über- kleidet und baumlos ist. Diese wird manchmal durch Ziehbrunnen und die Tanja unterbrochen; in der letztem finden die Hirten ihre Verpflegung, und das Leben und Treiben daselbst gestaltet sich oft zu einem recht fröhlichen. — Pußta, im Sinne von Eirrschicht, nennt man aber auch ein einzeln stehendes Haus mit den dazu gehörigen Oekonomiegebäuden. Die Pußta, welche ich damals bewohnte, war eine Stunde von der nächsten Ortschaft entfernt, nach Stuhlweißenburg kamen wir auch öfters. Einmal wurde eine Partie an den Plattensee gemacht, welcher uns schon so oft herrliche Fische gespendet hatte. Der so beliebte „Fogasch" findet sich meines Wissens nur in diesem See. Auf die Tafelfreuden wird überhaupt in Ungarn großer Werth gelegt, hauptsächlich spielt der Truthahn eine Rolle und die Paprikahühner, so genannt, weil bei der Zubereitung dieses so beliebte Gewürz nicht gespart wird. Ganz neu waren mir die verschiedenen Strudel, als Krautstrudcl, Kartoffelstrudel rc. Daß es natürlich nicht an auserlesenen Weinen fehlt und zu seiner Zeit der Nachtisch die edelsten Trauben, Zucker- und Wasser-Melonen und andere Früchte ausweist, ist selbstverständlich, ober doch möchte ich — schon einmal beim Kapitel der Mahlzeiten — noch ein paar ungarische Lieblingsgerichte erwähnen, welche uns nicht bekannt waren. Der junge zarte Mais, in Ungarn auch Kukuruz genannt, wird nämlich in Salzwasser gekocht und als Delikatesse gegessen, ebenso kamen die Schweif- chen der Lämmer gEackeu auf den Tisch, und auch die Akrzienblüthe wurde in Brandteig getunkt und gebacken. Wie überall, so wurden auch hier die Gaben der verschiedenen Jahreszeiten freudig in Empfang genommen, aber auch die Zeiten selbst hatten ihren Reiz. Wie schön war nur das Erwachen der Natur auf dem Lande, wie entzückend Ssatengrün und Lrrchenjubel, mit einem Worte, alles was zum Gefolge des Frühlings gehört. Sogar die eine Zeit lang währenden allabendlichen Froschconccrte gehörten in den Rahmen dieses landschaftlichen Bildes. Mit Vorliebe besuchte ich im Sommer die Schnitter, nachdem ich mich das erste Mal durch eine Geldspende losgekauft hatte, denn es ist Sitte, daß man mittels Aehren gebunden wird. Aehulich ist es auch bei der Schafschur; ehe man sich's versieht, hat man einen Strick an den Händen, doch ich gab dem muntern Völkchen gerne. Die abendlichen Gesänge der Schnitter hörte ich mit Freuden, die ungarischen Volkslieder haben überhaupt ihren eigenthümlichen Reiz. Da und dort ist eS Sitte, daß — wenn die Ernte vorüber — die Schnitter dem Hrrrenhause eine Art Ovation darbringen. Da werden dann Aehren und Blumen zu Kronen und Kränzen gewunden und der Herrin überreicht. Hieran schließt sich eine kleine Festlichkeit für die Schnitter. Bei diesen und ähnlichen Vsanlassungen, namentlich bei Hoch- Zeiten, hat man so recht Gelegenheit, das muntere Treiben des Volkes zu beobachten, namentlich wenn es sich mit voller Lust dem beliebten Nationaltanz (Lsarclao) hingibt. Ich habe denselben übrigens auch in seiner Gesellschaft, bei Gelegenheit eines Hausballes, tanzen sehen und in diesen Kreisen die gleiche Begeisterung dafür gefunden. — Wenn die reiche Gottesgabe in diesem gesegneten Lande eingebracht ist, dann sieht man überall die Dreschmaschinen in vollster Thätigkeit. Die reiche Obsternte und die Weinlese bringen später neue Freuden, auch die emsigen Bienen haben reichen Vorrath gesammelt. In großen Weinbergen finden Festlichkeiten mit Tanz statt, nicht selten wird auch ein Feuerwerk abgebrannt. Hier möge auch eine Bemerkung über ungarische Gastfreundschaft gestattet sein. Sie ist sehr ausgedehnt, und es wurde mir gesagt, daß sich auch der ärmste Mann im vorkommenden Falle derselben nicht entzieht und eher noch die letzten Bissen theilen würde. Auch auf der Pußta wurden die Gesellschaftstage eingehalten. Zur schönen Jahreszeit machte man nicht selten Gesellschaftsspiele im Freien, wie Kegelspiel und andere, im Winter wurde Musik getrieben, einmal auch die Kinder- stnfonie von Haydn aufgeführt. Die Hauptanziehmigs- kraft übte aber immerhin der Spieltisch aus, namentlich in Herrenkreisen. Die Jngend suchte an frostigen Winter- tagen gerne den nahegelegenen Weiher auf, um sich bei fröhlichem Schlittschuhlauf gesunde Bewegung zu machen. Ich erinnere mich noch gerne der beiden Winter, welche ich auf der Pußta verlebte. Selbst St. Nikolaus fand — 711 — seinen Weg dorthin, und am Christabende erstrahlte eine herrliche Tanne im Lichterganz und erinnerte an die deutsche Heimath. Bei einbrechender Dunkelheit erschienen die Kinder und die jungen Burschen, welche zur Pußta gehörten, und sprangen wiederholt um das Herrenhaus herum. Sie hatten Schellen anhängen, oder Glöck- chcn in der Hand, und nachdem diesem Weihnachtsbrauch gehuldigt war, wurden sie mit Aepfcln, Nüssen und kleiner Münze beschenkt. An den langen Winter-Abenden kam die Jugend regelmäßig, um sür die Herrin Federn zu schleißen; der Lohn dafür war der sogenannte „Federnball", welcher seinem Namen alle Ehre machte, denn die ganze Dekoration des Raumes deutete schon daraus hin. Zieht dann der Frühling wieder in's Land und mit ihm das schöne Osterfest, so wird man mit einem neuen Brauche bekannt gemacht. Am ersten Feiertage müssen sich's die Damen gefallen lassen, von den Herren begossen oder doch wenigstens angespritzt zu werden, und man darf sich's sogar noch zur Ehre rechnen, wenn man nicht umgangen wird, denn es gilt als Zeichen von Werthschätzung. Da gibt es manchmal heiße Schlachten, wenn beim muntern Frühstück die Wassergläser erhoben werden und die Damen zu entfliehen trachten. Der Ostermontag ist übrigens der Tag der Rache; da wird von der anderen Seite offen oder mit List gekämpft. In Städten trägt man Ringe, an denen kleine Gummibälle, gewöhnlich mit Eau-de-Cologne gefüllt, befestigt sind. Ganz entgegen dieser Art des Osterbrauches machen es die Landleute. Da kommt nicht selten der Bursche und läßt es auf diesen Probierstein ankommen. Ist ihm der Gegenstand seiner stillen Verehrung nicht gewogen, so läßt sich das Mädchen nicht finden; soll er aber ermuntert werden, so wird ihm das Suchen sehr erleichtert, und mit Jubel geht's dann zum Brunnen, um diesen Bund gleich recht kräftig zu besiegeln. — Der Sitte des Maibaumes wurde aus der Pußta auch gehuldigt. In Ungarn wird die Landwirthschaft und Viehzucht großartig betrieben. Ein Magnat theilt nicht selten seinen Besitz in verschiedene Pachtungen, und jeder Pächter beherrscht wieder einen ausgedehnten Wirkungskreis. Auf der Pußta wurden an einem Tage gleich Hunderte von Schafen verkauft; auch die Schweinezucht wurde in großem Maßstabe betrieben. Wenn in Zwischenräumen die Schweine für den eigenen Bedarf geschlachtet wurden, dann gab es alle Hände voll zu thun mit Sprckfchneideu, und Alles drängte sich zu dieser Arbeit, welche unter heiterem Ge- plauder vor sich ging. Das Federvieh war auf der Pußta reichlich vertreten, und ich hörte da etwas aus dem Leben dieser Thiere, was nicht allgemein bekannt sein dürfte. Die Kapaune werden nämlich nicht selten dazu benützt, Eier auszubrüten. Man gibt dem Thiere eine unschädliche Dosis eines geistigen Getränkes, um es zu betäuben, und in diesem Zustande wird es aus die Eier gesetzt. Nüchtern geworden, bleibt der Kapaun dann ruhig sitzen und führt später die Küchlein spazieren trotz der sorgsamsten Henne. Einmal wurde das patriarchalische Leben auf der Pußta durch einen jähen Schrecken unterbrochen. Ein heftiges Gewitter entlud sich zur Nachtzeit, und der Blitz zündete; ein großes VorrathShaus wurde ein Raub der Flammen. Nach Jahren mußte ich in Ungarn zum zweiten Male alle Schrecknisse eines nächtlichen Brandes miterleben; auch das trostlose Bild einer durch Hagelschlag vernichteten Ernte war mir nicht erspart. (Schluß folgt.) AKLexLei« Quacksalberei in vergangenen Tagen. WaS die „Aerzte" in alter Zeit ihren Patienten zu verschlucken zumutheten, davon legen die Verordnungen zweier Söhne Aeskulaps, der Leibärzte Gustav Wasa's, Zeugniß ab. Als am 29. September 1560 der Schwedenkönig Gustav Was« auf dem Sterbebette lag, wurden ihm von Meister Jakob und Meister Lukas Brahe, seinen Aerzten, im Verlauf von 24 Stunden folgende „Heil- und Stärkungsmittel" in abwechselnder Aufeinanderfolge dargereicht: Veilchensyrup, Granatapfel, Endivienwasser, Cichorie, purgirender Trank, Mandelmilch, weichgerührte Eier, Pomeranzen-Confect, gesottene Haselhühner. Da der Magen des Kranken, wie leicht erklärlich, dieses Durcheinander von Medizinen und Speisen nicht bei sich zu halten vermochte, so klagte der König noch kurz vor seinem letzten Athemzuge, wie traurig eS sei, daß er sich mit allem seinem Reichthum nicht einen „geschickten Arzt" erkaufe» könne. « Unerwartete Wendung. Sie: „Du glaubst also an nichts?" — Er: „Ich glaube nur das, was ich verstehe." — Sie: „Nun, das kommt auf dasselbe hinaus." Rsoktv vordoLsItoir.) 6iv8vl>iv1»4« «t«8 8v!»rrv!r8x»Lvl8. III. Nasser dem sebaebliobenäen Lalikeu Ilutasim Dillak sind uns indessen aueb noob andere Hamen von bervorragevden 8cbaebsxielern aus jener Lpocbe arabisebsr 8okaobkunst er- baltsn geblieben. 8o erfreute sieb namentlieb äer imäabro 899 neck 6kr. rn Lagäaä verstorbene Xrrt Lbul L,bbas, äer sogar eins 8cbrikt über das 8ebaebspiel verfasst baben soll, unter seinen scbacbfrsunälicben Danäsleuten eines uiebt geringen ^nsebsns. Die Vorliebe äer Xraber kür äas 8xis1 sobeint rismlieb lange angeäauert ru baben, äa aus äer Zeit von 930—950 naeb Obristus uns nocb niedrere 8xielor von Ruf, wie Ldali, ^1 8uli unä Lajlaj, mit äein ausärücklioben Demerken benannt werden, äass sie sieb auob literariseb mit äein 8obacb bescbäktigt bätten unä so go- wissermassen als äie Debrmeister ibrer Volksgenossen ?.u bs- traebten wären. Zweifellos ist, äass äie 8araoeoen auf ibren Lriegsrügsn äas 8obaeb in äas Lbenälanä verpflanzt baben, worauf sebon der Umstand binweist, äass äie erste Dlütbereit äss 8ebaebs in bluropa auf spanisebem unä italioniscbem Loden, also geraäs in äev beiäen Dänäern sieb entfaltete, welebe am längsten von äer Invasion äer 8araoenen beimgesucbt waren. Xussor in arabiseben Landsebrikten ilnäot jeäoeb äas 8ebaob um jene Zeit aueb in äer incliscben Ditsratur mebrfacbs Dr- wäbnung, so bei äein Lasmirer Latnakara in äer ersten Hälfte äes neunten äabrbunäorts naeb Obristus unä bei Ludrata in äer rweiten Hälfte äes glsiobvn äabrbunäorts. Unter äen bleupsrsern feiert um äas äabr 1000 äer ^nnalvnsebreiber Diräusi in sebwungvoller V/eise äas 8ebavb unä äer anno 1030 verstorbene Diebter Dnsuri widmete dem Obaswaniden Nabmuä ein sinnreicbes 8ebaebgeäiebt. — Vls Lsweis dafür, äass äas 8ebaeb wabrsebeinlieb durek bobes 8pielen um 6elä, damals aber aueb ru ^ussebreitungen kübrto, kann andererseits wobl die Vbatsaebo gelten, dass ru derselben Zeit, um welebo die obsngsnannton Diebter das 8pisl feierten, der Xalik Dakun su Xairo dasselbe allgemein unä strenge verbot. (Dortsetruug dieses ^bsebnittes in 14 Vagen.) 712 ^.ukgake Nr. 3. va.s nackstekenäe siunbilälicks kroklem, welcl«os von 8. Bnckkeit in Regensburg kerrükrt, äürkts — wenn äio vösung Lack keine bssonäoren Lekwicrigkeitan maekt — wogen seiner originellen läse unseren Hern imworkin Vergnügen bs- r»itsn. Klotto: „Dar gesprengte Oarrä." Lckwarr. Weiss riebt an unä sstrt in rwsi 2ügsn mat. 1i»»e1irlellr1ei» arr« «Ivr l8vli»«l»vrv!t (Buäapost.) — Internationales bckackturnier. In äem klntsekeiäungskampks um äsn ersten kreis rwiscksn Okarousok nnä ksekigörin trat Okarousok, uaokäsm er am 26. Oktober äis erste kartis verloren katte, Zurück IsekigSrin (8t. keters- burg) orkivlt demgemäss äsn ersten kreis (2500 krönen), 6karousok (Budapest) äen rwoitsn (2000 krönen). kartis Nr. 4. Die kolgsnäs kartis, welcks ani 9. Oktober gespielt wurde, räklt ru äsn intersssantestsu äes Luäapestor üloistsr-kurniers. LxLLisolio kartis. VL W siss: Walkroät (Berlin). 8 ckwars: ^auowski (karis). 4) oc. -S Weiss: Wnldroät (Berlin). Bebwarr: dauowskl (karis). 1 e2—e4 e7—08 16 A2"-g3 1'k4-k7 2 8g1-k3 8K8-e6 17 8e5Xk? Rg8Xk7 3 Rk1-K5 8g3-k6 !8 c2—e4(e) e6—e5 4 0-0 8t6X«4 19 Dc2—K5^ Rk7-s7 8 ä2-ä4 8v4—ä6 20 8e4Xe5 Rb6Xe5 6 RbSXeö ä7X«S 21 DKSXeZf Lo7—e8 7 ä4Xe5 8ä6-e4 22 vcä—K5-)- Lo8—k8(ä) 8 väl—o2 8s4—e5 23 DK5XK7 Lk8-k7 9 kkl-äl Re8-ä7 24 käl—ä3 Vä8-e8 10 8bl-c3 Rk3-e7 25 kä3-k3-j- Lk7—s7 11 Del—e3 0-0 26 VK7X8?1 kal—älf Lo7-ä6 12 Re3Xe5 I,e7X«5 27 Lä6—c6 13 8c3—o4 Rcä—K6 28 1k3-ä3 Ia8—ä8 14 iß! o5—e6(a) 8k3-o5 k7X«6 M—k4(b) 29 K2-K4 3ckwars gibt ä. kartis auk. a) Die LIsistorsckakt Walbroät's borubt eigontlick mek: in äsr räken Vertksiäigung sekwierigor Stellungen; kio lernen wir ibn inäess auek als Kulmen ^ngriü'sspioler kennen b) Hin aukWegnakmo äesväuksrs mit 16. Vä8—K4 rnn 6ügenai>grikf ru gelungen. e) Hier lässt Weiss äis naekkolgenäs nocli stärkere kort sotrung ausser Botraekt: 18. Ve2-K5f, Lk7—v7; 19. käl—ä3 Vä8-e8; 20. VK5—g5-j-, L°7—k8; 21. kä3-I3f, Rk8-g8 22. 8e4—161° mit vamengswinn. ä) 2lit Le8—e7 konnte sieb 8ckwarr länger kalten. Nie Lnästellung äen kartis Nr. 1 Bteinitr: laaowski (!n Nr. 81). kür äis Bskauptung, äass 8toinitr in äer orwäknten 8tellung nocb keinerlei Veranlassung katte, äes 8pisl aukrugeben, kübren wir au» äen vielen einseblägigell Varianten äis nacbstebenäon als Beweis vor: 4K. 43. kk7-i- Lg8 44. k4X°5 kb:! 45. Bäb-j- 46. '1'k8f Lk8 Lo7 47. 1'k7-j- Lä8 48. RK8-j- 49. kk7-j- Le7 LK8 50. 1'K8 Ro7 (nickt La7 wogen '1a8p nebst 1'b8-j-). «. 43. Ng8 44. Rä5t(a) Rk8 45. Xe4 RK3 46. väl VK2XI2 47. 1'k7-j- Xo8 48. Lv1Xe5 vo.3-1- 49. Rä6 1'b6k 50. Le7 unä stobt sickor. 43. . . ^ . . kkS 44 k4X°5 kl>3 4S. kk8-j- Ls7 46. kk7-i- Le6? 47. Räk-j- Xe6Xo5? 48. k4p Lk6 49. 1k7ch » 43. Lg8 44. Dä5-i- 45. '147-5 Rt8 Le8 (nickt 45. Ls4 Rg7) 46. Ls4 Rä6 47. väl 8ckwarr ist im Vortkoil. Unter obigen Varianten ist also nur eins, äis äem 8ckwarren äsn errungenen Vortbsil sickert unä wird bei äer merkwürdig vernickelten 8tellung wokl Niemauil bokauptsn können, äass äanowski vor seinem 41. 2ugo alle äiese Varianten äurekgsreeknot bat, eben so wenig als es rutrokkonä ist, äass 8toinitr in «leren Rrksniitniss die kartis aufgab! — 8tsinitr versickerte uns vielmekr vvivävrkolt persöulicli, äass, wenn er äie blögliokkeit obiger kortsstr- ungen erkannt kätto, er äis Okaneen eines eventuellen Remis selbstredend nickt nnbsnütrt gelassen unä äie kartis also gewiss nickt aufgegeben kabsn würde! — kür ein Remis waren aber äie Aussiebten sckon um deswillen nickt ungünstig, weil äanowski knapp am Rnäo seiner ärittsn 8pivl- stunäs wob! kaum mokr äie 8sit gefunden kätts, von äen versviiiedenvn Varianten äie kür ikn allein vortkeilkakto noek seknell kerausruklügoln!!- Die Besungen wurden riektig angegeben von: k. 6artk, eanä. matk. in Lonn; O. Binse in Orossseköuaek (Laäen); N. L. in W.; Hugo Häusler, 6g. Lunstmann, Ose. bla/inger unä vi. Rüäelkeiwer kisr. a) kalsck wäre 44. k4xs5 wegen Vb2—elf; 45. Vä3—ä2, IK8-b3-j-; 46-Bs4-ä3, kb3-ä3-j-,- 47. Le3xä3, vel-bl^-! 0. B. in Orossseköliaek: Der vroirüger — Aufgabe Nr. 1 — bat keineswegs eine unmögliekoStellung, inäsm äsr Banker b8 äurek beklagen eines kauern von a7 oäer o? in äio Dame sekr wokl entstanden sein Kanu, wäkrenä äer Ranker auk cl krüksr von einer keinälieken kigur gescklagen wuräs. 8oleks äiebteriseke kreikviten sinä äem kroblsm- eomponistsn sckon erlaubt! Die kointv äer ltukgabs rukt übrigens nickt in äem ersten Auge, sonäern in äsn Varianten äes Zweiten I4ugos. Dass sie nickt gar so einkaok ist, wirä äaäurek bewiesen, äass von äsn vielen Rösungen, äio wir orkielten, erst eine vollständige eingetroffen ist, weleks alle Varianten umfasst. Wollen 8ie nickt noekmals äiess Aufgabe näkor beseken?!- Die Namen )onor 8obaobkronnäs, weleko unsers knäspiols unä kroblomo riektig lösen, sowie äisBösungeo inner kalk äroiWoeksn einssnäen, weräsn stets an äieser 8tsIIs ver- öikentliokt. ^llss auk äas 8ekack Rorüglioko ist ausnakmslog ru aäressiren: „^tn äis Redaction äes Lugskurger 8okaek» dlatt — kakv Lugusta — ltvgsbllrg.^i "WM « 93 . 1896 . „Augsburgrr Postxeitung". Dinstag, den 10. November Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas lichen Schmerzen ihrer Dienerin wenig achtete, so war ^ deren Antlitz doch so arg entstellt, daß sie unter keiner Bedingung ihren Gästen diesen Anblick zumuthen mochte. Was war da zu thun? Frau von Bornfeld lebte keineswegs in so sehr glänzenden Verhältnissen; außer den beiden Dienerinnen hatte sie nur noch eine alte praktische Köchin, die sich aber durchaus nicht zur Bedienung der Gäste eignete. Dann mußte diese auch nothgedrungen im Hause zurückbleiben, um eilig ein feines Abendessen zu bereiten, falls, wie die glückliche Mutter zuversichtlich erwartete, Herr Wilmer mit ihrer Tochter als Brautpaar heimkehrte. „Emilie ist sehr geschickt und flink, sie wird mit der Bedienung bei Tisch gut allein fertig", schlug Lydia vor, die selbst über ihr geschwollenes Gesicht sehr bekümmert war und sich auf diesen Tag im Walde nicht wenig gefreut hatte. „Das wäre schon gut", seufzte die Wittwe, „aber wer soll jetzt mit Emilie hinausfahren? Es ist die höchste Zeit, daß sie hinfährt, denn sie darf keine Minute verlieren, um zur rechten Zeit fertig zu werden. Aber sie kann ohne Hilfe die vielen Vorbereitungen im Försterhause nicht allein schaffen, und es ist viel zu spät, um an fremde Hilfe zu denken." Plötzlich schien ihr ein glücklicher Gedanke zu kommen, denn die Falten ihrer Stirn verzogen sich, und ein Lächeln umspielte die scharfgeschnittenen Mundwinkel. 714 Mit fliegender Hast eilte sie die Treppen hinan, erst im obersten Stockwerk vor einem kleinen Mansardenzimmer Halt machend. Hier war das Arbeitszimmer, in dem sämmtliche Costüme ihrer Töchter nnd ihre eigenen verfertigt wurden. Nicht von bezahlten Händen einer Schneiderin, von den geschickten und fleißigen Fingern einer „armen Verwandten", die Frau von Bornfeld „aus Mitleid" in ihr Haus aufgenommen hatte. War es wirklich nur Mitleid? Rosalie von Bornfeld legte sich diese Frage wohl täglich — so oft sie daran erinnert wurde — vor, aber jedesmal schüttelte sie das müde Haupt — und mit bleichen, eingesunkenen Wangen und thränenfeuchten Augen nahm sie dann ihre Arbeit wieder auf. So lange der Onkel noch lebte, war das Loos der armen kleinen Waise noch erträglich gewesen, denn er schickte das zwölfjährige Mädchen in eine gute Pensionsanstalt, besuchte sie dort von Zeit zu Zeit und gab ihr, wonach sich ihr gutes Herz sehnte, väterliche Liebe. Aber als vor drei Jahren der Onkel plötzlich starb, änderte sich die Sachlage für die arme Waise. Die Wittwe erklärte, den Pensionspreis für Rosalie nicht mehr bezahlen zu können oder zu wollen, sie sei alt genug, um sich selbstständig ihr Brod in der Welt zu verdienen. Aber die Penstonsvorsteherin hatte das Kind lieb gewonnen, sie behielt ihren Zögling unentgeltlich noch ein Jahr, bis das Lehrerinnenexamen gemacht war, und half ihr dann zu einer Stellung als Gouvernante bei einer reichbegüterten Familie. Die arme, junge Erzieherin! Sie war so klein und schwächlich, daß sie mit ihren achtzehn Jahren selbst noch wie ein Kind aussah. Sie war talentvoll und strebsam, leider mangelte ihr aber gänzlich die Aufrechthaltung der Disciplin ihrer zwölfjährigen Schülerin gegenüber, und nach kaum sechs Monaten sah sie sich von ihrer Stellung entlassen. Die Pensionsvorsteherin nahm sie nun selbst in ihr Haus, um die jüngeren Zöglinge zu unterrichten, aber hier ging's nicht besser, Rosalie war selbst noch zu sehr Kind und konnte sich keine Autorität verschaffen, und schon nach wenigen Monaten mußte sie das Anerbieten ihrer Tante annehmen, in deren Hause sie jetzt Aufnahme fand. „Bleibe dort, bis Du ein wenig älter geworden bist", hatte ihre mütterliche Freundin beim Abschied tröstend gesagt, „Du weißt, Rosa, Du siehst noch allzu kindlich aus. Ein Jeder, der Dich nicht kennt, hält Dich kaum für fünfzehn Jahre alt." Das war vor einem Jahre geschehen. Rosalie hatte im Hause ihrer Tante ein Heim gefunden, aber es war für die arme Waise eine harte, traurige Zeit gewesen. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend hatte sie einen Tag wie den andern ununterbrochen in der kleinen Mansarde gesessen und die Garderobe ihrer glücklicheren Cousinen gemacbt. Sie hatte rastlos gearbeitet wie eine Magd für tägliches, kärgliches Brod und dabei täglich anhören müssen, daß sie nur „aus Mitleid" im Hause geduldet wurde. Es war kein Pfennig in ihrer Tasche, sie hatte kein freundliches Wort von ihrer Tante noch ihren drei Cousinen gehört. Schnell entschlossen trat jetzt Frau von Bornfeld bei ihrer armen Nichte ein und befahl ihr kurz und bündig, sogleich mit dem Hausmädchen hinauszufahren, um im Forsthause an den Vorbereitungen zu der Festlichkeit zu helfen. „Natürlich hilfst Du nur, ehe die Gäste erscheinen, die Bedienung bei Tisch übernimmt Emilie allein", sagte die Wittwe in ihrer hochmüthigen, herben Weise. „Du hältst Dich dann später in dem Hintergrund und kannst Dich im Walde aufhalten, bis wir Deiner bedürfen." Die arme Rosalie I Diese Demüthigung erschien ihr unerträglich. Sie bat, flehte, von dieser Aufgabe befreit zu werden, ihre Tante war jedoch unerbittlich. „Du solltest dankbar für dieses Vergnügen sein", fuhr die Tante entrüstet fort. „Im Walde ist's um diese Jahreszeit jetzt ganz herrlich, und es wird Dir schon gut dort gefallen. So — nur schnell — Emilie wartet bereits auf Dich, thue nur ganz, wie sie sagt, sie hat die nöthigen Anweisungen." Es blieb kein Ausweg. Mit Thränen in den Augen half sie Emilie, die hurtig und geschmackvoll die große Veranda vor dem Forsthause in einen feenhaften Blumengarten verwandelte und die Tische für die Gäste bereitete. »Ist Frau von Bornfeld schon hier?" Bei dieser unerwarteten Frage sah die arme Rosa erschreckt auf und sah vor sich einen jungen, breitschulterigen Herrn stehen, der gewiß schon lange dem Treiben auf der Veranda zugeschaut hatte und jetzt diese Frage an die fleißigen Mädchen richtete. Es war der reiche Gutsbesitzer Wilmer. Er hatte sein Pferd an einen Baum gebunden und war unbemerkt dem Forsthause zugeschritten. „Meine Tante wird gleich hier sein", versetzte Rosa verlegen, „es ist Alles zum Empfang der Gäste bereit." „Sind Sie eine Verwandte von Frau von Bornfeld?" »Ich heiße auch Bornfeld", stammelte das jnnge Mädchen. „Sie sind gewiß zum Sommerfest gekommen", meinte er lächelnd und wunderte sich im Stillen, daß das junge Mädchen nur ein schlichtes, abgetragenes Wollkleid trug, und daß die Tante ihr zu diesem Tage kein neues Kleid angeschafft habe. „O nein, ich wohne immer bet ihr." „Aber ich sah Sie dort niemals", beharrte er weiter. „Ich bin sehr beschäftigt. O, dort kommen die Wagen schon!" fuhr sie erschreckt fort, als in der Ferne eine Staubwolke sichtbar wurde. „Bitte, Herr Wilmer, bleiben Sie nicht hier, meine Tante möchte eS nicht gerne sehen, wenn Sie bei mir sind." Herr Wilmer war zu sehr Gentleman, um das junge Mädchen in diese Verlegenheit zu bringen, daher wandte er sich um, ihr noch die Worte zurufend: „Wir sehen uns beim Essen wieder." Etwas entfernt von der Veranda stand Emilie, das Hausmädchen. Herr Wilmer kannte sie, und rasch auf sie zutretend, fragte er im Flüstertöne: „Wer ist die junge Dame dort?" „Sie ist die Nichte meiner Herrin, und das Blut kocht in meinen Adern, wenn ich ruhig mit ansehen muß, wie schändlich das arme Ding behandelt wird", gab sie ebenso leise zurück. „Sie wird nur aus Mitleid im Hause gehalten, aber sie arbeitet unverdrossen für das tägliche Brod. Keine Magd würde sich das gefallen lassen, was dem armen Fräulein Rosa aufgebürdet wird! Man hat sie hierher gesandt, um mir zu helfen, obgleich sie viel besser ist. wie alle ihre Cousinen." »Ist Fräulein Georgine nicht freundlich gegen die arme Cousine?" Emilie zuckte verächtlich die Schultern. „Sie behandelt sie wie eine Sklavin", gab sie bitter zurück, „ich 715 wollte lieber die allergeringste Stellung in der Welt einnehmen, als dort im Hause eine arme Verwandte zu sein." Herr Wilmer war nicht gerade verliebt in Georgine von Bornfeld, aber er war hoch in den Zwanzigern und zu dem Entschluß gekommen, möglichst bald zu heirathen. Georgine schien ihm eine praktische Hausfrau; ihr freies, offenes Wesen gefiel ihm, sie war gastfrei und mitleidig gegen Arme, und so glaubte er, mit ihr vereint glücklich durch dieses Erdenleben zu Pilgern. Ja, er war sogar entschlossen, das bindende Wort noch heute bei dieser Festlichkeit von ihren eigenen Lippen zu hören, aber die Worte der Dienerin machten ihn stutzig und gaben ihm zu denken. Nicht, daß er auf ein müßiges Geschwätz der Dienstboten irgend welches Gewicht legte, aber das kummervolle, bleiche Gesichtcken der armen Verwandten, das schlechte, abgetragene Kleid zeugten gegen die Familie von Bornfeld. Er war ein häufiger Gast in dem Hause der Wittwe, hatte aber noch niemals die arme Verwandte gesehen, das war ein neuer Beweis einer ungehörigen Zurücksetzung. Aber Herr Wilmer war ein kluger Weltmann, der seine Gefühle geschickt zu verbergen verstand. Mit ausgesuchter Höflichkeit begrüßte er seine Wirthin, ohne den Eindruck werken zu lassen, den er soeben empfangen hatte. Frau von Bornfeld strahlte vor Freude, als sie ihn sah, besonders als sie das liebliche Eriöthen ihrer Tochter Georgine beobachtete, die ihn geschickt an ih>e Seite zu fesseln verstand. Lachend, scherzend und plaudernd setzte man sich zu Tisch; eine ältere Dame ließ wohlgefällig ihre Blicke üver die reichbesetzte Tafel schweifen, dann erbleichte sie jäh und stieß den heiseren Schreckensruf aus: „Ach, wir sind dreizehn!* Man scherzte belustigt über die Angst und den Aberglauben der alten Dame; ein Jeder wußte von Beispielen zu erzählen, wo diese gefürchtete Zahl Tischgenossen vereint beim fröhlichen Mahle beisammen gewesen, ohne daß ein Unglück eingetreten sei. Herr Wilmer schlug vor, sich getrennt von der Gesellschaft an ein Seitentisckchen allein setzen zu wollen, doch Georgine widersetzte sich diesem Plane ganz energisch, denn ! sie hielt ihn heute für ihr ganz spezielles Eigenthum. ! Daher flüsterte sie ganz leise ihrer Mutter ins Ohr: „Rosalie muß sich mit zu Tische setzen Du siehst, es ist keine andere Hilfe!" Die arme Verwandte weigerte sich, aber ihre Wünsche blieben unberücksichtigt. Am Ende der Tafel wurde ihr der Platz angewiesen, und mit verschleierten Blicken schaute sie auf ihr dunkles Kleid herab, das einen schreienden Kontrast zu den duftigen, reich mit Spitzen garnirten Sommerkleidern der anderen jungen Damen bildete. Eine der reichsten und schönsten Damen des Festes war Comtesse Alice von Rohberg, eine Cousine des Gutsbesitzers Wilmer. Diesem gelang es, der gefeierten Schönheit einige Worte zuzuflüstern, worauf sich dieselbe von ihrem Cavalier am Ende der Tafel an Rosa's Seite führen ließ. Sie nahm sich der armen Waise so freundlich und liebevoll an, scherzte und plauderte mit ihr wie mit einer alten Bekannten, und achtete wenig der zürCardinal Prinz Hohenlohe ch. nenden Blicke, die die Wirthin vom andern Ende der Tafel der kleinen heiteren Gruppe -»schleuderte. Herr Wilmer wich nicht von Georginens Seite, und auch nach beendetem Mahle, als sich die jungen Leute im Walde amüstrten, während die älteren zu einer kurzen Siesta sich ins Forsthaus zurückzogen, wäre er gern in ihrer Nähe geblieben, um jetzt die verhängnißvolle Frage an sie zu richten, wenn die junge Comtesse ihn nicht durch einen bezeichnenden Wink an ihre Seite gebannt hätte. „RosalieI" rief jetzt die Tante in herrischem Ton, „komm' sofort her, ich bedarf Deiner Hilfe." „Bitte, lassen Sie die Kleine bei mir", nahm Comtesse Alice das Wort, „sie hat noch nie hier diesen Wald gesehen, und ich möchte mit ihr jenen Hügel dort besteigen, von dem man durch eine herrliche Aussicht reichlich belohnt wird. Roland", wandte sie sich dann an Herrn Wilmer, „leiste Du in unserer Abwesenheit Frau von Bornfeld Gesellschaft, wir werden uns nicht allzu lange entfernen." Bereitwillig und als liebenswürdige Wirthin verzichtete Frau von Bornfeld auf die Hilfe ihrer Nichte, ganz besonders da Herr Wilmer sich von den Damen trennte und jetzt auf ihren Wunsch Georgine aufsuchte. „Es ist besser so", dachte die Mutter und zog sich dann auch zu einem ruhigen Schlummerstündchen in das Forsthaus zurück. Herr Wilmer durchstreifte eine kurze Zeit allein den Wald, dann sah er die hellen Gewänder der jungen Damen durch das dunkle Waldesgrün schimmern, hörte ihr silberhelles Lachen, die witzigen Scherzworte der sie umgebenden Herren, und als er, selbst unbemerkt, sah, daß Georgine den Mittelpunkt dieser kleinen Gruppe bildete, zog er sich schnell zurück, um von der anderen Seite den Hügel zu besteigen, auf dem er seine Cousine mit der armen Rosalie wußte. Ein ganz unerwarteter Anblick bot sich auf der Spitze des Hügels seinen Blicken dar. In seiner malerischen Tracht stand ein junges Zigeunermädchen den beiden Damen schweigend gegenüber. Jetzt nahm es die Hand der jungen Comtesse und schaute prüfend hinein. „Da komme ich gerade zur rechten Zeit", scherzte Herr Wilmer, „läßt Du Dir die Zukunft vorhersagen, Alice? Ich hätte doch nicht gedacht, daß Du an solchen Unsinn glaubst." Die junge Zigeunerin warf dem Störenfried einen zürnenden Blick zu, doch ließ sie sich in ihren Beobachtungen der Handlinien nicht stören. „Sie haben anstatt Gold und Reichthum Liebe gewählt", sagte sie in ihrer weichen, melodischen Stimme, die nur den südländischen Zigeunern eigen ist, „Sie werden niemals Ihre Wahl bereuen, denn das Herz, dem Sie vertrauen, ist treu wie Gold." (Fortsetzung folgt.) - - Goldkörner. Ehrlich ist ein hohes Wort und bedeutet sehr viel. viel mehr, als die Meisten gewöhnlich dareinlegen. Arndt. -— l' > iüiiiiüiWW !!!!!!!!!!> öHHiÜii'iÜ!,!!! Hm-iiüW M WWW Fahrübuin Lii ÄÜ! iUiKüV M Abwehr eines durch einige Reiter mal Aas bayerische AadfaHrerdetachement. NaO m üb> «ent DMA HAiZMWMWD Zahrübmin Linie. mSWUMm LN ter matn überraschenden Kavallerie-Angriffs. NachpAentaufnahmen von M. Stuffler in München. WWMM ' - r -q « I»! > - 2 US- WM -K^MWHWM iMWWkWWW iiKMÄKM-DMMLA MÄi LÄ ßMW DWH SM MBW DDM UWM WsWW «W WM MjM 718 Erinnerungen an Ungarn. (Schluß.) Als Pußtaerinnerung möchte ich noch etwas aus dem Leben der Dame des Hauses in Kürze anführen. Vor Jahrzehnten waren einzelne Comitate durch Räuberbanden unsicher gemacht, und so mußte sie sich einmal in Abwesenheit ihres Gemahls und in Ermanglung jedes andern männlichen Schutzes dazu bequemen, ein ge Räuber zu bewirthen und sogar noch mit dem Anführer zu tanzen. Hierauf zogen dieselben friedlich von bannen. Ein paar Jahre meines ungarischen Aufenthaltes brachte ich in einer Stadt zu, welche der kleinen ungarischen Tiefebene angehört, und hatte von hier, wie auch später von Pest aus, schöne Landaufenthalte. In den mir bekannten ungarischen Städten, namentlich in Stuhlweißen- burg und Pest, wurde — namentlich in Geschäften — viel deutsch gesprochen. Natürlich würde man sich da und dort ohne die ungarische Sprache schwer zurechtfinden, namentlich in den echten Magyarenstädten, wie z. B. Dcbreczin, Szegedin rc. Bei Gelegenheit eines Landaufenthaltes kam ich auch in die schöne, wcinreiche Gegend von Erlau und konnte einen Theil der herrlichen Karpathen, nämlich das Matra- Gebirge erblicken. Bei sonntäglichen Kirchenbesuchen sah ich dort auch alte Ungarn, welche Mäntel aus Thierfellen trugen; die gefetteten Haare hingen ihnen in langen Strähnen herunter. Die Kleidung der Ungarn im Allgemeinen ist da und dort, in Wort und Bild schon geschildert worden. Man kann sich somit eine Vorstellung machen von der Pracht der Magnaten, deren manch einer bei festlichen Gelegenheiten sogar noch am Sporn einen Diamanten tragen soll, ebenso wie man sich die malerische Tracht des Volkes vergegenwärtigen kann. Die Ungarinnen auf der Pußta trugen beim Kirchengange, selbst um die Weihnachtszeit, kurze, helle Röcke; doch ich erinnere mich, daß es damals auch milde Winter waren. In kleineren ungarischen Städten gibt es sehr viele Zigeuner, so daß ihnen gleich ganze Gassen und Viertel eingeräumt sind. Wenn man ausgeht, sieht man sich oft von einem Schwärm hübscher, aber zerlumpter Kinder umringt, welche betteln. Am besten thut man dann, wenn man den zudringlichen Begleitern Kupfermünzen zuwirft und sich dann während ihrer lustigen Balgerei rasch aus dem Staube macht. Die Zigeunermusik hat ihren besonderen Reiz; ich hörte sie immer mit Vergnügen. Nicht selten werden die Zigeuner beauftragt, da und dort ein Ständchen zu bringen; sie lassen sich auch nicht leicht eine Gelegenheit entgehen, Geld zu verdienen; am 1. Mai z. B. erscheinen sie schon am frühesten Morgen und ziehen von Haus zu Haus. Eine schöne Sitte ist es, daß sie am hl. Weihnachtsabende vor allen christlichen Häusern ein einfaches, aber sinniges Weihnachtslied vortragen. Aber nicht nur beim Volke spielt die Zigeunermusik eine Rolle, auch in. den höchsten Kreisen wird sie beigezogen, wenn es sich um festliche Gelegenheiten, Hausbällc und dergleichen handelt. In manchen ungarischen Städten spielen die Zigeuner täglich auf dem Bahnhöfe, während die Passagiere zu Mittag speisen; einzelne berühmte imuckav haben auch schon größere Reisen untcrnommem und sich vor den höchsten Herrschaften hören lassen. Die meisten Zigeuner, welche ich sah, waren arm und zerlumpt, doch kamen aus ihren Wanderungen auch solche, welche reichlich mit silbernen Münzen geschmückt waren. Aber auch mit diesen läßt man sich nicht gerne ein, da sie sich als zudringliche Wahrsager erweisen und immer gut bezahlt sein wollen. Da das Leben in kleineren Städten nicht viel Bemerkenswerthes bietet, mögen der Hauptstadt Ungarns noch einige Erinnerungszeilen geweiht sein. Imposant ist hier der Anblick der Donau, welche majestätisch zwischen den vereinigten Städten Pest nnd Ofen dahinfließt. Die Verbindung ist durch hübsche Brücken hergestellt, worunter mir besonders die Kettenbrücke in Erinnerung geblieben ist. An den Quais herrscht reges Leben, namentlich gegen Abend, wenn der von W'en kommende Dampfer erwartet wird und die Ofener Berge in schöner Beleuchtung den landschaftlichen Reiz erhöhen. Die hochgelegene Burg ist die Residenz des Königs, welcher alljährlich dort Aufenthalt nimmt. Die jetzige Krönungsstadt ist Ofen; der Hügel, auf welchem der König bei Gelegenheit der Krön- ungsfeierlichkeitcn steht, um seinen Schwur zu leisten, wird aus der Erde von sämmtlichen ungarischen Comitaten aufgeworfen. Ofen liegt sehr malerisch und ist nach dieser Richtung hin dem flach gelegenen Pest vorzuziehen, auch hat diese altehrwürdige Stadt, welche schon als römische Colonie stark befestigt war, heiße Quellen. Während das rebcn- bedeckte Hügelgebiet der Umgebung von Ofen mit Dörfern dicht besäet ist, reicht die Pußta bis in die unmittelbare Nähe von Pest. Der Blocksberg gehört zu den nächsten und beliebtesten Ausflügen im Ofener Gebiete; an den Osterfeiertagen ist dort immer für Volksbelustigungen gesorgt. Doch hat auch des Pester Stadtwäldchen seine Reize und wird von Jung und Alt gerne besucht. Es ist dort allem Möglichen Rechnung getragen, was die Schaulust anregt und die Behaglichkeit fördert; zur Winterszeit ist da auch für den Eislauf-Sport gesorgt. Ein weiterer beliebter Ausflug ist die nahe gelegene, reizende Margarethen-Jnsel, welche unter anderen Annehmlichkeiten auch Badegelegenheit bietet. Sowohl Pest als Ofen haben herrliche Kirchen und großartige öffentliche Gebäude. In Ofen wohnte ich einmal dem sonntäglichen Gottesdienste in der schönen Rauchfangkehrer-Kirche an. Dieselbe hat ihren Namen daher, weil die Kosten zu ihrem Bau größtentheils von der Zunft der Kaminkehrer aufgebracht wurden. An der Ausschmückung der Sophien-Kirche in Pest wurde zur Zeit meines dortigen Aufenthaltes noch gearbeitet. Mit Vorliebe besuchte ich die Scrvitenkirche, da dort auch in deutscher Sprache gepredigt wurde. Hier machte ich auch eine erhebende Aufcrstehungsfeier mit. Während bei uns die feierliche Procession in der Kirche stattfindet, bewegte sie sich in Pest von einem Gottcshause zum andern mit militärischer Begleitung. Da bei der Rückkehr Dunkelheit eingebrochen war, machten die vielen, im Lichterglanz erstrahlenden Fenster einen weihevollen Eindruck. An kleineren Orten läßt bei dieser kirchlichen Feierlichkeit die Zigeunermusik ihren ganzen Osterjubel ausklingen. — Cäcilien-Musik ist's freilich nicht, aber jedenfalls auch gut gemeint. Nach jahrelangem Aufenthalte in Ungarn kehrte ich nach Deutschland zurück, und freue mich heute noch der Eindrücke, die ich im Lande der Magyaren gewonnen habe. 719 Das Fahrrad in der bayerischen Armee. (Mit Illustrationen.) Die Frage, ob Radfahrerabtheilungen im Kriege mit Vortheil Verwendung finden können, wird in den Armeen heute heftiger umstritten wie je. Die einen wollen ganze Corps bis zu 10000 Mann und darüber auf Fahrrädern fortbewegen und sehen hierin das Problem berittener Infanterie gelöst, die andern, allen militärischen Neuerungen, wie der Verwendung des Luftballons, der Brieftauben, der Kriegshunde und so weiter, feindlich gegenüberstehend, bewahren ihre schroff ablehnende Haltung auch jener Frage gegenüber und erklären alle derartigen Versuche für ebenso kostspielig und aussichtslos, wie etwa die der Franzosen mit ihren berüchtigten Mitrailleusen vor dem großen Kriege. Es ist anzunehmen, daß die Wahrheit in der Mitte liegt, und es bleibt daher das Verdienst vorausblickender höherer Truppenführer, daß der Entscheidung der Frage nach der Möglichkeit und den Grenzen der Verwendbarkeit radfahrender Infanterie-Abtheilungen durch praktische, dem Ernstfälle angepaßte Versuche näher getreten wurde. In der französischen wie in der österreichischen Armee wurden in den letzten Jahren derartige Versuche angestellt. In der deutschen Armee war es zuerst Graf Waldersee, der kommandirende General des IX. preußischen Armeecorps, welcher während der Manöver des vergangenen Jahres eine Radfahrer-Truppe, mit Gewehren ausgerüstet, bildete und ihr eine bestimmte Aufgabe zuwies. Alle diese Versuche krankten jedoch an dem einen Umstände, daß die Abtheilungen für den bestimmten Zweck jeweils erst kurz vorher aus Einzelfahrern gebildet und hierbei die Qualität und Art der Räder, sowie die Fahrfertigkeit und Ausdauer der Fahrer und deren Kenntniß in der Behandlung der Maschinen fast gänzlich außer Acht gelassen wurde. Die Uebungen des im verflossenen Sommer durch den kommandirenden General des königlich bayerischen I. Armeecorps, Prinzen Arnulf von Bayern, versuchsweise gebildeten Radfahrerdetachements, von welchen eines unserer Bilder eine Fahrübung, das andere die Abwehr eines durch einige Reiter marktrten überraschenden Kavallerie- Angriffs veranschaulicht, waren auf eine sicherere Basts gestellt. Zur Entscheidung der Frage nach der Beschaffenheit eines kriegsbrauchbaren Militärrades, und ob Pneumatikoder Polsterreifen, fand im Mai vergangenen Jahres bei München eine Tag und Nacht fortgesetzte Probefahrt mit Rädern verschiedener Systeme statt, bei welcher eine Strecke von — hin und zurück — 20 Kilometern fünfzigmal hintereinander gefahren wurde, so daß di: Räder im ganzen 1000 Kilometer liefen — eine Entfernung, welche der Stromlänge des Rheines vom Bodensee bis zur Nordsee gleichkommt. Als Fahrer standen 36 ausgesuchte Mtlitär- Erzdischof vr. Johannes Christian Uoos j-. radfahrer zur Verfügung, welche mit Ablösung fuhren; die Fahrtcontrolle geschah durch 9 Offiziere. Die Fahrt selbst dauerte — nur durch den Wechsel der Fahrer und das Nachsehen der Maschinen unterbrochen — 81 Stunden, das ist 3 Tage und 9 Stunden, und geschah auf ausgesucht schlechtem Wege und von Anfang bis Ende bei strömendem Regen. Der Ausbildung in der Kenntniß der Maschinen und der Behandlung derselben vor, während und nach der Fahrt diente im November vorigen Jahres ein Cur- sus, zu dem 12 Offiziere und 24 Unteroffiziere — alle des Radfahrens vollkommen kundig — kommandirt waren. Diese, für die Folge als Lehrer bestimmt, sollten die im Cursus erworbenen Kenntnisse in die Armee hinaustragen. Die Uebungen bestanden im Unterrichten im Saale und in bei Tag und Nacht unternommenen Ausfahrten, bei denen die zu Hause erlernte Zerlegung und Wiederinstandsetzung der Maschine im Gelände praktisch angewendet wurde. Erst nach diesen Vorbereitungen wurde im Sommer dieses Jahres versuchsweise ein Radfahrerdetachement zurVer- wendung in taktischer Beziehung gebildet. Das Detache- ment bestand aus 4 Offizieren, 54 aus dem ganzen I. bayer. Armeecorps besonders ausgewählten Unteroffizieren und Mannschaften, 1 Militärarzt und 1 Lazarethgehilfen — sämmtlich des Radfahrens vollkommen kundig. Die Führung war dem Hauptmann und Batteriechef Burckart des bahr. 3. Feld-Artillerie-Regiments übertragen, welcher auch die vorerwähnte Probefahrt und den Lehrcursus zu leiten hatte. Bekleidung, Ausrüstung und Bewaffnung der Mannschaften bestanden in Schirmmütze, Litewka, Tuchhose mit Gamaschen, Schnürschuhen, Mantel, Feldflasche, Brodbeutel, Tornisterbeutel, Leibriemen mit Seitengewehr und Meldetasche, Karabiner und 40 Platzpatronen. Die ersten Uebungen des Detachements bestanden in Fahrten auf Straßen und Wegen in Colonnen zu zweien und einem, ferner in Fahrten auf Wiesen- und Haide- boden in Linie (Abbildung 1). Die fernern Uebungen bezweckten, die Fahrer gewandt zu machen in der Fortbewegung abseits der Straßen, also auf Fußwegen, Feldrainen, Waldpfaden, Eisenbahndämmen und dergleichen. Ein Gegenstand besonderer Ausbildung war die Abwehr von Kavalleriepatrouillcn durch einzelne Radfahrer, die Abwehr größerer Kavallerieangriffe durch das ganze De- tachement (Abbildung 2). Nach diesen Vorübungen wurden taktische Aufgaben gelöst, bei denen meist die gegnerischen Truppen und Stellungen markirt waren. Solche Aufgaben waren Erkundung eines Gelände-Abschnittes, einer feindlichen Stellung, eines feindlichen Anmarsches, Besetzung eines weit vorwärts gelegenen DefileeS, Deckung eines wichtigen Bahnhofs oder Etsenbahnknotens gegen feindliche Kavallerie- 720 Unternehmungen, Zerstörung von Eisenbahnlinien und Telegraphen, Sprengung von Brücken, Wegnahme feindlicher Bagagen und Trains, Alarwirung eigener weit auseinander nächtigender Truppen, Wegnahme eines feindlichen Postens, Belästigung feindlicher Vorposten und Bivouacs und dergleichen mehr. Während die Durchführung derartiger Aufgaben durch Kavallerie die doppelte bis dreifache Anzahl von Reitern erheischt, außerdem in Folge der großen Entfernungen und des verrätherischen Geräusches der Pferdefortbewegung in den meisten Fällen von zweifelhaftem Erfolg sein dürfte, haben die angestellten Versuche mit aller Bestimmtheit erwiesen, daß Radfahrerdetachements — etwa in der Stärke von 80 bis 100 Mann — solche Aufgaben jederzeit und selbst bei den ungünstigsten Witterungs- und Wegverhältnissen zu lösen im Stande sein werden, jedoch nur dann, wenn sie als besondere Abtheilungen organistrt, ausgebildet und mit dem denkbar besten Pneumatikrade und dem Karabiner ausgerüstet sind. -- Zu unseren Bildern. Cardinal Gustav Adolph Hohenlohe, ^ der am 29. Oktober l. Jrs. plötzlich gestorben ist, war geboren zu Rotenburg in Mittelfranken am 26. Februar 1823. Als Jüngling kam er nach Rom, um sich in der Akademie für die Geistlichen von adeligem Stande für die Prälatcn-Laufbahn heranzubilden. Ptus IX. gewann ihn besonders lieb und zog Hn als wirklichen gebeimen Kämmerer an seinen Hof. Als dieser Papst am 16. Nov. 1848 aus Rom fliehen mutzte, folgte ihm Msgr. Hohenlohe nach Gaeta, wo er im Jahre 1849 in der Domkirche die Priesterweihe empfing. Gegen Ende 1857 wurde er zum geheimen Almosenier Sr. Heiligkeit und Titular- Erzbischof von Edeffa ernannt und Pins IX. selbst ertheilte ihm die bischöfliche Weibe. Am 22. Juni 1866 zum Cardinalpriester vom Titel 8ta Llaria in Iraspontina ernannt, wurde er im Frühjahre 1878 Erzpriestcr der Liberianischen Basilika (8ta. Llaria Naxiors) und am 12. Mai 1879 durch Option Suburbicarbischof von Albano. Jedoch verzichtete er im Konsistorium vom 10. Nov. 1884 auf dieses Bisthum, um in die Classe der Cardinalpriester zurückzutreten, wobei er den Titel von St. Callixtus erhielt, welchen er am 2. Dezember 1895 gegen denjenigen von St. Laurentius in Lucina vertauschte. Aus dem Leben des Kardinals verdient noch besonders hervorgehoben zu werden, daß Bismark im Jahre 1872, als eben die Kulturkampsgesetze in Vorbereitung waren, dessen Person und Würde in eigenthümlicher Weise zu mißbrauchen suchte. Während Cardinal Hohenlohe in Berlin weilte, erledigte sich der Posten eines preußischen Gesandten beim Vatikan. Ohne erst die übliche Anfrage an die Kurie zu richten, ob die gewünschte Person genehm sei, und ohne sich zu vergewissern, ob die Kurie einem Cardinal überhaupt gestatte, einen fremden Souverän bei ihr zu vertreten, wurde Cardinal Hohenlohe zum preußischen Gesandten beim Vatikan ernannt. Der Papst verweigerte selbstverständlich seine Einwilligung dazu, daß ein Cardinal die Vertretung einer fremden Macht beim Vatikan übernehme, und damit war die Bismark'sche Intrigue zu dessen großem Aerger gescheitert. Cardinal Hohenlohe ist seitdem wenig in die Ocffent- lichkeit getreten. _ Trrbilchof Johannes Christian Moos. -j- Am 22. Oktober starb zu Freiburg i. Br. nach längerer Krankheit Erzbischof Dr. Johannes Christian Roos. Derselbe war am 28. April 1828 zu Camp am Rhein geboren, studirte in München und Bonn und wurde am 22. August 1853 von Bischof Peter Joseph Blum von Limburg zum Priester geweiht. Im Jahre 1856 wurde er Pfarrverwalter in Hochheim. Vier Jahre darauf ernannte ihn der Bischof von Limburg zu seinem Sekretär. 1864 erhielt er die Professur der Moral und Pastoraltheologie am dortigen Priesterseminar. Nachdem er 1869 zum Domherrn und Stadtpfarrcr von Limburg berufen war, gelangte er im Februar 1885 auf den erledigten Limburger Bischofsstuhl. Bald nachher, am 2. Juni 1886, wurde er zum Erzbischof von Freiburg erwählt. Von den ersten Tagen seines erneuten Wirkens an war Erzbischof Roos bemüht, mit Ruhe und Festigkeit die Rechte und Freiheiten der Kirche in Baden zu reclamiren und seine diesbezügliche Thätigkeit war auch mit Erfolg gekrönt. Außerdem erwarb er sich große Verdienste um die Hebung des katholischen Lebens durch Förderung und Unterstützung des katholischen Vereinswesens, um die Vermehrung der Würde und Erhahenheit des Gottesdienstes, um die zahlreichen kirchlichen Neubauten und um die christliche Kunst. Ueber den Fortschritt der katholischen Bewegung und besonders über die Erfolge des badischen Centrums war er hocherfreut. Seinen Lieblingswunsch, die religiösen Orden in seine Erzdiöcese zurückkehren zu sehen, sah er nicht in Erfüllung gehen. Er wurde abberufen, nachdem er 10 Jahre lang das Haupt und die Zierde der Freiburger Kirche gewesen war. Möge ihm für seine Mühen und Sorgen, für seine Treue und seine Tugenden die Krone des ewigen Lebens zu Theil werden! * -- Aus der „Nachfolge ßhristi"?) Menschen wünschen und begehren Sonder Ordnung im Gelüsten: Wenn sie damit nur die Ruhe Nicht zugleich begraben müßten! Denn der Stolz hat keine Ruhe, Und der Geiz hat keinen Frieden; Doch der Armuth und der Demuth Ist ihr vollstes Maß beschicken. Thöricht ist, wer Hoffen, Lieben Will durch Kreaturen stillen, Weise, wer als arm will gelten, Andern dient um Christi willen. Auf dir selbst darfst du nicht stehen, Hoffnung nur auf Gott ist nütze, Thu' das Deinige: der Himmel Reicht zum Stab dir seine Stützei Baue nicht auf deine Klugheit, Noch auf and'rer Geistesstärke: Nur auf Gnade, die der Demuth Hilft, doch stürzt der Stolzen Werkei *) Siehe „Des gottseligen Thomas von Kempen Nachfolge Christi in deutschen Reimen" von Hermann Jseke. Verlag von F. W. Cordier, Heiligenstadt (Eichsfeld). Preis brosch. M. 3.—, Salonband M. 4.50. — -««WS- Zahlenräthsel. 123456789 Macht dir die Stimmung voll Sonnenschein, Scheucht dir hinweg der Grillen Heer, Doch allzuviel macht's den Kopf dir schwer. 2 3 4 4 8 9 als Dichter bekannt, Einst eine Waffe in eines Gottes Hand. 3 2 7 8 7 hat Jedermann, Stolz ist, wer viele nennen kann. 4 3 5 5 8 trägt der Schulbub meist, 5 3 6 8 manche Romanze preist. 3 9 4 8 8 des Landes Wehr, 6 9 3 7 ist gar nicht schwer. 7 3 1 2 8 7 trägt dich über'n Fluß, 8 6 6 8 der Bauer haben muß. 9 3 1 2 8 nimmt das Weltkind gern, Der Christ überläßt sie Gott dem Herrn. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 91: Weiß. Schwarz. 1. L. V3—87 beliebig. 2. D. ^.6—86 beliebig. 3. D. 66-83 (84) Matt. Zieht Schwarz 1. L. 85—86 folgt von Weiß: 2. D. L6—86:f rc. --EZH-- HL 94. Areitag, den 13. November 1896. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas ae8r!vl»tvn ES «Ivr 808 ne!; woll. Lnglanä.— Im 8cptember e. fand im Ilötel Imperial ru Lristnl ein interessantes Lmateurtnrnier statt, an welchem sieh eine Loibs der besten Spieler 8üä-8nglanäs, wie Ltkins, LIaks, Ounston, Jakobs, Lamdert, äones unä Rumboll betbeiligten. In der ersten Xlasse erstritt L t k i n s äsn ersten, LIaks äen zweiten kreis; in äer rweiten Xlasse üe! äer erste kreis an Niss Lnägo, in äer ärit- ten an Nr. Lorke. Australien. — Im keruier um äis Vorkämpferscliaft von blew - 8üä - Wales 7.u Ndbourns gewann äer unermüdliche lüsling (ein geborener Hannoveraner) bei 20 klisiluelimern mit 17:1:1 äen ersten kreis. Zweiter wurde kul 1 idgs mit 14:1:4, äritter 8oägson mit 14:4:1. ' Lugsburg. — (8ebaeh-Lenäervous.) Im„Lak6 Lugusta' finden krennäe äes 8ebaebs auch an äen 8onntagen 8aeb- mittags stets Oelcgsnbeit nur ktlege desselben, was unseren I-esorn biedurcb rur gefälligen Xenntniss äienen möge. Mekrslox. Die britischen 8cbaebfreunäo baden äen Verlust eines ilirer rührigsten Amateurs ?,u beklagen. Lm blontag äen 14. September äs. äs. ist nämlicb ru Null äer Kaufmann Xäwarä krssborough einem wiederholten 8chlaganka11 erleben. Derselbe war am 18. Lugust 1830 su Hüll geboren unä betrieb äas 8ebaeb seit trüber .lugend. Xr war niobt nur ein ssbr starker praktischer Spider, sonäern aueb ein sebr gewandter Sebacbsdiriktsteller, in weleb' letzterer Xigen- scbakt er rwei äureb ibrs leiebtkasslicbe unä klare Darstellung rübmenswsrtbe Werke über Lpivl-Xröilnungen unä -Xnd- ungen bearbeitete. Der englischen Lehaebreitung „kbe Lritisk Lbess Llagarüne'' lieferte er lange äalirs überaus sebätabare Leiträge. Lueb mit Lobaebproblemsn beschäftigte sieb kres- borough niebt obneXrkolg, wie äie nacbstebonäs geistvoll o 8 oba ob ausgab e beweist. In seinem persönlieben Dmgang van äen liebenswüräigsten Lärmen, wird äer Verlust äieses hingebenden Sobaobkrounäss von seinen Danäsleuten mit Rocbt tief emxlunäen. Lukgabo dir. 4. Von 8. kresburougb in 8ull f. Scbwars. Weiss. Weiss niebt an unä seist in vier 2ügen mat iln die Herren Dösvr von Lllfgaben: Wir erlauben uns biemit äarauk aufmerksam su macben, äass oino Lösung nur äann als vollstänäig benw. riebtig vraebtet wer- äsn kann, wenn äieselbs alle Üanplvariunteu äer betrikd. Lufgabv angibt. Die eingegangenen Düsungen äer obigen Ausgabe — 8r. 1 — waren grösstentbeils mit äsm Nangel bebaktet, äass sie äis schwierig su Lnäende Variante L nicht enlbidten. Xs wirä äaber gebeten, äis Düsungen künftig möglichst vollLtünäig wieäcrsugoben. kartie 8r. 5. Nachstehend geben wir eine weitere kartie aus äem weebselreioken kurnisr su Luäapest. LxLQisvdö Partie. 6espidt am 14. Oktober 1896. Weiss: 8ebwarr: Weiss: 8 edwarr: dk r0 Luuovvskl Winawer dL -S äanowsbi Winawer (karis). (Warschau). (karis). (Warschau). i e2—e4 s7—eö 12 Del—a3 Dä8—c7 2 8g1—13 8b8-e6 13 Dä!—13 Df6Xe3 3 Lkl-bö 8g8-k6 14 ä2Xo3 b7—b6 4 0-0 8t6Xa4 IS Dk3-14 c6—e5 5 kkl-ei 8e4-ä6 16 Dk4-b6 17—kS(e) 6 813X^5 8e6Xv5 17 Dä3—e4-!-(ä) 3'18-f7 7 LelXkö-j- Lk8—o7 18 Le4Xt7-i- Lg3Xf7 8 Lb5-ä3(a) 0-0 >9 DbOXl'7'i- Xt7—18 9 8b1—c3 Lo7-16 20 Db7Xg6(e) kal—sl De8-b7 10 1e5-e3 g7—g6(b) 21 8ä6-f? 11 b2—b3 c?-c6 22 I'e3-g3 Lukgegeben. a) Xin niebt su unterscliätsenäer Lngriikssug. b) Lei äissem unä äem nächsten Auge ist äer sonst so Lnäigs Winawer von einer Lrt 8cbacbblinäbeit befallen, welche ikm äis heimtückischen Absiebten seines Oegnors vollstänäig entgehen lässt, bis musste hier oäer wenigstens im 11. Auge 1t'8—v8 geschehen. e) (legen äis Drohung 1o3 —b3 gibt es keine andere Deckung; 8ä6—e8 scheitert an 17. Dä3Xg6 nebst Xe3—«7 oäer ke3—b3. ä) Hübsch gespielt, auf 17. 8ä6>2-b4ch. kiebtigo Düsungen gingen ein von: R. 8. in D.; Lilger, Oottmaäingen (Laden); ,1. kiukl, Orossschönenkelä; 8. L. in W.; L. Weber in Nunningen; 0. Dinss, Orosssekünaob (Laden); L. Wachter Lürgermeister, Ilarbatsbofen; sodann von Ll. 8. 8äuslsr, 0. Lunstmann unä 0. Naxinger in Lugsburg, sowie L. Lezmr in Ilaufbeuren (auch kartie 8r. 1). Lnlässlieb der uns namentlich auch von auswärtigen Lehaehfreunäen wiederholt rugegrngenen Lrieko, worin äis kreuäe über unser in's Leben gerufenes „8ehaebb!att" in liebenswürdig anerkennenden Worten sieb kundgibt, glauben wir eine angenehme küiebt ru erfüllen, indem wir biemit kür äis freundlichen Wünsche bestens danken! Olsiebreitig ersuchen wir unsers 8obacbfreunäe, durch üdssigs Linsenäung äer Lösungen unserer Lukgaben, sowie durch Llebermittlung von LIlem, was auf äas 8ebad> Lerug bat, ibr Interesse auch ferner bekunden ru wollen unä erblicken wir hierin die schönste Lnerkennung kür unsere Le- mübungen. — Nit sehaehfronnälichem Orussv! Llles auk äas 8cback Lsrügliebo ist ausnahmslos Lu aärcssiren: ,,Ln äie Leäaction des Lngsbnrgor 8ebne!i- blatt — Ori-Iü Lugusta — Lugsburg." « 95. 189k. „Augsburger Postzritung". Dinstag, den 17. November Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Gradherr in Augsburg lVorbefitzer vr. Max Huttler). Zm fremden Lande! Erzählung von C. Borges. (Fortsetzung.) „Meine Verwandten werden sich freuen, wenn ich ihnen nicht wehr zur Last falle. Wohnt Herr Lambrecht denn ganz allein?" fragte Rosalie weiter. „Er hat einen Sohn, der jetzt vierundzwanzig oder sechsundzwanzig Jahre zählt. Aber bedenken Sie es wohl, mein Fräulein, Sie haben kein geselliges oder luxuriöses Leben zu erwarten; Herr Lambrecht ist ein einfacher, aber biederer Geschäftsmann, dem es vielleicht gar nicht in den Sinn kommt, Sie mit den vielen angenehmen Kleinigkeiten des Lebens zu umgeben, die Ihnen möglicherweise unentbehrlich geworden sind. Eine einfache, bequeme Häuslichkeit, ein treues, liebevolles Herz — mehr dürfen Sie keineswegs erwarten." „Dafür würde ich von Herzen dankbar sein", versetzte Rosalie, und ihre Stimme klang fast wie ein Jubelruf, „es war für mich kein freudevolles Dasein, in einer kleinen Mansarde Tag ein Tag aus zu sitzen und die Garderobe meiner Cousinen anzufertigen." „Nun, diese elende Beschäftigung hat ein Ende", lächelte der Notar. „Wie bald könnten Sie also zur Abreise nach Afrika bereit sein?" „Nach Afrika?" „Ach, ja! Ich vergaß, Ihnen zu sagen, wo Herr Lambrecht wohnt. Er wohnt in Marydale in Afrika, also weit genug von Ihrer Tante entfernt, um eine Begegnung nicht leicht möglich zu machen." „Aber die weite Reise!" seufzte Rosalie, „sie würde gewiß viel Geld kosten." „Gewiß, aber das macht keinen Unterschied", tröstete der väterliche Freund. „Sie bedürfen auch für das heiße Klima dort drüben eine ganz andere Ausstattung wie hier zu Lande. Herr Lambrecht stellt Ihnen zu diesem Zwecke ganz unbeschränkte Mittel zur Verfügung. Leider bin ich ein Junggeselle und kann Ihnen daher keinen Rath ertheilen, aber meine Schwester lebt bei mir, sie hat Erfahrung in solchen Sachen und wird Ihnen gern helfend zur Seite stehen. Das Beste wäre, Sie blieben vorläufig ganz bei uns — Ihre Tante dringt ohnehin morgen auf eine Entscheidung — seien Sie unser Gast, bis wir eine passende Reisebegleitung für Sie gefunden haben. Nun, was sagen Sie zu diesem Plane?" „Ich bin überglücklich, aber — —" „Kein Aber; die Sache ist abgemacht. Sie kommen zu uns, so bald Sie wollen, dann überlegen wir es mit der Reise in aller Ruhe." Rosalie stand ganz verwirrt, aber sie brachte kein Wort hervor. Vielleicht ahnte Herr Hollmann den Grund ihrer Verlegenheit, denn er sagte in seiner jovialen Weise: „Sie werden noch Mancherlei bedürfen, wollen auch gewiß gern der Dienerschaft im Hause zum Andenken Geschenke machen. Hier, es ist Ihr Geld. Herr Lambrecht wünscht es so. — Sagen Sie kein Wort, Sie haben noch eine große Summe bei mir stehen." Er hatte ihr bei den letzten Worten mehrere Goldstücke in die Hand gedrückt, und als sie jetzt nach längerer Zeit ins Freie trat, glaubte sie wirklich, ein schöner Traum hätte ihr neckend liebliche Zukunftsbilder vorgegaukelt, nur das glitzernde Gold in der Hand rief sie in die Wirklichkeit des Lebens zurück. Es war schon sehr spät, die gewöhnliche Stunde des Mittagessens bei der Tante längst vorüber, deshalb beeilte sich Rosalie auch gar nicht, ging in ein Restaurant und ließ sich Essen vorsetzen. Hier sann sie über die Ereignisse der letzten Stunden nach; ein glückliches Lächeln erhellte ihre Züge, als sie der Prophezeihung der Zigeunerin gedachte, die gesagt hatte: „Ehe der Vollmond am Himmel steht, werden Sie Ihr jetziges Heim verlassen." Es war drei Uhr des Nachmittags geworden, als Rosalie endlich ihre kleine Mansarde wieder betrat und Emilie sich gleich bei ihr einstellte. „Die Damen sind alle ausgegangen", berichtete sie freudestrahlend; „soll ich Ihnen Ihr Essen Heraufbringen?" Rosalie schüttelte das Haupt. „Morgen verlasse ich dieses Haus", jubelte sie, „o, Emilie, Sie glauben gar nicht, wie leicht und glücklich ich mich fühle." „Hoffentlich werden Sie es besser haben, wie Sie es hier hatten", versetzte die gute Dienerin. „Es ist gut, daß Sie fortgehen; ich wundere mich nur, daß Sie es überhaupt hier so lange aushalten konnten." Am nächsten Morgen stand der kleine Koffer fertig gepackt. Mit leichtem Herzen ging Rosalie in das Frühstückszimmer, und ihre Tante und Cousinen wunderten sich, daß gerade heute das arme, geplagte Mädchen so zufrieden und glücklich aussah. 730 III. Die brennenden Sonnenstrahlen fielen senkrecht auf die üppigen Gartenanlagen, in denen exotische Pflanzen und stark duftende Blumen große Beete ausfüllten. Alles athmete hier Vornehmheit und wohlthuende Ruhe. Ein hohes, geräumiges Landhaus erhob sich wie ein stolzes Feenschloß; eine breite Terrasse vor demselben mit bequemen Schaukelstühlen oder Hängematten lud zur behaglichen Ruhe ein. Eine breite Flügelthür führte in die inneren Räume des Hauses. Reichthum und Eleganz waren hier vereint, um jedem einzelnen Gemach Bewunderung abzugewinnen, und erinnerten an das Märchen von „Tausend und eine Nacht". In dem Schatten eines mächtigen Baumes lag ein junger Mann von ungefähr sechsundzwanzig Jahren in dem weichen Grase hingestreckt. Mißmuthig schaute er den Ringeln seiner Ctgarette nach, dann schleuderte er sie unwillig von sich, sich aus seiner nachlässigen Haltung emporrichtend. „Halloh, alter Freund! Was fehlt Dir? Du stehst ja aus, wie beständiges Negenwetter", ertönte plötzlich eine heitere Stimme dicht an seiner Seite, und ein junger Mann, einige Jahre älter wie der Freund. Thomas Lambrecht, stand vor ihm auf dem weichen Rasen. „Dein Diener wollte mich zuerst nicht einlassen, Du seist beschäftigt, sagte er mir, aber ich drang doch vor und muß Dich jetzt vor Langeweile schützen." Thomas lächelte gezwungen. Sie waren die besten Freunde der Welt, obgleich der eine ein junger Arzt war und nur mühsam den Kampf mit dem Leben aufnehmen konnte, der andere hingegen der Sohn und Erbe des reichsten Mannes in Marydale. Aber Richard Manners verstand es, sich in der Stadt populär zu machen, hatte sich in der kurzen Zeit seiner Praxis schon einen Namen erworben, und darum sah er auch getrost und freudig der Zukunft entgegen. „Setze Dich zu mir und verplaudere mir die schlechte Laune", bat der reiche Freund, „denn ich fühle mich in einer Stimmung, die kaum zu beschreiben ist." „Warum denn?" fragte der Freund, sich behaglich in einer Hängematte ausstreckend. „Gehen die Geschäfte nicht mehr flott? Sind einige Deiner Schiffe gescheitert?" „Bah! An die Geschäfte denke ich gar nicht. Selbst wenn ich bedeutende Verluste erlitten, würde mir der Gedanke keinen unruhigen Augenblick machen. Das Geld hat für mich nicht den allergeringsten Werth, aber- mein Vater macht mir Sorge." Der junge Arzt fuhr bestürzt aus seiner nachlässigen Stellung auf. Er hatte noch vor zwei Tagen den alten Herrn Lambrecht gesehen, und zwar in blühender Gesundheit und vollkommener Manneskraft. „O, er ist ganz gesund", erwiderte Thomas auf die unausgesprochene Frage seines Freundes, „aber er besteht auf der lächerlichsten Idee der Welt, und nichts kann ihn davon abbringen." „Darf man fragen, was das für eine Idee ist?" „Die ganze Stadt wird es ohnehin in wenigen Tagen wissen — er will eine Tochter adoptiren." Der junge Arzt war höchst erschrocken; die Cigarre entfiel seinen Fingern, dann sah er ungläubig seinen Freund an. „Warum will er das thun?" fragte er sichtlich bestürzt. „Das wag der Himmel wissen — ich weiß es nicht. Ein Mensch, der zweimal in seinem Leben verheirathet war und stets mit der zweifelhaften Gabe einer Tochter verschont geblieben ist, sollte doch nach meiner Meinung allen Grund zur Dankbarkeit haben." „Ist sie noch sehr jung?" „O nein, sie ist längst erwachsen; wenigstens zwanzig Jahre, vielleicht auch doppelt so alt. ES kam meinem Vater ganz plötzlich.der lächerliche Gedanke, daß seinem Hause eine Dame fehle; er schrieb deshalb an einen ihm befreundeten Rechtsanwalt in Deutschland — und das Resultat ist die baldige Ankunft einer Dame. Bis vor einigen Tagen hatte ich von den Plänen meines Vaters gar keine Ahnung, und ich muß offen gestehen, wir hatten einen heftigen Wortwechsel — sogar den ersten Streit in unserem Leben — als ich davon hörte." „Will er sie denn als Tochter adoptiren?" „Was weiß ich davon", stöhnte Thomas, und sein Antlitz legte sich wieder in drohende Falten, „ich sage Dir ja, ich war in überreizter Stimmung und der schlechtesten Laune der Welt, daher sagte ich meinem Vater, er würde sie schließlich noch wohl heirathen wollen. Was sollte sie denn auch anders hier in unserem stillen, friedlichen Hause ? Mein Vater war ganz empört und sagte, er habe Fräulein von Bornfelds Mutter sehr gut gekannt, und die junge Dame solle die Stellung einer Tochter in seinem Hause ausfüllen." Der junge Arzt schwieg. Er kannte die Familie Lambrecht sehr genau, war er doch als früh verwaister Knabe in diesem reichen Hause erzogen und hatte Kindesrechte dort genossen. Damals lebte noch die erste Gattin seines Wohlthäters, die er aus Deutschland mit herübergebracht hatte, und Thomas war noch ein kleiner Knabe. Doch der unerbittliche Tod riß allzu früh die treue Lebensgefährtin von der Seite ihres Gatten und vernichtete mit grausamer Hand das häusliche Glück. Als Thomas dann größer wurde, schickte ihn der Vater zu seiner weiteren Ausbildung zuerst nach Deutschland, später ein ganzes Jahr auf Reisen. In dieser Zeit gab der reiche Kaufherr seinem Hause eine neue Herrin; sie war eine geistreiche, anmuthsvolle Dame und war drei Jahre hindurch die Freude und der Sonnenglanz des Hauses. Thomas hatte seine Stiefmutter nie kennen gelernt, denn als er nach längeren Jahren in die Heimath zurückkehrte, stand der Vater trauernd und tiefgebeugt an einem frischen Grabeshügel, der sein Liebstes barg. Vater und Sohn schloffen sich jetzt inniger aneinander denn je, und dieses Band der Liebe und Freundschaft befestigte sich von Jahr zu Jahr. Es kam dem jungen Arzt selbst ganz unerklärlich vor, daß dieses häusliche Glück durch die Anwesenheit einer fremden Dame getrübt werden sollte. „Es ist vollkommener Ernst", nahm Thomas wieder das Wort, denn er schien die Gedanken seines Freundes zu lesen, „ich fürchtete anfänglich, der liebe alte Vater sei geistesschwach geworden. Ja, ich will Dir noch mehr sagen, er ist bereits nach der Kapstadt gereist, um seinen Schützling bei der Ankunft des Schiffes selbst in Empfang zu nehmen." „Nun, alter Freund", tröstete der Arzt heiter, „wenn Du mit der neuen Hausgenossin nicht gut leben kannst, so bist Du ja immerhin reich genug, um unabhängig und allein zu leben. Du bist ja der Theilhaber im Geschäft Deines Vaters, da kannst Du doch wohnen, wo Du willst." „Warum sprichst Du Deine Gedanken nicht offen und ehrlich aus und sagst, ich solle heirathen?" 731 Der Arzt lächelte. „Nun, warum thust Du eS nicht?" fragte er dann. Ein cynisches Lächeln spielte momentan um die Mundwinkel des reichen Jünglings, dann entgegnete er nicht ohne Spott und Bitterkeit in seiner Stimme: „Weil ich den Glauben und das Vertrauen an das ganze schöne Geschlecht verloren habe. So lange die Damen jung und schön sind, denken sie nur an Putz und Vergnügungen; werden sie alt, so können sie sich nicht über ihre Haus- und Küchenangelegenhetten emporschwingen." „Das ist ein hartes Urtheil; Du wirst aber Deine Meinung noch ändern." „Niemals." Der Freund schaute den Jüngling ernst und durchdringend an. „Hast Du bittere Erfahrungen gemacht?" fragte er dann langsam. „Hast Du etwa eine Treulose gefunden, die Dein gutes Herz gegen ihr ganzes Geschlecht vergiftet hat? Ist es so, Thomas?" „Hm, vielleicht hastDu recht." Der Arzt spielte nervös mit seiner Cigarre. „Dann muß es vor drei Jahren in Natal gewesen sein — denn seit dieser Zeit merkte ich eine wesentliche Veränderung bei Dir." „Ja, es war vor drei Jahren in Natal. Ich war längere Zeit inGeschäftsangelegenheiten dort. Sie war ein bildschönes Mädchen mit feurigen Augen und schwellenden, kirschrothenLippen. Sie schwur mir Liebe und Treue, und was sonst junge Mädchen dergleichen Sachen weiter sagen. Ich war gerade im Begriff, meinem Vater die Sache mitzutheilen, ihn um seinen Segen zu unserer Vereinigung zu bitten, als-ich meine Geliebte in den Armen eines Anderen überraschte. Unterlass' es mir, Dir die Einzelheiten zu berichten. Er war Commis im Geschäft ihres Vaters, sie bereits Jahre lang mit ihm verlobt gewesen und hatte versprochen, zu warten bis er selbstständtg sei. Natürlich zog sie jetzt den reichsten Mann in Marydale ihrem armen Geliebten vor. Dieses letzte täls-a-täts sollte der Abschied sein; ich überraschte daS Paar und verzichtete natürlich auf die Hand der Treulosen. Merkwürdiger Weise wußte der Commis meine Großmuth gar nicht zu würdigen; er wollte weder vergessen noch verzeihen, und bis heute ist die Falsche noch immer unverhetrathet." „Sie muß eine herzlose Kokette gewesen sein." „Das sind die meisten jungen Mädchen." „Hast Du sie denn noch immer nicht vergessen?" „Ich denke nur noch an ihre Falschheit. Bitte, sprich nicht mehr davon, es ist ja lang vorbei." „Weiß Dein Vater etwas davon?" „Er hat nicht die geringste Ahnung." „So oft er bei uns ist, spricht er davon, daß Du gar nicht daran denkst, Dir eine eigene Häuslichkeit zu gründen. Ich glaube, es geht ihm sehr zu Herzen." „Davon bin ich fest überzeugt." Dr. Manners wohnte in unmittelbarer Nähe von Marydale auf einem kleinen Gute, dem Waldhof, das ihm Herr Lambrecht als Hetrathsgabe geschenkt hatte. Seine junge Gattin war eine zarte, schwächliche Dame, die nur selten ohne körperliche Schmerzen und sehr häufig auf das Krankenlager gebannt war. Drei kleine Kinder trugen nicht wenig dazu bei, die Lasten des kleinen Hausstandes zu vermehren, aber trotz aller Sorge zählen sich die jungen Eheleute zu den glücklichsten Menschen ! der Welt. „O Richard", rief Hilda Manners, als sie ihres Gatten ansichtig wurde, „komme und setze Dich zu mir her, ich habe Dir wunderbare Neuigkeiten zu erzählten! Denke nur, der gute, alte Lambrecht will wieder hei- rathen; seine zukünftige Gattin kommt aus Deutschland herüber, und er ist schon nach der Kapstadt gereist, um sie abzuholen. Thomas soll ganz empört darüber sein; er hat sich in seine Gemächer eingeschlossen und spricht mit keinem Menschen." Der Doktor erzählte den wahren Sachverhalt, und als er geendet hatte, meinte Hilda ernst und nachdenklich: „Ich kann mir denken, wie sehr verstimmt und erregt der gute Thomas ist, ich würde auch ganz empört sein." „Denke aber auch an den alten Herrn, meine liebe Frau, er ist reich, und es macht ihm eine Freude, ein armes Mädchen glücklich zu machen. Ich habe noch nie einen Herrn kennen gelernt, der so sehr wie Herr Lambrecht die Gesellschaft einer Dame entbehrt, und ehe er Fräulein von Bornfeld kommen ließ, hat er seinen Sohn zu überreden versucht, doch bald zu heirathen." „Na, ich fürchte, die Fremde wird nicht seinen Wünschen entsprechen. Sieh' nicht so finster drein, Richard, wenn sie zu uns kommt, soll sie einem freundlichen Empfang entgegensehen." (Fortsetzung folgt.) - » -t- 4> » Das Iarmariussefi in Neapel. Von Clemens Mühlbauer. (Nachdruck verbaler,.) Wer möchte nach Italien reisen, ohne Neapel zu sehen? Die unvergleichliche Lage an dem von einem Kranze malerischer Berge und Inseln umschlossenen Golfe, die Pracht der Vegetation, welche auf dem vulkanischen fruchtbaren Boden der Umgebung in üppigster Weise gedeiht, der meist heitere Himmel, der sich über Land und Meer ausspannt und die wundervollsten Farbentöne darüber- Mac Kintey, erwählter Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika. WWW KUMW MMM 732 zaubert, die originelle Bauart der Stadt und die eigen» artigen Sitten ihrer Bewohner, all das macht Neapel zu einer der schönsten und merkwürdigsten Städte der Erde. Auch ich hatte mich gesehnt, diese Wunder zu schauen, doch sie waren nicht der einzige Grund, warum ich, meinen Aufenthalt in Rom unterbrechend, nach Neapel zog. Was mich vor allem dazu bewog, das war eine Thatsache, ebenso eigenartig und merkwürdig wie die Stadt selbst, trotz oder vielmehr wegen der konstanten Sicherheit, mit der sie sich stets wiederholt. Im Dom von Neapel, dem heiligen Januarius geweiht, der als Bischof von Benevent im Jahre 305 zu Puteoli den Martertod erlitt, bewahrt man außer dem Leibe des Heiligen zwei Fläschchen mit dem Blute desselben auf. Solche Blutsläschchen finden sich auch anderwärts, namentlich in Rom; denn die frommen Christen der ersten Jahrhunderte schätzten das Blut, das ihre Mitbrüder für ihren heiligen Glauben zu vergießen gewürdigt waren, als eine kostbare Reliquie und suchten sich desselben, wo es immer anging, zu bemächtigen, indem sie dasselbe mit Schwämmen sammelten und in Fläschchen ausdrückten. Auf solche Weise wurden auch die beiden Blutsläschchen des hl. Januarius gewonnen und kamen bei der Uebertragung der Reliquien mit nach Neapel. Alljährlich nun, am 19. September, dem Feste des Heiligen, und am ersten Sonntag im Mai, dem Feste der Reliquienübertragung, geräth das Blut in Wallung, sobald es dem Haupte des Heiligen nahe gebracht wird, und wird flüssig, wie frisches lebendiges Blut. Das neapolitanische Volk weiß diese Gnade, welche ihm ein Beweis für die gnädige Gesinnung seines Schutzpatrones ist, wohl zu schätzen, und mit der feurigen Begeisterung und der Prachtliebe des Südländers gestaltet es das wunderbare Ereigniß zu einem der großartigsten Feste. Am Vorabend des Festes wanderte ich durch die lange, sanft ansteigende Domstraße, die in gerader Linie vom Meer bis zur portu 8. Ctennaro sich erstreckend die ganze Stadt quer durchschneidet und neben der Toledostraße die Haupt- verkehrslinie der Stadt bildet. Ich fühlte mich unbehaglich inmitten des unbeschreiblichen Gewühles und des grellen Lärmes, um dessentwillen Neapel fast sprichwörtlich geworden. Es gehören starke Nerven dazu, um bei dem ewigen Wagengerassel, dem rasenden Peitschenknallen, den fürchterlichen Tönen der unzähligen Packesel, dem Hämmern der Schuster und Schlosser, dem zudringlichen Geschrei der Kutscher und Kleinwaarenverkäufer seinen Gletchmuth zu bewahren. Unter den wandernden Waaren- verkäufern bemerkte ich viele, welche verschiedene Festandenken feilboten: Statuetten des Heiligen, Bilder, auf denen er stets dargestellt war, wie er mit der segnenden Rechten den gefahrdrohenden Ausbruch des Vesuv unterdrückte, Beschreibungen des Festes und des wunderbaren Vorganges und dergleichen. Allenthalben die ganze Straße entlang waren eifrige Hände damit beschäftigt, Blumenguirlanden von einem Dache zum andern (über die Straße) zu spannen, so daß sie gewissermaßen einen großen farbenprächtigen Baldachin über der Straße bildeten: für das Auge des Fremden ein seltsamer Schmuck. Um der in der Restauration begriffenen Fassade des Domes während des Festes ein würdiges Aussehen zu verleihen, hatte man das Gerüst durch eine aus bemalten Brettern und Teppichen hergestellte Scheinfassade verdeckt. Sie war nicht besonders künstlerisch; die schreienden Farben der Malerei machten einen unschönen Eindruck; allein grelle Farben liebt der Neapolitaner über alles, und diese kostspielige Arbeit wegen eines einzigen TageS war mir ein neuer Beweis für den Eifer eines Volkes, das kein Opfer scheut, um das Fest seines geliebten Patrones möglichst glanzvoll zu gestalten. Als mich am Abend mein Weg wiederum an der Kathedrale vorbeiführte, bot sich meinen Augen ein neues, über die Maßen prächtiges Schauspiel dar. Die ganze Straße, so weit das Auge reichte, strahlte in einem wahren Meere von Licht, welches Hunderte von verschiedenfarbigen Lampen verbreiteten; die aufgeregte, lärmende und heftig gestikulirende Menschenmenge, welche auf der Straße hin- und herwogte, gewährte bei dieser Beleuchtung einen fast phantastischen Anblick. Auch in anderen Straßen, namentlich dem Meere entlang, wiederholte sich das gleiche Schauspiel; denn der Italiener kann sich kein Fest denken ohne Illumination, sie bildet stets einen Glanzpunkt bei jeder Feierlichkeit. Am frühen Morgen des Festtages eilte ich mit mehreren Reisegefährten wiederum zum Dome, dessen weite Hallen bereits mit einer Menge Andächtiger gefüllt waren. Freilich war die Andacht dieser Leute nicht eine Andacht in unserem Sinne; denn sie benahmen sich mit einer Ungenirtheit und Lebhaftigkeit, als ob sie nicht wüßten, daß sie sich im Hause Gottes befanden. Allein man thäte den Neapolitanern Unrecht, wenn man behaupten wollte, sie besäßen kein religiöses Gefühl. Die Lebhaftigkeit ist eben der Hauptzug im Charakter des Neapolitaners; sie begleitet ihn bei allem was er spricht und thut; kein Wunder, daß sie ihn manchmal zu einem Benehmen hinreißt, das dem kühlen Nordländer weniger passend erscheint. Wie tief der religiöse Sinn im Herzen des neapolitanischen Volkes eingewurzelt ist, davon sah ich selbst mehrere Beispiele. Die Beichtstühle im Dome waren von Beichtenden förmlich umlagert, und manche derselben, namentlich Männer aus den niederen Ständen, knieten ohne viel Umstände vor dem Beichtstuhl auf das Pflaster und beichteten statt durch das Gitter durch die Thüre. An einem Madonnenbild am Eingang des Domes ging selten ein Neapolitaner vorbei, ohne demselben einen Kuß zuzuwerfen; die Frauen thaten dies in der lebhaftesten Weise zu wiederholten Malen. Vor einem anderen Madonnenbild sah ich zahlreiche Votivgeschenke aufgehängt, darunter einige von ganz besonderer Art; es waren Dolche und verschiedene Mordwaffen, die sicherlich zur Sühne eines in der Hitze der Leidenschaft verübten Verbrechens der Madonna waren geopfert worden. Die Volksmenge wuchs von Minute zu Minute und drängte sich dem Eingänge einer dem rechten Seitenschiffe angebauten, mit einem Gitter verschlossenen Kapelle zu; es war die eigentliche Schatzkapelle, der tesoro des hl. Januarius, welcher das wunderbare Blut des Heiligen birgt und in der auch regelmäßig das Wunder vor sich geht. Um womöglich unter den Ersten die Kapelle betreten zu können, drängten wir uns ebenfalls an das Gitter heran, waren aber nicht wenig erstaunt, die Neapolitaner, welche aufs heftigste miteinander um die besten Plätze stritten, gegen die korastL (so heißt im Volksdialekte der korsstisrs oder Fremde) ungemein zu vorkommend zu finden. Noch größer war unsere Ueber- raschung, als plötzlich ein Canoniker der Kathedrale auf uns zukam und uns aufs freundlichste einlud, mit ihm in die Kapelle zu kommen. Von ihm erfuhren wir auch den Grund dieser Zuvorkommenheit. Es ist seit Jahren üblich, daß die zum Feste erscheinenden Fremden bevor- § UM!!:!'! 734 zugt werden und stets die ersten Plätze erhalten; es ist ja auch von größter Wichtigkeit, daß gerade die Fremden alle Einzelheiten des wunderbaren Vorganges mit eigenen Augen sehen und prüfen können, um die Wahrheit desselben in aller Welt bestätigen zu können. Noch war niemand vom Volke in die Kapelle zugelassen, und so war es möglich, unter Führung des liebenswürdigen Priesters dieselbe aufs genaueste zu besichtigen. Im 17. Jahrhundert „von der dankbaren Stadt dem Bürger, Schutzpatron und Befreier geweiht, der sie von Hunger, Krieg, Pest und Feuer des Vesuv durch sein wunderthätiges Blut gerettet", zeigt sie den damals herrschenden Stil und ist mit geradezu verschwenderischer Pracht im Sinne jener Prunkliebenden Zeit ausgestattet. Was an kostbaren Marmorarten und edlen Metallen zum Bau und Schmuck der Kapelle verwendet worden, besitzt einen fast unendlichen Werth; Fresken von der Hand der besten Meister, wie Domenichino und Ribera, bedecken Wölbungen und Wände und geben dem Beschauer Kunde von dem glorreichen Martyrium und der hohen Wunderkraft des Heiligen. Hinter dem Hochaltar birgt ein wohl verschlossener Silberschrein die Monstranz mit den beiden Blutfläschchen, sowie das Haupt des Heiligen in einer lebensgroßen silbernen Büste. All das hatte uns unser Führer mit größtem Eifer gezeigt und erklärt; man sah es ihm an, mit welcher Liebe und Ehrfurcht er für das Heiligthum beseelt war, und wie sehr ihm daran lag, auch unser Interesse dafür zu erwecken. Zuletzt führte er uns noch in die zur Kapelle gehörige Sakristei, deren Schränke die kostbarsten Weihegeschenke füllen; die für die Büste des hl. Januartus bestimmte Mitra allein ist mit 3700 Edelsteinen besetzt, darunter viele von bedeutendem Werthe. (Schluß folgt.) -SÄMkS- Die Drei-Kaiser-Elke. Mit Bild.) Im äußersten Südosten unseres Vaterlandes, da, wo die drei Kaiserreiche Deutschland, Oesterreich und Rußland zusammenstoßen, liegt als letzte preußische Station der Breslau und Krakau verbindenden Eisenbahn Mys- lowitz, eine gewerbthätige, lebhafte Stadt mit etwa 11,000 Einwohnern. Von' den Hügeln, auf denen dieser Ort sich erhebt — den letzten Ausläufern des kohlenretchen Tarnowitzer Höhenrückens - genießt man einen wetten Ausblick nach Russisch-Polen hinein, das hier durch die etwa 25 Meter breite Schwarze Przemsa, die sich nach einem Laufe von zehn Meilen in die Weichsel ergießt, von Deutschland getrennt ist. Myslowitz unmittelbar gegenüber erblickt man die russische „Stadt" Modrzejow, einen Haufen von elenden Holzhäusern mit etwa 600 Einwohnern. Wem daran gelegen ist, das Treiben in diesem Orte zu beobachten, kann auch ohne den sogenannten Halbpaß (eine auf acht Tage ausgestellte Legitimation für den Grenzverkehr) bis dicht an das russische Zollamt vordringen; die Holzbrücke, die Myslowitz und Modrzejow verbindet, ist fortwährend von Fuhrwerken belebt. Auf dem Marktplatze, den man von ihr aus zum größten Theile übersehen kann, herrscht stets ein lebhaftes Handelstreiben, besonders mit Borstenvieh; im Zollamt gehen unaufhörlich Leute aus und ein, und Grenzkosaken, die vor einem Schilderhause sitzend oder stehend daS Ende der Brücke bewachen, lassen sich ohne Scheu vor den Augen der Fremden von den Vorübergehenden kleine Geschenke zustecken. Von dem am südlichen Ende der Stadt Myslowitz gelegenen Bahnhof gelangt man an einigen villenartigen Häusern vorbei, die von reizenden, bis an die Przemsa sich herabziehenden Gärten umgeben sind, auf einen Weg, der nach dem nahe der Drei-Kaiser-Ecke gelegenen preußischen Dorfe Slupna führt, dessen Name (von slux^, Pfähle) schon die Lage an der Grenze andeutet. Der Weg zieht sich zunächst zwischen den schönen, saftigen Przemsawiesen zur Linken, sowie einem hohen Bahndamm zur Rechten entlang; letzterer ist in seiner ganzen Ausdehnung mit Gebüsch bepflanzt, um ihm dadurch mehr Festigkeit zu verleihen, da er auf sogenanntem schwimmendem Gebirge, einer unterirdischen wasserführenden Schicht, errichtet ist. Nach einem Spaziergang von einer knappen halben Stunde, der uns durch ein anmuthtges Birkenwäldchen führt und besonders in seinem letzten Theile hübsche Ausblicke auf die Przemsa gewährt, die zwischen Weidengebüsch in sehr starken Krümmungen da« hinströmt, gelangt man nach Slupna. Hier lag einst das im vorigen Jahre abgebrannte „Schloß" des fürstlich Sulkowskischen Geschlechts, ein einstöckiger Holzbau, der sich in seinem Aeußern kaum von den Häusern der Dorfbevölkerung unterschied. Um so merkwürdigere Dinge weiß uns der Geschichtskundige von den beiden letzten Abkömmlingen dieses Geschlechts zu berichten, von denen der erste, Johann Sulkowskt, in der Zeit Napoleons I. an der Spitze eines Corps von zweihundert polnischen Aufrührern der preußischen Regierung in Oberschlesien eine Zeit lang viel zu schaffen machte, bis er endlich von der österreichischen Regierung, gegen die er ebenfalls eine Empörung anzettelte, ins Gefängniß geworfen wurde, in dem er starb. Noch ärger trieb es sein Sohn Max, der in seinem Hause jahrelang die schlimmsten Orgien feierte und schließlich eine seiner Kreaturen zur Ermordung seiner edlen Mutter anstiftete, noch heute aber von der irdischen Gerechtigkeit nicht ereilt ist. Sobald man das letzte Haus des Dorfes hinter sich gelassen, hat man das ganze eigenartige Panorama der Drei-Kaiser-Ecke vor sich. Zwischen dem preußischen Ufer, das ziemlich hoch ansteigt, und dem der Nachbarstaaten, das von weithin sich erstreckenden Wiesen gebildet wird, eilt in heftiger Strömung die Schwarze Przemsa dahin, die zunächst die Grenze zwischen Deutschland und Rußland, sodann zwischen Deutschland und Oesterreich bildet; von Osten ergießt sich in sie die Weiße Przemsa, die Oesterreich und Rußland voneinander scheidet. Beide Flüsse tragen ihren Namen nicht mit Unrecht. Das Wiffer der Schwarzen Przemsa sieht in Folge der vielen Grubenwässer, die es während seines Laufes aufnimmt, schmutzig trübe, das der Weißen, das einen sandigen Untergrund hat, hell und klar aus, und noch eine weite Strecke unterhalb der Vereinigung sieht man deutlich die Gewässer beider Flußläufe durch eine scharf erkennbare Linie getrennt. Während früher nichts die idyllische Ruhe der Drei- Kaiser-Ecke störte, bietet diese seit dem vorigen Jahre ein belebteres Bild, da die russische Regierung auf ihrem Antheil, der mit einem spitzen Winkel in den Fluß vorspringt, eine Station zur Verladung der Kohlen angelegt hat, die von den nahen Gruben auf einer Kleinbahn hicrhergeschafft werden. Außer einigen hölzernen 735 Gebäuden, in deren düsteres Schwarz nur die gelbliche Farbe der Thüren und Fensterkreuze ein wenig Abwechslung bringt und über denen die weiß-blau-rothe russische Flagge weht, sieht man hier am Ufer der Schwarzen Przemsa ein hölzernes Bollwerk, bis zu dem die Bahn- geleise unmittelbar herabführen; vermittelst fünf Rollen können von hier aus ebenso viele Brücken bis dicht über den Wasserspiegel herabgelassen werden, an die dann die Kähne unmittelbar anlegen, die den Kohlenverkehr nach den Weichselstädten vermitteln. Diesesogenannten Galeeren, sehr primitive flache Fahrzeuge, sind etwa 18 Meter lang, 4 bis 5 Meter breit und mit einfachem Steuerruder versehen; mitten darauf befindet sich eine kleine Bude, die für Geräthe bestimmt ist. Sie werden stromaufwärts von Pferden gezogen, die ohne Sattel von den sogenannten Trybarze (Treibern) gelenkt werden, und brauchen für die Strecke von der Dret-Kaiser-Ecke bis zu ihrem führenden Bahn dahinbraust, wird in näherer oder weiterer Entfernung sichtbar, zunächst Modrzejow, dahinter die in neuerer Zeit außerordentlich aufblühende russische Grenzstation Sosnowice. Mit Vorliebe macht man von der Drei-Katser-Ecke aus einen Abstecher auf das nahe österreichische Gebiet, mit dem Preußen durch die über die Przemsa führende Eisenbahnbrücke verbunden ist, und das man ohne Paß betreten darf. Ein Häuschen auf der Brücke ist für den „Finanzwächter", einen aus Krakau oder Lemberg ab- kommandirten Soldaten, bestimmt, der zur Verhinderung des Schmuggels hierher gesetzt ist, uns aber mit echt österreichischer Gemüthlichkeit das Ueberschreiten der Brücke und das Betreten des Bahndammes gestattet. Gern werfen wir von der Brücke, die auf drei mächtigen, 20 Meter hohen Pfeilern ruht, einen Blick auf den tief unter uns rauschenden Fluß und seine Umgebung; aber Vellrnberg. Original-Aufnahme von Gustav Baader^,Photograph in Krumbach. fVerviclfältigungSrccht vorbehalten.; Endziele Krakau sechs bis acht Tage. Stromaufwärts, bis Myslowitz, bringen sie die Erzeugnisse Galiziens, besonders Thon und Bretter, auch Kartoffeln. Uebrigens hofft man, daß in nicht zu langer Zeit eine Dampferverbindung der Dret-Kaiser-Ecke mit Krakau und Warschau hergestellt werden wird. Nicht weit von der Verladestation liegt das russische Dorf Niwka mit einem großen Kohlenbergwerk; das Dorf bietet aus der Ferne durch die hohe hölzerne Kirche und die mächtigen alten Bäume, die die Blockhäuser der Einwohner überragen, einen freundlichen Anblick; am Ende des Dorfes erkennt man die Ruine eines massiven Gebäudes, des ehemaligen katholischen Pfarrhauses, dessen letzter Bewohner den polnischen Aufstand des Jahres 1863 begünstigte und dafür auf Lebenszeit nach Sibirien verbannt wurde, während man sein Haus zum abschreckenden Beispiel zerstörte. Eine Anzahl russischer Ortschaften, zwischen denen gelegentlich ein Zug der nach Warschau weit lockender noch ist bei klarem Wetter der Blick von hier nach Süden auf die Beskiden, den nördlichen Zug der Karpathen, die in bläulichem Schimmer sich in langem Zuge am Horizonte dahin erstrecken. Machtvoll liegt vor uns die 1725 Meter hohe Babia Gura, auf deren Nordabhang wir mit bloßem Auge eine Menge von scharfen Riffen und Spalten erkennen können, in deren Umgebung außer im Hochsommer stets wette Schneefelder sichtbar sind. Ostwärts ziehen sich endlose Kieferwaldungen auf österreichischem Gebiete entlang, über die mehrere Höhen hinausragen, von deren einer das galizische Städtchen Jaworzno mit seinem hohen Kirchthurm niederblickt. Eine Kapelle, die wir von der Brücke aus auf dem nahen preußischen Höhenzuge wahrnehmen, weiß uns von dem einzigen Gefecht, das an dieser Grenzscheide 1866 auf deutschem Boden (am 27. Juni) stattfand, zu erzählen. Schreitet man den Bahndamm hinab, so gelangt man auf einem Wiesenpfade zu dem galizischen Dorfe Jenzor, 736 dessen alleiniger Anziehungspunkt in seinem Gasthause besteht, das uns um, billiges Geld einen guten Ungarwein bietet. R. Palleskc. -—- Bellenberg. (Mit Bild.) Vier Stunden oberhalb Ulm liegt links von der Bahnlinie nach Memmingen am Bergabhang in reizender Lage das Dorf Bellenberg. Vom Scheitel des Berges, der sich über dem Dorf erhebt, leuchtet eine freundliche Kapelle in's schöne Jllerthal. Schon der halblateinische Name des Dorfes verkündet die Schönheit des Berges, denn Bellenberg heißt zu deutsch „Schöneberg" (Bel- mont, Alants döllo — schöner Berg) — ein Name, den wohl in alter Zeit ein poetischer Rittersmann oder schon die Römer dem Orte gegeben, welche vor 1700 Jahren auf und an dem schönen Berge saßen. Da, wo heute die Kapelle steht, stand ein römischer Wachtthurm, zum Schutze der Römerstraße, welche von Jllertifsen her über Bellenberg nach Finningen und von da über Straß und Bühl nach Günzburg (Lluntia.) lief. Wohl 200 Jahre lang trieben die römischen Soldaten im Wacht- thurme ihr Wesen; unter ihrem Schutze hatten sich wohl auch römische Ansiedler am Berge seßhaft gemacht. Da kamen die wilden Alemanen, brachen den Wachtthurm und vertilgten, wie überall, auch hier die römischen Co- lonisten. Nun kam eine lange Nacht in der Geschichte von Bellenberg und Umgebung. Erst im Mittelalter wird es wieder etwas helle. Nach Karls des Großen Zeit kam Bellenberg als Zugehörde zu dem alten Schwaben- lehen Laupheim mit mehreren Resten des alten Jller- gaues an die Grafen von Kirchberg. Nach deren Auk- sterben erscheinen eigene Ritter von Laupheim, welche auf den Ruinen, des römischen.WachtthurweS auf Bellenberg eine mittelalterliche Burg erbauten, die Jahrhunderte lang die Gegend zierte und erst im Jahre 1374 im Städtekrieg von den Ulmern zerstört wurde. Nach dem Aussterben der Ritter von Laupheim fiel das Schwabenlehen Laupheim, wozu Bellenberg gehörte, am Anfange des 14. Jahrhunderts an die Herzoge von Oesterreich. Diese verpfändeten um das Jahr 1407 die Beste Laupheim sammt Bellenberg an Ritter Hans den Langen von Ellerbach, der damals auf Neuburg an der Kammel saß. Fast 200 Jahre lang blieb das Geschlecht der Ellerbach im Besitz von Bellenberg. — Im Jahre 1570 hinterließ es Eitel Hans von Ellerbach bei seinem Tode seinen 3 Töchtern Anna, Apollonia und Ursula als Erbeigenthum, doch so, daß jede der Schwestern je */, von Bellenberg besaß. Anna stiftete im Jahre 1585 das Spital in Laupheim für Arme von Bellenberg und Laupheim, und vermachte dazu ihren dritten Theil und 20,000 Gulden an Bellenberg. Ein Drittheil von Bellenberg kam im Jahre 1582 wahrscheinlich — sei es durch Heirath oder Erbschaft — an die Herren von Weiden als Inhaber von Laupheim, das andere Drittel an die Herren v. Rechberg, von welchen einer in einem Anfall von recht übermüthiger Junkerlaune den ganzen Ort an einen Herrn von Pappenheim gegen ein Reitpferd verkauft haben soll. Thatsache ist, daß die Pappenheim das Dorf und den Schloßberg vom Anfang des 17. Jahrhunderts bis 1753 besaßen, wo sie die Ritterherrschaft Bellenberg an den Herrn v. Stein in Niederstotztngen verkauften, während die Herren v. Melden vom Jahre 1582—1778 auf die Pfarrei präsentirten. Im Jahre 1764 löste Graf Leo v. Rechberg Bellenberg, diese alte Besitzung seiner Familie, wieder zurück, verkaufte sie aber schon im Jahre 1784 wieder um 82,000 fl. an Philipp Adolph v. Hermann, einen Memmtnger Patrizier, der auf dem Berge wieder ein Schlößchen baute und den Landsitz mit Gärten verschönerte. Bei der Säkularisation verkaufte Bayern im Jahre 1804 das von Frhrn. v. Hermann erbaute Schloß sammt den in 2 Höfe abgetheilten Oekonomiegebäuden und einer Hammerschmiede an Frhrn. v. Weiser. Das Dorf zählt heute etwa 540 Einwohner. ->» -t - - Mac Kinley, Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika. (Mit Porträt.) Der Lebenslauf Mac Kinley's ist echt amerikanisch. Er ist am 26. Februar 1844 zu Niles in Pennsylvanien geboren. Mac Kinley ist daher 52 Jahre alt. Sein Vater war ein kleiner Eisengießer, besten neun Kinder darauf angewiesen waren, ihr Brod durch eigene Arbeit zu verdienen. Der jetzige Präsident William Mac Kinley mußte bereits im Alter von siebzehn Jahren für seine Bedürfnisse selbst sorgen und begann sein'' Laufbahn als Lehrer in einer Schule und später als kleiner Beamter in einem Postbureau. Der Vater wollte ihm jedoch eine höhere Carriere erschließen, und mit den größten Anstrengungen gelang es, William an einer Rechtsakademie zu Poland unterzubringen. Während des Krieges wurde er Adjutant des berühmten Generals Hahes. Vierzehn Monate stand er unter den Waffen. Mac Kinley zeichnete sich durch Tapferkeit und sein organisatorisches Talent derart aus, daß ihm der Präsident Lincoln das Majorspatent verlieh. Nach Beendigung des Krieges verließ Mac Kinley die Armee im Alter von 22 Jahren als rühmlicher Soldat im Range eines Majors, aber ohne irgend welche Mittel des Unterhaltes. Er beendigte rasch seine Studien und etablirte sich im Staate Ohio als Advocat. Die ganze Misere eines Anwaltes ohne Clienten hatte Mac Kinley durchzukosten. Er heirathete bald darauf die Tochter eines Advocaten. Seine Ehe war jedoch nicht glücklich, da seine Frau schon zwanzig Jahre lang schwer leidend ist und die Zeit damit verbringt, im Lehnsessel warme Strümpfe für arme Kinder zu stricken. Dieser Schlag traf Mac Kinley sehr hart, denn er hat einen warmen Familiensinn, und in ganz Amerika ist die Verehrung bekannt, mit welcher er seine greise Mutter behandelt, die jetzt noch die Freude erlebt, ihren Sohn als Präsidenten der Vereinigten Staaten zu sehen. Im Jahre 1877, im Alter von 33 Jahren, trat Mac Kinley als Abgeordneter von Canton in Ohio in den Congreß ein. Mac Ktn- ley führte die nüchternste und mäßigste Lebensweise und war im Congresse so angesehen, daß er zum Sprecher vorgeschlagen wurde. Er unterlag jedoch bei der Wahl, und nach alter Sitte wurde ihm die Obmannschaft des Budgetausschuffes zugewiesen, was gleichbedeutend ist mit der Führung des Repräsentantenhauses. Nun begann Mac Kinley seine Agitation für den Schutz, und es gelang ihm, den Hochschutzzöllnerischen Tarif des Jahres 1890 durchzusetzen. An den Namen Mac Kinley knüpfte sich damals die größte Gewalt in den »Vereinigten Staaten. -—«M-cs-- Kombinations-Riithsel. koke, Leiter, Dumm, Herren, Vier, 8i»unue, 8onne, Letter, Hirn, Lamm, IViinI, Lest. Aus jedem der vorstehenden Wörter ist durch Umwandlung eines Buchstabens ein neues Wort zu bilden. Die umgewandelten Buchstaben ergeben im Zusammenhang einen muthigen Wahlspruch. _ Auflösung des Arithmogriphr in Nr. 93: vhampagner. Lämmer, .ihnen, Aappe, Lage, rtrmee, Kran, Aachen, Lgge, Lache. -S-WÜNS- HL 96. Kreitag, den 20. November 189k. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Berlag des Literarilchen Instituts von HaaS L Grabberr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Am fremden Lande! Erzählung von C. Borges. (Fortsetzung.) DaS große, eiserne Passagierschiff „Trojan" hatte fein Ziel, die Kapstadt, bald erreicht. Am nächsten Morgen sollten sich die Reisenden trennen, die während der langen Ueberfahrt sich in enger Freundschaft anein- andergeschlossen hatten. Die älteren Damen waren in den Kajüten mit dem Einpacken ihrer Koffer beschäftigt, während die jungen Leutchen gruppenweise auf Deck standen, Versprechungen nahmen und gaben, durch rege Correspondenz die neuen Freundschaftsbezichungen auch fernerhin zu unterhalten, oder — was freilich seltener geschah — einen nahen Besuch in Aussicht stellten. Etwas getrennt von dieser heiteren Gesellschaft faß eine junge Dame in leichtem crsme-farbenem Spitzenkleide und einen leichten, seidenen Shaw! graciös um die Schulter geschlungen. Sie war nicht aus dem Grunde allein, weil sie keine Freundschaft am Bord des Schiffes gefunden hatte, nein, ein jeder der Reisenden fühlte große Zuneigung zu dem „kleinen, lieblichen Fräulein Nosalie", und Madame Darby, eine muntere, kleine Französin, deren Schutz die junge Dame anvertraut war, dachte oft im Stillen, ihr lieber Schützling würde das Schiff als glückliche Braut verlassen. Aber Rvsalie von Bornscld wollte heute am letzten Tage ihrer Reise Mit ihren Gedanken allein sein. Sie stand ja am Wendepunkte ihres Lebens und grübelte vergebens darüber nach, was wohl die Zukunft für sie bringen würde. Selten war auch wohl in der äußeren Erscheinung einer jungen Dame in so kurzer Zeit eine solche wesentliche Veränderung hervorgerufen, wie es in den wenigen Wochen bei Nosalie der Fall gewesen war. Die Schwester des alten Herrn Hollmann hatte sich mit mütterlicher Liebe und Sorge der armen, verlassenen Waise angenommen, nicht allein für eine elegante, dem heißen Klima angemessene Garderobe gesorgt, sondern ihr «ehr gegeben, als man durch Gold und Reichthum erringen kann — ein Herz voll von hingebender, treuer Liebe. In diesem warmen Sonnenscheine entwickelte sich die welke Menschenblüthe zu kaum geahnter Pracht und Schönheit; und als nach mehreren Wochen die Zeit der Abreise herannahte, war der ängstliche, leidende Zug aus dem jugendlichen Antlitz gänzlich verschwunden und hatte einem lieblichen, freudevollen Ausdruck Platz gemacht. Madame Darby, eine reiche, kinderlose Wittwe, die anch nach Afrika reiste, hatte gern die junge Reisegefährtin unter ihren mütterlichen Schutz genommen und schenkte ihr auch dieselbe Liebe, die Fräulein Hollmann im Herzen der jungen Dame gesäet und die so herrliche Früchte gezeitigt hatte. Es war schon spät geworden; viele der Passagiere stiegen nach und nach in ihre Kajüten hinab, nur Nosalie blieb noch allein. ES war ein herrlicher Abend. Tausende von glitzernden Sternen funkelten am tiefblauen hohen Himmel, und in diesen majestätischen Anblick versunken, wurde sie plötzlich durch eine leise Stimme ganz in ihrer Nähe gestört: „Kommen Sie an die andere Seite deS Deckes, gnädiges Fräulein, da können Sie den Mond sehen, der sich silberweiß im Wasser wiederspiegelt." Vielleicht war es nur das anziehende Licht des Mondes, vielleicht auch der Grund, daß es an der anderen Seite des Schiffes ganz menschenleer war, Nosalie stand traumverloren von ihrem Sitze auf und nahm den angebotenen Arm eines reichen Engländers, Mr. Leslie, und schritt langsam an seiner Seite der entgegengesetzten Richtung zu. Doch zum Erstaunen der jungen Dame wandte er seine Aufmerksamkeit gar nicht dem leuchtenden Himmelsgestirne zu, sondern begann in seiner kurzen, gemessenen Weise: „Ich bin kein Freund von vielen Worten, aber ich liebe Sie mit der ganzen Kraft meines Herzens, und wenn Sie einwilligen, meine Gattin zu werden, soll es mein stetes Bestreben sein, Sie glücklich zu machen." Nosalie erbebte; ein kalter Schauer durchrieselte ihre zarten Glieder trotz des heißen Sammeltages. Sie achtete den reichen Engländer sehr hoch, sie hielt ihn auch für edel, treu und großmüthig, sie liebte ihn wie einen Freund, aber ein tieferes Gefühl hegte sie nicht für ihn. „Bitte, sagen Sie das nicht", flüsterte sie leise, „ich achte Sie sehr hoch, aber ich ahnte nicht, daß Sie solche Gedanken hegten." „Ich liebe Sie so sehr", fuhr der Engländer un' beirrt fort, „daß mir alle Schätze der Welt gering gegen Ihren Besitz erscheinen. O, meine Geliebte, wollen Sie das Glück Ihres Lebens nicht in meine Hände legen und geduldig warten, bis Sie gelernt haben, mich zu lieben?" Er erfaßte ihre zarten Finger und führte sie ehrfurchtsvoll an seine Lippen. Sie ließ eS ruhig geschehen, doch antwortete sie fest: 738 „Ich kann es nicht.« „Denken Sie an sich selbst, wenn Sie nicht an wein Glück denken wollen, Rosa, Sie sind viel zu jung und viel zu schön, um ohne Beschützer durch dieses rauhe Erdcnlcben zu pilgern. Darum kommen Sie zu wir, als meine geliebte Gattin, selbst wenn Sie jetzt nur das Gefühl der Freundschaft für mich hegen.« Doch die junge Dame schüttelte nur traurig mit dem Kopfe. „Sie sind noch so jung, kaum zwanzig Jahre alt", beharrte Mr. Leslie, „als meine Gattin würden Sie mit der Zeit lernen, mich zu lieben.« „Ich glaube nicht, daß Liebe gelernt werden kann. Liebe kommt plötzlich, in einem einzigen Augenblick; sie kann weder erkauft noch verkauft, ebenso wenig aber auch gelehrt oder gelernt werden.« „Sie haben Recht«, gab der Engländer zu, „aber, Fräulein Nosalie, ich würde Sie glücklich gemacht haben. Ich bin nicht ein armer, unbedeutender Reisender, für den Sie mich vielleicht halten, ich habe eine große, reiche Besitzung in England, jedoch irdische Schätze haben für Sie keinen Werth, andere Mädchen würden dadurch geblendet sein. Darum sagte ich Ihnen nur von meiner Liebe.« „Liebe ist besser als Gold und Reichthum«, versetzte Nosalie träumerisch, „aber ich freue mich für Sie, daß Sie reich sind und es mir gesagt haben, Herr Leslie, Sie wissen nun doch, daß dieser Glanz mich nicht bethörte.« „Der Himmel segne Sie, mein Liebling, und gebe Ihnen viel Glück, wenn auch dasselbe sich auf den Ruinen meiner zertrümmerten Hoffnungen erhebt." „Rosa! — Rosa!« rief plötzlich eine helle Stimme. „Hat Niemand Fräulein Nosalie gesehen? — Rosa, mein Kind, wo sind Sie?« Mr. Leslie drückte noch einmal die kleine, zitternde Hand, dann führte er die junge Dame ihrer Beschützerin zu. „Das Fräulein ist hier, Madame Darby", sagte er verbindlich, „ich Habs ihr den Mondschein im Wasser gezeigt." Die Französin bezweifelte seine Worte, aber sie sagte nichts. Erst als sie allein mit der jungen Dame in der Kajüte war, fragte sie freundlich: „Darf man grntuliren?" Nosalie schüttelte das Haupt. „Ich konnte nicht „Ja" sagen«, gestand sie schüchtern, „aber Madame Darby, wie konnten Sie das errathen ?" „Mein liebes Kind, ich bin doch nicht blind! Ein Jeder hier auf dem Schiffe merkte die Absicht des Engländers; wir glaubten auch, seine Liebe würde erwidert.« „Er ist sehr gut, aber-« „Aber er ist nicht der Rechte", ergänzte die alte Dame heiter. „Ich glaube, viele Leute würden es Ihnen arg verdenken, diese verlockende Partie ausgeschlagen zu haben, aber ich tadle Sie deshalb nicht. Mr. Leslie ist zwar reich, aber es steht schlecht mit seiner Gesundheit, und seine Gattin würde bald Wittwe sein.« „Daran habe ich gar nicht gedacht." „Ich weiß es, aber da Sie jetzt die Hand des reichen Engländers ausgeschlagen haben, möchte ich Ihnen vor unserer Trennung noch eine gute Lehre mit auf den Weg geben. Ich habe noch gar nicht mit Ihnen über die Familie Lambrecht gesprochen, und ich hatte guten Grund dazu.« „Ich glaubte, die Familie sei Ihnen gar nicht bekannt, Sie wohnen doch von Marydale so weit entfernt«, versetzte Rosa. „Hm, ich kenne die beiden Herren sehr gut. Der alte Herr ist ein guter Mann; er Hai das beste Herz von der Welt, aber ich halte es für meine Pflicht, Sie vor seinem Sohne zu warnen. Thomas L anbrecht ist ein jähzorniger, aufbrausender Mensch, dabei falsch und heuchlerisch.« „Ich werde wahrscheinlich nicht viel mit ihm zusammenkommen«, lächelte Rosa, „er ist ja kein Kind mehr, sondern längst zum Manne herangereift.« „Er ist etwa sechsundzwanzig Jahre, ein selbstbewußter, anspruchsvoller Mann und vollständig herzlos. Vor drei Jahren verlobte er sich mit einer meiner Nichten in Natal. Linda River ist ein liebevolles, treues Mädchen, und, gänzlich mittellos, war es für sie ein Glück, eine glänzende Partie zu machen. Aber selbst die engcls- sanfte Linda konnte seine Launen nicht ertragen. Nach kaum vierwöchiger Verlobung löste sie ein Verhältniß, das sie nach dieser kurzen Frist nicht länger ertragen konnte. Die ganze Familie River ist arm, daher wäre es ein Glück gewesen, mit der reichsten Familie im Lande verwandt zu sein, aber Linda hatte wohl Ursache, die Trennung zu veranlassen.« „Ist Ihre Nichte jetzt verheiratet?« „Nein, er aber auch nicht. Vielleicht hat er seinen Fehler eingesehen und ist jetzt zu stolz, Linda um Verzeihung zu bitten.« Nosalie glaubte jedes Wort. Es war ja Niemand hier, der Madame Darby widersprach, und diese ahnte selbst den Irrthum nicht, in dem sie sich befand. — Als Thomas Lambrecht seine Geliebte in den Armen eines Anderen überraschte, hatte er ihr selbst angeboten, ihrem Vater und ihrer ganzen Familie gegenüber alle Schuld der Trennung auf sich zu nehmen. „Du kannst sagen, Du habest Dich in Deinen Gefühlen gegen mich getäuscht und liebtest mich nicht«, sagte er Linda. „Gib Deinem Vater irgend einen Grund an, den Du willst, ich werde niemals widersprechen. ES würde ihm ja ohnehin schmerzlich sein, die Wahrheit zu erfahren, und daß ich Dich in den Armen eines anderen Mannes gefunden habe.« Linda befand sich nun in einer peinlichen Lage. Sagte sie die Wahrheit, so mußte sie fürchten, ihr langjähriger Bräutigam könnte das Geschäft ihres Vaters und die Stadt verlassen. Folgte sie dem Rathe des großmüthigen Thomas, so mußte sie den Zorn ihres Vaters fürchten. Sie hatte noch vier Schwestern, keine war versorgt, das Geschäft des Vaters stand schlecht, und oft befand er sich in den größten Geldverlegenheiten. So erdachte sie sich nun die Geschichte seines Jähzorns und wußte denselben so haarsträubend zu schildern, daß Herr River ganz außer sich über den schlechten Charakter des jungen Mannes gerieth. Einige Geschäftsfreunde, die den jungen Lambrecht kannten, nahmen ihn in Schutz, aber vergebens. Herr River kannte die Liebe feines Kindes für Gold und Reichthum; sie mußte also triftigen Grund haben, diese glänzende Verlobung schon so bald zu lösen. Doch das Glück schien von dem Hause zu fliehen. Lin- da's erster Verlobter erbte ein bedeutendes Vermögen, gründete ein eigenes Geschäft und heirathete ein anderes Mädchen. Das Geschäftshaus River mußte seine Zahl- ungen einstellen. Der Vater war nach längerer arbeits- loser Zeit froh, eine untergeordnete Stellung zu finden. Seine Gattin und seine fünf Töchter gerieten in Noth und Elnrd, so daß die Mutter oft rief: „Ob jähzornig oder nicht, es wäre doch besser gewesen, Linda hätte Thomas Lambrecht gcheirathet." Madame Darby war die einzige reiche Verwandte dieser hartbedrängten Familie, und oft hatte ihre stets gefüllte Börse die bitterste Noth gelindert. Während der langen Seereise hatte sie Nosalie von Bornfeld lieb gewonnen und in der besten Absicht das junge Mädchen vor dem heftigen Temperament des jungen Larnbrecht gewarnr. Vielleicht beurtheilte sie die ihm angedichteten Fehler auch allzu streng, wenn sie bedachte, daß die hilfsbedürftige Familie einen großen Theil ihrer Sorgen auf seine Schultern gewälzt haben würde, sobald er mit Linda vereint lei, jetzt hingegen mußte sie dieselben fast gänzlich allein tragen. „Wer weiß, vielleicht versöhnen sich die Liebenden wieder", meinte Rosa nachdenklich, „wenn sie sich wirklich lieben, so wird Thomas um ihretwillen lernen, seinen Zorn zu beherrschen." „O nein, mein Kind, daran ist gar nicht zu denken. Ich will nur hoffen, sein Vater wird Ihnen stets zur Seite stehen und niemals dulden, daß er Sie in seinem Hause beleidigt." Es war noch früh, als Nosalie am nächsten Morgen erwachte. Doch Madame Darby stand schon angekleidet bereit, eine kleine Reisetasche in der Hand und fertig, die Kajüte und das Schiff baldmöglichst zu verlassen. Rosa machte schnell Toilette. Dank der treuen Fürsorge Fräulein HollmannS hatte sie eine große Auswahl in ihrer Garderobe. Sie wühlte ein leichtes, graues Reise- kleid, welches durch elegante Einfachheit die Anmuth der jungen Dame nur erhöhte. Dann eilte sie auf Deck, wo sie jetzt nur wenige Passagiere antraf. Die meisten der Reifenden befanden sich bereits auf dem Festlande, andere standen auf der Landungsbrücke und wurden dort von ihren Freunden oder Verwandten umringt und stürmisch begrüßt. Rosa stand allein. Ein namenloses Gefühl des Elends und der Einsamkeit be- schlich sie beim Anblick der vielen fremden Menschen und deS neuen Erdtheils, den sie nach wenigen Minuten betreten sollte. Doch ehe sie wußte, wie ihr geschah, fühlte sie sich von zwei starken Armen umfaßt, zwei leuchtende blaue Augen schauten liebevoll auf sie herab, und sie fühlte einen Kuß auf ihren heiß erröthenden Wangen. Ein großer, breitschultriger Mann stand vor ihr, der in seinem stattlichen weißen Vollbart älter aussah, als er in Wirklichkeit war. „Willkommen in Afrika!" rief er heiter. „Du mußt meine kleine Rosa sein, denn Niemand anders als Du kann die Augen Deiner Mutter haben. Hoffentlich können wir Dich in Deinem neuen Heim glücklich machen." Nosalie schaute den fremden Herrn lange an; ihre Augen füllten sich mit Thränen der Freude und des Dankes. Diesem Manne konnte sie vertrauen; er würde sie schützen gegen die Launen seines leicht erregbaren Sohnes. „Ja, ich bin Nosalie", sagte sie leise, «eS ist sehr, sehr gütig von Ihnen, mir bis hierher entgegenzukommen." „So darfst Du nicht mit mir reden", scherzte er heiter, „Du mußt mich „Onkel" und „Du" nennen. Deine liebe Mutter war meine Pflegeschwester, also habe ich ein Anrecht auf diesen Namen und auf Deine Liebe; also: „Onkel Robert", willst Du es auch nicht vergessen?" Jetzt kam auch Madame Darby herbei. Der alte Kaufherr dankte ihr herzlich für den Schutz, den sie seiner lieben Rosa hatte angedeihsu lassen, dann aber wandte er sich seinem neuen Schützlinge wieder zu. „Also, Du fürchtetest Dich gar nicht, die weite Reise zu machen, um bei einem alten Manne zu bleiben, den Du noch niemals gesehen hattest?" „Ich freute mich, daß ich kommen durfte, Onkel Robert, denn ich las Deine Briefe an Herrn Hollmann und wußte, daß Du mich liebevoll aufnehmen würdest." „Hm, ja, ich hätte Dich schon gern vor dem Tode Deines Vaters hier gehabt, aber ich wollte warten, bis Du älter warst und selbstständig wählen konntest. Wenn Du bei Deinen Verwandten glücklich gewesen wärest, so hätte ich Dich ruhig dort drüben gelassen, und Du hättest niemals von mir gehört." „So lange der Onkel lebte, hatte ich nicht zu klagen." „Ich weiß es, Herr Hollmann hat mir alles geschrieben. Es ist gut, daß Du zu unS gekommen bist, und ich hoffe nur. Du fühlst Dich bald heimisch im fremden Lande. Wir haben noch eine weite Reise bis Marydale vor uns, fast zwei Tagereisen, aber wir bleiben erst hier in der Kapstadt, um alle Sehenswürdigkeiten gründlich in Augenschein zu nehmen." Herr Larnbrecht hatte in dem größten Hotel der Stadt Mehrere Zimmer gemiethet, er wollte längere Zeit hier wrilen, und er freute sich, daß Rosa so großes Interesse für alles Sehenswerthe zeigte. Nur über Eins wunderte sie sich. Herr Lambrecht erwähnte nie den Namen seines Sohnes, trotzdem er seine Häuslichkeit, sein Leben und Treiben in Marydale ganz genau schilderte. Endlich trat der alte Herr die Heimreise an. Es war am Abend des zweiten Tages, und es dunkelte bereits, als Herr Lambrecht plötzlich fragte: „Schläfst Du, Rosa?" und als sie verneinte, fuhr er fort: „Das ist gut, denn ich muß Dir etwas sagen, was ich lieber in der Dämmerung, als i» hellen Tageslicht thue. — Es ist mein Sohn Thomas, von dem ich mit Dir reden wollte. — Er ist ein guter, braver Mensch, stattlich und groß, ein tüchtiger Geschäftsmann, aber-", sichtlich verlegen hielt er inne. „Er ist doch nicht krank?" fragte Rosa theilnehmend. „Durchaus nicht; er ist noch niemals in seinem Leben krank gewesen. Aber er hat einen Fehler — eS ist auch der einzige, den ich entdecken kann — — er haßt alle Frauen." Rosa lächelte, aber das Antlitz des VaierS war so ernst und traurig, daß sie Mitleid mit ihm fühlte. „Glaubst Du, daß ihm mein Kommen in Marydale unlieb ist?" fragte sie leise. „Mein Kind, er war ganz empört, als ich mit ihm darüber sprach", gestand der Vater ganz offen. „Er sagte mir, Du feist gewiß dreißig oder vierzig Jahre, und noch viel mehr Sachen sagte er mir vor, die ich alle wieder vergessen habe." „Aber Du weißt doch, wie alt ich bin", fiel Rosa ein. „Gewiß, aber es nutzte nichts, mit ihm zu rechten. Ich ließ ihn reden, waS er wollte, und sagte ihm schließlich, daß, wenn er keine Anstalten machte, mir eine Tochter zu geben, ich die Pflicht habe, mir selbst eine zu verschaffen. Ferner sagte ich ihm, Du seift eine 740 Gesellschaft für mich und nicht für ihn; aber ich zweifle nicht, daß er bald seine Gesinnung ändern und sich als liebenswürdiger Gentleman zeigen wird, wie er auch in Wirklichkeit ist." Nosa schwieg, Madame Darby hatte zu viel. von ihm erzählt. „Ich wollte es Dir nur vorher sagen", fuhr der alte Herr fort, „damit Du es nicht als persönliche Beleidigung ansiehst, wenn Thomas anfänglich etwas zurückhaltend ist. Es ist keine Dame in Marydale, die sich eines freundlichen Wortes von ihm rühmen kann, ausgenommen die junge Frau Dr. MannerS, die so leidend und schwach ist, daß sie die Hälfte ihres Lebens auf dem Sopha zubringen muß. Habe aber Nachsicht mit ihm, er kann gewiß nicht anders gegen Damen sein, es liegt so in seinem Charakter." (Fortsetzung folgt.) Das Zaunariussest in Neapel. (Schluß.) Mittlerweile war auch die Volksmenge eingelassen worden und hatte bald das letzte Plätzchen der geräumigen Kapelle ausgefüllt, mit Ausnalime des durch Schranken verschlossenen Raumes um den Hochaltar, der, wie es schien, ausschließlich den Fremden vorbehalten war. Neugierig betrachtete ich von hier aus die unruhig hin- und herwogende Menge; es waren meist Leute der untersten Klasse, doch fehlte es auch nicht an Mitgliedern der höheren Stände. Nach und nach kam etwas Ordnung in die Versammlung, doch trat keine Stille ein, sondern man begann jetzt zu beten und zu singen. Lateinische Anrufungen wechselten mit italienischen, halblautes Getümmel mit lärmendem Geschrei, und dazwischen hinein erklang wieder die Strophe eines Liedes, dessen im neapolitanischen Dialekte gesungenen Text ich nicht verstand; deutlich jedoch vernahm ich den immer wiederkehrenden Refrain: I'assi, Lan dsnnaro, il wiraaolo I (Heiliger Januarius, wirk' uns das Wunder!) Mein höchstes Interesse erweckte eine Anzahl Frauen, allem Anscheine nach aus der niedersten Klasse der Lazza- roni, die, in den vorderen Reihen sitzend, die Lieder und Gebete bestimmten und alle übrigen im Schreien zu überbieten suchten. Ein junger Priester neben mir, an den ich mich wandte, erklärte mir, diese Frauen bildeten die Familie des heiligen JanuartuL; sie rühmen sich, von der Amme des Heiligen abzustammen, und behaupten seit unvordenklichen Zeiten das Recht, die ersten Plätze einzunehmen und Neihedienfolge der Gebete zu bestimmen. Etwa eine Stunde mochten Gebet und Gesang gedauert haben, als die fungirende Geistlichkeit am Hochaltäre erschien. Die Büste mit dem Haupte des Heiligen und die Monstranz mit den Blutfläschchen wurden aus dem Tabernakel geholt und auf den Altar gestellt. Nach einem feierlichen Gebete betrat ein Priester den Altar und begann die Blutfläschchen den Fremden zu zeigen, die sich dicht um den Altar und auf die Stufen desselben drängten. Diese Handlungsweise erschien mir anfänglich wenig ehrfurchtsvoll, zumal ich nicht auf allen Gesichtern der Anwesenden ein Gefühl der Andacht, wohl aber Neugierde und sogar ungläubigen Spott lesen zu können glaubte. Allein es ist durchaus nothwendig, daß jeder, der will, ohne Unterschied der Gesinnung, das Wunder wie einen natürlichen Vorgang genau prüfen kann; nur so ist es möglich, allen Einwürfen eines Betruges zu begegnen, die man zu machen geneigt wäre, wenn man den ganzen Vorgang nur von ferne sehen könnte. Mit vieler Mühe gelang es mir endlich einen Platz auf der obersten Altarstufe zu erringen, und ich stand nun unmittelbar vor dem Kanoniker, der die Blutfläschchen herumzeigte; er drehte dieselben fortwährend, jedoch langsam und ohne zu schütteln, um, indem er die Monstranz abwechselnd bei der Handhabe und dem oberen, mit einem Kreuze versehenen Ende faßte; ein zweiter Kanoniker stand neben ihm und beleuchtete zeitweilig mit einer Kerze den Inhalt der Fläschchen, um denselben möglichst sichtbar zu machen; es zeigte sich keine Bewegung an der dunklen, braunen Masse, sie blieb starr und fest. Die Andacht der Menge hatte sich bet Beginn der Handlung noch gesteigert; das Gebet wurde immer lauter und dringender; mit einer Stimme, die fast nicht mehr menschlich war, schrie eine Frau aus der Familie des hl. Januarius ein über das andere Mal: Lauts la- uuari, ora pro uvbis, und der ganze Chor wiederholte die Worte in derselben Weise. Für ein deutsches Gemüth hatte diese Art und Weise zu beten wenig An- dachterweckendes. Allein der Italiener ist, wie schon bemerkt, leidenschaftlich auch im Gebete. Gerade diese heftigen Ausbrüche schienen mir ein Beweis des lebendigsten Glaubens und des festesten Vertrauens zn sein. Auch sonst ist es keine Seltenheit, daß man in der Kirche vor einem Altar oder Heiligenbild Leute antrifft, welche mit lautem Gebet und unter lebhaften Gebärden dem Himmel ihre Anliegen vorbringen. Schon über eine halbe Stunde lang hatte der Priester, auf der obersten Altarstufe hin- und hergehend, unausgesetzt die Monstranz gezeigt; die Spannung aller Umstehenden war aus's Höchste gestiegen, auS dem Gebete des Volkes schien bereits einige Ungeduld heraus- zukliugen. Da ging Plötzlich eine freudige Bewegung über das Antlitz des Priesters und der Zunüchststehenden, und mehrere Stimmen riefen zugleich: II wirucolo ö latto (das Wunder ist geschehen). Mit Blitzesschnelle flog dieses heiß ersehnte Wort von Mund zu Mund, und nun brach ein so brausender Jubel los, daß alles bisherige Singen und Schreien wie schwaches Gcmnrmcl erschien, und unter Glockengeläute, Orgelklang und Trom- petengeschmetter erscholl aus dem Munde der dankes-- freudigen Menge ein vteltausendstim-niges 1s Demo. Beim Eintreten des Wunders stand der Priester gerade auf der anderen Seite des Altares, so daß ich das Emporwallen und Flüssigwerden des Blutes selbst nicht beobachten konnte. Doch kam er alsbald wieder auf mich zu, und jetzt konnte ich deutlich die Veränderung sehen, die an dem Inhalte der Fläschchen vorgegangen war. War vorher derselbe bei allen Wendungen unbeweglich geblieben, so floß jetzt derselbe, sobald das Gefäß gewendet wurde, von einer Seite znr andern; auch war das Quantum desselben größer geworden; vorher waren die Fläschchen zu Dreiviertel gefüllt, jetzt stieg das Blut fast bis an den Hals derselben. Mehrmals ließ ich mir die Monstranz zum Kusse reichen und verlangte das Wunder zu sehen; stets wiederholte sich beim Umwenden des Gefäßes dasselbe Schauspiel. Die Thatsache, daß das Blut flüssig geworden, war augenscheinlich, und jeder mußte das anerkennen, der nicht den offenkundigsten Thatsachen sein Auge verschließen wollte. 741 Nachdem die Fremden am Altare das wunderbare Blut gesehen und verehrt, wurde es auch dem Volte an den Schranken zum Kusse gereicht. Gegen 11 Uhr wurde es in feierlicher Procession und unter lautem Jubel des Volkes auf den Hochaltar der Kathedrale übertragen, unter dem der Leib des heiligen JanuariuS ruht. Nun folgte daS feierliche Pontifikalamt, celebrirt von dem ehrwürdigen Kardinalerzbifchof Wilhelm Sanfelice, der, ehemals ein einfacher Benediktinermönch, auch mit dem Purpur geschmückt, die Demuth des OrdensmanneS nicht verleugnet. Die Canontker des Domkapitels, etwa 30 an der Zahl, sämmtlich in Prachtgewändern und mit der Jnful ausgezeichnet, bildeten gewissermaßen das glänzende Gefolge des hohen Kirchenfesten. Rauschende Musik begleitete die heilige Handlung. Gegen 1 Uhr waren die Feierlichkeiten zu Ende; das heilige Blut jedoch blieb den ganzen Tag auf dem Hochaltars ausgesetzt und wurde zeitweise zum Kusse gereicht. Erst am Abend wurde eS in die Kapelle zurückgebracht und im Tabernakel verschlossen, wo es auch sofort seine feste Gestalt annahm. Am nächsten Morgen und die ganze Oktav hindurch erneuert sich dasselbe Wunder stets unter der gleichen Betheiligung des gläubigen, begeisterten Volkes. D'Waiz. Eine Spukgeschichte, wie sie sich ror 100 Jahren einmal in Mbapern zugetragen hat. --- (Nachdruck vcrboicn.) Sie wurde mir vom alten Kutscher-Schneider erzählt. Warum hieß der Mann Kutscher-Schneider? Mit seinem wahren Namen hieß er Peter Lambrecht, aber sein Vater war auf dem Schloß, das noch vor dreißig Jahren bestand, gräflicher Kutscher. Als das Schloß abgerissen wurde, weil cs baufällig sein sollte, und der Herr Graf nicht die nöthigen Moneten hatte, es mieser aufzubauen, konnte die Herrschaft auch nicht mehr dort wohnen, und so wurde der Sohn ein Schneider. Einen solchen gab'S im Dorfe noch nicht, und da nun einmal das Haus „beim Kutscher" hieß, so nennt man den Schneider M noch den Kutscher-Schneider. Also der alte Kutscher-Schneider erzählte mir die Geschichte, wie er sie von seinem Großvater gehört hatte, der sie mit erlebt haben wollte. Bei dem Schlosse wurde eine mittlere Oekonomie betrieben, nebst einem Brauhaus, wie dies ja bei den meisten adeligen Landgütern und Klöstern in Bayern der Fall war. Die Ockonomie-Gebäudc nebst Braubans bestehen heute noch. Der Braumeister ist zugleich Verwalter der Gutswirthschaft. Ein solcher Braumeister war nun ein gar schlauer Kumpan. Er liebte es gar sehr, wenn die Herrschaft auf einem andern Gute weilte. War der Gras fort, dann hielt er sich nämlich anstatt zwei Kühe, wie ihm gestattet war, deren vier bis sechs, und statt vier Schweine deren zehn bis zwanzig, und trieb in der nahen Stadt einen flotten Fleisch- und Milch-Handel; auch liebte er es gern, Uebersndcn zu machen, d. h. aus einem bestimmten Quantum Malz mehr Bier zu sieden, als ihm erlaubt war — zum Schaden der Bauern, welche den „Plempl" trinken mußten. War der Graf anwesend, so konnte er alle diese Gaunereien nicht offen und 'Mgenirt treiben. Es war ihm nun bekannt, daß die Frau Gräfin an einer krankhaften Aengstlichkeit litt; heutzutage würd- man sagen, sie wäre nervös gewesen. Sie konnte nicht die geringste Aufregung ertragen. Nun war im Thurm im obern Stock ein Zimmer, das gemieden wurde. Denn dort sollte ein französischer Offizier, der während des Krieges auf einem Durchzug für kurze Zeit mit seiner Compagnie Rast auf dem Schlosse gemacht hatte, eine Kammerzofe ermordet haben, weil sie seinen Gelüsten und Versprechungen kein Gehör schenken wollte. Der Offizier soll dann bald daraus in einem nahen Gefechte mit Oester- reichern gefallen sein. Dieser Umstand kam dem schlauen Bräumeister sehr zu statten. War die Herrschaft anwesend, so fing es in dem gemiedenen Zimmer stets an zu „waizen", wie der Altbayer sagt. „Der Franzus geht nm!" hieß es dann. Sonderbarer Weise hörte der Spuk immer bald auf, wenn die Herrschaft wieder fort war. Der Graf hatte schon Verschiedenes versucht, de? Sache auf die Spur zu kommen — vergeblich. Die Diener schwuren auf ihre Seel' und Seligkeit, daß eine weiße Gestalt mit Blutflecken behaftet Nachts umgehe und den Namen der ermordeten Kammerzofe beständig ausrufe. Besonders der Braumeister, Dicht! mit Namen, wollte am meisten gequält werden. Er wußte nicht genug von dem „Waiz" zu erzählen. Der Gräfin wurde iu ihrem krankhaften Zustand der Aufenthalt auf dem Schlosse verleidet. Die Herrschaft kam immer seltener, und wenn sie kam, dann blieb sie nie mehr lange. Ein Mal kam nun die Herrschaft doch wieder auf das SLloß — aber der Spuk ging auch bald wieder los. Der Graf, unmuthig über die Geschichte und über das Gejammer seiner Gemahlin, ließ den Braumeister kommen. Der Braumeister war nicht, wie sonst die Braumeister find, groß und dick, sondern mager und gebeugt, aber ein schlaues, verschmitztes Lächeln umspielte oft sein sonst so ehrlich aussehendes Gesicht. „Nun, Dichtl," redete ihn der Graf an, „sind Sie immer noch nicht hinter die Geschichte gekommen?" „Von meiner Seite ist alles geschehen, um hinter die Sache zu kommen, aber Geister sind halt schlauer wie wir." „Ach was! Ich glaube halt immer noch nicht daran; mir scheint die Geschichte noch ein loser Unfug zu sein." „Wie Herr Graf meinen, so wird's wohl sein." „Haben Sie noch nie in dem Zimmer wachen lassen, Dichtl?" „Herr Graf meinen doch nicht, daß man in dem Zimmer eine Nacht zubringen soll?" „Doch, gerade das meine ich. Haben Sie das noch nie versucht?" „Herr Graf, so sehr ich Ihnen ergeben bin, o verlangen Sie das nicht von mir ... ich würde sterben vor Schrecken; so muß ich schon so viel Angst ausstehen." „Aber Sie sind ein Hasenfuß! Wüßten Sie denn sonst niemand, der den Muth hätte, eine Nacht in dem Zimmer zuzubringen? Ich will'mal, daß die Geschichte aufhöre. Kaum ist man hier, so muß man schon wieder fort, weil man keine Ruhe hat. Also wissen Sie niemand?" „Ich wüßte niemand, Herr Graf, der dazu Muth genug hätte. Ich glaube nicht, daß man jemand findet." „Und wenn ich hundert Gulden biete?" „Hundert Gulden, Herr Graf? . . . Vielleicht findet man dafür doch jemand." „Nun, so schauen Sie nur, daß Sie jemand finden." Der Bräumeister drückte sich. Wieder umspielte das verschmitzte Lächeln seinen Mund. Er ging in's Gesinde- zimmer, wo die Tagwerker gerade ihre Maß Schöps, das heißt Nachbicr, tranken zum „Dreibrod". Die Bediensteten waren nämlich meistens Dorf-Eingesessene, die ihr HäuSl und ihre Familie hatten. Da war nun der Gimpl-Sepp, ein gewaltiger Sprecher, der 'mal einige Jahre ein paar Stunden weit weg als Knecht gedient und dann sechs Jahre „g'spielt" hatte, das heißt Soldat gewesen war. Ader man erzählte sich, daß man ihn bei den Soldaten nach einem halben Jahre wegen Unbrauchbarkeit fortgeschickt hatte. Er sprach indeß immer von vollen sechs Jahren. Der wußte nicht genug Abenteuer aus seiner Burschen- und Soldaten-Zcit zu erzählen. Man lachte zu seinen Aufschneidereien, aber glauben that sie ihm niemand. Dann war da der Ochs'rer- Pcter; er war der erste Fuhrmann bei den Ochsen, ein guter, langer und steifer Gesell, der manches von seinen steten Begleitern, den Ochsen, angenommen hatte. Dann war da der „Vorgcher" oder Vorarbeiter, schon etwas pfiffiger. Er stand im Gerede, daß er mit dem Braumeister an einem Seil zog. Er wohnte neben dem Braumeister innerhalb der Schloßmauer. So saßen sie zusammen, die „G'schlMer", wie man die Schloßarbeiter jnannte, und die „Ochs'rer", die mit den Ochsen fuhren. Gimpl-Scpp spielte natürlich wieder die erste Violine. Man sprach gerade über die Waizcn. Gimpl-Sepp erzählte, wie er einmal als Knecht in einem Walde sieben Geister erlöst hätte, aber keiner wollt's ihm so recht glauben, obgleich er es hoch und theuer verschwor. „Nun, wenn du schon sieben Geister erlöst hast, wüst leicht einen erlösen," sagte der Braumeister eintretend und dem Gimpl-Sepp auf die Schulter klopfend. „Glauben's ebba not, Vraimoaster?" „O g'wiß, i woaß ja, was du für a Schneid hast. I sog ja, wenn du sieben Geister erlösen ko'st, do ko'st van oanz'gen leicht erlösen." „Natürli ko dös da Sepp," ließ sich kichernd der Vorgcher vernehmen. , „Dös moan i a," kam hintcndrein der Ochfrer- Petcr. „Scherz bei Seit', Sepp! Der Herr Gras wünscht, daß du den Geist erlösen sollst." „Was net goar! Da Franzus? Na, der vcrdient's uet. Der soll nur waizen. Warum hat er die Jnugscr Kathi — Gott hab' s' selig — um'bracht!" „Ja aber der Herr Graf wünscht es, hörst, Sepp, und hundert Guiden kriegst, wenn's der gelingen thut." „Oho! hundert Guiden. Die wären schon recht!" meinte der Sepp. „Woas, hundert Guiden! Dös is vni (viel)," meinte lauernd der Vorgcher, „dafür thu i's a." „Na, der Sepp soll's alloan verdien«. Also moagst oder net? Fünf Guiden kriegst glei und die andern nacha, wenn d' G'fchicht guat außageht." „Do wär i glei dabei," grunzte der Ochs'rer-Peter. „Ja das Geld wär scho recht, aber . . und da kreiste der Sepp sich hinter den Ohren. Aber sie ließen ihn nicht mehr aus. „Schau! sieben Geister will er erlöst hoben, und jetzt fürcht' er oan oanz'gn," hieß es von allen Seiten. „Host cbba koan Schneid net?" „Geh' weiter und blamir di uet," nahm wieder der Braumeister daS Wort. ,,J bleib scho bei dir. Freund!; wennst schreist, do stimm i und helf dir. Kurasch mußt hob'n; surrst sogn'S glei: Sprccha ko a scho, aber Knraschi Hot a net für koan Hella. Schau, fünf blanke Guidei. und noch a ganz Sackl vui blanki Guiden sind bei, wenn's guat außa geht." Endlich nach langem Schlucken und Krcilen war der Sepp bereit, das Wagniß zu übernehmen. Mit einer halbblinden Laterne ausgerüstet, geht Sepp in später Abendstunde, vom Bräumeister begleitet, ganz verzagt aufs Thurmzimmer. Selbst mehrere Maß Bier, die ihm der Braumeister zur Stärkung hatte vorher einschenken lassen, hatten seine Stimmung nicht zu verbessern vermocht. Da sitzt nun der Sepp allein im kalten, düstern Zimmer und wartet knieschlotternd auf den Geist, den er nach seinem Begehr fragen soll, wie ihn der Bräumcister angelernt hat. Er hat jetzt Zeit zum Nachdenken, und da findet er manchen schwarzen Punkt in seiner Vergangenheit. Einmal hat er, nebst andern Unthaten, die er jetzt der Reih' nach laut bekennt, sogar dem Pfarrer ein Schwein gestohlen. Es wird ihm immer schwerer zu Muth, je mehr die zwölfte Stunde näher rückt. Laut sagt er, wie ihn der Braumeister unterrichtet hat, her: „Alle guaten Geister loben ihren Monster", und da er schnell und immer schneller spricht, macht er die Verwechselung: „Alle gute» Moaster loben ihre Goaster." Endlich beginnt die Thurmnhr auszuholen, um Zwölf zu schlagen. Sie schlägt eins, zwei, drei bis zwölf. Mit dem letzten Schlag entsteht ein gewaltiges Gepolter und Gerassel, und an einem alten Kastenschrank springt die Thüre auf, und ein Geist, mit weißen Tüchern behängen, tritt heraus und langsam näher. Er macht sich groß und wieder klein — furchterregend anzusehen. „Wer bist du, Fremdling, der du es wagst, die Gnstcrrnhe zu stören," spricht der Geist mit dumpfer, hohler Stimme. „I bin ... i bin da Gimpl-Scpp!" „Gimpl-Scpp, was willst du? Sprich!" „I soll . . . i soll di erlösen!" „Du willst mi erlösen und hast dem Pfarrer ein SÄwciu gestohlen? Zurrst mußt du büßen für deine Frevelthat." „I . . . i . . . will ja gern." „Lege dich aus dein Angesicht." Der Sepp gehorcht. „Wenn du dich rührst, dann bist du verloren." Nun wirft der Geist eine große Decke über ihn, so daß der arme Sepp kaum schnaufen kann; er wagt nicht das geringste Muckser! zu thun. Es entstand nun ein gewaltiges Gerassel und Gepolter um den armen Sepp herum. Plötzlich war alles wieder still, und der Spuk war vorüber. Der Sepp blieb aber noch immer wie todt liegen. Endlich trat der Bräumcister ein. „Nun, Sepp, wo bist denn?" Keine Antwort. Er hebt die Decke auf. „Ah, da bist ja. Wie kommst dahin? Nun, hast den Geist erlöst?" Der Sepp stöhnt nur. „Ah, Sie sind's, Herr Brai- moaster? Scind's auch wirkli?" „Ja, i bin's schon. Narr! Hast den Geist erlöst?" „O, der wollt' sie goar net erlösen lassen," meinte Sepp, nachdem ihm der Muth etwas wiedergekehrt war. „Na, dann mußt's noch a anders Mal probiren, daß dein, hundert Guiden verdienst!" 743 „Na, um ko tausend Guiden nimma! Da Geist Hot scho g'wußt, daß i dem Pfoarra sei Schwein g'stoin hätt'." „Oha! Das hat er scho g'wußt? Da glaab i dir scho, daß d' nixen ausrichten ko'st." Am andern Tage war die Heldenthat des Gimpl- Sepp schon im Schloß bekannt, und noch fürchterlicher, als sie in Wirklichkeit war. Wen lief eine Gänsehaut nach der andern über. Keiner hätte mehr um alle gräflichen Reichthümer zum zweiten Mal die Erlösung gewagt. Was blieb dem Grafen übrig? Er mußte wieder seiner Gemahlin nachgeben und das Schloß verlassen. Die Frauen behalten ja immer Recht, meinte der alte Kutscher- Schneider, als er mir die Geschichte erzählte. jDies Mal mußte der Graf um so mehr nachgeben, weil auch die alte Kammerfrau nicht mehr im Dienst bleiben zu können erklärte, wenn man auf dem Schlosse bleibe. Man war gerade am Rüsten zur Abreise am andern Tage, als ein flottes Gräflein zum Schloß geritten kam. Es war Graf Hugo, ein Neffe des Schloßbcsitzers. Er sollte in Jngolstadt, wo damals die Hochschule noch war, die Rechte studircn, um sich dem Staatsdienst zu widmen. Sein Bater war im Kriege gefallen, und der Herr des Schlosses war sein Vormund. In den letzten Jahren hatte das Gräflein seinem Vormund wenig Freude bereitet durch seine tollen Streiche; aber er hatte doch eine Staatsprüfung gut bestanden und wartete jetzt auf eine Anstellung. Er wollte mit dieser Nachricht seinen Onkel und Vormund überraschen. Er kam nun gerade recht. Er staunte über das Durcheinander im Schloß und fragte einen Diener. Da war er bald in die Geschichte eingeweiht. „So, eine Geistergesch'chtc? Wie romantisch! Schade, daß die ermordete Kammerzofe nicht mehr lebt und nicht eine Prinzessin ist, da würde ich als Held und Befreier auftreten können. Melde Er mich noch nicht der gnädigen Herrschaft, sondern rufe Er mir den Braumeister Dichtl. Versteht er mich?" „Jawohl, Herr Graf. Gerade pfiff er ein Studentenliedl, als der Bräu- meister Dichtl eintrat unter tiefen Buckeln und demüthigen Begrüßungen. „Aber der Herr Graf treffen es gerade nicht gut; die gnädige Herrschaft gedenkt morgen abzureisen!" „So? Wegen der Spukgeschichte! Aber Herr Dichtl, wie wär's, wenn ich 'mal probirte, den Geist zu erlösen?" „Um Gottes willen, wagen Sie es nur nicht!" Jetzt erzählte er den fürchterlichen Hergang der Geschichte des Gimpl-Sepp, wie er diesen noch gerade vom Tode errettet habe. „Ja, ich bin aber doch kein Gimpl-Sepp! Ich will nun einmal die Sache probircn. Ich sag' Ihnen nur, daß Sie mich auf das verhexte Zimmer führen. Sorgen Sie für meinen Fuchs, und dann bringen Sie Wein und Speisen auf das Zimmer. Verstanden! Aber das sag' ich Ihm, daß Er mir reinen Mund hält; der Herr Onkel und gnädige Frau Tante dürfen von mir und meinem Vorhaben nichts erfahren, bis ich meine Aufgabe gelöst habe." Der Braumeister mußte sich fügen. Er dachte aber, dem wird's wohl noch schlechter ergehen, daß er nicht mehr zum zweiten Mal die Geister zu erlösen verlangen wird. Der junge Graf machte es sich bequem auf dem Zimmer. Er hatte Wein genug, um sich frisch zu halten, und vertrieb sich die Zeit so gut es ging. Neben ihm lagen zwei geladene Pistolen. Endlich schlug es Zwölf, und die nämliche Geschichte wiederholte sich wie beim Gimpl-Sepp. Der Graf war aufgesprungen und hielt eine Pistole vor. „Keinen Schritt weiter, oder ich schieße I" donnerte der junge Mann das Gespenst an. Aber das Gespenst kam näher und machte sich recht groß. Da schoß der Graf und traf eine Stange, welche davonflog; auf der Stange war ein Hut aufgepflanzt gewesen, und darüber hatten lange, weiße Linncntücher gehangen. Jetzt war der ganze Umhang weggeflogen, und vor dein Grasen auf den Knieen lag — der Braumeister Dichtl und flehte um Gnade. Das war also der Geist! Vielleicht hätte der junge Gras sich durch die demüthigen Bitten des winselnden Mannes auch erweichen lassen und hätte ihm das Versprechen abgenommen, die Spnkcrei ein für alle Mal einzustellen; aber da stürmte auch schon der Herr Onkel, der noch wach gewesen war und den Schuß gehört hatte, herein im Schlafrock und mit blankem Degen, von einigen Dienern und Bräuburschen gefolgt. Wie stutzte der Onkel, als er die Scene sah: seinen Neffen mit der Pistole in der Hand und den alten Dichtl vor ihm auf den Knieen. Wir können uns nun kurz fassen. Der Graf übergab den alten Betrüger seinem Kammerdiener in Verwahr und eilte mit seinem Neffen zu seiner geängstigten Gemahlin, um ihr das Ende des Spukes zu verkünden. Dieser Streich des Neffen machte alle andern Streiche wieder wett, und der Neffe lernte die Huld seines Onkels und Vormundes, der nur eine Tochter, aber keinen männlichen Erben besaß und ihm zeitlebens dankbar blieb, später genugsam schätzen. -»-SWWS-«- ALLerLei. Sonderbares Neujahrsgeschenk. Ein Pariser Ehepaar beräth sich über das Budget der Nenjahrsgaben. «Waö habe ich Dir denn eigentlich letztes Jahr gegeben?" fragte er. — „Nun meinen Pelzmantel; Du hattest ihn aber auf Credit gekauft." — „Ja, ganz richtig! Nun weißt Du was? Als heuriges Neujahrsgeschenk werde ich ihn für Dich bezahlen." * Verschnappt. Hanswirthin szu dem Wohnung suchenden Studentenj: „Die Miethe muß selbstverständlich pünktlich bezahlt werden .... nun, daS wissen Sie ja." — Studiosus: „Natürlich.sonst hätte ich ja in meiner alten Wohnung bleiben können!" Boshaft. „GeheimrathS Ludmilla ist ganz stolz darauf, daß Studiosus Zippe! sie gestern aus dem Kasino abgeholt hat." — „Na, der hat schon manchen Affen nach Hause gebracht!" ^u§8l)uig6r Loünvlililntt. »Ila livolirs vorkcUMdi.I IV. lZines äer ältesten Zeugnisse kür das Lebacb im iVbend- lando ist die Ueberlieferung, rvonaed im dabro 764 na cd Dkristus kixin der Kleine dem Kloster LIaussac ein Lebaebspivl aus Kristall rum Oesebenk gemaebt bade» soll. Das älteste dandscdriktliede AeuZniss kür das Lebacb speriell 744 in Doutseblanä ist äas dsäiobt dos klönebos kruomont von Isgvrnses, in wel obern des 8ebaebs Erwäbnuog ge- soliiebt. Dieses Ooäielit stimmt aus äom äabro 1000 naeb Obristus. Lus äom äabrv 1040 naeb Obristus wird sodann be- ricbtet, dass die Ltiöbecker Dauern (ein Dort bei Dalberstadt) von einem Wendvnkürston, äsn äsr Discbok von Dalbsrstadt ilirom üewalirsam anvertraute, das 8ebaeb erlernten, äureb äessen allgemeine Debung äis Divwobnei äisses Dorfes in der 8eliacbwelt einen vortbeilbaften Ruf sieb erworben beben. Linen weiteren Lnbaltspnnkt für äis Oesebiebte äss 8ebaebs in bluropa bietet ein Dericbt des Xardinals Detrus Damiani von Ostie an l'apst LIexandsr II. aus äom labre 1050 naeb Obristus, in wvlcbem jener fromme Xircbenfürst über einen Discbof sieb beklagt, äen er zu Vlvrenz ailru eifrig äem Lcliacb bubligend augetroXeu bette. Xndliob vvirä aus äem Ibbre 1087 beriebtet. dass Xöoig Deinriob I. von Xn^ land zu karis mit Duäwig — äem 8obne äss Xönigs kbilipp — älter 8cbaeb gespielt bebe. (Fortsetzung äisses Ldsebnittss in 14 lagen.) Lutzabo blr. 5. (Lus einem altpersiseken klanusei ipt.) Von Xbaja Lli 8datranji. 8cbwarz. Weiss. Weiss riebt an unä setzt in aobt 2ügen mat. M. kür äisse Lufgabs Zeiten äie gloiobon 8pisl- regsln wie bei blr. 2 angegeben! btaelirielitvn »«s äer 8r!in«LnsIt. Klos kau. — Lei äom am 7. äs. begonnenenNateb um äie Woltmeistersebakt rwisebon Lteinitr unä Dasksr musste krstoror in äer Xröbnungspartis — itaiieniseli — als b'übrer äer Woissen mit äem 45. 2ngs äis Dartio autzsbeo. — Der vom krsiborrn LIbsrt von Dotbsebilä in Wien seinerzeit ausgesetzte bikrsnprsis von 300 klark für äie sobönste Dartis des intsrnationaisn Ll eister- lurniors in klürnberg wurde, wie vorausrusebsn, äem jungen, genialenKleisterD.kl. Dillsburr^ ausklow-Vork für seine gewonnene Dartio gegen Dasksr zuerkannt. — In äer Kollage vom 14. Lugust o., worin äie Dartis voröXentliebt war, ist bereits äarauk bingswiesen woräen. Wien. - Oifsnbar angeregt äurek äas Dsster 'furnier, bsrrscbt zur 8eit ein reges Lobacbiebsn in Wien. Wäbronä äis Lite Wiener Lebaebgeseilscbaft einen kleinen Wettkampk von fünf Dartion zwisebsn Dertbolä Xnglisob nnä Dills- burrx arrangirt bat, veranstaltete äer bleue Wiener Lobaobklub (Wien I, Lebottengasss 7) zwisebsn äen von Dest rurückkobrenäen kleistern Llbin. Klaroo, 8eblseliter, Danowski, Wiuawor unä äem zufällig anwosenäsn äaegues blies es ein interessantes l'urnisr, zu äem äis Xlubloitung, äer 2abl äer Ibeiinebmer entsxreebonä, 6 kreise stiftete. Dieses lurnior, weicbes am 3. blovember begann unä am 10. blovsmber e. snäets, batte folgendes Xrgebniss: 1. Daviä IanowsIci mit 3'/, Oowinnprrtien, 2. XarI8cbloobtor 3, 3. unä 4 .laegues blies es unä Limvn Winawor 2'/^, 5. "4eorg klares 2. 6. Läolf Llbin 1'/,. Lm Konntsg äen 15. blovembsr begann soäann ein von äem rnbrigen Vorstand äss Heuen Wiener Lebaobbiubs arrangirtsr Wettkampk von sieden Dartieu zwisebsn lanowski unä Winawsr. In äem Wett- kampk Dngiiseb-kiiisburrx blieben äie beiden ersten kartion remis. LIIs äisse Veranstaltungen maoben äas äabr 1896 auf äem Oebieto äosLobaeks rn einem äsr tbatonreiebsten aller leiten! — Lnäapsst. — Die lstrtbin von äer Wiener „Serien kreisn Dresse" gebraebts klittbsilung über äsn Leblusskamxk awisebsn Obarousek unä ksebigörin ist äabin nu ergänzen, äas.s nicbt eins, sondern vier blntsobsiäungsxartien ausgekämpft wurden. Von diesen gewann Isebigürin äie 1., 2. unä 4., Dbarousok äis 3. unä erstritt äementsprecbonä, wie sebon beriebtet, 'Isebigürin äsn ersten, tlbaroussk äen zweiten kreis. Die folgende kartis ist äie zweite des Zeblusskampkss. kartio klr. 6. LwsIsxrinZsrsxisl im I7LvIi2liZ. -S Weiss: Igobigörin (ketsrsburg). 8ob warz: Obarausek ^Duäapsst). 7 XeS—ä4 8. o2—e3f Lä4—ä3 9. Dä7—f5H. Itiebtig gelöst von R. II. in D. k>. D. in W. — Dosten Dank für äsn eingesandten Dreisitzer! Wir woräen denselben prüfen unä eventuell golegont- lieb verwenden. Die Hamen jener 8ekaebfreunäs, welebs unsere blnäspiols unä Drobloms riebtig lösen, sowie die Dünungen innorbalb ärsiWooben einsenden, werden stets an dieser 8tsIIe ver- öikentliebt. Lllos auf äas 8ebaek Dsnitzliobo ist ansnabmslos ru aäreszirsu: „Ln die Deäaetion des Lugsdurger 8oliaob- blutt — /.r^.' >- MM MUK AM MM , ^ WW AKM iKNÄ MME s,sF>4>r-iMk->' --L^^S-LZNV WM M-D-M -sL «-E MSWW DM -'ÄÄ MtzK k'/l . MG MN WWKWMWW D^W 750 „ich will ihren Namen sogar nicht wieder hören", dann eilte sie dem Hause zu, Thomas auf der Rasenbank allein lassend. „Das gute Kind", flüsterte der Jüngling, „sie meint jetzt jedes Wort, wie sie es sagt, aber wie lange wird ihr freies offenes Wesen anhalten? Gewiß nicht lange. Mein Vater — so lieb er sie auch hat - wird sie dem ersten besten, reichen Mann verheirathen, und dann wird sie sich nicht über ihre eigene Häuslichkeit emporschwingen. Bah! Was geht's denn mich an? Sie kann unmöglich immer jung und hübsch, ein Mädchen von zwanzig Jahren bleiben. Und dann ist es besser, sie heirathet, damit sie vor dem traurigen Loos einer alten Jungfer bewahrt bleibe." (Fortsetzung folgt.) Am englischen Hose. Es muß gewiß als eine auffallende Erscheinung bezeichnet werden, daß bei dem englischen Volke weder die Stürme der französischen Revolution, noch die politischen Bewegungen der Jahre 1830 und 1848 die monarchische Idee auch nur im Mindesten zu erschüttern vermochten. Im Gegentheil sind die Engländer besonders während der nun fast 60jährigen Regierung der Königin Viktoria noch monarchischer geworden, als sie es zuvor schon waren, und es läßt sich das weder durch glücklich geführte Kriege, noch durch ungewöhnliche Erfolge der Diplomatie erklären. Bei alledem ist die Freiheit der Rede und der Presse in dem Jnselreiche aller Fesseln ledig, und in keinem andern Lande werden selbst die hervorragendsten Persönlichkeiten einer schärferen öffentlichen Kritik unterzogen. Obgleich diese kritische Sonde manchmal bis hinauf in die königliche Familie zu verspüren war, ist die Anhänglichkeit des englischen Volkes an sein Herrscherhaus vornehmlich während des letzten Halbjahrhunderts nur gewachsen, und wenn auch die Königin Viktoria ihre Schwächen hat wie jedes andere Menschenkind, so gerieth sie doch während der langen Zeit ihrer Regierung kaum in eine einzige ernste Differenz mit dem Parlamente. Aber das letztere ist es gerade, worin ihre Stärke besteht: der hoch entwickelte konstitutionelle Sinn der Königin hat den englischen Thron mehr denn je befestigt, und ihre stete Bereitwilligkeit, dem souveränen Willen des Volkes unverzüglich und unter allen Umständen sich zu fügen, hat ihr die Achtung und Anhänglichkeit aller Parteien und Bevölkerungskreise gesichert. Mag auch ihre persönliche Neigung und Ueberzeugung manchmal eine andere sein, sie säumt dennoch keinen Augenblick, den Parlamentswahlen sofort zu entsprechen und diejenige der beiden großen politischen Parteien an das Staatsruder zu berufen, für welche der Volkswille sich ausgesprochen. Selbst den alten Gladstone, der ihr persönlich unangenehm war, hat sie sich wiederholt als Premier gefallen lassen und sich darüber weggesetzt, daß er weder zu schmeicheln verstand, noch irgendwelche Rücksichten auf kleine weibliche Schwächen nahm. Sogar daS verzieh ihm die etiketten- strenge Königin, daß der „große alte Mann" bei der Audienz manchmal im Gehrock, statt in der goldgestickten Uniform, erschien und nicht einmal immer ganz frische Wäsche angelegt hatte. Dieser Kardinaltugend echt constitutionellen Sinnes gegenüber vermögen die mancherlei Vorwürfe nichts auszurichten, welche mit mehr oder weniger Berechtigung gegen die greise Monarchin erhoben werden. So verübelt man es ihr z. B., daß sie seit dem Tode ihres Gemahls, des Prinzen Albert von Coburg-Gotha, in allzu strenger Zurückgezogenheit lebt. Trotzdem sich die Gruft über diesem allerdings trefflichen Manne schon vor 34 Jahren geschlossen, hat die Königin das schwarze Trauergewand und den Witwenschleier artch heute noch nicht abgelegt, und nur die verschiedenartigen Spitzen, die Diamanten und andern Edelsteine bringen sammt den bei öffentlichen Anlässen angelegten Orden etwas Abwechslung in die düstere Einförmigkeit ihrer äußeren Erscheinung. Wollte man sich auch noch gefallen lassen, daß die ehemaligen Privatzimmer des Prinz-Gemahls in Windsor heute noch genau so aussehen, wie er sie verlassen, so ist es doch entschieden zu weit getrieben, daß die Stiefel des Verstorbenen noch täglich geputzt werden — ohne große Mühe allerdings I Als ein Erbstück ihres verewigten Gatten hat die Königin u. A. auch dessen Diener John Brown in so hohen Ehren gehalten, daß selbst der berühmte Staatsmann Beaconsfield um seine Gunst buhlte und Prinzen und Prinzessinnen den Mächtigen Einfluß fürchteten, welchen der heimtückische Kammerdiener auf seine königliche Gebieterin ausübte. Alles athmete erleichtert auf, als der viel beneidete und noch mehr gehaßte Mensch im Jahre 1893 seiner Leidenschaft für den Whisky erlag. Mit der übertriebenen und oft laut getadelten Zurückgezogenheit der Königin hängt ein anderer Vorwurf gegen sie zusammen, den nur ihre einstigen Erben nicht erheben — es ist die allzugroße Knauserei der hohen Frau. Als sie am 20. Juni 1837 als Erbin ihres kinderlosen Oheims, König Wilhelms IV., den Thron bestieg, benahm sich das Parlament bei Feststellung der Civilliste der 18jährigen Königin insofern sehr vorsichtig, als es genau bestimmte, wozu das viele Geld verwendet werden solle. So wurden bewilligt: Für den Haushalt „ Gehalte der Hofbeamten „ die Privatbörse 60,000 „ „ „ Almosen 13,200 „ „ „ beliebige Ausgaben 8,400 „ „ Es macht das zusammen 385,000 Pfd. St. oder 7'700,000 Mark (über 9*/g Mill. Fr.), gewiß ein nettes Sümmchen, mit dem sich auskommen läßt. Die Königin brachte dieses Kunststückchen denn auch fertig, aber sie behielt alljährlich noch viel und seit Beginn ihres langjährigen Wittwenstandes sogar sehr viel übrig. Das auch ist es, was ihr die Engländer zum Vorwurf machen, indem sie gleichzeitig mit Recht behaupten, die Ucberschüsse in den einzelnen Rubriken müßten dem Parlamente zur Verfügung gestellt werden, was allerdings nie geschah. Kann man sich auch nicht wundern, daß die Haushaltsausgaben der einfacher als manche Bürgersfrau lebenden Königin weit hinter dem Ansatz des Parlaments zurückbleiben, so verschnupft es doch ernstlich, daß auch der für Almosen ausgeworfene Betrag nie säuberlich aufgebraucht wird und so überall nette Bröck- chen übrig bleiben. Rechnet man dazu noch die anderen Einnahmequellen der hohen Dame — so z. B. 1 Million Mark jährlich aus dem Herzogthum Cromwell — dann wird man begreifen, daß sie es bei ihrem langen Leben zu etwas bringen mußte. Und in der That liefern ihr die Zinsen ihrer riesigen Kapitalien, sowie ihre Privat- Besitzungen in Großbritannien und Amerika so ungeheure Jahreseinkünfte, wie sie selbst ein Rothschild nicht hat, 172,500 Pfd. St. 131,260 „ „ 751 und die greise Königin dürfte wohl unbestritten als die reichste jetzt lebende Persönlichkeit bezeichnet werden. Auch durch Schriftstellerei hat die Monarchin noch ein kleines „Nebenher" verdient. Sie führt nämlich ein genaues Tagebuch und hat daraus schon ab und zu Aus- züge publizirt, für welche der Verleger gewöhnlich recht hohe Honorare zu zahlen hatte. Für ihr letztes derartiges Werkchen, welches in einfach schöner Sprache, aber in - . . Kchloß am Kee. monoton sich hinschleppenden Wiederholungen das Alltagsleben in dem schottischen Schlosse Balmoral schildert, mußte der Verleger 5000 Pfund (100,000 Mark) zahlen. Aber da das nette Büchelchen trotz seines schönen Einbandes dem verehrlichen Publikum für zehn und eine halbe Mark doch zu theuer war, setzte es der Buchhändler auf 7*/z, dann auf 4 Mark herab, und jetzt ist es sogar für 1 Mark 90 Pf. zu haben — ein Beweis dafür, daß Verleger auch mit königlichen Autoren Pech haben können. — Innerhalb der eigenen Familie führt die Herrscherin ein so strammes Regiment, daß sie von Söhnen und > Töchtern, Enkeln und Schwiegersöhnen selbst in den unbedeutendsten Angelegenheiten um ihre Willensmeinung gefragt zu werden verlangt. Wer das kann und es z. B. über sich gewinnt, bei Mama zu fragen, ob er diese oder jene Einladung annehmen dürfe, der ist ihr lieb Kind. Ihrer besonderen Gunst erfreute sich der Vater der jungen Zarin, der letztverstorbene Großherzog Ludwig IV. von Hessen. Er brachte alljährlich mehrere Monate bei der gestrengenSchwiegermama zu, und als er, des Wittwen- standes müde, der kurz vorher geschiedenen Frau vonKolemtne die „linke" Hand gereicht, da war es einzig der Wille der Königin von England, welcher den kaum geschlossenen Ehebund wieder zerriß. Böse Zungen wollten damals die häufigen finanziellen Schwierigkeiten des Großherzogs mit dessen großer Liebe zur Schwieger- mama in Verbindung bringen. Wäre der eheliche Bund mit Frau von Kolemine nicht gar zu un- ebenbürtig gewesen, die Königin hätte die Lösung desselben gewiß nicht betrieben. Denn Liebende zu beschützen und Ehen zu stiften ist eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen, und man kann nicht anders sagen, als daß sie Glück damit hat. Es steht wohl einzig in der Geschichte da, daß eine königliche Großmama so viele regierende oder voraussichtlich doch zur Regierung gelangende Kinder und Enkel hat: die Kaiserin Friedrich und der Herzog Alfred von Coburg-Gotha sind ihre Kinder, der deutsche Kaiser, dicZartn, das großherzogltchePaar vonHes- sen, die Erbprinzesstn von Mei- ningen, die Kronprinzessin von Griechenland und die Gemahlin des rumänischen Thronfolgers ihre Enkelkinder. Die Königin zeigt sich ihrem Volke nur höchst selten, und auch die sogenannte hoffähige Gesellschaft ist mit dem Glücke persönlicher Begegnung nur sparsam bedacht; denn Concerte, Theatervorstellungen, Bälle und andere Festlichkeiten sind am englischen Hofe völlig unbekannte Dinge, und der Abhaltung von Empfängen oder Hoffesten (Ora^vinArooms) ist während des ganzen Jahres alles in allem nur eine Woche gewidmet, für welche Zeit die Königin von Schloß Wtnd- sor, ihrem vornehmltchsten Aufenthaltsorte, nach dem Buckinghaw-Palaste kommt, jenem ungeheuer großen Gebäude, das im Westen Londons, am Ende von St James' 752 Park gelegen ist. Ein solcher Empfang wickelt sich übrigens außerordentlich rasch ab. Nachmittags präcis 2 Uhr öffnen sich die Thore des Palastes, und eine fast endlose Reihe feiner Equipagen fährt in den Schloßhof. Die imHof- Costüm erscheinenden Herren und die in reicher, mit Diamanten gezierter Toilette steckenden Damen stellen sich im Innern des Palastes reihenweise nach der Zeit ihres Eintreffens auf oder sie bilden „Queue", wie eS in der Hofsprache heißt. Endlich naht der große Augenblick. Präcis 3 Uhr Nachmittags öffnet sich das Thronzimmer, wo die von ihrer Familie und den hohen Würdenträgern umgebene Königin ihren Sitz eingenommen hat. Der Ceremonienmeister ruft jetzt laut und deutlich die Namen der Erschienenen auf, die sich dann schleunigst in Bewegung setzen, vor der Majestät die vorschriftsmäßige tiefe Verbeugung machen und ihr die Hand küssen, um dann ohne weiteren Aufenthalt durch die Thüre am entgegengesetzten Ende des Saales wieder zu verschwinden. Nur selten richtet die Königin an bekannte Personen einige Worte, und um 4 Uhr, also nach Verlauf einer Stunde, hat die ganze noble Gesellschaft den Palast wieder verlassen, während die Königin nie später als 5 Uhr mit dem an der Paddington-Station bereitstehenden Extrazug nach Windsor zurückkehrt. Am folgenden Tage bringen alle Zeitungen die Namen der Auserwählten, welche bei dem gestrigen Drawingroom der Herrscherin die Hand küssen durften, und glücklich ist, wer sich in dieser Liste aufgeführt steht. Die gesammte Repräsentation, wie überhaupt die ganze Last, welche die königliche Würde nach außen mit sich bringt, ruht seit vielen Jahren auf den Schultern des Thronfolgers, des Prinzen von Wales, der trotz seiner mancherlei Schwächen in England großer Beliebtheit sich erfreut. Bei der Unmasse von Festlichkeiten aller Art, denen er dem Herkommen gemäß beiwohnen muß, wäre das Anhören von Ansprachen und das Selber-Reden noch nicht das Schlimmste. Härter würden manchem die Festessen vorkommen, mit welchen der Vertreter der Krone sich oft täglich in der Mehrzahl abzufinden hat. Aber der königliche Prinz ist in diesem Punkte mit einer geradezu bewunderungswürdigen Gabe ausgestattet. Trifft ihn des Vormittags um 10 Uhr das erste Frühstück, so vermag er gleichwohl um 1 Uhr ein zweites, noch umfangreicheres zu vertilgen, ohne daß ihm deßhalb der Appetit zu dem offiziellen Lunchen um 3 Uhr abhanden käme. Und will es des Schicksals Tücke, daß Abends 8 Uhr noch ein Bankett (dinnor) stattfindet, so stellt der Thronfolger auch da wieder seinen ganzen Mann. Aber wer viel ißt, kann nach Ludwigs XI.' berühmtem Ausspruche niemals ein schlechter Mensch sein. Der Prinz von Wales beweist diesen Satz schon durch seine äußere Erscheinung, welcher die vollendete Gutmüthigkeit aufgeprägt ist. Daß er viel ißt und auch mittrinken, plaudern, spielen, tanzen und scherzen kann, sich mit einem Worte zeigt wie andere Sterbliche auch, das ist es gerade, was ihn bei Hoch und Nieder populär macht. (Luz. Vtld.) ZuunserenBildern. Ein Ungeheuer. Die einst die furchtlosen und wüthigen Vertheidiger ihrer Herren werden sollen, hat eine Kröte, die ihnen bisher noch nicht vor Augen kam, gewaltig erschreckt. Mit den gewagtesten Kletterübungen suchen sie sich vor dem Feinde in Sicherheit zu bringen. Und gerade in so gefährlichen Augenblicken muß die Hündin abwesend sein! Der Drandstifter. Im Dorfe ist ein Haus abgebrannt. Die Ortsfeuerwehr die Nachbarfeuerwehrcn, die Ortsbewohner haben redlich zu- sammengeholfen, die benachbarten Anwesen zu schützen und vor dem verheerenden Elemente zu bewahren. Schon als man das Feuer bemerkt hatte, tauchte allgemein die Meinung auf, nur die Hand eines Frevlers könne namenloses Unglück über eine arme Familie gebracht haben, und der Verdacht sollte sich alsbald bestätigen. Nur einen Feind hatten die ihrer Habe Beraubten im Dorfe, einen finsteren, verschlossenen Mann, der erst vor Kurzem einen Prozeß mit ihnen angefangen und verloren hatte. Man hielt ihm alsbald vor, er sei der Brandstifter. Der Mann leugnete die That nicht, gab vielmehr seiner höllischen Befriedigung über die Sättigung seiner Rache Ausdruck, und so wurde er von einigen handfesten Ortseinwohnern dingfest gemacht und vor das Ortsoberhaupt geführt. Das Gemälde von Fr. Hiddemann stellt den Moment dar, in welchem der Verbrecher vor dem Bürgermeister erscheint. Zichloß am Kee. Der Mond dringt eben durch die dichte Wolkenwand und beleuchtet ein mit Reben bewachsenes altes Gemäuer, das einer Burg als Umwallung diente. Von der Zinne des Thurmes genießt man einen herrlichen Ucberblick über den See, der schon zu Zeiten der Raubritter einen sehr lebhaften Verkehr vermittelte. Gar oft ist die raublustige Schaar ans Ufer geeilt, wenn die Thurmwache das Herannahen des Fahrzeuges eines reichen Kaufherrn anzeigte, und hat reiche Beute geholt. Jetzt ist das Schloß zum Theil verfallen und dient nur mehr als bequem zu erreichender Aussichtspunkt. Aus der „Nachfolge Kyristi"?) Sei nicht stolz auf hohe Freunde, Rühme dich nicht deiner Habe, Nur des Herrn! Denn Er gibt alles Und sich selbst als beste Gabe. Prahle nickt mit deiner Schönheit Und der Wohlgestalt der Glieder: Eine Krankheit — und was prangte, Ist verwelkt und blüht nicht wieder! Denke nicht mit Selbstgefallen. Deiner Einsicht und Talente, Weil der Herr, der alles schenkte, Dir zum Unheil, zürnen könnte! Schätze dich nicht über and're In vermeff'nem Tuqenddünkel! Um so nied'rer wirst du gelten Dem, Der kennt die Herzenswinkel. Was du Gutes etwa thatest, Denk' es nicht mit Ueberhebenl Daran, was die Menschen preisen, Kann vor Gott ein Tadel kleben. Hast du Gutes: das noch Bess'rc Von dem Nebenmenschen glaube, Daß der Feind den Schatz der Schätze, Deine Demuth, dir nicht raube! Daß du allen nach dich ordnest, Ist der Seele nicht zum Schaden; Doch Erhebung über einen Bringt dich um sehr viele Gnaden. Demuth hat beständig Frieden; Aber in die Brust des Stolzen Schnellen Eifersucht und Aerger Ihre gift'gen scharfen Bolzen. *) Siehe „Des gottseligen Thomas von Kempen Nachfolge Christi in deutschen Reimen" von Hermann Jseke. Verlag von F. W. Cordier, Heiligenstadt (Eichsfeld). Preis brosch. M. 3.-, Salonband M. 4 50. Algebraische Gleichung, rr ^ l» — x a beliebtes Reiseziel, d Soldat. x ein für Häuserspeculanten wichtiges Object. ---SÄWSS-- -r M 98. Kreitag, den 27. November 1896. Für die Redaction verantwortlich: Vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Litterarischen Instituts von Haas L Grabpcrr in Augsburg lBorbesitzer vr. Max Huttler). Im fremden c-lande! Erzählung von C. Borges. (Fortsetzung.) V. Weihnachten, das Fest der Freude! Aber welch' ein Weihnachtsfest im Vergleich zu den Festen, die Nasalst von Bornfeld in ihrer früheren Heimath gefeiert hatte! Die Nasen blühten in üppiger Fülle, dunkle Clematis und weiße Kletterrosen schützten die Terrasse vor den sengenden Sonnenstrahlen, und Nasalst fand es im Hause und im Freien zu heiß zu irgend einer Beschäftigung, selbst das Buch entfiel ihren Händen, denn auch im schattigsten Winkel war es zu heiß, um zu lesen. Obgleich Herr Lambrecht fast sein ganzes Leben hindurch hier in Afrika gelebt hatte, wollte er doch von den deutschen Sitten und Gebräuchen am Weihnachtsfeste nicht lassen. Wenn das Thermometer auch noch so hoch stand, er mußte nicht allein einen Weihnachtsbanm haben, sondern liebst es auch, zu diesem Feste eine Schaar Freunde um sich zu versammeln. „Wie gefällt Ihnen die Weihnachtszeit hier, Fräulein Nosa?" fragte Thomas ungefähr drei Tage vor dem Feste und ließ sich dann an ihrer Seite in die Hängematte fallen. „ES ist fast zu heiß, um zu athmen; möchten Sie nicht ein wenig von dem Eis und dem Schnee hcrübcrzaubern können, der um diese Zeit in Ihrer alten Heimat!) das ganze Land bedeckt?" Vier Wochen waren vergangen, seitdem Thomas die Unterredung mit Nosalie über Linda River hatte, und seit dieser Zeit war mit dem Jüngling eine wesentliche Veränderung vorgegangen. Der Vater beobachtete ihn genau und freute sich im Stillen, daß er mit der neuen Hausgenossin auf einem so guten Fuße stand. Er begleitete oft ihre Lieder, sang mit ihr Duette, lehrte sie reiten nnd begleitete sie aus ihren Spaziergänger: im nahen Walde. Nosalie ihrerseits war aufrichtig betrübt, daß sie, durch falsche Vorspiegelung geblendet, den Charakter des jungen Mannes so schlecht beurtheilt hatte. Sie fühlte inniges Mitleid mit ihm, noch mehr aber zürnte sie Linda Niver, die durch ihre Heuchelei sein Lebensglück — wie sie meinte — doch zerstört hatte. „Wir werden beide gut miteinander fertig", sagte sie in ihrer schlichten, offenen Weise zu Frau MannerS, „obgleich wir noch nicht gute Freunde sind. Aber er duldet doch jetzt meine Gegenwart, und er sagt auch kein böses Wort mehr gegen Damen." Dr. MannerS lachte heiter, als seine Frau ihm diese Worte wiederholte. „Ist Nosa denn wirklich noch ein so harmloses Kind?" „Das ist sie ganz gewiß. Sie ist so frei und aufrichtig, wie ein unerfahrenes Kind von zehn Jahren." „Glaubt sie denn wirklich, Thomas wäre gleichgiltig gegen sie?" „Daran ist gar nicht zu zweifeln, und ich glaube, sie hat darin auch vollkommen Recht. Thomas wird niemals für eine Dame ein Interesse zeigen, sie müßte denn eine alte Jungfer oder eine verhcirathete Frau sein, die also nicht die geringsten Ansprüche auf seinen Namen mehr macht." „Hm!" machte der Doktor gedankenvoll, „vielleicht hast Du Recht; ihr Frauen müßt ja immer Recht behalten — aber — —" „Aber waS?" fragte Hilda ungeduldig. „Wenn Thomas wirklich ganz gleichgiltig gegen Fräulein Nosalie ist, warum war er denn vor einigen Tagen so sehr empört, als der junge Farmer Gervin um ihre Hand anhielt? Er und Thomas waren früher die besten Freunde; gestern sagte er mir aber, er wünsche, der Farmer sei tausend Meilen weit von hier und ließe sich niemals wieder in Marydale sehen, weil er gewagt habe, Rosa für sich zu gewinnen." „Meinst Du denn — —" „Ich meine gar nichts, durchaus gar nichts", unterbrach der Arzt schnell seine Gattin. „Sollte sich Thomas aber einmal ernstlich verlieben, so kann es nur in die liebliche Nosa sein." Unterdessen saßen die Beiden an diesem heißen Dczembertage im kühlen Schatten auf der Terrasse. Nosa versicherte scherzend, sie sehne durchaus nicht Eis und Schnee herbei, und ein heißer WethnachtStag sei ihr so neu» daß er einen gewissen Netz für sie habe. „Die Wahrheit zu gestehen", fuhr sie heiter plaudernd fort, „hatte ich noch gar nicht daran gedacht, daß in anderen Erdtheilcn dieses schöne Fest in die heißeste Jahreszeit fällt, erst im letzten Juni hörte ich zuerst davon reden." „Bei welcher Gelegenheit?" Nosa errathest heftig, und Thomas, der sich über diese Verlegenheit belustigte, wiederholte seine Frage dringender. 754 „Sie werden gewiß über mich lachen", flüsterte sie leise, „aber eine Zigeunerin sprach zuerst davon." „Sie glaubten doch nicht dem Gerede einer Zigeunerin ?" „Nein — ja — ich weiß eigentlich nicht." „Bah, ich hielt Sie für vernünftiger", sagte Thomas verächtlich. „Na, Sie werden doch darüber nicht weinen? Ich wollte Sie wirklich nicht beleidigen." „Ich kann nicht anders", gestand sie, gewaltsam ihre Thränen zurückdrängend, „ich muß immer weinen, wenn ich an jene Zeit und an die Worte der Zigeunerin zurückdenke." „Sie lebten doch in einer großen Stadt, wo sahen Sie denn eine Zigeunerin?" „Meine Tante veranstaltete ein Sommerfest, und ich mußte vorher hinausfahren, um dem Hausmädchen zu helfen, die Tische für die Gäste zu bereiten." Thomas sprang entsetzt aus seiner nachlässigen Stellung empor. „Wurden Sie nicht wie eine Tochter im Hause gehalten?" fragte er erregt. „Ich war dort so unglücklich, daß ich jetzt oft noch weine, wenn ich an jene Zeit zurückdenke. Ich mußte den ganzen Tag in einer engen Mansarde sitzen und die Kleider meiner Cousinen nährn, bis mir dir Finger schmerzten. Wenn Besuch da war, so durste ich nicht einmal zum Essen hinuntergehen. Niemand sagte mir ein Wort, ich mußte nur täglich mit anhören, daß ich ans „Mitleid" im Hause geduldet würde. Ich hatte schon den Plan gefaßt, mich als Kinder- oder Hausmädchen zu verdingen, da machte mir Ihr Vater das Anerbieten, hierher zu kommen." „Das war für Sie ein hartes Leben. Aber wie war's mit dem Sommerfest und der Zigeunerin? Bitte, erzählen Sie." „Sie werden nur darüber lachen." „Erzählen Sie nur!" „Nun, einer der eingeladenen Gäste erschien nicht, und so mußte ich mich mit zu Tische setzen, damit die gefürchtet« Zahl „dreizehn" vermieden wurde. Eine der Damen — sie war so schön und dabei höchst elegant gekleidet — war so freundlich zu mir, daß ich mein ärmliches Kleid ganz darüber vergaß. Sie mit ihrem Vetter, Herrn Wilmer, bereiteten mir frohe Stunden, daß wir die flüchtige Zeit darüber vergaßen. Dort im Walde trafen wir auch die Zigeunerin, die mir die Zukunft enthüllte." „Nun, was sagte sie?" „Zuerst sagte sie mir, ich habe jetzt viel Sorge und Noth, aber ich würde bald in einem besseren Lande sein. Ich glaubte, ich würde bald sterben, doch sie sagte nein, ich hätte ein langes Leben vor mir und stände jetzt vor einem Wendepunkte. Ehe der Vollmond am Himmel stände, würde ich das Haus meiner Tante verlassen haben." „Versprach sie Ihnen keinen Gatten?" Nosalie beachtete diese Frage nicht und fuhr fort: „Ferner sagte sie, sobald die Noscn am Weihnachtsfeste blühen, würde der Stern meines Glückes aufgehen." „Wad weiter?" „Weiter nichts. Meine Tante zürnte mir sehr und drohte, mich fortzuschicken, weil ich so lange mit der reichen Dame und deren Vetter allein im Walde gewesen war, doch da erhielt ich den Brief von Herrn Hollmann, und der gut: alte Herr nahm mich in sein Hans auf." „Und was haben Sie mir weiter von dem Vetter der reichen Dame zu sagen — wollen Sie ihn heirathen?" „Wahrlich, Thomas, Sie treiben Scherz mit mir", rief Nosalie heiter lachend. „Ich sah den Herrn ja nur dieses eine Mal. In der letzten deutschen Zeitung, die ich in der vorigen Woche erhielt, las ich feine Heiraths- anzeige, und es war mir lieb, daß er nicht meine Cousine Georgine gewählt hatte." „Nun", sagte der junge Herr gedankenvoll, „die Rosen stehen bereits in voller Pracht, und in drei Tagen ist Weihnachten. Der Stern Ihres Glückes muß sich jetzt beeilen, um rechtzeitig am Himmel zu erscheinen." Rosa wollte antworten, doch ihre Lippen blieben geschlossen, denn gerade in diesem Augenblick trat der alte Herr auf die Terrasse hinaus, einen offenen Brief in der Hand haltend. Ein zufriedenes Lächeln erhellte sein gutmüthiges Antlitz, als er die beiden jungen Leute so heiter plaudernd beisammen fand. „Gute Nachrichten, Thomas!" rief er lebhaft. „Die ganze Familie Davidfohn hat unsere Einladung angenommen; sie kommen Me. Morgen treffen sie ein und bleiben bis nach Neujahr." Der junge Mann schien bei dieser Eröffnung wenig erfreut. „Ich kann nicht begreifen, welches Vergnügen Du darin findest, das ganze HauS mit Gästen anzufüllen", erwiderte er unwillig. „ES wäre viel besser, wir blieben zum Feste allein." „Am W-ihnachtsfeste muß ich einen großen Kreis fröhlicher Gesichter um mich sehen; so hab' ich es gern", beharrte der alte Herr. „Na, jetzt wird Dein Wunsch erfüllt. So viel ich weiß, sind sieben kleine Sprößlinge in der Familie Davidsohn, außerdem hast Du noch Gäste aus der Stadt geladen." „Ich erwarte zwanzig Personen", rechnete der alte Herr, still vergnügt. „Zwanzig Personen mit der Familie Davidsohn, die auch ihre Gouvernante mitbringt. Die Mutter wollte die Erzieherin der Kinder nicht gern allein zurücklassen, und da sie so weit entfernt — in Natal — wohnt, wollte sie auch für die wenigen Tage die Heimreise nicht antreten. Sie soll eine angenehme junge Dame sein, die Dir gewiß gut gefällt, Rosa." Thomas und Nosalie wechselten verständnißvolle Blicke; ein gleicher Gedanke durchzuckte ihre Seele, doch sie wagten nicht, ihn in Worte zu kleiden. Herr Lam- brecht beachtete dieses Schweigen nicht und fuhr heiter fort: „Du wirst ihr doch einen freundlichen Empfang bereiten, nicht wahr, Rosa? Ich meine, der Gouvernante. Sir gehört einer alten Kausmannsfamilie in Natal an, aber sie hatten viel Unglück und leben jetzt in kümmerlichen Verhältnissen. Denke nur, diese Linda River — so heißt sie — ist eine Nichte der Madame Darby, mit der Du die Seereise machtest." Jetzt war kein Zweifel mehr über die Identität der Gouvernante. Rosa wagte nicht, Thomas anzusehen, aber sie fühlte ihre Wangen sich purpurn färben. Zum Glück verließ der alte Herr bald die Terrasse und Thomas seufzte laut: „Was in aller Welt soll ich nun thun?" „Fürchten Sie sich?" fragte Rosa. „Fürchten? Nein! Ich würde mein Herz nicht noch einmal an Linda Niver verlieren, selbst wenn sie die einzige Frau in ganz Afrika wäre." — 755 „Was fürchten Sie denn?" „Ich sagte niemals, daß ich mich fürchte." „Sie sind aber entsetzich aufgeregt, Thomas. Nun, für Sie ist's nicht so schlimm, Sie haben konsequent Dl'mengcsellschaft gemieden, bleiben Sie Ihrem Grundsätze auch jetzt getreu und ziehen Sie sich zurück. Für mich ist es viel schlimmer, ich soll für die Unterhaltung der Gouvernante ganz besonders sorgen." Sie glaubte, Thomas würde ihre Worte belächeln, aber sein Antlitz war ernst, als er sagte: „Sie kennen sie nicht. Ich gäbe mit Freuden Tausende, wenn ich sie von Marydale fern halten könnte." „Sie fürchten doch nicht für Ihren Vater? — O, Thomas, denken Sie das doch nicht; er kann ja noch immer nicht den Schmerz über den Verlust seiner Gattin lindern." „Für meinen Vater fürchte ich nichts, aber dennoch würde ich kein Opfer scheuen, um Linda fern zu halten. Ich weiß, Sie hassen mich, Nosa, aber ich bitte Sie, einen guten Rath von mir anzunehmen." „Ich hasse Sie nicht. Welchen Rath geben Sie mir?" „Vermeiden Sie Linda'S Gegenwart so viel wie möglich. Sie streut gern Eiftsaat aus — sagen Sie ihr kein Wort, was nicht die Spatzen auf den Dächern zwitschern dürfen." „Ich habe keine Geheimnisse, und wenn ich welche hätte, so würde ich sie Fremden nicht mittheilen", versicherte Nosa. (Schluß folgt.) --S28SLS--- In der Vrrg- und Glrtschriivrlt der Berner HochnlM.") Von Dr. Naimund Schäfer (Baben-Daden). (Wetterhorn. — Eiger. — Mönch. — Jungfrau. — Finsteraarhorn. — Schreckhorn.) Die Bergbahn hielt, und ich befand mich in Grindelwald. Hans Brawand wurde mein Führer. Unberührt von Europas übertünchter Höflichkeit, von stählernem Bau, kühnen Zügen, welche durch den langen, braunen Bart eine gewisse Wildheit erhielten, schien er wie geschaffen, den Gefahren der Alpen zu trotzen und sie zu besiegen. Am Tage nach der Ankunft war ich mit ihm auf dem Wege zum Wctterhorn. Wir gingen in Gesellschaft des Herrn James Drummond und seiner beiden Führer. Herr Drummond trug einen Photographischen Apparat, den er mit bewundernswürdiger Zähigkeit in allerlei gefährlichen Situationen benutzte. An Punkten, wo es schon schwierig war, ein freundliches Gesicht zu machen, verlangte er allgemeine Pose. Auf unserem Wege zur „Glccksteinhütte" hatten wir den Oberen Grindelwaldglctscher zu überschreiten und viele abschüssige Felswände zu erklettern. Nach etwa sechsstündiger Wanderung erreichten wir die Hütte. Sie steht friedlich auf einem Vorsprung des Berges. Im Glänze des feurigen Strahlenmeercs, mit welchem die Abendsonne uns und unsere herrliche Umgebung überflutete, entwickelte sich nun jenes romantische Zigeunerleben, welches einen so großen Reiz der Alpenwanderug bildet. Das Lager wurde hergerichtet, Feuer angezündet, Wasser herbeigeschleppt, der Proviant ausgepackt und entsprechend zubereitet. Wir entnehmen diese anziehende Schilderung dem Feuilleton der „Frankfurter Zeitung". Als die Nacht hereinbrach, tauchten tief unten die Lichter Grindelwalds auf, und die Abendglocken sandten ihre Klänge empor. Um diese Zeit brannten wir zwei Raketen ab. Die eine hatte keine Lust, in die Höhe zu steigen; sie cxplodirte und vertheilte sich unparteiisch unter den Unterstehenden. Nachdem unsere Nerven sich wieder etwas beruhigt hatten, hüllten wir uns in Decken, legten uns auf das Strohlager in der Hütte und schliefen bis 3 Uhr Nachts. Aldann kochten wir schnell Kaffee und stiegen mit Laternen versehen in Nacht und Felsen hinein. Wir brauchten fünf Stunden, um den Gipfel zu erreichen. Er ist steil und mit Firn bedeckt. Zahlreiche Dohlen flatterten umher, und hoch über unsern Häuptern flogen einige Naubvögel, welche die Führer für Adler hielten. Die Aussicht war großartig. Die zunächstlicgenden Gipfel des Vordergrundes sind es im Wesentlichen, welche uns an der bald angepriesenen, bald angezweifelten Schönheit der Hochgipfelaussicht entzücken. Mit jeder Orts- und Zeitveränderung wechseln die Berge Rahmen und Beleuchtung, und jede Aussicht in den Alpen ist deshalb eine neue Aussicht. Aber die hunderterlei Ansichten, die ein Berg gewähren kann, geben jeder Gipfelausstcht ihren besonderen Charakter. Um sich in dem Chaos der fernliegenden Berge zurechtzufinden, bedarf man, abgesehen von auffallenden Bergformen, einer genauen Kenntniß der Alpen. Derjenige, der hier Berge wiedersieht, auf welche er vor Jahr und Tag seinen Fuß gesetzt hat, heftet seine Augen voller Freude auf die alten Bekannten in dem gestaltenreichen Zug im Hintergründe des wundervollen Bildes, dessen letzte Ausläufer sich in den Dünsten des Horizontes in matten Umrissen verlieren. Dort unten herrscht dumpfe Schwüle, hier athmet die Brust jenen unvergleichlichen Aether, der den jungfräulichen Schnee der höchsten Gipfel umfluthet. Der Abstieg vom Wetterhorn bot nichts Bemerkenswerthes. Am Tage nach der Wetterhornbesteigung fuhr ich mit Herrn' Drummond und einem Herrn Clayton mit der Zahnradbahn nach der Wengern-Schcidegg, an den Fuß des Eiger und der Jungfrau. Am darauffolgenden Tag bestiegen wir den Eiger. Herr Drummond hatte seine alten Führer, und der andere Engländer hatte den bekannten Chr. Allmer, sowie den Führer Kauffmann aus Grindelwald engagirt. Wegen deS starken Nebels kamen wir erst um 8 Uhr zum Abmarsch. Nach Ueberschretten einiger Nasenhänge und Schutthalden erreichten wir die schroffen Kalkkiippen des Eiger. Wir kletterten rastlos empor, bald auf scharfen Graten, bald an Abgründen entlang, welche losgelösten Felsblöcken freien Fall boten. Um 2 Uhr Mittags standen wir auf dem Gipfel, und der Knall eines Salutschusses drang schwach an unser Ohr, ein Zeichen, daß wir von den Gästen deS Hotels mit dem Fernrohr verfolgt worden waren. Der schmale, schisfskielförmige Gipfel deS Eiger vermochte uns kaum zu fassen. Er ist stark vereist und von einer Schneewächte gekrönt. Stoßen wir ein Loch durch den Schnee zu unseren Füßen, so erblicken wir unter uns den zerklüfteten Vieschergletfcher, der etwa 1000 Meter tiefer liegt. Rings umher befinden sich todbringende Abstürze, die sich von oben schlimmer aus- nehmen als von unten, und unwillkürlich Gedanken an das Jenseits erregen. Aber man empfindet daS Dasein nie reizvoller, als wenn man Gefahr läuft, eS zu verlieren. Jeder gefahrlose Nnhepunkt erzeugt eine Art beneidenswerter Neconvalescentenstimmung. In dieser 756 — Gemüthsverfassung genießt man die Schönheit der Umgebung doppelt. Dort, die in trotziger Kühnheit emporragende Fclsklippe des Schreckhorns — dort, in einem Meer von Gletschern, die glänzenden Viescherhörner. In unmittelbarer Nähe des Eiger erheben sich seine mächtigen Geschwister, der gewaltige Mönch und die blendende Jungfrau. Tief unter uns liegen die grünen Thäler mit den Silberadern der Bäche, und über uns wölbt sich der tief- dunkelblaue Himmel des Hochgebirges. Wir verweilten etwa eine halbe Stunde auf dem Gipfel und traten hierauf den Abstieg an, der durch den herrschenden Steinfall etwas gefährdet war. Vom Wetter wurden wir begünstigt, die Sonne, welche sich dem Horizonte näherte, beleuchtete die Schneefelder, die wir betraten, und die Wolken, die sich am Berge gelagert hatten, mit wunderbaren röthlichen Farben. Als die Sonne verschwunden war, trat Alpenglühen ein. Dieses Gebirge gewährte jetzt ein unheimliches, gewaltiges Schauspiel. Die finsteren Felsmassen und die rothglühenden Eisfelder wurden von flammenden Nebclwogen umbrandet. Keinen Augenblick blieb sich das phantastische Bild gleich, denn ein Sturm herrschte, der die Wolken zerriß, sie am Berge emporjagte und jedes lose Tuch, jedes Papier blitzschnell in den Ocean der Lüfte entführte. Leider war es uns wegen der späten Stunde nicht vergönnt, der landschaftlichen Herrlichkeit längere Zeit zu widmen, da wir unaufhaltsam abwärts eilen mußten. Bei unserm Erscheinen im Hotel empfing uns seitens der Gäste der echt englische Sports-Enthusiasmus. Den Comfort und die Annehmlichkeiten eines modernen Hotels empfindet man nach einer solchen Strapazen verzehnfacht. Uebrigens hielt diese epikureische Stimmung nur bis zum folgenden Tage an, denn ich schmiedete an demselben, in Gemeinschaft mit Herrn Drummond, den Plan zu einer neuen, sechstägigcn Wanderung, die uns auf die Gipfel von Mönch, Jungfrau, Finsteraarhorn und Schreckhorn führen sollte. Wir wollten Jeder getrennt gehen, aber wegen der gegenwärtigen Vereinsamung der Berge (es war Ende September) womöglich am gleichen Tage das Gleiche unternehmen. Da wir 4—5 Tage lang jeder menschlichen Behausung fern blieben, so mußte der Proviant und das Brennholz für diese Zeit ausreichen und bildeten in Folge dessen eine gewaltige Traglast, die jedoch von Tag zu Tag abnahm. Nach Erledigung all' der Kleinigkeiten, die nicht vergessen werden durften, brachen wir am zweiten Tage nach der Eiger-Besteignng Morgens um 7 Uhr auf und marschirten 9 Stunden bis zur Berglihütte des Schweizer AlpenclubS (3299 m) am Grindelwald-Vieschergletscher, in der wir vor Besteigung von Mönch und Jungfrau übernachten wollten. Oberhalb des „Eismeeres" und der „Kalli", einer Wand. die uns manchen Schweißtropfen kostete, hielten wir die erste Nast, denn die Führer hatten hier unter einem Geröllhaufen eine Theemaschine aufbewahrt, welche wir mit großer Genugthuung benutzten. Von hier aus konnten wir bereits die Berghütte erblicken. Dieses Unikum steht mitten in dem wilden Viescherglctscher auf einem Felsen, der von den ungeheuren Eismassen verschlungen zu werden droht. Neben dem Gebäude ist auf dem Felsen kein Platz mehr, obgleich dasselbe nur dreimal so geräumig ist, als eine Hnndöhütte. Es ist aber viel einfacher konstruirt. Nämlich aus einer Felswand, zwei Reihen aufgeschichteter Steine und einem Dache. In der Hütte befindet sich eine Anzahl Decken und ein kleiner eiserner Ofen, dessen Nohr quer durch den Raum geführt ist, um Wärme zu sparen und offenbar auch um Rauch zu erzeugen. Ob ich mich außerhalb oder in der Hütte aufhielt — ich fror und hustete abwechselnd; außen nahm die Wlte, innen der Rauch zu. Wir schmolzen Gletschereis, um Grog und Suppe bereiten zu können. Mit dem Einbruch der Dämmerung verstummte in der überwältigenden Gletscherwelt, die uns umgab, jedes Geräusch; das Rauschen der Schmelzwasscrbäche, der Donner der Lawinen wich einer unendlichen Ruhe. Wir legten uns bald auf's Ohr und versuchten die wenigen Stunden, die uns bis Ein Uhr, unsere Aufbruchszeit, blieben, zu ruhen, denn einer der Führer hielt uns durch Schnarchen, Ränspern und Niesen so munter, daß ich Gott dankte, als ich im Freien stand. Der frostige Nachtwind verscheuchte bald alle unangenehmen Symptome einer durchwachten Nacht, und wir fühlten uns frisch und fröhlich, als wir über das bequeme Mönchsjoch an die Felsen des Mönch wanderten. Nach einigen Stunden standen wir auf den Schnee- und Eishängen, welche den steilen Gipfelkamm des Mönch bedecken. Kälte und Sturm leisteten hier Beträchtliches, um uns zur Umkehr zu bewegen; man fror wie ein Nordpolfahrcr, der seinen Pelz versetzt hat. Bei jedem Windstoß mußte man sich mit dem Pickel verankern, sonst verlor man das Gleichgewicht, nnd am Gespräch war man durch Zähneklappern verhindert. Endlich 7 Uhr Morgens, waren wir auf der Spitze. Der Wind brauste hier mit aller Macht, der von unsern Fußtritten gelockerte Firnschnee wurde in die Luft geblasen, und der Aufenthalt war ganz unerträglich. Es kostete mich einige Ueberwindung, mit einem Halstuch eine Fahne zu improvisiern, die von der Wengern-Scheidegg, welche tief zu unsern Füßen lag, gesehen werden konnte. Von dort mochte der breite Gipfel des Mönch in der Morgen- beleuchtung so rosig als möglich aussehen — für uns war jedoch jeder Naturgenuß unmöglich, und wir kehrten zurück, um an diesem Tage noch den Gipfel der Jungfrau zu erreichen. Um zu diesem Berge zu gelangen, überschritten wir vom Fuße des Mönch aus die ungeheuren, grcllbels chtetcn Firnfelder des Notthales, in welchem der Sage nach die „Herren vom Rotthal" Nachts ihren Spuk treiben, wenn der Sturm an den rostbraunen Felskllppcn heult und schüttelt. Mühsam erklommen wir hierauf das steile Schneefeld unterhalb des ersten Bergschrundcs der Jungfrau und überlegten uns, wie wir auf die andere Seite des SchrundeS kommen sollten. Die Merkmale eines BergschrundeS, die starke Neigung der Eisfläche und die vertikal gegen einander verschobenen Ränder der Kluft, waren im vorliegenden Falle besonders ausgeprägt. Aber trotz der ungünstigen Verhältnisse konnte die entferntere, überhängende EiSwand von meinem Führer erklettert werden. Hans schlug sich, nur durch das Seil gesichert, tiefe Löcher für Hand und Fuß in das Eis, wobei die Bruchstücke mit unheimlichem Geräusch auf den Grund der Spalte sausten, schmiegte sich dicht an die Wand nnd stemmte sich daran empor. Oben angelangt trieb er den Pickel tief in die Firndccke, schlang das Sei! darum und forderte mich auf nachzukommen. Dies war Kinderspiel gegen seine Arbeit, zumal ich mich hierbei, zu meine: angenehmen Zerstreuung, von Herrn Drummond Photo- graphirt fühlte. Als wir um 2 Uhr auf der Spitze der herrlichen. 757 vielbesungenen Jungfrau eintrafen, war die Luft so klar und mild, daß wir längere Zeit oben blieben. Wieder lagen die gesummten Alpen, vom Montblanc bis zum Großglockner, zu unseren Füßen, diesmal nicht so düster wie vor 7 Stunden, sondern in warmem, sonnigem Glanz. Die Fels- und Schneehänge grell in dem Kontrast von Schwarz und Weiß, die Häupter blendend in der Ueber- fülle des Lichts, Alles überstrahlend die Jungfrau. Ihr Gipst! war zum Theil fast schneefrei, er fällt nach Süden zu schräg, nach Norden zu sehr steil ab und besteht aus Gneis. Der Abstieg regte uns nur an den Bcrgschründen etwas auf, da die eingehauenen Stufen inzwischen zerschmolzen waren. Beim unteren Schrunde zogen wir es vor, einfach über die Kluft hinweg auf den Firnschnee hinabzuspringcn. Nun marschirten wir den riesigen Aletsch- gletscher hinab und erreichten so gegen 7 Uhr Abends die „Concordia-Hütte", nachdem wir im Ganzen 20 Stunden unterwegs gewesen. Diese Hütte ist weder sauber noch schön, aber sie befindet sich in einer erhabenen Gebirgslandschaft, und man muß ihr deshalb diese Fehler verzeihen. Während wir bei der Suppe saßen, wurden wir durch die Ankunft von Gcmsjägern überrascht. Diese Leute, drei wilde verwetierte Gestalten, gedachten ebenfalls in der Hütte zu übernachten, sie luden ihre Beute ab, eine Gemse und ein Murmelthier. Die armen Kerle hatten außer einem Stück Brod nur einen Brocken gedörrtes Schaffleisch bei sich. Dasselbe besaß die Härte, den Geschmack und das Aussehen des Mahagoniholzes, und ich habe mir davon mühsam mit dem Messer ein Stück abgesägt. Genügsamere Gesellen, als diese drei Jäger, sah ich selten; in der Nacht legten sie sich, der größeren Wärme wegen, in einen Knäuel zusammen und bedeckten sich mit einer gemeinsamen Decke. Für den kommenden Tag hatten wir uns vorgenommen, das Finsteraarhorn kennen zu lernen. Die Gemsjäger behaupteten, es gäbe schlechtes Wetter, und wir verzögerten deshalb unsern Abmarsch bis 5 Uhr Morgens. Als sich jedoch um diese Zeit ihre Prophezeiung nicht zu erfüllen schien, nahmen wir Abs r ied und stiegen zunächst über eine» Paß, die Grünhornlücke, um in das Gefilde deS Berges zu gelangen. Beim Abstieg von der Paßhöhe sahen wir das Finsteraarhorn bereits in seiner ganzen dämonischen Wildheit vor uns liegen, und nach einer Stunde standen wir an den Felsen, die zu seinen Eishängcn am „Hugisattel" cmporführen. Eine kurze Rast in einem Felskamin machte uns wegen des kalten Windes wenig Freude, und ebenso erschienen uns die steilen Schneefelder, die das Gletschereis gefährlich bedeckten, recht unangenehm. Wären wir nicht hierhergekommen, um etwas überflüssige Energie auf gute Art loS zu werden, so wären wir vielleicht wieder umgekehrt. Aber beim Marsche über die endlosen Schneefclder entfernte sich der Geist bald von der rauhen Wirkichkeit, und uran erblickte in Gedanken irgend eine angenehme Fata Morgaua,z. B. ein glänzend erleuchtetes elegantes Cafö mit anatomisch gebauten Divans und dem spezifischen Geruchspotpourri von Cigarettcn, Parfums und Getränken. Mein Führer Hans war schlechter Laune; seine Cognacflasche war beim Rutschen über eine Schneebrücke zerbrochen. Als wir den „Hugisattel" erreicht hatten, kehrte bei der heftigen Kletterei, die nun folgte, aller Wagemuth zurück, und Punkt zwölf Uhr standen wir auf der Spitze des höchsten Gipfels der Berner Alp:n, des Finsteraarhorns. Der Tag war wundervoll, und wir legten uns vergnügt in die Mittagssonne der Windschattenseite auf das schöne Diorit-Gneisgestein, welches den Gipfel bildet. Der Abstieg nach der Grimsel zu, den wir sehr bald antreten mußten, um wenigstens nicht auf den Gletschern von der Nacht überrascht zu werden, verlief nicht ohne Zwischcn- fälle. An der Gamsilücke, einem kleinen Paß, entgingen wir knapp einem Steinfall. An brennendem Durst leidend, erstiegen wir das Obcraarjoch, einen zweiten Paß, und schritten den Oberaargletscher seiner ganzen Länge nach hinab. Wir rasteten kurze Zeit auf demselben, kochten Thee und zehrten den letzten, traurigen Rest unseres Proviantes auf. Die Landschaft war auf der ganzen Strecke von hochalpiner, imposanter Schönheit; häufig boten sich entzückende Fernblicke auf die Berge der Monte Nosa-Grnppr dar. Beim Sonnenuntergang warfen die Bergspitzen lange Schatten über die erbleichenden Eisflächen, deren Klüfte eine eisige Luft aushauchten. Da uns allen die Strecke, die uns von der Grimsel noch trennte, unbekannt war, so zündeten wir nach Verlassen des Gletschers die Laternen an, um einen Pfad zu finden, falls ein solcher da war. Unten, in der finsteren Schlucht, hörten wir das Brausen der Aar, und zu beiden Seiten erhoben sich die Bergwände des ehemaligen Glctscherbettcs. Vergebens suchten wir auf den schroffen Wänden den richtigen Weg, wir geriethen bald auf glatte Felsabstürze, bald blieben wir im hohen, nassen Gras und im Dickicht des Unterwaldes stecken. Wir waren von der Aussicht, unter einem Felsen übernachten zu müssen, keineswegs erbaut. Da sah Hans unter uns den heiß ersehnten Pfad! Zwei Stunden, die letzten einer lOstündigen, fast ununterbrochenen Wanderung, trennten uns noch vom Grimsel- hospiz, in dem wir um Mitternacht eintrafen. Endlich — und zwar schon nach fünf Minuten — schliefen wir wieder in einem ordentlichen Bett. Um die Mittagszeit sagten wir dem Hospiz Lebewohl und wanderten zur „Dollfußhütte", der reinlichsten und zweckmäßigsten Clubhütte, die ich je kennen gelernt habe — um hier zur Besteigung der Strahlegg und deS Schreckhorns zu übernachten. Ein Uhr Nachts waren wir wieder unterwegs. Erst nach vierstündiger Wanderung über den Unteraar-Gletscher wurde es hell, und nach dem Aufstieg zur Strahlegg lagerten wir uns auf der Paßhöhe zum Frühstück. Wir schwenkten alsdann nach rechts, zum Schreckhorn-Gletscher, der mit geringeni Gefälle gegen den gewaltigen Felsgrat deS Schreckhorns hin ansteigt. Der Gletscher zeigt nur wenige, aber riesenhafte Spalten, welche prächtige Profile durch den Gletscher boten. ^ Die Felsen der südwestlichen Flanke des Groß- Schreckhorns wurden durch eine zweistündige Kletterei überwunden, und wir erreichten so die tiefste Einsattelung des Grates, an der wir Halt machten und die bevorstehenden Dinge, eine sehr steile EiSwand und den scharfen Felsgrat, kritisch betrachteten. Hans nannte die Eiswand frivol das „Elliotzwängli", als diejenige Stelle, wo der Bergsteiger Elliot ausgeglitteu und ausgelitten. Die spiegelblanke Wand, die sich über 1000 Fuß an der Bergfeste in die Tiefe erstreckt, sah fürchterlich genug aus. Als wir dieselbe hinter uns hatten, — Hans nach langer, harter Arbeit mit dem Pickel, und die Urbrigen nach starker Nervenanspannung in der körperlich und geistig angreifenden Situation —, athmeten wir Alle auf. Wir kamen vom Regen in die Traufe, aber es war doch Ab- 753 wechslung. Um sich vom Kommenden, dem Gipfclkamm, ^ ein Bild zu machen, stelle man sich eine hohe, schmale, durch den Zahn der Zeit baufällig gewordene Mauer vor, auf der man aufrecht gehen soll. Näher dem Gipfel ging es besser, und das Bild war weniger abenteuerlich — die Füße der Vorangehenden waren nicht mehr hoch über den Köpfen der Nachfolgenden. Es war ein herrlicher Augenblick, als wir den weltentrückten Gipfel betraten, ein Augenblick, der sich tief in meine Seele eingrub. Nicht blos das starke Gefühl der Befriedigung war die Ursache hiervon, sondern das lebhafte Bewußtsein eines erhabenen, seltenen Genusses. Zum letzten Male sahen wir auf dieser Wanderung von einer himmelstürmenden Spitze aus weit über die Alpen hin und ließen unsere Blicke über die stolzen, kalten Berge schweifen. Nur der Gedanke an den Abstieg erschien unS wenig heiter. Wir sollten wirklich die Gefährlichkeit des BergeS, die seinen Namen rechtfertigt, erst auf dem Rückweg kennen lernen. Nach Verlassen des Gipfels, dessen grünlicher Gneis zahlreiche Blitzspnren ausweist, waren wir fortwährend auf dem „(Zu vive". Bis zum Sattel ging Alles gut, die steile Mauer balancirten wir kühnlich hinab, und mit größter Vorsicht stiegen wir das „Elliotzwängli" hinunter. Wir gelangten wieder glücklich auf die Felsen des Grates und der Flanke und kletterten zum Schrcckhorngletscher hinab. Hierbei wurden wir durch Steinfälle äußerst gefährdet. War es beim Aufstieg hier noch ganz harmlos gewesen in dieser Hinsicht, so pfiffen jetzt unaufhörlich Steine an uns vorüber, bald einzelne, bald ein förmlicher Regen. Sie besaßen Faust- bis Kopfgröße. Weder Fatalismus, noch Stoizismus nützten etwas, wir entwickelten eine hals- brechende Schnelligkeit. Am Bergschrund, wo der Steinfall am lebhaftesten war, glitt Hans in Folge der Hast aus. Merkwürdigerweise fiel er nicht in den Schrund hinein, sondern darüber hinweg, dorthin, wo ich schon stand. Als wir in Sicherheit waren, ruhten wir im Schatten eines großen Eisblockes aus, denn die Firnfelder glühten im Sonnenglanz. Gemeinschaftlich mit Herrn Drummond's Karawane, die von jedem Unfall verschont blieb, stiegen wir nun eine Schlucht hinab, deren Boden mit Gletschereis bedeckt war. Dies war die unangenehmste Kletteret des ganzen Tages. Herr Drummond verlor seinen Pickel, er flog in kühnen Sprüngen abwärts und entschwand in einer Eisspalte. Lange waren wir schon abwärts geklettert» als das Felsband, das wir benutzten, plötzlich ein Ende nahm und der Bach, der uns bisher begleitet hatte, als Wasserfall zum Gletscher hinabstürzte. Nach kurzer Nathlosig- keit ließ ich mich von Hans an das Ende eines 20 Meter langen Seiles binden und wurde von ihm über den Fels- vorsprung auf den Gletscher hinabgelassen. Bei dieser Gelegenheit kletterte ich so lange, als es anging, dann kam der unvermeidliche Ruck, durch welchen mein Leben an ein Seil gehängt wurde und ich, von Hans allein gehalten, immer tiefer sank. Hinunter hatte ich noch nicht gesehen; ich bemerkte nun zu meiner Ueberraschung, daß unter mir kein Kletscherboden kam, sondern eine mehrere Meter breite Kluft zwischen Eis und Felswand. Das Seil reichte gerade bis zum Niveau des Gletschers, und es glückte mir durch Hin- und Herschwingen denselben zu erreichen. Hans ließ nun auf die gleiche Weise Herrn Drummond und seine beiden Führer hinab, und er selbst — im Nothfall hätte er das Seil oben festgebunden und i geopfert — kletterte an einer seitlich gelegenen, leichteren Stelle herab, auf welche er von uns aufmerksam gewacht wurde. Und hierauf holte der Unermüdliche den Pickel des Herrn Drummond aus der Spalte hervor. Da die Nacht hereinbrach, liefen wir in thunlichster Eile den Gletscher hinab. Kaum waren wir etwa 10 Minuten entfernt, so erscholl plötzlich ein gewaltiges Donnern, und wir gewahrten, rückwärtsblickend, wie sich unmittelbar über unserer Abscilstelle ein Stück des Schreckhorn- Gletschers, der hier in starker Särac-Bildung begriffen ist, loslöste und in die Schlucht stürzte. Einige Blöcke kamen bis zu uns herangerc-llt, an unsern Gefährten vorbei, die sich verloren glaubten und einander, durch daS Seil verbunden, stark hin- und herzerrten. Unsere Ab- seilstelle sah jetzt ganz anders aus und war durch eine gigantische Schutthalde von Eisblöcken ganz leicht gangbar geworden. Wir hatten Alle genug vom Schreckhorn. In der Schwarzegg-Hütte rasteten wir einige Minuten, versahen das Fremdenbuch mit einer Notiz und versuchten uns an den Gedanken eines weiteren, fünfstündigen Marsches zu gewöhnen. Der Weg, der zahlreiche steile Leitern und Kletterstellen ausweist, ist an sich schon eine tüchtige Tour. Daß wir sehr müde waren, brauche ich nicht zu er» wähnen; sobald wir uns niedersetzten, schliefen wir ein. Wir waren glücklich, als wir die Lichter von Grindelwald schimmern sahen. Es schlug Zwölf, als wir im Dorfe eintrafen. Am Morgen stand ich frühzeitig auf und war Abends in Luzern. Es ist wunderbar, wie man durch aufregende Erlebnisse das Dasein stärker und tiefer empfindet. Wie eS Tage gibt, die eindrucksarm an uns vorüberziehen, gibt eS auch solche, die den Inhalt von Wochen an Gedachtem und Erlebtem in sich bergen und wieder die Fülle ihres Erinnerungsbildes das Leben länger erscheinen lassen, während sie es in Wirklichkeit eher verkürzt haben mögen. Solche Tage erlebt man aber nur im Kampfe, in diesem Falle mit der wilden Gebirgswelt — und deshalb schon ist der Kampf an sich das Erstrebenswerthe, ganz abgesehen von der ästhetischen Bedeutung und der ethischen Wirkung des mit ihm verbundenen Naturgenusses. Im Hochgebirge lernt die Persönlichkeit eine harmonische Macht über sich selbst behaupten und erhebt sich damit über den Wechsel der irdischen Dinge. Der Muth schlügt den Schwindel todt an Abgründen — und wo stünde der Mensch nicht an Abgründen? --SS-«--»»- Sand- und Lichtbäder. Schon seit langer Zeit kennt man auf Jschia, an den Küst.'N des mittelländischen Meeres, ferner in Nordcrney, in Travemünde und an den Gestaden der Ostsee die Anwendung von durch die Sonne erwärmten Sandbädern. In der Bretagne, besonders in der Umgebung von Anray, sind die Saudbädcr bei den Bauern allgemein üblich, indem man die an Rheumatismus, Podagra, Rachitis und ähnlichen Krankheiten Leidenden in warmen Sand steckt. Der Arzt M. Suchend hat ähnliche Bcrsnchc an den llfcrn der Rhone angestellt. Aber der von der Sonne erhitzte Sand halte ungenügende und veränderliche Temperatur. Seit 1865 erwärmt: man in Deutschland den Sand künstlich; der Doctor Flcmming in Dresden und der Doctor Sturm in Kostritz erzielten die ersten Erfolge. 759 Diese Erfolge veranlaßten nun den oben genannten Arzt Suchard, ebenfalls die künstliche Erwärmung einzuführen, und er hat in Lavcy eine Anstalt errichtet, die die deutschen Einrichtungen in großartigem Maßstabe angenommen und durchgeführt hat, und in der alljährlich Tausende von Bädern verabreicht werden. Man nimmt sehr reinen und von allen organischen Stoffen befreiten Sand. Dann setzt man ihn in einem großen Ofen einer Hitze aus, daß er bis zu 65 Grad Wärme annimmt, und rüttelt ihn, um eine gleichmäßige Wärme zu erzielen, häufig mittelst Schaufeln durcheinander. Darauf vermischt man mittelst Rechen den warmen Sand mit frischem Sand, bis die gewünschte Temperatur erzielt ist. Im Allgemeinen verabreicht man das Bad bei 45 und selbst. 50 Grad; bei weniger Grad hat man ein unangenehmes Gefühl. Bei Hüftweh und lokalisirtcm Rheumatismus geht man sogar bis zu 60 Grad. Die ersten Lagen des in der Badewanne ausgebreiteten Sandes haben 45 Grad. Wenn der Kranke auf diesem Sandbette liegt, bedeckt man ihn mittelst Schaufeln mit Sand. Der Bauch wird nur mit einer Lage von 10 Centimetcr bedeckt und die Brust mit einer noch geringeren, um die Athmung nicht zu behindern. Der Kranke muß, um den Sand nicht zu verrücken, unbeweglich bleiben. Nach dem Bade finden 25—45 Minuten lang dauernde Reibungen und Douchen statt, deren Wirkungen rapid sind: energisches Schwitzen, Gewichtsverlust von 800 bis 1000 Gramm. Das Sandbad übt also eine Wirkung aus wie die trockene Lust der Schwitzstuben, aber es zieht den Schweiß energischer aus dem Körper, und seine Wirkung ist vollständiger. Auch bringt die Hautausdünfiung eine günstige Abkühlung hervor. Das Hinströmen der Flüssigkeiten zu der Haut und die Nöthe derselben sind beträchtlicher als bei jedem anderen Bade. Endlich, und das ist sehr wichtig, kann der Sand in demselben Bade auf verschiedene Temperaturen erwärmt werden, so daß man nach Belieben die therapeutisch wirkende Kraft auf diesen oder jenen Körperthcil bringen kann. Das partielle Bad ist sehr wirksam; man verabreicht cS in besonderen Kästen und kann in diesem Falle die Temperatur bedeutend steigern. Kurz, der Sand wird ein Beförderungsmittel kostbarer Wärme, das dazu dient, die Wärme an den kranken Stellen zu lokalisiren. Daher wird auch das partielle Bad am häufigsten angewandt. Man darf behaupten, daß die Behandlung besonders heilbringend wirkt bei rheumatischen, tuberkulösen Leiden, bei Wunden, NückcnmarkSlciden, Krankheiten des Gefäßsystems, Rachitis u. s. w. Der Doctor Suchard hat bereits ganz bcmerkenswcrthc Heilungen auszuweisen. Ausgehend von dem Grundsätze, daß der Mensch, wie die Pflanze, zum Leben Lust und Sonne braucht, und daß, wenn eines dieser Elemente fehlt, das Blut dünner wird und Blutarmuth eintritt, verordnen mehrere Aerzte Luftbäder und setzen ihre Kranken viele Stunden hindurch den Strahlen der Sonne aus. Die Amerikaner haben diese Heilmethode verbessert, und um im Stande zu sein, zu jeder Stunde und an jedem Orte die praktische Anwendung zu machen, ziehen sie den Sonnenstrahlen die allzeit verfügbaren Strahlen des elektrischen Lichtes vor. Zu diesem Zwecke existnen augenblicklich in Ncw-Dork und in Philadelphia Einrichtungen der elektrischen Photothcrapic, die unaufhörlich : von Jahr zu Jchr, bei Tag wie bei Nackt, in Thätigkeit find. Eines der berühmtesten dieser Etablissements ist dasjenige der Frau A. Clcaves in New-Aork, wo die besten Resultate erzielt worden sind. Diese berühmte Aerztin wendet Bogenlampen an mit Wcchsclströmungcn, die Lampen sind mit Reflektoren derart versehen, daß sie das Lichtbüudel auf einen speciellen Punkt leiten, und hängen in den Winkeln eines kleinen Zimmers; wenn nun der vollständig entkleidete Kranke mit verhülltem Gesicht auf einem Bette liegt, so empfängt er 15 bis 30 Minuten lang eine Lichtdouche, bis eine gelinde Transpiration erzeugt ist. Miß Cleaves hat in einem Berichte an die mcdi- cinische Akademie zu New-Iork die wunderbaren Heilungen erörtert, die stattfanden in zahlreichen Fällen von Neur- asthemie, Blutarmuth, Verdauungsstörungen, nervösen Leiden, bei entstehender Tuberkulose und Krankheiten der Athmiingsorgane. Die Elektricität scheint auch bestimmt zu sein, in einem Kampfe, den Hygiene und Schönheitsgefühl seit langer Zeit vergeblich führen, in dem Kampfe gegen das Corsct, ein gewichtigtes Wort zu sprechen. Im Namen der Wissenschaft, im Namen der Elektrotechnik, hat sich ganz Calisornien gegen diesen Apparat moderner Tortur erhoben und fordert die Abschaffung oder wenigstens eine radicale Verbesserung. Ein Professor Meads gab den ersten Anstoß z» diesem Vcrnichtungskampfe. Beauftragt, in der höheren Töchterschule zu Oakland in das Gehirn der jungen Damen die Anfänge der Lehren Faradays, Ampcres, Ohms u. a. zu pfropfen, unterstützte er seine Vortrüge mit Experimenten. Als aber ein junges Mädchen sich den empfindlichen Instrumenten, die die Exaktheit der verkündeten Lehren beweisen sollten, näherte, fingen die Spitzen der Galvanometer an, einen wahren, zügellosen Tanz aufzuführen. Obwohl Meads wußte, daß seine Instrumente sehr empfindlich seien, konnte er dennoch nicht glauben, daß sie aus Entzücken über die Schönheit der jungen Californieriuncn aus Rand und Band gerathen seien. Seine Untersuchungen führten zu dem Ergebniß, daß die Stahlstangeu in den Corsets die alleinigen Schuldigen an dieser Störung seien. Trotz eines strengen Verbotes, weiterhin Corsets zu tragen, dauerte der Zustand fort. Die Direktion der Schule mischte sich in die Sache, und es wurde beschlossen, daß nach einem namentlichen Aufruf und einem Versuche am Galvanometer alle Schülerinnen, die einen „ungünstigen Einfluß" auf die Apparate ausüben würden, ohne Nachsicht entlassen werden sollten. Das gab dann Thränen, Beschwerden, Verstimmung und Feindschaft. Aber die Direktion ließ sich nicht erweichen und hat somit das Verdienst, den ersten erfolgreichen Kampf gegen das Corset eingeleitet zu baden. Möge cr weiter von Erfolg sein! ^nF8dui croi' 8ekinvliI>killt. cloi krntlm eit. ^ngslinrg. — Dieses itlotto galt DU- eins vergossene Leinester beim Lelürclilrinli Augsburg vollaul. nie Altmeister Lteinitr. in. seiner letzten ^nsclrrilt treibend Iienierlrte. — zVesentlicb angetnelit dnreli das grosse Inrnier in Nürnberg Irnm lins lvlublelien ivälirend der Loiimierperiodo nielit ini Geringsten rinn Stillstand, sondern allerseits Iierrselite reges Interesse: namentlieli jene Llitglieder, rveleliv s. A. als «laste rles Xüinlierger Illulis dortselbst anncsend ir.aren, rverden sieli stets der angeiielimen Isindiiieke gerne erinnern; 760 besonders Anerkennung verdient die Lulmerksamkeit der Herren Outmanu, 8 obrödor und Wertboimor des Nürnberger Klubs, belebe nntoiuander wetteiferten, nm den kiesige» Klub von Allein, was Interesse bot, in erster Linio nnd stets sofort an nntcrriebten Dasselbe gilt aneb — last not least — dem nnermüdlieben Lnndessecretair Herrn kost- official Kürs ebner. — In ebenso angonvbmor Erinnerung ist bei allen klitgliedorn der Desucb von Kleister Lteinitr. — Inawiseben batto aucb eines der stärksten klitglieder des Klubs, Herr Ingenieur Ilicbard Dur, Oolegenbeit, denselben in London bestens au vertreten, indem er in Limpson's Divan daselbst den britiscben Lltmeistor Lird glanrend besiegte. — Lucl> das Wintersemester bat unter sebr günstigen Zuspielen begonnen; gleiebsam als Einleitung bat vor Kuraoni ein engerer klatcb awiseben den Herren Lacbniann, Häusler, Kunstmann und Kla^lngor stattgefunden, wobei Ilr. Häusler als erster und Ilr. Olticial Daebmann als aweiter Dreisträger borvorging. — Lnscblissseud bieran liat nunmelir aneb das Dnrnior begönne»; bieran betlieiligen sieb ^otat sebon 18 klitglieder, darunter die stärksten Kämpen des Klubs, so dass solobes in seinem Verlaufe bücbst interessante Klomente bieten dürfte; gespielt wird in drei Klassen, wclcbo mit Dreiser) aus- reiclisnd dotirt sind, wodurcb aneb den scbwäeberen Dbeil- nebmern Aussiebt auf einen solcbcn geboten ist; ausserdem erbalten die Lioger der ersten Klasse wieder kunstvolle Diplome. — Im weiteren Verlaufe des Wiutorsomestors sind noeb Veranstaltungen von Dlindlings- uud Limultan-Lpielen etc. vor- geseben. — 6egenwärtig aäblt der Lcbacliklub Lugsburg 7 Kliren- und 4l aktive klitglieder und ist im Verbände des Dayerissben, sowie Ventscben Lebacbbundes; er verfügt über ein sebr bebagliebes Klublokal, vortrolkliebos Lpielmaterial und rsielibaltige Libliotbek. — Ln Daobaeitscbrlfton liegen wäbrend der Lpielabcnde aur Lenütanng für die Klitglieder auf: 1) „Deutsebo 8ebaobaeltung" — Loipaig; 2) ,.Veutsebos Woebenscbaeb'' — Derlin; 3) ,,Derl!ner 8ebacbaeiluug" von 0. L. Walbrodt; 4) „Da 8trategio" — Daris; 5) ,,'I'be Dritisb Obess klagaaiuo'' — Kngland. Die Lpielabende sind wie seitber Dienstags und Dreitags von 8 b. Lbeuds an im Klublokal — Oafö Lugusta — Keparat- aimmer. — Lebacbfreunde willkommen! Reüiiolozx. Die englisebcn Lebaebfrvnnde babvn sebon wieder den Verlust eines ibrer — wenn aueb nicbt gerade stärksten — so doeb genialsten Lobaebmoistor au beklagen. Lin 3. Oktober starb nämlieb au Datb (im Hanse seines Vaters) William Ilenr^ Krause Dollook iw Liter von nicbt gana 38Iabrou. Dolloek war am 21. Debruar 1859 au Obelten- bam geboren und fand seine Kraiobung auf dem Lomerset- sbire-Oollege au Datb. Kr wiilmeto sieb dem modiainisebeu Ltudium und erwarb siclr sein Diplom 1882 au Dublin, woselbst er sieb aneb iw dortigen Lckaebklub seine scbaeblicben Kenntnisse aneignete. Luf irisebem Loden vollbracbte er aueb seine grösste Scbaebtbat, indem er auf dem Kongress au Lel- fast 1886 Dlaekburne und Durn besiegte und damit den ersten Dreis erstritt. Im Ilobrigen war seine öftere Dvtboiligung au grösseren 'I'urnieren meist von wenig Krfolg begleitet, da er einerseits sieb bäubg in ungesunden tbeoretiseben Keuorungen vcrsucbte und dann im Lllgemeiuen das Durnierspiel aueb niebt mit .dem nötbigen Krnst betrieb. Oleicbwobl ist es ilim stets geglückt, beaebtonswortbo Kinavlorfolgo au erringen. 8o ist seine Oewinnpartie gegen IV ei ss i in K o w- Vorker Durnier 1889 durcb seine geniale Lpielfübrung geradezu berübmt geworden Lueb au Ilastings 1895 blieb er in drei überaus gewandt goiubrten Lpielen gegen Kleister wie Onnsberg, Lteinitr und Dr. Darrascb Lieger. 8eit 1890 blelt er sieb in Kord-Lmerika auf, woselbst er längere Toit au Dalümoro die 8ebaebspalte in den ,>Daltimore 8undax Dimes" in sebr anvrkennenswertbcr Weise leitete. Tuletat bildete er in klontreal den Klittvlpuukt der kanad- iseben 8cbaclibostrebungen, bis ibn annebmendo Kränkllcbkeit awaug, im Vaterbauro Krbolnug und Oenosung au sucben, leider obno Krfolg. Unter den 8ebaebspielern war Dolloek wogen seines einnebmenden Wesens, wie wegen seines originellen und geistvollen 8 pielos sebr beliebt. Dretflicbo Droben des letzteren befinden sieb in Ludwig Daebmann's 8 cbaeliwerk: „Oeistroiebe Lcbaebpartion alter und neuer Toit" (Vorlag von 0. Drügel L 8obn in Lnsbacb) unter Kr. 248, 268, 269, 277, 303 und 353. Lufgabe Kr. 6. Do/r //. L. r/r 8cbwara. Weiss. Weiss riebt an und sotat in awei Tügen mat. Die folgende kartis gebort au den sebönston des Desto r Kleiste rturniers, wolebes üborbaupt dureb die unternebwende 8pielweise, deren sieb die meisten der Dbeil- nobmer belleissigten, bemorkenswertb ist. Ks sclioint fast, als ob der muntere 'Don dos Lebens in der ungariseben Hauptstadt aueb die ernsten 8ebaebmeister unternobmungslustigoi gemacbt bat. — Dartio Kr. 7. -s Weiss: killst) M'5 (Kew-Vork). 8 ebwarr: Winnw'vr (Warscbau). 3: Ä Weiss: killsbnix (Kew-Vork). 8 ebwar 2: Winawer (Warscbau). i d2-d4 d7—d3 12 Lei—o3 Vd8—o? 2 c2—c4 o7—e6 !3 Dd1-d3 Df8-o8 3 8bl—c3 o7—06 14 c4—c5 Ld6-f8 4 o2—e3 8g8-f6 15 8k3-e5 LfSXo-5 5 8g1-f3 Lk8-d6 16 Le3Xb6(b) Le5Xd4 6 Lfl—d3 8b8-d7 17 Dd3Xd4 g?Xb6 7 0-0 0-0 18 Dd4-f4 8f6-d5 8 e3—e4 43X^4 19 D14Xb6 f7—f6 9 8o3Xo4 8f6Xo4 20 12—f4 Do8—o7(o) 10 Ld3Xe4 8d7-f6 21 8eö—g6 8obwara gibt 11 Ld3—e2 b7—b6?(a) dieDartio auk. a) Kiebtgut, aber es drobt 12. Lei-gö nebst I3.vdl—d3! b) Kine überaus feine Oombination, wolcbs die geniale 8piolweise des jungen Lmerikaners trelllieb cbarakterisirt. 8ebwara darf den Läufer letal. nicbt nebmcn, da er sonst dureb 17. Dd3—g31 seine Dame einbüsst. e) 8cbwara bat keine Vertboidiguug mobr, auf20.Ds7—gr folgt 21. Vb6—l>5 mit der vermeidenden vrobung 'DU—f3. r-7/r-r. Ebb, rr/L/-..' Deston Dank für das originelle 8gbcrrproblom, wclebvs wir eventuell gclogentlicb verwertben! -- Ibra liebenswürdig anerkennenden Teilen baben uns sebr erfreut und werden wir ank die darin entbaltene Lnirage demnäebst aurllekkommon! — Die Kamen louor 8cbaobfreunde, wolclie unsere Kndspiels und Droblome ricbtig lösen, sowio die Lösungen inner balb drei Wo eben einsenden, werden stets an dieser 8tcIIo ver- öllentliebt. WA" Llles auf das 8ebacb Deaügliebo ist ausnabmslos au adressiren ^ ,.Ln die Redaction des Lugsbnrgor 8ebacb- blLtt — Oats Lngnstg, — Lngsbnrg." « sd. 1896 . „Nugsburger Postzritung". Viustag, den 1. Dezember Iür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Lilerarischen Instituts von HaaS L Grabderr in Augsburg lVorbefitzer Dr. Mar Huttler). Advent. Umtost von kalten Lüften, Den Fuß auf Blumengrüften — Eilt still ein Pilger hin. Die Lande um ihn schweigen, Die grauen Nebel steigen, Die Wolken dunkel zieh'n. Die Zeiten gingen schnelle, Er war nur eine Welle Im wetten Ocean. Sein Glück hat er begraben, Und auch die Menschen haben Ihr Theil dazu gethan. Sie sagten: Warten, warten, Bis auch in Deinem Garten Die Düfte milder weh'n. Er hat in Tag und Jahren Das alte Lied erfahren, Die Sehnsucht blieb besteh'n. Sein Herz hat laut gestöhnet Nach einem, der's versöhnet Und ihm den Kelch versüßt. Da sah er ein Gesichte: Es hat der Herr voll Lichte Sein müdes Haupt geküßt. Adolph Müller Im fremden Wandel Erzählung von C. Borges. (Schluß.) VI. „Diese hier ist meine liebe, kleine Nichte und Adoptivtochter — Rosalie von Bornfeld." Mit diesen Worten stellte Herr Lambrecht seinen Liebling vor, als die ganze Familie Davidsohn, die Eltern, sieben Kinder, von zwölf Jahren an abwärts steigend, und die Gouvernante dem großen, schwerfälligen Omnibus entstiegen. Rosalie fühlte die großen, stechenden Augen der Erzieherin durchbohrend auf sich gerichtet, als sie die freundliche Begrüßung der Eltern und der kleinen Schaar herzlich erwiderte. „Fräulein River freut sich auf diesen Besuch nicht weniger wie wir", versicherte die Mutter mit gönnerhaftem Lächeln. „Das Leben auf unserer Farm bietet wenig Abwechselung, es ist sehr einsam, besonders wenn man an die Zerstreuungen des Stadtlebens gewohnt war." Die Gäste waren in ihren Gemächern, um sich von den Strapazen der mühsamen Reise zu erholen. Rosa saß allein in ihrem Zimmer, als nach einem leisen Pochen an der Thür Thomas zu ihr eintrat. „Nun?" „Was wünschen Sie?" „Einige Informationen. Sehen Sie nur nicht so überrascht drein; ich weiß, daß sie da sind. Was denken Sie von ihnen?" „Frau Davidsohn scheint eine prächtige Dame, auch ihr Gatte gefällt mir gut. Die Kinder sind süße, kleine Geschöpfe." „Zugegeben. Die Mutter ist kaum zweiunddreißig Jahre trotz ihrer kleinen Heerde." „Sie sieht älter aus." „Die Frauen altern schnell hier in diesem heißen Klima. Was haben Sie weiter zu sagen?" „O, ich weiß wohl, was Sie wissen wollen. Ich habe Linda River gesehen und finde sie sehr schön. Frau Davidsohn sagte, sie habe sich auf diesen Besuch sehr gefreut, und sie hofft, wir sollen Freundschaft schließen, da sie mit mir im gleichen Alter steht." „Sie ist achtundzwanzig Jahre", verbesserte Thomas. „Mag sein, aber sie gefällt mir nicht." „Das freut mich." Dann fuhr er nach einer kleinen Pause fort: „Sie kennt Ihre Tante und Ihre Cousinen." „Wirklich?" Rosa's Stimme klang ganz ungläubig. „Wie ist das möglich? Meine Tante war niemals in Afrika." „Nein, aber Fräulein River war ein ganzes Jahr lang in Deutschland und hat dort mit Ihren Verwandten enge Freundschaft geschlossen. Sie hat sämmtliche Photographien und steht bis jetzt noch mit ihnen in reger Korrespondenz." „Die ganze Familie haßt mich", sagte Rosalie traurig, „aber glauben Sie, daß Ihr Vater mich fortsenden würde, selbst wenn meine Tante etwas Nachteiliges von mir an Linda River geschrieben hätte?" 762 „Mein Vater wird Sie niemals fortsenden", beruhigte er, „aber Linda wird sich bemühen, Ihr Lebensglück zu zerstören, darum wünsche ich so sehr, sie wäre niemals gekommen." Es war am Tage vor Weihnachten. Die anderen Gäste waren noch nicht erschienen; sie wohnten in der Stadt und wurden erst für den folgenden Tag erwartet. Aber die Davidsohn's, Groß und Klein, wachten schon eine bedeutende Gesellschaft aus, und das Antlitz des alten Herrn strahlte vor Freude, als er den Kreis seiner fröhlichen Gäste anschaute. Sein Sohn und Erbe war weniger erfreut. Der Zufall hatte es gewollt, daß er beim Mittagsmahl seinen Platz an Linda's Seite fand; er hoffte nur, daß sie in diesem großen Kreise keinen Versuch machen würde, auf alte, längst vergangene Zeiten zurückzukommen. Er hatte sich getäuscht. Bei dem heiteren Geplauder der Kinder hoffte sie, nur von ihm verstanden zu werden, denn ihre ersten Worte lauteten: „Vor drei Jahren hatte ich nicht gedacht, als Ihr Gast die Schwelle Ihres Hauses zu betreten." Die Anspielung war deutlich genug, doch Thomas war derselben vollkommen gewachsen. „Als meines Vaters Gast", verbesserte er mit der größten Ruhe. „Fürchten Sie nichts, Fräulein River, er hat von dieser kleinen Episode in unserem Leben keine Ahnung." „Haben Sie die Zeit vergessen?" „Nein", er sah ihr fest in die Augen, „es gibt Augenblicke im Leben, die ein Mann nie vergessen kann. Wenn es Ihnen aber eine Beruhigung ist, so seien Sie versichert, daß ich Ihnen vergeben habe." Linda River war schlau und listig, obgleich sie durch eigene Schuld so früh in ihrem Leben Schiffbruch erlitten hatte. Sie wußte, daß sie keine Hoffnung auf den Besitz des Namens dieses reichen Kaufherrn hegen dürfe, und sie ahnte, daß sein Herz einer Anderen gehöre, aber wer war ihre Nebenbuhlerin? Ehe die Tage des Weihnachtsfestes vorüber waren, wußte sie mehr, als sie in den wenigen Tagen zu erfahren gehofft hatte. Ohne Thomas' Wissen hatte sie ein Gespräch belauscht, welches er mit Frau Davtdsohn führte, und von dieser Stunde an waren ihre Augen geöffnet. Die alte Dame hatte ihre Freude über Rosa's liebliche und anmuthsvolle Erscheinung offen ausgesprochen und den Entschluß des Herrn Lambrecht sehr gelobt, eine Tochter zu adoptiren. „Natürlich ist er reich genug, ein halbes Dutzend Töchter zu adoptiren", schloß sie ihre lange Rede, „aber viele Söhne würden es nicht gerne sehen, ihre Rechte geschmälert zu finden." Der junge Mann lächelte. „Ich gönne ihr gern einen Platz im Herzen meines Vaters, aus dem sie mich niemals verdrängen wird", versetzte er sorglos. „Es war das Beste, was er je in seinem Leben gethan hat, als er sie zu sich in sein Haus nahm. Sie erhellt unser Leben wie das Sonnenlicht, und ein Jeder, der sie kennt, muß sie lieben." Linda hörte diese Worte, und sie biß die Zähne aufeinander in ohnmächtiger Wuth. „Er soll sie niemals heirathen, niemals!" knirschte sie. „Diese kleine Person, die von der ganzen Familie Bornfeld so verachtet wurde, soll meine Nebenbuhlerin nicht sein, ich will ihren Plan schon kreuzen, so listig er auch angelegt ist." Georgine von Bornfeld hatte vergeblich auf das Glück gewartet, die Gattin des reichen Gutsbesitzers Wil- mer zu werden. Als dieser sich aber mit einer anderen Dame verlobte, kannte ihr Zorn keine Grenzen mehr; sie gab Rosalie allein die Schuld und wollte sich an ihr rächen, trotzdem das Weltmeer zwischen ihnen lag. Da gedachte sie ihrer früheren Freundin Linda River. Natal und Marydale lagen zwar weit von einander getrennt, aber ihre Kenntnisse in der Geographie waren sehr allgemein, und sie dachte, daß die Einwohner Afrikas schon Gelegenheit finden würden, sich zu treffen. Darum schilderte sie das Benehmen und den Charakter der entfernten Verwandten in den grellsten Farben und legte ihr hauptsächlich zur Last, alle hetrathsfähtgen jungen Herren aus dem Hause zu vertreiben. „Ich halte es für meine Pflicht, Dir über den Charakter dieser Heuchlerin die Augen zu öffnen", schloß sie ihren ausführlichen Bericht, „denn Du wirst gewiß Gelegenheit haben, sie zu sehen, und ich warne Dich, denn es wäre mir sehr schmerzlich, wenn Du oder Deine Geschwister durch ihre Falschheit und Koketterie unglücklich gemacht würden. Rosalie versteht es, durch Trug und List die jungen Herren an sich zu fesseln und macht sich kein Gewissen daraus, das Lebensglück Anderer zu zerstören, wie sie es auch bei mir gethan hat." Linda River hatte die Zeilen ihrer ehemaligen Freundin kaum beachtet, aber jetzt kreuzte Rosalie ihren Weg — sie entsann sich jedes Wortes des Briefes und wollte ihren Vortheil daraus ziehen. Das Wethnachtsfest war vorüber. Dr. Manners hatte die Gäste seines Freundes nach dem Waldhof eingeladen, dazu auch viele Bekannte aus Marydale. Auf diesen Abend setzte Linda ihre größte Hoffnung. Sie erschien in einem einfach eleganten Spitzenkleide, das rabenschwarze Haar mit zierlichem Vergißmeinnicht geschmückt, kleine Sträußchen derselben Blumen befestigte sie am Hals und am Gürtel. Frau Davtdsohn, die gern ihre Gouvernante an diesem Vergnügen Theil nehmen ließ und deshalb bei ihren Kindern daheim blieb, schaute sie wohlwollend an und prophezeite ihr, daß sie die Schönste aller Schönen auf dieser Festlichkeit sein werde. Doch Thomas, an den diese Worte besonders gerichtet waren, achtete weder darauf, noch antwortete er; seine Augen hingen an der zarten, elfenhaften Gestalt, die jetzt die Treppe herab kam. Es schien ihm, daß Rosalie in ihrem schlichten weißen Kleide mit dunkelrothen Rosen die Königin des Festes sein würde. Es herrschte eine drückende Schwüle in den festlich geschmückten Räumen des Arztes, viele Gäste zerstreuten sich im Garten, um unter den hohen, schattigen Palmen und Kokosnußbäumen erfrischende Kühlung zu suchen. Auch Thomas Lambrecht schritt hinaus. Er kannte eine versteckte Nasenbank, die ihn zur Ruhe einlud, aber plötzlich hörte er eine nur zu bekannte Stimme, die laut und vernehmlich, daß viele Umstehende es hören konnten, sagte: „Ich kann es Ihnen versichern, es ist die volle Wahrheit. Die ganze Familie von Bornfeld ist mir sehr befreundet, und die älteste Tochter Georgine hat es mir ausführlich geschrieben, um mich gegen diese Heuchlerin zu warnen." „Aber das müßte Herr Lambrecht doch wissen! Ich hoffe bestimmt, Sie irren sich, Fräulein River, denn wir Alle haben die kleine Rosalie sehr lieb gewonnen." „Ich wünschte selbst, es wäre ein Irrthum, liebe Frau Parker", fuhr Linda herzlos fort, „aber es ist gar nicht daran zu zweifeln. Um vollständige Sicherheit zu haben, fragte ich gestern, ob sie die Nichte der Familie von Bornfeld in B. sei, und sie sagte ja. Die guten Leute haben oft versucht, ihr eine Stellung zu verschaffen, aber überall wurde sie schon nach wenigen Wochen wegen ihrer Heuchelei und Falschheit aus dem Hause gejagt. Dann hat die Tante sie selbst in ihr Haus aufgenommen und sich bemüht, sie zu bessern, aber sie wollte ihre Fehler nicht ablegen. Durch herzlose Koketterie suchte sie wie eine Schlange junge Herren in ihre Netze zu ziehen, sogar den Bräutigam ihrer Cousine hat sie durch List und Bosheit aus, dem 'Hause vertrieben. Sie — — „ Still,still" unterbrach Frau Parker, „ich kann's nicht glauben." „Aber es ist so",be- harrte Linda eifrig. „Sie ist eine vollendete Heuchlerin, und wie ich höre, treibt sie hier dasselbe Spiel wie in ihrer alten Heimath." Sie war zu weit gegangen; mitzornsprühen- den Augen stand Thomas plötzlich vor der kleinen Gruppe. „Sie kennen mich seit meiner Kindheit, Frau Parker", sagte er mit vor Erregung bebender Stimme, „und Sie werden mir doch das Zeugniß gehen, daß ich die volle Wahrheit spreche. Ich bitte daher, kein Wort von dem zu glauben, was Sie soeben gehört haben." Frau Parker schaute verlegen zu Boden. „Wirklich, Herr Lam- brecht, ich wußte-", stammelte sie, verwirrt und hielt inne. „Sie werden ^diesem Geschwätz keinen Glauben schenken", fuhr er erregt fort, „aber Andere, die diese Worte gehört haben, könnten es thun, und heute möchte ich gern ein für alle Mal diese Angelegenheit erledigen. Nosalie ist eine chrenwerthe Dame von untadelhaftcm Charakter, die aber im Hause ihrer Verwandten unterdrückt und wie eine Sklavin behandelt wurde. Für das kärgliche Brod, das ihr kaum genügend gereickt wurde, hat sie wie eine Magd gearbeitet, und ihr einziger Fehler ist, daß sie sich dieser empörend schlechten Behandlung nicht energisch widersetzte." Er hielt inne. Seine Worte hatten auf die Anwesenden einen sichtlichen Eindruck gemacht. „Georgine von Bornfeld hat es mir aber selbst ge- chrieben", beharrte Linda River. „Sie sagte, Rosalie ei eine heuchlerische Kokette, die nur darnach strebe, junge Herren an sich zu fesseln." Thomas lächelte überlegen; er beachtete die Worte der Sprecherin nicht und fuhr zu Frau Parker gewendet fort: „Wie sehr muß sich doch Fräulein Nosalie in den wenigen Monaten ihres Hierseins geändert haben! Denken Sie nur, mein Vater hat nicht wehr und nicht weniger als sechs Herren abweisen müssen, die um ihre Hand anhielten; und als vor einiger Zeit wieder einer kam, der sie als Gattin begehrte, bat sie meinen Vater, ihr nichts mehr davon zu sagen, da sie fest entschlossen sei, bei ihm zu bleiben." „Vielleicht hatte sie guten Grund dazu", höhnte Linda, „es sind ja zwei reiche Herren im Hause, und sie wird wohl wissen, wem sie den Vorzug geben soll." Jetzt erschien Frau Parkers Tochter. Es war Allen eine Erleichterung, daß sie Ltnda's Arm nahm und sie der kleinen Gruppe entführte, um sie einem Freunde vorzustellen. „Warum haßtsieFräu- lein Rosalie so sehr?" fragte Frau Parker im Flüstertöne. „Ich weiß nicht; es müßte denn sein, daß alle schlechte Frauen die guten hassen. Ich wünschte nur, mein Vater hätte diese Worte gehört, er würde sie besser zum Schweigen gebracht haben." „Das glaube ich nicht", sagte.eine alte Dame, die schweigend der Scene gelauscht hatte. „Ein Jeder weiß, wie sehr der gute, alte Herr das Fräulein liebt, aber daß Sie,Herr Thomas, der Sie doch niemals Damen in Schutz nehmen, Fräulein Rosa so glänzend vertheidigt haben, ist der beste Beweis von Linda's Verleumdung." „Ich hoffe, sie wird nie erfahren, was hier gesagt wurde; es würde ihr sehr schmerzlich sein", sagte der junge Mann ernst. „So viel an mir liegt, soll sie kein Wort erfahren", versicherte Frau Parker, und die anderen Damen pflichteten ihr bei. Thomas Lambrecht durchwanderte den großen Garten; er suchte Rosa und wußte nicht, wo er sie finden sollte. Linda's schmähliche Verleumdung des unschuldigen Mädchens hatte ihn heftiger erregt, als er sich selbst gestehen wollte, und er fürchtete, ob nicht ein verletzendes Wort zu ihr gedrungen sei. Aber Rosa war nicht im Garten. Er ging in das Haus, Niemand hatte sie dort gesehen. Hilda Manners versicherte ihn, sie sei noch vor einer Stunde bei dem Onkel gewesen, seitdem aber nicht mehr gesehen worden. Aber der alte Herr saß gemüthlich bei einigen älteren Erika Wrdrkind Herren und war so vertieft in seine Whistpartie, daß er die Frage seines Sohnes nach Rosa ganz überhörte. Thomas wurde immer unruhiger. Jetzt wurde das Zeichen zum Abendessen gegeben, und die zahlreichen Gäste versammelten sich gruppenweise in dem Speisesaal, doch Rosa war nicht unter ihnen, so sehr der junge Herr seine Augen und alle seine Sinne anstrengte, um eine Spur von ihr zu entdecken.Z Langsam schlenderte er nach dem Palmen- garten zurück, er wußte kaum, was er dort wollte, denn dort war er schon so oft gewesen und hatte sie nicht gefunden. Alle Nasenbänke, Sessel und Hängematten waren leer, schon wollte er zurückkehren, als er hinter einer breitblätterigen Daturusstaude ein weißes Gewand schimmern sah. Schnell eilte er vorwärts, bald hörte er ein unterdrücktes Schluchzen und wußte jetzt, daß Linda's herzlose Worte das arme Mädchen in tiefster Seele verwundet hatten. „Rosa!" Keine Antwort erfolgte. „Rosa!" rief er abermals, „ich habe Sie schon so lange gesucht." Er beugte sich zu der Weinenden herab, richtete sie auf und führte sie mit sanfter Gewalt zu einer Rasenbank. „Rosa", wiederholte er und erfaßte ihre zitternden, kalten Hände, „warum weinen Sie, was ist geschehen?" „Ich — ich kann es Ihnen nicht sagen", schluchzte sie. „Ich weiß alles. Ich kam gerade noch zur rechten Zeit, um Linda Niver's Worte zu hören." „Glauben Sie denn, was sie gesagt hatte?" „Ich weiß, daß es Verleumdung ist!" „O! Es war hart und grausam. Ein Zeder wird es glauben; — ich will fortgehen und mich verbergen." „Ja, es war grausam", gab Thomas zu, „aber Sie wissen, Rosa, Niemand glaubt es, der Sie kennt. Granville zum Beispiel glaubt es nicht." „Ich kümmere mich wenig darum, ob Granville es glaubt." „Nun, Dr. Manners und seine Frau glauben es auch nicht, und ich ganz gewiß nicht." „Ich dachte, Sie würden sich darüber freuen." „Sie beurtheilen mich falsch", versetzte er ruhig. „Aber Sie hassen doch alle DamenI" „Sie sind eine Ausnahme." „Nun", sagte das junge Mädchen, gewaltsam die Thränen zurückdrängend, „Ihr Leben soll durch meine Gegenwart nicht länger getrübt werden; noch heute will ich Marydale verlassen." „Wohin wollen Sie denn gehen? Ich möchte es gern bald wissen, denn ich gehe auch fort und muß noch einige Vorbereitungen treffen." „Sie scherzen wieder." „Nein, Rosa, ich scherze nicht." Er sprang auf, und ohne daß sie es hindern konnte, umschlang er sie fest mit seinen Armen. „Rosa, Geliebte I" rief er stürmisch, „weißt Du denn nicht, daß ich Dich liebe? Ich kannte das Ge- i!>> heimniß meines Herzens selbst nicht eher, M bis ich Linda's grausame Worte hörte, obre da gingen mir plötzlich die Augen auf. Ich würde heute noch nicht so offen mit Dir gesprochen haben, aber wenn Du in der Welt umher wandern willst, so gehe ich mit Dir, damit Du doch einen Beschützer hast." „Ich dachte-Sie haßten mich." „Ich wollte Dich hassen, aber es gelang mir nicht. Als ich Dich zuerst sah, hielt ich Dich für Frau Manners Gesellschafterin, und schon damals fühlte sich mein Herz zu Dir hmgezogen." „Es wäre besser gewesen, ich wäre niemals gekommen; Fräulein Rivers Worte könnten mich dann nicht so sehr verletzt haben." „Als meine Gattin können Dich ihre Worte nicht mehr verletzen. Sage mir offen, mein Liebling, willst Du das Glück Deines Lebens in meine Hände legen?" „Ich will niemals heirathen." „Warum nicht, liebst Du mich nicht ein wenig ?" „Mehr wie „ein wenig". O, Thomas, ich wollte immer bei Dir und bei dem Onkel bleiben", flüsterte sie heiß erröthend. Er schloß sie in seine Arme und küßte sie leidenschaftlich. „Rosa", sagte er dann, „die letzten Worte der alten Zigeunerin sind erfüllt; am Weihnuchtsfest ist der Stern Dewes Glückes aufgegangen; das rst der Stern der Liebe." „Das waren gar nicht die letzten Worte", erwiderte sie schelmisch und schmiegte sich fester an seine Brust. „Nicht? Hat sie Dir vielleicht den Mann Deiner Wahl beschrieben?" „Jetzt beantworte ich keine weitere Fragen", lachte Rosa, „aber sieh' dorthin, Thomas. Die Thüren des Speisesaals sind geöffnet, das Essen ist beendet, die Gäste kommen schaarenweise in den Gartl-n. und man wird uns hier finden." „Lass' uns nach Hause gehen", schlug er vor, „denn unser täto-ü-tsts soll noch nicht in der ersten Stunde gestört werden." Der alte Herr Lambrecht war schon vor dem Essen heimgekehrt und saß auf der Veranda, gemüthlich mitFrau Davidsohn plaudernd. Thomas trat auf ihn zu und rief heiter: „Endlich erfülle ich Deinen Wunsch, lieber Vater. Ich will eine eigene Häuslichkeit gründen, und Rosa wird mir dazu verhelfen. Gratulire uns l" Der alte Herr stand auf und schloß tief bewegt das erröthende Mädchen in seine Arme. „Du hast mir den größten Wunsch meines Herzens erfüllt, mein Sohn", versicherte er gerührt, „möge sie Dich glücklich wachen." Nun folgten frohe, glückliche Tage; Linda River schützte Kopfschmerz vor und verschloß sich in ihrem Zimmer, worüber die Kleinen ganz glücklich waren, denn sie fürchteten sich vor ihrer schönen Gouvernante. Thomas drang auf eine schleunige Hochzeit und wollte nicht länger als bis Anfang Februar warten; doch Frau Davidsohn meinte, die Verlobungszeit sei viel zu kurz, in 766 so wenigen Wochen könnten ja kaum die Hochzeitsgeschenke von Deutschland herüber kommen. Rosa lachte und gab die Versicherung, sie erwarte gar keine Geschenke, da sie in der alten Heimath keine Freunde hinterlassen habe. Doch darin halle sie sich geirrt. Mit dem nächsten Dampfer, der noch vor dem Hochzeitstage landete, erhielt sie drei werthvolle Geschenke: einen goldenen Armreif von Herrn Hollmann, einen kostbaren seidenen Spitzen- shawl von seiner Schwester und einen Diamantschwuck von dem reichen Engländer Mr. Lislie. „Ich kann das gar nicht begreifen, ich sah den guten Engländer doch nur ab und zu auf dem Schiffe", meinte Rosa nachdenklich. Doch Thomas Lambrecht erhielt von ihm mit derselben Post einen ausführlichen Brief. „Er hat Dich unendlich geliebt", sagte er nach dem Rosa's Gegenwart erleichtert, und als das junge Paar nach wenigen Wochen nach Afrika zurückkehrte, war es zwar um ein bedeutendes Vermögen reicher, aber um einen Freund ärmer geworden. „Er war der einzige Freund, den ich autzer Herrn Hollmann und seiner Schwester hatte", sagte sie gerührt. „Du hattest aber noch eine andere Freundin, hast Du sie vergessen?" „Welche?" „Die Sibylle, die Dir „ein besseres Land" versprach und vorher sagte, Dein Glück würde kommen, wenn die Rosen am Weihnachtsfeste blühen." „Mein Glück ist vollkommen. O, Thomas, Du bereust doch nicht, daß ich nach Afrika gekommen bin?" „Thorheit, Kleine. Ich bin von Herzen dankbar; ich habe nur einen Wunsch, den ich gern erfüllt sehen möchte." Anstcht von Ueu-Ulm über die Donau auf Alt-Ulm. von »»mav «aaver, Photograph tn «rumvalv. lverv,klfaiNgung«req>i vororhalten j I«» >, »L» MG' «'S» - Lesen des Schriftstückes, „aber er freute sich, Rosa, daß Du damals seine Hand ausgeschlagen hast, denn er hätte nur bald eine Wittwe hinterlassen. Er fühlt sein Ende herannahen, und nach Ausspruch der Aerzte kann er kaum bis zum Mai leben," „Ich will ihm schreiben und ihm für seine Güte danken." „Er verlangt mehr von Dir, Rosa. Er wünscht, Dich noch einmal vor seinem Ende zu sehen, und bittet Dich, nach England zu kommen. Er hat Dich zu seiner Erbin gemacht." „Ich sehne mich nicht nach seinem Reichthum." „Willst Du nach England reisen?" Sie zögerte. „Allein?" fragte sie dann. „Glaubst Du, ich ließe Dich allein reisen? Nein, mein Lieb, wohin Du reist, begleite ich Dich." Die letzten Tage des Sterbenden wurden durch „Welchen?" „Ich kenne noch nicht die ganze Prophezeiung de* Zigeunerin. Sagte sie Dir, Du würdest heirathen?" „Sie sagte, ich würde nicht den ersten, auch nicht den zweiten und dritten heirathen, der um meine Hand anhielt, aber vor Jahresfrist würde ick an der Seite meines Gatten glücklich sein." „Es ist kaum ein Jahr vergangen, denn wir sind erst im Mai; sie war wahrlich eine ausgezeichnete Frau/ „Lache doch nicht darüber", bat Rosa schmeichelnd „Ich lache nicht. Bis an mein Lebensende werde ich für Deine Liebe dankbar sein und nie das Glück der-' gessen, was mir zu einer Zeit kam, da die Rosen blühten/ Die katholische Stadtpsarrkirche und Stadtpsarrei Neu-Ulm. (Mit Illustrationen.) (Nachdruck verboten.; In Folge der im Jahre 1807 eingetretenen Terri- tortal-Aenderungen zwischen der Krone Bayern und der Krone Württemberg wurden die am rechten Donau-Ufer wohnenden Katholiken der Gemeinde Neu-Ulm und Umgebung der katholischen Pfarrei Burlafingen einverleibt. Angesichts der stets wachsenden Bevölkerung und der durch den Bestand der Bundesfestung Ulm herbeigeführten Garnisonsverstärkung haben die Bischöfe von Augsburg die Errichtung einer eigenen Seelsorgestation in Neu- Ulm angestrebt, und Beiträge der kgl. Staatsregierung, des Kretsfonds und der Rentenüberschüsse katholischer Stiftungen der Diöcese Augsburg machten es möglich, eine katholische Kirche in romanischem Stil zu bauen. Die Grundsteinlegung zu dieser Kirche erfolgte am 13. Juni von Augsburg, und erster Stadtpfarrer wurde der ehemalige Expositus und nunmehrige Domdccan Dr. Joh. Wolf in Regensburg. Leider ist jetzt die Stadtpfarrkirche viel zu klein und der Seelsorge mit Stadtpfarrer und einem Hilfsgeistlichen nicht genügend Rechnung getragen, da die Zahl der Katholiken über 5000 Seelen mit Militär sich erhöht hat. Auf dem katholischen Kirchenplatze wurde den im Feldzuge 1870/71 Gebliebenen des kgl. bayer. 12. Infanterie-Regiments ein Monument Anfang der 70 er Jahre errichtet und in der katholischen Stadtpfarrkirche eine Gedenktafel zur Erinnerung an die in Neu-Ulm heimathberechtigten und im Kriege gefallenen katholischen Militärs angebracht. - —- Katholische Kirche und Krieger-Denkmal in Neu-Ulm. Original-Aufnahme von Gustav Baader Photograph in Krumbach. sDervielfältigungsrecht vorbehalten) 1857, am Feste des hl. Antonius von Padua. Vollendet wurde der Bau bis zum 26. November 1860, so daß nach vorangegangener einfacher Benediction am 28. November, als am Geburtsfeste Sr. Majestät des Königs Max II., der erste feierliche Gottesdienst gehalten werden konnte. Da nun die katholische Bevölkerung Neu-Ulms die Zahl von circa 1800 Seelen mit Militär erreicht hatte, wurde durch Allerh. Rescript vom 10. April 1861 die Errichtung einer eigenen Pfarrei genehmigt, und laut Urkunde des hochw. bischöfl. Ordinariats Augsburg vom 19. Juni 1861 erstreckte sich dieselbe auf die Katholiken der Stadtgemeinde Neu-Ulm, der Ortschaften Pfuhl und Offenhausen und mehrerer Höfe an der Jllerbrücke, welche von der Pfarrei Burlafingen abgetrennt wurden und fortan den Sprengel der neuen Stadtpfarrei bildeten. Die Consecration der Stadtpfarrkirche erfolgte am 18. Mai 1862 zu Ehren des hl. Johannes des Täufers vom Hochw. Herrn Bischof Dr. Pancratius von Dinkel Zu unseren Bildern. Erika Medekind. die hochgefeierte Hofopernsängerin in Dresden, einer der glänzendsten GesangSsterne, die je am musikalischen Himmel aufgegangen sind, ist hier in Augsburg keine unbekannte Persönlichkeit mehr. Schon im Vorjahre hat die gottbegnadigte Künstlerin, die in Lenzburg, Kanton Aargau in der Schweiz, das Licht der Welt erblickte, in einem Kaimconcerte sich die Sympathien des hiesigen Publikums in einem Maße erworben, wie es wohl noch keiner anderen Sängerin vor ihr gelungen ist. Am letzten Donnerstag sollte sie im hiesigen Stadttheater als „Regimentstochter" auftreten, telegraphirte aber ohne Angabe von Gründen in letzter Stunde ab. Frl. Wedekind besitzt eine höbe, in allen Registern ausgeglichene Sopranstimme, die in allen Tonlagen leicht anspricht und in jedem Tone sicher und rein einsetzt. Sie trillert mit einer Virtuosität, die besonders beim Pianissimo wahrhaft verblüffend ist; sie schmettert ganze Trilleiketten neben perlenaleick gebrachten chromatischen Läufen heraus, verschleift geschmackvoll die Ein,eltöne, versteht das An- und Abschwellen der Stimme und der lang vorhaltende Athemzuge steht ihr zu Gebote. Und wie weiß die bescheidene Erika 768 all' das Bedeutende, was sie kann, ohne Prätension vorzubringen! Kurz, sie ist eine durchaus künstlerisch veranlagte Sängerin und auch in ihrer Anspruchslosigkeit vorbildlich für Concertsängcrinnen, deren Dünkel größer ist als ihr Können. Der hl. Franztskus Javerius tröstet die Armen. Am 3. December feiert die katholische Kirche das Fest eines ihrer grössten Heiligen, des hl. Franz Xaver, des Apostels der Inder. Derselbe wurde im Jahre 1506 auf dem Schlosse Xeviero in Navarra geboren und studirte später in Paris, wo er mit dem hl. Jgnatius von Loyola den Plan zur Stiftung des Jesuitenordens entwarn Nachdem er einige Zeit in Brasilien als Missionär gewirkt hatte, unternahm er 1541 eine Missionsreise nach dem portugiesischen Ostindien, Ceylon, Malaka und selbst nach Japan und bekehrte viele Eingeborene. Er starb am 3. Dezember im Jahre 1553 auf dem Wege nach Gra, wo er auch begraben liegt. Unser Bild zeigt uns den Heiligen, wie er, der für alle Lcidm der Menschheit ein so theilnehmcndes Herz hatte, die Armen tröstete nach dem Worte des Herrn: „Was Du dem geringsten meiner Brüder gethan, das hast Du mir gethan!" —t-nro-l-»-- Allerlei. 8 Ein interessanter Fund. Bet den Erdarbeiten, welche vor Kurzem an den Ufern des Shea Creeks bei Botany in Australien vorgenommen wurden, wurde ein untergegangener Wald, welcher ca. 3'/z Meter unter dem niedrigsten Wasserstande sich befand, aufgedeckt. Wie uns das Patent-Bureau von G. Dedreux in München mittheilt, waren die Bäume, besonders die Wurzeln, noch so gut erhalten, daß man die Art, zu welcher die Bäume gehörten, erkennen konnte. Es wurde festgestellt, daß die Bäume zu heute noch vorhandenen Arten gehörten. Der Untergang des Waldes dürfte in vorgeschichtlicher Zeit svermuthlich Steinzeit^ erfolgt sein. worauf die Auffindung von 4 Steinäxten, sowie das Skelett einer Seekuh hindeutete. Die weitere Aufdeckung resp. Bloßlegung des Waldes dürfte sowohl über die Zeit des Bestandes, als auch die Art des Unterganges nähere Anhaltspunkte liefern. -«- Tröstlich. Ein Familienvater kehrt von einer längeren Reise zurück. Auf dem Bahnhof fliegt ihm sein kleiner Junge an den Hals. „Na, Karlchen, wie geht's zu Hause?" — „Alles munter, Papa. Ich bin gesund und Minchen gleichfalls." — „Aber Mama?" — „O, da kannst Du ganz ruhig sein, die lebte ordentlich auf, als Du fort warst." * Ein Ehrlicher. Lehrer: „Wer hat Dir bei dem Aufsatz geholfen, Hans?" — Hans: „Niemand." — Lehrer: „Sei ehrlich, Hans, hat Dir nicht Dein älterer Bruder geholfen?" — Hans: „Nein." — Lehrer: „Dann hast Du also den ganzen Aufsatz allein gemacht?" — HanS: „Nein, Er hat ihn allein gemacht." Netter Gesang. A>: „VerzeihenSie, HerrBrüller, die Hausbewohner lassen Sie ersuchen, Ihre Gesangsübungen doch bei geschlossenem Fenster abzuhalten!" — B.: „Geht nicht! Bei geschlossenem Fenster halt' ich's selber nicht aus!" * Modern. Köchin sim Modistinladen^: „Ich möchte einen Hut, aber diesmal nur etwas Gewöhnliches, ungefähr so einen, wie meine Gnädige hat." Begreiflich. Schauspieler: !„Wenn ich spiele, da vergesse ich alles um mich her, das Publikum verschwindet vollständig." — Freund: „Wer wird dem Publikum das verübeln?" * Mißverstanden. Postbeamter: „Wie heißt denn der Name hier auf der Adresse? Ich kann ihn nicht lesen." — Mann: „Hubler." — Postbeamter: „Vorname?" — Mann: „Nein, Nachnahme!" VomJägerttsch. A.: „Wie, einen Walfisch haben Sie auch schon erlegt?" — B.: „Ja, mußte Beute aber schwimmen lassen, hatte Jagdtasche vergessen." - Kimmelssckau im Monat Dezember. —/. Merkur ist Abendstern und geht gegen Ende des Monates 2 Std. nach der Sonne in SW. unter. Venus Z wird immer Heller und verschwindet zuletzt 3*/z Std. nach Sonnenuntergang. Mars ^ wird der hellste Stern am Himmel, kommt am 11. der Erde am nächsten und ist zwischen den Hörnern des Stieres und den Füßen der Zwillinge die ganze Nacht sichtbar. Jupiter H geht auf zwischen 11 U. und 9 U. abds., steht gegen 6 U. mgs hoch im S. Saturn H geht vor 6 U. mgs. in SO. gegen O. auf und kann sich vor Tagesanbruch zeigen. In der Nähe des Mondes findet man am 3. und 31. Saturn; am 5. Merkur; am 7. Venus, um 3 U. nachm. bedeckt; am 19. Mars; am 25. Jupiter. Antares wird vom Monde bedeckt am 31. abds. 9 U. «rAkes-- Schachaufgabe. Von Hermann Lehner. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt Auflösung des Kombinationsräthsels in Nr. 95: Rahe, Heller, Lamm, Heizen, Lier, Spinne, lonne, Vetter, Horn, Harm, Wand, Nest. — Allzeit voran. Auflösung der algebraischen Gleichung in Nr. 97: a Bad, b Ulan, x — Bauland. -- M 1W. Ireilag, den 4. Dezember 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in AuaSburg. Druck und Verlag des Literariichen Instituts von Haas L Grabberr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). Ihv rvstev Roman. Novelle von Antonie Haupt. -- (Nachdruck »erboten.) I. Auf einer der tannenumraufchten Höhen, die zum Hofstaate jenes gewaltigen Harzbeherrschers, deS granit- gekrönten Blocksberges, gehören, erhebt sich mitten in tiefster Waldeinsamkeit eine gastliche Halle. Welcher Germanensprosse, dessen steiler Pfad hier vorüberführt, wird die unmuthige Verlockung zurückweisen, wird die holde Rast und Erquickung verschmähen, welche das „Gasthaus zur steinernen Renne" ihm zusichert! So lange der Deutsche den Erbsegen seiner Ahnen, die angestammte Liebe zum Walde, bewahrt, wird ein Ruhesitz, wie ihn die Höhe der „Steinernen Nenne" bietet, ihn unwiderstehlich fesseln. Hoch streben hier die Pfeiler der mächtigen Tannen zum Himmel empor, und darüber wölbt sich in weiten Bogen daS schattige, sonnendurchleuchtete Gezweige. Zur Seite aber braust wildschäumend der Waldstrom über phantastische, schwarze Steingebilde in die Tiefe hinab. Die abenteuerlichen Felsgestalten glänzen im Wasserduft, und diamantengleich funkeln die Wasser- stäubchen in den magisch einfallenden Strahlen der Sonne. Und das klingt und singt so lieblich, Und so lieblich rauschen drein Wasserfall und Tanncnbäume, saug Heine. Es ist ein schöner, milder Septembertag. In der schatteukühlen, harzdurftigen Halle, welche in der Volkstracht des Sommers Menschen aller Nationen zür kurzen Rast vereinigt, finden wir heute nur zwei junge Männer. Beide, hoch und schlank, sind urkräftige Vertreter deS germanischen Stammes, und doch ist ihr AeußereS sehr verschieden. Der im Vollgenuß der Ruhe dort lehnende etwa Dreißigjährige Zeigt getreu den historischen Typus der alten Sachsen. Flachsblond ist sein plüschartig geschorenes Haupthaar, röthlich der kurze Bart, von auffallender Bläue sein scharfblickendes Auge; um die Zartheit und Frische seiner Farben dürfte ihn eine junge Dame beneiden; er ist eine nordische Erscheinung, wie sie uns in Hannover häufig begegnet. Sein, um wenige Jahre älterer Reisegefährte dagegen, der hochaufgerichtet an der Balustrade steht und das große, graue Auge träumerisch sinnend auf dem Waldgebirge ruhen läßt, ist eine jener reckenhaften stolzen Gestalten, wie man sie im Rhein- lande unter den Nachkommen der Franken nicht selten findet. Dunkelblonde Locken umschatten seine hohe Stirn, und lang wallt ihm der dunkelblonde Vollbart auf die Brust. Aus seinem Antlitz, dessen eigenthümlich dunkle Färbung eher auf einen längeren Aufenthalt in den Tropen schließen läßt, als auf die Wirkung der rheinischen Sonne, spricht Muth und Selbstbewußtsein, aber auch etwas von edler Schwärmerei, von unbegrenzter Herzensgüte. Tiefer Ernst liegt augenblicklich auf seinen Zügen, denn eine erhabene Landschaft stimmt jederzeit das menschliche Gemüth zur Andacht. „Wenn ich", so richtete er das Wort an seinen Freund, „im dämmerigen Tannenforste jenem Rauschen der Krone lausche, welches wie ein Hauch aus überirdischer Welt den Wald so geisterhaft durchweht, so begreife ich, daß unsere Vorfahren „das heiligste Geheimniß des ahnenden Geistes" mit dem Eindrucke der ticfgrünen WaldeS- nacht verwoben, wie Tacitus uns berichtet. Ist eS nicht, als stünden wir hier zwischen den mächtigen Säulen eines NiesendomS, wo der Weltenschöpfer selbst das Geheimniß seiner Nähe predigt? Der deutsche Wald allein hat diese tiefe, feierliche, ehrfurchterweckende Kirchenstille; und gerade hier umfängt mich voll und ganz das süße Heimaihsgefühl, das bei meiner Rückkehr mich so mächtig überkam." Der Andere nickte sinnend. „Ja, daS empfinde ich mit Dir. Es ist wunderbar", fügte er lächelnd hinzu, „wie Du, der rastlose Weltumsegler, Nordpolfahrer, Afrikaforscher, der mit den Kalmücken Brüderschaft trank und mit den Eskimos Freundschaft schloß, deutschen Sinn, deutsches Gemüth und selbst deutsches AeußereS bewahrt hast. Wahrhaftig, Otto, eS fehlt nur der Streithelm mit dem gewaltigen Flügelpaar auf Deinen Locken, das Bärenfell malerisch um Deine mächtigen Schultern ge- chlungrn, und der Cheruskerfürst, der Held des Teuto- burger Waldes, scheint neu erstanden. Schade, wirklich schade, daß man Dich nicht Hermann nannte; der Name würde Dich, den Freiherr« von Saarstein, Rittergutsbesitzer auf Schloß Saarstein, zum Inbegriff aller germanischen Vollkommenheit stempeln." „Ich trage den Namen, den seit Jahrhunderten der älteste Sohn unserer Familie führte, ebenso wie ich daS Majorat mit sämmtlichen Rechten und Pflichten übernehmen mußte", versetzte der Freiherr lächelnd. „Höre, Otto, ich begreife nicht, wie Du, der so lange ungebunden nach Lust und Neigung in fremden Erdtheilen umherschweifte, Dir mit den Lasten und Mühen 770 dieser großen BefitzthumS eine Fessel schmieden ließest; wie Du, dessen Forschungen und Erfolge das Aufsehen der Menschheit erregten, das Leben erträglich findest in der idyllischen Selbstverwaltung Deiner Güter!" rief der Hannoveraner auS. „Und ich begreife nicht, wie Du Dich darüber wundern kannst", entgegnete Freiherr von Saarstein. „Ich trat diesen traditionellen Wirkungskreis an, in welchem ich den würdigsten und schönsten Beruf eines Edelmannes erkenne und empfinde große Befriedigung darin, daß ich reich genug bin, um Gutes zu fördern und Andere glücklich zu machen. Die Erfahrungen, die ich in meiner langen Reisezeit gesammelt, verwerthe ich jetzt praktisch, sie kommen mir nnd meinen Untergebenen zu Nutze, und ich finde in meinen Schöpfungen Quellen der reinsten Freude." „Ihr Idealisten bleibt immer die glücklichsten Menschen", seufzte der Andere. Du thust gerade so, als ob Du im Materialismus der heutigen Zeit vollständig versumpft wärest", lachte Otto; „nnd dennoch habe ich die Anregung zu allem höheren Streben von Dir empfangen. Mit welcher Liebe studirten wir während unserer gemeinsamen akademischen Bildungszeit klassische Philologie, mit welcher Begeisterung besuchten wir dann zusammen die Stätten, die einst dem Leben und Wirken der alten NSmer und Griechen zu« Schauplatz? dienten! Die sonnigen Jugendtage, diese Tage der Begeisterung, werden mir unvergeßlich bleibe». Du wandtest Dich nach Vollendung Deiner Studien dem Lehrfache zu, und ich, als vorläufig freier und unabhängiger Mensch, folgte der einmal erwachten Sehnsucht, den Ueberrestcn einer glorreichen Zeit an Ort nnd Stelle nachzuspüren, ich wanderte nach Palästina, dann ging es mir wie Odysseus: Zeus verleitete mich, mit küsten- umirrenden Räubern weit nach Aeghpios zu schiffen." „Während mir das Vergnügen zu theil wurde, die hoffnungsvolle Jugend meiner Vaterstadt in den Anfangsgründen der alten Sprachen zu unterrichten", schaltete fein Freund seufzend ein. „Gefährlich ist's, 'en Leu zu wecken, Professor. Mein Forschungstrieb schwoll im Lande deS Nils zu wahrer Leidenschaft an", fuhr Saarsiein fort. „Aus dem" Archäologen ward ein Naturhistoriker, der unter tausend Gefahren die ganze Welt durchpilgerte." „Und durch Veröffentlichung seiner Tagebücher auch daS Erstaunen der ganzen Welt hervorrief", fügte der Hannoveraner hinzu. „Du bist zum hochgefeierten, berühmten Manne gewcrden, man überhäuft Dich mit Anerkennung und Ehren, und Du vermagst es dennoch, Dich von dem Schauplatze Deiner Triumphe zurückzuziehen, um als ländlicher Gutsbesitzer — freilich ein kleiner Fürst — im Verborgenen zu wirken!" Der Sprecher schüttelte bedenklich den Kopf. „Du glaubst nicht, mein Freund", rief der Freiherr aus, „welchen Reiz die alte Heimath nach dem fast zehnjährigen unstäten Umherschweifen auf mich ausübte, mit welcher Lust ich die leichten Regentensorgen übernahm, von denen ich nie vergessen hatte, daß sie meiner warteten t" „Fast bedaure ich, daß ich die Feiertage nicht dazu benutzte, um Dich in Deinem jetzigen Wirkungskreise zu belauschen", sagte der Philologe. „Doch es schien mir so verlockend, wieder einmal mit meinem alten Freunde zweck- und ziellos über Berg und Thal zu schweifen, daß ich, statt Deiner freundlichen Einladung nach Saarstein zu folgen. Dich zu einer gemeinsamen Harzreise hierher rief." „Und ich freue mich, daß ich auf Deinen Ruf gehört habe, alter Junge", versicherte Otto heiter. „Ja, wir wollen allen Sorgen den Abschied geben, wir wollen lustig fein wie in den Tagen unserer Bnrschenzeit. Komm', ich brenne vor Begierde, mich auf dem Blocksberge von den Gespenstern bedienen zu lassen." „Wohlan, ich glaube nicht, daß wir den Teufels- spnk erst zu beschwören brauchen, das Abenteuer läßt auf diesem Tummelplatz der Hexen und Kobolde nicht lange auf sich warten, ich kenne das aus Erfahrung." Mit diesen Worten erhob sich Herr Georg Hesse, um nach freundlichem Abschied von dem jungen Wirth mit seinem Reisegefährten fröhlich bergan zu steigen. Bald zeigte sich über den waldigen Wipfeln links die schöne Felfenpartie der Hohneklippen, und gerade vor ihnen stand wie ein Wachtposten, den der mächtige Ge- birgsfürst ausgesandt, der granitgepanzerte Nennekenberg. Die Herren zogen das Reisehandbuch zu Rathe, und nach kurzer Zeit war ein Fußweg aufgefunden, der zwischen Tannen und verstreuten schwarzen Steinblöcken steil zur Höhe leitete. Nachdem sie eine Weile schweigend aufwärts gestiegen waren, that Doktor Hesse plötzlich die Frage: „Dachtest Du während der zwei Jahre Deiner einsiedlerischen Landesvaterschaft denn nie daran. Dich zu vrrheirathen, Dir eine glückliche Häuslichkeit zu gründen?" „Nein, Georg, dazu hatte ich bis heute weder Zeit noch Gelegenheit", lautete die Entgegnung. „Hm", meinte der Philologe, „als wir vor länger als einem Jahre uns auf der Hochzeit Deines Brnders zum letzten Male sahen, erwartete ich mit Bestimmtheit Deine baldige Verlobung." „Aber, Mensch, was berechtigte Dich dazu?" „WaS «ich dazu berechtigte? Glaubst Du, ich habe nicht bemerkt, wie jene reizende, brünette, junge Wittwe nur Augen für meinen interessanten Freund hatte S Einem viel verbohrteren Bücherwurm, als mir, hätte es auffallen müssen." „Sprichst Du vielleicht von Frau von Elzd" „Jawohl. Ich hatte an jenem Tage ein unveräußerliches Recht aus ihr Interesse, da ich sie zur Kirche wie zur Tafel führte, und dennoch machte ich ihr nicht den geringsten Eindruck. Gleichgültig, nachlässig hörte sie meiner Unterhaltung zu, entzückend verdrießlich sah sie drein, wenn Du Dich ausschließlich der sehr jungen Dame widmetest, deren eigentlicher Ritter Du sein mußtest. Wie leuchtete es aber auf in ihren Zügen, wenn Du mit ihr sprachst, wie wechselnd war der Ausdruck, der dieses geistvolle, pikante Gesichtchen belebte, wenn sie die Rede an Dich richtete!" Otto lachte. „Ich glaube, Du hattest Visionen und Hallucinationen!" „O, Du Pharisäer!" ereiferte sich Georg Hesse. „So war die Episode mit der Rose wohl auch nur eine Vorgankelung meiner Einbildungskraft?" „Wohl möglich, denn ich kann mich keiner Nosen- Evisode erinnern." „Nicht? So will ich sie Dir inS Gedächtniß zurück, rufen, heuchlerischer Barbar! Die Tafel war aufgehoben, der Tanz hatte noch nicht begonnen. In einem jener lauschigen Nevengewächcr, wohin ich die Frau von Elz geführt hatte, war es meiner UnterhaltungSgabe endlich gelungen, einiges Interesse bei ihr wachzurufen; ich er- 771 zählte ihr nämlich von unserer gemeinsamen Nömerfahrt. Da erschienst Du mit Deiner Dame. einer kleinen Blondine mir fein gezeichnetem, aber herzlich unbedeutendem Gesichtchen. Du beugtest Dich zu ihr nieder und batest in einem weichen Tone, wie ich ihn nie von Dir vernommen, um eins Rose aus ihrem Bouquet. „Wenn Sie Rosen lieben, so plündern Sie doch diese Vase", sagte die Kleine und lief davon. Da standest Du ziemlich verblüfft, als Frau von Elz mit unnachahmlicher Grazie auf Dich zuschwebte und Dir die wundervolle, halb erschlossene Nose, welche sie selbst an ihrer Brust getragen hatte, mit einem Angenaufschlag überreichte, der mich um alle Fassung gebracht hätte." „Ich bewundere Dein Gedächtniß", äußerte Otto lächelnd. „Der kleinen Begebenheit erinnere ich mich jetzt allerdings mit allen Einzelheiten. Selbstverständlich hatte ich als Bruder des Bräutigams die einzige junge Verwandte der Braut, Fräulein Lily von Arendal, in die Kirche und zur Tafel zu führen. Du hast Recht, die Kleine sah überaus jung, fast kindisch aus; ihre Züge hatten auf den ersten Anblick durchaus nichts Blendendes, doch nach der ersten halben Stunde schon schien mir ihr Aeußerss eigenthümlich fesselnd. Sie wußte mit großer Anmuth zu plaudern und hatte stets eine paffende, von munterem Geiste zeugende Antwort bereit; dennoch war sie weder eitel noch vordringlich und liebte es, mehr zu lauschen als zu sprechen, aber ihre leuchtenden, tiefblauen Augen redeten die lebendigste Sprache ohne Laut. Nach nicht gar langer Zeit befand ich mich derart im Zauber- bann der kleinen Elfe, daß ich mich zu der Thorheit hinreißen ließ, sie um eine Nose zu bitten. Weßhalb sie mir dieselbe verweigerte, ist mir heute noch unklar." „Mir nicht", lachte Georg. „Offen gestanden, ich hätte als junge Dame in diesem speciellen Fall genau so wie Fräulein Lily gehandelt." „Und warum, wenn ich fragen darf?" „Nun, weil Du, Halbkndianer, die Gunst begehrtest nicht allein vor Zeugen, sondern sogar vor einer Zeugin, die mit Argusaugen beobachtete." „Also darin bestand mein Verbrechen? Ich glaube wirklich, daß ich mich in die VerkehrLsormen sämmtlicher wilden Völker, die ich kennen lernte, eher zu schicken weiß, als in diejenigen unserer Salonwelt", scherzte der Freiherr. „Höre, Georg, wir find nun schon so lange aufwärts gestiegen, daß wir füglich aus dem Kamme des Nennekenberges, wo wir den Holzfahrweg treffen sollen, sein könnten. Von einem Holzwege, der unsern Pfad kreuzt, sagt unser Reisehandbuch nichts, wir stehen jedoch vor einem solchen, also ist dieses der bezeichnete, dem wir nach rechts zu folgen haben." „Meinethalben", sagte der junge Doktor zerstreut und lenkte in den Holzweg ein. Nach einer Pause fragte er: „Hast Du die schöne Frau seit jener Hochzeitsfeier nicht mehr gesehen?" „Ob ich sie gesehen habe? Frau von Elz ist ja meine nächste Guisnachbarin." „Ah das wußte ich nicht." „Gewiß, die Dame wohnt in der schönen Jahreszeit meist aus ihren Gütern an der Saar, die sie mit einer bei Frauen ungewöhnlichen Umsicht bewirthschaftet. Nicht selten kommt die kühne Amazone zu meiner Besitzung herübergeritten, um meine Pläne und Verbesserungen in Augenschein zu nehmen. Ich habe eine gelehrige, begabte Schülerin an ihr; der Unterricht, mit dLA wir Beide es wirklich ernst nehmen, macht mir Freude." „Selbstverständlich", sagte der Doktor. Ohne die Bemerkung seines Freundes zu beachten, fuhr Otto fort: „Im Winter stürzt sie sich in den Gesellschaftstrubel. Sie bewohnt alsdann ihr HauS in der nahen Provinzialstadt, wo auch unsere Familie ihr Winterquartier hat." „Und da trefft Ihr Ench natürlich Tag für Tag auf dem Parquetboden?" „Mit Nichten. Dn weißt, was ich von der Salon- welt halte. Ich habe nur die Nöthigsten Besuche gemacht, bet Frau von Elz und den Spitzen der Behörden." „In welchem Verhältniß stehst Du denn zu Fräulein von Arendal?" „In keinem. Die kurze, herbe Weise, mit der sie meine kleine Bitte damals so unbegründet z rückwies, hatte mich doch ein wenig gekränkt, und ich glaube, daß ich sie bei der nächsten Gelegenheit auffallend kühl behandelte. Wenn wir uns jetzt zufällig einmal treffen, so gehen wir sehr gleichgültig an einander vorüber. Ich begreife nicht, wie ich eine Sekunde lang flüchtiges Interesse für die Kleine hegen konnte. UeSrigenS scheint mir dieser Holzweg nicht auf den Kamm des Berges zu führen; wir werden uns wohl dazu bequemen müssen, uns selbst einen Pfad auf die Höhe zu bahnen." „Das kommt mir bedenklich vor, allein ich füge mich", lautete die Antwort. Junger Schuß von Tannen, von Brombcerstauden und dornigem Gestrüpp hielt den Abhang dicht besetzt; doch die Freunde drangen muthig aufwärts. Häufig zwang sie ein riesiger Granitblvck, eine abenteuerlich geformte Felsengruppe, oder eine ihnen entgegensprudelnde Quelle, die eingeschlagene Richtung zu ändern. Es war ein mühseliges Klettern, und die Unterhaltung wurde immer einsilbiger. Nach geraumer Zeit hatten sie den Bergscheitel erreicht. Gebirge und Thäler, Wiesen und Wälder, Felsgruppen, Städte und Dörfer in sonniger Pracht ließen sich mit einem Blick umfassen; doch auf der Hohe war Alles urwaldartig verwachsen, kein Pfad wollte sich zeigen. Noch einige Schritte drangen sie vor, und siehe — düster und stolz, in stiller Majestät stand der Blocksberg ihnen gegenüber. „Heureka! Das Ziel ist in Sicht", rief Otto. „Aber die Götter wissen, was uns noch von ihm trennt", bemerkte Doktor Hesse mißmuthig. „Diesem orkusartigen Abgrund traue ich nicht; sobald der Urwald aufhört, fängt wahrscheinlich ein tückisches Moor an. Wenn Du Dich durchaus in die nächtlichen Gefilde stürzen willst, so thue es auf Deine Gefahr hin allein, ich tauche nicht mit in diesen Schlund." „Das ist ja offene Rebellion!" sagte der Freiherr belustigt. „Ucbrigens bestehe ich nicht auf der unheil- drohenden Thalfahrt. Ich glaube, daS Klügste wäre, zu unserem vor einer Stunde verlassenen Pfade zurück- zusteuern, um dort, wie SisiphuL zwar, jedoch mit füschem Muth den Aufstieg von neuem zu beginnen. Der Pfad mündet ohne Zweifel in die Fahrstraße zum Brocken." „Ich vermuthe wirklich, Otto, der verwünschte Zauber- spuk, das geheimnißvolle.Walten der Hexen und Kobolde hat schon begonnen, und wir lassen uns recht tüchtig bei der Nase herumführen. Doch ich will Deinen Vorschlag annehmen, so trostlos und nichtswürdig er auch ist." Ohne lange Wahl ging eS nun wieder hinab, wo 772 — man gerade stand, und zwar über Hals und Kopf. Mit Gewalt drangen die Beiden durch wildvcrwachsenes Gezweige, verschwanden plötzlich in mit Gestrüpp verdeckten tiefen Löchern, wachten nähere Bekanntschaft mit heimtückischen Wasserfallen, kletterten und sprangen gemsen- arttg von Fels zu Fels. Thurmähnliche ungeheuere Granitblöcke ragten hier scheinbar endlos dicht neben einander auf. „Ich glaube, Professor, wir find in die auf unserer Spezialkartc „Zeters Klippen" benannte Felspartie gerathen", rief Saarstctn lachend, als sie nach längerer Trennung sich im Gestein einmal wieder zu Gesicht bekamen. „Und ich behaupte", rief Hesse zurück, „daß dieses unheimliche Steinlabyrinth, wo man sich im tollsten Springen nach allen Himmelsrichtungen üben muß, und das mir wie ein Kirchhof von Niesen aussieht, daS sicherste Anrecht auf eine andere Bezeichnung unserer Karte hat, ich glaube nämlich, daß wir uns in der „Hölle" befinden. Ein unangenehmeres, halsbrecherisches Fortbewegen ist mir in meinem Leben nicht vorgekommen." Nach dieser Versicherung voltigirte er weiter. „Mich erinnert diese Lustsprungpartie lebhaft an einen Tag unserer Nordpol-Expedition, und zwar an eine Entdeckungsreise auf der Bäreninsel", so vernahm Doktor Hesse aus der Ferne die Stimme seines Freundes. „Diese Bäreninsel mit ihren ins Eismeer herabhängenden Felsenriffen und vorspringenden Klippenspitzen sollte eigentlich Vogelinsel . . . ." Der Erzähler verstummt plötzlich. Georg hört einen schweren Fall, ein eigenthümliches, langgedehntes „Ah", dann wird es stille ringsumher. „Otto, Otto!« Keine Antwort. „Was ist geschehen, Otto?" Alles bleibt lautlos wie zuvor. Da faßt eine namenlose Angst den gutmüthigen Philologen. Wenn der Freund verunglückt wäre, mit zerschmettertem Schädel oder zerbrochenen Gliedmaßen in einer Felsenkluft läge! — Entsetzlich! Wo sollte er menschliche Hilfe hernehmen? Und selbst wenn er nach stundenlanger unsäglicher Mühe hilfvereite Menschen gefunden, war es möglich , ohne Ariadnefaden wieder die Unglücksstelle zu erkennen? Ja, auf welche Weise gelangte er überhaupt jetzt zu dem ver- hüngnißvollcn Orte? Diese Vorstellungen und Zweifel marterten sein Hirn, während er rufend und suchend das Felsenlabyrinth durchforschte. Eine geraume Zeit stolperte er umher, ohne eine Spur von Saarstein zu entdecken. Da plötzlich blieb er mit weitaufgerisscnen Augen regungslos stehen; was er sah, dünkte ihn unerhört stauncns- würdig. „Sollte man es für möglich halten!" platzte er endlich entrüstet heraus. „Sitzt der Patron wie ein Troglo- dyt in seiner Felsenkluft häuslich eingerichtet, in einer Lectüre vertieft, läßt mich irren, jammern, rufen, gibt keine Antwort, sondern liest in irgend welchen Runen wie verrückt. Mensch, was ist's mit diesen Hieroglyphen?" Er sprang hinzu und wollte dem Freunde über die Schulter sehen. „Halt!" donnerte ihm der Freiherr entgegen und sprang empor. „Kein profanes Auge soll auf diesen Blättern rnhen." „Hm, wie mir dünkt, gebührt Deinen Augen das eben genannte Epitheton gerade so wie den meinen diesen zierlichen Runen gegenüber", erlaubte sich Georg zu bemerken. „Doch nicht so ganz, mein Freund! Ich habe ein reizendes, von Damenhand geschriebenes Tagebuch gefunden, mußte natürlich suchen, den Namen der Eigentümerin zu erkunden, fand ihn nicht, statt dessen aber den meinen, und zwar in schmeichelhafter Weise erwähnt. Die Dame hat meine Neisewerke gelesen und ist mehr davon entzückt, als sie eS verdienen. Du wirst zugeben, daß ich, wenn auch gerade kein Recht, so dock eine Entschuldigung habe, wenn ich ein wenig in dem Buche blätterte, das mit sehr viel Geist, frischer Lebensanschauung und tiefem Gemüth geschrieben ist. Die, nach ihren Aeußerungen zu schließen, noch junge Dame hat soeben fast dieselbe Reise gemacht wie ich. Der betreffende Band wurde erst auf dieser Reise, und zwar in Frankfurt, begonnen, das letzte ist in Wernigerode am gestrigen Tage geschrieben. Die Aermste hat jedenfalls gleiches Schicksal mit uns gehabt; wenn wir uns beeilen, so werden wir sie vielleicht noch auf dem Brocken antreffen, wo sie hoffentlich glücklich hingekommen ist. Ich bin begierig, die geistvolle, liebenswürdige Verfasserin dieser Zeilen kennen zu lernen." „Höre, Otto, die wunderbare Auffindung der Dich bezaubernden verwunschenen Handschrift scheint mir auch in das Programm der Bergkobolde zu gehören, deren Tücken wir heute unrettbar verfallen sind", erklärte der Doktor. „Wenn wir überhaupt einmal, was ich noch sehr bezweifle, auf dem Blocksberg angelangt sind, so wirst Du statt des verhexten Buches eine Hand voll Staub und dürrer Blätter aus der Rocktasche ziehen." „Daraus lasse ich es ankommen. Vorläufig wollen wir vertrauensvoll das Unsere thun, um wieder in civili- sirte Gegend zu gelangen." „Versuchen wir es", sagte der Pädagoge einigermaßen verstimmt. Dann setzten sie sich in Bewegung. „Triumph! Der Holzweg liegt wieder vor uns", rief Otto nach nicht langer Zeit. „Jawohl, die Sisiphusarbeit kann sogleich von Neuem beginnen", murrte der Hannoveraner, indem er sich anschickte, eine haushohe Felsenwand hinabzurutschen. Hiermit war die letzte Schwierigkeit, welche sie von menschlichem Pfade trennte, besiegt. Mit großer Befriedigung gewahrte Georg ganz nahe den aufsteigenden Rauch eines Kohlenmeilers. „Da werden wir hoffentlich sichere Auskunft über die einzuschlagende Richtung erhalten", sagte er vergnügt. „Meinem Feinde wollte ich es nicht rathen, sich Deiner Ciceronenschaft anzuvertrauen." (Fortsetzung folgt.) -- Das Schlangerrailge. Von Paul Gilchrist. Deutsch von E. Hanrieder. — (Nachdruck virbowi.) Ich habe seinerzeit viele Abenteuer erlebt , aber keines davon war seltsamer als das, welches ich jetzt erzählen werde. Die Croffthwaithes waren alte Freunde zu mir. Besonders an's Herz gewachsen war mir Lady Pawcla, ein mutterloses Mädchen von großer Schönheit. Kaum erwachsen, brach wegen einer unglücklichen Licbrsaffaire 773 viel Unglück über sie herein. Ein gewisser Laurence Carroll, ein armer Subalternossizier, hatte eine heftige Leidenschaft für sie gefaßt, die sie erwiderte. Aufregende Scenen fanden statt, da die beiden jungen Leute geschworen hatten, allen Hindernissen zum Trotz, sich treu zu bleiben. Carroll war adelig von Geburt, aber sorglos und leichtlebig und steckte tief in Schulden. Deshalb betrachtete ihn die Familie Lady Pamela's nicht als passende Partie für das junge Mädchen. Graf Attrill verbot ihm das Haus — Lady Pamela war wie gebrochen, wurde schwer krank und erreichte erst nach Verlauf eines Jahres wieder einigermaßen ihre frühere Gesundheit und Lebenslust. Damals hatte man mich um Rath befragt, und ich freute mich daher aufrichtig, als ich die Nachricht von Lady Pamela's Verlobung mit dem richtigen Manne erhielt. Jedem Anscheine nach hatte sie jetzt ihre ganze Liebe einem gewissen Kapitän Mainwaring, einem allgemein bekannten Reisenden und außerordentlich tapferen Offizier, geschenkt. Er besaß eigenes Vermögen und einen tadellosen Charakter. Er war zwanzig Jahre älter als seine hübsche, junge Braut, aber in den Augen ihrer Verwandten bildete dies kein Hinderniß. Auf Lady Pamela's dringende Bitten hatte ich versprochen, auf jeden Fall bei ihrer Hochzeit zu erscheinen- Diese sollte mit großem Gepränge im Monat Mai dieses Jahres 1896 stattfinden im Hause der Crossthwaithes in Portland-Square. Der Bräutigam traf gerade eine Woche vorher aus Indien hier ein. Er war ein großer, feiner Offizier, und seine Braut wurde mit Glückwünschen überhäuft. Diese Gratulationen steigerten sich zu einem gewissen Enthusiasmus, als man entdeckte, daß der Kapitän seiner Braut unter anderem einen Diamanten von außerordentlicher Größe und Schönheit verehrt habe. Am Abende nach Kapitän Mainwaring's Rückkehr aus Indien dinirte ich bei den Crossthwaithes, und nach dem Essen durfte ich den Edelstein sehen. Er ruhte auf einem Sawmetetui in einem Glasbehültnisse. Dieses stand auf einem kleinen Tischchen in demselben Raume, in welchem auch die anderen Hochzeitsgeschenke ausgestellt waren. Das Zimmer wurde nicht nur von einem Detektive, sondern auch noch von einem alten, erprobten Diener der Familie bewacht, der es nur verlassen durfte, wenn der Detektivs anwesend war. Der Diamant machte einen seltsamen, eigenthümlichen Eindruck; er war in Form eines Kobra-AugeS geschliffen, mit einigen sprühenden Strahlen im Mittelpunkte, die einer Pupille ähnelten, in Gold gefaßt. Wie er so auf seiner purpurnen Unterlage funkelte und glitzerte, sah er aus wie das Auge eines bösen, unheimlichen Wesens. Abgesehen von dem Werthe, welchen der Stein durch seine eigenartige Form und seinen Schliff hatte, war er auch noch bedeutend durch fein Gewicht, das mehr als dreißig Karat betrug. Ein Blick genügte, mir zu zeigen, daß er wasserhell und frei von der geringsten Wolke oder Unvollkommenhcit war. Je nachdem man ihn betrachte, sprühte er in rothen oder blauen Farben. „Sie möchten gewiß gerne die Geschichte jenes seltsamen Diamanten hören?" sagte Kapitän Mainwaring, der zu mir getreten war, als er sah, daß ich den Edelstein betrachtete. „Er bietet einen wirklich einzigen Anblick", antwortete ich, „er muß eine Geschichte haben." „So ist es — er ist in der That das Auge eines indischen Götzen. Ein Rajah, dem ich das Leben rettete, gab ihn mir. Als er mir den Stein anbot, stellte er eine sonderbare Bedingung. „,Er gehört einem Stamme, mit dem ich und mein Volk seit langem im Kriege sicherst, sagte er. ,Wie ein Blick Ihnen zeigen wird, ist er das Auge einer Brillenschlange — wir in Hindostan nennen es Lannx I(es dickst — was Schlangenauge bedeutet. Der Geldwerth dieses Steines ist ein ungeheurer, deshalb ist sein Besitz für mich sehr gefährlich. Ich wäre in der That sehr froh, wenn ich seiner los wäre. Wenn Sie die Verantwortlichkeit auf sich nehmen wollten, können Sie ihn unter einer Bedingung haben? „Ich versicherte ihm, daß ich nicht ängstlich sei und gerne die Verantwortlichkeit für einen so werthvollen Gegenstand tragen würde. „,Sie retteten mein Leben, und ich bin Ihnen verpflichtet', erwiderte der Rajah, ,der Stein sei Ihr Eigenthum, wenn Sie meinen Diener Gopinath als dessen Hüter nehmen wollen. Ich möchte nicht an Ihrem Tode schuld sein, und Sie würden England gewiß nicht lebend erreichen, wenn Gopinath den Diamanten nicht für Sie hüten würde. Er ist Brahmane, ein ausgezeichneter Bursche. Er wird Ihnen Tag und Nacht dienen und den Stein beschützen. Nehmen Sie ihn mit nach England. So lange er in Ihren Diensten bleibt, ist der Diamant sicher? „Nachdem der Rajah so gesprochen hatte, lüftete er einen Vorhang, und Gopinath erschien. Es war eine hübsche Gestalt, groß, mit der glänzenden Haut, den geschmeidigen Gliedern und den blitzenden Augen seiner Landsleute. Ich bedurfte damals gerade eines Dieners und nahm den Hüter sammt dem Geschenk dankbarst an. Gopinath hat mich nach England begleitet und ist so anhänglich an mich und das Schlangenauge, daß wir uns, aller Wahrscheinlichkeit nach, sobald nicht trennen werden." „Sie haben unterwegs also keine Gefahren zu bestehen gehabt, als Träger und Besitzer eines Edelsteine? von so großem Werthe?" fragte ich. „Mehrere, aber Gopinath war immer mir zur Seite und ich glaube, daß er öfters zwischen mir und de» Tode gestanden." Andere Gäste sammelten sich nun um das Glas käsichen, und Mainwäring fing neuerdings an, den Stein, den Rajah und Gopinath zu beschreiben. Ich hörte nur mit halbem Ohre zu, so versunken war ich in die Betrachtung des prächtigen Diamanten. „Was sagen Sie zu diesem indischen Wächter?" fragte ich Lady Pamela, die gerade auf mich zutrat. „Meinen Sie Gopinath?" antwortete sie lächelnd; „er ist ein gelungener Bursche." „Ich möchte ihn gar zu gerne sehen", bat ich. „Er ist im Hause, ich werde ihn gleich holen", erwiderte sie. Sie eilte fort und kehrte nach wenigen Augenblicken mit dem Brahmanen zurück. Dieser trug einen prächtigen Turban und war nach der Sitte seines Landes gekleidet. Er begrüßte mich mit einem ehrfurchtsvollen „Salaam", als das junge Mädchen mir ihn vorstellte. Seine glänzenden Augen hefteten sich auf mich und dann auf den Stein. Einen Moment später war er in einem dunklen Theile des Saales verschwunden. „Herbert will den Diamanten anders fassen lassen, und ich soll ih» tragen, wenn ich nach der Hochzeit zu 774 Hofe gehe", sagte Lady Pamela. „Später möchte ich ihn dann auf die Bank schicken. Es ist nicht angezeigt, einen solchen Schatz im Hanse aufzubewahren." „Gewiß nicht, außer Sie beabsichtigen, Gopinath zu behalten." „DaS ist noch nicht entschieden, aber ich glaube, er will nach Indien zurück. Uebrigens werde ich den Stein nicht oft tragen — er ist zu prachtvoll, und es ist etwas an ihm, das mich erschreckt." „Ich betrachte ihn auch «ehr als Werthobjekt, denn als Schmuckgegenstand. Er ist zu groß und sieht, wie Sie sagen, einem Schlaugenange zu sehr ähnlich, um einen wirklich angenehmen Eindruck zu machen." „DaS eben verleiht ihm seinen Werth", bemerkte Kapitän Mainwaring, der soeben hinzugetreten war. „Uebrigens glaube ich nicht, Pamela, daß eS nothwendig ist, die Fassung zu ändern. Ein Edelstein wie dieser ist ein Besitz — und muß dereinst ein Erbstück werden, wie?" Bet diesen Worten traf ein liebevoller Blick des Offiziers das junge Mädchen, das bald seine Frau werden sollte — ihre Augen begegneten sich auf einen Augenblick, dann sah sie nach der Thüre. In einem Augenblick änderte sich ihr ganzer Gestchts- ausdruck; sie wurde todtenbleich und umklammerte den nächsten Stuhl, wie um sich zu stützen. Eine Dame kam heran, um mit dem Kapitän Mainwaring zu sprechen, er wandte sich um und antwortete ihr höflichst. Im selben Momente sah ich einen großen Mann mit blassem Gesichte hastig vorwärts kommen. Ich erkannte ihn sogleich, und sein Erscheinen hier befremdete mich nicht wenig — eS war Pamela Crossthwaithe'S ehemaliger Verlobter, Laurence Carroll. Er ging geradeswegs auf sie zu und bot ihr seine Hand, ohne ein Wort hervorzubringen. Der unruhige Ausdruck in ihren Augen trat noch mehr hervor, und trotz aller Anstrengung, sich zu fassen, zitterte sie heftig. Kapitän Mainwaring wendete sich nun wieder zu ihr. All' ihre Kraft zusammennehmend, legte sie ihre Hand auf seinen Arm. „Ich stelle Dir hiemit meinen Freund Laurence Carroll vor", sagte sie, „Herr Carroll — Kapitän Mainwaring." Der Kapitän verneigte sich und beehrte Carroll mit einem kurzen Blicke — daS nervöse Flackern verließ Carroll's Augen — sie Wurden heiter und hell. Er fing an, eifrig zu sprechen, und Pamela folgte seine« Beispiele. DaS Gespräch lenkte sich wieder auf den Diamanten. Kapitän Mainwaring schloß das Glaskästchen auf, nahm den Stein in die Hand und gab ihn dann mir und Carroll, um ihn ganz in der Nähe zu besehen. Wir tauschten unsere Meinungen aus in Bezug auf die Schönheit und Seltenheit des Steines, aber so bald Carroll sich unbemerkt glaubte, folgten seine Augen der sich eben entfernenden Lady Pamela. Ein Blick genügte, mir zu zeigen, daß seine Leidenschaft für sie stärker war als je. Bald darauf kamen Lady Pamela und ihre Freundinnen wieder an ihm vorüber. Sie sprach kein Wort, er aber streckte seine Hand aus, als wollte er sie zurückhalten. Daraufhin wendete sie sich um und blickte ihm voll in das Gesicht. „Ich kam heute Abend hierher", sagte er, „um Zhnen Ihr Versprechen und Ihr Geschenk zurückzugeben." Er drückte ihr einen Brief in die Hand und verließ sogleich daS Zimmer. Bald darauf nahm auch ich Abschied und kehrte in meine Wohnung in Bloomsbury zurück. Dort habe ich mir ein Laboratorium hergerichtet und verbringe einen guten Theil meiner Zeit in diesem Sanktnm. Es war elf llhr vorüber, als ich nach Hause kam; mein Diener, ein Ungar, NamenS Silva, wartete auf mich. Ich hieß ihn zu Bette gehen und begab mich in mein Laboratorium. In den letzten Tagen hatte ich verschiedene interessante Experiments gemacht, insbesondere entwickelte ich gerade mehrere Photographien, die ich mit Hilfe der Röntgen-Strahlen ausgenommen hatte. Die neue Entdeckung bildete zur Zeit daS Steckenpferd der ganzen gebildeten Welt, und ich natürlich that in Gesellschaft von anderen Männern der Wissenschaft mit. Ich besaß mehrere Hittorf'schen Röhren und alle nothwendigen Apparate, um die Nöntgen'schen Strahlen herzustellen. Meine Meinung ging dahin, daß die neue Entdeckung große Fortschritte machen und besonders nach der medizinischen Seite hin von ungemeiner Wichtigkeit sein werde. Soeben hatte ich mich in meine Dunkelkammer zurückgezogen, um einige Photographien zu entwickeln, als an der Hausthüre geläutet wurde. Für einen Besuch war es zu spät, und einigermaßen überrascht ging ich hinaus, um zu sehen, waS es gebe. Silva war noch nicht zu Bette gegangen, er öffnete die Thüre, führte Jemanden herein und kam darauf zu mir. „Herr Carroll, Herr — er möchte Sie auf einige Augenblicke sprechen." „Carroll", rief ich aus, „und zu dieser Stunde — wo hast Du ihn eintreten lassen?" „In das Laboratorium", antwortete Silva. „Ich werde ihn empfangen", erwiderte ich. „Bleibe nicht länger auf. Ich kann Herrn Carroll selbst hinaus- lassen." Ich kehrte in das Laboratorium zurück. Carroll stand an der Stelle, wo die Strahlen des elektrischen Lichtes voll auf sein Gesicht fielen. Er sah leichenblaß aus — seine Wangen waren hohl, seine Augen hatten einen trüben, gläsernen Ausdruck. Als ich in das Zimmer eintrat, hielt er einige Korrekturbogen von mir in der Hand, welche nebenan auf einem Tische gelegen. Sie waren mir von einem medizinischen Blatte, für das ich beständig schreibe, zugeschickt worden. Als er meine Schritte vernahm, warf er die Blätter weg und ging mir entgegen. „Ich kann mich für mein spätes Kommen nicht entschuldigen, denn die Sache, die mich hierher geführt, ist von großer Wichtigkeit. Nebenher gesagt, dieser Artikel über Gift ist höchst interessant — ist er für eine medizinische Zeitschrift?" „Er ist für die nächste Nummer des „Lauert" bk» stimmt", erwiderte ich. Dann fügte ich hinzu: „Aber der Inhalt wird für Sie kaum von Interesse sein." „Er interessirt mich doch außerordentlich", antwortete Carroll, der Artikel behandelt ein sonderbares Gift." „Das gefährlichste, welches bis jetzt bekannt ist. Da Sie einen Theil meiner Ausführungen gelesen haben, will ich Ihnen sagen, wie ich dazu kam, Vorliegendes zu schreiben. Die Röntgen - Strahlen interessiren mich in hohem Grade, und so stelle ich mit dem neuen Lichte viele Experimente an. Während ich vor einigen Tagen mit Cyan-Kalium Versuche machte, fand ich zufällig, daß ich als Nebenprodukt jenes gefährliche Gift, wasserfreie Blausäure, erhalten hatte. Der Artikel, von dem Sie 575 eben einen Theil gelesen haben, ist in der Absicht geschrieben, die Gefährlichkeit deZ Giftes in weiteren Kreisen bekannt zu machen. Ein stärkeres Gift ist, wie ich soeben bemerkte, nicht bekannt. Schon das Einathmen verursacht plötzlichen Tod, und die Herstellung desselben kann bei Außerachtlassung gewisser Vorsichtsmaßregeln verhängnißvoll werden." „Würde das Opfer leiden?" fragte er plötzlich. «Nein, der Tod würde augenblicklich eintreten." „Und Sie haben dieses Gift wirklich gemacht, Mchrist?" „Ja, vor einigen Tagen ganz zufällig, wie mein Artikel erklärt." „In der That, dieser Gegenstand ist interessant", sagte Carroll — bei diesen Worten ließ er sich in den nächsten Stuhl fallen. „Es gibt Momente", fuhr er fort, mich mit stechenden Augen ansehend, „es gibt Momente im Leben, wo die Giftsrage eine fascinirende Wirkung auf den Menschen ausübt." „Ich hoffe, daß in Ihrem Leben ein solches Moment nie erscheinen wird", sagte ich, ihn ernst anblickend — seine Augen vermieden, den meinigen zu begegnen — er schlang seine Hände fest ineinander. „Nun, um zu meinem Anliegen zurückzukommen", sagte er, — „ich kann mich wegen dieses späten Besuches nicht entschuldigen — meine Gemüthsverfassung und weine Lage stehen über aller Entschuldigung. Ich bin heute Abend hierhergekommen, um Sie um Rath zu fragen." „Wenn ich Ihnen dienen kann, lieber Freund, mit größtem Vergnügen." „Sie sehen vor sich den unglücklichsten Menschen in der ganzen Christenheit." „O, kommen Sie", sagte ich, „so schlecht kann eS nicht stehen." „Sie wissen alle? über Lady Pamela und wich?" „Ja, Carroll, ich kenne die Geschichte. Ich brauche Sie nicht zu versichern, daß ich Sie bemitleide — Sie haben jetzt gerade eine harte Zeit zu überwinden, aber glauben Sie mir —" „Ich kann jetzt keinen Trost anhören", erwiderte er, weine wohlgemeinten Worte unterbrechend. „ES ist besser, wenn ich gleich zur Sache komme. Diese Heirath darf nicht abgeschlossen werden, das ist meine Absicht." „WaS wollen Sie damit sagen?" „Pamela Crossthwaithe wird Kapitän Mainwaring nicht heirathcn." „Sie sind nicht bei Sinnen!" rief ich aus. „Wie wollen Sie diese Heirath verhindern?" Er lachte gezwungen. „Ich habe heute Abend einen Hemmschuh an das Glücksrad des vrrd— Kapitäns gelegt", sagte er. „Ich habe Pamela einen Brief gegeben, der ihr wenigstens eine qualvolle Nacht bereiten wird." „Sie thaten sehr unrecht daran." „Ich bin nicht Ihrer Meinung — ich wünsche sie vor dem größten Unglück, welches über ein Weib hereinbrechen kann, zu bewahren. Im besten Falle ist eine Heirath etwas Entsetzliches, aber an den unrechten Mann verheirathet sein, ein Marterleben." (Fortsetzung folgt.) AliekLer« Schwedens Reichthum. In keinem anderen Lande EnropaS liegen noch so ungeheure Naturschätze unbenutzt, wie in dem nördlichen Schweden, in der Provinz Norrland, welche bis über den 69. Grad hinaus- reicht. An Umfang nimmt diese Provinz fast den vierten Theil von Schweden ein, aber sie ist nur bewohnt von reichlich 100000 Menschen, darunter etwa 4000 Lappen und 19 000 Finnen. Der Schwede nennt Norrland daS „Land der Zukunft", und das mit Recht; denn außer den ungeheuren Waldstrecken findet sich hier ein unermeßlicher Reichthum an Eisenerz, von welchem zur Zeit nur ein verbältnißmäßig geringer Theil benutzt wird, indem die meisten ausgedehnten Erzlager noch der Bearbeitung harren. Die Bedeutung dieser nordschwedischen Erzlager ist um so größer, als Aussicht vorhanden ist, daß das Eisenerz, welches sich bisher in reichlicher Menge auf dem Weltmarkt zeigte, wahrscheinlich nur noch etwa 20 Jahre aus den bisher benutzten Lagern gewonnen werden wird. Wenn diese Zeit vergangen ist, dann wird die Ausnützung der Eisenlager in Schweden möglicherweise eine Nothwendigkeit werden. Die einzige große Eisengewinnung, welche in diesen Gegenden von Schweden stattfindet, stammt aus dem berühmten Eisenberg zu Gelivara, dessen Inhalt auf weit über 300 Millionen Tons Eisen geschätzt wird. Wenn man den jährlichen Verbrauch auf etwa 600,000 Tons veranschlagt, so würde dieser Berg also für ein halbes Jahrtausend ausreichen. Die Ausnutzung der Eisenlager zu Gelivara ist erst mög« lich geworden, nachdem die lange Eisenbahn von Gelivara nach Lulea gebaut worden ist, denn auf dieser wird daS Eisen nach Lulea tranSportirt und geht von dort inS Ausland. Im verflossenen Jahre wurden nur 400 TonS exportirt, aber in diesem Jahre wird der Export ein weit größerer sein. Gelivara ist übrigens nicht der einzige bedeutende Eisenberg in diesen Gegenden. Hier finden sich außerdem Luossavara und Kirunavara, welch, nach den stattgehabten Berechnungen jährlich Ift? Mil lionen TonS liefern können. Wenn man, niedrig ge schätzt, den Ertrag von Gelivara, Luossavara und Kiruna vara auf 2 Millionen TonS veranschlagt und den PreiL pro Tonne mit 7 Kronen annimmt, so ergirbt sich ein» jährliche Einnahme von 14 Millionen Kronen oder drei mal so viel, wie sich der Ertrag gegenwärtig stellt. In dem nördlichen Schweden findet man übrigens nicht allein Eisen, sondern auch Blei, Kupfer, Gold, Platina u. s. w. Selbstverständlich. Vetter: ..Na, und was macht der Mann?" — Junge Frau: „Lieber Vetter, welche Frage, doch immer was ich Willi" » Vom Katheder. ...... Die AuSnützung der Dampfkraft war unseren Ahnen noch ein mit sieben Siegeln verschleiertes spanisches Dorf." Heftuelrftlrett. irtzelitL vcndeUalteo.l V. den dltssten Lbendldndiüeben gelinkten, vclebs 8lcb -cnsseblivslieli mit dem Lelirccb boeebilktigen, scililen die im debre 1180 ru 1?Äris von Neekccm vsr- 776 küssten sobaebrogolii, welcbe offenbar einem vorbando- nen Lodürknisso eiitspraclisn und so den Leweis iickern, dass das spiel damals in der kranrüsisclien Hauptstadt scbon riem- licb verbreitet war. — Locli sebeint es daselbst bald eino barardmässigs Ausbeutung gefunden ru linden, weil nicbt nur der im dalirs 1208 verstorbene Liscbok bin des do 8»I Ix ein entscbi'edoner Oegner des sonst aucb bei der Ooist- licbkeit beliebten 8p!olss war, sondern aucb K ö n i g Ludwig IX. von Lrankroieb im dabre 1254 das scbacb in seinein ganren Lande mittelst eines eigenen Kdiktes untersagte. Dass ?.u jener ?,cit das sebaeb nucb in Leutseli- Innd Ausbreitung und Kingang in die b öcbsten Kreise gefunden lintts, borsuge» die bistorisebon Ileberlietcrungen, wonaeb Kaiser Lbilipp von sebwabon auk der Aiten- burg bei Lamberg im dabre 1203 von Otto von Wittelsbacb in dein Augenblick« ermordet wurde, nls er oben mit dem Liscbok beim sobnobspiel snss und ferner dem jungen K o irrn din ?.u Keapel 1208 das von Liiilipp von Anjou über ibn verbängto Lodesurtbeil verkündigt wurde, wäbreud er im Kerker mit seinem dugendkrenudo Kriodrieb von Laden dos scbacbspiels püegto. Wolcb boben 6rnd von Ausbildung scbon dniunls einzelne Lpieler erreicbt battcn, reizt uns eine selincblicbo Veranstaltung, welcbe der saraüsno Lureeca 1206 r.u Klore»:'. auk eine Kinladung des Ouido duKovolli, des bekannten Oünners dos borülimten Vicbters Laute, in dessen Hans rum Losten gab. Lnreoea spielte drei Lar- tien gloiclireitig gegen vorscliiodeus Oegner, wovon er rwoi oline Ausiebt des scliacbbrottos kübrte. Kr gewann Irisvou riwei spiele und maebto das dritte un- entsobioden, gewiss ein rübmlicber Krkolg! — (Lorlsetrung dieses Absebnittes in 14 Lagen.) irr Hrt6n »ri» slvr 8elia«lr^velt. Der WoltkampfLaskel-soinit?: in Lloskau. Die 6. Lartie des lllatclies wurde steinitr nrsprüngliob naeb dem 48. 8ugo wogen Tleitübersebroitung als verloren ge- reebiist; wäbreud er nämlieb bei den ersten 45 Augen mit der ibm au Oobote »tobenden Aeit von 1 stunde für 15 Auge auskam, braucbto derselbe für die näebsten 3 Aögo über 1 stunde, olleiibsr weil er nacli einem Ausweg sucbto, um die stvllung noeb ru retten. Lasksr batto dieKoblosse, auk die Outsebrikt der Lartie ru versiebten, wessbalb sie am 26. Kov. weitcrgefübrt wurde; er dirigirte den Angriff aueb liier unter Hualitatsopfcr wieder bvcbst originell und nacb dem 58. Auge gali steinitr auf. — Kunmeliriger stand Lasker -f- 5, stoinir -j- 0, Komis 1 (r.älilt niebt). Oiv Lortsetrung des Natcbos erfolgt erst wieder ab 4. Lcrombsr eurr. — Lie folgende Lartie ist die rweito dos Wettkampfo» und von Lasker mit feinem Lositionsversiändniss gekübrt. Lartie Kr. 6. ZxLvisods?artis. cOXdl Le5-b6 25 8d2-b3 KI>8-g8 8 8bl-c3 0-0 26 8g3—e4 Kg8—k7 S »2—a4 a7—ab 27 g2—g3 KI7—«8 10 Lbb—e4 b7—Ii6(a) 28 Lei—«2 Ke8—d7 11 b2-k3 d7-d6 29 Lei-ei Lc7-b6? 12 Lei—e3 8e6—e7 30 Le3-k4(o) Lb6-e7 13 Lkl-el e7—c6 31 I>3-b4 l>6-bü 14 Vd1-b3 Lb6—e7 32 Lk4-g5 Le7—d8 15 6i3-d2 La8-b8 33 g3-g4 l>5Xg4 16 Lal—ol b7—b5 34 K4-K5 8g6-kS 17 a4Xb5 a6xb5 35 8e4— e5p d6Xeö 18> Lei—d3 Kg3-b3 36 LbdXoöl Kd7—d6(d) »1 Kotf, wendig, da auk 10. d7—d6, 11.813—gü, 1,7—b0, 18. Ddl—1>5 folgen könnte. stellung naeb dem 36. Auge von sebwara- .7 sebwarr. L A a ^ L ^ Weiss svtat nun in 5 tilgen mat. Anmerkung: Lies bsrausruKuden, überlassen wir vorerst unseren Lesern und werden wir die Auflösung in der näebsten Kummer bringen. — Auflösung dos scborr-Lroblems — Kr. 3 — von II. Luebbeit: (Der weisss Lburm gobört statt auk K1 auk ei.) 1 ) Lei—dl 2) 8a3—bö oder sg3—15^:; oder 8e3Xd1 oder 8e3Xd1; 1 ). 2) Ld1Xd2ch. — d3—d2. Liebtig gelöst von: Lr. .7. sclnessl, Weissouborv; 8. Lovcr, Kaukbeuren; O. Link, Orosscbönacb (Laden); .1. blaurer, Lassau; Waebter, Ilarbatriioken; K. L. in bl.; K. Weber, lllunningen; d. Laggenmüllcr, Lobingsv; Land. inatb. 6artb, Lonn; L. II. in L.; K. V. in W.; Krnst sebindelbsek, Lrei- sing; ferner bl. A., A. II., d. Luebwioser, L. Kissler, II. Häusler, O. Ltlaumer, Hans Ottmanu, 0. Nazlnger, Ilaiis Lraun und II. Lbicme bier; sowie d. Livkl in Orosssebönenfeld. 1t. / Leider missglückt, wenn niclit viel- leicbt nur ein Irrtbum Ikrerseits in der Kelderboseiebnung. g!» Lörr,-,- In Aufgabe Kr. 4 sebeitert die angegebene Lösung von 2ug 1: Lk8—o7 an 1)ve6Xe7,2) Lbl—b4 've?-e6! 3) e3—e4 LeO-e2! Lie Kamen .jener sebaebkreundo, wolebo unsere Lndspiels und Lrobloms riebtig lösen, sowie dioLösungen innerbalb drsiWoebon einsenden, worden stets an dieser stelle ver- öll'entllebt. Alles auk das sebaeb Lmügliebo ist ausnabmslos ru adressirsn: „Lu die Ledactiou des Angsbnrger 8el!,ie!l» bla.1t — Lake August» — Augsburg." b) LI8—k6 worauf Weiss 24. Os6—g4 riebt, ist aucb niobt besser. e) Kntselieidend; soblägt scbwarr den Läufer, so gewinnt Weiss dureb 31. se4—k6j°. d) Auf 36. Kd7—e? nimmt Weiss sunäebst den springcr e? und scbwarr Kanu den alsbaldigen Verlust aucb nicbt abwebren. Las seliiussspisl ist sebr spannend! — « 101 . 1896 . „Augsburger postxeitung". Vtustaz, ven 8. Dezember Iür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabberr in Augsburg lVorbefitzer Dr. Max Huttlert. Ihr erster Roman. Novelle von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) „Ich hoffe noch mehr", versetzte Baron von Saarstein, die letzte Bemerkung überhörend, „ich erwarte bei diesem Waldmenschen einen Labetrunk zu finden. Holla, wein Freund!" rief er dem hervortretenden Köhler zu. „Wir sind am Verschmachten; habt Ihr einen Trunk für unsere durstigen Kehlen?" Der Berußte zeigte eine Reihe blendend weißer Zähne und deutete auf den Eimer, der neben ihm stand. „Wasser? Pahl Gehaltloses Quellwasser hätte uns auch der Berg ohne Vermittelung gespendet. Verfügt Ihr über nichts Geistvolleres?" „Ja, wenn die Herren einen Zug aus meiner Feldflasche nicht verschmähen wollen, so steht dieselbe zu Diensten." Der schwarze Mann griff in die Tiefe seiner Tasche, brachte den erwähnten Gegenstand zu Tage und bot ihn dem Freiherrn dar. „'s ist selbstgebrannter Wachholder", erklärte er, freundlich einladend. Der Weltumsegler überwand ein unwillkürliches kleines Widerstreben und nahm einen Schluck von dem aromatischen Feuerwasser. „Der Fabrikant ist thatsächlich empfehlenswerth", sagte er, indem er die Flasche dem Pädagogen darreichte. Der Schwarze schmunzelte geschmeichelt. „Ja, das sagte die junge Dame auch, welche vor einigen Stunden davon nippte", bemerkte er. „Was? Eine junge Dame trank aus Eurer Schnaps- flasche?" rief Otto lachend. Der Bergbewohner nickte grinsend. „Das arme Hexlein wollte auf den Brocken, ist aber dort oben in die Klippen gerathen, wo in hundert Jahren kein Mensch sich hin versteigt, und war halb todt vor Mattigkeit und Schrecken, als es zu mir wieder herunter kam und nach dem rechten Wege fragte." Otto horchte hoch auf. „War die Dame ganz allein?" forschte er. „Nein, es waren deren zwei." „Wie sahen sie denn aus?" fuhr Saarstein iu seinem Verhör fort. „O, die, welche aus meiner Flasche trank, hatte ein Mäulchen, wie Preißelbeeren so roth, ihre Augen waren glänzend, wie die schwarzen Kirschen, oder eigentlich so, wie meine glühenden Kohlen da, und ihr krauses Haar war auch glänzend und schwarz. Das bildhübsche Ding weinte und lachte zu gleicher Zeit und hatte in einer Minute zehnerlei verschiedenen Ausdruck im Ge- sichtchen." „Das war ja das reinste Chamäleon", schaltete Georg ein. „Bewahre der Himmel!" rief der Schwarze förmlich entrüstet. „So 'n Trawpclthier habe ich einmal in Goslar gesehen, es wurde herumgeführt mit einem Beffchen auf dem Höcker. Das leichtfüßige, zierliche Hexchen kann man mit so einem Kamelium gar nicht vergleichen; weit eher mit dem schillernden Falter dort." Doktor Hesse lachte unbändig. „Ihr werdet ja ordentlich poetisch im Lobe der jungen Dame", rief er. „Doch sprecht Ihr immer nur von der Einen; wie sah denn die Andere aus?" „Die Andere . . ." Der Köhler stockte. „Ja, die Andere habe ich mir eigentlich nicht angesehen", erklärte er nach einigem Besinnen aufrichtig. „So war sie wohl eine alte Tante, wie sie in der Walpurgisnacht auf Besenstielen dort Hinaufreiten?" „Alt war sie nicht und häßlich auch nicht; aber sie sagte nichts, und mit der Ersten hatte ich genug zu thun", lautete die entschiedene Antwort. „Erwähnte diese nichts von verlorenen Gegenständen?" betheiligte sich Otto wieder am Gespräch. „Du lieber Gott, ja! Sie sprach von verlorenen Büchern und Kleidungsstücken. Aber wenn an die Stellen, wo die begraben liegen, nicht zufällig einmal ein Jäger hinkommt, so mögen sie ein Jahrhundert lang ungestört dort liegen." „Nun, solltet Ihr die Dame noch einmal sehen, so theilt ihr mit, daß ich eines ihrer Bücher gefunden habe. Hier ist meine Adresse." Der Freiherr überreichte dem erstaunten Mann nebst seiner Karte eine ansehnliche Geldspende und ließ sich den nächsten und sichersten Weg zum Brocken beschreiben; dann schieden die Freunde mit herzlichem Lebewohl von dem biedern Waldbewohner. Der jetzt eingeschlagene Fußpfad leitete nach verhältnißmäßig kurzer Zeit in die bequeme Fahrstraße, auf welcher unsere Wanderer ohne weitere Abenteuer zur Höhe gelangten. Nach einer Stunde lag die Welt zu ihren Füßen, der Blocksberg war erstiegen. Ein unendlich weites Rundbild erschloß sich dem Blick. Die Schaar der nahen Bergriesen stellte ihre wildesten und anmuthigsten Formen, zackigen Felshörner, 778 sanfte Wellenlinien, tiefe Schluchten und wuldbedeckte Kuppen zur Schau. In leisem Duft zeigten sich die in unermeßlicher Ferne den Horizont begrenzenden Gebirgs- züge und, von ihrem Rahmen umschlossen, viele hundert Städte und Dörfer. Ueber den wetten Schauplatz goß die Sonne ihren letzten purpurnen Lichtglanz; Höhen und Thäler schienen wie in flüssiges Rothgold getaucht. In andächtigem Schweigen standen die Männer, bis die Tageskönigin gluthstrahlend zur Rüste gegangen war. Dann erst traten sie in das gastliche Haus. II. Trotz der vorgerückten Jahreszeit summte und schwirrte es im.Brockenhause von Gästen, wie in einem Bienen' korbe. Die Schulferien waren ja eröffnet; zudem hatte eine Karawane von Engländern sich heute den Blocksberg als Reiseziel erkoren. Der große Saal, welchen unsere Freunde betraten, bildete einen sehr behaglichen Gegensatz zu dem etwas zugigen Aufenthaltsort im Freien. In einem riesigen Ofen flackerten lustige Flammen, die in dem ganzen Raume wohlthuende Wärme verbreiteten. Heitere Menschengruppen hatten sich an allen Tischen zusammengefunden. Etliche suchten ihre gesunkenen Lebensgeister durch eine Glühbowle wieder aufzufrischen. Andere nahmen bereits ein frühes Abendbrod ein, während ein Theil sich dem Genusse eines späten Nachmittagskaffees hingab. Die Ankömmlinge ließen sich an dem ersten freien Tische nieder, um vorläufig dem Beispiele der Mokkatrinker zu folgen. „Fürwahr, ich freue mich darauf, die Ctrce kennen zu lernen, welche den ehrlichen Köhler durch ihre liebenswürdige Erscheinung und meinen vernünftigen Freund gar durch das bloße geschriebene Wort in einen Zustand totaler Bezauberung versetzt hat", gestand Georg, während sein Auge spähend über die Gesellschaft hinglitt. Auch Otto hielt mit dem Ausdruck gespannter Erwartung sorgfältige Umschau im Saale. Da zeigten sich fröhliche, lärmende Studenten aller Art, unglaublich gelehrte, stubenblasse Professorengesichter, ergötzlich pedantisch aussehende Schulmonarchen mit und ohne Familie. Dort dehnten hoffnungsvolle Söhne Albions mit mehr Ungebundenheit als Anmuth ihre hünenhaften Gliedmaßen; hier hatten stramme Offiziere in Civil sich inS Skatspiel vertieft; daneben kannegießerten Berliner Jünglinge beim Domino und gaben mit lauter Stimme so viele politische Ansichten kund, als sie Köpfe zählten, während in harmloser Ungenirtheit spießbürgerliche Familien mit Kind und Kegel sich häuslich eingerichtet hatten. An Damen war kein Mangel; doch schienen die Gesuchten nicht unter den hier Anwesenden zu sein, die alle mit männlicher Begleitung gekommen waren. „Ich fürchte, unsere Circe sagte dem Brocken schon Valet, und wir haben nicht einmal das Nachschauen", bemerkte der Hannoveraner, um gleich darauf in freudigem Ton hinzuzufügen: „Ah, da sind die Damen!" Ein Engländer, dessen herkulischer Rücken ein gut Stück Aussicht verdeckte, hatte sich erhoben, und durch die entstandene Lichtung gewahrte man wirklich in einer entfernten Fensternische zwei etwas auffallend gekleidete Damen. „Schade, daß sie uns den Rücken kehren", flüsterte Georg. „Die mit dem genialen dunklen Lockenkopfe scheint zu zeichnen, und die mit den kindlich herabhängenden blonden Flechten schaut andächtig zu. Es müssen reizende Backfische sein. Wenn Du Dich dem schwarzen Lockenköpfchen näherst .... Alle guten Geister, was ist das?" unterbrach er sich entsetzt. „Die vermeintlichen Backfische sind mindestens vierzig Jahre alt." Die Schwarze halte ihr Sktzzenbuch zugeklappt, und beide Damen schritten nun, den Kneifer auf der Nase, mit unternehmungslustiger Miene durch den Saal. „Hat der Köhler aber einen kannibalischen Geschmack!" brummte der Pädagoge. „Es ist eigenthümlich", sagte Otto ziemlich kleinlaut; „wir Männer verzeihen dem Weibe alle anderen Fehler eher als Häßlichkeit." „Und beanspruchen höchst ungerecht und anmaßend von der schönen Seele auch einen schönen Körper", fügte Doktor Hesse lachend hinzu. Wenigstens verlange ich von der wirklich vorhandenen schönen Seele, daß sie ihren Stempel auch dem häßlichen Antlitz aufpräge", versetzte Saarstein. „In jedes Menschen Gesicht steht seine Geschichte, sagt, glaube ich, Mirza-Schaffy, und ein Körnchen Wahrheit liegt in dem Spruche. In diesem scharf markirten, mit tiefen, unangenehmen Runzeln lätowirttn Gesicht lese ich aber nichts von innerer Schöne, und die in reichster Fülle um den Mund abgelagerten Falten reden von allem Andern eher als von Liebenswürdigkeit. Ich kann mich unmöglich entschließen, der Dame das Tagebuch, worin sie meiner so ehrenvoll erwähnt, selbst zu überreichen, sondern werde es auf Umwegen zu ihr befördern. Zunächst müssen wir uns vorsichtig erkundigen, ob sie in der That dasselbe vermißt. Auf ein Wort, Herr Wirth", wandte er sich in leisem Tone an den eben Eintretenden. „Kamen heute etwa zwei Damen hier an, welche klagten, daß sie sich verirrt, daß sie verschiedene Dinge verloren . . . ." „Gewiß, gewiß, mein Herr, ganz wie Sie sagen. Zwei sehr distinguirt aussehende Damen trafen vor einer Stunde hier ein, gaben an, daß sie in die Klippen am Nennckenberg gerathen und dort einen Theil ihrer Effekten verloren hätten. Waren Sie vielleicht so glücklich, etwas davon zu finden?" „Ich hoffe so", entgegnete der Freiherr diplomatisch. „Sind die Damen hier im Saale?" fügle er etwas zögernd und unsicher hinzu. „Leider, nein. Sie schienen sehr erschöpft und zogen sich sogleich auf ihr Zimmer zurück." „So haben Sie die Güte, mich melden zu lassen. Hier ist meine Karte. Benachrichtigen Sie, bitte, die Damen, daß ich ein wcrthvolles Manuskript gefunden habe, und daß es wir eine große Ehre sein würde, ihnen weine Aufwartung machen zu dürfen", sagte Otto in auffallend verändertem, freudigem Ton. Als der Wirth mit einer tiefen Verbeugung gegangen war, rief Otto aus: „Gottlob! Die Täuschung wäre doch gar zu niederträchtig gewesen. Wenn der Mensch sich in dem schriftlichen Ausdruck seiner Gedanken auch oft ganz anders zeigt, als er im Leben erscheint, so wäre es doch kaum möglich, daß eine Dame, welche in ihren Aufzeichnungen so hohen Geist, so reiches Gemüth bekundet, ein derartig abschreckendes Aeußere zur Schau trüge." „Je nun", warf Georg ein, „man darf nicht wähnen, einen Menschen zu kennen, dessen schriftlichen Gedankenausdruck man gelesen hat, ohne je mit ihm verkehrt zu haben; ebensowenig freilich kennt man den, mit dem man 779 nur umgeht, ohne mit ihm in Briefwechsel gestanden zu haben." „Wie wäre das auch möglich, da der Mensch sich nicht einmal rühmen darf, sich selbst zu kennen!" gab der Freiherr zur Antwort. „Wenn Du jedoch, wie ich annehmen muß, Deine Ansprüche auf Kenntniß modifi- zirst auf das unserem beschränkten Vermögen überhaupt gegebene Verständniß für die Charaktere Anderer, so muß ich Dir entgegnen, daß ich das innerste Seelenleben einer Dame der sogenannten höheren Stände, welche in den Fesseln der Convenienz groß geworden ist, viel genauer kenne, wenn ich ihre zwanglosen schriftlichen Herzens- ergießungen gelesen habe, als wenn ich jahrelang in den Salons meine Ansichten mit ihr austauschte. Ein einfaches, ungebiloetes Landmädchen dagegen würde ich nie nach seinen Briefen, sondern nur nach seinem ungekünstelten persönlichen Auftreten richtig beurtheilen können. Doch was rede ich hierüber! Meine Erwartungen sind augenblicklich zu sehr gespannt, als daß ich große Lust zu Abhandlungen empfände... Ach, hier kommt schon der Bote vom Olymp. Wie steht's mit der Audienz, Herr Gesandter?" „Die Damen bedauern, den Herrn Baron heute Abend nicht mehr empfangen zu können", lautete die ent- muthigende Antwort. „Schade!" Eine kleine Wolke flog über Otto's Stirn. „Doch ich konnte mir es denken. Vertrösten wir uns also auf morgen." Mittlerweile wurde es dunkel.Man zündete die Lichter an. Flinke Kellner schoben die Tische zusammen und deckten eine lange Tafel zur gemeinsamen Abendmahlzeit. „Wenn Du Deinen Schmerz über die Zurückweisung in materiellen Genüssen betäuben willst, so bietet sich jetzt die Gelegenheit dazu", äußerte Georg. „Was mich betrifft, so verspüre ich eine heftige Begierde nach eßbaren Substanzen." „Nun, so zögern wir nicht länger, uns der Tafelrunde anzuschließen", sagte der Freiherr und schritt sogleich voraus. Schicksalstücke l Kaum saßen sie, als die unter' nehmungslustigen, „vierzigjährigen Backfische", wie Doktor Hesse sie getauft hatte, an dessen Seite Play nahmen. Sie dokumentirten sich sogleich als reisende Malerinnen, oder besser als malende Reisende, da sie, wie das schwarzlockige Fräulein Eleonore Stern mit großer Zungen- geläufigkeit offenbarte, die Kunst nur zum Vergnügen und Zeitvertreib ausübten. Sie kannten beinahe alle Länder Europas und waren nur auf den Brocken gekommen, um die Sonne, den Wind und die Wolken in ihren ^ malerischen Wirkungen zu beobachten. ^ Da der Philologe, gutwüthig wie er war, nicht ! umhin konnte, einiges Interesse zu heucheln, so hatte ^ Fräulein Eleonore die Grausamkeit, ihr reichhaltiges > Skizzenbuch vor ihm auszubreiten, dessen farbenprächtige § „Studien" er einigermaßen verblüfft anstarrte. ' „Sehen Sie die Wolkenbildung, ist sie nicht großartig, effektvoll?" rief Fräulein Eleonore begeistert, indem sie auf ein Aquarell-Chaos deutete, das Georg eher für alles Andere als Wolken gehalten hätte. Er murmelte etwas, von dem man: „In der That — außerordentliche Wärme des Colorits l" verstand. Otto, welcher es liebte, die Bekanntschaft absonderlich gearteter Menschenkinder zu machen, hatte mit großem Vergnügen seine Aufmerksamkeit getheilt zwischen den ihm gegenübersitzenden, ganz in griechischen Partikeln und lateinischen Hexametern festgerittenen Mentoren und den blasirten jungen Gentlemen zu seiner Rechten. Er suchte seinen britischen Nachbar in ein neutrales Gespräch zu verflechten, indem er die großartige Aussicht vom Gipfel des Brockens rühmte. Die Kauwerkzeuge des Engländers hielten in ihrer Beschäftigung inne. „Aussicht", wiederholte er geringschätzend. „Glauben Sie denn, daß ich meine Zeit damit vergeude, um das kleine, langweilige Rundbild von dieser Bergeshöhe zu betrachten? Keiner von uns ist heraufgekommen, um Aussicht zu genießen. Wir alle machten die Tour zu unserem Vergnügen, oder besser, um auf dem weltbekannten Blocksberg gewesen zu sein. Wähnen Sie vielleicht, ein Jäger klettert hier herauf, um die Landschaft zu beschauen?" „Im Gegentheil, mein Herr, er klettert zu seinem Vergnügen", antwortete der Freiherr sarkastisch. „O Thäler weit, o Höhen!" gab plötzlich eine Schaar von Elementarlehrern und Lehrerinnen eine Gesangesleistung von sehr fragwürdigem Dreiklang zum Besten, die jede Unterhaltung übertäubte. Die Disharmonie des LiedeS stimmte selbst die braven musikunverständigen Jagdhunde, unter den Tischen tief schwermüthig, so daß sie im Chor mit lautem Geheul einen Sängerkrieg eröffneten. Die Schaar der Barden war jedoch nicht leicht zu besiegen. Auf das erste Lied ließen sie unverzagt folgen: „Wer hat dich, du schöner Wald aufgebaut so hoch da droben"; als dann aber auch noch: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten", ihren sangeslustigen Kehlen entströmte, hielten unsere Freunde nicht mehr länger Stand, sondern flüchteten auf ihr Zimmer. Hier wußte Georg nichts Besseres zu thun, als sich auf sein Lager auszustrecken und sich ins Land der Träume zu begeben. Als er nach geraumer Weile schläfrig wieder emporblinzelte, gewahrte er beim Schein der Kerze seinen Freund eifrigst mit Lesen beschäftigt. „Höre, Otto, Du bist doch der indiskreteste Mensch, der mir je im Leben vorkam!" ereiferte er sich bei diesem Anblick. „Sitzt der Pirat mit seinem Fang da und liest Aufzeichnungen, die nicht für ihn geschrieben sind, vertieft sich in die zarten Herzensergüsse einer jungen Dame, welche sie nur ihrem Tagebuche, ihrem intimsten Freunde, anvertraute." „Set still, Georg. Ich bin mir vollkommen meines Kapuzinergencral I'. Drrnhard Christen 780 Unrechts bewußt", entgegnete Otto. „Mein Beginnen ist unedel, niedrig, abscheulich, ich weiß es wohl; aber es liegt für mich ein Zauber in dem Buche, der mich unwiderstehlich lockt. Weßhalb läßt sie auch ein Manuskript in meinen Händen, weßhalb führt sie mich in Versuchung? Sie selber hat es sich zuzuschreiben, wenn ich in den Tantalusqualen erliege. Gönne mir nur noch wenige Worte ungestört zu lesen." Er heftete die Augen wiederum auf die zierliche Handschrift. und erhob meine unbedeutende Person zum Helden ihres ersten Romans", konnte sich Otto nun doch nicht enthalten, dem Freunde mitzutheilen. „Blaustrümpfe und kein Endel" knurrte der Päda- Die Worte aber, welche seine Aufmerksamkeit fesselten, welche er erst mit der Hast eines bösen Gewissens überflog, dann aber, kühner geworden, wieder und wieder las, lauteten also: „Heute vertiefte ich mich noch einmal in Saarsteins Reisebilder. Ich habe diese unvergleichlichen Land- und Sittenschilderungen gelesen in den verschiedensten Stimmungen und unter den verschiedensten äußeren Verhältnissen, im stillen Kämmerlein des Elternhauses und mitten im Getümmel der Eisenahnreise, — immer und überall haben sie denselben tiefen Eindruck auf mich gemacht. Seine Gedanken und Gefühle treten an mich heran wie alte Freunde, wie herzliche Vertraute. O, ich liebe den Mann mit seinem warmschlagenden Herzen für alles Edle und Schöne, mit seinem offenen Auge für die Wunder der Natur. Mit welch' entzückender Pracht malt er die üppige Tropenwelt, die wilde Schönheit der Gebirge, die unermeßlichen Prairien, das vom Sturme gepeitschte Meer! Wie machtvoll ergreifend schildert er die todesstarre Einöde des Polarmeers, die gefahrvollen Gipfel der Alpen, die furchtbaren Gluthwüsten Afrika'sl Es war nicht eitler Ehrgeiz, der ihn dorthin in jene Gefahren trieb, es war der Drang, Eroberungen für die Wissenschaft, für die Wohlfahrt der Völker zu machen. Alle seine farbenreichen Schilderungen haben einen ernsten Grundton, die bunten Acußerlichkeiten sollen eine geschichtsphilosoph- ische Idee illustriren. — Und dieser Mann, der die Bewohner zweier Hemisphären begeisterte, dem alle Welt ihre Huldigung darbrachte, zieht sich in das Stillleben der ländlichen Heimath zurück, um hier, wenn auch in anderer Weise, segenbringend zu wirken. Der Beweggrund seines Handelns ist stets reine, edle Nächstenliebe. Ich verstehe diese hohe Mcnschennatur, ich glaube, sein innerstes Wesen erfaßt zu haben. Das Ideal, das mir im Herzen lebte, das erst in unbestimmten Umrissen mir vorschwebte, verdichtete sich und nahm Gestaltung an, als ich ihn kennen lernte. Ich habe versucht, von seinem groß und edel angelegten Charakter ein schwaches Bild zu entwerfen in meinem Roman, zu dessen Schöpfung mich die Begeisterung für ihn anregte. „Auf der Höhe" betitelte ich diese Erstlingserzähluug, weil mein Held auf der Höhe jener Lebcnsanschauung steht, die das wahre Glück nur darin sucht, Gott zu dienen und den Menschen nach Kräften zu nützen." WWW M „Aotofr", das größte Segelschiff er D ^ goge. „Ich habe heute gerade genug von dieser Spezies kennen gelernt, um einen gründlichen Widerwillen dagegen „Denke Dir, Georg, die Dame ist Schriftstellerin zu verspüren. Die Brille auf spitzer Nase, Tintenfinger und den Kopf voll Dünkel I" „Du wirst ungerecht, Georg", sagte der Weltum- segler halb geärgert, halb belustigt. „Dem sogenannten Blaustrumpfe rede auch ich nicht das Wort; doch ich bin überzeugt, daß die liebenswürdige Schreiberin dieser Zeilen nicht leicht werden, dies nach Gebühr zu thun, und so will ich Gnade für Recht ergehen lassen, zumal da uns der alte Blocksberg mit dem stürmischen Aeolus in Harmonie ein so wundervolles Schlummerlied singt. Gute gekschiff er Welt, im Kufen zu Kamburg. Nacht!" Otto hatte Recht, es ließ sich vortrefflich schlafen bei den eintönigen, inBaßundContre- alto ausgeführten Melodien der Aeolus- Serenade da draußen. Und so schliefen sie denn und träumten. III. Mit Hellem Klang tönte eine Glocke durchs ganze Haus, daß gleichzeitig alle Schläfer emporfuhren. „Die Sonn' erwacht, mit ihrer Pracht" erdröhnte es vierstimmig in bekannter Dissonanz aus der benachbarten Zelle, wo ein Theil der glücklichen Kantoren untergebracht sein mußte. Die Bedeutung des Sturmläutens konnte unsern Freunden bei dem commentiren- den Gesänge nicht zweifelhaft bleiben. Unwillkürlich schauten Beide zum Fenster hinaus, und stehe, der östliche Horizont flammte in purpurner Gluth. Jetzt warf die Sonne ihre ersten Strahlen über die Gebirgswelt; bald stieg der Feuerball empor und beleuchtete die Häupter der Berge, welche wre riesige Inseln dem Schooße des umgebenden Nebelmeeres entstiegen." „In der That ein Naturschauspiel, das unsere Aufmerksamkeit verdient", sagte Otto bewundernd. „Aber sehe ich nicht schon flatternde F-rauengewänder und wehendeLocken dort auf dem Aussichtsthurme?" „Leonore fährt ums Morgenroth l" citirte Georg frei nach Bürger. „Fräulein Eleonore Stern, die arme Seele, macht Nebelstudien. Mich friert bei diesem Anblick, und ich freue mich, daß ich so recht behaglich auf meinen Kissen die Herrlichkeit des Sonnenaufganges genießen kann. Und da uns die Sache nun einmal so bequem gemacht wurde, beantrage ich, daß wir uns der Ruhe noch etwas länger erfreuen, zumal da wir gestern durch unsere Ueberanstrengung ein Recht darauf erworben haben." „Ich wende nichts dagegen ein", lautete die Antwort. Und Beide thaten, wie Hesse vorschlug. (Fortsetzung folgt.) --«-SLS-- Goldkörner. Die Sprüche, die geklungen, Von allen deutschen Zungen Die alten goldnen Lehren, Die haltet wohl in Ehren. A. Stöber. die Bezeichnung nicht verdient. Zur Strafe für Dein j vorschnelles Urtheil sollte ich Dich damit langweilen, Dir ^ die Verdienste aufzuzählen, welche jemals edle Frauen ! durch ihre Schriften erwarben. Freilich dürfte es mir ^ Wenn die Manschen nicht in cmer Art oon Selbsttäuschung ihre Freuden mehr nach allgemein genommenen Begriffe» als nach ihren Gefühlen wählen, so würden sie Vieles nichr suchen und Vreles nicht fliehen W. v. Humboldt. 782 Das Schlau genauge. Von Paul Gilchrist. Deutsch von E. Hanrieder. (Fortsetzung.) „Welches ist der Grund Ihres Besuches?" fragte ich nach einer Pause. „Es ist nothwendig, daß ich mich gegen Jemanden ausspreche, und Sie sind ein alter Freund der Familie. Sie find auch ein guter Mensch und haben schon Manchem aus der Verlegenheit geholfen. Lord Attrill würde gewiß auf Ihre Worte hören. Gilchrist, Sie müssen mir einen Gefallen erweisen. Gehen Sie morgen früh zu ihm, und vertreten Sie noch einmal meine Sache." „Sie sind krank, Carroll", sagte ich, „wie kann ich in der elften Stunde noch dazwischentreten? Die Hochzeit wird am Donnerstag stattfinden. Glaub n Sie, daß auf meine Verwendung hin Lord Attrill seiner Tochter erlauben würde, dem Kapitän ihr Wort zu brechen?" „Er könnte es, wenn man ihm die Wahrheit sagte", antwortete Carroll. „Lady Pamela liebt mrch, den Kapitän liebt sie nicht." „Sie haben nicht das Recht, dergleichen zu sagen." „Ich habe das Recht, denn es ist wahr. Huben Sie nicht ihr Gesicht beirachtet, als sie mich sah?" Ich blieb stumm. Allerdings hatte ich die veränderte Farbe ihres Antlitzes beobachtet und die Traurigkeit, welche jene herrlichen Augen umwölkte. Nach einer Pause sprach ich: „Ich muß ein deutliches Wort mit Ihnen reden", begann ich. „Sie handeln nicht, wie es einem Manne geziemt. Es ist wahr, daß Lady Pamela einmal Ihnen geneigt war — ihre Familie war nicht damit einverstanden — das Mädchen war sehr jung, und man glaubte, daß sie ihr eigenes Herz noch nicht kenne. Damals hat sie viel gelitten, aber jetzt hat sie es überstanden. Ein Mann, der nach allen Seiten hin ihrer würdig ist, hat sich ihr genähert, und wenn Sie nur halbwegs so viel Muth hätten, als Sie besitzen sollten, würden Sie Lady Pamela übermorgen glücklich heirathcn lassen." „Ich bin ganz unzugänglich für alles, was Sie mir sagen mögen. Mein Entschluß ist gefaßt. Entweder wird die Verlobung zwischen Lady Pamela und Kapitän Mainwaring aufgehoben — oder ich begehe Selbstmord." „Thorheit!" erwiderte ich aufspringend. „Ich schäme mich, Ihnen zuzuhören. Sie geben vor, Lady Pamela zu lieben, und wollen doch einen so schrecklichen Schatten auf ihr Leben werfen." „Nein", antwortete er, „wenn sie Kapitän Matn- waring heirathet, so wird sie nie mein unseliges Geschick erfahren. Ich habe ihrer Familie wissen lassen, daß ich zu meinem Rcgimente zurückkehre. Wenn ich meinen Zweck, wegen dessen ich Sie heute Abends noch aufsuchte, nicht zu erreichen vermag, kann sie in diesem Glauben bleiben. Sie wird denken, wenn sie überhaupt an mich denkt, daß ich weit weg von England lebe und leide. Ich werde meine Vorkehrungen treffen, damit sie daS Schlimmste nicht erfährt. Nun, wollen Sie mir helfen oder nicht?" „Es ist mir unmöglich, Ihnen auf die Weise, wie Sie mir soeben angedeutet haben, zu helfen. Es ist umsonst. Wären Sie ruhiger, so würden Sie mir beistimmen. Sie würden begreifen, daß nichts, was ich jetzt noch sagen oder thun kann, die Sache ändern wird. Wenn Sie beabsichtigten, dazwischen zu treten, warum ließen Sie es bis zur letzten Stunde anstehen?" „Weil ich mit meinem Regimente nicht in England war. Die Nachricht von der Verlobung erreichte mich vor drei Wochen in Afrika. Ich kam um Urlaub ein und benützte gleich das erste nach England gehende Schiff. Heute Nachmittag kam ich in London an. Nun, ich will Sie nicht länger aufhalten. Es thut mir leid, daß Sie nicht im Stande sind, mir zu helfen. Wenn Sie mit Lord Attrill gesprochen hätten, wäre es mir besser gegangen. So wie es ist, muß ich meinen eigenen Weg verfolgen." „Sie sind also fest entschlossen, Kapitän Mainwaring zu sprechen?" „Ich bin es. Ich habe Pamela meine Absicht in dem bewußten Briefe mitgetheilt. Mainwaring muß vollständig unterrichtet werden, ehe er sich verheirathet. Be» Röntgcu-Ktrahlkn. MM SMS i"' -SS Vor er heute Nacht einschläft, soll er die ganze Geschichte unserer Verlobung wissen." „Und Sie glauben, daß dies ihn bestimmen wird, auf Lady Pamela zu verzichten?" „Höchst wahrscheinlich. Auf jeden Fall werde ich ihm klaren Wein einschenken." „Wenn er aber auf seiner Verlobung besteht?" „Dann werde ich die Hochzeitglocken nicht mehr läuten hören. Uebrigcns, Gilchrist, wie sagten Sie, daß dies Ihr Gift gebraucht werden müsse?" „Das geht Sie nichts an", antwortete ich. „Je weniger Sie in Ihrer gegenwärtigen Gemüthsverfassung an Gift denken, desto besser." Ohne ein Wort zu sagen, stand er auf. Er war ein schlankgebauter Mann von nerviger Gestalt, seine Lippen waren fest zusammengepreßt. Selten hatte ich ein entschlosseneres Gesicht gesehen. 783 „Ich wünsche, ich könnte Sie bestimmen, der Sache ihren Lauf zu lassen", sagte ich zu ihm. „Und diesem Menschen erlauben, mit ihr zu leben", erwiderte er. „Keine Macht der Erde soll mich dazu zwingen." Er reichte mir die Hand und verließ das Haus. Kaum war er einige Augenblicke fort, da bemerkte ich, daß unter den Korrekturbogen des „Lancet" Seite acht fehlte. Auf diesem Blatte hatte ich genau beschrieben, wie man die todbringende Säure anwenden könne. Betroffen schaute ich um mich — das Blatt mochte zu Boden gefallen sein — ich fand es nicht — im nächsten Augenblicke entfloh meinen Lippen ein Ausruf des Schreckens. Ein kleines Fläschchen, gefüllt mit dem Gifte selbst, das neben dem Manuskripte gestanden war — fehlte ebenfalls. Nun wußte ich, was geschehen war. Carroll hatte das Wort „Gift" auf der Etikette der Flasche gelesen und diese selbst jedenfalls eingesteckt, ehe ich das Laboratorium betreten hatte. Im gewöhnlichen Sinne des Wortes bin ich kein Doktor, obwohl ich die Arzneikunde und Chirurgie stu- dirt habe — jedoch kenne ich nur zu wohl die fürchterlichen Eigenschaften des Trankes, mit dem sich der unglückliche Mann versehen hatte. Meine nächste Pflicht war, ihm sogleich zu folgen. Ich setzte meinen Hut auf und ging fort — es war Mitternacht vorüber. Sobald ich Carroll finden würde, wollte ich ihn zwingen, mir die Flasche mit der Säure zurückzugeben; aber ich war nur wenige Schritte gegangen, als mir einfiel, daß ich ja seine Adresse gar nicht wußte. Er hatte jedoch davon gesprochen, Kapitän Mainwaring besuchen zu wollen. Mainwaring wohnte im Hotel Savoy. Ich beschloß, dorthin zu gehen, wich nach dem Kapilän zu erkundigen und nötigenfalls meinen Weg in das Zimmer, in welchem die Beiden miteinander sprächen, zu erzwingen. Ich miethete gleich den ersten Wagen, dem ich begegnete, und ließ mich zum Hotel Savoy führen. Als ich dort ankam, war es beinahe ein Uhr. Der Nachtportier allein war noch auf. Auf meine Frage antwortete er, daß er sofort auf Kapitän. Mainwaring's Zimmer gehen werde, um zu sehen, ob Mister Carroll noch bei ihm sei. Ich wartete unten — nach einigen Minuten kam der Mann zurück uud sagte mir, daß Carroll jedenfalls fort sei, da in den Zimmern des Kapitäns kein Licht mehr brenne und er daraus schließe, daß dieser sich zweifelsohne zur Ruhe begeben habe. Ich verließ das Hotel. Vor dem Morgen konnte ich nichts mehr thun. Nachhause zurückgekehrt, dachte ich stundenlang über Carroll's unselige Geschichte nach. Meine Unruhe wurde immer stärker, bis ich endlich gegen Morgen in meinem Stuhle einschlief. Während meines Schlafes wurde ich von Träumen beunruhigt, in welchen ich den verhängnißvollen Trank sah, den ich selbst bereitet, und der nun seine tötliche Wirkung auf mehr denn ein Opfer ausübte. Als ich plötzlich und in Schweiß gebadet erwachte, schien die Wintersonne in mein Zimmer. Ich ging in mein Schlafkabinet, wechselte meine Kleider und beauftragte Silva, mein Frühstück zu bereiten. Während ich mich anzog, kam ich zu einem Entschluß. Ich wollte schnell meine Tasse Kaffee trinken und dann sogleich Kapitän Mainwaring aufsuchen. Möglicherweise kannte er die Adresse Carroll's. Auf alle Fälle konnte ich aus seinem Benehmen schließen, welche Wirkung die Mittheilung des jungen Mannes auf ihn gemacht hatte. Das Frühstück war aufgetragen, und ich trat soeben in mein Wohnzimmer, als ein lautes Klopfen an der Außenthüre sich vernehmen ließ. Silva öffnete, und im nächsten Moment trat Carroll, bleich wie der Tod und mit einem Gesichtsausdruck, der mir das Wort auf den Lippen ersterben ließ, bet mir ein. Sobald sich der Diener entfernt hatte, kam er zu mir heran. „Ich kann es nicht glauben", sagte er, „ich fühle nicht den geringsten Schmerz, aber ich weiß, daß ich ein rutnirter Mann bin: Kapitän Mainwaring ist todt." Ich sprang auf. „Was wollen Sie damit sagen?" fragte ich. „Ich konstatire eine Thatsache. Ich sah ihn ver- wichene Nacht und erzählte ihm die ganze Geschichte meines Verlöbnisses mit Pamela Crosslhwaithe. Anfänglich war er zornig, dann beruhigte er sich; sagte, er wolle einige Stunden darüber nachdenken, und bal mich, um acht Uhr wieder ins Hotel zu kommen. Ich ging hin und fand alles in ungeheurer Bestürzung — der Kapitän war todt im Bette gefunden worden. Man hatte einen Arzt gerufen, welcher meinte, daß da nicht alles in Ordnung sei. Die Gesichter des Hotelpersonals sagten mir, daß man mich im Verdacht habe. Ich bedeutete dem Oberkellner, daß ich Sie besuchen werde, und komme jetzt geradeswegs vom Hotel. Was ist nun zu machen?" „Das ist ja entsetzlichI" erwiederte ich, „es muß irgend ein Irrthum obwalten." (Schluß folgt.) -—- Zu unseren Bildern. Kapuztnergeneral k. Bernhard Christen. Im Frühjahr heurigen Jahres wählten die Hochw. ?. ?. Kapuziner auf dem Generalkapitel k, Bernhard Christen, der schon 12 Jahre sehr segensreich als General des Kapuzinerordens gewirkt hatte, auf weitere 6 Jahre zum General des Ordens, und Papst L o XIII. bat diese Wahl bestätigt. ?. Christen ist geboren am 24. Juli 1837 in Andermatt am St. Gotthard in der Schweiz als ältester Sohn der Besitzer eines kleinen Bauernanwesens, die noch am Leben sind. 1855 trat er in das Kapuzinerkwster auf dem Wesemlin bei Luzeru und legte am 8. Oktober 1856 die ewigen Gelübde ab. Am 29. Juli 1810 ward er zum Priester geweiht und wirkte 3 Jahre als Seelsorger auf dem Wesemlin. 1863 bis 1865 war er Lektor in Zug. 1865 bis 1874 Novizenmeister auf dem Wesemlin. Dann wurde er zum Guardian in Solotburn ernannt, 1879 wurde er Provinzial der schweizerischen Ordensprovinz. 1883 erfolgte seine Berufung als Oberer des Klosters in Lugano, von welcher Stelle weg er 1884 zum Generalkapitel nach Rom abgeordnet und am 9. Mai zum General des Ordens erkoren wurde. Papst Leo XHI. setzte motu xroprio die Dauer dieser Amtsthätigkeit auf 12 Jahre fest. Diese Daten umschließen ein an schönen Thaten reiches Amtsleben im Kapuzincrorden. Das fühlt jedermann, der diese Daten nur liest. Es ist kaum möglich, all die schönen Thaten gebührend hervorzuheben, wodurch ?. Bernhard Christen seine Liebe zur hl. Kirche und zu seinem seraphischen Orden bekundet und sein Vaterland ehrt. Erwähnen wir Folgendes : ?. Bernhard Christen hat als Kapuzinergeneral bereits die 44 Provinzen und 6 Generalkommissariate (d. h. 6 Distrikte, von welchen jeder mehrere Klöster umfängt, die aber noch nicht eigentliche geordnete Provinzen bilden, sondern je von einem Kommissar der Generaldefinition verwaltet werden) in Europa und Amerika besucht und die Hauptsttze der Misstonsstationen in Asien und Afrika mit seiner Gegenwart erfreut. Als er das Ordensgencralat antrat, bestanden 42 Provinzen und 2 Kommissariate; auch die Missionsstationen haben sich seitdem vermehrt. Seine Amtsführung hat das von seinem Vorgänger kaum ins Leben gerufene und auf ganz schwachen Füßen gestandene „Orientalische Miiflonsinstitut" mit seinen Häusern in Smyrna und Phtlippopolis erhalten und sichergestellt. Was ?. Bernhard Christen als General zur inneren Erfrischung und 784 Karl Goldmark. M - V»" Kräftigung des gesummten Ordens gethan, verdient geradezu eine außerordentliche Arbeitsleistung genannt zu werden. Und alles dies trotz mehrfacher Krankheit und zweimaliger sehr schwerer Erkrankung! Fassen wir schließlich seine Persönlichkeit ins Auge, so ist sein im heutigen „Postboten" gehotenes Bild ein möglichst getreuer Ausdruck seines Innern und Aeußern, das zusammen in voller Harmonie steht. Körperlich gut mittelgroß, kräftig und wohlgebaut, ist ?. Bernhard ein entschiedener Freund deS offenen, geraden Mittelweges AnS seinem Auge leuchtet so viel Gemüth als Verstand in seltener Ruhe und Klarheit. Eine Figur, die durch nichts auffällig, ziert ihn bei allem edle Einfachheit. Würde und Bürde haben ihn gebeugt und gebleicht, das Aussehen des angehenden Alters ihm aufgeprägt; die Gnade und sein guter Wille, Gott, der Kirche und dem Orden zu dienen bis zur Verzehrung seiner letzten Kraft, haben ihn aufrecht erhalten. Daß er seinem Orden noch lange erhalten bleiben möge! „potost". das größte Segelschiff der Welt. Der Fünfmaster „Potost", der für Rechnung der Hamburger Reederei F. Laeisz auf der Teklenburg'schen Werst in Geestemünde hergestellt wurde und fahrbereit im Hafen von Hamburg liegt, hat eine Länge von 362 Fuß und eine Breite von 49,9 Fuß; die Tiefe von der Oberkante bis zum Kiel mißt 31,2 englische Fuß, und der Raumgehalt ist 3955 Register-Tons brutto, die Tragfähigkeit beinahe 6000 Tons groß. Wi: der „Potost" die bisher vorhandenen großen Segler an Ausdehnung übertrifft, so besitzt er auch die höchsten Masten. Der Großmast, der an Deck einen Durchmesser von 34 Zoll ausweist, mißt vom Kiel bis zum Flaggenknopf 210 Fuß. Die Segel umfassen ausgespannt ein Areal von 4700 Quadratmetern, die Reservesegel nicht mitgerechnet. Selbstverständlich haben die Erbauer des Riesenschiffes sich bei der Einrichtung alle neueren Errungenschaften der Wissenschaft und Technik nutzbar gemacht, so daß auch in dieser Hinsicht der „Potost" als ein Muster der Schiffsbaukunst gelten muß. Sei ihm fröhliche Fahrt gegönnt zu Deutschlands Ruhm und Ehre! Ueber RSntgen-SIrahlen-Grfolge. Von vr. C. Wenzlik, Solingen. Welche Dienste Röntgen« Entdeckung der leidenden Menschheit leisten, erläutert folgender Fall: Einem Knaben, welcher durch eine Revolverkugel eine komplicirte Verletzung am Unterschenkel erlitten hatte, konnte die Kugel, welche unterhalb des KnieeS eingedrungen war, nicht entfernt werden, da dieselbe mit der Sonde nicht aufzufinden war. Der bedenkliche Zustand des Kranken erforderte aber eine Entfernung dieser Kugel, und so machte ich eine Photographische Aufnahme, durch welche die Kugel 15 vm unterhalb der Schußwunde mitten in der Knochenhöhle, zwischen dem Knochenmark, ermittelt wurde. Die X-Strahlen mußten also hierbei, um ein Bild der Kugel ergeben zu können, durch den Knochen hind urch gehen. Nebenstehende Zeichnung veranschaulicht das Ergebniß dieser Durchleuchtung. Die Fleischtheilr zeigen sich als ein leichter, die Knochen dagegen als ein dunkler Schatten, und inmitten dieses Knochenschattens erblickt man, 2'/,ow voneinander getrennt, 2 ganz dunkle Flecken. Diese beiden Flecken sind, wie die nach Maßgabe des Bildes vorgenommene Untersuchung ergab, Theile der Revolverkugel. Daneben erblickt man 2 kleine Kettchen, welche zur besseren Orientirung über die Lage der Kugel auf den Schenkel gelegt worden waren, welcher an diesen Stellen noch mit Höllenstein schwarz markirt wurde. Genau wie das Bild es angegeben, schnitt nun Herr Sanitätsrath vr. Vogelfang aus Hilden bei der Operation an der Stelle bis auf den Knochen, und es präsentirte sich daselbst eine rundliche Bleiplatte mit dem gezipfelten Anhange; daneben war der Knochen im Umfang eines Pfennigstückes zerschmettert, und man gelangte hier mit der Sonde in die Knochenmarkhöhle. Es wurde nun an der Stelle des ovalen Fleckes ein- geschnitten, der Knochen freigelegt, mit Hammer und Meißel die Knochenhöhle aufgebrochen, worauf stch in der Tiefe das andere größere ovale Stück der Kugel zeigte, welches nun mit Leichtigkeit herausgezogen werden konnte.. Ohne die Röntg en- Strahlen hätte man dieses Bleistück, das von denselben durch Fleisch und Knochen hindurch dem menschlichen Auge sichtbar gemacht wurde, wohl niemals aufgefunden. Karl Goldmark, der Componist der reizenden Oper „Heimchen am Herd", den wir heute unsern Lesern im Bilde vorführen, ist ein Sohn des melodienreichen Ungarlandes: im Jahre 1832 wurde er zu Keszthelp geboren. Von 1844 an bildete sich unser Künstler in Wien zum Violinspieler aus, wendete stch jedoch, nachdem er 1847 in's dortige Conservatorium eingetreten war. vorwiegend dem Klavierspiel und der Komposition zu und trat 1857 in einem Concert mit einer Anzahl eigener Kompositionen vor die Oeffentlichkeit. Das reiche Talent, das seine ersten Arbeiten offenbarten, brachte seitdem in stetig fortschreitender Entwicklung immer reifere und schönere Früchte. Nachdem der Künstler eine große Zahl sehr beifällig aufgenommener Kompositionen, Ouvertüren, Symphonien, Chorwerke und Quartette, veröffentlicht hatte, erschien im Jahre 1875 seine erste Oper, „Die Königin von Saba", auf der Bühne des Wiener Hofopern- Theaters und machte von dort die Runde über zahlreiche Bühnen Deutschlands und Italiens. Seine zweite Oper „Martin" folgte im Jahre 1876. Auch sie hat verdientermaßen sehr beifällige Aufnahme gesunden. Das reifste Werk von Goldmark's Talent aber ist seine jüngste Oper „Heimchen am Herd", zu der A. M. Willner das Libretto nach der gleichnamigen Erzählung von Charles Dickens geschrieben hat. Goldmark's Musik ist der köstlichen Weihnachtsdichtung des großen englischen Erzählers würdig: die zarten, lyrischen Tonreime des herrlichen Werkes erinnern lebhaft an die besten Schöpfungen Mendelssohns. -- Ergänzungsräthsel. Aus nachstehenden Buchstabenreihcn lassen sich durch Einfügung passender Vokale und Abgrenzung der dadurch entstandenen Wörter fünf Verszeilen bilden: ^lokslnnsnnndlok rslvvilnsvrguiz-n rstnltlnül»»^» «liiktnkiniullliltsklr «I888ni»lg1vklok>vr. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 99: Weiß. schwarz. 1. T. V7—67 K. V6-67: (L5:) 2. T. L5 l67)-65j- beliebig. 3. T., S. Matt. 1. 2. T. L5-65 3. S., L. Matt. -» S. §8—V7 (L6) oder L7—V6 beliebig. «1V2. 189b. i»Augsburgrr PoMtung" Areitag, den 11. Dezember Kür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag der Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbefitzer vr. Max Huttler). Ihr erster Roman. Novelle von Antonio Haupt. (Fortsetzung.) Als sie einige Stunden später den Gastsaal aufsuchten, fanden sie Alles in lebhafter Bewegung. Viele rüsteten sich zum Abmarsch. Einige waren noch damit beschäftigt, ihren Morgenkaffee zu trinken, frühe Wanderer trafen schon ein; das war ein Fragen und Antworten, ein Gehen und Kommen ohne Unterlaß. Nachdem Otto den Blick spähend über die Anwesenden hatte gleiten lassen, richtete er denselben mit gespannter Erwartung auf die Thür. Seine Geduld sollte auf die Probe gestellt werden, die Ersehnte wollte nicht erscheinen. „Hier, meine Herren, die neuesten Nachrichten!" Der Gasthofbesitzer legte ein Packet Zeitungen auf den Tisch. „Haben die Damen ihr Zimmer noch nicht verlassen?" ergriff Saarstein sofort die Gelegenheit, um den Hausherrn zu befragen. „Ah, Sie meinen die jungen Damen, welche gestern in die Klippen geriethen? Dieselben sind schon seit mehreren Stunden über alle Berge." „Was, sie sind schon fort? Ich habe ja noch dar Buch!" rief Otto erregt. „Hinterließen sie keinen Auftrag für mich?" Der Wirth lächelte. „Keinen. Nicht einmal ihren Namen schrieben sie inS Fremdenbuch." „Wie fatal l Wissen Sie nicht, wohin sie sich wandten?" „Ich horte, daß sie von Jlsenburg sprachen; auch schlugen sie den Weg dorthin ein, und zwar durch das Schneeloch." „Gingen sie allein?" „Das nicht, mein Herr. Sie gingen in Gesellschaft zweier ältlichen Ehepaare." „So haben wir wenigstens einen Anhaltpunkt. Ich danke Ihnen sehr." AIS der Wirth sich entfernt hatte, rief Saarstein lebhaft: „Ich bitte Dich, Georg, sieht da» nicht aus wie eine Flucht?" „WaS eS im Grunde auch ist", versetzte dieser gleich- müthig. „Die Dame argwöhnt wahrscheinlich, daß Du zufällig oder als indiskreter Mensch das Loblied auf Deine Person gelesen hast. Ihr mädchenhaftes Benehmen gewinnt ihr übrigens weine Achtung. Sie will Dir, nachdem ihr HerzenSgeheimniß enthüllt ist, um keine» Preis begegnen." „Und ich werde Alle» daran setzen, sie aufzufinden, sie kennen zu lernen", betheuerte Saarstein feurig. „ES mag freilich nicht ganz leicht sein; denn das erst kürzlich auf der Reise begonnene Tagebuch ist nur eine Fortsetzung früherer Annalen und gibt keinerlei Aufschluß über den Namen oder auch nur den Wohnort der Verfasserin. Beeile Dich etwas mit Deinem Frühstück, auf daß wir schleunigst ihren Spuren nach Jlsenburg folgen; eS dünkt mir dies die einzige Möglichkeit, sie zu haschen." Der Philologe versprach, sich zu sputen, würdigte aber zunächst mit großer Seelenruhe die vor ihm liegende Zeitung einer genauen Durchsicht. Otto schaute sinnend in die Ferne. „Ob sie den in ihren Memoiren erwähnten Roman wohl veröffentlicht hat? Dann wäre ja der Weg zu ihr gefunden", so dachte er und nahm sich vor, alle Roman- ankündigungen der Gegenwart, sowie sämmtliche belletristische Kataloge der letzten Jahre eingehend zu studiren. In natürlichem Zusammenhang mit seinen Erwägungen fiel sein Blick unwillkürlich auf die „Ltterarische Rundschau" der auf dem Tisch liegenden Zeitung. Mit dem größten Interesse starrte er plötzlich darauf nieder. Täuschte ihn ein Spiel seiner Einbildungskraft, oder stand dort wirklich: „Auf der Höhe, Roman von Ilse TreueufelS"? — Nein, dies konnte unmöglich eine trügerische Vorspiegelung sein! Er laS: „Im Verlage von X. in U. erschien soeben: „Auf der Höhe", Roman von Ilse TreuenfelS. In der Verfasserin lernen wir eine frische poetische Kraft kennen, deren Erstlingsschöpfung unbedingt zu den besseren Werken der Belletristik gehört. Anlage und Durchführung von Situationen und Charakteren verrathen viel Geschick. Der Held der Erzählung, ein Bild edler, schöner Männlichkeit und adeliger Gesinnung, ist eine lebensvolle Gestalt, wie sie nur der Wirklichkeit abgelauscht sein kann. Sein Porträt wurde mit besonderer Liebe und Hingebung gemalt; in frischen Farben gruppiren sich darum die übrigen Personen des Romans, unter denen namentlich die Heldin, ein echt deutsches Mäochen mit warmer, tiefer Empfindung und anspruchsloser Liebenswürdigkeit, eine herzgewinnende Erscheinung ist. Wir empfehlen diesen mit überaus feiner Beobachtungsgabe und reichem Geiste geschriebenen Roman den Freunden guter UnterhaltungSlektüre auf'S wärmste." 766 „Freund, nun habe ich sie!" rief Saarstein in seiner Freude so laut, daß sogleich ein Dutzend Köpfe sich erstaunt nach ihm umdrehten. „WaS hast Du?" fragte Hesse trocken. „Ihr Roman ist im Loschen Verlage erschienen und wird hier besprochen", berichtete der Freiherr leise. „Sage, Georg, glaubst Du, daß Ilse Treuenfels ein fingirter Name sei?" „Wie kann ich das wissen! Er kommt mir etwas phantastisch vor." „Mir auch. Doch Pseudonym oder nicht, ich habe jetzt die beste Hoffnung, sie zu finden. Vor allen Dingen möchte ich keine Zeit mehr hier verlieren. Komm', lass' uns gehen." Georg fügte sich dem Wunsche seines Freundes; und wie auf Sturmesflügeln ging es unter Otto's Anleitung hinab in daS sogenannte Schneeloch. Das Reisehandbuch hatte vor diesem Wege als einem sehr beschwerlichen gewarnt, er erwies sich jedoch im Vergleich mit dem gestern durchkreuzten Klippenlabyrinth als eine äußerst bequeme Gelegenheit zum Vorankommen. Ehe man eS gedacht, war man über glatte Felsblöcke hinweg und durch Gehölz gedrungen, hatte sumpfige Strecken hinter sich gelassen und befand sich nun in einem wundervollen Tannenwalde. Auf allen Seiten plätscherten Quellen, die sich bald zu der reizenden Ilse vereinten, welche dann in unzähligen Wasserfällen das Bergthal hinabrauschte. Otto dachte lächelnd an die Ausführung Heine's: „Die Ilse ist eine Prinzessin, die lachend und blühend den Berg hinabläuft. Wie blinkt im Sonnenschein ihr weißes Schaumgewand! Wie flattern im Winde ihre silbernen Busenbänder l Wie funkeln und blitzen ihre Diamanten!" In natürlicher Jdcenverbindung schweiften seine Gedanken dann hinüber zu Ilse Treuenfels, die er dort unten zu finden hoffte, und vergnügt summte er vor sich hin: „Ich bin die Prinzessin Ilse Und wohne im Jlscnstein, Komm mit nach meinem Schlöffe, Wir wollen selig sein l" „Beabsichtigst Du nun, alle Hotels nach Deiner unsichtbaren, geheimnißvollen Dichterin zu durchforschen?" fragte Georg, als die ersten Häuser von Jlsenburg zwischen den Tannen auftauchten. „Ehe ich eine solche Rundreise antrete, werde ich im Stationsgebäude Nachfrage halten, ob das Dampfroß sie nicht schon entführt hat", erklärte Saarstein. Eine Viertelstunde später standen sie vor dem Schalter, um zu erfahren, daß soeben eine Gesellschaft von zwei ältlichen Ehepaaren und zwei jungen Damen mit dem Zuge nach Halberstadt gefahren sei. „Wann geht der nächste Zug dorthin?" „Nach drei Stunden, mein Herr." „DaS ist Tücket Was beginnen, Georg?" „Ich denke, wir setzen uns in jene sehr einladend aussehende Veranda und widmen dort unsere Aufmerksamkeit einem Gabelfrühstück." Gesagt, gethan. Die Veranda war in der That ein unmuthiger Aufenthaltsort mit entzückender Aussicht auf den nahen, von Schwänen durchzogenen Teich und auf das Gebirge mit dem majestätischen Brocken im Hintergründe. Auf diese Weise wurde es Otto nicht schwer, sein Schicksal mit Würde zu tragen. Die Stunden eilten unter angenehmer Unterhaltung dahin wie im Fluge, bis die Locomotive bereit stand, um ihn und seinen Freund nach dem alten Halberstadt zu entführen. Die Fahrk indessen durch ziemlich flache Gegend dünkte ihm in seiner Erwartung ungebührlich lang. Endlich wurden die Thürme der ehemaligen Bisthumshauptstadt sichtbar; das Ziel war erreicht. „Kann mir hier Jemand sagen, wohin eine Gesellschaft von zwei ältlichen Ehepaaren und zwei jungen Damen, welche vor drei Stunden hier ausstiegen, sich gewandt hat?" rief Saarstein auf's Gerathewohl in ein Chaos von Gasthofbedienten und Kutschern hinein. Eine kleine Berathung entstand, dann tönte es ihm entgegen: „Die Gesellschaft, wonach der Herr fragt, ist unzweifelhaft im „Goldenen Roß" bei Mutter Goedike abgestiegen." Ein strammer, betreßter Bursche trat vor und erhärtete: „Ja, das kann ich bestätigen, die Herrschaften sind in unserem Hause." „So fahrt uns dorthin", entschied der Freiherr. Das Haus „Znm goldenen Roß" in Halberstadt trägt nicht nur von außen daS Gepräge der guten, alten Zeit; der Fremde, welcher seine Schwelle überschreitet, fühlt sich sofort angemuthet von der herzlichen, echt deutschen Gastfreundschaft, mit der man ihm entgegenkommt. Die Herrin des Hauses, eine stattliche, alte Dame, welche als „Mutter Goedike" weit und breit in hohem Ansehen steht, empfing unsere Reisenden mit freundlichem „Willkommen", und Beide sagten sich sogleich beim Eintreten, daß es ihnen hier sehr leicht gelingen werde, sich heimisch zu fühlen. Auf Otto's Frage nach den Gesuchten ward ihm freilich eine neue Enttäuschung zu theil. „Die Herrschaften haben einen Ausflug nach den Spiegelsbergen unternommen, wollen aber zur gemeinsamen Abendmahlzeit wieder hier sein", berichtete Mutter Goedike. „Werden die jungen Damen auch dabei erscheinen?" fragte der Freiherr etwas mißtrauisch. „Selbstverständlich. In unserem Hause schließt sich so leicht Niemand ungesellig ab", lautete die zuversichtliche Antwort. „Wenn Sie, meine Herren, die Spiegelsberge mit ihren schönen Anlagen heute Abend nicht mehr aufsuchen wollen, so rathe ich Ihnen, unsere interessanten Bauwerke, besonders den Dom, die Liebfrauenkirche un^ das Nathhaus, zu besichtigen." „DaS letztere wollen wir thun, und zwar sogleich", entschied Doktor Hesse. Dann schlenderten die Freunde durch die alterthüwlichen Straßen mit den hochgiebeligen Häusern voller Holzschnitzereien nach dem Domplatze. Die alte Kathedrale, eine. der schönsten Kirchen Deutschlands, fanden sie namentlich im Innern sehr sehenswerth. Die Liebfrauenkirche wurde von Otto nur äußerlich in Augenschein genommen, er lenkte seine Schritte in die nächste Buchhandlung. Natürlich fand er nicht, was er suchte: „Auf der Höhe" von Ilse Treuenfels, war nicht vor- rüthig, konnte jedoch auf Bestellung in einigen Tagen hier sein. Um eine Hoffnung ärmer, suchte er seinen Freund im bereits dämmerigen Gotteshause auf, dann wandten sich die beiden mit gespannter Erwartung wiederum dem „Goldenen Rosse" zu. „Die Herrschaften sind zurückgekommen", empfing Mutter Goedike sie im Vorsaale. „Ich habe den Damen bereits gesagt, daß zwei fremde Herren nach ihnen gefragt. Sie sind alle dort im Zimmer." Heffe öffnete behutsam die Thür, warf einen Blick — 787 in den bezeichneten Raum, taumelte aber sogleich mit dem Mieneuspiel des Entsetzens zurück. „Weißt Du, wem wir mit so anerkennenswerther Beharrlichkeit nachgejagt sind?" flüsterte er. „Nun?" fragte Otto, nichts Gutes ahnend. „Den vierzigjährigen Backsischen. Es ist zum Verrücktwerden l Ich glaube, der Teufelsspuk, der auf dem Rennekenberg anfing, hat uns bis hierher noch nicht verlassen. Fräulein Eleonore kramt den Inhalt ihrer Skizzenmappe vor den beiden Schulmonarchen von gestern und deren Ehehälften aus", berichtete Georg lachend. „Ich hätte die größte Lust, mich heimlich zu verflüchtigen", murmelte Otto dumpf. „Das dürfen wir nicht, Mutter Goedike hat uns bereits angemeldet", lachte Hesse. „So gehe Du vorläufig allein ins Zimmer, ich habe noch Wichtiges zu besorgen." Mit diesen Worte drehte sich Saarstein herum und eilte, von plötzlicher Eingebung getrieben, schnurstracks zum Telegraphenamt. Hier richtete er anf dem Drahtwege das Ersuchen an die Verlagshandlung in U. um sofortige Zusendung von „Auf der Höhe" und bat um die genaue Adresse der Verfasserin. AIs er infolge dieser That ziemlich wohl gelaunt endlich das Gastzimmer des „Goldenen Rosses" betrat, fand er seinen Freund im besten Galgenhumor der Welt bereits vollständig heimisch. Die vierzigjährigen Backfische wie die beiden Ehepaare schienen nicht unempfänglich für guten Witz; und so unterhielt man sich schon vortrefflich, ehe das Abendessen unter Mutter Goedike's Vorsitz seinen Anfang nahm. Bet Tisch herrschte durch Vermittlung der Hausherrin ein erfreulich zwangloser Verkehr, als ob Alle zusammen bei einer befreundeten Familie zu Gast gebeten seien, und «an trennte sich erst spät mit der gegenseitigen Versicherung, einen angenehmen Abend verbracht zu haben. (Fortsetzung folgt.) --SSWSS-- Das Schlangeuauge. Von Paul Gilchrist. Deutsch von Emma Hanrieder. (Fortsetzung statt Schluß.) „Gewiß nicht. Würde ich etwas so Schreckliches erfinden? Sie sehen selbst, Gilchrist, von welcher Bedeutung dieser Todesfall für mich ist. Ich war zuletzt bei Mainwaring, wir schieden im Zorn, die Hoteldiener werden die Länge der Unterredung beschwören. Ich werde sogleich verhaftet werden, und um den Beweis zu liefern, der genügt, mich an den Galgen zu bringen, ist dies in «einer Tasche." Bei diesen Worten zog er die ominöse Phiole mit dem Gifte heraus. „Geben Sie es mir", sagte ich und streckte meine Hand danach aus. „Nein, ich werde es jetzt behalten. Ich nahm es zu meinem eigenen Gebrauche. Heute Nacht lag es anf Ihrem Tische. Die Etikette mit der Aufschrift „Gift" war das erste, was mir in die Augen fiel, als ich das Zimmer betrat. Ich unterlag der Versuchung und eignete es mir vor Ihrem Erscheinen an; denn ich suchte ein Mittel, mir, wenn nöthig, das Leben damit zu nehmen. Gerade als Sie in das Zimmer eintraten, hatte ich die ganze Beschreibung von der eigenen Wirkung Ihres Giftes gelesen. Ich steckte auch das achte Blatt Ihres Manuskriptes ein. Hier ist das Blatt und hier auch die Flasche." „Nun, so können Sie es mir wenigstens zurückgeben. Sie brauchen sich nicht freiwillig den Strick um den Hals zu legen." „Es ist zu spät", erwiderte er. „Als ich im Hotel die unselige Nachricht hörte, strauchelte ich und fiel beinahe. Irgend etwas trieb mich an, die Hand in meine Tasche zu stecken. Ich zog die Flasche heraus und schaute sie ganz bestürzt an. Ein Kellner, der neben mir stand, muß das Wort „Gift" gesehen haben. Nun, ich werde die Sache durchmachen müssen. Ich bin zu Ihnen gekommen, dem einzigen Freunde, den ich besitze. Was rathen Sie mir, daß ich thun soll?" „Ich rathe Ihnen, Platz zu nehmen und, wenn möglich, mir zu sagen, was vorgefallen ist." Carroll sah mich einen Augenblick starr an, dann warf er sich in deu nächsten Fauteuil und begann zu sprechen. „Ich will Ihnen erzählen, wie alles gekommen ist. Im Hotel Savoy kam ich ziemlich spät an, allein Main- waring war noch nicht zu Bette gegangen. Ich sah ihn und erzählte ihm meine Geschichte. Er verweigerte es ein- für allemal, Pamela aufzugeben." „Und die Flasche?" fragte ich, als Carroll einen Augenblick aussetzte und sich den Schweiß von der Stirne wischte. „Ich ging in das Crown-Hotel", fuhr er fort, „einen kleinen Gasthof in der Nähe deS Hotel Savoy. Als ich dort in mein Zimmer getreten war, nahm ich das Fläschchen aus der Tasche. Mainwaring's Worte hatten mich fast zum Wahnsinn getrieben. Ich sah ein, daß er Paweln um keinen Preis aufgeben würde. Ein unabweisbarer Wunsch, mir das Leben zu nehmen, stieg in mir auf. Ich laS noch einmal Ihre Beschreibung des Giftes, brach das Siegel und zog den Kork aus der Flasche. Im nächsten Moment würde ich das Gift ein- geathmet und meinem elenden Dasein ein jäheS Ende bereitet haben, aber im gleichen Augenblicke überkam mich ein furchtbarer Schauder über das, was ich zu thun im Begriffe stand. Jetzt fürchtete ich den Tod eben so sehr, als ich ihn zuvor herbeigesehnt hatte. Ich drückte den Kork wieder in die Flasche und steckte sie ein. Das ist Alles, waS soll ich jetzt thun?" Ich wollte soeben antworten, als ein scharfes Läuten an der Hausthüre mich unterbrach. Schon in der nächsten Minute traten ein paar Polizeibeamte, von Lord Attrill begleitet, in das Zimmer. Einer der Herren ging geradeswegs auf Carroll zu. „Heißen Sie Laurence Carroll?" fragte er. „Ja", antwortete der junge Mann. „Hier habe ich einen Verhastbefehl gegen Sie, wegen des Verdachtes, daß Sie heute Nacht Kapitän Mainwaring im Savoy-Hotel ermordet haben." Nun, da der Schlag wirklich hereingebrochen, war Carroll ziemlich ruhig. „Ich werde natürlich mit Ihnen gehen", sagte er; „aber das sage ich Ihnen gleich, ich bin vollständig unschuldig." „Je weniger Sie sagen, desto besser ist es für Sie, mein Herr", erwiderte der Mann. „Es ist meine Pflicht, Sie mitzunehmen; es thut mir leid, aber, wie gesagt, je ruhiger Sie sich verhalten, desto besser l" Carroll reichte mir die Hand, er warf keinen Blick 768 auf Lord Attrill, der seinerseits nicht die geringste Notiz von ihm nahm. Einen Augenblick später befand ich mich mit dem alten Grafen allein. „Der Schurke!" rief er aus, als die Thüre sich hinter Carroll und den Beamten geschlossen hatte. „Ich wundere mich, daß Sie solchen Besuch bei sich dulden, Gilchrist, das find hübsche Ereignisse; mein einziger Wunsch ist, daß ich noch erlebe, wie diesen Burschen das Schicksal, das er verdient, ereilt." „Er ist unschuldig, Attrill«, sagte ich. „Bei Gott, ich spreche die nackte Wahrheit. Carroll hat ebensowenig den Mord begangen, als ich." Lord Attrill beehrte mich «it einem sonderbaren Lächeln. „Ich glaube, Sie werden an Ihrer Meinung nicht rütteln lassen, aber ich theile sie nicht. Uebrigens hat diese furchtbare Nachricht mein armes Kind schrecklich aufgeregt. Sie bat mich, Ihnen zu sagen, daß sie Sie zu sprechen wünscht. Wollen Sie mit mir kommen?" „Gewiß!" Ich setzte meinen Hut auf, und gleich darauf verließen wir beide das Haus. Wir nahmen einen Wagen und fuhren direkt nach PortlandS-Square. Natürlich hatte man alle Vorkehrungen für die Hochzeit weggeräumt, und das große HauS bot einen eigenartigen Anblick. Diener und Tapezierer entfernten alle Spuren der angesetzten Feierlichkeit. Eine Thüre am entgegengesetzten Ende der großen Halle stand offen, und Lord Attrill und ich gingen nach dieser Richtung, als wir in das HauS eintraten. Wir befanden uns in dem Raume, in dem Lady Pamela's Hochzeitsgeschenke ausgestellt waren. Der Tisch mit dem Glaskästchen stand in der Mitte, ein purpurnes Kiffen lag darin — aber der Diamant war fort. „Ah", sagte Lord Attrill, der die Richtung meiner Augen bemerkt hatte, „der arme Mainwäring hatte besondere Eigenheiten mit dem Steine. Er brachte ihn jeden Morgen hierher, aber bestand darauf, ihn während der Nacht bei sich zu behalten. Uebrigens wird es unter den gegenwärtigen Umständen nicht gerathen sein, ihn im Hause zu belassen. Ich will ihn lieber gleich holen." Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als am andern Ende des Zimmers sich eine Thüre öffnete und der indische Diener Gopinath hcreinglitt. Sein geräuschloser Eintritt war von keinem von uns beiden bemerkt worden, aber sobald er uns sah, stieß er einen seltsamen Schrei aus und fiel uns zu Füßen. „Lannx Koe ist gestohlen!" stöhnte er. „Ich habe das leere Etui gefunden." Er hielt das lederne Etui in der Hand. Lord Attrill ergriff es. „Was soll das heißen", sagte er. „Steh' auf, Bursche. Was hast du entdeckt?" „Das Schlangenauge ist fort", wiederholte der Mann. „Ich fand den Behälter leer, so wie er da ist, unter dem Kiffen «eines Herrn. Ich habe das Futteral hierhergebracht. Mainwaring Sahib muß von dem Diebe, der den Stein gestohlen, ermordet worden sein." Lord Attrill's Aufregung bei dieser Nachricht war pngeheuer. „Das ist in der That ein Grund für den Mord. Gilchrist, ich muß Sie verlassen. Gopinath, komm' sogleich mit mir." Der Graf und der Jndier verließen zusammen das Gemach, und ich wendete mich um und läutete. Ein Diener erschien. „Wollen Sie Lady Pamela mittheilen, daß ich hier bin. Fragen Sie, ob ich mit irgend etwas dienen kann." Der Mann zog sich schweigend zurück. Nach einigen Minuten kam er wieder. „Lady Pamela wünscht Sie sogleich zu sprechen", sagte er, „darf ich Sie bitten, mir zu folgen." Er führte mich in den ersten Stock, in ein hübsches Boudoir, dessen rosa Vorhänge herabgelassen waren. Eine weiß gekleidete Dame kam auf mich zu, streckte mir beide Hände entgegen und umklammerte die meinen mit kräftigem Drucke. „Bemitleiden Sie mich nicht", sagte Lady Pamela» denn sie war es, „ich bin nicht traurig über meines Verlobten furchtbares Ende. Oh, ich weiß, es ist gefühllos von mir, aber ich will Ihnen die Wahrheit sagen — er liebte wich, und man sagt, er sei ermordet worden. Sein Tod hat mich nur betäubt, überrascht, aber — Sie werden mich verachten, wenn ich es eingesiehe, ich weiß es, — aber wenn ich leide, so geschieht es nur um Carroll's willen." „Setzen Sie sich", sagte ich zu ihr, „dieses entsetzliche Eceigniß hat Sie zu sehr aufgeregt. Versuchen Sie, ruhig zu sein." „Wie kann ich das? rief sie aus. „Soeben sagte man mir, daß man Laurence verhaftete — man glaubt auch an seine Schuld, ich lese es in den Augen Aller; man meint sicher, daß er Mainwaring ermordete. Ich kann kaum sprechen vor Angst. In seiner Tasche hat man auch ein Fläschchen Gift gefunden. Man sagt, Sie wüßten etwas darüber." „Unglücklicher Weise ist eS so." „Wie kam er dazu? Hatten Sie etwas damit zu thun?" „Ihrem Herrn Vater beantwortete ich eine ähnliche Frage nicht", erwiderte ich, „allein bei Ihnen ist es etwas anderes; wenn Sie mir ruhig zuhören wollen, werde ich Ihnen alles sagen." In wenig Worten erzählte ich ihr, anf welche Weise das Gift in Carroll's Hände gelangt war. „Sie glauben, daß er es nahm, um damit einen Selbstmord zu begehen?" „Das war seine Absicht. Drch, Gott sei Dank, als der Augenblick kam, hatte er nicht den Muth, sein unseliges Vorhaben auszuführen." „Wollen Sie das Verhör abwarten?" fragte Lady Pamela nach einer Pause. „Ja." „Werden Sie voraussichtlich über das Gift befragt werden?" „Es ist sicher, daß man diesbezügliche Fragen an mich stellen wird." „Und werden dann sagen, was Sie wissen?" Ich blickte sie überrascht an. „Ich darf mit dem, was ich weiß, nicht zurückhalten", sagte ich. „Denken Sie daran, daß man mich vereidigen wird." „Das ist gerade der Punkt, über den ich mit Ihnen sprechen möchte", erwiderte sie, all' ihre Kraft Zusammennehmend. „Wenn Sie auch unter Eid aussagen, so müssen Sie mir doch feierlichst versprechen, daß Sie daS, was zu Ihrer Kenntniß gelangt ist, verschwngcn." 789 „Ich soll meineidig werden?" sagte ich. „Sie wissen nicht, was Sie sprechen." „Ja, ich weiß es", erwiderte sie — bei diesen Worten warf sie sich mir zn Füßen — „was kümmert mich ein Meineid. Man wird ihn ja hängen, wenn Sie dir Wahrheit sagen." „Stehen Sie auf." Ich nahm sie bei der Hand und führte sie zu einem Sopha. „Versprechen Sie mir zu schweigen i" „Lassen Sie ruhig mit sich reden, Lady Pamela, Sie find außer sich vor Angst. Man kann Carroll nur damit einen Dienst erweisen, indem man versucht, den Verdacht von ihm zu nehmen." „Aber wenn er nicht von ihm genommen werden kann?" „Was meinen Sie damit?" „Ich kann nicht dafür", seufzte sie, „ich fürchte das Schlimmste. Er war in Verzweiflung, — der Brief, den er mir schrieb, verrieth es mir. Ich hätte ihn nie aufgeben sollen. Niemals liebte ich Kapitän Mainwaring. Oh! unter diesen schrecklichen Verhältnissen könnte sich alles ereignet haben." „Sie müssen mich anhören", unterbrach ich sie. „Sie haben in der vergangenen Nacht nicht mit Carroll gesprochen, aber ich; Sie sahen ihn heute nicht; aber ich. Wären Sie bei ihm gewesen, so würde diese Furcht Sie nicht befallen haben. Er ist ein Mann in verzweifelter Lage, ich gebe das zu, aber, Lady Pamela, er ist kein Mörder." „Sie trösten mich, trotzdem ich nicht daran zu glauben wage", seufzte sie. Sie wischte den Angstsweiß von ihrer Stirne, und ihre Augen nahmen einen ruhigeren Ausdruck an. „Ich würde Ihnen dies nicht sagen, wenn ich nicht selbst davon überzeugt wäre. Nun muß ich auf etwas anderes übergehen. Wissen Sie, daß der Diamant fehlt?" „Wie!" rief sie aus, „das Schlangenauge?" „Ja, es ist gestohlen worden. Gopinath hat soeben die Nachricht davon gebracht. Ihr Herr Vater ist mit ihm fortgegangen. Diese Thatsache allein scheint mir Carroll's Unschuld zu beweisen. Diejenige Person, welche den Diamanten raubte, beging zweifelsohne auch den Mord. Nun brauchte aber Carroll kein Geld — in diesem Moment seines Lebens wäre der Diamant von gar 'einem Werthe für ihn gewesen." Lady Pamela hörte mir mit glühenden Wangen und glänzenden Augen zu. Die Thatsache, daß der Stein fehlte, war für sie der größte Trost. Ich mußte sie jetzt verlassen, versprach ihr aber, sobald ich neue Nachrichten empfangen hätte, zurückzukehren. Das Verhör fand am folgenden Morgen in aller Frühe statt. Ich hatte natürlich dabei gegenwärtig zu sein. Die Verdachtsmomente waren für den armen Carroll ungeheuer belastend und man übergab die Anklage wegen vorsätzlichen Mordes dem Schwurgerichte. Carroll wurde gesanglich eingezogen, um seine Vernehmung vor Gerichte zu erwarten, und die ganze Familie Crossthwaite war in tiefster Trauer. Spät abends wollte ich Lady Pamela nochmals besuchen, doch man sagte mir, sie fei ernstlich erkrankt, und man habe einen Doktor zn Nathe gezogen. Ein Nervensieber wurde befürchtet. Unruhig und bedrückt kehrte ich nachhanse zurück. Ich ging in meine Bibliothek und versuchte vergebens auf andere, minder aufregende Gedanken zu kouimen, als Silva mir meldete, daß der Jndier gekommen sei und mich zu sprechen wünsche. Ich befahl, ihn sogleich vorzulassen. Gleich darauf betrat er das Zimmer. Er kam gerade auf mich zu und übergab mir einen Brief von Lady Pamela, in welchem sie mich dringend bat, sie gleich am nächsten Morgen zu besuchen. „Ich bin fast von Sinnen vor Kummer und Krankheit", schrieb sie. „Eine Unterredung mit Ihnen würde mir die größte Erleichterung verschaffen." (Schluß folgt.) --t-> v i * - Die Cardmassivnrde und deren Verleihung. Am vergangenen 3. Dezember hat LeoXIIl. in öffentlichein Consistorium ivieder sieben nenernannten Cardinälen den Purpur verliehen. Bei diesem Anlasse dürfte es unsere Leser interessircn, etwas über die Bedeutung der Cardinals- ivnrde und das Ceremonie!! der Verleihung dieser Würde zu vernehmen. Wir benützen hiefür eine Studie des Wiener „Vaterland": Der Erhabenheit der Cardinalswürde entspricht auch ihr hohes Alter; denn in einem gewissen Sinne haben jene Kirchenhistoriker und Canonisten Recht, die den Ursprung des Cardinalats in die ersten Zeiten des Christenthums versetzen und bis auf die heiligen Päpste Cletus, zweiten Nachfolger des heiligen Petrus, oder Hymnus (154) zurückführen, wie es wohl auch nicht in Abrede gestellt werden kann, daß die Bezeichnung Cardinal schon zur Zeit des heiligen Silvester, also zu Anfang des vierten Jahrhunderts, üblich war, allerdings nicht für die römischen Priester allein. Was die römische Kirche betrifft, so waren die Cardinäle ursprünglich die Inhaber der. „tituli", d. h. der Pfarrkirchen Roms, also mit einem Worte die röm- ischenPresbyteri und derenGesammthcit; das Presbyterium bildete seit den ältesten Zeiten gleichsam den Senat, das berathende Kollegium des Papstes oder römischen Bischofs; dazu kamen dann später noch die Inhaber der Diakonicn, d. h. die' Vorsteher der frommen Anstalten in Rom und der damit verbundenen Kirchen. Daher der Unterschied zwischen Cardinalpriestern und Cardinaldiakoncn, zu denen nachher noch einige Bischöfe in der Umgebung von Rom als Cardinal b i s ch ö f e kamen. Es war ganz natürlich, daß die Bedeutung und Würde der Cardinäle als der unmittelbaren Rathgcber und Mithelfer des Papstes in der Regierung der Kirche immer mehr zunahm, so daß schon der heilige Petrus Damiani sagen konnte, die Cardinäle nähmen an der päpstlichen Würde selber theil. Die Cardinäle sind Fürsten der Gesammtkirche, sie sind gleichsam die Arme des Papstes, und abgesehen eben von der päpstlichen Würde, gibt es in der Kirche keine höhere Würde als die der Cardinäle. Ihre Anzahl und ihre Befugnisse wechselten im Laufe der Zeit. Ihr vorzüglichstes und wichtigstes Recht besteht seit 1059 darin, daß ihnen ausschließlich die Wahl des Papstes zusteht, während seit 1376 die Cardinäle nicht nur die Wähler des Papstes sind, sondern dieser auch nur aus ihrer Mitte gewählt werden kann: das heißt: es kann Niemand Papst werden, der nicht vorher Cardinal geworden. Daher denn auch Souveräne und Regierungen den Cardinälen die höchsten Ehren erweisen, sie den Prinzen der regierenden Familien gleichstellen und ihnen dementsprechend öffentliche Ehrenbezeigungen zuerkennen. Die Zahl der Cardinäle war, wie gesagt, sehr verschieden nach den Umständen und besonders nach dem Willen der Päpste, denen deren Ernennung allein zukommt. Erst Sirius v. setzte in der berühmten Bulle .RostgumiM von: Jahre 1685 ihre Zahl auf 70 fest, entsprechend der Zahl der Aeltestcn, die Gott dem Moses als Rathgeber bestimmte, und zwar 6 Cardinälc von der Ordnung der Bischöfe (die sogenannten snbnrbicarischen Bisthümer), 60 von der Ordnung der Priester und 14 von der Ordnung der Diakonen. Das Amt der Cardinäle bringt es mit sich, daß sie — ausgenommen jene, die auswärts Bischöfe sind — bei dem Papste rcsidiren, und es ist ihnen positiv vorgeschrieben, sich von dem Orte, wo der Papst residirt. nicht zn ent- 790 fernen, wenn sie nicht vorher dessen Erlaubniß erlangt haben. Was die Cardinäle betrifft, die gleichzeitig einen bischöflichen Stuhl inne haben, so unterstützen auch sie den Papst in der Kirchenregierung, vornehmlich durch Berichte über die Lage der Kirche in den betreffenden Ländern, durch Kundgebung ihrer Meinung über die dort auftauchenden kirchlichen Fragen und vor allem durch Wahrnehmung der Interessen des apostolischen Stuhles. Sie nehmen auch an den heiligen römischen Kongregationen theil, diesen großen Dikasterien, deren sich der Papst ordent- licheriveisc bedient bei der Leitung der gesummten Kirche. Die Ernennung (Kreation) der Kardinäle pflegt vorn Papste im geheimen Konsistorium vorgenommen zu werden, während die Ueberreichnng des Cardinalshutes im öffentlichen Konsistorium geschieht. Das Konsistorium ist die Versammlung der Kardinäle, insoferne diese vom Papste llls dessen Rathscollegium zusammenberufen werden. Das Konsistorium ist ein geheimes, wenn außer dem Papste nur die Kardinäle anwesend sind, ein halböffentliches, wenn auch Bischöfe zugelassen werden, ein öffentliches, wenn noch andere Diguitäre des römischen Hofes, das diplomatische Corps :c. beiwohnen. Am Tage vor dem Konsistorium begibt sich der Magister der päpstlichen Cursoricn nach Empfang des päpstlichen Auftrages zu den in Rom weilenden Kardinälen und theilt ihnen knieend Tag, Stunde und Ort des Konsistoriums mit. Dieses wird vom Papste in dem Palaste abgehalten, wo er residirt. Im Vatikan wird das geheime Konsistorium in einem Saale neben der geheimen Anti- caniera, der eben deßwegen Cousistorialsaal heißt, abgehalten. Dort ist für den Papst ein Thron errichtet, um den herum im Quadrat die Bänke für die Kardinäle aufgestellt sind, die sich je nach der kirchlichen Zeit in rother vder violetter Kleidung nach dem Palaste begeben. In den ersten päpstlichen Vorzimmern ziehen sie die rothe oder violette Kappa an und erwarten dort die Ankunft des Papstes. Der Papst, in weißem Talar, weißem Cingulum mit Goldgnasten, Rochett und Mozett, verläßt zur bestimmten Stunde seine Prwatgemächer, zieht das k»läa genannte weiße Ueberkleid an und begibt sich, begleitet -von den Mitgliedern der geheimen Anticamera, fernem Hofstaate, den Keremoniären und dem ersten Cardinaldiakon, der ihm die rothe Stola umlegt, in den Consistorialsaal. Bei seinem Erscheinen erheben sich alle Kardinäle, nehmen das rothe Zucchetto ab und verneigen sich. Sobald der Papst den Thron bestiegen, ruft der Kustos des Konsistoriums mit lauter Stimme: „Lrtra. onmss!" (Alle hinaus!), worauf sämmtliche Officiale der Curie den Saal verlassen und dessen Thüren schließen, die erst nach Beendigung des Konsistoriums wieder geöffnet werden, so daß selbst einem Cardinal, der etiva zu spät kommt, nichts übrig bleibt, als umzukehren und nach Hause zu fahren. Sobald der Papst mit den Kardinälen allein ist, hält er eine lateinische Ällocntion über eine kirchliche Angelegenheit, wenn es ihm so gut dünkt, und wenn er Kardinäle creiren will, nennt er deren Namen und erwähnt ihre Verdienste. Sodann holt er hierüber die Meinung der Kardinäle ein mit der Formel: ..Haiä vobis vülstm?" (Was dünkt Euch D Die Kardinäle erheben sich zum Zeichen der Zustimmung, nehmen das Zucchetto ab und verneigen sich. Hierauf creirt der Papst die neuen Kardinäle mittelst der Formel, die auf deutsch lautet: „Vermöge der Autorität des allmächtigen Gottes, der heiligen Apostel Petrus und Paulus und Unserer eigenen creiren Wir zu Cardinalpriestern (-Diakonen) N.N. mit den nothwendigen und angemessenen Dispensen, Dcrogationen und Klauseln." Behält der Papst einen Kardinal in petto, so verschweigt er bei dessen Kreation den Namen desselben. Nach dem geheimen Konsistorium gehen sofort die dazu bestimmten Officialcn zu jenen der neuen Kardinäle, die sich in Rom befinden, um ihnen die amtliche Meldung von ihrer Kreation zu überbringen und sie einzuladen, sich in den Vatikan (gewöhnlich am Nachmittag desselben Tages) zn begeben, um aus den bänden des Papstes das Cardiiialsbirret zu empfangen. Was die nicht in Rom anwesenden neuen Kardinäle betrifft, so bestimmt der Papst einen Nobelgarden, um ihnen mit der Nachricht von ihrer Promotion das rothe Zucchetto (oder die Kalotte) zn überbringen. Sobald der neue Cardinal das Zucchetto empfangen hat, darf er sich als Cardinal unterschreiben, aber noch nicht den Purpur, noch auch das Cardinals- Birret tragen. Letzteres wird ihm von dem Souverän des Landes oder, wenn dieser nicht Katholik ist, von einem hiezu vom Papste dclegirten Cardinal nach einem bestimmten Ceremoniell ausgesetzt. Während nach der Birret- Aufsetzung das Tedeum gesungen wird, begibt sich der neue Cardinal in die Sakristei, und hier erst zieht er den purpurnen Talar, das rothe Cingulum und die purpurne Oappa INLANS an. Sowohl das rothe Birret wie das rothe Zucchetto wurde den Kardinälen vom Papste Paul II. im Jahre 1464 verliehen, jedoch mit Ausnahme der einem religiösen Orden entnommenen. Diese Ausnahme hob indessen Papst Gregor XIV. auf, so daß auch die Kardinäle, welche Regulären sind. Birret und Zucchetto von rother Farbe tragen. Das letztere tragen die Kardinäle stets und nehmen es nur vor dem Allerheiligsten, vor dem Papste und vor den kollegialster versammelten Kardinälen ab. Der rothe Hut (Cardinalshut) ist das älteste purpurne Jusigne der Kardinäle. PapstJnnocenz IV. bestimmte nämlich auf dem ersten allgemeinen Concil zu Lyon (1245), daß die Kardinäle den rothen Hut zu tragen haben, und erst Bonifatius VIII. verlieh ihnen die vollständige Purpurkleidung, die bis dahin nur vom Papste getragen und höchstens hie und da einem Legaten s, totere gestattet wurde. Der berühmte Cardinal Bellarmin sagt, der Purpur sei den Kardinälen gegeben worden mit Rücksicht auf ihre der königlichen gleichzuhaltenden Würde; der Purpur soll aber auch die Kardinäle erinnern, daß sie stets bereit sein müssen, ihr Blut zu vergießen für den Glauben, den apostolischen Stuhl und den Frieden der Christenheit. Der Cardinalshut ist aus rothem Tuch, hat eine breite Krämpe und einen verhältnißmäßig kleinen „Kopf", von welchem zwei rothe Schnüre mit fünf Reihen Quasten an jeder herabhängen, derart, daß zuerst eine Quaste kommt, dann zwei, drei, vier und fünf, so daß es zusammen 30 Quasten sind. Der Hut wird einen: neuen Kardinal, der außerhalb Roms wohnt, äußerst selten, ja fast nie geschickt, sondern vom Papste in: öffentlichen Konsistorium aufgesetzt, wo er auch von: Papste den Cardinalsring empfängt, der von Gold ist und einen großen Saphir enthält. Der eigentliche Cardinalshut wird von den Kardinälen nur bei einigen wenigen Feierlichkeiten getragen; sonst tragen sie einen rothen Hut von gewöhnlichen Dimensionen mit Goldverziernngen und für gewöhnlich einen schwarzen Hut mit rothen: Bande und Goldverziernng. ---8MNS-- AllseLeL. Alte Feuerzeuge. Die Erzeugung des Feuers gehört ohne Frage zu den frühesten Erfindungen des Menschen. Auf der niedrigsten Kulturstufe erzeugen alle Völker das Feuer durch Reiben eines harten und eines weichen Holzes gegeneinander. Jndier und Griechen, Römer und Germanen verschafften sich Feuer, indem ein Stab entweder in einen andern, oder durch eine Scheibe oder Tafel, oder durch die Nabe eines Rades gebohrt ward, wodurch man an den Reibungsflächen eine solche Hitze erzeugte, daß dort liegende Stückchen Werk oder Zunder in Brand geriethen. Solche Neibfcuerzeuge haben sich bet Polyneflern, Südamerikanern und Sndasiaten, wie auch in manchen nordafrikantschen Oasen, bis zur Gegenwart erhalten. Bei den alten Römern war auch schon das sogenannte Pinlfeuerzeug in Gebrauch, das bei uns vom 14. oder 15. Jahrhundert bis in die neueste Zeit, namentlich auf dem Lande, ganz allgemein in Anwendung geblieben ist. Es besteht aus dem Feuerstahl, einem Feuerstein und einem zum Auffangen des Funkens verwendeten Stoff. Die Gewinnung des Feuers bei dieser Art von Feuerzeugen beruht darauf, baß die Mechanische Kraft des Menschen durch Reibung in Wärme umgesetzt wird. Man schlägt mit dem Stahl den scharf- 791 kantigen Feuerstein derart rasch ab, daß durch die geschwinde Bewegung des ersteren und die schneidenden Steinkanten kleine Splitterchen von der Fläche des Stahles abgehoben werden. Diese werden nun durch die Reibung derartig erhitzt, daß sie als glühende Funken herunterfallen und den Zunder (meist Feuerfchwamm — gekochter und mit Salpetersäure behandelter Baumpilz) zum Glimmen bringen. Zu den Feuererzeugern gehören ferner die Brenngläser und Brennspicgel, die schon den alten Traciern bekannt gewesen sein sollen. In Deutschland sind sie seit dem 13. Jahrhundert gebraucht worden, erlangten aber erst im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts in Folge billigerer Herstellung eine allgemeinere Verbreitung, um indeß schon bald durch die chemischen Feuerzeuge verdrängt zu werden. Fürstenberger in Basel erfand 1780 das elektrische Feuerzeug, bestehend aus einem Gefäße, worin aus Zink und verdünnter Schwefelsäure, Wasserstoffgas entwickelt wurde, das sich durch den Funken eines Elektrophors in dem Augenblicke entzündete, da es nach Umdrehung eines Hahnes aus einer feinen Qeffnung hervorströmte. Diese Flamme entzündete dann den Docht eines an der Maschine angebrachten Wachsstockes. Viel vollkommener war das Döbereiner'sche Platinfeuerzeug, das eine große Verbreitung fand und vielleicht wohl noch von einzelnen unserer älteren Leser benutzt worden ist. Der Professer der Chemie Johann Wolfgang Döbrreiner machte im Jahre 1832 die Entdeckung, daß Platinaschwamm brennbare, mit athmosphä- rischer Luft oder Sauerstoffgas gemengte Gasarten zu entzünden vermag, wobei er selbst in's Glühen geräth, und benutzte daL zu einer sinnreichen Modifikation der elektrischen Zündmaschienen. Das bereits gegen Ende des vorigen Jahrhunderts von Dumontier erfundene pneumatische Feuerzeug bestand aus einer starken, unten verschlossenen Glasröhre, worin sich ein Kolben luftdicht auf- und niederbewegte. Im Raume unter dem Kolben befand sich ein Feuerfchwamm. Stieß man nun kräftig den Kolben gegen den Boden der Röhre, so wurde durch die plötzliche Kompression der eingeschlossenen Luft so viel Wärme erzeugt, daß der Feuerfchwamm sich entzündete, mit dem man alsdann einen Schwefelspan oder die Pfeife anzünden konnte. Bet den Dayaks auf Borneo findet man pneumatische Feuerzeuge aus Bambus; nach Bastian sind solche auch in Birma im Gebrauch. Vorläufer unserer Zündhölzchen waren die um 1820 ziemlich allgemein gebräuchlichen Tunk- oder Tauchfeuerzeuge, die auf der, 1806 von Berthollet gemachten Entdeckung beruhten, daß bei der Zersetzung von chlorsaurem Kali und Schwefelsäure zugleich anwesende brennbare Körper sich leicht entzünden. Dadurch kam man auf die Herstellung eines Feuerzeuges, das außerordentlich beliebt wurde und dies bis zum Siege der Phosphorfeuerzeuge auch blieb. NaheVerwandtschaft. „KennenSie dieseDawc?" — „Freilich; sie ist ja mit mir verwandt." — „Wieso denn?" — „Nun, sie ist die Kaffeeschmester meiner Frau." Erklärt. Frau: „Was machst Du für ein bärbeißiges Gesicht?" Mann: „Entschuldige, das wird sich gleich wieder geben ... ich habe den ganzen Tag Mahnbriefe geschrieben!" -—«cSKSs---- Der Kinderftermd. „Laßt die Kindlein zu mir kommen, Wehrt den lieben Kleinen nicht!" So der Herr zum Trost der Frommen Nach vollbrachtem Tagwerk spricht. Die Apostel zwar, sie wollen, Daß die frommen Mütter gch'n, Doch da hilft kein Ach, kein Grollen, Jesus will die Kinder seh'n. Und die Kinder freudig kommen Zu dem lieben Kinderfreund, Der die Kleinen heißt willkommen Und am Herzen sie Vereint. L. Burkard. Der heil. Franz Xaver. In den Notizen im Unterhattungsblatt Nr. 99 über St. Xaver sind einige Unrichtigkeiten unterlaufen. Das Schloß, in dem der hl. Franz Xaver am 7. April 1506 geboren wurde, heißt Xaver (oder Xavier). Als der hl. Jgnatius von Loyola in PariS ankam um seine Studien zu beginnen, war Franz Xaver bereits Docent der Philosophie Seit 151.9 waren Beide Zimmergenossen. Am 15. August 1534 legte Franz Xaver mit JgnatiuS und fünf Anderen die Gelübde ab. Daß Franz Xaver mit Jgnatius den Plan zur Gründung der Gesellschaft Jesu entworfen habe, ist nicht richtig; dieser Plan war das ausschließliche Werk des hl. Jgnatius. In Brasilien war der hl. Franz Xaver niemals als Missionär thätig. Er starb am 2. Dezember 1552 auf der Insel Sancian, von wo er nach China einzudringen beabsichtigte. Sein Leichnam wurde von dorr nach Malakka, dann nach Goa in Indien verbracht, wo er in unverwestem Zustand am 16. März 1554 ankam Paul V. sprach Franz Xaver am 25. Okt. I61S selig, Gregor XV. am 12 März 1622 heilig, aber erst Urban VIII. erließ am 6. August 1623 die Canouisationsbulle. Auflösung des Ergänzungsräthsels in Nr. 101: Glück ist wie ein Sonncnbiick; Erst, wenn eS vergangen, Erst in Leid und Bangen Denkt ein Herz und fühlt eS klar, Daß eS einmal glücklich war.(Greif.) (Lllo Recdt« vorbüds.lLsn.1 Xrrelrrielrloi» an« äer Geliaelivvelt. vorlin.— Im Lebacbvereiu „dentrnm" gab am 8. Nov. Herr v. vardelsben eins Limultan Vorstellung. Er spielt« gleiobreitig 23 kartien, von denen er 18 Fei.vs.nn, 1 verlor nnd 4 remis msckte. — IVien. — Im KVettkampkEnglisob-killsbnrx wurden slls 5 kartien remis. — Die kreise bei dem im dienen IViener Lebaebklnb ansgekoebtenen knruior betrugen 300, 200, 175, 150, 125 nnä 100 Eronsn. vor ausgesetzte Lporialpreis von 50 Lronen kür äis sebönsto ksrtis wurde nwiseben den Herren Nies es nnd danowski getbeilt, navbdein das domitü deren kartien gegen danowski berw. Klares als glciebwertbig eraebtete. David danowski, der erste Lieger in dem Leobsineisterkampt ist 1868 rn KValkowisk, Le- rirk 6rodno in kolon, geboren nnd lobt seit 1891 Ln karis, wo er unter der Kleistergilde des Oakü de la Regenco (dcotr, L. de Riviere, Littenkeld, i'aubenliaus etc.) eine bervorragendo Ltells einnimmt. -- Der Einsatr im KVettkampk danowski- KVinawer betrug 500 Eronvu von jeder Leite, liiern kommt vom Heuen IViener Lebaebklnb ein Honorar von 60 Erouen pro knriio, nämlieb kür den dewinuer 40, den Verlierer 20 Eronen, bei Remis .ledern 30 Eronen. Ver IVettkampk begann am 16. November nnd endete am 25. November rn dunsten von danowski, der 5 kartieen gewann, wäbrond sein deiner es ank 2 dewinnpartivn braebte. ver Lusgang des KVettkampkes ist ein neuer Loweis dakür, dass die grössere Erkabrnng und das gereikters Ilrtbeil des Liters keinen genügenden Ersatr bieten kür die Elasticität der dugsnd. — Limon KVinawer ist am 6. Llärr 1838 ?.u IVarsebau geboren, somit 30 dabrs älter als sein jngendlieber degner. — bloskau. — vor bisberige Verdank desIVsttkampks» Vasker - 8 teinitr ist kür Vetrteren überaus ungünstig. L!s- ber wurden 6 kartien gespielt; bievon gewann Vasker 5, Lteinitr 0, 1 blieb remis. An dem ungünstigen Resultats 792 trägt siekorliek nickt wenig die Hartnäckigkeit der, mit woleker 8teinit7 an gewissen Lrüffnungcn kestbält, kür die er eine besondere Vorliebe bat, obwokl sie rweikellos uuvortkcil- kakt sind. 80 versuekto er in der 1. und 3. kartie rweimal die Variante 7.8bl—e3 in der italienisekcn kartie, wokl ver- tükrt durcli äen glänzenden 8ieg, äsn er damit zu Ilastings über v. Rardeleben davontrug. Der Llnterseliied ist jedock der, dass «lamals v Rardeleben unvermutket mit dieser 7'ariante zu tkun bekam. wäbrend diesmal Laster offenbar woklgerüstet gegen diese 8pielweise auf denklan trat, wie seine eclatante Widerlegung derselbe» beweist. klit derselben übelangebrackten Konsequenz wäklto 8teinitz in der 2. und 4. kartio die minder- wertliigs Vertkeidigung 3. L18 - c5 und 4. 8g8—o7 in äer spanisclmn kartio unä orsckwerte sieb äamit unnützerwciso äen otinoäies warten 8tanä gegen einen so spielgewandten Oegnsr. Das niedersekmotterndo Resultat äer vier ersten kartien krackte 8teinitz endliek doeb dazu, in äer 5. kartio eine andere Urüfknung zu wäklen. Ur wäklto äas Damen- gambit. äas er vortrefflieli bebandelto, so äass er zweifellosen Vor^li il erlangte, welekon er jedock nickt vollständig auszunützen w><-ste, so äass es sekliessliek Lasker gelang, Remis zu erzielen. ln äer socbsten kartio wandte Lasker seinerseits äio italieniscke Urüiknung an, welcko er im Oegensatz zu 8teinitz in rulng saeblicker Weise so treiklick bebandelto, äass er seinen 6egnor nack dürrer Teit scbon in eine bedrängte 8tellung l>rael>te, Vom 46. bis 48. Auge brauchte 8toinitz (?.» ärei tilgen) mekr als eins 8tunäe, so äass ünn äio kartie wegen Teitübersekreitung als verloren angereeknet wurde. Lasker verziektsto inäess bekanntlick auf äio 6ut- sckrikt unä wurde äie kartie äemgemäss ausgespielt. 8teinitz konnte dieselbe jedock nur noeb weitere 10 Tilge kalten unä musste sie dann dock als verloren aufgeben. Damit war äie erste Hälfte des Wettkampkes mit einer vollständigen Niederlage von 8teinitz beendet. Tur Teit berrsebt äie verabredete achttägige kause, äie aber mvgliekerweiso äureb das derzeitige Llnwoklsein von 8toinitz eine Verlängerung er- kabren kann. — Der Wottkampk wird in dem elegant oin- geriebteten unä elektrisck beleucbteten Locals des kloskauer Lerztevereins (grosse Dmitrovka, Daus Rllis) gespielt. Doiäo Kleister baben ibren klatz auf einer grossen 6oneert-Lstra.de, wäbronä äie Tusekauer äie Tügo auf einem grossen Demon- strations-8cbacbbrett veransebauliedt erkalten. Das Untres keträgt für kliiglieder unä 6äste jeweils 2 Rubel, äeäor äer beiden Kleister musste einen Umsatz von 500 Rubel erlogen. Der8ieger erkält 2000, äer Unterliegende 1000 Rubel, ausserdem freie Verpflegung, Reise unä Lukentkalt. Die 8pieltage Lind Llontag, klittwock unä kreitag (von 7 Ilkr Abends bis 2 Lbr Naekts mit einstünäiger kause). In äor8tunäe müssen 15 Tilge goniackt werden. — Wir bringen kouto die fünfte kartio und von äer 1., 3., 4., sowie 6. kartio äie 8ekluss- stollungen. — kotersburg. — Die kotersburgor 8ekackkroiso geben damit um, noek in diesem Sinter einen Wottkampk zwischen Isokigörio unä killsbury oder Isekigörin unä dem kloskauer 8ieger (also voraussiektliek mit Lasker) zu veranstalten. Lasker bat sick kiezu bereits erbötig gezeigt, verlangt jodoeb einen Umsatz von mindestens 4000 Rubel (10,500 klark)! Ob bei dieser Kokon koräerung äer klatek zu 8tanäe kommt, dürfte noek kragliek sein. Der riektigo Oegnor für Dasker sekeint übrigens naek unserem Dafürbalten killsbur^ 2U sein, welckor der oivLigo Kleister ist, der bisker gegen Dasker in Vortkeil blieb, (llastiugs: killsburx 0, Dasker 1; kotersburg: killsbur)'3'/„ Dasker2'/r; Nürnberg: killsbur)' 1, Dasker 0; somit killsbur? 4'/z ru Dasker Z'/z.) Resten Dank kür Ikro liebenswürdig anerkennenden Teilen! KVir kolken, 8io auck ferner ru unseren eifrigen 8ekackfreunden räklen r.u dürfen! — Die Namen jener Lekackkreundo, weleke unsere Lnäspiels und kroblome riektig lösen, sowie äio Rösungon innorkalb ^ rvi VVoeken einsenden, werden stets an dieser 8telle ver- odentliekt. L.IIos auk das8ekackLerüglicko ist ausnakmslos rn adressiren: „Ln die Redaction des Lugskni ger 8eknek- blktt — 6akv Lugnst» — Lngsbnrg." "WA kartie Nr. 9. (5. kartie des KVettkampkss.) L> -S W eiss: 8teinit?! (New-Vork). Lckwarr: lkasker (London). dk >2 Weiss: 8teinit7 (New-Vork). 8 o k w a r 7 : Lasker (London). 1 d2-d4 d7—d5 21 Ro4—g6 Ld8—k8 2 e2—c4 e7—-06 22 '1'al—bl Dc5—g5 3 8K1-c3 8g3-k6 23 Rg6—e2 118-113 4 Del—gö Rk8-ö7 24 VK7—ei Ll6-e5 5 v2—e3 0-0 25 Ikl-dl Le5XK2-j- 6 Vdl-b3 d5Xc4 26 Kgl-kl 17—15(e) 7 DklXcd e7—cö(a) 27 rb1Xb7-j- Lc8XK7 8 d4Xe5 Vd8—a5 28 DoiXb?!- Xe7—k6 9 8gl—k3 Da5Xe5 29 8ä4X«6 Vg5—g8(d) 10 Ö-O 8b8-c6 30 8e6-d4 1a8-d8 11 Re4—d3 8e6-b4 31 Rc2Xkö LK2—e5 12 I-göXkO g7Xk6 32 Rk5-e4 Vg8—e4j 13 Rd3—K1 1't8-d8 33 Rs4-d3 De4Xc3 14 a2—a3 8b4-d5 34 DK7—e4 Lo5Xd4 15 VK3—c2 k6-15 35 e3Xd4 De3Xd4 16 8k3-d4 De7-k6 36 De4—göj' K16-e7 17 g2—g4(b) 8ä5XcS 37 Idl-et!- No7—18 18 b2Xc3 k5Xg4 38 Dg6—kö'i' K18-g8 19 ve2Xk7j- Kg8-k8 39 Vk5—e6f Lg8-18 20 Dbl—e4 IM—o7 Remis äureb, ewig" 8ekack. a) Lin etwas umständlickes klanöver. b) Lin wokläurcddaekter, energisoker Lngritfsrug. e) Rasker siebt ein, dass er dem gegueriseken LngriL ein Opker bringen müsse. 8teinitr sollte nun mit 27. 8d4>!u888tnnd der dritten kartie: Weiss (8teinit?): KK2, Vd2, kkl, Rg5; Ra4, e3, d4, k5, K3 8ckwarr (Rasker): Kb7, Vd5, 1g8,1-e6; Lad, K6, o7, e4, K4 (drokt '1g8XAS). 8eliln888tnud der vierten kartie: Weiss (Rasker): Ka7, 'kg4, 8e4; Lab, K4, K7. Lekwarr (8toinitr): Ke8, 1K8, Re2; Re7, e6. 8okln888tnnd der seellstvn kartie: Weiss (Dasker): KK2, Vc6, 8a4, K5; RK3, e2, dö, e4, g4, 8ekwara (Lteinitr): Ke8, DK8, "IK7, RK7; La7, eö, g5. Lukgabe Nr. 7. r-r T'o- 8ekwar7. « 11)3 1896 . „Augsburger postzritung". Dinstag, den 15. Dezember Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabberr in Augsburg lBorbesitzer vr. Max Huttler). Ihr erster Roman. Novelle von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) IV. „Station Thäte! Alles aussteigen!" „Otto, wir sind am Ziele! Hörst Du nicht? Nun, so kehre doch endlich in die Wirklichkeit zurück!" Doktor Hesse begleitete die letzten Worte mit einem ziemlich energischen Schlag auf die Schulter des Freundes. Freiherr von Saarstein klappte mit tiefem Athemzuge das Buch zu, das er nun schon zum drittenmale las, schaute im Etsenbahncoups umher und sagte noch halb wie im Traume: „Du hast Recht, Georg, diese eigenartige Dichtung versetzt mich förmlich in eine andere Welt. Aber ich müßte nicht selbst Schriftsteller sein, um mich dem Reize des Einblicks, der mir in die Gemüthswelt dieser edlen Frauenseele offen steht, entziehen zu können. Ich fühle es, die junge Dichterin hat ihr eigenes Ich lo ganz und gar mit der Heldin ihres Romans verwebt, daß ihre tiefsten Empfindungen, ja ihr ganzes Wesen und Sein aufgeschlossen vor mir liegt. Alle ihre Gedanken finden Widerhall in meiner Seel-, als ob es die meinen wären. Ich verstehe sie vollkommen, ja ich glaube sie zu kennen, wie mich selbst. Die Wahrheit und Treue, womit das wunderbare Wesen in dem Helden ihrer Schöpfung meinen Charakter schildert — freilich tdealisirt, doch mit den kleinsten Eigenthümlichkeiten — macht mich vollends fassungslos. Es ist, als ob ich mein eigenes Bild in einem Zauberspiegel sähe. Unmöglich, daß sie mich nur aus meinen Schriften kennt, in die ich allerdings ein großes Stück meiner Lebensgeschichte hineingewebt habe; wir müssen uns häufig begegnet sein. Doch wer ist sie? Wo und wann standen wir uns nahe?" Während dieser Rede hatte Saarstein seine Reiseeffekten zusammengesucht und war dem Freunde ins Freie gefolgt. Dieser hatte nur mit halbem Ohr seinen Worten gelauscht und entgegnete ziemlich zerstreut: „Nun, die romantische Geschichte wird sich doch endlich einmal aufklären. Wohin sollen wir hier denn eigentlich unsere Schritte lenken?" „Ohne Zögern nach der Roßtrappe. Dort finde ich den erhofften Brief, das ahne ich, das sagt wir die eigenthümliche, nicht zu bezwingende Sehnsucht, womit ich nach jenem mir unbekannten Ort verlange", lautete die Antwort. Georg schüttelte lächelnd den Kopf. „Wenn Du mit Ahnungen Dich abzugeben beginnst, so wird der letzte Rest von Vernunft Dich bald ganz verlassen haben." Durch die unliebsamen Erfahrungen am Renneken- berg doppelt vorsichtig geworden, sah man sich auf dem Bahnhof nach einem Führer um. Bald war einer gefunden in der vertrauenerweckenden Person des rühmlichst bekannten „alten Hartmann". Unter der Leitung des treuherzigen Alten traten unsere Freunde jetzt in das hochromantische Bodethal. Wer vermag die wunderbare Schönheit zu schildern, welche sich ihren Blicken dort enthüllte! Die weiche, goldene Septembersonne lagerte mit zauberischem Lichte auf dem buntgefärbten Laube, das zwischen den grotesken wilden Felsgebtlden freundlich hervorlugte, beleuchtete die abenteuerlichen Formen der auf allen Seiten dräuend zum Himmel starrenden, gewaltigen schwarzen Steinmassen und stahl sich zitternd hinab in die tiefste Thalsohle. wo der schäumende Bach zwischen mächtigen schwarzen Felsblöcken dahinbrauste. Das Thal in seiner majestätisch düstern Schönheit stimmt auch bei der sonnigsten Beleuchtung die Menschenseele zum Ernst. Es weht etwas Gcheimnißvollcs, Uebermenschlichcs um diese wunderbaren Felsenklüfte mit ihrem feierlichen, regungslosen Schweigen. Kein Wunder, daß die Phantasie des Volkes den Fürsten der Finsterniß in diesem Schattenreiche herrschen läßt. Man findet hier eine „Teufelskanzel", ein „Teufelswaschbecken". eine „Teuselsbrücke", ja, den leibhaftigen Bösen selbst, versteinert in unendlicher Größe. Unter der Anführung des biederen Thalensers wandten unsere Reisenden sich bald der sogenannten „Schurre", einem Zickzackwege, zu, welcher sie nach einer halben Stunde auf die Höhe der gewaltigen Roßtrapp- kltppen brachte. Die wechselnde Aussicht nach dem imposanten düstern Felsenthale mit der wildschäumenden Bode, sowie nach der weiten, sonnigen, duftblauen Ebene mit ihren vielen Städten war entzückend. Doch Otto, der begeisterte Naturfreund, bemerkte heute nur wenig von der ihn umgebenden Pracht. Seit dem Tage, an welchem er die ersten Seiten des Romans „Auf der Höhe" gelesen, stand nur ein Bild, das Bild einer idealen Frauengestalt voll Anmuth und Würde, vor seinem geistigen Auge. Er kannte nur mehr einen Wunsch, der liebenswürdigen Dichterin, welche seine Einbildungskraft mit allen Vorzügen edler Weiblichkeit schmückte, welche ihm 794 geistig so rohe stand, auch persönlich nahe zu treten. Zu seinem tiefsten Leidwesen aber hatte er mit dem Roman zugleich einen Brief des Verlegers empfangen, worin dieser sein Bedauern darüber aussprach, ihm die Adresse der Schriftstellerin nicht verrathen zu dürfen. Nach kurzem Ueberlegen fand Saarstein einen Umweg zu ihr. Er schrieb an „Ilse Treuenfels", erzählte ihr von dem Fund des Tagebuches, bekannte freimüthig seine Indiskretion, schilderte den mächtigen Eindruck, den ihr geschriebenes Wort auf seine Seele gemacht, gestand, wie er dann unablässig nach ihr geforscht. Wie er endlich ihren Roman „Auf der Höhe" kennen gelernt, der sein Herz bewegt habe, wie nie etwas im Leben. Wie nun all' sein Wünschen in dem Verlangen gipfele, ihr Auge in Auge gegenüberzustehen, ihr, die seine Gedanken, seine Phantasie, sein Herz so ganz gefangen nehme. Am Schlüsse beschwor er sie, ihm zu schreiben, ihm die Möglichkeit zu geben, ihr seine Bewunderung persönlich aus- zusprechen. Diesen Brief sandte er als geschlossene Einlage an den Verleger und bat ihn, denselben an die richtige Adresse zu befördern. Als seinen eigenen Aufenthaltsort in nächster Zeit gab er die Roßtrappe bei Thale an. Die Verfolgung hatte er aufgegeben, da er die vergebliche Mühe eines noch längeren Forschens und Umher- spähens erkannt hatte; mit der ganzen Ungeduld seines Herzens aber hoffte er nun auf ein schriftliches Lebenszeichen von ihr. Da stand er auf dem schönsten, romantischsten Punkte des ganzen Harzgebirges, doch sein Auge blieb blind für die großartige Umgebung; die ungestüme Sehnsucht nach einem Zeichen von ihr ließ ihm keine Freude an dem ruhigen Genuß der Landschaft, trieb ihn rastlos vorwärts. Mit beflügelten Schritten eilte er den Andern voraus zum nahen Gasthause. „Kein Brief für Freihcrrn von Saarstein angekommen?" war seine erste Frage. „Saarstein, Saarstein!" murmelte der dienstthuende Kellner, indem er eine Anzahl Briefe aus einem verschlossenen Fache nahm und durchmusterte. „Doch, hier ist einer." Die Aufschrift des Briefes war wirklich von der Hand des Verlegers. Hastig zerriß Otto die Umhüllung, und stehe da, die bekannte zierliche und doch so energische Handschrift der Verfasserin des Tagebuches kam zum Vorschein. Fast athemlos vor Freude verlangte Saarstein sofort sein Zimmer und eilte hinauf. Mit dem Gefühle überströmenden Glückes begann er zu lesen, doch der freudige Ausdruck seiner Züge machte bald dem der Enttäuschung und Niedergeschlagenheit Platz. Der Brief lautete: „ES gereicht mir beinahe zum Trost, daß gerade Sie und nicht ein unberufener Fremder mein unseliges Tagebuch fanöen. Doch ein ausschließliches Gefühl — die Beschämung hat mich noch viel mächtiger ergriffen. Sie werden verstehen, wie der Gedanke, daß Ihnen mein innerstes Seelenleben, das sorgsam gehütete Geheimniß meines Herzens, rückhaltlos enthüllt ist, es dringend gebietet, meinen wahren Namen, mich selbst vor Ihnen zu verbergen. Wie vermöchte ich es auch, Ihnen ruhig gegenüberzutreten und die Enttäuschung bei meinem Anblick in Ihren Augen zu lesen l Sie glauben, mich zu kennen, mich zu lieben! Welch' ein Wahn! „Aus meinen Schriften haben Sie sich eine ideale Phantasiegestalt gebildet und glauben an die Gluth Ihrer Empfindung wie an die Wahrheit der selbstgeschaffenen Traumgestalt. Wenn ich Ihnen begegnete, so fänden Sie, das weiß ich gewiß, eine vollständig Andere, als das geträumte, Ihnen so vertraute Wesen. Sie würden mir vielleicht ein wenig Mitleid weihen und sich dann mit Gleichgiltigkeit, möglicherweise sogar mit Abneigung von mir wenden. Das ertrüge ich nicht! Lassen Sie mich ferne bleiben, lassen Sie mir den Sonnenstrahl meines Lebens, das beglückende Bewußtsein, daß wenigstens mein unsichtbares Ich, meine Seele, von Ihnen geliebt werde. Uns Frauen macht die Liebe ja unser höchstes Glück aus, umschließt unser ganzes Dasein, während sie Euch Männern nur eine Episode ist. Warum soll ich es leugnen, Sie wissen es ja, daß ich Sie liebe — den hochherzigen, edlen Mann, nicht nur den so mächtig fesselnden Schriftsteller daß ich Sie liebe und verehre mit der ganzen Schwärmerei eines jungen Herzens. Nichts in der Welt jedoch hätte Ihnen meine Liebe verrathen, wenn nicht das Verhängniß Ihnen einen Einblick in mein Herz eröffnet hätte. Meinen wahren Namen nenne ich Ihnen nie; denn ich möchte lieber sterben, als der Gegenstand Ihres Mitleids sein. Forschen Sie nicht nach mir, es wäre vergebens. Leben Sie wohl. Möge der Himmel Sie glücklich machen! Meine heißesten Segenswünsche und Gebete werden Ihnen das Geleite geben, so lange ich athme. Ilse Treuenfels." Nachdem Otto den Brief erst in namenloser Spannung verschlungen, dann wieder und wieder nachdenklich und kopfschüttelnd gelesen, flog ein Lächeln über seine Züge. „Glaubt sie wirklich, daß ich mich thatlos zufriedengebe, daß ich mich mit einer anonymen Liebe begnüge?" flüsterte er. „Nein, o nein, ich müßte kein rechter Mann sein, wenn der Widerstand sie mir nicht noch begehrens- werther erscheinen ließe, mich nicht anspornte, alle Hindernisse, die mich von ihr trennen, siegreich zu überwinden. Es liegt ein unendlicher Zauber für mich in dem Gedanken, sie dennoch zu finden, sie für mich zu gewinnen. Eigenthümlich .... auch ihr Brief deutet an, daß sie mich persönlich — nicht nur als Schriftsteller — kennt, deutet an, daß ich ihr beim Begegnen Gleichgiltigkeit gezeigt habe. Ja, ja, es ist efn peinlicher Punkt in der Frauenltebe; Liebe beherrscht das ganze Leben des Weibes, Liebe ist ihr Ziel, ihr Glück; und dennoch muß die Frau, will sie nicht der Sitte Hohn sprechen, will sie nicht für unweiblich gelten, dem geliebten Manne sorgfältig ihre Neigung verbergen, es sei denn, daß die Liebe zufällig gegenseitig ist und er ihr zuerst seine Gefühle gesteht. Armes Kind! Nun, da ich einen Blick in Dein Herz gethan, werde ich die Welt durchforschen, um Dich zu finden. Mit namenloser Sehnsucht zieht es mich zu Dir; ich habe Dich verstanden, wie Du von niemand in der Welt besser verstanden werden könntest." Der Eingebung des Augenblickes folgend, setzte er sich flugs an den Tisch und schrieb: „Selten habe ich das Eingreifen einer höhern Macht, die unsere Geschicke lenkt, so dankbar empfunden, als in der wundersamen Fügung, die mir Ihr Tagebuch in die Hand spielte, die mir Ihr ganzes schönes Herz enthüllte. Und Sie könnten so grausam sein, sich noch länger vor mir zu verbergen? Sie wollten mir das höchste Glück, das Glück, Sie kennen zu lernen, versagen? — O, ich weiß, ein überfeines Gefühl edler Weiblichkeit leitet Sie hierin; ich errathe, was in Ihrer Seele vorgeht, ich verstehe Sie ja wie mich selber. Doch es ist unnatürlich, daß wir uns niemals Auge in Auge gegenüberstehen sollen, wir, die das Geschick so wunderbar zu einander hinführt. Seit ich die ersten Zeilen Ihrer Aufzeichnungen las, haben Ihre Worte mir unaufhörlich durch die Seele nachgeklungen. Seit ich in der Betrachtung der holden Schöpfung Ihres Geistes einen Genuß fand, der mein ganzes Wesen mit Entzücken durchdrang, waren Sie die Königin meiner Träume, das Ziel meines Sehnens. Es macht mich wahrhaft unglücklich, ein Wesen, das mir so ähnlich ist, mir geistig so nahe steht, das ich ! muß. die mich entzücken, während die vollendetste äußere Schönheit allein keinen Reiz auf mich auszuüben vermöchte. Mit dem heißen Wunsche, Ihnen bald wehr sein zu dürfen, als heute, wo Ihr Wille mich in ferne Schrankn bannt, bin ich Ihr Freund Otto v. Saarstein." Er verschloß den Brief, richtete einige Zeilen an den Verleger und steckte Alles zusammen in ein größeres Couvert. * * * V. Auf dem Weihnachtsmarkt. mit heißer Liebe und inniger Verehrung an mein Herz ziehen möchte, ohne körperliche Form zu wissen. Die Liebe muß, wie Jean Paul sagt, etwas Körperliches haben, einen Zweig, auf den sie herunterfliegt. Senden Sie mir wenigstens diesen Zweig — Ihre Photographie. Fürchten Sie nicht, daß Ihr Bild anders sei, als das, welches meine Phantasie mir ausmalte. Harmonie zwischen Wesen und Erscheinung muß bestehen, eine andere vielleicht, als ich träumte, aber immerhin eine mich freundlich berührende. Ich weiß ja, daß die Schönheit Ihrer Seele auch durch die unscheinbarste Hülle Strahlen werfen Am folgenden Morgen ward in aller Frühe ein Ausflug nach dem unfernen Blankenburg unternommen. Als unsere Freunde im Laufe des Nachmittags wieder nach dem Gasthause zur Roß- trappe zurückkamen, woselbst sie längeren Aufenthalt nehmen wollten, gewahrten sie in der nahen Veranda zwei junge Damen häuslich angesiedelt. Die zunächst Sitzende, eine kleine, zierliche Blondine mit feinen, etwas bleichen Zügen, schien emsig mit einer Handarbeit beschäftigt. Otto's Auge, welches einen Moment überrascht auf ihr geruht, flog über sie hinweg, um mit dem Ausdruck frohen Staunens auf der reizen den Frauen- gestalt zu haften, die unbeschreiblich unmuthig in einem Schaukelstuhle lag und mit großen, dunklen Augen in die Ferne starrte, während ein Buch, in dem sie gelesen hatte, in ihrem Schooße ruhte. Dunkel war das kurze Gelocke, welches so graziös über ihre schöne Stirn fiel, zierlich das feine Stutz- näschen, wie eine frische erschlossene Granatblüthe leuchtete der kleine, rothe Mund. Beim Erscheinen Saarstein's zuckte sie leicht zusammen; als beider Blicke sich begegneten, flog eine dunkle Nöthe über das pikante Gestchtchen, und aus ihren lebensprühenden Augen flammte ein Blitz, der den Freiherrn mit plötzlichem Licht eigenthümlich bis in's Innerste traf. Er eilte auf sie zu. „Täuscht wich eine Fata Morgana, oder sind Sie's wirklich, Frau v. Elz?" ^rief er aus. ^ „Ich bin's." Sie bot ihm die Hand fund lachte, wobei zwei Reihen blendend- " " -". ,:.Lweißer Zähnchen zum Vorschein kamen. „PhantastischcLuftgebilde verirren sich nicht in das nüchterne, ernst-gravitätische Harzgebirge." Er zog ihre Hand an seine Lippen. (Fortsetzung folgt.) Das Schlange »äuge. (Schluß.) Während ich den Brief las, stand Gopinath mit verschränkten Armen einige Schritte von mir entfernt. Ich sah ihn an und sogleich fiel mir eine große Veränderung in seiner Erscheinung auf. Als ich ihn zum letztenmale gesehen, war er mir als ein besonders schöner Vertreter seiner Race erschienen — schlank und kräftig, mit wundervollen geschmeidigen Gliedern. Jetzt war sein Gesicht verzerrt, seine Augen hatten jenen Ausdruck der Angst, den ich schon öfters in den Augen eines leidenden Hundes beobachtet hatte, seine Gestalt war gebeugt, und in Zwischen- räumen entfuhren seinen Lippen langgezogene Seufzer. „Du bjst krank, Gopinath", sagte ich unvermittelt zu ihm. „Sahib, ich leide", antwortete er. Bei diesen Worten drückte er seine rechte Hand an seine Seite. „Ich leide Todesangst." „Gib mir deine Hand I" Ich nahm sie in die meinige. Sein Puls ging schnell und unregelmäßig; seine Haut war brennend heiß; er war augenscheinlich sehr krank, und ich glaubte, er sei einem orientalischen Fieber zum Opfer gefallen. „Bei jedem Athemzuge leide ich unsägliche S hmerzen", sprach er stöhnend. Ich bot ihm einen Stuhl an, er aber setzte sich mit überschlagenen Beinen auf den Boden. „Können Sie mir Erleichterung verschaffen?" fragte er. „Man sagt, Sie verstehen die Kunst zu heilen." „Es wäre besser, wenn du einen Arzt zu Rathe ziehen wolltest," sagte ich. Er schloß die Augen und begann sich nach vor- und rückwärts zu beugen. „Ich brauche keinen englischen Doktor, die ungewohnte Kälte in diesem England verursacht mein Leiden. Ich muß in mein Vaterland zurückkehren. Ich sterbe, wenn ich noch länger hier bleibe." Er fuhr mit der Hand wiederum nach seiner rechten Seite. Bei dieser Bewegung durchkreuzte plötzlich ein Gedanke mein Gehirn. Sein tiefer Kummer, die vollständige Veränderung in seiner Erscheinung erweckten in mir eine wilde Hoffnung. Der Verdacht des Mordes war noch nicht auf Gopinath gefallen. Gesetzt, er wüßte darüber mehr als irgend ein anderer? Ich zweifelte nicht im Geringsten, daß die Person, die den Diamanten gestohlen, auch den Mord begangen habe. Gesetzt, die Versuchung, den Stein sich anzueignen, sei für Gopinath zu viel gewesen? „Steh' auf", sagte ich plötzlich zu ihm. „Du hast hier Schmerzen?" Ich deutete auf seine rechte Seite. „Qualen", erwiderte er. Ich sah, daß er sich kaum aufrecht halten konnte — sein Leiden wenigstens war keine Verstellung. „Ich werde herausbringen, was dir fehlt." „Können Sie mir helfen?" fragte er. Ein schwacher Hoffnungsschimmer blitzte in seinen Augen auf. „Vielleicht. Bleibe einen Augenblick da stehen; ich werde gleich wieder hier sein. Ich verließ ihn und ging in mein Laboratorium. Der Moment war gekommen, in welchem ich wirklich die Röntgen-Strahlen erproben konnte. War es möglich, daß sie vielleicht doch das Mittel sein konnten, ein Verbrechen zu enthüllen und das Leben eines Unschuldigen zu retten? — Crooke's Vacuumröhre wurde in die richtige Lage gebracht — ich sah, daß die Strahlen gut arbeiteten — dann kehrte ich zu Gopinath zurück. „Komm' mit mir." Er folgte mir in mein Laboratorium ohne ein Wort zu sprechen. Ich bat ihn, sich zu entkleiden und stellte ihn dann nach einigen vergeblichen Versuchen so auf, daß die Strahlen seinen Körper durchdringen mußten. Ich drehte das Licht in dem Zimmer ab — meine elektrische Batterie arbeitete gut, die Strahlen entwickelten sich in der Röhre vortrefflich. Ich entfernte die Kapsel von der Camera, und nach einer Exposittonszeit von?—10 Minuten fühlte ich, daß ich eine sorgfältige Photographie gewonnen hatte. „Es genügt," sagte ich zu Gopinath. Ich führte ihn in die Bibliothek zurück. „Ich habe dich photo- graphirt, und die Aufnahme wird mir den Sitz deiner Krankheit zeigen. Sobald ich die Photographie entwickelt habe, werde ich zu dir zurückkommen." Darauf kehrte ich in meine Dunkelkammer zurück und entwickelte schnell die Platte. Nachdem ich dieses gethan und wirklich das sah, was die geheimnißvollen X-Strahlen hervorgebracht hatten, konnte ich^ kaum einen lauten, freudigen Ruf unterdrücken. Das Skelett des Brahmanen war deutlich sichtbar, und genau an der Stelle, an welcher Gopinath hauptsächlich über Schmerzen klagte, konnte man einen Fremdkörper von der ungefähren Größe des Schlangenauges unterscheiden. Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, daß dies die goldene Fassung des Diamanten sei, da dieser selbst auf die X-Strahlen jedenfalls nicht reagirte. Es war dies nicht das erste Mal, daß der menschliche Körper zum Versteck eines gestohlenen Gegenstandes gedient hatte. Ich kehrte zu dem Kranken zurück, sagte ihm, daß ich die Ursache seiner Krankheit herausbekommen und daß ich ihm wahrscheinlich binnen kurzer Zeit Erleichterung verschaffen könne. Er hatte derartige Schmerzen, daß er kaum auf meine Worte achtete und augenscheinlich gar keinen Verdacht schöpfte. Ich ging dann fort und kam nach kurzer Zeit mit Lord Attrill und einem sehr geschickten Arzte, Namens Symes zurück. Ich zeigte den beiden Herren die Photographie. Ihr Erstaunen war grenzenlos. „Der Unglückliche leidet an Peritonitis", sagte der Arzt, indem er die Photographie aufmerksam betrachtete. „Natürlich müssen wir erst den Gegenstand entfernen; aber ich glaube nicht, daß er es aushalten wird. Wenn es nicht gleich geschieht, ist er unrettbar verloren." „Die Hauptsache ist, ein Bekenntniß von ihm zu erzwingen", sagte Lord Attrill. „Kommen Sie jetzt mit mir, meine Herren", bat ich. Wir gingen in die Bibliothek, wo Gopinath am Boden lag und jämmerlich stöhnte. „Du bist so krank", sagte ich zu dem Inder, „daß ich dich ohne die Hülfe eines guten Arztes nicht zu heilen vermag. Dies ist Or. Symes. Er muß vor allem den Diamanten, welchen du verschluckt hast, entfernen." Seine dunklen Augen glühten wie Feuer und hefteten sich auf mein Antlitz. „Kann ich hoffen, wieder hergestellt zu werden?" „Nur, wenn der Diamant entfernt wird, sonst nicht. Nun sage uns, auf welche Weise du den Kapitän Main- waring ermordet hast." „Mit einem Safte, der nur meinem Volke bekannt ist; ich werde das Geheimniß nicht entdecken. Ich brachte das Gift von Indien mit herüber und wartete nur auf eine Gelegenheit. In der Nacht, wo ich Mainwartng Sahib mit dem jungen englischen Sahib sprechen sah, glaubte ich die Stunde gekommen. Der Xss Xnirst war daS Auge eines unserer Götter, dessen Fluch auf mir lag, bis ich es zurückbrachte. Ich hatte mich mit MWMUj »» »s « »r» M» s k- -- us ^>L-8N- LL M W> 8» 8L » IS ^ M ^ ^ W» S, g» kW LI LI ! MD KM L> LÄ kH » k» ^ ^ SS^ iuN>U! M ZW!V WWLL iSA»«?L 8Z«Z! Ls' '« ^ -—7r—° LZLL . 8 ^!L2^! WWM MML L^-.j WWW 4 798 einem Nachschlüssel zu des Sahib's Zimmern versehen, und als ich glaubte, er sei eingeschlafen, trat ich leise ein und träufelte das Gift auf sein Kissen. Ich wußte, daß es ihn augenblicklich tödten werde. Als er ganz todt war, zog ich das Etui unter seinem Kissen hervor und nahm den Stein. Ich verschluckte ihn, um ja nicht entdeckt zu werden." Der Elende wollte noch etwas sagen, fiel aber zurück und krümmte sich vor Schmerzen. vr. Symes that für ihn alles, was er konnte, aber vergebens. Gopinath starb früh am folgenden Morgen. Nach seinem Tode war es leicht, das Cobra-Auge zu entfernen, und die Anklage gegen Laurence Carroll fiel natürlich von selbst. Vor ungefähr drei Monaten verließ Lady Pamela England, und man sagt, daß ihre Gesundheit sich langsam, aber stetig bessere. Carroll ist noch in England. bestanden haben. In einer Urkunde, welche König Otto I. im Jahre 948 ausstellte, werden die Höfe zu Ober- und Unter-Binwang, die der Priester Paldmunt dem Kloster Kempten schenkte, als zur Pfarrei Jllerbeuren gehörig bezeichnet. Jllerbeuren gehörte in den frühesten Zeiten den Grafen von Balzhausen und Kirchberg. Am 26. Februar 1105 schenkten sie die Wogtet über die Kirche und der Güter an das Kloster St. Blast im Schwarzwald. Von diesen kam es an die Grafen von Nellenburg und Thengen und nach ihrem Aussterben an das Haus Oesterreich. '/g von Jllerbeuren, d. i. die zwei Güter Hs.-Nr. 2 und 7, gehörte den Rittern von Lautrach. Diese verkauften es 1356 an die von Schellenberg, diese 1413 an die Herren von Besserer, und so kam es 1417 an die von Landau, 1646 aber an das Stift Kempten. Als Lehenträger des Nellenburg'schen Lehens er- 'MM Pfarrkirche in Jllerbeuren. Original-Ausnahme von Gustav Baaber, Photograph in Krumbach. sBervielfältigungsrecht vorbehalten s Ob diese unglücklich Liebenden jemals durch Die Bande der Ehe verbunden werden, — wer weiß es? Notizen zur Jllerbevrer und Kronburger Geschichte. "Mit Illustrationen.^ --— sstiachbruck Verbote».) * Jllerbeuren, ein im Bezirksamte Memmingen, nahe an der Jller bet Lautrach, in dessen Postbezirk es seit einer dort anno 1891 erbauten Brücke über die Jller gehört, gelegenes Dorf, bildet mit dem ^ Stunden entfernten Orte Kronburg eine Pfarrei und eine politische Gemeinde. Dazu gehören die Weiler Greuth, Ober- und Unter-Binwang, Wagsberg und die Einöden Fuchsloch, Hackenbach, Hängemühle, Heißenschwende, Hurren, Oslang, Rothmoos und Westerau mit 140 Haushaltungen und 751 Personen. Die Pfarrei Jllerbeuren soll schon zur Zeit der Stiftung des Klosters Ottobeuren, im Jahre 761, scheinen die Herren von Lautrach, welche ^es mit Einwilligung des Grafen Wolfram von Nellenburg laut Urkunde Montag vor Judica 1373 an Bruno von Utten- ried zu Kronburg um 425 Pfund Heller verkauften. Seit dieser Zeit gehört es zur Herrschaft Kronburg. Der kleine Besitz */g ging als Lehen von Konrad von Landau zu Lautrach 1425 an Joß von Uttenried über; und von Joachim von Uttenried im Jahre 1460 aber an verschiedene Patrizier von Memmingen; anno 1524 und 1530 endlich an Gaudenz von Rechberg und 1619 an Johann Eustach von Westernach. Der Bauart nach stammt die jetzige 1846 Pariser Fuß hoch gelegene Kirche zu Jllerbeuren aus dem 12. Jahrhundert. Der Thurm aber scheint älter zu sein. Eine Glocke führt als Umschrift mit gothischen Buchstaben die Namen der vier Evangelisten mit der Jahrzahl 1192. Auf einer kleineren Glocke ist die Jahrzahl des Gusses 1405 zu sehen. Den eifrigen Bemühungen der beiden 799 Herren Pfarrer Haid und Fischer verdankt diese Kirche eine stilgerechte, würdevolle Restauration mit schönem gothischem Hochaltare und Chorstühlen, sowie sehr geschmackvollen gemalten Fenstern. In östlicher Richtung, bergaufwärts, */, Stunde etwa von Jllerbeuren entfernt, liegt auf einem nach allen Seiten hin freistehenden, .740 Meter hohen Hügel das Schloß Kronburg mit einer wetten Fernsicht, nördlich bis Ulm und auf die rauhe Alb, südlich auf die Allgäuer, Tiroler und Schweizer Berge. Westlich, am Fuße des Berges, liegt das gleichnamige Dorf mit Kirche und Schule. Nach dem bei einer Schlotzrenovation gemachten Funde von römischen Münzen, und nach den noch gut erhaltenen Mauern, bei welchen sogenannte Buckelsteine verwendet wurden, zu schließen, befand sich hier einst ein römisches Castell mit Wachtthurm, von wo aus viele in nächster Nähe liegende Burgstellen und Verschanzungen und auch die von Kimratshofen über Legau und Lautrach führende und unterhalb Kronberg vorbeiziehende Römerstraße leicht übersehen werden konnten. Kronburg war in der ältesten bekannten,Zeit Eigen- v. R., bis 1604 Wolf v. R., bis 1615 Wilhelm Leo v. R. Ernst von Rechberg starb 1604 ohne männliche Leibeserben. Die übrigen Nachfolger derselben geriethen aber mit dem Oberlehensherrn, dem Erzherzog von Oesterreich, in Streit, und wurden des Lehens für verlustig erklärt, welches anno 1619 an Johann Eustach von Westernach verliehen wurde. Aus diesem Geschlechte sind als Besitzer der.Herrschaft Kronburg zu nennen: bis 1627 Joh. Eustach von Westernach, Großmeister des deutschen Ordens, dann dessen Neffe: bis 1646 Wolf Christoph von Westernach, bis 1689 Joh. Rudolph, bis 1728 Joh. Carl, bis 1735 Joh. Marquard Eustach, bis 1784 Joh. Eustach, bis 1849 Joh. Jgnaz Lazarus von Westernach, der die Mediati- strung über sich ergehen lassen mußte. Seine Tochter Maria Theresia brachte den gesammten Besitz der Familie ihrem Gemahle, dem Freihcrrn Maximilian von Vequel auf Hohenkammer, zu, dessen Nachkommen den Namen Freiherren von Vequel-Westernach führen. Als die Schwaben sich im Vereine mit ihren Bundesgenossen, den Bayern, bei Kempten gegen die fränkische z Schloß Kronburg. Orininal-AuwadMk von Gustav «LLver, Photograph in Nrumbach. lv-rvteiiSUlaungirrcht Vorbehalt,».) LL. ' ' thum der Edlen von? Kronburg. Es werden in alten Aufzeichnungen genannt: im Jahre 727 Ruof von Kronburg, 833 Freson v. K., 860 Huppald v. K., 933 Radebot v. K., 1165Bertold v. K., 1268 Bertold und sein Sohn Hatto v. K., 1283 Mangold v. K., 1356 Hans Eitel und Haintz v. K. Nachdem Eitel von Kronburg als letzter seines Stammes gestorben war, wurde Kronburg vom Erzherzoge Albrecht von Oesterreich im Jahre 1360 an Ritter Heinrich von Uttenried ,um 210 Mark Silber, verpfändet. Diesem folgte 1366 Bruno"chon Uttenried, 1399 Jos .v. U., 1454 Joachim v. U. Bruno v. U. kaufte 1373 Jllerbeuren, aber Joachim v. U. verkaufte alle seine Besitzungen i. I. 1460 an Hans von Werdenstein. Dieser starb schon 1468 ohne männliche Erben. Der ganze Besitz kam dann i. I. 1478 an Georg von Rechberg, der die drei Töchter des Hans von Werdenstein auslöste und die Wittwe heirathete. Dieser Georg und sein Sohn Gaudenz bauten statt des zerfallenen Römerthurmes das Schloß Kronburg. Auch brachten die Rechberg nach und nach die verschiedenen Weiler und Einzelhöfe der Pfarrei an sich. Es lebten zu Kronburg bis 1478 Georg von Rechberg, bis 1506 Gaudenz v. R., bis 1536 Georg v. R., bis 1574 Ernst Herrschaft wehrten, da erlitten sie am Feilenforste anno 727 eine große Niederlage, in welcher Schlacht auch ein Ruof von Kronburg gefallen sein soll. In einer Grenz- beschreibung des Stiftes Kempten vom Jahre 804 wird der Berg Hohenrain gegenüber Kronburg erwähnt; und in einer Grenzberichtigung vom Jahre 1059 wird Kronburg wieder genannt. So finden wir auch diese Burg genannt in Urkunden des Klosters St. Gallen, in welchen ein gewisser Freson von Kronburg zu finden ist. Im Jahr 860 schenkte Huppald von Kronburg sein Gut dem Kloster St. Gallen, nachdem bereits im Jahre 833 Trogo Güter in Kronburg und Winterstetten an das Kloster St. Gallen sud. I^uäoviov Imx., aub. ^.äalAsro oomits gestiftet halte. Ein Ritter Berthold von Kronburg wurde als Dienstwann anno 1180 betraut mit der Hut der Grafenburg Zeil, welche an die Staufer beim Kaufe mit der Nibelgaugrafschaft kam. Der Welfenbesttz erstreckte sich auch in die Umgegend der Städte Memmingen und Schongau, zu demselben zählte ^ auch Lautrach, Kronburg und Altmannshofen. Die Ritter i von Kronburg erschienen auch als Ministerialen der Staufen, ! welche die Welsen beerbt haben. Ein Rudolf von Kron- ! bürg befand sich am 6. Mai 1227 unter dem Gefolge 800 deS Königs Heinrich VII. zu Ulm. Im Jahre 1268 schenkte Berthold von Kronburg Güter an das Kloster Noch. Kronburg kam im Jahre 1373, nachdem es nur kurze Zeit in dem Besitze der Herren von Lautrach war, durch Kauf sammt dem Berg und dem Kirchensatz nebst dem Dorfe an Bruno von Uttenried, und zwar als Vehringen-NcllenburgischeS Afterlehen. Dessen Tochter Barbara übernahm das Gut, stellte es unter den Schutz der Stadt Kempten, vermählte sich mit Hans von Werdenstein und, als dieser gestorben war, mit Georg von Rech- berg, welcher Kronburg von den drei Töchtern erster Ehe Limo 1478 erkaufte. Georg von Rechberg und mehrere Nachfolger desselben wurden sohin mit Kronburg von Seite der österreichischen Oberlehensherrschaft belehnt. Im Jahr 1615 aber wurde Kronburg als heimgefallenes Lehen dem Markgrafen Carl von Burgau als neues Lehen verliehen, nach dessen Ableben es an die Herren von Westernach, welche später von Kaiser Leopold in den Reichsfreiherrnstand erhoben wurden und von dem Schlosse Westernach — bei Mindelheim abstammen — kam. Die Herren von Westernach hielten den Besitz der Herrschaft Kronburg fest und erwarben zu der ihr bereits zustehenden niederen Gerichtsbarkeit auch anno 1712 die hohe von der Landvogtei Schwaben. Sie bekleideten hohe kirchliche und weltliche Aemter und Stellen, wie anno 1626 die eines Hoch- und Deutschmeisters, 168 t— 1707 eines Weih- bischofes zu Augsburg oder eines Directors der schwäbischen ritterschaftlichen Kantone rc. Im Jahre 1632 kamen die Schweden in die Gegend von Kronburg und es ging den Bewohnern der Herrschaft Kronburg, sehr übel. Anno 1635 wollten die Schweden das Schloß einnehmen und plündern, allein die Festigkeit der Mauern und die Tapferkeit der Vertheidiger hinderten dies. Der Pfarrer in Jllerbeuren war umgekommen. Der Pfarrer von Steinbach mußte dies versehen. Auch ein Pfarrer von Lautrach, Namens Möhner, besorgte einige Jahre Jllerbeuren-Kronburg. 1647 bemächtigten sich die Schweden neuerdings der Gegend. Der Gemeinde Kronburg wurde eine Brandschatzung oder Kriegslast von 1625 fl. auferlegt, welche Summe die Gemeinde von der Herrschaft entlehnte. Es waren nur noch vier Unterthanen in der Herrschaft Kronburg vorhanden. Die Wasserleitung, welche das Wasser auf das Schloß brachte, wurde von den Schweden zerstört, weil die Kaiserlichen dasselbe besetzt hielten; die Schweden verbrannten auch die beiden Mühlen und plünderten die Kirchen. Im spanischen Successionskrieg uvno 1704 eilte Max Emanuel mit Franzosen nach Memmingen und überrumpelte die Stadt; auch Kronburg wurde genommen und diente als Quartier für Baron Schenkel. Zwei Thürme gegen das Dorf westlich wurden im Gefechte halb abgebrochen, doch von den Franzosen wieder aufgebaut, nachdem Bayern von den Oesterreichern in Besitz genommen wurde. Anno 1706, den 27. Juli, consecrirte Joh. Eustach Egolph von Westernach als Weihbischof in Kronburg zwei neue Altäre und ertheilte die hl. Firmung. Die Kirche wurde im Jahre 1786 durch einen kurfürstl. pfälzischen Baumeister restaurirt; die hölzerne Decke wurde entfernt, dafür weiße Gypsdecke, Säulen und Gesimse ringsum in korinthischem Stile angebracht. Eine spätere, im Jahre 1886/87 durch Maler Martin von Achstetten und von Altarbauer Bertsch von Dormetingen, sowie Glaser Birk von Btberach und Glasmalereibesitzer Schneider aus Negensburg vollzogene Renovation wandelte diese Kirche in ein würdiges freundliches Gotteshaus um, in welchem auch eine gut gelungene Imitation der Felsengrotte von Lourdes angebracht ist. --S2—es— Zu unseren Bildern. Auf dem Wrihnachtsmarkl. Es ist so kalt draußm, daß man glauben sollte, ein jeder, der nicht nothwendig aus dem Hause gehen muß, sei froh, beim warmen Ofen dorten sitzen zu können. Und doch sind heute die Straßen des kleinen Städtchens belebt, wie es nur selten der Fall rst. Namentlich die jüngere Welt ist es, welche, die Mützen und Hauben tief über die Ohren heruntergezogen und die Hände bis zu den Ellbogen in die warmen Taschen gesteckt, freudig erregt sich herumtummelt; eS ist ja — Weihnachtsmarkt. 3 Tage Weihnachtsmarkt. Das ist eine Freude, all' die bunten Dinge in den Verkaufsständen umsonst ansehen und bewundern zu dürfen. Kein Wunder, wenn da die jungen Herzen sich manchem Wunsche öffnen und mit einer bescheidenen Bitte vor die Eltern treten, die auch wohl nicht anstehen werden, dieselbe so weit als möglich zu berücksichtigen. Riesengebüude in Uew-Uork. Nicht der Hang zum Ungewöhnlichen ist es, der die Amerikaner veranlaßt, ihre Bauten immer kühner emporzuführen, sondern die unglaublich hohen Preise, die im Innern der Städte für Grund und Boden zu zahlen sind, bilden die Ursache dieser abnormen Erscheinung. Um den gegebenen Platz auf's äußerste auszunutzen, wird wagehalsig ein Stockwerk auf's andere gethürmt, und während man rechnet, daß schon eine ganz beträchtliche Anzahl von Stockwerken aufgesetzt werden muß, um nur allein den Grund und Boden bezahlt zu machen, sollen dann die nächsten Etagen die Baukosten einbringen, die folgenden wieder die Kosten für Heizung, Beleuchtung, Wasserversorgung u. s. f. Daß unter diesen Verhältnissen die Anzahl der Riesengebäude, namentlich in New-Aork, von Jahr zu Jahr zunimmt und man sich dabei immer höher „versteigt", erscheint durchaus erklärlich, und so finden wir denn auch heute in New- Aork schon eine stattliche Reihe solcher gigantischen Bauten, wie sie früher doch nur vereinzelt anzutreffen waren. Die meisten dieser Riesengebäude stehen im eigentlichen Geschästs- ricrtel, von den New Aorkern mit vorvn (forvn bezeichnet, und zwischen dem City Hall Park, dem Rathhausplatz und der Batterh, dem südlichen Ende der Manhattan-Jnsel. Der Raum für das Gcschäftsviertel der Stadt ist auf drei Sechen von Wasser begrenzt und natürlich schon seit länger« Jahren bis auf das letzte Quadratmeter bebaut; eine weitere Ausdehnung der Geschäftshäuser ist eben nur noch in der Höhe möglich. Um unfern Lesern einen Begriff von dem Bodenpreis zu geben, wollen wir erwähnen, daß der Boden des Manhattan Life Insurance Building zum Preise von 282 Doll. für den amerikanischen Quadratfuß, also etwa 12,000 Mark für das Quadratmeter, abgegeben wurde. Unsere, der Zeitschrift „Scientific American" entnommene Abbildung zeigt eine Zusammenstellung der höchsten Gebäude New-Aorks. Während früher der 86,« Meter hohe, schlanke Thurm der Dreieinigkeitskirche, der mit dem (auf dem Bilde ebenfalls wiedergegebenen) Capitol in Washington ziemlich dieselbe Höhe hat, als Wahrzeichen der Stadt schon von weitem sichtbar war, verschwindet er heute vor seinen ihn überragenden Nachbarn. Das Gebäude der Amerikanischen Tractatgesellschaft übersteigt ihn allerdings nur um 0„ Meter, das der Tageszeitung „World" aber bereits um 1„. Das St. Paul-Gebäude mit seinen 25 Stockwerken erreicht die stattliche Höhe von 92,, Meter, das Gebäude der Life Insurance Lo. mißt 93„ Meter und hat 21 Stockwerke. Der Riese unter den Riesen ist jedoch ein neues Gebäude, das auf Park R»w im Bau begriffen ist; es soll 27 Stockwerke doch werden und die Höhe von 115,» Meter erhalten. Die Manhattan-Jnsel, die in ibrer ganzen Länge von 22 Kilometer aus solidem FelSgrund besteht, dürfte wohl auch einer der wenigen Flecke Erde sein, der neben der zum Handelsplatz geschaffenen Lage einen geeigneten Baugrund für solche Gebäuderiesen bietet. Das letzterwähnte Gebäude wiegt allein in seinem Stahlgerüst über der Oberfläche gegen 3500 Tonnen, während das Gesammtgewickt des im Bau begriffenen Geschäftshauses auf Park Row auf 50,000 Tonnen veranschlagt ist, die sich auf nur etwa 1400 Quadratmeter Bodenfläche vertheilen. « 104 . Ireitag» den 18 . Dezember 1896 . Für die Redacti , verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. ^ ^ . Druck und Verlag des Literarischen ZnnitutS von Haag L Grabherrin Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Ihv evstev Roman. Novelle von Antonio Haupt. (Fortsetzung.) „Wie in aller Welt kommen Sie denn in dieses Gebirge?" Die schwarzen Augen funkelten übermüthig. „Nun, per Eisenbahn, via Frankfurt, Gießen, Kassel." „Ah, das konnte ich mir ungefähr denken. Obgleich man mich belehrte, daß auch reizende kleine Feen diesem Tummelplätze der Hexen und Kobolde zustrebten, so hatte ich Sie doch nicht im Verdacht, eine nächtliche Luftfahrt auf dem Besen oder der Heugabel hierher unternommen zu haben. Freilich", fügte er hiezu, „daß Sie eine mächtige Zauberin sind, sehe ich immer mehr ein." Sein Auge tauchte so ausdrucksvoll in das ihre, daß sie die Wimpern senken mußte. „Aber Sie, wie kommen Sie denn hierher?" fragte sie, offenbar nur um etwas zu sagen, das sie ihrer kleinen Verlegenheit entheben sollte. „Per Eisenbahn, via Frankfurt, Gießen, Cassel", persiflirte Oito ernsthaft; und mit leiser Schelmerei in Blick und Stimme fuhr er fort: „Ich nehme an, gnädige Frau, daß Ihre Frage thatsächlich nur der Richtung meiner Reiseroute gilt. Bei unserem letzten Zusammentreffen an dem Ufer der Saar sprach ich ja schon die Absicht aus, in den Harz zu reisen, um mir hier mit «einem hannoverschen Freunde ein Stelldichein zu geben." „Thaten Sie das? Ich entsinne mich wirklich nicht", warf sie gleichgiltig hin in einem Tone, mit dem aber das tiefe Noth, das ihr Antlitz jäh überzog, in seltsamem Widersprüche stand. Otto tauschte einen raschen, eigenthümlichen Blick mit dem inzwischen herbeigekom- menen Philologen, dann sagte er: „Meines Freundes Georg Hesse erinnern Sie sich vielleicht, gnädige Frau?" „Ob ich mich seiner erinnere? Der Herr Doktor war ja mein Kavalier auf der Hochzeit Ihres Bruders." Sie bot auch Georg die feine Hand zur Begrüßung. „Dir, Lily, sind die Herren ja ebenfalls bekannt." Die mit „Lily" angeredete junge Dame, welche bis dahin nur durch ein leichtes Neigen des Kopfes den stummen Gruß der Angekommenen erwidert hatte, sagte jetzt freundlich-kühl: „O gewiß, ich entsinne mich der beiden Herren." „Wie immer, Schneekönigin Zoll für Zoll", flüsterte Otto lächelnd seinem Freunde zu. Nachdem die Herren, durch eine anmuthige Handbewegung der schönen Frau dazu eingeladen, Platz genommen hatten, bemerkte der Freiherr verbindlich: «Ich segne den Zufall, der uns hier so unverhofft die reizendste Gesellschaft bescheert hat, die wir uns träumen konnten. Sie, meine Damen, scheinen sich gleich uns hier häuslich niedergelassen zu haben?" „Ja und nein; wenigstens nicht ganz in Ihrem Sinne", gab Frau von Elz zur Antwort. „Wir wohnen, nachdem wir den ganzen Harz durchstreift haben, seit einigen Tagen dort unten im Hotel „Zehnpfund". Fräulein von Arendal ist nämlich Kurgast in Thale. Ihr allzu besorgter Vater glaubte, daß die zarten Nerven seines Töchterchens einer Stärkung bedürften; ich schlug ihm Thale, von dessen Heilkraft ich viel gehört, als Kurort vor und erbot mich, die junge Dame auf der Reise unter meinen mütterlichen Schutz zu nehmen. Hiermit haben Sie auch meine, Ihnen schuldig gebliebene, regelrechte Antwort auf Ihre Frage nach dem Grunde unseres Hierseins", plauderte sie lachend weiter. „Was nun den mütterlichen Schutz anbetrifft, so wäre Lily unter demselben fast um's Leben gekommen. Als wir auf mein Anstiften dem alten Brocken eine Visite abstatteten, verirrten wir uns und geriethcn in ein Labyrinth von Klippen und Urwald — o, es schaudert mich noch, wenn ich an die Abenteuer denke!" Sie bedeckte das Gesicht mit beiden Händen. Otto sandte einen freudig leuchtenden, vielsagenden Blick zu dem Freunde, der von diesem lächelnd und ver- ständnißinnig erwidert wurde. „Und bei dieser Irrfahrt, gnädige Frau, verloren Sie Ihr Tagebuch, welches ich so überaus glücklich war, zu finden." Saarstein sprach die Worte in einem Tone, dessen leises Beben tiefinnere Bewegung der Freude verrieth. Blitzschnell fuhr daS graziöse Köpfchen in die Höhe, und blitzschnell glitt ein Strahl der dunklen Augen verstohlen forschend über den in athemloser Spannung ihr Gegenübersitzenden. Mit lustigem Lachen schüttelte sie dann die schwarzen Locken zurück. „Köstlich, köstlich!" jubelte sie. „Mein Tagebuch soll ich verloren, mein Tagebuch wollen Sie gefunden haben! Es ist dies einfach unmöglich, weil ich nie im Leben Memoiren niedergeschrieben habe. Wirklich, Herr Baron, nie im Leben!" Sie legte betheuernd die Hand auf's Herz. „Ich glaubte", fuhr sie ernsthaft fort, „Sie kennten weinen Charakter besser, als daß Sie mir Derartiges zutrauten." 802 „Hm", meinte Saarstein, „zu schämen brauchten Sie sich der Urheberschaft dieses geistvoll geschriebenen Tagebuches nicht. Ich mußte, um nach der Eigen- thümerin zu forschen, nachgedrungen in dem Buche blättern und gestehe, daß ich von dem Inhalt desselben derart gefesselt wurde, daß ich leider indiskret genug war, fast das Ganze zu lesen. Meine Verehrung für Sie könnte nur noch erhöht werden, wenn Sie sich als Verfasserin des Buches bekennten." „So gern ich auch Ihre Verehrung in erhöhtem Maße für mich in Anspruch nähme, muß ich doch der Wahrheit gemäß meine Versicherung wiederholen, daß ich niemals Annalen geschrieben habe", erklärte die schöne Frau, und ihre Lippen kräuselten sich ein wenig ironisch. „Ich erfreue mich eines so guten Gedächtnisses, daß mir die wenigen denkwürdigen, des NiederschreibenS werthen Lebensereignisse auch ohne Tagebuch treu in der Erinnerung bleiben, und über die kleinlichen Wechselfälle des Alltagslebens, oder über jeden thörichten Gedanken, der meinen Kopf kreuzte, gewissenhaft Chronik zu führen, daS halte ich, gelinde gesagt, für Zeitverschwendung. Hier haben Sie meine Ansicht über Tagebücher." „Die kleine Heuchlerin, wie sie sich verstellen kann!" dachte Otto, indem er sie lächelnd und leise kopfschüttelnd betrachtete. „Ich halte eS für überflüssig, Ihnen den Werth und den Nutzen einer regelrechten Aufzeichnung der Lcbenseretgnisse und Seelenvorgänge beweisen zu wollen", äußerte er heiter. „Wie denken Sie hierüber, mein gnädiges Fräulein?" Mit diesen Worten suchte er die in kühler Zurückhaltung verschanzte Blondine freundlich ins Gespräch zu ziehen. „Mein Urtheil stimmt im Wesentlichen mit dem von Frau von Elz überein", erwiderte diese und sah endlich von ihrer Hausarbeit in die Höhe. „Wie unweise es namentlich ist, Gedanken, welche man keiner andern Menschenseele verrathen möchte, einem Buche anzuvertrauen, das verloren und von einem indiskreten Herrn gelesen werden kann, beweibt Ihr Fund." Eine peinliche Pause entstand nach diesen in herbem Tone gesprochenen Worten. Otto fühlte sich gekränkt. „Lassen wir das Thema fallen", sagte er kalt und wandte sich ab, um sich dann in liebenswürdigster Weise ausschließlich mit Frau von Elz zu unterhalten. Merkwürdig, die junge Wittwe, welche trotz der vielen Beweise freundlicher Theilnahme, die sie ihm gegeben, ihm bis heute sehr gleichgiltig war, fesselte ihn jetzt ungemein. Ihr ganzes Wesen kam ihm durchgeistigter, ihre Erscheinung reizender vor als ehedem; ja, er be- g ff nicht, wie er bisher so blind für ihre Vorzüge hatte sein können. „Sie schienen, als wir kamen, in tiefes Nachsinnen über Ihre Lektüre versunken", bemerkte er im Laufe der Unterhaltung. „Darf ich fragen, mit welchem Schriftsteller Sie sich beschäftigten?" Sie reichte ihm lächelnd das Buch. Mit einigem Befremden sah Otto, daß es das neueste Werk eines zeitgenössischen naturalistischen Autors war, das wohl nur mit Mühe unter der Censur durchgeschlüpft war. „Wie gefällt Ihnen mein Lieblingsschriftsteller?" fragte sie lachend. „Ihr Lieblingsschriftsteller?" Er sah erstaunt zu ihr empor. „Ah, Sie scherzen natürlich, meine Gnädige! Ich verstehe vollkommen, daß auch Sie die Werke des berühmten Mannes kennen lernen wollten, dessen Eleganz des Stils, dessen Anmuth der Sprache unwiderstehlich ist. Doch eben darum ist er doppelt gefährlich. Ich bin der Ueberzeugung, daß er schon großes Unheil gestiftet hat, denn seine Machwerke werden ja auch von unreifen Gemüthern mit Heißhunger verschlungen; wohin soll es führen, wenn sich diese Folgerungen aus der Moral ziehen, die er predigt?" „Was wollen Sie?" entgegnete sie lächelnd. „Sem Bestreben geht überall dahin, die Wirklichkeit zu erfassen und zu schildern. Er hält uns in seinen Werken Spiegel vor, welche die Dinge klar, unverhüllt und unbcschönigt zeigen, wie sie sind. Diese getreue, realistische Wiedergabe des großen Lebens- und Jnteressenkampfes ist mir lieber, als die deutschen Thrünenromane mit ihrem silbernen Mondschein und ihren schmachtenden Burgfräulein." „Fast sollte man glauben, Sie hätten unsere herrliche deutsche Literatur, den poetischen Ausdruck des Fühlens und Denkens unserer Nation gar nicht kennen gelernt", sagte der Freiherr lächelnd. „Aber ich durchschaue Sie. Einen kleinen Kampf wollen Sie eröffnen. Ich soll mich warm sprechen zum Lobe unserer deutschen Geisteskoryphäcn, die von Ihnen besser gekannt und gewürdigt werden, als von mir, damit Sie über meine ungeschickte Art der Vertheidigung lachen können. Den Gefallen thue ich Ihnen nicht! Lassen Sie mich Ihnen lieber erzählen" — sein Auge senkte sich bei diesen Worten tief und innig in das ihre — „welchen Genuß ich gerade jetzt in der Schöpfung einer deutschen Schriftstellerin fand. Wie die Gedanken und Anschauungen von Ilse Treuen- fels Tag und Nacht im Innersten meiner Seele wieder« klingen." Sie mußte Anderes zu hören erwartet haben, denn ihre Mienen verdüsterten sich, und in gelangweiltem Tone warf sie hin: „Sie begeisterten sich für daS beschränkte Machwerk einer Frau? Ilse Treuenfels ist mir zwar gänzlich unbekannt, aber Frauen haben überhaupt nicht die Fähigkeit, gut zu schreiben. Der Mann allein ist dazu be rechtigt, denn er nur kann sich die erforderliche Kenntnis aneignen, nur ihm steht die Welt offen ohne Grenze; - darf in die tiefsten Abgründe menschlichen Elend hinab steigen, er darf die Nachtseiten des Lebens, kurz, allr Verhältnisse aus eigener Anschauung kennen lernen." Otto schaute sie betroffen an. „Sie sind schlechter Laune, meine Gnädige, und wollen durchaus einen kleinen Kampf hervorrufen. Oder reizt es Sie vielleicht nur, aus meinem Munde bestätigt zu hören, daß eine ideal angehauchte Schöpfung von Ilse Treuenfels mit ihrem tiefen Gedankenreichthum unendlich viel veredelnder auf den Leser wirken, unendlich mehr Gutes stiften kann, als sämmtliche Werke Ihres naturalistischen französischen Autors, der freilich alle Schlupfwinkel des Lasters und der Verkommenheit auS eigener Anschauung zu kennen scheint und sie mit grauenhafter Drastik schildert. Trösten Sie sich, das Vorurtheil gegen schriftstellerische Berufsthätigkeit der Frau, worunter Sie freilich nicht wenig leiden mögen, wacht allmälig einer gerechteren Anschauung Platz. Durch bervorragende Dichterinnen, von einer Sappho, einer Noswitha, bis zu einer Staöl, einer George Sand, einer Fullerton, Droste- Hülshoff, einer Bracke! und Herbert, ist längst unwider- leglich bekundet, daß die Frau ein Recht auf schriftstellerische Wirksamkeit hat, ja, daß die Werke ihrer Feder als naturgemäße Ergänzung zu den literarischen Schöpf- 803 irrigen der Männerwelt gelten Nüssen. Was der Mann an Geistesschärfe und Lebenserfahrung voraus hat, das ersetzt die Frau durch Gevlüthstiefe und Gestaltungskraft. Ihr ist die Gabe der stillen, sinnigen Beobachtung, der scharfe und sichere Blick für das innere Seelenleben verliehen; darum sind ihre Charakterzeichnungen meist so fein, so überaus lebenswahr." Er hatte mit einer gewissen Wärme gesprochen und glaubte nun, den Widerschein seines eigenen Feuers auch aus ihren Augen strahlen zu sehen; er ward jedoch sehr enttäuscht. In unmuthig gereizter Stimmung rief sie aus: „Gut, daß Sie endlich zum* Schlüsse kommen mit Ihrer Lobrede! Mich bekehren Sie doch nicht. Ich lese grundsätzlich nichts von Blaustrümpfen Verfaßtes. Federführende Frauen sind mir unausstehlich. Ich halte ihre Thätigkeit zum mindesten für überflüssig, für höchst un- weiblich und der hergebrachten Sitte hohnsprechend." DaS war Aerger, wirklicher, ungeheuchclter Aerger l Otto konnte über ihre wahre Anschauung unmöglich länger i« Zweifel bleiben. Er sah eS nun klar, daß er sich 'n ihr getäuscht; der ganze Nimbus, womit seine Phantasie ihre Erscheinung umgeben, entwich. Er unterdrückte die Bemerkung, sie halte es wohl edler Frauen würdiger, einen großen Theil der Zeit am Putztische zu verbringen, auf wilden Pferden umher zu galoppiren und Cigaretten zu rauchen, und beschränkte sich darauf, achselzuckend zu erwidern: „Auch ich sehe das größte, unbestrittene Verdienst der Frau in ihrem selbstlosen beglückenden Walten im Familienkreise. Doch kann ich nichts Unweibliches darin finden, wenn dieselbe sich mit den ihr von der Natur verliehenen Fähigkeiten an der allgemeinen Culturarbeit betheiligt; die Unvermählte namentlich, deren Dasein sonst vielfach müßig und inhaltslos bleibt, erobert sich dadurch einen schönen Beruf, in dem sie segenbringend wirken kann. Für überflüssig halte ich die literarische Thätigkeit der Frau nicht, da die Welt nicht so überreich an tüchtigen Kräften ist, daß man die weibliche Mitarbeiterschaft auf dem Gebiete der schönen Künste und Wissenschaften nicht freudig begrüßen dürfte." Frau von Elz fand es unnöthig, etwas zu entgegnen; ihre Aufmerksamkeit schien vollständig von dem kunstgerechten Drehen einer Cigarette in Anspruch genommen. Doktor Hesse, welcher sich lange eifrig mit Lily von Arendal unterhalten, die letzten Aussührungeu Saar- stein's aber gehört hatte, sagte jetzt lachend: „Mein Freund plaidirt warm zu Gunsten einer Angelegenheit, die von Rechts wegen von ihm angegriffen und von den Damen vertheidigt werde» müßte. Was halten Sie, mein gnädiges Fräulein, von der Thätigkeit der Frau auf literarischem Gebiet?" Eine leichte Nöthe flog über die feinen Züge Lily's. „Ich muß bekennen, daß ich über dieses Thema noch gar nicht nachgedacht habe, obgleich die Frauenfrage ja in unserer Zeit viel besprochen wird", lautete ihre ausweichende Antwort. Frau von Elz lachte hell auf. „Da haben Sie die Kleine allerdings zu viel gefragt. Lily's Interesse geht nicht über die Grenzen der Kinderstube, der Küche und augenblicklich nicht einmal über ihre Handarbeit hinaus." Die junge Dame errötheie ans's neue. „Ich muß so fleißig an meiner Stickerei arbeite», weil dieselbe zum Geburtstage meines Vaters fertig sein soll", erklärte sie lächelnd. Otto aber wußte, daß die schöne Fran mit ihrer Behauptung nicht ganz bei der Wahrheit geblieben war, daß Fräulein von Arendal Sinn für Wissenschaften mit gediegener Bildung vereinigte, wenn sie auch mehr Freude daran zeigte, einem interessanten Gespräche zu lauschen, als selbst zu sprechen. Nachdem der poetische Glorienschein von Frau von Elz gewichen war und Saarstein in ihr nur mehr die oberflächliche, gefallsüchtige Frau sah, hatte er alle Lust an der ferneren Unterhaltung mit ihr verloren. Er versank in Schweigen und beneidete ordentlich seinen Freund um die leisen, freundlichen Worte, die verständnißvollen Blicke, welche dieser mit Lily tauschte. War es die zarte Nöthe auf deren Wangen, war es der neue Ausdruck, der ihre vormals so ernst geschlossenen Lippen so wehmüthig süß umzuckte? — Nie war sie ihm so hübsch vorgekommen, wie heute. Er konnte ungestört sein Auge auf ihr ruhen lassen, da ihr glänzender Blick nicht ein einziges Mal zu ihm hinüberflog. Frau von Elz, durch seine plötzliche Einsilbigkeit und Zerstreutheit offenbar verstimmt, mahnte bald zum Aufbruch. Die Herren gaben den nach Hause Eilenden daS Geleite bis zum Bodethal und schieden hier mit der Versicherung, den Damen baldigst ihre Aufwartung unten im Hotel machen zu wollen. „Unbegreiflich, wie ich auch nur einen Augenblick wähnen konnte, die gedankenlose, kleine Kokette sei die Verfasserin jenes Tagebuches l" rief Saarsteiu, sobald er sich mit dem Freunde allein sah. „Je nun", versetzte dieser, „alle äußeren Umstände vereinigten sich, um uns Derartiges glauben zu machen; ihr unleugbares, tiefes Interesse für Dich, die geradezu frappirende Thatsache ihrer Irrfahrt auf den Brocken, ihre Aehnlichkeit mit der von dem Köhler geschilderten Schönen, ihre Befangenheit beim Wiedersehen und so manches Andere ließ mich kaum an ihrer Identität mit Ilse TreuenfelS zweifeln, bis ihr AuSfall auf schrift- stellcrnde Frauen mich plötzlich eines Andern belehrte. Ich begreife es recht wohl, wie eine eitle, aber geistes- träge Frau, anstatt sich in ihrem Geschlechte geehrt zu fühlen, wenn eine ihrer Schwestern sich über das Alltägliche erhebt, nur ihre eigene Armuth um so bitterer empfindet und sich mit den Waffen der sogenannten Sitte an ihr rächt. Da zeigt Fräulein von Arendal doch edlere Gesinnungen. Die junge Dame mit ihrer bescheidenen Zurückhaltung, mit ihrer ruhigen Würde und ihrem klaren, gediegenen Urtheil hat meine Achtung in hohem Grade errungen." Der Freiherr nickte sinnend. „Ich sagte Dir ja, daß ihr Wesen auch mich einst eigenthümlich fesselte. Nachdem sie mich aber scheinbar ohne allen Grund so kränkte, bekundete ich mein Verlctzt- sein wahrscheinlich durch große Nichtbeachtung, und sie — nun Du wirst zugeben, daß ihr Benehmen mir gegenüber nichts an Kälte Zu wünschen übrig läßt. Ich mochte sie mit dem glatten, stets zum Gefrieren bereiten Eismeer vergleichen. Die Worte, welche ich an sie richte, sind gleichsam die Nuderschläge, deren Bewegungen mit zauberhafter Schnelle das GruudeiS der Tiefe an die Oberfläche befördern und diese plötzlich zu einer harten Rinde erstarren lassen." „Der grönländischer Vergleich imvouirt mir zwar 804 sehr", behauptete Hesse lächelnd, „aber mit dem besten Willen konnte ich bei Fräulein von Arendal nichts von tückischem Gründers wahrnehmen. Viel lieber möchte ich die junge Dame mit Champagner in Eis vergleichen. Unter der kalten Oberfläche birgt sich nur mühsam die innere Gluth. Es gibt für wich nichts Reizvolleres, als der Gegensatz solcher äußern Kälte und inneren Feuers, dessen Flamme man durch die krystallne Hülle lodern sieht." (Schluß folgt.) Die „Psillgsttage zu Secg". Von Adolph Müller. ^ . wieder in Malmaison. Da springt der kleine Napoleon in den Salon und drückt dem Kaiser etwas in die Hand. Hortense verweist dem Kinde strenge dieses Benehmen, ! nnd der Kleine sagt daraus weinend: „Ach, das ist der Ring, den mir Onkel Engen geschenkt hat! Da uns der Kaiser Gutes thut, habe ich ihm danken wollen." Alexander I. küßte den Knaben und befestigte den Ring an feiner Uhrkette. Was doch das Leben oft aus einem unschuldigen Kinde macht! Dieser Knabe — später durch einen Staatsstreich selbst Kaiser geworden — bekriegte Rußland und Deutschland und wanderte, vom Letzteren besiegt und gefangen, noch einmal ins Exil. Die Pariser aber feierten im Frühjahr 1814 die Verbündeten. Hatte man zuerst voll Entsetzen ausgerufen: „Die Kosaken kommen!" — man benahm sich sehr bald viel weniger furchtsam, und was die Französinnen der damaligen Zeit betrifft, kann man behaupten, daß sie den Verbündeten buchstäblich um den Hals fielen. Jede vornehme Dame in Paris wollte einen Offizier der Verbündeten im Quartier haben, und die bösen Zungen erhielten damals unendlichen Stoff. Beim Einzüge Ludwigs xvm. weigerte sich ein französisches Regiment „vivo 1s roi!" zu rufen. Die Frau Gräfin L fuhr in ihrem Wagen vor dies Regiment, befestigte ihr weißes Taschentuch an ihrem Sonnenschirm als Lilicnfahne und sagte: „Soldaten! Wer Hoch der König ruft, bekommt von mir Wein." Keine Stimme antwortete aus dem Regiment. Doch die Gräfin ließ nicht nach. „Wer Hoch der König ruft, bekommt einen Kuß!" Unglaublich ungalant waren die Soldaten des Reg!» ments, denn die Gräfin mar als hübsch bekannt. Unge- knßt mußte sie von der Front fahren, und der Pariser Volkswitz steigerte ihre Angebote ins Unerhörte. Ludwig XVIII. äußerte sich später selbst: „Die Damen haben sich damals sehr unwürdig betragen." In Paris muß eben immer etwas in Mode sein. Die ungebetenen Napoleoniden waren gestürzt, für die Bourboten mochte man nicht schwärmen, und so schwärmte man für die Verbündeten, wie man heutzutage für die Russen schwärmt. 807 ALLe^Lei. Der Türkis, jener geschätzte Edelstein, der namentlich im Orient so sehr beliebt ist, wird in größerer Menge eigentlich nur in der Nähe von Nischapur im nördlichen Persten gefunden, wo auf denselben regelrecht bergmännisch gegraben wird, allerdings in der denkbar primitivsten, orientalisch-lässigen Weise. Ein schräger Stollen führt in einen den Edelstein führenden Hügel, welcher aber so eng ist, daß ihn nur ein Mann kriechend befahren kann. Der Stollen mündet in einen weiteren Raum, von welchem aus nach Gutdünken mehrere Gänge angeschlagen sind; von dem mittleren Raum geht ein Schacht nach oben, wo zwei Männer mittelst eines Handhaspels das unten von den Bergleuten losgebrochene Gestein zu Tage fördern, wobei als Förderwagen ein Sack aus Schaffell dient. DaS Gestein wird sodann sortirt und die gefundenen Türkise im rohen Zustande nach Meschhed geschickt, wo sie geschnitten und verarbeitet werden. Leider haben die Nischapur-Türkise die üble Eigenschaft, sich sehr bald zu entfärben, weßhalb dieselben im Orient stets mißtrauisch betrachtet werden und keine hohen Preise erzielen, so daß die persischen Händler mit Vorliebe europäische, die üble Eigenschaft dieser Steine nicht kennende Kaufleute damit zu übervortheilen suchen; große, prachtvolle, tadellos erscheinende derartige Steine sind daher oft für einige Mark nach unserem Gelde in Persten zu erstehen, die aber ihren geringen Werth bald durch die erwähnte üble Eigenschaft docnmentiren. Mitgetheilt vom Internationalen Patentbureau Carl Fr. Reichelt, Berlin NÜV. 6.^ * Wie der Großvater zur Großmutter kam, ersteht man aus folgendem HeirathSantrag, der den „Leipziger N. N." auS einem sächsischen Familienarchiv zur Verfügung gestellt wird. „Einer hochverehrten vswoi- oslls sb oustsM", beginnt das jetzt gerade 100 Jahre alte Schriftstück, „habe ich andurch nicht verhalten zu wollen geglaubt, waS maßen sich meine zu Ihnen tragende Liebe dermalen ohnmöglich länger zurücke halten läßt, sondern tagtäglich sich vermehrend mich unaus- setzlich andrängt, daß wiederholt darob schon thun wollende Bekenntniß endlich einmal zu bewerkthätigen, wobei ich jedoch meiner ltebwerthesten Demoiselle nicht unnngezeigt lassen kann, daß wenn es hierunter auf die selbstredende Billigung ankommen sollte, solche daher um desto platz- greiflicher sein würde, als zuverlässig es ist, daß ich männigltcherObliegenheit nach mich angelegentlichstenFleißes bestrebt habe, hochderoselben die untertbänigsten und nach- drucksamsten Versicherungen meiner Unterbereitwilligkeit werkthätig und gefühlig zu erproben. Ich lasse es auf Dero allenfalsiger Geneigtheit und Zutragenheit beruhen, alldieweil wir nach der reiflichsten Ueberleguug nicht beifällig ist, mich der quästionirten Demoiselle jemals ver- unwürdtgt zu haben, noch auch dabei derlei zu thun mir jemals und irgendwie in den Sinn zu kommen unter obwaltenden Umständen überhaupt möglich und angemessen wäre. So lebe ich des abhelflichen Vertrauens, respcctive zunächstiger Erwartung „Besagte Demoiselle möchten mit Ihrem Allerwerthesten hochgeneigtest bemessene Befehle ertheilen, damit alle zu einer gesetzmäßigen Verehelichung erforderlichen Anstalten vorgekehret und zu deren nächstigem glücklichen Ende Bewölkung einer nach meiner äußersten Liebe lediglich abzumessenden Tagefahrt anberaumt werde", als worüber unv was ich sonst noch des Weiteren hätte beantragen mögen, dürfen, können und sollen in tiefster Ehrfurcht und allem Respect um Resolution bitte, als der quästionirten hochschätzbaren Demoiselle Dtenstergebener Johann Gottlob R...r, Negistrator und Sporteleinnehmer." * Ein Necord in der Grobheit. Im humoristischen Theile der Schweizerischen Wochenzeitung deS Herrn Jean Frey in Zürich stand kürzlich zu lesen: „Saßen da jüngst einige Journalisten beisammen und besprachen die Personalien der schweizerischen Journalisten. Man meinte, die ältesten im Beruf find Condrau (L-asotts, Romnnsolm) und Stephan Born (Basier Nachrichten), die reichsten Micheli (Journal äs Ksnsvo) und Zellweger (Allgemeine Schweizerische Zeitung), die gröbsten Dürrenmatt (Bnchsizeitung) und Attenh ofer (Stadtbote), die jüngsten Wett stein und Schurier (von der Züricher Post), aber die liebenswürdigsten seien Baumberger (von der Ostschweiz) und der ewig ledige Bühler (vom Bund)." Darauf antwortete Attenhofer im Stadtboten dem Redakteur der Schweizerischen Wochenzeitung (Jean Frey) folgendermaßen: „Dein Register hat ein Loch, großer Verflcherungshauptmann. Du hast unter den schweizerischen Journalisten den dümmsten weggelassen — aber ich kann es Dir nicht verargen." --- Salve Wegina! Horch! Die Vesperglccke läutet Durch des Klosters stille Hallen, Aus den Zellen leise betend Zum Altar die Mönche wallen. Bleich von Opfer und Entsagung, Ernste, schweigende Gestalten: Auf's Gewand, das dunkle, fließen Schneeig weiß des Mantels Falten. Magisch in den bch'en Hallen Strahlt der Kerzen sanst Geflimmer, Mild der Jungfrau Bild erle> ehrend In des Zwielichts mattem Schimmer. Und sie neigen sich in Demuth Vor der Hochgebenedeiten, Und es zieht ihr Gruß wie Weihrauch Auf zu ihr, der Gottgewcihten: „Salve, hehre Königinne, Mutter der Barmherziakeit, Unj'res Lebens süße Minne, Unser Hoffen allezeit. Sieh', der Evaskindcr Sehnen Gebt, Fürsprecherin, zu dir: Eya in dem Thal der Tbränen, Nach dir seufzend trauern wir. Ach, auf uns'res Elends Flehen Mit barmherzigen Augen fwau', Lass' uns deinen Jesum scheu, Güt'ge, füge, milde Frau!" Heimwehbang der Hymnus schwebet, Ueber'm lauten Stadtgetriebe, Deckt mit seinen Silberfchwingen Erdenhaß und Erdeuliebe. Uebcrtönt mit sanftem Klänge Fromm der Meltlust eitle L eder, Unv der Jungfrau Segen senkt sich Mckd auf Stadt und Kloster nieder. Würzburg-AugSburg. lt. v. --k-V-Z'-«-- 803 WoL2.Sk.oLr., ^UA8l)uiF6i' 8v1iLeIiI)irrtt. süllo Rockte vordokaltou.l ieI»tv «los 8eleael»8pivl8. VI. 7m Enäo äes 13. äakrkuväerts, wie im Mttelalter über- kanpt, waren äio besonäeron kÜLnrstätteu äes Scliaclispiels Italien unä Spanien, woselbst seine kilege gleickreitig mit jener äer Wissonsekakten mäcbtig runalun. 7u äen eifrigsten Oönuern äes Spiels räblte äer llönig Alton s X. äer Welse von Eastilien unä Leon, äer wäkrouä seiner kogierungsroit (1252—1284) ru Soviila äen borükmton kergamentcoäex Iierstellen liess, in welckem neben clon anäoren Spielen auob äio äamals vorbanäenen literarisclmn Aukroieknnnron über äas Lcbaeb Anknakmv tanäen. Etwas später, im labro 1298, verfertigte ru kareelonaäeäaiakovini seine llanäscbrift über äio Oesekieläo äes Sekacbspiels. Aus äem 13. unä 14. labr- bunäcrt sinä uns ausseräom melirero kranrösisoks, sowie 2 lateinisebo uns kologna stammenäo klanuscripto erkalten, wclcbe interessante .tutscbiüsse über äio äamals bereits vor- banäone Vorliebe kür äas Autgabonwoson entlmlten. IIm äas äabr 1300 gab aueb äer Krater äakobus aus tlessvles, lllagistor äer kboologie unä Dominikaner su Heims, seine Zusammenstellung einer s)inboliscl>en Sitten- unä Staatsklng- beitslebre Korans, in wolebsr er äas Sokaekspiol vergleieks- weise als ein Spiegclbilä äer güttlicken Woltoränung nie äss socialen Gebens betracbtet unä eingekenä austükrt. Aber nickt allein in Europa, sonäern auek im Llorgenlanäe katto sieb äas Sckaek im Mttelalter 7unekmenäer kilege su erfreuen. So räklto namentliok äer grosse Llongolonkürst kimur Denk 7U seinen Anbängern. An äesseu Hokö lebte äer por- sisoke Sekaekmeister A I i 8 kantra) i, von äsm wir kürsliob bereits eine Aufgabe gekrackt traben (Xr. 5). — Seiner Vorliebe für äas Sckaek gab 1'iinur u. A. auek äaäurck Aus- äruek, äass er seinem Sokne rum Anäenkon an äio siegreieke Seklackt bei Angora (24. lull 1402), in weleber Sultan La- jariä äiläerim in seine Ootangensebakt gerietk, äonXamen „Scliacbrocb" beilegte, weil mit äem Sultan gewissermassen äio wicbtigsto Eignr äes Osgnors (äamals äer Rock-kkurm) in seine Oowalt geratksn war. — (Eortsetrung äieses Abscknittes in 14 lagen.) -sae1»r!el»1vn an« Lf «2 Weiss: klunslou. 8 o k wa r r: Luiubert. 8: Weiss: Onuston. 8 0 k wa r r: Lambert. i e2—o4 e7—c6 14 Le2-K3 e5 — «4 2 ä2-ä4 ä7—ä5 15 8e3Xä5(b) o4Xk3(o) o e4Xä5 c6Xä5 >6 De2Xe8! ki8Xo8 4 Lgl—f3 8b8-e6 17 LelXe8-t- Lg7—k8 5 e2—e3 8g8-k6 >8 L0I-K6 Le8—06 6 Lkl-ä3 ?7-g6 l9 Le8Xa8 8c6—ä8 7 0-0 Lk8-g7 20 LK6-L4 Vä6-ä7 8 'kkl-ol 0-0 21 8ä5Xk6 Vä7—o? S Sbl—ä2 8k6-08 22 lal-ol LK8-g7 . 10 8ä2-k1 Vä8—ä6 23 Ia8Xä8(ä) De?Xä8 11 väl — e2 k7-f6 24 I'e1X°6 Lk6—o7 12 8k1-e3(a) Eg8—l>8 25 Lk4-e5 Lg7—K6 13 Lä3—c2 o7—e5 26 1'e6Xo7(o) Aufgegeben. a) In äer Absiebt, äen Lauer ä5 2u seklagen, är äer Lprrngsr wegen 14. Lä3—cl niokt wioäer genommen woräen vürtte. blit nackstokenäew originellen Sckernproblem kolken wir unseren Lesern wieäer ein Vergnügen ru bereiten: (8ekerr:-)Aufgako Xr. 8. Sckwars. Weiss riebt an unä seist mit äem ersten Auge mat- Auflösung äer Aufgabe lür. 4 von E. Erseborougk: 1. la2-f2 ä3—ä2 oäer k6-f5, Vo6-f7 2. Lt3-ä5 Oo6Xä5 2. Lt3-ä8 DevXääl 3. lf2—fZ beliebig 3. Lt8Xä6 beliebig. 4. 8. setrt matt oä.lXv. 4. Lä6—e7k 1. ä4X<-3, 2. I.t3-ä5 Ve6-o4(g4) 3. Lä5Xo4(k3X§4) belieb. 4. 8ä6—e4. Die verfülireriseksVarianto 1. Lk8—e7, Oe6Xe7,2.lb1—b4, Do7—s6, 3. e3—c4 sclreitert an 3. De6—e2! — Riektig gelöst: k. kever, Laufbeuren; I>. II. in I,.; X. L. in Vnräaek; A. II., N A., ketor Lsrnkarä unä Oskar blaxinger liier-, I. IlaggenmüIIer in Lobingeü, sowie I. kinkl, Hieäersekönenfelä. — A so-v« »I« / Die Spielregeln kür äas alt- xersiseko kroblem sinä äio gleieksn, wie bei Aufgabe Xr. 2 bereits genau angegeben; — allen Respekt vor Ikrer Aus- äauer nebst sekaelrfräl. Orussv! — ^4. <7>-r7-V^, Vkir freuen uns ob Ikros Eifers unä empfoklon Iknen äas ;,8ckaok-Lekrbuek von leau Oukrosno, kreis lll. 1.80", worin Sie Alles Lnäen unä wslekes in jeäer Luekkanälung ru kabov ist; besten -s-6russ! — Die Hamen jener Sckaelrfreunäs, weleks unsers Enäspiels unä kroblemo riektig lösen, sowie äio Lösungen inner kalb äroilVoeken einssnäen, weräen stets an äieser Stelle ver- otkentliokt. 8^^ Alles auf äas Sekack Lerüglioko ist ausnakmslos ru aäressiren: „An äio Redaction äes Augsburgor Sekaeli- blatt — Lake Augustn -- Augsburg." "WH8 b) Die Einleitung ru äem kolgenäeu eleganten Damenopfer, äurek welekes äas sckwarro Spiel vollkommen goläkmt wirä. c) Sckwarr sollte auf äas Opfer nickt eingeben unä 15. 16—k5 spielen. ä) Msäerum sekr kräftig; Sokwarr bat nur Awangsrügs. e) Elegant bis rum Sckluss! — Sckwarr Kanu äen Hiurm wegen äes ärokenäen Damenverlusts niokt nekmen. „Augsburger Postzeitung". « 1 « 5 . viustag, den 22. Dezember 1896 . Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas ü> Grabherr in Augsburg lBorbesttzer Dr. Max Huttler). Ihr erster Roman. Novelle von Antonie Haupt. (Schluß.) VI. Es dauerte mehrere Tage, ehe es den Bemühungen Doktor Hesse's gelang, Saärstein willfährig zu machen, den versprochenen Besuch ins Werk zu setzen. Die Gleich- giltigkett, welche dieser für Frau von Elz empfunden, hatte sich seit jener Enttäuschung fast zur entschiedenen Antipathie entwickelt. Ihr stetes Entgegenkommen, das er nicht zurückweisen konnte, ohne die Gebote der Ritterlichkeit zu verletzen, erschien ihm lästig; zudem zürnte er ihr wegen ihrer schroffen Aeußerungen. Während er jetzt, halb widerstrebend, ziemlich schweigsam dem Freunde nach Thale folgte, beschäftigten sich seine Gedanken mit dem Lieblingsbtld seiner Träume, mit Ilse Treuenfels. Heute mußte, auch wenn sie nicht in derselben Stadt wie ihr Verleger wohnte, sein Brief in ihre Hände gelangt sein. Ob sie sich rühren lassen, ob sie seine Bitte mit Erfolg krönen würde? Bald beklommen, bald hoffnungsfreudig schlug sein Herz, als er sich ausmalte, wie sie seine Beharrlichkeit wohl aufnehme. So sinnend und überlegend gelangte er, fast ohne zu wissen wie, in den eleganten Empfangssaal des Hotels „Zehnpfund". Nachdem man sich den Damen hatte melden lassen, kam die niedliche Zofe der Frau von Elz und führte die Herren in ein mit allem Luxus ausgestattetes Boudoir. »Die gnädige Frau wird sogleich erscheinen", versicherte sie. „Hier sieht es ja fast aus wie in dem eigenen Heim der Dame", erklärte Saarstein, indem sein Auge wohlgefällig über die prächtige und geschmackvolle Ausstattung des Gemaches glitt. Wie allen Freunden der Feder, so erging es ihm jetzt. Sein umherschweifender Blick wurde sogleich magnetisch angezogen durch einige offen auf dem Tische ausgebreitete Schriftstücke. Mechanisch, ohne sich Rechenschaft über sein Thun zu geben, schritt er hinzu und blickte hinein. Er fand eine alte Chronik, Harzsagen in wunderlicher, verschnörkelter Handschrift, kaum leserlich auf vergilbtem Papier, und daneben lag fein säuberlich die Abschrift in zierlichen modernen Buchstaben. Er starrte auf letztere hin, rieb sich die Augen und schaute wieder. Hatte seine Phantasie denn wirklich solch' unglaubliche Macht über seine Sinne, daß er überall die Schriftzüge von Ilse Treuenfels zu sehen glaubte? — Nein, ohne Zweifel, die zierlichen und doch so kühn geschwungenen Lettern blieben dieselben, es war in der ^ hat die elegante, klare Schrift, wie sie das Tagebuch, wie sie die Briefe zeigten. Sollte Frau von Elz dennoch.Ach, es war undenkbar! Eine gute Schauspielerin war sie freilich ... Ja, es war schließlich nicht anders möglich, sie mußte die geheimnißvolle Autorin sein. Eine tiefe Niedergeschlagenheit und Verstimmung bemächtigte sich Otto's bei dieser Vorstellung. Da öffnete sich die Thür, und die junge Frau trat mit einem verführerischen Lächeln ins Zimmer. Ein reizendes Morgennegligs ganz aus duftigen, cremefarbigen Spitzen mit rothen Schleifen schmiegte sich um ihre schönen Formen, und ein winziges Spttzenhäubchen lag kokett auf der halbgelösten Lockenfülle. „Ich bitte, zürnen Sie mir nicht, daß ich in diesem Aufzuge vor Ihnen erscheine", begann sie ein wenig verschämt. „Ich habe so lange vergeblich auf Ihr Kommen gehofft, daß ich um der leidigen Toilette willen auch nicht eine Minute länger warten wollte, Sie zu sehen. Ah, das Warten ist die Erfindung eines Dämons, eine qualvolle Einrichtung, die in den Tartarus gehört!" Ihr Gesichtchen nahm ganz eine melancholische Miene an, als sie dies sagte. In der nächsten Sekunde jedoch erhellte es sich wieder zu strahlender Freundlichkeit. „Und nun seien Sie mir herzlich willkommen, meine Herren!" rief sie aus, indem sie ihnen beide Hände zur Begrüßung darbot. Die schöne Amanda von Elz wußte recht wohl, daß sie in keinem andern Costüm bestrickender aussah, als in diesem leichten, scheinbar nachlässig über die anmuthige Gestalt hingeworfenen Spitzennegligö. Ja, sie war in diesem Augenblick entzückend hübsch, die kleine Circe, das mußte selbst Saarstetn sich zugestehen. Sein Sinn war jedoch gerade jetzt weniger denn je für Aeußerltchkeiten empfänglich. In fieberhafter Ungeduld drängte es ihn, Gewißheit zu erlangen über den einen Punkt, der alle seine Gedanken beschäftigte. Kaum hatte der Freund seine wohlgesetzte Entschuldigungsrede, daß sie nicht schon früher ihre Aufwartung gemacht, beendet, als Otto auch schon die scheinbar unschuldige Bemerkung hinwarf: „Gnädige Frau scheinen sich für alte Chroniken zu interessiren, da Sie sich sogar Mühe geben, diese alte verschnörkelte Handschrift zu entziffern und abzuschreiben." Dabei lächelte er so harmlos, daß Niemand ahnen konnte, 810 wie ungestüm sein Herz in ängstlicher Erwartung pochte. Sie sah ihn an und lachte. „Derartige kleine Privatvergnügen überlasse ich Lily", entgegnete ste heiter. „Ich weiß nicht einmal, was in dem alten Schmöker steht, den das Kind, Gott weiß wo, ausgegraben und hierhergeschleppt hat. Jetzt fitzt sie wie verzaubert an dieser babylonischen Urschrift und quält sich mit Abschreiben. Die Kleine wird mir jedoch bei dieser Beschäftigung ernsthaft nervös, so daß ich ein entschiedenes Veto dagegen einlegen muß. Ja, denken Sie nur, als sie soeben einen Brief erhielt, brach sie beim Lesen desselben in Thränen aus. Ich fragte erschreckt, ob sie eine traurige Nachricht empfangen habe, und sie erklärte, der Brief enthalte weder traurige, noch freudige Mittheilungen, dann lief sie erregt hinaus ins Freie. Doch ich erzähle Ihnen Dinge, welche Sie gar nicht interesstren, ich sehe das an Ihrer zerstreuten Miene." Otto war in der That wie geblendet von dem plötzlichen Licht, das ihm meteorartig aufgegangen war. Er konnte eS kaum fassen, daß die sehnlichst Gesuchte, das Ideal seiner Träume, nun in Lily von Arendal gefunden sei. Welche Verwirrung, welchen Aufruhr von Gedanken und Gefühlen brachte ihm diese Erkenntniß, die wie etwas erkältend Fremdes ihn traf und zugleich auch wieder warm sein Herz berührte. Das Bild, daS er im Herzen getragen, versank, und ein anderes, ebenso an- muthiges stieg vor ihm auf, von eigenthümlichem Glanz umstrahlt. Er hätte Lily jetzt, nachdem das Geheimniß ihm enthüllt war, um Alles nicht begegnen, ihr nicht ins Auge sehen können; denn was hätte er ihr in dieser ersten Verwirrung sagen sollen? Wie sehnte er sich nach einer Stunde der Einsamkeit, einer Stunde des Alleinseins, die ihm Klarheit über seine Empfindungen bringen mußte! Daß er auch nie an die Identität Lily's mit Ilse Treuenfels gedacht hatte! — Aber ihr Benehmen gegen ihn war ja auch so kalt, so unfreundlich. Freilich trug sein eigenes Verhalten die Schuld daran, und ihre Zurückhaltung war, das erkannte er jetzt, nur mädchenhafter Stolz. So sann er und gab sich nicht einmal den Anschein, als ob er der lebhaften Unterhaltung zwischen Frau von Elz und seinem Freunde die geringste Aufmerksamkeit zolle. „Ich kenne Sie heute nicht, Baron; es scheint, Sie sind ihm Begriffe, eine vollkommener Misanthrop zu werden", wandte sich erstere wieder zu ihm. „DaS nicht, meine Gnädige; aber ich bin im Begriffe, mich von Ihnen zu verabschieden", schaltete Otto, der in jedem Augenblick befürchtete, Fräulein von Arendal erscheinen zu sehen, unwillkürlich ein. „Ich entsann mich soeben, daß eine wichtige Angelegenheit mich von dannen ruft." „Nun so gehen Sie, trockner Mensch, der keinen Sinn für ein gemüthliches Plauderstündchen hat. Gehen Sie nur, Ihre Unterhaltungsgabe ist ohnedies heute nicht die anerkennenswertheste", warf sie scherzhaft schmollend ein. Mit einem erstaunt fragenden Blick auf Saarstetn erhob sich auch Georg; ehe er sich jedoch empfahl, unterließ er es nicht, die Frage zu stellen: „Würden die Damen uns vielleicht heute Nachmittag die Freude machen, uns auf einem Ausflug nach Treseburg zu begleiten?" „Mit dem größten Vergnügen!" rief Frau von El chtlich erfreut. „Das ewige Einerlei ist tödtlich lang weiltg. Ihr Vorschlag gilt doch einer Fußtour durch das romantische Bodethal?" „Ganz wie Sie befehlen, gnädige Frau." „Also abgemacht! Auf Wiedersehen heute Nachmittag I" Mit respektvollem Gruß wandten sich die Herren zum Gehen. „Nun erkläre mir, Du Sonderling, was ficht Dich eigentlich an? Dein Verhalten wird mir immer unverständlicher", rief Doktor Hesse, nachdem die Thür sich kaum hinter ihnen geschlossen hatte. „Komm' nur, das Räthsel soll Dir bald gelöst werden", begütigte der Freiherr, indem er mit schnellen Schritten dem Ausgang zustrebte. Als sie durch den Park wanderten, gewahrten sie unfern auf einer Ruhebank die schlanke, schmiegsame Gestalt Lily's. Der Ausdruck ihrer bleichen Züge war tieftraurig, und ihre blauen Augen, die starr ins Weite blickten, waren vom Weinen dunkel umsäumt. Der Anblick war entscheidend für Otto. Ein tiefes, inniges Gefühl für ste begann sich in seiner Brust zu regen, nur mühsam vermochte er seine Bewegung zu verbergen. Jetzt, nachdem er wußte, welcher Gluth der Empfindung oieses scheinbar so marmorkalte Wesen fähig war, nachdem er wußte, daß sie ihn liebte, ja, daß ihre Thränen in dieser Stunde ihm galten, brach die warme Neigung, welche er beim ersten Begegnen für sie empfunden und zurückgekämpft hatte, mächtig und siegreich hervor. Das unselige Mißverständniß, welches ihre stolzen Naturen getrennt, war nun gelöst, und ein Gefühl von Glück kam über ihn, wie er es nie vorher gekannt. Bei seinem schnell bewegten Gemüth, bei dem romantischen Zug seines Charakters wäre er am liebsten jetzt gleich auf der Stelle zu ihr hingeeilt, wäre vor ihr niedergekniet und hätte geflüstert: „Lily, ich weiß Alles, und ich liebe Dich!" Doch die wahre Liebe ist schüchtern und zaghaft — als er der holden Erscheinung voll ernster Anmuth gegenüberstand, da entsank ihm der Muth, zu ihr zu sprechen, wie sein Herz verlangte, und mit stummem Gruß ging er vorüber. Ihr Bild aber mit dem ganzen Zauber edler Weiblichkeit begleitete ihn auf dem Heimwege. Nachdenklich und schweigsam sah er anfänglich vor sich nieder; bald aber drängte es ihn, dem Freunde von der wundersam beglückenden Entdeckung zu erzählen, und indem er seinem Empfinden Worte lieh, kam es ihm selbst immer klarer zum Bewußtsein, wie dieses ungewöhnliche Mädchen schon gleich bei der ersten Begegnung sein ganzes Herz gefesselt. Welchen Reichthum an Geist und Gemüth hatte er schon damals in Lily erkannt, in ihr, die jeglichen äußern Prunk verschmähte, mit dem andere Frauen sich umgeben, um sich anziehend zu machen, die ihm dennoch aber glänzend über alle Andern hervorleuchtete I Jetzt verstand , er sich selbst, jetzt begriff er, weßhalb ihr scheinbar so gleichgiltiges Verhalten ihn stets so tie verletzt, ihm so wehe gethan hatte. Um so glückberau- schender war nun der Gedanke, von dem edlen, hochbegabten Mädchen geliebt zu sein. Mit ganzer Seligkeit gab er sich der zuversichtlichen Hoffnung hin. Mit einem Ungestüm, das ihm selbst thöricht und kindisch erschien, sehnte er sich nun nach ihr, und es ergriff ihn der leidenschaftliche Wunsch, ihr sogleich rückhaltslos sein Herz zu entdecken. Während sein Freund wie die an- 811 deren Gäste der Roßtrappe mit untadelhaftem Appetit den Genüssen der Tafel huldigte, wanderte Saarstein erregt auf der Plattform vor dem Hause hin und her. Sonnenbeglänzt in blauem Duft breitete sich die weite den Gegenstand seiner Wünsche und seiner Sehnsucht in sich schloß. Das Hotel „Zehnpfund", welches ihm bisher wenig Interesse eingeflößt, war ihm mit einem Male theuer geworden. . '! WI WM M88Ä :UßW Gedenket der Armen zur Weihnachtszeit I Ebene vor seinem Blicke aus, und am Fuß des Berges lag das Städtchen Thale mit seinen Häusern und hohen Schornsteinen. Des Freiherrn Auge haftete unverwandt mit dem Ausdruck der Innigkeit auf dem Hause, das Endlich, endlich nahte die Stunde, welche zu dem gemeinsamen Ausflug festgesetzt war; mit beflügelten Schritten ging es hinab ins Thal. Die Damen standen ! bereits zum Ausgehen gerüstet in der Veranda. Frau von Elz grüßte und winkte schon lebhaft aus der Ferne Doch weder der schmachtende Blick ihrer dunklen Augen' noch ihr liebenswürdiges Lächeln vermochten heute di^ Aufmerksamkeit des Freiherrn zu fesseln. Sein Auge ruhte wie gebannt auf Ltly. Eine liebliche Nöthe lag auf deren Wangen, während ihr schönes, blaues Auge in ungewöhnlichem Feuer strahlte. Ihre innere Erregung, ihre Verwirrung bet seinem Anblick verlieh ihr einen unsagbaren Reiz, der Otto mit Entzücken erfüllte. „Hoffentlich haben Sie Ihrer menschenfeindlichen Laune für heute den Abschied gegeben", mit diesen Worten näherte sich Frau von Elz ihm schmeichelnd, um ihn für den Spaziergang vollständig in Beschlag zu nehmen. Mit großer Gewandtheit wußte jedoch der junge Doktor ihren Plan zu vereiteln, indem er unverzagt sich ihr als Ritter und Geleitsmann auf dem Wege anbot und dann in scherzhaftem Eifer mit ihr eilig voraus- stürmte. Saarstein, der nun selbstverständlich mit Fräulein von Arendal in geringer Entfernung folgte, ließ dem Paare den Vorsprung, den es gewonnen. Doch eigenthümlich — kaum war er mit Lily allein, so überkam die Befangenheit ihn selber, so daß er kein Wort der Anrede zu finden wußte. Das junge Mädchen machte es ihm nicht leicht, seine Verlegenheit zu überwinden; zurückhaltend, ernst und schweigsam ging sie an seiner Seite durch die Waldespracht. Noch gestern hätte er eine solche Haltung bei ihr als Gleichgiltigkeit gedeutet, heute wußte er, daß es Befangenheit war. Was mochte Lily, nachdem sie heute Morgen seinen Brief gelesen, der, wie sie glaubte, an ein anderes geträumtes Wesen gerichtet war, jetzt in seiner Gegenwart empfinden? Er wollte zu ihr sprechen, doch die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Lily war es, welche zuerst den Bann des Schweigens brach Sie machte ihn auf die Erhabenheit der umgebenden Natur aufmerksam, zog ihn dadurch aus seinem träumerischen Zustande und verflocht ihn in eine Unterhaltung, die ihn zu anderer Zeit lebhaft angeregt hätte, da sie die Merkwürdigkeiten, welche er auf seinen Reisen gesehen, betraf. Heute aber antwortete er zerstreut und unzusammenhängend, während seine Gedanken sich unruhig mit einer ganz anderen Angelegenheit beschäftigten. Stundenlang waren sie so im Bodethale vorgedrungen; die wildesten und romantischsten Felsenscenerien hatten sie hinter sich gelassen, an den mächtigen Gewitterklippen waren sie längst vorüber; jetzt schauten sie von einer Anhöhe herab auf Treseburg. Tief athmend in wortloser Bewegung stand der hohe Mann vor dem jungen Mädchen, das unter seinem langen, innigen Blicke erglühte und die Wimpern senken mußte. Wie ein Zauberbann lag es auf Beiden. Als aber Lily eine Bewegung machte, als wollte sie voran- schreiten, da hielt Otto nicht mehr länger an sich. „Lily, ich beschwöre Sie, gehen Sie nicht weiter, ehe Sie mich gehört, ehe Sie mein Urtheil gesprochen habenI" rief er leidenschaftlich. „Der Zufall verrieth mir heute ein Geheimniß, nach dessen Lösung Ihre Grausamkeit mich vielleicht ein ganzes Leben lang hätte vergebens forschen lassen. Er verrieth mir, daß Ilse Treuen- fels, die sehnlichst Gesuchte, mir so nahe sei." „O Gottl" hauchte Lily und ward bleich wie Marmor; sie wankte und griff tastend nach einer Stütze. Er legte den Arm fest um ihre schlanke Gestalt und sprach mit bebender Stimme: „Wie glücklich mich diese Entdeckung machte, vermag ich nicht zu schildern. Denn lange, ehe Ilse Treuen- fels mich durch ihre geist- und gemüthvolle Dichtung so mächtig und unwiderstehlich fesselte, kämpfte ich gegen eine stets von Neuem aufflammende Liebe zu Lily von Arendal, gegen eine Liebe, die ich tödten wollte, weil ich sie unerwidert glaubte. Am heutigen Tage aber", fuhr er leuchtenden Auges fort, „ging mir ein Hoffnungsstern auf. Lily, liebe Lily, von Deinen Lippen möchte ich das Geständniß hören. Sage, o sage mir, liebst Du mich?" Er bog sich zu ihr nieder und sah ihr tief und forschend in die Augen. Sie barg das blonde Köpfchen an seiner Brust und flüsterte: „Du weißt ja, daß ich Dich liebe." Stürmisch küßte er den Mund, welcher dieseWorte sprach. So war denn alles Sehnen geendet, aller Zwiespalt gelöst: die Gewißheit der Gegenliebe erfüllte Beide mit Entzücken. Nach einer langen Pause sagte Otto: „Und nun verrathe mir, mein Lieb, wie war es Dir möglich, mir, nachdem ich Dein Tagebuch gefunden, wie durch Zauberei zu entschlüpfen nnd mich auch später so lange in der Finsterniß zu lassen? Hattest Du Frau von Elz zu einem Bündniß gegen mich gewonnen? Kannte sie den Inhalt des Tagebuches, wußte sie von Deiner Neigung zu mir?" Lily lachte. „Frau von Elz wußte nur, daß ich Deiner in meinen Memoiren schmeichelhaft erwähnt; sie begriff recht wohl, wie peinlich es mir sein müsse, das Buch, nachdem Du vielleicht darin gelesen, aus Deiner Hand in Empfang zu nehmen. Sie ließ sich daher sehr leicht von mir zur Flucht vom Brocken überreden, ebenso verrieth sie mich nicht, als Du sie selber im Verdacht der Autorschaft hattest." „Böses Kind, und Du hörtest mäuschenstill und schadenfroh dem Gespräche zu." „Nicht schadenfroh, Otto; nein, in großer Angst, Du möchtest die Wahrheit erfahren, die Wahrheit, die, wie ich glaubte, Dir schrecklich sein müsse." Er antwortete nur dadurch, daß er sie auf's Neue innig an sein Herz zog. „Wußte Frau von Elz von Deiner Verwandtschaft mit Jlie Treuenfels, als sie ihr Urtheil über schriftstellernde Frauen sprach?" fragte er nach einer Weile. „Bewahre! Sie wird auch nie etwas davon erfahren. Ilse Treuenfels wird bald verschollen sein; denn wie nur die Liebe zu Dir mich zur Dichterin machte, so zwingt mich meine heiße, innige Liebe zu Dir, die Feder wohl für immer aus der Hand zu legen. Vor allem soll es meine Lebensaufgabe sein, Dich, theurer Mann, glücklich zu machen, Deinem Heim die treue, sorgende Hausfrau zu sein und mich meines neuen Wirkungskreises würdig zu zeigen. Ich weiß recht wohl, daß sich mir in meinem Berufe als Schloßherrin auf Saarstein ein unbekanntes Gebiet der Thätigkeit öffnet, daß mir so große, ernste Pflichten entgegentreten, daß ich meine besten Kräfte einsetzen muß, um Dir eine treue, mit- schaffende, sorgende Gefährtin zu werden. Ilse muß in den Hintergrund treten, da Lily sich Verdienste als Hausfrau erringen möchte. Sei still, ich merke schon, Du willst das vermeintliche Opfer nicht annehmen. Weißt Du denn nicht, Du Hoher, herrlicher^Mann, daß es 813 meine Ehre, mein größtes Glück sein wird, an Deiner Seite für das Wohl der Dir anvertrauten Untergebenen sorgen zu helfen?" Sie schaute glücklich lächelnd zu dem Geliebten auf. „Und nun kein Wort mehr darüber." Langsam schritt das Paar Arm in Arm dem nahen Wanderziele zu. „Wir wollen den Anderen nichts von unserem seligen Geheimniß verrathen, bis meine Eltern die Einwilligung gegeben haben", bat Lily. Amanda von Elz jedoch wußte sich sehr rasch zu fassen, oder sie vermochte es meisterhaft, die Gefühle ihres Innern zu verbergen. Auf der sechs Wochen später stattfindenden Hochzeit des glücklichen Paares schien sie die munterste von allen Gästen. Georg Hesse, der auf ihren Wunsch auch diesmal ihr Ritter war, konnte sich jetzt nicht über Gleichgiltigkeit und Unaufmerksamkeit beklagen. Die Hochzeit, welche im Elternhause der Braut gefeiert wurde, war zugleich auch ein Freudenfest für die ganze Herrschaft Saarstein. Man hatte immer noch daran gezweifelt, ob der Majoratsherr nicht eines Tages einem neu erwachten Dränge, fremde Länder zu durchforschen, nachgeben werde. Die Vermählung des Freiherr» gab den Unterthanen jedoch die freudige Gewißheit, daß er das Feld seiner segensreichen Wirksamkeit nicht mehr verlassen werde. -SSN-S- Die drei Verschworenen. Nach dem Gemälde von G. LÜS. „Zweifelst Du daran?" „Gewiß nicht, Otto. Doch ich möchte, daß meine Eltern die Ersten seien, welche von unserem Herzens- bündniß in Kenntniß gesetzt würden." „Du hast Recht, meine Lily; noch in dieser Stunde soll es geschehen", erklärte Otto feurig. Es war ihm fast lieb, daß er auf diese Weise genöthigt war, der schönen Wittwe persönlich seine Verlobung mit Lily zu verkünden. Sattel iliid Lasso i» Mexiko. Von Dr. E. Below. Berittene Geistliche und berittene Richter, berittene Aerzte und auch sogar berittene Hebammen, berittene Almosensammler und Bettler — nur nicht berittene Schreiber- und Schneider- Seelen — trifft man überall in Mexiko, besonders auf den gebirgigen Hochländern, aber auch im flachen und Tieflande. In den Silber- minenstädten und deren Umgegend reitet Alles, auch die Frauen. Ich wüßte kein Land der Welt, wo so viel geritten wird, wie in Ungarn und Mexiko. Beide Länder gleichen sich sehr im Reiten wie im Fahren, im Essen wie im Trinken, in der Küche wie in der Kirche, im Singen wie im Lieben; in dem Freier, der nicht reiten kann, sieht die Frau dort keinen rechten Mann. Wer bloß Ritter von der Feder und der Elle ist, zählt nicht mit, er muß Ritter mit Flinte, Sporn und Lasso sein, dann gilt er. Hat die Sache in Ungarn zuweilen einen etwas hunnischen Beigeschmack, so hat sie in Mexiko einen arabischen, von den den Spaniern beigemengten maurischen Elementen her, die durchCortez und seine Nachfolger als gut spanisch in die eroberte neue Welt mitKreuz und Sattel übertragen wurden; denn diese beiden Sachen waren dem alten, in einer eigenthümlichen Naturreligion von ihren weisen Priestern erzogenen Kulturvolk der Azteken noch neu. Sie betrachteten die ersten berittenen Spanier, die ihnen das christliche Kreuz und den spanischen Sattel ins Land brachten, als Barbaren und Centauren und flohen vor ihren Pferden, die sie noch nie gesehen, und ließen sich taufen, wie die Sachsen unter Karl dem Großen. Wie es Bernat Diaz in seiner „Eroberung von Mexiko" beschreibt (siehe: „ Deutsche Zeitung von Mexiko" (Januar 1896). Die Liebe für Musik und Reiten, wie sie in der berühmtesten aller ungarischen Rhapsodien von Liszt ausgedrückt ist, läßt sich auch im Lande Mexiko finden. Arabisch ist am mexikanischen Sattel der große breite tellerförmige, Sattelknopf, auf dem beim langen Steppenritt die müden Hände mit den Zügeln ruhen können, auf dem der Reiter zur Noth sein einfaches Mahl verzehren, auch eine Notiz schreiben kann, und auch die Sattellehne gemahnt an die hohe Stuhllehne des Arabers, von der der mexikanische Sattel noch ein kurzes Ansatzstück zeigt. Die Bauart des mexikanischen Sattels ist die unseres Bocksattels der leichten Kavallerie, welche das Rückgrat des Thieres völlig frei läßt. Ein zwei Finger breiter Spalt bleibt in der Länge von zwei Handbreiten auf dem Rücken offen, so daß man bequem durchfassen kann, um sich zu überzeugen, daß der Sattel nicht drückt. Man kann in die ärmlichsten Stuben kommen, einen Sattel und ein Heiligenbild findet man immer, wenn es auch weder Bett noch Herd in unserem Sinne dort gibt. Das Bett ist beim Volk eine Strohmatte, die aufgenommen und zusammengerollt wird. „Stehe auf, nimm dein Bett und wandle", das versteht man erst in jener sehr an primitive, palästinische Verhältnisse gemahnenden Einfachheit. Als Schmuckstück prangt der Vaquero-Sattel mit den zum Fliegenschutz herabhängenden Flankenlappen aus Ziegen- oder Lcoparden-Fell auf einem Hölzgestell mit Zaum, Gebiß und Lasso, und dies nebst dem versilberten Sombrero und dem Heiligenbildchen und Oel- lämpchen an der Wand ist die piöos äs rssistnuss, das Schmuckstück, der Stolz der dunklen, kühlen Hütte, der ärmlichen, bedürfnißlosen und deshalb glücklichen und zufriedenen Indios, der Nachkommen der Azteken, dieser Mischrasse von spanisch-arabischem und indianischem Blute. Die reiche Phantasie des mexikanischen Handwerkers, die oft den Künstler durchblicken läßt, hat aus diesem Sattel, der bei den Aermeren ein recht unscheinbares braunes Hausrathsstück bildet, die wunderbarsten und geschmackvollsten Gebilde zu schaffen gewußt. So zeigt die Ziselirung des Sattelknopfes, meist versilbert, nicht nur tellerartige Verzierungen. Oft stellt er einen Löwenkopf in Relief vor, oft einen Adler, der die Schlange tödtet, das Sinnbild der mexikanischen Republik: auf einer von Nopal bewachsenen Felseninsel hat sich der Adler, der den wandernden Toltcken als Führer zu ihrer neuen Heimath diente, der Sage nach, niedergelassen, wo er aie lauernde Schlange der Tyrannei erwürgte. Diese an die Wanderungen der vor-aztekischen Zeit gemahnende Sage gibt das Bild, das als mexikanisches Wappen die Sattelknöpfe und die Jorvegos (Manteldecken der Indios) ziert. Ganz anders als das bei uns in Europa gebräuchliche ist das mexikanische Gebiß: es ist ein Kandarengebiß, wo statt der Stangen ein Ring mit einigen daran- hängenden Metalldrückern dem Pferd über die Zunge geschoben wird. Je mehr der platt auf der Zunge liegende kupferne rauhe Metallring durch den Zügelzug herabgedrückt wird, um so mehr drücken sich die daran hängenden kleinen Drücker in das Zungenfleisch, während der Ring gegen Zunge und Unterkiefer drückt und so dem Pferde den Kopf hinabzwingt und es schließlich stillzustehen nöthigt. Dies komplizirte Gebiß wiegt nicht so schwer, wie unsere Kandarenstangen. Das Pferd spielt mehr mit der Zunge daran und speichelt und schäumt leichter. Die Mexikaner glauben das Thier dadurch aufmerksamer und munterer zu halten. Doch so sehr es auch durch solch ein schikanöses Gebiß gepeinigt wird, dies übt lange nicht den Zwang aus, wie der leicht um den Hals gehängte Lasso: ein kleiner Ruck an dieser Leine, die nicht stärker ist, als unsere gewöhnliche Wäscheleine, und das Pferd steht im schnellsten Karriere, so daß es mit den vorgestreckten Vieren eine ganze Strecke vorwärts schnurrt und Pferd und Reiter von einer Staubwolke umgeben sind. Diese Wirkung des Lasso ist die Folge der schlimmsten und grausamsten Jugenderinnerung des Thieres beim ersten Einsangen in der Wildniß, die für das ganze Leben vorhält. Als das Thier auf der Steppe von den Knechten des Hazendado zum ersten Mal mit dem Lasso eingesungen wurde, um sein Brandmal aufgedrückt zu bekommen, schauderte es bei dieser ersten Begegnung mit dem überlegenen Menschen zusammen; manches Thier bricht dabei einen Halswirbel, wenn der Zug des um den Sattelknopf des Reiters geschlungenen Lassos zu brüsk erfolgt. Doch das kommt selten vor. Die meisten laufen, nachdem sie geknebelt, niedergeworfen und ge- braudmarkt worden sind, munter davon, stehen aber wie angewurzelt, sowie sie zum zweiten Mal Bekanntschaft mit dem Lasso machen. So wie in Mexiko habe ich nirgends ein Reitpferd im vollen Jagm pariren sehen. Es geschieht nicht nur mit dem Kandarenzügel, sondern mit der um den Hals des Thieres gehängten Lassoschlinge, mit diesem Zuge jedenfalls immer am sichersten. Diese Schlinge liegt zugleich um den Kopf des Pferdes als Halfter. Die Rancheros behaupten, daß sie mit dem bloßen Halfter, ohne Gebiß, das Pferd ebenso in der Gewalt haben, wie mit Gebiß. Sieht man diese ländlichen Reitergestalten mit weit abstehenden, flügelartig sich bewegenden Ellbogen daher fliegen, so muß man den Mangel an Grazie und Eleganz bedauern. Sie reiten eben wie die wilden Indianer, bücken sich dabei zur Erde, heben den in den Sand geworfenen Hut vom Boden auf, machen diese und ähnliche Kunststücke wie das „Stierwerfen" auch auf bloßem Pferde; das ist gewöhnlich der Schluß-Akt auf den Wettrennfesten, die auch das deutsche Kasino auf seinem Rennplatz vor der Hauptstadt Mexiko gibt. Das Stierwerfen krönt die meisten größeren Wettrennen als ländliche Volksbelustigung. Dem aus dem Pferch getriebenen wilden Stier jagt eine Schaar Berittener nach. Man sucht den Schweif des Thieres zu erfassen, zwischen rechtem Knie und Sattel durchzuziehen und, den Schweif nicht locker lassend, damit voranzustürmcn, den Stier zu überholen und ihn so kopfüber stürzen zu lassen. Dann wird er gebunden, er bekommt einen Gurt um den Bauch und wenn er wieder aufsteht, sitzt ein Reiter auf ihm, der alle Versuche, ihn abzuwerfen, vereitelt, bis man das ganz blöde gewordene Thier freiläßt, worauf es dann, meist recht mattherzig, ohne Angriffe zu machen, in seinen Pferch zurücktrollt. Dieses beliebte Spiel ist freilich Sache des geborenen Hazendado. Ein Fremder lernt es selten. (Schluß folgt.) -- - Goldkörner. Seh ich die Werke der Meister an, So seh' ich das, was sie gethan: Betracht' ich meine Siebensachen, Seh' ich, was ich hätte sollen machen. >i—V—l' Goethe. 815 Ettenbeuren. (Mit Bild.) Nachdruck verboten. In dem 475 Seelen zählenden, an der Kammlach gelegenen Ettenbeuren finden wir schon in früher Zeit Besitzungen der bischöflichen Kirche von Augsburg, die wohl noch aus karolingischen Stiftungen herstammen mögen. Die Kirche von Ettenbeuren schenkte, wahrscheinlich noch im 11. Jahrhundert, ein nicht näher bekannter Diakonus Udalrich an das Domstift, welches dieselbe zu seinem Präbenden bezog. Später erscheint sie der Präbende des Dompropstes beigegeben. Einer der Dompröpste überließ dieselbe zur Zeit des BtschofsUdal- skalk (1184—1202) an sein Kapitel. Hiernach einverleibte Bischof Stfried am 6. Juni 1220 die Kirche dem Domkapitel. Demselben blieb von alter Zeit her auch einiges weltliche Gut in Ettenbeuren; den bei weitem größten Theil des Ortes aber erwarb im Laufe der Jahrhunderte das nahe Kloster Wettenhausen. Der Ort Ettenbeuren selbst stand unter der ^Landeshoheit und hohen Gerichtsbarkeit der Markgrafschaft Burgau, welcher auch das Grundeigenthum der meisten Güter im Orte zustand, die von den Markgrafen an verschiedene Lehenträger verliehen wurden. Die bedeutendsten derselben finden wir in Gliedern des weitverzweigten Ge- schlechtsvonRoth,aus Ettenbeuren. kapitel 14, die Markgrafschaft Burgau 3 Behausungen, alles übrige gehörte nach Wettenhausen. Die Pfarrkirche unter dem Titel L. Llurias V. in oosIoL Lssumxtae liegt, vom Gottesacker umgeben, an der Westseite des Dorfes, hart an der Kammlach. Die frühere Kirche war ein gothischer Bau. Am 1. Mai 1672 Abends 8 Uhr stürzte der Thurm dieser Kirche zusammen, zerschmetterte den Chor, schlug einen Theil des Langhauses ein und machte an Altären und Glocken großen Schaden. Die Kirche wurde wieder hergestellt, der Thurm von Grund aus neu aufgeführt. Die Vollendung des BaueS verzögerte sich jedoch bis zum Jahre 1684. Vom alten Baue find noch die Chormauern mit 7 gothischen Strebern übrig, das Langhaus wurde im Jahre 1776 verlängert, erhöht und ausgeziert, wie es jetzt noch steht. Unter dem gegenwärtigen Pfarrer I. Ritter wurden große Veränderungen vorgenommen. Im Jahre 1892 bekam der Thurm ein sehr schönes melodisches Geläute mit4Glocken, L, I'is, 2, hergestellt von dem bekannten Meister Hamm in Augsburg. In den Jahren 1893 und 1894 wurde die Kirche sowohl außen als auch im Innern einer gründlichen Restauration unterzogen, welche von Herrn Architekten I. A. Müller in München sehr glücklich und herrlich ausgeführt wurde, so daß die Kirche jetzt eine der schönsten Landkirchen des Bis- deren Händen Wet- Ongm-l-Aupahmk von Gustav «Lader, Photograph in «rumbach. IV-rviklsSMgui,g«rk>ht vorbehalten 1 Hums ist Der hiezu tenhausen allmählich fast den ganzen Ort erwarb. Die von Roth bewohnten wahrscheinlich eine Burg in der Nähe von Ettenbeuren, die vielleicht bei der Belagerung Burgau's im Jahre 1324 durch Ludwig den Bayer zerstört wurde, wenigstens ist im Jahre 1339 nur mehr die Rede von einem Burgstalle zu Ettenbeuren. Am 4. Juni 1437 gestattete Herzog Friedrich (mit der leeren Tasche) dem Kloster Wettenhausen auch das Dorfgericht zu Ettenbeuren, während er sein „Hochgericht und Herrlichkeit", von der Markgrafschaft Burgau rührend, sich vorbehielt. Zur Zeit der Säkularisation 1803 besaß in Ettenbeuren das Domerforderliche Kostenaufwand betrug mehr als 35,000M., welcheSumme größten- theils aus dem Nachlaß eines verstorbenen Wohlthäters, dann aber auch durch große freiwillige Beiträge der Pfarrangehörigen bis auf eine unbedeutende Restschuld aufgebracht wurde. In die Pfarrei Ettenbeuren sind noch folgende Orte eingepfarrt: Egenhofen mit 109 Seelen, Goldbach (174S.), Hartberg (84 S.), Kleinbeuren (131 S.), Ried (205 S.), Unterrohr (193 S.), Retfertsweiler (50 S.) und Grünhöfe (21 S.), sodaß die ganze Pfarrei zusammen circa 1442 Seelen umfaßt. 816 Die Pfarrei Ettenbeuren besteht aus 6 politischen Gemeinden, nämlich Ettcnbeuren mit Reifertsweiler und den beiden Grünhöfen; Egenhofen; Goldbach mit Hart- berg; Kleinbeuren; Ried und Unterrohr. Schulen sind in Ettenbeuren für die Gemeinden Ettenbeuren, Egenhofen und Unterrohr, sowie in Goldbach und Hartberg. Kleinbeuren gehört in die Schule nach Wettenhausen, Ried nach Beglingen. --ss-*-cs—- Zu unseren Bildern. Gedeuket der Armen zur Weihnachtszeit! Wie bitter und drückend muß nicht den Armen ihre Lage in der heiligen Weihnachtszeit werden, da sie sehen, wie die vermöglicheren Leute alles aufbieten, um sich vergnügte Feiertage zu bereiten und mit Geschenken aller Art einander zu überraschen. Kein Christbaum mit wohlschmeckenden Früchten, süßem Backwerk und strahlenden Lichtern steht ihnen in warmem freundlichem Zimmer. Sie haben ja nicht Holz genug, ihre Stube, in der sich nur die allernothwendigsten Möbel befinden, warm zu halten, nicht Geld genug, um fich eine hellleuchtende Lampe anzuschaffen und zu unterhalten, nicht Brod genug, um den knurrenden Magen immer zu befriedigen. Sie können ihren lieben Kleinen keine Ueberraschung bereiten, so gern sie es thun möchten. Wie sehnsüchtig schaut nicht die arme Frau auf unserem Bilde, mit dem frierenden Kinde auf den Armen hin nach dem prächtigen Christbaum im hellerleuchteten Saale des reichen Kaufmanns. Wie bescheiden sind nicht ihre Wünsche, wie letcbt könnte ihr und ihren armen Kindern geholfen und eine große Weihnachtöfreude bereitet werden. Und so wie ihr geht es noch Tausenden in diesen heiligen Tagen. Darum gilt euch allen, die ihr euch des Genusses der irdischen Güter zu erfreuen habt, der Ruf: Gedenket der Armen zur Weihnachtszeit I _ Dlie drei Verschworenen. Von Julius Lohmeyer. .Aus den Wolken muß «S fallen, Aus der Götter Schooß das Glück.' Vom Haselstrauche schwebt ein Faden nieder, D'ran wiegt ein Spinalem seine zarten Glieder, Behaglich fich im Morgenduft zu baden; Wie golden glänzt im Sonnenlicht der Faden. Gleich sind fie da, die Gickchcn, Gackchen, Göckchen, Und schauen nach dem allerliebsten Glöckchen, Das über ihnen wunderbarlich schwebt. „Ei seht doch! Hat man je so was erlebt?" Piept Gickchen; und nach läng'rer Prüfung meint es: „Ein delikater Morgrnbtssen scheint es!" Und Göckchen schmatzt: „Wie rund und appetitlich!" Und thut im voraus sich schon an ihm gütlich. — „Jetzt kommt das Spinnlein I — Nein I doch wieder nicht I" Klagt Gackchen, aufwärts blinzelnd in das Licht. „Doch jetzt! — Nein, wieder nicht!" — Das gute Gackchen Setzt sich ermüdet auf sein gelbes Frackchen. „Was hat denn solch ein dumm' Geschöpf zu denken!" Jetzt aber scheint daS Spinnlein sich zu senken — „Wahrhaftig!" Einen Hopser wagt schon Göckchen — Doch aufwärts kriecht es wiederum ein Streckchen. So geht es fort zu wiederholtcnmalen; Selbst Tantalus erlitt nicht ärg're Qualen, Als uns're Kücken. — „Ist so was erhört? Sie foppt uns!" kräht das Gickchen ganz empört. „Meinst du, wir könnten stundenlang hier warten Auf solch' armselig Ding — indeß im Garten Die schönsten Räupchen uns entgeh'» und Mückchen? Hältst du zu Narren uns?" p'ept heftig Gickchen. „Ich hab' es satt!" — Doch ha! — da kommt sie wieder, Bis an die Schnäblein läut sie sich hernieder. Heißhungrig schnappt die kleine Trias zu — Da fiieht sie wieder auf. — „Pfui, Spinne — du! Das ist zu arg! Dich mag der — Sperling holen. Meinst du, wir hätten uns're Zeit gestohlen? Häng' du ein ganzes Jahr hier meinetwegen, Uns ist wahrhaftig nichts an dir gelegen!" So piepsten sie und schimpften wie die Spätzchen — Die Spinne aber kroch zurück in's Netzchen, ' Wo sie noch heut' im Abendthaue schwebte, ÜL Ernstlich nachsinnend über das Erlebte. Die Kücken liefen desperat zur Tenne Und klagten das Gescheh'ne laut der Henne. Im Haselstrauche lachten ein paar Meisen; Man sprach noch lang davon in Kückenkreisen. Altertet. Noch vor dreißig Jahren war im amerikanischen Bundesschatzamt keine einzige Frau angestellt, und jetzt gibt es dort deren nicht weniger als 6000. Die Sachverständigen für die Feststellung gefälschten und verbrannten oder auf andere Weise verstümmelten Papiergeldes sind weiblichen Geschlechts und sehr zuverlässig. Frau Leonhard z. B. hat während eines Zeitraumes von drei Jahren Banknoten im Betrage von zwei Milliarden Dollars auf ihre Echtheit geprüft, und ihr täglicher Durchschnitt beziffert sich auf 200,000 bis 400,000 Dollars, doch sind schon zwölf Millionen an einem einzigen Tage durch ihre Hände gegangen. Trotzdem sie fich während ihrer Dienstzeit schon zum zweiten Mal verheirathet hat, so läßt man fie nicht gehen, weil sie unentbehrlich ist. Wenn irgendwo Geldkästen oder „Safes" im Feuer waren, so werden sie nach Washington geschickt. Hier werden fie geöffnet, und Frauen sieben den fast zu Asche gewordenen Inhalt durch, suchen die verkohlten Reste von Papiergeld heraus und unterwerfen sie einer mikroskopischen Untersuchung unter der Leitung von Frau Brown, denn diese ist Chef des Bureaus für die Prüfung verbrannter Banknoten. Sobald eine solche Note von ihr identificirt ist, muß das Schatzamt den Betrag herausbezahlen, doch bleibt sie haftbar für jeden Verlust, der durch ihr Versehen die Regierung trifft. Während ihrer ganzen dreißigjährigen Amtszeit hat Frau Brown nur 25 Cents ersetzen müssen, obgleich ihr alles Papiergeld zugeht, das im ganzen Gebiete der Vereinigten Staaten vom Feuer gelitten hat, von Mäusen zernagt oder vom Wasser zu Brei verwandelt worden ist. Frauen sind es, die im Bundesschatzamt daS Gold und Silber zählen, die Maschinen handhaben, welche Banknoten stempeln und zerschneiden, kurzum, dort eine Menge der wichtigsten Vertrauensämter bekleiden. * Der höfliche Wirth. Ein von Höflichkeiten und nach seiner Art schönen Redensarten überfließender Wirth auf dem Lande antwortete auf die Frage: „WaS gibt es diesen Mittag zu essen?" — „Unterthänigste Forellen, gehorsamste Bratwürste, ergebensten Kalbsbraten und dienstwilliges Schweinernes." --SSAkS-S- Telegraph enräths el. Vorstehende Zeichen entsprechen den Buchstaben von sechs Wörtern, die folgende Bedeutung haben: 1. ein im Wasser lebendes Thierchen, 2. russischer Fluß, 3. weiblicher Vorname, 4. einstens mächtiger Bund, 5. was man küßt und auch gern findet, 6. ein als Braten geschätzter Vogel. Die durch die Punkte angedeuteten Buchstaben ergeben einen Wunsch, den wir unsern Lesern zum Christfeste zurufen. -R 10k. Donnerstag, den 24. Dezember 1896. Für die Redaction verantwortlich: Vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Sein Mündel. Novelle von I. v. Dirk ink. (Nachdruck vkrbotrn.) Ihre Eltern waren früh gestorben, und der Kauf« ttz§nn Magnus Börner, der ihr Vormund war, hatte die kleine Alice zu sich genommen. Er und seine einzige Schwester Sabine bewohnten ein altes Patrizierhaus in einer mittelgroßen Stadt. Es war ein bleiches, stilles Kind mit großen, dunklen Feueraugen, in denen oft ein eigenthümliches Licht aufstrahlte. „Sie ist eine Künstlerseele", sagte der Lehrer Merkman, dessen Tochter eine berühmte Sängerin geworden war. Er gab Alice Klavierunterricht, sie war seine beste Schülerin. Sie war fünfzehn Jahre alt, als eines Tages die berühmte Tochter ihres Lehrers in ihrer Vaterstadt, die sich in dem Glänze dieses Gestirns am Künstlerhimmel mit Vergnügen sonnte, erschien. Der kleine Garten hinter dem Schulhause duftete und prangte in seinem schönsten Lenzesschmuck. Die Rosen blühten, die Vogel sangen und wiegten sich in den vom goldenen Sonnenlicht umsponnenen Zweigen, Falter schwirrten durch die Luft, und ein würziger Hauch von Thymian und Krauseminze Mischte sich mit Goldlack- und Nosenduft. Alice stand mit ihren Noten unter dem Arm an der offenen Gartenthür, als eine Singstimme an ihr Ohr schlug, so wundersam, glockenhell und silberklar, so süß, daß es sie mit ungeahnter Wonne durchschauerte. Das war sie, die Sängerin von Gottes Gnaden. Wie gebannt steht das Mädchen da, es war nur ein einfaches Lied, aber es wühlt ihr die Seele auf, so innig und lieblich schmiegt sich Ton an Ton ihr ins Herz hinein. So singen können! Beide Hände auf das Herz gepreßt, lehnt sie da; sie sieht nicht die Frühlingspracht um sich herum, sie lauscht nur mit angehaltenem Athem, bis der letzte Ton verklungen ist, und dann geht sie langsam wie im Traume verloren heimwärts. Noch tagelang unterhielt sich die Stadt von der jungen Künstlerin; eS währte lange, bis sie eiu neues Ereigniß gehörig verdaut hatte. Die Frau Doktor Kol- reuder, eine behäbige, sehr redselige Dame, Mntter einer heirathsfähigen Tochter, nahm einmal in der Woche den Thee Abends iu dem Hause der Geschwister. Sie war es, die Sabine über alle Stadtneuigkeiten auf dem Laufenden erhielt, und da sie Humor und Schlagfertigkett besaß, übte sie auch auf MagnuS eine gewisse Anziehungskraft aus. Mine, die alte Hausmagd, machte sich jedoch ihren Vers auf die viele» Besuche der Dame. „Der Herr soll ihre Tochter heirathen", pflegte sie launig zu Alice zu sagen, denn sie konnte die alte Plaudertasche nicht leiden. Heute fanden ihre Anekdoten über die Künstlerin kein Ende, aber Magnus brach diesen rechtzeitig die gewagte Spitze ab, denn Alice hörte mit großen Augen zu; — eS war offenbar, die Anwesenheit der Sängerin hatte sie ganz verwandelt. Sie, die sonst wie eine geschäftige Hausfee Sabine zur Seite gestanden, schlich jetzt träumerisch und wie bedrückt umher. Und eines Tages trat das Schicksal an MagnuS heran. Der Lehrer Merkman erklärte, daß Alice eine Stimme besitze, so umfangreich, volltönend und metallen, daß es ewig schade sei, wenn der Schatz ungehoben bliebe. Das Mädchen habe große Lust, sich auszubilden, sie wage sich nur nicht mit diesem Ansinnen hervor, da sie wisse, daß sie, ganz mittellos, dem Vormund nur Kosten verursachen würde. Magnus war innerlich empört, wenn auch äußerlich ruhig. Er lächelte und sagte, daß er die Sache mit Sabine überlegen wolle. Nein, es war geradezu unerhört, daß Alice solchen unfruchtbaren Träumen nachhing und in die Fußstapfen einer Louise Merkman treten wollte. Nur für den Hausgebrauch hatte man sie musikalisch bilden wollen; und nun? Das Herz that ihm weh, wenn er dachte, daß er seinen Sonnenstrahl verlieren sollte, denn wenn die Kleine auf ihrem Plan bestand, dann — ja, was sollte er denn anders thun als nachgeben! Es war ein harter Kampf, den das Mädchen mit ihren Wohlthätern zu kämpfen hatte, allein der Feuer« funke war mit dem einen Lied in ihre Seele gefallen, und er glühte fort, sie innerlich zu verzehren. Und der alte Lehrer goß Oel ins Feuer. Alice sagte sich, daß sie arm und verwaist sei und durch ihre Ausbildung selbstständig werde. Sie konnte dann ihr Schicksal selbst bestimmen und, wenn sie Ruhm und Gold gewonnen, Magnus alle Kosten ersetzen. Daß sie ihm unentbehrlich war, daß er und Sabine sich nach ihr sehnen könnten, kam ihr nicht in den Sinn. Sie hing mit großer Zärtlichkeit an Beiden, aber sie war kein Kind mehr, der Umgang zwischen ihr und Magnus, der fünfzehn Jahre älter war als sie, hatte sich iu den letzten Jahren ernster gestaltet. Wenn er nun Fräulein Kolreuder heimführte, dann wurde sie hier über» 819 flüssig und Wußte sich anderswo ihr Brod suchen. Ihr Talent aber befähigte sie, sich für die Zukunft sicher stellen zu können. — „Du hängst Luftschlössern nach, mein Kind", sagte MagnuS eines TageS zu ihr, als sie den Gartenpfad entlang schritten. „DaS Leben einer Künstlerin ist nicht so beneidenswerth, wie es scheint. Nur eine kurze Zeit steht sie auf der Sonnenhöhe des Ruhmes, dann geht es abwärts; und mit wie vielen Opfern am inneren Menschen hat sie sich ihren Ruhm, ihre Stellung nicht erkaufen müssen!" Alice schwieg; das Herz klopfte ihr, sie nahm in einer Aufwallung feine Hand und führte sie an die Lippen, eine heiße Thräne blieb hier zurück. Sie brannte Magnus wie Feuer. O, hätte er in ihrem Herzen lesen können, allein er ahnte es nicht, was sie eigentlich bewegte, sonst hätte er diese kleine Hand festgehalten für immer. „Laßt sie ziehen, die kleine Närrin", sagte Frau Kolreuder, »sie wird sich in der großen Stadt die Hörner schon ablaufen. Nach Jahresfrist kehrt sie heim, waS jung ist, will sein Lehrgeld zahlen, das bleibt wie eS ist." „Ja", meinte Sabine, „aber das Kind ist noch tm Wachsen, und in den Pensionen ist Schmalhans Küchenmeister." „Um so bester, desto eher wird sie überdrüssig; wer so aus dem Vollen zu schöpfen gewohnt ist, —" sie schwieg bestürzt, denn Alice trat ins Zimmer, sie hatte das Letzte gewiß gehört. Alice wußte eL, daß man sie nicht verstand, und doch, wenn sie sich recht prüfte, waren eS nicht goldene Lustschlösser, denen sie nachjagte? Und wenn sie nun zerrannen und eine häßliche, graue, nackte Wirklichkeit an ihre Stelle trat?! In einer regnerischen, stürmischen Nacht zogen ihr diese Gedanken durch die Seele, und sie barg den sorgenschweren Kopf inS Kissen und lauschte in die unheimliche Nacht hinaus. Der Wind sauste in den Baumkronen der Pappeln vor ihrem Fenster und peitschte :. n Regen gegen dieselben. Dieses eintönige Geräusch schläferte sie endlich ein. Durch Vermittlung der Doktorin, die eine Schwester in Köln besaß, hatte man eine paffende Pension für die junge Kunflnovize ausfindig gemacht. Es war die Wittwe eines berühmten Virtuosen, bei der Alice einquartiert wurde. Man hatte endlich nachgegeben, und dann war der Abschied gekommen. Sabine hatte geweint, und MagnuS war sehr ernst erschienen, aber er hatte kein Wort mehr gesagt als ein lakonisches „Lebewohl I" „Wir werden Weihnachten ohne unser Fräulein feiern müssen*, hatte Mine so hineingeworfen; keines der Geschwister hatte darauf geantwortet. Alice empfand es bitter, sie würde bald vergessen sein, und dann trat eine Fremde — o mein Gott, — mit diesem Gedanken fiel ihr ein Stein auf'S Herz. Als sie dann im Zuge saß und die Thürme ihrer Vaterstadt sich immer weiter von ihr entfernten, legte sie sich ihre Lage in günstigerem Lichte zurecht. Stolz und Trotz bemächtigten sich ihrer; — ach, sie wollte fleißig sein, und später, wenn das Glück ihr günstig war, wie ganz anders würde dann Jedermann im Städtchen auf sie Hinblicken, die jetzt überall nur geduldet gewesen war. Auch Magnus und Sabine würden dann einsehen, daß sie das Rechte gewählt hatte. In Köln wirkte die fremde Umgebung zuerst erkältend auf das unerfahrene Mädchen ein; allein die Jugend ist elastisch. Sie fand bald Genossinnen, die dasselbe Kunstinstitut besuchten, gutherzige, leichtlebige Naturen, die sich alle Mähe gaben, ihre Erziehung nach allen Richtungen zu vollenden. Bald war es die Toilette, bald ihr etwas scheues, weltfremdes Wesen, was zu Bemerkungen Anlaß gab. Alice war eine wißbegierige Schülerin und trotz ihrer Naivität doch eine gesunde, kcrnhrfte Natur, an der äußere Politur den naturfrischen Grund nicht verwischen konnte. Einige Male in der Woche kam ein junger, schwarz- lockiger Geiger zu der Wittwe, um ihren zwölfjährigen Sohn zu unterrichten. Er kam zur Theestunde und nahm beim Abendbrod seinen Platz Alice gegenüber. Herr Tromholt war ein Schwede, erzählte gern von seiner Heimath und den Triumphen, die er dort gefeiert; hier hingen die Lorbeeren für ihn noch zu hoch; — ob er sie überhaupt erreichen würde? Die Wittwe deS berühmten Mannes betonte es in jedem Gespräch, daß der Pfad zur Höhe mit Dornen umzäunt und schwer zu erklimmen sei. — „Sie ist eine Jamnrerbase", flüsterte der Virtuose, sobald sie den Rücken gekehrt hatte. So oft der junge Mann in seiner etwas vorlauten Weise das Gespräch beherrschte, stieß er Alice ab; sie dachte dann, er sei anmaßend und rücksichtslos; — aber er brauchte nur seine Geige zu nehmen, und jedes Vor- urtheil in dem Mädchen verschwand; es war wie ein Zauber. Die Geige sang und klagte in wundersamen Tönen, und wenn er mit einer unmuthigen Kopfbewegung die Locken aus der gebräunten Stirne zurückwarf und die großen, grauen Augensterne auf Alice richtete, die Flammen zu sprühen schienen, dann fühlte sie, wie ihr alles Blut zum Herzen drang; — ihr war, als ob sein Lied einzig für sie gesungen sei, als ob seine ihr verwandte Seele zu der ihren in der nur ihr bekannten Sprache der Töne rede. Bald sehnte sie nur die Stunde herbei, um dieser Geheimsprache seiner Seele lauschen zu können. Und später fangen sie Duette; aber der Verkehr zwischen ihnen blieb in den Formen der Höflichkeit. Im Alltagskleide erschien ihr die Künstlerseele um so nüchterner, je höher seine Muse sie in den Weihestunden der Knnstübung emporgehoben hatte. Wie im Fluge war das erste Jahr in der Fremde dahingegangen, die Ferien waren vor der Thüre, und Alice rüstete sich zur Abreise in ihre Heimath. „Wir werden jetzt hören, was Du gelernt hast, und freuen uns auf Dein Kommen", hatte Sabine geschrieben. Diese herzlichen Worts thaten ihr ordentlich wohl. MagnuS hatte sich noch nicht verlobt, sonst hätte man eS ihr wohl mitgetheilt. Sie war eine vollendete Dame geworden, und als sie am Bahnhöfe in ihrer Vaterstadt auSstieg, waren Bekannte, die sie begrüßten, offenbar erstaunt, sie so verändert zu finden. Alice war nicht eitel auf ihr AeußereS, die wahre Schönheit ist eS selten, aber ihr Spiegelbild verrieth eS ihr, daß sie gut aussah. „Wie wird Magnus mich finden", dachte sie, „ob er noch so fremd thut. wie damals, als ich von ihm Abschied nahm?" (Schlich folgt.) 81S Sattel und Lasso in Mexiko. Von Dr. E. Below. (Schluß.) So stolz die Mexikaner auch auf ihr Reiten sind, so machte es doch einen sehr großen Eindruck auf sie, als in Matamoros ein preußischer Husarenoffizier ihnen die ersten Begriffe von elegantem europäischem Herrenreiten beibrachte. Sie, die sich über die Plumpheit des nord- amerikanischen Cow-bvys imuier amüsirt hatten, die den rechnenden Dankce mit Recht als schlechten Reiter bespötteln, als Sastre, Ellenreiter, sie sahen erst, als der abkommandirte preußische Husarenlieutenant in Paradeuniform an ihnen vorbeiritt, was elegantes, leichtes, schönheits- und sicher- beitsgemäßeS Reiten ist. Aber, trotz ihrer Bewunderung dafür, sie blieben oei ihrer Gewohnheit, Ellbogen und Körper hin und her zu werfen. Wenn man als die Hanptregel beim Reiten die «trachtet, mit den Beilegungen des Thieres einen zusammengehörigen Körper zu bilden, so daß der Eine dem Anderen seine Bewegungen nicht erschwert, sondern eher erleichtern hilft, so kann es fraglich sein, ob bei dem höchst beweglichen Naturell des dortigen Pferdchens der Mexikaner nicht aus richtigem Instinkt handelt. Der hervortretende Charakterzug beim mexikanischen Pferd ist weniger die edle Grazie, als die leichte Lebendigkeit und Ausdauer. Die Fliegcbewegungen der Ellbogen des mexikanischen Reiters unterstützen vielleicht diese Eigeu- ichaft bester, als die Würde und Grazie in der Haltung des vorschriftsmäßigen deutschen Reiters. DaS mexikanische Pferd ist das ausdauerndste, willigste, bedürfnißloseste Neitthier der Welt. Auch wo es recht kühle „Norder" kalte Tage gibt, wie auf den Hochplateaus, wo man sich in seinen Jorongo hüllt, stehen die Pferde meist im Freien, höchstens unter einem Schutzdach, im Corral, wo Tränken und Krippen sich an der Umfriedigungsmauer entlang ziehen. Ställe in unserem Sinne gibt es dort selten. In den Hauptstädten freilich fängt man nach und nach an, Alles nach europäischem Stil einzurichten und unser Hofstallmeister des „deutschen Hauses" oder „deutschen Kasinos" in der Hauptstadt, der die Wettrennpferde unter seiner Obhut hatte, verfügte über schöne Pferdeställe. Doch wachsen die meisten Pferde ohne diesen europäischen Luxus dort auf. Nur die von den Aankces importirten hochbeinigen Gäule, die sehr empfindlich sind, brauchen Ställe. In der Silbermincnstadt Guauasuato standen meine drei Reitpferde, als ich die eine Wohnung in der Calle de la Teuaza inne hatte, wo nur ein grob gepflasterter Hof und keine Ställung war, vor ein paar Neisekisten, die als Krippen dienten, Winter und Sommer, ohne Raufen, ohne reguläre Streu, bloß Mist und Strohreste wurden für die Nacht auf das Steinpflaster gebreitet. Sie bekamen Mais zu fressen, zur Abwechselung dann und wann Hafer, nebenbei Maisblüthen und Klee, selten Grashcu und waren blank und munter Tag aus Tag ein, während einer jener hochbeinigen, starkknochigen amerikanischen Gäule, für den extra ein Stall gemiethet werden mußte, alle Augenblicke trotz aller Pflege „etwas hatte" und nach kurzer Zeit d'raufging. Die Pferde sind dort gewohnt, die treppenartig gebauten Gäßchen der Gebirgsstädte auf und ab zu gehen und die schlimmsten Saumpfade zu erklimmen. Wer ohne Neitbmschen allein reitet und statt eines SteigbügeltrunkeS lieber absteigt und in die Kantine hineingeht und ein Weilchen im Schatten sitzen will, läßt das Pferd draußen auf dem Fahrdamm stehen und nimmt das Lassoende, über das die Passanten des Bürgersteiges ruhig hinwegschreiten, mit sich in die Kantine hinein. Erschrickt draußen etwa das Pferd, oder will es fort, so genügt ein einfacher Ruck, der es an seine erste Bekanntschaft mit dem Lasso erinnert, und eS steht still wie ein erschrockenes bestraftes Schulkind. In ähnlicher Situation mit dem Lasso am Arme machte ich auch größere und kleinere Operationen in ärmlichen Bauernhütten, wenn ein paar unerwartet spritzende Arterien es nöthig machten, daß ich mir meinen Mozo (Reitknecht), der vor der Thür die Pferde hielt, von draußen zu Hilfe herein rief, was mehrere Male vorkam. So komisch es klingt: mit der Pferdeleine am Arm wurde zuweilen operirt; wenn es an Assistenz fehlte, mußte man sich eben so zu helfen suchen. X la, guerrs vomvas L 1a §usrrs, das galt bei mir seit dem französischen Kriege. Mit weniger vernünftigen als den mexikanischen Pferden und Mozos wäre es oft unmöglich gewesen, zu operiren. Alle Sonntage und Donnerstage Nachmittags spielt auf dem großen Korso der Hauptstadt, wo die elegante Welt in bester Toilette in Kutschen und zu Pferde sich sehen läßt, die Militärmusik bei der Statue des Columbus oder eine Strecke weiter bei der Statue des letzten Aztekenfürsten Guantemozin. Dieser weite, prächtige Boulevard, mit Eukalyptus und Pappelbäumen eingefaßt, führt in gerader Linie von der Hauptstadt zum alten Kaiserschlosse des Montezuma und des Kaisers Maximilian, Chapul- tepec, mit den Riesenbäumen, den Ahnehuetes, von denen man in Berlin im botanischen Garten ein paar zwerghafte Exemplare mit ihrem feinen Laube (Paroäiurn mexioanum) bewundern kann. Die Schneeberge, die vom Abendsonnengold angestrahlten Vulkane Popocatepetl und dicht dabei die unter dem Schneeleichentuch „schlafende Frau" „Jxkaccihuatl" senden angenehme Kühle in das hochgelegene Thal von Anahuac herab, so daß dort eine stete Frühlingstemperatur herrscht. Frühltngstoiletten sind dort das ganze Jahr an der Tagesordnung und Alles prangt darum im Schmuck lebhafter, Heller Frühjahrs- stosie, die Damen in leichten, duftigen, ballstaatähnlichen hellfarbigen Kostümen, die Herren, die auf prächtigen Mw'angs grüßend vorbeidcfiliren, in ihren Charro-An- zügen, kurzen, reich mit Silberknöpfen und Quasten und Schnüren verbrämten Neit-JacketS, schokoladefarbenen oder auch schwarzen, silberbeknöpften Reithosen, silbernen Pfundsporen, die aus den ledernen pantoffelartigen großen Steigbügeln herabhängen. Sattel und Gebiß strotzen von Silber, und das schäumende Roß scheint sich seiner imponirenden silbcrglitzcrnden Last, die es spielend trägt, bewußt, so freudig und stolz schüttelt es seine Scidcnmähne, wenn es an den Musikpavillons und an den schönen Equipagen- Reihen entlang tänzelt. Trotz aller modernen Jockey-Kostüme bildet bei den Wettrennen doch immer diese Staffage landesüblicher Reiter- kostüme den Abschluß. Diese DandieS, die gut den Lasso zu handhaben wissen, bilden einen schönen Kontrast zu den windigen Jockeygestalten, die in bunten Atlasblusen an Einem vorbeigeschossen sind. Im Charro-Kostüm reiten sie an den Logm der Damen vorbei, denen sie den Hof machen; im silberbetreßten, fast mühlsteinbreiten Sombrero halten sie vor den Balkons Derer, von denen sie ein Fächerzeichen, einen Tafchentttchwink, ein Dliimen- üirachcnwort erhäschen wollen; der Zeichen, mit denen Sie Reiter darauf zu antworten wissen, auch ohne ihrer Braut schreiben zu dürfen, sind viele; auch die Art, wie der Hut geschwenkt, wie am Sattclknopf der Toledo- Säbel getragen wird, bedeutet für die Dame, die die Winke versteht, eine Sprache. Der mexikanische Freier hat keine Brautstandszcit. Statt ihrer muß er sich oft Jahr und Tag vom Pferde aus durch Winke nach dem Balkon mit seiner Braut verständigen. »Den Ozo (Bär) machen" nennt man dies. Ein anderes Bild entrollt sich, wenn wir uns auf den Markplatz einer der Silberminen-Städte in den Anden begeben. Vom Lande herein geritten kommen die braunen Gestalten der Nanchcros im fliegenden Galopp, am Sattel hängen außer der Machete (säbelartiges Messer) ein paar Hühner und Ziegen, noch lebendig, die er zu Markte bringt. Oft hat er noch bei sich auf dem Sattel sein junges Weib; sie eilen zu Markt, halten aber im eiligen Galopp still und verbeugen sich tief vor dem Padre, der vorbeigeritten kommt, vor dem die Fußgänger niedcrknieen, ihn demüthig um seinen priesterlichcn Segen bittend. Diese Prälatengestalten im dunklen Gewände des Geistlichen gehören zu jedem tropischen Städtebilde der Andenkelte. Vorbei eilt flüchtigen Trabes ein Arzt, ihm folgt auf mexikanischem Sattel sein Reitknecht, während er selbst für Stadtbesuche den englischen Putsch-Sattel vom Europäer adoptirt hat, nur für längere Ritte aufs Land reitet auch der Arzt auf mexikanische Art. Dort an den hohen Bogen der gemauerten Markthalle im Gewühl der Fußgänger müssen die Reiter ihre Gangart verlangsamen, denn vor dem vorbeireitenden Geistlichen knieen und liegen so viele Menschen am Boden, daß man kaum vorüber kann. Hier ist der Gemüsemarkt vor der Kathedrale, bei dem grünen Platz mit dem plätschernden Brunnen und den Steinbänken, wo allabendlich die Militärkapelle spielt. Jetzt am Morgen hört man die Rufe der Käufer und Verkäufer durcheinander tönen, und an der Ecke vor dem Regierungs- gcbäude drängt sich das Fußvolk vor dem Tischchen des Schreibers, der ihnen auf offener Straße ihre Bittgesuche und Liebesbrüfe, ihre Prozeßsachen und sonstigen schriftlichen Angelegenheiten nach morgcnländischcr Art stilisirt und zu Papier bringt. „Glücklich, wer den nicht braucht", denkt der schmucke Hazendado, welcher im sammtdurchwirktcn dunkelblauen Jorongo, mit silberner Löwenkopf-Schnalle um den Hals befestigt, stolz an dieser Schreiberseele vorbeireitet und sich wie ein König diesem Gewühle gegenüber vorkommt, das da feilscht und kniet und schreibt und diktirt. Auch der Hazendado bekreuzigt sich, wie er an der geöffneten Pforte der Kathedrale vorbeireitet, auch er macht dem vorbeireitenden Priester seine Reverenz, wie es sich gehört; aber er macht, daß er schnell aus diesem Gewimmel herauskommt, um bei einem Trunke Mescal oder Colonche das Wichtige wegen des nächsten Hahnenkampfes oder Stiergefechts mit seinen Freunden und Gevattern zu verabreden. Dies und die Maisvrcise allein intcressiren ihn in Wirklichkeit nur an dem Stadtleben; er athmet wieder frei auf, wenn er dieses Straßcnpflastcr, wo es nur „Herren und Knechte" gibt, hinter sich hat, und wenn er sein Roß wieder frei tummeln kann, dort, wo die schokoladefarbenen Berge und Hochebenen hinter der dunkelblauen Horizontlinic seinen heimathlichen Nancho, seine Hazienda, sein Heim verdecken. Dort ist er wieder ganz der freie Mann, der nie auf die Dauer das Joch der Fremden duldet und sich, wie es in seinem Liede heißt, »mit des LaudmannS Bluse statt mit dem Söldnerbanner seine Grenze reinfegt". Nicht vergessen darf ich zmn Schluß dieser mexikanischen Rhapsodie über Lasso und Sattel die „Hallclujah- Pferde". So werden, namentlich von den Spanier^ die unglücklichen Gäule genannt, die todmüde, nachdem sie schon so abgemattet sind, daß sie kaum mehr dieser irdischen Welt angehören, des Sonntags Nachmittags als ansrangirte Gäule in die Sticrgefechts-Arena gebracht werden. Es ist ein scheußlicher Brauch vom ästhetischen uno menschlichen Gesichtspunkte, wenn sich auch manches Malerische und Ritterliche in jener Arena finden läßt, daß man den Rossen, die jahrelang treu gedient haben, solch ein Ende bereitet. In Spanien werden sie, besonders in den Küstenstädten, wo es Stiergcfechte gibt, kurz vor dem Stiergefecht im Dünensande matt und müde geritten, um dem Ansturm des wüthenden Stieres keinen festen Widerstand mehr bieten zu können. Dann rennt der ihnen seine Hörner in den Leib trotz der zolldicken Ledcrklappe, die als Brustlatz den armen Pferden zum Schutz umgehängt ist. Sie haben eine Lederbinde um die Augen und werden vom Reiter, dem Pikador, dem Stier entgegengetrieben. Dann verblutet sich im besten Falle das Hallelujah-Pferd, oft, nachdem es auf den heraushängenden eigenen Eingeweiden herumgetrampelt ist. Uebrigens ist diese grausame Gepflogenheit eine Erbschaft der Spanier, ein Spiel, das der Mexikaner sich allerdings ruhig mit ansieht, wenn die von Spanien verschriebenen Matadore solche Szenen aufführen, dessen Nohhcit er aber zu vermeiden sucht bei seinen ToroS asficionados, Liebhaber- oder Dilettanten-Stierspielen, wo die Hazendados ihre besten Pferde als Pikadores selbst reiten und sich wohl hüten, daß die Püffe, die die Thiere bekommen, zu arg werden. Der Hazendado liebt und schont seine Pferde. Er ist zu sehr Rcitersmann von Geburt, als daß er großes Gefallen an jener spanischen Grausamkeit gegen Thiere finden könnte. Auch bei den Sticrgrfcchten der Studenten der Medizin, die der Generalarzt und Professor der Medizin Montes de Oca dem Hauptstadt-Publikum vorführte, waltete jener Anstand und jene Noblesse, die derartige Grcnelszenen geschickt zu vermeiden wußte. Davon vielleicht ein andermal mehr. (Tägl. Nundsch.) ---SSWNS---- Zu» nördlichen SchkmrMld?) Ich habe einen Freund, der die Harmlosigkeit geneigter Leser bereits derart abgestreift hat, daß er von einem Schwindler und Aufschneider nicht mehr sagt: Er lügt wie gedruckt oder telegraphirt, sondern: Er lügt wie ein Neiseschriftsteller. Man wird es deshalb begreiflich finden, wenn ich mich von vorn herein dagegen verwahre, im Folgenden von dem Wege der Tugend abgewichen zu sein. Uebrigens meine ich meine Glaubwürdigkeit nicht schlagender beweisen zu können, als wenn ich gestehe, daß an dem Tage, an welchem ich auszog, um den viel- *) Auö der Köln. B-Mztg. 82L — gepriesenen Schwarzwald zu sehen, ein Miserables Wetter herrschte, also etwas ganz Unerhörtes in den Berichten der Neiseschriftsteller, die imAer nur vom Lerchenschlag und Sonnenschein fingen und — dichten. In der That, die abstrakteste Theorie kann nicht grauer sein als der Himmel an jenem Morgen in der Frühe, als ich an dem neuen Schloß bei Baden-Baden hinunterblickte auf die in saftigem jungen Grün eingebettete Villenstadt. Noch etwas verschlafen sah sie aus, und nur hier und da ließ ein träge aufsteigendes Rauch- wölkchen darauf schließen, daß dies Paradies auch lebende Wesen beherbergte. Drüben über dem schwarzen Tannenwald zog es in schweren, weißlichen Schwaden dahin; noch höher waren die Bergspitzen hineingetaucht in daS dunstige Gewölk, das sie vor vorwitzigen Blicken neidisch verbarg. Als ob eine ganze Anzahl von Dampfmaschinen ihre Thätigkeit inmitten der dunkeln, stillen Wälder mit voller Kraft entfaltete, so rauchte es zwischen den Tannen hervor. Aber auch ein solches Bild der Schwermuth besitzt seine Schönheiten, und lange bewundert das Auge die große Erhabenheit der schönen ruhigen Natur. Da blitzt es auf einmal von drüben her hell auf. In heftigem Ringen mit dem Gewölk hat sich die Sonne einen Lugaus erkämpft und läßt die vergoldete Kuppel der russischen Kapelle auf dem gegenüberliegenden Berge in ganzer Pracht erstrahlen. Dann huscht der goldene Schimmer über die Arkaden der Trinkhalle, welche die Fresken aus dem Sagenschatz des Schwnrzwaldes leider nicht genügend vor Wind und Wetter zu schützen vermögen; im Fluge schaut er in das große, mit schönen Anlagen umgebene Conversationshaus, macht den gewaltigen Telephonthurm des PoWebändes mit seinen goldenen Schildern aufleuchten, setzt noch einigen hervorragenden Villen freundliche Lichter auf und verliert sich endlich in die prächtigen Anlagen der Lichtenthaler Allee. Immer näher kommen wir den über uns wallenden Nebeln, und mit einem Schauder, der uns das Gefühl Jphigenie's nachempfinden läßt, als sie in Poseidon's stilles Heiligthnm eintritt, gehen wir ein in das Reich, in welchem dieser Geist des Wassers seine Herrschaft ganz unberechtigter Weise geltend zu machen sucht. Leider ist er in diesem Bestreben erfolgreich. Naß und kalt faßt es uns von allen Seiten an, ohne daß der Wassergehalt der Luft sich zu einem tropfbar flüssigen Körper verdichtet. Als wir aber oben auf dem durch seine Aussicht berühmten alten Schloß beim wärmenden -Kaffee sitzen, da macht sich plötzlich ein leise rieselndes Geräusch bemerkbar, das mit der Zeit zunimmt und endlich in ein sehr tactfestes Feustergeklopfe übergeht. Kaum ein Stündchen unterwegs und schon — eingeregnet! Sollte also doch der Warner Recht gehabt haben, als er seinen Kassandra-Nuf erschallen ließ, da die Zeiinngs-Wettermacher „für die nächsten Tage Regen" vorausgesagt hatten ? Und doch war mir gerade dieser Umstand ein Ansporn gewesen, auszuziehen, weil ja gewöhnlich das Gegentheil von dem eimrifft, was jene Herren der Natur vorzuschreiben belieben! Aber nun kam mir das Wort von den blinden Hühnern wieder in den Sinn, und so saß ich und sann, bis der Kaffee kalt geworden war. Von dem Erfahrungssatze ausgehend, daß in dieser Welt nichts von ewiger Dauer ist, trottete ich endlich unter dem Regendach ergeben dahin, und wirklich, auch dies Mal nahm der Regen ein Ende. Bei einigen Landleuten, die ich unterwegs eingeholt hatte, suchte ich meine Kenntnisse von Land und Leuten zu bereichern, aber da stieß ich auf Schwierigkeiten, die ich während meiner ganzen Reise nicht zu überwinden vermochte; nur bet der gespanntesten Aufmerksamkeit war es mir möglich, hin und wieder ein Wort zu verstehen, und ihnen würde es wohl eben so viele Anstrengung gekostet haben, den Sinn meiner Worte zn erfassen, wenn sie sich diese Mühe gegeben hätten. So war die Unterhaltung schon eine Weile ziemlich einsilbig geworden, als sich das schöne Gerusbacher Thal im Sonnenschein vor uns aufthat. Von diesem Ort im Murgthal steigt der Weg auf Schloß Eberstein hinauf, dessen Felsen das Thal weithin beherrschen. Aber die prächtigste Strecke des Thales beginnt erst nach zwei Stunden hinter dem schön gelegenen Orte Forbach. In Curven steigt die Straße hinan, bis sie die halbe Höhe des tannenbestandenen Bergstockes erreicht hat. Dann bietet sie prächtige, stetig wechselnde Blicke auf das eilende, über Felsblöcke dahinrauschende Flüßchen dort unten, das so munter und harmlos geschwätzig erscheint, als sei es noch niemals gefahrdrohend für seine Nachbarschaft aufgetreten. Aber die Hütten, welche sich auf den Nasenhängen in auffallend großer Zahl zusammengefunden haben, halten sich doch in respektvoller Entfernung von seinen Ufern. Sie könnten sonst eines schönen Tages unfreiwillig mit ihren Heu-Vorrüthen ebenso verschwinden, wie man früher in diesem Thale künstlich daS Holz fortgeschafft hat. Es war eine recht ursprüngliche Manier, wie die Mitglieder der sogen. Schiffer-Gesellschaft ihre Baumriesen zum Rhein beförderten, um sie, dort zu Flößen aereinigt, in Gegenden zu bringen, die bei der Ler- theilung von Berg und Wald zu kurz gekommen waren. Diese Leute machten nämlich viel früher als Herr Professor Jntze Thal'perren, in welchen sie die Bachwasser zu künstlichen Seen aufstauten. Die gefällten Bäume wurden dann in das trockene Bachbett gelegt, die Schleuse plötzlich gezogen, und hinab ging's mit brausendem Ge- woge dem großen Wasser zu. Daß bei diesem immerhin etwas summarischen Verfahren das Holz nicht gerade besser wurde, leuchtet ein, und deshalb wird es jetzt viel bedächtiger auf den guten Straßen von kräftigen Pferden oder gemächlichen Ochsen abwärts gefahren. Aber die Schiffer-Genossenschaft besteht heute noch mit ihrem Sitz in Eernsbach. Es ist eine Actien-Geskllschaft, zu der über 5000 Hectar Wald gehören, welche Flöß- rechte besitzt und über Sägmühlen, eigene Förster u. s. w. verfügt. Die Aktien bestehen in kleinen Antheilscheinen, sogen. Gerechtigkeiten, die nach verschiedenem Cours zu 10 bis 15 Mark gehandelt werden. Es soll Schiffs- Mitglieder geben, welche 10- bis 20,000 dieser Aktien besitzen. In Schvnwünzach kommen wir an eine Straße, welche die Gesellschaft auf ihre Kosten in das Langenbach- Thal hat bauen lassen. An diesem kleinen Ort, der seinem Epitheton keine Schande macht, kann man einen Blick werfen in die Thätigkeit von Leuten, welche ihr Capital in den Lungen sitzen haben. Am Wege befindet sich eine große Glashütte. Die Hitze in der Nähe dieser Oefen mit flüssigem Glas ist für den gewöhnlichen Menschen unerträglich, und selbst die große blaue Brille, die unser Führer uns zuvorkommend präsentirt, schützt auf die Dauer nicht vor den alles durchdringenden Gluthen. Die Fabrikation der Gläser, das Aufblasen der flüssigen 822 Masse zu cylinderförmtgen Birnen, das Sprengen derselben und das Auseinanderbreiten zu ebenen Flächen ist bekannt. In Schönmünzach verläßt der Tourist das hier ruhig werdende Murgthal und steigt durch das Langen- bach-Thal, welches mit seinen einsamen, idyllisch gelegenen Sägemühlen eine wahre Fundgrube für Maler bietet, in einigen Stunden auf die thurmgekrönte moorige Fläche der HorniSgrinde. Sie ist mit ihren 1166 Meter der höchste Punkt deS nördlichen Schwarzwaldes und läßt außer der romantischen Bergwelt, die sie beherrscht, auch einen reizenden Blick in die stadt- und dorfgeschmückte weite Ebene des Rheines zu, der als schimmerndes Silberband das fruchtbare, vom Straß- bürger Münster gezierte Land durchzieht. Von dieser Moor-Ebene, die man nur auf breiten Steinen überschreiten kann, führt ein Weg abwärts in schönen Wald, um uns bald ein Bild von bezaubernder Schönheit zu bieten. Der Wald thut sich auseinander und zeigt uns unten den kleinen, von schroffen Felsen eingeschlossenen, tiefdunkeln, sagenumwobenen Mummeise e. An den steilen Felswänden klettern nichtsdestoweniger die Tannen hinauf und verleihen dem See ein etwas düsteres, aber echtes Schwarzwald-Gepräge. Kein Wunder, daß der biedere Volksverstand diese Gegend mit Sagen von verderbenbringenden Nymphen und Sirenen bevölkert, die nicht mit sich spaßen lassen! Ein glücklicherweise mehr berühmtes als gelesenes Literaturwerk, Der abenteuerliche Simplicius Simplicissi- muS, die „Lust erweckende und sehr nachdenkliche Lebensbeschreibung" seines Verfassers Hans Jacob Christas von GrtmmelShausen, weiß davon im fünften Buche die wunderbarsten Geschichten zu erzählen. Wehe dem Vorwitzigen, welcher die Geister des See'S mit Steinwürfe» in seinem blanken Wasserspiegel beunruhigt! Da nämlich diese Geister, wie der Prinz des See's dem Sim- plicissimuS erzählt, sehr auf Ordnung in ihrer feuchten Wohnung halten, so werfen sie die hineingeworfenen Steine wieder aus, und man kann es ihnen nicht verübeln, wenn sie dabei schlechter Laune werden und die an sich langweilige Beschäftigung durch etwas Vehemenz würzen; freilich wird dadurch ein Aufruhr in der ganzen Natur verursacht, und der Störer der Ruhe verschwindet elendiglich im schwarzen See. Ich hütete mich also wohl, dergleichen Ungebührlichkeiten zu begehen. Dagegen war ich wohl versucht- ein anderes Wunder deS See's in Anspruch zu nehmen. Bindet man nämlich eine ungerade Anzahl irgend welcher Gegenstände in ein Nasentüchlein und hängt solches in den See, so findet man beim Herausziehen eine gerade Anzahl der Dinge darin. Nun trug ich noch fünf Goldstücke bet mir und war eben im Begriff, sie mir auf eine einfache Weise in sechs verwandeln zu lassen, als mir noch glücklicherweise zeitig genug einfiel, daß die Zahl 5 ebenso gut in 4 wie in 6 sich umwandeln könnte. Da ich aber überhaupt in Berg- und Wasser-Geister nicht viel Vertrauen setze, so gab ich diesem Mummelgreis lieber keine Gelegenheit, mich zu betrügen. Dagegen war ich wüthig genug, mit einem Freund, der fahrplanmäßig hier eingetroffen war, am Abend noch eine Kahnfahrt auf dem geheimnißvolleu See zu unternehmen. DaS Wasser hat die Eigenschaft, schwarz auszusehen und im Glase doch rein zu erscheinen. Wie erstaunten wir aber, am anderen Morgen vom Fenster des bübschen Hotels aus noch eine dritte Farbe dieses eigenthümlichen Wassers kennen zu lernen: lasurblau lag die kleine Fläche vor uns! Aber dies Mal war es nur Vorspiegelung falscher Thatsachen in des Wortes buchstäblicher Bedeutung; denn die Bläue war nur Spiegelung deS Himmels, der in ungetrübtem Glänze in dies Auge der Natur hinein- oder, wie der Seeprinz den Sim- plicissimns belehrt, auf diesen „Nagel der Weltmeere" herableuchtste. Abgeschlossen von der Welt, wie ein stilles Eifelmaar, liegt die schillernde Fluth dort inmitten unermeßlicher, in ruhiger ErhabenheitzumHimmelragender, stolzer Tannenwälder. Von einem zweiundeiuhalb Stunden entfernten Ort muß der Hotelwirth das Fleisch beschaffen, um den knurrenden Magen seiner Gäste zu befriedigen. Daß seine Preise in Anbetracht solcher Unbequemlichkeiten billig genannt werden müssen, soll gebührend anerkannt werden. Ein gemächlich daher wankendes Ochsengespann kreuzt unsern Weg abwärts. Das schwerfällige Gefährt, das auf dem tiefdurchfurchten Wege langsam sich fortbewegt, zeugt von einer Stein-Industrie tn der Gegend, die bemüht ist, auch die massiven Felsen mit jenem verführerischen Schimmer zu umkleiden, nach dem gemäß dem Dichterwort alles drängt und an dem doch schließlich alles hängt. Pietätvoll bewahrt daS unmuthig im Thal gebettete Gasthaus zum Wolfsbrunnen das Andenken an Scheffel, den großen Verehrer des düstern Waldes. Der Dichter hat 1888 hier eine kleine Krankheit überstanden, und sein Dank für die aufmerksame Pflege, die ihm zu Theil wurde, hat, lorbeergeschmückt, einen Ehrenplatz in diesem Hause gefunden. Und da sage noch einer, unsere Zeit hätte das Ideal verloren! Das Thal führt uns weiter abwärts, und die gewaltigen Windungen der Straße erschließen bald ein überaus liebliches Bild. Ein weites Thal thut sich vor dem entzückten Auge auf. An dem fröhlich alle Hindernisse spielend überwindenden Flüßchen haben sich viele einzelne Hütten und Häusergruppen angesiedelt, die in dieser berückenden Weltabgeschiedenheit ein idyllisches, von der Course Steigen und Fallen unbeeinflußtes Leben versprechen. Die saftigen rechts und links aufsteigenden Matten verlieren sich in die schweigenden Wälder, mit deren düsterm Schwarz das Mge Grün des eingestreuten Laubwaldes in prächtiger Weise contrastirt, und auch die Tannen selbst haben sich mit ihren jungen Jahresschößlingen unmuthig hell geschmückt. Diese große stille Natur, tn welcher nur das leise Rauschen der Bäche und das geheimnißvolle Geräusch kleiner unsichtbarer Lebewesen an unser Ohr dringt, wird durch einen gewaltigen Gebirgs- zug abgeschlossen, über dessen aufragenden Waldungen hin und wieder die Wolkenschatten dahinziehen und dem ganzen Bilde noch einen größeren Reiz verleihen. Lange erfreuen wir uns an diesem lieblichen Idyll, ohne daß einer den Muth hat, des anderen Andacht durch ein prosaisches Wort zu stören. Dann nahmen wir einen steilen Fußpfad, der noch manches Mal zum Rückblick reizt, und ein gigantischer Felsblock behält als Entgelt für seine Aussicht bis in die Nheinebene execu- torisch einige dicke Schweißtropfen von uns zurück. Ein Sprengschuß schallt plötzlich durch die tiefe Sltlle und weckt ein vielfaches Echo in diesen Thälern, um dann in einem donnerähnlichen Rollen langsam unterzugehen. Allmählich führt der schwach betretene Pfad auf die andere Brrgseite hinüber, um hier eine ganz neue wildromantische Aussicht auf der Bergkette vierfach über- 623 einandergeschobene Reihe zu gewähren. Keine menschliche Wohnstätte, so weit das Auge reicht, nur Berge und Thäler und Wald und Wiesen, bis endlich die gesegnete Rhein-Ebene am fernen Horizont wieder erscheint. Trotz des zweistündigen Marsches däucht es uns fast zu früh, als der Pfad sich langsam abwärts wendet, das heitere Rauschen eines Baches an unser Ohr schlägt und die Trümmer des Klosters Allerheiligen mit ihrem wirksamen Tannen-Htutergrund vor uns aufsteigen. (Schluß folgt.) -«-SNWS—-- A L S e s? L e r. Eine „Brüsewitz"-Erinnerung. ES war im Anfang der vierziger Jahre, als in dem sogen. Clublokal des hannöverschen Fleckens N. a. d. O., wo allabendlich die Honoratioren des OrteS, Civilisten wie Offiziere, sich zum L'Hombre- und Whistspiel zusammen zu finden pflegten, zwischen dem Dr. weä. G. und dem Lieutenant v. d. D. ein Wortwechsel entstand, der von beiden Seiten zu heftigen Aeußerungen führte, in Folge deren der Offizier sich gemäßigt hielt, den Doktor auf Pistolen zu fordern. Allein Dr. G. verweigerte das Duell einmal aus dem Grunde, weil er Familienvater sei, er seine Aeußerungen auch nicht für so beleidigend hielt, daß darauf ein Duell verlangt werden könne, andererseits weil er bei einem unglücklichen Ausgang gerade dieser Art von Duell, d. h. im Falle der Tödtung seines Gegners, dem Gesetz gegenüber eine schlimme Stellung hätte. Nach einem hannöverschen Militär-Strafgesetz erlitt nämlich ein Offizier bei einem Duell, welches daS Offizierskorps, als jedesmal vorher darüber entscheidendes Ehrengericht, für seine StandeSehre nothwendig erkannt hatte, sobald er in einem solchen seinen Gegner tödtete, nachher durchaus gar keine Strafe, wogegen der Civilist, der seinen Gegner im Duell tödtete, nach dem hannöverschen Civilstrafgesetz eine Gefängniß st rase von vier bis fünf Jahren zu erwarten hatte. Aus diesen Gründen verweigerte G. das Pistolenduell, auch gegen eines Tags darauf nochmals zu ihm entsandten Cartellträger des Offiziers. WaS geschah s Einige Tage später trat eines Morgens früh der Lieutenant v. d. D., begleitet von zweien seiner Dragoner, unangemeldet bei dem in seinem Studirzimmer sich allein befindenden G. ein und fragte denselben in entschiedenem Tone, ob er sich zu dem verlangten Pistolenduell bereit erklären wolle. G. verweigerte auch jetzt auS denselben Gründen wie früher das Duell. „Nun, so greift und haltet mir den Kerl!" rief der wüthende Lieutenant v. d. D. Es geschah, und der Offizier schlug nun auf den dergestalt wehrlosen Arzt mit seiner Hetzpeitsche in brutalster Weise. Nachdem er so eine, wie er meinte, ihm gebührende Satisfaktion sich verschafft, verließ der Offizier mit seinen Begleitern den Gemißhandelten und dessen Haus. Selbstverständlich erhob Dr. G., nachdem er einigermaßen von den Folgen dieses gemeinen Ueberfalls sich erholt hatte, Klage bei dem zuständigen Militärgericht. Die Familie v. d. D. war die bedeutendste Adelsfamilte des hannöverschen Landes; die Anverwandten des Lieutenants v. d. D. hofften deshalb auch mit Zuversicht, daß der König ein vielleicht sehr strenges Urtheil des Militärgerichts durch Strasumwandlnng mildern werde. Allein sie hatten sich sehr getauscht, alle ihre Bemühungen halfen nichts. König Ernst August von Hannover wollte hier „ein- für allemal ein Exempel staiuirt sehen, daß seine Offiziere und Militärs sich keine Vergewaltigungen im Dünkel von Standesbevorrechtungen herausnehmen" sollten. Der Dragoner-Lieutenant wurde wegen seiner an dem Dr. G. in besagter Weise verübten Mißhandlung nicht nur als Offizier „infam kassirt", sondern er wurde auch „seines Adels verlustig" erklärt. In unerbittlicher Strenge mußte dieses Urtheil nach des Königs Willen vollzogen werden. Der Lieutenant v. d. D. ging später nach Texas und ist dort verschollen. Kimmeisschau im Monat Januar. —X. Merkur 8 erreicht am 6. seine größte östliche Entfernung von der Sonne und ist am Abendhimmel kurze Zeit im Steinbocke zu sehen, da er etwa D/x Stdn. nach der Sonne untergeht. Venus - im Wassermann ist Heller Abendstern, geht gegen 3 U. nachm. auf und zwischen 7^ und 9 U. abds. unter. Am 31. durchschneidet sie die Erdbahn. Mars F anfangs im Stier steht 9 U. abds. hoch im S. und geht zwischen 7U. u. 5U. früh in NW. unter. Jupiter sz rückläufig im Löwen geht gegen 9 U. abds. in O. als sehr Helles Gestirn auf und scheint bis Tagesanbruch am Himmel. Saturn H geht von der Wage zum Skorpion und erhebt sich um 4U. mgs. über den südöstlichen Horizont. Er zeigt sich bis Tagesanbruch rechts von Antares und steht um 8 U. mgS. niedrig im S. Sternschnuppen fallen am 2. u. 3. in langen Bahnen mit oem Radianten im Herkules am Nordwest-Himmel. In der Nähe des Mondes befinden sich am 4. und 31. Merkur; am 6. Venus; am 14. Mars; am 21. Jupiter; am 27. Saturn. --- Der KßrijMurlr. Mäuschenstill die Kleinen lauschen Auf das Christkind hosfnungSbang, EngelSflügcl sie umranschcn, WeihnachtSwehcn wochenlang. Um der Gaben zu gedenken, Die daS Christkind uns gebracht. Schmückt die Liebe mit Geschenken Einen Baum zur Christesnacht. Denn vom Baume kam die Sünde, Und am Baum ward uns das Leben Don dcm holden WeihnachtSkmde Allen einst zurückgegeben. Willst auch du ein Kind beschenken Und ihm einen Christbaum schmücken, Dann vergiß nicht, zu bedenken: Nur die Liebe kann beglücken. Liebs muß den Christbaum schmücken Und beleuchten ihn der Glaube, Sonst ist'ö nur ein kalt' Entzücken, Rasch verweht, wie Staub im Staube. Ach, wie ist er rasch entschwunden, Uns'rer KIftdheit Weihnachtötrauml Kreuzcsbalkcu, dorimmwunden, Wurden aus dcm WeihnachtSbaum. Könnten wir doch wieder lausche» Auf das Christkind, wie ein Kind, Hörten wir doch wieder rauschen Engelsflügel weich und lind! M. Gerhauser. -- — 824 ^uF8liui'8vr 8edn,v1iklü>tt. ^LUs Nöekte voröoUlltisii.l Iüae1,r!el»4vi» »n» üe» 8e1i-rel»we1t. Der Wvllkninpk Lnsker-Steinitr /.u Moskau. Im Wettkampk Lasker-3teinitr wurde die 7., 8. unä 9. ksitis remis. In allen drei kartisn erlangte 8teinitr die bessere Ltollung unä materiellen Vortkeil, stets aber wusste Lasker iw letrten Lugenblicks äurcb lein äurckäackte Oegenmanöver äen Verlust abruwokren. In der 10. und 11. Rartis blieb wiederum Lasker Lieber. — , , , , Stand nack äer 11. Rartis vom 17.Der. c.: Lasker-t-7, Steinitr -j- 0, remis 4. , Wir Aebev naelisiolievä äle 8. kln'i^s, 6ie sm 8. VeLernver gespielt wurde. Rartis Xr.11. LxavIsvLö Rartis. «v dL- S Weiss: Lnsker. 8ck warr: 8to!n!tr. dL W eiss: Lnsker. 8 okwa r 2 : 8teinit2. i e2 — e4 e7—sö 29 Rg1-K2 '1'k8-g8 2 8g1-13 8b8-°6 30 Ls3 — K6 Ve8-o7 3 Lk1-b5 d7—ä6 31 8g3-k5 Lä7—e8 4 ä-2-d4 Lc8—ä7 32 Vk3-K3 8b2-a4 8bl—e3 8g8—e7 33 Lg4-k3 8a4-c5 6 Lei-g5(a) 17-k6 !34 1e2-e2 8c5—d7 7 Lg5-s3 8o7—c8 !35 g2—g3lc), a7 — a5 8 8c3—o2 Lk8—o7 36 8k4-g2 K5-K4 9 c2 — e3 0-0 37 8g2—e3 La8—c8 10 Lb5-d3 8e8—K6 38 8e3-ä1 b4Xe3 11 8e2-g3 Lg8-K8 39 8ä1X«3 Lb6-d4 12 0-0 Vä8-o8 40 LK6 ä2 8ä7—c5 13 'I'al-cl 8e6-d8 4l VK3—K4 Le8XK5 14 Lkl-ol e7 — e5 42 Lk3XK5 Le8-K3 15 8k3-d2 8K6 — a4 43 8c3-ä1 8 «5 — a4 16 Lei-«2 b7—K5 44 Lä2XuO 1b8-a8 17 k2—k4 8 d 8—06 45 La5--ä2 e4—c3 18 k4-k5(K) 8s6-ä8 46 Lä2X--3 8a4X°3 19 ä4—d5 8ä8—b? 47 6ä1Xe3 Lä4Xo8 20 8ä2-k3 c5—c4 >48 Ikl-k3 8ä3-c1 21 Lä3—s2 Le7-d8 >49 Le2-c2 8olXu2 22 8k3—K4 g?—§6 50 Lk3Xe3 8a2Xc3 23 Le2—g4 g6-g5 51 Ic2X<-3 Lg8— c8(ä) 24 8k4-k3 8K7 °5 52 1e3-b3 1a8—a2 -I- 25 K2—K4 g5Xk4 53 RK2—K3 1a2-c2 26 8k3XK4 8e5-ä3 54 1b3-b6 Le2-c3 27 lel-kl 8a4XK2 55 LK5—g6(e) 1c8-d8 28 Väl-k3 Lä8-b6 56 LK6—b7 und 8ekwar/ kann Remis äurcb ewig 8ckaek nickt verweilen, äs auk 56. Vo7xb7, 67. VI.4X16-I-. Vb7-g7 58. vk6Xä8->-, Vg7-g8 59. Vä8—I6-i- folgt. — a) vor 8ug 6. LK5—e4 ist an äieser Stelle rwsikellos vorsnrieken. k) vie Einleitung ru einem umfassenden .4ngritk auk äis sekwarre Rönigsstellung, wsleksr jeäock von Ltvinitü in meisterliakter Weiss parirt wird. o) In diesem unsekeindaren Lauernrug otkcobart siel: der sckarks Rositionsblick Laskers. äer auck inmitten äes sekärksten Lngrilksspieles nie verabsäumt, für äen eventuell nötigen Rüekrug äis erkoräerlieke Deckung bereit ru kalten. Wenn in äen folgenden 2ügen äer 8pringer K4 nickt cum 8ckut2s äer vainonseits kätto kerangekükrt werden können, würde Ltoinitr mit seinem 6egenangri§ auk äeg'Dawenllügvl äurck- geärungen sein. ä) Mit 51. Rg8—g5 würde 8ckwar2 nickt nur äen lästigen Druck äer weissen Dame auk äen Runki k6 aukgelioben, sonäern auck seinen Riguren grössere Lswegungskreikoit vor- sekatkt und äaäurck die Möglickkeit einer besseren Vvrwertk- Vng seines materiellen Llebergowiekts erlangt kaben. e) Rin wokldurekdacktsr Äug, äurck welcksn sick Lasker tw Verein mit äom nickt minäer keinen uäcksten ?,ug das Remis sickert. 7. Rsrliv äes Wettkninpkes. — Seklussstellung nack äem 63. 8ugo von 8ckwarr. Weiss (Lteinitr): Rg5, 8g6; La3, K5. Lcbwar?, (Lasker): 1117, Le8; Ra6. 9. Rartiv. — Ltellung nack äem 32. Auge von Zelnvarr.' Weiss (Lteinitr): Rgl, Ral, b5; Ra4, k2, e3, g2, K2. 8ekwar2 (Lasker): Rg8, Re2, ä8; Le6, k7, g7, K7. Vie Rartis wurde nack äen 2ügou 33. k2—K3, g7—g6; 34. RK5—bl, 1ä8—ä2 als remis abgebrocken, äa Weiss äsn Verlust äes aLauern nickt verkitten kann. Weiss konnte aber mit 33. a4—a5 seinen Vortkeil bekaupten, äa nack33. g7—g6, 34. a5—a6, Rä8—ä2 wogen 35.a6—a7, Rä2—a7, 36. a7—a8-f- nickt angebt unä auck 35.1ä2Xk2 an a7—a8-l-v sekeitort. 10. Rarlio.— Lcklussstellung nack dem 41. 8ugs von Weiss: Weiss (Lasker): Lbl. Vg4, Ra7, Del; Ra2, b2. ä3. °6. k5. Lelnvarr (Lteinitr): I1g8, Vo8,Ld8, Le7; LK5, ä4, g7, K4. loässkall. — In Rerlin verstarb am 29. Xovewbsr v. äer Verleger äes „veutscksn Woekonsekacks" Herr W. 1. Rruer im 58. Vebens^akro. R. I. ?. — ^ukgabe Xr. 9. Das naekstekenäs kroblem >vuräo von äen bekannten Lekaek- meistern Xoktr unä Iloekelkoru in Holn äsm^.kaäs- misoben 8 okackklub in Müncken rugeeignöt: Lclnvarr. Mat in ärei 8ügen. rV. A. tlUeÄr/'.- Dreißiger lsiäsr wegen 2. Vk2—s3 unä 2. Xä5—c6 nickt verwendbar. Vielloickt können 8ie ikn verbessern? — r» .- II>rs kräl. Versickei ung, ein eitriger Verekrer unseres 8ckaekblattos. au sein, kat uns sekr gekrsut; wir kolken es auck kernerkin unä grüssen 8ie -s-kräl. 1 kl/. /«>- .- Warum das 8edaekbrstt stets so gestellt wird, dass reckt« ein weissos Rokkolä (ulokt links) sieb beknäet, kragen 8is? — viessr (lebrauek stammt sekon aus alter 8eit unä rwar liegt ikm äis mittelalterlicksRegel „regina servat eolorem" (äio Xünigin walirt die Rarbs — ikrerRartsi nämliek—) ru Vrunäs, laut weleker die weiss« Lönigin auk einem weissen, äis sckwarrs ebenfalls ant einem Reläo ikrer Darbe ru sieben katts. Leidem geregelten 8tanäort äss Xönigs nnä der übrigen Riguron ergibt gieb die weitere Rolgo von selbst!-6ckackkräl. Vruss! vio Xawen jener 8ekaekkreunäe, wslcks unsere Rnäspiolo und kroblemo riektig lösen, sowie die Lösungen inner kalk droiWookeu einsenden, worden stets an äieser 8tells vsr- öikentliekt. ^.llos auk das 8ekaek Lsrüglicko ist ausnakmslog so aäressiren: „Ln die Redaction des itngsdm goi' 8ebneK- blatt — Lake Lugnslkt — ktugsburg." "lMgl AiMMungsAatt M „Augsburger Postzritung". « 107 . Areitag, den 25. Dezember 1896 . Iür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von HaaS L Krabberr in Augsburg lVorbesitzer vr. Max Huttler). Weihnachten. Er geht eine alte Sage Vom Weihnachtsglockenklang, Als weckte er Frühlingstage Gleich einem Zaubersang. Die Vöglein im Geäste Singen ein seltsam Lied, Den Hauch vom hohen Feste Spüret das Reh im Ried. Der Schöpfung stumme Seele Thut sich in Sprachen kund, Nicht Sünde und nicht Fehle Schließt ihr wie sonst den Mund. Das göttliche Erbarmen Kommt allen Wesen nah', Sie müssen in Lieb' erwärmen Beim Engelgloria. Die Sagen das verkünden, Wer weiß, wer sie erdacht? Dein Herz mag sie ergründen In heiliger Weihenacht. Adolph Müller. -» -i-««»> l> -»- Sein Mündel. Novelle von I. v. Dirk ink. (Schluß.) Ja, Magnus war ernst, wie immer, aber Sabine war um so stolzer auf ihren Liebling, je mehr sie fand, daß Alice noch das alte, urwüchsige Kind sei. „Am Ende bleibt sie jetzt und hat von ihrer Irrfahrt in das Labyrinth der Kunst übergenug", sagte die Kolreuder pathetisch, indem sie mit dem Theelöffel spielte. „O, wenn Sie Recht hätten", seufzte Sabine, und sie nahm nun täglich Einladungen zu Kaffee- und Theevtsiten an; sie dachte, es sei das richtige Mittel, Alice in die rechte Beleuchtung zu bringen. Und nebenbei dachte sie, wenn Alice sich gefeiert und umworben sehe, söhne sie sich um so eher mit dem Gedanken aus, daß eine kleine Stadt doch auch ihre Reize habe. Da lief es wie ein Lauffeuer durch die Bekanntenkreise, „Louise Merkman habe sich mit dem Cellisten Letint verlobt". Das gab nun Redestoff in Hülle und Fülle, Frau Kolreuder lustig mit der Tongabel voran. „Künstlerehen thun nie gut", rief sie, „meine Cousine aus Berlin" — diese Cousine trat bet jeder passenden Gelegenheit aus den Coulissen der Großstadt hervor — „hat mir unglaubliche Dinge davon erzählt. Erst lieben und heirathen sie sich, er, weil er Schulden hat, und hat sie die alten abverdient, macht er neue. Dann kommt der Künstlerneid, und nach und nach beargwöhnen, endlich hassen sie sich, und nun hat eine Eule dagesessen — der Anfang vom Ende." Schrecklich! tönte es im Chorus, und viele spitze Blicke stachen auf Alice ein wie mit Nadeln. Das Mädchen verglich nach solchen Kaffeegesellschaften mit dem armseligen Unterhaltungsstoff die Kunstgenüsse der Großstadt, wo der Eine sich blutwenig um den Andern kümmert. Aber sie hütete sich, Sabine ihre Ansicht zu verrathen. Mit Fleiß hob diese alle Vorzüge eines gediegenen Haushaltes hervor. Dort im Flur standen in Reihe und Glied die dunkel gebeizten Eichenschränke mit kunstvollem Schnitzwerk, voll vcn den kostbarsten Leinenschätzen. An Festtagen glänzte die Tafel von Krystall und Silber, und der herrliche Hausgarten bot Lauben und lauschige Winkel, Blumen und Obst in allen Jahreszeiten. Welch ein Heim! Und was hatte sie aufgegeben, um Chimären nachzujagen I So dachte Sabine, als sie von Alice erfuhr, daß sie ihre Studien wieder aufnehmen würde. „Noch zwei Jahre, dann bin ich fertig ausgebildet", sagte sie und streichelte die hagere Hand des alten Fräuleins, die wahrhaft Mutterstelle an ihr vertreten hatte. Eines Abends war Alice im Nebenzimmer, als die Geschwister sich lebhaft unterhielten. „Du mußt den Traum begruben, es ist nichts, lass' sie ziehen!" sagte Sabine zu Magnus. Alice stockte der Herzschlag. Von wem sprechen sie? Ach so, Fräulein Kolreuder wollte verreisen, das hatte die Doktorin gestern gesagt. Also doch! Er liebte sie, und sie erwiderte diese Neigung nicht. O, diese Thörin! Gab es einen edleren, besseren Mann als Magnus? Ein heißes Mitleid mit ihm durch- fluthete ihr Herz, jetzt verstand sie sein ernstes, schwer- müthtges Wesen, aber im Hintergründe ihrer Seele barg sich etwas wie Genugthuung, daß er frei war, frei — aber — sie wagte den Gedanken, als ob er sündhaft sei, nicht auszudenken. Helle Schamröthe legte sich wie Purpur auf ihre Wangen. 826 „Wir haben im vorigen Jahre ein stilles, einsames Christfest gefeiert ohne Baum", erzählte Mine ihr treuherzig. „Wie wird es in dieser Weihnacht werden?" „Ich weiß nicht, mich hat Niemand zum Feste geladen", sagte Alice kleinlaut. „Ja, der Herr ist anders als sonst", gab Mine zu, „ein so guter Herr, aber zu gut, ja das ist es." Dieses Mal wurde der Abschied von ihren Lieben dem Mädchen doppelt schwer, denn das Leid der Enttäuschung stand Magnus auf dem Gesicht geschrieben, und das that ihr weh. Aber er war ein Mann und würde sich bald wieder finden, er, das Ideal edelster Männlichkeit. In Köln ging es wieder den alten Gang. Es war das geheime Weh, das ihr im verborgensten Winkel des Herzens saß, das sie mittheilsam machte. Der Geiger bedurfte ihrer, so meinte sie, denn er erzählte so viel von seinen Freunden und von alten Kollegen, die nach Ruhm gestrebt hatten und gescheitert waren — durch die Weiber. Es war ein verfängliches Thema, Alice verstand nur so viel daraus, daß er auf sie zählte als seine Verbündete im Kampfe mit der Versuchung. Und es keimte der Entschluß in ihr, ihn veredeln, ihn heben zu wollen, damit er auf sittlicher Höhe um so eher sein Ziel erreiche. Ob er sie nicht verstand? Sie gab ihm ernste Lektüre, aber so oft sie fragte, ob er gelesen, hatte er noch keine Zeit gefunden, aber ihr Interesse an seiner Person nahm er mit offenbarem Vergnügen wahr. Die Wittwe begann die Beiden schärfer zu beobachten. Einige Male, wenn Alice Abends von den Gürzenich- Konzerten heimkehrte, fand sie das Dienstmädchen ihrer harrend; es hätte einen Gang in der Nähe des Concertsaales gehabt, erklärte es dann; allein Alice schien es, als ob sie auf Schritt und Tritt belauert werde. Das verletzte ihre stolze Natur auf das Empfindlichste. Auch andere Bekannte schauten jetzt mit forschenden Blicken auf sie, und ihre Kolleginnen schlugen einen ihr fremden, frivol neckischen Ton gegen sie an. Alice fing an, über Manches nachzudenken; ihre Seele war rein, aber ihr ehemals herbes, offenes Wesen hatte in der neuen Atmosphäre einen milderen Ton angenommen. War es das, was die Leute befremdete; wer konnte ihr das Geringste nachsagen? Kurz vor Weihnachten schritt Alice unter solchen Gedanken, die sie heute völlig verstimmten, über den Domplatz, da trat ihr eine bekannte Frau aus der Vaterstadt in den Weg. „Guten Tag auch, Fräulein Alice I" rief sie freudig erstaunt. „Wie geht's? Sie wissen doch, daß Fräulein Sabine den Typhus hat? Nicht? Wissen Sie es nicht? Ach Gott, erschrecken Sie nur nicht so; der Kolreuder geht zweimal tagsüber hin; sie hat eine barmherzige Schwester, und Herr Magnus geht nicht vom Bette weg. Was das Gebet thun kann, thut es hier auch, die armen Leute stürmen die Kirche fast. Ja, das Fräulein war sehr gut zu den Armen." So plauderte die Frau, während Alice die Zähne fast aufeinander schlugen. Sie wußte später nicht, wie sie heimgekommen war. Zu Hause schrieb sie mit Bleistift an Magnus. „Ich höre, Sabine ist schwer krank, darf ich kommen? Ich vergehe vor Angst und Sehnsucht, warum schriebet Ihr nichts?" Nun folgten bange Stunden der Erwartung. Wird er schreiben oder nicht? Ach, haben sie mich so ganz vergessen? Am Abend blieb die Geige stumm; die Wittwe schickte das junge Mädchen frühzeitig zur Ruhe. Sie schlief keine Minute. „Mein Gott, erhalte Sabine, tröste meinen armen Magnus", flehte sie unter strömenden Thränen. Und nun kam die Reue, sie mit dem Gedanken zu quälen, daß sie die theueren Wohlthäter verlassen konnte, um einem Ideal nachzujagen. Wie ganz leer und nichtig schien ihr jetzt ihr Thun und Lassen! Aber wenn sie jetzt der Kunst Valet sagte, was sollte dann aus Tromholt werden? Ob er sie nicht nöthig hatte mit ihrem unverwüstlichen Jdealstnn? Es war ein heißer Kampf, den sie in der langen, schlaflosen Nacht kämpfte — wer würde siegen: — die Kunst? ES kam kein Brief; also Magnus wollte sie nicht. Aber er konnte noch nicht schreiben, er hatte den Brief ja kaum. So stürmte es in ihr. Gegen Abend kam der Geiger. Er fand sie bleich, verweint, er schien es nicht zu gewahren. Ein Egoist ist er doch, dachte sie. Aber er hatte Unangenehmes erlebt, sein Freund hatte sich verlobt. „Er hat eine Partie gemacht*, rief er. „Sara Rosenthal, sie ist Christin, aber ihre Vorfahren haben zwischen Euphrat und Tigris gesessen, sie ist sehr reich; er hat ausgesorgt." „Wieso?" fragte Alice kühl, — „was meinen Sie?" — „Ja, ja", bekräftigte er lachend, „ein Künstler, der eine Frau heimführt, die für sein irdisch Theil sorgt, hat das große Loos gezogen, eine wahlverwandte und geistige Freundschaft kann er nebenbei überall finden; — wir beneiden den schlauen Fuchs alle zumal." Er kam nicht weiter, Alice warf ihm einen flammenden Blick zu; doch ehe ihre Lippen sich öffneten, erschien das Dienstmädchen mit einem Briefe. „Von Magnus, Gottlob", stöhnte sie, und alles um sich vergessend, öffnete sie mit fliegenden Fingern das Couvert. „Komm'!" las sie, „komme sofort." Kein Wort weiter. Aber sie errieth Alles. Sabine war todt und Magnus wie vernichtet. Starr und stumpf gegen Alles saß sie da. Sie hörte nicht einmal, daß der Geiger sich entfernte. Vor diesem bleichen Schreckensbtlde wandelte es ihn wie Furcht an. Und er wußte es, er hatte sich verplappert, sie verachtete ihn. Doch was that das? Sie war eine Schwärmerin und überspannt. Jetzt ging sie sicher fort auf Nimmerwiederkehr. „Es thut mir leid", sagte die Wirthin, als sie am andern Morgen dem Mädchen beim Einpacken half, „daß Sie nicht wiederkehren, aber über den Tromholt ärgern Sie sich nicht weiter. Leichtes Blut, man erzählt sich Allerlei von ihm; da er aber ein guter Lehrer ist, habe ich ein Auge zugedrückt." Alice sagte kein Wort, es ekelte sie hier Alles an, aber ob sie nicht dennoch wiederkehren und ihre Studien vollenden mußte?! Sie seufzte tief. Nicht die Liebe zur Kunst war es, was sie Hinausgetrieben, es war ihr nicht schwer, davon zu scheiden. Aber gereift hatten sie die zwei Jahre in der Fremde und ihr Urtheil geschärft, Welt und Menschen mit anderen Augen anzusehen. Mit Wehmuth nahm sie von dem lieben, alten Köln Abschied. Aber das Herz war ihr so schwer von dem, was ihre Phantasie ihr als Zukunfts-Schreckbild vormalte. Wenn Sabine gestorben war?! * -i- * „Gottlob, sie lebt", rief Magnus, als Alice ihm schluchzend entgegentrat. „Ich nehme Deinen Platz ein, Magnus", rief Alice und trat auf den Fußspitzen an das Bett der Kranken. Es war eine schwere bange Zeit, die nun folgte; Alice theilt sich mit Schwester Auria in 827 ebeiikdklt ijl dikFliill«! dkiilrsFrilikS-Zchis! L^ipix / EW LLMN -Ä-.-L:^ä Mchweiget, ihr Himmel! schweiget, ihr Erden! Schweige, du ruhelos rauschendes Meer! Schweiget, ihr Stürme! Stille soll werden. Schweige, der Sterne unzähliges Heer! Denn ein Geheimniß, nie zu ergründen, Wirket der Liebe unnennbare Wacht: Bald wird getilgt die Menge der Sünden, Gott in der Höhe wird Segen und Ehre, Freude der Engel lobsingcndcm Heere, Friede den Menschen auf Erden gebracht. Sieh! aus des Himmels Hallen entsendet, Schwebt auf des Frühlichtcs zitterndem Strahl, Freundlich das Antlitz erdwärts gewendet, Strahlender Engel in's dämmernde Thal. Sieh! in der Aammer kniect die Eine, Der er entbietet den himmlischen Gruß: „Ave, der Herr ist mit dir, du Reine; Du bist erlesen, vom Geist zu empfangen ^hn, der da stampfet der höllischen Schlangen Haupt in den Staub mit allmächtigem Fuß." 828 die Pflege. Der Doktor schöpfte neue Hoffnung, die Krisis war überstanden, nur eine große Schwäche hinderte noch immer die Genesung. Wie oft trafen sich Magnus und Alice jetzt an dem Lager der Patientin. Sie wechselten nur wenige Worte mit einander, aber er hatte seinen Sonnenstrahl wieder, das Haus war nicht mehr so öde, wenn ihre liebe Gestalt wieder die Räume belebte. Wenn er wüßte, ob sie auch mit ungetheiltem Herzen wiedergekehrt sei? Da stand er, den heißen Kopf an die kalte Fensterscheibe gedrückt, und schaute gedankenverloren in den verschneiten Garten, wo eine einzelne Krähe und ein paar hungrige Sperlinge sich auf den schneebeladenen Aesten wiegten. Er sah seinen Liebling wieder vor sich, wie sie als Kind sich mit ihrer Puppe auf dem Rasenplatz getummelt und dann später als junges Mädchen die Blumen gepflegt hatte; die schönsten Rosensträuße hatte sie stets auf seinen Schreibtisch gestellt, und wie hatte ihr Gestchtchen gestrahlt, wenn er sie gelobt, ihr freundlich zugenickt hatte. Und dann kam die Zeit der Entfremdung zwischen ihnen, aber seit gestern wußte er es von Sabine, was sich das wunderliche Mädchen in den Kopf gesetzt hatte. Also darum trieb es sie hinaus in die Welt?! — Am heiligen Abend war es. Sabine hatte seit einigen Tagen schon ihr Bett verlassen und saß warm eingehüllt zwischen Kissen im Lehnstuhle nahe der Flügelthür, die in das Wohnzimmer führte. Alice war den ganzen Tag mit dem von Sabine in jedem Jahre selbst geübten Liebeswerk, Arme und Kranke zu beschenken, beschäftigt gewesen. Im Wohnzimmer stand ein herrlicher Christbaum, der von Magnus geschmückt worden war, ohne daß Alice eine Ahnung davon hatte. Die Geschwister waren im Bunde gewesen, ihren Liebling zu überraschen. Sie harrten der Heimkehrenden. Endlich läutete es an der Hausglocke. Magnus zündete die Kerzen an, indeß Alice z der Kranken in das Zimmer trat. Da tönten die Festglocken mit feierlichem Klang herüber. „Weihnacht! liebliches Fest", rief Alice und umarmte Sabine. „Deine Armen sagen tausendfach „Ver- gelt'S Gott" und lassen uns ein frohes Fest wünschen." „Doch was ist das?" unterbrach sie sich, ein blendender Lichtstrahl durchfuhr den Raum, denn Magnus hatte unvermerkt die Thüre geöffnet. „Magnus!" rief sie und flog auf ihn zu, „das ist Dein Werk, o Du lieber, bester Magnus, — mein alter Christbaum." „Aber o Gott", unterbrach sie sich, „ich habe nur eine Kleinigkeit für Euch Beide; sie wickelte ein paar Handarbeiten aus ihrem Körbchen und reichte sie hin. „Es ist so wenig", seufzte sie. „Ja", rief Magnus und zog sie in seine Arme, „Dich selbst sollst Du mir geben zum Chrtstgeschenk, willst Du?" Alice fuhr einen Augenblick wie erschrocken zusammen. Er sah ihr tief in die Augen. Sie standen voll Thränen, selige Thränen waren es. Ob sie wollte? „Gott segne Euch!" rief Sabine, und die Festglocken, sie läuteten Ja und Amen dazu. -—SS88VS-- Zm nördlichen Schwarzwald. (Schluß.) Wer ein wenig Sinn für architektonische Schönheit hat, kann sich beim Anblick dieser schlanken, gefälligen Ueberreste eines der ersten gothischen Bauwerke in Deutschland eines wehmüthigen Gefühls nicht erwehren. Ueber 600 Jahre hindurch stiegen aus diesen Mauern die Gebete und Lieder der nach der strengen Regel des hl. NorbertuS hier lebenden Mitglieder des Prämonstratenser-Ordens zum Himmel empor. Ein Jahr nach der Säkularisation des Stiftes, 1803, vernichtete ein Blitzstrahl die öden Klosterhallen, die zur Aufnahme einer Spinnerei bestimmt worden waren. Heiterer ist die Erinnerung, die durch den nahen Eselsbrunnen wach erhalten wird. Als nämlich die Herzogin Utha von Schauenburg 1191 den Entschluß zum Bau des Klosters gefaßt hatte, konnten ihre Räthe sich über den Ort nicht einigen. Eduard Brauer, der die Geschichte in zierliche und doch etwas stachelige Reimlein gebracht hat, ertheilt der Herzogin darauf das Wort wie folgt: „So wird mein Wille nie zur That, Der Nebel immer dichter; Geht, holt mir einen klüger» Rath, Der sei des Zweifels Schlichter!" Ein Esel war's, den schickt sie hinaus Bepackt mit reichen Schätzen: „Nun, lieber Treuer, such' mir aus Den besten von allen Plätzen!" Rath Langohr schleicht in trägem Gang — Dem weiland amtsgemäßen — Als wär' er all sein Leben lang Herzoglicher Rath gewesen." Endlich schleuderte er den ihm lästig werdenden Sack den Berg hinunter, und so mußte im Thal mit dem Klosterbau begonnen werden. An der Stelle des Eselsbrunnens aber hatte Freund Langohr gewaltigen Durst verspürt, und auf sein Scharren entsprang der belebende Quell. Ein angeblich von 1191 herrührendes Relief mit einigen Knittelversen hält das Andenken des biederen Esels in Ehren. Ob es das einzige Denkmal ist, das seitdem einem Esel errichtet wurde? Nachdem die Bütten-Wasserfälle, eine Hauptsehenswürdigkeit von Allerheiligen, die aber mehr durch ihre sehr romantische, theilweise an das Bodethal erinnernde Umgebung, als durch die Wucht ihrer Erscheinung selbst wirken, pflichtgemäß in Augenschein genommen und bewundert worden waren, begannen wir den Aufstieg zum Kniebis. Aufstieg ist eigentlich hierbei ein etwas prahlerischer Ausdruck; denn nachdem man eine kleine Weile unter ungemüthltchen Sonnenstrahlen gestiegen ist, wird der nadelbestreute Weg recht gemächlich und kühl. Rechts und links begleiten ihn schier endlose Waldungen, und wem trotzdem noch etwas fehlen sollte, der mache es jenem Bäuerlein nach, das uns dort entgegenkommt. Es weiß den Zweck der Fassung der kleinen, aus dem Walde kommenden Wasserläufe in hölzerne Rinnen richtig zu deuten, nimmt seinen Hut ab, drückt ihn ein, und aus der entstandenen Höhlung schlürft es behaglich schmunzelnd das aufgefangene, erquickende Naß. Bald thut sich wieder auf der Thalseite des Berges, in dessen halber Höhe wir wandern, der Wald auseinander und zeigt die ganze Großartigkeit des Schwarzwaldes. Dieser Ausblick ist so überwältigend schön, daß ich der festen Ueberzeugung bin, selbst ein preußischer Garde-Lieutenant würde sich dieser Natur gegenüber etwas klein vorkommen, was freilich mein Freund nicht zugeben wollte. Nach dieser stundenlangen prächtigen Waldwanderung, und nachdem uns ein Wegweiser noch ein wenig genarrt hat, erscheint vor uns die Schwabenschanze, ein morscher Thurm mit eingestürzter Treppe. „1796 erbaut", sagt s- AM «WUW« W ! !S S« WW k:KWÄ «eilige Familie. Nach dem Gemälde von B. Coletti. _ unser Führer, und wir sind fast bereit, ihm dies Mal Glauben zu schenken. Im übrigen machte sich das halsbrecherische Hinaufklettern nicht belohnt. Lohnender war unbedingt der Besuch des nahen Wirthshauses, das den anheimelnden Namen „Zur Zuflucht" sich beigelegt hat. Es liegt an der schönen, von Westen nach Osten über den ganzen Kniebis führenden Fahrstraße, die wir nun auch weiter über die Alexanderschanze verfolgen, ohne daß der aus dem kleinen Daniel so wohlbekannte Berg uns besonders zu begeistern im Stande gewesen wäre. Erst als uns das abseits liegende steile Rimbachthal aufnahm, erblühte wieder die Poesie des Schwarzwaldes, nicht ohne uns auch einen Blick in die hier zeitweilig so mächtig auftretende Naturgewalt werfen zu lassen. Friedlich und lustig springt der Rimbach in seinem rauhen Bette über das zackige Gestein, so daß man es sich gar nicht vorstellen kann, wie verderbenbringend dieser Gießbach sich geberden kann, wenn er, von den gewaltigen, schmelzenden Schneemassen und anhaltenden Regengüssen gespeist, höher und höher steigt und mit furchtbarem Getöse seine Fluthen in die Tiefe schleudert. Wir stehen an den Ueberbleibseln einer ehemaligen Steinbrücke, die mit einem soliden, hohen Bogen den Weg auf das andere Ufer führte. Ein halber Tag im März hat genügt, das Menschenwerk dem Haß der Elemente zum Opfer zu bringen, und so klettern wir nun vorsichtig hinab und retten uns mit Hülfe der Arbeiter, die für den Neubau der Brücke die schweren Steine bearbeiten, auf's andere Ufer. Drunten im Wolfachthal fallen uns zum ersten Mal die Schwarzwälder Trachten auf. Der Mann in Kniehosen, blauen Strümpfen und auf dem Rücken gestreifter Weste ist an der Arbeit. Vor der Sonne schützt ihn ein runder Hut, wie ihn die anglikanischen Geistlichen tragen und der deshalb in England kurzweg als der vlsrioal flut bezeichnet wird. Den Frauenkopf bedeckt ein großrandiger Strohhut. Der fußfreie, etwas abstehender Rock läßt der Strümpfe Blau sehen, und das mit Vorliebe geblümt getragene Taillenstück ist mit breiten rothen Litzen eingefaßt, die auf den Schultern in zwei kühnen Schleifen endigen. In dem schönen, sich erbreiternden Thal erscheinen zur Belebung der Landschaft Häuser in Schweizer Format, wie wir sie als Kinder aus Bilderbogen geschnitten und aufgerichtet haben. Die Straße wird immer reiner und besser, und plötzlich treffen wir einen Mann, der mit seinem Mützenschild „Wegewärter", mit seinen Wegever- schönerungs-Jnstrumenten, die dem Chausseegras genau die Grenzen seiner Naturfreiheit bestimmen, und mit seinem ganzen beamtenmäßigen Aussehen keinen Zweifel mehr läßt, daß wir uns menschlichen Ansiedelungen nähern, in welchen der Frack und die weiße Binde die Menschen in wandelnde konventionelle Lügen umwandeln. Rippoldsaul Jedem Verehrer Scheffel'scher Muse steigt bei dem Namen im Geiste die Gestalt des Mönches Rippold auf, der, krank und lebensmüde, sich in das selbstgefertigte Felsengrab gelegt hatte, als plötzlich der Quell durchbrach und ihn in die Höhe warf. Aber als er triefend sich verwundert betrachtet, da merkt er wie Ein neues Leben durchzuckte die Glieder, Als kehre die Kraft und die Jugend ihm wieder. Dies Wunder erneuert zu sehen, ziehen jährlich 1500 ^Fremde aus allen Welttheilen in das Thal, das jetzt noch so vereinsamt sich ausnimmt. Auch das große Cur-Etablissement und die Hotels sehen noch verschlafen aus und beginnen eben erst Sommer-Toilette zu machen. Auf den Balkönen werden alle möglichen Gegenstände, die man dort fönst nicht zu sehen gewohnt ist, in die frische Frühlingsluft hinausgehangen; hier bemüht sich ein Mädchen, die Doppelfenster abzunehmen, um dem Ozon und den Odstrahlen den Eingang in die dunstigen Räume nicht länger zu verwehren; ein Gärtner übt einen kleinen Betrug, indem er seine Topfpflanzen in die Erde eingräbt, um den Eindruck eines blühenden Hausgärtchens bei harmlosen Gemüthern zu erwecken. Einen altersschwachen Baum hat man ausgemauert, damit eine Lücke in der Allee den Badegästen nicht ein ästhetisches Unbehagen verursacht und dadurch den Erfolg der Cur in Frage stellt. Ja, ja, „eine gute Verwaltung ist die Grundlage bürgerlicher Wohlfahrt", belehrt uns der Magistrat etwas selbstbewußt vom Schul- und Rathhaus von Klöster! e herunter. Denn dahin sind wir bei unsern Beobachtungen ganz von selbst gekommen. Das Bad Rippoldsau besteht nur aus den Cur- und Bade- Häusern, in welchen die Stahlsäuerlinge Josephs- und Wenzel-Quelle und die sogen. Natroine gefaßt sind, während die 1830 von dem Curhausbesitzer Goeringer entdeckte, übrigens sehr sparsam fließende Leopoldsquelle einen Tiefbau am Wege nach Klösterle mit der bekannten, das Eisen-Oxydul verrathenden rothen Färbung, versteht. Gegenüber dem Rathhaus mit dem weisen Spruch erhebt sich hier, wo früher ein Benedictiner-Prioriat seinen Sitz hatte, eine zweithürmige Kirche, die einen prächtigen Schmuck für die ganze schöne Gegend abgibt. Kaum haben wir noch Zeit, die hübschen Wandgemälde des Gotteshauses und das Gnadenbild uns zu betrachten, als schon mit fröhlichem Peitschenknallen die Privatpost des Curhotel-Besitzers herabrollt, und fort geht's in den duftenden Abend hinein. Der forellenreiche Wolfbach schlängelt sich im wiesenbedeckten breiten Thalgrund gemächlich dahin, und leiser, lauer Windhauch fächelt die jungen Blättchen, die sich verwundert nach allen Seiten umschauen und verneigen. Von einem Felsblock grüßt uns links ein kleiner klosterähnlicher Bau, wie von Zuckerguß hergestellt, das Bergle. Alles ist so harmonisch abgestimmt, so friedlich und ruhig, als könne es nie anders sein. Aber unsere Braunen stutzen jetzt. Ein großes Loch thut sich in der Straße vor ihnen auf, das nur mit großer Vorsicht umfahren werden kann. Dann folgen in kurzen Zwtschenräumen noch eine ganze Anzahl von Stellen, wo das reißende, etwa sechs Stunden anhaltende März-Hochwasser lange Strecken der an manchen Stellen dem Felsen abgetrotzten Straße verwüstet hat. Ueberall regen stch rüstige Hände zur Wiederherstellung; denn wenn der große Schwärm der Curgäste das Thal bevölkern wird, darf keine Unebenheit mehr sich zeigen. Im großen Staat der echten schwarzwälder Volkstracht ziehen Männlein und Weiblein auf dem Weg nach Schapbach dahin. Erstere tragen zur Erhöhung der Feierlichkeit Schleifen an den Röcken, wie man in unsern Ballsälen die sogenannten Festordner decorirt, und ein reiches Gehänge, des Bauers Brechte, ziert das Mieder der Frauen. Aus dem Wirthshaus des Ortes erschallt fürchterliche Musik, die nichtsdestoweniger keine gewöhnliche Tanzmusik vorstellt. Drei über und über geschmückte, an der äußern Treppe gruppirte Tannenbäumchen zeigen an, daß größeres hier sich begibt, eine Hochzeit I Und zu dieser ist alles von weit und breit eingeladen I Schapbach selbst ist ein romantisch gelegener Ort. Vom hohen 831 Bergkegel schaut die altehrwürdige Dorfkirche ernst hinab, und jedes der ziemlich zerstreut liegenden Häuser ist eine Individualität für sich. Auf der weiteren Fahrt verliert sich der Schwarzwald-Charakter des allmählich sich verbreiternden Thales mehr und mehr. Die Straße beschatten die verschiedensten Obstbäume, aber die Häuser behalten ihr behäbiges, solides Aussehen. Durch das langgestreckte Dorf Oberwolfach mit den Trümmern eines ehemaligen Schlosses rumpelt der Wagen, um gleich darauf in Wolfach eine in die Schwarzwaldbahn einmündende Bahnstrecke zu treffen. - — - Perugia. Von Emil Roland*). Es ist Abendmufik auf dem Corso Vannucci. . . . Bei dem lauten Geschmetter der kriegerischen Melodie wandelt die Menge auf und ab — zwischen malerischem Volk der Gasse stolziert junges Militär mit blitzenden Augen, schreiten Frauen mit mattbraunem Teint und feinem Gesichtsoval, den schwarzen Spitzenschleier um das tiefschwarze Haar geschlungen, der noch immer lebendige Typus von den berühmten Madonnen der umbrischen Schule. Die Mädchen von Perugia, die oft gemalten, oft besungenen, machen ihrem alten Schönheitsrenommäe noch heute Ehre, und es flackert in ihren schmalen Augen jenes melancholische Feuer, das von jeher so wohl zu versengen und so gut zu entflammen verstand. Die alten Paläste, die zwischen den neuen Bauten am Corso stehen, werfen die nächtlichen Riesenschatten über das wogende Gedränge. Ihre Pforten sind weit geöffnet, und Lichterschein fluthet über die Treppe. Man könnte meinen, die stolzen Gestalten jener Geschlechter, die hier gehaust, deren steinernes Wappen über dem Portal das Moos des Alters begrünt, wollten in der nächsten Minute die Stufen herabspringen, um sich in das abendliche Treiben zu mischen, lebenslustig und festesfroh, wie sie waren, oder wild und ungebändigt, wie sie sein konnten, wenn es Streit und Fehde galt, hineinzustürmen in das wandernde Volk und die alte Fackel des Bürgerkrieges, die so oft hier gebrannt, aufs neue zu entzünden. Wie viel Blut ist in den Gassen Perugias geflossen, aus dem hohen Felsen, der die Hauptstadt Umbriens so diademartig am Scheitel trägt! Römer und Gothen, Langobarden und Ghibellinen haben in wildem Haß um die alte Etruskerstadt gekämpft, und als keine heranziehenden Feindesheere sie mehr bedrohten, da zerfleischten sich ihr kühnen Geschlechter untereinander. „Ueber ihre Thore statt der Muse meißeln die Baglioni die Meduse", heißt es im Liede — und wahrlich I Medusenhaft blickt es einem überall aus der Geschichte der Stadt entgegen — immer wieder Mord und Schrecken, Schrecken und Mord . . . Untergegangen sind jetzt die Geschlechter alle: Von den Baldeschi, den Oddi, den Fortebraccto lebt nur mehr der Ruf ihrer wilden Tapferkeit; nur ihre steinernen Häuser stehen noch an den alten, engen Straßen. Häuser mit prächtigen Fassaden und jenen leeren, eisernen Fackelringen unter den Fenstern, aus denen nun nie mehr eine nächtliche Leuchte hervorglüht. Finster und todt führen bergauf und bergab die zahllosen Gassen Perugias. *) In ter Berliner „National-Ztg.". Eine dumpfe Luft weht von den kalten Wänden, und nur als schmaler Streif zeigt sich der sternenbesäete Himmel über den Dächern. Von einem Haus zum andern schwingt sich der steinerne Bogen, an dem sich grünes Geranke wie flatternde Fahnen herniederhängt — ein Durcheinander von Straßen und Gäßchen, in die alle als einziger Lebenston die Melodie klingend hineinzittert, die oben auf dem Corso Vannucci die Militärkapelle spielt. Vannucci ... es ist der Name Peruginos, des größten Sohnes der Stadt. Neben der blutigen Geschichte der Wirklichkeit ging in diesen Mauern die Geschichte der Kunst still einer hohen Blüthe entgegen. Wenige Schritte den Corso hinauf schatten zierliche Fensterreihen sich auf dem Pflaster ab — die Fenster der alten Handelskammer sind es, das Collegio del Cam- bio, in die Perugino seine besten Bilder gemalt hat, leicht hinschreitende Gestalten aus römischen Sagen und heiligen Legenden — und nur wenige Straßen weiter schuf an niederer Klosterwand Raphael sein erstes Fresco. Die Kunst hat der Stadt Perugia jenen Stempel aufgedrückt, der wie ein Magnet die Pilger Italiens in die stillen Berge Umbriens hineinzieht. Die alten Kämpfe sind verhallt, aber die alten Bilder sind geblieben und werfen ihren versöhnenden Glanz über die blutig-wilde Geschichte der Stadt. Kirchen und Kapellen, herrliche Brunnen und antike Thore schmücken die Plätze Perugias, und die Gefilde ringsum, jene weiten, eigenartigen Thäler, von Weingeländen durchzogen, von kahlen Bergen umringt, breiten der Felsenstadt zu Füßen ihren weiten Teppich aus. Ein Blick ist es, der nicht nur das Auge entzückt, sondern auch die Gedanken emporträgt, denn jenes Thal, das der nächtliche Vollmondschein überfluthet, ist das Thal des Tiber! und jene Sterne gegenüber an den Bergen leuchten über Assist . . . Es ist Mittag. Die heiße Sommersonne sengt glühend auf die blendend weiße Terrasse herab, an der das hohe Gebäude der Präfektur steht mit seinen schönen, gewölbten Hallen- gängen, dem großen Engländerhotel gegenüber, das zu den besten Italiens gehört. Reisende Englishmen haben es in Mode gebracht, und wo der Engländer sich niederläßt, gibt es meist zweierlei: Sehenswürdigkeiten und Komfort, beides ersten Ranges. Die Nation hat einen raffinirten Spürsinn für dieses Ensemble. Riesige Bosketts schmücken den Platz, südliche Pflanzen, welche die tropenhaft warme Sonne kaum versengt. Aus den Körben der Blumenmädchen duften die Goldlacksträuße mit ihrem reichen, berauschenden Geruch. Viktor Emmanuel, der Unvermeidliche, hält hoch zu Roß vor der Präfektur. Hier ist das moderne Perugia, der elegante, blendend neue Theil, der neben den engen Gassen der alten Stadt recht wie der Zoll aussteht, den Perugia der neuen Zeit hat zahlen müssen — schön, aber un- charakteristisch. Nicht weit davon steht natürlich auch Garibaldi, und so natürlich es ist, daß die Söhne des Königreichs Italien ihren Nationalhelden Denkmale errichten, so wenig harmonisch passen doch diese Neuzeitgrößen in die Physiognomie der Stadt, so theatralisch erscheint ihre Besreierpose dem Auge, das sich an den sanften Linien Peruginos eben gelabt, an dem größeren Zuge des Pinturicchio erquickt hat. Eingelullt in den Zauber der Kunst, umstrickt von ihrem gefangennehmenden Reiz, träumt sich der Fremde in Perugias sonnenhellen Straßen ganz in die alten Tage der Blüthezeit 832 zurück, hört aus dem Geplauder der schönen Brunnen erloschene Stimmen reden und verfällt tm Zwielicht der Kirchen einer seltsamen Weltvergessenheit. In anderen Gemäldesammlungen geht man gleich- giltig. an vielen Werken der umbrischen Schule vorbei und mag nicht allzu viel von denen wissen, auf deren Schultern Naphael stand. Hier aber in dem weiten Museum, das Leo XIII. gegründet hat, da er noch Bischof von Perugia war — hier, vor diesen hohen Wänden, an denen nur umbrische Maler — und oft in sehr verstümmelten Werken— vertreten sind, empfindet man weniger Bewunderung eines einzelnen Bildes, als mehr eine tiefe Achtung vor dem großen Zug in den Seelen dieser Menschen, die befähigt waren, langsam, aber sicher die Höhe der Kunst herbeizuführen. Und tritt man aus den hohen Bildersälen — etwas madonnenmüde geworden nach all' der lächelnden Sanftmuth in den alten Bildern — auf eine der kleinen Terrassen hinaus, die wie Vogelnester an den hohen Mauern des Palazzo Publico hängen, so empfängt wieder die reizvollste Gegend den Blick. Sonnen- getränkt, von dem feinen Staub umweht, den der Wind selbst an den heißesten Tagen über die Berghöhe trägt, breiten sich Perugias graubraune Dächer am Abhang aus. Chpressengärten dunkeln herauf; jenseits schwingt sich Berg an Berg sanft gebogen in die Himmelsbläue. Und man empfindet, wie sehr diese Landschaft zu jenen Malern paßt, wie sie gerade aus dieser Natur nicht anders hervorwachsen konnten, wie friedlich und abgeschlossen von der großen Welt diese Künstlerheimath in stiller Harmonie daliegt, ein unentweihtes Fleckchen Erde, das nur flüchtig von leisem modernem Hauche berührt ward. Wie seltsam — ein friedevolles Idyll — mögen wohl Leo XIII. die Jahre erscheinen, da er noch in der Stille Perugias diese Bilder sammelte, da er täglich vom Fenster der Bischofswohnung aus die kühne Settenfassade des Palazzo Publico vor Augen hatte mit ihrem gothischen Schmucke und der stolzesten Trophäe, deren sich die Städte Italiens einstmals rühmen konnten: mit den Ketten und Thorriegeln des besiegten Siena über dem Portal . . da er den Fönte maggiore noch plätschern hörte, den der Kunstkenner als den schönsten Brunnen seiner Zeit bewundernd rühmt?! Jetzt steht die Marmorstatue des Papstes im nahen Dom, dem herrlichen Signorellt-Bilde nahe, das so kräftig erscheint in seinen herberen Farben nach all' den schwebenden Himmelsgestalten Perugias. Leer und unvollendet ist dieser Dom, ein großer Steinriese, der den Corso Vannucci wie eine gewaltige Coulisse begrenzt. Nur am Sonntage, wenn die Weihrauchwolken des Hochamts durch die Kirche schweben, fluthet buntes Leben um seine Altäre. Wie malerisch erscheint dann dies Volk von Perugia, wenn es in farbigen Trachten betend an den Pfeilern kniet! DaS fromme Perugia ist reich an Kirchen. Das Auge kann sich hier satt trinken an den reizenden Formen der Renaissance, wie vor dem wundersamen Oratorium des heiligen Bernhard, oder die antiken Säulen jener alten Rotunde bestaunen, die einsam im „Thale" - vor den Mauern liegt. Aber das schönste Kirchenbild, das sich am unvergeßlichsten einprägt, bleibt doch die Aussicht von der großen Terrasse der Präfektur, wenn die heißesten Sonnenstrahlen verglüht sind und der verklärende Abendschein dem allzu hellen Glänze gefolgt ist. Aus der einförmigen Häuserreihe hebt gewaltig und gigantenhaft Sän Dowentco sein hohes Dach über der Stadt. Der braune Stein erglänzt goldig tm Schein des sinkenden Gestirns. Die Höhe des Berges küßt noch das Licht, während unten aus der ThaCenkung bereits blaue Schatten der Dämmerung heraufschwtmmen. Weiter hinaus steigt schlank — man könnte fast sagen jugendlich — Pietro de Casstnensis spitzer Thurm über den Klostermauern empor, die reichste Kirche Perugias, fast ein Museum nach der Fülle der Bilder, dem Reichthum der Säulen, der Menge ihrer Kunstwerke. An solch' eine« Abend auf der alten Straße entlang zu wandern, solchen Schätzen entgegen, während der Sonnenball hinter den Apenninen versinken will und das Avegeläut von allen Seiten Perugias her wie ein vielstimmiger Chor die Luft bewegt — dann durch das alte Römerthor zu schreiten in den Wipfelschatten der Anlagen hinein, die von steinerner Balustrade umschlossen am Ende der Stadt daliegen, wie ihr herrlichster Schlußeffekt, und ausgebreitet sehen vor dem trunkenen Auge, in rothviolette Farbengluth gebadet, dies wundersame Thal des Tiber, die heilige Landschaft mit den einfachen, edlen Linien, diese fruchtbare Erde, unter der die alten Etrusker, die ersten Gründer der Stadt, ihre ernsten, großartigen Grabkammern gewölbt haben, die heute der Spatenstich des Herrschers vor staunenden Nachweltaugen auf's Neue an's Licht bringt — den ganzen Zauber Umbriens gleichsam mit einem Zuge schlürfen, das Schönheitsgefühl schwelgen lassen an diesen wunderbar gezogenen Linien des Apennin, die in der seltsamen Durchsichtigkeit des Lichtes fast greifbar nahe erscheinen, während wie ein Kleinod am Berge das helle Asstsi der sinkenden Sonne gerade gegenüberliegt: das ist es, was in sommerlichen Abendstunden auf den Wegen Perugias der entzückte Pilger sucht und findet. --««SS-S- Schachaufgabe. Von C. A. Gilberg. Schwarz. 6 v Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt Auflösung des Telegraphenräthsels in Nr. 105: Frohe Weihnachten. (Frosch, Newa, Elise, Hansa, Schatz, Ente). M 1V8. Moutag, den 28. Dezember 1898 . ikür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen ZnstitutS von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbesitzer vr. Max Huttler). Der Aussah in Birma') Die furchtbarste Geißel, unter welcher die Völker des Orients zu leiden haben, ist ohne Zweifel der Aussatz. Der Westländer, der diese Krankheit nur dem Namen, aber nicht auch ihrem Wesen nach aus den Schriften deS alten und neuen Testamentes kennt, mag nach allem, was er hier darüber findet, leicht zur Meinung hinneigen, daß der Aussatz eine Krankheit ist, die erstens nicht zu häufig auftritt, und die zweitens auch heilbar sein kann. Beides kann und wird auch einmal, in alter Zeit nämlich, der Fall gewesen sein. Das Gesetz, nach welchem alles, was da ist und war, sich aus kleinen Anfängen entwickelt, seinen Kulminationspunkt erreicht und endlich niedergeht und ganz verschwindet, dieses Gesetz gilt, wie man beobachtet hat, für Krankheiten nicht minder wie für andere Erscheinungen der Natur und Kultur. Wenden wir eS auf den Aussatz an, so können wir wohl behaupten, daß diese Krankheit in unsern Tagen auf ihrem Höhepunkt steht, jedoch mit dem Zusätze, daß fie diesen Höhepunkt nicht erst in unserer Zeit, sondern schon vor langem erreicht haben mag. Nicht die Verbreitung des Aussatzes, sondern seine Erscheinungsform ist es, welche uns zu dem Urtheile berechtigt, daß er einer Steigerung nicht mehr fähig ist. Er ist zwar in allen Gebieten des Orients und ebenso in der gemäßigten wie in der heißen Zone zu finden, und er verschont keine der eingeborenen Rassen; was ihm aber mehr als seine Extensität furchtbare Bedeutung gibt, das ist die Intensität, in welcher er überall auftritt, daS ist der Umstand, daß er sich überall in derselben abschreckenden Gestalt zeigt, ob er nun sporadisch oder endemisch erscheint. Wenn irgendwo, so ist der Aussatz in Btrma als Endemie zu bezeichnen. Hier ist er zu Hause wie sonst nirgends in Asien, denn wenn wir die Bevölkerung Birmas zu zehn Millionen annehmen und die darunter befindlichen Aussätzigen auf beiläufig 30,000 schützen, so entfällt auf 333 Seelen ein Aussätziger, ein Verhältniß, wie eS bei einem andern Volke des Orients wohl wer-er in alter, noch auch in neuerer Zeit zu finden sein dürfte. So schrecklich aber diese Verhältnißzahl uns erscheinen mag, so wenig Eindruck scheint fie auf die Birmanen *) Wir entnehmen diese Skizze der „Oesterreichischen Monatsschrift für den Orient", die von dem k. k. Handelsmuseum in Wien herausgegeben wird und eine reiche Quelle für die Kenntniß der Ostländer bildet. selbst zu machen, denn durch nichts haben sie bis nun auS Eigenem versucht, dem Umsichgreifen des Aussatzes Grenzen zu setzen. Während die Chinesen beispielsweise die mit dem Aussatze Behafteten sofort aus der Gemeinde entfernen, an einsamen Orten isolieren, ja sogar gewaltsam aus der Welt schaffen, um sich vor Ansteckung zu schützen, begnügen sich die Birmanen damit, erst die in einem höhern und für ihre Mitmenschen schon unerträglichen Stadium des Aussatzes sich befindenden Kranken von der allernächsten Berührung mit der Gesellschaft auszuschließen; daß sie dies aber weniger aus Furcht vor Ansteckung und Vererbung, als aus Ekel und Abscheu vor dem entsetzlichen Aussehen der Aussätzigen thun, das beweist die Thatsache, daß die Gesunden mit den in den Anfängen der Krankheit Stehenden zusammen wohnen bleiben und verkehren, ja, daß sogar Ehegatten, von denen ein Theil intakt und der andere aussätzig ist, dem Zusammenleben so lange kein Ziel setzen, bis der kranke Gatte sich dem Zustande nähert, in welchem er zu einer alle Sinne beleidigenden abstoßenden Masse, zu einer lebendigen Leiche wird. Keine höhere Rücksicht hebt den nahen Verkehr der Gesunden mit den erst in leichterem Grade Erkrankten auf, und keine höhere Rücksicht, nicht Menschlichkeit, nicht Liebe, nicht Dankbarkeit, nicht Pietät, macht eS den Gesunden zur Pflicht, sich der schon in höherem Grade Erkrankten erbarmend anzunehmen, ihnen ihre Leiden zu lindern und den Rest ihres todgeweihten Daseins erträglich zu machen. So wird eS in Birma von Armen und Reichen gehalten, und obwohl jeder sich sagen kann, daß auch ihm die schreckliche Krankheit mit allen ihren der Natur und der unmenschlichen Sitte entsprechenden Folgen oroht, stehen doch alle dem Uebel — bis auf das Gefühl des Ekels — gleichgültig gegenüber. Von dem Leben und Leiden der Aussätzigen in Birma entwirft uns k. Johann Wehtnger, ein katholischer Missionär, der während eines mehrjährigen Aufenthaltes in Birma viel mit Aussätzigen verkehrt hat und durch die Gründung eines Hospitals den unglücklichsten aller Menschen ein Asyl zu schaffen bestrebt war, ein anschauliches Bild. Wenn k. Wehinger bemerkt, daß eS ihm unmöglich gewesen sei, zu erfragen, zu welcher Zeit in Birma der Aussatz (Lepra) zum erstenmale aufgetreten sei, so ist dies begreiflich, und eS wird auch niemand anderem gelingen, auf diese Frage Antwort zu erhalten. Gewiß ist auch schwer zu behaupten, daß die Krankheit durch einwandernde Fremde ringe« führt sei, weil erst im sechzehnten Jahrhundert Einwanderungen stattgefunden haben und die Birmanen wissen wollen, daß es schon vor dieser Zeit Aussätzige in Birma gegeben habe. Wir müssen eben den Aussatz in Birma ebenso für autochthon ansehen wie in anderen Gebieten des Orients; er entstand, wuchs, erreichte eine Kulmination, und niemand kann in Rücksicht auf die ersten kleinen Anfänge und unbedeutenden Erscheinungen sagen, wie und wann er entstand. Als Ursachen oder vielmehr Bedingungen deS Aussatzes nennt ?. Wehinger: große Armuth, ungenügende Nahrung, Unreinlichkeit des Körpers und der Wohnung, die dort den größten Theil des Jahres herrschende Hitze, verbunden mit den von den Sümpfen und Urwäldern aufsteigenden Miasmen. Alles dies mag wesentlich dazu beitragen, dem Auftreten der Krankheit Vorschub zu leisten, doch glauben wir nicht, daß eine medizinische Aetiologie damit ihr Auslangen finden würde, und vielleicht gehen wir nicht irre, wenn wir die Birmanen, wie andere Orientalen, hauptsächlich vermöge ihrer psychischen und physischen Schlaffheit und Trägheit zur Aufnahme des durch Vererbung fortge- züchteten Krankheitskeimes für disponiert halten. Da k. Wehinger auf Grund seiner Erfahrungen die Ansicht ausspricht, daß die enorme Vermehrung der Leprafälle theils auf Vererbung, besonders aber auch auf Ansteckung, zurückzuführen ist, so erscheint das indolente Verhalten der Birmanen der Krankheit und den Kranken gegenüber geradezu ungeheuerlich. Man unterscheidet in Birma zwei Arten von Aussatz ; den feuchten oder eiternden und den trockenen Aussatz. „Die ersten Kennzeichen der feuchten Lepra sind große weiße oder auch gefärbte Flecken auf der Haut, welche an diesen Stellen ihre Empfindlichkeit verliert. Auf diesen Flecken oder daneben erscheinen bald Klümpchen, welche immer größer werden und die Größe einer Erbse oder auch Haselnuß erreichen. Am zahlreichsten und am größten find die Knötchen im Gesichte. DaS Aussehen der Leprakranken wird ganz gräßlich. Sein kupferrothes, «tt tiefen Furchen und Tuberkeln beladeneS Gesicht hat nichts mehr Menschliches an sich. Seine Augenlider schwellen unermeßlich an. Die an den Augenbrauen, an der Nase und am Kinn in Menge erscheinenden Klumpen geben dem Kranken ein fürchterliches, löwenähnliches Aussehen. Deshalb wird dieser Grad des Aussatzes öfters auch Leontiasis genannt. Die Finger krümmen sich und werden zugleich mit der ganzen Hand starr und steif. „Dieses erste Stadium kann jahrelang dauern, und wie schrecklich es auch sein mag, ist es doch eine Frist, deren Fortdauer der Kranke wünscht, um den nachkommenden Entwickelungen der Krankheit zu entkommen. Während dieser Periode sind in der That die Schmerzen nicht so heftig oder wenigstens nicht lange anhaltend. „Die Krankheit nimmt jedoch ihren weiteren Verlauf. Von den genannten Tuberkeln bricht eines nach dem andern auf, es entstehen klaffende Wunden und Geschwüre, und so erneuert sich das Leiden beständig . . . Dazu kommt, daß diese Geschwüre stets vernachlässigt werden, und so wird der erbarmenswertste Leprakranke allmählich seinen Mitmenschen und sich selbst zum Ekel. Die Ftngerglieder fallen eins nach dem andern ab oder trocknen auf. ES kommt auch vor, daß ein Fuß, eine Hand ganz verschwindet. Aehnlich dem Vater Job fühlt der Unglückliche, wie sein Körper, gleich einem von Warmem zerfressenen Kleid, in Stücke zerfällt, und er bittet Gott, ihn sterben zu lassen. Jedoch weil die Krankheit seine hauptsächlichsten Lebensorgane noch nicht angegriffen hat, ist er zum Weiterleben verurtheilt, bis die Geschwürbildung in das Innere seines Körpers dringt. Die Krankheit schreitet immer vo/würts, greift erst den Mund an. Die Luft- und Speiseröhre werden gewöhnlich zuletzt angegriffen, und es ist oftmals Erstickung, welche dem armen Leprakranken das Ende seiner Schmerzen bringt. Falls ihn Erstickung nicht befreit, bringen die in den inneren Organen stattgefundenen Zerrüttungen den Tod. Schon lange vor dem Tode verbreitet sich um den Leprakranken herum der äußerst üble Leichengeruch, und der Körper ist sozusagen schon lange abgestorben, bevor der Leidende das Ende seiner Tage, das Ende seiner Leiden erreicht hat. Und doch — in diesen vergifteten Ueberresten eines menschlichen Körpers — sollte man es glauben? — wohnt noch eine Seele. Wir fragen diese Leiche, und sie gibt uns Antwort, und wir zittern .mit Schauder, indem wir in ihr Verstand, Gedächtniß und, was einen zu Thränen rührt, ein Herz finden — ein Herz — das nicht sterben kann und noch für die liebevolle Sorge, die seinem langen Todeskampfe beiwohnt, Dankbarkeit beweist. Bei dem trockenen Aussatze find es ebenfalls die äußersten Glieder, die zuerst dem Uebel zur Beute anheimfallen. Es bilden sich alsdann in den verschiedenen Körpertheilen immer mehr rothe Brandflecken. Allmählich entfleischen sich alle Glieder. Die Knochen jedoch, anstatt sich, wie bei deM feuchten Aussatze, vom Körper loszutrennen, bleiben vereinigt, von der bloßen Haut bedeckt und zusammengehalten. Dieses lebende Skelett gleicht einem ausgedörrten Baume, der, noch von seiner schützenden Rinde umgeben ist. Die Gelenke der Glieder allein scheinen etwas aufgeschwollen. Endlich bleibt für die gierig immer weiter zehrende Krankheit kein Zehrstoff mehr — der Tod tritt ein." Diesem furchtbaren Krankheitsbilde entsprechen'auch die Zustände, die in Hinsicht auf die Behandlung der Leprakranken in Birma herrschen. Wie schon bemerkt, werden hier die Aussätzigen nicht, wie eS in Jydten und China geschieht, aus der Nähe der Gesunden verbannt sondern sie bleiben in ihre« Hause und unterhalten, so lange ihre Krankheit noch in den ersten, weniger abstoßenden Stadien steht, fast dieselben Beziehungen mit der Gesellschaft und Familie wie zuvor. Und dabei versuchen eS die Gesunden nicht, dem Fortschreiten der Krankheit durch die Anwendung irgend eines Mittels ein Ziel zu setzen oder ein Palliativ zur Linderung der Schmerzen der Kranken anzuwenden, ja, sie denken gar nicht daran, sich durch prophylaktische Maßregeln und Mittel vor der Gefahr der Ansteckung wenigstens einigermaßen zu schützen. Erst wenn das Uebel schon einen für die Gesunden unerträglichen Grad erreicht hat, wird der Kranke gemieden. Inmitten ihrer Familie, umgeben von zahlreichen Bekannten, sind die unglücklichen Aussätzigen verlassen, ja sich ganz selbst überlassen. Auf den Straßen, auf öffentlichen Plätzen, am Eingang der Kirchen und Pagoden fitzen die Aermsten der Menschheit niedergekauert, um durch den Anblick ihres fürchterlichen Elends das Mitleid der Vorübergehenden zu erregen. Das Leben der armen Aussätzigen ist schon an und für sich ein äußerst qualvolles; der Leib, gefoltert von schrecklichen Schmerzen, faulend an immer weiter greifenden, entsetzlichen Geschwüren, zerfressen von gierigem, gar- stigeür Ungeziefer. Die Seele der Kranken aber leidet an gräßlicher Verzweiflung oder thierischem Stumpfsinn, weil keine Hoffnung auf Besserung ist. Dazu kommt aber noch eine andere Qual, nämlich die schreckliche Verlassenheit, die tiefste Verachtung, die härteste Gefühllosigkeit der Mitbürger. Der Aussätzige wird als ein Auswurf der Menschheit betrachtet, nirgends findet er wahres Mitleid, nirgends hört er ein Wort deS Trostes, sondern überall wird er als gar nicht zur Menschheit gehörend behandelt. In ihrer unmittelbarsten Nähe lassen Kinder ihre Eltern, Eltern ihre Kinder bei lebendigem Leibe verfaulen, ohne sich um sie zu bekümmern, ohne es sich einfallen zu lassen, zur Pflege der Kranken auch nur einen Finger zu rühren. Und wie sollten sich die Fernerstehenden der Kranken erbarmen, wenn eS die nächsten Verwandten nicht thun? Gab doch ein vermögender Birmane, den k. Wehinger um ein Almosen für die Aussätzigen anflehte, diesem zur Antwort, daß er von Herzen gerne eine große Menge Arsenik spenden wolle, um die Aussätzigen a«S der Welt zu schaffen! Wie daS Herz des von der Idee der Nächstenliebe durchdrungenen und auf de« Böden christlicher Kultur stehenden Menschen angesichts solchen Elends nicht ungerührt bleiben kann, so hat auch k. Wehinger, erschüttert von dem Anblicke der Aussätzigen und ihres Looses, die hochherzige Idee gefaßt, für diese ein Hospital zu gründen. Seinen beharrlichen Bemühungen ist eS auch gelungen, sich soweit Mittel und Kredit zu verschaffen, daß er im Jahre 1892 an die Ausführung feines menschenfreundlichen Planes schreiten konnte. So entstand unfern der Stadt Mandalay die Anstalt „St. Johann" für Leprakranke (St'. JohnS Leper Asylum), die, den Verhältnissen entsprechend, im Pavillonstile erbaut, derzeit 15V Aussätzige, Männer, Frauen und Kinder, in allen Stadien der Krankheit beherbergt. Die medizinische Behandlung der Kranken beschränkt sich vorderhand nur auf die versuchsweise Anwendung der Naturheilmethode, und eS sollen Dampfbäder und warme und kalte Wassergüsse eine bedeutende Erleichterung der Schmerzen herbeiführen. DaS Hauptgewrcht wird auf die Diät und Pflege der Kranken gelegt. Was diesen nach Maßgabe der bescheidenen Mittel und lokalen Verhältnisse an Nahrung, Kleidung, Wohnung» Ruhe und Gesellschaft und auch Erholung geboten wird, ist ihrem Zustand ebenso angepaßt wie die Pflege, die in der täglichen Reinigung der Wunden und Geschwüre, der Entfernung der Würmer aus den eiternden Wunden und in der Verbindung der Wunden besteht. In dieses aufopfernde Geschäft, diS alle Selbstverleugnung erfordert, theilen sich im Ganzen zwei Patres für die Männer und eine Schwester für die Frauen; die Unterstützung, die ihnen Hiebei von Seite der leichter Erkrankten zu Theil wird, ist insofern eine beschränkte, als diese vor dem Verkehre und der Berührung mit den hochgradig Aussätzigen selbst zurückschaudern. Es ist klar, daß, um nur die von einem höhern Grade der Krankheit Befallenen anS der Gesellschaft der Gesunden auszuscheiden und ihnen Behandlung und Pflege zu Theil werden zu lassen, i« Verhältnisse zu der großen Zahl von Aussätzigen in Birma auch mehrere und größere solcher Anstalten bestehen sollten wie die in Mandalay. Indessen ist der Anfang gemacht, und eS ist k. Wehinger zu wünschen, daß seine Bestrebungen, durch seinen Besuch europäischer Hauptstädte die clvilisirte Welt des Westens auf sein Unternehmen aufmerksam zu machen, wenigstens dar St. JohnS Asyl in Mandalay zu vergrößern und zweckentsprechend auszugestalten, vom besten Erfolge begleitet sein mögen. Freilich ist es mehr als fraglich, ob daS gräßliche Uebel des Aussatzes in Birma je ausgerottet werden kann, selbst wenn alle Aussätzigen in Hospitälern untergebracht und von den Gesunden isoliert wären, so lange im Lande überhaupt nichts für eine entsprechende und ohne Zweifel dringendst nothwendige Hygieine geschieht. Doch genug für den Allgenblick, wenn nur den Kranken selbst jene körperliche Pflege und jener geistige Trost geboten wird, wodurch ihre leiblichen und seelischen Leiden vermindert und gelindert werden. - ^ * ALterLer. Ueber die Langlebigkeit der Menschen hielt F. W. Warner kürzlich einen Vortrag von ungewöhnlichem Interesse vor der Akademie für Wissenschaft in New-Iork. Jede Person, führte Warner aus, trägt die physikalischen Bedingungen ihrer Lebensdauer in sich, und eine langlebige Person kann schon nach ihrem Aussehen von einer kurzlebigen unterschieden werden. In vielen Fällen vermag ein Arzt nach eine« einzigen Blicke auf die Hand seines Patienten zu sagen, ob dieser leben oder sterben wird. (!) In der Pflanzen- wie in der Thierwelt erhält jedes Leben seine Charaktere von demjenigen Leben, aus dem es seinen Ursprung genommen hat. Unter diesen angeborenen Eigenschaften findet sich auch die Fähigkeit, daS Leben für eine gegebene Zeitdauer fortzusetzen; man kann diese Fähigkeit als die inhärente oder Potentiale Lebensdauer bezeichnen. Unter günstigen Bedingungen und in günstiger Umgebung kann das Individuum diese Lebenszeit ganz ausleben, unter ungünstigen wird sie merklich verkürzt werden. Ebenso kann die Lebensdauer einer Person, einer Familie oder einer Rasse auch durch die Einflüsse einer besonders günstigen Umgebung erhöht werden. Die erste Voraussetzung für ein langes Leben besteht darin, daß Herz, Lungen, Verdauungsorgane und Gehirn ihren gehörigen Umfang haben. Ist dies der Fall, so zeigt eS sich in der Länge des Rumpfes und der verhältnißmäßigen Kürze der Glieder. Solche Personen werden im Sitzen groß und im Stehen klein erscheinen, die Hand wird eine lange und etwas schwere Fläche und kurze Finger ausweisen. DaS Gehirn wird tief gelegen sein, waS sich schon daran erkennen läßt, daß die Oeffnung der Ohren tief liegt. Ein blau oder braun strahlendes Auge ist ein günstiges Zeichen. Große Lungen finden ihren äußern Ausdruck in großen, offenen und freien Nasenlöchern, während gepreßte und halb geschlossene Nasenlöcher auf kleine und schwache Lungen schließen laffen. Hierin sind die wesentlichen Punkte zur Unterscheidung von langlebigen und kurzlebigen Menschen gegeben, und zwar auf Grund einer Prüfung von sehr umfangreichen statistischen Erhebungen. Daß eS individuelle Ausnahmen gibt, ist selbstverständlich, es sind aber eben Ausnahmen, und die Regel wird dadurch nicht gestört. Handelt eS sich um Personen, die auf der einen Seite kurzlebige, auf der andern Seite langlebige Verwandte besitzen, deren Anlage sich auf sie vererbt hat, so wird die Frage verwickelter; es zeigt sich aber, soviel läßt sich im Allgemeinen feststellen, daß bei derartiger Verschmelzung verschiedener Anlagen die Natur außerordentliche An- strengungen macht, die für ein längeres Leben günstigen Eigenschaften in den Vordergrund zu bringen und die feindlichen zurückzudrängen. 836 ^U88l>ur8or 8edn<;iid1utt. sLUs RseliLe vordedr»1L6Q.^ Heseliivlltv äs» 8el»r»vl»8p!el8. VII. Legen Knde des XV. dabrbunderts weinen sied die literariseben Krreuguisse über das 8ebacb. 1472 gibt Kleister Ingold cu Augsburg eins Lbbandlung über «las 8ebaeb beraus; cwvi .labre später ersebeint cuLondon das von 6arten dem Dercog von Olarsnoe gewidmete 8ebacbbueb; 1483 gelangt sodann cu 8trassburg das erste gedruckte deutsebo 8ebaobwork, nämlieb „Ledaebcabel nacb dakobus äs Oessoles'' rur Ausgabe. Im labre 1495 kolgt den vorerwäbnten ein sxaniscbes 8ebaebwsrk, die von kranceseo Vinevot veranstaltete 8ammlung von 100 künstlieben Knd- spivlen. Von eigentliebsr Redeutung ist indess erst das 8ebaeb- werk, welebes der Oastilior Luesna 1497 cu 8alamanea verlässt« und dem krinren lobann (dem Ikjäbrigen 8okns Keräinands des Katboliscben von Aragon und der Königin Isabella von Oastilisn) widmete. Die in diesem Werke — von dem übrigens nur der Zweite lbeil dein 8ebaeb gewidmet ist — vntbaltonen 8pieiankänge sind meist nur kurc und von geriiigem Wertbe. Die Regeln, welebe Lucena belolgt, ootsprvcbsu in der llauxtsavbs bereits den beute gütigen, nur wendet er an 8telle der Rocdade noeb den altertbümlicben einmaligen 8xruog des Königs aul ein beliebiges drittes kslä an. Weit grösseres Interesse gswäbron seine Kndspiele und Lulgnben. In einem 1'keil derselben (es sollen 150 gewesen sein, von denen 100 erkalte» blieben) wird noeb naeb den kegeln des alten arabiseben 8ebaebs gezogen und die Königin demgemäss aueb mit der arabiseben Leceiebnung „Llkerecca" benannt. In dein grösseren lbeile jedoek Luden die Regeln des modernen 8xiols Anwendung, welebes Lucena im Legensatc cu der alten 8xielwei.se sebr beceiebnend „juego ds la Dama" (8piol der Dame) benennt, oLonbar mit Rück- sicbt aul die grosse Redeutung, welebe dureb ibre erweiterte Langart die Dame (Königin) im modernen 8xisls erlangt bat. Im Deinige» maebt Lueena's Werk den Kindruck, dass sein Verlasser kein besonders starker 8xioler war. Kins der besten Aufgabe», wolxbe sieb in seinem Rucks Luden, ist die Lügende: Lukgabe Kr. 10. (Lus Lueena's 8cbacbwerk vorn labre 1497.) 8cbwarc. Weiss. Llat in 8 2ügen (naeb den jetzigen 8pielregeln). (Kortsetrung dieses Lbsebnittos in 14 lagen.) Ainvl»r!el»tvi» »«8 «It'i- 8el»ael»« vlt. Der Wetlknnipt Lssker-Steinitr n« Aoskitu. In der 11. kartio, welebe Lasker gewann, ergab sieb vaeb dem 37. 2ugs von 3ebwarr kolgends Stellung: Weiss (8toinitr): Kc3, 8e2, d3; Ra2, K4, s3, l3, g2, K2. 8ebwnrc (Lasker): Kd6, Lb5, 8e6; Ra7, d5, e5, l6, gö, K7. Ks lvlgte 38. a2-a4, l6-l5; 39. b4-b5, lö-l4-, 40. e3—c4. d5> L..- Resten Dank kür Ibre Lnorkeunung und Resxekt vor Ibrer stets grüudlieben Lsarbeitung der Lösungen unserer Lulgaben ete.; aul den weiteren Inbalt Ibrer Lusebrilt kommen wir eventuell noeb curüek. -I-krdl. Oruss! L. //. Die 2abl der Waicenköruer endigt — wie 8iö riebtig bemerkten — mit 615 niebt 165; (vergl. Kr. 84). — „iVa/,s«aM,»at''>,Lo/-w/«aF^C/)ä>-v»srL).'IIerrIiobenl)ank kür Dirs liebenswürdige Lmlmerksamksit! Wir werden uns xromxt und regelmässig rsvauebiren. Resten Oruss! ^ViSLk/sL^/ Die Kamen jener 8ebaebkreunds, welebe unsere Kudspisls und kroblems riebtig lösen, sowie die Lösungen innerbalb dreiWocksn einsenden, worden stets an dieser 8teIIs ver- öilentliebt. _ LIIss aul das 8ebacb Locügliebs ist ausnabmslos ru adressiron : „Ln die Redaction des Lngsburger 8el>neli- dlatt — Okkv Lngust» — Lngsburg." "W>K Donnerstag, den 31. Dezember M 109. 1898. Für die Redaction verantwortlich Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L. Nenjahrszratuliükoussettche. Ii. W. Zwei gute schwäbische Herren saßen mitsammen im Eisenbahnkasten und besprachen sich eingehend über allerlei Schwindel in dieser erbärmlichen Welt. Zum Schlüsse der Debatte klopfte Herr N. dem Herrn M. vertraulich aus die Schulter und sprach gelassen das große Wort: Wisse Sie, Herr Nachbar, muuäus vnlt ebe*) äeaipi! — Dieser inhaltsschwere Haupt- und Grundsatz ist wohl der beste Vorspruch und zuletzt das Ncsums des ganzen Neujahrsgratulationsrummels, der nächster Tage losbrechen und wie eine Seuche das Land überziehen wird. Da geht eS an ein Schreiben und Schlecken und Kleben, da erhitzt sich der Spießbürger und quält sich der Lebemann, da werden die schwarzen Fräcke gebürstet, die Cylinderhüte gestrichen, die eingehntzeltcn Glaces gedehnt und an den abgeschabten Stellen mit schwarzer Tinte gefärbt. Da steigen die Deputationen, grinsen die Chefs, krümmen sich die untergebenst Gehorsamsten, räuspern die Herren, klatschen die Damen, dellamiren die Jungen — Alle, wie wenn es ihnen ernst wäre. Dlunäns vult — cksoixi! Und die armen Stempeldrucker und Sortirer und Austräger auf der Post und Eisenbahn, die ärmsten Postboten, diese bedauernswerthen Opfer des Neujahrsschwindels, diese Sklaven im grausamen Dienste moderner Falschheit und altehrwürdiger Unsitte, die da rennen und Stiegen steigen und schwitzen trotz Winterskälte, Eis und Schnee, die athemlos angekommen im vierten Stockwerke sehen müssen, wie das sorgsam bestellte Kärtchen zerknittert und in den Papierkorb versenkt wird, die Armen, sie finden kein Erbarmen: sie sind ja dafür angestellt. Sie bekommen für ein abgegebenes zehn neue Billets, um die gedruckten Wünsche der heimtückischen Menschheit zu vermitteln: mnuäuo valt — äeoipi? Ich habe mir in sxoole vorgenommen, einmal diesen Neujahrskartenschwindel recht zu verdonnern. Ich bin so „freundlich", nicht erst um Generalpardon für alle groben, derben und rigorosen Ausfälle zu bitten. Wem es zu stark scheint, der soll es nicht lesen, was da zu lesen kommt. Pfarrer Kneipp ist auch, so sagt man, gar derb und ehrlich, und vielleicht liegt darin ein gutes Stück von seiner siegreichen Macht gegen allerhand Seuchen. Was? Ist diese Kärtchenmode nicht eine Seuche? Beim Kasernen- — eben. : vr. Th. Müller in Augsburg, i Grabherr in Augsburg (Vorbesitzcr vr. Max Huttler). typhus sind meistens auf Anordnung hoher Stelle die Untergrundverhältnisse Grund und Brutstätte der Seuche. Eher aber möchte man den Kasernen neuen Boden verschaffen, als der Neujahrsseuche ihren historisch berechtigten, naturgemäßen erblichen Untergrund entziehen. Der Schwindel baut sich immer auf die Dummheit auf. Rotte die Dummheit aus, so vertilgst du den Schwindel! Die Dummheit ist anstcckcnd, wer mag das bezweifeln? Ein Dnmmer kann sieben Weise anstecken. Wer hat das noch nicht an sich selbst erfahren? So ist nmi auch die Mode ansteckend und mithin auch die Karten- seuche, die periodisch nach je 12 Monaten wiederkehrt; kurz, der Neujahrsgratulationsrummcl ist eine großartige Regung der Gedankenlosigkeit ganzer Menschenklassen. Und die ganze Erscheinung ist eine ansteckende Krankheit, die rasend um sich greift, viel Geld, Papier und Euwmi arabioum kostet und noch mehr Verdrießlichkeiten bereitet. Was ist dagegen zu thun, — „nirgends Rettung, nirgends Land" schreit der Tenor in der Negensburger Sturm- beschwörung. So ist also wohl kein Zweifel, daß mit Recht von einer Landplage, von einer Seuche geredet werden muß. Alle sind darüber eins. Und doch klext der eine schweißtriefend seine Adressen, leckt der andere seine Marken, kauft der dritte theure und billige Kärtchen: es ist halt einmal so. Willst du niemanden verletzen, so vergiß keinen, schreib' ihm lieber zur Vorsicht gleich zwei Kärtchen; suche allen zuvorzukommen, beantworte alle, schreib', schleck', drücke, schwitze, — es geschieht dir ganz recht, warum bist du auch ein Mensch geworden: innnckua vult — äocüxi! Du willst nicht der Erste sein, der seiner theuren Mitwelt die Ehre anthut, ihr keine gedruckten Kärtchen mehr zu widmen. Es scheint also, du hältst deine Onkel, Tanten, Basen, Cvllegen, Genossen und anderes mehr für so thöricht, daß sie eine Karte für unentbehrlich halten; oder du hältst dich selbst für so wichtig, daß selbige an dich erinnert werden müssen. Mir aber scheint beides gleich unschön zu sein. Wer mich erfreuen will, schreibe mir ab und zu unterm Jahre, und wenn es absolut eine Karte sein muß, so sei es eine erfreuliche Postanweisung; ja da wäre Freude im Stalle. Die Mode aber soll ihren Weg gehen vom Salon auf die Straße und von der Stadt auf's platte und buckelige Land, bis in die Einöde und in die Wüste: bis sie da ankommt, ist sie an ihrer Wiege schon vergessen. Wenn du bedächtest, geneigter Leser, was mit deiner Karte geschieht? Der zerreißt sie, der wirft sie in den Papicrkorb, der vernrtheilt sie zum ErstickmrgStodc, wo, das sagt man nicht. Der lacht und meint: War übrig! Der zürnt und brummt: Muß er auch seinen blöden Namen hintendrauf schreiben, daß man sein Kärtchen — nicht mehr benutzen kann. Ich meine so: Wenn du ernstlich einem Glück wünschest, so sollst du es nicht bloß an Ncnjahr thun; drum schicke dem Gegenstände deiner Anwünschungen entweder alle Tage oder gar nie eine Karte: er glaubt es ja doch nicht, oder er glaubt es auch ohne Kärtchen. Aber ist es nicht geradezu eine schlampige Bequemlichkeit, einem guten Freunde einen gedruckten, gekauften Glückwunsch, der 3 bis 5, aber nicht mehr Pfennige werth ist, zu schicken. Was denkst du denn eigentlich dabei? Nicht wahr, wenn dir Jemand einen Brief zukommen läßt und du merkst, daß er einfach aus einem Briefsteller gedankenlos abgeschrieben, oder gar von fremder Hand, von einem Winkelschreiber, vom Commis oder Lehrbuben geschrieben ist, so bedankst du dich für diese faule, niederträchtige Höflichkeit: die paar Zeilen hätte der Mensch doch eigenhändig schreiben können. Aber nun lasse ich gar einen „innigsten" Glückwunsch mechanisch herstellen vom Lithographen oder Buchdrucker. Da habe ich weiter nichts zn schreiben als die Adresse. Wie bequem, wie leicht — aber ob anständig, ob ein Zeichen von Aufmerksamkeit und Liebe? Das geht mich nichts an: wnucluo vult — äooixi! Ja nicht einmal die Adressen schreiben sie selber, die Tagdicbe. Da wird Weib und Kind geplagt, die Lehrbuben und Kindsmädel, die ganze Armee des Hauses wird mobil gemacht, und eS wird andictirt, corrigirt, geschimpft, gestritten, zusammengerissen und so fort, bis alle die herzlichsten Gratulationen abgefertigt sind. Und nun soll die ganze Neujahrskartenmode nicht der purste Schwindel sein? Nur nicht hitzig werden! Es ist umsonst, ich kämpfe, nein, selbst die Götter kämpfen vergebens gegen etwas! „Ja, ja, Herr Nachbar, wisse Sie, lnnnckus vult ebe äsoipil" — Herr R-. sieht sich die Sache doch gar zu griesgrämig an. Gewiß hat die Neujahrskarten-Mode einen Umfang angenommen, der über das Maß hinausgeht. Aber ein guter Kern steckt doch darin. Erstens ist es ein schöner alter Brauch, Freunden und Bekannten zum Beginn eines Jahres Glück und Segen zu wünschen, und zweitens ist das eine gute Gelegenheit für Viele, besonders auswärtigen Freunden und Bekannten damit kundzugeben, daß man sie nicht vergessen hat. Heutzutage, da die LcbenSbezichungcn viel zahlreicher und mannigfacher geworden, die Menschheit in Folge des unendlich gesteigerten Verkehrs sich auch bei großen räumlichen Entfernungen vielfach näher gekommen und der „Kampf um's Dasein" Zeit und Kraft bis aus's Aeußcrste in Anspruch nimmt, wäre es für unendlich Viele fast eine Physische Unmöglichkeit, Allen Briese zu schreiben, denen man sein freundschaftliches Gedenken erweisen will. Poetisch ist der moderne Brauch nicht, aber wir leben im Zeitalter der Surrogate, und Gctt sci's gedankt, daß uns die Mode die gedruckte Neujahrskarte erlaubt; denn zum Briesschreibcn fehlt den Meisten die Zeit. Daß cMr Taufende von Neujahrskarten sehr ülcisüissig sind, das sei dem Feinde dieser Mode bereitwilligst coucedirt. Die Ned. -—«-Är-eK—-— Ssierlingstrrue. Wiederholt bringen die Zeitungen Klagen über die „Sperlingsnojh" in verschiedenen Ländern und daß man eifrig daran geht, diese lästigen und kecken Schmarotzer auszurotten. In Frankreich sollen sie Gourmands einen Leckerbissen in Form von Pasteten liefern, ei, so soll man doch diese Herren „Spcrüngsjäger" orgarrisiren und in die verseuchten Lande schicken, das wäre dann so undankbar nicht. — Ich will die Schädlichkeit dieser lärmenden, unter nehmenden VogelspecicS im Allgemeinen nicht bestreiten, aber es drängt mich, zu ihrer Ehrenrettung einige selbst erlebte Beweise seltener und seltsamer Treue von einigen dieser Vogel zu berichten: Meine Großmutter war ein uraltes, beinahe hundertjähriges Weiblein. Sie mußte ihre letzten Lebensjahre nur infolge von großer Schwäche im Bette zubringen. Eines Tages fand ich auf der Gasse ein junges, halbtodtes Spätzlein, das aus seinem Neste gefallen war und sich ein Beinchen gebrochen hatte. Das arme, zwitschernde, hilslose Vöglein that mir leid, ich nahm es auf und brachte eS der Vroßmutter, die es mit kindischer Freude und Zärtlichkeit in Pflege und Erziehung nahm. Der noch gar nicht flügge gewesene Vogel blieb nicht nur am Leben, sondern gedieh und ward in kürzester Zeit ein regelrechter Spatz, allerdings mit einem verkrümmten, unbrauchbaren Beinchen, und ward obendrein sozusagen Großmutters letzte Freude. Der kleine Invalide hüpfte den ganzen Tag am Bette herum und ward so vertraut mit seiner Nähr- und Pflegemutter, daß er sich buchstäblich seine Mahlzeiten von ihrem Munde holte und mit besonderer Vorliebe am Halse unter der großen Rüsche der schwarzen Taffethaube saß und schlief. Ein rührendes Bild der Freundschaft bot diese wieder zum Kinde gewordene alte Frau und der seltsame Vogell Ja, der letztere war mit den Jahren gegen Jedermann ganz feindselig, wenn man sich dem Bette näherte, und gebrauchte nicht selten sein Schnnbelein ausgiebig als Waffe. Er war und blieb Großmutters treuester Leidens geführte. Als eS mit der guten alten Seele an's Sterber ging und der Priester am Bette erschien, um die letzter Tröstungen zu spenden, mußte man den Vogel gewaltsam verscheuchen; er wollte sein Versteck unter der Haube nicht verlassen und pickte wüthend nach der Hand des Priesters. Und als seine Pflegemutter nach einigen Tagen todt war, flatterte und hüpfte er merkwürdig traurig umher, ohne das geringste Futter zu nehmen. Am zweiten Tage fiel es uns auf, daß der Spatz nicht zum Vorschein kam, man suchte, und man fand ihn todt unter der Bahre liegen. Noch heute rührt mich die Erinnerung an die gute alte Großmutter und ihren so geliebten treuen Spatz. Vorigen Sommer hatte ich wieder Gelegenheit, die merkwürdige Anhänglichkeit dieser so unbeliebten Vogelspecies zu beobachten: In meinem Garten hatte sich in einem hohlen Baum- aste ein Spatzsnpärchen eingenistet. Wenn sie der Hunger vorn Baugeschäfte wegtrieb, kamen sie schreiend und lärmend in den Hof. Ich warf ihnen anfangs völlig achtlos BrodkulAen zu, die sie mit Gier aufpickten. Da sie in der Folge mit großer Regelmäßigkeit wieder kamen, legte ich ihnen Futter auf das Feustergesimse, das sie 839 sich mit Freude und Ausdauer Tag für Tag bis auf das letzte Körnchen holten. Es störte sie gar nicht, wenn ich einmal nahe daneben stand. Auch ich ward diese kleinen kecken Gesellen so gewohnt, daß es mir gar nichts machte, Morgens von ihrem Gezeter geweckt zu werden, wenn ich einmal vergessen hatte, daS Futter hinzugeben und sie stürmisch ihren Morgenimbiß verlangten. Das war nun freilich nichts Außergewöhnliches, nur das Gebaren eines der Sperlinge war wirklich rührend; wo ich nun ging und stand, wo immer ich mich im Garten niederließ, der Spatz war überall, er folgte mir überallhin. Saß ich zuweilen ganz gedankenlos an einer schattigen Stelle, ein Flattern, ein Schwirren, richtig, der Spatz saß auf einem Zweige ober mir oder auf der Lehne der Bank neben mir. Legte ich dann knapp vor mir Futter hin, er holte fich's ohne Scheu. ES klingt vielleicht nicht glaublich, aber es ist wahr, dieser Vogel folgte mir auf diese Art oft eine Strecke weit auf meinen Spaziergängen in den Wald. Ich kam zur Ueberzeugung, daß mich dieser Vogel an der Stimme erkannte, denn ich durfte nur irgendwo sprechen, so war er unvermeidlich da. Dieses Thier war mir so lieb geworden, ich hatte mich so an seine Gesellschaft gewöhnt, daß ich eines Tages mit wirklichem Bedauern wahrnahm, daß er mir und der Futterstelle untreu geworden, oder daß irgend etwas dem kleinen Spatzengeschicke in die Quere gekommen; das dauerte so etwa eine Woche, ich glaubte meinen Freund schon verloren, als mich eines Tages ungewöhnliches Spatzengezeter im Hofe ans Fenster lockte. Ah, da war er wieder und dazu mit einem halben Dutzend junger, schreiender, hungriger Sprößlinge, die mir meine Freundin offenbar beim ersten Ausflüge mit stolzem Lärm präsentirte. Die Freundschaft ward wieder erneuert, alle Augenblicke kam die Spatzenclique ans Fenster. Dies dauerte bis zum Herbste, wo die Besuche dann wieder jäh abbrachen. Alle Winter errichte ich im Hofe eine Futterstelle für die armen kleinen Sänger, welche immer auf das lebhafteste von allen zurückbleibenden Vogelgattungen besucht wird. Heftige Kämpfe setzt eS oft ab zwischen Meisen und den so bekannten streitsüchtigen Bergfinken, welche schaarenweise herkamen und selbst mit der großen Schwarzamsel sich in Streit einließen. DaS große Wort an dieser labls ä'stöts aber führte und behauptete eine Spatzenfamilie; ob eS meine alten Freunde waren, vermag ich mit Sicherheit nicht zu sagen. (Grazer VolkSbl.) -—SLZMS—- Das Wachs. Das Wachs ist der Baustoff der Waben; nach dem Auslasten des Honigs wird es durch Einschmelzen der Waben in siedendem Wasser von Unreinigkeiten getrennt und in Scheiben oder Brode gegossen. Dieses sogenannte Stroh- oder GclbwachS (esrrr Lava) besitzt körnigen Bruch, riecht nach Honig und ist in der Hand knetbar. Durch Bleichen wird das GclbwachS in weißes Wachs verwandelt. Um den aus ceru aidu hergestellten Wachskerzen die Brüchigkeit zu nehmen, wird ihnen ein kleiner Talgzusatz beigemengt (5 pCt.). Das Wachs fand bei den Malern Verwendung in der sogenannten Enkaustik, indem die Farben mit Wachs angemacht und dann mir heißen Walzen eingebrannt wurden. Diese Art von Malerei war schon den Griechen und Nömcrn bekannt und wurde im frühen Mittelalter viel geübt; vorn Anfange des 15. Jahrhunderts an kommt sie seltener vor. Eine andere Kunstübung ist die Ceroplastik, die Wachsbildnerei, die oft bei den Vottv« bildcrn angewendet wurde. Modelliren und Bilden in Wachs war besonders zur Zeit der Renaissance in Italien beliebt, wo die Bildner nicht nur ihre Skizzen in Wachs ausführten, sondern auch Büsten und Portrait-Medaillon? darin bossirten. Von alterSher hat die Kirche lauteres Bienenwachs als Lichistoff für die bei der Feier des Gottesdienstes gebrauchten Kerzen ausgewählt und vorgeschrieben. DaS geschah vorzüglich aus mystischen Gründen; schon Ama- larius (äo aaeles. vtiioüs 1, 14) sagt mit Berufung auf Gregor den Großen: Lara Ostristi lmmaniimtsin äa- siZinit (das Wachs bedeutet die menschliche Natur Christi). Zur Zeit des hl. Opfers müssen nach kirchlicher Anordnung wenigstens zwei Kerzen, und zwar Wachskerzen (luining, eoraa), ans dem Altare brennen. Auch die Kerzen, welche am Lichtmeßtage geweiht und durch eine stöQöäiobw constitutivL dauernd für den gotteSdienst« lichen Gebrauch bestimmt werden, müssen von Wachs sein, wie schon die Worte der Weihe voraussetzen. DaS Wachs für die Kerzen soll rein und unverfälscht und in der Regel weiß fein; nur ausnahmsweise, z. B. für daS Todten-Officinm, ziemen sich Kerzen von gewöhnlichem, ungebleichtem Wachs (ex oera communi ssu Lava). Im Mittelalter waren die Kirchen mit Sorgfalt darauf bedacht, reines Wachs für den gotteSdienstlichen Gebrauch zu erhalten. Die Landleute, welche in den Schutz (uävo- vntis, Vogtei) einer Kirche oder eines Klosters sich begeben hatten, lieferten alljährlich als Zins das Wachs für den gottesdienstlichen Gebrauch der Kirchen; sie heißen davon in den Urkunden und Rechtsbüchern „cereoasn- snnlss" („wachszinsige Leute"). Das Wort Kerze ist aus „oers." (Wachs) entstanden. Der Ursprung des Wortes ist in der Erinnerung des Volkes nicht lebendig geblieben, sonst hätten sich nicht Ausdrücke wie Talgkerze, Stearinkerze bilden können. Bei dem verhältnißmäßig hohen Preise, den daS Wachs besitzt, kommen nicht selten Verfälschungen vor. Reine Bienenwachs-Kerzen müssen Kreidestriche annehmen und zur Untersuchung abgenommene Theile dürfen beim Kauen nicht an den Zähnen kleben und müssen nach dem Schmelzen eine klare, durchsichtige Flüssigkeit bilden, aus der sich keine pulverigen Körper absetzen dürfen. Am häufigsten wird das Wachs verfälscht mit Fett, Talg, Harz, Erde, Mehl und Paraffin. Will man erfahren, ob das Wachs nicht mit Fett gemischt sei, so nehme man ein Stück von einer Kerze und tauche es in Wasser, daS bis zu dem Grade erwärmt ist, bei welchem das Fett gewöhnlich zu schmelzen anfängt. DaS Feit löst sich alsdann auf und schwimmt auf der Oberfläche des Wassers, das Wachs hingegen wird nur weich und knetbar. DaS reine Wachs brennt hell; wenn darum die Kerzen keine helle Flamme haben, viel Rauch verbreiten, einen langen Docht zurücklassen, einen üblen Geruch haben, dabei sich weich und fettig anfühlen, so lege man ein Stück davon ans glühende Kohlen; wenn dabei ein dichter Rauch entsteht, so kann man sicher sein, daß dem Wachs Talg zu- gemischt ist. Auch mit Harz kann das Wachs vermocht sein; dieses erkennt man am besten an dem Harzgernch. Auch kann man ein Stück von einer solchen Kerze in Weingeist legen, worin das Harz sich auflöst. Nimmt man nun das zurückbleibende Wachs heraus, läßt den Weinstein verdunsten und schüttet den Bodensatz auf brennende Kohlen, so wird uian deutlich den Harzgeruch wahrnehmen. Sogar mit gebrannten Knochen und Erde wird zuweilen das Wachs vermischt. Durch eine solche Beimengung werden die Kerzen auffallend spröde; legt man ein Stückchen davon in Terpentinöl, so löst das reine Wachs sich auf, die beigemischten Substanzen aber nicht. Wie den Honig, so vermischt man auch das Wachs am häufigsten mit Mehl. Mischt man ungefähr den vierten Theil Mehl unter das Wachs, so wird letzteres nicht mehr auf dem Wasser schwimmen. Bricht man die Kerze, so hat daS Innere derselben ein körniges Aussehen. Auch sind solche Kerzen gar nicht zähe. Legt man ein Stück davon in Terpentinöl, so löst das Wachs sich auf, und eS bleibt ein weißer Bodensatz übrig. Schwieriger ist die Verfälschung des Wachses mit Parasfin festzustellen. In einer Verordnung des bischöflichen Ordinariats zu Negensburg heißt es darüber: »Man übergießt in einer Porzellanschale ein etwa nußgroßes WachS- stück mit rauchender Schwefelsäure und erwärmt eS, wobei die Masse sich schwärzt und unter starker Gasent- wickclung sich aufbläht. Hört die Gaseniwrckelung, welche um so stärker ist, je weniger Paraffin vorhanden, auf, so erwärmt man sie noch einige Minuten und läßt sie dann erkalten. War das Wachs mit Paraffin verfälscht, so findet sich dieses dann über der schwarzen Flüssigkeit als erstarrte, durchscheinende Schicht, die leicht aufgehoben werden kann." Ein Zusatz von Wasser, welches etwa beim Erstarren unter das Wachs gerührt wurde, um das Gewicht zn vermehren, tritt beim Schmelzen zu Tage. Wie in der gottesdienstlichen Feier der Kirche, so finden auch in der Privat-Andacht des Volkes die Wachskerzen eine reiche und fromme Verwendung. In manchen Gegenden tragen die Kommunionkinder am weißen Sonntage bei der kirchlichen Feier Wachskerzen in der Hand, die ihnen auch wohl von ihren jüngern Geschwistern und Gespielen vorausgetragen werden. Die sinnbildliche Bedeutung des brennenden Wachslichtes ist eine reiche; der hl. Karl Borromäus gibt davon folgende schöne Bedeutung: »Durch die brennende Wachskerze werden die drei göttlichen Tugenden versinnbildet: daS Licht derselben bedeutet den Glauben, die Wärme zeigt die Liebe ! an, und die stets aufwärts strebende Flamme ist ein Sinnbild der christlichen Hoffnung, die immer zum Himmel ihr Verlangen erhebt, wo ihre Güter sind." In der griechischen Kirche trugen Braut und Bräutigam am Hochzeitstage Wachskerzen, die sie vor dem Altare aneinander anzündeten, nachdem der Bräutigam die setnige an der ewigen Lampe angezündet hatte. DaS bedeutete, ihre gegenseitige Liebe soll die höhere Weihe von dem Heilande empfangen, der durch das ewige Licht angedeutet ist. Der Psalmist nimmt das schmelzende Wachs als Gleichntßbild des reumüthigen Herzens, in dem der Stolz und der Trotz der Sünde zergeht. (»6or eon- tritum quasi vsrs, liqusssens", »Ein reumüthiges Herz ist wie schmelzendes Wachs".) Um anzuzeigen, daß eine Kirche vom Bischöfe con- secrirt ist, pflegt man an den Wänden zwölf Kreuze, möglichst gleich weit von einander, zu malen, zur Erinnerung an jene, welche der Bischof bei der Weihe an diesen Stellen mit dem heiligen Chrysam gemacht hat. Der Zwölfzahl wegen heißen sie Apostelzeichrn. Sinnreich stellten die Alten hier eine segnende Hand dar, welche ein Kreuz hält; die Lage der Hand folgt dem Gange deS weihenden Bischofs. In der Regel besteht das Weihezeichen aus einem rothen oder goldenen Kreuze in einem verzierten Kreuze oder Vierpasse; in den Rand desselben sind wohl die zwölf Artikel des apostolischen Glaubensbekenntnisses geschrieben. Vor diesen Weihezeichen sind Armleuchter angebracht, die den Namen „Apostelleuchter" führen. Am Kirchweihfeste werden Wachskerzen, die oft mit religiösen Bildern bemalt find, daraus angezündet.; sie deuten das Licht des christlichen Glaubens an, das die Apostel des Herrn in die Finsterniß des Heiden thums trugen und in alle Welt verbreiteten. Die Opferung der brennenden Kerze durch diejenigen, welche eine Weihe empfangen, an den' consecrirendeu Bischof ist eine sinnige Ceremonie, andeutend, daß sie alle sein wolle», was von dem hl. Johannes dem Täufer geschrieben steht: »I^noorns Inesus et nrens" („Eine Licht und Wärme spendende Leuchte"). Um an den Opfertod Christi zu erinnern, ist an den Wachskerzen wohl die Devise angebracht: .'»^tüs lucens nror, in servisnäo nliis oonsurnor" (»Andern leuchtend, andern dienend, verzehre ich Wich"). Die Osterkerze bedeutet nach den Worten der Weihe die feurige Säule, die dem Volke Gottes auf dem Wege durch das rothe Meer und die Wüste leuchtete eS und aus der ägyptischen Gefangenschaft in das gelobte Land geleitete. Auch Christus führt zu Ostern aus Nacht zum Lichte, aus Tod zum Leben. Es ist also die Osterkerze ein Symbol des auferstandenen Heilandes. Aus dem vom Papste geweihten Osterkerze»-- Wachs werden die ^.Fnus vsi geformt, so genannt, weil sie mit dem Bilde des Osterlammes geschmückt sind. In alter Zeit pflegten die Kinder ein Lgnus vsi auf der Brust zu tragen, das sie an die Tausunschuld erinnern sollte. Die Wachszieher verehrten als Patronin die heil. Jungfrau Maria, die als Kind im Tempel Goit diente, und feierten am Feste Maria Opferung ihr Patronsfest. Andere erklären das Patronat u-s symbolischen Gründen, indem sie sagen: „Die Lebküchner und Ltchterzieher hatten die allerseligste Jungfrau Maria als ihre Patronin erwählt als die Mutter des Heilandes, die aller Süßigkeit Quelle und das Licht der Welt ist." Patron der Imker ist der hl. Bernhard, äootor mslliüiius genannt, der auf seinen Bildern den Bienenkorb als Abzeichen hat; in Oesterreich ist der hl. Ambrosius, der dasselbe Abzeichen hat, Patron der Wachszicher, wie Dompropst Zenotty in St. Polten mittheilt. Auf Kirchenbildern ist die brennende Kerze das Abzeichen der Heiligen Arradius, Blastus, Donatns, Geno- vefa von Paris und Brigittn; das erklärt sich aus ihren Legenden. Der hl. Bischof BlaftnS (3. Februar -f- 316) trägt auf seinen Bildern zwei Kerzen, die kreuzweise übereinander gelegt sind. Das ist ein Hinweis auf den Blasius-Segen und erinnert zugleich an den Bericht der Legende, welche erzählt, daß eine mitleidige Frau, deren Wohlthäter er gewesen, in seine dunkle Kerkcrzelle zwei Wachskerzen brachte. Auf den Bildern der Darstellung Jesu im Tempel steht neben dem hl. Greise Simeon gewöhnlich ein Knabe, der eine brennende Kerze in der Hand hält. DaS ist ein Hinweis auf die prophetische« Worte Simeons, der den Heiland ein Licht zur Erleuchtung der Heiden nannte (Innren act rsvelationsM ALNtinru"). (Köln. Volksztg.) 4. Januar 1894. tti-. 1. Die Theologie des Aristoteles. Von jeher gilt Aristoteles als „Fürst der Philosophen" und als „Meister der Philosophie", nicht als ob mit ihm und durch ihn alle spätere Entwicklung als überflüssig erschiene, — die Philosophie ist ja schon ihrem Wesen nach keine blast historisch-positive Wissenschaft, sondern weil er das Grundprincip der organischen Weltanschauung in präziser exakter Fassung ausgesprochen und mit diesem Grundprincip ein- für allemal die Irrthümer des Materialismus und Idealismus überwunden hat. Aristoteles ist es sodann, der die Früchte der attischen Philosophie zur Reife brachte und der späteren Zeit überlieferte. „Ohne Aristoteles, bemerkt Haffner*), wäre Sokrates spurlos in der Geschichte verschwunden und hätte Plato nur einen vorübergehenden Aufschwung hervorgerufen." So hoch aber der Stagirite als Philosoph für seine und die ganze spätere Zeit steht, ist doch zugestandener- masten seine Theologie der schwächste Theil seiner Philosophie 2). Zwar wird wohl allgemein zugegeben werden, daß Aristoteles der erste ist, welcher — wenn auch in sehr mangelhafter Weise — den Versuch machte, das Dasein Gottes metaphysisch zu begründen. Allein in der näheren Bestimmung der Frage, ob „der Fürst der Philosophen" einen überall und stets festgehaltenen Theismus vorgetragen, ob er in Gott ein mit Intelligenz und freiem Willen begabtes Wesen erkannt habe, welches, wie es alles geschaffen, so auch alles erhalte, lenke und leite, gehen die Ansichten der Aristotelesforscher sofort auseinander. Und zwar ist dieser Zwiespalt der Gelehrten nicht erst von gestern oder heute, sondern er dauert seit den Zeiten des Stagiriten bis auf unsere Tage, wo sich gerade über die aristotelische Theologie, bezw. über die aristotelische Lehre von dem Wirken Gottes unter namhaften Philosophen eine sehr lebhafte Kontroverse entsponnen hat. Auf der einen Seite treten im Anschluß an Binse in gediegenen Monographien Brentano^), Kapp es und Nolfes°) energisch für die Behauptung ein, daß Aristoteles im christlichen Sinne die Weltschöpsung aus Nichts und die Vorsehung Gottes erkannt und gelehrt habe, und zwar so sicher, daß — nach den Ausführungen der genannten Autoren — eine weitere Kontroverse über diese Frage überhaupt ausgeschlossen sei. Gegen diese scharf pronoucirte These, die im Hinblick auf die Theologie der alten Philosophen und Ne- ligionssysteme (vgl. Schanz, Apologie I, 90 ff.) sofort überraschen muß, erheben auf der anderen Seite Männer von Namen mit bestem Klang, wie Götz^), Kanf- Grundlinien der Geschichte der Philosophie. Mainz 1381, S. 109. °) Schneid, Aristoteles in der Scholastik, Eichstätt 1865 S. 133. Philosophie des Aristoteles, 2 Bde., Berlin 1835—42. ^) Die Psychologie des Aristoteles, Mainz 1867. °) Die aristotelische Lehre über Begriff und Ursache der Bonn 1887. (Diese Schrift wird von Elfer, S. 29, nicht aufgeführt.) °) Die aristotelische Auffassung des Verhältnisses Gottes zur Welt und zum Menschen. Berlin 1892. ') Der aristotelische GotteSbegriff mit Beziehung auf die christliche Gottesidee. Leipzig 1871. mannb) und besonders Zeller^) energischen Widerspruch und sprechen sich — in Uebereinstimmung mit den meisten Gelehrten der Gegenwart — für das Nichtvor- handensein der Schöpfungs- und Vorsehnngslehre in der aristotelischen Theologie aus. Diese Frage, deren Lösung für die Offenbarnngs- theologie von größtem Werthe ist, unterzieht Elfer mit philosophischer Akribie und philosophischem Scharfsinn in durchaus maßvoller und sachlich ruhiger Kritik einer neuen Prüfung. Die einzelnen Stellen und Aeußerungen des Stagiriten werden sorgfältig geprüft und die Aristoteleskommentare, sowohl die alten griechischen und mittelalterlichen (besonders Albertus Magnus, St. Thomas, Skotus) als auch die neueren und neuesten, gewissenhaft berücksichtigt. Dadurch gelangt der Verfasser auf sicherem Wege zuerst zu dem allgemeinen Ergebnisse, daß die Streitfrage durch Brentano, bezw. Nolfes noch keineswegs entschieden und derart abgeschlossen sei, daß die andere Ansicht verstummen müßte. Denn die betreffenden Aeußerungen, auf welche sich dieselben für ihre Behauptung stützen, seien nicht allweg von solcher Beweiskraft, daß sie eine vollkommen sichere Ansicht ermöglichten. Die Resultate im Einzelnen aber sind folgende: Gott ist ein Wesen, das denkt und nur sich selbst denkt; ist die Möglichkeit eines Denkens äußer- göttlicher Objekte offen gelassen, so erscheint die Bornirnng des göttlichen Denkens auf sich selbst doch als spezifisch aristotelische Lehre. Nach der Consequenz des aristotel. Systems besitzt Gott keinen Willen, jedenfalls erscheint der Wille nicht als ein dem Denken coordinirter Faktor. Gott ist sodann xriiunm rnovens, das selbst nicht bewegt wird, und übt einen gewissen, unbestimmten Einfluß auf die Welt aus. Die göttliche Vorsehung ist nicht theistisch, sondern „eine kalte und todte, liebe- leere und engumschlossene" (S. 212). Die Schöpfungsidee, die ein Unikum in der alten Philosophie wäre, hat Aristoteles nicht gekannt, auch nicht die Schöpfung der Sphär eng elfter. Die Frage nach der Präexistenz oder der Schöpfung des Menschengeistes ist mit einem non lic^ust zu beantworten. Die aristotelische Gotteslehre weist also viele fühlbare Lücken und Widersprüche auf. Indessen dürfte wohl Niemand dies dem Stagiriten zur Unehre anrechnen. Denn die Gottcslehre gehört sicher zu den schwierigsten Problemen der Philosophie und Aristoteles war gerade in der Begründung des Theismus wenn auch nicht ohne Vorgänger, so doch in wesentlichen Dingen ohne Lehrer und sicheren Wegweiser. „Der Stagirite hat in vielen und entscheidenden Punkten gefehlt" (S. 218), aber er wird stets mit Recht „der Fürst der Philosophie" genannt werden und die Scholastik hat mit Recht an diesem Manne festgehalten „trotz der Irrthümer, die sie selbst in ihm erkannte, trotz der Fehler, die man heutzutage in weit größerem Umfang in des Aristoteles Schriften finden will" (S. 225). Der Versuch, den Theismus wissenschaftlich zu erweisen, ist dem heidnischen Philo- °) Die theologische Naturphilosophie des Aristoteles und ihre Bedeutung für die Gegenwart. 2. Aufl. 1893. o) Philosophie der Griechen. 3. Aufl. — Streitschriften mit Brentano s. bei Elser, S. 31, A. 1. ") Die Lehre des Aristoteles über das Wirken Gottes Münster 1893. ") Vgl. Schanz, Apologie II, 190 ff. 2 sophen nicht gelungen, allein er wird „der Meister der Philosophie" bleiben und zugleich auch der unwiderlegbare Zeuge der Wahrheit, daß die erhabene Gotteslchre des Christenthums nicht bloßes Produkt heidnischer Weisheit ist und sein kann.") Das Elser'sche Buch bedarf unserer Empfehlung nicht. In Privatschreiben wird es von Zeller (Berlin) als „ein Werk ausdauernden und besonnenen Fleißes" und von Knauer (Wien) als „ein Meisterwerk ersten Ranges" bezeichnet. Möge der junge Gelehrte, der sich zwei Jahre an der „Anima" in Nom weiteren Studien widmet, uns mit einem ebenso vorzüglichen Werke über „Aristoteles bei den Kirchenvatern" erfreuen! Stuttgart. Neligiouslehrer Or. klrsol. Koch. Friedrich Hebbel. Noch seinem Leben und Wirken geschildert von A. G. Am 18. März v. Js. waren es 80 Jahre, daß Hebbel geboren wurde, und am 13. Dezember v. Js. waren es 30 Jahre, daß er starb. Der große Dramatiker, wenn auch mitunter bizarr, der so oft verkannt wurde, verdient sicher als Mensch und Dichter, daß seiner bei seinen wiederkehrenden Geburts- und Sterbedaten gedacht wird. Wir wollen uns allermeist an seine eigenen Worte halten, die er in seinen geradezu gewaltig vielen Briefen hinterlassen hat. Hebbel wurde am 18. März, nicht, wie es auch heißt, am 13. März, 1813 zu Wesselburen im alten Herzogihum Holstein geboren als der Sohn des Claus Friedrich Hebbel und der Anna Margaretha Schubart. Der Vater war ein Maurer, lebte in sehr dürftigen Verhältnissen, so daß es ihm oft schwer wurde, das tägliche Brod für sich und die Seinen zu erwerben, die Mutter arbeitete zur Erleichterung des Hauswesens oft, wie man heute zu sagen pflegt, im Taglohn. Die Sorge um das tägliche Brod mag es gewesen sein, die den Vater zu einem sehr ernsten Manne stimmte, der aber doch „zu Hause wieder munter und gesprächig war und gern Märchen erzählte". So genoß der Knabe eine ganz ländliche Erziehung und kam mit seinem vierten Jahre in eine Klippschule, allwo ihn eine „alte Jungfer Namens Susanna, hoch und männerhaft von Wuchs, mit freundlichen blauen Augen, unterrichtete, die weiße thönerne Pfeife im Munde und eine Tasse Thee vor sich, sitzend in einem urväterlichen Lehnstuhl". Ein Lineal spielte die Hauptrolle auf Händen und dem Rücken, „Rosinen gab's bisweilen zur Aufmunterung und Belohnung, mehr aber Klapse mit dem Lineal". Die Phantasie des Knaben war sehr bald außerordentlich lebhaft. „Fratzengesichter sah ich des Nachts und sonderbare Figuren." Es scheint, daß er sich allzufrüh schon mit Schauerlichem beschäftigte, ein Umstand, der später Leib und Leben, Fleisch und Blut auch leider in seinen gereiftesten Werken annahm. Bis zum sechsten Jahre blieb er bei Susanna und lernte gut lesen, auch die zehn Gebote Gottes und die Grundstücke des christlichen Glaubens nach Martin Luther, „weiter ging es nicht" bis zum Eintritt in die Elementarschule, wo er bald Chorknabe wurde. Als solcher singt er in seinem „Bubensonntag": „Wenn ich einst, ein kleiner Bube» Sonntags früh im Bette lag, Und die helle Kirchenglocke All das Schweigen unterbrach: O, wie schlüpft' ich bann so hurtig Aus dem Bett in's Kleid hinein, Und wie gern ließ ich das Frühstück, Um zuerst bei Gott zu sein!" Sein Lehrer Dethleffen rühmte die Wißbegierde des Kuaben sehr, welche nicht leicht und sofort befriedigt werden konnte, er ist „ein tüchtiger Junge". Bereits mit acht Jahren verlegte er sich auf das Versmachen und in seinem zehnten Jahre fabrizirte er ein Gedicht: „Evolia der Näuberhauptmann", das bei einem Streit mit seinem Bruder von der Mutter verbrannt wurde, wohl ohne daß die Göttin der Literatur hierüber hätte weinen müssen; im zwölften Jahre wurde er „Bühnen- unternehmer" — allzufrüh ist und bleibt ungesund! Vom 15.—22. Jahre arbeitete er als Schreiber bei dem Kirchspielvogt seines Geburtsortes und „dichtete fleißig daneben". So singt er über die Gegend: „Hier rauscht kein Wald, eS schlägt im Mai Kein Vogel ohn' Unterlaß, Die Wandergans mit hartem Schrei Nur fliegt in HcrbstcSnacht vorbei, Am Strande weht das Gras." Stets strebte er weiter, und wenn auch nicht viel Aussicht auf „gute Zeiten" noch für ihn vorhanden war, er zagt nicht und läßt den Muth nicht sinken: „Und kann ich nicht das Ziel erreichen, Das ich mir kühnlich vorgesteckt, Soll doch nicht eh' mein Mutb erbleichen, Als bis mich kalt die Erde deckt." „Die Jugend soll sich selbst helfen, und wenn sie das nicht kann, so steckt nichts hinter ihr", gewiß gewichtige Worte aus dem Munde eines jugendlichen aufstrebenden Geistes! Zu jener Zeit wandte er sich an Ludwig Wand mit der Bitte, ihm zu einer Anstellung in Stuttgart zu verhelfen zum Behufe weiterer Ausbildung, und sandte zugleich Gedichte an Uhland. In einem liebenswürdigen Schreiben bedauerte Uhland, daß er keinen Einfluß besitze, und munterte den jungen Mann auf, auszuharren, bis sich auch äußerlich eine günstigere Wendung der Umstände zeigt, der „Sie sich mit Sicherheit überlassen können". Die Umstände sollten sich bald besser gestalten, einige Gedichte nämlich, welche er an die Hamburger „Modezeitung" sandte, lenkten die Aufmerksamkeit der Herausgeberin Amalte Schoppe auf ihn, welche ihn einlud, nach Hamburg zu kommen, und ihm Mittel und Wege schaffte, dort zu bleiben und sich auf die Universität vorzubereiten. Mitunter recht nette und sinnige Gedichte und Erzählungen stammen aus jener Zeit, so wird „das Kind" stets gern gelesen werden, das am Todtensarg der Mutter weilt, welche mit Blumen geschmückt ist, von denen das Kind von der todten Mutter eine für sich erbittet: „Und als die Mutter es nicht thut, Da denkt das Kind für sich: Sie schläft, doch wenn sie ausgeruht, So thut sie'S sicherlich. Schleicht fort, so leif' es immer kann, Und schließt die Thüre sacht Und lauscht von Zeit zu Zeit daran, Ob Mutter noch nicht wacht." Aber auch in Hamburg war bei weitem nicht alles Gold für Hebbel, was anscheinend glänzte. Von Haus aus mit wenig bis sehr wenig Geld versehen, lehnte er solches einem anscheinenden Freunde, der es auf gut deutsch gesagt „verputzte"; er war auf Kost-Freitische angewiesen, was ihm ziemlich schwer fiel, seine Gönnerin Frau Doktorin 3 Schoppe spielte Intriguen gegen ihn, hetzte Familien gegen ihn auf, am Ende gar aus Eifersucht, obwohl sie anfangs an ihn geschrieben hatte: „Die Jahre, wo man versucht sein konnte, mir die Cour zu machen, sind vorüber, ich bin Ihre Freundin, meine 41 Jahre geben mir in dieser Hinsicht alle nur zu wünschende Freiheit" — am Ende zu viel Freiheit, und — Silier schützt vor Thorheit nicht. Er lernte ein Mädchen, Namens Elise Lensing, kennen und wurde ganz Flamme für sie. Die einen haben deßwegen Steine auf ihn geworfen, andere ihn wohl allzusehr in Schutz genommen, wir haben das Nähere nicht zn untersuchen und sagen nur, daß die vielen Briefe, die Hebbel an Elise schrieb, Herz, Gemüth und Geist im vollen Sinn der Worte athmen. Freilich besaß er leider eine allzusehr angelegte sinnliche Natur, die er nicht im Zaume hielt, vielmehr ihr allzuviel nachgab. Er schloß sich in Hamburg dem „Wissenschaftlichen Verein von 1817" an, verfaßte eine hübsche Reihe handschriftlicher Aufsätze und trug sie im Verein vor. Derjenige über „Theodor Körner und Heinrich von Kleist", ungemein umfangreich, soll hier besonders erwähnt sein. Im Februar 1836 machte er in der Heimath bei der „guten Mutter" Besuch und dann ging es auf die Universität nach Heidelberg, 23 Jahre alt: „ich freue mich auf die Pandekten und werde sie mit größtem Ernst und Fleiß studiren, nicht sowohl um mir dadurch den Zutritt zu einem Amt zu eröffnen, welches ich schwerlich jemals annehmen werde, als vielmehr, um mich geistig nach allen Seilen hin umzuthun und mir die Freiheit zn erwirken, den lahmen, steifen Esel, der mir die Brodsäcke nicht schleppen soll, an denjenigen Wegstrecken, wo er zn stolpern pflegt und wenigstens langsam geht, zu peitschen und zn stacheln. Ein Hund will ich sein, wenn ich mir den Geist binde, bevor mir die Hände gebunden sind." So schrieb er an den alten treuen Voß. Die Professoren versagten ihm die Immatrikulation, da er nicht die nöthigen Vorkenntnisse ausweisen konnte, er hatte gehofft, daß sie ihn als vollgiltigen Studenten aufnehmen würden, „gescheidte Leute werden mir die nämlichen Rechte einräumen, welche sie fünfzig Schafsköpfen und Schuljungen eingeräumt haben, etwas Anderes sind ankommende Studenten selten, woraus übrigens nicht folgt, daß sie auch nichts anderes werden können." Er war also Hospitant und belegte Encyklopädie und bei dem berühmten Thibaut, „der mir gnädigst das Honorar erließ", römisches Recht. Mehr als in Hamburg drückte den Studenten in Heidelberg der Mangel an Geld, so daß er oft Noth leiden mußte und sich bitter darob beklagte, „all mein Leben und Streben ist jetzt eigentlich nur noch ein Kämpfen für Mutter und Leichenstein". Hervorgehoben muß werden, daß er seine Vorlesungen ungemein fleißig besuchte, viel studirte, ohne der Poesie Abschied zn geben, einmal nur in der Woche wohnte er einer studentischen Kneipe bei. Sein „Nachtlied", das später Robert Schumann nach- und ausgesuugen hat, entstand damals: „Quellende, schwellende Nacht, Voll von Lichtern und Sternen: In den ewigen Fernen, Sage, was ist da erwacht!" Deßgleichen das „Nachtgefühl": „Ich denke der alten Tage, Da zog die Mutter mich aus; Sie legte mich still in die Wiege, Die Winde brausten um's Haus. Ich denke der letzten Stunde, Da werdcn's die Nachbarn tbun; Sie senken mich still in die Erde, Dann werd' ich lange ruh'u." Er beendete sodann seine erste Erzählung „Anna" und schrieb in sein Tagebuch: „Anna beendet, zum erstenmal Respekt gehabt vor meinem dramatisch-episch in Erzählung sich ergießenden Talente". Die Erzählung enthält schöne Stellen, doch ist Kälte und mitunter Neber- spanntheit derselben auch nicht abzusprechen. Ueber Straß- burg, allwo Hebbel sein Lied „Traum" auf dem Münster dichtete, ging es nach Stuttgart zu dem „guten" Gustav Schwab, nach Tübingen zu Uhland, welch' beide ihn zu freudigem Schaffen ermunterten, und von dort auf die Universität nach München, wo der Wendepunkt seiner Entwicklung eintritt. Sofort schrieb er Skizzen rc. nach Stuttgart auch aus dem Grunde, „leben" zu können; denn in vielen Tagen hatte er nicht fünfmal warm zn Mittag gegessen, sondern sich mit Brod begnügt, um mit den von Elise vorgeschossenen hundert Thalern so lange als möglich auszureichen. Noth nach außen macht aber meist auch Ueberdruß im Innern, und Hebbel ist hier ein vollgiltiger Beweis, er war mit sich damals ganz und gar unzufrieden. Er vertiefte sich in die Werke Jean Pauls, den er bewunderte, und in die Heinrich von Kleist's, den er als Muster in der Erzählung bezeichnete, las eifrig Börne und verfertigte selbst komische Charakterbilder, welche nicht viel Anklang fanden, wohl auch mit Recht. Sehr am Herzen lag ihm damals Emil Rousseau, der einzige Sohn des Negicrungsrathcs Rousseau in Ansbach, ein für Poesie und Literatur ungemein begeisterter junger Mann. Hebbel hörte besonders an der Universität Schelling und Görres, von denen er letzteren sehr hoch schätzte, freilich dem tief religiösen Görres konnte er nicht folgen und wollte er nicht folgen, denn dem Offenbarungsglauben stand er ja ferne, weil er ihn nicht zu brauchen glaubte. Er Hütte ihn aber wohl oft sehr nothwendig gehabt, besonders in den Zeiten, wo-er mit sich selbst zerfahren war und Unzufriedenheit gleichsam mit sich selbst und der ganzen Welt ihn umfaßte. Erfreut wurde er durch eine Zuschrift UHIands, die allerdings sehr lang auf sich hatte warten lassen, in der mehrere seiner Gedichte als gut bezeichnet waren, nicht erfreut aber durch eine Zuschrift von Costa, der den Druck der Gedichte nicht acceptirte, dagegen Gedichte für das Stuttgarter Morgenblatt anzunehmen und zu honoriren versprach — es war eben stets Ebbe in Hebbels Kassel Der Herbst 1838 schlug ihm zwei tiefe Wunden, die nur sehr langsam vernarbten. Seine Mutter starb nach kurzer Krankheit in der „gleichen Noth", wie früher der Vater, so daß der Kirchspielschreiber der Heimath das Geld zum Sarg vorschießen mußte. „Es war nur der süßeste Gedanke, meiner Mutter aus dem, was mir neben dem Göttlichen selbst noch sonst zufallen möchte, ein Paradies zu erbauen und ihr Alter für frühere Jahre schadlos zu halten. Das ist nun vorbei. Sie verliert zwar nichts, aber ich; ich weiß jetzt nicht mehr, wofür ich arbeite; auch mein Leben scheint mir zu Ende." Fast noch mehr brach er zusammen auf die Nachricht des Todes seines innigsten Freundes Emil Rousseau in Ansbach, denn „es war der beste Mensch, den je die Erde getragen hat; er war mir alles, was ein Mensch in dem höchsten, würdigsten Verhältniß dem andern sein kann". Auf das Grab des Freundes dichtete er sein „Abendgefühl": 4 „Friedlich bekämpfen Nacht sich und Tag, Wie das zu dämpfen, >is das zu lösen vermag Der mich bedrückte, Schläfst Du schon, Schmerz? Was mich beglückte, Sagt, was war'S doch, mein Herz? Freude, wie Kummer, Fühl' ich, zerrann, Aber den Schlummer Führten sie leise heran. Und im Entschweben, Immer empor, Kommt mir das Leben Ganz wie ein Schlummerlied vor." Düster war sein Leben jetzt eine Zeit lang, kein rechter Schaffgeist wollte ihn erfassen, selbst der Umgang mit Freunden wurde gemieden: „Kommt mir das Leben Ganz wie ein Schlummerlied vor." Er „thaute erst wieder auf", als er auf's neue in Hamburg wieder seinen Einzug hielt in die gleiche Kammer, in der er drei Jahre vorher lateinische Vocabeln auswendig gelernt hatte, um später zwei hübsche Zimmer, hergerichtet von Elise, zu beziehen, wo er bald auf den Tod krank wurde. Wieder gesund geworden, begann er im Oktober 1839 seine erste große Tragödie „Judith". Ob diese Tragödie in Folge einer Wette verfertigt wurde, ob sie innerhalb vierzehn Tagen entstand, mag dahingestellt sein. Hebbel hat seine große Freude an dem Werk, er jubelte, „daß Leben, Situation und Charaktere in körniger Prosa frisch und kräftig hervorsprangen, denn von der Prosa hängt mein Ich ab". Körnig ist allerdings die Sprache, das Ganze der getreue Ausdruck des innersten Wesens des Dichters, „es ist nichts mehr und nichts minder als eine sinnlich-sensationelle Ausbeutung und Verzerrung der aus den Apokryphen des alten Testamentes bekannten jüdischen Volkssage. Aus Judith machte der Dichter ein wollüstiges Weib, aus dem tapferen Holo- fernes einen über Religion philosophirenden und morali- sirenden Tyrannen, der durch Judiths Schönheit überwunden und zur Gluth entfacht wird," sagt König über die Tragödie. Er sandte ein Exemplar des Stückes an Uhland und eines an Tieck, beide gaben eine Antwort, eine Kritik nicht, obwohl Hebbel in dem Briefe an Uhland bemerkte: „an einem einfachen Wort von Ihnen, sei es günstig oder nicht, liegt mir mehr, als an einem Trom- petentusch der gesammtcn deutschen Journalistik. Ich bin auf jeden Ausfall Ihres Urtheils gefaßt, nur nicht auf Ihr Stillschweigen, dieses würde mir unendlich wehe thun." Während diese beiden Dichter schwiegen, ist Amalie SchoPPe von „Judith" so begeistert, daß sie Hebbel schreibt: „ich stelle Sie zum Shakespeare, damit ist, denke ich, alles gesagt". Das Stück wurde füglich in Berlin gegeben, eine Hauptschuld daran trug Auguste Crelinger, welche die Titelrolle übernahm. Nach den Aufführungen schrieb Hebbel an Elise: „es ist gut gegangen, aber meine Freude ist die Freude über den Pardon vom Spießrutenlaufen. Man hat keine Prügel gekriegt, das ist recht hübsch und ist Alles. Holofernes — unter der Kritik! Dennoch findet das Stück Beifall und wird wiederholt. Zwei Kritiken gelesen. In der einen bin ich ein wahrer, geborner Dichter voll unerschöpflicher Fülle, der aber die Kunst noch lernen muß und dem Redacteur einen belehrenden Mehlbrei vorsetzt. In der zweiten habe ich nichts, als Phantasiereiche Sprache, die jedoch aus dem Kopf, nicht aus dem Herzen kommt, erhalte jedoch zum Schluß die gnädige Erlaubniß, noch ein paar Werke zu bringen. Ich ergötzte mich herzlich über den ganz vollkommenen Widerspruch." (Schluß folgt.) Aus dem Leben zweier edlen kathol. Frauen. Von Frhr. T. zu W. ^ (Nachdruck vrrboNn,) Wie es die Ueberschrift sagt, einiges aus dem Leben zweier katholischen Frauen möchte ich an dieser Stelle den Lesern mittheilen, da deren Namen meines Wissens wenig oder doch nicht so bekannt in Deutschland sind, wie sie es verdienen. In einem Schreiben aus Paris vom 30. Oktober v. Js. hat mir der Verleger der Werke des Herrn Baron Jmbert de Saint-Amand bereitwillig sein Einverständniß, daß ich es in einem katholischen Blatte thue, mitgetheilt. Ich bezeichnete als solches die Augsburger Postzeitung. Herr von Saint-Amand hat mit Erfolg es unternommen, in einer Reihe von 10 bis 12 Bünden das Leben der bekanntesten Frauen höherer Stände in Frankreich zu schildern. Es heißt: I^ss äu XVIII st XIX Liäols.*) Die eine Abtheilung ist: I^ss I?smins8 äss st?ai1sris3; 1-S8 I'sinwss äs Vsrouillso, denen verschiedene Biographien folgen. Indeß halte ich mich diesesmal an „I?ortruit3 äsCiranäss Hains 8". Gerade die Lebensbeschreibung der ersten dieser zwei Frauen ist nicht eigentlich die einer „Oranäs Hains", wie man es im gewöhnlichen Sprachgebrauch versteht, d. h. die Dame ist nicht von fürstlichem oder hochadeligem Blute, wie eine Herzogin von Berry, eine Fürstin Lam- balle, eine Gräfin von Sabran, oder gar eine Marie- Antoinette u. A., deren Leben uns Herr von Saint- Amand bringt. In einem fließenden, eleganten Stil, der bis zu einem gewissen Grade spezifisches Eigenthum einiger französischen Schriftsteller aus der älteren Schule ist, und bei aller historischen Treue gegenüber Episoden, die zu umgehen oder zu verschweigen der Wahrheit Abbruch thun würde, versteht es der Verfasser, das Gesehene auf eine Weise mitzutheilen, die es gestattet, unbesorgt seine Bücher in alle Hände, auch jugendlicher Leser, zu legern Dieses Lob verdienen bekanntlich nicht alle Bücher in Deutschland, so wenig als in Frankreich, welche das Leben an Fürstenhöfen schildern. Elisabeth Anna Bayley, Tochter des Richard Bayley, Arzt in New-Iork, und der Katharina Charlton, Tochter eines anglikanischen Geistlichen, wurde am 28. August 1747 in New-Iork geboren. Ihr Vater stammte aus einer englischen Gentry-Familie, die nach Neu-England übersiedelt war, während ihre Mutter Abkömmling einer schottischen Familie war, die, weil den Stuarts anhänglich, aus ihrem Vaterland hatte fliehen müssen. Die Energie und Charakterfestigkeit Elisabeths, ihr praktischer Sinn, waren vielleicht ein Erb- theil ihrer mütterlichen Ahnen. Von ihren Kinderjahren berichtet ihr Biograph nichts Näheres. Im Frühjahr des Jahres 1794 vermählte sich Elisabeth Bayley mit William Seton, Sohn eines reichen Nheders. Es war eine gegenseitige Herzens- ') karis. D. Deutn: OursI, OougiZ et 6is. Oetavo 3 !?r. 50 Is Votnms. 5 neigung, welche das junge Paar zusammenführte, und das ungetrübte Glück der ersten Jahre war — könnte man fast sagen — eine Entschädigung für spätere Unglückszeiten. Williams Vater starb früh, so daß sich ersterer, noch jung an Jahren, als Chef eines angesehenen Handelshauses sah, dem aber auch die schwere Pflicht oblag, für seine 13 jüngeren Geschwister zu sorgen. Die Kriege, die politischen Umwälzungen, welche am Ende des XVIII. Jahrhunderts die alte wie die neue Welt erschütterten, lühmten nicht nur den Handel aller Nationen, sie bewirkten auch den Fall gar manches angesehenen Hauses. Auch Seton gelang es uicht, ungeachtet angestrengter Arbeit, dieses Unglück von den Seinigen fernzuhalten. Diese Arbeit, die Sorgen für die Seinen, hatten Setons ohnehin nicht feste Gesundheit untergraben. Die Aerzte erklärten, einzig durch eine Uebersiedlung in ein wärmeres Klima könne sein Leben erhalten bleiben. In Italien, in der Stadt Livorno, hatte Seton größere Summen ausstehen. Er hoffte, seine persönliche Anwesenheit daselbst werde deren gänzlichen Verlust verhindern können. So wurde denn Livorno als Reiseziel bestimmt. Seton nebst seiner Frau Elisabeth und einem seiner Kinder schiffte sich am 2. Oktober 1803 in New-Iork ein. Eine lange, zudem gefahrvolle Reise stand ihnen zu jener Zeit bevor. In Livorno fanden W. und E. Seton im Hause des Herrn Filichi, eines alten Freundes des Vaters Williams, herzliche und gastliche Aufnahme. Die Anstrengungen und die Beschwerden der Reise, zudem der wahrscheinliche Mißerfolg seiner Bemühungen, hatten Setons Krankheit so sehr verschlimmert, daß er bald nach seiner Ankunft in Livorno in den Armen seiner geliebten Elisabeth starb. Diese war an Leib und Seele ob ihres Unglücks gebrochen. Einen Trost fand sie bald, und dieß von einer Seite, von der sie es schwerlich erwartet hatte. Elisabeth Seton war Protestantin, das Haus des Herrn Filichi ein streng katholisches, und in diesem fand sie viel mehr als nur gastliche Aufnahme, sie fand hingebende Freundschaft und Liebe. Protestantische Fanatiker, wie es deren in der angelsächsischen Nation vielleicht damals noch mehr gab, als es heute der Fall ist, die den Katholiken alle Rechte vorenthielten, hatten ohne Zweifel diese als von unduldsamem Haß gegen Nichtkatholikcn erfüllt geschildert. Es rührte sie daher doppelt, daß sie das gerade Gegentheil im Hause, das sie aufgenommen, fand. Mit ihren Freunden wohnte sie häufig den katholischen kirchlichen Feierlichkeiten bei. Diese machten den tiefsten Eindruck auf ihre durch Kummer geläuterte Seele, für die der formlose, inhaltsleere Cult der amerikanischen Puritaner Nichts darbot. Sie schreibt darüber an ihre Schwägerin in New-Uork: „Liebe Nebckka, wie glücklich wären wir, wenn wir das glaubten, was diese lieben Seelen glauben." Doch die Sehnsucht nach ihren vier in Amerika gebliebenen Kindern veranlaßte sie, ohne die Beschwerden einer neuen Seereise zu achten, die Rückreise in ihr Vaterland anzutreten. Mit schwerem Herzen nahm sie von ihren Livorneser Freunden Abschied. Mehr als 60 Tage dauerte damals eine ohne Störung vollbrachte Reise von Italien nach New-Iork. Doch kaum gelandet, mußte Elisabeth Seton den tiefen Seelenschmerz erleben, ihre Schwägerin Ncbekka, mit der sie die innigste Freundschaft verband, zu verlieren. Nun fühlte sie sich verlassener als je. Schon während ihres Aufenthaltes in Italien, nach dem daselbst gepflogenen regen Verkehr mit gläubigen Katholiken, beim Anblicke der herrlichen katholischen Gottesdienste mag sie sich mit der Frage beschäftigt haben, ob es für ihren Seelenzustand nicht angemessener sei, zu dieser Kirche überzutreten. Man kann nur lobend anerkennen, daß sie mit der Ausführung zögerte. Sie wollte reiflich überlegen, ob sie damit nicht etwa nur einem momentanen Impuls, vielleicht durch die Schönheit des katholischen Gottesdienstes angeregt, folge. Jede Konversion zur katholischen Kirche wird von protestantischer Seite, wenn unedle Motive vollkommen ausgeschlossen sind, diesem Umstände zugeschrieben. Nein, Elisabeth Seton suchte und fand bessere Beweggründe. (Fortsetzung folgt.) Siam. Von I. G. Fußenecker. Die Eroberungspolitik Frankreich'!?, welche eben dahin strebt, von dem hinterasiatischcn „Kaiserreiche" (?) Siam ein möglichst großes Stück (wenn nicht das Ganze!) zur Vergrößerung seines indochinesischen Kolonialreiches zu gewinnen, hat — leicht erklärlich, das lebhafteste Interesse der europäischen Großmächte erregt. Siam ist allerdings ein Land, welches die Eroberungslust reizen kann, und da es übrigens ein merkwürdiges, aber noch nicht allgemein zu bekanntes Reich ist, so wollen wir davon eine kurzgefaßte, aber dabei doch orientircnde Schilderung geben. Das Königreich Siam (auch ein Kaiserreich genannt) ist das größte von den vier indochinesischen Reichen dc. hintcrindischen Halbinsel und liegt in der Mitte derselben. ES hat einen Flächenraum von 14,600 Quadratmeilen und erstreckt sich vom 5. bis zum 22. Grad nördlicher Breite (510 Stunden!) und vom 96. bis 107. Grad östlicher Länge (330 Stunden). Seine Grenzen sind: Im Norden Birma, Osten Annam, Süden Golf von Siam und Kambodscha und im Westen Britisch-Birma. Siam wird von Reisenden und Missionären ein „paradiesisches" Land genannt. Ja, paradiesisch schön ist Siam und so fruchtbar wie kaum ein anderes Land der Erde! Es bietet in üppigster Fülle die werthvvllstcn Produkte des tropischen Ostens, und die Berge liefern nebst Zinn Schätze an Silber, Gold und Edelsteinen. Von der Hauptstadt Bangkok (im Süden), die wie eine „Sonne strahlt", führt eine Wasserstraße des Niescnstromes Menain in einer Breite von 300 bis über 400 Meter fünfhundert Stunden — an 2000 Kilometer längs!) — von Süd gen Nord durch das Reich bis hinauf in's „Zauberreich des Urwaldes". Unterwegs — „immergrüne Wälder auf Bergen und Hügeln, durch welche nur der Elephant sich Bahn brechen kaun und in deren wilder Einsamkeit der Tiger als Jagdkönig herrscht"; dann unabsehbare Ebenen mit solch' fruchtbaren Neis- und Zuckerseldern, daß ihre Doppelernte keinen Mangel eintreten läßt; zahllose Thäler mit krhstallklaren Bächen und fischreichen Flüssen, von Palmhaincn, Tamarinden und Bananen beschattet, in deren Zweigen Schaarcn von bunten Vögeln sich schaukeln, unter deren kühlem Laubdach eine Menge von Silber- kranichen, Reihern und Ibissen wohnt, indeß in der lauwarmen Fluth das Krokodil mit glühendem Auge die Sprünge der Affen verfolgt, welche die Krokodile in gröblichster Weise necken» 6 ein „riesiger Garten", in welchem auf blauer, spiegelglatter Fluth Tempel und Paläste sind und Tausende der Kähne voll fröhlichen Lebens umherschwimmen — das ist Siam?) Wohl fehlt es diesem herrlichen Lichtbilde auch nicht an düstern Schatten; doch das ist nicht die Schuld des Landes an sich (wie wir noch sehen werden). „Die Welt ist schön, ja überall, wo der Mensch nicht hinschleppt seine Qual." Der Hauptrcichthum des Landes an Kernfrucht besteht in NeiL. Die Thalebcnen mit ihrem großen Wasserreichthum, mit den Schlammablagcrungcn des Mcnam, deö „siamesischen Nils" und des auch mächtigen Stromes Mekong (in seinem Unterlauf) haben — in einem Umfang von 670 Kiloin. von Norden nach Süden und 220 Kilom. von Westen nach Osten — im Südtheile des Reiches einen „unglaublich fruchtbaren" Boden. Leider wird bei der Trägheit der Siamesen kaum der fünfte Theil dieses so fruchtbaren Bodens angebaut; überhaupt ist ein großer Theil des Landes eine „völlige Wildnis;", und ist zu bedenken, daß die große Fruchtbarkeit dem ganzen Ueberschwemmungsgcbiet mit einem Umfang von 30,000 Quadratkilometer eigen ist. Außer Reis wird vorzüglicher Zucker, Indigo, Mais, Pfeffer, die Kokospalme und Baumwolle gepflanzt, sowie der Maulbecrbaum für die sehr blühende Scidcn- zucht. Die höchsten Berge überragen nicht die Schneegrenze; die größte Höhe weniger Berge beträgt 2500 Meter. Weltberühmt sind die großen Lcak-Wäldcr, die es in erster Linie waren, welche seiner Zeit England's EroberuugSlust anstachelten, da das Holz deö Tcakbaumcs für die englische Marine in Indien unentbehrlich geworden. WaS die Temperatur in diesem tropischen Klima betrifft, so sinkt in der Zeit von Dezember bis März, wo der trockene Nordost-Monsun weht, im Januar und Februar die Wärme auf 13 Grad 6 herab. Die heißeste Jahreszeit ist im April und Mai, wo die Wärme bis zu 36 Grad 0 steigt. Von Ende Mai bis October herrscht der Westmonsun mit seinem vielen Regen. Die Einwohner Siams bilden ein Völkergemisch, wie schon die Bezeichnung der Halbinsel, „indochinesisch", andeutet. Die E inwohnerzahl wird auf sechsMillionen und darüber steigen; hievon rechnet man 2 Millionen für die eigentlichen Siamesen, 1 Million für Chinesen (?), 1 Million Malayen 1 Million L aoS und eine halbe Million für die Kambodschaner; den Rest bilden verschiedene Bergvölker der Karenen und Schans und Europäer. Die eigentlichen Siamesen sind wohl selbst ein Mischvolk, entstanden von der Vereinigung der Ureinwohner und der Chinesen bezw. Mongolen und Hindu. Ihr Nanie deutet auf den alten Namen SiamS und seine Ureinwohner hin; Siam hieß ursprünglich Sajam, d. h. Land der braunen Leute. Der mongolische oder chinesische Typus tritt bei den Siamesen mehr hervor, als der indische, der bei ihnen schwer zu erkennen ist. Sie haben schief- und cnggeschlitzte Augen und hervorstehende Backenknochen; sind aber nicht groß und schlank, sondern haben einen gedrungen stämmigen Körperbau und einen sehr großen runden Kopf. Ihre Hautfarbe ist hellbraun, dunkler als die der andern Völkerstämme. Mit den Chinesen haben sie gemein die übertriebene Höflichkeit, aber auch die Verschlagenheit und die Spielwuth, nicht aber auch dix Arbeitsamkeit (l). Ein Hauptcharakteristikum der Siamesen ist ihre sklavische feige Gesinnung. „Kein Wunder — das ist die Frucht einer vielhundertjährigen Sklaverei unter dem Joche despotischer Könige und Staatsbeamten." Diese Unterwürfigkeit schildert °) Nachgezeichnet der kurzen Schilderung des französischen Keifenden Mouhot (in „D. kath. Missionen", Jahrg. 1883, S, 4). ein Missionär mit den Worten: „Hier zu Lande liegt Alles auf dem Bauch, oder auf den Knieen: der Sklave vor seinem Herrn, mag dieser vornehm sein oder nicht; dieser vor dem Civilbeamten; der Soldat vor seinem Officier; der Buddha- Mönch vor seinem Abt und Alle miteinander vor dem König. Selbst die vornehmsten Siamesen müssen sich in Gegenwart des Königs auf die Kniee und Ellbogen niederwerfen." Ich möchte hiczu bemerken, daß diese Unterwürfigkeit doch nicht allein auö dem Despotismus hervorgegangen, sondern ihr eine besondere streng religiöse und moralische Anschauung zu Grunde liegt; nämlich der tiefernste feste Glaube an die wahrhaft göttliche Majestät eines Königs und die Ehrfurcht vor der von den Göttern dem Menschen verliehenen Uebermacht und Herrschberechtigung. Diese an und für sich nichts weniger als thörichte und lächerliche Anschauung hat aber die Leidenschaft der Herrsucht und des Hochmuths greulich mißbraucht und so diese Ungeheuerlichkeit der Untcrwcrfungsart erzeugt. Als eine gute Eigenschaft der Siamesen wird hervorgehoben ihr Familiengeist, die große Liebs zwischen den Gatten, Eltern und Kindern und gegen die Verwandten. Ihre gegenseitige Liebe und Sorgfalt, die kein Opfer scheut und sich namentlich in Krankhcitö- und Sterbcfällcn offenbart, ist rührend, und sie berechtigt zu der Annahme, daß dieses Volk edler Gefühle und hochherziger Aufopferung fähig ist. Die Haupt- und Residenzstadt Bangkok ist höchst interessant. Sie hat die großen Titel der alten zerstörten Ajut h i a (auch Juthia geschrieben) erhalten, lautend zu deutsch: „Die große, königliche Stadt, die Stadt der Engel; die unüberwindliche Stadt, die schöne Stadt" u. s. w. Man nennt sie auch das „asiatische Venedig", und dieses Prädikat, sowie das Lobwort schön gebührt ihr: Bangkok, die „Stadt der wilden Oclbäume" mit ihren 400,000 Einwohnern, erstreckt sich drei Stunden lang an den beiden Uiern des Menam dahin und ist von zahlreichen Kanälen durchschnitten in allen Bezirken. Auf beiden Userseitcn herrliche Gärten; im Hintergründe, dem Hanpttheile der Stadt, zahlreiche hochgcthürmte, buntvcrzierte Tempel und Pagoden, prächtige, vergoldete Paläste, die sich in der Ferne wie zauberhaft von dem dunkeln Grün der tropischen Bäume abheben; die an beiden Ufern auf mächtigen Holzflößen schwimmenden Häuser. Paläste, Tempel, zahllosen Kähne, Marktschiffe in den verschiedensten Formen und Farben, und zwischen diesem bunten Gewimmel europäische Dreimaster und chinesische Dschonken, die mit Donnerschlägcn der Gong (Rieseutrommcl) die Hafenschiffe begrüßen: so mag Bangkok wohl einen ganz eigenthümlichen, mächtigen, kaum zu schildernden Eindruck machen. Die ärmeren Stadttheile liefern allerdings, wie gewöhnlich in den großen Städten, ci» grelles Gegenstück zu den: „schönen" Bangkok. Die Häuser sind ohne Ausnahme fest, aus Teakholz und stehen auf dem Fcstlande und den Inseln auf hohen Pfählen. Die innere Stadt ist mit einer Mauer, die mit Zinn bedeckt, umgeben. In der Mitte dieses HauptstadttheilcS steht der Palast des KönigS, von Gold und Elfenbein strotzend, mit hundert Sälen und Prunkgemächern, umgeben von tausend Wachen! Hier thront der „große König, der Sohn des Himmels, die Kraft Gottes, das leuchtende Ebenbild der Sonne". Die StaatSform Siam'S ist, wie bereits angedeutet, der ausgeprägteste Despotismus. Die alten Siamesen schon nannten ihr Land stolz „Mnang-Thai", d. h. das Königreich der „freien Männer", und auch die heutigen Einwohner halten noch mit Stolz an diesem Titel fest; gegenwärtig aber — nein, schon längst — ist er eine wahre Ironie; es sollte heißen, das Land der Sklaven. Neben den vorhan- 7 denen wirklichen Sklave», deren Zahl zwei Millionen betragen soll, kann jeder „freie" Siamese, der heute hundert Sklaven vor sich hertreibt, morgen selbst ein Sklave sein: so sieht es aus mit den „freien" Männern und denRcchtsgesetzen dieses Reiches. Das folgenschwerste Gesetz ist das Schuld- gesetz. Dasselbe gebietet, daß eine Schuld, und vor Allem die Steuer, pünktlich bezahlt wird. Ist das nun einem Bürger nicht möglich, so kann er in die Lage kommen, gezwungen zu sein, Weib und Kind zu verkaufen. Hat er weder das Eine noch das Andere, so wird er selbst zum Sklaven. Und in diese unglückliche Lage können die Siamesen gar nicht selten gerathen; denn die Staatsabgaben sind zahllos und die Kopfsteuer sehr hoch, und werden von einem Heere herzloser Beamten unerbittlich eingetrieben. Diese ziehen mit Roß und Reiter und Ele' phanten selbst in die Schluchten der fast undurchdringlichen Wälder bis zu dem armen LaoSvolke und nehmen ihm nicht selten das letzte Honigtöpfchen, das letzte Wachs, das letzte Thier- ell. Das Traurigste bei dem Verfalle in die Sklaverei ist, daß arme, unschuldige Kinder, welche von ihren Eltern Schulden halber oder in anderer Nothlage verkauft werden, nie mehr loögckauft werden können, also Sklaven bleiben müssen, während die andern Sklaven, selbst die Kriegsgefangenen, sich die Freiheit erkaufen können. Ach ja! Thai, das Reich der freien Männer! Dort, in den Straßen des stolzen Bangkok, kann man auch einem Mann begegnen, abgemagert und gehüllt in Lumpen, auf den Schultern eine Axt; er ist Holzhacker und — ein Prinz des königlichen Hauses mit seinen achthundert Frauen. Das ist auch einer der freien Männer. Der kleine Prinz der ersten königlichen Gemahlin — wie sticht er ab gegen seinen Stiefbruder, oder Stiefonkel! Das „HimmckSsöhnchen" ist so schwer mit Goldschmuck und Edelsteinen beladen, daß es ob der Last kaum gehen kann. Und die höchsten „freien Männer" — die Minister des „großen KönigS" — sie haben in dem reichen Lande keine Prachtwohnungen, oder gar Villen, wie z. B. im armen Deutschland. Dort wohnt der höchste Würdenträger, der Kanzler des Reichest), in einem „elenden Bretter- gebäudc aus hohen Baumstämmen, mitten im Schlamme und Unrath". So ist es wahr, was die Kenner des Landes behaupten, nämlich: „daß Siam daS Land der größten Gegensätze sei, wie kein anderes der Erde". Was die Rechtspflege und das VerwaltunzSwescn überhaupt betrifft, so bietet Siam dasselbe traurige, trostlose Bild, wie dicßbezüglich China mit den habsüchtigen, das Volk auSsangendcn, parteiischen und tyrannischen Beamten, und vergebens haben sich einige wirklich edle Könige Siam'S in der jüngsten Zeit bemüht, die schweren Mißstände zu beseitigen. Recensionen und Notizen. Theologisch-praktische Monats - Schrift, Central- Organ der katbol. Geistlichkeit Bayerns. Unter Mitwirkung zahlreicher Gelehrter und Seelsorger herausgegeben von vr. Pell, Dr. Linsenmayer und Psr. Krick. Passern, Rudolf Abt. Nr. Mit dem Kalenderjahre 1893 schloß die von den Professoren vr. Pell, vr. Linsenmayer und Pfarrer Krick herausgegebene theologisch-praktische Monatsschrift, das Centralorgan der katholischen Geistlichkeit BayernS, den dritten Jahrgang ab. Wer während der drei Jahre des Bestehens genannter Monatsschrift sowohl den theoretisch-wissenschaftlichen, wie den praktischen Theil derselben aufmerksam verfolgte, muß sich wohl zum Geständnis; gedrungen fühlen, daß die verehrte Redaction die im Programm gemachten Versprechungen redlich eingelöst hat. Auf Grund zahlreich eingesandter Originalartikel wurvc den Lesern eine solche Fülle im großen und ganzen durchaus wissenschaftlich gediegener Abhandlungen wie praktisch bedeutsamer Fülle und seelsorglichcr Winke geboten, daß der bayer. Clerus nur mit großer Freude und gerechtem Stolze auf sein Centralorgan sehen kann. Speziell aus dein letzten Jahrgange seien zur Erhärtung unserer Behauptung nachstehende durchaus tüchtige wissenschaftliche Aufsätze und Abhandlungen hervorgehoben: Die soziale Bedeutung der Eheschließung, eine Serie von Artikeln aus der Feder des Lycealprofessors vr. Hans in Passau; Die Wirksamkeit der gefallenen Engel auf Erden von Dompropst vr. Pruncr in Eichstätt; Die niederen Weihen und der Subdiaconat von Pros. vr. Specht in Dillingcn; Naiffciscn- sche Darlehenskassen von Pfarrer Kaiser; Hcilsnotbwendigkeit der hl. Communion von Pros. vr. Lehringer in Eichstätt; Die Grabschrift des hl. Aberkios von Pros. vr. Weber in NegenS- burg; Die Früchte des hl. Meßopfers von Joh. B. Lobmann 8. ll.; Die Visio beatitiea, von Militärcurat Grüner in Nürnberg; Der bayerische Franziskaner Kaspar Schahger über Primat und allgemeines Concil von N. Paulus in München u. s. w. Diese ebenso trefflichen wie zeitgemäßen Artikel bieten eine kerngesunde theologische Nahrung und geben uns das Recht, der theologisch-praktischen Monatsschrift das beste Prognosticon auf eine herrliche Zukunft zu stellen. An diese wissenschaftlichen Abhandlungen reihen sich zahlreiche kasuistische Materien aus dem scelsorglichen Leben mit reicher Belehrung und fruchtbaren Winken. Es ist mit besonderer Freude zu begrüßen, daß dieser praktische Theil der Monatsschrift im letzten Jahrgang einen viel breiteren Boden gewonnen hat. Mit größter Sorgfalt wird sodann in unserer Monatsschrift das kanonistische und pfarramtliche Verwaltungsgcbict bearbeitet. Wenn wir die hier von Heft zu Heft mitgetheilten kirchlichen wie staatlichen Entscheidungen durchgehen, so müssen wir uns gerade von dieser Sparte eine nicht unbedeutende Förderung der Stellung des Klerus und damit auch seines Einflusses versprechen und werden wir nicht selten an das Wort des ehemaligen Kultusministers von Lutz erinnert: Wenn der bayer. Klerus sich stets vor Augen hielte, wie viele Rechte in Gemeinde und Schule ihm noch geblieben sind, so würde er nicht soviel über unwürdige Bevormundung durch die Staatöcuratel klagen. Es soll damit selbstverständlich der staatlichen Hinein- regicrung in kirchliche Verhältnisse nicht das Wort geredet sein, aber das muß sicher zugegeben werden, daß ein nicht unbedeutendes Quantum Wahrheit in jenem Dictum liegt und von Seiten des Klerus nicht in allwcg seine Rechte gekannt und wahrgenommen wurden. Möge auf diesem Gebiet die neue Monatsschrift eine stets fortschreitende Besserung bringen. WaS die wissenschaftliche Novitätenschau anlangt, so möchten wir wünschen, es möchte daS kritische Messer vielfach etwas schärfer und schonungsloser gehandhabt und den Recensionen über die wirklich ausgezeichneten Werke ein etwas breiterer Raum gegönnt werden. Besprechungen, wie diejenige über die Lehre von den hl. Sakramenten der katholischen Kirche von vr. Paul Schanz, halten wir entschieden für zu knapp und eng zugemessen. Freilich müssen wir zugeben, daß die Monatsschrift nur eine Novitätenschau halten und ein literarisches Fachblatt keineswegs ersetzen will. Wer aber nicht außer Acht läßt, wie wenig unserem fast durchwegs überbürdeten Klerus Zeit zur Lektüre von Literatnrblättern bleibt und wie wenige Seelsorgspricster sich darum solche Blätter halten, wird in der Novitätenschau ein entsprechendes Surrogat dafür wünschen. So hat unsere Zeitschrift in den wenigen Jahren ihres Bestehens sich bereits eine geachtete Stellung erobert. Wenn auch zugegeben werden muß, daß die Passauer theologisch-praktische Monatsschrift die volle Höhe der gleiche Ziele verfolgenden Linzer Quartalschrift noch nicht erreicht hat und sich der rcichgeschmückten edlen Schwester der benachbarten Donaustadt noch nicht ebenbürtig zur Seite stellen kann, so möge man bei gerechter Beurtheilung nicht aus dem Auge verlieren, daß die Linzer Quartalschrist mit dem neuen Jahre in den 47., das Centralorgan des ka tholischcn Klerus Bayerns aber erst in den 4. Jahrgang ein getreten ist. Wer sich die Mühe nicht gereuen läßt, die ersten Jahrgänge der österreichischen mit den Anfängen der bayerischen theologischen Zeitschrift zu vergleichen, wird nicht lange darüber zweifelhaft sein können, daß auch unser vaterländisches Organ einer herrlichen Blüthe entgegen gehen wird. Die Rührigkeit und Umsicht der vortrefflichen Redaction sowie das Vertrauen auf den tüchtigen Klerus BayernS sind nnö Bürge dafür, daß unsere Hoffnung uns nicht täuschen wird. Möge darum kein bayerischer Priester unterlassen, das Abonnement auf daS Centralorgan zu erneuern, sollte er aber bisher nicht Abnebmer gewesen sein, als Abonnent neu einzutreten. Der Preis, 5 Mark bei Bezug durch Post und Buchhandel und 6,20 Mark bei direkter Zusendung unter Kreuzband seitens der Verlagshandlung, steht mit dem trefflichen Inhalte und der soliden Ausstattung in keinem Verhältniß. 8 Unter den vier ersten Königen Bayerns. Nach Briesen und eigenen Erinnerungen von Luise v. Kobell. Zwei Baude mit 4 Pbotogravurcn und einer Chromolithographie, geh. 10 M. u. geb. 12 M. —-C. Geleitet von dem Streben nach schriftstellerischer Berühmtheit hat Luise v. Kobell aus ihrem umfangreichen, vierjährigen Tagbuch über verschiedene Dinge, Lebensverbältnisse, Männer und Frauen von allerlei Ständen und Berufszweigcn Auszüge gemacht, sie in zwei kleinen, elegant ausgestatteten Bänden chronologisch zusammengestellt und mit Redensarten aus den neueren Sprachen und dem Lateinischen gespickt, um sich mit einem Gelehrtennimbus zu umgeben. In der Einleitung theilt die Verfasserin dem Leser eine Reihe von Briefen mit, welche einen Einblick in das Familienlchen und die künstlerische Thätigkeit ihrer Ahnen gewähren und Streiflichter auf die Aufführung der französischen Emigranten in Deutschland und den Feldzug 1792 werfen. In einem Briefe ist ein edler Zug der Gemahlin des Psalzgrafen Max Joseph von Zwei- brücken, des künftigen Kurfürsten und Königs von Bayern, erwähnt, indem sie den Augnstincrmönchen in Spcyer, welche wegen der von den Franzosen geforderten Brandschatzung in die grösste Bedrängnis) gerathen waren, Hilfe leistete. In dem nächsten Kapitel über die ersten RcgicrungSjahre Max I. Joseph und den Rheinbund werden die Festlichkeiten während des Aufenthaltes des französischen Kaisers Napoleon I. in München (1606), die Vermählung der Prinzessin Anralie Auguste, des Kronprinzen Ludwig von Bayern (1810) und die Geburt eines Napolconischen Prinzen (1811) mit weiblicher Vorliebe ausführlich besprochen, jedoch nichts Neues vorgebracht. Die hervorragenden Männer der Wissenschaft und Kunst, sowie das Leben und Treiben in der Stadt München nach dem Wiener Congreß und die Festlichkeiten, welche bei der Verkündigung der Verfassungsurkunde (1818) und bei dem 25jährigen Nc- gicrungsjubiläum Max Josephs veranstaltet wurden, sind mit gewandter Feder geschildert. In der wahrheitsgetreuen Darstellung der Persönlichkeit des Königs Ludwig I., seiner Kunstliebe und Kunsthauten ist eine vortrefflich ausgeführte Photo- gravnre von einer Weinschenke in Rom hcigefügt, in welcher der bayerische Kronprinz Ludwig (1824) inmitten der damals berühmtesten Künstler in ungezwungenem, heiterem Gespräche verweilte. In dem kurzen Kapitel „Bayern und Griechenland" hatte Luise v. Kobell wieder Gelegenheit, an die Erzählung von ihrem Großvater, dem StaatSrath und Negentschaftsmitgliede Aegid v. Kobell, anzuknüpfen, dessen Briefe über den Aufenthalt Ludwigs I. in Griechenland (1836) sie veröffentlichte. Mit einer Skizze über das gesellschaftliche Leben in München unter König Ludwig I., über die Vermählung bayerischer Prinzessinnen und die Revolution 1848 vereinigte die Verfasserin die Erlebnisse in ihrer Kindheit und Mittheilungen ihrer Freunde und Verwandten aus jener Zeit; sie erzählt auch von Lola Montez, geht aber über das Verhältniß der spanischen Tänzerin zu König Ludwig I. und über deren Einfluß auf die Staatsgeichästc mit Stillschweigen hinweg. In der kurz bemessenen Abhandlung über die allgemein bekannten Bestrebungen und Verdienste des Königs Max II. auf dem Gebiete der Wissenschaft werden die gesellschaftlichen Abcndunterhaltungen der aus Norddeutfchland berufenen Gelehrten besprochen und der Weggang mehrerer dieser „Berufenen" aus München beklagt; allein diese hatten sich durch ihre Selbstüberschätzung und ihren Hochmuth in ganz Bayern so verhaßt gemacht, daß für sie der Aufenthalt in der Hauptstadt unbequem wurde. Die Briefe des gemütbvollcn Dichters Scheffel, welcher mit dem Juristen August Eisenhart, dem Bräutigam der Luise v. Kobell, Freundschaft geschlossen hatte, werden zum ersten Mal veröffentlicht. Der Eintritt Eiscnharts in'ö königliche Kabinet (1866) wird in Kürze berichtet. jedoch mit keinem Wort berührt, daß der Kabinctschef v. Pfistcrmcister wegen seiner conservativen Gesinnung von der liberalen Partei am und außer dem Hofe von der Seite des jungen Königs verdrängt wurde. Durch die Ernennung Eiscnharts zum Ministcrialrath und Kabinctschef (Januar 1870) kam Luise v. Kobell in die Lage, die Erbaulichkeiten der kgl. Residenz zu besichtigen und sie in fließender Sprache zu beschreiben. Von historischer Bedeutung ist das folgende Kapitel, welches die Entschließung des Königs Ludwig II. zur Mobilmachung des bayerischen Heeres (1870) behandelt. Mit lebhafter Phantasie sind der Einzug der bayerischen Truppen in München (1871), das vorjährige Jubiläum der Münchener Universität und die Vermählung des Prinzen Leopold mit der kaiserlichen Prinzessin Gisela beschrieben. Die Memoiren der > Luise v. Kobell schließen mit einer weitläufigen Erzählung eines ! Landaufenthaltes am Starnberger See, mit einer Schilderung der persönlichen Eigenschaften Ludwigs II. und mit der plötzlichen Entlassung des Kabinetschcss von Eisenhart (1876). »s» Fester (N.), Kurfürstin Sophie von Hannover. Hamburg, Richter. 8°34S. Verfasser, jetzt Privatdocent in München, bekannt als Herausgeber des badifchen Ncgestenwcrkcs und durch einige historische Aufsätze, läßt hier in der „Sammlung gemeinverst. wissenschaftlicher Vortrage, herausgegeben von Virchow und Wattcn- bach (vorher Holtzendorff), als Heft 179 den Vortrag erscheinen, den er am 7. März 1893 im Münchener Chemischen Hörsaale gehalten hat. Es ist eine ansprechend geschriebene, inhaltsreiche Biographie der 1630 geborenen und 1714 ge storbencn Tochter des „WinterkönigS", der Urenkelin der Maria Stuart und (als Mutter Georg Ludwigs von Hannover, des I. KönigS Georg von England und Mutter der Sophie Charlotte, der I. Königin von Preußen) gemeinsamen Stammmutter der Welsen und Hohenzollern, welche von ihrem „deutschen Aristoteles" Leibniz als „die große Knrfürstin" gepriesen wurde; eine Fürstin, die dem Historiker ein lebhaftes Interesse abgewinnt, eine Dame von „jener aufgeklärten, man möchte sagen confessionslosen französisch-holländischen Wcltbildung, welche den Frauen dcS pfälzischen Hofes eigen war" (Erdmanns- dörffer, deutsche Gcsch. II, 130), ohne tiefer entwickeltes religiöses Bedürfniß gleichwie ihr Bruder Karl Ludwig von der Pfalz und ihre Nichte, die berühmte „Liselotte", die den Kircbcn- schlaf für den der Gesundheit förderlichsten hielt. Freilich müssen wir fürchten, mit dieser Charakterisirungsweise dem Raisonnement zu verfallen, womit der Verfasser noch auf einer der letzten Seiten seines Vertrags sich ebenso gesucht wie überflüssig beeilt hat, den Gegnern JansscnS die Reverenz zu machen in der Anspielung: „Wir haben in unseren Tagen die glänzendsten Erfolge einer Geschichtsschreibung erlebt, die nur die Quellen reden läßt und sich dennoch, weil sie ihren Standpunkt der Ueberlieferung zu nahe gewählt hat, zu einer reineren historischen Auffassung der Dinge nicht aufzuschwingen vermag." Personal-Status der Lyceen im Königreiche Bayern nach dem Stande vorn 1. August 1893, zusammengestellt von Dr. Adolf Jobannes, Lycealprofessor älterer Ordnung. Drillingen 1893. I. Kellcr'sche Buchdruckern. LI Schon der Titel dieser Broschüre verkündet Interessantes; denn er besagt NcueS auf dem Gebiete der Statistik. Sicht man sich dann das Schriftchen selbst an, so findet man sich wirklich nicht getäuscht. Die erste Nummer: „Das Allgemeine über die Lyceen in Bayern" enthält bereits in kurzer und bündiger Zusammenstellung die wichtigsten Daten in Hinsicht auf Zweck und Unterricht der sieben bayerischen Lyceen und in Hinsicht auf Rang und Gehalt der Rektoren und Professoren an denselben. Die übrigen 4 Nummern sprechen, wie fast jede Statistik, hauptsächlich durch Zahlen und Namen. Besonderes Interesse erregt jedoch „III. Personalstand", wo man n. A. die frühere Stellung sämmtlicher Professoren zu erfahren Gelegenheit bat, und „V. Tabellarische Uebersichten". Hier ist in die Anzahl der Lehrkräfte zusammengestellt und ausfallender Weise erscheint dabei von den sechs vollständigen Lyceen das bischöfliche in Eichstätt als das mit den meisten (12) Professoren versehene, während das königliche Lyceum in Dillingen um ein ganzes Drittel weniger als das genannte ausweist. Nicht minder von Bedeutung ist „0", wo in genauer und klarer Uebersicht gezeigt wird „die Anzahl der Wochcnstunden, in welcher die einzelnen Disciplinen in den philosophischen und theologischen Sektionen der Lyceen vorgetragen werden". Welche Verschiedenheit tritt hier zu Tage in Bezug sowohl auf die Diciplinen selbst an den einzelnen Anstalten als auch in Bezug auf die Zeit, die auf diese Fächer verwendet wird! Ein wahres Mosaikbild bietet diese letzte sorgfältige Zusammenstellung. Bei den „OorriZ'öucla," auf der Schlußicitc ist Einzelnes, jedoch nichts Sachliches, übersehen. Da auch der Preis der instrnctivcn Broschüre sehr niedrig gestellt ist, so dürfte sich dieselbe den Interessenten zur Anschaffung sehr empfehlen. Berichtigung. In ObronoloZin IVillibcrlüina, Nr. 52 S. 3 A.56 ist zu lesen statt XI (6srm. srwra. III, 34); A. 59 statt Häuschen Herrschen, und A. 61 statt clio üioo. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas ck>, weil ich schmerzlich wünsche, Daß für mich, alö ich geboren wurde, So ein edler Mensch gcbeter hätte." Leider fing Hebbel wieder eine neue Liebschaft an mit einer Patrizicrstochter, Namens Emma, und ging so weit, diese Liebe seiner Elise in glühenden Farben zu schildern. In einer der Quellen, die dem Verfasser zu Gebote standen, hat ein Leser früherer Zeit zu diesem Brief mit Bleistift die Randbemerkung gemacht: „Abscheulicher Kerl!!", ein gewiß sehr herber Ausdruck, aber doch wohl füglich berechtigt und gerechtfertigt; wir selbst möchten beisetzen: „Rücksichtsloser Mensch I" Als zweites Drama dichtete Hebbel seine „Geno- vefa", welche schon vorher von Tieck und Nampach bearbeitet war, im kurzen Zeitraum von einem halben Jahre war sie fix und fertig, in siebertscher Hitze und Eile wurde gearbeitet, sogar bisweilen das Mittagessen vergessen, und was kam heraus? ein ziemlich verfehltes Stück trotz mancher Schönheiten. „Auch hier", sagt König," that er seinem Urbilds Gewalt an. Seine Genovcfa ist eine über alles Maß wortkarge Heilige, die selbst für das Schändlichste keine Aeußerung des Abscheues und der Entrüstung übrig hat; Golo eine allmählig zum Teufel gesteigerte Mischung der Don Juan- und Faustnatur. Zum Schluß gibt der Schurke sich freiwillig den Tod, anstatt ihn, der Sage gemäß, von Henkershand zu erleiden". Fr. Dingclstedt sprach sich in mehreren Briefen an Hebbel anerkennend über dieses Stück aus, wie er denn auch die Ausführung desselben sehr angelegentlich betrieb. Nun warf er sich auf ein früher begonnenes Lustspiel „Der Diamant", um alsbald wieder eine Novelle „Mattes" zu schreiben, das als ein Nachtstück bezeichnet werden muß. In diese Zeit fällt der große Brand von Hamburg, über den Hebbel schreibt: „Mir war es, als ob ich nichts Gegenwärtiges sähe, aber die ungeheuersten Bilder der Vergangenheit standen vor meinem Blick: ich sah Carihago mit dem zerschmelzenden Moloch, ich sah Perfepolis und die tanzende Thais, ich sah Moskau und den Imperator, wie er unwillig und finster den Kreml verließ, bei dem nüchternen Tageslicht besah man sich mit Schauder und Entsetzen den Leichnam einer Stadt." Das gleiche Jahr führte ihn in Hamburg mit Uhland und feiner Frau zusammen, und er sagt von dem schwäbischen Dichter: „er war sehr herzlich und liebevoll, als ob wir alte Freunde wären, nicht starr und kalt, wie die meisten ihn finden und wie ich ihn selbst 1836 auch fand. Aeußerst anspruchslos, schwer im Reden, aber auf eine naive, rührende Weise. Freue mich." Allerdings, Müssen wir beisetzen, dauerte der Besuch Uhlands nur einige Augenblicke, da der Wagen mit seinen Damen vor Hebbels Hause hielt. Dann ging's planlos auf Reisen, nach Kopenhagen, Paris, Italien, Wien, wohin auch wir den ruhelosen Mann kurz begleiten wollen. Er fuhr nach Kopenhagen, die See ging hoch und stürmisch, worüber sich Hebbel folgendermaßen ansläßt: „Ich ahnt' cö längst! die grollenden Titanen Sind aus dem Schlummer wieder aufgestört, Und haben, an die alte Nacht zu mahnen, Jedwedes Element der Welt empört." Das Hotelleben war ihm eincstheils zu theuer, anderntheils zu nobel, so daß er alsbald ein Privat- zimmer bezog, Besuche bei hohen Würdenträgern wurden gemacht, er erhielt Einladungen von vielen Seiten, was ihm mitunter sehr unangenehm war, da es ihm an der Handhabung der gesellschaftlichen Formen ordentlich fehlte. Endlich erhielt er Audienz bei dem König Christian VIII. und ging dabei dem Hofmarschall nach, „wie die Jolle dem stolzen Jagdschisf". Er bat um eine Professoratsstelle für Aesthetik und Literatur, dann gab er sich zufrieden mit einer Privatdozentenstelle — es wurde nichts 11 daraus, da er keine Universitätsstudien gemacht hatte, kein Geld und keine Lust zum Studieren auf der Universität hatte, auch von einer Disputation wollte er auf Anregung des KönigS nichts wissen, der zudem seine Judith etwas zerzauste, kurz, die guten Hoffnungen erfüllten sich nicht, die er gehegt, aber Eines schlug er heraus auf Empfehlung Adam Oehleuschlügers und Thorwaldsens, einen Brief Collins mit dem kostbaren Inhalt: daß der König Hebbel ein Neisestipendium von sechshundert Neichsthalern jährlich auf zwei Jahre bewilligt. „Zwei sorgenfreie Jahre habe ich vor mir und diese will ich redlich benutzen." Ueber Thorwaldsens „Ganymed und der Adler" war unser Dichter so entzückt, daß er sofort ein Gedicht über dieses Prachtwerk machte mit dem Eingangsverse: „Knabe, süßer, wunderbarer, Unterm Kuß des ZenS gereift, Blüthe, die in leuchtend klarer Schönheit nie der Wind gestreift." Ueber Hamburg, wo er einigen Aufenthalt bei Elise nahm, ging es nun 1843 nach Paris, wo ihn besonders Heine sehr liebevoll aufnahm, fast könnte man sagen: Gleiche Vrüder, gleiche Kappen! Bald machte er sich an ein bürgerliches Trauerspiel und bald war es vollendet, nämlich „Maria Magdalena". Wenn heutzutage neu- modische französische und auch deutsche Dramaturgen sich gefallen, Stücke zu schreiben, wo Mord und Todtschlag, Ehebruch und anderes Unsittliche die Hauptrolle spielen, so daß am Ende der Witz eines Bauern, der in einem Theater zu Berlin sagte: „jetzt sind alle caput, jetzt wird das Stück anS sein", Wahrheit ist, jedenfalls Wahrheit enthält, so ist dies, um mit Ben Akiba zu reden, alles schon dagewesen, denn die Maria Magdalena Hebbels ist Beweis hiefür. Wie der Autor auf den Titel kam, ist nicht ersichtlich, aber das ist aus dem Stück ersichtlich, daß ein einziger Mann in einem einzigen Stück Diebstahl, Entehrung, Untreue, Selbstmord, Kindsmord und anderes haarsträubendes Zeug nie wird so realistisch über die Bühne marschiren lassen können, wie Hebbel es in diesem Stück gethan — gottlob, es ist auch gar nicht nöthig. Berlin wies das Stück zurück, Paris führte es auf, jeder hat eben seinen besonderen Geschmack. Auch in den folgenden Stücken, um dieselben kurz und bündig abzumachen, die der Dichter in Wien schrieb, wohin er sich von Paris aus begab, herrscht das Absonderliche und Greuliche vor, obwohl natürlich in jedem sich auch poetische Schönheiten finden; Hebbel ließ eben in sittlicher Beziehung die Zügel schießen, wie der Freund in Paris — Heine. In seinen Stücken findet sich, wie Julian Schmidt sagt: „bei den rasfinirien Empfindungen und der künstlich gesteigerten Hitze die frostige Sprache der Reflexion." Bei Thorwaldsens Tod war Hebbel sehr ergriffen: „so sterben die Götter! so starb Göthe, Shakespeare, so würden wir alle sterben, wenn das Leben sich naturgemäß entwickelte". Er dichtete auf Thorwaldsen und soll eine Strophe aus dem Gedicht auch hier ein Plätzchen finden. „Thorwaldsen folgt, der letzte wohl im Zug. Der aus dem Marmor gricch'schcS Feuer schlug, Der das, waS werden sollte und nicht ward. Weil eö im Werden selbst schon halb erstarrt, Das ungcschaff'ne Urbild allcö Seins, Erlöste aus dein spröden Schooß des Steins." In dieser Zeit erklärte sich die Universität Erlangen auf eifriges Betreiben des alten Rousseau hin bereit, auf Grund einer Abhandlung Hebbel den Doctorgrad zu ertheilen. Er reichte eine Arbeit ein, beantwortete die ihm zugesandten „kindleichten" Fragen, die Abhandlung wurde als gut befunden, den Doctorhut erhielt er aber erst nach zwei Jahren, da er früher die hiefür nothwendigen Taxen nicht bezahlen konnte. Am 3. Oktober 1844 ist Hebbel in Nom. „Ja eS ist Alles belebt in Deinen heiligen Mauern, Ewige Noma, nur mir schweiget noch Alles so still." So begrüßte er die heilige Stadt und setzen wir bei: es muß im Herzen eines Mannes, der zum erstenmale die ewige Noma betritt, eben noch etwas sitzen, was in Hebbels Herz fehlte, und was unsere Leser gewiß selbst errathen, wenn nicht „alles so still schweigen soll", wie bei Hebbel! In Nom selbst verkehrte er besonders gern und viel mit den deutschen Künstlern, besuchte fleißig die großartigen Kunstsammlungen und war besonders begeistert im Vatikan vom Apoll und der Laokoongruppe, welche er mit den Händen befühlte zum Zeichen der „geistigen Besitzergreifung".(!) Charakteristisch ist es, daß er bei den herrlichen Ceremonien der heiligen Charwoche kalt blieb, während schon viele, viele, selbst Ungläubige, von diesen tief erschüttert wurden nach ihren eigenen Bekenntnissen. Hebbel suchte eben auch in der „ewigen Noma" mitunter höchst Zeitliches, nicht am wenigsten auch galante Abenteuer; Elise drang jetzt auf Heirath, Hebbel wollte nichts davon wissen. Eines muß man ihm lassen, er dichtete auch in Nom fleißig, wodurch mitunter auch recht Schönes entstand, so seine Sonetten: „An den Künstler", „Das Opfer des Frühlings" und andere mehr. Am 29. Oktober 1845 verließ er die ewige Stadt und hinterließ — Schulden und hatte dabei „keine Kleider, o Du hast recht, Elise! ich schwimme in Genüssen aller Art!" Eine solche Interjektion kann man füglich doch wohl mit Recht als eine Art Galgenhumor auffassen und bezeichnen. Es ging nach Wien, wo er fünf Jahre verweilte. Die dortigen Künstler kamen Hebbel auf das Freundlichste entgegen, besonderes Gefallen fand letzterer an dem „leidenden" Grillparzer. In Wien war es auch, daß er sich verlobte mit Fräulein Christine Enghaus, die er auch im Jahre 1847 heirathete. Wir sind nicht berufen, den Dichter wegen dieses Schrittes zu verdammen, aber auch nicht berufen, ihn zu vertheidigen, wie dies einzelne gethan haben; wir sagen nur: Elise, die „Angebetete", lebte, sie war Mutter von zwei Kindern, sie hatte ihr Vermögen mit Hebbel getheilt, ihn stets unterstützt und Hebbel wurde der Mann einer Andern! und ihr Besitz „erfüllte mich mit einem Glücksgcfühl, das ich bis dahin nicht gekannt hatte"! Seine „Maria Magdalena" wurde in Wien aufgeführt, mehr aber wegen gewisser Schauspieler und Schauspielerinnen, als wegen des Stückes selbst, das denn auch eine sehr getheilte Aufnahme fand. Damals vollendete er auch sein Trauerspiel „Julia". Auf Betreiben Christine's kam Elise nach dem Tod ihres zweiten Knaben auf Besuch nach Wien und schied „wehmüthig, aber in wirklichem Frieden", nach längerm Aufenthalt wieder nach Hamburg zurückkehrend. Mit seiner „Judith" hatte Hebbel Glück auf dem Burgtheater, vielleicht auch, weil Christine selbst die Judith spielte, die nach den Worten des Dichters selbst „wie der Adler auf den HoloferneS loskam"; hiegegen erfuhr seine Tragödie „Herodes und Marianne" eine vollständige Niederlage. Die Tragödie wurde einmal aufgeführt und dabei blieb eS! Auch sein Märchenlustspiel „Der Rubin" wurde zwar aufgeführt, 12 das Publikum war „in heiterer Laune", aber es verschwand alsbald auch wieder vom Repertoire. Andere kleinere Arbeiten können mit Fug und Recht übersprungen werden. Der neue Hofburgtheaterdirektor Heinrich Laube und mit ihm Andere waren dem Dichter zudem nicht gewogen, so das; er zur damaligen Zeit kein Glück hatte, „auf der Bühne erscheinen zu können", denn auch hiczu sind vielleicht mehr als anderswo Vetter und Basen von größter Nothwendigkeit. Mehrere Gedichte aus damaliger Zeit athmen wiederum recht poetischen Geist aus, u. a. auch das auf die Sixtiuische Madonna in der Gemüldegallerie zu Dresden mit dem Anfangsvers: „Das hätt' ein Mensch gemacht? Wir sind betrogen! Das rührt nicht her von einer irdischen Hand! DaS ist entstanden wie der Regenbogen, Und auch, wie er, ein göttlich Unterpfand!" Nach einem kürzeren Aufenthalt in Berlin kam Hebbel wieder nach München, wo er in Ehren stand. Der kunstsinnige König entließ ihn nach einer sehr gnädigen Audienz mit den Worten: „ich wünsche, daß es Ihnen noch länger bei uns gefallen möge, und ich hoffe, Sie nicht zum letzten Male gesehen zu haben". Später sagte der König zu Dingelstedt: „ich bin seit lange von keinem Mann so angeregt worden, wie von Hebbel". Er arbeitete seine „Agnes Bernauer" aus, aber Melchior Meyer, der Bayer, war ihm mit seinem eigenen Opus gleichen Namens zuvorgekommen, er dichtete sehr fleißig, so spricht er die Arcaden an: „O Park, sei mir gesegnet! Bleib ewig frisch und grün, Und wcnn's nur einmal regnet, So sollst du zweimal blüh'nl In jedem deiner Gänge Verlier' ich mich mit Lust, Denn jeder hat Gesänge Gehaucht in meine Vtnst." Er war in München, was bei Hebbel sehr viel heißen will, zufrieden mit sich und der Welt, „ich stehe auf der Höhe meiner Existenz und freue mich jeden Tages". Allein wie der Schmetterling von einer Blume zur andern fliegt ohne Rast und ohne Ruh', so war auch Hebbel der reinste Schmetterling und zog von München wieder nach Wien, obwohl er am letztgenannten Platze bittere Erfahrungen gemacht hatte. Ende des Jahres 1854 starb Eltse, die er nebst seiner Frau stets unterstützt hatte, er beklagte den Tod derselben bitter und „will niemand lieber als ihr in den reineren Regionen begegnen, wenn sie sich dereinst mir erschließen". Seine erste Gönncrin Amalie Schoppe wanderte zu gleicher Zeit nach Anierika aus, um bald darauf auch zu sterben. Anfang des Jahres 1856 begann er sein letztes Werk, die Trilogie der „Nibelungen", welche trotz allzuvielen Reflektirens und Moralisirens der Helden ohne Zweifel eine hervorragende Dichtung von hoher Schönheit ist, freilich ist das Werk ungcmein schwierig zum Aufführen. Doch es wurde aufgeführt und zwar an vielen Bühnen. In Wien wurde er nach der Aufführung im Burgtheater sozusagen der Löwe, der Held des Tages, er wurde geehrt mit Gedichten, Geschenken, Telegrammen und neuen Titeln, er schwamm in Wonne; die Ehrungen wiederholten sich an seinem fünfzigsten Geburtstage in vermehrter Auflage. So ernannte ihn der Großherzog von Weimar zum Hofbibltothekar, die Großherzogin sandte einen prächtigen silbernen Pokal rc. Daneben dichtete Hebbel noch sehr viel, fast zu viel, er schonte sich zu wenig. In seinem „Sommerbild" singt er: „Ich sah des Sommers letzte Rose steh'n, Sie war, als ob sie bluten könne, roth; Da sprach ich schauernd im Vorübergeb'n: So weit im Leben ist zu nah am Todt" Auch der Dichter war „nah am Tod", an seinem 50. Geburtstag lag er zu Bett, sich freuend an den Ehrungen; rheumatische Schmerzen, Gichtanfälle, „alte Bekannte", plagten ihn bedeutend; „schwer ist der Kopf, steif ist das Kreuz, aber Geduld muß man haben", und er hatte Geduld. Große Freude bereitete dem Leidenden die Nachricht, daß den „Nibelungen" der vom König von Preußen ausgesetzte Preis von tausend Thalern zugesprochen sei. Bei der Nachricht davon rief er aus: „Das ist Menschenloos, bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher." Auch Bäder konnten nichts mehr helfen, die Qualen wuchsen und in den Qualen entstand noch sein Gedicht „Der Brahmine", nach dessen Vorlesen die Frau des Dichters ausrief: „Friedrich! das ist dein Testament!" Und so war es, der Tod war nicht mehr abzuwenden, die Krankheit stellte sich heraus als Erweichung der Wirbelsäule und der Nippen, und Hebbel starb am 13. Dezember 1863. Auf das einfachste wollte er beerdigt sein, wie er in seinem Testamente, das begann: „Der Tod ist gewiß, die Stunde aber ungewiß", bestimmt hatte, „am liebsten wäre es mir, wenn mein Leichnam den Flammen übergeben würde, kann dies nicht sein, so muß es davon sein Abkommen haben, jedenfalls keine Todesanzeige, keine Trauerzcttel, kein Leichengcfolge und keine Rede am Grabe." Universalerbin war seine Frau. Das „Trauergefolge" war doch großartig, der akademische Gesangverein ließ seine Weisen ertönen auf dem evangelischen Gottesacker zu Matzleinsdorf bei Wien, wo Friedrich Hebbels leibliche Ueberreste ruhen bis zum allgemeinen Auferstehungstage. Aus dem Leben zweier edlen kalhol. Frauen. Von Frhr. T. zu W. (Fortsetzung.) Leider gibt ihr Biograph keine Andeutungen, welche Persönlichkeiten auf Elisabeth von maßgebendstem Einfluß waren. Die Erinnerung an ihre Freunde in Li- vorno konnte nicht wohl genügen. In Nord-Amerika war damals die römisch-katholische Kirche die unterdrückte. Sie genossen nicht mehr Freiheit als die Protestanten in katholischen Staaten. Englische Puritaner und Quäker, die ihre Heimath verließen, weil ihnen die verlangte Cultusfreiheit nicht gewährt wurde, hüteten sich wohl, in Nord-Amerika, wo sie den größten Einfluß hatten, diese Freiheit den Katholiken zu bewilligen, eine Methode, welche vielfach die Freisinnigen unserer Tage befolgen. In einer solchen Umgebung war Elisabeth Seton erzogen worden; solche oder ähnliche katholischfeindliche Gesinnungen herrschten in ihrem elterlichen Hause ohne Zweifel vor; sie wurde von Persönlichkeiten getheilt, an denen sie mit der ganzen Gluth ihres feurigen Herzens hing. Leicht wurde ihr gewiß der Uebertritt nicht gemacht. Einen solchen inneren Kampf wird sie wohl an dem entscheidenden Tage gehabt haben. Sie sah diesen Moment zeitlebens als eine besondere göttliche Fügung an. Sie ging an einem Hause vorbei in einer entlegenen Straße New-Iorks, aus dem ein herrlicher Gesang ertönte. Bei v 13 dem Hören dieser erhebenden Melodien, deren sie sich wohl noch erinnerte aus Livorno's Dome und den Kirchen Italiens, kam es ihr wie eine Inspiration, in das Haus einzutreten. Aus ihres Herzens Grunde richtete sie ein Stoßgebet zu Gott, er möge ihr das Richtige eingeben, solle sie eintreten oder nicht. Eine innere Stimme sagte ihr: Tritt ein! Kein Zweifel mehr möglich. Nicht die kirchlichen Melodien allein bewegten ihr Herz, mehr noch die Worte, welche der Priester an die Anwesenden richtete. Von des Heilands Worten an die Mühseligen und Beladenen, zu ihm zu kommen, ausgehend, zeigte er, daß auf Erden die von Christus gegründete Kirche die Stätte sei, an welcher in seinem Namen und Auftrag die Mittel des Heils in den heiligen Sakramenten gespendet würden. Allerdings hatte Elisabeth Seton bisher auch einer christlichen Kirche angehört. Allein diese bot ihr nicht, wessen sie bedurfte, was sie suchte, den Seelenfrieden. Nun hatte, nach langen inneren Kämpfen, auf einen letzten Angstschrei ihrer nach Frieden ringenden Seele, Gott ihr auf so deutliche Weise seinen Willen kundgegeben. Sie konnte — und mit Recht — nicht glauben, ein bloßer Zufall habe es gefügt, daß sie eben in diesem Augenblicke an dem Hause vorbeigehe, aus der ihr im Kirchengesange der Ruf kam: Tritt ein! Wie sollte etwa der zur Gemeinde sprechende Priester wissen, daß eine ihm ganz fremde Persönlichkeit eben eintrete, auf die seine Worte einen für ihr Leben entscheidenden Eindruck machten? Nicht nur in ein dem katholischen Cultus geweihtes Gebäude trat Elisabeth Seton, sie trat bald darauf in die römisch-katholische Kirche ein. Elisabeths Biographie gibt leider auch darüber keine näheren Umstände. Sie sind vielleicht in einer früher erschienenen Lebensbeschreibung dieser seltenen Frau enthalten?) Am 14. März 1805 machte sie den wohl erwogenen und würdig vorbereiteten Schritt. „Mir war zu Muthe", schreibt sie bald nachher, „wie dem heiligen Petrus, als ihm im Kerker die Fesseln herabfielen." Im höchsten Grade intolerant und exclusiv auch den Protestanten gegenüber, die sich nicht ihren Kreisen anschließen, mußte die protestantischen Puritaner Elisabethens Uebertritt in die höchste Wuth versetzen. Fast alle ihre Verwandten, ihre Bekannten zogen sich von ihr zurück, vermieden mit Absicht mit ihr jeden Verkehr, versagten ihr auch eine materielle Hilfe, die sie in ihrer Lage so bedurfte, und die ihr, wäre sie Puritanerin geblieben, schwerlich vorenthalten worden wäre. Elisabeths edle Seele und christliche Gesinnung zeigte sich nun auch im schönsten Lichte. Alan hörte nie aus ihrem Munde einen Tadel, oder gar ein von Groll zeugendes Wort über dieses recht unchristliche Benehmen. Im Gegentheil, sie versicherte, ihre Liebe gegen ihre jetzigen Feinde sei nicht erkaltet, im Gegentheil. Elisabeths Kinder blieben bei ihr. Es mögen gewiß Seitens ihrer Feinde Schritte gethan worden sein, ihr auch diesen Trost zu rauben. Sie blieben vergeblich, denn Elisabeth bestand auf ihrem zweifellosen Rechte. Verlassen von ihren ehemaligen Freunden, voll der Sorgen eine Familie zu ernähren, sah sie sich vor dem bittersten Elende. Sie wankte in ihrem Muthe und Gottvertrauen nicht. Sie wollte eine Privatschule für kleinere Kinder gründen. An Kenntnissen und Fähig- Nir-Lbotk 8eton st Iss oommencemonts äs I'üoligs ostboligus Lux Ltats-IIms: xsr Llsäsms äs Larirsrs^. keiten fehlte es ihr nicht. Ich habe es bisher unterlassen, besonders darauf hinzuweisen, daß Elisabeth Seton eine treffliche Erziehung genossen, wodurch ihre reichen geistigen Fähigkeiten entwickelt und auf die richtige Weise gefördert wurden. Da, in ihrer höchsten Noth, sandte ihr Gott einen wahren Freund. Dieser Mann war Abbs du Bougg. Von den Folgen der französischen Revolution gezwungen, sein Vaterland zu verlassen, war er nach Nord-Amerika ausgewandert, und war nun Superior des Klosters St. Maria von Baltimore. Der Abbö sah gleich, daß Elisabeth Seton nach den Kränkungen, die sie in New-Iork erdulden mußte, dort nicht bleiben konnte. Er veranlaßte sie, nach Baltimore zu ziehen, dort werde sich leichter ein Feld zur Entfaltung einer regen Thätigkeit, die ihren Kenntnissen und Fähigkeiten entspreche, finden. Seine Bemühungen hatten Erfolg. Man hatte in katholischen Kreisen Baltimores den Plan gefaßt, eine katholische Anstalt zu gründen, in der nicht nur katholische Kinder in den Lehren ihrer Kirche erzogen, eine in diesem Geiste geleitete Schule sich vorfinde, sondern in welcher auch alte, kranke Confessionsgenossen Pflege und Aufnahme finden würden. Der römisch- katholische Erzbischof behielt sich die Oberaufsicht vor. Noch fehlte die zur Leitung einer solchen Anstalt befähigte Persönlichkeit, als der Abbs auf Elisabeth Seton aufmerksam machte. Die verfügbaren Mittel gestatteten nur einen kleinen Anfang. DaS Lokal, damit auch die Zahl der Aufzunehmenden, war beschränkt. Vielleicht sind es eben diese scheinbaren mißlichen Umstände, welche Elisabeths Glaubensmuth und Energie bewogen, freudig die angetragene Leitung zu übernehmen. Ihr Leben war von diesem Tage an ein wahres Noviziat. Sie, die gewesene Puritanerin, an das kalte, formlose, in die engen Schranken einer verkehrten Weltanschauung gebannte Wesen gewohnt, sah sich unvermittelt in katholisches Leben versetzt, von Katholiken umgeben; dies Alles mußte ihr neu und ungewohnt vorkommen. Sie fand sich bald in ihre neuen Obliegenheiten, mit der ihr eigenen Elastizität des Geistes, und diese mit strengster Erfüllung ihrer Pflichten verbindend. Der Erfolg blieb nicht aus. Ein angesehener Bürger von Baltimore, Herr Cooper (Protestant?), stellte Elisabeth Seton eine Summe zur Verfügung, um damit ein größeres, zweckentsprechenderes Gebäude herzustellen. Es sollte auch ein neues HanS gebaut werden, um darin Erwachsene und Kinder aufzunehmen, die in der Lage waren, einen angemessenen Beitrag zu bezahlen. Diese Einnahme sollte zur Deckung anderer Ausgaben für Arme verwendet werden. Elisabeth Seton mußte sich natürlich bei der Zunahme des Werkes nach geeigneten Hilfskräften umsehen. Sie fand sie. Die Neubauten wurden nicht in Baltimore selbst, sondern in einem Dorfe in nicht zu großer Entfernung, Emitsburgh, gebaut. Der Erzbischof von Baltimore wünschte schon lange diesen Anstalten einen geistlichen Charakter zu geben. Elisabeth Seton selbst trat nicht eigentlich als Supenorin eines weiblichen Ordens auf. Ich vermisse Näheres darüber in Herrn de.Saint-Amand's Buch. Dennoch übertrug ihr der Erzbischof die Oberleitung der Anstalten und verlieh ihr das Recht, sich Mutter Eltsa- bethzunennen. Ihre Gehilfinnen legten aber Profeß 14 ab. Erst später traten sie in den Verband des Vaters St. Vinzent v. Paula als Schwestern zum heil. Joseph und standen unter der Leitung des Obern dieses Ordens in Frankreich. Der Ruf dieser Anstalten verbreitete sich bald in allen nordamerikanischen Unionsstaaten. Viele Freunde und Verwandte Mutter Elisabeths, welche sich, wie erwähnt, von ihr abgewendet hatten, konnten nicht anders, als die außerordentlichen Eigenschaften, mit denen sie so Vieles erreichte, anerkennen, und die meisten traten wieder mit ihr in Verkehr. Ihre Schwägerinnen Henriette und Cäcilia Seton zogen zu ihr, nachdem ihre drei Töchter Anna, Nebekka und Katharina schon länger bei ihrer Mutter weilten. Der Zeitpunkt, wann letztere dem Beispiele ihrer Mutter folgend auch zur katholischen Kirche übertraten, ist nicht angegeben. So wuchs und gedieh die Anstalt, zur Ehre Gottes und den armen Mitmenschen Zum Besten, fort. Doch recht trübe Tage sollten noch über Mutter Elisabeth kommen. An einem herrlichen Morgen machte Mutter Elisabeth mit einigen Schwestern und Kindern einen Spaziergang in die schöne Umgebung Emmitsburghs. Sie hatte schon einigemal ihr Bedauern ausgesprochen, daß die Anstalten keinen eigenen, geweihten Kirchhof besitzen, aber die Mittel erlaubten nicht die Erwerbung eines theueren Platzes. An einer besonders schönen, von herrlichen Bäumen umgebenen Stelle rief Henriette Seton: „Ach hier ist es so schön! Hier möchte ich begraben sein!" „Ich auch" erwiderte ihre Mutter. Einige Tage später erfuhr Mutter Elisabeth, daß eben dieser Platz unter günstigen Bedingungen käuflich sei. Sie war nicht die Frau, eine solche Gelegenheit achtlos vorübergehen zu lassen. Sie trat sogleich in Unterhandlungen, die auch bald Erfolg hatten. Kaum war der Platz gekauft und zum Kirchhof eingeweiht, erkrankte Henriette Seton. Sie war die erste, die dort begraben wurde, auf jener Stelle, wo sie den Wunsch aussprach. Unvermuthet schnell rief Gott sie von dieser Welt ab. Der Leidenskelch war noch nicht geleert. Auch Mutter Elisabeths Tochter Anna, 17 Jahre alt, ein Engel an Schönheit und Liebreiz, bereitete sich eben mit vollster Inbrunst vor als Novize in ein Kloster zu treten, als auch sie erkrankte. Ihr stand eine lange, schmerzvolle Krankheit bevor. Es ist leider des Raumes wegen nicht möglich, auch nur Auszüge aus Mutter Elisabeths Briefen über die Krankheit und den Tod ihrer Tochter mitzutheilen. Nicht die Kranke, sagt sie, sondern die Gesunden, welche sie umgaben und pflegten, benöthigten und empfingen Trost von der Sterbenden. Ihr Antlitz erstrahlte schon vor ihrem Tode in einem fast überirdischen Glänze. Vier Jahre später folgte auch ihre jüngste Tochter Nebekka im Tode ihren Schwestern, auch erst nach vorangegangenen schweren Leiden. Eine große Freude nach so vielem Kummer sollte Mutter Elisabeth noch erleben. Es war einer der schönsten Tage ihres Lebens. Der Druck, zum Theil die Verfolgungen, unter denen die katholische Kirche, auch nachdem die nordamerikanischen Staaten sich von englischer Vormundschaft „freigemacht" hatten, lag, wurde gesetzlich durch den Congreß gehoben, und sie konnte sich so frei und mit demselben Rechte entfalten, als die evangelischen Kirchen und deren Secten. Damit schien das Tagewerk Mutter Elisabeth Setons beendet zu sein, ihre körperlichen, aber nicht die geistigen Kräfte gingen zur Neige. Am 4. Januar 1821 starb sie, in einem also keineswegs hohen Alter. Aber von diesen 47 Jahren waren mehr als 20 Leidensjahre gewesen. Ihre Leitung der Anstalten, die auch manche Sorgenstunde für ihre Insassen zur Folge hatte, nahmen ihre vollste körperliche und geistige Kraft in Anspruch, so daß man sagen kann, sie starb auf dem Felde der Ehre, als Streiterin Gottes. Ihre Werke aber bleiben. Ein einfacher Stein bezeichnet ihre Ruhestätte, und im ärmlichen Zimmer, das sie in der Anstalt inne hatte, mit einem fast armseligen Bett, zeigt eine Inschrift, wer dort wirkte und starb. Gewiß war Elisabeth Seton eine edle Frau! (Schluß folgt.) S i a in. Von I. G. Fußcuccker. (Schluß.) Zur Geschichte SiamS. Die crstcn unö bekannt gewordenen historischen Urkunden von Siam stammen anö dem dritten Dccennium des 7. Jahrhunderts n. Chr., anö der Zeit von 635—638. Im 13. Jahrhundert war daö Reich, nach langen und schweren Kämpfen zwischen den Ureinwohnern und den Angedrungenen Mongolen, Chinesen und Hindn, unter Königen zur Blüthe gelangt; hatte aber dann Jahrhunderte hindurch viel von den raubgierigen Nachbarstaaten, besonders von Birma, zu leiden. Das war hauptsächlich der Fall um die Mitte dcS vorigen Jahrhunderts. Damals hatte ein Emporkömmling, ein birmanischer Bauer Namens Alombra, sich zum HecrcS- führer emporgeschwungen und durch seine Kriegsmacht die Landschaften Pegu, Ära und Arcann erobert und mit Birma vereint. Dieses neue Reich Birma trat i. 1.1759 mit dem Reiche Siam in Krieg, bei welchem letzteres außerordentlich viel gelitten. Es war ein „siebenjähriger", blutiger Krieg, wobei die alte Hauptstadt SiamS — Ajuthia — nach zweijähriger Belagerung von den Birmanen erobert und zerstört worden. Da die Birmanen jedoch einsahen, daß Siam zu weit ausgedehnt sei, um ihre Herrschaft über dasselbe dauernd begründen zu können, begnügten sie sich mit Plünderung, Zerstörung der Städte und dem Fortschleppen der Gefangenen in die Sklaverei. Da erhob sich im trauernden Siam das Näubcrwesen und ein gegenseitiger Vernichtungskrieg. In diesem jammervollen Zustand, welcher das herrliche Land dem Barbarismus preiszugeben drohte, erstand endlich ein Netter. Dieß war der Held Pin-Tak, ein geborener Chinese, der zuerst in seiner Vaterstadt Tiak und dann im nördlichen Siam als Unterbcamter des letzten KönigS gedient hatte. Pin-Tak, der sich später Phay-Tak nannte, sammelte den Nest der siamesischen Streitkräfte im Süden des Reiches, überfiel an der Spitze von zehntausend Mann den birmanischen Feldherrn Phaya-Nakong bei Bangkok, tödtcte ihn, zerstreute sein Heer und nahm ihm die ganze ungeheure Kriegsbeute ab. Er wählte Bangkok zur neuen Hauptstadt und befestigte sie. Die verlorenen Provinzen eroberte er zurück, stärkte seine Herrschaft durch ein Bündniß mit Annam und Cambodscha, bevölkerte daö Land wieder und schuf ein neues, reges Leben durch Kolonisation, Handel und Völkerverkchr. Phay-Tak war in der That der Netter SiamS und sein großer Wohlthäter; dennoch aber endete seine Herrschaft nicht 15 glücklich. Er wurde, wie alle Emporkömmlinge, sehr mißtrauisch und — namentlich wegen seiner großen Erfolge — übermüthig. Endlich ward er trübsinnig, finster und auch grausam. So verlor er die Liebe seines Volkes. Da ließ ihn ein Unterfcldherr Namens Eh a kr i gefangennehmen, tödten nnd bemächtigte im Jahre 1782 sich selbst des Thrones. Aber Chakri starb bald und ihm folgte sein Sohn als König. Dieser führte glückliche Kriege mit Birma. Im Jahre 1811 starb er, und ein Enkel Chakri's bestieg den Thron. Er regierte zwar klug, war auch tapfer im Kriege und brachte die rebellischen Malaycnstämme im Süden zum Gehorsam; ließ aber, aus allerdings nicht unbegründeter Furcht vor Verschwörung, 117 Prinzen und vornehme Siamescn hinrichten. Seine Regierung reichte bis inö Jahr 1824. Rechtmäßiger Thronerbe war sein zwanzigjähriger Sohn Chao-Fa-Mo ngknt. Dieser hatte nun einen herrschsüchtigcn, ältern Halbbruder, von einer Neben- frau des Königs abstammend, welcher sich auf unblutige, ganz streitlose Weise des Thrones bemächtigte. Er bedeutete nämlich dem Kronprinzen, er sei zum Regieren noch zu jung, und erklärte ihm: Ich werde für Dich einige Jahre regieren und Dir alsdann die Regierung überlassen. Der junge Prinz willigte ein und sein Halbbruder ließ unter dem Namen Phra- Chao-Prasat-Thong sich zum König ausrufen. Dieser ward zum Usurpator. Er dachte nicht an die Erfüllung seines Versprechens. Und der Kronprinz, der wohl Grund hatte, vor seinem Bruder sich zu fürchten, ging in eine Pagode und wurdeTalapoin(Mönch). Von der Regierung des Usurpators ist nur zu berichten, daß er den König im nördlichen Laos in einem Kriege (1829) gefangen und den größten Theil dieses Gebietes für Siain gewonnen. Der arme König wurde in einem eisernen Käfig nach Siam gebracht und erlag bald der Beschimpfung und Mißhandlung. Ein Krieg mit Cochinchina hatte keinen andern Erfolg, als einen großen Menschenraub, der mehrere Tausend Chinesen nach Siain schleppte. Seine Regierung endete i. I. 1851. Er wollte auf seinem Krankenlager noch seinem Sohne das Thron-Erbrecht verschaffen, was ihm jedoch nicht gelang. Nach seinem Tode holten die Großen des Reiches den Prinzen Ehao-Fa-Mongkut den Mönchen auö dem Kloster und setzten ihn, nachdem er sein gelbes MönchSgcwand abgelegt, auf den Thron. Er wurde ein gerechter und weiser Herrscher. In 26 Jahren klösterlicher Zurückgczogcnhcit hatte er durch eifriges Studium abendländischer Wissenschaft und Religion seinem Geist eine tiefernste und hohe Bildung gegeben und seinen Charakter veredelt. Er schätzte die abendländische Cultur, proklamirte und schützte die Freiheit aller Religionen und schloß mit England, Frankreich, Deutschland, Oesterreich und Amerika Handelsverträge. König Mongknt starb am 1. Oktober 1868 (64 Jahre alt). Ihm folgte als Thronerbe sein Sohn Somtech- LschaufaiChnlalonkom — erst 17 Jahre alt. Der junge Fürst, erzogen von britischen Lehrern, erwies sich fähig, große Reformen in seinem Lande zu unternehmen, suchte die guten Beziehungen zu den europäischen Staaten aufrecht zu erhalten, sowie auch zu den katholischen Missionären. Die religiösen Verhältnisse Siams erinnern an jene in China, die wir früher schon geschildert; sie sind ebenso traurig. Neben dem Buddhismus, der die Staatsreligion bildet, und eigenthümlich — eben siamesisch — „zugestutzt" ist, besteht der grcuelhaftestc Aber- und Geisterglaube, dem noch Menschen zum Opfer fallen. Im Volke herrscht eine krasse Unwissenheit, denn der Schulunterricht, welchen die buddhistischen Lehrer ertheilen, ist höchst mangelhaft. Trotz vielen.Betens und Opfernd steht die Moral des siamesischen Volkes auf einer sehr niederen Stufe. In seinem Neligionscult spielt bekanntlich der weiße - Elephant eine Hauptrolle. Da dieses mächtige Thier Kraft und Muth rcpräsentirt, und die weiße Farbe die „heilige Reinheit", so ist er den Siamcsen ein heiliges Thier und der „Schutzgeist deSReicheS". Der „heilige" Elephant wohnt in einem prächtigen Palast und wird von einer Menge von „Priestern" bedient, welche ihm täglich, auf den Knieen vor ihm liegend, auf silbernen Gefäßen die Nahrung vorsetzen. Vor diesem Elephanten müssen auch die höchsten Staatsbeamten sich verneigen; der kaiserliche Leibarzt hat sich täglich nach dem Befinden des „heiligen" Elephanten zu erkundigen, und wer immer demselben näher treten will, hat die goldenen Quasten seiner kostbaren Decke zu küssen und — eine Rupie zu opfern. Den Riescnleib förmlich mit Gold und Edelgestein überladen, wird jeden Morgen der Elephant von Priestern auf die obere Schwelle des Tempels hinaufgeführt. Hier nun hebt der Koloß seinen im Diamantschmuck blitzenden Rüssel empor; das ist das Zeichen zum Gebet! Da sinken alle Anwesenden auf die Kniee, ein Knabcnchor hebt einen heiligen Gesang an — und die Bonzen müssen sich sputen, die vielen Opfcrgaben einzusammeln, indeß der Elephant die für ihn bestimmten Leckerbissen in emsiger Weise sich aneignet. Man wird da an den „göttlichen" Stier „Apis" der alten Aegypter erinnert. Welch' traurige Verirrungl Wie nothwendig doch ist hier die Ausbreitung des Christenthums; damit aber geht cS in Siam den Schnccken- gang. Obgleich auch in diesem Reiche das MissionSwcrk schon im Jahre 1554 begann und im Allgemeinen die Könige und das Volk dem Christenthum geneigt sich zeigten, und bei ihnen niemals eine so blutige Christcnvcrfolgnng wie in China und Tongking stattfand, so hat es doch niemals eine so zahlreiche Christengemeinde wie diese Länder gehabt. Die ersten Apostel und zugleich Märtyrer SiamS waren die portugiesischen Dominikaner l?. HieronymuS vom Kreuz und ?. Sebastian von Cantu. Sie kamen, gesandt von ihrem Provinziell, 1554 nach Juthia, um mit der Erlaubniß des Königs zunächst in der dortigen portugiesischen Niederlassung die Scelsorge zu versehen. Ihr MissionSbemühen bei den Eingcbornen war von Erfolg und in 3 bis 4 Jahren battcn sie schon an 1500 Heiden bekehrt. Da erhob sich der Neid uns Zorn der Bonzen, denen beide Patres erlagen, k. HieronymuS wurde erstochen, als er einen Kampf zweier Buddhisten, der absichtlich nur ein Schcinkamps war, abwehren wollte, und ?. Sebastian wurde später (nach einem oder halbem Jahre?) heimtückisch ermordet. Im Jahre 1600 wurde k. Ludwig Fonseca, der mit den Patres Ludwig Linie ncö und Johann Maldonat in Siain eingedrungen war und viele Götzendiener bekehrt hatte, am Altare während deö Gottesdienstes überfallen und erwürgt, k. Ludwig Limcncö, der Provinziell war und aus heiligem Eifer selbst in die Heidcn- bckehrilng eintrat, wurde mit k. Maldonat auf Befehl dcS KönigS ergriffen und ibm mit einem Beile das Haupt abgeschlagen, während l?. Johann Maldonat von einer Stcin- schleuder - Maschine zermalmt wurde. ES ist hiebet zu bemerken, daß diese Missionäre Spanier waren, gegen welche eben der König sehr aufgebracht war, weil spanisches Militär dem König von Compodscha, mit dem Siam im Kriege lag Hilfe geleistet hatte. Im Jahre 1606 kam der Jesuitcnpatcr Balthasar Scgueira nach Siam und 18 Jahre später folgte ihm sein Mitbruder k. Julius Cäsar Maripico. Dieser erwarb sich die Gunst deö KönigS und der Großen, bildete eine Christengemeinde und hatte eben in der Hauptstadt Juthia eine schöne Kirche gebaut, alö seine eigenen LandSlcnte schändliche Vcr- räthercien gegen ihn anzettelten, denen er endlich erlag. Er soll im Kerker vergiftet worden sein. So war das mühsam errungene, hoffnungsvolle Missionswerk mit einem Schlag vernichtet. Es erstand erst wieder im Jahre 1665, alö in Siam ein apostolisches Vicariat errichtet wurde. Der erste apostolische 16 Vicar Siams wurde der französische Jesuit Msgr. De la Mothe, der schon 1662 nach Siam gekommen war. Erst nach mannigfachen Kämpfen, besonders mit den Portugiesen, die ihre kirchliche Jurisdiktion auch über Siam erstrecken wollten, gelang es ihm, bei der vollen staatlichen Religionsfreiheit, der Mission in Siam eine Grundlage zu schaffen und schöne Erfolge zu erzielen. Doch das neue Werk war nicht von Bestand. Auch diese Mission wurde eine Passion — mit Zwischenpausen — bis endlich das so mühsam errungene Merk in Trümmer ging, aus denen in unserm Jahrhundert die Mission sich langsam wieder herausgearbeitet hat. Der gegenwärtige Stand der Mission in Siam ist (dem neuesten Berichte „d. kathol. Missionen" — Novemberhcst — zufolge) folgender: Unter dem apostol. Vicariat des Mszr. Ludwig Bey wirken 48 Missionäre, wovon 11 eingcborne Priester sind. Das Priesterseminar zählt 52 Alumnen. Die Hauptstadt Bangkok, wo der Sitz des apostol. VicarS, hat sechstausend Christen, besitzt 5 Gemeinden mit ebensoviel Kirchen, ein Collcg mit 212 einheimischen Zöglingen, ein Pensionat der Schwestern vom Kindlein Jesu, ein Hospital und mehrere andere Anstalten. Die Gesammtzahl der Katholiken beträgt über zwanzig Tausend. In 52 Schulen erzieht die Mission 2737 Kinder, hat 17 Waisenhäuser mit 133 Knaben und Mädchen, 4 Spitäler mit 500 Kranken, ein KatcchisteuhauS mit 39 Zöglingen und eine landwirthschasrliche Schule. Was die Neugestaltung der politischen Verhältnisse der Mission bringen wird — wer weist cS? Hoffen wir indeß das Beste. — Durch den Unistand, daß Frankreich in jüngster Zeit ein respektables Stück von Siam sich angeeignet, dürfte Hoffnung gehegt werden, daß die Mission in Siam nun in weniger schwieriger Weise vorwärts schreitet. Die Franzosen haben es verstanden, durch bloße Kriegsdrohung — nur mit einem Fedcrzug — in ihrem Vertrage mit Siam im Oktober 1393 ihr hinter indisch es Kolonialreich (Eochinchina, Annaim Tongking — Schutzgebiet Kombodscha) mir ein siamesisches Gebiet von rund 100,000 glrm zu vergrößcr. Frankreich ist auch Herr des Riesenstromcs Mekong geworden und hat seine Herrschaft über eine ganze Reihe von noch wenig bekannten Volksstämmen ausgedehnt. Zu den wenigsten derselben sind bis jetzt die Missionäre vorgedrungen und waren sie überdieß gezwungen, ihre mühsam gebildeten kleinen Gemeinden zeitweise zu verlassen. Wir wollen hoffen, daß bei dieser Gebicts- crwerbung Frankreichs das MissionSwerk einen sicheren Bestand gewinnen werde. Recensionen und Notizen. ^ „Der Todtentanz in der St. Michaels capelle zu Merzen theim" lautete ein Artikel von, 14. Sept. d. I. in der Beilage zur „Augöb. Postztg.", Nr. 37, der eine gerechte Belobung dieses Werkes brachte. ES erübrigt hier nur noch nachzutragen, daß der ganze Gcmäldccyclus als Prachtwcrk vor ein paar Jahren erschienen ist unter dem Titel: >8 oeprra mortis.l Ein biblischer Todtentanz. Fünfzehn Kunstblätter nach den Originalcartons zu den Gemälden in der St. Michaclscapelle zuMergent- heim von Tobias Weiß. Mit erklärendem Text von k. W. Kreitcn 8. 4., und zwar in B. Kühlens Kunstverlag zu M.-G lad back) (T^pograk. ^postolio.). Die gesammte katholische Presse hat rückhaltlose Anerkennung gezollt und damit den Beweis geliefert, welch außerordentlich günstige Aufnahme sich das Werk im Kreise der Literaten und Kunstkenner erworben; das gewichtigste Zeugniß aber für den Werth und die künstlerische Vollendung des Werkes ist doch gewiß in der seltenen Auszeichnung zu finden, daß Seine Heiligkeit Papst Leo XIII. geruht haben, die Widmung des Prachtwerkes huldvollst entgegen;»- nehmen. Das Format ist 49: 33 Centimeter, dieReproduc- s tion in unveränderlichem Lichtdruck auf feinstem Elfenbein- Carton, die Textbeilage in zweifarbigem Druck 26 Seiten Grotz- octav, die Mappe in zarter, geschmackvoller Ausführung mit ächter Goldpressung. Der Preis von 18 Mark für das Exemplar ist gewiß ein niedriger zu nennen und erleichtert die Anschaffung oder Vcrschenkung dieses Hauöschatzes, der, wie die „Stimmen aus Maria-Laach" schreiben: „einmal im Familienbesitz, eine Quelle gemeinsamen Genusses auf lange Zeit hinaus" bleiben wird. Von BrockhauS' Convcrsations-Lexikon, dem Vorbilde aller deutschen Werke dieser Art, ist mit dem 8. Bande die Hälfte der 14. Auslage soeben erschienen. Der 8. Band enthälr eine reiche Fülle sorgsam ausgearbeiteter, zuverlässiger Artikel, die von 48 Tafeln, darunter 7 Chromotafcln und 12 Karten und Pläne, und 2!2 Tcxtbildern illustrirt werden. Die Chromotaseln sind wie immer wahre Meisterwerke, mögen sie die merkwürdige Gestalt einer Giraffe oder eine noch seltsamer geformte Gruppe der Glasschwämme (einer Thicrgattungl) oder das berühmte Goethe-Denkmal (Berlin) von Schaper oder eine kostbare Sammlung farbenprächtiger GlaSfeustcr darstellen. Die Karten sind vorzüglich und dem neuesten Stande entsprechend. In den bisher erschienenen Bänden ist das großartige Programm der Derlagshaudlung in allen Theilen musterhaft durchgeführt. Der Text ist, wenn wir auch nicht mit Allem übereinstimmen können, klar, knapp und angenehm lesbar. Die illustrative Ausstattung ist meisterhaft. Auf dem Gebiete der Naturwissenschaften z. B. liegen nicht weniger als 96 Tafeln vor, darunter 19 Cbrvmotafcln, auf technischem Gebiete 89 Tafeln; zur Kunst finden sich 60 Tafeln, darunter 15 Chromes; 15 landwirtbsebastliche, 12 militärische, 19 geographische Tafeln, in Summa 414 Tafeln und Karten. Wie viel reicher muß erst die zweite Hälfte des Werkes illustrirt sein, da sie noch 77 Cbromoiafein. beinahe doppelt so viel als bisher, insgesammt noch 486 Tafeln und Karten bringen wird! Die katholischen Missionen. Jllustrirte Monatschrift. Jahrgang l894. 12 Nummern. M. 4 — fl. 2.40 ö. W. — " Freiburg im Breiögau. Herder'sche Verlagshandlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 1: Der Mekong. (Eine geographische Skizze.) — Der selige Rudolf Aquaviva am Hofe Akbars deö Großen. — Altchristliche Ruinen Nord-Shriens. — Nachrichten aus den Missionen: Pcrsicn (Stand der Mission); China (Die Unruhen in Ost-Hupe); Vorderindien (Mission in Puna); Aequatorial-Asrika (Mission in Buddn); Südafrika (M-ssion im Masckonalaud); Westasrika (Mission am Kongo; Jesuiienmission am Kivango); Aus verschiedenen Missionen. — Miscellcn. — Für MissionSzweckc. — Beilage für die Jugend: Die Sklaven des Sultans. Illustrationen: DaSL-lromland dcSMekong. (Kartenskizze.) — Pnom Pcuh vom Strome aus. — Straßcnbild aus Kambodscha. — Die Niesen-Avenue von Augkor Tom (hergestellt). — Hauptiassadc des Augkor Wat. — Prinzen aus dem Geschlechte der Großmoguls. — Hamah am OronteS. — Kalaat em Mudik von Süowcst and gesehen. — HauSthor und Straße zu Jeradi. — Der innere Hos einer Villa zu Serdschilla. — Das Innere des PerlcnkioSkS im Serail. Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1894. Zehn Hefte M. 10.80. — Freiburg im BrciSgau. Herder'sche Verlagshandlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 1. HeftcS: Der Staatssocialismus. I. (H. Pesch 8. I.) — Deutschlands höheres. Schulwesen im neunzehnten Jahrhundert. (L. v. Hammcrstein 8. 4.) — Die ältesten Mosaiken der römischen Kirchen. (St. Beissel 8. 4.) — Die Erziehung der bayerischen Wittelsbacher. I. (O. Pfüli 8. 4.) — Das Kuckucksei und seine Räthsel. I. (E. Waömann 8. 4.) — Aubrey de Vere. Eine literarische Skizze. I. (A. Baum- gartncr 8. 4.) Recensionen: 1. Dittrich, Nuntiaturberichte Giovanni Moroncs; 2. Ehscs, Römische Documente zur Geschichte der Ehescheidung Heinrichs VIII. von England (O. Braunsberger 8. 4.); Hardy, Die vediich-brabmanische Periode der Religion des alten Indiens (I. Dahlmann 8. 4.); Vau Overbsrgch, Los inspeotsurs äu travail (A. Lehmkuhl 8. 4.); Herbert, Baals- opser (W. Kreiten 8.4.). — Empfehlenswerthe Schristen. — Miscellcn: Deutschlands Bücherschatz; Nietzsche und kein Ende; Zum Ende der Nonnenplage. Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Vcrantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des f vr. Sebastian Brunner. Von Franz Vogt. (Schluß.) Undank ist der Welt Lohn und Undank erntete Brunner für seine muthige Vertheidigung der Wahrheit von Seiten seiner geistlichen Vorgesetzten, Undank von Seiten der Staatsgewalt, Undank von Seiten der Universität. Mit allen diesen Factoren lebte er in beständigem Conflikte, was hier nur angedeutet sei. Nur ein Mann erkannte Brunners hohe Begabung und seinen Scharfblick, der damalige Lenker der Geschicke Oesterreichs, Fürst Melternich, der ihn wiederholt um seine Ansicht fragte und in dessen Auftrag er eine Reise nach Deutschland und Frankreich machte, um in diesen Ländern die politische Stimmung zu studiren. In der That war Brunner, wie kaum Jemand, befähigt, die Hand an den Puls der Völker zu legen, denn fast auf -das Datum hin sagte er dem Fürsten Metternich den Ausbruch der 48er Revolution vorher. Die auf dieser Reise gewonnenen Eindrücke und Ansichten enthält der Roman „Die Prinzcnschule zu Möpselglück", in dessen letztem Kapitel er den März 1848 drastisch ankündigt. Brunner hat auch unsere heutigen Verhältnisse genau vorhergesagt. Die sociale Frage ist noch selten so präzis und verständig in ihren Grundzügen geschildert worden, wie in Brunners „Liane, Istelcel, kstares, ein letztes Wort an die armen Reichen" (1852): „Ihr wollt ihnen", schreibt er, „das Himmelreich verwehren, sie brechen euer Erdenreich zusammen — ihr hebt auf das Eigenthum des Geistes, die Religion, ihr hebt auf das Eigenthum der Ehre, denn ihr schützt in der Presse Lug und Trug, ihr hebt auf das Eigenthum der Ehe, und da wollt ihr einmal entrüstet euch umdrehen — wenn ihr sehet, was die Proletarier alles von euch profitirt, und staunet, wie gelehrig sie geworden sind — und wollt ausrufen: „bis hieher und nicht weiter, denn heilig ist unser Eigenthum". Stellt euch dem reißenden Strome entgegen und sagt: „bis hieher und nicht weiter", und er wird euch begraben in seinen Wellen. Sagt den lodernden Flammen: „bis hieher und nicht weiter", und sie werden euch verzehren mit ihrer gierigen Zunge. Stellt euch unter den fallenden Quader und ruft: „bis hieher und nicht weiter", und er wird euch zerschmettern unter seiner Wucht — denn Hunger und Durst sind ihre Rosse und mit diesen fahren sie unaufhaltsam hinein in euere Reihe und ihr ruft vergebens: „bis hieher und nicht weiter." — „Und wer", sagt Heinrich Keiter, „einen Blick thun will in die Thron und Altar, Gesetz und Sitte untergrabende Thätigkeit der Nachzügler des jungen Deutschland und der sogenannten Halle'schen Schule, der lese die „Nebeljungen". Die „Nebeljungen" sind nichts anderes, als die Vertreter der atheistischen Philosophie, die alles Bestehende vernichten, die Kirche demoliren, die Fürsten entthronen möchten, ohne zu wissen, wie das neue Reich ewiger Glückseligkeit einzurichten sei. Nur das eine steht fest, daß sie, die Nebeljungen, „dann das Ruder in die Hand bekommen". Gott wird abgesetzt, „Und mit ihm gehen als Leichengcleite die Könige von Gottes Gnaden, Er hat sie zum ewigen stummen Gebet zu sich in die Gruft geladen, Das sei das Ende von unserm Lied, vom Reveille, den wir gesungen, Dann tönt es aus allen Ecken der Welt: eS leben die Nebcljnngen." MWlls. ^ 1894 , Und nun noch kurz eine Beurtheilung Brunners als Schriftsteller. Daß «katholische Literaturwerke Brunner nur selten oder gar keine Anerkennung -ollen, ist begreiflich, denn um dieses Lobes willen hätte Brunner ein anderes Glaubensbekenntnis) haben, hätte von Aufklärung, Hu' manität und Bildung predigen und vor den großen Geistern von Göthe bis Scheffel das Rauchfaß schwinge müssen. Dafür wurde er, wenn auch spät, doch vor seinen Gesinnungsgenossen ganz und voll erkannt unt anerkannt. „Sebastian Brunner ist", sagt sein Biograph Scheicher, „wie kaum ein anderer, ein universeller Schriftsteller. Seine Hauptstürke liegt in der Satire, in der schlagenden, oft geradezu vernichtenden Polemik. Das Dünkelwissen seiner Zeit in seiner ganzen Hohlheit pcrsiflirt er meisterhaft im „Deutschen Hiob" und im „Nebcljungenlied". Das Frankfurter Parlament und die politischen Einheits- und Preußensänger bearbeitet der wackere Oesterreicher weidlich im „Deutschen Ncichs- vieh", als Historiker ist er wohl der gründlichste Schriftsteller über die josefinische Zeit. Jene traurige, unglückliche Zeit und ihren ebenso unglücklichen Urheber schildert uns „Joseph II.", und einen Einblick in die Greuel bei Klosteraufhebungen, in die kleinliche Weise, in welcher die Regierung in kirchliche Angelegenheiten eingrisf, die Charakterlosigkeit der feigen, josefinisch gesinnten Geistlichkeit und eine Menge von höchst interessanten Anekdoten und Thatsachen zur Beurtheilung jener Zeit des josefinischen Zopfes gewähren uns folgende ausgezeichnete Geschichtswerke: „Die Mysterien der Aufklärung in Oesterreich", „Die theologische Dienerschaft am Hofe Josephs II." und „Der Humor in der Diplomatie und Ncgierungskunde des 18. Jahrhunderts", sowie seine „Denkpfennige". Zur Kirchengeschichte lieferte er „Das Leben des Norikerapostels St. Severin" von seinem Schüler Eugippus und „Clemens Maria Hoffbauer und seine Zeit". Der Literarhistoriker Brugier schreibt über ihn: „Vielleicht der einzige echte, jedenfalls beste Satiriker der Periode von 1832 bis jetzt ist der Wiener Prälat Sebastian Brunner. An ihm fanden, die Weltschmerz- und revolutionären Dichter, sowie alle, deren Poesie vom „Pfaffcnthum" und vom „Pfaffenwahn" lebt, ihren ebenbürtigen, ja überlegenen und furchtlos kümpfenden Gegner. Und man darf ihn, was das Genie betrifft, kühn einem Fischart, Mnruer, Borne zur Seite stellen. Schon „Die Welt ein Epos" (1847), der „Deutsche Hieb" (1846) und das „Ncbcljnngenlicd" (1845), die „Keilschriften" (1856) ließen ihn als einen modernen Aristophanes, als einen christlichen Böruc erkennen. Jean Panl'schen Humor entwickelt er in des „Genies Malheur und Glück" (3. Aufl. 1864), „Fremde und Heimath" (3. Aufl. 1864) und „Diogenes von Azzelbrunn". Die Schäden der modernen Pädagogik geißelt er in der „Prinzenschule zu Möpselglück", als geistreichen Beobachter und fleißigen Sammler bekundet er sich in den Reisebildern: „Kennst Du das Land? Heitere Fahrten durch Italien" (1857), „Aus dem Venediger- und Longobardenland" (2. Aufl. 1860), „Unter Lebendigen und Todten", Spaziergänge in Deutschland, Frankreich, England und der Schweiz (2. Aufl. 1863), „Heitere Studien und Kritiken in und über Italien" (1866). Seine mit vielem Humor und Eeistestiefe geschriebene Selbstbiographie aber erschien 18 unter dem Titel: „Woher, Wohin?" Geschichten, Gedanken, Bilder und Leute aus meinem Leben (2. Aufl. 1866, 5 Bände). Nicht zu vergessen ist seine neuere Schrift gegen den „evangelischen Schnüfselbund", in welcher er den bekannten Bundestrompeter Pfarrer Weitbrecht von Mähringen in Württemberg in klassischer Weise vernichtet, und seine „Hau- und Bausteine zu einer Literaturgeschichte der Deutschen rc. rc." (1886, 87 u. 88), in welch letzteren es sich nicht im entferntesten um einen tollen Feldzug gegen das Lesen moderner Klassiker, sondern nur um die Frage handelt: „Kann der Kultus des Genius Religion und Sittlichkeit ersetzen?" was Brunucr mit einem entschiedenen Nein beantwortet. Resümiern wir: Vrunner hat seine Lebensaufgabe nach Talent und Kräften treu erfüllt. Er hat die Kirche gegen die materielle Uebermacht des Staates in Schutz genommen, der antichristlichen Bureaukratie das Visier gelüftet, den Materialismus aller Variationen, wo er ihn angetroffen, besonders aber auf dem Gebiete der Kunst, nach Verdienst gezüchtigt. Natürlich haben ihm die Väter und die Epigonen dieser Geistesrichtung als die Gezüchtigten keine Belobigungen ausgestellt. Dafür hat das Oberhaupt der Kirche, wie es im Stande ist, ihn mit ideellen Belohnungen überschüttet. Das Vaterland jedoch hat ihn — wie so manchen — viel zu wenig beachtet und ist erst durch die Stimme des Auslandes auf ihn aufmerksam geworden. Zu seinem 70. Geburtstag sang Brunner: „Geht über das Diesseits Dein Sinnen und Trachten, Dann kannst Du die Güter der Erde verachten, Nur was Du erstrebst mit Gewissen in Ehren, Wird über die irdische Wanderschaft währen." So wird auch Brunner im Jenseits den Lohn für seine Kämpfe und Leiden erhalten haben; für die Katholiken aber ist es Ehrensache, dem Manne, der so mannhaft und muthig in schwerer Zeit für ihre Rechte und Interessen gestritten, ein treues Gedenken zu bewahren dadurch, daß sie treu und fest zn ihrer Kirche und dem ihr von Gott gesetzten Oberhaupte halten. Aus dem Leben zweier edlen kathol. Frauen. Von Frhr. T. zu W. (Schluss.) II. Ein ganz anderes Bild, als das der Mutter Elisabeth Seton, bietet uns das Leben der Marquise von Barol. Sie war eine Duma" auch in der Gesellschaft. Ihr Salon in Turin war einer der vornehmsten und elegantesten, doch nicht exclusiv, sobald der als Gast dort Eingeführte als Charakter, in seinen Leistungen für Kirche oder Staat, in Wissenschaft und Kunst, als Dichter, Autor oder Philanthrop sich dieser Ehre würdig erzeigte. Zwei Könige, die königlichen Prinzen und Prinzessinnen besuchen die Marquise, die mit zwei Königinnen in freundlichstem Briefwechsel stand. In ihrem Salon trifft man den Minister Cavour. Die Marquise war nicht eines Sinnes weder mit den religiösen noch mit den politischen Ansichten dieses immerhin genialen Staatsmannes, und sagte ihm ihre Ansicht unverhohlen, natürlich in der vornehmen Art, die eine an Geist wie an Gesinnung wirkliche „^ranäs vamo" einem Manne gegenüber anwenden wird, dessen Talent, aber nicht dessen Handlungen sie alle Anerkennung zollt. Sie war strenggläubige Katholikin, die dem Statthalter Christi auf Erden die seiner hohen Stellung und seinen persönlichen Eigenschaften gebührende Verehrung zollt. Ihr Freund, GrafMelun, sagt von ihr: „Sse besaß jene Universalität des katholischen Genies, welche in ihrer Liebe und Sorgfalt Alles umfaßt. Juliette von Colbert de Maulövrier, später Marquise Faleti de Barol, erblickte 1785 in einem Schlosse der Vendöe das Licht der Welt. Der bekannte Finanzminister Colbert unter Ludwig XIV. war ihr Ahnherr. In früherer Zeit, zum Theil vielleicht noch heute, hielt es der Adel der Vendäe für eine Ehrensache, dem Altar und dem Thron zu dienen. In der That beweist die Geschichte bis in die Neuzeit, daß, wenn der katholischen Kirche eine Gefahr drohte, oder wenn ein legitimer Thron von Seite einer Revolution genöthigt war, an seine Getreuen zu appelliren, die Edelleute der Vendäe herbeiströmten und ihr Blut für Altar und Thron floß. Die Marqnise war eine echte Tochter ihrer Heimath. Sie verband mit dieser, mit der Muttermilch Angesogenen Treue für die legitime Sache eine Thatkraft und Energie, ohne welche sie nicht das erstrebte Ziel hätte erreichen können. Dieses Ziel und wie sie es erreichte zu zeigen, ist der Zweck dieses Aufsatzes. Neun Jahre alt, verlor Juliette von Colbert ihre Mutter. Fast zu gleicher Zeit bestiegen ihre Großmutter, ihre Taute und mehrere ihrer nahen Verwandten das Schafott, dessen Opfer so viele Edlen wurden. Auch ihr Vater und sie selbst wären der Guillotine nicht entgangen, hätten ihnen nicht einige anhängliche Bauern zur Flucht verholfen. Wie viele Emigrirte, mußte auch sie ihren Aufenthalt in Deutschland, Holland oder der Schweiz nehmen. Sie lernte jung mehrere Sprachen, und ihr Gesichtskreis, ihre Menschenbeobachtungsgabe erweiterte sich und reifte viel mehr, als es ein Aufenthalt im väterlichen Schloß hätte bewerkstelligen können. Napoleon gestattete auch ihrer Familie die Rückkehr nach Frankreich. Im Alter von 22 Jahren vermählte sich Juliette von Colbert mit einem reichen piemontesischen Edelmann, dem Marquis von Barol. Turin wurde als ständiger Aufenthalt der Neuvermählten gewählt. Durch die politischen Ereignisse vermögenslos geworden, hatte die Marquise an sich selbst, wenn auch nicht das Elend, doch den Mangel an Geldmitteln empfunden. Sie hatte viel fremdes Elend gesehen, und ihr edles, theilnehmendes Herz drohte zu brechen, dieses Elend nicht, wie sie es wünschte, erleichtern zu können. Sie bat gleich am Hochzeitstage den Marquis, die zu einer Hochzeitsreise bestimmte Summe lieber zu Werken der Wohlthätigkeit zu verwenden. Darüber befragt, antwortete sie: „Der Gang zu Armen und Unglücklichen ist meine schönste Hochzeitsreise." Im Jahre 1814 begegnete der Marquise ein Priester der zn einem Sterbenden das hl. Viaticum trug. Eine Schaar Andächtiger folgte. Eben, als sie niederkniete, hörte sie eine kreischende Stimme: „Ich bedarf nicht der heiligen Wegzehrung, wohl aber Suppe!" Ueber diese Aeußerung entrüstet, blickte die Marquise nach jener Stelle hin, woher die Stimme kam. Es war ein Gefängniß, an dessen eisenvergitterten Fenstern die Köpfe einiger Weiber ansichtig wurden. Ihr Entschluß stand fest. Ob ihr wohl das Leben einer edlen Quäkerin in England, der Elisabeth Fry, welche sich eine ähnliche Lebensaufgabe gestellt hatte, den Aermsten der Armen Trost zu bringen, bekannt war? Mit Leichtigkeit erhielt die angesehene Dame von den autoristrten Behörden die Erlaubniß, die Gefangenhäuser zn besuchen. Eine Stiege hoch war die Abtheilung für die weiblichen Gefangenen. Kaum daß ein Lichtstrahl in diesen Raum fiel. Laster und Elend der Insassen verliehen den Gesichtern derselben einen düsteren, unheimlichen Ausdruck, zu dem noch bei einigen der blinden Hasses und der größten Verzweiflung kam. Einen solchen Anblick hatte die edle Marquise nicht erwartet. Der empfangene Eindruck war ein so großer, daß sie erkrankte. Ihr Entschluß, eine Reform des Gefängnißwesens in Piemont durchzusetzen, wurde nur um so fester, und sie verhehlte dies ihrer Umgebung nicht. Tadel darüber, daß eine junge, der besten Gesellschaftsklasse angehörende Dame ein so vergebliches, zweckloses, gefährliches Werk unternehme, fehlte selbstverständlich nicht. „Wie", hieß es, „eine so schwache Frau will sich dem Laster aller Grade, dem Verbrecherthnm entgegenstellen? Sie will herniedersteigen in den Koth des socialen Elendes?" Marquise von Barol glaubte fest an ihre Mission. Sie wollte ihr Möglichstes thun, die armen Seelen der Verbrecher zu retten. Ein weiterer Besuch, den die Marquise in der Anstalt machte, bot ein eigenthümliches Bild. Da stand die vornehme Dame, umgeben von meistens nur in Lumpen gekleideten Weibern, von denen — wie schon erwähnt — viele schon eine lange Verbrecherlaufbahn hinter sich hatten, andere, jüngere, erst an deren Schwelle standen. Mit einem richtigen Gefühl erkannten die meisten, alle nicht, daß ihnen ein rettender Engel in Menschengestalt wohl wollte. Kein tadelndes Wort kam anfänglich über ihre Lippen, wohl aber der Theilnahme. Als die Marquise aber zn ihnen sprach, sie sollten die ihnen auferlegte, wohl auch verdiente Strafe annehmen, da entstand unter einem Theil dieser Weiber ein wüster Lärm. „Das ist wieder eine, die uns nur predigt, anstatt zu helfen!" Sie sangen obscöne Lieder, spotteten sie aus. „Ich will eure Gesänge nicht stören", sagte die Marquise ruhig. „Ich sehe, daß ihr in einem Zustande seid, wo ihr keiner Unterhaltung bedürft. Ich hoffe, ihr werdet zn einer besseren Einsicht über den Zweck meines Besuches kommen." Das wirkte. Die Gesänge und der Lärm verstummten, und beschämt blickten die Weiber ihre Wohlthäterin an, die Wäsche und Kleider unter sie austheilen ließ. Damals wurde kein regelmäßiger Gottesdienst in den Gefangenanstalten abgehalten, keinem Priester lag deren Seclsorge ob. Auch da brachte die Marquise Abhilfe, in der richtigen Voraussetzung, daß ohne die Mitwirkung der Kirche keine sittliche Besserung stattfinden könne. Einen von allen Fenstern sichtbaren Raum ließ sie als einfache Kapelle herstellen und mit einem transportablen Altar versehen, an dem alle Sonn- und Festtage ein von ihr besoldeter Priester das heilige Meßopfer darbrachte. Schon bald nachher ließ sich die gute Wirkung dieses regelmäßigen Gottesdienstes, mit dem wohl auch der Zuspruch des Geistlichen verbunden war, erkennen. Eines Tages überfiel ein Weib, welchem es gelungen war, sich heimlich eine Flasche Branntwein zu verschaffen, den ihr die Marquise hatte fortnehmen lassen, dieselbe, spie ihr ins Gesicht, versetzte ihr einen Faustschlag, so daß sie nur mit Hilfe der andern gefangenen Weiber weiteren Mißhandlungen des Weibes entging. „Wir müssen für sie einige Vaterunser und den Gruß des Engels beten." Diese in Ruhe gesprochenen Worte machten auf die anderen Weiber einen solchen Eindruck, daß sie alle mit der Marquise auf die Kniee fielen und ihr die vorgesagten Worte nachbeteten. Das Geheimniß der Marquise, auf diese entarteten Geschöpfe Einfluß zn gewinnen, bestand darin, ihnen anfänglich keine Vorwürfe zn machen, sondern soviel als möglich aus ihrem vergangenen Leben Einzelnes zu erfahren. Fast immer fand sich ein Punkt, den erfassend, sie ihr Vertrauen erwerben konnte. Es waren darunter Mütter, die von ihren Kindern getrennt waren. Die Marquise versprach, sich derselben anzunehmen, brachte ihnen dann Nachricht. Von einem recht unzugänglichen Weibe erfuhr sie, daß dasselbe die Blumen liebe. Beim nächsten Besuch brachte sie ihm zwei Blumentöpfe. Damit gewann sie das Vertrauen des Weibes, das sich besserte und nach seiner Entlassung ein Leben anfing, das Niemandem Anlaß zu Klagen gab. Natürlich ließ es die Marquise nicht dabei bewenden, die Gefangenen während ihrer Strafhaft aufzusuchen. Sie war eine viel zu kluge, weiterfahrene Frau, um nicht zu verstehen, daß es nicht genügt, an die zu bessernden Menschen blos Ermahnungen zu richten, sie gleichsam anzupredigen. Es müssen ihnen nach Ueber- stehuug der Strafe auch die zu gehenden Wege gezeigt und geebnet werden. So gründete sie einen Verein, den sie unter das Patronat der großen Büßerin, der hl. Magdalena, stellte. Die Marquise besaß einen sehr energischen Charakter und kannte keine Hindernisse. Ihr Erfolg war meist das Einzige, mit dem sie die anfänglichen Gegner verstummen machte. Ihre kinderlos gebliebene Ehe war eine glückliche. Sie fand an ihrem Mann einen Helfer für ihr Streben. Er starb im Jahre 1638 und setzte seine Frau zur Erbin seines bedeutenden Vermögens ein, sie hiemit in den Stand setzend, das Angefangene mit großen Mitteln ihrem Wunsche entsprechend fortzusetzen. Unter den Gehilfen, die der Marquise an die Hand gingen, ist in erster Reihe der edle Silvio Pelico, Verfasser des in alle europäischen Sprachen übersetzten Buches: Nis kri§iovi, zu nennen. Es ist bekannt, daß Pelico, politischer Umtriebe wegen, viele Jahre als Staatsgefangener auf der Festung Spielbein bei Brünn zubringen mußte. Die Strafe war eine strenge, dennoch ließ sie in der edlen Seele des Mannes keinen Groll zurück. Es ist begreiflich, daß die Marquise glücklich war, diesen Mann, der selbst viel gelitten hatte und ein liebevolles Herz besaß, für ihre Unternehmungen gewinnen zu können. Gegen eine kleine Entschädigung, die dem mittellosen Manne nur ein bescheidenes Leben zu führen gestattete, übernahm er die Stelle ihres „Ministers", wie beide oft scherzend sagten. Wir sahen bisher die Marquise nur als wohlthätige Dame, in „schlechter Gesellschaft". Das wäre nur eine Seite ihres edlen Charakters. 20 Sie war auch Weltdame im besten Sinne des Wortes. Ich erwähnte gleich am Anfang, ihr Salon in Turin fei einer der vornehmsten gewesen. Aus der liebenswürdigen Art und Weise, mit der sie ihre Gäste empfing, konnten Fremde nicht ahnen, daß diese „Oa-anäs vains" kurz vorher die Hütten der Armuth aufgesucht oder in einem Gefängniß den Insassen desselben mit Ermahnungen und Hilfeleistungen beigestanden hatte. Ich habe schon erwähnt, daß König Karl Albert und sein Nachfolger Victor Emanuel Gäste der Marquise waren, daß sie mit den Königinnen von Piemont und von Neapel einen regelmäßigen Briefwechsel führte. Die Minister, die Diplomaten, die hohen Staatsbeamten besuchten die Marquise, und da sie ohne das Wohlwollen, ja die directe Unterstützung derselben keine so großen Erfolge gehabt hätte, ist wohl anzunehmen, sie habe ihre Stellung als liebenswürdige Hausfrau dazu benutzt, denselben ihre Pläne zu erklären und deren Interesse dafür wachzurufen. Auch Prinzessin Clotilde, Wittwe des Prinzen Napoleon, eine eines besseren Schicksals würdige Frau, verehrte sie. Von bedeutenden Fremden, die es sich zur Ehre rechneten, bei ihr eingeführt zu werden, bezeichnet ihr Biograph die Franzosen Lamartine, de Maistre, Barante, die Genfer de la Nive, Pictet, mehrere nicht näher genannte Kirchenfürsten. Die Ereignisse des Jahres 1848 betrübten sie tief. Als überzeugte katholische Christin, nicht weniger als Vendöerin, haßte sie die Revolution und machte von ihrer Anschauung auch den Mächtigen gegenüber kein Hehl, von denen sie sehr gut wußte, daß sie gegcn- theiliger Meinung waren. Stimmten diese auch der Marquise nicht zu, ihre Hochachtung konnten sie ihr nicht versagen. Dagegen wurde sie von einigen ihrer politischen Gegner auf's gemeinste verleumdet. Sie erhielt schändliche Drohbriefe; man beschuldigte sie, mit Gewalt Kinder haben entfuhren zu lassen, um das von ihr gestiftete Waisenhaus zu füllen. Sie erhielt Drohbriefe, man werde Feuer an ihr Haus legen u. s. w. Auch diesen Schändlichkeiten setzte die Marquise nur die vornehme kalte Ruhe eines guten Gewissens entgegen. Ihre Freunde, deren sie in allen Ländern hatte, baten sie, Turin zu verlassen. Sie verweigerte es standhaft. „Wie kann ich jetzt in der Stunde der Gefahr meine Waisenkinder und meine Armen verlassen?" schrieb sie. „Jetzt erst brauchen diese vielleicht meine Hilfe oder Rath. Weil mir der Eintritt inrdie Gefängnisse untersagt ist, muß ich doppelt eifrig arbeiten, zu verhindern, daß Andere hineinkommen." Das Resultat der politischen Umwälzungen war für Marquise von Barol kein anderes, als sie milder in ihrem oft scharfen Urtheile gegen andere Ansichten zu stimmen. In ihrem Salon wurden alle wichtigen Fragen besprochen, ob sie auf Politik, Literatur, Kunst, Philanthropie Bezug hatten oder einem ihrer Werke galten. Cavour soll in ihrem Salon zuerst vor Mehreren seine Plane entwickelt haben und die Marquise war seine heftigste Opponentin. Auch zunehmendes Alter und damit erschütterte Gesundheit brachen ihren Muth nicht. Tagelang auf einem Ruhebett liegend, nahm sie den lebhaftesten Antheil an allen edlen Bestrebungen. Liegend empfing sie Besuche, sowohl von Berichterstattern als Hilfesuchenden. Im Alter von 78 Jahren unternahm sie ihr letztes großes Werk, dessen Ende sie freilich nicht mehr erlebte, den Ban der schönen großen Kirche in der Türmer Vorstadt Varchiglia. Ruhig und gottergeben starb die edle Marquise am 21. Januar 1864. Ihr mit merkwürdiger Voraussicht und Pünktlichkeit verfaßtes Testament sicherte allen ihren Stiftungen die zum Fortbestehen erforderlichen Geldmittel. Das leitende Comite der Oxera, xia, Larolrr hat feinen Sitz in ihrem Palais. In Dankbarkeit und Liebe verbleibt ihr Andenken! Religiöse und historische Kunst. I. 1?. Der Stand der Künstler (wenn man noch von einem solchen reden darf!) scheint immer mehr dem Schicksale anderer angesehener Stände anheimfallen zu sollen. Während aus dem flachen Lande die brod- erzeugenden Kräfte immer mehr abnehmen, weil der bisherige Getreidebau dem Bauern keine Rente mehr abwirft und die Zahl der Dienstboten von Jahr zu Jahr mehr beschränkt werden muß, überfüllen sich in den Städten nicht nur die arbeitenden Klassen, sondern ver- hältnißmäßig noch mehr die gebildeten Kreise der Juristen, Beamten, Aerzte, Lehrer, Kaufleute und nicht am wenigsten in letzter Zeit die der Künstler. Während aber bei den andern Ständen der Zutritt durch immer größere Anforderungen zu erschweren gesucht wird, ist das Feld künstlerischer Thätigkeit vollständig freigelegt. Ja der Andrang und Zutritt zum Künstlerthum wird vielfach noch von Regierungen und Magistraten — nicht am wenigsten durch die vielen Akademien und Kunstschulen — angeregt und erleichtert. Diese Anstalten sollen doch natürlich nicht leer stehen. Je mehr Schüler, desto besser und ruhmreicher steht es um die Anstalt. Haben wir doch hiezu in den sich überstürzenden Ausstellungen in München schon den rechten Pendant, indem auch hier sich immer mehr die Parole geltend macht: „Je mehr Bilder, desto besser!" Ob die meisten dieser ausgestellten „Kunstwerke" nichtsnutziges Zeug sind, das kümmert die Macher nicht. Hiedurch kommt es, daß das Künstlerproletariat von Jahr zu Jahr zunimmt. Es kommen ja leider nicht bloß berufene Talente. In noch viel größerer Anzahl drängen sich wohl die mittelmäßigen Kräfte, Unfähige und Unberufene herbei, um dem wahren Künstler das Feld streitig und das Leben sauer zu machen. Aber nicht nur mit den einheimischen überzähligen Kollegen hat der deutsche, speciell Münchener Künstler um Verdienst und um das tägliche Brod zu ringen, fast noch mehr wird ihm bereits von den fremden, ausländischen Standesgenossen im eigenen Lande Concurrenz gemacht. Am meisten geschieht letzteres wohl durch die bereits alljährlich sich wiederholenden internationalen Kunstausstellungen mit ihren Verkäufen und Prümiirungen meistens fremder Werke. Hiedurch wird den Ausländern zum Nachtheile der Einheimischen der Kunstmarkt mit einer uns unbegreiflichen Noblesse präparirt, ähnlich wie man zum Ruine des deutschen Bauernstandes durch die selbstmörderischen Begünstigungen des ausländischen Getreides den einheimischen Markt verdirbt. Das meiste Geld, was der Staat und Private für die „Kunst" ausgeben, wird für solchen Kunstsport verschwendet, wie er sich in diesen ewigen Ausstellungen und den theuren Ankäufen berühmter oder berühmt gemachter Namen für Gallerten 21 und Salons, wo vielleicht das eine oder andere Mal ein verständnißvoller Kunstfreund einen flüchtigen Blick darauf wirft, offenbart. Die wahre deutsche, echt nationale und monumentale Kunst wird immer stiefmütterlicher behandelt und ihr Verständniß ist dem Volke ziemlich allgemein abhanden gekommen. Was nun aber das Künstlerproletariat betrifft, so dürfte dasselbe bei keinem Genre so zahlreich vertreten sein, als dem religiös-kirchlichen. Ueberall, in Stadt und Land, sieht man die sogenannten christlichen Künstler sich ausbreiten, sich zur Ausübung ihrer Kunst für befähigt und berechtigt erklärend mit dem thatsächlichen Erfolge, daß sie — wohl meist wegen der Billigkeit ihrer Kunstwaare und -Leistungen — dem durch- und ausgebildeten Künstler vorgezogen werden. DaS ist aber ein um so größeres Unrecht, wenn es sich um wichtigere Aufträge und bedeutendere Aufgaben handelt und die Bestellung solch kirchlicher Werke von kirchlichen oder weltlichen Behörden ausgeht. Da sich aber jedes Unrecht rächt, so sollte es vor allem da, wo es sich um die höchsten Interessen, die der hl. Religion und Kirche, handelt, sorgfältigst vermieden werden. Denn die so häufig anzutreffende, höchst elende oder geschmacklose, bäurisch-handwerksmäßige, unästhetische und abstoßende Ausstattung der Gotteshäuser und der kirchlich-liturgischen Dinge ist gewiß kein Zeichen der Blüthe der Religion und gereicht ihren Dienern und Bekenuern keineswegs zur Ehre und Empfehlung. Nur der fähige und zugleich mit innerer Ueberzeugung schaffende, also der wahrhaft berufene Künstler hat das Recht, die künstlerisch zu gestaltenden Gegenstände des kirchlichen Cultus und die zwischen dem Himmel und der Erde auf dem Boden der Kirche vermittelnden hl. Symbole herzustellen. Wir wollen den Begriff „Künstler" aber nicht auf den reinen Akademiker beschränken. Sonst müßte mancher in unsern Gallerten bewunderte Altmeister aus der Liste gestrichen werden. Denn Technik und Naturwahrheit sind nicht die wesentlichsten Merkmale der Kunst und darum auch nicht die alleiwichtigsten Kriterien eines bedeutenden Kunstwerkes, obwohl sie zur Vollendung desselben unentbehrlich sind. Künstler ist in unsern Augen jeder, welcher eine schöne Idee oder Empfindung bis zu einem entsprechenden oder ansprechenden bildlichen Ausdruck darzustellen vermag. Je adäquater dieser Ausdruck mit der Idee, oder je vollkommener oder schöner das Bild nach allen Beziehungen ist, einen desto höhern Rang nimmt natürlich das Kunstwerk ein. Also nur dem wahren berufenen Künstler kann man das Recht auf das kirchliche und religiöse Kunstwerk zusprechen und zwar in Folge seines innern Berufes, den ihm Gott selbst gegeben hat. Es muß ihn kränken, beleidigen und schließlich irre machen an seinem Berufe, wenn man ihm den offenbar Unberufenen wiederholt vorzieht. „Der Künstler", sagte mit Recht Pros. Schnürer auf der ersten Generalversammlung der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst, „der lein Verständniß findet, muß die schönste Idee in sich verschließen, wenn er sich nicht etwa in einem Anfall von Verzweiflung herbeiläßt, die Idee ganz über Bord zu werfen." Doch wo sind diese berufenen christlichen Künstler? Wer gibt uns zuverlässige Kunde von ihnen? — Ja an der letzter« hat es eben bis dato durchaus gefehlt, — die Vertreter der modernen weltlichen und realistischen Knust verstehen das Geschäft nur zu sehr, durch eine Reihe meist brillant ausgestatteter Zeitschriften und Journale sowie Zeitungskritiken ihre Interessen mit Nachdruck und Erfolg zu fördern. Auch die Protestanten bemühen sich vielfach mit anerkennenswerthen Resultaten, durch Landesvereine mit eigenen Organen, Generalversammlungen und autoritativen Comitös kirchliche Kunst und Künstler zu fördern. Die Katholiken dagegen haben kein einziges Organ, das sie in objectiver und zuverlässiger Weise über die gegenwärtige Thätigkeit auf dem christlichen Kunstgebiete auf dem Laufenden erhält, eine verständnißvolle Sichtung über die neuesten Leistungen vornimmt und über die bessern und leistungsfähigen Künstler verbürgte Kunde gibt. Die paar bekannten Größen auf dem vorwürfigen Gebiete, die durch Glück und Genie sich einen berühmten Namen gemacht haben, kann man nicht überall herbeiziehen. Sie sind für die gewöhnlichen Verhältnisse zu theuer, oder, wenn noch aktiv, schon übermäßig in Anspruch genommen. Soll in die christliche Kunstthätigkeit neues, aufblühendes Leben kommen, so müssen auch die jüngern, strebsamen, mit frischer Begeisterung ausgestatteten Talente herbeigezogen und ihnen Gelegenheit zum Schaffen und Bilden für die Kirche und das christliche Haus geboten werden. Sonst werden diese, gerade die Bessern und Besten, von der ihnen freilich entsprechendsten Thätigkeit sich zurückziehen und mit den Realisten und Sensualisten der profanen Kunst zu dienen gezwungen sein, so daß uns außer ein paar Bevorzugten nur das Gros des gewöhnlichsten Küustlerproletariats zurückbleibt. Dem oben gekennzeichneten Mangel eines für das Gedeihen und die Fortentwicklung der christlichen Kunst nothwendigen Vermittlungsorganes zwischen den beiden Hauptinteressengruppen abzuhelfen, das ist der vornehmste Zweck und das Hauptziel der neuen in diesem Jahre entstandenen Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst. Sie will einmal die christlichen Künstler mehr unter sich selbst einigen und diese sodann mit dem kunstliebenden und knustbedürftigen christlichen Volke zur gegenseitigen Förderung der christlichen Kunstinteressen in nähern Contakt bringen. Dieses Ziel sucht sie zunächst, bis ihr größere Mittel zur Verfügung stehen, durch halbjährige Herausgabe einer Foliomappe mit Nachbildungen neuerer Werke ihrer Mitglieder nebst erläuterndem Text zu erstreben. Die erste vor Kurzem erschienene Mappe mit 12 Foliotafeln phototypischer Bilder dürfte wohl für die meisten ein über Erwarten günstiges erstes Resultat des thatkräftigen Voranschreitens der jungen Vereinigung ausweisen. Es wäre daher dringend zu wünschen, daß dieses so zeitgemäße Bestreben die allgemeinste Betheiligung fände, damit zunächst und vor allem die Jahrcs- mappe des Vereins durch eine möglichst umfangreiche und erschöpfende bildliche Vorführung der neu entstandenen christlichen Kunstwerke und durch brillante Ausstattung ihrem Ideale immer mehr entgegengeführt werden könne. Vorläufig möge es aber gestattet sein, in diesen Blättern, den Bestrebungen jener Gesellschaft, welche sie mit ihrer Mappe verfolgt, secundirend, durch Besprechungen von neuen Erscheinungen auf dem Gebiete der religiös-kirchlichen und historischen Kunst den Interessen der Kunst sowie der Künstler zu dienen. Um diesen Zweck zu erreichen, bleibt nichts anderes übrig, als die Künstler in ihrem eigenen Heim, in ihren Ateliers und Werkstätten aufzusuchen und sich nach ihrem Bilden und Malen umzusehen. Denn das Meiste, was 22 dort, und zwar besonders in christlicher Kunst, geschaffen wird, kommt vor der Absenkung nicht erst in die öffentlichen Ausstellungen, obgleich es oft bei weitem mehr als manche der ausgestellten Sachen hiefür geeignet wäre. Wir thun das um so lieber, als wir aus Erfahrung wissen, daß es einem strebsamen und begeisterten Künstler nur angenehm ist, wenn ein kunstsreudiger Mensch sich hie und da nach seiner Schaffensthätigkeit umsieht, um an den Freuden und Leiden, die ihm dasselbe bereitet, in etwas theilzunehmen. (Schluß folgt.) Wissen und Glauben. O. R. Der unvergeßliche Joh. Friedrich Böhmer schreibt am 26. April 1863 an Marie Görres: „Man müßte eigentlich neue Reden über Theologie und Kirche an die Gebildeten unter ihren Verächtern haben, wie einst Schleiermacher herausgab. . . . Aber ich besorge, daß ein wohlgesinnter Moderner (wie wir doch nun einmal sind) sich dadurch eher seine Freunde zu Feinden machen, als die Feinde gewinnen würde" (Briefe, herausg. v. Janssen, II, S. 410). Wie man immer über die von Böhmer hier ausgesprochene Befürchtung denken mag, sicherlich Hütte dieser unbefangene Forscher in dem kürzlich erschienenen Buch: „Wissen und Glauben." Oeffentliche Vortrüge von I>r. C. Güttler (München, C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung, 1893, 214 S., 8°) wenigstens einen Theil seines Wunsches erfüllt gesehen und es darum mit Freude begrüßt. In 16 (an der Münchener Universität gehaltenen) Vorlesungen behandelt der Verfasser Themata, deren Wichtigkeit und Zeitgemäß- heit jedem Gebildeten unmittelbar einleuchten. Ueber seinen persönlichen Standpunkt (irenische Vermittlung zwischen selbstständigem Denken und lichtem, nicht blindem Glauben) orientirt uns Dr. G. vorzugsweise in der ersten (Glauben und Wissen in der Geschichte) und in der letzten Vorlesung (Die Bedeutung der Philosophie und ihre Stellung zum religiösen Glauben). Die vierte Vorlesung ist dem Ursprung und Wesen der Religion (vgl. Schleiermachers Zweite Rede: Ueber das Wesen der Religion), drei folgende der Gottesidee (historisch, kritisch, kritisch-dogmatisch) gewidmet. Von den übrigen heben wir noch hervor: Die Einheit und Entwickelung des Kosmos, die Entstehung der Arten und die Formen des Darwinismus, die menschliche Wahlsreiheit, die Unsterblichkeitsidee. Während der Verfasser in naturwissenschaftlichen Dingen sich überall auf solche Autoren stützt, die in ihrem Fache als Autoritäten gelten, nimmt er in rein philosophischen Fragen selbstverständlich das Recht in Anspruch, ein eigenes Wort mitzusprechen. Den gebildeten Leser wird, ganz abgesehen von der frischen, lebendigen Darstellung*), die bescheidene Zurückhaltung angenehm berühren, welche G. gegenüber den schwierigsten Problemen sich auferlegt. Während ein Naturforscher ersten Ranges (Julius Robert Mayer, Mechanik der Wärme, 1874, S. 318; bei Güttler S. 106) deu merkwürdigen Ausspruch thut: „Eine richtige Philosophie kann und darf nichts anderes sein, als eine Propädeutik für die christliche Religion" (vgl. damit Geibcl's Wort: „Das ist das Ende der Philosophie, zu wissen, daß wir glauben müssen"), begnügt sich Dr. G. zunächst mit dem — ihm wohlgelungenen — Nachweise, daß *) ES muß ein Genuß gewesen sein, diese Vortrüge zu hören. weder die Natur- noch die Geisteswissenschaften an sich zum Unglauben führen oder die Thüre zum (christlichen) Glauben versperren. „Widerspricht die Lehre von einer allmähligen Entwickelung des Weltalls etwa der Inspiration der kanonischen Schriften ? Wenn wir die Bedeutung der Inspiration auf die unverfälschte Ueber- mittelung religiöser Wahrheiten beschränken und die naturwissenschaftlichen Probleme davon ausuehmen, so kann die Antwort keine zweifelhafte sein. Kosmogonie und Geogonie sind Erkenntnißsphären der forschenden Menschenwclt, nicht Objecte übernatürlicher Offenbarung. Die Bibel redet von einem Schöpfungswerk nicht in der exacten Form der Wissenschaft, sondern in der religiösen Sprache der GoiteSwoche. . . . Kein Theologe, weder ein katholischer noch ein protestantischer, hat sich auS dogmatischen Gründen gegen die kosmologische Entwickelungslehre erklärt" (S. 107 f.). Güttler hätte sich hier auch auf das schöne Buch von ?. Karl Braun 8. ä., Ueber KoSmogonie vorn Standpunkt christlicher Wissenschaft (Münster. 1889), berufen können, worin u. a. der „Atheismus" Laplaces auf ein Mißverständnis; seiner bekannten Aeußerung „8irs, ss n'avaig xas Usovin äs sstts ll^potüsss", zurückgeführt uud gezeigt wird, daß der berühmte Astronom durch eine verbesserte kosmogonische Theorie und durch Vervollkommnung der Analysis das noch von Newton postulirte wunderbare Eingreifen des Schöpfers in die Bewegung der Planeten entbehrlich gemacht habe (S. 282 f.). Wie einfach wäre in manchen Fällen die Verständigung zwischen Wissen und Glauben, wenn einerseits die Naturforscher die Grenzen ihrer eigenen und das Gebiet der Geisteswissenschaften respectiren und andrerseits die Theologen auch in spcculativen und historischen Fragen so unbefangen, im besten Sinne „modern" sein wollten, wie es z. B. die heutigen Jesuiten in Hinsicht auf Naturforschung sind! Allen, die sich für das Verhältniß zwischen Wissen und Glauben interes- siren — und welchem Gebildeten könnte dieses Interesse fern liegen? — seien die lehrreichen, zu weiterem Nachdenken höchst anregenden Vortrüge vr. Güttlers auf's wärmste empfohlen. Das große Apostolische Vikarmt der Mandschurei. ^.6. Das Apostolische Vikariat der Mandschurei umfaßt ein Gebiet von mehr als 1,765,000 Quadratkilometer; es ist somit etwa so groß, wie das Deutsche Reich, Oesterreich und Frankreich zusammen, und gehört wohl zu den größten Apostolischen Vikariaten der ganzen Welt. Es ist wohl auch das beschwerlichste, wenn wir von dem „hohen Norden" Amerika's absehen. Dieses riesige Missionsfcld faßt in sich: die starkbevölkerte chinesische Provinz von Leao-tong — an Petscheli angrenzend — die beiden Mandschu- provinzen Ghirin und Tsi-tsi-kar und die russischen Provinzen Amur und Primorskaia. Von den vielen Bergketten dieses Landes ist der Haupizug der Tai- pai-chan — d. h. der „Weiße Berg" — eigentlich Weißes Gebirg — dessen mit Schnee bedeckte Kalkstein- felsen bis zu einer Höhe von 3000 Meter aufragen. Zwischen den Bergreihen erstrecken sich unabsehbare Ebenen, die im Westen und Nordwesten durch wildes Steppenland — im Osten durch einen undurchdringlichen, herrlichen Urwald ihren Charakter erhalten. Ueberreich ist das Land an Pelzwild, Panthern, 23 Tigern, Bären u. s. w., an Metallen und werthvollen Hölzern. Das Klima ist, besonders in der nördlichen Hälfte, sehr rauh und der nordasiatische Frosthauch läßt das Thermometer im Winter (vom Oktober bis in den März hinein!) bis auf 45° R. sinken, während es im Sommer bis auf 40, ja 45° steigen kann. Die Gesammteinwohnerzahl soll nicht mehr als zwölf Millionen betragen. Die Hauptmasse der Bevölkerung befindet sich im Südtheile des Landes. Die Mandschurei zeigt ein buntes Völkergewirr: Mandschn, Tungusen, Mongolen, Chinesen, Khalkhas, Ghilaks, Solons und verschiedene Mischrasfen aus diesen Stämmen und Völkern. Die Mandschu-Provinzen und die Provinz Leao- tong haben ihre eigene, getrennte Verwaltung. Die Mongolen stehen unter 48 mongolischen Tributär- königen und die wilden Horden — Nomaden — haben ihre Häuptlinge. Was die Religion betrifft, so bekennen sich die Chinesen zu einem Gemisch von Konfutse-Buddhismus; die Mandschu und Tungusen fröhnen dem unheimlichen Geisterglauben der „Schamanen"; manche bekennen sich zum Islam. Die Anfänge des katholischen Missionswerkes reichen zurück bis zur alten Jesuitenmission. Die neue Missionsthätigkeit begann im Jahre 1840 mit der Errichtung eines Apostolischen Vikariats der Mandschurei — unter Leitung des Pariser Missions-Seminars. Das Centrum der Missionsthätigkeit ist die Provinz Leao-tong (im Südtheile), wo in deren wichtigster Hafenstadt Jng-tse (Jng-tze) der Apostolische Vikar seinen Sitz hat. Die Eroberungen der Nüssen und ihre Nähe haben den Fortschritt der Mission sehr gehemmt und den Frcmdenhaß wiederholt auch gegen die Missionäre heraufbeschworen. Nur langsam dringt das Evangelium in dem ungeheuren Gebiete vor. Gegenwärtig zählt die Misston 14,000 Katholiken, welche sich auf 151 Gemeinden in 41 Distrikten vertheilen. Der europäischen Missionäre sind es 27, der eingebornen Priester 7. Es bestehen 2 Priesterseminare „wegen der Größe des Landes und der Reisekosten". Das eine Seminar ist im Südtheile mit 30 Alumnen, das andere im Nordtheile mit 12 Alumnen. Die Misston hat ferner 88 Schulen, 16 Waisenhäuser, 2 Spitäler, eine Landbau-Schule mit 250 Zöglingen u. s. w. „Die kathol. Missionen" veröffentlichen soeben in ihrem Dezemberheft 1893 einen Brief des Apostolischen Vicars Msgr. Guillon (vom 3. Mai 1893), worin der hochwürdigste Herr über eine viermonatliche Missionsreise berichtet, die vom 1. Dezember 1892 bis 1. April 1893 dauerte, einen Weg von zweitausend Kilometer umfaßt und ungemein flrapazenreich war. Hiebci besuchte er zum ersten Male die beiden Nordproviuzen. Diese Rundreise geschah mitten im Winter, wo die Kälte „so furchtbar empfindlich werden kann". Doch hatte der Apostolische Vikar das Glück, über 700 Ncophyten das Sakrament der Firmung zu spenden, zwei neue Kirchen einzuweihen und einen neuen Missionsdistrikt zu gründen, dem er den Namen „Stern des Erlösers" gab, zur „Erinnerung an das schöne Weihuachtsfest", das der hochwürdigste Herr unter 400 Neophhten verlebte; dieselben hatten noch nie ihren Bischof gesehen, noch je der Feier einer hl. Christmette beigewohnt. Zu der obigen Zahl der Katholiken sind nach dem Schreiben des A. Vicars noch 2500 Katechumenen zu rechnen. In seinen zwei Seminarien hat Msgr. Guillon zwei Einheimische zu Priestern geweiht, zweien die Diakonatsweihe und I fünfen die Tonsur ertheilt. — Eine peinliche Klage spricht aus dem Schlüsse deS bischöflichen Berichtes in Bezug auf die Geldmittel. „Wenn ich einem jeden der (42) Missionäre sein Weggeld auf's Jahr verabreicht habe, bleiben mir von der Summe, die der Verein für die Glaubeusverbreitung mir zuwendet, noch ganze 11,200 M. übrig; damit soll ich alle andern Unternehmungen und Werke des unermeßlichen MissionsgebicteS im Gang erhalten und die Seminaristen ernähren (und der eigene Hausbedarf?!). Die Folge davon ist der Mangel an einer hinreichenden Anzahl einheimischer Priester und Katechumenen, die doch den Hauptnerv der hiesigen Missionsthätigkeit bilden." Recensionen und Notizen. Cardinal Johannes Dominici, 0. kr., 1357—1419. Ein Ncformatorcnbild aus der Zeit bcS großen Schisma. Gezeichnet von k. Augustin Rösler, 6. 88. L. Frei- burg i/B., Herder 1893. VI und 196 S. * Es ist eine traurige Periode der Kirchcngeschichte, in die vorliegende Arbeit uns versetzt. Einer Geißel GotteS gleich ist das große Schisma über die abendländische Christenheit hereingebrochen, spaltet die kirchliche Einheit und ängstigt ungezählte Gemüther. Wie aber der Herr sein Volk zu keiner Zeit verläßt, so fehlt es auch in dieser Zeit nicht an bedeutenden Männern, die das Volk erheben und trösten und die kommende Rettung vorbereiten. Ein solcher Mann war Johannes Dominici, dessen Lebeiisgang uns der Vers. vor Augen führt. 1357 in Florenz geboren, tritt Johannes (17 Jahre alt) in den Orden des hl. Dominikus und erregt hier bald durch seine glänzenden Talente sowohl wie durch seinen glühenden Eifer für die Ordcns- reiorm die Aufmerksamkeit weiterer Kreise. Bald finden wir ihn in Venedig, wo er das Kloster Oorpus Lüiristi für Töchter seines hl. Ordcnsstiftcrs gründet, deren geistliche Führung er übernimmt und mit denen er Zeit seines Lebens in frenndschaft- licbcm Briefwechsel verbunden bleibt. Darauf entfaltet er in seiner Vaterstadt eine großartige Thätigkeit als Kanzelrcdner, er, der in seiner Jugend stotterte, gründet den Dominikancr- conveut bei Fiesole und tritt insbesondere der damals sich entfaltenden sogenannten Renaissance entgegen in seiner interessanten Schrift „luenla noetüs", deren Entstehung und Inhalt eingehend erläutert werden. Sodann lernen wir Dominici'S kirchcnpolitische Thätigkeit kennen, wie er in die Nähe Grcgor's XII. kommt, der ihm sein ganzes Vertrauen schenkt und ihn zum Cardinal erhebt. Endlich sehen wir ihn aus dem Concil von Konstanz eine hervorragende Roste spielen, biö er gelegentlich einer GesandtschastSrcise zur Bekehrung der Hussiten 1419 in Buda stirbt, nachdem ihm noch der Trost zu Theil geworden, zur Wiederherstellung der kirchlichen Einheit mitgewirkt zu haben. Wir können dem Verfasser vorliegender Monographie das Zeugniß nicht versagen, daß er sich in den Quellen fleißig umgesehen hat und daß eS ihm gelungen ist, manches schiefe Urtheil zu verbessern, manches falsche zu widerlegen; auch besitzt er die Gabe anziehender Schilderung und gewandter Sprache. Das Bild, das k. R. von Dominici entwirft, ist denn ein wesentlich verschiedenes von dem, das ein anderer katholischer Historiker, Sauerland, gezeichnet hat. Wir möchten glauben, ganz treu ist R.'s Bild so wenig, wie das Sanerland'S. ?. N. wirft zwar Sanerland Voreingenommenheit gegen Dominici vor, er selbst ist aber erfüllt von solcher für D., der nach L. R. an allen Erfolgen schuld, den« alles zu danken ist. Und doch muß I?. R. selbst zugeben, das; namentlich D. es war, der Gregor XII. im Entschlüsse, nicht zu rcsigniren, bestärkte. War nun D. wirklich der große, einzig uin's Wobl der Kirche besorgte Mann, als den I?. N. ihn darstellt, dann hätte D. von Anfang an Gregor XII. energisch und immer wieder zur Abdankung rathen und, wenn er mit seinen Vorstellungen nicht durchdrang, Gregor sich selbst überlassen müssen. Daß D. von der Ueberzeugung getragen war, Gregor sei der allein rechtmäßige Papst, ändert daran nichts, dasselbe glaubten die Vertrauten Peter de Luna's auch von diesem; dadurch, daß beide Theile nur immer auf ihr gutes Recht pochten und keiner dem andern zum Wohl der Gcsammt- hest weichen wollte, wurde ja eben das ganze Elend der Kirche verschuldet. Daß die schlicßlichc Union Gregors XII. mit dem Concil und damit die Hebung des Schisma viel mehr auf Kosten deö Fürsten Malatesta, als, wie ?. R. schreibt, D.'S zu setzen ist. wurde von berufenster Seite bemerkt. Und von ein wenig Ehrgeiz scheint D. nicht ganz freizusprechen zu sein. 24 Erklärung der gebräuchlichsten fremden Pflanzen- namcn. Bon A. Emmerig. Donauwörth, Druck und Verlag der Buchhandlung von L. Aucr. LI. Der Verfasser des in weiten Kreisen bekannten „Stcrucn- himmcl" hat mit einem ähnlichen praktischen Werkchcn auf dem Gebiets der Botanik den Büchermarkt bereichert. Auf 122 Seiten gibt dasselbe in Form eines Lexikons eine etymologische Erklärung von den Namen unserer häufigsten Tops- und Gartenpflanzen. Der Laie erfährt hier nicht bloß, welche Namen in der Wissenschaft viele Pflanzen führen, die der Volksmund anders bezeichnet, sondern auch, aus welcher Sprache diese Namen genommen sind, welche Betonung dieselben haben, welchem Gcnuö sie angehören und ob sie Eigen- oder Gattungsnamen, einfache oder zusammengesetzte Wörter sind. Wenn die Pflanzen, was nicht selten ist, nach bestimmten Personen benannt sind, so werden letztere bezeichnet; ebenso wird die Wortbedeutung der übrigen Pflanzen aufs eingehendste mitgetheilt. Geradezu überraschend ist oft diese Erklärung, indem nämlich der Verfasser als Fachmann mit der ihm eigenen Gründlichkeit nachweist, wie der Name genau zur Pflanze paßt. Gewisse Eigenschaften, die der letzteren anhängen, lassen sofort erkennen, warum sie diesen Namen trägt. Unwillkürlich entsteht der Gedanke, dass auch im Pflanzenreiche jedem Gewächse „sein Name gegeben" ist, wie der biblische ScböpfnugSbcricht von der Thierwelt erzählt. In bekannten Wortlürzungen enthält dann das Schriftcken bei den einzelnen Namen auch die Angabe sowohl der Klasse und Ordnung (nach Linnö'schcm System), welcher jede Pflanze angehört, als auch der Autoren, von denen Benennungen verschiedener Pflanzen herrühren. Auf weiteren 14 Seiten folgt die nähere Erklärung dieser „Familiennamen" der Pflanzen, die analog ist der vorausgegangenen, und auf den letzten 7 Seiten werden gleichfalls in alphabetischer Reihenfolge die früher bei den Pflanzen angedeuteten „Autoren" aufgeführt und ihr genauer Name, ihr Stand und Zeit und Ort, wann und wo sie geboren sind, kurz und bündig angegeben. Da das Büchlein auch einen sehr mäßigen Preis und ein gefälliges Taschenformat hat, so empfiehlt es sich durchaus als das, was auf dem Titclblatte zu lesen ist, nämlich als „ein Nachschlagc- Luch für Studircndc. Botaniker, Lehrer, Seminaristen, Gärtner, Forstleute, Blumenliebhaber" rc. Kirchengeschichte in Lebensbildern. Für Schule und Familie dargestellt von Ferdinand Stiefel Hagen. 3. Aufl. Freiburg i. B., Herder 1893. VIII u. 6l6S. * Ein eigenthümlicher, geheimnißvollcr Zauber ergreift unwillkürlich den Pilger, wenn er vor den alten Mosaiken Noin's oder besonders Ravenna'S steht. Da leuchten lind grüßen sie auf ihn herab, diese altchrwürdigen Gestalten in ihren langen, wallenden Gewändern, mit ihren hagern, durchgeistigten Zügen, in die eine so feierliche Majestät und doch wieder eine so tief innerliche Ruhe, ein so himmlischer Friede gegossen ist. In den Händen aber halten sie den SiegcSpreis ihres opfer- und entsagungsvollen Erdcnstrebens, die Krone des ewigen Lebens. Und wir können uns des Gedankens nicht erwehren: ist nicht auch die Kirchengeschichte einer solchen alten Basilika vergleichbar, in deren Hallen die hl. Blutzeugen, Bckenner und Jungfrauen uns cntgegenlächeln und uns ihre Kronen zeigen zur Aufmunterung, daß auch wir kämpfen und siegen sollen? Wenn wir die Blätter der Kirchengeschichte aufschlagen, da begegnen uns auf Schritt und Tritt die großen Männer des Christenthums, denen die Welt zwar keine Statuen gesetzt hat, die aber doch mit ihrem segenSvollen Walten unauslöschlich fortleben im Gedächtnisse der kathol. Kirche. Einer literarischcn Walhalla der .Heroen des Katholicismus möchte ich nun „die Kirchcnge- schickte in Lebensbildern" vergleichen, die uns Stiefclhagcn in 3. Auflage bietet. Es war ohne Zweifel ein sehr glücklicher Gedanke, die verschiedenen Epochen der Kirchengeschichte gleichsam personisicirt in ihren markantesten Vertretern zur Darstellung zu bringen, und wir können dem Verfasser die Anerkennung nicht versagen, daß er in der Auswahl der für jede Periode bezeichnendsten Persönlichkeiten einen sicheren Blick bewiesen hat. Dock können wir unsere Verwunderung nicht unterdrücken, daß der Verfasser, der doch schon auf dem Titelblatt ankündigt, sein Bück sei für Schule und Familie geschrieben, die kirchliche Wissenschaft, besonders auch die Scholastik, so stiefmütterlich behandelt, z. B. den hl. Thomas von Aquin (S. 268) in wenigen Zeilen abthut. Auch die kirchliche Kunst und Poesie hätte mehr zur Geltung kommen dürfen, die großartige charitative Thätigkeit der Kirche im Mittclalter trilt gleichfalls allzuweuig hervor. Doch wollen wir mit dcm Verf. hierüber nicht rechten; er wollte nur ein Lesebuch bieten, keine eigentliche Kirchengeschichte, eine solche will und kann sein Buch auch gar nicht sein, dazu wäre es zu lückenhaft und einseitig; denn die Kirchengeschichte erzählt leider nicht bloß von Heiligen und großen Männern. Brunn er (Franz Lndw.), Geschichte der Deutschhcrreuordens- Comthurci und des Marktfleckens Neubrunn. Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart nach archivalischen und historischen Quellen bearbeitet. Würzburg, „Neue Bayerische Landeszeitung" 1893. 8°. Vl, 131 S. M. 1,50. -s- Eine auf Grund der Materialien des KönigSberger Staatsarchives, Münchener NcichSarchives, Stuttgarter Staatsarchives, des Wertheimcr Archives und der Würzburger Archive gearbeitete Abhandlung, der Gemeinde Neubrunn (Marktflecken im Bezirksamts Markthcidenscld) von ihrem Pfarrherrn gewidmet; ihr Erlös soll dem Nenbrunner Kirchenbaufonds zu Gute kommen. Dieser fromme und gemeinnützige Zweck muß bei der Würdigung dcS Buches vor Augen behalten bleiben! Denn in einer „Geschickte der DcurschherrenordcnS-Comthurci rc. Neubrunn rc." würde man gerne vermissen die Bemerkung, daß „die Ncu- brnuncr an ihrem erfahrenen, allgemein beliebten Arzte Dr. Pfistcr einen immer bereiten, bewährten Helfer" haben (S. 3), oder S. 84 f. die Vorschläge dcS Vers., wie die Gemeinde 1884 ihr neues SchnlhauS besser und schöner hätte bauen können; Neihenfolg der Herren Lehrer" und „Fräulein Lehrerinnen" S. 129 ist allzu höflich! Eine „Geschichte" im strengen Sinne gibt das Werkchcn nicht, wohl aber eine fleißige chronikalische Verzeichnung der Geschichte Neubrnnns als Deulsch- hcrrenordenscomthnrei 1290—1484, unter Kurmainz 1484 bis 1655, unter Würzburg 1655—1801 s180l unter Bayern); ob aber für die Zwecke des Verfassers die Urkundenpublikationen über den Deulichhcrrcnorden vonJ.H. Hennes, E. Strchlke und E. G. Graf v. Pettcnegg, welche nirgends im Buche erwähnt sind, wirklich keine Ausbeute gewähren, wäre wohl noch zu untclsnckcn. Der „Bauernkrieg 1325" (S. 9) ist gewiß nur ein Druckfehler, statt 1525. Dem Citate aus „Sclvers allbekannten .Adclsprobeu'" (S. 33) über Kurfürst Joh. Philipp von Schöuborn, daß keiner von dessen Vorführern „sich so vieler besessener höchster Würden rühmen konnte", hätte Vers. mit einem Hinweis auf den Kurfürsten Albrecht von Brandenburg widersprechen müssen. Doch wir wollen an dein in usum volpbini pietätvoll geschriebenen Büchlein keinen gar zu strengen Maßstab anlegen! ES ist gewiß ein lcbwürdiges Unternehmen, diese OrtSzesckichte, und verdient als solche Nachahmung zu finden. Im Hinblicke speziell auf ihren frommen Zweck sei sie hicmit bestens empfohlen! -o Brevier. Bei Pustet-Rcgensburg ist neben einer neuen vielbändigen Ausgabe des römischen Breviers auch eine zweibändige in 13" erschienen. Fast unglaublich, und doch wahr! Was sonst in 4 Bänden steht, ist hier in 2 enthalten, ohne daß der Druck kleiner, die Dicke dcS Bandes (40 Millimtr.) größer, das Gewicht (675 Gramm) schwerer ist. Alan findet das Brevier sehr haudbar, den Druck außerordentlich schön und deutlich; alles ist vollständig ausgesetzt, so daß auch das lästige Hin- und Herschlagcn vermieden wird. DaS Brevier enthält alle neueren Feste nebst den Votivofficien. Bei den Hauptfestcn sind noch herrliche Bilder eingelegt. Man muß sich wirklich fragen: wie war eine solche Ausgabe möglich? Die besonders gute Papiergualität hat sie ermöglicht. DaS Papier, obwohl sehr fein, ist aber doch so fest, daß der Druck nicht durchsichtbar wird. Ganz begreiflich, wenn darum diese Ausgabe eine ehrende Anerkennung von Rom erhalten hat. Das Werk lobt den Meister. Die Landes, Hören, Vesper und Complet sind außerdem noch durch Scparatabdruck in einem kleinen Broschürchen beigelegt mit den Ncsponsoricn für die Nocturncn, welche im proprimn äs toiuporo einzulegen sind, ebenso die Antiphonen unv Vcrsikeln pro oommsmoralions Lanotorum, pro oomwomorationo vominioarom ot Vsriarmn und die Oommsworatnoues oomwunos. Proprien für einzelne Länder, Diöccsen und Orden können gegen aparte Berechnung mitbestellt werden. Der Preis dieser zweibändigen Brcvicraus« gäbe beträgt broschirt 12 Mark. In Schaflcderband mit biegbarem Rücken und Nothschnitt 18 M. Ebenso mit Goldschnitt 19 M. In echtem Chagrinband mit Nothschnitt 21 Mark. Ebenso mit Goldschnitt 22 M. Ebenso mit reicher Pressung, Kantenvergoldung und Goldschnitt auf rothem Untergrund 25 Mark. In Juchtenledcrband niit Goldschnitt auf rothem. Untergrund 30 M. Diese schöne, praktische und billige Ausgabe kann somit jedem Priester aufs beste empfohlen werden» und namentlich möchten wir die Alumnen in Priestersemiuaricn bei Anschaffung eines Breviers auf selbige aufmerksam gemacht haben. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg. Ni-. 4. 25. Januar 1894. Zur Fortsetzung der Augsburger Bisthums- Geschichte.*) — 8. Obgleich die Fortsetzung der Augsburger Diözesangeschichte von mehrfacher Seite und zwar durchgängig günstige, ja höchst anerkennende (s. Allg. Ztg. 1893 Nr. 356; Hist. Jahrb. d. Görresgesellsch. 1893 S. 431) Besprechungen erfuhr, so glauben wir doch auch an dieser Stelle in Kürze darauf zurückkommen zu sollen, vor allem deßhalb, weil das schöne Werk zunächst gerade für jene Kreise bestimmt ist, in denen auch dieses Blatt seine weiteste Verbreitung findet. Es ist bekannt, daß das groß angelegte Werk, nachdem sein hochverdienter Begründer auf den erzbischöflichen Stuhl von München-Freising berufen worden war, aus leicht begreiflichen Gründen, nur einen sehr langsamen Fortgang nahm. Gewiß wird es von den Abnehmern wohlthuend empfunden werden, daß sich seit der in Angriff genommenen'Fortsetzung trotz der zu überwindenden Anfangsschwierigkeiten die Herausgabe erheblich beschleunigte. In verhältnismäßig kurzer Zeit sind sich drei sechs Bogen starke Hefte gefolgt, in denen die noch von dem hochseligen H. Erzbischof begonnene Beschreibung des Landkapitels Jchcnhausen zu Ende geführt und die allgemeine Uebersicht des Dekanates Jettingen gegeben wird. In der letzteren schloß sich Schröder, wie billig, ganz der bewährten Eintheilung seines Vorarbeiters an, welcher der topographisch-statistischen Beschreibung der Dekanatsbczirke unter dem Titel „Geschichtliches" jedesmal einen historischen Ueberblick über die politischen und kirchlichen Verhältnisse folgen ließ. Nur in einem Punkte konnten wir eine Abweichung oder richtiger Erweiterung von Steichele's Plan wahrnehmen, sofern nämlich jetzt der Rubrik „Kirchlich-Geschichtliches" die weitere „Knnst- geschichtliches" hinzugefügt ist. Thatsächlich hatte jedoch bereits Steichele bei der Behandlung der einzelnen Pfarreien den religiösen Kunstgegenstünden nach besten Kräften und in umfassender Weise seine Aufmerksamkeit zugewendet. Wenn daher sein Fortsetzer die allgemeinen Ergebnisse seiner Beobachtungen auf dem kunstgeschicht- lichen Gebiete bereits in der Einleitung zu den betreffenden Bezirken kurz aufführt, so kann dadurch nur einerseits die Uebersichtlichkeit des Stoffes, andrerseits aber auch die kunstgeschichtliche Darstellung gewinnen, der damit ein paffender Raum geschaffen wird, auch ihrerseits in größeren Zügen auf eine Entwicklung und auf die zusammengehörigen Bereiche und Zonen übereinstimmender Kunstübung hinzuweisen. Ueberhaupt scheint uns in der Beschreibung der kirchlichen Kunstgegenstände, wobei der Verfasser ohne Voreingenommenheit für oder gegen einzelne Stile und Richtungen das Schöne und Werthvolle anerkennt, wo es sich findet, das Werk gewonnen zu haben, und die Commission für Jnventari- sirung der Kunstdenkmüler Bayerns wird, wenn sie zu den in der Augsburger Bisthumsgcschichte behandelten Bezirken kommt, gewiesenen Weg haben. Wie wir vernehmen, beabsichtigt der Verfasser sich der mühsamen Arbeit der Negistriruug der sämmtlichen bisherigen Bände zu unterziehen und das Register dem noch in diesem Jahre fertig zu stellenden fünften Bande beizugeben. Dadurch wird ein Mangel beseitigt, der bei den Historikern von Fach längst gefühlt werden mußte, und wird die Brauchbarkeit des Werkes wesentlich gehoben. Um endlich noch mit einem Worte auf das jüngst erschienene 38. Heft zu sprechen zu kommen, so konnte in demselben der Verfasser sein Geschick für historische Forschung und Darstellung an einem größeren Gegenstände, der Beschreibung der Pfarrei Wettenhausen mit ihrem ehemaligen in das 12. Jahrhundert hinaufreichenden Augustinerchorherrenstift an den Tag legen. Durch einen glücklichen Zufall wurde erst in jüngster Zeit die Stiftungsurkunde dieses Klosters von dem Einbanddeckel eines Buches der Staatsbibliothek zu München abgelöst. Schröder stellte den beschädigten Text mit Glück wieder her und bringt das Dokument zum ersten Male zum Abdruck. Die Geschichte der ehemaligen Neichsprälatur, für welche eine sehr ausgedehnte und mannigfaltige Literatur zu bewältigen war, ist durchgehend sehr anziehend niedergeschrieben, namentlich treten die bedeutenderen Prälaten in gutem Relief hervor. Bekanntlich ist in den sechziger Jahren das Klosterleben zu Wettenhausen, wenn auch in anderer Form, durch die Thatkraft und das Gottvertraucn der unübertrefflichen Priorin Aquinata wie ein Phönix aus der Asche wiedererstanden. Am Schlüsse des Kapitels Jchenhausen fand -noch die Geschichte der ehemals katholischen, jetzt protestantischen Pfarreien Leipheim und Nisdheim bis zu der Grenze hin Berücksichtigung, welche durch eine katholische Bisthumsbeschrcibung gegeben ist. Möge das Werk seinen Zweck, Kenntniß und Liebe der heimischen Kirchcngeschichte zu wecken und zn fördern, in ausgedehntem Maße erreichen; möge diese durch den Hinweis darauf, was gewesen und geschehen ist, dazu beitragen, nicht aus dem Auge zu verlieren die Norm dessen, was sein und geschehen soll. Aus allerlei Tonarten. Verdeutschte spanische und eigene Lyrik von Otto Braun. (Stuttgart 1893. I. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger.) tt. „Glücklich der Schriftsteller, welcher im Stande ist, ein schönes kleines Buch zu schreiben," sagt ein geistreicher französischer Aphoristiker. Nach Durchlesung des vorliegenden Büchleins, das nur 120 Seiten hat, muß man sagen, daß der Verfasser so „glücklich" war. Wenn er in der „Vorrede" gesteht, daß er schon in der Jugend Lieder machte und sie im Alter gesammelt habe, so darf man wohl annehmen, daß, wenn er nur die Hälfte davon herausgab, er uns gewiß einen stattlichen Band von vielen hundert Seiten hätte bieten können. Aus dieser weisen Beschränkung und Selbstkritik kann man mit Recht den Schluß ziehen, daß er uns nur Gutes und Gediegenes bietet. Eine solche Strenge haben sich nicht alle Dichter auferlegt, und selbst Goethe hat so viele lyrische Kleinigkeiten des Druckes würdig erachtet, daß seine stärksten Bewunderer gestehen müssen: die Hälfte wäre besser, als das Ganze. Weit über die Horaz'sche Vorschrift der „neun Jahre" hinaus ließ unser Verfasser, das ganze Leben hindurch bis zum Alter, seine Gedichte liegen und — reifen. Und als ein '0 Steichclc-Schröder, DaS BiStbum Augsburg büstorisch und statistisch beschrieben. 38. Heft. Augsburg, Schmio, 1891. Siebter gesteht er noch: daß er „an diesem und jenem Gedicht noch hätte bessern und feilen mögen". Das ist eine eindringliche Lehre für manchen von lyrischem Dufte berauschten deutschen Jüngling, der mit Ungestüm nach einem Verleger sucht, „wenn — wie Platen sagt — lang im Schachte der Stahl noch ruht, der einst ihm scheeren das Kinn soll". Der Verfasser ist bei den besten deutschen und ausländischen Dichtern der verflossenen Decennicn in die Schule gegangen, und hat besonders bei den Spaniern einen strengen Cursus durchgemacht. Dieser seiner Bekanntschaft mit den Spaniern verdanken wir beinahe die Hälfte seiner Sammlung — eine prächtige Schale voll goldner Aepfel aus den Gärten der Hesperiden. Es sind meistens bei uns weniger bekannte und neuere Dichter, von denen O. Braun Proben gebracht, wie z. B. Josä de Espronceda, dessen „Gesang des Piraten" uns durch seine kühne und frische Vcrsification besonders angesprochen hat. Doch sind auch ältere Dichter, wie Pouce de Leon, Lope de Vega und Santa Teresa de Jesus mit ihrem herrlichen Sonett auf den Gekreuzigten, vertreten. Wir können es uns nicht versagen, dieses Gedicht, das in der Geschichte der Mystik so hervorragend ist, in O. Brauns vortrefflicher Uebertragung hieher zu sehen. Nicht weil es nach der Himmclöpalme trachtet, Hat Lieb' zu dir, o Gott, man Herz umwunden, 'Nicht bab' ich Ehrfurcht stets vor dir empfunden, - Weil Furcht der Hölle meine Seel' umnachtet: Tu rührst zur Liebe mich, du, der verachtet, Verspottet ward, und au das Kreuz gebunden» ES rühren, Herr, mich deines Leibes Wunden, Mich rührt die Pein, in welcher du verschmachtet. Nur deine Lieb', o Heiland, kann mich laben: rluch ohne Himmel bliebe mir die Liebe, Und ohne Holt' die Ehrfurcht eiugegraben. Toch buhl' ich nicht um deiner Liebe Gaben: Wenn mir auch nicht die HimmclShofsuuuz bliebe, Würd' ich darum nicht minder lieb dich haben. Wenn auch die Kirche das Moralische dieses Ge- vichtcL wegen seines an Schwärmerei grenzenden Inhalts mißbilligt hat, wird dasselbe doch eine der farbenprächtigsten und süßdustlgsten Blumen im Garten der christlichen Dichtung bleiben und den Airsspruch eines feinsinnigen französischen Schriftstellers rechtfertigen, der die heilige Theresia die „Sappho der Andacht" genannt hat. Seiner geschmackvollen Auswahl aus den Spaniern hat der Verfasser als zweiten Theil „Eigenes" hinzugefügt, obwohl er schon die gewandte Form seiner Uebcr- setzuugcn, die sich wie Originale lesen, fein „eigen" nennen kann. Er beansprucht übrigens keineswegs, eine eigene Richtung einzuschlagen, wenn er auch seine eigenen Wege geht. Er trägt keine Fahne voran und leistet auch keiner Gefolgschaft. Da er aus „allerlei Tonarten" singt, vernehmen wir Anklänge an manche uns bekannte, jedoch wieder in einer „eigenen" Weise. Von den bedeutendem Poeten der vergangenen Epoche, von denen viele seine Freunde waren, ist er nicht unbeeinflußt geblieben. In seinem Geiste haben sich aber allenfallsige Reminiscenzen wieder ganz anders und neu gestaltet, wie z. B. bei seinem letzten und ergreifendsten Gedichte: Die Säge. Dieses Gedicht steht aber nicht bloß durch seinen reichern Inhalt, sondern auch durch seine Form und den so angemessenen Schlußvers mit der Onomatopöie: „Die Säge, Säge, Säge" — weit über einem ähnlichen des JustinuS Keiner. Eines seiner interessantesten Gedichte, „Fliegende Blätter", erinnert in der launigen Art der Durchführung und besonders im Refrain etwas an Bärnngcr. Rosen, Schwüre der Liebe, politische Lorbeeren, Parlaments-Reden — werden fliegende Blätter genannt. Aber mit der Wendung, gleichsam mit der Moral des Gedichtes, können wir uns nicht einverstanden erklären. Es heißt: Du selber ja bist an der Menschheit Baum Ein Blatt nur, geschüttelt vom Winde, D'rum eh' er zerrinnet, der liebliche Traum, Ergreife, genieß ihn geschwinde! Ja, das sind aber, wieder fliegerzde Blüthen und Blätter, und noch viel weniger werth, als die genannten andern! Und wenn der Dichter dann sagt: „Und nm das Vergängliche gräme dich nicht!" so lag der Gegensatz sehr nahe, nämlich das Unvergängliche, worauf ein spanischer Dichter, besonders aus der frühern Zeit, ganz bestimmt hingewiesen hätte. Dagegen ist der Schluß, mit der launigen Hinwcisung auf unsere „Fliegenden Blätter", wieder ganz treffend: Und kommt dir die Welt absonderlich vor, So flüchte zum deutschen, zum Münchner Humor, Der macbt die Stirne dir glätter — Kind, reich' mir die „Fliegenden Blätter"! Außer den leichten Anspielungen auf Zeitverhült- nisse, die dieses Gedicht enthält, findet man sonst keinerlei politische Gedichte, am allerwenigsten die sonst üblichen Trompeterstücklein auf die neue Herrlichkeit des Deutschen Reiches. Debatte und kontroverse bleiben ihm gleichmäßig ferne, und seine Gedichte bewegen sich nur in den höhern Anschauungen der heutigen Welt und in der Sphäre zarter Empfindungen des menschlichen Herzens. Eine Anzahl Sonette, zum Theil Freunden gewidmet, unterbrechen die lyrischen Ergüsse. Der Dichter ist überhaupt ein Meister im Sonette, das er mit großem Geschick zu behandeln weiß. Das Elephantensonett S. 103 ist ein Muster von Neisehumor, und wurde dem Dichter Zur unwillkürlichen Neclame für den „Elephant" in Brixen, wie es der Besitzer nicht besser wünschen konnte: D'rum laß Dir rathen, Freund! Wenn Dieb ein Bleisack Von Sorgen drückt, so komm' hieher nach Brixen Und senk' ihn in das Flnthenbctt deö Eisak! Im „Elephant" laß Dir die Stiefel wichsen — Hier labt der Wein, hier dampft die feinste Schüssel, D'rum blüh' ihm Heil vom Schwänze bis zum Rüssel! In allen Liedern herrscht eine lobenswerthe Kürze und Deutlichkeit der Sprache, in der jede Ueberschwäng- lichkeit vermieden ist. O. Braun, der als langjähriger Chef-Redacteur der Allgem. Zeitung der neuern Orthographie den Zugang versagt hat, macht ihr in seinen Liedern Concessionen, indem er beim alten th das h weggelassen hat. In dieser wichtigen Schriftangelegcnheit sind wir der Meinung, daß man, statt die Sache amtlich und offiziell ordnen zu wollen, besser gethan hätte, auf die Autorität unserer zwei größten Sprachmeister hin, Platen und Nückert, deren gereinigte Orthographie anzunehmen und festzustellen. Religiöse und historische Kunst. (Schluß.) II. Unser Weg führt uns heute in das Atelier eines jüngern, aufstrebenden Künstlers von nicht gewöhnlicher Bedeutung, des Bildhauers Heinrich Wadcrä. Keine seiner Arbeiten nach dem Austritte aus der Münchener Kunstakademie zeigt den Charakter sogenannter 27 Erstlingswerke. Sie tragen sämmtlich bereits den Stempel ächter Kunst, einer sichern, selbstbewußten Kraft, die in allen ihren Fortschritten und Vildungsstadien nur etwas künstlerisch und ästhetisch Berechtigtes, sowie inhaltlich Fesselndes und Erhebendes, der Darstellung Würdiges, bietet. Aus der engern und tiefern Sphäre eines reinen Akademikers - und Darstellers antikisirender Naturalistik hat er sich bald in jene höhere eines begeisterten Pflegers der rein idealen historischen und religiösen Kunst emporgeschwungen. Dieses trifft nun — wie wir hier gleich bemerken wollen — erfreulicher Weise nicht bloß bei Waderö zu. Denn wenn selbst die begabtesten Künstler sich bisher selten von dem bei der großen Masse unserer „Kunstfreunde" so beliebten Culte jenes, wenn auch hie und da sublimirten, Genres des rein Sinnlich-Schönen (in neuester Zeit selbst des Unschönen und Häßlichen) zu emancipiren im Stande waren, — mochte sie nun die eigene Neigung oder die Rücksicht auf den Geschmack des kaufenden Publikums daran hindern — so macht sich gegenwärtig vielfach wieder das Streben nach befriedigender Lösung der höchsten und würdigsten Aufgaben eines gebildeten Künstlers, nämlich jener der religiösen und historischen Kunst, bemerkbar. Zu den frühern Werken Waderö's aus dem Gebiete des körperlich Schönen, der anmuthigen und ideali- sirten Natur, zählen besonders die mit antiker Empfindung durchgeführten Figuren der „Chloe", des „Knabe, nach der Libelle haschend," der „Psyche", Gebilde von hoher künstlerischer Vollendung und poetischem Reize. Brachte ihm doch die Chloe 1891 in Berlin die II. goldene Staatsmedaille, vom Kaiser verliehen, der Libellcnfänger auf der Münchener Jahresansstellnng 1890 die goldene Medaille II. Klasse ein. Doch dieses Kunstgenre, in dem er unbedingt Bedeutendes zu leisten im Stande wäre, genügt seinem höher strebenden Idealismus nicht. Er warf sich bald nach dem Austritt aus der Akademie auf das religiöse und historische Fach. Es entstand eine lebensgroße, rührende Katakomben- gruppe, „Die Geschwister", die nach unserer Meinung hätte leicht einen Käufer finden müssen; sodann ein größeres Relief, eine sehr glücklich concipirte und vortrefflich componirte Kreuzabnahme. Doch beide Modelle — die erstere Gruppe war schon so gut wie vollendet, das andere reifte der Vollendung entgegen — lagen eines Tages zu unserm größten Bedauern, vom Bildner selbst zu einem Thonhaufen zertrümmert, da. Andere kleine, kunstgewerbliche Aufträge waren eingegangen, und „für die zwei religiösen Darstellungen", erklärte der Künstler, „fände sich ja doch kein KäuferI" Es entstanden nun in rascher Folge kleinere und größere Arbeiten, weist auf Bestellung. So ein originelles Brunnenmodell für die Chicagoer Ausstellung; eine Statuette, Otto von Wittelsbach, in höchst charakteristischer Auffassung, welche, in Lebensgröße ausgeführt, das prächtigste Monument des berühmten Wittelsbachers abgeben würde; ein reizendes Neliefbild, die Madonna mit dem Christus- kind im Schoße, das den bescheiden herzutretenden Johannes liebkost, eine poetisch-anmuthige, malerisch abgerundete Komposition, von einem feinen, mit lieblichen Engelsköpfen besetzten Nahmen eingefaßt, nur der Christusknabe ist etwas zu irdisch-schön und üppig aufgefaßt. Ein zweites Marienbild, „saäas saxisntiaa", diesen Sommer im Glaspalaste ausgestellt, zeichnet sich durch Feinheit der Drapirung, besonders aber durch den ansprechenden jungfräulichen Liebreiz des schönen Kopfes der Madonna aus, fast im Gegensatz zu der vorgenannten, deren Antlitz bei geringerer Formenschönheit mehr eine tief empfundene Frömmigkeit ausdrückt. Die Bedeutung dieser weisesten Jungfrau als „Sitz der Weisheit", welche, mit niedergeschlagenen sinnenden Augen auf einem Renaissance- Throne fitzend, mit der Linken in dem — wieder etwas zu naturalistisch-schönen — Kinde die himmlische Weisheit selbst umfaßt, während sie mit der Rechten das mit dem Zeigefinger ein wenig geöffnete Buch auf das Knie stützt, dürfte dem denkenden Beschauer wohl sofort einleuchten. (Das Titelbild der Jahresmappe der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst zeigt keine Aehnlichkeit des Ausdrucks mit dem Originale.) Von strengster Stilisirung und dennoch künstlerisch freier Behandlung erscheint die Lourdes-Madouna Waderäs, ein Marmorbild von 1,90 m Höhe, welche nun in Ober- günzbnrg oberhalb der aufsteigenden Krcnzwegstationen als abschließendes Monument von der Anhöhe die Stadt und die nächste Umgebung beherrscht. Auf den ersten Blick glaubt man eines der ebenso gerühmten wie angefochtenen Beuroner Gebilde vor sich zu haben. Doch wird der Kenner bald gewahr, daß es neben der statuarischen Geschlossenheit, dem strengen Ernste und der idealen Vertiefung der religiösen Empfindung jener Schule durch eine größere plastische Fülle, eine etwas freier stilisirende Drapirung und einen mehr natürlich belebten Ausdruck der klassisch geformten Gesichtszüge sich auszeichnet. Ein anderes vortreffliches Steinbild religiösen Gcnre's ist ein ebenfalls für Obergünzburg gefertigtes Brunnenrelief, 1,50 in hoch und 1,5 na breit. Es stellt Jesus und die Samariterin am Jakobsbrnnnen dar. Rechts unter dem Eichbaume sitzt Christus, eine vornehm bewegte, macht- und schönheitsvolle Gestalt, voll sanfter Milde und göttlicher Kraft. Dieser Erscheinung entspricht das große Wort, das gerade den Lippen zu entschweben scheint: „Wüßtest Du, wer derjenige ist, der mit Dir redet, Du würdest ihn bitten, und er gäbe Dir lebendiges Wasser, das in's ewige Leben quillt." Erstaunt auf- und ihn anblickend hält die links vor dem Brunnen stehende Samariterin im Schöpfen inne, während hinter dem Brunnen die erstaunten Jünger, als vorderster der zornig dreinblickende Petrus, auftauchen. Das durch das Relief aus dem neben der Samariterin stehenden Kruge fließende Brunnenwasser symbolisirt das „lebendige Wasser" des Erlösers. Man kann den Obergünzburgern zu den genannten christlichen Kunstdenkmalen nur gratnliren, um so mehr, weil solche öffentliche monumentale Dokumente, die den Fremden sogleich belehren, daß er sich unter einem gut christlichen Volke, in einer Stadt, einem Markte mit christlichen und nicht heidnischen Bewohnern befinde, schon seit langem nur sehr vereinzelt errichtet wurden. Wie leicht der Hand unseres Künstlers auch die Darstellung des Erhabenen gelingt, das beweisen uns zwei kürzlich aus reiner Schaffenslust entstandene Thonmodelle zu Statuen eines hl. Petrus und Paulus, voll erhabenster Kraft und Würde, von freier plastischer und zugleich echt statuarischer Haltung, mit großem, klassischem Faltenwürfe, im Geiste der besten Meister der Uebergangs- zeit aus der Gothik in die Renaissance modellirt. Die Werke der Letztem dürften wohl überhaupt neben jenen der Frühgothik, bezw. der spätromanischen Periode, für die am Meisten nachahmungswürdigen Muster eines christlichen Bildhauers zu halten sein. 28 Doch die religiöse Kunst allein würde auch in einem Waders kaum ihren Mann ernähren, und auch er sieht sich, wie so viele andere gerade der gediegensten christlichen Künstler, genöthigt, mit in den Wettbewerb um die Gunst der weltlichen Muse einzutreten. So be- theiligte er sich als geborner Kolmarer nicht ohne Erfolg an einer kürzlich für sämmtliche in Elsaß-Lothringen ge- bornen Bildhauer ausgeschriebenen Coucurrcnz. Die Elsaß-Lothringer beabsichtigen nämlich, ihrem verstorbenen Landsmanne Herrn Charles Grad, der auch als Volksvertreter im deutschen Reichstag thätig war, wegen seiner großen Verdienste um Elsaß Lothringen ein würdiges Denkmal in seiner Heimathstadt Dürkheim zu setzen. Eingesandt wurden 10 Entwürfe, darunter mehrere von Pariser Bildhauern und Architekten. Die Juroren, zu denen unter andern auch die Maler Henner und Lix aus Paris zählten, sprachen laut Diplom Herrn Waders den „ersten Ehrenpreis" zu. Die Thonskizze zeigt das einfach monumentale, auf drei Stufen sich erhebende Piedestal von feinen harmonischen Verhältnissen, welches die porträtgetreuc charakteristisch aufgefaßte Büste Grad's trägt. Eine junge, frische Elsässerin hat die Stufen zum Sockel bestiegen, auf den sie mit leichter Bewegung heran- schreitend den Lorbeerkranz legt. Gegenwärtig modellirt der Künstler (ohne Bestellung) wieder eine lebensgroße Madonna. Es ist eine schlanke und feine, zur Jungfrau aufblühende Mädchengestalt. Die Hände über die Brust gekreuzt, das Haupt ein wenig gesenkt, kniet sie, von dem faltigen Betmantel umhüllt, in selige Andacht versunken, das Ideal einer „rosa in^stioa.". Das durch Schönheit der Linien und vollendete Proportion ausgezeichnete Antlitz ist von heiliger Andacht und entzückender Himmelslust zart belebt, welche auch den empfänglichen Beschauer unwillkürlich mit stimmungsvoller hl. Freude erfüllen. Festing. Das Kloster Monheim und die Reliquien der heiligen Walburga: 893—1893. Zum 1000. Jahrestag der Neliquienübertragung und Stiftung des Klosters. Von A. Zottmann. Ungefähr in der Mitte der alten Heeresstraße von Nürnberg nach Augsburg liegt das in seinen Anfängen bayerische, später pfalz-neuburgische und nunmehr im Kreise Schwaben gelegene Städtchen Monheim. Da es gerade 1000 Jahre sind, daß dasselbe in Folge der Gründung eines Benediktinerinnenklosters durch eine bayerische Prinzessin und in Folge der Uebertragung eines großen Theiles der Reliquien der hl. Walburga zu großem Ansehen und weithin in alle deutschen Gaue verbreiteter Berühmtheit gelangte, so dürfte es als gerechtfertigt erscheinen, das gegenwärtige Jahr nicht vorübergehen zu lassen, ohne auch in diesen Spalten eine kurze Geschichte des Klosters und der hl. Reliquien vorzuführen. l. Anfänge des Klosters und Uebertragung der Reliquien: 893. Schon im Leben hatte die hl. Walburga große Verehrung genossen und nicht weniger nach ihrem 799 den 25. Febr. erfolgten Tode. In der Klosterkirche zu Heidenheim ruhten ihre Reliquien. Gegen die Mitte des 9. Jahrhunderts scheint jedoch diese Verehrung nachgelassen zu haben, wenigstens berichtet der Mönch Wolf- hard von Herrieden 9 (lebte um 870), daß den Bischof Otgcn?) in Eichstütt die hl. Walburga im Schlafe gemahnt habe, doch ihr Grab nicht so vernachlässigen und entheiligen zu lassen. Bald darauf, wahrscheinlich im Jahre 870?) entschließt sich der Eichstätter Oberhirte, die hl. Reliquien von Heidenheim, welches aus einem Benediktinerkloster in ein Canonikatstift umgewandelt worden war, ganz weg- und nach Eichstätt selbst bringen zu lassen. „Er sendete die Erzpriester Wallo und Adelung nach Heidenheim; auch den Ammon mit der Nonne Liubila ^) aus dem Kloster Monheim ^) ließ er mit ihnen ziehen, damit sie die hl. Asche der Jungfrau mit größter Sorgfalt erheben und mit Hymnen- und Psalmengesang in das Kloster nach Eichstätt bringen sollten. Diese aber vollzogen die glücklichen Aufträge auf ihrer gesegneten Reise, und unter himmelwärts klingenden Melodien der Glocken und den von überall zusammentönenden Wohllauten der geistlichen Gesänge erhoben sie die seligen irdischen Neste unter Frendenthränen aus dem Boden." °) In diesem Berichte begegnet uns zum erstenmal geschichtlich der Name Monheim, und zwar in Verbindung mit Liubila. Jedenfalls war aber damals, als Liubila zur Abholung der Reliquien aufgefordert wurde, in Mon- heim noch kein eigentliches, gestiftetes Kloster?), sondern nach den ältesten Quellen haben wir uns die Verhältnisse folgendermaßen zu denken: Liubila, welche sehr wahrscheinlich zuerst in Heidenheim am Grabe der hl. Walburga geweilt, begab sich mit ihren Gleichgesinnten nach Monheim, wo sie reich begütert war?) Hier lebten sie nun nicht in einem eigentlichen Kloster, sondern wir können sagen als Privatcongregation in kleinen Zellen (osllulas, wie sie im spätern Stiftungsbrief vorkommen) oder Klausen, welche sich um eine Kapelle gruppirten?) Das war an dem Ort, wo heute Vita s. >ValburAao nach der Ausgabe bei den L. L- 8. 8. Bollancl. I'sbr. III. x§. 525. Reg. v. 847-871. Popp, Anfang und Verbreitung des Christenthums xZ. 203 u. 217. Nach den verschiedenen Handschriften heißt sie auch: Lioba, Leoba, Luiwila, Lnibida, Hnbula, Luubnla. Ueber ihre Herkunft läßt sich ganz Bestimmtes nickt mittheilen; jedenfalls war sie verwandt mit Hildegard und Lnitpold, dem Stammvater des bayerischen KönigshauseS (et. XVoltdarä: äs mir. b. IValb. I. o. 539); Sunthem nennt sie geradezu ciueissa Lavar. (Imitisl. 8untdöm. moncwk. I'rano. bei Ocfcle II, 609.) °) Auch Monheim, Mannheim, Mouwenheim, Murwen- hcim, Monwenhcim. °) 6k. Snttner. Eichst. Past.-Bl. XVIII. Jahrg. x§. 218. ') Popp, Auf. u. Verbr. des Christenthums, sucht geradezu den Beweis zn liefern, daß es in den ältesten Handschriften ursprünglich statt ex monasterio illorvouboim: ox m. Ileiäon- Iwim gelautet habe; dem kann ich aber aus dem Grunde nicht beistimmen, weil es heißt, Liubila sei mit den andern beauftragt worden: abirs, ut saoros eineros olovarsnt,- das hätte keinen Sinn, wenn sie schon in Heidenheim bei den hl. Reliquien damals gewesen wäre. Daß sie aber vor ihrer Uebcr- sicdlung nach Monheim in Heidenheim gelebt, schließe ich daraus, daß gerade sie zur Erhebung der hl. Reliquien mitbeordert wird; sie muß also mit den Hcidcnheimer Verhältnissen vertraut gewesen sein; ferner daß sie einen so großen Theil der hl. Reliquien, gleich die Hälfte, für ihr Kloster erhielt, was sicher nicht der Fall gewesen wäre, hätte sie nicht als ehemalige Heidcn- hcimcr Nonne ein gewisses Recht darauf beanspruchen können. °) Im Stiftnugsbrief v. I. 893 werden als -ros ziroxrias xoksstaiis« Liubilens aufgeführt: „die Kirche mit alle» Ge- bäulichkcitcn, Hofe, Häuser, bebaute und unbebaute Ländcreicn, große und kleine Wälder, Wiesen, Weiher, Abflüsse der Weiher, Mühlen, Knechte und Mägde." Die Besitzungen waren also sehr weit ausgedehnt. ") Auch anderwärts sehen wir Klöster auf diese Weise vorbereitet werden durch diese oollnlcw und ihre Bewohner; so z. 29 noch die St. Peterskapelle in Monheim steht. Hier war es also, wo Liubila der ehrende Auftrag zu Theil wurde, die Reliquien der hl. Walburga in Heidenheim mit- zuerheben. In Eichstätt wurden die hl. Reliquien in feierlichster Weise in Empfang genommen und in der Kirche des hl. Kreuzes, bei welcher sich Canonissen (vermuthlich ebenfalls ehemalige Heidenheimer ") Benediktinernonnen) niedergelassen hatten, beigesetzt. Liubila weilte bei dieser Gelegenheit lange in Eichstätt, wohl aus Verehrung zur hl. Walburga, dann, weil sie schon damals ihre Herzensangelegenheit betreiben mochte, einen Theil der hl. Reliquien für Monheim zu erhalten, und sicher auch, weil sie von Heidenheim her noch manche gute Bekannte unter den Canonissen fand. Dieses lange Fernbleiben Liubilas von ihren Gütern in Monheim benutzten ihre habsüchtigen Verwandten und im Bunde damit andere Mächtige, um diese Besitzungen zu gefährden ") und an sich zu bringen; ja ein gewisser Waltheri bemächtigte sich thatsächlich eines Theiles davon.") Diesen Beunruhigungen gegenüber wählte Liubila zwei im frühern Mittelalter öfters vorkommende und gebräuchliche Mittel, durch welche sie Monheim vor den Fangschlingen Anderer sicher stellte. In einem Ergänzungsheft der Maria - Laacher Stimmen, die Ncliquienverehrnng behandelnd, wird Folgendes ausgeführt: „Weil man die Heiligen als Besitzer ihrer Kirche und des ihr zustehenden Grundbesitzes ansah, entstand .. die Sitte, diese Heiligen (d. h. ihre Reliquien) in Kapellen oder aus Grundstücke zu tragen, wogegen mächtige Herren einen Angriff planten. Als beispielsweise Graf Robert von Flandern 1074 die Güter zurücknehmen wollte, welche die Abtei Corbie von seinem Ahnen, dem hl. Adalhard, erhalten hatte, beschlossen die Mönche, die Reliquien dcS Adalhard auf die bedrohten Besitzungen zu tragen. So kamen sie auch zu einer kleinen Stadt in der Nähe von Tournay, welche Graf Robert eben belagerte. Kaum hörte dieser, die Reliquien seines Ahnherrn näherten sich, so eilte er ihnen entgegen, nahm den Schrein, brachte ibn mit seinen Hoflcutcn in die nächste Kirche und gab dort alles Geraubte zurück. Freudig kehrten die Mönche heim."") Damit haben wir das eine Mittel, das Liubila anwenden wollte, um ihr Besitzthum zu sichern. Und für sie lag es am nächsten und war auch am aussichtsreichsten, um Reliquien der hl. Walburga zu werben. Das that sie denn auch redlich, und um dieses Unternehmen durchzusetzen, wird sie auch in dieser Zeit von 870—890 eine würdigere Wohnstätte für die aufzunehmenden Reliquien an der Stelle, wo jetzt noch in Monheim die Pfarrkirche steht, erbaut haben, nämlich die Basilika, „fluas sita, est in donors Opitrcis eb Lalvatoris st Oomini n. (s. Olrr'i." Anfangs ging es hart und bereitete es B. beim Kloster Pillcureuth, dann bei Abenbcrg u. A. Zur Entstehungsgeschichte deS letztem sogt Suttuer: „Es konnte eellula eine der damals sehr gewöhnlichen Scklnsorien (Klausen) sein, in welcher nur einige sorores seelnsao wohnten, die daher auch eellitas oder cellitissae genannt wurden, und welche Zellen aus einer Kapelle mit daranstvßcndem Wohngebände zu bestehen pflegten." ">) 6tr. Popp, l. o. p§. 217—18. ") Wolfhard berichtet, dass diese Güter gefährdet wurden »proprer kemineuin imbeeiilitatis sexnm ot proptor lon§in- quitatsm, quia in alio looo in servitio Der apnst s. IVal- bur§ao Vir§. reichn!as stetsnta knit (seil. Liubila).- (Vita 8. IVaib. anotors anoiiMro.) >2) ».. alostsn, quao eiiutiscs stieitnr ,kinanelch qnarn .. iujnsts ablatam restonavit Valtberi.- (Stiftn ngSbrics.) °) 54. Ergänznngshest: Die Verehrung der Heiligen und ihrer Reliquien rc. v. St. Beissel 8. st. ihr große Schwierigkeiten eine günstige Zusage zu bekommen.") Nun kam aber Erchambold auf den Stuhl des hl. Willibald.") Er war, wie berichtet wird. Verwandter des Königs Arnulf; zum wenigsten war er ein besonderer Günstling") desselben und hatte schon verschiedene Beweise von dessen Gunst empfangen. Nun war aber auch Liubila Arnulf nahestehend und bei ihm gut angeschrieben; dadurch glückte daS Unternehmen. Liubila wandte sich zunächst an Erchambold, den Bischof von Eichstätt, und bot ihm an, wenn sie die hl. Reliquien erhalte, werde mit ihren Gütern ein eigenes Kloster gegründet und dem Bischof von Eichstätt übergeben. Da hier so hohe fürstliche Verwandtschaften hereinspielteu und es in der damaligen Zeit der Raublust für eine Diöcese mit eine Lebensfrage war, mächtige Beschützer gegen äußere Feinde zu haben, so wollte offenbar Erchambold ohne Vorwissen der fürstlichen Verwandten in dieser Angelegenheit nichts unternehmen, um dieselben nicht am Ende aus Begünstigern zu Feinden zu machen. Er schlug deßhalb Liubila's Bitte nicht direkt ab, sagte aber auch nicht zu. Liubila wußte jetzt, was sie zu thun hätte. Sie wendet sich an den König und dessen Räthe, was er dazu sage. Wolfhard berichtet: „Nachdem der Bischof in Betreff dieser Angelegenheit den Rath des Königs und seiner Hofleute erhalten hatte, gab er das Versprechen, die hl. Reliquien aushändigen zu wollen, und löste dasselbe auch zu gegebener Zeit ein."") Nachdem die neue Kirche zur Aufnahme der Reliquien fertiggestellt war und auch die darangebauten Klostergebüude ihre Vollendung erreicht hatten, sollte nun vorerst der erste Plan Liubila's, die Erwerbung der hl. Reliquien, zur Thatsache werden. „Im Jahre 893 nach der Menschwerdung unseres Herrn Jesu Christi, so beginnt ganz feierlich Wolfhard") den Bericht darüber, unter der glücklichen Regierung des erhabensten Königs Arnulf, eröffnete man das Mausoleum der hl. Jungfrau Walburga in der Basilika, in welcher sie unter Bischof Akarius begraben worden war. Zu diesem Zweck schickte der überaus weise und in allen Angelegenheiten scharfsinnige Bischof Erchambold seine gottesfürchtigen Archi- presbyter mit andern wohlverdienten Personen ab, ließ durch sie die genannten Gebeine der hl. Walburga aufsuchen, dieselben sodann mit der größten Sorgfalt herausnehmen und theilen, und (den einen Theil) mit höchster Ehrfurcht wieder beisetzen, so daß (der andere Theil) die lang ersehnten Reliquien an Liubila abgegeben und für immer ihrer Kirche bewahrt bleiben. Diejenigen, welche mit dem Befehle betraut waren, bestrebten sich beklommenen Herzens in aller Einfalt ihn auszuführen. Indem sie sich ganz der Barmherzigkeit des Herrn übergaben und unablässig in Psalmen- und Hymnengesang verharrten, gruben sie nach und fanden die zu erhebende Asche unserer seligen Mutter Walburga, wie von einer klaren Flüssigkeit benetzt (^nasi tsnui raaäs- ") »Liest prins tentansto stiküeilliinnm vieler Stur.- IVolÜ barst, vita L. >VaIb. 1. I, ex. 3, p§. 525. ") Regiert v. 882-912. ") Arnulf schenkt ihm anno 838 die Abtei Herrieden mit voller Gewalr über alle Klostergütcr; 889 den Ort Sezzi (Seitzen- mühl bei Hilpollstein), sowie einen grotzen Ferstdistrikt zwischen Biswang u. Weisscnbnrg ; 895 das Klösterlein Kirchanhauscnrc. Sax, Bischöfe u. NeichSfürsten PA. 20—21. ") Wolfhard. 1. o. I, 3 ibist. ") I. v. I, 3. 30 tuotos), so daß man davon den Thau ganz tropfenweise wegnehmen konnte." *0 Als sie nach ihrer Anweisung einen Theil der hl. Reliquien zur Seite gelegt hatten, bestatten sie den andern wieder. Die ganze Sache scheint ziemlich geheim vor sich gegangen zu sein, wurde aber doch bald in der ganzen Stadt bekannt und machte da sehr böses Blut, zumal da man glaubte der ganze hl. Leib komme nach Monheim. Erst als der noch übrige Theil wirklich als noch vorhanden gezeigt wurde, legte sich die Aufregung in Eichstätt. Nach Monheim ordnete sich indessen eine feierliche Prozession, 2 °) und mit ungeheuerm Jubel und Frohlocken wurde der kostbare Schatz dahin gebracht. Auf dem Wege und bei der Ankunft geschahen auch Wunder. „Als man zum Dorfe des hl. Bonifazius, welches Mulinheim (Mühlheim bei Mörnsheim und Solnhofen) genannt wird, kam, begegnete ein fallsüchtiger Knabe der heiligen Bürde, und unter dieselbe gelegt, erhielt er alsbald die ersehnte Gesundheit.^) Darnach verbreitete sich, wie die Begleitenden heute noch erzählen, an diesem Orte bei den Vorangehenden und Nachfolgenden ein überaus starker Wohlgcruch. Noch am nämlichen Tage wurde auch ein andrer Knabe, Rudolf mit Namen, durch Berührung der hl. Reliquien geheilt; ebenso erfuhr Liubila selbst in der Nacht nach der Ankunft der hl. Reliquien die Wunderkraft der hl. Walburga, indem sie von ihrem Podagra (vgl. die 20. Aum.) plötzlich geheilt wurde, so daß sie nun, die bisher in die Kirche getragen werden mußte, mit einemmal selbst ganz schnell dahin kommen konnte." 22 ) So war denn der eine Plan Liubila's geglückt: sie war im Besitze eines großen Theiles der hl. Reliquien der hl. Walburga. 22 a) Sofort sollte nun auch der zweite Plan verwirklicht werden, die eigentliche Klosterstiftung und Uebergabe an den Bischof von Eichstätt. Wirklich ist auch noch aus dem nämlichen Jahre der Stiftungs- brief des Klosters vorhanden. Da er für die Geschichte Monheims von großer Bedeutung ist, so mag wenigstens der Anfang in der Uebersetzung hier Platz finden: „Im Namen der heiligen und lebenspendenden Dreifaltigkeit. Kund sei allen Christgläubigen der Gegenwart und Zukunft, daß ich Liubila, unwürdige Nonne, mit meiner Schwester Gcrlinda und mit Rath und Zustimmung unserer geistlichen Schwestern Nuaouhilte, Diothilte, PcrhtSuinde und Hiltisuinde, geleitet von der Liebe zu Gott und zum Heile meiner Seele, der Kirche zu Eichstätt, welche zu Ebren des hl. Erlösers errichtet ist und wo der hl. Bekeuncr Christi Willibaldus ruht, und welcher gegenwärtig Bischof Erchenboldus vorsteht, die mir zu Eigen gehörigen Güter übergeben habe, nämlich die zu Moun- heim befindliche Kirche mit den hl. Reliquien und allen (Kloster-) Gebäuden, die Höfe und Häuser, sowie alles Dazugehörige mit den Ländereicn, bebauten wie unbebauten, größeren und kleineren Wäldern, Wiesen, Gewässern, Abflüssen, Mühlen, Knechten und Mägden, kurz Allem, was unser ist, so daß eS von heute an für künftig mit aller Deutlichkeit und Gewißheit dem Erlöser und dem hl. Bckcuuer Christi Willibald übergeben sein soll." ") Ist bemerkenSwcrth als die erste histor. Notiz von dem nunmehr in der ganzen Welt bekannten Oelfluß am Grabe der hl. Walburga. 2 °) Liubila konnte sich nicht daran bcthciligen, denn sie lag während dieser Tage an Podagra erkrankt in Monheim darnieder. (Wolfh., I. o. I, sx. 4, 526.) 2*) Wolsh., I. o. idicl. 2 -) Idick. 22 ») Dieser Theil war mindestens ebenso groß, als der, welcher sich jetzt in Eichstätt befindet; außer den Reliquien des hl. Leibes kam auch der Stab der hl. Walburga (samduta) nach Monheim, durch dessen Berührung 3 Blinde geheilt werden. Wolfh.. I. o. III. 2 PA. 537. Weiter wird dann darin bestimmt, daß die Nonnen die Besitzungen immer als Lehen zur Nutznießung empfangen sollen und ja Niemand anderer, daß dafür jede von den Klosterfrauen jährlich am St. Martinitag einen Pfennig auf St. Willibalds Altar in Eichstätt gebe. Liubila soll Aebtissin sein, nach deren Tod ihre Schwester, dann die übrigen; im Fall der Untauglichkeit oder Un- würdigkeit soll der Bischof eine andere aufstellen. Dagegen verspricht Bischof Erchambold für sich und seine Nachfolger, daß das Kloster als solches fortbestehen und niemals einem Kleriker oder Vasallen zu Lehen gegeben werden dürfe, sowie auch, daß nur gut Beleumundete und nur Adelige mit Vermögen aufgenommen werden sollen, damit sie dem Kloster nicht zur Last fallen.^) Die Urkunde, welche nicht mehr im Original, sondern in Abschrift vorliegt, ist unterzeichnet vom Bischof Erkenbald, Zwei Archipresbytern: Lampert und Eko, und 43 Presbytern; dann von Nuadpreht, dem aävoLLlus Liubilcns, und 27 andern fränkischen Zeugen, und endlich von 25 bayerischen Centgrafen.^) Wir sehen, es muß eine ganz hochansehnliche Versammlung gewesen sein, welche die Stiftung des Klosters Monheim mit Liubila als Aebtissin und die Uebergabe an den bischöfl. Stuhl Eichstätts bezeugt hat. Damit waren Liubila's lang gehegte Wünsche erfüllt. Das Jahr 893 hatte für Monheim die heil. N eliq uien gebracht und ließeS als gesichertes Bencdiktinerfrauenstift zu Recht erstehen: das wichtigste und einflußreichste Ereigniß für die ganze folgende Geschichte Monheims und zugleich, weil Bischof Erchambold, König Arnulf und dessen Verwandte Hildegard und Luitpold, sowie Liubila als bayer. Prinzessin soviel betheiligt sind, ein wichtiges Ereigniß für die damalige Eich- stätter, bayerische und deutsche Geschichte. Recensionen und Notizen. Kirchliche Baupflicht und kirchliches Bauwesen, nach den im Königreich Bayern geltenden Gesetzen und Verordnungen dargestellt von Ludwig Heinrich Krick, Pfarrer. Passau, Abt. 1893. 8°. VIII n. 232 S. 3 M. X Ein Kreuz für alle Pfründeinhabcr ist die Baupflicht an Kirche oder Psründegebändeu, sofern dieselbe an der Pfründe haftet. Wie viele Streitigkeiten, Verdrießlichkeiten, Schwierigkeiten und Zweifel sind daraus entstanden! Denjenigen nun, die mit dieser heiklen Sache zu thun haben, bietet der bereits rühmlich bekannte Verfasser einen durchaus zuverlässigen Fübrer, der über primäre und sccnndäre Banpflicht, über die Baupflicht aus besonderen NcchtStiteln, über den Gegenstand und Umfang derselben, sowie über die Conipetcnz znr Entscheidung von Streitigkeiten über die Baupflicht aus's genaueste insormirt. Der Verfasser handelt ferner vom kirchlichen Bauwesen, der obersten Aufsicht und Leitung desselben, von der Ueberwachung des baulichen Zustandes der Kirchen- und Pfründegcbäude, Wendung der Banfälle, Baufallschätzung und -Wendung bei Veränderung im Pfründebcsitz, von der Versicherung der Gebäude gegen Feuerschaden, von Neubauten, Hauptreparaturen u. f. w. Diese Inhaltsangabe allein dürfte genügen, die hervorragende Brauchbarkeit, ja Unentbehrlichkeit vorliegender Scknist, deren Benützung ein sorgfältig gearbeitetes Sachregister erleichtert, für Pfründcinhaber zu doknmentiren. Doch wird hiedurch „M. Permancder, Die kirchliche Baulast, 3. verbesserte 22) »I-Io liceutiam babeat illa Ldbatissa, sMrcao vsl iFnobilos Msilas in monaatorium intromittsrs .... ipss (Lpisooxns) . . talss sswxsr intromittat xusllas, qnas boni tsstimonii st uvbilss sint, st quas aliqnam sustoutatiouew oum suis proxrietatibus sanoto loeo iwpsrtlant.« 24) Vollständig wurde dieser interessante Stiftungsbrief zum erstenmale abgedruckt und erklärt im Eichstätter Past.-Bl. Jahrg. 1859 x§. 207 ff. 31 Auflage, bearb. von I. Niedle, Pfarrer. München. Stahl, 1890" keineswegs überflüssig, da letztere Arbeit die Verbindlichkeit der baulichen Erhaltung und Wiederherstellung der Cultusgebäude auch in ihrer bistorisch-gcnetischcn Entwicklung von den frühesten Zeiten der Kirche bis herab auf die Gegenwart darstellt und daher nicht bloß praktischen, sondern auch wissenschaftlichen Wertb besitzt. —s. Bildergrüße auö dem hl. Land. So ist ein Werk betitelt, das im Verlag von Otto Brandner, Charlotten- burg, in 14tägigen Zwischenräumen mit 30 Lieferungen ä 50 Ps. erscheint. Das Werk enthält 400 Originalillustrationen von dem Landschaftsmaler Harper, der während dreier Jahre sämmtliche in der hl. Schrift genannten Plätze, soweit noch Spuren anzutreffen sind, an Ort und Stelle aufgenommen hat. Schreiber dieses, der das hl. Land gleichfalls sckon bereiste, muß gestehen, daß die Bilder so naturgetreu sind, wie er sie noch in keinem anderen derartigen Buche gesehen. — Auch der Text ist von einem Kenner Patästina's, nämlich von dem protestantischen Theologen Dr. Geikie. Er schreibt einen sehr angenehmen Stil, hält sich im einfachen erzählenden Ton, fern von aller Schwulstigkeit und Ucbertricbenheit. Der Verfasser verräth großes Wissen in der Geschichte, Geographie, in der Bibel und Alterthum-kunde. Das „Einst und Jetzt" dieses Landes mit seinen Bewohnern, ihren Sitten und Gebräuchen kommt recht lebendig zum Ausdruck. Als einen Hanptvorzug vor allen anderen Werken über Palästina betrachte ich aber in dem genannten daö kultnr historische Moment; nach dieser Seite hin bietet cS soviel Neues und Interessantes, daß die Lektüre einen geradezu fesselt. — Aufgefallen ist mir nur, daß bei der Schilderung von Jaffa das großartige FranziSkanerllostcr, das wie eine mächtige Citadelle die Stadt beherrscht, so nebensächlich erwähnt ist und bei Namleh das dortige Fraiiziskancrüvspiz gar nicht. ES wäre zu wünschen, daß in den nachfolgenden Heften die Institute der Söhne des hl. FranziSkuS, welche doch seit Jahrbundcrten fast die einzige christliche Ehrenwache an den heiligen Orten bilden, die verdiente Berücksichtigung finden. Anton Weber, Albrecht Dürer. Sein Leben, Wirken und Glauben. Mit 11 Abbildungen. Ncgcnöburg 1894 (Friedrich Pustet). 115 S. 1 M. Ein hübsch ausgestattetes Werkcben, das sich durch Ilcbcr- sichtlichkeit und einen gefälligen Stil auszeichnet. Besonders anziehend ist der letzte Abschnitt über Dürers GlanbenSbekennt- niß, in welchem W. sämmtliche Zeugnisse, die für oder gegen die Katholicität Albrecht Dürers beigebracht worden sind, zusammenstellt und mit großer Ruhe und Objektivität bespricht. Gewiß wird jeder, der seinen Ausführungen gefolgt ist, ihm beipflichten, wenn er am Schlüsse sagt: „Es ist über jeden Zweifel erhaben, daß Dürer mit aller Wärme seines Herzens die allseitig ersehnte kirchliche Reform herbeiwünschte, und daß er mit manchem seiner Nürnberger Freunde das erste Auftreten Luthers begrüßte. Aber eS ist ebenfalls gewiß, daß Dürer sich nicht von der alten Lehre abgewendet hat und im Frieden mit der katholischen Kircke verstorben ist." Hatte doch Niemand mehr als Dürer selbst unter dem neuaufgekommencn Wahne zu leiden, daß die Kunst der Malerei „zur Abgötterei diene", und schon im Jahre 1524 beschwerte sich Dürer in einem Schreiben an den Nürnberger Rath bitter über den Undank seiner Mitbürger, den er um so drückender empfand, als er die vortheilhaftestcn Angebote der Signoria von Venedig und des Raths von Antwerpen aus Liebe zur Vaterstadt ausgeschlagen hatte. Um nicht müßig zu gehen, mußte er sich in seinen letzten Lebensjahren aus die Schriftstellerei verlegen, da nach Bildern keine Nachfrage mehr war. Erst lange nach seinem Tod brachten Kaiser Rudolf II. und der Bayernhcrzog Maximilian Dürers Namen wieder zn Ehren, indem sie hohe Preise für seine Werke bezahlten. Alles dies hat W. in seinem Büchlein näher ausgeführt und wir stehen daher nicht an, dasselbe allen jenen, die sich rasch über Dürer oricntiren wollen, aus's Beste zu empfehlen. vr. B. Sepp. * Der Breslauer Universitäts-Proscsfor vr. Probst läßt soeben bei Aschendorff in Münster ein umfangreiches Werk über die „Liturgie des 4. Jahrhunderts und deren Reform" erscheinen. Dasselbe bildet die Fortsetzung des im Jahre 1691 im gleichen Verlage von ihm herausgegebenen Werkes: „Die ältesten SakramentarienundOrdineö" und enthält eine aus den Schriften der großen Kirchcnvätcr geschöpfte Darstellung der Messe, wie sie seither nicht bekannt war. Ebenso werden die Motive und die Beschaffenheit der Meßrcsorrn in einer noch nicht einmal versuchten Weise behandelt. Pädagogische Vortrage und Abhandlugen. In Ver« bindung mit namhaften Schulmännern herausgegeben von Jos. Pötsch. Keuchten, Jos. Kösel. 1. Heft: Papst Leo XIII. und Kaiser Wilhelm II. über die Aufgabe der Schule in der heutigen Zeit. Von Jos. Pötsch. 32 S. 30 Pf. 2. Heft: Die Schule im Paradiese der Socialdemokratie. Von Heinrich Bals. 60 S. 50 Pf. v. Diese „Pädagogischen Vortrüge" erscheinen in zwanglosen Heften, jedes eine abgeschlossene Arbeit. Ihre Tendenz ist zeitgemäß, praktisch, katholisch. DaS eben erschienene 2. Heft nimmt seine Darstellung durchaus anS socialdemokratischen Schriften. So behandelt es den Kindergarten, die einzelnen Lehrgegenstände und die Erziehung nach socialdemokratischen Forderungen. Am häufigsten ist benützt Tonen (Kindergarten und Volksschule) und Bcbcl (Die Frau), aber auch andere, wie: Stern, Religion der Zukunft; Wille, Lehrbuch; Werra, Lesebuch u. s. w. Aus diese Weise wird der Leser schnell, praktisch und anschaulich in den Gegenstand eingeführt. Das Unternehmen verdient Unterstützung und Förderung. Die Glückseligkeitslehre des Aristoteles und des hl. Thomas v. A. Jnaugiiral-Dissertation von Sebastian Huber. Frcising, Datieren 1893, S. 96. Wer eine vergleichende Paraphrase von den Büchern I u. X der Nikom. Ethik des Aristoteles und den ersten 5 Quästionen der Thomistischen 8umma moralis universalis i. s. 8uw. tlisol. 1. 2 gu. 1—5 nebst üb. III der Summa, contra. Zentilss liefern würde, hätte nach Inhalt und Form geleistet, was unsere Dissertation anbietet. Höhere geschichtliche oder philosophische Gesichtspunkte sind aber darin nicht verwerthet worden, und den Anforderungen wissenschaftlicher Kritik und Unbefangenheit oder philosophischer Schulung ist nicht von Ferne entsprochen. In einem Punkte oder Theile eines großen Problems nur den Aristoteles an Thomas messen und dies noch dazu nach dem fast Heiterkeit erregenden Grundsätze (S. 2): „Thomas bekämpft Aristoteles überall, wo er ihn auf einem Irrwege ertappt, und huldigt ihm dort, wo derselbe die Wahrheit lehrt" — das ist Huldigung des naivsten Dogmatismus. Wir können darum den Vorsatz des Vers. (Vorwort), „die begonnene Arbeit fortzusetzen und über das ganze Gebiet der Ethik auszudehnen", nach dem Vorliegenden fast nur perhorrcsciren. Wer das ethische Wollen nickt im Zusammenhange einer Entwicklung der sittlichen Weltanschauung bieten kann, dem gebricht eS an philosophischer Kraft, und mit dem Willen allein ist hier nichts gethan. Wir empfehlen ihm, damit seine benutzten Autoren die Zahl 30 erreichen, angelegentliches Smdium von Wundt's Ethik und Paulscn'ö System der Ethik. Dadurch könnten ihm über Vieles die Augen aufgehen. vr. K. I. N. Ahle. VIII Oautiovss saoras vooibus asgualibus eoneinsnäas. op. 4. Von dems. VII vautiouss saoras vooibus inaogrialibus ooueinsnäas. ox. 5. Von dems. Vitamins äs 8t. Llo^sio, in 2 Ausgaben, op. 6 a und 6b. Regens bürg, Alfred Coppenrath'S Verlag. G Freunde echter und werthvollcr Kirchenmusik, besonders die Schüler und Freunde des Componisten, werden das Erscheinen obcngcnaniiter Gesänge freudigst begrüßen. Op. 4 enthält ein Voni sanoto Lpiritus, die Offertorien für daS Herz- Jesu-Fest, für die Feste des hl. Alcysius und des hl. Lau- reutius, eine Antiphon zur Prozession am Palmsonntage. Graduelle und Osfertorium für das Rosenkranzsest und, für Priester eine theure und fromme Erinnerung an die Ordination, das Respousorium: öain nou äieam vos sorvos. Partitur u. Singst. 2 M. Ox. 5 bringt ein Voni sauots Lpiritus für fünfstimmigen gemischten Chor (2 Teuöre), mehrere Offertorien und die Partitur von 12 vaisiboräoni, ohne Text, für die Vespern, welche sich durch Frische, Gedrängtheit und Wohllaut auszeichnen und vielen Chorregcnten sehr erwünscht sein dürsten. L- Hcinze nennt diese Werke „fein durchgeführte, durchweg nobel gehaltene Compositionen, in denen der polyphone Stil mit dem homophonen zu schönster Klangwirkung sich vereint." C. V. C. Nr. 1593. Part. u. Singst. 3.60 M. In op. 6 liegt eine Litanei zum hl. Aloysius vor, voll edlen Wohlklangs und inniger Melodien. Der Ausgabe op. 6 a, für zwei Vorsänger und sünfstimmigen gemischten Chor (2 Teuöre), würden wir den Vorzug geben; in der Ausgabe ox. 6d ist dieselbe 82 Litanei eingerichtet für zwei Vorsänger und vierstimmigen Männerchor. Part. u. Singst. 1,90 M-, resp. 1,60 M. Pros. Dr. Aemilian Schöpfer, Geschichte deS alten Testaments mit besonderer Rücksicht auf das Verhältnis von Bibel und Wissenschaft. Brixen, kath.-polit. Preßvcrein 1893. 1. Halbband. VIII n. 210 SS. -8. Die vorliegende Schrift konnte sich seit ihren! Erscheinen bereits mehrfacher Anerkennung von Seiten kirchlicher und kompetenter wissenschaftlicher Auktoritäten erfreuen. Ihr Haupt- vorzug liegt nach unserem Ermessen einmal in der auf dem Titel ausgesprochenen Tendenz, die biblischen Berichte mit steter Rücksicht auf die natürlichen Grenz- und Hilfswissenschaften der Schristkunde zu behandeln, sodann in der Art und Weise, wie ihr dies in der Form eines theol. Lehrbuchs gelang. Der Plan und die leitenden Gedanken der hl. Geschichte erscheinen in einer tiefen Auffassung, treten bestimmt hervor und werden bei aller Schlichtheit und Kürze der Darstellung, die ein Lehrbuch erheischt, in anziehender und geistreicher Form gegeben. Wir stimmen dem Verfasser vollständig bei, wenn er cS als eine Pflicht der Vertreter der alttestamcutl. Heilsgeschichte erachtet, gerade jene Punkte stets im Auge zu behalten, an denen der Fortgang der Forschung in Geschichte, Naturwissenschaften und Kritik werthvolle Bestätigungen oder Ergänzungen der biblischen Berichte liefert, aber auch jene, an denen auf Grund angeblicher Resultate, welche hergebrachten Auffassungen des biblischen Wortes in mehr untergeordneten Fragen gegensätzlich gcgenübcr- treten, ein Hauptvorstoß gegen die Göttlichkeit und Glaubwürdigkeit der hl. Urkunden gewagt wird. Gewiß würde die theol. Wissenschaft an lebendiger Fühlung mit den berechtigten Bewegungen der Zeit verlieren, und „würden die Theologen gegen ihr eigenes Interesse handeln, wollten sie von der Forschung und deren Resultaten sich abschließen" (S. 01), andererseits aber bedürfen die Richtungen der modernen Forschung ganz besonders auch aus dem Grunde fortwährender Kontrolle, damit der Clcrus nicht rath- und wehrlos gegenüberstehe einer negativen Kritik, die heutzutage selbst in dem entlegensten Ge- birgSdorfe ihren Nachhall finden kann. — Der bis jetzt erschienene erste Halbband behandelt in drei Abschnitten die Urzeit, die Geschichte der Patriarchen und die Schicksale Israels vom AuSzug aus Aeghpten bis zur Besitzergreifung de-Z gelobten Landes. Bei der Absicht des Verfassers mußte selbstverständlich die Darstellung der Urgeschichte sich zur schwierigsten Partie gestalten. Besonders angezogen hat uns bei kontroversen Fragen die Präcision und Uebcrsichtlichkcit, womit unter Benützung der beachtenswerthesten Literatur z. B. in der Frage über die Ausdehnung der Sintfluth die verschiedenen Ansichten formulirt, die begründeten von den rein hypothetischen geschieden werden und der eigene Standpunkt des Verfassers seine Motivirung findet. Die Art und Weise, wie der Verfasser die pragmatische Geschichte mit der Eiuleitungswissenschaft in die Schriften des alten Testamentes verbindet, zeigt am Ende dcö Halbbandcs die Kritik der Wellhausen'schcn Beurtheilung des Pcntateuchs. — Wir werden uns kaum täuschen in der Annahme, daß das gediegene Lehrbuch wie alles Gute und Brauchbare sich selbst Bahn brechen werde. Möge es nur dem rührigen Verfasser, welcher leider seit längerer Zeit an einem hartnäckigen Augenübel leidet, vergönnt sein, dasselbe recht bald in voller Gesundheit zu vollenden. Heldenlieder, von Alb. West ermann. Verlag von Hofer und Bürger in Zürich. Preis 60 Cent. * In elfter Auflage liegen unö Westermann's „Heldenlieder" vor, welche die Heldenthaten der Eidgenosse» bei Mor- garten, Laupen, Sempach, Näfels, St. Jacob und Marignano verherrlichen. Die Lieder, welche natürlich in erster Linie für die Sckweizer berechnet sind, beobachten historische Treue und sind Musterbilder poetischer Schlachtenmalerei. Ihre Lectüre bietet auch dem Nichtschweizer Genuß. Bach mann Fr., Was ist Krankheit und wie heilen wir? 8° p. XVIII -s- 142. Berlin, H. Steinitz 1894. M. 2.-. zp Das Buch will ein Versuch sein, unsere empirischen Heilmethoden wissenschaftlich zu begründen. Angeregt dazu wurde der Verfasser, wie er selbst bezeugt, durch den so häufigen Widerspruch der an der Schule erlernten theoretischen Kenntnisse mit der Praxis. Leser, willst du den Standpunkt deS Verfassers dieser Schrift kennen lernen, dann rathe ich dir einfach, das sehr interessante Buch zu lesenI In Kürze läßt sich das nicht sagen. Daß Alle in Allein mit dem Verfasser übereinstimmen, ist nicht möglich, auch nicht nothwendig, wäre auch keine gute Empfehlung für Originalität und sclbstständigeDcnk- thätigkeit. Der Inhalt des BuchcS ist reichhaltig und praktisch, und möge sich Niemand durch den etwas philosophischen Titel abschrecken lassen, das Werk einer prüfenden Lectüre zu unterziehen. Birnbaum M-, Die Kneippkur: Die Wasserkur des Pfarrers Kneipp, ärztlich beleuchtet und beschrieben. Berlin-Leipzig, H. Steinitz 1893. (5. Tausend.) 8° SS. 88. M. 2.—. -> Rabbi Jannai, so erzählt der Talmud (Sabbat 103), hatte den Mar Ukba ersucht, ihm eine von den Augcnsalben des berühmten Arztes Samuel zu schicken. Der Erbetene antwortete: „Damit du mich nicht für ungefällig haltest, erfülle ich deinen Wunsch, kann aber nicht umhin, dir noch ein besseres Recept anzurathen, das von demselben Arzt hcrrübrt, nämlich seine Regel: Ein Tropfen kalten Wassers am Morgen, das Waschen von Händen und Füßen am Abend ist wirksamer als alle Augensalben der Welt." Diesem Grundsätze huldigt in neuer Zeit auch Pfarrer Kneipp, dessen Wasserkur unanfechtbare Erfolge ausweist, fodaßPindarsWort'^c-arc,-- heute doppelt hoch steht. Alle Bücher, die im Zeichen deS Wassermannes erscheinen — und deren Zahl ist bereits Legion — können auf einen großen Absatz rechnen, so bedeutend ist die Bewegung für nrzneilose Kuren. Vorliegendes Heft stellt das KaUwasserbcilvcrfahrcn in ruhiger, objckiiver und allgemein verständlicher Weise dar, und kann allen Interessenten zur Orien- tirung gut empfohlen werden. Literarische Rundschau f. d. kathol. Deutschland. Hcrdcr'schcr Verlag. Preis per Jahr 9 M. (12 Nummern.) * Im Dczemberhest nimmt der bisherige Redakteur Pros- Dr. C. Krieg von den Lesern Abschied. Er ist durch Erweiterung seiner Lehrtätigkeit genöthigt, die von ihm seit neun Jahren geführte Redaktion niederzulegen. An seine Stelle tritt Herr Professor Dr. G. Hoberg, eine vorzügliche Kraft, welche Gewähr dafür gibt, daß das hochangcschcue Organ feinen wissenschaftlichen Charakter in der Richtung ernster Kritik beibehalten und auch ferner ein „möglichst zuverlässiges und vollständiges Spiegelbild der literarischen Gegenwart, zumal nach der kathol. Seite hin" bieten wird. — Das Dczemberhest der Lit. Rundschau brachte n. A.: Kunstgeschichte (Kelchncr, Donner- v. Richter, Galland, Firmcnich-Nichartz). — Feine, Eine vcrcauonische Ueberlieferung des Lucas. (Schanz.) — Brandscheid, Xovnm Nootamsntnm Zraoeo ot latius. — Brandschcid, Handbuch der Einleitung ins Neue Testament. — Cathrein, Moralphilosophie. — Canct, Im libsrtö cko oorweieneo. (Jeilcr.) — Nottmanner, Predigten und Ansprachen. (Kcpplcr.) — v. Hcrtling, Natur- recht und Socialpolitik. (Natziugcr.) — Schanz, Geschichte der römischen Literatur. (Scibel.) Kirchenmusikalische Vicrtcljahrsschrist. Herausgegeben vom Salzburger Diöcesau-Cäcilienvcrcin. Salzburg, Verlag von Math. Mittcrmüllcr. Jahrcsprcis 2 Mark. Inhalt des IX. Heftes 1893: Das liturgische Hochamt. Die Choral - Nesponscricn. Fortbildungscurs in Salzburg. Recensionen rc. rc. Unter dem Titel „Unser HauStheater" ist» wie Herr Dr. Holland schreibt, abermals von M. Zenner eine Sammlung erschienen (München 1894 bei E. Stahl zum), welche sich in würdigster Weise an das schon 1877 bekannt gewordene, gleichnamige Bündchen anschließt. Das sind niedliche Dramen, für kleine Leute leicht ausführbar, theilweise in Prosa und in flüssigen Reimen abgefaßt, von ächtem Humor getragen, welchem gleichwohl ein ernsterer Gehalt zur Seite geht. Im ersten Stück erscheint der leibhaftige Kafperl als Arzt, kurirt die verzogene „Prinzessin Bumphia" und erhält dafür von den! gerührten Papa König die Hand der Prinzessin und damit die Nachfolge im Lande der Birmanen. Das zweite Stück „Tausendschönchen" ist ein lustiges Märchcuspiel mit komischen Verwandlungen und sinnreich-ernster Lösung. Manch' namhafter Dichter könnte diese Dramen ihres sicheren Erfolges halber beneiden: Wo sie über die Bretter gingen, haben sie immer ein dankbares Publikum erobert! (Ladenpreis 80 Pf.) Vcrantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. klln. 5 1. Fedrilnr 1894. Palestrina. Zu seinem 400jährigen Todestag nach seinem Leben und Wirken geschildert von 61. Wer nur wenig versteht von Musik und Gesang, kennt den Namen Palestrina, der eigentliche Kenner der Musik, der kirchlichen Musik besonders, freut sich, so oft er diesen Namen hört, und er opfert Zeit und Geld, wenn er eines der staunenswerthen Musikwerke dieses Meisters anhören kann. Anfang Februar d. Js., am Lichtmeßtag, werden es 400 Jahre, daß der große Ton- künstler, der Meister von Gottes Gnaden, von seinem Gott aus diesem Leben abberufen wurde, und nicht soll dieser Tag vorübergehen, ohne daß auch in diesen Blättern seiner gedacht wird, seines Lebens und seines Wirkens. Giovanni Pierluigi wurde geboren zu Palestrina, dem alten Präneste — und nannte sich selbst von seiner Vaterstadt Pränestinus oder da Palestrina, wird gewöhnlich deßhalb einfach Palestrina genannt — und zwar von armen Eltern. Sein Geburtsjahr ist nicht bestimmt ausgemacht, wie wir dies oft bei berühmten Männern finden. Es schwankt sogar zwischen 1514 bis 1529 ; das wahrscheinlichste ist, anzunehmen, daß der Meister das Licht der Welt erblickte entweder im Jahre 1514 oder 1515. Zum Beweis hiefür sei eine Aufschrift angeführt, welche auf dem Nahmen eines Porträts des Meisters sich befindet, das im Archiv der päpstlichen Sänger in Nom aufbewahrt ist. Dieselbe lautet: „ckoannos kstrus ^.lo^sius kräneotinus, Lluoioas krinosps, 8u5 llulio 111. xrius ormtor, mox salz kio IV. rnoäulator pcmtiüoirw, latsranas 6b lifisrianao, ckamuin fiis vulioanao fiasilioas oapollas maxister. Odilb IV. läus Psdruarii LIOXOIV. vixit proxs ootoAenarnm; sopulbus 68b 8ufi Luoello vutiouuo 8t. Lirnonio 6t lluäa.6." Auf welche Weise er zur Musik hingezogen wurde, auch hierüber sind die Autoren nicht einig. Nach dem einen wurde er in Nom einfach von einem Capellmeister abgefaßt, dem die Stimme des Knaben sehr gefiel; nach dem andern bildete ihn ein gewöhnlicher Lehrer aus, weil er mit ungemein großem Gefühle die Kadenzen bei einer Aufführung begleitete; wieder nach andern hätten ihn die Eltern von Anfang an zur Musik und zum Gesang bestimmt, weil Sänger und Musiker zu jener Zeit von den italienischen Höfen sehr gesucht waren und nach den Verhältnissen jener Zeit auch gut bezahlt wurden; nach einer anderen Version berief ihn Cardinal Giovanni del Monte, der 1543—1550 Bischof von Palestrina war, alsbald nach seiner Erhebung auf den päpstl. Stuhl als Julius III. nach Rom, kurz und gut: Palestrina kam ungefähr um das Jahr 1540 nach Rom und wurde 11 Jahre darauf unter Papst Julius III. als Lehrer in der Capella Giulia im Vatikan angestellt mit dem Titel eines Kapellmeisters, Navstro cli Oaxvlla, äollrr 5 a- 8i1ioL Vatioana,. Er war der Nachfolger Arcadelts, welcher wohl einige Zeit sein Lehrer gewesen sein dürfte. Schon drei Jahre darauf ließ er einen Band vierund fünfstimmiger Messen drucken und widmete dieselben dem Papste Julius III. Zum Dank hiefür berief ihn der hl. Vater in das Kollegium seiner Sänger, obwohl durch diese Berufung zwei Grundprincipien dieser Gesangesschule durchbrochen wurden, nämlich: die Vorschrift, eine strenge Prüfung abzulegen, und die Ehelosigkeit der Sänger. Palestrina war nämlich verheiratet — zudem bestand der Sängerchor der genannten Schule allermeist nur aus Klerikern. Als Papst Paul den Stuhl des hl. Petrus bestieg, wurde Palestrina nebst zwei andern alsbald aus der Gesangsschule entfernt, eben weil er verheiratet war, und er erhielt eine monatliche Pension von sechs Scudi. Der Meister selbst wurde schwer krank auf diese Entfernung hin, er hatte Familie, ein Einkommen von monatlich sechs Scudi, Umstände, die ihn sehr niederbeugten. Zu seinem Glück fand er bald wieder eine Stelle in der Lateranensischen Hofkirche, allwo er 5'/z Jahre thätig war und sehr viel componirte; eine Menge von Bänden herrlicher Werke entstand damals. Hervorzuheben sind hieraus besonders ein Band vierstimmiger Lamentationen des Jeremias und ein Band Magnificat für fünf und sechs Stimmen, desgleichen die Jmproperien und das achtstimmige ornx fiäslis. In diesen Musikwerken, besonders in den Jmproperien, ist geradezu alles aufgeboten, was Kunst und Natur vermögen. „Die Kunst", sagt Baini, „schien bei den wenigen einfach andächtigen rührenden Accorden gleichsam durch die Natur, und diese bei der seltenen Wahl der nnge- kannten Mittel wieder durch jene übertroffen". Emil Naumann sagt ferner über die gleichen Werke in seiner Musikgeschichte: „Der Meister zeigt in diesen Schöpfungen, wie kein anderer vor oder nach ihm, daß der in Wahrheit von Gott begnadete Genius gelegentlich auch ohne Anwendung reicher Mittel oder hochentwickelter Kunst- formen zu den erschütterndsten und unvergleichlichsten Wirkungen zu gelangen vermag." Ueber das prachtvolle „l6Q65ra,6 Iaota.6 8unb" sagt speziell der gleiche Musikkenner: „Es ist nicht möglich, mehr Schönes, Ergreifendes und Contrastirendes in nur siebeuundzwanzig Takte zusammenzudrängen, als Palestrina hier gethan! Wie erschütternd wirkt, nach dem ruhig in die Dunkelheit hinabsinkenden T°6Q65ra6 laotao ount, der mit bewegten Stimmen und stark einschneidenden Modulationen auftretende Wehrnf: äum orueifixisZonb llevurn lluckuei! Welcher Antheil und welcher Schmerz in den sich anschließenden Worten: oxalanravit llsous vooo iriaZna; wie sanft ergeben und duldend dann die Frage: „mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Welche einander überbietenden Klagen in dem Terzett der den Chor ablösenden drei weiblichen Stimmen endlich, die uns die am Kreuze weinenden heiligen Frauen gleichsam mU leiblichen Augen erblicken lassen; und welch' eine erhabene und tiefe Trauer in den den eintretenden Tod des Erlösers schildernden und im Pianissimo ersterbenden Tönen, mit denen der Chor das Sätzchcn beschließt." Ja in That und Wahrheit, das ist Musik, wie sie der hl. Bernhard verlangt, wenn er sagt: „oantuw oi iusrit, xlenns t Ai'Lvitats, nee laooiviaw. rssonst, noo rrwtüoatvm, sio 8Ug.vi6, ub non Isvio; sia uruleeat aur63, nb vaoveat: ooräa." Papst Pius IV. selbst ließ sich von seiner Kapelle diese Jmproperien aufführen und legte das Geständniß ab, daß seine Erwartungen vollauf übertreffen seien. Palestrina's Ruhm wuchs und er wurde im Frühjahr 1561 Kapellmeister der liberianischen Hauptkirche zu Nom, genannt Sta. Maria Maggiore. .Hier wirkte er volle zehn Jahre, hier gelangte er in den vollen Besitz 34 der Kunst und ist diese Periode die glänzendste seines Wirkens und Schaffens als Tonkünstler. Das Concil von Trient, das sich bekanntlich auf das eingehendste mit einer rctoimatio in caxitc sd mornlzris beschäftigte, that dies auch betreffend den Kircben- gesang und die Musik und stellte den Satz auf, daß stets darüber strenge gewacht wird, daß „ab ecclcsüs ruusicas sas, ul>1 sivs or§auo, sivs cautu lascivuru ant im- xurniu alic^uiä uiiscstur — arcsaub." Der hl. Stuhl wollte eine einfachere Compositionsweise, als sie durch den figurirten Stil der Niederländer in den Kirchen der katholischen Christenheit üblich geworden war, er wollte größere Deutlichkeit und Verständlichkeit des gesungenen Texteswortes, als eine solche bisher bei einer großen Anzahl von vielstimmigen Kompositionen, darunter namentlich von Messen, möglich gewesen. Palestrina erhielt den Auftrag, nach diesen Wünschen eine Messe zu componiren, er kam dem Wunsch mehr nach als er gestellt war und schrieb drei Messen, deren letzte er zum Andenken an den ihm wohlwollenden Papst Marcellus „LIissa kaxas Narcslli" nannte. Bei den ersten Aufführungen errangen alle drei Messen Erfolg, die letztere aber einen derartigen, wie einen solchen der bescheidene Meister nicht erwartete. Pins IV. sagte nach der ersten Aufführung dieser Messe: „Dies sind die Harmonien des neuen hohen Liedes, welches einst der Apostel Johannes in dem jubelnden Jerusalem gehört hatte, von welchem ein anderer Johannes uns eine Idee in seinem wandernden Jerusalem gibt." Bekanntlich ist gerade diese Messe heute noch ein Triumph der musikalischen Kunst. Palestrina setzte diese Messe, wie die genannten zwei andern, sechsstimmig, nämlich für Sopran, Coutra-Alt, zwei Tenöre und zwei Bässe. Der allgemeine Beifall, den dieses Meisterwerk Palestrina's fand, veranlaßte Pius IV., den Meister auszuzeichnen, und er schuf für ihn den Posten eines Tonsetzers der päpstlichen Kapelle, ein Titel, den Palestrina beibehielt bis zu seinem Tode und den nach ihm nur noch ein Einziger erhielt. Auch wurde seine Pension erhöht, so zwar, daß er von jetzt an monatlich elf Scudi als solche erhielt. Es wurde schon die Frage aufgeworfen, warum der Papst Palestrina nicht den Titel eines Maestro der päpstlichen Kapelle verliehen habe, ein Titel, den er schon vorher geführt und der bei allen angesehenen Kapellen damals üblich war? Die Antwort ist leicht. Dieser Titel kam bei der päpstlichen Kapelle von jeher nur einem Prälaten zu und war dieser Titel mit besondern Auszeichnungen verbunden. Palestrina aber war ein Laie und zudem verheirathet, von dem alten Princip aber konnte nicht gut abgegangen werden. Ganz kurze Zeit nach seiner Ernennung starb Pius IV. und nun glaubten die Kollegen Palestrina's, daß letzterer wieder entfernt werden könne, allein sie täuschten sich, denn Pius V. und seine Nachfolger ließ Palestrina und seinem großen Genie Gerechtigkeit widerfahren, er blieb in seinem Amte zum Wohle und Stolze der Kirche und der Kirchenmusik. König Philipp II. von Spanien hat große Verdienste sich erworben betreffend die Verherrlichung des Gottesdienstes in seinem Reiche, besonders auch betreffend die Kirchenmusik speziell in seiner Hofkapelle zu Madrid. Aus diesem Grunde wurde Palestrina aufgefordert, dem Könige seine Messe kaxas NarcsIIi zu widmen, was der Meister auch gerne that. Er fügte noch andere Messen, vier- und fünfstimmige, bei und setzte eine sehr bescheidene Dedikation voraus, der wir folgende Worte hier beisetzen : „Owavissiworum st rsliAiosissiworuraliomimiin sscutus Consilium, aä sauctissiraum Llissas sacri- siciuur uovo ruoäorum Asnsrs äscoranäum oiuus msum stuäiunr, oxsram inäustriawgus contuli. Von seiner Llissa I'axas Llarcslli aber sagt er in der Dedikation: „lros iu§suii rusi couatus uou Huiäsw xriruos, ssä tarnen Isliciorss, ut spsro, luas wajsstati xotissinium inäicanäos sxistirnavi." Nahezu zu gleicher Zeit widmete unser Meister auch dem Cardinal Hippolyt d'Este, Herzog von Ferrara, einem begeisterten Anhänger guter Kirchenmusik und ebenso hochherzigen Beschützer derselben, einen Band fünf-, sechs- und siebenstimmiger Motetten, und auf's neue dem König von Spanien einen Band weiterer Messen, acht an der Zahl. Von Interesse mag sein, daß der Meister sich damals beklagte, daß die Tonsetzer seiner Zeit oft unzüchtige Gedichte wählen, um Musik dazu zu schreiben, ein Beispiel, dem er niemals folgen werde, zumal bei seinem gereiften Alter — matura jam st vsr-Asnti all ssniuin astats. Hier mag die Bemerkung gestattet sein, daß Palestrina als ganz jugendlicher Komponist mit mehreren Madrigalen wegen der mitunter anstößigen Dichtung Anstoß gab. Er bereute aber dies als einen jugendlichen Fehler, was aus einer Dedikation der (lautlos, canticorum an Papst Gregor XIII. hervorgeht, worin es heißt: „st orulissoo st äolso, seä yuauäo xrastsrita inutari uou xossunt, uoo isääi ivtscta, g!uas tacta säur siut, Consilium rnutavi", und an einer andern Stelle: „sx gas autsur si coZitars cosxi, Quantum iu wusica xrokscisss cxistirnarsr, äscrsvi toturu äivinis lauäidus cou- sscrai-s." Und Palestrina hielt fein Wort getreu. Nachdem im Jahre 1571 der Kapellmeister zu St. Peter im Vatican mit Tod abgegangen war, übernahm Palestrina auf vielseitiges Ersuchen diese Stelle, obgleich er dadurch die Hälfte seines Monatsgehaltes einbüßte, den er bei der Hauptkirche Sta. Maria Maggiore bezog. Er war jetzt Compositore der päpstlichen Kapelle und zum zweitenmale Kapellmeister in der vatikanischen Hauptkirche. Zu gleicher Zeit erhielt er auch die Stelle im Dienste des hl. Philipp Neri, des Stifters der Väter vom Oratorium, welcher einer der eifrigsten Förderer der Kirchenmusik zu damaliger Zeit war und dem Palestrina schon längere Zeit mit inniger Frömmigkeit anhing. Die Jünglinge des Oratoriums hatten schon längere Zeit die Werke Palestrina's mit größtem Eifer einstudirt und aufgeführt und begrüßten mit größter Freude sammt ihrem Führer diese Ernennung. Trotz seiner Doppelstellung war es dem riesigen Fleiße des Meisters dennoch beschieden, auch in dieser Periode seines Lebens eine sehr große Fruchtbarkeit zu entfalten, indem er mehrere Sammlungen von Messen und Motetten herausgab. Von letztem sind besonders der Erwähnung werth: „kuit lroiuo missus a Oso", „Irasc äiss yuana kocit Oo- miuus« und „o bollc 5ssu cxauäi wo". Zu gleicher Zeit errichtete er und leitete mit dem Kapellmeister Nanini eine Musikschule in Rom, die erste, die von einem Italiener dort errichtet wurde, die vorzügliche Meister hervorbrachte und welche durch die Pflege des Palestrina- stils einen beinahe hundert Jahre lang andauernden und für ganz Europa bestimmenden Einfluß auf die Verbreitung dieser Satzweise ausübte. Zu all diesen Geschäften übernahm er auf Befehl des Papstes Gregor XIII. mit seinem Schüler Guidetti die Verbesserung des Graduelle und des Antiphonars, einen Auftrag, dem er innerhalb dreier Jahre, zurückgezogen von der Welt, in seiner einsamen Wohnung nachkam. Nach Ablauf dieser Zeit widmete er dem Papste „das hohe Lied Salomons", 29 Motetten, in denen alles nach dem Bericht eines vorzüglichen Kenners „groß und erhaben, kunstvoll und gemüthvoll, neu und interessant ist und rührend und überraschend wirkte". Er erhielt in Folge dessen den Titel: kriuoips ciaila Llnsion, eine Auszeichnung, die vor ihm keinem Musiker zu Theil geworden war. Sofort ließ der Meister einen zweiten Band Motetten folgen, im gleichen Stil gehalten. (Schluß folgt.) Die Encyklika über das Bibelstttdinm. Das päpstliche Aktenstück von» 18. November d. Js., das in Form eines Rundschreibens an den gesammten katholischen Episkopat das Studium der heiligen Schrift behandelt, ist ein hochbedeutsames Dokument, bestimmt und geeignet, eine neue Aera der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Bibel in der katholischen Kirche zu eröffnen. Der Eingang der Encyklika „kroviäantissiurug Darm" geht von dem Wesen und Grundcharakter der Schrift aus, um aus diesem ihren Werth und die Nothwendigkeit ihres Studiums zu begründen. Die heilige Schrift ist die eine Quelle der göttlichen Offenbarung: daher ihre Würde, daher ihre Stellung im theologischen Studienplan, daher die Nothwendigkeit und die Berechtigung, das Bibelfach zum Gegenstand intensivster gelehrter Thätigkeit zu machen. Der hl. Vater erkennt an, daß besonders in der Gegenwart es nicht an katholischen Gelehrten fehlt, die die bibliologische Literatur mit schätzbaren Beiträgen bereichert haben, erklärt jedoch ausdrücklich die Vermehrung dieser Fachgelehrten, namentlich aus dem geistlichen Stande, für höchst wünschens- werth. Das Studium und die gelehrte Behandlung der hl. Schrift den Zeitbedürfnissen anzupassen, ist der besondere Zweck der Encyklika. Der an das Exordium sich anschließende erste Theil der Encyklika bespricht die Bedeutung der Schrift für die gesammte Pastoraldidaktik, also ihre homiletische, katechetische und mannigfache paränetische Verwerthung. In erster Linie und immer wieder soll der Prediger die hl. Schrift im Munde führen, aus die Schrift sich berufen, durch die Schrift begründen, die Schrift inter- pretiren; die Schrift, gleichsam ein Ausfluß des göttlichen Hauches, wird seinem Worte mehr als menschliches Gewicht und Ansehen verleihen: der Schrifttext gestattet ihm auch dann, mit apostolischem Freimuth aufzutreten, wenn seine eigenen Worte mißdeutet oder übel aufgenommen würden; die Schrift wird eine kräftige, männliche, wahrhaft salbungsvolle Beredsamkeit auch dann ermöglichen, wenn die natürliche Rhetorik versagt. Ebenso berechtigt wie beachtenswert ist des Papstes Tadel über jene Prediger, die die Lehren der Offenbarung und namentlich auch die Vorschriften deS Sittengesetzes, die doch, so weit sie Lehren der katholischen Religion sind, übernatürlichen Charakter haben, fast ausschließlich durch natürliche und menschliche Autoritäten und Motive stützen und beweisen wollen. Man hört da eine Menge Utilitäts- und Opportunitätsgründe, Aussprüche von Philosophen, Citate aus Dichtern rc. Das ist das Geheimniß des Mißerfolges gar mancher Kanzelvorträge, denen es an oratorischem Schmuck aller Art nicht mangelt; sie lassen den Verstand leer und das Herz kalt, denn in ihnen leuchtet weder göttliches Licht, noch brennt göttliches Feuer. Anders, sagt die Encyklika, haben alle großen und heiligen Prediger gethan, anders die heiligen Väter, anders die Apostel, anders Christus während seines Erdenwandels. Freilich genügt zum Erfolge nicht die materielle Kenntniß und Anwendung des Schriftwortes; denn die Schrift ist nicht wie sonst irgend ein Buch zu betrachten und zu behandeln (uegus anim eornua — saarorum — ratio lidrorura similis atgus Lvra- lüuuiuni xutauän 68t); ihr Studium erfordert eine übernatürliche Weihe, deren Elemente wir mit den Ausdrücken des Originaltextes der Encyklika andeuten wollen: iut6§ra,s piaagua voluntatis llabituo, kuiuUis prs- ontio, sauotimouin vltas. Im zweiten Theile der Encyklika wird eine historische Uebersicht der biblischen Studien und der kirchlichen Veranstaltungen zu deren Förderung von der christlichen Urzeit an gegeben; dieser Abschnitt des päpstlichen Dokumentes ist ein Muster kompendiöser Darstellung; knappe Form ist hier in meisterhafter Weise mit übersichtlicher Anordnung und relativer Vollständigkeit verbunden. Unter den Vertretern einer ausgedehnten theologischen Verwerthung der hl. Schrift im apostolischen und patristischen Zeitalter fehlt kein bedeutender Name. Von den Apologeten wird an erster Stelle Justinus genannt. Die alexandrinische und die antiochenische Katechetenschule werden in der Encyklika in desclben lähmendsten Weise erwähnt, obschon sie, wie bekannt, verschiedene Richtungen verfolgten. Der Papst erkennt aber beide Richtungen als in ihrer Art berechtigt und ersprießlich an, ohne selbstverständlich die Ausartung der allegorisirenden Schriftdeutung zu billigen. Mit besonderer Auszeichnung nennt die Encyklika Origenes und seine Hexapla. Dieses Riesenwerk verdient es wahrlich, in einem solchen Dokument lobend erwähnt zu werden; behufs Herstellung eines möglichst korrekten Scptuaginta- Tcxtes unternommen, enthielt es den hebräischen Text des Alten Testamentes in hebräischer Schrift, denselben Text in griechischer Schrift, die griechischen Uebersetzuugen des Aqnila, des Symmachus, der Septuaginta und des Theodotion, sowie stellenweise noch die in derselben als Quinta, Sexta und Septima bezeichneten Uebertragungen (daher auch die Namen Octapla und Enneapla). Die Bestrebungen und Verdienste der nachpatristischen Zeit und der Scholastiker bezüglich des Bibelstudiums werden in prägnanten Zügen und lichtvoller Charakteristik vorgeführt. Mit der Errichtung von Lehrstühlen für die orientalischen Sprachen an verschiedenen Universitäten durch die Päpste hebt im vierzehnten Jahrhundert eine neue Epoche des Bibelstudiums an: die philologische Behandlung der hl. Schrift durch Zurückgehen auf den Urtext und durch Vergleichen verschiedener Recensionen und Uebersetzungen. Die orientalische Philologie stand zunächst im Dienste der Bibelforschung und ist auf kirchlichem Boden erwachsen. Wieder eine neue Zeit für die Pflege der Bibel- kenntniß und in weiterer Folge für die wissenschaftliche Bearbeitung der hl. Schrift brach mit der Erfindung der Buchdruckerkunst an. Der Papst nennt diese Erfindung eine glückliche (arta nova lidraria, telicütsr invautu) — die beste Illustration für die „Bildungsfeindlichkeit" der Kirche. Für die Bibel bestand die erste Folge der Erfindung der Typographie in einer nie dagewesenen Vermehrung ihrer Ausgaben und Verviel- 36 fültigung ihrer Exemplare; die hl. Schrift wurde eben jetzt, wo sie so leicht zugänglich war, begreiflicher Weise weit allgemeiner gelesen, als früher, und die Kirche erließ kein Verbot des Bibellesens seitens der Laien, so lange nur katholische Bibelausgaben hergestellt wurden. Jedermann freute sich, sein eigenes Bibelexcmplar zu besitzen (multiplioata xraelo saora exainplarra . . . eatlroliaum Huusi ordow. oonaplavarint), zu einer Zeit, von der die Protestanten behaupten, die hl. Schrift sei beim Volke und so ziemlich auch bei der Geistlichkeit unbekannt gewesen. Daß die hl. Schrift auch vor und nach Erfindung der Buchdruckerkunst in die verschiedenen Landessprachen, namentlich auch häufig ins Ober- und Niederdeutsche, übersetzt wurde, ist eine bekannte Sache. Die Buchdruckerkunst steht übrigens schon deswegen zur hl. Schrift in inniger Beziehung, weil sie ja an dem „Buch der Bücher" zuerst erprobt wurde. Nach Erwähnung der Blüthe der biblischen Erudition, namentlich der Exegese in der vor- und nach- tridentinischen Periode, kommt die Encyklika auf die Sorge der Päpste für Herstellung korrekter Editionen der Vulgata und der Septuaginta zu sprechen. Die von Sixtus V. veranlaßte römische Ausgabe der Septuaginta erschien im Jahre 1587 und wurde mehrmals (in Paris, London rc.) nachgedruckt. Was die Vulgata betrifft, so überließ das Konzil von Trient, indem es dieselbe für authentisch erklärte, dem apostolischen Stuhle die Besorgung einer korrekten Ausgabe. Nach langen Arbeiten zur Feststellung eines kritisch zuverlässigen Textes erschien zu Nom 1592 unter Klemens VIII. die offizielle Edition der Vulgata. Von den Polyglotten erwähnt die Encyklika die Antwerpeucr und die Pariser, die Komplntenser wohl deßwegen nicht, weil ihr Inhalt in die beiden genannten aufgenommen wurde. Die erste Polyglotte Bibel ließ nämlich der große Kardinal Limeues in Alcala de Henares (lateinisch Lomxlutum), wo er die berühmte Universität gegründet hatte, herstellen, die 1514 bis 1519 in sechs Bänden erschien. Sie enthält nur das Alte Testament, und zwar: den hebräischen Text, die Vulgata, die Septuaginta, zu dieser eine wörtliche lateinische Uebersctzung, eine chaldäische Paraphrase, gleichfalls mit einer wörtlichen lateinischen Uebersctzung. Die Antwerpener Polyglotte, im Auftrage Philipps II. von Spanien veranstaltet unter der Leitung des berühmten spanischen Theologen Benedikt Arias, zubenaunt Montanus, kam 1568 bis 1592 heraus in acht Foliobünden und enthält nebst den Texten der Komplutenser Bibel noch einige chaldäische Paraphrasen (Targumim) und das Neue Testament in griechischem Texte, in der Vulgata, in einer syrischen, sowohl mit syrischen als mit hebräischen Lettern gedruckten Ueber- setzung, der wieder eine lateinische Uebersctzung beigegeben ist. Die 1645 in zehn Foliobänden herausgegebene Pariser Polyglotte umfaßt außer dem Inhalte der Antwerpener im Alten Testamente eine zweite syrische und eine arabische Uebersctzung mit begleitender lateinischer Version und den samaritanischen Pentateuch, im Neuen Testamente eine arabische und eine dazu gehörende lateinische Ucbersetznng. Die später von protestantischer Seite veranstalteten Polyglotten sind selbstverständlich Übergängen, da ja die Encyklika sich nur mit dem Bibelstudium auf katholischem Boden beschäftigt. Im übrigen ist es ebenso bedeutungsvoll, wie dankenswert!), daß die Encyklika ausdrücklich betont, daß es auch nach der an das Tridcntinum sich anschließenden Periode, bis in die Neuzeit, in der katholischen Kirche nie an lobenswerthen Leistungen im Bibelfache gemangelt, und daß jedes Buch der hl. Schrift wehr als einen guten katholischen Interpreten gefunden hat. Anknüpfend an diese wahrheitsgemäße Darstellung kann der Papst mit Recht hervorheben, daß die Kirche es zu keiner Zeit unterlassen hat, dem Studium der hl. Schrift und der Verbreitung ihrer Kenntniß die gebührende Pflege zu widmen, und demnach hiezu keines Anstoßes von akathol- ischer Seite bedurfte. (Schluß folgt.) Zur Pasquill-Literatur des Mittelalters. Bei bedeutsamen, in ihren Wirkungen auch auf die Allgemeinheit sich mehr oder weniger erstreckenden Ereignissen oder Manifestationen Pflegen wir meist nur von denjenigen zeitgenössischen Urtheilen zu erfahren, welche aus dem höherstehenden Kreise der Nation stammen, von Gelehrten, von Fürsten oder deren Räthen und Gesandten. Selten aber erlangen wir darüber genauere Kenntniß, wie das eigentliche Volk dächte und urtheilte, wenn wir uns nicht ganz besonders mit diesem Studium befassen.*) Und doch sind solche Aeußerungen der Volksmeinung allzeit vorhanden gewesen und in irgend welcher Form an die Oeffentlichkeit getreten. Am freiesten zeigten sie sich natürlich, als in Folge der Reformation eine allgemeine Aufregung sich der Gemüther bemächtigte und der Geist der Kritik allenthalben sich ausgebreitet hatte. Die Form, wie diese Art von öffentlicher Meinung sich manifestirte, war verschieden. Meist im Gewände der Poesie auftretend, hatte sie im Süden, in Italien, einen mehr sarkastischen, pamphletartigen Charakter, während sie in Deutschland mehr im Gewände harmloser, wenn auch zuweilen recht derber Satire sich darbietet. Aber oft vermag sie in kurzen Worten uns ein Ereigniß in hellerer Beleuchtung zu zeigen, als dies eine seitenlange Relation eines Agenten oder Gesandten zu thun im Stande wäre. Und die Fürsten und Herren der damaligen Zeit ermangelten keineswegs diesen Aeußerungen aus der Mitte des Volkes die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken, wie auch die fremden Gesandten nicht versäumten, ihren Souveränen hierüber die genauesten Mittheilungen zu machen. In Nom übte der berüchtigte „Pasquillo" eine Macht aus, der Rechnung zu tragen sogar die Päpste sich genöthigt sahen, und in Deutschland finden wir allenthalben in Archiven als Beilage zu den Akten über wichtige Ereignisse und Verhandlungen Abschriften oder wohl gar die Originale von solchen Pasquillen. Einige originelle Beispiele bietet uns eine Anzahl von solchen Spottgedichten über das Augsburger Interim. Dasselbe war bekanntlich ein Versuch Kaiser Karls V., ohne Anziehung der Kirche eine Einigung unter den verschiedenen Konfessionen herbeizuführen. Dasselbe fand aber bei Protestanten wie Katholiken eine abfällige Kritik und der gesunde Sinn des Volkes sträubte sich dagegen, daß ein weltlicher Herr in kirchlichen Angelegenheiten das allein entscheidende Wort spreche. Bekannt ist ja der Vers: „Wahr' dich vor dem Interim; Es hat den Schalk hinter ihm." Die meisten Sprüche aber treten im Gewände des Akrostichon auf. Soweit sie aus dem Kreise der Ge- ') Erst Janssen hat dies in systematischer Weise gethan. 37 bildeteren hervorgingen, sind sie wohl in der Regel lateinisch, so g. B. das folgende: Oenelogia Interim Iinmorsnm Xebula L'sgit Du Roms, Impia llLuuäuw Impia June 1'ento 12 t Komauo8 Inusbo ülorss lukero iMuue Lsrris Dx Rom» Lneowmoäa Multa. Interims Ulsro lorgueo Däax Daxio Imxis ütlrreto. Andere enthalten vielfache künstliche Wortspiele: Interim interimit, mox interimetnr et ipsuiü Interitne äivi nomine rsZio zotest, oder Nachahmungen klassischer Versmaße: Interim innltoe kaoio interirs ?eräi8 inknntee, xorimi8gus kerro Lt manne wnltn mneuln8 ernenta Oaeäs xiornm. LtrnnAniee, msrga.8, koäias, cremesgu» Rumbus, I^mxbis, Alaäiis et iZne Vnw libi tote liest st licebit teinxors xarvo Leos non lallor venit illnä temxus tzno tut xoenL8 äsäeris kuroris 6 um tuis sevio iternm iuteribis Interimistis. Die deutschen Verse sind meist derber gehalten, ja vielfach so, daß sie nicht wohl hier angeführt werden können. Nur ein Beispiel (von einem Protestanten): Interim, das ist ein Buch Nit besser, denn ein be-Spruch. TeuffelSdrcck wobt und Papstes Greuel Ein recht roh'r Vogel und Ewcl") Rombzüglich fromme Christen Ist darum erdicht' von Papisten Mich dünkt'S, sie haben sich be-. Und zum Schlüsse noch ein Exemplar, bei welchem deutsch und lateinisch auf einem Blatte vereinigt ist: Merkt »luäas Jr Jr Akostium Narrete Ncichsstett 1'raäiäit Teutschen Euch Dlsetoreiu Eur Thut üomano Reich Nott Imperator! Ist Mein. W. Hoffmann. Zusehen") Vlereeäs Das Kloster Monheim und die Reliquien der heiligen Walburga: 893—1893. Zum 1000. Jahrestag der Ncliguienübertragung und Stiftung des Klosters. Von A. Zottmann. (Fortsetzung) II. Aeußerer Glanz und höchste Berühmtheit des Klosters. 893 bis o. 1000. In Kürze sei zuerst angegeben, welches der Bestand des Klosters war. Dasselbe besaß zwei Kirchen: die neue eigentliche Klosterkirche und dann eine kleinere, aber bedeutend altere, die Peterskapelle: beide werden dusiliea?") genannt; erstere muß nach Andeutungen Wolfhards ganz die Lage und Anordnung der jetzigen Pfarrkirche in Monheim gehabt haben: nach Osten gerichtet, hatte sie drei durch zwei Säulenreihen gebildete Schiffe?") Gegen die westliche Ecke an der Nordseite war das Hanptportal 2) Ewcl — vrcvcl — Frevel. "> Von unten nach oben zu lesen. "") Wolfhard 1. o. p§. 526 u. 541. 2°) Ibiä. xss. 539. mit einer Vorhalle??) Diesem Portal gegenüber war ein zweites, südliches, welches in den Kreuzgang hinausführte, an welch letzteren sich sodann das oosmsterimn anschloß?") und darüber sowie rechts davon die Kloster- gebäude. Die Kirchweihe dieser Basilika (in Ironors Lalvatoris nostri et oxilioio) wurde jedes Jahr als hoher Festtag begangen und muß nach einer Andeutung Wolfhards in die kalte Jahreszeit gefallen sein?") Die Basilika mag auch eine ziemliche Größe gehabt haben, da nichts berichtet wurde, daß die zahlreichen Wallfahrtszüge und Pilger, die dort zusammenströmten, nicht Platz gefunden hätten. Daraus, daß Wolfhard erzählt, daß in „einen Stein neben dem Nordportale fleißig das Weihwasser nachgegossen wurde?") damit es für die Eintretenden ja niemals fehle," können wir wohl folgern, daß die ganze Kirche aus Stein gebaut war. An derselben waren auch mehrere Priester angestellt; das war schon nothwendig wegen der vielen Pilger. Wolfhard redet von drei Priestern: dem Archipresbhter, dann dem Presbyter Himondus"?), welcher, wie es scheint, die verschiedenen Weihungen und Segnungen vorzunehmen hatte,"") und sodann von dem gerade für den Altar der hl. Walburga investirten Priester MegiupertuS. Auf diesem Altar waren die Reliquien der hl. Walburga ausgestellt, vor welchen die Wallfahrer beteten und viele auch die Heilung in den verschiedensten Krankheiten erlangten; er bildete den eigentlichen Wallfahrtsaltar. Eine der Nonnen, Deithilda genannt, besorgte in der Kirche den Meßnerdienst?") Die zweite Kirche, die jetzige Peterskapelle, welche heutigen Tags in einer Vorstadt Monheims liegt, nördlich von der Hauptkirche, lag damals im Orte selbst, war also wohl die alte Pfarrkirche, und um sie hatte sich auch anfangs Liubila mit ihren Genossinnen in Zellen angesiedelt. Die Kirche gehörte auch zum Kloster und wurde ebenfalls von einer Nonne besorgt, welche dort eine eigene Wohnung hatte, denn Wolfhard berichtet, daß ihr einmal dort eine Kranke zur Verpflegung übergeben wurde;^) es war das demnach so eine kleine Filiale vom Hauptkloster. Das anfängliche Klosterpersonal ist aus dem früher angeführten Theil des Stiftuugsbriefes ersichtlich?") Liubila war Aebtissiu; ihr zur Seite standen noch vier Nonnen. Diese werden aber rasch eine Vermehrung erfahren haben; denn wenn auch aus den Erzählungen Wolfhards, daß viele, welche in der Wallfahrtskirche Heilung oder sonstige Gnaden erlangten, sich dem „Dienste der hl. Walburga geweiht haben", nicht mit voller Bestimmtheit hervorgeht, daß sie wirkliche Nonnen wurden, so können wir es doch mit ziemlicher Sicherheit annehmen. Auch das Vermögen des Klosters muß sich rasch vergrößert haben, denn Wolfhard bemerkt als Augenzeuge, daß es geradezu Sitte der Wallfahrer war, Geschenke wie Kerzen, Leinwand, Wolle u. dgl., auch Hühner, Brod, Bier rc. zu bringen?") Und bei der großen Menge der Pilger "?) Ibiä. p§. 531. -°) Ibiä. i>8. 529. -°) Ibiä. pg-. 527. -°) Ibiä. PA-. 534. -") Ibiä. i>8>. 541. -2) Ibiä. p§. 542. Wolfhard 1. o. i>§. 536. Ibiä. p-x. 541: . . . >aä eam, guas iu ipso vieo proxo moiissterium VirZsium e regions wontiz sita «8t seclesikmi ...» Otr. Anm. 24. °°) Wolfhard i>§. 534, 537, 529, 532. 38 mag das immerhin Etwas ausgemacht haben. Das war der Stand des Klosters und der Kirche zu Anfang der Stiftung, und rasch stieg dessen äußere Berühmtheit, während auch im innern Leben eine große Blüthe herrschte. Das Kloster wurde rasch so bekannt, daß Wolfhard es einfach nennt rnonastarium ounotio noduiQ („allen bekannt") und erzählt: „Das auf der ganzen Erde zerstreute christliche Volk begann voll Freude Herzuströmen, so daß täglich ununterbrochen aus allen vier Himmelsrichtungen ganze Mengen von Gläubigen schnarenweise zusammenkamen» Gott und der Mutter angenehme Geschenke darbrachten und nach erhaltener Benediktion in Frieden zurückkehrten??) Diesen großen Ruf verdankte Monheim vor Allem den vielen wunderbaren Heilungen, welche dort auf Fürbitte der HI. Walburga gewirkt wurden. Wolfhard hat sie in vier Büchern ausführlich beschrieben. Da man daraus sieht, wie weit die Pilger herkamen, so führen wir sie kurz im Auszuge an: Im Jahre 893 wurden geheilt:^) die Aebtissin Liubilla selbst von ihrem Podagra; ein Mädchen aus WomöäinAa, (Wemding); ein Lahmer, Namens Wolf- gerus, aus Llegsnslroim (Megesheim bei Oettingen); Egiuswindis aus LsrZila (Berge! in Mittelsranken), welche ein Bein zersplittert hatte; eine gewisse Geila aus LloülsnUöiin (Stopfenheim bei Weissenbnrg a. S.), welche wegen Mißachtung eines Festtages von Gott gestraft, dann aber von verkrüppelter Hand und auch von Blindheit geheilt wurde; sodann Erchauboldus aus Nur» (Alten- oder Neuen-Muhr bei Gunzenhausen). Vom Jahr 894 sind aufgezeichnet:") ein Weibchen aus dem Distrikt DraZorva (Diözese Constauz) findet wunderbar einen verlorenen Gegenstand wieder; eine adelige Frau aus Franken erfleht die Gesundheit ihres Kindes; Wunder an zwei Mördern aus der Weingegend. Ein Mann aus dem lflooostarAorvs (Neckargau) bringt sein blindes Kind und es wird geheilt; ebenso ein blinder Greis aus dem Gefolge des allemannischen Grafen Adal- bert; ferner ein Blinder aus Haiwenaskurt: (Hainsfarth bei Oettingen); Wunder beim Wallfahrtszug der Regens- burger Bürger (RsKineimio quocjus urbg cjucmäam re§a1is st inol^ta, snog aä iä uroirastsrmm trarm- misit oivso) und an einem lahmen Knaben LrisaZorvansia (aus dem Breisgau am Rhein). DaS Jahr 895") bringt bei den Reliquien der hl. Walburga Hilfe einem blinden Mädchen aus Kcmpten; der Frau Rumhilde aus dem LIis§orvs (im heutigen Lothringen, nahe an der Mosel), welche etwas verloren hat; in derselben Angelegenheit der Gisela von Thüringen, aus hochadeligem Geschlechte; ferner einer epileptischen und stummen Frau aus ^äalolteslocrd in xa§o OstelesZorvö (Adelschlag im Kelsgau, bei Eichstätt), einer Lahmen aus vkoolrinAa, (Kösching bei Jngolstadt), einer stummen Frau aus 'IsizrrinAia (Thüringen) und einer nobilis Oiötbii'Aa, bei allen in Allemannien sehr berühmt. H.nno 896") und die Folgezeit verzeichnet Wolfhard Wallfahrten und wunderbare Erholungen für Fußleidende aus dem Kloster Fulda, aus fl'ubüiga (Tübingen), "1 Wolfhard 529. Enthalten im I. Buch der Wolshard'schcn Schrift ox. 4 — 6. ") Enthalten im II. Buch in 3 Kapiteln. ") Enthalten im III. Buch WolfhardS in 3 Kapiteln. ") Enthalten im IV. Buch, ebenfalls in 3 Kapiteln. Wir haben bisher immer nach der Seitenzahl bei den Äollandisten ritirt. aus den fränkischen Provinzen, aus DrutstinZa (Wasser- trüdingen), aus Monheim selbst und sogar auS Rom (Rowavns yniäorn acivonisns); endlich mit verschiedenen Leiden Behaftete aus der Donaugegend, aus Schwaben, Franken und eine aus vrutolinga. in xago Luala- nsläioo (Treuchtlingen im Sualafeld). Außer diesen genannten führt Wolfhard noch mehrere andere wunderbare Ereignisse an, bei denen er keine Ortsnamen verzeichnet, und sagt zudem, wollte er alle beschreiben, deren Augenzeuge er war oder die ihm erzählt wurden, oder die überhaupt geschehen sind, so würde ihm die Zeit dazu fehlen. Ein anderer Grund, der die große Berühmtheit und Blüthe Monheims herbeigeführt, mag der gewesen sein, daß sich Bischof Erchambold von Eichstätt so um dasselbe angenommen hat. Es war ja schon mit seine Stiftung; dann hat auch Wolfhard gerade auf seine Veranlassung seine Berichte über Monheim niedergeschrieben;") außerdem kam Bischof Erchambold öfters nach Monheim. „Es geschah auch, daß der gottesfürchiige und fromme Bischof Erchambold, wie er nach seiner Gewohnheit ziemlich häufig that, selbst das Kloster besuchte, um die Dienerinnen Gottes zu ermähnen und in der Furcht Gottes zu befestigen." Bei solchen Besuchen hielt derselbe dann auch für das Volk Predigten ab: „Als derselbe einmal noch in dieser Kirche weilte und in hl. Eifer sich alle Mühe gab, die Seelen für Christus zu gewinnen . . . ."") Gewiß wurde durch das Bekanntwerden dieser Vorliebe des Bischofes für Monheim auch der Eifer im Volke immer größer, dorthin zu Pilgern, um so mehr, da auch ein Ablaß damit verbunden war. Und es pilgerten dorthin nicht nur das Volk, sondern auch die hohen und höchsten Herrschaften des ganzen Landes, die ja, wie bemerkt, mit Liubila verwandt waren, und das war ein weiterer Grund für Monheims Berühmtheit: es fanden sich dort ein: Hildegard, die Base des Königs und nachmaligen Kaisers Arnulph, mit ihrem Sohn Luitpold von Scheyern,") welchem Arnulph die Ost- und Nordmark zur Regierung übergeben hatte, und welcher sich gegen die Ungarn so unsterblichen Ruhm geholt hat und auch sein Leben im Kampfe gegen dieselben eingebüßt; außer diesen finden wir dort Adalbert,") den erlauchten Grafen von Schwaben, sowie einen andern Adalbert,") den Markgrafen von Babenbcrg, der im Jahre 906 zu Theres durch Heukershand fiel; zu ihnen gesellt sich noch Gisela??) die Gemahlin des Herzogs Burchard von Thüringen, Gesandte von Bischof Salomo") von Constauz, Adalbero") von Augsburg und der kgl. Stadt Negensburg "). Sie alle finden wir um den, dem Karolingerhause nahestehenden Bischof Erchambold und die bayerische Prinzessin, die Aebtissin Liubila, in Monheim versammelt, und sie alle waren Persönlichkeiten, welche in die damalige Politik stark hineinverwickelt waren; es liegt nahe, mit Suttner") zu vermuthen, ") In der xraskatio zur Lebensbeschreibung der heiligen Walburga. « 2 ) Wolfhard xss. 540 (Üb. IV, ox. 2). ") IIM. pA. 539 (I. IV, ep. 1). ") Ibüi. PA-. 526 (I, 4). ?§. 540 (IV. 2). ") ?§. 535 (III, 1). 530 (II, 1). ") 535 (III. 1). °°) ?§. 533 (II. 3). ") Eichstätter Past.-Bl. 1859. 39 daß die Fäden der damaligen Politik durch Monheim gelaufen und das beigetragen hat, dasselbe zu einem der berühmtesten Klöster damaliger Zeit zu machen, um so mehr, als Wolfhard selbst bemerkt, Hildegard sei mit Luitpold gekommen, um der hl. Walburga für empfangene Wohlthaten zu danken, und damit jedenfalls gemeint ist, daß sie bei König Arnulph wieder Gnade fand, nachdem sie vorher dieselbe verloren hatte und ihrer Güter entsetzt worden war. Wie lang nun dieser äußere Glanz und diese Berühmtheit Monheims gedauert, das läßt sich nur vermuthen. Sicher haben dieselben wenigstens abgenommen mit dem Verschwinden der nach der damaligen politischen Constellation gerade im Vordergründe stehenden Persönlichkeiten: mit dem Tode des Königs Arnulph, seiner Verwandten Hildegard und Luitpold, dann des Bischofs Erchambold und der Aebtissin Liubila, so ungefähr, wollen wir sagen, bis ums Jahr 920 herum, wird ein großer Theil dieses äußeren Glanzes weggefallen sein, wenn er vielleicht auch noch längere Zeit nachgeleuchtet hat. Die besonderen Heilungen und Erhörungeu scheinen auch mit der Zeit weniger häufig geworden zu sein. Wenigstens weiß von den vier Berichterstattern, welche nach Wolfhard die Begebenheiten in Monheim beschrieben, auch nicht ein einziger dem schon von Wolfhard Erzählten noch etwas beizufügen. Nur Bischof Adolbold sagt am Schlüsse seiner Beschreibung, daß auch jetzt noch zu seiner Zeit in allen Provinzen des Frankenreiches, wo Reliquien der hl. Walburga sind, ausgezeichnete und lobenswürdige Wunder geschehen. Aber speziell namhaft macht auch dieser nichts mehr. Man geht wohl nicht fehl mit der Annahme, daß wenigstens mit Beginn des 11. Jahrhunderts Monheim in das Stadium eines gewöhnlichen Klosters und allenfalls Wallfahrtsortes für die Umgebung getreten ist. Bemerkenswerth erscheint noch Folgendes: Im Jahre 1040 erhielten die Reliquien der hl. Walburga in Eichstütt ihre letzte Translation, und zwar in der unter Bischof Heribert theils reparirten, theils neugebauten Kirche in einem Steinsarge hinter dem Hochaltar. „Von dieser Zeit an beginnt das berühmte Wunder, daß unter jenem Sarge eine färb-, geschmack- und geruchlose Feuchtigkeit hervorquillt, St. Walburgisöl genannt." Dieser Oelfluß dauert bis zum heutigen Tage fort und war von jeher die Quelle zahlreicher Heilungen und Gnaden, so daß es nicht zu wundern, daß aus allen Weltgegenden das Verlangen nach dem hl. Oele auftauchte und sich nun die Pilgerzüge nach dieser wunderbaren Guadenquelle bei St. Walburg in Eichstätt richteten: Wir sehen, mit dem 11. Jahrhundert nimmt Monheim ab, Eichstütt aber zu. Es mag im Plan der Vorsehung gelegen gewesen sein: das Kloster Heidenheim, wo Walburga begraben, ein Jahrhundert lang als erstes Glied der Verehrung derselben bestehen zu lassen und durch Wunder auszuzeichnen. In das Erbe Heidenheims treten Eichstätt und Monheim, jedes durch einen Theil der hl. Reliquien; Bionheim sollte Nach Wolfhard wurden das Leben und die Wunder der hl. Walburga beschrieben von Bischof Adelbold in Lüttich umS Jahr 1006; dann von einem unbekannten Autor vielleicht im 12. Jahrh., — vom Bischof Philipp von Eichstätt Anfang des 14. Jahrh, und endlich nach den Angaben der Klosterfrauen von St. Walburg in Eichstätt Ende des 16. Jahrh. — Noch wäre zu erwähnen eine solche Beschreibung in Versen von einem gewissen Medibardus. etwa im 12. Jahrb. Sämmtlich herausgegeben bei den Bollandisten, 25. Februar. °b) Popp. Eint. u. Ausbreitg. des Cbristentbums pq'. 206. nun zuerst ein bevorzugter Gnadenort sein als zweites Glied der Walburgaverehrung, um endlich als drittes Glied für dauernd und mit der größten Bevorzugung Eichstätt zu begnadigen, wo Walburga im Tode an der Seite ihres hl. Bruders weilt. Für Monheim beginnt damit eine neue Periode. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Die Glückseligkcitslehre des Aristoteles und Thomas von Aquin und ihre Recension von Dr. K. Vor uns liegt das genannte Schriftchen, „Die Glückselig- keitslehre des Aristoteles und Thomas v. Aquin, ein historischkritischer Vergleich", von Dr. Sebast. Huber, und daneben die Recension, welche in der vorigen Nr. der Beilage 31 erschienen ist. Die letztere scheint ein Urtheil über die genannte Arbeit in Anspruch zu nehmen, und spricht sich über deren Werth dahin aus, daß sie „den Anforderungen wissenschaftlicher Kritik, Unbefangenheit oder philosophischer Schulung nicht von Ferne entspreche". Damit verbindet die Recension den feinen Ausdruck ihrer Anerkennung, daß „man den Vorsatz des Verfassers, die Arbeit fortzusetzen, fast nur perhorreSciren könne". Es ist ja berechtigt, und das Interesse der Wissenschaft fordert es, daß in ihrem Kreise jede Unwissenheit und Unfähigkeit gekennzeichnet und vom öffentlichen Schauplatze verdrängt werde. Aber wenn dies geschehen soll und das Recht zu solchem Vorgehen in Anspruch genommen wird, dann müssen jene Fehler einer Arbeit klar und überzeugend nachgewiesen werden. Dazu aber hat hier die Kritik kaum den Versuch gemacht. Soll etwa der Unwerth der vorliegenden Leistung dadurch nachgewiesen sein, daß sie nicht mehr leiste, als eine „vergleichende Paraphrase" des I. und X. Buches der Ethik des Aristoteles und der entsprechenden Abschnitte aus Thomas? Sie hatte sich ja nichts Anderes zur Aufgabe gemacht, als den Inhalt jener Stücke aus Aristoteles und Thomas historisch-kritisch zu vergleichen. Durch eine Paraphrase und Erklärung beider Stücke und eine Vcrgleichung beider nebst einem Urtheil über ihr Verhältniß wäre also ihre Aufgabe erfüllt. Die einfache Lesung überzeugt, daß in der Arbeit keines dieser Dinge fehlt. Aber der Kritiker vermißt die Verwerthung „höherer geschichtlicher oder philosophischer Gesichtspunkte". Es ist nicht reckt ersichtlich, was für höhere gesehichtliche Gesichtspunkte hätten verwerthet werden sollen, wo es sich um die Frage handelt, wie Thomas den Aristoteles benützt habe. Etwa die ganze Entwicklung der betr. Gedanken, welche zwischen beiden Denkern liegt? Aber diese, so nothwendig sie sein mag, um die Fortschritte des Thomas zu erklären, so ist sie unnöthig, um diese Fortschritte durch Vergleich festzustellen. Oder etwa die spätere Entwicklung der einschlägigen Lehren? Was soll, wie es Dr. K. zu fordern scheint, das Studium Wundt's und PanlsenS — deren Kenntniß die Kritik dem Verfasser mit Diviuationsgabe abzusprechen .weiß — bei einer Vergleickung Thomas' und Aristoteles'? Das ist eine sehr seltsame Forderung. Die Kenntniß Wundts und Paulsens kann offenbar demjenigen zum Verständniß des Thomas und Aristoteles nicht dienlich sein, der die letzteren zwei aus ihren eigenen Werken gründlich kennen gelernt hat. So lange der Kritiker nicht die Güte hat, das „Viele", worüber dann „dem Verfasser die Augen aufgehen würden", genauer zu bezeichnen, wird man seiner Mahnung wenig Dank wissen. Welche „höheren philosophischen Gesichtspunkte" hätten verwerthet werden sollen, deuret die Kritik kaum an. Es ist auch nicht einleuchtend, daß „dem naivsten Dogmatismus huldige, wer den Aristoteles an Thomas messe". Uns scheint weder, daß ein solches Messen und Vergleichen Dogmatismus wäre, noch daß der Verfasser thatsächlich den hl. Thomas zum Maßstab für Aristoteles genommen habe. Doch wie sein auch sei — es ist eine starke Entstellung, daß gesagt wird, der Verfasser habe die Vergleickung nach dem Grundsätze angestellt: „Thomas bekämpft Aristoteles überall, wo er ihn auf Irrwegen ertappt, und huldigt ibm dort, wo derselbe die Wahrbeit sagt." Es beißt doch wahrlich den Sinn entstellen, wenn man dem Verfasser ein gelegentliches Citat, womit er die Behauptung belegt, daß sich das Urtheil über Thomas' SelbMändigkeit zum Bessern gewendet, verdreht in einen „Grundsatz", von dem er sich in seiner Arbeit habe leiten lassen! (Man lese 2 der Dissertation.) Aus dem Inhalt und der Methode der Schrift bringt Kritiker auch nickt einen Beleg, um dem Verfasser wissenschaftliche Unfähigkeit nachzuweisen („Mangel an philosophischer Kraft" nennt er es). n „Mangel an wissenschaftlicher Kritik und Unbefangenheit, an philosophischer Schalung, naiver Dogmatismus" ec., all diese Vorwürfe verfangen sehr wenig und werden den Verfasser unberührt lassen, wenn sie mit nichts begründet werden. Wir bemerken es noch einmal: Auch nicht mit einem Nachweis aus Inhalt und Methode der Schrift begründet Kritiker jene zarten Prädikate. Weder eine Inhaltsübersicht, noch eine Kritik des Hauptresnltates, noch eine solche der Auffassung beider Lehr- systeme, — gar nichts bringt Kritiker vor. Der fehlende Nachweis wird durch allgemeine Redensarten nicht ersetzt. Wer lächelt nicht, wenn Kritiker angesichts dieser Arbeit die Forderung stellt, „da§ ethische Wollen im Zusammenhange einer Entwicklung der sittlichen Weltanschauung zu bieten", und dem, „der dies nicht kann"(t), die „philosophische Kraft" abspricht! Als ob nicht mit der Darstellung des letzten Zieles und höchsten Gutes bei Aristoteles und Thomas, wie sie in dieser Schrift weitläufig vorliegt, die ganze sittliche Weltanschauung beider Denker in ihren Grundzügcn entwickelt wäre! Geleistetes fordern, muthet bei einem Kritiker und genauen Leser seltsam an. Und als ob nicht das „ethische Wollen" dann am besten „im Zusammenhange der sittlichen Weltanschauung entwickelt" wäre, wenn sein letztes Ziel untersucht und dargestellt worden ist! Kurz, es scheint zu ernsteren Ausstellungen gegen die Dissertation ein sachlicher Grund nicht gegeben zu sein. Darum ist auch zu wünschen, daß die Fortsetzung der Arbeit, eine Vergleichung der ganzen Ethik bei Aristoteles und Thomas, in Bälde erscheinen möge, woran der fromme Wunsch der Recension, welche so eine Kühnheit „fast nur pcrhorreScircn kaun", voraussichtlich nichts wird ändern können. Wer an der Geschichte der Ethik so viel Interesse hat, daß er das bescheidene Schriftchen selbst zur Hand nimmt, der wird dem Verfasser Dank wissen, daß er, wenn auch in der Kürze einer Doktor- arbeit, jene Grundbegriffe der Ethik, Ziel und Glückseligkeit, Wie sie Thomas von Aristoteles entnommen und entwickelt oder verändert hat, sicher, klar und gründlich darzustellen mit Erfolg sich bemühte. O. S. in Fr. Oküeium xarvnm Loatas Zlarias VirZinis oum VII xsalmis xosuitontialibus st lütanüs Lanetorum. Xilitio tsrtia. LuAnstas Viiutsl. 1893. Lnmptibno Inst. Intsr. Dr. 21. Uuttlor (21ietmel Leiten), in Call. geb. M. 1.—. - 2 i. Im Mittelaltcr war das Psältcrlein unsrer lieben Frauen in aller Händen. Daß man auch heutzutage in den Kreisen der Gebildeten wieder zurückkehrt zu der Betweise der frommen Vorzeit, bekundet vorliegender innerhalb kurzer Zeit zum dritten Mal von der rührigen Firma Huttlcr-Seitz ausgegebener Abdruck des otüoinm parvnm, diesmal vermehrt durch eine rnbricistisch-ascetische Abhandlung, die einerseits alle auftauchenden Fragen bezüglich der Recitation berücksichtigt, andrerseits die Andacht des Beters selbst bei täglicher Recitation immer neu anzuregen im Stanke ist. Papier, Druck und Ausstattung sind in jeder Beziehung musterhaft. Für eine künftige Ausgabe möchten wir die Beifügung der Gradualpsalmen wohlwollender Berücksichtigung empfehlen. Um den Gebrauch vorliegender Ausgabe auch in Instituten zu ermöglichen, die von Benediktinern geleitet werden, hat der Herausgeber die Beilage der Hymnen für Matutin, Laudcs und Hören in der ursprünglichen Form, wie sie das monastische Stundengeber bewahrt hat, auf einem fliegenden Blatte, das leicht jeweils eingelegt werden kann und zugleich einen Merkzettel bildet, in liebenswürdigster Weise zugesagt — eine Beigabe, die auch für andre Beter willkommen sein wird, da die alte Fassung der Hymnen vor Urban VIII. kennen zu lernen Vielen angenehm sein dürfte. 1) küito soptiia. Lloralis. In usum solwlaruw. Luotors Victors ltatdrsin 8. I. L.pprol>. Lmi ^.reliiep. Iri- bnr§. 8° (X, 396 x§.) II. 3.50; roli§ato clorso eorio ('/- Franzband) 21. 4.70. PridurZi Lris§., Uerclsr 1893. 2) Pogioa. In us. soliol. Unet. Oarolo Vriok 8. I. ^pprob. (nt supra). 8° (VIII, 29b x§.) 21. 2.60; reliA. (ut snpra) 21. 3.30. ibidem. k. I. Neben der großen „kbilosoxbia Imeeusis" eröffnen mit obigen die deutschen Jesuiten eine Reihe von philosophischen Schulbüchern, welche sich jener in ihrer Weise ebenbürtig an die Seite stellt. Der jedem Bande beigegebene Index atpbsbstious erleichtert auch das Nachschlagen außer dem Schulgcbrauche, um sich schnell und sicher über den einen oder andern Punkt belehren zu können. Bei aller Reichhaltigkeit ist der Inhalt kurz und bündig und übersichtlich dargestellt. Die kliilosoxbia 2Ioralis ist gleichsam ein kerniger Auszug aus der vortrefflichen, bereits in 2. Aufl. erschienenen, großen Moralphilosophie (vgl. Nr. 36 der Beilage zur Postztg. Jahrg. 1893) desselben Verfassers. Der noch größeren Uebeisichtlicbkcit wegen sollte wohl die Kirche (als Gesellschaft) und das Verhältniß der Kirche zum Staate in eigenen Kapiteln behandelt werden (wie z. B. Zigliara in seiner ?bil. 2Ior.). Recht lobenswert!) ist die wiederholt geeignetste Verwerthung der einschlägigen Rundschreiben Papst Leo's XIII. Keine der brennenden Fragen bleibt unberücksichtigt. Jede vielmehr wird eingehend und gründlich beantwortet. — Die Po tz'isa. behandelt die „vialsetiea" (eigentliche Denklehre), wie die „Oritroa" (Nostik, Erkenntnißlchrc) in durchaus trefflicher Weise und schließt sich ziemlich enge an Tillm. Peschs, 8. I., gediegene Institutlcmes loZioates (Bd. 1, 2) an. — Die Latinität ist fließend und leicht verständlich und sollte gewiß Niemanden abschrecken. Auch sind beide Bücher durch Anwendung der sogen, scholastischen Methode wohl geeignet, in besseres Verständniß des hl. Thomas von Agnin einzuführen. Beider Klarheit und Deutlichkeit gewinnt wesentlich durch den Gebrauch der Tbesen, welche stets genau erklärt und gründlich bewiesen werden. Jeder Band ist auch einzeln käuflich. Die äußere Ausstattung ist der bewährten VerlagSbandluug durchaus würdig. So wünschen wir denn den trefflichen Büchern weiteste Verbreitung und eisrige Benützung. Die Geistliche Stadt Gottes. Leben der jungfräulichen Gottesmutter Maria, geoffenbart der ehrwürdigen Dienerin Gottes Maria von Jesus, Äbtissin des Klosters zu Agreda.. . . AuS dem Spanischen übersetzt von mehreren Priestern der Congregation des allerh. Erlösers. Mit kirchlicher Approbation und Erlaubniß der Ordensobern. 2. Aufl. I. Bd. S. 90- 1016, II. Bd. S. 1327. Gr. 8». NegenSburg. Pustet 1893. Preis M. 12.—, geb. Frzbd. M. 16.-. ?. ll. Mit größter Freude begrüßen wir die neue Auflage dieses wahrhaft ausgezeichneten Werkes in zwei stattlichen Groß- oktavbändcn. Der Text selber blieb unverändert. Die Einleitung ist bedeutend erweitert. Sie bringt die wichtigsten Approbationen der „Geistlichen Stadt Gottes", sowie eine gründliche theologische Abhandlung über deren übernatürlichen Ursprung und deren Werth. Der Abhandlung 1. Theil entwickelt die Grundsätze der hl. Theologie über Privat-Offcnbarungen im Allgemeinen (Existenz, Zwecke, Kennzeichen, Glaubwürdigkeit). Der 2. Theil wendet die dargelegten Principien auf die Geistliche Stadt Gottes an und zeigt näher, daß die Verfasserin glaubwürdig, das Werk selbst nach Inhalt und Zweck geeignet ist, Ehrfurcht und Liebe für Gott und die allerheiligste Jungfrau einzuflößen, und daß gelehrte, kluge und in geistlichen Dingen erfahrene Männer daö Werk als gut und erbaulich anerkannt und bezeugt haben. — Die Geistliche Stadt Gottes lehrt uns so recht Maria kennen als „Gipfel aller Wunderwerke Gottes und würdig, Mutter Gottes zu sein" (Pins IX., Bulle „Iirskkabilis"). Sie kann nicht warm genug empfohlen werden den Priestern zu eigener und fremder Erbauung und Belehrung, aber auch solchen Laien, welche, nicht zufrieden mit einem sogen. Alltagschristenthum, ernstlich nach der christlichen Vollkommenheit streben. — Obwohl die neue Ausgabe der ersten gegenüber in mancher Hinsicht vermehrt und verbessert erscheint, ist ihr Preis bedeutend ermäßigt und verdient deßhalb, sowie für die treffliche Ausstattung, der Verleger alle Anerkennung. Mit den hochwürdigen Uebersetzern theilen wir den sehnlichsten Wunsch, daß dieses herrliche Buch immer größere Verbreitung auch in den Ländern deutscher Zunge finde, damit unsere ge- licbteste Mutter, die erhabene Königin des Himmels, die unbefleckte Jungfrau Maria immer mehr erkannt, inniger geliebt und vertrauensvoller angerufen werde. Gut-Tod-Büchlein, oder: Geistliches Sterben vor dem Sterben. Betrachtungen von Udalrikus Probst, 8. I., nach dem Exercitiengange deö hl. Jgnatins. Neu bearbeitet und herausgegeben von einem Mitglicde des Kapuzinerordens. Preis M. 1.50, geb. M. 2.—. A.Lau- mann'sche Buchhandlung in Dülmen i/W. Dieses Buch gibt eine vorzügliche Anleitung zu einem > frommen Lebenswandel und zeigt uns den Weg zum innern I Frieden und lehrt uns, daß unser ganzes Leben eine Vorberei- ' tung auf einen seligen Tod sein soll. ! — Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabbcrr in Augsburg. 8. Februar 1894. i^i'. 6. Die Encyklika über das Bibelstttdinm. (Schluß.) Der dritte Theil der Encyklika enthält Bestimmungen über die zweckmäßigste Einrichtung der biblischen Studien beim Unterrichte der jungen Theologen. AIs Einleitung geht diesen Bestimmungen eine Charakteristik der Irrthümer der ungläubigen Bibelkritik voraus, die unter dem Namen Nationalismus zusammengefaßt werden. Indem die Reformatoren des sechzehnten Jahrhunderts zwar die Schrift als einzige Glaubensguclle anerkannten, gleichzeitig aber der Kirche alle Autorität in der Schriftauslegnug absprachen, blieb nichts anderes übrig, als dem privaten Urtheil jedes Einzelnen die Eruirung der religiösen Wahrheiten aus der Schrift zu überlassen. Das widerspruchsvolle Nebeneinanderbestehen der Anerkennung der göttlichen Autorität der Schrift und der privaten Auslegung dieser konnte aber nicht von Dauer sein: das göttliche Ansehen der Bibel mußte immer mehr geschwächt und zuletzt ganz geleugnet werden. Das ist die naturgemäße Folge des Spiritus privatem, und darum nennt der hl. Vater die Rationalisten auch ganz treffend „Söhne und Erben" der Verächter des kirchlichen Lehramtes. Ein Blick auf den Entwicklungsgang der protestantischen Exegese mag die Nichtigkeit dieser Beurtheilung vor Augen stellen. Während die protestantischen Theologen bis ins 18. Jahrhundert meist sogar die Verbalinspiration festhielten und von einer eigentlichen wissenschaftlichen Behandlung der Bibel absahen, trat um die Mitte des 18. Jahrhunderts durch den Leipziger Professor Johann August Ernesti (1707 bis 1781) ein Umschwung ein. Dieser war zwar auch bibelgläubig, stellte jedoch in seinem ^Intsrpres klovi Destarnonti" (Leipzig 1761) den Grundsatz auf, daß bei Erklärung der Bibel dieselben Regeln in Anwendung kommen müssen, deren man sich bei Erklärung der Kirchenschriftsteller bedient, der Sprachgebrauch, die Geschichte und Denkart der Zeit, die Parallelstellen, der Zusammenhang u. dgl. Weiter ging der Hallenser Professor Johann Salomo Semler (1725—1791). Er verfocht in seinem „Apparatus aä liberalem veteris Pestamenti interprotationam" und in seiner „Abhandlung von der Untersuchung des Canons" die freie gelehrte Untersuchung der Bibel mittelst der historisch- kritischen Methode, unbekümmert, was dabei herauskommen möge. Man nannte diese theologische Richtung, weil sie im allgemeinen noch an dem inspirirten Charakter der Schrift festhielt, relativen Snpernaturalismus, dessen Grundprinzip war: die Offenbarung ist in der Bibel enthalten, aber nicht alles, was die Bibel enthält, ist Offenbarung. Daß damit der subjektiven Willkür Thür und Thor geöffnet war, versteht sich von selbst. Der relative führte zum kritischen Supernaturalismus. Diesem zufolge gibt es zwar eine göttliche Offenbarung; diese ist aber nichts anderes als die Entwickelung, Läuterung, Bewährung und Anwendung der in der menschlichen Vernunft liegenden religiösen Ideen, weil alles, was nicht zu diesen Ideen gehört, der Religion fremd ist; die Geschichte der so aufgefaßten Offenbarung ist allerdings in der Bibel enthalten; es muß aber erst kritisch festgestellt werden, was m der Bibel als zur Offenbarung gehörend zu betrachten sei. Da die Entwicklung der religiösen Ideen cu. ^e Cultur des menschlichen Geistes überhaupt und an die sich stets erweiternde und berichtigende Weltanschauung gebunden sein muß, so ist die Einkleidung und Gestaltung der Offenbarung eine verschiedene nach der jeweiligen geistigen Auffassnngs- fähigkeit der Menschen. Diese Theorie über Bibel und Offenbarung wurde in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts insbesondere von Bretschneider (früher Professor der Theologie in Leipzig, dann Gencralsnper- intendent in Gotha) vorgetragen, während Ammon, Oberhofprediger in Dresden, sie in seiner „Fortbildung des Christenthums zur Weltreligion" historisch zu begründen suchte. Durch den „kritischen Supernatnralismns" war dem Offcnbarungsglaubcn und einer Behandlung der Bibel als Wortes Gottes im eigentlichen Sinne der Boden entzogen und dem ungeschminkten Nationalismus die Bahn frei gemacht. Was die rationalistische, das ist völlig ungläubige Bibelkritik aus der hl. Schrift gemacht, wie sie insbesondere die Evangelien mißhandelt hat, das besagen zur Genüge die Namen Bauer, Paulus und David Strauß, von den neuesten Vertretern dieser „historischen" Schule gar nicht zu reden. Ungemein lehrreich ist auch die Geschichte der negativen Pentateuch-Kritik, die so recht zeigt, wohin die Bibelsorschung ohne das Correctiv der kirchlichen Autorität führt. Von heiliger Entrüstung sind jene Worte der Encyklika eingegeben, in denen sie auf das widersinnige Gebaren derjenigen rationalistischen Bibelkritiker hinweist, die, trotzdem sie „in so gottloser Weise" über Gott und sein heiliges Wort denken, reden und schreiben, dennoch für Theologen, Christen und „Evangelische" gelten wollen und so „die frechen Ausschreitungen einer verwegenen Geistesrichtung mit einem hochachtbaren Namen verdecken" (llonestissiino iwiuiiis osttenciant insolantis inZsnii twuieritatem). Im folgenden Abschnitte dieses Theiles betont die Encyklika zunächst die Wichtigkeit der Auswahl allseitig tüchtiger Lehrer des Bibelfaches, geht dann über auf die biblische Einleitung und schreitet dann zur Normirung der Exegese selbst. Der Exegese ist der Text der Vnlgata zu Grunde zu legen, nach dem bekannten Dekret des Tridentinums, auf das sich die Encyklika beruft und das sich ausdrücklich auch auf „öffentliche Vorlesungen" bezieht. Daneben ist aber der griechische und hebräische Grundtext durchaus nicht zu vernachlässigen, sondern zur Aufhellung des Vulgata-Textes, wo nöthig, heranzuziehen. Hier wird auf den hohen Werth der ältesten Handschriften aufmerksam gemacht. Nach Feststellung der Leseart ist der Sinn nach den bewährten Regeln der Interpretation zu eruiren. Der Literalsinn der Schrift gibt die sichere Grundlage zu deren mannigfacher Anwendung in der Dogmatik und Moral, in Predigt und Ascetik. Die Ausführungen der Encyklika über die vom Exegeten nach dem Willen der Kirche und der Lehre aller namhaften Theologen zu beobachtenden Normen lassen sich auf die bekannten Jnterpretationsregeln zurückführen: 1. 8ensus ooinmmris LLelösiao; 2. rexula üäoi (Glaubensbekenntnisse, dogmatische Definitionen); 3. antlrentioa intsrprstatio (wie sie von einzelnen Stellen in Conziliardekretcn manchmal gegeben wird); 4. nnanilnis consonsus katrum (das übereinstimmende Zeugniß der heiligen Väter über den Sinn von Schriftstellen); 5. analo^ia tiäsi (keine Exegese darf mit der Lehre der Kirche im Widersprüche stehen). Im weiteren 42 Verlaufe seiner Weisungen warnt der Papst — was be- achtenswcrth — eindringlich, den allegorischen Gebrauch der Schrift ZU vernachlässigen; es ist natürlich hier unter Allegorie nicht jene Art der Interpretation zu verstehen, die nach Weise der alexandrinischen Schule statt Geschichte überall Allegorien sieht, sondern die Worte der Encyklika beziehen sich auf den sogenannten ssnsns nooorainoäatus, der Schriftstellen auf Personen und Gegenstände anwendet, die nach dem Literalsinne nicht davon betroffen werden; so wendet z. B. die Kirche in der Liturgie eine Menge Stellen des Alten Testamentes auf die seligste Jungfrau oder den hl. Joseph an, die sich an und für sich keineswegs auf diese heiligen Personen beziehen. Der Brauch einzelner katholischer Exegeten, sich mit Vorliebe auf protestantische Ausleger zu stützen, während über dieselben Bücher oder Bücherthcile längst treffliche Leistungen von katholischer Seite vorliegen, rügt der Papst ernstlich (iä niiuiuin äaäaost), auf die unterlaufende Gefahr der Aufstellung falscher Lehren und Schädigung des eigenen Glaubens aufmerksam machend. Der letzte Abschnitt dieses Theiles der Encyklika bietet eine sehr instruktive Anweisung, das Bibelstudium mit dem der positiven und spekulativen Theologie zu verbinden, und betont die Nothwendigkeit dieser Verbindung. Der vierte und letzte Theil der Encyklika handelt von der allseitigen Feststellung und Aufrechterhaltung der göttlichen Autorität der hl. Schrift. Die Autorität der Schrift beruht aber für uns in der Autorität des kirchlichen Lehramtes. Würde nicht die Autorität der Kirche die den Canon bildenden Bücher Laxativ aufzählen, so müßten wir darauf verzichten, von der Bibel als Gottes Wort überhaupt zu reden; daher die bekannte Sentenz Augustins: Lvan§6lio non cwöäersva, nisi rns cornrnovörönb Loolvsiaa ca- tstolioLS nnciorltas. — Wie auf so manches andere, müssen wir uns leider auch versagen, auf das näher einzugehen, was der hl. Vater über das Studium der semitischen Sprachen sagt, und was genügsam erkennen läßt, wie sehr ihm dieser Punkt am Herzen liegt. Mit scharfen Worten wendet sich die Encyklika gegen die sogenannte „höhere Kritik", insoferne diese einzig und allein aus inneren Gründen die Authentie, Integrität und Glaubenswürdigkeit der heiligen Bücher beurtheilen will und so der subjektiven Willkür den weitesten Spielraum gewährt. Der hl. Vater verwirft die höhere Kritik nicht an und für sich; aber er will sie mit Maß und Vorsicht angewendet wissen; er legt den größten Werth auf die äußeren, historischen Zeugnisse und erkennt den inneren Gründen nur einen subsidiarischen Werth zu. Mit allem Nachdrucke und großer Ausführlichkeit, unter Hinweis auf die Dekrete von Florenz und Trient und wörtlicher Wiederholung des vatikanischen Dekretes, behandelt die Encyklika die Lehre von der Inspiration und schärft den Satz ein: Die hl. Schrift ist als Wort Gottes absolut irrthumslos. Diese Ausführungen sind offenbar gegen jene Katholiken gerichtet, die den Jnspirationsbegriff möglichst einzuschränken geneigt sind, und deren auch die neueste Zeit einige ausweist. Wir nennen nur Lenormant in Frankreich, Bischof Clisford in England und Cardinal Newman, der in einem über den Gegenstand geschriebenen Aufsätze die Ansicht verfocht, es gebe in der hl. Schrift „ostitor äiota", die von der Inspiration ausgenommen sein könnten, welche Behauptung dem Kirchenfürsten scharfe Widerlegungen zugezogen hat. Zum Schlüsse wendet sich die Encyklika an die katholischen Gelehrten des Laienstandes, sie auffordernd, mit Beobachtung derselben Normen und Kautelen wie die Geistlichen ihr Scherflein zur Förderung der biblischen Wissenschaft beizutragen und so ebenfalls die Wahrheit des Psalmcnwortes zu erfahren: „Selig sind, die in seinen Zeugnissen forschen und mit ganzem Herzen ihn suchen." Palcstrina. Zu seinem 400jährigen Todestag nach seinem Leben und Wirken geschildert von K. (Schluß.) Im Jahre 1585 wurde Sixtus V. Papst und Palcstrina componirte aus diesem Anlaß die fünf- stimmige Messe „1u es xastor ovium«, eine Aufmerksamkeit, die der hl. Vater hoch anschlug. Die Aufführung entsprach aber nicht dessen Wünschen, und er soll die Aeußerung gethan haben: „Palestrina hat diesmal die Niosg. kaxao Llaroslli und die Motetten der Oantiaa vergessen," eine Bemerkung, die Palestrina nicht verdroß, sonst wäre er nicht sofort darangegangen, den Fehler zu verbessern, und hätte nicht alsbald die Motette rwmnnxta 68b Dlaria und, die gleichnamige sechsstimmige Messe geschrieben, ein Werk voll wunderbarer Schönheiten, ebenso herrlich als berühmt. In dieser Messe ist gewissermaßen eine Verschmelzung der durch die Ni33a 1?apa6 Llaraelli geschaffenen Compofitionsweise mit der einfachen Majestät und Erhabenheit der gregorianischen Melodiegänge der alten römischen Liturgie erfolgt. Sixtus V. selbst sagte nach der ersten Aufführung, welche zudem nach kurzen Proben erfolgte: „Das war heute wieder eine wahrhaft neue Messe, die kann nur von unserm Meister kommen. Am hl. Dreifaltigkeitssonntag beklagte ich mich über seine Musik, aber heute bin ich wieder ganz mit ihm ausgesöhnt. Wir wollen hoffen, er werde unsere Andacht noch öfter auf so liebliche Weise zu erfrischen suchen." Papst Sixtus wollte Palestrina zum apostolischen Kapellmeister machen, stand aber davon ab, da das Col- legium sich gegen einen Laien aussprach, und der Papst bestätigte ihn hiefür als Tonsetzer der päpstlichen Kapelle. Palestrina selbst that nicht die geringsten Schritte, um besagten Posten zu erlangen. Stets arbeitete er und componirte gerade damals drei weitere Messen, die im Druck nicht erschienen, von denen aber besonders eine, „6666 lloliann63", ebenfalls ein Meisterwerk genannt zu werden verdient; in kurzer Zeit folgte sodann wieder ein stattlicher Band von Madrigalen. Der Ruhm des Meisters erreichte gleichsam seinen Höhepunkt durch seine Lamentationen, die er für die päpstliche Kapelle schrieb und dem Papste Sixtus V. widmete. Bis zu dieser Zeit waren die Lamentationen von Carpentrasso im Gebrauch, obwohl sie etwas veraltet waren, zudem waren sie in dem etwas steifen Flam- länderstile geschrieben. Seine erste Lamentation übergab Palestrina im Februar 1587 dem hl. Collegium, indem er sagte, auf höheren Befehl habe er sie geschrieben, unterziehe aber sein Werk ganz dem Urtheile des Col- legiums und der Sänger. Man sieht hieraus, daß es auch demüthige Componisten gab. Palestrina gehörte unstreitig zu dieser Klasse. Diese erste Lamentation fand vollgültigen Beifall bei der ganzen Kapelle, und der hl. 43 Vater selbst sagte nach der ersten Aufführung in der Charwoche: «Wir wollen hoffen, daß wir im nächsten Jahr auch die zwei andern Lamentationen in diesem Stil werden zu hören bekommen." Dieser Wunsch war für unsern Meister Befehl, der denn auch sofort sich an die übrigen machte und sie in kurzer Zeit vollendete, Meisterwerke in ihrer Art und doch so verschieden von den bisherigen Werken, die er componirt hatte. Bann sagt über diese Kompositionen unter anderm folgendes: „Die Noten scheinen wegen ihrer Schwere und gleichen Geltung auf den ersten Anblick ohne Bedeutung; hört man sie aber, so sind sie die feinsten Melodien. Die Kunstmittcl scheinen nur angedeutet zu sein und in der Ausführung hört man die blumigste Jdeenfülle. Der Ausdruck der Worte ist überall heilig und Ehrfurcht gebietend, selbst die Pausen bedeuten hier das Ihre, sie geben nämlich Gelegenheit zu einer ernsten Betrachtung des mystischen und allegorischen Sinnes, womit die bitteren Gefühle, wovon diese Klagelieder überfließen, erfüllt sind. Jeremias' erschütternde Beschreibung der Leiden seines Volkes ist durch die eigenthümliche Musik Palestrina'S charakteristisch gefärbt, keine Empfindung des ersteren verklingt, ohne daß sie durch die letztere auf den möglichst erreichbaren Grad von musikalischem Ausdruck gesteigert worden wäre." Es ist heilige Musik, es ist heiliger Gesang! Sixtus V. war mehr als hocherfreut und entzückt über diese Werke des großen Meisters. Außer den Lamentationen bearbeitete er auch das Benc- dictus so, daß es abwechselnd mit dem Chor nach hergebrachter Sitte gesungen werden konnte, desgleichen fügte er diesem Sixtus V. gewidmeten Bande noch einige Verse des ergreifenden Nissrsrs-Psalmes bei. Schreibt heutzutage einer einen Noman, componirt heutzutage einer eine Operette, wenn auch des leichtesten und seichtesten Genres, so erhält er vom Verleger, von dem aufführenden Theater so und so viel tausend Mark und noch Tantiemen von so und so viel Aufführungen, er wird ein vermöglicher, oft reicher Mann und kann sich sehr viel erlauben, denn seine Mittel erlauben ihm das; Palestrina arbeitete nicht nur ungcmein viel, sondern er componirte Meister- und Musterwcrke, und doch, so geneigt ihm die Musen waren, materiell wurde er, wie es scheint, ungemein mager entschädigt, er selbst sagt von sich zu der Zeit, als er die Lamentationen vollendet hatte, also zu Ende seines laugen wirkungs- und segensreichen Lebens, daß er arm sei. Freilich blieben seine Werke Manuscripte für die päpstliche Kapelle, gedruckt wurde bloß auswärts einiges, das auf heimliche Weise in andere Hände gekommen war. Allein sicher wäre ein Genie, wie Palestrina, in unsern Tagen bei seiner reichen Schaffenskraft bald ein CrösuS. Trotz der materiellen Mißstände ließ sich's aber der Meister nicht verdrießen, er war eben kein Rasten und kein Ruhen gewöhnt, kein Tag blieb sins linsn, bei ihm ohne Noten, und sofort, nachdem er die Lamentationen beendet hatte, warf er sich wieder energisch auf strengere Studien und kehrte zu den Hymnen der römisch-katholischen Kirche zurück. Diese Hymnen sind dem Texte nach das Schönste, was man kennt, und die Kompositionen Palestrina'S zu denselben schmiegen sich diesem herrlichen Texte so innig an, daß sie den Meister für alle Zeiten als Meister dokumentiren, auch dann, wenn er gar nichts anderes geschaffen hätte, denn man darf mit Fug und Recht sagen, daß sich in keinem andern Werke Palestrina'S so gewühlte Feinheiten des musikalischen Ausdruckes finden, als in diesen Hymnen^ besonders ist der Schluß derselben stets ungemein großartig gehalten, meist fünf- und sechsstimmig, überreich an Harmonien, an Majestät und erhabener Wirkung. Er widmete dieselben dem Papste Sixtus V., der sie so liebte, daß er einige derselben beständig für sich sang/ Ein Jahr darauf widmete der Meister dem Herzog Wilhelm II. von Bayern das fünfte Buch der Messen und Papst Gregor XIV. zwei Motettensammlungen, wofür ihm der HI. Vater seinen Gehalt als Tonsetzer der päpstlichen Kapelle vermehrte im Jahre 1591. Wilhelm II. hatte eine vorzügliche Kapelle, deren Direktor der bekannte Komponist Orlandus Lassus war, er war ein Fürst, von dem ein Zeitgenosse sagt: «prinssps vsrs maxnus, sapisus, plus, st religiösem". Er war es auch, der Palestrina, da derselbe sich in materiellen Nöthen befand, zweimal reichliche Geschenke sandte, ein Umstand, der den Meister aus Dankbarkeit zu obenge- nannter Dedikation bestimmte. Unter den acht Messen sind besonders erwahnenswerth die beiden: „^.stsrnri Estristi rnnnsra" und «Isis oont'sssor". Die erwähnten Motettensammlungen enthielten sieben 6siimmige und acht Lstimmige Motetten, das Ltalmt nratsr und ein Llagnitlsat, beide 8stimmig. Das herrlichste dieser Werke ist das Ltadat watsr, das allein genügt hätte, Palestrina'S Namen unsterblich zu machen. König Friedrich III. von Preußen hörte im Jahre 1822 nebst anderen und zwar den besten Stücken auch dieses Werk in Rom im Palast clslla sonsnlta. im Quirinal, aufgeführt von der päpstlichen Kapelle, und sagte nach Schluß der Aufführung: „Ich habe in allen vorgekommenen Musikstücken die Höhe der Kunstvollendung bewundert, in diesem Ltabat inatsr aber fesselte mich Wahrheit und Natur." Vom Papste erhielt Palestrina von der Dedikation dieses Werkes an bis zu seinem Lebensende statt bisheriger elf Scudi per Monat vierundzwanzig Scudi. In dieser kurzen Zeit vor dem Tode des großen Meisters war das irdische Glück ihm noch günstig; er wurde nämlich Concertmeister bei dem Kardinal Aldolbrandini, dem er das sechste Buch seiner Messen widmete, und fand eine hohe Gönncrin in der Großherzogin von Toskana, für die er einen zweiten Band Madrigalen schrieb. Wir sehen, Palestrina war stets sehr dankbar. Dies war sein letztes Werk, der Schwancngesang des gottbegnadigten Künstlers. Eine Rippenfellentzündung erschöpfte in Bälde seine Kräfte, Ende Januar 1594 ertheilte ihm sein väterlicher und priestcrlicher Freund, der hl. Philipp Ncri, die hl. Stcrbsakramcnte, er nahm rührenden Abschied von seinem Sohne Jgino, segnete ihn und ertheilte ihm den Auftrag, seine Kompositionen „zur Ehre und zum Ruhme des allerhöchsten Gottes und seines heiligen Dienstes in der Kirche" drucken zu lassen, und starb am Feste Mariä Reinigung, den 2. Februar 1594, in der Frühe unter den Gebeten des hl. Philipp Neri, der ihn besonders auf die Himmelskönigin und ihre mächtige Fürbitte hinwies, worauf Palestrina sterbend sagte: „Ja, ich wünsche es sehnlichst; möchte die hl. Maria, meine Fürbitterin, diese Gnade von ihrem göttlichen Sohne erhalten!" So starb nach einem ungemein schaffensrcichen Leben und Wirken der große Meister der Musik, der demüthige Mensch, der durch und durch katholische Palestrina. Möge er würdig befunden worden sein, das große Alleluja im Jenseits mitfeiern zu dürfen, er, der oft auf Erden an das Nissrsrs denken durfte! Auf Befehl der Curie ward er mit allen Ehren eines Kardinals oder Fürsten begraben, indem man seine sterblichen Ueberreste in der Basilika 44 des Vaticans beisetzte, wohin ihm ganz Nom trauernd das Geleite gab. Sein Nachfolger im Amte wurde Felice Anerio, nach dessen Tode ein eigener Tonsctzcr der päpstlichen Kapelle nicht mehr angestellt wurde. Sein Sohn Jgino gab eine größere Reihe der Werke seines Vaters heraus aus Befehl des Papstes. Nach Giuseppe Baini bestehen die Werke Palestrina's im Ganzen aus: 20 Büchern Messen, 10 Büchern Motetten, 4 Büchern Madrigalen, 3 Büchern Lamentationen, 2 Büchern Magnisicat, 3 Büchern Litaneien und 2 Büchern Offcrtorien, im Ganzen aus 36 Bänden. Palestrina hat demnach mit seinen Talenten zur Ehre Gottes und zur Verherrlichung des Gottesdienstes gewiß so fleißig gearbeitet, wie noch nicht leicht einer, und sein Name wird sorileben, so lange das Lob Gottes in seinen heiligen Tempeln gesungen wird, sein Name wird unsterblich sein und bleiben. ll. I'. Nachdem in Vorstehendem eine Darstellung des Lebensganges Giovanni Picrluigi's da Palestrina und seiner genialen Thätigkeit gegeben worden ist, uiöge es auch dem Schreiber dieses gestattet sein, zum Ruhme deS Meisters ein weniges beizutragen durch eine allgemeinere Besprechung seiner Werke, soweit sie größere Kreise interessiren mag. Mit Palestrina hat der polpphone Stil der Kirchenmusik seine glänzendste Entfaltung genommen und seine höchste Blüthe erreicht, von ihm nahm er zugleich auch den Namen an. Diesen Palestrinnstil nun nennen die einen zwar mit viel Respekt, schrecken aber im Innersten zurück vor der „Langweile solch ewigen Eincrlci's von Tongewirren und tonlcitcrähnlichen Auf- und Abjagcns der Stimmen"; den andern — bilden sie wohl die Mehrzahl der Kircheumusiker? — gelten dieser Stil und die Werke seines größten Vertreters als das Edelste, was in Kirchenmusik geschaffen wurde, ja als Ideal alles mehrstimmigen Kirchcngcsanges. Wie einer, an dessen Macht kein Bedenken und kein Hinderniß herankommt, übernahm Palestrina die contrapunklische Erbschaft von den großen Vorfahren und formte das Material, das kalte und leblose, nach freieren Gesetzen, nur dem Fluge des Genies eigen, zu den stanncnswcrihcstcn Kunstwerken. Nicht die contrapunklische Form, sondern der Text wurde ihm zum bestimmenden Moment und dadurch betrat er die neue Bahn. Der Text war Palestrina die Hauptsache; von ihm ließ er sich begeistern und hinreißen und diesem gab sein Genius hinwiederum die frömmste, gottcrlcnchtete Interpretation. Er verschmähte es nicht, Tonmalereien anzuwenden, einfach, aber klar und sprechend, reizend möchte man sie nennen wegen ihrer nngesuchten natürlichen Schönheit, aber immer würdig, immer der Ausfluß eines Geistes, der seine Melodien vom Himmel geholt zu haben scheint. Welche Zartheit, welcher Adel und Reichthum der Melodie und Harmonie! Welche Festesfreude, die schon in den ersten 3 Takten einer Festmesse aufleuchtet; welch tiefe Trauer, welch hcrzdurchdringender Schmerz in den Jmproperien, den Nesponsorien der Chnr- woche, den Lamentätionen! Der ü?rinvops innsiaas war ein König auf seinem Gebiet, der den Tönen, Melodien und Harmonien befahl, das Herz der Zuhörer zu rühren, zur Andacht, zu gottinnigem Gebete und zur Betrachtung hinzureißen. Wenn im Khrie der Marcellnsmesse Festesfreude hochauschwcllend die Brust des Hörers füllt, wenn er so recht sich glücklich preist, mit der Kirche im Herrn sich freuen zu können, dann hält Palestrina den Sinn des Beters für zubereitet, um ihm im Gloria gleichsam selbst vorzubc/cn ein Gebet der tiefsten Demuth zum mächtigen herrlichen GEc. Der Gesang scheint von der Erde sich bis zum HiMMc/ erhoben zn haben, es ist, als ob die Melodien von vier oder sechs Engelchvren au unser Ohr dringen: tief in Demuth neigen sie das Haupt und hauchen ein ^.clorarnrm, das der Chor andächtig betrachtend wiederholt; dann wieder scheint der Cherub den Blick zu erheben zur strahlenden Majestät des ewigen Gottes, und in staunendem Jubel singt der Chor das Lob des Drei- cinigen. Mag dies nun überschwänglich scheinen — wir können uns nicht dazu verstehen, bei Palestrina eine kalte Berechnung des Effektes anzunehmen, jeder Satz trägt unverkennbar den Adel der Genialität zur Schau und wird nur verständlich und erwärmt nur, wenn er hingenommen wird als der höchsten Begeisterung entflossen. Für den großen Werth seiner Compositionen und für die aufrichtige Verehrung, welche Palestrina von seinem Jahrhunderte gezollt wurde, zeugt besonders der sagcuartige Nimbus, welcher alsbald das bekannteste seiner Werke umgab, die Nisss, ü?axao Llarcwlli. Jeder Musikschriftsteller weiß darüber etwas besonders zn berichten, alles nur aus Verehrung für den großen Meister. Doch, wenn wir nach der strengen Wahrheit fragen, wird die Antwort kurz beisammen sein. Nach den Beschlüssen des tridentinischen Concils war eine weltliche, lascive Musik von der Kirche auszuschließen. Das Concil hielt sich nur an diesen allgemeinen Ausdruck, das nähere und einzelne zu bestimmen, blieb den Bischöfen für ihre Diözesen überlassen. Für Nom wurde eine aus 8 Cardiuälen bestehende Commission angewiesen, die vom Concil gewünschten Reformen bei den päpstlichen Behörden, Anstalten u. s. w. durchzuführen. Zu diesen zählte auch die päpstliche Kapelle. Mit der Neformirung dieser wurden zwei Mitglieder der Commission betraut, die Cardinäle Carlo Borromeo und Vitcllozi Vitelli. Zunächst trafen sie Bestimmungen disciplinärer Art, dann erst beschäftigten sie sich mit der Frage, wie den bisherigen Klagen über Schwerverständlichkeit des Textes abzuhelfen sei. Der Cardinal Vitelli berief zn einer diesbezüglichen Probe mehrere Sänger der Kapelle am 27. April 1565 in seine Wohnung. In den Punktationsbüchern der päpstlichen Kapelle wird darüber kurz vermerkt: Ois Lalldati, 28. ^.pr. 1565. ^.cl instantiarn Rsv.pfl Oaräinalig Vitallotii luinrug conArkAnti in ckonro esusäsm Ilov.L* aä ckoLantanclas aliquot raissas, ab pro- Uanclnin, si vcwlla intalliAarantur pront ltevarvn- clissiwig xlrrest.*) Baun erzählt nun als ganz sicher, bei dieser Gelegenheit seien drei Messen von Palestrina gesungen worden und hätte von diesen die LlisLU kapas chlaraolli allwegs entsprochen und höchstes Lob gcerutct, Habcrl weist dagegen darauf hin, daß es nach den bis jetzt bekannten Urkunden ganz und gar zweifelhaft sei, welche Messen gesungen wurden. Es ist möglich, ja sehr wahrscheinlich, daß die eine oder andere Messe Palestrina's, also etwa auch die Marcellnsmesse, hiezu gewählt wurde, und es ist auch ganz klar, daß gerade seine Messen vollauf befriedigen und jedes Bedenken benehmen tonnten, da er ja schon von Anfang an bestrebt war, die zwecklosen Zicrathen zu vermeiden und dem Texte zum klaren Verständniß und Ausdruck zu verhelfen. Daß Palestrina in seinem Streben durch die Klagen des Konzils und der Cardinäle noch mehr bestärkt wurde, ist wohl P Hciberl, Kirchenmusik. Jahrbuch 1892, ga§. 82 ff. 45 verständlich. Eines ist sicher erwiesen, daß nämlich die Nissa Vuxrw Na-roelli nicht, wie überall zu lesen, eigens für eine Probeanfführnng geschrieben wurde, sondern schon vorher componirt und gesungen worden war. Denn die älteste Quelle für diese Messe ist ein Codex der Kapelle in S. Maria Maggiore. Dort schrieb sie Palestrina für seinen Chor. Wie vordem die Jmpro- perien, wurde 1565 diese Messe mit uoch andern für den Gebrauch der päpstlichen Kapelle copirt, ohne Angabe von Titel und Autor. 1567 erschien sie im II. Buch der Messen zum erstenmal im Druck, und da erst gab ihr Palestrina den Titel: Dlissa I?apU6 Nai- velli — zur dankbaren Erinnerung an seinen Gönner Marcello Cervini, der als Papst Marcellus II. nur 21 Tage regiert hatte. Aus dem Gesagten ergibt sich, daß den Berichten der Musikschriftstcller und Lexikographen bezüglich dieser Frage nur mit Vorsicht Glauben geschenkt werden darf, denn die neueren Nachforschungen Haberls haben die bisher geltenden Ansichten über Entstehung und historische Bedeutung der Marcellnsmesse gänzlich ins Wanken gebracht. Vielleicht bringt rastloses Forschen noch völlige Klarheit über die Frage bezüglich dieser Blesse. Wie dem aber auch sei, die Dlissa, kapae Nareslli verliert nichts von ihrem Werthe, denn der fromme Zauber und die großartige Pracht dieser Messe stempeln sie für alle Zeiten zu einem Kunstwerk ersten Ranges. Staunenswerth ist die Schaffenskraft des Meisters. Er schrieb 93 Messen, darunter 28 fünfstimmige, 21 sechs- stimmige und 5 achtstimmige, 360 Motetten, Hymnen, Litaneien, Magnifikat, nur Werke für die Kirche bestimmt, mit Ausnahme von 3 Büchern weltlicher Madrigale, welche er in der Jugend componirte. Palestrina wählte zu diesen letzteren als Texte vorzüglich Lieder von Petrarca. Obwohl diese Gesänge weit entfernt sind von den derben, fast zotigen Gesängen anderer gleichzeitiger Meister, so bereute Palestrina später doch aufrichtig, daß er sich in seiner Jugend eitlen Ruhmes wegen damit abgegeben habe. Rührend ist, wie darüber der 69jührige Meister denkt. Er schreibt 1583 in der Os- äicmtic» der Gautiaa, (lantiooruru an Gregor XIII: so numoro aliguauäo Inisse ino, ob orndesLo, et äoloo. 8aä gnanäo praotorlta. mntari uon iwssnnt, N66 raääi inloota, yuuv kaeta, jam auut, Consilium mutavi." Palestrina veröffentlichte einen großen Theil seiner Werke. Nach feinem Tode beauftragte Papst Clemens VIII. dessen überlebenden Sohn Jgino, die noch ungcdruckten Werke des Vaters mit den bereits cdirten zu einer Gc- sammtansgabe zu vereinigen. Jgino verkaufte aber dieselben schleunigst an zwei vcnetiauischc Buchhändler und so wurde der große Gedanke des Papstes vereitelt und die Werke Palestrina's blieben in den verschiedensten Ausgaben in den Bibliotheken Italiens und Dentscb- lands zerstreut. Dem Eifer und der Ausdauer eines Baini, Proske, de Witt, Espagne, Rauch, Commer und besonders der fieberhaften Thätigkeit Haberls gelang es, sämmtliche Werke aufzufinden. Baini machte 1821 die ersten Versuche, eine Gesammt- ansgabe zu ermöglichen; seine Anfrage um Unterstützung in Frankreich blieb resultatlos. Nun wurden durch die eifrige Vermittlung Buusens, des damaligen preußischen Gesandten in Rom, Verhandlungen mit der großen Firma Breit köpf u. Härtet in Leipzig angeknüpft. welche bis 1841 dauerten, aber zu keinem festen Entschlüsse führten. Die berühmte Firma scheute die Opfer nicht und kam nach 20 Jahren wieder auf den Gedanken zurück. Was Theodor de Witt, unterstützt durch die Munifizenz König Friedrich Wilhelms IV. von Preußen, während neun Jahren in Italien gesammelt hatte, das war nach dessen allzufrühcm Tode in die Berliner königlichen Bibliothek gekommen und erschien nun, 1862 und 1863, revidirt von Ranch, als die drei ersten Bünde der Gcsammtausgabe. Als nach Verlauf von 11 Jahren Espagne fünf weitere Bände veröffentlicht hatte, starb auch er 1878. Fr. Commer besorgte uoch den neunten Band, und jetzt übernahm die Wetterführung des Werkes Domkapellmeister Fr. L. Haberl in Ncgensburg, welcher das gcsammte Material beinahe druckfertig bereit hatte. Durch Gründung eines Palestrina- vereins gewann er neue Siibscribcntcn, und nun nahm das Werk einen raschen Fortgang, indem fast alljährlich zwei neue Bände erschienen. Am Ende des Jahres 1893 lag die Gcsammtausgabe von „Pierluigi da Palestrina's Werken" in 32 Bänden, Großfolio, in ausgezeichneter Ausstattung fertig vor; — das herrlichste Denkmal, das Verehrung und Begeisterung dem unsterblichen Meister zu seinem dritten Centenarium setzen konnte. Besonderer Dank gebührt den unermüdlichen Forschern, in erster Linie Haberl, und der preußischen Regierung, welche den Beginn des Werkes ermöglichte durch generöse Subscription auf fünfundsiebzig Exemplare. Nun ist den Chorregenten und allen Freunden der Kirchenmusik ein Zanberland der Töne erschlossen, ist ihnen eine Schatzkammer geöffnet, deren Reichthum unerschöpflich ist. Es ist nicht mehr als billig, daß jeder nach Möglichkeit darin arbeite und daraus Nutzen schaffe für sich und andere. Die Werke Palestrina's sollen wieder bekannt werden; wie man überall gerne die Kopien von Werken seiner Zeitgenossen, eines Nafael und Michelangelo, sieht und kennt, so sollen auch Pierluigi's Werke wieder Eingang finden und bei unsern Chören verbreitet werden, selbst bei den kleineren. Wo nur ein einfaches Quartett gut besetzt ist, da darf man sich, wenn der Dirigent ein tieferes Studium und anfängliche Blühe nicht scheut, ohne Zaudern an's Werk wagen, der Erfolg wird jede Anstrengung lohnen. Niemand soll sich durch die vermeintlichen Schwierigkeiten abschrecken lassen, denn diese sind hier meist nicht so groß, als bei modernen Kompositionen Zweiten Ranges. Wenn einmal durch Proben und Feilen der Stil getroffen ist, dann singen die Sänger mit unverkennbarer Freude viel lieber und leichter eine alte Messe als eine neue. Man darf auch nicht der Ansicht sein, zu den Gesängen der Alten wären große Chöre erforderlich, — Palestrina selbst hatte im Jahre 1551 vier Soprane, cbcnsoviele Alte, Tcnörc und Bässe. 1584 sind es sechs Soprane, vier Alte (nicht, wie die Soprane, Knaben-, sondern Männerstimmen, hohe Falsettistcn), vier Tcnöre und cbcnsoviele Bässe. Diese Besetzung mußte für große Räume und für achtund zwölfstimmige Sachen ausreichen. Auch den Grund kann ich nicht gelten lassen: „Das Volk versteht diese Gesänge nicht, sie seien ihm zu langweilig." Gerade das Gegentheil behaupte ich. Ich habe in Domkirchcn schon einfache Landlcule gesehen, welche zwei, drei Stunden weit her zum Gottesdienste in die Stadt' kamen „wegen der schönen Kirchenmusik" und andächtig, mit gespanntester Aufmerksamkeit, mit sichtlicher Freude den dahinschwebenden 46 Klängen der Llissn f?axas Naroslli, oder Ulrrur rs- äswxtoris, oder Isis conkeLsor lauschten. Wenn sich die Chorregcnten und Freunde klassischer Musik mit dem Studium der Werke der Alten, speciell Palestrina's, enger befassen wollten, wahrhaft, da wäre keine Mühe vergeudet, denn sie schenken sie einem Manne, der als unerreichter Genius die Poesie der kirchlichen Liturgie in seraphischen Melodien und Harmonien nachgedichtet hat und dem kein größeres Lob hätte gespendet werden können, als der Ehrentitel auf seinem Grabe: Nusioas I'riuosxs, der Fürst der Tonkunst. Das Kloster Monheim und die Reliquien der heiligen Walburga: 893—1893. Zum 1000. Jahrestag der Neliquienübertragung und Stiftung des Klosters. Von A. Zottmaun. (Fortsetzung.) III. Vom Aufhören des äußeren Glanzes bis zum Verfall: o. 1000 —1500. Das Wenige, was über diese Zeit gefunden wurde, wird hier in Kürze mitgetheilt. Bis zum Jahre 1400 finden sich folgende Namen von Monheimer Aebtissinnen, - leider ohne Angabe der bestimmten Jahreszahl: Anna die Fcstcnbcrgerin, Sophye von Maurn, Knnignnd die pirkcnfelseriN, Agnes von Umendorf, AgneS von Pflaunlach, Liukart von Grcdingen, Gute diu Marspcckin, Grcte von Maurn, Anna von kalenthcin und Katharina von Wemdingcn. Dieselben sind genommen aus einem alten Mon- hcimer Salbuch. Darin finden wir bei Auszählung der gestifteten Jahrtage auch einzelne aus dem Klerus der Klosterkirche während dieser Periode angeführt, nämlich: bor Knäolks v. baloutin ains pbarrers lartag; bor Uberbartü ilos xbarrers 1arta§; Her Hansen Pöppsing Jahrtag, eins Kapl. zu Maunhaim; Her Hausen Camererz, der caplan hch gcbescn ist; Her Hermanns des Capplans Zahltag.^) Im Jahre 1060 weiht Bischof Gnndekar II. von Eichstätt in Monheim eine neue Kirche?^) Es ist dieselbe, von welcher heute noch ein Theil des Thurmes, des Krenzganges 6°) und wahrscheinlich auch der Grundmauern steht?') 1161 brennt die Kirche in Heidenheim ab und wenden sich die Heidenheimer an Bischöfe und Klöster um Mittel zu einem Neubau; dazu hat sicher auch unser Kloster beigetragen, das ja, wie kein anderes, mit Heidcn- heim in Verbindung gestanden. °') Nach Klosteraufzcichnungen aus d. I. 1381 ok. später. °°) In dem betreffenden Gundekarischen Verzeichnis; der geweihten Kirchen heißt cS: Istas, guas bie oeruitis, subuvtatas eeotosias cousoorarit Eunäeobar s. aureateusis oeelostas oetavns äoeiwus opiseopns: ... 36 Nuouboiw. °°) Vgl. Sighart, Bild. Künste im Kgr. Bayern pg. 775. Vor kurzer Zeit erst fand man ein Stück dieser alten Grundmauer aus; sie liegt etwas innerhalb der Grundmauern der jetzigen Kirche unter dem Pflaster. Allerdings wäre es auch möglich, daß die aufgefundene Mauer zur ehemaligen Krypta gehörte; denn daß diese römische Kirche eine Krypta zur Aufnahme der bl. Reliquien hatte, erhellt daraus, daß man um's Jahr 1500 beim Bau einer neuen Kirche unter der Erde einen Altar fand. 1180 findet sich eine Urkunde, nach welcher Monheim Besitzungen in Otting hat. 1256 werden in Eichstätt die Reliquien des heil. Willibald aus der Gruft erhoben und in einem erhöhten Monument beigesetzt unter Bischof Heinrich IV. Zu dieser Feier, die großartig begangen wird, erscheint auch der Konvent Monheim mit den Reliquien der HI. Walburga und in Begleitung zahlreicher Andächtiger. Von Eichstätt werden die Reliquien wieder zurückgebracht und in der Krypta wieder beigesetzt. Jedenfalls nahm man gerade damals von dem wunderbaren Wal- burga-Oel in Eichstätt mit und legte es zu den hl. Reliquien in der Gruft, wo es nach fast 300 Jahren noch rein und lauter gefunden wurde. In dem Zeitraum von Mitte des 13. bis Ende des 15. Jahrhunderts entstand bei der Kirche und dem Kloster dreimal ein Brand; dabei wurde die Krypta mit den hl. Reliquien ganz verschüttet und waren dieselben lange Zeit unbekannt und vergraben. Es scheint, daß schon bald nach 1256 der erste Brand stattfand und dabei solche Zerstörung verursacht wurde, daß die vollständige Verschüttung der Krypta mit den hl. Reliquien erfolgte und dieselben ganz außer Kenntniß geriethcn. 1278 wird erwähnt ein Oürmraäus, ässumm äs Nav/nlisim. 1369 verkauft das Kloster Vesitzthümer in Feld- heim an Scyfried Heyden;°o) es besitzt zu dieser Zeit auch das Patronatsrecht über die dortige Pfarrei. Um 1370 bringt Bischof Nhabno Ordnung in die zerrütteten Verhältnisse Monheims?") Es muß also im Kloster Etwas fehlen: freilich mochte schon die Zerstörung durch's Feuer und die dadurch herbeigeführte Unordnung nachtheilig gewirkt haben. Die hl. Reliquien waren auch unbekannt mit Schutt begraben; die Verehrung der hl. Walburga demnach nicht mehr so blühend und eifrig. Was für Ordnung der Bischof hineingebracht, konnten wir nicht ermitteln. Da wir aber erfahren, daß er von Monheim weg sein Augenmerk auf die Reform des Klosters Pillenreuth richtete und dort Canonissen einführte, so möchten wir schließen, daß dasselbe um diese Zeit in Monheim geschah. Gewiß aber ist nur, das; die Benediktincriuuenabtei Monheim überhaupt in eine Canonissenabtei verwandelt wurde?') 1381 ist Aebtissin: Katharina von Wemdingcn. Sie schrieb aus alten Büchern und Urkunden ein Verzeichniß der in die Klosterkirche gestifteten Jahrtage, sowie sämmtlicher Einnahmen des Klosters in einem interessanten Pergamentcodex °?) zusammen, in welchem wir eine ziemlich gute Uebersicht über den damaligen Stand des Klosters erhalten: »In irowins äomini. Urnen?, so beginnt sie, „Ditz puch ist geskriben und gcordiniert Da man zalt von Cristz geburt Drützehen hundert Jar und da nach in dem ain vnd achtzigsten Jahr an dem nächsten °s) »ea vero äie i !. 8. IVatbnrgis äo Llrumbeim per eonvontuw ejusäenr loei et s. Ooukossor ^Vuniunvalllus . Oliaw, das; Margarctha, Äbtissin zu Monheim, an die Teutschen Nittcr-Ordens- Commenthur zu Blommcnthal etwelche Güter sammt dem Kirchensatz, Zchenden und Ehehafft zu Berubach verkanfft habe, wie solches der Kaufbrief vom Jahre 1482 be- zeuge"?°) Mit verschiedenen andern Gütern wird es auch so gegangen sein, jedenfalls um den baldigen Kirchenbau zu ermöglichen. Dieser wurde aber hinausgeschoben; verschiedene Unglücksfälle, die vielen Hagel- schläge, die in der ganzen Gegend eintraten, und Ueber- schwemmuugcn, dann große Trockenheit und Theuerung, endlich die Pest, welche Viele dahinraffte, ließen solche Pläne nicht aufkommen. Dazu kamen neue Kriegsunruhen. Monheim gehörte um diese Zeit dem bayerischen Herzog Georg dem Reichen aus der Landshuter Linie. Da dieser ohne männliche Erben war, so sollten seine Besitzungen nach dem bayerischen Agnarenrecht und außerdem noch nach kaiserlich bestätigter Uebereinkuuft an die Münchner Herzoge fallen. Im Geheimen aber hatte Georg eine Urkunde ausfertigen lassen, daß seine Besitzungen sein Tochtermann Ruprecht von der Pfalz erben sollte. Als bald darauf, am 1. Dezember 1503, Herzog Georg gestorben war, wollten beide Theile: die Münchner- Herzoge als eigentlich berechtigte Erben und Ruprecht auf Grund des geheimen Testamentes, das Erbe antreten. Ein gütlicher Ausgleich kam nicht zu Stande: so griff man zu den Waffen. Vom Kaiser wurde Ruprecht in die Acht erklärt; dieser aber wußte die reichen Schätze feines Schwiegervaters zum großen Theil an sich zu bringen und Bundesgenossen zu finden, so daß er die besten Aussichten hatte;^) auch die Monheimer Gegend wußte er für sich zu gewinnen. Die Buchdorfer hatten ihn allerdings gefangen genommen, aber „er sprach ganz holdselig, wie er war, dem wilden Haufen freundlich zu, gab ihnen drei Gulden zum Vertrinken und die besten Verheißungen, als seinen künftig eigenen Leuten, so daß er die ganze Gemeinde für sich gewann und ihm diese von nun an mit allem Ernste diente". So verstand Ruprecht goldene Brücken zu bauen. Es wurde nun der freie Paß von Nürnberg nach Donauwörth, wo die Kaiserlichen standen, abgesperrt, kaiserliche Couriere abgefangen und ihre Briefe geöffnet, kurz die Keckheit auf's höchste getrieben. Aber bald wendete sich das Blatt. In Buchdorf wurden von den Kaiserlichen und Herzoglichen 200 Firste abgebrannt und viele Leute fortgeschleppt, und nachdem hier die Fackel des Krieges angebrannt war, schwang sie sich weit in die Pfalz und nach Bayern hinein. Bei 600 Ortschaften wurden abgebrannt, es herrschte ein gegenseitiges Brennen und Morden.^) In unserer Gegend siegten die Kaiserlichen; neben andern Herzoge; ob mit Recht und nach welchen Urkunden, konnten wir nicht ermitteln. Die dort (Bild. Künste in Bayern) 464 angegebene Jahreszahl o. 1450 ist jedenfalls unrichtig. '") Luidl, 8.0., Eichstättisches Heiligthum, I. Tbl., p§. 221. ") Schreiber, Bayer. Geschichte, I. Bd., p§. 399 ff. Königsdorfer, Hl. Kreuz in Donauwörth, 1. Bd., xZ. 306-308. Städten, wie Friedbcrg, Aicha, Launigen, Gundelfingen, Wemding n. A., wurde auch Monhcim von ihnen besetzt und mußte wieder dem Herzog Albrecht von München huldigen.^) Da aber in den übrigen Ländern das Kriegsglück bald auf der einen, bald auf der andern Seite war und beide Theile große Verluste erlitten, auch viele Fürsten, besonders die Bischöfe von Trier, Würz- burg, Salzburg, Eichstätt, Freising und Paffau zum Frieden mahnten, so verstanden sich die feindlichen Parteien, umsomehr, da auch Ruprecht selbst und seine habsüchtige Gemahlin Elisabeth gestorben waren, zu einem friedlichen Vergleich, dem sogenannten „Kölner Spruch", im Jahre 1505.^) Demzufolge wurden die Erblande Georgs des Reichen, in welchen Monhcim lag, in drei Theile getheilt, deren einen größten Herzog Albrecht von München, den zweiten der Kaiser für die Kriegskosten erhielt und den dritten man zu einem eigenen Herzog- thnm für die Söhne des verstorbenen Ruprecht: Otto Heinrich und Philipp, ausschied, unter dem Namen „Junge Pfalz", auch „Pfalz-Neuburg". Dieses neugebildete junge Herzogthum bestand aus „Schloß, Stadt und Amt Neuburg, mit den dazu gehörigen Wäldern, wie auch Höchstädt, Launigen, Gundelfingen, Monheim, Hilpoltstein rc."^) Unter diesen Kriegswirren und andern Unglücksfällen war an den Ban der Kirche nicht zu denken. Aber auch das innere Leben des Klosters litt stark darunter. Aus dem Jahre 1480 wird uns berichtet, daß nur mehr vier Canonissen sich im Kloster befanden. Ein Rückblick auf diese letzte Zeit des Klosters bietet uns ein trauriges Bild; die hl. Reliquien schon längst vergraben und unbeachtet, die Kirche eingeäschert, die Klostergüter großentheils verwüstet, die Klosterbewohner bis auf ganz wenige zusammengeschmolzen: es ist das Bild des Verfalles. (Fortsetzung folgt.) Litterarisches. 0. „Gott will cö". Mit den letzten Heften des Jahrgangs 1993 dieser MissiouSzeitschrift erhielten wir auch das erste Heft für 1894. Die letzten Hefte bilden einen würdigen Abschluß des Jahrgangs, und der Inhalt des ersten Heftes laufenden Jahres eröffnet einen erfreulichen Ausblick auf das, was uns der neue Jahrgang bieten wird. Der ohnehin billige Preis ist halbjährig auf 1 M. ermäßigt, und erscheint die Zeitschrift, einem vielfach geäußerten Wunsch entsprechend, mit gleich großem Umfange monatlich einmal. Bei dieser geringen Ausgabe von jährlich nur zwei Mark wird diese so verdienstvolle, durch ihre vielen Originalberichte aus Afrika einzig in ihrer Art dastehende, mannigfach unterrichtende, oft sehr interessante und überdieß illustrirte Missionszeitschrift gewiß viele neue Freunde gewinnen. Wir empföhlen sie somit aufs Neue unsern verehrten Lesern. Probenuwmcrn versendet jede Buchhandlung, sowie auch die Verlagöhandlung A. Niffarth, M.-Gladbach gratis und frauco. DaS früher im Verlage von Velhagen und Klasing in Bielefeld erschienenen Oonoilinm triäsutiuum mit gegenüberstehender deutscher Ucbersctzung von CanonicuS Dr. Smet s, sowie der O'ateebismus romauns (lateinisch und deutsch) unter Zugrundelegung der Ucbersctzung von SmetS, herausgcg. von Univ.-Prof. Dr. B u se, zwei Bände, sind mit sämmtlichen Vor- räthen in den Verlag von B. Wehberg in Osnabrück übergegangen. Der Letztere hat den Preis des Oatoebismus romanus von 6 M. auf 3.50 M.. den des Ooneilium tricksn- tinum von 4 M- auf 2 M. ermäßigt. ^) Falckenstein, Vollst. Geschichte des großen Herzogthumö Bayern, III. Thl., i^. 493. ") Ibiä. xx. 505. '^) Falckenstein, Vollst. Gesch., px. 506. Verautw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druckn. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg. Nl. 7. 15. Mum 1894. Eine anglikanische Stimme über die Bibel- Encyklica des hl. Vaters. ? Der vielgenannte „Pater" Jgnatius, Gründer und Oberer des anglikanischen Klosters Lanthony in Wales hat anläßlich der Encyklica Leo's XIII. über das Bibelstudium einen Brief der katholischen englischen Presse übersandt. Die wichtigsten Stellen dürften der Wiederholung werth sein. „Gestatten Sie mir als nicht-römischem Katholiken auszusprcchcn, mit welcher großen Freude und lebhaften Erkenntlichkeit ich die letzte päpstliche Encyklica gelesen habe. Der herrliche, wüthige und unerschütterliche Glaube, mit welcher sie für die hl. Schrift vor der ganzen Welt der Wissenschaft und des Unglaubens eintritt, ist be- wundernswerth. Am Ende des 19. Jahrhunderts die Thatsache wieder zu bestätigen, daß die hl. Schrift irrthumsfrei ist, weil sie, unter der Inspiration des hl. Geistes geschrieben, Gott selbst zum Urheber hat, ist an sich ein erhabener Glaubensakt, der die Bewunderung und die Dankbarkeit der ganzen christlichen Welt verdient! Für die Protestanten und Anglikaner müssen alle römischen und orientalischen Katholiken Gott danken, Leo XIII. einen so heldenhaften Muth eingeflößt zu haben. Es ist mir unmöglich, darzustellen, mit welchem stets zunehmenden Erstaunen ich diese weisen und wackern Worte studiert habe! Der hl. Geist allein hat sie in die Feder gegeben und die Hand beim Schreiben geleitet. Dieser zweite Leo der Große hat die Welt mit einer Fluth himmlischlichten Glaubens erhellt, der die aufrichtigen Jünger Jesu Christi trösten und beruhigen muß. Dieser übermenschliche Muth muß alle guten Protestanten vielleicht noch mehr erfreuen, als die Katholiken. Wenn die Behörden der anglikanischen Kirche es nicht mehr wagen, als Vertheidiger der hl. Schrift aufzutreten, wenn sie denjenigen ihrer Ankläger kein Stillschweigen auferlegen, welche zum autorisirten anglikanischen Klerus gehören, so müssen sie früh oder spät Abfalls- erschcinungen ohne Beispiel zu Gunsten der Kirche Leo's XIII. erwarten. Der Papst konnte denjenigen, welche noch an Jesus Christus glauben und ihn lieben, keinen größeren Dienst erweisen, als der Kirche und der ganzen Welt diese herrliche und erhabene Encyklica über das Bibelstndium zu geben. Auch werden alle aufrichtigen Christen sie mit Freude und Dankbarkeit begrüßen." k. Jgnatius wird ohne Zweifel noch zur Mutterkirche zurückkehren. Die Fortschritte der katholischen Kirche in England sind großartig. Die tüchtigsten anglikanischen Geistlichen treten über, viele würden folgen, wenn Familie und Pfründe nicht wären. Jüngst sind wiederum drei anglikanische Geistliche zum Katholizismus übergetreten. Es sind dies: der Londoner Pastor Suther- land Macklem, der Armee-Kaplan Wood und der Pastor Briggs von Devonport. Seit dem Prozeß des wegen Nitualismus angeklagten anglikanischen Bischofs von Lincoln haben sich nicht weniger als vierzehn Geistliche der Staatskirche dem Katholizismus zugewandt. Eine neue Apologie. Die Namen Hettinger, Gntberlet, Schanz und Weiß zeigen zur Genüge, daß das katholische Deutschland zur Zeit über gediegene Werke der apologetischen Literatur verfügt. Aber neben den eigenen Produkten hat die deutsche Wissenschaft stets auch fremde Arbeiten in heimathlichem Gewände neidlos aufgenommen und freudig begrüßt, wenn sie wahrer Wissenschaft förderlich waren. Dieses Prädikat dürfen wir mit vollem Rechte dem Werke des Franzosen Bongand^) vindiciren. Schon der Name des Verfassers, der dem deutschen Publikum durch seine literarische Thätigkeit längst rühmlich bekannt ist ^), bürgt dafür. Außerdem berechtigt die von ihni angewandte Methode dazu, seine Apologie eine neue zu nennen. Bougaud, 1888 als Bischof von Lnval gestorben, steht als Redner und Schriftsteller einem Montalcmbert, Lacordaire und Dnpanlonp ebenbürtig zur Seite. Freilich verräth er sich durch seinen Stil und Nationnlpatriotis- mns sofort als Franzose. Aber er zeigt sich durchaus als genialen Meister der Form, und obwohl glühend von Liebe zu seinem Vaterland«:, zeichnet er die Schwächen und das geistige Elend seines Volkes mit photographischer Treue. Die Entdeckungen des Jahrhunderts und die Fortschritte der Wissenschaft in gerechtester Weise würdigend, übersieht er keineswegs die traurigen Schattenseiten des 19. Säkulums und bezeichnet als die Hauptursache alles Uebels die Jrreligion. „Unser Jahrhundert, klagt der Verfasser mit wehmüthigem Schmerze, hätte das aller- glücklichste werden können, nur Eines fehlt ihm, Gott — und dieses genügt, um alles zu vergiften bei den Einzelnen, wie in der Familie, unter dem Volke, wie in der Gesellschaft." Im Großen und Ganzen darf man wohl Hettingers Apologie eine dogmatische, die Gutberlet's eine philosophische, die von Schanz eine naturwissenschaftlich - h i st o r i s ch - k r i t i s ch - b i b l i s ch - e x e g e t i s ch e und die Weiß'sche eine moralistisch-kulturhistorische nennen. Bougand's „Christenthum und Gegenwart" ergänzt sie nun in würdevoller Weise als eine Art psychologischer Apologie. Ausgehend von de Maistre's berühmtem AuSspruche, daß „es in der katholischen Kirche kein Dogma, ja keinen allgemeinen, der höheren Disciplin ungehörigen Gebrauch gebe, welcher nicht in den tiefsten Tiefen der menschlichen Natur wurzelte," geht der Verfasser, entsprechend dem Geiste „unseres Jahrhunderts, welches Thatsachen lieber hat als Ideen und für die Methode der Beobachtung schwärmt" (II, 482), von der Psychologie, der Methode der inneren Beobachtung aus. Dabei werden aber die äußeren Beweismittel nicht vernachlässigt, vielmehr die sicheren Resultate der Archäologie, Geschichte, Sprach- kuude, Philologie und historischen Kritik gewissenhaft und mit feinem Takte verwerthet. So ist denn das bei seinem ersten Erscheinen freudigst aufgenommene Werb) Christenthum und Gegenwart. Autorisirte deutsche Uebcrsctznng von Philipp Prinz von Nrcnverg. 1. Bd.: Religion und Jrreligion. Kirchheini, Mainz 1891. — 2. Bd.: Jesus Christus. 1693. 2) Geschichte der hl. Monika, deutsch, ebenda?. 1870. — Geschichte der hl. Franziöka v. Chantal, deutsch, Herder, Frei- bnrg 1872. ') Es liegt bereits in 5. Auflage vor, ist in's Italienische Ungarische und Kroatische übersetzt. 50 auch in deutschem Gewände einer warmen Aufnahme werth, zumal die Uebersetzung die fließende Form und den oratorischen Schwung des Originals zu vollem Ausdruck bringt. Das Werk umfaßt fünf Bände, von denen bisher zwei in deutscher Bearbeitung vorliegen. Das erste Buch behandelt in meisterhafter Weise Religion und Jrreligion, die Schönheit der einen und die Trostlosigkeit der andern, sowie die Rolle, welche beide im öffentlichen Leben spielen. Bereits hier macht B. Gebrauch von der neuen Methode, indem er die letzte Ursache der Religion im Innern des Menschen und in der Natur Gottes aufsucht. Die Vernunft und das Gewissen, die Selbstachtung und die Ehre, die Sorge um die Zukunft sind es, die dem Menschen nicht erlauben, ohne Religion, ohne Gott leben zu können. Zugleich wird gezeigt, daß weder die Naturwissenschaften, noch die Philosophie und Geschichte, noch auch die industriellen, politischen und socialen Bewegungen irgend einen ernstlichen Einwurf gegen die Religion vorzubringen vermögen. Bedarf also der Mensch nach dem Gesagten einer Religion, so wird im zweiten Buch sofort gezeigt, daß die nothwendige Religion nicht die natürliche, sondern die Religion Jesu Christi, das Christenthum ist. Auch hier geht der Verfasser nicht den gewöhnlichen Weg der Apologetik. „Du fühlst, daß der Mensch eine Religion haben muß, du weißt aber nicht, welche. Lasse die metaphysischen Fragen, die schwierigen Probleme, Wunder und Prophezeiungen bei Seite; stelle dich vor Christus hin, vor sein unvergleichliches Antlitz, sein Leben, seinen Tod, seine Lehren, seine Tugenden, wie man sich vor die Sonne stellt, aber ohne die Augen zu schließen" (1, 36). Ohne also die Unzulänglichkeit der natürlichen Religion weitläufig zu besprechen, ohne die Fragen über Möglichkeit und Wirklichkeit der Wunder und Weissagungen, über Authentizität, Unversehrtheit und Glaubwürdigkeit der hl. Schriften zu behandeln, führt B. sofort „die großartige Evidenz Jesu Christi" dem Leser vor und erbringt den eingehendsten Beweis der Gottheit Christi, indem er von der Menschheit Jesu zu seiner Gottheit, von der menschlichen Schönheit seines Charakters, seines Geistes und Herzens, seiner ganzen Seele emporsteigt bis zu der vollkommenen Erkenntniß, bis zu der demüthigen und freudigen Anbetung seiner göttlichen Natur. Gewiß eine ebenso historisch als psychologisch berechtigte Methode, hat ja der Heiland sie selbst angewandt gegenüber seinem zweifelnden Apostel Thomas, von dem schon der hl. Augustin ebenso kurz als treffend bemerkt: viäit dominom, Ooum oonkWsua esb, er sah die Menschheit (Jesu) und bekannte seine Gottheit! Der eine Satz: Christus ist Gott, schließt aber das ganze Credo in sich. Darum wird das dritte Buch „die Dogmen des Christenthums" behandeln. Da sodann unter allen Glaubensgcnossenschaften, welche sich Töchter Christi nennen, nnr eine den herrlichen Schatz seiner Lehre unverfälscht besitzt, wird im vierten Buch die Kirche dargestellt. Den Gegenstand des letzten Theiles wird „die Uebung des Christenthums" bilden. Sachlich und logisch stehen sonach alle Theile mit einander im innigsten Zusammenhang und doch bildet jeder für sich ein abgeschlossenes Ganzes. Das Unternehmen Bougauds war nach Plan und Methode keine geringe Aufgabe. Ihre Lösung ist aber in großartiger Weise gelungen. Sie ist das Meisterwerk eines scharfsinnigen Geistes und eines edlen Gemüthes. Ein unbefangenes Herz und ein redliches Gewissen wird darin die „auserlesensten geistigen Genüsse" (I, 38) finden. Möge das schön ausgestattete und preiswürdige Buch sich recht weiter Verbreitung erfreuen! Stuttgart. Religionslehrer Or. tffsoi. A. Koch. Das Kloster Monheim und die Reliquien der heiligen Walbnrga: 893—1893. Zum 1000. Jahrestag der Neliquienübertragung und Stiftung des Klosters. Von A. Zottmann. (Fortsetzung.) IV. Kurze Zeit der Neubelebung bis zur gänzlichen Auflösung des Klosters und Reformation c. 1500 bis c. 1600. In diese trüben Tage des Klosters schien mit Anfang des 16. Jahrhunderts nochmal neues Leben kommen zu sollen. Das Kloster gelangte wieder zu Vermögen; die letzte Aebtissin (Katharina Walrab) war eine gnädige Frau, besuchte durch Abgeordnete die Landtage, und waren ihr fast alle Güter in Stadt und Flur Monheim lehenbar?6) Gegen Ende des 15. oder Anfang des 16. Jahrhunderts begann sie auch den Neubau der Kirche in spätgotischem Stile. Bei der Ausgrabung der Fundamente geschah nun ein besonderes Ereigniß, das die Neubelebung des Klosters noch vorzüglich fördern zu sollen schien. Der Nebdorfer regulirte Chorherr ?. Balthasar Böhm erzählte nämlich in einer Walburgapredigt folgendes von diesem Fundamentgraben: „Auch zu meiner Zeit, als zu Monheim die Klosterkirch von Grund aus erneuert und ein anderes Fundament gegraben wurde, ist unter der Erd ein Altar, obwohl völlig mit Schutt bedeckt, doch ganz und unverletzt gefunden worden. Und als Andreas, der Stadtschreiber, ein Vatter unsers Ordensund Klosterbruders Sixti in Rebdorff solchem Bau als Baumeister vorstünde, hat er dieses ersehend um den Altar rings herum zu graben befohlen, damit er frey stunde: nachgehends alle Arbeiter beyseits geschafft und er mit zwey Priestern den Altarstein eröffnet, allwo er in einem Glas jenes hl. Oel (verstehe das Oel der hl. Walburga, wovon in der Predigt die Rede ist) annoch lauter, klar, rein und hell mit denen Reliquien gefunden, welches (wie der beygelegte Zettel auswiese) bei 300 Jahr allda verharret war, und weil dieser Ort drey mahl ver- bruunen, ist dieser Altar in der unterirdischen Kapell also vergraben und unbekannt geblieben." ^) Man fand also wieder den lang vermißten, kostbaren Schatz, das Palladium Monheims: die Reliquien der hl. Walburga. Der Bau der Kirche wurde nun möglichst beschleunigt, und da es doch zu lange gewährt hätte, bis man in der Kirche selbst die hl. Reliquien hätte gut und sicher unterbringen können, muß man einstweilen in einer fertig gebauten Sakristei einen würdigen, mit Gittern umgebenen Ort, vielleicht eine Art Stein- tumba, bereitet haben und dort die in einen silbernen Schrein eingeschlossenen hl. Reliquien aufbewahrt haben, aber so, daß mau sie zu Prozessionen und sonstigen feierlichen Gelegenheiten bequem herausnehmen und um- hertragen konnte. Der Güte des hochw. Herrn Stadtpfarrers in Monheim verdanke ich nämlich eine Notiz ">) Eichst. Past.-Bl. 1870, i>§. 201. ") Luidl, Eichst. Heiligthum, 1-, i>§. 222. 51 ? 4 aus dem dortigen Pfarrbuch, welche im Jahre 1618 ein Jesuit eingetragen. Diese lautet: „Wie ich von zwey alten vernomen, da sie sich in der sacristey wegen schwer- hörens und hohen alters, den sie bey 82 aä 84 (Jahr) waren, eingestelt, nach beschehner deicht mich angeredt: Herr, es ist hierin nit mehr wie vor, da ich Jung war, denn da und da ist ein großer silberner sarg oder Truhen gestanden, in dem die heiltumb und leib 8. ^Valkui-xis gelegen und darumb heißen Unser hie soviel Walburg. Discn sölbcn Castcn haben acht Meiner über die Achseln getragen, wenn man mit dem Creitz (Kreuz), (wie ihr Herr itz wieder mit dem Creitz geht) gen Otting Zu Unser lieben Frawen ist gangen. Sonst war da und da alzeit der silbern sarg (loouw rnilii mann ostoniano) aber mit gattcr (Gitter) gleich als ein Grab und in einer truhen eingeschlossen." Die Reliquien der hl. Walburga waren demnach wieder vorhanden. Der Clerus muß um diese Zeit auch zahlreich in Monheim vertreten gewesen sein. In einem Verzeichniß der verschiedenen Stellen bei Frankenstein^) werden für Monheim sechs aufgeführt: der Pfarrer, der erste und zweite Caplan, sowie der Frühmcsser für Monheim selbst, dann noch je ein Caplan für Jtzing und Warching. Für sämmtliche sechs Stellen hatte die Aebtissin das Präscntationsrccht; außerdem hatte sie es um diese Zeit auch noch für die Pfarreien Emskeim^) und Waltersperg?°) So schienen doch abermals Bedingungen vorhanden zu sein, welche den gänzlichen Verfall hintanhalten konnten. Aber andere Verhältnisse und Zeitumstände waren zu ungünstig. Es war die Zeit der beginnenden sogenannten Reformation. Der Geist der Unbotmäßigkeit, besonders gegen alles Kirchliche, und einer falschen Freiheit beim Volke und der Geist der Güterund Ländersucht bei den Fürsten nahm immer mehr übcrhand. Dadurch kam über Monheim Verderben; schon 1511 verweigerten die Bürger die Lehenspflicht; im Bauernkrieg gab es große Unruhen; diese wurden zwar niedergehalten, aber doch die Aebtissin veranlaßt, mit ihrem Konvent nach Neuburg zu flüchten, aus Furcht, vom Pöbel überfallen zu werden?') So dem Regen ausweichend, kamen sie in die Traufe, nämlich in das Netz des Ottheinrich in Neuburg, für welchen nebst seinem Bruder Philipp, als Erben des verstorbenen Ruprecht, die junge Pfalz: Pfalz-Neuburg, durch den Kölner Spruch gebildet worden war. Welche zum mindesten höchst verdächtige Sache es war, ja gefährlich, unter Ottheinrichs zweideutigen Schutzmantel zu gelangen, wird uns klar, wenn wir uns nur einigermaßen in der Geschichte nach seiner Persönlichkeit umsehen. Bei Janssen^) finden mir über ihn Folgendes: „Durch seine Prachtbauten, seinen Hofstaat, seine Spiclsucht, sein ,epikurisches Leben' hatte sich Otto Heinrich so tief in Schulden gestürzt, daß er für den ,verarmtesten Fürsten im ganzen Reiche' gelten konnte. ,Aus Bedrängnis; der Schulden hatte er sich mit seinem Bruder, Pfalzgrafen Philipp, genöthigt gesehen, die Herrschaft Heidcck und die beiden Aemter Stein und Allersberg an Nürnberg zu verkaufen ... In Nürnberg daneben das Murmeln, das Amt Amberg und Sulzbach würden auch bald flattern' . . . ,Trotz der er- Falckenstein, Lutiqu. Uorägav. im Hochstisi Eichstätt, II. Tbl., pg'. 302-303. F.Nckcnsteiii, I. o. 303. «") 1>»cl. iix. 310. °>) Eichst. Vast.-Bl. 1870, x§. 202. Geschichte d. deutsch. Volkes, III., xg. 521—522. lösten Summen war Otto Heinrich immer noch von Gläubigern beladen' . . . Widmnnn schreibt, ,er war wohl seines Fürstenthums scxe Werth schuldig'." An andrer Stelle^) läßt Janssen einem Augenzeugen erzählen, daß Otto Heinrichs Gelage mit seinen Gleichgesinnten so lange gewährt, „also daß die Herrn zumal alle fröhlich und, wie sie es nennen, mit guten alten Spitzen versehen worden. Sonderlich hatte Herzog Otto Heinrich nicht wohl mehr stehen können". Das genügt; die Geschichte brauchte uns gar nichts aufbewahrt haben von des Klosters Schicksal, so könnten wir uns einbilden, daß für einen solchen Fürsten, der so gute alte Spitze sich angetrunken und bis über Hals und Kopf so in Schulden steckte, daß eines seiner Güter nach dem andern „flattern" mußte, Monheim recht bequem kam, um es in seine Tasche zu stecken. Es sind noch Nachrichten vorhanden, wie schlau er das angefangen. Die Aebtissin war mit ihrem Convent in Streit gekommen. Ottheinrich mischte sich nun so ein, daß beide Theile erst recht gegen einander erbittert werden mußten und selbst der Convent vermindert wurde. Nachdem er das erreicht, gab er sogar Befehl, es dürfe ohne sein Vorwisscn keine neue Convent» frau aufgenommen werden. Damit hatte er indirekt das Kloster auf den Aussterbeetat gesetzt?^) DaS war um 1525. Drei Jahre später, 1528, war außer der Acblissin nur mehr eine einzige Chorfrau im Kloster, und mußte dieses also von selbst sehr bald aufhören. Da er aber auch das nicht erwarten konnte, so wußte er beim Papste eine vour 5. Februar 1530 datirte Bulle durchzusetzen, des Inhalts, daß er wegen geringer Anzahl der Nonnen, sowie wegen schlechter Disciplin und unordentlicher Haushaltung derselben, das Kloster aufzuheben berechtigt sei. Er selbst aber schickt erst im Winter darauf seinen Pfleger nach Monheim, um sich erkundigen zu lassen, wie es mit der Verwaltung nnd Disciplin, uiit Gottesdienstordnung und kirchlicher Gesinnung u. dgl. bei den Nonnen steht. Wir sehen, welch ein ganz widriges Spiel er mit dem Kloster treibt und wie er, um die Aufhcbungsbulle zu erschleichen, den Papst nach allen Dimensionen belügt und betrügt: erst wirkt er dahin, daß alte Klosterfrauen ausgeschlossen und neue nicht aufgenommen wervcn, dann bittet er, wegen zu geringer Anzahl der Klosterbewohucr, um Erlaubniß, das Kloster aufheben zu dürfen; ferner schreibt er nach Rom, daß schlechte Disciplin rc. im Kloster herrsche, und erst fast ein Jahr später erkundigt er sich über die zwei noch übrigen alten Klosterfrauen» wie es eigentlich mit ihnen sieht; vorher wußte er nichts davon und konnte also kein Urtheil abgeben. Im Besitz der Aushebungsbulle, „ließ der Herzog Alles im Kloster Inventarisiren, stellte 1531 der Aebtissin Cnratoren zur Seite, und als dieselbe am 10. Januar 1533 mit Tod abgegangen war, nahm er Ornate und Gelder in Beschlag. Zu Ostern zog die noch übrige Nonne, Martha Eschenweck, aus dem Kloster, und die Stiftung Linbilla's war erloschen."^) Wir fragen uns unwillkürlich: Was ist aus den Reliquien der hl. Walburga geworden, nachdem die berufenen Behüterinncn derselben entfernt waren. Vorläufig wurden sie an ihrem ursprünglichen Ort belassen, nunmehr unter die alleinige Obhut des Klerus gestellt: denn Ottheinrich hatte sich bis jetzt immer noch ganz gut katholisch gestellt und auch bei der Klosterannepion ganz Ibiä. 695. Neuburger Collekt. 1816, xg. 89. Eichst. Past.-Bl. 1870, xg. 202. 52 vorzüglichen Eifer für die Neinerhaltung des kirchlichen Glaubens und kirchlicher Disciplin vorgegeben: und das mußte ihn doch noch zurückhalten, sich auch an den hl. Reliquien zu vergreifen. Wenn wir nach obiger Angabe des Monheimer Pfarrbuches vom Jahre 1618 zurück- rechnen in die Jugendzeit der beiden Alten, welche die Angabe gemacht haben, daß in ihrer Jugend der Re- liguienschrein noch in der Sakristei stand, so kommen wir ungefähr auf das Jahr 1548; es werden die Reliquien noch einige Jahre länger, etwa bis 1553, erhalten geblieben sein; das ergibt sich aus folgendem Verlauf der religiösen Verhältnisse: Der Herzog warf bald seine katholische Maske ab und ließ im Jahre 1543 seine halb lutherische, halb kalvinische Neuburger Kirchenordnung erscheinen, welche allen Pfarreien Zur Befolgung vorgeschrieben wurde. Der Monheimer Stadtpfarrer hatte die Schwäche, sich der Gewalt zu fügen und dieselbe, obwohl mit Widerstreben und innerlich gut katholisch gesinnt, äußerlich auszuführen. Auch gab er dem Drängen Ottheinrichs nach und nahm ein Weib. War so der Hirte zu Fall gebracht, so ging es um so leichter, nunmehr bei der Hecrde das Luther- thum einzuführen. Es dauerte aber nicht lang, da ging der Wind wieder anderswoher. Kaiser Carl V. hatte 1547 durch den Sieg bei Mühlberg den schmalkaldischen Krieg beendigt und beschlagnahmte nun Pfalz-Neuburg für sich und machte es wieder dem katholischen Glauben zugängig. Da schrieb Stadtpfarrer Fricdl von Monheim an die bischöfl. Behörde von Eichstätt, daß er und andere, als Ottheinrich sie unter seinen Gerichtszwang zog, in dieser Nath- und Hilflosigkeit nirgends Rettung gefunden und darum die neue Kirchenordnung durch die Verhältnisse dazu gedrängt, eingeführt hätten. Schließlich bittet er, es möge diese Erklärung dem Bischof mitgetheilt und er und seine Cooperatoren demselben als „dessen arme und gehorsame Diener und Caplüne" empfohlen werden. Aus den 6. März wurden nun verschiedene Priester vorgeladen und in Eichstätt über ihren Uebertritt vernommen. Stadtpfarrer Fricdl erklärt: „Er ist bereit den ihm angethanen Zwang legal zu constatircn. Katholisch habe er immer noch gepredigt; auch in andern Stücken katholisch sich gehalten, die Kirchenordnung nur beachtet, wo er nicht anders konnte. Er hat (weil Ottheinrich keinen unverehelichten Priester mehr duldete) ge- heirathet, werde aber ohne Umstünde das Weib entlassen." Schlimmer stand es mit seinem Kaplan von Jtzing, welcher erklärte, sein Weib nicht entlassen zu können. Letzterer wurde abgesetzt und entlassen, Stadtpfarrer Fried! wegen seiner Umkehr und guten Willens, wie mehrere andere, wieder aufgenommen. Ihre Buße bestand darin: ein Jahr lang jeden Freitag die sieben Bußpsalmen mit der Litanei zu beten und jeden Freitag bei Wasser und Brod zu fasten?») Damit schien es nun sein Bewenden zu haben und Monheim katholisch bleiben zu sollen: aber es sollte vorläufig doch nicht recht zur Ruhe kommen. Durch den Passauer Vertrag 1552 kam Ottheinrich wieder in den Besitz der Pfalz-Neuburger Lande, und der verstand es nun, mit der katholischen Religion radikal aufzuräumen. Es kamen die Prädikanten der Lehre Luthers nach Monheim, alles Katholische wurde unterdrückt, ja oft, was nur an kathol. Zeit erinnerte, mit großem Haß zerstört, und die neue Lehre pflanzte nun mit Gewalt und großer Hartnäckigkeit ihre Fahne auf. Und das wird wohl auch die Zeit gewesen sein, in welcher die hl. Reliquien abhanden gekommen sind. Der silberne Schrein wird manchem Herrn gar einladend in die Augen gestochen haben und etwa in ein willkommenes Taschengeld verwandelt, die Reliquien selbst aber werden, wenn sie vielleicht nicht doch durch Fügung Gottes irgendwo erhalten ruhen, aus konfessionellem Haß oder Gleichgültigkeit verstreut worden sein. Es ist zu befürchten, meint Luidl, daß die Heiligthümer der hl. Walburga, als das ganze Herzogthum Neuburg sich „von der Römischen Kirch abgerissen und zu des Luthers Evangelium bekennet hat", eben die Gewaltthätigkeiten erlitten haben, mit welchen die Anhänger der neuen Lehre auch anderswo „die Reliquien der Heiligen angetastet, beschimpft und vertilget haben"?») Aus dieser Periode ist nun nur Weniges mehr anzuführen. 1574 wurden die Klostergcbäude abgebrochen und im Schütte liegen gelassen. Auch die Petcrskapelle wurde entweiht und in ein Wohnhaus verwandelt. Die große Pfarr- und Klosterkirche war bis jetzt immer noch nicht fertig gestellt. Es galt eben auch, was der Generalvikar Priefer bezüglich der Kirche in Mörsach in seinem Bericht geschrieben: „vioitur, man hab aufgehellt, daran zu bauen, wie der Luther aufgestanden." Sie war bisher ohne Gewölbe, so daß man in den freien Himmel Hinaufschanen konnte. Erst 1575 wird der Thurm ausgebaut, und erst als die Leute die um die Kirche herumliegenden Steine zu ihrem Privatgebrauch fortschafften, ging man daran, die Kirche selbst zu vollenden, welches im Jahre 1596 geschah?») Beim vorigen Abschnitt hat uns ein Rückblick schon ein trauriges Bild geboten: blicken wir aber am Schlüsse dieser Periode aus die Schicksale des Klosters und die Reliquien der hl. Walburga zurück, so zeigt sich uns ein noch viel traurigeres Bild: das Bild der gänzlichen Auflösung und Zerstörung; das Kloster liegt niedergerissen in Schutt, die hl. Reliquien sind vernichtet oder wenigstens spurlos abhanden gekommen, die Klosterfrauen und der katholische Klerus entfernt, die Kirche widerhallend von den heftigen Angriffen gegen den alten Glauben. Und es schien, daß nun Monheim endgiltig nach dieser Richtung hin befestigt werde und das Andenken der hl. Walburga für immer ausgerottet sei. Aber, Gott sei Dank! es schien nur so. (Schluß folgt.) Die christlichen Missionen aus den Fiji-Jnseln. 1. Die protestantischen Misstonen. (Nach einem Privatbricfe.) Ein Freund und Mitarbeiter unserer Blätter erhielt vor kurzer Zeit aus Levnka, Fiji-Jnseln, von einem dort angesiedelten Freunde ein Schreiben vom 15. November v. Js. Es verdient dasselbe, weil die christlichen Missionen besprechend, wenigstens auszugsweise in weiteren Kreisen bekannt zu werden. Ein zweiter, die katholische Mission schildernder Brief ist in Aussicht gestellt, vielleicht schon unterwegs. Verfasser des Briefes ist ein k. u. k. Oberlieutenant a. D., O. v. H. Bei Jicin 1866 schwer verwundet, genas er zur Freude seiner Freunde, reiste nach Sau Francisco zu °°) Eichst. Past.-Bl. 1868, pA. 125-130. Luidl, 1. o. 222-223. b°) Luidl, I. o. M. 222. °°) Eichst. Past.-Bl. 1863, x§. 111. 53 einem dort lebenden Bruder und lebt nun als Plantagen- besitzcr seit Anfang der 70er Jahre auf Fiji-„Daß Sie den katholischen Missionen hier den Vorzug geben, wundert mich nicht?) Man muß an Ort und Stelle sein, und zwar lange, um das Treiben der Wes- leyaner *) **) richtig beurtheilen zu können. „Nicht alle, doch viele derselben benutzen die Mission nur, um, wenn auch nicht ihre eigene Tasche, doch die ihrer Gesellschaft zu füllen. „Sie beziehen reichliche Einkünfte von ihren Absendern, während die katholische Mission nicht einen Pfennig weder von der Regierung noch von der Bevölkerung einnimmt, sondern nur von der Marianischen Kongregation und der „ 800 . pro xroMAanäu siäs" in Lyon. Graf Hübner konnte bei seinem Aufenthalt nur flüchtig sehen, dennoch ist sein Urtheil über unsere Mission im Allgemeinen richtig. „Im Jahre 1839 kam William Croß, der erste wesleyanische Missionär, hieher, im Jahre 1842 katholische Missionäre, dadiehierangesiedelten katholischen Europäer ohne Seelsorge waren, keineswegs um die Protestanten zu vertreiben. Der erwähnte 1?. Brälisret begann damals seine so gesegnete Thätigkeit." „Die Wesleyaner predigten ihre Religion unter dem Namen „I^otu-äino.", d. h. „Wahre Kirche". Die Mission machte Fortschritte, da die wesleyanische ohne Con- cnrrenz war. „Damals lieferte Fiji große Quantitäten Cocos- nußöl (VVai-^Vai). Baares Geld war unter den Ein- gebornen unbekannt, und die Missionäre erhielten und forderten-von den -Eingebornen ihre Geschenke und kirchlichen Abgaben in Cocosnußöl — nahmen sie nur zu niedrigem Preise an — und verschifften sie auf einem ihrer Gesellschaft gehörenden Schiffe. Die Eingebornen nannten daher diese Religion liotu-IVa'i-'VVai (Oel- Ncligion). »Jetzt nennen die Eingebornen auch die katholische Religion I^otu-Ouva, da die Ausfnhr von Oel fast aufgehört hat und statt dessen Copra ausgeführt wird. Die wcsleyanischen Missionäre lehrten, die rathol. Kirche verdiene nicht diesen Namen, sondern sie sei eine I-otu-Imsu (d. h. Lügenkirchel). Einer derselben veröffentlichte ein wie ein katholisches Meßbuch mit rothen und schwarzen Buchstaben gedrucktes Buch. Die gemeinsten, infamsten Lügen waren in diesem Schaudwcrk über unsere (katholische) Kirche gesagt! Man muß indeß anerkennen, daß die anderen Missionäre darüber empört waren und dies Benehmen ihres ,Bruders' schärfstens mißbilligten. Sie kauften womöglich alle Exemplare zurück, und der Thäter mußte, der allgemeinen Verachtung weichend, die Insel verlassen. „Ich muß auch constatiren, daß die nicht den Wes- leyaneru angehörenden Missionäre, in jeder Beziehung besser sind, so daß erstere ihren Anhang verloren. „Obwohl nun die Missionäre große Summen aus London beziehen, kommen sie mit ihren Familien und zahlreichem Haushalt nicht aus. Aber die Gesellschaft kann oder will ihnen nicht mehr geben, die getauften Eingebornen müssen also für das Fehlende eintreten. Es *) Ick hatte Herrn O. v. H. die Urtheile Hübners in seiner Weltreise mitgetheilt. Eine Abart der Methodisten, jener auck bei guten Protestanten ibres zudringlichen arroganten Wesens wegen in übelstem Rnt'e stehenden Sekte. muß zugegeben werden, daß diese Missionäre ein ganz außerordentliches Talent zeigen, Geldquellen aufzufinden und Zahlungen zu betreiben. Ich glaube nicht, daß sie es für ihren Privatvorthetl thun, es ist für ihre Gesellschaft. Je mehr sie ihr Geld senden, desto besser sind sie in England angesehen. „Diese Steuern werden natürlich als ,freiwillige Gaben' angegeben, denn die Regierung erlaubt keine Steuern für irgend eine Kirche! Wie diese ,Freiwilligkeit' aussieht, einige Beispiele:" „Die Lulio (Distriktsvorsteher) sind getaufte Ein- geborne, meist ehrlich, aber ganz abhängig vom protestantischen Missionär. Dieser bestimmt das ,Vasia> ruisZionarz? — Missionssteuer. Sie muß in baarem Gelde bezahlt werden, und dies zu verschaffen, müssen die Leute ihre Produkte um jeden Preis verkaufen. Einigen Missionären sagt man nach, doch will ich es nicht verbürgen, sie ließen selbst von Vertrauten die Produkte kaufen und mit Vortheil verkaufen. „Wenn ein Fijianer eine große Gabe dem Missionär oder auch dem Katechisten bringt, so empfängt er seinen Dank mit den Worten: , 8 ü äolu siivoi lro-lo inulu§i!' (Der Himmel ist für Dich offen!) Das ist eine von allen Unparteiischen, auch protestantischen, die lange hier sich aufhielten, zugegebene Thatsache. „Neben dieser großen Sammlung besteht noch die ,Valca vula 1o!u° (3monatliche Sammlung: vula Mond, Monat, tolu drei). Für dieselbe werden Waaren, Früchte, Oel, Seife u. s. w. angenommen. Die Luri und 'lurauAL (Ortsvorsteher) werden von den Missionären aufgemuntert, möglichst eifrig diese .freiwilligen Gaben' einzutreiben, natürlich dürfen keine Zwangsmaßregeln angewendet werden, denn die Regierung würde sie einfach verbieten, es muß alles durch Versprechen geschehen. Viele dieser 1uran§u predigen auch selbst, und thun es gerne. Ob sie auch dazu befähigt sind, darnach fragt die Behörde nicht und der Missionär auch nicht, wenn er nur viel sammelt. Ich habe noch nie einen gehört und auch kein Verlangen darnach. Einige derselben, die das Missions-Colleginm auf der Vitu-Levu-Insel besuchten, werden von der Regierung bevollmächtigt, gültige Trauungen zu schließen. Diese sind verhältnißmäßig gebildete Leute. Sie erhalten 80—40 Pfd. St. jährlich, aber noch einen großen Antheil der Vasia vula tolu, so daß es in ihrem eigenen Vortheil liegt, sie so hoch als möglich einzukassiren. „Alle drei Monate hält der Missionär noch mit seinen Katechisten und Unter-Predigern besondere Confercnzeu ab, in denen immer das beschlossen wird, was er will. „Obwohl getauft, halten viele Eingeborue den Missionär immer noch für eine Art Zauberer, dessen Liebe Glück, dessen Fluch in diesem und in jenem Leben Unglück bringt. Allerdings lehren dies die Missionäre nicht, doch thun sie auch nicht viel dagegen, weil ihr Einfluß sinken würde. „Die Missionäre haben auch ein Recht, von ihren Leuten gewisse Arbeiten, Bebauen der Felder, Gärten, Einsammeln der Produkte, zu verlangen. Einige von ihnen mißbrauchen es! Ihre Schüler sind mehr für sie, als mit dem Lernen beschäftigt. „Auch die Eitelkeit — sie ist sehr groß! — der Fijianer wird vielfach ausgebeutet. Man sprengt z. B. aus, ein Nebendistrikt habe so und so viel an freiwilligen Gaben gespendet. Nun werden z. B. die von ^Vo iru sil nicht ärmer sein wollen! Man sagt den Lulis, die 54 Regierung werde dünn auch diesen oder jenen Wunsch erfüllen, dem reichen Bezirk zur Freude. „Natürlich weiß die Colonial-Negiernng das Alles genau, sie muß ein Auge zudrücken, es sei denn, daß ein weißer Ansiedler offiziell die Sache zur Anzeige bringt. Dann freilich müssen die Missionare alles herausgeben, die Lulis werden abgesetzt, aber — bald ist es beim Alten! Zudem verfeindet man sich auch nicht gerne mit diesen Leuten, die einem Arbeiter entfremden oder sonst das Leben unangenehm machen können. Es erklärt auch zum Theil die Furcht, oft den Haß vieler Missionäre gegen die Europäer, die angesiedelt sind. „Ich habe keine Ursache, mich über die protestantischen Missionäre zu beklagen. Sie hassen mich wohl, weil ich katholisch bin und wir Katholiken es nicht dulden, daß unsere Priester und Missionäre von diesen Leuten verlüumdet und geschmäht werden; sie wissen, daß ich ihr Treiben durchschaue, indeß auch mich nicht um Dinge kümmere, die nicht ich verantworten muß. „Noch ein Beispiel, wie die Wesleyaner Alles zu ihrem Vortheil ausnützen. Sie haben die Communion beibehalten, aber keine Beichte. Anstatt der Hostie benutzen sie kleine Kügelchen, aus Arrowroot und Stärke verfertigt. Sie entziehen den Leuten, welche unsittlich leben, z. B. Ehebruch treiben, die Communion, bis sie sich bessern. Sie heißt: OurusiAN (Ouru eintreten, 8i§n Sonne, Tag). Einzelne — nicht alle! — wesleyanische Missionäre machten eine elende Comödie aus dieser sogen. Besserung! Der Ausgeschlossene brauchte einfach mindestens 1 Pfd. St. zu bezahlen, die Besserung war Nebensache! Nur die Wesleyaner thaten dies, und es soll auch nicht allgemein gebilligt werden. „Gut, aber wie verlüumden uns Katholiken nicht nur die Wesleyaner, sondern fast alle Protestanten mit unserem hl. Ablaß! Zwei der wesleyanischen Missionäre waren allgemein wegen ihres lauten und energischen Einschreitens gegen diesen Seelenschacher bekannt, die mir persönlich bekannten Herren Webb und Gibson. Leider haben diese beiden Ehrenmänner die Colonie verlassen, und es soll jetzt wieder neu angehen. Die Londoner Leitung ruft nicht die Schuldigen ab, sondern ihre Ankläger, weil sie an Einnahmen einbüßen könnte. „Ein gewisser Ehapman, Missionär, trieb seinen Haß gegen die katholische Kirche soweit, daß er eine katholische Kirche auf ^L-su-rvo, anzündete oder anzünden ließ! Er ist in Untersuchungshaft, und man hört, es stehe schlecht mit ihm. Darauf deutet schon, daß die Wesleyaner, entgegen ihrer Gewohnheit, ungemein still und bescheiden find. Sie haben die Sympathien des Gouverneurs gewonnen. Doch Sir Baklcy, unser Ostisk-lluslios, ist ein Ehrenmann, vollkommen unabhängig, und läßt sich nicht beeinflussen. „Glauben Sie indeß ja nicht, daß ich ein Feind der Mission bin, deren Nutzen und Segen ich nicht in Abrede stelle, obwohl meine Erfahrung mir lehrt, daß Vieles nur äußerlicher Schein ist. Was mich empört, ist das Treiben dieser Missionäre gegen unsere liebe katholische Kirche und unsern, von Hübner seinem Verdienst nach gewürdigten Ist Brieloret, von dessen Leiden und Verdiensten mein nächster Brief berichten soll. Er lebt apostolisch einfach und bescheiden und beutet Niemanden aus, wie es die Wesleyaner thaten und zum Theile noch thun. „Auch sind in Li§Ii Ostnrok Hsverenfls ganz andere Leute, haben aber gar keinen Einfluß. „Sie haben wohl vom Ist Damian gehört! Wenn je Jemand die Canonisation verdiente, so ist er es. Man muß nur den Aussatz dort gesehen haben, um sich einen Begriff von dem Leben dieses Märtyrers zu machen! Wir Katholiken können auf einen solchen Mann hinweisen, wenn unsere Feinde, und gar Leute wie die beschriebenen Wesleyaner find, mit Lügen und Ver- länmduugen uns schaden wollen. „Für heute schließe ich .... . Ihr ganz ergebener O. H." Der neue Hochaltar der St. Marienkirche zu Kaiserslautern. kl Ik. Wir lcbcn in einer Knnstära, in welcher auf dem Gebiete des gesannnien Kunsigcwcrbes die profane Innendekoration, trotz vielfacher Ausartungen, ihre täglich wachsenden Triumphe feiert. Der Innendekoration privater, öffentlicher und staatlicher Räume fallen die fürstlichsten Zuwendungen anheim, sie verlangt das regste Studium, sie beansprucht und erhält das Interesse der kunstverständigen, wie der schau- und vcrgnügungSlnstigen Bevölkerung. Im Gegensatze zu diesem künstlerischen Auffvande der modernen Zeit ist die kirchliche Innenarchitektur und Innenausstattung mit einer wahrhaft stiefmütterlichen Unterstützung und mit einem relativ geringen Interesse bedacht, und nur selbstlose Künstler wenden sich den hochidealen, aber in Rücksicht aus pekuniären Erfolg und auf Anerkennung eines modernen, unk.rchlichen Publikums meist undankbaren Aufgaben zu. So viele berühmte Vertreter heute die monumentale mittelalterliche Architektur zählt, so vcrhältniß- mäßig wenige hervorragende Spezialisten weist die kirchliche Innenausstattung und besonders die Holzarchitektur auf. Um so erfreulicher ist es, hie und da in Gotteshäusern Werke der heutigen religiösen Kunst und dcS Knnstgcwerbcs zu treffen, welche den Stempel ächter Kunst, daö Zeugniß langen und gereiften kunstgcschichtlichcn Studiums, den Beweis technisch vollendeter Ausführung an sich tragen, und welche Originalität der Gcsammtform mit Reinheit dcS Stiles und geistiger Tiefe vereinigen. Als ein solches Werk möchten wir den neuen Hochaltar der von Professor Frhrn. v. Schmidt erbauten St. Marienkirche zu Kaiserslautern bezeichnen. Der Altar, entworfen von Pfarrer Stiff in Obcrwintcr a. Rhein und ausgeführt von den Gebr. Port in Münstcrmaifcld (bei Koblenz), ist sowohl in Rücksicht auf die in ihm verkörperten geistigen Ideen, als auch in Beachtung seiner künstlerischen und technischen Ausführung ein ganz hervorragendes Produkt kirchlicher Innenarchitektur und kann ohne Uebertreibung als der künstlerisch werthvollste Hochaltar der Diöcese Speher bezeichnet werden. Der fignralc Theil der Altararbeit ist von Herrn Carl Port (Kunstanstalt in Augsburg) ausgeführt. Die dem Aufbau dcö Flügcl-Hochaltares zu Grunde liegende Idee ist, nach Pfarrer Stiff, folgende: Die Vorderseite des in Stein gearbeiteten AltartischcS ist in 12 kleine Nischen und eine größere Mittelnische eingetheilt, geschmückt mit den Apostclfiguren und unserem Erlöser und die Idee versinnbildend, daß alles Heil von Christus durch das hl. Meßopfer uns zufließt, bezeugt und mitgetheilt durch die Apostel und ihre Nachfolger. Auf dem Mariische, Predella und Altar- schrein überragend, erhebt sich der Haupttheil dcö Ganzen, der weit vorspringende Tabernakel, nuten mit dem Ncpositorium, oben mit dem Expositionsthron versehen, als „turris kortitmäinis, Thurm der Stärke". Selbst bei geschlossenen Flügeln verliert der Tabernakel nicht an seiner Bedeutung. Die Thüre deö Rc- pvsitvriums schmückt eine nach mittelalterlichem Vorbilde ent- 55 worfenc, auf goldgestirntem „Himmel" sich abhebende Darstellung des Heilandes, das Kreuz in der einen Hand, die andere segnend erhoben mit der an den Friesen der Taberuakelthüre angebrachten erklärenden Umschrift: „ÜArsäis tmr vowiuus äs toeo Lancia suo, voniot nt salvet xopuluw snum. Es schreitet der Herr aus seinem Heiligthume, er kommt, sein Volk zu erlösen." Bild und Umschrift soll dem Glauben Ausdruck geben, daß alles Heil des Christen aus Christi Opfer und Sakrament stießt. Die neben dem Repositorium befindlichen vier Medaillons der Predella haben symbolische und vorbildliche Darstellungen der Gottesmutter zum Vorwürfe. In den Bildern des Altar- schreines und der über dem Schreine sich befindenden Mittel- nische kommen sodann die fünfzehn Geheimnisse des Rosenkranzes zur Darstellung. Durch diese plastischen nnd farbigen Bilder, dem Inhalte unseres ganzen Erlösungswerkes, wird dem Beschauer laut die Wahrheit gepredigt, daß wir uns die Gnade unseres ErlöserS aneignen und durch treue Mitwirkung mit derselben durch Trübsal zur ewigen Glorie gelangen werden. Bei geschlossenen Flügeln sind nur die freudenreichen und schmerzlichen Geheimnisse und oben, in vorbczeichneter Nische, die Krönung Maria sichtbar. Der Altar soll so, an gewöhnlichen Tagen, verkündigen, daß, wie Maria (ähnlich wie ihr göttlicher Sohn) sich durch Ergebung in GotteS heiligen Willen, in Kreuz und Leiden den Himmel verdienen mußte, für den Christen kein anderer Weg zur himmlischen Glückseligkeit führt. Damit aber das schwache Herz vor dem Leiden nicht zurückschrecke, ist in dem oberen Nischenraum durch die Darstellung der Krönung Maria stets dem betrachtenden Auge der Lohn deö muthvolle» und geduldigen KampfcS angedeutet. Aus diesem Grunde, nnd weil der Altar zugleich Maricnaltar ist, soll die obere Gruppe immer sichtbar sein, damit dem Erdcnpilger fort und fort das Ziel seiner Wanderung und seines Ringend ungetrübt vor Augen schwebt. Wird aber an hohen Festtage» der Altar geöffnet, dann erstrahlt derselbe in voller Gold- und Farbenpracht, dann erscheinen die glorreichen Geheimnisse in herrlichen Hochrelief- darstellungen, und es wird dem fromme» Beschauer der Lohn der treuen Mitwirkung mit der Gnade, in diesem Leben wie in dem kommenden, an dem Beispiele der Gottesmutter zu Gemüthe geführt. Die zwei Strebepfeiler des Altarschreines umrahmen die Heiligenfiguren: hl. DominikuS nnd bl. Bernhard, den Begründer des Nosenkranzgebctcö und den glühenden Verehrer Mariens. Auf der hohen Endigung der Strebepfeiler stehen Engel mit Posaunen, welche zur Mitwirkung an der im Schreine deö Altares versinnbildlichten Aufgabe des Christen mächtig auffordern. Das ist die geistige Idee des Altares, den wesentlichen Inhalt der durch Christus uns vermittelten Wahrheit, das ganze Erlösungswcrk umschließend, alles in Beziehung auf die gnadenreiche Gottesmutter, der die Kirche erbaut und geweiht, gedacht! Der Altar ist im Charakter der rhcinischen Frühgo thik gehalten und weist auf ein seltenes Vcrtrautscin mit den Formen jenes Stiles hin. Besonders reizend ist der reiche Abschluß deö Altarschreincs. Die Bildhauerarbeit, sowohl in Stein wie in Holz, ist durchgehends vorzüglich und wabrt bei Vermeidung aller anatomischen Fehler der mittelalterlichen Plastik überall den typischen Charakter der besten gothischen Vorbilder. Von jener süßlichen und schematischen Darstellung gothisch sein sollender Heiligenfiguren, mit welchen in den letzten Jahrzehnten so viele Kirchen beglückt wurden, ist nichts zu finden. Ganz ausgezeichnet ist die Polhchromirung des Flüzelhochaltareö, deren harmonische und prächtige Farbenwirkung leider in Folge der ungünstigen Beleuchtung des Chores nicht voll zur Geltung kommt. Das Material der Architekturthcile des Altares, mit Ausnahme der Mensa und des Stipcs, ist Eichenholz. Die Mensa und der Unterbau sind in grauem, die sie schmückenden Figuren in weißem Sandstein gearbeitet. Die drei Stufen des Altares bestehen aus dunkclgrauem Marmor. Das Repositorium deö Tabernakels ist mit vergoldeten und theilwcise verzierten Kupferplatten ausgelegt. Die rechts und links von demselben befindlichen Medaillons der Predella sind in Glasemail ausgeführt. Die technische Herstellung des Kunstwerkes ist eine durchaus exakte und solide. Selbst der mit elegantem Maßwerk de- korirten Rückseite des Altares ist dieselbe Sorgfalt zugewendet, wie den übrigen Theilen des Werkes. Pfarrer Stiff, der Schöpfer des Altares, und die Firma Gebrüder Port haben durch den Hochaltar der St. Marienkirche zu Kaiserslautern ein Denkmal der heutigen religiösen Kunst geschaffen, welches zur allseitigen Beachtung und zur Nachahmung herausfordert, sie haben die höchsten Geheimnisse unseres Glaubens in einer seltenen geist- und kunstvollen Weise zum Ausdrucke gebracht und sich Hiebei, als selbstlose christliche Künstler, mit bescheidenem Lohn und bescheidener Anerkennung begnügt. Möge ihnen diese Anerkennung durch diese Zeilen, wenn auch verspätet, in weiteren Kreisen zum Antheile werden! Recensionen und Notizen. Katholisches Kirchenrccht. Von Franz Heiner. Erster Band XIV und 391 S.; zweiter Band 438 S. Paderborn, Schöningh 1893/4. An Lehr- und Handbüchern des kath. Kirchenrechts ist wahrlich kein Mangel. Nennen wir unter den neueren nur Aichner, Hcrgenröthcr, Lämmer, Phillips, Scherer, Silbcrnagl, Bering, deren jedes vortrefflich ist, jedes seine eigenartigen Vorzüge auszuweisen hat. Und doch — ein gutes Buch hat man nie zuviel. Ein solches liegt uns aber ohne Zweifel in dem neuen Heincr'schen Werke vor. Der Verfasser, Schüler der berühmten römischen Kauonisten Santi und de Angeliö, bat sich auf dem Gebiete des Kirchenrechts bereits einen ehrenvollen Namen erworben durch seine Arbeiten über die kirchlichen Censuren und das Eherecht, nnd auch vorliegendes Handbuch, das in zwei mäßigen Bänden vollständig erschienen ist, zeichnet sich durch große Klarheit und Uebersichtlichkeit aus nnd empfiehlt sich dadurch insbesondere für Kandidaten der Theologie und für Seclsorgsgeisiliche, deren Bedürfnisse der Verfasser, wie er in der Vorrede selbst bemerkt, bei Abfassung des Werkes vorzüglich berücksichtigt hat. Demgemäß hat sich der Verfasser bei seinen Citaten und Literaturangabcn durchaus auf das Nothwendigste beschränkt, mit vollem Rechte. Denn ein Zuviel, ein Wald von Namen verwirrt, nnd besonders für den praktischen Seclsorgö- gcisilichen handelt es sich doch zuvörderst darum, für jede Materie den gleichsam klassischen Autor kennen zu lernen. Die Diction des Verfassers unterscheidet sich vorthcilhaft von dem vielfach sehr geschraubten und oft ungenießbaren Juristendeutsch. All dies schließt freilich nicht aus, daß nicht etwa für eine hoffentlich bald nothwendig werdende neue Auflage einige Verbesserungen wünschenSwcrth wären. Vor allem dürfte daö Register sorgsamer bearbeitet werden. Hier sucht man z. B. „Fc- bronius", „Papalsystcm", „Spolicn (-Recht und -Klage) umsonst, bei „Episeopaliystem" ist auf S. 271 verwiesen, wo aber vom Episcopalshstem als Ausfluß deö von den weltlichen Fürsten beanspruchten ins circa saora, nicht im Gegensatz zum Papalsystcm gesprochen wird. Ucberhaupt hätte das so viel besprochene Papal- und Episcopalshstem im Rahmen der geschichtlichen Entwicklung gründlicher behandelt werden dürfen, auch die wichtige Frage über die potostas ocetcsias in tcmporalia hätte im Verhältniß zu andern Partien des Buches eine eingehendere Darlegung verdient. S. 341 beißt eö: „In Bezug auf den räumlichen Umfang erstrecken sich die pfarrlicheu Rechte auf alle diejenigen christlichen Personen, welche innerhalb des örtlich abgegrenzten Bezirks ihr Domicil haben." So richtig dieser Satz rein theoretisch betrachtet ist, so wird dem Verfasser selbst bewußt sein, daß die Praxis eine ganz andere ist, und umsomchr hätte er in seinem vornehmlich für praktische Bedürfnisse berechneten Buche darauf Rücksicht nehmen und die Frage nach dem Einfluß der ConfcssiouSverschiedcuheit in Bezug auf die Pfarrangcbörigkcit erörtern müssen; s. HinschiuS, KN. 2. B. S. 313 ff.; Aichner lehrt tu seinem trefflichen Compcndium, 7. Anst., S. 431, ausdrücklich: »Lä iiarocüianos jam pertinent omncs, gut tu Irao äistrictu äomleitiuw vvl guai-iüouueilium 56 obtänuerunt vt üclal catliolieao aäüicti suut.« S. 99 läßt der Verfasser die Kvnstauzcr Shuode von Martin V. bestätigt sein, soweit ihre Beschlüsse ooneiüariter und nicht uatioualiter und in Sachen dcö Glaubens gefaßt sind, und beruft sich hiebet aus Helcle, Conc.-Gcsch. VII. 350. Letzterer handelt aber an dieser Stelle nicht hierüber, sondern S. 368 s., und ob sich die hiebet in Betracht kommende gelegentliche Aeußerung Martins V. aus das ganze Concil und nicht vielmehr bloß auf die ihr in den ConcilSakten unmittelbar vorangehenden Faltenbergischcn Händel bezieht, ist sehr fraglich; s. Tüb. Quart.-Schr. 1838, S. 451-464; Funk. KG. 2 S. 364. DaS vom Vs. S. 239 s. unter Berufung auf daß 3. karthagische und 4. latcr. Concil (citirt ist hier e. 25 X. 3. 1. cS soll heißen o. 15) aufgestellte Verbot ist, mag auch Biederlack 8. 9. (Zeitschr. s. kathol. Theol. 1894 S. 150) daS Gegentheil behaupten, in der vom Verfasser beliebten Allgemeinheit entschieden zu rigoristisch. Man sollte sich doch hüten, Bestimmungen, die vom 3. karthagischen (i. I. 397) und 4. latcran. Concil (1215) unter völlig anderen Voraussetzungen erlassen wurden, so ohne weiteres auf die Gegenwart zu übertragen. Die Verhältnisse sind nicht an allen Orten und zu allen Zeiten dieselben, was an einem Orte zum Aergerniß gereicht, muß es nicht auch an allen anderen, Mißbrauch richtet sich von selbst. Viel ruhiger urtheilt Scherer, Handb. d. KN. I. S. 375- — Druck und Ausstattung des Heincr'schen Lehrbuchs durch die rührige Verlagsbuchhandlung verdienen alle Anerkennung. _ I)r. Lob. Keiter H., Katholischer Literaturkalcndcr. IV. Jahrg. Mit 8 Porträts. Rcgcnöburg, Selbstverlag. 1894. 8°, 236 S. M. 2.90. -j- Wenn man den ersten Jahrg. von 1891 dem heurigen gcgcnübcrhält, dann kann man sich mit Recht des Fortschrittes freuen, welchen in solcher Frist das vom Herausgeber deS „Deutschen HauSschatzeS" unternommene Werk augenfällig gemacht hat. Acht (Albert-)PorträtS zieren den neuen Band: Bischof Simar von Padcrborn als Titelbild, Geh. Neg.- NathAltum, Jos. Galland ch, Propst Ant. Kcrschbaumer, Hofrath Onno Klopp, Frl. Emilie vonNiugSeiS, ?. Albert Maria Weiß und Professor H. Zschokke; das Autorenvcr- zeichniß beansprucht 244 gesp. Seiten, daran reihen sich eine Todtcnliste, eine Aufzählung von Fachzeitschriften und hervorragender Erscheinungen auf dem katbcl. Büchermarkt vom Oktober 1892 bis November 1893, eine Zusammenstellung kath. Vcrlagshandlungen und Antiquariate Deutschlands, Oesterreichs, Luxemburgs und der Schweiz; ein Anhang von 32 S. bringt „Anzeigen". Der Fleiß der Arbeit und die mühselige Genauigkeit der bibliogr. Angaben werden dem Herausgeber überall eine wohlverdiente Anerkennung gewinnen und dem Buche gewißlich einen großen Liebhabcrkreis im kathol. Publikum, auf welches es zunächst abgesehen ist, erobern, und wäre cö auch nur, baß Manchen bloß die berechtigte Nengicrde lockte, einmal eine bibliographische Statistik der literarisch thätigen Glaubensgenossen zu Händen nehmen zu können! ES ist eine nicht leicht zu lösende und dabei die Maxime für den Herausgeber bildende Frage: Wer kommt überhaupt in einen kath olis cb en Literatur- kalender? Er soll doch mehr sein als das konfessionelle Selcct aus Kürschners deutschem Literaiurkalendcr! Und dafür, so däucht uns, wäre es besser, weniger „Nummern" und lauter Namen von Verlaß zu bringen. An der hochzeitlichen Tafel des heurigen kathol. Literaturkalenders sitzt nun hie und da Einer, den ein Nachbar, der ihn zufällig vertrauter kennt als der Herr dcö Hauses, mit Verwunderung unter den Geladenen erblickt. Wir geben zu, daß eö schwer ist, sich mit den Kalender- daten zugleich gewissermaßen die Bckenntiiißtreue des Nubrikaten jeweils bestätigen zu lassen. Aber, wenn Jemand wie z. V. Professor. M . .r. v. Wbg. in seiner Lehrthätigkcit schon öffentliches Aergerniß gegeben hat, oder wenn ein Zweiter und ein Dritter nie einen katholischen Verleger respectirt oder nichts von Eörres- odcr Leogesellscbast wissen will und von ähnlichen Unternehmungen und Prüfungen einer wcrkthätigen katholischen Gesinnung —, für solche Nummern kann füglich ein „katholischer Literaturkalcndcr" Papier und Druckerschwärze sparen, sie passen besser in die indifferente Gesellschaft Kürschners. Leipold Eugen, Coinerenzlchrer (jetzt kgl. KrciSschulinspector) in Negcnsburg, Deutsche Litcraturgeschichte, in 50 Kreise abgetheilt, nebst einem Anhange über Metrik und Poetik. Straubiug, Attenkofer, 1893. 136 S. Ueber den Zweck dieses vortrefflichen Schriftchens äußert der Vers. selbst in der Vorrede: „Dieses Büchlein soll jener großen Menge von Wißbegierigen, die keine Zeit haben, in umfangreichen Werken zu lesen oder die großen Einzeldarstellungen zum Gegenstand des Studiums zu machen, einen Ucbcrblick über die wichtigsten Dichter und Schriftsteller gewähren." DaS Büchlein ist, wie aus der Praxis erwachsen, so für die Praxis bestimmt. In seiner früheren Thätigkeit als Conscrcuzlcbrcr empfand der Verf. besonders lebhaft das Bedürfniß, den Schuldicnstexspectante» eine gedrängte Uebersicht der hervorragendsten Erscheinungen auf dem weitauSgcdchnten Gebiete der deutschen Literatur zu verschaffen. Auch die Ein- tbeilung in 50 Kreise erklärt sich daraus, daß von Woche zu Woche ein annähernd gleich großes Pensum abgesteckt werden sollte, um so binnen Jahresfrist mit dem Ganzen zu Ende zu kommen. Wie sogleich c>aS Inhaltsverzeichnis; ersehen läßt, wurde die schwierige Aufgabe erfolgreich gelöst. Zu bedauern bleibt, daß nicht ein alphabetisches Vcrzeichniß der zur Besprechung gelaugten Klassiker einerseits die Benützung erleichtert, andrerseits die fast erschöpfende Vollständigkeit der zur Darstellung gebrachten Autoren erkennbar macht. In dein bereits vorhandenen JnhaltSverzeichuiß steht beim 13. Kreis Grotte, während S. 27 richtig Groote sich findet. Die Aufführung griechischer und lateinischer Klassiker (L>. 53 beim 26. Krciö) wäre besser unterblieben. Beim 41. Kreis steht im JnhaltSverzeichuiß irrig Carmen Shlvia, S. 93 dagegen richtig Sylva. Beim 43. Kreis ist S. 105 ein störendes Versehen unberichtigt geblieben; bei Wilhelm Born waren nämlich die mit Anführungszeichen versehenen Worte „Wilhelm von Born" zu tilgen, da ja nicht der Titel deS Epos, sondern daS Pseudonhm des Verfassers also lautet. Beim 50. Kreis enthält daS JnhaltSverzeichuiß den Namen NümelinS, S. 124 liest man schon richtiger NümelinS, in Wirklichkeit hieß jedoch der Tübinger Kanzler Rümelin. Ebenda (S. 124) hätten bei Alban Stoez dessen hl. Elisabeth, der Besuch bei Sem, Chain und Japhet, die Witterungen der Seele u. s. w. gar wohl eine Erwähnung verdient. Ungern vermißt man endlich unter den Dichtern der Gegenwart die Namen: Baum- gartner, Kreitcn, Lco Tcpe van Heemstede, die Novcl- listin MarieHerbert, den Satiriker Sebastian Brunner. Im Anhange über die Theorie der Metrik u. s. f. erscheint die begriffliche Unterscheidung zwischen Figuren und Tropen kaum hinreichend klar gefaßt (S. 125). Die Dichterin Sappho stammte aus Leöbos. nicht aus Lemnos (S. 131). Schließlich muß es S. 136 heißen: Makame (Sitzung, Haltpunkt, nicht: Makamanc (Unterhaltung)). Alle diese und ähnliche Ausstellungen wird der Vers. bei einer bald zu erhoffenden neuen Ausgabe leicht verbessern; denn da er keine trockene Aufzählung bietet, vielmehr eine mit frische» Farben gesättigte Darstellung, kann es ihm an der verdienten Anerkennung nicht fehlen. Möchten namentlich die Lehrer der deutschen Schule, für welche die Schrift in erster Linie geschrieben ist, auch aus ihr ersehen, welch' ein reicher, vielfach noch »»gehobener Schatz für sie in der deutschen Literatur geschlossen ruht! Schenz. Der fromme Verehrer des hl. Josef oder der Monat März, geheiligt durch fromme Uebungen zur Verehrung dcö hl. Josef. 3. Anst. Frciburg, Herder. Preis in Lwd. mit Notbschnitt M. 1.60, in Schaflcder mit Goldschnitt M. 2.20. r Dieses hübsch ausgestattete Andachtsbüchlein wird jedem Verehrer des hl. Josef willkommen sein, der denselben durch einen ganzen Monat hindurch in besonderer Weise feiern will. Die Beispiele, welche in dem ersten Theile jeder einzelnen Betrachtung beigefügt wurden, sind von frommen, glaubwürdigen Männern erzählt und auS den bewährtesten ascetischen Schriften aufgenommen worden. Der zweite Theil enthält Andachtsübungen zn Ehren des hl. Josef, eine ncuntägige Andacht zu demselben, Litaneien, Psalmen rc., dann allgemeine Andachts- übuugcn wie Morgen- und Abendgebete, Mcßgebete, Beicht- und Communionandachteu. _ Kurze Lebensbilder von Heiligen. Von M. Nedcatiö. Verlag von Bcnziger u. Cie., Einsiedcln. T In einer ganz allerliebsten Ausstattung liegen uns aus oben genanntem Verlag kurze Lebensbilder von Heiligen der katholischen Kirche vor. Es sind kleine Heftchen von 16 kleinen Seiten in gefälliger Schrift mit Rothlinien-Eiufassung, welche je ein Lebensbild eines Heiligen oder einer Heiligen in kurzer prägnanter Schilderung geben und recht ansprechend geschrieben sind. Die Heftchen, welche vom Herrn Bischof in Chur appro- birt sind, eignen sich besonders zu kleinen Namenstaggcschenken. Der Preis ist nur 10 Pst Per Heftchen. Bis jetzt umfaßt die Serie der erschienenen Heftchen 46 Heilige. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in AuzSbnrg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg. 22. Mrnar 1894. öil'. 8. Der gegenwärtige Stand der Hydrotherapie. Von vr. H. Euringer. Die Behandlung von Krankheiten mit Wasser ist nichts Neues. Sie läßt sich bis zu den Zeiten des Hippokrates zurückverfolgen, und schon Asklepiades hatte den Beinamen Psychrolutes (Kaltwasserbader). Kaiser Augustus und Dichter Horatius wurden schon von An- tonius Mufa mit bestem Erfolg hydrotherapeutisch behandelt. Es gab allerdings im Laufe der Zeiten verschiedene Perioden, wo das Wasser von andern Heilmethoden mehr in den Hintergrund gedrängt wurde, um dann nach kürzerer oder längerer Pause wieder in der Werthschätzung der Patienten zu steigen. Dazu trugen — das kann und soll nicht geleugnet werden — namentlich zu gewissen Zeiten hervorragende Laienhydrothera- peuten bei, wie z. B. ?. Bernhard, ein italienischer Kapuziner, der schon 1724 auf Malta „das Barfußgehen auf kalten Steinen, nassem Boden und frischem Schnee" schilderte, Umschläge und „Aufschläger" anwandte, ferner der geniale Bauer und Thierarzt Prießnitz 1799 und heute der gefeierte Empiriker Pfarrer Kneipp. Daneben entwickelte sich unentwegt die wissenschaftliche Hydrotherapie weiter, und wenn auch manche Aerzte aus Skepticismus oder aus — Bequemlichkeit nicht viel davon wissen wollten, so hat es doch jeder Zeit bis auf den heutigen Tag zahlreiche und bedeutende Vertreter und Anhänger dieser Heilmethode unter den Aerzten gegeben, wovon die zahlreichen Schriften aller Zeiten über diesen Gegenstand und die vielen ärztlich gegründeten und geleiteten Wasserheilanstalten Zeugniß geben. Den gegenwärtigen Stand dieser Frage mögen uns einzelne Aussprüche bekannter Aerzte verschiedener Länder illustriren. Italien: Pros. Semmola von der Universität Neapel, ein persönlicher Zeuge der Prießnitz'schen Zeiten und Erfolge, schreibt in einem Werke (1890), das durch ein Vorwort von Pros. Nothnagel in Wien besonders empfohlen wurde: „Bei Organerkrankungen, die aller Behandlung trotzen, weil sie durch bestimmte Veränderungen im Stoffwechsel begünstigt werden, kann der Arzt in vielen Fällen eine wahre und wirkliche Kur vollbringen, indem er ohne jedes Mcdicamcnt alle Funktionen des Organismus zur höchsten Thätigkeit anspornt und zwar durch bloße Anwendung der gewöhnlichen physiologischen Agentien und hauptsächlich der Hydrotherapie. „Der methodische innere und äußere Gebrauch des WasscrS im Vereine mit Klima, Bewegung rc. sind die Mittel, wodurch die Wasserheilkunde die Hautthätigkeit anregt und damit alle Funktionen des Stoffwechsels und der Ausscheidung, so daß oft wahre Wunder von Heilung bei ernsten und desperaten Krankheitsformen beobachtet werden." In dem IV. Congreß der SocietL Jtaliana di Jdrologia zu Florenz im Jahre 1892 sprach unter andern Pros. Canova von Adorno über die Wasserbehandlung der Nückenmarksschwindsucht. Er kam zu dem Schlüsse, daß die Hydrotherapie für die Behandlung derselben von kapitaler Bedeutung sei. Cantani verwendet seit vielen Jahren das kalte Wasser theils mittelst Trinkens, theils mittelst Einziehungen zum Zwecke der Wärmeentziehung bei fieberhaften Erkrankungen. Er läßt z. B. beim Flecktyphus den Kranken binnen 24 Stunden 5—6 Ltr. eiskalten Wassers nach und nach trinken und erreicht damit eine merkliche Abkürzung der Kraukheitsdauer. Frankreich: Dujardin-Beaumetz sagt in seinen klinischen Vorlesungen (Therap. Gazette 1888): „Die günstigen Erfolge des kalten Wassers bei der Behandlung von Krankheiten rühren von seiner Physiologischen Wirkung auf die Circutaiion, das Nervensystem, die Ernährung, sowie von seiner revulsiven und wärmeherabsetzenden Wirkung her." Jacquet glaubt, daß die methodische Anwendung der Hydrotherapie bei Hautkrankheiten, die von Störungen des Nervensystems abhängig sind, mehr als billig vernachlässigt werde. Er räth, Hiebei öfters, als dies bisher üblich, zur Hydrotherapie seine Zuflucht zu nehmen und zwar in Form von Donchcn und kurzen kalten Ueber- gießuugen. Pros. Peter von der Vools äs Llsäioens sagt in seiner Vorrede zu dem Werke von Duval: „Hydrotherapie genügt in den meisten Krankheitsfällen. Mit andern Behandlungsmethoden combinirt, ist sie ein mächtiges Unterstützungsmittel. Kann man Besseres oder mehr darüber sagen?" Bemerkeuswerth ist noch, daß der Generalrath deS Departements Hautes-Pyrsuses in einer Resolution der Regierung den Wunsch ausgedrückt hat, daß ein Lehrstuhl für Hydrologie an der medicinischen Fakultät von Toulouse errichtet werde. Auch durch ärztliche Vereinigungen, wie z. B. die Looists ä'v^ärolo§is insäisals äs varis mit 1200 Mitgliedern, und Preisausschreibungen gibt die gelehrte Welt ihr Interesse an der Wasserbehandlung kund; so wurde im Jahre 1892 von der ^saäönris äs Nsässins in Paris ein Preis von 5000 Frs. für die beste Abhandlung über die Kaltwasserbehandlung des Typhus vertheilt; im Jahre 1894 gelangt der vrix Oaxuron zur Vertheilung. Thema: Vergleichende Untersuchung über die hydrologische Behandlung der Zuckerkrankheit. England: Pros. Lander Brunton empfiehlt das Wasser als Lösungsmittel und Reinigungsmittel. „So wie das Wasser zum Durchspülen der Kanäle verwendet wird, so reinigt es auch den Körper von Abfallsproducten." Besonders bei Gicht und Rheumatismus, bei Zuckerkrankheit, Verstopfung rc. hat er von Anwendung dieses einfachen Mittels die schönsten Erfolge gesehen. Seit Beginn des Jahres 1891 ist von englischen Aerzten bei Fieberanfüllen zur Herabsetzung der Temperatur ein mechanischer Apparat „Issoraäls" (Eisgestell) in Verbindung mit Abspülungen in Verwendung, vr. Soltan-Fenwick (London) berichtet über 100 Fälle von Unterleibstyphus und über 153 von acuter Lungenentzündung, welche mit glänzendem Erfolge auf diese höchst einfache Art behandelt worden waren. vr. Angel Money redet der Kaltwasserbehandlung ganz besonders bei Luftröhren-Lungenentzündung von Kindern das Wort. Der hauptsächlichste Vortheil liegt nach M. in der Erhaltung der Kräfte, nicht allein des Herzens, sondern auch der Athmung, des Nerven- und Muskelsystems, ferner wird die Dauer der ganzen Erkrankung abgekürzt und die Neconvalescenz eine raschere. Oesterreich: Professor Winternitz, Gründer und Leiter der Klinik für Hydrotherapie in Wien, Besitzer der großartigen Kaltwasserheilanstalt in Kaltenleut- geben, Herausgeber der Blätter für klinische Hydrotherapie, schreibt am Schlüsse seines großartigen Werkes über Wasserheilkunde: „Die großen Erfolge deS Kaltwasserverfcchrens in chronischen Lokal- und Allgemeinerkrankungen, namentlich in Stoffwechsel- störuugcn, zu leugnen, fällt gegenwärtig wohl keinem Arzte mehr ein, auch ihre rationelle Begründung wird nicht bezweifelt." Und an anderer Stelle: „Man vermag mit einzelnen thermischen und mechanischen Eingriffen eine große Reihe von Anzeigen zu erfüllen, bestimmte Störungen auszugleichen, Gefäßeverengcrnng, Gcfäßeerweiternng, Erhöhung und Herabsetzung des Gefäßtonus, Verlangsamung und Beschleunigung, Schwächung und Verstärkung der Hcrzcontraktionen, Veränderung der Dlutvertheilung und der Strömungsgeschwindigkeit können wir oft mit Sicherheit durch das kalte Wasser bewirken. Wie tief eingreifend in die intimsten organischen Vorgänge. in den BiochemiSmus muß sich eine solche Aktion schon von diesen Gesichtspunkten gestalten!" . . . Pros. Winternitz, der in Wien über Kaltwasser- heilknnde liest und Kurse abhält, hat unter andern hochinteressanten Untersuchungen auch den Nachweis von gewissen Blntverändernngen nach thermischen Eingriffen geliefert, über die wir hier der großen Bedeutung wegen die Hauptsache skizziren: 1. Bei allen allgemeinen, die ganze Oberfläche des Körpers treffenden thermischen und mechanischen Proceduren: Abreibungen im nassen, kalten Laken, Lakenbädern, Tauchbädern, Halbbädern, allen Arten die ganze Körperoberfläche treffenden Douchen, Dampfbädern mit nachfolgenden kalten Proceduren, wechselwarmen, sogen, schottischen Anwendungen, kalten Vollbädern zeigte sich eine Vermehrung der Blutkörperchen. 2. Die Zunahme der rothen Blutkörperchen betrug bet 56 untersuchten Individuen im Maximum 1,860,000 pro Cubikmillimeter, der Hämoglobin-(Blntfarbstoff-)Gehalt im Maximum 14 °/g. 3. Das Blut wird dem normalen ähnlicher und damit auch alle Ernährungsvorgänge, und unter methodischer Wiederholung wird dieser temporäre Effect zu einem dauernden. Winternitz sah auf diese Weise schwere Fülle von Anämie und Bleichsucht zur Heilung kommen. — Dieser Fund ist von eminenter Bedeutung. Dr. Fodor sagt: Es gehört die Hydrotherapie zu jenen Heilmethoden, die, abgesehen von ihrer lokalen oder symptomatischen Wirkung, nahezu in allen Fällen den Gefammtorganismus günstig beeinflussen, lebenswichtige Funktionen anregen und dadurch auf Wegen, die ex- perimcntell nicht verfolgt werden können, zur Ausgleichung krankhafter Störungen führen. Rußland: Die russischen Aerzte sind im Großen und Ganzen Freunde der Hydrotherapie und haben namentlich in den letzten Jahren sehr werthvolle Arbeiten über diesen wichtigen Heilfactor geliefert. Ich erwähne nur die zahlreichen Arbeiten über die physiologischen Wirkungen der abkühlenden, indifferenten und erwärmenden allgemeinen und lokalen Douchen bei den verschiedensten Krankheiten. Ungarn: Von den ungarischen Aerzten, welche über dieses Thema gearbeitet haben, verdient Dr. E. Tuszkay, Frauenarzt in Budapest, besondere Erwähnung. Er schreibt: „Die glänzendsten Erfolge werden uns durch diese Behandlung zu Theil in den Fällen, wo wir sonst meistens rath- und thatloS dastehen. (Er meint damit die Frauenleiden.) Aber auch die Geburtshilfe muß der Hydrotherapie sehr dankbar sein, so viele unersetzliche Behandlungsmethoden hat selbe ihr geschenkt. . . . Alle Vorurtheile müssen endlich schwinden und man soll endlich der Wasserbehandlung im Interesse der leidenden Menschheit ein wohlverdientes großes Feld in der Gynäkologie und Geburtshilfe einräumen." I)r. Fischer behandelt das Wechselfieber mit kaltem Wasser, beklagt sich aber bitter über die „wasserscheuen Patienten". „Es bedarf von Seite des Praktikers, insbesondere auf dem Lande, eines gewissen Grades von Muth und Energie, dem Patienten die Kaltwasserbehandlung anzutragen. Hat doch das Laienpublikum im Allgemeinen eine Aversion gegen jedes „kalte" Verfahren und erschrickt, wenn man ihm anräth, eine mit Schüttelfrost einhergehende Krankheit mit kaltem Wasser behandeln zu lassen. Ein sich mit Hydrotherapie befassender praktischer Arzt muß es daher noch als ein Glück ansehen, daß der Empiriker von W örisbofcn durch seine im Publikum verbreiteten, in naiver lcichtfaßlicher Schreibart verfaßten Schriften die Wasserproceduren bei dem Laicnpubliknm einigermaßen populär gemacht hat, uud ist es vielleicht unter Anderem auch diesem Unistande zuzuschreiben, daß von den frischen Wechselfieberfällen, die mir in den Monaten Juli und August unterkamen, sich beiläufig */, der Kaltwasserbehandlung unterzogen." Sachsen: Professor F. A. Hoffmann von der Universität Leipzig sagt in seinen Vorlesungen über allgemeine Therapie: „Mit der Zeit werden alle chronischen Krankheiten zur Domäne der Bäderbehandlung gehören." Baden: Professor Erb in Heidelberg widmet dieser Frage in seinem berühmten Werke über Nückenmarks- krankheiten folgende Worte: „Kälte und Bäder in verschiedenen Formen gehören zu den wichtigsten therapeutisch wirksamen Agentien auf diesen: Gebiete. Diese Methode hat, seitdem sie genauer studirt und rationeller ausgeübt wurde, einen bemerkenswerten Aufschwung genommen. Ihre Resultate bei allen möglichen Formen chronischer Nervenleiden sind außerordentlich günstig. Es gibt wenige Heilmittel, die einen gleich mächtigen Einfluß auf das Nervensystem ausüben." Preußen: Professor Leyden äußert sich über die Behandlung der Rückenmarkschwindsucht mit Wasser also: „Obwohl die unvorsichtige Anwendung der Kälte oder deS kalten Wassers den Tabikern leicht Schaden bringt, erweist sich doch eine vorsichtige Anwendung desselben als entschieden nützlich und wohlthuend. Besonders nützlich hält er die Kaltwasserkuren zur Sommerszeit, wo sie auf die Muökelthätigkeit und das ganze Befinden erfrischend wirken; die wohlthätige Wirkung des kalten Wassers beruhe auf einer allgemeinen Erfrischung und Kräftigung, einer Erregung der Hautncrven und Abhärtung gegen Wittcrungseinflüsse und Erkältungen." Lübeck: Dr. Pauli im Lübecker Kinderspitale behandelt die Diphtherie der Kinder mit glänzendem Erfolge mit Hydrotherapie. Von 122 kleinen Patienten wurden auf diese Art 117 behandelt; davon starben nur 14; bei ächter Diphtherie ein schönes Resultat. Bayern: Strümpell in Erlangen schreibt in seinem Lehrbuche: „Es gibt gegenwärtig keine andere Behandlungsmethode des Typhus mit so zahlreichen und sichtbaren Vortheilen für den Kranken. Wir betrachten es als Pflicht jedes Arztes, der eine Typhusbehandlung unternimmt, alles mögliche zu thun, um die Kaltwasserbehandlung durchzusetzen." Ziemssen (Therapie der Tuberculose) sagt: „Ich kann dieses Kapitel der Prophylaxis nicht schließen, ohne der Hydrotherapie zu gedenken, welche hier sowohl als bei der entwickelten Tuberculose eine außerordentlich wichtige Rolle spielt. Wasser, richtig temperirt, ist das beste, einfachste Mittel, das überall und bei jedem angewendet weiden kann. Der Effekt dieser Procedur, der verschiedentlich variirt werden kann, ist einer der besten, die der Arzt zu erreichen vermag." Bei Behandlung von Magenleiden heißt es: „Ich kann auf die Methode der Hydrotherapie nicht näher eingehen, sondern will nur die Thatsache hervorheben, daß sie bei Störungen deß Verdaunngsapparatcs, besonders bei chronischen Magenkatarrhen rc., sehr günstig wirken." Dr. v. Hößlin (München) schreibt über die Behandlung von Bleichsucht: »In Fällen, in denen es durch innerlichen Gebrauch von Eisen, kräftiger Nahrung und anderen diätetischen Behandlungsmethoden nicht gelingt, eine Zunahme der Blutbildung zu erreichen, gelingt dies oft durch eine energische Anregung des Stoffwechsels, wie sie durch die Hydrotherapie . . . erreicht werden kann." Australien: Die Schlußfolgerungen aus einer Abhandlung über 2400 mit kaltem Wasser behandelte Fälle von Typhus aus dem Brisbane-Hospital, Queens- land, lauten: (Londoner Practitioner, März 1891.) „Durck die systematische Bäderbehaudluug kaun die Sterblichkeit an Typhus bedeutend herabgesetzt werden. Die Verminderung kann selbst 50 °/„ der früheren Sterblichkeit erreichen. Dieser Erfolg kann erzielt werden, trotzdem eine Anzahl Fälle für diese Behandlung ungeeignet ist; bei nur passenden Fällen läßt sich noch viel mehr erreichen durch Verhütung jener Com- plicationen und TodeSarten, welche man als Folgen der hochgradigen Temperaturen kennt. Es ist keine Uebertreibung, wenn behauptet wird, daß einfache Herzlähmung von der Liste gestrichen werden müßte, wenn alle Fälle gleich in der ersten KrankheitSwoche zur Behandlung gelangt wären." Smyrna: Or. Burgniöres schreibt über die Cholerabehandlung: „Besonders empfehlenswerth ist die Wasserbehandlung, die ich nnt sehr gutem Erfolge angewendet habe. Die Kranken wurden in ein in Brunnenwasser eingetauchtes Leintuch eingewickelt und mit Wolldecken bedeckt; so blieben sie bis zwei Stunden und bekamen viertelstündlich ein Glas Wasser zu trinken. In allen Fällen trat nach kaum einer halben Stunde Wiedererwärmung ein. Dann wurde das nasse Leintuch erneuert und zwar 2—3 Mal." Amerika: Or. U. A. Hare, Professor der Therapie am Jefferson-College, sagt in einer Prcisschrift in Bezug auf das kalte Bad: „Kalte Bäder besitzen einen günstigen Einfluß, dem nichts anderes an die Seite zu stellen ist." Gaillard's Medical Journal in New-Aork schreibt in der Jahresübersicht über die Fortschritte der Medicin: „Die Hydrotherapie ist Dank den ernsten und beharrlichen Bemühungen des Dr. Baruch in der Werthschätzung der Aerzte gestiegen . . . Die Wirkung des Wassers ist eine ganz andere, als die der antipyretischcn Medicamente und bei vielen Krankheiten. besonders aber bei Typhus, ist es durch nichts anderes zu ersetzen." Dr. Elliot, Arzt des St. Agnes-Hospitales in Philadelphia, berichtet über eine Herabsetzung der Sterblichkeit in diesem Krankenhause von 26,6 °/<> im Jahre 1889 und 24 °/g im Jahre 1890 auf 6,5 °/g im Jahre 1891, nachdem er die Bäderbehandlung eingeführt hatte. Auch bei Geistes- und Nervenkrankheiten findet die Hydrotherapie in Amerika immer mehr Anwendung. Diese Belege, die natürlich noch bedeutend vermehrt werden könnten, mögen genügen, die Behauptung, daß die ärztliche Welt der Wasserheilkunde feindlich gegenüberstand und stehe, ins rechte Licht zu rücken, und möchte ich nur vor einer Ueberschätzung warnen, die immer, wie nicht nur die Geschichte der Medizin, sondern der ganzen Menschheit lehrt, von einem Extrem ins andere führt und der größte Feind des Guten ist. Man darf in der Hydrotherapie kein Allheilmittel sehen und nichts Unmögliches von ihr fordern. Denn, wie „kein Kräutlcin wächst auf Erden wider den Tod," so fließt auch, Gott sei's geklagt, kein Wässerlein, das uns unverwundbar und unsterblich wacht. Palestrinafeier in München am 2. Febr. 1894. Motto: „Diesen Kuß der ganzen Welt." L. Die Ueberschrift, welche für die folgenden Zeilen gewählt worden ist, legt sofort einige Fragen nahe, deren Beantwortung nicht uninteressant sein dürfte. Erstens: wer hat eine Palestrinafeier veranstaltet? Herr Dom- capellmeister Eugen Wöhrle in München — das scheint übrigens das eigentlich Interessante nicht zu sein; interessant wäre es vielmehr, wenn ein Domcapellmeister den 800?) ') 300. Todestag — nickt 400., wie A. G. in seinem Lcbens- abriß Palestrina's zweimal sagt, Beil. 5 z. „Angsb. Postztg." Todestag Palestrina's vorübergehen ließe, ohne den großen Todten zu feiern. Die nächste Frage ist: Mit wem hat der Herr Domcapellmeister eine Palestrinafeier veranstaltet? wohl mit seinem Domchore? Wenn die Antwort bejahend lautete, so wäre auch das nichts besonders Interessantes — wenn ein Domchor Palestrina nicht kennt und feiert, wer denn sonst?! Die Antwort nun, die thatsächlich gegeben werden muß, ist wirklich interessant: Programm und Neclamezettel nennen als Sängerchor den „Münchener Chorschulverein unter gefälliger Mitwirkung ... einer größeren Anzahl von Musikfreunden" — unter den ca. 160 Sängern und Sängerinnen sahen wir Volontäre ans fast allen Ständen, Studenten, auch eine schöne Anzahl von Theologiecandivaten aus dem Gcorgianum. Davon, daß etwa der Chor der Metropole der Kern des Personales gewesen wäre, ist keine Rede; der Domchor ist nicht einmal genannt; von ihm scheint blos der Capell- meister „mitgethan" zuhaben. Ist das nicht interessant? für wen? Eine weitere Frage: Was ist aufgeführt worden? Lxwis, Oracko, eine Weihnachts-, eine Pfingst- motette, eine Motette „Lnsannn ab iinprobio", „^.vs Regina", „Imuäata Dominurn", ein 4stimm. Madrigal zur Gottesmutter (unterlegter Text) ... da ist's ja sehr kirchlich, sogar liturgisch hergegangen! Die Feier war also wohl in einer Kirche? etwa bei einer anßerlitnrgischen Nachmittags- oder Abendandacht? Aus den angeführten Programmnummern und aus der Thatsache, daß P. von seinen Werken gut 95 Prozent für die Kirche geschrieben hat, scheint eine Palestrinafeier in der Kirche, beim Gottesdienst nahe zu liegen, um so mehr, als der äiss ostitus des unsterblichen Meisters auf einen gebotenen Feiertag fällt und die Feier in München ein ^.nni- varsurium vsruiü war. Also: w o fand die Feier statt? Das Programm weist uns in das königl. Odeon, in den Concertsaal — genau dahin, wohin ein reaktionärer Wandalismus auch eine manierliche Aufführung des Mozart'schen großen Requiem gewiesen hat: von diesem Requiem sagte mir ein „strenger" Zuhörer gelegentlich der Aufführung am 1. November 1891, es sei für die Kirche zu schön; von Palestrinastil hörte ich als Universitätsstudent Anfang der 80cr Jahre in München, er sei nur für die Fastenzeit. Gegenüber solchen Argumenten gegen Kirchenmusik dürfte es allerdings schwer sein, mit Gründen aufzukommen. Nehme ich noch dazu, daß ich von Choral jahraus jahrein — damals wenigstens — nichts anderes hörte, als das Monosyllabon „Rsejuroin aatörnaM" aus Etts Oantica, saora, so gibt das, für gewisse Kirchen Münchens namentlich, eine eigenartige kirchenmusikalische Perspektive. Vielleicht ists jetzt besser (s. Nr. 32 der Augsb. Postz.: „Palestrina in der St. Ludwigskirche in München") — am Dom sind allerdings vor nicht langer Zeit Falsi- bordonvespern auf die Vigilien hcrabdecretirt worden! (ot. LIu8. saora, 1893 S. 84.) Wer endlich war Zuhörer bei dieser Palestrinafeier? Der Odeonssaal war — mitten im Carneval — für diese „Charfreitagsmnsik" ausverkauft; das ist jedenfalls auch interessant; das war ein Scherbengericht sowohl über diese Musik, als auch über die Ansicht gewisser Zöpfler, daß diese Musik (und der Choral, der mit Palestrina meist zusammen bc- Es ist schade, daß der Verfasser die GesammtauSgabe der Werke Palestrina's nicht kennt; sonst würde er sich wohl nicht ans das oxus (Indium »Tonedras kaetas snut« beziehen, um P.'S Genialität zu demonstriren, s. Vorwort zum 32. Bd. S. V. Andere Irrthümer in der genannten Lebensskizze sind mittlerweile bereits berichtiget worden. 60 handelt wird, wenigstens nicht glimpflicher wegkommt) die Leute zum Tempel hinaustreibe — Palestrina und der Choral vertreiben die Leute nicht aus der Kirche — (aber gleichzeitige Militärparademusik in einer anderen Kirche zieht sie an! Das nebenbei I) Das Publikum war so verschiedenartig, wie bei anderen Concerten auch; eine kgl. Hoheit war da, geistliche Herren (auch das Metropolitankapitel war vertreten), namentlich ziemlich viele Geistliche, die aus der Ferne hergekommen waren; ferner Professoren, Militärs, Beamte, Privatiers, auch das äurum gsnus der Kritiker, endlich eine schöne Corona von Frauen. Herr Domcapcllmeister Wöhrle hat also die That gewagt mit Vocalwcrken aus dem 16. Jahrhundert, mit vorzugsweise kirchlichen Werken in München aufzutreten, im Concertsaale, und zwar gleich im vornehmsten und geräumigsten von allen: im Odeonssaale. Das ist eine That, die es verdient, in glänzendes Licht gestellt zu werden. Das Unternehmen allein schon ist geeignet, dem Manne einen Ehrenplatz in der Münchner Musik- gesellschaft zu sichern. So ist's recht: wenn die Umstände es unmöglich machen, die Herrlichkeit jener Musik in der Kirche zu entfalten, sei es, weil man dieser Musik keine Zeit gewährt, oder weil man sie für zu trist hält, oder endlich weil man für sie keinen Kirchenchor aufbringt: dann soll diese Musik aus der Kirche fort-, dem Mozart'schen Requiem nach in den Concertsaal flüchten; dort wird sie unter den Ehrenplätzen sicherlich nicht den letzten einnehmen! Der Odeonssaal, d. h. der Bau selbst, hat sich für die Gottesgabe sehr dankbar gezeigt: man wird selten eine Kirche finden von so günstigen akustischen Verhältnissen, wie sie gerade dieser herrliche Saal ausweist. Fast jeder Ton ohne Ausnahme klang voll und rund, so das; man schon am Elementaren, d. h. an der Fülle und dem Wohlklang allein seine Freude haben konnte. Das Stimmcnmaterial ist zweifelsohne gar nicht schlecht; nur selten (im 6roäc> und in der Motette „O inagnum in^sterium") schien der eine oder andere Ton oder richtiger Vocal bei einigen Tenören etwas gequetscht. Die Stimmung war rein und folglich die Jntonations- höhe bis zum Schlüsse jeder Nummer dieselbe. Unangenehm berührt haben mich in Bezug auf das Elementare blos zwei Fehler, gegen welche wohl jeder Chorregcnt anzukämpfen hat, nämlich einmal, daß aufwärts steigende ueumatischc Figuren (Läufe) gerne, namentlich im Sopran, etwas übereilt werden. Ich darf zum Belege hiefür an „omnipotöntorn" im Oraclo der Blesse erinnern. Ferner werden :Endsilben eines Wortes, vor allem jene, die zufällig auf den schweren Takttheil treffen, häufig betont und, obwohl mitten in der Phrase stehend, dennoch kurz gesungen, d. h. sie erhalten mehr Stärke, als der Schluß der vorhergehenden Silbe, und führen eine, wenn auch nur kurze Unterbrechung des melodischen Stromes herbei, die unter Umständen recht störend wirken kann. Ich erlaube mir für das eine auf die Schlußsilbe von „§6ntss" im 116. Ps. „I^auäste Oominuin", für das andere auf den Uebergang vom 3.-4. Takt in „O ruassnuin m^s- teriuiu" und auf „ooliauäsutss Oowluuru" zu verweisen. Namentlich muß eine Phrase, wie „st sä- inirastils saorawentum", als ein ununterbrochenes Ganzes erscheinen. Die Stimmverhältnisse waren prächtig ausgeglichen: sogar da, wo beide Oberstimmen getheilt waren, wurden sie von den Tenören und Bässen nicht niedergesungen. Wer die Schwierigkeiten kennt, welche durch getheilte Oberstimmen der Reinheit der Stimmung verursacht werden, der muß gerade für die hierin musterhafte Durchführung des „O nasAnum rnMsriuin" ein Wort der Anerkennung haben. Nun zur Auffassung einzelner Nummern seitens der Ausführenden! Ich stelle hier die Motette „Susanns." neben das 6raäo der Marcellusmesse. In der Motette eine fast ununterbrochene Färbung und Modificirung des Ausdruckes — ich erinnere die Zuhörer an die herrliche Wiedergabe der Worte Susanna's: „^.u^ustiso wisti sullt nnäiyns", im zweiten Theile an das große „sx- olsrusvit ab äixit" und an das sich anschließende rührend süße Gebet Susanna's: „Osus sstsrno", an den schneidigen Schluß „et sslvstus est ssnZuis innoxius" — prachtvoll! Das war ein stetiger Wechsel von Licht und Schatten, von Kraft und Weichheit, und alles zur rechten Zeit und am rechten Orte. Und dem gegenüber das Orsäo! Hätte nicht das Dt inosrnstus est mit dem folgenden Auatuor „Oruoiüxus" Abschnitte gemacht, so wäre das ganze lange Stück ohne fühlbare Gliederung an uns vorbeigerauscht. Daß das ermüdet und zwar in derselben Weise, wie wenn etwa eine an sich ganz vorzügliche Bach'sche Fuge ohne dynamische Schattirung und besonders ohne verständnißvolle Abhebung der musikalischen Phrasen gegeneinander heruntergepoltert wird, das ist selbstverständlich. Aber woher dieser frappante Unterschied in der Darstellung der Motette und des „Orsäo". Nach meinen Erfahrungen gibt es dafür mehrerlei Gründe: einmal der Text! Bei der Motette „Susanns." geben die einzelnen Sätze, ja oft die einzelnen Wörter dem Componisten und dem ausführenden Musiker Anregung zu verschiedenartiger musikalischer Gestaltung — man stelle beispielshalber einander gegenüber: Susann« . . . seufzte: in Bedrängnis; bin ich — sündige ich, — sündige ich nicht, — aber es ist besser schuldlos in eure Hände zu fallen, als zu sündigen im Angesichts Gottes .... Susann« schrie laut auf: Ewiger Gott, du weißt, daß sie mich fälschlich anklagen; sieh, ich sterbe unschuldig — aber der Herr erhörte sie und gerettet wurde unschuldig Blut an jenem Tage. Demgegenüber sag ich, halte man: (Ich glaube) an Gott, den Schöpfer aller sichtbaren Dinge, an Jesus Christus, der aus dem Vater erzeugt, ist nicht erschaffen, gleicher Natur mit dem Vater ... an den hl. Geist den Tröster und Lebendigmacher, der aus dem Vater und Sohne hervorgeht. — Ist es zu verwundern, wenn bei solchem Texte dem Componisten und dem Dirigenten das Gestaltungsvermögen schwindet, bevor man beim „ewigen Leben" angelangt ist? während dagegen jener Text musikalisch wunderbar anregt! Ein weiterer Punkt ist die Verschiedenheit der Stimmanlage: die in Rede stehende Motette ist für 3 Ober- und 3 Unterstimmen, die Llisss „kp. Nsro." für blos 2 Ober- und 4 Unterstimmen, und zwar ist von diesen Männerstimmen nicht etwa eine „Bariton",2) sondern es sind 2 gleiche Tenöre und 2 gleiche Bässe. Die Oberstimmen sind also blos 2, kommen nie allein zur Geltung; „Susanns" weist hier reiche Mannigfaltigkeit auf, bietet also die Möglichkeit viel reicherer Klangcombinationen. Endlich der Fortschritt der Handlung: Susanns ist motettisch breit, jeder Gedanke ist musikalisch auseinandergelegt, verarbeitet; im „6rsäo" 2) Wer je einmal P.'s Nisss >Uoos o§o loauuos- aufgeführt hat, weiß die Vorzüge des -Laritonus« gegenüber 2 gleichen Bässen zu schätzen — vgl. Habcrls diesbezügl. Bemerkung in der Vorrede zum 24. Bd. der Ges.-AuSg. 61 ist das Gegentheil der Fall, da wird im Allgemeinen ein Gedanke musikalisch blos berührt, gestreift, ist im Augenblick ausgesprochen und vorbei. Schwierigkeiten imVortragedesOrsäo der Marc.-Messe macht einem aufmerksamen Chor auch die Wiederholung im Sopran bei „Lt in unnin voininuin" (Sopr. u. Tenor in Wechselbeziehung) und bei „vsuin vsrurn" (wo der Sopran sich selbst wörtlich wiederholt) und viele andere scheinbare Kleinigkeiten. Das scheinen mir Gründe zu sein, die es erklärlich machen, wenn die Wiedergabe des „Orsäo" ermüdete. Aber „Pfeile, die man voraussieht, treffen nicht so leicht" — dieses Wort des hl. Gregor läßt sich namentlich in Bezug auf die Stimmenanlage des ,,6rsäo« anwenden; man kann nämlich durch den Vortrug hier viel gut machen. Sodann bestimmt doch der Text, ja das einzelne Wort in vielen Fällen den musikalischen Ausdruck, auch im Oracko, selbst wenn das Wort noch so rasch vorübereilt; Nich. Wagner in seiner Bearbeitung des „Ltastat rnaber" V.P. hat dies vorzüglich gezeigt; andrer- eits kann gerade motettische Breite auch ermüden. So glaube ich, daß man aus „xsr yusm onmirr tactu surrt", aus den einzelnen Sätzen von „Lt uriaru suirotirm" ab viel mehr machen und viel größere Wirkung erzielen kann, obwohl, vielleicht gerade weil sie so kurz sind. Vor allem aber müssen die einzelnen Sätze viel mehr von einander abgehoben werden, es Müssen deutlich vernehmbare Cäsuren gemacht werden; hier gibt der Text und seine Behandlung gerade seitens P's. leicht verständliche Directiven; gerade deswegen halte ich jedes mir bekannte 6rsäo von P. für viel leichter als etwa das der Nissa „Anal äoirua" von Orl. di Lasso! Es muß also noch mehr Klarheit in das „Oreäo" kommen; diese Klarheit kommt hinein eben durch Gliederung, durch dynamische und agogische Schattirung. Ich schreibe diese Bemerkung hier nieder nicht zunächst für den Münchener „Chorschulverein"; denn ich glaube, daß sein Dirigent jetzt schon von deren Richtigkeit überzeugt ist, und daß der Chor selbst darauf kommen wird, sobald er einmal stabiler ist und sich in diese Werke mehr eingesungen hat. Daß meine Besprechung auch eine andere Adresse hat, als an diesen Chorschulverein, kann schon aus dem vorangestellten Motto ersehen werden. Hier gilt mein Wink jenen Kollegen, welche mit ganz leichten 6reäo's, z. B. aus „llasu Ksciswxtor" von Kaim sich, ihre Sänger und die Zuhörer ermüden, weil sie nicht zu gliedern, nicht Licht und Schatten zu geben wissen. Der alte Leopold Mozart soll gesagt haben, das Llissrers von ^.IlsZri sei eben, was man daraus mache — dieses Dictum ist gar nicht so verwerflich, als manche meinen; man verstehe es nur recht! Klangfarben geben, im orchestralen Sinne, das können wir Vokalchordirigenten nicht (höchstens können wir unter Umständen durch Knabenstimmen gegen Dameustimmen „färben" — beim „^.va Regina," müßte das im Alt des 2. Chores herrlich gewesen sein!), wir brauchen auch nicht in dieser Weise Farben zu geben, zu trompeten und posaunen: unsere Mittel sind edler, schöner Gesangston, gute Textaussprache, Dynamik und Agogik — aber eben von diesen Bütteln darf man keines übersehen, soll nicht die Aufführung geistlos und langweilig werden. Sehr gut, vortrefflich war die Wiedergabe des Madrigals „O süßer Tod", das denn auch äa onxo verlangt wurde. Was die Solovorträge betrifft, so hätte sicherlich eine größere Vertiefung in die betreffenden Partien, bei den Madrigalen auch die Beibehaltung des wohlklingenden italienischen Urtextes die Musik in viel helleres Licht gestellt. Auf alle Fälle ist der Münchener Chorschulverein und sein^Dirigent zu dem Erfolge vom 2. Februar von Herzen zu beglückwünschen. Möge er, nachdem die Münchener kgl. Vokalcapelle ihre Concerte für immer aufgegeben zu haben scheint, deren Stelle im Odeonsaale einnehmen und uns alljährlich wenigstens einmal mit seinen Leistungen erfreuen! Das Kloster Monhcim und die Reliquien der heiligen Walburga: 893—1893. Zum 1000. Jahrestag der Reliquienübertragung und Stiftung des Klosters. Von A. Zottmann. (Schluß.) VI. Nekatholisation — Erneuerung der Verehrung der hl. Walburga— neue Reliquien— neues Kloster. Von 1600 bis zur Gegenwart. Einer der Nachfolger des Herzogs Ottheinrich war Wolfgang Wilhelm. Dieser hatte, obwohl sein Vater Ludwig Philipp so voll Haß gegen die katholische Kirche war, daß er in den Kirchen seines Landes an den Sonntagen Gebete vorzubeten befahl, in welchen die Katholiken als „abgöttische Menschen", „reißende Wölfe", die katholische Kirche als „Mördergrube" dargestellt waren, dennoch große Neigung zum Katholizismus und hatte auch noch zu Lebzeiten seines Vaters, im Juli 1613, im Geheimen das katholische Glaubensbekenntniß abgelegt. Am 25. Mai 1614 that er diesen Schritt auch öffentlich zu Düsseldorf. Noch im nämlichen Jahre trat er nach dem Tode seines Vaters die Neuburger Erbschaft an. Den Lutheranern seines Landes beließ er völlige Religionsfreiheit, verordnete aber zugleich, daß es allen katholischen Unterthanen freistehen solle, ihren Glauben unbehindert zu bekennen und ihren Gottesdienst mit Messe, Predigt, Einrichtung katholischer Schulen, Kinderlehren, Prozessionen und Krcuzgängen abzuhalten °°). Dadurch schlug nun auch für Monheim die Stunde der Rückkehr zum katholischen Glauben und zur Verehrung der heiligen Walburga. Vorerst wurde im Schlosse für die Katholiken durch Kaisheimer Patres Gottesdienst gehalten. Am 7. März 1618 trafen dann 2 Patres der Jesuiten von Eichstätt zu einer Mission ein, welche die ganze Fastenzeit hindurch dauerte, worauf sie wieder abzogen. „An dem 23. April, demnach wir siben Wochen allhier gewesen, haben Ihre fürstliche Gnaden Bischof zu Eichstätt eine Gutschen hergeschickt, uns auf Befehl des H. l?. Pro- vinzialis wieder abzuholen." Nach kurzer Unterbrechung aber kehrten wieder 3 Patres zurück, welche zuerst auf weitere 3 Wochen, dann, weil während dieser Zeit der Pfarrer und Dekan Danbmeier „licenzirt" wurde, allein die Pfarrei 3 Jahre lang versahen, bis sie endlich einen neuen Pfarrer für Monheim gefunden hatten, der am 12. Januar 1622 hier eintraf. Unter dem neuen Pfarrer, Caspar Zeiller, blieb noch ein Jesuit über eiuen Monat lang, bis nämlich am 21. Februar auch ein Caplan hier eintraf." b°) Jansscn, I. o. V. M. 655-658. Aus dem Monheimer Pfarrbuch. In dieser Zeit wandte sich Monheim wieder dem Glauben seiner Ahnen zu. Luidl berichtet, daß dies nicht zum geringsten Theil der Fürbitte der heiligen Walburga beim Gebrauche des heiligen Walbnrga-Oeles zu danken sei. Er erzählt nämlich von einer kranken Frau:^) „Es stritte dieselbe lange Zeit schon mit denen empfindlichsten Geburtsschmerzen, und war die höchste Gefahr, daß nit das Kind der Mutter, die ihm das Leben geben sollte, das Leben benähme: aller Artztenkunst schlug fehl, alle befürchten, daß mit dem todten Kind zugleich die Mutter eine Leich seyn wurde. Sobald ihr aber, weiß nit auf wessen Einrathen, und von was für einer Hand das Hl. Walburgä-Oel aus dem Eichstüttischen Wunderquell gereichet war, und sie dessen ersten Tropffen genossen hatte, wurde sie den Augenblick darauf glücklich entbunden und gab demjenigen das Tageslicht, wegen welchem sie schon begunte, ihre Augen in den Tod zu schließen. Als solche wunderbarliche Begebenheit ruchbar wurde, fingen die Monheimener an, nach und nach ihre Augen zu öffnen und zu erkennen, wie billig ihre Voreltern so große Andacht gegen diese H. Abbtißin getragen hatten; entschlossen sich demnach zu jener Kirch sich willfährig Zurück zu wenden, in welcher allein GOTT seinen Heiligen solche Krafft und Macht, Wunder zu würcken, verliehen hätte." Der 30jährige Krieg hatte an Kloster und Reliquien nichts mehr zu zerstören, da dieses schon früher besorgt war; dafür scheint die Kirche ziemlich mitgenommen worden zu sein. Bald nach dem Kriege lesen wir nämlich von einer Restauration der Kirche und Consekration dreier neuer Nebenaltäre. Die letztere geschah am 5. August 1668 durch den Generalvikar des Bischofs Marquard. Am nämlichen Tage wurde auch die aus freiwilligen Beiträgen der Bürgerschaft neuerbaute St. Peterskapelle eingeweiht. Wir sehen, es war wieder der Sinn für schöne Gotteshäuser und die Opferwilligkeit dazu erwacht. Nun auch die, wie im ganzen Lande, nicht minder in der Mon- heimer Gegend, vielfach gelockerten Sitten zu bessern, trug viel bei die, wenn gleich kurze, doch segensreiche Wirksamkeit des berühmten heiligmäßigen Capuzinerpaters k. Markus, eines zweiten Johann Capistran. Der Herzog von Neuburg selbst schrieb über ihn an Bischof Marquard von Eichstätt: „Was nun dießer, von dem Allerhöchsten, bevorab bey dießen verwirdten vnndt be- trüebten Zeitten, geschickter, vnndt in Wahrheit recht gottseeliger vnndt heyliger Mann in denen Kirchen, vor den Altären, aufs den Predigtstühlen vnndt aufs den straßen, auch endlich aufs dem offenen platz, weilen die Kirchen die überaus große Anzahl des, sogar von vielen Meilen her haüffig zuegeloffenen Volks, nit fassen können, sodann vnderschiedlich in meiner Hofcapellen, vndt privatim in seinem Zimmer, biß zue dessen abraiß, durch seine voll tröst- vndt geistreiche Ermahnungen vndt mit weinenden äugen hertzinniglichen Zucsprechungen bey männiglich, hoch- vnndt niederen, geist- vnndt weltlichen standts, gucttes gewürcket, für Zerknirschung der Gemüetter vnndt Bereuung begangener Sünden erwecket, vnndt welcher gestalt das ganze Volk, zue Vergießung der Bueßzäher, vnndt daß man die Allerheiligste Dreyfaltigkeit vmb gnadt vnndt Barmherzigkeit durch einhellige öffentliche Auff- rueffung gebeten vnndt zur Besserung des Lebens mit theuren Versprechen, Gott nimmermehr zue belaidigen, beweget: — ist nit genuegsam zu beschreiben." 5. e. 1. xx. 223—224. Die Angabe, die erwacht, daß sich binnen Jahresirist „36ä0 Monheimische Einwohner" bekehrt Dieser hciligmäßige Mann kam nach Monheim am 14. November 1680 und wirkte auch hier überaus segensreich zur Befestigung des Glaubens und Erreichung guter Sitten durch seine erschütternden Predigten und die wunderbaren Heilungen, welche auch in Monheim auf seine Segnungen hin erfolgten.03) Mit dieser inneren Erneuerung ging dann die immer größere und eifrigere Verehrung der hl. Walburga Hand in Hand, womit sich das Verlangen vereinte, doch wieder wenigstens Etwas von den Reliquien der Heiligen zu besitzen. Dieses Verlangen fand auch im Jahre 1700 seine Erfüllung. Wir lassen hierüber einen Zeitgenossen erzählen, l'. Anselm Goudin, in seinem „Benediktinischen Weltwunder"; °^) er sagt: „weilen aber dem Allmächtigen GOTT beliebet, dise schon von so grossen Alter gleichsam erloschene Gedächtnuß seiner getreuen Dienerin Walburgis daselbsten wiederumb in die Hertzen der Gläubigen ein- zupflantzen; so ist zu wissen, daß der Hochwürdige und Hochgelehrte Herr Philipp Jakob Pfister, Dechant und Pfarrer zu Monheimb auf eyfrigstes Anhalten von dem Closter zu St. Walburg auß, einen schönen Partikul von den Gebäinern deß Leibs der Heiligen Walburgis überkommen, selben anno 1700 den 12. Oktober auf das andächtigiste eingeführet, und die glorwürdige Erneuerung der alten Wunder-Werck gleich mit seinen selbst eignen Augen angesehen; in deme nämblichen, gleichwie umb das Jahr nach Christi Geburt 893 bey der ersten Ueberbringnng durch Luibillam noch denselbigen Tag ein Hinfallender von seiner schwären Kranckheit augenblicklich befreyet; also ist ebnermassen bey dieser andern Ueber- bringung in schon erwähnten 1700. Jahr zu mehrerer Bestättigung, daß es ein veritabler Partikul von St. Walburg sehe, noch selbigen Tag ein gichtbrüchiger Knab durch dero grosse Vorbitt mit einer vollkommenen Gesundheit erfreuet worden. Von selbiger Zeit an biß auf gegenwärtiges Jahr befindet sich die uhralte Gedächtnuß gegen der Heiligen Walbnrg also glorreich erneueret, nicht nur allein in der Stadt Monheimb, sondern auch in anderen umliegenden Oerthern, daß die Christglaubige Menschen neben schon vielfältigen überbrachten Opffcren, auch mehr dann 170 Votiv-Täffelein außgehänget zur unfehlbaren Zeügnuß der innerhalb 15 Jahren mit ihnen geschehenen Wunder-würdigen Gnaden und Wohlthaten; als mit welchen sie auf bloss Anruffung und Verlobung zu der Heiligen Walburg ohne den Gebrauch ihres Heiligen Oeles beglücket worden." Von dieser Zeit an hob sich das religiöse Leben Monhcims immer mehr. Eine vom 15.—23. September 1717 gehaltene Mission gibt dafür sprechendes Zeugniß. Am 15. September Nachmittags 4 Uhr wurden die Missionäre (4 Jesuiten) von der Stadtgeistlichkeit, den sämmtlichen Beamten, dem Magistrate und vielen Bürgern am Stadtthore empfangen und in Prozession „unter Posaunen und sauberer musio" zur Kirche geführt, wo sofort die vorbereitende Predigt gehalten wurde. Die Volksmenge wuchs während der Mission manchmal auf 5—6000 Menschen an. Am meisten zogen die Buß- prozessionen, welche an verschiedenen Tagen Abends abgehalten wurden. Es erschienen dabei die Jungfrauen in weißen, die verhciratheten Frauen in schwarzen Kleidern, jede eine Dornenkrone auf dem Haupt und eine hätten, ist jedenfalls ein ziemlicher Irrthum, da Monheim diese Einwohnerzahl nie auch nur annähernd erreichte. -o) Eichst. Past.-Bl. 1861, ptz-. 161-162. ") 1. Theil, p 2 > 194-196. 63 brennende Kerze in der Hand. Während solcher Prozessionen fanden mehrere Exhortationen statt, „dergestalt eingriffig gehalten, daß fast männiglich die Zähren aus den Augen getrieben wurden". Von größter Wichtigkeit war die Predigt über die Pflichten der Kinder gegen ihre Eltern; die Kinder baten laut ihre Eltern um Verzeihung angesichts der 5000 Menschen, die bei dieser Predigt zugegen waren. Der erhebendste Anblick aber war, als vor dem allerheiligsten Sakramente nach der Predigt über das Bekenntniß des Glaubens die versammelte Menge mit zum Schwur erhobener Hand die xrokesslo ticlöi dem Missionär nachbetete. Am 23. September Morgens feierte die Gemeinde Monheim die hl. Communion. Um 6 Uhr gingen die Dienstboten, um 8 Uhr die Bürgerschaft, um '/zlO Uhr die Beamten und der Magistrat zum Tische des Herrn. Darnach folgte die Abschiedspredigt und mit Ertheilnng des päpstlichen Segens endete die Mission." So übte die hl. Walburga in Monheim wieder die alte Anziehungskraft, von allen umliegenden Ortschaften kamen die Wallfahrer wieder herbei, besonders feierlich wurde immer das Walburgafest selbst am 25. Februar und das Fest der Uebertragung der letzten Walburga- religuie, der 12. Oktober, begangen, und auch die Reliquien selbst waren, wenigstens in einem kleinen Theile, wieder vertreten; nur eins fehlte noch: die Stiftung Liubilla's, das Kloster, war spurlos verschwunden und hatte bis jetzt gar kein, auch nicht das kleinste Zweiglein mehr herausgetrieben. Aber auch hier wurde geholfen: vor gerade 25 Jahren zogen 4 Klosterfrauen aus der Kongregation Maria Stern in Augsburg in Monheim ein und übernahmen, was ja so ganz nach dem Geiste der hl. Walburga ist, den Unterricht in den Mädchenschulen und haben dort im Laufe dieses Vierteljahr- hunderts in ihrem Klösterl überaus segensreich gewirkt, in neuester Zeit auch mit dem Gedanken beschäftigt, diese Wirksamkeit noch weiter auszudehnen und auch den kleineren Kindern ein Plätzchen klösterlicher Sorgfalt und guter Bewahrung zu verschaffen. Damit sind wir bei der Gegenwart angelangt und bietet uns in derselben das Bild Monheims wieder einen erfreulicheren und schöneren Anblick als am Schlüsse der beiden letzten Perioden; das Bild des gegenwärtigen Jahres 1693 erinnert uns lebhaft an das vom Jahre des Beginnes und der Blüthe 893: Alles finden wir wieder vertreten: Reliquien — Kloster — eifrige und innige Verehrung der hl. Schntzpatronin Walburga, allerdings alles in nicht so ausgedehntem Maßstabe, alles gleichsam en ininiaturs! Zum Schlüsse noch eine Bemerkung! Im Pfarr- archiv zu Monheim befindet sich ein Brief eines Kaplans, worin derselbe erzählt, nachts im Traume die heilige Walburga gesehen zu haben, wie sie auf einen bestimmten Platz hinweist, bei welchem die abhanden gekommenen hl. Reliquien zu finden wären; auch hörte ich öfters die Leute erzählen, man sehe manchmal nachts an einer Stelle einen hellen Lichtglanz, der ebenfalls das Nachvorhandensein dieser hl. Reliquien daselbst andeute, und es wurzelt immer noch im Volke die Meinung, der kostbare Schatz sei doch nicht zerstört, sondern irgendwo vergraben. Wir schließen mit dem aufrichtigen Wunsche: Möge diese vox populi auch als vox Der, als Fügung Gottes sich bekunden und für Monheim bald die Stunde kommen, daß dieser große Theil der hl. Reliquien wieder zum Vorschein kommt, daß dieselben im Gotteshause, nach einer würdigen Restauration desselben, wieder feierlich ausgesetzt und von dem gläubigen andächtigen Volke mit seinen Seelsorgern an der Spitze und den Bewohnerinnen des Klosters, wie vor 1000 Jahren, aufs eifrigste verehrt werden können! Recensionen und Notizen. Don Bosco, der große Jugendcrziehcr und Verehrer Mariens. Von Präses Mehler in Negensburg. Im Selbstverlag des Verfassers. Mit Porträt Don Bosco's. 30 Pfg. 78 Seiten. -s- In Don Bosco ist der kath. Kirche einfMann erstanden, wie eben ganz allein diese sie hervorbringen kann. Ohne Uebertreibung kann Don BoSco den großen Ordensstistern an die Seite gestellt werden. Hätte jedes Land Europa'S 2—3 solche Männer, die sociale Frage wäre um ein gar gutes Stück ihrer Lösung näher gebracht. Aber noch allzuwenig ist dieser große Mann und sein Werk bekannt. Für was war er und wirkte er auch katholisch? Wenn einmal ein Freimaurermillionär etliche 100 Mark zu einem „humanitären" Zweck spendet, so weiß eS den andern Tag die halbe Welt; daß aber ein Don Bosco sein ganzes Leben der Rettung der Jugend geweiht, daß in den von ihm gegründeten Anstalten 300,000 Knaben erzogen werden, die sonst leiblich und geistig zu Grunde gingen und daß bis zum Jahre 1888 aus diesen Anstalten 6000 Priester hervorgingen u. s. w., das ist freilich nicht crwähnenswerth. DaS Schriftchen ist mit wohlthuender Lebendigkeit geschrieben und man erkennt, daß der eigene Eifer in dem nämlichen Geiste zu wirken, hier die Feder geführt hat. Wir wünschen dem Büchlein die weiteste Verbreitung, die es auch verdient, und dies umsomehr, da der Reinertrag zu einem guten Zweck bestimmt ist. Herders Theologische Bibliothek. 9. Theil. Kaulen, Dr. F., Einleitung in d. Heilige Schrift Alten u. Neuen Testaments. Dritte verbesserte Auflage. Erster Theil. (VI u. S. 1-182) M. 2. Zweiter Theil. (S. 183-436) M. 3. Dritter Theil. (S. 437-700) M. 3. Die drei Theile in einem Bande. (VI u. 700 S.) M. 8; geb. M. 9,75. Die Untersuchung beruht auf der gründlichsten und vielseitigsten Gelehrsamkeit, welche kein bloßes Notizensammcln und Referiren fremder Ansichten ist, sondern sich durchweg in einer geistvollen Höhe hält. Der Kenner wird leicht bemerken, wie vollkommen Kaulen die ganze einschlägige Literatur beherrscht, obgleich er sie nur da citirt, wo es die Beweisführung oder das Interesse des Lesers erfordert; ferner auf welche genaue eigene Durcharbeitung der Originaltexte und sämmtlicher alter Versionen sich seine Ausführungen stützen. Die katholischen Missionen. Jllustrirte Monatschrift. Jahrgang 1894. 12 Nummern. M. 4 — fl. 2.40 ö. W. — Frciburg im Brcisgau. Herder'sche Verlagshandlung. Durch du Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 2: DaS neue Central-Seminar für Indien in Kandy. — Der selige Rudolf Aquaviva am Hofe Arbars des Großen. (Fortsetzung.) — Altchristliche Ruinen Nord - Syriens. (Fortsetzung.) — Nachrichten aus den Missionen: Kurdistan (Schulen); China (Tröstliches auS der Mongolei; Christengemeinden in Hupe); Hinterindien (Rückkehr der annamitischen Prinzen); Vorderindien (Kholsmission); Südafrika (Trauerkunde vom Unter-Sambesi); Belgisch-Kongo (Die hclgische Mission am Kwanzo): Nordamerika (Mission bei den Arapahus); Centralamcrika (Mission in Honduras); Süd- amerika (Die Salesiancrinissiouen); Occanien (Mission in Neu- Pommern). — Aus verschiedenen Missionen. — Miscellcn. — Für Missionszwecke. Illustrationen: Ansicht von Kandy gegen das Gebirge. — Eine Promenade in der Stadt Kandy. — Ansicht einer Thecpflanzung bei Kandy. — Das Diöcesan-L-eminar in Dswaffna. — Das Thor Aladius am Palast der Großmogule zu Kutab. — Ruinen der Kirche zu Ruciha aus dem 6. Jahrhundert. - Ruinen der Kirche zu Haß aus dem 4. Jahrhundert. — Das Innere der Kirche zu Muschabbak. — Antikes Familiengrab bei Ruciha. °°) Eichst. Past.-Bl. 1874, x§. 204 ff. Die russisch-schismatische Kirche, ihre Lehre und ihr Eult. Von Dr. Fcrd. Knie. Graz, Styria 1894. 8°. V u. 199 S.. 2 M. 50 Pf. X Verfasser ist kein Neuling in der Literatur über die russischen Verhältnisse. Seine Schrift „Die russische Gefahr" wurde von competcutester Seite aufs günstigste besprochen und dabei insbesondere hervorgehoben, was seiner Darstellung so besonderen Wert verleihe, das sei „der uukennbare Stempel langjähriger eigener Beobachtung an Ort und L-tclle und zwar mit den offenen und geübten Augen eines hochgebildeten Abeud- läuders", ferner „die überall durchblickende, besonders aber zum Schluß unumwunden ausgesprochene Erkenntniß, wie sie voll und ganz nur der gute Katholik haben kann, daß die Wurzel aller russischen Uebel .... das Schisma ist, zu dessen ver- hängnißvollstcn kirchenpolitischen Conseguenzcn aber das Staats- kirchenthum gehört, und, als dessen unausweichliches Complement, der Nihilismus." Verfasser schickt in vorliegender Schrift zunächst eine Uebersicht über die Entwicklung des russischen Schisma's von den Zeiten eines Pbotius bis zur Regierung Katharina II. voraus. Sodann beleuchtet er eingehend die russisch-„orthodoxe" Kirche und weist nach, wie sie den überkommenen Glaubensschatz keineswegs treu und sorgsam gehütet, sondern namentlich protestantischen Einflüssen Thüre und Thor geöffnet hat, wie sie in geradezu trostloser Weise dem Sekteuwcsen verfallen ist, so daß ein russischer Schriftsteller schmerzerfüllt ausruft: „Christen heißen wir, aber nicht für uns reiften die Früchte des Christenthums." Verfasser zeichnet ferner die Stellung der russischen Kirche zum Papste, ihre Sakramentcnlehre und Liturgie, eröffnet uns überaschcude Einblicke in die Verhältnisse des russischen Säcular- und Negularklerus und schließt mit einem Ausblick auf die Zukunft der schiSmatischcn StaatSkirchc, die wahrlich nicht rosig sein kann, wenn es je wahr ist, was ein nihilistischer Schriftsteller schreibt: „An Stelle des russischen Gottes ist die Schnapsflasche getreten. Da§ Volk, die Mütter, die Kinder sind betrunken. Die Kirchen sind leer." Jedem, der sich für die russisch-schismatische Kirche iuteressirt, ist das Studium der Schrift Knie's angelegentlichst zu empfehlen; eine überzeugendere äemoustratio aä oeuios, welch entsetzliche religiöse Verheerung das Schisma und daS StaatSkircheuthum in Rußland zur Folge gehabt, gibt es nicht. Wir müssen uns versagen, in diesem Referate uns weitläufiger über einzelne Partien des Buches zu verbreiten, und behalten uns vor, nächstens den einen oder andern Gegenstand ausführlicher zu behandeln. Uebrigeus können wir die Bemerkung nicht unterdrücken, daß die Lektüre des Buches auf uns den Eindruck gemacht hat, als schildere der Verfasser weniger auf Grund eigener persönlicher Erfahrung, als vielmehr unter Berufung auf andere Autoren, allerdings zumeist russische, deren Zeugnisse er durch seine Erfahrung bestätigt, statt umgekehrt feine eigenen Erlebnisse, Wahrnehmungen, Eindrücke anschaulich und getreu zu erzählen und sie durch Aussprüche einheimischer Schriftsteller zu stützen. Auch hätte manches bedeutend gekürzt werden können; endlich hätten wir dem Verfasser seine polemischen Erörterungen gegen Dalton gerne geschenkt. Petrus in Rom oder Xovas Viuäioias Dstriuao. Neue literar-historische Untersuchung dieser „Frage", nicht „Sage" von Johann Schund, Pros. d. Theol. in Luzcrn. Luzcrn, Räber 1892. 8°, XDIX und 229 S. 4 M. X Die göttliche Einsetzung des Primats, die Thatsache, daß der hl. Petrus seinen bischöflichen Stuhl in Rom errichtet, als Bischof in Rom gestorben und seinen Amtsnachfolgern mit der Hirtensorge über die Bekenner Christi in der ewigen Stadt zugleich auch die Regierung der Gcsammtkirche vererbt habe, das ist eine für jeden Katholiken, für jeden Christen eminent wichtige Frage, wenn sie überhaupt noch eine Frage genannt werden darf. Sicher hat schon mancher daS Bedürfniß gefühlt, all die Gründe und Zeugnisse, auf welche die katb. Behauptung eines Episcopats Petri in Rom sich stützt, in erschöpfender Darstellung gesammelt, all die Einreden und Bedenken, die namentlich pro- testantischerseitS dagegen erhoben werden, entkräftet zn sehen. Vorliegende Schrift wird diesem Bedürfnisse vollständig gerecht. Der Verfasser, der sich schon seit vielen Jahren eingehend mit diesem Gegenstände beschäftigt hat und darin, wie nicht leicht ein Anderer, compctent ist, schildert in einen: Prolog von nicht weniger denn XDIX Seiten den „hl. Petrus und seinen Primat im neuen Testamente", um dann sofort das Zeugcnverhör anzustellen, das er aber auffälliger Weise nicht mit den Apostelschülern Papias, Clemens von Rom, Jguatius, sondern mit Jrenäus und Tcrtullian beginnt. In einem weiteren Abschnitte behandelt der Verfasser Simon Magus und die auf die „Simonssage" gestützten Hypothesen gegen Petrus in Rom, um dann schließlich die Fragen zu erledigen: wann und in welcher Eigenschaft Petrus in Rom gewesen sei. Verfasser kommt zum Ergebniß, „daß die kirchliche Tradition wie in Betreff der Gründung der römischen Gemeinde durch Petrus und seines 25jährigen römischen EpiscopatcS, so auch in Hinsicht auf das Datum seines glorreichen Martcrtodes an die bcstbezcugten Momente (?) der Geschichte jener Zeit anknüpft und so in den wesentlichsten Punkten durchaus vcrlässig ist", daß ferner „Petrus Lehrer, Stifter und erster Leiter, — Bischof — der römischen Kirche war" Die Untersuchungen sind durchaus gründlich geführt, keiner Schwierigkeit, keinem Einwürfe ist aus dem Weg gegangen, auch die gegnerische Literatur ist ausgiebig herangezogen und verwerthet worden. Mit bestem Gewissen können wir daher vorliegende Schrift all den vielen Geistlichen und Laien empfehlen, „die sich wohl um wissenschaftliche Fragen interessiren, aber wegen ihrer übrigen Berufsgeschäfte dieselben oft nicht speziellen Studien unterwerfen können und denen auch vielfach hicfür die literarischen Hilfsmittel abgehen." i. „Das letzte Mittel" und „Eine Prophezeiung" betiteln sich zwei Broschüren des bekannten JesnitenmissionärS ?. W. Lcrch in Mariaschein (Nordböhmcn), die nach Inhalt und Form als sehr zeitgemäß zu bezeichnen sind. ?. Lerch ist seit einigen Jahren unermüdlich in der Abhaltung von Volksmissionen in Dcutfchöstcrrcich thätig. Als MissionSpredigcr hat er erfahrungsreich diese Broschüren verfaßt, deren erstere in überzeugend eindringlicher Weise die vollkommene Neue behandelt, während die letztere in ansprechendster Art Pflicht und Segen der Sonntagsruhe und Sonn- und FeiertagS- beiligung darlegt. Diese Broschüren sind im Verlage von A. Opitz in Warnsdorf, Ncrdböhmen, erschienen. Preis ä 5 kr., irauco Post 7 kr. — 10 Psg., 50 Stück frauco 2 fl. 50 kr. Dieselben sind namentlich für Jndustrieorte und Diaspora- Gegenden cmpfehlenSwerth. Die Todesangst unseres Herrn Jesu Christi am Oelberg. Von k. ExuperiuS von PratS de Mollo. Aus dem Französischen überseht von A. Nügemer. Rcgeus- burg, 1894. Pustet. XVI u. 175 S. Preis brosch. 80 Psg. ES werden 40, eng an daS Evangelium sich anschließende, kurze Betrachtungen über das große Leiden, den innern Kampf des Heilandes, das Entsetzen seiner hl. Seele auf dem Oelbcrge geboten. Mau erkennt sofort darin den prakiischen Geistesmann, der eS niemals versäumt, seine praktischen Anwendungen auf daS tägliche Leben eines Christen zu machen. Die Ucbersetzung ist fließend. Okkioinm Lodäoinaäas majoris a. Dominion ill kalmis usgus all 8a.bba.tum in Xlbis Zins oantu. Negensburg, 1894. Frdr. Pustet. 18°, 368 p§., brosch. 2 In Lederbd. m. Rothschn. 3 M. Dein an dieser Stelle bereits angezeigten und empfohlenen zweibändigen römischen Breviere in 18° ist nun auch das oben angekündigte Wcrkchcn in demselben Formate gefolgt. Dasselbe bietet alles, was Brevier und Missale für diese hl. Zeiten enthalten. In dem Anhang von 32 Seiten findet sich sodann noch der Oräo Llissao und die Commemorationcn jener Feste, welche in diese Zeit fallen können. Die bekannten und anerkannten Vorzüge des genannten Brevieres vereinigt auch dieses Wcrkchcn in sich, das bei seiner Dicke von 12 mm nicht handlicher gedacht werden kann. Literarischer Handweiser, begründet, herausgegeben und redigirt von Msgr. Dr. Franz Hülskamp in Münster. 24 Nrn. L 2 Bogen Hochqunrt für 4 M. p. Jahr. 1693. Nr. 23. Inhalt: Der hl. Karl BorromäuS als Pädagog (RolfuS). — Weitere kritische Referate über Fast en predigten von Bryuych, Costa, Dicssel, Ph. Hammer, Jbach, Nagelschmitt, Patiß, Paulhuber u. PratteS (Deppe), Heiner Katholisches Kirchenrccht (BellcSheüu), Bram- bach Die Historik clo s. likra. und das 8a1vs DoZina. des Her- mannus Contractus (W. Bäumker), Jahresberichte der Geschichtswissenschaft für 1892 (Wurm), Müllendorff Pfingstbetracht- ungeu, Lödler Schmerzhafte Mutter und Zobel Heilige Familie (Deppe), Für Mußestunden (Plaßmann), Keiter's und Kürschner's Literaturkalcnder für 1894 (HülSkamp). — 7 Notizen über verschiedene Nova (Hülskamp). — Novi- täten-Verzeichniß. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg Eine „Sarmülttng theologischer Lehrbücher" mit besonderer Berücksichtigung der Neligions- philosophie. I. ss. v. Fast jedes Jahrhundert wagt in größerer oder geringerer Bestimmtheit, je nach seinem Culturstande, den Versuch, den Gesammtinhalt seines Wissens in einem einzelnen oder in allen Fächern zusammengenommen durch ein großes literarisches Unternehmen zur Darstellung zu bringen. Fühlt sich unser Jahrhundert in dieser Beziehung solidarisch mit den vorangegangenen, so ist das ganz natürlich. Gewinnt aber dieser Versuch bei ihm eine ganz besondere und eigenartige Gestalt, deren Entstehung oft in einer intensiven Durchdringung und bis in's Detail gehenden Beherrschung einer einzelnen Disciplin oder auch nur eines Begriffes dieser Disciplin ihren Grund hat, so liegt hierin gerade die epochemachende Bedeutung unseres Jahrhunderts. Denken wir z. B. nur an Max Müller, der es gerade versucht in 4 Banden über den Begriff der Religion zu schreiben. Die Bände tragen die Titel: „Natürliche Religion, Physische Religion, Physische und Anthropologische Religion". Wir sehen von der Tendenz dabei ganz ab. Im allgemeinen nun sind es gegenwärtig in der Regel zwei Formen oder Gestalten, in welchen sich der Wissensinhalt einer oder mehrerer Disciplinen rcpräsentirt, die Form des Wörterbuchs und die Form des Lehrbuchs. Namentlich ausgebildet sind diese beiden Formen in den staatsmiffenschaftlichen und theologischen Fächern, ohne natürlich auf diese beschränkt zu sein. Wir haben in neuester Zeit ganz hervorragende Staatswörtcrbüchcr und Lehrbücher des Staatsrechts, der Nationalökonomie und der Rechtswissenschaft, und gegenwärtig ist eben ein Unternehmen begonnen worden, das an Großartigkeit alles andere zu übertreffen und sein Vorbild in dem mehrbändigen, noch nicht vollendeten, höchst charakteristischen und interessanten „systematischen Handbuch der deutschen Rechtswissenschaften" von Dr. Karl Bindig gefunden zu haben scheint. Dieses neue Unternehmen ist dnS Hand- und Lehrbuch der Staatswissen- schaftcn, herausgegeben von Cuno Fraukensteiu. Von diesem Werk sollen jährlich 5—6 Bände erscheinen; in ungefähr 6 Jahren soll das Ganze vollendet sein, so daß wir mindestens 30 Bände zu erwarten haben. Der erste Band ist bereits erschienen und handelt von den Grundbegriffen der Volkswirthschaft von dem Münchener Professor Lehr. Daneben läuft noch eine eigene Zeitschrift mit dem Titel: Zeitschrift für Literatur und Geschichte der Staatswissenschaften von Cuno von Frankenstein. In ganz ähnlicher Weise versucht man in theologischen Kreisen den Gesammtinhalt der wissenschaftlichen Theologie darzustellen. Allbekannt sind ja in dieser Beziehung das Herder'sche Kirchenlexikon und die theologische Bibliothek, ferner die wissenschaftlichen Handbücher der Theologie, die bei Schöningh in Paderborn erscheinen, unter denen die wahrhaft hervorragende, von uns überaus hochgeschätzte Dogmatik von Schell ihren Ort gefunden hat. Aber unser volles und höchstes Interesse gilt gegenwärtig einem derartigen Unternehmen von Seite der protestantischen Wissenschaft. Ist es nun durchaus nicht auffällig, wenn in stnatswissenschaftlichen Encyclopädien und Lehrbüchern der Parteistand Punkt, sei es der liberale, conservative oder demokratische, bisweilen in den Vordergrund tritt, so ist in der protestantischen Theologie dieser Parteistandpunkt allem Anscheine nach geradezu das Entscheidende und Charakteristische, und es war höchste Zeit, daß der Tübinger Professor Robert Kübel in seinem sehr instrnctiven Buch „Ueber den Unterschied zwischen der positiven und der liberalen Richtung in der modernen Theologie" einigermaßen Klarheit geschaffen hat. Vollständige Klarheit zu schaffen, ist ihm allerdings unseres Trachtens nicht gelungen, da er, obwohl streng orthodox, doch etwas gar zu optimistisch genrtheilt hat. Ungemein wahr ist allerdings auch, was in den Historisch-politischen Blättern gelegentlich eines Artikels: „Apostolicns und Apostolikum" zu lesen war: „Der mindest Orthodoxe sieht dem mindest Liberalen oft zum verwechseln ähnlich". Der Partcistandpnnkt, sagten wir, ist entscheidend, und darum stehen sich auch in der protestantischen Literatur Lehrbücher und Encyclopädien schroff gegenüber. Den besten Beweis hicfür liefert die „Sammlung theologischer Lehrbücher", welche in Freiburg bei Mohr erscheint. Diese Lehrbücher sind sämmtlich auf liberaler Basis aufgebaut und stellen sich somit zweifellos in Gegensatz zu dem „Handbuch der theologischen Wissenschaften in encyclo- püdischcr Darstellung", herausgegeben von Dr. Otto Zöckler bei Beck in München. Dies letztere ruht auf orthodoxer Basis. Die Zwecknrsache, die der Erscheinung dieser beiden Encyclopädien zu Grunde liegt, ist schließlich ein und dieselbe. Zöckler mit seinem Handbuche verfolgt die Aufgabe, „auf dem Grund der geschichtlichen Entwicklung der einzelnen theologischen Wissenschaften eine Gesammt- darstcllung der Theologie nach ihrem damaligen Stande aufzubauen". Die „Sammlung theologischer Lehrbücher" beabsichtigt in objektiver Berichterstattung über die einzelnen Disciplinen einen sicheren Ncberblick über den Stand der gesummten theologischen Wissenschaften am Ende des 19. Jahrhunderts zu gewähren. Aber wie verschieden muß die Wirkung sein, sobald wir den Unterschied von liberal und orthodox kennen? Fragen wir darüber, um durchaus von jedem Vorurthcile uns frei zu halten, die zuverlässigste Autorität, den oben genannten Professor Kübel, der fast mit bedenklicher Nüchternheit diesen Unterschied klar legt. Seite 278 u. f. heißt e§: „Auf der liberalen Seite der Glaube zwar vermittelt, vezw. irritirt durch das Bibelwort, dieses aber ist menschliches Literaturprodukt, eigentlich nur synoptisches und da uichi ohne Beschränkung gütig, die Gemeinde, ihr Bewußtsein, ihr ChristuSbild ist die eigentliche Quelle des Glaubens. Aus positiver Seite die Gemeinde rein zuerst Produkt deS VibelworteS, das GotteS eigenes Wort ist, der Glaube und seine Erfahrung durchaus gebunden an dessen autoritatives Zeugniß. Aus liberaler Seite das Historische an Jesu Leben, selbst die von den Aposteln einstimmig als absolut entscheidend betonte Thatsache der Auferstehung als diese Thatsache religiös irrelevant, auf positiver Seite dagegen daö historische Leben Jesu, vor allem Tod und Auferstehung als Thatsachen ganz abgesehen von der subjektiven Wirkung in nuS, versöhnend d. h. auf Gott selbst objektiv cin- cimvirkcud n. s. w." Jedermann sieht sofort, welch ungeheure Verwirrung entstehen muß, wenn innerhalb der Theologie sich zwei so Wesen haft verschiedene Richtungen einander gegenüberstehen, und jedermann wird sich auf die Frage besinnen: Ist das auf liberaler Seite Gebotene überhaupt noch Theologie? Die Antwort ist leicht: Es ist auf die Spitze getriebener Subjektivismus, wonach in der Erkenntniß nur wahr ist, was das Subjekt 60 zu fassen vermag, und zwar nur in der Weise seiner Auffassung. Sehen wir uns einmal diese „Sammlung theologischer Lehrbücher" an, um sie an der Hand dieser Wahrheit zu prüfen und zugleich zu erkennen, daß mit solcher Wissenschaft der Ruin, die Zerstörung der Theologie gegeben ist, um dann ferner einzusehen, daß einzig und allein hier, in dieser protestantisch-liberalen Theologie, das Wort des Dr. Jürgen Bona Meyer, gegen deu bekanntlich Professor Dr. Schell auf der Katholikcn- vcrsammlung 1893 gesprochen hat, eine ungemeiu wahrhafte Grundlage findet, das Wort nämlich: „das Loslösen der Theologie von der Universität wird immer wahrscheinlicher", weil eben diese Theologie nichts anderes ist, als Philosophie. Nebenbei wollen wir bemerken, daß die ersten Circn- lare, die über diese „Sammlung theologischer Lehrbücher" orientiern sollten, die Versicherung gaben: „die Sammlung dient keinem Parteiintcresse". Diese Versicherung ist in den späteren Circularcn weggeblieben; man fühlte wohl, daß man hicmit sich compromittircn würde; denn die allmählige Ausgabe einzelner Bände sowohl, wie die gleichzeitige, in Verbindung mit dieser Sammlung veranstaltete Herausgabe von Büchern über bestimmte theologische Materien, wie Weizsäckers „Das apostolische Zeitalter", die Entwicklung der protestantischen Theologie vom Berliner Professor Otto Psleiderer, die praktische Theologie von Achelis, desgleichen die Herausgabe einer neuen theologischen Zeitschrift, welche von Harnack, Ncischle, Kastan, Eottschick bedient wird, — belehrte jeden Sachverständigen, daß es sich hier um die Liberalisirung der Theologie handelt. Ausfallend mag sein, daß das protestantische Kirchen recht in dieser Sammlung keine Ausnahme und keine Bearbeitung findet, auffallend sagen wir, nicht etwa deßhalb, weil der Protestantismus vermöge seiner Verfassung eine ganz eigenartige Stellung zum Kirchcurcchtc hat, sondern vielmehr deßhalb, weil auch hier die Wissenschaft wahrhaft grandiosen Fortschritt gemacht hat. Und gerade der Darstellung des Fortschritts dient die „Sammlung theologischer Lehrbücher". Denn führt eine Theologie, welche die Gottheit Jesu Christ: zur Grundlage hat, nach Harnack zum „Bock und Centauren", dann kann er doch kein Bedenken haben gegen eine Darstellung des KtrchcnrechtS, die dahin mündet, daß das Kirchcnrecht überhaupt im Widersprüche mit dem ganzen Wesen der Kirche steht. DaS mag manchem Leser sehr überraschend vorkommen, thatsächlich ist diese These, daß das Kirchcnrecht mit dem Wesen der Kirche im Widersprüche steht, aufgestellt und durchgeführt worden, und kein Geringerer als der Leipziger Professor Nndolph Sohm hat das zu Stande gebracht. Nndolph Sohm ist beauftragt, für das obcngennnnts Handbuch der deutschen Rechtswissenschaft von KarlBinding das Kircheurecht zu bearbeiten. Den ganzen ersten Band dieses seines Kirchcnrcchtcs mit 700 Seiten Großoctav benutzt Sohm dazu, die obengcnanute These mit Aufwand aller möglichen Gelehrsamkeit zu beweisen; dabei kommt aber das protestantische Kircheurecht ebenso schlecht weg, wie das katholische, und es handelt sich nur darum, welcher Kirche diese schlimme Behandlung mit Gründ angethan wird. Obwohl es eigentlich zu dem uns vorliegenden Thema nicht gehört, so können wir cS doch nicht unterlassen, eine Stelle anzuführen aus Sohm (Kirchcnrecht, I. Band, S. 458), welche, den Theil seiner Betrachtungen über das katholische Kircheurecht abschließend, also lautet: „So ist die Geschichte des KirchenrcchtS zugleich die Geschichte fortgesetzter Entstellung der christlichen Wahrheit gewesen. Sie hat begonnen mit der Herstellung einer rechtgcordnrten Gemeindc- berfassung (Gewalt des Bischofs). Sie ist vollendet mit dem Ausbau einer rcchilick geordneten Gcsammtkirchcnvcrfassung (Gewalt dcö allgemeinen Concils, Gewalt des Papstes). Durch eine Wahrheit (durch den Lehrsatz, daß kraft göttlicher Ordnung allein dem Bischof die Verwaltung der Eucharistie zustehe) ist die Gewalt dcö Bischofs, durch eine Unwahrheit (den Lehrsatz, daß eine solche formell verbindende Lehrgewalt vielmehr kraft göttlicher Ordnung schon dem Papst allein zustehe) ist die Gewalt des unfehlbaren Papstes begründet worden. Nicht als wenn die Unwahrheit durch sich selber gesiegt hätte. Aber ein geschichtlich vorhandenes, thatsächlich anscheinend unabweisbares, mittelbar aus sittlichen Beweggründen geborenes Bedürfniß, das Bedürfniß nach cincm Kirchcnrecht, welches die Ordnung und die Lehre der Kirrbe sicherstellte, war die Kraft, welche eine Reihe von Selbsttäuschungen mit der Macht geschichtlicher Nothwendigkeit und folgeweise mit der Macht dcö Sieges bekleidete." Wer lacht dad Die Völker der Erde. Von Dr. Bonif. Platz.'"") 8s1i. Mit vorgenanntem, soeben complet gewordenem Werke tritt ein großes, Generationen dnrchdanerndes und erfreuendes Säcnlarwerk in die Erscheinung, welches an Bedeutung und Interesse das so gerühmte Brchm'sche Opus über das Leben der Thiere weit überragt, da es nicht von fremder SpecieS Kunde gibt, sondern mit dem Menschengeschlechte sich beschäftigt, in dessen Kreis wir selbst gehören, und indem es die Existenzform und Lebensweise unserer so manchfaltig ausgestatteten Brüder, dieser so verschiedenen Glieder der einen Menschheitsfamilie, schildert; ein Werk, das nicht, wie Vrehm's Thierleben, an Unglauben krankend, mehr Unheil als Nutzen stiftet, sondern, auf christlichem Boden stehend, daS Gute mit dem Schönen, das Belehrende mit dem Erhebenden, daS Reale mit dem Idealen verbindet, somit uns die ganze, volle Wahrheit kredenzt. Das Werk behandelt den wichtigsten aller wissenschaftlichen Gegenstände, den Menschen, nach Art und Abart, Gestalt, Farbe und Tracht, Wohnplatz und Wohnung, Klima und Cultur, Religion, Sprache und Sitte, Spiel und Gewerbe, Gewohnheit und Treiben, kurz, nach Körper und Geist. Was wir da vor uns haben, ist sohin in Bezug auf die darauf verwendete Geistesarbeit und die damit verbundenen Kosten eine hervorragende anthropologische Leistung ersten Ranges, in Hinsicht auf den Effekt aber wahrhaft eine Wcltgemäldcgallerie in Bild und Wort, und gewährt nahezu das Vergnügen einer mühe- und kostenlosen Rundreise um die Welt. Wie eine riesige Wandcldeko- ration ziehen diese kunstlwllcn Beschreibungen aller Länder und Völker der fünf Erdtheile an unserm entzückten Geiste vorüber. Da ist alles so anschaulich geschildert, so frisch und lebendig, so naturgetreu und scharfbcobachtend geschrieben, daß man die farbenprächtigen, Aug' und Geist anregenden, ethnographischen Bilder unmittelbar vor sich 'D Würzburg, k. u. k. Hofbuchhandlung von Leo Wörl. 2 Bände in Quartformat. Auch einzeln zu haben: Asien, 28 Bogen mit 210Jllustr., darunter 44 Vollb., 4 Kart., brosch. 7 M., geb. 9 M.; Australien, 15 Bogen mit 93 Jllustr.» dar. 25 Vollb., 1 Karte, brosch. 4M., geb. 6 M.; Afrika, 18 Bogen mit 117 Jllustr., dar. 31 Vollb., 3 Kart., brosch. 5 M., geb. 7 M.; Amerika, 17 Bogen mit 88 Jllustr., dar. 31 Vollb., 4 Kart., brosch. 5 M., geb. 7M.; Europa, 22 Bogen mit 159 Jllustr., dar. 44 Vollb., 6 Kart., brosch. 6 M., geb. 8 M. Summe: 109 Bogen mit 658 Jllustr., dar. 178 Vollb., 18 Kart., brosch. 27 M.. geb. 37 M. zn haben glaubt. Dabei wird das an sich schon sehr plastische Wort des Verfassers unterstützt durch die außerordentlich vielen und schönen Originalzeichnungcn der bei dem Werke mitbetheiligten Künstler, durch Text- wie durch Vollbilder, worin sich die malerischen Schönheiten der Erde vor unserm Blick herrlich entfalten und das Charakteristische jedes Landes und Volksstammes durch eigenartige Reize der jeweiligen Scenerie und durch die Vorführung des so lehr- und kenntnißreich Geschilderten sich zur Geltung bringt. Dankbar muß der Gebildete das Hervortreten dieses eminenten Werkes begrüßen, wodurch er auf nahezu spielende Weise sein Wissen bereichert und in Länder- und Völkerkunde sich Kenntnisse aneignet, welche zeitlebens sein und seiner Freunde Ergötzen sein werden. Allerdings liegt es in der Natur der Sache und des Stoffes, daß etliche wenige Bilder sowie auch einige Textzcilen nicht sür das Kiuderange sind. Zuerst behandelt der Verfasser in allgemein verständlicher, edel klarer, oft schwungvoller Sprache Europa, welches den Neigen führt und im Verlauf von zwei Jahrtausenden aus dem Schatten der Unbe- kanntheit zum leitenden Welttheil und zur höchsten Civilisation sich emporgeschwungen hat. Staunend blicken wir hinan zu den Höhen der europäischen Cultur, freuen uns dieser Errungenschaften, belehren uns über die dort ansässig gewordenen Nationen und Stämme und wandern dann frohen Muthes aus in die andern Erdtheile, um die Natur- schönheiten und Völker jener Zonen mit dem zn vergleichen, dessen wir daheim uns erfreuen. Wahrlich, eine fröhliche Länder- und VLlkerentdcckungsfahrt, die wir da antreten! Wir begreifen die Freude, mit der die Genossen des Columbus das Wort „Land!" ausriefen, wenn wir so mit unsern Blicken, sei es auch nur in vorliegendem Werke, von einem Land zum andern übergehen, jederzeit wieder Neues und Hochinteressantes kennen lernend. Wir vertauschen Erdthcil um Erdthcil, Besuch abstattend bei den zahlreichen Völkern der Erde und sie alle in ihren Cha- raktercigcnihümlichkeiten, Körper- und Gcistcsbeschasfen- hciten, Tugenden und Fehlern genau beobachtend. Des Ungewöhnlichen, ja oft Wunderbaren erfahren wir dabei so viel, daß uns die Zeit darüber wie im Fluge vergeht. — Asien, der größte und volkreichste Erdtheil, die Wiege des Menschengeschlechtes, der Religionen, der geistigen Cultur, das Land der Zauber und Märchen, der Niesen- und Wundcrbanten, nimmt unsere Aufmerksamkeit durch die hervorstechenden Merkmale seines hohen Alters, seiner gIänZendenVcrgangcnhcit,seinersonderthümlichenGanz-üdcr Halb-Civilisation, wie durch die Contraste und wechselnde Manchfaltigkeit seiner Länder und tausendfaches Anderes bestens in Anspruch. — Es folgt Afrika, das Land, welches gegenwärtig von so aktueller Bedeutung geworden und eben für Cultur und Christenthum, wie für die Bestrebungen des Handels und der Kolonisation von Europa's Mächten aufgeschlossen wird. Afrika, an seinen Nord- küsten einstens der Ursitz menschlicher Cultur, das noch so wenig erforschte, wird nach Ethnographie und Geographie vom kenntnisreichen Verfasser sehr eingehend behandelt und so eine Fluth von Licht über diesen dunkeln Erdthsil ausgegossen. Die beigegcbenen Karten sind sehr genau revidirt; die Volksstümme, Neger wie Araber, Herren wie Sklaven, Eingewanderte wie Ureinwohner, stellen sich uns in ihrer vollen Eigenthümlichkeit vor Augen. Eingehend werden geschildert die Schrecken der Sklaverei wie die Pracht der dort sich so üppig entfaltenden tropischen Natur. Der Verfasser versteht es, rasch uns Bahn zn brechen in das ungebahnte Land und uns mit Vorliebe bekannt zu machen mit vielen seither unbekannten Natur- und Menschheitszusiänden. Unser Weg geht von Meer zu Meer. — Doch auch der Ozean hält unsere Reise nicht auf. Amerika empfängt uns. Wir stehen auf dem Boden der „Neuen Welt" mit seiner überaus reichen und wechselvollcn Scenerie, seinen auf deur höchsten Gipfel der Cultur stehenden Staaten und rasch emporgeblühten Städten, mit seiner energisch klugen, rastlosen, unternehmenden, praktischen Bevölkerung, wie mit seiner romantischen Wildnis; des Urwaldes und der Urmenschen dieses Riesenlandes. Mit steigender und gerechter Bewunderung verfolgen wir diese Zonen und diese Nation, der in Kunst, Industrie und Erfindung das Große klein, das Schwierigste leicht erscheint. — Den Schluß bildet Australien, dieses uns aui fernsten gelegene Jnselland mit seiner, man darf sagen wahrhaft sonderbaren Fauna und Flora. Auch hier fesselt der weltkundige Autor unsere ungctheilte Aufmerksamkeit durch seine Schilderung von Land und Leuten, mag er nun des öderen Kontinentes Städte oder Steppen beschreiben, oder des blühenden Jnselreiches lachende Eilande, die sich wie ein Kranz um dasselbe herumliegen, mag er von der gegenwärtigen Generation sprechen oder der ausgestorbcncn Stämme gedenken. So tritt das gestimmte Prachtwerk, welches in jeder Beziehung von äußerst eleganter und vornehmer Ausstattung ist, nach Form und Inhalt in Geist und Herz gewinnender Gestalt uns entgegen, da Wort und Bilder- schmnck, Verfasser, Zeichner, Kartograph und Verleger harmonisch zusammenwirken, den freundlichsten Eindruck auf den Leser zu machen und ein Monnmentalwerk zu schassen, durchaus und in allwcg entschieden geeignet, spielend neben der edelsten Unterhaltung die reichste Belehrung zu bieten. Das gediegene Werk dürfte sich besonders für frohe Tage als Festgescheuk empfehlen, dann aber namentlich für die Bibliotheken höherer Schulen, für Erwachsene und gebildete Familienkreise, welche in genußreicher Weise sich unterhalten und belehren wollen. Dem schönen Werke wohnt ein bleibender Werth inne. Das Ende des Hückelisums. Ein vernichtendes Gericht geht soeben über den Mann nieder, welcher in unerhörter Weise das Denken der modernen Welt, besonders der deutschen, beeinflußt hat. Häckel ist es zu verdanken, daß die extremsten materialistischen Anschauungen, welche, großentheils nur im Keime, im ursprünglichen Darwinismus schlummerten, zur vollen Entwickelung gelangten und zu den herrschenden in den Kreisen der Naturforscher wurden. Durch ihn ist die gewaltige, leidenschaftliche Propaganda entfacht worden, welche in die gebildeten Laienkreise getragen wurde, an der er selbst den Löwenanteil beanspruchen kann. Es war soweit gekommen, daß Niemand, bei Strafe der Lächerlichkeit, mehr wagen durste, an dem Darwinismus in Häckcl'scher Form zu zweifeln; Finsterling, Neactionär, Jesuitensöldling und was dergleichen ebenso liebenswürdige als wissenschaftlich entscheidende Beweise mehr sind, ris- kirte sowohl der Laie, der nicht recht zustimmen, als der Gelehrte und Naturforscher, der nicht begreifen wollte, bis endlich der Häckclismus trimnphirend durch alle Kreise gezogen war und seine Alleinherrschaft errichtet hatte. 68 V,Mr Nichts war durch eine lauge Reihe von Jahren im Stande, Häclel von seinem nsnrpirten Throne zu stoßen, weder die Gegnerschaft großer Naturforscher, noch die Zweifel manäicr seiner gewesenen Schüler, noch — und das ist das Merkwürdigste — wissenschaftliche Blamagen des tyrannischen Triumphators. Häckcl hatte die öffentliche Meinung erobert, und durch diese war er geschützt — eine merkwürdige wissenschaftliche Garde. Es wurden ihm grobe Verstoße gegen die Wahrheit wiederholt nachgewiesen, doch im großen Pnblicum horte man davon fast nichts. Keine Spur von dem Lärm in den Tagcs- blättern, den Fabriken der öffentlichen Meinung, keine Trompetenstöße jener Art, welche bei Verbreitung der Häckcl'schcn Irrlehre allgemein waren und uns noch Allen in den Ohren klingen. Auch heute, wo ein hervorragender Naturforscher und einstiger Schüler Häckcls Generalabrechnung mit dem Manne hält, der die öffentliche Meinung so lange und unbeschränkt beherrscht hat, ist in -den TagcSblättcrn kaum etwas davon zu- lesen. Paßt es etwa den Machern der öffentlichen Meinung nicht, daß die Wahrheit über den Apostel des Materialismus genügend bekannt werde? Haffen wir, daß sie doch noch die Objectioität besitzen werden, ihren Leserkreisen mitzutheilen, daß auf Häckcls Autorität kein Verlaß ist, daß dieser Mann sogar vor unerlaubten Mitteln nicht znrückschcnte, um seine vorgefaßten Ideen als Wahrheit erscheinen zu lassen. Es ist dies die schrecklichste Anklage, welche gegen einen Forscher erhoben werden kann, und wenn sie erwiesen ist, ist sie gleichbedeutend mit der Vernichtung. Gilt dies schon auf jedem, auch dem entlegensten Gebiete dcS Wissens, so ist das noch mehr der Fall, wenn es sich um ein Wissensgebiet handelt, wofür sich die ganze gebildete und ungebildete Welt im höchsten Grade intcrcssirt, um die Abstammung des Menschen, seine geistige Natur und alle die Fragen der Religion, die sich daran knüpfen. Hat ein Forscher hierin zu dcm Mittel gegriffen, eine Beobachtung als gemacht zu erklären, die er nie gemacht hatte, und von welcher ein Beweis für die ganze Frage abhängen sollte, so hat er sich nicht eines einfachen Irrthums und einer gewöhnlichen Irreführung schuldig gemacht, die der nächste Beobachter wieder gut machen kann, sondern er hat die Menschheit betrogen, die in ihren weiten Kreisen nicht fähig ist, selbst die Beobachtung zu wiederholen. Das sind scharfe Dinge, und wenn sie Häckcl treffen, so sind alle Tagcsblätter verpflichtet, den Mann zu entlarven, der in Fragen, welche für die ganze Menschheit so wichtig sind, eine derartige Irreführung gewagt hat. Wir wollen nun sehen, welches der Sachverhalt ist, auf welchen sich die vernichtende Anklage stützt?) Sie lautet: Häckcl hat, einzig um seine extrem materialistisch-darwinistische Entwickelungstheorie durch behauptete Thatsachen zu beweisen, Abbildungen theils gefälscht, theils erfunden. ° Den Beweis für diese vernichtende Anklage haben mehrere hervorragende Naturforscher erbracht, ohne daß Häckcl sie widerlegt hätte. Der bekannte Leipziger Anatom und Physiologe Professor His stellt diesen Beweis in folgender Weise her (His, „Unsere Körpcrform und das physiologische Problem ihrer Entstehung." Leipzig 1875): *) Wir folgen hier der Zusammenstellung in: „Professor Ernst Häclel in Jena mid seine KampfeSweise" von Professor Dr. Otto Hamcinn; Eöttingcn, Peppmüllcr 1893. „Es ist wohl erlaubt, Häckel eine Strecke weit auf dem Boden thatsächlicher Darstellung zu folgen und einige seiner beweisendsten Abbildungen einer genauen Prüfung zu unterziehen. Wir nehmen die erste Auslage der natürlichen Schöpfungsgeschichte zur Hand und finden Seite 242 abgebildet in drei untereinander stehenden Abbildungen das Ei des Menschen, das Ei des Affen und dasjenige des Hundes, je 100 Mal vergrößert; auf Seite 284 aber in drei nebeneinanderstehenden Figuren den Embryo des Hundes, denjenigen des HnhneL und den der Schildkröte. Die Uebereinstimmung in jeder der drei Figurenreihcn ist eine vollkommene, und kaum kann man sich etwas Ueberzcugenderes denken als diese weitgehende Identität von Formen verschiedener Wesen. . . . Noch merkwürdigere Uebereinstimmung enthüllt indeß eine weitergehende Prüfung der Figuren. Die absolute Identität besteht nicht allein für die Eier der einen und die Embryonen der anderen Reihe, sie besteht auch für Ort und Form der bezeichnenden Buchstaben, ja sie besteht für die Zahl und für die Länge der Strichclchcn, mittelst deren jene den Figuren angefügt sind. Es hat mit anderen Worten Häckel je drei Clichös desselben Holzstockes unter drei verschiedenen Titeln aufgetischt. Das Verfahren war etwas stark und von Seiten eines durch Tragweite, Liefe und durch Gewissenhaftigkeit der Forschung gleich hoch dastehenden Mannes, von Professor Nütimeyer, ward es sofort gerügt als eine den öffentlichen Credit des Forschers tief schädigende Versündigung gegen wissenschaftliche Wahrheit. Danach durfte man zum Mindesten eine Zurücknahme und Entschuldigung des begangenen Fehlers erwarten. Statt dessen hat Häckel in der Vorrede seiner späteren Auflagen schwere Schmähungen auf Professor Nütimeyer gehäuft, gleich unwahr, was ihren Inhalt, wie unedel, was ihre Form betrifft. Dabei ist, was allerdings der Erwähnung bedarf, der Holzschnitt jeder der beiden Reihen in der Folge nur einmal, der eine uiit einer einfachen, der andere mit einer Cnmnlativ- Unterschrist versehen, abgedruckt worden." Das wäre somit die erste, geradezu verblüffend kühne Fälschung. Professor His fährt in seiner niederschmetternden Beweisführung der Fälschungen HäckelS folgendermaßen fort: „Unverändert und durch zwei neue Figuren vermehrt erscheinen dagegen auch in der fünften Austage der Schöpfungsgeschichte die paar größeren Bilder, welche die Formidenlität von Hunds- und Menschcncmbryo, sowie die von Huhn und Schildkröte erweisen sollen. Won diesen Figuren sind einige Copien, andere dazu componirt. Copien sind (außer der Schildkrötcnfignr) die Abbildungen des angeblich vicrwöchcntlichen Hundes (vergleiche Bischofs Tafel XI, 42 L, Hundc-Embryo von 25 Tagen) und diejenige des angeblich vierwöchentlichen Menschen (vergleiche Ecker, leonag pst^giol., Tafel XXX, 2, allda ohne AlterZangabe). Allein es sind Kopien in freier Behandlung, und zwar sind die genommenen Freiheiten derart, daß sie eben der gewünschten Identität zu Statten kommen. Oder ist eZ ein Versehen der Lithographen, baß beim Hackcl'schen Hunde-Embryo gerade der Stirntheil des Kopfes um 3'/z Millimeter länger gerathen ist, als bei Bischofs, beim Menschen-Embryo gegen Ecker der Stirntheil um 2 Millimeter verkürzt, und zugleich durch Verrücken des AugeS um volle 5 Milli mctcr vcrschmälcr 69 und daß dafür der Schwanz des letzteren znr doppelten seiner originalen Länge sich emporschwingt?" Also eine zweite Fälschung l „Reichliche embry alogische Abbildungen enthält die Anthropogenie. Ein Theil derselben sind die wieder abgedruckten Holzstöcke der Kölliker'schcn Entwickelungsgeschichte. So weit es sich aber um Häckcl'sche Originalien handelt, stehe ich nicht an, zu behaupten, das; die Zeichnungen theils höchst ungetreu, theils geradezu erfunden sind." „Erfunden ist Figur 42, Urkeim des Menschen, in Gestalt einer Schuhsohle, vierzig Mal vergrößert. Kein Beobachter hat bis jetzt dies Stadium gesehen, und zuversichtlich möchte ich nach dem bisher vorliegenden Materials behaupten, daß es nicht so aussehen und nicht die angegebenen Dimensionen besitzen kann." Erfunden! Was heißt daö? Wissenschaftlicher Betrug! Dritte Fälschung. „Erfunden sind ferner die zwei Figuren menschlicher Embryonen S. 272, bei welchen eine Allantois (beim Menschen bekanntlich nie in Blasenform sichtbar), als „ansehnliches Bläschen" nicht allein abgebildet, sondern ausdrücklich beschrieben wird." Vierte Fälschung! „Erfunden ist die Mehrzahl von den Figuren der Embryonentafeln IV und V, auf denen, um nur ein grobes Beispiel zn citircn, Fisch- und Froschembryonen ebenso unbefangen eine Scheitelkrümmnng des Gehirns zur Schau tragen, wie die Embryonen der Schildkröte, des Huhnes und der Säugethiere." Hier wissen wir also gar nicht, wie viele Fälschungen auf den genannten Tafeln IV und V vorhanden sind; es heißt einfach: „die Mehrzahl". Die von Professor His Herrn Häckel nachgewiesenen Fälschungen werden von anderen Forschern bestätigt, ja der Würzburger Professor Scmpcr hat denselben noch weitere angereiht; er sagt in seiner Schrift: „Der Häckclismus in der Zoologie", Seite 35: „.His hat sich in seiner trefflichen Arbeit „Unsere Körperform und das physiologische Problem ihrer Entstehung" die Mühe gegeben, aus der Schöpfungsgeschichte Hückels die von diesem Autor geübten Fälschungen nachzuweisen. „Es hat uns Häckel je drei Clickös desselben Holzstockcs unter drei verschiedenen Titeln aufgetischt". Auf Seite 170 sagt His über die Anthropogenie: „Ich stehe nicht an, zu behaupten, daß die Zeichnungen, soweit es sich um Häckcl'sche Originalien handelt, theils höchst ungetreu, theils geradezu erfunden sind". Ich meinerseits könnte zu den von HiS gegebenen Beispielen noch eine ganze Reihe anderer liefern; so sind z. B. die nach Kowalewsly copirten DnrchschnittSbildcr eines Ncgenwnrmcmbryos vollständig, das des AmphioxnS theil- weise gefälscht; außerdem wird das erste in einer Weise benützt, welche auch die Darstellung des KowalewSky gänzlich verdreht." Semper protestirt auch in einem offenen Brief an Häckel dagegen, „wie Sie (Häckel) dem Publicnm Ihre Hypothesen als naturwissenschaftlich festgestellte Wahrheiten, Ihre durch Reflexion gewonnenen Meinungen «lö auf Beobachtung beruhende Thatsachen hinstellen." Ebenso erklärt der Kieler Professor Hensen (Physiolog): «Es sind Häckel so erhebliche und mnthwilligc Vergehen gegen die Wissenschaft in unwiderlegbarer Weise nachgewiesen worden, daß zwar eine Nachsicht im persönlichen Verkehre möglich ist, aber bei wissenschaftlicher Discussion die Sachlage in der That recht schwierig wird . ..denn wahre Thatsachen haben dem gegenüber kein Gewicht, der nicht ansteht, dieselben nach seinem Willen zu beugen." Wir übergehen die vielen Nachweise, welche in der citirten Broschüre von Hamann niedergelegt sind, daß Häckel auch in anderen Fragen „directe Unwahrheiten" sich zu Schulden kommen ließ und in der Polemik gegen Collegen mit Anwendung solcher Unwahrheiten den Kamps zu führen sich nicht scheute. Wir bemerken nur, daß die obengenannten Professoren, so viel uns bekannt, durchweg Protestanten sind und lauter Naturforscher, Zoologen und Physiologen, welche im Nebligen selbst auf dem Standpunkte einer Entwickelungstheorie stehen, die aber sich hüten, Hypothesen als erwiesene Resultate der Natur- forschung auszugeben. Das also hat Häckel gewagt! Einem solchen Manne hat man geglaubt, der als Thatsachen angab, was er nie beobachtet hatte, und der an den beobachteten Thatsachen „Corrccturcn" anbrachte, welche Semper richtig Fälschungen nennt! Diesem Manne stand die ganze öffentliche Meinung bei, für ihn und seine als Wahrheit ausgegebenen Fälschungen und Hirngespinuste wurde die Trommel geschlagen und eine unerhörte Propaganda gemacht! Wo sind jetzt die Zeitungen und Macher der öffentlichen Meinung, welche das bisher irregeleitete und betrogene Publicnm darüber aufklären, daß die Autorität, welcher sie glaubten, als eine betrügerische offen gebrandmarkt ist? Wir sind neugierig, ob die über alle Maßen interessante, ja sensationelle Broschüre des Professors Hamann die Reclame finden wird in den Tages- nnd Unterhaltungsblättcrn, welche seiner Zeit für die durch wissenschaftliche Fälschungen beschmutzten Hückclschen Werke betrieben wurde. Oder wird man es gleichgültig finden, wein; die Wahrheit unbekannt bleibt, wenn die Irreführung weiter besteht und um sich greift, weil alle Mittel, ja selbst Fälschung, als erlaubt angesehen werden, wenn dadurch der christliche Glaube untergraben wird? („Germania".) Albrecht Dürer. M Negensburg. H. Kciter sagt im „Deutschen Hausschatz" (20. Jahrg., S. 287) bei der Besprechung der Wcber'schen Schrift „Albrecht Dürer": „Die Hanptstreitfrage, Dürer's Glaubensbekenntnis), wird für jeden ruhigen Denker cndgiltig entschieden; ob sie freilich damit auch begraben wird, ist trotz Weber's überzeugenden Ausführungen eine Frage." Wir sind mit diesen Worten voll und ganz einverstanden; es geht wie bei Farbenblinden. So sehen wir bereits das protestantische „Ne- gcnsbnrger Tagblatt" schüchtern versuchen, den Künstler für den Protestantismus zu retten. Zuerst gestehen wir gerne, daß dasselbe seit November 1892 Fortschritte gemacht : es bezeichnet nicht mehr die damalige Behauptung Weber's von Dürer's Katholizismus mit dem unparla- mcntarischeu Ausdruck: „das aller neueste Produkt nltramontaner Idiosynkrasie" und kennt aus der Zncker'- schen Broschüre die Namen zweier katholischer Schriftsteller, Ncichensperger und Kaufmann, welche schon früher die gleiche Anschauung wie Weber vertreten hatten. Hier können wir uns nicht versagen, es aufmerksam zn machen, daß schon Janssen in zwei Bänden (sicherlich in 30,000 Exemplaren verbreitet), die „Historisch-politischen Blätter" (Band 75, 67), die Tübinger „Qnartnlschrist" (Jahrg. 70 1886, 1888), Weber in seiner Abhandlung „Albrecht Dürer" im „Vatcrlcindskalender" 1888, und andere dieselbe Ansicht vertheidigten. Für die verlorene Sache beruft sich das Blatt anf den „Katholiken" Springer. Damit sich nicht ein neues Märchen bildet, müssen wir nothgedrnugcn den Mann uns näher ansehen, obwohl wir sonst dem Grundsätze huldigen: Da wortuis nil nisi bans. Springer war aus Streberthum ein dreifacher Renegat. Sogar die „Allgemeine Zeitung" (Beilage) fand die,Unverfrorenheit auffallend, mit der Professor Springer in seiner Selbstbiographie dieses Nenegatenthum breitspurig erzählt. Springer war ein Czcche — er verrieth sein Volk und machte im Deutschthum. Er war ein Ocster- retcher, er verrieth sein Vaterland und wurde Preußeu- anbeter. Er war Katholik — er verrieth seine Religion und wurde Protestant, ohne es im Innern zu sein. Obschon man den Verrath liebt, den Verräiher haßt, erreichte diesesmal der Streber sein Ziel und wurde Universitätsprofessor in Straßburg. Da er jetzt zum Ringe gehörte, gelang es ihm, an die Universität Leipzig zu kommen. Um Orden zu erhalten, widmete er sein Werk dem Könige von Sachsen, der dasselbe natürlich vorher nicht gelesen hatte. Und „ob Dürer katholisch oder protestantisch gewesen, ist im Grunde genommen doch keine Frage, die zu der Wahrheit der katholischen Lehre etwas ab- oder zuthut" (Vermeulen in der Recension der Weber'schcn Schrift im „Volksbotcn" Nr. 15). Aber den Apostaten Springer als Autorität in Betreff des Dürer'schen Glaubensbekenntnisses anzuführen, erregt den nämlichen Verdacht, wie wenn man über das Papstthum nach den Aeußerungen des abgefallenen Mönches Pater Martin sich unterrichten sollte. Man merkt die Absicht und wird verstimmt. Dann tröstet das «Tagblatt" seine gläubigen Leser mit der Versicherung, daß „der Verein für Neformations- geschichte sich entschlossen hat, wenn nicht in diesem, so im nächsten Jahre eine Publikation über Albrecht Dürer zu bringen". Bekanntlich bildete sich in Magdeburg dieser Verein „deutscher Gelehrten, welcher sich die Aufgabe gestellt hat, die Neformationsgeschichte aus den Akten und Urkunden ZN erforschen und das Ergebniß in populärer Form allgemein zugänglich zu machen." Wie wenig wissenschaftlich und wahrheitsgetreu aber dieser Verein in seinen Publikationen seine Aufgabe gelöst hat, beweist das Urtheil eines sonst befreundeten Kritikers in der gewiß unverdächtigen Sybel'schen „Historischen Zeitschrift" (55, 295 ff.). Dort wurden die Vercins- schriften in so scharfer, abfälliger Weise besprochen, daß die Redaction sich genöthigt sah, dem hart hergenommenen „deutschen Gelehrten" die bittere Pille durch eine begütigende Nachschrift zu versüßen. Wir halten es daher lieber mit dem berühmtesten protestantischen Dürcrforscher Dr. A. v. Ehe, der neuerdings wiederholt hat, was er zum erstenmale im Jahre 1860 in seinem Werke „Leben und Wirken Albrecht Dürer's" (2. Aufl. 1869) erörtert hatte. Dieser verdiente Gelehrte meint in seinem neuen Buche: „Albrecht Dürer's Leben und künstlerische Thätigkeit in ihrer Bedeutung für seine Zeit und die Gegenwart" (Waudsbeck 1892): Es „hieße die wahre Sachlage verkennen, wenn wir ihn (Dürer) schon im heutigen Sinne als zu einem neuen Bekenntnisse übergetreten ansehen und seine Werke daraus erklären wollten". Im übrigen wird auf katholischer Seite wie durch oorurthcilslose Protestanten die ernste Forschung auch über das 16. Jahrhundert ihren Fortgang nehmen und der Wahrheit den endlichen Sieg verschaffen. Recensionen und Notizen. AurelinS Ambrosins, dcr Vatcr des KirchenzesangcZ. Eine hymnologischc Studie von Guido Maria Dreves» 8. 1. Frcibnrg, Herder 1893. br. M. 2.—. Eine interessante und mit viel kritischer Schärfe angefertigte Arbeit, für die wir dem Verfasser um so dankbarer sein müssen» als sie ein bisher noch sehr dunkles und ungeklärtes Gebiet zur Behandlung hat, nämlich die Frage nach den ächten Hymnen des bl. AmbrcsiuS und deren Siugwcise. Naturgemäß theilt sich die Schrift in 2 Theile; im ersten Theile (S. 1—87) wird an dcr Hand der 3 kritischen Kanones: 1) „Kein Hymnus kann als von Ambrosins herrührend angesehen werden, von dem nicht nachweisbar ist, daß er von Alters her in der mailändischen Kirche im Gebrauch war." 2) AuS dieser Liste sind wieder jene zu streichen, welche nicht mit dcr Denk- und Schreibweise des bl. Kirchenlehrers übereinstimmen. 3) Der Nest gilt für am- brosianisch und, für den Fall des HinzutretenS äußerer Zeugnisse, positiv für ambrosianisch — die Zahl der ächten Hymnen dcS hl. AmbrosinS festgestellt. DrcvcS weist im Gegensatze zu dem bisher höchst mangelhaften Resultate in dieser Beziehung nach, daß nicht bloß 4 Hymnen als ächt ambrosianisch sich erweisen lassen, sondern 14; außerdem noch 3 mit größerer und eine mit geringerer Wahrscheinlichkeit. Dieser Bewcisgang ist dabei so einleuchtend und natürlich, daß man sich füglich mit dem Verfasser wundern muß, wie oon allen Hymnolvgcn und Musikhistorikern bis jetzt — mit Ausnahme dcS einen Diraghi „Inni sinosri o carml cli 8ant'Lwbro§io'°, Milano 1862 — noch keiner diesen Weg gesunden hat. Ausfallender Weise aber ist dieses gediegene Werk selbst in Italien nur wenig Verbreiter, darüber hinaus aber fast gänzlich unbekannt geblieben. Aus diesem Grunds erachtete cS der Verfasser für geboten, nochmals dieser Untersuchung nahe zu treten und durch seine Schrift das Werk Biraghi'S „seinem finsteren Geschicke zu entreißen". Darum beansprucht er aber auch für diesen ersten Theil nicht das Verdienst der Originalität, sondern steht, wie er selbst sagt, aus den Schultern Biraghi'S. Originell ist nur die Anordnung deS Stoffes, sowie die prägnantere Formulirnng der Beweise, ferner einige neue Ausschlüsse über benützte Handschriften. Ganz aus eigenen Füßen steht der Verfasser im zweiten Theil seiner Schrift, in dcr Untersuchung über die Singwciscn dieser Hymnen. (S. 83—128.) Zuerst kommt — ähnlich wie im ersten Theil — eine mit würzigem Humor geschriebene Zusammenstellung über die verschiedenen Musikgeschichten, deren Verfasser zuerst alle über die Singweise dcr ambrosianischen Hymnen „nichts genaues wissen", aber dann doch alle sebr vieles und sehr genaues wissen, wobei in wunderlichem Wirrwarr, der eine so ziemlich immer das Gegentheil vom andern behauptet. Daran reiht sich ein kurzer ErknrS über ambrosianischen und gregorianischen Gesang, um hernach zur eigentlichen Ausgabe dieses Theiles zu gelangen. Auf fast dem gleichen Wege, wie im ersten Theil, gelingt es dem Verfasser, die ambrosianischen Singwciien zrr ernsten. Dcr Beweis enthält folgende Punkte: 1) die Singweise der ambrosianischen Hymnen war wirklicher Gesang und nicht bloß Recitation (S. 97!); 2) die Hymnen waren compo- nirt in den damals allein herrschenden griechischen Tongeschlccktern (S. 93!) und zwar 3) metrisch (S. 103) — weil die griechische Musik keine anderen als metrische Melodiken kennt — und im 3theiligcn Takt. Aus dem so geebneten Boden geht Dreves dann an das Ausstichen dcr ambrosianischen Mclodieen und benutzt hiezu ein Mailänder Hyinnar anS dem Jabre 1619, welches sich in dcr Pariser National-Bibliothck findcr (k); ein weiteres aus der Kibliotlisoa Vrivnlsmma zu Mailand ('!') u. A., vor Allem Cistercicnser Handschriften, welche insofern beweiskräftig sind, als die Cistercicnser sich von Ansang nicht des römischen, sondern dcS mailändischen HymnarS bedienten. Die anS diesen Quellen anögchobcncn Mclodiccn weisen allerdings verschiedene Varianten aus, doch so, daß sich ein gemeinsamer Grundstock für die einzelnen, von einander abweichenden Melodicen erkennen läßt. Durch Vcrglcichnng und Pnrgirnng derselben unternimmt nun DreveS die Ncconstrnirnng der Urform dieser Mclodiccn. ein Versuch, dcr in der That ein sehr dankenswertbcs Resultat zu Tage fördert, selbst wem: nicht, wie der Verfasser zugibt, „mit jeder Note das Ursprüngliche getroffen" sein sollte. — In einem Anhang folgen dann zusammengestellt sämmtliche anibro- sianiicke Hymnen mit ihren reeonstrnirten Singwcisen und, für jeden sachkundigen Leser als willkommene Beigabe, eine Schriftprobe aus dem Ooä. Vatlo. Ue§. 11 mit 2 Hymnen dcS 71 hl. Ambrosius. — Die in lichtvoller Klarheit und in noblem Stile abacsaßte Schrift» durch welche der Verfasser ein Anrecht auf den Dank aller Hymnologcn und Musikhistoriker bat. sei Interessenten angelegentlich empfohl en! Dnrncr, Prüftet. Franziß Franz Dr., Bayerns nationale und internationale Stellung. Historisch-politische Studie. München. Lindaucr'sche Buchhandlung (-Lchöpping). 1894. S 46. Pr. 0.8V M. Das hier angezeigte Schristchen ist wohl geeignet, verdientes Aufsehen zu erregen. Der Verfasser, Gefchichtsprofcssor am kgl. Kadettencorps, seinen Freunden als ein echt bayrisch fühlender Mann bestens bekannt, unternimmt es, auf solider, geschichtlicher Grundlage Bayerns Bedeutung in nationaler und internationaler Hinsicht darzuthun. Max Emanuel war cS, der, wie leider nicht genug bekannt ist, durch den Münchner Vertrag vom 15. Mai 1724 die verschiedenen wittclsbachischen Dynasten (2 Kurfürsten, 3 Herzöge und 2 Pfalzgrafen) bestimmte, vor allein Familicn- spaltungcn ruhen zu lassen, so dass nach 5 Jahrzehnten (1777) die Vereinigung sämmtlicher wittclsbachischer Besitzungen in Kur- pfalzbaycrn unter Karl Theodor vor sich ging. Seite 9 wird der Anklage, Bayern habe in der napolconischen Zeit eindeutsche Politik getrieben, sehr wirksam mit dem Hinweis auf die im Basier Separatfrieden vom 5. April 1795 durch Preußen gezogene Demarkationslinie begegnet. Ucbcrhauptistdcr historische Theil dcS Schriftchens von einer wohl unanfechtbaren Nollendet- hcit. Dagegen bekundet der politische Theil einen Optimismus, dessen Berechtigung gewiß erwünscht wäre, der inocß von der Mehrzahl der bayerischen Leser kaum getheilt werden dürfte. Seite 13 spricht nämlich von „weitgehendsten" Nescrvatrechtcn. Seite 14 heißt cS, von einer Majorisirung BayernS im BundcS- rathe könne keine Ncde sein. Ja wenn die nichtprcnßischcn Stimmen sich einigten; ob dieser Fall aber jemals eintreten wird? Seite 13 hätte der bedenkliche Satz -ouinü ro§io, ot eins reliAio« doch nicht obne jede kritische Bemerkung passiven sollen. S. 20 findet der Verfasser selbst Anlaß, der Befürchtungen mancher wegen eines Lnia Bavariao zu gedenken. Allein nach seiner Meinung sind (S. 23) die Gegensätze zwischen Nord und Süd seit dein verhältnißmäßig kurzen Zeitraum des Bestandes des neuen Reiches gemildert worden. Ausfallend schlägt sein Optimismus einmal in Pessimismus um (S. 25) mit dem trostlosen Satze, die Noth in einzelnen Gebirge-bezirken der Nähn, des Spcs- farl und dcS bayerüchen Waldes werde wohl immer bleiben. Nachdem unbrüdcrliche Aeußerungen nichtbayerischer Deutschen auch ihm nicht unbekannt geblieben (S. 39 f.), hätte er immerhin mit einem Appell an die Patrons. Lavariao seine jedenfalls hochinteressante Abhandlung schließen dürfen. Möge dieselbe in die weitesten Kreise dringen! Denn mag auch der Optimismus des Verfassers nicht jedem gefallen; er bleibt dennoch das kleinere Uebel im Vergleich mit jenem fremde Einmischung reizenden und eigene Thatkraft lähmenden Pessimismus so vieler innerhalb der Ercnzpsähle unseres Heimathlandcö. Lest—r. Ilcbcrblick über dicGeschichtc des Klosters Polling und dcr Stadt Wcilhci in. 1893. Druck und Verlag von Gebr. Bögler, Wcilbeim. Preis 2,50 M. 6-. Seitdem Dekan Fr. S. Geiler von Naisting seine Geschichte des Kapitels Weilhciin (1756) schrieb, besaß das Kapitel Wcilhcim keinen Priester mehr, der sich solche Verdienste um die AugSbnrgcr Divzcfangeschichte erworben hätte, wie der Verfasser obigen „ÜcberblickeS", nämlich der hochw. gcistl. Rath und Spital- kurat .Herr A. Schmidtner, Jnbelpricster und Ehrenbürger seiner Vaterstadt Weilbcim, Inhaber des Ehrenkrcuzcs dcS k. LndwigS- ordcnS. Nach Dutzenden zählen die kleinen und größer» Abhandlungen, welche der unermüdliche Geschichtsforscher mit gewissenhafter Akribie und stannenLwcrthcm Fleiße verfaßte; dabei geht ihm die Seclsorge über Alles, und nur die Mußestunden, oder wohl besser die Nachtstunden nach schwerer TageS- arbeit im Weinberge dcö Herrn, gehören dein Studium der Heimathgeschichte. Vierzig bczw. zwanzig Jahre lang hütete und ergänzte er sein Manuskript, bis er es anS Anlaß der Eröffnung eines Dominikaneriniicn-Klostcrs und Pensionates in Polling der Ocffentlichkeit übergab. Ueber die Gediegenheit des Inhaltes waren wir im vorhinein außer Zweifel, nur hätten wir gewünscht, daß auch in der Geschichte von Polling eine solch übersichtliche Einthcilnng getroffen worden wäre, wie in der Geschichte der Stadt Weilbcim. Hier müssen wir auch die Verdienste der Gebrüder Bögler hervorheben, welche seit Jahren die Spalten ihres LagblatteS der Ortsgeschichte öffnen und so dem hochw. Herrn Verfasser es ermöglichten, ohne bedeutende Kosten seine Studien zu publizieren. Weiß, Dr. I. V. v., k. k. Hofrath. Weltgeschichte. 3. verbesserte Auflage. Lieferung 94—101. Graz und Leipzig 1W2. VcrlagS-Buchhandlung .Styria'. Preis der Lieferung 50 kr. — 85 Pf. Nun liegt von diesem schönen Werke auch bereits der XII. Band vor. Derselbe beginnt mit dem zweiten schlesischcn Kriege und führt die Geschichte dcS achtzehnten Jahrhunderts fort bis zum Jahre 1773, wo die erste Theilung PolenS stattfand. Dem österreichischen Erbfolgekricg, der acht Jahre währte, folgte der siebenjährige Krieg. Also fünfzehn Jahre des KampfcS: zuerst nur ein Krieg zwischen Oesterreich und Preußen, dann ein europäischer Krieg, der zu Land wie auf dem Ocean nns- gcfochtcn wird und seinen blutigen Gürtel um den ganzen Erdkreis schlingt. Muß nnö beim Berichte über jene düstere Zeit, die unsere Vorfahren durchmachten, nicht unwillkürlich Freude daS Herz erfüllen über den Frieden, den wir seit Jahrzehnten genießen und der daS Glück von Millionen und Millionen verbürgt? Freude darüber, daß die kleinliche Politik des vorigen Jahrhunderts vorüber ist, daß Oesterreich und Deutschland, in ihren Kaisern befreundet, zusammen eine riesige Wehrkraft bilden, welche die festeste Bürgschaft des europäischen FriedcnS ist; daß beide Herrscher beflissen sind, Kunst und Wissenschaft, Industrie und Handel zu fördern, die Talente zu schützen und zerstörende Kräfte niederzuhalten. _ Die hl. drei Könige. Schauspiel in 5 Auszügen von Frd. EbcrSweiler 8. 3. NegcnSbnrz 1894. Frd. Pustet. VII. 120 S. Nicht um ein gewöhnliches Theatcrstiicklein handelt es sich hier, sondern wir haben ein religiöses Drama höheren Stiles vor unS, das an erster Stelle für ein gebildetes Publikum berechnet ist. Es spielt sich die Handlung dcS Evangeliums nickt bloß einfach dramatisch ab, sondern es faßt E. die ganze tiefe Bedeutung des Geheimnisses auf und dieser Plan, die Erscheinung dcS Herrn, beweisen durch die Erfüllung der wunderbarsten Prophezcihnngen, die Verwerfung der Juden und auch jener Heiden, die Christus nicht anerkennen, und vor Allem die Erwählnnz der Heiden, welche dem Lichte der Wahrheit folgen, dem Leser oder Zuschauer vor Augen zu führen, ist so meisterhaft durchgeführt, daß einem so recht klar wird, warum die Kirche das Fest der Erscheinung des Herrn zu einem solch privilcgirt hohen Rang erhoben. Die Sprache ist — etliche VcrSl,arten abgerechnet — eine gehobene und in den Chören, welche am Schlüsse eines jeden ActcS den hl. 3 Königen und deren Begleitern zugetheilt sind und in dieser Vcrthcilung sehr poetisch wirren, in der That schwungvoll zu nennen. Für eventuelle Aufführungen hat Verfasser in der Vorrede die entsprechenden Kürzungen angegeben und zwar für 5, 4, 3, 2 und 1 Act und dann auch noch für ein kurzes Krippenspicl mit nur zwei Scenen. Hoffentlich ist dieses Werk nicht das letzte religiöse Drama, das wir der Feder Ebersweiler's zu verdanken haben. Laumann'sche Jngendbibliothek. 2.Bündchen. Inhalt: Die Gebrüder Hachclmann. (Eine Dorfgeschichte.) Von Karl Ncginaldus. Preis 25 Pf. Laumann'sche Kinder legende. 2. Bündchen. Inhalt: Wunderbares Wirken des hl. Bernhard von Clairvaux. Aon B. Ncyeg. Preis 25 Pf. Dieses Unternehmen mehrerer Mitglieder beS Katholischen Lehrcrvcrbandes hat großen Beifall gefunden und verdient auch mit Neckt die Unterstützung Aller, welche mit dem wichtigen Amte der Kindererziehung betraut sind. DieA.Lanmann'schc Buchhandlung in Dülmen i. W. hat den Bündchen eine bei dem billigen Preise vorzüglich zu nennende AuSstattnug gegeben. Heft 6 des wacker strebenden Deutschen Hausschatzes enthält zunächst die Fortsetzungen der immer anziehender sich entwickelnden Erzählungen: Der Stadtschreiber von Köln von H. Kerncr, Die weiße Frau von Falkenstein von Marie Laue, und Die Fclsenburg von Karl May. An Artikeln hat das Heft einen besonderen Reichthum auszuweisen. Der Herausgeber bringt eine sehr interessante Zusammenstellung der Schriftstellerhonorare in alter und neuer Zeit; Dr. Dreibach behandelt den Schwan als Wappenschild; Professor Dr. Scheichcr gibt ein fesselndes Charakterbild des großen katholischen Schriftstellers Sebastian Vrnnner; Professor P. Wild liefert eine sehr inhaltreiche und gediegene Abhandlung über Orakel, Zauberei und Aberglauben. Daran reihen sich, wie in jedem Heft, zahlreiche interessante kleinere Artikel und Notizen, die jedem Leser etwas Interessantes bringen. Die Illustrationen sind auch in diesem Hest von großer Schönheit. 72 Katholische Warte. Jllustr. Monatsschrift zur Unterhaltung und Belehrung. IX. Jahrgang. Heft 8/9 ä. 15 kr., 25 Pf. Jahresabonnement fl. 1.80 (M. 3.—1. Die zuletzt erschienenen Hefte der tüchtig redigirtcn Monatsschrift geben uns willkommcucVcranlassnng, dieses echt kath.Familicnblatt wieder einmal in Erinnerung zu bringen. Die Biographieen des Säugers von Dreizehnlinden I)r. F. W. Weber (Wörndle) und des berühmten österreichischen Bildhauers Georg Raphacl Donner (I. Maurer), die interessanten Erzählungen „Ein ehrlicher Name" (H. Hirschfeld) und „Im Doctorhausc" (Cl. Borges), „Christliche Liebe" (M. v. Pclzcln) und „Gefangen und erlöst" (O. LaudSmann),die lieblichcWeihnachtSgcschichte „DaSNubincnkreuz" (Hernrine Proschko) u. s. w. bilden den reichen Inhalt dieser Hefte. Studien undMitthcilungcu aus demBenedictincr- und dem Cistercic nscr-Orden. Von Ist Maurns Kinter, 0. 8. v. XIV. Jahrg. 1893. Jnhaltö-Verzeichniß der Hefte I bis IV. (Abhandlungen.) Adlhoch, Dr. Ist Bcda (0. 8. V. Metten): Geschichts-philosophische Studien. — Braunmüller, Ist B. (0. 8. v. Metten): Gründungszeit des Klosters Obcraltaich. — Brcdl, v. Signilind (0. Orst. Ossegg): Das Collegium St. Bernardi in Prag. Ein culturhistor. Bild in honorem 8t. vernareli. — Dolberg. Ludwig (Ribnitz): Die Tracht der Cistcrcicnser nach dem über usuum und den Statuten. — Gasscr, ?. Vinccnz (0. 8. Ist Erics): Das ehemalige Beue- dictincrkloster S. Lorcnzo in Tricnt. — Hafner, Otto (Eß- liugcn): Negcsten zur Geschichte des schwäbischen Klosters Hirsau. — Mahr, Dr. M. (Innsbruck): Cardinal Commen- doncö Kloster- lind Kirchenvisitation von 1569 in den Diversen Passan und Salzburg. — Mell, I>r. Anton (Graz): 1) Das Stift Scckau und dessen wirthschastliche Verhältnisse im 16. Jahrhundert, 2) Das älteste Grundbuch dcS Stiftes Scckau aus dem Jahre 1513.— Plainc, Dr. Beda (0.8. Ist Silos): 1) 8sries crittoo-ebronoIo§iea IIaAioFraiiIlorllm eleoimi saeeuli, 2) vzunni Zlartalts: »/evs lllaris 8toIIa» oxplanatio. — Ni n g- holz, v. Odilo (0. 8. v. Einsiedelu): Bcruhard Gustav. 0. 8. Ist, Cardinal von Baden, Fürstabt von Fulda und Keuchten rc., und die Schweizerische Bencdictincr-Congrcgation. — Sievcrs, Beruh. (Ringclhcim): Der hl. Bcrnward von Hildeshein, als Bischof, Künstler und Sohn deS hl. Beneblet. — Tadra, Ferd. (Prag): Zur Vaugcschichtc der St. GeorgSkirchc in Prag. — Wichncr, Ist Jak. (0. 8. Ist Admont): Geschichte deS Nonnenklosters Goeß, 0. 8. Ist, bei Leoben in Stcicrmark. — (Mittheilungen.) Adlhoch, Dr. B.: Die älteste Benc- dictincrgcschichte und ihr neuester Kritiker. — Literarischs Notizen. Verschiedenes. StaatSlexikon. Herausgegeben im Auftrage der Görrcs- Gcsellschaft zur Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland durch vr. Adolf Bruder. — Erscheint in Heften von 5 Bogen Lcx.-3°, oder in Bänden von je etwa 50 Bogen, bezw. in Halbbäiiden von etwa 25 Bogen. Preis für das Heft Mk. 1.50, für den Halbband Mk. 7.50, für den Band Mk. 15. — Verlag von Herder in Freiburg. Das soeben ausgegebene 28. Heft enthält u. a. folgende Artikel: Leibniz, Schluß (Bach); Leihhäuser (Noeren); Liberalismus (Stöckl); Liberia (Cd. Franz); Liechtenstein (Ed. Franz); Lippe (Cd. Franz); List, Friedrich (Menzinger); Locke (Bach); Lübeck (Ed. Franz); Luxemburg (PcterS); LuxuS, Luxusgcsetze, LuxuSstcucr (v. Buol); Machiavclli (Brischar); MajestälSvcr- brechen (Spaltn); Maistre, I. de (Al. Schmid); Mariana, Joh. (Schccbcn); Markenschutz (Stieve); Markiverkebr (Stieve); Aia- rokko (Ed. Franz); Marsilius von Padua (Schccbcn); Maß und Gewicht (Stieve); Mecklenburg (Ed. Franz); Meinung, öffentliche (Bruder und Drcsemnnn); Mensch und Menschheit, noch ohne Schluß (Stöckl). Taschenkalender für rath. Akademiker. II. Jahrg. 1891. Herausgegeben von Julius Deck. 8°. 215 S. Würzburg, 1893. Leo Wocrl. Geb. 1 Mk. Dieser Taschenkalender bietet eine vollkommene Uebersicht aller katholischen Studentcn-Vereine, Verbindungen und Cor- porationcn Deutschlands, Oesterreich-Ungarns und der Schweiz und gibt auch über Beginn der Vorlesungen an den einzelnen Universitäten, Militärdienst- und Lebensverhältuisse Aufschluß. « Ferner enthält der Taschenkalender eine Statistik der „kathol- > ischeu Studcntenvereine Deutschlands", der „katholischen deutschen Studentenverbindungen", der „UuitaSeoetcn", der „katholischen süddeutschen Stndentcnvereine", sowie eine confcssionelle Statistik. Gemeinnützige Mittheilungen, Notizblättcr, Listen, Kalendarium bilden den übrigen Inhalt des gut ausgestatteten Kalenders, dnrch dessen Herausgabe sich die Verlagöhandlung um katholische Interessen sehr verdient gemacht hat. Iugendbibliothek. Als eine der schönsten Bestrebungen deS Katholischen Lehrerverbandcs in Preußen ist es zu bezeichnen, daß eine größere Anzahl seiner Mitglieder cS sich zur Aufgabe gestellt hat, eine neue katholische Ju- gcndbibliothek zu schaffen. Die Bibliothek, deren Verlag die A. Lau mann'sehe Buchhandlung in Dülmen übernommen bat, wird sich nach zwei Theilen gliedern. — In dein einen Theile „Laumauu'sche Jugendbibliothek" werden profane Stoffe bearbeitet, indem andern Theile „L au in an u'- sche Kindcrlegende" wird der Stoff dem Gebiete der Legende entnommen werden. Jeden Monat erscheint ein Bündchen, und damit die Anschaffung auch armen Kindern ermöglicht werden kann, ist der Preis des Bündchens auf nur 25 Pf. gesetzt. Besonders muß noch hervorgehoben werden, daß jedes Bündchen drei bis vier Tcxiillustrationcn von namhaften Künstlern enthalten wird. — Von den bis jetzt erschienenen Bündchen sind zu nennen: die beiden Erzählungen „Wie Einer sein Glück findet" und „Angelika", „Die Wunder des heiligen FranziskuS TavcriuS" (erstes Bündchen der Kinderlegendc), die „Gebrüder Hachclmaun", eine Dorfgeschichte (zweites Bündchen der Jugcnd- biblivtbck), und „Das Leben des heiligen Bernhard" (zweites Bündchen der Kinderlegendc). Philosophisches Inhrbu ch. Auf Veranlassung und mit Unterstützung der GörrcSgcsellschaft herausgegeben von vr. Const. Gutberlet. VI. Jahrgang. 4. Heft. Inhalt: I. Abhandlungen. 1) Kicfl, Easscndi'S Skepticismus und seine Stellung zum Materialismus (Schluß); 2) Isenk reihe, Die Objeetivität und die Sicherheit des Er- kennenS (Schluß); 3) Gutberlet, Fr. Paulscu'S philosophisches System (Schluß); 4) AcbeliS, Der Begriff deS Unbewußten in psychologischer und crkcnntuißtheoretischcr Hinsicht bei Ed. v. Hartmann (Schleiß); 5) Bahlina u u 8. ch, Der Grundplan der menschlichen Wissenschaft (Fortsetzung); 6) Bäumker, Handschriftliches zu den Werken des Alauns (Forts.). — II. Recensionen und Referate. 1) Dreher, Der Materialismus, eine Verirrung des menschlichen Geistes, von Gut beriet; 2) Kaufmann, Die tclcologische Naturphilosophie deS Aristoteles und ihre Bedeutung für die Gegenwart, von Pfeifer; 3) Pesch 8. ch, Tilm., Die großen Welträthscl (2. Aufl.), von Gutberlet; 4) Frins 8. ch, 8. Tbomao 0. k. ckoetriu» üo oooperatione vor etc., von Schmitt; 5) v. Hertling, John Locke und die Schule von Cambridge, von Ucbinger. — III. Philosophischer Sprechfaul. — IV. Zeit- fchriftenschau. — V. MiSccllen und Nachrichten. Wvrishofer Blätter. Jllustrirte Wochenschrift für das gesammte moderne Naturheilvcrfahrcn mit der Hygienischen Gratisbeilage: „Die Gesundheit". Unter ärztlicher Redaction von Oberstabsarzt vr. Katz herausgegeben von L. Viereck in München. Preis M. 2.— vierteljährlich. Die uns vorliegenden Nummern des neuen Jahrgangs bestätigen wiederholt, wie sowohl Redaction als auch der Verlag bestrebt sind, ihren Abonnenten wirklich Gediegenes zu bieten. Abgesehen von den sehr interessanten und belehrenden Artikeln des HauptblattcS, verdient ganz besonderer Erwähnung die seit Beginn dieses Jahres den „Wörishofcr Blättern" bei- gegcbcne Hygienische Gratisbeilage „Dic Gcsundhci t", welche Abhandlungen auS der Feder der hervorragendsten derzeitigen Hygieuiker bringt. Es ist ein erfreuliches Zeichen, daß die Bestrebungen zur gesundheitlichen Aufklärung des Volkes immer lebendiger werden, und möchten wir nur wünschen, daß diese Bestrebungen auch thunlichst unterstützt würden durch fleißiges Lesen und Abonnircn derartiger Zeitschriften. Probcnummern stehen Seitens des Verlages jederzeit gratis und franco zu Diensten. - —u. Verantw- Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabhcrr in Augsburg. Marcia. Historisches Porträt aus der Zeit des Kaisers Commodus. (Von JohaneS Schrott.) Es ist eine bekannte Thatsache in der Kirchen- geschlchte, daß nach dem Tode des M. Aurelius, der zu Wien im Früjahr 180 erfolgte, den Christenverfolgungen Einhalt gethan wurde. Obwohl dieser so menschenfreundliche Kaiser sich persönlich an diesen Verfolgungen nicht betheiligte, ließ er doch den Staatsgesetzen ihren Lauf, und war jedenfalls den Christen, deren Heldenmuth für „pure Widersetzlichkeit" (HlXH irapäratz^) hielt, abgeneigt. Zwar bluteten noch im Laufe des Jahres 180 zu Karthago die sogenannten 12 scillitanischen Märtyrer (Nar- t^rolo§. 18. llnl.) allein dieses Martyrium kommt noch auf Rechnung der antoninischen Nescripte, da Commodus erst im Herbste dieses Jahres nach Nom von der Donau zurückkehrte. Ebenso kann die (o. 184) erfolgte Enthauptung des gläubigen Senators Apollonius (Llar- t^rolox. 18. April.), nicht dem Commodus zur Last gelegt werden, da Apollonius seine Sache vor den Senat, der durchaus altrömisch gesinnt war, brachte, und vor solchen Richtern unrettbar verloren sein mußte. Dies Ereigniß mochte indeß für die Christen insoferne bedeutungsvoll sein, als der Kaiser, der gerne that, was dem Senat zuwider war, in der Folge den Christen nur um so günstiger wurde. „Um die Zeit der Regierung des Commodus, sagt Eusebius, gestalteten sich unsere Verhältnisse ruhiger, und es verbreitete sich durch die Gnade Gottes Friede über die Gemeinden in der ganzen Welt." Ist es der bei Nachfolgern so gewöhnliche Systemwechsel, der den neuen Kaiser bestimmte, eine von seinem Vater, der dem Jupiter nicht Stiere genug, und besonders weiße, schlachten konnte, verschiedene Richtung einzuschlagen ? Von der nationalen Religion der Römer hatte er sich abgewendet und sich ganz dem Cultus der Isis und des Anubis ergeben. Für das Christenthum besaß er keinerlei Vorliebe, denn nichts war sich entgegengesetzter, als seine Natur und der Geist des Christenthums. Gefühle der Humanität oder politische Rücksicht auf die große Anzahl der christlichen Unterthanen waren es auch nicht, warum er die Christen verschonte. Soviel ist aber gewiß: daß, wenn Commodus eine entschiedene Abneigung oder einen Haß gegen die Christen gehabt hätte, eine von ihm hervorgerufene Verfolgung, bei seinem grausamen Sinn und seiner Vorliebe für blutige Thierhetzen und Gladiatorenkämpfe, die er zum eigentlichen Sport seines Lebens machte, die blutigste von allen geworden wäre. Welche Ursache oder welche Persönlichkeit ist es nun, welche' diesen blutdürstigen Tyrannen von einer Verfolgung der Christen abhielt? Nach der Vermuthung der meisten Kirchenhistoriker war es seine Concubine Marcia, die einen derartigen, mächtigen Einfluß auf ihn ausübte. Die entscheidende Stelle hiefür findet sich bei einem zeitgenössischen Historiker, bei Dio Cassius. Dieser sagt, daß Marcia, als sie an den Hof des Commodus kam, „sich der Christen sehr angenommen, und bei ihrem großen Einfluß auf Commodus, denselben viele Dienste geleistet habe". Die drei Historiker, welche das Leben dieses Kaisers beschreiben, waren der gleichzeitige Dio Cassius, der etwas jüngere Herodian und der viel spätere Lampridius, einer von den sechs Scriptoren der Kaiscrgeschichten, der unter Diokletian schrieb. Diese drei Schriftsteller, unter denen Dio Cassius weitaus der wichtigste ist, erwähnen der Marcia nur gelegentlch und vorübergehend, doch in sehr übereinstimmender Weise. Um von ihr ein deutliches Bild zu bekommen, genügen jedoch diese Stellen nicht, und dieselben werden durch eine andere, bis jetzt wenig beachtete Quelle, die Philosophumena, die man zuerst dem Origenes, dann dem Hippolytus zuschrieb, wesentlich ergänzt. Daraus gewinnen wir einen Einblick in ihre Erziehung, ihre Jugendgeschichte und in den Anfang ihrer spätern Schicksale. Im Hausgesinde vornehmer Römer, und ganz besonders auch am Kaiserhofe, befanden sich schon seit früher Zeit Christen. M. de Nosst behauptet, daß in der ersten Area der Katakombe des hl. Callistus, 160 Jnscriptioneu der Clientcle des Marc-Aurel, des Commodus und der beiden Sevire zugeschrieben werden müßten. So hatte nun auch ein naher Verwandter des Kaisers, Ummidius Quadratus, unter seiner Dienerschaft eine verwaiste junge Freigelassene, Namens Marcia, welche einem Ennuchen und christlichen Priester (27c«Sö',rc ngLoßoripm), Hyacinth, zur Erziehung war übergeben worden. Als sie herangewachsen zu großer Schönheit sich entfaltet hatte, nahm sie Quadratus, ihr Herr, zu sich, und da er sie gesetzlich nicht heirathen konnte, wurde sie seine Concubine. Bei den Römern hatten solche Verhältnisse nicht das Anstößige, wie bei uns, und waren erlaubt und gesetzlich geregelt. Die Concubine war nicht neben, sondern statt einer Frau, doch ohne die rechtlichen Ansprüche derselben. Es war eine Art morganatischer Ehe zur linken Hand. Die römischen Concubinen stunden höher, als die Kebs- weiber der Hebräer, die Hetären der Griechen und die Maitressen der Franzosen. Die beiden tugendhaftesten und sittlich tadellosesten unter den römischen Kaisern, Antoninus Pius und Marcus Aurelius, nahmen sich nach dem Tode ihrer Frauen, der ältern und jüngern Faustina, Concubinen. Es geschah dies vorzugsweise aus dem Grunde, um der Verlegenheit, sich aus den hochstrebenden, römischen Adelsfamilien Frauen aussuchen zu müssen, zu entgehen. Indeß würden niemals diese beiden Kaiser solche Verhältnisse eingegangen haben, wenn denselben auch nur die geringste Makel angehangen hätte. Bei Marc-Aurel wird noch das schöne Motiv hinzugefügt, daß er dies auch deßwegen gethan habe, um seinen vielen Kindern keine Stiefmutter geben zu müssen. Bald nach dem Anfang der Regierung des Kaisers Commodus zettelte dessen Schwester, die Exkaiserin Lu- cilla — sie war einst die Frau des Lucius Verus — eine Verschwörung gegen das Leben ihres Bruders an. Ein Haupttheilnchmer an derselben war Quadratus, der Herr der Marcia. Die Verschwörung mißlang, Lucilla wurde zuerst nach Capri verbannt und dann getödtet. Mit vielen andern der Verschmornen büßte auch Qua- dratns mit dem Leben, und Commodus setzte sich in den Besitz von dessen Vermögen, und nahm von der Dienerschaft den Kämmerer des Quadratus, Namens Eklcctus, und die Marcia zu sich. Und da er kurz vorher seine Frau, die Kaiserin Crispiua, wegen wirklichen oder angeblichen Ehebruchs ebenfalls nach Capri verbannt hatte und dann tödten ließ, so machte er die Marcia gleichfalls zu seiner Concubine. 74 Nachdem sie auf diese Weise in den kaiserlichen Palast gekommen und schnell zn großem Einflüsse gelangt war, vergaß sie nicht der christlichen Grundsätze und Ermahnungen ihres ehemaligen Erziehers und Lehrers, des Priesters Hyacinth. Sie benutzte ihre Stellung zunächst dazu, daß sie für christliche Bekenner, welche in die Bergwerke Sardiniens verurtheilt waren, Fürbitten einlegte und ihre Zurückbernfnng bewirkte. Daß sie nach verschiedenen Richtungen für das Wohl der Christen thätig war, geht aus andern Andeutungen der Philosophumena hervor, in denen sie geradezu die „fromme Concubine des Commodus" (cxlXööro;*) Ko.uääou) genannt wird. Sie ließ den Christen auch werkthätige Unterstützung angedeihen, wie Dio sagt: „sie habe ihnen viele Wohlthaten erwiesen" «drob; Sie führte ein sehr kluges und würdevolles Leben und war erhaben über den großen Schwärm von schönen Frauen und Dirnen, die gleichsam den Harem des wollüstigen Kaisers bildeten. Es waren ihrer dreihundert an der Zahl, wobei übrigens Commodus noch um siebenhundert Nummern hinter dem weisen Salomo der Hebräer zurückölieb. Sie machte mit ihnen keine Gemeinschaft, nahm an den Orgien, die Commodus mit ihnen ausführte, nicht Theil, und hütete sich wohl, sich mit irgend einem Mächtigen am Hofe in eine Beziehung einzulassen, wie dies Damostratia, eine von den dreihundert, gethan, und mit des Kaisers Erlaubniß den allgewaltigen Prä- fcctcn der Prätorianer, Cleander, geheirathet hatte, aber zugleich in seinen Sturz verwickelt, mit ihm und ihren Kindern getödtet wurde. Ihre Lebensweise gab keine Veranlassung zn jenen pikanten Klatschereien und Anekdoten, wie sie von andern weiblichen Persönlichkeiten, die mit Kaisern in Verbindung standen, erzählt wurden, und nach welchen ein Lambridins gewiß begierig gegriffen hätte, um seinen kaiserlichen Gönner Diocletian zu unterhalten. Sie spann keine Intriguen, mischte sich nicht in Staatsgeschäfte und tritt überhaupt politisch wenig hervor. Nur einmal, als das Volk einen Aufstand gegen Cleander machte, dem es die Vertheuernng der Lebensmittel schuld gab und niemand davon den Kaiser in Kenntniß zu setzen wagte, trat sie hervor und begab sich zu dem auf seiner Villa außerhalb der Stadt wohnenden Commodus, um ihn von der Lage der Sache zu unterrichten. Zehn Jahre lang beherrsche sie diesen mißtrauischen und verrückten Wütherich, der für sie eine fast rasende Zuneigung hatte. Ihre Schönheit und ihre Schmeicheleien (äsliminsnta), von denen Lampridius erzählt, waren wohl nicht die einzigen Ursachen dieser Liebe, denn solche Vorzüge besaßen auch andere Frauen. Klugheit, Bescheidenheit, ein stilles zurückgezogenes Wesen, scheint ihr in hohem Grade eigen gewesen zu sein, trotz ihrer heroischen, amazonen- haften Gestalt. Diese hatte allerdings das höchste Wohlgefallen ihres Gebieters, der ein Bild von ihr, das sie als Amazone darstellte, nicht genug bewundern konnte. Als er den Monaten andere Namen gab, nannte er, ihr zu lieb, den Januar Amazonius, ja sich selbst nannte er Amazonius, und hörte nichts lieber, als wenn er mit diesem Namen angerufen wurde. Im Costüme einer Amazone stieg er oft in die Arena des Amphitheaters zum Kampfe. Und doch glauben wir, daß es nicht bloß die äußerliche Erscheinung ihrer herrlichen Gestalt allein war, die den Kaiser so sehr an sie fesselte, sondern daß es die gute Erziehung war, die ihr jener Eunuche und *) Gelegentlich sei bemerkt, daß eS ein Adjectiv ->«koSe« nicht gibt. Priester Hyacinth im Hause des Quadratus gegeben hatte, daß es die durch den Geist des Christenthums gebildete, edlere Weiblichkeit war, welche Commodus hier zum erstenmal an einer Frau kennen lernte, und welche ihm nicht bloß Liebe, sondern auch Verehrung und Bewunderung wider seinen Willen, einflößten. Er zeichnete sie auf alle mögliche Weise aus, und sie war ihm nicht etwa die Odaliske oder Erste unter den Concubinen, sondern „sie stand in Nichts, wie Herodian sagt, einer wirklichen Gemahlin nach, und genoß alle Ehren, die einer Kaiserin zukommen, mit Ausnahme des heiligen Feuers (der Vesta). Allein so grob ihr Einfluß auf Commodus war, seinen schrecklichen Charakter zu ändern, vermochte sie nicht. Der Tyrann wurde immer mißtrauischer, bösartiger und blutdürstiger. Er hatte für nichts mehr einen Sinn, als für die blutigen Schauspiele des Amphitheaters, und sein höchster Stolz war, der erste der Gladiatoren zu sein. An einem mehrere Tage dauernden Feste erlegte er einmal an einem Tage hundert Bären mit der Lanze, und dann auch andere wilde und starke Thiere, wie Löwen, Tiger, Flußpferde, Elephanten. Freilich war er immer durch eine Barriöre geschützt, aber seine Gewandtheit war nichtsdestoweniger bewunderungswürdig. Doch erlegte er auch minder wilde Thiere im Nachkampfe. So einmal einen Strauß, hieb ihm den Kopf ab und führte mit demselben eine tragi-komische Scene auf. Er nahm den blutigen Kopf und ging mit demselben vor die Reihen der Senatoren, die in Festkleidern und lorbeerbegränzt dasaßen, hob ihn dann mit der linken Hand empor, und mit der rechten ebenso das blutige Schwert, sprach dabei kein Wort, machte aber so schreckliche Grimassen, als wollte er sagen: „Seht, so könnte ich es euch auch machen!" So gräßlich und erschütternd der Anblick war, so konnten doch Dio Cassius und andere Senatoren sich des Lachens nicht erwehren. Aber weh ihnen, wenn es der Kaiser bemerkt hätte! Um daS Lachen zu verwinden, zupfte der Geschichtschreiber ein Blatt aus seinem Kranze und behielt es kauend im Munde. Desgleichen thaten auch dann seine Kollegen, um so mit Mühe ihren Ernst zu bewahren. Nicht immer aber ging es so harmlos ab! Da er der römische Herkules sein wollte, und sich überall auf der Straße wie im Theater Keule und Löwenhaut vortragen ließ, so spielte er einmal als solcher den Gigantentödter. Er ließ eine große Schaar Krüppel zusammenbringen, ihnen künstliche Füße in Schlangengestalten ansetzen, so daß sie den mythischen Ungeheuern glichen. Statt mit Felsblöcken mußten sie mit großen, trockenen Schwämmen nach dem Kaiser werfen, der sie dann als Herkules mit der Keule todtschlug! Commodus wurde immer toller und mörderischer, so daß niemand mehr seines Lebens sicher war. Besonders waren ihm alle ernsten Leute, zumal ältere, die noch aus der Zeit seines Vaters waren, und ihm ein stiller Vorwurf zu sein schienen, zuwider. Er hatte damit auch schon gründlich aufgeräumt, und nur wenige waren, wie Pertinax und ein paar andere ältere Männer, seiner Wuth entgangen. Es nahte aber eine Katastrophe, die er selber herbeiführte. Auf das bevorstehende Neujahr 193 plante er ganz besondere Festlichkeiten und beabsichtigte, zum Festplatz nicht vom Kaiserpalast, sondern von der Gladiatorenwohnung aus zu ziehen und sich dem römischen Volke als ersten Gladiator in voller Rüstung und einzigen Consul vorzustellen. Diesen Plan theilte er der Marcia mit, welche darüber erschrack und ihn weinend auf den Knien beschwor, davon abzustehen, weil dadurch die Würde des Kaiserthums in den Augen des Volkes, welches die Gladiatoren als eine verworfene Menschenklasse ansah, erniedrigt würde. Von der Marcia in Kenntniß gesetzt, thaten auch dasselbe der Kämmerer Eklekius und der Präfeck der Garden, Lütus, zwei vortreffliche Männer, die sonst beim Kaiser in Gnade waren. In höchstem Zorne, daß diese drei ihm zu widersprechen wagten, entfernte er sich und ging, wie um auszuruhen, in sein Schlafcabinet. Daselbst nahm er ein Schreib- täfclchen und proscribirte zum Tode die Marcia, den Eklektus, den Lütus, die zwei für das Jahr 193 desig- nirten Consuln Erucius Clarus und Sossius Falko, sowie eine große Anzahl der angesehensten Senatoren. Dann entfernte er sich, ging in die Bäder — er badete oft täglich 7—8 Mal — und trieb sich den ganzen Tag hier und in Weinhäusern herum. Nun war im Palast ein sehr schöner, drolliger Knabe, den Jedermann lieb hatte, und der wie ein Amoritto, ganz nackt und nur mit Goldschmuck behängen, herumlaufen durfte. Der Kaiser liebte > ihn außerordentlich, nannte ihn Philocommodus und ließ ihn häufig bei sich schlafen. AIs das Kind bemerkte, daß der Kaiser zur ungewohnten Zeit im Schlafzimmer war, wurde es neugierig, lief hinein, fand das Schreibtäfelchen, welches ihm ein erwünschtes Spielzeug zu sein schien, nahm es mit sich und lief in den Palast hinaus. Wer ihm zuerst begegnete, war — Marcia. Sie nahm den Knaben sogleich auf ihre Arme, herzte und küßte ihn nach ihrer Gewohnheit. Als sie aber in seiner Hand das Täfelchen von Lindenbast sah und als Schreibzeug des Kaisers erkannte, nahm sie es ihm ab. Der Kuabe war es zufrieden und trollte weiter. Mit Entsetzen las sie die Liste, auf welcher sie als erste stand, die dem Tode geweiht war! Allein sie behielt Geistesgegenwart, rief sogleich den Kämmerer Lätus und den Präfecten Eklektus herbei und berieth sich mit ihnen, was zu thun sei. Die Sache lag einfach: sie wurden durch das eiserne Gebot der Selbsterhaltung zum xraövsuirs getrieben. Ihr rascher Entschluß, den Kaiser Abends zu todten, wurde durch die Ueberzeugung bestärkt, daß sie dadurch dem römischen Volke nur die größte Wohlthat erwiesen. Sie thaten es viel zu spät — rüwio sero — meinte der Geschichtschreiber Lambridius. Als der Kaiser Abends, wie das häufig geschah, betrunken nach Hause kam, wurde ihm vergiftetes Ochsenfleisch vorgesetzt.*) das bald seine Wirkung machte. Doch da er viel Wein zu sich genommen hatte, spie er einen großen Theil wieder aus und fing zu drohen und zu schimpfen an. Da schickten die Verschworenen schnell zu dem nahe wohnenden Fechtmeister Narcissus, mit dem Commodus seine gladiatorischen Uebungen zu machen pflegte. Dieser warf sich auf den Kaiser und erdrosselte ihn. Nie war eine Palastverschwörung nothgedrungener und gerechter und nie wurde eine solche besonnener und schneller ausgeführt. Die Verschworenen hatten ihre Sache nicht halb gemacht: sie verständigten vorher den Helvius Pertinax, einen wackern und hochgebildeten Feldherrn und Staatsmann aus der Zeit des Kaisers Marcus, von der Lage der Dinge, und dieser erklärte sich bereit, die Kaiser- Daß Marcia ihm auch einen Becher süßduftenden Weines, mit Gift untermischt, gereicht habe, ist koloristische Zuthat des Herodian, wovon der Hauptzeuge Dio Cassius, nichts weiß. würde anzunehmen. Noch in der Nenjahrsnacht wurde aus dem Palaste bekannt gemacht, der Kaiser sei an einem Schlaganfalle in Folge zu vielen Weingenusses gestorben. Am Ncujnhrstag wurde Pertinax von Volk und Heer mit Jubel als Kaiser begrüßt, Commodus aber von Senat und Volk mit den stärksten Flüchen und Schimpfwörtern verwünscht. Von Pertinax, der im besten Rufe stand, erwartete man die Wiederkehr der guten antoninischen Zeiten. Mit Marcia war endlich die goldene Kette, mit welcher sie zehn Jahre lang an ein Ungeheuer gefesselt war, zerbrochen. Als sie nun Herrin ihrer Persönlichkeit geworden war, reichte sie dem Kämmerer Eklektus, einem vortrefflichen Manne, ihre Hand zu rechtmäßiger Ehe. Sie kannten sich beide schon vom Hanse des Quadratus her, in welchem der Priester Hyacinth die junge Marcia unterrichtet hatte. Auch er war, wie schon sein Name andeutet, mit höchster Wahrscheinlichkeit Christ. Statt dauernden Glückes kamen aber bald für Beide traurige Nachspiele. Die Reformen, welche Pertinax einführte, wurden vom Volke mit eben so großem Beifall aufgenommen, als sie dem Heere mißfielen. Während der Regierung des Commodus war das Heer demoralisirt worden und wollte sich die disciplinarischen Anordnungen des neuen Kaisers nicht gefallen lassen. Es entstand eine Meuterei, in welcher Pertinax, von Eklektus, dem Gemahl der Marcia, mit der größten Tapferkeit vertheidigt, ermordet wurde. Auch Eklektus fiel, nachdem er zwei von den Mördern niedergestreckt hatte, unter den Streichen der Soldateska. Dio Cassius, der erwähnte Zeitgenössische Senator und Geschichtschreiber, sonst so wortkarg im Lobe, gibt dem Gemahl der Marcia folgendes ehrenvolle Zeugniß: „Dieser war der einzige, welcher den Kaiser nicht verließ und ihm, soviel er konnte, bcistand. Schon früher, hatte ich diesen für einen Ehrenmann gehalten, jetzt aber mußte ich ihn bewundern." Das feilgewordeue Kaiserthum ersteigerte mit Hilfe der Soldaten Didius Jnliänus, einer der verworfensten unter den kleinen Zwischenkaisern, um eine hohe Summe. Er glaubte, auf das commodisch gesinnte Heer sich stützen zu müssen, und ließ die Marcia und den ehemaligen Präfecten der Prätorianer, Lätus, den Mitbetheiligten bei der Ermordung des Commodus, tödten. So endigte das vielbewegte Leben dieser merkwürdigen Frau, das sie kaum auf 30 Jahre gebracht haben mag. Sie verdient nicht die Zurückhaltung und Kälte, mit der ihr heidnische und kirchliche Schriftsteller gegenüberstehen. Die erstem tadeln sie nicht und loben sie auch nicht. Das hat seinen naheliegenden Grund. Schlimmes wußten sie von ihr nicht zu berichten, und das Gute verstanden sie nicht, wenn es ihnen nicht gar unangenehm war. Von den kirchlichen Historikern hat, tonangebend, Enscbius sie unbeachtet gelassen. Er wollte wohl nicht berichten, daß die junge Kirche von einer Con- cubine Hilfe erhalten hätte, oder er schwieg deßhalb von ihr, um den Heiden keine Veranlassung zum Spotte zu geben. Bei Cohen, der bekannten numismatischen Autorität, findet man III., Tafel 4 die Abbildung einer sehr schönen und sehr seltenen Medaille, welche auf dem Avers die Profile zweier Köpfe, den des CommoduS und einer weiblichen Figur, darstellt. Diese hat ein vollkommen griechisches, sehr schönes Profil, ist behelmt und mit einem Schuppenpanzer bekleidet. Man denkt zunächst an Minerva; allein die römischen Götter verehrte Commodus 76 nicht, am allerwenigsten die Minerva, die seiner Sinnesweise so entgegengesetzt war. Es kann nur eine Per- sonification der Stadt Rom sein, und in diesem Falle hat der Kopf das Porträt der Marcia. Es sind zwei herrliche Köpfe, denn auch Commodus war, wie die Abbildungen auf den Münzen und die noch vorhandenen Büsten bezeugen, ein sehr schöner Mann, wenn auch nicht der schönste Mann seines Zeitalters, wie Herodian in seiner übertriebenen Weise sagt. Die Medaille stammt aus dem letzten Jahre des Kaisers n. 192 und bezieht sich wohl auf jene zärtliche Unterhaltung mit der Marcia, von der Lampridius (eap. VIII) erzählt, daß Commodus seiner Freundin mitgetheilt habe, er wolle die Stadt Nom zu einer commodianischen Colonie machen. Möge diese Zusammenstellung zerstreuter, sich auf Marcia beziehender Notizen dazu beitragen, diese merkwürdige, noch allzusehr im dunklen Hintergründe der Geschichte stehende Frauengestalt mit einigen freundlichen Lichtstrahlen zu erhellen, und ein Gefühl allzuspäter Dankbarkeit rege machen für die liebevollen Unterstützungen, welche sie einst in schweren Zeiten den verfolgten Christen angedeihen ließ! Eine „Sammlung theologischer Lehrbücher" mit besonderer Berücksichtigung der Religions- philosophie. II. 3. v. Gehen wir nun auf einzelne Lehrbücher dieser Sammlung näher ein. Alle Bände sind noch nicht erschienen. Zunächst mag uns hier die Religionsphilvsophie von dem Gicßener Professor der Philosophie Hermann Siebeck beschäftigen. Um uns aber verständlich zu machen, wie eine solche Neligionsphilosophie in einer Sammlung theologischer Lehrbücher Aufnahme finden konnte, erlauben wir uns auf zwei andere der gleichen Sammlung ange- hörige Lehrbücher zurückzugreifen, nämlich auf das vielgenannte, ungemcin groß angelegte „Lehrbuch der Dogmen- geschichte" in 3 Bünden vom Berliner Professor Harnack und auf das „Lehrbuch der alttestamentlichen Religionsgeschichte" von Smend, Professor in Göttingen. Was diese drei Lehrbücher mit einander gemein haben, ist einmal dies, daß die Beweiskraft ihrer Argumente in keinem Verhältniß steht zu dem colossalen gelehrten Apparat und zu dem großen Scharfsinn, der aufgewendet worden ist, und daß es allem Anscheine nach auf eine totale Elimination des Uebcrnatürlichen aus den betreffenden Gegenständen abgesehen ist. Ob nicht diese beiden Thatsachen in einem cansalen Zusammenhange stehen? Harnack läugnet die Inspiration der Schrift, er läugnct die Gottheit Christi, er läugnet die Auferstehung oder zweifelt sie wenigstens an, wie aus dem ersten Bande seiner Dogmengeschichte Seite 74 und 75 hervorgeht. Harnack spricht dem Glauben an die Auferstehung dort jegliche Bedeutung ab. Wie konnte Harnack zu dieser Negation der Grundwahrheiten des Christenthums kommen? Sind hiefür Anhaltspunkte concreter, historischer Natur vorhanden, oder tritt Harnack mit einem selbstgewählten, willkürlichen, idealen Begriff an die Beurtheilung von Jesu Person und Lehre? Daß das letztere der Fall ist, brauchen wir gar nicht eingehender zu beweisen, mehr als genügenden Aufschluß gibt uns in dieser Beziehung ein Urtheil seines eigenen Gesinnungsgenossen, des Berliner Professors Pfleiderer. Pfleiderer schreibt in seinem neuesten Buch: „Die Entwicklung der protestantischen Theologie in Deutschland seit Kant", S. 370: „Während Baur die Dogmen aus ihrer Zeit heraus zu verstehen und als nothwendigen Ausdruck des durch verschiedene Stufen sich geschichtlich entwickelnden christlichen Bewußtseins zu beurtheilen pflegte, legt dagegen Harnack an die Beurtheilung der Dogmenbildung wieder einen ihr selbst fremden, von außen herzugebrachten Maßstab an, wie das ebenso in der rationalistischen Geschichtschreibung zu geschehen pflegte. Allerdings hieß bei dieser der Maßstab: Sittliche Vernunftreligion, bei Harnack hingegen: Evangelium Jesu. Allein dieser Unterschied scheint größer, als er in Wahrheit in vorliegendem Falle ist. Denn was bei Harnack und der von ihm zu Grunde gelegten Ritschl'schen Theologie „das Evangelium" heißt, das ist, genau besehen, doch eine mehr ideale als positive Norm, die sich mit keinem concreten geschichtlichen Datum unmittelbar deckt, weder mit dem Gesammtinhalt der biblischen Evangelien, noch mit der Lehre, noch mit dem Lebensbild Jesu, wie es in diesen enthalten ist. Welcher innere Werth auch im klebrigen jenem Ritschl-Harnack'schen Normalbegriff zukommen möge, soviel ist jedenfalls gewiß, daß er ebensowenig ein positives historisches Datum, ebensosehr ein idealer Begriff, wie die Vernunftreligion der Rationalisten oder die Idee der absoluten Religion bei den spekulativen Kritikern." Es ist nnnöthig, hiefür noch einige Citate aus Harnack selbst anzuführen zur Bestätigung. Schafft aber Harnack mit dieser subjectiven Methode die Grundwahrheiten des Christenthums auf die Seite, wer will es dem Göttinger Professor Smend wehren, in seiner alttestamentlichen Religionsgeschichte auf gleiche Weise vorzugehen und mit der Negation nicht erst beim zweiten Glaubensartikel zu beginnen, sondern sofort beim ersten einzusetzen und die Schöpfung aus Nichts zu entfernen? Mit imponirender Sicherheit sagt uns Smend Seite 457: „Das Bedeutsame an Genesis 1 ist eben der Kontrast, in dem der religiöse Schöpfnngsgedanke des Verfassers zu dem heidnischen Mythus steht, der seiner Erzählung den Stoff gibt." Und um uns keinen Augenblick im Zweifel über den Standpunkt des Verfassers zu lassen, so wird gleich Seite 1 erklärt: „Die alttestamentliche und überhaupt die biblische Neligionsgeschichte hatte zu ihren Vorbedingungen die Erkenntniß des Unterschiedes zwischen der kirchlichen und biblischen Religion und Theologie, die Einsicht, daß die biblische Religion geschichtlich geworden, die Freiheit des Gewissens von der Autorität der Bibel." Da erlauben wir uns doch folgende Fragen: 1. Was ist kirchliche Religion und Theologie zum Unterschied von biblischer? 2. Was ist biblische Religion und Theologie ohne kirchliche? 3. Was ist biblische Religion ohne Autorität der Bibel? 4. Ist die kirchliche Theologie nicht ges chichtlich geworden? 5. Stützt sich die kirchliche Theologie auf die geschichtlich gewordene biblische Theologie oder abstrahirt sie von letzterer? Hätte uns Smend über diese Fragen vollkommene Klarheit verschafft oder dieselben zu beantworten versucht, wir wären ihm sehr dankbar gewesen. Hören wir weiter Smend's Auffassung vom Alten Bunde, von dem Bündniß, das Gott mit den Jsraeliten geschlossen. Denn die Auffassung dieses Verhältnisses ist ja von ungeheurer Tragweite für das Neue Testament. Denn wie uns die Theologie sagt, steht das Alte Testa- 77 uient in ebenso wesentlicher Beziehung zu Christus, wie die neutestamentliche Kirche: als Erzieher zu Christus hin. Die erziehende Vorbereitung der Wege des Herrn muß nun gewiß dem dreifachen messianischen Amt analog gedacht werden, als Vorbereitung durch prophetische Offenbarung, priesterliche Heiligung, königliche Leitung. Es ist dies schon dadurch genügend bewiesen, daß die Beziehungen der messianischen Würde nichts anderes als die Potenzirung und Vereinigung der für die alttestament- liche Theokratie wesentlichen Funktionen sind. Was aber sagt uns Smend? Auch hier ist alles Uebernatürliche eliminirt, und wir sind wirklich sehr gespannt, wie Schürer seine neutestamentliche Theologie, die er für diese Sammlung zu liefern hat, in Einklang zu bringen weiß mit Smend's Auffassung. Denn eine bestimmte Homogenität muß hier bestehen. Doch hören wir Smend's geschmacklose Darstellung Seite 24 u. 25: „Das starke Ge- meingefühl, das die Glieder des Stammes verbindet, führt nun aber auch zum Stammesgott. Der energische Wille der Selbstbehauptung, die den Stamm beseelt und am Leben erhalt, objectivirt sich in einer übermenschlichen Macht, die die Sache des Stammes führt, ihm gibt, was er zum Dasein nöthig hat, vor allem Sieg über die Feinde. Alle menschliche Gemeinschaft ist ursprünglich Blutsgemeinschaft, und auch der Stamm will sie vorstellen. Freilich beruht er nicht überall auf ihr, und im Laufe der Zeiten treten auch blutsfremde Geschlechter in ihn ein. Aber in diesem Fall wird die Blutsverbrüderung künstlich hergestellt. Die Blutsfremden verbrüdern sich, indem sie gemeinsam Blut genießen. Mit der Blutsverbrüderung ist die Bundesschließung nahe verwandt. Jene bedeutet freilich das Jneinanderaufgehen von Geschlechtern und Stämmen, diese nur die gegenseitige Unterstützung. Vielfach kommt es in der Welt vor, daß Menschen, die sich verbünden, sich die Haut aufritzen und gegenseitig das Blut lecken, um so ein Blut zu werden. An die Stelle des Mcnschenblutes tritt beim Bundesschluß später das Thierblut. Nun kann aber der Bundesschluß auch einen religiösen Charakter annehmen, indem man Gott als Garanten des Bundes in den Bund hineinzieht. Da wird das Thicrblut Opfcrblut, das Fleisch Opferfleisch. Im Grunde genommen ist aber diese Form der Bundesschließung nichts anderes, als die Anwendung des Opfers." Smend sagt uns dann Seite 129: „Die hebräischen Vorstellungen vom Wesen und von der Wirkung des Opfers waren sehr untheolog- ischer Natur." Doch glauben wir, daß in dieser Beziehung die Hebräer sehr unschuldig sind, wohl aber Smend jedes theologischen Begriffes bar ist. Wir verweilten längere Zeit bei diesem Buche, um einmal die Art und Weise zu kennzeichnen, in welcher diese sogenannte protestantische Theologie sich consolidirt, dann aber, um uns von hier aus verständlich zu machen das Lehrbuch der Neligionsphilosophie von Sicbeck, Professor in Gießen. Ist nämlich wirklich, wie Schall uns durch alle Bände seiner Dogmatik so glänzend darthut, ist nämlich die Dogmatik nichts anderes, als die wissenschaftliche Ausführung des Gottesbegriffs der Offenbarung durch das ganze Heilswerk der Gnade hindurch, ist die Dogmatik der Nachweis des geoffenbarten Gottesbegriffs in seiner alles umfassenden und alles überragenden Erhabenheit, Fülle und Lebenskraft, dann muß die Ausmerzung fast aller dogmatischen Wahrheit, wie diese „Sammlung theo» logischer Lehrbücher" sie constatirt, nothwendig zu einer gewaltigen Verdunkelung des christlichen Gottes- begriffs führen, dann muß aber ferner auch die Nc- ligionsphilosophie, die als Grundlage ein:r solch degenerirten Theologie gesucht wird, ankommen entweder bei einer durchaus problematischen Stellungnahme gegen die Existenz Gottes oder bei einer gänzlichen Läugnung derselben überhaupt. Und diese Stellungnahme, wie sie ihm durch diese Lehrbücher der Theologie vorgezeigt war, hat Siebeck glänzend erfaßt. Denn seine Religionsphilosophie kann der Nationalliberale ü la, National« zeitung, der Freisinnige L In Vossische Zeitung, der Demokrat n In Frankfurter Zeitung, der Socialdemokrat L In Vorwärts lesen, ohne nur die leisesten Skrupel zu bekommen. Nur für einen Christen ist sie nicht geschrieben. Und doch gehört sie unter die „Sammlung theologischer Lehrbücher"?? — Gehen wir auf diese Neligionsphilosophie noch ein. (Schluß folgt.) Zur Rückkehr der Schismatiker im Oriente. Vom gricchisch-mclchitischen Kanonikus Joh. Michael Schmid in Frohnstetten bei Deggendorf (Niederbaycrn). Bunins oder Panöas mit seinen Terebinthen und Eichen, mit seinen Olivenhainen und Feigenanlagen verdankt seinen Namen der in der Nähe befindlichen Grotte und Quelle des dort verehrten griechischen Hirtengottes Pcin; erst die Römer gaben ihm den Namen Cäsarea Philippi. Es liegt wahrhaft prächtig am Fuße des mächtig großen Hermon, von woher der Jordan entspringt, in Obergalilüa, etwa 20 Meilen südlich von Damaskus und Beirut und 40 Meilen nördlich von Jerusalem. Aus der heidnischen Cultstätte wurde in der Folge eine christliche; denn Cäsarea Philippi erscheint schon zur Zeit des Concils von Nicäa (325) als ein dem Patriarchate von Antiochia untergeordneter Bischofssitz, und noch auf dem Concil von Chalcedon (451) war ein Bischof Olympias von Pansas anwesend. Das Bisthum umfaßte mit dem ganzen großen Hermon, von den Arabern Dschebel esch-Schach (— der Alte) genannt, jenen Theil des heiligen Landes, welcher jenseits des Jordans im Osten, am linken Ufer des heiligen Flusses gelegen ist, die Gegend, welche im Evangelium „Irans lloräansin" genannt wird. Aber leider seit mehr denn sechs Jahrhunderten, seit den Zeiten des letzten Kreuzzuges bestand der apostolische Sitz von Cäsarea Philippi nur mehr dem Namen nach. Das griechische Schisma hatte sich dieser Gegend des Evangeliums bemächtigt. Die merkwürdige Bewegung zur Rückkehr der von Rom getrennten Brüder zum Katholizismus in diesen Gegenden gab den Anlaß zu der vor acht Jahren erfolgten Wiedererrichtung der Diöcese Cäsarea Philippi. Seit 1886 hat diese Diöcese wieder einen Bischof des griechisch-katholischen (melchitischen) Ritus in der Person des überaus eifrigen und würdigen Bischofs Petrus Eldscheraidschiry mit dem Sitze in Eldschedaidat-Mar- dschajun. Seine ganze Sorge widmet er der Wiedergewinnung dieser vom Feinde der Seelen entrissenen Gegend für die wahre Kirche Christi. Ungefähr vierzig Dörfer haben schon mehrmals um Wiederaufnahme in den Schoß der römischen Kirche gebeten. Aber es fehlen die Schulen und die Priester, um diese Neophhtcn im katholischen Glauben zu unterrichten: dagegen sind die Protestanten mit ihren ganz 78 unentgeltlichen Schulen auch hier eingedrungen, während der katholische Bischof, so schreibt dieser in einem eindringlichen Appell von Frankreich aus, woselbst er sich zur Zeit mit Erlaubniß des apostolischen Stuhles zur Sammlung von Almosen aufhält, — nichts hat für diese gänzlich armen Neophyten. Der Unterhalt seiner Priester und seiner Lehrer fällt gänzlich ihm zur Last. In seiner Noth mußte er zur Unterstützung in seinem apostolischen Amte die ehrwürdigen Basilianerwönche des griechischen NituS anrufen, welche zur Bestreitung ihres ärmlichen, klösterlichen Lebensunterhaltes nur ihre Meßstipendien verlangen, welche aber auch mangeln. Jede Schule erfordert zu ihrem Unterhalte einen jährlichen Aufwand von 3V0 bis 400 Frs.; aber woher diese Summe nehmen? Mit Hilfe der Almosen des kathol. Frankreichs konnte der Bischof bis jetzt 14 Pfarreien errichten mit etwa 10 Filialen und 20 Schulen mit mehreren Kursen zur Erlernung der französischen Sprache, welche in allen Schulen in Syrien gelehrt wird, und mittelst eines hochherzigen Geschenkes des hl. Vaters, welcher hiczu durch die Wahrnehmung bewogen wurde, daß die Diärese, ,in welcher Christus der Herr den Grundstein zu seiner Kirche gelegt hatte, einer Kathedrale entbehrte, konnte er eine solche erbauen auf den Namen des hl. Petrus zum Gedächtnisse des Wortes des Herrn: es ketrus; Du bist Petrus, ein Fels." Hervorragende Wohlthäter gaben ihm die ersten Fonds zur Errichtung eines Waisenhauses mit land- wirthschaftlichem Betriebe, das bereits seit drei Jahren besteht, ohne vollendet zu sein. Der Bischof mußte ferner eine bescheidene bischöfliche Residenz erbauen und drei Pfarrwohnungen in den hervorragendsten Orten; er kaufte eine vom ehrwürdigsten Patriarchen begonnene Kirche und restaurirte drei andere; aber die Ausgaben überstiegen die vorgesehenen Einnahmen; so hatte der hl. Vater 40,000 Frs. gespendet für die Kathedralkirche und 10,000 Frs. für die anderen Unternehmungen; aber die Kosten der Kathedralkirche betrugen allein schon 74,000 Frs. Der Aufbau der bischöflichen Residenz verursachte in Folge des Einsturzes zweier Mauern einen unvorhergesehenen Mehrauswand von 4000 Frs. Für das Waisenhaus erhielt der Bischof 30,000 Frs., es kostete aber bis jetzt schon 50,000 Frs.; zwei Wohlthäter hatten hiezu größere Summen versprochen, konnten aber das Versprechen nicht halten. Großes in kurzer Zeit ist also bereits ausgeführt worden in dieser griechisch-katholischen Missionsdiöcese, aber schwere Schulden drücken dafür auch auf die schwachen Schultern des armen Bischofs von Cäsarea Philippi! Wenn man dabei bedenkt, daß die Hilfsquellen, wenn sie auch nicht ganz versiegen, so doch immer mehr sich vermindern in Folge der allgemeinen Noth der Zeit in allen Ländern, so kann man sich eine Vorstellung machen von der Be- drängniß unseres Bischofes. Und doch muß er das Waisenhaus ausbauen und muß er auch noch drei neue Kirchen errichten in drei Pfarreien, für welche der Grund bereits angekauft und die Baumaterialien zusammengeführt sind; aber die Kosten betragen zusammen noch circa 20,000 Frs. Die bestehenden Schulen müssen nicht bloß erhalten, sondern neue müssen noch dazu errichtet werden, um die glücklich auf so vielen Ruinen wieder aufgerichtete Diärese wieder zu befestigen. Aber ach! so klagt unser Bischof, dieß wird dem armen Bischöfe unmöglich, wenn er bloß auf seine eigenen Mittel angewiesen ist. Vergegenwärtigen wir uns die Folgen, welche eintreten würden, wenn der Bischof nicht die so flehentlich erbetene Unterstützung fände, nach seinen eigenen Worten; Die Schulen müßten geschlossen werden, und alle Kinder dieser so interessanten Gegenden würden in die mit großem Aufwande gegründeten und unterhaltenen Schulen der Protestanten zurückkehren zum Schaden des Katholizismus. Unser Waisenhaus müßte ebenfalls fallen, und doch ist gerade dieses von der größten Wichtigkeit für unsere Diöcese, um diese unterknnfts- und brodlosen armen Kinder zu sammeln und vom Einkitte in die englischprotestantischen Wohlthätigkeitsanstalten abzuhalten. Es ist unsere Singschule für unsere kirchlichen Verrichtungen und religiösen Ceremonien;. es ist unsere Normalschule für die Heranbildung von künftigen Lehrern in unseren Elementarschulen, ja für einige Kinder selbst das Vorbereitungsseminar, aus welchem unsere besten Zöglinge in das Seminar von St. Anna in Jerusalem übertreten, woselbst bekanntlich an der Wiege der allcrseligsten Jungfrau (nach griechischer Tradition) die Weißen Vater von Algier eins apostolische Schule leiten zur Heranbildung von Priestern des griechischen Ritus zu Missionären behufs Zurückführung unserer getrennten Brüder zur Union mit Rom. Wenn der Unterhalt der Basilianermönche nicht bestatten werden könnte durch die einfachen Meßstipendien, so würden sie von ihren Oberen wieder in ihre Klöster zurückgerufen werden, denn diese können sie nicht unterhalten, so lange sie auf der Mission sind. Ja der glaubenseifrige Bischof ruft wehmüthig aus: „Wie könnte ich sehen, wie diese Ruinen ein Gegenstand des Spottes sind, und wie könnte ich ertragen den,Hohn der Gegner des Katholizismus? Fürwahr, ich müßte mich in meinen Thurm zurückziehen und einem Anderen dieses traurige Erbe überlassen, und ich zweifle, ob sich Einer zur Uebernahme bereit finden lassen würde. Die Einen der Neophyten, sich verlassen sehend, würden wieder zum Schisma zurückkehren, und die Anderen, welche diese Rückkehr als ein Verbrechen und als eine Schmach ansehen würden, müßten ohne religiöse Hilfe bleiben": Alles dieses zur größten Freude der Feinde der heiligen Sache, welche der Bischof allein vertritt in diesen geheiligten Gegenden von Obergaliläa, woselbst sich auch keine lateinischen Missionäre vorfinden, an den Quellen des heiligen Flusses Jordan und in den Bergen des Anti- libanon, in welchen schon David vor Absalom Zuflucht suchte und in seinem ergreifenden 41. Psalm seiner rührenden Sehnsucht nach Gott Ausdruck gab mit den Worten: „An Dich denke ich aus dem Lande des Jordan und der Hermonberge; warum wandle ich so traurig, da mich plaget der Feind; doch hoffe auf Gott; denn er ist das Heil meines Angesichtes und mein Gott!" Ueberdies wäre auch ein Rückschlag zu befürchten für ganz Syrien, welcher die gegenwärtig vorhandene Bewegung zur Einigung mit Rom ungünstig beeinflussen würde; denn immer und überall und in allen Tonarten würde man unseren Neophyten vorhalten, daß wir sie über kurz oder lang, früher oder später verlassen müßten. Das wäre aber Verzweiflung und Selbstmord in diesem Augenblicke des Fruchttragens und des Lebens. Darum sagt der Bischof zum Schlüsse: „Ich rufe alle Diejenigen an, welche unsere heilige Kirche lieben und den Werth der Seelen kennen: wollet ihr diese berühmte Diöcese Cäsarea Philippi der Hilflosigkeit überlassen nach ihrer Erhebung aus hundertjährigen Ruinen, nach schon auf- 79 gewendeten unsäglichen Mühen und Ueberwindung von so vielen tausend Schwierigkeiten? Wollet ihr verlassen sehen diese ehrwürdige Kathedrale es kebrus", dieses Monument der Liebe unseres großen Papstes Leo XIII. zu den Kirchen des Orients? „O ihr Leser dieser Zeilen! ich bitte Gott den Herrn mit der ganzen Gluth meines Herzens, daß er euch es in das Herz geben möge, ein Almosen zu spenden für diese Diöcese von Cäsarea Philippi, welche Christus der Herr auserwühlet hat, um in ihr den Grundstein zu seiner heiligen Kirche zu legen." Recensionen und Notizen. Das bittere Leiden Unseres Herrn Jesu Christi. Nach den Gesichten der Dienerin Gottes Anna Katharina Emmerich aufgezeichnet von Clemens Brentano. Nach der 4. Auflage des von v. Schmöger herausgegebenen Lebens und Leidens Jesu Christi von v. Wiggermann. Rcgensburg, Druck und Verlag von Friedrich Pustet. Preis M. 2,20. Z Es liegt uns hier die neueste Ausgabe der wunderbaren Visionen Katharina Emmerichs über das bittere Leiden unseres Herrn vor. Daß dieses kostbare Erbauungswerk in billigerer Ausgabe erschien, ist ein sehr dankenswerthes Unternehmen. Von Denjenigen, die es kennen, wird das Buch wieder und wieder ergriffen als der heilsamste Bctrachtungs-Cyclus, als eine Art fast greifbarer Beschauung des ErlösungSwerkeS. Für die breiten Kreise aber unseres indolenten kath. Volks, welche diese und ähnliche Lektüre nicht kennen, ist eS ein um so größeres Bedürfniß, gerade mit einem solchen Werke in Berührung zu kommen, das mit, man möchte gerne sagen, wunderbarer Gewalt die Phantasie, das Erkennen und Fühlen des Lesers gefangen nimmt und ihn für jene Vorgänge interessirt, welche die Grundwahrheiten unseres christkatholiscben Bekenntnisses in sich schließen. Ganz interessante Einzelheiten über das Leben der gottseligen Seherin, der wir diese Betrachtungen verdanken, bietet die Einleitung des Bncheö und haben wir in den biographischen Auszeichnungen früherer Ausgaben manche dieser charakteristischen Momente aus dem frommen Dulderleben für die Erbauung des Lesers nicht verwerthet gefunden. Möchte diese in der heiligen Fastcn'zcit so sehr passende Lektüre in keinem knthol. Hause fehlen? _ Hammer, Dr. Phil., Sieben Predigten über des Menschen Ziel und Ende und letzten Dinge. 8°. VIII, 208 S. Verlag der Fuldaer Actiendruckcrei, Fulda. Preis Mk. 1.80. Die sieben Predigten, die der Verfasser in Druck gegeben, hat er unseres Wissens in der Jesuitenkircke zu Mannheim gehalten, während er wegen der Fastenzeit alle Sonntage 5 Stunden weit per Eisenbahn fahren mußte, um predigen zu können. Er hat dies in den achtziger Jahren viermal gethan. Welchen Ruf aber der Redner in Mannheim zurückgelassen, dafür zeugt eine Besprechung des katholischen ArbeitcrfcsteS in Mannheim im „Neuen Mannheimer Volksblatt" vom 24. Juli 1892, worin ein competenter Berichterstatter vom Verfasser, der den Arbeitern die Festrede hiclr, also schreibt: „Was wir sodann von der Rednerbühne gehört haben, mußte unS mit voller Anerkennung erfüllen. Wir denken hicbci nicht allein an den gewaltigen oratorischen Massenbe- herr scher vr. Hammer, der an seelischer und körperlicher Elementargewalt Phänomenales geleistet und sich selbst übertreffen hat. Es war eine Leistung ersten Ranges, 1'/- Stunden lang mit sicherem Gedächtniß, mit packender Exemplifikation, mit Geist, Herz und Humor zugleich zu arbeiten und die köstliche Gabenfülle wie spielend auf die lauschende und in ihrer Aufmerksamkeit von Minute zu Minute gespannter werdende Menge lächelnd auszuschütten. Nein, nickt ihm, dem Bekannten und Ruhmbedeckten, gelten unsere Bemerkungen, sondern den Sprechern auS dem Volke . . . ." Ob dieses Lob übertrieben war, mögen die sieben Predigten dem Leser darthun! Jllustrirte Geschichte dcö Allgäu's. Von Dr. F. L. Baumann. Kempten, Köscls Verlag. Preis M. 1.20. Das vorliegende neunundzwanzigste (des dritten Bandes siebentes) Heft enthält a) an Text: Die neuere Zeit (1517—1802). Erster Abschnitt: Staat und Kirche. Viertes Hauptstück: Kirche (Reformation in Leutkirch, in Kausbeuren, in und um Grönenbach, Wangen vorübergehend protestantisch, protestantische Edelleute im Allgäu, protestantische Geistliche auf dem Lande, katholische Maßregeln gegen den Protestantismus, Wiedertäufer, Abschließung der Bekenntnisse gegen einander, neue Klöster und Orden im Allgäu, Kloster Kempten, Kloster Ottenbeuren, Kloster Jrsce, Kloster Jsny, Abtei Füssen, Männerklöster in Memmingen, das Franziskanerkloster Lenzfricd); b) an Illustrationen: 1. zwei Vollbilder in Farbenlicht- druck, ausgeführt in der Jos. Kösel'schen Offizin in Kempten, darstellend: Allgäuer Volkstrachten II. und III.: Landleute aus der Gegend von Weiler und Paar auSder Mcmmiuger Gegend, beide nach einem Aquarell von Jos. Bück; 2. neununddreißig in den Text gedruckte Abdüngen. Cäcilia. Zeitschrift für katholische Kirchenmusik' Monatl. 1 Nummer. Preis jährlich 1 M- Direkt unter -j- Band 20 Pf. mehr. Verlag von Franz Goerlich in BrcSlau, Altbüßerstraßc 29. Zu bezieben durch alle Buchhandlungen und Postanstaltcn. Probcnummern gratis und franco. Die „Cäcilia" bringt in 1693 Nr. 10-12 und 1694 Nr. 1 u. a. folgende interessante Aufsätze: Der Tod des römischen Chorals. Von Erzpriester August Staude in Sprottau. — Ein Besuch in Bcuron. Von vr. O. Fink. — Gute Organisten und gute Orgeln. Von Heinrich Götze. — Was das anregende Beispiel eines Priesters zur Hebung der Kirchenmusik vermag. Von Karl Fischer in Potsdam. — Künstlers Leiden. Mittheilungen aus einem BrcSlauer Pfarr-Archiv. — Aus dem Tagebuche eines CäcilianerS. — Wozu ermähnt uns das 25jährige Jubiläum unseres Vereins. Von Pfarrer Hnizdill. — Berichte über Generalversammlungen rc. — Kleinere Mittheilungen. — Recensionen. _ Fuhlrott Jos., Materialien für Prediger und Katecheten über die wichtigsten kathol.Glaubensund Sittenlehren in alphabetischer Ordnung. 8°. Bv. I. M. 7,20; Bd. II. M. 7,20. Negensburg, Ver- lagSanstalt (G. I. Manz) 1893. (II.) Für den vielbeschäftigten Seelsorger, der unmöglich Zeit findet, an die Quelle selbst heran zu gehen, ist eine Materialicn- sammlung zum Zwecke der Predigt eine sehr schätzenSwerthe Beihilfe; daß sie, wie man sagt, zur Eselsbrücke dient, läßt sich leicht vermeiden: man braucht nur nicht wie ein Esel über die Brücke zu gehen. Bis jetzt liegen unS von der neuen sehr vermehrten Auflage des Buches 2 Bände (von A. bis I. reichend) vor. Daß bei den Beispielen auS dem Leben der Heiligen viel Sagenhaftes mitunterkommt, versteht sich von selbst; die Fundorte der Äussprüche von Kirchcnvätern sollten überall genau angegeben sein; ein strebsamerer Leser möchte manchmal eine Stelle im Orginaltext nachsehen. Wir empfehlen das Buch angelegentlich und erwarten, daß es in kurzer Zeit vollständig wird. Historisches Jahrbuch. JmAuftragcderGörreSgesellschast herausgegeben von vr. H. Grauert, Dr. L. Pastor und Dr. G. Schnürer. Commissionsverlag von Herder u. Cic. XV. Jahrgang. 1. Heft. Inhalt: Schmitz, Großsiegelbewahrer Kauffmans und die Iluiv. Köln. — Nattingcr, der Lider xrovisioimm praslatorum Erbaut V. — Weh man, die vier großen Kirchenlehrer. — Helmolt, König Ruprecht im Oktober 1401. — Unkel, eine Episode aus der Geschichte der Kölner Nuntiatur. — Jostes, zum ersten Bande des Osnabrücker Urkundcn- buches. — Steuere Urkundensammlungen aus der Schweiz (Büchi). — DrcveS, Aurclius Ambrosius, der Vater des Kirckengcsanges (Wagner). — Kuöpfler, Werth und Bedeutung des Studiums der Kirchengeschichte (Schrörs). — Zeitschriftenschau. — Novitätenschau. — Nachrichten. - _ Populärer Bericht für Leidende über Hunderte Geheilte von LIeä. Euiv. vr. Adolf Roth, ärztlicher Mechaniker und Chefarzt der Orthopädischen Heilanstalt, Stefanie- straße 55 in Budapest rc. rc. Preis 1 Krone 20 Heller. Herr vr. Julius Bcely bespricht im „Gyakorlü OrvoS" dieses Werk folgendermaßen: „Getreu dem Motto: .Thatsachen beweisen' ist es dem Autor auch vollständig gelungen, den untrüglichen Beweis zu liefern, daß Gelenksentzündungen und Verkrümmungen ohne Operation schmerzlos heilbar sind. Diese hochcrfreulichcn Resultate erreichte der begabte Autor durch seinen I gcnialenSchienenhülscnverband u. seine elastischen Stützcvrsctte, die cr eigenhändig verfertigt. Nur dadurch, daß er als erfinderischer Mechaniker befähigt ist, ärztlich zu denken, ist eS ihm gegönnt, sonst unglaubliche Erfolge auszuweisen. So z. B. sprangen an schweren Gclcnkscntzündungcn Leidende bei der Demonstration im Präger deutschen ärztlichen Vereine mit Leichtigkeit vom Tische herab! 2 Tage nach erlittenem Beinbruch gehen Patienten laut Attesten zahlreicher hervorragender Aerzte in seinem Apparate ohne Krücke und ohne Stock berum, einseitige, ja selbst mit Höcker verunzierte Patienten werden laut den Photographien und unzähligen Dankschreibcn gerade. Kein Wunder, wenn alle Welt zu ihm eilt. In 50 Briefen von Wiener und Berliner Fachleuten bitten selbe, in seiner Werkstätte arbeiten zu dürfen!! und dennoch, wer würde dies glauben, verfolgt ihn die officielle Schule. Diese Broschüre soll die Antwort darauf sein. Wir gratulircn ihm dazu." Die ehrwürdige Dienerin Gottes Magbalena Sophia Barat, Stiftcrin der Gesellschaft deö heiligsten Herzens Jesu. Ein Lcbensabriß mit dem Porträt der OrdenSstifterin. NcgenSburg 1894. Frdr. Pustet. 48 S. Preis 20 Ps. Wenn schon das große Werk von Dr. Bauuard über das Leben dieser ehrwürdigen Dienerin Gottes mit seinen 800 Seiten eine 2. Auflage erlebt hat, so wird auch dieses Büchlein, dessen Erscheinen nur die Erfüllung eines Wunsches jener sein dürste, welchen das größere Werk nicht zugänglich ist, den verdienten reichen Absatz finden. Niemand wird eS ohne Interesse und auch Erbauung lesen. Man sieht darin auf'S neue, was die „bildungöfeindliche" kath. Kirche in einem einzigen Ordcns- zweige wiederum für Erziehung und Schule leistet. Philosophisches Jahrbuch. Auf Veranlassung und mit Unterstützung der Görresgcsellschaft herausgegeben von Dr. Sonst. Gutberlet. VII. Jahrgang. 1. Heft. Inhalt: I. Abhandlungen. 1) Pesch, 8.9. (Tilm.), Seele und Leib als zwei Bestandtheile der einen Mcnscheu- substauz gemäß der Lehre des hl. Thomas von Aquin. — 2) Gutberlet, Ueber den Ursprung der Sprache. — 3) v. Nostitz-Nieneck, 8. 9., Leibniz und die Scholastik. — 4) Adlhoch, O.8.L., Herder und GeschichtSphilosophie (Schluß). — II. Recensionen und Referate. 1) Gießwein, Die Hauptprobleme der Sprachwissenschaft in ihren Beziehungen zur Theologie, Philosophie und Anthropologie, von Gutberlet. — 2) Eortie, 8. 9., L. Perry, Jesuit und Astronom, von demselben. — 3) Ulrich, System der formalen und realen Logik, von Kiefl. — 4) Offner, Ueber die Grundformen der Vorstcllungöverbindung, von Gutberlet. — 5) Kurella, Naturgeschichte des Verbrechers, von demselben. — 6) Dornet de Borges, la, psresption st, la pszwlwtogis tlwmists, v. Schmitt. — 7) Fell, 8.9., Die Unsterblichkeit der Seele, von demselben. — 8) Cath rein, 8. 9., Moralphilosophie, 2. Aufl., von Gutberlet. — 9) Diez, Theorie des Gefühles, von Pfeifer. — 10) Wörter, Die Gcistcsentwickeluiig des hl. Aurelius Augustiners bis zu seiner Taufe, von Schmitt. — III. Philosophischer Sprechsaal. — IV. Zeit- schriftenschau. — V. MiScellen und Nachrichten. Bayerische Zeitschrift für Ncalschulwesen, herausgegeben durch den Verein von Lehrern an technischen Unterrichtsanstaltcn Bayerns, rcdigirt von Wilhelm Vogt. München 1894, M. Nieger'sche Universitäts- Buchhandlung. II. Band, I. u. II. Hcst. Inhalt: Vogt W., Der Geschichtsunterricht und der erste deutsche Histvritertag. — Geistbeck A., Zur Methodik deö heutigen Gcographieunterrichtes. — Gruber Ch., Ueber die genetische Behandlung der Geographie an realistischen Mittelschulen. — Francke M. Dr., Leitfaden für den mineralogisch- chemischen Anfangsunterricht auf höheren Schulen, bcspr. von Fischer. — Hauck-Brunottc, Lehrbuch der Arithmetik und Algebra, bespr. von Jüdt. — Nohrbach C. Dr., Vierstellige logarithmisch-trigonometrischc Tafeln, bespr. v. Horn. — Boltz- mann L. Dr., Vorlesungen über MaxwellS Theorie der Elektrizität und des Lichts, bespr. von Kurz. — Vtolle I., Lehrbuch der Physik, bcspr. von Kurz. — Rethwisch C.. Jahresbericht über das höhere Schulwesen, bespr. von Stcincl. — Uchtomsky E., Orientreise Sr. K. H. des Großfürsten-Thron- folgcrö Nikolaus Alcxandrcwitsch, bespr. v. Steine!. — Neue Hilfsmittel des geschichtlichen Unterrichts rc., bespr. v. Kral- liuger. — Neue Schulausgaben deutscher Klassiker, bespr. von Krallinger. — Nohmeder Dr., Sammlung pädagogischer Vortrage, besprochen von Marschall. — Bibliographie. — Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Müller I., Noch ein Wort zur Frage der Priorität des Französischen im fremdsprachlichen Unterricht. — Mar schall. Ueber den Stand des württembergischen Mittclschulwesens im Jahre 1893 u- s. w. Theologisch-Praktische Monatsschrift. Ceutral-Organ der katholischen Geistlichkeit Bayerns. Herausgegeben von Dr. Georg Pell, Dr. Anton Linsenmaycr und Ludwig Heinrich Krick. 4. Band, 3. Heft. Passau, Verlag von Rudolf Abt. Jnhaltsverzeichniß. l. Wissenschaftliche und belehrende Aufsätze. Gibt es eine oder mehrere Ursprachen? Die Ergebnisse der vergleichenden Sprachwissenschaft im Verhältniß zur Theologie. (Schluß.) Von Pros. k. Benno Linder bau er 0. 8. L. in Metten. — Die Pfade deö Christenthums in den ersten Jahrhunderten, mit besonderer Rücksicht aus Süddeutschland und Oesterreich. Von ?. Valentin Schund, 0. 6ist. Hohenfurt. — II. Mittheilungen, Fragen und Fälle aus der seelsorglichen und pfarramtlichcn Praxis. Der apostolische Segen in der Todesstunde. »Beueäiotio apostolioa. in artieulo wortis.« Von Domdckau Dr. Nirschl in Würzburg. — Der Priester und die Geisteskranken. Von Jgnaz Familcr, Kurat in Kart- Haus-Prüll. — Das Apostolat der Kinder. Von U. Hierony- mus Aeb lieber, Stift Einsiedeln. — Theatralische Ausführungen in Mädchen-Erziehungs-Anstalten und Jungfrauen- Vereincn. Von Nestor k. Geiger, 0. 8. L. Metten. — Sollen unsere Kirchen zugänglich oder verschlossen sein? Von Alois Zottmann, Pappenheim. — Jmportune Rigorosität und Ucberdruß erregender Zuspruchseiser. Von Wilhelm Lang, Kommorant, Wernberg. — Stcrbkasse-Vercin für die Geistlichen. Von P., Ps. in St. u. s. w. — III. Erlasse der obersten Verwaltungsstellen und Entscheidungen der obersten Gcrichtsh öfe. — IV. Literarische Novi- tätenschau. — V. Literaturbericht. Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1891. Zehn Hefte M. 10.80. — Freiburg im Brcisgau. Hcrvcr'sche VcrlagShandlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt deö 2. Heftes: Zur päpstlichen Enchklika kro- viäsutissiwus vsus. (I. Knabenbaucr 8. I.) — Religion und Christenthum nach Albrecht Nitschl. I. (Th- Grandcrath 8. I.) — Das höhere Mädchcnschulwesen in Deutschland. (L. v. Hammerstein 8. I.) — Das Kuckucksei und seine Räthsel. II. (Schluß.) (E. WaSmann 8. 9.) — Die Erziehung der bayerischen Wittels- bacher. II. (Schluß.) (O. Pfülf 8. 9.) — Aubrey de Vcrc. Eine litcrarische Skizze. II. (Schluß.) (A. Baumgartner 8. 9.) Recensionen: Schäfer, Erklärung des Hebräerbriefcs (I. Knabenbauer 8. 9.); Egger, blnohirielion tdeoloZias äo§- matieao geueralis (A. Lehmkubl 8. 9.); Krieg, Lehrbuch der Pädagogik (I. HilgerS 8. 9.); Schreiber, Mis Iris ok^.u§ustus ÜMizr larv (A. Zimmermaun 8.9.). — EmpfchlenSwerthe Schriften. — Miscellen: „Eine Betrachtung über Heiligung im evangelischen und katholischen Sinne"; Kannibalismus in Indien; Die katholische Sommer-Hochschule in den Vereinigten Staaten. Literarischer Handweiser, begründet, herausgegeben und redigirt von Msgr. vr. Franz Hülskamp in Münster. 24 Nrn. L 2 Bogen Hochquart für 4 M. p. Jahr. 1893. Nr. 24. Inhalt: Kritische Referate über Predigten von Weihbischos Katschthalcr, ?. Krohe, Eisenring, Graßl, Lacordaire und Badoire (Dcppe), das Oklioium wazoris Iisbäomaäao in zwei neuen Rcgensburger Ausgaben (Schrob), äsLlartinis 9ns pontiLcium äs proxaZÄNäa üäs, v. Schil- gen Kirchliches Vermögensrecht in Preußen und JP. Muth Beiträge zur staats- und kirchenrechtlicheu Lehre von den Pfarreien (Bcllesheim), 9oz?se Historz- ot Irelanä (BclleSheim), D jemand Ceremonie!! der alten Kaiserkrönungen (Ebner), von WliSlocki Volksglaube und Volksbrauch der Siebenbürger Sachsen, Th. Achelis Entwicklung der Ehe, Ehrenfeld Ritt ins Zululand und Wende Deutschlands Kolonien (Plaßmann), Na mann Franz Liszt und La Mara Liszt's Briese an eine Freundin (W. Bäumker), Fecht Der weiße Sonntag, R. Al- bers Erzählungen für Erstcommuuicanteii und Schwill inöky Erstbeickt-, Erstcommuniou- undFirmungs-Untcrricht (Rolfus). — 19 Notizen über 7 außerdeutsche Novitäten (S. Bäumer), DebeS' Neuen Handatlas (Plaßmann) und 11 sonstige Nova (Hülskamp). — Novitäten-Verzeichniß. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. ttl-. 11 15. März 1894. e M Zugs s St. Michael als Seelenwäger und Pastor Schenkel als sein Jkonograph. 8. Die Ikonographie des christlichen Mittelalters ist ein viel zu anziehendes Gebiet, als daß es uns wundern dürfte, wenn sich in unseren Tagen, wo die ehemalige Bilderstürmerei des 16. Jahrhunderts anch von billig denkenden Protestanten längst lebhaft bedauert wird, nach dem Vorgänge des sehr verdienten Otte auch protestantische Geistliche darauf begeben. Es darf uns dann aber anch nicht wundern, wenn das Bemühen, die Protestation gegen die Kirche als solche bereits vor dem Protestantismus zu constatiren, wie auf anderen so auch auf diesem Gebiete angetroffen wird. Mit welcher Bosheit und Verblendung dies aber zuweilen verbunden ist, dafür wollen wir hier ein Beispiel anführen. Im Jahre 1877 wurden in der Stcigkirche zu Schaffhausen mittelalterliche Gemälde bloßgelegt, von denen eines den hl. Michael mit einer Waage darstellt, ein Bild, „das mehrere höchst merkwürdige und seltene Züge in sich vereinigt, unter ihnen einen durchaus eigenartigen, der ein Räthsel schwierigster Art zur Lösung aufgibt," wie Herr Pastor I. I. Schenkel meint. Nach jahrelangem Studium sei es ihm jedoch gelungen, des Räthsels Lösung zu finden, und er überrascht damit die staunende Welt in diesem Jahre und zwar im Organ des hist.-antiqu. Vereines des Kantons Schaffhausen: „Beiträge zur vaterländischen Geschichte", 6. Heft, S. 4-22. Das Heft enthält zwei Kunstbeilagen, wovon die eine jenes aufgedeckte Wandgemälde wiedergibt. Wir sehen auf diesem, übrigens höchst unbedeutenden Bilde aus der Zeit von 1500 den hl. Michael neben zwei Heiligen. In der Linken hält er eine Waage, deren (vom hl. Michael aus gerechnet) rechte niederziehende Schale eine unbekleidete menschliche Gestalt beschwert, die sich an einem Kreuze anklammert, während aus der linken, in die Höhe geschnellten, eine Kirche hervorragt. Auf dem linken Waagbalken sitzt eine phantastische Teufelsgestalt, welche mit einer Gabel auf die Kirche in der Schale drückt, wahrend eine andere durch ihr Körpergewicht, das noch dazu durch einen um den Hals gehängten Mühlstein verstärkt ist, die linke Schale in die Tiefe zu ziehen sucht. Mit seiner Rechten gießt der hl. Erzengel aus einem Gesäße eine Flüssigkeit über die durch das nackte Figürchen dargestellte Menschenseele aus. Wir können die weitschweifigen, bis auf die mit den Haaren herbeigezogenen altgriechischen, ägyptischen, buddhistischen, mohamcdanischen Analogien eingehenden Untersuchungen des Herrn Pastors Schenkel bei Seite lassen. Die der mittelalterlichen Darstellung des hl. Michael zu Grunde liegende Idee kommt in Schenkels Studie nicht zum adäquaten Ausdruck. Die Bezeichnung des hl. Michael als Seclen- wäger ist eine äußerliche, beinahe triviale. Die Waage, ursprünglich auf Weltgerichtsbildern für sich vorkommend, gilt als Symbol der göttlichen Gerechtigkeit. Dieses Symbol wird später dem von Uranfang an von Gott mit der Exekutivgewalt betrauten hl. Michael, der darum in der Rechten gewöhnlich das Schwert oder Kreuzpanier trägt, in die Hand gegeben. Die christlichen Künstler wußten diese wenigen Motive auf die mannigfaltigste Weise zu verwerthen und zu beleben, indem sie z. B. den naheliegenden Akt des Wägens der Menschenscelen einführten, den hl. Michael für oder gegen eine Seite Partei ergreifen ließen rc. Doch uns intercssirt zunächst das Bild in der Steigkirche und „die Lösung seines Räthsels", wie sie Pastor Schenke! gibt. „Weitaus das Merkwürdigste in dem Gemälde der Steigkirche ist, wie er meint, daß in der Waagschale linker Hand eine Kirche steht. Was soll diese Kirche bedeuten? . . . Ein Bild der Scclcnwägung, auf welchem eine Kirche dargestellt ist, kam mir allerdings vor. Dasselbe befindet oder befand sich als Fresko in der Kirche zu Velemer in Ungarn." Dort stelle nämlich ein Engel das Kirchlein auf das rechte Ende des Balkens der vom hl. Michael gehaltenen Waage; es spreche also das Kirchlein für die gewogene Seele. „Nun aber liegt ja die Schwierigkeit im Steigbilde eben darin, daß die Kirche sich in der Sündenschale befindet. Sie spricht danach gegen die Seele. Sie symbolisirt eine Schuld. Die zwei Teufel sind geschäftig, nicht etwa, sie aus der Schale hinauszuwerfen, was sie thun müßten, wenn ihr Gewicht zu Gunsten der Seele spräche, nein, sie bemühen sich, ihr ohnehin zum Nachtheil der Seele wirkendes Gewicht nach Kräften zu vermehren" (S. 19). Und so strengt sich Pastor Schenkel in fast krampfhafter Weise an, eine antikirchliche, ja „antirömische" (S. 22) Tendenz aus dem Bilde herauszuklügeln. Und was sollte es anch anderes enthalten? „Handelt es sich etwa beim Steigbilde um eine bestimmte Person, und bestand deren Versündigung vielleicht darin, daß sie eine Kirche erbaute aus erwuchertem oder geraubtem Gute, mit den Thränen von Wittwen und Waisen? Schwerlich! Wenn ungerechter Besitz zum Ban eines Gotteshauses diente, so war die mittelalterliche Kirche in ihrer Beurtheilung des Falles sehr zur Milde geneigt. Der Zweck heiligte das Mittel." „Ist es etwa die Seele eines Priesters, die gewogen wird, und will mit der Kirche in der Schale links gesagt werden: die Schuld des Mannes sei um so schwerer, weil ein Diener des Heiligthums sie auf sich lud :c.?" Gewiß nicht! „Die römische Kirche war zu allen Zeiten viel zu politisch, als daß sie die dunklen Thaten ihres Klerus so an die Oeffentlichkeit gezogen hätte". Und nun soll der wahre Sinn des Steigbildes in Folgendem zu suchen sein: Die bloß äußerliche Zugehörigkeit zur Kirche sei allein nicht zum Heile, sondern gereiche nur zu um so größerer Verantwortung u. a. m. Allein derartige Grundsätze, wie Sie, Herr Pastor, dieselben aus dem Bilde herauslesen zu dürfen glauben, sind so ziemlich auch katholisch, nur mit der bestimmten Ausnahme, daß sich die katholische Kirche in ihrem Lehramts nie zu der wahrhaft horrenden und für den größten Theil der Menschheit geradezu verzwciflnngsvollen Behauptung verstieg, die Sie in ächt lutherischer Weise wagen, daß nämlich die nicht im Gnadenstande gewirkten guten Werke „strahlende Sünden" (S. 21) seien und „in die Sündenschale gehören". Schade nur, daß das fragliche Bild bei nüchterner Betrachtung keinen Gedanken an jene Grundsätze erweckt. Eine antikirchliche Tendenz würde aber weder in ihnen liegen, noch ist sie zu finden in dem Bilde der Steigkirche. Ich will Ihnen vielmehr, Herr Pastor, um zum Schlüsse zu kommen, kurz des Räthsels Lösung geben. Wie der Dichter, so setzt auch der Künstler zuweilen die Ursache statt der Wirkung. Man nennt das Metonymie. Das ist auch auf dem 82 Steigbilde der Fall. Statt der nachgelassenen Sünden, die nichts mehr wiegen, findet sich in der linken Waagschale des Steigbildes einfach die Kirche, als die Sühneanstalt (dgl. Joh. 20, 22 f.), wie anderwärts, was Sie ja selbst wissen, das Lamm Gottes. Was Sie von einem zum Nachtheile der Seele wirkenden Gewichte der Kirche faseln, entspringt einer mehr als bloß optischen Täuschung. Denn Sie müssen ja doch sehen, daß die Schale mit der Kirche in die Höhe geht. Was aber den Satz: der Zweck heiligt die Mittel, betrifft, so belieben Sie ihn einmal gefälligst aus der Mittelalterlichen Kirchenlehre zu beweisen. Eine krasse Unkenntniß sodann, und wenn nicht dies, dann eine um so größere Bosheit verräth aber der Satz: .-Die römische Kirche war zu allen Zeiten viel zu politisch, als daß sie die dunklen Thaten ihres Klerus so an die Ocffentlichkeit gezogen hätte." Soll ich Sie etwa mit einer Wolke von Beispielen gleichsam bedecken, welche alle Zeigen, wie die kirchlichen Künstler, angefangen von dem Zeitpunkte, wo das dramatische Moment der Scheidung der Auferstehenden in die Glückseligen und Verdammten in die Weltgerichtsbilder aufgenommen wurde — ungefähr von der Zeit des Meisters vom Weltgerichte im Campo Santo zu Pisa und des Deutschen Stephan Lochncr — bis herauf zu Cornelius und weiter, sich nicht scheuten, unter den Unglückseligen auch Ordensleute, Weltgeistliche, ja selbst auch mit Jnful, Cardinalshut und Tiara ausgezeichnete Häupter aufzuführen? Doch genug über das Steigbild zu Schaffhausen und seines Räthsels Lösung. In dem gleichen Band „Beiträge zur vatcrl. Geschichte" des Schasfhausener hist.-antiqu. Vereins findet sich noch ein anderer Beweis dafür, wie unzuverlässig Protest. Berichte über rein katholische Dinge zuweilen ausfallen können. Herr Nob. Harder veröffentlicht hier ein Jahrzeitbuch (Anniversarienvcrzeichniß) der Leutkirche St. Johannes in Schaffhausen und schickt demselben in bester Absicht einige einleitende Bemerkungen über die bei der Jahrtagsfeier in Betracht kommende kirchliche Liturgie voraus. Trotzdem er sich aber bei seiner Arbeit der Unterstützung zweier Pastoren erfreute, gewinnen doch gerade seine liturgischen Erklärungen manchmal einen fast komischen Anstrich. Ich begnüge mich damit, nur seine Beschreibung der Seelenmesse hieher zu setzen: „Wie die öffentliche Messe, so setzt sich auch die Privat- oder Seelenmesse zusammen aus: 1. dem Jntroitus oder Eingang, bestehend in dem Wechselgesang eines Psalmverses oder sonst einer Bibelstelle, dem dreimaligen L^ris eleisoir und der sogen. Doxologie oder Lobpreisung; 2. dem Graduale d. i. dem Gesang eines Psalmenoder Bibelvcrses, dem der Segen und die Anrede des Priesters, sowie die Verlesung des Episteltextcs vorausgeht. Nach 3. dem Ollsrtoriuw, womit die Brode aufgelegt und die Mischung des Weines nebst der Hand- waschung vorgenommen wird, folgt 4. der Lanon wissao, die eigentliche Meßhandlnng. Sie wird eingeleitet durch ein Dankgebet für die Erlösung, die Anrufung Gottes um gnädige Annahme und die Fürbitte für den Stifter und seine Angehörigen. Es erfolgt sodann unter verschiedenen leisen Gebeten, namentlich auch dem für die Verstorbenen, die Weihung, Brechung und Austheilung der Hostie und der Abendmahlsgenuß des Cclebrauten, worauf die Feier mit 5. der l^ootoomurunioii, dem Gesang eines kurzen Gebetes und nachherigem Segen schließt." (S. 102.) Diese Ausführungen schließen jede böswillige Insinuation gegen die katholische Kirche aus und sind deßhalb wesentlich anders zu beurtheilen, als jene des Herrn Pastors Schenkel. Doch sollte man von einer Arbeit, welche mit Unterstützung zweier Geistlichen erstellt ist, die noch dazu zu den „Tit. Archivbeamtungcn" gehören, und bei denen deßhalb wenigstens um des historischen Interesses willen eine genauere Kenntniß der uralten katholischen Liturgie vorauszusetzen wäre, bessere Informationen erwarten können. Wir schließen, indem wir dem hist.-antiqu. Verein des Kantons Schaffhansen den guten Rath ertheilen, in den Nedactionsausschuß der Beiträge zur vaterländischen Geschichte nur solche Mitglieder zu wählen, welche bei feinem, namentlich dem Historiker ziemenden, Takte gegen Andersgläubige der Fähigkeit zu sachlicher Kritik nicht entbehren. Dann wird der wahren Toleranz und der historischen Wahrheit zugleich gedient sein. Der Herbartiniiisllms an den Lehrer- und Lehrerinnen-Seminarien. 2^2 Im 2. Hefte des Jahrbuches für Philosophie und spekulative Theologie, herausgegeben von Professor Commer (Jahrgang 1893/94), veröffentlicht Kanonikus Or. Gloßner einen trefflichen Artikel über den ebenso weitgreifenden wie unheilvollen Einfluß, welchen die Her- bart'sche Philosophie auf Geist und Methode der Erziehung und des Unterrichtes gewonnen hat. Der gelehrte Verfasser beabsichtigt mit dieser seiner Arbeit, die Aufmerksamkeit der maßgebenden Faktoren auf die Gefahren des Eindringens Herbart'scher Lehrbücher in die Bildungsanstalten für Lehrer und Lehrerinnen hinzulenken. Um diesen Zweck noch besser und nachdrucksamer zu ermöglichen, wollen wir auch den werthen Lesern unserer Blätter die Hauptgedanken des erwähnten Artikels vorführen. Um so mehr fühlen wir uns dazu gedrängt, weil viele unserer Leser als Schulinspektoren oder Lehrer mit den der Schule drohenden Gefahren näher bekannt gemacht werden müssen. Dies nun eindringlicher und concret zu thun, wählen wtr mit dem Verfasser als stellvertretendes Beispiel ein Lehrbuch, das seit Jahren unbeanstandet an den Lehrer- und Lehrerinnen-Seminarien gebraucht wird: „Die allgemeine Erziehungslehre. Lehrtext zum Gebrauche an den Bildungsanstalten für Lehrer und Lehrerinnen. Von Schulrath Dr. G. A. Lindner. 6. unveränderte Auflage. 1886." Das vorliegende Lehrbuch ist durchweg im Herbart'schen Geiste geschrieben. Daran vermochte die Berücksichtigung der „Empiriker" nichts wesentlich zu ändern. Wenn die Herbartianer das Verdienst beanspruchen, strenge Wissenschaft mit Gläubigkeit und Religiosität zu verbinden, werden wir im Verlauf dieser Ausführungen wohl erkennen, daß die Wahrheit und Wirklichkeit diesen schön klingenden Versicherungen durchaus nicht entspricht. Die Herbart'sche Philosophie wird uns geradezu ungeeignet erscheinen, die unentbehrlichen psychologischen und ethischen Grundlagen einer wissenschaftlichen Pädagogik zu bieten. Unstreitig bedarf die Erziehungsknnst und Erziehungswissenschaft einer reichen psychologischen Erfahrung, einer klaren und tiefen Erkenntniß der Seele und des Seelenlebens. Soll doch vor allem die Erziehung einwirken auf die Seele und ihre Vermögen, insbesondere auf Verstand und Willen. Der Erzieher aber wird dies um so erfolgreicher können, je gründlicher er die Natur und Entwicklungsgesetze der Scelenvermögen, die Art ihres Zusammenwirkens, ihre gegenseitige Abhängigkeit n. dgl. erkennt. Der Blick in unser eigenes Innere, wie die Beobachtung der Aeußerungen fremden Seelenlebens zeigt uns das Bild einer ungemein reichen Mannigfaltigkeit derBethätigungen innerhalb der Einheit des Selbstbewußtseins, die Gegensätze sinnlicher und geistiger, innerlich auffassender und nach außen strebender Vermögen. Vorzugsweise gibt sich in der Thatsache der freien Selbstbestimmung und der wirklichen oder angestrebten Herrschaft des Willens über die niederen Triebe und Strebungen ein nach innen und außen wirksames und selbständig thätiges Prinzip kund. Diesen Erfahrungsthatsachen aber widerstreitet geradezu die Herbart'sche Psychologie. Das Lindner'sche Lehrbuch sagt (S. 4 f.) uns: „Die sogenannten Seelenvermögen: Verstand, Vernunft, Gedächtniß, Einbildungskraft u. s. w., gehören nicht zu den Uran lagen und sind vielmehr abgeleitete Vorgänge, die sich aus der Wechselwirkung der Vorstellungen ergeben. Denn der Inhalt unserer Vorstellungen ist in keiner Weise angeboren, sondern kommt uns von außen zu durch die Sinne. Angeboren sind uns nur die formellen Verschiedenheiten der Art, wie die Seelenzustände im Bewußtsein auftreten und wie sie verlaufen. Der eine faßt lebhaft und tief auf, der andere matt und seicht; der eine begreift augenblicklich, während der andere mit seiner Auffassung nur nachhinkt. Die Ursache hiervon liegt zumeist in der ererbten Beschaffenheit des Nervensystems, welche wir das Temperament und Naturell nennen... Alle Anlagen sind ursprünglich körperliche Anlagen, d. h. gewisse angeborne Beschaffenheiten des leiblichen Organismus. Jnsoferne jedoch die letzteren einen Einfluß haben auf das Auftreten und den Verlauf der Seelenzustände, kann man auch von geistigen Anlagen sprechen." Die wahren Gründe — wenn auch unausgesprochen — für Lindner, mit Herbart, seinem Meister, die Existenz der Seelenvermogen zu leugnen und das gesammte Seelenleben auf die Wechselwirkung der Vorstellungen zurückzuführen, liegen in der Herbart'schen Begriffsbestimmung der Seele. Nach Herbart (Werke, Bd. 5, S. 108 ff.) „ist die Seele das einfache Wesen, dessen Sclbsterhaltungen Vorstellungen sind. Die Seele ist ein einfaches Wesen; nicht bloß ohne Theile, sondern auch ohne irgend eine Vielheit in ihrer Qualität... Die Seele hat gar keine Anlagen und Vermögen, weder etwas zu empfangen, noch zu produziren. Sie ist demnach keine tusiulu raoa, in dem Sinne, als ob darauf fremde Eindrücke gemacht werden könnten; auch keine in ursprünglicher Selbstthätigkeit begriffene Substanz in Leibniz' Sinne. Sie hat ursprünglich weder Vorstellungen, noch Gefühle, noch Begierden; sie weiß nichts von sich selbst und nichts von anderen Dingen; es liegen auch in ihr keine Formen des Anschauens und des Denkens, keine Gesetze des Wollens und Handelns; auch keinerlei wie immer entfernte Vorbereitungen zu dem allem. Das einfache Was der Seele ist völlig unbekannt und bleibt es auf immer; es ist kein Gegenstand der spcculativen so wenig als der empirischen Psychologie. .. Die Selbst- erhaltungen der Seele sind Vorstellungen und zwar einfache Vorstellungen, weil der Akt der Selbsterhaltung einfach ist, wie das Wesen, das sich erhält. Daniit besteht aber eine unendliche Mannigfaltigkeit von mehreren solchen Akten; sie find nämlich verschieden, je nachdem es die Störungen sind. Demgemäß hat die Mannigfaltigkeit der Vorstellungen und eine unendlich vielfältige Zusammensetzung derselben gar keine Schwierigkeit. . . Der Gegensatz zwischen Seele und Materie ist nicht ein solcher in dem Was der Wesen, sondern er ist ein Gegensatz in der Art unserer Auffassung. Die Materie als ein räumlich Reales, mit räumlichen Kräften vorgestellt, wie wir sie zu denken Pflegen, gehört weder in das Reich des Seins, noch in das des wirklichen Geschehens, sondern sie ist eine bloße Erscheinung. Eben dieselbe Materie aber ist real als eine Summe einfacher Wesen; und in diesem Wesen geschieht wirklich etwas, welches die Erscheinung einer räumlichen Existenz zur Folge hat." Nach Lindner (a. O.) sind Verstand, Vernunft, Wille u. s. w. Ergebnisse der Wechselwirkung sinnlicher Vorstellungen. Offenbar eine Theorie des reinsten Materialismus. Da kann es freilich nicht befremden, wenn es heißt, die Seele sei nicht wesentlich verschieden von den Elementen der Körperwclt. Die Auffassung der Materie als eines bloßen Phänomens ändert nichts an diesem groben Materialismus. Denn die Seele und die Elemente der Körperwelt werden eben als Principien einer materiellen Welt, also materiell gedacht und bestimmt. Erklärte doch oben Herbart die Seele als einfaches Wesen, dessen Selbsterhaltungen Vorstellungen sind. Die Vorstellungen aber sind ihm Produkte mechanischer Verhältnisse, eines Mechanismus der Elemente, wie alle übrigen Seelenphänomeua außer den Vorstellungen Produkte des Mechanismus der Vorstellungen sind. Die Vorstellungen sind nach Herbarts Ansicht Selbsterhaltungen der einfachen Wesen gegenüber Störungen, welche von außen kommen. Wie nun aber soll man sich dies erklärend Herbart findet den Grund der mannigfaltigen Erscheinung (des Scheines) in der Vielheit der einfachen Wesen, welche in dem mechanischen Verhältniß des Druckes und Gegendruckes zu einander stehen. Diese einfachen Wesen suchen in einander einzudringen, setzen aber einen Widerstand entgegen und erhalten sich selbst gegenüber den von außen wider sie eindringenden Störungen. Er unterscheidet eben die Welt des Scheins, d. i. der Erscheinung, und die Welt des Seins. Alles, was wir unmittelbar, äußerlich oder innerlich, erfahren, gehört der Welt des Scheines an, hinter der aber eine Welt des Seins angenommen werden mnß; denn „soviel Schein, soviel Hindeutung auf Sein". Der Schein ist relativ, das Sein absolut, unbeschränkt, einfach, unveränderlich. Das Sein ist jedoch nicht eines, das alles ist, sondern, entsprechend dem mannigfaltigen Scheine, eine Vielheit von einfachen Wesen, welche alle ebenso absolut, unbeschränkt, unveränderlich u. dgl., also ebcnsovicle Götter sind (Pantheismus). Darum weiß Herbart auch von diesen Wesen keinen Weg zu einer schöpferischen Ursache der Welt zu finden. Die Herbart'sche „Wissenschaft" ist und bleibt atheistisch, sofern sie die Annahme eines höchsten Wesens im religiösen Sinne ausschließt, pan- theistisch, sofern die von ihr angenommenen Wesen alle die göttlichen Eigenschaften der Absolutheit, Einfachheit, Ewigkeit n. s. w. haben, materialistisch, sofern diese Wesen auch ganz wie die Atome Demokrits und Epikurs in bloß mathematisch-mechanischen Beziehungen sich bethätigen. Allerdings wollen die Herbart'schen Pädagogen, so auch insbesondere unser Lindner, jene atheistischen und materialistischen Theorien ablehnen, aber sie nehmen Lehren an und stellen Behauptungen auf, welche mit jenen abgelehnten stehen und fallen. Oder sind das nicht Herbart'sche Wege und Spuren, das gesammte Seelenleben auf Vorstellungen zurückzuführen und alles andere aus mechanischen Verhältnissen, aus der wechselseitigen Förderung und Hemmung, Anziehung und Abstoßung der Vorstellungen abzuleiten? Somit beherrscht Materialismus und Mechanismus ihre Pädagogik, weil er ihre Psychologie durchdringt. Der Vor- wnrf des Atheismus mag im subjcctiven Sinne viele Pädagogen der Herbart'schen Schule nicht treffen, aber auf alle trifft er im objectiven Sinne zu. Dies wird uns besonders klar werden bei Betrachtung der ethischen Grundlage der Herbart'schen Pädagogik L 1a Lindner. Doch bleiben wir noch zunächst bei der Lindner'schen Psychologie. Die sogenannten Seelenvermögen sind ihm, wie wir oben schon gehört, nur abgeleitete Vorgänge, welche sich aus der Wechselwirkung der Vorstellungen ergeben. Auf diese Weise erscheint die Psychologie als die reinste Mechanik der Vorstellungen. Von einem snbstanziellen Ich, einem thätigen Selbst, einer freien Selbstbestimmung des Willens kann da keine Rede sein. Das Ich ist Ergebniß der innigen Verschmelzung und Verflechtung der Vorstellungen, der Schwerpunkt gleichsam eines Vorstellungscomplexes. Da wird die Freiheit geradezu zum Scheine, zur Selbsttäuschung. Wo bleibt da für die Pädagogik eine wahre und gründliche Erkenntniß der Seele und des Menschen? Irrthümer aber über das Wesen der Seele und des Menschen führen nothwendig zu einer falschen Bestimmung des Endzwecks des menschlichen Lebens und des Zieles der Erziehung. Die Herbart'sche Theorie widerspricht geradezu dem Zeugniß des Bewußtseins, der inneren Erfahrung. Ist das Selbstbewußtsein die Erscheinung des Seelen- wesens, so kann dieses nicht ein todtes, vermögen- und thätigkeitsloses Reale im Sinne Herbarts sein, welches keine Macht über seine Vorstellungen besitzt und starr und unthätig hinter ihnen steht. Vielmehr muß die Seele als ein selbstthätiges, sich mit Freiheit bestimmendes Wesen mit einer Vielheit von Vermögen und Thätigkeiten anerkannt werden. (Fortsetzung folgt.) Eine „Sammlimg theologischer Lehrbücher" mit besonderer Berücksichtigung der Neligions- philosophie. (Schluß.) III. O. Was zunächst die Religionsphilosophie auf Seite der protestantischen Wissenschaft betrifft, so können uns ja hier Neberraschungcn kaum mehr zu theil werden, und Siebeck begreift seine Stellungnahme innerhalb dieser eigenthümlichen Richtungen vollständig. Bekannt sind ja die in neuester Zeit erschienenen Ncligionsphilosophien von Teichmüller, Otto Pfleiderer, Nauwenhoff, Rudolf Seydel. Der verstorbene Professor Teichmüller in Dorpat wird in der Regel als „theistischcr gerichteter Neligions- philosoph betrachtet", Pfleiderer ist Pantheist, Nauwenhoff sagt unö: „Glaube an uns selbst", das ist das höchste Erkenntniß- und Lebensprincip. Nauwenhoff versteht darunter „die Nothwendigkeit, aus das zu vertrauen, was sich als Gesetz unserer Anlage bet unserem Fühlen, Denken und Urtheilen geltend macht". Neuestens hat man sich gar noch bewogen gefühlt, bi Neligionsphilosophie des verstorbenen Leipziger Professors Ludwig Seydel aus dem Nachlaß herauszugeben, ein opus, aus dem keine Klarheit gewonnen werden kann. Seydel ist ein Phantast. Bis zum Jahre 1680 war er ein geradezu fanatischer Anhänger der Freimaurerei und glaubte im Frcimaurerbnnde den Anfang des Werdens einer wahrhaft christlichen, idealen Kirche zu sehen. 1880 trennte er sich, in seinen Hoffnungen getäuscht, von der Freimaurerei und warf sich der buddhistischen Richtung in die Arme, trieb Buddhismusschwärmerei in seinem Werk: „Das Evangelium von Jesu in seinen Verhältnissen zur Buddha-Sage und Buddha-Lehre." Den Abschluß seiner literarischen Thätigkeit bildet „die Neligionsphilosophie tm Umriß." Der ursprüngliche Titel sollte lauten: „Die Religion der freien Gotteskindschaft im Umrisse einer Neligionsphilosophie." Gegenüber diesen verschiedenen Versuchen, eine Neligionsphilosophie aufzubauen, nimmt Hermann Siebeck insofern eine eigenartige Stellung ein, als er ohne Zweifel von dem für ihn feststehenden Antagonismus zwischen Cultur und Religion ausgeht, Cultur die These und Religion die Antithese. Damit hat Siebeck einer gegenwärtig herrschenden Richtung Rechnung getragen. Hat man bisher bald das Absolute, bald den Urstoff als Embryo betrachtet, der sich in eine ganze Welt entwickelt, so ist jetzt dieser Embryo der Begriff Cultur. Siebeck sagt: Der Culturproceß verläuft in unbestimmte Ferne und Höhe; wie seine Anfänge in das Dunkel der Vorzeit, so verliert sich sein zukünftiger Verlauf in ein Stadium immer zunehmender Vervollkommnung, für welche keiner der erreichten Zustände je als letzter und abschließender zu gelten hat. Inhalt und Zweck der Welt fallen zusammen in dem Begriff der sich selbst bedingenden und sich selbst in unaufhörlichem Fort- gange vollendenden Ausgestaltung der Welt zum Schauplatze und zugleich zur Substanz des sich immer mehr erweiternden und vertiefenden Lebens der Menschheit." Aber diesem Culturproceß stellt die Religion ein Bein. Wie löst sich dieser Kampf? Siebeck weiß uns schließlich nur eine Antwort zu geben, die im monistisch- evolutionistischen System mündet und nur ein neues Problem stellt. Nach einer überaus schwierigen Darstellung von über 400 Seiten weiß uns Siebeck keine andere Auskunft, als: „Die Persönlichkeit, die sich als Glied des Weltprocesses erlebt, mutz und darf zugleich das Bewußtsein haben, ein Princip zu sein, welches ihm nicht untergeordnet, sondern übergeordnet ist. Diejenige Seite der Cultur nun, kraft deren die Persönlichkeit dieses Bewußtsein in sich findet und in seiner Bedeutung zu würdigen vermag, ist die Religion, sofern diese das Bewußtsein des absoluten Werthes der Persönlichkeit festhält gegenüber allem Anschein ihrer Jnferiorität angesichts des Stromes der Gesammtentwicklung." Doch da erhebt sich sofort gebieterisch die Frage: Was ist Persönlichkeit? Denn diese Frage wird sich nicht entscheiden lassen, wenn nicht zuvor die andere entschieden ist, wie sich der Geist oder die Seele zum Körper stellt. Darauf weiß aber Herr Siebeck keinen Aufschluß zu geben. Denn S. 427 sagt er diesbezüglich: „Diese beiden Seiten, nämlich die seelische und die leibliche, müssen wegen der Einheitlichkeit der Entwicklung des Organismus als die verschiedenartigen und doch verwandten Triebe aus einer und derselben Wurzel angesehen werden und als solche ist ein einheitlicher Lebensgrund vorauszusetzen, der als dasjenige zu gelten hat, was sich erscheinungs- und erfahrungsgemäß in dem Wechselverhältniß der beiden bezeichneten Seiten des (psycho-physischcn) Organismus ausschließt und darstellt, 85 dessen Wesen ,an sich' aber der wissenschaftlichen Methode und Erkenntniß sich entzieht." Wer will sich da wundern, daß Siebeck nicht zu einem Beweise für die Unsterblichkeit der Seele, zu keinem Beweis für die Bestimmung des Menschen, zu keinem Beweis für die Existenz Gottes und natürlich noch weniger zu dem Begriffe der Persönlichkeit Gottes gelangt. Indeß hören wir einmal die auf monistischer Basis stehende Anschauung Siebecks über die Persönlichkeit des Menschen (S. 169): „Der Gang der Entwicklung führt vom unpersönlichen Wesen des Kindes zu dem persönlichen Bewußtsein des Erwachsenen und andererseits von der dem Wesen der Persönlichkeit nur sehr unvollkommen entsprechenden geistigen Beschaffenheit des Naturmenschen zum durchgebildeten persönlichen Selbstbewußtsein des eigentlichen Cultur menschen. Den Höhepunkt dieser Entwicklung macht eine Bestimmtheit des Bewußtseins aus, kraft deren der Einzelne sich nicht mehr bloß als ein im Wesentlichen passives Theilstück einer sehr unbestimmt abgegrenzten Umgebung weiß und fühlt, sondern sich selbst als selbständige Einheit gegenüber einer Welt zum Bewußtsein gekommen ist." Trotzdem Siebeck mit dieser Darlegung auf die Höhe moderner Aufklärung steigt, scheint er uns sie doch nicht voll erreicht zu haben, denn sonst hätte er viel concreter also sagen können: Die Persönlichkeit ist ein Charakter- isticnm der Langköpfe, während die Rundköpfe noch unpersönliche Wesen sind, weil sie durchaus passiver Natur und geborene Autoritütsmenschen sind, durchaus abhängig von der sie umgebenden Autorität. Denn zu diesem Resultat ist die neueste Forschung der Wissenschaft gelangt. Wer es nicht glaubt, der lese Otto Ammon's Werk „Die Auslese beim Menschen". Dort wird er S. 219 finden: „Die Nnndköpfe sind geborene Autoritätsmenschen," ferner Seite 220: „Die Eigenschaften, welche die Kirche von ihren Parochialgeistlichen verlangt, sind die des Nnndkopfs. Die ganze Veranlagung dieses Typus macht ihn zu gehorsamen und daher tauglichen Werkzeugen der Kirche." Früher hatte schon De Lapouge bemerkt: „Von Religion ist der Nnndkopf Katholik." Lassen wir diese Abschweifung. Siebcck hat sich mit seiner Neligionsphilosophie offenbar überstürzt. Er sagt nämlich in dem Abschnitt über die Aufgabe und Methode der Neligionsphilosophie Seite 31 u. f.: „Neligionsphilosophie bedeutet nicht Anwendung von Religion auf Philosophie, sondern Anwendung der Philosophie auf die Thatsache der Religion." Er sagt weiter wörtlich: „Die Neligionsphilosophie ist die Anwendung der Philosophie als der Wissenschaft von dem Wesen und der Bethätigung des geistlichen Lebens auf die Thatsache der Religion als einer bestimmt unterschiedenen Ausgestaltung desselben." Wir stellen nun die Frage: Warum hat uns Siebeck nicht zuerst mit einem System der Philosophie beehrt? Denn soviel wir wissen, ist Siebeck zunächst nur mit historischen Arbeiten in die Oeffentlichkcit getreten, zuletzt mit der Geschichte der Psychologie. Wir sind nun der Ansicht, hätte Siebeck zuerst auf Grund der Begriffs- formnlirung, wie sie seiner Neligionsphilosophie zu Grunde liegt, ein System der Philosophie ausgearbeitet, niemals hätte er eine Neligionsphilosophie in die Öffentlichkeit geschickt, höchstens wäre ein Werk zu Stande gekommen, ähnlich dem des Jenaer Professors Encken: „Die Einheit des Geisteslebens in Bewußtsein und That der Menschheit." Dadurch aber, daß Siebecks Neligionsphilosophie in diese Sammlung theologischer Lehrbücher aufgenommen ist, ist diese Art Theologie selbst uä nstsuräuin geführt, d. h. sie ist nicht mehr Theologie, sondern die vollständige Negation derselben. Denn ist einmal die Wahrheit des Christenthums in seinen Dogmen für vogelfrei erklärt und total destruirt, so ist nothwendig die Wahrheit der Religion überhaupt und der die Religion tragenden Vernnnftwahrheiten preisgegeben. Welche Consequenzen aber hierin für die Politik sich ergeben, dieses Thema mag einer späteren Erörterung vorbehalten sein, soweit sie Zeit und Umstände ermöglichen. Eine Studie über den hl. Joseph, ob Zimmer- mann oder Architekt? Von Dr, Sep p. Unter den Darstellungen im Evangelium, welche die Kunst uns bietet, schien mir immer eine unannehmbar, wenn er, welcher noch nach seinem zwölften Jahre seinen Eltern in Nazareth unterthänig war (Luk. II, 51), als Lehrjunge im Zimmerhandwerk Hobelspühne auskehrt oder gar in der Vorahnung seines gewaltsamen Todes aus einem Brettstücke ein Kreuz sägte, wieOverbeck und Steinle, diese wahrhaft christlichen Maler den Knaben Jesus uns bildlich vorführen. Was sagen wir erst zu Uhde, wenn er den Socialismus ins Kunstgebiet einzuführen beliebt, seine Vorbilder nicht bloß von der Straße holt, sondern aus dem Strafarbeitshause zu entlehnen scheint, und den Nährvater Christi als Holzhauer mit der Säge über der linken Schulter, Maria aber wie eine Holzträgerin mit der Eßwaarentasche in der Hand uns vorpinseltl Die Kunst soll uns erheben und erbauen, und nicht aber ins Gemeine ausarten, was schon Albrecht Dürer an gewissen holländischen Kollegen mit der bedenklichen Frage rügte: „Kann man so etwas auch malen?" wenn sie Wirthshansscenen, Saufereien und Schlägereien zum Gegenstand ihrer Darstellung wählten. Der heilige Joseph, dessen Jahresfest wir wieder begehen, gilt für den Schutzherrn der Zimmerleute. Gut! Sieht man aber näher zu, so darf er noch viel mehr für den Patron der Architekten gelten, doch das haben wir erst näher zu beweisen. Den vornehmsten Patron haben wohl die Architekten eigentlich in der Person Jesu selbst. Bei Markus VI, 2 f. lesen wir vom Ausdruck der Verwunderung, welche die Nazarethaner über die Weisheit Jesu erhoben: „Ist denn dieser nicht der Zimmermann, Josephs des Zimmermanns Sohn?" Mit dieser Uebersctzung und Auslegung bin ich nicht einverstanden. Gewiß adelte er die Arbeit. Die Rabbiner: machten es jedem Vater zur Pflicht, seinen Sohn zu einem anständigen Geschäfte zu erziehen. Im Talmud Liäänsolrin Fol. 4, 41 spricht der berühmte N. Meir: „Jeder gebe sich Mühe, seinen Sohn eine ehrsame Kunst ergreifen zu lassen." So könnten wir eine Reihe der Lehrer in Israel, von den Zeitgenossen Jesu angefangen, aufzählen, welche diesem oder jenem Berufe sich widmeten. Spinoza brachte sich mit Glasschleifen fort. Paulus war ein Zeltweber. Von Sokrates, welchen das Orakel zu Delphi für den weisesten Sterblichen erklärte, zeigten die Athener die Gruppe der Grazien. 86 Was Wunder, wenn auch der Davidsohn sich zu einem Handwerk oder Kunstzweig verstand! Das griechische -rsxrtuv, tcleton im obigen Schrift- jexte stimmt zum ägyptischen Tehuti, wie der Weltbaumeister heißt. Schon Platon vergleicht cko rspustl. X, 586 den Weltschöpfer oder göttlichen Demiurg mit einem Baumeister. Architekt wird mit Oberzimmermann übersetzt, was mir kindisch vorkömmt, ll'clrtoii soll wahrscheinlich das hebräische clmrascli wiedergeben, welches ebenso mit wibilcx wie mit lasier sich übersetzt. Ist doch auch lasier vieldeutig, und kann Zimmermann, Schreiner, Schmied, überhaupt Künstler, wie aurj lasier den Gold- und Silberarbeiter bezeichnen. Dasselbe gilt von Schmied; wir haben nicht bloß den Eisen-, Kupfer- und Blechschmied, sondern die Apostelgeschichte nennt uns z. B. XIX, 2-1 einen Silberschmied, und der kunstfertige Geschmeidemacher ist auch ein Schmied, ja früher galt sogar der Ausdruck Brodschmied. Eigentlich ist Zimmern kein in Palästina übliches Handwerk, weil es an Holz gebricht. Wie Salomon und die Kaiser Assyriens die Stämme zu ihren Bauten vom Libanon holten, so die Phönizier ihre Mastbüume aus den Alpen. Unser Wort Brett ist punisch Lerotsi, Fichte und die Seestadt Beruth in Syrien führt den Namen vom Pinienwald, welcher der Sandwüste die Grenzen setzt; ßpircr?, siretas heißt griechisch der Fichten- pfahl. Die Einfuhr aus Dnlmatien in Aegypten und an der syrischen Küste besteht seit alter Zeit herkömmlich tn Brettern. Wozu ferner der Zimmermann? Die Häuser vertiefen sich, namentlich in Nazareth und Bethlehem noch heute in den Berg hinein und waren ursprünglich Höhlen- wohnungen. Jerusalem ist eben darum eine malerische Kuppelstadt mit Treppenabsätzen zu jeder Stanze, weil die Zimmer in eine Wölbung über dem Viereck sich erschwingen, indem es an Balken zur Zimmerdecke wie zum Dache gebricht. Wir sehen die Grundbedingung zum Kuppelbau zuerst in der heiligen Stadt gegeben. Oliven- holz ist kurz, krumm und spröde, auch nicht die Palme, sondern nur die Cypresse konnte bei horizontaler Lage passen. Der Talmud Lava. Lalsira toi. 15, 1 braucht 6 sioro 2 ain für Waldbezirk, das Wort ist noch dazu assyrisch, und siarecsiani kömmt auf den Thoucylindern von Asarhaddon, Tiglatpilesar und Sanherib vor; aber auf dem Steinboden beim heutigen Keraze oberhalb Telum, dem lelonium, der Zollstatt des Matthäus, kam von jeher nur Gestrüpp fort. Für das lichte Gehölz in Peräa kam das Fremdwort ealtus auf, wovon die Stadt es Salt heißt. So wenig wie für Kunst hat der Hebräer einen eigentlichen Ausdruck für Wald. In der Wüste ersetzt das Zelt das Haus, für Vichheerden gibt es keine hölzernen Pferche oder Almhütten: zum Schutze dienen rohe Steinaufwürfc, hebräisch sialeel, arabisch ckanar genannt, wozu das Material im weiten Felde liegt. Wie nun, wenn wir unter rix-rm'- den Werkmeister zu verstehen haben, dann läßt sich dieser allenfalls in alter Zeit nicht als geschulter Architekt auffassen, sondern als praktisch gebildeter Mann, wie im Mittclalter Steinmetz, allenfalls Bildhauer und Palier, aber auch Baumeister in Einer Person war. Unter König Herodes und seinen Söhnen und Nachfolgern kam das Bauwesen in Palästina erstaunlich in Aufnahme. Er wollte sich vor allem die Ehre nicht entgehen lassen, den Tempel, welchen Esra nur dürftig erneuert hatte, in Salomonischer Herrlichkeit wieder herzustellen und zu dem Ziele und Zwecke um 60 Ellen zu erhöhen. Der jüdische Geschichtschreiber Josephus F-lavius erzählt dabei in seinen Alterthümern XV, 11: „Herodes schaffte tausend Wage» an, um die Steine herbeizuschleppen, wählte 10000 Werkleute aus und ließ 1000 Leviten in der Steinhauerkunst und dem Zimmerhandwerk unterrichten." Wie unter Salomon und II. Kön. XII, 12 der Steinmetzen gedacht ist, so mußte auch Herodes die Werkmeister des ganzen JudenlaudeS aufbieten, und zweifelsohne befand sich Joseph von Bethlehem darunter. Der neue Tempel bau begann 734 nach Noms Erbauung (27 ante aer. vul§.) und dauerte während des ganzen Lebens Jesu bis 817, wo dann Josephus Ant. XX. 9, 7 schreibt: „Da man den Tempelschatz zur Befriedigung der Bauleute verwenden wollte, und da mehr als 18 000 Bauleute müssig gingen und Verdienst suchten, ließ König Agrippa (der Jüngere) die Stadt mit weißem Marmor pflastern." Die Geburt der Gnadenmutter in der Levitenstadt Nazareth fällt in das Anfangsjahr 734, da sie nach kirchlicher Tradition bei ihrer Verlobung 747 in ihrem 14. Jahre stand, und nichts widerspricht der Ueberlieferung des Talmud, daß sie die Tochter Eli's von Aaronitischem Blute war, daher sie als solche Base der Elisabeth unter Anordnung des Priesters Zacharias mit den Tempel- jungfrauen erzogen wurde. Halten wir' immerhin an der St. Aunakirche fest, welche dem Tempelberge zunächst gegenüberliegt, und nach der Vcrkündnng der Immaculata, conccptro 1854 von Kaiser Ludwig Napoleon erworben und auf französische Kosten neu hergestellt ist. Wie berührt sich dies mit der Vermählung mit dem Davididen Joseph! In der Folge aber scheint auch der Sohn der Verheißung und Mann der Zukunft in der Bauhütte seines Nährvaters gearbeitet zu haben und darum selber rixrauv, lad er zu heißen. Vergleiche man hiezn den Ausspruch Christi bet seinem ersten Auftreten als Messias Joh. II, 19: „Brechet diesen Tempel ab und in drei Tagen will ich ihn neu bauen." Da versetzten die Juden: „Scchs- undvicrzig Jahre ist schon an diesem Tempel gebaut worden und du willst ihn in drei Tagen aufrichten?" Das Wort des Herrn bezieht sich auf den dritten Tempel, welcher nach Haggai's Prophezie II, 10 größer und herrlicher als zuvor erstehen sollte. In der kssisita eotarta, die mit den Nabboth den babylonischen Talmud (500 aer. vul§.) an Alter übertrifft, ist tot. 58, 2 die Ueberzeugung ausgesprochen: „Die Israelitin werden sich in Obergaliläa versammeln und der'Messias, Sohn Josephs, ihnen zuerst sichtbar werden. Der Messias wird dann den Tempel wiederherstellen und darin opfern." Ebenso lesen wir Lammiüsiar rat)Im lol. 220, 1: „Der König Messias wird gegen Norden aufstehen und sich rüsten, den Tempel gegen Mittag zu bauen." Christus ist hier als Baumeister in Aussicht genommen: eben die Ankündigung, daß er den Jchova-Tempel abbrechen und in kürzester Frist einen andern dafür bauen werde, bildete die Hauptanklage vor dem Hohenrathe, und er mußte diesen Zuruf noch am Kreuze hören. Mark. XIV, 58, XV, 29. Ja, die Wiederholung dieses Drohwortes führt als Lästerung der heiligen Stätte und des Gesetzes zur Steinigung des Stephanus. Apstlg. VII, 14. Beim Herodischen Tempelbau lag der Grundstein und Opferfcls frei, wo nach der Legende Abraham seinen Sohn darbringen wollte, aber auf höhere Weisung 87 das Thieropfer anordnete, welches Christus mit der Austreibung der Viehbändler und ihrer Rinder und Lämmer abschaffte, um dafür das unblutige Osterlamm einzusetzen. Dieser Fels des Fundaments, Lbkir Lolratja, galt für den Schlußstein des Abgrunds, und auf daß die Mächte der Tiefe nicht losbrächen, sollte das immerwährende, tägliche Opfer dargebracht werden. Die Plattform dient zum Hochaltar für die Opfer, und der Stein, welcher nothwendig in jeden christlichen Altar zur Darbringung des unblutigen Laoi-itioiuirr eingefügt sein muß, ist eben ein Abbild jener ursprünglichen keti-a auf dem Berge Moria zu Jerusalem. Somit war schon der Salomonische Tempel eine Felskirche, und in Bezug darauf ergeht das Wort des Herrn: In es 1'strus eb supki staue pstram aeäitieasto ecolksiam maaiu. Luststet es Laestra, Felskuppel, heißt noch heute der Dom über dem hochheiligen Fels, die einstige Sophien- kirche, durch deren Bau Juslinian den Judentempel an Herrlichkeit übertraf und gewissenhaft das Wort des Herrn vom bevorstehenden Neubau erfüllte: es ist die älteste und eigentliche Peters kirche. Sie gilt seit der Besitznahme durch die Muslimen für die drittheiligste aller Moscheen, und mit vollstem Rechte erklärt der arabische Reisende Jakut: „Es gibt in der Welt nichts schöneres." Der Anblick von Außen wie im Innern ist überraschend herrlich. Auf eine Begebenheit bei diesem Tempelban unter Jesu Augen scheint seine Anführung zu deuten: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden, lind wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschmettert, und auf wenn er fällt, den wird er zermalmen." (Matth. XXI, 42, 44.) Das Wort bezieht sich auf Jsaias XXVIII, 16: „Sieh, ich lege in Sions Grundvesten einen Stein, einen bewährten Eckstein" — nämlich den König Messias, wie Jnrchi erklärt. Paulus faßt das Wort I. Kor. III, 11, X, 4 auf: „Der Fels ist Christus, es gibt kein anderes Fundament." Petrus aber führt im ersten Pastoralbriefe II, 5 f. dieß von der neuen Kirchengründung aus: „So bauet euch denn auf Ihn als lebendige Steine zum geistigen Tempel." Natürlich erklärt auch Papst Leo ex. 97 den Grund- und Eckstein von Christus. Das Bild von Zermalmen scheint von I. Kön. XVI, 84 hergenommen, wo vom Aufbau Jericho's die Rede ist. Selbst die Talmudisten bringen Jesus mit diesem hochheiligen Fels in Beziehung, wenigstens lesen wir in dem odiosen „Geschlechtsregist^r" Poloäotst Iksestu ll, 108: Jesus habe den geheimnisvollen Lestkwstarnpstorasost oder Gottesnamen auf dem Lstkir Jostatja gelesen, und kraft desselben seine Wunder gewirkt. Gemeint ist, daß er in die Höhle unter den Grundstein eingedrungen, wo schon die Patriarchen den Namen Jehovas angerufen. Wie hebt doch der Psalmist sein Gebet mit den Worten an: „Herr, du mein Fels!" Was wir bei Mark. III von der Begegnung mit einem Handlahmeu lesen, welchen der Herr in der Synagoge heilte, meldet das Hebraerevangelium aus erster Quelle von einem Steinmetz, der wohl in der Tempelbauhütte die Hand gequetscht hatte. Beim letzten Abschiede vom Tempel „traten die Jünger zu ihm, um ihm die Bauwerke zu zeigen und Einer nahm das Wort: Sieh doch, Meister, welche Stein Massen, welche Gebäude! Jesus aber erwiderte: Du siehst all diese mächtigen Bauten! Wahrlich sage ich euch: kein Stein wird auf dem anderen bleiben und der Zer' störung entgehen." Mark. XIII. Wie auffallend ist im Evangelium fortwährend vom Bauwesen die Rede! Wenn Jesus nach der Angabe des Evangeliums ein sectonisches Handwerk betrieb, gleich andern Nabbinen, ist es nun verwunderlich, wenn wir die dem Herrn zugeschriebene Tektonik von der Baukunst verstehen? Zu dieser Ueberzeugung bringt uns noch näher die Parabel vom weisen Manne (Matth. VII, 24 s., Luk. VII, 48 f.) „Er ist jenem gleich, der ein Haus baut und in die Tiefe grübt, um den Fels zum Fundament zu nehmen. Der Regen bringt eine Ueberschwemmung und die Fluthen schlagen gegen den Bau, die Winde tosen und stürmen dawider, aber sie vermögen es nicht zu erschüttern, denn es ist auf Felsen gegründet. Der Thor hingegen baut auf Sand oder Schutt und auf die Erde hin ohne alle Grundfeste, der Strom schlügt gegen dasselbe an, die Stürme brausen und rasen: da fällt es ein und der Einsturz eines solchen Gebäudes ist groß." Das Gleichniß ist im Grunde von Jerusalem hergenommen, wo wegen der wiederholten Zerstörungen im Laufe der Jahrhunderte der Urbau und Schotter stellenweise bis zu vierzig Fuß tief liegt. Beim Bau des österreichischen Ptlgerhauses grub man an tiefster Stelle im Thalgrund sogar bis achtzig Fuß, und die Nordseite der Sionsmauer steckt noch heute mit der Pforte Gennath im Boden, wie im Kellergrunde. Ruft doch schon Jeremias in feinen Klageliedern II, 8 aus: „Der Herr hat beschlossen, die Mauern der Tochter Sion zu zerstören, um die Zwinger steht es klüglich, in die Erde gesunken sind ihre Thore." Beim starken Spätregen im harten Winter 1873 auf 74 waren in Jerusalem Zwanzig und mehr Häuser eingefallen, welchen der Boden unter den Füßen wich, da sie nur auf Gerölle oberflächlich hingebaut waren. Jesus kannte als Baumeister Jerusalem vom Grund aus. In derselben Zeit herrschte rings um den See eine außerordentliche Bauthätigkeitr denn auch der Vierfürst Philipp us verlegte seinen Sommersitz von PaneaS nach Bethsaida, und erhob dieses zum Range einer Stadt, mehrte ihre Einwohnerzahl und den Wohlstand und schöpfte ihr nach der Kaisertochter Julia den Namen, wie Joscphns Tlrrti^. XVIII, 2, 1 ausdrücklich meldet. Von der Pracht seiner Bauten zeugen noch die aus dem heutigen Mcsadije im weiten Umkreise zerstreuten Werkstücke, wovon mein Freund, der Ingenieur Schumacher, in der Zeitschrift des deutschen Palästina-Vereins Abbildungen liefert. Bethsaida war die Heimath von drei Aposteln, Simon Petrus, Andreas und Philippus. Der Landesherr Jesu, HerodeS Antipas, verlegte die Residenz aus Sepphoris, der bisherigen Hauptstadt Galiläas aus galiläische Meer und gründete die Stadt Tiberias, zn deren Bevölkerung er ein Asyl auch für Hellenen eröffnete. Für sich erbaute der Vier- fürst eine Herrscherburg, das noch bestehende, freilich den Einsturz drohende Serai auf der Nordfeite der Stadt. Er richtete das stolze Schloß auch zum Arsenal ein, was ihn wegen der Eifersucht Caligulas den Thron kostete (42 n. Chr.). Wegen der dabei angebrachten Sculpturen wollte schon der zum Statthalter Galiläa's ernannte Jo- sephus den Palast dem Erdboden gleich machen, später legte Jesus bcn Sapphia, der Führer der Fischerinnung, Feuer an. Da der Vierfürst nebenbei in einen Krieg mit den Arabern verwickelt war, ging ihm das Geld aus, und Lukas 14, 28 hat uns die Rüge des Herrn über» liefert: „Wer eine Burg baut, wird sich zuvor setzen und die nöthigen Kosten überschlagen, ob er auch genug hat, das Werk auszuführen, damit nicht nach der Grundlegung die Leute spotten: Sehet! dieser Mann fing zu bauen an und brachte es nicht zur Vollendung." So spricht ein Baumeister; dasselbe erhellt aus den Worten Joh. 14, 2: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen, ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten — wo er doch von den Gefilden der Seligen redet. Ein Gärtner würde den Paradiesesgarten betonen. Vom Propheten von Nazareth aber urtheilen wir nach dem Gesagten, daß er mit seinem Vater das Baufach zu seiner Beschäftigung erwählt. Schade, daß das heilige Hans zu Lorctto nur auf Legende beruht. Es ist eine alte Frage, worauf noch keine beiläufige Antwort erfolgte: Wo weilte Christus, der seinen Eltern Unterthan war vom zwölften bis dreißigsten Jahre? Wir halten dafür, daß er beim Tcmpelbau sich beschäftigte. Christus, der Pflegesohn eines Werkmeisters und selber Architekt — wahrhaftig l die Architektur kaun keinen vornehmeren Patron haben. (Diese Ausführungen sind recht interessant, aber in ihrer Beweiskraft für das tlromn, xrodancli scheinen sie uns doch wenig stringcnt zu sein. D. Ned.) Recensionen und Notizen. OlltoIoMg, sivs 2letaichg'8ica Kensralis. In usum sokolarnm. ^.uotoro 6 aro io vriolr, 8. 1. Omu approd. Ilä^l ^roliiex. VribrwA. 8°. (VIII et 204 x.) 21. 2.—, eum äorso eorio rsIiMto 21. 3.20. kküosoplila naturalis. Iu usnm sclicä. Lnot. Ilenr. Ho. au, 8.1. 6um kiM. Ilevwl Lrolüex vrid. 6°. (VIII st 220 x.) vrstäum ut snpra aä I. il. v. V. Was wir EmpfehlcnSwerthes bereits über die Votzlca und die Ldilosopliia moralis dieses von den deutschen Jesuiten zum Scbulgebrauche herausgegebenen vursus vüilo- sopüiens in Nr. 5 der Beilage v. t. Fcbr. 1894 gesagt haben, gilt auch hier: Inhalt reichhaltig, Darstellung sehr übersichtlich; Klarheit und Schärfe gewinnen durch Anwendung der scholastischen Methode: durch genaue Aufstellung von Thesen, deutliche Erklärung des 8tatus gnaestionis, syllogistisches BeweiSversabrcn. Die Latinität ist wiederum durchweg flüssig und leichtverständlich. Die OntoloZia beruft sich zur Vermeidung von Wiederholungen mehrfach auf die IwAiea desselben Verfassers. In 3 Büchern (Inder I, II, III) werden bebandelt: das Sein im allgemeinen, die höchsten Gattungen des Seins und dessen Vollkommenheit. Vib. I bespricht in 3 Kapiteln: den Scinöbeaiff als solchen, Akt und Potenz des SeinS (Wesenheit und Existenz, sowie Möglichkeit), die transcendentalen Eigenschaften des Seins (Einheit — Vielheit, Wahrheit — Falschheit, Güte — Uebel); lud. II in 6 Kapiteln: die Kategorien deö Aristoteles, die Substanz (Hypostase, Person), Accidcns im allgemeinen, Quantität n. Qualität, Relation, Ursachen; lud. III in 3 Kapiteln: die Vollkommenheit des Seins im allgemeinen, die Vollkommcnbeit guoaä realitatem (das Einfache und Zusammengesetzte, das Ganze und die Theile, das Envliche und Unendliche, das Schöne), die Vollkommenheiten gnoaä existentiam (das Nothwendige und Kontingente). S. 48 Wird Alexander Halensis mit Unrecht als Leugner der realis äisiinetio intsr ereatmrarum essentiam ei existentiam angeführt (vgl. Schneider, Uebersetznng der 8nmma Bdeol. Bd. XI, 5. 330 sf.). Daß man noch im Unklaren darüber sein kann, ob St. Thomas die genannte «listinetio realis gelehrt habe, finden wir unbegreiflich. Zur Uebcrgcnüge verweisen wir noch auf Kardinal Gonzalez, Lbilos. elem. tonn 2 xx. 31 sgg. eäit. 4 a, vstuäioseto. deutsch unter dem Titel: Die Philosophie des hl. Thomas von Aquin, Negcnöburg 1885, 1. Bd., 2. Buch, Kap. 6, 7, Kardinal Zigliara, 8nmwa Miss, tom. 1, Onkolog. I,. II, 6ap. I, Lrt. VI, Commer, System der Philosophie, 1. Buch, S. 54 ff., E. Dornet de Borges, Va eonstitntion äs I'Ztrs, Pariö 1886, A. Barbcris 0. 21., tznasstiones äs esse korrnali, kllaeentias 1887. Selbst Palmieri, 8.1., (Inst. xdilos., Ontol. Vcrantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. 6ap. I, Rdes. III) schreibt ausdrücklich diese Ansicht dem keil. Thomas zu. Statt bei den Vollkommenheiten wäre das schöne wohl besser bei den Eigenschaften des Seins bebandelt worden (vgl. Zigliara, Gonzalez, Commer a. O.). — Die kdilosoxdia naturalis behandelt in 6 Büchern: die unthätigen Eigenschaften aller Körper, die allen materiellen Dingen gemeinsame Thätigkeit, das Leben und Lebensprincip im allgemeinen, das vegetative und sensitive Leben, endlich die Natur der Körper. Die Welt als Ganzes, ihr Unterschied von Gott, ihre Kontingenz und Dauer, ihr Ursprung werden in der natürlichen Theologie auseinandergesetzt. Im Zusammenhange mit diesem Weltganzen hätten wir auch die Weltordnung (die Naturordnung, Naturgesetze, Wunder) behandelt gewünscht. Der Verfasser bespricht Naturgesetze und Wunder im 2. Buche von der Thätigkeit der Körper (Kap. 4, 5), waS uns weniger zuträglich scheinen will (vgl. auch noch Schneid, Naturphilosophie außer der Naturphilosophie — Kosmologie — der 3 genannten Autoren). — Eingebend werden die entgegenstehenden Irrthümer widerlegt; so namentlich, in der Ontolog-ia,: der Atheismus, Polytheismus, Pantheismus, Pessimismus, in der kdilosopdia naturalis: der AtomiSmns (mechanische, chemische), Dynainismus, Darwinismus. Der beige- gebcne Inäex alpdadeticns leistet beim Nachschlagen gute Dienste. Beide Bündchen reihen sich den früheren würdig an. Der Katholik. Redigirt von Joh. Mich. Naich, 12 Hefte M. 12. Mainz, Kirchheim. Inhalt von 1894. Heft II, Februar: vr. Selbst, Das päpstliche Rundschreiben »Lroviäentissimns vens« über das Studium der hl. Schrift. — Dr. Jos. Bl. Becker, Interessante Rundfrage der „Deutschen Gesellschaft für ethische Cultur". — Joseph Kolberg, DaS Septililmm der seligen Dorothea von Montau. — N, Pa u- lus, Conrad Kling, ein Erfurter Domprcdigcr des 16. Jahrhunderts. — Dr. A. BelleSheim, Professor Pusey'S Biographie. — vr. Säg Müller, Der Anfang des staatlichen Ausschließungsrechtes (jns sxelusivae) in der Papstwabl. — Literatur: Dr. G. Grnpp, Cnlturgescbichte des Mittel- altcrS. — L. Glöckl, Bibliothek der katholischen Pädagogik. — ?. Odilo Rottmanncr, 0. 8. 8., Predigten und Ansprachen. — Heinrich von Wörndle, Lucas Ritter von Führich's ausgewählte Schriften. _ Die katholische Welt. M. Niffarth in M.-Gladbach. Die neuesten Hefte lasset: wiederum einen achtungSwerthen Fortschritt erkennen. Dies gilt namentlich auch von dem reichen Bildcrschmuck, dem man daS Prädicat „vorzüglich" nicht versagen kann. Von dem textlichen Inhalt wollen wir neben dem Roman „Die Mühle im Fichtenmoos" von August Butscher hier nur die neueste Erzählung von Ncdcatis namhaft machen, welche uns in „Paula's Ehe" eine schriftstellerische Leistung ersten Ranges darbietet. Einer weiteren Empfehlung bedarf die „Katholische Welt" bei unseren Lesern nicht, da wir bereits wiederholt Veranlassung nahmen, ihre Aufmerksamkeit auf diese schöne und billige illnstrirte katholische Zeitschrift zu lenken. Stern der Jugend. Eine Zeitschrift zur Bildung von Geist und Herz. Von vr. Johannes Praxmare r, Neligions- lehrer. 'Preis vierteljährlich 1 M. Inhalt deö 8. Heftes: Deö Papstes Leo XIII. MissionS- thätigkeit. Pompouia Graccina und ihre Familie. Mathemat. Probleme. Glocken und Glockentöne. Verschiedenes. — Die Zeitschrift ist besonders den Schülern der höheren Lchr-Anstaltcn zum Abonnement zu empfehlen; bietet aber auch anderen jungen Leuten, selbst wenn sie schon die Schule verlassen haben, die beste Gelegenheit zur Befestigung und Erweiterung der auf der Schule erlangten Bildung. Möge sie allseitige Unterstützung finden. Druckfehler-Berichtignng. In der Beilage Nr. 10 vom 8. März d. I. lese man in deni Artikel „Marcia" S. 73 oben statt „Heldenmut!) für": Heldcnmuth er für; statt „Sevire": Severe; S. 74 oben statt „^-goäro?".- P-goHro?,- Mitte statt „LambridiuS": Lam- pridiuS; unten statt „beherrsche": beherrschte; oben statt „Nacbkampf": Nah kämpf; S. 75 oben statt „Amoritto": Amorctko; Mitte statt „Kämmerer LätuS": Kämmerer Eklektus und statt „Prämien Eklcktnö": PräfectenLätuS'; unten statt „niinio": nimis; statt „LambridiuS": Lampri- dius; S. 75 II. Sp. 10. Z. von oben statt „Mit Marcia": Für Maria, unten statt „commodisch": commodianisch. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg. tti-. 12 22. März 1894. Julius Schnorr von Carolsfeld. Ein Geben kblcitt zu dessen hundertstem Geburtstage von A. G. Gewiß ist Julius Schnorr von Carolsfeld werth, daß seiner an seinem hundertsten Geburtstag öffentlich gedacht wird, hat er sich ja auch gerade in unserm engeren Vaterland durch seine Werke verewigt. Julius war der Sohn des Veit Hans, der in Leipzig am 30. Oktober 1841 starb, er war der siebente Sohn unter fünfzehn Geschwistern. Kaiser Leopold hatte im Jahre 1687 die Familie geadelt unter Verleihung des Beinamens von Carolsfeld. Der Vater war zuerst Jurist, Notar, später Künstler, und obwohl er als Künstler nicht gar hoch gestiegen, erhielt er doch an der Kunstakademie zu Leipzig ein Amt, in dem er auch blieb bis zu seinem Tode. Julius wurde geboren am 26. März 1794 zu Leipzig und wanderte derselbe im Jahre 1811 nach Wien, da er, obwohl erst 17 Jahre alt, fest entschlossen war, sich der Kunst der Malerei zu widmen, deren Anfänge sein Vater schon in der frühesten Jugend ihm gleichsam eingeimpft hatte. Die Studien in der Perspektive und der Anatomie waren als ganz junger Mensch seine Lieblingsbeschäftigungen gewesen, und bei Radierungen seines Vaters für eine Ausgabe des Homer hatte der Sohn fleißig mitgewirkt, und zwar nicht nur oberflächlich, sondern von Anfang sich immer einstudirend, von Anfang an reiflich überlegend. Es muß sofort betont werden, daß er von Anfang an eine uugemein große Hinneigung zum religiösen Stile bekundete und es sein eifrigstes Bestreben war, zuerst nach Italien zu ziehen, denn sagt er selbst: „meine Principia sind, ein guter Künstler oder keiner; niemand lästig zu fallen und bald nach Italien zu gehen." Seine beiden Brüder, auch Künstler, waren vor ihm nach Italien gegangen, er aber ging vorläufig, wie bemerkt, nach Wien; Gründe, warum nicht auch er zuerst Italien besuchte, hat Einsender und Schreiber dieser Zeilen in den ihm zu Gebote stehenden Quellen nicht gefunden. In Wien besuchte Julius Schnorr die Akademie der Künste, ohne aber durch sie in seinen stets idealen Bestrebungen wesentlich gefördert zu werden. Sein Ideal war der große Michel Angelo; „gewaltige Muskelmänuer will ich malen". Und er probirte eS mit einem großen Oelbild „Die Sündfluth", welche aber trotz der Flnth das Schicksal hatte, vom Maler als ungenügend und unwürdig durch Feuer vernichtet zu werden, „ungenügend gegenüber den Kunstleistungen der älteren Deutschen und Niederländer". Der Krieg im Jahre 1813 drohte Schnorr, seinen Studien ein Ende zu machen, denn gleich Tausenden deutscher Jünglinge wollte auch er als Soldat seinem Vaterlands dienen, wie mehrere seiner Kunstcollegen in Wien, dienen als freiwilliger Streiter; aber er erhielt seine Pässe nicht, und dann fehlte ihm auch das Geld zur Reise zum preußischen Heere. Er gab einer Schülerin Zeichnungen zum „Versilbern", diese aber vereitelte in der besten Absicht seine Pläne, versteckte die Zeichnungen und es wurde zu spät zum „Durchbrennen". Sein Bruder ging in den Krieg, und Julius selbst half ihm zur Ausrüstung nach Prag, wo er in der deutschen Legion Fähnrich wurde, während er selbst in Folge einer Beschädigung des Knies in Wien das Zimmer zu hüten hatte. Sechs Jahre hielt sich Schnorr in Wien auf; eS fehlte ihm nicht an Gönnern, es fehlte ihm nicht an Arbeitskraft und Arbeitswillen, aber an einem fehlte es ihm bedeutend, wie wir dies merkwürdigerweise bei vielen, ja sehr vielen Künstlern finden, es fehlte ihm nämlich am norvno rsruin, am Geld. Er machte zuerst Schäferbildchen, warf sich aber in Bälde auf das Ernste. Ein „Sechskampf" nach Arioft zeigte schon sein tiefes Eindringen in das romantische Hcldenwesen, ein „Besuch des Zachnrias und der Elisabeth bei der heiligen Familie" sein religiöses Gefühl und seine „Wallfahrt" bereits den angehenden Künstler. Wie manche Künstler auf ihren Gemälden gewisse ihnen liebe Personen verewigten — wir erinnern z. B. an Martin Knoller mit seinem Haupikuppelgcmülde in der Schloß- und Klosterkirche zu Nercshcim an der bayerischen Grenze —, so hat auch Schnorr auf dem letztgenannten Gemälde seine spätere Gemahlin, Maria Heller, verewigt, die damals allerdings erst zehn Jahre alt war. Sie war die Stieftochter des Landschaftsmalers Ferdinand Olivier, bei dem Schnorr drei Jahre in Wien wohnte und der ihm stets mit Rath und That treu zur Seite stand. Die ältere Schwester Fanny heirathete auch später, und zwar Friedrich Olivier. Nachdem sich seine Finanzen besser gestaltet hatten, trat er mit selbst erworbenen Mitteln nach kurzem Aufenthalt im elterlichen Hause am 16. November 1817 von Wien aus die Reise nach dem lang ersehnten Italien an, allwo er zwei Jahre bleiben und sich ausbilden wollte. Sein Begleiter war der Dichter Müller, mit dem er nach einem kürzeren Aufenthalt in Florenz am 23. Januar 1818 in der ewigen Stadt, in Rom, ankam, wo er, da sein Name bereits bekannt war, von de- deutschen Künstlern auf das liebenswürdigste empfangen und aufgenommen wurde. Alsbald begann er eine rege künstlerische Thätigkeit. Während sein Bild „Drei Marien am Grabe" Entwurf blieb, fand sein Gemälde „Die Hochzeit zu Cana" große Anerkennung. Auch verfertigte er viele Landschafts- zeichnungcu, desgleichen viele nach dem Leben gezeichnete Porträts berühmter Männer, z. B. v. Stein, Niebuhr, Nnckert, Thorwaldsen, welche nach und nach eine stattliche Sammlung ausmachten. Auch wurde der Plan einer „Bibel in Bildern" zu damaliger Zeit gefaßt. Auch seine persönlichen Verhältnisse gestalteten sich mit der Zeit vorzüglich, besonders als Nusgang des Jahres 1818 sein Freund Friedrich Olivier auch nach Rom kam und er Hausgenosse Buuseus wurde, welcher ihm sehr zugethan war, wie auch sein Leipziger Landsmann Quaudt und dessen Gemahlin dem Künstler stets sehr gewogen waren. Im Jahre 1824 hinderte eine Armwunde Schnorr ziemlich lange an seinem künstlerischen Schaffen. Im Dezember deS nächsten Jahres ließ der kunstsinnige König Ludwig von Bayern durch den Meister Cornelius Schnorr die Berufung zu einer Professur an der Kunstakademie in München zugehen, ein Plan, den der König schon als Kronprinz gefaßt hatte. Zugleich ließ er Schnorr eröffnen, daß er in München zur Mitwirkung an großen künstlerischen Unternehmungen von ihm ansersehen sei. Obwohl dieser ehrenvolle Ruf den Künstler mit höchster Freude und mit innerem Stolze erfüllte, so konnte er demselben nicht alsbald Folge leisten, denn er sollte 90 auf Vorschlag ebenfalls Cornelius' -und Bunscns die Dircctorenstelle an der DüffeldorfewÄkademie annehmen. Es wurden Unterhandlungen eingeleitet, und im März 1826 entschied sich Schnorr für München. Zwei große Abschiedsfeste wurden ihm von der deutschen Künstlergesellschaft in Nom gegeben, eines, worauf er besonders stolz war, am Geburtsfest seines Vaters, an dem er mit wahrhaft kindlich-zärtlicher Liebe hing. Seine Reise nahm er über Wien, wo er sich einige Tage aushielt und glücklicher Bräutigam der schon oben angeführten Maria Heller wurde. In seiner neuen Stellung war Schnorr unermüdlich thätig, rastlos arbeitend und begeistert für das Schöne und Edle. Die künstlerische Hauptaufgabe aber, welche ihm zugedacht war, sollte nach dem für die Ausschmückung des Königsbaues in München ursprünglich festgesetzten Plane die Darstellung bon Gegenständen aus der Odyssee sein. Schnorr bereitete sich auf diese ehrenvolle Aufgabe durch eine Reise nach Sizilien vor im Jahre 1826. Der Plan scheint aber vom König Ludwig selbst aufgegeben worden zu sein, und statt der anfangs beabsichtigten Darstellungen sollten solche aus dem Nibelungenlied kommen. Wer die Nibelnugcnsäle der kgl. Residenz in München schon geschaut, wird die geniale Ausführung dieser herrlichen Werke Schnorrs auch bewundert haben. Mit diesem für unser engeres Vaterland bedeutendstem Werke können wir unsere kurz gefaßte Erinnerung an Julius Schnorr wohl füglich schließen, indem wir noch bemerken, das; er später eine Professur und die Directorcnstclle der Gemäldcgallerie zu Dresden übernahm, wo er am 24. Mai 1872 starb. Er ist todt, seine Werke aber werden von ihm stets Zeugniß geben als von einem gottbegnadigten Künstler. Der Herbartliulismtts an den Lehrer- und Lehrerinuen-Seminarien. (Fortsetzung.) Lindner stützt sich, ohne weitere Begründung, nur auf das Wort des Meisters, wenn er (S. 20) behauptet: „Das Seelenleben des Menschen ist ein Entwicklungsprozeß, welcher durch die Wechselwirkung zahlloser Elemente zu Stande kommt. Diese Elemente sind die Vorstellungen. Was die Buchstaben in der Schrift, was die Grundstoffe in der Chemie, was die Zellen in der Physiologie: das sind die Vorstellungen im Seelenleben." Nach dieser Psychologie ist die Seele nichts, die Vorstellungen aber und ihre Größen- und Stärkeverhältniffe sind alles. Zwischen Zellen und Vorstellungen besteht der Unterschied, daß jene von innen heraus durch Wucherung und Wachsthum, die Vorstellungen dagegen durch äußere Eindrücke hervorgerufen werden (S. 20, Anmerkung). Darnach stehen die psychologischen Prozesse noch tiefer als physiologische, organische Prozesse; sie sind etwas rein Aeußerlichcs, von außen (nicht aus einem Seelenvermögen) Entspringendes und daher auch nur äußeren, mechanischen Gesetzen Unterworfenes! Von Vermögen, mit deren Hilfe sich die Seele über die Sinne zu freiem, die Sinnlichkeit und ihren Asso- ciationsmcchanismus überragendem und sie beherrschendem Geistesleben erhebt, wollen Herbart und seine Schule nichts wissen. Mögen die Herbartianer immerhin von Geist und Wille reden, der Sinn dieser Worte ist aber nicht der gewohnte; setzen sie doch den Menschen geradezu auf die Stufe eines rein sinnlichen Wesens, auf die Wesensstufe des Thieres herab. Im rein sensualistischen Sinne sagt (S. 24) Lindner: „Auf dem großen Umfange und auf der Bedeutung des Gebietes der erworbenen Seelen- zustände beruht die Ueberlegenheit der Menschennatur im Gegensatze zur starren Angelegtheit des thierischen Wesens." Also auf dem größeren Umfang und der fortgeschrittenen Verfeinerung des Vorstellungsmaterials und nicht auf ursprünglichen Wesensunterschieden und auf entsprechenden, ursprünglichen Vermögen der Menschenseele beruht der Unterschied zwischen Mensch und Thier! Der Abschnitt über die Gemüths feite des Kindes und die Bedingungen der Gemüthsbildnng (S. 28 ff.) erweist sich als einer der schwächsten Punkte der Herbart'- schen Psychologie und Pädagogik. Der tiefere Grund der Zurückführung des Fühlens und Begehrens auf Vorstellungen liegt in der materialistisch-mechanischen Grundrichtung der Herbart'schen Philosophie. Geradezu staunen muß man, wie eine Theorie, welche das Seelenleben völlig mechanisirt, in der Pädagogik Aufnahme finden konnte. Die Ansicht: Fühlen, Begehren, Wollen seien abgeleitete Erscheinungen, ist nicht bloß als eine Folgerung aus falschen Voraussetzungen, aus einem unhaltbaren, die mehrfache Beschaffenheit eines Seienden ausschließenden Seinsbegriff, grundlos und willkürlich, sondern auch nachweisbar falsch. Hören wir darüber Trcndelenburg in seinen „Historischen Beiträgen zur Philosophie" (Bd. 3 S. 116 ff.). Nebenbei bemerkt, ist Trendelenbnrg Nicht- Theologe und Nicht-Katholik, was sicherlich besonders in der Kritik der Herbart'schen Sittenlehre sehr ins Gewicht fällt. — „In der Zurückführnng des Begehrens auf aufstrebende Vorstellungen liegt eine Verwechslung der Wirkung mit der Ursache. Das Streben, Begehren treibt Vorstellungen empor, drückt sie nieder, ist aber nicht selbst aufstrebende Vorstellung. Wie könnten die Vorstellungen, welche sich hemmen, oder die Vorstellungen, welche sich einander befördern, empfinden? Durch den zweideutigen Ausdruck .Spannung' suchen die Herbartianer einen Schein von Wahrheit für die Behauptung, Gefühl sei ein Attribut der Vorstellung, hervorzubringen. Verschmelzung und Hemmung aber genügen nicht, um das Angenehme, Harmonische und das Unangenehme zu erklären. Nicht selten fordert die Harmonie die Distinktion der zum Ganzen sich fügenden Theile; nicht selten entspringt sie dem Gegensatze. Die Vorstellung, die fühlt, Lust und Unlust empfindet, ist eine falsche Personifikation." Das wirklich Empfindende ist die vorstellende Seele, welche sowohl die Vorstellung als auch die Lust und Unlust, welche diese erregt, in sich erlebt; die Seele, welche bei Herbart die Vorstellungen nicht einmal hat. An dieser einfachen, durch die innere Erfahrung verbürgten psychologischen Wahrheit muß der Pädagoge durchaus festhalten. Denn was ist eine Erziehung ohne Anerkennung einer fühlenden und wollenden, wollend sich selbst bestimmenden und ihren Vorstellungslauf nach Gesetzen und Regeln zum erkannten Ziele leitenden Seele? Trendelenburg macht auf das idealistische Element in der Herbart'schen Auffassung des Begehrens und Wollens aufmerksam. Das Streben und Wollen hat nach Herbart sein Objekt ausschließlich in der Seele, sie will nur die Vorstellung, nicht den vorgestellten Gegenstand; die sinnliche Gegenwart des letzteren ist nur Mittel, nicht Gewalltes. Nebenbei fei der Egoismus zu beachten, dem hiermit Thür und Thor geöffnet sei. Gegen diese Auf- § ) > 91 fassung müsse gellend gemacht werden, daß die Seele im Begehren bedürftig ist. Sie begehrt z. B. nicht die Vorstellung von der Ernährung, sondern die Ernährung selbst (a. O.). Gleiches gilt auf den höheren Stufen des Seelenlebens. Nicht die Vorstellung der Unsterblichkeit der Seele; nicht die Vorstellung eines persönlichen Gottes, nicht die Vorstellung von einem unendlichen Gute bilden den Gegenstand des Verlangens und der Liebe der gläubigen Seele. Der Trost, welchen diese aus dem Umgänge mit Gott, aus dem Gebete schöpft, würde sofort in bittere Enttäuschung sich verwandeln, wenn es gelänge, ihr die Ueberzeugung beizubringen, daß sie im Augenblicke der höchsten religiösen Erregung nicht mit Gott, sondern mit ihrem eigenen Vorstellungsgebilde sich beschäftige. Mit solchem Idealismus der Herbart'schen Psychologie fällt jedoch keineswegs der dieser gemachte Vorwurf des Sensualismus und Materialismus. Denn die Vorstellung, welche Herbart mit dem vorgestellten Gute verwechselt, bleibt in all ihren Umbildungen sinnlich und materiell. Wie nämlich Gefühle und Begehrnngen sind nach Herbart auch Verstand und Vernunft aus der Verbindung und wechselseitigen Einwirkung der sinnlichen Vorstellungen abgeleitete Erscheinungen. Deutlichst tritt die mechanische Denkweise zu Tage bei der Erklärung von der willkürlichen Aufmerksamkeit. Nach Lindner (S. 39) kommt diese dadurch zu Stande, daß einer neu eintretenden, wenn auch schwachen Vorstellung aus verschiedenen Gegenden des Bewußtseins Neproduktionshülfen zuströmen, welche diese Vorstellung heben und zum Mittelpunkt des Aufmerk- samkeitskreises machen. Also ein mechanischer Prozeß, bei welchem die Seele vollkommen unbetheiligt ist, eine willkürliche Aufmerksamkeit ohne jemand, der aufmerkt, ohne Wille und Willkür! Das Gedächtniß wird in die zwei Funktionen des Behaltens und Wiedergebens unterschieden und im allgemeinen als das Vermögen der unveränderten Reproduktion gefaßt. Dabei ist dessen wahre Natur verkannt. Dem Gedächtniß ist ja wesentlich die Beziehung auf die Vergangenheit, auf die gehabte Wahrnehmung oder Vorstellung; die einfache, unveränderte Reproduktion genügt nicht. Die Erinnerung enthält überdieß ein logisches Element, da ein absichtliches Besinnen ohne eine Art von schließender Thätigkeit nicht ausführbar ist. Ebenso ganz im Herbart'schen Sinne wird (S. 42) das Lernen und (S. 44) die Einbildungskraft erklärt. Die wichtigste Stelle in der sogenannten „wissenschaftlich-exakten,, Herbart'schen Pädagogik nimmt die „Apperception" ein. Sie ist die Geburtsstätte des Denkens. Sie bildet die Brücke, welche über den sinnliches Vorstellen und geistiges Denken trennenden Abgrund nnmcrklich hinüberführen soll. (S. 51 ff.) Die Apperception ist das Umgewandeltwerden einer neuen Vorstellung durch eine ältere, ihr an Macht überlegene. Dieser Prozeß ist eine Art Assimilation der neueren Vorstellung an die ältere. Wie die Aufnahme der Speisen zur Verdauung derselben, so verhält sich die Perception zur Apperception. Damit wird die Sache so einfach, daß auch der Einfältigste die Natur und den Ursprung des Denkens versteht, ähnlich wie die des Verdauens, welches er ja täglich übet.fl?) Die allgemeine, intellektuelle Vorstellung, die Quelle all unserer höheren Erkenntnisse, das auszeichnende Merkmal des Menschen, durch welches er sich als Vernunft- wesen kundgibt, wird zu einem bloßen Namen herabge- drückt, mittels dessen wir verwandte Erscheinungen zusammenfassen. Dieser Nominalismus ist die nothwendige Folge der Herbart'schen Leugnnng der Seelenvermögen und der ausschließlichen Annahme von außen angeregter sinnlich-materieller Vorstellungen. Dabei wundert es nicht mehr, wenn die „psychologische Bildung" als ein Vcrdichtungsprozeß aufgefaßt wird. Jeder Zweifel über die wahre Meinung unseres Lehrbuches, sowie darüber, daß das Denken als ein mechanischer Vorgang gefaßt ist, wird schwinden müssen, wenn wir die (a. O.) in den Anmerkungen aufgenommenen Citate aus Anhängern der Herbart'schen Schule betrachten. Sehr wohl begreiflich ist es unter solchen Umständen, daß auch die Kunst des Unterrichtes selbst zum reinsten Mechanismus wird. Wie nach Herbart das sinnliche Vorstellen und Denken nicht wesentlich verschieden sind, so auch nicht das sinnliche Begehren und Wollen. Vom freien Wollen, der Willensfreiheit, schweigt das Lehrbuch überhaupt. Gleichwohl ist (S. 53) die Rede von der Charakterbildung. Der Charakter wird definirt „als die vollständige Konsequenz des sämmtlichen Wollens und Handelns durch Unterordnung desselben unter praktische Grundsätze und dieser wieder unter einen obersten praktischen Grundsatz. Sind sämmtliche praktische Grundsätze im Einklänge mit dem Sittengesetze und steht an der Spitze derselben das Gewissen, so ist der Charakter ein sittlicher." (S. 55.) Wie aber, fragen wir, passen Sittengesctz, Gewissen u. dgl. zur Herbart'schen Philosophie und Pädagogik? Herrscht doch da nur ein Mechanismus drängender und schiebender, gehemmter und geförderter Vorstellungen. Unsere Frage leitet uns naturgemäß Zur Prüfung der Herbart'schen Ethik, insoweit sie in die pädagogischen Lehrbücher, auch in das Lindner'sche, eingedrungen ist. Ohne allen Zweifel ist die wichtigste Bestimmung eines pädagogischen Systems die des Erzieh ungs- zweckes. Lindner (S. 57) unterscheidet einen formalen und einen sachlichen Erziehungszweck. Der formale ist die Sclbstständigkeit des Zöglings, der fachliche aber die Bestimmung des Menschen. Und diese ist das sittliche Ideal (S. 58). In der Herbart'schen Pädagogik können alle Arten von Erziehung, die humanistische, atheistische, materialistische, nur nicht die christliche, Raum finden, wie wir sehen werden. (Schluß folgt.) Ueber die religiöse Bewegung in England veröffentlichte vor kurzer Zeit George Mivart, einer von den hervorragenden Männern, die auf dem Wege des „Nilnalismus" aus der anglikanischen „Hochkirche" in den Schooß der katholischen Kirche gelangt sind, in der anglikanischen Zeitschrift The Nincteenth Century einen Artikel, der in sämmtlichen protestantischen Kreisen bedeutendes Aufsehen erregte. Der Artikel beginnt Mit einer kurzen und zutreffenden Schilderung der einschneidenden Meinungsverschiedenheiten über die kirchliche Lehre, die unter den höchsten Würdenträgern der anglikanischen „Hochkirche" auf dem im vorigen Oktober stattgehabten Kongreß zu Birmingham zum Ausdrucke gelangten, und fährt dann also fort: „Alle diese Umstände aber dürfen uns nicht veranlassen, das heilsame Werk zu verkennen, welches die Partei der „Hochkirche" auf dem Gebiete der Landesreligivn (Lotafflisluneni) zu verwirklichen im Begriffe ist. Dcis englische Volk ist leider in Folge einer alten Gewohnheit und ererbter Vornrthcile für den katholischen Klerus unzugänglich. Es hat eine Abneigung gegen jede direct von Katholiken ausgehende Belehrung. Die „ritualistischen" Geistlichen aber, welche der anglikanischen Kirche angehören, können sich leicht Gehör verschaffen und den guten Samen der katholischen Lehre nach allen Seiten hin ausstreuen. Wir begegnen jetzt häufig gottesdienstlichen Gebräuchen, die noch vor 40 Jahren außerhalb der damals in unserm Lande noch kleinen Gemeinschaft der katholischen Kirche vollständig unbekannt waren und die überall anderswo verhöhnt und der Obrigkeit angezeigt worden wären. Aber die „Nitnalisten" sind auf bestem Wege, daS Wort „protestantisch" bei der Kirchengesellschaft, der sie angehören, in Verruf zu bringen und den Protestantismus als eine verabscheuenswerthe Form des Glaubens erscheinen zu lassen. So erhalten unsere ehemaligen Kirchen eine dem römisch-katholischen Geiste entsprechende Ausschmückung und werden auf solche Weise für uns vorbereitet. Ja noch mehr: man führt sogar das Volk, welches dieselben besucht, nach und nach zu unserem Glauben. Die ausgezeichneten Männer, welche die „fortschrittliche Partei" der anglikanischen Kirche bilden, bereiten den Weg vor für ein bedeutendes Wachsthum der katholischen Kirche in England, wenn schon man vernünftigerweise nicht annehmen darf, daß die große Mehrheit des anglikanischen Klerus in die Fußstapfen des Kardinals Newmnn treten werde. Da anderseits die sogenannte „evangelische" Fraktion binnen kurzer Zeit vollständig verschwinden wird, so läßt sich das endliche Schicksal der anglikanischen Kirche einstweilen unmöglich vorhersagen. Möglicherweise und hoffentlich wird ein bedeutender Theil oder sogar die große Mehrheit dieser Kirche Bedingungen annehmen, die es gestatten, sie in Masse in den Schooß der katholischen Einheit aufzunehmen. Das ist aber nur eine Möglichkeit und keineswegs eine Wahrscheinlichkeit. Als getrennte priesterliche und dogmatische Körperschaft kann die anglikanische Kirche keine lauge Laufbahn mehr vor sich haben; nichtsdestoweniger kann ihrer eine Zukunft anderer Art warten. In einem noch unveröffentlichten Briefe vom 25. März 1884 schreibt mir der Cardinal Newman darüber Folgendes: „Der Hauptgrund, warum ich katholisch wurde, ist der, daß die Protestanten selbst den Glauben bekannten, daß Jesus Christus eine Kirche gegründet habe. War dem so oder war dem nicht so? Wenn er eine Kirche gegründet hatte, dann konnte das nur eine lehrende Kirche sein. Die anglikanische Kirche aber war kein Lehrkörper, sie war eine zersplitterte, sich selbst bekämpfende Partei." Nun aber behaupte ich Folgendes: Alan ist im Begriffe, ein Experiment zu machen, man will feststellen, ob eine christliche Kirche auch ohne ein bestimmtes, anerkanntes Credo bestehen kann. Es ist das ein Problem, welches nicht innerhalb einer einzigen Generalion gelöst werden kann. Bis heutigen Tages ist noch Nichts eingetreten, was im Stande wäre, meine bereits vor 30 oder 40 Jahren begründete Ueberzeugung zu ändern." Das SekterNvese» in der russisch-schlsmatischeu Kirche. Es ist allgemein bekannt, daß sich die russisch-schis- matische Kirche mit Vorliebe und Emphase die „orthodoxe", von jeder Makel häretischer Ansteckung fleckenlos rein gebliebene nennt. Damit steht aber in schneidendem Kontraste die Thatsache, daß dieselbe „orthodoxe" Kirche die geheimen Sekten wissentlich und anstandslos in ihrem Schoße duldet. Wir entnehmen die nachfolgende Schilderung dem jüngst erschienenen Buche von vr. Ferdinand Knie, „Die russtsch-schisinatische Kirche, ihre Lehre und ihr Cnlt",*) das auch in der Beilage zur Augsburger Postzeitung wiederholt besprochen wurde; da sich Knie bei seinen Ausführungen meist auf angesehene russische Autoren beruft, so glauben wir die Zuverlässigkeit seiner Darstellung nicht bezweifeln zu sollen. Dieselbe entrollt uns ein furchtbares Bild von der religiösen Zerfressen- heit, der die russisch-schismatische Kirche in Folge des üppig wuchernden Sekteuwesens, wie es scheint, rettungslos verfallen ist. Zunächst sind die sogenannten „altgläubigen" Sekten von den „geheimen Sekten" wohl zu unterscheiden. Die „altgläubigen" Sekten, der Raßkol genannt, sind nicht älter als 200 Jahre und entsprangen der Opposition, welche sich innerhalb der russisch-schismatischen Kirche gegen die vom Patriarchen Nikon unternommene Reinigung der Kirchentexte (1667) erhob. Der Naßköl bildet so recht das Schisma im griechischen Schisma und spaltet sich selbst wieder in zwei Stämme: in die Priesterlosen Sekten des hohen Nordens, wo nur das Volk die Opposition gegen Nikon mitmachte, und in die priesterlichen Sekten; beide Gruppen erfreuen sich noch heute trotz wiederholt erfolgter Union mit der Staatskirche zahlreichen Anhangs. Dabei ist zu bemerken, daß die russische Slaatskirche dem Naßköl gegenüber mit härtester Strenge verfuhr, so daß sich die Anhänger desselben öfter unter gemeinsamem Gebete in geschlossener, vollzähliger Versammlung ihrer Gemeinden durch Anzünden des Bethauses oder Klosters freiwillig dem Feuertode überantworteten. Dagegen erfreuen sich der Duldung die „geheimen Sekten", die meist bis in die Zeit der Christianisirnng Rußlands hinaufreichen und ihre Anhänger aus allen Ständen und Berufsklasscn rekrutiren, während der Raßkol seine Bckenner fast nur unter den niederen Volksschichten zählt. Es waren Fragen untergeordneter, ritueller Natur, die die Trennung des Naßköl von der Staatskirche veranlaßt hatten: ob das hl. Kreuz- zeichen mit zwei oder drei Fingern zu machen, ob das Allclnja an gewissen Stellen der hl. Messe zwei- oder dreimal zu singen, ob der Name des Erlösers Issus oder llissuo zu schreiben sei; ihrer dogmatischen Lehrmeinung nach sind die „Altgläubigen" den „Orthodoxen" so nahe verwandt, daß ein außerhalb ihrer gegenseitigen Streitigkeiten Stehender nur mit Mühe und angestrengter Aufmerksamkeit die Differenzpunkte herauszufinden vermöchte. Dagegen halten die „Geheimsekten" an den liturgischen Vorschriften der Staatskirche mit peinlichster Gewissenhaftigkeit fest, ja sind darin noch strenger und pünktlicher als viele „Orthodoxe"; es gibt keine genaueren und fleißigeren Erfüller der Gebote der „orthodoxen" Kirche, als gerade die „Geheimsektler". Dieses ihres Fcsthaltens an den Ceremonien der Staatskirche wegen werden denn auch die „Geheimsektler" anstandslos den Rechtgläubigen beigezählt, obgleich sie sich in ihrem innern Wesen nicht nur von der Orthodoxie, sondern vom christlichen Glauben überhaupt losgesagt haben. Es ist der nackteste Manichäis- mus, der uns in ihrem Bekenntniß entgegentritt. Die Seele des Menschen, lehren sie, stammt wohl von Gott; der Leib aber ist vom Teufel geschaffen. Das ganze Verlagsbuchhandlung Sthria, Graz 1691. 93 Menschenleben ist daher nichts als ein immerwährender Kampf zwischen Leib und Seele. Unterliegt letztere, so geht sie in die Gewalt des Bösen über, trägt sie aber den Sieg davon, so gelangt sie schon hienieden in einen so herrlichen Zustand, das; sie in unmittelbaren Verkehr mit der Gottheit tritt. Unerläßliche Mittel, um des Sieges froh zu werden, sind: strenges Fasten, Enthaltung von Fleisch, Alkohol und Tabak, von den Freuden der Liebe, von jeder Ergötzlichkeit und Sündenlockung, strenge Ascese, erfüllt vom sogenannten „Gedankengebet", von Selbstverttefung, — kurz ein rein beschauliches Leben. Das genügt aber noch nicht; man muß sich seines Willens entäußern und ihn jemandem unterordnen, der den Gipfel der geistlichen Vollkommenheit bereits erstiegen und die Gottheit bereits in sich aufgenommen hat. Durch verschiedene gewaltsame Bewegungen, durch „Beflissenheiten", wie sie es nennen, d. h. durch Springen, Tanzen, Sich- drehen, Sichwirbeln mit ausgebreiteten Armen, durch Zittern mit allen Gliedmaßen, durch Anhalten des Athems bringt sich der Ascet in einen Zustand des Außersichseins und erlangt die Fähigkeit zu Hallucinationen, ihm erscheinen Gesichter, er stößt zusammenhangslose, sinnlose Worte aus, welche den Anwesenden als Prophetenworte gelten, — nicht als ob damit stets Vorhersagungen gemeint wären, sondern überhaupt: was in solchem überreizten Zustand gesagt wird, das ist ein Prophetenwort; wer zu solchem Zustande gelangt, ist ein Prophet oder eine Prophetin. Das ist aber noch nicht der höchste Grad der Vollkommenheit. Die höchste Stufe ist für die Männer der Christusgrad, für die Weiber der Muttergottesgrad. Denn der Christus und die Jungfrau Maria der Heilsgeschichte stehen nach der Meinung der „Geheim- sektcn" keineswegs vereinzelt da: so hohe Stufen, wie diese erstiegen haben, kann jeder Mensch erreichen. Solche Menschen gibt es auch wirklich, und zwar gibt es solche beständig im Schoße der „Gcheimsekten". Das sind die acqnirirten oder erlangten Christusse, wie sie genannt werden. Gott selbst hat in ihnen die menschliche Seele vernichtet und seinen Geist an die Stelle gesetzt und ist in sie eingekehrt, so daß sie „lebende Götter" geworden sind. Solcher acgnirirter Christusse und Gottcsmütter kann eS gleichzeitig mehrere geben. Den acqnirirten Christusscn stehen am nächsten die Propheten, gewöhnlich in der Zahl von zwölf, die sich Apostel nennen. Die Anhänger der „Gchcimscktcu" betrachten Christus den Heiland zwar als Gottmenschen, aber doch nur als einen solchen, wie ihre acqnirirten Christusse. Die Wunder, die er gewirkt hat, selbst sein Krcnztod und seine Auferstehung, sind nach Meinung einiger „Schiffe" (Gemeinden) nichts als Allegorien. Sie verehren keine Heiligenbilder, selbst das Kreuz nicht, wiewohl sie dieselben bei einigen ihrer Riten gebrauchen. Die Liturgie und kirchlichen Gesänge verwerfen sie, indem sie behaupten, immer und ewig ein und dasselbe zu singen, sei ein todtes Werk; vor Gott aber müsse man ein „neues Lied" fingen. Darum haben sie ihre eigenen Gesänge, die sich meist durch Sinnlosigkeit auszeichnen, aber doch eines wilden, fanatischen Schwunges nicht entbehren. Ferner sagen sie, man dürfe nur das Gebet des Herrn beten, wie es Jesus Christus angeordnet hat, im übrigen aber nur geistliche Gesänge und Psalmen singen. Gleichwohl erfüllen sie, wie schon erwähnt, alle Vorschriften der orthodoxen Staatskirche, beichten und commnniciren jährlich viermal und gelten daher als die frömmsten Gläubigen. Der orthodoxen russischen Staatskirche kommt es eben nicht auf die Einheit des Dogmas, sondern nur auf die Einheit des Ritus an. Daher verfolgt sie die ihr dogmatisch so nahe stehenden „Altgläubigen" und duldet die „Gcheimsekten". Ja sie läßt es mit der größten Gleichgiltigkeit geschehen, daß unter dem Deckmantel gleichförmiger Liturgie nicht nur die abenteuerlichsten, geradezu »»christlichsten und heidnischen Sekten ihr Wesen trieben, sondern auch, daß unter dieser anscheinend nur Gleichartiges bergenden Decke die sonderbarsten und disparatesten Anschauungen sich entwickelten, so daß, nach den Worten Jkönnikoffs, vielerorts die sogenannte Orthodoxie kaum noch vom Schamancn- thum zu unterscheiden war. Hier ist namentlich auch an das Vorwalten des Teufelsglaubens statt des Gottesglaubens zu erinnern. Derselbe Autor, auf den sich Knie hinsichtlich der vorausgegangenen Mittheilungen beruft, berichtet auch, daß die Bekanntschaft des russischen Bauern mit dem Oberteufel und mit allen seinen Unterteufcln und die Kenntniß aller von ihnen ausgeführten Teufeleien eine wahrhaft erstaunliche ist und in ihrem Umfange alles übersteigen mag, was im Westen das gemeine Volk von göttlichen Dingen hat. Nicht der christliche Gottesglaube, sondern der volksthümliche Teufelsglaube gibt beim gemeinen Manne in Rußland die Motive des Handelns her. Knie versichert, mit Beispielen und eigenen Erlebnissen aufwarten zu können, welche klarstellen würden, daß auch die höheren Stände Rußlands, soweit sie noch „rechtgläubig" sind, dem Teufelsglauben in einer Weise huldigen, die dem Nichtrussen einfach unverständlich ist und daher kaum Glauben finden würde. Mit vollem Rechte ruft daher ein russischer Schriftsteller aus: „Ich erkenne es mit unaussprechlichem Schmerze, daß bei uns die Religion gänzlich unwirksam ist." X. Die neuere Kupferplastik. Von Dr. Scpp. Süddentschland behauptet im Kunstgebiete den Vorrang, und ein neuer Kunst zweig hat eben jetzt in München sich eingebürgert: in Kupfer getriebene Figuren. Wir sehen mit Befriedigung, wie Meister aus unserer Mitte in ihren Werkstätten gerade hierin ihre Kunst- gewerbcthätigkeit entwickeln, wie das Neichstags- gebände durch sie seine Krönung erhält, indem das Kniscrdiadem in der Mitte von vier Königskronen in kolossalem Maßstabe umgeben sich erhebt und die Germania hoch zu Roß mit gehobenem Scepter im Morgen- strahl der neuen Zeit zu reiten beginnt. Eben ergeht nach München die Einladung, sich ja an der Concurrcnz zum Denkmal am Khff Häuser zu betheiligcn, wo der erste Kaiser des neuen Reiches monumental in riesigem Maßstabe durch Knpfertriebkunst auferstehen soll. Dieß rechtfertigt, daß wir der neuen Ehre des Kunsthandwcrks in Bayerns Hauptstadt diese Zeilen widmen. Die Insel Cyperu heißt das Knpfcreiland, von da holten die Phönizier das Metall und gössen es mit Zinn in Erz um. Das Kupferzeitalter geht dem ehernen voran. Herodes der Judenkönig pachtete die einträglichen cyprischcn Bergwerke. Die Bibel setzt Tubalkain, den Meister in Erz und Eisen, bereits vor die Fluth. Das Alterthum wandte diese Technik meist auf den Panzer (tborax) an. Die griechische Toreutik hat Silber, Gold und Kupfer gehämmert und getrieben, besonders nach Holzmodellcn Todtenmasken, die man dann mit Pech ausfüllte und cisclirte. Schliemann entdeckte einen in Silber getriebenen Stierkopf in Mykenä, 94 er mißt 25 oin. Die mittelalterlichen Rüstungen sind meist aus Eisen getrieben, dann tauschtet. Wir lesen von dem 105 Fuß hohen Sonnenidol, dem Coloß von Nhodns, von Chores, dem Schüler des Lysippns, 280 v. Chr.: daß Zwischen dessen Beinen Schiffe durchführen konnten; er war allerdings am kleinen Hafen, wie man im Vorbeifahren merkt. Derselbe war von Erz gegossen, und nachdem ihn 224 v. Chr. ein Erdbeben niedergeworfen, ließ nach der muhamedanischen Eroberung der Insel der Chalife die Stücke durch 900 Kameele fortschleppen. In neuerer Zeit eröffnet die Reihe der in Knpfer getriebenen Colossalfiguren der 24 Meter hohe Carolus Borromäus zu Arona, dem Geburtsorte des Heiligen, welcher 1697 auf zwölf Meter hohem Sockel aufgestellt wurde und weithin über den Lago Maggiore sichtbar ist. Eine Treppe führt im Innern, wie in der 1844 aufgestellten 19 Meter hohen Bavaria, hinauf bis in den Kopf, in dessen Raume bei sicbenthalb Meter Umfang bequem vier Personen tafeln können, um durch die Augenöffnung zugleich die Fernsicht zu genießen. Hände und Füße sind dabei in Bronce gegossen, man war der Hohlarbeit mittels Liegamboß und Prelleiscn noch nicht mächtig; nur der Mantel ist bon schwerem Kupferblech und so setzt die Figur für die Fleischtheile ein verschiedenes Patina an. Zwanzig Jahre spater (1717) erhob sich nach dem Vorbilde des Farnesischen Herkules von Lysippns die 10 Meter hohe Niesenfigur mit der Keule, der sogen, große Christoph auf der Wilhelmshöhe bei Kassel. Thnrmhoch steht er auf seinem 85 Meter hohen Unterbau, in Metall ausgehöhlt durch den Kupferschmiedgesellen O. F. Küpper aus Hanau, dessen Name ebenso bezeichnend ist, wie uns jetzt die Wilhelmshöhe an den König erinnert, welcher nach Sedan den gefangenen Kaiser Louis Napoleon dahin abführen ließ, um dieses Symbol deutscher Heldenlraft und Größe gehörig zu betrachten. Daran reiht sich die 17 Meter hohe, vor noch nicht zwanzig Jahren enthüllte Bildsäule des Arminius oder das Hermannsdenkmal bei Detmold, zunächst dem Schlachtfeld im Teutoburgerwald, auf 30 Meter hohem Dome über der 1246 Fuß hohen Grottenburg. Bis zur Spitze des gegen Frankreich erhobenen Schwertes 80 Fuß messend, erhebt er sich 57 Meter über den Erdhügel, und nicht weniger als 11,000 Kilogramm, d. i. 210 Zentner, Kupfer sind zu den Platten verwendet, welche um den Niefenkörper merklich sichtbar vernietet wurden. Der Schöpfer des Gedankens wie des Modells ist bekanntlich der Bildhauer Ernst Bändel aus Ansbach, ein Zögling der Münchener Akademie, dessen Andenken auch hier manche Büste in Ehren erhält. Doch was sagen wir erst zu der kolossalsten aller Figuren, dem Bilde der Freiheit nach dem Modell des Elsässers Bartholdi, dem Geschenke von Frankreich für den Eingang des Hafens in New-Z)ork! Diese in Kupfer getriebene Niesenstatue von 33 Meter Höhe steht auf einem 48 Meter hohen Postament, und hält mit der Rechten eine Fackel 94 Meter über den Erdboden empor. Man steigt in ihr hinauf und genießt auf einer dritthalb Meter breiten Flüche die Fernsicht, höher als der Thurm des Berliner Nathhauses und so hoch als wo der Helm des Kölner Domes aufsitzt. Gehen wir zu den Triumphwagen über, so hat unser großer König und Kunstmäcen Ludwig I. AugustuZ die Viktoria auf dem Gespann von vier Löwen vorahnend auf das Münchener Siegesthor gestellt, durch welches 1871 die siegreich aus Frankreich heimkehrenden Truppen ihren triumphirlichen Einzug hielten. Sie allein ist 17 Fuß hoch und dieses ewige Werk von 900 Zentnern Erz gegossen. Lysippns, der von Alexander M. mit einmal den Auftrag zu 34 Neiterstatueu für die am Granikus gefallenen Helden erhielt und dem man nachrühmte, daß er 600 Statuen gegossen habe, schuf auch den Sonnew- wagen mit den vier Pferden, welche nachher tn die Rennbahn von Constantinopel, und von da auf das Portal des Markusdomes in Venedig zu stehen kamen. Sie wurden 1796 als gute Beute nach Paris entführt, von wo sie erst 1815 zurückkamen. An kupfergetriebencn Werken dieser Art geht wetteifernd voran die nach Schadow's Modell 1795 von Jury ausgeführte, mit vier zwölf Fuß hohen Rossen bespannte Quadriga auf dem Brandenburger Thor in Berlin, welche Napoleon 1806 nach Paris entführte. Bekannt ist die Anekdote, wie der Turnvater Iahn die Schuljungen beim Vorübergehen an dieser stattlichen Stadtpforte nach der Frage: was denkt ihr euch hiervon? mit einem Backcnstrciche firmte mit den Worten: Merkt euch, daß wir die Viktoria mit dem Siegeswagen aus Frankreich wieder zurückholen müssen! Daran schließt sich die nach Nitschel's Modell von Georg Howald in Braunschweig 1858 — 63 als Krönung für das Schloß geformte Brnnonia auf dem Viergespann. Nach dem Nesidenzbrande mußte das herrliche Werk 1865—68 von demselben Meister erneuert werden. Howald hat auch die Herzoge K. W. Ferdinand und Fr. Wilhelm daselbst in Kupfer getrieben und dieses Geschäft dort eingeführt: er starb erst 1891. Howald der Jüngere schuf den Herkules für den Frankfurter Bahnhof. Eine kupfergetriebene Figur der unbefleckten Jungfrau erhebt sich auf der Weltkugel über dem Thurm der Marienkirche in Würzburg, mit der Lilie in der Rechten und der Schlange den Kopf zertretend, mit zwei Gesichtern, seit etwa 50 Jahren vergoldet: sie soll in Folge eines Gelöbnisses zur Abwendung der Pest errichtet worden sein. Von getriebener Arbeit gilt auch das Reiterstandbild Augusts des Starken in Dresden von Ludwig Wicdemann 1731—36, wovon das Roß allein auf den Hinterfüßen und dem Schweife ruht. Doch bedarf es noch der Untersuchung, ob nicht doch das Pferd von Erzguß ist. (Schluß folgt.) Neue Bücher'. (Unter dieser Rubrik geben wir ein fortlaufendes Verzeich» niß der bei uns cingelangcuden Bäcker, deren Recension wir uns vorbehalten. Unsere Herren Mitarbeiter ersuchen wir, die Bücher, welche sie zu recensiern wünschen, sich aus diesem Verzeichnis auszusuchen.) Die katholische Bewegung. Monatsschrift. Herausgegeben von G. M. Schüler. Würzburg, Verlag von Wörl. 27. Jahrg. Heft 3 enthält: Das apostol. Glaubensbekenntniß und die jüngsten katholischen Schriften über dasselbe. — War Shakespeare Katholik? — Origenes und sein Leben. — Drei Stimmen über das Duell. — Das Mcßthürmchen auf dem Nctscber-Dom. Llissions ä'Lkriquö. Erscheint alle zwei Monate. AbonnementSpreiS 5 FrcS. per Jahr. Zu abonniren bei L. U. Honail, iLroviuaial, rus tlassstto 27, Laris, oder II. ?. 8u- pärisur ckss ksrss, LIanos rus cks Urncck 58 ü Lla1iues(LeI§igns). Nr. 103 enthält u. A. in franz. Sprache: Briefe von Nocher an Msgr. Livinhac. — Nachrichten aus Uganda. — Bries des 95 Msgr. Lechaptois vom Tanganika. — Brief aus Karema; vom obern Congo u. f. w. Katechetische Blätter. Zeitschrift für NeligionSlehrer. Herausgcg. von Pfarrer Franz Walk, Benefiziat in Gaimers- heim. Keuchten, Köscls Verlag. Jährlich 12 Hefte. Preis M. 2,40 per Jahr. 1894. Inhalt des 1. Heftcö: Ueber die religiös-sittliche Pflege der auS der Feiertagsschule entlassenen Jugend. — Die letzten Dinge des Menschen. — Unterricht über die Firmung. — Von hl. Lippen. — Aus unsrer Sammelmappe. — Literatur rc. Die christliche Erziehung oder Pflichten der Eltern. Von W. Becker, 8. Frcibnrg, Herder'schcr Verlag. Preis 2 M. Das Capuzinerklostcr zu Innsbruck. Von v. Mich. Hetzenauer mit Jllnstr. von I. Find! uns einer Karte des apost. MissionsgcbieteS in Indien. Innsbruck, Verlag von Fel. Rauch. 80 kr. östr. W. Die christliche Aöcese. Ihr Wesen und ihre historische Entfaltung von Dr. Jnl. Mayer Repetitor am Thcol. Convikt in Freiburg. Frcibnrg, Herder's Verlag. 80 Ps. Erinnerungen eines alt-n Prägers. Ghettogeschichten aus vergangenen Tagen von Em. Emil. Leipzig, Verlag von W. Malende. Englische Reiseskizzen mit Karten und Bildern von Heinrich Pudor. Leipzig, Verlag von H. Pudor. 2 M. Franz Luowig von Ertbal. Fürstbischof von Bamberg und Würz bürg. Ein Charakterbild, nach den Quellen bearbeitet von vr. Fr. Leitschuh. Mit 10 Vollbildern. Bamberg, C. Buchner's Verlag. Heilige und selige Kinder. Eine kleine Legcnden- sammlung. Von I. Hosmann, Pfarrer in Güntersleben. Würz- burg, Verlag von A. Göbcl. Us unse Lotterb ove-Johre. Erzählungen in Köln. Mundart. Von vr. W. Clanß. I. Band: Der Seilspenner. — Unse Student. Köln, Verlag von I. B. Bachem. Preis geb. M. 1.50. Gold zum himmlischen Brautgewand vom lieben Christkind. Für Kranke uns andere Leidende. Don G. I: Bartbclme, Seelsorger. Im Anhang Kranken- und Sterbegcbete. Würzburg, Verlag von A. Göbcl. Stadtpsarrcr M ichael Bcckert zu St. Peter in Würzburg. Von Or. C. Braun, Dompsarrcr. Würzburg, Verlag von A. Göbcl. 80 Ps. Leben des Prinzen Alexander v. Hobenlohe, Großprobst von Großwardcin. Hcransg. zum Besten eines frommen Werkes von den Karmclitcriuncn von Marienthal im Elsaß. Zu beziehen dortselbst. Preis M. 2,40. Der große Tag der Erndte, Fasienpredigtcn vonCh. Dicssel, 0. 88. v,. NegenSburg, Verlag von Frieor. Pustet. Preis M. 1,40. Stellung des kath. Religionsunterrichtes in der Volksschule -in Lehr Plan der Jünger Herbarts von vr. Johannes Scholastikus. Würzburg, Verlag von A. Göbcl. 50 Ps. Die Wetterführung der Canalisirnng des MainS bis A'chasfcnburg. Von Frz. Wörner (im Auftrag des Stadtmagistrates Asckaffcnburg verfaßt). Erklärung der gebräuchl. fremden Pslanzeu- namen. Von A. Emmerig. Douauwörth, Aucr'scher Verlag. Der Obstbau. Von F. C. B. Gillig. Douauwörth, Aucr'scher Verlag. Jahresbericht der Herber'scheu Verlagöhand- handlung für 1893, verfaßt von Frz. I. Hutter, Theilhaber dieser Handlung. Lebensbeschreibung deS Bischofes Mich. Witt- mann, von Präses I. B. Mehler. 2. Anfl. NegenSburg. Selbstverlag des Verfassers. Lebensbeschreibung des Bischofes Mich. Witt- mann, Tenium der Marianischen Kongregation Negcnsburg für 1894. Von Präses I. B. Mehler. Regensburg. VerlagS- anstalt vorm. Mauz. „Nepstitionöbüchlein." „Ein Leitfaden für den Katecheten zur Wiederholung des Nothwendigsten an-Z dem Katechismus, was dem Kinde für daö Leben bleiben soll, zugleich ein Lescbücblein für das katholische Hans." 1. Thl.: Die Glaubenslehre. Keuchten, Kösel. 1894. Ph. „Nichts ist im Unterrichte nothwendiger, als die oftmalige Wiederholung des Wichtigsten. Das gilt besonders vom Religionsunterricht", schreiben die Verfasser dieses Büchleins in der Vorbemerkung, wohl Mitglieder des katcch. Nep-titionS- kränzchens, das in Augsburg zu Frommen unserer Katcchnmenen fleißig arbeitet. Daß die Wiederholung aber von vielen unterlassen wird, das zeigt die oft krasse Unwissenheit unserer Cbristen- lehrjugend. Die Gründe für diese katechctische Unterlassungssünde hab.en die Verfasser des NepetitionsbüchlcinS wohl erkannt, wenn sie' ein „Nepetitionsbücklein zur Wiederholung des Nothwendigsten" herausgeben. Denn die Stoffübcrfülle unserer Katechismen, besonders des AugsburgcrS, lassen dem jungen Katecheten vornehmlich, der alles durcknehmen zu müssen vermeint, keine Zeit zu gründlicher Wiederholung mehr. Daß deßhalb unseren Katechismen eine Beschncidnng noth thut, har schon 1878 ein Artikelschreiber in den Katechet. Blättern S. 102 ff. jenen nachgewiesen, die dem Grundsatz huldigen: tzuoä non est in catsehismo, non est in innnclo. Vorliegendes NcpctitionS- büchlein nun hat das Wichtigste und Nothwendigste des kate- cbetischcn Memorierstosfcs auSgehobcn, so daß der junge Katechet daraus lernen kann, was er besonders gründlich zu behandeln, immer zu wiederholen, stufenweise zu vertiefen und somit auch den Schwächeren als festes katcchctisckes Eigenthum mit inS Leben zu geben bat. Dazu kommt, daß der ausgewählte Stoff mit solch methodischer Vortrcfflichkeit geboten wird, daß jeder Katechet aus dieser reisen Frucht von offenbar langjähriger katechctischcr Thätigkeit lernen kann. Die Verfasser sind bei unsern praktischsten Meistern in die Schule gegangen: Mcy, Möhlcr, Dreher. Das beweisen manche Anklänge an deren Katechismen. WaS vr. Merkel, L-celsorger 1892 11. Heft, an dem Nottenbnrger Katechismus rühmt, daß der Verfasser desselben zuerst den Wortlaut der Antworten festgestellt und diesem die Fragen gebildet habe, das finden wir auch in dem Rcpctiticnsbüchlein; denn wenn man von den nebenangedruckten Fragen absieht, liest sich das Großgedruckte leicht und flüssig in lückenloser Aufeinanderfolge. Der in katechetischen Fragen feinfühlige Falk schrieb im -vastor bonus- 1893 S. 563: „Die KatechiSmnsiprache muß die des Volkes, des Kindes sein". Den Deharbe'schcn Katechismen mangle sie, darum seien sie „Nicht-Volksbücher". Das Ncpe- titionSbüchlein hat diesen Fehler vollständig überwunden; die Verfasser haben den Muth gehabt (ich denke die Schulpraxis wird es ihnen gelehrt haben), all diese nnkindlichcn, langen Perioden, verschobenen „daß"-, „indem"- und „davnrch daß"- Sätze und Abstrakte, abzuweisen, um mit dem Kinde einfach zu reden. Nur ein Abstrakrum vermisse ich, das man doch nicht entbehren kann: „heiligmachende Gnade". Die Verfasser wollten wohl diesen Ausdruck sich aus das 3. Hanptstück verspüren, „aus der nicht unbegründeten Scbeu, Begriffe zu geben, ehe ihr Inhalt dem Kinde klar geworden ist." Denn gerade mit dem Ausdruck „Gnade" wird vielfach sinn- und gedankenlos operiert, ebne daß er stufenweise vertieft und ccnccntrisch erweitert wird, wie cS z. B. der Begriff „heiligmachende Gnade" auf 3 verschiedenen Lchrstufen verlangt. Die sonst so schwierigen und hart lcrnbarcn Partien über die Ausstattung der Stammeltern, Sündcnfolgen, Kirche sind in vorzüglicher Weise möglichst einfach behandelt. Die Schuldefiuitionen sind eben ganz weggeblieben und die (sache ist dock gegeben. Einigemal,: werden ganz glückliche Worterklärungcn versackt, wie: Wir glauben standhaft, wenn wir fest beim Glauben stehen bleiben, selbst wenn cS das Leben kostet. Die Eigenschaften Gottes werden so erfragt, daß sinnlose mechanische Antworten möglichst zurückgehalten werden. Neben solchen hervorragenden Vorzügen verschwinden einige wenige Ausführungen, mit denen ich nicht übereinstimme. In dem Satze S. 23: Gott hat Himmel und Erde durch sein bloßes Wort aus nichts gemacht, erschwert der Ausdruck bloßcö Wort eine spätere Ergänzung dahin, daß dieses Wort eben das ewige persönliche Wort dcS Vatcrö. die 2. Person, sei; dazu bereitet der Ausdruck „allmächtiges Wort" besser vor. Die Antwort auf Frage 36: Was sind die Engel? Die Engel sind die Boten Gottes, möchte dem Kinde doch eine gar zu geringe Auffassung von dem Wesen der reinen Geister verschaffen. Die Fragen 148 und 172 des AugSburger Katechismus sind in die eine zusammengezogen: Warum ist Jesus Mensch geworden? Hier muß es offenbar heißen: Warum ist der Sohn GotteS Mensch geworden? Und wenn man darauf mit dem Nepetitions- büchlcin antwortet: 1. um uuS zu erlösen, 2. um nnS dcn Wcg in den Himmel zu zeigen, so ist das theologisch unrichtig; denn das hätte er ohne Menschwerdung thun können. Hier muß jedenfalls die Lehre von, GenuzthnungS-Leidcn und Sterben angedeutet werden. Er ist Mcnsck geworden 1. um für uns leiden und sterben zu können. Später dann kaun mau fragen: Wozu wollte Jesus leiden und sterben? Die Antwort mit den Infinitiven „um zu leiden" rc. verlangen das Fragewort: Wozu. Seite 58 entscheidet sich daß Nepctitionsbüchleiu unter den drei in deutschen Katechismen üblichen Fragestellungen betreffs der Bethätigung der Gemeinschaft der Heiligen zu der von Ncttcn- bnrg gewählten. Wie zeigen wir unsere Gemeinschaft mit den 96 rechtgläubigen Christen aus Erden u. s. tv.? Doch läßt die Antwort die Antheilucchnie an den geistigen Gütern der Kirche vermissen. Vielleicht möchten manche einer größeren Stofffülle das Wort reden; doch glaube ich, daß die Verfasser in diesem Punkte am wenigsten mit sich rechten lassen, und eine Aenderung könnte auch nur zum Schaden dcS vortrefflichen Büchleins ausfallen. DaS im Kleindruck Angegebene ist sehr werthvoll, warm und herzlich, sich weit über die oft flachen, wässerigen Nutzanwendungen erhebend. Der Katechet kann cS gut zur weiteren Erklärung des Großgcdruckten verwenden; dadurch aber das Büchlein zu einem „Lesebüchlein für das katholische Volk" machen zu wollen, halte ich nicht für gut. Das Repetitionsbüchlein soll und muß meiner Ansicht nach die Grundlage zu einem neuen Diözcsankatechismus werden, und zwar einem solchen, der nach dem Vorbilde des Nottenburgers den Memorierstoff im Großdruck beschränkt und dafür Kleindruck zum Lesen bringt. Eiil Katechismus kann aber kein HanSbuch für spätere Zeit sein, wenn er seinem eigentlichen Zweck entsprechen will, nämlich dem Kinde die aus dem lebendigen Worte des Katecheten von ihm selbst abgeleiteten Hauptsätze schwarz aus weiß zum Nachlesen und Einprägen zu geben. Hirschcr's Katechismus, besonders der erste, könnte als BetrachtnngS- und HanSbuch dienen, gerade darum konnte mau ihn in der Schule nicht brauchen. Sehr gespannt dürfen wir auf die weiteren Theile des Ncpctitions- büchlcins über die Gebote und Sakramente sein, wie es der methodischen Gewandtheit und dem pädagogischen Zartgefühle der Verfasser gelingen wird, die bisher übliche kalte Sünden- rubricirung in der Gcbotenlehre und Dcfinitionsmanie bei der Lehre von den Sakramenten zu vermeiden. Dreher dürste ihnen in seiner originellen „kleinen katholischen Christenlehre" die besten Wege weisen. Mögen recht viele Katecheten, denen es mit ihrem schönsten, aber auch schwierigsten Amte Ernst ist, sich mit dem Inhalte und dem Geiste dieses Büchleins bekannt machen. Wenn sie auch vorderhand dasselbe neben dem Diöccsan- katcchismuS nicht recht benutzen können, weil es zu sehr abweicht von seinem Wortlaute, dürfen sie doch sicher hoffen, daß dasselbe eine Zukunft haben werde. Das kirchliche Imprimatur, das eS an der Spitze trägt, bürgt dafür. Huoliiridion Dlioolo§ias voKMatioao Lxsoialis. Laietoro Oro. Vraneisoo ÜAAer, Loclooias Oatlwäralis Lrixinsnsis Lelwlastioo ao Lominarii Olorioalis Keetoro. Lditio tertia. Urixinao, 1894. 8°. ?§. VIII, 1034. krotium: LI. 9,60. 9. v. I/. Für die Güte und Brauchbarkeit des vorliegenden Lehrbuches der Togmatik legt schon der Umstand ein treffliches Zeugniß ab, daß nach kaum 6 Jahren bereits die dritte Auflage nöthig wurde. Dieselbe kündigt sich zwar bloß als neue Auflage an, ist aber nicht etwa nur Abdruck der 2. Ausgabe, sonocrn merklich verbessert und vermehrt. Manches wurde genauer ausgedrückt, manches besser erklärt, anderes gründlicher und weitläufiger bewiesen. Das meiste Verdienst um die Verbesserung des BuchcS erwarb sich Dogmatik-Prof. Dr. Jos. Sachs in NegcuS- bnrg, welchem der Verfasser in der Vorrede zur neuen Auflage öffentlich seinen wärmsten Dank auespricht. Auch UniversitätsProfessor Dr. Franz Stanonik in Graz machte sich in dankens- wcrthcr Weise um die 3. Auflage verdient. Die Eintheilung des ganzen, sowie der einzelnen (XIV) Traktate blieb dieselbe. Recht lobenSwcrtb ist das Bestreben des Vers., vor allem in das innere Verständniß der einzelnen Dogmen einzuführen und so auch nachhaltig die Herzen für die hl. Glaubenslehre zu erwärmen. Vorliegendes Lneluridiou der speciellen Dogmatik dürfte ebenso wie das ünebiridion der generellen Dogmatik (Vgl. Beilage Nr. 32, v. 10. August 1893) wohl geeignet sein, den dogmatischen Vorlesungen zu Grunde gelegt zu werden, un, so das leidige Nachschreiben mehr zn beseitigen. Einzelne Nachträge, sowie Verbesserungen würden dabei zum Aufzeichnen nicht ausgeschlossen sein. Mit großem Eifer schließt sich der Autor fast durchweg an St. Thomas an; ob er denselben in einzelnen Fällen mit Recht verläßt, wollen wir dahingestellt bleiben lassen. Den durchaus kirchlichen Standpunkt des Autors bezeugt wohlthuend die Approbation und warme Empfehlung seitens seines Ordinarius. Der neu bcigegcbcne »Index Llplmbsticns« erleichtert auch den Gebrauch in der Praxis. Druck, Papier und Ausstattung machen der A. Wcger'schen Verlagsbuchhandlung und Buchdruckcrei alle Ebrc. Trotz des Zuwachses von 70 Seiten blieb der Preis derselbe, gewiß ein mäßiger. Möge das Buch seinen Theil aneifcrn zn gründlichem Dogmatik- Studiuinl Diemand (A.), Das Ceremonicll der Kaiserkrönnngcn von Otto I. bis Friedrich II. München, Lüncbnrg. 1894. gr. 8°. 149 S. -s- Als IV. Heft der „Historischen Abhandlungen, herauög. von Dr. Th. Heigel und Dr. H. Grauert", unter welchem Titel in zwangloser Folge Dissertationen aus dem Münchener Historischen Seminar zur Veröffentlichung gelangen, präscntirt sich mit vorliegender Arbeit die respektable Erstlings- lcistung eines schwäbischen LandSmanncs, der zur Zeit Praktikant am fürstlichen Archive zn Wallcrstein ist. Keinen Geringeren als Georg Waitz, außer Schreiber und Schwarzer, hat einst das Thema einer pragmatischen Darlegung der Stufen und Wandlungen, welche die Kaiserkrönung durchgemacht hat, bezw. seine Vorarbeit: die kritische Prüfung der ordiuso oder Formeln, welche die Ceremonien und Gebete für die Feier vorschreiben, zu einer Abhandlung gereizt. DicmandS Untersuchung weicht jedoch in verschiedenen Punkten von den Resultaten der genannten Forscher ab und bringt manche neue Gedanken. In 2 Abschnitten S. 9—50 und auf 4 Beilagen S. 124—149 beschäftigt sich der Verfasser mit jenen ordinos; ein Exkurs ist den Eiden gewidmet, welche der deutsche König von der Krönung zum Kaiser dem Papste zn schwören hatte (S. 103—123); ein Abschnitt S. 51—104 verbreitet sich über die einzelnen Theile des KrönungS- programmeS in einer Darstellung des Einzuges in die ewige Stadt, dcS Empfangs durch den Papst, der Ableistung des KrönungScides und der I. Benediktion über den Kaiser, des Skrntininms, der II. Benediktion, der Ausnahme dcS K. unter die Kleriker von St. Peter, der Salbung, (Überreichung der Jnsignicn, KrönnngSmcsse, dcS ZugcS zum Lateran und des Festmahles daselbst. Schade, daß uns der Raum hier nicht gestattet, aus dem Inhalte deö BncheS selbst Einiges für eine Betrachtung des Verhältnisses zwischen Papstthum und Kaiscrthum zum Besten zu geben. Die Abhandlung bietet deö Interessanten genug für die Freunde der kirchlichen wie der profanen Geschichte; ihre Lektüre sei den Lesern der „Beilage" bestens empfohlen! _ ErholungS stunden von Cardinal Manning. Einzig autor. Uebersetzg. Von vr. F. Steffens, Pros. an der Univ. Frcibnrg i. d. Schweiz. Mit dem Bildniß des Kardinals. Freiburg, Herder. 1893. 12°. XV u. 112 S. 80 Ps.; gbd. M. 1,20. Dieses nachgelassene Werk des berühmten Kirchenfürstcn zeichnet sich durch klassische Schönheit der Sprache und einen für alle Confessioncn in gleicher Weise bedeutsamen Stoff aus. Es bietet namentlich auch Pädagogen und Philologen manchen Anlaß zur Verwerthung beim Unterricht und ist es daher ein dankcnSwcrthes Unternehmen, daß Professor Steffens, mit dem Genius deö Englischen wie der deutschen Muttersprache aufs innigste vertraut, eine sauber gehaltene, feine Uebcrfetzung geliefert hat, die sich wie ein Original liest. DaS Ganze wird eingeleitet durch die wichtigsten Daten auö dem Leben des Kardinals. Die Ausstattung ist vortrefflich. Wir wollen nicht verfehlen, den hocbw. Clerus schon jetzt darauf aufmerksam zu machen, daß binnen Kurzem der erste Band der zweiten Auflage des gediegenen „Elbel' scheu Moral- werkeS" zur Ausgabe gelangen wird. DaS Erscheinen der ersten Auflage dieses berühmten Buches, welches lange Zeit der Vergessenheit anheimgefallen war, wurde von der gesummten kathol. Fachpresse dcS In- und Auslandes mit Freuden begrüßt. ES ist zu hoffen, daß die zweite Auflage, an welcher einige Aenderungen vorgenommen sind, dieselbe Aufnahme und Anerkennung finden wird wie die erste, welche schon nach kurzer Zeit vergriffen war und über welche sich die „Thcol.-Pract. Monats - Schrift" wie folgt äußerte: „Der vom hl. AlphonS fleißig studirte und als hervorragende Autorität unzählige Male citirte k. Benjamin Elbel (ch am 4. Juni 1756) ist (durch k. F. Jrenäus Bicrbanm, 0. 8. Vr.) wieder auferstanden und will mit seinen ebenso umfassenden wie gediegenen moraltheolo- gischen Kenntnissen aus's Neue der katholischen Wissenschaft und Praxis dienen.In Anbetracht dessen, daß Elbcl's Deutlichkeit und Klarheit nur schwer vervollkommnet oder übertreffen werden könnte, ist das Unversehrtlassen seines Buches als besonders löblich hervorzuheben. Nachdem Elbel's Werk von Enry, Harter und Lehmkuhl mit den stärksten und verlockendsten Lobeserhebungen ausgezeichnet wird, bedarf eö wohl von anderer Seite keiner weiteren Empfehlung." Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druckn. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. In Sachen von Dr. F. W. Helle's Dichtung Jesus Messias/") Wie kommt es, daß eine Dichtung, deren veröffentlichte Theile mit Recht so glänzende Beurtheilung erfahren haben, — konnte doch selbst die „Neue Freie Presse" nicht umhin, wenn auch mit eigenthümlichem Lächeln um die Lippen, entschiedene Anerkennung zu zollen, — wie kommt es, daß ein Werk, in welchem Poesie und Erbauung um die Palme ringen, trotzdem selbst bei Katholiken so langsame Verbreitung findet? Wie kommt es, daß selbst des Dichters nähere Landsleute, die Westfalen, ihn und sein Werk so selten erwähnen? Wohl liegt es in der Natur der Sache, daß romanartige Dichterwerke ihren Weg rascher machen, als so wuchtige hochernste. Auch daß wir leichter nach einem Buche greifen, wenn es 10 Bogen, als wenn es deren 30 zählt, ist nach Umständen leicht erklärlich. Zudem ist es ja bekannt, daß das „Volk der Denker" zu den schlechtesten Bücherkäufern der civilisirten Welt gehört! Je weniger seßhaft wir in eigenen Häusern, vielmehr nomadenhaft, zwar nicht unter Zelten, aber in Mieth- häusern leben, desto mehr wird der Luxus von Privat- bibliotheken der letzte sein, den wir uns erlauben. Wir nehmen die Bücher lieber zu leihen, als wir sie kaufen; Dr. Helle's Werk aber eignet sich nicht dafür, leihweise in Hast gelesen zu werden, sondern gelassen, in ruhigen Absätzen, und will immer wieder hervorgeholt werden, um einzeln bald diesen, bald jenen Abschnitt zu genießen. Dies Alles erklärt einigermaßen die sonst verwunderliche Thatsache. Aber es gibt bei uns doch so Viele, denen das Leben, Leiden und Sterben unsres Herrn die erhabenste Herzensangelegenheit bilden und die sich freuen, an der Hand eines geistreichen Führers sich darin zu ergehen. Nun wohl denn, Helle verfügt bei lebendiger Darstellungskraft in edelster Sprache über einen erstaunlichen Reichthum von selbständig verwertheten epischen Thatsachen, im Wesentlichen geschöpft aus beiden Testamenten, aus Apokryphen, Kirchenvätern, Ueberlieferungen, frommen Sagen und mannigfaltigen Schriften, im Geleit der schönsten Betrachtungen, deren Correctheit von Theologen gerühmt worden, im Geleit auch der gelungensten malerischen Schilderungen. An der auffallend langsamen Verbreitung des Werkes muß also, selbst wenn Einiges dem Verleger zur Last fallen sollte, irgend ein Vorurtheil mit Schuld tragen, und wir glauben es zu kennen. Helle's Dichtung läuft in Hexametern. „O weh," rufen hier sogleich einige meiner Leser. Geduld, verehrte Herrschaften, hören Sie mich einen Augenblick an! Der Hclle'sche Hexameter ist nicht jener, den Sie kennen, weder der noch sehr unbeholfene der Klopstock'schen Messiade, noch auch der zwar sehr schöne, sehr formvollendete des Grafen Platen und anderer Neueren, welcher aber eigens geschulte Leser fordert; nehmen Sie Helle's „Golgatha und Oelberg" zur Hand und überzeugen Sie sich, daß sein Hexameter, auch ohne Kenntniß besondrer prosodischer Regeln ohne Stockung lesbar ist für Jeden, der nur ein natürliches Sprach- und Rhythmengefühl besitzt und bis auf sechse zählen kann. Helle erreicht dies, indem er bei Anwendung der Spondäen äußerst mäßigen Gebrauch macht von der Dr. F. W. Helle lebt in Dresden, Alaunstraße 64. Freiheit des antiken Hexameters, Accentlängen in die Senkung zu bringen. Sein Vers ist in dieser Hinsicht in strengerem Sinne ein accentuirender, als unsre volks- thümlichen Versmaße, die bei der leichten Ueberschaulich- keit ihrer Zeilen sich die nämliche Freiheit häufig gestatten; sieh beispielsweise die Accentlänge Schutz in dem bekannten Kindergebetchen: Heiliger Schutzengel mein rc. Dennoch bleibt Helle's Hexameter zugleich ein quanti- tirender; denn er hält (mit kaum nennenswerthen Ausnahmen) die Gemeinregel aller antiken Versmaße ein, in der Senkung zu einer Länge keine weitere Silbe zu fügen, was unsere volksthümlichen Maße gestatten, nicht nur wenn die betreffende Senkungslänge accentlos ist, wie Land in der Zeile „Rufet das Vaterland mächtig zum Streite" — sondern selbst wenn sie den Wortaccent erhält, wie in den Droste'schen Versen: Nechtsab des eigenen Blutes Gezweig, Die alten, freiherrlichen Wappen: Drei Rosen im Silberfelde bleich, Zwei Wölfe, schildhaltende Knappen. Indem Helle einerseits eine Freiheit der volksthümlichen Messung, andrerseits eine Freiheit sowohl dieser als der antiken nur mit großer Vorsicht anwendet, gewinnt er sich, ohne Gefahr, den Rhythmus zu verwirren, das Recht, öfter Trochäen einzufügen. Ich bemerke dies,! um etwaiger Kritik die Spitze abzubrechen. Bekanntlich ^ vermag ohnehin der deutsche Hexameter unter keinerlei Umständen die rhythmische Wirkung des griechischen zu erzielen; denn dieser schreite, wie man uns sagt, im Zwei» Vierteltakt, wir aber können aus Sylbenfolgen wie Herrsche, du Mächtiger, in Ewigkeit nicht die Figur f j ß bilden, es sei denn im Gesang. Da im Deutschen die Voraussetzung, daß zwei kurze Sylben gleich einer langen seien, nicht zutrifft, haben wir mit der darauf gebauten Regel nur insoweit zu schaffen, als allerdings auch für uns der Spondüus mehr Fülle hat, als der Trochäus. Inwiefern aber die Meldung von Trochäen nur durchführbar ist, wenn wir auch fleißig Accente in die Senkung legen, ungeübte Leser aber über diese straucheln, so fällt — Vorzug gegen Vorzug gehalten — sicherlich bei einem Gedicht, dessen stofflicher Inhalt empfängliche Leser in allen Ständen und Lebenskreisen sucht und findet, die volksthümliche Lesbarkeit entscheidend in's Gewicht. Man gestatte mir etliche eilig zusammengeraffte Belege: Aus dem vierten Gesang (Petri Verleugnung und Reue) den Eingang: Kalt durckchauchct die Luft der reichlich gefallene Nachtthau; Aber im porphyrgepflasterten Hof, aus weiter Vertiefung Strömet erwärmenden Hauch das knisternd-prasselnde Feuer. Ueber die ruhige Gluth im tiefgemauerten Stcinbett Häuft die geschäftige Hand der dienenden Mägde des Ginsters Ruthenförmig Geäst und die knorrigen Scheite des Stammes; Bräunlich Wachholdergesträuch vermischt in den Gluthen des Heerdes Harzige Düfte dem duftigen Markt verglimmender Beeren. Springende Schoten sprüh'n des Ginsters kernigen Samen Ueber das flackernde Wurzelgeflecht und schlangelnde Flammen Fressen durcb's Ruthcngeäst und huschen wie schwankende Arme Um die zersplitterten Scheite des Stammes; gespenstige Schatten Klettern umher an den Säulen des Hofs und streuen zerriss'ne Nebelgebilde aus's Volk, das ängstlick-leise und heimlich Oder voll Leidenschaft mit heftigen Worten umhergeht Unter dem Säulengewölb, des gefangenen Rabbi gedenkend. Oder aus dem 14. Gesang (Abnahme Jesu vom Kreuze): Joseph's erbab'irc Gestalt, im lang Hinwallenden Barte, Stützet die Linke um'S Kreuz, sein Blick schaut über das Querholz, Ueber der Schulter zerrissenes Fleisch, und bebend vor Herzleid Sieht er in Mitten der Hand die blutig umkrustete Wunde, Welche in's Fleisch und Holz der gierige Nagel hineinfraß, Daß aus der andern Seite des Pfahls die Spitze hervorragt... Weit ab steht von der Fläche der Hand des eisernen Nagels Schützender Helm; vergebens versucht in zartester Ehrfurcht Sorgsam dieRcchte, demFleische u. Holz zu entringen das Eisen... Aber umkrustet von Blut, mit der Wunde zusammengewachsen, Trotzt es der bebenden Hand; — im stillen Gebete des Herzens Fleht er zu JesnS um Hilfe und Gnad', — und stehe, die Nagel Folgen der ziehenden Hand in gchcimnißvollcr Bewegung, Wie wenn göttliche Kraft die Spitzen berühre von rückwärts, Daß sie verlassen das Holz nnd die heilige Wunde der Hände, Sorglich verbirgt er sie dann im Gürtel dein Auge Maria'S. Oder aus dem 17. Gesang (Jesus im Jnfernus u. s. w.): (Der Dichter greift zurück zum Augenblick des Abscheidens Jesu; die Hölle erzittert dem Ruf der Engel- schaaren): „Oeffnet die Thore, ihr Fürsten der Nacht! aus ehernen Angeln Hebet die Pforten empor! denn einziehen will der gerechte König der Gloria und Macht, der Gerechtigkeit ewiger Rache." (Die abgeschiedene Seele des Herrn erscheint im Aetherleib noch als Leidensgestalt, um der ewigen Gerechtigkeit die letzte höchste Sühne zu bieten; bei diesem Anblick glaubt die Hölle zu triumphiren, aber —) Niedergedrückt auf die Knie' von geheimnißvollen Gewalten, Welche entquellen der Siegcrgestalt des wandelnden Gottsohns, Rufen die Teufel in einem Moment, in wiederstandsloser Kraftloser Ohnmacht, knirschend vor Zorn und willenlos-folgsam Hinter dem Wandelnden her und vor Ihm und neben Ihm allwärts Lauter u. grimmiger stets: „Heil, Heil dem Bezwinger der Hölle! Unserm Gebieter nnd Richter und Herrn, dem Sohne des David!" Und um nicht mit dem Ruf der Teufel zu schließen, noch aus dem 28. Gesang (Jesu Verherrlichung im Himmel): Ueber die Welten im Sonuengewog, — Millionen Gestirne — Donnert der Donner des Herrn, und Sonnen, Planeten und Sterne Leuchten in herrlicherm Glanz; in gehorsamer Eile durchschnellen Alle das nimmerbcgrenzte Gcfild u. s. w. * Es ist heut nicht das erstemal, daß es mich drängt, in Sachen des hochinteressanten Werkes und seiner bisherigen Geschicke in Ihrem Blatt ein bescheidenes Wort zu sprechen. Was mich hemmte, war die Erwägung, daß Dr. F. W. Helle mir selber ein äußerst günstiger Recensent gewesen und daß Gegenseitigkeit des Lobes gar leicht einer Mißdeutung unterliegt. Heut aber duldet es mich nicht länger in solchem Schweigen, angesichts einer Subscriptions-Einladung, welche der vielfach schwergeprüfte Mann und Dichter „an der Schwelle des Greisenalters" erläßt, damit er die edle Arbeit so vieler Jahre in der Gesammtheit der drei Bände könne an's Licht treten lassen. Der erste Band, der 1870 erschien unddasLeben Jesu in seiner Kindheit behandelte, wurde seitdem auf das ganze Leben Jesu bis zum 80. Lebensjahre ausgedehnt und im Geiste der Fortsetzung, nämlich im Anschluß an den 1886 separat erschienenen Schlußband „Golgatha und Oelberg", umgearbeitet. Alle drei Bände sollen circa 90 Bogen 8° ausfüllen. Jeder Dichter, jeder Autor wird es Dr. Helle nachfühlen, wie dringend es ihm am Herzen liegen muß, solch ein Werk noch selbst dem Druck zu übergeben, die Correklur selbst zu besorgen. Hiebei braucht nicht verhehlt zu werden, daß auch die finanzielle Seite ihm muß von Wichtigkeit sein. Aus geschäftlichen Rücksichten ist es geboten, daß die Auflage 2000, noch besser 3000 Exemplare umfasse. Im ersteren Fall müßte, damit die Deckung der Kosten und ein nennenswerter Reingewinn für den Autor gesichert seien, die Zahl der Subscribenten 400 betragen, im zweiten 600, wobei das Gesammtexemplar sich auf 15 Mark (9 fl. 30 kr.) berechnen würde, — in Ansehung des reichen und breiten Satzes ein erstaunlich billiger Preis. Exemplare des 1. und 2. Bandes betrügen 10 Mark (6 fl. 20 kr.). Seine Durchlaucht der regierende Fürst v. Liechtenstein hat auf 50 Exemplare des Gesammtwerkes unterzeichnet. Es ist undenkbar, daß die Subscription nicht bald zum gewünschten Ziel gelangen sollte. Das katholische Deutschland wird sich nicht selber eines solchen Werkes berauben. Weil aber in solcher Sache jeder das Seinige thun soll, habe ich mir htemit erlaubt, die Leser der Postzeitung noch ausdrücklich aufmerksam zu machen. Emilie Ringseis. Der Herbartmnismns an den Lehrer- und Lehrerinnen-Seminarien. (Schluß.) Der Inhalt des sittlichen Ideals besteht nach Lindner in folgenden fünf sittlichen Ideen: Gewissenhaftigkeit, Vollkommenheit, Wohlwollen, Recht und Billigkeit. „Die Uebereinstimmung des Wollens mit der Einsicht oder die Gewissenhaftigkeit als das erste Element der sittlichen Werthschätzung nennen wir die Idee der sittlichen Freiheit." (S. 60.) Im Anschluß an Herbart wird die innere Freiheit als Unabhängigkeit von außen dargestellt. Zwar ist nicht ausdrücklich gesagt, jenes „außen" sei auch auf Gott und sein Gesetz zu beziehen. Aber der Sinn jener „Unabhängigkeit von außen" ist kein anderer als „Autonomie" des menschlichen Willens, nnd die innere (sittliche) Freiheit bedeutet die innere Uebereinstimmung des Menschen mit sich selbst, unabhängig von jedem Willen außer ihm, auch dem göttlichen. Unter solchen Umständen verlieren die Worte: Gewissen, Gewissenhaftigkeit, im Zusammenhang mit dieser inneren Freiheit gebraucht, entweder allen Sinn, oder sie erhalten eine dem gewöhnlichen Sprachgebrauch durchaus fremde Bedeutung. Gewissenhaftigkeit ist nicht eine bloße Form der Uebereinstimmung (l?), sondern konsequentes Wollen und Handeln, entsprechend der erkannten Pflicht. „Stärke, Vielseitigkeit und Zusammenstimmung des Wollens bezeichnen wir kurz als Vollkommenheit desselben. Wir fällen somit vom Standpunkt dieser Idee das Urtheil: Das vollkommenere Wollen gefällt unbedingt neben dem minder vollkommenen." (S. 61.) Doch, dieser rein formalen Bestimmung der Vollkommenheit fehlt ganz und gar der sittliche Inhalt! Es fehlt das Ziel, die Richtung auf ein höchstes Gut. Die von dieser Ethik beeinflußte Pädagogik verschmäht es, mit dem gottmenschlichen Lehrmeister zu sagen: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!" Das paßt nicht zur „exakten Wissenschaft" (ls). Da gilt 99 ja nur das Größenverhältniß, die mathematische Formel. — „Unter dem bekannten Namen der Nächstenliebe (Lehrbuch S. 63) bildet das Wohlwollen den Hauptgedanken des Christenthums und den größten Wendepunkt in der bisherigen Menschengeschichte, indem es der Menschheit das Evangelium der Erlösung von der Selbstsucht verkündet." Damit würde sich das Christenthum nicht wesentlich vom Buddhismus unterscheiden. Die Nächstenliebe in ihrem vollen Umfange und ihrer ganzen Bedeutung ist zwar eine durchaus christliche Tugend, bildet aber nur eine Folge des Hauptgedankens des Christenthums. Dieser ist nämlich die Menschwerdung des Gottessohnes; und der Wendepunkt der Menschengeschichte ist die Erlösungsthat am Kreuze. „Das ist das ewige Leben, sagt der Herr, daß sie dich den einen wahren Gott erkennen und den du gesandt hast, Jesum Christum." Weiter heißt's (a. O.) bei Lindner: „Das Gegentheil des Wohlwollens ist das Uebelwollen, welches dem andern Böses wünscht. Zum Begriff des einen wie des andern gehört es wesentlich, daß es unmotivirt sei." Das Christenthum dagegen kennt keine unmotivirte Nächstenliebe. Diese ist ein Gebot und hat zudem die Liebe Gottes zum höheren Beweggrund, ist also doppelt motivirt. Wie stimmt da Herbart'sche Ethik und Pädagogik mit dem Christenthum? — „Wenn zwei Willen auf einen Gegenstand gerichtet sind, welcher jedoch nur einem derselben folgen kann, so entsteht Streit. Der Streit ist sittlich mißfällig. Um ihn zu beseitigen, ist eine ausdrückliche oder stillschweigende Uebereinkunft der Gesellschaftsmitglieder nothwendig, welche bestimmt, wem der Gegenstand zu folgen habe. Eine solche durch die allgemeine Anerkennung geheiligte Regel zur Vermeidung des Streites ist das Recht." (S. 64.) Es gibt aber auch einen sittlich berechtigten Streit. Freilich muß man den Streit als solchen für „sittlich" mißfällig erklären, wenn man das Recht nicht anders zu begründen weiß, als durch das Mißfallen an einer Disharmonie, welche „ethisch" zu benennen beliebt, obgleich sie nur ästhetisch oder gewissermaßen mathematisch ist. Der Streit mißfällt durch seinen Mangel an Ebenmaß, durch die Disharmonie, welche das Mißfallen des interesselosen Zuschauers erregt. — „Ein Wollen kann absichtlich auf ein zweites Wollen gerichtet sein. Dann darf es aber nicht bloße Gesinnung bleiben, sondern muß zur That werden. Durch dieselbe wird das zweite Wollen in seinem Zustande gestört und diese Störung von ihm entweder als ein Wohl oder als ein Wehe empfunden. Dadurch wird die von dem ersteren Wollen ausgehende That zur Wohlthat oder zur Wehethat. Sowohl die eine als die andere fordert vom sittlichen Standpunkte eine Ausgleichung, die man Vergeltung nennt. Wohlthaten und Wehethaten sollen vergolten werden; denn dieunver- goltene Wohl- und Wehethat als Störerin eines bestehenden Willensverhältnisses mißfällt unbedingt." (S. 65.) Gewöhnliche Vorstellungen erscheinen uns hier mit specifisch Herbart'schen Lehren vermischt. Die Pädagogen, n In Lindner, schwatzen dem Philosophen nach, übersetzen aber dann seine Worte in die gewöhnliche Sprache und suchen sie den landläufigen Vorstellungen anzupassen. Glauben denn diese Erzieher wirklich, daß die Pflicht der Dankbarkeit nicht besser begründet werden könne, als dadurch, daß man diese zurückführt auf eine unverstandene und unverständliche Formel, welche sich ihrerseits stützt auf die mathematische Analogie der entgegengesetzten Größen? Wäre die Wohlthat eine Störerin, so müßte sie vom Herbart'schen Standpunkte aus als sittlich verwerflich gelten, also unterlassen werden. Man dürfte es offenbar nicht daraus ankommen lassen, durch das mögliche Unterbleiben der Vergeltung zu einer neuen Störung Gelegenheit zu bieten. Auf ganz eigenthümliche Weise sucht unser Lehrbuch von den „sittlichen Ideen" hinüberzukommen auf die Begriffe von Tugend und Pflicht. Nur so nebenbei kommen diese für die Ethik so wichtigen und unentbehrlichen Begriffe zur Sprache. (Anmerkung, S. 67.)" Wenn wir auf die Entwicklung des Sittlichkeitsbegriffes in Form der fünf praktischen Ideen zurückblicken, so sehen wir, daß es fünf Klassen von Willensverhältnissen sind, welche den Gegenstand der sittlichen Werthschätzung bilden. Die Glieder dieser Verhältnisse sind einzelne Wollen(I?); nur bei der ersten Idee ist ein Verhältnißglied die Einsicht. An die Betrachtung dieser Verhältnisse knüpft sich der sittliche Beifall oder das sittliche Mißfallen; jener führt zu gewissen Tugenden, dieses zu gewissen Pflichten; denn das Mißfallen, weil es von der höchsten Instanz kommt, muß vermieden werden. Dadurch verwandeln sich die Urtheile der unbedingten Verwerfung in Anforderungen an das Wollen, denen unbedingte Folge bewiesen werden muß, d. h. in Pflichten." Zwar wird hier von Tugend und Pflicht geredet: das Wesen der Sache selbst aber fehlt. Ohne Lust am Guten gibt es keine Tugend. Die Herbart'sche Sittenlehre aber schließt die Lust aus dem Gebiete des Sittlichen grundsätzlich aus und kennt nur das kalte, interesselose Wohlgefallen am Harmonischen. Pflicht gibt es nur bei einem höchsten, gesetzgeberischen Willen. Zwar ist gelegentlich auch von Gott als dem höchsten Gegenstand der Dankbarkeit, als der höchsten vergeltenden Instanz die Rede. Die Rolle aber, welche in dieser Ethik Gott zugetheilt wird, ist eine ganz äußerliche und zufällige. Der Glaube an Gott ist Herbart Sache eines blinden Gefühls. Wer dieses Glaubens zu bedürfen meint, gut, er möge ihn behalten. Bei der Oede und Unfruchtbarkeit der Herbart'schen Tugendlehre müssen wir wahrhaft staunen, wie sich christliche Pädagogen von den üppigen Auen der christlichen Philosophie weg der geist- und herzlosen Herbart'schen Ethik zuwenden mochten. Zudem besitzt die christliche Moralphilosophie in der objectiven Weltordnung und namentlich in der vernünftigen Menfchennatur ein inhaltsvolles ethisches Princip, welches Herbart und seine Anhänger in dem formalen Gesichtspunkt mathematisch- ästhetischer, daS Wohlgefallen des Zuschauers erregender Harmonie vergeblich suchen. Der Ethik nicht minder, wie der Philologie und Metaphysik Herbarts ist der mathematisch-mechanische Charakter aufgeprägt. Deutlich tritt dies in unserm Lehrbuche hervor. Von einem freien Willen, von einer sittlichen Selbstbestimmung ist da nirgends die Rede. Die Aufgabe der Erziehung ist keine andere, als dem „Vorstellungsmechanismus" einen gewissen Inhalt und ein gewisses festes Gefüge zu geben. Daraus erklärt sich denn auch der mechanische Charakter der Herbart'schen Erziehungs- und Unterrichtsmethode. Und bei all den Gefahren, welche das Verbreiten Herbart'scher Lehren mit sich bringt, sollte man ruhig Herbart'sche Lehrbücher in die Bildungsanstalten für Lehrer und Lehrerinnen eindringen lassen? Auf, muthig zur Wehr! Angesichts solch drohender Gefahren thut auch für unser deutsches Vaterland ein Weckruf noth, wie ihn der 100 Dichter Franz Sichert in seinem vortrefflichen Wetterleuchten (Paderborn, 1893) an die österreichischen Katholiken richtet: Rettet eure Kinder! Nun, Bruder, rafft euch auf zu Thaten! Ihr schlief'!, eö kam der Feind bei Nacht, Und in der Kinderseele Saaten Hat er des Unkrauts Gift entfacht! In uns'rer Kinder zarten Herzen Keimt seines Hasses Schierlingsfrucht, Wie Bilsenkrautes gift'ge Kerzen Entbrannt' er d'rin Empörungssucht l Auf, österreichisch-christlich' Blut! Es gilt der Kinderscele Gut! Was haben wir nicht schon gelitten! O, welche Bande! — Welche Schmach! In frecher Judasrottc Mitten Geschah es, daß der Muth uns brach. — Doch unser Dulden hat ein Ende, Weihs uns'rer Kinder Blüthen gilt! Nicht nur zum Fleh'n hob unS die Hände Der Herr — er brachte Schwert und Schild Zum Schreck der feigen JudaSbrutl Auf, für der Kinderseele Gut! Nicht länger schleppt ihr zu Altären Des Satans dann ein Gotteskind; Auf, Brüderl Laßt uns steh'n und schwören: Wo Christ ist, auch wir Christen sind! Wenn aus den Schulpalästen bannte Ihn haßerfüllt die neue Zeit, Dann brause, wo ein Herz noch brannte Für Christus, himmelan der Streit Und lasse glüh'n in Kampfesgluth Uns für der Kinderseele Gut! Laßt neue Blüthen lodernd brechen Drum aus des Glaubens Stamm hervor, Laßt Worte nicht, laßt Thaten sprechen, Und Herz und Hand zu Gott empor! Und in der Seele kühn' Vertrauen Und auf der Lippe einen Spruch Zur wundermildesten der Frauen, Die uns zertrat der Schlange Fluch, Und die der Unschuld Blüthenfluth Streut in der Kinderseele Gut! Ja — hört's: Solang' uns noch im Munde Ein Hauch, ein Schlag im Herzen wohnt, So lange über unserm Bunde Noch sonnumbliht das Kreuzbild thront — Solang' noch eines Herzens Flamme Empor zum Heiland liebend bricht — Das merkt euch, ihr vom Judas stamme — . Bekommt ihr unsre Kinder nicht! Wir alle steh'n mit Gut und Blut — Wir schwören's! — ein für dieses Gut! Mit Gott denn, mit des Kreuzes Zeichen Die stolze Zwingburg kühn erstürmt, Die, Schlüssel zu des Feindes Reichen, Die Hoffnung seiner Zukunft schirmt! Wir müssen, müssen sie gewinnen, Die Schule, neu als Christi vauö, Und sollte unser Leben rinnen Aus tausend Todcswunden aus! Wie Sturm erbrause, Christcnmuth! Auf, für der Kinderseele Gut! Die Grabstätten des großen Noriker - Apostels St. Severin in und bei Neapel. Zu den vielen Verdiensten, welche sich der erst kürzlich in Wien verstorbene Prälat Or. Sebastian Brunner um die katholische Sache speziell Oesterreichs erworben, ist sicher auch zu rechnen, daß er seinen Landsleuten das Andenken des großen Noriker-Apostels St. Severin wieder aufgefrischt und über dessen Grabstätte zum ersten Male verläßliche Kunde brachte. Bis in die neueste Zeit herab — selbst noch in einem 1879 erschienenen kirchlichen Proprium — waren über letztere irrthümliche, althergebrachte Angaben im Umlaufe, die schon längst einer Berichtigung bedurft Hütten. St. Severin hatte noch bei seinen Lebzeiten den Bewohnern der römischen Donaukastelle vorher verkündet, daß sie bald nach seinem Hinscheiden, gezwungen durch den Einbruch germanischer Völkerschaften in jene Gegenden, nach Italien sich zurückziehen würden, und sie gebeten, dann auch seinen Leichnam mit sich zu nehmen. Sechs Jahre nach St. Severius Tod: 488, traf ein, was der Heilige vorausgesagt. St. Severins Leiche wurde bei dieser Gelegenheit in einem schon lange zu diesem Zwecke bereit gehaltenen Kasten auf einen Wagen gelegt und die langwierige Reise angetreten. In Italien wurde die irdische Hülle des Heiligen einstweilen im Kastelle von Monte Feltre, welches Einige für S. Leon, Andere für Macerata di Monte Feltre in der ehemaligen Delegation Urbino halten, niedergelegt. Von hier aus begannen Unter- handlungen mit einer edlen Frau Namens Barbaria in Neapel, welche nebst ihrem Manne von großer Verehrung zu dem Seligen beseelt war. Sie wünschte die heiligen Ueberreste desselben auf ihrem Landgute Luculanum beizusetzen und erbaute zu deren Aufnahme eine Grabkapelle nebst einem Cönobium für die Priesterschaft, welche im Geleite St. Severins über die Alpen mit herübergekommen war. Papst Gelastus gab die Einwilligung hiezu und so konnte (zwischen 492 u. 496) die Uebertragung dahin erfolgen. Von dem großen Ansehen, das St. Severin genoß, gibt Zeugniß Papst Gregor der Große in seinen Briefen (lid. III Dp. 19, 115. IX Dp. 35); derselbe erbaute in Rom die erste Kirche zu Ehren desselben in der Nähe von St. Matthäus in Mernlana. Bis zum Jahre 910 blieben Severins hl. Ueberreste in Luculanum; in diesem Jahre war man genöthigt, zu deren Sicherung einen anderen würdigen Aufbewahrungsort in Neapel selbst ins Auge zu fassen. Seit den ersten christlichen Zeiten befand sich in dieser Stadt bereits eine St. Severinskirche. Sie ist wahrscheinlich jenem heiligen Bischöfe geweiht, von dem das römische Martyrologium am 9. Januar bemerkt: „Dog-poli in Dampams, nutaHs 8t. Lovorivi Dxlsoopi trutrls 5 satt Vlotorinl Norberts, qui post irmltarurn virtutum perpetrottoneirl xloirus sauotitats qutsvtt." Auch unter der Genossenschaft der hl. Luzia, welche in Campamen den Martertod erlitt, findet sich ein St. Severinus, Märtyrer. Im Laufe der Zeit war bei der Severinuskirche in Neapel ein Benediktinerkloster entstanden, und der Abt dieses Klosters war es, welcher 910, da die räuberischen Sarazenen die Umgebung Neapels unsicher machten, im Einverständnisse mit dem Bischöfe der Stadt die Reliquien des Noriker-Apostels St. Severin für seine Kirche aus Luculanum erhob und feierlich einbegleitete. Hier genossen dieselben auf Jahrhunderte hinaus Ruhe und Sicherheit. Erst im Jahre 1807 wurde diese Ruhe neuerdings gestört. Unter der napoleonischen Gewaltherrschaft ward den Klöstern Italiens dasselbe Loos bereitet, wie in den anderen Staaten. Am 26. Februar obgenannten Jahres erschien ein Dekret, des Inhalts, daß aus den aufgehobenen Klosterkirchen Ornate und Reliquien an ärmere Pfarrkirchen, wenn sie solche wünschten, abgegeben werden sollten. Ueber dieses Dekret zeigte sich Niemand mehr erfreut, > » >> 101 als die Einwohner von Fratta Maggiore (auch Fratta Grmno genannt), 14 Kilometer von Neapel entfernt, gegenwärtig Station der Bahn zwischen Nom und Neapel. Aus dieser Ortschaft stammte der hl. Sosius, welcher gleichzeitig mit Neapels hochberühmtem Patrone St. Januartus den Martertod erlitten hat. Schon längst hätten die Einwohner von Fratta Maggiore dessen Reliquien gerne erhalten, aber vergebens. Nun erachteten sie den Zeitpunkt für gekommen, in Besitz derselben zu gelangen, und wirklich glückte es mittelst obigen Dekretes dem Bischöfe von Peluso, Namens Lupoli, aus Fratta Maggiore gebürtig, seinen Heimathsangehörigen dieselben zu verschaffen. Dabei kam das Unerwartete: er erhielt auch die Reliquien des Noriker-Apostels, weil man dieselben bei Eröffnung der Krypta in S. Severino an Seite des hl. Sosius beigesetzt gefunden. Die Grabesinschrift dabei lautete: „äivis 8. Lsvsrivo blorloorum ^.postolo st 8osio lavitns L. flanuarii Hxisoopi in xaosions sooio tsmxlurn ndi eorum 8. 8. oorxora, Lud altars rnag'ori raquisZeunt." Sobald günstigere Zeitverhältnisse es erlaubten, gingen die Einwohner von Fratta Maggiore daran, die Seitenkapelle ihrer Kirche, in welcher sie die kostbaren Uebcrblcibsel beigesetzt, würdig mit Marmorarbeiten zu schmücken. 1874 waren die Arbeiten vollendet, für welche 35,000 Lire aufgewendet worden. Inzwischen waren aber die Neapolitaner nicht wenig darüber ungehalten, daß man ihnen hinterlistiger Weise — wie ihr Historiker Galante sich ausdrückt — die Reliquien entwendet hatte, und verlangte deren Rückgabe. Zu allem Ueberflusse kam auch aus Oesterreich, dem ehemaligen Wirkungskreise St. Severins, die Kunde, daß man für die zu Währung in Wien durch die Lazaristenpatres neuerbaute herrliche Severinskirche die Ueberlassung der Reliquien des Heiligen sehnlichst wünsche. Vier österreichische Cardinäle hatten sich dafür verwendet. — Umsonst. Als Prälat Du. Sebastian Brunner in der Oster- woche 1878 Fratta Grumo einen Besuch abstattete, zeigte sich so recht die tiefgehende Erregung der dortigen Bevölkerung in dieser Angelegenheit. Er hatte, bis der Kirchendiener mit den Schlüsseln zum Grabmale St. Severius erschien, sich in den Palazzo Lupoli zu den zwei Neffen jenes Bischofes begeben, welcher seinerzeit die Uebertragung St. Severins bewerkstelliget hatte. Mit dem Kirchendiener erschienen zugleich fünf Geistliche, und vor der Kirche waren bei 300 Personen, Männer, Frauen und Kinder, in drohender Haltung versammelt; Sebastian Brunner war darüber nicht wenig überrascht, und erst als er versicherte, daß er nur das Grab des Heiligen besuchen wolle, zerstreute sich die Menge. Von S. Severino in Neapel entwirft derselbe folgende Schilderung: S. Severino in der Nähe der Universität zu Neapel ist eine der herrlichsten und großartigsten Kirchen der ganzen Christenheit, sowie das Benediktinerstift daselbst vom zehnten Jahrhundert bis 1807 eines der berühmtesten gewesen. Die Reliquien St. Severins waren aber nicht in der großen, sondern in einer alten kleinen Kirche, seitwärts ungefähr zwanzig Stufen tiefer als die große neuere gelegen ist, beigesetzt. Der Kirchendiener führte mich durch eine kleine Thüre neben der Sncristei eine enge Stiege hinunter. ES geht durch einen dunklen Gang, dessen Boden ebenso, wie der der untern Kirche, mit einer Menge von Grabsteinen vom zwölften bis zum siebzehnten Jahrhundert belegt ist. In dieser untern Kirche befanden sich bis 1607 die Särge der heiligen Sosius und Severinus auf dem Hochaltare. An der aus schwarzem Marmor angefertigten Predella dieses Altares ist wörtlich in Stein gemeißel folgende Inschrift zu lesen: Lio äuo saucta, ckivinugus oorxoru xatrss 8os8Mg unnnimog sb 8svsrinns Unchont." Links von diesem Hochaltare, an einem Seiten- altar, befindet sich ein Christus am Kreuz, Lebensgröße in Holz geschnitzt, ein Kunstwerk aus dem neunten Jahrhundert. Die obere eigentliche Stiftskirche S. Severino kann ein Kunstmuseum genannt werden. Am 10. Oktober 9t 0 wurden unter Stefan II., Bischof von Neapel, die Reliquien St. Severins von Luculanum hierher übersetzt. Die Schnitzereien an den Chorstühlen von Merliano gehören zu den besten und harmonischsten Arbeiten, welche die Holzsculptur in der Spätrenaissancezett zu Tage gefördert hat. Die an der Epistelseite befindliche Severinuscapelle, welche ebenso wie die dem Heiligen zu Ehren gebaute Kirche den Cultus bezeugt, der dem Noriker-Apostel in Neapel zu Theil geworden, besitzt Gemälde auf Holz, St. Benedikt, St. Sosius, St. Severin (von Beltsar Carensi, der auch in dieser Kirche begraben liegt). In dieser Kirche existirt auch eine Grabkapelle der Familie S. Severino mit drei Büsten von drei Brüdern, die der Onkel (1516), um ihren Besitz zu erben, mit vergiftetem Weine aus dem Leben schaffte. Auch die Mutter dieser Söhne, die der Gram über diese That schon einige Wochen darnach hinwegraffte, ist hier bei ihren Söhnen beigesetzt. So wird man in dieser Kirche auf große Heilige und auch zum Gegensatze auf grauenhafte Verbrecher aufmerksam gemacht. An der Stelle, wo einst der Landsitz des berüchtigten Schweigers Lucullus sich befand, gegen Puteoli hin, dehnt sich nun der kgl. Palast und das große Theater S. Carlo aus. Fratta Maggiore zählt 14,000 Einwohner, deren Hauptnahrnugszweig der Flachsbau ist. Hier, wie in Torre Annunciata, südlich von Neapel, sieht man Frauen auf dem Steinpflaster vor den Häusern mit großen, schweren Holzkeulen den Flachs brechen. Diese Abkömmlinge der Großgriechcn haben es mit den Söhnen der alten Latier gemeinsam, daß sie ihre Ahnen und die uralten Gepflogenheiten derselben hochhalten, alle Gewerbe und Geschäfte soviel als nur möglich primitiv und ahnen- mnßig betreiben. So kennt man auch hier, wie in ganz Mittel- und Unter-Italien, auf dem Lande keine Spinnräder und der Flachsbündel wird im ächten Sinne des Wortes mit der linken Hand hochgehalten und mit der rechten der Faden daraus gesponnen; dabei läßt sich herumspazieren, eine Nachbarin besucht die andere und geht plaudernd und spinnend mit derselben auf und nieder. Die nenere Knpferplastik. Von Dr. Sepp. (Schluß.) Wie komme aber ich dazu, diesen Kunstzweig zum Gegenstände wissenschaftlicher Besprechung zu wählen? Es will schon so sein. Obiger Karl Borromäus übte weithin seine Wirksamkeit, so daß die Kupferschmiede 102 einigermaßen sich mit Treiben von Metallfiguren befaßten. Vor andern ließen 1696, also gleichzeitig, die Grafen Hörwart in Hohenburg bei der Anlage des Kreuzweges — welchen ihr Bruder, der aus Jerusalem heimge- kehrte Guardian vom Berge Sion, einweihte — das Crucifix mit Maria und Johannes in Kupfer aushämmern. Die Arbeit rührt ohne Zweifel vom wackern Kupferschmied Hammerl zu Tölz her, welcher sofort 1721 auf dem Kreuzberg meiner Heimath den neun Fuß hohen Christus aufstellte, ein tüchtiges Werk, während daneben der Salz- faktor Friedrich Kyretn die angesichts des Jsarwinkels hochpoetisch gelegene Kalvarienberg-Kirche erbauen ließ. Zufällig hatten meine Eltern dem Kupferschmied Kiene das Nebenhaus abgekauft und auf dem Wege in die Ferien kam ich als Student in dessen Werkstätte zu Holzkirchen mit der Frage, ob denn heute kein Meister- oder Geselle mehr im Stande wäre, ähnliches zu schaffen, und zwar zuvörderst die beiden Schächer daneben? Eine Zeit später hat sie auf mehrfachen Antrieb Spänglermeister Weiß aus Landshut nach den von Michel Angelo entnommenen Vorbildern ausgeführt. Weiß ist derselbe kunstverständige Handwerksmann, welcher auch den Petrus auf den RegensburgerDom stellte. Kunsterfahren und vorzüglicher Zeichner, wie er war, hat er meinen seligen Freund Pros. Sighart auf Reisen von Dom zu Dom begleitet und die erste bayerische Kunstgeschichte mit Illustrationen bereichert — solche Bürger haben wir! Nun find es wohl 28 Jahre, da bekam ich eines Tages einen Besuch. Ich habe es schon lange vor, so sprach der Mann. und muß nun doch einmal kommen, Ihnen meinen Dank auszusprechen, denn Sie haben mich auf meine Lebensbahn geführt. Ich erwiderte: Das muß ein Irrthum sein, wir kennen einander nicht. Nein, kein Irrthum, sagte er; Sie haben als junger Herr, da ich selber noch Lehrling war, bei uns in Holzkirchen in der Werkstatt angefragt, ob denn jetzt kein Kupferschmied sich mehr auf Figurentreiben verstehe? Seitdem hat es mir keine Ruhe mehr gelassen, ich habe es klein und groß versucht und endlich so weit gebracht, daß ich schon Aufträge bis nach England erhalte. Ich heiße Saturnin Kiene. — Ist es nicht merkwürdig, wie viel plastisches Talent in unserem Volke, namentlich in den Bergländern, steckt, daß es nur der geringsten Anregung bedarf, es zu wecken! Unser Kiene hat den Landsknecht als Wachtposten auf die Spitze des von Hauberrißer erbauten Nathhauses gesetzt, welcher zu seinen architektonischen Verdiensten auch noch das fügt, diesem Kunstzweige besondere Unterstützung angedeihen zu lassen. Für das Krankenhaus in Traun st ein lieferte Kiene 1867 eine Madonna, welche hier vorher zur Ausstellung kam. Seine Maria Viktoria steht als Siegesdenkmal 1872 im Schlosse Mauern bei Moosburg. Sein Christus am Kreuze erlangte 1870 in der Londoner Weltausstellung den Preis und kam in eine dortige Kirche. Seine fast fünf Meterhohe Figur des hl. Joseph mit dem Christkind, stehend auf der Weltkugel, schaut vom Thurm des Josephcollegs in Millhill seit 1873 auf die Weltstadt London, auf 20 engl. Meilen sichtbar. Das Modell für dieses heilige Wahrzeichen hat der zu früh Heimgegangene Bildhauer So her dem Tölzer Meister gefertigt. Ich spreche nicht von den paar drei Meter hohen Figuren Johannis und der Gottesmutter unter dem Kreuze auf dem Kalvarien- berge zu Tölz, wohin er von München aus seine Werkstätte verlegte und wo er 1874 nur zu früh zu Grabe ging. Denn schon erwarteten ihn Aufträge des Königs Ludwig II. für Hohenfchwangau und Linderhof, Neu- schwanstein und Herrenchiemsee. Man treibt mittels Holzschlegeln und eisernen Hämmern und muß zum Zwecke der Weichheit und Dehnbarkeit das Kupfer sehr oft glühen. Die Griechen trieben Metallblech in hohle Holzformen, jetzt arbeitet man über Weichmetall. Die Kupferarbeiten der früheren, sowie der Jetztzeit sind meist nach kleinen Modellen und mehr aus freier Hand entstanden. So hielt es Weiß in Landshut wie Saturnin Kiene in Holzkirchen und Howald in Braunschweig. Grundsätzlich werden jedoch Köpfe, Hände und Füße in Naturgröße hergestellt und darnach gearbeitet. Die Madonna für Traunstein ist ohne jedes Modell getrieben. Die Löthung geht bei Holzkohlen- feuer und Gasgebläse mit Hartloth oder Messing vor sich: so verfuhr zuerst Hygin Kiene bei den vier Wappenhaltern am RathhaW zu Hamburg. Die saubere Ausführung geschieht durch Ciselirung über Pech. Bei der Firma Peters in Berlin fallen die vielen, meist stumpf aneinander gestoßenen, mit untergelegten Streifen doppelt genieteten Theile auf, so daß man das Ganze iu der Nähe nicht gut ansehen kann. Die Arbeiten setzte in Holzkircheu und München Saturnins gleich strebsamer Neffe Hygin Kiene fort. Er fertigte nicht bloß die Wasserspeier für die Herz-Jesu- Kirche unseres Hauberrißer nach Graz, sondern auch für dessen Rathhaus in Wiesbaden den 2,30 Meter hohen Bannerträger, die dritthalb Meter hohe allegorische Figur: „Das Gewerbe", und, flott mit Zirkel und Triebrad einen Kranz schwingend, für die Gewerbschule in Leipzig; dann vier weitere gleich hohe: Ackerbau, Land- wirthschaft, Gewerbe und Kunsthandwerk. Auch Helvetien lernte den jungen Meister kennen. Nach St. Gallen ging Merkur mit dem Schiffe und dem Schweizerwappen als Symbol des Handels ab, wozu Pros. Krämer das vier Meter hohe Modell lieferte. Dazu kamen für die dortige Unionsbank sieben Figuren von drei Meter Höhe. Vortrefflich präsentirt sich der Page mit der Hellebarde als Wappenhalter für das neue Nathhaus in Hamburg. Man sieht an alldem keine Niete, sondern alle Nähte sind mit Gasgebläse verlöthet. Kienes vier Herolde für die Hansestadt Hamburg halten die Wappen von London, Bergen, Brügge und Nowgorod. Schade, daß man bei monumentalen Werken so viel allegorische Figuren anbringt, statt aus der deutschen Gesammtgeschichte oder Lokalhistorie zu schöpfen. Doch sind dieselben Herrn Kiene, wie Herrn Seitz, nach griechischen Vorbildern am besten gelungen. Einem Bremerblatte (N. N. 24. Sept. 93) entnehme ich, daß von dort ein Herr Siber, welcher zu seiner Ausbildung mehrere Jahre eine Kunstschule in München besuchte, „wo die getriebene Metallarbeit eine schätzbare Pflegestätte gefunden", nun in seiner Vaterstadt ansehnliche Aufträge hat. Wohlan, derselbe ist ein halbes Jahr bei Hygin Kiene in Holzkirchen in der Lehre gestanden. Aus dieser Werkstatt ging auch Logauer hervor, welcher nicht weniger rührig sich in Wien niedergelassen hat. Eustach Faustner lieferte 1878 und 1880 zwei Figuren nach Amerika, 1892 drei nach Nürnberg; er war schon bei hiesigem Hofkupferschmied Leiß thätig. Nun komme ich erst näher auf Herrn Heinrich Seitz, Hofkupferschmiedmeister, zu sprechen, welcher vor zehn Jahren zuerst ins Große zu arbeiten unternommen hat. Von seiner Hand ist die drei Meter hohe, vorzüglich gelungene Madonna an der Fayade der hl. Geistkirche zu München nach dem Modell unseres braven Bildhauers Äsn ton Heß. Ferner die sechs Gruppen für das Cafs Luitpold nach Kaindl 1886, die Amphitrite für den Wasserthurm in Mannheim nach Modell vonHoffmann 1889. Meisterhaft ist ferner die für Berlin bestimmte Irene mit dem Knaben Plutos nach dem von Pausanias dem Cephissodotos zugeschriebenen Original, sei es der Kopie in unserer Glyptothek, einem Bilde, das man mit christlicher Deutung auf jeden Altar stellen dürfte. Es folgen die Figuren am Hause von Braun und Schneider nach Modell von Bildhauer F. L. Bernauer 1891; St. Peter für das Nathhaus in Hamburg nach Modell von Feiffer 1892; auch St. Jakob nach Bildhauer Kumm 1893 ist dahin bestimmt. Auf den Giebel des Neichstags-Gebäudes von Paul Wallot kommt also die durch Bismarck in den Sattel gehobene Germania zu stehen, ein Werk unseres wackeren Seitz, das eben 1893 in der Weltausstellung zu Chicago dem bayerischen Namen Ehre machte und von da nach Sän Fraucisco in Californien begehrt wurde. Reinhold Begas, der erste Bildhauer Berlins, hat das Modell zu dieser Gruppe geschaffen. Es ist doch eine Freude, in München, dem Hauptsitze des Kunstgewerbes, zu leben, das solche Meister ausweist. Solche Leistungen können nur weitere Bestellungen zur Folge haben unter dem Wahrspruche: Mach's nach! Auch Kusterer inAugsburg hat mit seinen tüchtigen Arbeitern die letzte Weltausstellung besucht. In gleicher Weise arbeitet Knodt in Bockenheim für Frankfurt, Strahburg, Hamburg, Berlin, sogar eine Homburgia. Die Figuren mecklenburgischer Fürsten am Ständehause in Rostock hat Fr. PeterS in seiner Klempnerwerkstatt in Berlin hergestellt, dazu den Bannerträger als Giebelfigur. Uebrigens werden in neuerer Zeit nicht bloß Thurmhelme, Drachen als Wasserspeier, Laternen, Löwen und Ornamente aller Art, sondern auch Kreuzblumen und Kapitelle über Granitsäulen von Kupfer getrieben, wie Pschorr in der Reichshauptstadt an seinem Bau solche anbringen ließ. Peters schuf 1887 ferner einen Ritter mit Fahne und Lanze für die Thurmspitze der Marien bürg in Ostpreußen, des weiteren 1889 zwei große sitzende Figuren, Vergangenheit und Zukunft, für einen Palastthurm in Madrid, für die Mannheimer Brücke unseres Pros. Thicrsch nach Vogels Modell Neptun und Ceres, und eine Reihe Fürsten für das Ständehaus in Rostock; dann mehrere Adler. Für den Kaiserpalast in Goslar wurde in der Berliner Werkstatt von Martin und Piltzing nach dem Modell von Scholl das vier Meter hohe Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I. in Kupfer getrieben, welches in Barbarossa zu Toberenz sein Gegenbild erhält. Vorbereitet ist das' auf 12 Meter berechnete Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I. für Coblenz als Rheindenkmal für die deutsche Ecke, wo Rhein und Mosel zusammenfließen, nach Entwurf von Bildhauer Hundrieser und Architekt Bruno Schwitz. Dieselbe Darstellung ist mit neun Meter hohen Nebenfiguren für den Kyffhäuser bestimmt; möge die Ausführung der einen oder anderen Aufgabe unseren kunstfertigen Meistern zugedacht werden, wie nicht minder das 14 Meter hohe weibliche Heiligenbild für einen freien Platz in Strahburg. Wir haben zwei geborne Künstlerfamilien Namens Seitz in München. Unser Benvenuto Cellini, Joseph Seitz, lebt als Greis von mehr als 80 Jahren bereits im Spital, sein Sohn Otto der Maler ist Professor an der Akademie: Vater und Brüder — alle waren Künstler. Aber auch der Vater unseres Plastikers hat bereits diesen Gewerbezweig betrieben und, nachdem er von 1818 bis 1822 in Paris gearbeitet, während seines achtjährigen Aufenthalts in Bordeaux unter anderm einen kunstreichen Brunnen in Kupfer getrieben. Da aber bei der Enthüllung sein Name nicht genannt wurde, zog er mit beleidigtem Stolze sich nach München zurück und bewarb sich hier um eine Concession. Wir wissen ja seit der Vertreibung unserer Landsleute im letzten Kriege, daß die Meisten derartigen Gegenstände, die wir aus Paris bezogen, von deutschen Kunsthandwerkern gefertigt waren. Wir haben uns auch im Schaffen der kunstfertigen Hand von Frankreich frei gemacht, und wie viele Arbeiter haben allein in Gebrauchsgegenständen aus Einem Stück sich aus der Schule Seitz selbständig gemacht; wurden doch allein im Kunstgewerbehaus 1892 für 11,000 Mark Kupferwaaren verkauft. Wie viele Museen, vor andern das in Genf, ließen sich mustergiltige Gefäße aus Einem Stück nach Münchener Technik zum Modell für Gewerbetreibende kommen, indeß die Hauptwerkstatt nur mehr Großfiguren liefert. Vieles ist in dieser Weise im Werden begriffen, wozu die Dauerhaftigkeit bei großer Billigkeit einladet. Ich selbst möchte mit dem heutigen Vortrag einen praktischen Gewinn für München erzielen. Beim siegreichen Einzug unserer aus Frankreich heimkehrenden Truppen unter Führung des deutschen Kronprinzen, späteren Kaisers Friedrich Wilhelm, sahen wir das Hofgartenthor mit einer Viktoria gekrönt, beim Erscheinen unseres Kaisers im September 1891 trat eine Pallas Athene an die Stelle, und jüngst bei der Vermählung der Prinzessin Auguste mit Erzherzog Joseph Augustin reichte ein Genius den Kranz, so daß das Thor in einer Vierthalb bis vier Meter hohen Figur einen reizenden pyramidalen Abschluß erhielt. Wohlan! das Modell ist gegeben: warum soll die entsprechende Figur nicht, in Kupfer getrieben, zur bleibenden Verschönerung der Stadt dienen? Ein einfacher Bürger könnte die Kosten dafür prästiren. Ebenso habe ich den Stadtconsuln längst vorstellig gemacht, auf dem Jsarthorthurm als historisches Wahrzeichen den Stadtgründer Heinrich den Löwen anzubringen, etwa wie ich ihn an meinem Haufe malen ließ, im Kampf mit der Meerschlange zur Befreiung deS Königs der Wüste, wie die Legende aus seinem Kreuzzuge vom Strande von Joppe lautet, wo er an die Stelle des Persens bei der Befreiung der Andromeda getreten ist. Ein Erzguß wäre an beiden Stellen schon wegen des Gewichtes nicht angebracht. Eben taucht der Gedanke auf und findet bei den maßgebenden Behörden, im Gemeinderath wie in der Magistratur, Anklang, im Stadttheil Haidhausen am Wvrthplatze, oder wegen der Kreuzung der Weißenburger- straße richtiger noch in der Wörthstraße, ein Kriegerdenkmal nebst Brunnen zu errichten und nicht immer aus der griechischen Mythologie, sondern aus der deutschen Heldensage den Stoff zu wählen. ES soll ein Siegfriedsbrunnen werden mit der Darstellung, wie der Held, den Schild neben sich, mit der Hand aus dem Borne schöpft. Aber hinter ihm hebt der grimmige Hagen die Lanze, lauernd nach der Stelle, wohin das Linden- 104 / blatt gefallen und wo der Held allein verwundbar ist. Es ist der Franzwann, der auf diese Weise uns hinterrücks beizukommen sucht, so daß wir forr und fort auf der Hut sein dürfen. Ein Denkmal in Erzguß erweckt so lange Besinnen, bis nichts daraus wird, denn die Stadt tragt Lasten genug! Dagegen liegt nahe, das Werk in Kupfer zu treiben, wozu ein schon erprobter Meister das Modell liefern mag, da die Erfahrung lehrt, das; mit Ausschreiben unnütz Kosten verursacht werden, und zwar Kosten von zwei Seiten, da mancher Künstler sich vergeblich anstrengt und sich dann bitter enttäuscht sieht, weil der Auftrag schließlich doch einem gemachten Künstler zufällt. Ein Denkmal, wie hier vorgeschlagen wird, ist leichter zu erschwingen und geht uns naher, als ein Poseidon mit dem Dreizack, wie der sogenannte Gabelmann am Brunnen zu Bamberg, oder eine Aphrodite, Diana, sei es sonst eine Gestalt aus dem Olymp. Wie viel unsere Kunstgewerbe-Schule unter Herrn Director von Lange und die lehrreicbcn Ausstellungen zur Förderung solcher Meisterwerke beitragen, möge jeder selber ermessen. Recensionen und Notizen. 8e itfa den zur Anfertigung mikroskopischer Dauer- präparate von Otto Bachmann, kgl. Ncallehrcr. II. Auflage. München und Leipzig, Druck und Verlag von R. Oldenbourg. k Hat schon die I. Auflage dieses Buches gewiß einem Bedürfnisse abgeholfen und es auch dem Dilettanten ermöglicht, sich gute und brauchbare Präparate für das Mikroskop herzustellen, sind ferner auch dem mit dem Mikroskop Vertrauteren die zahlreichen in diesem Buche niedergelegten Winke und Erfahrungen bei verschiedenen Anlässen sicher von großem Nutzen gewesen, so erfüllt die zweite Auslage diesen Zweck bestimmt in noch viel höherem Grade. Dies zeigt schon die gewaltige Vermehrung an Stoff und Abbildungen (332 Seiten mit 104 Abbildungen gegen 196 Seiten und 87 Abbildungen der ersten Auflage). Wer die Methode BachmannS kennt, weiß, daß derselbe als erfahrener Schulmann nicht ruht, bis er den zu behandelnden Stoff leicht faßlich, ohne schwülstigen Ballast, jedermann klar niedergelegt hat. Das ist auch besonders bei dieser zweiten Auflage der Fall. Wer etwa um den neueren Forschungen zu folgen oder aus Liebhaberei sich ein Mikroskop anschafft, wird durch diese Schrift in den Stand gesetzt sein, selbst- ständig sich ein gutes Präparat herzustellen, so daß er wirklich unter dem Instrumente etwas sebcn kann; denn die Enttäuschung, die manche erfahren, beruht meist auf falscher Behandlung des Präparates. Von den kleinsten Handgriffen bis zum compli- cirtcn Verfahren ist alles deutlich niedergelegt. Selbstverständlich sind die neuesten Errungenschaften auf diesem Gebiete alle behandelt, und wird die Herstellung von den einfachsten Präparaten wie Schuppen der Schmctterlingsflügel rc. bis zu den Bacterien jedem ermöglicht. Vielen wird dieses Buch eine ganz erwünschte Beigabe zu ihrem Mikroskope sein. Haber! Fr. X., LlaAister oboralis: Theoretisch-praktische Anweisung zum Verständniß und Vertrag des authentischen römischen Choralgesanges. 8", VI.-st 252 SS. Regeuö- burg. Fr. Pustet 1893 (X.) M. 1,40 s. Das bewährte Handbuch der kirchlichen Gesangskunst bedarf wohl keiner Empfehlung mehr; es ist in allen Ländern verbreitet und in der Hand eines jeden Theologen im Seminar, wie in der Praxis. Daß man sich nach der „Anweisung" des Buches immer richtet, soll damit nicht gesagt sein; zu wünschen wäre es, um die Kirchenmusik stünde es dann nicht so schlecht. Das Werk ist sehr verständlich geschrieben, daher auch für Laien, Dirigenten, Choristen und andere Leute, die sich häufig um kirchliche Vorschriften über Musik blutwenig kümmern, sehr zu empfehlen; jede neue Auflage weist Verbesserungen und Ergänzungen auf und zeigt von der größten Sorgfalt des Verfassers, ein oxns omnibns uumeris absolntum zu bieten; stets ist auf die einschlägige Literatur, sowie auf die neuesten römischen Entscheidungen die gebührende Rücksicht genommen worden. Im Vorwort zu einer der früheren Auflagen hieß es, baß die Veröffentlichung einer lateinischen Ausgabe im Werke sei, auf welche aber Schreiber dieses vergeblich gewartet hat. Der Plan scheint leider aufgegeben zu sein; jedenfalls wäre eö bei diesem wahrhaft internationalem Buche über Kirchenmusik, das doch zunächst für Kleriker bestimmt ist, das vernünftigste, selbes auch in der Sprache der Kirche und internationalen Sprache der Wissenschaft zu bieten; damit wäre allen zugleich gedient und könnte man Uebersetzungen in englischer, französischer, italienischer, ungarischer, polnischer und spanischer Sprache, die ebenfalls von, Verleger der deutschen Ausgabe zu beziehen sind, füglich ersparen; nicht einmal das päpstliche Breve vom 23. April 1883 (S. 247) ist im Originaltext mitgetheilt. Sachlich können wir uns nicht überwinden, den Beschluß der Nitenconzregation vom Jahre 1879 über Silbeuverthcilung (L>. 116) als solchen zu betrachten, der die Confusion heillos gemacht hat, so daß ein Psalmengesaug einfach unmöglich ist, denn wenn auch Aussprache rc. des Latein nicht überall gleich ist, so doch die Quantität; soll ein Gesang zu Stande kommen, so müssen eben die Silben vertheilt werden; indem nun die Congrcgation die Vcr- thcilung auö den Büchern beseitigt hat, ist letztere der Willkür der Säuger preisgegeben, die meist gar kein Latein verstehen und zu bequem sind, sich über Vertheiluug der Silben zu einigen. _ Literarische Rundschau für das katholische Deutschland Herausgegeben von Dr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Jahrgang 1394. 12 Nummern. M. 9. — Freiburg im Breisgau, Herder'fche Ver- lagShaudlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 3: Die katholische Literatur Englands, im Jahre 1393. I. (BelleShcim.) — Ullrich, 11s 8alviani 8erix>- turas 8aoras vorsiouibus. (Weymanu.) — Eubel, Vrovlnoials orüinis krarrnm Llinornm. (GlaSscbröder.) — Lundström, lan- rsntlns Vanillins (sodlius, bans lik ooü vsrlesamtull. (Witt- maun.) — Mehl, Die Beziehungen des Papstthums zum fränkischen Staats- und Kirchenrccht unter den Karolingern. (Säg- müller.) — Heiner, Katholisches Kirchenrecht. II. Bd. (Lcinz.) — Göpfert, Pastoralthcvlozic von I. B. Renninger. (Pruner.) — Kappes, Aristoteles-Lexikon. (Braig.) — Bobnenberger, Der altiudischeGottVaruna. (Hardh.)—Parkman, ^ Lalk Oonturz? ok Oontliet. (Zimmcrmann.) — Storm, Maria Stuart. (Funk.) — Jansscu, Geschichte des deutschen Volkes seit dem AuSgange des Mittelalters. VII. Bd. (Haas.) — Waldmanu, Lenz in Briefen. (JosteS.) — Llaris 8to!!a oder Das Berufsleben des weiblichen Geschlechts im Lichte des Glaubens. (Krieg.) — Ka- lcmkiar, Geschichte der armenischen Zeitungsliteratur von ihren Anfängen bis auf die Gegenwart. I. Bd. (Vetter.) — v. Salis- Soglio, Die Konvertiten der Familie von Salis. (Rösler.) — Weyman, Studien zu Apulejus und seinen Nachahmern. (Barden- hewcr.) — v. Tbüna, Die Würzburger Hilfstruppen im Dienste Oesterreichs 1756—1763. — Nachrichten. — Büchertisch. Blüthenstrauß aus Luther'sWerken, enthaltend seine Ansichten über 36 Punkte des christlichen Glaubens in mehr als 300 Citaten. Für Katholiken und Protestanten gesammelt von A. Arndt, weil. Protestant. Theologe. 2. Auflage. Verlag der Germania, Berlin. Preis 25 Pfg. Eine Sammlung von Citaten aus authentischen Ausgaben von Luthers Werken mit genauen Quellenangaben. — Dadurch, daß der Verfasser sich jedweder Kritik enthält, gibt das Schriftchen eine durchaus objective Darstellung von Lutber's Anschauungen über die wichtigsten Dinge der christlichen Glaubens- und Sitteulchre. In diesen Citaten verurtheilt sich der Gründer der evangelischen Kirche selbst und ist das Hestchen werthvoll und interessant für Jedermann. Herr Hofprediger Rogge und das Vordringen des Katholicismus in der Mark Brandenburg. Ein Wort zur Beherzigung für Katholiken und Protestanten. Verlag der Germania, Berlin. Preis 20 Pfg Die Broschüre bietet eine treffliche Erläuterung zu den Auslassungen des Herrn Hofpredigers anläßlich der Generalversammlung des Brandeuburgischen Haupt-Vereins des evang. Bundes über das Vordringen des Katholicismus in der Mark. — Dieselbe ist von größtem Interesse für alle katholischen Kreise, indem sie zeigt, mit welchen Mitteln der famose „evang. Bund" für seine Zwecke arbeitet. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. tti'. l4 5. Aprlt 1894. Eine alte Tölzer Hausordnung. Mitten unter ein Bündel von Akten mit der etwas eigenthümlichen Überschrift „Kostenrechnungen" aus der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts hat irgend eine ordnende Hand aus Versehen eine alte Hausordnung eingelegt, welche gerade in unserer Zeit socialer Gährung nicht ohne Interesse sein dürfte. Die fragliche Hausordnung stammt, wenn sie auch kein Datum trägt, ohne Zweifel aus dem ersten Viertel des siebzehnten Jahrhunderts. Sie wurde nämlich, wie sie selbst besagt, von dem damaligen fürstlichen Pfleger in Tölz, Julius Cäsar Crivelli, erlassen. Letzterer war nach der einen Angabe daselbst Pfleger vom Februar 1609 bis zum Februar 1647, nach der anderen bereits seit 1606. Da aber Maximilian I. von Bayern auf dem Fürstentage zu Regensbnrg im Jahre 1623 mit der Knrwürde belehnt wurde und Crivelli sich in der Einleitung noch „fürstlicher Durchlaucht Herzog Maximilians" Rath nennt, so ergibt sich die ungefähre Entstehungszeit der Hausordnung von selbst. H Julius Cäsar Crivelli gehörte einem uralten adeligen Geschlechte an, welches ursprünglich in Mailand seinen Sitz hatte und daselbst in größtem Ansehen stand. Schon im zwölften Jahrhundert bestieg einer aus dem Hause der Crivelli, Ubcrto, als Papst Urban III. (1185 bis 1187) den heiligen Stuhl. Leodisio Crivelli glänzte am Hofe des ersten Sforza als Humanist, Dichter, Ueber- setzer und Geschichtschreiber. Von Carlo Crivelli, einem Künstler der venetianischen Schule, besitzt der Brera in Mailand Gemälde. Im 16. Jahrhundert übersiedelte ein Zweig des Geschlechtes nach Rom. Alexander Crivelli hatte ursprünglich unter Carl V. ein Truppencorps befehligt, in welchem nicht weniger als 400 seiner Familiengenossen Kriegsdienste geleistet haben sollen. Nach dem Tode seiner Gemahlin betrat er die geistliche Laufbahn und starb als Cardinal am 22. Dezember 1574: sein Grabmal befindet sich in seiner ehemaligen Titelkirche in S. Maria in Araceli auf dem Kapital in Rom. Auf die römischen Crivelli scheint Maximilian I. von Bayern gelegentlich seiner Nomrcise im Jahre 1593 aufmerksam geworden zu sein. Zwei derselben, Vater und Sohn, haben in der Folgezeit unter eben diesem Herzoge mehr als fünfzig Jahre den Posten des Agenten und Residenten Bayerns am päpstlichen Hofe bekleidet. Im Dienste desselben Herzogs befand sich der Baron Giulio Cesare Crivelli, ein Vetter des älteren Residenten in Rom, des Giambattista Crivelli. Dieser unser Crivelli war am bayerischen Hof. eine angesehene und beliebte Persönlichkeit. Schon im Jahre 1601 befindet er sich als Kämmerer des Herzogs Maximilian unter den Jmmatriculirten der Hochschule Jngol- stadt. Zwei Jahre später, wahrscheinlich am 9. Februar 1603, vermählte er sich in München mit Anna Maria von Etzdorf, welche seit ihrer frühesten Jugend im herzoglichen „Frauenzimmer" daselbst erzogen worden war; ihre Eltern waren damals bereits beide gestorben, der Vater, Hans Georg von Etzdorf zu Warnbach, hatte vordem die Stelle eines herzoglichen Oberstjägermeistcrs bekleidet, die Mutter stammte aus dem Hennegau. Bald darauf (1606 oder 1609) wurde Julius Cäsar fürstlicher Pfleger in Tölz, wo er in dem etwa um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts erbauten Schlosse Wohnung nahm. Doch war Crivelli in der ersten Zeit viel von Tölz abwesend und insbesondere häufig mit diplomatischen Aufträgen Maximilians an die italienischen Höfe, darunter in erster Linie an den Papst, betraut. Schon 1605 war er in Rom gewesen, um den Papst Paul V. zu seiner Erwählung im Auftrage seines herzoglichen Herrn zu beglückwünschen. Wenige Jahre später (1609) finden wir ihn abermals in Rom, diesmal in der schwierigen Mission, den Papst zur Anerkennung und Unterstützung der nengegründeten katholischen Liga zu bewegen. 1620 war er wieder dort zugleich mit dem Augsburg» Domdechanten Zacharias Fnrtenbach, als außerordentlicher Gesandter, welcher vom Papste Subsidien für die Liga erlangen sollte. Auf sein — Crivelli's — Betreiben wurde der berühmte Fra Domenico di Gesü Maria nach München geschickt, der kurze Zeit nachher nicht wenig zur Begeisterung der bayerischen Truppen in der Schlacht am Weißen Berge beitrug und so den bedeutungsvollen Sieg nnterringen half. In den nun folgenden traurigen Tagen ' des dreißigjährigen Krieges scheint Crivelli viel auf seiner Pflege in Tölz gewesen zn sein, war dann der Führer in den laugen Kämpfen gegen die Schweden im Jsarwinkel von Ende 1632 bis Anfang 1634 und hat durch sein kluges, entschlossenes Auftreten Tölz vor größerem Schaden bewahrt, als die Schweden 1632 daselbst eintrafen. Nach ihrem Abzüge von dort sammelte er die wehrhafte Mannschaft des Marktes und der Umgegend und schlug die Feinde nachdrücklichst bei Dietrams- zell. Im Jahre 1647 — also noch vor dem Friedensschlüsse — starb Crivelli; ein Grabmal ist von ihm in Tölz nicht vorhanden. Dies sind im großen Nahmen die äußeren Lebensschicksale des Schloßgcbictcrs von Tölz. Die von ihm gemeinsam mit seiner Gemahlin erlassene Hausordnung aber lautet folgendermaßen: Hausordnung» welchcrmaßen der edle und gestrenge Herr Julio Cäsar Crivell Herr zu Gudo, fürstl. Durch!. Herzog Maximilians in Bayern rc. Rath, Cammerer und Pfleger zu Thöltz, sammt Ihr. Gnaden geliebten Frau Gemahlin, die auch edle und tugcndsamc Frau Anna Maria Crivella, geborene von Etzdorf auf Warnbach und GrieSstetten rc., von allen ihren im fürstl. Schloß allhie anwesenden Dienern und Dienerinnen, groß und klein, Keines ausgenommen, bei Entsetzung ihrer Dienste, auch noch darzn nnfehlbarlichcr Strafe und Ungnade alle diese Artikel und Punkte mit höchstem Fleiß zn halten ernstlich befehlen tlmn, inmaßen nachfolgender Gestalt beschrieben und ordentlicher Weise zn vernehmen ist. „ Anfänglich und fürs Erste wollen sich wolgcdachte unser gnädiger Herr und Frau zu ihrem ganzeil Hausgesinde endlich getrosten und versehen, dasselbe werde sämmtlich und ein Jedes insonderheit nicht allein der heiligen uralten katholischen Religion zugethan, sondern ein Jedes solle hicmit auch-dahin vermahnt und schuldig sein, allezeit Gott, unsern Schöpfer und Scligmacher, vor Augen zn haben, sich des Gott- lästcrnS, SchwörcnS, Fluchens und SchcltenS gänzlich enthalten und so viel möglich einen eingezogenen und andächtigen Wandel anstellen, alle Sonn- und Feiertage gelegentlich, auf welche Stunde einem dann dazu erlaubt wird, die heilige Messe hören, vornehmlich aber sich der heilsamen Beichte, Buße und Com- munion im Jahre öfter denn einmal, als ncmlich zu gewöhnlichen hohen Festtagen, teilhaftig machen, auch was sonst dergleichen zu der Seligkeit taugliche gute Tugenden mehr sind, befleißen und in Summa sich also hierin ein Jedes erzeigen, wie einem frommen katholischen Christen gebührt und wohl- anstcht. Denn hierdurch sich ein Ehehalt nicht allein eine gute Herrschaft, sondern zuvorderst, und was noch mehr ist, einen gnädigen Gott im Himmel machen thut, der ihnen und unS Allen hernach verboffentlich hie zeitlich und dort in Ewigkeit belohnen wird. Amen. 106 Zum Andern ist dem ganzen Hausgesinde im Sommer um 4, Winterszeiten aber zu 5 Uhr zu Morgens aufzustehen hiemit ihre Stunde ernannt und angehetzt. Alsdann soll sich ein Jedes fürderlich zu seinem Dienst, wozu Eines und das Andere bestellt, verfügen, demselben sowohl, wann Ihre Gnaden allhie sind, als da sie über Land reisen, allenthalben, wie sich gebührt, möglichstem Fleiß nach abwarten rc. Da sich auch unter Diesem begibt, daß Einem durch die Herrschaften oder in ihrem Namen von derselben Richter etwas zu thun befohlen würde, dem ist ein Jedes, Keines ausgenommen, ohne fürwendende, vermeinte Ausreden, Dieß oder Jenes wäre nicht sein Dienst, alsbald zu gehorsamen schuldig; nicht weniger im Fall der Noth überall zuzugreifen und der Herrschaft Nutz zu befördern, auch zu besorgendem Schaden zuvorzukommen oder ihn zu wenden, verpflichtet und verbunden. Ebenmäßig und zum Dritten. Da ein Diener oder eine Dienerin vorhanden, so von Einem im Schloß ein unredliches Stück, als Diebstahl, Leichtfertigkeit oder andere schädliche und verbotene Sachen, so unserm gnädigen Herrn und Frauen zu Rat und Schaden, auch wider diese neu aufgerichtete und mit allem Ernst vermeinte Hausordnung reichen thäte, wußten, dem ist hiemit aufcrladcn, wie es dann ein treuer Diener ohne- dieß Pflicht halber schuldig wäre, Solches der Herrschaft oder in deren Abwesenheit dem Richter, damit man gegen den Verbrecher nach Gcstaltsame der Sache gebührende ernstliche Lcib- strafc fürnebmcn möge, alsbald anzuzeigen: und darf sich diejenige Person, die einen solchen untreuen Diener mit Wahrheit an den Tag gibt, daß sie hernach möchte offenbar gemacht werden, gar nicht befürchten, indem dicselbige allerdings unvcr- mährt (ungesagt, unbekannt) in höchster Geheim bleiben solle. Im Fall man aber das Contrarium und Widerspiel in Erfahrung brächte, daß ncmlich Eines dem Andern stillschweigend zu dergleichen Unthaten Unterschlupf geben, Fürschub leisten oder da ein Argwohn auf Eines vorhanden, verschlagener Weife die Sachen vertheidigen oder unterdrücken helfen wollte rc., dasselbige solle alsdann mit dem Tbäter Andern zu einem Exempel ohne alle Gnade gleiche Strafe zu gewarten haben. Fürs Vierte. So oft mau hiufüran die gewöhnliche Glocke zum Speisentragen läuten und in der Küche angerichtet sein wird, welches sonderlich, wenn fremde Herrschaften vorhanden, mit Fleiß zu observiren und in Acht zu nehmen ist, alsdann, und nit davor, sollen sich die Diener sämmtlich in feinen, sauberen Kleidern mit aller Zucht und Ehrbarkeit in die Küche verfügen, die Speisen ohne alles Verschütten, Dareinplatzcn mit den Fingern, wie bisher wol bräuchig gewesen, oder dergleichen unsaubern Geberden, sondern fein fleißig mit einander auftragen, damit sie der Richter, da er vorhanden, in guter Ordnung auf die Tafel setzen könnte. Wem er alsdann vor oder nach der Mahlzeit, da er cS anders nicht selbst verrichtet, das Haudwasser zu geben oder sonst etwas zu thun befiehlt, dem soll ein Jedes ohne Verweigerung als hätten es Ihre Gnaden selbst geschafft, vonstundan nachkommen und in Sonderheit, wer zum Aufwarten gehört, auf die Tafel fleißig Achtung geben, damit an Brod, Wein, sauberen Tellern und was dergleichen notwendige Sachen mehr sind, kein Mangel erscheine. Wenn es nun zum Aufheben der übergebliebenen Speisen, Confect und Anderem kommt, sollen sich die Diener und Dienerinnen sämmtlich wiederum bei der Tafel finden lassen, dasselbige tragen, wo eS hingchörig ist, doch daß allezeit aufs Wenigste ein oder zwei Diener, nach dem es not tlmt, bei der Tafel stehen bleiben; hernach aber miteinander alle Sachen aufs Sauberste, wie sich gebührt, hinwegräumen helfen, und nicht Eines da, das Andere dort mit Speisen oder Wein in die Winkel laufen in der Meinung seinem Gefallen nach sich damit zu ergötzen oder verschlagener Weise in die Zimmer zu verstecken. Denn das hieße der Herrschaft das Ihrige entfremden und abtragen; würde auch dergleichen Ungebühr keinem also hingehen, wie man vielleicht ansetzt meinen mochte, sondern solle der Notdurft nach darum strafbar sein. Fünftens. Da ein oder mehrere fremde Herrn im Schloß ihre Mäntel, Nappicr oder andere Sachen von sich legen wollen, sollen Ihrer Gnaden Diener sowohl, auch die Dienerinnen auf der fremden Frauenzimmer Kleidungen gute Obacht haben, Solches mit soliderem Fleiß aufheben und nach der Mahlzeit einem oder dem andern Herrn und Frauen dasselbige fein sauber wiederum zustellen und einhändigen. Nachdem auch zum Sechsten bei dem Gesinde bisher nicht ein Wenig ein Mißbrauch Angerissen, daß, wann sie ob Tisch gesessen, allerlei leichtfertige, schändliche und unzüchtige Possen unter ihnen vorübergegangen sind, dadurch dann Eines dem Andern zum Lachen und Kuttern (Kichern) Ursache gegeben, also daß man wol bisweilen an dem Gesiudetisch viel lauter als an der Hcrrentafel gewesen ist — und obschon wohl dergleichen Ungebühr die Herrschaft selbst etliche Male geahndet, so hat doch Solches bis Dato nichts helfen wollen, sondern man hat es auf einein oder dem andern Wege continuirt und freventlicher Weise getrieben rc. Solchem schändlichen und ärgerlichem Wesen zu begegnen und inskünftig gar abzustellen, so befehlen Ihre Gnaden hiemit ernstlich und wollen, daß derselben ganzes Hausgesinde Hinfür mit guter Zucht und Ehrbarkeit, sobald sie ihr Gebet verrichtet haben, das Essen, was ihnen Gott zuschickt, notdürftig mit einander einnehmen sollen, sich des unzüchtigen und vergeblichen Geschwätzes, so viel möglich, enthalten und allein, was sich über Tisch vorzubringen geziemt, mit einander, doch in aller Stille, reden, alsdann nach Essenszeit ordnungsgemäß fleißig wiederum beten und Gott dem Herrn um empfangene Wohlthaten mit Andacht Dank sagen rc. Im Fall aber Eines oder das Andere sich noch nicht warnen lassen, sondern in vorberührter Unzucht fortfahren, und man solche Person in gewisse Erfahrung bringen würde, wie dann Ihre Gnaden auf solche ungehorsame Leute deswegen sonderliche Spech (Spähe, Acht) halten zu lassen gedenken, hierüber ein Diener etliche Tage mit Wasser und Brod im Thurm, die Weibspersonen aber sonst in andere Wege unfchlbarlich gestraft werden sollen. Zum Siebenten. Damit nicht ein jeder Bettler oder andere vorgebliche Personen allezeit ihrem Gefallen nach, wie etliche Male bräuchig gewesen, wann man ob der Tafel sitzt, ins Schloß herein könnte, so ist anjetzo dieses Mittel fürgcnommen, daß hinfüran alle Mahlzeiten sowohl beim Tag als bei der Nacht nicht allein das innere Schloßthor, sondern auch der äußere Gatter mit allem Fleiß versperrt werden muß und so lang zubleiben, bis man von der Tafel aufgestanden — welches dann einem Füttercr und da derselbige nicht allezeit vorhanden wäre, dem Kutscher hiemit zu thun aufgetragen und ernstlich eingebunden solle sein. Zum Achten solle kein Diener sich anmaßen, für sich selbst in unsers gnädigen Herrn Zimmer zu gehen, es sei denn Sache, er werde durch das Läuten oder in andere Wege ordentlicher Weise darin begehrt, viel weniger in demselben von Schreiben oder anderen Sachen Nichts anrühren, noch verrücken — und wenn er hernach sein Geschäft verrichtet hat, sich alsbald obne ferneres Aufhalten wiederum daraus begeben, ein Jeder bei der Stelle bleiben und warten, bis Einer oder der Lindere weiter zu Diensten erfordert wird. Am Neunten. So verbieten Ihre Gnaden in Sonderheit, daß hiesüran kein Diener oder Dienerin mehr zu ihrer selbst Gelegenheit, wie sie vor Diesem gethan, sich aus dem Schloß begeben sollen, daß sie, wann man ihrer zu Diensten bedürftig, erst lang im Markt allenthalben gesucht müssen werden, ja wohl hernach dazu gar noch toll und voll heimkommen, sondern ein Jedes soll sich bei der Herrschaft oder in Abwesenheit derselben dem Richter, wie sich gebührt, darum anmelden, und, ob ihm selbiges Mal hinaus zu gehen erlaubt werden kann oder nicht, eines Bescheids zu erwarten. Was alsdann derselbige mit sich bringt, dem ist ein Jedes bei Strafe ohne weiteres Auflehnen nachzukommen schuldig. Zum Zehnten haben sich auch seither Etliche vermessener Weise unterstanden: alles, was sie im Schloß gehört und gesehen, das und noch wo mehr dazu, als die Sachen an sich selbst gewesen, ist durch sie entweder gar gen München geschrieben oder aber sonst alsbald in den Markt hinaus geschwätzt worden. Welches nun hinfüran durchaus allerlei beweglicher Ursachen halber nicht mehr zu gedulden oder zu leiden ist. Wie dann Solches ebenmäßig, als wie andere dergleichen vorange- deutcte Mißbräuche, nicht weniger auch den Dienern und Dienerinnen im Schloß das Zusammenstehen und unnotwendige Schwätzen in den Winkeln oder Zimmern hiemit bei hievor comminirter Strafe allerdings abgeschafft, dagegen aber cxpresse den Dienern und Dienerinnen befohlen und aufgetragen sein solle, alle diejenigen Sachen, so die Herrschaften betrifft, ver- fchwiegener Weise bei sich zu behalten; Jtcin, wo auch gehört wird, daß man die Herrschaften vergebens und ungebührlicher Gestalt im Maul umziehe, dieselben, so viel sich thun läßt, defendieren und möglichstem Fleiß nach schützen und schirmen helfen. Ailftens. Wann zu Nachts die Herrschaften schlafen zu gehen Pflegen, werden sich diejenigen Diener und Dienerinnen, so zu Ihrer Gnaden Zimmer und Kammer bestellt, auch zu befleißen wissen, damit bei guter Zeit zuvor der Nacht- oder Kammzeug und, was sonst dazu gehörig, fein ordentlich aufgerichtet werde, auch mit dein Abziehen, Auskehren und Zu- 107 sammmlegen der Kleider also verhalten, daß hicrmnen kein Mangel erscheine rc. Wann nun dieses Alles fleißig verrichtet und die Diener ihres Dienstes entlassen werden, sollen sie nicht erst in der Küche oder anderswo mit den Weibspersonen einen ungebührlichen Schwätzmarkt aufschlagen und allerlei leichtfertige unzüchtige Sachen auf die Bahn bringen, viel weniger bei der Nacht gar aus dem HauS liegen, inmaßen hievor Etliche gethan, sondern ein Jedes in sein deputirte Kammer schlafen gehen und zu hievor gedrohter gewißlich wahrgcmachter Strafe nicht Ursache geben. Schließlich und für'S Zwölfte. Dieweilen dann in allen diesen jetzt nach einander verlesenen Artikeln und Punkten dem Dienstgesinde gar nichts Beschwerliches oder Unleidliches, welches Eines billig zu ahnden hätte, sondern allein alle nützlichen Sachen, dadurch Zucht und Ehrbarkeit gepflanzt und ein frommer Ehehalt ohnedicß, will er anders Schande und Spott entfliehen, zu leisten schuldig ist, aufgetragen wird — demnach und hierauf soll ansitzt Eines und das Andere, daß sie diesem Allen fleißig nachleben, auch dem Richter in Abwesenheit Ihrer Gnaden in allen billigen Sachen Gehorsam leisten wollen, ihrer Herrschaft ordentliche Pflicht darauf thun. Auf daß aber Niemand, als hätten sie solche Hausordnung und Artikel auf einmal nicht allerdings Verstanden rc., mit der Unwissenheit sich entschuldigen könnte, so wird diese Hausordnung — darauf dann die Herrschaft inskünftig stark zu dringen entschlossen — im Jahr viermal, ncmlich zu Qnatemberszeitcn oder nach Gestalt der Sache Vielleicht noch öfter, dem ganzen Hausgesinde öffentlich publicirt und verlesen werden. Hierauf und zu einer gebührliche» Verglcichung aller und jeder in dieser beschriebenen und jetzt abgelesenen Hausordnung inscrirter und eingebundener Artikel, sofern anders die Diener und Dienerinnen diesem Allem fleißig und gutwillig nachkommen werden, so sind unser gnädiger Herr und Frau rc. entgegen dieses gnädigen Erbietens, daß sich derselben Dicnsilcute alle und jede nicht allein ihrer jährlichen dcputirtcn und bestimmten Besoldungen, Essen, Trinken und dergleichen Notwendigkeiten, sondern auch noch dazu alle Beförderung, es sei zu besseren Diensten, ehrlichen Hcirathen und anderer gebührlichen Hilfe gänzlich zu gctrösten haben sollen rc. Dessen weiß sich ansitzt ein Jedes durch angedeutete Mittel theilhaftig zu machen, vor Strafe und Ungnade (so man Keinem gönnen will) allerdings zu verhüten." Daß der fürstliche Pfleger Julius Cäsar Crivelli ein Alaun von Ordnung und Sitte war und seinen katholischen Glauben hochhielt, ist aus dieser „Hausordunug" wohl ersichtlich. Ihr Inhalt könnte mit Fug und Recht im Wesentlichen auch heute noch gar Vielen — Dienstboten wie Herrschaften — zur Mahnung und Darnach- achtuug dienen. Dr. Winke für Palnstiircchilger. Von Dr. Sepp. Es ist eine leidige, nicht länger zu verschweigende Thatsache, daß unsere christlichen Pilger nach dem gelobten Lande, deren Zahl von Jahr zn Jahr Zunimmt, an falsche Orte und neuerfundene Sanctn- arien geführt werden, die mit dem Leben des Heilands gar nichts zu thun haben. Schon Patriarch Valerga kam deßhalb mit den nicht wohl unterrichteten italienischen Hütern der dortigen Wallfahrtsstätten in Couflikt, und unwissenschaftliche Frömmigkeit trägt ebenso an solchen Verirrungen schuld, wie halbe Gelehrsamkeit. So mancher beeilt sich, treugläubig an den Dragoman, eine Reise- beschreibung herauszugeben, ohne sich besser zu orientiren, oder er schafft sich den Palästina-Bädeker an, welcher, vom protestantischen Theologen Benziuger neu aufgelegt, so unkritisch wie möglich ist. Verkehrt sind die Stationen der Geburt des Täuferszu Sän Giovanni in Ain Karim, zwei Stunden von der West- Pforte Jerusalems, wohl um durch solche Nähe den Pilgern den Besuch zu erleichtern. Jrrthümlich weist man in der reizendsten Landschaft, wo nun die Sionschwestern ihre Sommerfrische halten, zwischen dem „Weinbergbrunnen" (nun Mariaborn) und Terebinthenthal im eigentlichen Tempe des Landes der Verheißung dazu die J^hanniswüste (Mark. I, 4) nebst dessen Einsiedler- höhle. Halbwegs nach Bethlehem liegt das Eliaskloster, gegründet vom Jerusalemer Patriarchen Elias (ch 518); aber die Griechen schützen den Propheten vor, und zeigen vor dem Thore auf die Steinbank mit dem Lcibeseindruck zum Beweise, daß er auf der Flucht da geruht. Gründlich falsch ist die moderne Annahme von Emmaus im weit entfernten Kubeibe, weil sich dort eine Kirchcnruine fand. Verkehrt nennen wir den Neubau eines Pilgerhauses nebst Kapelle zu Kefr Kenna, näher bei Nazareth, statt in Kann Galil den Ort des Hochzeitswunders Kanu in Galiläa zu erkennen. Bethsaida führt noch heute den alten Namen Mesadijeh, gelegen am Nordostnfer, an der Abend- seite des Sce's hat es nie ein zweites gegeben. Unverzeihlich endlich ist die Wanderung nach Telhum, statt Kapharnaum in dem von den Arabern noch heute so genannten „Christendorf" Kefr Minieh zu erkennen. Daß der letzte Zufluchtsort Jesu, Ephrem in der Wüste (Joh. XI, 54), südlich in der Landschaft der Gadarener, so auch Aenon bei Salim (III, 23) im Süden JndäaS ganz übersehen sind, kommt noch dazu. Kein Land hat mehr religiöse und politische Umgestaltung erfahren, als Palästina, und die Landkarte wird zum völligen Palimpsest, indem ein Eroberer um den andern seit 2000 Jahren seine Einträge über- und durcheinander gemacht hat. Die ältesten Einwohner des Landes waren die Chetiter, ein Völkerbund, zu welchem sogar die Dardnner gehörten. Das Hans des intelligenten griechischen Bischofs Neron zu Nazareth bewahrt im Atrium zwei ansgegrabene Steinköpfe gewiß von einem Alter, wie die assyrisch-babylonischen, oder aus Abrahams Zeit, übrigens von einer Häßlichkeit, daß sonst nur Indianer- oder die atavistische Physiognomie eines Lords Maitland auf Korfn, des bekannten Gricchen- feindes, mit ähnlich verguatschten Zügen aufstoßcn könnten. Der älteste Neligionsdienst in Kanaan, dem „Niederlande", ist der des Donnergottes Elias am Karmel, der im feurigen Wagen durch die Wolken fährt und (nicht zu verwechseln mit dem Propheten) als Ncgenherr Jlia auch noch im Kaukasus, wie bei den Serben, verehrt wird. Er ist in den Hintergrund getreten, aber seine Wiederkehr wird (wie Mark. IX, 10) noch heute erwartet und jährlich am Eliasfeste den 20. Juli figürlich der Wunschknabe vom Lebensbruunen weg aufs Roß gehoben, auch wie bei den Griechen Jacchos mit unbeschreiblichem Jubel von allem Volke des Umlandes, welcher Religion immer, begrüßt. Alsdann galt für die Kreuzritter trsuAL Ost, und wie damals im Wettrennen vollführen die Beduinen noch heute ihren feurigen Umritt. Das Prophetengrab Wely Nebi Elia findet sich vor dem Nordthore von Damaskus, wie bei Sarepta; nicht minder habe ich vor dem des Jonas verschiedentlich die Schuhe ausgezogen, um beim Betreten deS Innern ja keinen Muslem zu ärgern, ziehen sich doch seine Heiligthümer der ganzen Küste entlang bis Troja hin, eben weil der Held mit dem Fischabentener — der babylonische Oanncs, eine weltgiltige Person ist. Unter der XVIII. und XIX. Manethonischen Dynastie war Palästina ägyptisch, und davon schreibt sich noch der jüngst entdeckte*) Opferstein zu Schech Sad im Hauran mit der geflügelten Sonneuschcibe. Er gehört zum Grabmal Hiobs, Kabr Ayub, welches in einem Dolmen aus der Steinzeit besteht. Aegyptens Grenze reichte in Sesostris' Tagen nach dem Papyrus Anastasi I bis zum Lande Aup gegen Syrien hinaus. Zu dem, einen Pfeilschnß südlich gelegenen, Dar Ayub oder Hiobs- kloster aus der Gassauidenzeit, kommen muslimische Pilger noch bis aus Ceutralafrika, zumal ein Negerhospiz da besteht — so nachhaltig ist der Neligionsglaube. Hiob erwähnt (30, 6) noch die Höhlenbewohner, und hat sein Andenken auch in Tannur Ayub, dem Warmbade von Channizera oder Ciunerez, das von einem noch auf einer alten Karte in Florenz verzeichneten Dolmen bis ins Mittclalter herein Tabula oder Mensa hieß. Hier soll er auf Allah's Geheiß den kalten Born, dann mit dem andern Fuße den heißen Sprudel aus dem Boden gestampft haben und in diesem vom Aussatze rein geworden sein, wie die Kvranausleger Sure 38 naher ausführen. Die Bauten der Ureinwohner, meist auf Höhen gelegen, zeigen, wie jene der Phönizier zu Tyrus und Sidon und am Salomonischen Tempel fugengeräuderte Steine. Sie waren ein Staatsvolk, aber ihre Städte- republiken unterlagen ohne inneren Zusammenhang dem Beduinenstamm der Beni Israel. Erst als diese ein Königsvolk geworden, gelang die Eroberung Jerusalems aus der Hand der Jebusiter, und die Gründung Salems wurde statt der Priesterstadt Hebron zur Hauptstadt erkoren. Die heilige Stadt hat niemals Jebussalem geheißen, auch nicht Hierosolyma, wie die Griechen deuteten, sondern der Name besagt: Die Stadt (Ir) oder Gründung (lern) Salems, sei es die Friedensstadt, wie Jeruel (II. Chron. XX, 16) die Stadt Gottes. In den babyl.- assyr. Keilinschriften taucht noch das Wort uru, oru für urlw auf, was akkadisch ori, hebräisch (Genes. 10, 11) ir; Ursalimma lautet der Name der Stadt des Chazakijahu (Hiskias) zu Kujundschik am Palaste Sanheribs, Jura in der Siegestafel Sesenks (Sisaks). Urkundlich nennt sie Jsaias 48, 2 Ir olioäesLll, die hl. Stadt, wie sie noch ei Xu äs im Munde der Araber heißt. Die assyr.-babyl. Gefangenschaft der Jsraeliten und Juden bildet einen wichtigen Abschnitt auch für die Topographie Palästina's, denn nach der Rückkehr muß der Volksrest sich im Lande erst neu zurechtfinden, und Hiebei kamen die Judäer mit den Samaritern zuerst in Conflikt. Diese behaupteten, der Berg, wo Abraham das stellvertretende Opfer für seinen Sohn brachte, welches sie noch jährlich wiederholen, sei der Garizim, und das Land Moria bei ihnen gelegen (Genes. 22, 2, Deuter. 11, 29. 30), nämlich der Hain More, darum habe Josua die Gesetzestafeln auf dem gesegneten Berge aufgestellt. Ich habe eigens den Weg von Bires Seba (Beersabe) angetreten, sprach zu mir 1874 der Cohen Jmram oder Priester des zusammengeschwundenen Volksrestes zu Sichem-Nablus, aber der Tempelberg zu Jerusalem ist gar keine Höhe, zu welcher der Patriarch die Augen erheben konnte, auch paßt die Entfernung von *) Entdecker ist der bereits von der Pforte zum Ober- ingenieur ernannte Tempelchrist Schumacher, welcher eben die Schiencnbahn von Kaifa am Fuße des Karmel durch die Ebene Jezrcel in der Richtung nach den Pfeilern der alten Nömerbrncke (Dlchisr Um cl Kanatir), sieben Kilometer vom Ausfluß des Jordans aus dein See Gcnnezareth, baut und bis Damaskus vermessen hat. Auch die französischen Dominikaner stießen bei der Grundlegung zu ihrem Hospiz vor dem Damaskusthor in Jerusalem auf eine ägyptische Stele. drei Tagen nur auf unsern heiligen Berg. Hierin mögen sie Recht haben. Nachum, welcher den Untergang Ninive's prophezeihte, hat sein Grab zu Alkusch bei Mosul; nach dem Exil errichteten die Galiläer zu seiner Verehrung im alten Kinnereth ein Grabmal, daher die Stätte fortan Kapharn au m, Dorf Nahums, und zwar im Talmud Beracoth o. 9 Fol. 48, 2 „das alte Nahum" hieß. In diesem Sinne kennt Nabbi Jsaak Chelo noch 1333 Kefar Nahum, wo früher viele Minim, d. h. Christen, waren, und Carmoly setzt die Grabstätte auf seine hebräisch beschriebene Palästinakarte. Es liegt südlich nur eine Viertelstunde von obigem Tannur oder Hammam Ayub, dem Ofen oder Warmbrunncn Hiobs. Von den Sanktuarien und strittigen heiligen Orten des gelobten Landes wollen wir vorsätzlich reden, und hier ist die Kirche des Christusgrabes zuerst angefochten. Wer möchte glauben, daß gerade seit der Gründung des anglikanischen Bisthums auf dem Hügel Sion aus Anlaß des Ritters von Bunsen 1840 die ächte Lage in Frage gestellt wurde! Ging doch noch jüngst, im September-Monat 1892, die Nachricht durch die Blätter, das von General Gordon entdeckte Heilands- grab, oder sogenannte Gordonsgrab, sei mit dem Platze um 4000 Pfund Sterling feil. Sogar der Erzbischof von Canterbury und die Bischöfe von Salisbury, Nöchester, Nipon und Cashel gaben ihre Zustimmung zu den Ausgrabungen und wenigstens 1000 Pfund sind bereits zusammengekommen. Hier käme doch besser das von Cler- mont Ganneau, dem französischen Kanzler, aufgedeckte Lustr Isu zwischen dem Berge des Aergernisses und Thale Kidron zur Sprache, in welchem der Finder sogar noch auf eine Hirnschale stieß; dabei bot ein Nachbargrab noch die Namen Lazarus und Simeon. Schade, daß die Hebräer keine Sarkophage, sondern Schubgräber kannten, wie sie auf unsere Klöster sich vererbten. König Herodes Agrippa führt 42 aer. vulg. die dritte Mauer auf, welche den Hügel Goatha (Jerem. 31, 39) oder Golgatha, die Neustadt (Oaonoxolis), und den Hügel Bezetha mit einschloß. Da nun Constantin die HI. Grabkirche baute, kam diese nothwendig in den Umfang der von Hadrian (unter Ausschluß der Süd- hälfte des Sion) mehr nach Norden verlegten Stadt. Meiner Rechtfertigung der ächten Lage kamen nachträglich die Ausgrabungen des russischen Ministers und zweimaligen Palästinapilgcrs Abraham Noroff zu statten, welche im abessinischcn Klosterhose noch ein Stück der Zweiten Stadtmauer und des alten Stadtgrabens nachwiesen, worin sich merkwürdig noch steinerne Schleuderkugeln, offenbar von der Belagerung unter Titns, vorfanden. Der Missionär Barclay nahm deren nach Amerika mit, auch ist die sogenannte Kapelle des Kreuzfundes der hl. Helena in diesen äußeren Stadtgraben hineingcbaut: der Grabmünster kommt augenscheinlich außer die Altstadt zu stehen. Seitdem haben Nachgrabungen in der Grabkirche selbst am Orte des sogenannten Kerkers Christi auf eine förmliche Gruft mit Kokim oder Schiebgräbern zur Seite geführt, wonach das Felsengrab Josephs von Arimathia nur eines von vielen hier an der Westseite war. Nach der Eroberung und Zerstörung des Tempels und der halben Stadt siedelte Titus 800 Veteranen im Dorfe Emmaus, 60 oder nach anderer Leseart 30 Stadien von Jerusalem, an. Davon erhielt der Ort den neuen Namen Colonieh, doch heißt der Brunnguell daselbst noch Botel Amus. Römisch sind Brücke und 10S Straße, sowie Kastul oder das Castell auf der Höhe, so daß Hieronymus in der Vulgata Luk. 24, 13 von der Identität überzeugt der Zeit vorausgreifend mit aastellum übersetzt. Die Sache scheint sonnenklar, auch die Entfernung von anderthalb Stunden für die Position zu sprechen: gleichwohl hat diese sichere Aufstellung mir eifersüchtige Gegner zugezogen, und doch bringe ich die Tradition bis ins vorige Jahrhundert wieder zur Geltung. In kirchlichen Fragen kommt wissenschaftlich nicht leicht eine Frage zum Austrage; schon Monelia sagt mit Recht: Lo ventum est, nb owniL tütn tirneainus, ouuota xsrvertsrs QonLnUi rnoliuntur. (Schluß folgt.) ^ ?. Constantin Lievens, der Apostel der Kolhs. I's. Seit zehn Jahren haben wir über die katholische Misston bei dem indischen Heidenvolke der Kolhs berichtet, das in mehreren Stämmen im nordwestlichen Theile West - Bengalens wohnt. Mit besonderer Aufmerksamkeit haben wir dieses Missionswerk vom Jahre 1886 verfolgt. Denn um diese Zeit begann l?. Lievens, der Apostel der Kolhs, sein großes Bekehrnngswerk. Ja, mit Recht darf man sagen: großes Bekehrungswerk! Hat doch ?. Constantin Lievens in der erstaunlich kurzen Zeit von kaum sieben Jahren und unter den schwierigsten Verhältnissen — unter bitterer Noth und Entbehrung und grimmiger Verfolgung — eine solche Menge wahrer Bekehrungen erwirkt, daß er in dieser Beziehung wohl in der ganzen — bisherigen Missionsgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts als einzig dasteht. Wenn wir heute wieder seiner großen apostolischen Thätigkeit gedenken,*) so geschieht es mit tiefer Wehmuth, denn l?. C. Lievens ist nicht mehr! In übermäßiger, ganz außerordentlicher Anstrengung hat er dem apostolischen Beruf sein Leben geopfert — und in dem schönsten Mannesalter von 37 Jahren! )?. Constantin Lievens wurde geboren am 11. April 1856 zu Moorslede in Westflaudern. Schon als junger Kleriker durchglühte ihn der Wunsch, Missionär im fernen Heidenlande zu werden. Mit diesem Wunsche entschied er sich ein Mitglied der Gesellschaft Jesu zu werden und trat am 22. Oktober 1878 ein in daS Noviziat Trouchienes. Schon im Jahre 1880 befand er sich im Lande seiner Sehnsucht — in Indien. Die belgische Ordensprovinz der Gesellschaft Jesu besaß seit dem Jahre 1859 in dem unbebauten weiten Missiousgebiete Westbengalen ein großes Arbeitsfeld. Nachdem alldort der junge Flamlünder im Seminare zu Asansole seine theologischen Studien vollendet hatte, wurde er am 14. Januar 1883 von Msgr. Goethals, apostol. Vicar (später Erzbischof) in Calcutta, zum Priester geweiht und wirkte dann zwei Jahre als Lehrer und Erzieher im Collcg des hl. Franz Xaver in Calcutta und in Asansole. Im Jahre 1885 trat?. Lievens ein in die Kolhs-Mission. Damals bestanden unter den Kolhs-Stämmen der Muudaris, Oraons und der Hos die Hauptstationen Do rundn (bei Nanchi, der Hauptstadt von Chota- Nagpur), Jamgain und Mariadi — sämmtlich im Distrikte Lahordagga, und Tschaibassa im Distrikte *) Wir entnehmen die Thatsachen der Zeitschrift „Die katholischen Missionen" aus ihren Jahrgängen von 1875 bis Singbhum. Diese Statiorten waren als Centralstellen auserlesen. Die erste Station unter den Kolhs gründete k. Stock mann im Jahre 1868, es ist jene von Tschaibassa. Im Jahre 1873 errichtete k. Stockmann die Filiale Burudi. Bald darauf gründete )?. de Coek die Station Do rundn. Anno 1874 erhielt die Kolhs- mission vortreffliche Hilfe durch Mitglieder der Kongregation der „Kreuzschwestern", welche der „Culturkampf" aus Deutschland vertrieben. Bis zum Jahre 1880 war, bei allem Eifer der tüchtigen Missionäre, das Misstonswerk noch von geringem Erfolge. Als nun die Hilfsmittel sich mehrten, kam ein reges Leben in das sich nun rasch entwickelnde Werk. Anno 1881 gründete k. Müllender die Station Mariadi und bald darauf Josephdi. 1883 gründete k. Mottet die wichtige Station Bandgaon, welche Centralstelle für Mariadi und Josephdi wurde. Im Jahre 1884 war in Dorunda die Zahl der Bekehrten von 378 im Jahre 1881 auf 1149 gestiegen. Am raschesten hatte sich bisher Mariadi entwickelt. Erst 1881 gegründet, zählte es 1885 — im August — mit Josephdi 1052 Bekehrte. Im Laufe des Jahres 1885 eröffnete k. Constantin Lievens seine erste Station — Torpa, im Bezirke Chota-Nagpur — mit 52 Christen. Diese Mission entwickelte sich sofort derart, daß der hochw. Missions-Obere l?. Grosjean meinte, Torpa könne ein zweites Mariadi werden. Aber — Torpa sollte Mariadi in fast unglaublich kurzer Zeit schon weit überholen. Nach kaum Einem (!) Jahre — im August 1886 1157 Bekehrte — und am 1. Dezember des gleichen Jahres war diese Zahl aus 2500 gestiegen! Und eben an diesem Tage — 1. Dezember — zählte Mariadi mit Josephdi, Burudi und Bandgaon 2120 Getaufte. Von der Arbeitslast, welche )?. Lievens zu bewältigen hatte, können wir uns keinen Begriff machen. Wohl war ihm k. Gengler beigegeben; derselbe war jedoch der Sprache der Eingebornen noch nicht mächtig und litt häufig am Fieber, so daß ihm gegen Ende 1886 ein anderer Ort angewiesen wurde. k. Gengler schrieb über die Arbeitslast k. Lievens' eben im Jahre 1886 — am 2. Oktober — aus Torpa: „I?. Lievens hört Jeden mit der größten Geduld an; Niemand hat ihnen bisher eine solche Theilnahme geschenkt. Aber es ist ein schweres Stück Arbeit für den eifrigen Missionär. Es gibt Tage — der gestrige z. B. — am 1. Oktober — wo uns das heiligste Herz 116 Neubekehrte geschenkt, — an denen er auch nicht einen Augenblick frei hat, und des Abends kann er sich dann vor Müdigkeit nicht mehr aufrecht halten. Wir zählen einzig auf die Hilfe der Vorsehung, um dieses schöne und große Werk auszuführen." Vierzehn Tage später schrieb k. Lievens selbst: „Ich bin krank; Arbeit und Ermüdung erdrücken mich fast. Dennoch kann ich mir keinen Augenblick Ruhe gönnen. Ich habe jetzt (das war am 16. Oktober 1886) 2000 Christen (einen und einen halben Monat später waren es 500 mehr!); etwa 15 Schulen und täglich im Durchschnitt 20 Bekehrungen. Ob das so fortgehen wird, weiß ich nicht." Und bei diesen riesigen Anstrengungen lebte U. Lievens in bitterer Armuth! — — „Ich habe kein Haus, keine Möbel (schrieb er im Herbste 1885), noch Geld, und kaum so viel Lebeusuothdurft, daß ich nicht Hungers sterbe. Allein ich habe meine Station dem liebenswürdigen Herzen unseres Heilandes geweiht; ich habe Maria zur 110 Schutzpatronin, St. Joseph zu meinem Schaffner und die heiligen Engel zu meinen Gehilfen erkoren." Das ist die Sprache eines wahren Apostels. — Als l?. van Reeth, damals Provinzial der belgischen Ordensprovinz, gelegentlich seiner Visitationsreise in Indien nach Torpa kam, „konnte er sich beim Anblick der Armuth und Entbehrung, zu welcher k. Lievens sich vemrtheilt hatte, der Thränen nicht erwehren." Aber nicht nur Armuth und Noth hatte der fromme Missionar und wahre Menschenfreund zu ertragen, sondern auch schmählichste und gröblichste Unbilden von den protestantischen „Sendboten" — aus der deutschen Goßner'schen Missionsgesellschaft. Diese „Missionäre" waren allerdings schon lange vor den katholischen Missionären unter den Kolhs thätig und hatten endlich einen wenigstens numerischen Erfolg erzielt. Und als Anfang der 1880er Jahre die katholischen Missionäre mit vermehrten Kräften schon ungewöhnliche Resultate erzielten, erhob sich auf protestantischer Seite die Verdächtigung und Verlüumdung gegen die katholische Mission in wirklich empörender Weise. Die feindlichen Angriffe wurden so heftig, daß sie von den katholischen Missionären in der Presse zurückgewiesen werden mußten. Als nun durch die ganz außerordentlich raschen und großen Erfolge des l?. Lievens das ganze Werk der protestantischen Kolhsmission zusammenzubrechen drohte, da richtete sich der Haß in grimmer Wuth und Verfolgung gegen Lievens. Er schüttelte durch markige Vertheidigung in Wort und Schrift seine Feinde ab — und waltete in gewohntem Glutheifer seiner Begeisterung seines hohen BerufeS. Am 30. Juli 1887 schrieb er: „Preisen wir Gott in den Werken seiner Gnade, die er hier in Torpa wirkt. Seit dem letzten Jgnatiusfeste (31. Juli) hat sich die Zahl der Bekehrten verzehnfacht"(!). Es waren 20,000! — Am 15. Juli 1887 erhielt er sehnlichst erwartete Beihilfe durch ?. Cazel u. I'r. Seitz. Eben 1?r. Seitz schrieb: „Voll Eifer für die Sache Gottes und beseelt von dem heißen Wunsche, Seelen zu retten, nahm sich k. Ltcvcns der Mundaris an. Seit seiner Ankunft in Indien hatte er mit Wehmuth beobachtet, wie die armen Ureinwohner von Chota-Nagpur von den geldgierigen Hindus (insbesondere von den Steuereinnehmern!) ungerechter Weise bedrückt (ja ,ausgesogeiü) wurden. Jetzt, da es ihm endlich vergönnt war, seine Arbeit und sein Leben diesen Armen zu weihen, that er es auch von ganzem Herzen." „In Calcutta und andern Städten Indiens", meinte LievenS in launiger Weise, „bestehen Vereine zum Schutze unserer Hansthiere gegen Grausamkeiten; das mag seinen guten Grund haben; aber jedenfalls will ich, eh' ich Mitglied eines solchen Vereines werde, erst einmal versuchen, meine lieben Mnndaris vor ungesetzlichen, grausamen Behandlungen von Seiten der Beamten zu schützen."*) Es war bei dem Mnndarisvolke schon früher zu einem Ausstände gekommen und es drohte eben wieder ein solcher anszubrechen. Ihr Verlangen spricht sich aus in den Worten: „Wir wollen unsern eigenen König wieder haben, wie früher; unter ihm waren wir wohlhabend und glücklich; jetzt bereichert die Frucht unserer Arbeit Fremdlinge, und wir müssen darben." Die englische Regierung hatte zwar billige Gesetze gegeben, allein diese wurden von den Steuerbeamten — „Tikedaren" — die zugleich Aufseher über das politische Verhalten des Volkes und alle Hindu *) S. „D. kath. Miss." 1888 S. 66 ff. sind, nicht gehalten. Die Polizei aber, deren Beamte zumeist Mohammedaner sind, läßt sich von den Tikedaren ins — klingende Schlepptau nehmen. Da stand nun l?. Lievens auf, belehrte mit vollständiger Kenntniß der bestehenden Gesetze das unterdrückte unwissende Volk, unterstützte es mit Wort und Schrift in vorsichtigster, kluger Weise, auch persönlich; ermähnte sie, den erlaubten Hilfeweg des Gesetzes nicht zu verlassen, und die erfreulichsten Folgen dieses An- strebens waren es, welche Hunderte und Tausende dieser Heiden dem „großen Lehrer" und Missionär ?. Lievens zuführten; der ihnen dann vollkommen begreiflich machte, daß der erreichte bessere leibliche (materielle) Zustand sie noch lange nicht wahrhaft glücklich mache, wenn sie sich nicht, und zwar mit aller Aufrichtigkeit, zum festen und treuen Glauben an die göttlichen Offenbarungen bekehren würden. Dadurch erreichte k. Lievens den Hauptzweck der Mission. Und diese Heiden, deren Religion in einer Art Geistercult, freilich auch mit traurigem Aberglauben, bestand, die sonst einen friedlichen Charakter haben, wurden in der That iuniggläubige Christen. — Schaarenweise strömte das Volk 20, 30—35 Meilen weit nach Torpa, und nicht bloß die Heiden, auch die protestantischen Ein- geborneu. Noch im August 1887 hatte Lievens 15,000 Bekehrte und 60 Schulen — im Dezember war die Zahl, wie schon gesagt, auf 20,000 gestiegen! Und der demüthige, selbstlose Pater stellte diese großen Erfolge immer allein als Gnadenwirkuugen Gottes hin. Schon im Mai 1888 zählte die Mission 45,000 Christen und Kate- chumenen! „Die kathol. Missionen" haben Recht, wenn sie in ihrem Mürzheft S. 51 schreiben: „In der That, was der junge Missionär in drei Jahren geleistet, grenzt aus Wunderbare!" — Im Jahre 1888 wurde die Mission organisirt und k. Lievens siedelte nach Nanchi über — der Hauptstadt von Chota-Nagpur und zugleich Hauptort von ganz Lohardagga. Seine Aufgabe war nun: seine reichen Erfahrungen auch in den Dienst der andern Stationen zu stellen und ihnen eine „gemeinsame" Marschroute zu geben. Außerdem leitete er die Heranbildung tüchtiger Katechisten und Schullehrer. Auch hier wurde k. Lievens wieder von Schaaren Rath- und Hilfesuchender umlagert. Durch die Anordnungen des ?. Lievens drangen nun die Missionäre — zunächst die Katechisten — bis in das Gcbirgsland im Westen Lohardagga's — nach Barwai — vor, das noch nie der Fuß eines Missionärs betreten. Von Raucht aus unternahm k. Lievens ebenfalls größere Wanderungen. Auf einer vierzehntägigen Rundreise taufte er, eben noch im Jahre 1888 und zwar im September, 1500 Kate- chumenen. In oieser Zeit begannen mit besonderer Wuth und in der Folge immer heftiger werdend die feindlichen Angriffe der protestantischen Secten, einzelner barbarischer Gutsherren und mancher Steuereinnehmer. Lievens erlebte die bittersten Stunden, und war sogar sein Leben bedroht. Das abscheuliche Echo häßlichster Verleumdung und Anklage hallte wider sogar in der „Allgemeinen deutschen Missionszeitschrift", wovon wir seinerzeit wiederholt berichteten. Trotzdem und allcdem schritt Lievens, der Mann des Gottvertrauens, feurigen Muthes fort auf seiner erhabenen Siegesbahn. Noch wollte er „mit Gott!" seinen großen Plan durchführen: die Bekehrung des biederen Barwai-Volkes. Nachdem er im September 1888 seine Katechisten dorthin gesandt, unternahm er 1889 111 im Oktober seine so berühmt gewordene apostolische Reise nach Barwai. Die Katechisten hatten mit großem Erfolge vorgearbeitet, k. Lievens prüfte, lehrte weiter und in drei Wochen taufte er 13,000 Heiden, Erwachsene und Kinder. Im Jahre 1890 zog er abermals in die Berge von Barwai, verweilte dort einige Monate, lehrte, predigte und taufte — Tag für Tag, und feierte das Weihnachtsfest unter 3000 Neubekehrten. Es folgten immer neue Bekehrungen. Am 8. Januar 1891 kam 1?. Lievens nach Ranchi zurück. Bald nun zeigten sich bei ihm sehr bedenkliche Krankheits-Symptome. Allein k. Lievens schonte sich nicht; noch gab es so viel der unaufschiebbaren Arbeit — und — die „Alles" aufbietende protestantische Propaganda! Und der Neophyten in Barwai waren es jetzt 35,000. Schon in den ersten Tagen des Monats Februar war ?. Lievens, obschon leidend, wieder unter ihnen, durchwanderte nochmals das ganze Land taufte 1677 Kaiechumenen und segnete 218 christliche Ehen ein. Seine dritte große Rundreise vom 30. April bis zum 5. Juni — auch im Jahre 1891 — war ebenso reich an Erfolg; und in diesem Jahre verzeichnete der Regierungsccusus für Lohardagga allein 5 2,0 0 0 katholische Christen! Doch — k. Lievens hatte seine Kräfte überschätzt. Sein körperlicher Zustand war so bedenklich, daß die Missionsobern k. Lievens bestimmten, noch im Juli 1891 in der frischen Gcbirgsluft von Dardscheling (am Himalaya) Erholung zu suchen. Kaum aber hatten seine Kräfte sich etwas gehoben, kehrte er nach Ranchi zurück und begann wieder seine Arbeiten ihrem ganzen Umfange nach. Das war jedoch nur ein letztes Aufdämmern seiner Kraft. Mit Gewalt zog es sein Herz wieder nach Barwai, wo seine Lieblingsgründung. Er sah sie wieder; doch zum letzen Male. Seine Kraft war gebrochen. Zwei Monate später trat er die Reise nach Europa an. Am 2. September 1892 verließ er Indien. „Mit Trauer und Schmerz sahen seine Obern, seine Mitbrüder und seine theuern Neophyten den unvergleichlichen Mann scheiden" — und sein edles Herz blutete; aber er sprach: „Gott stirbt nicht und sein Werk wird bleiben." Ein ganzes Jahr lang kämpfte der noch junge Mann mit dem Tode. Inbrünstigst bat er Gott, er möge ihm doch feine Kräfte wieder schenken und ihn zu seinen lieben Kolhs zurückführen. Doch — es sollte nicht sein; Gott verlangte von ihm das größte Opfer, das ein apostolisches Herz kennt. Seine letzten Tage im Colleg seiner Mitbrüder zu Löwen waren eine Quelle der größten Erbauung für Alle im Hause. Mit sanfter, freudiger Ergebung schaute er dem herannahenden Tode entgegen. „Die Ewigkeit ist so lang (sagte er eines Tages)! Wie gerne hätte ich noch etwas länger gearbeitet und gelitten! Doch bringe ich das Opfer von ganzem Herzen." Am 7. November 1893 gab l?. Lievens seine an Tugenden und Verdiensten reiche, schöne Seele in die Hände seines Schöpfers zurück. Der Name dieses Mannes aber, der eine so großartige religiöse Bewegung hervorgerufen, wie sie Indien seit 200 Jahren nicht mehr geschaut, wird für alle Zeiten prangen in der Missionsgeschichte Indiens unter dem Epitheton: ?. Konstantin Lievens — der Apostel der Kolhs. — L. I. k. Recensionen und Notizen. Im Verlage von A. Riffarth in M.-Gladbach ist ein neues Gebetbuch für katholische Lehrer und Lehrerinnen unter dem Titel: „Christus mein Vorbild" erschienen. Woh! sind ähnliche Bücher bereits vorhanden, doch fehlt diesen gerade das, was in einem Gebetbuch für Lehrer von besonderer Wichtigkeit ist: das Gebet des Lehrers. Dies gab dem Verfasser Veranlassung, ein für alle Lagen des Lehrers geeignetes Gebet- und Betrachtungsbuch zu bearbeiten, und darf man mit Recht behaupten, daß obiges Buch wegen seines vielseitigen und ansprechenden Inhaltes sich besonders auszeichnet und durchaus geeignet erscheint, die religiösen Bedürfnisse eines echt christlichen Lehrers auch in den verschiedensten Lebenslagen in vollkommenster Weise zu befriedigen. Da der Preis ein äußerst mäßiger ist, — das Buch kostet in Kaliko gebunden mit Marmorschnitt M. 1,25, in Chagrinleder mit Nothschnitt M. 2, — so können Wir allen Lehrern und Lehrerinnen die Anschaffung dieses schönen Gebetbuches nur empfehlen, und kann solches zu obigen Preisen durch jede Buchhandlung bezogen werden. Nirfchl Jos., Gedanken über Religion und religiöses Leben in freien Verträgen. 8° p. IV -s- 2ö3. Würzburg, F. X. Bücher 1691. (II) M. 3.09. s. Das Buch verdient es wohl, daß es nach 30 Jahren zum zweiten Mal in die Oefsentlichkcit tritt; wie es bei seinem ersten Gange viele Freunde gewann, so wünschen wir ibm dieselbe warme Aufnahme auch diesmal, handelt es doch über die wichtigsten Fragen und höchsten Ziele des Lebens, wozu jeder denkende Mensch so oder so Stellung nehmen muß. Sind Pascals berühmte Lsnsöss mehr aphorismeuartig, so sind diese „Gedanken", mit Pascals Buch geistig verwandt, mehr logisch zusammenhängend und fortschreitend. Die Form der Darstellung ist sehr gefällig und zum Herzen gehend, und doch sind es wirklich „Gedanken" und nicht bloß Phrasen. Manche Vortrüge sind ohne weitcrs als Predigten und Ansprachen verwendbar, alle aber bieten dem Leser dazu reichliche Anregung. Das Werk könnte gar manches schwülstig-süßliche Betrachtungsbuch ersehen, wenn die, welche gemeinhin überhaupt dergleichen lesen, nicht vielfach einen zu verdorbenen Geschmack hätten, um an kerniger Nahrung Gefallen zu finden. Das System der Theologischen Summe beS heil. Thomas von Aquin oder übersichtlicher und zusammenhängender Abriß der Lamms, VlreoloZies, mit Anmerkungen und Erklärungen der tsrmini teodnioi von A, Portmann, Professor der Theologie an der höheren Lehranstalt in Luzcrn. Luzern, Naber u. Comp. 1 Mk: ES gereicht uns zur großen Befriedigung, der theologischen Welt das Erscheinen eines Werkes anzuzeigen, das voraussichtlich überall in Gelehrten- wie in gebildeten Laicnkreisen die beste Aufnahme finden und gar sehr mit ein Faktor werden wird, das im raschen Aufschwung begriffene Thomasstudium namentlich bei den jüngeren Theologen zu fördern. Der Autor dieses Werkes erfreut sich bereits seit einer Reihe von Jahren durch viele sehr gründliche und gelehrte Schriften — auf welche wir nebenbei hinweisen wollen — des besten Rufes in der Gelehrten- wclt; besonders kann er auf dem Gebiete des Thomismuö als eine hervorragende Autorität anerkannt werden. Dieses Lob verdient der genannte Verfasser aber mit allem Rechte durch sein neu erschienenes bezeichnetes Werk. Dasselbe ist eine gänzliche Umarbeitung und wesentliche Erweiterung einer früheren Programmarbcit, welche als solche bereits in der Liuzer Quartalschrift 1891 I. Heft einen gefeierten Lobredncr erhielt und eine Empfehlung „dieser vorzüglichen Arbeit" an jeden Theologen. Diese Anerkennung und Empfehlung gebührt deni Verfasser in ungleich größerem Grade durch sein jüngstes Opus, und kann dieses dem ähnlichen Werke des berühmten Frciburger Professors Berthier >I/ötmIs cls ls, Lowmo Mreolog'iqno elo 8t. TlromaZ ä'^quin- nicht bloß würdig an die Seite treten, sondern muß wegen seiner ruhigen und objectiven Darstellung, welche des Schweizer Professors Werk leider vermissen läßt, demselben vorgezogen werden. Jeder Theologe besonders, der das theologische Llonumontum aero psrennins des hl. Thomas, das einst die Vater des Tricnter Concils zu ihren Berathungen und Beweisgründen neben den hl. Schriften liegen hatten, einigermaßen studieren und verstehen will, wird dieses Werk nicht leicht entbehren können; es wird ihm ein kundiger Führer durch dunkle Stellen und aufstoßende Schwierigkeiten werden und ihm so die große Arbeit des richtigen Verständnisses bedeutend erleichtern. Möge ein fleißiger Gebrauch die Mühen des Verfassers lohnen. Aigen a. Jnn, Februar 1891. Pletl Georg. Neger'S Handausgabe des Bayer. VerwaltungS- gerichtsgesctzeS. In II.Auflage und in völlig neuer Bearbeitung von Dr. A. Dyroff. (263 S. geb. 3 M.) Verlag von C. Vriigel und Sohn in AnSbach. Das Buch wird in weiten Kreisen willkommen sein; denn es bietet nicht allein dem Juristen und VerwaltnngSbcamteu eine Fundgrube für alle einschlägigen Entscheidungen namentlich des VerwaltungögcrichtShofcö lind für die bewährtesten Stimmen aus Theorie und Praxis — auch für Gemeinde- und Kirchcn- verwaltungcn bildet die vorliegende Arbeit ein kaum zu entbehrendes Stachschlagcbuch, das in allen zweifelhaften Fällen in verständlicher Weise den rechten Weg zeigen wird. DaS sind die praktischen Vorzüge des vorliegenden BncheS; damit ist aber dessen Werth mit nichtcn erschöpft; denn sein Inhalt geht weit hinaus über die herkömmlichen Grenzen einer blossen „Handausgabe". Wir haben keine Sammlung fremder Gedanken, sondern eine von Grund auö wissenschaftliche Bearbeitung deS Gesctzeö vor nnö, welche sich den hiczu erschienenen Commentarcn würdig anreiht und dieselben auf der Grundlage einer vierzehnjährigen Praxis probt und vervollständigt. Der Herr Verfasser ist seiner schwierigen Ausgabe mit ebensoviel Scharfsinn als Fleiss und umfassender Kenntniß der Literatur gerecht geworden, und stehen wir nicht an, diese tüchtige Arbeit — unter Beglückwünschung deS Autors — der Allgemeinheit anfö beste zu empfehlen. _ ^V. D. „Die fremdländischen Stubenv ögcl", ihre Naturgeschichte, Pflege und Zucht von Dr. Karl Ruß. Bd. II (Wcichfutterfrcsser), Lies. 1. Mit einer Farbcndrucktascl. Magdeburg, Crcutz'schc Verlagsbuchhandlung. Mit dem 2. Baude dieses Werkes vollendet der Verfasser ein Unternehmen, welches für alle Vogclliebhabcr und Vogel- wirthe von großer Bedeutung ist. Alle drei Gruppen der Weich- futterfrcsscr sollen hier zur Behandlung kommen. Die Darstellung beginnt mit den Jnsectenfressern, dann folgen die Frucht- fresser, demnächst die Fleischfresser und zum Schluß, in einem Anhange, die fremdländischen Tauben- und Hühnervögel, soweit sich dieselben für die Stubcnvogclpflege eignen. Die Ausstattung dcö BncheS ist tadellos, sowohl hinsichtlich des Druckes, als auch des Papiers und namentlich auch der naturgetreuen Darstellung fast aller bekannteren Vögel dieser Gattung in Farbendruck, zu denen wieder Meister Emil Schmidt die Aquarelle geliefert hat. Der 2. Band soll mit 10 Farbcndrucktafcln in 20 Lieferungen L 1 M. 50 Pf. erscheinen. Nach seiner Vollendung kommen wir nochmals auf das Werk zurück. KricgSgeschichtliche Beispiele. In N. v. Dcckcr'S Verlag (Gustav Schenck) ist eine dritte, vermehrte und verbesserte Auflage der „Kricgsgcschichtlichcn Beispiele" des neuerdings durch sein Werk über den Krieg 1806/7 in weiteren Kreisen bekannt gewordenen Obersten v. Lettow- Vorbcck erschienen. Preis 4 M. Dieses Werk hat vor denen ähnlicher Art den großen Vorzug, daß die Beispiele innerhalb ihres kricgsgcschichtlichcn Nahmens belassen sind, indem von den behandelten Schlachten und Gefechten ein zusammenhängendes Bild gegeben ist, in welchem nur die zu taktischer Belehrung geeigneten Stellen ausführlich, die übrigen kurz behandelt sind. Da dem Werke außerdem kurze Abrisse der beiden Kriege von 1866 und 1870/71, aus denen die Beispiele vorzugsweise entnommen, bcigegeben sind, so wird gleichzeitig die Kenntniß dieser so wichtigen Ereignisse gefördert. Was nun im Besonderen die dritte Auflage anbetrifft, so haben die seit dem Jabre 1884 erschienenen neuen Quellen: das Ge- ucralstabSwcrk über 1864, die eingehenden auf Grund franz. Materials bearbeiteten Schlachtcnschildcrungen dcö Majors Kunz, die hinterlassenen Papiere von Strecker Pascha über den russ.- türkischcu Krieg u. s. w., eine Umarbeitung einzelner Aufsätze nothwendig gemacht. Gleichzeitig hat aber auch eine Vermehrung der Beispiele stattgefunden. Die Ausstattung ist eine sehr gute und der Preis in Rücksicht auf die 54 Karten und Planskizzen ein niedriger. _ Freunde der katholischen Missionen wollen wir aufmerksam machen auf die Monatsschrift „Kreuz und Schwert im Kampfe gegen Sklaverei und Hcideuthum" (Münster i. W., W. Helmes). Jeden Monat erscheint ein Heft von 64 Spalten Text, welches hauptsächlich Missions-Bcrichte und Schilderungen aus Afrika bringt. Die Schreibweise ist anziehend; alle Gebiete Asrika'ö werden behandelt, so daß der Leser ein Gcsammtbild von den dortigen Fortschritten der Cultur gewinnt. Zahlreiche Vcraittw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Missionäre liefern häufige, stets recht unterhaltende Beiträgt Es fehlt ja nicht an katholischen UnterhaltungSblältcrn, aber für eine so billige Missionszcitschrift dürfte noch in jeder Familie Raum sein, und der Zweck, den sie anstrebt: Förderung der Missionen in unseren eigenen Colonieen, ist ja ein überaus wichtiger. Post und Buchhandel halbjährlich 75 Pfg.; direct voin Herausgeber bezogen 90 Pfg. einschließlich Porto; 5 Exemplare 3 M. __ Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1894. Zehn Hefte M. 10.80. — Frciburg iur VreiSgau. Hcrder'sche Vcrlagöhandluug. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt deö 3. Heftes: Deutsche Bildung und Wissenschaft im 16. Jahrhundert. (A. Baumgartncr 8. st.) — Religion und Christenthum nach Albrecht Ritschl. II. (Schluß.) (Th. Grandcrath 5.1.) — Der StaatSsocialiSmns. II. (Schluß.) (H. Pesch 8.4.) —Eucharistie und Martyrium. I. (C. A. Kneller 8. 4.) — Felix DahnS neuester Roman „Julian der Abtrünnige". I. (W. Krciten 8. .1.) Recensionen: Naffl, Die Psalmen, III. Bd. (I. K. Zenner 8. I.); 1. Bäumcr, Das Apostolische Glaubensbekenntnis;, 2. Blume, DaS Apostolische GlaubenSbekcnutniß (M. Rcich- mann 8. 4.); Spechr, Die Lehre von der Kirche nach dem hl. Angnstin (C. A. Kneller 8. 4.); Wolfsgrubcr, Carolina Auguste, die Kaiserin-Mutter (B. Dnhr 8.1.) —- EmPfchlcnSwcrthe Schriften. — MiScellen: Luther über den JacobnSbrief; Wie würde einem Jupiterbcwohner die Welt vorkommen? Die Dorfgemeinde!» in Guzerat. Der Katholik. Nedigirt von Joh. Mich. Naich, 12 Hefte M. 12. Mainz, Kirchhcim. Inhalt von 1894, Heft III, März: Dr. Selbst, Das päpstliche Rundschreiben -Drovistorttissimus Deus« über das Studium der hl. Schrift. — Dr. Ios. Bl. Bccker, Interessante Rundfrage der „Deutschen Gesellschaft für ethische Cultur". — Dr. A. BellcShcim, Der Ehrwürdige Cardinal Bellarmiu in katholischer Beleuchtung. — Probabilismns und AcquiPrcbabiliSmns. — Die Drangsale norddeutscher Fraucnklöstcr in der NcformationSzeit. — Dr. Pl Wagner, Giovanni Picrluigi da Palcstrina. — Literatur: Dr. Egg er, Dndiiristiou DllooloZsias stogmatieas gsneralis. — Dr. J g n. Schmiß, Ds eüeotibus saorainontü extrewas nnetioms. — Franz Heiner, Katholisches Kirchcnrccht. — Thomaö Liviuö, LI. Mis Liessest Virgin. — ThomaS Livius 0. 88. R. Llarg' in tlro Dpistles. — Josephus Hont he im 8. 4., Institntiones Muwstieaeao. — Carolus Frick 8. 4., Dogica. — Jgnaz Orozen, Das Bisthmn und die Diöcese Lavant. — Anton Weber, Albrecht Dürer. — Lntonin Dlrmnean, LIiMnne, et exseution stu Ollant DiL- gorisn. — Dr. M. Hohler, GottcS Wege. — Katcchetische und pädagogische Schritten. Theologisch-praktische Quartalschrift in Linz. 47. Jahrgang. I. Heft. Jnhalts-Verzcichniß: Die Aufgabe der Kirche inmitten der gegenwärtigen socialen Bewegung. Von k. Albert Maria Weiß 0. Dr. in Graz. — Ueber den Beruf zum geistlichen Stande. Von D. Ferdinand Witte ubrink 8. 4. in Blijenbcck (Holland). — Ueber Schulbibliotheken. Von Doin- capitular Johann Nößlcr in St. Pötten. — Chloroform und Morphium. (Aus Bayern.) — Geschichtliches zur Pcrchrung deS hl. Joseph. Von Dr. P. Macherl in Graz. — Die kirchliche Druckerlaubnis;. (I. Artikel.) Von?. Karl v. DilgSkron 6. 88. R., Geucral-Cousnltor in Rom. — Der Gesang bei der feierlichen Liturgie. (IV. Artikel.) Von Pfarrer Sauter, Präses des hohcnzollern'schcn BezirkS-Cäcilicn-Vcrcincs. — Bestimmungen des bayerischen Staates über kirchcnrcchtliche Gegenstände. Von Dr. Eduard Stiugl, Präses in Straubing. — MarianischcS Niederösterrcich. Von Pfarrer Joseph Maurer in Deutsch-Altenburg. — Merkwürdige Persönlichkeiten aus dem Priester- und Laicnstande. Von Joh. Langthaler, StiftL- hofmcistcr in St. Florian. — Pastoral-Fragen und -Fälle. — Literatur. — Neueste Bewilligungen oder Entscheidungen in Sachen der Ablässe. Von ?. Franz Bering er 8. st., Con- sultor in Rom. — Bericht über die Erfolge der kath. Missionen. Von Joh. G. Huber. — Kirchliche Zeitläufe oder Umschau von der Warte dcö Herrn. (5. Aug. bis 15. Nov.) Von D. Albert Maria Weiß 0. Dr. — Kurze Fragen und Mittheilungen. Verlag deS Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. UI-. 15 12. April 1894. Charcot über die Wirksarirkeit des Glaubens in der praktischen Heilkunde?) Von Pros. Dr. Haas in Passau. Charcot hat zu keiner Zeit, wie es der Artikel in Nr. 51 der Beilage der Augsburger Postzeitung vorn 21. Dez. 1893 nahe legen könnte, die Suggestions- behandlnng überhaupt aufgegeben, sondern nur die hypnotische Suggestionsbchandlung. Er wie manche andere wendeten das suggestive Heilverfahren ohne Versetzung des Kranken in Hypnose an, um den unvermeidlichen schädlichen Wirkungen der letzteren zu entgehen. Wie wenig er von der Suggestion selbst zurücktrat, das zeigt eine nicht lange vor seinem Tode von ihm veröffentlichte Abhandlung über den „hellenden Glauben". Der Glaube gilt ihm als das ideale Mittel; denn er bewirkt oft dann noch Heilung, wenn alle anderen Mittel versagt haben. Cbarcot hat sich deßhalb längere Zeit mit dem Mechanismus der Heilung durch den Glauben, wie er sich ausdrückt, beschäftigt. Die Wnnderheilungen (durch den Glauben) erklärt Charcot als einen natürlichen Vorgang. Zu einer Heilung durch ein Wunder sind zwei Faktoren nothwendig: eine specielle geistige Verfassung des Kranken, nämlich das Vertrauen, die Leichtgläubigkeit, die Suggestibitität, und eine bestimmte Krankheit, eine solche, deren Heilung lediglich der Intervention bedarf, welche der Geist auf den Körper ausübt. Am- putirte Extremitäten wachsen nicht nach. Am zahlreichsten sind vielmehr die Fälle von geheilten Lähmungen, besonders jener Classe von Paralysen, die Reynolds „äoperituvb ou iäou" genannt hat. Auch Geschwülste und Geschwüre werden geheilt, wenn sie nicht organischer Nalur sind. Eine Menge von Lähmungen sind hysterischer Natur: damit füllt bei ihrer plötzlichen Heilung das Ucbernatürliche des Wunders weg. Die Heilkraft des Glaubens knüpft sich an Wallfahrtsorte, an Wunderthüter, welche hl. Stätten gründen. Eigenthümlicher Weise haben manche von diesen an derselben Krankheit gelitten, die sie später heilten. Der Glaube an Heilung an einem Wunderorte ist nach Charcot nicht von Anfang an in seiner wirksamen Kraft vorhanden, sondern muß erst allmählich durch verschiedene Einflüsse seine richtige Stärke erlangen. Hieher gehören etwaige Schwierigkeiten der Reise an den betreffenden Ort, Berichte von großartigen Erfolgen u. s. w. Der Widerspruch des Arztes steigert den Glauben. So bildet sich allmählig die richtige Stimmung, welche den Eintritt der Heilkraft des Glaubens begünstigt. Erhöht wird diese Stimmung durch inbrünstiges Gebet. So ist der Körper vom geistigen Zustand schon stark beeinflußt; die Reise wird unternommen, der Kranke kommt körperlich übermüdet, geistig in hohem Grade suggestive! an dem Orte an (Barwell: „Wenn der Geist des Kranken durch die feste Ueberzeugung, er werde gesund werden, beherrscht wird, so wird er gesund"), nun eine Waschung an der hl. Quelle, ein nochmaliges inbrünstiges Beten, dazu die Wirkung der aus die Sinne berechneten Cultus- einrichtungen — die Heilkraft des Glaubens tritt ein, das Wunder geschieht. *) Vgl. Internationale klinische Rundschau 1893 Nr. 20 u. Gäa XXIX. S. 491-496. Auf Grund von Abbildungen aus früheren Jahrhunderten, welche Heilungen darstellen, läßt Charcot die Wunder anscheinend meist bei Krumpfen auftreten, deren hysterische Natur anzunehmen ist. Von Littrö nimmt er herüber, daß es sich bei den Wundern am Grabe des hl. Ludwig im 13. Jahrhundert in der Mehrzahl der Fälle um hysterische Coutrakturen gehandelt habe. Nach den nach der Natur gezeichneten Abbildungen von Wunderheilungcn in dem Buche von Mont- gerou (1739, 1745)*) werden Lähmungen und C o n- trakturen, Tumoren und NIzerationen durch das hl. Wasser, also durch ein Wunder, geheilt. Aus diesem Buche nimmt Charcot die ausführliche Erzählung der Heilung des Fräuleins Coirin, welches im Sept. 1716 in einem Alter von 31 Jahren zweimal kurz nacheinander vom Pferde fiel und sich beim zweiten Male die linke Seite verletzte. Es entstand eine Geschwulst an der linken Brust, die man für Krebs hielt. Eine vorgeschlagene Operation unterblieb auf Ablehnung der Mutter des Fräuleins. Seit 1718 war dasselbe linksseitig völlig gelähmt. 1731, nachdem 12 Jahre lang aus einem Loche in der Brust übelriechender Eiter geflossen, wurde durch Anlegung eines am Grabe des hl. (s l) Franz von Päris berührten Hemdes und durch Auflegen von Erde von diesem Grabe das Loch in der Brust trocken; es begann sich zu schließen und zu heilen. Die Lähmung hörte in der nächsten Nacht auf. Die völlige Vcrnnrbung der Brust erfolgte in 15 Tagen und nach weiteren 5 Tagen konnte das Fräulein wieder allein in den Wagen steigen. Die mit dem Leiden der Coirin verbundene augenscheinliche Atrophie war nach Cbarcot nicht organischer Natur. Es sind vielmehr jetzt mehr als 20 Fälle in der Literatur bekannt, daß hysterische Lähmungen und Coutrakturen von Mnskelatrophie begleitet sind. Auch der angenommene Krebs war nur eine hysterische Affektion. Zum Beweise lang andauernder Ülzcration bei der Hysterie wird aus den hl. Franz von Assisi und auf Luise Lateau verwiesen (!). Die Coirin hatte in der Brust ein hysterisches Oedem, eine Affektion, die zuerst Sydcuham beschrieben. Charcot selbst „blaues Oedem" genannt hat. Nach Pros. Ncnaut in Lyon kann dieses Oedem, zu größerer Entwicklung gelangt, Hautgangrän bewirken. Letzterer setzt Schorfe ab, nach deren Abstoßuug große Geschwürflächen zurückbleiben. Der amerikanische Nervenarzt Fowler schildert im Mcdical Nccord 1890 acht ähnliche Fälle, bei denen die Kranken, welche alle an .Hysterie litten, hühuercigroße Geschwüre hatten; psychische Behandlung führte zum Ziele. Also, so schließt Charcot, steht die Heilkraft des Glaubens unter natürlichen Gesetzen. Eine „plötzliche" Heilung im eigentlichen Sinne zeigt sich bei den angeblichen Wundern nicht; es bedarf, wie oben gezeigt, einer allmähligen Vorbereitung. Auch tritt die Heilung nicht sofort vollständig ein: in den nächsten Tagen findet man bei genauer Untersuchung immer noch Störungen der Sensibilität und Steigerung der Schnenrcflexe; dies hat Charcot auch bei an Gnadenortcu Geheilten gefunden. Cirkulationsstörungen können schnell eintreten und schnell wieder verschwinden. Insofern kann ein Oedem rasch vergehen, wie das der Coirin beim Anziehen des *) Es ist wohl »I-s, vsritö äss wiraelss« gemeint. 114 berührten Hemdes; aber die völlige Vernarbung braucht längere Zeit. Auch Lähmung kann Plötzlich auftreten und vergehen; z. B. beim Schrecken. Sind während der Lähmung die Muskel atrophirt, so gewinnt die betreffende Extremität ihre Kraft und ihren Umfang erst nach Regeneration der zu Grunde gegangenen Muskelfasern wieder (bei der Coirin nach 20 Tagen). Am 10. Juli 1730 wurde auch ein gewisser Sergent durch eine Novene am Grabe des hl. (?l) Paris von rechtsseitiger Contraktur mit Atrophie geheilt; aber Hand und Bein bekamen nur die Fleischfarbe sogleich wieder, nicht sofort Dicke und Stärke. Charcot vergißt nicht, besonders beizufügen, daß er bei den von ihm selbst nach Lourdes geschickten Kranken nach deren Heilung daselbst die sensiblen Störungen noch beobachtet hat. Heilbar durch den Glauben (Suggestion) sind also nach Charcot in Folge des besonders günstigen Suggestionszustandes der Kranken Muskelatrophie, Oedeme, Tumoren mit Ulzerationen hysterischer Natur. Soweit die Darlegungen Charcots, die durch ihr wissenschaftliches Beiwerk und durch ihre anscheinende Objectivität und Ruhe eines gewissen Eindruckes nicht ermangeln. Sie werden daher bet allen Bckämpfern des Wunders sicherlich mehr Beachtung und Verwerthung finden, als sie in Wirklichkeit verdienen. Freilich muß man den Charcot'schen Darlegungen gegenüber ohne- weiters zu geben, daß vielfach bei der Beurtheilung und Annahme des Wundercharakters von Heilungen ganz kritiklos und oberflächlich nach subjectiven Neigungen verfahren wird. So habe ich z. B. den Bericht über eine Heilung in Lourdes vom 1. Sept. 1893 vor mir, auf den Charcot's Bemerkungen ganz genau zutreffen. Ich mache aber hier sogleich darauf aufmerksam, daß diese Kritiklosigkeit auch bei mancherlei anderen Heilungen sich findet, so daß man vielfach nicht weiß, ob überhaupt eine wirkliche Krankheit, noch viel weniger, ob wirklich die angenommene geheilt wurde. Es behauptet sicher niemand, daß alle angeblichen „Wunder- heilungen" wirklich solche sind. Private Anschauungen reichen zur Herstellung dieses Charakters nicht aus, selbst wenn sie von Aerzten ausgehen. Das Urtheil letzterer geht in diesem Betreffe über eine negative Bedeutung nicht hinaus, d. h. sie können nur sagen, daß sich die betreffende Heilung nach dem heutigen Stande der medizinischen Wissenschaft auf natürliche Weise nicht erklären lasse. Ein hinrei chender Grund zur Annahme eines Wunders liegt nur dann vor, wenn die competente kirchliche Autorität auf Grund eingehender Untersuchung und Prüfung in diesem Sinne entschieden hat. Insofern haftet den Darlegungen Charcot's schon der Mangel an, daß sie zu allgemein gehalten sind. (Schluß folgt.) Werth und Bedeutung des Studiums der Kirchengeschichte. Rede beim Antritte des Nectorats der L.-M.-Universität geholten am 25. Nov. 1893 von Dr. Alois Knöpfler. Die herrlichen Worte, welche Pros. Dr. Knöpfler beim Antritte des Nectorats der Münchner Universität gesprochen, haben auch in der Beilage der Augsburger Postzeitung Aufnahme gefunden. Nun liegt auch schon eine ausführliche Besprechung vor, welche Pros. Or. Schrörs in Bonn im historischen Jahrbuch der Görres- gesellschaft, XV. Bd>, 1. H., S. 133—45 veröffentlicht. Dieselbe verhält sich im Ganzen ablehnend, ohne daß jedoch ihre Aufstellungen, wie uns bedünken will, durchaus stichhaltig zu nennen wären. Zur Begründung dieser unserer Auffassung möge Folgendes dienen. Schrörs glaubt, Knöpflers Besorgnis), die Kirchengeschichte „solle sich in den Dienst dieser oder jener Richtung stellen, für irgend eine Lieblingsmeinung ein möglichst antikes Gewand ausfindig machen, ein zuvor ausgeklügeltes Nech- nungsresultat hintennach, so gut oder so schlecht es geht, durch historische Zeugnisse approbiren", brauche uns nicht zu quälen. Dem gegenüber sei unter vielen nur ein Beispiel angeführt, daß nämlich Funk, als er auf Grund sorgfältiger historischer Untersuchung zum Ergebniß kam, die ersten acht allgemeinen Concilien seien nicht von den Päpsten, sondern vom Kaiser berufen und bestätigt worden, das Verdick erfuhr, diese Ansicht sei theologisch und kanonistisch undenkbar (s. Funk, Lehrb. der Kirchengeschichte, 1. Aufl. 1866, Vorw. S. VI; hist. Jahrb. d. Görresges. 1893 S. 485 ff.); es scheint also die von Knöpfler geäußerte Besorguiß doch nicht ganz unberechtigt zu sein. Ferner bemerkt Schrörs: „Wenn jedoch der Kirchen- historiker noch einen Schritt weiter geht und für unsere Zeit weise Belehrung ertheilt durch offene Darlegung von Ursachen und Folgen verkehrter Anschauungen und verkehrten Handelns, so hat er damit schon halb ein Gebiet betreten, das außerhalb seiner wissenschaftlichen Zuständigkeit liegt. In diesen Angelegenheiten, die zu beurtheilen zunächst den amtlichen Auktoritäten zukommt, wird er nur mit behutsamer Zurückhaltung sich äußern dürfen . . . Denn die Kirche läßt in ihrer Verfassung weder Raum für die Einwirkung einer öffentlichen Meinung im gewöhnlichen Sinne des Wortes, noch für eine Directive durch die Vertreter der Wissenschaft." Darauf wäre zu entgegnen, daß Knöpfler an der von Schrörs bezeichneten Stelle nicht dem einzelnen Kirchen- historiker die Rolle der „weisen Belehrung" zuweist, sondern der Kirchengeschichte; daß aber die Vergangenheit die Lchrmeisterin der Gegenwart ist und daß es gewiß nur zum Segen der Kirche gereichen kann, wenn die berufenen Auktoritäten zwar nicht von den Vertretern der Kirchengeschichte, wohl aber von den Lehren dieser letzteren selbst sich leiten lassen, dürfte doch wohl nicht zu bezweifeln sein; daß dem Historiker die Rolle des Politikers oder des Mentors der amtlichen Organe zufalle, daß „vor der urtheillosen akademischen Jugend" dergleichen Fragen an der Hand der bloßen Geschichte beleuchtet werden sollen, sagt Knöpfler nicht. Wenn Knöpfler glaubt, die Trennung, welche im 11. Jahrhundert Orient und Occident und wieder im 16. Jahrhundert letzteren in verschiedene feindliche Re- ligionsgenosseuschaften auseinandergerissen hat, könne nicht durch einseitige spekulative Erörterung gehoben werden, ein gut Theil der Arbeit werde der geschichtlichen Forschung zufallen müssen, die Zeit aber, wo nach der Ansicht und Sehnsucht vieler die petrinische und paulinische Kirche sich zur johanneischen vereinigen, oder wo auf die Periode des Vaters und des Sohnes das Zeitalter des hl. Geistes folgen solle, vermöge kein Geschichtskundiger zu bestimmen, so findet Schrörs diesen Gedanken „unklar" und „nichts weniger als historischer Erkenntniß entsprungen". Uns ist nur das unklar, wie Schrörs aus Knöpflers Worten etwas anderes herauslesen konnte, als was dieser wirklich sagte: daß es sehr zu wünschen wäre, wenn die Spaltung beseitigt würde, daß dazu auch das Studium der Kirchen- 115 Geschichte beitragen könne, sofern es zeigt, es sei hüben und drüben gefehlt worden, und daß die Wiedervereinigung erleichtert werden könnte durch Beherzigung der wichtigen Wahrheit, daß Einheit nicht Einerleiheit bedeutet; was Schrörs sonst noch alles perorirt, insbesondere daß nicht die systematische, sondern die historische Theologie zu bestimmen habe, wo die Grenze zwischen Einheit und Einerleiheit liegt, sagt Knöpfler nicht. Der Spruch: «In Q 6068 gariis unitas" rc. können wir und andere Leute nicht mit Schrörs „inhaltsleer" finden, auch vindicirt Knöpfler nicht dem Historiker die Entscheidung, was nothwendig und was zweifelhaft sei. Besonders mißfallen Schrörs Knöpfler's Ausführungen über die geschichtliche Entwicklung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche. Schrörs meint, man müßte eine förmliche Abhandlung schreiben, um Knöpflers Con- structionen allseitig zu prüfen, und schreibt: „Kein Gesetz Constantins ist mit Sicherheit nachzuweisen, das den Bestand des Heidenthums irgendwie bedroht hätte; keine Verwaltnngsmaßregel allgemeiner Art, die gegen die Verehrer der alten Götter gerichtet gewesen wäre; kein Zwang, auch kein moralischer Zwang ist unseres Wissens vom Kaiser oder seinen Beamten zum Eintritt in die Kirche geübt worden. Der Arianismus hatte seinen einzigen Grund in den dogmatischen Kämpfen des 3. Jahrhunderts. ... Die Ansicht Hefele's von seinem ursächlichen Zusammenhang mit den noch halbheidnischen Anschauungen der zum Christenthum bekehrten Gebildeten darf als überwunden gelten. Bischöfe und Theologen waren die Kämpfer im gewaltigen Streite, die Laien haben darin nie eine bedeutende Rolle gespielt." Daß aber Knöpfler mit seiner von Schrörs gerügten Darstellung nicht isolirt steht, beweist uns Karl Müller, der in seiner 1892 erschienenen, von Harnack als das beste aller bisherigen kurzgefaßten (protestantischen) Lehrbücher bezeichneten (Theol. Literaturzeitung 1892 Nr. 26) Kirchengeschichte S. 174 sagt: „Mit dem Siege über Licin 324 wird er (Constantin) freier und rücksichtsloser. ... Die Annahme des Christenthums wird dem Osten öffentlich empfohlen, das Heidenthum als Welt des Irrthums gebrandmarkt. Dann werden auch seine religiösen Institutionen mehr und mehr beschränkt und verboten (Verbot aller Opfer und aller Mantik; etwa 828—30 Zerstörung einzelner Tempel, nicht ausschließlich solcher mit unsittlichen Culten, und Säkularisation des betreffenden Tempelgutes). Die gesetzlichen Verbote bedeuten freilich an sich noch lange nicht ihre Durchführung, aber sie ermöglichen sie, zumal das Beamten- thum sich immer mehr mit christlichen Elenrenten füllt" u. f. w. Daß die Laien im Arianismus nie eine bedeutende Rolle gespielt haben, ist jedenfalls eine kühne Behauptung Schrörs', der gegenüber nur an das Treiben der Schwester Constantins, Constantia, sowie der Kaiser Constantins und Valens erinnert werden möge; auch ist es sehr natürlich, daß in Folge des Beispieles und Druckes von oben sehr Viele ohne innere Ueberzeugung die Taufe annahmen, die dann beim Ausbrnche des Streites den laxeren Ariarrern zufielen. Auch was Schrörs an Knöpfler's Darstellung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche zur Zeit Gregors VII. auszusetzen hat, ist nicht ganz zutreffend. Daß nach der Anschauung des letzteren von einer wahren Coordinatton zwischen Kirche und Staat gar keine Rede sein kann, ist für jeden unzweifelhaft, der sich mit Gregors Gedqnkensphäre eingehender vertraut gemacht hat. Das erhellt schon aus dem Vergleiche von Sonne und Mond, der im Schreiben an Wilhelm den Eroberer ganz allgemein, nicht bloß, wie Schrörs will, mit Bezug auf diesen Fürsten gebraucht wird; ferner zieht Gregor VII. auch das Verhältniß von Gold und Blei heran (L^. VIII. 21, vk. o. 10 O. 96; v. Scherer, Handb. d. Kirchen- rechts, S. 36—40 Anm. 37; Maassen, neun Kapitel über freie Kirche und Gewissensfreiheit, S. 176 ff.). Schrörs bemängelt den Ausdruck „hyperdevot", den Knöpfler von Augustinus Triumphus und Torquemada gebraucht, und meint, die ausschweifenden Behauptungen der letzteren würden von niemand mehr vertreten. Allein in seinem Buche „I^a. olliosa, s 1o stato" beschränkt Matth. Li- beratore 8. 1. die Schlüsselgewalt des Papstes entfernt nicht auf das kirchliche Gebiet, sondern erklärt ihr die politische Autorität durchaus unterworfen, und ähnlich sprach sich Graf Du Maistre aus (s. Scherer, 1. o. p. 53 Anm. 12). Auch in seiner Polemik bezüglich der Stellung, die nach Knöpfler die Kirchengeschichte im Bereich der theol. Disciplinen einnehmen soll, scheint uns Schrörs nicht glücklich zu sein; nicht eine Ueberordnung, wohl aber eine Gleichstellung der Kirchengeschichte mit den übrigen theologischen Wissenschaften vertheidigt Knöpfler, und das angesichts der etwas stiefmütterlichen Behandlung, deren sie sich in den romanischen Landern unleugbar zu beklagen hat, unseres ErachtenS mit vollstem Rechte. Wenn dann Schrörs den von Knöpfler an der heutigen theol. Wissenschaft gerügten Mangel an selbständigem Forschen, ferner das Anlehnen an die „starre Schultradition" und den „normgebenden Autor" mit dem Hinweis auf die Zeiten des Jofephinismus entschuldigt, wenn er glaubt, Knöpfler sehe zu schwarz und man müsse bei Beurtheilung der theologischen Leistungen nicht die große Masse der erscheinenden Werke, sondern nur die hervorragendsten Leistungen ins Auge fassen, so könnte man einwenden, daß man für die theologischen Leistungen heute, nach beinahe 100 Jahren, den Jofephinismus doch nicht mehr gut verantwortlich machen darf, baß da, wo der Redner zu schwarz, sein Kritiker vielleicht zu kurz sehe, und daß man allgemein die Dinge nach dem Durchschnitt, nicht nach vereinzelten Erscheinungen zu messen Pflegt. Unrichtig ist es, daß Knöpfler den Vorzug wissenschaftlicher Produktivität ausschließlich den Universitäten zuerkenne, wie Schrörs ihm vorwirft. Daß zu gelehrtcm Zusammenarbeiten zwischen Lehrern und Schülern, zu wissenschaftlicher Produktivität die Hochschulen in erstw und hervorragender Weise berufen sind, wird auch Schrörs nicht bestreiten; daß alle Nichtuniversitätsprofessoren auf literarischem Gebiete unthätig oder erfolglos seien, behauptet Knöpfler so wenig, wie das Gegentheil von allen Univerfltätsprofefforen. Kurz, das Urtheil, das sich Schrörs über Knöpfler's Rede gebildet hat, würde wohl ein ganz anderes geworden sein, wenn er sich mit dem begnügt hätte, was Knöpfler wirklich gesagt hat, und nicht alles Mögliche sonst noch darin hätte finden wollen; die Kritik Schrörs' thut dar, wie sehr Knöpfler Recht hatte, wenn er in seiner Rede sagte: „Sobald ein neuer oder selbstständigcr Gedanke sich zeigt, fühlen wir ein nervöses, fieberhaftes Zittern durch die theologische Welt gehen." Dr. - q- Daß allerdings in der an sich ausgezeichneten Rede des Herrn Nector Magnificus Dr. Knöpfler einzelne Stellen 116 sich finden, welche leicht zu Mißverständnissen Anlaß geben, ist nicht zu leugnen und ist auch von anderen Gelehrten anerkannt worden, die im Allgemeinen durchaus mit den Anschauungen des Hru. Or. Knöpfler harmoniren. D. Red. Die neueste Predigtliteratur. Wenn Predigtmanuskripte auf das Drängen von buchhandlerischen Interessenten oder auf Zureden von — selbst zahlreichen — Zuhörern und Freunden im Druck veröffentlicht werden, so ist das für den Kundigen noch nicht immer auch ein sicherer Beweis für deren brauchbaren Werth und Gediegenheit. Nebst der mehr oder weniger bewußten Eitelkeit des jeweiligen Verfassers hat gerade dieses — wohl gut gemeinte, aber der Mitverantwortung nicht immer bewußte — „geschäftliche und freundschaftliche Drängen" die unfruchtbare Hypertrophie der homiletischen Literatur der Gegenwart verschuldet, das Lescpublikum vielfach mißtrauisch gemacht und die Verleger mit weiteren „Ladenhütern" bereichert. Zum Nutzen und Frommen der guten Sache dürften selbst die wenigen Predigtrecensenten, die eine scharfe Feder zu führen und vorn Blaustift eifrigsten Gebrauch zu machen pflegen, die Notenskala immer noch um etliche Grade reduciern. Wenn aber nicht kaufmännische Specnlanten, wenn nicht bloß wohlmeinende Zuhörer, sondern sogar ein allgemein anerkannter, kundiger Fachmann, ein hochangesehener Referent für Homiletik') seinen bestimmenden und ausschlaggebenden Einfluß für die Drucklegung von Predigten geltend macht, dann hat man gewiß nicht Alltägliches zu befürchten, sondern Außerordentliches zu erwarten. Diese Voraussetzung trifft zu und die damit gegebene Erwartung wird glänzend gerechtfertigt durch die neueste homiletische Publication, durch die „Predigten und Ansprachen" des berühmten Gelehrten und Kanzelredners von St. Bonifaz in München, des Paters Odilo Nottmariner 2 ). Das ist auf dem Gebiete der Homiletik auch einmal wieder eine Erscheinung, die volle Beachtung und warme Aufnahme verdient. Es sind Predigten, die man auch bis zum Ende, ja wiederholt lesen kann, lesen wird. Was die von dem warmen Hauch des eifrigen Seelenhirten durchdrungenen Predigten auszeichnet, ist die theologische und sprachliche Bildung des Verfassers. Nottmanner ist nach Inhalt und Form seiner Predigtweise „eigener Art", ja originell, er bietet nach beiden Seiten hin Neues, aber er wahrt den alten und altbewährten Satz: novo, non nova. Der Verfasser verkündigt keine neue Lehre, aber seine Lehrverkündigung bewegt sich nicht in den alltäglichen Bahnen gewöhnlicher Kanzelreden, sondern schöpft selbstständig aus dem tiefen Schacht und dem unermeßlichen Born der geoffenbarten Wahrheit und bringt mit Vorliebe die Schönheit und Macht des christlichen Glaubens- und Gnadenlebens zur Kenntniß der Zuhörer (Leser). In all den als Auswahl gebotenen „Predigten und Vortrügen" überrascht ') Universitätsprofessor Dr. P. Keppler, vgl. Literarische Rundschau. 2 ) Predigten und Ansprachen, von k. Odilo Rott- manner, O. 8. L., Dr. tbeol. 349 S. 8°. München» Lenin er 1893. Preis M. 4,SO. 2) Es sind 6 Fasteupredigten ü)er das Vater Unser, 11 geradezu die Fülle und Kraft der Gedanken, welche zugleich — mit feinstem psychologischem Takt und Zartsinn — alle Saiten des menschlichen Herzens anschlagen. Der kernige Inhalt ist überdies festgegründet auf dem ächten und sicheren Boden der kirchlichen Dogmatik und christlichen Moral. Vor allem ist es die hl. Schrift, welcher Nottmanner seine erhabenen Ideen und tiefen Gedanken entlehnt. Seine Predigten und Ansprachen liefern den thatsächlichen Beweis für die Wahrheit des alten homiletischen Hauptsatzes, daß die hl. Schrift für den Prediger die erste und unversiegbare Quelle sowie das unübertreffliche Muster der Popularität ist und bleibt. Was Nottmanners Lieblingsschriftsteller, der hl. Augustin, ausgesprochen hat: „Um so beredter wirst du sein, je mehr du geschöpft hast aus der hl. Schrift; bist du klein an Beredsamkeit und arm, durch sie wirst du groß und reich"), das hat der Kanzelredner von St. Bonifaz an sich erfahren. Nirgends die Formen und Formeln der abstrakten Schultheologie, sondern überall die frische, klare und verständliche Sprache des concreten Lebens, nirgends hohle Phrasen, sondern überall edle, inhaltsreiche Form, Anschaulichkeit und Lebendigkeit der Rede, bildliche Darstellung und malerische Schilderung, oratorischer Schwung und dichterischer Reiz: all diese Bedingungen ächter, populärer Predigtweise verdankt Nottmanner seiner gründlichen Kenntniß der hl. Schrift. Von ihr stammt Inhalt und Form seiner Predigten: ein unverkennbarer Vorzug und unnennbarer Werth derselben. Die „eigenste Art" der Predigtweise Nottmanners zeigt sich aber in der Anlage und Anordnung, der äußeren und inneren Disposition. Bekanntlich haben sich im Lauf der Jahrhunderte zwei Arten von Predigtanlagen ausgebildet, die Homilie und die thematische Predigt. Jene, die sich in der Stoffwahl, in der Auswahl und Ordnung der Gedanken ganz an die Schrift- perikope bindet, war bis in das 12. Jahrhundert hinein die reguläre Predigtform. Diese, welche ein klar formu- lirtes Thema zwar auch mit Zugrundelegung des Schriftwortes, aber nach einem frei bestimmten Plan zum Vor- trag bringt, findet sich in kleinen Ansätzen schon bei Augustin und Chryfostomus, ist aber erst durch die Scholastik kunstgerecht ausgebildet worden?) Indem bald die eine, bald die andere die Herrschaft führte, ist bis in die neuere Zeit herein von der Homiletik die thematische Predigt als allein berechtigt behandelt worden, „die Homilie mehr nur als Stiefkind"?) Erst in neuester Zeit ist die Wiederbelebung und Ausbildung der letzteren — als thematischer Homilie — warm empfohlen worden 7), „in der festen Ueberzeugung, daß von der Pflege der Homilie abhängt der Fortschritt, die Erfrischung und Erneuerung unseres ganzen Predigtwescns, das Wiederaufblühen des biblischen Studiums, welches die Hochschule der Predigt ist und bleibt" b). Nottmanners „Predigten und Ansprachen" liefern nun den thatsächlichen Beweis für diese Theorie. Sie Festtags-, 15 Sonntags-, 12 Gelegenheitspredigten und Ansprachen. LuZnstin. äs äoetr. «brist. IV, 3. Vgl. Keppler, Beiträge zur Entwicklungsgeschichte der Prcdiqtanlage in der Tübinger Theol. Quartalschrift 1692, S. 53-120 u. S. 179—212. «) Ebendas. S. 206. Keppler, Lehre von der Homilie im „Kathol. Seelsorger" 1892 (IV. Bd.) u. „Kirchenlexckon" 2. Aufl. VI, 217 f. b) Keppler, Tübing. Quartalschr. 1892, S. 212. 117 weichen ab von der gewöhnlich üblichen Methode der Predigt und der Homilie, indem sie die Grundform und Grundbedingung beider verbinden. Das Thema ist nicht streng formulirt und nicht ausdrücklich angekündigt, die Gliederung nicht scharf ausgeprägt, das Ganze aber sachlich und logisch wohl disponirt. Diese Predigtanlage hat sicher neben der rein „thematischen Predigt" ihre volle Berechtigung und als „thematische Homilie" neben der „exegetischen" eine mehr als tausendjährige Bewährung. Noch im 16. Jahrhundert schrieb der berühmte Erfurter Domprediger Konrad Kling (Franziskaner): „Die alten Väter liebten es, einfache Homilien zu halten; diese Methode ist auch heute noch die geeignetste zur Befestigung des Glaubens und zur Kräftigung des Tugendlebens." o) Ein Versuch, die regelmäßige Gliederung und Einheit der Predigt und der allseitigen Erklärung der eigentlichen Homilie in wenigstens soweit zu verbinden, daß keine dunkle Stelle der evangelischen Perikope unberührt bleibt, ist auch neuestens von A. Perger gemacht worden"). — „So oft einer spricht, sagt Cicero, so oft wird auch über ihn geurtheilt" "). Darum sei auch uns eine — durchaus wohlwollende — Kritik gestattet. Rottmanncr zieht aus den Prämissen seines Vortrags selten oder nie eine direkte Nutzanwendung für seine Zuhörer. Nicht als ob er nicht auch aus einen bestimmten Zweck seiner Predigt hinarbeitete, aber er vermeidet die unmittelbare Appellation an den Willen der Zuhörer. Wir halten eine specielle Nutzanwendung für einen Kernpunkt der geistlichen Beredsamkeit, ja für die nächste Frucht der homiletischen Thätigkeit. „Die Predigt, so pflegte unser Professor der Pasioraltheologie zu sagen, sei nicht wie ein chinesischer Feuerkracher, der nur losgelassen wird, um Lärm zu machen, sondern wie die Büchse 'eines Jägers, bei der man nach jedem Schuß sieht, wie daS Wild fällt." Es ist bekanntlich ein Zug des menschlichen Herzens, die Nutzanwendung nicht selbst und besonders nicht auf sich selbst zu machen. Nottmanner verzichtet fast ganz aus das rhetorische Mittel des Pathos, das Zraucla äioenäi Atzung der Alten. Gewiß gibt es bezüglich der Gemüthsbewegungen ein — vielfach nicht beachtetes — Gesetz der Selbstbeherrschung, ills seit rsots ckiaere, gnr st oräinawo novit taasra (Gregor der Große); gewiß sind eine besonders außerordentliche Sprache und Darstellung, wie solche „die Predigten und Ansprachen" zieren, (neben den bekannten Mitteln des Vortrags) Merkmale des Erhabenen, Feierlichen und Pathetischen, gewiß wird durch affektirtes und übertriebenes Pathos gewöhnlich mehr gefehlt, als durch Mangel der Affekte, gewiß kann und darf das Pathos die anderen Mittel der Ucberredung und Ueberzeugung nicht ersetzen: aber das ächte Pathos hat in der Predigt eine vollberechtigte Stelle. Gerade in der Beseelung durch den Affekt liegt eine besondere Kraft der Beweggründe. Der Weg von dem Verstände zu dem Willen geht durch das Gefühl. In einem Moment der Freude oder der Furcht sind wir leichter zu einem guten Werke zu bewegen, als bei ganz ruhigem °) Lumina, cloetr. ollrist. 1562 x. 236. Vgl. „Katholik" 1894. S. 158. ") Homiletische Predigten über die sonn- und festtäglichen Evangelien v. A. Perger, Pr. der Gesellschaft Jesu. Paderborn, Bonifazins-Druckerei, 2 Bd. 1894. Vergl, auch „Katholische Homilien" von Königödorfer - Eberhart, Brixen 1894. ") vs orat. l, 27. Blute. „Wer auf dem Gebiete des Affektes herrscht, herrscht auf dem der Geister." Abgesehen von diesen beiden Ausstellungen dürfen wir Nottmanners Predigtweise als vollkommen muster- giltig bezeichnen. Möge der geschätzte Verfasser uns bald mit einem zweiten und dritten Bündchen beschenken! Stuttgart. vr. A. Koch. Studien und Mittheilungen aus dem Benedictiner- und dem Ctstercienser-Orden mit besonderer Berücksichtigung der Ordensgeschichte und Statistik. Redacteur: k. Maurus Kinter 0. 8. 0., Stiftsarchivar zu Naigern. Im Selbstverlag des Benedictiner- und Cistercienser- Ordcns. Abonnement: jährlich 7 Mk. Wenn nach dem Urtheil eines unsrer deutschen Kirchenhistoriker die intellektuelle und moralische Beschaffenheit der Klöster in jeder Periode der Kirchen- geschichte einen sicheren Schluß gestattet auf die Geistesund Herzensbildung der Weltpriester und des Volkes, dann hat eine Zeitschrift, welche sich das Studium der Ordensgeschichte zur Hauptaufgabe stellt, von vornherein eine über die Mauern der Klöster hinausgehende Bedeutung. Ein gemeinsames wissenschaftliches Organ der Benedictiner darf um so mehr auf Beachtung in weiteren Kreisen rechnen, als ja gerade dieser Orden einer ziemlich allgemeinen Hochachtung sich erfreut. Ein solches Organ sind die „Studien und Mittheilungen aus dem Benedictiner- und dem Cistercicnser- Orden", welche mit dem in nächster Zeit erscheinenden ersten Heft pro 1894 in das 15. Jahr ihres Bestandes eintreten; sie wurden im Jahre 1880 anläßlich des 1400jährigen Jubiläums der Geburt des heiligen Benedictus gegründet und stehen seit dieser Zeit unter der Redaction des Stiftsarchivars und Bibliothekars 8. Maurus Kinter 0. 8. 8. in Naigern bei Brünn in Mähren. Jedes Heft dieser Quartalschrift zerfällt in drei Theile; die erste Abtheilung bringt „Studien" von Mitgliedern der beiden Orden oder von anderen Schriftstellern, sofern sie sich auf Ordensgeschichte beziehen; die zweite Abtheilung „Mittheilungen" enthält Sammlung von Quellenmaterial (Urkunden und Negestcn), Ordensstatistik, Nekrologe und Nachrichten der mannigfachsten Art aus den einzelnen Ordenshäusern; die dritte Abtheilung „Literatur" bietet entweder in referireuder Weise oder in summarischen Angaben eine Uebersicht über die gesammte schriftstellerische Thätigkeit der Ordensmitglieder sowie über sonstige, das Ordenswesen irgendwie berührende literarische Erscheinungen. Wir gestatten uns, über die bis jetzt vorliegenden 14 Jahrgänge eine kurze Ueberschau zu halten, und glauben durch unsre Aufstellungen und Ausstellungen unser Interesse an der Sache am besten zu bekunden. Fachmänner von wissenschaftlichem Ernst, tiefer Gründlichkeit und wohlthuender Objectivitüt, wie Germain Morin, Ursmar Berliöre, Snitbert Bänmer, Gabriel Meier, Odilo Ningholz, Pins Schmieder, Uito Kornmüller, Otto Grillnberger u. a., haben einzelne Jahrgänge der „Studien" durch ihre kirchengeschichtlichen und liturgischen Aufsätze zu schützenswerthen Fundorten gediegener, wissenschaftlicher Resultate gemacht; die „Mittheilungen" brachten gar manche bedeutsame Notizen, so 118 -x. über Mabillons Korrespondenz mit Cardinal Leander Colloredo, über die Bemühungen des Melker Benedictiners Placidus Amon (1' 16. Januar 1759) um dentsche Sprache und Literatur, über den Verfasser des bekannten „Oomstab Spiritus!" u. s. w. Auch die Recensionen erhoben sich nicht selten in erfreulicher Weise über den von den Gelehrten unsrer Tage schon so oft beklagten Mangel an Kritik*); jeder Kenner der Verhältnisse wird die einschlägigen Arbeiten des Tübinger Repetenten Merkle, des Benedictiners Or. Vichodil, des Cisterciensers k. Kurz u. a. mit großer Befriedigung aufnehmen. Je geeigneter die genannten Vorzüge sind, den „Studien" Freunde zu erhalten und zu erwerben, desto mehr drängt es uns, die verehrliche Redaction zu ersuchen, die größte Strenge zu beobachten gegenüber solchen Leistungen, die nicht über jeden Vorwurf der Einseitigkeit oder Oberflächlichkeit erhaben sind. In formaler Hinsicht scheint für die Zukunft eine noch größere Scheu vor Druckfehlern den Correcwrcn empfohlen werden zu müssen. Eine weitere und letzte Klage richtet sich gegen die in jedem Jahrgang enthaltenen „Personalveründcrnngcn im Benedictiner-und Cistercienscr- orden; trotz der Richtigkeit und Gewissenhaftigkeit vieler Einsendungen geht es fast nirgends ohne falsche Namen und Daten oder ohne Verwechslungen ab. Die „Studien", welche wir hicmit allen Theologen und Historikern aufs wärmste empfehlen, sind gegründet worden, „um ein äußeres Band größerer Einheit zu gewinnen";^) wichtiger noch als diese äußere Einheit ist die Einheit aller Mitarbeiter der „Studien" in der Liebe zur Wahrheit. Wenn die wissenschaftlich thätigen Mitglieder der beiden großen Ordeussamilien in allen Dingen einzig und allein die volle ganze Wahrheit suchen, dann ist ein unzerreißbares Band um sie geschlungen; dann ist, unbeschadet der im Wesen der Benedictinerregel wurzelnden Selbst- ständigkeit eines jeden einzelnen Hauses, eine geistige Centralisation zu Stande gekommen, auf Grund deren ein nachhaltiger Aufschwung des altehrwürdigen Ordens zu erhoffen ist. Mögen die „Studien" im Verein mit der bereits zu so erfreulicher Blüthe gelangten Lsvus Lsusciiotius der Abtei MaredsonS in Belgien und der Oorvusiäs Rsviocv der Benediktiner von Downside in England jederzeit der die Wissenschaft pflegenden Mitwelt den Nachweis liefern können, daß auch die Mönche des 19. Jahrhunderts eifrig mitwirken an jeder edlen Geistesarbeit, und daß auch die heutigen Benediktiner, gerade so wie einst ihre großen Ahnen in der Kongregation von St.-Maur, sich die Pflege einer gründlichen, in Schrift und Väterlehre wohlbegründeten und deßhalb im besten Sinne des Wortes kirchlichen Theologie angelegen sein lassen. Winke für Palästmapilger. Von vr. Sepp. (Schluß.) Die Wächter des heiligen Grabes haben das hohe Verdienst, nach dem Falle des lateinischen Königreichs Jerusalem die wichtigsten Sanktuarien für das ') Vgl. die Bemerkungen von Pros. vr. Krieg in Nr. 12 des Jahrganges 1893 der „Literarischen Rundschau für das kath. Deutschland". -) Vgl. KirHenlexikori II. Aufl. II. Bd. S. 351. christliche Abendland gerettet zu haben. Das Land lag wie eine tsrra inso^nita vor ihnen, aber ihre gelehrte Bildung erreichte nicht den Höhegrad, wie jene der Kapläne, welche einen Raimund von Toulouse und Gottfried von Bouillon begleiteten; wir meinen Raimund von Agiles und Fulcher von Chartres (der zum Gefolge Herzog Roberts von der Normandie zählte), endlich später den Albert von Aachen. Die Kreuzritter zogen die directe Nömerstraße von Raum (Ramle) nach Castell Emmaus und so vor Jerusalem. Schon Franz von Assisi landete 1219 mit zwölf seiner Brüder an der Küste des gelobten Landes, und noch in seinem letzten Lebensjahre, 1226, entstand nach vorläufiger Ansiedlung in Jean d'Acre das erste Hospiz in Jerusalem. Hier waren sie nun auf Entdeckung angewiesen, und der erste folgenreiche kühne Griff war die Bestimmung der Via. äolorosa. von der einstigen Tempclkaserne Antonia her, statt von» Prätorinm des Pilatus in der Herodesburg auf Sion, welche Philo von Alexandria ausdrücklich als den Wohnsitz und das Nichthaus der römischen Landpfleger bestimmt, wie auch Josephus Flavius die besten Anhaltspunkte gibt. Die Kreuzfahrer haben noch den Stationsweg von dem Platze aus verfolgt, wo nun die protestantische Jakobskirche steht; unwillkürlich wurden jetzt die Gürtelbrüdcr die einzigen Führer für fromme Pilger, deren viele sich etwas darauf zugute thaten, ja die genauen Maße der Leidensgasse mit in die Heimath Zu bringen. So entstanden die Grabkapcllen und Kreuzwege zu Görlitz, Nürnberg n. s. w. Emmerich von Görlitz, später Bürgermeister, pilgert 1465 zur Abbüßung eines Vergehens zum erstenmal zum hl. Grab und bringt Zeichnungen davon mit, um daheim ein Nachbild herzustellen, denn er war so reich, daß Luther ihn den Görlitzer König nennt. 1476 machte er seine zweite Reise nach Jerusalem im Gefolge von Herzog Albrecht dem Beherzten, um die genauen Maße zum Bau zu nehmen. Dießmal begleitete ihn Agnes Fingerlin, eine Tuchmacherswittwe, in der Mönchskutte verkappt. Bei der Ausführung des Planes vor dem Nikolaithor nahm man auf andere Gebäude Rücksicht, welche die Situation der Leidcnsstätte, wie in Jerusalem, näher darstellten. Eine Anhöhe gilt für den Oelberg, die Lunitz für den Bach Cedron, die Hauptkirche St. Peter und Paul für Pilatns' Nichthaus, von da sind 647 Schritte bis zur Thüre dcs hl. Grabes (Von 14 Stationen ist keine Rede! Die drei Fälle unter'm Kreuz sind zur Andacht erfunden.) Die Minoriten waren eS nun auch, welche, wo immer ein namhaftes Gotteshaus bestand, sofort eine Legende ansiedelten. Im Thals von Ain Karlm, das, eine Meile vor den Thoren Jerusalems, von den Weingärten den Namen führt, trägt die Kirche den Titel Johannes Baptistas, Patrons der Zoll anniter — also mußte der Täufer hier geboren sein, Maria ihre Vase Elisabeth da besucht haben, und was sonst zur Erbauung all der xsisFrini in Israel beiträgt. Die Wiege des Vorläufers Christi ist linkerhand vor dem Seitenaltare sogar zur letzten Ueberzeugung in Stein gehauen. Erst in jüngster Zeit haben die vom katholischen Bayern aus besser unterrichteten Patres in der Priesterstadt Hebron eine Niederlassung begründet, und folgerichtig wird auch die Legende von ZachariaS dahin wandern. Einen nicht minderen Fehlgriff machten dieselben Minoyiten später mit der einstigen Kirche der Hospitaliter tn Kubeibe, wo eine Marquise Nicolay erst in unsern Tagen einen neuen Aufbau vornahm, um sich ihr Grabmal an einer berühmten Stätte zu errichten. Diese Kuppel über einem mäßigen ortuo liegt vier Stunden von der Davidsstadt ab — eine starke Zu- muthung für die Jünger von Emmaus, denn hier sollen sie bei Einbruch der Nacht angelangt sein und noch in derselben Stunde den Rückweg angetreten haben (während man bei Hellem Tage den Weg nicht ohne Führer findet), alsdann aber, nach acht Stunden Weges hin und her, noch die Apostel versammelt gefunden haben, also um Mitternacht! Doch das ist eine Kleinigkeit! Denn gleichviel, ob Lukas von einem Dorfe redet, liegt eine Tagreise von Jerusalem westlich eine Stadt Emmaus NikopoliS, wenn gleich keine römische Colonie — warum sollte nicht auch diese das neutest. Emmaus sein? Zwar ist die Eisenbahn nach Jerusalem von Jaffa (Joppe) erst am 26. September 1892 eröffnet worden, gleichwohl soll KleophaS mit seinem Begleiter noch nach Einbruch der Nacht denselben Weg zurück gelegt haben — also 16 Stunden in einem Abende. Darüber hat sich eine ganze Literatur entsponnen, ja die jüngste Schrift will sich zu Gunsten der Stadt durchaus auf patristische Autoritäten stützen, und verlangt dort einen neuen Kirchbau, obwohl HieronymuS nach seiner Anwesenheit in Palästina mit der Uebersetzung eustsllum Dwmuus in der Vulgata Luk. 24, 13 ausdrücklich auf Kastul Colonieh verweist, und Nufinus die Entfernung auf 30 Stadien abändert. Pius IX. hat am 4. Oktober 1847 das seit dem Ende Her Kreuzzüge eingegangene lateinische Patriarchat Jerusalem wieder aufgerichtet, aber der ersternnnnte Würdenträger Monsignor Valerga ereiferte sich sofort wider die Errichtung von Sanktuarien an beliebiger Stätte, daß er die Kirche zu Kubeibe sogar mit dem Jnterdicte belegte. Um weiteren Streit zu verhüten, wurde nach dem Hingang seines Nachfolgers das hohe Amt so viel wie aufgehoben, indem Rom dasselbe mit dem Franzis- kanerorden vereinigte. Unser gelehrter, aber nicht gewanderter Geograph Karl Ritter erklärte das ncntcstamentliche Emmaus, wie auch Arimathäa für verlorene, nicht mehr aufzufindende Orte. Wer weiß? Was die Heimath des Ratsherrn Joseph betrifft, welcher den Leichnam Jesu in seinem eigenen Grabmal beisetzte, so haben die Wälschen längst Ramle dafür erklärt und hier eine Pilgerstation eröffnet — nur schade, daß erst Sultan Soliman 617 n. Chr. die Stadt und das Karawanserai an der Sultansstraße erbaute, welche von Aegypten in gerader Linie nach Damaskus führt. Ausgemacht ist dagegen Arimathäa eins mit Namathaim, dem Geburtsorte Samuels, und in Beth Rima wieder gefunden, während man das Grab des Propheten durch Verwechslung mit der Pricsterstadt Nobe I. Sam. 22, 9 nach Neby Samwil verlegte. Palästina ist uns näher gerückt und unterliegt einer neuen Besitzergreifung. Es liegt Alles daran, daß uns nicht Russen und Franzosen zuvorkommen und auf die wirklichen, wissenschaftlich allein zu rechtfertigenden Bibelorte die Hand legen, uns aber die sogenannten tra- - ditionellen belassen. Unsere scheinbar strenge Kritik ist unwiderleglich und absolut gerechtfertigt, weil im Interesse der Wahrheit, aber auch im besonderen Interesse der Pilger; denn die Kirche hat ihre Ablässe keineswegs für die nächste beste Lokalität, sondern nur für die durch die Anwesenheit Christi geheiligten Orte verliehen. Wir leben in der Zeit, wo das Wort zu spät! Epoche macht: mögen die Katholiken nicht wieder, wie bet der Aneignung der Wiege des weltberühmten Johanniter- Ordens in der heiligen Stadt, die Gelegenheit versäumen, vom Nachlasse der Kreuzfahrerzeit das Möglichste für sich zu retten. Recensionen und Notizen. Clemens Blume 8. 1. Das Apostolische Glaubensbekenntniß. Eine apologetisch-geschichtliche Studie, mit Rücksicht auf den „Kampf um das Apostolicum". Freiburg i. Br., Herdcr'schc Verlagshandlung 1893. Im Gegensatz zu Suitbert BäumerS gleichbetitcltcr Schrift legt diese Studie einen Hauptnachdruck auf das apologetische Moment, indeß werden sehr häufig dogmatische Gesichtspunkte als Maß an entgegenstehende „Ergebnisse der historischen Forschung" Harnacks angelegt. In dieser Hinsicht haben uns namentlich die Ausführungen des ersten Kapitels weniger befriedigt trotz der aufgewendeten Dialektik; vollends dünkt uns das Verdikt, wornach „in dieser Sache ihm (Harnack) jeder Christ ein competentes Endurtheil, jeder unbefangene Forscher geschichtliche Zuverlässigkeit abspricht", mehr gefällt vom christlichen Gefühl, das ja entschieden durch Harnacks Darlegungen in der peinlichsten Weise gekränkt wird, als von der Apologetik, die trotz aller GlaubenSgewißhcit doch auch beim Gegner Redlichkeit Vermuthet und dessen Vorurtheile gewissenhaft und nicht oberflächlich in ihren eigensten Grundlagen prüft. Indeß rechtfertigt Harnack's Auffassung des hl. JrenäuS immer noch eher ein strenges Urtheil, als seine diskutierbare Conjectur bezüglich des in dem Berichte des hl. Justinus über daS Abendmahl (das Citat S. 20' muß geändert werden: Tübinger Tbeol. Quartalschrift Bd. 74 Jahrg. 1892 S. 643 f.). Bekanntlich liegt ja die handschriftliche Ueberlieferung der Werke deS hl. Apologeten sehr im Argen und es ist gerade Harnacks Verdienst, dies mit mathematischer Gewißheit dargethan zu haben. Ferner würde Harnacks Vermuthung selbst im Falle der Richtigkeit höchstens darthun, daß St. Justin einem sakralen Gebrauch nicht fernestand, den noch St. Cyprian (lüx. 63 eck. Viuäod. v. III. I>. II. pA. 701) mit ausfallender Schonung beurtheilt. Auch sonst hat die Verquickung der scholastisch-polemischen und historischen Methode nicht gerade Vortheilhaft gewirkt. So hat schon Wey- man im historischen Jahrbuch 1894 S. 205 gegen die Glaubwürdigkeit des Rufinus, die Blume durch eine Art PräskriptionS- bcweis erhärtet, Bedenken erhoben. So sind die Einwendungen Blume's gegen Bäumers Annahme einer in der römischen Kirche gelegentlich des Patripassianerstrcitcs vorgenommenen kleinen Umänderung des ersten Artikels zu allgemeiner Natur, um wirklich gewichtig zu erscheinen. Auch die Zeit der Uebernahme des sog. gallikanischcn Symboltextcs durch die römische Kirche (S. 163 ff.) dürfte trotz der lebhaften Polemik gegen Harnack zu spät angesetzt (ok. Bänmer S. 33) sein; die Rechtfertigung dieses Wechsels (S. 184 f., S. 193) genügt wieder bloß dem Dogmatikcr, nicht dem Apologeten und Historiker. Die Sage von der Vertheilung der Abfassung der 12 Artikel an die 12 Apostel ist keineswegs für Beurtheilung der Frage nach dem Ursprung des ApostolicumS von solchem Belang, daß sie so eingehende Berücksichtigung (S. 200 ff.) verdiente. Wie bezüglich des Rusinuö, so spielt im 2. Kap. deS 2. Abschn. „DaS Apostolicum in den drei ersten Jahrhunderten* (S. 213 ff.) der Präskriptionsbcweis und (S. 263) der Con- gruenzbcweiS eine zu bedeutende Rolle, ohne doch dem tiefern apologetischen Bedürfniß zu genügen. Indem wir bezüglich einiger literaturgeschichtlichen Corrigenda auf Weymans oben citirte Besprechung verweisen, fügen wir derselben bei, daß in der durch Kattcnbnsch der Lösung sehr nahe gebrachten Niketas- frage eine entschiedenere Stellungnahme, jedenfalls keine solche Zurückhaltung wünschenswert!) gewesen wäre. Die schöne Studie Eermain MorinS in der Usvuo Löneäiotins 1894 49 ss. »^ouvolles Usekorelies sur I'antour äu lls vsum«, die manch- fachc Berührungspunkte dargeboten hätte, hat Blume leider noch nicht bcnützcn können. — Unsre Aussetzungen betreffen, wie ersichtlich, lediglich die von Blume gewählte Methode; das wesentliche Ergebniß der Studie: „Der Christ des ausgehenden 19. Jahrhunderts bekennt den nämlichen Glaubensinhalt, Höchstwahrscheinlich der Hauptsache nach sogar mit den nämlichen Worten wie der Apostelschüler", halten wir für gesichert. Nur erachten wir, daß im „Kampfe um das Apostolicum" Davids Kieselsteine besseren Dienst gethan hätten, als Sauls schwerfälliges Rüstzeug, die anspruchslose Darstellung der Thatsachen apologetisch wirksamer gewesen wäre, als die breitspurige modern- scholastische Polemik. Deda Grnndl. 120 Grundzüge der Katholischen Dogmatik. Von Dr. Joseph Bautz, a. ö. Professor der Theologie au der Akademie zu Münster. Mit Genehmigung des bischöflichen Ordinariarts zu Mainz. 1888/93, 4 Theile, 8", S. XXX, 935. Mainz, Kirckhcim. Preis: M. 13,—. ck. v. 1^. Der Verfasser vorliegender Grundzüge ist bereits bestens bekannt durch seine trefflichen dogmatischen Monogra- phieen: Auferstehungölcib, Himmel, Hölle, Fegfcuer, Weltgericht und Weltende, sowie durch seine .Grundzüge der Apologetik'. Diesen Werken nun reiben sich die Grundzüge der Dogmatik durchaus würdig an. Sie geben den wesentlichen Inhalt der dogmatischen Vorlesungen des Verfassers wieder, und haben den einfachen, praktischen Zweck, den akademischen Unterricht zu erleichtern. Zweckentsprechend ist der dogmatische Stoff vollständig und zugleich möglichst kurz, klar und übersichtlich dargestellt. Darum durfte das Werk sich auch im späteren Leben, wo es gar oft an Zeit zum Studium einer umfangreichen Dogmatik gebricht, zur Wiederholung und geeigneten Auffrischung des früher Erlernten, sowie auch als zuverlässiger Wegweiser in theologischen Fragen überaus dienlich erweisen. Die Einleitung behandelt der Reihe nach die Quellen der theologisch-dogmatischen Erkenntniß (Schrift, Ueberlieferung und Lchrverküudigung der Kirche), den theologischen Glauben, die auf diesen sich aufbauende theologisch-dogmatische Wissenschaft, den Fortschritt der theologisch- dogmatischen Erkenntniß und die Geschichte der dogmatischen Wissenschaft, umfaßt somit die theologische Erkenntniß- lehre. Als eigentlich dogmatische Lehren folgen dieser die Lehre vom Einen und Drcieinigen Gott, die Lehre von Gott dem Schöpfer und Erlöser, die Lehre von der Gnade und den Sakramenten (im allgemeinen und einzelnen) und die Lehre von den letzten Dingen. Durchweg stützt sich der Verfasser auf gute Autoritäten und steht deshalb stets auf sicherem Boden. Uc'bcr- aus vorsichtig und sachlich ruhig werden die einschlägigen Contro- versen besprochen. Auch findet sich stets die wichtigere Literatur verzeichnet zu etwaigem weiteren tieferen Studium. Besonders wohlthuend ist der echt kirchliche Geist, welcher, wie die übrigen Werke des Verfassers, so auch unsere Grundzüge durchweht. Möglichst enge sucht sich der Verfasser an den heiligen Thomas von Aguin anzuschließen; nur ist cS ihm wohl in allwcg neck) nicht gelungen. Beispielsweise erwähnen wir bloß die Lehre von der Urgercchtigkcit, vom Wesen der Erbsünde. Gründliches Studium des 8. Bandes der Uebcrsetzung der Summa TIwoloAioa Wäre gewiß geeignet, manches Diesbezügliche zu berichtigen und zu noch größerer Vervollkommnung des Werkes in neuer Auflage beizutragen. Das Werk ist im übrigen zur Erleichterung und Förderung des Studiums der Dogmatik durchaus cmpfehlens- werth. _ Coursier-Nothwell, Neues praktisches Taschenwörterbuch. Französisch-Deutsch und Deutsch-Französisch in einem Bande. Zweite, verbesserte und vermehrte Auflage. Stuttgart, Paul Reff. Elegant in Leinwand gbd. 3 M. Unter diesem Titel hat das wohlbekannte Seitensiück zu RotbwellS Englischem Taschenwörterbuch in neuer Auflage die Presse verlassen, ein Werk, schmuck, schön gedruckt, handlich und — billig. Die Auflage ist wirklich eine in jeder Hinsicht verbesserte. In das Wörtervcrzeichniß sind eine stattliche Anzahl neuer, in den letzten Jahren entstandener Wörter (tsls- xlious, Zweirad u. dgl.) aufgenommen worden; bei den schwierigeren Wörtern ist die Aussprache beigefügt; reichhaltige Ver zeichnisse von Personen-, Länder- und Völkernamcn, sowie Con- jngationstabellen der unregelmäßigen Zeitwörter vervollständigen das Ganze. Der Preis ist im Verhältniß zum Umfang nicht bloß bescheiden, sondern geradezu unglaublich nieder. Brock Haus, Conversations-Lexikon. 9. Band. Die sociale Revolution und die finanziellen Krisen haben Italien wieder in den Vordergrund der allgemeinen Aufmerksamkeit gerückt. Es ist daber ein willkommenes Zusammentreffen, daß der soeben zur Ausgabe gelangte 9. Band der Jubiläumsausgabe von BrockhauS'Konversationslexikon Italien lind den damit zusammenhängenden Artikeln nicht weniger als 138 Spalten widmet! Der Redaktion ist es gelungen, selbst noch Crispi's neues Ministerium aufzunehmen. Nicht weniger als 5 Kartentafeln, darunter eine sehr lehrreiche Uebersicht der TruppcndiSlocation, und 8 prächtige Tafeln über „Italienische Kunst" sind bcigegebcn. Der Kunst sind außerdem 10 Tafeln gewidmet, unter ihnen 7 Chromotafeln von der bekannten meisterhaften Ausführung. Vor allen ist die seelcnvolle Madonna Hol- bein's zu erwähnen, die ein würdiges, deutscher Innigkeit entstammendes Pendant zur Sixtina Raffael's bildet. Seinem universellen Charakter entsprechend bringt Brockbauö'Conversations- Lexikon in diesem 9. Bande auch in besonders schönen Tafeln Proben der Kunst des Islam, indischer und japanischer Kunst. Namentlich die letztere, erst seit kurzer Zeit genauer bekannt, beeinflußt bekanntlich schon die Malerei und das Kunstgcwerbe Europa's. Im Ganzen enthält der Band 50 Latein, darunter 9 CbroinoS, 11 Karten und Pläne, außerdem 192 Textabbildungen. Auf geographischem Gebiete begegnen uns außer Italien eine Menge vorzüglicher Länder- und Städteartikei, darunter Helgoland, Irland, Island. Japan, Java, Hom-kong, Jena, Junöbruck, Jokobama. Ebenso nt der naturwissenschaftliche und technische, sowie der historische Theil wieder eingehend behandelt DaS Haus der heiligen Familie. Monatliche Vcreins- schrüt für alle Mitglieder des von Sr. Heiligkeit Papst Leo XI II. eingeführten „Allgemeinen Vcrems der christlichen Familien zn Ehren der heiligen Familie von Nazaretb". Monatlich erschein! 1 Hen. 32 Seiten Umfang. Ncdigirr von Dr, A. Wiche, Pfarrer in Beuren. Verlag von Cordicr in Hciligenstadt. Die monatliche Vcreiusschrift „Das Hans der heiligen Familie" bat nunmehr einen Jahrgang abgc'chlosicn. Die 12 Hefte machen einen stattlichen Band anS, und schon daö Inhaltsverzeichnis; beweist, wie reichhaltig, practisch, belehrend und unterhaltend diese Säumt ist für jede Familie, — mag sie dem frommen Vereine angehören oder nicht. Alle Kundgebungen, die auf den „frommen Verein" sich beziehen, finden sich übersichtlich angegeben. Die Schrift kostet jährlich 1 M. lmir Franco- Zmeudung 1.20 M.) und bietet eine gediegene, echt christliche, katholische Belehrung und Erbauung; Betrachtungen, Belehrungen, Erzählungen, Gedichte religiösen und heitern Inhalts» sowie nützliche Besprechungen und Berathungen über Gesundheit und Krankheit über zeitliche, häusliche, Familicnvcrhältnisse und dergleichen wechseln miteinander ab. Geschichte des deutschen Volkes. Von vr. S. Wid- niann. Vollständig in 20—21 Lieferungen L 40 Pfg. Verlag von Ferdinand Schvuiugh, Paderborn. Der Verfasser vorliegender bcachtenswerthen Erscheinung bietet mit diesem Werke keinen trockenen Abriß oder schabloncn- mäßigcn Leitfaden, sondern ein „Familien- und Volksbuch", in welchem er uns Deutschland in seiner Eigenart und Entwickelung, in seinem Culturleben mit seinem gewaltigen Ringen und Kämpfen, mit einem Worte, in dem ganzen Wcrdeprccesse eines starken, lebenskräftigen VolkSstammes bis auf den heutigen Tag vor Augen führt. Obne Voreingenommenheit, ohne Haß und Üebcr- eifcr nach irgend einer Seite hin, aber von dem LebenShauche des Christenthums wohlthuend durchwärmn, so fließt des Verfassers Sprache ruhig und klar dabin. Diese« Werk verdient in Masse verbreitet zu werden, und wird namentlich allen jenen willkommen sein, welchen daS große Werk Jansscns entweder zu wissenschaftlich und ausführlich, oder zu theuer ist. DaS Werk erscheint in 20-21 Lieferungen L 40 Pfg. Die katholischen Missionen. Jllustrirte Monatschrift. Jahrgang 1894. 12 Nummern. M- 4 — fl. 2.40 ö. W. — Freiburg im Breisgau. Herdcr'sche Verlags- handlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 4: Die Neductionen von Paraguay. — Der selige Rudolf Aquaviva am Hofe AkbarS des Großen. (Schluß.) — Allchristliche Ruinen Nord-Syrieus. (Fortsetzung.) — Nachrichten aus den Missionen: Aequatorial-Afrika (Mission am Victoria-Nyanza); Südafrika (Die Kreuzschwestern in Natal; Der Marabelckrieg); Bclgisch-Kougo (Religiöse Anschauungen der Kongo-Neger); Oceanien (Sandwich Inseln); Aus verschiedenen Missionen. — Miscellen. — Für Missionszwecke. Illustrationen: Das Labore-Thor deö Palastes der Großmogul«: zu Dchli. — Grundriß der Kirche des hl. Simeon Sthlites zu Kalaat Seman. — Central-Oktogon der Kirche des hl. Simeon aus dem 5. Jahrhundert. In der Mitte daS Fußgestell der Säule des bl. Simeon. Ostchor der Basilika des hl. Simeon. — Portal der Kirche des hl. Simeon. — Ansicht der Basilika des hl. Simeon von Nord-Ost, aus dem 5. Jahr- bundert. — Ansicht des Klosterhofeö des bl. Simeon, aus dem 5. Jahrhundert. — Typen von Eingebornen am Kongo. — Denkmal zu Ehren des L. Damian auf der Insel Molokai. Verantlv. Redacteur: Phil. Flick in Augsburg. — Druck». Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. ssn. 16 19. April 1894. Aus dem Jugendleven des Churfürsten Maximilian I. von Bayern. Es ist unmöglich, auch nur ein einziges Menschenleben einer bis auf den Grund gehenden Analyse seiner seelischen Anlagen zu unterwerfen. Darum wird es nie gelingen, das ganze ungeheure seelische Getriebe der Weltgeschichte bloszulegen. Nichts jedoch vermag wohl mehr die leitenden Motive der handelnden Personen in der Geschichte aus psychologischen Grundlagen zu erklären, als die Kenntniß jener Grundsätze, nach welchen dieselben in ihrer Jugendzeit erzogen worden sind. Darum verdienen alle Mittheilungen wohl Beachtung, die uns zur Beurtheilung von fürstlichen Persönlichkeiten, deren Name durch keine Macht der Zeit aus dem dankbaren Gedächtnisse der Nachwelt ausgelöscht werden kann, einen Einblick in deren geistige Entwicklung in der wichtigsten Lebensperiode gestatten, die uns die Erziehung und den Bildungsgang ihres Jugendlebens vor Augen führen. Diesem interessanten Theile der Geschichte der Pädagogik will der 14. Band der Nonuinonta, Oorrnanias xusäu- AOAloa, dienen, der sich mit der Geschichte der Erziehung der bayerischen Wittelsbacher von den frühesten Zeiten bis zum Jahre 1750 beschäftigt. Die hier gebotenen Urkunden zerfallen a) in Amtsinstruktionen für die mit der Erziehung der fürstl. Kinder beschäftigten Personen; b) in Briefe, die von bayerischen Prinzen und Prinzessinnen an ihre Eltern oder von letzteren an ihre Kinder gerichtet sind; o) in Berichte und Mittheilungen von Hofmeistern und Lehrern der fürstlichen Kinder an deren Eltern, und ä) in Schul- und Uebungshefte bayerischer Prinzen aus verschiedenen Zeiten. Um den Werth des gebotenen Materials in aonorsto zu veranschaulichen, will im Nachstehenden auf Grund der vorliegenden Urkunden das Bild einer Prinzenerziehung aus der bayer. Vergangenheit gezeichnet werden, das Jugendleben eines Fürsten, der untadelig bis zum letzten Athemzuge war, des großen Churfürsten Maximilian I. von Bayern. Maximilians Vater, Herzog Wilhelm V., war ein treubesorgter Vater, unablässig bemüht um das geistige und körperliche Wohl seiner Kinder. Sein väterliches Bemühen ging einzig dahin, die Prinzen zur Furcht Gottes, zum Gehorsam gegen die Eltern, zu Demuth und Tapferkeit, zu Wahrhaftigkeit und Ehrbarkeit, zu einem nüchternen, mäßigen Leben zu führen, weitab von Hoffart, von Ueberfluß im Essen und Trinken, von Spiel, Leichtfertigkeit und Unzucht. Zu diesem Ziele sollen, wie die von ihm stammende Instruktion vom Jahre 1584 es ausspricht, der neu ernannte Präceptor und Hofmeister seine Söhne von frühester Jugend an Hinleiten, weil das, was in der ersten Jugend angenommen wird, tief zu wurzeln und lange zu bestehen pflegt. Darum soll der Anfang der Erziehung gemacht werden mit der Einpflanzung der Furcht Gottes. Der Herzog schreibt eine genaue Eintheilung des Tages für die Prinzen vor und bestimmt genau, wie ihr Studium durch Uebungen des Gebetes geheiligt werden soll. Morgen- und Abendgebet sollen sie mit gebogenen Knieen in orutorw verrichten und täglich nach dem „Morgen- süppel" die hl. Messe anhören. Damit sie von Jugend auf lernen, ihre Gebete der Ordnung und den Gebeten der Kirche anzuschließen, sollen die Prinzen, sobald sie an Verständniß der lateinischen Sprache etwas zugenommen haben, brauchbare Meßbüchlein, welche auch die wechselnden Gebete und Lesungen enthalten, zu Händen bekommen. Den englischen Gruß, der so viele Geheimnisse unserer hl. Religion enthält, sollen sie öffentlich beten, wo immer die Betglocke sie antreffen uiögc. Bezüglich des Tischgebetes wünscht der Herzog, daß seine Söhne mit den für die Hochfeste gebräuchlichen veränderlichen Versikeln bekannt gemacht werden. Einmal in der Woche, vorzüglich an Samstagen und Feierabenden, sollen sie den Rosenkranz mit der lauretanischen Litanei beten. Die Prinzen sollen aber nicht nur beten, sondern auch wissen und verstehen, was sie beten, und erkennen, daß sie einen solchen täglichen Gebetsdienst dem Allmächtigen schuldig sind, um Hilf' und Stärkung zu einem christlichen, tugendsamen Leben zu erlangen, zu dem sie nicht nur wie die anderen Gläubigen durch die Taufe sich verpflichtet, in dem sie vielmehr kraft ihres Standes und Berufes anderen vorzuleben und vorzuarbeiten haben. Der Titel „Durchlaucht" soll sie daran erinnern, daß sie mit allen Tugenden geschmückt und so aus den anderen Menschen gleichsam heranslerichten und scheinen sollen. Darum sollen sie gegen jedermann freundlich und holdselig, gegen die Ihrigen aber sich gnädig und hilfreich erzeigen, und wohl es bedenken, daß es nicht Knechte und Leibeigene, sondern christliche Mitbrüder und Erben des Himmelreiches sind, denen sie dereinst vorstehen sollen, damit sie in Glücks- und Unglückszeiten sich einen Schatz sammeln und Freunde machen. Der innig fromme, zarte, religiöse Sinn des Vaters Zeigt sich besonders in der Anweisung, welche er an den Hofmeister richtet; wenn er gewahre, daß die Prinzen einen besonderen Wunsch hegen, z. B. nach einer Reise, nach einem Geschenke, oder überhaupt nach einem von den Eltern zu erbittenden Gegenstände, so solle er dieselben lehren, diese Dinge durch Andacht im Gebete zu suchen, damit sie wissen und verstehen, daß Alles und Jedes allein von Gott erbeten und erhofft werden muß. Herzog Wilhelm hat es wohl erkannt, daß das beste Schutzmittel für seine Kinder gegenüber der um sich greifenden neuen Lehre in dem kindlichen Anschlüsse an die Kirche und ihr oberstes Haupt, im rechten Verständniß der katholischen Lehre und in treuem, herzlichem Gebete um die Gnade des Glaubens vor allem durch die Fürbitte Mariens, der Patronin Bayerns, gegeben ist. Darum soll zunächst der deutsche, später der lateinische Katechismus und darauf die (laxita, äootrinas Ollristianas 6ar>isii mit- und neben dem täglichen Brode in den Händen seiner Söhne sein. Hierin soll der Präceptor ganz besonders sich angelegen sein lassen, gründlich zu unterweisen, in seinen Schillern Liebe und Neigung zur Kirche und zum göttlichen Dienste zu wecken und zu diesem Behufe sie in das Verständniß der herrlichen und schönen Ceremonien einzuführen. Zugleich ist sorgfältig darauf zu achten, daß kein Buch in die Hände der Prinzen komme, das in Bezug auf Religion und Sittlichkeit irgendwie verdächtig erscheint. Desgleichen sollen Personen, welche in dieser Richtung nicht verlässig erscheinen, keinen Zutritt bei ihnen haben; denn es sind Beispiele vorhanden, daß fürstliche Kinder heimlich und in der Stille, ehe man die Sache recht gewahrte, innerlich verführt wurden durch böse, schädliche Leute, die unter Anwendung von allerlei Formen von Höflichkeit und scheinbarer Liebe sich meisterlich einzuschleichen verstanden. 122 Diese väterliche Fürsorge, alle schädlichen Einflüsse von seinen Söhnen fern zu halten, führt den Herzog sogar soweit, daß er die heidnischen römischen und griechischen Schriftsteller als „heidnische Schwätzer und Fabelhansen" bezeichnet, die aus einer Fürstenschule, in welcher auch ein Bischof soll erzogen werden (Prinz Philipp war schon im Alter von 3 Jahren zum Bischof von Negensburg erwählt worden), womöglich ausgetrieben werden sollen. In Wirklichkeit ist dieser Wunsch des Herzogs nicht zum Vollzug gelangt; vielmehr ist Prinz Maximilian wie seine Brüder in die Kenntniß der griechischen und lateinischen Literatur eingeführt worden. Weil aber der Glaube eine Gabe Gottes und ein sitttenreines Herz das geeignetste Organ zur Aufnahme desselben ist, so empfiehlt der fürstliche Vater seinen Söhnen mit allem Nachdrucke die kindliche Verehrung der hl. Gottesmutter. Darum sollen sie in das Verständniß und den Gebrauch des Olüdnm L. Nurias Vir^ims eingeführt werden, das sie, weil es kurz ist, leicht in den Kopf bringen und auswendig gebrauchen können. Wirklich findet sich unter den noch erhaltenen Jugendarbeiten des Prinzen Maximilian aus den Jahren 1683 bis 1585 ein von ihm selbst in lateinischer Sprache geschriebenes Oftidum ö. V. Llarius. Schon in frühester Jugend in die Marianische Congregation in München aufgenommen, wurde er im Jahre 1584 zum Prüfecten derselben und bald darauf zum Vorstand aller in Deutschland bestehenden marianischen Vereinigungen ernannt. Zur Verehrung der Gottesmutter dürfen die Prinzen auch Kirchgänge nach Thalkirchen und Ramersdorf und mit seiner besonderen Erlaubniß auch Wallfahrten auf den hl. Berg (Andechs), nach Tuntenhausen und Altötting machen. Wie bei allen geistlichen Uebungen das Verständniß betont wird, so soll auch die Bedeutung der Wallfahrt den Prinzen erklärt und ihnen Stoff zur geistigen Verarbeitung während derselben geboten werden, damit sie von Jugend auf des Herrn Joch tragen und die elende Pilgrimschaft dieses Lebens erkennen und betrachten lernen. Ein Bericht des Präceptors Petreus meldet unterm 27.Sept. 1580 über einen solchen Kirchgang dem herzoglichen Vater: Maximilian ist auf seinem Napple geritten bis zur Wiese bei Thalkirchen; alsdann ist er über die Wiese hin mit uns gegangen und hat die lateinische Litanei singen helfen. Bei der hl. Messe hat er den Rosenkranz und für alle, deren er in seinem täglichen Gebete gsusralitsr eingedenk ist, ein specielles kaisr uoster mit ^.vs ülariu gebetet. Nach solchen streng religiösen Grundsätzen wurde Maximilian von frühester Jugend an erzogen. Der Unterricht des Prinzen war, solange er in München weilte, conform dem Lehrplane an dem von den Jesuiten geleiteten Gymnasium in München, an dessen öffentlicher Preisverthetluug er 1584 und 1585 persönlich sich be- theiligte und zwar als Preisträger. Außerdem lernte er zeichnen, malen und musiziren. Für die freie Zeit war vom Vater Ballspiel, Kugeln, Tafelschießen, mäßiges Umherlaufen, Reiten und besonders Fischen gestaltet. Der bereits erwähnte Präceptor erzählt, mit welch großer Freude Maximilian den ersten Hecht, den er gefangen, seiner fürstlichen Mutter präsentirte, nachdem er ihn für den abwesenden Vater hatte abmalen lassen. Ringen und Schwimmen war nicht gestattet; Karten- und Würfelspiel durfte nicht zugelassen werden. Weil der spätere Beruf Tapferkeit und Mannhaftigkeit von dem Träger der Herzog-krone forderte, darum solle Maximilian schon in der Jugend unerschrocken reden und handeln lernen. Der ihm von Natur eigenen Zaghaftigkeit und Erschrockenheit bei unvorhergesehenen Reden soll dadurch begegnet werden, daß ihm öfters Meldungen, Botschaften, Ueberbringung von Grüßen aufgetragen und auch kleinere deutsche Vortrüge von ihm gehalten werden. Wie sehr dem Wunsche des Vaters, daß die lateinische Sprache in den Mittelpunkt des ganzen Unterrichtes gestellt und von seinen Söhnen vollkommen beherrscht werde, von Seite dieser entsprochen wurde, das beweisen die noch vorhandenen lateinischen Briefe Maximilians an seinen Vater und die Berichte seiner Lehrer. Bereits im Alter von neun Jahren schrieb er an seinen Vater einen Brief in lateinischer Sprache, der in einer Beilage der Nonumsutg, xuöäuAoFiou reproducirt wird. Im Alter von 14 Jahren, 1587, siedelte Maximilian an die Universität Jngolstadt über, um zunächst Rhetorik und Dialektik zu studiren. Während der vier Jahre seines dortigen Aufenthaltes hörte er juridische und geschichtliche Vorlesungen und lernte die bedeutenderen Schriften von Lenophon, Cicero, Tacitus, Horaz und Ovid kennen. Zugleich erhielt er Unterricht in der Mathematik und Kriegskunde. Nach des Vaters Willen wurde französische und italienische Konversation eifrig gepflegt. Präceptor Fickler führte ihn in die Institutionen, in die rsAulas furis dvilis und die bayerische Landordnung ein. Die von Jngolstadt an seine Eltern gerichteten Briefe, 38 an der Zahl, geben eben so sehr Zeugniß von der kindlichen Liebe zu seinen Eltern, wie von seiner tiefen Frömmigkeit und seinem Eifer für das Studium. Jeder dieser Briefe berichtet über den Stand seiner Studien und gibt seiner Freude an denselben Ausdruck. Die begleitenden Berichte des Präceptors und Hofmeisters lassen ersehen, daß es nicht leere Versicherungen waren, die der Sohn dem besorgten Vater gab, daß vielmehr wirklich nicht nur oditsr, sondern gründlich und anhaltend gearbeitet wurde. Wiederholt ist Maximilian bet öffentlichen Disputationen oxxoasuäo st arZu- uasutauäc» in xudliso mit bestem Erfolge aufgetreten und sandte Thesen und Argumente in Abschrift dem Herzoge nach München. Ein neuer Hofmeister Namens Laubenberg scheint sich in Jngolstadt gegen die Wünsche des Prinzen zu nachgiebig gezeigt und in demselben nicht so sehr seinen Zögling, als vielmehr den künftigen Herzog respectirt zu haben. Darum erließ Herzog Wilhelm im Jahre 1587 an Laubenberg eine Instruktion, die von dem unbefangenen Blicke des Vaters rühmliches Zeugniß ablegte. Ihr Inhalt ist folgender: Der Hofmeister solle nicht so viel Gepränge und äußerliche Ceremonien mit feinem Sohne treiben, solle nicht immer fragen, ob der Prinz dies oder jenes thun wolle, sondern selbst jederzeit ihm sagen, was er thun und lassen soll; ja er solle ihm zuweilen auch ohne Angabe eines Grundes etwas an sich Erlaubtes verweigern und abschlagen, damit der „Pueb" gegen ihn billigen Respekt trage; denn dem Herzog will eS vorkommen, als seien sie (Hofmeister und Prinz) viel zu gesellig mit einander. Der Hofmeister solle sich nicht nach künftigen Gnaden oder Ungnaden des Prinzen richten; denn wenn er mehr sich nach der aufgehenden als nach der untergehenden Sonne richte und ihm, dem Prinzen, allein das xlaosko singe, so könnte er das nicht vor Gott verantworten und würde sich für sein Amt als untauglich erweisen. Beichtvater des Prinzen während der Universitätsjahre war der Jesuitenpater Gregor von Valencia, Pro- > 1 - 123 fessor der Dogmatik an der Universität, der seinem Schutzbefohlenen als erfahrener Rathgeber zur Seite stand. Herzog Wilhelm erkannte sehr wohl den segensreichen Einfluß der hl. Beichte auf die sittliche Gestaltung des jugendlichen Lebens. Darum verfügte er, „daß seine Söhne nicht nur einmal im Jahre, sondern etlichemal, als Anfang und Ende der Fastenzeit, Pfingsten, Maria Himmelfahrt, Allerheiligen und Weihnachten" die hl. Beichte ablegen sollten. Daß diese Praxis auch in Jngolstadt beibehalten wurde, läßt sich aus den Briefen des jungen Herzogs, sowie aus den Berichten seiner Hofmeister entnehmen, die zugleich alle außerordentlichen kirchlichen Veranstaltungen registriren. an denen der Prinz sich aufs eifrigste bethetligte. In dem eifrigen Gebrauche dieser mächtigen Waffe gegenüber den Gefahren der Jugendzeit ist wohl auch die Erklärung zu dem herrlichen Urtheile zu suchen, welches der Präceptor Fickler vor Abschluß des Universitätsstudiums im Jahre 1590 an den Herzog über seinen Zögling berichtet hat. „Ich habe an ihm eine zur Frömmigkeit und zu heroischer Tugend veranlagte Seele gespürt, sowie eine Geistesrichtung an ihm wahrgenommen, die durchaus rein und von jeglicher Makel der Unkeuschheit unversehrt und unbefleckt ist. Ueberdies ist er von solchem Ernste erfüllt, daß er nie am Anblicke leichtfertiger, possenhafter Menschen, geschweige denn an ihrem Umgänge ein Wohlgefallen empfindet und unscham- hafte Worte auf das äußerste verabscheut. Diese Vorzüge entstammen seiner Liebe und kindlichen Ehrfurcht, welche er gegen Gott in sich trägt, und aus welcher diese Wohlthaten GotteS gleichsam als Belohnungen und als Schutzmittel auf ihn zurückfließen. Mehreres hierüber will ich nicht schreiben, damit ich nicht in den Verdacht des Schmeichelns komme, während ich doch nur mich bestrebe, Ew. Durchlaucht die Wahrheit zu bezeugen, und ich nichts sehnlicher von Gott erflehe, als daß er in seiner Güte Ihrem Sohne jene Gesinnung bewahre, die er in ihn gelegt hat. Denn dann hoffe ich zuversichtlich, daß einstens das Staatswesen an ihm den besten Fürsten haben wird." Im Jahre 1591 kehrte Maximilian nach 4jährigem Aufenthalte an der Universität Jngolstadt in die Arme seiner geliebten Eltern zurück. Er brachte ein reiches Kapital an Wissen und Jugendkraft mit nach Hause, und sein Herz hatte den reinen Glanz nicht getrübt, in dem es beim ersten Scheiden von den herzoglichen Eltern erstrahlte. Maximilian wurde nunmehr in die Negierungs- geschäfte eingeführt, wurde 1594 von seinem Vater als Mitregent angenommen, bis 1597 die Regierung ganz in seine Hände gelegt wurde. Er wurde, wie sein Prä- ceptor es vorausverkündet hatte, vxtimus privospg Lavarias, ein Fürst,*) „der glühenden Eifer für seine Kirche mit classischer Bildung und staatsmännischem Blicke, Ordnung im Staatshaushalte und Sittenstrenge mit Glanz in der Regierung, Ehrgeiz mit Treue gegen Kaiser und Reich zu vereinen wußte. Unter ihm erlangte Bayern eine Bedeutung, wie es sie seit lange nicht besessen." Nach einem Leben treuer Pflichterfüllung, im Alter von 79 Jahren, wandelte den greisen Fürsten die Sehnsucht an, nochmals den Ort zu schauen, wo er in edlem Streben so glückliche Jugendjahre verlebt und jene soliden Principien in sich aufgenommen hatte, denen er in schwerem Lebenskämpfe als Mann nie untreu geworden war. Auf der Reise nach Jngolstadt, auf der so viele Erinnerungen *) Weiß, Weltgeschichte IX, 123. an die entschwundenen Jugendjahre vor seiner Seele aufstiegen, erkrankte und starb der große Churfürst, untadelig bis zum letzten Athemzuge. L. L. Eine Cnlturgeschichte des Mittelalters. Keine Aera der Welt- und Menschengeschichte ist soviel gepriesen und soviel geschmäht, als die Zeit des Mittelalters. Dieselbe hat unbestreitbar — und psychologisch begreifbar — ihre großen Licht- und Schattenseiten. Es wäre aber ebenso falsch, mit den lauclatoren tsnaxoiis aoti jene Zeit in politisch-kirchlicher Hinsicht als das Muster und Ideal für alle Zeiten aufstellen und kulturgeschichtlich als den Höhepunkt menschlicher Bildung und Gesittung bezeichnen zu wollen, wie sie als eine Zeit trüber Barbarei und geistiger Finsterniß zu verschreien. Das Mittelalter ist — das wird eine ruhige und fachliche Geschichtsforschung immer deutlicher zeigen — „eine Zeit, die wir, Alles in Allem, groß und denkwürdig nennen müssen, die wir nicht zurückrufen wollen, deren wir uns aber auch nicht zu schämen brauchen"'). Die zahlreichen Monographien über kirchlich-politische und namentlich culturhistorische Verhältnisse jener Zeit, die in den letzten Jahrzehnten veröffentlicht wurden^), beweisen das zur Genüge. Sind schon die Einzelabhandlungen nicht immer fehlerfrei und je nach dem Standpunkte des Verfassers auch tendenziös, so vertreten die Gesammt- darstellungen des mittelalterlichen Kulturlebens nur zu oft eine einseitige, ja falsche Richtung. So geht die allgemeine Culturgeschichte von Otto Henne-Am Nhyn (2. Bd.: Das Mittelalter, Leipzig 1877) nicht bloß von durchaus rationalistischen, sondern von darwin- istischen Principien aus. Und doch ist eine gerechte Würdigung des Mittelalters einzig und allein möglich durch die genaue Kenntniß und das richtige Verständniß des politisch-kirchlichen und religiös-sittlichen Charakters jener Zeit. Ja, es wird wohl richtig sein, daß alle mittelalterlichen Verhältnisse nur vom katholisch-kirchlichen Standpunkte aus richtig taxirt werden können. Es ist deßhalb freudigst zu begrüßen, daß Dr. Grupp^) den Versuch gemacht hat, auf wissenschaftlicher Grundlage eine allgemeine Culturgeschichte des Mittelalters aufzubauen. Es ist das allerdings eine Aufgabe, welche die umfassendsten Kenntnisse erfordert. Man mag und kann eine Lösung dieser Aufgabe wegen der damit verbundenen Schwierigkeiten zur Zeit noch für gewagt, ja für unmöglich halten, aber Dr. Grupp hat den Versuch gemacht und — mit großem Geschick, mit viel Geist und Scharfsinn durchgeführt. Wer das geistreiche, mit viel Beifall aufgenommene, erste culturgeschicht- liche Werk des Gelehrten^) kennt, wird sich nicht mehr wundern, daß Grupp sich an diesen schwierigen Versuch herangewagt hat. ') Kraus, Lehrbuch der Kirchengeschichte, 3. Aufl., S. 242. Trier 1837. 2) Vergl. nur die in der „Literarischen Rundschau" 1894, I, 20 aufgeführten Abhandlungen sowie „Geschichte des gallo- fränkischm Unterrichts- u. BildungSwescns von Otto Denk, Mainz 1892. b) Culturgeschichte des Mittelalters von Dr. G. Grupp, f. Octtingen-Wallersteinischem Bibliothekar. Erster Band, mit 28 Abbildungen. Stuttgart, Jos. Roth'sche Verlagsbuchhandlung, 1894. 356 S. M. 6,20. System u. Geschichte der Cultur v. Dr. Grupp, Paderborn 1892. Vgl. v. LinsenmannS Recension in der Tübinger Quartalschr. 1892, 676—686. Wie dort, so beweist der Verfasser auch hier sicheres Urtheil und solides Wissen, staunenswerthe Belesenheit und innige Vertrautheit mit der Spezialliteratur, große Auffassungsgabe und gewandte, mitunter flotte Darstellungsform. Das Ganze ist lichtvoll geordnet und gibt ein nahezu vollständiges Bild von dem vielseitigen Culturleben des an Erscheinungen aller Art so reichen Mittelalters. Das Gebiet der politischen Ereignisse und Veränderungen ist nur insoweit berührt, als es auf die menschliche Cultur bestimmend einwirkte. Die beige- gebenen Abbildungen machen den interessanten Inhalt sehr anschaulich, und die Lektüre ist durch die glatt fließende Sprache sowie dadurch erleichtert, daß der „gelehrte Ballast" und die Controversfragen in die Anmerkungen verwiesen sind. Für den ganzen Inhalt, für das richtige Verständniß der mittelalterlichen Cultur und Gesittung hat vr. Grupp sich einen sicheren Boden geschaffen durch eine eingehende und liebevolle Betrachtung des Christenthums und der urchristlichen Kirche. Die Ausgestaltung des Dogmas und die Entfaltung der kirchlichen Institutionen, die nltchristliche Lebensweise und die einzelnen Stände mit ihren Beschäftigungen, Sitten und Gewohnheiten, Tugenden und Lastern, der harte Kampf gegen und der ruhmvolle Sieg über die materiellen und geistigen Kräfte des Heidenthums, der religios-sittlich-sociale Zustand der Gesellschaft und der Kirche vor dem Einfall der Germanen werden mit lebcnsfrischen Farben geschildert. Dabei ist das Verhältniß des klassischen Heidenthums zum Christenthum vollkommen erfaßt, dasselbe hat ja viele wirkliche Elemente des Wahren, Guten und Schönen in sich geborgen. Aber wir Hütten auch die Schäden und Aergernisse in der frühesten Kirche (vgl. Apostelgesch. 5 u. 6 u. 1. Korinth. 5, 1) sowie die heidnische Literatur gegen das Christenthum erwähnt (S. 40—60) und den Einfluß des letzteren auf die römische Gesellschaft viel höher taxirt; man denke nur an den herrlichen Kreis, der sich um Hieronymus gebildet hat. „Die Wirkungen dieser Heiligung des Familienlebens für die socialen und volkswirthsch östliche» Verhältnisse können nicht hoch genug angeschlagen werden. Sie veredelte das öffentliche wie das Privatleben. Es mußte ein milder, edler Geist die Unterhaltung, den Unterricht beherrschen. Die Briefe des hl. Hieronymus au vornehme Römerinnen legen ein Zeugniß hicfür ab""). Auch der sittliche Rigorismus in dem Leben und den Ansichten der alten Christen, der theilweise bis ins 5. Jahrhundert hinein fortdauerte, Hütte Erwähnung verdient "); man denke nur an die harte Beurtheilung der wiederholten Ver- ehelichung. Auf solidem Fundamente erhebt sich nun das stattliche Gebäude dcs reichhaltigen Culturlebens der mittleren Zeit. Die Romantik in der griechischen Literatur eröffnet das Mittclalter als eine Periode des Gefühles. Das widerstandsfähige Byzantinerthnm, das „tausend Jahre lang auf allen Seiten umgeben von unaufhörlich Andrängenden kriegstüchtigen Barbaren" (S. 86) sich zu halten vermochte, und namentlich das nrkräftige Germ ane nthnm werden in trefflicher Weise charak- °) Schanz, Apologie des Christenthums, III, S. 403. Vgl. auch Kober. Einfluß der Kirche und ihrer Gesetzgebung auf die Gesittung, Humanität u. Civilisation im Mitttclalter, Tübinger Theol. Qnartalschr. 1858. °) Vgl. Hcfele, Beiträge zur Kirchengeschichte u. Archäologie, Tübingen 1864, S. 16-59, terisirt; beide sind „zwei entgegengesetzte Lebensmächte und Lebensprincipien" (S. 97), aber jedes groß in seiner Art?). Jenes war ja von der Vorsehung „zu einer Zuflucht und Aufbewahrnngsstätte aller Geisteserzeugniffe und Culturelemente des Alterthums ausersehen" (S. 86), und die welthistorische Bedeutung der Germanen ist mit Recht darin gefunden worden, „daß der kräftige, lebensvolle und saftreiche Wildling, Germane genannt, der rechte Stock war, dem der göttliche Keim für die edelsten Früchte eingeimpft werden konnte" (Arndt). Aeußerst interessant ist die Darstellung der Lebensart und Sitte, Staats- verfaffung und Religion, des Kriegs- und Wirthschaftswesens der Germanen, wobei jedoch eine ausführlichere Behandlung der Rechtsverhältnisse, der Agricultur und der Eintheilung in Sippen und Hundertschaften (S. 105 u. S. 113) zu wünschen wäre"). Mit kräftigen Zügen ist die Völkerwanderung des 4. und 5. Jahrh, in ihrer Ursache und Zweckbeziehung geschildert"), der Charakter der Wandalen und Goten, der Langobarden und Franken mit naturwahren Farben gezeichnet und „das Heldenthum dieser Wanderzeit im romantischen Frühlicht der Sage" schwungvoll dargestellt. Als Gegenpol des Germauenthums erscheint das phantasievolle Araberthum, begeisternd durch seinen Glaubensmuth, verderbenbringend durch seine Sinnlichkeit, feinen Glanz und seine Ueppigkeit. Gegen den Einbruch der Germanen und Araber erhebt sich die gewaltige Macht der Kirche in ihrer Thätigkeit als Erzieherin und Mutter, die lehrt und bessert, aufrichtet und erhält, das Böse straft und zum Guten ermuntert, die Trümmer antiker Bildung durch ihre Klöster und (Dom- und Pfarrei-) Schulen rettet, — in allen Verhältnissen eine Quelle deS reichsten Segens und Trostes. Mag diese Periode, die durch den Zusammenstoß barbarischer Wildheit und römischer Korruption bezeichnet wird, auch dunkle, sehr dunkle Schatten aufzeigen und hinter dem Ideal der Sittlichkeit zurückbleiben, es fehlt ihr doch nicht an hellstrahlendem Lichte: überall entfaltet sich jugendliche, schöpferische Kraft und immer mehr offenbart sich das tiefe, reiche Gemüth deutscher Nation. Es ist sodann die Heldengestalt eines Karl des Großen, der die Cultur Mächtig gefördert und nach den hohen Ideen eines Augustinus den christlichen Gottesstaat aufzubauen strebte'"). Wirthschafts- und Kriegswesen, Wissenschaft und Unterricht, religiöses und kirchliches Leben werden in erfreulicher Weise ausgebildet. Das reiche Culturleben des römischen Reiches deutscher Nation erscheint in seinen vielverheißeuden Anfängen. Die weltlichen und geistlichen Ideale der Dichtung, die ') Wir schätzen die oströmische Cultur (u. Literatur) höher, als der Verfasser. LiutprandS Berichte sind doch sehr mit Vorsicht aufzunehmen. — Man vgl. sodann Krumbacher' s Geschichte der byzantinischen Literatur von Justinian bis zum Ende des oströmischen Reiches (527—1453), München 1891, u. Reuters Augustin. Studien, 1887, 153 ff. °) Auch die Geistigkeit und verhältnißmäßige Reinheit der religiösen Vorstellungen (vgl. Tacitus, Osrman. v. 19) wäre mehr zu betonen. ") Das geschichtliche Bild der Völkerwanderung ist jedoch nicht klar genug gezeichnet. '") Karl der Große erscheint in zu Hellem Lichte. Denn als Schutzvogt der Kirche überschritt er ost das richtige Maß und mischte sich zu tief in religiöse Fragen ein (S. 204), er war „ein leidenschaftlicher Liebhaber des schönen Geschlechtes", und „gleicht hierin etwas den Merowingern" (S. 214). Ja, im merowingischen Königshause war Polygamie fast hergebracht. Und wie Pipin II., ist auch Karl d. Gr. hierin schlecht beleumundet. 125 geistliche Cultur, vor allem die der Klöster "), die hervorragende Bedeutung und das Ansehen des Papstthums im 8. u. 9. Jahrhundert, der Charakter des philosophischen Studiums, die staatlichen Neubildungen, Burgenbau und Nitterthum, deutsches und nationales Königthum, — all das ist eingehend und farbenreich geschildert. Der Aufschwung der religiösen Volksbildung und die Verbesserung der gesellschaftlichen Zustände, welche die großartige Thätigkeit Karls des.Großen, wie in England König Alfreds des Großen") zur Folge hatte, war leider nur vorübergehend. Die Otto nische Cultur weist neben wohlthuenden Lichtpunkten dunkle Schattenseiten auf. Im 10. Jahrhundert, dem Lasouluna oftseurum, erreichte das Uebel seinen Höhepunkt. Mit den „Anfängen der Nitterdichtung", womit „wir uns mehr und mehr der ritterlichen Zeit des Mittelalters, dem Zeitalter der Kreuzzttge und des Minnesangs, dem Höhepunkt von Papstthum und Kaiserthum" (S. 344) nähern, schließt Grnpp den ersten Band feiner geistreichen Culturgeschichte des Mittelalters. Ein derartiges Werk bringt es naturgemäß mit sich, daß der Referent oder Recensent, so sehr er auch im Großen und Ganzen den Ausführungen seine volle und »»getheilte Anerkennung zollen muß, dennoch an einzelnen Stellen ") seine Asterisken anbringen wird. Aber alle Wünsche und Ausstellungen beweisen nur, mit welch großem Interesse man ein solches Buch aufnimmt und — darin eben liegt seine beste Empfehlung. „Nicht bloße Anerkennung und Bewunderung, sondern ernste Kritik, nicht nur fromme, begeisterte Leser, sondern freimüthige Verbessere! all seiner Schriften", hat sich ein Augustinus gewünscht "), der Tadel eines jeden war ihm lieber als das Lob eines Schmeichlers "). Denn mit der Kritik in Liebe und im Interesse der Wahrheit sei dem Verfasser und den Lesern besser gedient, als durch eine ") „Die Klöster haken Deutschland cultivirt und sowohl in materiell-wirthschaftlicker als geistig-religiöser Hinsicht die Rohheit und Barbarei besiegt." (S. 243.) --) Alfred d. Gr., K. v. England (671-900). welcher an der Volksbildung regsten Antheil genommen, scheint nnS zu Wenig berücksichtigt. ") Außer den bereits angebrachten Desidericn hätten wir statt der „persönlichen Vorrede" eine andere gewünscht; etwa einen rein sachlichen Plan über die Eintheilung der „Culturgeschichte", sowie eine Aeußerung über die bisherigen „Cultur- geschichten deS Mittelaltcrs". Sodann verlangten wir überall eine genauere Zeitangabe; man weiß oft nicht, mit welchem Jahrhundert man es zu thun hat, z. B. ob mit dem 9. oder 10. Jahrh. — Dem Culturhistorikcr mag es besonders schwer fallen, überall Licht und Schatten gleichmäßig zu vertheilen, aber cö geht nicht an, „den historischen Boden" zu verlassen und z. B. die bekannten römischen Verhältnisse des 10. Jahrh, „von der Hochwarte der Geschichte aus" (S. 288) zu betrachten, „womit sie alles Anstößige verlieren". Wir wollen gewiß nicht vergessen, daß die Schilderungen der Zeitgenossen vorzüglich das Tadelnswerthe hervorheben, während das stille, gedeihliche, be- rufötrcue Wirken meist unerwähnt bleibt, daß die Inschriften (vgl. Kraus, Lehrbuch, S. 277) aus jenen Jahrh, uns ein freundliches Bild von dem christlichen Culturlebcn entrollen, aber jene Zustände bleiben auch bei der idealsten Auffassung das, was sie wirklich sind. Um so mehr hätte die geistliche Hymnen-, besonders die Sequenzendichtung im Zeitalter der Ottonen schärfer hervorgehoben werden sollen. — Ob man damals, ums Jahr 1000, den Weltuntergang mehr fürchtete als sonst? Nein, „es rührten sich ja trotz der Angst alle Kräfte" und „die Furcht" hemmte z. B. die Bauthätigkeit nicht (S. 316). ") S. Theol. Quartalschrift 1891, S. 103. s°) Lla11 m wo reprokouüi a rsprsbsiwors kalsitatis gnam ao sgns tauäators lauäari (äs trillit. 1. I o. 3 ll. 6). Prüfungslose Zustimmung "). Das schön ausgestattete Werk Grupps sei darum allen gebildeten Kreisen bestens empfohlen. Ohne die Absicht des Verfassers zieht sich durch das Ganze wie ein lang glänzender Lichtstreif die Wahrheit durch, daß die christliche Kirche die wahre Bildungsmacht ist.") Stuttgart. Neligionslehrer vr. tlrsol. Koch. Charcot über die Wirksamkeit des Glaubens in der praktischen Heilkunde. Von Pros. vr. Haas in Passau. (Schluß.) Nach Charcot sind die an Gnadenorten wunderbar geheilten Krankheiten meist Lähmungen hysterischer Natur, aber nicht alle. Wie steht es nun mit leheren, z. B. mit geheilter Blindheit, Taubheit u. f. w.? Sind diese Krankheiten auch hysterischer Natur? Es gibt zwar hysterische Erscheinungen von einseitiger Anästhesie und insofern von einseitiger Taubheit, Blindheit u. s. w. Aber das sind wechselnde Erscheinungen: wie verhält es sich mit Blindheit u. s. w., die auf eine gewaltsame äußere Einwirkung hin entstand, oder von Geburt aus anhaftete, oder sich allmählich ohne jede hysterische Grundlage durch sonstige schädliche Einflüsse ausbildete? Zudem ist von Charcot die Frage ganz unberührt gelassen, ob denn die Hysterie als solche lediglich auf Einbildung beruht, ob sie nicht irgendwie als organisch aufzufassen ist. Können ferner die Erscheinungen und Folgen der Hysterie schwinden, ohne daß letztere geheilt wird? Und wenn mit ihren secundären Erscheinungen die Hysterie selbst ohne weiteres ärztliches Eingreifen an einem Gnaden- orte geheilt wird, läßt sich diese Heilung auf eine rein natürliche Wirkung des Glaubens zurückführen? Dem ganzen Verfahren Charcots liegt eine eklatante logische katitio xrinoixii zu Grunde, nämlich der Satz: Jeder Glaube ist Einbildung. Da ergibt sich für ihn freilich ohne alle Schwierigkeit folgender Schluß, der aber selbst in seinen einzelnen Gliedern eine strenge Prüfung nicht aushält: Die Erscheinungen in der Hysterie beruhen auf Einbildung, können also durch Einbildung beseitigt werden. Krankheitserscheinungen werden durch den Glauben beseitigt, beruhen also auf Einbildung, sind also hysterischer Natur. Selbst die falsche Voraussetzung als wahr angenommen, ist dieser Schluß so wackeliger Natur, daß auch der ungeschulteste Logiker das Sophistische in demselben sofort erkennt. Charcot verlangt nach seiner ganzen Darstellung von einer wunderbaren Heilung ein Zweifaches: plötzlichen Eintritt und sofortige Vollständigkeit. Hier verlangt er augenscheinlich zuviel. Die wunderbare Wendung in der Krankheit muß allerdings eine plötzliche sein; denn wenn ein Organismus derart der Auflösung bereits verfallen ist, daß in ihm die Kraft zu ciuer Wendung zum Bessern nicht mehr liegt und durch kein natürliches Mittel wehr hineingelegt werden kann, so muß derselbe in seinem innersten Wesen neugeschaffen, es muß ihm eine neue Kraft verliehen werden. Dieser ganze Vorgang kann aber seiner Natur nach nur ein momentaner fein. Wird aber die Vollständigkeit der Heilung in der Weise gefordert, daß die geheilten Organe sofort '°) Vgl. LnANstiu. ibiä. u. 5. ») Vgl. Schanz, Apologie III, 387-422: DaS Christes thum und die Cultur. 126 wieder vollständig ihren Dienst leisten, so werden eigentlich statt eines Wunders zwei oder sogar drei verlangt. Bei längerem Verluste des Gebrauches eines Gliedes ist nach Wiedererlangung dieses Gebrauches letzterer erst wieder zu erlernen; der Geheilte muß sich erst wieder an die neu erlangte Funktionsfähigkeit des Gliedes gewöhnen. Ferner bleibt naturgemäß trotz des Vertrauens des Geheilten für die erste Zeit eine Art Unsicherheit bezüglich des geheilten Gliedes zurück, hervorgerufen durch die Ungewohntheit des neuen Gefühles, welches rasch und unvermittelt auf das alte schmerzhafte Gefühl oder unter Umständen auf die gänzliche Gefühllosigkeit folgt. Chnrcot verlangt also, daß mit dem physischen Defekt auch zugleich sofort ein doppelter moralischer Defekt gehoben werde. Ich halte es aber für ausreichend znr Annahme des Wundercharakters einer Heilung, wenn da, wo bei klarer und deutlicher Einsicht in die Natur einer Krankheit eine Regeneration des kranken Organismus sowohl von Seiten des letzeren als von Seiten der angewendeten oder anwendbaren ärztlichen Mittel vollständig und positiv ausgeschlossen ist, trotzdem auf den lebendigen Glauben hin plötzlich eine Regeneration eintritt und ohne Rückfall vorwärts schreitet. Die unerläßliche Prüfung hat sich aber in einem solchen Falle besonders darauf zu erstrecken, ob die eingetretene Regeneration in sich wesentlich vollendet ist und etwaige zurückbleibende Mängel lediglich unwesentlicher Natur sind und dem berührten moralischen Gebiete angehören. Ohne Beantwortung dieser Fragen ist ein sicherer Anhaltspunkt zur Annahme eines Wunders nicht gegeben. Wollte man sich aber etwa darauf steifen, daß bei dem heutigen Stande der medizinischen Wissenschaft die unbedingte Regenerationsunfähigkeit eines kranken Organismus aus eigener Kraft nicht bewiesen werden könne, so müßte eben in allen Fällen, wo die Heilung nicht eine plötzlich vollständige im Sinne Charcot's ist, auch von Seiten der medizinischen Wissenschaft das Urtheil über den Wundercharakter objectiv in LUkpanso bleiben und dem subjectiven Ermessen des Einzelnen freies Spiel gelassen werden. Nun sind aber viele plötzliche vollständige Heilungen, sogar bei namhaften äußeren Verwundungen, beglaubigt. Beispiele anzuführen, halte ich für überflüssig. Die Wunder der hl. Schrift erfüllen ausnahmslos die Anforderungen Charcot's im vollsten Sinne. Ich will nur auf ein Beispiel verweisen, auf die Heilung des Lahm- gebornen, welche der hl. Lukas in Apostelgeschichte 3 ganz eingehend erzählt. Wer die Erzählung nachliest, kann sich sicher im Hinblick auf die Anforderungen Charcot's des Eindruckes nicht erwehren, es habe der hl. Arzt und Hagiograph auf göttliche Fügung hin den Einfall seines späteren einseitigen Collegen im voraus berücksichtigt und zurückgewiesen. Wir haben so in den Anforderungen Charcot's eine treffende, unfreiwillige, unbewußte Bestätigung des Wundercharakters der in der hl. Schrift erzählten Heilungen. Aus der Darstellung Charcot's geht fernerhin mit vollster Klarheit hervor, daß nur der Glaube mit religiösem Charakter, oder sagen wir ganz bestimmt mit katholisch-religiösem Charakter, Wunderheilungen hervorruft. Diesem Glauben ausschließlich ist in der hl. Schrift Wunderkraft verheißen. Wir haben bis jetzt nicht einmal den Versuch eines Beweises, daß auch der rein profane, rein natürliche Glaube Wunderkraft besitzt, nämlich in sich, ohne jedes weitere Mittel. Man sucht vielmehr den übernatürlichen Glauben einfach auf das natürliche Niveau herabzudrücken. Allerdings verlangen auch die Aerzte Glauben und Vertrauen für ihre Person von ihren Kranken. Aber der diesbezügliche Glaube ist nur ein Beruhigungsmittel, wirkt nur negativ zur Bannung schädlicher Einflüsse, positiv höchstens insofern, als er den Gehorsam gegen den Arzt und seine Vorschriften fördert. Ein Arzt, der mit der Entdeckung der Wirksamkeit eines rein natürlichen Glaubens auch nur den Erscheinungen der Hysterie gegenüber vor die Welt träte, wäre im Handumdrehen ein gemachter Mann. Die Heilung durch „psychische" Mittel (Towler) ist etwas ganz anderes, als die Heilung durch den Glauben. Will man sie dem Glauben an die Seite stellen, so müssen sie vor allem genau bezeichnet und ihre Natur dargelegt werden. D er Glaube aber, welcher nach den bisherigen Erfahrungen allein zur Heilung führt, gehört wegen seines übernatürlichen Charakters nicht zu den psychischen Mitteln, höchstens insoweit sein Sitz eben die Seele ist. — Aber es sind doch auch Heilungen durch den Glauben am Grabe des Jansenisten Paris erfolgt! Freilich, wenn man den entsprechenden Berichten glaubt. Mit der Glaubwürdigkeit derselben sieht es aber so mißlich aus, daß dieselbe gänzlich unannehmbar ist. Der Erzbischof von Paris, Kaspar Vintimello de Luc, erklärte 1731 und 1734 die am Grabe des 1727 verstorbenen Franz von Paris angeblich geschehenen Wunder für erdichtet. Dex MedarduS-Kirch- hof, in welchem sich das Grab befand, wurde 1732 auf Befehl Ludwigs XV. geschlossen. Darnach wurde der Unfug mit Erde von dem Grabe in den Häusern fortgesetzt. Eine Controlle für die vorgegebenen Heilungen gab es nicht. Ich stütze mich hier auf die Darstellung in Cardinal Hergenröther's Kircheugeschichte. Wenn ich hiermit scheinbar Autorität neben Autorität setze, so bin ich dazu vollkommen berechtigt, da Charcot sich so wenig als Historiker zeigt, daß er unter seinem hl. Franz von Paris und seinem hl. PLris, wie schon die Schreibweise zeigt, offenbar zwei verschiedene Personen versteht. Nach den historischen Grundsätzen, die Charcot bei seinem Verweis auf die Vergangenheit befolgt, müßte man con» scquenterweise alle Erzählungen aus früherer Zeit für wahr halten, wenn sie in früherer Zeit aufgezeichnet, und insbesondere, wenn sie mit Abbildungen versehen sind. Charcot's ganze Darstellung leidet überhaupt an Unklarheit. Er begeht den Fehler, daß er aus feinen Voraussetzungen, mögen sie objectiv feststehen oder nicht, wie viele Vertreter moderner Wissenschaft ohne weiters schließt und mehr erschließt, als in ihnen liegt. Wenn Lähmungen und Circulationsstörungen plötzlich auftreten und ebenso plötzlich verschwinden können, so folgt daraus nicht mehr und nicht weniger, als daß bei der Beurtheilung von Wunderheilungen Täuschungen mit unterlaufen können — das zu leugnen, fällt niemanden ein —, daß also bei dieser Beurtheilung die größte Vorsicht und Genauigkeit erforderlich ist; es folgt aber nicht im entferntesten, daß es keine Wunderhetlungen gibt oder keine geben kann. Will überhaupt ein Arzt von seinem Standpunkte aus in dieser Frage mitreden. dann darf er nicht von vorneherein auf das philosophische oder gar (wenn auch nur negative) theologische Gebiet überspringen, sondern er hat in rein experi- menteller Weise die Heilkraft sowohl des natürlichen als des übernatürlichen Glaubens zu untersuchen. Entdeckt er eine solche des ersteren, so mag er sie bestimmt 127 formulieren. Entdeckt er, waS das allerwahrscheinlichste ist, an dem natürlichen Glauben an sich überhaupt keine eigentliche Heilkraft, und vermag er die des übernatürlichen Glaubens mit seinen Mitteln nicht zu fassen und zu beweisen, ohne daß er sie willkürlich ihres eigentlichen Charakters entkleidet, steht er mit seinen Mitteln hier vor einem ihm unlösbaren Räthsel, so ziehe er sich bescheiden auf sein eigentliches Gebiet zurück und überlasse die Sache getrost der allein competenten Autorität! Der Ammonstempel in Karuak (Theben). Dr. 8. L. Das Wunderland der Pharaonen hatte es mir schon in frühester Jugend angethan. WaS auf das alte Aeghpten Bezug hatte, war für mich von hohem Interesse. Was Wunder, wenn ich bei meinem Aufenthalt in Kairo den Einflüsterungen meines Dragomans Gehör schenkte und eine Dhahabiye (Segelschiff) miethete, um die Reise bis zum ersten Katarakt zu unternehmen. Obwohl ich 6 Wochen ganz allein mit meinen 12 Muselmännern, welche die Besatzung ausmachten, auf dem Schiffe war, und obwohl ich bei den glühendheißen Tagen und den eiskalten Nächten, bei Moskitos, Wespen, Fliegen, bei bakschischheischenden Eseltreibern rc. gar manches Ungemach erdulden mußte, obwohl Fledermäuse und Molche den Besuch der alten Felsengräber nicht gerade erleichtern, so habe ich doch in diesen 6 Wochen, vom 1. Nov. bis 15. Dezember, die schönste und lehrreichste Reise gemacht. Ich habe alle irgendwie interessanten Denkmäler, Tempel und Gräber Ober- und Unterägyptens besucht, habe herrliche Mondnächte auf dem Nil und in Tempeln zugebracht, habe das Leben und Treiben der alten Bewohner des Nilthales mit eigenen Augen geschaut; denn in ihren Gräbern haben sie Ackerbau und Viehzucht, Jagd und Fischfang, Kunst und Handwerk, Krieg und Spiel, Belohnung und Strafe, alles, was ein Menschcnherz mit Lust oder Leid erfüllt, mit minutiöser Genauigkeit abgebildet; auch als Btbelfreund habe ich schöne Stunden verlebt, da manche Darstellungen geradezu Illustrationen oder wenigstens Pendants zu biblischen Vorgängen sind. So erinnert der Empfang der 37 Amu d. i. Semiten unter ihrem Schech Abscha durch den Pharao (im Grabe des Chnumhotep in Benihassan abgemalt) lebhaft an den Zug Abrahams nach Aegypten, in Memphis, Luxor, Namesseum rc. sehen wir die Statuen des Pharaos der Bedrückung Namses' II. als Gott Horns aufgefaßt, und im Museum in Gizeh stehen wir vor der Leiche desselben Königs, seine wohlerhaltene Mumie zeigt noch im Gesichte die Spuren des Todeskampfes; in dem Grabe Ramses' III. las ich den Text einer Wandinschrift, welcher uns mit einer Erzählung von der Zerstörung der Menschen durch die Götter bekannt macht und nach Naville, Brugsch, Howorth, Vigouroux ein Pendant zum Berichte der Bibel von der Sündfluth bildet; im Tempel von Der el Bahri ist die Expedition der Königin Hatasn in allen ihren Theilen mit der Gewissenhaftigkeit eines englischen Reporters in Haut-Relief gemeißelt und ruft uns die Ophir- fahrten Salomons in's Gedächtniß u. s. f.; aber die deutlichsten Erinnerungen an die Bibel, die erhabensten Kunstformen, die großartigsten Verhältnisse, die interessantesten historischen Reminiscenzen bietet der gewaltigste Tempel des Pharaonenreiches, das Nationalheiligthum Ober- und Unterägyptens: der Ammonstempel in Karnak. Ich habe alle Tempel bis zum 1. Katarakt resp. bis Philä besucht, aber keiner gewährt jenen künstlerischen, poetischen und historischen Genuß, wie dieses Heiltgthum; ich habe es bei Morgen-, Mittag-, Abend- und Mondbeleuchtung gesehen, habe es zu wiederholten Malen durchschritten und umritten, mit jedem neuen Besuche wurde eS großartiger, schöner und interessanter. Es geht hier, wie mit der Petersktrche in Rom; erst nach öfterem Besuche erschließt sich voll und ganz die Majestät, Größe und Schönheit des BaueS und seiner Theile. Die imposanten Neste dieses Tempels liegen beim Dorfe Karnak, */z Stunde nördlich von Luxor (beide Dörfer sind an der Stelle des alten Theben erbaut), 720 Kilometer südlich von Kairo. Dieses Denkmal alter Größe und Macht ist daS größte Bauwerk Aegyptens und vielleicht der ganzen Welt. Der Tempel im engeren Sinne des Wortes hat allein eine Länge (von Osten nach Westen) von 470 Meter. In den Tempel sind aber wiederum zwei vollständige Tempel eingebaut, und auf der Area lassen sich nach den mehr oder weniger gut erhaltenen Resten außerdem weitere 18 Tempel nachweisen. Um das ganze Gebiet des Heiligthums nur zu umreiten, brauchte ich wehr als eine halbe Stunde. Don dem Haupttempel führten sowohl zum Nil im Westen als zum Tempel in Luxor im Süden Sphinxalleen, von welchen noch zahlreiche Reste vorhanden sind. Diese Sphinxe sind jetzt meist in den Gärten der Bauern von Karnak, ein Luxus, welchen sich kaum andere Sterbliche erlauben können. Leider ist fast kein Sphinx unbeschädigt. Ich sage kein Sphinx, da alle ägyptischen Sphinxe Androsphinxe sind und gewöhnlich das Porträt eines Königs bieten; es ist daher unrichtig, die ägyptischen Sphinxe als ksminina zu stilisiren. ES würde zu weit führen und ermüden, wollte ich alle Gemächer und Heiligthümer Karnaks der Reihe nach aufführen und besprechen, ich beschränke mich darauf, die wichtigsten Theile zu beschreiben. Jeder ägyptische Tempel bestand aus einem meist dunklen und nur nach vorne geöffneten Sanctuarium, auch Sckos oder Adyton genannt, welches der kleinste Raum des Heiligthums war; um dasselbe gruppirten sich nach 3 Seiten hin, durch einen Gang von ihm getrennt, ebenfalls dunkle Gemächer zur Aufbewahrung von Opfern und Tempelgerüthen. Vor dem Sanctuarium lagen 2—3 mehr breite als tiefe Säle, deren letzterer eine bedeckte Säulenhalle war (hypostyler Saal); vor diesen Prosekosräumen, wie sie heißen, befand sich ein großer, fast quadratischer Hof, welchen auf 2 oder 3 Seiten Säulengänge einschlössen, welcher aber selbst unbedeckt war, daher hypäthraler Raum heißt. Den Eingang zu diesem Hofe bildet der Pylon; zwei abgestumpfte Pyramiden, zwischen welchen das Thor angebracht war. Diese Einrichtung vom Pylon bis zum AdytoN haben alle Tempel gleichmäßig, nur in untergeordneten Dingen variiren sie; hier aber in Karnak tritt eine sonst nirgends nachweisbare Veränderung ein, indem das Sanctuarium auch nach rückwärts geöffnet ist und sowohl nach vorne (Westen) als nach rückwärts (Osten) sich ein vollkommener Tempel an dasselbe anschließt, so daß wir eigentlich zwei Tempel mir einem gemeinsamen Sanctuarium haben. Auch sonst hat der Bau des Tempels interessante Eigenthümlichkeiten auszuweisen, worauf ich aber hier nicht eirr- gehen will. Nach diesen Vorbemerkungen schreiten wir durch die Sphinxallee, welche den Nil mit dem Tempel verbindet. Diese Sphinxe haben alle Widderköpfe, und zwischen den Beinen halten sie kleine Statuetten. Kurz vor dem 128 1. Pylon (der Ammontempel hat 6, die ganze Tempel- anlage 12 Pylonen) bleiben wir stehen und betrachten den mächtigen Quaderbau; derselbe ist 113 m breit, 15 in dick und 43 in hoch. Vom nördlichen Flügel aus hat man herrliche Uebersicht über das Ruinenfeld. Beim Durchwandern des Pylonenthores mahnt uns eine Inschrift an die Thätigkeit jener Männer, welche Aegypten durch ihre Arbeiten der europäischen Welt und Wissenschaft wieder näher gebracht haben. An der rechten Wand oben haben nämlich die Gelehrten, welche Bonaparte nach Aegypten begleiteten, die Längen- und Breitengrade der bedeutendsten Tempel verzeichnet. Wir ersehen unter anderem, daß das Heiligthum von Karnak unter 30° 2t? 4" Länge und 25° 44' 15" n. Br., jenes von Luxor unter 30° 19' 16" Länge und 25° 42' 55" n. Br. liegen. Auf der gegenüberliegenden Wand hat eine italienische Expedition (1841) die Abweichung der Magnetnadel um 10' 56" angemerkt. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Pudor (H.), Englische Reiseskizzen. Verlag von H. Pu- dor, vorm. Verl. d. DreSdner Wochenblätter, Leipzig, Strauch. 1694. 8°. Brosch. 2 M.; geb. 3,50 M. 98 S. Vorstehendes Buch erscheint als erstes Bändchen der „Pndor'schen Reisebibliothek" und ist bereichert durch eine Karte vom Westen Englands und 4 Bilder: Torquai, Plhinouth, St. Michaels-Monnt und Lands-End. Der Inhalt ist folgender: 1. Englische Sittenbilder, 2. Londoner Straßenleben, 3. Die Insel Wight, 4. Im Lande Tristans. Der Verfasser hat sein Werk „seiner lieben Frau und Reisegefährtin" zugeeignet. Schade, daß die anziehende Lektüre des recht unterhaltlichen und lehrreichen Buches nicht selten gestört wird durch stilistische Nachlässigkeiten, oder sagen wir besser, durch stilistische Sonderbarkeiten. Denn vielleicht ist der Autor identisch mit dem „durch allerlei Excentricitäten bekannt gewordenen ehemal. Dresdener Musikdirektor und Schriftsteller Heinrich Pudor", wie die Allgemeine Zeitung (Nr. 87, Abeudbl.) schreibt, „der sich eine Zeit laug Heinrich Scham nannte und der Universität Leipzig fein Doktordiplom zurückgeschickt hat". Jetzt ist er unter die Künstler gegangen und veranstaltet eine vom 1. April bis 1. Mai in München im „Englisch. Hof" stattfindende „Einer-Ausstellung" seiner Werke, „als erster wirklicher Künstler"! OesterreichischesLiteraturblatt, herausgegeben von der Leo-Gesellschaft in Wien, redigirt von Dr. Franz Schn ü re r. Nr. 1 u. 2. Pölzl F. X., Kurzgefaßter Commcntar zu den 4 hl. Evangelien. IV, 2. 1: Markus. (Augustineums- Direktor Hoskaplan vr. Fr. Scdej.) — Krogh-Touning K., Die Kirche und die Reformation. (Augustineums-Direktor Hoskaplan Dr. A. Fischer-Colbrie. — I. Pottcrs P., Oomponelium xdilo- soxlnao moralis ssn etkioaa seo. priucipia s. Nlwmas. II. Cathrein V., Moralphilosophie. III. Cathrein V., llüilosopliia moralia. (Sämmtlich von Univ.-Prof. Prälat Dr. F. M. Schindler.) — Wcgcncr G., Kant-Lexikon. (vr. Aug. Sieben- list.) — Giacomctti G., va. qusstion italieims xorioäs eis 1814 L 1860 (Geh.-Rath Jos. Freib. von Helfcrt.) — Dopsch A., Entstehung und Charakter des österr. Landrechtes. (UniversitätsProfessor vr. Jos. Hirn.) — Opitz W., Die Schlacht bei Breitenfeld 17. September 1631. (Hofrath Onno Klopp.) — Goethe's Gespräche. Herausgeber W. Fh. v. Biedermann. (UniversitätsProfessor vr. Jac. Minor.) — Schiller's Briese, heranSgg. von Fritz Jonaö. (Univ.-Prof. vr. I. E. Wackernell.) — Nabulas voeliovm mauv seriptorvm in vibliotlwea, valatiua, Vimlod aoservatornm. Vo!. VIII (i'c.) — Galland G., Der große Kurfürst und Moritz von Nassau, der Brasilianer. (Univ.-Prof. Dr. Jos. Ncuwirth.) — Egli I. I., dlowina, geoKraxdioa (I)r. Nich. Müller, Offizial an der „Albcrtina".) — Brockhausen K., Vereinigung und Trennung von Gemeinden. (Privatdocent Dr. Friedrich Tezner.) — Schimek I., Die Jugendformen einiger Papaveraceen, Ranunculacecn und Campanulaceen. (I. Wies- baur, 8. 4.) — Wehl Th., Lehrbuch der organ. Chemie für Medicincr. (Privatdocent vr. H. Malfatti.) — B.-K-, C. v., Zur Psychologie des großen Krieges. (Oberstlieutenant Freiherr von Hipssich.) — Nissel F., Ausgewählte dramatische Werke. (Richard Kralik.) — Zschokke H., Die theologischen Studien und Anstalten der kakhol. Kirche in Oesterreich. (Univ.-Prof. Dr. R. v. Schcrer.) — Bäumer S., Das apostol. Glaubensbekenntniß. (Augustineums-Direktor Hoskaplan vr. A. Fischer- Colbrie.) — Blume Cl., Das Apostolische Glaubensbekenntnis. Derselbe. — Knauer V., Die Hauptprobleme der Philosophie in ihrer Entwicklung und theilweisen Lösung von Thales bis R. Hamcrling. (Vr. Aug. Siebenlist.) — Loscrth I., vr. Balth. Hubmeier und die Anfänge der Wiedertaufe in Mähren. (—w.) — Ehrmann Eug., Die Bardische Lyrik im XVIII. Jahrhundert. (Univ.-Prof. vr. Aug. Sauer.) — Schöning's Ausgaben deutscher Classiker, mit ausführlichen Erläuterungen. Siebzehn Bündchen. (W l.) — Bole F., Sieben Meisterwerke der Malerei. (Dg.) — Lendenfeld R. v., Australische Reise. (Ministcrial-Sccretär vr. Fz. Ritter v. Le Monnier.) — Wetzel Fr., Das Zollrecht der deutschen Könige von den ältesten Zeiten bis zur Goldenen Bulle. (Privatdocent vr. Tullius Sartori Ritter v. Moutecroce.) — Voigt M., Röuiische RcchtSgeschichte. 1. Bd. (Nied.-österr. Landes- Secretär vr. Heinrich Misera.) — Catalog der Bibliothek der kais. Leopoldinisch-Carolinischen Deutschen Akademie der Naturforscher. Bd. I. u. Bd. II. 1. (Univ.-Prof. vr. I. M. Pernter.) — GraveliuS H., Plaudcrgänge im Weltall. (Th. Kreß.) — Zola E., Der Zusammenbruch. (F. Sch.) — EichnerW., AuS Werkstätten des Geistes. Ein literarischer Citatenschatz. Wanderungen durch Rom. Ueber das soeben im Verlage von Ulr. Moser'S Buchhandlung in Graz erschienene Werk „Wanderungen durch Rom" von vr. Robert Klinisch schreibt das „Wiener Vaterland": Die überaus strebsame katholische Verlagsbuchhandlung hat mit der Herausgabe des vorliegenden Buches über die ewige Stadt ein neues interessantes Neisewerkchen ihrem stattlichen Verlage einverleibt. Klimschs „Wanderungen durch Rom" sind prächtig zu lesen. Sowohl der edle Stil des Verfassers, der durch zwei Jahre Kaplan an der „Anima" in Rom war, als auch die reiche Fülle von Citaten aus der großen Nomliteratur, welche vr. Klinisch in seine zweiundreißig Betrachtungen geschickt Anzuflechten versteht, verleihen dem Buche sprachliche Würde und gedankliche Tiefe. In der Herbeiziehuug einer schier ungezählten Reihe von Gewährsmännern für Rom und seine Welt zeigt vr. Klinisch eine großartige Versiertheit in den Werken der bezüglichen Schriftsteller. Wer Rom zu hesuchcn gedenkt und dem es hiebe! um eine geeignete Vorbereitung auf den Anblick dieser Städtekönigin zu thun ist, der wird in vr. Robert Klimschs „Wanderungen durch Rom" einen liebenswürdigen Wegweiser finden. Der Glanz der Poesie, der über Rom sich auszieht, findet in dem Buche einen ebenso zarten und innigen Ausdruck, als die historische Vergangenheit und Größe der ewigen Stadt in der wohlgewählten Sammlung zahlreicher Aussprüche großer Männer über dieselbe einen geistreichen. Auch jenen, welche ihre römische Reise bereits hinter sich haben, ist das Buch als theueres Andenken an schöne, genußreiche Stunden in Rom sehr zu empfehlen. Die Verlagsbuchhandlung hat das Werk vornehm ausgestattet; es prä- fentirt sich mit seinem hübschen Titelbild überaus Vortheilhaft und wird jeder Bibliothek zur Zierde gereichen. Preis brosch. 1 st. 80 kr.. gebd. 2 fl. 40 kr. Anna-Buch oder Anleitung zur Nachfolge und Verehrung der hl. Mutter Anna. Ein Lehr-, Gebet- und Erbannngs- buch für Bräute, Ehefrauen und Wittwen, insbesondere für Mitglieder des St. Anna-Bundes. Von Johann V ölkl, weiland Dekan und StiftSpropst in Jnnichen. Mit Approbation des fürstb. Ordinariates Brixen. Innsbruck. Verlag der mar. Vercins-Buchhandlung. Christlichen Frauen wird im Annabuch ein Erbauungs- und Gebetbuch geboten, das sie nur mit großem Nutzen für ihr Seelenheil und zum Wohle der Familie gebrauchen können. An der Hand der wichtigsten Episoden des Lebens der heiligen Mutter Anna werden ihnen die hervorragendsten Pflichten der christlichen Ehefrauen vor Augen geführt und Rathschläge ertheilt, wie sie besonders in der heutigen gefährlichen Zeit dazu beitragen können, das öffentliche Leben im besten Sinne zu beeinflussen. Verantw. Redacteur: Phil. Flick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. n,-. 17. 26. AM! 1894. Mge zur DgckllW Zum Häckelismns. Von Professor Dr. L. Haas in Passau. Wie Mir scheint, besteht in manchen Dingen gerade auf katholischer Seite keine rechte Begriffsklarheit. Anlaß zu dieser Bemerkung gibt mir die Besprechung der Schrift von vr. Otto Hamann, „Professor Ernst Häckel in Jena und seine Kampfesweise", Gott. 1893. Bei voller Klarheit in der Sache könnte ein aus der Germania in die Beilage der AugZburger Postzeitung Nr. 9 vom 29. Februar 1894 übergegangener Artikel nicht „Das Ende des Häckelismus" überschrieben sein. Es ist nicht das erste Mal, daß dem Jenaer Professor derartige Dinge, wie sie in dem genannten Buche enthalten sind, nachgewiesen werden. Das Ende der Lehre wurde dadurch nicht herbeigeführt, auch nicht die Zahl ihrer Anhänger verringert. Wir müssen also dergleichen Arbeiten gegenüber ruhig bleiben und dürfen nicht zu früh jubeln. So höchst verdienstlich auch Schriften sind, welche den Gelehrten aus dem Wege des Forschens nachgehen und die Fehler ihrer Methode oder ihrer Darstellungsweise aufzeigen, die Tragweite derselben darf in keiner Weise überschätzt werden. Die Hamann'sche Arbeit, deren hohes Verdienst ich mit Freuden anerkenne, berührt weder die Sache, noch betrifft sie eigentlich die Art der Forschung, sondern nur die Art der Darstellung der Forschungsresultate. Wir haben es zunächst mit Häckel als Schriftsteller zu thun. Als solcher zeigt er große Ungenirtheit, um nicht zu sagen Unverfrorenheit, wenn er entweder geradezu Fälschungen oder für Verschiedenes ein und dieselbe Abbildung bietet. Er macht es sich also mit seinen Beweisen seinem Publikum gegenüber sehr leicht und bezeugt dadurch seine geringe Meinung von demselben, indem er der Leichtgläubigkeit desselben derartiges zutraut und zu bieten wagt. Die Urtheilslosigkeit, Oberflächlichkeit und Glaubensfreudigkeit dieses Publikums erscheint in einem ganz eigenthümlichen Lichte der Weisheit eines Professors gegenüber, die viel »«geprüfter angenommen wird, als das Evangelium. Bei ihr fragt man nicht nach dem Wie? Warum? und Woher? Es genügt, daß sie geboten wird. Kopflos, mit völligem Verzicht auch auf das geringste Maß des Urtheils wird sie hingenommen und geglaubt und auf sie geschworen. Häckel war sich des Unterschiedes der abgebildeten Objecte sicher bewußt. Seinem Zwecke entsprechend hebt er aber die Aehnlichkeit ausschließlich hervor. Da nun auf den niederen embryonalen Stadien die Aehnlichkeit in der That so groß ist, daß die Unterschiede nur unter dem Mikroskope erkenntlich sind und auch im besten Holzschnitte nicht deutlich hervortreten (höchstens für den Kenner deutlich), so mag sich Häckel selbst oder der Holzschneider der Mühe überhoben erachtet haben, für die einzelnen Abbildungen besondere Stöcke herzustellen. Es füllt mir natürlich nicht im entferntesten ein, Häckels Verfahren zu entschuldigen oder gar zu rechtfertigen. Was ich anführte, soll nur die Tragweite der davon hergenommenen Widerlegungen in das rechte Licht stellen. Häckel hat eigentlich selbst seiner Sache einen schlechten Dienst erwiesen. Auf die Aufdeckung seiner Fälschungen hin finden seine Behauptungen jedenfalls weniger Anhänger außerhalb der Fachgenossen, aber kaum in den Reihen derselben. Für uns wäre es schlimm, wenn wir jetzt die Gefahr der Sache selbst für geringer hielten, wenn wir glaubten, die Sache selbst sei damit abgethan. Daß dies nicht der Fall ist, geht schon aus meinen obigen Andeutungen hervor. Die Frage, ob Aehnlichkeit oder Verschiedenheit bei den betreffenden Objecten, ist in dem Sinne, wie hier diese Aehnlichkeit und Verschiedenheit genommen wird, ziemlich, um nicht zu sagen vollständig gleichgiltig. Es handelt sich um tiefer Liegendes. Zunächst ist darauf zu verweisen, daß noch keine vier Dezennien vergangen sind, seit die Lehre vorgetragen wurde, daß die Ontogenesis des Menschen d. h. die Entwicklung des einzelnen Menschen im embryonalen Zustande die embryonalen Formen der Thierarteu durchlaufe. Daraus lenet man die universale und domiuireude Stellung des Menschen nach seiner leiblichen Seite ab. Bei geringen mikroskopischen Hilfsmitteln ist eine derartige Annahme leicht erklärlich; man wußte sich auch ganz gut mit derselben abzufinden. Die Frage bleibt aber: Wie steht es mit den entsprechenden Thatsachen? Auf Thatsachen, und nur auf solche, stützt sich auch der Häckelismns, wenigstens nach den Behauptungen seiner Anhänger. Eine Thatsache für den Häckelismns soll die in Rede stehende Aehnlichkeit sein. Sehen wir zu, ob sie als Thatsache genommen für den Häckelismus beweisend, und zweitens ob sie überhaupt eine vollgültige Thatsache ist. Den ersten Punkt können wir kurz abmachen. Sie ist nicht beweisend, weil logisch ganz gut auch andere Folgerungen aus ihr gezogen werden können, wie wir gesehen. Sie ist ferner ein bloßes Durchgangsstadium, also ebenso wenig beweisend, wie man aus der Thatsache, daß zwei Menschen sich auf dem Wege treffen und sogar eine Zeit lang mit einander gehen, schließen kann, daß sie denselben Ausgangspunkt oder dasselbe Ziel haben. Dies führt uns sofort zu dem zweiten Punkt. Die behauptete Aehnlichkeit kann nicht einmal als volle Thatsache gelten. Sie ist bloß eine äußere Aehnlichkeit, also bloß eine halbe oder, besser gesagt, kaum eine halbe, eine Aehnlichkeit bloß der äußeren Erscheinung, nicht des Wesens. Wir schließen zwar von der Erscheinung auf das Wesen, aber nicht in der Weise, daß wir von der äußern Gleichheit oder Aehnlichkeit zweier Dinge sofort auf die innere Gleichheit oder Aehnlichkeit schließen. Wir müssen zuvor in irgend einer sichern Weise die Erscheinungen als Wirkungen des Wesens erfaßt haben. Wenn wir ohne weiters berechtigt sind, von der äußeren Aehnlichkeit auf die innere, die wesentliche zu schließen, dann können wir das Widersprechendste zusammenreimen, dann ist Heuchelei und aufrichtige Tugend dasselbe. Dann ist das wissenschaftliche Verfahren reine Spielerei, es macht keine Mühe mehr. Auch das feinste Mikroskop zeigt uns immer nur die äußere, oberflächliche, nicht die innere, wesentliche Aehnlichkeit. Was liegt nun an dieser äußeren Aehnlichkeit, wenn ihr niemals die weitere Entwicklung entspricht? Es ist vollständig gleichgiltig, wenn z. B. die Keimzelle der Bohne ganz gleich der der Eiche ist, wenn doch in dem einen Falle immer eine Bohnenstaude, im andern eine Eiche entsteht. Was hätte es auf sich, wenn das Menschenei äußerlich vollständig dem Affenei gliche, 130 da doch niemals auZ einem Affenei ein Mensch entstanden ist? Es handelt sich ja nicht um die Ähnlichkeit des Stoffes, sondern der Kraft. Diese aber vermag die Naturwissenschaft mit allen ihren Mitteln nicht direkt in sich zu beweisen, sondern nur, wie jede andere Wissenschaft, aus dem Erfolg, wenn derselbe ein stets mit untrüglicher Regelmäßigkeit und Sicherheit wiederkehrender ist. Die Natnrwisscnschaft vermag einen dirccten Beweis für die Ähnlichkeit zweier Kräfte um so weniger zu führen, als sie an sich, will sie ihr Gebiet nicht überschreiten, über die Bewegung nicht hinauskommt und nicht zum Begriff „Kraft" gelangt. Will sie daher der Wahrheit die Ehre geben, will sie nicht zugleich unter völliger Verwirrung der Begriffe als Philosophie gelten (mit gänzlicher Ne- giruug der letzteren), dann muß sie da, wo aus äußerlich Ähnlichem stets Verschiedenes hervorgeht, sich mit ihren Mitteln einem Räthsel gegenüber bekennen. So lange nicht die Thatsache erwiesen ist, daß einmal äußerlich Ähnliches auf niederer Stufe sich dieser äußerlichen Ähnlichkeit entsprechend zu Höherem entwickelt, z. B. aus einem Affenei ein Mensch wird, so lange ist schon die Verwerthung dieser äußerlichen Ähnlichkeit zu wissenschaftlichen Folgerungen einer Fälschung gleichzustellen. Wir dürfen nicht vergessen, daß die scharfe Betonung der Ähnlichkeiten in der Ontogenesis eine Ausgeburt der Verlegenheit ist. Beweisen kann sich der Darwinismus, sei eS als Hückelismus oder als Evolutionis- mns oder Entwicklungslehre, nur durch Thatsachen. Diese in bester Form würde der Nachweis von Entwicklungsstufen in der Vergangenheit liefern. Man hat krampfhaft nach solchen gesucht, besonders nach dem Mittelglied zwischen Affen und Menschen, aber die wiederholt angekündigten Funde haben sich immer als Täuschung erwiesen. Diese negative Thatsache mußte gerechtfertigt werden. Man stellte die Behauptung auf, die Ueber- gänge fänden in unendlich kleinen Unterschieden in unendlich langen Zeiträumen statt. Hiebei ereignete sich das Komische, daß man trotzdem das Suchen nach diesen Uebergängen fortsetzte, während doch mit der aufgestellten Behauptung zum mindesten die Erkennbarkeit derselben unserseits geleugnet ist. Man sucht also nach etwas, was man eingestandenermaßen der Natur der Sache nach gar nie finden kann. Thatsachen aber mußte man haben. Da sie nun in der Phylogenesis (der Entwicklung zur Gattung) nicht zu finden sind, suchte und fand man sie in der Ontogenesis. Als eine Thatsache stellte man die rudimentären Organe hin, ohne den Widerspruch mit der übrigen Lehre zu beachten. Da diese Organe jedenfalls etwas Ueberflüssigcs sind, so ist in der Entwicklungslehre ihr bleibender Charakter unerklär- bar; eine fortdauernde Rückbildung ist aber nirgends nachgewiesen, überhaupt nicht nachweisbar, wenn sie in unendlich kleinen Stadien vor sich gehend zu denken ist. Eine zweite Thatsache hat man in der Aehnlich- kcit verschiedenartiger Embryonen auf einzelnen Entwicklungsstufen gefunden. Diese Ähnlichkeit soll aus der Phylogenesis stammen, da das Individuum den Weg, den die Gattung zurückgelegt, selbst wieder in rascherem Gange zurücklegen müsse. Damit wären die Uebergangsstiifcn in der Phylogenesis erwiesen. Warum dies aber der Fall ist, warum eine spätere Entwicklungsstufe ihre einzelnen Glieder der Vergangenheit angehörende Stadien immer wieder durchmachen, also Vergangenes und längst Abgethanes immer wieder rcpristi- niren läßt, das ist im Hückelismus am wenigsten einzusehen, es müßte denn sein, daß die Entwicklung selbst stets darauf bedacht war, die Beweise für sich aufzubewahren. Daß sie das nur. durch einen Widerspruch konnte, indem das Seiende das nicht mehr Seins- bercchtigte, dessen Bedingungen eigentlich nicht mehr vorhanden sind, immer wieder zum Sein bringt, das kann dieser Entwicklung um so weniger zugerechnet werden, als es ja auch ihren Anhängern verborgen bleibt. — Werden vollends diese Ähnlichkeiten als bleibend genommen, dann widersprechen sie dem Charakter des ganzen Systems, sind also in demselben unbegreiflich als eine Laune der allgemeinen Entwicklung. Als sich ändernd können sie nicht nachgewiesen werden; und konnten sie dies, dann wären sie eigentlich wegen ihrer fortschreitenden Veränderungen keine wahren Ähnlichkeiten mehr — streng nach dem System können sie es in der That nicht sein —, könnten also nicht mehr zum Beweise deS Systems benutzt werden. Zum Schlüsse muß ich noch auf einen Punkt verweisen, den man gemeiniglich übersieht. Nimmt man im vollen Ernst eine stetige allgemeine Entwicklung an, dann stehen weder die Gesetze der Natur, noch die der Logik fest. Dann gibt es nur Thatsachen. Diese können wir aber ohne feste logische Gesetze nicht feststellen. Damit sind alle wissenschaftlichen Systeme, also auch der Hückelismus als System, zu Ende. Zur Chronologie des heiligen Willibald. Von Adam Hirschmann, Pfarrer in Schönfeld. In den Beilagen der Angsburger Postzeitung 1893 Nr. 49—52 veröffentlichte Herr S. „Bruchstücke aus der 61ironolotz'ia. ^Villibaläina zur Geschichte des 8. Jahrhunderts", deren Endresultate sich in die Worte zusammenfassen lassen: Der hl. Willibald, Eichstütts erster Bischof, wurde am 20. Oktober 743 zu Sülzenbrücke in Thüringen vom hl. Bonifatius in die bischöfliche Würde eingesetzt, nachdem er am 22. Juli 742 zum Priester geweiht worden war. Nach 36jähriger Amtsführung schied Willibald am 7. Juli 779 aus diesem Leben. Diese Ausführungen fordern die Kritik heraus. Um für die willibaldinische Chronologie einen festen Boden zu gewinnen, müssen wir uns nach einem Dokumente umsehen, das unbestrittene Geltung hat. Als ein solches erweisen sich, wie schon der gelehrte Benediktiner Joh. Mabillon (Tlcsta, Vanotornin orä. s. Lonacl. IV, 354, Venedigeransgabe 1734) betonte, die Akten des ersten deutschen Nationalconcils, gemeiniglich Oonoilium Oor- raanionm genannt. Es erhebt sich vor allem die Frage: In welchem Jahre wurde dieses Nationalconcil abgehalten ? Hcrgenröther (Handbuch der allstem. Kirchengesch. I, 3, 682) verlegt dasselbe auf den 21. April 741, Hefele dagegen (Conciliengeschichte III, 2 , 498) in das nächstfolgende Jahr 742, während Will (Regelten zur Geschichte der Mainzer Erzbischöse I, 8 Nr. 42) sich für das Jahr 743 entscheidet. Nach der neuesten Publication der bonifatianischen Briefe, welche Ernst Dümm- ler für das große Sammelwerk LlonumLuta, Oarraanias (Ljiistolas üörorvinAioi eb Larolini usvi tom. I x§. 215—433) besorgt hat, erachten wir es nicht für 131 geboten, auf die Streitschriften näher einzugehen, welche Jaffa, Hahn, Oelsner, Dünzelmann und Loofs über die Aufeinanderfolge der Briefe des Apostels der Deutschen und die Zeit der von ihm gehaltenen Synoden gewechselt haben (Vgl. Will, Negestcn p. VIII, Forschungen zur Deutschen Geschichte Bd. X, XIII, XV), sondern wir nehmen die Resultate der historischen Forschung, um sie für unseren Gegenstand zu verwerthen. Der Eingang zu den Statuten des ersten dcutskben Nationalconcils (21. 6-. Lpx. I, 310; 1,6^. I, 16) lautet nun folgendermaßen: In ruzurms Ilomini ncwtri flesu Oliristi. Larlinannua, äux ot xrinasxs i^raiieoruw, anno all ineurnations Oflristi ss^tin- Asntesiino czuLäruASLimo seounäo, XI Xa- Isnäas 21aias, sum oonsilio servorum Oei et opti- matum msorum sxisooxos, c^ui in rsgiw ineo surrt, euru xweslriteris ab eouoiliurrr et, L^aoäuin xro tewxore Olrristi eonAre^avi iü est Louitatium areliiepissopuiu et Lni^llaräum et XsAentriäuin st 2Vintuuuin et IVilZaläuru et Oackauum st L Zäunn in vnm zrresllitsris eoruin: nt midi con- siliuin Zsäissent, Hnomoäo Isx Ost st eoelssiastica. relsgio rsenpsretnr, c^uae in äiedus xraeteritoruru xrineixnin äissixata, eorruit et ^ualiter xoxulus edristiunns nä sulutern nniinus xervenirs xossit et xer lalsos saeerästes äeeextus noo xsreat." Nach dieser bestimmten Angabe wurde das erste deutsche Naiionalconcil am 21. April 742 gehalten, und zwar nach Binterim's Vermuthung in Frankfurt a. M. Neben dem Erzbischofe Bouisatius werden als Theil- uehmer unter anderen aufgeführt die Bischöfe Burghard von Würzburg, Negenfrid von Köln, Winta (Witta, Weiß) von Bnraburg und Wilbald. Ist nun dieser letztere identisch mit dem ersten Bischöfe von Eichstätt, welcher gewöhnlich Willibald genannt wird? Einstimmig erklären sich Dümmler (I. v. I, 310 Nr. 4), Hefcle (I. o. III, 499), Ncttberg (Kirchengesch. Deutschlands II, 390), Lefflad (Negcsten der Bischöfe von Eichstätt Nr. 1) für die Identität. Denn wo sollte Wilbald im Umfange der Herrschaft Karlmanns Bischof gewesen sein, wenn nicht in Eichstätt? wie auch der erste Biograph des hl. BonifatiuZ l) angibt. Nach allen zeitgenössischen Nachrichten ist Bischof Wilbald, welcher an der Synode von 742 theilgenommen hat, derselbe, welcher sich 762 bei Abschließung des ersten Todtenbundes im fränkischen Reiche zu Attigny als „Bischof vom Kloster Eichstätt, sxisooxus äs ruouasterio ^.ielistaäi" (Oelsner, König Pippin S. 476) unterzeichnet hat. Wenn aber Willibald von Eichstätt am 21. April 742 schon als Bischof auftritt, ist es dann historisch und kanonistisch zulässig, daß er erst am 20. Oktober des darauffolgenden Jahres 743 zum Bischöfe consecrirt worden sei? Selbst wenn man mit Will das Ooir- *) IVillidaläi vita 8. Lonikatii: Lt ünos dcmao inclnstrias viros aä orcliueill oxiscoiiatus prowovit, 'VVillibaldum et Lurcbaränm cisguo in iiitlwis orieutatinM Lraucborum xarti- bu8 et Laioarioium tsriniuis aocclssias sibi cowwissas im- xsitisiiäo äistriduit. Lt IVillidoläo suas guberuotionis xui- roebiLiv cvumrvnäavit in ivco ening voeobntnin est Lidstat, kuieddaräo vero in toco gui voeatur IVirradurob lliZnitalis otLeiuin äsIö^Lvit. Ll. 6. H. 348. Zum Jahre 746 haben die fuldaischcn Annalen Enhards den Eintrag: Lonikacias asns enin anetoritatv seäis axostolicas, annuente Lartowanuo, ünas seäes exiscoxales constitnit, nnam in Castro IViiÄbnrg', nbi Lnrcbartnm cotlegam snnm orclinavit; alteram in loco gni vocatnr Liedstat, cni IVitlidaliius eviscovus oräinatns est. Ll. «. I, 346. eiliuiu Oerwanisurn auf das Jahr 743 verlegen wollte, was ist damit für unsere Frage gewonnen? Der 21. April 743 geht immer dem 20. Oktober 743 voraus. Herr S. verweist uns auf die Aufzeichnungen der Nonne von Heidcnhcim am Hahncnkamm, welche von dem hl. Willibald originale Nachrichten erhalten und theilweise nur dessen Diktat niedergeschrieben hat. Bei aller Wertschätzung der Nachrichten, welche diese ungenannte Klosterfrau der Nachwelt überliefert hat, können wir uns doch nicht dazu verstehen, auf Einen Satz dieser Nonne hin, der zudem verschiedener Auslegung fähig ist, die willibaldinische Zeitrechnung, nach öffentlichen Urkunden gesichert, als falsch zu erklären. Nach Holder-Eggcr, welcher das Hodoeporikon des hl. Willibald nach den ältesten und sichersten Handschriften neu herausgegeben hat (21. (1. L8. XV, 1, 86—106) schrieb die angelsächsische Nonne, welche sich selbst als eine der zuletzt Angekommenen bezeichnet, sicher erst nach Wynuebald's Tod, 19. Dez. 761, nach dem 23. Juni 778 die Angaben ihres Berichterstatters nieder; bei aller Treue und Gewissenhaftigkeit in den Aufzeichnungen gebricht es doch nicht an Fehlern und chronologischen Unebenheiten; waren ja doch seit Willibalds Pilgerreise über 50 Jahre verflossen. Lauschen wir nun den Worten unseres ersten Bischofes, wie sie die Nonne wiedergegeben hat. Im Sommer des Jahres 721 verließ der hl. Willibald in Begleitung seines Vaters, dem eine spätere Tradition den Namen Richard beilegt, und seines Bruders Wynne- bald die angelsächsische Hcimath, um sie nie wieder zu schauen. Nachdem der Vater in Lucca eine Beute des Todes geworden war, erblickten die beiden Bruder im Herbste des genannten Jahres mit Dank gegen Gott die Basilika des hl. Petrus. Vom 11. November 721 bis zum übernächsten Osterfeste, 28. März 723, verblieben sie in Nom, vielfach durch Fieber an das Krankenlager gefesselt. Nach Ostern 723 trat Willibald mit 2 Gefährten die Reise nach Palästina an, überwinterte in Patara und zog am 11. November 724 in Jerusalem ein. Die hl. Stätten besuchend, verweilte er 3 Jahre im gelobten Lande; am 30. November 727 fuhr er von TyruS ab und kam gegen April (eine Woche vor Ostern) in Konstantinopel an; daselbst verblieb er zwei Jahre (727—729). Dann trat er mit päpstlichen und kaiserlichen Gesandten die Rückreise nach Italien an und stieg im Herbste 729 hinauf nach Monte Cassino, der Wiege des Benediktinerordcns. Hier nun wirft die Nonne einen Blick rückwärts und zählt die Jahre der Pilgerreise, aber auch die Jahre seit der Abfahrt von England zusammen, indem sie sagt: Illuä ernt autumuus, guruiZo veuit act s. Leneäiotum et tuuo Ilieruut 7 auuos, guoä äs Xowa, trausirs eoepit et omuiuru eraut 10 uuuos, czuocl äs surr xatria trausibat. (21. 6-. XV, 1, 102.) Da aber Willibald die Pilgerreise nach dem Orient erst Ostern 723 angetreten hat, so scheint die Nonne die Jahre der Abreise und der Ankunft als voll gezählt zu haben, ebenso scheint sie verfahren zu sein bei der Zählung der Jahre der Abreise von England und der Ankunft in Nom. Auf Monte Cassino fand Willibald nur wenige Mouche unter dem Abte Petronax vor; als Novize war er im ersten Jahre (729 — 730) Sakristan, im zweiten (730 bis 731) Diakon (Aufwärter) im Kloster, 8 Jahre versah er dann daZ Amt eines Portners (731 — 739). 132 Nach Umfluß dieser zehn Jahre zog der Schüler des hl. Benedikt in Begleitung eines spanischen Priesters nach Rom; Papst Gregor III. (731 — 741) ließ den vielgereisten Mönch zu sich rufen und hörte mit regem Interesse dessen Erzählungen über die Pilgerreise im gelobten Lande zu: gnonioäc) septuplurn snnorum eslsulum in oxtsrnis tsrrninsrnni tsllnris prodsiiäo. xroloarst:. Hierauf theilte ihm Gregor III. den Wunsch des hl. Bonifatius mit, daß er in die deutsche Mission sich begebe. Als Willibald vorerst die Erlaubniß seines Abtes sich erbitten wollte, erhielt er vom Inhaber des apostolischen Stuhles den direkten Befehl, dem hl. Bonifatius nach Deutschland zu folgen. Am 30. November 789 war Willibald nach Rom gekommen, gegen Ostern, 24. April, 740 verließ er die ewige Stadt. (I?ost lisss tnns tiiiitis ornonlornin Isdnlis psi'Asdst inäs VVillilisläus in xssslrs, gni illis vsnislzsb in nstsli 3 . ^näress.) In Luca besuchte er das Grab seines Vaters, zog über Pavia, Brescia, nach dem Gardnsee, überstieg die Alpen und eilte an den Hof des bayerischen Herzogs Odilo, wo er sich eine Woche aufhielt. Dann zog er zu Suidger und blieb gleichfalls eine Woche bei ihm. Hierauf ging er nach Linthard zum hl. Bonifatius. Dieser schickte ihn und Suidger uach Eihstat, um zu sehen, wie ihm die Gegend gefiele. Suidger hatte nämlich diese Gegend dem Bouifatius geschenkt und letzterer übergab sie unserm Bischof Willibald. Jene Gegend lag ganz verwüstet, mit Ausnahme eines Marienkirchleins befand sich dort kein HauS. Daselbst blieben Suidger und Willibald einige Zeit, einen geeigneten Wohnplatz aussuchend: Onrngus idi lusnsdsirt äuos sinrnl all Lidstst aligusutnlriui töinp>ori 8 inäutium IVillidsläus stgrrs Luiä^srius slinsiiicius ibiäsrn Irsditstionis losuin sxxlorsnäc) slsxsdsnt st xostss itsrnrn psr^sdsiit sä s-Louskstinm sä I?ri 8 ingurn^) st idi ersnt snm illo usgus äum ornnss kiiunl iterunr vsnisdsnt sä üilrstst. Dann kehrten sie wieder zum hl. Bonifatius nach Freising zurück und verblieben daselbst, bis sie Alle wieder nach Eichstätt ihre Schritte lenkten. Dort weihte Bouifatius den hl. Willibald zum Priester am Feste der hl. Maria Magdalena 22. Juli 740. Der Aunnoustempel in Karnak (Theben). (Fortsetzung.) Nun betreten wir den großen (48 X 103 in) hyp- äthralen Vorhof. Rechts und links sind die Säulengänge noch vorhanden; 18 Säulen standen auf jeder Seite; die linke Reihe steckt bis zu den Kapitälen im Schütte. In diesen Hof ließ Seti II. eine Kapelle, Ramses III. aber einen regelrechten Tempel einbauen. Letzterer ragt weit über die Südmauer hinaus, verschwindet aber gegenüber den gewaltigen Dimensionen des Hofes und des Heiligthums. In der Mitte des Hofes war ehedem die Prozcssions- straße durch eine Doppelreihe von 21 ru hohen Säulen bezeichnet. Nur eine einzige hat mit ihrem Abakus die Stürme der Zeiten überdauert und schaut sich mit ihrem 2) S. verlegt Linthard nach Oberfranken oder Thüringen; aber diese Stelle scheint mir dafür zu sprechen, daß Willibald den hl. Bonifatius schon das crste Mal in der Nähe von Frcising getroffen habe; daher haben die Herausgeber des Hodoeporikons an Linthard bei Mallerödorf gedacht; Stamminger (§rano. s. I, 473) sagt, Linthard sei ein Ort, der heute nicht mehr bestimmbar sei. schönen Glockenkapitäl ganz betrübt in dem weiten leeren Hofe nach ihren längst verschwundenen Genossinnen um. Den Ausgang aus diesem Hofe und den Eingang zu dem nächsten Saale vermittelt ein 2. Pylon; derselbe ist von unten bis oben, innen und außen mit Sculpturen (Gott Ammon und Pharao) und Inschriften bedeckt. Der folgende Saal ist ein Wunderbau. Auf einer Fläche von 5000 djllr sind 134 Säulen vertheilt, um auf riesigen Architraven noch gewaltigere Deckenplatten zu tragen. Die mittlere Doppelreihe (12 Säulen) ist als Fortsetzung der Processionsstraße höher als die übrigen Säulen. Während diese bei einem Umfang von 8 in 13 in hoch sind, haben jene einen Umfang von 10 in und eine Höhe von 21 in. Die Kapitüle der Processionsstraße haben Glocken-, die übrigen Papyrosknospenform. Säulen, Abakus, Architrave und Wände, alles ist mit Bildern und Inschriften bedeckt, wozu die Namen der königlichen Bauherren, deren Widmung an Ammon und dessen Scgens- sprüche den Hauptstoff liefern. Einzelne dieser Säulen sind zusammengestürzt, die meisten oder besser gesagt fast alle stehen noch; eine Säule lehnt mit einem Architrav- stück am Abakus ihrer Nachbarin, man glaubt jeden Augenblick, der Architrav werde herabfallen und die Säule zusammenbrechen; — ich kam nach 14 Tagen wieder und noch immer lehnte sie müde an der Schulter ihrer Freundin, und so wird es wohl noch lange bleiben; denn die Aegypter haben so gut gebaut, daß die Zerstörung fast ebensoviel Arbeit als das Aufbauen kostet. Wenn man vom Eingang dieses Saales aus, also vom Thorweg des 2. Pylons aus, durch diesen steinernen Wald riesiger Papyrosknospen und Glockenblumen schaut, so genießt man einen unbeschreiblich schönen Anblick. Neben diesen hochragenden Säulenschäften ist man so klein, und wenn man erst die Namen der Erbauer Seti I. und Ramses II. an den Säulen und Architraven liest und die Jahrhunderte und Jahrtausende, die seitdem durch die Welt gegangen sind, im Stillen überschlägt und zu berechnen sucht, wie viele Jahrhunderte noch vergehen werden, bis die letzte in den Staub sinkt, so wird die Seele von der Majestät des Gedankens an die Ewigkeit durchschauert. Als die Tochter Ramses' II. den kleinen Moses im Nilröhricht fand, wurde an dieser Halle gebaut und standen schon die meisten Säulen; als der Pharao des Auszugs mit seinem Heere im Schilfmecre umkam, da war sie längst vollendet und ausgeschmückt; als sich ein Altar Jehovahs in Aegypten erhob (in Leontopolis) und wieder zerstört wurde, da stand sie noch in vollem Glänze; als Gott seinen Sohn aus Aegypten rief, wiederhallte sie noch von den Gesängen der Priester und Weihrauchwolken verhüllten die Kapitäle; als der Herr von Aegypten erkannt wurde (Jes. 19, 21), als Klöster und Lauren entstanden, als im Tempel von Luxor und Medinet Habu das unblutige Opfer des neuen Bundes gefeiert wurde, hatte sie noch nicht gealtert; als das Schisma das Glaubensleben erstarren machte und der Islam es ertödtete, da mag die erste Säule geborsten sein; als Champollion die Hieroglyphen entzifferte, verriethen sie ihm ihr Jahrtausende bewahrtes Geheimniß, und jetzt stehen noch die meisten, ja fast alle in voller Kraft, und es wird noch Jahrhunderte und Jahrtausende dauern, bis die Zeit den Sieg über dieses Bauwerk davonträgt, und wer weiß, ob diese Halle nicht noch Zeuge sein wird der Erfüllung der Prophetenworte über Aegypten (Jes. 19, 24 u. 25)! — 133 Noch schöner aber ist diese Säulenhalle am Abend, wenn der Mond durch die Fensterlücken scheint, wenn die Säulen Schlagschatten werfen und wenn Bild und Inschrift, Schaft und Kapitäl in magisches Licht getaucht sind, wenn die schlanken Obelisken freundlich herein- grüßen und der düstere Pylon sich trotzig in tiefes Dunkel hüllt: da ist es, als ob die ernsten Säulen müde wären die Quadern der Decke zu tragen, als ob sie die lang bewahrten Inschriften abschütteln und nach langer Arbeit gleich vielen ihrer Gefährtinnen sich zur Ruhe legen wollten. Wenn eine Mondnacht einen Dichter zu einem Liede begeistern kann, dann ist es eine Mondnacht in diesem Säulenwald; das Lied aber müßte hier zum Epos werden. — Es folgt ein mit Steintrümmern angefüllter Mittelhof. 2 Obelisken und 2 Kolosse schmückten ihn einstens, je ein Pylon bildete den Eingang und den Ausgang; alles ist jetzt zerfallen, nur eine aus rothem Granit gehauene Spitzsäule aus der Zeit Thutmosis' I. (15. Jahrh, v. Chr.) steht noch fast unversehrt da, schöne Hieroglyphen- zeichen der alten Zeit bedecken deren Seiten. Dieser 23 m hohe Obelisk verlor seinen Genossen erst im vorigen Jahrhundert. Wir bahnen uns einen Weg durch die Steintrümmer und finden im nächsten Raume in unversehrter Schönheit den zweitgrößten aller bekannten Obelisken (der größte steht vor dem Lateran in Rom); er wurde von der Königin Hatasu, jener Bilkis Aegyptens, im 15. Jahrhundert vor Christus errichtet. Seine Maße sind: 29 irr Höhe, 130 clim Inhalt, 374,000 k§r Gewicht. In der herrlich gemeißelten Inschrift heißt es: die Königin habe ihn mit sinn d. i. Elektrum (Silbergold) auslegen lassen, damit er leuchte gleich der Sonuenscheibe über die beiden Lande. Das Elektrum ist verschwunden, aber noch immer bietet er einen herrlichen Anblick, mag er im Sonnenlichte glänzen, oder vom Mondlicht um- flossen sein. Noch ein paar Gemächer und wir sind bis zum heiligsten Raume vorgedrungen. Vor dem Sekos oder Adyton erheben sich ganz frei zwei glattpolirte Granitpfeiler; jeder hat in Neliefdarstellnng je eine große Glockenblume zwischen zwei kleinern in meisterhafter Ausführung. Der Sekos ist wie gewöhnlich nicht groß, ein Rechteck aus Noscugranit. Er ist, wie bereits bemerkt, nach vorne und rückwärts geöffnet. Im Innern ist an den Seitenwänden Ammon als Ammon Generator und als ^.mrrron-i-g, srrberi untern (König der Götter) dargestellt, wie er die Huldigung des Königs in Empfang nimmt. Diese Doppelauffassnug des hier verehrten Gottes ist eine Anomalie wie die Doppelgestalt des Tempels und scheint eines das andere bedingt zu haben. Ammon war ursprünglich als Ammon Generator (mit Chonsu und Muth) Lokalgvtt von Theben. Als die Priesterschaft von Theben so großen politischen Einfluß erhielt, daß schließlich die Könige in Theben residirten und von ihnen ganz abhängig waren, suchte sie auch die geistliche Hegemonie zu erwerben und wurde Ammon mit dem Gotte Na von Heliopolis identisizirt und dann als oberster Gott und als Inbegriff der Gottheit proklamirt und heißt seitdem immer: ^mirrou-ra, König der Götter; diese Emancipation wurde durch den Namen Ammons — der Verborgene begünstigt. Um nun die übrigen Lokalgötter mit ihren Attributen, Titeln, Sagen, Mysterien rc. in dieses System zu pressen, wurde nach Kräften allegorifirt — Philo's Vorgänger sind sehr alt. An Stelle des einfachen Sonnendienstes trat eine höchst complicirte Theologie, deren Kern die pantheistische Lehre bildete, daß die Welt von einem in der Sonne verborgenen (Ammon-Ra) ge- heimnißvollen Geiste regiert werde. Die weiteren philosophischen Details dieser Theorie (z. B. Seelenwanderung) übergehe ich und erinnere nur, daß Pythagoras seine Lehre von den Aegyptern entlehnt hat. Doch politische und geistliche Hegemonie dauerten nicht zu lange; schon unter Namses II. minderte sich der Einfluß der „Brüderschaft Thebens", und schließlich mußte die Priesterschaft (unter den syrischen Königen) auswandern bis Gebel Barkal jenseits des 2. Katarakts; in geistlicher Hinsicht folgte die Reaktion unter Amenophis IV., welcher die mystische Bedeutung Ammons verwarf und den Sonnen- dienst wiederherstellte, er änderte seinen Namen in 6irrr an atsir — »Glanz der Sonnenscheibe" um und setzte dem pantheistischen Ammon die materielle Sonuenscheibe als Gottheit gegenüber. Es ließe sich hier noch vieles sagen über die „Brüderschaft Ammons", jene älteste Freimaurerei, über ihre Grade rc.; aber es gibt noch vieles zu sehen im Heiligthum zu Karnak. An der Außenseite des Adytons ist dargestellt unter Anderm, wie der Pharao von That und Horns mit hl. Wasser gereinigt, hierauf gekrönt und dann vor Ammon (dessen Emblem die Federkrone ist) geführt wird, der ihn segnet. Darunter die Procession der hl. Barke. An Festtagen wurde nämlich das Götzenbild in einem kleinen Tempelchen (Naos) auf eine goldene Barke gestellt und auf den Schultern der Priester in Procession nach dem hl. See im Südosten des Tempels getragen. Au den Wänden des Corridors, welche mit denen des Sanctuariums parallel laufen, hat Thutmosis III. seine Feldzüge aufgezeichnet. Dieselben erstreckten sich auf Syrien und Mesopotamien (Nuten und Naharin). Hinter dem Heiligthum (Adyton) liegt, wie bereits erwähnt, ein zweiter Tempel, dessen Grundriß noch leicht erkennbar ist; guterhalten aber ist nur der große Pfeilersaal Thutmesis' III. Derselbe ist 44 irr breit und 16 m tief; 20 Säulen in 2 Reihen tragen mit 32 quadratischen Pfeilern die Decke. Die Säulen haben hier „umgestürzte Kelchkapitäle", welche Form sonst nirgends mehr nachweisbar ist. Geht man gleich von der ersten Säulenreihe dieser Halle nach Süden, also nach rechts, so trifft man eine lauge Reihe von Kammern, welche zu dem Tempel gehörten. Der westlichsten Kammer gegenüber fehlt in der Corridormauer ein größeres Stück. Dort stand ehemals die „Königsrcihe von Karnak", welche sammt den Listen Manetho's, den Königsreihcn von Abydos und Sakkarah, ferner dem Turiner Königspapyrus so ziemlich unser ganzes Quellenmaterial betreffs der Chronologie der Dynastien ausmacht. Diese Köuigsliste wurde von Burton entdeckt und von Prisse nach Paris gebracht; sie schließt mit Thutmosis III. und enthält 62 Königsschilder. Hinter der Pfeilerhalle sind noch einige Gemächer, welche mehr oder minder gut erhalten sind, darauf die ganz zerfallene Karyatidenhalle Namses' II. und wir stehen am Ende des Tempels. Außerhalb noch die Ruinen eines Tempels Ramses' II. und noch weiter östlich der Pylon des Nektancbos. Von diesem östlichen Pylon bis zum 1. Pylon des Tempels ist eine Entfernung von nahezu */z Kilometer. Die Frage, wann dieses Nationalheiligthum erbaut 134 wurde, läßt sich in dieser Allgemeinheit nicht beantworten. Schon unter der 12. Dynastie stand hier ein wenn auch kleines Heiligthum, und von Uscrtcsen I. (ca. 2300 v. Chr.) bis in die Ptolcmüerzeit haben zahlreiche Könige dasselbe geschmückt, vergrößert und restaurirt; der Löwenantheil an dem Ruhme, dieses Werk geschaffen zu haben, gebührt den Pharaonen der 18. (Thntmose) und 19. (Namesidcu) Dynastie. Die nördlichen Trümmer zahlreicher Tempel lassen wir bei Seite und wenden uns dem heiligen See an der Südseite zu. Er ist heute noch vorhanden, sein Wasser aber ist salzig geworden. Sein Decken bildet ein Rechteck. Auf ihm wurde einst die heilige Barke mit dem Götzenbilde gerudert unter den Gesängen der Eingeweihten, während die Nichtwissenden im peristylen Hofe warteten. Westlich vom See erweitert sich die Tempclanlage nach Süden durch ein System von (4) Pylonen, welche mit einander durch Mauern verbunden sind; an den letzten (südlichsten) Pylon schließt sich eine Sphynxallee an, welche zu dem hübsch gelegenen, aber bis auf die Grundmauern zerstörten Tempel der Muth, des weiblichen Principes der thebanischen Trias, führt. Es war dieses ebenfalls eine Proccssionsstraße. Ein heiliger See umschließt hufeisenförmig dieses Heiligthum von 3 Seiten. Sein Wasser ist süß, und man kann fast immer wasserschöpfende Fcllachinen an seinem Ufer sehen und beobachten, wie sie die schweren, Ballas genannten Thonkrüge sowohl leer als gefüllt mit stauuenswerther Geschicklichkeit auf dem Kopfe tragen. Trümmer von 3 kleinen Tempeln liegen in nächster Nähe. Von deui Sanctuarinm der Muth führte eine weitere Sphynxallee nach Süden, wo sie fast im rechten Winkel auf die von Luxor kommende Reihe stieß, jetzt ist nur wenig mehr sichtbar. Die Sphyuxstraße von Luxor setzte sich fort bis zum Tempel des Chonsu, des dritten Principes der Trias. Von dem letzten Theil derselben ist noch sehr viel, allerdings verstümmelt, erhalten. Vor dem eigentlichen Pylon des Chonsnheiligthums erhebt sich ein Propylon aus Ptolemäischer Zeit, welcher ganz die Form des Siegesthores in München oder des aro äo triomxlro in Paris rc. hat, nur ist er schlanker, höher und voll Skulpturen und Inschriften. Hinter diesem Propylon erweitert sich die Sphynxallee um das Doppelte und endet vor dem Pylone. Der schöne Chonsutempel ist ausgezeichnet erhalten und verdient seiner edlen Formen wegen einen mehrmaligen, aufmerksamen Besuch. Selbst wenn man kurz zuvor den Wundersaal des großen Tempels gesehen hat, macht er immer noch Eindruck; wenn man aber das große Trümmerfeld passirt hat, welches diesen Tempel umgibt, dann ruht hier Auge und Geist aus, da es hier nichts zu reconstruiren gibt, und weidet sich an den alten Knnstformcn aus der Zeit Namses' III. Wenn am Abend der Mond seinen Tempel und die Bilder seiner Personifikation (Chonsu ist der ägyptische Mondgott) mit seinem magischen Lichte übergießt, dann ist es, als ob die Säulen sich enger aneinander schließen würden, gleich als ob sie sich etwas von Einst und Jetzt zuzuflüstern hätten, dann ist es eine Lust zu wandeln durch die schönen Säle und zu sinnen, dann ist es so traulich und heimisch in diesen Räumen, es ist wie ein Idyll. Nebenan ist ein kleiner Tempel der Göttin Apet, welche bei schweren Geburten angerufen wurde. In diesem Gebäude wohnte während seines Aufenthaltes in Karnak der Entdecker des Schlüssels zum Verständniß der Hieroglyphen, Champollion Is jeuuo. Vom Chonsutempel ist noch besonders zu erwähnen, daß er uns das einzige bisher bekannt gewordene Bild der Beschneidung eines Aegypters überliefert hat. Die Thatsache dieser Sitte war durch Herodot 2,104, Horapollo, Joseph FlaviuS, Clemens von Alexandrien, sowie durch Untersuchung von Mumien bekannt; hier aber haben wir die urschriftliche Bestätigung. (Schluß folgt.) Die Bücherschcitze Deutschlands. ----- Das neueste „Adreßbuch der deutschen Bibliotheken" ist werth, daß es von Jedem, der über die Entwickelung der Wissenschaft sich eine bestimmtere Vorstellung bilden möchte, angeschafft werde. Dieses Buch zählt im Ganzen 1609 Bibliotheken auf, darunter 130 öffentliche, mit einem Bestände von 27 Millionen 91,288 Druckbäudcn und 240,416 handschriftlichen Büchern. Für die Vermehrung dieser Bibliotheken werden jährlich etwa 2 Millionen 323,101 Mark ausgegeben. Unter den öffentlichen Bibliotheken gibt es 59 staatliche, 53 städtische, 18 gestiftete oder provinziale mit nahezu 15 Millionen Denckbänden und 200,000 handschriftlichen Büchern. Für die Vermehrung der öffentlichen Bibliotheken wird jährlich ungefähr eine Million Mark verausgabt. Was ist das für die Waffen der Wissenschaft im Verhältniß zu den Ausgaben für die Waffen der Zerstörung im modernen Culturstaat! Ein anderes, jedoch erfreuliches Verhältniß wird von diesem Adreßbuch in Helles Licht gesetzt. Die Aufschlüsse des Adreßbuches der deutschen Bibliotheken sind nämlich eine wissenschaftliche Ehrenerklärung für den Katholicismus. Unter den eigentlich kirchlichen Bibliotheken sind 120 protestantische und 81 katholische. Da die Protestanten etwa noch einmal so viel als die Katholiken, da sie reicher und ihre Geistlichen besser gestellt sind, so müßten sie 160 Bibliotheken haben. Betrachtet man aber den Inhalt der Bibliotheken, so ist das Verhältniß noch vortheilhafter für uns. Die 120 protestantischen Bibliotheken enthalten 436,647 Druckbünde und 1551 Handschriften; die 80 katholischen dagegen 1 Million 19,118 Druckbände und 5559 Handschriften. Und dabei sind die Bibliotheken der in Preußen wieder neu entstandenen Klöster nicht eingerechnet. Noch günstiger gestaltet sich das Verhältniß, wenn man fragt, wo diese Bibliotheken eigentlich hergekommen sind. Für die meisten öffentlichen Bibliotheken kann hier als stehende Formel gelten, was obiges „Adreßbuch" S. 144 von der herzoglichen Bibliothek in Gotha schreibt: „Begründet von Herzog Ernst dem Frommen (1640—1675) mit einem vorzüglichen Stamm seltener alter Drucke und werthvoller Handschriften, zum Theil aus der Kriegsbeute von München, Würzburg, aus mainzischen und andern Klöstern stammend." Raub aus dem 30jährigcn Bruderkrieg! Es gibt sehr wenige größere Bibliotheken, die nicht reich geworden sind durch dieBeute aus den katholischen Klöstern. Zum Beispiel: Die grobherzogliche Landesbibliothek in Karlsruhe nahm für sich die Auswahl aus den Bibliotheken des Hochstiftes Speyer, des Fürstbisthums Konstanz, der Abtei Neichenau 135 (267 handschriftliche Bücher auf Pergament und 164 auf Papier), der Klöster Allerheiligen, Ettenheimmünster, Gengenbach, Krozingen, Lichtenthal, Oehningen, Offen- burg, St. Blasien, St. Georgen, St. Margen, St. Peter, St. Trudpert, Schüttern, Schwarzach, Tennenbach, Won- nenthal. Die Universität Heidelberg bereicherte sich mit 60,000 Bänden anS dem Neichsstifte Salem, mit 870 aus der Abtei Gengenbach und noch mit anderer Klosterbeute. Auch die protestantische Universität Erlangen hat die Bücher katholischer Klöster nicht verschmäht. Die Universitäts-Bibliothek zu Leipzig ging hervor aus den Büchersammlungen des Leipziger Dominikanerklosters, verschlang die Bibliotheken der Franziskaner, Augustiner, und nahm die Drucke und Handschriften der Klöster Altzclle, Buch, Chemnitz, Langensalza, Pcgau, Petersberg, Pirna. Die königl. preußische Bibliothek in Berlin begann 1661 durch Vereinigung einer Schloßbibliothek mit den Schätzen der Klöster und Stifter aus der Mark Brandenburg, dem Magdeburgischen und Wcstphalen. Dazu mußten die Klöster in Schlesien, Provinz Preußen, Posen und Rheinland ihre Bücher hergeben. Die Universitätsbibliothek in Breslau enthält die Bücher von 70 (siebenzig) Klöstern und katholischen Anstalten. Auf diese Art und Weise war es keine Kunst, Bibliotheken anzulegen und die Wissenschaft zu fördern. Die obige Zusammenstellung enthält natürlich blos einige der stärksten Beispiele. Den Katholiken ist von ihren alten Bibliotheken außerhalb Bayerns nur selten etwas geblieben. Was die katholische Kirche dank den Opfern ihrer Mönche und Geistlichen besaß, ist durch die Reformation, Revolution und Säkularisation zum Theil vernichtet worden, zum Theil in die Bibliotheken der Landeshauptstädte und der Universitäten, und auch in protestantische Bibliotheken übergegangen. Die Katholiken haben nach ihrer Beraubung mit Büchersammeln meist wieder von vorn anfangen müssen, und zwar ohne Staatsnnterstützungen, aus eigcuen Mitteln. Besonders haben in Neuschaffung von Bibliotheken sich die bayerischen Klöster ausgezeichnet. Wie Brück in seiner Geschichte der katholischen Kirche des 19. Jahrhunderts berichtet, hat zu Anfang dieses Jahrhunderts in Bayern die Regierung ärger als die wilden Hunnen und die Ungarn gegen die Kirche gehaust. Alles wurde ausgeplündert. Heute zählt das Kloster Metten wieder 60,000 Bände, St. Bonifaz in München 36,000 nebst 150 meist arabischen Handschriften. Schcycrn, Schäftlarn, Weltenburg schließen sich würdig an, sogar die armen Franziskaner in München haben es auf 14,000 und die Minoriten zu Würzburg auf 12,000 Bände gebracht, darunter 220 erste Drucke und 242 Handschriften. Das protestantische Predigerseminar zu Wittenberg, der Wiege des Protestantismus, dagegen, obgleich im Besitze eines Theiles der alten Universitätsbibliothek, zählt nicht über 33,000 Bände, das reiche seit 1544 bestehende Thomasstift in Straßburg nicht über 30,000, die seit 1648 bestehende protestantische „Ministerialbibliothek" in Erfurt nicht über 18,000; das evangelisch-theologische Seminar in Tübingen 25,000 Bände, wogegen das kathol. Wilhelmsstift in Tübingen 40,000 Bände ausweist. Sonst haben die angesehensten Predigerseminare nirgends eine eigentlich bedeutende Bibliothek auszuweisen. Unter den deutschen Staaten hat das katholische kleinere Bayern genau gerade so viel staatliche Bibliotheken als Preußen und fast "/z der darin enthaltenen Bücher. Die katholischen Städte Köln, Aachen, Trier, Mainz, Straßburg, Metz, Colmar, Breslau, Posen u. s. w. stehen mit ihren Städtebiblio- theken glanzvoll in der ersten Reihe. Der katholische Adel darf sich mit seinen Familienbibliotheken, waS Umfang und Werth anbelangt, kühn mit dem protestantischen messen. Bemerkt sei noch, daß auch die Jesuitenbibliotheken eine bedeutende Rolle spielen. So kam 1632 die Jesuitenbibliothek in Fulda als Kriegsbeute nach Kassel. Zu manchen bedeutenden öffentlichen und vielen Gymnasialbibliotheken haben die Büchersammlungen der Jesuiten den Grundstock abgegeben. Wie Vieles und wie Kostbares bei diesen Plünderungen der alten katholischen Klöster und Stifter zu Grunde gegangen ist, läßt sich nicht beschreiben. Was laut dem „Adreßbuchs" noch vorhanden ist, kann aber schon genügen. Die alten katholtschenMöncheund Geistlichen haben zahllose Bücher abgeschrieben, verfaßt, gedruckt, gekauft und gesammelt, und so unschätzbare Denkmäler christlicher Wissenschaft zu Stande gebracht. Die leiblichen und geistigen Nachkommen der Plünderer jedoch schmähen und verleumden im Besitze und Genusse des Raubes die alten Erwerbcr und Eigenthümer. Mit stolzer Miene beschränken sie sich auf das „Ein- und Ausathmen der mentalen Vocale und Konsonanten" und erklären in gelehrtem Tone, das Christenthum könne nicht „Adjectiv der Wissenschaft" werden. Recensionen und Notizen. Emil (E.), Erinnerungen eines alten Prägers. Gbettogcschjchten aus vergangenen Tagen. Leipzig, Malende. 1893. 6°. 251 S. Ein „schlechtes" Buch; wenn auch frei von jeglicher Pikantcric eines Sachcr-Mascch, so doch „schlecht" wegen des in seiner „Gänze", wie der Verfasser zu reden beliebt, trivialen Stiles und unordentlichen Deutsches, vor allem aber wegen der Gehässigkeit, mit der der Verfasser, ein Vollblut-Ghcttojude, Christenthum und katholische Kirche anschaut. Das Letztere tritt besonders unverhüllt in die Erscheinung in der ersten Geschichte von der „Gräfin Nochile". Neben ziemlich viel Gift für den Adel wird da der ganze schäbige Apparat liberaler Colportagc- roinauc — die stereotype Schauergeschichte aus einem Kloster, der „Jünger LoyolaS" bezw. abgefeimte Beichtvater gegenüber einem „wahren, ächten Priester" nach dem Herzen Bcrthold Auerbachs — auf die Scene gebracht, und zwar möglichst plump und langweilig, allerdings deshalb auch am ungefährlichsten. Wir legen das Buch mit Befriedigung aus der Hand! F. Lindner, Erläuterungen zur bayer. Gemeinde- ordnung für die Landestheile diesseits des Rbeines. Gesetz vom 29. April 1869 und 19. Januar 1872. Nebst einem Anhange und ausführlichem Register. 2. voll. umgearbeitete und weseutl. vermehrte Anst. mit herausgegeben von Dr. Thomas von Hauck. München, I. Sckweitzers Verlag (Jos. Eichbichler) 1894. — Preis des vollsläud. Werkes 6,50 M. — gebunden 7,50 M. IV. Mit der jüngst ausgegebenen IV. bis VI. Lieferung liegt nunmehr die Linoner'sche Gcmeindcordnung für das rcchts- rhein. Bayern abgeschlossen vor. Was die erste Lieferung versprochen, ist bis zum Schlüsse voll. erfüllt worden. Die Erläu- rcrnngcn sind so ganz und im vollsten Sinne ein Handbuch der Praxis, das dem nichtjuristischen Gemeindebcamlcn und Ge- nieiudevcrtreter, dem Bürger, der sich um Ausgaben, Rechte und Pflichten der Gemeinde und Gemeiudcangehvrigen intcrcssirt, dieselben guten Dienste bietet, wie dem juristisch gebildeten Ver- waltungSbcamten. Jeder wird rasch und leicht in knappen, kurzen Ausführungen und doch in erschöpfender Klarheit Antwort auf 136 die Fragen finden, die ihn eben beschäftigen. Und in dieser raschen und leichten Ausschlußgewährung liegt eben der besondere Vorzug des BucheS; denn im heutigen Dränge der Arbeit werden Wenige, innerhalb wie außerhalb der Amtsstube, in der Lage sein, einer auftauchenden, sofortige Entscheidung und schnellen Entschluß heischenden Frage ein Studium eingehender wissenschaftlicher Erörterungen widmen zu können. Die Benützung des Werkes fördert ungcmein ein vorzüglich gearbeitetes, ausführliches Inhaltsverzeichnis;, das auch dem weniger durch Belesen- hcit Geübten ermöglicht, ohne Zeitverlust zu finden was er sucht, und ein reichhaltiger Anhang von Auszügen einschlägiger Gesetze, von Verordnungen, VollzugSbestimmungen und Normativen erspart eine umfängliche Bibliothek und daS mühsame, ausbauende Zusammentragen viel zerstreuten Materielles. In Anbetracht des Gebotenen und der schönen, soliden Ausstattung ist der Preis als ein sehr mäßiger zu bezeichnen. Schließlich kommen wir auf unsere Besprechung der ersten Lieferung zurück, indem wir das Werk insbesondere den hochw. Pfarrvorständcn und den jüngeren, sich auf den Pfarr- und Predigt- a'mtsconcurs vorbereitenden geistlichen Herren nochmals angelegentlichst empfehlen. „Haideblüthen" und „Haibemyrten" von Hildrich Burgvogt. Da mit dem Wiederbeginn der guten Jahreszeit nicht nur die profane Reiselust wieder zu erwachen anhebt, sondern auch die Pilgerzüge und Wallfahrten zu den beliebten Gnadenorten wieder ihren Ansang nehmen, glauben wir eine uns von Vielen gedankte Pflicht zu erfüllen, wenn wir auf zwei unscheinbare, aber innerlich um so wcrthvollcre Büchlein hinweisen, welche unter dem Titel „Haideblüthen" und „Haidemhrten, als Votiv- kränzchcn gewidmet dem Gnadenortc Altötting von Hildrich Burg Vogt, kürzlich dort erschienen sind. Ist es doch eine althergebrachte Sitte, daß jeder andächtige Besucher einer solchen meist aus unvordenklicher Zeit stammenden Gnadcnstätte sich dieses und jenes kleine Andenken mitnimmt. Was liegt aber naher, als daß er die zum Lobpreise der Himmelskönigin aus frommem Priestcrherzcn emporgestiegenen Lieder mit dazu erwählt, in welchen er die ihm nur erst zum Theil bekannten Wunderthaten und Gebctserhörungen der dort so hochverehrten Gottesmutter, sowie auch die an merkwürdigen Schicksalen so reiche Geschichte der geweihten Ocrtlichkeit in köstlichen Versen dargestellt findet, die er auch, heimgekehrt, stets wieder mit Erbauung und gerührten Herzens ihrer schlichten Einfachheit und ihres tief zu Gemüth gehenden Tones willen lesen wird, ! denn mit dem bescheidenen Verfasser sind wir der gleichen An- I ficht, die er in einem die dort vorhandenen Votivgeschenke, soweit sie aus dem Volke herrühren, behandelnden Poem in so flammenden Worten ausgesprochen bat: „Nein, die Kunst ist nicht das Leben, Recht zu leben, nenn' ich Kunst, Gott dem Herrn die Ehr' zu geben In der Zeiten Noth und Gunst. Alle Kunst entbehrt der Sonne, Wenn sie nur den Sinnen frommt, KindeSlallcn wird zur Wonne, Weil'ö aus Gottes Eden kommt. Blendwerk ist all' unser Können, Stammt von Gott nicht Kern und Trüb, Wenn es nicht mit Segen krönen Glauben, Hoffnung und die Lieb'. ! AuS dem Glauben muß es wachsen, Soll es gute Früchte sch'n, Sich, wie Räder um die Achsen, Um die cw'ge Wahrheit dreh'n. Dann wird's nach dem Himmel ringen, Weil es aus dem Himmel stammt, Ew'gen Heiles Früchte bringen, Weil vom heil'gcn Geist entflammt." In der That weiöheitsvolle Worte, die wir Alle beherzigen mögen t M. Gr. Dr. Jnk. Mayer, Die christliche NScese. Ihr Wesen und ihre historische Entfaltung. Mit Approbation des hochw. Herrn Erzb. von Freiburg i. Br., Herder 1894. 8°. IV -s- 48 S. 0.80 M. Es wäre vielleicht der Titel: „Die Entwicklung der mönchischen AScese bis zum 5. Jahrhundert" bezeichnender gewesen für den Inhalt des Büchleins. In dieser Beschränkung deS Thcma's hat der Verfasser eine fleißige, quellenmäßige Arbeit geliefert. Er wird cS ohne Zweifel selbst am lebhaftesten empfunden haben, daß zu einer Geschichte der Auffassung und Uebung der AScese die dctaillirten Vorarbeiten noch fehlen. Aus diesem Grunde möchte zu rathen sein, zunächst nicht „eine ausführliche Geschichte der AScese" in Angriff zu nehmen (S. IV), sondern die hauptsächlichsten Lehrer deS christlichen Alterthums und Mittelaltcrs auf ihre Anschauungen über AScese in einer Reihe von Vorstudien zu prüfen. Solche Vorstudien, als Mono- graphicen oder in Zeitschriften veröffentlicht, würden zugleich in dem einen oder andern Punkt zu DiScussionen Gelegenheit bieten, welche für das in einer „Gefälschte deS NScese" zusammenzufassende Resultat immerhin von Einfluß sein dürften. vr. A. S. Literarischer Handweiscr, begründet, herausgegeben und rcdigirt von Msgr. vr. Franz Hülskamp in Münster. L4 Nrn. ä 2 Bogen Hochquart für 4 M. P. Jahr. 1894. Nr. 2. Inhalt: Der I. Band der „Kirchengeschicht- lichen Studien" von Kuöpfler, Schrörs und Sdralek (Ehrhard). — Weitere kritische Referate über Sciden- pfcnning Ucbcrsctzung und Erklärung des Galatcr- und des I. Korinther-Bricses, Nikel Monotheismus Israels vor dem Exile, Kellner St. Ambrosius als Erklärer des alten Testaments, Kaulen Biblische Einleitung 3. Auflage und Monod Apostel Paulus (Müllcr-Breslau); Probst Liturgie des IV. Jahrhunderts (Ebner); Greve Geschichte der Abtei Abdinghos in Paderborn (?. Leonhard); viks ok chrclibisdop Vauä (Belles- hcim); Westcrmcier Botanik für Hochschulen, Bertholt» Blumen am Wege, Kaltenegger Der Honig, Ulsamer Hausapotheke und Einheimische Beeren (Plaßmann); Faure Tröstungen des Fegfencrs und David Vaterunser (Deppe).— 7 Notizen über verschiedene Nova (Hülskamp). — Novi- tätcn-Verzcichniß. Literarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von vr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freibnrg i. Br. Jahrgang 1894. 12 Nummern. M. 9. — Freiburg im Breisgau, Hcrdcr'sche Ver- lagöhandlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 4: Die katholische Literatur Englands im Jahre 1893. II. (Bcllesheim.) — 8. vpüraem 8xri oom- menrarii in opistolas O. vanli. (Vetter.) — Mirbt, Die Wahl Gregors VII. (Feiten.) — Hanancr, Ooutumos matrimonialss au wogwn L§s. — Schüler, Die Verwaltung des Bußsakra- mentes. — Znvsa, 8. Optati Llilsvitani libri VII. (Weyman.) — Zycha, Lauoti aureli LuZnstinr äs Zsussi s.ä littsrrcm libri äuoäsoim. (Weyman.) — Elscr, Die Lehre des Aristoteles über das Wirken Gottes. (Braig.) — Paulsen, Einleitung in die Philosophie. (Offner.) — Bendcr, Rom und römisches Leben im Alterthum. (Egen.) — Caland, Altinvischer Ahncncult. (Hardy.) — Ehses, Quellen und Forschungen aus dem Gebiete der Geschichte. (Bellesheim.) — Zimmermann, Cardinal Pole. (Funk.) — Straßburgcr Theologische Studien. I. Band, 3. Heft. (Scbmid.) -- Westermaier, Compendium der allgemeinen Botanik für Hochschulen. (Niedcnzu.) — Wörndle, 'Lucas Ritter von Führichs ausgewählte Schriften. (Grupp.) — Stilgebauer, GrimmelShausenS Dietwald und Amelinde. (Jostes.) — Nachrichten. — Büchertisch. Der Katholik. Nedigirt von Joh. Mich. Naich, 12 Hefte M. 12. Mainz, Kirchheim. Inhalt von 1894, Heft IV, April: vr. Selbst, Das päpstliche Rundschreiben »vroviclsntissimns Dons« üher das Studium der hl. Schrift. — vr. Jof. Bl. Becker, Interessante Rundfrage der „Deutschen Gesellschaft für ethische Cultur". — vr. A. Belles- hcim, Der Ehrwürdige Cardinal Bcllarmin in katholischer Beleuchtung. — Jof. AertnyS, 6. 88. R., Beiträge zur Rechtfertigung des Acquiprobabilismus. — Literatur: Clemens Blume, Das Apostolische Glaubensbekenntniß. — H. Grisar, Vs Vombs axostoliebs. — A. A. G öpfert, Pastoral« thcologie von I. B. Rcnninger. — vr. Grützmacher, Die Bedeutung Benedikts von Nursia. — vr. Johannes Scho- lasticus, Stellung des katholischen Religionsunterrichts rc. — A. Perger, Homiletische Predigten. — Lewis Wallace, Ben-Hur. Vergiltst). Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. tti-. 18 3. Mai 1894. Napoleon und Madame de Sta6l von Friedrich Koch-Breubcrg. Zur Zeit, da mit Ausnahme Schwedens kein europäischer Staat eine Gesandtschaft in Paris unterhielt, lebte Herr von Staäl als politischer Vertreter dieses nordischen Reiches in der noch von Blut triefenden Stadt. Seine Gemahlin, eine Tochter des bekannten Necker, war ihm dahin gefolgt, denn sie liebte ihr Vaterland und besonders Paris über Alles. Nach dem schauerlichen Sturze Nobespierres, dem es nicht gegluckt war, sich eine Pistolenkugel durch den Kopf zu jagen, ehe er seiner schrecklichen Macht beraubt selbst unter dem Fallbeil enden muhte, traten in der Seinestadt wieder Elemente in den Vordergrund, welche bestrebt waren, feinere Sitten und den Sinn für das Schöne zu pflegen. Madame Tallien, von ihren Verehrern Nvtre-Dame de Thermidor genannt, eröffnete im Luxembonrg ihren Salon und bildete hicdurch gewissermaßen eine neue französische Gesellschaft. Ihr folgte die schöne Madame Näcamier, in deren Salon man in Bezug auf das Ne- stanriren noch viel weiter ging, denn wer hier sich einsund, der war nur äußerlich republikanisch, im Innern trug er sicher auf dem Herzen eine weiße Kokarde. Die Dritte im Bunde war Frau von Staäl. Bei ihr beschäftigte man sich nur mit Wissenschaft und Kunst. Einige Zeit darauf lernte diese geniale Frau den jungen General Napoleon Bonaparte kennen, d. h. sie überschüttete ihn mit überschwänglichen Briefen, während er ihr auswich. Der geistreiche Blaustrumpf, so viel Verstand ihm auch zu Gebote stand, hatte sich bei seinem Bestreben, das Herz des jungen Helden zu erringen, gänzlich verrechnet. Zu dem Sieger von Arcole und Marengo, zu dem heißblütigen Corseu mit den Flammen- augen, sagte sich Frau von Staäl, paßt nur ein Weib, wie ich es bin. Ich allein vermag ihn zu verstehen, zu besingen, zu lieben und anzubeten. General Bonaparte dachte jedoch anders. Die Dankbarkeit der Franzosen hatte ihn damals noch nicht mit Macht und Ehren überschüttet — im Gegentheil, die Regierung war ihm mit Mißtrauen begegnet, schien ihn absichtlich zu vergessen und ließ ihn als armen General mit kärglichem Halbsold unbeschäftigt in Paris leben. „Ein Landhänschen und einen eigenen Wagen" zu besitzen, das bildete den höchsten Wunsch Napoleons, dem er allerdings bald darauf einige umfangreichere zugesellte. Als dann Barras der siegreichen Convention mittheilte, wie hauptsächlich die Umsicht des jungen Generals Bonaparte dazu beigetragen, daß die Ruhe in der Hauptstadt wieder hergestellt sei, da belohnte die Regierung Napoleon durch Belastung in der Commandantenstellnng, welche er während des Aufstaudcs inue gehabt hatte. Kurz darauf trat ein Jüngling bei dem General Bonaparte ein und begehrte den Degen seines von der Republik ermordeten Vaters. Obwohl diese für die damalige Zeit noch sehr kühne Sprache sofort gerügt wurde, so gefiel der Jüngling, Eugen Vicomte de Beauharnais, doch dem General so gut, daß er nicht allein seinem Begehren willfahrte, sondern sich auch seiner Frau Mama empfehlen ließ. Einige Tage darnach gab Barras ein glänzendes Fest, und dort dankte die schöne Mutter Napoleon für die Gunst, welche er ihrem Sohne erwiesen. Das vornehme, echt weibliche Wesen der Aristokratin, welche eine Schwester des hübschen, kühnen Jünglings zu sein schien, machte aus Napoleon den tiefsten Eindruck, den je ein Weib in seinem Herzen hervorzurufen vermochte. Diese reizende Dame fesselte nur durch Bescheidenheit, durch Liebenswürdigkeit, durch ein Etwas, das volle Hingabe und aufopfernde Liebe verrieth — und das, so fühlte Napoleon, das war allein ein Weib für ihn. Da der General sich am 9. März 1796 mit der Vicomtesse von Beauharnais vermählt hatte, so besang Madame de Staäl im Sieger und Helden von Arcole und Marengo einen vcrhciratheten Manu, sie schrieb sonach die glühendsten Briefe an einen glücklichen Gatten, doch das machte der genialen Frau nicht viel, sie ging sogar noch weiter, denn sie hatte es sich in den Kopf und in das Herz gesetzt, daß nur sie allein zu dem Helden paßte. Die Briefe des Blaustrumpfes gefielen nicht nur nicht dem General, sie erfüllten ihn mit Widerwillen. Jetzt an die Spitze einer Armee gestellt, beschäftigte sich Napoleon mit Schlachtenplänen und vergaß es gänzlich, die eben Epoche machenden Werke seiner persönlich immer noch unbekannten Verehrerin zu lesen. Er wußte sohin von Madame de Staäl nur, daß sie eine überspannte Frau sei, in deren Salon sich die Schöngeister begegneten, und daß sie mit dem Mädchennamen „Necker" heiße. Das war ihm allein genug. Der frühere Minister Necker wurde gerade von Napoleon in der ungünstigsten Weise beurtheilt. Der allein hat die Revolution auf dem Gewissen! Das war ein Ansspruch Bonapartcs, während Frau von Staäl sich sehr viel darauf einbildete, die Tochter dieses Mannes zu sein. Nicht gerade in zarter Absicht und mit einen! nicht mißznverstchenden Achselzucken zeigte Napoleon die überschwänglichen Briefe seinen Bekannten mit den Worten: Verstehen Sie diese Narrheit s Weder die sehr kurzen, gleichgültig abgefaßten Antworten des Generals selbst, noch das Gerücht, daß Napoleon mit Josesinen sehr glücklich lebe, vermochten es, der Schrcibwuth der Dame Einhalt zu thun. Eines Tages erhielt Napoleon folgende unglaubliche Taktlosigkeit von ihrer Hand: „Es war ein ausgemachter Irrthum der Vorsehung, daß eine so schöpferische wie glänzende Natur, wie sie in Bonaparte vorhanden, mit einem so schwachen und bescheidenen Wesen, wie es Joscfine ist, vereinigt worden." Dann folgte der alte Spruch, daß Staäl, geborene Necker, für ihn allein geboren sei. Da ging Napoleon die Geduld aus. Er zerriß den Brief, warf die Stücke in's Feuer und meinte: Was! diese Närrin wagt es, sich mit Josesinen zu vergleichen? Ich antworte überhaupt nicht mehr auf ihre Briefe. So mußte Frau von Staäl den einzigen Trost missen, der ihr geblieben. Die meist etwas lakonischen Antworten des jungen Helden blieben aus. Nun aber, es kann dies gerade nicht weiblich zartfühlend genannt werden, erpichte sich die Dame erst recht darauf, Napoleon selbst zu sprechen. Als ihr dies gelang, war der junge Held natürlich schon weit auf seiner Siegeslaufbahn vorgeschritten. Er war jetzt Consul geworden und bewohnte die Tuilerien. Diese Joscfine, meinte wohl Madame de Staäl, kann ihn nicht mehr fesseln, denn einen großen Verstand hat sie nie gehabt, und dazu macht sie ganz gehörige Schulden. Als der Empfang stattfand, hatte die Tochter Neckers wieder auf etwas vergessen. Napoleon liebte es nämlich sehr, die Damen einfach und geschmackvoll gekleidet zu sehen, die Staöl dagegen erschien in einem ganz absonderlich aufgeputzten Costüme. Das allein erschreckte den jeder Zeit etwas kurz angebundenen Consul. Dieser mochte wohl seine liebenswürdige, etwas. abergläubische Josefine mit der Geist und Witz sprühenden Dichterin verglichen haben, und es muß jedenfalls für die Staöl sehr von Nachtheil gewesen sein, daß die Gattin bei dieser ersten Zusammenkunft gegenwärtig war. Napoleon, unartig wenn er einer Dame ein Kompliment sagen wollte, wurde stets grob, wenn das, was er zu sagen hatte, kein Kompliment genannt werden darf. Später, als Kaiser, wollte er einst der schönen Herzogin von Chevreuse etwas recht Liebes sagen. Was doch Ihre rothen Haare schön sind! kam's bewundernd von den schmalen Lippen, denn er hatte sich nicht Zeit genommen, seine Worte so zu setzen: Ihre Haare sind doch vom wunderbarsten Nothbraun i Die Herzogin erwiderte schnippisch: Möglich! Aber ich versichere, daß ich zum erstenmale im Leben Aehn- liches höre. Die Antwort Napoleons aber, welche er Frau von Staöl beim Empfang in den Tuilerien gab, ließ an Grobheit nichts zu wünschen übrig. Es war nicht zart von ihr, daß sie vor Josefinen fragte: welche Frau in seinen Augen als die bedeutendste erscheine? Er, wie erwähnt, schon etwas schlechter Laune, gab zurück: Die, welche dem Staat die meisten Kinder gibt! Das war hart, denn Madame hatte zu dieser Audienz all ihren Enthusiasmus im Herzen mitgebracht und sah sich nun verschmäht, gröblich verletzt. Eine eitle Frau verzeiht das nicht, und eitel war Madame de Staöl. Die Herzenswunde wäre wohl eher vernarbt, die verletzte Eitelkeit verzieh nicht. Niemals vergaß sie ihm diese Antwort, und damals verließ sie als seine Feindin die Tuilerien. Er sollte sehen, daß die spitze Zunge, die scharfe Feder einer geistreichen Frau nicht minder mächtig als irgend ein politischer Feind seien. Beißende Witze und boshafte Bemerkungen regnete es von da über Napoleon und dessen Familie, und stets wußte sie es so zu gestalten, daß sie dem ersten Consul zu Ohren kommen mußten. Aber auck der große Mann war eitel und vergaß Kränkungen nicht leicht. Ließ er doch bald darauf als Kaiser den Papst und den ganzen Krönungsstaat warten, nur um vor der großartigen Ceremonie den alten Advokaten Nagideau vor sich zu sehen, denn dieser hatte dereinst Josefinen in geringschätzendem Tone abgerathen, den armen General zu heirathen, und das hatte Bona- parte im Vorzimmer gehört und bis dahin nie ein Wort darüber verloren. (Schluß folgt.) Ueber die frühchristlichen Thiersymbole von Achmim-Pauopolis in Oberägypten und in den Katakomben. Studie von vr. Gustav N. Müller, Museumsbevollin. und Herausgeber der „AntiquitätcinZcitschrift" in Straßburg i. E. V o r e r i n n e r u n g. Wie nicht nur meine „Antiquitäten-Zeitschrift", sondern auch Fach- und Tagesblätter mittheilten, ist der verdiente Monograph des römisch-byzantinischen Todten- feldes von Achmim, das in der profanen wie kirchlichen Archäologie eine epochemachende Periode bezeichnet, ist mein Freund Robert Forrer persönlich nach Oberägypten gereist, um etwas nachzuholen, was von den ersten „Ausbeutern" der Necropole unverantwortlich versäumt, von keinem Museum merkwürdigerweise nachgeholt worden ist, nämlich: die wissenschaftliche Untersuchung der Lokalität und der Fund um stände. Forrer brachte damit allen Forschern, allen staatlichen und privaten Besitzern von Achmimfunden — besonders der kostbaren Textilien! — ein großes Opfer. Ueber die speziellen Ergebnisse seiner Expedition will ich Ihnen ein andermal berichten; es genüge, die Etappen ihrer Erfolge kurz mit den Worten anzudeuten: systematische Ausgrabungen, eingehende Untersuchung des Terrains und der Lokalgeschichte, Entdeckung unberührter Mumiengräber und Auffindung eines neuen Gräberfeldes! Hingegen habe ich heute den vielen Freunden, die meine Mittheilungen über Achmim gefunden haben, besonders Ihren theologischen Lesern einen Excurs zu bieten, der nicht für sich, wohl aber für sein Thema und seine neuen Beiträge reges Interesse zu erbitten wagt. Kein Gebiet der altchristlichen Kunst ist auf Achmim ohne Aequivalente zu entsprechenden Katakombendarstell- nngen geblieben, keines hat vielleicht wichtigere Aufschlüsse dorten erhalten, als das der Symbolik, und hier wiederum jenes der christlichen Thiersymbole. Ich ziehe vor, anstatt lange Vorbemerkungen zu schreiben, in rnsciias rao zu gehen, und mache den Leser, um ihm größeren litterarischen Apparat zu ersparen, nur auf die zwei bedeutsamsten Quellen aufmerksam, auf die ich meine Ausführungen des öfteren zurückleiten muß. In erster Linie meine ich die bekannte „Ncal- Encyklopädie der christlichen Alterthümer" von F. X. Kraus mit den Beiträgen vieler Archäologen und Kirchenhistoriker, wie de Waal, Münz, Heuser, Peters, Kellner, Krieg, Schilt u. a., und dann Forrers hervorragenden III. Achmim-Band „Die frühchristlichen Alterthümer von Achmim-Panopolis", zu beziehen durch die Verlagsanstalt Concordia in Bühl (Baden) zum Preise von M. 35.—. Ich greife in der folgenden Untersuchung nur die bekanntesten Thiersymbole aus der Fülle von Material heraus, das ich in einer umständlicheren Abhandlung zu behandeln gedenke. Indessen hoffe ich, schon mit dem hier Vorzutragenden manchen Freunden der christlichen Kunst einen Gefallen erweisen und mehr thun zu können, als „ub LliHuiä äixisss viäaar". Der Adler. Während die biblischen Schriften im Adler ein Sinnbild a) der Liebe Gottes, tt) der Macht und Stärke, o) der Schnelligkeit, ä) des hochfahrenden Sinnes und e) der Erneuerung und Verjüngung erblicken, hat die altchristliche Kunstsymboltk hauptsächlich die letzte Bedeutung zu sich herübergenommen. Auf den Begriff der geistigen Wiedergeburt durch die Tanfe und der Erhebung zu Gott ist die Sitte zurückzuführen, das Bild des Adlers als En- kolpion oder als Fibula zu tragen. Im Adler sahen die Neophyten ein Bild ihrer eigenen sittlichen Verjüngung. Ein weiterer Schritt war es, diese geistige Erneuerung auf die körperliche in der Auferstehung zu übertragen, wie dies Ambrosius ausspricht und ein römischer Sarkophag bildlich zum Ausdruck bringt, dessen Mittelrelief die Kreuzigung und die Auferstehung 139 Christi symbolisch darstellt. Ein Bild im Oosmotariurn I?ri8oil1rro zeigt zwei Adler auf zwei Erdkugeln im Begriffe, zu den ewigen Höhen sich emporzuschwingen. Mindestens so alt aber als die Bedeutung der Verjüngung und Erneuerung ist die andere, die den Adler, der gegen die Schlange kämpft, als Symbol des Lichtes faßt, das die Finsterniß besiegt. So gibt die Apocälypse dem mystischen Weib, das der Drache verfolgt, „zwei Flügel eines großen Adlers". Gerade diese apocalyptische Symbolik aber beweist, daß wir den Kampf des Adlers nicht nur als den des Lichtes gegen daS Dunkel, als den Christi gegen die Holle zu deuten haben, denn die Schlange ist, wie vorab Achmim beweist, keineswegs das einzige Gegenstück. Man darf von der allgemeinen zu einer mehr speziellen Deutung übergehen: der Adler symbolisirt das Gute, die Tugend, die das Laster, das Böse bekämpft und kümpfend besiegt. Wohl könnte man versucht sein, im folgenden Bild einen Beleg für die andere Auffassung zu finden, wonach der Adler auch ein Symbol derer ist, die ungerechtes Gut verzehren, aber seine Stelle in einem Cyclus von Darstellungen beweist schlagend, daß es nur im obigen Sinne auszulegen, daß ferner im Adler als „dem Guten" das Christenthum, im andern Thiere, einem Wolf, als dem Bösen, das Heidenthum zu verstehen sei. Die Darstellung fallt in die konstantinische Epoche, in die Zeit des eben erst erfolgten äußeren Triumphes des Christenthums, der ohnehin zu Achmim einen förmlichen Chorus von Jubelbildern hervorgerufen hat. Sie reiht sich auf einem 15 curr langen Clavusstück unmittelbar an jene merkwürdige Figur an, die N. Forrer in Folge einer Personalverschmelzung als „Christus-Georg" gedeutet hat, weil der Drachen- tödter mit Lanze und Kreuz dem sonstigen Christustypus von Achmim sich nähert. Ich glaube aber, Forrer hätte ruhig an Christum ausschließlich denken dürfen, denn gerade seine zum Vergleich herangezogenen zwei Thonlampen von Achmim zeigen unverkennbar als den Sieger über den Drachen den genügend charak- terisirten Erlöser selbst. In unserm Falle nun reiht sich an die Drachenscene das Bild eines Adlers, der sich in einen Wolf einkrallt. Es ist diese Darstellung nur eine Variation der vorhergehenden, wie Forrer mit Recht bemerkt. Wenn aber der geschätzte Achmimforscher also schließt: „Diese Darstellung wurde bis in das Mittelalter hinein vielfach angewendet und findet sich noch an Kapitälen von südfranzösischen Kirchen bis ins X. und XI. Jahrhundert. Dort sitzt der Vogel bald auf einem Hasen, bald auf einem Schafe, einem Hunde, einem Wolfe oder einem Hirsche. Diese zahlreichen Variationen beweisen, daß man den ursprünglichen Sinn der obigen Symbole bereits zur Carolingcrzeit vergessen hatte und an Stelle des Wolfes nach Belieben andere Thiere setzte" — so fragen wir: Wer sagt uns denn, daß nur der Wolf in Verbindung mit dem Adler symbolischen Sinn habe? Und woher wissen wir, daß ursprünglich dieser symbolische Sinn gerade auf dem Wolf beruhte? Erscheint doch letzterer gleichzeitig mit dem Drachen in derselben Bedeutung wie dieser! Vielmehr wäre zu bedenken, daß auch die späteren Variationen eine alte Symbolik wiedergaben, denn alle die von Forrer genannten Thiere sind in hohem Grade symbolisch. Allerdings besagt der Adler mit Hase, Hirsch, Hund und Schaf etwas Anderes als mit dem Wolf, weil erstere Thiere mehr oder minder ein Gutes symbolisircn. Der Adler, den wir ja auch als Sinnbild ungerechten Raubes kennen, bedeutet da, wo er den Hasen, den Hirsch, den Hund oder das Schaf bedroht, nichts Anderes als das Böse, das dem Christen nachstellt, wie ein Dieb in der Nacht, als den bösen Feind, der die harmlose Seele zu umstricken sucht, oder etwas Aehnliches. Man braucht sich über diese heterogene Bedeutung des Adlers nicht zu wundern, wenn man erwägt, wie schon in den ersten christlichen Jahrhunderten auch der Fisch, im Gegensatz zum Jchthys-Christus, hin und wieder zum Symbol des Satans geworden ist. So war ja auch die Schlange neben ihrer Bedeutung als Sinnbild des Bösen, des Verführers, eine Erinnerung an den in der ehernen Schlange des Moses symbolisirten Erlöser. Nirgends häufiger als im Gebiet der Symbolik gilt das Wort von den Dingen, die — zwei Seiten haben. (Fortsetzung folgt.) Zur Chronologie des heiligen Willibald. Von Adam Hirsch mann, Pfarrer in Schvnfeld. (Fortsetzung.) Es mag mit Recht auffallend erscheinen, daß der Benediktinermönch Willibald kaum ein Vierteljahr nach seiner Abreise von der ewigen Stadt zum Priester geweiht worden, da er doch, seitdem er deutschen Boden betreten, fast immer auf Reisen sich befand, somit zur Vorbereitung auf diese hehre Würde keine Zeit übrig hatte. Darum muß diese Ordination in spätere Jahre verlegt werden, auf den 22. Juli 742, erklärt Herr S. Fassen wir vor allem die geographische Entfernung zwischen Rom und Freising inS Auge, so finden wir Rom etwas unter dem 42. Breitengrade, während Freising fast auf der Halbscheide des 48. und 49. Grades liegt, so daß sich eine Differenz von 6*/z Graden ergibt. Die Entfernung zwischen je 2 Breitengraden zn 15 geographischen Meilen — 30 Stunden genommen, ergibt in unserem Falle 195 oder in runder Summe 200 Wegstunden als Resultat. Nehmen wir an, daß der hl. Willibald täglich einen Marsch von 8 Stunden zurückgelegt habe, und wir werden nicht zu viel behaupten, wenn wir unseren Pilger auf einem Pferde oder Maulesel reiten lassen, so hat er in 25 Tagen das Ziel seiner Reise erreicht; bis 24. Mai konnte er wohl auf deutschem Boden sich befinden, wenn er auch an den longobardischen Hof nach Pavia einen Abstecher gemacht hatte. Innerhalb der Frist vom Ausgange des Monats Mai bis 22. Juli konnten leicht an der Seite des nordgnuischen Grafen Suidger, der seinem Gastfreunde wohl das nothwendige Gespann zur Verfügung gestellt haben wird, die Strecken zwischen Freising und Eichstätt und dem unbekannten Aufenthaltsorte des Grafen zweimal durchmessen werden. Außerdem darf man die stets wiederkehrenden Klagen des hl. BonifatiuS über den furchtbaren Pricstermnngel in den deutschen Landen nicht vergessen. Berichtet ja doch der Metropolit selbst, daß er gezwungen war, sogar einen nikolaitischen Priester auf seinem Posten zn belassen, da er anderweitig nicht besetzt werden konnte (öjo. 91 l. o. I, 377); erzählt uns ferner die Nonne von Heidenheim, daß Wynnebald sieben Kirchen in Thüringen zu bedienen hatte (LI. 6-. XV, 1, 109). Unter solchen Umstünden finden wir die Eile begreiflich, mit welcher dem 40jährigen Willibald die Priesterweihe 140 ertheilt wurde. Oder war denn nicht die priesterliche Würde das erste Erfordernis), um als Abt eines neu- zugründeuden Klosters, als Missionar einer erst zu or- ganisirendcn Christengemeinde mit Erfolg wirken zu können? Ist es unter solchen Umständen auch nur wahrscheinlich, daß der hl. Bonifatius die Ertheiluug der Priesterweihe an Willibald bis zum 22. Juli 742 hinausgeschoben habe? Man hält uns die Vorschriften des KirchenrechteS entgegen, wornach der St. Magda- lcnentag, welcher im Jahre 740 auf einen Freitag gefallen ist, kein kanonischer Weihetag gewesen sei. Ist vielleicht der 9. Sonntag nach Pfingsten des Jahres 742, welcher damals mit dem 22. Juli zusammentraf, ein kanonischer Ordinatioristag?^) Herr S. gibt den AnsnahmSfall selbst zu. Wenn aber der päpstliche Legat besondere Vollmachten von Nom besessen hätte? Schon unterm 1. Dezember 722 erhielt der soeben zum Bischof geweihte Winfried von Papst Gregor II. die Fakultät: OräiirationeZ vero xrosläbw'oruw ssu äwacworuw Hon uisi Fvarti, 86ptiwi st äsaiwi msiwiurn fo- zunÜ8, 86b ob iuFrssoo guacira.F68iwa.Ii aigua woäi- airbo V63pors savdati novsrit Lslsdraucias (Dp. 18: bow. I, 267—268). Mit Hilfe dieses Privilegiums konnte Willibald am Freitag Nachmittags) ordinirt werden. Darum halten wir mit Hauck (K.-G. Deutschlands I, 489) den 22. Juli 740 als Wcihetag^) des hl. Willibald fest. Doch verfolgen wir den Bericht der Nonne weiter. Nach Ablauf eines Jahres berief Bonifatius den hl. Willibald zu sich nach Thüringen. Dieser kam dem Auftrage sogleich nach und fand im Hanse seines Bruders Whnncbald gastfreundliche Aufnahme, welcher jenen seit 18'/g Jahren, seitdem er von Nom abgereist war, nicht mehr gesehen hatte. Sie freuten sich über das Zusammentreffen. Es war Herbstzeit, als Willibald nach Thüringen kam. Sogleich setzte ihn der Erzbischof Bonifatius unter Mithilfe des Bnrchard und Wizo in die bischöfliche Würde ein. Willibald blieb eine Woche dort und kehrte hierauf wieder an seinen früheren Wohnort zurück. Willibald zählte, als er an dem Orte, welcher Sulzeprucge genannt wird, zum Bischöfe gesalbt wurde, 41 Jahre, und es war Herbstzeit, fast zur nämlichen Stunde (als er geboren war), 3 Wochen vor Martini: 8ta.timgU6 v6N6rauäu8 illo vir Ooi lVillil>a.Iäu8 86- cwnäuw fassioiwm mrnoti viri (Lcwikabii) in Hr^riir- F6Lw vonislwb 6b in äowo Irairw wri s. V^mw- lwläi lwoxitalitabw waiwioiww lwlwlwb, gut illuw fum priu8 8 aiworuw axabiv sb non äiwiäio aä 60 gnoä äo Ilowa. iwigostab uoir viäib. Bleiben wir einstweilen bei dem letzten Satze stehen. Wie übersetzen wir die Zeitbestimmung: Whnnebald hatte °) Die jetzt geltenden kanonischen OrdinationSkage sind die O.natemperiamStagc, der Samstag vor dem Passionssonntage, nicht vor dem Palmtage, wie Herr S. angibt: Labbatum Litisntss, vor dem Osterfeste: Labdatum «anetum. Silber- nagel, Lehrb. d. kath. K.-NechteS S. 144. H Dass im Mittelalter die Weihen nicht immer in Per-- bindnng mit der hl. Messe ertheilt wurden, geht aus den Statuten der Shnode von Mainz im Jahre 1049, welche nnter dem Vorsitze deö Papstes Leo IX. gefeiert worden ist, hervor. Hefcle, Conc.-G. IV, 735. Kirchenlexikon IV, 1272. °) Das Gnndekariannm (Ll. 6. 8. 8. VII, 248) hat den Eintrag: XI. Xal. llnA. orcliuatio s. IVillibaiai. Vor Einführung des römischen Nitns unter Bischof Johann Christoph von Westcrsletten 1612—1636 wurde der 22. Juli alö Ordi- nationstag des hl. Willibald im Ofsicinm des Tages com- mcnivrirt. , seinen Bruder nicht mehr gesehen: 8 annoruw 8jwbio ! eb irono äiwiäio, seitdem er von Nom abgereist war? Mabillon (^.oba. 8. 8. IV, 345 A. 2) übersetzte diese jedenfalls eigenthümliche Zeitbestimmung mit 8 und 91/2 — 17*/z Jahren; ebenso Popp, Brückl, Stamminger (l?rauo. 3 . I, 474) und neuestens auch Holder-Egger, welcher zu dieser vielumstrittenen Stelle bemerkt (LI. 6l. XV, 105 A. 2), daß durch einen Abschreiber ein Irrthum sich habe Angeschlichen, indem zu lesen sei: .. . Fui illuw fallt xriu8 X ob VIII aniwruw sxubio ob rwiw äiwiäio . . . rwn viäib, welcher ihn seit 18ffz Jahren nicht mehr gesehen hatte. Greiser dagegen (bow. X, 766), Hauck (K.-G. I, 460) und Herr S. übersetzen die Stelle mit 8^2 Jahren, indem sie die Sachlage dahin erklären: Willibald und Whnnebald haben sich um Ostern 735 zum letzten Male in Nom oder auch in Monte Cassino gesehen, ehe letzterer mit dem hl. Bonifatius in die deutsche Mission abging. Gegen diese Auffassung erheben sich jedoch verschiedene Bedenken. Vor allein die Frage: Mit welchem Rechte wird ein Zusammentreffen der Brüder im genannten Jahre 735 angenommen, da weder im Hodo- eporikon, noch in der Vita des hl. Whnnebald, noch in jener des hl. Bonifatius ein Anhaltspunkt hiezu gegeben ist? Nettberg (K.-G. Deutschlands II, 358) war der Anschauung, der hl. Bonifatius habe schon bei seinem zweiten Aufenthalte in Rom (c. 722) seinen Blutsverwandten aus England, Whnnebald, für die deutsche Kirche gewonnen, dieser sei jedoch erst 731 nach Deutschland abgereist, da er vorher die Einwilligung seines Bruders, welcher sich nach dem Oriente begeben hatte, erholen wollte. Hauck (K.-G. I, 459 A. 4) hat mit Recht diese mehr als sonderbare Interpretation verworfen, indem er betont: es sei nicht nothwendig, einen persönlichen Verkehr, eine mündliche Besprechung zwischen den beiden Brudern anzunehmen, es genüge ein schriftlicher Gedankenaustausch. Bonifatius habe erst bei seiner dritten Nom- fahrt 738/39 Whnncbald für sich und seine Missions- thätigkcit gewonnen, ein persönliches Zusammentreffen sei durch den Text: illuw faw xriuo VIII aurwruw gpablo eb ucwo äiwiäio nicht gefordert: 8ffz Jahre vor seiner Abreise von Nom, Sommer 739, hatte Willibald seinen Bruder zum letzten Male gesehen. Aber weder Ncttberg noch Hauck haben die entscheidende Stelle aus der Vita des hl. Wynnibald richtig aufgefaßt. Dieser Biographie, welche gleichfalls wie das Hodo- eponkon von der Heideuheimer Nonne verfaßt worden ist, entnehmen wir die Thatsache, daß Whnnebald im 19. Lebensjahre mit seinem Vater und seinem Bruder Willibald nach Nom gezogen ist. (Whnnebaldistgeboreni.J.701, wie aus oux. 9 der Vita erhellt.) In Rom nahm er die Tonsur und widmete sich dem Dienste Gottes und dem Studium der Psalmen. Nachdem er 7 Jahre in der ewigen Stadt zugebracht hatte, kehrte er wieder in die angelsächsische Heimath zurück, um unter seinen Verwandten und Lands- leutcn neue Werbungen für das monastische Leben zu machen. Mit herzlicher Freude wurde Whnnebald in England aufgenommen; sogleich aber begann er, seine Brüder und Schwestern, sowie Andere seiner Verwandtschaft zu ermähnen; die Flecken und Höfe durchwandernd, begeisterte er Viele für das Leben der Vollkommenheit (LI. 6-. XV, 108 eax. 3). Dann kehrte er wieder mit 141 Zustimmung seiner Freunde, mit Hilfsmitteln seitens der jüngeren Genossen ausgerüstet, in Begleitung seines Bruders nach Nom zurück. (Lt trmo itsrnin, liosutia. xoskulnka, eum eonsilio aniioorulli st cum juniorum sudsiäris Irntrs sno oonrits, oaoros itarnna s. kstri xorgfuirers xroporaffat xresiäia.) So kam Wynnebald zum Zweiten Male nach Nom: ssounäo vias aä Hoinarn s. I?6krigu6 basilioam veniodat, und führte ein sittcnreiues Leben. Was ist nun das für ein Bruder, der ihn über das Meer nach Italien begleitete? Der hl. Willibald? Unmöglich; denn dieser weilte damals entweder noch in Konstantinopel oder, falls wir Wynnebalds Aufenthalt in England längere Zeit währen lassen, wenigstens in Monte Casstno; wie auch Greifer schon hervorgehoben hat (tom. X, 791). War es der hl. Sola, der Gründer von Solen- hofen? Weder die Nonne von Heidenheim noch Ermanrich von Ellwangen, welcher vor dem Jahre 842 Sola's Leben aufgezeichnet hat, kennen ein derartiges Verwandtschafts- verhältniß. Es war ein dritter Bruder des hl. Willibald und Wynnebald, dessen Namen uns die Geschichte leider nicht überliefert hat. Da kam nun, erzählt die Nonne von Heidcn- heim, der hl. Bonifatins nach Rom, um Unterstützung an Priestern für die deutsche Mission zu suchen. Sobald er den Aufenthalt Wynnebalds, der durch die Bande des Blutes ihm verwandt war, in Erfahrung gebracht hatte, lud er ihn ein, als Mitgchilfe seine Stütze und sein Trost werden zu wollen. Was that Wynnebald? Oon- Isskirnguo trntrsm suuiu proprinni soä ab alias osns co§nnto8 atgus ainiaos sodriis salntationnni verdis ooinpelladib atguo liaontiam postnlavit. Ilt, buno ills vum alignLnto collo^nnr coinitatn ineffcnrvsrakikLr (N. 6-. XV, 109). Er theilte den bonifatianischen Antrag sofort seinem eigenen Bruder, den sonstigen Bekannten und Freunden mit und erhielt ihre Zustimmung. In zahlreicher Begleitung trat er die Reise an. Diese Anfrage nun an den hl. Willibald in Monte Casstno, sei es auch nur auf schriftlichem Wege, wie Hanck meint, richten lassen, heißt dem Zusammenhange, dem inneren Jdeengange der Erzählung Gewalt anthun. Wynnebald besprach sich mit seinem ungenannten Bruder, der wohl in einem der römischen Klöster sich befinden mochte, und mit sonstigen Landsleutcn, deren es damals gar viele in Nom gab, aber nicht mit dem hl. Willibald. Der Jngolstädter Jcsnite Greiser hat diese Stelle ganz richtig auf den anonymen Bruder bezogen (tarn. X, 791 L); darum ist es um so auffallender, wie er gleichwohl ein Zusammentreffen der beiden Brüder Willibald und Wynnebald 8*/z Jahre vor des ersteren Bischofs- consecration statniren mochte, wie Mabillon Mit Recht bemerkt hat (TVot. 8. 8. IV, 345 A. 2). Ob der dritte Bruder mit nach Deutschland gezogen, läßt sich mit Sicherheit nicht entscheiden; während Mabillon (I. xloratiou Drurä ffulzc 1893 S. 245 gezeichnet 0. R. 6.). Bei diesem Anblick und bei dieser Entdeckung ist es leicht verzeihlich, wenn bei dem Historiker und Excgcten der Philologe zu kurz kommt. Champollion las nämlich ganz richtig in einem Ringe dieser Städtenamen: lluäasi walölr, übersetzte es aber mit „König von Judah" und glaubte in dem Gefangenen, der diesen Schild trägt, ein Porträt des Königs Noboam erkennen zu müssen. Ihm sind auch andere gefolgt, z. B. Vigouroux, und selbst der nüchterne Bädeker (Ebers, Dümichen und Eisenlohr, drei berühmte Acgyptologen, sind die Verfasser desselben) meint, daß man lluäast malolr mit „König von Juda" übersetzen darf. Ich will hier aber keine philologische Abhandlung schreiben, möchte aberbemerken, daß weder der Zusammenhang der Inschrift, noch die Grammatik eine derartige Uebersetzung duldet. Wir haben hier, wie in den andern Schilden, eine Festung vor uns, die allerdings noch nicht sicher identificirt ist. Was die Porträtähnlichkeit mit König Noboam anlangt, so verschwindet dieser schöne Traum, wenn man die andern Köpfe betrachtet, da einer genau wie der andere geformt ist. Trotzdem wir also keim Porträt des Sohnes Salomons vor uns haben, so ist doch dieses Denkmal von unschätzbarer Bedeutung für die biblische Wissenschaft und auch von apologetischem Werthe, da wir hier die Genauigkeit der biblischen Angaben selbst in kleinen Dingen bewundern und beweisen können. Da dieser Schild, der 3. in der 3. Reihe (die ganze Darstellung hat 120 Namen), so große Berühmtheit erlangt hat, habe ich von ihm noch bei später Abendstunde beim Mondschein einen Papier-Abdruck genommen, sowie noch von zwei erreichbaren Namen: Abklatsch, Photographie und Augenschein bestätigen die Gleichförmigkeit der Profile auf's vollkommenste. Noch weiter rechts an derselben Mauer ist das Epos des ägyptischen Homer Pentaur zu lesen, wenn man den angehäuften Schutt wegräumt. An der Wand, welche sich im rechten Winkel anschließt, ist ein Vertrag des Königs der Cheta, Chetasar, mit Namscs II. in Hieroglyphen überliefert. Derselbe datirt vom 21. Tybi des 21. Jahres des Namses II. und ist in Tanis abgefaßt. Vielleicht ist diese Inschrift bestimmt, bei der Entzifferung der noch immer unent- räthselten chetitischen Schriftzeichen als Schlüssel zu dienen. Es wären noch zahlreiche, interessante Inschriften und Denkmäler im Karnaktempel zu besprechen; aber das Angeführte wird genügen, um eine Idee von der Pracht, Schönheit und Bedeutung dieses noch im Verfalle großen Banwerkes zu geben. Jerusalem, Kloster St. Etienue, im Februar 1893. Dr. Seb. Euringer. Recensionen und Notizen. Die Mutter Gottes von Lourdes. Vollständiges Gebet- und Untcrrichtsbnch mit Novcncnandachten zur Mutter Gottes von Lourdes für alle Verehrer Mariens von AlfonS Schwarz. Pfarrer in Ottenbach (Württemberg). Mit Approbation des Bischofs von Nottenburg. Stuttgart, Süddeutsche Verlagshaudlung (D. Ochs), 688 S., geb. von 2 M. an. Beicht- und Communionbuch für Erwachsene. Versehen mit einem Anhang der nothwendigsten Gebete von Alfons Schwarz, Pfarrer in Ottenbach. Mit bischvff. Approbation. Stuttgart, Süddeutsche Verlagshaudlung (D. Ochö), 266 S., gcbd. von 1 M. an. Unsere Zeit leidet gewiß keinen Mangel an Gebet- und Erbauungsbüchern, und wir wären die letzten, die eine Vermehrung derselben wünschten, wenn diese nicht zugleich eine Verbesserung derselben wäre. Das trifft bei den beiden vorstehenden zu. Deßhalb bringen wir sie zur Kenntniß der Leser der „Postzeitung". 1. Das Marien-Lourdesgebetbnch ist, obwohl in 3000 Exemplaren bestehend, schon nach 7 Monaten vergriffen gewesen. Gewiß ein Beweis für den Werth des Buches! An die zweite Auflage hat der Verfasser nochmals die bessernde Hand angelegt, so daß alle Wünsche befriedigt sind. Das durch reichen und kernigen Inhalt, durch gründliche und populäre Unterweisung über die wichtigsten Punkte der Glaubenslehre und des Glaubenslebens, durch Originalität der Form und Anlage sich auszeichnende Buch zerfällt in drei Haupt- theile. Der erste, historisch-apologetische Theil (inKleindruck gesetzt) bietet in markigen Zügen eine lebensfrische Darstellung der Geschichte von Lourdes und eine überzcugungSvolle, nur auf glaubwürdigen, von competenten Autoritäten bestätigten Thatsachen beruhende Vertheidigung der wunderbaren Vorgänge daselbst (S. 3—62). Diese Einleitung kann nicht ohne mächtigen Eindruck auf die vertrauensvolle Verehrung der Mutter Gottes bleiben. Den zweiten Theil bildet das eigentliche Gebet- und Unterrichtsbuch (S. 65—647). Neben den gut gewählten Gebeten und Andachten ist ein sehr zweckmäßiger und so recht für das praktische Leben berechneter Unterricht über 143 Meßopfer, Beicht- und Cömmnnion, Ablaß und Rosenkranz eingeflochtcn. Unter den vier Meßandachten ist die erste durchaus neu und originell: Der Wortlaut der pricsterlichen Meß- gebete ist in Kleindruck vorangestellt, worauf je die schöne, durchaus gelungene Erklärung desselben in Gebets form (in größerem Drucke) folgt. Dadurch wird der sachgewandte Verfasser einer bekannten Bestimmung des allgemeinen Concils von Tncnt vollauf gerecht. Die beigefügten Andachten für die einzelnen Wochentage und für die Fastenzeit (Kreuzweg, Leiden Christi) machen das Gebetbuch „vollständig". Vortreffliche „Belehrungen für Kranke und Leidende" nebst den Gebeten für Sterbende und Abgestorbene, für den Verein der christlichen Familie haben auch Aufnahme gefunden. Der dritte Theil (S. 651—698) umfaßt eine gründliche Lehre über Wesen und Eigenschaften der Novencn und gibt dazu eine praktische Anleitung. 2. Auf den vielfach geäußerten Wunsch von Laien hat der Verfasser das Beicht- und Communionbuch separat herausgeben lassen. Die Beichtandacht ist in ihren Gebeten herzlich innig, mit ihren beiden Beichtspiegeln (für öfters und nur einmal im Jahre Beichtende) sehr lehrreich und durch ihren ausführlichen Unterricht über die wichtigsten Bestand- theile (Reue, Vorsatz, Bekenntniß) eminent praktisch. Aus berechtigten Gründen sind die wesentlichen Punkte der Unterweisung durch fetten Druck hervorgehoben. Die beigefügten Morgen-, Abend-, Meßgebete, Stationenandachtcn und Litaneien erhöhen die Brauchbarkeit des Büchleins wesentlich, so daß es ein hübsches, sehr handliches Gcbctbüchlein ist, namentlich für Männer. Beide Büchlein empfehlen sich auch durch den billigen Preis und die schöne Ausstattung, und daö erste dürfte sich als Geschenk für Brautleute und Firmlinge besonders empfehlen! L. Pater Theodosius, ein menschenfreundlicher Priester. Von Dr. P. C. Planta. Mit dem Bild und Facsimile des k. Theodosius. Bern, Wyß 1893. (1 M. 80 Pf.) Ll. Wer kennt den Namen dcö k. Theodosius nicht, des Begründers der Krcuzschwestern, die in ganz Europa in der Zahl von Tausenden für das Wohl der Jugend, der Armen und Kranken wirken? Jeder, der seinen Namen kennt, wird aber erfreut sein, eine ausführliche Biographie des von Gott begeisterten und geführten Mannes zu lesen, der in dem kurzen Zeitraum von 12 Jahren, 1853—1865, so Großes schuf! Wie das kam, daß ?. Theodosius mit vier Ordensschwestern in Chur 1853 begann und schon 1865 bei seinem Tode über 400 segnen konnte, erzählt der Verfasser im ersten und zweiten Theile seiner Biographie, in der er die Thatsachen, die Gründungen in der Schweiz und Oesterreich mittheilt. Die Erzählung ist geschichtlich treu, indem der Verfasser auch die Hemmnisse nicht verschweigt, die theils von außen kamen, theils in der Art und Weise der Unternehmungen selbst lagen. Wenig glücklich war der vortreffliche Mann nämlich in der Gründung von Fabriken, der er allerdings auch seine christlichen Ziele zu Dienst nehmen wollte. Von einem anderen Hemmniß werden wir noch sprechen. Für die katholische Socialwirksnmkeit, deren Idee und Ziel ist aber vom höchsten Werthe der dritte Theil der Biographie, welcher sich „Des Pater Theodosius Welt- und Lebensanschauung" überschreibt, und aus den Schriften, Predigten und Reden des herrlichen Mannes die Summa der Grundsätze mittheilt, aus denen I?. Theodosius seine edlen, Gott und der Menschheit geweihten Werke schuf. Dieser Theil ist geradezu ein herrliches Programm für kathol.-sociale Lehre und Wirksamkeit. Wir begrüßten diesen Theil mit besonderer Freude. Und nun — der Verfasser, Herr NcgicrungSratb Dr. Planta in Chur, ist ein Protestant, der Wahrheit und Wohlthun liebt und Gerechtigkeit übt. Das zeigt er namentlich darin, daß er für k. Thco- dosius eintritt in der übelsten Affaire, die ihm 1857 begegnete, als ihn der Stadtrath wegen einer Rede in der Salzburger Katholikcnversammlung zu verfolgen begann und ihn nöthigte, die Großzahl seiner Ordensschwestern in Chur zu entlassen. Aber Gott der Herr fügte es zum Besten. ?. Theodosius hatte bereits in Jngcnbohl sich angekauft, und verlegte einfach dahin den Hauptsih des Ordens. Dort aber blühte er mehr auf, als in der Nähe des unfreundlichen Stadtrathcs von Chur. So waltet Gott mit Menschen, die ihm dienen! Ernpp (Dr. G.), Octtingische Geschichte der Ne- formationszeit. NesormationSgcschichte des Rieses von 1539—1553. Mit Bildern und Ansichten. Nörd- liugen, Tb- Reischle. 8°. 160 S. W Der Verfasser hat sich die Aufgabe gestellt, mit Verwerthung eines reichen, unbenütztcn Materials, vor allem des Wallersteiner Archivs, die Neformationszeschichte des Rieses zu bearbeiten. In einem ersten einleitenden Kapitel (S. 1—15) gibt er zunächst eine Darstellung des Bauernkrieges im Niese, während das 2. u. 3. Kapitel (S. 15—132 bczw. S. 133—151) die Reformation des Rieses in der 1. Periode (1524—1517), den schmalkaldischcn Krieg und das Interim zum Gegenstand haben. Ein großer Tbeil des 2. Kapitels, namentlich der ganze § 1 (S. 15—74) beschäftigt sich mit der Eintheilung der Graf- schaft Oettingen zur Reformationszeit, vor allem aber mit der Familiengeschichte der damals lebenden Grafen, wobei cultur- hisrorischcn Notizen, die in der That sehr interessant sind, eine besondere Sorgfalt gewidmet wird; auch die übrigen Paragraphen des 2. Kapitels weisen zahlreiche familiengeschichtliche Bemerkungen auf. So wäre vielleicht der Titel „Octtingische Familien-, Cultur- und politische Geschichte zur ReformationS- zeit" bezeichnender gewesen für den Inhalt des Buches. Daö 3. Kapitel ist leider etwas flüchtig ausgefallen; bei aller Kürze, deren sich der Verfasser aus buchhändlcrischen Rücksichten befleißigen zu müssen glaubte, wäre doch größere Prägnanz möglich gewesen. Was die Darstellung anlangt, so ist dieselbe streng objectiv. Leider sind manche stilistische Unebenheiten und ziemlich viele Druckfehler sie hengeblieben, die indessen unter der Last des massenhaft vorgelegenen Aktenmatcrials — die Pedanterie, wenigstens den Fundort, wenn auch nicht den Lagerort, Seite für Seite des Buches anzugeben, hätte der Verfasser nicht scheuen sollen — entschuldbar sind. Störend wirkt z. B. beim Beginn der Seite 25 der Ausfall einiger Worte. Eine anerkennenswerthe Beigabe sind die Abbildungen (besonders der Schlösser Harburg und Wallerstein) und ein am Schlüsse angefügtes Orts- und Personenregister, in das aber leider die Namen der Glieder des öttingischen Hauses nicht aufgenommen sind. Die Bewohner des Rieses in erster Linie werden dem Verfasser für das mühevoll geschaffene, lehr- und genußreiche Werk herzlichen Dank wissen. Anzeiger des germanisch. NationalmuseumS. 1894. Nr. 1 — Januar und Februar. Nürnberg, Germanisches Museum. L*L Dem „Anzeiger", herausg. v. Hans Bösch, (enthalt, die Chronik des Museums) sind 24 Seiten „Mittheilungen aus dem germ. N.-M." beigegeben. S. 1—8: Bösch, Ein Pokal des Nürnberger Goldschmiedes Elias Lenker. Die Beschreibung und Abbildung eines prachtvollen, mit Plastik und Heraldik geschmückten Schaustückes aus dem Besitze Veit Holz- schuherö ungefähr v. I. 1573. — S. 9—22: Kamann, Aus dem Briefwechsel eines jungen Nürnberger Kaufmanns im XVI. Jahrhundert. Ein interessanter Beitrag zur Kenntniß der Lehr- und Wandcrjabre eines jungen Kaufmanns jener Zeit, wie nicht minder der Nürnberger Kultur- und Geschlcchtergeschichtc, in Briefen der Angehörigen an den 1510—43 vom Elternhaus entfernten Paulus Bchaim. (Schluß folgt.) — S. 22—24: Bösch, Zum Verkchrsleben im XV. Jahrhundert. Die Betrachtung zweier (rcproduz.) Holzschnitte vom Anfang der 70er Jahre des XV. Jahrhunderts mit Scenen aus dem Leben auf der Landstraße. _ Archiv für christliche Kunst 1894, Nr. 1-4. * Professor KepplerS Archiv für christliche Kunst eröffnet den Jahrgang 1894 mit einem Bericht über die Errichtung eines bischöflichen Kunstmuseums für die Diözese Not- tenburg. Stadtpfarrer Keppler-Freudenstadt beschreibt den herrlichen Tabernakelbau zu Weilderstadt, ein Werk des Frühbarock von der Hand dcS Stuttgarter Bildhauers Georg Müller (1611—24) und im Anschluß daran das einfachere Sakraments- bauö in Glatt (1550), endlich ein spätbarockes Altarkrenz (1711). Wieder ein Baustein zum Ehrentempcl der Renaissance, welche, soweit das kirchliche Kunstgebiet in Frage kommt, nur zu lange mißkannt worden ist. — Lehrreich und recht dankenswcrth ist der Bericht des Pfarrers Na ible üher die Restauration der Pfarrkirche zu Glatt (Schlußartikel). — Dem praktischen Zwecke wird ferner in hervorragender Weise dienen eine Reihe von Artikeln über „die Bemalung unserer Kirche n" aus der Feder des Herrn Professors Keppler selbst. Die zwei ersten Artikel in Nr. 3 und 4 lassen zur Genüge erkennen, daß hier prinzipielle Fragen von größter Tragweite in der dem Verfasser eigenen klaren und anschaulichen Weise zur Behandlung kommen. — Th. Schön, ein Beitrag zur Geschichte der Kirchenbaukunst im Mittclalter. Findlinge über einzelne Meister der Baukunst. — Ueber eine Monstranz in Renaissanceformcn, welche aus der Hand des GotdarbeiterS Ballmann in Stuttgart hervorgegangen ist und das schwierige Problem in befriedigender Weise 144 löst, berichtet ein Artikel in Nr. 4. Ebenda beginnt Pfarrer BuSl mit Veröffentlichung archivalischen Materials über die Bangeschichte der Prämonstratcnser-Abtei Wcissenau und ihrer Kirche im 17. u. 18. Jahrhundert.-Diese KunstZeitschrift muß ihrem ganzen Inhalt nach, abgesehen davon, daß sie eine Autorität ersten Ranges auf dein Gebiete der Kunstkritik zum Redacteur hat, dein Klerus aufs angelegentlichste empfohlen werden. Es wird darin für das Verständniß der kirchlichen Kunstwerke eine rcichfließende Quelle und für die Restauration von Kirchen zahlreiche praktische Winke finden. Der Preis der mit bildlichen Knnstbeilagen ausgestatteten Zeitschrift ist für Bayern halbjährig 2,20 M., also der denkbar niedrigste. Bestellungen nehmen alle Buchhandlungen entgegen. (Druck und Verlag: Stuttgart, Aktiengesellschaft „Deutsches Volksblatt".) Ett-Ahle. Oitmnias ss. Xominis ckosn, Ausgabe s. für 2 Vorsänger u. fünfstimmigcn gcm. Chor (2 Tcnörc), Part. 1,20 M., Singstimmen 80 Pf., Ausgabe d für 2 Vorsänger und Männerchor, Part. 1,20 M., Singstimmen 60 Ps. Alfred CvppenrathS Verlag, Regent-burg. chf: Nicht gerade selten findet man unter den Compositionen, die vor der „Reformation" der kath. Kirchenmusik entstanden sind, schone und musikalisch werthvolle Partien, und mit Bedauern muß sie der Cborrcgcnt bei Seite legen, weil in ihnen der liturgische Text meistens nicht vollständig enthalten oder, was noch schlimmer, in oft geradezu unglaublicher Weise maltrai- tirt und verdorben ist. Von solchem Vorwurf befreit zu werden, verdienen besonders die Werke Kaspar Ett'S, welche durch ihre Anmuth und religiöse Weihe sich als echt kirchlich gedacht und empfunden dokumentircn. Viele Sachen von ibm gab Witt neu heraus, nachdem er sie zürn Theil umgearbeitet und deren Text vervollständigt hatte. Diesem Beispiele folgend, unterzog A h l c die Ett'jche Namen-Jesu-Litanci einer gänzlichen Umarbeitung, versah sie mit dem neuen, von der 8. 6. U. 21. August 1862 approbirten Texte und bietet sie nunmehr irr zwei Ausgaben allen eifrigen Chören dar. Dieselbe ist nicht schwierig, dabei aber von vortrefflicher Klangwirkung. Den zwei Vorsänger», Tcuörcn (oder Sopran u. Alt), antwortet der Chor in kurz gedrängten, frischen Sätzen. Durch neun verschiedene Melodien bei den Vorsängern und beim Chöre ist einerseits reiche Abwechslung erzielt, andererseits das unruhige Vielerlei manch neuer Litaneien glücklichst vermieden. Ausgabe b dürfte wegen ihrer leichten Sangbarkeit und Frische bald gerne gesungen werden von jenen Chören, welche über einen einigermaßen gutbesetzten Männerchor verfügen. I. N. Ahle, Vier Motetten mit kanZo lin^na zur Prozession am hl. FrohnleickmamSfeste für 4 Männerstimmen. Op. 10. Part. 1,20 M., Singst. 25 Pf. Alfred CoppcnrathS Verlag, NegcnSburg. A Gerade noch rechtzeitig zum hl. Frohnleichnanissest e erscheinen diese 4 Motetten über die Texte, welche das Lituals IduA. für die Prozession vorschreibt (Homo guiäam; Itespexit Lilas; Lgc> snm pauis vitao; illisit mo vrvens später). Sie sind sehr einfach componirt und ganz für die Aufführung im Freien berechnet, deßhalb mit einstimmigen Einsätzen und wirkungsvollen unisono-Stellen. Die Nesponsorien bei jeder Station nach dem Evangelium find den Stimmen beigedruckt. Im Texte des 2. Motctts ist zu ändern tibit in dibit, martern in montew. OestcrrcichischesLiteraturblatt, herausgegeben von der Leo-Gesellschaft in Wien, rcdigirt von Dr. Franz Schnüren Nr. 4 und 5. Schwane I., Dogmengeschichte, I. (Hofkaplan Dr. A. Fischer-Colbrie.) — Hammcrstcin L. v., DaS preußische Schulmonopol. (Pros. Dr. C. Vidmar.) — Wintern L., Geschichte der Protest. Bewegung in Braunau. (Pros.?. O. Manul.) — Kist L., Studium und Studcntenleben vor 40 bis 50 Jahren. (—r.) — Minerva. Jahrbuch der gelehrten Welt, hrSg. von R. Kukula und 5k, Trübncr, III. Jahrgang. — Erdmannsdörfer B., Deutsche Geschichte von 1648 bis 1740.1. Bd. (Uuivcrsiiäts- Prof. Dr. Jos. Hirn ) — Mittheilungen des Instituts für östcrr. Geschichtsforschung. IV. Erg.-Bd. (t.) — Lateinische Literaturdenkmäler des XV. und XVI. Jahrhunderts, Bd. VII: Ellinger, Deutsche Lyriker d. XVI. Jahrhunderts. (Pros. Jac. Meister.) — Bartsch 5k., Deutsche Liederdichter des XII. bis XIV. Jahrhunderts. 3. Anst., besorgt von W. Golthcr. (—bl.) —Schlcssing A., Deutscher Wortschatz oder der passende Ausdruck. (R—n.) — Halka Alex., Mein Polen. Reise-Erinnerungen. (Geh. Rath Jos. Frh. v. Helfert.)— Nuhlaud G.. Agrarpolitische Leistungen dcö H. Pros. Dr. Lujo Brentano. (Finanzrath Dr. K. Schcim- pflug.) — Lentner F., Bcttclunfug und Betrelbetrug. (NotariatS- subslitut Dr. K. Platte.) — Wenzel I., Arbciterschutz und Centrum. (D.) — Vogel H. C., Ueber den neuen Stern im Fuhrmann. (L. de Ball, Dircctor der Kuffncr'schen Sternwarte.) — Welschinger H., Oo mareelial Xo^ 1815. (Sp.) — Omcis Th., Die Handelsdünger und ihre Rohmaterialien. (P.) — Kralik R-, Offenbarung. — Sprüche und Gesänge. (Schuürcr.) — Ebers Eg., Die Geschichte meines Lebens. Vom Kind bis zum Manne. (Sch—r.) — Egger F., Lnednridion IliooloAiae elo§matioas Aönoralis. (Theol.-Prof. Or. I. Grnber.) — Bcrger S„ Iliskoirs cks la. VuIZato psmlaub los Premiers siöeles än mo^en L§s. (Pros. Or. K. Wolke.) — Güttler C., Wissen und Glauben. (—ie.) — Ganser A., der reine EotteSbcgriff und dessen Wichtigkeit. (—ie.) — Faulmann C., Im Reiche des Geistes. (G.) — Specht K. A., Theologie und Wissenschaft. (Krcß.) — Quellen und Forschungen aus den: Gebiete der Geschichte, brSg. von der GörreS-Gcicllsch. I, 1 und II. — Schmilz Guil., Oommoutarii Xotarum ll'irouianarnm. (Univ.-Prof. Or. M. Gitlbaucr.) — Gcrok G., Carl Gerok, ein Lebensbild. (Sck.) — Rubens P. P., BorcaS raubt die Oreithyia. Das Venusfest. Gestochen von Sonucnlciter. (Univ.-Proi. Or. Laur. Müllncr.) — Tarncller I.» Die Hofnamcn deS BurggrafenamteS in Tirol. (N.) — Or. R.ich. Müller, Offizial an der „Albcrtina". — Grandjcan M., L. travers los LIpes -Intrieliionnes. (C. Seefeld.) — Doren A., Untersuchungen zur Geschichte der Kaufmannsgilden des Mittel- altcrö. (Or. Hs. Th. Seeigel.) — Demmin Aug., ErgänzungS- band für die vier Auflagen der KriegSivasfcn rc. (m.) — Jordan W., Liebe, was dri lieben-darfst. Schauspiel. Pichlcr F-., Der Müller am Anio. Eine altröm. 5ko>uödie. Wildermann F., Kaiser Maximilian von Mexiko. Trauerspiel. (Sämmtlich von Or. N. Kralik.) — May K, Gesammelte Neiseromane, Bd. 1—3. (—n.) — Spillmaun I., Die Wunderblume von Worindon. Historischer Roman. — Dazu in jeder Nummer Personalnachrichten, Inhaltsangabe von Fachzeitschriften, Bibliographie, Vorbereitete Bücher, Notizen. _ Alte und neue Welt. JllnstrirtcS kathol. Familicnblatt. 28. Jahrgang 1894. Jährlich 12 Hefte ä. 50 Pfg. Druck u. Verlag von Benzigcr u. Co., Einsicdeln. Inhalt des 8. Heftes: Die Maria-LcurdcS-Kapclle auf dem Flüeli bei Sächseln, Obwaldcn. Gedickt von Leo Fischer. — Domovina Anke. Von Baronin Ncyer-Prokcsch. — Kopenhagen und Umgebung. Von F. Esser, 8. ck. — Aus meinem Spruchbuch. Von L. Schmitt. — DaS Fest des heiligen BluteS auf der Neicheuan. Von Franz Wichmann. — Pfingstzauber. Von Frz. Ser. Lorent. — Vom „nationalen CultuS" im Elsaß. Von Bcda v. Ballheim. — Abcndglccken. Gedicht von F. W. Weber. — Die deutsche Sprache in. Lichte amerikanischer Kritik. Von E. Müller. — Eine Bcamtcngeschichte. Von Wilhelm v. Wartcnegg. — Vom mittelalterlichen Zoll bis zu den modernen Handelsverträgen. — Allerlei und BuntcS. — Rundschau (März 1894). — Bilder und Illustrationen. Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1894. Zehn Hefte M. 10.80. — Frciburg im BreiSgau. Hcrder'sche Verlagshandlung. Durch dic'Post und den Buchhandel. Inhalt des 4. Heftes: Das Duell im Lichte der Vernunft. (A. Lehmkuhl 8.1.) — Eucharistie und Martyrium. II. (Schluß.) (C. A. Kellner 8. ck.) — Der historische Gehalt der päpstlichen Abtheilung auf der Weltausstellung in Chicago. (Fr. Ehrle 8. ck.) — Italienische Grabdenkmäler. (St. Beisscl 8.1.) — Felix Dahns ncncstcr Roman „Julian der Abtrünnige". II. (Schluß.) (W. streiten 8. ck.) Recensionen: Zsckokkc, Die theologischen Studien und Anstalten der katholischen Kirche in Oesterreich (O. Pfülf 8.1.); Panholzer, Johann Jgnaz von Fclbigerö Methodenbuch (N. van Ackcn 8. ck.); v. Wlislocki, Volksglaube und religiöser Brauch der Magyaren (I. Dahlmann 8.1.); Kralik, Das Mysterium von der Geburt des Heilandes (W. streiten 8.1.)— Einpfehlcns- werthe Schriften. — Miscellen. Vercintw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. Ni-. 19 10. Mai 1894. » Reise-Briefe aus dem Orient von Dr. Seb. Euringer. St. Katharinen-KIoster Sinai, 15. März 1894. Endlich nach 9tägigem Ritte durch die Wüste bin ich heute Mittag bei 32° L, in der Sonne am Fuße des majestätischen Gottesberges angekommen und habe im Hofe des Klosters mein Zelt aufgeschlagen. Da Sinai ganz und gar nicht aus der Welt liegt, wie man glauben möchte, sondern sogar eine regelmäßige Postverbindung mit dem 2^2 Tagereisen entfernten Seestädtchen Tor am rothen Meere unterhält, so benutze ich die Gelegenheit, von dieser hl. Stätte aus Euch von meinem Befinden und meiner Reise Nachricht zu geben. Mittwoch vor 8 Tagen verließ ich Suez mit dem Boote, um vor meiner Abreise die Korallenriffe im rothen Meere zu besuchen. Die Sonne brannte heiß, und ich hatte Gelegenheit mich aufzuwärmen, nachdem ich in Jerusalem so viel gefroren hatte. Beim Ausgang des Kanals von Suez begegnete uns ein deutsches Schiff, dessen Wellen mein Boot recht unfreundlich hin- und herrüttelten. Da die Fahrt eine Stunde dauerte, so beschäftigte ich mich mit dem Meere und seiner Umgebung recht eingehend. Bor allem bewunderte ich das schöne Farben- spiel der glatten See. Tiefblau, stahlblau und grün, das sind in herrlichen Tinten die Farben des „rothen" Meeres. Nur wo die Korallenriffe unter dem Wasserspiegel sind, und das sind verhältnißmäßig wenige Strecken, ist die Oberfläche purpnrroth bis schwarzroth. Das Gebirge, kahl und langgestreckt, zur Rechten jetzt Atüka genannt, trug zu Moses' Zeiten ein Heiligthnm, dem Nordwinde (Baal Zephon) geweiht, nur wenige Kilometer von seinem nördlichen Ausläufer entfernt liegt das Fort Agrüd, das biblische ki-stuostirotst, vor welchem Moses lagerte, bevor er das rothe Meer durchzog. Dieses Gebirg AtLka, dessen südlicher Ausläufer ein steiles Kap in die See vorstreckt, hielt einst die Jsraeliten bei ihrem Zuge auf, und da, wo meine Barke schaukelte, hat sich das Meer einst für dies auserwählte Volk geöffnet und für die verfolgenden Aegypter geschlossen. Rechts liegt Afrika, links liegt die Halbinsel Sinai, zwischen zwei Erdtheilen rudern wir den Riffen zu. Das Wasser ist bei diesen Bänken klar und durchsichtig, zahllose Seeigel, wie Rasenstücke anzusehen, ruhen auf dem Grund. Gewaltige Felsenbänke, mit rothen oder gelben Korallen bedeckt, erheben sich fast bis zum Wasserspiegel, dem sie hübsche Farben geben. Ein Matrose steigt hinab und holt mir Seeigel und Seequallen, Seekohl, und wie die Thiere alle heißen, herauf; aber kaum an der Sonne, fangen die rothen Korallen an zu zerbrechen, und jetzt nach mehr als einer Woche habe ich nur noch einzelne Neste, die auch bald zerfallen werden. Die gelben und weißen dagegen haben sich erhalten. Auf der hohen See nahm ich die Metamorphose in einen Araber an meinem äußern Menschen vor. Als Europäer hatte ich Afrika verlassen, und als Araber betrat ich das Gestade Asiens. Ich habe mir in Kairo einen vollständigen arabischen Anzug gekauft, welcher den Vorzug hat, daß es keine Knöpfe gibt, und daß er so weit ist, daß keinerlei Unfälle in garderobelicher Hinsicht zu befürchten sind; denn in der Wüste gibt es keine Schneider. Der Anzug besteht aus weiten weißen Leinwandhosen, welche mit einer grünen Schnur am Leibe festgehalten werden (sestirrvul), einem kurzen Gilet und einem talarähnlichen seidenen Kaftan mit langen Aermeln, welche zurückgeschlagen werden; dieser wird durch einen ledernen Gürtel, der zugleich als Geldbörse dienen kann, festgehalten, und zum Luxus trägt man über diesem einen farbigen Shawl; ein türkischer Fez, um ihn ein großes seidenes Tuch, welches den Hals vor der glühenden Sonne schützt und Kufiye heißt, vollendet die Toilette. Um mir noch mehr Respekt zu verschaffen, habe ich mir eine doppelläufige Flinte beigelegt. Wir kehrten nicht mehr nach Suez zurück, sondern betraten einige Kilometer südlich den Boden Asiens, bestiegen zwei Kamele und ritten, da inzwischen die Sonne untergegangen war, bei sternheller Nacht den Ahnn Musa zu, wohin Bagage, Beduineneskorte, Zelte re. vorausgegangen waren. Um 9 Uhr Abends erreichten mein Dragoman und ich den Lagerplatz. Vor der Oase Ahnn Musa waren die Zelte, eines für mich und eines für Dragoman und Koch, aufgeschlagen, während die 9 Beduinen mit ihrem Schech (Anführer) um das angezündete Feuer saßen und die Nacht im Freien zubringen. Die Kamele, 11 an der Zahl, kauern ringsum am Boden. Die Beduinen mit ihren braunen Gesichtern und ihrer seltsamen Kleidung, vorn Feuer beleuchtet, machen fast einen unheimlichen Eindruck, in Wirklichkeit sind sie, d. h. die Beduinen der Halbinsel Sinai, die harmloststen Leute von der Welt. Ihr werdet fragen, warum denn für mich allein so viele Leute und so viele Kamele. Drei Kamele sind nöthig für mich, den Dragoman und den Koch; die Beduinen gehen zu Fuß, die übrigen Kamele tragen die zwei Zelte, das Gepäck, die Konserven, Wein, Wasser, Küchengcräthe und eine Steige mit lebenden Hühnern, zwei Truthühnern und Tauben; denn in der Wüste gibt es keine Hotels, keine Metzger und keine Bäcker, und da in vier Wochen rohes und gekochtes Fleisch an Güte nicht gewinnt, so muß man seinen Speisezettel lebendig mitnehmen. Am Abend, bei Ankunft am Lagerplatz, werden Hühner und Laichen freigelassen, ebenso wie die Kamele, damit sie sich soweit möglich auch selbst verköstigen und ausschnaufen können. Es gleicht dann das Lager einem Meierhof. Am Morgen, wenn die Sonne aus den Federn kriecht, kräht ganz lustig der Hahn, so daß ich mich ganz idyllisch fühle. Da es bei Nacht nicht viel zu sehen gibt, so will ich Euch meine Leute vorstellen. Mein Dragoman ist ein Katholik, ein Syrer, Maronit, von Geburt aus Beirut, wo er auch wohnt; im Winter lebt er in Kairo, um die Fremden nach dem Sinai oder auf dem Nil zu begleiten; im Sommer versieht er die gleichen Dienste in Palästina und besonders im Libanon. Er besitzt ausgezeichnete Zeugnisse und hat die seltene Eigenschaft, daß er zu den Fremden hält und nicht zu den Arabern. Er ist ein Maronit, wie er im Buche steht. So ein Dragoman ist eine sehr nützliche Einrichtung. Sein Name bedeutet Dolmetsch; aber sein Geschäft ist ein viel com- plicirteres. Er ist der Reisemarschnll, er miethet und bezahlt die zur Reise nöthigen Leute, garnntirt für Hab und Gut und Sicherheit dem Reisenden, ist vor dem Konsulate für den Reisenden verantwortlich, sorgt für Lebensmittel, Führer, Kamele, packt aus und ein, so daß der Reisende sich nur um seine Reise zu kümmern hat. Auch alle Bakschische (Trinkgelder), diese Hanptplage des Orientes und Occidentes, werden von ihm bezahlt. Der Passagier 146 - macht mit dem Dragoman vor der Reise den Contract auf dem Konsulate und zahlt ^/z des Preises vor der Abreise und den Nest nach der Beendigung der Reise, so daß man keine größere Geldsumme mit sich herumzutragen braucht, da alle Auslagen laut Vertrag vom Dragoman zu decken sind für den ausgemachten Preis. Nichtsdestoweniger kommen die Araber, nachdem sie vom Dragoman ab- gelohnt und mit Trinkgeld versehen sind, zum „OIinnrvaAs" und verlangen extra Trinkgeld; ich sage einfach: nun Olia- Urnvn tnr^ewan (ich bin der Herr, der andere ist der Dragomau), worauf sie sich dann zufrieden geben. Wenn mau so einige Jmmediatgesuche abschlägig beschicken und auf den richtigen Jnstanzenzug verwiesen hat, bekommt man Ruhe. Mein Koch ist ebenfalls Katholik und Maronit und läßt mich ganz vergessen, daß ich nicht im Hotel Nil oder Shcpherd wohne. Mittags ist immer Picknick in einem eigens dazu bestimmten, schnell aufzuschlagenden Zelte, während am Abend eine vollständige Table d'hote meiner wartet. Die Araber haben an ihrer Spitze den Schech Schema; sie sind vom Kloster Sinai, dem sie hörig sind, für meine und meiner Leute Sicherheit und Besitzthnm verantwortlich, haben den Weg zu zeigen, die Kamele zu bepacken und abzuladen, die Zelte zu spannen und abzubrechen, uns mit Wasser zu versehen und uns gegen etwaige Angriffe, die auf Sinai meines Wissens unerhört sind, zu vertheidigen; daher tragen sie Mucken und einige sogar Säbel. Zwei Beduinen führen unsere (mein und meines Dragomaus) Kamele. Den Weg, das Lager rc. bestimme ich (nach Büdeker resp. nach der englischen Karte). Ich und der Dragoman machen einen Halt von einer Stunde, um zu frühstücken, die übrigen marschiren weiter bis zum Lagerplatz, wo wir dann meistens die Zelte schon aufgerichtet finden. Der Tagesmarsch ist nicht unter 5 Stunden und nicht über 8; znm Auspacken und Einpacken braucht man täglich zwei Stunden. Die Beduinen verköstigt der Schech selbst; das ist übrigens nicht besonders kostspielig; denn auf der ganzen Reise essen sie nichts als Brod und trinken nichts als Wasser. Jeden Abend gibt der Schech Mehl her, und jeden Abend backen sie sich dann Brod; denn wenn das arabische Brod auch nur einen Tag alt ist, ist es schlecht. Diese Beduinen haben ein höchst einfaches Leben, wie man sieht. Sie essen fast nichts, - trinken nur Wasser, schlafen trotz der eiskalten Nächte im Freien, und ihre Kleidung ist auch nicht kostspielig. Dieselbe besteht aus einem Hemde, das fast bis zu den Knöcheln reicht, ein Gürtel, oft Strick, hält es zusammen; darüber kommt, wenn es etwas kalt ist, ein grober ärmelloser Mantel und manchmal noch ein weiterer Mantel oder Decke. Auf dem Kopse tragen sie entweder einen Fez oder eine weiße Filzkappe, welche beide mit einem Turbantnch umwickelt werden; dasselbe ist weiß oder buntfarbig, je nach dem Geschmack des Trägers. Wenn es heiß ist und der Sand brennt, oder wenn der Boden zu steinig wird, dann ziehen sie Sohlen an, welche durch Stricke an den Füßen festgehalten werden. Ihre Stöcke wie ihre Sandalen haben genau die Form, wie wir sie auf den ägyptischen Abbildungen und im Museum in Gizeh sehen. Wenn sie mit ihrem Stamme ziehen, wohnen sie in Zelten. Ihre Zelte sind sehr einfach. Grobes schwarzes Tuch wird so aufgespannt, daß eine Seite ganz frei ist, das Zelt wird durch eine Wand von ebensolchem Tuch in zwei Theile getheilt, der Raum rechts vom Eintretenden gehört für die Männer, der links für die Frauen. Die Männer haben als ^Hauptmöbel eine Strohmatte, welche Divan und Bett ist. Mit ihnen theilen das Zelt auch ihre Hausthiere. Der Mann thut meistens nichts, als aus einer langen (indianermäßigen) Pfeife Tabak rauchen, die Weiber müssen alle Arbeit verrichten. Die jungen Mädchen, welche wie die Frauen ein langes, schwarz- blaues Gewand, nebst einem langen gleichfarbigen Tuche um den Kopf, tragen, hüten die kleinen schwarzen, wie Miniaturausgaben von Thieren aussehenden Ziegen. Es erinnert dieses immer an die Sulamit im hohen Liede. Kommt ein Fremder in die Nähe, so verdecken sie mit dem Kopftuche das Gesicht. Der Kamelführer meines Dragomans, Hassan, geht auf Freiersfüßen, und von ihm erfuhr ich, daß der Preis einer Frau zwischen 40 — 200 Franken schwankt; die Scheidung ist ungemein leicht gemacht; hat eine Frau ihren Mann irgendwie beleidigt oder erzürnt, so genügt das einzige Wort ruastl (gehe!) und die Frau ist entlassen. Wenn der Mann ißt, muß sie neben ihm stehen und ihn bedienen, in seiner Gegenwart darf sie überhaupt nicht sitzen; die Frauen sind mit einem Worte Sklavinnen ihrer Männer. Die Religion der Beduinen ist zwar die mnhamme- danische; aber sie machen nicht viel Gebrauch davon, ich werde später davon reden. Sie sind im allgemeinen sehr schlichte Leute, wissen nicht, wie alt sie sind, und haben nur für zwei Dinge Interesse: Heirath und Geld, und reden auch nur von diesen Dingen. Jetzt habe ich genug von den Beduinen erzählt. Was ich sage, gilt zunächst nur von den Beduinen dieser Halbinsel, namentlich was Ehrlichkeit anbelangt; es gibt Beduinen, welche nichts anderes als Straßenränder sind und mit Vorliebe die Mekkapilger angreifen und ausrauben. Die erste Nacht in meinem Zelt verlief ausgezeichnet. Der mehrstündige ungewohnte Kamelritt hatte mir einen prächtigen Schlaf verschafft. Am andern Morgen besuchte ich die Mosesquellen, während die Zelte abgetragen und die Kamele beladen wurden. Der Ort ist eine Oase mit schönen Palmengärten und wird von fünf -Quellen bewässert. Die einen enthalten trinkbares, andere salziges Wasser. Die größte ist mit Steinen eingefaßt, das Wasser ist grünlich und lauwarm. Außerhalb des Oasendorfes steht ganz einsam im Wüstensand eine hochstämmige Palme, an deren Fuß in einem Trichter von 1 in Durchmesser eine Quelle entspringt, um nach kurzem Laufe im Sand zu versiegen. Wenige Schritte von dieser Palme erhebt sich eine circa 5 m hohe sandige Anhöhe, weitaus der höchste Punkt im ganzen Umkreis. Nach Bädeker befindet sich da oben eine Quelle; ich konnte es nicht recht glauben, und doch, als ich oben ankam, fand ich einen kleinen Krater mit Riedgras und einigem Wasser, das gerade hinreichte, diese Quellenvegetation zu erhalten. Nach großem Regen ist auch diese Quelle ergiebiger. Immerhin ist es interessant, eine Quelle auf dem höchsten Punkte der ganzen Umgebung entspringen zu sehen. Der Hochdruck rührt von dem viele Stunden entfernten Er Nahah-Gebirge her. Wenn auch die Meinung falsch ist, diese Quellen seien von Moses für das anserwählte Volk trinkbar gemacht worden (dieses geschah an einer anderen Quelle), so dürfte doch Ahnn Musa der Platz sein, in dessen Nähe die Juden das rothe Meer verlassen, das Jubellied ge- > - jungen und sich mit Wasser für dke Wüstenreise versehen haben. Inzwischen waren die Kamele beladen, und nachdem ich mein Vehikel bestiegen, setzte sich die Karawane in Bewegung. Ich nahm meine Bibel in die Hand und las den Hymnus, welchen Moses und die Kinder Israels an diesen Gestaden einst sangen: „Dem Herrn will ich singen, denn hocherhaben ist er, Roß und Reiter warf er ins Meer" rc. Ich kann mir keinen höheren Genuß denken, als die Bibelworte an Ort und Stelle zu lesen und zu überdenken. Die ersten Tage bieten wenig Abwechslung. Vor sich die Sandwüste, links das Gebirge Er Naha und dann Et Tih, zur Rechten das Meer und jenseits das bereits erwähnte Atüka-Gebirge. Man folgt dem Ufer des Meeres. Es ist dieses nach meiner Ansicht ganz sicher nicht der Weg des Exodus, da Moses sehr un- pädagogisch gehandelt hätte, die Schaaren angesichts Aegyptens ziehen Zu lassen. Es heißt auch in der Bibel: „Er führte sie den Weg dreier Tagereisen in die Wüste." Er hat sie wahrscheinlich zuerst gegen den Fuß des Gebirges Er Nahah geführt und dann längs desselben, um dann bei Ain Hawüra oder einer anderen Quelle das Wunder von Marah zu wirken. Doch will ich hier über die schwierigen Fragen betreffs der Identification der einzelnen Stationen nicht weiter handeln. Die einzige Unterhaltung bildet das Farbenspiel des Meeres, die glänzenden Glimmerplatten, welche am Wege liegen, und das Treiben der Karawane. Das Kamelreiten ist eine eigene Sache. Es hat viele Vorzüge vor dem Reiten auf Eseln oder Pferden voraus. Man sitzt sehr sicher, das Kamel scheut nicht leicht, die Zügel braucht man nicht in der Hand zu behalten, da dies der Kameltreiber besorgt, man kann sogar lesen und hat vor sich in den Satteltaschen alle möglichen Utensilien zu sofortigem Gebrauch. Doch das Aufsitzen hat einige Schwierigkeit; denn zuerst richtet sich das Thier unter unmuthigem Grunzen auf die Vorderkniee, dann auf die Hinterbeine, dann vorne ganz aufrecht, und endlich ist die Geschichte im Reinen; man wird dabei, da alles ruckweise geschieht, von vorne nach rückwärts und von rückwärts nach vorwärts rc. geworfen. Während des Reitens, das man erst langsam gewöhnt, wird man immer nach vorne und rückwärts und wieder vorwärts geschoben, allerdings nicht zu stark, aber immerhin so, daß man bei jedem Schritte eine sehr tiefe Verbeugung mit dem Oberkörper macht. Es ermüdet dieses ungemein, und nach einem Ritte von 6—8 Stunden ist man äußerst erschöpft; aber seekrank wird man nicht. So sehr ich dazu geneigt bin, habe ich bei diesem Stägigen Ritte nie etwas von derartigen Gefühlen verspürt. (Fortsetzung folgt.) Napoleon und Madame de StaLl von Friedrich Koch-Breuberg. (Schluß.) Die vergifteten Nadelstiche der Staäl wurden dem ersten Consul bald unerträglich. Jetzt hatte sie wenigstens das erreicht, daß er sie beachtete. Nun verletzte sie fortwährend seine Achillesferse — die Eitelkeit. Aber der verwundete Löwe begann bald sich zornig zu schütteln. Er verbannte zuerst Madame de Staäl aus Paris und, als sie es ferner wagte, ihn lächerlich zu machen, aus ganz Frankreich. Sie, die ihn als Erretter der Gesellschaft, als höheres Wesen Lesungen, verließ jetzt voll Haß ihr Vaterland und bot ihre Dienste seinen Feinden, den Bourbonen, an. Das Erscheinen ihrer Werke „Delphine" und „Corinne" vergrößerte ihren Ruhm und machte sie nur zu einer viel bedeutenderen Feindin. Jetzt konnte sie ihm ebensoviel schaden, wie vielleicht das ganze Königreich England zusammen. Und trotzdem machte sie stets unter der Hand Anstrengungen, von ihm die Erlaubniß zur Rückkehr zu erhalten. Doch er sagte nur: Ich verabscheue die Mannweiber ebenso, wie die weibischen Männer! Und eir andermal: Ich hasse diese Frau und möglich, daß ich si>. hasse, weil mir die Geduld für Frauen fehlt, die sich mir in die Arme werfen, und das hat sie sicher versucht. Jetzt, wo Napoleon am Gipfel seiner Macht angelangt war, wünschte Madame de StaÄ, sich mit ihm zu versöhnen. Es ist das nicht sehr großartig von der großen Frau, noch dazu, wenn man bedenkt, daß sie sich von dieser Versöhnung klingende Münze erwartete. Der Herr Minister Necker hatte nämlich zur Zeit der großen Hnngersnoth Frankreich eine Million znm Ankaufe von Korn geliehen. Ludwig XVI. hatte den Schuldschein gezeichnet, aber die Revolution mit ihren späteren Regierungen die Schuld nie anerkannt. Diese Summe sollte nun Napoleon I. der Erbin Neckers zurückerstatten, so dachte sich die verbannte Dichterin, denn von einem großen Manne mußte man doch mehr als Verzeihung auf einmal begehren. Aber der Kaiser blieb hart, obwohl seine Stieftochter, die Königin Hortcnse, sich sehr für Madame de Staöl verwendete. Die Königin von Holland, welche selbst viel gesungene Romanzen dichtete, ohne je in's Vlanstrumpshafte zu verfallen, schätzte und bemitleidete ihre Schwester in Minerva. Sie wagte es, dem erzürnten Kaiser die Nückberufnng der bedeutenden Frau als einen nothwendigen Akt der Gerechtigkeit darzustellen. Ein kleiner Erfolg blieb nicht aus. Madame de Stavl durfte nach Frankreich zurückkehren und hatte nur Paris und dessen Umgebung zu meiden. Da entsendete die Dichterin ihren Sohn in die Hauptstadt. Natürlich blieben ihm alle Thüren verschlossen. Aber Hortense empfing ihn dann und verschaffte ihm sogar eine Audienz beim Kaiser. Die Unterredung zwischen dem allmächtigen Cäsar und dem jungen Mann währte lange, und Napoleon legte außergewöhnlich viel Geduld an den Tag. Zuerst ließ er sich die Liebe schildern, welche die Dichterin für Frankreich im Herzen trug, dann wie sie sich unglücklich im Exil fühle. Was nicht gar, platzte der Kaiser heraus. Dazu ist Ihre Mutter viel zu excentrisch! Ich will nicht gerade sagen, daß sie eine mschante Frau ist. Sie hat Talent, viel Talent, zu viel — ein aggressives, revolutionäres Talent! Sie ist in dem Chaos einer einstürzenden Monarchie, dem eine Revolution folgte, aufgewachsen und trügt davon diese Elemente in ihrem Herzen, was stets gefährlich werden kann. Nach weiterer angenehmer Schilderung für den Sohn sagte er: Sie wäre nicht sechs Monate hier, ohne mich in die unangenehme Nothwendigkeit zu versetzen, sie nach Bicßtre zu schicken oder in den Temple zu sperren. Was das fatal wäre! Welche Sensation, und wie würde dies meiner Popularität schaden! Sagen Sie Ihrer Mutter, daß ich einen Entschluß gefaßt habe, den nichts zu ändern vermag. So lange ich lebe, kehrt sie nicht nach Paris zurück! Aber der junge Staöl ließ sich nicht so leicht ab- schrecken. Das hatte er wohl von seiner Mittler geerbt. Er ging nicht, sondern bat von neuem. Napoleon suchte ihm zu erklären, daß die bedeutende Frau sich mit dem Faubourg St.-Germain in Verbindung setzen würde, und daß er dies nie dulden könne. Unschuldige Besuche würden sich gefährlich auswachsen, aber seine Regierung sei kein Kinderspiel, diese dulde keine Gaukeleien, und es sei gut, wenn dies Jedermann wisse. Herr von Staäl ließ noch nicht nach. Er sagte dem Kaiser, daß es nicht wahr sei, was man allgemein annehme, daß seine Mutter das letzte Werk Ncckers, welches Napoleon so mißfallen, ausgearbeitet hätte. Folglich hasse Seine Majestät seine Mutter ohne jeden Grund. Als der Kaiser den Namen Neckers hörte, begann er zornig zu werden und rief: Was? In diesem Buch soll ich auch noch gerecht behandelt sein! Ernennt mich den nothwendigen Mann. Natürlich — ihm nach wäre es das Beste gewesen, diesem nothwendigen Mann das Haupt abzuschlagen. Ja, ich war nothwendig, um die Dinge in Ordnung zu bringen, um die Fehler Ihres Großvaters gut zu machen und aller derer, welche, wie er, den Sturz der Monarchie herbeigeführt und den Tod Ludwigs XVI. verursacht haben. Sire, rief der junge Mann dem Kaiser zu, Sie vergessen, daß das Vermögen meines Großvaters con- fiscirt wurde, weil er den König vertheidigte! Eine schöne Vertheidigung! kam's höhnisch von Napoleons Lippen, und dann hielt er dem jungen Manne mit zorniger Stimme eine Vorlesung über das Unglück, welches der Minister Necker über Frankreich heraufbeschworen. Sie endete mit den artigen Worten: Ihr Großvater ist der Urheber der Saturnalien, welche Frankreich in Tollwuth versetzt haben! Und wie so oft, wenn der Kaiser sich ausgetobt hatte, wurde er liebenswürdig. Er packte den jungen Staäl beim Ohrläppchen, und dies war in der kaiserlichen Familie das Zeichen höchster Gunst. Dann belobte er seinen Muth und seine Liebe zur Mutter, blieb aber unerbittlich. Herr von Staäl setzte die Geduld Napoleons auf eine harte Probe, denn er begann die Unterredung von neuem. Noch einmal mußte sich der Gewaltige dazu bequemen, alles anzuhören, was für die Nückberufnng der Frau v. Staäl von Vortheil erschien. Als aber alles nichts nützte, versuchte der echte Sohn seiner Mutter zum Schlüsse, geschwind die bewußte Million herauszuschlagen. Sire, die Anwesenheit mqiuer Mutter wird nöthig erscheinen, um von Ihrer Regierung die Rückzahlung einer heiligen Schuld zu erlangen. Was nennen Sie heilig? Sind nicht alle Schulden heilig? Der Kaiser war ermüdet, war nach kurzem Bescheid, daß diese Angelegenheit Sache des Gesetzes sei, schon an der Thüre des Saales angelangt, als ihn Herr von Staäl noch einmal fragte, ob er wenigstens selbst sich in Frankreich niederlassen dürfe. Darum bekümmere ich mich nicht im geringsten, rief Napoleon zurück, doch gingen Sie besser nach England. Dort liebt man die Pamphlctisten. Gehen Sie nach England, denn in Frankreich werde ich stets mehr gegen als für Sie sein! Damit waren die Verhandlungen über die Rückkehr der Madame de Staäl abgeschlossen. Als Napoleon dann auf Elba saß, kehrte sie in ihr geliebtes Frankreich zurück. Sie hatte sich erwartet, von den Bourbonen mit offenen Armen empfangen zu werden, aber sie sah sich enttäuscht. Die Liliengekrönten vergaffen es eben so wenig, daß sie die Tochter Nccker's sei, als Napoleon. Von der Tochter Ludwigs XVI. wurde sie stets ignorirt, und Ludwig XVIII. sagte scherzend von ihr: Das ist ein Chateaubriand im Unterrock! In gewissem Sinne verletzten die Bourbonen, denen Madame de Staäl so gehuldigt, ihre Eitelkeit viel mehr, als dies Napoleon gethan. Dieser behandelte sie als eine feindliche Macht, jene lachten über ihre Rathschläge und fanden sie höchstens unbequem. Aber die Million erhielt Madame de Staäl von der Regierung Ludwigs XVIII. zurückbezahlt. Die schöne Gräfin du Cayla, die Freundin des dicken Königs, war ihr von einer zarten Angelegenheit her verpflichtet. Eine Hand wäscht die andere — die „heilige" Schuld näherte sich ihrer Abtragung. Darüber erzählt die Gräfin du Cayla in ihren Memoiren sehr offenherzig: „Aber ich glaube, daß die Rückerstattung dieser Million ihr nicht weniger als Viermalhunderttausend Francs, ohne von einem Diamantschmuck im Werthe von hunderttausend Francs zu sprechen, gekostet hat." Derosne in seinen Memoiren der Königin Hortense meint sehr richtig, daß diese Annahme der schönen Gräfin als Gewißheit vorgeführt werden könnte, wenn man ihre eigene Börse und ihre Schränke hätte durchsehen dürfen. Ueber die frühchristlichen Thiersymbole von Achmim-Panopolis in Oberägypten und in den Katakomben. Studie von Dr. Gustav A. Müller, Museumsbevollm. und Herausgeber der „Autiquitäten-Zeitschrift" in Straßburg i. E. (Fortsetzung.) Der Hahn. Bezüglich der Figur des Hahnes auf den altchrist- lichcn Monumenten der Katakomben gilt im Allgemeinen das Wort Wilperts gegen Hasenclever: „Der Hahn figurirt auf den christlichen Monumenten fast nur als Attribut des Apostelfürsten." Er bildet ein wesentliches Detail in der Scene, wo Christus dem von seiner charakterfesten Treue so selbstbewußt überzeugten Apostel die prophetische Warnung ertheilt: „Ehe der Hahn zweimal krähet, wirst Du mich dreimal verlaugnet haben." Meist steht der Hahn zu den Füßen des Petrus; viermal nur erblicken wir ihn auf einer Säule, auf dem Wandgemälde in S. Cyriaca, auf zwei lateranensischen Sarkophagen und einer Elfenbeinkiste aus Brcscia. Es ist beachtenswerth, daß alle diese Darstellungen der nach- constantinischen Zeit entstammen, so daß Haseuclcvers Meinung von einer Imitation „pompejanischer" Kunst- motive ausgeschlossen bleiben muß: auch die Funde von Achmim bezeugen in jener Periode eine völlige Lossagnng von etwaigen heidnisch-klassischen Traditionen. Ob indessen der Hahn ursprünglich mit Vorliebe dem Apostel beigegebeu wurde, ob er nicht vielmehr zuerst seine dogmatisch-allegorische Bedeutung zum Ausdruck bringen sollte, ist bei dem Mangel an Darstellungen ältesten Datums nicht leicht zu entscheiden. Hiezu kommt die Schwierigkeit chronologischer Fixirung. Immerhin reden die Denkmäler, soweit sie uns die Figur des Hahns außerhalb der Verläugnungsscene bieten, eine deutliche Sprache. Und da begreifen wir nicht, warum de Waal, der hochverdiente römische Archäolog«, wider 149 Brock haus bemerkt: „Im Unterschiede von den Vatern ist auf den Denkmälern gerade die Kampfeslust des Hahnes das am meisten hervortretende Moment." Auch Brock Haus übersieht die „Kampfeslust" des Hahnes nicht, wenn er ihn „häufiger später als Symbol der Wachsamkeit, der Tapferkeit, der Auferstehung und so als Symbol Christi selbst" deutet. Denn was de Waal mit de Nossi bekennt, wenn er sagt, es sei nahe gelegen, „auch die Hahnenkämpfe, wie man sie täglich vor Augen hatte, als Symbol des Lebens zu deuten, in welchem wir den guten Kampf kämpfen müssen, damit der gerechte Kampfrichter uns dereinst den Siegespreis zuerkenne" — so meint schließlich Brockhaus dasselbe mit seinem Begriffe der „Tapferkeit", den er allerdings nicht exegetisch erörtert. Und wenn er diese Tapferkeit, diese allegorische „Kampfeslust" mehr wie de Waal auf den Denkmälern der Bedeutung „Wachsamkeit" und „Auferstehung" coordinirt, wenn er die letzteren Begriffe der Zahl ihres Hervortretend nach dem ersteren gleichzustellen scheint, so wag das für den seinerzeitigen Stand der Sache nicht ganz genau gewesen sein: heute, wo die frühchristlichen Funde aus der Necropole von Achmim-Pauopolis ergänzend zu den Katakombenfnnden hinzutreten, müssen wir Brockhaus beipflichten. Was zunächst die Kampfesdarstellungen betrifft, so wäre eS falsch, ihre genetische Entwicklung aus klassisch-heidnischen Motiven rundweg zu negieren, sie als christlich xa LLoxy'-' hinzustellen. Freilich ist es ebenso falsch, mit Victor Schnitze diese „Abhängigkeit" der christlichen Kunst von der heidnischen auch auf den inneren Gehalt der Darstellungen zu übertragen, so daß man wie den klassischen Hahnenkümpfen auch den christlichen eine allegorische Bedeutung höheren Sinnes abspricht. Die alten Christen, dies ist doch eine hundertfältig bezeugte Thatsache, haben in der Periode der Verfolgungen sowohl als auch des Friedeus es gar wohl und sinnig verstanden, an ein wenn man will heidnisches Motiv christliche Ideen zu knüpfen. So geschah es z. B. mit der ornR Aurnmnta, jener vierfachen Wiederholung des griechischen Buchstabens U in der Form die bei den Buddhisten und seit Urzeiten bei andern Orientalen als heiliges Symbol galt und gilt. Den Christen diente es trefflich zur arcauen Darstellung des Kreuzes Christi, wie wir dies auf dem Gewandschmuck eines christlichen Todten von Nchmim beobachten. Es ist hier nun nicht unsere Aufgabe, alle christlichen Hahnenkampfbilder aufzuzählen und zu erörtern, wiewohl dies gerade keine lange Arbeit wäre. Erinnern wollen wir nur au ein Mosaikfragment des Lateran- museums mit dem Bilde eines zum Kampfe herausfordernden Hahnes und an ein Neliefbild aus S. Aguese, einem Sarkophage entnommen und einen Hahuenkampf darstellend. Die immerhin geringe Zahl derartiger Kampfesdarftcllungen gibt kaum das Recht, letztere als die am meisten beliebte Auffassung zu bezeichnen. Im Gegensatz zu de Waal hat daher auch Wilpert in seinen peinlich genauen „Principienfragen der christlichen Archäologie" dem „Kampfhahn" eine bescheidenere Stellung zugewiesen. Wir halten den Hahuenkampf weder für das am meisten bevorzugte, noch für das älteste Motiv über die Symbolik des Hahnes, trotzdem er täglich vor den Augen der Christen sich abspielte, wie denn mit Recht de Waal auf Paulus verweist, der vielfach seine Vergleiche aus der Arena und den agouistischen Kämpfen holte. Allein die thatsächliche Seltenheit der Kampfcs- darstellungen auf Hahnenbildern der Katakomben und, fügen wir hinzu, ihr auffallendes Fehlen in den sonst so symbolreichen Gräberfunden aus Achmim geben dem Hahnenkampf nicht im Entferntesten eine besonders wichtige Stellung in der frühchristlichen Auffassung und Symbolik. Um so bedeutsamer aber erscheint uns der Hahn in seiner Beziehung zum Glauben an die Auferstehung der Todten. Schon die Katakomben haben hiefür wichtige Belege geboten. Wo der Hahn hier auf Grabsteinen mit der Inschrift Il§ erscheint, wo er, wie auf einem Jaspisring, in Verbindung mit der Palme und in einem Schiffletn auftritt, da kündigt er sich an als Verheißung der kommenden Auferstehung aus der Ruhe des Todes nach dem Kampfe des Lebens. Zeigt sich über ihm das Christusmonogramm, so symbolisirt er den Heiland selbst, der am jüngsten Tag uns alle „weckt" zu herrlichem Leben. Keinen Zweifel aber läßt auf dem Grabstein eines Leopardns neben der Figur des Hahnes die verstümmelte, von Polidori richtig ergänzte Inschrift bestehen: VIL HL — illa, äis ffaus r'68U1'K68. Wandern wir nun von den Katakomben hinaus zum Gräberfeld von Achmim-Panopolis, so finden wir hier den Hahn, wir dürfen eS ruhig aussprechen, von vornherein als Auferstehnngssymbol in fast ausschließlichem Sinne. Mein Freund Forrer, der mit besonderem Interesse den christlichen Thiersymbolen auf den Gewändern von Achmim nachging, dem auch sicherlich die besten und meisten derartiger Stoffe durch die Hand gingen, ist zu einer höchst interessanten Vermuthung gelangt, die er mit folgenden Worten ausspricht: „Mehrfach beobachtete ich den Hahn in auffallend roher, linearer Ausführung auf gleich auffallend roher Leinwand in seltsamer Dnrchzieh- technik als Clavus angebracht, und es machte diese wiederholt gleichartige Erscheinung den Eindruck, als läge ihr eine bestimmte, mir unklare Anschauung zu Grunde. Sollte der Hahn als „Wecker" ein Zeichen der Auferstehung fein, und waren diese durchweg rohen und einfacheu „Hahnengewänder" dteTodten- kleider der Armen? Nun, die Auferstehung symbolisirt der Hahn auf den Mumieugewänderu ohne Zweifel; aber auch der Begriff „Hahnengewünder" ist keine allzu- kühne Annahme. Für beide Momente können wir ein und dasselbe Beispiel hier vorführen. Ich besitze einen Gewandrest, der, wie das Original ausweist, nur das Bruchstück eines gleichartigen ganzen Gewandes ist. Und was bietet sich uns dar? Inmitten rankend sich verschlingender Umrahmungen wiederholt sich fortwährend die Figur eines friedlichen Hahues, der hier auf einem christlichen Grnbkleid nichts anderes als die Hoffnung der Auferstehung bedeutet. Dies erhellt bis zur Evidenz aus der ebenfalls sich fortwährend wiederholenden Männergestalt, die, lebhaft an die von Forrer als frohe Herolde des siegreichen Christenthums gedeuteten Tänzer auf christlichen Textilien erinnernd, jeweils mit der erhobenen Linken zum Hahne empordeutet. Unser Gewandstück, das noch in das III. Jahrhundert, sicherlich in die heidnisch-christliche Uebergangszcit zu datiren ist, steht keineswegs vereinzelt da. In den verschiedensten Museen und Privatsammlungen, besonders auch in der Sammlung Forrer-Straßburg, der mein Stück entstammt, sind ähn- 150 liche Darstellungen vertreten, die dem Hahn weit mehr wie die Kampfcsdeutung die nicht minder poetische Symbolik des Auferstehungsglaubens zuerkennen und zugleich darthun, daß da, wo man dem Todten anstatt eines gewöhnlichen Kleides ein spezielles Funeralgewand mitgab, die Figur des Hahnes mit Vorliebe als Ornament in Verwendung kam. Diese Bedeutung als Auferstehungssymbol scheint uns für den Hahn die häufigste und die älteste zu sein, letzteres in um so höherem Grade, je mehr wir das Bild des Hahnes auf den Verlüugnungsscenen, resp. letztere selbst einer jüngeren Epoche zuschreiben müssen im Gedenken an die Thatsache, daß erst mit dem Uebertritt Konstantins im vierten Jahrhundert und durch die hie- durch geschehene Aenderung in der Lage der Christen der Symbolzwang aufhörte und historische Scenen als solche ungescheut dargestellt werden konnten. Es gilt dieses Princip auch völlig für die koptisch- christliche Kunst Achmims. Nur mag es auffallen, daß auf den Verläugnungsscenen von Achmim-Panopolis der Hahn keineswegs die significante Rolle spielt, wie in den abendländischen Bildern. Auch nicht einmal ist auf den allerdings seltenen diesbezüglichen Darstellungen in Textilstücken der Hahn sichtbar. Trotzdem bleibt in der wichtigsten aller Verläugnungsscenen von Achmim, nämlich in jener des größeren bischöflichen Palliums aus dem VI. Jahrhundert, die Situation klar und unverkennbar. Ueber dieses werthvolle Pallinm selbst hat Forrer, sein einstiger Besitzer, zu wiederholten Malen eingehend berichtet, auch hat der Schreiber dieser Abhandlung darüber ausführlich gehandelt. Wir verweisen demgemäß auf die betreffenden Quellen. Von den 9 gestickten Figurentableaux dieses Prachtgewandes zeigt Nr. 7 eine Darstellung, welche N. Forrer „in Folge der Zwischenstellung hinter den Bildern aus Christi Wirkenszeit und vor dem Bilde der Kreuzigung als die Scene gedeutet" hat, in welcher JesuS dem Petrus die Verlüugnung voraussagt. Forrer hat gewiß auch ohne den Hahn das Nichtige getroffen: „Christus ist reich (?) gekleidet und sitzt vor dem die Prophezeiung zurückweisenden Petrus." (Fortsetzung folgt.) Zur Chronologie des heiligen Willibald. Von Adam Hirsch mann, Pfarrer in Schönfcld. (Schluß.) Aus den Angaben der Vita des hl. Wynnebald geht klar hervor: Willibald und Wynnebald haben sich weder gesehen noch gesprochen, als letzterer in die deutsche Mission abging. Damit fällt aber auch zugleich der Grund hinweg, die dritte Nomfahrt des hl. Bonisatius in das Jahr 735 zu verweisen. Sowohl Willibald, der Mainzer Biograph, als Othlon berichten, daß der hl. Bonisatius während der Regierung des Herzogs Hugbert nach Bayern gekommen sei und durch häufige Predigten das Volk aus den häretischen Lehren eines gewissen Eremwulf, den er nach den kanonischen Satzungen von der Kirche ausschloß, herauszuziehen versucht habe. Dann aber kehrte der secleneifrige Oberhirte wieder zu den Brüdern, die in Thüringen seiner Obsorge unterstellt waren, zurück: Htsgus omuikus ritö coulsotis, Laguariorum tsru- porikns HuAokerti äucüs aäiit torras . . . eb aä kratres suk suas älosaeLsoll ^uksruntionis cousit- tutos rursus mi^ravit, juxta, illucl axostoli: euxiäl- tntsni Kuchens venienäi act ckrutres. N. 6-. II, 345. Mabillon ^ot. 8s. IV, 17. Fast mit denselben Worten schildert Othlon die nur vorübergehende Wirksamkeit des hl. Bonisatius unter Hugbert; auch er betont dessen Heimkehr aus Bayern nach Thüringen. Mabillon, I. o. IV, 40 eux. XLVII. Wie angesichts dieser klaren Angabe der bonifati- anischen Biographen Herr S. sagen kann: „Willibald setzt die dritte Reise des Apostels der Deutschen nach Rom unmittelbar nach der Visitation der kirchlichen Verhältnisse Bayerns unter dem damals noch lebenden Herzog HngVdrt an", (Nr. 50 S. 4) ist nicht einzusehen. Niezler (Gesch. Bayerns I, 103) setzt die Anwesenheit des hl. Bonisatius auf bayerischem Gebiete gegen das Jahr 735, Will (Negesten I, V) in die Zeit von 735—736, Woelbing (Die mittelalterlichen Lebensbeschreibungen des Bonisatius S. 79) gegen das Ende der Regierung des Herzogs Hugbert 728—739. Erst nachdem der Apostel der Deutschen Vorsorge für die Kirchen in Hessen und Thüringen getroffen hatte, trat er in Begleitung zahlreicher Schüler die dritte Rom- reise an, um dem Papste Gregor III (731—741) persönlich seine Ergebenheit zu bezeigen. Das wichtigste Resultat dieses Besuches der Gräber der hl. Apostelfürsten Petrus und Paulus war unstreitig die nachfolgende kirchliche Organisation Bayerns, wo Bonisatius mit Zustimmung des Herzogs Odilo und der Großen des Landes vier Diözesen errichtete und ebensovicle Bischöfe aufstellte. Die päpstliche Confirmationsurkunde trägt das Datum: 29. Oktober 739 (LI. 6-. Lpp. I, 293). Daher werden wir wohl am besten mitHcrgen- röther (K.-G. I, 681), Hefele (Conc.-G. III, 493), Will (Negesten I, V) und Dümmler (N. O. Lpx>. I, 289) diese letzte Nomfahrt in die Zeit 737—738 verlegen. Der Ausdruck, daß Bonisatius viele Tage (rnultüs ätokus) in Bayern bei Herzog Odilo und seinen Unterthanen verweilt habe, fordert durchaus nicht, anzunehmen, daß der eifrige Glaubensprediger die Jahre 736 und 737 auf die Circumskription der bayerischen Diözesen verwendet haben müsse; für diese Thätigkeit genügte doch wohl das Frühjahr und der Sommer 739; sonst hätte der Biograph wohl den significanteren Terminus multis anuis, viele Jahre, gewählt. Mochte Bonisatius auch von Thüringen aus den glücklichen Vollzug der Diözesaueintheilung des Herzog- thums Bayern nach Rom gemeldet und um deren Bestätigung nachgesucht haben, so ist es doch von vorne- herein sehr wahrscheinlich, daß er diese junge Pflanzung nicht aus den Augen verlor und gemäß dem päpstlichen Auftrage die bayerischen Bischöfe auf einer Synode zu vereinigen suchte. Darum stimmt die Angabe der Nonne von Heidenheim, daß der im Mai 740 aus Italien angekommene Willibald den hl. Bonisatius in Freising angetroffen habe und mit demselben nach den Ufern der Ältmühl gezogen sei, um in Eichstätt am 22. Juli 740 die Priesterweihe zu empfangen, sehr mit den allgemeinen Zeitverhältnissen überein. Ein Jahr darnach wanderte Willibald nach Thüringen, um drei Wochen vor Martini, an seinem Geburtstage, zum Bischöfe erhoben zu werden. Herr S. sagt nun: Im Jahre 741 fiel der Ge- dächtnißtag des hl. Martin, 11. November, auf einen Samstag, also mußte drei Wochen vorher, am Samstag 151 dem 21. Oktober, Willibald znm Bischöfe geweiht werden. Das ist aber nach dem kanonischen Rechte nicht zulässig, indem die Consccration eines Bischofes immer an einem Sonntage vorgenommen werden muß?) Mit Hefele (Conc.-G. III, 495 A. 2) könnte man hierauf erwidern: rwlla. rsZulu sius sxssxtious. Der hl. Bonifatius als päpstlicher Legat war sicherlich für sein weitausgedehntes Missionsfeld mit großen Facul- täten seitens des apostolischen Stuhles ausgerüstet; aber fordern die Worte der Nonne: „Ills UVillibaläris, Hnanäo in spisooputum eonssornius ernt:, tmbsbach 40 annos st 1 annurn st tuno ernt nuturnnuls tsivpns virsn illnnr bsrs llorain tridus Ii sdäoinnäidus g.nts uatals s. lllartinl in spisooputum consssrntus sst" die Interpretation, daß Willibald am Samstag dem 21. Oktober 741 znm Bischöfe consccrirt werden wußte? Der hl. Bonifatius wählte in zarter Aufmerksamkeit gerade jenen Tag und jene Stunde, um seinem Verwandten die bischöfliche Würde zu übertragen, an welchen derselbe vor 41 Jahren das Licht der Welt erblickt hatte. Ob aber dieser 42. Geburtstag Willibalds auf Samstag den 21. Oktober 741 oder auf Sonntag den 22. Oktober desselben Jahres gefallen ist, das liegt in der Zeitbestimmung: tridus Iisdäoinaäidng nnts natals Llartini, drei Wochen vor Martini, nicht so prägnant ausgesprochen, als daß man daraufhin ein apodiktisches Urtheil sich bilden könnte, um das Jahr 741, welches durch die Akten des ersten deutschen Na- tionalcoucils als Consecrationsjahr des hl. Willibald gefordert wird, zu verwerfen. Für dieses Jahr tritt auch als Zeuge der Eichstätter Tradition ein der Zeitgenosse des Bischofes Gundekar II, der Anonymus von Herrieden, welcher erwähnt, daß auf Anordnung des Papstes Gregor III. Willibald von Bonifatius zum Bischöfe von Eichstätt consccrirt worden sei zugleich mit Burchard von Würzburg (N. 6-. VII, 255). Da Gregor III. am 29. November 741 aus dem Leben schied, so kann Willibalds Bischofsweihe nicht über das Jahr 741 hinaus verlegt werden. Hatte unser Heiliger am Tage seiner Consccration das 41. Lebensjahr soeben abgeschlossen, so datirt seine Geburt in den Oktober des Jahres 700 zurück. Wenn Bonifatius seinem Landsmanne zu Sülzen- brücke, im ehemaligen Archidiakonate Gotha, im heutigen coburg-gothaischen Amte Jchtershausen (Past.-Blatt 1881, 104), nicht auf der Salzburg bei Neustadt a. d. Saale, wie man feit Eckhart und Falckenstein allgemein angenommen hat, die bischöfliche Weihe ertheilte, so geschah dieses wohl deßwegen, weil Wyuuebald daselbst als Missionspriester stationirt war: dort nun sahen sich die beiden Brüder znm ersten Male wieder, seitdem Willibald nach Ostern 723 von Nom Abschied genommen und nach den heiligen Stätten des gelobten Landes gepilgert war: 18'/z Jahre waren entschwunden; welch verschiedene Wege hatte die göttliche Vorsehung das Brüderpaar geführt! und nun finden sie sich wieder im Herzen von Deutschland als Priester und Bischof! Daß im Jahre 741 Willibald nicht als Bischof einer festbegrenzten Diözese Eichstätt, sondern nach englischem Vorgänge als Klosterbischof für die kleine Kolonie an der Altmühl aufgestellt wurde, ergibt sich schon aus der Betrachtung der Zeitlage, indem das Herzogthum *) Im Jcihrc 713 fiel Martini auf einen Montag; drei Wochen vor Martini fallen nach volksüblicher Rechnung aus Montag, den 21. Oktober, nicht Sonntag, den 20. Oktober. Bayern erst 739 eine neue Diöcesaneintheilung erfahren hatte. Aber gerade in den Tagen, in welchen der Abt des Klosters Eichstätt die bischöfliche Weihe erhielt, am 21. Oktober 741 starb der mächtige Frankcnführer Karl Martell: Karlmann und Pippin theilten sich in die Herrschaft, der Halbbruder Griso, welcher unberücksichtigt geblieben war, verband sich mit dem Bayernherzog Odilo, doch Karlmann errang den Sieg und verkleinerte Bayern um den Nordgau. Dieser politischen Aenderung folgte gar bald eine kirchliche: aus dem ehemals bayerischen Nordgane und dem alamannischen Sualafelde wurde das Bisthum Eichstätt gebildet 743—747 (Niezler, Gesch. Bayerns I, 104; Forsch, z. d. Gesch. XVI, 400—406). Die einheimische Tradition verlegt die formelle Errichtung der Diözese in das Jahr 745 (Popp, Anfang und Verbreitung d. Christenth. S. 158). Die letzte Frage, die wir zu erledigen haben, lautet: Wann starb der heilige Willibald? Nach Herrn S. am 7. Juli 779 (Nr. 52 S. 2). Da die Nonne von Heidenheim ihrem Berichte über den Heimgang des hl. Willibald nichts beigefügt hat, noch auch sonst eine gleichzeitige Quelle das Todesjahr unseres ersten Bischofes aufgezeichnet hat, so sind wir auf die Tradition angewiesen, wie sich dieselbe im gunde- karianifchen Pontifikalbuche niedergelegt findet. Da finden wir nach der Ausgabe von Bethmann in den Nonuinsuta. O-smunnias Lorixtores im siebenten Bande S. 243 folgenden Eintrag: „ Willibaläs, luos xriwus rsZis ^.ureutsussg. . . Noch auf derselben Linie den historischen Vermerk: 8säit anuoo 36. Tlnno insurn. 781 Xou. ckul. stillt: O Willibald, als Erster leitest du deine Eichstätter.*) Er regierte 36 Jahre, starb am 7. Juli 781." Dann folgen die trockenen Namen seiner 5 ersten Nachfolger: Gerhoch, Aganus, Adalunc, Altune, Otker, mit der Bemerkung: Diese 5 Bischöfe füllten eine Negierungszeit von 100 Jahren aus; ein Beweis, daß die Chronologie derselben dem Verfasser des Gunde- karianums unbekannt war, während er über Willibald, den Gründer der Diöcese, Tag und Jahr des Todes und die Dauer der Amtsführung zu berichten wußte. Der zweite Eintrag (lblcl. VII, 245) lautet: Das sind die Namen der Bischöfe der aureatensischen Kirche zu Ehren des Weltheilandes erbaut: ^.nno alr iasar- uutioue Douriwi 781, 8. Mllllfialäus Xon. lul. cou- 8ortium soassswält aw^sloruw, astats gmlpps 7? anucwum, ssäit annos 36: Im Jahre des Herrn 781 am 7. Juli erhob sich der hl. Willibald zur Gesellschaft der Engel, in einem Alter von 77 Jahren; er hatte 36 Jahre regiert." Beide Einträge weisen die gleichen Jahre hinsichtlich der Dauer der bischöflichen Amtsführung und den gleichen Todestag: 7. Juli, nebst dem nämlichen Sterbejahre 781 auf. Zählen wir von diesem letztgenannten Jahre 36 Jahre rückwärts, so gelangen wir zu dem Jahre 745, in welchem nach schon oben berührter Eichstätter Tradition das Bisthum sein Entstehen feierte. Herr S. hält nun aus den Einträgen des Bischofes Gundekar II., gegen das Jahr 1072 gemacht, folgende Daten als historisch fest: a) Willibald hat 36 Jahre lang den bischöflichen Stuhl in Eichstätt eingenommen, 6) Willibald ist 77 Jahre alt geworden. Da nun nach der Voraussetzung des Herrn S. Willibald am 20. Oktober 743 als Bischof von Eichstätt consccrirt worden ist, so fällt sein Tod auf den 7. Juli 779. Aber *) Ueber die Bedeutung des ltureatum s. Past.-Vlcitt 1871, 130. 152 wir erlauben die Gegenfrage: Ist es vom Standpunkte der historischen Kritik aus erlaubt und gestattet, eine spätere Nachricht, die weder den Schein der Unwahrheit, noch der Unmöglichkeit in sich schließt oder offen zur Schau trägt, so zu zerstückeln, daß man ein und das andere Satzglied für wahr hält, das andere aber, das vielleicht einer liebgewonnenen Meinung unbequem ist, als falsch erklärt? Da ein gleichzeitiger Bericht über Willibalds Tod nicht vorliegt, so gibt es nur die doppelte Möglichkeit: Entweder man nimmt den Eintrag Gundekars so wie er sich vorfindet, oder man verwirft denselben ganz und gar. Der Kern dieser schriftlich fixirten Tradition ist: Willibald starb am 7. Juli (Samstag) 781. Denn Snttner (Vitao pontil. in: ladnla. I-eoriroäianL x. 1) erklärt im ersten Eintrag die Zeitangabe: seäit Lirnos XXXVI als Nasura; ursprünglich habe gestanden ruinös XXVII: also nicht 36, sondern 27 Jahre habe Bischof Willibald regiert; ferner hält derselbe um Eichstätts Diözesangeschichte hochverdiente Forscher die Zusätze, welche mit saciit beginnen, nicht von Gundekar II. herrührend, sondern glaubt sie dem Bischöfe Otto (1182 bis 1195) zuweisen zu müssen, wo nicht ein späterer Fortsctzer aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, Konrad von Kastei, besonders genannt ist. Daß man im Gunde- karianum immer äaLl^XXXI (781), nicht äaol-XXIX (779) gelesen habe, wie Herr S. vermuthet, dürfte außerdem Mangel jeglicher nachweisbarer Rasur an dem noch vorhandenen Originale aus dem Zusätze Konrads von Kastei hervorgehen, welcher zu dem ersten Eintrage: Leckib rwnos 36. ^.n. ino. 781 Xon. llnl. oliiit: Willibald regierte 36 Jahre; er starb am 7. Juli 781 — hinzugefügt hat: Hnno ciaoXI-V im Jahre 745 wurde Willibald Bischof; er zählte demnach die 36 Bischofsjahre nicht von 743, sondern von 745 ab. Wenn Herr S. ferner aus 7 Eintrügen im Pon- tifikalbuche Gundekars II. folgert, daß die Diözese Eich- stütt schon 743 geschaffen worden sei (N. 6-. VII, 246 bis 247; Past.-Bl. 1862, 137), so wollen wir hierüber mit ihm nicht rechten, nur dagegen legen wir Verwahrung ein, daß Willibald erst im Oktober 743 zum Bischöfe consccrirt worden sei; indessen die Erklärung Popps (1. o. S. 170), wornach der Ausdruck: anno amtmni aonstitutnonis ffujns apisaopii auf die Kathedral- kirche in Eichstätt zu beziehen sei, hat auch ihre Berechtigung. Sehr ungerne vermißten wir in den chronologischen Studien des Herrn S. eine Auseinandersetzung mit den Bollandisten (TVotrr 8s. llul. II, 491), mit Mabillon (I. o. IV, 354), mit Falckenstein (TVngleotz. II, 424), Hauck (K.-G. II, 720), Holder-Egger (N. 0-. XV, 106 A. 4), welche den Tod des ersten Bischofes von Eichstätt in das Jahr 786 verlegen, da er im Jahre 785 noch urkundlich erscheine. (Vergl. Will, Negesten I, 44, Lullus II nr. 79, Dronke, aoä. äixl. kulä. irr. 85 S. 52). Da wir uns nur das Ziel gesteckt hatten, die chronologischen Aufstellungen des Herrn S. über den hl. Willibald einer Besprechung zu unterziehen, so können wir über die Prüfung der hier einschlägigen Urkunden auf ihre Aechtheit hinweggehen, indem wir auf die Ausführungen von Popp (1. o. 190—195), von Lefflad, Negesten S. 2, und von Stamminger (Idrano. 8. I, 480—481) verweisen. Als Endresultat aber glauben wir die drei Daten gesichert zu haben: Der hl. Willibald wurde am 22. Juli 740 in Eichstätt zum Priester, am 21. oder 22. Oktober 741 in Sülzenbrücke durch den hl. Bonifatins zum Bischöfe geweiht und starb am 7. Juli 781 eines seligen Todes. Recensionen und Notizen. Pros. vr. H. Karsten's Flora von Deutschland, Deutsch-Oesterreich und der Schweiz. Mit Einschluß der fremdländischen medizinisch und technisch wichtigen Pflanze», Droguen und deren chemisch-physiologischen Eigenschaften. — Zweite vermehrte und verbesserte Auflage. Ca. 85 Bogen in Lex.-8°, mit Abbildungen von über 1300 Pflanzcnarten in Holzschnitt. Gera-Untcrm- haus (Reuß). Verlag von Fr. Eugen Köhler. Vollständig in zwei Halbbäuvcn 5 10 M. oder in 20 Lieferungen »IM. „Vollständig Ende 1894.« DaS „Archiv der Pharmacie« nennt „Karstcns Flora" ein „Werk aus Meisterhänden hervorgegangen". — Das „CeNitrat-Organ f. d. Interessen des NcalschnlwesenS" nennt das Buch „ein Produkt deutscher Gelehrsamkeit und deutschen Fleißes", welches nicht nur dem Apotheker und dem Arzte, sondern auch allen Botanikern empfohlen zu werden vedicnt, und die Deutsche mediciuische Wochenschrift: „ES ist dies das für den Arzt empfehlcnSwcrtheste aller botanischen Werke, da es in gedrängter Kürze alles für denselben Wissenswerthe aus den Gebieten der Botanik und Drogucnkunde enthält." „Die Natur": „Gerne bekennen wir, daß es sich hier um ein Werk handelt, welches nicht mit gewöhnlichem Maßstabe gemessen werden kann. Zwar ist der Kern seines Inhaltes ein florist- ischer, allein der Verfasser faßt diese vaterländische Floristik im großen Stile an, wie eS seil langer Zeit in solcher Weise nicht mehr geschah. — Wenn es sich auch zunächst um die deutsche Flora bandelt, so gebt der Zweck des Verfassers doch offenbar dahin, jene Flora als einen Bestandtheil der Gcjammt-Vege- tation unseres Planeten zu fassen, sie mit den Formen derselben in Verbindung, in Vergleich zu stellen. — Daraus geht dann von selbst hervor, was die deutsche Flora ist und nicht ist, welche Lücken sie ausfüllt oder an sich trägt. — So erwirbt sich diese „deutsche Flora" Karsten's von vornherein einen kosmischen Charakter, wie sich das auch von einem Manne erwarten ließ, der zwöls Jahre lang vom äußersten östlichen Küstengebirgc des äquatorialen Südamerika bis zu dessen Niesenhöhen botanisirend wanderte, um auf der Hochebene von Quito zu den beträchtlichen Erhebungen des wunderbar gegliederten Festlandes emporzusteigen. — Wer seine große »sklora, Oolnwbia-o» näher kennt, der weiß es auch, daß dieser Mann zu den fleißigsten, umsichtigsten und kenntnißreichsten unserer heutigen Botaniker, sowohl im systematischen wie im morphologischen und physiologischen Sinne, gehört. — Selten nnr vcrcinigcn drei solche Eigenschaften sich in einem einzigen Beobachter, und das ist es auch, was ihn und sein Werk in die vordersten Reiben stellt." Allen Freunden der seisntia. annrbilis ans's Wärmste zu empfehlen. Pros. vr. K. Leitschuh (Fr.), Franz Ludwig von Ertheil, Fürstbischof von Bamberg und Würzburg, Herzog von Franken. Ein Charakterbild nach den Quellen bearb. von —. Bamberg, Büchner. 1894. 8°. VIII, 256 S. Das Buch, mit 10 Vollbildern versehen, hübsch ausgestattet nach dem Muster der „Bayerischen Bibliothek", für welche es ursprünglich bestimmt war, erzählt uns in angenehmer Sprache von einem Kirchcnfürsten aus der Verwandtschaft Echters von Mespelbrunn (1779—95), dessen Regierung nach dem Zeugnisse Döllingcrs „eine musterhafte, vom ganzen Lande gesegnete« war. „Ich habe«, sagt derselbe Gewährsmann, „in meiner Jugend — mein Großvater stand selbst in seinen Diensten — auch von Greisen niit Begeisterung die Verwaltung des Landes preisen kören.« Wenn auch des Verfassers Urtheil gar zu panegyrisch klingt: „ein Melchisedck in der Abendsonne des untergehenden deutschen Reiches", so läßt sich doch nicht bestreiten, daß Ertheil sich als weltlicher Regent und auch als Kirchcnfürst ungcwöbn- liche Verdienste um sein Territorium erworben hat. In religiösen Dingen huldigte er einer gemäßigten Aufklärung, in kirchenrecht- lichen dem Josephinismus, was sich besonders bei den Nuutiatur- streitigkcitcn 1785 ff. und der „Emscr Punktation« zeigte. Bei der Schilderung dieses letztgenannten Kapitels überschreitet der Verfasser verschiedentlich die sonst im Buche obwaltende Objektivität des Urtheils und Ausdrucks. Verautw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. - Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. Nl-,20 17. Mai 1894. Viktor Hardung. „So eitel künstlich haben sie verwobcn Die Kunst, die selber sie nicht gläubig achten, Daß sie die Sund' in diese Unschuld brachten: Wer unterscheidet, was noch stammt von oben? Und wer mag würdig jene Reinen loben, Die in der Zeit hochmüth'gcm Trieb und Trachten Die heil'ge Flamme treu in sich bewachten, Aus ihr die alte Schönheit neu erhoben!" (Eichendorff: „Der Dichter".) 2^2 Gerne pflegen die Leser der „Beilage" Folge zu leisten, so oft es gilt, an dem frischgeschmückten Grabe eines Heimgegangenen Dichters sich zu irgend einer pietätvollen Gedächtnißfeier zu vereinen. Nicht minder freudig auch, denke ich da, werden sie willfahren, wenn einmal wir sie einladen zur schuldigen Ehrung für einen der feinsinnigsten Sänger unserer Tage. Viktor Hardung heißt der eigenartige Poet. Er ist Katholik; geboren am 3. November 1861 zu Essen an der Nuhr, lebt er augenblicklich in der Schweiz, die er sich zur zweiten Heimath erkoren hat. Von ihm wurde in kurzer Zeit (über seine literarische Thätigkeit vgl. Kathol. Literaturkalender IV, 69) der meist so poesieverlasseue Schautisch unserer modernen Literatur mit reichen Kostbarkeiten geschmückt durch die Dichtungen: „Die Kreuzigung Christi" (dramat. Entwurf), „Sonuweudfeuer", „Lieder zweier Freunde" und „Königin Rose"; ein Trauerspiel „Die Wiedertäufer in Münster" dürfte in diesem Jahre erscheinen; wir werden zur gegebenen Zeit die Leser der „Beilage" damit bekannt machen. Die lang verstaubte Laute Eichcndorffs sollte mit Hardung wiederum ihren ebenbürtigen Meister finden. Der ganze weiche Schleier, welcher die Blüthen der Romantik so zauberisch zu umspinnen liebt mit Duft und Melodie, ruht auf seiner Lyrik. Sie ist nicht künstlich zurückgestimmt. Lauscht man ihren goldenen Tonen, so beschleicht ein warmes Sehnsuchtsgefühl die Brust des Hörers, das alte Schmeicheln und Locken zur Flucht aus diesem wüsten Grunde hinaus nach dem verwunschenen Garten der Schönheit und der Träume. Denn: „Wen einmal so berührt die heil'gcn Lieder, Sein Leben taucht in die Musik der Sterne, Ein ewig Zich'n in wunderbare Ferne" — wie so tiefempfunden im Jahre 1809 „der letzte Ritter der Romantik" gesungen hat. Um Hardungs Dichtungen zu empfehlen, bedarf es nicht erst vieler Worte. Ihnen wird sich kein Herz verschließen, an dessen Saiten ihre Weisen angeschlagen haben. Hier zum Verkosten nur einige Klänge aus „Sonn- wendfeuerl" A b e n d h a u ch. Nun zieht die gaukelnde Libelle Des Sinnens müd die Schwingen ein. Verschlafen murmelt noch die Quelle, Und stille naht der Mondcnscheiu. Und über meine Seele wieder Kommt es wie längst verklung'ne Lieder Von einem fernen, gold'nen Stern — O Abendhauch, o Abendhauch, wie hab ich dich so gern! Wie hab ich dich so gern! Die blauen Blumenaugcn schließen Sich über einer Thräne zu, Und auf die Lande sich ergießen In weichen Wellen Traum und Ruh. Und über meiner Seele Kummer Kommt es wie leiser, leiser Schlummer, Und alles Leid ist weltenfern — O Abendhauch, o Abcndhauch, wie hab ich dich so gern! Wie hab ich dich so gern! Lcbenötrau m. Im schimmernden Glänze träumen Die Wipfel den FrüblingStraum — Das ist ein Lustverschäumen, Ein Träumen, Versäumen — Du merkst es kaum. Lenzduftige Wölklein weben Ihr Gold au den HimmelSsaum — Das ist geheim ein Leben, Ein Weben, Verbeben — Du merkst cS kaum. In rosigen Blüthcuflocken Verwiesest der Frühlingsflaum — DaS träufelt auf die Locken Von Flocken .... ein Stocken — Du merkst eS kaum. Das sind doch Texte, würdig der congcnialeu Com- position durch einen Robert Schumann oder Eduard Lassen, wie man edlere und dankbarere nicht leicht finden dürfte? — Und erst die „Lieder zweier Freunde"! Sieben- undzwauzig Gedichte von Hardung und gleichviel von seinem Freunde Hermann Stegemann sind vereint zu einem Dioskuren-Album von besonderem Reize, fesselnd durch Wohllaut der Sprache und schöpferische Gestaltung, staunenerweckend durch das harmonische Znsammenspiel in Dur und Moll der beiden begnadeten Sänger. Sie sind erschienen in Zürich bei Juchli und Beck in vornehmer Ausstattung (grüner Damastband, Silberschnitt, guillochirtes Papier, Vignetten) als ein köstliches Angebinde für jedes Frauenherz. Wir beschränken uns hier auf eine Auslese aus Hardungs Beiträgen: Das kranke Mädchen. O Mutter, wie so golden Ein Strahl die Schatten bricht — Ich schau gewiß dem holden Frühling inS Angesicht. Da muß es besser werden Mit meiner Krankheit Noth — Hat Lenz erst Macht ant Erden, Kein Raum bleibt mehr dem Tod. Wie selig will ich suchen Veilchen am grünen Hag, Unter knospenden Buchen Lauschen dein Drosselschlag. Mit träumenden Angen aufs neue In verschleierte Fernen schalln Und zu des Himmels Bläue Eine goldene Brücke bau'n. Der Mutter über die Wange Verstohlen die Thräne rinnt: Ja, dauern wird es nicht lange, Und wir feiern Ostern, Kind. Und der Frühling entzündet die Kerzen Zur Hochzeit im festlichen Hans Und schüttet nach allen Schmerzen Den Himmel über dich aus. Die verwaiste Mutter. Um das Fenster der Frühling spinnt Seine blühenden Zweige, Und verlassen die Mutter sinnt: Schweige, mein Herz, doch, schweige! Kinderjauchzcn und Glockengetön, Jubel die Weite, die Breite — Wie nur die Welt so schön, so schön, Wenn uns ein Liebes zur Seite! Ist es ein Händchen, ist es der Wind, Was mir da streichelt die Wangen.!. Ack', mein liebes, einziges Kind Schlafen ist's, schlajen gegangen. 154 Mutterliebe. In tiefer Nacht beb ich von Qual zerrissen Und zähl den stumpfen Stundenschlag der Zeit; Und weinend wacht auf thränenfeuchten Kissen Mein dunkles Weh, Weh der Verlassenheit. Verlassen, einsam in des Markts Getriebe, In tiefste Brust der Sehnsucht Drang gebannt; Das wunde Herz lechzt ruhelos nack Liebe — Da streift mich tröstend eine milde Hand. Und stiller wird des Herzens wildes Schlagen, Das Auge schliefst sich heiß und müde zu; Und mit dein Schlummerlied aus alten Tagen Bringt mich das todte Mütterlein zur Ruh. Guter Geist. Wiudgcbläht ein Segel flaggt und flieht In deS Abends goldneS Thor, Anf der Welleuspur ein Leuchten zieht Und versprüht im Dämmerflor. Guter Geist hat frohen Wandermuth Und die golduc Ferne winkt, Und ein Leuchten ist es rein und gut, DaS auf seinen Spuren blinkt. Mag verblassen mählich auch der Schein, Dämmer über dunkler Tiefe steh'n: Leuchtend läßt hicnicdcn sich und rein Fern zum Ziel die Straße geh'n." Eine k'orruu udsolutionis a Löuvismo. Jaussen hat schon früher in einem kleinen Schriftchen: „Aus dem deutschen Univcrsitätslcbcu des sechzehnten Jahrhunderts", ein „allgemein verrufenes „akademisches Ungeheuer"", den Pennalismns, kurz berührt. In dem neuest erschienenen VII. Band seiner deutschen Geschichte findet sich nun noch Eingehenderes über diesen Unfug, wie besonders über die Dcposition der Füchse (Lsani). „Wer eine deutsche Hochschule bezog, hieß Lsauus, Gelbschnabel (bss-Murs) oder Fuchs, und wurde angesehen wie „ein Thier des Feldes, dem zur gebührlichen Vorbereitung für die öffentlichen Vorlesungen die Hörner abgenommen werden" mußten. Man hing ihm eine Ochscnhaut mit Hörnern über den Kopf und steckte ihm einen Eberzahn in den Mund, letzterer wurde dann unter allerlei „Ceremonien" ausgebrochen, die Hörner abgesägt und darauf der Beanus, um ihn „von seinen groben, bäuerischen Sitten zu befreien", an verschiedenen Theilen des Körpers mit Kamm, Säge, Hammer und Zange, auch mit richtigen „Ohrfüchfen" bearbeitet. Nach solchen Ceremonien führte der Beanus den Namen Pennal, von xsuuats, Fedrrbüchse. „Diese ,Dcposition' war ursprünglich ernsthaft gemeint, in akademischen Gesetzen anerkannt, sogar anbefohlen, und geschah im Beisein und unter Mitwirkung deS Dekans der philosophischen Fakultät." Im Laufe des 10. Jahrhunderts artete aber dieselbe vielfach aus. Im 17. Jahrhundert entwickelte sich daraus der sogenannte Pcnnalismus. Es waren nämlich die Dürfen abgeschafft worden, und die Neuankommenden wurden „zur Beaufsichtigung" älteren Studenten, besonders Landslenten, zugetheilt, und diese fingen bald an, eine unerträgliche Herrschaft über die ihnen Empfohlenen auszuüben. Sie hießen „Schönsten", „weil sie den jungen Studenten die Haare abschoren und diese auch sonst wacker schoren". Jeder Ankömmling, „FuSs", mußte als Famulus seinen Leibburschen, seinen „Herrn" oder „Patron", bei Tische bedienen, ihm Kleider und Schuhe reinigen, seine eigenen besseren Kleider abliefern, während er selbst nur in schmutzigem und zerlumptem Gewände und in Pantoffeln sich blicken lassen durfte. Kurz, sie mußten sich zu allen Möglichen Dienstleistungen und Plackereien hergeben. „Nach Ablauf des Dienstjahres mußte der Fuchs bei den einzelnen Mitgliedern der Landsmannschaft sich die „Absolution" er- erbitten und erhielt dieselbe auf einem von ihm herzurichtenden „Pcunalschmaus" „im Namen der heiligen Dreieinigkeit": das Haar wurde ihm abgebrannt, er war Brandfuchs und konnte nunmehr anfangen, an Anderen zu vergelten, was er selbst erduldet hatte." Diese Pennalschmäuse wurden zum schlimmsten Unfug, und selbst Professoren zogen ihre Vortheile daraus.*) Die strenge Disciplin der Jesuiten an den von ihnen geleiteten Schulen machte derartigen groben Unfug unmöglich. Gleichwohl traten sie den studentischen Gepflogenheiten nicht rigoros entgegen, sondern suchten auch diese, soweit es anging, in die rechten Bahnen zu leiten. Und so wurde auch die Dcposition beibehalten, wenn auch in milder Form. In demOirsotoriuiu ^snäeraisuiu uovmrr (1691)2) der Universität Dillingen sind unter den Taxen, wie sie schon am 4. Mai 1036 im akademischen Rathe ausgemacht und vom Provinzial k. Walter Mundbrot bestätigt wurden, folgende für die Dcposition ausgesetzt: Dro clepositione Loaäemias Depositor! Leäetto Oowitis: 1 st. 1 si- 1 st- Hobilis: 30 Kr. 15 Kr. 15 Kr. vivitis - 12 Kr. 12 Kr. 12 Kr. Danperis: 0 6 Kr. 6 Kr. Und Cap. V3) enthält eine höchst merkwürdige Formel in deutscher und lateinischer Sprache. Die ersteres lautet: „Wohlan ihr Dsuni, ehe ihr jezundt von eurer Bachantercy erlediget werdet, müsset ihr 4 Sachen angeloben. Erstlich, daß ihr aämoäuw. Ilovsronclo rro lULAniüco ?. Ilaotori und euren fürgesetzten ikro- lö88oril)U8 wöllet gehorsam sein. Zum anderen, daß ihr allen den Jenigen, welchen es gebührt, alle Ehr und rsvsrsrm erweisen wöllet, damit man könne abnehmen, daß ihr Studenten seyet. Für das dritte, daß ihr euch nit wöllet rächen an den Jenigen, welche euch äsxouisrt haben. Letzlich und zum vierten, daß ihr euch nit mehr wöllet äsponisrorr lassen, es sehe gleich hie oder anderstwo: sondern euch hüten, daß ihr durch böse Sitten nit verdient, wiederumb unter das Bcanen Biech°) gezählt zu werden." Imtins, lorurnln: l?r1u8«inam vo8 Lsaur vsstro Lenuisiuo lists- rsrrrini, 4 ssgusirtin vovsrs äolrstm. 1° Huoä aäiri. IlsvZ" st ?. üsstori, st xruoxositis vobis I?raeLöxtoriI>u8 oflecliis vslitig. Islix, fau8tum«iue ait, N. l^s. (Name des Depositors) untorituts a. Na§niüao Qornino Rsotors inifii oouosaoa,, vos a.b>8o1vo rrd vmnitm3 impsäimsirtis, ^nifins lraotsuns irnxsäiti tuistis gnonrinus xotnsritis ^auäsrs privlls^iis, ^nidn8 tam Iiuiu8, c^narn aliarnw, Ilniveroitatnin stnäiosi Annclers solsnt. Lb in sissnurn Irnins iinxono oa- pititin8 vsotris oulein ( 310 !) saxisnlirrs (er bestreut also ihre Häupter mit Salz), nb xistati sb donia raoridus aoritsr insistsnäurn 6886 inbsI1i^nti3. (ksrtnnclit vino eaxitn sinZuloreirr äioenäo.) I'roxtsrsL psrtünäo oaxitn vs8trn vino äul- L6äini8, nb in Litterarum stnäiis narr tarn nori- mvniam st viin; c^uarn änlseäiirsur 6t Lnavitatsaa 1Q688S 60AU08Lati8. Man ersieht aus dem Gelöbniß, sich nicht zu rächen, u. a., daß immerhin noch einige recht wackere „Ceremonien" dabei verübt werden mochten. Wenige Spuren von diesen Ceremonien und Gebräuchen haben sich noch theils im Comment studentischer Korporationen, theils in einzelnen Kollegien oder Internaten erhalten. So ist z. B. in Innsbruck und im Georgianum zu München noch ein sogenanntes „Spritzerexamen" üblich, das nichts anderes als den letzten Rest der nfioolutio n LenrnMo bedeutet. Etwas derberer Art waren die Erinnerungen an den Pennalismus, wie sie noch bis in letzte Zeit in einigen Studienseminarien und ähnlichen Anstalten sich erhielten, und welche lediglich in Gewaltthätigkeiten gegen die Jüngeren und Neueintretenden bestanden. Man sieht aber, auch diese Erscheinungen haben ihre Geschichte und ließen sich deßhalb oft eher in erlaubte Bahnen leiten, als gänzlich ausrotten. Trotz aller Ausschreitungen muß man doch gestehen, es lag in der Sache an sich ein berechtigter humoristischer Zug, der in launiger Weise die hochtönenden würdevollen Ceremonien jener Zeit geschickt persiflirte. Und darum widmete wohl auch der Kanzler, welcher jenes Direktorium schrieb, der lorrau nlwolutronia a, LsaniMo ein eigenes Kapitel ganz wie den verschiedenen Ceremonien und Formeln bei den akademischen Promotionen. Dr. 0. I-. v. 8. Ueber die frühchristlichen Thiersymbole von Achmim-Panopolis in Oberägypten und in den Katakomben. Studie von Dr. Gustav Sl. Müller, MuscumSbevollm. und Herausgeber der „Autiquitäten-Zeitschrift" in Straßburg i. E. (Fortsetzung.) Der Hase. Zu den bedeutsamsten Thiershmbolen der altchristlichen Denkmäler gehört der Hase. Wir schließen uns bedingungslos und ohne Weiteres den bekannten Auffassungen an, wonach derselbe zu betrachten ist als Symbol 1) der schnellen Vergänglichkeit des menschlichen Lebens, dem die ewige Seligkeit folgt; 2) der Christen, die nach Christi Mahnung ihr „Heil in Furcht und Zittern" wirken, und 3) der Wachsamkeit, die „mit offenen Augen" schläft und das Böse vermeidet. Diese Deutungen haben ihren Grund in den sprichwörtlichen Charaktereigenschaften des Hasen, in biblischen und theologischen Quellen, und sie finden ihren nicht mißzuver- stehenden Ausdruck auf den verschiedensten Denkmälern der Katakomben. Auf den Grabfunden von Ach mim fehlt die specifische Symbolik der „Wachsamkeit" keineswegs, wenn auch die beiden andern Ideen häufiger und sinnvoller ausgesprochen werden. Die Darstellung auf einem Stoffe der Sammlung Forrer, die uns den Hasen „aus einem Gefäße mit Weinbeerblättern" herauskommend zeigt, enthält so ziemlich alle drei Gedanken. Sie ist das symbolische Bild des Christen, der wachsam wie der Hase in Furcht und mit Zittern vor dem Bösen seinen Lebenslauf vollendet hat und des himmlischen Friedens in Christo genießen darf. Wenn wir aus den Katakomben den Hasen kennen, wie er an einer Traube ißt, oder wenn auf einem Epigraph der Hase einer Taube entgegeneilt, die einen Oclzweig im Schnabel hält, wenn wir dann auch in Ach mim einen Hasen sehen, der an der Traube nagt, so erkennen wir in all diesen Variationen denselben Grundgedanken: der Todte hat den Lauf gut vollendet und erfreut sich der himmlischen Seligkeit, die durch Taube und Oelzweig, durch die encharistische Vase und die Weintraube dargestellt wird. Zu den Lampen mit dem Bilde des Hasen als dem Symbol der Wachsamkeit hat Forrer einen Beitrag geliefert, der, wie ein großer Theil der Achmimstoffe „byzantinischer" Provenienz, um so interessanter ist, als er genau dieselbe Darstellung bietet, wie die von Münz abgebildete Lampe der Sammlung Martiguy. Drei Stoffe aber von Achmim bieten ein tieferes Interesse. Zwei davon gehören nach Zeichnung und Symbolik sicherlich noch dem III. Jahrhundert, der Periode der Verfolgungen, an, indeß die dritte aus den gleichen Gründen dem IV. Jahrhundert zuzuerkennen ist. Ja, wir sind in den Stand gesetzt, selbst zwischen den beiden älteren Darstellungen zu entscheiden, welches die ältere und welches die jüngere sei. Betrachten wir zunächst das erste Bild. DaS Original (in meinem Besitze) ist ein 42 crn langes Stück eines Clavus mit einfarbiger (schwarzer) Darstellung auf weißem Leinwandgrunde, das wir schon aus äußeren Gründen der Zeichnung, Farben und Technik in das III. Jahrhundert setzen würden. Wir sehen, soweit der Clavus erhalten ist, der Reihe nach in Mcdaillonnmrahmungen einen Hasen, ein Ornament, einen Hasen, ein Ornament mit einem X in der Mitte, das geschickt angewendet ist, einen Löwen, Ornament mit Taube, Hase, Ornament, Löwe; hier endet eine Serie, ein schwarzer Baudstreifen scheidet sie von der neuen, von der noch ein Löwe in Gegenstellung zum letzten sichtbar ist. Diese reiche Symbolik gewinnt aber noch an Interesse durch das verhüllte Kreuz, das auf den ersten Blick nicht bemerkbar in der Form G auf dem schwarzen Bande angebracht ist, welches die Bildserien trennt. Die Verhüllung des Kreuzes Christi geschieht in dieser Darstellung entschieden vorsichtiger als auf der nächsten. Ob wir in der Form O nicht eine absichtliche Reminiscenz an das kreuzweise gekerbte encharistische Brod erblicken dürfen, bleibe dahingestellt. Nahe verwandt mit diesem Bilde, aber dennoch für sich höchst beachtenswert!) ist die folgende Darstellung, der ich wiederholt das Interesse der Alterthumsfreunde zu erwecken suchte. Das Original ist wiederum ein noch 158 auf die Berge. Gegen Abend erreichen wir das Thal Tayibe, welches in großen Bogen und Krümmungen sich bis zum Meere fortsetzt. Die Wände desselben fallen steil ab und sind vom Wasser, das einst dieses Wadi füllte, ganz ausgewaschen. Nach einer großen Krümmung stehen wir vor einer lieblichen kleinen Oase, zahlreiches Palmgebüsch steht an den Ufern eines kleinen Quell- bächleins, im Hintergrund ein merkwürdiger Berg, der ans gelben, rothen, schwarzen Schichten oder Bändern sich aufbaut. Hier bei dieser Oase, in welcher ich so gerne Elim sehen möchte, wenn es sich beweisen ließe, lagerten wir. Am andern Tage folgen wir dem Laufe des Wadi bis zum Meere. Hier sind wir sicher in den Fußstapfen der Kinder Israels. Bei dem Berge Tayibe, welcher der Reihe nach aus einer goldgelben, rothen, schwarzen und gelben Schicht besteht, öffnet sich das Wadi, und vor uns liegt in herrlichem Blau der Golf von Suez. Es beginnt nun wieder die Wüstenwanderung, dem Meeresstrande entlang. Die Formation der Berge ist hier eine andere als bisher. Meistens hatten wir bis dahin ausgewaschene Thalkesscl oder Bergwände vor uns; vielfach auch eigenthümliche Sandstcinhügel, die wie abgestumpfte Pyramiden aussehen und oben mit einer glatten Platte abschließen (die englische Karte nennt sie bezeichnend üat-toxxoä llills) und welche man oft für Menschcnwerk halten möchte; oft hatten die steil aufragenden Wände um ihren Fuß zahlreiche, kegelförmige Geröllhügel gelagert und alles war weiß, grau oder gelb. Hier aber erscheinen hinter Sandsteinvorbergen röthlich- blaue oder schwarzblaue gewaltige Gebirgsstöcke, welche namentlich bei Abendbclenchtung einen hübschen Anblick gewähren, ihre zerrissenen und verwitterten Wände bilden einen grotesken Gegensatz zu den regelmäßigen Schichten vieler Bergwände der durchwanderten Wadis. Mehrere Stunden dauert der Marsch am Ufer des Meeres, bald ganz nahe, einigemale sogar durch das Meer, meist aber in ziemlicher Entfernung. Hier in dieser Gegend ist das Lager der Juden zu suchen, von dem es heißt: „sie lagerten am Schilfmeere" d. i. rothen Meere. Als der Weg ganz nahe am Ufer hinführte, vertrieb ich mir die Zeit mit Muschelnsuchen, und es gelang mir auch zwei große Muschelschalen und viele kleine zu sammeln, sowie auch einige weiße Korallen. In der Entfernung von ungefähr 100 m sehen wir einer Schaar Delphine lange Zeit zu, wie sie in den Wogen auf- und niedertauchten. Der Karawanenweg verläßt die Wüste am Meere und biegt in ein Thal (Hanak el Logam) ein. Daß wir in der Wüste el Markha, die wir eben verlassen, einen Lagerplatz der Juden sehen dürfen, habe ich soeben erwähnt; ob aber der nun folgende Thalweg die Wüste Sin ist, in welcher das Manuawnnder zum erstenmal gewirkt, unterliegt vielem Zweifel. Ich möchte die Wüste Sin, welche zwischen dem rothen Meere und dem Sinai liegt, im Wadi Feiran suchen, dessen halbmondförmige Gestalt zu dem Namen Sin ausgezeichnet paßt und dessen Mündung nur einige Stunden unterhalb (südlich) der Wüste el Markha liegt. Das Wadi, welches wir passirten, ist reich an Akazien- bäumen, und zwar jener Spczics, aus welcher die Bundeslade gefertigt wurde, nämlich an Sayalbäumen. Dieselben sind über das Thal verbreitet, einer immer in ziemlicher Entfernung von dem andern. Sie sind dornig und Lalen kleine, gekräuselte Blättchen. Ihr Wuchs macht sie jedem unvergeßlich, sie strecken nämlich ihre zahlreichen Aeste in halber Höhe des Baumes fast wagrccht aus, um dem seltenen Regen eine möglichst große Oberfläche darzubieten, es sieht aus, als ob diese 3 — 4m hohen Bäume zahllose Arme hilfesuchend ausstrecken würden. Nach einigen Windungen endet das Thal, und ein neues, Wadi Schelal, beginnt. Die Gesteinsmassen lassen keinen Zweifel über ihren vulkanischen Ursprung über. Das Wadi Schelal hat seinen Namen von den an ihrer Oberfläche abgerundeten Basaltsteinen, da ebensolche Formationen am ersten Katarakt (ar. Schelal) vorkommen. Dieses Thal ist klein und weicht bald dem Wadi Budra, dessen nächste Umgebung gerade so aussieht, als Hütten sämmtliche chemische Fabriken der Welt die Asche und die Neste ihrer Retorten-Apparate hier aufgehäuft. Schlacken, Laven, Tuff, Basalt, Granit, Gneis, Orthoklas, Porphyr, kurz eine geologische Sammlung comms LI laut. Mein armer Kameltreiber hatte auch darum viel zu thun, um die von mir gewünschten Steinproben vom Boden aufzulesen und mir zu überreichen. Es sind alle möglichen Farben unter diesen Gesteinsarten vertreten. Gegen Ende des Tagesmarsches schließt das Wadi mit einem ungeheuren Kessel ab, in dessen: Innern sich zahlreiche kleine Hügel erheben, so daß in Uebereinstimmung mit der Formation der umgebenden Bergformen angenommen werden muß, es sei hier ein Krater mitten in seiner Thätigkeit plötzlich (wahrscheinlich durch Eindringen von Meerwasscr in die Wcrkstätte Vulkans) gehemmt worden. Die Hügel am Rande und im Innern dieses Kraters haben das Aussehen von versteinerten Wellen. Den Paß Nakb Budra überschreiten wir mühsam am andern Tage. Die Paßhöhe ist fast 400 m über dem Meere. Man hat schönen Rückblick auf Meer, Berge und Wüste. Schon im alten Pharaonenreiche, lange vor dem Auszug der Juden, wurde dieser Paß von den Lastthicren, welche aus dem Bergwerk Mafkat Türkisen an das Meer trugen, begangen. Der Weg ist eng und für Lastthiere mühsam; für ein wanderndes Volk aber kaum als Heerstraße geeignet, ein Grund mehr, den Weg der Juden in dem breiten, ebenen Thale Feiran zu suchen. Jenseits des Passes beginnt nach einer Stunde das interessante Wadi Sidr, welches von schroff abfallenden rothen Granitfclscn eingeschlossen ist. Hie und da kommt man an alten „sinaitischen Felseninschristen" vorbei. Davon rede ich später. Da ich die alten Bergmiuen von Maghara besuchen wollte, so ließ ich die Lastthiere den Weg fortsetzen und wandte mich nach dem gleichnamigen Wadi. Die Minen von Mafka, wie sie in den ägyptischen Inschriften heißen, wurden schon von den Königen der IV. Dynastie Snefru und Cheops (Erbauer der großen Pyramide bei Gizeh) ausgebeutet, wie die Inschriften an den Wänden zeigen. Zuerst besuchte ich das Kastell, das einst die Acgypter auf dem Gipfel des gegenüberliegenden Berges errichtet hatten. Am Fuße dieses Kastelles, aber noch auf dem Bergesplateau, liegen die Neste von Bergmannswohnungen, deren Grundriß sich leicht erkennen läßt. Sie waren gebaut, wie die der jetzt die Gruben ausbeutenden Beduinen, aus den großen Geröllsteinen der Umgebung. Ein Beduine, nach Art der Bergleute in gelbliches Gewand gekleidet, hatte mir diese Reste gezeigt; als ich nach den Minen und nach Inschriften fragte, hieß es: mu üsck, d. h. „gibts nicht". Ich will nicht weitschweifig werden; kurz, nach einigen kräftigen Sätzen und Redewendungen und nachdem ich ihm beigebracht, daß ich mich nicht anlügen lasse, wurde ich auf mühsamen Wegen zu den Minen und zu den Inschriften geführt. Die Minen sind nur dadurch zu erreichen, daß man eine Strecke von etwa 50 in auf allen Vieren kriecht, dann erst kommt man an den Eingang des Stollens, welcher sehr lange und auch meist sehr hoch ist. Ich ließ einen der Bergleute, die sich zu einem hl. Dutzend zusammengefunden hatten, bis zum Ende des Stollens gehen und dann den mitgebrachten Magncsinmsdraht anzünden. So hatte ick dann eine schöne Uebersicht, ohne die Kriecherei weiter fortsetzen zu müssen. Soviel ich verstehe haben die Aegypter den Stollen dauerhaft und fest angelegt, ohne jedoch Stützen anwenden zu müssen. Nachdem ich wieder herausgekrochen war, ging es auf die Jnschriftensuche. Immer hieß es: „Gibt es nicht". Nun schließlich mit Aufgebot aller Energie brachte ich im Ganzen 11 Inschriften zusammen. Sie sind aus den verschiedensten Zeitabschnitten, von der IV. Dynastie mit großen, schönen Charakteren bis zu Namses' II. Zeiten, wo sie dann aufhören. Es sind die verschiedensten Epochen der Schrift (Hieroglyphen- schrift) bis zur Zeit des Auszugs der Juden und die verschiedensten Formen vertreten. Die Felsenwände von Maghara enthalten Schriftproben, wie sie ein paläo- graphisches Handbuch für Aegyptologen nicht besser zusammenstellen könnte. Der Name Alaska ist mehrmals zu lesen, in den Bildern ist meist der betreffende Pharao als opfernd der Göttin Hathor, Königin oder Herrin von Mafkat, abgebildet oder wie er einen Beduinen niederschlägt und für den Sieg der Göttin dankt. Ich habe eines dieser Bilder den Beduinen erklärt, worauf sie mich fragten, wie groß der König Pharao gewesen sei. Sie glauben nämlich, daß die ägyptischen Könige über eine ungeheure Leibesgröße verfügt hätten. (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Ueber HypnotiSmus und Suggestion. Eine orientircnde Studie vonvr.L. Haas, Pros. d. Philosophie in Passau. Auasburg 1891. Verlag der Kranzfclder'schen Buchhdlg. 8° S. 92. Preis 1 M. V Ein gar schwieriger Boden ist mit vorliegendem Schrift- chcn betreten; aber Katholiken werden dein Verfasser dafür Dank wissen. ES mutz in der Tbat eine unerquickliche Arbeit gewesen sein, sich durch all den Wortschwall fachmännischer Autoren über HypnotiSmus und Suggestion hindurchzuarbeiten. Man ist fast zur Annavmc versucht, daß dieselben absichtlich eines recht „hohen" Stiles sich befleißigen, um den Mangel an Logik zu verdecken. Aber mit unbarmbcrzigcm Griffel weist Verfasser vorliegender Studie nach, daß gerade Logik nicht die starke Seite dieser Herren sei. Man erkennt, daß die Freunde und Pfleger deS HypnotiSmuS in ihren Erklärungen selbst noch nicht einig sind. Der Verfasser fuhrt aus, daß Stigmatisation und Hypnose, wunderbare Heilung und Suggestion wesentlich verschiedene Dinge sind. Dies zu zeigen, ist überaus nützlich, seitdem z. B. die gelehrtesten Fachmänner, nachdem sich die wunderbaren Heilungen in Lourdcs nicht einfach aus der Welt leugnen lassen, dieselben ganz einfach zu erklären suchen durch die Theorie der Suggestion. Er kommt am Schlüsse zum begründeten Resultate, daß sich die Thatsächlichkeit des Hypnoiismuö nicht leugnen lasse, daß er aber Gift sei, ein moralisches Gift, und alö solches behandelt werden müsse. Möge das Büchlein die verdiente zahlreiche Leserschaar finden, und dies ist um so mehr zu wünschen, als gerade auch hierin wieder die Feinde der Kirche neue Waffen gegen dieselbe zu schmieden versuchen. Lehrbuch der Weltgeschichte. Von Pros. vr. I. B. v. Weiß. Erste und zweite Auflage. X. Band, 1. Hälfte. 1806—1809. Preis broch. 10 M. Graz 1894. VerlagS- handlung Styria. Man behauptet in protestantischen Kreisen so gern, daß die Katholiken infolge der Bevormundung von Seiten der Kirche geistig weniger regsam und produktiv seien, als die unter der wärmenden Freiheitssonne des Protestantismus lebenden Menschen. Und hauptsächlich in der Geschichtsforschung will sich dies Urtheil begründen. Allein das ist doch nur durch absichtliches Ignorieren der ganzen katholischen Literatur möglich. Die Namen Hcrgenröiher, Hcfele, Jansscn und nicht in letzter Linie Weiß, denen sich aber noch viele andere anreihen ließen, genügen, um jene Ansicht Lügen zu strafen. Vor kurzein nun ist der zehnte Band (erste Hälfte) eines katholischen Monumental- wcrkes erschienen: der Weltgeschichte von I. B. von Weiß. Janssen für Deutschland und Weiß für gesammte Weltgeschichte werden auf lange hinaus Marksteine der Geschichtsschreibung bilden. Der vorliegende Band schließt sich den erschienenen, von denen schon zweite Auflagen nöthig waren, würdig an. Unglaublich, welch eine Fülle von Material in wohl gesichteter Weise in dem Buche, das die Jahre 1806—1809 umfaßt, geboten wird. Nickts ist versäumt, was dazu beitragen kann, den innersten Charakter der handelnden Personen jener bedeutungsvollen Jahre zu kennzeichnen, wo das deutsche Volksbewußtsein aus der tiefsten Erniedrigung sich aufzuraffen begann; wo das von einem einzigen Willen geknechtete Europa in gewaltigen Zuckungen sich wand, um feine ehernen Fesseln zu sprengen. Noch war alles vergeblich. Allein die Verluste in Spanien und der TodeSmutb der Tiroler ließen erkennen, daß es eine Grenze gebe für den Flug der französischen Aare. Mit dem Morgenroth einer besseren Zeit, der Schlacht bei Aspern, wo „zum erstenmale die Intelligenz und wcltgeprieseue Tapferkeit der ° Franzosen nicht ausreichte gegen die eiserne Beharrlichkeit und uugemeine Todesverachtung jedes Einzelnen im österreichischen Heere", schließt der Band. Möge der nächste bald folgen. IV. 8. Der Seelenfriede. Nach dem Französischen des k. Lombcz von vr. E. Bicrbaum. II. Auflage. Freiburg i. Br. 1894. Herder'sche Verlagshandlung. XII und 336 S. 1.80 M. geb. 2 M. 50 Pf. lö In 4 Abtheilungen handelt dieses Werk von der Vor- trefflichkeit des Seelenfriedens, von dessen Hindernissen und den Gegenmitteln, von den Mitteln zur Erlangung des Seelenfriedens und praktische Anleitung zur Erlangung desselben. Wenn Deutsche öfters aSzctischcn Schriften französischen Ursprungs aus bekannten Gründen mit etwas Skepsis sich nähern, so kann dieses Büchlein mit vollem Vertrauen in die Hand genommen werden. In anregender und von Süßlichkeiten freier Sprache wird dieser wichtige Gegenstand behandelt, und was die Sache selbst betrifft, so kennt das Werk keine übertriebenen Forderungen, sondern nur die gesunden Grundsätze der christlichen Aszcse. Das Büchlein ist wirklich für die Praxis geschrieben. Priestern wird cS zur eigenen Vervollkommnung und zur Scclenleitung treffliche Dienste leisten. Kaiser Maximilian, der letzte Ritter. Eine kulturgeschichtliche Erzählung für Jugend und Volk von Paul Weber. Regensburg 1893. Verlagsanstalt vorm. G. I. Manz. 3 Mk. IV. 295 S. I? ES wird in einfacher, schlichter, aber von warmer Vaterlandsliebe durchdrungener Sprache ein kurzes Lebensbild Kaiser Max' I. dem Leser vor Augen geführt. Jugend- und Volks- bibliothckcn kaun das Werk ohne Bedenken eingereiht werden. Bei der Lektüre ist cS uns fast vorgekommen, als ob Gastmähler besonders hervorgehoben wären; auch der Ausdruck Seite 197, daß die Gäste bei Mahl und „Bccherlups" saßen, wäre besser weggeblieben. Warum Verfasser die Erzählung eine „kulturgeschichtliche" nennt, will uns nicht recht einleuchten. Historisch-politische Blätter. Jahrg. 1893. 113. Band, Zehntes Heft. Inhalt: Völkerrechtliche Glossen. — Der Buddhismus (II). — Grupp's Culturgeschichte des Mittelaltcrs. — Das EoalitionS-Kabinet in Oesterreich. Von einem österreichischen RcichSrathsabgeordnctcn. — Zeitläufe. Das Jesuitcngesctz vor dem BundeSrath. — Die bedingte Vcrnrthcilung. Die katholische Welt. Illustriertes Familicnblatt. Verlag von A. Rifsarth in M.-Gladbacb. Unterhaltendes und Belehrendes, Erbauliches und Beschauliches, alles ist vertreten und zwar in durchgehend ansprechender Art. Auch an interessanten Schilderungen aus Natur und Geschichte fehlt es nicht. Den sprechenden Beweis dafür geben besonders die drei letzterschienencn Hefte, 7, 8 u. 9, die sich noch besonders durch wirklich künstlerisch ausgeführte Illustrationen 160 auszeichnen. Glaubt man doch bei einzelnen nicht einen einfachen Holzschnitt, sondern einen guten Stahlstich vor Augen zu haben. Das Heft 9 enthält zudem noch ein Kunstblatt, den Heiland auf dem Kreuzweg darstellend, das äußerst wirkungsvoll in 2 Farben ausgeführt ist. Möchte die so strebsame Verlags- handluug durch eine immer großer werdende Betbciligung am Abonnement in ihrem so lobcnSwerthen Eifer unterstützt werden. ES erscheinen jährl. 18 Hefte zu dem wirklich sehr billigem Preise vcn 25 Pfg. pro Hest. Probehefte in allen Buchhandlungen zu haben. Der Rosenkranz, religiöse Monatsschrift. Verlag von A- Niffarth in M.-Gladbach. Die rasche Verbreitung des „Rosenkranz" ist wohl der beste Beweis dafür, wie zeitgemäß das Unternehmen war, und wie sehr diese Monatsschrift geeignet ist, die frommen Verehrer der Himmelskönigin zu erbauen und ibr Vertrauen zur Mutter der Barmherzigkeit zu beleben und zu stärken. Auch die neuesten Hefte (Nr. 5 und 6) des „Rosenkranz" enthalten eine reiche Fülle von auffallenden GcbetSerhöruugcn, mit denen das Vertrauen frommer MuttcrgotteSvcrchrer belohnt wurde. Preis halgjährlich nur 60 Pfg. OesterreichischesLiteraturblatt, herausgegeben von der Leo-Gesellschaft in Wien, rcdigirt von Dr. Franz Sck'nur er. (Administration: Wien I., Anuagasse 9.) Inhalt der Nr. 7: Kellner I. B., Der hl. AmbrosiuS, Bischof von Mailand, als Erklärer des A. T. (Uuiv.-Prof. Dr. B. Schäfer, Wien.) — Esser G„ Die Sccleulchre Tertullians. (Hofkaplau Dr. A. Fischer Colbrie, Wien.) — Steuer W., Die GottcS- und LogoSlchre des Tatian mit ihren Berührungen in der gricch. Philosophie. (Ders.) — Bougaud E., Jesus Christus, übersetzt v. Ph. Prinz v. Arcuberg. (Theol.-Prof. Dr. Jos. Schindler, Leitmeritz.) — Hüttebräuker O., Der Mincritcuordcn zur Zeit deö großen Schismas. Bester I., Der hl. Bruno, Bischof von Würzburg, als Katechet. Bader A., Lehrbuch der Kircheugeschicbte. Müller Willib., Joh. Leop. v. Hay, Bischof von Königgrätz. (Sämmtlich von P. Lconh. Tieze, 0. 8. L., Wien.) — Sctunitz I., Ho sltootibus saeraiusuti oxtromas unotionis. (TbcoDProf. Dr. Fz. Schmid, Brixeu.) — Hamy A., Daleris illustres cls la Oomp. cls llSsus. — Brück H., Lehrbuch der Kirchengeschichte. — Jcutsch K., Geschichtsphilosophischc Gedanken. (Dr. Rieh. von Kralik, Wien.) U. s. w. Philosophisches Jahrbuch. Auf Veranlassung und mit Unterstützung der Görrcsgcsellschaft herausgegeben von Dr. Coust. Gutberlet. Verlag der Fuldaer Akticn- Druckerci. VII. Jahrgang. 2. Hest. Inhalt: I. Abhandlungen. LinSmeier 8. 1., Sind die chemisch-physikalischen Atome nur eine Fictiou? — Pfeifer, Widerstreiten die Wunder den Naturgesetzen, oder werden letztere durch die ersteren aufgehoben? (Schluß.) — Nassen, Ueber den platonischen Eottcsbegriff. — Bahl- mann 8. ck., Der Grundplan der menschlichen Wissenschaft. (Schluß.) — Bäumkcr, Handschriftliches zu den Werken des Alanus. (Schluß.) — II. Recensionen und Referate. Gegen den Materialismus: a) Mcndius, Die Seele in der Schrift; l>) Bormann, Kunst und Nachahmung, von Schanz. — v. Harimann, Zur Geschichte und Begründung des Pessimismus, von Th. Achclis. — Dresse! 8. ck., Zur Oricn- tiruug in der Eucrgielchrc, von Gutberlet. — Hake, Katholische Apologetik, von Erupp. — v. Hardy, Die Vedisch- brahmauischc Periode der Religionen des alten Indiens, von Gutberlet. — NolfeS, Die aristotelische Auffassung vorn Verhältnisse Gottes zur Welt, von Adlhoch 0. 8. L. — Pluzanöki, 8a§ßfto snlla ülosoiia. äs! Dnns 8eoto, von Schmitt. — III. Zeitschriftenschau. — IV. Novitäten- schau. — V. Misccllcn und Nachrichten. I. Engeln, Geschichte der christlichen Kirche. Zur Belehrung und Erbauung für Schule und Haus. 12. Austage. Bearbeitet von lis. tüsol. H. Degen, Seminar- Direktor. 8. 130 Seiten. Preis 60 Pf., gebd. 75 Pf. (1891. Verlag von W. Wchberg in Osnabrück.) Ein sehr nützliches Büchlein. Obgleich bei dem geringen Umfange des Buches die Darstellung eher eine gedrängte als breit erzählende ist, bleibt sie doch überall leicht faßlich und Verläugnct nirgends ihren populären Charakter. Aus dreierlei Gründen erklärt sich die rasche Verbreitung dieses Werkchcns: zunächst aus der leichtfaßlichcn Schreibart, ferner aus der anschaulichen Darstellung, die sich an sprechender Stelle zu lebensvollen Geschichtsbildern abrundet und außerdem durch zahlreiche charakteristische Aussprüche der behandelten historischen Persönlichkeiten gehoben wird; endlich aus dem nicdriggcstellten Anschaffungspreise. Die vom Herausgeber hinzugefügten Abschnitte, in denen die Geschichte bis auf unsere Tage fortgeführt wird, verdienen das gleiche Lob. (Stimmen aus Maria-Laach.) Ncpertorium der Pädagogik. Herausgegeben von I. B. Schubert. Ulm, Verlag der I. Ebncr'schcn Buchhandlung. 7. Hest 1891. Inhalt: G. M. Wittmann, Bischof von Regensburg, ein hervorragender Pädagoge, von Scminardirektor Bürgcl in Coruclimüustcr. Eine fürstbischöflichc Schulordnung des 18. Jahrh., von Lehrer O. Slang in Forst. Die Schule als sozialer BilduugSfaktor, von Lebrcr Baadcr in Wang. Zum LOOjähr. Todestag Palcstriua's. U. s. w. Kateche tische Blätter. Herausgegeben von Pfarrer Frz. Walk. Kösel's Verlag, Kcmptcn. Preis pr. Jahr Mk. 2,80. 3. Heft 1891. Inhalt: Fingerzeige für angehende Katecheten zur Er- tbeilung des Religionsunterrichts. — Die letzten Dinge des Menschen. — Von heiligen Lippen. — Zuspräche an ein Mädchen, welches eine Neigung sür einen Protestanten fühlt und den heimlichen Wunsch hegt, sich mit ihm zu vermählen. — Schülervcrzeickmiß. — Literatur und Miscellen. — Correspon- dcuz deS CanisiuS-Katcchetcn-VercincS. Das Aprilhcft von „Kreuz und Schwert" theilt mit, daß die Auflage vergriffen ist. DaS nächste Abonnement beginnt am 1. Juli d. Js. Für diesen Zeitpunkt hat die Redaction einen in Deutschlauv noch angedruckten Nntisklaverei- Nomau in Bereitschaft, ein SciUnstück zu „Schwester Luise" und von demselben Autor. Freunde einer angenehmen Lektüre machen wir schon jetzt darauf aufmerksam. Die Culturarbeit in Afrika nimmt immer mehr das Interesse jedes gebildeten Menschen in Anspruch, und da ist ein Blatt wie „Kreuz und Schwert" ganz am Platze. Der so billige Preis von Mk. 0,75 pro Halbjahr ermöglicht auch dem weniger Bemittelten das Halten dieser Missious-Zeitschrift. (Münster i. W., W. Helmes.) Für die katholische Fruaueuwelt, namentlich für die heranwachsende weibliche Jugend, in kath. Richtung zu arbeiten, scheint in unseren Tagen um so wichtiger, als die Gegner des Christenthums — Freimaurer und Socialvcmo- kraten — ganz vorzüglich auf die Frauenwelt und deren Einfluß bauen und darum sie ihren Zwecken dienstbar zu machen bestrebt sind. Wie man ehedem sagte: „Wer die Jugend bat, hat die Zukunft", so sagt man heute: „Wer das Weib hat, hat die Zukunft." Die Freimaurer sagen in ihrer Jnstruction für den Ncgentcngrad: „Durch Frauen wirkt man oft in der Welt am meisten, bei ihnen sich einzuschmeicheln, sie zu gewinnen suchen, sei eine eucrer feinsten L-tudien." Dem gegenüber müssen auch wir Katholiken trachten, die Frauen im Heerlager Jesu Christi, in der großen Armee der kath. Kirche, nicht bloß zu erhalten, sondern zu einer ihrem Staude und Geschlechte entsprechenden apostolischen Thätigkeit anzulocken und anzueifern. Dies strebt auch die seit fünf Jahren in Wien erscheinende Monatsschrift „DaS Apostolat der christlichen Tochter", auch „St. Angela-Blatt" genannt (Wien I., Jo- hannesgassc 8, Preis 1,00 fl. per Jahr, per Post 1,15 fl., für Deutschland 2,50 Mark, für die Länder des Weltpostvereines 3,50 Francs), an. Die uns vorliegende Nummer 9, die reichhaltigste unter allen bisher erschienenen, enthält u. a. folgendes: Zu ernst? — Christenthum und Kirche in den Werken Schillers. — Zwei Nompilgcrfahrtcn. -- Die bei der Damenwelt sehr beliebten „Fragen mit und ohne Antwort" (Baumbach, Frcytag, Bauernfeld). — Die 109. Versammlung des „Apostolates der christlichen Tochter". — Eucharistische Blüthen. — Etwas von der heiligen Philomeua. — Rede des D. Viktor Kolb 8. d. über die Wissenschaft und die kath. Schule. — Der große ungarische Laudeskatbolikeutag in Budapest. — Interessantes für Lehrerinnen, Erzieherinnen und Mütter. — Fünf Tropfen für Tänzerinnen aus der Apotheke des heil. Franz von Sales. — Weihuachtsspicle in Wien. — Theure Verstorbene (mit dem Bilde des ch Prälaten Dr. Sebastian Brunner). — Die drei Wünsche (eine Erzählung aus dem Englischen) u. s. w. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. tti'. 21. 24. Mai 1894. i , Religiöse und monumentale Kunst. I. I' „Es gibt keine eigentlichen kirchlich-religiösen Künstler mehr." In diesem Sinne hat sich wiederholt der bekannte Münchener Kunstschriststeller und Maler Friedrich Pecht in seinen Schriften und Kritiken geäußert. Und aus dem Munde von Theologen und Nichttheologen konnte man in letzter Zeit oft genug das Wort hören: „Man findet keine rechten christlichen Künstler mehr. Die Künstler verstehen nicht mehr religiös zu empfinden, zu malen und zu bilden." Dieses fatale Wort, dessen trauriger Sinn gar nicht genug gewürdigt werden kann, schien in der That immer mehr Berechtigung erlangen zu sollen. Ja nicht Wenige, und zwar unter den Künstlern selbst, wie unter den Nichtkünstlern, haben bereits den Glauben, wie an vieles Andere, so auch an die Zukunft der christlichen Kunst — trotz mancher erfreulichen Erscheinung neuesten Datums — verloren. Und gerade München, dieser einstige Vorort aufblühender christlich-deutscher Kunst, in dem das warmleuchtende Feuer echter Romantik einst so hell aufstrahlte, daß es. trotz aller Anstrengungen, von dem kalten und blendenden Schimmer falsch glitzernder Tages- und greller Nachtkünste, sowie dem aufgewirbelten Staube jenes gewöhnlichen Chaussüe- und Gassen-Impressionismus bis heute noch nicht gänzlich verdunkelt werden konnte, gilt in den Augen Jener von Hüben und Drüben längst als das reine „moderne Jsar-Athen", d. h. ein für die christliche, ideale Kunst Verlorner Posten. Denn was man, als „religiöse Kunst" etikettirt, hier und von hier öffentlich zu sehen bekam, das erschien meist den vornrtheilslosen und nicht verwöhnten Kennern nur als „nichtsnutziges Zeug." Zu diesem herben Urtheil und schlechten Renommee bezüglich der höhern (idealen) Münchener Kunst gaben besonders dem Fremden nicht am wenigsten die öffentlichen Schau- und Ausstellungen, sowie die monumentalen Münchener Leistungen bezw. Nichtleistungen seit Decennien Anlaß und Berechtigung. Außer dem Namen „Karl Baumeister" ist schon seit längerer Zeit keiner als der eines bedeutenden, gegenwärtig noch schaffenden „christlichen Künstlers" in wettern Kreisen bekannt. Und auch dieser ist bereits in München selbst wie verschollen. Die paar leistungsfähigen Kräfte, die München etwa noch als Nachzügler einer bessern Zeit in seinem Schoße birgt, arbeiten in stiller Verborgenheit im Schweiße ihres Angesichtes fort und wagen nicht mehr mit ihren Schöpfungen aus helle Tageslicht der öffentlichen Ausstellungen und ihrer Kritiker zu treten. Nur von der Hand der talentvollen und an Bestellungen glücklichern zwei christlichen Künstler, des Historienmalers Ludwig Glötzle und des Bildhauers Joseph Beyrer, sah man hie und da noch eine bedeutendere Arbeit öffentlich ausgestellt. Aber auch ihre Werke konnten — Dank der Ungunst der Verhältnisse — den allgemeinen Charakter unserer modernen christlichen Kunstwerke, nämlich den von unausgereiften Schnellarbeiten, nicht gänzlich verleugnen. Die neuen Deckengemälde (auf unmonumentale Leinwand gemalt!!) in dem jüngst angebauten Theile der heiligen Getstktrche zeigen, was Anffassung und Zeichnung betrifft, mit welchem Verständniß und Geschick sich Glötzle in den Geist der ältern dort schon vorhandenen Asam'schen Bilder hineinzudenken verstand. Diese geistige Verwandtschaft tritt am auffälligsten in der wie eine moderne Concert- geberin die Orgeltasten schlagenden St. Cäcilia und noch mehr in der die Füße — resp. das nackte Bein — Jesu liebkosenden St. Magdalena hervor. Da verstehen nach unserer unmaßgeblichen Meinung die Oberammergnuer Passionsspieler die Grenzen der kirchlich-religiösen Aesthetik schärfer einzuhalten, als jene salonmäßigen Heiligen der Barock- und Zopfzeit. In der Ausführung blieben aber die neuen an Leichtigkeit der Technik und Weichheit deS Tones hinter den alten Bildern mit ihren wie hinge- hauchten lichten Gestalten, ja selbst an Frische und Klarheit des Eindruckes hinter den flott hingeworfenen, originellen Farbenskizzen Glötzle's selbst zurück. Das letzte umfangreiche Werk Beyrers, die 14 hl. Stationen in der neuen Gicsinger Kirche, bekunden wiederum seine seltene technische Meisterschaft in der Holzschnitzkunst, und sind besonders die Gruppen der Soldaten und Henkersknechte von spätmittelalterlicher Lebendigkeit, während gerade Haltung und Ausdruck der Hauptfigur hie und da in der Eile verunglückt zu sein scheint. Dagegen zeigen die großen Apostelstatuen, was Beyrer zu leisten im Stande ist. Wann ist es aber auch eiuem tüchtigen christlichen Künstler gegönnt, in wirklich künstlerischer Manier sein Werk aus- und durcharbeiten zu können! Selbst das Genie eines Baumeister findet hiezu nicht mehr die nothwendige Zeit, bezw. die ihm dies ermöglichenden Mittel. Nur durch die für einen Künstler so ungemüthliche und aufreibende Forcirung seiner reichen Schaffenskraft, der er sich bis dato noch erfreut, ist er im Stande, sich über Wasser zu halten und den oft ganz unverhältnißmäßigen Ansprüchen etwaiger Besteller durch ihm selbst einigermaßen genügende Leistungen zu entsprechen. Ist doch sowohl er wie andere moderne Meister nicht in der Lage, wie ein Albrecht Dürer, den Pinsel ganz in die Ecke zu werfen und um des lieben Brodes willen mit dem wie mit Dampf arbeitenden Grabstichel für das bilderliebende Volk populäre Heiligenbilder voll heiliger und noch mehr unheiliger Gestalten in auffälliger phantastisch-burlesker Tracht zu zeichnen. Auch dieses Geschäft ist heute für den Künstler, nachdem es bereits an so vielen Orten mit Zuhilfenahme der natürlichen Dampfkraft betrieben wird, nicht mehr lohnend. Auch die Etiketten-, Vignetten- und Schildmalerei, wodurch noch ein Moritz von Schwind, bevor er einen Mäcenaten, wie den verstorbenen Grafen Schack, fand, sich noch einigermaßen künstlerisch zu beschäftigen und das nöthige Kleingeld für Essen und Trinken zu verdienen wußte, bedarf heutigen Tages keiner akademisch gebildeten Künstler mehr. Daß zwar Baumeister noch mit genialer Gestaltungskraft inhaltlich durchaus wahre und tiefernste und formal dramatisch lebendige und packende Zeitbilder zu zeichnen versteht, das beweist seine neueste figurenreiche Darstellung, betitelt: „Moderner Lehrstuhl". Sie führt uns deutlich vor Augen, wie und was und mit welchem Erfolge ein unchristlicher Herr Professor vom Katheder herunter ein zahlreiches, verschiedenen Ständen ungehöriges Publikum über seine Menschenwürde und Rechte belehrt. Dieses Bild würden gewiß, wenn es im gegeutheiligen Sinne ausgeführt wäre, speculirende Kunstverleger mit Tausenden bezahlen, während „unsere Leute" (arm, wie sie ja alle sind!) es allenfalls als Geschenk für ein Trinkgeld, als 162 Gegengeschenk brauchen können, um es etwa im verborgenen Schoße eines Volkskalenders als schlechten Holzschnitt zu verwenden. Das ist auch so ein Stück opfer- unfähiger und — sagen wir — rücksichtsvoller Gelassenheit, die sich scheut, die volle und ganze Wahrheit, welche der Welt doch so noth thut, ihr im ungeschminkten, getreuen Bildspiegel vorzuhalten. Unsere Zeit hat überhaupt, was das angeschnittene Kapitel angeht, viel Ähnlichkeit mit dem nach äußerer Gestalt und innern: Gehalt absterbenden Mittelalter. Nur mit Ach und Krach nach Tage und Jahre langem Bereden von Seite der vornehmern Stifter brachte endlich im Jahre 1519 die Nürnberger Bürgerschaft das zur Entlohnung des Meisters Peter Bischer erforderliche Geld zusammen, damit das zum Ehrendenkmal ihres Schutzheiligen bestimmte St. Sebaldusgrab in der Kirche des Heiligen aufgestellt werden konnte. „ES hat gewogen an Messing 157 Ctr. 29 Loth und kostete der centhner daran 20 fl.: thut in Summa 3145 fl." Seit dem Jahre 1507 hatte dieser berühmteste deutsche Erzgießer an die Herstellung des Grabmals, als eines der kunstvollsten Werke der Welt in dieser Technik, sein ganzes künstlerisches Können gesetzt. — Wenn Albrecht Dürer in Italien sich als Herrn, in seiner deutschen Vaterstadt aber als Knecht fühlte, so erging es seinen besten Standes- und Heimathsgenossen noch viel trauriger. Michael Wohl- gemuth, der bedeutendste Maler und Zeichner — auch Bildhauer — deS XV. Jahrhunderts, konnte sich mit seiner Familie nur durch mehr oder weniger handwerksmäßige Massenproductionen — unter denen aber doch manche Perlen deutscher Kunst — hochhalten. Adam Krafft, der Bildner der weltberühmten „Nürnberger hl. Stationen", des wunderbaren „Sakramentshäuschens" in St. Lorenz zu Nürnberg und anderer höchst bedeutungsvoller Steinbildwerke, starb in Armuth im Schwabacher Spitale, und seine Wittwe mußte ihr Häuschen zur Befriedigung der Gläubiger verkaufen. Weit Stoß, der berühmteste Name aller Holzschnitzer, einer der zartesten und innigsten Darsteller von Madonneubildnissen, wurde aus Noth sogar ein gebrandmarkter Urkundenfälscher. Hans Holbein der Aeltere, unstreitig einer der vornehmsten und edelsten Maler echt christlicher Darstellungen, dessen Gemälde unbezahlbar geworden, lebte in Augsburg in solch drückender Armuth, daß er noch in den letzten Jahren seines Lebens, oft wegen geringfügiger Summen, wiederholt ausgepfändet wurde. Da ist denn nur natürlich, daß sein Sohn, der ebenso berühmte Hans Holbein der Jüngere, sobald er zur Selbständigkeit erwachsen, sich aus dem deutschen Staube machte, um nie wieder nach seiner Vaterstadt zurückzukehren. Fand er doch in der Schweiz und in England, was er suchte, Ruhm und Verdienst. Die vorhin Genannten konnten es bis auf Dürer, den Leistungsfähigsten von ihnen, trotz ihrer genialen unermüdlichen Arbeitskraft, mit der sie so zahlreiche, unübertreffliche Werke schufen, nicht dahin bringen, neben dem ihnen billig geschenkten Ruhm auch jene sorgenfreie Existenz zu erringen, die solche Künstler für diese Gott und die Menschen erfreuenden Werke zur gesicherten Grundlage fröhlichen rüstigen Weiterschaffens verdient hätten. Mit ihrem Tode erstarb aber auch die vornehmste Blüthe religiöser Kunst in Deutschland. Wie zu den Zeiten, der genannten großen Altmeister herrscht auch heute wieder vielfach ein gewisses Ausbeutungssystem der bessern producirenden Kräfte, die gerade auf dem vorwürsigen Gebiete und von der Seite, die dies am wenigsten zulassen, noch weniger aber selbst direkt befördern sollte, höchst bedauerlich ist. Bei diesem System kann die christliche Kunst nicht gedeihen. Sie geht keinen Schritt vorwärts, vielmehr, wenn nicht eine allgemeinere kräftige Reaktion eintritt, den unvermeidlichen Krebsgang bis zum bloßen segenslosen Hand- und Fabrik- werk. Es ist ja freilich auch richtig, daß die Mittel für Kunstzwccke gerade bei den noch am meisten christlich gesinnten mittlern und niedern Ständen immer mehr zusammenschrumpfen. Aber auch zur Zeit der Blüthe der christlichen Kunst „stand man nicht bei vollen Geldsäcken", wie August Neichensperger bemerkt. Es kommt daher umsomehr daraus an, die noch vorhandenen Mittel zusammenzuhalten und in rechter, die wahre Kunst fördernder Weise zu verwenden. Sind bloß ein paar tausend Mark vorhanden, so kann man damit nicht gleich eine ganze Kirche mit reichem Bild- und Figurenschmuck von Künstlerhand ausstatten wollen. Da muß man sich vorläufig mit dem einen oder andern Kunstwerk begnügen. Und es ist immer besser, wenn eine Kirche auch nur eine einzige würdige, wahrhaft lebens- und wirkungsvolle Kunstschöpfung, die der Künstler mit innerer Lust und Andacht gleichsam aus seinem Herzen erzengt hat, besitzt, als wenn die ganze Kirche mit handwerksmäßiger, nichtssagender Kunstwaare, wenn sie auch noch so goldig glänzte, überfüllt wäre. (Fortsetzung folgt.) Ueber die frühchristlichen Thiersymbole von Achmim-Pauopolis in Overägypten und in den Katakomben. Studie von Dr. G u st av A. M üllcr, MuseumSbevollm. und Herausgeber der „Autiquitäten-Zeitschrift" in Straßburg i. E. (Fortsetzung.) Der Löwe. Die Bedeutung der Funde von Achmim für die Kenntniß des christlichen Alterthums kann uns schon das Symbol des Löwen lehren. Noch 1879 mußte F. X. Kraus in seiner trefflichen sottsrranea" bekennen: „auf altchristlichen Monumenten ist der Löwe mit Sicherheit nicht nachzuweisen." Allerdings war der Löwe, das natürliche Sinnbild der Stärke, der Macht, des Muthes, dem christlichen Jdeenkreis nicht fremd: faßt ihn doch Augustinus als Symbol Christi, des Löwen vom Stamme Juda, auf, und kannte man darnach doch den Löwen — Christus als Gegensatz zum brüllenden Löwen — Widersacher, ähnlich, wie wir einen Jchthys — Christus und einen Jchthys — Satan kennen, und wie wir im Adler ein gutes und ein böses Motiv vorgefunden haben. Man kann wohl nicht die Rarität des Löwen auf altchristlichen Monumenten des Abendlandes damit erklären, daß man sagt, hier sei der Löwe kein einheimisches und dem Vorstellungssinn vertrautes Thier gewesen. Das ist er auch für uns nicht und war er im Ernste betrachtet auch für den ägyptischen Christen nicht. Im Gegentheil: der römische Christ kannte den Löwen sehr gut aus der Arena, und der Ruf „uä Isouss« gellte ihm eine Zeit lang in den Ohren, wie ein schrecklicher Schlachtruf. Ich halte das für bedeutsam. Wohl nimmt Paulus schon und nahm die älteste Monumental- sprache mit Vorliebe ihre Symbolik und ihre Vergleiche aus der Palaistra, dem Stadion, der Arena: allein wie es den Christen lange widerstrebte, den Kreuzestod ihres Erlösers in seiner damaligen Schmachbedeutung 163 oder das Kreuz offen darzustellen, so mochte es ihrem Gefühl widersprechen, den Löwen, diesen schrecklichen Mörder so vieler Glaubenszeugen, zu einem häufigen Symbol zu erheben. Wie es in Achmim um die Verfolgung und ihre raffinirten Torturen stand, ist nicht leicht zu sagen. Wir zweifeln in jedem Falle an einer „absoluten Gleichheit" der Lage hier und dort, einmal weil wir das pro- vinziale Christenthum nicht in allem mit dem römischen vergleichen dürfen und dann weil die uns vorliegenden Funde, auf Grund deren allein wir zu urtheilen haben, immerhin keine allzu blutige Sprache reden. Wie dem immer sei, soviel ist sicher, daß wir auf den altchristlichen Denkmälern Oberägyptens dem Löwen geradezu oft begegnen, und zwarmeistin sichtlich symbolischer Bedeutung. Schon bei Betrachtung des Bildes vom „Hasen", auf das wir besonders hier verweisen, haben wir den Löwen in Gesellschaft unstreitig symbolischer Thiere und in nicht mißzuverstehender Situation bemerkt: so auf meinem hochwichtigen Clavus, der uns zwei Hasen und einen Löwen mit rothen Zungen vor einem verhüllten Kreuze zeigt, so auf Forrers Bordüre, wo wir Hasen, Löwen und Gazellen einem orux Asiumata. zustreben sehen, so auf dem Clavus, der uns Tauben, Hasen und Löwen in Medaillons vor einem stark verhüllten Kreuz (oder Weihbrod?) sehen läßt. Hiezu kommen zahlreiche Nummern, die uns Löwen undGazellen bieten, vielfach mit Hasen vergesellschaftet, so daß nicht die Spur eines Zweifels darüber aufkommen kann, daß der Löwe hier in irgend einem Sinne den starkmuthigen, emporstrebenden Christenglauben symbolisire. Ein sehr interessanter, leider in Folge allzudefekten Zustandes zur Neproduction ungeeigneter Clavus enthält „die Arbeiten des Heracles". Das Stück ist nach Stoff, Farbe und Zeichnung durchaus „spät", das heißt höchstens aus dem V. — VI. Jahrhundert. Man braucht, wenn ich schon (wohl unter allgemeiner Zustimmung) aus diesem Grunde das Bild der christlichen Kunst überweise, nicht zu meinen, Herkules käme auf die altchristlichen Monumente „wie Pontius ins Credo". Wir wissen ja, daß neben Orpheus und Theseus auch die Gestalt des Heracles in christlichem Sinne Verwendung fand! Daß auf allerdings „synkretistischen" Darstellungen selbst die Venus eine Rolle spielte, sei nur flüchtig erwähnt. Für Orpheus aber, für Theseus und H eracles muß die christliche Uebernahme eines mythologischen Typus archäologisch anerkannt werden. Für Heracles gilt das noch für die späteren Jahrhunderte. So fand ihn Forrer mit mir auf dem herrlichen romanischen Riesentaufbecken, das als „Teufelsstein" im Pfarrgarten zu St. Ulrich im badischcn Breisgau (bei Krotzingen- Bollschweil) zu schauen ist; hier fignrirt er als eine Art Schlußbild unter Aposteln und Propheten, neben Christus und Maria. Doch zurück zu unserem Clavus. Ein Bild zeigt uns den Heracles, zwei Löwen niederdrückend. Ich erblicke hierin eine Allegorie auf den Sieg des Christenthums über das Heidenthum, es dem Leser überlassend, diesen allegorischen Sinn nach gegebenen Mustern noch weiter zu variiren. Ochs und Stier. Auf den altchristlichen Monumenten ist der Ochs ein sehr seltenes Symbol. Wir betonen das letztere Wort, denn in Verbindung mit dem Sujet der Geburt Christi, das zumal auf Sarkophagen des IV. und V. Jahrhunderts öfter erscheint, ist der Ochs keineswegs eine seltene Zugabe. Mit seiner symbolischen Bedeutung kann man nicht allzuviel anfangen, selbst die sonst so ergiebigen Väterstellen sind wenig mittheilsam. Man ist daher genöthigt, sich zunächst an die Worte des Cassio- dorius zu halten, der erklärt: „unter den Ochsen seien die Prediger zu verstehen, welche die Brust der Menschen glücklich pflügen und in ihr Gemüth den fruchtbaren Samen des himmlischen Wortes ausstreuen." Wir gestehen aufrichtig, daß wir mit diesen Worten die Symbolik des Ochsen weder fassen, noch sie als natürlich und darum als wahr zu verstehen vermögen. Das mag eine Symbolik sein, wie sie die Schultheologie für ihren Hausgebrauch gebrauchen kann: volksthümlich ist sie nur, wenn sie auf etwas Volksthümliches recurrirt. Es gehört aber eine kleine Spitzfindigkeit dazu, ohne äußere oder innere Veranlassung in dem Ochsen, der unter andern: auch zum „Pflügen" angehalten wird, das richtigste Symbol für die geistige Pflugarbeit des Evangeliums zu erblicken. Die Lösung des Räthsels kommt unseres Trachtens nicht von der „Predigt des Evangeliums", die dem Pflügen der Aecker gleicht, sondern kun st geschichtlich kommt sie aus der Betrachtung der Darstellungsweiss der vier Evangelisten in der altchristlichen Kunst. Das Symbol des Ochsen hat keine allgemeine, sondern eine spezielle Unterlage. Achmim liefert dafür entscheidende Beweise. Wir müssen, um unsern Schluß übersichtlich vorzubereiten, wider unsern Willen zunächst Bekanntes wiederholen, und wir können nicht besser sagen, was F. L. Kraus unter Quellenangaben so schön und klar zusammengestellt hat: „Nachweislich schon im II. Jahrhundert war es üblich, die geheimnißvollen Thiergestalten auf die vier Evangelisten zu beziehen. Die Deutung war freilich nicht immer die gleiche. So entspricht bei Jrenäus aäv. kasr. der Löwe dem Johannes, das Rind dem Lucas, der Mensch dem Matthäus, der Adler dem Marcus. Augustinus bezieht dagegen den Löwen auf Matthäus, den Menschen auf Marcus, das Rind auf Lucas, den Adler auf Johannes." Unsere heutige Deutung ist bekanntlich für den Menschen Matthäus, für Marcus der Löwe, das Rind für Lukas, für Johannes der Adler. „Zu ihrer Begründung beruft sich Hieronymus auf die Anfänge der einzelnen Evangelien: Matthäus beginnt mit der menschlichen Herkunft des Herrn, Marcus mit der Stimme des Rufenden in der Wüste, Lucas mit der Geschichte des (opfernden) Priesters Zacharias, Johannes aber schwingt sich in erhabenem Fluge über die Erde empor zur Betrachtung des ewigen Wortes." Blicken wir auf die altchristlichen Monumente, so sehen wir die Evangelisten anfangs in ganzer Figur, seit dem V. Jahrhundert auch im Brustbilde dargestellt. Die symbolische Abbildungsart greift aber bereits gegen Ende des IV. Jahrhunderts Platz, ein Umstand, der für uns von wesentlicher Bedeutung ist. Kraus führt uns chronologisch die einzelnen Darstellungen vor, denen wir in Kürze folgen: 1) Mosaik von St. Pudentiana in Rom, ca. 384—398: links vom Beschauer Engel und Löwe, rechts Stier und Adler, die drei Thiere ebenfalls geflügelt, ohne Inschriften; 2) ähnlich wie 1), jetzt zerstört, Mosaik von S. Sabina; 164 8) Sta. Maria Maggiore, dieselbe; 4) Mosaiken von Ra- venna um 440; 5) dito von S. Ambrogio in Mailand; 6) dito von S. Paolo f. l. m. in Rom. Ferner 7) ca. 530 S. Cosma e Damiano in Nom: Engel und Adler mit Buch; 8) S. Prisco in Capua vetere und 9) S. Apollinare in Classe mit veränderter Ordnung: Adler, Engel, Löwe, Stier, VI. Jahrhundert; 10) S. Teodora in Rom, ca. 640: zu je zwei mit Büchern, Stier und Engel, Löwe und Adler; 11) S. Prassede in Nom, Löwe und Engel, Adler und Stier, alle mit Flügeln, Nimbus und Buch; S. Marco in Nom 828—844: Stier, Engel, Adler, Löwe — wie die vorigen. Dazu kommt ein Evangeliendeckel von Mailand aus dem V. Jahrhundert mit Engel und Stier, die sechs Flügel, Nimbus und Buch haben. Wichtig ist noch das „die altchristliche Tradition bewahrende" Pult der hl. Nadegundis in Poitiers: Adler und Mensch, Stier und Löwe in Medaillons und ohne Nimben. Bemerkenswerth, allerdings unser Räthsel leider nicht lösend, ist seit dem V. Jahrhundert die Darstellungsweise, die Evangelisten in ganzer menschlicher Figur neben den Symbolen abzubilden. Für uns am wichtigsten indessen erscheint die Bemerkung von Cahier, wonach auf mehreren spanischen Darstellungen der Stier für Marcus vorkomme. Hier beginnen wir unsere Deutung für.die Ochsfiguren von Achmim. Wie die obige kurze Aufzählung schlagend beweist, kann davon nicht die Rede sein, daß die exegetische Begründung unserer Deutung, Matthäus — Mensch, Marcus — Löwe, Lncas — Ochse oder Stier, Johannes — Adler, durch Hieronymus, so plausibel und sogar richtig sie für den einmal fest fixirten Typus ist, in der alten Kunst von Anfang an als stilles Gesetz gewaltet Habei Willkürlich, d. h. verschieden von dem heutigen Usus, ist zunächst die Reihenfolge der Symbole. Nun fragt es sich, ob die so veränderte Reihe der Symbole auch eine Aenderung in der Reihenfolge der Evangelisten bedinge, oder ob letztere stets stehen blieben und die Symbole für sie allein wechselten? Das Eine ist so bedenklich und unbedenklich wie das Andere! Es genügt allein schon die Thatsache der Wandelbarkeit, um in der Deutung alter Monumente in gewissem Sinne freie Hand beanspruchen zu dürfen. Allerdings muß, wenn eine Beziehung dieses oder jenes Symbols auf einen andern als den hiefür typischen Evangelisten angenommen wird, die Deutung des Hieronymus an dogmatischer Gewißheit verlieren. Wer sagt uns aber, daß Hieronymus die älteste Auffassung oder doch die allgemeine in seiner Exegese wiedergibt? Denn es ist nicht sicher, angesichts der Variationen in der Symbolenreihe auch gar nicht von vornherein wahrscheinlich, daß dieselben Symbole überall denselben Evangelisten vertraten! Was Cahier von etlichen spanischen Darstellungen sagt, klingt durchaus nicht wundersam für den, der die oben skizzirte „Verschiedenheit der Reihenfolge in den Symbolen" bedenkt. Kommt dazu noch die Betrachtung aller Einflüsse, denen die hispanische Kirche in den ältesten Zeiten erlag, die geschichtlich wie legendär verbürgte Einwirkung orientalischer Anschauungen, so ist die Deutung des Ochsen als Symbol für Marcus nicht schwer zu begründen, zumal im Hinblick auf das Folgende, nämlich auf — Achmim. Achmim-Panopolis hat, wie seine Necropole beweist, sehr frühe dem Christenthum sich erschlossen. Es empfing die Botschaft des Heils direct oder indireet über Ale- xandrien. Die alexandrinische Christengemeinde hatte in der Urkirche eine hervorragende Stelle. Ihre Begründung führt die uralte und ununterbrochene Tradition auf den heiligen Ma rcus zurück, wie Eusebius bezeugt. Bevor er in Alexandrien Bischof ward, hatte Johannes Marcus erst den Paulus und Barnabas, dann den Petrus begleitet. Wie lebhaft sein Gedächtniß als das des Stifters der bischöflichen Succession in der alexandrinische« Kirche fortlebte, bestätigt der Diacon Liberatus: „Zu Alexandria ist es Sitte, daß der Nachfolger des verstorbenen Bischofs bei der Leiche seines Vorgängers wache deS Todten Haupt auf sein eigenes Haupt lege, ihn mit eigener Hand begrabe und dann das Pallium des heiligen Marcus nehme und es sich umwerfe, worauf er rechtmäßig bestellt erscheint." Wie sehr Alexandrien an den philosophisch-speculativen, auch an den häretischen Bestrebungen im Urchristenthum Antheil nahm, ist aus der Kirchengeschichte hinlänglich bekannt. Marcus ist es zweifellos, dessen Person und Wirken die Signatur des apostolischen Urchristentums Aegyptens ist und als solche auch durch die verschiedenen kirchlichen Umwälzungen hindurch sich aufrecht erhielt. Es wäre so auffallend, daß es unglaubhaft wäre, wenn demgemäß die Person und die Evangelisations- thätigkeit des heiligen Marcus der altchristlichen Kunst Aegyptens keine Anregung gegeben Hütte, wenn nicht auch hier die Monumente in ihrer offenen oder in ihrer bildlichen Sprache eine Erinnerung gewahrt hätten an die apostolische Wirksamkeit des ersten Bischofs von Alexandrien, den wir als Apostel Aegyptens anzusehen haben. Leider ist es mit den Achmimfunden nach ihrer Ausgrabung nicht viel anders ergangen als bei derselben: Räuberei hat sie dem Boden „ohne Wahl" entrissen und Geldgier sie in aller Herren Länder getragen, bevor der Wissenschaft Genüge geschehen war. Ohne die Hingebung Forrers wären sie kaum mehr öffentlich zu der Bedeutung gelangt, die ihnen beigemeffen werden muß. So Müssen eben von verschiedenen Seiten und allmählich Beiträge auch für diese hier aufgeworfene Frage erwartet werden! Indessen fehlt es nicht an gewichtigen Anzeichen dafür, daß unsere Vermuthung richtig ist. Ich erblicke diese Anzeichen in drei Gegenständen, die Forrer, wie er selbst ja sagt, als „Forschungsmatexial" publicirte, von denen er aber einen allzu „römisch" gedeutet haben dürfte, das Wort „römisch" in vollem Ernste genommen. Ich meine mit letzterem die kleine Goldplaquette auf seiner Tafel XIII, Fig. 3, mit den Köpfen von „Petrus und Paulus" — und sonst die zwei Thonlampen mit der Figur des Ochsen. Zunächst die Goldplaquette, ein äußerst werthvolles Kleinod für den Archäologen. Forrer bezeichnet sie selbst als „früh" und betont: „Die Art der Darstellung weist auf das III. und IV. Jahrhundert." Die zwei Häupter erklärt er als „Brustbilder von Petrus und Paulus". Auf den ersten Blick erinnert auch das Ganze mächtig an das berühmte Bronce- medaillon in der vatican. Bibliothek, das als die älteste und wohl auch authentische Darstellung der beiden Apostel zu betrachten ist. Wir müssen in Kürze dabei verweilen. „Es hat ungefähr drei Zoll im Durchmesser, die Ausführung erinnert an den edlen Stil der classischen Kunst, und die Köpfe sind mit großer Sorgfalt gearbeitet. Nach Boldetti wurde es in dem Coemeterium der hl. Domitilla gefunden, und alles spricht dafür, daß dieses Denkmal zu den Zeiten der Flantschen Kaiser, als die griechische Kunst noch in Rom blühte, verfertigt wurde. Die Gesichter sind lebensvoll und natürlich und verrathen einen starkausgeprägten, individuellen Charakter. Einer der Köpfe trägt kurzes, gekräuseltes Haar, der Bart ist gleichfalls kurz geschoren und gekräuselt, die Züge siud rauh und gewöhnlich. Die Physiognomie des andern ist edler, unmuthiger und schärfer ausgeprägt, es ist ein kühner, stolzer Kopf mit langem und vollem Barte." Eine andere Bronceplatte aus der Katakombe S. Priscilla (oder S. Callisto?) und dem HI.—-IV. Jahrhundert zugehörig zeigt Petri Porträt in gleicher Auffassung. Jenes werthvolle Medaillon aber bestätigt die bei Niccphorus erhaltene Tradition über das Aussehen der beiden Apostel, nach welcher der Erstere Petrus, der Letztere Paulus wäre." Bon einigen „sehr mittelmäßig ausgeführten" Gläsern abgesehen, kehrt dieser Typus auf den Meisten Goldgläsern wieder. Prüfen wir daraufhin die Goldplaq nette von Ach mim näher, so können wir sie sichtlich nicht zu den schlechten Producten zählen. Aber ebensowenig wird unserm kritischen Auge Profil, Physiognomik, Haltung, Haar rc. des hl. Petrus darauf erscheinen. Wohl ist der Kopf zu unserer Linken sicher ein Pauluskopf, allein ebensogewiß ist jener zur Rechten, nach dem vatikanischen Vorbild, keinPetruskopf. Wir sehen nicht das typische „kurze, gekräuselte Haar", nicht den „kurzgeschorenen und gekräuselten Bart", keine „rauhen und gewöhnlichen" Züge. Hier hilft nichts, um auf Petrus schließen zu lassen, wenn es sich um einen monumentalen Beweis handelt, den wir fordern müssen. Und mit „kirchengeschichtlichen" Conjectnren macht man die klare Tradition der Kunst nicht anders. So wenig man die gestimmte altheidnische Kunst nach dem langweiligen Recept der Herren Kunstforscher immer nach Roms Pfeife tanzen zu lassen braucht, ebensowenig darf man besonnener Weise, der Autorität des römischen Stuhles unbeschadet, das gesammte Urchri stenthum, dessen Einheit im Glauben und in der Liebe bestund, in seinem traditionellen Fühlen und Empfinden erst lange die „römische Schule" absolviren lassen. Dem Künstler von Achmim, wenn er mit Leib und Seele für die einheimischen Christen schaffte, lag, der Ehrfurcht vor dem hl. Petrus wiederum unbeschadet, die Tradition vom hl. Marcus nun einmal näher als die vom Bischof der römischen Kirche! So erblicke ich denn in dem Kopfe neben dem in der Gesammtkirche hoch angesehenen Völkerapostel Paulus dessen und des Barnabas Freund, Schüler und Begleiter, den hl. Marcus, den Apostel des ägyptischen Christenthums. Ueber den beiden Häuptern leuchtet je ein Stern, die Mitte überragt ein Kreuz. Schöner und sinniger konnte der Künstler die evangelische Missionsarbeit der beiden Apostel auf dem kleinen Raum nicht zum Ausdruck bringen! Und nun nach diesem scheinbaren Umwege zu den von Forrer producirten Thonlampen, von Achmim und jener von Köln mit dem symbolischen Bild des Ochsen. Es sind, wie die Abbildungen darthun, zwei durchaus verschiedene Darstellungen. Ob sie auch verschiedenen Sinn haben oder ob sie sich auch in ihrer Bedeutung vereinigen lassen? Die eine Lawpe zeigt uns nur den Kopf eines Stieres, ohne jede weitere Zuthat. Wiewohl von „Kölner Provenienz", hat sie Forrer doch mit Recht neben die folgende von Achmim gestellt, da ihre orientalische Herkunft nicht unmöglich, sie aber schon an sich beachtenswerth ist. Um so bedeutungsvoller ist die zweite Lampe. Sie zeigt einen springenden Ochsen mit darübergestellter Palme! Nun kennen wir die Palme als Symbol des Martyriums; aber daS ist nur eine ihrer mehrfachen Bedeutungen. Sie ist seit Alters das Zeichen des Sieges, im christlichen Sinne das der Vollendung. Nach Ambrosius bedeutet sie „den Sieg in jenem Kriege, welchen Fleisch und Geist mit einander führen". Wie sollen wir nun unser Bild deuten? Wenn der Stierkopf auf der „Kölner" Lampe einen Evangelisten symbolisirt, so erst recht diese Ochsen- figur, die sich durch die Palme als christlich documentirt. Gewiß hat sie einen allgemeinen Sinn, etwa in der Anschauung des Cassiodorius; allein der Fundort verleiht ihr auch eine spezielle Deutung. Wir fassen demnach auf unserer Lampe die Figur des palmen- geschmückten Ochsen als ein Symbol des ägyptischen Christen, dessen Seele durch die Predigt des Evangeliums aus dem Munde der Marcusschüler wie ein Ackerfeld gepflügt und besät worden ist, und die siegen soll durch die Kraft, die im Glauben und im Worte Gottes liegt. Weitere Darstellungen könnten, wenn sie nicht wirklich Neues bieten, diese Deutung nur bekräftigen. (Fortsetzung folgt.) Neise-Briefe aus dem Orient von Dr. Seb. Euringer. (Fortsetzung statt Schluß.) Nun ging es an einem Beduinenfrkedhof vorbei. Jeder Friedhof hat einen Weli, d. i. ein Heiligengrab, das besonders ausgezeichnet ist. Wenn nämlich ein Mensch verrückt ist, den Verstand verliert, so wird er als Heiliger angesehen; denn sagen sie, seine Seele ist bereits im Paradies, und darum kann er nicht mehr vernünftig reden. Diese psychiatrisch-theologische Anschauung hat daS Gute für sich, daß die unglücklichen Irrsinnigen vor jeder Nohheit und Inhumanität geschützt sind. Nach dem Tode wird auf dem Friedhof über seinem Grabe aus unbehauenen Steinen ein Haus errichtet, damit man von weitem schon dasselbe erkennt. Die Gräber der andern Leute siud sehr einfach; der Todte wird in das Grab gelegt, darüber der Sand geglättet, hie und da auch ein kleiner Sandhügel errichtet und Kopf- und Fußende je durch einen aufrecht stehenden spitzigen Stein bezeichnet. Eine solche Begräbnißstätte sieht aus, als ob Kinder mit Steinen gespielt hätten. Wir betreten das bekannteste und berühmteste Thal der Halbinsel, das Thal der Inschriften, oder Wadi Mokattam. Es hat seinen Namen daher, daß die Sandsteinblöcke, welche am Fuße der Bergwände liegen, zahlreiche Inschriften in semitischen Charakteren tragen. Zwar finden sich auch in vielen andern Thälern ziemlich häufig derartige Inschriften, aber hier ist fast jeder freie Platz beschrieben. Da die Buchstaben den hebräischen und phönizischen gleichen, so hat man lange Zeit sie für Zeugnisse der auswandernden Jsraeliten gehalten. Diese Ansicht ist durch die Entzifferung derselben hinfällig geworden, und im allgemeinen sind diese Inschriften sehr bedeutungslos. Es waren Nabatäer (Hauptstädte waren 166 Petra und Bosra), welche vom II. Jahrhundert v. Chr. bis zum IV. n. Chr. diese Schreibeübungen verübt haben. Der Inhalt ist meist derselbe: „Friede und Glück! N. Sohn des R., Sohn des N.", oder „Erwähnt werde R. Sohn des R. rc." Einige sind datirt, gerechnet wird nach der Eparchie oder der Aera von Bosra, welche im März 105 n. Chr. beginnt. Einige wenige sind griechisch, darunter eine interessante. Ein Diakon Job hatte sich urschriftlich verewigt. Daneben schrieb ein christenfeindlicher Soldat: Lullon §6nos tuto e§c» stratiotss sZrupsa.: „Ein schlimmes Geschlecht das, ich der Soldat habe es geschrieben." Den Inschriften sind auch Zeichnungen beigefügt, welche in ihrer Ausführung an die Nandzeich- nungen aus dem Schreibhefte des kleinen Moritz erinnern. Kamele, Esel, Männer, auch die Sonne und der Mond wurden oft in großer Zahl auf die geduldigen Steinblöcke geritzt. Beer, Tuch, Palmer, Euting, Lepsius haben sich um Sammlung, Veröffentlichung und Entzifferung dieses „Fremdenbuches" verdient gemacht. Eine halbe Stunde vor dem Ende des Thales wehte mir die deutsche Fahne von der Spitze meines Zeltes entgegen, und da wir früh daran waren, hatte ich Zeit, die Steinblöcke in der Umgebung meines Lagers genau anzusehen. Dinstag den 13. März mußten wir wieder einen Paß überschreiten und gelangen bald in das vom Meere sich heraufziehende Wadi Uran, dessen schwarzgraue Granitmauern steil abfallen und ein unheimliches, drückendes Gefühl erregen. In diesem Thals ist die Wüste Sin nach meiner Ansicht zu suchen, wie auch die nächsten zwei Lagerplätze. Hier wäre also zum ersten Male das Manna gefallen. Alle Jahre im Sommer wird von den Beduinen ein Harz, welches sie Man nennen, gesammelt und nach Kairo zum Verkauf gebracht. Dieses Man, welches auch im Tempellaboratorium von Edfu (gebaut unter den Ptolemäern) als Manu (oder Mann») bezeichnet wird, rührt von dem Stich eines Jnsectes (Ooocms manni- xurus) in die Rinde des Tarfastrauches (eine Tamarisken- art) her. Aus den Stichwunden träufelt der Saft auf den Sand und verhärtet sich dort. Man vergleiche diese Genesis mit dem Berichte der Bibel, und man wird finden, daß das biblische Manna denn doch etwas anderes gewesen sein muß. Weiter. Ich habe mir in Kairo eine ziemliche Quantität Manna gekauft, und da nach den Worten der Bibel das Manna wie das Dumharz ausgesehen und wie Koriandersamen mit Honig geschmeckt hat, so habe ich mir auch diese beiden Substanzen verschafft. Das Ergebniß meiner Untersuchung ist: Das Aussehen ist wie das von Dumharz, aber der Geschmack stimmt nicht. Aber last not Isast: als ich im Bazar der Gewürzhändler in Kairo ganz begierig auf das mir gezeigte Manna losschoß und mich anschickte, davon zu essen, warnte mich der Verkäufer gleich nach dem ersten Bissen, ich solle nur sehr wenig genießen, da es — Diarrhöe verursache! Und davon sollen die Juden 40 Jahre lang täglich ein Omer gegessen haben!! Ich glaube, dieser letzte Grund schon allein dürfte eine Identifikation des wunderbaren Mannas mit dem Manna der Tarfastaude verbieten. Daß dieses Harz den Namen Manna erhielt, ist leicht einzusehen; die Süßigkeit ist das tsrtium eomparationis. Es geht den ganzen Tag durch dieses lange Wadi immer auswärts, scheinbar gerade aus, aber mein Barometer geht immer weiter zurück, ein Zeichen, daß wir steigen. Was ist denn ein Wadi, werdet ihr fragen? Wir hören jetzt diesen Namen so oft. Es ist nichts anderes, als ein Thal, ein ausgetrocknetes Flußbett, das sich bei Regen in einen reißenden Strom verwandeln kann. Der Boden ist ganz mit Sand bedeckt, dazwischen liegen Steintrümmer, bald Quarz-, bald Fenersteintrümmer, die wie schwarze Glasscherben aussehen, bald Granit-, bald Sandstein rc. rc. Immer oder fast immer findet sich Vegetation, wenn auch nur spärlich. Jetzt steht alles in Blüthe. Die wohlriechende Ginster mit ihren weißen Schmetterlingsblüthen sieht wie bepndert aus, eine Wehr- muthart mit scharfem Geruch hat fast ebensoviel^ kleine gelbe Blüthen als Blätter, die eigenartigen Seyalakazien, die sanft gefiederten Tarfasträucher; muntere Eidechslein erfreuen sich an der Sonne, bedächtig schreitet ein schwarzer Käfer, dessen kunstvolle Fallen (Trichter im Sande) uns häufig begegnen; alles vereinigt sich mit der ganzen Umgebung zu einem Bild, das seinen Reiz hat. Am Abend, wenn der Mond alles mit grünlichem Lichte überzieht, ist es, als ob man am Ufer eines Sees stehe. Diese Wadis sind sehr breit und sind die natürlichen Straßen in der Wüste. Besser geebnete Heerstraßen hätte auch der größte Bauherr der Welt, Namses, nicht schaffen können. (Schluß folgt.) Die heilige Cäcilia, Oratorium für Soli und Chor, mit Klavierbegleitung und verbindendem Text mit oder ohne lebende Bilder. Dichtung von Franz Bonn. Musik von Michael Haller. Op. 57?) Z Ein ganz eigenthümlicher Hauch und Duft heiliger Poesie umschwebt und durchzieht die Legende jener römischen Jungfrau und Martyrin, von der Theodor Körner gesungen, daß sie „als Meisterin in jeder Kunst der Töne dem Glauben ihr begeistert Lied" geweiht: Und als sie einst in tiefen Harmonien, Ergriffen von dem liederreichen Drang, Der cw'geu Liebe ihre Lieder sang, Vernahm sie wunderbare Melodien. Sie blickt empor mit frommem Ungestüm, Da öffnen sich des Himmels goldne Pforten, Und eS erklingt in heiligen Accorden Das Siegeslied der Cherubim. Und schnell zerreißt sie ihrer Harfe Saiten, Erröthet still in jungfräulicher Scham. — Da sie das Lied der Himmlischen vernahm, Mag sie sich nicht an ird'schcn Tönen weiden, In süßer Wehmuth bricht ihr frommes Herz; Die Sängerin muß nach den Liedern ziehen — Und ausgelöst in hcil'gen Melodien Fliegt ihre Seele himmelwärts. Mit Recht wird die hl. Cäcilia als Patronin nicht bloß der lllrwios, saera, sondern aller heiligen Kunst betrachtet und verehrt, und es ist wohl begreiflich, wenn Dichter, Sänger und Maler gerade diese heilige Jungfrau - Martyrin, „deren Leiche", um ein Wort des hochw. Bischofes Zardctti zu gebrauchen, „noch im Aroma der Jungfräulichkeit der Verwesung widersteht, und deren Marmorbild auf dem Grabe in Rom den Grundcharakter jeder Schönheit, Kunst und Formvollendung, nämlich die Vermählung von Majestät und Einfachheit, offenbart," so gerne zum Gegenstände ibrcs künstlerischen Schaffens erwählen und die größten Meister dieser Heiligen in Bild und Sang und Dichtung den Tribut ihrer Huldigung gezollt haben. Die größten Meister hat sie angeregt, In Liedern und Gemälden allezeit Sie zu verherrlichen. ES wäre nur zu wünschen und für die Kunst der größte Gewinn, wenn alle ihre Jünger an diesem Ideal sich bilden und begeistern würden. „Ich habe mir", schrieb *) Druck und Verlag von I. Habbel. Regensburg 1894. Partitur 3 M., Chorstimmen ü 30 Pfg., Textbuch L 40 Pfg. Altmeister Glühe am 19. Oktober 1786 aus Bologna, „die Gestalt der hl. Cäcilia und noch mehr der hl. Agatha" (deren Bilder der Dichter in Bologna sah) „wohl gemerkt und werde ihnen im Geiste meine Jphigenie vorlesen und meine Heldin Nichts sagen lassen, was diese Heiligen nicht aussprechen möchten". Und die Jpbigenie wurde ein Muster-Drama von klassischer Erhabenheit und Reinheit. Auch unser laudSmänuischer Dichter Franz Bonn, dessen Gedichte „Für Herz und HauS" eine so allgemein beifällige Aufnahme gefunden und bereits in zweiter Auflage erschienen sind, hat seine Harfe wiederholt dem Lobpreis der bl. Cäcilia gewidmet. Bereits vor ein paar Jahren ist im Habbel'schen Verlag erschienen: „Die heilige Cäcilia. Schauspiel für die Jugend. Musik von Mich. Halter." Die Kritik hat sich sehr lobend über dieses Werk der Bonu'schen Muse ausgesprochen und u. A. daran gerühmt, daß „über dem Ganzen ein solch gebeimnißvoller Zauberreiz liegt, der den Geist des Hörers in die Sphären zwischen Himmel und Erde erhebt, und das ist eben die frommkindlichc Auffassung und Begeisterung, die durchs Ganze weht und in menschlich-sündigen Figuren erst den unmalbaren Tugendglanz der guten Geister ins rechte Licht setzt." Der thatsächliche Erfolg der Aufführungen dieses Schauspieles mit der so ergreifend schönen Haller'schen Musik entsprach vollauf der lobenden Kritik. Wir wissen nicht, ob vielleicht in diesem Erfolge für Dichter und Compositeur der Impuls, der Anlaß lag, sich nochinal und zu noch höherem Schwünge zur Verherrlichung der hl. Cäcilia zu erheben und ein Kunstwerk zu schaffen — „Bei dem es uns umschwebt wie Orgelton, Gemischt mit dem Gesang von Himmelsstimmen." Der Dichter gebraucht diese Worte in Bezug auf den „Namen" Cäcilia — aber wir dürfen sie auch auf das genannte Oratorium anwenden, in dem uns „in Wort und Bild, begleitet von Gesängen" gezeigt werden soll, „wie ihr die Krone ward.- die dreifach sie, die Äuscrwählte, schmückt, der Jungfrau'» Krone, des Apostolats und des Martyriums". Und fürwahr, Dichter und Komponist haben die sich gesetzte Aufgabe meisterhaft durchgeführt, und nicht vergeblich hat der Dichter im Eingang die heilige Heldin angerufen: Q leihe du Dem Worte Schwingen und dem Tone Kraft, Daß deiner würdig wir dich feiern mögen — Du Meisterin der Tonkunst — St. Cäcilia! Wir tragen kein Bedenken, dieser Dichtung einen der ersten Plätze unter den Boun'schen Schöpfungen anzuweisen, sie zu dem Schönsten und Besten zu rechnen, womit uns der gottbegnadigte edle Dichter schon erfreut hat. Hier hat er sich als Dichter nicht bloß „für HauS und Herz", sondern, wenn wir so sagen dürfen, für Welt und Kirche, Erde und Himmel, Zeit und Ewigkeit erwiesen. Es sind so klang-, so inhaltsvolle Verse! Tiefe, ewige Wahrheiten, erhabene Gedanken, das Größte, was des Christen Herz bewegt, was uns der Dichter in schönster Form vor die Seele führt. Man könnte den Inhalt dieser Dichtung in die bekannten Worte Brentano'S kleiden: O Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit! Und wie klingt alles so jugendlich frisch und begeistert wie ein FrühlingSsang, so daß man glauben möchte, der Dichter besitze das Geheimniß, aus dem „Jungbrunnen" zu trinken! Dasselbe kann man auch von der Haller'schen Musik sagen, welche einem immer klaren und frischen Bergquell gleicht und an welche man, wie an die kirchlichen Compositionen des RegenS- burger Palcstrinajüngcrs, den sichersten Maßstab wahren Kunst- tvcrlhcs anlegen und sagen kann: Je öfter man sie hört, desto mehr erfreut und erquickt man sich an ihr. Es ist uns schwer, uns zu entscheiden, welchem von den acht Tvnstücken, die sich unmittelbar an die Dcklaination anschließen („Wo der Dichter keine Worte mehr findet, da soll der Musiker mit seinen Tönen eintreten", sagt Grillparzer) — „Chor der Geister — Brautchor — Terzett — Solo und Duett — Kriegerchor — Engel- chor — Trauerchor — Schlußchor (Lobpreis und Anrufung der Heiligen) — wir den Preis der klassischen Schönheit zuerkennen sollen. „Poesie und Musik sind zwei liebliche, verwandte Genien", sagt ein Kunstschriftsteller, und wenn beide in schöner Eintracht zusammenwirken, dann muß ein schönes Werk erstehen. Und wenn zu dem Wort und Ton auch noch die lebenden Bilder sich gesellen in der entzückenden Farbenpracht und Gruppiruug, wie eS bei der ersten Aufführung des Bonu-Haller'schen Werkes in NegenSburg geschehen ist, dann Wird dasselbe überall die Zuhörer und Zuschauer in derselben Weise befriedigen, erbauen, erheben und begeistern, wie eS in Regensburg geschah, und wird man überall dem NegcnSburger Meisterpaar Dank wissen für diese schöne Gabe! Recensionen rmd Notizen. Spanien in Wort und Bild, Herausgegeben unter Mitwirkung Sr. Kaiscrl. u. Kgl. Hoheit Erzherzog Ludwig Salvator, Mons. Professor I. GrauS, Domcapitular Kirchberger, R. Frhr. von Bibra, Mrs. Will Trclsall. Mit 157 Illustrationen und 1 Karte von Spanien. Würzburg, 1894. Quartausgabc. Verlag von Leo Wörl, k. u. k. Hosbuchhandlung. 607 S. Preis geb. 9 M. 8. Das außerordentliche Interesse, welches obgenannteS Buch, sowobl als reich illustrirtes Prachtwerk ersten RangcS, wie als hervorragende Schöpfung neuzeitlicher Länder- und Völkerbeschreibung, auch dein etwas verwöhnten Leser darbietet, ist begründet in der wahrhaft mustergiltigcn Darstellung und Schilderung eines Landes und Volkes, welches an sich schon als höchst eigenartig und für sich einnehmend gilt, wie in dem vollendeten Ensemble selbst, zu welchem die einzelnen, das Ganze integrirenden Theile deö Werkes wie zu einem organischen Kunstgcsüge zusammentreten. Hat eS doch zum Gegenstände jenes originelle Land, das schon in der Jugend uns cnthusias- mirtc, das, von Sang und Sage gefeiert, von Poesie und Phantasie verherrlicht, noch immer als das „unausgesungcne Land" gilt, immer uns neu und immer uns ferneliegcnd. Hat es doch zum Gegenstände jenes ewig ernste, ritterliche und feierliche Volk, von dem der Dichter sagt: „Stolz lieb ich den Spanier." Ja, stolz, wie seiner Bewohner chcvalereöker und ccremvniöser Charakter, stolz, wie seine Geschichte und Romanze, ist das Vaterland jener Völkerstämme, deren verschiedene Wurzeln in die ehrwürdigsten Zeiten alter Tage hinabreichen. Stolz, wie seine Sitten und Gesetze, thürmen sich seine altersgrauen Städte, seine Burgen und Paläste, seine Kirchen, seine Rath- häuser, seine zahllosen Kunstbauten, seine Ruinen und Ueber- reste einer ersten und zweiten Cultur. Stolz ist das imposante Land, wie das interessante Volk. Welch herrlichen Vorwurf für die Schilderung bildet solch eine Vorlage mit der ganzen Maicnblüthe ihrer Vergangenheit, die auf Schritt und Tritt ihre Spuren zurückgelassen hat! Wer möchte nicht Spezielleres vernehmen von solch einem Volke mit seinen Kämpfen und Errungenschaften, seinen Festen, seinen Gebräuchen, seinen Gewohnheiten, von jenen Regionen mit ihren bald schwermüthig ernsten, bald sonnig heitern, bald grandiosen, bald idyllischen LandschaftSbildcrn, Bergen, Flüssen und Ebenen! Hier unfruchtbar und unangebaut, dort ein endloses Fest der üppigsten Cultur feiernd, zeigen sich uns in Spanien Scenerien, welche so ganz verschieden sind von denen unserer Heimath. daß wir den reizenden Darstellungen und fesselnden Beschreibungen dieser neuen Glanzpublikation mit gespanntem Ohre um so lieber lauschen, als die Vorführung all deö Geschilderten in einer wunderbar schönen Sprache sich vollzieht, welche mit plastischer Anschaulichkeit die Worte zu meißeln versteht und, bei feinster Wiedergabe auch des Details und geschmackvollster Ausmalung des Einzelnen, das Gesammtbild uns in reichen, satten Farben vors überraschte Auge zaubert. Betrachten wir uns den edlen Cirkel derjenigen, welche zu diesem gediegenen, formcnschönen, voll und ganz aus katholischem Standpunkte stehenden Werke mitgewirkt haben, so könnte dieser Kreis nicht besser gewählt sein und nicht glücklicher sich zusammengefunden haben: ein mit allen Vorzügen des Geistes und Wissens ausgerüsteter, mit unerschöpflichen Neisemittelu ausgestatteter kaiserlicher Prinz, Erzherzog Ludwig Salvator, dessen angeborener Liebe zur Sache, feiner Beobachtungsgabe, hohem Ansehen und geübtem Auge sich alles erschließt und aufthut, was Herz und Auge zu entzücken vermag. Ihm verdankt das Prunkwcrk neben andern: insbesondere die reizvollen Partien über die Balcarcn, sowie einen ganz hervorragend großen und schönen Theil der Bilder, welche in einer Anzahl von 157 vorhanden sind, so daß auf jedes Blatt fast eine Illustration trifft, eine Thatsache, welche den unvergleichlichen Schmuck des Werkes bildet, die in solcher künstlerischen Vollendung und Schönheit ihres Gleichen suchen. Wir begegnen im Kranze der Mitarbeiter sodann einem Prälaten, Mons. Pros. I, Graus, der als geistlicher Kunstkenner erster Güte sich bereits einen klangvollen Namen erworben, die geschilderten Länder selbst bereist, die von ihm gespendeten Bilder — kirchliche Kunstbauten — selbst an Ort und Stelle aufgenommen und gezeichnet hat. Wir kennen ihn bereits rühmlichst I aus seinem 1893 in L. Wörl's Neisebibliothek erschienenen Buche: I „Eine Rundreise in Spanien", als einen der tüchtigsten öfter- 168 reichischcn Spczialisten in kirchlichen Kunstbausachen und als vorzüglich unterrichteten Führer zu den Denkmalen namentlich der christlichen Kunst. Ein weiterer Würdenträger der Kirche, der in obigem Werke uns seine trefflichen Dienste leiht, ist Herr Domcapitular Kirchberger, den wir sür das sichere Gelingen solcher Leistungen als eine ganz eminente Kraft bereits längst erkannt haben. Endlich begrüßen uns zwei andere Scbriftsiellcr vom besten Klänge: N. Frhr. v. Bibra und Mrs. Will Threlfall, Autoren, in deren Händen die schildernde Sprache zum Bilde sich verdichtet, zum Liede sich gestaltet, zum Wohllaute wird, Meister dcö Wortes, unter deren Leitung hier sich alles, Wort und Bild, aufs herrlichste verschönt hat und sich schmiegt und fügt, gliedert und aufbaut zu einem Ganzen, das in vollendeter Kunst vor uns prangt. Wörl's „Spante n" kann nach substantiellem Inhalt und eleganter Form sich kühn dem Besten und Schönsten, was die Länder- und Völkerkunde in neuester Zeit hervorgebracht hat, an die Seite stellen. Gedanken und Schwung reißen den Leser mit sich fort. Auch die äußere Ausstattung ist von einer Eleganz und Vornehmheit, daß sie selbst fürstliche Augen nicht zu scheuen braucht. Einfach ist nur der Einband und gleicht darin jenen fürstlichen Damen, welche, nachdem neuestens das Gewöhnliche mit geborgtem schlecht- anstehenden Marktschrcicrputze sich in gemeiner Weise zu schmücken pflegt, die Vornehmheit nun in jene Einfachheit fegen, deren daS Ordinäre niemals fähig ist. Als freudespcndeude Festgabe sür Andere wie als Mittel eigenen Hochgenusses verdient das Werk die begeistertste Empfehlung; man wird in vollen Zügen feiner genießen. Aus dem Herder'schcn Verlag: AlbanStolz. Legende oder der christliche Sterneu- himmel. Zehnte Auflage mit vielen Bildern. 1894. Dr. Hermann Rolfus. Geschichte des Reiches Gottes auf Erden. Für die katholische Familie bearbeitet. Dritte, in Text und Bildern verbesserte Auflage. 1894. Z Diese beiden Werke erscheinen nun auch in Lieferungen, so daß die Anschaffung derselben auch weiteren VolkSkrcisen möglich ist. Von der Legende werden 2 Ausgaben veranstaltet, die eine in Quartformat vollständig in 10 Heften ä 80 Pfg. Diese erscheint in größerem Format und erheblich verbesserter Druckausstattung, während der Text, unter voller Wahrung der Pietät gegen den verewigten Verfasser, einer sorgfältigen Revision unterzogen wurde; die andere Ausgabe in Oktavformat, vollständig in 4 Bänden oder 12 Heften L 1 Mk. pro Heft. Die Besitzer der „gesammelten Werke" von Alban Stolz haben nunmehr die Möglichkeit, den ganzen Stolz in uniformen Bänden anzuschaffen. Die innern Vorzüge dieser Stolz'schen Legende sind genügend bekannt. — Das zweite genannte Werk erscheint in 18 Heften gr. 8° L 50 Pfg. Dasselbe ist an dieser Stelle — Augsburger Postzeitung 1688 Beilage Nr. 55 — sehr gut, aber auch sehr treffend rccensirt worden, so daß nur mehr dem Wunsche Ausdruck zu verleihen ist, es möchte dieses Buch in recht vielen kathol. Familien Eingang finden; sie finden darin gewiß eine Lektüre, die unterhaltend, belehrend und erbauend zugleich ist, eine Lektüre, welche den GlaubcnSeifer und -Freudigkeit vermehrt, die Liebe und Anhänglichkeit zur Kirche stärkt und erhöht und viele, recht viele falsche Ansichten und Urtheile über dieselbe gründlich beseitigt. Töchterchcns Liebling. JllustrirteMädchcn-Arbeitszeitung. Verlag der Paradieödruckcrei in Passau. Preis vierteljährlich 50 Pfg. Diese Zeitschrift enthält unterhaltende Erzählungen, Aufsätze, Gedichte, Kochrcccpte, Spiele, Räthsel; der Musterbogcn bringt jeden Monat niedliche, leicht anzufertigende Handarbeiten, sowie Schnittmuster für Puppenkleidung. Auch ist jeder Nro. eine Beilage zugegeben, welche den Kindern zur Unterhaltung gereicht. Der Preis von 2 M. 40 Pf. jährlich ist ein so niedrig- gestellter, daß es auch den weniger Bemittelten möglich ist, diese empfehlcnswerthe Zeitschrift für ihr Töchterchen anzuschaffen. Wenn wir einen Wunsch aussprechcn dürfen, so ist es der, daß die Ausstattung in Druck und Papier etwas besser würde. Stern der Jugend. Eine Zeitschrift zur Bildung von Geist und Herz. Herausgegeben von Dr. I. Praxmarer, Religionslehrer in Vingcn. Ruffels Verlag in Münster. Vicrtclj. (6 Heste) 1 M. Inhalt des 14. Heftes: Lösung des scheinbaren Widerspruches zwischen Gottes Allwissenheit und Gerechtigkeit. — Für unsre jungen Lateiner. — Die Interpunktion. — Boun's berühmte Männer. — Skizzen aus dem Lande der Eskimos. U. s. w. Historisches Jahrbuch. Im Auftrage der Görrcsgesellschast herausgegeben von vr. H. Graucrt, vr. L. Pastor und Dr. G. Schuürer. Commissionöverlag von Herder u. Cie., München. XV. Jahrgang. 2. Heft. Inhalt: Aufsätze. Rauschen, neue Untersuchungen über die vssoriptio der Reliquien zu Aachen und St. Denis. — Säg- müllcr, die Anfänge der diplomatischen Corrcspondenz. — Kayser, Johannes Ludwig Vives (1492—1540). — Büchi, Georg von Wyß. — Kleinere Beiträge. Wevman, Analecta. — KamperS, eine Handschrift der vita. tlnslrarii. — Fijalek, Mahnschreiben des päpstlichen Legaten ZachariaS Ferrari an Martin Luther. — Recensionen und Referate. Klopp, der dreißigjährige Krieg bis zum Tode Gustav AdoliS (Weskamp). — Literatur zur Culturgeschichte des 19. Jahrhunderts (Weiß). — Zcitschriftcnschau. — Novitätenschau. — Nachrichten. — Den Schluß deö 2. Heftes bildet eine Antikritik Dr. KnöpflerS auf die Kritik, welche Dr. Schrörs an der vielberufenen NcctoratSrcde vr. KnöpflerS über das Studium der Kirchengeschichte geübt hatte, und eine Nep lik von Dr. Schrörs. _ Die katholischen Missionen. Jllustrirte Monatschrift. Jahrgang 1894. 12 Nummern. M. 4 — fl. 2.40 ö. W. — Frciburg im Breisgau. Hcrdcr'sche Verlags- haudlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 5: U. L. Frau von Guadalupe, die Schutzpatronin von Mexico. — Der Mekong (Fortsetzung). — Die Ncductionen von Paraguay (Fortsetzung). — Nachrichten aus den Missionen: Europa (Hilferuf aus Adrianopel); China (Die Canossiaucrincn in Hongkong); Vorderindien (Ein Kapuzincrbischof in den Gebirgen Nordindiens; eine Blutthat); Abcssinicn (Die Schlacht bei Agbordat); Acquatorial-Afrika (Das Apostel. Vicariat Vntoria-Nyanza sSchluß); DaS Seminar in Bnddu); Westafrika (Kamerun); Nordamerika (Indianer- mission in Süd-Dakota); Aus verschiedenen Missionen. — Miscclleu. — Für Missionszwcckc. — Beilage für die Jugend: Die Sklaven dcö Sultans (Fortsetzung). Illustrationen: Kapelle und Hügel ll. L. Frau von Guadalupe bei Mexico. — Investitur des Königs von Ubongl — Der große natürliche Cirkus in den Lakoubergen. — Vorhalle des Wat Pha Kco zu Wien Schau. — Karte in zweifarbigem Druck (Apostol. Vicariat in Nyanza). — KriegertypuS aus Abessiuicn. — Abessinische Krieger mit Lanze, Wurfspeer und Schlachtmesscr. _ Studien undMittheilungen aus demBcnebictincr- Or dcn. XV. Jahrg. 1894. Preis pr. Jahrg. (4 Hefte ca. 40 Bogen) Mk. 8 — 4 fl. Nur zu beziehen durch die Administration genannter Zeitschrift im Stift Naigcrn bei Brüun (Oesterreich). JnhaltS-Verzeichniß des I. Heftes 1694. (Abhandlungen.) Schmidt, ?. Edmund (0. 8. 8. Metten): Wesen und Geist des Beuedictinerordens. Nick, I. (Salzig): Regelten des adeligen FrauenklosterS Marienbcrg. 0. 8. 8., bei Boppard a. Nh. Dolberg, Ludw. (Nibnitz): Die Satzungen der Cistercienser wider das Betreten ihrer Klöster und Kirchen durch Frauen (1.). Jud, Fr. Ruv. (0. 8. 8., München): St. Walburg, Bencdictinerinnenkloster in Eichstätt(Mittelfranken). Stölzl, 8. Marc. (0. List., Wilhcring): Ein Beitrag zur Geschichte des österr. Erbfolgekriegcs in den Jahren 1741 und 1742 (I.). Plaine, D. Fr. B. (0. 8. 8.. Silos): vo Oancmig Llissas ^.xostolieitatas oum nova clieti Oanonio oxplanations. vioqnisitio oritieo-IitnrAiea (I.). Eubcl, 8. Konrad (Rom): Die päpstlichen Provisionen auf deutsche Abteien während des Schismas und des PontificatS von Martin V. (1378—1431) (I). Hafner, Otto (Eßlingen): Regelten zur Geschichte des scbwäb. Klosters Hirsau (XIII.). Bredl, O. Sigis. (0. 6ist., Osscgg): Die Superioren und Ncctoren deö St. Bernards-Collegs vom I. 1662—1785.— (Mittheilungen.) Lager, Dr. (Trier): Bulle Martins V. betreffend die Abhaltung von Proviuzial- Capitcln der Benedictiner in Sache» der Reformation. Reform- statuten des Provinzial-Capitcls in St. Maximin i. I. 1422. Schmid, 8. Bernard (0. 8. 8., Scbeyern): Oowmnnioatio in saoris und 8xoommuniog.tio ob Inceresin? — Neueste Benedictiner- und Cistercienser-Literatur (8 VII.). — Literarische Referate. U. f. w. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas Lc, Erabherr in Augsburg. n,-. 22, 31. Mal 1894. Mge W DlPßmgkr MM li Joseph Barm. Zu seinem 50jährigen Todestag gewidmet von A. G. Am 21. Mai waren es fünfzig Jahre, daß Abbate Baini gestorben ist. Baini, einer der bedeutendsten Forscher auf dem Gebiete der Geschichte der Tonkunst, auch nicht unbedeutend als Componist; Baini, Director der päpstlichen Capelle, als welcher er in erster Linie die unsterblichen Werke seines Lieblingscomponisten Palestrina förderte und pflegte; Baini, welcher auf die Entwicklung der Kirchenmusik großen Einfluß übte, verdient wohl in Kürze in diesen Blättern erwähnt zu werden, zumal seiner nicht gar häufig mehr gedacht wird. Die Dankbarkeit hat wohl den Meister F. X. Haberl veranlaßt, in dem kirchenmusikalischen Jahrbuch des laufenden Jahres eine sehr interessante biographische Skizze über Baini zu veröffentlichen, welche auch wir im Folgenden benützen, zumal außer Hiller, Proske und dem französischen Fötis nebst Adr. de la Jage nur wenige über Baini geschrieben haben dürften, ausgenommen natürlich die Abhandlungen in verschiedenen Enchclopüdien und Konversationslexikons und einer solchen in den historisch-politischen Blättern. Joseph Baini, der Neffe des Komponisten Laurcntino Baini, wurde in Nom geboren am 21. Oktober 1775 und verließ, kleine Reisen ausgenommen, die ewige Stadt nicht, so lange er lebte. Sein Onkel unterrichtete ihn in der ersten Zeit, und der junge Joseph machte in Bälde die größten Fortschritte, besonders im Kontrapunkt. Den Gesangsunterricht erhielt er durch einen portugiesischen Ordenspriester, und wird von ihm von Anfang bis in sein hohes Alter seine gewaltige Baßstimme gerühmt. Mit siebzehn Jahren wurde er schon als Dirigent in der Seminarkirche verwendet und im Alter von zwanzig Jahren als Mitglied der päpstlichen Capelle aufgenommen. Nachdem er sowohl Philosophie als Theologie glänzend absolvirt hatte, erhielt er im Jahre 1795 die Priesterweihe. Er war nach den Quellen ein Priester ganz nach dem Herzen Gottes, hing mit innigster Liebe an seiner heiligen Kirche und an deren Oberhaupt, seine Tagesarbeit wechselte ab mit Gebet und Studium und Studium und Gebet. Damals waren, wie stets, würdige Priester mehr denn je nothwendig: die Religion war verachtet, der hl. Vater in der Verbannung, Nom eine Republik, als solche zuerst erklärt durch General Bathier im Namen Frankreichs, zwölf Jahre später durch den gewaltthätigen Kaiser Napoleon I., ein ächter Kulturkampf wüthete, wie wir ihn auch zu erleben das Unglück hatten. Baini erhielt zu jener Zeit einen Ruf nach Paris, er aber schützte seine Gesundheits- verhältnisse vor und wollte Nom nicht verlassen, zumal Frankreich viel brauchbarere und tüchtigere Männer habe, als er sei. Im Jahre 1814 den 24. Mai zog Papst Plus VII. wieder in Nom ein, und Baini sammelte die noch übrigen Mitglieder der päpstlichen Capelle, hielt Proben über Proben und Aufführungen, wobei auch seine eigenen Kompositionen zu Gehör gebracht wurden, welche mitunter uugetheiltesten Beifall fanden. Fassen wir gerade hier Baini als Komponisten in's Auge! Er hat nicht gar viel componirt, hat fast nichts veröffentlicht, aber was er componirte, ist ächt kirchliche Musik, ächt christlich- frommer Gesang. Vor allem ist zu erwähnen sein zehn- stimmiges Miserere, componirt für die sixtinische Capelle auf Wunsch des Papstes Pins VII. Man darf wohl behaupten, daß diese Komposition im gleichen Rang steht mit dem Miserere von Allegri, wie es denn auch in der Charwoche zu Nom abwechselnd mit dem letztgenannten aufgeführt wurde. Durch dieses eine Stück allein zeigt sich Baini als ein Componist von Gottes Gnaden, der ganz und gar an der Doktrin der alten römischen Schule hing. Auf diese Komposition hin wurde Baini zum Camerlengo der päpstlichen Capelle ernannt und jedes Jahr bis zu seinem Tode wieder gewählt, auch sollte er zum Rektor der Propaganda ernannt werden, eine Würde, welche er aber entschieden zurückwies. An weiteren Kompositionen sind zu erwähnen: ein Band kirchlicher Hymnen, die sehr schöne Sequenz: Dies iras, nach deren Aufführung „alles hingerissen war und diese Vollendung der musikalischen Kunst bis zu den Sternen erhob", die Nesponsorien zur Passion nach Markus, ziemlich viele Motetten rc. Seinen Hauptruhm aber gründete Baini nicht als Componist, sondern als Musikschriftsteller speciell durch sein unübertreffliches Werk: „Llsmoris Ltoriao-aritielrs ckella viba et äalls opars cii Oiovanni IllorluiAi cla, kalestrina." Dieses Werk, eine großartige Monographie über Palestrina, verräth den großen Kritiker, ein großes musikalisches Verständniß, eine Kenntniß aller Stile durch und durch, und ist und bleibt ein Monument in der Geschichte der Musik. Es ist hier belgische, spanische und natürlich italienische Musik auf das eingehendste behandelt. Der Verfasser des seinerzeitigen Artikels in den Historisch- politischen Blättern sagt über dieses Werk: „Baini führt uns hier in chronologischer Reihenfolge alle bedeutenden Momente des bürgerlichen und künstlerischen Lebens jenes weltberühmten Picrluigi vor Augen; gibt über die Entstehung seiner Kompositionen die nöthigen Notizen, zählt deren Auflagen auf, bestimmt mit Kennerauge den innern Werth derselben und gibt die Regeln und Vorschriften der römischen Sängerschule durch gelegentlich eingestreute Bemerkungen sicher und bestimmt an. Dies konnte aber auch nur ein Baini, der von Jugend auf mit dem Studium palcstrinischer Musik sich befaßte, immer tiefer eindrang in die Schönheiten jenes großen Nachahmers der Natur und dadurch begeistert wurde, das schwierige, von niemand noch versuchte Unternehmen, nämlich sämmtliche Werke Pierluigt's zu sammeln, zu beginnen und ausdauernden Muthes zu vollenden." Wohl standen dem Meister die Sammlungen und Archive des Vaticans ganz und gar offen, dennoch aber muß seinem Bienenfleiß die höchste Achtung gezollt werden, und man darf ja nicht außer Acht lassen, daß er den größten Theil seines Einkommens zur Lösung dieser seiner Hauptaufgabe verwendete. Manche haben in diesem seinem größten Werke höhere philosophische Gedanken vermißt, alle aber sind darin einig, daß es eine Wissensgrube ist für alle Mnsikkcnner und Musikfreunde, wie selten ein zweites, es sind in demselben alle Werke Palestrina's gesammelt, soweit es irgendwie möglich war. (Ein Werk Baini's übersetzte ein Bruder des Kaisers Napoleon in das Französische, und verräth dasselbe eine sehr solide Kenntniß und ein sehr tiefes Verständniß.) Es erübrigt uns noch, Baini kurz noch als Menschen näher in's Auge zu fassen, und hat Hiller, dem wir im Großen und Ganzen dabei folgen, ein treffliches Bild von ihm entworfen. Obwohl hoch angesehen, obwohl u. a. sehr geehrt von Friedrich Wilhelm III. von Preußen» 170 der einem Concert, dirigirt von Baini, beiwohnte, obwohl mit Ehren und Würden überhäuft, Baini blieb die reinste Demuth, so zwar, daß er nicht duldete, daß man in seiner Gegenwart sich lobend nussprach über seine Kompositionen. Es konnte auch nicht anders sein, da ja der fromme Mann sich der demüthigen Magd des Herrn, der lieben Gottesmutter, geweiht hatte, der er auch sein obgenauntcs bedeutendstes Werk widmete mit folgenden kindlich einfachen Sätzen: rveigrrras Virgini Harias Lins Hds, eonesgtlrs losspkNs tznilqvM ict est oxerls Diesr vi 6on8eerar.l Baini war selbstlos so, wie es unsere Zeit nahezu nicht mehr fassen kann; überall geehrt, eingeladen, blieb er stets zu Nom am „Arbeitstisch und im Beichtstuhl", und nur einmal soll er eine Reise gemacht haben, auch nicht weithin, nur nach Bologna. Seine Wohnung war schmucklos, mehr als einfach, und nur seine stattliche Bibliothek zeigte, daß ein großer Mann in diesen Räumen lebte und wirkte; eine Schwester besorgte seinen sehr einfachen Haushalt, empfing die Gäste und verschwand sofort wieder vor deren Augen. Er war ferner sehr wohlthätig, gab oft mehr, als seine Mittel erlaubten, und kam dadurch mitunter in kleine finanzielle Verlegenheiten. Die werthvollen Geschenke, die er erhalten, vermachte er testamentarisch dem vaticanischen Museum, andere bestimmte er für Bilder der allerseligsten Jungfrau Maria, seine Bücher und Manuscripte erhielt die Kongregation der Minerva. Merkwürdig dürfte es auch sein, daß Baini, obwohl er sich auch mit Theaterstücken beschäftigte und eine dießbezüglichc große Sammlung von Werken und Abhandlungen sein eigen nannte, nie in ein Theater ging. Mit Hiller verkehrte der Meister sehr gern, und möge aus diesem Verkehr hier eine Episode angeführt werden. Er sagte einstens zu Hiller: „Die Protestanten sind gute Christen, sie verehren den Heiland wie wir; wie können sie sich nun so gleichgiltig der heiligen Jungfrau gegenüber Verhaltens Sie ist ja doch die Mutter Gottes; ich kann dies nicht begreifen." Hiller sandte Baini aus Anhänglichkeit und Dankbarkeit ein Exemplar der Partitur der Zerstörung Jerusalems, das Requiem und die O-molI-Messe von Mozart und die O-äur-Messe von Beethoven, und erhielt von Baini zwei prächtige Dankschreiben. Das Requiem von Mozart nannte er darin „lamoso" und die O-niolI-Messs „belissiino". In früheren Jahren sehr gesund und robust, litt der Körper des Meisters durch Ueberanstrengung bedeutend, er wurde sehr magenleidend und konnte längere Zeit nur einmal des Tages etwas zu sich nehmen, und zwar nur leichteste Speise. Am Abend des 21. Mai 1844 entschlief er sanft, ohne jeglichen Kampf, während er gerade sein Brevier betete, in einem Alter von 68 Jahren und 7 Monaten. Er wurde beigesetzt in St. Maria in Dallicclla, dem Begräbnißplntz der päpstlichen Sänger. Für die päpstliche Kapelle war sein Verlust ein ungemein schwerer — in der Geschichte der Tonkunst überhaupt aber werden sein Name und seine Werke fortleben. Die LehrtlMgkeit der Jesuiten vor dreihundert Jahren?) 8. 8b. Es gibt wohl keine albernere Behauptung, als, die Reformation hätte Deutschland in geistiger *) Nach Zanssen. Hinsicht gehoben; wie Mehlthan legte sich der Neligions- hadcr nicht allein auf das gesammte Volksleben, sondern er schien besonders jede geistige Regung des deutschen Volkes ertödten zu wollen. Als Netter in diesem Niedergang deutscher Bildung erschien der soviel verleumdete Jesuitenorden. Wenn man die Lehrtätigkeit der Jesuiten in Deutschland objectiv und der geschichtlichen Wahrheit gemäß betrachtet, so ist es nicht zu viel behauptet, wenn man sagt, das deutsche Volk stände heute unter allen europäischen Völkern auf der geringsten Kultur- und Bildungsstufe, hätte der Jesuitenorden nicht ein gut Stück der deutschen Bildung und Wissenschaft aus dem Ausgaug des Mittelaltcrs durch die Wirrnisse der Reformation und des dreißigjährigen Krieges hinübergerettet, worauf dann später wieder aufgebaut werden konnte. Dies einmal mit geschichtlichen Dokumenten unwiderleglich festgestellt zu haben, ist das Werk Janssens. In dieser Hinsicht ist der letzte, VII. Band so lehrreich, wie kein vorhergehender. Dort wird uns eine fast unerschöpfliche Fundgrube dargeboten, woraus wir heute nur Einiges schöpfen wollen. Eigentlich müßten wir zuerst den Verfall der Bildungsstätten, der Volks-, Latein- und Hohen- schulen darthun, doch dieses traurigste Kapitel deutscher Geschichte wollen wir hier übergehen. Wilhelm Noding, Professor am Pädagogium in Heidelberg, erging es wie manchen Andern, gleich Balaam, er sollte fluchen und mußte segnen. Er schrieb in einer eigenen, dem pfälzischen Kurfürsten Friedrich III. gewidmeten Schrift „Wider die gottlosen Schulen der Jesuiten" also: „Sehr viele Leute, bis doch zu den Christen (d. h. Protestanten) gezählt werden wollten, übergäben ihre Kinder den Jesuiten zum Unterricht. Dieses sei äußerst gefährlich, weil die Jesuiten ausgezeichnete und scharfsinnige Philosophen seien, vor Allem darauf bedacht, ihre ganze Gelehrsamkeit auf die Erziehung der Jugend zu verwenden; sie seien die feinsten und gewandtesten Lehrer und wüßten sich nach den natürlichen Anlagen eines jeden Schülers zu richten." Also ein Professor eines Pädagogiums! Er konnte es ja wissen! In Hessen drückte der Superintendent Georg Ni- grinus im Jahre 1852 sich über die Jesuiten also aus: „Ich meines Theils wundere mich nicht, wenn ich höre, daß Jemand zu den Jesuiten übergeht (vorher hatte er geklagt, daß viele protestantische Eltern adelichen nnd bürgerlichen Standes ihre Kinder den Jesuiten zur Erziehung übergäben). Sie besitzen eine vielseitige Gelehrsamkeit, sind beredt, lehren, predigen, schriftstellern, dis- putiren, ertheilen der Jugend unentgeltlichen Unterricht, und zwar mit einem unermüdlichen Eifer; über- dieß empfehlen sie sich durch ein sittenreines Leben und Bescheidenheit;" dagegen sei bei den mit dem Namen des Evangeliums sich Brüstenden die Wissen- schaftlichkeit nicht groß, jedenfalls nicht so groß, daß sie mit der gelehrten Bildung der Jesuiten einen Vergleich aushalten könnte." Nathan Chtstrüus stellte der „in Ausgelassenheit und Wildheit ertrunkenen" Jugend in Rostock die Jesuitenschulen gegenüber: „Was sollen wir denn von den Schulen der Jesuiten, wie man sie nennt, von der Religion abgesehen, halten? Wahrlich, diese Schulen.... könnten nicht überall diesen Ernst der Zucht, diesen Fleiß und diese Beharrlichkeit bei Lehrern und Schülern in Erfüllung ihrer Pflichten ausweisen, wenn jene Auflösung der Zucht in einem göttlichen Verhängnis; ihren Grund Hütte." Viele Protestanten glaubten 171 nämlich in der Znchtlosigkeit derJngend, ganz verzweifelnd an einer Besserung, ein Strafgericht Gottes erblicken zn müssen. Solche und ähnliche Zeugnisse könnten wir aus dem VII. Bande Janssens noch eine große Menge hinzufügen. Der Unterschied der Bildungsstätten der Jesuiten von denen der alten Orden lag darin, daß die alten Orden meistens ihre Zöglinge zn Religiösen erzogen, wahrend die Jesuiten die Jugend auf weltliches wie auf theologisches Studium vorbereiteten, zu weltlichen wie geistlichen Berufsständen heranbildeten. Dann „zog die satzungsmäßige Unentgeltlichkeit des Unterrichts die Söhne der minder bemittelten Stände zn den Jesuitenschulen", während „die höheren Stände" von „der Urbanität und Disciplin und Lehrfähigkeit" der Jesuiten- collegien angezogen wurden. Dies bezeugt uns wiederum ein Jesuitenfeind, Zirngiebl. Und Nuhkopf bestätigt uns: „In den Jcsuitencollegien wurde die Jugend ohne große Kosten, und die ärmere ganz frei, sehr sorgfältig, sanft und milde behandelt und erzogen. Die Jesuiten betrugen sich als gütige Bäter: sanftes Zureden, herzliche Vorstellungen vertraten die Stelle der körperlichen Strafen, die höchst selten bei ihnen waren. Sie konnten also auf die größte Anhänglichkeit der Zöglinge, die sie entlassen hatten, zuverlässig rechnen. In ihren Kollegien herrschte eine Sittenreinigkeit, welche man vergeblich auf den protestantischen Schulen und Universitäten suchte. Alan wußte nichts von schimpflichen Züchtigungen, denn die verwahrlosten und ganz verdorbenen, bei denen ihre sanfteren Mittel nichts halfen, litten sie nicht weiter unter ihren Alumnen, und schickten sie wieder zn ihren Eltern. Bei ihnen selbst konnte nicht leicht eine solche Sittenlosigkeit und Verwahrlosung eintreten, weil sie alles mit der größten Vorsicht entfernten, was die Einbildungskraft der ihnen anvertrauten Jugend hätte irre leiten und beflcckenoderihrenSittcnhätte schädlich werdcnkönnen. Die Sorge für die Reinlichkeit und Ordnung in den Zimmern der Zöglinge, im Anzüge und in ihrer kleinen Oekonomie war musterhaft, und die Pflege, welche die kranken Alumnen genossen, nicht minder genau und herzgewinnend. Ueberall standen sie unter der Aussicht ihrer Lehrer, welche sie selbst bei ihren Spielen und körperlichen Bewegungen, denen gewisse Stunden angewiesen waren, nie aus den Augen ließen." Also da haben wir das ganze Geheimniß der großen Zugkraft, welche heute wie vor 300 Jahren die Jesuitenschulen ausüben und ausübten. Der heilige Jgvatins hat eben verstanden, Ernst und Milde in der richtigen Weise in seiner Lehrmethode zu paaren. „Alles soll mit Maß je nach Verhältniß der Personen, des Ortes und der Zeit geschehen", heißt es in einer Instruktion des hl. Jgnatius an die nach Jngolstadt entsandten Jesuiten. Auf die Erholung von Geist und Körper, auf die Erhaltung von Gesundheit wurde ebensowohl gesehen, wie auf ernste Wissenschaft. Die Ancifernng des berechtigten Ehrgeizes und die Furcht vor der Schande sollten an die Stelle von Strafen treten. In Köln gründeten die Jesuiten im Jahre 1544 daS erste Colleg und übernahmen drei der städtischen Gymnasien. Rektor des CollegS war der hervorragende k. Fr. Coster. Oeffentliche Prüfungen, öffentliche Schüler- vorträge, öffentliche und Privatdisputationen waren damals schon für Lehrer und Lernende eine rege Aneiferung. 1558 zählten die Schulen beiläufig 600 Zöglinge und 60 Con- victoristen, 1578 840, 1581 über 1000. Von Köln aus verpflanzten sich die Jesuiten nach Trier, Koblenz, Main; und Heiligenstadt, und hatten überall blühende Gymnasien und Lyceen mit zahlreichen Schülern. Unter Mohnheim und Fabrizius, „der deutsche Cicero" genannt, hatte die fürstliche Schule in Düsseldorf noch 1700—2000 Schüler, im Jahre 1581 aber nur noch 100. Mohnheim suchte die Schule zu einer Pflanzstätte des Protestantismus zu machen. Mit der Neuerung wurde auch der Grund zum Verfall der fürstlichen Schule gelegt, und die Schüler bezogen die Jesuitenschulen. In Emmerich hatte das Gymnasium 1559 noch 2000 Schüler, Anfang der 90er Jahre sank die Zahl durch Krieg und Krankheit auf 50 herab. Dann im Jahre 1593 übernahmen die Jesuiten dasselbe, und die Zahl stieg trotz des Krieges wieder aus 300 und um 1606 auf 400. In Münster übernahmen im Jahre 1588 die Jünger Loyola's die dortige, dem Verfall sich immer mehr zuneigende Domschule. Sie begannen den Unterricht mit 300 Schülern; im darauffolgenden Jahr war die Zahl auf 900 angewachsen und 1592 sogar auf 1100 und bei Beginn des 30jährigen Krieges auf 1300. Es kamen protestantische Schüler her aus Bremen, Hamburg und Lübeck und aus Preußen und Holland. An das Gymnasium schlössen sich später theologische und philosophische Vorlesungen. B. Sökeland zeichnet die Jesuitenschulen in Münster also: „Die Blüthe des Münsterffchen Gymnasiums unter den Jesuiten füllt in eine höchst schreckliche Zeit bürgerlicher Zwietracht und mancherlei Elends. In den letzten 20 Jahren des 16. Jahrhunderts wetteiferten Pest und Krieg, die Leiden Westfalens voll zu machen. Die Pest raffte, fast alle 2—3 Jahre wiederkehrend, Tausende hin; der Krieg wurde in den Niederlanden zwischen Holländern und Spaniern geführt, und verbreitete sich von da aus über Westfalen, welches, theilweise ohne Wehr und Vertheidigung und den Naubzügen der Holländer wie der Spanier preisgegeben, fast ärger zertreten wurde, als der eigentliche Schauplatz des Kampfes." Das war also eine harte Lage für die Erzieher der Jugend, und doch: „Erfreulich und tröstend", fährt Sökeland fort, „ist auf jeden Fall bei der Betrachtung der oft mit Trauer erfüllenden Geschichte dieser Zeit der Gedanke, daß ohne die Jesuiten die Schulen dieser Stadt gänzlich würden in Verfall gerathen fein, während sie unter den Jesuiten blühten und eine Zahl von mehr als 1000 Schülern zählten, und ferner der Gedanke, daß die Jesuiten es waren, welche die Gebäude errichteten, deren wir uns noch jetzt erfreuen, und das Vermögen sammelten und sparten, welches noch jetzt unsern Lehranstalten reichliche Mittel gewährt." Wohl zn merken ist bei diesem Zeugniß, daß Sökeland keineswegs ein Jesnitenfreund ist. Achnlich wie in Münster ging es in Paber born. (Fortsetzung folgt.) Religiöse und monumentale Kunst. (Fortsetzung.) Nachdem die Kirchen so vieler Kunstschätzs und Mittel zn Neuanschaffungen durch die Säcularisation beraubt wurden, so sollten die Vertreter des Volkes in den gesetzgebenden Körpern zunächst nur solche aus den Taschen des letztern fließende Mittel bewilligen, welche auch wieder I zu allgemeinen, dem Volke direct dienenden Kunstzwecken 172 verwendet würden. Hieher gehört in erster Neihe die monumentale Ausschmückung der Tempel des Allerhöchsten, der Kirchen- und Cultusbauten, die schon bei den Griechen und Römern durch vornehmere und reichere Kunstformen vor den Privatgebäuden ausgezeichnet sein mußten. Nach den Kirchen beanspruchen wohl die den höhern und allgemeinen Staatszwecken dienenden, der Pflege der öffentlichen Wohlfahrt geweihten Bauwerke einen zum Wolke redenden nationalen und christlichen, nicht aber unpopulären altheidnischen Vildschmuck. Für Ausstellungen und Gallerten „moderner Meister" das Geld des Volkes auszugeben, halten wir mit Andern für ganz und gar unberechtigt. Denn das so ausgegebene Geld dient doch im Grunde nur der Begünstigung einer einzelnen Stadt, fast ausschließlich der Hauptstadt, einzelner weniger Persönlichkeiten und eines gewissen modernen Kunstwortes, welcher der wahren und echten Volkskunst, nämlich jener, die ihren Grund und Boden, und damit ihre Berechtigung für die Oeffentlichkeit, in der Seele des Volkes selbst, in der breiten Basis der Ge- sammtnation hat, nur schädlich, ja verderblich sein kann. Diese Kunstsportgeschichten sind rein lokaler und persönlicher Natur und gehen die Nation als solche nichts an. Das Volk steht ihnen kalt und zum Theil geärgert gegenüber. Sie dienen nur zur Verfluchung und Entnatiouali- sirung der Kunst, welche immer mehr auf das Nivean eines künstlich gemischten Treibhausgewächses ohne natur- wiichsige Lebendigkeit und Ursprünglichkcit herabsinkt. Würden daher unsre Landboten von nun ab die für jede Bndgctperiode für Knnstzwccke zu bewilligende Summe — etwa 150,000 Mark — einzig und allein zur Förderung der idealen, monumentalen deutschen Kunst auf dem Gebiete der Malerei und Bildhauerei bewilligen, und zwar mit der ausgesprochenen Bestimmung gerechter und sachdienlicher Verwendung — nicht um einige Wenige zu bereichern, sondern vielmehr strebsamen und tüchtigen Kräften Gelegenheit zum Schaffen und zur Entwicklung ihrer Kräfte zu geben — gewiß, sie würden sich ein großes Verdienst um die Kunst und die Künstler, sowie nm's bayerische Volk, und den Dank aller Billigdenkenden erwerben. Zu den bereits erwähnten Hindernissen des Empor- kommens und der Ausbreitung talentvoller, zu christlichidealer Anschauung hinneigender Künstler in Bayern kam noch, daß in den letzten Jahrzehnten die nach Geist und Auffassung allein berechtigte Kunstform religiöser und idealer Vorwürfe vor dem Areopag der herrschenden Kunstrichtung in München geradezu verfehmt war. Den Leuten dieser Richtung gilt ja heute noch das wirklich objective, wenn auch mit idealem Sinne aufgefaßte und in idealisirender Form dargestellte „Historienbild" als etwas Ueberlebtes, für unsere fortgeschrittene und nun einmal auch fortspringende Zeit nicht mehr Berechtigtes und Abgethanes, bereits der Geschichte selbst Anheimgefallenes. — Daß aber junge, aufstrebende Talente auf dem für sie als Künstler grundlegend fein sollenden Boden ihrer akademischen Bildungsstätte eine begeisternde Anregung empfingen, das Feld idealer christlicher Kunstbestrebungen zu betreten, das beförderte am wenigsten gerade jener bis vor Kurzem den angehenden Kunstjüngern die ästhetischen Grundsätze dockende sogen. „Wonne .." durch seine sarkastischen Verunglimpfungen der die ganze christliche Kunst erst begründenden heiligsten historischen Personen des Christenthums. Es muß daher als eine höchst erfreuliche mannhafte That anerkannt werden, daß vor etwa neun Jahren ein junger, strebsamer Akademiker einen Kreis gleichgesinnter Kollegen um sich zu sammeln begann und zur Bildung jenes, den Lesern dieses Blattes bekannten, akademischen „Albrecht-Dürer-VereinS" zu gegenseitiger Förderung in der Pflege christlich-idealer Kunstbestrcbungen zu begeistern wußte. Dieser Verein eyistirt auch heute noch und verdient gewiß die aufrichtige Sympathie aller wahren Kunstfreunde im geistlichen wie im Laienstandei Entwickelte sich doch aus ihm, als dem grundlegenden Keime, und zwar wieder vorzüglich durch die Initiative und die Bemühungen des Gründers jenes Vereines, des Bildhauers Herru Georg Busch in München, die in diesem Blatte schon mehrfach genannte „Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst", welche sich in ihrem ersten Beginne, wenn auch als „prmillns Arox«, aus jenen der Akademie bereits entwachsenen, inactiv gewordenen Mitgliedern des Albrecht-Dürer-Vereins und einigen mit ihnen schon in Verbindung stehenden Kunstfreunden zusammensetzte. AuS dieser kleinen, für die christliche Kunst begeisterten Schaar ist nun bereits nach dem kurzen Zeitraum von l^ Jahr im stetigen Fortschreiten eine nach Verhältniß stattliche Gesellschaft von 600 Mitgliedern — unter ihnen 15 Bischöfe nebst einer Reihe hervorragender Künstler — geworden. Wir unterlassen es hier, die Gesellschaft für christliche Kunst und ihre Bestrebungen den Lesern der Postzeitung auf's Neue zu empfehlen. Letztere, die Bestrebungen der Gesellschaft, empfehlen sich, sollte man meinen, von selbst. Denn sie gehören doch gewiß mit zu jenen, deren unsere materialistische Zeit so sehr benöthigt ist, zu denen von „positivster" Art. Sie sind also an sich schon keine schlechte Empfehlung für die Gesellschaft selbst. Diese hat die Bedeutung eines sehr ernst gemeinten Versuches — vielleicht für lange Zeit und weiten Raum letzten Versuches — die christliche Kunst aus ihrer Ver- sunkenheit und Versumpftheit wieder auf eine gewisse respektvolle Höhe zu bringen und ihr den gebührenden Raum und damit den gewünschten Einfluß auf das Volk zurückzuerobern. Doch den besten Grund zu erfolgreicher Empfehlung der genannten Vereinigung wird immer der thatsächliche Beweis abgeben, daß dieselbe neben begeisterten und ver- ständnißvollen Kunstfreunden auch solche leistungsfähige Kräfte i« sich schließt, die den Ansprüchen, die man an ein christliches Kunstwerk der Gegenwart stellen muß, voll und ganz gewachsen sind. Die Gesellschaft könnte freilich mit einer Neihe von bekannten und bereits berühmten Namen aufwarten, die an sich schon eins Bürgschaft für das Vorhandensein solcher Kräfte wären, indem ihre Gesammtleistungen vollgiltig ihre künstlerische Qualität und manches Einzelwerk ihre Fähigkeit speciell für das religiös-kirchliche Kunstwerk bezeugen. Daß solche weltbekannte Künstler schon seit länger als einem halben Jahrhundert nicht öfter in der Lage waren, ein hervorragendes christliches Kunstwerk zu schaffen, daran sind sie selbst doch am allerwenigsten schuld. Es kommt nun jener Gesellschaft vor allem auch darauf an, alles, was an frischen aufstrebenden Kräften tauglich und gewillt, die christlich-idealen Knnsttraditionen für die Nachwelt zu retten und weiterzuführen, heranzuziehen, zu sammeln und theilnahmsvoll mit Rath und That in ihren Bestrebungen zu fördern. Die beste und wirksamste Unterstützung der Künstler — und der Kunst — wird freilich immer diese sein, daß 173 man dem einzelnen tüchtigen Künstler direkten Auftrag ertheilt. Denn nur so hat er Gelegenheit, sich recht zu entwickeln und den Beweis seiner Kunst, als beste Empfehlung seiner Tüchtigkeit, zu geben. Die Gesellschaft erstrebt nun in der That dieses laut ihren Satzungen ihr vorschwebende Ziel, aus ihren Mitteln solche Kunstwerke für Kirchen, Schulen oder sonstige öffentliche Zwecke von Mitgliedern anzukaufen, bezw. zu bestellen, oder deren Herstellung zu fördern. Vorläufig aber steht ihr, als einer noch ganz jungen, im ersten Entwicklungsstadium begriffenen Vereinigung, nur das eine, wohl nicht zu unterschätzende Mittel zur Verfügung, die christlichen Künstler, die jüngern aufstrebenden wie die ältern bereits bewährten, in weiter« Kreisen durch Photographische Vervielfältigung und Verbreitung ihrer Werke mittels der Jahresmappe bekannt zu machen. Diese Werke aus dem Gebiete der Architektur, Malerei, Bildhauerei und der Kleinkünste können natürlich sowohl bereits in Folge von Bestellung ausgeführte und vollendete Kunstschöpfungcn als auch speciell für die Mappe bestimmte Zeichnungen und Entwürfe sein.*) Möchte daher die Mappe, um dem gedachten Zwecke immer vollkommener und ausgiebiger zu dienen, einen immer reichern und werthvollern Inhalt an Bildern und Zeichnungen bieten können! Möchte, um dies zu ermöglichen, die Zunahme der Gesellschaftsmitglieder, wie bisher, von Tag zu Tag fortschreiten. (Fortsetzung folgt.) Ueber die frühchristlichen Thiersymbole von Achmim-Panopolis in Oberiigypten und in den Katakomben. Studie von vr. G ustav A. Mül ler, Museumsbcvollm. und Herausgeber der „Autiguitätcu-Zeitschrift" in Strahlung i. E. (Fortsetzung.) Der Pfau. Wie man für die Figuren des Hahns und des Hirsches Äquivalente in der heidnisch-klassischen Kuust und Ideenwelt findet, so ist auch der Pfau ein Gemeingut der christlichen wie der pagancn Kunst: sein christlicher Charakter liegt eben in der Deutung, die man ihm beigab. Bei den Heiden war der Pfau Symbol der Apotheose. Daß sein Fleisch für unverweslich galt, war bestimmend für seine „christliche Conversion", für seine Aufnahme durch die altchristliche Kunst: hier ward er ein Sinnbild der Auferstehung von der Verwesung des Fleisches und theilte sich demnach in die Symbolik Mit Baum und Adler, Phönix und Ei. Zu den aus den Katakomben bekannten Darstellungen treten nunmehr die gleichartigen Funde von Achmim. Wie sonst vielfach, so- sehen wir auch in diesem Falle auf den koptischen Gewändern eine schärfere, kräftigere Bildlichkeit der Gedanken, als wir dies im Occident meist gewöhnt sind. Trefflich illustrirt diese Beobachtung ein im Original 20 am langes Clavusstück von Achmim. .Freilich sagt uns die färben- und claven- reiche Gewandung der nimbirten Christusgestalt, daß wir eine Darstellung mindestens des IV. Jahrhunderts vor uns haben. Nichtsdestoweniger ist die Symbolik des Bildes eine altübliche und vielsagende. Die Gestalt mit dem Kreisnimbus ist Christus, der die Rechte an» *) Eine neue Jahresnuippc mit hervorragenden Werken ist bereits in Vorbereitung und wird biö Juli d. I. erscheinen. scheinend vorwärts, die Linke aber aufwärts erhebt zu einem über seinem Haupte befindlichen und, wie man annehmen möchte, von einem Blumenhorn nippenden Pfau. Deutlicher, wie hier, kann die innige Beziehung des Pfaus zur Auferstehung von der Symbolik nicht erreicht werden. Das Bild spricht direct die Verheißung des Herrn aus: „Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, wird leben, wenn er auch stirbt. Ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tage". In formaler Hinsicht beachtenswert ist der Umstand, daß der Pfau auf den Stoffen von Achmim statt des „Rades" einen langgestreckten Schweif trägt. Ist dies vielleicht auf dem vorigen Bilde weniger deutlich gemacht, so zeigt es umsomehr eine Thonlampe. Hier ist der Schweif ziemlich weit ausgestreckt. Ich halte die Frage für discutirbar, ob wir die zwcigartige Linien- schattirung auf demselben nicht für eine Palme zu halten haben, eine Verbindung, die in dem mit dem Monogramm Christi geschmückten Hirschgeweih ein Pendant und gleichzeitig ein Docu- ment für ihre Möglichkeit besitzt. Ferner glaube ich, meinem verdienten Freunde Forrer allzugroße Vorsicht zum Tadel anrechnen zu sollen, wenn er gerade diese Lampe als „jedenfalls wesentlich jünger" wie das IV. Jahrhundert bezeichnet. Warum dies „jedenfalls" und auch noch dies „wesentlich"? Weil der Pfau „in jener Auffassung wie in den Stoffen wiederkehrt" ? Aber wir haben gar keine Veranlassung, z. B. den oben erwähnten Stoff mit Christus und dem Pfau wesentlich jünger als in das IV.—V. Jahrhundert zu datiren. Der Nimbus des Erlösers hindert uns durchaus nicht, den Stoff in die zweite Hälfte des IV. oder in das V. Jahrhundert zu setzen. Auf Goldgläsern des III. und der ersten Hälfte des IV. Jahrhunderts ist der Nimbus allerdings selten, öfter erscheint er auf Mosaiken seit dem IV. Jahrhundert. Forrer selbst datirt seine hochinteressante Figur „Christus — Georg als Drachentödter" in das IV. Jahrhundert, und man wird ihm unbedenklich beistimmen. Abgesehen vom Nimbus, ist aber Christus auf unserer Darstellung mit dem Pfau wesentlich gleich aufgefaßt wie auf dem genannten Stoffe, ja Haltung und Bewegung, oder sagen wir Linienführung, sind dieselben. Ganz gewiß ist jedoch die Lampe mit Pfau und Palmzweig nicht jünger als unser erstes Bild: die Symbolik mit ihrer schlichten Einfachheit schließt ein späteres Alter als das IV. Jahrhundert zwar nicht als „unmöglich" aus, aber sie macht dasselbe in hohem Grade aus inneren Gründen unwahrscheinlich. Das Pferd. Die Eigenschaft der Schnelligkeit hat das Pferd mit dem Hasen gemein, und dies ist ein symbolischer Grund, weßhalb wir es zuweilen neben dem Hasen dargestellt finden. Aber die Schnelligkeit ist nicht der einzige Grund. Das Pferd nahmen die christlichen Künstler nicht in Folge „Vergleichs" mit dem Hasen, sondern aus der geläufigen Vorstellung des Wettlaufs. Bald stehen auf altchristlichen Monumenten die Pferde, bald sehen wir sie im Laufe; hier sind sie mit einer Palme geschmückt, dort nicht; ja etliche Mal ist das Ziel angedeutet, das sie erreichen sollen. Die christlichen Gräber von Achmim haben auch für dieses Kapitel der Symbolik Beiträge geliefert. Doch muß gesagt werden, daß auf Gewandstücken und sonstigen Gegenständen das Pferd für sich allein, also in direct symbolischer Bedeutung, verhältuißmnßig selten zu beobachten ist. Ob hieran lokale Momente — wir befinden uns in einem Lande, wo Esel, Maulthier und Kamel vielfach das Pferd vertreten! — die Schuld tragen, wollen wir nicht entscheiden. Um so häufiger erscheint, sicherlich in Abhängigkeit von italisch-ravennatischen oder asiatischen Einflüssen, das Pferd in figuralen Scenen, wie in Darstellungen des heiligen Georg, in Gazellen- und Löwenjagdsccuen, in Bildern des Hercules, von denen ich selbst Beispiele besessen habe und u. a. Herr Forrer noch besitzt. Ein Claims mit aufgestickter Pferdfigur, dem IV. Jahrhundert ««gehörig, befand sich ehemals in meinem Besitze. Da jegliches weiteres Anzeichen dabei fehlte, möchte ich nicht eine symbolische Bedeutung für durchaus gewiß erachten. Daß dem Pferd aber auch in Achmim ein symbolischer Charakter überhaupt zukomme, dafür ist Beweis eine Fibula der Sammlung Forrer in Form eines Pferdes, die wir allerdings mindestens in das Ende des IV. oder V. Jahrhunderts datiren müssen, die aber als ein Glied in der Kette zahlreicher thierischer Symbole von ähnlicher Form und Verwendung erscheint. Die Schlange. Die Symbolik der Schlange ist — christlich gedacht — so alt, wie die Urgeschichte vom Paradies und dem ersten Sündenfalle. Aus der Schlange sprach der Satan, der „Verführer von Anbeginn", und ihr galt der göttliche Fluch, laut dessen ihr vom Weibe (Maria) der Kopf zertreten würde. Und dann wieder war die Schlange ein Sinnbild der göttlichen Gnade geworden, da Moses ihr ehernes Bild vor dem Volke errichtete. Endlich hat Christus, die böse Symbolik nicht aufhebend, auch ein gutes Moment in sie gelegt, indem er Schlangenklugheit als Accidens zur Taubeneinfalt seinen Hörern empfohlen hat. In das Christenthum übertragen, hat die Schlange ihren symbolischen Doppelcharakter bewahrt. Sie ist auch hier das Bild des Verführers, das Vorbild des Erlösers. Jnsoferne sie aber den ersteren darstellt, vergegenwärtigt sie daS Böse überhaupt, eine Allgemeinheit des Begriffs, die sich dann wieder in alle möglichen Einzel- begriffe zergliedern läßt. Nur so ist es zu verstehen, wenn wir in ihr das dem Christenthum feindliche Heide nthum personifizirt sehen. Und zwar ist letzteres als solches, nicht etwa als „Unglauben im Allgemeinen" gedacht: wenigstens auf sehr vielen Darstellungen von Achmim-Panopolis. Auf dem Boden von Achmim müssen wir allerdings der Schätzung gedenken, in der die Schlange (die „ägyptische Brillenschlange") bei den alten Bewohnern des Nillandes gestanden hat. Auch davon künden uns monumentale Urkunden. So besaß ich aus entschieden vorchristlicher, d. h. römischer Periode einen prächtigen, leider etwas dcfecten Claims mit dem sein ausgeführten Bild einer vielgewundenen, schön gefleckten Schlange. Das werthvolle Stück Habs ich im Münchener Alterthumsvercin, wo es auch einen begeisterten Liebhaber fand, mit andern Stoffen von Achmim durch den damaligen Ncchtsprakti- kanten Karl Hollfelder besprechen lassen. Insonderheit ist es aber die Idee des Sieges Christi oder des Christenthums über das Heidenthum, die in Achmim zu bildlichem Ausdruck gekommen ist. Hiebei muß zuerst die Rede sein von dem Verhältniß von Schlange und Drache. Ich idcutificire Beide als gleichwerthige Begriffe, gestützt auf die offenbare Anschauung der alten Allegorie. Wer sich in der Welt- poesie und Weltsage einigermaßen auskeimt, weiß, wie die alte Welt den Drachen bald eine Schlange, bald die Schlange einen Drachen nennt. Aus der christlichen Anschauungsweise erhellt das Gleiche: die „Bibel der Allegorie", nämlich die Apokalypse kann uns dies am besten zeigen. Hiezu treten unsere Monumentalbeweise. Wie sehr der alte Künstler bei seiner allegorischen Conception die Umgebung auf sich einwirken ließ, sehen wir an der Thatsache, daß wiederholt die Schlaugen- siguren von Achmim eine „krokodil ähnliche" Gestalt ausweisen. Der heilige Georg ist der Schlangensicger der Legende, der Drachentödter des Orients: ihn gerade erblicken wir — sicherlich in der oben skizzirten höheren Symbolik — als Feind und Verruchter der krokodil- ähnlichen Schlange. Für die Allegorie des Sieges über das Heidenthum ist diese Halbmetamorphose nicht unwesentlich: das heidnische Aegypten erblickte ja auch im Krokodil eine Weihe des Götterglaubens. (Schluß folgt.) Reise-Briefe aus dem Orient von Dr. Seb. Enring.er. (Schluß.) Gegen 4 Uhr langen wir bei Palmengärten an, ein wohlthuender Airblick nach soviel Staub und Sand und kahlen Höhen. Es ist ein kleiner Fleck Erde, cl Hcswe, wo der Qnellbach der eine halbe Stunde entfernten Oase Firan plötzlich im Sande verschwindet. Dieses hübsche Plätzchen liegt bald hinter uns, und wir haben wieder eine Zeit laug die Wüstenvegetation, nur etwas üppiger, vor uns. Ein großer Hügel, ein Fclsblock von 30 m Höhe, liegt quer im Thal, an seinem Fuße fließt ein Büchlein, und hinter dem Hügel, Mehnrrct heißt er, harrt das Zelt unser. Der Lagerplatz ist einer der schönst gelegenen Punkte der Halbinsel. Vor der Thüre meines Zeltes konnte ich den Anblick der Oase Firan, des alten Raphidim, genießen, rechts schaute der majestätische Serbal, den manche (mit Unrecht, glaube ich) für den Sinai halten, auf das Thal herab. Die rings das Thal einschließenden Berge tragen Ruinen alter Kirchen, Kapellen, Forts aus den Jahrhunderten vor dem Eindringen des Islam. Hier hat einst Israel gelagert, von dem Felsen des Serbal hat Moses das Wasser mit seinem Stäbe geschlagen, hier hat Moses seinen Schwiegervater Jcthro empfangen; auf dem Hügel Meharret hat Moses, von Aaron und Hur unterstützt, während der Amalekiter- schlacht gebetet. Es ist wohl keine Stelle außer dem Sinai so beglaubigt, wie die Lage von Naphidim. Ich stieg auf den 30 in hohen, von allen Seiten freien Hügel, auf dessen erster Terrasse die Ruinen einer christlichen Kirche liegen. Ein Kapitäl mit vier Kreuzen liegt am Boden. Die Spitze des Hügels krönt ein verfallenes schon vielleicht mehr als ein Jahrtausend verlassenes, Kloster, dessen Lehmwände auf Steinmauern ruhten. Am nächsten Morgen durchwanderten wir die liebliche Oase Firan. Denkt euch einen Palmengarten mehr als eine Stunde lang; herrliche Palmbänme wechseln mit Palmgebüsch, das ohne Stämme seine mehrere Meter langen Blätter dircct aus der Wurzel hervorbringt. Die Sonne am tiefblauen wolkenlosen Himmel verschönert durch ihren Glanz das an sich schon so freundliche Grün der Königin unter den Bäumen. Mitten durch den Garten plätschert freundlich murmelnd ein Quellbächlein, dem es niemand ansehen würde, daß ihm all' diese Pracht zu verdanken ist. An beiden Seiten des Büchleins stehen sanft gefiederte Tamariskensträucher; Vöglein singen in den Zweigen, Beduinen lagern in ihren Zelten oder in steinernen Häusern mit Veranda im Schatten der schönen Bäume, der Boden ist mit Nasen bedeckt, und als Hintergrund dienen die steilen grauen Granitfelswände, welche das Thal einschließen. Wenn ich das Paradies zu malen hätte, würde ich die Oase Firan Zur Grundlage nehmen. Jede dieser Dattelpalmen hat einen Besitzer; die Datteln von Firan sind berühmt. Einst war diese Oase berühmt unter dem Namen Pharan und hatte selbst einen eigenen Bischof; aber der Islam hat alles weggefegt, und von den vielen Klöstern und Eremitenzellen am Serbal und Sinai und den umliegenden Thälern ist nur das Sinaikloster geblieben. Ich kann mich nicht genug satt sehen an dem üppigen Grün, den edlen Formen der Palmen, nicht genug den Vöglein und dem Büchlein zuhören ; denn nach langer Wüstenfahrt ist all dieses doppelt schön, doppelt erwünscht. Noch haben wir das Ende der Oase nicht erreicht, da zeigt mir Schech Schema einen hohen Berg, welchen die Araber Gebe! Munäga, d. i. Berg des Zwiegespräches zwischen Gott und Moses, nennen. Alle Jahre im September, wenn die Dattelernte vollendet ist, versammeln sich in diesem Thale alle Beduinen der Halbinsel, der Schech Musa, das Oberhaupt des ganzen Bedninen- stammes, steigt auf den Berg und schlachtet in einem Steinkreise ein Kamel, das Fleisch essen die Armen, das Blut wird ausgegasten und zwar zu Ehren Moses'. Die Araber singen dabei: „O Berg des Zwiegespräches des Moses! Wir bitten dich um deine Gunst. Bewahre dein gutes Volk, und wir wollen dich alle Jahre besuchen." Daran schließt sich im Thale eine weltliche Belustigung, Phantasia genannt, wobei die Reiter ihre Künste zeigen. Es sind noch zwei oder drei Feste im Jahre, wo die Beduinen noch auf einigen andern Bergen Opfer darbringen. Das ist aber auch ihr einziger Gottesdienst. Das Thal schließt mit einem Kessel ab, aus dem ein kleiner, schmaler Engpaß, Bauweb d. i. Pförtchen genannt, in das nächste Thal führt. Dieser Engpaß sieht genau so aus, als ob ihn Menschenhände gefertigt hätten, und doch ist es Werk der Natur; die Berge mit beiden Seiten treten je 1 — 1 Vz Meter zurück, und es kommt einem vor, als müsse sich dieses Pförtchen hinter einem wieder schließen. Vorn Bauweb führen zwei Wege nach dem Sinai, der eine, bequemere durch das Wadi esch-Schöch in 11 Stunden, welches Wadi man für die Wüste Sinai halten und als Marschroute der Jsraeliten annehmen kann, da es unmittelbar vor dem Fuße des Sinai endet; der andere, welcher über einen höchst beschwerlichen, aber interessanten Paß führt, erreicht in lOstx Stunden das Kloster. Da letzterer landschaftlich schöner ist, so wählte ich denselben. Was diesen Weg vor allem auszeichnet, das ist die Aussicht auf den majestätischen, fünfzackigen Serbal, der sich hier in seiner ganzen Breite den Blicken darbietet. Man will ihn für den Sinai nehmen, was ich aber nicht unterschreiben möchte. Aber auch, wenn man ihn nicht für den Berg des Gesetzes hält, ist er in seiner würdevollen Majestät ein imposanter Anblick. Mein Lager wurde so aufgeschlagen, daß ich den Berg mit seiner fünfzackigen Krone möglichst lange betrachten konnte. Am letzten Tage mußte unser Gepäck einen langen Umweg machen, während wir in 5 Stunden über den steilen el Hauwi-Paß die Ebene Nliha erreichten. Erst in den letzten Stunden tritt der imposante Gottesthron, der Sinai, vor das erstaunte Auge, und zum erstenmale schaut mau mit Ehrfurcht den Berg, der nach dem Calvarienberg der erhabenste Berg der Welt ist. Hier treffen alle Religionen, welche an einen Gott glauben, zusammen, Juden, Christen und Muhammedaner verehren in ihm eine hl. Stätte. Nach einiger Zeit tritt auch der Berg der heiligen Katharina hervor; aber immer wieder kehrt der Blick zum Gottesberg zurück. Noch ein kurzer Ritt und wir haben den Klostergarten erreicht, der seinen vollen Schmuck angelegt hatte: Mandeln und Aprikosen stehen in voller Blüthe, Citronen leuchten unter den grünen Blättern hervor, die Oelbäume zeigen ihren Blätterschmuck, nur die Feigen haben noch keine Triebe; dieses alles in einer Höhe von 1528 wr über dem Meere. Nur eines stört: die langweiligen zahlreichen Cypressen, diese Pickelhauben unter den Bäumen. Endlich Mittags 12 Uhr stehen wir vor dem festungs- artigen Kloster. Ursprünglich eine Festung, hat es diesen Charakter nach außen bewahrt, und da mit den Festungs- manern die Peripherie gegeben war, so ist das Innere zu einem gewaltigen Winkelwerk geworden. Denn das Kloster ist kein einheitliches Gebäude, sondern ein Com- plex von Häusern und Hütten. Das Kloster gehört den schismatischen Griechen, gegenwärtig sind 22 Mönche da. Nachdem wir in den Hof eingelassen waren, geben wir unsre Empfehlungsschreiben ab; der Oekonom nahm uns freundlich auf und erlaubte uns die Zelte im Hofe aufzuschlagen. Ein junger Mönch, der französisch sprach, zeigte mir Kloster, Kirche und Bibliothek. Doch davon das nächstemal. Recensionen und Notizen. Dr. L. B enari o: Die Stolgebühren nach bayerischem Staatskirchcn recht. (Preisgekrönt von der Ju- ristensakultät Würzbnrg.) C. H. Bcck'schcr Verlag in München. (Preis kart. 2 M. 50 Psg.) * Eine gründliche Darstellung der gesammten Rechtsverhältnisse, die für die Stolgebühren in Betracht kommen, auf welche die Geistlichkeit nachdrücklich hingewiesen zu werden verdienn Folgende Kapitel deuten den Faden an, welchen der Verfasser bei seiner wissenschaftlich und praktisch gleich bedeutsamen Untersuchung verfolgte: Kap. I. Begriff und Name der Stolgebühren; Kap. II. Der Umkreis der geistlichen Amtshandlungen. aus deren Anlaß Stolgebühren entrichtet werden; Kap. III. Das Recht auf Stolgebühren; Kap. IV. Die Competenz zur Bestimmung der Höhe der Stolgebühren; Kap. V. Der Umkreis der Bezugsberechtigten; Kap. VI. Die Verpflichtung zur Zahlung der Stolgebühren; Kap. VII. Die Organisation des Rechtsschutzes; Kap. VIII. Die Frage der Aufhebung der Stolgebühren bczw. der Einführung einer allgemeinen Stolgebührcu-Ordnung. Als willkommene Beilage sind in einem Anhang beigegeben: 1)LandtS und Policey Ordnung der Fürstenthumbcn Obern undNidcrn Bayern von 1616, 3. Buch; 2) Kirchenordnnug für das Hochstift und Bistum Wirzburg vom 36. Juli 1693; 3) Stolgebühren- Orduung für die katholischen Stadtpfarreien München l. d. Jsar vom 5. Mai 1876; 4) Verzeichnis der in der katholischen Stadt- pfarrei Dillingcn bei Taufen, Hochzeiten, Leichenbegängnissen, Gottesdiensten rc. zu entrichtenden Gebühren u. Taxen; 5) Preußisches Kircheugesetz vom 23. Juli 1392 betreffend die Aufhebung der Stolgebühren für Taufen, Trauungen und kirchliche Aufgebote; 6) Preußisches Staatsgesetz dazu vom 3. September 1892. Wir denken, diese Mittheilung werde genügen, um den Leser auf den interessanten Inhalt dieser Schrift aufmerksam zu machen, 176 welche gewiß bald in vielen Pfarrbibliothekcn Aufnahme gefunden haben wird. Es liegt über diesen Gegenstand keine andere Publikation vor, welche sich auch nur im entferntesten mit der vorliegenden an Vollständigkeit und solider Durcharbeitung messen könnte. Wie ersichtlich, ist auch zur Frage der Aufhebung der Stolgebühren, sowie zur Frage der Einführung einer allgemeinen Stolgcbührcn-Ordnung Stellung genommen. Wanderfahrten und Wallfahrten im Orient, von Dr. Paul Kcppler. Freiburg, Herder. —e. Dein Werke sind 106 Abbildungen beigefügt, ein ausführlicher Plan von der Kirche des hl. Grabes, eine Karte von Palästina in seinem heutigen Zustand und ein Plan des jetzigen Jerusalem. Der erste Theil handelt von den Wanderfahrten im Pharaoncnland, wie sie der Verfasser vor zwei Jahren gemacht von Trieft über Alexandricn nach Kairo und Umgebung, durch das Land Gosen an's Notbc Meer, durch den Suezkanal nach Portsaid. — Im zweiten Theil sind die Wallfahrten im HI. Land geschildert: Durch die Ebene Saron und das Gebirge von Judäa nach Jerusalem, von Jerusalem nach NabuluS, Dichennin, Nazareth, Labor, Liberias, über den Hermen nach Damaskus, durch den Libanon nach Baalbek und Beirut. — Rückreise über Gricchculaud und Konstantinopel. Schon der Name dcS Autors bürgt dafür, daß wir in dem Buche etwas ganz Gediegenes vor uns haben. Und in der That, jedes Blatt liefert davon den Beweis. Wir rennen den Orient aus eigener Anschauung und haben schon viele Werke darüber gelesen, aber daö von Kepplcr verdient wenigstens unter denen von kleinerem Umfang die Palme. Es ist in des Wortes vollster Bedeutung ein wahres Prachtwerk. Keine Neiseschilder- ungeu von gewöhnlicher Sorte, alles ist hier originell, die ganze Darstellung und Auffassung, von so vielseitigen und erhabenen Gesichtspunkten auS geschrieben, wie es eben nur ein Gelehrter von großem Geiste vermag. Und das Ganze ist wieder durchweht vom Hauche eines kindlich frommen Gemüthes. So fesselt das Buch, wie kaum ein anderes, Geist und Herz zugleich. — Die Bilder und Karten sind außerordentlich fein nnd naturgetreu. — Wir können somit das Werk allen, welche dieselbe Reise schon gemacht haben oder noch machen wollen, allen, die sich überhaupt um den Orient interessieren, nicht genug empfehlen. Es bildet eine Zierde jeder privaten und öffentlichen Bibliothek, cö sollte namentlich in keiner Schule fehlen. — Der Preis beträgt ungebunden 8 M.. scheinbar etwas viel, wer daö Buch aber liest, wird sagen müssen, eö ist goldeöwcrth. Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vortrage. Achte Serie. Heft 191: „Die Zukunft des Silbers" von I. Fränkel. — Heft 192: „Die NeligionS-Nnschauungen des Euripidcs" von vr. plstl. Erich Bußler. Hamburg 1894. Vcrlagsanstalt nnd Druckerei A.-G. Das kleine Werkchen Fränkels behandelt die Frage, wie bei der enormen Produktion und dem infolge dessen immer mehr sinkenden Werthe dcS Silbers sich wohl dessen Zukunft gestalten werde. Nachdem sich die eigentlichen Culturstaaten von der reinen Silbcrwährung abgewendet, fiel der Werth des Silbers allmählich um ^g, also fast um die Hälfte. Der Autor glaubt zwar nickt, daß in absehbarer Zukunft die Cultur- länder wieder auf das Silber als Währunzsmetall zurückkommen werden, doch hofft er, da auch infolge des niedrigen Preis der Betrieb der minder ergiebigen Minen eingestellt werden müßte, daß das Silber eine gewisse Stellung als Gcbrauchsmetall für den Cousum, als Währungömetall für Staaten, die noch nicht zur Goldwährung übergehen könnten, und überhaupt als Scheidemünze seinen Werth behalten werde. Die Abhandlung dient, auch wegen dcS darin verwertheten statistischen Materials, gut zur Orientiruug in der Silbcrfrage. — Die Schrift BußlerS soll eine Ehrenrettung sein. Euripidcs, „den man gewöhnlich als den Verkündcr einer stachen und trivialen Lebensweisheit hinstellt, ist — als Mensch hetrachtct — bisher wenig zu seinem Recht gekommen". Und es sind deßhalb so ziemlich alle Stellen auS des Dichters uns überlieferten Werken zusammengetragen, welche die religiöse Seite berühren. Es ist allerdings nicht bewiesen, daß der Dichter seine eigene Anschauung damit aus- sprcchcn wollte, und daß die Ansicht, cS seien gerade die religiösen Aeußerungen nur ironisch gemeint, oder für den Charakter der in den Dramen auftretenden Personen nöthig gewesen, unrichtig sei. Immerhin bietet der Vertrag eine Sammlung von religiösen Ansichten, die viel Interessantes enthält. Schade nur, daß die Stellung des EuripideS zu dem Leben der Seele nach dem Tode nicht berührt ist. ÜV. L. vr. K. Krogh-Tonning, Die Gnadeulehre und die stille Reformation. Cbristiania. In Commission bei Jakob Dybwad. 1894. Preis 2,80 Mk. —I. Nicht gerade häufig sind heutzutage die Stimmen zu hören, die mahnen, der in immer breitere Schichten des Volkes eindringenden Gottlosigkeit gegenüber innerhalb der christlichen Ncligionsgcnosscnschastcn treu zu hüten, was an lebendigem Glauben und frommer Sitte noch wirksam ist, und längst veraltete Vorurtheile und Mißverständnisse aufzugeben. Um so dankcnswcrthcr ist daö durch den evangelischen Dogmatiker Krogh-Tonning in vorliegender Studie festgestellte Ergebniß, daß die stille Macht der Zeit oder, sagen wir cö dankbar, das leise Walten der göttlichen Gnade dazu gedient hat, einen der schwerwiegendsten dogmatischen Gegensätze zwischen der Reformation und der römischen Kirche, den bezüglich der Rccht- fcrtigungSlebre bestehenden, verschwinden zu machen. Den Nachweis dafür halten wir bezüglich der von der katholischen Kirche und den namhaftesten protestantischen Theologen vertretenen Lehrpunkte für erbracht; was allerdings die Massen darüber denken, ist uns unbekannt. Ein bedeutsamer Schritt der Annäherung wäre damit gethan; gebe Gott, daß diese Erkenntniß sich mehr nnd mehr der Gemüther bemächtige, -nt omnss unum sind«. Wir empfehlen die mit vornehmer Ruhe und gründlicher Sachkenntnis; geschriebene Broschüre mit gutem Gewissen den Theologen beider Bekenntnisse auf's wärmste; auch gebildete Laien werden sie mit Nutzen lesen. (In Deutschland zu haben in der Buchhandlung Michael Seitz, Augsburg, Carmcliter- straße.) Dr. C. Aus dem Hcrdcr'schcn Verlag: Scheebcn, Dr. M. I. Die Herrlichkeiten der göttlichen Gnade nach ?. Euseb. Nierembcrg 8. ck. frei bearbeitet. Fünfte Auflage besorgt durch Pr. Alb. M. Weiß 0. Ist. XVI und 600 S. Preis 3 Mk., gcbd. 3,60 Mk. » Ein Psiugstgescheuk in des Wortes edelster Bedeutung kann dieses längstbckauute treffliche Buch Scheebcns genannt werden; denn es handelt von dem höchsten und herrlichsten Geschenke des hl. Geistes, der Gnade, und zwar von dem Wesen der Gnade, von der erhabenen, gehcimnißvollen Verbindung mit Gott, in welche uns die Gnade einführt, von den Wirkungen und Früchten der Gnade nnd von der Erwerbung, Anwendung, Vermehrung und Erhaltung derselben. Das Werk vermag den Leser für den behandelten Gegenstand zu begeistern, und dies gelingt um so besser, als der Verfasser aufs gewissenhafteste bestrebt ist, nur die alte katholische Lehre einzuprägen, wie sie gegründet ist auf die Worte der hl. Schrift, auf die Lehre der Vater und auf die AuSsprüche des kirchlichen Lehramtes. Das Buch ist auch für Laien geschrieben, welche „nicht so sehr durch gelehrte Bildung als vielmehr durch ein christlich-gläubiges und von der Gnade erleuchtetes Gemüth für das Verständniß ihrer überirdischen Herrlichkeit empfänglich sind"; besonders aber werden Priester für sich heilsame Belehrung und vorzüglich für ihren Seelencifcr neue Kraft und Begeisterung schöpfen. Der Text dieser neuen Auflage ist mit der größten Treue behandelt worden, nur einige unbedeutende Aenderungen wurden vorgenommen, einzelne Citate richtig gestellt. Von den Lebensbildern kathol. Heiliger von Rede atis, Verlag von Beuziger u. Cie. in Einsiedcln, sind Nr. 41—46 erschienen, behandelnd die Heiligen Robert, Hugo, Richard, Mathias, Genovcfa, Katharina. Diese allerliebsten Schristchcn, nach Inhalt und AuSstattung vortrefflich, seien hiemit abermals empfohlen. Preis per Schristchcn 10 Pf. Die Echtheit und Glaubwürdigkeit der Schriften dcS Neuen Testamentes. Von Bischof Egger von St. Gallen. Verlag von Benziger, Einsiedcln. Preis 1S Pfg. Der Verfasser ist als Meister populärer Darstellung schwieriger Themata bekannt, als welcher er sich in seinem „populären Nachweis" oben genannter Eigenschaften der heiligen Schriften wieder bewährt. Das Schristchcn verdient weiteste Verbreitung im Volke behufs Aufklärung und Belehrung. Vcrautw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. tti-. 23 M 7. Juni 1894. Orlando di Lasso. Zu seinem 300jährigen Todestag (14. Juni). Von A. Graf. (Zu nachstehender Arbeit wurden folgende Quellen verwendet: Dr. Sandberger, Beitrüge zur Geschichte der bayerischen Hofcapelle in drei Büchern, noch nicht ganz erschienen; Haberl; Dr. Witt; Bänmker; Musikalisches Konversationslexikon von Neißmann; Dehn, Biographische Notiz über Roland de Lattre.) Da wir Anfang dieses Jahres Palestrina in seinem Thun und Treiben schilderten und ihn als einen Meister erkannten, der all' seine Kraft die Zeit seines Lebens dem Dienst der Kirche widmete, so haben wir in Orlando di Lasso einen Meister vor uns, der das Beste leistete in der kirchlichen Musik des sechzehnten Jahrhunderts, aber auch in weltlicher musikalischer Beziehung ganz Hervorragendes geschaffen hat. Die Schule der Niederländer findet in ihm ihren schönsten Abschluß. Gewiß ist er werth, daß sein Andenken an seinem 300jährigen Todestag wieder neu aufgefrischt wird, schon aus dem Grunde, weil er ja in Bayerns Hauptstadt so segensreich wirkte, also gleichsam der Unsrige war. Auf seine Musik kann man die Worte Klopstock's anwenden: „Kraftvoll und tief dringt sie in's Herz. Sie verachtet Alles, was uns bis znr Thräne nicht erhebet, Was nicht füllet den Geist mit Schauer Oder mit himmlischem Ernst." Man hat Palestrina mit Nafael, dem berühmtesten unter den Malern, verglichen; Orlando kann mit Michel Angela verglichen werden, und einer der ersten Kenner der klassischen Kirchenmusik, vr. Karl Proske, sagt über ihn: „Laffus, groß in Kirche und Welt, hatte das Nationale aller damaligen europäischen Musik dergestalt in sich aufgenommen, daß es als ein charakteristisches Ganze in ihm ausgeprägt lag und man das speciell Italische, Niederländische, Deutsche oder Französische nicht mehr nachzuweisen vermochte. Niemand war ihm hierin so ähnlich, als der große Händel, und wie in diesem der deutsche, italische und englische Genius des achtzehnten Jahrhunderts, so war in Laffus die ganze Herrlichkeit der germanischen und romanischen Kunst seiner Zeit in einer großen Erscheinung vereinigt." Dr. Witt aber füllt folgendes Urtheil: „Dieser Niescngeist hat nicht etwa bloß eine Unzahl von Werken hinterlassen, sondern in denselben auch eine Unzahl von Experimenten, die sein Streben, neue Bahnen zu eröffnen, in der Kraft fortzuschreiten, neue, ungewöhnliche, unerhörte Combinationen zu wagen, um neue Resultate zu finden, auf's allermerkwürdigste constatiren. So sind unter den 516 Motetten des oprrs MUSILUIQ MUANUIU einige, welche die ganze chromatische Tonleiter durchlaufen und von Il-ciur und H-woll bis ^.8-äur moduliren, und zwar auf einem winzigen Raum". Solche allgemeine ungemein lobende Sätze aus compe- teutestem Munde — specielle werden noch folgen — berechtigen sicher, daß das Andenken des großen Meisters aufgefrischt werde und wieder auf's neue frisch und lebendig bleibe. Möge dies in Nachstehendem einigermaßen gelingen! Das Geburtsjahr deS Orlando ist ganz bestimmt noch nicht ausgemacht, es schwankte bisher zwischen 1520 bis 1532. Laut Inschrift des Grabsteines in München und bibliographischer Ergebnisse ist das Geburtsjahr 1532, während andere bestimmt 1530 annehmen und wieder andere — Dehn voran — 1520 bestimmt behaupten: „geboren in demselben Jahre, in welchem Karl V. zu Aachen als Kaiser gekrönt wurde". Der Ort, wo seine Wiege stand, ist Mons im Hennegau, sein eigentlicher Name war Roland de Lattre, die Eltern gehörten dem Mittelstände an. Bitteres, sehr Bitteres hatte Roland in der frühesten Jugend zu erfahren. Sein Vater wurde Falschmünzer, es wurde demselben der Prozeß gemacht, und er wurde verurtheilt, vor den Seinen und allem Volke mit einer Kette falscher Münzen um den Hals dreimal langsam das Schaffst zu umschreiten. Diese furchtbare Sache veranlaßte den jugendlichen Roland, seinen Familiennamen zu ändern. Als Knabe besaß Orlando eine ungemein sanfte Stimme, welche alle be- zauberte, die ihn in der Nikolaskirche seiner Vaterstadt singen hörten, und einen hervorragenden musikalischen Geschmack. Er soll wegen seiner herrlichen Stimme dreimal entführt worden sein, wir betonen und unterstreichen aber ausdrücklich das soll dieses Satzes. Orlando entsprach der Aufforderung des berühmten Ferdinand Gsn- zaga, Generals Karls V. und Vicckönigs von Sizilien, der ihn in seine Dienste nahm und nach beendetem Feld- zug in den Niederlanden nach Mailand führte. Ob Ferdinand den jungen Orlando aufnahm aus Begeisterung für dessen prächtigen Sopran, oder weil es Gewohnheit war, daß große Herren sich Sänger und Musiker hielten, oder um seiner einzigen Tochter zur Kurzweil und zum Unterricht den gleichaltrigen Knaben beizugesellen, muß dahingestellt bleiben. In Mailand kam Orlando in Verbindung mit einem zwar nicht Venedig und Rom ebenbürtigen, aber doch wohl entwickelten musikalischen Leben, das er einerseits mit größtem Interesse verfolgte, während er anderseits fleißig den musikalischen Studien sich widmete. Orlando verließ seinen Gönner, als bei ihm im 18. Lebensjahre der Stimmwechsel eintrat, und verweilte von da an zwei Jahre lang in Neapel bei dem Marchese della Terza, wohin er durch Konstantin Castriotto geführt worden war. Ob Orlando zu den damals schon bestehenden Konservatorien Neapels Beziehung gewann, darüber ist mangels von Quellen bis jetzt nichts festzustellen. Sandberger schreibt über den Aufenthalt Lasso's in Neapel: „Die politischen Verhältnisse Neapels zur Zeit seines Aufenthaltes mögen wiederum auf Orlando's Charakterbildung von Einfluß gewesen sein. Zwischen dem großen Aufstand vom Mai 1547 wider den Vicekönig und der Unternehmung gegen Siena 1653 anwesend, athmete der Jüngling die Luft einer gegen ihren Herrn — Don Pedro von Toledo — furchtbar erbitterten Stadt. Tiefgewurzclter Haß gegen die von letzterem eingeführte Inquisition war die Ursache der Mairebellion gewesen und bildete den Funken, der unter der Asche scheinbarer Ruhe während dieser Jahre weiterglomm. So wissen wir unsern Künstler schon in seinen jungen Jahren vertraut auch mit den religiösen Wirren feiner Zeit und vorbereitet für Dinge, die er, wenn auch in ganz anderer Gestalt, so doch aus ähnlichem Kapitel, in reiferen Jahren in Bayern miterleben sollte." Im Jahre 1541 begab sich Orlando nach Rom und wurde von dem eben in der ewigen Stadt anwesenden Cardinal-Erzbischof von Florenz auf das liebenswürdigste aufgenommen, fand sogar in dessen Palais während sechs 178 Monaten die gastlichste Unterkunft. Die Worte, welche ein Geschichtsschrciber auf den Vater des Erzbischofs anwendet, sind auch auf den Sohn anzuwenden: „nomo cü sinAula-r dontä s latteruturu". Ju der heiligen Stadt betrat Orlando wohl das interessanteste damalige musikalische Terrain der Welt, wir brauchen nur an den Namen Palestrina zu erneuern. Sein einflußreicher Gönner empfahl den jetzt zwanzigjährigen jungen Künstler als Kapellmeister in die Kirche S. Giovanni in Laterans, deren amtliche Bücher ihn auch als „Naastro cii xuttü in Imiora.no g. Hown 1541" verzeichnen. Es wird von Einigen bestrittcu, daß er Kapellmeister in Laterans war, wenn er es so jugendlich geworden, hatte er es sicher feinem obcngcnanuteil Protektor zu verdanken, da es in Nom ältere tüchtige Meister in großer Anzahl gab. Während seines Aufenthaltes in Nom ließ er im Jahre 1545 das erste Buch vierstimmiger Messen und das erste Buch Motetten zu fünf Stimmen in Venedig drucken. Bald kam ihm die Nachricht zu, seine Eltern seien sehr schwer erkrankt, und Kinderliebe allem andern vorziehend, eilte er sofort in die Heimath, ohne indessen seine Eltern noch unter den Lebenden zu finden. Da er in seiner Vaterstadt nichts mehr zu suchen hatte, so folgte er mit Freuden der Einladung des Edelmanns Julius Cäsar Beaucaccio, und reiste mit diesem durch England und Frankreich. Ueber diese Neise ist in den Quellen nichts zu finden; nach Beendigung derselben ließ er sich in Antwerpen nieder. Antwerpen war damals schon eine sehr große und auch eine sehr reiche Stadt. Wo aber Reichthum herrscht, gedeiht auch die Kunst, und diese blühte damals auch in großartiger Weise in Antwerpen, in erster Linie die Musik. Orlando berichtet Quickelberg: yHntavarpino inansit ctuos uniios, intar viros ornu- iissiinos, äoLlissinios st irodiliLsiaios, guos uncli^no in Uusieig excütavil, o, guidus etiuirr snwnuo nän- rnntus voneratusguo tnit." Bereits seit dem dreizehnten Jahrhundert hatte in Antwerpen eine namhafte Chorschule, „rnaatmLö importanto", bestände», und die Kantorei bestand aus einer großen Anzahl der besten Sänger. Von den berühmten Männern, mit denen unser Meister hier verkehrte, sei nur der Bischof von Arras, Antonios Perrenot, erwähnt, später berühmt als Cardinal Grauvella. Diesem widmete Orlando ein i. I. 1556 bei I. Latio erschienenes Werk: „il prima lidrc» clo' motstii a, ainHua vool nuovomkuta posti in Inas". In Antwerpen entstand nun jene lange Reihenfolge großartiger Schöpfungen, welche heute noch Bewunderung verdienen. Ju Deutschland lag die Tonkunst noch nie so sehr danieder, als gerade in der Zeit von 1550—1570, während welcher nicht ein einziger Tonsctzer von Auszeichnung genannt wird. Gerade damals war Albert V., genannt der Großmüthige — wir können ihn auch den Kunstsinnigen nennen — Herzog von Bayern. Er war ein Freund der Wissenschaften und Künste, ein begeisterter Freund der Musik. Da er auch sehr nobel war betreffs der Honorare, so sammelten sich um seinen Hos die bedeutendsten Künstler auf den verschiedensten Gebieten der damaligen Zeit. Sei es nun, daß der Herzog Orlando schon durch seine Cvmposiiionen kannte, sei es, daß er durch ein Glied der Familie Fngger, welche Familie eine große Faktorei in Antwerpen besaß, auf Orlando aufmerksam gemacht wurde, kurz Orlando nahm die ehrenvolle Einladung des Herzogs an und ging im Jahre 1557 nach München. Sandberger sagt über diese Berufung: „Es ist kein Zweifel, daß Orlando der Qualität und Quantität seiner innerhalb eines Zeitraums von weniger als zwei Jahren erschienenen nahezu 100 Tonsätze das Nenomse verdankte, welches ihn für den Werber des bayerischen Herzogs als eine thunlichst herbeizuführende „Acgilisition" erscheinen ließ. Dazu mag noch seine Persönlichkeit gekommen sein, von deren Witz und lustigen Possen man sich allerlei Kurzweil für die hohen Herren versprach." So hatte denn mit dem Aufenthalt in Antwerpen die erste Periode im Leben Orlando's ihren Abschluß gefunden. In München weilte er, abgesehen von Mehreren Reisen, volle siebennnddreißig Jahre, d. h. bis zu seinem Tode. Flechten wir, bevor wir das Leben und Wirken unseres Meisters weiter betrachten, hier eine kurze Kritik Dr. Witt's, des freimüthigen Kritikers, ein, über einige Werke Orlando's. Von zehn Messen des Meisters sagt er, daß „unter diesen keine einzige, die ganz befriedigt oder vollkommen kirchlich genannt werden kann." (Es ist wohl hier nicht zu vergessen, daß Dr. Witt doch recht geraume Zeit nach Orlando lebte und wirkte!) Er tadelt ferner unleidige Manieren rc. und erhebt den Dorwnrf, daß manches geschrieben ist als Paradestück für seine Gesangsvirtuosen. Dagegen ist Or. Witt voll Lob über manche Motetten Orlando's. So nennt er z. B. die Motette „justornm Lniinns" „ein Beispiel von ausnehmend herrlicher und origineller Erfindung. Ich getraue mir zu behaupten und thatsächlich zu beweisen, daß die Litteratur der letzten drei Jahrhunderte keine einzige Vokalcompofition für die Kirche auszuweisen hat, die an Wirkung mit dieser Motette Orlando's concurriren könnte." So nennt ihn also Dr. Witt doch auch wieder einen großen, einen sehr großen Meister. Daß auch ein Meister nicht, lauter gleich Meisterhaftes schafft, dies ist gewiß auch sehr begreiflich. (Fortsetzung folgt.) Die Lehrtätigkeit der Jesuiten vor dreihundert Jahren. (Schluß.) Kommen wir jetzt nach Bayern. Durch den Schutz und die Fürsorge Herzog Wilhelms IV. bestanden dort noch gute Klosterschulen, wie zu Tegernsee und Nieder- altaich, dann auch in Fornbach, welche letztere von Herzog Albrecht V. im Jahre 1558 besonders belobt werden konnte. Als dieser Herzog 1569 eine Schulordnung in streng katholischem Sinne vorschrieb, konnte von ihm das sechs Jahre vorher gegründete Jesuiten-Gymnasium in München als Mnsteranstalt bezeichnet werden. Außer diesem Gymnasium bestanden daselbst 3 „Poetereyen" d. h. Lateinschulen, welche ungefähr 300 Schüler zählten. Die eine dieser Schulen, die dem Magistrat unterstellt war, in ihrem Rektor Castner eine treffliche Leitung besaß und 60 Schüler hatte, mußte ganz geschlossen werden, denn das Jesuitcngymnasinm wuchs rapid; im I. 1587 hatte es schon 600, zwei Jahre darauf 800 und im I. 1602 schon 900 Schüler. Als Lehrer besonders ausgezeichnet werden?. Peltan, ?. Mengin und 1^. Stewart genannt. Albrecht V. eröffnete i. I. 1574 „das Gre- gorianum", ein Alumnat mit 40 Freiplätzen, welche von dem Nachfolger Wilhelm V. auf 50 erweitert wurden. Die Zöglinge wurden sogar Mittags und Abends aus der Hofküche gespeist. Ein schönes Zeichen für die alten Baycruherzöge l Solche Förderung der Wissenschaft sucht 179 man bei protestantischen Fürsten jener Zeit vergebens. Ein besonderes Pensionat wurde von demselben Regenten für die adeligen Zöglinge gegründet. Dieses Pensionat von St. Michael hatte 1587 schon 200 Zöglinge. Im Jahre 1591 wurde das Münchner Gymnasium zu einem philosophisch-theologischen Lyceum erweitert. ?. Laymann, damaliger Lyccalprofessor, genießt noch heute ein großes Ansehen unter den Theologen und wird nicht selten citirt. In Augsburg gründete. 1582 die Familie Fngger ein reich ausgestattetes Gymnasium, welches die Jesuiten übernahmen, das 1589 ebenfalls zu einem Lyceum erweitert wurde. In Dillingen, Jngolstadt und Würzburg bestanden ebenfalls blühende Jesuitenschulen. Diese Blüthe der Jesuitenschulen blieb nicht ohne Wirkung auf andere Schulen. Um manche heruntergekommene Schule „wieder in Flor" zu bringen, führte man wenigstens die jesuitische Lehrmethode ein, wenn man keine Jesuiten als Lehrer bekommen konnte, wie z. B. in Stockach. In dieser allgemeinen Bestürmung des Ordens nach Gründung von neuen Schulen lag, wie auch Janssen richtig hervorhebt, eine große Gefahr der Zersplitterung der Kräfte für den jungen Orden. Konnte der Orden immerfort soviel durch und durch geschulte Kräfte stellen, daß neue und alte Schulen auf der gleichen Höhe gehalten werden konnten? Natürlich mußten sie immer wieder neue Schulen übernehmen, moralisch gedrängt durch geistliche und weltliche Fürsten, die sich nimmer zu helfen wußten. Das Uebel, das daraus entstehen mußte, sahen die Jesuiten auch selbst am besten ein. Als im Jahre 1573 ein neuer General gewählt werden sollte, ertheilte die Geueralcongregation ihren Delegirten die Weisung, wohl zu beachten, daß der zu Wählende nicht zur Uebernahme neuer Seminarien, Con- victe und Collegien geneigt sein dürfte, weil sonst die Gesellschaft von Last erdrückt würde. Im Jahre 1599 kam eine neue „Studienordnung" zur Geltung, worin die bisherigen Erfahrungen gesammelt, niedergelegt und Fehler, die sich in den Schulen eingeschlichcn hatten, so weit wie möglich ausgemerzt wurden. Besonderes Gewicht wurde für die Schüler in öffentliche Disputationen, Vortrüge gelegt, denn eine einzige Disputation, so war der Grundsatz, gilt mehr, als eine Reihe von Vortrügen, denn da wird der Geist mehr geübt, und aufstoßende Schwierigkeiten werden besser beleuchtet. Die Hähern Klassen sollten jeden Sonnabend Akademien mit öffentlichen Vortrügen abhalten. Zweimal im Jahre wurden öffentliche dramatische Schauspiele gegeben, aber diese Aufführungen hatten nicht, wie an den protestantischen Schulen, einen confessionell- polemischen Charakter, sondern sollten nur einen lediglich pädagogischen Zweck haben; ästhetische und sittliche Bildung war dabei das vorgesetzte Ziel. Verboten war die Aufführung in den Kirchen, verpönt daraus waren kirchliche Ceremonien, auch durften keine Frauenrollen vorkommen. Bei den Protestanten ging es gar nicht ohne Angriffe auf den Papst und katholische Gebräuche. Dieses an sich einfache, auf dem christlichen Geiste aufgebaute Jesuiten- drama übte allenthalben auf das Volk eine große Anziehungskraft aus. Prediger klagen, daß Grafen und Fürsten sogar daran Gefallen fänden und es mancbe Evangelische den „Jesuiter" günstig mache. Zur Blüthe gelangte die Jesuitendramatik in München unter besonderer Förderung des herzoglichen Hofes. Hören wir kurz Trautmann darüber tu8 s. 6we§c>rii, sondern — aantns ArsAvrianus zu sein, ist von vorneherein eine xstitio prinolxii; denn es ist schon öfters darauf hingewiesen worden, daß man deßwegen, weil die Manu- scrtpte des 9. Jahrhunderts übereinstimmen mit denen des 11. Jahrhunderts, nicht schließen dürfe, daß die des 9. die Originalmelodien des 6. und 7. Jahrhunderts wiedergeben — beim gänzlichen Mangel von Musik-Noten aus der Zeit vom 7. bis 9. Jahrhundert. Vgl. dazu Duchesne, oi-ig-ins du orüts ollrätion x. 98. Freilich finden wir in der Iläitic) Llsäioasa eine Vereinfachung von z. B. 40 Noten über einem Worte auf 20, von 30 auf 10, von 20 auf 6. Allein, da eben der Melodie bildende Tonaccent die Hauptsache ist, wird das doch nichts wesentlich Tadelnswerthes sein und ist selbstverständlich im Interesse des praktischen Gesanges sogar ein großer Vorzug. Was gehört für eine seltene virtuose Gesangskunst dazu, um ästhetisch schön und cor- rcct, wohl gruppirt, in gesetzmäßigen Distinktionen eine melodische Phrase von 30 und 40 Noten (um nicht eine größere Zahl zu nennen) über einem Worte zu singen? Da es außerdem erwiesen ist (vergl. Dr. Haberl, Giovanni Pierluigi da Palestrina und das Oraäuals Ho- inanum der Läitio NeäieaeL von 1614, Pustet, Regensburg 1890), daß unser gegenwärtiges officielles (Iracknals, das bei Pustet erschienen, nichts anderes ist, als ein Neudruck der von Palestrina revidirten und von der Nitencongregation approbirten Lclitio Nackioaea, so ist es doch sehr gewagt, von „Schwerfälligkeit", „Ungeschicklichkeit", von „verächtlichem und unverständlichem Kauderwälsch" der „Negensburger Version" zu reden; kann man denn wirklich annehmen, daß ein Palestrina, Guidctti, Suriano, Anerio in der Theorie und Praxis der gregorianischen Melodie-Bildung so unwissend und ästhetisch roh und verwildert gewesen wären? Daß z. B. Palestrina in seinen Kompositionen ganz gregorianisch empfand und darstellte, kann der verdienstvolle Heraus- 190 geber der Gesammt-Werke Palestrina's, Dr. Haberl, der sich 30 Jahre lang mit Palestrina ebenso eifrig und intensiv beschäftigt, als mit dem römischen Choral, mit Beispielen nachweisen und belegen. Es möge hier außerdem auf den Brief Palestrina's an den Herzog von Mantna vom 5. November 1578 hingewiesen werden: „Es wird mir zur größten Ehre gereichen, auch den Nest des Chorals zu erhalten, um denselben von Barbarismen und von den üblen Klängen (äa OarOurtsrai s äai walt soni) gut zu läutern. Wenn Ew. Hoheit damit einverstanden sind, so können diese Gesänge zugleich mit dem Crraäuuls, dessen Emendirung mir Unsere Heiligkeit aufgetragen haben, gedruckt werden." Zum Schlüsse möchte ich noch auf Folgendes hinweisen: Die Läiiio Lleckiorraa, („Ausgabe von Negens- burg") ist die durch den apostolischen Stuhl als authentisch erklärte und empfohlene Ausgabe. Die „Regensburger Ausgabe" ist die typische; mit ihr sollen alle anderen Ausgaben übereinstimmen; sie ist ein oxus cura, st anotoritats sacwornra rrtuura conAra^ationis äi- gesturn Hoina.6. Es hat denn doch etwas sehr Bedenkliches, dem gegenüber die obigen verächtliche» Prädikate, wie über die Arbeit eines Schnlknaben, zu gebrauchen; oder zu sagen (S. V der Vorrede): Wir möchten die Gesänge auch feststellen, um die Fehler der Systeme (es ist aber später nur von der „Version Regensburg" die Rede) hervortreten zu lassen, welche in unserer Zeit durch gänzliche Verkennnng des wesentlichen oratorischen Charakters der Gesänge die ursprüngliche Version und Ausführung verdorben haben; oder S. 69 zu reden von „Verstümmelungen und Ueberarbeitnngcn, welche schließlich, wenn nicht alles zerstört, doch wenigstens alles verwirrt haben." Wie würde man eine solche Sprache heißen, wenn sie anderen Bestimmungen der kirchlichen Auctorität gegenüber geführt würde? Es ist Zeit, wiederum die „Offenen Briefe über den Congreß von Arezzo" von I. A. Laus (Extra-Beilage zu den „Fliegenden Blättern für katholische Kirchenmusik" Nr. 4, 1883) zur Hand zu nehmen und z. B. S. 40 u. sf. zu lesen! Dr. Walter. Ein nerrer zeitgemäßer Katechismus. ci' Da die Katechismusfrage in vielen Ländern, insbesondere auch in mehreren Diöcescn Bayerns, gegenwärtig eine hervorragende Rolle spielt, so dürfte die Mittheilung allgemein interessiren, daß in jüngster Zeit ein neuer zeitgemäßer Katechismus erschienen ist, der von sehr vielen hochw. Ordinariaten in Deutschland und Oesterreich mit den größten Lobsprüchen ausgezeichnet worden ist. Der Neligionsprofeffor an der Lehrerbildungsanstalt in Trautenau hat nämlich den Ordinariaten in Deutschland, Oesterreich, der Schweiz und Ungarn einen neuen Katechismus zur Approbation und Begutachtung vorgelegt, einen Katechismus, der, wie der Verfasser erklärte, nach den pädagogischen Grundsätzen der Neuzeit ausgearbeitet und den Zeitbedürfntssen der Gegenwart angepaßt ist. Allerdings war dieser Katechismus nicht in erster Reihe für die Schule ausgearbeitet; er ist in der Gestalt, wie er vorliegt, zunächst für das Volk bestimmt und ein Hilfsbuch zu Handen des Neligionslehrers. Doch ist dieses mit dreifachem Druck ausgestattete Werk so eingerichtet, daß ein zeitgemäßer Schulkatechismus aus demselben leicht hergestellt werden kann; es wäre bloß der Kleindruck zu kürzen oder vielleicht wegzulassen. Das Werk zerfällt in drei Theile: in die Glaubenslehre, Sitten- lehre und Gnadenlehre. Alle Partien des Katechismus hängen mit einander innig zusammen. Die Ausdrucksweise ist eine ganz schlichte und einfache; alle Kunstans- drücke sind vermieden. Jene Lehren, die in der Gegenwart von großer Bedeutung sind, wie: Arbeit, Verwendung des Vermögens, Wahlen, Vereine, Zeitungen, Socialdemokratie u. dgl., werden in diesem Katechismus ausführlich und eingehend behandelt. Die Darstellungsweise ist eine sehr interessante; trockene Definitionen sind ganz vermieden. Viele Beispiele und Gleichnisse, die sehr treffend gewählt sind, veranschaulichen die heiligen Lehren. Kurz, dieser Katechismus unterscheidet sich wesentlich von allen übrigen Werken dieser Art. Das Ordinariat Würz- bnrg nannte ihn mit Bezug auf Inhalt, Form und Einrichtung sehr gelungen. Das Ordinariat Paderborn zollie der Eigenart des Werkes die vollste Billigung und erklärte, dieser interessante Katechismus würde segensreich wirken und den Lehrern die Vorbereitung zu einem ersprießlichen Unterrichte wesentlich erleichtern. Der hochw. Herr Bischof von Luxemburg empfahl das Werk als Handbuch an den höheren Lehranstalten und schrieb, als solches würde es die Aufgabe des Lehrers und die Arbeit des Schülers wesentlich erleichtern. Unter den österreichischen Bischöfen lobte diesen Katechismus am meisten der hochw. Fürstbischof von Klagenfurt. Derselbe erklärte, dieser Katechismus besitze viele Vorzüge, namentlich klare und bündige Fassung und eine große Reichhaltigkeit des Stoffes, weßhalb er den Katecheten ein willkommenes Hilfsbuch sein werde. Der hochw. Fürstbischof in Marburg lobte wiederum die zweckmäßige Eintheiluug, die gründliche, leichtfaßliche und erschöpfende Darstellung und erklärte, dieser Katechismus sei ein vorzügliches Hausbuch und zur Belebung der religiösen Gesinnung besonders geeignet. Der hochw. Bischof von Brüim schrieb, in diesem Katechismus werden die Lehren der hl. Religion dem Verständnisse möglichst nahegebracht. Aehnlich sprachen sich noch andere Bischöfe aus: die von Leitmeritz, Königgrätz, Ermland u. a. Alle Zeitungen, die bisher über diesen Katechismus, den der Verfasser „V olks-Katechismus" nannte, geschrieben haben, nannten ihn ein zeitgemäßes Werk und erhoffen von der Ausbreitung desselben die schon seit langer Zeit ersehnte Reform auf dem Gebiete des Katechismus. Im Jnseratentheile unseres Blattes wird dieses zeitgemäße Werk öfters angekündigt. (Dasselbe ist im Verlage des Verfassers Pros. Spirago in Trautenau erschienen und von ihm direct zum ermäßigten Preise von 3 Mk. 20 Pf. zu beziehen.) St. Thomas von Aqnin und seme Lehre. Der hl. Vater, Papst Lco XIII., hört nicht auf, immer wieder auf die hohe Bedeutung der Lehre des hl. Tbomas, als des Fürsten der Scholastik, ausmerksam zu machen. Die andern großen Scholastiker, voran der seraphische Lehrer, der hl. Bona- vcntura, kommen dadurch gewiß nicht zu kurz. Im Gegentheil, je besser wir uns die Lehre des hl. Thomas aneignen, desto leichter wird nnS auch das Verständniß deö hl. Bonaventura und der übrigen großen Scholastiker werden. Denn wenn auch ein jeder von ihnen wieder sein eigenthümliches, mehr sozusagen äußeres, Gepräge hat, so stimmen sie dock im Wesentlichen durchaus überein. Zeigt sich darin dock so deutlich und gewissermaßen greifbar, daß sie lebendige Träger der bl. Ueberlieferung, durchaus würdige Nachfolger der hl. Väter sind. Die Lehre des hl. Thomas ist so recht die echt scholastische. Und diese Lehre erachtet Papst Lco XIII., ivie unter andern Papst Sixtuö V. (Bulle Prlumpbautis, 1588), als gleich nothwendig zur Bekämpfung und Ueberwindung der Irrthümer aller 19L Zeiten, wie zum richtigen Verständniß der hh. Vater und der hl. Schrift. Betreffs der hl. Schrift insbesondere verweisen wir auf das letzte allgemeine päpstliche Rundschreiben „kroviäoutissiwus Dons", äs stuäüs Lerixtnras Lamas, vom 18. Novbr. 1893. Wiederholt weist uns da der hl. Vater, zum richtigen Verständniß der hl. Schrist, an den bl. Thomas, als sicheren Führer. Da lesen wir: ,,8oä nova et lastiara inoremsnta er äisoipüna, Asossssrs 8 allolastiovrum. tzui, stsi in germanam ver- sionis latinas leotionem stuäuerunt ingnirsre, conkoctagus ab ixsis Lorrsetoria didlica iä plane lestavtnr, plus tamsn stuäü inänstrlaegus in interpraetations st explanations eolloeavsrnnt. Lomposito snim äilnciäegus, niliil nt nrellns anten, saoiornm vsrboram sensns varir äistineti; cujnsgus ponäns in rs tstso- loZiea perpensnm; äeünitas lidrorum partes, arAvwsnta par- tinin; investi^ata soriptornin proposita; sxxlioata ssntsntiarum inter ipsas nscessitnäo ot oonnsxio: guidns ex rsdus nsmo uvns non vläet chüantnm sit luminis odseuiioribns loeis aämotnm. Ipsormn prastorea äs 8eriptnris lectam äoetrinas oopiam aä- inoänm proännt, tnm äs tsteoloZia lidri, tum in sasäsm eom- rnentaria; gvo etiam nomins Tkomas Lgninas inter- eos lradnit palmain. — .... Drnvt antem (snvenes aä stnäia didliea) optims eomxarati, si, gua dlosmotipsi Monstravimns et praosoripsimns via, pstilosopdias st tlreolozias institntionvm, soäsm8.Tllomaänos, rsliZioss colnerint psnitusgne xsrcepennt. Ita rsete inosäsnt, guum in re didlioa, tnm in ea tlreoloKias parto guam positivem nowi- nant, in ntragns laetissimv progeossuri." Wie schon öfter, besonders im Rundschreiben „Letsrni Datris" vom 4. August 1879 und im Sendschreiben an die Erzbischöfe und Bischöfe BayernS vom 22. Dezember 1887, betont auch hier wieder der hl. Vater die gründliche Schulung in der Philosophie und Theologie des hl. Thomas. Dieser wiederholten Mahnung und Vorschrift des bl. Vaters ist wohl, im Vergleich zu andern Ländern, in Deutschland und Oesterreich, auch im engern Vaterlande Bayern, bisher nicht allseitig und mit vollem Eiter entsprochen worden. Und doch sollte uns als treuen Söhnen der hl. römisch-katholischen Kirche der Wunsch und Wille unseres hl. Vaters durchaus maßgebend sein. Freilich geht der Zug der Zeit weniger zum ernsten, anstrengenden, ipckulativcn Denken, als vielmehr zu apologetischen, historischen, socialen u. dgl. Studien. Aber ist nicht gerade zu gedeihlichem und nachhaltigem, sowie vor Mißgriffen und sub- jectiven Schrullen gesichertem Wirken auf diesen Gebieten eine gründliche philosophische Durchbildung unerläßlich? Darum eben Weist Papst Leo auch in dieser Hinsicht immer wieder deutlich hin auf die durchaus zuverlässige, echt katholische Lehre des hl. Thomas. Der trügerischen Weisheit, mit welcher die geoffenbarte Wahrheit bekämpft wird, stellt sich in der echt thomistischen Philosophie eiste ihr überlegene Wissenschaft entgegen. Diese allein befähigt auch den Apologeten, jenen Feinden des katholischen Glaubens, welche sich von der Vernunft nur leiten zu lassen vorgeben, zu zeigen, wie gerade der Glaube der Vernunft gemäß ist und von ihr geboten wird (vgl. Rundschreiben „Leterni Deckels"). DaS System des hl. Thomas ist aufgebaut auf der richtigen Bestimmung dcö Verhältnisses der natürlichen und übernatürlichen Ordnung, der Statur und Gnade. Und eben deshalb enthält es den genauen wissenschaftlichen Ausdruck des Christenthums und seiner göttlich übernatürlichen Kraft. Nur durch diese wird das Wohl der Gesellschaft gefördert. Nur durch die echt christliche, thomistische Philosophie wird die Falschheit dcö modernen Rechtes aufgedeckt und seine Verderbnis abgewehrt. Gerade diese Philosophie zeigt uns in ihrem wahren Lichte und in ihrer ganzen Kraft die dein göttlichen Willen entsprungene feste Rechts- und Gesellschaftsordnung, welche der Willkür und Gewaltherrschaft von oben und unten gleichmäßig Schranken auferlegt. Nun aber, wo ist die wahre thomistische Philosophie zu finden? Der hl. Vater sagt es uns ausdrücklich im Rundschreiben „Letsrni Latris" - Deovläets, eck sapleickia Uromas ex ipsis ejas kontidus lururtatur, and saltem ex üs Avis, guos ab ipso kante äeäuctos aälruo iickegros ot illimes äeourrere esrta ot concors äootorum liominum sontentia sst; oeä ab üs gui exinäs üuxisse äremrtur, rs antem alrenis st non saludrürus aguis orovsrnnt, aäolssosntium auiwos areeväos anrate." Gründliche Kenntniß der Lehre dcö Aquinaten als eines systematischen Ganzen geht uns Deutschen zumal noch gar viel ab. Diese können wir aber nur gewinnen durch eifriges Studium der Werke des hl. Thomas unter Anleitung und Führung solcher Männer, welche dessen Lehre gründlich kennm. Offenbar bietet uns da die beste Bürgschaft die eigentliche Thomisten- schulc. Zu dieser Schule zählen auch die Mitarbeiter des für seinen Zweck ausgezeichneten „Jahrbuchs für Philosophie und spekulative Theologie", herausgegeben von Dr. Ernst Commer, o. ö. Professor der Theologie an der Universität Breslau, literarisch vor allem wohlbekannt durch sein treffliches „System der Philosophie" (4 Abtheilungen). Mit Juli d. Js. beginnt daS Jahrbuch bereits seinen 9. Jahrgang. Um den bei der Gediegenheit und schönen äußeren Ausstattung gewiß geringen Preis von 9 Mark, jährlich in 4 Heften, ist dasselbe durch den Buchhandel zu beziehen. Den Verlag hat die Firma Ferdinand Schöningh in Paderborn, Westfalen, welcher die Ausstattung alle Ehre macht. Das beste Zeichen der Empfchlenswürdigkcit dieser thomistischen Zeitschrift ist wohl das Zeugniß der wissenschaftlichen Gegner derselben. Wiederholt schon waren diese gezwungen, sämmtlichen Hauptmstarbeitern des-Jahrbuchs ihre gründliche Kenntniß der Scholastik, insbesondere des hl. Thomas und aller seiner Werke, zuzugestehen. Unter den Abhandlungen des 8. Jahrganges heben wir zur näheren Kenntiüßuahme der werthen Leser folgende hervor. Bereits im 7. Jahrgang begann eine Reihe von Abhandlungen unter dem Titel „Huasstiaues guoälibetales". Der Verfasser, R. k. Thomas Esser, Orä. Deasä., Professor der Theologie an der katholischen Universität Freiburg in der Schweiz, eröffnete damit eine eigene Abtheilung. Diese ist dazu bestimmt, die häufiger vorkommenden scholastischen Grundsätze zu erklären, die wichtigeren Kunstausdrücke zu erläutern und alle jene Schwierigkeiten zu heben, welche dem weniger Geübten beim Lesen der aristotelisch-scholastischen Schriftsteller hinderlich sind. Im letzten Jahrgang wurde unter dieser Rubrik behandelt: „Ursache und Verursachtes". U. D. Gundisalv Felduer, Lieg. 8. Ideal. Orä. Draoä., als tüchtiger Theolog und Philosoph, ganz nach dem Sinne des hl. Thomas, durch mehrere Schriften, insbesondere auch über die Willensfreiheit, sowie Abhandlungen im Jabrbuch Vortheilhaft bekannt, behandelte die kotsntia obeäientialis der Kreaturen. Diese längere Abhandlung wurde veranlaßt durch die Schrift: „Ueber die Empfänglichkeit der menschlichen Natur für die Güter der übernatürlichen Ordnung nach der Lehre des hl. Augustin und des hl. Thomas von Anilin", don Dr. A. Kranich, SubrcgenS am Priestcrseminar rc. in Braunsberg. Manche irrthümlichc Auffassung des hl. TbomaS seitens Dr. Kranichs wird hiebet von D. Felduer gründlichst nachgewiesen. Aus derselben Feder stammt auch die gediegene Abhandlung: „Die Ncn-Thomisten", welche im letzten Hefte des 8. Jahrgangs begonnen hat und im 9. Jahrgang fortgesetzt wird. Veranlassung zu dieser Abhandlung ist das molinistischerseits so sehr angepriesene Werk LeS R. D. FrinS, 8. ll., „8t. Vüomas .4guluatls äoetriua äs cooperrckions Der oum omur ucckura oreata xraosertim üdera sie." Besprochen und als gewissermaßen ausschlaggebend hingestellt wurde dies Werk in der Passauer Monatsschrift, 1. Heft 1891, S. 14—25. Wer etwas sich in R. 1?. Dnmmermuths, 0.1?., Werk: „Draomotio pllxeroo.", sowie in Sckucider's „Wissen Gottes" (4 Bände, Mauz, NegcnS- burg 1881/86) umgesehen, mußte wohl über letztgenannte Besprechung stark die Achsel zucken. D. Duminermuth's Werk wurde seinerzeit von Pros. Morgott (Eichstätt) in zwei Artikeln cingchendst und rühmlichst besprochen im Litcrarischcn Haudweiser. Schneider's genanntes Werk zählt st Regens Schneid (Eichstätt) zu dem Besten, was die neuere Zeit in philosophischer und theologischer Beziehung auszuweisen hat (Jahrbuch, 1. Bd. S. 303). Hoffentlich gelten doch auch beide genannte Herren allgemein als literarisch urtheilsfähig. Ucbrigeus ist eS gewiß nicht ohne Grund geschehen, daß molinistischerseits Schucidcr'S Werk völlig todtgcschwiegen wurde. Wer objektiv urtheilen will, schaue sich auch solche Werke oder wenigstens die genannte Abhandlung des Jahrbuchs genau und ruhig an. Dies so nebenbei, der Wahrheit zum Zeugniß! Von den Artikeln des Kanonikus Dr. Michael Glvßncr (München) erwähnen wir: „Die Philosophie dcö hl. Thomas", Gegen Frohschammer (begonnen im 6. Jahrgang), 6. Art. Die GotteSlehre, 7. Die Naturphilosophie; „Der HerbnrtianiöiuuS rc." (vgl. Beilage der Postztg. 1894, Nr. 11 u. ff.); „Apologetische Tendenzen und Richtungen", begonnen bereits im 4. Jahrgang. Schneider'S: „Die Grundprinzipien des hl. Thomas und der moderne Socialismus" (4 Artikel, 8. Jahrgang) werden auch fortgesetzt. Von den Kritiken heben wir als besonders belehrend bervor die über: Tillm. Pcsch, 8. ll., Die großen Welträthsel; Gutbcrlet, Die Willensfreiheit rc. Doch genug der Empfehlung l Vor allem muß uns auch im Halten der Zeitschriften bestimmen der ausdrückliche Wunsch und Wille des hl. Vaters. Volts et legst 5. v. D. 192 Recensionen nnd Notizen. Bhagavadgita, das Licd von der Gottheit ins Deutsche übertragen von Fr. Hart mann. 8°, p. V-j-162. Braunsckwcig, C. A. Schwctschke 1892. M. 1,50. a Die „Bhagavad-g!la" d. i. Gesang (Offenbarung) des Erhabenen (des KriShna), eine Episode des indischen Niescnepos Mababharata, ist zwar nickt, wie Hartmann will, das „wichtigste, großartigste und erhabenste Bück, welches in der Welt existirt", aber doch nach der Ansicht aller, die „ihren inneren Werth erkennen" (und zwar besser als Hartmann), eine Perle der SanSkritliteratnr. Wir besitzen davon eine treffliche Ausgabe von Schlcgel-Lasscn mit klassischer Uebcrsetznng ins Lateinische (Bonn 1846), sowie eine ausgezeichnete Verdeutschung von Bcxbcrgcr und einen sachlichen, sehr gelehrten Commcntar von F, Lorinser, dem 1893 in BreSlau verstorbenen Domherrn und Polyhistor (BreSlau 1869), der uns inbaltlich jeden nur wünschenSwcrtbcn Ausschluß gibt und auch die christliche Literatur in reicher Fülle zur Verglcickung beranzieht, mehr, als uns probabel scheint. Wärmn nun gleichwohl Hartmann in großer Bescheidenheit sich „bereit finden" hat lassen, eine neue Ueber- sctzung zn fabrizircn, wird dem Leser erst begreiflich, wenn er die Anmaßung deS „theosophischen" Standpunktes würdigt, von dem aus der Uebcrsetzcr das Werk allein richtig erklären will. Dieser Standpunkt aber ist zu finden in der „theosophischen Gesellschaft", um die sich ein hysterischer Blaustrumpf Blavatzky am meisten verdient gemacht hat; diese Leute, welche in Wirklichkeit nichts verstehen, tragen die Aster Weisheit ihrer auf eigene Faust „gotthcitcludcn" Hirngespinste in die indische Literatur b nein und gebe» jene dann als deren wahren Sinn auS, ein System von Fälschung schlimmster Art. Vorliegende „Er- läutcrnng" der Bhagavadgita mag als abschreckendes Beispiel gelten, denn sie ist ganz im Sinn jeirer Bestrebungen gehalten; Wir können nnr warnen vor diesem Machwerk. Daö Studium der so durchsichtigen, fciugcbildetcn und unfaßbar reichen SanSkritsprache gewährt dem Geiste eine hohe Befriedigung und ist auch wichtig genug; aber Hartmann versteht nichts davon. Es ist allerdings keine Schande, nicht Sanskrit zu können, aber dann lasse man die Hand von der Bhagavadgita und gebe sich nickt den Anschein eines UebersetzcrS. Schon dem Laien mag der Leichtsinn auffallen, womit die Eigennamen mißbandclt sind. Orthographien, wie „Kuntibodscha" oder „Gnana Noga", ferner die Erscheinung, daß ein und derselbe Name (z. B. Ärdschuna) auf verschiedene Weise (auch „Arjuna") geschrieben steht (je nachdem natürlich der „Uebcrsetzcr" ein deutsches, englisches oder französisches „Original" abgeschrieben), beweist hinlänglich seine Unfähigkeit; wer übrigens (u. zw. öfter) „das LogoS" sagt, wie Hartmann, mag sich das Schulgeld vom Gymnasium zurückgeben lassen. Die Anmerkungen sind einfach eitel Gefasel. Iiokmau, Radios: Texto Krads snivi ä'uu äietionnairs äs tous los rnots xar H.. 6ir ördonusau. 12° x. 6-j-92. Paris, Uaolrstto 1893. Po. 2,00. k Die Fabeln des weisen Lokman gehören zn den Welt- büchern und bilden zugleich die ersten Versuchsobjekte für Anfänger im Arabischen; venn sie bieten kurze und leichte und doch zusammenhängende Lescstücke, obwohl die Sprache gewiß nicht mustergiltig ist. Das Beste wäre nun freilich aus der jetzt vergriffenen, mit wunderbarer philologischer Genauigkeit gearbeiteten und mit Lexicon versehenen Ausgabe von Noediger (Halle 1839), welche daS vollständige kritische Material bietet, eine billige Schulausgabe zu veranstalten; da dies aber nicht geschehen ist, nehmen wir auch mit obiger sehr billigen und gut ausgestatteten Ausgabe gerne vorlieb, die vielfach die leichteren Lesearten auS den Varianten ausgewählt hat und ein Wörterbuch nicht nur der Wurzeln, sondern auch der schwierigeren Wortformen enthält. Wer noch mehr Erleichterung wünscht, kann auch eine zweite Ausgabe mit (sehr ungeschickt wicder- gegcbencr) Transcription des Arabischen, sowie mit doppelter Uebcrsetznng, einer wörtlichen und einer freiern (Jr. 3,00) erhalten. _ „Das wahre Glück der christlichen Ehe" von Friedrich F. Pcsendorfer, Stadtpfarrcoopcrator in Wels, so lautet der Titel eines kleinen Büchleins, daS in der Dorn'scben Buchhdlg. (Albcr u. Hänle) in Navensburg erscheint. Preis 50 Pfg. Ein kleines Büchlein, und doch enthält cS so viel Belehrendes l ES gibt den Begriff der christlichen Ehe, zeigt die Nothwendigkeit einer ernsten und gründlichen Prüfung und Vorbereitung auf den Ehestand, von welchem das Wohl und Wehe deS ganzen Lebens, ja der Ewigkeit abhängt; es gibt treffliche Winke einer erfahrenen Mutter für die Brautschau; betont tiefwurzelnde Frömmigkeit und wabre Gottesfurcht als die erste Grundbedingung zum Eheglück, verlangt von einem christlichen Manne vor allem gutes Beispiel nnd von einer Hausfrau Gehorsam, Nachgiebigkeit, Geduld, Vertrauen, Häuslichkeit, Einfachheit, Nächstenliebe und Gottesfurcht, und in einem eigenen Kapitel erörtert eS noch die Behandlung der Dienstboten im Hause — überaus richtig und zeitgemäß! Schließlich enthält eS noch einige Blätter für die Familienchronik, in welcher Familien- ereignisse freudigen und traurigen, kirchlichen und weltlichen Charakters eingetragen werden. In der That ein Belehrungsbüchlein für Braut- und Ehelente! Und wer die Winke nnd Rathschläge befolgt, der wird eine glückliche Ehe eingehen und glücklich in der Ehe lebe», der wird sein Ziel, den Himmel, sicher erreichen — und das ist der Zweck, zu dem dieses Büchlein geschrieben, wie der Verfasser selber bemerkt. Dieses Büchlein verdient daher mit Recht die beste Empfehlung, also nimm und lies und befolge es. _ Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1894. Zehn Hefte M. 10.80. — Freiburg im Vrcisgan. Herdcr'sche Verlagshandlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt deS ö. Heftes: „Thier-Ethik." (V- Cathrein 8. 3.) — Italienische Grabdenkmäler. II. (Schluß.) (St. Beissel 8. 3.) — Die Beziehungen der Nationalökonomie zur Moral und zn den Gesellschaftswissenschaften. (H. Pesch 8. 3.) — Dechant Stanley und die liberale Strömung im Anglicanismus der Gegenwart. (A. Zimmermann 8. 3.) — Blüthen hellenischer Hymnodie. (G. M. DrevcS 8. 3.) Recensionen: Schanz, Die Lehre von den hl. Sacra- menten der katholischen Kirche (A. Lehmknhl 8. 3.); Probst, Liturgie des vierten Jahrhunderts und deren Reform (St. Beissel 8. 3.); Elser, Die Lcbre des Aristoteles über das Wirken GottcS (K. Frin 8. 3.); Macke. Vom Nil zum Nebo (A. Baum- gartncr 8. 3.) — Empsehlenöwcrthe Schriften. — Misccllcn: Angeblicher und wirklicher Ursprung der Darstellung nnd der Verehrung der sieben Schmerzen Mariä; Eindrücke vom Vaticanischen Concil; Geschichtliches und Statistisches über den Prämonstratenserordcn; Gegen die Theorien Lambrosos; Zur Beurtheilung Büchners. Miscellen. (Ueber daö Veilchenaroma) haben Pros. Ferdinand Tiemann und Dr. P. Krüger Untersuchungen angestellt, über deren Ergebniß sie im neuesten Heste der Sitzungsberichte der Berliner Akademie berichten. Es ist ihnen gelungen, aus der sogenannten Veilchenwurzcl d. h. der Wurzel der Schwertlilie (Iris), die ja bekanntlich auch den charakteristischen Veilchen- geruch zeigt, den Riechstoff zu isoliren. Es ist ein Methylketon von der Formel den die Entdecker zur Erinnerung an seine Herkunft Jron genannt haben. Einen ganz ebenso zusammengesetzten (isomern) Keton gewannen sie auf synthetischem Wege auS dem Cilral, einem im Ciironenöl enthaltenen und überhaupt in wohlriechenden Pflanzen öfter vorkommenden Körper. Diesen zweiten Dintstoff nannten sie Jonon (von Ion — Veilchen). Sein Geruch stimmt fast genau mit dem deS Jrous überein, ist nur etwas milder und erinnert mehr an den der blühenden Veilchen. Die Entdecker nehmen an, daß in den Veilchcnblüthen ebenfalls Jonon oder Jron oder eine Modifikation eines dieser beiden Stoffe vorkommt. Die Untersuchungen sind aus dem Grunde schwierig, weil sowohl in den Veilchen als auch in der JriSwurzcl sich nnr ganz geringfügige Mengen des Riechstoffes vorfinden. Zur Beschaffung deS für die Untersuchung nötigen Materials war daher ein Großbetrieb nothwendig. Zwei Firmen in Holzminden und Paris haben die fabrikmäßige Herstellung der Ansgangöstoffe übernommen und dagegen die Nutznießung der Ergebnisse der Arbeiten erworben. Die Untersuchungen werden fortgeführt, und wenn eS auch bisher neck nicht gelungen ist, das wirksame Prinzip aus den Vcilchcnblütkcn zn gewinnen, und das Jron neck nicht synthetisch dargestellt worden ist, so kann man doch im Vertrauen auf die Gcschicklickkeit unsrer Chemiker annehmen, daß die Zeit nicht mehr fern ist, wo der echte Duftstoff der Veilchen künstlich hergestellt wird. des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Jerantw- Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag k^. 25 Neligivse Kuust im Glaspalast zu München. Verhältnißmäßig gerade nicht viele — gegen früher sogar weniger — religiöse Kunstwerke sind uns beim ersten Nundgange durch die heurige Glaspalast-Ausstelluug aufgefallen. Aber bezüglich der allgemeinen Qualität derselben muß man unbedingt einen wesentlichen Fortschritt zugeben. Die ausgestellten Werke mit religiösen Unterschriften sind dieses Mal fast sämmtlich von würdiger Haltung und einige sogar bedeutungsvolle Leistungen. Am meisten ins Licht gestellt und in einem eigens dazu hergerichteten Raume aufgehängt ist ein großes Bild des Pros. A. Holmberg in München, bekannt durch seine feinen Stillleben und noch mehr durch seine stimmungsvollen Interieurs mit einem oder mehreren rothen Kardinälen. Eine Dame richtete an uns die charakteristische Frage: „Ist das Bild von dem bekannten Pros. Holmberg? ich habe nicht gewußt, daß er auch in diesem Genre arbeitet." Freilich! Pros. Holmberg hätte dieses Bild wohl auch sicher nicht gemalt, wenn es nicht vom kgl. Ministerium des Cultus selbst — wie es heißt, um den ziemlich anständigen Preis von 9000 Mark — bestellt worden wäre. Ganz natürlich! Ein königlicher Professor und renommirter Maler kann ja doch nicht wie ein berufsmäßiger „christlicher Künstler" zur Erreichung eines kirchlichen Kunstauftrages „anf die Jagd gehen"! Wenn nun mit jener Bestellung wirklich der Anfang damit gemacht ist, „die Kunst aufs Land hinauszutragen", so kann man diese fortschrittliche Thatsache als solche mit dem Hofmaler Herrn Friedr. Pccht (Allg. Ztg. Nr. 133) nur begrüßen. Das Bild ist nämlich bestimmt zu einem Altarschmnck für die Pfarrkirche zu Obcrnburg am Main. Die ganze Darstellung ist eine höchst „originelle", wohl noch nicht dagewesene. Sie zeigt uns ein realistisch gemaltes Kreuz mit dem in natürlicher Körperlichkeit dargestellten todten Heilande. Links vom Kreuze sehen wir einen anbetenden Engel und rechts einen solchen, der in den Händen einen Kelch emporhebt, in welchen das Blut der hl. Seiteuwuude vor der über dem Kelchrande sichtbaren Hostie sich ergießt. Crucifix und Engel schweben ganz frei in der bläulich-kühlen Luft über der tief nuten sich ausbreitenden Mainlandschaft mit dem Städtchen Oberu- burg. — Man sieht, die ganze Auffassung ist die einer Art Vision, welche den die Welt erlösenden Opfertod Christi in directe Beziehung zu dem diesen Tod stetig darstellenden und dem Wesen nach das Kreuzopfcr erneuernden ncntestamentlichen Opfer bringen soll. Denn was hat sonst das Anbringen der Hostie neben dem natürlichen Blute des sterbenden Erlösers für eine Bedeutung, wenn nicht die eines erklärenden Symbols? Den Opfertod Christi predigt aber schon mit ausreichender Deutlichkeit der Crucifixus selbst, der oberhalb des Altares die beste Erklärung der hl. Opferstätte abgibt. Die vollständige Darstellung des hl. Meßopfers geben dagegen nur die beiden Gestalten des Brodes und Weines zusammen. Hier haben wir aber einmal den Leib und das Blut des Herrn und daneben die heilige Hostie. Logisch klar und künstlerisch zulässig erscheint also der Gedanke nicht ausgedrückt, und gibt die Darstellung zu Kopfzerbrechen und Mißverständniß Veranlassung. Letzteres könnte durch Uebermaluug der Hostie gehoben werden. Oder soll man sich, wie ein Kritiker meint, in dem Kelche den aus Blut verwandelten weißen Wein des Sakraments denken!?! Was nun die künstlerisch-technische Ausführung des Bildes betrifft, so schwankt sie zwischen einer machtvoll realistisch-plastischen und einer wirksamen lichtvoll-visionären Behandlung, keiner von beiden gerecht werdend. Der Körper des Heilandes ist fein und sorgfältig gemalt, der Kopf von edler Bildung, aber etwas schwachem Ausdruck; die ganze Gestalt erscheint mehr in schwebender, als in natürlich-hängender Haltung. Die etwas kleinen Enge! mit ihren bunten Flügeln und der langen zopfig flatternden Draperie werden trotz ihrer frischen Gesichtchen auf der Höhe des Altares ziemlich verschwinden. Auch von der gut charakterisirten, von abendlicher Dämmerung bereits überschatteten Landschaft wird bei schwacher Beleuchtung wenig zu sehen sein. Die ziemlich monotone kalte Farbengebung des Ganzen entbehrt des erwärmenden coloristischen AccordeS. Anf der lichten Höhe moderner religiöser Kunst erscheint Gebhard Fugel in München mit seinem großen „hl. Abendmahl", das weitaus bedeutendste religiöse Gemälde der Ausstellung. — Christus har mit seinen Jüngern im Festsaale des Joseph von Arimathia das alttestament- liche Paschafest gefeiert; die Tafel ist von den Speiseresten gesäubert; auch die Einsetzung des ncutestameut- lichen Opfers durch die Worte der Wandlung bereits vollzogen; er ist nun daran, die hl. Gestalten gleichsam als die erste hl. Communion in seiner Kirche zu spenden. Der Herr und Meister hat sich sammt seinen Aposteln erhoben und steht, eine hoheitsvolle, edelschöue Gestalt mit fanfternstem, vornehmem Ausdruck des Antlitzes, vordem Tische in der Mitte des Vordergrundes, die Schüssel mit den hl. Broden in der Hand. Er beugt sich soeben nieder, seinem Lieblingsjünger, der, eine frische vornehme Jünglingsgcstalt, vor ihm auf die Kniee gesunken ist, eine der Brodsgestalten darreichend. Petrus steht gleich hinter ihnen in ehrfurchtsvoller Verbeugung gegen den Herrn. An diese reihen sich zunächst Jakobus, mit hl. Begeisterung im Antlitze neben Petrus stehend, und Andreas, in andächtig ernstem Gebete neben ihm im Vordergründe kniccnd. Jakobus der Jüngere und Andere treten ir feierlich erhabener Haltung und Miene links um die Tafel heran, während drei andere auf der rechten Seite derselben wie in Gebet und Betrachtung des neuen wunderbaren Testamentes der Liebe versunken erscheinen. Judas biegt soeben, sich noch einmal schen umblickend, im Hintergründe um eine Säule, in eiliger Flucht davoneilend, ein trefflich charakterisirtes Gegenstück zu seinen gottbegcisterten Mitaposteln. Diese erscheinen sämmtlich zwar in naturalistisch- individueller Auffassung, aber in Ausdruck und Bewegung wie gehoben und verklärt von der höhern göttlichen Macht des ihnen gewordenen erhabenen Berufes als Stellvertreter des ewigen hohen Priesters nach der Ordnung des Mclchisedek. In selbstbewußter klarer Weise greift der junge Künstler den zweiten der beiden Haupimomeute des rituellen Vorganges, welche da sind einmal die Verwandlung, dann die Austheilung der heiligen Gestalten, in seinem Vorwürfe heraus, welchen er in origineller und in einer Weise zur Darstellung bringt, wie er nach der knappen Schilderung der Evangelisten nicht nur Möglich erscheint, sondern ähnlich selbst als wahrscheinlich gedacht werden muß. (Siehe die Visionen der gottseligen Katharina von Emmerich.) Das schwierige Problem, das sich der Künstler j selbst durch Auslosung der sonst beliebten Gruppirung der Apostel in drei Einzelgruppen gestellt, hat derselbe durch eine wohlberechnete und doch zwanglos erscheinende Com- position, sowie die übrigen künstlerischen Ausgaben der festlichen Drapirung, der Farbeubchandlung und Perspektive mit grosser Gewandtheit und feinem Geschmack gelöst. — Eine feierlich ernste, hochdramatische Stimmung liegt wie ein überirdischer Hauch auf dieser Abendmahls- sceue. Zu dieser trägt auch der so ansprechende feine harmonische Farbenaccord des Ganzen, dessen ungemein warm leuchtenden Ton gleichsam die in der Mitte des Saales herabhängende Lampe entzündet, deren Licht in verstärkter Kraft von der Gestalt des Heilandes und im sanften milden Glänze von den farbigen Festkleidern der Jünger widerstrahlt, nicht wenig bei. (Auf dieses bedeutende, echt religiöse, weil von tief religiöser Empfindung gesättigte, Kunstwerk werden wir noch einmal besonders zurückkommen.) Das Fngel'sche Gemälde hätte keinen besseren Platz finden können, als neben dem Bilde Nr. 1068, einer „Flucht nach Eghptcn", indem diese Nachbarschaft der malerischen Wirkung des erstem nur zu statten kommt, aber freilich auch zugleich einen schnellen Umschwung der erhabenen in die komische Stimmung bewirkt. Man sieht auf der kolossalen Lcinwandfläche die etwas schmutzig hellgelbe Farbenmischung der Wüste ausgebreitet, die in unendlicher Ferne vielleicht erhaben wirken kann. In ihrer Mitte entdeckt man bei näherm Zusehen ein Tnrco-ähn- liches Mäunlein, das einen Esel mit einer daraufsitzenden Fraucngestalt mit Kind führt. Der verhältnismässig große Esel ist das Plastisch Dcntlichste auf dem ganzen Bilde. (Schluß folgt.) Orlando dr Lasso. Zn seinem 300jährigen Todestag (14. Juni). Von A. Graf. (Schluß.) Im Jahre 1572 sehen wir den Meister wieder unermüdlich thätig in München, besonders beschäftigt mit dem IMtrooiniuwr Unmass, fünf Bänden in groß Folio, gedruckt auf eigene Kosten des Herzogs. Die Bände sind dedizirt dem Herzog, Papst Gregor XIII., dem Bischof von Augsburg, dem Abte von Weihen- stephan bei Freising und dem Abte von SL. Emmeran in Ncgcnsbnrg. Sie enthalten u. a. die fünfstimmige Passion, neun vierstimmige Lektionen aus Job, drei Lektionen für die Matutin von Weihnachten, mehrere Magnificat, sodann ziemlich viele deutsche neue Gesänge ncbst „einem muntern französischen Liebchen", ein gnaai zMa-inölo. Karl IX. von Frankreich hatte Heimweh nach unserm Meister und erließ an ihn die Aufforderung, ganz nach Paris überzusiedeln und Kapellmeister an seinem Hofe zu werden mit sehr hohem Gehalte. Orlando wollte nicht von München fort, der Herzog selbst aber rieth ihm, die glänzende Stelle anzunehmen, sei es aus Mitleid für den sehr niedergedrückten König, fei es, daß er glaubte, Orlando könne sich in Paris noch weiter vervollkommnen. Orlando ging schweren Herzens, und als er in Frankfurt den Tod des Königs von Frankreich, der am 30. Mai 1574 eintrat, erfuhr, kehrte er sofort leichten Herzens nach München zurück, wo der Herzog selbst ein Gedicht auf die «Perle seiner Kapelle" verfaßte. Wir haben eben gesagt, daß Orlando ziemlich viele deutsche Lieder componirte. Ueber diese sagen die Monatshefts für Musikgeschichte: „In die Leichtigkeit des weltlichen Liedes wollte er sich nicht recht schicken. Seine Natur war auf das Grandiose eingerichtet, uud solche zarte Blüthen faßte er viel zu fest an und benahm ihnen den Duft." Wir können hier sofort auch seine erotischen und bacchantischen Lieder erwähnen, deren Texte mitunter frivol sind. Er componirte hier leider auch nach dem Geschmack der Zeit, in der er lebte, wie es auch Pa- lestrinn in seiner ersten Schaffcnsperiode that. Es genügt, darauf hinzuweisen, daß Orlando diese Kompositionen später selbst „Narrenspossen" nannte, und daß später aus vielen dieser Lieder der anstößige Text durch einen dezenten ersetzt wurde. Man hat seiner Zeit den Ausdruck gehört: „Welche Orlandiadel" und verstand darunter Trinkgelage, bei denen leichtfertige Lieder des Orlando gesungen wurden. Die Lieder — 183 asian- 8ons — sind dedizirt an einen französischen Edelmann, und wollen wir eines der besten dem Texte nach beisetzen: Dcus gut bonum v'mum ereavit vlno rcbutlli>te8 «Lxiiis äolors muletavlt Icillot iiror'sus istis ditotloetum Ikoe niuzuüm guietum iurviueui loctulll. Es Möge auch die Berballhornung dieses Liedes seitens mehrerer Schriftsteller angefügt sein, sie lautet also: Ollus gui bonmn vlmim koeisti LL ex vollem multa capit» clvlei'e eroasti vL Ilübis guLC8iimu8 intollvetum Ut snltem xossimus inveoire Ivotum. So macht man auf eigene Faust aus einem x ein Nach München zurückgekehrt, arbeitete Orlando mit riesiger, fast unglaublicher Kraft an neuen Werken und entfaltete dabei die größte Vielseitigkeit. Wir erwähnen von seinen damaligen Compositionen nur: einen Band dreistimmiger lateinischer Motetten, gewidmet den Herzogen Wilhelm, Ferdinand uud Ernst, neun zweistimmige Gesänge und Jnstrumentalsätze, gewidmet dem Herzog Wilhelm, den dritten Theil der fünfstimmtgen „Deutschen Lieder", zumal wir fein Hauptwerk IMtrooiniuui Llnsices oben schon angeführt haben. Am 24. Oktober 1579 verlor Orlando durch den Tod seinen fürstlichen Gönner Albert, nachdem letzterer sechs Monate früher dem Meister noch einen lebenslänglichen jährlichen Gehalt von vierhundert Gulden ausgesetzt hatte mit der speziellen Bedingung, daß Niemand das Recht habe, diese Summe zu verkürzen. Der Nachfolger in der Regierung, Wilhelm V. der Fromme, blieb dem Meister gerade so gewogen, wie sein Vorgänger, und dieser Umstand bewog Orlando sicherlich — zumal wir seine Dankbarkeit schon kennen — einen glänzenden Ruf seitens des Kurfürsten August von Sachsen nach Dresden nicht anzunehmen, sondern ihm andere vorzügliche Musiker zn empfehlen. So blieb Orlando in München und arbeitete unermüdlich weiter, mehr, als seine physischen Kräfte erlaubten. Der Herzog wollte ihm Ruhe, Urlaub gönnen, allein er war die Arbeit so gewohnt, daß er auf den Urlaub verzichtete, „weil im got gcsundt geb, kin und mig er nit feiern" sagte der thätige Meister zum Herzog. Er componirte weiter, unterrichtete unermüdlich seine Chorknaben und richtete seine Gesundheit zu Grunde. Als seine Frau von seinem Landgute Geising zurückkehrte, war er so geistesabwesend, daß er sie nicht erkannte. Die Frau begab sich an den herzoglichen Hof, und der Herzog 195 sendete fernen Leibarzt Dr. Mcermmm Zum Kranken, derberm mich das körperliche Leiden ziemlich hob, die Heiterkeit des Geistes und Gemüthes kehrte aber nie mehr ganz zurück; hierüber schrieb die Frau des Meisters: „er ist nie mehr, wie vor, recht fröhlich, war alzeit still und viel von seinen Tod geredt." Mit dein genannten Arzt war Orlando lauge Zeit befreundet und er zeigte seine Liebs zu ihm durch eure Widmung, die er im Jahre 1587 auf sein Werk: „LIaäri§a.1i a, gunttrv, oiuHuo 6 sei vosi vuovowsnts soinxosti" schrieb: „8swpro anäai psn- Lnnäo eoms potesss lärs aac^uistarirri la, Krutia surr" rc. Der Herzog nahm den innigsten Antheil an der Schwermnth Orlando's, beließ ihm seine bisherige jährliche Besoldung von achthundert Gulden und sorgte auf das beste für seine beiden Söhne Ferdinand und Rudolf. Der Meister aber, schwermüthig, wie er war, gab bald um Entlassung aus seiner Stellung ein, bald um Fortbcziehnng seiner Besoldung, so daß seine Frau stets vermittelte zwischen ihm und dem Herzog und u. a. an letzteren schrieb: „Seine Durchlaucht wolle der Familie doch dießmal seines seltsamen Kopfes, der ja nur durch seine Kunst und grosse Arbeit in so viel Phantasey knmmen, uit lassen entgelten; denn es wär sein Tod gewest, wann er uit dienen könnte." Im Jahre 1593 fordert ein HcnricuS Göüing in einem Gedichte auf, für den schwer kranken Orlando zu beten: „Lost piücn für den alten Man, Gr woll uns den noch langer lau, Damit er Gott und nnS zugleich Zu mchrerm Nutz und Frommen g'reich." Doch Orlando sollte nicht mehr lange leben, er fühlte sich im Frühjahr 1594 dem Tode nahe. Dennoch gab er noch eine Sammlung scchsstimmiger Gesänge heraus und widmete sie dem Bischof von Augsburg, und am 24. Mai genannten Jahres componirte er seinen Schwanengesang „Imerz'nuntz äs 8. Iststro", gewidmet dem hl. Bater Clemens VIII. Er schrieb in der Dedikation: yOou o§ui rivorenW mnA^iors u V. 8stn. inanäo s äsäiso ,.ls la§rims äi 8. Bistro" rims coruposis uo tempo tu äal 8i^uor Iniig'i Dnusillo, s äa, ms xor Urin xariieolai-s äsvostions in cjnssta. in in. Irormni ^ravi etü vsstits äi ariuoniu" zc. Ja in einem „sehr beschwerlichen Alter" snng er sein Abschicdslicd, dann sorgte er noch speciell für das Heil seiner unsterblichen Seele, stiftete in der Kirche Gcising einen ewigen Jahr- tag mit zwei heiligen Messen nebst einer ewigen Nrmen- fpendc und übergab am 14. Juni 1594 seinem Schöpfer, Herrn und Richter seine unsterbliche Seele. Ueber die Begrübnißfeier ist nichts überliefert, doch ist sicher anzunehmen, daß dieselbe „der Perle der Kapelle" des Herzogs, der ihn so hoch schätzte, würdig war. Orlando ist begraben auf dem Gottesacker des Franzis- kanerklostcrs, allwo dessen Frau ihm ein herrliches Grabdenkmal setzen ließ. Dasselbe besteht aus zwei Theilen; in der Mitte des oberen Theiles ist die Grablegung Christi angebracht, rechts im Hintergrund Jerusalem und links der Caloarienberg. Zu beiden Seilen des Bas-Relief liest man nachfolgende Inschrift, gedichtet von Sebastian Baur aus Haidenheim: „Orlonäi cinevos, eben! moäo änlos lognenies diüiio mutos, dien! üellltis nrna gromit, 1>assLo snnt. Lsnllo Llmritos tu» knnerg, lmsso, Drincipipus irniltum, ctioroquo Ooesarivus. Ldgiea guem teiln» ^enitrix äeäit inAeniormo, InZoinorum altrlx Loja. stovit luimus. ttorporis eruvms soclow googns Doja tsxit, Dost Instro. ae üiomes sena bis aeta üuas. Itodois, ssxo, keras, Orpüons, at Illo Orxüoa teaxit, llarmonioeguL äncos povenlit üarmonia. l^une guia complevit totnm oonoentibns orbom, Victor onm su^cris cortat axoll sogeros." In der Mitte des untern Theils lind kuieende Frauen angebracht nebst den Wappen des Meisters und seiner Frau. Ein Unbekannter hat das Wappen zum Andenken an den großen Meister in Kupfer stechen lassen und mit nachstehenden Versen begleitet: „Oäanili Dass! gmcongno insigma icoms, Liste xarmn; vigüi sinxula msnto nota. Ilt so: illnstrat totnm xulcüerrimus ordom, Orlanänm mnnäi sie guosgoo canit. Horculeo esünnt animantia onncta Iconi, Deält ct Oelanäo mnsiea tnrba Invsns. Lrux monstrat votoris tiöi rctigioills aulleum Laotora tn tanto zioetore volvo, lieet." Das wunderschöne Denkmal blieb auf angeführtem Gottesacker stehen bis znm Jahre 1802, kam dann nach Aufhebung des Klosters in den Privaibesitz des Hof- schauspielers Heigcl, später in die Akademie der bildenden Künste, dann an das Germanische Museum nach Nürnberg, und endlich fand es seine Ausstellung in den: Natioual- mnseum in München. Seine treue Lebensbeglciterin starb einige Jahre nach Orlando, am 5. Juni 1600, und wurde neben letzterem begraben. Ihr Denkmal trägt die Inschrift: „stlnnv Oowini 1600 den 5. Juni starb die Edl nnd tugendhaftste Frau Regina di Lassin: Weiland Orlando de Lasso Jhro Durch!, in Bayern gewessien Obristen-Capelmcisters nachgelassene Wittib, deren und allen Christglanbigen Seelen Gott gnädig und barmherzig sein wolle. Auren." Orlando ist todt, todt seit 400 Jahren, todt dem Körper nach, aber sein Geist lebt fort, so lang fort, als es eine Musik und einen Gesang gibt, und seine Motetten nnd Psalmen, sie erzählen von dem großen Genie nnd der großen Seele, die so Edles und Hervorragendes geschaffen. Fassen wir nun seine Werke zusammen nach der Quantität, und jeder muß erkennen, Orlando war einer der ergiebigsten Meister aus dem Gebiete der Musik und des Gesanges, der je gelebt. Nicht im einzelnen wollen wir sie aufführen, es genügt sicher die Bemerkung: Orlando hat im Ganzen 2337 Musikstück; componirt, nämlich 1572 geistliche nnd 765 weltliche. Ein großer Theil dieser Schöpfungen liegt in Mauuscript, Copie nnd Druck in der königlichen Bibliothek zn München aufbewahrt; einen ebenfalls reichen Schatz birgt die k. k. Hosbibliothek in Wien. Es sieht unbestreitbar fest, daß Orlando di Lasso zu den größten Männern seiner Zeit zählte, und daß er durch seine Werke sich einen unsterblichen Namen geschaffen hat. Was Palestrina im Süden, war Orlando für den Norden. Er wurde der „Fürst der Künstler" genannt, und die zn seinem Lobe gedichteten Verse: „Ilic ills ost Dossos Isssmri gell rocroat orbew Diseoräomgoo sem coxotot bonnoillco," sind nahezu Zum Sprichwort geworden. In Orlando war die Herrlichkeit der germanischen und römischen Kunst seiner Zeit in einer großen Erscheinung vereinigt, so daß Proske mit Recht sagt: „Orlando war ein universeller Geist. Keiner seiner Zeitgenossen besaß eine solche Klarheit des Willens, übte eine solche Herrschaft über alle Intentionen der Kunst, so daß er stets mit sicherer Hand erfaßte, was er für seine Ton» 196 gebilde bedurfte. Bon dem kontemplativen der Kirche bis zum heitersten Wechsel profaner Gesaugsweise fehlte ihm nie Zeit, Stimmung und Erfolg. Groß im Lyrischen und Epischen, würde er am größten im Dramatischen geworden sein, wenn seine Zeit schon diese Musikgattnng besessen hatte." Das Konversationslexikon von Mendcl- Ncißmann bemerkt: „Er adelte die strengere und kältere Weise der Niederländer durch die den italienischen Meistern bereits eigene ästhetische Schönheit und Anmuth und hals so mächtig zur Vollendung des figurirten Contrapunkts. Doch ließ ihn sein Leben auf Reisen, immerfort für Kirche und Welt Zugleich beschäftigt, hinter jener unerbittlichen kirchlichen Strenge zurückbleiben, wie sie der große Meister des Südens, Palestrina, am Mittelpunkt der Kirche gleichzeitig entfaltete. Will man in dieser Beziehung die wahre Größe Orlando's kennen lernen, so muß mau sein von jeher angestauntes Meisterwerk, die Bnßpsalmcu, studieren und dessen mächtige Harmonien, großartigen, ausdrucksvollen Stil voll Salbung und religiöser Schönheiten auf sich einwirken lassen, mit dem er Palestrina zu erreichen scheint." Nur Ein ungünstiges Urtheil konnten wir finden über unsern Meister, dasjenige Bnini's nämlich, das also lautet: „Orlandus Lassns, ein Niederländer von Geburt und von Stil, ohne schöne Gedanken, ohne Leben und Geist, ein Mann, der mit einigen achtstimmigen Messen und Motetten in einfachem Stile das übertriebene Lob: Imssug, hui rooroat ordöin, sich erobert hat." Sicher ist aus diesen Worten des sonst so gelehrten Baini zu entziffern, daß er die Werke Orlando's ganz und gar nicht genügend gekannt hat. Auch die Jctztwclt erkennt die Größe Orlando's an; bereits sind viele Nachrichten gekommen, daß seine Werke auf's neue mit denen Palestrina's aufgeführt werden, noch mehr Nachrichten werden sicher dießbezüglich kommen auf sein Jubiläum; er verdient, daß seine Werke hervor- gesucht, aufgeführt und bleibend werden. Orlando konnte am Ende seines Lebens mit dem Dichter Horaz sagen: „btregi monumentuin asro poronnius, Ilogaliglls sltu xz-ramülllin llltius: tjuoä nvll linder eäar, non llguito impotoiw Uosstt äiruero, ant irmumoradilis llrmorum seriös, ot Inga iemporuw." Wir aber schließen mit den Worten des gleichen Dichters und winden dem Meister zu seinem Jubiläum einen Kranz aus Dankbarkeit, einen Kranz zu seiner Ehre: „suwll Sllpordiam l)uaesitam meriits ot ltdi Oelpdica 1-auro eilige volens, ületpomeus, couuuu! Die Könige von Preußen und die Fürsten von Hohenzvllerrl sind Abenberg-Zollmr, nicht Zvllerrr-Abenberg. (Schluß.) Wir gehen sofort auf die kontroverse Abcu- berg-Zolleru und Zollern-Abcnberg über, um durch Vorführung einiger Hauptgründe, welche einerseits für die direkte männliche Abkunft der Burggrafen von Nürnberg zweiter Dynastie von den Grafen von Aben- berg sprechen und anderseits für die Zöllen: ins Treffen geführt zu werden pflegen, eine sichere Grundlage für ein objectives Endurtheil zu gewinnen. Die Streitfrage liegt ja gegenwärtig ziemlich einfach und offen vor aller Augen. Die Vertheidiger der abeubergischcn Abkunft der Burggrafen von Nürnberg im MannSstamme suchen zu beweisen, daß die Gräfin Sophie in die Tochter des Grafen Konrad, entweder mit Konrad junior, Grafen von Abeuberg aus der Wolfram'schen Linie, oder mit Konrad, dem Sohne Napoto's aus der Linie Otto's I., vermahlt gewesen und dem Geschlechte der Abeuberg die Burggrafschaft Nürnberg und die österreichische Grafschaft Nagoz zugebracht habe; auf der andern Seite behaupten die Vertheidiger der Zoller'schen Abkunft der Burggrafen von Nürnberg, die Erbburggrafin Sophie in Kag-ss sei die Gemahlin Friedrichs III., Grafen von Zollern, gewesen und habe demselben nicht bloß die Nagze'schen Güter in Oesterreich, sondern auch die von ihrer Mutter Hildegard, einer Gräfin Abeuberg, ererbten abenbergischcn Besitzungen in die Ehe ein- bezw. zugebracht. Merkwürdigerweise berufen sich beide Parteien auf eine und dieselbe Ueberlieferung aus dem Kloster Zweit! in Niederösterrcich, welche 1204 die dortigen Cisterzienser zum ewigen Gedächtnisse angefertigt und in ihrem liloor kunäLtionurn (der sogenannten Bärenhaut) unter Abt Ebro 1273 aufgenommen haben"). Ich habe aber in der Beilage der Augsb. Postzeiiung 1881 Nr. 70 Seite 2 längst darauf aufmerksam gemacht, daß die Notiz oder die durch viele Zeugen beglaubigte Zwettler Ausschreibung ohne Sicgelabdruck ursprünglich sich allerdings in der Bärenhaut (so genannt von dem Einbande) befunden habe, daß aber diese alte Tradition oder Ueberlieferung in die neuere Abschrifteusammlung unter Abt Otto I. erst am Anfange des 14. Jahrhunderts herübergenommen und dem neuen Kopial buche einverleibt wurde. Da nun das Original der unsicgelmäßigcn Aus- schreibung, Ueberlieferung oder des Protokolls, wie Dr. Schund die angebliche Urkunde neuerlich genannt hat, verloren gegangen und nicht mehr vorhanden ist, so läßt sich mit Bestimmtheit nicht mehr nachweisen, ob der Eintrag unter Abt Ebro 1273 dem Wortlaute der ursprünglichen Ausschreibung aus dem Jahre 1204 genau und vollständig entsprochen hat bezw. ob der jetzige Eintrag in das Kopicnbuch des Abtes Otto I. im Anfange des 14. Jahrhunderts mit dem Originale und dem Eintrage von 1273 aufs genaueste übereinstimmt.") Wir haben nun gegen die Schenkung der Gräfin Sophie in Nagze an das Kloster Zwcttl im Jahre 12 0 4 im Allgemeinen nicht viel einzuwenden, nur die Worte nOoruitis Ist'iäorioi" nach rouriti sui müssen wir auch heute noch wie im Jahre 1869 aus den dort angegebenen Gründen") für eine Interpolation späterer Zeiten, für unecht und unterschoben erklären. Der dem Originale fremde Zusatz ^oouritis IHäeriai« mag bei der Anfertigung der Stiftungsbücher des Klosters Zwettl im 13. Jahrhundert unter Abt Ebro (1273) oder unter Abt Otto im 14. Jahrhundert von einem der Kopisten erst hinzugefügt oder aus einer Randglosse in den Text aufgenommen worden sein; ursprünglich d. h. im Texte ") Einige Abdrücke der fraglichen Ueberlieferung habe ich in den Grafen von Abcnberg 1869 S. 105 namhaft gemacht; auf andere hat Meyer in den Burggrafen S. 73 hingewiesen. ^) Einige nicht unwesentliche Verschiedenheiten im Texte bcS Zwettler KopialbuchcS bezüglich der fraglichen Aufzeichnung und des Einganges dazu habe ich schon 1881 Nr. 70 der Beil. z. AugSb. Postztg. besprochen. ") Grafen v. Abeuberg S. 45. Die hohenlohische Abkunft der ersten Burggrafen von Nürnberg verzeihen wir dein Herrn Octter. Wenn derselbe aber in der Zwettler Aufzeichnung für Nürnberg Rum bürg lesen wollte, so wurde er dcßsalls von Archivar Spieß schon zurechtgewiesen. 197 der alten, nicht sicgeluiäßigen Ueberlieferung konnten diese Worte schon deßwegen nicht stehen, weil sie mit der heimischen Ueberlieferung aus Kloster Heilsbronn und mit den Thatsachen, welche 1204 die Zwcttler Cisterzienser zum einigen Gedächtnisse constatirt haben, im grellsten Widersprüche stehen. Die Bruder von Zwetil sagen in ihrer Aufzeichnung, „daß die Gräfin in Ragze lange nach dem Ableben ihres Gemahls (des Grafen Friedrich) einen Weinberg in Lentacher um 34 Mark Silber erworben und zwei Hubcr in der Villa Nadel, welche sie, um Werke der Barmherzigkeit zu üben und Almosen zu spenden, sich damals vorbehalten, als sie ihren Söhnen die Nachfolge und das Erbe in ihr Vatergut eingeräumt hatte, — Gott und dsatas Llarias und den ihnen dienenden Brudern in Zweit! unter Vorbehalt der Nutznießung zur Benützung") frei und aus eigener Machtvollkommenheit übergeben habe." Nehmen wir nun an, daß der Weinberg zu Leutaker (nach freundlicher Mittheilung des Herrn Professors Leopold Jananschek vom 12. Mai 1877 heutzutage Dorf Leodagger mit trefflichem Wein bei Pulkau, nicht weit von Nütz, in Niederösterrcich) 6—8 Jahre nach dem Tode des Burggrafen Konrad I. von Abenberg-Rakoz"), sohin im Jahre 1198/99, von der verwittweten Burg- gräfin Sophie cx xropriig erworben wurde und die Uebergabe ihres Vaterguts an ihre Söhne Friedrich und Konrad ungefähr um dieselbe Zeit stattgefunden hat, die Güter in der Villa Noedcl (nach Jananschek auch Nadel, Nadelcins bei Neunzen, etwa 3 Stunden vom Stifte Zwcttl entfernt) mithin ebenfalls 1198/99 von der Gräfin aus dem Vatergute zu wohlthätigen Zwecken rescrvirt worden sind, und erwägen wir, daß nach dem trefflichen I. Wcndrinsky, k. k. Bibliotheksbeamien in Graz,") der Burggraf von Nürnberg und seine Mutter die Grafcschaft zu Nageth (Ra^s) und den Marcht und daz darzne gehört um 2000 march silberS an Herzog Leopold den Glorreichen (1198 bis 1230) zwischen den Jahren 12 00 und 1203 verkauft haben, so begreift man recht wohl, daß die Brüder in Zwcttl den Besitz, welchen sie der Gräfin Sophie von Nageths (Ila§ 26 ) verdankten, durch die Aufzeichnung von 1204 gegen die allenfallsigen Ansprüche insbesondere des Herzogs Leopold von Oesterreich sicher stellten. Die verwittwcte Burggräsin Sophie in 1Ia^2s hatte 2 Söhne, Friedrich I. und Konrad II., Doppelnamen, welche sich bei den Burggrafen von Nürnberg im 13. Jahrhundert noch zweimal wiederholten (Konrad III. und Friedrich II. mit dem Löwen, dann Friedrich III. und Konrad IV. der Fromme). Der ältere Sohn Friedrich war dem Vater Konrad I. von Abeuberg-Nagze?") schon 1192 in das kaiserliche Burggrafenlehcn zu Nürnberg succedirt und erscheint als Burggraf zwischen 1192 und 1200 häufig neben dem uahever wandten Grafen Friedrich II. von Abenber g. In Folge der Neber- "1 In der Beilage der Augsb. Posiztg. 1631 Nr. 71 S. 2 ist statt Mich brauch Nießbrauch zu lesen. ") Schon 1881 schrieb ich (I. e.): „Sophie von Nagze war nicht die Gemahlin Friedrichs I. (ch 1218), sondern Konrads I. (nicht V.!), Burggrafen von Nürnberg, welcher 1191 starb und zwei Söhne, Friedrich 1. u. Konrad jun>, Grase» von Aben- bcrg, bintcrlassen hat. -°) Die Grafen von NaavS. Wien 1879, S. 103. 2 °) >0nuruäu8 grotoetrig äs raksoo« konnte in der Urkunde vom 25. Mai 1190 nur der Erbe des letzten Grafen von Nakece, nicht dieser selbst, der wahrscheinlich schon vor 1175 starb, genannt werden. gäbe des mütterlichen Erbes um die Wende des 12. Jahrhunderts hatte zwischen den Brudern eine Allodialgüter- abtheilung wahrscheinlich in der Weise stattgefunden, daß der altere Bruder Friedrich die Grafschaft Nakets in Oesterreich, der jüngere Konrad dagegen die damals durch den Tod Friedrichs II. eröffnete und heimgefallcne Grafschaft Abeuberg zurückerhielt und mit dem Antheile, welcher der älteren Linie verblieben war, wieder vereinigte. Daher ist es wohl gekommen, doß der Verkauf der Grafschaft Nagets in Oesterreich nur von einem Burggrafen und seiner Mutter bethätigt worden ist. Sophie, Gräfin von Nagze, wird noch vor dem Jahre 1204 gestorben sein, da die Zwcttler Aufzeichnung aus diesem Jahre ihr Ableben vorauszusetzen scheint, weil die Rechte und Ansprüche des Klosters durch Zeugen und Mittelspersonen zu sichern nicht nöthig gewesen wäre, wenn Sophie noch gelebt hätte. Sie dürfte auch mit dem vicecowcg Konrad (Grafen von Abeuberg) schon ca. 1165/70 vermählt worden sein und hatte demnach, vorausgesetzt, daß sie damals 20 Jahre alt war, bereits ein Alter von über 60 Jahren erreicht. Wo sie beigesetzt worden, ist noch nicht genau ermittelt,^) die Vermuthung spricht für das Erbbegräbnis; zu 8. Aegydien in Nürnberg. Zwischen 1191 und 1218 ist kein Burggraf von Nürnberg gestorben, wir wenigstens haben einen Beweis hiefür nirgends auffinden und entdecken können. Die Aufzeichnung des Klosters Zwettl aus dem Jahre 1204 bestätigt bei Hinwegnahme des interpolirten Grafen Friedrich nur so viel, daß die Gemahlin des 1191/92 verlebten Burggrafen (Konrad) von Nürnberg eben die Gräfin Sophie in Nagze gewesen. Würde Sophie mit dem Grafen Friedrich schlechtweg vermählt gewesen sein und wäre dieser Graf Friedrich III. von Zollcrn gewesen und würde derselbe im Jahre 1200 oder 1201 mit Tod abgegangen sein, wie von den Hohenzollern- forschern behauptet wird, dann käme der Inhalt der Zwcttler Aufzeichnung mit sich selbst in grellen Widerspruch. Will man die Aufzeichnung gelten lassen, so muß man die an und für sich höchst verdächtigen Worte „cowttm Iriüerici" daraus wieder entfernen. Nach der heimischen Ueberlieferung aus dem Hauskloster der Grafen von Abeuberg und Burggrafen von Nürnberg ist Burggraf Friedrich I. im Jahre 1218 gestorben?") Diese heimische Tradition ist zwar im Hinblick auf die Zwcttler Aufschreibung beanstandet und heftig angegriffen worden, allein dieselbe findet in einer urkundlichen Nachricht von 1219 ihre volle Bestätigung. In einem Kaufsinstrumente Erzbischof Eberhards von Salzburg und des AbteS von Niederaltaich tritt nämlich nach Eberhard corncs clo Oornffcrclr „Oüunraäns c^uon- clain xurcrnvirm" als Zeuge auf und bestärkt durch den Zusatz „weiland Burggraf" implicite, daß sein älterer Bruder Friedrich zuvor d. h. 1218 gestorben ist und demselben seine Söhne Konrad III. und Friedrich II. dauials im Burggrafenlehcn bereits succedirtcn.^) Im Jahre 1881 habe ich meine Annahme, baß Friedrich I. der jüngere und Konrad II. der ältere Burggraf sei, dahin berichtigt, daß sich die Sache umgekehrt verhalten habe, und die Vermuthung ausgesprochen, Sophie von Ernst brunn sei Friedrichs I. °>) In den Graten von Abeuberg 1869 S. 55 habe ich den dort mitgetheilten Necrclogs-Eiutrag aus Kloster Heilsbrcnn auf Sophie von Nagze bezogen. Statt'Frcitag (o) ist Donnerstag (o) zu berichtigen. --) Beilage zur Slugsb. Postztg. 1681 Nr. 71 S. 2. 2 °) Llon. Lote. XI, 138. 193 Gemahlin und die gesuchte Erbgräfin von Zeltern gewesen Für eine und dieselbe Person kann ich die Gräfin Sophie in und die Gräfin von Ernst- brnnn auch heute noch nicht halten, weil die hohen Frauen verschiedene Namen führen, zu verschiedenen Zeiten das Kloster Zwettl beschenkten und beide weit von einander gewohnt haben. Möglich bleibt es zwar immerhin, daß Gräfin Sophie von Ernstbrnnn mit Burggraf Friedrich I. vermählt war, allein einen Beweis hie- für können wir nicht erbringen, ja wir halten es jetzt für wahrscheinlicher, daß die Gräfin von Ernstbrnnn, ge- borne Gräfin von Tollenstein-Hirschberg, mit Burggraf Konrad II., d. h. mit dem cioruinns Konrad funior-von Abenbcrg, vermählt war und daß beide im Stiftnngs- gcmälde zu Heilsbronn die bekannte glänzende Darstellung gefunden haben. Verhält sich die Sache so, wie angegeben, dann waren die burggräflichcn Bruder Friedrich I. und Konrad II. (junior) geborne Grafen von Abenbcrg, mithin aben belgische Erben durch Geburt, und eine Er- heirathnng der abeubergischen Güter durch Graf Friedrich III. von Zollern, welche wir von Ansang an zurückgewiesen haben, hat niemals stattgefunden. Die Erb- gräfinnen Maria (Falkenstcin, Stillfricd) und Hildegard bezw. Hildegard-Sophie (Niedcl, Schmid) sind weiter nichts als leere Fiktionen.^) Friedrich I., Burggraf von Nürnberg, muß unter diesen Verhältnissen mit einer Erbgräfin von Zollern einen Theil ihrer Güter für sich und seine Nachkommen erworben haben, und wenn seine Gemahlin nicht, wie er selbst, in Heilsbronn beigesetzt wurde, so hatte dieses seinen Grund wahrscheinlich darin, daß sie ihren Gemahl überlebte und sich mit ihrem jüngern Sohne, Burggraf Friedrich II. von Nürnberg und Abenbcrg, auf die väterlichen Güter in Schwaben zurückzog, daselbst starb und in einer zoller-hohenbergischen Familiengrabsiältc beigesetzt wurde. Die Insinuation Schmids, als halte ich behauptet, „das ganze Haus der schwäbischen Grafen von Zollern sei am Ende des 12. Jahrhunderts im Mannsstamms ansgsstorben", ist unrichtig^); wahr dagegen ist, daß ich schon im Jahre 1869 eine Linie Aüenberg-Zollern- Hoheuberg^) angenommen habe und im Jahre 1881 nachzuweisen suchte, daß Burggraf Friedrich II. von Aben- berg mit Elisabeth von Hohenberg^), einer Schwester des Grafen Albert II. von Hohenberg, vermählt war, von welcher Verbindung Schmid jetzt noch nichts wissen will ^°), obwohl diese Thatsache von einem der besten unter unseren bayerischen Geschichtsforschern schon längst hinlänglich beglaubigt und bestätigt ist. Unser Felix von Oefele hat im II. Bands seiner Lori^toros Ilcwuin Uoicarum die glaubwürdige Notiz aufbewahrt^), „daß im Jahre 1243 die Herrin Sophia Beilage z. Angsb. Postztg. 1881 Nr. 72 S. 2. Nach Wendrin'sky, die Grafen von Naabs, rührt Ernstbrunn von den Grafen oder Markgrafen von Vobbnrg (Hohen- wart) her, aber auch die TollcnsteimHirschbcrg waren in dieser Gegend NiederösterrcichS begütert, t. o. S. 109 u. 110. Vcrgl. Grafen v. Abenbcrg 1869 S. 54, Beilage z»r AngSb. Postztg. 1881 Nr. 29; Schmid, die Burggrafen von Nürnberg, S. 27 n. 28. 47 u. 48. n) Vcrgl. Schmids V. Fundamcntalsatz in Vd. III dcr ältesten Geschichte von Hohenzollern. 2°) Grafen von Abenbcrg S. 57—61. Beilage z. Augsb. Postztg. Nr. 33 S. U Die Könige von Preußen sind Hohenzollern S. 96. ") Xvno Lowiui L160XUIII obüb Domino. Loxbis, von Hochberg, geborne Burggrafin von Nürnberg, starb und im Predigerklvster zu Freiburg im Brersgau bestattet wurde." Es ist hier ohne allen Zweifel Friedrichs II., Burggrafen von Nürnberg und Abenbcrg, und der Elisabeth, Gräfin von Hohenberg, Tochter Sophia, die Gemahlin Konrads, Grafen von Freiburg, gemeint, deren Ehe wegen Blutsverwandtschaft im IV. Grade wieder getrennt werden sollte^), in Folge Dispensation des Papstes Jnnocenz IV. clo äuto 18. Mai 1248 jedoch bestehen blieb. Das angebliche Sterbejahr Sophiens ist sicher falsch abgeschrieben worden, denn dieselbe konnte 1243 nicht schon todt sein, wenn ihre Ehe am 18. Mai 1248 durch Dispense ratihabirt worden ist. Wahrscheinlich starb sie erst LI00X01II (1293) oder NOdXIII (1263), und dürfte eines dieser Jahre für ZIOOXIiIII (1243) zir rcstituiren sein. Hochberg ist Hohenberg. Friedrich II., Burggraf von Nürnberg und Abenbcrg, war demnach mit einer Zollcrn-Hohenberg verbunden, und wir hatten vollkommen recht, wenn wir schon 18 81 geschrieben Habens: „Besondere Beachtung scheint uns der Umstand zu verdienen, daß Albert II. (Albrecht), Graf von Hohenberg, bereits am 12. Januar 1271 von Friedrich dem Erlauchten, dem Sohne Friedrichs mit dem Löwen, uvunoulus d. h. Muitcrbrnder genannt wird. War Albert dieß in der That (wir haben keinen Grund daran zu zweifeln), so ist eben Elisabeth, die Gemahlin Friedrichs mit dem Löwen, des Stammvaters dcr Fürsten von Hohenzollern, eine Zollern-Hohenbcrg und nicht eine Gräfin von Habsburg oder Abenbcrg gewesen. Elisabeth ist demnach wohl als die Schwester Alberts II., des SohncS Alberis I., und als Tante des Benediktiner-Priors von Oberaltaich, Alberts von Hohenbcrg-Hnigerloh, welcher 1239 (nicht 1229) geboren und am 26. November 1811 gestorben ist, anzusehen ^). Schmid hat zwar die Bezeichnung Werts II. bon Hohenberg als nvunonlns Friedrichs des Erlauchten^) bemängelt, allein wir haben diese Bemängelung schon 1881 zurückgewiesen und daraus aufmerksam gemacht, daß wir diesem Autor nicht sofort und ohne reifliche Untersuchung des Sachverhaltes Glauben beimcsscn dürfen, weil er selbst zugesteht, daß sich die ältesten Glieder des hohenbergischen Hauses ebenso schwer wie die letzten genealogisch einreihen lassen^) und zwischen Albert II., Alberts I. Sohn, und Albert III. (Schmid II.), BnrkardL III. Sohn, unterschieden werden muß. Jüngere Schriftsteller behaupten, daß Friedrich mit deut Löwen erst nach dem 4. Juni 1265 gestorben sei, Schmid beanstandet auch diese Angabe und setzt das Ableben desselben Zwischen 1255/56 an. Wir gehen hierauf äs IloebbsrA, uaia clo bturnborA Unrg'ravia, in Driburxo sito in UrisAanclio, in Llonaetsrio Uraeäieatornw ibiclom in ambitn ovxnita. Grasen von Abenbcrg S. 69—73. Beilage z. Augsb. Postztg. Nr. 33. Die Darstellung Schmids über den in Oberaltaich als selig verehrten Hohcnbergcr Grafen genügt nicht, enthält auch manches Unwahre; ich werde deßhalb später speciell auf den Obern ltaicher Prior zurückkommen. ^) Schon Friedrich mit dem Löwen wird in dcr Urkunde vom 2. April 1228 iltnsdris voines genannt, man hätte deßhalb dem Sohne diesen Titel nicht als etwas Besonderes beilegen sollen. Die Zollern führten 1228 den Titel itlnstris noch nicht. --») Beilage z. Angsb. Postztg. 1881 Nr. 33 S. 1. 199 nicht näher ein 2 ?), auch nicht auf die handschriftliche Genealogie des Erasmus Sayn von Freismgen, von der man nicht weiß, wann und auf welchem Wege sie von Freising nach Gießen gekommen. Dieselbe ist nicht einwand- und fehlerfrei, und habe ich mich dagegen schon 1869 dahin ausgesprochen, daß sie erst aus dem 15. Jahrhundert stammt und au denselben irrigen Voraussetzungen leidet, wie die Hoheuzollerntheorie seit 400 Jahren^). Ist nämlich Friedrich III. von Zolleru nicht mit Gräfin Sophie in LaFrm vermählt gewesen, und daß dieses nicht der Fall war, glauben wir überzeugend nachgewiesen zu haben, so bleibt nichts übrig, als anzunehmen, Friedrichs I. Burggrafen von Nürnberg und Grafen von Abeuberg Gemahlin seiS 0 phie (oder wie immer sie geheißen), eine Erbrachter der Grafen von Zollern, gewesen. Ihr Sohn Friedrich II., auch mit dem Löwen und der jüngere genannt, war mit Elisabeth von Hohen- berg so nahe verwandt, daß zu ihrer Lerehelichnng ebenfalls päpstliche Dispensation nöthig war, wie bei der Tochter derselben, Sophia, und dem Grafen von Freiburg, ein Umstand, der zur vollständigen Klärung der bielum- strittenen Abstammnngssrage wesentlich beitragen dürfte. Wir müßten ein dickes Buch schreiben, wollten wir Alles vorbringen, was wir bei Dr. Schmid zu beanstanden gefunden haben. Wir verweisen auf unsere Abhandlung «Die Grafen von Abenberg die Ahnen der deutschen Kaiser und der Fürsten von Hohenzollern 1890", für welche sich noch kein Verleger gefunden hat, und bestreiten, daß aus der Zwettler Auszeichnung und der Genealogie des Eras- mns Sayn von Freising die Zoller'sche Abstammung der Burggrafen von Nürnberg bewiesen werden kann"); wir sind vielmehr vollständig davon überzeugt, daß die illustren, von den Fürsten oder Herzogen von Bayern abstammenden Grafen von Abenberg in den genannten hohen und höchsten Fürstenhäusern nicht als Zollern-Abenberg, sondern als Abenberg-Zollern fortlebten bis auf den heutigen Tag. Passau, 15. Febr. 1894. I. Nep. Seefried. Berichtigung. In Nr. 24 bcr Beilage ist im Artikel „Die Könige von Preußen rc." S. 167 Spalte 2 Zeile 4 zu lesen: (fi am 22. Juli nach 1103). Vcrzerchttiß bei der McdacLrorr en;ge?lu:fsrrer Schriften. KricgSeriunerungcn eines Fclbzugsfrciwilligen aus den Jahren 1870 und 1871 von Karl Zeitz. Mit Jllustr. Verlag von St. Geibcl in Altenburg. 2. Aufl. Erscheint in 19 Lieferungen ä 50 Pf. (Der Verfasser, Hr. Zeitz, war 1884 bis 1800 Neichsiagsabgcorducter; bei AuSbruch dcö Krieges war er Geschäftsmann in PariS, eilte sofort in die Hcüuath und 2 ') Vergl. Schmid: Die Könige von Preußen sind Hohcn- zollcrn, nicht Abenberger S. 30. 40 A. 2 u. sonst. Die Gegner SchmidS haben den Wortlaut der Urkunde vom 4. Juni 1265 (2Ion. 2oU. II, 100) für sich. Der xatrnns (Vatcrsbruder) des Burggrafen Friedrich III. (II.) war eben Friedrich mit dem Löwen. SchmidS Erklärung mit „Vetter" ist gesucht. Ueber den Todestag (14. VI.) vergl. Beilage z. AugSb. Postztg. 1831 Nr. 33 S. 2. ^) Grafen von Abenberg 1869 S. 73 u. 101. 2 °) Derselbe trat wohl 1227/28 in das Erbe der Mutier ein. Wäre Burggraf Friedrich I. ein Graf Zollern gewesen, so wäre seinem älteren Sohne Konrad die Siammburg Z 0 llern zugefallen. Vergl. Meyer I. 0 . S. 43. ") Die überschwenglichen Lobeserhebungen SchmidS in der Allgemeinen Zeitung und die Behandlung, die er seinen Gegnern zu Theil werden läßt, schaden seiner Sache sicher mehr, als sie ihr nützen. rückte als freiwilliger Musketier inS Feld, wo er 20 Gefechte und Schlachten mitmachte. Die „Erinnerungen" sind frisch und humorvoll geschrieben.) DaS Reichsgcsctz vom 1. Mai 1889, bctr. die Erwerbs- und Wirthschasisgcnosscnschaften und die DarlehcnS- kasseuvcreiue nach Naiffebens System in Bayern. Anleitung zur Gründung und Geschäftsführung rc. Von L. Weriihaimiicr, kgl. Ncgicrnugscommissär in Würzbnrg. 2. erweiterte Auflage. Würzbnrg, Göbcls Verlagsbuchhandlung 1894. „Die Reform der Produktenbörse." Von ReichS- tagsabz. Gras Arnim-Muökan und Landrath Gcscher. — Die Entwicklung des wirthschastl. Lebens in Deutschland seit 1890. Von Ockon.-Nath v. Mendcl-Steinfels. — (Vorlräge gcbaltcn in der 19. Generalversammlung der Vereinigung der Steuer- und Wirthschastsreformer.) Berlin, Verlag des Bureaus der Reformer. Hagclbcrgerstraße 18. Preis L 50 Pf. Die fünf heiligen Skapnliere von k. Phil. Sceböck 0. 8. vr. Innsbruck, Verlag der marianischen Vercin-Sbuch- handlung. 30 Pf. Der treue Kamerad. Ein illustr. Lehr- und Lern- mittel für Fortbildungsschulen. Heraus.;. vom kath. ErzichungS- vercin für das Land Vorarlberg. Erscheint monatlich einmal. Preis per Jahr 1 M. 50 Pf. Verlag von Teutsch in Brczcnz. Die marianische Kongregation. Sieben Gelegen» heiiSpredigtcn. Von C. Stemlin, Priester der Diverse Basel. Jngenbohl, Verlag der ErziehnngSanstalts-Drnckerci „Paradies". Vergleichende Erdkunde u. Alttcst. Geograph. Weltgeschichte. Mit 10 Karten. Von H. Haugz in Gotha. Selbstverlag. vorsmouia« IliZZ. 8ol. ot kontik. op. Oloorgsii Lebober, 0. 8. N. Verlag von Pustet in NegeuLburg. 2 M. 80 Pf. (geb. M. 3,60). Die geistliche Schnlaufsicht in der Volksschule, ihre Berechtigung und Ausübung. Von M. A. Bcrninger, Pfarrer in Euerfeld. Würzbnrg, Verlag von A. Eöbcl. Preis 70 Ps. Winke und Rathschläge zur Gründung und Leitung Naifseiscn'scher Darlehenökassenvercine von Kolb, neu bearb. von C. W. Kaiser. Würzbnrg, F. L. Bnchcr'schcr Verlag. Preis 2 M. Die consessioncllcn Verhältnisse a.d. Höheren Schulen in Elsaß-Lothringen. Statist, u. histor. dargestellt von einem Mitglied des kath. VolkSvercins. Commissions- vcrlag von Herders Agentur in Straßburg. Preis geb. 90 Ps. Kirchcngcschichtc. Für die katb. Familie bearb. von vr. H. NolsnS. 3. Aufl. 1. Hcst. (18 Hefte ü 50 Pf.) Herders Verlag in Freiburg. Legende oder der christliche Sternhimmel von Alban Stolz. 10. Aufl. mit vielen Bildern. 1. Hcst (10 Hefte ^ L 80 Pi.) Freiburg. Herders Verlag. vullotin äs la Uartreipatiou aux höneüoLs. Varm, lm xrlmvrio Oliaix. 1894. 16. Jahrg. 1. Lieferung. (Erscheint viermal im Jahr. Preis per Jahr 5 Fr.) Kirche und Kirchenjahr. Kurze Belehrung von I. D Schiltknecht, Oberlehrer und NeligionSlebrer in Obcrehnhcinr Verlag von Herder in Freiburg. Preis 30 Ps. Verzcichniß von Lehr- und Gcbctbüchlcin für Kinder. Herders Verlag in Freiburg. Kurzer liturg. Unterricht über Kirche, Gottesdienst u. s. w. von Math. Reiß, Priester der Diöccic Trier. 4. Auflage. Verlag von Herder in Freiburg. Preis 25 Ps. (geb. 35 Ps.). Antiquar. Anzeiger bcr Buchhandlung L. Arier in D 0 nauwörth 1694. Nr. 136. „Unsere Bäume und Sträucher" von vr. B. Piöß. Verlag von Herder in Freiburg. Preis geb. 1 M. 30 Ps. Franz. M. P. Libermann und seine Stiftung: die in Denlsch-Qstasrika thätige Kongregation rom hk. Geist. Von W. Helmes. Mit Libermannö Portrait. Münster, Ceiu- inissionsverlag von H. Schviiiugh. Herz Jesu-Büchlein von v. Schneider. Verlag von Arier in Douauwörth. Aloyi'inS - Büchlein. Don D. Faustmaim, frcircs. Pfarrer. Neueste Auflage. Würzburg, F. L. Bucher'sche Verlagsbuchhandlung. Preis geb. 60 Ps. TLckitcrchens Liebling. Heft 5. Jllustr. Mädchen- Arbcitszcitung. Monatl. 1 Heft mit Beilagen. Preis 50 Pf. vierteljährlich. Diese Zeitschrift, bisher im Verlage der Passauer „ParndieSdruckcrei", erscheint nunmehr im Verlag von I. Noth in Stuttgart. Sie bietet einerseits gute UutcrhaltuugSlckiüre, anderseits Arbeitsmnster für Mädchen. Das Apostolat der chrisil. Tochter. St. Angela- Matt. V. Jahrg. Nr. 12. HcrauSg. von N. Schöpilcuthner. Wien, St. Norbert-Druckerei. Preis jährlich 2 M. 50 Pf. Katechetische Blätter. Zeitschrift für NcligionSlehrcr von Frz. Walk. Verlag von Köfel in Kemptcn. Heft 5: Fingerzeige für angehende Katecheten. — Firmungsnntcrricht. — Von hl. Lippen. U. s. w. Mäßigkeit oder Enthaltsamkeit. Neue Beiträge zur Alkoholfrage. Von Dr. A. Schmitz. Bonn, P. Hausteins Verlag. M. 1,20. Der Dom zu Köln. Dargestellt von F. Th. Hclmken. 3. Anst. Ein Führer für die Besucher, mit Abbildungen. Köln, Verlag von I. u. W. Boisscrse. Rundschreiben Papst Leo XIII. Ans der von Herder in Frcibnrg veranstalteten Ausgabe (lateinisch und deutsch) der Leonischen Rundschreiben sind zwei weitere Heste erschienen; das eine enthält daö Rundschreiben über daö Studium der heiligen Schrift, das andre die Rundschreiben von 1891, 92 u. 93 über das Noscnkranzgebet. Kirchengerichte oder Geschichte deS Reiches Gottes. Für kath. Familien bearbeitet von Dr. Rolfns, mit Illustrationen rc. 3. Auslage. Erscheint in 18 Heften ü 50 Ps. Verlag von Herder in Frciburg. Iesuiten und IesuitcnschuIcn, Offene Antwort rc., von Lehrer Jos. Reist. (3. Heft der Pädagog. Vortrüge u. Abhandlungen.) Kemptcn, Kösels Verlag. Preis 70 Ps. DaS Harmonium-Spiel in stnfcnweiser, gründlicher Anordnung zum Selbstunterricht. Von B. Mcttcnlciter. IV. Anst. I. Theil. Kempt-n, Kösels Verlag. 3 M. Bildender Unterricht in den Sprachfächern. Von Dr. I. Perkmann. I. Theil. Grundlinien. Innsbruck, Wagncr'schc UniversitätSbnchhandlung. Herz-Jesu-Monat. Mit einem Titelbild in Farbendruck und 30 Jnitialbildern. III. vermehrte Auflage. Franz Hattler 8. 3. Frciburg i. Br. 1891. Herder'sche Ver- lagöhandlnng. kl. 8°. p§. 3-11. Preis 1 M. 60 Ps., geb. 2 M. X Gegenstand der Betrachtungen sind 30 Ereignisse, Zuge auö dem Leben des Herrn, von den hl. Evangelien erzählt und umschlichen das ganze Leben des Gottmcnschen; daran knüpfen sich ein Mestgcbet, zahlreiche andere Gebete und eine ncnntägige Andacht. Die Beigabe einer Beicht- und Commnnionandacht würde die Verwendbarkeit erhöhen. Der viclgcrühmte Stift Hattlerö findet sich auch in diesem Büchlein. Herz-Jesu-Büchlein für alle frommen Verehrer des hochheiligen HcrzcnS Jesu. Von P. Schneider. Donau- wörth, 1891. Verlag von L. Auer. Callicocinband. 12°. 210. Preis 75 Pf. X Ein vollständiges Gebetbuch, dem man das epitlreton ornans zutheilen könnte: Eine Sammlung der trefflichsten und schönsten Gebete zu Ehren deS heiligsten Herzens Jesu. Ausstattung ist würdig. Ein treffliches Büchlein für die heil. Firmung hat der hochwürdigste Herr Weihbischof vr. Schmiß in Köln bei Schwann in Düsseldorf erscheinen lassen. DaS Wcrlchen bietet unter dem Titel „Büchlein vom heil. Geist" eine leicht- faßliche Darstellung alles dessen, was der Firmling über das hl. Sakrament wissen muß, sowie eine Anleitung zum würdigen Empfang desselben und zur Bewahrung der mit der hl. Firmung empfangenen Gnaden. Der ganz außerordentlich billige Preis (20 Pf. für daö Exemplar bei ansprechender Ausstattung) macht es möglich, das Büchlein in größerem Umfange zu Geschenk- zwecken zu benutzen. Auf 50 Exemplare werden 5 Freiexemplare gewährt. ? Von Steichelc-Schröder, Das BiSthum Augsburg historisch und statistisch beschrieben, ist vor Kurzem ein neues, daö 39. Heft erschienen. Von verschiedenen Seiten und wiederholt wurde auf die vorzügliche Fortführung dieses hervorragenden Werkes hingewiesen. Wir begnügen uns daher damit, die in diesem Heste behandelten Orte zu nennen. Es sind ans dem Landkapitel Jettingcn folgende Pfarreien: Ais- lingen, Anried, Dürrlauiugen, Ettelricd, Flcin- hausen, Frehhaldcn, Gabclbach, Glött, Grüneu- baindt, Eundremmingcn, Hafenhofen, Halden- wang, Jettingen (letzteres noch unvollendet). OlflonborA, kouelüda: sa, vis ob ses enseiZnemsntg. Nra. einst äo t'attemaml par V. kouotrer. 8° p. VII -s- 393. karis, Llcan. 1893. Vr. 7,50 k Für den Buddhismus zu schwärmen, gehört zur Mode der Gegenwart; weniger ist die Kenntniß desselben verbreitet, und daran tragen die größte Schuld jene unberufenen Schriftsteller, die über ein Ding reden, wovon sie in der That selbst keine Abnung haben: man darf nur die arge Mißhandlung der Sanskrit- oder Paliwörter ansehen, um davon sogleich überzeugt zu sein. Neben dem herrlichen Werk deS ernsten und nüchternen Sanskritkenners Monicr-Williamö (Lmlellrism in its eonnexion rvitd brakmanisme am! etrrlstiairrtz'. London 1890) dürfte kein anderes empfehlenöwcrthcr sein, als der „Buddha" des deutschen Gelehrten Oldenberg, der überdies die Gelahrthcit nicht in der üblichen trockenen Langweiligkeit zum Ausdruck bringt, sondern in angcncbmer und frischer Darstellung zu erzählen weiß, ohne der Wissenschaftlichkeit Eintrag zu thun. Nunmehr besitzen wir das beste deutsche Buch über den Buddhismus auch in einer französischen Uebcrsetzung, die nach der zweiten Auflage des Orginals (1890) gefertigt ist; damit hat daß Werk die wohlverdiente größere Verbreitung für sich gewonnen und zugleich jene gewisse äußere Eleganz deS Stiles, die nun einmal unbestreitbar die französische Sprache vor der deutschen voraus hat. Warum fehlt es an Diakonissinnen und Pflegerinnen? Von Mathilde Weber-Tübingen. Berlin 1891. L. Ochmigke. S. 120. Pr. 80 Pfg. Dieses mit Begeisterung und Sachkenntniß geschriebene Werkchcn ist allen protestantischen Frauen und Jungfrauen auf's beste zu empfehlen. Vielleicht wird die eine oder andere von der Liebe zur leidenden Menschheit, die aus diesen Zeilen spricht, angesteckt nnd veranlaßt, ihr Leben den Kranken zu widmen. Wenn eine diesen Stand ergreifen will, dann soll sie es aber thun aus Liebe zu Christus; denn der bloße Humanitätsdusel reicht nicht hin, die Beschwerden dieses BerufeS auf die Dauer zu ertragen. — Sehr berechtigt sind die Klagen der Verfasserin über die höchst ungünstigen Versorgungsverhältnisse und über die schlechte, unwürdige Behandlung, welche die Krankenpflegerinnen namentlich von Seite der Aerzte oft zu erdulden haben. Versorgung der Diakonissinnen und Pflegerinnen im Alter oder bei Dicnstunfähigkeit ist eine Forderung der Gerechtigkeit wie der Menschlichkeit. — Wenn die Verfasserin immer von gebildeten Krankenpflegerinnen spricht, so kann ich unter dieser Bildung nur wahre Herzensbildung (GottcS- und Nächstenliebe) und medizinische Schulung verstehen. Daß wissenschaftliche Ausbildung zu einer tüchtigen Krankenpflegerin nicht nothwendig ist, das beweisen die katholischen Krankenschwestern, die zumeist auö den unteren Ständen hervorgegangen sind. — Auf die katholischen Klöster ist die V. nicht gut zu sprechen; weil sie aber wider Willen den Ordenslcnten die schönsten Zeugnisse ausstellt, will ich darüber hinweggehen. Auf einen Irrthum aber möchte ich die V. aufmerksam machen. Die Nächstenliebe läßt sich nicht befehlen und ebensowenig verbieten (wie V. zu glauben scheint). Die wahre, werktheitige Nächstenliebe bat ihre Wurzel und ihren Halt in der wahren GotteSlicbe. Demuth, Selbstverleugnung aus Liebe zu Gott und Hoffnung auf ewigen Lohn, das sind die Mittel, welche im Staude sind, aus jeder Krankenpflegerin eine Heldin zu machen! Fr. I. G. Literarischer Handweiser, begründet, herausgegeben und redigirt von Msgr. Dr. Franz Hülskamp in Münster. 21 Nrn. ä 2 Bogen Hochgnart für 4 M. p. Jahr. 1891. Nr. 5. Inhalt: KritischeRcferateüberSchäfcr Hebräerbricf (Müllcr-Breslan), Ltiss 6alsnelar ok Xutries in ttio kapert Registers rolatiuK- to Oroat IZritain anet IrolamI (Bellesheim), Müllcndorff Auferstehung und Himmelfahrt deS Herrn (Deppc), Na ins OriAiuss cts la kraneo eou- tsmporains (A. Zimmermann), D r a n s f e l d Gedichte, N ü t t e u Feierstunden und Pesendorfer Jmmaculataroscn (Kelter), v. DestoucheS Orlando diLasso (Kornmüllcr), Koneberg- Kümmcl Kathol. Jugcndbibliothck, Bündchen 1—8 (NolfuS). — 5 Notizen über verschiedene Nova (Hülskamp). — Novi- tätcn-Vcrzeich niß. Veranftv. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck». Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. Ui'. 26. Gottfried August Bürger. Zu seinem hundertsten Todestage nach seinem Leben und seinen Werken geschildert von A. G. Es ist ein mitunter verfehltes Leben, das wir im Nachfolgenden zu schildern versuchen, denn die sittliche Haltung und Würde fehlte Bürger mitunter oft, und oft bedeutend. Er war theils selbst daran schuld, indem er sich allzusehr gehen ließ, allzusehr der Sinnlichkeit sich überließ, anderntheils waren aber auch gerade in der Jugendzeit falsche Freunde daran Schuld, daß er auf falsche, schlüpfrige Bahnen gerieth, auf welchen er schlüpfrig lebte und schlüpfrig wirkte. Doch auch ein verfehltes Leben und Wirken kann für den verständigen Leser von Interesse sein, und dann hat Bürger durch mehrere seiner sehr guten Dichtungen — wir brauchen nur allein seine „Leonore" zu nennen — sich doch unter dem deutschen Volke einen so volksthümlichen Namen errungen, daß er bei seinem wiederkehrenden hundertsten Todestag verdient, wieder aufgefrischt zu werden. Bürger selbst schrieb: „Da ich durch meine poetischen Werke und einige Vorfälle meines Lebens einen ziemlich allgemein bekannten Namen in meinem Vaterland erlangt habe, so kann ich mir leicht vorstellen, daß mein Leben nicht unbeschrieben bleiben wird. Damit nun bei einer künftigen Beschreibung meines Lebens nicht romanisirt werde, damit niemand mehr sich selbst und seine Kunst, als mich darstelle, so entschließe ich mich vielleicht noch, das Geschäft lieber selbst zu übernehmen." Bürger hat dies nun unterlassen, Biographen aber hinreichend gefunden, welche theils mehr, theils weniger „romanisirten", was wir vermeiden wollen, indem wir Bürger so schildern, wie er war, nicht wie er hätte sein sollen in seinem Leben sowohl, wie in seinem Wirken und Dichten. Obige Sätze Bürgers scheinen dem bekannten Philosophen und sogenanntem Philanthropen Jean Jacques Rousseau entnommen zu sein, zum Theil wenigstens, welcher in seinen Oonksss. luv. X also schreibt: „fls kuvois cjn'on ras xsiAiioib äaas ls xrrUlis Laus äes Iruits si xsn Lsiadlastlso aux raisas, st guslquskois si äiflorruss Hus, raul^rs 1s raal, äoat js as voulois riea tuirs, js vs xoavois qus Zugnsr easors L ras raoatrsr tsl Has j'stois." Bürger wurde im Jahre 1748 zu Molmerswende im Fürstenthum Halberstadt geboren, und zwar nach seiner eigenen Angabe „in der ersten Stunde des JahreS unter den Gesängen, womit man nach alter Sitte das angekommene neue Jahr vom Kirchthurm herab zu begrüßen pflegte." Nach andern ist er schon vor Mitternacht auf die Welt gekommen. Sein Vater war Pastor, seine Mutter eine sehr begabte Frau, aber sehr roh, worüber sich der Sohn in späteren Jahren sehr mißbilligend äußerte. „Meine Eltern hielten mich anfangs für einen erzdummen Jungen." Bis in sein zehntes Jahr lernte er weiter nichts, als lesen und schreiben, hatte aber besondere Freude an der Bibel und am Gesangbuch, speziell an den Psalmen, Propheten und an der Offenbarung des heil. Johannes. Einen merkwürdigen Zug findet man bereits an dem Knaben, seinen Hang zur Einsamkeit, seine Freude an dem Dunkel der Nacht und dem stillen „heiligen" Dunkel der Wälder. DaS Lateinische wollte ihm absolut nicht in den Kopf hinein, der Vater hatte wohl Zeit zur Bequemlichkeit und zum Rauchen seines „Tobaks", keine Lust aber, seinen Sohn zu unterrichten, und schickte ihn im Alter von 12 Jahren zum Großvater nach Ascherslcben, um die dortige Stadtschule zu besuchen. Auch hier ging es mit dem Latein schlecht, er warf sich schon aufs Dichten und sabrizirte die „Feuersbrünste von Aschersleben", welche wenigstens Eines zeigen: richtiges Reim- und Silbenmaß. Ein Streit des Großvaters mit dem Rektor der Schule wegen einer großen Schliugelei des Enkels und der darauffolgenden etwas derben Bestrafung war der Anlaß, daß Bürger auf das Pädagogium nach Halle kam. Sein Aufenthalt hier fällt in die letzten drei Jahre des siebenjährigen Krieges. Ost waren die nöthigsten Lebensmittcl kaum um schweres Geld zu haben, oft ging ein Lehrer durch, denn „es gebe anjetzo kein besseres Leben, als das Soldatenleben", und nicht weniger als siebzehn Lehrer soll Bürger während der kurzen Zeit, in der er am Pädagogium weilte, gehabt haben, gewiß allzuviel und deßhalb auch allzu ungesund. Ein Zeugniß über ihn besagt: „Einen Anfang der Furcht Gottes scheint er zu haben, Studia hat er fleißig getrieben. Das äonurn äiäustnsura ist nicht ungeschickt, Sitten sind wohlanständig, das re§1inen, hofft man, wird sich auch noch finden." Trotzdem er einigemal krank geworden, hielt er dennoch mehrmals bei festlichen Gelegenheiten ordentliche Sermone und verfertigte auch oarurinn latina. Im Jahre 1764 bezog er die Universität Halle, um dort nach dem Willen seines Großvaters Theologie zu studieren. Sein Vater starb, und der Großvater wollte mit aller Gewalt aus dem Enkel einen Geistlichen machen. Theologie war aber dem Enkel ganz zuwider, doch widersetzte er sich anfangs nicht dem Großvater, von dem er jetzt ganz und gar allein abhängig war, und predigte selbst einmal in einer Dvrfkirche bei Halle. Doch bald hing er die Theologie an den Nagel und schloß sich an die Philologen an, besonders an den etwas lockeren, übel berüchtigten Klotz, der einen sehr schlimmen Einfluß auf ihn ausübte und ihn in sein wüstes, ausschweifendes Leben mit Hineinriß. Ganz entrüstet rief ihn der Großvater zurück, doch muß es dem geliebten Enkel gelungen sein, dessen Zorn zu besänftigen, denn er erlaubte ihm einen Studienwechsel, und Bürger ging an Ostern 1768 nach Göttiugen und sollte dort Jurisprudenz studieren. Während er im Anfang ziemlich eifrig dem Studium oblag, besonders dem der Pandekten, ging das Halle'sche Leben auch bald wieder in Göttingen von vorne an. Er zog zu der Schwiegermutter des Professors Klotz und trat so wieder in die alten Verbindungen mit letzterem, und „diese Verbindungen, sagt Althof, konnten weder auf sein Studieren, noch auf seine Sitten Vortheilhaft wirken; er verlor allmählig den Hauptzweck seines Aufenthaltes so sehr aus den Augen, daß der Großvater, der alles erfuhr, nach und nach seine Hand von ihm abzog und ihn, den er für einen ohne Rettung verlorenen Menschen ansah, ganz ohne Unterstützung ließ. Einer seiner nachherigen besten Freunde sagt, Bürger sei damals in einer Lage gewesen, daß mau ihn habe kennen und schützen Müssen, um sich seinem Umgänge nicht zu entziehen." Indeß nahmen sich seiner jetzt wackere Freunde an, 202 wie Biester, Sprengel und besonders Boie, eine französisch geschulte diplomatische Natur, der Bürgers Talent erkannte und sein Möglichstes that, dasselbe zu fördern und den jungen Dichter wieder auf gute Wege zurückzuführen. Die materielle Unterstützung lieferte der gute, allzeit bereite Gleim. Bürger nahm wieder den besten Anlauf, studierte fleißig die alte Literatur, die englischen Volkslieder, aus denen er später so viel für seine eigenen Balladen schöpfte, und besonders auch Shakespeare. Zur damaligen Zeit kam auch im zweiten Jahrgang des Musenalmanachs Bürgers Lied: „Herr Bacchus ist ein braver Mann", welches unverändert, so wie es niedergeschrieben worden war, bekannt gemacht wurde. Damals schrieb Boie an Gleim: »Bürger lebt jetzt auf eine un- tadelhafte Art, und ich verspreche der Nation von seinen Talenten nickt wenig; gelitten haben sie bei seiner vorigen Lebensart, aber zerstört sind sie nicht. Ich glaube, daß der Eintritt in die feine und gesittete Welt ihn jetzt zu einem vollendeten Mann machen und leicht das Nohe abschleifen würde, das ihm noch von seiner vorigen Lebensart übrig geblieben ist." Bürger hing mit großer Liebe an Gleim, was aus seinen vielen Briefen trefflich hervorgeht; oft freilich redet er ihn an mit überschwäng- lichen Worten als den «allerbesten Mann" und singt z. B.: „Fürwahr! fürwahr i ich spränge Zu Dir in'S Höllearcich Und bäte Gott, zu richten Barmherzig, und doch nur Die Hölle zu vernichten, Um Deinetwillen nur." Im Jahre 1772 brachte es Bote nach vielen Schwierigkeiten dahin, daß die Herren von Uslar Bürger die Stelle ihres Justizamtmauns im Gerichte Alten- Gleichcn bei Göttingen übertrugen. Die Freunde sahen wohl ein, daß für den so lebhaften Geist diese Stelle nicht recht Passe; allein Bürger griff mit beiden Händen nach der Stelle, einestheils, um der materiellen Noth entrissen zu werden und um mehr Ruhe zu großem geistigem Schaffen zu gewinnen. Der gute Großvater, von dem wir oben gesehen, daß er seine Hand vom Enkel ganz zurückgezogen, weil er glaubte, Hopfen und Malz seien an letzterem verloren, söhnte sich wieder aus, öffnete wieder seine milde Hand, bezahlte die Göttinger Schulden, so daß Bürger „frei" war, und sandte auch dem neuen Juflizamtmann Geld. Da er aber dem Enkel nicht traute, so erhielt er die Unterstützungen durch Vermittlung Boie's. Dieser war eine Zeit lang abwesend, und ein Dritter, dem Geld an Bürger gesandt wurde, unterschlug nach und nach die Summe von siebenhundert Thalern (damals eine sehr hohe Summe), so daß Bürger wieder sehr in materielle Klemme kam. Dieser Mann war der würtiembergische Hofrath Lifte zu Gelliehausen, früher selbst Uslarischer Beamter. Die Zerrüttung der ökonomischen Umstünde dauerte fort bis an das Ende des Dichters und hatte sicher großen Einfluß auch auf seinen poetischen und literarischen Charakter. Damals war es, daß er im Mondschein ein Baucrn- mädchen singen hotte: „Der Mond, der scheint so helle, Die Todten reiten so schnelle! Fein Liebchen, graut Dir nicht?" Bekanntlich entstand hieraus seine „Lcnore", die ihn berühmt machte. Als er seiner Zeit die Stelle seinen Freunden deklamirte: „Nasch auf ein eisern Gitterthor Ging's mit verhängtem Zügel. Mit schwanker Gert' ein Schlag davor Zersprengen Schloß und Riegel," schlug Bürger mit seiner Reitgerte an die Thüre des Zimmers derart, daß Friedrich Stolberg so erschrack, das; er einer Ohnmacht nahe war. Das Gedicht wurde bald derart bekannt und verbreitet, daß Bürger selbst es oftmals in Bauernorten deklamiren hörte und jetzt selbst glaubte, „etwas Gutes hervorgebracht zu haben". Bürger hat mit seiner Lenore einen ausgezeichneten Griff in einen ungeheuren Sagencomplex voll ethischer Tiefe gethan, der bis in das graue Alterthum reicht. Der in der Lenore classisch, wie selten eine andere Sage, aufgefaßte Volksglaube, z. B. daß Thränen die Ruhe der Todten stören, findet sich in einer sehr schönen Erzählung schon in den Liedern der alten Edda. Nicht weniger bekannt und besonders in den deutschen Schulen sehr verbreitet und gelernt ist «der Abt von St. Gallen", der Kaiser und der Abt, doch ist das Gedicht nur eine gute Umarbeitung der Ballade llokn anä tlls ubflot ok Oarttsrbur^, wie Bürger sich damals überhaupt viel mit englischen Schriftstellern und Dichtern beschäftigte. Hauptsächlich übersetzte er auch die Hexen-Scenen im Macbeth, welchen Schröder damals in Hannover auf die Bühne bringen wollte. Nebenbei verdeutschte er auch die JltaS von Homer, schrieb in das Göttingische Musen-Almanach, dessen Herausgabe er eine Zeit lang übernahm, gab auch die erste Sammlung seiner Gedichte heraus, kurz, er war fleißig, war auf den besten Wegen, ganz solid zu werden, als auf einmal wieder ein großer Rückschlag eintrat, und zwar nach dem alten Recept: oü eot 1» lamme? ein Recept, das sich Bürger selbst verschrieb zu seinem Unheil, und zwar nicht ein Mal, sondern mehrere Male. Diese seine drei Ehen mögen kurz hier Erwähnung finden, wenn wir auch der Zeit uach und feinem Wirken nach etwas vorgreifen. Im Herbste 1774 verheiratete er sich mit der ältesten Tochter des Justizamtmanns Leonhard zu Niedek. Nach seinem eigenen Geständnisse liebte er aber schon vorher deren jüngere Schwester Mollh, die er in allen möglichen und unmöglichen Tonarten besang, und die seine Liebe leider erwiderte. Diese sündhafte Leidenschaft wurde stets ungestümer, und es entstand ein jeder Sitte in das Gesicht schlagendes Verhältniß, das alle drei Betheiligte ungemein unglücklich machte. Der Schwiegervater starb, materielle Sorgen traten zu andern geistigen, er wurde verleumderischer Weise angeklagt (hierüber noch einiges später!), sein Amt gewissenlos verwaltet zu haben, durch die Untersuchung wurde er zwar freigesprochen, aber der Mann war so tief gekränkt, daß er glaubte, abdanken zu müssen. Das Brod fehlte oft zu Hause, seine Frau starb, er heirathete seine Molly, das Glück, das langersehnte, kam nicht mit Molly, denn der Weg in die neue Ehe war mit Verfehlungen gepflastert, Molly starb bald, uud durch eine dritte Ehe wurde das Unglück für Bürger vollends perfekt. Eine Schwäbin, Elise Hahn, von seinen Dichtungen begeistert, erklärte ihm in eigenen Gedichten ihre volle Liebe und bot ihm ihre Hand an. Mit Rücksicht auf seine Kinder nahm er die dargebotene Hand an — die Hand einer eitlen, genußsüchtigen und untreuen Frau, und gequält von Nahrungssorgen, einsam, elend und krank an Körper, Geist und Gemüth, ließ er sich nach kurzem Zusammenleben von dieser seiner dritten und letzten Frau scheiden. Für Bürger war die Zahl „drei" also eine bedeutende Unglückszahl, am Unglück trug aber er selbst auch die Hauptschuld. Oü ssb 1a kemms? 203 War Kaspar Häuser ein Betrüger? «SS Am 17. Dezember v. Js. waren es volle sechs Dezennien, daß Kaspar Häuser im jugendlichen Alter von 21 Jahren zu Ansbach aus dem Leben schied, nachdem er — wie er auf dem Sterbebette in drei, nur durch Schwächeanfälle unterbrochenen, gerichtlichen Vernehmungen betheuerte — durch einen fremden Mann die Todeswunde empfangen hatte. Wie die Sektion ergab, war der Stoß mit einem scharfen zweischneidigen Instrumente so kräftig gegen die Brust geführt worden, daß nicht nur die dichte Kleidung, welche Kaspar Häuser wegen der Winterskälte trug (ein wattirter Rock, eine Weste, ein flanellenes Leibchen, ein Hemd), durchbohrt wurde, sondern auch eine vier Zoll tiefe Wunde entstand, welche Herz, Zwerchfell, Leber und Magenwand pene- trirte. Und merkwürdig! wie zum Beweise eines plötzlichen heftigen Schreckens wurde der Körper gleich nach der Verwundung von Gelbsucht befallen. Dennoch stehen neuere Hauserforscher, wie Dr. Julius Meyer (z. Z. Oberlandesgerichtsrath in Ansbach), Herausgeber der „Authentischen Mittheilungen über Kaspar Häuser" (Ansbach 1872), und AntoniuS von der Linde (z. Z. Oberbibliothekar in Wiesbaden), Verfasser eines dickleibigen, im Stil des Hammelburger Reifenden geschriebenen Werkes „Kaspar Häuser, eine neugeschichtliche Legende" (2 Bde. Wiesbaden 1887), nicht an, von einem „unfreiwilligen Selbstmord" zu sprechen und so die Möglichkeit offen zu lassen, als habe sich Kaspar Häuser nur leicht verwunden wollen, um die bei einzelnen aufgetauchten Zweifel an der Wahrheit seiner Angaben durch ein entscheidendes Unternehmen niederzuschlagen. Ist es doch für beide ausgemacht, daß Kaspar Häuser von Anfang an ein Betrüger war. Freilich übersehen sie dabei, daß uns die Persönlichkeit des jungen Mannes in diesem Falle nur noch räthselhafter wird. Denn um seine Behauptung einer langjährigen Einkerkerung glaublich zu machen, hatte sich Kaspar Häuser das Aussehen eines durchaus verwahrlosten, physisch und geistig zurückgebliebenen Menschen gegeben und diese Rolle bis an sein Lebensende mit großem Geschick durchgeführt. Er hatte sich derart abgehärtet, daß er lange Zeit nur von Wasser und Brod lebte und zeitlebens allen geistigen Getränken entsagte. Er hatte feine Augen so an die Dunkelheit gewöhnt, daß er im Halbdunkel einem Naubthier gleich Gegenstände und Farben auf größere Entfernungen hin noch deutlich zu unterscheiden vermochte und das Tageslicht ihn schmerzte. Er hatte sich wie ein Clown von Jugend auf geübt, die Beine gestreckt zu halten, so daß die Kniescheibe sich einsenkte und man kein Kartenblatt unter die Kniebeuge hätte einschicken können, und alles dies hatte er gethan, um schließlich — Copist an einem Gericht zu werden(l), Jahre lang keinen Schritt aus dem Hause zu thun, ohne sich von Polizisten begleitet und überwacht zu sehen (Wie angenehm für einen Betrüger!), und sich zwei Jahre hindurch geduldig der unfreundlichen Behandlung eines pedantischen Lehrers zu unterwerfen, der in ihm nicht, wie andere Leute, ein Wunderkind sehen wollte, sondern ihm noch auf dem Sterbebette zu verstehen gab, daß er ihn für einen Simulant halte. Wie? Ein Meister in der Verstellungskunst, wie Kaspar Häuser, sollte von derselben keinen besseren Gebrauch zu machen gewußt haben und zuletzt aus verletztem Ehrgeiz (I) eine schmerzliche Todesart gewählt haben, statt sich durch die Flucht aus Ansbach einer ihm unerträglich gewordenen Zwangslage zu entziehen und sein Spiel anderswo mit besserem Erfolge zn wiederholen? Gewiß eine seltsame Annahme, die wenig Wahrscheinlichkeit hat. Noch mehr aber müssen wir in unserem Glauben an die Hypothese jener beiden Männer irre werden, wenn wir bei genauerer Prüfung wahrnehmen, daß ihre Methode, Zeugnisse über Kaspar Häuser zu verwerthen, eine ganz verkehrte ist, und daß sie selbst das Opfer einer Mystifikation geworden sind. Um dieses zu erweisen, erscheint es nöthig, auf das erhaltene Quellenmaterial näher einzugehen. Von großer Wichtigkeit für die Entscheidung der Frage, ob Kaspar Häuser ein Betrüger war oder nicht, dürften die Protokolle jener Zeugenvernehmungen sein, welche der Stadtmagistrat von Nürnberg in seiner Eigenschaft als Ortspolizeibehörde unmittelbar nach dem ersten Auftauchen des Kaspar Häuser anstellte. Leider sind dieselben aber seit Jahrzehnten verschollen und niemals bekannt geworden. Nach einer Vermuthung von der Linde's (I. S. 19 A.) wurden sie, nachdem sie zweimal von Nürnberg nach Ansbach gewandert waren, unter anderen Akten („den in der Stadt Nürnberg aufgegriffenen Findling, angeblich Kaspar Häuser, und dessen Ermordung betreffend" 1828 —1833) dem kgl. Justizministerium in München auf Verlangen ausgeliefert und von diesem am 2. August 1836 an das Staatsministerium des kgl. Hauses und des Aeußeren abgegeben. Dennoch hat sich bis heute weder im kgl. allg. Neichsarchiv noch im geheimen Staatsarchiv eine Spur davon vorgefunden. Das Aktcnmaterial, welches Dr. Julius Meyer in seinen authentischen Mittheilungen zu publiziren in der Lage war, beschränkt sich daher, abgesehen von einer Bekanntmachung des Stadtmagistrats von Nürnberg vom 7. Juli 1828 „Einen in widerrechtlicher Gefangennahme aufgezogenen und gänzlich verwahrlosten, dann aber ausgesetzten jungen Menschen betr." (mit Beilagen, welche ein Signalement Kaspar Hausers, eine Beschreibung des von ihm mitgebrachten, an Rittmeister von Wessenig adressirten Briefes nach Inhalt und Form, endlich ein Verzeichnis; der Gegenstände, die man bei ihm fand, enthalten) und einigen ärztlichen Gutachten w., auf: 1) die Protokolle jener Verhöre, die nach der ersten Verwundung des Kaspar Häuser (am 17. Okt. 1829) vom kgl. Kreis- und Stadtgericht in Nürnberg vorgenommen wurden, wobei nicht nur Kaspar Häuser selbst über seine Vorgeschichte auf's Neue befragt, sondern auch jene Zeugen, welche bereits im Jahre 1828 vernommen worden waren, unter Hinweis auf ihren geleisteten Eid aufgefordert wurden, zu bekennen, ob sie bei ihren früheren Aussagen, die man ihnen vorlas, beharren wollten und diesen nichts hinzuzufügen hätten; 2) die Protokolle jener Verhöre, welche nach dem Tode des Kaspar Häuser im April und Mai 1834 auf Requisition des Kreis- und Stadtgerichts in Ansbach, das die Untersuchung wegen Mords eingeleitet hatte, mit denselben Zeugen, soweit sie noch lebten, angestellt wurden. Diese letzteren stimmen nun allerdings mit den unter Nr. 1 genannten nicht in allen Einzelheiten überein. Dies erklärt sich aber daraus, daß inzwischen mehr als vier Jahre verflossen waren, in welchen einerseits manches wahre Detail aus der Erinnerung der Zeugen geschwunden, andrerseits manches Irrige aus dem Tagesgespräch und aus den zahlreichen Schriften, die über Kaspar Häuser seitdem erschienen waren, aufgegriffen worden war und so an die Stelle der früheren lebhaften Eindrücke trat. Es ist daher auf diese Abweichungen durchaus kein Werth zu legen; völlig kritiklos aber wäre es, den Protokollen von 1834 den Vorzug vor denen des Jahres 1829 einzuräumen. Einige Proben mögen dies erläutern. Während der Zeuge Schuhmachermeister Georg Leon- hard Wcickmann am 4. Nov. 1829 angab, daß Kaspar Häuser, als er ihn zuerst erblickte, „vom Bärleinhuterberg herunter wackelte" (vgl. auch die Verhöre des Joh. Matih. Merk, Bedienten bei Rittmeister von Wessenig, vom 20. Dez. 1829 und 5. Mai 1834 und des gen. Rittmeisters selbst, vom 2. Nov. 1829 und 29. April 1834 u. a. m.), behauptet er am 5. Mai 1834, er habe Kaspar Häuser zu Pfingsten 26. Mai 1828 den ziemlich steilen Bärleinhuterberg guten Schrittes herunterkommen sehen; desgleichen der Schuhmachermeister Jak. Leck, der bei Weickmann gestanden hatte: „Da sahen wir nun den Kaspar Häuser mit starken Schritten den Bärleinhuterberg herunterkommen "(I). Ein ähnlicher Widerspruch findet üch in den Angaben des Bedienten Joh. M. Merk. Während er am 20. Dez. 1829 versicherte, er habe auS Kaspar Häuser nichts herausbringen können, als die stereotype Antwort „des woas i net", wußte er am 5. Mai 1834 zu berichten: „ferner sprach er (Kaspar Häuser), daß er Tag und Nacht reisen mußte, dann daß er getragen worden wäre, wenn er nicht mehr gehen konnte, daß er schreiben und lesen gelernt habe und daß er alle Tage über die Gränze in eine Schule gmg"(l). Was sollen wir nun dazu sagen, daß sowohl Meyer (A. M. S. 110 A. „Merk bekundet ferner die höchst bedeutsamen Thatsachen" rc.) als A. v. d. Linde (I, 3, 9, 20) von diesen späteren Angaben für ihre Hypothese ausgiebigen Gebrauch machen! Noch schlimmer ist ein anderes Versehen! Wahrend der Drucklegung seiner Authentischen Mittheilungen erhielt Dr. Julius Meyer durch den Dom- kapitular Pflaum in Bamberg ein Manuscript des im Jahre 1862 verstorbenen k. b. Gendarmeriemajors Jos. Hickel, welcher am 27. Okt. 1829 der UntersuchungS- commission zum Behufe der Anstellung von Recherchen in Sachen Kaspar Hausers beigegeben worden war und diesen in seinen letzten Lebensjahren zu überwachen hatte. Dasselbe gibt in 63 Briefen an einen ungenannten Freund, welche angeblich in der Zeit vom 2. Juni 1828 bis 19. Mai 1834 geschrieben sind, „eine vollständige gedrängte Geschichte des Hauser'schen Falles", wie der Herausgeber Du. Julius Meyer sagt (A. M. S. 504; Caspar Häuser, Hinterlassenes Manuscript von Jos. Hickel, Ansbach 1881 S. IV). Aber schon Georg Friedrich Kolb wies in seiner Schrift „Kaspar Häuser" Ncgensburg 1883 S. 63 f. nach, daß diese Korrespondenz von Anfang bis zu Ende erdichtet ist. Kein einziger der erwähnten Briefe ist nämlich wirklich an dem Tage, dessen Datum er trügt, entstanden, das ganze Machwerk vielmehr erst im Jahre 1858, also 25 Jahre nach dem Tode des Kaspar Häuser, in der bestimmten Absicht, Kaspar Häuser als Betrüger hinzustellen, begonnen, und zwar gibt sich Hickel darin den Anschein, als habe er von vorneherein an der Wahrheit der Aussagen des Kaspar Häuser gezweifelt, während aus den Briefen des Grafen von Stanhope gerade das Gegentheil hervorgeht (s. unten). Wie keck diese Fälschung gemacht ist, mag ein Blick auf Brief 11 erweisen, dem I. Meyer das Datum März 1829 gegeben hat, obwohl darin von einem Schreiben vom 2. April l. Js. die Rede ist. Ungefähr in der Mitte dieses Briefes heißt es: „Deinem Wunsche gemäß theile ich Dir eine Probe seines Stiles mit, die er am 2. April l. Js. niederschrieb." In Wahrheit aber hat Hickel diese Probe ebenso wie das am Schlüsse angereihte Gedicht aus Professor G. Fr. Daumers „Mittheilungen über Kaspar Häuser", welche erst im Jahre 1832 zu Nürnberg in Druck erschienen, entnommen (s. Heft II S. 29; Heft I S. 45). Vollends die dem Briefe beigelegte Lebensbeschreibung Kaspar Hausers wurde in diesem Umfange erst im Jahre 1839 durch die Gräfin W. C. v. Albersdorf veröffentlicht und durch Hickel aus ihrem Buche über Kaspar Häuser I. Bd. S. 58 f. abgeschrieben. Weder Meyer noch v. d. Linde haben mithin durch die Benützung dieses Romanes ihrer Sache einen Dienst erwiesen, geschweige denn die Kaspar Hauser-Controverse durch ihre Publikationen zum Abschluß gebracht. Vielmehr sind wir auch heute noch auf die Aussagen der Zeitgenossen angewiesen, welche Kaspar Häuser nicht, wie wir Epigonen, nur aus Akten und Büchern, sondern von Angesicht kannten. Eine Uebersicht dieser Zeugnisse ergibt aber: 1) daß von allen jenen Männern, welche mit Kaspar Häuser längere Zeit hindurch verkehrten und, sei es von Amtswcgen, sei es aus persönlicher Theilnahme, mit ihm in engere Berührung traten, kaum 2 oder 3 an der Wahrheit der Erzählung Kaspar Hausers von seiner widerrechtlichen Gefangenhaltung zweifelten; 2) daß diejenigen unter ihnen, welche daran zweifelten, durch ganz unzureichende Motive hiezu bestimmt wurden. Wir wollen nun diese Männer im Folgenden näher betrachten. (Forts, folgt.) Die Todesanmeldungen. Ein Streifzug in das „Nachtgebtet der Natur". Von k. F.. 0. 8. §r. Die jetzigen Zeitläufte charakterisirt mehr oder minder der Zug, alles Uebernatürliche zu negiren. Thatsachen, auS denen man sicher auf das geistige Wesen des Menschen schließen könnte, behandelt man mit der nämlichen Gleich- giltigkeit und vornehmen Ueberlegenheit, wie man jetzt die Märchen der Jugendzeit betrachtet. Da erinnert es denn fast etwas an das „finstere Mittelalter mit seinem Aberglauben", wenn man den geneigten Lesern von „Geistergeschichten" — läßt ja doch der Titel schon derlei vermuthen — berichten will. Thatsächlich werden auch die „Todesanmeldungen" von den Anhängern des modernen Stoffglaubens als Hirngespinste abergläubischer Menschen gar gerne mitleidig belächelt und ohne weitere Untersuchung bei Seite geschoben. Diesem leichtfertigen Urtheil gegenüber sollen in den folgenden Zeilen die einschlägigen Thatsachen des näheren zur Unterhaltung und Belehrung besprochen worden. Unter Todesanmeldungen versteht man gemeiniglich die Thatsache, daß sich nicht selten sterbende Menschen bei lieben Verwandten oder trauten Freunden, welche meist keine Kenntniß von einer Krankheit, geschweige Todesgefahr der betreffenden Personen hatten, in dem Augenblick des Hinscheidens auf verschiedene Weise bemerkbar machen. Bald vernimmt man ein auffallendes Geräusch, bald ein geheimnißvolles Klopfen an Thüre oder Fenster; mitunter zeigt sich der Sterbende selbst jenen fernen Angehörigen, oder letztere vernehmen plötzlich dessen Stimme; in manchen Fällen bricht auch über die von einem Trauerfall betroffene Person eine unerklärliche, tiefe Niedergeschlagenheit und Traurigkeit herein, um ebenso mit einem Male wieder zu verschwinden. Wie steht es nun mit der Thatsüchlichkeit derartiger Vorkommnisse? Anmeldung sterbender Menschen! Welche Thorheit, als gebildeter, vernünftiger Mensch noch an solche Ammenmärchen zu glauben! Durch diese und ähnliche Kraftsprüche wähnen die Apostel des modernen Naturcultus die Todesanmeldungen aus der Welt geschafft zu haben. Unsere Todesmeldungen sind aber leider nicht bloße, schöne Spukgeschichten, die der Phantasie irgend eines witzigen Menschen entstammen und die man sich zum Zeitvertreib an langen Winterabenden erzählt, sondern gut verbürgte Thatsachen; hiefür aus beinahe unzähligen Beispielen nur einige! Allerdings muß hier vorerst den Gegnern zugestanden werden, daß auch auf diesem Gebiete des Unerklärlichen und Wunderbaren absichtliche Lüge und Betrügerei nicht selten ihr schädliches und schändliches Unwesen treiben. Aber wäre eS nicht doch gewagt, alle Mittheilungen derartiger Begebenheiten ohne weiteres mit dem Stempel des Betruges zu brandmarken? Auch für die Täuschung des Menschen selbst ist hier gewiß ein weiter Spielraum, indem man gerne ohne Prüfung an Außerordentliches dachte; aber alle derartigen Vorkommnisse schlechthin als Täuschung zu betrachten, kann den denkenden Geist des Menschen nicht befriedigen. Wir werden darum gerade solche Todesanmeldungen anführen, welche uns von wissenschaftlich gebildeten, ja selbst glaubenslosen Männern berichtet werden. Leuten gegenüber, welche vielleicht auch noch solche Zeugnisse bemängeln, sei das treffende Wort des gelehrten Astronomen Challis erwähnt: „Die Zeugnisse hierüber sind so zahlreich und übereinstimmend, daß die Thatsachen entweder so, wie sie berichtet sind, zugestanden oder die Möglichkeit, Thatsachen überhaupt durch menschliches Zeugniß zu erhärten, aufgegeben werden muß." -s- Der ebenso gelehrte wie fromme Kardinal Ba- ronius (1° 1607) hat uns einen der merkwürdigsten Fälle von Todesmeldungen überliefert, merkwürdig vor allem deßhalb, weil die betheiligten Personen berühmte Gelehrte waren. Michael Merkato hatte mit seinem Freunde Marstlius Ficinus die Verabredung getroffen, daß derjenige, welcher von ihnen zuerst sterben würde, deni überlebenden womöglich erscheinen solle. Auf diese Weise wollten sie dem Anscheine nach erproben, „ob es nach dieser Welt, deren Dinge sie für eitel Schein erklärten, noch etwas gebe." Eines Morgens sitzt Merkato fern von seinem Freunde — Ficinus war bereits längere Zeit nach einer anderen Stadt gezogen — mit Studium beschäftigt an seinem Schreibpulte. Da hört er plötzlich einen Reiter vorbeisprengen, der ihm unter dem Fenster zurief: „Michael, diese Dinge sind kein Schein, sie sind wahr!" Merkato glaubt genau die Stimme seines Freundes erkannt zu haben, eilt an das Fenster und sieht nur noch, wie Ficinus, weiß gekleidet, auf einem weißen Pferde sitzend, um eine Straßenecke einbiegt. In der nämlichen Stunde, so stellte es sich später heraus, war Ficinus zu Florenz gestorben.*) -j- Nicht minder auffallend ist eine Begebenheit, *) Die Beispiele, mit -j- gezeichnet, Neuerer Geisterglaube" bearbeitet. sind nach „Dr. Schneit welche uns der Dichter Wieland (-j- 1813) berichtet. Wieland wurde wegen seiner Glaubenslosigkeit und Frivolität nicht mit Unrecht „der deutsche Voltaire" genannt; er dürfte also wohl ein unverdächtiger Zeuge für Ueber- sinnliches sein! Eine fromme protestantische Dame wohnte mit ihrer Familie auf dem Landguts eines Benediktiner- stiftes; ein Priester besagten Klosters war Hausfreund der Familie. Nach längerer Zeit wurde dieser Ordensmann nach Bellinzona versetzt, um dort höhere Mathematik zu lehren. Im Lause der Jahre erkrankte die Dame, ohne daß jedoch die Krankheit gefährlich schien. Einmal um Mitternacht erhob sich die Kranke etwas von ihrem Lager und sprach zu ihrer Tochter, welche am Bette wachte: „Nun ist es Zeit, daß ich gehe und von dem Pater —> sie meinte jenen Hausfreund — Abschied nehme." Daraufhin wandte sie sich von der Tochter ab und schien ein wenig eingeschlafen zu sein. Nach einer Weile erwachte sie wieder, richtete noch einige Worte an ihr Kind und verschied. Zur selben späten Stunde, wie sich nachher ergab, saß der ermähnte Ordensmann zu Bellinzona an seinem Studiertische, mit der Lösung einer mathematischen Aufgabe eifrig beschäftigt. Eine Erkrankung jener Dame war ihm nicht bekannt, er dachte auch nicht an sie. Mit einem Male hörte er einen heftigen Knall, gleich als wäre der Schallboden des Pandora, welches neben ihm an der Wand hing, gesprungen. Erschrocken ficht der Pater um und erblickt mit einem Erstaunen, das ihn starr macht, eine weiße, jener Dame vollkommen gleiche Gestalt, die ihn freundlich-ernst anblickt und dann sofort verschwindet. -Z- Ein ebenso glaubwürdiger Zeuge wie Wieland dürfte in Sachen des Ueberstnnlichen Arthur Schopenhauer, der Weltschmerz-Philosoph, sein. Auch er schreibt über eine Todesanmeldung also: „ .... Als ein ganz neuer Fall dieser Art mag hier Folgendes stehen: Vor kurzem starb hier in Frankfurt im jüdischen Hospital bei Nacht eine kranke Dienstmagd. Am folgenden Morgen in aller Frühe trafen ihre Schwester und ihre Nichte, welche mehrere Stunden entfernt wohnten, hier ein, um nach ihr zu fragen, weil die Verstorbene, wie sie erklärten, ihnen in der Nacht erschienen sei. Der Hospital- Aufseher, auf dessen Bericht diese Thatsache beruht, versichert, daß solche Fälle öfters vorkommen." Hier haben wir den Fall, daß zwei verschiedenen Personen dieselbe Meldung zutheil wurde. Auch im Leben des hl. Aloisius findet sich eine solche Thatsache von glaubwürdigen Männern berichtet. Ein Priester der Gesellschaft Jesu lag in dem nämlichen Ordcnshause wie der englische Jüngling zum Tode krank darnieder. In einer Nacht zeigte sich urplötzlich der sterbende Pater sogar zweimal nacheinander dem heiligen Aloisius und flehte ihn um seine Fürbitte an, da er jetzt vor Gottes strengem Gerichte erscheinen müsse. Als des Morgens der Krankenwärter zu Aloisius kam, theilte ihm dieser die Erscheinungen mit, worauf der Wärter versicherte, genau zu jener Zeit sei der Pater mit Tod abgegangen. An letzter Stelle seien noch zwei Begebenheiten erwähnt, welche der allernenesten Zeit angehören und dem Schreiber dieses von den betheiligten Personen selbst mitgetheilt wurden. In den Blüthejahren des Lebens lag in einem Kloster der altchrwürdigen Bischofsstadt W. eine Nonne am Sterben. Der Bruder dieser Jungfrau lebte als Ordensgeistlicher im fernen M., wußte wohl von einer Erkrankung der Schwester, befürchtete aber nicht 206 im geringsten eine Todesgefahr. An einem freundlichen Sommertage des Jahres 188 . befand er sich mit mehreren anderen Geistlichen im Musiksaale des Hauses, als mit einem Male ein Schlag wie gegen ein Fenster erdröhnte. Die Anwesenden untersuchen sämmtliche Fenster, finden sie geschlossen und unversehrt. Nach wenigen Minuten — der nämliche heftige Schlag, ohne daß die Fenster, welche zudem von außen unzugänglich sind, irgendwie verletzt wären. In den nächsten Tagen kam in M. die Trauerbotschaft an, daß die Jungfrau R. am selben Tage, wo man jene Schläge vernahm, und zur selben Stunde verschied. In diesem Falle hörten sämmtliche Anwesende die Todesmeldung, während meist nur die davon speziell getroffene Person die Meldung wahrnimmt. Das zweite Beispiel betrifft eine angesehene Bürgersfamilie in dem Markte V. in Bayern. Fern der trauten Heimath stand eine Tochter in der Hauptstadt im Dienste, welche von der Herrschaft eines Tages zu einer Bestellung in ein Geschäft geschickt wurde. Auf der Rückkehr zur Herrschaft sieht das Mädchen mit einem Male wenige Schritte vor sich seinen Vater, wie er leibte und lebte. Uebcrrascht, daß der bereits betagte Vater in der so fernen Stadt sich befinde, ohne daß man ihr Nachricht hievon gegeben, will die Jungfrau der lieben Gestalt nacheilen. Eben meint sie den Vater erreicht zu haben, als plötzlich derselbe ihren Augen wieder entrückt ist. Unklar mit sich selbst kommt sie zur Herrschaft zurück, um nur zu bald zu erfahren, daß der geliebte Vater genau in jener Stunde, da sie ihn zu M. sah, in V. aus dem Leben geschieden sei. (Fortsetzung folgt.) Religiöse Kunst im Glaspalast zu München. (Schluß.) Einem gemalten Triptychon gleich erscheint das auch durch den Nahmen dreigetheilte Bild von Walter Firle. In der mittlern, doppelt breiter» Darstellung sehen wir eine vortrefflich gezeichnete und gemalte Gruppe von knieenden Landleuten von schöner religiöser Haltung, aber in ganz moderner Auffassung, so vorne gleich einen Bauer mit der Sense auf dem Rücken; im Hintergründe die Mutter- gottes mit dem Kinde, im orientalischen Phantasiegewande, die in der Dämmerung des Halbdunkels nicht klar in die Erscheinung tritt, was wir, obwohl es künstlerisch ja berechtigt ist, wegen der Verwendbarkeit des Bildes in einer Kirche, weniger gern gesehen hätten. Das linksseitige Bild zeigt uns die jugendliche Madonna einsam in morgen- frischer Landschaft sitzend, den sehnsuchtsvoll andächtigen Blick zum Himmel gerichtet, eine mit hochpoetischer Empfindung aufgefaßte Juugfrauengestalt; während die rechtsseitige Darstellung die durch Leiden geprüfte und wie verklärte hohepriesterliche watsr äolorosa, vorführt, die hier das von erhabener Empfindung durchgeistigte Antlitz und die ausgebreiteten Arme zu dem mittlern der drei Kreuze auf Golgatha bei hereinbrechender Sternennacht emporrichtet. Dieses mit großem stimmungsvollen Ernste und mit poetischer Kraft des Ausdrucks ausgestattete, tiefreligiös empfundene Gemälde ist von ächt künstlerischem Gehalte. Es gehört zu jenen, welche, in der Nähe betrachtet, nicht verlieren, sondern an Eindruck gewinnen. Das Letztere kann man gerade nicht sagen von dem Bilde Nr. 994 von Spatz in Düsseldorf: „Kommet Alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid". Wir sehen links unter einem Thorbogen eine Gruppe Männer und Frauen, von schwermüthigem düstern Ausdruck der Mienen und der Haltung, zusammengedrängt. Von dieser ziemlich weit abseits sitzt an der Wand auf einem Steine des hofartigen Raumes eine Gestalt, die, wie es scheint, den Heiland vorstellen soll. Er beugt sich tief zu einem weiblichen Wesen (Magdalena?) herab, die ihr Gesicht in seinem Schoße birgt, der er wohl tröstende und verzeihende Worte zuflüstert, während die Andern warten, bis auch sie, einer nach dem andern, an die Reihe kommen. Die schmutzig grauen Wände, die schmutzig graubraunen Gewänder und traurig düstern Physiognomien der Personen in dem sonnenlos düstern Raume sollen wohl ein melancholisch wirkendes Spiegelbild socialer Verhältnisse unserer Großstädte sein! Das große Bild von H. Breiten, Amsterdam, stellt den Gekreuzigten in schlanker, schön gezeichneter Gestalt, aber in der langweiligen Malerei der flüssig-glatt behandelten weißgelben Fleischfarbe des Körpers auf den halbdunkeln Stimmungsbildern des XVI. Jahrhunderts dar. Von der Hauptsache der Darstellung, dem Haupte des Gekreuzigten, kann man leider in dem das Dunkel des Bildes noch vertiefenden schattigen Raume nichts Deutliches erkennen. Kunz Meier in München zeigt uns den in einsamer Felsschlucht in Verzweiflung zusammengesunkenen Judas, dem aus einem Dorngebüsche die Erscheinung des Gekreuzigten entgegenschimmert. — Ob dem Maler der brennende Dornbusch vorgeschwebt hat? — Judas verhüllt sein Antlitz in beide Hände, so daß man sich fragt: hat er bereits die Erscheinung deS Gekreuzigten gesehen, oder stellt sie nur ein Spiegelbild feines bösen Gewissens dar? — Der Charakter der mit plastisch kräftigem Vortrage trefflich gemalten Landschaft harmonirt, sowohl was das Motiv als die packende tragische Stimmung betrifft, vorzüglich mit dem sich in ihr abspielenden historischen Vorgänge. Professor Karl Naupp's Bild schildert uns mit kräftigem Vortrage die Noth einer armen Schiffern: mit ihrem Töchterchen in den aufgeregten Wellen des sturm- bewegten Lnndsce's. Das Ruder ist der ermatteten Hand entfallen, Mutter und Kind liegen erschöpft auf dem Boden des Kahnes. Doch die Gestalt des Schutzengels erscheint sichtbar und Rettung verheißend den Hartbe- drüngten, und schon arbeitet sich aus der Ferne das Rettung bringende Boot durch Wind- und Wogendrang heran. In dem schmalen Ausstellungsräume kommt das mit starken Gegensätzen von Schalten- und Lichtparticn ausgestattete poesievolle Bild nicht zu seiner rechten Wirkung. Zum Schlüsse möge hier noch das malerisch und inhaltlich bedeutsame Gemälde von Ferdinand Vrütt (Düsseldorf) genannt werden. Ihm sind die Worte aus Psalm II beigegeben: „Warum toben die Heiden und die Leute reden so vergeblich." — Links im Hintergründe sehen wir die in Rauch und Flammen gehüllte Fabrikstadt. Ein unordentlicher Haufe aufgeregter Arbeiter, Männer und Weiber, flüchtet von der Brandstätte in den Vordergrund uns entgegen. Bestürzt vor der sich ihnen hier darbietenden Erscheinung hält er auf der Flucht inne. Auf einer kleinen Anhöhe rechts steht lichtum- flosscn in weißem Gewände Christus vor seinem Kreuze, die rechte Hand mit gebieterischer Bewegung erhoben. Einige, besonders Frauen, sind mit ängstlicher oder flehender Geberde in die Kniee gesunken. Andere blicken wie verstockt und zornig drein; gleich vorne greift Einer nach einem Steine, dem ein Anderer zu wehren scheint. 207 — In künstlerischer Hinsicht ist das Bild gewiß eine tüchtige Leistung. Ob aber die deutlich hervortretende Tendenz gerade in dem Kreise, aus dem die Staffage des Bildes genommen, eine erwünschte Wirkung erzielt, müssen wir dahingestellt sein lassen. Immerhin aber ist es auch eine Stimme des Nusenden in der Wüste. Es richtet sich wohl nicht so sehr speciell gegen die „Socialdemokratie" bezw. „Anarchie" als solche, als vielmehr nur formell gegen diese, als die reif werdende Frucht der ganzen verkehrten und unchristlichen, rationalistischliberal - manchesterlichen Richtung unserer Zeit, deren treibende Kräfte bewußt oder unbewußt auf ein geist- und gottloses heidnisches Chaos hindrängen. — Das Bild stellt inhaltlich einen Pendant dar zu jenem vor zwei Jahren aus Paris in den Glaspalast gekommenen, das zwar im kleinen Nahmen, aber mit ergreifender Kraft der Darstellung eine arme, doch innig liebende Gemeinde treuer Freunde des Heilandes darstellte, die den zu Tode gemarterten Menschenfreund in die Leinwand bettet. Einer ist aus dem Kreise in der Ueberwallung seines Gefühles hinausgetreten, es ist ein Arbeiter mit modernem Arbeitskittel angethan, der drohend die geballte Faust gegen das aus der Tiefe mit seinen Palästen und Schlössern abendlich herüberschimmernde Babel — die Verfolgerin und Mörderin der Propheten — erhebt. Wilhelm Trübner's Kreuzigung — Nr. 1062 — gleicht in seiner malerischen Behandlung einer manierirten Mischung altniederdeutscher-mnd neuschottischer Muster; sie zeigt in der ganzen Art der gespenstisch-dunkellicht- farbigen Stimmung einen gesuchten Affekt, den man zu leicht herausmerkt und dadurch verstimmt wird. Grönvold's gut gemalte „hl. Familie" wäre wohl so etwas von Ideal einer christlich gewordenen türkischen, aber selbst mit Zuhilfenahme der Heiligenscheine noch lange nicht „die hl. Familie von Nazareth"; die Unterschrift ersetzt nicht den Mangel des tiefern Gehaltes. Das unmuthige religiöse Genre „St. Nikolaus und das Christuskind", sowie die vornehm aufgefaßte Madonna mit dem ausdrucksvollen Christusknaben von Schustcr-Woldan in München machen dem strebsamen Künstler alle Ehre. Dagegen ist die, wenn auch mit feinem Pinsel gemalte Darstellung „Petrus an der Himmelspforte" eine mit raffinirtem Witz und mit künstlicher Naivität gegebene Jronifirung des Heiligen als Himmelspförtner, deren Pikanterie ja für manchen Beschauer interessant sein mag, aber aus demselben Grunde umsoweniger angebracht erscheint. Was die Vildhauerarbeiten betrifft, so sind uns bisher nur sechs mit religiösem Charakter aufgefallen, die Erwähnung verdienen. In der Mitte des Vestibules rechterseits steht ein Relief (Nr. 1401) von gutem klassischen Stil mit der Unterschrift: „Kommet Alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid". Die Figuren gleichen in ihrer Profilstcllung, Zeichnung, Bewegung, ihrer verhältnißmäßig starken Größe und idealisieren Bildung jenen auf den antiken Sarkophagen. Christus, in der Mitte sitzend, eine sehr große, sonst vornehme Gestalt mit edelklassischen, aber etwas leeren Zügen, wendet sein Antlitz nach rechts zu einer Hilfe suchenden Gruppe: eine Mutter mit Kind, ein Lahmer, ein Blinder, gegen dessen Augen er seine heilende Hand ausstreckt, und ein Weib, das ihm ihre Kleinodien zu Füßen legt; während er dem Pharisäer den Rücken zukehrt, der auf diese anziehende Gruppe mit sprechender Haltung des Stolzes und verächtlicher Miene herabschaut. Beim Ausgange des Vestibules in den ersten Saal rechter Hand steht die ausgezeichnete, in diesen Blättern — Beilage Nr. 23 — bereits gewürdigte Altarretable des Bildhauers Georg Busch mit der „Madonna und den 16 musicirenden Chorknaben". In dem Saale daneben, gleich rechts unweit des Einganges, finden wir die ebenfalls in der Postzeitungs-Beilage kurz charakterisirte „Rosa rn^stioa." von Heinrich Waderä, ein wahres Juwel christlicher Kunst. (Dieses, wie das vorige Thonmodell werden durch die Jahresmappe der „Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst" vervielfältigt werden.) In demselben Saale hängt noch ein großer Cruci- fixus (Nr. 106) von H. Brausewetter (Berlin) von etwas derber aktmäßiger Körperbildung, das Antlitz des herabhängenden Hauptes von den nach vorne niederfallenden Locken tief beschattet, so daß man, um dessen wirksamen empfindungsvollen Ausdruck aufzufangen, sich dicht unter das Kreuz stellen muß. In der Ecke desselben „Sculpturensaales" macht noch Edmond Lefever's „St. Cäcilia", eine etwas genre- haft, lyrisch-stimmungsvoll gehaltene, schlanke und schöne Figur in einfach großfaltiger Gewandung, welche mit Blick und Fingerbewegung die erklingenden Töne ihres Instrumentes gleichsam zu verfolgen scheint, einen an» muthig ansprechenden Eindruck. Zu dem künstlerisch Besten der Ausstellung zählt unbestritten Ciariellos (Neapel) „Pieta": ein durchaus edel gebildeter, auf der Bahre ausgestreckter, schlanker, durch Leiden zwar etwas abgemagerter, in seiner Schönheit aber nicht beeinträchtigter Chrtstusleichnam, auf dessen mit einem Tuche bedeckte Kniee Magdalena ihr Haupt niedergelegt hat; eine von hoher Schönheit beseelte, ergreifende Cvmposition. Festing. Recensionen nnd Notizen. Die Nomanwelt, Zeitschrift für die erzählende Literatur aller Völker. I. Jhrz. 1. Band. Stuttgart, Cotta 1894. Es wird nicht leicht eine moderne Literatur, ob germanische, ob romanische, ob slavische gefunden werden, welche cS vermocht hat, gegen den „Realismus" sich auf die Dauer abzuschließen. Das Quellengebiet der vielgenannten Geistcs- strömung dürfen wir in England suchen (vgl. Beil. z. Allg. Ztg. 67, 70 (57, 59)); als „natürliche Schule" lenkte sie zum erstenmale die Aufmerksamkeit der abendländischen Welt auf das russische Schriftthum und bei unsern westlichen Nachbarn bahnte ihr den Weg Flaubert mit seiner „Madame Bovary". Aber überall dort durchliefen die Geister eine langjährige Schule und entwickelte sich der „Naturalismus" als ein organisches Stei- gcrungsprodukt aus dem „Realismus", nur zu uns Deutschen kam die neue Kunst zuletzt und erst, als sie bereits anfing zu entarten. Darum ist die „Echtheit" und die „Aufrichtigkeit" unserer Modernen vielfach nichts als Mache. Die einen sehen ihr künstlerisches Ideal in einer sklavischen Durchpausung der gemeinen Wirklichkeit, die anderen kehren als geistige Straßenfeger all den im Leben über weite Strecken hin verzettelten Unrat und Wust vor unseren Augen aus einen lieblichen Haufen zusammen. Alle Naturalisten aber begehen die ästhetische Sünde, Uebertreibung der Wirklichkeit, welche sie den Idealisten so schwer anrechnen, nur daß der Idealist nach dcS Lebens Höhen, der Naturalist nach dessen Tiefen ausschweift. Fast alle Naturalisten sind vom Wahne besangen, des ZaubcrstabcS der Phantasie und der Leuchte der Sittlichkeit zur Hebung eines echt künstlerischen und poetischen Schatzes entrathcn zu können; sie wenden die naturwissenschaftliche Betrachtung auf die Poesie an nnd leugnen demnach die Ethik. d. h. sittliche Ideale, Freiheit und Gewissen. Das Streben nach Naturwahrheit erstreckte sich auch auf die Form der Darstellung. Kein Mensch bedient sich im Gespräche langer Perioden und folgerichtig mußte der Realismus die Vernichtung all der schleppfüßigen i Satzungeheucr in seine Kriegsartikel aufnehmen. Allein die Naturalisten stürmten nach dieser Seite ebenfalls zu weit vor. Sie glaubten für die Verkündigung der Wahrheit praktisch zu wirken, wenn sie nur in kurzen Sätzen von höchstens einem Dutzend Worten reden oder gar sich bloß mit Interjektionen, Bunktcn und Gedankenstrichen, Frage- und AuSrufungszcichcn zur Mittheilung ihrer Empfindungen bescheiden würden. Manier warfen sie ihren Gegnern vor lind übersahen wiederum, dah sie mit ihrem neuen bizarren Stile den Vorwurf des Manicrirtcn auf ihr eigenes Haupt laden mußten. Ein platter Naturalismus, der Kraft mit Nohheit und Echtheit mit Schamlosigkeit verwechselt und so gerne daS Glcichgiltigste und Widrigste um seiner selbst willen in die grelle Beleuchtung des Vordergrundes rückt, wie ihn I. Stindc in seiner Parodie „DaS Torfmoor" karrikirt, ist nun nicht die in der „Romanweit" vertretene Kunstanschauung. Man kann die Zeitschrift, über deren Programm die „Beilage" vom 28. Dezbr. v. JS. Nr. 52 schon oricntirt hat, überhaupt nicht der Schablone nach unter irgend einem iömuS" einreihen. Denn soviel Autoren, soviel „Richtungen". Vorherrschend aber erscheint der psychologische Roman und die realistische Schule, vertreten durch Namen von gutem Klang. Der I. Band liegt jetzt vollendet da. Er enthalt abgeschlossen die Romane von H. Sudcrmaun „ES war", E- v. Wildcnbruch „Schwcstersccle" — ein Seiteustück zu einem anderen Romane WildcnbruchS, „Eifernde Liebe" —, Pierre Loti „Mein Bruder Meö" (übers.), I. Lemcntre „Die Könige" (übers.), in Fortsetzung F. Spielhagen „Stumme des Himmels" und W. W. Wcreschagin „Der Kriegscorrespondcnt" (übersetzt); daran reiht sich eine Fülle von Novellen und Feuilletons von L. Fulda, E. Hütten, E. Fließ, A. MoSz- kowSki, Potapcuko, G. Verga u. A. Die Werke von Supermann und Spielhagen dienen wohl am besten dazu, um den Unterschied zwischen neuer und alter Schule in Deutschland zu Tage treten zu lassen. Beide besitzen fein durchgeführte analytische Partien. Aber gerade über dem Romane Sudcr- mannS hat man bisweilen das Gefühl, als ob vor unseren Augen niit dem Messer in einer Wunde gebohrt würde, während er anderseits neben wirklich poetischen Stimmungsbildern, wie wir deren einige schon in der obeugcnaunten Anzeige hervorhoben, Stellen ausweist, die für die sittlich-strenge Auflistung des Dichters zeugen (n. A. die Einsicht von dein psychologischen Uugenügcn des öffentlichen (Protest.) Sündcn- bekcnntnistcs und dem menschlichen Bedürfniß der Ohrenbeichte), wenn auch im Allgemeinen der starke Einfluß des Philosophen F. Nietzsche, des Abgottes aller „Modernen", in der Ethik Sudermanns unverkennbar ist. Neben Sudermann steht Pierre Loti, der Liebling der Pariser Damen und Akademie. Ihm schließt sich an JuleS Lemcntre mit einem sozialpolitischen Staatsroman, bei dem dem Verfasser Begebnisse im österrcich. Kaiserhanse vorgeschwebt haben mögen. Ein Anhänger des modernen Telegrammstiles, sonst ein trefflicher Plauderer und realist. Beobachter ist E. Hütten, nur huldigt er bisweilen einem zu starken Impressionismus und Hang zu psychologischer Grübelei. Alles in allem: die „Romanwelt" ist wohl ein frappantes Spiegelbild der modernen Literatur,"-') aber geeignet nur für die Hände des „erwachsenen Mannes und der reisen Frau", wie dies der Prospekt seinerzeit auch ankündigte. Sie steht zwar nicht im Dienste einer Weltanschauung, in der nur das Häßliche und Rohe die ganze Wirklichkeit ausmacht. Allein manchmal wünschte unsereiner doch die alte Poctcnschnsucht nach der Sckön- heitSsülle der Natur und den edleren Regungen der Menschen- secle zu vernehmen und fallen einem unwillkürlich die Verse des schwedischen Skalden unserer Tage ein, des Grafen Karl SnoilSky („Die Wanderungen der Poesie"): „Wer traumlos lauscht in mitternächt'ger Stunde, Hört einen Laut und deutet ihn sich bang: Ein Grabscheit klingt, es nagt die Zeit am Grunde _ Der alten Welt, ver lassen vom Gesang." *) Wir hoffen, gelegentlich einmal die Leser der Beilage mit einem eigenen Artikel auf einen Streifzug durch die „jüngste" deutsche Dichtung führen zu können. Wer sich für diese Geistesgeschichte näher intcrcssirt, der greife zu dem trefflichen Buche von Fr. Kirchner, „Gründcutschland" (Wien und Leipzig, Kirchner und Schmidt. 1893. 8°. XIX. 216 S.). Außerdem kommen in Betracht die Studien von G. Brandes („DaS junge Deutschland", Menschen und Werke") und der leichte Aufsatz von F. Spielhagen im Juniheft von „Westermann's illustr. Monatsheften" S. 337—318: „Streifblicke auf daS moderne deutsche Drama" (d. b. Wiidenbruch, Fulda, Sudcr- maun, Hartlcbcn, Halbe, Hauptmann). Vcrantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Hagen Jo. G. (8. 7.), Synopsis der höheren Mathematik. I. Bd. Arithmetische und algebraische Analyse. 4". VIII -s- 393 S. Berlin, Fel. Dameö 1891. M. 3V. -> Die Pflege der mathematischen Wissenschaften ist seit Schall, Boscowich, DcchaleS, Tacquct, Schersfer, Schott, Horvath bis auf Caraffa, Foglini und viele Andere in neuerer Zeit ein Gebiet, das die Mitglieder der Gesellschaft Jesu stets mit Vorliebe und mit Ruhm bebaut haben; das gibt ja sogar der Ex- Jesuit Paul von HoenSbrocch zu, der doch sonst (in ungerechter Mißachtung, aber vielleicht in richtiger Würdigung seiner eigenen schwachen Leistungen) die wissenschaftlichen Veröffentlichungen der neueren 8. ö.-Gelehrtcn in Bausch und Bogen als „Dutzendwaarc" zu bezeichnen wagt. Die ersten Anfänge oben genannten Werkes entstanden im Collegium Maria-Laach, bis die bekannten Ereignisse die Jesuiten aus der Stätte ihrer friedlichen und ernsten Geistesarbeit vertrieben und auch dein Hagen auferlegten, sein Werk im gastfreien Amerika weiter zu führen und hoffentlich bald zu vollenden. Es sind aber auch wirklich im höchsten Grade vaterlaudsgefährliche Dinge, die so ein Jesuit sich zu schreiben erdreistet! Da begreift man es freilich, wenn in Deutschland ihres Bleibens nicht sein kann! Oder ist cS nicht mindestens „grober Unfug", wenn da ?. Hagen im ersten Band seiner „SyuopsiS" gleich 12 Kapitel schreibt über die Theorie der Zahlen, der komplexen Größen, der Combinationen, der Reihen, der Produktreihcn und Fakultäten, der Kettenbrücke, der Differenzen und Summen, der Funktionen, der Determinanten, der Invarianten, der Substitutions- gruppcn und Gleichungen. Haarsträubend! Das sollte schon ein Freund des Reiches dem Bundesrath denunziren. k. Hagen ist gegenwärtig Direktor der Sternwarte des Georgetown-College in Washington, und das Widmnngsblatt seines Werkes trägt die Inschrift: »Limas doorAlopolitans aoaclemias primum sasenlnm tslioitsr transastnm pistats summa gratu- lavnr sigus novnm telieins ansxieanti all jnvenvnvew litdsris moribns iustrnsuäaw pro patrias bouo st relitzstouis gfloria. vpsm vsi 0. Ll. ex animo prseatnr anctor.- Leider ist nicht das ganze Werk in Latein geschrieben, wie es bei den meisten Mathematikern des nunmehr an 14,000 Schriftsteller zählenden Jesuitenordens Brauch war, sondern nur diese eine Widmung; das Buch ist vielmehr in deutscher Sprache abgefaßt, waS uns wundert, nachdem es seine Leser doch meist in Amerika finden wird; durch die Wahl des lateinischen Idioms würde eö beiden Hemisphären in gleicher Weise gerecht und, auf neutralem Boden stehend, schon die Möglichkeit kleinlicher nationaler Spracheifer- süchteleicn ausschließen. Ein Lehrbuch ist die „Synopsis" nicht, sondern ein Nachschlag-buch, eine Art von Encyclopädie, welche für Lehrer und Schüler eine sehr erwünschte Orientirung bietet. „Der Zweck des Werkes, sagt das Vorwort, ist eine Rundschau, eine Durchmusterung der höheren Mathematik. Einer Karte vergleichbar soll es ein Netz übersichtlicher Eintheilung ausspannen und auf demselben den vorhandenen Stoff bis zu einer angenommenen Vollständigkcitsgrenzc eintragen, damit der Studierende sich auf dem weiten vor ihm liegenden Felde zurccht finden könne." Dieser Plan hat in der That eine höchst anerkcnnenS- werthe Lösung gesunden; die Literatur ist bei jedem Abschnitt in reichhaltiger Weise angegeben und verwerthet, so daß der Leser mit Dank die wichtigsten Momente der Geschichte der Mathematik daraus entnehmen kaun; daß bei Ausarbeitung des Werkes einige sehr bedeutende Werke von Eulcr (Opusenla; Opsra xostlmma), Jacobi, Dirichelet, Caylcy nicht oder doch nicht vollständig zur Hand waren, bedauert gewiß Niemand mehr, als der Verfasser selbst. Die Ausstattung des Buches ist ganz vortrefflich, der Preis dürfte mäßiger sein; der zweite Band, welcher die analyiischc und synthetische Geometrie enthalten soll, ist unter der Presse, und war sein Erscheinen von der Verlagsbuchhandlung schon für Ende 1893 in AuSsicht gestellt, doch ist er uns noch nicht zugekommen. Möge Hagens „SyuopsiS" die verdiente Anerkennung finden und auch das thörichte Vor- urthcil gewisser Leute gegen alle Bücher, deren Verfasser mit 8. 3. gezeichnet sind, etwas zerstreuen. Wir freuen uns, daß es ein deutscher Jesuit ist, der dicö Werk zum Ruhm seines Vaterlandes und seines Ordens geschrieben hat; schließt ja doch der oberste Grundsatz der Gesellschaft Jcsn 0. L. Ä. v. Ö. jedweden anderen edlen Zweck in sich. Berichtigung. In Nr. 25 der Beilage ist im Artikel „Die Könige von Preußen rc." zu lesen: S. 197 Spalte 1 Zeile 11 Huben statt Huber» S. 193 Aum. 26 Meyer statt Schund, S. 193 Spalte 2 Abs. 2 ist nach gewesen" (Ansührungs- _ schlußze iche n) zu setzen! __ Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg, Von Jerusalem nach Beyruth. Von vr. Seb. Euringer. Am letzten April verließ ich mit meinem Dragoman Michael Schaia, denselben, der mich nach Sinai führte, und einem Mucker (Stallknecht), der mein Gepäckmaulthier ritt, Jerusalem, um durch das Cedronthal nach dem alten, berühmten Kloster St. Sabba zu reiten. Nach drei Stunden ging es bergauf, einem alten Wachtthurm, der, den Quadern nach zu schließen, aus dem Mittelalter stammt, zu. Hinter diesem Wachtthurm, an den beiden Abhängen eines kurzen, aber tiefen Seitenthales, liegt das Kloster, ganz von Mauern umgeben; auf der andern Seite des Seitenthales steht ein zweiter Wachtthurm. Ein griechisches (schismatisches) Kloster ist nicht ein einzelnes Gebäude, sondern ein Conglomerat der verschiedensten Häuser und Hütten, die meistens als Rückwand den nackten Felsen oder eine Felsengrotte haben. Denn ursprünglich lebten die Mönche in Höhlen; später wurden diese Höhlen durch Borbau einer Mauer oder eines Hauses gegen die Witterung geschützt, noch später baute man Klöster ohne Grotten. Da nun die verschiedenen Hütten und Häuser sich dem Felsen anpassen müssen und aus verschiedenen Zeiten stammen, so hat man ein Gewirre von Wohnungen, das gar nicht besonders anziehend ist, sondern an das deutsche Viertel in Frciburg erinnert. Fast sämmtliche Zellen schauen auf das schauderhaft öde, in großen, tief einschneidenden Windungen verlaufende Cedronthal; einige Stunden und wir sind am todten Meere. Aber mich zieht es nach dem Süden und Westen von Palästina. Zu sehen ist außer der Lage in grauenhafter Gebirgsöde und außer dem Kirchlein nicht viel. Man zeigt eine Grotte, in welcher der hl. Abt Sabba, den auch wir Katholiken verehren, gelebt hat. Eine kleine Nebenhöhle war von dem Löwen des Heiligen bewohnt. Dieser Löwe wollte nämlich die Grotte in Anspruch nehmen, die dem hl. Abte zum Aufenthalte diente, aber der Heilige wies ihm die Nebengrotte an, und beide lebten friedlich miteinander. Der Leib des Heiligen ruht in St. Markus in Venedig. Hier wurde der hl. Kirchenvater Johannes Damascenus zum Priester geweiht, das Kloster ist mehr als tausend Jahre alt. Von da nach Bethlehem in drei Stunden, wo ich die Nacht verbrachte und am andern Tag in der Grotte des hl. HIeronymus celebrirte. Der Weg nach Hebron, der Stadt Abrahams, ist guter Weg; an demselben liegt die Quelle Dirwe, wo der hl. Philipp den Kämmerer der Königin Kandaka von Abessynien getauft haben soll. Ungefähr eine Stunde vor Hebron, 300 Schritte links vom Wege, stehen zwei Mauern aus mehreren Meter langen Quadern, welche ohne Mörtel zusammengefügt sind. Man weiß nicht, wozu dieses Gebäude diente, aber es ist von entschieden hohem Alter und steht an der Stelle, wo die drei Engel den Erzvater besuchten. Hier standen einst die Eichen von Mamre, welche eine neuere Tradition nach Hebron verlegt hat. Hier nahm ich mein Mittagsmahl ein und gedachte Abrahams, wie er in der Mittaghitze unter der Thüre seines Zeltes saß und den Besuch der Engel empfing. Hier in der Nähe haben auch die Kundschafter die große Traube abgeschnitten. Am Abend gegen 4 Uhr kam ich nach Hebron, durchritt die gedeckten Bazare und schaute die Moschee Haram esch Scherif von außen an. Sie birgt die Gräber Abrahams, Jsaaks und Jakobs, Sarahs, Ne» bekka's und Lea's. Aber dem Christen ist der Eintritt in die Moschee bei Todesstrafe verboten. Ueberhaupt ist die Stadt Hebron die fanatischste aller Städte in Palästina. Um ohne Beschimpfung die Stadt ansehen zu können, muß man türkische Soldaten als Begleitung mitnehmen. Die Stadt ist nur von Juden und Muhammedanern bewohnt. Christ kann sich dort keiner niederlassen. Von außen ist nicht viel an dieser berühmten Moschee zu sehen, das Mauerwerk stammt aus dem 12. Jahrhundert. Ich hatte Hebron schon im Januar gesehen und wiederholte jetzt noch einmal das Gesehene. In einem Judenhause (spanische Juden) übernachtete ich. Am andern Tage nahm ich von der mit ihren Kuppeldächern und thurmartigen Häusern echt orientalisch aussehenden Stadt Abschied, um nach Bet Dschibrin zu reiten. Dieser Ort ist durch seine Grotten berühmt. Im ganzen Umkreis des Dorfes ist der Boden voll zahlreicher, meist mit Gebüsch verdeckter Oeffnungeu, welche die Luft- und Nauchlöcher der darunter befindlichen Höhlen waren. Manchmal bildet der Höhenzug mehr oder minder große Kessel, in welche man hinabsteigen kann. Ist man am Boden eines solchen KcsselS, so findet man an verschiedenen Seiten Eingänge zu ca. 10 m hohen gewölbten Grotten, welche von Menschenhand geschaffen oder erweitert sind. Die Spitze der Grotte ist meist weggemeißelt und dadurch ein 1 m breites Loch entstanden, das Licht und Luft zuläßt. Die Grotten stehen gruppenweise mit einander in Verbindung. Eine Grotte ist besonders interessant, da in ihr 4 Wendelstiegen auf den Grund führen; man hält diese 4 runden Räume für Cisternen. Diese Grollen, die mich an jene natürliche von St. Kanziau erinnerten und die ein Pendant in der „Nekropole" von Tyrus haben, scheinen Begräbnis;- und zeitweise auch Wohnstättcn gewesen zu sein. Für die letztere Ansicht ist der hl. Hieronymus und Enscbins. Den folgenden Tag besuchte ich einige Orte von geringerem Interesse. Freitags 11 Uhr kam ich nach Gaza, wo ich beim dortigen Missionär Don Gatt, einem Tiroler, abstieg und mein Mittagessen einnahm. Dieser Missionär hat diese Station vor 15 Jahren selbst gegründet und für sie in Deutschland, auch in Augsburg, Almosen gesammelt. Der hochw. Bischof Pankratius gab ihm mehr als 1000 Mark. Es sind 60 Katholiken in der Mission. Gaza ist eine der größten Städte der Philister gewesen; hier hat Samson die Stadtthore aus- gehoben und aus den Berg Mnntar getragen. Die große Moschee war einst katholische Kathedrale. Die Stadt ist ganz orientalisch und hat schöne Oelbaumgärten, die gerade in Blüthe standen. Nachmittags ging es weiter nach Askalon. Wir begegneten einer Unzahl von Kamelen, welche in einzelnen Herden, jede vielleicht zu 50 Stück, an uns vorüberzogen. Diese Thiere kamen von Bagdad, also vom Euphrat- und Tigrisland, und gingen nach Aegypten, das ist ein Weg von über zwei Monaten. In Aegypten werden sie verkauft. Es dämmerte bereits, als wir das Meer rauschen hörten, und eine halbe Stunde später saß ich in meinem Zelte. 210 Askalon ist sehr oft zerstört worden; die jetzigen Trümmer stammen aus dem Mittelalter. Askalon bildete mit seinen Manern einen Halbkreis, der jetzt noch gut zu erkennen ist; gewaltige Mauerreste und Säulenfrag- mente liegen umher; sogar die alte Hafenbefestigung läßt sich noch erkennen. Das Innere des Halbkreises, wo einst die Stadt stand, von der noch Trümmer und an 40 sehr schöne Cisternen vorhanden sind, ist mit fruchtbaren Garten angefüllt. Von dem Ostwall, wo mein Zelt im Schalten eines alten Thurmes stand, hatte ich eine schöne Uebersicht über die Ruinen, die Gärten und das Meer. Nach drei Stunden langem Ritte erreichte ich das Dorf Esdnd, das Asdod der Bibel, wo einst die geraubte Bundeslade im Tempel des Gottes Dagon in den Zeiten Heli's aufgestellt war. Gerade als wir am Eingänge des Dorfes anlangten, fing es zu regnen an. Wir wollten das Mittagsmahl einnehmen und waren gerade im Begriffe, ein Haus aufzusuchen, als unser Blick auf ein mitten in einer Wiese stehendes leeres Zelt fiel. Es war ein ganz europäisches Zelt, ganz leer, und weit und breit Niemand zu entdecken, der der Besitzer sein könnte. Mein Dragoman und ich setzten uns also darin fest und ließen den Regen Regen sein und schmausten gemüthlich. Als ich mit dem Essen zu Ende war, hörte auch der Regen auf, und wir zogen weiter. Vom Besitzer dieses Zeltes habe ich nie etwas gesehen und gehört. Das ist doch alles, was man verlangen kann, zur rechten Zeit, am rechten Ort ein komfortables Zelt, ohne Hand oder Fuß rühren zu müssen. Der Neste aus dem Alterthum find hier wenige, d. h. wenn man graben dürfte, würde man viel finden. Ein Fellache zeigte mir z. B. eine hübsche Handmühle aus Marmor, welche er beim Bau seines Hauses gefunden; ein schöner römischer Sarkophag liegt beim Dorsbrunnen re. Eine Stunde später wurden meinem Pferde die Fliegen zu lästig, und es legte sich auf den Boden und wollte sich wälzen. Da ich gerade Brevier betete, merkte ich es nicht frühzeitig genug, und Brevier und ich wurden nach links ins Gras befördert. Geschehen ist sonst nichts, ich suchte mein Brevier und stieg wieder auf, steckte aber Las Brevier ein, damit mir nicht noch einmal der Gaul einen Streich spiele. Als die Sonne am Untergehen war, kamen wir nach Sebna, wo früher eine berühmte Rabbinerschule sich befand. Es liegt am Abhänge eines kleinen Hügels, der frei aus der Ebene emporragt und mich ganz an Wallerstein erinnerte. Die Aehnlichkeit ist um so größer, weil die Moschee, eine alte Kirche, noch den Kirchthurm bewahrt hat. Da das Gepäck und Zelt anf kürzerem Wege direkt von Askalon nach Akir gegangen war, mußten wir weiter, obwohl die Nacht anbrach. Kein Fellach wollte uns führen, vor der Nacht haben Beduinen und Fellachen den gleichen Respekt; so suchten wir den Weg selbst. Nach einer Stunde war es so dunkel, daß man nur wenig erkennen konnte. Zum Glück hatte uns der Koch Leute entgegengeschickt, allerdings ohne Laterne, und diese brachten uns an den Lagerplatz. Dieser lag gerade an der Stelle, wo das alte Ekron mit seinem Beelzebubtempel ehemals stand. Im Süden davon liegt eine Judenkolonie, welche infolge der Austreibung derselben aus Rußland entstand; dort widmen sich die Juden dem Ackerbau; wie lange? Der nächste Tag war Sonntag. Am Morgen ritt ich bis Namleh, wo ich im Franziskanerkirchlein celebrirte. In Namleh ist eine große, zerfallende Moschee, ehemalige Kirche der 40 Märtyrer, mit sehr schönem Thurme. Eine halbe Stunde davon entfernt liegt Lydda, jetzt Lud, mit dem Grabe des hl. Georg; in Lydda hat der hl. Petrus einen Gichtbrüchigen geheilt. Den Weg von Lydda nach Jaffa legte ich am Nachmittag zurück und kam aus dem Philisterland ins Phönizierland. Das ganze Philisterland ist eine wunderbar fruchtbare Gegend und Ebene; die Viehzucht ist großartig. Wohin man schaut, Getreidefelder, man glaubt im Schwabenland zu reisen, so fruchtbar und so gut bestellt ist alles, ein großer Gegensatz zu dem steinigen Judäa. In der Nähe von Jaffa beginnen die Orangengärten mit ihrem saftigen Grün und goldenen Aepfeln, auch Holder blüht und Jasmin duftet. Der Zaun ist durch Kaktuspflanzen gebildet, deren gelbe Blüthen sich nicht übel ausnehmen. Kaum hatte ich mein Zelt beim Bahnhof betreten, so erhielt ich Besuche: Ein Araber wollte sich mir anschließen bis Beyruth, der wurde gleich gar nicht hereingelassen. Ein anderer kam ohne Erlaubniß, der wurde einfach hinausbefördert, und dann ein Landsmann, Vagabund. Letzteren hielt ich für einen Herrn von der deutschen Karawane und ließ ihn ein; wurde aber bald eines Besseren belehrt. Nach einer halben Stunde, als er keinen Pfennig von mir Herauspressen konnte, ging er. Der gute Mann hatte mir aber zu auffällig mein Zelt gemustert, mich über meine Sicherheitsmaßrcgeln zu deutlich ausgefragt, so daß ich dem Wetter nicht traute. Die Einrichtung des Zeltes wurde verändert, meine Koffer geschlossen und mein Dragoman mußte in meinem Zelte schlafen, da, wo zuvor mein Bett gestanden; die Koffer waren sein Kopfkissen. Meine Pferdeknechte mußten Wache halten, und vor und hinter meinem Zelte brannte eine Laterne. Mein Dragoman hatte Soldaten zur Wache verlangt, aber der Chef hat geantwortet: „Wir sollen nur unser Zelt selbst bewachen." Nette Regierung. Bei solchen Vorbereitungen konnte natürlich nichts gestohlen werden, und jeder Versuch dazu unterblieb auch. Jaffa oder Joppe ist die Stadt, von wo der Prophet Jonas sich nach Tharsus einschiffte. Hier hat der hl. Petrus in dem Hause beim Leuchtthurm (jetzt Moschee) gewohnt und die Vision empfangen von den unreinen Thieren in dem Tuch, das die Engel hielten. (Schluß folgt.) Gottfried August Bürger. Zu sei nein hundertsten Todestage nach seinem Leben und seinen Werken geschildert von A. G. (Schluß.) Wir sagten, Bürger sei verleumderischer Weise angeklagt worden. Die Anklagepunkte aber lauteten also: 1) er suchte weder die allerhöchsten landesherrschaftlichen Hoheitsrechte, noch die Gerechtsame der Familie gegen die Eingriffe ausländischer Nachbarn gehörig zu vertheidigen; 2) er vernachlässigte die ihm obliegende Justiz- und Polizeipflege gänzlich; 3) er Hütte die Kirchensachen in Unordnung gebracht; 4) er beobachtete in Ansehung der ihm anvertrauten Deposita nicht die strengste Ordnung; 5) er legte die Lehensrechnungen nicht zur rechten Zeit ab, fertigte die Lehensbriefe nicht gehörig aus und gäbe . dadurch zu Klagen und Beschwerden der Vasallen Anlaß. 211 Im Jahre 1784 nahm Bürger seine Entlassung, er war wieder frei, aber auch brodlos. Um sich seinen Lieblingswisscnschaften ganz widmen zu können, ging er nach Göttingen zurück, besorgte die Herausgabe des Musen- Almanachs und gab als Privatlehrer Borlesungen über Aesthetik, deutschen Stil rc., sodann gab er auch einigen Studierenden Privatunterricht. Etwas vorher hatte er „das Lied vom braven Mann" gedichtet, das ebenfalls bei der Knabenwelt guten Eingang gefunden hat und das einer Begebenheit entnommen war, welche in Verona spielte und deren Held der Graf von Spolverini war. Hier mag auch der „wilde Jäger" erwähnt werden, von dem Pröhle sagt: „Dieses Gedicht ist einigermaßen der Zwillingsbruder der Lenore, doch noch langsamer, als diese, entstanden (vermuthlich im Jahre 1785). Wie unter Bürgers erotischen Gedichten daS Hohe Lied, so ist unter seinen Balladen der wilde Jäger zwar nicht die vorzüglichste, aber diejenige, worin sein arbeitender Genius die vollsten und stolzesten Formen losgerungen hat." v. Schlegel ist voll des Lobes über dieses Lied. Etwas früher entstanden die „Weiber von Weinsberg", die leider durch eine bei den Haaren herbeigezogene Nohheit und durch mehrere unausstehliche Witzeleien entstellt sind. Ein Vers beweise dies: „O weh, mir armen Korydon! O weh mir! Die Pastores Schrien: Kyrie Eleyson! Wir geh'», wir gch'n kapores! O weh, mir armen Korydon! ES juckt mir an der Kehle schon." Zu erwähnen sind noch sein „Lied von der Treue", sein „Feldjägerlied", des „Pfarrers Tochter von Taubeu- hain", der „Naubgraf" und die „Entführung". Doch, wie ging es Bürger auf seinem neuen Posten in Göttingen S Nach dem Tode seiner hoch gefeierten (!) Molly ist er niedergeschlagen, wie vom „Blitze", und untröstlich, schreibt an seine Freunde ungemein lange und ungemein traurige Episteln und würde seine „Gedichte schwerlich im ganzen Leben wieder zur Hand nehmen, wenn ich mich nicht noch für etwas mehr, als meine armselige Person, zu interessiren hätte". Er mußte Brod haben für sich und seine Kinder. Im Winter 1787 hielt er öffentliche Vorlesungen über die kritische Philosophie, welche zahlreich besucht wurden. Doch stellte sich jetzt schon Krankheit ein und „belastet allzuoft die natürliche Kraft und Thätigkeit meines Geistes mit so drückenden Fesseln". Doch wurde es wieder besser, und er vollendete das „Hohe Lied" und gab eine zweite Auflage seiner Gedichte heraus. Ueber das „Hohe Lied", das seine Molly besingt, sagt Dr. Pröhle: „Das ganze »Hohe Lied' ist ein gewaltiges Schlachtlied der Liebe; der Kraft der Leidenschaft gegenüber verwandeln sich hier alle Hindernisse, welche das Leben ihr entgegenstellt, in feindliche Elemente, und durch Flammen und Wafferfluthen hindurch sehen wir den Dichter siegreich zu der Geliebten vordringen." Das ganze Lied ist überschwenglich gehalten, ganz Bürger! Seine dritte, unglückliche Ehe legte den Grund zu seinem schnelleren Tode: „die Kräfte meines siechen Körpers werden immer schwächer." Bereits im Oktober 1793 verhehlte er sich seinen Zustand nicht — die Lungenschwindsucht packt ihre Opfer unbarmherzig, und wenn sie auch einige Zeit mit den Kranken spielt, ihr Ausgang ist sicher. Er verlor längere Zeit vor seinem Tode die Sprache nahezu ganz, bis endlich der Tod selbst am 8. Juni 1794 ihn erlöste in einem Alter von nur sechsundvierzig Jahren, fünf Monaten und acht Tagen. An Vermögen hinterließ er wenig, und über das Wenige entstand ein Concurs-Verfahren; seine Freunde schössen etwas über dreihundert Thaler zu einem Monumente zusammen. Suchen wir noch Bürger als Menschen und Dichter kurz zu zeichnen! Er hatte viele Fehler, mußte sie aber auch mitunter schwer büßen. Verleitet von andern falschen Freunden, selbst ohne festen Halt, kam er auf sehr abschüssige Bahnen; dessenungeachtet aber hatte er auch sehr gute Seiten. Vor allem ist rühmenswerth anzuerkennen seine Freundschaft und seine Dankbarkeit gegen jede, auch die geringste Wohlthat- Seine Briefe, gesammelt von Adolf Strodtmann, welche nicht weniger als vier ordentliche Bände umfassen, sind vollgiltige Beweise hiefür. Er war sodann von großer Herzensgüte und großem Wohlwollen gegen jedermann, kannte keinen Groll und keine Gehässigkeit. So unterstützte er den Mann, der ihn seinerzeit verleumdet und ihn um seine Stelle gebracht, selbst mit wenigen Thalern, als er in's Unglück kam, und bettelte für ihn gegen hundert Thaler bei Freunden zusammen, die er dem Betreffenden sandte mit der Bemerkung, „daß meine Umstände kaum eine Gabe von einigen Thalern verstatten." Als Dichter kann Bürger nur durch sein Leben allein ganz verstanden werden. Da seinem Charakter die sittliche Würde fehlte, so war dies ein Haupthinderniß, ein wahrer Volksdichter zu werden; das Zeug hiezu hätte ihm nicht gefehlt, seine „Lenore" allein ist Beweis hiefür. Wenn auch Schiller seine Gedichte ungemein scharf re- censirte, was Bürger sehr schmerzte — er hat doch auch Gutes und Schönes geleistet. Die Worte Göthe's über Günther können wir auch auf Bürger anwenden: „er wußte sich nicht zu zähmen, darum zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten", und Gödeke sagt über Bürger; „sein Leben selbst war ohne reine Poesie, und seine Gedichte, auch die Balladen, sind innerlich nicht geläutert". Es fehlte Bürger der „männliche" Geist, wie Schiller sagte. Doch ist nicht zu vergessen, daß nicht leicht ein zweiter Mann und Dichter stets so viel mit Nahrungssorgen zu kämpfen hatte, wie Bürger, so daß nicht vergessen werden darf der alte Satz: „insim sann in corpors sano," wenn der Körper hungert, kann sich auch der Geist oft nicht zur rechten einzigen Frische erheben. Immerhin bleibt noch manches übrig, das Bürger würdig macht, nicht vergessen zu werden, der Mensch für sich verdiente es trotz Fehler, mitunter schwerer Fehler, die man eben leichter gewahrt, als das Gegentheil, wie Bürger dies gar nicht übel sagt, indem er die Splitterrichter folgendermaßen apostrophirt: „Das freut mich doch, ihr Herren Falken, Die ihr. Gott weiß warum, erbost. So gern auf meine Fehler stoßt, Daß ihr nicht mehr ersteht, ihr Falken, Als Splitter nur von euren Balken." War Kaspar Häuser ein Betrüger? (Fortsetzung.) I. Zeugen für Kaspar Hausers Unschuld. «rr Die bei Meyer (Anth. Mittheilungen 1872), Daumer (Kaspar Häuser 1873), A. v. d. Linde (Kaspar Häuser 1887) abgedruckten Zeugenaussagen sind mit M., D., L. und der betreffenden Seitenzahl bezeichnet. ( 1) Andreas Hiltel, magistratischer Gefangenwärter des Thurms auf der Beste (— Luginsland) in Nürnberg, hatte Kaspar Häuser vom Tage seiner Ankunft in 212 Nürnberg, 26. Mai 1828, an dem er ihm zwischen 10 und 11 Uhr Nachts zur Beaufsichtigung übergeben wurde, bis zum 18. Juli 1828 in Verwahrung. Siehe dessen Verhör vorn 3. November 1829 und 12. Mai 1834 (M. 62 f. 64 s.). Am Schlüsse des letzteren äußert er: „Nur das muß ich noch beifügen, daß ich für meine Person fest überzeugt bin, daß Kaspar Häuser anfangs durchaus keine Hinterlist hatte, sondern daß er lediglich ein verwahrloster Mensch gewesen ist; denn es wäre ja unmöglich, daß Jemand einen so hohen Grad von Verstettungskunst besitzen könne." Der Werth dieses Zeugnisses ist um so höher anzuschlagen, als Hiltel von früher Jugend an mit den abgefeimtesten Spitzbuben und Bösewicktern zu thun gehabt (D. 149) und Kaspar Häuser (ebenso wie Nr. 2 und 3) gerade in der ersten Zeit seines Auftretens zn beobachten Gelegenheit und Auftrag hatte. 2) Polizcisoldat Joseph Blaimer in Nürnberg hatte Kaspar Häuser vom zweiten Tage seines Erscheinens, also vom 27. Mai 1828 an ungefähr sechs Wochen lang täglich auszuführen und insonderheit an öffentlichen Plätzen zu begleiten. Siehe dessen Verhör vom 29. Dezember 1829 und 10. Mai 1834 (M. 68 f. 69 f.). Am Schlüsse des letzteren äußerte er: „Uebrigens war Kaspar Häuser ein sehr gutmüthiger, reinlicher, ordentlicher Mensch, und mich hat er sehr gedauert. Manche Leute glaubten wohl, daß er sich verstellt hatte, allein ich war doch viel um ihn und glaube nicht, daß sich ein Mensch, wenn er auch noch so schlecht gewesen wäre, so lange hätte verstellen können." 3) Der kgl. Stadtgcrichtsarzt Dr. Paul Sigmund Carl Prcu in Nürnberg besuchte Kaspar Häuser auf Requisition des Magistrats Nürnberg bereits am 28. Mai 1828 und gab nach mehrtägiger Beobachtung am 3. Juni 1828 das Parere ab: „daß dieser Mensch weder verrückt noch blödsinnig, aber offenbar auf die heilloseste Weise von aller menschlichen und gesellschaftlichen Bildung gewaltsam entfernt, wie ein halbwilder Mensch erzogen worden, zur ordentlichen Kost nicht zu bewegen sei, sondern bloß von schwarzem Brode und Wasser lebe (M. 74). Vgl. dessen Gutachten vom 11. Nov. 1829 (übergeben auf Aufforderung des Untersnchungsgerichts Nürnberg) und den von ihm am 3. Dez. 1830 erstatteten Bericht über die Resultate einer auf Requisition des kgl. Kreis- und Stadtgerichts Nürnberg wiederholt vorgenommenen körperlichen Untersuchung des Kaspar Hanser (M. 134 f. 136 f.). 4) Der praktische Arzt Dr. Joh. Karl Osterhausen in Nürnberg lernte Kaspar Häuser ungefähr drei Wochen nach seiner Ankunft in Nürnberg kennen und hatte von da an häufig Gelegenheit ihn zu beobachten, zumal er ihn auch einigemale ärztlich behandelte. Siehe dessen gutachtlichen Bericht über die Resultate einer im Auftrag des kgl. Kreis- und Stadtgerichtsraths Frhrn. v. Rüder vorgenommenen genauen Untersuchung des Kaspar Häuser (M. 144 f.), welcher Bericht (übergeben am 31. Dez. 1830) mit dem vorgenannten des Dr. Preu in allem Wesentlichen übereinstimmt. 5) Stallmeister Wilhelm v. Numpler gab Kaspar Häuser während dreier Monate im Jahre 1828 unentgeltlich Neitunterricht; s. dessen Aussage vom 2. Nov. 1829 und 9. Mai 1834 (M. 177 f. u. 179 f.). 6) Der erste Bürgermeister Binder von Nürnberg, „als solcher Chef der städtischen Polizei", ließ Kaspar Häuser in den Monaten Juni und Juli des Jahres 1828 fast täglich in seine Wohnung bringen und stellte schon am 4. und 7. Juni 1828 eine Art Verhör mit ihm an. Ueber die Ergebnisse desselben siehe die Bekanntmachung Binders vom 7. Juli 1828 „einen in widerrechtlicher Gefangenschaft aufgezogenen und gänzlich verwahrlosten, dann aber ausgesetzten jungen Menschen betr." (M. 72 f.); vgl. auch die gemeinschaftlichen Berichte des kgl. Stadt- commiffärs Faber und Binders an die Regierung des Nezatkreises vom 25. Nov. 1828 und 20. Sept. 1829 (M. 181 f. u. 182 f.) und die von Binder am 18. Dez. 1833 in Nürnberg erlassene Todesanzeige für Kaspar Häuser (L. I, 358). 7) Professor G. Fr. Daumer am Gymnasium in Nürnberg lernte Kaspar Häuser Ende Juni 1828 kennen und war der erste, der ihm Unterricht ertheilte; am 18. Juli dess. Jahres nahm er ihn in seine Wohnung (Haus Nr. 1693 auf der Schütt, Nückgebäude, seit 1890 abgebrochen) auf, wo Kaspar Häuser bis zum Dez. 1829 verblieb. Daumer hielt bis zu seinem Tode (zn Würzburg 14. Dez. 1875) an der Unschuld des Kaspar Häuser fest, siehe dessen Schriften „Mittheilungen über Kaspar Häuser", 2 Hefte, Nürnberg 1832; „Enthüllungen über Kaspar Häuser" Frankfurt a. M. 1859; „Kaspar Häuser, sein Wesen, seine Unschuld, seine Erdnldungen und sein Ursprung", Negensburg 1873. 8) Gottlieb Frhr. v. Tücher, k. Kreis- und Stadt- gerichtsrathsaccessist in Nürnberg, lernte Kaspar Häuser noch im Juni 1828 kennen, wurde alsdann im Dez. 1829 von Gerichtswegen zum Vormund für ihn bestellt und nahm ihn im Mai 1830 in seine Wohnung auf, worin Kaspar Häuser bis zum Nov. 1831 verblieb. Siehe v. Tuchers Aufzeichnungen über Kaspar Häuser aus dem Jahre 1828 (D. 118 f.), seine Zeugenaussage vom 5. Dez. 1830 (M. 165 f.), seinen Bericht über den Charakter des Kaspar Häuser zu Protokoll gegeben am 20. Febr. 1834 (M. 257 f.). Auch v. Tücher hielt bis an sein Lebensende (er starb zu München am 17. Febr. 1877 als Oberappellationsgerichlsrath a. D. im Alter von 79 Jahren) an der Unschuld des Kaspar Häuser fest, siehe seine Erklärungen in der Beilage zur Augsb. Allg. Ztg. Februar und März 1872. 9) Dr. Fr. Bened. Wilh. Hermann, Professor der Mathematik am Gymnasium zu Nürnberg, beobachtete Kaspar Häuser im Jahre 1828 und fragte ihn über seine Vergangenheit aus (siehe seine Aufzeichnungen bei Daumer 107 f.). Ueber den Scharfsinn und die eminent praktische Tüchtigkeit dieses Mannes, der als Universitätsprofessor (für Nationalökonomie und Statistik), Mitglied der bayer. Akademie der Wissenschaften und kgl. b. Staatsrath zu München am 23. Nov. 1868 verstarb, kann nicht der geringste Zweifel bestehen. 10) Anselm Ritter v. Feuerbach, k. b. Staatsrath und Präsident des Appellationsgerichts in Ansbach, lernte Kaspar Häuser schon am 11. Juli 1828 kennen und veranlaßte sofort eine mehr methodische Untersuchung deS Findlings, siehe die amtlichen Schreiben des Ansbacher Appellhofs an die Kreisregierung in Ansbach vom 15. und 22. Juli 1828 (M. 86 f. 89 f.). Die Resultate seiner Forschungen auf Grund der Akten und persönlicher Beobachtung stnd in seiner Schrift: „Kaspar Häuser, Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben des Menschen", Ansbach 1832, niedergelegt; vgl. noch seine Briefe an Elise von der Necke und Tiedge, Ansbach 20. Sept. und 213 13. Okt. 1828 (gedruckt in der Biographie A. v. Feuerbachs, welche Ludwig Feuerbach, Leipzig 1852, veröffentlichte, Bd. II, 272 f. u. 278 f.), ferner sein Schreiben an die verwittwete Königin Karoline von Bayern vom 27. Januar 1832 und das ihr überreichte Memorandum über Kaspar Häuser (gedruckt ebenda 316 f. u. 319 f.). 11) Dr. Ludwig Feuerbach, Sohn des Vorgenannten, bekannt als Philosoph; siehe dessen Aufzeichnungen aus den Monaten Juli und August 1828 bei D. 124 f. 12) Der k. Kreis- und Stadtgerichtsrathsaccessist in Nürnberg Rudolf Giehrl, Mitglied der wegen Mordversuchs an Kaspar Häuser am 17. Okt. 1829 eingesetzten Untersuchungscommission; siehe dessen Schrift: „Kaspar Häuser, der ehrliche Findling", Nürnberg 1830. 13) Pfarrer H. Fuhrmann an der Gumbertuskirche in Ansbach ertheilte Kaspar Häuser von Oktober 1832 bis Mai 1833 Confirmandenunterricht; siehe dessen Bericht über Kaspar Hausers Confirmationsfeier am 20. Mai 1833, ferner dessen „Trauerrede bei der am 20. Dez. 1833 erfolgten Beerdigung des am 14. dess. Monats meuchlings ermordeten Kaspar Häuser", beide gedruckt zu Ansbach 1833; „Kaspar Häuser beobachtet und dargestellt in der letzten Zeit seines Lebens", Ansbach t834. 14) Generalcommissär (Regierung? - Präsident) von Stichaner in Ansbach, mit dessen Tochter Lila von Stichaner Kaspar Häuser viel verkehrte, wie er ja überhaupt in der vornehmeren Gesellschaft von Ansbach, namentlich bei den Damen und in Offizierskreisen, beliebt war. Präsident v. Stichaner ist der Verfasser der bekannte Inschriften auf dem Grabmal des Kaspar Häuser und auf dem Denkmal im Hofgarten. Gleich günstig, wie er, urtheilte über Kaspar Häuser Hofrath Hofmann in Ansbach, der nach dem Tode des Präsidenten Feuerbach die Oberaufsicht über Kaspar Häuser übertragen erhielt; siehe dessen Briefe an Staatsrath L. v. Klüber, D. 457 f., L. I, 292 f., 368 A. 1 u. a. m. Was bedeutet solchen Zeugen gegenüber die Kritik eines Berliner Polizeiraths Merker, der Kaspar Häuser nie gesehen, sondern seine ganze Kenntniß von ihm aus fremden Berichten geschöpft hatte, ihn aber nichtsdestoweniger zu einem Betrüger stempeln wollte (siehe seine Schrift: Kaspar Häuser nicht unwahrscheinlich ein Betrüger. Berlin 1830). Mit Fug und Recht konnte R. Giehrl (s. oben Nr. 12) entgegnen (S. 44): „Hätte Herr Merker den Unglücklichen auch nur ein Einzigesmal gesehen oder gesprochen, der Herr Polizeirath hätte seine jüngste Broschüre gewiß nicht geschrieben."*) Dennoch war es gerade diese Schrift, welche die nun folgenden Zeugen gegen Kaspar Häuser einnahm. (Fortsetzung folgt.) Die Todeslinmeldungen. Ein Streifzug in das „Nachtgebiet der Natur". Von k. F.. 0. 8. §r. (Fortsetzung.) Um solche, höchst glaubwürdige Berichte in ihrem Werthe zu schwächen, wenden die Nachbeter des modernen StoffglaubenS ein: „Schon oft ward von wunderbaren Vorkommnissen berichtet, welche sich nachher als Produkte einer überreizten Nerventhätigkeit darstellten. Es werden also wohl auch die besprochenen „Spukgeschichten" auf *) Zu schweigen von dem Kopenhagener Philosophieprofessor Fr. Daniel Eschricht, der in ihm gar einen „Idioten" entdeckte (1657). unregelmäßige Zustände des Nervensystems zurückzuführen sein." Wahr ist hier allerdings, daß es gestörte Nervenzustände geben kann, in welchen der Mensch rein innere Phantasie-Gebilde wie äußerlich vor sich gehende erblickt, d. h. überhaupt mit den Sinnen wahrzunehmen glaubt. Infolge allzu angestrengter Thätigkeit der Nerven erlangen die gewöhnlichen Vorstellungen der Seele einen höheren Grad der Lebhaftigkeit, so daß der Mensch schließlich äußerlich zu sehen und zu hören vermeint, was sich lediglich in seinem Innern abspiegelte. Als ein treffendes Beispiel mag hier der Reformator Dr. Martin Luther gelten. Schon nach wenigen Jahren, seit Luther begonnen hatte, „das lautere Evangelium" zu predigen, tauchten in seinem Innern der Zweifel, Beängstigungen und Gewissensvorwürfc viele auf. Des Reformators leidenschaftlich erregte Nerventätigkeit ließ ihm diese rein inneren Vorgänge äußerlich als Angriffe des leibhaftigen Satan erscheinen. So wissen wir, daß Luther auf der Wartburg den bösen Geist der Hölle oft in Gestalt eines Menschen kommen sah und dann mit ihm disputirte; einmal soll er ja sogar in der Erregung das Tintenfaß nach dem Widersacher geschleudert haben. „Mit mir ist's also, bekennt der Reformator selbst, wenn ich Nachts erwache, so kommt der Teufel alsbald und disputirt mit mir und macht mir allerhand seltsame Gedanken". Ein andermal behauptet „der theure Gottesmann": „Der Teufel zieht zuweilen eine Larve an, wie ich selbst gesehen habe rc." Luther spricht von diesen „visierlichen Teufeln" so lebhaft, daß man meinen könnte, er rede von. wirklichen Erscheinungen; wir Katholiken haben schließlich auch keinen Grund, ihm diese Erscheinungen als wirkliche und wahre streitig zu machen, allein nach der allgemeinen Ansicht der Geschichtsforscher sind diese Vorkommnisse einzig und allein als Produkte äußerster Nerventätigkeit anzusehen. Eine solch' krankhafte Nervenüberreizung erzeugt nach der wissenschaftlichen Benennung „ Halluzin ationen". Diese Halluzinationen treten besonders häufig bei einer mehr zur Schwermüthigkeit stimmenden, in sich zurückgezogenen Lebensweise ein; mitunter finden sie sich auch bei einem ganz normalen Lebensgang. „Mit dem Begriff der Halluzination bewaffnet, vermag uns, rief vor mehr als 40 Jahren ein moderner Naturforscher triumphirend aus, keine übernatürliche Erscheinung mehr in Staunen, kein Gespenst mehr in Schrecken zu versetzen ; denn höchstens, wenn es nicht natürlich ist, ist es Halluzination." Dieses vorlaute Wort mag vielleicht hinsichtlich einer gewiß kleinen Anzahl von Todesmeldungen Geltung haben, aber bei den meisten Leuten, welche solche Begebenheiten erlebten, fehlte wohl schon die eigentliche Grundbedingung für eine Halluzination, nämlich ein träumerisches Leben, überreizte Nerventhätigkeit. Gewöhnliche Menschenkinder können im Dränge des Alltagslebens nicht leicht dem Phantasieren und Träumen nachhängen. Denken wir hier zurück an die angeführten Beispiele, so sind in den beiden ersten Fällen Männer Träger des Vorganges, welche streng wissenschaftlich thätig, also gewiß jedem leeren Phantasiespiel unzugänglich waren. Desgleichen zeigten sich in den übrigen Thatsachen die Personen keineswegs als Anhänger eines schwärmerischen Lebens, sie standen vielmehr, wie meistens, mitten im wechsel- vollen, geschäftigen Treiben. Woher soll da eine Halluzi» nation kommen, da zudem jene Personen gar nicht an jene sterbenden Personen dachten; wie sollten sie da eine innere Vorstellung, die nicht vorhanden ist, lebhaft in die 214 äußere umsetzen können?! Aber selbst wenn man zufällig an die sich anmeldenden Personen dächte, so würde man sich dieselben sicherlich nicht so vorstellen, wie sie bei der Todesanmeldung wirklich auftreten oder handeln; man denke z. B. nur an Marsilius Ficinus! Ein solches Zusammentreffen unserer willkürlichen Phantasiethätigkeit mit der Wirklichkeit wäre wunderbarer als die Todes- anmeldnng selbst. Wohl könnte hier auch die Frage aufgeworfen werden, warum der Mensch, wenn die besprochenen Ereignisse wirklich auf Halluzination beruhen, vor seinen ureigensten Gedanken und Vorstellungen plötzlich erschrecken sollte, mit denen er sich doch eben noch beschäftigte, und die er jetzt äußerlich wahrzunehmen glaubt. Wie es fernerhin möglich isi, daß mehrere Personen, die vielleicht ganz zufällig gegebenen Falles anwesend sind, an einen sterbenden Menschen, der möglicherweise nur einer bekannt ist, denken, und wie sie alle zugleich das nämliche Phantasiebild sich vor die Seele zaubern und auch in die scheinbare Wirklichkeit, und zwar im selben Momente bei ganz verschiedener Nerventätigkeit, umsetzen sollten, können uns wohl die triumphirenden Vertreter der Halluzination selbst nicht sagen; die ernstliche Behauptung, derlei Halluzinationen seien möglich, stellt sich sicherlich selbst als Halluzination dar! Nicht viel glücklicher als die Männer der Halluzi- nationstheorie, ist eine zweite Reihe von Gegnern, welche mit einem „Jllusionsbegriff" gegen die Todesanmeldnng zu Felde ziehen. Illusion ist der wissenschaftliche Name für die sich tagtäglich wiederholende Thatsache der Sinnestäuschung. Verleiht die Halluzination einem rein inneren Zustand nach außen hin Leben und Gestalt, so fälscht die Illusion einen äußeren, ganz natürlichen Vorgang, d. h. einen äußeren Sinnenreiz, der wirklich stattgefunden hat. Die Illusion erfordert also zu ihrem Eintreten stets eine äußerliche Sinneswahrnehmung, welche dann unter dem Einfluß der gerade in der Seele herrschenden Stimmung mißdeutet wird. So sieht ein Furchtsamer in der Abenddämmerung beim Durchschreiten eines Waldes sehr leicht einen alten Baumstrunk für einen Menschen an, der ihm auflauert rc. Oder hat man sich den Tag über in Gedanken mit einem Leichnam, den man gesehen, beschäftigt, so kann es beim Eintritt des Zwielichtes leicht geschehen, daß man diesen Leichnam zu erblicken wähnt, sobald ein blasser, weißer Gegenstand uns vor die Augen tritt. Aehnliche Illusionen hat gewiß jeder der geneigten Leser selbst schon erfahren. Mancher Geistererscheinung liegt nun sicherlich nichts anderes zu Grunde, als eine derartige Sinnestäuschung; aber alle derartigen Ereignisse so zu erklären, ist schlechthin unmöglich. Wie kann z. B. Jemand irgend einer äußeren Sinneswahrnehmung gerade jene Gestalt sozusagen anzaubern, die der zufällig sterbenden Person entspricht, an welche man gar nicht gedacht, von deren Krankheit man gar keine Kenntniß, ja vielleicht im Leben nie etwas gehört hatte? Man denke nur an jene Todesanmeldung im Musiksaale des Ordenshauses zu M. rc.l Zudem sucht man sozusagen naturgemäß gegebenen Falles sich sofort zu überzeugen, ob nicht eine Illusion obwalte. Gegen diese Erklärungstheorie spricht sodann auch der Umstand, daß die Todesanmeldungen gewöhnlich unter nahen Verwandten oder lieben Genossen sich ereignen. Berichten solche Personen eine Todesanmeldung, so ist doch wohl nicht anzunehmen, daß sie ihre Liebe und Verehrung gegen theure Dahingeschiedene nicht besser zu -eigen wüßten, als dadurch, daß sie deren Andenken zu frivolen Spukgeschichten mißbrauchten. Eine solche Annahme widerstrebt unserem Gefühl der Verehrung gegen traute Entschlafene. Wollte man die Illusion als die Ursache aller Todesanmeldungen gelten lassen, so müßten wir schließlich mit Recht fragen, ob es dann überhaupt noch einen sicheren Beleg für die Wahrheit irgend eines Vorganges gibt. Durch eine derartige Erklärungsweise auffallender Begebenheiten würde dem Menschen geradezu die Möglichkeit abgesprochen, mit Hilfe seiner Vernunft zwischen Täuschung und Wahrheit zu entscheiden. Die Thatsachen der Todesanmeldung können somit weder einfach ohne weiteres geläugnet, noch durch die Begriffe der Halluzination und Illusion in Bausch und Bogen als Schein bezeichnet werden; wir müssen also die weitaus größere Zahl derartiger Erzählungen als Wahrheit hinnehmen. Einen Einwand, als gebreche es den einschlägigen Begebenheiten an einem vernünftigen Zwecke und seien sie deßhalb schon höchst unwahrscheinlich, werden wir späterhin genügend beleuchten und als nichtig zeigen. (Fortsetzung folgt.) Verzeichnis; bei der Redaction eingelanfener Schriften. Lehrbuch für den kathol. Religionsunterricht in den obern Klassen der Gymnasien und Realschulen. Von vr. Arth. König, Universitätsprofessor. IV. Curs: Die Sittenlchre. 5. Aufl. Freiburg, Herder's Verlag. Preis 1 M. Die lachende Welt! Blüthen des Witzes und Humors aller Nationen. Berlin, Hugo Steinig Verlag, 1. Heft. 1 M. Anzeiger deö germanischen Nationalmuseums. 1694. Nr. 2. Stern der Jagend. Zeitschrift zur Bildung von Geist und Herz. Herausgegeben von Dr. Praxmarer. 15. Heft. Verlag von A. Rassel in Münster. Für unsere Kleinen. Jllnstrirte Monatsschrift für Kinder von 4 bis 10 Jabrcn. Von G. Chr. Diefsenbach. Jährlich 12 Nummern. Preis Vierteljahr!. 60 Ps. Verlag von Pcrthes in Gotha. Vortrüge für christliche Müttervercine, zugleich Lekungen für christl. Mütter. Von Friedr. KösteruS, Pfarrer. I. Bd. Negensburg, Nationale Verlagsanstalt (vorm. Manz). Preis 4 M. Die katholische Bewegung. Monatsschrift. Herausgegeben von G. M. Schüler. 1894. Heft 7. Inhalt: Die Kirche und die Schulvzcsangenen und gefangenen Verbrecher. — Zeitgemäße Ausschau. — Die Maulwurfsarbeit der Loge. — Buddhismus und Christenthum u. s. w. Kirchenmusikal. Viertelsahrs-Schrift. Herausgegeben vonr Salzburger Diöcesan-Cäcilien-Verein. Verlag von Mittermüller in Salzburg. 9. Jahrg. Heft 1 u. 2. Inhalt? Schreiben Cardinal Aianchini's an Generalpräses Fr. Schmidt. — Palestrina. — Die Choral-Responsorien. — Daö liturgische Hochamt. — Stoßseufzer eines Organisten u. s. w. Bayer. Zeitschrift für Nealschulwesen. Nedigirt von Will). Vogt. München, Nieger'sche UniversitätSbuchhdlg. N. F. II. Bd. 3. Hcit. Inhalt: Heide G., Ueber staatsbürgerliche Propädeutik; Ackermann, Neusprachliche Lektüre und Lehrmittel an den technischen Schulen Bayerns; Marschall G. N., Die Verhandlungen der jüngsten Landrathsversammlungen über die Realschulen. Recensionen. Stowasser, Latein.-deutsches Schulwörterbuch; Qniehl, Französische Aussprache und Sprachfertigkeit u. f. w. — Vereinsnachrichtcn. Wie war's? und was wird werden? Ein Glaubensbekenntniß nebst einigen socialpolitischen und staatsrechtlichen Forderungen. Von Dr. K. M. Ehrmann. Negensburg, Verlag von Wunderling. Preis M. 1,60. Katcchetische Blätter. Verlag von Kösel in Kemptcn. Jährlich 12 Heste. Preis M. 2,40. 6. Heft. Inhalt: Die logisch-richtige Dialektik in den Katechesen der einzelnen Unterrichtsweisen, von P. Wiesner. — Unterricht über die Firmung. — Von hl. Lippen. — Literatur und Miscellen. Katholische Volksbibliothek. München, Verlag von C. A. Seysried u. Cie. Einsiedeln, Eberle u. Nickenbach. Ser. I 215 107.—110. Bündchen. Inhalt: „Gaetano" von Otto Landsmann; St. Joseph, bitt' für uns — Segen der kinol. Liebe — DcrMarienthaler, Erzählungen von Emmy Giehrl; Das Kohlen- prinzetzchen — Die Nebelmäunlein — Holländer Lilli, Märchen von Emmy Giehrl. (Diese Volksbibliothek ist zur Verbreitung sehr zu empfehlen.) Rcpertorium der Pädagogik. Herausgegeben von Oberlcbrer Schubert. Ulm, Verlag von I. Ebner. Heft 9. Inhalt: Ueber Salzmann und seine pädagogische Bedeutung. Walter von der Vogelweide und seine pädagogische Bedeutung. Pädagogische Rundreisen. Ein neuer Lehrplan. Charlotte von Schiller über Göthe u. s. w. Das Blaue Heft. Von Graf Leo Tolstoi Sohn. Deutsch von Markow. Berlin, Verlag von H. Steinitz. 1 M. Katholikenorganisation oder tsmxus kaoisnäi. Zeitgemäße Winke von Karl v. Heerdack. Verlag von I. Gürtler. Warnsdorf, Böhmen. Preis 35 Pf. Sociale Thätigkeit der Kirche. Antworten auf kirchenseindliche Anzapfungen. Von vr. Gürtler. Verlag von I. Gürtler. Warnsdorf, Böhmen. Preis 10 Pf. Blumen aus der Wurzel Jesse. Von Louise Hoff- mann. Commiss.-Vcrlag der „Germania", Berlin. Scelenphotographien. Von Louise Hosfmann. Verlag von N. Müntzberg, Ratibor. Die Konfession der Kinder nach dem geltenden daher. Rechte. Von Amtsrichter vr. Lindner. München, Verlag von I. Schweißer. Preis 1 M. Fünf Jahre unter den Horden Afrika's und Afien's. Von einem Soldaten der französischen Fremdenlegion. Brixen. Verlag der Buchhandlung des Kath.-polit. Preßvereins. 50 Pf. Das Hcidenkind, ein Vergißmeinnicht für die katholische Jugend, zum Besten armer Heidenkindcr. — 7. Jahrg. Monatlich 2 Nummern. Halbjähriger Abonnementspreis 50 Pf., ohne Porto. Zu beziehen in St. Ortilien, Post Türkenfeld (OLerbaycrn), durch jede Buchhandlung und die Post. Unter vorstehendem Titel macht seit etlichen Jahren in aller Stille der Bote unserer schwergeprüften, aber lebenskräftig aufblühenden bayerischen Benediktiner-Mission für Dculsch-Ost- afrika mit dem Mutterhausc in St. Ottilien in den kath. Familien die Runde, zum Segen und Frommen, zur Erbauung und Belehrung der Jugend. Wir glauben seine Erfolge nicht besser auSsprechen zu können, als dies in der vorletzten Nummer von 1893 geschehen ist: „Wie viele Kinder sind durch das Lesen dieses Blattes fleißiger im Lernen, sittsamer im Betragen, eifriger im Gebete, dankbarer für den katholischen Glauben nnd anhänglicher an ihre hl. Kirche geworden!" Die zahlreichen Illustrationen in zartester und geschmackvollster Ausführung werden den Sinn für das Schöne bilden, die Theilnahme an den Leiden und Freuden opfcrmuthigcr Missionäre, unserer Landsleutc, das Herz veredeln, und für Anregung des Geistes sorgen Räthsel, Sprüche, Scherzfragen, „Kunststücke", Poesien, vor allem das dem jugendlichen Gemüthe so zusvrcchcnde „Plauderstübchen" des guten Bruders Paulus. Wie nothwendig es aber ist, die Jugend in nützlicher, das sittliche Gefühl befördernder Weise zu beschäftigen, zumal in einer Zeit, da alles nach einem Buche oder einer Zeitschrift greift, um sich die Feierstunden zu verkürzen, da die geistigen Bedürfnisse der Jugend so oft mit Schriften bedenklichster Art befriedigt werden, das wissen alle, die mit der Jugend näher zu thun haben. Wir sind versichert, ein jeder, der auch nur einige Nummern dieses Blattes gelesen hat, wird sich von dessen pädagogischem Werthe überzeugen, weshalb es denn Eltern, Lehrern, Erziehern aufs beste empfohlen werden kann. Für Seelsorger- und Jugend-Bibliotheken wird es eine Zierde und ein wahrhaft nutzbares Buch fein. Indessen hat das Blatt nicht allein bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen längst Eingang gefunden und viele derselben zu Anhängern und dauernden Freunden gewonnen. Zu der trefflichen Ausstattung steht der außerordentlich billige Preis in keinem Verhältnisse. Wir bemerken noch, daß der besonders treffliche Jahrgang 1893 gegen Einsendung von 1,20 Mk. in St. Ottilien zu beziehen ist und Probcnummern auf Verlangen jederzeit zur Verfügung stehen. 'VV. L. Jacob G e., Studien in arabischen Dichtern. Heft I. vr. L. AbelS neue LlukiHacM-Ausgabe nachgeprüft. 8°, IV -f- 80 S. Berlin, Mayer und Müller 1893. k Daß eö an Universitäten mit Aufnahme von Privat- docentcn und „Berufung" von Professoren zuweilen nicht ganz säuberlich und zweifelsohne zugeht, ist männiglich bekannt. Von dem „Ring" der Vettern- und Bascnschaft und dem „Erbrecht" der Professorenkinder gar nicht zu reden, ist in den letzten Jahren ja der Fall bekannt geworden, daß ein „Gelehrter", der zur Zeit als Ausbund philosophischer Findigkeit angestaunt wird, seine „Berufung" zum Professor an eine deutsche Universität einem Buche verdankt, dessen Inhalt er einem anderen von ihm nicht einmal genannten Gelehrten wörtlich abgestohlen hat. Ehrlicher ist es jedenfalls, wenn ein Docent Aufnahme findet, der bescheiden genug ist, der gelahrten Welt zu beweisen, daß er selbst von dem, was er docirt, nichts versteht und doch den Muth zu dociren nicht verliert. Das ist nun der Fall bei einem gewissen Ludwig Abel, Privatdocent der assyrischen und arabischen Sprache an der Friedrich-WilhclmS-Universität zu Berlin, der vor kurzem eine „Sammlung von Wörterverzeichnissen" herauszugeben begann, wovon nunmehr der erste Band vorliegt, nämlich „Die sieben lllu allaeM: Text, vollständiges Wörtervcrzeichniß, deutscher und arabischer Commentar." Darin erweist sich besagter Abel als ein solcher Ignorant, daß er alsbald feinen kritischen Kain gefunden bat, der ihn moralisch todtschlägt, und dieser ist sein AmtSbrnder Jacob, Privatdocent der morgenländischen Sprachen an der Universität GreifSwald. Derselbe zeigt sich durch seine bisher veröffentlichten Studien über arabische Geographen wohl bewandert und darum wohl auch berechtigt, ein vernichtendes Gericht über seinen Collega ergehen zu lassen und einem Buche die Larve der Wissenschastlichkeit abzunehmen. das Anfänger irreführen kann. Abel wird ganz gehörig abgeführt, und cS gewährt einen eigenen Reiz, die grausame, mit boshaft-höhnischem Vergnügen vollzogene Vivisektion an dem armen Sünder bei Jacob Schritt für Schritt zu verfolgen. Es ist aber auch schon arg herausfordernd, was sich Abel erlaubt, „der sich in seiner Arbeit Musterübersctzungen leistet, welche als absoluter Blödsinn jeder vernünftigen Erklärung spotten; wie z. B. eine weibliche Spindel, wie Augcn- splitter, gekrümmter Sand, Kameele mit ausgedrehten Ohren aussehen, hätte Abel wenigstens durch Abbildungen erläutern sollen." Noch störender wirkt die Geschmacklosigkeit, mit welcher Abel die arabischen Klassiker mißhandelt, am erstaunlichsten aber ist seine sachliche Unkenntniß, welche die sprachliche noch übertrifft. Jacob thut es an zahlreichen Beispielen haarscharf dar und spricht es auch aus, daß Abel vom Arabischen, das er an der Metropole deutscher Intelligenz docirt, weniger versteht, als ein Student, der seinen Cafpari im ersten Semester tractirt; er beweist seine vollständige Unfähigkeit damit, daß er nicht einmal Wörterbücher abschreiben kann, wenn sie nämlich lateinisch geschrieben sind, wie Frcytag, Abels Hauptquclle. Dazu bemerkt Jacob (S. 6—7): „Wer bereits mit seiner Muttersprache nicht zurccht kommt, wird voraussichtlich fremde noch weniger meistern. Ich bin fürwahr kein Freund der sogenannten klassischen Bildung und würde Latein unv Griechisch am liebsten von unseren Gymnasien gänzlich verschwinden sehen. Doch glaube ich anderseits, daß sich jeder in kürzester Zeit von diesen Sprachen so viel sollte aneignen können, um nicht, wie vr. Abel im Vorwort thut, vor einem lateinisch geschriebenen Buch in Klagen anszubrcchcn, daß durch Anwendung dieses Idioms ihm die Klarheit der Interpretation beeinträchtigt worden sei, und der VerlagShanolung darob Vorwürfe zu machen." Ja ja, winir ein Privatdocent sich nicht schämt, zu gestehen, daß er eine so leicht erlernbare Sprache, wie Latein, nicht ordentlich verstehe, dann mag er sich das Schulgeld wieder herausgeben lassen, und thäte besser, Latein zu treiben, als Arabisch zu lernen oder gar zu lehren! Was aber Jacob von der „klassischen Bildung" sagt nnd welche Wünsche er mit Latein und Griechisch hat, ist überraschend; damit zeigt er sich nicht als unser „wahrer Jacob", sondern als ein Revolutionär von wahrhaft -bin äs sisels-hancr Beschränktheit, um die ihn wiederum Abel beneiden kann. Soll man im Gymnasium des 20. Jahrhunderts vielleicht Arabisch und Suaheli lernen, statt Latein und Griechisch? Unsere gesammtc abendländische Gesittung und Wissenschaft ist aus dem Boden des griechisch-römischen Alterthums erwachsen, der Sprachbcstand wissenschaftlicher Terminologie ist das Latein in fast allen Zweigen; das Italienische und Französische, die Hauptträgerinncn des Geisteslebens, sind Töchter der Sprache Latiums, was auck immer germanische Selbstüberhebung dagegen sagen mag. So wie Jacob könnte allenfalls ein Araber sprechen, der seine Nase nie aus seinem Bcduincnzelt hinauS- gestrcckt. „Absoluter Blödsinn" ist dazu die Anmerkung Jacobs: „Hat im Mittelalter und vielfach noch in neuer Zeit die Autorität der Alten unsere Erkenntniß gehemmt, so steht heute das die geistige Harmonie störende Uebcrgewicht der klassischen Alterthumswissenschaften vielfach dem Zustandekommen eines großartigen wissenschaftlichen Neubaues im Wege." Nichtig meint 216 er, daß Griechisch und Latein, das am Gymnasium erlernt j wurde, doch im spateren Leben in den seltcnnen Fallen weiier gebraucht und ergänzt werde, um zu einem wirklichen Können zu führen. Wohl wahr; wenn aber unsere Jugend kein böhereS Streben kcnnr, als das unter neunjährigem verbaßtcm Zwange mit Unwillen Erlerme so bald als möglich zu Vergessen, dann liegt die Schuld nickt etwa am minderen Werthe der Disciplinen, sondern am Mangel idealen Sinnes und vielleicht an der Methode deS UmerrickteS der, wie die Geschickte der Pädagogik zeigt, noch vor 50 bis 70 Jahren nicht so erfolglos war, wie heute. Katholische Volksbibliothek. Serie I. München, Verlag von C. A. Seysried n. Comp. X Nr. 101 n. 102. Ein Held des Glaubens und der Liebe. Erzählung aus der Ncforniationözcit in Bayern von l>r. L. Lang. Eine vorzügliche Erzählung, wie reckt viele im Volke verbreitet sein sollen. Nr. 103. AnS dem Leben. Erzählungen von Pfarrer Sckoiber. Einsacke, aber mit gesundem Humor gewürzte Gesckichtlein. Nr. 104. Zum Frieden. Die Tochter deS Juden. Zwei Erzählungen von Fritz Waither. In der ersteren wünschten wir an Stelle der Schülerin einen Schüler, wobei nichts an Reiz verloren ginge und anck sie „ganz" rein genannt werden könnte. Nr. 105. Der alte Bader und sein okn. Von Gottlicb Sckoiber. Nr. 100. Nach Lonrdes. Von I. Langtbaler. Eine spannende Neise- beschrcibnng, des Stiles wegen für die Schuljugend nickt geeignet. Im Allgemeinen sei gesagt, daß vorgenannte Erzählungen für die erwachsene Jugend und für das Volk an ihren, Platze seien; für die Schuljugend jedoch Auswahl zu treffen sei. Dem Verlag dürfte größere L-orgfalt auf Emendirnng zahlreicher lapmwa. ealami anzuempfehlen sein; auch einige lapsus ling'nao sind nnö aufgefallen. Die österreickisch-nngarische Monarchie in Wort und Bild. Böbmcn, Heft 1 — 11. Wien, Alfred Hölder, k. n. k. Hof- n. UnivcrsitätSbnchhändler. H. Vor uns liegen die ersten 11 Hefte, welche das schöne reiche Kronland Böhmen behandeln. Weit zurück reicht die Geschichte Böhmens und bis in die frühesten historischen Zeiten werden wir durch Wort und Bild zurückgeführt. Hervorragende Gelehrte sind an der Herstellung dieses Bandes be- theiligt und Namen wie Dr. Jirccek, die Universitätsprofcssoren vr. Emil Werunöky u. Dr. Anton Bezak, LandeSschulinspektor Dr. Theodor Tnpetz und der verstorbene Landesarchivar vr. Anton Gindety bürgen für die Gediegenheit des Inhalts. Die Geschichte BöhmenS wird im 11. Hefte bis 1848 fortgeführt und ist die Epoche von 1648 an von Universitäisprofessor Dr. Adolf Bachmann in Prag. Geradezu hervorragende Darstellungen sind die zahlreichen Illustrationen bernicnster Künstler und Professoren. Unbeirrt vom häßlichen Gezänke, mit welchem Czecken nndDentsche sich heute befehden, entrollt sich vor unserem geistigen Auge, die reiche Geschichte des schönen Landes, und sehen wir in gelungenen Illustrationen seine herrlichen Städte und Kunstdenkmäler, prächtige Schlösser und schön gelegene Klöster, stille Meldtbäler und rcickgesegnete Fluren. Die landschaftliche Schilderung von Böhmen wird jedem Leser ebenso höbe Befriedigung gewähren, wie sie die interessante Geschichte Böhmens bietet. Sicherlich wird der Band „Böhmen" einen der hervorragcnsten des ganzen Werkes bilden. Literarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von vr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freibnrg i. Br. Jahrgang 1894. 12 Nummern. M. 9. — Freibnrg im Brcisgan, Herder'scbe Ver- lagsbandlnng. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 6: Neuere Predigt-Literatur. II. (Kcppler.) — Vetter, Der apokryphe dritte Korintberbrief. (Hoberg.) — Straßbnrger Theologische Studien. (Funk.) — Karapet Ter°Mkrttschian, Die Paulicianer im bymiitinischen Kaiserreiche. (Vetter.) — Wahrmnnd, Das KirchenpatronatS- rccht und seine Entwicklung in Oesterreich. (Sckerer.) — Reinhold, Die Lehre von der örtlichen Gegenwart Christi in der Enckaristie. (Schanz.) — Rocholl, Die Philosophie der Geschichte. (Sckanz.) — veosarclius, Oo In libortö yolitiguo claiw 1'Ltat woäorno. (Hcrtling.) — Kenßen, Die Matrikel der Universität Köln 1389—1559. (Ortcrer.) — König, Die päpstliche Kammer unter Clemens V. und Johann XXII. (Gottlob.) — Sckncking, Briefe von Annette von Droste-Hülsbosf und Levin Schücking. (Jostcs.) — Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Spräche. (Jostcs.) — Beflsel, Vaiicannche Miniaturen. (Weizsäcker.) — Noser, Katechet,! für Lehrerbildungsanstalten und Priestersennnarien. (Lein; ) — Leitschnh, Franz Ludwig von Erthal, Fürstbischof von Bamberg und Würzbnrg, Herzog von Franken. (Ehrbard.) — Ereve, Geschichte der Benedictinerabtei Abdingbof in Paderborn. (Wurm.) — Weber, Albrecht Dürer, (von Hüttenback) — Nincklake, „Vorwärts". (Heiner.) — Wasserrad, Die Nationalökonomie. (Heiner.) — Nachrichten. — Büchcrtisch. Der Katholik. Nedigirt von Joh. Mich. Naich, 12 Hefte M. 12. Mainz, Kirchheim. Inhalt von 1894, Heft VI, Juni: Marckese Campo Santo, 1?raotio panis und andere Gemälde in Santa Priscilla. — k. Amb. Kienle 0. 8. L., Die Oblaiion der Elemcme in, Meßopfer. — N. Paulus, Gerhard Lorickins, ein Convertit des 16. Jahrhunderts. — Jos. Aertnys 0. 68. U., Beiträge zur Rechtfertigung des Acgniprobabilismns. — Literatur: Dr. .P Vetter, Der apokryphe dritte Korintherbrief. — Msgr. Emil Bongaud, JesnS Christus. — Xisolas Xobov stell, Ua, Vis ineonnus clo Issne-Ollrwt. — I)r. LI. ZlnAistrstti, Verolllne sivs eeelssias ^mllrosianas Lleckiolan. Xalenckarium. — Oarolo Isriell, 8. I., UntoloAia. —Il o n r. Haun, 8. I., Lllilosopllia natnralis — A. Kluge, Das Seclcnleiden Jesu Christi. — Ilr. Georg Grupp, Reformationszcschichie des Rieses von 1539—1553. — 1?rsä. Uonvior, 6. ü., lles 8aintes, Oontdossnrs st-tllartzws ete. — Domanig, Karl, Kleine Erzählungen. — Miscelle. Theologisck - praktiscke Monatsschrift. Central-Organ der katholischen Geistlichkeit Bayerns. Herausgegeben von Dr. Georg Pell, vr. Anton Linsen mal) er und Ludwig Heinrich Krick. 4. Band, 7. Heft. Passau, Verlag von Rudolf Abt. Jnhaltsverzeickniß des 7. Heftes: I Wissenschaftliche Aufsätze. Neue Funde zur christlichen Archäologie aus Äegyptcn. Von Dr. A. Ehrhard, o. ö. Universnäts- profcfsor in Würzbnrg. — Katholische und protestantische Ethik. Von Dr. Jos. Dippcl, Pfarrer in Dornach. II. Belehrendes für die seclsorglicke und pfarramtliche Praxis: Gnavensckak der heil. letzten Oelnng und darauf bezügliche SeeliorgSpflichten. Von vr. Prnner, Prälat in Eichstätt. --- Bedingungen einer fruchtbringenden Verwaltung des Predigtamtes. Von L. Bernhard Schund, O. 8. B., in Scheycrn (Schluß). — Winke für die Seelsorger über einige Quellen des Irreseins. Von I)r. Anton Schund, kgl. Bezirksarzt in Vicch- tach (Schluß). — Die Irregularität der Diakonen. Von Wilh. Stentrnp, 8. I., Ditton Hall, England. — Luxuriöse Qster- beickt- bezw. Commnnion-Zettel. Von I. B. Gast, Knratns in Mozgast. — Wann und mit welchem Concurrenzbeitrag kann man zur Dezimatorenbaupflickt herangezogen werden? Von vr. Eduard Stingl in Stranbing. — Wird durch den Empfang des »Viatiennw- auch dem Gebote der »6omwnnio xasollalis« genügt? Von Dr. HaSIcr, Professor in Passau. — Das neue Skapulicr des bl. Joseph. Von L. Wolfgang, 0. Oax. — Eine Handschrift deS 15. Jahrhunderts über das „Verhalten des Predigers auf der Kamel", über „Marienverebrnng" und über die „Kraft des Weihwassers". Von I)r. A. Linsenmayer. — Das „Seraphische LiebeSwerk" zur Rettung armer Kinder. — Der Verein für christliche Kunst in München. — Ein Casus zur Altersversorgung. Von I. B. Mehler in Regensburg. — Die Fremdwörter in der Predigt und die Rücksicht auf die Fassungskraft deS Publikums. Von I. Reiter, Pfarrvikar in Althegnen- berg. — Aeußerungen eines Convertiten über gewohnheitsmäßigen WirtbShansbesnch der Geistlichen. Von k. B. Sch. — Bccrdi- gnngsrcckt und davon hergeleitete Ansprüche des Pfarrers. Von Pfarrer Voit in Jllkofen. — Defecte bei der Todtenvigil. Von Dr. P. III. Erlasse der obersten Verwaltungsstellen und Entscheidungen der obersten Gerichtshöfe: I. ReligionS- und Kirchcnsachen: 1. Stellung der sogen. Ceremonienmeister in Nürnberg zur Reichsgewerbeordnnng. — II. Armcnwesen: 1. Ungehorsam gegen die Anordnungen des Armenpflegschaftsrathes. 2. Mitglieder eines Franenordens zur Aufsicht in einer Gemeindcarmenanstalt sind Beamte. — III. Schulwesen: 1. Bayerische Volksschullehrer sind Beamte. 2 Dauer der Ferien an den Mittelschulen. 3. Benützung der Scheuer des Schnlbanscs zur Aufbewahrung des Schalholzes. 4. Pflicht zur Deckung des Bedarfes einer Gcmeindeschnle. 5. Strafanzeige gegen Schulpflichtige. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck«. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. ! 1 , Z » ^1 28 . Mage zur Iiigskorger 12. Juli 1894. Ein neues Diözesanwerk. L. Eine historisch-topographische Beschreibung hat unsere Diözese Augsburg nach ihrem jetzigen Bestände schon durch den Benediktiner Placidus Braun im Jahre 1816 erfahren. Ihrer Anlage nach war sie in kurzem und knappem Nahmen gehalten. In den jüngsten De- zenien begann der sei. Dowprobst Steichele sein monumental angelegtes Werk, das durch den bischöfl. Archivar Dr. Schröder würdig fortgeführt wird. Aber dessen Vollendung wird wohl erst nach Ablauf einer Anzahl von Jahren zu erwarten sein, vorausgesetzt daß, wie wir herzlich wünschen, der jetzige Bearbeiter Herr Archivar vr. Schröder in ungehemmter Kraft so rüstig und freudig daran fortarbeiten kann, wie das bisher der Fall war. Es ist demnach begreiflich, daß der Klerus der Diözese sich nach einem Buche sehnte, das langgehegten Wünschen — wenn auch ohne Beigabe historischer Daten — entspreche; dieser Wunsch ist nun erfüllt worden durch die mit dem soeben erschienenen II. Band abgeschlossene „Pfründestatistik der Diözese Augsburg" des Herrn Pfarrers Jakob Hopp in Krumbach.*) Vor vier Jahren begann der Herr Autor seine umfangreichen Vorarbeiten und erholte sich von jedem einzelnen Pfründebesitzer die nöthigen Aufschlüsse. Schon um deßwillen darf die Redaction auf Authenticität Anspruch machen, wenn auch einige topographische und bauliche Angaben individuell ausgefallen sind. Wer da weiß, daß es schon schwer hält, von einigen hundert ähnlichen Stellen die Fragebogen ausgefüllt zu erhalten, wird umsomchr die unge- mein große Aufgabe zu schätzen wissen, daß von über 1200 Stellen die nöthigen Daten einzuholen waren, bei manchen war erst bet Drucklegung des betr. Bogens das nöthige Material zu erhalten, wodurch der Druck arg verzögert wurde, und dock ließ sich der Autor nicht abschrecken, trotz dieser sich thürmenden Hindernisse. Aber das sei anerkennend hervorgehoben, daß weit über drei Vierttheile des Klerus diesen Gedanken einer Pfründestatistik freudig begrüßten und mit Eifer und Geschick die nöthigen Aufschlüsse mit herzlicher Bereitwilligkeit zur Verfügung stellten. Wenn wir nun das Werk einer eingehenden Durchsicht unterwerfen, so waren für dessen Anlage anscheinend folgende Gesichtspunkte maßgebend: 1) Lage des Pfarrortes, seine Zugehörigkeit zum betr. Regierungsbezirk, Bezirksamt, Rentamt, Post- und Bahnstation, Seelenzahl, Patron (Verleihung), die zum Pfarrort gehörigen politischen Gemeinden, Zahl der Akatholiken. 2) Genauer Beschrieb der Kirche nach Bau und innerer Ausstattung und namentlich auch Akustik (für Prediger), deren Vermögen und Lasten (gestiftete Gottesdienste), Anlage und Entfernung des Gottesackers von der Pfarrkirche. 3) Pfründe-Einkommen, Pfründe-Vermögen und -Lasten, Widdum. 4) Beschrieb der Lage und baulichen Beschaffenheit des Pfarrhofes und der Annexgebäude, der Bequemlich*) Hopp I., Pfründestatistik der Diöcese Augsburg. Lex.-8°. I. Band. IV u. 372 Seiten mit 2 Tafeln. II. Band, IV. 403 u. 22 Seiten mit 1 Doppel-Tafel. Augsburg 1894. Liter. Institut von Dr. M. Huttlcr (Michael Seitz). Preis brosch. pro Band M. 7,-, eleg. gebd. M. 8,50. keiten oder, so man will, auch Unbequemlichkeiten, Baulast, Reluitioueu. 5) Beschrieb der Schulen und Lehrerzahl und der eingepfarrten Gemeinden und Filialen nebst deren Entfernung von der Mutterkirche, Kaptäne und deren Unterhalt, Klöster, Bruderschaften und kath. Vereine, sowie Entfernung der nächstangrenzeuden Pfarreien (Beicht- gelegenheit.) 6) Verkehrsverbältnisse (Post, Telegraph, Eisenbahnstation und Botengelegenheiten, Entfernung des nächsten Arztes vom Pfarrhof). Die bequemste und beste Pfarrei zu benennen, ist hier nicht der Platz, beqnem und höchst angenehm hat's sicher kein Pfarrer der großen, umfangreichen Diözese. Um aber auch den auswärtigen Lesern dieses Artikels nur einen Begriff zu geben, wie unbequem es manche Pfarrer (namentlich des Allgäu's) in ihren Holzkästen (— Pfarrhof) haben, mag der Beschrieb der Pfarrei Balder- fchwang dienen. „Balderschwang. Pfarrei, Kreis Schwaben, Bez.-A. Sonthofen, Rentamt Jmmenstadt, Post- und Bahnstation Oberstaufen; von da 7 — 8 Stunden über die Berge. Von der Bahnstation Blaichach aus 5 — 6 Stunden. Patron S. K. M., 70 Katholiken, im Sommer infolge der Alpenbewirthschaftung 300—500 Katholiken. Aber im Winter — ein bayerisches Sibirien. (Damit ist viel gesagt!) Kirche: z. hl. Antonius, kleines, aus Holz gebautes Landkirchlein; einige Schritte vom Pfarrhofe. Feste: Patrozinium ohne Aushilfe. Vermögen: M. 2636,57. Gestiftete Gottesdienste: 29 zu M. 24,08. Gottesacker: bei der Kirche. Pfründe-Einkommen: M. 827.03. Pfründe- Vermögen: M. 14582,84 mit M. 632,28 Zinserträgniß und M. 94,58 von der Gemeinde. Widdum: Gemüsegarten 0,04, Wiesen 20,27, Wald 1,50 — 21,81 Tagw., veranschlagt zu M. 84,43; zu verpachten. (Lasten: M. 22,83.) Pfarrhof: in schlecht baulichem Zustande, Neu bau in Aussicht, kleines Holzgebäude; 2 heizbare und 3 unheizbare Zimmer, Keller, Brunnen. Die Oekonomie- gebäude dem Pfarrhofe angebaut. Baulast: die Gemeinde. Schulen: 1 im Orte mit 1 Lehrer für die ganze Pfarrei. Filialen: Die Pfarrei besteht aus lauter Filialen, zerstreut im Balderschwangthale und an den dasselbe umgebenden Berghöhen, in einer Ausdehnung von 3 Stunden. 1. Au (30 Bit.), Weiler v. 6 Anwes. m. 29 Kathol. 2. Gschwend (15 Mt.), W. v. 5 A. mit 16 K. 3. Junghausen (1 St.), E. o. 1 A. m. 4 K. 4. Lappach (5 Mt.), E. v. 3 A. m. 9 K. 5. Lengen mit Schelpbach (1 St.), E. v. 2 A. m. 2 K. 6. Schlipfhalden (45 Mt.), W. v. 9 A. m. 27 K. 7. Scheine (4'/^ St.), Alphütte, E. v. 1 A. mit 9 K. 8. Schwabenhof (30 Mt.), E. v. 1 A. m. 2 K. 9. Wüldle (30 Mt.), W. v. 8 A. m. 26 K. Außer diesen sind noch einige Anwesen österreichischen Gebietes hier eingepfarrrt. — Die Pfarrei außer den österreichischen Anwesen bildet eine politische Gemeinde für sich. Pfarrort: Weiler v. 6 Anw. m. 29 Einw., in einem von hohen Bergen eingeschlossenen Thale, an der österr. Grenze, einsam gelegen und wegen dieser Einsam- keit und des lange (oft 8 Monate) dauernden Winters das bayerische Sibirien genannt. Verkehr sehr ungünstig, besonders im Winter. Grenzstation mit Wachpersonal und kgl. Forststelle. Nächster Arzt in Lingenau (österr., 4 Stunden). Nachbar Pfarreien: Hittisau (österr.) 3 St. südwestlich, Fischen 4*/z St. östlich und Maiselstcin 3 St. südöstlich. Wahrlich eine beschwerliche Station für einen Pfarrer, der ca. 3—4 Stunden weit marschiren muß, bis er wieder unter Amtsbrüdern weilen kann. 8 Monate Winter und 4 Monate dürftigen Sommer, das bezeichnet genug Leidensstationen für Seele und Leib. Und das ist im Allgäu nicht blos bei dieser einen Pfarrei der Fall. Gibt es doch Pfarreien, die zerstreut in den Alpen-Vorbergen 32 —70 Filialen — mit einem, höchstens 2 Priestern — haben! Hieraus ist ersichtlich, mit welch großer Mühe und Noth oft der Seelsorgskierus zu kämpfen hat, wie an seine Gesundheit und Kraft die höchsten Anforderungen gestellt werden. Manch einer, der zu Thal oder in der Ebene lebt (wo, wie der Volksmund sagt, eine Pfarrei der anderen „pfeifen" kann), hat keine Ahnung vom Ovferleben der Gcbirgspfarrer, die, lange Monate eingeschneit, lediglich auf sich selbst angewiesen sind! Ehre und Lob daher diesen „Gcbirgspfarrern", die im Sommer allerdings von Vielen beneidet werden, die man aber ganz getrost sich selbst überläßt, pocht der achtmonatliche Wintersturm an die Fensterladen der weitaus meisten „hölzernen" Pfarr-„BIockhänser". Wie erst, wenn infolge der Anstrengung den Körper des Pfarrherrn eine Krankheit durchwühlt! Drei bis vier Stunden ist der nächste Arzt zu treffen; wie lange dauert es, bis dieser zur Stelle ist! Wahrlich, hier erst bekommt man einen Begriff von Opfern und Entsagung! Dazu die geradezu bescheidenen Einkommcnsvcrhältnisse. Ein Taglöhner und Fabrikarbeiter in der Stadt stellt sich oft besser, als der Herr Pfarrer oder Kaplan im Gebirge. Rechnet man dazu, welche vielfachen Ansprüche an die Geistlichkeit von Seite mancher charitativen Vereine (und hierin geschieht — zum Ruhme der Augsbnrger Diözesangeistlichkeit sei es gesagt — gerade von Seite des Klerus ungcmein viel!) gemacht werden, so läßt das tiefblicken. Dazu kommt die sehr kostspielige Derproviantirung. Viele Geistliche des Flach- und Gebirgslandes sehen oft wochenlang kein Fleisch, und wenn im Sommer es ermöglicht wird, ein Stück Rindfleisch zu erhalten, so kommt es oft verdorben an. Das sind die Schattenseiten der abseits von den Eisenbahnen befindlichen Pfarrhöfe. Und dabei doch die frohe Genügsamkeit des Clerus, der vom 6. bis 24. Jahre die Schulbänke gedrückt hat. Schreibt doch so ein genügsamer Pfarrer in dieser Pfründestatistik, daß der Pfarrhof zwar hölzern, hoch gelegen und die Verbindung mit den Nachbarn sehr schlecht und die häufigen Winde sehr rauh seien, aber ein Schönes habe sein Pfarrhof doch, nämlich: die prächtige Aussicht auf die Gebirgskette, deren Anblick ihn über alles Erdhafte hinweg zu heben und alle Unbequemlichkeit vergessen zu lassen scheint. — Ganz individuell! — Welch eines Opfergeistcs ist doch der katholische Clerus fähig! — Um zum Werke selbst zurückzukehren, so ist dessen Eintheilung adäquat nach dem jährlich erscheinenden Schematismus eingerichtet. Jedem der 40 Kapitel geht eine kurze historisch-topographische Beschreibung mit Aufzählung der in jedem Kapitel beschriebenen Pfarreien und Scel- sorgsstellen vüraus. Der I. Band enthält nur ein alphabetisches Register über die darin enthaltenen Seelsorgsstellen, während der II. Band noch folgende Beilagen birgt: 1) Zusammenstellung der Klöster und Institute, 2) Emeriten-Benefizien (deren sind es 71), 3) Eehaltsverhültnisse der Pfarrpfründen, wobei zu bemerken, daß die Zahlen sich ohne Abzug der Lasten (die oft bedeutend sind) verstehen, . 4) Uebersicht der Seclenzahl der Pfarreien, 5) Patrone der Pfarrkirchen, 6) Verzeichnis der Patrone der Pfarrpfründen, 7) eine Gesammtnbersicht, 8) alphabetisches Ortsregister für den I. und II. Band, 9) Uebersicht der inserirenden Firmen, zusammengestellt nach kirchlichen Branchen. Die Ausstattung des Werkes ist sehr befriedigend; der klare, ticfschwarze Druck hebt sich vom schönen weißen und kräftigen (ganz holzfreien) Papier sehr gut ab, die 3 Tafeln (Porträt des hochwürdigsten Bischofs Pan- crntius, die Kathedrale und die St. Ulrichskirche) zeichnen sich durch saubere Ausführung aus, wie auch der hübsche Originalcinband aus der bekannten Buchbinderei und Prägeanstalt Karl Simon in Augsburg, mit dem goldgeprügten Bilde des hl. Ulrich im Vierpaß, alle Anerkennung verdient. Fassen wir unser Urtheil zusammen, so bekunden wir. daß hicmit ein monumentales Werk geschaffen wurde, würdig der großen Diöcese Augsburg, das auf Jahre hinaus dem Seelsorgklerus eine höchst wünschens- werthe Handhabe bietet und in allen Fragen der Pa- storirung die wünschenswerthen Auskünfte gibt. Dem Verfasser des Werkes sei herzinniger Dank gesagt, daß er dem Klerus einen so wichtigen Wegweiser und Rathgeber gegeben. Fortan hat kein Bewerber um eine Pfründe es nöthig, weite Reisen zur Besichtigung der „Erwählten" zu machen. Hopp's großes zweibändiges Werk ist ihm zuverlässiger Führer und Nathgeber. Von Jerusalem nach Beyrnth. Von l)r. Seb. Euringer. (Fortsetzung statt Schluß.) Zwei Tage darauf kam ich nach Cäsarea; hier hat der Hauptmann Cornelius gelebt und wurde vom hl. Petrus sammt seinem Hause als der erste der Heiden getauft, hier war der hl. Paulus zwei Jahre Gefangener und hielt eine seiner schönsten Reden voll Kraft und Energie; von hier schiffte er sich nach Nom ein; hier predigte der hl. Philipp. Zahlreiche Trümmer der alten Stadt sind vorhanden, namentlich die am Hafen sind sehr malerisch; ein Amphitheater läßt sich nachweisen; mein Führer hat mir eine alte griechische Inschrift gezeigt, die bis jetzt noch keiner vor mir gesehen hat; auf dem Rücken liegend habe ich sie abgeschrieben, denn sie bildet das Dach einer sehr niedern Vertiefung im Schutt. Jetzt ist Cäsarea eine Kolonie von Vosniaken, welche Oesterreich, einer christlichen Macht, nicht Unterthan sein wollten und daher als fanatische Mnhammedaner auswanderten und hier eine Kolonie gründeten. Sie handeln auch mit den Quadern der alten Ruinen. Von Cäsarea 219 an bis Beyruth und noch weiter sind fast alle vornehmeren ' Häuser aus alten Quadern der früheren Zeiten erbaut und schauen daher ganz mittelalterlich aus, wenn man die Bauart abrechnet. Es war ein langer, mühsamer Weg von Cäsarea bis Kaifa, d. h. zum Berg Karmel. Fast immer am Meere oder in der Nähe des Meeres, gab es oft viel Sand, zweimal mußte ein Fluß passirt werden. Natürlich, Brücken baut die Türkei keine, und so mußte man zu Pferde hinüber, was mit einiger Mühe gelingt. Am Abend grüßt uns von der Spitze des Karmel zwischen Kloster und Leuchtthurm die deutsche Fahne auf meinem Zelte. Mein Zelt ist an einem schönen Punkte, von meinem Tische aus sah ich den Golf von Akka. Das Kloster bietet außer dem Gnadenbilde und der Grotte des hl. Elias (habe auf beiden Altären celebrirt) nichts Besonderes. Es ist in italienischem Stil erbaut und nicht alt. Am Fuße des Berges liegt eine große, viereckige Kammer, in Felsen gehauen, mit einer rechteckigen Neben- kammer. Die Kammer ist sehr groß und führt nicht mit Unrecht den Namen Prophetenschule. Ich besuchte auch Kaifa, eine verhältnißmäßig junge Stadt, gegründet im vorigen Jahrhundert. Es ist dort eine protestantische Kolonie von Württembergern und Badensern, und auch der katholische Palästinaverein hat ein Hospiz daselbst. Ich besuchte den Direktor; er war nicht daheim. Die Klosterfrauen, die mich empfingen, sowie das Dienstpersonal hielten mich in meiner arabischen Kleidung für einen Juden aus Samaria. Am nächsten Tage wollte ich mir den Karmel näher ansehen. Um 6 Uhr celebrirte ich in der Eliasgrotte, wo der hl. Elias und Elisäus gelebt haben sollen. Dann kaufte ich Melissengeist und Skapuliere und Medaillen rc. und ging zu meinen Pferden. Ich hatte im Sinne, zu der Stelle zu reiten, wo der Prophet Elias Feuer vom Himmel herabgebetet hat auf sein Opfer und wo dann die Baalspricster von ihm geiödtet wurden und daraufhin der ersehnte Regen kam. Das Kloster steht am nordwestlichen Ende, gerade da, wo der Karmel auf drei Seiten vom Meere bespült wird, während die Opferstätte am südöstlichen Ende des Karmel liegt; ich mußte also den ganzen Karmel der Länge nach abreiten. Ich zog es vor, auf der Höhe zu bleiben, und fünf Stunden lang ritt ich durch lauter Grün und Blüthen. Wilde Birnbäume mit rothen Blüthen, Pinien mit ihren hübschen Zapfen, Johannisbrodbäume mit noch grünen Früchten, wilde Eichbäume und alle möglichen Blüthen und Farben, dazwischen der Blick bald auf die grüne Ebene Esdralon, bald auf das Bteer ließen mir die 5 Stunden auf Bergeshöhe kurz erscheinen. Der Ausläufer des Karmel, wo Elias einst die Baalspriester zu Schanden machte, ist von einem Kapellchen und einem unbewohnten Klösterchen der Karmeliten gekrönt. Im Schatten dieses Kapellchens nahm ich mein Mittagsmahl und Mittagsschläfchen ein. Nach Befriedigung dieser Lebensbedürfnisse schaute ich mir unbehindert von Hunger, Durst und Schlaf die Aussicht an. Gegen Osten und Nordosten lag zu unseren Füßen die gewaltige Ebene Esdralon, wo fast alle bedeutenden Schlachten, die über Wohl und Wehe von ganz Palästina entschieden, geschlagen wurden, von den ältesten Zeiten an bis in das Mittelalter. Der kleine Bach Kison, der so harmlos dem Meere zuplätschert, ist gar oft vom Blute der Gefallenen roth gefärbt worden; auch damals, als Elias über 400 Baalspriester tödtete. Jenseits der Ebene schaut ernst in den Formen des Vesuvs der Berg der Verklärung, der Tabor, herüber, auf dem Elias einst Zeugniß für die Gottheit Christi vor den erstaunten Jüngern ablegte. In dieser Richtung, durch Berge verhüllt, liegt Nazareth. Ich stieg in die Ebene Esdralon hinab, überschritt den Bach Kison, um nach 5—6 Stunden nach Schef Amar, wo bereits die Zelte standen, zu gelangen. Der Tagesritt von 10—11 Stunden war lange; man hatte mir in Karmel und Kaifa gesagt, von Muhaka (dem Opferplatze) bis Schef Amar seien es nur 2—3 Stunden, es waren aber doppelt soviel, und die letzten 2 Stunden mußten bei Dunkelheit zurückgelegt werden. In Schef Amar erwarteten mich bereits die beiden dortigen Missionspriester, sehr gemüthliche Franzosen. Am andern Tage, PfingstsamStag, hatte mein Dragoman das Fieber; ich schickte die Zelte nach Akka und schaute nach der hl. Messe unter Führung des Pfarrers die sehr schön ornamentirten alten Felsengräber an. Ich besuchte auch die Missionsschule und wurde ü 1a. Patriarch empfangen. Man erwartete nämlich den Patriarchen und hatte für ihn allerlei einstudiert, und ich hielt nun die Hauptprobe ab. Der Lehrer überreichte mir in Goldschrift den arabischen Text des Willkomms und deS Liedes, welche für den Patriarchen bestimmt waren, aber auch für mich galten. Ich durfte den Text behalten, den ich natürlich konoris ouusa, entsprechend bezahlen mußte. (Schluß folgt.) War Kaspar Häuser ein Betrüger? (Schluß.) II. Zeugen gegen Kaspar Häuser, rrrs 15) Philipp Heinrich, Graf von Stanhope, lernte Kaspar Häuser zuerst am 29. Mai 1831 kennen und interessirte sich alsbald so sehr für ihn, daß er am 2. Juni 1831 500 fl. zur Entdeckung des Urhebers des an Kaspar Häuser verübten Verbrechens aussetzte (M. 266 f.). Auch bestrick er die Kosten einer Reise des Kaspar Häuser (in Begleitung von Hickel und von Tücher) nach Ungarn im Juli 1631, da er sich zu der Meinung hatte verleiten lassen, daß Kaspar Häuser ein ungarischer Magnat sei; die Reisenden mußten jedoch wegen der Cholera schon in Preßburg wieder umkehren, ohne das Ziel ihrer Reise erreicht zu haben. Durch verschwenderische Geschenke und die Vorspiegelung hoher Abkunft verzog Stanhope den Kaspar Häuser derart, daß ihm Frhr. v. Tücher bald darauf ernste Vorstellungen machte (siehe seinen Brief an Stanhope vom 11. November 1831 bei M. 278 f.). Dadurch gekränkt verlangte Stanhope, daß ihm Kaspar Häuser ganz zur Erziehung überlassen werde, und erbot sich, die Kosten derselben wie seines Unterhalts auf sich zu nehmen (siehe seine Eingabe an das kgl. Kreis- und Stadtgericht Nürnberg. Ansbach, 21. November 1831, bei M. 268 f.), worauf Tücher um Enthebung von der Vormundschaft bat (M. 272 f.), die ihm auch am 7. Dez. 1831 gewährt wurde. Kaspar Häuser wurde an Stanhope ausgeliefert und am 10. Dez. 1831 dem Lehrer I. G. Meyer in Ansbach zum Unterricht und zur Pflege übergeben, der Lord dagegen reiste am 19. Januar 1832 von Ansbach ab und ging über Karlsruhe, Mannheim nach England zurück. Während er im persönlichen Verkehr mit Kaspar Häuser nicht den geringsten Zweifel an der Wahrheit der Aussagen des» selben gehegt hatte, ließ er sich in London durch seine Freunde — welche Kaspar Häuser niemals gesehen hatten — insbesondere durch Joh. Philipp Frhrn. v. Wessenbcrg, österreichischen Gesandten in London (s. dessen Brief an Stantsrath v. Klüber vom 10. Nov. 1832, worin die von Stanhope citirten Worte: „I-s jsuna lloinma sait plus HU6 v6ux Hui üerivsut clss livrss sur lui, uinis il us vöut pas parier, stloute 1a ^uestiou sst 1L", wiederkehren, L. I, 281 f., vgl. Stanhope an Hickel, Chevening 8. März 1833, bei Meyer, Kaspar Häuser 1881, S. 114 A.), völlig umstimmen und von der Absicht, die (ihm selbst gewidmete) Schrift Feuerbachs in England zu publizircn, um so eher abbringen (s. Stan- hope's Brief an Fcuerbach, London 5. Okt. 1832, bei Meyer, Kaspar Häuser 1881, S. 108 f. A.), als eine zweite Reise Hickels nach Ungarn im Frühjahr 1832 nicht zu dem von Stanhope gewünschten Resultat geführt hatte (s. Stanhope's Brief an Hickel, Chevening 24. Mai 1832, a. a. O. S. 96 f. A.). Statt dessen übersandte er, um seine Zweifel zu beschwichtigen, mit Brief vom 5. Okt. 1832 an Feuerbach 27 Fragen zur Beantwortung, die wohl ebenfalls von seinem Freund von Wessenberg aufgesetzt waren (Es sind dieselben, welche Stanhope am 4. Januar 1834 um drei weitere vermehrt dem Untersuchungsgericht in München vorlegte, s. M. 387 f.). Aber noch im Brief vom 8. März 1833 erklärte er Hickel gegenüber, daß er an die Hauptsache „daß Häuser der Natur und den Menschen entzogen wurde" selbst glaube, und daß sie ihm „niemals eine Erdichtung oder Betrügerei zu sein schien" (s. M. Kaspar Häuser 1881, S. 113 f. A.). Erst nach dem Tode des Kaspar Häuser, den er inzwischen nicht mehr gesehen hatte, trat er offen als Ankläger gegen denselben auf und unterstützte sogar den Polizeirath Merker mit Material! (s. die von Stanhope selbst publicirten „Materialien zur Geschichte Kaspar Hausers." Heidelberg 1835, S. 43 f. und 81 f.). 16) Gendarmerielieutenant Joseph Hickel lernte, wenn wir seiner Versicherung in dem fingirten Brief vom 20. Juni 1828 trauen dürfen, Kaspar Häuser im Juni 1828 in Nürnberg kennen, wurde aber erst 10 Tage nach dem Attentat vom 17. Oktober 1829 der Untersuchungscommission in Sachen des Kaspar Häuser zum Behufe von Recherchen beigegeben (M. 505). Noch iui Jahre 1833 glaubte Hickel fest an die merkwürdigen Lebensumstände des Kaspar Häuser und machte Stanhope wegen seiner Zweifel Vorstellungen (s. den obenerwähnten Brief Stan- hopes an Hickel vom 8. März 1833 bei Meyer, Kaspar Häuser 1881, S. 113 f. A.; schon hieraus ergibt sich die Unechtheit von Hickels Correspondenz, von der schon die ersten Briefe aus dem Jahre 1828 die Tendenz haben, Hausers Angaben und Persönlichkeit zu verdächtigen). Dennoch ließ er sich später gegen Häuser einnehmen, einerseits, weil seine Nachforschungen nach den Eltern des Kaspar Häuser in Ungarn, Gotha rc. erfolglos geblieben waren, andrerseits, weil Kaspar Häuser — was weder Daumer noch v. Tücher in Abrede stellten — in den letzten Jahren seines Lebens häßliche Charakterseiten, wie eine gewisse Neigung zur Unwahrhaftigkeit und zum Trotz, an den Tag legte und unter anderm sein Tagebuch lieber verbrannte, als es an Hickel (für Stanhope) auslieferte. Aber noch im April 1834 machte Hickel dem Grafen Stanhope Vorwürfe, weil er gegen Kaspar Häuser schrieb (s. Stanhope's Brief an Hickel vom 21. April 1834, L. I, 369), ja noch am 21. März 1835 schreibt Stanhope an Lehrer Meyer aus Rom, daß Hickel an die Einsperrung des Kaspar Häuser glaube (L. I, 369 f.). Mithin läßt sich Hickel nicht als Zeuge gegen Kaspar Häuser verwenden. 17) Lehrer Johann Georg Meyer in Ansbach nahm am 10. Dez. 1831 Kaspar Häuser in sein Haus auf und gab ihm Unterricht und Kost (auf Rechnung Stanhope's) bis zu dessen Tod. Aus Meyers Bericht an Graf Stanhope vom Juli 1833 (M. 192 f.) erfahren wir, daß Meyer noch wenige Monate vor Hausers Ende an dessen Einkerkerung glaubte (a. a. O. S. 301 A.), ferner, daß Kaspar Häuser bet seinem Eintritt in Meyers Haus „in seiner geistigen Kraft und allen seinen Leistungen kaum einem neunjährigen Knaben gleich war, der bei guten (nicht vorzüglichen) Anlagen den Unterricht einer gewöhnlichen öffentlichen Schule erhalten hatte" und „kaum gleichen Schritt mit Knaben hat halten können, die ebensolange, wie er, Unterricht genossen" (M. 295 u. 307). Gerade dieser Mangel an Fähigkeiten und an Energie sowie die geringen Fortschritte Hausers im Schönschreiben und in der Orthographie waren es, welche Meyers Unzufriedenheit erregten und ihn auf die Meinung brachten, daß man es bei Kaspar Häuser keineswegs mit einem Wunderkinde zu thun habe. Sie genügen aber zum Beweise, daß Kaspar Häuser kein Betrüger war, da ja zur Durchführung einer solchen Täuschung gewiß ein außerordentlicher Grad von Energie und hervorragende Geisteskräfte nöthig waren (vgl. noch Hofmanns Aeußerungen über die geringe Befähigung des Kaspar Häuser in seinem Brief an Klüber vom 26. Febr. 1833, L. I, 284). Uebrigens hebt Lehrer Meyer (M. 306 f. u. 415 f.) an Kaspar Häuser neben manchen Schwächen, wie Eitelkeit, Unwahrhaftigkeit, auch gewisse Tugenden, wie seine Theilnahme an den Schicksalen der Lehrersfamilie, seine persönliche Liebenswürdigkeit, seine Genügsamkeit und Zufriedenheit mit seiner schmalen Kost und eine auffallende Weichheit des Gemüths, hervor, wie er denn auch auf dem Sterbebette Meyer dankte und von ihm einen rührenden Abschied nahm (M. 349 A.) — lauter Eigenschaften, die mit dem Charakter eines berechnenden Betrügers unvereinbar sind. Endlich gibt Meyer mehrere gewichtige Gründe an, welche gegen die Annahme eines Selbstmordes des Kaspar Häuser sprechen (M. 414 f.). Mithin darf sein Zeugniß nicht einseitig gegen Kaspar Häuser verwerthet werden. Ueberblicken wir die Reihe der aufgeführten Zeugen, so ergibt sich, daß die Zahl und die Qualität derjenigen, welche zu Gunsten des Kaspar Häuser aussagten, die der Gegner weit überwiegt, denn wir finden darunter Polizisten, Aerzte, Juristen, Geistliche, Lehrer, kurz Männer aus allen Ständen und Lebensstellungen, die zum Theil durch ihren Beruf mit Verbrechern zusammengeführt wurden und jedenfalls Urtheilskraft genug besaßen, um einen Betrüger durchschauen zu können. Andrerseits läßt sich nicht bestreiten, daß die Zeugnisse eines Stanhope, Hickel, Meyer nur sehr beschränkten Werth besitzen. Doch sei dem, wie es wolle, soviel ist gewiß: Mit dem Tode hört alles Simuliren auf. War Kaspar Häuser wirklich während seiner Jugendjahre in Gewahrsam gehalten worden, so mußten die Spuren dieser Behandlung bei der Sektion zu Tage treten und die inneren Organe des Körpers jenes Unglücklichen, insbesondere die Leber, die Lunge, das Hirn, eine abnorme Beschaffenheit ausweisen, da ihre Entwicklung durch die Kerkerhaft während I der Wachsthumsperiode beeinträchtigt worden war. Hören 221 wir daher, wie sich ein ganz unparteiischer Mann, der praktische Arzt Dr. Heidenreich in Ansbach, der Kaspar Häuser nach der Verwundung die erste Beihilfe leistete und Augenzeuge bei der gerichtlichen Obduktion war, unter dem frischen Eindruck derselben über den Sektionsbefund äußert (im Journal der Chirurgie und Augenheilkunde, herausgegeben von C. F. v. Gräfe und Ph. v. Walther, Berlin 1834, Bd. XXI. S. 91 f. „Kaspar Hausens Verwundung, Krankheit und Leichenöffnung"). Nach einer genauen Beschreibung der Wunde und nachdem Heidenreich dargethan, daß schon die Richtung des Wundkanals gegen einen Selbstmord spreche, man müßte denn annehmen, daß sich Kaspar Häuser den ungemein heftigen Stoß mit der linken Hand in einer nach vorwärts gebeugten Stellung beigebracht habe, fährt er folgendermaßen fort (a. a. O. S. 119): „Die Leber war sebr groß und hypertropbisck. Dem Landgerichtsarzte, der sich gutachtlich ciuSzuiprechen hatte, konnte es daher nicht entgehen, daß diese Vergrößerung und Hypertrophie mit Hausers früherer Einkerkerung in Verhältniß zu setzen sei, indem auch Thiere, denen man in engen Käfigen wenig Bewegung gestattet, große Leber bekommen*). AuS dem Drucke der vergrößerten Leber erklärte derselbe, der auch Hausers früherer Arzt gewesen war, das fortwährende Ausstößen nach dem Genuß auch jeder Speise, über welches Häuser so häufig klagte, welche Erscheinung aber auch, nächst leicht und bald vorübergehenden Rückenschmerzen, die er sich einmal durch eine Erkältung zugezogen hatte, die einzigen Krankheitszusällc waren, die an Häuser während seines zweijährigen Aufenthaltes dahier beobachtet wurden. In Uebereinstimmung mit den ver- hältnißmäßig kleinen Lungen finde auch ich die Vergrößerung der Leber ganz natürlich, indem diese beiden Organe sich physiologisch bedingen als Ausschcidungsorgane des Kohlenstoffs, die Leber im Fötus für die Lunge fuuktionirt und in dem Thierreiche um so mehr hervortritt, je mehr die Lunge sich zurückzieht. „Konnte sich bei weniger Bewegung und in der dumpfen Lust deö Kerkers die Lunge nur wenig entwickeln, so mußte das Ucbergewicht auf die Leber fallen. „Ist es aber ausgemacht, daß Häuser lange Zeit nur koblen- stoffhaltcnde Vegetabilieu (trockncs Brod) und kein stickstoffhaltiges Fleisch zur Nahrung erhalten hatte, so wurde durch vermehrtes Bedürfniß, den Kohlenstoff auszuscheiden, auch die Vergrößerung der Leber und die dicke, zähe, schwärzliche Galle bedingt. „Umgekehrt aber beweisen diese Erscheinungen für Hausers früheres Verhältniß, für seine Einkerkerung iu einem dumpfen Loch» und Ernährung durch Pflanzenkost . „Ueber den namentlich vom Scheitel gegen die Stirne zu etwas niedergedrückten Schädel, die ziemliche Dicke der Knochen, den weit hcreinragenden Sichelfortsatz der harten Hirnhaut — über die Kleinheit des Gehirns im allgemeinen, die relativ geringe Masse deö großen und bedeutende Größe des kleinen Hirns, über die der Zahl nach wenigeren, aber dem Ansehen nach größeren und gröberen Windungen an der Oberfläche, das besondere Hervortreten einzelner Massen im Innern, namentlich im großen Gehirne, und endlich über einige Eigenthümlichkeiten der Schädel-Basis — habe ick mich schon im Leichenbefunde ausgesprochen (a. a. O. S. IlO f.). Alle diese Momente schienen mir auf mangelhafte Entwicklung deö Hirnorganö zu deuten. *) S. das gcricktsärztliche Gutachten des kgl. Landgerichts- arztcs Or. Albert vom 9. Januar 1834 bei Meyer, Anthent. Mittb. S. 373 f.: Wenn Meyer a. a. O. S. 374 A. dagegen bemerkt: „Lebervcrgrvßernngen können verschiedene Ursachen haben und kommen nickt selten auch bei Menschen vor, die ihrer Freiheit nie beraubt waren", so übersieht er, daß es im vorliegenden Falle nur darauf ankommt, ob sich die beobachtete Lebervergrößerung mit den Angaben, welche Kaspar Häuser über sein Vorleben machte, übereinbrmgen läßt. Dies kann aber nicht bestricken werden, zumal Kaspar Häuser in seiner Selbstbiographie ausdrücklich bezeugt, daß er sich in seinem Kerker nur wenig bewegen konnte und nicht immer die nöthige Menge Wassers zu trinken bekam. Der Vergleich mit den gestopften Gänsen ist daher recht wohl am Platze. „Als dasselbe herausgenommen war, wurde die Kleinheit der Hintern Lappen des großen Hirnes, die auseinandcrficlcn und das kleine nicht decken wollten, noch ausfallender, und diese Erscheinung hatte einige, wenn gleich nur entfernte Aebnlickkeit mit dem Aussehen, wie Carus (Versuche über das Nervensystem, Tafel V, Figur 21) das Hirn des Marders, oder Ticdemann (Bildungsgeschichte deS Fötushirns, Tafel III, Figur 1) das Hirn des menschlichen Föiuö abgebildet haben. „Uebrigens konnte ich während der Untersuchung des Gehirnes das Gefühl, und während ich dieses schreibe, das Wort „thierähnliche Bildung" nicht unterdrücken. „In diesem Falle war nicht die geistige Entwicklung durch mangelhafte Bildung des Hirnorganes gehemmt, sondern das Organ blieb in seiner Entwicklung zurück durch Mangel aller geistigen Thätigkeit und Erregung. „Denn es ist ein Naturgesetz, daß jedes Organ und Gebilde, das ungeübt und unbenutzt bleibt, den vollständigen Grad seiner möglichen Vollkommenheit nicht erreicht, oder von demselben zurücksinkt und verkümmert wird. Bis zum siebenten Jahre ist die materielle Entwicklung des Mensckenbirns so ziemlich beendigt, haben aber vor dieser Zeit und um dieselbe Einflüsse stattgefunden, die dessen naturgemäße Bildung bcmmen und aushalten konnten, so muß das Hirn auch in physischer und materieller Hinsicht auf der niedern Bildungsstufe stehen bleiben. „Nach dem angegebenen Naturgesetze, daß Uebung und Thätigkeit zur vollständigen Entwicklung eines Organes nölhig sei, und ohne dieselben auch die vhysischc Organisation in ihrer Ausbildung zurückbleibe, mußte die Hirnbildung auch in vorliegendem Falle geschehen. „Hat Häuser geraume Zeit vor dem siebenten Jahre seine Zeit in einem finstern Loche, im dumpfen Hiubrüten, ohne alle intellektuelle Thätigkeit und geistige Lebensrcize, die zur Entwicklung des menschlichen Hirns nöthig sind, zubringen müssen, so mußte auch seine Hirnbildung auf der thierähnliche» Stufe stehen bleiben, wie er selbst nur in thierähnlichem Zustande gelebt hatte. „Hat aber die Leichenöffnung einen solchen unentwickelten Zustand in der physischen Hirnbildung wirklich nachgewiesen, so ist dieser Zustand auch genügender Beweis, daß Häuser geraume Zeit vor seinem siebenten Jahre in die Lage, in der er so lange verharren mußte, gebracht worden ist. „Waren aber darüber die Jugendjahre verstrichen und hatte das Hirn seine physische Bildung auf dieser niedern Stufe vollendet, so konnte das Versäumte nicht mehr ersetzt werden. „Als er wirklich an das Licht und unter die Menschen getreten war, war es zu spät, als daß die intellectuellen Reize auf die Bildung des bereits gereiften, physisch ausgewachsenen, aber nur für diese niedere Stufe geistigen Lebens vollendeten Hirns noch hätten Einfluß äußern können. „Daher lassen sich die reißenden Fortschritte und glänzenden Anlagen erklären, die Häuser anfangs verrieth, weil für sie das Hirnorgan schon gereift war, das bei Kindern sich erst auch noch physisch bilden muß, daber aber auch sein alsbaldiges Stehenbleiben an der Grenze des Mittelmäßigen und Gewöhnlichen, weil das Hirn für höheres geistiges Leben nicht mehr umgebildet werden konnte." Wir ersehen hieraus, daß der Sektionsbefund völlig mit dem in Einklang steht, was Kaspar Häuser über sein Vorleben berichtete. Damit fällt aber auch der letzte Grund, an der Wahrheit seiner Erzählung zu zweifeln, hinweg, da es ja nicht in seiner Macht stand, auf die Bildung seiner inneren Organe einzuwirken, und es kann daher nunmehr als feststehende Thatsache betrachtet werden, daß Kaspar Häuser — kein Betrüger war. Die Todesamneldungen. Ein Streifzug in das „Nachtgebiet der Natur". Von k. F., 0. 8. k'r. (Fortsetzung.) II. Unläugbar feststehend sind die Todesanmeldungen in ihrer Mehrzahl, und von Zeit zu Zeit wird deren Realität durch neue Beispiele der glaubwürdigsten Art weiterhin bewiesen; wie nun lassen sich dieselben wohl vernünftiger Weise erklären? So berechtigt für den denkenden Verstand diese Frage an sich ist, so schwierig ist deren Lösung. Schon in den sinnlich wahrnehmbaren Dingen finden wir Menschen uns vielfach nicht znrccht, wie wollten wir da vollständig jene Verhältnisse ergründen, welche in dem Gebiete des Geistigen, des Uebersinnlichen obwalten? Die endgiltigen Kreuzpunkte der sichtbaren und unsichtbaren Welt vermag der beschränkte menschliche Verstand nicht genau zu bestimmen, wiewohl wir Menschen mit unserer Seele selbst in das „Nachtgebiet der Natur" hineinragen. In unserem dermaligcn Zustand des Erkenntnißvermögens können wir nicht weit in dieses dunkle Gebiet eindringen, wir sehen uns vielmehr auf Vermuthungen beschränkt. Jede Erscheinung in der Welt mittels der Vernunft nach ihrem Wesen zu erfassen und Zu erklären, ist die erhabene Aufgabe der Philosophie, und wer möchte wohl in Abrede stellen, daß des Menschen forschender Geist in den verschiedenen Zweigen der Wissenschaft bereits herrliche Triumphe errungen hat? Wie leicht zu denken, haben die Vertreter der Philosophie wie die Vorgänge im geistigen Leben des Menschen überhaupt, so auch die Todesmelduugen in das Bereich ihrer Untersuchungen gezogen. Nach ihrer Lehre sind die einschlägigen Thatsachen aus den Kräften der menschlichen Seele zu erklären. Sobald des Menschen Seele die rohe, leibliche Hülle abgelegt hat, behaupten die Philosophen mit Recht, tritt sie auf eine höhere Stufe des geistigen Lebens; ihr Erkennen ist dann im Vergleich zum irdischen ein gesteigertes und umfassenderes, und in gleicher Weise scheint die Annahme begründet, daß die Willenskraft der Seele, sofern sie in ihrem Wirken nicht mehr an die Mitthätigkeit der Sinnesorgane gebunden ist, zu freierer und kräftigerer Entfaltung gelangt. Mit der Trennung vom Leibe verläßt die Seele auch den irdischen Daseinskreis und tritt in den leiblosen über; dadurch hört sie naturgemäß auf, an einen bestimmten Raum gebunden zu sein. Diese allgemeinen Lehrpunkte der Psychologie finden wir schon scharfsinnig bei den kirchlichen Gcistesheroen des Mittelalters; so behauptet z. B. der große Aquinate: „Ist die Seele vom Leibe getrennt, so ist sie über jeden Raum erhaben." Was nun allezeit von der bereits abgcleibteu Menscheuscele gelehrt wurde, übertrügt bei den Todesaumeldungen die Philosophie auf die erst im Scheiden begriffene Seele. Hat sich die Seele, so lautet ungefähr kurz ihre Erklärung, zwar noch nicht völlig vom Körper losgerungen, sind aber doch die Bande zwischen Leib und Geist schon sehr gelockert, so nimmt die Seele bereits Antheil an den Kräften und Fähigkeiten der reinen Geister und ist demnach in etwas in einen höheren Wirkungskreis getreten. Dem Geiste ist es alsdann möglich, auf weitere Entfernungen unmittelbar, d. h. ohne Sinneswerkzeuge, zu wirken. Wahrscheinlich lasse auch die Innigkeit der Seelenverwandtschaft zwischen zwei Menschen nähere, geistig-seelische Beziehungen entstehen, die in jenem Zeitpunkte, wo die eine Seele sich zum Flug ins Jenseits rüstet, noch mehr hervortreten und noch wirksamer werden. In diesen Wechselbeziehungen und erhöhten Kräften der scheidenden Seele ist der Grund der Todesanmeldungen nach den Philosophen gegeben. Für diese Erklärungsweise spricht allerdings der Erfahrungsumstand, daß sterbende Menschen sich fast immer bei jenen Personen anmelden, denen sie mit besonderer Verehrung und Liebe zugethan waren. Ebenso läßt sich aus dieser Theorie erschließen, warum nicht selten eben jenen Angehörigen und Freunden eine Todesanmeldung zu theil wird, nach welchen der Sterbende in den letzten Augenblicken seines Daseins fragte oder deren Gegenwart er wünschte. Greifen wir z. B. nur zurück auf jene Thatsache in dem Leben der erwähnten protestantischen Dame; es kann nach der Erklärung der Philosophen ihr Wort: „Nun ist es Zeit, daß ich von dem Pater Abschied nehme", und ihr Erscheinen in Bellinzona einigermaßen verständlich werden. Gleichwohl werden wir der menschlichen Seele, solange sie noch nicht völlig von dem Leibe getrennt ist, jene Kräfte und Fähigkeiten nicht zuschreiben können, wie sie der vom Körper geschiedenen eigen sind; wir werden vielmehr mit den Vertretern einer gesunden Psychologie den Wirkungskreis der Seele, solange der Leib ihre Wohnstätte ist, als durch den Körper abgeschlossen betrachten müssen, womit eben dann jede Fernwirkung, wie z. V. bei den Todes- anmeldungen, als unmöglich sich darstellt. Wie die Philosophie die Todesanmeldungen auf die Seele und deren Kräfte zurückführt, so geben auch die meisten Naturforscher, welche leider so vielfach auf dem Standpunkte^ffes Stoff- oder des völligen Unglaubens stehen, Kräfte des Menschen als Ursache der einschlägigen Vorkommnisse an, aber nicht Kräfte der Seele, des Geistes — einen solchen kennen sie nicht —, sondern „Kräfte der menschlichen Natur". Nach ihrer Lehre ist „die menschliche Natur mächtiger und wunderbarer, als man früher geglaubt; sie besitzt Fähigkeiten, welche man bisher für göttliche oder dämonische angesehen hat." Da sich aber die Naturforscher rühmen, sich lediglich auf sinnliche Wahrnehmungen bei ihren Theorien zu stützen, so bleibt es uns gewöhnlichen Menschen von allem Anfang an unbegreiflich, wie diese Gelehrten sich auf das übersinnliche Gebiet zur Forschung wagen können, ohne mit sich und ihren Gruudprincipien in Widerspruch zu gerathen. Das Wort der geistreichen Convcrtitin Jda Gräfin Hahn-Hahn über Gott, den reinsten, ewigen Geist, gilt auch voll und ganz von dem Geistigen im Menschen, von der Seele, nämlich, daß sie mit Lupe und Fernrohr nicht entdeckt und durchforscht werden kann. Wollen die Naturforscher mit ihren Instrumenten die Todcsamneld- uugen nach ihrem Grunde zu erklären versuchen, so ist ihr Resultat sicherlich ein falsches. Sie gleichen da einem Menschen, der mit dem Fernrohr bewaffnet in der Sternenwelt nach Gott suchen würde, ihn natürlich nicht findet und dann der Welt mit dem berüchtigten Astronomen Bayle die unumstößliche Wahrheit verkündet: „Es gibt keinen Gott!" Aber selbst zugegeben, die moderne Naturforschung könnte durch ihre Mittel Ueber- sinnliches erklären, so ist ihre Theorie schon aus dem Grunde lächerlich, weil ihre Vertreter jene „Kraft der Natur" noch gar nicht entdeckt haben, welche dem Menschen die Fähigkeit zu den Todesanmeldungeu verleihen soll. Was man nicht definiren kann u. s. w., dieses geflügelte Wort könnte man solchen Forschern wohl in das Stammbuch schreiben! Wollten sich die modernen Propheten des Stoffglaubens doch merken die treffliche Mahnung eines hervorragenden Gelehrten der Gegenwart: „Durch Thatsachen so in die Enge getrieben, daß die Natnrforschung keinen Ausweg mehr sieht, thut sie besser daran, die fragende Menschheit nach Oben zu weisen, an die Un- ' sichtbaren, als Erscheinungen, die sie unter anderen Um- 223 ständen als hinreichend verbürgt ansehen würde, einfach auf bisher noch unbekannte Kräfte zurückzuführen oder sie ganz in Abrede zustellen!« Während die Philosopie doch wenigstens in etwas den Schleier lüftet, der über diesem Theil des „Nachtgebietes der Natur" liegt, vertröstet uns die Naturforschung auf noch unentdeckte Naturkräfte; wollen wir denn auch ruhig abwarten, bis diese „Kräfte" gefunden worden, inzwischen jedoch „nach Oben", „zu den Unsichtbaren" unsern Blick wenden und dort nach einer Erklärung unserer Begebenheiten suchen. — Schwingen wir uns im Geiste empor zu den Unsichtbaren, geführt von dem untrüglichen hl. Glauben, so treten uns dort drei Mächte entgegen, welche mit dem Menschen in Verbindung stehen, Gott, die Engel des Himmels mit den Heiligen und die Geister der Finsterniß. Wohl können mit Gottes Zulassung die Mächte der Hölle bei Todesanmeldungen thätig gedacht werden; aber wie mit Recht ein Gelehrter der Neuzeit bemerkt, treten derlei Anmeldungen keineswegs auf eine Weise ein, die nothwendig auf satanische Wirksamkeit und Bosheit schließen läßt. Wciters dürfte diese Annahme bei Besprechung des etwaigen Zweckes der Todesanmeldungen als unhaltbar sich erweisen. Mehr für sich hat die Meinung, welche ein amerikanischer Theologe über die Todesanmcldungcn vor einigen Jahren anführte. Er weist uns hin auf die wechsel- vollen und lieblichen Beziehungen, welche nach christ- katholischer Lehre zwischen der bedrängten Menschheit auf Erden und den beseligten Geistern des Jenseits besteht. Wäre es da wohl undenkbar, daß mit Gottes Willen diese guten Mächte bei den Todcsanmeldungcn sich thätig zeigten? Vor allem glaubte jener Theologe auf die hl. Schutzgeister der sterbenden Personen verweisen zu sollen. Diese Erklärungsweise ist, wie man zugeben muß, in keiner Hinsicht gegen die Lehre der Kirche, ja sie ist ebenso einfach und ungezwungen, wie den religiösen Anschauungen des Volkes entsprechend. Allerdings hat man gegen sie alsbald den Einwurf erhoben, diese Theorie scheine schon deßwegen unannehmbar, weil nach der Lehre derselben Kirche der Schutzgeist des Menschen beim Tode desselben eine viel wichtigere Aufgabe zu erfüllen habe, als die eintretende Auflösung den Angehörigen oder Freunden zu melden; gerade am Sterbebette müsse der hl. Schutzengel dem Menschen den letzten, entscheidenden Sieg erringen helfen durch seinen Beistand. Aber kennt denn die Lehre der Kirche nicht auch einen Schntzgeist für jede Familie, für jede Gemeinde u. s. w.? Wie also, wenn man sich einen dieser Engel thätig bei den Todcs- anmeldungen denken würde? Es kann auch ein solch' wirksames Eingreifen der Engel nicht als entwürdigend für die seligen Geister bezeichnet werden, da ja nach christlichen Begriffen kein Auftrag Gottes — und die Engel können ja auch nur mit Gottes Willen also wirkend auftreten — für irgend ein Geschöpf entwürdigend sein kann. Wie später gezeigt werden soll, werden die Schutzgeister bei den Todesanmeldungen wohl mehr sein als „bloße Neuigkeitsboten". Manche beanstanden bei dieser Theorie namentlich auch die Art und Weise, wie derlei Vorkommnisse eintreten; vor allem, heißt es, ist es unbegreiflich, wie man sich die erhabenen Mächte des Himmels bei jenen Fällen thätig zu denken habe, wo der sterbende Mensch sich den fernen Angehörigen selbst zu zeigen scheint; „es wäre dies zwar eine . fromme, aber immerhin eine Täuschung der Menschen, bewirkt durch Engel".*) Bezüglich letzterer Entgegnung sei erwähnt, daß in der Schrift des alten Bundes ein Fall erwähnt ist, der auf Todesanmelduugen in obiger Weise vielleicht Licht zu werfen geeignet wäre. Im Buche Tobias zeigt sich Naphael, der Erzengel, dem Vater des jungen Tobias in Gestalt eines Wanderers und bietet sich als Begleiter des Sohnes für die Reise an. Auf die Frage des Vaters Tobias nach der glücklichen Rückkehr, wer er sei, erklärte Naphael: „Ich bin Azarias, des großen Ananias Sohn!" Wie sich solch scheinbare Widersprüche näherhin rechtfertigen lassen, haben die Eeistesheroen der Kirche in ihren Werken zur Genüge nachgewiesen. Es dürfte demnach wohl nicht allzu schwer sein, ein Eingreifen der Engel in benannter Weise zu begreifen; doch wäre dies Sache einer theologischen Abhandlung und kann hier füglich Übergängen werden. Im Vorübergehen sei hier noch bemerkt, daß einzelne Gelehrte, welche dem Spiritismus huldigen, die Todesanmeldungen durch bereits verstorbene Angehörige der im Scheiden liegenden Personen bewirkt werden lassen. Wohl könnte Gott nach dem strengen Lehrbegriff der katholischen Kirche, mit welchem aber jene Anhänger des modernen „Geisterglaubens" im Widersprüche stehen, auch durch die Seele eines verstorbenen Freundes oder Verwandten einschlägige Begebenheiten hervorrufen lassen. Diese, mit dem Spiritismus nicht vollständig harmonircnde Erklärungsweise unterscheidet sich dann aber nicht wesentlich von der oben besprochenen, wo man sich Engel oder überhaupt Himmelsbewohner als Urheber der Todcsan- meldungen denkt. Wollte man aber annehmen, daß ohne Zulassung Gottes, gleichsam auf eigene Faust, die Geister der Verstorbenen solche Wirkungen erzeugen, so wäre man bereits in das äußerst gefährliche Fahrwasser des Spiritismus gekommen, welchen die Kirche als verderbliche Irrlehre gerichtet hat. Bei dem Versuche, die Todesanmeldungen zu erklären, gehen manche auch bis zu höchst „nach Oben", indem sie auf die unbeschränkte- Wundermacht Gottes re- flektiren. Nach ihrem Dafürhalten wirkt Gott bet derartigen Vorkommnissen ohne Vermittlung eines geschöpf- lichcn Wesens ein Wunder im eigentlichsten Sinne. Wiewohl bei Besprechung des Zweckes diese Annahme nicht als geradezu unannehmbar sich erweisen dürfte, muß man doch hier an dem Worte eines gläubigen Gelehrten festhalten: „Wir können uns zu dieser Meinung nicht bekennen; das Wunder übersteigt jede geschöpfliche Kraft und ist eine außerordentliche That Gottes, dazu bestimmt, in augenfälliger Weise Gott zu verherrlichen. Die erhabene Majestät des Wunders und dessen seltene Erscheinung würde aber sicherlich beeinträchtigt werden, wenn dasselbe mit den so häufigen Thatsachen dieser Art in Verbindung gebracht würde." Zudem ist es nach christlicher Sittenlehre vermessen, zu glauben, daß immer, bei jedem Vorfalle, der unerklärlich erscheint, Wunder geschehen. Die Erklärungsversuche, wie sie mit der Zeit nach der jeweiligen Richtung aufgestellt wurden, sind im Vorstehenden kurz namhaft gemacht und besprochen worden; es steht über jeden derselben dem geneigten Leser ein freies Urtheil zu. Denn bislang kann weder die eine noch die andere Meinung in diesem Punkte als die allein *) Man vergleiche hiezu Apostelgesch. 12,15, woraus man einen ähnlichen Glauben schon im Anfange deö Christenthums ersehen kann. 224 richtige sich behaupten; auch ist von Seite der Kirche den j Gläubigen keine Entscheidung für oder gegen nahe gelegt worden. „Prüfet alles, das Beste behaltet!" Doch nun zum Schlußstein unserer Abhandlung, zum Zwecke der Todesanmeldungen I (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. In der gediegenen „Zeitschrift für Schulgesund- heitspflege" von Dr. wsä. st pbil. L. Kotclmann, weiche in Hamburg erscheint, findet sich (1894, 4. Heft, S. 249) ein Bericht über nachstehende Schrift: Wie kann der Ueber- bürdung unserer Jugend auf höheren Lehranstalten mit Erfolg entgeaengewirkt werden? Ein Wort an Eltern, Lehrer und Erzieher von Direktor vr. Clemens Nohi. Leipzig, Ludw. HcM'er, 1892. — Weil wir glauben, daß die Besprechung dieser Schrift durch Herrn Pros. Sepp-AugSburg manche unserer Leser interessirt, bringen wir sie hier zum Abdruck. Sie lautet: Es lassen sich gewichtige Autoritäten hören, welche verlangen, daß jetzt keinen Schritt mehr weiter gegangen werden dürfe bezüglich der Entlastung der Jugend an den höheren Lehranstalten. Aber es fehlt auch nicht au ebenso gewichtigen Stimmen, (Ueber die wachsende Nervosität unserer Zeit. Von Pros. vr. Erb, Gebeimratb und Direktor der medizinischen Klinik der Universität Heidelberg. Heidelberg, 1893, G. Köstcr.) welche, um der Nervosität der Zeit entgegenzuwirken, eine noch größere Ncduziruug des Lernstoffes, besonders an höheren Mädchenschulen, fordern, damit derselbe ohne Hetze und Hast ruhig ausgenommen, ordentlich verdaut und assimilirt werden könne. Dock dieser Streit wird sobald noch nicht von der Bildfläche verschwinden, wenn auch allseitig anerkannt werden muß, daß nunmehr eine große Zahl der wohlthätigsten Verordnungen besteht, welche jegliche Uebcr- bürdung zu verhindern suchen. Die oben bezeichnete Schrift, wohl eine der beachtenSwerthesten Stimmen in dieser Angelegenheit, stellt besonders dasjenige in den Vordergrund, was von oben herab geschehen sollte, um schädliche Ueberbürvuug fern zu halten, und gar manche von den dort ausgesprochenen Desi- dcrien sind berücksichtigt worden. Wie mag der Herr Verfasser z. B. sich freuen, wenn er die neueste bayerische Verordnung über den naturgcschichtlichen Unterricht au den Gymnasien liest, wonach die Benützung eines Lehrbuches ganz ausgeschlossen ist und hauptsächlich bezweckt wird, das Auge für die Beobachtung der Natur zu schärfen und Lust und Freude an derselben zu wecken! Es kaun also gar nicht mehr vorkommen, was er auf Seite 10 schreibt, „daß Hunderte von Pflanzen nach der Zahl der Staubfäden, nach Gestalt und Farbe der Blüthen und Blätter, nach anderen Merkmalen, sowie nach ihrer lateinischen Benennung gedächtuißmäßig eingeprägt und immer wieder re- petirt werden müssen". Die vorliegende Arbeit von Herrn Direktor Nohl enthält eine Fülle von höchst wichtigen Bemerkungen und betont unter anderem nachdrücklich, es sei jetzt nachgerade auch an der Zeit, daß die Eltern zu der Entbindung der höheren Anstalten beitragen, dadurch, daß sie derselben nur ausreichend begabte, körperlich gesunde, sittlich unverdorbene Schüler zuführen, welche Fähigkeit, Lust und Neigung zu ernstem Studium haben und nicht durch falsche Erstehung und frühzeitigen Lebensgenuß abgestumpft und außer Stande sind, die kräftige Kost eines strengen Studiums in ihren verzärtelten oder verdorbenen Magen aufzunehmen und dort zu verdauen. Denn die Ursachen des Mißerfolges und der Nervosität sind gar mannigfaltig, und nur zu oft wirken inebrcre zusammen. Der Irrenarzt Professor vr. GraSbey in München hat vor einiger Zeit öffentlich ausgesprochen, daß bei den wenigen jugendlichen Geisteskranken, welche zur Beobachtung kamen, die Ursachen der nervösen Ueberreizung sich ganz anderswo zeigten, als im ernsten, andauernden Betrieb des Studiums. Aerzte und Laien erfahren eben leider nur zu oft die Bestätigung des Spruches: „Zu früh gelebt, zu früh verdorben und zu früh gestorben." Jllustrirte Geschichte des Allgäu's von Dr. F. L- Bau mann. Verlag von I. Kösel in Keuchten. DaS vorliegende 31. Heft enthält: a) an Text: Die neuere Zeit (1517—1602). Zweiter Abschnitt: Land und Leute. Erstes Haupt stück: Stände (Herren von Benzenau, Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Freiberg, Fuchs von Ebenhofen, Humpiß, von Waltrams, Landau. Langcnegg, Mangold, Ratzcnried, Rcchberg, Sckellen- berg, Scbweickart, Stein Summerau, Pappus von Tratzberg, Westernach; Briesadel. Scbmid von Schmidsfeld, Pakriciat, Bürgerschaft, Ausbürger, Freizimer, Leibeigenschaft, Lasten des Landvolkes, Juden). ZweiteSHauptstück: Leben und Cultur (Ucbervölkerung, Vercinödung, fremde Ansiedler, Mehrung der Bevölkerung, Herbergesystem, Wälderrenten, neue Vereinödungcn, bessere Benützung der Güter, Viehzucht, Nlpenwirthscbaft, Pferdezucht, Waldwirthschaft, Jagd, Fischzucht, Bergbau, Gewerbe, Zunftwesen, Brauereien, Weberei, Industrie, Handel), b) an Illustrationen: 1. Zwei Vollbilder in Farbendruck, ausgeführt in der Jos. Kösel'icken Oifizin in Keuchten, darstellend: Allgäuer Volkstrachten VI. und VII.: Weibliche Tracht von Oberstdorf und Weibliche Tracht in der Gegend von Wcrtach, beide nach einem Aquarell von Jos. Bück; 2. sechsunddreißig in den Text gedruckte Abbildungen. Weiß, vr. I. B. von, k. k. Hoftatb, Weltgeschichte, dritte verbesserte Auflage. Lieferung 102—109. Graz und Leipzig 1894. Verlags-Buchbaudluug „Styria". Preis der Lieferung 50 kr. — 85 Pfg. Diese Lieferungen enthalten den XIII. Band, der wie der vorhergehende Band die merkwürdige Zeit von 1750—1789 schildert, die Zeit der Aufklärung und des Absolutismus: die Einleitung in die Geschichte des Zeitalters der Revolution. Sie ist rcick an umfassenden Slaatsvcräudcrungcii, die aber in der Regel von einem Manne, vorn Fürsten oder seinem gewalitragcn- den Minister durchgeführt werden. Der Wille des Einen ist Gesetz. Das Skändelcbeu ist verkommen oder liegt in den letzten Zügen Die Völker sind wie Teig, an dem man nach gewissen Systemen berumkueret. Die Losung ist das VolkSwohl, in seinem Namen wird mit einem große» Aufwand von Fleiß und Verstand aus alles historische Leben losgeschlagen. Manches Gute wird eingeführt. noch giößcr ist jedoch die Zahl der Mißgriffe. Um jedoch auch im Speciellen aus den Inhalt dieses Bandes einigermaßen einzugehen, so finden wir hier die Aushebung des Jesuitenordens, die Neformpläne Josefs II., Katharinas II. Regierung, die Türkeukriege von 1787- 1789, die Unruhen in Belgien, Holland, Schweden und Dänemark u. s. w. behandelt, kurz eine reiche Fülle des herrlichsten und interessantesten Lesestoffes. Dabei sind die Cbaraklerzeicbuuiigen, wir nennen nur die hervorragendsten Namen jener Zeit, wie Joses II„ Friedrich II., Karl III., Gustav III., Pombal und Strucnsee. so vollendet und erschöpfend dargestellt, daß sie als ebenso viele Monographien gelten können. Wir können daher nicht umbin, dieses herrliche Geschichiswcrk immer und immer wieder auf das Angelegentlichste zur Anschaffung zu empfehlen. Die katholischen Missionen. Jllustrirte Mouatschrift. Jahrgang 1894. 12 Nummern. M. 4 — fl. 2.40 ö. W. — Freiburg im Breisgau. Hcrder'sche Vcrlags- haudlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 7: Die im Jahre 1893 verstorbenen Missiousbischöie. — Die Redactionen von Paraguay. (Forts.) — Ältchristliche Ruinen Nord-Synens. (Fortsetzung.) — Nachrichten aus den Missionen: Japan (Katecbisten); Cbiua (Ostmongolei); Vorderindien (Schulen in den Kholsmissivnen; Besuch beim Radschab von Mandi); Algier (Ein Ausflug nach Seelen (Schluß^); Acquatorial-Aftika (Stand der Mission); Südafrika (Neue Opfer am Sambesi); Westasrika (Mission bei den Adumas); Britisch-Nordamerika (Das heiligste AltarSsacra- ment im hohen Norden); Aus verschiedenen Missionen. — Miscellen. — Für Missionszwecke. — Beilage für die Jugend: Die Sklaven des Sultans (Fortsetzung). Illustrationen: Msgr. Dumaui, griechisch-melchitischer Bischof von Akon. — Msgr. Reynandi 0. 6., vorm. Apostol. Vicar von Sophia und Philippopel. — Msgr. Ricards, Apostol. Vicar von Ost-Kapland. — Msgr. Lions, Apostel. Vicar von Kwei-tscheu. — Plan der Mission von Caudelaria. — Seiten- portal der Kirche zu Dehhes aus dem 6. Jahrhundert. — Fassade eines Hauses und Chorseite der Kirche zu Dehhes aus dem 6. Jahrhundert. — Fassade der Kirche von Qualb-Luzeh. — Längsansicht und Chor der Kirche von Qualb-Luzeh aus dem 6. Jahrhundert. — Das Innere der Kirche von Qualb- Luzeh aus dem 6. Jahrhundert. — Der hochw. Herr Corre und seine Katechisten. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Pierluigi, Palestrina und der Cäcilien-Verein. Ein vorläufiges Wort an die verehrlichen Besucher der 14. General-Versammlung deS Cäcilien-Vereines am 8. und 9. August 1894 zu Regensburg. Motto: „Ihr stürzt nieder, Millionen?!" IV. K. In den „Fliegenden Blättern für kath. Kirchenmusik, offizielles Organ des allgemeinen Cäcilien- Vereins", wurden bis jetzt drei Anträge an die demnächst in Negensburg tagende General-Versammlung veröffentlicht. Während die letzteren zwei (von Prälat Karton und vom Diöcesan-Präses Dr. Walter eingebrachten) geschäftlicher Natur sind und das Verhältniß der Dtö- cesan- und Psarrvereine zum „Allgemeinen Cäcilien- Vereine" betreffen, ist der erste für die Existenz und das Gedeihen des Vereines an sich scheinbar und hoffentlich ganz belanglos, er hat persönlichen Charakter, tangirt sachlich höchstens das Portemonnaie der Vereinsmitglieder, und das nicht bedeutend. Aber die Tendenz, die dem Antrage zu Grunde liegt, und der Charakter des Antrages scheinen uns — sonderbar, und deshalb dürfte es angezeigt sein, in einem öffentlichen Blatte, das von sehr vielen süddeutschen Besuchern der General-Versammlung gelesen wird, sich darüber auszusprcchen, solange es noch Zeit ist. In Nr. 5 der „Flieg. BI." wird nämlich folgender Antrag gestellt: „Die General-Versammlung wolle beschließen, daß aus Anlaß des Palestrina-Jubiläums, und um das Andenken des großen Meisters der Töne zu ehren, Sr. Eminenz dem Kardinal Angela Bianchi, dem erhabenen Protektor unseres Vereins, welcher zugleich Bischof von Palestrina, dem Geburtsorte des unsterblichen Meisters, ist, aus Dritteln des Vereins ein entsprechender Beitrag (etwa 1000 Mark) zur Restauration der Kathedrale daselbst überreicht werde." Es ist etwa anderthalb Jahre her, da wurde dem Schreiber dieser Zeilen ein Aufruf aus Palestrina übermittelt, unterzeichnet von Mitgliedern eines Comitö's für eine Palestrinafeier eben in der Geburtsstadt des Meisters. Dieser Aufruf hatte zum Inhalte zunächst den Hinweis auf das Palestrinajubiläum; sodann versuchte er sich in Geschichte: „Die ganze Welt „wiederholt" (!! offenbar italienisch-deutsch statt „widerhallt"!) vom Ruhme Pa- lestrina's;" er sei es gewesen, der die Musik — Gott weiß aus was für beengenden Fesseln, aus waS für einem Nichts von Unmusik — mit kühner Hand zur höchsten Blüthe, Stilreinheit, Correctheit des Ausdruckes rc. heraus- und emporgeführt habe — „allerdings nur, damit diese erhabenen Klänge nach kurzer Zeit wieder den trivialen Plattheiten einer weltlichen Kirchenmusik Platz machen sollten." Der Zweck des Sendschreibens war der: von den gutmüthigen Deutschen Beitrüge zu erbetteln zur Restauration der Kathedrale in Palestrina, „dem Geburtsorte des unsterblichen Meisters"; die innere Westfayade sollte mit Fresken aus dem Leben Palestrina's geziert werden. Ich sandte damals den Bettelbrief zurück*) mit folgendem Vermerk: 1) aus der Adresse (sie war orthographisch falsch französisch geschrieben) geht hervor, daß die Herren vom Comitö im Französischen nicht ge- ') Eben das ist auch der Grund, warum ich jetzt aus dem Gedächtniß citiren mnß; indeß glaube ich sowohl den Inhalt des Avisos, sowie dessen Wortlaut, soweit ich ihn in Anführungszeichen wiedergebe, ziemlich getrcn gemerkt zu haben. rade stark sind; 2) aus dem Worte „wiederholt" statt „widerhallt" geht hervor, daß die Herren nicht Deutsch können und sich dafür nickt einmal in diesem Falle auch nur einige Mühe gegeben haben; 3) aus der Stellung, welche sie für den „Musilreformator" Palestrina gegenüber seinen Vorgängern vindiciren, geht hervor, daß die Herren die Musikgeschichte gar nicht kennen; 4) wer je einmal in Italien, in Genua, Venedig, Mailand, Florenz — und je südlicher, desto erbärmlicher! — Musik in der Kirche gehört hat, der muß den Italienern (tutti guanbi!) ganz entschieden das Recht absprechen, über Kirchenmusik, vorab über „triviale Plattheiten" auch nur zu reden. Damals dachte ich beileibe nicht daran, daß einem Aufrufe zu einer Palestrinafeier bei uns Gehör gegeben werde, zumal da die Vereinsblätter sich darüber — eine kurze Notiz in der Nusiorr snoru, ausgenommen — meines Wissens vollständig ausschwiegen. Eine Palestrinafeier in Italien! Was wissen denn die Italiener von Palestrina? Daß er wie ein ckeuo ox maostina. gekommen ist mit einer Musik, die vordem auch nicht geahnt werden mochte? Deswegen wäre ein Palestrina noch lange nichts Großes; denn „vor Fröschen ist auch der Hase tapfer"; sicherlich groß ist jener, der auch unter Großen der Größte ist! Oder daß er kein „Niederländer" war, wenigstens seinen niederländischen Lebenssaft allmählig in italienisches Vollblut umwechselte? Aber Palestrina ist Niederländer gewesen und hat stark niederländische Züge auch in seinen vollendetsten Werken dokumentirt (Nissa „l'omms arraä"; vgl. auch die Bemerkungen, die Ambras Bd. 4 S. 16 f. zur Lliosn „ut ro mi" macht). Mir scheint nach allem, was ich von Italien weiß, wissen die Italiener von Palestrina und feinem Werke ungefähr soviel, wie wir Deutsche von Kalidasa und der Sakuntala: einige wenige Kreise sind etwas eingeweiht, die anderen Italiener kennen nichts, weder von Palestrina, noch von seinem Werke, noch von seinem Geiste. Und was der eingeweihteste italienische Palestrinakenner, Gins. Baini, über Palestrina als „Reformator" übertrieben und gefabelt hat, das haben Ambras und namentlich Habers) zur Genüge gezeigt. Die Italiener wollen Palestrina feiern — wie? Sie hatten schon einmal so etwas, wie eine Palestrinafeier; damals schrieben sie an alle lebenden Komponisten um Beiträge zu einem Monstre-Concert — nur keinen oder so gut wie keinen „Palestrina"! Damals hatte R. Wagner den trefflichen Einfall, den Italienern als seinen Beitrag seine herrliche Bearbeitung des zwci- chörigen Linda,!: mator von Palestrina zu senden; das war ein Nasenstüber, wie die italienischen Fest- und °) Kirchcmnus. Jahrb. 1892 u. 1894. Möchte doch Haberl auch einmal den Beweis bringen, daß Palestrina in Bezug auf den gregor. Choral größere als bloß Dilettantenverdicnstc hat! Mir will's immer scheinen, als sei die Kenntniß deS gregor. Chorales ebensowenig Palestrina's als der anderen Contrapnnktiker starke Seite gewesen, ok. Rahm. Schlecht, Geschickte der Kirchenmusik S. 67- Herr Haberl hat zu Nr. 2 der Llus. saera 1894 eine außerordentliche Beilage gegeben: „G. P. da Palestr. u. das osfiz. 6raä. Rom." In dieser Abhandlung scheint mir das „Es würde hier zu weit führen durch Notenbeispicle nachzuweisen" . . . (S. 11 Nr. 8 b) der schwache Punkt zu sein. Ein solcher Nachweis im Einzelnen „führt nicht zu weit," im Gegentheil, er ist nothwendig: der Behauptende muß beweisen; das liegt in seinem Interesse und im Interesse der Sache. 226 Musikmacher ihn verdienten! Nun wollen sie in Italien, speciell in Palestrina, wieder eine Palestrinafeier veranstalten — wie? Durch eine Malerei in ihrer Kirche, zu der wir Moneten spenden sollten. Es braucht sich ja uns nicht gerade um das Kleingeld zu handeln, aber um das Princip: feiert man so Palestrina? „Ihr werdet meine Freunde sein (nicht wenn ihr mich „ikrinoipo äsUa, inusiou", „Herr, Herr" nennet, nicht wenn ihr mich irgendwohin malet oder -gipset, sondern) wenn ihr das thut, was ich euch geboten habe," wenn ihr die Werke, so ich euch hinterlassen, studieret und in schönster Darstellung dem Gottesdienste und der Welt zugänglich machet! Was für ein Verdienst haben denn die Italiener hierin? Sie ließen — mit rühmlicher Ausnahme Batni's — Palesirina's Werke in ihren Bibliotheken vergraben sein; cs war ein Deutscher, der edle Proske, der da hincingriff und Werke Palestrina's an's Tageslicht brachte; es waren Deutsche, voran und zu allermeist Haberl, die mit unermüdlichem Fleiße und mit staunenswerther Findigkeit Palestrina's sämmtliche Werke zusammentrugen und Herausgaben; die verlegende Firma ist auch eine deutsche: Breitkopf L Härtel in Leipzig; und der Handel mit Palestrinabänden gravitirt dem Vernehmen nach durchaus nicht nach Italien! Das Verdienst der heutigen Italiener gegenüber Palestrina? Ich wüßte es nicht zu nennen; aber bei dem Gedanken an die „trivialen Plattheiten" fällt mir ein Geschichichen ein, das ich als Schulknabe einmal im Lesebuch von Hopf gefunden habe: auf dem römischen Forum, wo einst Cicero den Catilina verdonnert hat, wo Cäsar und Augustus im Triumphe eingefahren sind, da erschienen „nachmals" zerlumpte Knaben: kauft's „Hecheln und Mausfall'n, der Welschland Kunst dran, der Deitschland nit kann!" Lapionti sät! „Gotteslästerliches Mnsiktreiben in den meisten ital. Kirchen", sagte Kardinal Bartolini, selbst Italiener, im März 1884. Walter, Biogr. Witt's S. 167. Muß cs demnach erklärlich erscheinen, wenn schon der einzelne Deutsche mit der Pierluigifeier in Palestrina nichts zu thun haben will, so muß es sonderbar erscheinen, wenn dem ganzen Cäcilienvereine bezw. der Generalversammlung zugemuthet wird, sich offiziell und korporativ an dieser Feier zu betheiligen; es muß geradezu verblüffen, wenn dieser Antrag da nicht etwa vom italienischen Fesicomitö in Palestrina gestellt wird, sondern von einem deutschen Landsmanne, einem Cäcilianer, gar von dem Generalpräses des Vereines. O taiuxora, o woros! Oder haben die Italiener vielleicht so große Verdienste um den deutschen Cäcilien-Verein? Der Verein verfolgt — ob mit Recht oder mit Unrecht, braucht hier gar nicht untersucht zu werden — andere kirchen- musikalische Tendenzen als Haydn und Mozart. Nun war es gerade der Kardinal Bartolini, der diese Tendenzen des Vereines desavouirte; Witt selbst hat jenen Brief Bartolini's (ä. ä. 15. Juli 1883) als ein Des- aveu angesehen ^); und alle Deutungen und Erklärungen haben das Wesen jener Angelegenheit nicht alterirt. Dann kam der Ernestine-Bauduin-Nummel (anno 1891): kurz vor der Generalversammlung des Cäcilien- Vereines zu Graz erhielt Frau Gräfin Banduin für eine erbärmliche Sudel-meß-„Composition" „von höchster Stelle" allerhöchste Auszeichnungen. Stehle im „Chorwächter" Nr. 6 richtete damals an den „Generalstab" die denkbar energischste Mahnung zu einem entschiedenen Proteste gegen dieses Gebühren; er machte auf die verderblichen Folgen aufmerksam, die der Fall haben werde, wenn man die Sache ruhig hinnehme. Was geschah in Graz? Gar nichts; dagegen ist in Nusioa saora 1891 Nr. 10/11 S. 160 an verborgenster Stelle zu lesen: „Ein feierlicher Protest gegen den B.-Schwindel wäre der Generalversammlung unwürdig gewesen." Bum, großartig! Aber es war doch nicht unwürdig, noch 1893 in Nr. 6 der Flieg. Bl. den ehemaligen Dorfschöuen Bühler und Consorten wieder einmal in ihr längst er- storbenes, vermodertes Gesicht zu leuchten und ihre Häßlichkeit zu zeigen!! Der sei. Witt war wenigstens Mann genug, sich seinerzeit gegen den Bartolinibrief energisch zu vertheidigen und ein Ultimatum zu stellen. Wie sieht aber nun ein Antrag des jetzigen General-Präses aus? Nicht nur keine Vertheidigung nach oben, sondern ein Antrag auf eine — Handsalbe! Und das unter der Devise „Palestrina-Ehrung" l Ich meine, es gäbe Anträge an die General-Versammlung, mit denen sich ein Präses Verdienste erwerben könnte. Ich weise nur hin auf die erbärmliche Stellung, in die manche gutgesinnte Chorregenten gegenüber ihren Kirchenvorstünden und gegenüber ihrem Personale gezwängt sind. Das wäre ein Kapitel! Es ist bereits einmal ausführlich behandelt worden: im „Chorwächter" 1890/91 — der Präses und sein Organ haben sich natürlich darüber vollständig ausgeschwiegen. Ein Punkt, nicht unwürdig eines Antrags seitens des Generalpräses, wäre z. B. auch der: die General-Versammlung disku- tire die Frage, wie dem Handwerkerthum wirksam und ohne materielle Schädigung der Musiker begegnet werden kann, das auf vielen Chören herrscht infolge allzuvieler kirchenmusikalischer Verrichtungen. Schreiber dieser Zeilen wüßte mehr solcher Kapitel, die ganz würdig wären auf die Initiative des Generalpräses hin von der General- Versammlung behandelt zu werden. Indeß wollen wir heute bet der Palestrinafeier bleiben und als Pendant gegen den Antrag des Herrn Generalpräses einen anderen hier stellen, nachdem dieser Antrag, an competenter Stelle eingebracht, im Vereinsorgan todtgeschwiegen worden ist: „Die General-Versammlung in Negensburg wolle beschließen, daß, aus Anlaß des Palestrina- jubiläums und um das Andenken des großen Meisters der Töne zu ehren, aus Vereinsmitteln und durch Erhebung freiwilliger Beiträge eine entsprechende Summe zusammengebracht werde behufs Transferirung der Gebeine Palestrina's aus Italien auf deutschen Boden (etwa zu Orlando di Lasso nach München), da die Italiener bei dem Stande ihrer Kirchenmusik nicht verdienen, auch nur den Staub Palestrina's zu besitzen." Auf München nun wäre ich hierin nicht gerade versessen, namentlich nach der letzten Orlandofeier; ich glaube, daß z. B. Negensburg viel würdiger wäre, solch theure Ueberreste zu bergen. Die Italiener übrigens könnten sich kaum beschweren über eine Transferirung Palestrina's: als ich (im Herbste 1890) in der Kirche 8anta Oroao in Florenz war, waren soeben die Gebeine Nossini's vom Pöre-Lachatse dorthin gebracht worden: in Paris habe ich nie Rossini in der Kirche gehört (freilich schlimmere Dinge — neben viel plain-estulltl), ok. Walter, Biogr. WittS S. 166 ff. wohl aber in Florenz. Also, wo der Held in Ehren ist, da soll er auch ruhen! Indeß sind das Aeußerlichkeiten, Zufälligkeiten; auf sie kommt an und für sich auch gar nicht viel an, ebensowenig als es an und für sich auf die tausend Mark im Schmidt'schen Antrage ankommt; worauf es ankommt, das ist das Princip und die Tendenz; und diese dürften aus unserem Antrage eben so leicht ersichtlicb sein, wie aus dem des Herrn General- präses. Wieder ein „Leben Jesu". Wieder einmal glaubt der ebenso aufgeblasene und selbstbewußte als oberflächliche und unwissenschaftliche Unglaube einen Fund gemacht zu haben, der geeignet sei, dem Evangelium und dem Christnsglauben den Garaus zu machen. Ein Nüsse, wie sich unten zeigen wird, allem Anscheine nach ein russischer Jude, Namens Not owitsch, will in dem berühmten Hauptsitz des tibetanischen Buddhismus eine Lebensgeschichte Jesu entdeckt haben, die über diesen ganz andere Aufschlüsse ertheilt als die vier Evangelisten. Der großartige literarische Fund des Herrn Notowitsch belehrt uns, daß Jesus mit 13 Jahren heimlich seine Familie in Nazareth verlassen und sich einer nach Jerusalem gekommenen Karawane von Kaufleuten angeschlossen hat, die ihn nach Indien mitnahm. Dort ließ er sich in der Wissenschaft und Religion der Brahmanen unterrichten. Bald aber überwarf er sich mit seinen Lehrern, weil er sich gegen das Kastenwesen erklärte, er wurde verfolgt und mußte sich flüchten. Er ging nun zu den Buddhisten, und deren Lehren bewogen ihn, sich seinerseits als Neligionsstifter zu versuchen. In Gakyamuni's (Bnddha's) Doctrinen eingeweiht, kehrte dieser merkwürdige „Jesus" über Persien, wo er wegen seiner Bekämpfung des Zoroasterismus allerlei Abenteuer zu bestehen hatte, nach Palästina zurück. Dort predigte er seine Lehre, stachelte das Volk zu seinen Gunsten auf, versuchte sich zum König ausrufen zu lassen und ward trotz der Sympathien und Proteste des jüdischen Volkes von Pilatus zum Tode verurtheilt. Diesmal hat der Versuch, dem Jesus der Evangelien und des christlichen Glaubens einen Jesus der Mythe und der Phantasie entgegenzustellen, sofort eine Abfertigung erfahren von einer Seite, die keiner Parteinahme für christliche Auffassung und Anschauung verdächtig ist. Der weltberühmte Orientalist Pros. Leon RoSny am Collöge de France zu Paris, einer der tüchtigsten Kenner des Buddhismus, schreibt vom rein wissenschaftlichen Standpunkte aus über die Leistung des Herrn Notowitsch. „Das .unbekannte Leben Jesu' ermangelt an gewissen Stellen nicht der Originalität; man liest es sogar mit Vergnügen. Jedoch findet man darin einen Fehler, der verzeihlich ist bei einem romanhaften Werke, aber etwas schwer wiegt bei einem Buche, das den Anspruch erhebt, dem Gebiete der Geschichte anzugehören: dieser Fehler besteht darin, alle Anzeichen einer phantastischen Erzählung zu bieten und einen etwas mehr als verdächtigen Ursprung zu verrathen. Der Verfasser war sofort von der Ähnlichkeit der Namen ,Issest (so heißt der Held des .unbekannten Lebens') und .Jesus' betroffen. Recht schön. Aber der Name Majas', dessen Träger am zweiten buddhistischen Concile Theil genommen, ähnelt nicht minder dem Namen Christi. Dasselbe gilt von Buddha; der Name ,6akya-Muni' (so wird nämlich Buddha bei Notowitsch genannt) findet sich wieder bei den Tibetanern im fünfzehnten Jahrhunderte, wo er von einem berühmten Apostel (des Buddhismus) getragen wurde, der aber unter der Reform Tseng-Kabas sein Ansehen verlor, weil er in Gegenwart seines Gegners das Verbrechen begangen hatte, unter seinem Kleide und zwischen seinen Fingern ein kleines weißliches Schmarotzerthier zu zerquetschen, das ihn grausam zerbiß. „Es sei fern von mir, die Ehrlichkeit des Herrn Notowitsch anzuzweifeln; aber man kann offen sagen, daß er Alles gethan hat, um seine Sache zu verlieren. Von der Handschrift, welcher er seine Aufschlüsse entnommen hat, liefert er uns keinerlei Beschreibung, keinerlei Probe; er meldet uns bloß, daß sie auf einem von der Zeit vergilbten Papier geschrieben sei. Er hatte einen Photographischen Apparat bei sich; es kam ihm nicht der Gedanke, auch nur das geringste Bruchstück zu reprodu- ziren. Diese Handschrift ist freilich in einer Sprache (im Pali) geschrieben, die er nicht versteht, und er ist darauf angewiesen, vertrauensvoll die Nebersetzung anzunehmen, die ihm ein Lama liefert, dessen Namen er uns nicht einmal kennen lehrt. Aber er theilt uns nicht daS mit, was ihm jener Lama dictirt hat; was er veröffentlicht, äst ganz seine persönliche Textirung, die er nach seinem Ermessen mit Anmerkungen versehen hat, um so dem ganzen Werke einen einheitlichen Charakter aufzudrücken. „Herr Notowitsch vergißt, uns die Beweggründe mitzutheilen, die ihn glauben lassen, daß er nicht das Opfer eines schlechten Spaßes geworden, und was ihm Vertrauen einflößen konnte auf die (buddhistischen) Mönche, bei denen er übrigens nicht nur falsche Ideen in philosophischer und religiöser Hinsicht, sondern auch historische Irrthümer der gröbsten Art aufgelesen hat. Man hat ihm z. B. gesagt, daß der Buddhismus in China unter der Regierung Mingati's um das Jahr 2050 eingeführt worden sei, während Jedermann weiß, daß dieser Fürst im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung lebte, und daß der Glaube Oakhamuni's durch die chinesische Regierung officiell im Jahre 65 nach Christi Geburt anerkannt wurde. Bloß um 2000 Jahre gefehlt in einer chronologischen Angabe! Man möchte an einen Druckfehler glauben; allein Fehler dieser Art dürften nicht in einer vierten Auflage stehen bleiben. Derselbe Kaiser (als zu einer Dynasti Honi, statt Hnn, gehörend bezeichnet) hätte übrigens zu zwei verschiedenen Epochen leben müssen, denn an einer andern Stelle seines Buches erzählt uns Herr Notowitsch, daß jener Fürst ein Jahr vor Jesu Geburt die Schriften ^akyamnni's, der nie etwas geschrieben hat, nach China bringen ließ. Wäre diese Angabe wahr, so hätte Mingati sein Decret zu Gunsten des Buddhismus 59 Jahre vor seiner Thronbesteigung erlassen. „In derselben Schule der Lamas, die meistens Leute von crasser Unwissenheit sind, hat Herr Notowitsch ohne Zweifel gelernt, daß das Alphabet und das Pergament in China vor MoseS bekannt waren. Das fragliche Alphabet wäre von Fou, dem ersten Kaiser, im Jahre 2800 erfunden worden. Nun weiß Jedermann, daß die Chinesen, selbst heutzutage, kein Alphabet haben, und dem letzten Orientalisten ist es nicht unbekannt, daß man dem genannten Kaiser, der während der mythischen Perioden der chinesischen Phantasie lebte, die Anwendung der Trigramren zuschreibt, die zu der alphabetischen Schrift 228 in keiner Beziehung stehen. Das der Regierung dieses Fou zugeschriebene chronologische Datum ist übrigens ebenso ernst zu nehmen, wie jenes Zoroasters, den Herr Notomitsch in das Jahr 550 bor Christi Geburt versetzt. Ich könnte die Zahl dieser Beispiele leicht vermehren und ihnen philologische Bemerkungen von nicht minderer Wichtigkeit anfügen, die aber nur die Orientalisten interessiern. Das Buch des Herrn Notowitsch ist vielleicht ein sensationelles Werk, aber es ermangelt vollständig des wissenschaftlichen Charakters." Hiemit wäre Herr Notowitsch mit seinem „unbekannten Leben Jesu" wissenschaftlich abgethan. Aber es ist nicht unwahrscheinlich, daß hinter dem Buche eine jüdische Speculation steckt. . . . Notowitsch läßt die Juden und Pilatus ihre Rollen vertauschen: nicht die Juden haben die Kreuzigung Jesu verlangt, sondern Pilatus ließ ihn trotz und wegen der Sympathien der Juden für ihn kreuzigen. Wäre dem so, so wäre die ganze christliche Geschichte und damit auch das gesummte Christenthum über den Haufen geworfen. In der That ist die „Vraie Parole", ein jüdisches Organ in Paris, von dem Buche so entzückt, daß sie erklärt, daß „die Entdeckung des jungen russischen Gelehrten für das Judenthum der Ausgangspunkt einer heilsamen Entwicklung sein könnte und sollte nach seiner großen Bestimmung, die da ist, eines Tages die Religion der Menschheit zu werden". Die Todesaitmeldungen. Ein Streifzug in das „Nachtgebiet der Natur". Von ?. F., 0. 8. §r. (Schluß.) III. Zweckbewnßtes Handeln allein offenbart denkende Vernunft; alles, was ohne bestimmten Zweck geschieht, erscheint von Anfang an als unvernünftig und darum auch als unwahrscheinlich. Sollen daher die Todesanmeldungen als Thatsachen zugestanden werden, so muß sich in ihnen nothwendig ein vernünftiger Zweck offenbaren; ein solcher ist aber nicht wohl einzusehen, folglich sind derlei Spukgeschichten mit Recht in das Bereich der Fabeln zu verweisen I Wie steht es nun in der Wirklichkeit mit diesem Einwände? „Es ist bestimmt in Gottes Rath, daß man vom Liebsten, was man hat, muß scheiden", singt wehmutsvoll der deutsche Dichter, und das Wort „Tod" überzeugt uns hinlänglich von der bittern Wahrheit dieses Ausspruches. Wenn das „Scheiden wehe thut" jenen, die an ein fröhliches Wiedersehen über kurz oder lang in lichten Himmelsräumen glauben, wenn selbst diese sich glücklich schätzen, dem sterbenden Freunde, den scheidenden Angehörigen zum letzten Abschied die welke Hand zu drücken, um wie viel mehr werden jene Unglücklichen, die an ein besseres Jenseits über den Sternen nicht mehr glauben, sich sehnen, dem „enteilenden Genossen" froher Tage noch ein kurzes Lebewohl zu bieten, ehe er unwiederbringlich zurücksinkt in das trostlose Nichts? Wer sich zur Devise: „Macht euch das Leben angenehm und schön, es gibt kein Aufersteh'n, kein Wiederseht" bekennt, mag den Zweck dieser „Geistergeschichten" darin suchen, daß sich zwei Menschen, durch zärtliche Bande des Blutes oder des Geistes verbunden, vor dem so bittern Scheiden auf immer und ewig in dieser Weise den letzten Scheide- gruß, das letzte Liebespfand weihen. Diesen Zweck scheint auch jene protestantische Dame einzig und allein verfolgt zu haben, wie ihre Worte: „Es ist Zeit, daß ich von dem Pater Abschied nehme!" vermuthen lassen. Sicherlich ist es ein schöner und durchaus edler Gedanke, welcher dieser Zweckbestimmung zu Grunde liegt, aber sollte sich kein erhabenerer Endzweck der Todesanmeldungen finden lassen? Für den gläubigen Christen winkt über den Sternen frohe Hoffnung auf ein Wiederseht, für ihn bricht aber auch beim Scheiden jene Nacht herein, wo er nicht mehr wirken, nicht mehr an seines Schöpfers Güte appelliren kann. Hierin sucht die katholische Theologie für ihre Zweckbestimmung einen Stützpunkt. Nach der tröstlichen Lehre der Kirche reicht die Liebe der Hinterbliebenen bis zum Throne des gerechten Richters und kann dort durch Gebet und gute Werke anderer Art kräftig die zagende Seele unterstützen. Es dürfte sich hiemit der Zweck der Todes- anmeldungen ohne Schwierigkeit also bestimmen lassen: „Wird lieben Verwandten oder trauten Freunden durch eine „Anmeldung" Kunde von dem Hinscheiden einer nahestehenden Person, so soll ihnen dadurch nach dem Willen Gottes Gelegenheit und Antrieb geboten werden, möglichst schnell der verstorbenen Person zu Hilfe zu eilen." Ganz diesen Zweck offenbart jene Todesanmeldung im Leben des hl. Aloysius. Läßt sich wohl hierin nicht eine entsprechende Ursache zum thätigen Eingreifen der Engelwelt mit Gottes Zulassung, ja selbst zur Entfaltung der Wundermacht Gottes in etwas wenigstens denken und finden? Wie Gott aber auf verschiedene Weise ähnliche Zwecke verfolgt durch außerordentliche Begebenheiten, dürfte unschwer aus folgendem, höchst merkwürdigem Vorfalle zu erkennen sein. Ein zwar betagter, aber an Geist und Körper völlig rüstiger Pfarrer der protestantischen Religion hatte einst, wie schon öfters, einen jüngeren Collegen zu Tische geladen. Um seine Ansicht in einer theologischen Streitfrage, über welche sie sprachen, zu begründen, ging besagter Pfarrer in seine Bibliothek, ein Buch zu holen. Wer beschreibt aber sein Erstaunen, da er beim Eintritt bereits sich selbst dort sitzen steht? Die Gestalt schien eifrig in einem Buche zu lesen; beherzt tritt der Geistliche an sie heran, blickt über deren Schulter in das vorliegende Buch und findet, daß die Erscheinung mit ihrem Finger auf jene Stelle des Propheten Jsaias deutet, wo es heißt: „Bestelle dein Haus; denn du mußt sterben!" Erschüttert kehrt der Greis zurück und erzählt die sonderbare Begebenheit, welcher der Freund natürlich jede weitere Bedeutung abspricht. — Wenige Tage später schied der Pfarrer wirklich aus dem Leben. Wird es reiner Zufall gewesen sein, daß jene Gestalt eben auf diese Stelle hinwies? Kann Gott auf diese Weise zu außerordentlichen Zwecken das sogenannte zweite Gesicht benützen, warum sollten dann nicht auch die TodeS- anmeldnngen einem ähnlichen, erhabenen Zwecke dienen können? Daß bei einer solchen durchaus ungezwungenen Theorie an ein thätiges Eingreifen der höllischen Mächte nicht wohl zu denken ist, dürfte leicht begreiflich sein. Sicherlich steht es in Gottes Macht, auch die bösen Geister guten Zwecken dienstbar zu machen; ja in einzelnen wenigen Fällen, wo die Todesanmeldungen in äußerst schreckenerregender Weise eintraten, dürfte sogar eher an diabolische Wirksamkeit zu glauben sein, als an das Walten der guten Engelwelt. So wissen wir z. B., daß mitunter ungerathenen Kindern, frivolen Sünden- genossen der Tod der bisher vergebens warnenden Eltern u. s. w. in erschütternder Weise angezeigt wurde, um jenen Unseligen so eine letzte eindringliche Warnung zukommen zu lassen. In solchen Fällen werden aber sicher die Mächte des Abgrundes nicht aus eigenem Willens- entschluß selbst mit Zulassung Gottes so handeln, sondern widerwillig den höheren Absichten des Herrn sich beugen müssen. Ihr Wirken wäre dann zusammentreffend mit dem der guten Engel. Freien, ungezwungenen Einfluß der satanischen Geister ohne jedweden Zweck können wir aber nimmermehr annehmen, da der böse Feind zwar ein verworfener, aber immerhin höchst vernünftiger Geist ist, der sicherlich ohne höheren Befehl die Menschen nicht zur Einkehr in sich selbst und zur Umkehr vom Wege des Verderbens, überhaupt zu guten Werken antreiben wird. Auch wird Gott niemals zugeben, daß die verstoßenen Engel die Menschen durch derlei Einflüsse in eitlen Schrecken nach Belieben versetzen dürfen. Gegen eine solche Annahme empört sich des Christen Glaube an Gottes hehre Majestät und väterliche Güte. Schließlich sei noch erwähnt, daß es thörichter Aberglaube ist, wenn manche Leute an der Ansicht festhalten, die Todesanmeldungen seien ein untrügliches Vorzeichen eines baldigen Unglückes oder eines neuerlichen Todesfalles in der Familie; hin und wieder mögen solche Ereignisse zufälliger Weise zusammentreffen. Unser Streifzug in das Nachtgebiet der Natur wäre nunmehr zum Endziele gelangt. Möge er dazu beigetragen haben, aus den Herzen der geneigten Leser eitle Angst und abergläubische Furcht vor solchen „Spukgeschichten" zu verbannen und in ihrer Seele den Glauben an eine übersinnliche, übernatürliche Welt auf's neue zu beleben und zu stärken. Gegebenen Falles forsche man zuerst gründlich nach einer natürlichen Ursache; gebricht es an einer solchen, so mag mau sich für einen Erklärungsversuch, je nach dem Bedürfniß des Herzens, entscheiden. Stets aber wird beruhigend und ermnthigend auf des Menschen Inneres wirken das treffliche Wort des Dichters Utz: Die stille Tugend liebt den prächtigen Gedanken: „Gott ist und Gott wird sein, wenn alle Welten wanken!" Von Jerusalem nach Beyrath. Von Dr. Seb. Enringer. (Schluß.) Nach einem langweiligen Ritte längs der Ostseite des Karmel, aber eine Stunde östlich davon, der nur durch einige Prachtexemplare von Steineichen interessant wurde, kam ich nach Akka. Der Golf von Akka ist nicht groß, aber hübsch, an dem westlichen Ende desselben ist das Kap Karmel und Haifa (Kaifa), am östlichen Ende die Stadt Akka, welche nach der dortigen Niederlassung der Johanniter St.-Jean d'Acre hieß und heißt. Die Mauern und einige Häuser sind alt und zum Theil pittoresk; aber im allgemeinen ist wenig erhalten, was über die Krenzzüge hinaufreichen könnte; aber da die Häuser und ganze Straßen aus Steinen von Askalon's und Cäsarea's Ruinen erbaut sind, findet man sich oft mitten im Mittelalter, obwohl die Häuser selbst neu sind. Der Pfingstsonntag traf meinen Dragoman etwas besser, und wir kamen bis Jskanderium. Ich hatte dort, wie noch zweimal, Gelegenheit, die Sonne in's Meer tauchen zu sehen. Am nächsten Tage schaute ich mir die Maulbeer- baumgärten (Seidenwürmer) von Ras el Sin und die 4 alten Wasserbassins an, welche einst das 1 Stunde entfernte Tyrus mit Wasser zu versorgen hatten. Um den nöthigen Hochdruck zu erlangen, hat man die 4 Quellen gefaßt, so daß sie in die Höhe fließen müssen. Alan hat die Quellen einzeln mit viele Meter hohem, festem, cementirtem Mauerwerk umgeben, so daß die immer fortfließende Quelle diesen Cylinder füllen muß; es wird dadurch allmählig eine Wassersäule gewonnen, welche in ihrer Oberfläche mehrere Bieter höher als die darunter liegende Quelle ist und daher genügenden Hochdruck gibt. Von da nach Dar Kanun, wo einige rohe Figuren in den Felsen gemeißelt sind, dann zum Kaba hinan. Es ist dieses ein Grab, das aus einem Sockel aus riesigen Felsblöcken und einem rohen, aber gewaltigen Sarkophage besteht; das ganze Monument ist ca. 10 m hoch und phönizisch. Ich kam mit untergehender Sonne nach Kana, wo einige die Stelle der Hochzeit von Kana suchen wollen, während die Tradition und selbst die der Bewohner von Kana, wie ich mich überzeugte, dieselbe nach Kefr Kana verlegen. Da ich mein Zelt bei Tyrus nicht mehr erreichen konnte, nahm ick bei einer griechisch-katholischen Familie Nachtquartier. Da man wußte, daß ich Priester bin, wurde ich auf's freundlichste empfangen, die erwachsenen Söhne des Hauses und die Weiber küßten mir die Hand und legten dann dieselbe an die Stirne, wie es in Syrien Sitte ist, einen Priester zu bewillkommnen. Ich konnte vor Müdigkeit nichts essen und bezog bald meinen Schlafraum. Das ganze Haus besteht in Galiläa bei Wohlhabenden aus zwei Theilen: 1. aus dem Stall, 2. der Wohnung; bei Armen ist alles beisammen. Dieser Wohnraum ist eine hohe, geräumige Halle, deren Dach durch zwei Bogen getragen wird. Unter Tags wird darin gearbeitet, gegessen rc., am Abend werden die Matratzen auf dem Boden ausgebreitet, und der Vater und seine erwachsenen Söhne nebst resp. Frauen und Kindern schlafen alle in demselben Zimmer, es steht aus wie ein Feldlazareth. Es gab in dem Raume eine kleine Empore, wie eine Musikbühne, eine Leiter führt hinauf; dort wurde ich auf den Boden gebettet; konnte aber wegen Härte des BodenS und der Schnaken wegen nicht schlafen. Unten schliefen und schnarchten der Hausvater und die Hausmutter, 4 erwachsene Söhne und 1 Weib, 3 Kinder und mein Dragoman. Nächsten Tages ritt ich nach Tyrus, wo in der Nähe der Stätte eines alten Tempels mein Zelt war. Zuerst wurde das Schlafen nachgeholt, dann die alten Trümmer von Tyrus besichtigt; darunter die Ruinen einer Kirche, in welcher der deutsche Kaiser Friedrich Barbarossa begraben liegt. Tyrus war einst mit Sidon die Haupthandelsstadt der Welt. Von diesem Lande (Phonizien) aus ging die Cultur nach Griechenland und ganz Europa, und die Schrift, deren wir uns bedienen, wurde dort erfunden, ebenso das Glas und der Purpur; die Schifffahrt wurde von den Phöniziern begonnen und ausgebildet. Es ist ein Landstrich, nicht breit und nur wenige Tagreisen lang: von Jaffa bis Beyruth; aber von ihm aus ging die alte Cultur, und aus denselben Orten segelten die Boten der neuen Cultur des Christenthums ab, als die Zeit dazu gekommen war. In der Nähe von Tyrus sind interessante Höhlen und Grotten und Kreidefelsen, welche denen von Beth Schiba gleichen. Man hält sie für Grabmäler, was ich 230 nicht glauben kann; dazu ist gar kein Anzeichen, da und sie wären nicht recht ausreichend. Am Abend kam ich nach Sarepta. Auf dem Wege dahin sah ich einige interessante Höhlen, Gräber und Sarkophage. Das alte Sarepta lag am Meere, und das Haus der Wittwe ist jetzt ein mnhammedanisches Bethaus; die neue Stadt liegt auf dem Hügel. Andern Tages ritt ich hinauf, um mir mit Mühe einen modernen Krug zur Erinnerung an das Krüglein der Wittwe von Sarepta zu kaufen. Der Abend brachte mich nach Saida, der Schwesterstadt von Tyrus, dem alten Sidon. In der Stadt ist nicht viel los, der französische Chor, die Mauern und Brücken zur Insel stammen aus dem Mittelalter. Aber außerhalb der Stadt liegt die Grotte Ablun, wo man einen schönen Sarg mit Inschrift des Königs Eschmienazar (5. Jahrh, vor Christus) gefunden hat. Ich habe ihn in Paris im Louvre gesehen. Hier sind eine Menge Gänge mit Sarkophagen und Grabnischen, Spuren von Malerei rc. Die Todtenstadt dehnte sich weit aus, ist aber fast alles wieder zugeschüttet. Ich kroch lange in diesen Löchern, Kammern und Zimmern umher; die meisten stehen mit einander in Verbindung. Auf einem Berge ist jetzt die Wallfahrt zu U. l. Frau von der schönen Aussicht (Mautara), eine Marien- kapelle in einer Grotte, die dem Dienste der Göttin Astarte geweiht war. Ich suchte noch die Gräberstadt im Nordosten auf. Sie wird von einem türkischen Soldaten bewacht, damit man nichts stiehlt. Am Abend war ich in Mulaka und am nächsten Tag endlich, 20 Tage nach der Abreise von Jerusalem, in der ganz europäischen Stadt Beyruth, am Fuße des schneebedeckten Libanon. Von Grenoble nach der Grande Chartrense. Von H. Eid. Es war gegen Ende des Monats August. Der Himmel zeigte schon seit langem ein ungetrübtes Antlitz, und infolge dessen war die Hitze fast bis zur Unaus- stehlichkeit gestiegen. In der Frühe des Morgens verließ ich mit einem mir befreundeten Herrn, einem geborenen Grenoblois, die liebliche Alpenhauptstadt an den Ufern der Jsöre. Die Eisenbahn brachte uns in kurzer Zeit nach dem Städtchen Voiron, wo wir ausstiegen, um von hier aus theils zu Wagen, theils zu Fuß den durchs Gebirge führenden Weg zurückzulegen. Die Fahrt von Grenoble nach Voiron bot mir wenig Interessantes, da ich diese Strecke vorher schon theilweise durchwandert hatte. Ueppige Weingärten und blühende Fluren bekränzen hier den Fluß, und grotesk aufgethürmte, nackte Felswände schauen von beiden Seiten, bald nähertretend, bald weit zurückweichend, in die steingraue Fluth. Am Bahnhof zu Voiron standen schon zwei Wagen bereit, die Touristen nach der Grande Chartreuse aufzunehmen. Die beiden Kutscher stritten sich förmlich um unsere Kundschaft, und derjenige, der nach kurzem Wortwechsel den Sieg davongetragen hatte, schaute dann den andern mit einem Blicke voll unsagbarer Ueberlegenheit und Verachtung an. Wir fuhren also allein in dem großen, bequem gepolsterten Wagen bis zu dem großen Marktplatz der Stadt, der vor der schönen gothischen Kirche zum hl. Bruno gelegen ist. Voiron mit seinen 12,000 Bewohnern, seinen behäbig aussehenden Häusern und seiner breiten, luftigen, mit schönen Platanen bepflanzten Hauptstraße macht einen recht angenehmen Eindruck und erinnerte mich lebhaft an Speyer mit feinem platanenbepflanzten Domgarten. An der Haltestelle unseres Wagens fanden sich bald noch mehrere Reisende ein, darunter einige Geistliche und zwei Damen aus der Gegend von Lyon. Nun ging es munter bergan, bis wir die Stadt im Rücken hatten. Welch wundervolles Panorama lag da vor uns ausgebreitet! Hinter uns die Stadt, eingebettet in einen Hain von Mandel- und Kastanicnbäumen, in einen Kranz blühender Gärten, aus deren Mitte da und dort ein prächtiges Landhaus aufragte; und das alles umwunden von der in der Morgensonne blitzenden Jsöre; und weit, weit in der Ferne Grenoble und die Häupter des Hochgebirges in bläulichem Schimmer. — Aber das großartige Bild verschwand, sobald wir um die nächste Biegung des Weges gekommen waren. Es ist ein ziemlich eingeengtes Thälchen, durch welches sich nun die Landstraße sanft hinaufwindet. Die Firste der Schneebcrge zur rechten Hand sind völlig verdeckt; ein frischgrünes Eichenwäldchen auf der einen und ein kleiner Hügel, von einem weit ins Land hinansschauenden Kreuze und einer Wallfahrtskirche bekrönt, auf der andern Seite lassen uns fast vergessen, daß wir der Einsamkeit des Alpenklosters zustreben. Die Unterhaltung in unserm gutbesetzten Wagen beginnt jetzt lebhafter zu werden. Offenbar machen die beiden ältlichen Damen heute zum ersten Male diese Reise, und sie sprechen mehr mit Blicken und Gesten als mit Worten über alles, was ihnen als neu in die Augen füllt. Ihre ganze Haltung verräth, daß sie mit der gespanntesten Erwartung dem Ziel ihrer Reise entgegensehen. Für die Erklärungen und Aufschlüsse, die ihnen mein freundlicher Begleiter bereitwilligst und eigentlich unaufgefordert ertheilt, haben sie wieder nur stumme Blicke freudigen Dankes. Es gehörten jene beiden Damen gewiß nicht zu jenen Mitreisenden, die sich uns durch ihre Bekanntschaft mit der Gegend oder auch durch die Gabe freundlicher Unterhaltung nützlich machen können, aber sie waren mir immerhin in ihrer kindlich unbefangenen, stillen Freude viel lieber, als jene Vielgereisten, die kalt und unnahbar in ihrer Ecke sitzen, so, als ob sie sagen wollten: Das alles kann mich nicht rühren — schon tausendmal Schöneres gesehen! Jener Neulingszustand der beiden Frauen offenbarte sich auch in der Art und Weise, wie sie mich, der ich größtentheils in deutscher Sprache mit meinem Freunde mich unterhielt, betrachteten. Ich glaube nun freilich, daß es sich selten ereignet, daß Deutsche in dieser Gegend Sommerausflüge machen; ich wenigstens habe während meines sechswöchigen Aufenthaltes dortselbst auf allen meinen Fahrten durch die Dauphins zu meinem großen Leidwesen keinen einzigen Landsmann getroffen. So mag denn auch unsern Nachbarinnen meine Sprache seltsam genug geklungen haben. Die Gegend wurde nach und nach recht einförmig. Kleine Eichenbestände und schmale Wiesenründer begrenzten den Weg. Tiefe Ruhe herrschte ringsum, nur hie und da sah man ein einsames Bauerngehöfte oder eine weidende Schafheerde. Der Morgenthau hing in großen, hellen Tropfen auf den Gräsern, und die Luft wurde merklich kühler. Getreidefelder und Obstbäume verschwanden allmählig ganz und machten einem weiten Wiesenplane Platz, der sich als Hochebene zwischen niedrigen Nandbergen ausbreitet. Aus diesem grünen Plateau liegt das Städtchen St.-Laurent du Pont, wo wir beide den Wagen verließen, um den Ortspfarrer, einen guten Bekannten meines Freundes, zu besuchen. 231 Unsere Voiture mit den übrigen Insassen fuhr indessen lustig von bannen, der großen Karthause entgegen. Die Mittagsonne lag jetzt brütend auf der weiten Hochfläche, und die nackten Felsen am Saume der Ebene in ihrem leuchtenden Weiß scheinen förmlich zu glühen. Unser Weg zum Pfarrhof führte durch den größten Theil des unbedeutenden Städtchens, das sich in nichts von seinen Schwestergemeinden in dieser Gegend unterscheidet. Eine einzige, ziemlich breite, aber nur zum Theil gepflasterte Straße mit einem hübschen Monumentalbrunnen aus Stein, aus dem das klarste Bergwasser in mächtigen Strömen hervorspringt, wie denn überhaupt die ganze Umgebung mit Wasser auf's reichlichste versorgt ist; die Häuser niedlich und sauber, hübsch grün angestrichen, die Hausthüre meist aus Glas und mit weißen Gardinen behängen; eine ganze Reihe von Cafes und Depots de Tabac: das ist St.-Laurent du Pont. Wo der Pfarrhof liegt, braucht der Fremde kaum zu erfragen. Eine herrliche gothische Kirche mit zwei auffallenderweise stumpfen Thürmen, aus Mitteln des nahen Klosters erst vor kurzem erbaut, läßt den Ort leicht errathen. Abseits von der Straße, mitten in einem weitläufigen Garten, gerade hinter der neuen Kirche, steht das Pfarrhaus, das uns für kurze Zeit beherbergen sollte. Kaum hatten wir die Gartenthüre hinter uns geschlossen, als auch schon der Pfarrherr, der lesend unter einem Baume gesessen war, uns lächelnd entgegen kam. Eine stattliche Erscheinung von milden, gewinnenden Gesichtszügen, mit schon fast ergrautem Haare und einer angenehm weichtöuenden Stimme, so stand der Geistliche vor uns, das Bild eines würdigen Priesters und Hirten. »Vons Ztes 1'rrini äs wou nini, ob e'est: xonr^noi mou arni aussi" (Sie sind der Freund meines Freundes, und deßhalb auch der meine), redete er mich freundlich an, indem er mich auf's herzlichste bewillkommnete und umarmte. Wie angenehm mich ein solcher Empfang berührte, läßt sich leicht denken. Wie oft sucht man doch bei uns glauben zu machen, es gehöre ein Aufenthalt in Frankreich nicht gerade zu den Annehmlichkeiten! Ich kann indessen nur versichern, daß ich hier allenthalben mit großer Liebenswürdigkeit und oft sogar mit freundschaftlicher Wärme aufgenommen wurde. Unser freundlicher Gastgeber wußte denn auch gar nicht, was er mir alles zur Erfrischung anbieten sollte: Wein, Kaffee, Liqueur, Absinth und andere Dinge! Ich zog, um mich nur schnell zu entscheiden, ein Gläschen Liqueur vor. Nachdem wir uns eine Weile unterhalten hatten, begab ich mich in den Garten hinaus, um im Schatten eines der zahlreichen Bäume einen angenehmen Sitz und womöglich auch größere Kühle zu finden, denn die Hitze war unterdessen auf's höchste gestiegen. Dieser Pfarrgarten mag wohl für die ganze Gegend typisch sein, denn seine Anlage erschien mir durchaus eigenartig. Vor der Front des Hauses breiten sich schöne Rasenflächen aus, von zahlreichen Wegen durchschnitten und mit großen Holunder- und Lindenbäumen und allerlei Gesträuchen bepflanzt. An der Umfassungsmauer gewahrte ich einige Gemüsebeete und hie und da sogar Zierkräuter und Blumen. Aber das Klima in dieser Höhenlage scheint zarteren Pflanzen nicht besonders zuträglich zu sein, da die Morgen- und Abendzeit trotz des heißesten Nachmittags meist recht kühl, ja sogar rauh ist. Indeß zieht man an geschützten Stellen früh reifendes Obst, wie Pflaumen und Pfirsiche, die denn auch stets auf der sommerlichen Tafel erscheinen. Der hinter dem Hause liegende Theil des Gartens ist eigentlich nur ein Kleefeld, und man gewinnt von dem Ganzen den Eindruck der Halbcultur, des behaglich Breiten und Ungezwungenen. Der Tag verging mir in dieser Umgebung auf die angenehmste Weise. Im Laufe des Nachmittags gesellte sich uns ein Pfarrer aus der Umgegend zu, der uns, als er nach kurzer Zeit sich verabschiedete, auf's herzlichste einlud, ihn bei unsrer Rückkehr von der Grand Chartreuse zu besuchen. Mit diesem Herrn besichtigten wir das neue Hospital, ebenfalls eine Gründung des Karthäuferklosters. Nicht weit von demselben erhebt sich über dem Städtchen St.-Laurent ein niedriger Vorhügel, der, ganz in das grüne Festgewand des Sommers gekleidet, auf seiner Höhe ein Ktrchlein trägt, das gar zierlich und unmuthig hinunterschaut in diese Landschaft voll wilder, seltsamer Schönheit. Ein hübsch gepflegter Pfad führt im Zickzack da hinauf. Das kleine Plateau ist mit Gras und Blumen bestanden und scheint ein beliebter Spazier- gang für alle zu sein, die zu größeren Ausflügen keine Zeit oder Lust haben. Drunten liegt das Städtchen, von seiner domartigen Kirche und dem alles überragenden Bau des Hospitales beherrscht. Jetzt gewahren wir auch den Bergstrom, der mit seinen glitzernden Wellen eben erst aus der finsteren Schlucht des Gebirges hervorgetreten ist und nun in weiten Bogen durch die grüne Hochebene eilt. Ueber wohlbebaute Felder gelangen wir an einem reichen Landsitze vorbei an den Friedhof, ebenfalls hoch über St.-Laurent gelegen. Wie angenehm berührt uns hier die Sorgfalt, womit die Angehörigen die stillen Wohnungen der Todten geschmückt haben! Da ist kein Grab verödet; überall ein Denkstein oder ein einfaches Kreuz auf den blumenüberwucherten Hügeln. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizell. Griebenow Herm., Perlen griechischer Dichtung ins Deutsche übertragen. 8°. XIII-j-122 S. In Orig.-Pr.-Bd. m. Goldschn. M. 4,00. Leipzig, Th. Knaur, 1893. k. Dieselbe Verlagsbuchhandlung, der wir die herrliche Verdeutschung der poetischen Frithjoss-Sage durch Fr. Ohncsorge verdanken, bietet uns unter obigem Titel eine Auswahl griechischer Lyrik in einer Weise verdeutscht, die den Meister der Sprache in jeder Zeile erkennen läßt; wahrlich, diese Leistung der Ueber- setzungskunst läßt uns ganz vergessen, daß die Gedichte mehr als zweitausend Jahre vor uns entstanden sind; wir meinen, sie seien deutsch erdacht, so lebendig und frisch sprechen sie unS an, und dennoch sind es wirklich Originaltreue Uebertraguugen, nicht freie Nachbildungen mit Aenderungen, Lücken und Zuthaten, die, wie in vielen anderen Anthologien, die Urform oft bis zur Unkenntlichkeit verzerren. Ein besonderes Verdienst ist es, daß wir das Original sofort in bequemster Weise zum Vergleich herbeiholen können, indem der Verfasser die Quellen (kostas Ixr. Ar. sä. LergL; LmtdoloAla Ar. kalat. sä. llaeobs. 1813—17; üpiArammutuw antbol.kalat. sä.vübnsr. 1864—72) bei jedem einzelnen Liedchen ganz gewissenhaft angibt; auch belehrt unS ein Anhang mit kurzen Nachrichten über Zeit und Schicksale der angeführten Dichter. Unter den „Perlen" finden wir 29 über „Wein und Lebenslust" voll jugendlicher Muthwilligkeit, dann 25 über das alte Thema „Liebe", nicht besser und nicht schlechter, als was unsere deutschen „christlichen" Liebesverschmachtungswinseldichterseclen verbrochen haben, ferner 43 Lieder über „Zeit und Leben", worin in der That manches Goldkorn ernster Lebensweisheit; nun folgen noch 16 Skolien, 34 Sprüche und 16 Scherz- und Spottgedichte, worunter wir manch attisches Salzkörnlein bewundern. Die Ausstattung zeigt von feinstem Geschmacke und macht das Büchlein zur Zierde jeden Salontisches; nicht bloß die Decke ist mit zartem Blumenmuster geschmückt, sondern auch der Text hat in Bordüren und Titelverzierungen reichlichen, reizend gezeichneten Blüthenschmuck. Möge das Büchlein beitragen, Viele mit den herrlichen Erzeugnissen griechischer Lyrik bekannt zu machen, die tausendmal die übelriechenden Giftpflanzen moderner Romanschreiberei aufwiegt, und möcbrcn namentlich recht Viele veranlaß! werden, die Originale aufzuschlagen und sich an ilmen zu erquicken, zumal da die griechische Sprache ja nicht zu den schwer erlernbaren gehört und doch so reichlichen Lohn bringt, indem sie uns eine der grobartigsten Literaturen erschließt. Es ist bedauerlich, daß es heutzutage kein Verleger wagen kann. eine griechische Anthologie ,m Urtext in w eleganter Ausstattung „salonfähig" dem Publikum zu bieten! - Der Feierabend. Kathol. Unterhaltungsblätter. Papst Leo XIII. hat aus wohl erwogenen Gründen den Wunsch ausgesprochen, daß auch die katholischen Schriftsteller nack ihrer besten Kraft dabin streben sollten, dem katholischen Volke durch passende Lektüre eine gesunde Nahrung zu bieten. Diesem erhabenen Wunsche kommen die katholischen Unter- haltungSblätter für Jung und Alt, „Der Feierabend", mit mehreren Jugendfreunden von Joseph Gcllrich, Lehrer an der katholische» Volksschule zu Landeshut in Schlesien, herausgegeben, in wirklich trefflicher Weise nach. Vor uns liegt der 38. und 39. Jahrgang; ist schon die lange Zeitdauer, während welcher sich diese Zeitschrift mitten in dem Gcwoge der rasch untergehenden Tageslitcratur erhalten bat, ein Zeugniß für ihre Solidität sowohl als auch für ihren ansprechenden Inhalt, so bieten auch die beiden genannten Bände des Unterhaltenden, Erbebenden und Belehrenden so viel, daß jeder katholischen Familie dieses prciswürdige Unternehmen — jährlich erscheinen vier Bündchen von je 150 Druckseiten um den Gesammtabonnemcnts- preis von nur 2 M. 30 Pf., durch alle Buchhandlungen beziehbar — auf das Wärmste empfohlen werden kann. In reicher Fülle wechseln in diesen Untcrhaltungsblättcrn Gedichte und Prosa in geeigneter Weise ab, so daß der Hochwürdigste Herr Fürstbischof dieser Zeitschrift wegen ihres, gediegenen, sittenreincn und religiösen, dabei aber dock bildenden und erheiternden Inhalts seine besondere Anerkennung ausgesprochen hat. Wir heben noch besonders hervor, daß der Inhalt der frommen Erzählungen nicht Ausfluß der Phantasie, sondern vorwaltend dem wirklichen Leben entnommen ist. Wenn, wie wir hoffen, die Zahl der Abonnenten sich mehrt, wird auch die Ausstattung, wie wir wünschen, eine elegantere werden. OcsterreichischesLiieraturblatt, herausgegeben von der Leo-Gesellschaft in Wien. redigirt von Dr. Franz Scknürer. (Administration: Wien I., Annagasse 9.) Inhalt der Nr. 12 u. A.: Probst F., Liturgie des 4. Jahrh. u. deren Reform. (?. Jld. Veith, Emaus.) — Prill Jos., Einführung in die hebräische Spräche. (Dr. W. Gerber, Pros. an verdeutschen Univ. Prag.) — Lc Camus E., Leben unseres Herrn Jesus Christus, übers. v. E. Kcppler. (Theol.-Pros. Dr. Jos. Schindler, Leitmeritz.) — Caird John, Einleitung in die Religionspbiloiophie, übers. von A. Ritter. (Seminar-Dir. Dr. Gg. Neinhold, Wien.) — Grimmich Birg., Lehrbuch der thcorct. Philosophie. Auf thomistischer Grundlage. (Alumnats- Dir. Dr. I. Gruber, St. Pötten.) — Faulmann K., Im Reiche des Geistes. (F. Sck.) — Truxa H. M-, Hedwig Wolf, eine litcrar. Frauengestalt Oesterreichs. (Secretär Th. Kreß.) — Marburg A., Sandro Botticclli'S „Geburt der Venus" u. „Frühling", (vr. Jos. Neu Wirth, Pros. an der deutschen Univ. Prag. — DukaS-TheodassuS I., Im Zeichen des Halbmondes. Schilderungen aus der türkischen Reichshauptstadt. (Laudesrath vr. H. Misera, Wien.) u. s. w. Die Wocrl'schcn Reisebiicher verdienen für die diesjährige Reisezeit wieder einmal mit allem Nachdrucke empfohlen zu werden. Es werden diesen Herbst schon 17 Jahre, daß die Anregung zu dieser Neisebücher-Sammlung von der im Herbst des Jahres 1877 in Würzburg tagenden Generalversammlung der Katholiken Deutschlands ausging. Ein thatkräftiger Würzburger Verleger, LeoWoerl. Benjamin Herder'sNeffe, griff die nur allzusehr gerechtfertigte Anregung unverweilt mit großem Eifer aus und begann sodann bereits im nächsten Jahre, dem bis dahin für die Länder deutscher Zunge beinahe vollständig in «katholischen Händen befindlichen Neisebücker-Verlage eine Reibe von Ncisebüchcrn entgegen bezw. an die Seite zu stellen, welche zwar keineswegs für Katholiken allein berechnet waren, aber diese doch als nächste Leser ins Auge faßten. Demgemäß sollte denn — natürlich ohne Andersgläubige jemals im mindesten zu verletzen — nicht bloß alles für Katholiken Anstößige in Bild und Text vermieden, sondern auch das sür Katholiken besonders Interessante — katholische Kirchen und andere Monumental- : bauten, kirchl. Verhältnisse, katholische Vereine. Klöster. Gottes- > dienst u. s. w. — auch besonders achtsam und ausgiebig behandelt werden. Da das Unternehmen einen durchaus gesunden Boden hatte und auch mit praktischem Geschicke angegriffen war, blieb es sofort nickt ohne greifbaren Erfolg, und in Folge dessen nahm eS allmählig immer größere Dimensionen an. So liegen denn zur Zeit, nach beinabe zwei Dezennien voll Aufgebotes eines ungewöhnlichen Maßeö von geistiger Arbeit wie von materiellen Mitteln, die großen wie die kleinen Woerl'fchen Rcisebüchcr in einer Anzahl vor uns, welche geradezu siauncnswürdig ist. In größeren Werken — theils eigentlichen Reiseführern, theils rein wissenickaftl. Darlegungen, theils mehr seuilletonistisch gehaltenen Neisebildcrn — wurden bisher behandelt, und zwar meist von genannten und überdies namhaften Auroren: die 5 Welttheile je für sich, Oesterreich-Ungarn, Ungarn allein, Baden, Bayern, Württemberg, Südventschland, der Rhein und die Rhein- lande, die Schweiz, die deutschen und die Schweizer Alpen, St. Gorthard und der Brenner, die Ufer des Bodensee's, Vorarlberg, Italien und Rom, Cvrsica und Sardinien, Bulgarien, Griechenland, Paxos und Antipaxos, Palästina und Jerusalem, Aegypten, der Orient, Nordafrika, Südamerika Mexiko. Westindien, Sumatra, die deutsch-österr.-ungar.-schweizcr. Benediktiner-, Chorherren- und Cistcrzienserstifte, zuletzt Schweden und Spanien. (Das Werk über Spanien wurde bereits in diesen Blättern besprochen.) Ueber den voin Reichsarckivassessor vr. P. Wittmann in München bearbeiteten „Führer durch Schweden" (mit Plänen und Karten, 16°, 136 S. M. 2) freut es uns, die folgenden Zeilen den: Zarucke'scken „Litcrar. Ccniralblatt" (1894,19) entnehmen zu können: „DaS Büchlein bringt in gedrängter Kürze Alles, was in geschichtlicher, ethnographischer, handelspolitischer und naturgeschichtlicher Hinsicht sür Reisende von Interesse und Wichtigkeit ist, und darf bei seinem billigen Preise jedem Besucher des nordischen Königreichs wohl empfohlen werden. Eine kurze Zusammenstellung der wichtigsten Redensarten, übersichtliche Karren und Pläne sowie eine klare, fesselnde Schreibweise sind beim Gebrauche dieses Führers von besonderem Werthe." Den genannten größeren Werken, welche zumeist ebenso geschmackvoll als reich illustrirt und selbstverständlich mit zahlreichen Karten und Plän.n ausgestattet sind, tritt nun aber eine fast unabsehbar lange Reihe von Städte-, Bäder- und Tourcn-Fübrern zur Seite, in denen wir den eigentlichen Schwerpunkt des Woerl'ichen Neisebücher - Verlages erblicken möchten, wie denn auch bezüglich ihrer der am meisten durchschlagende Verbraucks-Erfolg bisher erzielt ist. In den größer» Ländersührern — ausgenommen vielleicht Rom und Palästina — mag Herr Weerl den älteren und bekannteren deutschen Neisewerken gegenüber immer nock einen reckt schwere» Stand haben; aber bezüglich seiner kleinen Srädtesübrer braucht man die betreffenden Auslagen der seßhaften Buchhändler in unsern Reisecentren und Frcmdenstädten wie ganz besonders die der „fliegenden" Buchhändler in den Wartciälcn der Bahnhöfe auch nur mit einem Blick zu streifen, um alsbald — zur Freude jedes Freundes und Pflegers der katholischen Literatur — zu gewahren, daß Woerl's Srädtesübrer dort nachgerade allen andern „über" sind; man würde ilmen keinen so breite» Platz einräumen, wenn sie nicht Tag für Tag sehr fleißig gekauft würden. Wir zählen in dem Vcrlagskatalogc nickt weniger als rund 700 solcher kleiner Orts- und Landsckaftsführer, alle nach dem nämlichen Plane gearbeitet, alle in gleicher Weise ausgestattet und alle meist nur 50 Pfennige kostend, trotz Beigabe von Plan oder Karte. Abgesehen von der praktischen Einrichtung und deni niedrigen Preise, wird insbesondere der Umstand zu der immer größeren Verbreitung beigetragen haben: daß alle diese OrtSsührcr genau nach demselben, durch die Erfahrung bewährten Plane eingerichtet sind, was dem Vielrcisenden das Durchstiegen und Benutzen, überhaupt das Aufsuchen und Finden außerordentlich erleichtert. Und nun hat der Reisende noch dazu die nicht hoch genug zu schätzende Annehmlichkeit, daß er sich auf jedem fre- quentcn Bahnhöfe auch schon den Woerl'fchen Führer für die nächste Stadt kaufen und ihn so vor seiner Ankunft daselbst studieren kann. 'So untergeordneten Ranges daS hier berührte Literaturgebiet auch scheinen mag, so weitgreifend und weittragend ist doch zweifellos seine Bedeutung, und deshalb dürfen wir uns über den hier in Folge energischer, langjähriger und geschickter katholischer Anstrengung errungenen Erfolg — um nicht zu sagen: Triumph — von ganzem Herzen freuen. Fran z Hülskamp. (Liter. Handw.) Verantw., Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druckn. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Nl-. 30. 26. Juli 1894. Die Schenkung Constantins in Dahn'scher Nornanbclenchtnng. (Vertrag, gehalten im katholischen Vercinshaus zu Spcyer.) Philosoph'scher Roman, du Gliedcrmami, der so geduldig Still hält, wenn die Natur gegen den Schneider sich wehrt, Schiller. L*r Nicht allein „wer lügt, muß ein gutes Gedächtniß haben", sondern auch wer dichtet und Romane schreibt, — und nicht bloß ein gutes Gedächtniß, sondern auch noch andere gute Gaben mehr, wie z. B. Logik, einen gesunden Sinn für das Physisch, psychologisch und moralisch Mögliche und dergleichen, damit man von dem Werke des Dichters doch wenigstens sagen kann: „wenn'- nicht wahr ist, so ist es gut erfunden." Eine Dichtung, von der man dieses nun aber nicht sagen kann, ist der neueste Roman von Felix Dahn: „Julian der Abtrünnige". Auf diesen Roman paßt vielmehr ganz das obige Lenion Schillers. Das Dahn'sche Machwerk ist gerade wie ein schlecht ge» schnittenes Kleid, das hier widerwärtig spannt und dort häßliche Falten schlügt. Der Dichter hat eben nicht nach Maßgabe der geschichtlichen Wahrheit gearbeitet, sondern er hat nach der künstlich von ihm zusammengcposselten und zugerenkten Gliederpuppe seiner historisch-philosophischen Idee geschneidert. Diese Idee des nationalliberalcn Univcrsitätspro- fessors, eingekleidet in die Gestalt eines altfränkischen Königssohncs mit dem germanisch-ägyptischen Zwitter- Namen Merovech-Serapio, ist eigentlich der Held des Romanes. Der fabelhafte Prinz Merovech-Serapio ist die Personification des deutschen Chauvinismus, wie er als Caricatur des Patriotismus im Kopf eines culturkümpferischen Universitätsprofessors sich ausgebildet hat. Merovech sollte darum auch dem Romane seinen Namen geben, und nicht der historische Kaiser Julian der Abtrünnige. Als Motto würde sich die Phrase empfehlen: „Mein Volk ist mir alles", womit Julian sich von Mero- vcch gewaltig imponiren läßt, weil er nicht weiß, auf wie schöne Manier die Merovcch'schen Volksfreunde es verstehen, die Lasten des Volkes vor den Wahlen mit dem Munde auf ihre breiten Schultern zu nehmen, um aber hintennach in der That durch ihre Steuerplänc und sogenannten Finanzreformen diese Lasten dem Volke um so gewisser aufzuladen. Nun hat der Jesuitenpater Kreiten diesen Merovech- Serapio-Noman in dem 3. und 4. Heft der „Stimmen aus Marta-Laach" bereits nach den oben angedeuteten Richtungen einer angemessenen Kritik unterzogen; aber wer ist im Stande, an einem Pfuschwerke all' die Ungereimtheiten in gehöriges Licht zu stellen, ohne auf die drei Bände Roman wieder drei Bände Kritik zu setzen! Darum sei es erlaubt, einen von dem rühmlichst bekannten Kritiker blos gestreiften Punkt etwas kräftiger zu berühren. Es ist die berüchtigte äouatio 6ou- stuvtini, die angebliche Schenkung des Kaises Con- stantin an den päpstlichen Stuhl, eine von den Lieblings- Nosinanten des edeln Ritters Felix Dahn in seinen erbitterten Kämpfen gegen Rom. Zu den geschichtlich gerade nicht leicht erklärbaren Vorgängen gehört die Umwandlung des christlich erzogenen Prinzen Julian in einen heftigen Feind und Verfolger des Christenthums. Statt nun aber sich an die historischen Umstände zn halten und so die Lücken der Geschichtsforschung auszufüllen durch geschichtliche Poesie, hat Felix Dahn auch dieses Mal vorgezogen, seinen Schriftstcllernamen, wie schon bei seinem früheren „Kampf um Rom", wiederum auf der Erfinderliste prangen zu lassen. Er zeigt uns den Prinzen Julian in ein Kloster in Kleinasien gesteckt, gegen das ein modernes Gefängniß als ein Lustschloß erscheint. Der sonst mit allen Wassern gewaschene Abt Konon, ein alter Jurist, hat ihm dazu einen Beichtvater und Wächter beigegeben, der seinem „gottseligen" Obern in Allem noch weit „über ist". Lysias, so heißt er mit seinem Klosternamen, ist eine Specialität von reinster Dahn'scher Dichtung und Erfindung. Diese „allzu romanhafte Romanfigur", wie sogar die Münchener „Allgemeine Zeitung" (Beil. 237) den Mentor Julians nennt, ist ein Mönch bloß zum Scheine. In Wirklichkeit ist er ein ägyptischer Götzenpriester, und sogar ein Götzenpriesterkönig, der, die Wachsamkeit des ale- xandrinischen Erzbischofes Athanasins wie des Abtes Konon täuschend, sich in den christlichen Priester- und Mönchsstand eingeschmuggelt hat. Während Ptolcmäus, so heißt er als heidnischer Priesterkönig, in Aegypten einen Palast mit einer Prinzessin-Tochter darin hat, weiß er im fernen Kloster bei dem Abte und auch bei dem Hofe sich solches Ansehen zu erschwindeln, daß er als sorgsamer Papa schon darauf hinarbeiten kann, seinen Zögling mit der Hand seiner Tochter zu beglücken und ihn dadurch zum künftigen Priesterkaiser zu weihen. Die widerspruchsvolle Existenz dieses „ägyptischen Wunder- mannes", wie die „Allg. Ztg." ihn bezeichnet, ist weit räthselhafter als die Abtrünnigkeit Julians, die durch seinen so schlecht erfundenen Einfluß erklärt werden soll. Zwei Hauptgeniestrciche, von denen einer wundersamer als der andere, werden nämlich von diesem Scheinmönche ausgeführt, um den Prinzen von der Unwahrheit des Christenthumes zu überzeugen und ihn für seine ägyptisch-heidnische „Kirchenpolitik" zurechtzumachen. In der Pfingstnacht weckt er seinen Zögling, schleicht mit ihm weit vor die Stadt hinaus zu einer verfallenen Wasserleitung, hebt dort eine Marmorplatte und läßt Julian durch eine Ritze des Mauerwerkes in ein unterirdisches Gewölbe blicken, wo die Mönche unter Vorsitz des Abtes Konon, der sich den Tag über mit „Messe lesen, Beicht hören, Predigt halten, Psallircn, Umzüge führen, Pilger empfangen, ihre Wünsche und Fragen anhören und beantworten" doch bereits tüchtig abstra- pazirt hatte, noch eine derartige Orgie aufführen, daß Julian vor Schauder ohnmächtig zusammenstürzt. Der zweite Geniestreich des Dahn'schen Zwittergeschöpfes aus Mönch und Götzenpriester ist eine Reise mit Julian nach Rom, wohin der Abt Konon unbegreiflicher Weise den bei ihm, dem alten „Juristen", eigentlich doch als Staatsgefangener eingesperrten Prinzen fortläßt. Zwei Monate nach jener Pfingstnacht spazieren also beide durch die Straßen der ewigen Stadt. „Wohin gehen wir?" fragt Julian seinen Führer. — „Zum Heiligen Vater. Komm hier hinab, diese Stufen." — Natürlich geht es auch da wieder in das Unterirdische. „Und so demüthig ist er, fährt Julian fort, so fern von jedem weltlichen Gedanken, des Imperators treuester Unterthan. — Wo sind wir?" — „Auf dem Esqutlin, in der Krypta, der neu vom Papste errichteten Basilika. . . . Hierher hat er mich beschicken. Und einen im Ur- kuudenwesen, in Nechtsschriften gewandten Gehilfen sollte ich mitbringen. Du hast, unterwiesen vom Abt, dem ehemaligen Juristen, die Verträge des Klosters verfaßt, viele Jahre lang." (Der junge Prinz!) Aber daß du der Vetter bist des Imperators, das verschweige sorgfältig!" — „Weßhalb dies Geheimniß?" — „Man soll nichts erfahren von unserem Verkehr." Der als so vertraut mit Konon geschilderte Papst soll also von dem Prinzen Julian nichts wissen! „Eine schmale Pforte thut sich auf: siehe, Licht schimmert uns entgegen; folge mir, tritt ein." Alsbald rauscht der dunkelbraune Vorhang, Theatervorhang sollte es heißen, denn ganz wie auf dem Theater steht vor ihnen, angethan mit reichem, goldgesticktem Vischofsoruate, der Papst Liberius. Beide fallen auf das Knie. „Erhebet Euch, meine Söhne, und empfanget meinen Segen." Für dieses neue Segens-- ceremonicll mit Erhebung, sowie für seine andern genialen Leistungen auf dem Gebiete des Ceremonienwesens verdient Felix Dahn unstreitig den Titel und Rang eines Ceremomcurathcs beim „Sohn der Sonne und Bruder des Mondes" im bekannten „Reich der Mitte". In jenem widerlich salbungsvollen Pathos, in dem der „Pfarrer ein Komödiant" ist, läßt hierauf Dahn seinen Papst fortfahren: „In Demuth danke ich meinem ehrwürdigen Bruder, dem Abt Konon, daß er meinem Wunsche gemäß, gerade Dich o Presbyter Lysias, zur Ausrichtung eines Geschäftes gesandt hat, das der armen Magd Ehristi, seiner heiligen Kirche, unter dem Segen des Höchsten zum Heil ausschlagen soll." In demselben abgeschmackten muckerischen Prädi- cantentone, der niemals von einem Papste angeschlagen worden ist, muß alsdann Liberius in goldgesticktem Bischofsoruat, den kein vernünftiger Mensch an solchem Ort, zu solcher Zeit und Gelegenheit anzieht, vor den beiden Fremden sein ganzes kircheupolitisches Programm offenherzig und geschwätzig auskramen, wobei natürlich all die Ungeheuerlichkeiten zum Vorschein kommen müssen, die von den Culturkämpfern als päpstliche Politik ausgegeben werden. Als Hiebei Lysias und Julian einige Bemerkungen wagen, werden sie natürlich angeherrscht, und Papst Liberius ergeht sich in einfältigen Klagen über die widerspenstige Vernunft, die er nach Luthers Vorbild und Wort als „Buhle des Satans" bezeichnet, über das Nömerreich, über den Staat im allgemeinen, der im Angesichts der Kirche nichtberechtigt und nichtig sei. Staat, Vaterland, Heldenthnm, Eigenthum, Straf- recht, Nichterthum n. s. w., all das sind, wenn man den Felix Dahn'schen Papst hört, Ausgeburten der durch den Sündknfall verdunkelten Vernunft, der „Buhle des Satans". . . . „Möge der Staat, läßt Dahn seinen Papst ausrufen, bald mit dem Teufel zugleich in Flammen aufgehen!" . . . Das ist ja der allerliebste anarchistische Dyuamitard, dieser Papst Liberius aus dem vierten Jahrhundert, der nicht blos ü 1a Luther mit dem Teufel, sondern wie ein Navachol u. Genossen mit Bomben und Granaten um sich zu werfen im Stande wäre. „Einstweilen aber, solange die Kirche auf Erden den als ein Uebel von Gott einstweilen noch geduldeten Staat neben sich ertragen muß, muß wenigstens der Anfang geschaffen werden zu einer Welt- ! ltchen Herrschaft der Kirche, die erste Stufe muß gelegt werden zu einem stolzen Bau, auf dessen Spitze der römische Bischof dereinst auch die weltliche Gewalt üben wird auf der ganzen Erde." .... „Aber noch kann ich meine Ansprüche nicht beweisen. Und um den Beweis zu beschaffen, deßhalb hab' ich die Schärfe deines im Urkundenwesen und im weltlichen Recht vielbewanderten Geistes berufen. Der gottselige Abt Konon hat dich mir auf das wärmste empfohlen. Und deßhalb hab' ich auch diesen noch Unreifen zugelassen auf deinen brieflichen Wunsch. Du rühmtest, er sei geschickt im Schreibwerk und mit der Sprache der Rechtsurkunden im Kloster wohl vertraut gemacht worden — wohlan, hier mag der Anfänger seine Erfllingsleisiung schaffen im Dienste der Kirche." ... Nachdem nun Dahn seinen Papst durch diese zeitraubenden Präambeln sich gehörig hat ausplaudern und vor Julian blosstellen lassen, bringt er ihn endlich auf die Sache. „Wohlan, sprich es aus, sagt Lysias, was soll ich, was soll der Jüngling für dich thun?" — „Eine Urkunde schreiben." — „Gern! Welcher Art?" — „Eine Schenkungsurkunde. In aller Form Rechtens, hört Ihr? Ihr werdet eine Urkunde aufsetzen, in welcher der Imperator zum Dank für die wunderbare Heilung von dem Aussatz meinem Vorgänger, dem wunder- thätigen St. Sylvester, und dem römischen Stuhle für ewige Zeiten zu eigen schenkt die Stadt Rom und das Weichbild von Rom im Umfang von so und so viel Miliarien (das werd' ich noch nachtragen!) mit allen Herrschafisrechtcn, wie sie jetzt der Augustus ausübt." „Abschreiben meinst du wohl, Heiliger Vater!" entgegneie Lysias. „Schwerfälliger, ruft dieser aus, wozu abschreiben? Verfassen sollst du die Schenkung." Mit Recht ist der Dahn'fche Papst ungeduldig über den so weit als heutzutage von den Gegenfüßlern herbestellten Mönch, der nichts begreifen zu wollen scheint, während er doch nach allem Vorausgegangenen den Zweck seiner so außerordentlichen Berufung wissen mußte. „Der Imperator trug sich, ich weiß es, fährt der Dahn'fche Papst weiter, mit ähnlichen Gedanken. Der Tod Konstantins kam der Erfüllung zuvor. Ergänzen wir, was der Imperator wollte, wollen sollte, wollen mußte — zum Heil seiner Seele und der Kirche. Ihr verfaßt den Nechtsinhalt der Schenkung. Seine Unterschrift, .... die werde ich besorgen: ich kann sie machen, nachmachen, . . . . so gut wie er selbst." — „Was ist die deutsch Sprak für ein plump Sprak", würde der französische Falschspieler in der „Minna von Barnhelm" ausrufen. Wie vor zwei Monaten in dem kleinasiatischen Auerbachs Keller beim Anblicke des Bacchanals jener Dahn'schen Mönche, so fällt Julian auch in dem päpstlichen Kellergewölbe in Ohnmacht beim Anhören der staatsverbrecherischen Sprache des Dahn'schen Papstes. Ein Wunder auch, wenn dem Prinzen bei den Dahn'schen Abgeschmacktheiten im Munde eines Papstes nicht übel und bei den plumpen Erfindungen nicht grün und gelb vor den Augen geworden wäre. Kann Liberius die Hand Konstantins so gut nachmachen, so ist es kaum zu glauben, daß er in der Neichshauptstadt Rom nicht Helfershelfer auch zu den andern Fälschungen gehabt hätte und einen so weit hergeholten Fremden mit einem „Knaben, Unreifen und Anfänger" für eine solche wichtige „Erstlingsarbeit" zu benützen brauchte. Wie aber. wenn der Dahn'fche Prinz Julian erst 23b gewußt hätte, daß er schon ungefähr 20 Jahre früher in einem ältern Romane Dahns einen Vorläufer und Concurrenten im Urkundenfälschen gehabt hatte? Nämlich in dem Roman „Ein Kampf um Rom" muß eine ganz ähnliche schmachvolle Rolle wie der Papst Liberius der Papst Sylverius spielen. Auch diesem Papste wird von Dahn die nämliche herrschsüchtige Politik und werden die nämlichen macchiavellistischen Grundsätze und verbrecherischen Mitte! unterschoben, als dem Papste Liberius. Ja Sylverius führt ganz die gleiche, widerlich salbungsvolle Sprache des muckerischen Prüdicauten. Um den Besitz Roms kämpfen nach Dahns früherem Romane „Ein Kampf um Rom" gegen Mitte des sechsten Jahrhunderts 1) der Papst, 2) der L 1a Louis Napoleon republikanische Stadtpräfect Cethegns, der schon anno 600 so nnd so viel die moderne Parole ausgibt: „Italien hilft sich selbst", Italia tarä äa se, 3) die Ostgothen und 4) die Byzantiner unter ihrem Feldherrn Belisar. Der Papst Sylverius hatte dem Gothenkönige Witichis vor dessen Abzug aus Rom öffentlich Treue geschworen, und die Römer nach des Papstes Beispiel ebenfalls. „Doch kaum hatten die Gothen den Mauern Roms den Rücken gewendet, schreibt Dahn Band II S. 294, so berief Papst Sylverius — es war am Tag nach seinem Eide — die Spitzen... Mit Unbefangenheit stellte er darauf den Antrag, da endlich die Stunde gekommen sei, das Joch der Ketzer (die Gothen waren Arianer) abzuwerfen, eine Gesandtschaft an Belisarius, den Feldherrn des rechtgläubigen Kaisers Justinian, abzuordnen, ihm die Schlüssel der ewigen Stadt zu überreichen." „Die Gewissenszweifel eines noch sehr jungen Priesters nnd eines ehrlichen Schmiedemeisters wegen des gestern geleisteten Eides beseitigte er lächelnden Mundes mit der Berufung auf seine apostolische Macht, wie zu binden, so zu lösen." ... So spielt Dahns Papst mit dem Eide der Treue, lächelnden Mundes. Darauf ging der Antrag einstimmig durch, und der Papst nebst Cethegus und zwei andern wurden als Gesandte an Belisar gewählt. Cethegus jedoch kam der Deputation heimlich zuvor. „Belisar sah von seinem Zelthügel aus mit ernsten Augen das mächtige Schauspiel, wie der Papst im Lager seinen Einzug hielt. Meilenweit herzugeeilte Gläubige, Haufen des Landvolkes der Umgegend, Tausende von Soldaten bildeten den unter unaufhörlichen Jubelrufen sich heranwälzenden Strom von Menschen, über welche Sylverius unermüdlich Segen sprach." Der Dahn'sche Belisar hatte seine byzantinische Leibwache, weil sie „zu gute Christen" seien, durch heidnische Hunnen und Gepidcn ablösen lassen. Vor diesen, des Lateins unkundigen Barbaren läßt hierauf Herr Dahn seinen Sylverius noch unmittelbar vor dem Zelteingange des Feldherrn simpclhaster Weife sich lächerlich machen durch eine schöne Rede über den ungeschickt gewählten Text „Lasset die Kleinen zu mir kommen," wobei er wieder lächeln muß, aber salbungsvoll. (Schluß folgt.) Die deutsche Gesellschaft für christliche Kunst (gegründet 1893) versendet ihren ersten Jahresbericht*) und das Verzeich- niß ihrer Mitglieder (bis 1. Juni 1893). Wir erhalten hier in authentischer Weise einen „gedrängten Ueberblick *) Verfasser i. A. H. Inspektor S. Staudhammer-Münchcn. Geschäftsstelle d. d. E. f. chr. K. LndwigSsir. 15. über die bisherige Thätigkeit der deutschen Gesellschaft für christliche Kunst und über die in nächster Zeit vorzunehmenden Schritte." Ueber erstere haben die Leser der Postzeitung wiederholt Bericht empfangen, speziell über die Gründung, die erste JahreSmappe, die Verhandlungen in Würzburg. Es ist nicht uninteressant, die Reihe der Tagesblätter und Kunstzeitschriften zu durchlaufen, welche von Anfang an oder auf die genannte Publikation hin das neue Unternehmen mit aller Aufmerksamkeit verfolgten. Obenan stehen die Angsbnrger Postzeitung, die Kölnische Volkszeitnng, das Negensbnrger Morgenblatt, das Archiv für christliche Kunst, das österreichische Literaturblait; aber auch die Allgemeine Zeitung, die Kunst für Alle und eine sehr große Zahl anderer Blätter der verschiedensten Richtung bekundeten meist in günstigster und anerkennender Weise ihr Interesse an der Sache. Der Bericht spricht deßhalb auch die Hoffnung aus, es werde „dem ernsten Streben der Gesellschaft die gleiche Unterstützung auch fernerhin zur Seite stehen", besonders, da sich die Publikationen der Gesellschaft immer mehr, namentlich nach der instruktiven Seite hin, vervollkommnen werden. Die Herausgabe der ersten Mappe war mit besonderen Schwierigkeiten verbunden. Denn als diese Aufgabe an die Gesellschaft herantrat, zählte sie erst eine kleine Zahl begeisterter Förderer in der Künstlcrwelt; dann konnten in der verhältnißmäßig kurzen Zeit, welche für die Vorbereitungen vergönnt war, gerade von den besten und geeignetsten Schöpfungen der Künstler-mitglieder keine technisch genügenden Nachbildungen beschafft werden; weiterhin fällt der Umstand in die Wagschale, daß manche der Künstler schon längst den Wunsch hegten, aber keine Gelegenheit fanden, direkt im Dienste der christlichen Kunst zu schaffen. Daher kommt es auch, daß in ausgedehnterem Maße, als es in der Folge geschehen dürste, Werke von Juroren herbeigezogen werden mußten. Immerhin werden jederzeit alle andern Rücksichten der einen sich unterordnen müssen, die Wirksamkeit der Gesellschaft möglichst segensreich zu gestalten. Noch ein anderer Punkt ergab sich aus den ange führten Schwierigkeiten. Wegen der verhältnißmäßig geringen Auswahl an Werken, welche der Kunst, der Religion und dem allgemeinen Verständniß gleichmäßig entsprachen, mußte die Jury in der ersten Mappe zunächst darauf Hintrachten, zu zeigen, daß es Männer gibt, die mit vollendetem technischen Können den Willen verbinden, ihre Geisteskraft in den Dienst der religiösen Ideen zu stellen; und dieses Ziel hat sie unstreitig mit jedem Blatte erreicht. In allen Versammlungen und Zuschriften zeigte sich, daß die Mitglieder mit dem bei Gründung der Gesellschaft klar ausgesprochenen Grundsatz einverstanden sind, wir sollten nicht allein die kirchliche, sondern die christliche Kunst im weitesten Sinne pflegen. Der Betrachter der Mappe wird auch ohne nähere Bezeichnung leicht finden, für welchen Zweck die einzelnen Darstellungen gedacht sind, und darnach wird er sein Endurtheil einrichten. Anders gestaltet sich eine Schöpfung deS künstlerischen Empfindens, wenn ich sie für den Altar bestimme, anders, wenn sie der häuslichen Erbauung oder Anregung dienen soll, wieder anders, wenn derselbe Gegenstand als ein allgemein zugängliches Monumentalwerk gedacht ist. Bei Kunstwerken, welche im Gotteshaus Aufstellung finden, spielt die Tradition eine ungleich größere Rolle als bei anderen. Es möge nicht über- sehen werden, daß auch unsere Zeit für spätere Generationen ein Stück Tradition darstellt, und das; auch die alte Kunst zu ihrer Zeit neu war. So wie die Verhältnisse sich thatsächlich gestaltet haben, nmß der Künstler bei einer nicht bestellten (was regelmäßig der Fall ist), sondern für Ausstellungen bestimmten Arbeit die technische Seite betonen, weil ihm Erfahrung und Gefühl sagen, hier werde mehr nach seinem äußeren Können gefragt; würde er dabei mit der inneren Wahrheit und dem, was das Wesen des Kunstwerkes ausmacht, in Widerspruch gerathen, so wäre seine Schöpfung bei allen sonstigen Vorzügen gewiß unvollkommen. Doch müssen gerade solche Erscheinungen im Kunstleben für alle Freunde hoher Kunst eine Aufforderung bilden, dem christlichen Künstler seine schwierige Stellung erleichtern zu helfen. Wir thun aber das Gegentheil und zeigen von geringer Kenntniß der Verhältnisse, wenn wir in überhasteter Kritik auch das vorhandene Gute wegleugnen und wenn wir zurückstoßen, wo wir anziehen, zerstreuen, wo wir sammeln sollten. In unseren Tagen ist die Beherrschung der Kunstmittel eine unerläßliche Vorbedingung für Jeden, der es wagen will, an die schmierigsten und erhabensten Aufgaben heranzutreten. Deßhalb verdienen neu entstandene Arbeiten, welche dem religiösen Jdeen- kreisc entnommen sind, nur dann den Namen religiöser „Kunstwerke", wenn sie die genannte Bedingung erfüllen. Wir wollen verhüten, daß die Darstellung des Heiligen mitleidigem Lächeln ausgesetzt werde und daß man uns um unserer „christlichen Kunst" willen als minder gebildet bezeichne. Und heutzutage können wir mit umso größerer Entschiedenheit die künstlerische Fertigkeit betonen, als unumstößlich feststeht, daß wer die hierauf bezüglichen Anforderungen nicht erfüllt, noch weniger die Fähigkeit besitzt, der zweiten, ungleich schwierigeren Anforderung zu genügen, nämlich seinem Gebilde den rechten Geist einzuflößen. Höchst bedauerlich wäre die Ansicht, der Besteller eines kirchlichen Bildwerkes wende sich am besten an einen „Künstler zweiten Ranges", da ein solcher williger auf die Ideen des Bestellers eingehe; für eine zu rechtfertigende Einflußnahme des Auftraggebers wird vielmehr gerade der tüchtigste Künstler im Interesse seines Werkes am dankbarsten sein. Fern bleibe aber der Versuch, unsere Künstler zu Handlangern zu degradiren, sie müssen uns vielmehr als Mitarbeiter im Weinberge des Herrn gelten, ähnlich wie die Männer der Wissenschaft, nicht sklavisch, sondern in freier Liebe zur Religion schaffend. Möge es nicht dauernd vorkommen, daß sie bei den Gegnern der Kirche mehr Ehre und Unterstützung finden, als in unseren Kreisen! So sehr wir die Tradition in der Darstellung besonders der hauptsächlichsten Thatsachen der Religion hochhalten und ein gewaltsames Brechen mit ihr verwerfen, so wenig möchten wir die Künstler aller Zeiten von selbständigem Denken und Empfinden dispensiren. Die Beobachtung der kirchlichen Bestimmungen, wo dieselben überhaupt in Betracht kommen, halten wir für selbstverständlich. Die äußeren Hilfsmittel der Darstellung vermögen niemals den Geist zu ersetzen, können aber auch nicht durch ihn zureichend ersetzt werden. Allerdings ist der ungleich wichtigere Theil der seelische Inhalt. Daraus ergeben sich für den Künstler und Kunstfreund etliche nicht immer genügend beherzigte Wahrheiten. Diese sind: daß man sich nicht an eine bestimmte frühere oder moderne Schule anklammere und dadurch für alles andere erblinde; daß man in der unablässig sich vollziehenden Aenderung der Techniken nicht ohne weiters einen Rückschritt oder Fortschritt erblicke; daß man nicht in Lob oder Tadel an der äußeren Form haften bleibe, sondern den Künstler innerlich auf sich einwirken lasse durch die schöne Seele, die sich in schöner Form offenbaren muß. Die Sprache der Schönheit aber ist so reich an Ausdrucksweisen, daß jeder echte Künstler, sobald er sich von der nöthigen Akademieschulung losgemacht hat, seinen Werken mehr oder minder auch ein individuelles Gepräge aufdrücken und auch hierin mit wohlthuender Originalität auf den Beschauer wirken wird, ohne nach einer Originalität der Einseitigkeit haschen zu müssen. Von einer nicht auf positiv christlichem Boden stehenden Seite wurde die Frage aufgeworfen, ob die Gesellschaft wohl mehr der Kunst oder dem Christenthum dienen wolle. Aus dem Namen, welchen die Gesellschaft trägt, aus der ersten Jahresmappe und aus obigen Bemerkungen geht zur Genüge hervor, daß beides keine Trennung zuläßt. Leider wollen auch Gutmeinende einen Gegensatz zwischen Kunst und kirchlicher Darstellung con- struiren; diese leisten dabei dem Ansehen der Kunst und der Kirche gleich beklagcnswerthe Dienste. Wem sollten die Schwächen einiger Künstler entgehen s Aber der Ansicht vermögen wir nicht zu huldigen, als ob hier rücksichtsloses Aufdecken und Bemängeln Heil bringe; wir wollen nämlich heilen, ohne unnöthig zu schmerzen, wo wir verbessern können, möchten wir nicht vernichten. Oftmals ist die eigene Einseitigkeit Ursache der schroffen Beurtheilung Anderer. Nach diesen Darlegungen dürften alle Gönner der christlichen Kunst den Juroren Dank wissen, daß sie mit Ueberwindung, großer Schwierigkeiten die erste Publikation zu einer würdigen Kundgebung christlichen Kunstgeistes gestaltet haben. Die Zusammensetzung der Jury bot von vornherein hinlängliche Bürgschaft für ein gutes Gelingen. Dankbarste Anerkennung gebührt auch den in der Mappe vertretenen Künstlern, welche sämmtlich die Veröffentlichung ihrer Werke ohne Entgelt gestatteten; ferner jenen VerlagSfirmen, welche uns die Reproduktion der bei ihnen verlegten Kunstblätter ermöglichten. Ermuthigend und für das christliche Kunstleben segensreich waren die Tage der 40. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands in Würzburg, wo auch die Gesellschaft am 29. August eine Generalversammlung abhielt. Es zeigte sich hier nicht allein bei jenen Kunstfreunden, welche die Macht der Kunst bereits in ihrem praktischen Wirken schätzen gelernt, sondern auch bei der jüngeren Generation das regste Interesse für unsere Sache. Die Generalversammlung selbst nahm einen unerwartet günstigen Verlauf; insbesondere wurde die Rede des I. Präsidenten, welcher die bedeutungsvolle Aufgabe der Gesellschaft vom Standpunkte der Kunst und des socialen Lebens beleuchtete, mit Begeisterung aufgenommen. Statutengemäß nahm die Generalversammlung auch die Wahl der Vorstandschaft für das Jahr 1894 vor, und zwar wurden zum Zeichen des Dankes für ihre bisherige Thätigkeit die 6 durch das Loos ausscheidenden Mitglieder neuerdings gewählt. Hiernach besteht der Vorstand des Jahres 1894 (alphabetisch geordnet) aus den Herren: Dr. Georg Freiherr von Hertling, Neichsrath, Universitätsprofessor (München), I. Präsident. Heinrich Graf Adelmann von Adelmannsfelden, fürstlich hohenzollern'scher Hofkammer- präsident (Sigmaringen). I>r. Jos. Bach, Universitäts- 237 Professor (München). Franz Festing, Pfarrer (Niederroth bei Röhrmoos). Clemens Freiherr von Heereman, k. Negierungsrath a. D., Mitglied des Reichstags und des preußischen Abgeordnetenhauses (Münster), vr. Paul Keppler, Universitätsprofessor, Vorstand des Nottenburger Diöcesan-Kunstvereins, Herausgeber und Redacteur des Archivs für christliche Kunst (Tübingen), vr. Alois Knöpfler, Universttätsprofcssor, Kassier (München). Dr. I?. Albert Kühn, O. 8. L., Professor der Aesthetik u. Kunstgeschichte (Einsiedeln). Dr. Oscar Freiherr Lochner von Hüttenbach, Professor, II. Schriftführer (Eichstütt). Dr. Jos. Schlecht, Lycealprofessor (Dillingen), vr. Gustav Schnürer, Universttätsprofcssor (Freiburg, Schweiz). S. Staudhammer, k. Inspektor und Hofstiftsvikar (München), l. Schriftführer. Georg Busch, Bildhauer, II. Präsident. Beruh. Hertel, k. Regierungsbaumeister (Münster). Heinr. Freiherr von Schmidt, k. Professor, Architekt (München). M. Heinrich Waders, Bildhauer (München). Martin Feuerstein, Maler (München). Gebhard Fugel, Maler (München). (Schluß folgt.) Von Gremrble nach der Grande Chartrcuse. Von H. Eid. (Fortsetzung.) So schön auch die Eindrücke dieses Tages waren, den wir hier mitten in der Einsamkeit des Gebirges verlebten, so hatte mich doch der kleine Nundgang in brennender Sonnenhitze recht müde gemacht, und ich erfreute mich infolge dessen des erquickendsten Schlafes, den ich um so höher schätzte, als ich bisher in dem geräuschvollen Grcnoble kaum einmal gut geschlafen hatte. Wie herrlich ist doch dieses Erwachen im Psarrhause gewesen, da durchs Fenster die junge Morgensonne grüßte und die frischen Waldlüfte wehten, während die alten Tannen droben auf den grauen Felsen mit ihren dunklen Zweigen zu sich hinaufwiukten l Nur gemach, wir kommen bald! Laßt uns nur erst frühstücken und von dem guten Pfarrer Abschied nehmen. Ich hatte mich in der That wohl gefühlt an diesem Ort der Ruhe und der Freundschaft und trennte mich nur ungern von unserm ehrwürdigen Gastgeber. Auf Wiedersehen! In vergnügter Schönheit strahlte der neue Morgen. Es schien wiederum drückend heiß zu werden, allein wir trösteten uns mit dem Gedanken, einen schattigen Weg vor uns zu haben. Dieser Weg führt längs des Berg- stromes durch ein tief cingerisscues, schluchtartiges Thal bis hinauf zur sogenannten Einöde (1a äösort), wo das Kloster gelegen ist. Gleich hinter dem Städtchen St.- Laurent betraten wir das fcldumgürtcte Thal; eine sehr gut gehaltene, auch ziemlich breite und bequeme Straße führt dicht zwischen Bach und Bergwand dahin. Große, bemooste Steine lagen da und dort in wirren Haufen und vielfach zerschmettert zur Seite, Zeugen der wilden Gewalt von Wind und Wetter, die hier zu Zeiten wohl schrecklich Hausen müssen. Aus diesem Steinchaos erheben sich schlanke Tannen und stämmige Buchen, höher und höher steigend bis hinauf, wo das Auge die seltsam gezackten, nadclartigen Felsspitzeu in voller Klarheit am blauen Himmelsgrunde sich abheben sieht. Jetzt tritt plötzlich das Gebirge so nahe an uns heran, daß die Aussicht nach oben unter den Baumgipfeln völlig verdeckt ist; dafür aber offenbart sich dem Auge der Anblick der jenseits des Baches liegenden Höhen, der uns bisher durch die dichten Ufergestrüuche entzogen war. Wie da die Tannen nach oben hin immer kleiner werden, wie sie sich zuletzt in ihrer wunderlichen Zwergengestalt auf die Vorspränge der Felsen flüchten, und wie sie dort ans den höchsten nackten Zinnen wie schwarze Männlein in Reih und Glied zu stehen scheinen! Und uns znr Seite, tief drunten, murmelt der Corrent mit seinem krystallhellcn Wasser, das in wilder Hast über die grünen Felsblöcke dahinsauste und dessen weiße, wirbelnde Schaumkronen aus dem Halbdunkel gespenstisch heraufkeuchten. Indem wir uns den erhabenen Eindrücken dieser herrlichen Natur überlassen, schreiten wir schweigend neben einander her. Kein Wandrer ist uns bis jetzt begegnet, alles ist so still ringsum, als ob wir auf tausend Meilen dem Getriebe der geschäftigen Welt der Menschen entrückt wären. Aber siehe, dort drüben am andern Ufer wehen bläuliche Nauchstrcifcn über den schweigenden Wald, dort ist eine Ccmentfabrik. Wagen, mit Pferden bespannt, halten vor der Eingangsthürc, Säcke werden ausgeladen, und die Stimmen der Fuhrleute und Arbeiter schlagen an unser Ohr. Nicht weit von hier befindet sich eine andere industrielle Anlage, aber nicht von alltäglicher Natur. Es ist die weltberühmte Ltqueurfabrik der großen Karthause. Wir läuteten am äußeren Thore und erhielten alsbald Einlaß. Durch den Pförtner ließen wir dem die Oberaufsicht führenden Klosterbruder melden, daß wir wünschten, die Fabrik besichtigen zu dürfen. Es dauerte auch nicht lauge, so erschien ein altes, graues Männchen im grauweißen Mönchshabit und mit einem grobleinenen blauen Arbcitsschurz bekleidet, das uns mit lächelndem Gesichte freundlich willkommen hieß, sich dabei tausendmal entschuldigend, daß es ihm leider nicht erlaubt sei, uns die Fabrik zu zeigen, indem eben Tag für Tag Reisende einträfen, die sie zu sehen begehrten, wobei jedoch zu fürchten sei, daß das Geheimniß der Zubereitung des Liquems leicht verrathen werden könnte. Indessen wollte uns der alte Mann nicht ziehen lassen, ohne uns einen Beweis von der Gastfreundlichkcit des Hauses gegeben zu haben. Wir traten also mit ihm in ein kleines, weißgetüuchtes Gemach und ließen uns auf seine Einladung hin auf die sehr primitiv aus Weiden geflochtenen Stühle nieder. Der Bruder öffnete nun den Wandschrank, nahm fünf Gläschen heraus — wir waren unsrer vier, da sich uns schon in St.-Laurent noch zwei Wanderer beigesellt hatten — und goß in ein jegliches von dem goldig klaren, duftigen Getränke, das uns dann auch ausgezeichnet mundete. Das graue Mönchlein schien in Grcnoble sehr gut bekannt zu sein und erkundigte sich bei meinem Freunde über mancherlei Personen und örtliche Verhältnisse, wie man es bei solchen Gelegenheiten zu thun pflegt. Es war gut, daß wir uns nicht lange aufhielten, denn wir wären sonst so gute Freunde geworden, daß dem freundlichen Alten die des öfteren wiederholten Entschuldigungen wegen der uns verweigerten Erlaubniß noch viel härter angekommen wären. Die Hälfte unseres Weges war zurückgelegt. Es ging auch bereits gegen Mittag, und <^us ostauä, wie heiß! kam es gar oft über die lechzenden Lippen. Mit einer Wendung der Straße standen wir plötzlich vor der kühn über den Bergstrom gewölbten, steinernen Brücke St. Bruno, und gerade, als wir sie zu überschreiten uns anschickten, begegneten uns zwei junge Männer, die offenbar soeben von der Chartreuse kamen. Ich glaubte in dem einen, einem hellblonden, rothwangigen Jünglinge, einen Landsmann zu erblicken und redete ihn deßhalb .,-S 238 vertrauensvoll in deutscher Sprache an. Er verstand mich aber nur mit Mühe, er war ein Belgier. Wir erkundigten uns angelegentlichst, wie weit wir noch zu gehen hätten, wie man sich in solchen Fallen ja gerne crmuthigen läßt, und ich glaube, sie sprachen von einer guten halben Wegstunde, während die Straße sich noch weit über eine Stunde hinzog und mit der steigenden Sonne immer beschwerlicher wurde. Die Landschaft nahm allmählig einen anderen Charakter an. Wohl brauste noch immer der Bergstrom, in tiefer Rinne fluthend, zu unsern Füßen, aber die Berge wurden niedriger und die herrlichen Wälder dehnten sich in breiteren Flächen vor uns aus. Natürlich erreichte uns jetzt auch die Sonne ungehinderter, und heute meinte sie es ausnehmend gut. Ost windet sich hier die Straße mühsam durch die künstlich beiseite gedrängten oder auch gesprengten Felsen. Ja manchmal führt sie gar durch ziemlich lange, unterirdische Durchlässe, die von der Seite des Flusses her durch künstlich hergestellte Lichtöffnnngen erhellt werden. Da drinnen war es so kühl, aber doch auch wieder so unheimlich öde angesichts der durch die unförmlichen Felsenfenster hereinschauenden, reizenden Natur. — Immer steiler wird die Straße, die Mittagsonne hat jetzt alle Baumschatten aufgezehrt, mir brennen die Füße auf dem steinigen Boden, es ist zum Verschmachten. Doch Geduld! Wir haben ja bereits den Eingang in die Einöde erreicht. Ein hohes, grün angestrichenes Eisenkrenz kennzeichnet diese Stelle, wo einst der heilige Bruno die einsame Hochebene betrat. Noch einmal bereitet mir eine Wendung des Weges, die ich für die letzte hielt, eine Enttäuschung. Aber der Bach ist ja gänzlich verschwunden, nur wild durcheinander geworfene Steine bezeichnen sein vertrocknetes Bett, hier muß er also seinen Ursprung haben. Jetzt tritt der Wald zurück, es wird licht, eine mächtige Felsenwand, der Grand Lom, erscheint, und dort liegt das heiß ersehnte Ziel, die altersgrauen Mauern der Grande Chartreuse. Noch ein jäher Aufstieg der Straße, eine letzte Kraftanstrengung — und wir stehen vor der Klosterpforte! Auf dem Nasenplätzchen vor dem Thore hatte sich eine kleine Gesellschaft vornehmer Herren und Damen niedergelassen. Die meisten der Herren hatten wohl das Innere des Klosters schon besichtigt und beriethen nun mit den Frauen, denen der Eintritt nicht gestattet ist» einen nachmittägigen Ausflug. Die hohe Umfassungsmauer auf der gegen Osten gelegenen Vorderseite des Gebäudes warf ihren Schatten auf dieses reizende Fleckchen Erde, und hätte uns der Bruder Pförtner nicht auf der Stelle geöffnet, so wäre ich jedenfalls auch versucht gewesen, mich im weichen Grase auszuruhen. Aber schon waren wir über eine kleine Treppe in das zur Linken der Pforte liegende Vorzimmer eingetreten, um die erforderlichen Personalangaben zu machen und den uns hier empfangenden Bruder über die Dauer unseres Aufenthaltes zu verständigen. Es kommen nämlich auch Pilger hierher, die gesonnen sind, eine sogenannte Netraite (geistliche Uebungen) zu machen, und zu diesem Zwecke mehrere Tage lang hier verweilen. Nachdem auch mein dem Bruder etwas seltsam klingender deutscher Name nach einigem Zaudern und Vorbuchstabiren in die Liste eingetragen war, schritten wir über den großen Vorhof zum eigentlichen Eingang des Gebäudes für die fremden Gäste. Die Düsterheit dieses rings von hohen Mauern begrenzten Raumes wird dadurch in etwas gemildert, daß rechts und links VD dem durch seine Mitte führenden, mit großen Steinplatten belegten Hauptwege ein umfangreiches, kreisrundes Steinbecken steht, aus dem sich ein mächtiger Wasserstrahl erhebt, um laut plätschernd in dasselbe wieder niederzufallen. Diese beiden Springbrunnen, die von der Quelle des hl. Bruno gespeist werden, müssen den neuankommenden müden und durstigen Wanderern gar verlockend erscheinen, denn ich sah im Verlaufe jenes Tages ganze Gruppen jüngerer und älterer Leute sich an ihrem eiskalten, aber wunderbar reinen Wasser erkühlen. Außer den beiden Fontänen weist der Vorhof auch zwei sehr sorgsam gepflegte, eben in der herrlichsten Blüthe stehende Blumenbeete auf, was einen recht freundlichen, wohnlichen Eindruck hervorbringt. Betritt man aber das Innere des Hauses, so fühlt man sich mit einem Schlage in eine ganz andere Welt versetzt: Lange, düstere Korridore mit grauen Steinböden und hohen Wänden, mit unansehnlicher Tünche bedeckt! Gar trübselig kommen uns die schwarz angestrichenen Thüren mit den altmodischen, knarrenden Schlössern und die nackten, tief in den Wänden liegenden, zum Theil noch mit Butzenscheiben versehenen Fenster vor. Eine ziemlich große Zahl von Gästen bewegt sich eifrig über die Treppen und Gänge. Jeder sucht sich vorerst zu- rccht zu finden und sich soviel als möglich heimisch Zu machen. Aber frohes Geplauder ist nirgends zu hören, und wenn jemand sich beigehen lassen wollte, laut zu reden oder gar zu lachen, so würde ihn eine ernste Hand auf die von allen Wänden streng herniedcrblickende Warnung verweisen: Man bittet, leise zu sprechen! (Fortsetzung folgt.) Neceusivnen und Notizen. Lätitia, Sammlung vierstimmiger Chöre für deutsche Cä- cilienvcrcine, höhere Lehranstalten rc., herausgegeben von Waldmann v. d. Au. III. Vändchcn: gemischte Chöre, broch. 1 M., geb. IM. 25 Ps.; IV. Bündchen: Münner- Chöre, broch. 60 Ps. Straßburg i. E., 1894- Straß- bürger Druckerei und Verlagsanstalt, vorm. N- Schnitz u. Comp. L. 6. In vorliegender Sammlung begrüßen wir eine Gabe, die gewiß in weiteren Kreisen schon mit Sehnsucht erwartet wurde. Der Herausgeber, „ein aufs Praktische eingerichtetes Talent", wie ihn Dr. Wiit rühmte, hat uns schon vor mehreren Jahren mit 2 Bündchen vierstimmiger Chöre beglückt und konnte in der Folge die angenehme Erfahrung machen, daß er nicht vergeblich gearbeitet habe; den» das I. Bündchen (gedruckt 1884) ist bereits in 4. Auflage und das II. Bündchen (gedruckt 1887) in 3. Auflage mit je 2000 Exemplaren erschienen, ein Umstand, der genugsam erkennen läßt, daß hier das Nichtige getroffen wurde. Den früheren Bündchen reihen sich nun die jüngst erschienenen in würdigster Weise an. Das 3. Bündchen enthält 70 gemischte Chöre, daö 4. Bündchen 36 Münnercböre, welche in glücklicher Auswahl all den Veranlassungen Rechnung tragen, in denen Cäcilienvereine außer der Kirche aufzutreten haben. ES finden sich darin religiöse, Grab-, Vaterlands- und Heimathöliedcr, Sonntags-, Morgen-, Abend-, Frühlings- und Herbstlieder, Wald- und Berg-, Wander- und Abschiedslieder, vermischte und humoristische Lieder. Wir rechnen cS dem Herausgeber zum hohen Verdienste an, daß die Texte mit großer Sorgfalt ausgewählt sind, frei von erotischen Schwärmereien, lauter und rein, so daß sie jedem Schüler, ja jedem Kinde unbedenklich in die Hand gegeben werden können. Was den musikalischen Theil betrifft, begegnen wir hier manchen lieben alten Bekannten, entweder in ihrer ursprünglichen Tracht oder in einem vom Herausgeber gut angemessenen Gewände. Zu ihnen gesellen sich viele neue Erscheinungen cücilianischer Compouistcn, die neben den Alten ganz gut auftreten können, ja sie vielfach überflügelt haben. Indem bei der Auswahl besonders darauf gesehen wurde, daß den GesangSkrästen keine großen Schwierigkeiten zugcmuthet werden, so ist gleichwohl alles Triviale und Ordinäre vermieden, vielmehr paart sich anmuthigc Einfachheit mit edlem Schwung. Da Einzelstimmen nicht ausgegeben werden, so muß wohl jeder Sänger aus der Partitur singen, aber daL lostet bei dieser Ausgabe wahrlich keine Mühe; denn die AuSstaikung ist in Bezug auf Notendruck und Textvertheilung eine geradezu vorzügliche. Der Preis darf im Verhältniß zu dem, was geboten wird, ein sehr mäßiger genannt werden, und es ist die Anschaffung um so mehr erleichtert, da nun die gemischten und die Männerchöre in getrennten Bündchen zur Ausgabe gelangten und getrennt abgegeben werden. Mag auch in einer solchen Sammlung nicht alles vollkommen sein, daö ist gewiß: der Herausgeber hat durch diese überaus praktische Arbeit den CL- cilienvereinen, Seminarien und höheren Lehranstalten einen großen Dienst erwiesen; dieselben werden ihren Dank sicher dadurch bekunden, daß sie bei den neuen Bündchen ebenso frisch zugreifen werden, wie es bei den früheren der Fall war. Eckstein Ern., Verstehen wir Deutsch? VolkSthümliche Sprachuntersuchungen. 8", 163 S. Leipzig, C. Reißner, 1894. M. 2.00 gebd. L. Den Zweck des Büchleins erfahren wir aus der Einleitung. „Die Naturwissenschaften, sagt der Verfasser (2. 1), haben es fertig gebracht, mit dem Laien hie und da eine recht intime Fühlung zu gewinnen, die Linguistik dagegen, die Sprachforschung, die doch ganz zweifellos zu den Naturwissenschaften gehört, — denn die Sprache ist ein Naturprodukt, das nach ebenso unabänderlichen Gesetzen entwickelt wurde, wie der menschliche Organismus selbst — nur die Sprachforschung ist für das Publikum eine Art Popanz geblieben, vielleicht nur in Erinnerung an die fürchterlichen Grammatirstunden der Jugendzeit, vielleicht aber auch deßhalb, weil die Sprachgelehrten sich für die Gelehrten par sxeellonos halten und demzufolge es verschmähen,. von der Höhe des Katheders herabzusteigen und mit den Menschen menschlich zu reden." Das ist doch nicht ganz richtig: Die vergleichende Sprachforschung, welche in ihren viel- verschlnngenen Wegen eine ernste Geistesarbeit und ein riesiges Dctailwissen voraussetzt, widerstrebt vielmehr ihrer Natur nach der Popularisirung, was übrigens gar kein Unglück ist; sie theilt dies Schicksal ganz und gar mit anderen Wissenszweigen, so mit der erhabenen, von allen sinnlichen Qualitäten abstra- hircndcn Wissenschaft der Mathematik. Ucbrigens hat bereits Rudolf Kleinpanl in drei Bänden (Räthsel der Sprache; Sprache ohne Worte; Stromgebiet der Sprache) die Linguistik zur schöngeistig-belletristischen Popularität erniedrigen wollen; wer diese Bücher kennt, weiß, daß Kleinpanl kein Sprachforscher ist und daß seine pikanten Machwerke höchstens für „Rauch-Coupös lustiger Männerzirkel" einen fragwürdigen Werth haben, wo man stark gewürzte Zotenhastigkcit liebt. Ein Dienst ist damit weder der Wissenschaft, noch der allgemeinen Bildung erwiesen. Kleinpauls Pfade betritt Eckstein freilich nicht, er bietet ganz artige, unterhaltende Plaudereien, die aus einer Menge kleiner Beobachtungen entsprungen sind; als Sprachforscher stellt sich indeß der in der Form nicht ungewandte Nomanschreibcr keineswegs dar. Also Saul unter den Propheten! Nicht nur der Bauer» meint Eckstein, ist der Linguistik gegenüber eben ein Bauer, der nicht weiß, was cigenilich „Serviette" heißt, sondern „die ungeheure Mehrzahl des sonst gebildeten, aber nicht sprachlich geschulten Publikums versteht die eigene Muttersprache nur so, wie der Bauer das Wort .Serviette'". Ganz gut — aber, erstens, bei wie vielen Wörtern läßt sich die ursprüngliche Bedeutung überhaupt entziffern? und zweitens, dem „Gebildeten" ist diese Art Wissenschaft so „egal", wie der Streit um den Werth der Logarithmen negativer Größen. Wer also Linguist ist, wird durch Eckstein nicht besser „Deutsch verstehen lernen", als er es schon versteht, und wer es nicht ist, kann es damit nicht werden. Also Verlorne Liebesmüh'! Ein gewaltiges Loblied singt Eckstein der gotischen Sprache, der er, was Voll- tönigkeit betrifft, einen Ehrenplatz neben dein Spanischen gibt; das Finnische ist übrigens bei den „klangreichen Sprachen" auch nicht zu vergessen. „Die unpatriotisch geringe Beachtung, seufzt Eckstein (S. 41), die das Gotische auf unseren Gymnasien und sonstigen höheren Schulen erfährt, steht leider nicht im Verhältniß zu der Summe von Arbeitskraft, die auf das Studium der altklassischen Sprachen verwendet wird. An rein formaler Bildungskraft würde das Studium des Gotischen mit dem des Lateinischen wetteifern können, während es für die Entwickelung des Nationalgefühls und für das innere Verständniß der neuhochdeutschen Muttersprache geradezu unersetzliches leistet." Das scheint uns denn doch zu stark aufgetragen; wir geben zu, daß ein schulgcbildcter Deutscher das Gotische kennen muß, weil es zur ältesten Gestalt seiner Muttersprache hinweist, aber nicht gerade, um das Nationalitätsgefühl zu stärken, da unsere Gymnasien (in ihren deutschen Aufsatzthemen rc.) ohnehin schon für systematische Ueberfütterung mit Deutschthum- buselek ihr Mögliches leisten. Auf Kosten der beiden „klassischen* Sprachen mit ihrer einzig dastehenden Literatur darf denn doch das Gotische nicht erlernt werden, von dem wir ja doch nur ganz spärliche (wenn auch darum sehr werthvolle) Literaturdenkmäler haben, die uns Wulsila, der arianische Gotenbischof, hinterlassen hat. Ho quick nimm! Dst mockus iu redusl Unö bestärkt vielmehr die Geschichte der Wissenschaft und Cultur täglich in der unwandelbaren Ueberzeugung, daß die Summe an Arbeitskraft, die auf das Studium des Griechischen und Lateinischen verwendet wird, niemals groß genug sein kann, jedenfalls aber in unseren Schulen gegenwärtig viel zu gering ist, was der Erfolg leider beweist. — Neben vielen richtigen Beobachtungen, die längst erkannt sind, bringt das Büchlein, welches immerhin lcsenswerth ist, Vieles, das einen alten Standpunkt verräth, der von den neueren großartigen Forschungen, namentlich Brugmann'S, keine blasse Idee hat. Linke Jo., tütbara saora: oantionnw piarnm somieonturia. — Fünfzig geistliche und weltliche Lieder in lateinischer Uebcrtragung. 12° x. VIII -st 192. Leipzig, Carl Reißner, 1893. M. 2,00. lt. Mit Vergnügen nehmen wir von jeder neuen Erscheinung auf dein Gebiete der einst eifrig gepflegten lateinischen Reimpoesie Notiz, zumal dergleichen Versuche leider in neuer Zeit sehr vereinzelt auftreten und dann auch nicht die Beachtung finden, die sie oft verdienen. Der Verfasser hat bereits eine stattliche An- zabl theologischer Werke (darunter Neuausgaben von Luthers Prophctencommentaren) veröffentlicht und ist Protestant, doch drängt sich im vorliegenden Buche sein Standpunkt nie unangenehm oder verletzend vor; im Gegentheil, wir finden bei ihm zahlreiche innigfromme, gcmütbvollc Lieder katholischer Sänger (L. Hensel, Volksweisen) in lateinischem Gewände. Die Originaltexte stehen überall gegenüber, so daß sich der Leser von der Gewandtheit des Umdichters ebenso überzeugen kann, wie von der Grundlosigkeit deö VorwurfS, daß die lateinische Sprache hart und spröde sei; im Gegentheil, eignet sich kaum eine andere durch ihren Wohllaut so sehr zur Rcimpoesie. Wir lesen hier im Originalmctrum übersetzt allbekannte Texte, wie „Es ist ein Reis entsprungen" oder „Himmclsau, licht und blau" oder „O du hochheiliges Kreuz" oder „Stille Nacht, heilige Nacht". Zur Probe theilen wir Louise Hensel'ö bekanntes «Müde bin ich, geh' zur Ruh" mit: §essus oo cuditum, Oisucko xreoans ooulnm: Lator, visibus meo Ooram acksis leotnlo. tzui sum lapsus dockio, Domino, na rosxieo! Odristi mors 6t Aratia Damno, saroit ownia. ckunotos midi Zansro ' Das in t6 quiosooro, Drooores 6t parvulos Habs tidi creäitos. Lecks, motus mordickos, Dckos olanckas ooulos, LZits. onstockiam Nootoin xraodo xlacickam! Möge der Verfasser recht bald wieder in die Saiten seiner »Oitiiara- greifen und uns mit einer neuen Gabe erfreuen. Vor ei» paar Jahren sind dem kürzlich verstorbenen Weber einige Proben seines kraftvollen „Dreizehnlindcn" in lateinischer Uebcrtragung vorgelegt worden, worüber sich der Dichter sehr günstig ausgesprochen hat; eine lateinische, rhythmische Reim- übersetzung dieser kernigen Strophen wäre ein schöner Vorwurf für ein Talent, wie Linke, denn die oben genannte Bearbeitung scheint nicht zu Stande zu kommen!? Engelhardt, Zehn Original-Compositionen. Negcns- Lurg, Coppcnrath (Pawcleck). Partitur 2 M. 40 Pf., 4 Stimmen L 30 Pf. Neben der Vorführung von exquisiten Palcstrina- und Orlando-Kompositionen zur Feier des Doppel-Jubiläums dieser beiden Tonheroen werden bei der XIV. General-Versammlung des Allgemeinen Cäcilien-VercineS am 6. und 9. August d. I. in Negensburg eine Anzahl von neueren Tondichtungen, welche im Geiste und Sinne der Alten geschaffen sind, zu Gehör gebracht. In obigem Musikale sind nur die ausgewählten Tonstücke durch den Herrn Domkapellmeister von Negensburg ge- 240 <5 sammelt und redigirt. Brücklmaper leitet die Sammlung ein mit einem sehr wirkungsvollen Mmmigcn Vollito xortas — der weihevolle Hauch der Adventzeit weht aus Melodie und Harmonie. Der kunstgcübtc, formgewandte GricSbacher liefert ein fünssiimmiges, reich bewegtes und belebtes Vuieraut stesum — ein äckter Fra Bartolommco (Bclvedcre, Wien) tu Tönen. Der dramatische Quadflicg schuf ein brillantes, glühendes und sprühendes ^stimmiges WcihnachtS-Mctctt Tut 8unt eoeli mit Orgel; Auer, der uns so oft schon Proben seiner contrapunktischcn Kunst gegeben, ein ernstes, wie unter dem Kreuze knieend gedichtetes Fastenoffcrtorium Drips ms, ^stimmig; Nenner jun. im hoben Stile ein pompöses, groß angelegtes Pfingstlied (üonürwa koo Heus (»stimmig); unser rheinländischcr Witt, Piel, ein 4stim- migcS, wohl durchdachtes und prächtig ausgearbeitetes 6onstitus8 eos xrinoii>k3. Altmeister Haller ist mit einem 5 stimmigen Veriras moa vertreten, das voll und ganz den Charakter der Haller'schcn Muse, Wohllaut und Formvollendung, an sich trägt. Hauisch lebt unter unS auf durch sein priestcrlich ernstes üam uon äioam vos sorvos, das durch die feierliche Würde seiner Accorde in der Stunde der Priesterweihe des unfehlbaren, erschütternden Eindruckes sicher ist. Der tief empfindende August Wiltbergcr bringt für vierstimmigen Mänucrchor mit Orgel einen Hcrz-Jcsu-HymnuS 6or, aiea. losssm oontiuens von glühender Andacht und seliger Anbetung. Thiclcn'S scchsstimmigeS Re- spousorium Didera wo Domino ist durch den Ernst und die erschütternde Krast seiner melodischen und harmonischen Form eine Perle der katholischen Excquial-Musik-Litcratur. Allen Chor-Dirigenten, namentlich jenen, welche beim Cäcilicnsestc in Ncgensburg, mit der Partitur in der Hand, lernen wollen, seien diese auScrwähltcn Compositicnen moderner Meister aus's beste empfohlen. Sie sind beim Hochamte, Requiem und bei Nach- mittagSandachten sehr gut und wirksam zu gebrauchen. Dr. Walter. Fünf Jahre unter d cn Horden Asrika's und A sie» S. Von einem Soldaten der franz. Fremdenlegion. Vrixen. Verlag des Kath. Pal.-Prcßvercins. Erlebnisse in der franz. Fremdenlegion. Von K. v. K. Verlag von Georg Koch in Eltmann a. M. Preis 20 Pf. --- Beide Schriftchen behandeln Erlebnisse im Dienste der französischen Fremdenlegion. Die erste der beiden angezeigten Schriften hat einen Tiroler, Th. Habichcr, zum Autor; sie gibt hauptsächlich über Land und Leute in Algier und Tonkin eingehende Schilderungen, die zum großen Theil recht interessant zu lesen sind und recht frisch und plastisch, wenn auch nicht in vorzüglicher Stilistik, Bilder theils freundlicher, theils düsterer Art vorführen. Habichcr deutet nur flüchtig auf die Qualen hin, die der Frcmdcnlcgionär durchzumachen bat, und es scheint, daß er besser durchgekommen ist als sein LeidenSgenosse, der Verfasser der zweiten Schrift, K. v. K., ein Münchner. Letztere Schrift hat den ausgesprochenen Zweck, alle deutschen Landslrnte auf'S dringendste zu warnen, sich in die Fremdenlegion anwerben zu lassen. Wenn nur die Hälfte von dem wahr ist, was der Verfasser vorführt — und wir haben keinen Grund, nicht das Ganze für wahr zu halten — so muß er diesen Zweck erreichen. Das Leben als Legionär ist weit schlechter, als das ehemalige brasilianische Sklavenlcben, und es ist ganz entsetzlich, was nach diesen Schilderungen der Legionär, und besonders wenn es einer der verhaßten Deutschen ist, durchzumachen hat. Klimatische Einflüsse und schauderhafte Entbehrungen bewirken denn auch, daß die allerwenigsten Legionäre lebend oder gar gesund daS Ende ihrer fünfjährigen kontraktlichen Dienstzeit erreichen. — Beiden Schriften, deren Preis sehr billig, wünschen wir weiteste Verbreitung. Marsch- und Quartier-Erlebnisse v. I. T. Kujawa. Erschienen sind 2 Bändchen. Vollständig ist die Sammlung in 5 Bändchen. Jedes ist einzeln käuflich. Preis L 50 Ps. Adolf Nussell's Verlag in Münster i. W. Ueber das Solbatcnlcben ist schon viel geschrieben worden. Heiteres und Ernstes, Belehrendes und Unterhaltendes, Wahres und Unwahres, Mögliches und Unmögliches, so daß neuen Erscheinungen auf diesem Gebiete der Kamps umS Dasein schwer gemacht wird. Nach den vorliegenden 2 Bändchen zu urtheilen, scheint uns diese Sammlung dennoch viele Leser zu finden. Kujawa, bekannt durch eine Reihe vorzüglicher Sotdaten- HumoreSken in namhaften Kalendern und Zeitschriften, dann durch seine Militär-Lustspiele, langweilt nicht durch gleichgültige Beschreibung und Vortrüge; er läßt vielmehr die Leser Bekanntschaft machen mit dem echten und rechten Soldaten, wie er „leibt und lebt", wie er „weint und lackt". Die Episoden und Erlebnisse sind wahr, die Personen gehören dem wirklichen Leben an, nicht der Dichtung. Der Leser findet nichts Alltägliches, bereits schon Dagewesenes. Der Veteran wird in der Lektüre manch liebe Rückcrinncrung an SelbstcrlebteS finden, der Soldat beredte Beispiele, die zur Nacheifcrung ermuntern, die Jugend eine Anspornung zur Vaterlandsliebe, zur Hingebung und Treue gegen Kaiser und Reich. „Sociale Thätigkeit der Kirche" oder „Antworten auf kirchenscindliche Anzapfungen" lautet der Titel einer im Verlage von I. Gürtler in Warnsdorf (Deutschböhmen) erschienenen zeitgemäßen Flugschrift. — 1 Expl. 10 Pfg., 50 Expl. 4 M.. 100 Expl. 7 M. 50 Pfg. Die Broschüre bietet in knapper Fassung (16 S.) ein vielseitiges, reiches Material zur Abwehr der sozialdcmokratischen Phrasen, daß die katholische Kirche für die Arbeiter und Armen nichts gethan, sondern sie „nur auf den Himmel vertröstet" habe. Die Flugschrift zerfällt in eine Vorrede und in folgende Capitel: 1. „Geistige Erlösung und wirthsckaftliche Befreiung durch daS Christenthum", 2. „Milderung u. Aufhebung der Leibeigenschaft", 3. „Ausbildung der Handwerke und Landwirthschaft", 4. „Segen der christlichen WirthschaitSordnung im Mittclaltcr", 5. „Die neueren sozialen Schutzgesetze", 6. „Soziales Wirken der St. Vincenzvereine", 7. „Soziales Wirken der Orden", 8. „Don Bosko, Cottolengo, Noussel, P. Mattcw", 9. „Katholische Gesellenvereine", 10. „WoblfahrtScinrichtungen", 11. „Maßnahmen für den Bauernstand". Es wäre zu wünschen, daß diese Broschüre in die Hände jedes christlichen Arbeiters käme. um ihn einerseits gegen die Gefahr zu stählen, infolge der shstcmatischen Verdächtigungen der Kirche seitens sozialdemokratischcr Collcgeu an der Wahrheit irre zu werden, und um ihn anderseits in die Lage zu setzen, auf rcligionSgehässige Anzapfungen in der Presse, in der Werkstatt, in der Fabrik und in Versammlungen mit Thatsachen prompt antworten zu können. Die geist liche Schulaufsicbt in der VolkSsch ule, ihre Berechtigung und Ausübung von M. A. Ber- ningcr, Schul-Jnspcktor. Zweite vermehrte Auflage. Würzburg, Andreas Göbcl, Verlagsbuchhandlung, 1894. VII u. 65 S. Preis 70 Ps. Wir haben diese Schrift wegen ihres aktuellen Interesse wie der sich darin kundgebenden logischen Schärfe und historischen Darlegung gelegentlich ihres ersten Erscheinens mit vollster Genugthuung und großer Freude begrüßt und allgemein empfohlen. Nachdem die erste Auflage nun aber rasch vergriffen war und ebenso rasch die 2. Auflage erfolgt ist, diese aber wesentliche und bedeutende Erweiterungen erfahren hat, stehen wir nicht an, bei der Zeitgemäßhcit dieser Schrift und der grandiosen Wichtigkeit deö Gegenstandes auf diese Broschüre nochmals zurückzukommen. Hat sich doch auch der bayerische Cultns-Miuister erst jüngst wiederholt und nachdrücklichst für die geistliche Schulaussicht erklärt und ihre Berechtigung, Bedeutung und anerkannt große Ersprießlichkeit im Neicbsrathe und im Landtage ausgesprochen. Obige Schrift aus erprobter Feder, obschon der Zeit nach früher, erscheint wie ein leuchtender Commcntar zu des Herrn Ministers wohlbegründetcm Urtheile. Außerdem behandelt sie noch nebenbei daS diese Frage vom „liberalen" Standpunkte aus traktirende Buch von Karl Frei, würdigt und widerlegt es. Dies ist vor allem an der 2. Auflage neu. Auch die anderen Erweiterungen sind als höchst glückliche Zusätze zu betrachten. Möge daher jeder Geistliche und Lehrer die billige Broschüre sich erwerben! Kirche und Kirchenjahr oder Kurze Belehrung über das Gotteshaus, den Gottesdienst und den hl. Zeiten. Von I. Schiltknecht. II. vermehrte Auflage. Freiburg i. Br. 1894. Hcrdersche Vcrlagö- handlung. kl. 8° VI. 70 S. Preis 30 Pfg., geb. 40 Pfg. X Bei der Aufzählung der Kirchengcräthe vermißten wir die Anführung der SanktuSkerze; auch wird mancher bei diesem oder jenen, Punkte eine Erklärung noch hinzuwünschen, wie z. B. bei Anführung des Korporale, die Erinnerung an die Windeln und Grabtuch Jesu; Bedeutung des Pfarrgottesdienstcs u. a. m. Im Uebrizen aber wird das recht brauchbare Backstein Lehrern und Katecheten, sowie auch reifern Kindern gute Dienste leisten und ist bestens zu empfehlen. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. Nl-. 31 2. Auglist 1894. Die Schenkung Constantins in Dahn'scher Nomanbelenchtnng. (Vertrag, gehalten im katholischen VereinshauS zu Speyer.) (Schluß.) xl; Das ist aber nur ein winziges Vorspiel der colossalen Blamage, die Herr Dahn seinem Papste drinnen vor Bclisar, seiner Gemahlin Antonina, dem Präfecten Cethegus und dem ganzen Gefolge vorbereitet hat. „Der hl. Petrus ist es, beginnt Sylverius salbungsvoll, der dir mit meiner Hand die Schlüssel seiner Stadt überreicht, auf daß du sie ihm beschirmest und behütest." „Ich bin es gewesen, der die Anschlüge deiner Feinde vernichtet hat." „Hat der Kaiser Feinde in Rom?" fragt Belisar, und als der Papst heuchlerisch seufzt, „die Kirche dürstet nicht nach Blut", tritt sein juristischer Begleiter Skävola hervor, erhebt gegen Cethegus die Klage auf Rebellion gegen den Kaiser Justinian und beantragt auch von kurzer Hand gleich die Todesstrafe und Confiscation der Güter, deren Hälfte dem Kläger zufallen solle „und seine Seele der Barmherzigkeit Gottes, schloß der Bischof von Rom" nach Felix Dahn. Auf thut sich der Theatervorhang im Hintergründe des Zeltes, und herein, „mit vernichtendem Blick" natürlich, Cethegus tritt als Gegenankläger: „Sylverius hat die Absicht, erklärt Cethegus, die Herrschaft der Stadt Rom und einen großen Theil Italiens dem Kaiser Justinian zu entreißen und — lächerlich zu sagen — ein Priesterreich zu gründen in dem Vaterland der Cä- saren." — Allerdings lächerlich zu sagen, aber lächerlich von Felix Dahn, denn dieser ganze Gründungsplan ist seine eigene Erfindung, die er zur fixen Idee sich pa- tentirt hat, wie jene Wiederholung derselben Geschichte im späteren Romane „Julian der Abtrünnige" beweist. „Hier überreiche ich einen Vertrag, fährt Cethegus fort, den er mit Theodahad, dem letzten Fürsten der Barbaren, geschlossen." „Der König verkauft darin für ewige Zeiten für die Summe von tausend Pfund Gold an den hl. Petrus und seine Nachfolger .... die Herrschaft der Stadt und das Weichbild von Rom und dreißig Meilen in der Runde." „Also im selben Augenblick, wo er hinter Theodahads Rücken die Waffen des Kaisers herbeirief, schloß er hinter des Kaisers Rücken einen Vertrag, der diesem die Früchte seiner Anstrengung rauben und den Papst für alle Fälle (?) sicher stellen sollte", läßt Dahn seinen Cethegus spotten; er spottet aber seiner selbst und weiß nicht wie; denn ein so abgefeimter Diplomat wie Dahns Sylverius mit den „weitklugen Zügen" ist doch nicht so einfältig, daß er ein so theueres Geschäft sich selber verderben würde, indem er gerade den gefährlichsten Liebhaber des Kaufgegenstandes zur Concurrenz herbeiriefe. „Etwas weniger, Freund, Liebschaften, dann wärst du beliebt zwar weniger", sagt Platen zu Schiller; etwas weniger, Freund, Dummheiten, möchten wir dem Dahn'schen Romane im Vertrauen gesagt haben. Freilich wäre er dann in gewissen Kreisen weniger beliebt. Trotzdem ist „der Eindruck dieser Anklage, dieses Beweises auf alle Anwesenden ein gewaltiger". Allein „Sylverius zeigte in diesem Augenblicke, daß er kein unebenbürtiger Gegner des Präfecten Cethegus", sondern ein ebenso großer Meister in der „politischen Heuchelei" war; „keine Wimper zuckte ihm". „Wie lange wirst du noch schweigen?" fuhr ihn Belisar an. — „Bis du fähig und würdig bist, mich zu hören. Du bist besessen von Urchitophel, dem Dämon des Zornes", läßt Felix Dahn, der sich unter den Dämonen auszukeimen scheint, seinen Papst entgegnen. Die Päpste wissen von einem Urchitophel nichts. „Es ist wahr, ich habe diesen Vertrag mit dem Barbarenkönig geschlossen", beginnt Sylverius dann, „weil es meine Pflicht war, ein uraltes Recht des hl. Petrus nicht fallen zu lassen." „An demselben Ort, wo des Präfckten tempclschänderische Hand diesen Vertrag entwendet, hätte er auch die Urkunde finden können, welche ursprünglich unser Recht begründet." „Der fromme Kaiser Constantin . . . hat, um vor aller Welt zu bezeugen, daß Krone und Schwert sich vor dem Kreuz der Kirche zu beugen haben, die Stadt Rom mit ihrem Weichbild und die benachbarten Städte und Marken durch eine feierliche Schenkungsurkunde für ewige Zeiten dem hl. Petrus zu eigen übertragen." „Diese Schenkung ist durch eine rechtsgültige Urkunde in aller Form verbrieft: der Fluch von Gehenna ist jedem gedroht, der sie anstreitet", läßt Felix Dahn, der sich auch in den Flüchen besser „wie ein Türke" auszukeimen scheint, „mit aller Kraft geistlicher Würde und aller Kunst weltlicher Rhetorik" seinen Papst deklamiren, was „von unwiderstehlicher Wirkung" gewesen sei. Also: ! „Banges Schweigen". „Prüftet von Rom, sagt endlich Belisar, was hast du zu erwidern?" „Mit einem kaum bemerkbaren Zucken des Spottes um die seinen Lippen verneigte sich Cethcgus und begann: „Der Angeklagte beruft sich auf eine Urkunde .... Ich räume ein, die Urkunde existirt." „Ich habe die Urkunde selbst mitgebracht in meiner tcmpcl- schänderischen Hand." „Er zog ein vergilbtes Pergament aus dem Sinus." „Ich habe die Urkunde viele Tage lang (so schlecht hat der geriebene Diplomat Sylverius sein wichtigstes Actenstück gehütet) Mit feindselig forschendem Auge geprüft. Vergebens. Alle Formen des Rechtes sind in der Schenkungsurkunde haarscharf gewahrt." „Er hielt inne — höhnisch ruhte sein Auge auf dem Antlitz des Sylverius, der sich den Schweiß von den Schläfen wischte. — „Also, fragte Bclisar in höchster Aufregung, die Urkunde ist beweiskräftig?" „Ja wohl! seufzte Cethegus. Schade nur, daß" — „Nun?" unterbrach Bclisar. „Schade nur, daß sie falsch ist." — „Da flog ein Schrei von allen Lippen. Belisar sprang auf. Alle Anwesenden traten einen Schritt näher. Nur Sylverius wankte einen Schritt zurück." — „Falsch? Prüftet, Freund, kannst du es beweisen?" „Das Pergament, auf welches die Urkunde geschrieben ist, zeigt alle Spuren eines hohen Alters: Brüche, Wurmstiche" — (mehr als „Salomon, der große König, dem die Geister untcrthänig", mehr als Mephisto, „der Herr der Ratten und der Mäuse, der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse", scheint dieser Dahn'sche Papst zu sein, dem sogar die antiquarischen Bücherwürmer als Helfershelfer in der Geschwindigkeit zu Diensten eilen, um dem ungeschickter Weise nagelneuen Pergamente die Ehrwürdigkeit des Alters anzufälschenl) also „Wurmstiche, Flecken jeder Art . . . 242 „Es ist ächtes Pergament, aus der alten, von Con- 1 stantin gegründeten, noch heute bestehenden kaiserlichen Pergamentfabrik Byzanz. Aber eS scheint auch leider dem heiligen Bischof entgangen zu sein" — (was bei dem als so gerieben dargestellten Sylverius unwahrscheinlich ist) «daß bei diesen Pergamenten ganz unten links am Rande durch Stempelschlag das Jahr der Fertigung durch Angabe der Jahreseonsulen in allerdings kaum wahrnehmbaren Buchstaben bezeichnet wird. Die Urkunde will, wie sie im Texte sagt, gefertigt sein im sechzehnten Jahre von Konstantins Regierung." „Da ist es nun wirklich nur durch ein Wunder zu erklären — aber hier hat Gott der Herr ein Wunder gegen seine Kirche gethan — daß man in jenem Jahre, also im Jahre 335 nach der Geburt des Herrn, schon ganz genau wußte, wer im Jahre nach dem Tode des Kaisers Justinus Cousul sein würde; denn seht, hier unten am Rande der Stempel besagt: — der Schreiber hatte ihn nicht beachtet — er ist auch wirklich sehr schwer wahrzunehmen, wenn man das Pergament nicht gegen das Licht hält: V. Inkretion, Justiniauus Augustus, allein Consul, im ersten Jahre seiner Herrschaft." „Das Pergament der Urkunde, auf welches der Protonotar des Kaisers Constantin vor zweihundert Jahren die Schenkung niederschrieb, ist also erst vor einem Jahre zu Byzanz einem Esel von den Rippen gezogen worden. Gesteh', o Feldherr, daß hier das Gebiet des Begreiflichen endet und des Ueber- natürlichcn beginnt," ein Spott und Hohn gegen das Christenthum, der nicht im Munde eines römischen Stadt- präfcctcn aus dem 6. Jahrhundert denkbar ist, sondern ganz einem liberalen Universitätsprofessor oder socialistischen Agitator ähnlich sieht. Uns kommt übrigens des Cethcgus Eselshaut lehr natürlich vor. Nach den Spuren der Ohren daran, die bei der schlechten Mache noch deutlich erkennbar sind, zu schließen, stammt diese Eselshaut von der tendenziösen Nomanschreiberci des Herrn Felix Dahn selbst her. Diese erst einjährige Eselshaut macht gewiß, daß in dem Roman „Ein Kampf um Nom" der Papst Sylverius wirklich als Urkundenfälschcr, als Fabrikant der nämlichen Constantinischen Schenkung hingestellt werden soll, als deren Fabrikant im spätern Roman „Julian der Abtrünnige" der Papst LiberinS ausgegeben wird. Jene Verleumdung des Papstes Sylverius war wohl vergessen, und da glaubte man zur Abwechslung eine so ungeheuerliche Fälschung einmal auch einem andern Papste aushängen zu dürfen. Vielleicht denkt Hr. Dahn, der überhaupt die Wiederholungen sehr liebt, in seinem nächsten Romane: „aller guten Dinge sind drei"; nur möchten wir rathen, das nächste Mal den Papst doch etwas gescheidter zu wählen, denn eine lappigere Wahl, wie die des Papstes Liberius unter einem Julian und des Sylverius unter einem Jnstinian, konnte man wohl nicht ansdenken. Im gegenwärtigen Stande der Sache sieht aber die von den zwei Romanen gegen die katholische Kirche verübte Verleumdung verzweifelt ähnlich dem Complott jener zwei schändlichen Alten gegen die tugendhafte Snsanna. § „Wo hast du sie gesehen?" fragt der weise Daniel jeden i gesondert. „Unter einem Mastixbaume." „Unter einem , Eichenbaume." Sie waren somit aus ihrem eigenen Munde überführt, daß sie falsches Zeugniß abgelegt hatten. Und so ist es auch mit den zwei Dahn'schen Romanen in Bezug auf die Constantinische Schenkung. Die falsche Urkunde existirt allerdings; aber weder zur Zeit des Kaisers Justinian und noch weniger zur Zeit des Kaisers Julian findet sich davon eine Spur in der Geschichte. Oder glaubt man, Julian der Abtrünnige hätte, als er Kaiser und Verfolger der Kirche geworden war, sich eine so furchtbare Waffe und einen so gesetzlichen Grund entgehen lassen, um gegen die Päpste einzuschreiten, wenn er gar selber Zeuge und mißbrauchtes Werkzeug einer solchen hochverräterischen Urkundenfälschung gewesen wäre! Vor der ganzen Mit- und Nachwelt hätte Julian die Verbrecher entlarvt und als „Philosoph" in seinen Spottschriften sowie namentlich als Kaiser unerbittlich an ihnen Rache genommen. Im Gegentheile sehen wir, daß Julian die Einrichtungen der katholischen Geistlichkeit auch bei seinen Götzenpriestern einzuführen bemüht war und sogar, wenn auch mit kläglichem Erfolge, heidnische Manns- und Frauenklöster zu gründen suchte, ein klarer Beweis, daß er in den katholischen Klöstern die vom Dahn'schen Romane erdichteten Orgien nicht gefunden hatte. In der Zeit des Papstes Sylverius und Kaisers Justinian aber wußte man von der „Constantinischen Schenkung" auch nicht das Geringste. Wenn von der theatralischen Senfations-Sccne mit dem Papst in Belisars Zelt auch nur eine Sylbe wahr wäre, auch Justinian, der große Juristenkaiser und Urheber des corxug juris oivilis, Hütte ein solches Attentat auf Recht, Gesetz und Reich nicht ungeahndet gelassen, und die damaligen kaiserlichen Geschichtsschreiber hätten nicht davon geschwiegen. l Zwei verschiedene, 200 Jahre von einander entfernte Päpste also einer und der nämlichen Urkundenfälschung anzuklagen, und zwar unter Kaisern wie Jnstinian und Julian, und den letzter» als Prinz noch dabei mithelfen zu lassen, das ist doch das Uebermaß schlechter Erfindung. Also nicht wahr und auch noch nicht einmal gut erfunden! l! Zur Gewinnung ihrer Unabhängigkeit von der weltlichen Regierung — denn um diese Unabhängigkeit handelte es sich eigentlich, und nicht um weltliche Herrschaft, die von der Souveränes freilich unzertrennlich bleibt — zur Gewinnung ihrer Unabhängigkeit brauchten die Päpste keine falschen Urkunden zu fabri- ciren; dafür sorgte die Noth der Zeit und die gebieterische Macht der Umstände. In dem Maße als die Kaiser, besonders durch Verlegung der Staatsregierung nach Constantinopel, Italien und Rom vernachlässigten, in demselben Maße fiel die Sorge auch für die weltlichen Angelegenheiten den Päpsten anheim. Lange schon trugen sie diese weltlichen Sorgen, che sie noch die weltliche Souveränes und Herrschaft erlangten. Denken wir nur an Leo ll. und seine Verdienste um Nom und Italien gegenüber dem Hunnen Attila und dem Wandalen Geuserich. Es ist natürlich, daß durch eine solche Vermittlungsrolle das weltliche Ansehen 1 des päpstlichen Stuhles sich hob. Das Eintreten der Päpste für Recht und Freiheit auch gegenüber den gesetzlichen Machthabern, dann der große Gütcrbcfitz der römischen Kirche und die wohlthätige Verwaltung und Verwendung desselben trugen zu diesem Wachsthum des politischen Ansehens der Päpste nicht wenig bei. Besonders nach dem Untergänge des ostgothischen Reiches nahm die Autorität des Papstthumes auch politisch einen mächtigen Aufschwung. In dem Ver- zweiflungskampfe der Ostgothen gegen Kaiser Justinians Feldherren Belisar und Narses wurde der römische -- - -- - - - - _ _ 243 Senat durch das Schwert und Elend so gut wie ausgerottet. Zugleich erhielten die Nömer und Italiener Gelegenheit, ihre während des Krieges bethätigte byzantinisch-nationale Begeisterung dem Schwärme der kaiserlichen Zöllner tüchtig zu versteuern. Und als die Kaiserin Sophia, die Gemahlin Justins II., soweit sich vergaß, dem ergrauten Statthalter Narses einen Weiberanzug mit Spinnrocken zu schicken, da spann dieser ehemalige Weber jenen berühmten Faden, aus dem auf dem Webstuhle der Zeit die volle päpstliche Souveränität hervorgegangen ist; er lud den Longobardenkönig Alboin zur Besitznahme Italiens ein. Wieder waren es nun die Päpste, denen die Sorge zufiel, einzutreten für die Säumigkeit und Ohnmacht der byzantinischen Kaiser, die noch immer als Oberherreu und Schirmvögte Roms galten. Die Langobarden hatten ja nicht einen blassen Schein von Anspruch auf die Herrschaft Roms und waren in Italien auch so zügellos raubgierig und grausam aufgetreten, daß die Römer allen Grund hatten, sich diese Barbaren so weit als möglich vom Leibe zu halten. Zu diesem Zweck wandte sich die Bevölkerung in ihrer thatsächlichen Herrenlosigkeit an die Päpste, und diese halfen auch, als die Kaiser das alte Rom seinem Schicksal überließen. Nach Leo I. wurde besonders der große Gregor I. ein Beförderer der päpstlichen Souveränität. Als er noch Abt des in seinem väterlichen Palaste auf dem Cölius von ihm eingerichteten Benediktinerklosters war, entstand in Rom ein förmlicher Aufruhr bei der Kunde, daß Gregor heimlich als Missionär nach Britannien abgereist sei, und Papst Pelagius II. war genöthigt, Gregor zurückzurufen. Nach der einstimmigen Wahl Gregors zum Papste wurden seine Briefe an den Kaiser Mauritüls, worin er um dessen Nichtznstimmung bat, vom Stadt- präfccten Roms aufgefangen, und als Gregor nach Eintreffen der kaiserlichen Zustimmung verkleidet entfloh, wurde er wie ein steckbrieflich Verfolgter gesucht und im Triumphe nach St. Peter geleitet (590). Rom befand sich gerade in äußerst bedrängter Lage. Ueberschwemmung, Pest und Hungersnoth herrschten unter dem Volke. Gregor ließ Getreide aus Sicilien kommen, wobei die zahlreichen und großen Landgüter der Kirche, deren Bauern Gregor ein wohlwollender Herr war, gute Dienste leisteten. Die Kirche hatte damals, wie GrcgoroviuS sagt, angefangen, ein großes Asyl der Gesellschaft zu sein. Wie früher der Consul unter das Volk Geld und der Prüftet Lebensmittel austheilte, so war jetzt diese Aufgabe dem Papste zugefallen. So wurde Gregor der allgemeine Ernährer des Volkes. Von gleichem Verdienste waren Gregors Bemühungen, seinem Vaterlands mit den Langobarden Frieden zu schaffen. Vorthcilhaft wirkte zu diesem Zwecke der gute Einfluß der katholischen Longobarden- königin Theodolinde. Aber auch Gregor selbst erwarb sich das ehrfurchtsvolle Vertrauen dieses andersgläubigen, arianischen Volkes. Vom byzantinischen Kaiser aufgefordert, er möge seine Verbindungen dazu benützen, die Langobarden unter sich zu entzweien, so daß sie einander selber aufreiben würden, wies er diese Rolle eines Felix Dahn'schen Romanpapstes entschieden zurück. Wenn er in die Streitigkeiten der Langobarden sich hätte einmischen wollen, ließ er dem Kaiser erklären, so würde dieses Volk allerdings weder Könige, noch Herzoge, noch Grafen mehr haben; allein da er Gott fürchte, so scheue er sich, an dem Mord irgend eines Menschen Theil zu nehmen. Der Papst verabscheute die treulose Ränke-, Blut- und Eisenpolitik, welcher gewisse Staaten ihre Größe verdanken, und so machten seine Fähigkeiten, seine Hochherzigkeit und Helligkeit sowohl als die Umstände ihn zum stillschweigend anerkannten Oberhaupt auch des politischen Rom, und mit vollem Recht ist er als der Gründer der päpstlichen Herrschaft weltlicher Natur zu betrachten. Die Gelüste der späteren Longobardenkönige Luit- prand und Nachis nach dem Besitze Roms wurden durch die Päpste Gregor II. und Zacharias gütlich im Zaum gehalten, als jedoch bei König Aistulph weder freundliche noch ernste Worte mehr halfen und Stephan III. auch von Eoustantinopel umsonst gegen die andringenden Langobarden Schutz erflehte, da ging der Papst über die Alpen an den Hof des Frankenkönigs Pipin. Als Aistulph die Forderungen Pipins verwarf, erschien der Frankenkönig mit Heeresmncht vor Pavia und erzwäng sich Nachgiebigkeit. Kaum hatte jedoch Pipin den Rücken gewandt, so brach Aistulph (754) treulos den Vertrag, warf sich schnell auf Rom und bestürmte es. Doch Pipin erschien noch rechtzeitig zum Entsatz (755) und schenkte das dem Langobarden kriegsrechtlich abgenommene Gebiet dem hl. Petrus. Das ist der formelle Anfang des Kirchenstaates, während sein materieller Beginn, allmählig herbeigeführt durch die Macht der Umstände, in einer mehrhundertjährigen Vergangenheit sich verliert. Kein Staat Europa's hat sich auf eine rechtmäßigere und ehrenvollere Weise gebildet. Und diesen klaren, offenkundigen Thatsachen der Geschichte gegenüber kommen nun zwei Romane eines rationalistischen, nationalliberalen Univcrsitäisproftssors und wollen die Souveränität deS Papstes und die ganze hohe Kirchcupolitik des HI. Stuhles als ein Werk der Lüge, Jmmoralität, Heuchelei, Herrschsucht und Fälschung hinstellen, zu Stande gebracht durch die Erdichtung der sogenannten Constantinischen Schenkung! Diese falsche Urkunde ist schon deßhalb ohne jeden Einfluß auf die Entwicklung des päpstlichen Ansehens geblieben, weil sie vor Karl d. Gr. überhaupt nicht existirte. Die ersten Schriftsteller, von denen sie angeführt worden ist, sind keine Italiener, sondern Franken, die Bischöfe AeneaS von Paris, Ado von Vicnne und Hinkmar von Rheims, alle drei in der Mitte des 9. Jahrhunderts. Die wahrscheinlichste Vermuthung über den Ort und Zweck der Fälschung ist wohl diejenige, daß die Abfassung der Urkunde im Fraukenreich geschehen sei, und zwar aus Anlaß der Kaiserkrönnung Karls d. Gr., die in Constantinopel von den griechisch-römischen Kaisern sehr übel aufgenommen wurde. Die Legitimität und Ebenbürtigkeit deS vom Papste errichteten abendländisch- römischen Kaisertumes sollte gegenüber den byzantinischen Zweifeln dadurch begründet werden, daß man eine Urkunde verfaßte, in der Constarüin dem Papste kaiserliche Gewalt übertrug, woraus dann die Nechtmäßigkeit der weiteren Uebertragung dieser Gewalt von Papst Leo III. auf Karl d. Gr. sich von selbst ergeben hätte. Dieses alles ist jedoch ganz ohne Wissen NomS geschehen. Der erste Papst, der die falsche Urkunde be- nützt hat, und zwar in keinem politischen Aktenstück, sondern in einem Brief an den Patriarchen Michael Cärularius in Constantinopel, den Vollender des griechischen Schismas, war Leo IX., ein geborener Lothringer, früher Bischof 244 von Toni. Er hat die Urkunde wohl erst Mit nach Nom gebracht. Dagegen bedient sich Gregor VII., der Hauptvertheidiger der päpstlichen Macht, nirgends der Con- stantinischen Schenkungsurkunde, auch nicht einmal in Canossa gegen Heinrich IV. Auch Jnnozenz III. macht von ihr keinen Gebrauch in seiner Abwehr gegen die Uebergriffe Heinrichs VI., sondern führt sie nur tn einer Predigt auf den hl. Sylvester an. Gregor IX. benutzt diese Urkunde bloß einmal (1236) dem Kaiser Friedrich II. gegenüber, um ihm die Ehrfurcht Constantins d. Gr. gegen die Kirche vorzustellen; Jnnozenz IV. (1245) erklärt diesem Kaiser gegenüber, unter Bezug auf diese Urkunde, daß Konstantin d. Gr. nicht der Erste gewesen sei, der dem römischen Stuhl weltliche Gewalt gegeben, Nikolaus III. erwähnt daraus (1278) nur die Uebergabe der Stadt Nom an die Päpste, und Johannes XXII. gedenkt blos im Vorbeigehen, in einer Widerlegung des Marsilius von Padua (1327), daß Konstantin den Kaisersitz an Sylvester überlassen habe, unter wörtlicher Anführung der Stelle aus der Urkunde. Das ist, wie Hergenröther (^uti-llunus vinclioatug Bd. I S. 369) nachweist. Alles, was in päpstlichen Schriften von der Constantinischen Schenkung vorkommt. Und als die Gelehrten anfingen, die Aechtheit der Urkunde in Zweifel zu ziehen, da ließ der römische Stuhl ihnen völlige Freiheit. Er sah durch die Prüfung dieser falschen Urkunde feine Rechte durchaus nicht bedroht. Gerade die Theologen leugneten zuerst die Aechtheit der Urkunde, darunter der Kardinal Nikolaus von Cusa und Aencas Sylvius, der spätere Papst Pius II. Wer am längsten an dieser Aechtheit festhielt, waren gerade die Kollegen des Herrn Dahn, die Juristen. Das Verdienst, dieser Urkunde den entscheidenden Stoß versetzt zu haben, gebührt dem Kardinal Baronius, dem Zögling des HI. Philippus Neri. Die Anklage der zwei Dahn'schen Romane gegen die beiden Päpste Liberius und Syl- bcrius ist also falsch. Und zwar, wenn man die Gehässigkeit der von diesen zwei Romanen geführten Sprache bedenkt, die keine Gelegenheit versäumt, um christliche Lehren, Gesinnungen, Ausdrucksweisen und Gebräuche zu verspotten, so wird diese falsche Anklage des Vorwnrfes der Absichtlichkcit sich wohl schwerlich erwehren können. Die falsche Anklage lautet aus ein gemeines Verbrechen, das von dem weltlichen und kirchlichen Gesetze mit schweren Strafen bedroht wird. Der Dahn'sche Belisar läßt auch den Dahn'schen Sylverins als „deS Kaisers gefährlichsten Feind" sogleich durch einen „riesigen Hernler" nach Constantinopel znm „Kaiser des Rechtes" abführen. Der geschichtliche Sylverins starb als Opfer der berüchtigten Kaiserin Theodora, weil er die von ihr begünstigte Irrlehre der Monophysiten nicht dulden wollte. Er wird als heiliger Märtyrer verehrt. Papst Urban III. bestimmte, daß einige Kleriker, die das Siegel des Königs von Frankreich nachgemacht hatten, degrndirt, mit einem Brandmal versehen und des Landes verwiesen werden sollten. Die hl. Schrift aber (V. Mos. 19, 16 u. f. w.) sagt: „Wenn ein falscher Zeuge auftritt gegen Jemand, ihn anklagend einer Uebertretung, und wenn die Richter nach genauer Erforschung finden, daß der falsche Zeuge gegen seinen Bruder eine Lüge ausgesagt, so sollen die Richter ihm entgelten lassen, was er feinem Bruder zu thun gedachte." Durch den Schimpf und Abscheu, den die beiden Dahn'schen Romane auf die zwei Päpste zu häufen gedenken, haben sie selber deutlich genug verkündet, welche xoana talionis, welche Strafe der Vergeltung dafür auf sie selber zurückfallen muß. Die deutsche Gesellschaft für christliche Kunst. (Gegründet 1893.) (Schluß.) Im Februar l. Js. wurde an S. Heiligkeit Papst Leo XIII. die Mappe mit einem Begleitschreiben abgesendet, auf welches S. Päpstliche Heiligkeit die Gesellschaft mit einem an den I. Präsidenten gerichteten Schreiben beglückte, dessen Wortlaut wir hier in deutscher Ueber- setzung folgen lassen. Leo r. k. XIII. Geliebter Sohn, Gruß und apostolischen Segen. Wie Dein Schreiben Uns meldet, baben mehrere katbolische Männer Deutschlands, welche die schönen Künste entweder selbst ausüben oder aus jegliche Weise fördern, eine Gesellschaft, deren Präsident Du selbst bist, in der Absicht und zu dem Zwecke gebildet, die christliche Kunst bei den Deutscken zu Pflegen. Wir halten dies für ein heilsames und >ehr zeitgemäßes Unternehmen. Groß sind nämlich die geistigen Erfolge unserer Tage; aber allzusehr gerathen oft die edlen Künste auf Abwege, und das zumeist wegen der Lehre Jener, welche, indem sie erklären, die Natur lebenswahr nachzubilden, sich dabei zu große Freiheiten herausnehmen und die Gesetze des Guten und des Schönen ebenmäßig verkehren, ja kein Bedenken tragen, selbst den Kunstdcnkmalen der Heiligthümer einen weltlichen Geist einzuflößen. DaS ist jedoch ein Unrecht und widerstreitet offen dem, was die Künstler bezwecken sollen. Der christlichen Kunst Zweck und Aufgabe ist es nämlich, Gott zu dienen- und deßhalb muß sie sich selbst treu bleiben, d. h. durch Anwendung der äußeren Form die Sinne ersassen, um auf den Geist einzuwirken und ihn für das, was wahr ist und gut und was der Mensch erstreben soll, zu gewinnen. Wie rülnncnswerth sich nach dieser Richtung die alte Zeit unter dem Einfluß der Religion hervorgethan, ist Niemandem unbekannt. Man muß also in Ausübung der Künste auf die Beispiele der Alten blicken und von da christliche Begeisterung empfangen. Gerade dieses birgt das den Künsten zu wünschende Gedeihen in sich, weil die Maler, Bildhauer, Architekten, Ciseleurc niemals eine solche Vollendung erreicht haben, als wenn ihr Gemüth von der Ueberzeugung durchdrungen war, ihre Aufgabe sei, durch Geist und Hand die Seele zu ergötzen und Freude an der Tugend zu verbreiten. Eurer von solchen Grundsätzen erfüllten Gesellschaft wünschen Wir zu ihrer Begründung Glück und hegen das vollste Vertrauen, daß sie der Religion und den Künsten sehr förderlich sein werde. Dir nun, geliebter Sohn, und allen Mitgliedern dieser Gesellschaft ertheilen Wir als Unterpfand der göttlichen Gaben und zum Zeichen Unseres Wohlwollens voll Liebe im Herrn den apostolischen Segen. Gegeben zu Rom bei St. Peter am 12. März 1894, im 17. Jahre Unseres Poutifikates. Diese ebenso herrlichen als huldvollen Worte des hl. Vaters werden den Mitgliedern ein neuer Antrieb zu unermüdetem Wirken sein, zumal da der Hochwürdigste Episcopat sich in einer Weise unserer Bestrebungen annimmt, für die wir nicht genug danken können: in der kurzen Zeit ihres Bestandes sind der Gesellschaft 15 Hochwürdigste kirchliche Würdenträger als Mitglieder beigetreten; andere haben durch wohlwollendste Zuschriften ihre Sim- pathien bekundet. Die Mitglieder lassen es denn auch an Rührigkeit nicht fehlen. So ist z. B. die Theilname in Württemberg, wo das Archiv für christliche Kunst seit langem aufklärend gewirkt hat und wirkt, eine sehr warme. Recht viel verdankt dort die Gesellschaft u. A. den Bemühungen des Herrn Pfarrers Detzel in St. Christina bei Navensburg, durch dessen Vermittlung Herr Bildhauer Schlächter in Navensburg die Vertretung der Gesellschaft für die dortige 245 Gegend übernahm; für das Decanat Tettnang besorgt die Vertretung gütigst Herr Pfarrer Bleyer in Fischbach. Hiemit wäre der Anfang zu einer später wohl unentbehrlichen Organisation gemacht. Für Städte dürfte sich das Beispiel Eichstätts empfehlen, wo sich durch die Bestrebungen des Freiherru Lochner von Hüttenbach und des Herrn geistlichen Rathes Herb ein Localverein mit regelmäßigen Versammlungen zum Zweck der Förderung der Gesellschaft gebildet hat. Ueberall bricht sich die Ueberzeugung Bahn, daß die Mißstände im christlichen Kunstleben nur im Sinne der Gesellschaft mit Erfolg bekämpft werden können; in gleichem Maße stellt sich aber auch heraus, wie die Gesellschaft kein Hinderniß für anderweitige Unternehmungen im Dienste der christlichen Kunst bildet, wie dieselbe vielmehr durch Verbreitung des Interesses für die Schöpfungen unserer Meister und durch Einführung in die praktische Kunstübung auch das Interesse an der Theorie und Archäologie fördern wird. Wir begrüßen Alles, was der wirklichen Kunst zu dienen im Stande ist, Vereine wie Zeitschriften, wobei wir wünschen, dieselben möchten nicht ohne Fühlung mit den bewährten Künstlern vorgehen. Was unsere Mappe betrifft, so betonen wir, daß sie sich keineswegs in die Reihe der gewöhnlichen Kunstzeitschriften stellt, welche mehr durch das Wort wirken; sie wird aber zu ihnen eine willkommene Ergänzung bilden, da sie mit ihren möglichst vollkommenen Ncproductionen von Werken lebender Künstler unter ungewöhnlich günstigem Zusammenwirken von Künstlern und theoretisch gebildeten Männern aus allen Ständen in das Leben tritt. So besteht denn die Hoffnung, daß sich Jahr für Jahr die zerstreuten Kräfte mehr sammeln und durch gegenseitig anregenden Verkehr und Gedankenaustausch die widrigen, künstlich aufgebauschten Gegensätze einem gesunden, praktischen Wirken Platz machen werden. Mögen der Gesellschaft alle ihre Freunde treu bleiben und mit ihr Opfer bringen, mögen sie derselben recht viele neue Mitglieder zuführen, damit sie allen Aufgaben gerecht werden kann, zu denen nicht allein die Herausgabe der Mappe gehört, sondern vielmehr die Förderung aller Regungen christlichen Knnstlebens. Für die nächste Mappe, welche in zwei Monaten erscheinen dürfte, sind bereits die nöthigen Schritte geschehen. In der Vorstandssitzung vom 12. Januar l. I. wurde die Bestimmung getroffen, daß fernerhin der geschäftsführcnde Ausschuß den Vorschlag für die Jnrywahl zu machen habe, und zwar sowohl a) jenen, der an die Künstler, als auch U) jenen, welcher an den Vorstand versendet wird. Daraufhin wurden am 9. Februar l. I. die betreffenden Circnlare an die Wähler gesendet. Die Wahl ergab folgendes Resultat für 1894: die Architekten: Professor Georg Hauberisser, Pros. Heinr. F-rhr. v. Schmidt; die Bildhauer: Pros. Sirius Eberle, Balth. Schmidt; die Maler: Pros. Franz v. Defregger, Martin Feuerstein; die hochwürdigen Kunstfreunde: Pros. Dr. Jos. Bach, Pros. Dr. Paul Keppler. Am 20. März war die Jurysitzung behufs Auswahl der Kunstblätter für die Mappe 1894, wobei Dr. Paul Keppler durch Pros. Dr. Anton Weber vertreten war. Zu unserer Genugthuung können wir verrathen, daß die nächste Publikation hinter der ersten ganz gewiß nicht zurückbleiben, vielmehr neue Netze bieten dürfte. Sie wird Werke enthalten von den Architekten Becker und Wetterwald, von den Bildhauern Busch, Gamp, Hetz, Myslbeck, Wadera, von den Malern Baumeister, Benz, v. Defregger, Feuerstein, Fugel, Locher, Müller- Warth, Schleibner, Walch. Leider müssen einige sehr schöne Blätter für später zurückgestellt werden. Die Jury hat auch bereits über die Concurrenzentwürfe zu einem Titelblatt entschieden. Der erste Preis zu 100 Mark wurde Herrn Maler Walch zuerkannt, ferner erhielten die Herren Maler Balmer, Schleibner und Stockmann drei gleiche Preise ü 50 Mark. Erfreulicher Weise befindet sich die Gesellschaft schon Heuer in der Lage, an weitere Unternehmungen zu denken. Hiebei dürfte verschiedenes in Betracht kommen. So könnte die Gesellschaft zunächst Concurrenzen unter den ihr an- gehörigen Künstlern für Pläne und Skizzen zu Kirchen und Kirchcneinrichtungen, Altären, Statuen, Gemälden auf eigene Kosten übernehmen; oder man könnte ihr die Restauration eines Gotteshauses anvertrauen, in welchem Falle sie Zuschüsse gewähren würde. Falls von Seite eines Mitgliedes ein Gesuch dieser Art käme, wäre die Gesellschaft auch im Stande, Zuschüsse zur Ausführung von religiösen Werken der Malerei und Bildhauerei zu leisten. Weitere Anregungen werden der Gesellschaft vielleicht aus den Kreisen unserer Mitglieder zugehen. Durch unverdrossenes Zusammenwirken Aller, bei gegenseitiger Nachsicht und Berücksichtigung der vorliegenden Verhältnisse, wird das so verheißungsvoll angefangene Werk immer festere Wurzeln fassen, zahlreiche Gönner finden und sich zum Segen des christlichen Kunstlebens weit verbreiten. Wir können diesem eingehenden Bericht noch erfreuliche Bemerkungen für die Besucher der diesjährigen Ausstellung im Glaspalaste in München hinzufügen und uns hier kurz fassen, da Herr Pfarrer Festing schon einzelne Werke in der Beilage besprach, andere aber wohl in dem diesbezüglichen Spezialartikel des Feuilleton erwähnt werden. Es genügt hier auf die Namen der Aussteller hinzuweisen. Pros. Franz v. Defregger ist mit einem frischen Mädchen-Portrait vertreten, Maler Georg Fugel außer dem schon vielgenannten herrlichen Abendmahle (Knt.-Nr. 279) auch durch eine Reihe vorzüglicher Skizzen in der Schwarzweißabtheilung (Kat.- Nrn. 160? u. 8) und einen Karton Mariä Himmelfahrt (Nr. 1609), welche die ganze vorzügliche Begabung des Künstlers erkennen lassen. Alexander von Liezen-Mayer ist ebenda mit schöner Kartonkohlenzeichuung „Die Heimkehr" (Nr. 1684), Bonifaz Locher mit Federzeichnungen (Nr. 1685) zu finden. Professor Karl Naupp, der Meister jener bekannten Chiemsecbilder, hat die Ausstellung mit einem neuen Werke dieses Genres „In höhcrm Schutz" (Nr. 839) beglückt. Schon rast der Sturm über den See herauf, schon schwankt der Kahn im Wcllen- getös, eine junge Mutter mit herzigen Kleinen ist im futterbcladenen Schifflein ahnungslos entschlummert; die Unschuld reiner Seelen spielt auf diesen lieblichen Gesichtern. Ueber dieser innigen Gruppe schwebt ernst- freundlich eine durchsichtig-lichte Gestalt, der Schutzengel. Eine Fülle schöner Contraste, herrliche Technik und tiefe Empfindung haben uns veranlaßt, dieses Gemälde besonders hervorzuheben, als ein Beispiel, wie vielseitig die christliche Kunst in hohem Sinne gepflegt werden kann. Schleibners Katakombenbild „Cäcilia" (Nr. 916), Nafael Schuster-Woldan's „Nikolaus mit Christkindl" (Nr. 959), „Welke Kränze" (Nr. 960), „Heilige Cäcilia", Nöthelzeichnung (Nr. 1745), Em. Walch's „Studienkopf" reihen sich würdig an. Von allen religiösen Gemälden 246 der Ausstellung möchten wir Fugels Abendmahl den Preis zuerkennen. Nicht minder gut ist die Gesellschaft bei den plastischen Werken vertreten; obenan zu nennen sind Henry WaderL und Georg Busch, dieser mit seinem ebenfalls bereits besprochenen Triptychon „Die Marien- sänger" (Nr. 1339) und einer sprechend ähnlichen Porträt- büste des Dichters Martin Greif (Nr. 1340), jener mit einem wahren Prachtstücke „Rosa MMiorr« (Nr. 1487). Diese und die Mariensänger sind sicher in dieser Abtheilung die bedeutendsten Leistungen religiöser Art. Welchem von beiden gebührt die Palme? — Lassen wir diese Frage unentschieden und freuen wir uns, zwei solche Meisterwerke tiefstempfundener christlicher Kunst zu besitzen. Balthasar Schmitt mit einer geistvollen Marmorporträtbüste (Nr. 1469), Jakob Stolz mit einer zarten Marmorstatuette „Psyche" (Nr. 1480) haben vorzügliche Proben ihres Könnens abgelegt. Heinrich Ueberbacher's Grab- sigur (Nr. 1483) endlich ist eine treffliche Leistung von schönem, edlem, fast etwas zu zartem Ausdruck. Manches haben wir außerdem in der Ausstellung gefunden, was Zeichen erfreulichster Wendung des modernen künstlerischen Bestrebens ist. Manchen Namen lasen wir, den wir gerne im Mitgliederverzeichniß der Gesellschaft ebenfalls gefunden hätten. Doch wollen wir andern nicht vorgreifen. Die deutsche Gesellschaft für christliche Kunst aber ist auf der Ausstellung in vorzüglicher Weise vertreten. Vielleicht ist dem einen oder andern Besucher der Ausstellung dieser Hinweis erwünscht. Jüngeren Besuchern der Ausstellung und solchen, welche die Kunst in ihrem wahren Werthe schätzen lernen möchten, empfehlen wir, einmal unmittelbar den Vergleich zwischen den Originalwerken des Glaspalastes und den nicht allznfern auftauchenden Fabrikelaboraten zu ziehen. Man sollte meinen, es würden da Jedem die Augen aufgehen über gut und böse. Endlich möge es sich Keiner gereuen lassen, den einen oder andern tüchtigen Künstler in seinem Atelier zu besuchen, er wird gewiß aus dem Verkehre mit diesen Leuten mehr Gewinn ernten, als aus manchem „praktischen Handbuch". Die Wcrkstätte eines gottbegnadeten Künstlers ist Bildungsstätte im edelsten Sinne. Dr. O. Irdr. L. v. 8. Von Grenoble nach der Grande Chartreuse. Von H. Eid. (Fortsetzung.) Im Speisesaale entledigte ich mich vorläufig meiner Reisetasche und schaute mich daselbst ein wenig um. An der Wand hingen uralte Kupferstiche in hölzernen Nahmen, theils benachbarte Wallfahrtsorte, theils das Kloster selbst darstellend. Darunter befand sich auch eine Uebersichtstafel über die Aebte der Grande Chartreuse, eine alterthümliche wunderliche Zeichnung auf vergilbtem Papier in einem mächtigen Rahmen. Sonst sind die Wände völlig kahl. Der Raum selbst ist auffallend hoch und die Decke ganz aus braunem, massivem Eichenholzwerk mit hervortretendem Gebälke hergestellt, wie ich das später auch in den kleineren Gelassen des Klosters überall bemerkte. Eine lange Speisetafel nimmt die Mitte des Saales ein, und an der Innenwand desselben öffnen sich drei Thüren in ebcnsoviele Einzelgemächer, woselbst man Gelegenheit findet, sich auf eine Weile zurückzuziehen xour ckavxer ä'imlftts. Nachdem wir uns durch einen Trunk Wassers erfrischt und ein bischen ausgeruht hatten, begann das Mittagessen. Es könnte einen wohl die Befürchtung ankommen, als wäre ein guter Appetit mitten im weltentfernten Gebirge und zumal im Kloster nicht recht am Platze. Wer sich indessen mit irgendwelcher Beunruhigung dieser Art zu Tische setzte, der würde gar bald gründlich hievon geheilt sein. Unsre kleine Reisegesellschaft ließ sich der gemüthlicheren Unterhaltung im engeren Kreise wegen an einem kleinen Ergänzungstische nieder, und hier wurden wir, von der großen Tafelgesellschaft getrennt, wider alles Erwarten nicht allein nicht vernachlässigt, sondern an erster Stelle und vorzüglich bedient. Der Aufwärter, ein junger Bursche von strotzender Gesundheit, mit den feurigsten und gutmüthigsten Schelmenaugen von der Welt, trug die Speisen mit solcher Behendigkeit und so feinem Anstande auf, daß man sich in einem eleganten Hotel hätte glauben können. Der Nothwein, der hier zu Lande nie fehlen darf, stand bereits vor der Mahlzeit auf dem Tische, und auch an den üblichen großen Wasserflaschen mit dem zur Mischung des Weines bestimmten Inhalte fehlte es nicht. Als Erstes kam eine Suppe, die man anderswo bloß Abends erhält. Es war eine Art Nahmsuppe mit reichlich eingeweichtem Brod, und sie schmeckte mir nach all den läppischen französischen Gemüsesuppen des Hotels ganz vortrefflich. Dann gab es Thunfisch von ausgezeichneter Zubereitung und delikatem Geschmacke, hierauf ausgehülste Bohnen, die man hier seltsamerweise xoiäg, d. h. Erbsen, nennt. Der Nachtisch bestand in Mandeln, Birnen und verschiedenen Küsesorten, und zuletzt wurde jedem der Gäste noch ein Gläschen ächter Chartrcuser eingeschenkt. Das waren nun nach französischen Begriffen recht einfache, doch schmackhafte und kräftige Fastenspeisen. Nach aufgehobener Tafel durchwanderten wir unter Führung eines Laienbruders die Räumlichkeiten deS Klosters. Da ich den Plan des außerordentlich weitläufigen Gebäudes nicht kannte, so kam ich mir, von Treppe zu Treppe steigend und aus einem Corridor in den andern einbiegend, wie ein im Labyrinth Verirrter vor. Von den vielen Sehenswürdigkeiten des Klosters sind mir der Kapitelsaal, der mit den Bildnissen der 50 ersten Ordensgenerale und mit der lebensgroßen, marmornen Statue des berühmten Ordensstifters, des hl. Bruno, geschmückt ist, ferner die sehr reichhaltige Bibliothek, der Speisesaal der Väter, der nur bei festlichen Anlässen benützt wird, und der große, 115 w lange Kreuzgang noch in guter Erinnerung. Den nachhaltigsten und zugleich düstersten Eindruck jedoch machten auf mich der Begräbnißplatz des Klosters mit der daranstoßcnden Todtenkapelle und die noch unbewohnte Zelle eines kürzlich erst verstorbenen Mönches. An diesen beiden Orten tritt uns der Geist strenger klösterlicher Entsagung lebhafter als sonstwo vor Augen. Der Gottesacker ist ringsum von den Mauern angrenzender Gebäulichkeiten umschlossen; die Gräber sind mit Nasen bedeckt und mit einfachen schwarzen Kreuzen versehen; in der Mitte des Raumes erhebt sich ein großes Kruzifix. Die ganze Fläche steigt etwas an, und der uns begleitende Bruder sagte uns, die Todten seien, mit Ausnahme der Aebte, mit dem Kopfe nach unten hin begraben. Zwei graue Marmorplatten, auf denen große Goldbuchstaben prangen, zeigen die Stätte an, wo zwei Herren aus fürstlichem Geblüts nach ihrem ausdrücklichen Wunsche ihre letzte Ruhe fanden. Dieser Friedhof, so klein und armselig er auch ist, scheint den Insassen des Klosters das liebste 247 Plätzchen im ganzen Hause zu sein, auf das sie gern voll weltverachtender Sehnsucht Hinblicken: betrachten sie doch den Sterbetag eines Mitbrnders als einen großen Freudentag, an welchem sie sich sogar im allgemeinen Speisefaal versammeln. Nicht weit von hier befand sich die Zelle des zuletzt verstorbenen Bruders, die wir in dem Zustande, wie sie verlassen wurde, besichtigen durften. Neben der Thüre bemerkt man in der Wand eine mit einem hölzernen Schieber verschlossene Ocffnung, durch welche die Speisen gereicht werden. Das Innere der Zelle gliedert sich in drei von einander getrennte Räume. Der vordere, die eigentliche Wohnung, enthält außer einigen unansehnlichen Heiligenbildern nur einen Tisch. Das daran sich anschließende, sehr enge Gemach zeigt ein in eine horizontale Oeffnung der Wand eingelassenes Bett, d. h. eigentlich einen Strohsack, durch einen Vorhang verdeckt. Zur Seite in einer Nische steht ein aus rohem Holze kunstlos gezimmerter Betschemel, ein Schreibtischlein von gleicher Arbeit und eine kleine Büchersammlung. Von hier führt :ine hölzerne Stiege nach unten in einen halbdunklen, kcllerartigen Raum. Hobelspäne lagen da umher, verschiedene Hölzer lehnten an der Wand und harrten ihrer Verarbeitung, und eine Art Hobelbank, ein Schleifstein u. f. w. redeten als stumme Zeugen von der in körperlicher Arbeit zugebrachten Mußczeit des Verstorbenen. Die einzige, offenstehende Thür, die zugleich dem Lichte Einlaß gewährt, führt von da ,'n ein mauer- umfriedigtes Gärtchen, mit Blumen und Kräutern spärlich bewachsen und von Kieswegen strahlenartig durchschnitten. An der Mauer aber erhebt sich als Abschluß des Ganzen ein hohes, weißes Kreuz. Nach beendigtem Nundgang wurden uns die Nachtquartiere angewiesen. Bei der Anwesenheit so vieler Fremden, es waren deren etwa ZO, ging die Vertheilung der Zimmer nicht sehr rasch von Statten. Endlich wurde mir Nummer 10 zugetheilt, und so war ich denn für diese Nacht geborgen. Ein kleines, aber hohes Gemach mit eichener Balkendecke und einem schmalen, der großen Kapelle zugewandten, vergitterten Fenster; ein reinliches, aber ärmlich aussehendes Bett, .'in Stuhl, ein Tischlein mit dem Waschbecken und ein Betschemel mit darüber- hängendem Kruzifixe: so war das Schlafzimmer beschaffen. Es hielt mich nicht lange in dieser düsteren Zelle. Mich dürstete .räch der freien Natur, und wir befanden uns denn auch bald aus dem Wege zur nahegelegenen Anhöhe. Die Sonne brannte noch immer außerordentlich heiß auf den steil ansteigenden, von hartem Trümmer- gestein ganz übersäten Waldweg. Doch je weiter wir in den dichten Forst eindrangen, desto kühler wurde die Luft und desto ebener und weicher der Pfad. Hie und da begegnete uns ein elegant gekleideter Herr, der von oben herabkam und die Sehenswürdigkeiten der Umgegend bereits in Augenschein genommen hatte. Auch eine kleine Schaar Chartreuser Klosterbruder ging, von einem ihrer seltenen Spaziergänge heimkehrend, an uns vorüber. Zwei und zwei schritten sie dahin, leise mit einander redend und uns, die wir grüßten, nur die oberflächlichste Beachtung schenkend. Wir waren noch nicht lange gegangen, als wir an der Stelle standen, wo einst, es war im Jahre 1084, St. Bruno das erste Kloster erbaute. Da man indessen hier gar häufig von den Schneestürzen des in der Nähe sich aufthürmenden Grand Lom belästigt wurde, so sah man sich gezwungen, das Gebäude zu ver» legen. Zum Andenken an diese älteste Gründung aber errichtete man eine Kapelle: Rotrs vams äs Lasalidus. Durch günstigen Zufall waren wir in den Besitz deS Schlüssels zu diesem Heiligthume gelangt, und so konnte.! wir ungestört hier eintreten, um die kunstreich geschnitzten Bänke, den reichen Altar und die sonstigen Kostbarkeiten zu bewundern. Nicht weit von hier erhebt sich auf einem Felsen die Kapelle St. Bruno. Ueber eine Steintreppe gelangt man zur Thüre dieses Gebäudes, das, von unten gesehen, einen gar seltsamen Eindruck macht. Das Innere ist ein wahres Schmuckkästchen. Von den Wänden schauen die Freskobilder der Genossen des Ordensstisters hernieder auf den mit schönen Fliesen mosaikartig eingelegten Boden, die massiven Eichenstühle mit kunstvollenSchnitzereien und den aus weißem Marmor erbauten Altar, der über jener ehrwürdigen Stelle sich erhebt, wo St. Bruno sein erstes Opfer dargebracht. Der natürliche Felsen, der dem Heiligen als Altar gedient haben soll, ragt unter dem nunmehrigen Opfertische herauf, und man kann ihn, durch die in kunstvoller Steinmetzenarbeit prachtvoll durchbrochenen Seitenwände des Altares reichend, mit der Hand berühren. Kleine Fensterchen im Rnndbogenstile erhellen das Dunkel deS Kirchleins, die Bäume des Waldes blicken träumerisch herein, und die Sonne malt mit zitterndem Strahle allerlei flüchtige Goldstreifen an die bildergefchmückten Wände. Die Natur hat alle ihre stillen Reize um diesen erhabenen Ort ausgebreitet: Zwischen mächtigen Steinblöcken winden sich die starken Wurzeln der Tannen und Buchen hindurch, üppige Farne und goldgelbe Blumen flüstern und schwanken im Luftzuge, und eine Quelle ergießt ihren silbernen Reichthum in ein steinernes, grünbemoostes Becken. Die Sonne neigte sich bereits zum Untergänge, als wir die das Kloster unmittelbar umgebende Bergwiese wieder erreichten. Ein schmaler Pfad führt über den mit Alpenblumen durchwirkten Rasen zu einer Anhöhe hinauf, von wo aus man den ganzen weitläufigen Gebäudecomplex übersehen kann. Was wir da vor uns sehen, ist das erst im Jahre 1676 aus den Ruinen der im Laufe der Zeit mehrmals durch Feuer zerstörten ersten Gründung ncu- erbaute Kloster. Das Ganze erscheint wie eine Festung, ja auf der uns zugewandten Seite erheben sich aus der Umfassungsmauer einige Thürme, deren Zweck mir indessen nicht bekannt geworden ist. Jetzt wird's allmählig dämmerig, der Wald kleidet sich in das Schattengewand des Abends, und vom Kloster herauf ertönt ein Glöcklein zum Gebete. Nur droben, wo der Grand Lom seinen rauhen Felsenrücken in die blaue Sommerluft erhebt, spielen die letzten Sonnenstrahlen in röthlichem, ungewissem Lichte. Wir steigen zu Thals, und die Klosterpforte wird hinter uns geschlossen. Zum Abendimbiß gab es Suppe, Rühreier, ein Gemüse aus gestampften Kartoffeln und einen Nachtisch. Die Zubereitung aller dieser Speisen läßt in Bezug auf Appetitlichkeit und Wohlgeschmack nichts zu wünschen übrig. Das Häuflein fremder Gäste war um diese Zeit beträchtlich zusammengeschmolzen; man begab sich jetzt in den Vorhof, um die Annehmlichkeit des Sommerabends zu genießen. Die Luft hatte sich abgekühlt, zahllose Sterne funkelten am Himmel, und der Mond goß über die stille Berglandschaft einen zauberhaften Schein. Die nackten Gipfel des Grand Lom, hinter denen das Nachtgestirn sich erhob, warfen ihre Niesenschatten bis herunter auf die Dächer der Klostergebäude und schienen bei der sanften Beleuchtung so nahe, daß man sie mit den Händen greifen ! zu können wähnte. — Ehe ich zur Ruhe ging, bat ich den Aufwärter, mich um Mitternacht zu wecken; es ist ! nämlich unter den Besuchern der Grande Chartreuse Sitte, dem nächtlichen Gottesdienst der Mönche beizuwohnen, um dann den Grand Lom zu besteigen und den Sonnenaufgang zu bewundern. Mir erschien indeß diese Bergtour etwas gewagt, umsomehr, als der Mond nach Mitternacht unterging und ich fürchten mußte, den Dialekt des Führers, denn ein solcher ist unentbehrlich, nicht zu verstehen. wie ich hierin schon bei einer andern Gelegenheit bittere Erfahrungen machte. Trotz der ermüdenden Wanderungen des Tages fand ich keine gute Nachtruhe. Das Bett bot statt der Kissen nur ein einziges, Walzenrundes, hartes Kopfpolster, von dem ich in der empfindlichsten Weise beständig herabsank oder zur Seite siel, so daß von Schlafen anfangs keine Rede sein konnte. Endlich um 12 Uhr pochte es heftig an meiner Thüre. Nonsieur, «n vs lövs! (Aufstehen I) rief eine muntere Stimme, und nach einigen Augenblicken stand ich schon in dem großen Corridore, der znr Kapelle führt. Mich schauderte ein wenig vor Kälte, und indem ich mir den erst halb begonnenen Schlaf aus den Augen wischte, folgte ich den über die Steinfliesen huschenden Gestalten der übrigen schlafverstörten Kirchengänger. Die große Kapelle (In oirnxölls äo8 pörss), ein in schönen Verhältnissen aufgeführter gothischer Bau mit reicher, innerer Ausstattung, läßt sich sowohl vom Erdgeschoß als auch vom ersten Stockwerk aus erreichen. Durch eine Thüre gelangt man aus letzterem auf die Empore, und es hatte sich hierselbst, als ich eintrat, bereits der größte Theil der Fremden, meist Geistliche, eingefnnden. Mit dem Glockenschlage 12 erscheinen die Mönche im Chöre der Kapelle, und zwar in der Ordnung, daß je 2 auf beiden Seiten des Altares gleichzeitig eintraten. Die grauweißen Kapuzen über den Kopf gezogen und lautlosen Schrittes dahinwandelnd, schienen die düsteren Gestalten im matten Schimmer der an den Wänden des Langschiffes brennenden Kerzen wie Geister daherzuschweben. An ihren Plätzen, die sich längs der Wände hinziehen, angekommen, ließen sie sich auf einige Augenblicke in eine, wie mir schien, hockende, nach vornüber gebeugte Stellung nieder — dann hoben sie plötzlich und mit lauter Stimme an, das „Darm irr aäjutorium" zu singen, und schauerlich ergreifend hallte der Gesang durch die Stille der Nacht. Ich hörte den Gottesdienst nicht ganz zu Ende, sondern zog mich nach einer halben Stunde auf mein Zimmer zurück. Ich fühlte mich wirklich erleichtert, als endlich der junge Tag durch mein Gitterfensterchen guckte, und erhob mich ungesäumt beim ersten Morgengrauen vom harten Lager. Gegen 8 Uhr nahm man das Frühstück ein, das in seiner Art einzig sein dürfte. Wir aßen nämlich zuerst eine gute Brodsuppe, dann Käse, gedörrte Zwetschgen und Aepfel; dazu trank man Nothwein und zuletzt ein Gläschen Chartreuser. Unterdeß hatte es zu regnen angefangen, und mein Freund dachte daran, noch einen weiteren Tag im Kloster zu verweilen; ich hatte jedoch hiezn nicht die geringste Lust und machte mich eiligst reisefertig. Dabei vergaß ich nicht, mir ein kleines An- sichtenalbum von der Grande Chartreuse, sowie ein Fläschchen Echten mitzunehmen. Dergleichen hübsche Andenken bekommt man bei einem Bruder zu kaufen. (Schluß folgt.) I Literarisches. Die Natur des thierischen Lebens und Lebens- prinzips. Ein apologetisches Wort gegen den modernen Anthropomorphismus, von Matthias Kohl- tz ofer, Pfarrer in Arnsing. Keuchten bei Köscl 1894. Preis 4 M, 400 Seiten. brv. Der gewandte Verfasser dieser Schrift will nicht bloß das dunkle Gebiet ver Thicrpsycbologie aufhellen, sondern zugleich auf dem Boden der Wissenschaft die modernen Lehren, welche die Grenzlinien zwischen dem Thierreich nnd dem Menschen verschieben und das Thier zu nahe an den Menschen heranrücken, entschieden zurückweisen. Znr Lösung dieser schwierigen Aufgab- verfügt er über reiche Litcraturkcnntniß und sichere klare Principien. Bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts zurückgreifend, nimmt der Autor zugleich Bezug aus die neuern Werke von Scheitlin, Wundt, Gustav Carns, Altum, Max Perty, Paul Bert rc. rc. und namentlich auch auf das große „Thicrleben" von Brchm. Von lctzterm sagt er: „Unkritische Anekdotcn- klauberei nebst gehässigen Ausfällen auf die Kirche und ihren Dogmenglauben verunstalten das im klebrigen sehr verdienstvolle Werk." — Der reiche Stoff ist in zwei Hauptabtheilungcn gegliedert, wovon die erste (S, 1 bis 267) das thierische Leben und LebenS- princip in seinem An sich sein, die andere (S. 269 biS 400) in seinen Relationen behandelt. Diese schließt mit einer sehr eingehenden scharfen Kritik der modernen Thicrschntz-Bestreb- nngen. — Als Merkmale der Geistigkeit bezeichnet der Verfasser Bewußtheit, Vernünstigkett und Freiheit; dann Innerlichkeit, Einfachheit und Sclbstsländigkeit im Sein und in der Bestimmung. 'Als Merkmale der Materialität stellt er auf die Sinn- fälligkeit und Acußcrlichkeit, die Zusammensetzung und Forma- bilität, die Determination durch das Naturgesetz und Abhängigkeit von andern gcschvpflichen Wesen und die Pluralität. Zwischen dem niedern Genus der Formbildungs-Erscheinungen und dem bewußten Sein ist nach ihm ein ungeheurer Abstand; ebenso zwischen Empfinde» und Erkennen an sich und dem bewußten Empfinden und Erkennen; ersteres kommt auch dem Thiere zu, letzteres nur dem Menschen. Die Trichotomie, d. h. die Annahme eines neutralen Zwischcnwcscns zwischen Geist und Materie beim Menschen, nennt der Autor eine „cxistcnz- unfähige Ungeheuerlichkeit". Die eine (geistige) Seele bringt außer ihren höher» Funktionen auch niedere Wirkungen hervor. Sie vcgetirt den Leib durch absolut innere, spezifisch geistige Akte. So sehr die vegetativen und sensitiven Lebenserscheinnngen bei Mensch und Tbier einander ähnlich erscheinen, so haben sie dock ganz verschiedene Ursachen; beim Menschen ist eS die geistige Seele, beim Thier das dem Stoff inhärirende überphhsikalische LcbcnSprincip, Auf Grund solcher Principien bespricht der Autor die thierische Vegetation, welche den Bau und die Erhaltung der Organismen erzielt, Hiebei steigt er vom Niedern zum Höher» auf, indem er der Reihe nach die Zoo- phyten, Weichthicre, Glieder- und Wirbelthicre vorführt. Die sehr eingehende Behandlung der thierischen Sensation kommt zu dem Ergebniß, daß die zum thierischen Leib organisirte Materie im Bunde mit psychischen Lebenskräften zu sensitiven Akten befähigt wird, welche dem vegetativen Leben dienen und nicht aufhören, materiell zu sein. Ueber die thierische Vernünftig- keit, Moralität und Idealität (Aesthetik) ist gesagt, daß dieselben lediglich objektiven Charakter haben und von subjektiver Bethätigung keine Spur sich zeige. Daher sagt der Autor am Schlüsse dieser Ausführungen: „Das Thier ist absolut und gänzlich jeder Geistigkeit bar. Anathema den ganzen und halben Anthropomorphistcn! — Die zweite Haupt- abtheilnng fixirt das thierische LcbcnSprincip in seinem Verhältniß zu den physikalischen Erscheinungen und Kräften und nennt es eine überphysische, vitale oder psychische Kraft dcS Körpers und bestimmt zugleich das Thier in seiner Stellung im Universum und zum Menschen. Von den Thierschutzbestreb- ungcn sagt der Verfasser: „So wie sie sind, schaden sie mehr als sie nützen. Wenn sie nicht in andere Bahnen einlenken, sind sie nicht der Unterstützung würdig. Unterstützung werden sie nur dann verdienen, wenn sie auf eine korrekte Unterlage gestellt werden". Diese Gedanken führt der Autor weiter aus, wobei er unter der „korrekten Unterlage" die von ihm entwickelten Principen versteht. Wie man sieht, liegt die Stärke dieses geistreichen Buckes in der auf eingehendem Studium beruhenden principiellen Richtigstellung der Grenzlinie zwischen Mensch und Thier. Die Lektüre ist ebenso interessant als lehrreich, das gewandte Werk verdient die weiteste Verbreitung. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. kii-. 32 9. Anglist 1894. Mugt zur Sügsöürgcr Ä Eine Klosterkirche im Stile des Frühbarock. Monumentalbauten aus dem ersten Drittel des 17. Jahrhunderts sind in unseren Gegenden nicht allzu häufig. Schon an sich war die Zeit wenig baulustig, wenn wir sie mit anderen Perioden, etwa dem Jahrhundert von 1420—1520 oder jenem von 1675—1775, vergleichen; überdieß vernichtete der alsbald hereinbrechende Schweden- krieg eine Menge der Schöpfungen von damals oder versetzte sie doch in einen Zustand, welcher durchgreifende Restaurationen und damit eine wesentliche Umgestaltung des ursprünglichen Stilcharakters herbeiführte. Umso großer ist das Interesse, welches ein derartiger Bau, sofern er im großen Ganzen unverändert blieb, in Anspruch zu nehmen berechtigt ist. Die ehemalige Klosterkirche zu Pökling, einem Pfarrdorfe 3 Kilometer südlich von Weilheiur, ist zwar nicht ein völliger Neubau aus jener Periode, aber sie wurde in den Jahren 1620—28 so bedeutend im Geschmacke der damaligen Zeit umgestaltet, daß sie als Bau immerhin, und speziell was die Dekoration betrifft, sogar in hervorragender Weise als Vertreterin des Frühbarock gelten kann. Das läßt sich freilich nicht in Bezug auf das Aeußere des Bauwerkes behaupten. Die Langhausseiten mit den vielen, kleinen, verschieden geformten Fenstern entbehren mit Ausnahme des vorderen Chores der Gliederung durch Pilaster, Gesimse und Lisenen und bringen, wenn überhaupt von einer Wirkung gesprochen werden kann, die der Eintönigkeit und Bedeutungslosigkeit hervor, welche durch die weiße Tünche noch wesentlich verstärkt wird. Der Ostabschluß des Chores ist nach außen hin nicht sichtbar, da ein Flügel des ehemaligen Klostergcbäudes östlich an die Kirche anstößt. Selbst die Westfagade, sonst wohl der Glanzpunkt bei Barockkirchen, ist von nüchterner Gestaltung. Malerische Wirkung kommt, vom Thurme abgesehen, allein dem stattlichen Portalvorbau zu mit den flankirenven Doppelpaaren jonischer Halb- sänlen, welche über dem elegant gegliederten Gesimse in Vasen ausklingen und das zwischen ein weiteres Säulen- pnar der gleichen Ordnung gestellte Portal in die Mitte nehmen. Aber dieser Portalbau ist in keinerlei organischen Zusammenhang gebracht mit dem Aufbau der Fahnde und dieser hinwiederum ebensowenig mit der inneren Bauanlage der Kirche. Der Fatzadenaufbau ist nämlich weiter nichts als eine kahle Mauerfläche mit kraftlos geschwungenem Giebel. Der Thurm, am westlichen Ende der Südseite im Jahre 1607 neu aufgeführt, steigt in massigen Formen, durch Lisenen und Mauerblenden entsprechend gegliedert, quadratisch -an und fetzt dann ins Achteck über, welches von einem achtseitigen Helme gekrönt wird. Das verwendete Material, Tuff aus einem nahegelegenen Bruche, eignet sich durch feinen graubraunen Ton und die Dimension der Blöcke ganz leidlich für Barockbauten. Treten wir nun durch das Westportal, dessen zugehöriger Bau im Innern eine Vorhalle bildet, in die Kirche ein, so verrathen die schlanken, achteckigen Pfeiler mit ihrer gothischen Sockelprofilirung und die Spitzbogenform der Scheidebogen sofort die ursprünglich gothische Anlage des Baues. Die Kirche war ehedem ein gothischer dreischiffiger Hallenbau mit einfachen Sterngewölben; die Pfeiler scheinen ohne Vermittlung durch Kämpfer in die Gewölbe und Schcidebogen übergegangen zu fein, welch letztere durch Abschrägung der Kanten so profitirt sind, daß sie je drei Seiten der Achtcckspfeiler fortsetzen. Aber wie hat der Barockstil diesem Bau den Stempel seines Geistes aufzuprägen verstanden! Durch Einziehung von Emporen, Anordnung von Oratorien, Au^brechung von Seitenkapellcn, Anpassung des Gewölbesystems, durch Pilasterschmuck und nicht zuletzt durch die Kunst des Stnckaiors ist der Charakter der Gvthik geschickt verdeckt und nahezu der Eindruck einer einheitlichen Barock schöpfung erzielt. Die Klosterkirche zu Posting ist in ihrer dermaligen Gestalt ein fünfschisfigcr Bau mit östlich vorgelegtem Querschiff und doppeltem Ostchor. Das Quer schiff ist bereits zum Chor gezogen und nimmt die ganze Länge des ersten Cbores ein. Der zweite vordere Chor ist um eine Stufe über den ersten, dieser um zwei Surfen über das Langhaus erhöht. Jeder der beiden Chöre besteht aus drei Jochen, doch ist das vorderste Joch des östlichen Chores durch den Hochaltar verbaut. Das Langhaus zerfällt in fünf Joche. Je vier Pfeiler und zwei Halb- pfeiler trennen beiderseits das Mittelschiff von den inneren Seitenschiffen. Die Joche der letzteren sind auf quadratischem, die des Mittelschiffes auf rechteckigem Grundriß errichtet. Die äußeren Seitenschiffe stellen sich als Ka- pcllenräume dar; es sind solcher Räume auf jeder Seite vier, das westlichste Joch entbehrt derselben. Die Kapellen stehen untereinander nicht in Verbindung, da Altäre die Ostwand derselben einnehmen. Weder die äußeren, noch die inneren Seitenschiffe setzen sich um den Chor fort. Die Länge der Kirche beträgt 51 m, wovon 27,30 w auf das Langhaus, 13,20 irr auf den ersten und 10.50 rrr auf den zweiten Chor (bis zur Rückwand des Hochaltares) entfallen. Die Breite des Langhauses einschließlich der Seitenkapellen belauft sich auf 29,80 rn, nämlich Mittelschiff 9 m, je ein inneres Seitenschiff 6 w, je ein Kapellenraum 4,40 m; der Chor mißt 8.50 in in der Breite. Die Gewölbe des Mittelschiffes und der inneren Seitenschiffe ruhen auf den Achteckvfeilern und an den Umfassungsmauern auf weit vorspringenden Pilastern, zwischen welchen sich unten die niederen Kapellenräume im Segmentbogen öffnen und oben spitz geformte Schild- bogen spannen. In den Schildmaueru und in den Kapellen sind Fensteröffnungen angebracht. Die Gewölbe der Chorpartie werden von Pilastern getragen. Die drei inneren Langhansfchiffe haben die gothische Gewölbe- construktion beibehalten, jedoch unter Beseitigung der Nippen und Verwischung der gothischen Form der Gurtbogen. Der erste Chor ist mit einer, wohl auch aus dem gothischen Gewölbe umgeformten Tonne mit tief einschneidenden Stichkappen überwölbt. Tadellos vollkommen gestaltet ist das von kleinen Slichkappcn durchbrochene Tonnengewölbe des vorderen Chores. In diesem zweiten Chöre treten die Pilaster wieder mächtig von den Umfassungsmauern herein; die dadurch gebildeten Nischen haben transversale Tonnengewölbe. Die Querschiffarme bestehen aus je zwei über einander gelegenen Geschossen. Das Erdgeschoß des südlichen Flügels birgt die Achberg'» sche Kapelle (jetzt Sakristei), das des nördlichen die alte Sakristei. Die Obergeschosse bilden Oratorien, welche sich in je drei, hoch und schlank gebildeten Bogenstcllungen gegen den ersten Chor öffnen. Das südliche Oratorium 250 ist mit transversaler gedruckter Tonne überwölbt, das nördliche mit einer auf stuckirten Schrägen ruhenden, flachen Holzdcüe versehen. In den äußeren Seitenschiffen find Nenaiffancekreuzgewölbe angeordnet, deren Grate sich unter der Stuckatnr verlieren. Die Höhenvcrhältnisse sind folgende: Mittelschiff 14,90, innere Seitenschiffe 12,10, äußere Seitenschiffe c. 4, erster Chor 14 in; der vordere Chor ist um ein Geringes höher als der erste. In halber Höhe des Baues zieht sich an den Umfassungsmauern von Langhaus und Chor eine Empore hin. Dieselbe ist im westlichsten Joch zu einem die drei inneren Schiffe umspannenden geräumigen Mnsikchor erweitert, setzt sich dann an den Langhausseiten über den Kapcllenränmen fort, die Pflaster mit Durchgängen durchbrechend, geht in die Obergeschosse der Qncrschiffarme über und zieht sich jenseits derselben völlig um den vorderen Chor herum, wo sie sich hinter dem Choraltare zu einem Altarraume erweitert. Der Raum unter der Westempore bildet eine Art innere Vorhalle und ist durch ein kunstvolles Nococo- Eisengitter mit dem Wappen des Prälaten Franz Töpsl von dem übrigen Theil des Langhauses getrennt. Der von diesem Prälaten in den Jahren 1761 — 67 vorgenommenen Restauration gehören ferner an die Ausschmückung und Einrichtung der Seitenkapellen, das Gittcrwerk der Empore mit dem darüber angebrachten, flott geschwungenen Aufsatz, die Orgel, reiche Thürver- kleidnngen im vorderen Chöre, Dekorationsstücke an den großen Altären, endlich — ein Schmuckkästchen des Nococo- stileS — die jetzige Sakristei, früher Achberg'sche oder Reliqnicnkapelle genannt. Diese erhielt ihre dermalige Gestalt im Jahre 1764 und wurde von der Meisterhand Johann Baadcrs mit sehr hübschen Deckengemälden geziert (Mariä Verkündigung und Heimsuchung, Christi Geburt und die Flucht nach Aeghptcn). Geradezu reizend sind die Malereien an den Sakristeischränken, wahre Muster für Cchrankbemalung im Nococostil; lieblichere Kinderköpfchen hat die Kunst jener Zeit kaum geschaffen. Abgesehen von diesen Zuthaten späterer Zeit, die sich übrigens meist auf Nebenräume vertheilen, hat sich in der Dekoration der Charakter der in den Jahren 1621—28 durchgeführten Restauration durchaus erhalten. Die DekorationSknnst jener Zeit benützte als ausschließliches Mittel die Stuckatnr. Für Fresken ist kein Raum übrig gelassen, die Stuckatnr behauptet noch allein das Feld. Sie ist in der Polliuger Kirche in einer Weise angewendet, welche höchst charakteristisch ist für die Art des Frühbarock: Nähmenwerk und figürliches Ornament walten vor, Pflanzenornamcnt ist spärlicher und nur in streng stilisirtcr Form vertreten. Als Rosetten verschiedener Größe und Gestaltung und als Füllungen der Nahmenlcisten tritt das Pflanzenwerk wohl selbst- ständig auf, sonst aber ist es meist mit den Figuren in Verbindung gebracht. Frnchtgewinde, gegen die Mitte zu stark anschwellend (Festons), finden sich häufig, vereinzelt auch Tuchgehänge mit eingcflochtenen Blumen. Von Akanthusranken, welche seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine stets wachsende und zu Ende desselben oft eine beherrschende Rolle spielen, finden sich noch nicht die Ansätze, ebensowenig von den später mit Vorliebe verwendeten Eichen- und Lorbeerlaubkränzen und -Stäben. Das einfache Akanthusblait, wie es schon die Antike kannte, ziert abwechselnd mit Engelsköpfen die Kapitelle der Pflaster und der als Säulen behandelten Pfeiler. Klassische Motive, vor Allem Eierstab, Perlenschnur und Palmettenornament, werden auch zur Betonung der Ränder des Nahmenwerkes herangezogen und verleihen, da das Nahmenwerk reichlich zur Anwendung kommt, dem Ganzen einen starken Anklang an den ernst-gemessenen Charakter der Antike. Die Stuckatur steht der Renaissance noch bedeutend näher, als dies 50 Jahre später der Fall ist. Man vergleiche beispielsweise die zierlich, fast nach Art der Kleinkunst stuckirten Pflaster der Kirche zu Pökling mit den mächtigen, kannelirten Doppelpilastern der Kirche zu Wetten- hausen. Das Nachklingen der Renaissance zeigt sich sowohl im Pflanzenornament wie in den figürlichen Zier- stücken. Welche Ruhe in Haltung und Gewandung der Genien! Diese wie auch das übrige Figurenwerk, bestehend in Engelsköpfchen und Halbfiguren, welch letztere häufig in Blattwerk übergehen, zeichnen sich durch sorgfältig gearbeitete Gesichtsbildung aus. Was das Verhältniß der Figuren zu dem Pflanzen- ornament betrifft, so macht man im Allgemeinen die Beobachtung — und auch diese Thatsache dürfte bezeichnend sein für die Stuckatur des Frühbarockstiles —, daß die Figuren die Herrschaft über das Pflanzenornament behaupten. Letzteres ist den Figuren untergeordnet, wird von denselben gleichsam im Zaume gehalten, während es sich später dieser Herrschaft entzieht und nicht mehr in Unterordnung unter die Figuren, sondern diesen gleich geordnet, ja sie überwuchernd, den Decorationszwecken dient. Hier aber steht das Pflanzenornament mit den Figuren in einer mehr oder weniger engen Beziehung, es wird von denselben getragen oder zusammengehalten oder wächst aus denselben organisch hervor. Als besonders reich und edel stuckiri seien hervorgehoben: die Kapitelle der Pfeiler, die Pflaster, die Brüstung der Empore, namentlich in den Chorpartien, die Fenstergewände und die Decken der beiden Chöre. Im Obergeschoß des südlichen Kreuzschiffarmes und in dem Altarraume der Empore befinden sich stuckirte Altäre, welche als Typen damaligen Altarbaues und Altarschmuckes gelten dürfen; der an erster Stelle genannte Altar trägt die Jahreszahl 1624. Sehr bcachtenswerth sind ferner die im Jahre 1687 ausgeführten Thürverkleidungen am östlichen Ende des ersten Chores. Der gleichen Zeit etwa ist die geschmackvolle Kanzel zuzuweisen. Die kunstgeschichtlich nicht unwichtige Frage, ob die Stuckaturen ursprünglich schon Bemalung trugen, wage ich nicht mit Bestimmtheit zu beantworten, neige aber zur Verneinung derselben hin; denn die Analogie spricht entschieden dagegen, ebenso die gewählten Farbentöne; positive Anhaltspunkte für oder wider fand ich jedoch trotz allen Suchens nicht. Jedenfalls sind die Farben nicht ungeschickt gewählt und spätestens bei der Restauration von 1761 ff. beigegeben worden. Die stark hervortretenden Theile der Stuckatur sind in zartem Blaugrau gehalten, die Ränder des Nahmenwerkes gelb, einzelne Mittelfelder rosa; meist jedoch ist der Grund weiß belassen. Die Wirkung der Stuckaturen ist durch diese Art von Bemalung wesentlich gehoben, vielleicht etwas zu kräftig und schwer geworden. Manches wäre noch zu sagen über einzelne Merkwürdigkeiten der Kirche zu Pökling, wie über das alte Crucifixbild, welches dort verehrt wird, oder über die Denksteine aus alter und neuerer Zeit. Aber das würde den Nahmen dieses Aufsatzes überschreiten, der nur zum 251 Zwecke hat, den Frühbarockstil und seine Dekorations- kunst an einem Beispiel zu beleuchten. Möge, wer seine Schritte in jene Gegend lenkt, nicht versäumen, sich die Kirche zn betrachten. Das herrliche Gebirgspanorama, welches sich im Hintergründe erhebt und mit dem Ernste dieses Gotteshauses so trefflich zusammenstimmt, läßt den Aufenthalt doppelt lohnend erscheinen. Die Räume des ehemaligen Klosters sind jetzt theilweise wieder in den Händen eines Ordens, der Dominikanerinnen, welche dort seit einem Jahre eine Mädchenerziehungsanstalt errichtet und dieselbe vorzüglich ausgestattet haben, so daß ein Besuch des Instituts viel des Interessanten bietet und die besten Eindrücke zurückläßt. Or. A. Schröder. Das Martyrium der thebäischen Legion. Von Dr. Bernhard Sepp. Die Thebäerlegende ist unstreitig eins der ehrwürdigsten Legenden, die wir kennen. Denn es kann nunmehr als ausgemacht betrachtet werden, daß der von P. Fr. Chifflet veröffentlichte *) authentische Text der kassio ^.Anunsnsiuni wart^rnm nicht, wie noch Nettberg behauptete ^), dem sechsten, sondern bereits dem fünften Jahrhundert angehört und von dem (als Kirchenschrift- steller wohlbekannten) Bischof Eucherius von Lyon, der nach Gcnnadius vir. ilt. 63 unter der Regierung der Kaiser Valentinian 111. und Marcian zwischen 450 und 455 starb, herrührt?) Er zählt mithin zu den Erzeugnissen der römisch-christlichen Literaturpcriode und ist daher schon wegen seiner Sprache bemerkenswerth. Aber auch seine Bedeutung als geschichtliches Dokument darf nicht gering angeschlagen werden, da er spätestens 150 Jahre nach dem Martyrium der Thebäer (unter Diokletian), d. h. zu einer Zeit, wo die Erinnerung an jenes Ercigniß in Agaunum noch recht lebhaft sein mußte, entstanden ist. Zudem steht fest, daß Eucherius einen vortrefflichen Gewährsmann für seine Erzählung hatte, denn, wie aus seiner Widmungsepistel an Silvius*) (den Autor des ') I?an1inu8 llliwtratns ?. I (Dijon 1662) S. 66 f. aus einem Codex «nee. VII sx. des Klosters St. Clciude im Jura (beute n. 9550 der Pariser Nationalbibliothek). Nuinart (4eta. Llart. Verona 1731 S. 241 f.) benutzte außerdem einen Codex saeo. VIII des Klosters St. Maur des Fossses, ferner eoä. Lenins 5293, Handschriften aus Rheims (St. Tbierry) n. 1142 saeo. XIII, der Sorbonne, von St. Eermain deö Pros, Flenry rc. Vgl. noch coä. karis. 17002 (aus Moissac.), eoä. Lruxell. n. 831—834 8a.ee. XIII kol. 141 f. (auö Kloster Marienthal bei Luxemburg), eoä. Lämunt. n. 248 aase. XI u. a. m. 2) K. G. D. I S. 97 A. 13. Ein „jüngerer Eucherius von Lyon" hat niemals existirt. Der in der vita. s. Oaosarii genannte Eucherius ist offenbar dessen Snsfraganbischof von Avignon (s. .4. 88. Voll. 4ng'. VI S. 73 u. k.; vgl. Gams 8. L. S. 503). Ein anderer Eucherius war zur Zeit des zweiten Concils von Orange (529) Bischof von Antikes (s. Gams a. a. O. S. 554 n. S. 570, Mansi VIII. 718). Ebenso grundlos ist die Behauptung Rettbergs a. a. O. S. 100 f., daß die Mauritiuslegcnde aus dem Orient übertragen sei, s. Stolle S. 53 f. Am willkürlichsten bat übrigens Albert Hanek die ganze Frage behandelt, da er die Legende in einer Anmerkung abfertigen will (K. G. D. I. Bd. S. 9 A. 1); s. die treffende Widerlegung seines „Arguments" bei Stolle S. 73 f. °) Wenn der Autor der vita. 8. Uomani und Bischof Avitus von Vicnne von einer schriftlichen Passiv der hl. Märtyrer von Agaunum sprechen, so haben sie die des Eucherius im Auge, welche auch der von Mabillon zuerst edirten ältesten miaaa 8. Llaurieii st aoeiorum viug (s. Stolle S. 106 f.) zu Grunde liegt. *) Stolle (Exkurs II S. 98 f.) vermuthet in Silvius einen Bischof von Vicnne und möchte ihn zwischen Claudius, der an dem ersten Concil zu Orange (441) und an der Synode zu Htcwcu1us?)°) hervorgeht, verdankte er das Material zu seiner Schrift dem Bischof Jsaak von Genf°), der nur 60 römische Meilen (d. i. etwa 24 Wegstunden) von Agaunum, der Stätte des Martyriums (St. Maurice in Wallis), entfernt lebte und seine Nachrichten an Ort und Stelle einzuziehen vermochte. Obendrein macht eS Eucherius wahrscheinlich, daß Jsaaks Berichterstatter jener Theodorus?), Bischof von Octodurum (Martigny, vier Stunden von Agaunum, das zur Diöcese Octodurum gehörte), war, der (um die Mitte des 4. Jahrhunderts) die Gebeine der ermordeten Thebäer sammelte und über ihnen eine Kirche erbaute, die ihrem Andenken geweiht war. Beherzigen wir, daß zur Zeit des Bischofs Theo- doruS noch Leute leben konnten, die Augenzeugen des Martyriums gewesen waren oder wenigstens von ihren Vütern Mittheilungen über die näheren Umstände jenes Ereignisses erhalten hatten, so müssen wir auch anerkennen, daß die Thebäerlegende gut beglaubigt sei. Nichtsdestoweniger trägt der neueste Bearbeiter derselben, Dr. Franz Stolle, in seiner Inauguraldissertation „Das Martyrium der thebäischen Legion", Münster 1891, kein Bedenken, der Passio des Eucherius ebenso wie den voreucherianischen Zeugnissen und den Angaben der Ka- lendarien und Martyrologien^) fast allen Werth abzusprechen, und er geht soweit, dieselbe für eine rhetorisch Vaison (442) theilnahm, und dem bl. MamcrtuS einreihen. Er übersah aber, daß Claudius und MamcrtuS eine und dieselbe Person sind (Bruder des Schriftstellers Claudianus Ma- mertuS f. Geunadiuö vir. III. 83). °) Bekanntlich hat Polemeus (vcrgl. den Polemius des Xpoliiuaria Liäouins) Silvius den 1>a.tsren1u8 einem Bischof Eucherius gewidmet, der kein andrer als unser Lyoner Bischof sein kann, s. Th. Mommsen 6. 1. I.. I S. 332 f. vgl. vita. g. Uälarii spiee. Vrslat. sag, 11. °) S. Stolle Anhang S. 101: »Porro ab iäousia ane- toribus rsi ipsins vsritatom gnassivi, ab bis utigus gui atkirmabaut (Laloniuo? f. A. 10) ab epieeopo Osnavsnsi 8auoto Isaas buno gusw rsttnli pasaiouia oräiuem eoZnoviseo, gui, orsäo, rnr5Uiu Iraeo retro a bsatissimo spiseopo Bbsväoro, viro tewporis antsrioris, aeespsrat.« Orsäo heißt bei einem christlichen Schriftsteller niemals „ich vermuthe", sondern „ich bin der festen Ueberzeugung". Aber selbst wenn es sich im vorliegenden Falle wirklich nur um eine Vermuthung Enckcrs handeln sollte, wie Stolle S. 52 meint, so wären wir noch nicht berechtigt, sie ohne weiteres zu verwerfen, weil sie auch richtig sein kann. Da nämlich TbeodoruS um den Cult der Thebäer sehr eifrig bemüht war, so wird er auch nickt unterlassen haben, ein Oküoiuw proxrinm dieser hl. Märtyrer anzufertigen, welches in seinen Lektionen (zur ersten und zweiten Nocturn) die Leidensgeschichte derselben behandelte. Von diesem Officium erhielt gewiß auch Jsaak Kenntniß. Da aber der Gebrauch desselben wohl auf die Diöcescn Octodurum und Genf beschränkt blieb, so übernahm cS Eucherius, die Passio neu zu bearbeiten, damit die Thaten der Thebäer nicht in Vergessenheit geriethen, s. A. 10. ') Theodorus war im I. 381 auf dem Concil zu AqnilcjL anwesend (s. Mansi III, 599). sein Kirchenbau sällt aber wohl in den Anfang seines Pontificats (um 350). Bemerkenswerth ist, daß uns schon im I. 419 ein Bischof von Octodurum des Namens Mauritius begegnet (s. Gams a. a. O. S. 312, der auch eincu Erzbischof Mauritius von Trier zum I. 398 verzeichnet S. 318). Vgl. auch die römisch-christliche Grabsckrift des Knaben Mauritius, welche südlich von Lyon in der Rhone gefunden wurde, bei Le Blaut T. II S. 45 N. 399 Planche 48 n. 282 und das interessante Ncliquiar im Schatz von St. Maurice (aus der Mcrowingerzeit) ebenda S. 580 N. 684 Planche 91 n. 542. Gregor Tur. bist. seo1e8. X, 31, 19. °) Da wir noch immer keine kritische Ausgabe des Llar- txrolvAium Ilisrouzuunm besitzen und die Edition de Nossi'S erst in einigen Jahren vollendet sein wird, so war für Stolle Zurückhaltung im Urtheil über dasselbe geboten und seine These (S. 26) „die Hierouymiana sind, um es kurz zu sagen, die denkbar schlechtesten Quellen" wäre besser ersetzt durch den Satz „die bisherigen Ausgaben des 11artxrolo§ium UisronFMUm sind ungenügend". Uebrigcnö bedeuten die Worte »In Oallia eivt- 2öä ausgeschmückte Erzählung des Lhoner Bischofs zu erklären, deren festen Kern lediglich die Namen der drei Offiziere Mauricius, Exupcrius und Candidus bilden. Gewiß eine kühne Behauchung, für die wir strikte Beweise fordern dürfen. Betrachten wir aber seine Argumente näher, so ergibt sich, datz dieselben durchaus nichts zwingendes haben. Dies hinderte jedoch nicht, daß Stolle's Sckrift von Fachgelehrten beifällig aufgenommen wurde?) Wir sehen uns daher genöthigt, auf seine Beweisführung im einzelnen einzugehen, da längeres Schweigen einer Zustimmung gleichkäme und unsere Bemerkungen vielleicht dazu dienen, den jugendlichen Kritiker für die Zukunft zu größerer Vorsicht bei der Beurtheilung der überlieferten Marlyrcrakten zu bestimmen. I. Stolle geht bei seiner negativen Kritik davon aus (S. 47 f.), daß Euchertus seine Passto nur auf Grund mündlicher Mittheilungen verfaßt habe. Dies könnte von uns zugegeben werden, ohne daß wir deßhalb dieselben Folgerungen, wie er, zu ziehen brauchten. Denn es ist klar, daß auch eine bloß mündliche Tradition, wenn sie, wie im vorliegenden Falle, durch zuverlässige Zeugen, wie Bischof Jsaak von Genf, verbürgt ist, vom Geschichtsforscher nicht ohne weiteres außer Acht gelassen werden darf. Ganz abgesehen davon aber schließen die Worte der Epistel an Silvius, auf welche sich Stolle als Beweis für seine Annahme beruft: ^Versdar snim, ris xsr insuriani turn A'Ioriosi Zssta mart^rii all siominuiu rnsiuoria, tsmxus abolsrst", keineswegs die Möglichkeit aus, daß bereits vor Eucherius eine schriftliche Thebäer- passion vorhanden war (s. A. 6), sondern sie lassen auch die Erklärung zu, daß eine voreucherianische Passto existirte, aber nur in einem engeren Kreise bekannt war. Auch in diesem Falle nämlich hatte Eucher Grund zur Befürchtung, daß die Thaten der thcbäischen Märtyrer tote 8iäunis looo ^Annno« wobt nickt mehr, als „in Gallien, im Gau (der) Seduni, im Orte Agauuum", nickt aber, wie Stolle a. a, O. A. 2 iuterpretirt: „im Bisthum Sitten". Es kann mitbin nickt daraus geschlossen werden, daß dieselben ein spaterer Zusatz seien. Ebenso irrig ist die Behauptung Stolle's S. 23, daß unsere Handschriften deS Hicronymianum nicht über 800 binaufrcichen, denn nicht nur der aus Metz stammende ooä. Borneiisis 289, sondern auch coä. Laris. 10837, der ein Ecktcrnachcr Mariyrologium und Kalcndar (letzteres nnt der berühmten Randbemerkung von der Hand des hl. Willibrord aus dem Jahre 728) enthält (s. Neues Archiv f. ä. d. G. II S. 291 f.), und die Wolfenbüttler Handschrift 23 (aus Weissen- burg i. E.) sind ohne Zweifel nock im 8. Jahrh, entstanden. DucheSne lud. pcwtik. lotroäuotion x. XIVI u. 13 weist nach, daß der uns überlieferte Text der Hieronymiana unter Bischof Annarius von Auxerre vor dem Jahre 593 redigiert wurde. °) S. Neues Archiv XVII S. 223 n. 9 unterzeichnet W(ilbclm) W(attenback): „In der Erstlingsschrift deS Dr. Franz Stolle: Das^ Martyrium der thebäiscken Legion (Brcslau, Müller und Sciffert 1891) wird in sehr dankcnswerther Weise diese Legende einer klaren und einsichtigen Kritik unterzogen unter Widerlegung der schwächlichen RettungsVcrsu ch e. Ilebcrzcngcnd wird nachgewiesen, daß die fabelhafte Geschichte nur zurückgeht aus B. Eucherius von Lhon (um 450), der die Namen der drei damals bekannten Marryrcr mit der vergrößernden Tradition von 1'/, Jahrhunderten und aus Lactanz und Vegez geschöpften Kenntnissen zu einer Darstellung geschickt verarbeitet hat, und sie seinem Amtsbruder SilviuS von Vienne übersandte. Hervorzuheben sind die treffenden Bemerkungen über die leicht irreführende Beschaffenheit der stets erweiterten Marthrologien. Beige- geben ist die älteste Redaction der Akta, worin der Verf. o. 6 über den Veteran Viktor und Viktor und Ursus für eine Interpolation hält, nach Ruinart u. die Lasen» 6assii st Llorentii.. ob Esreonis aus Mombritius." tznaväogns äorwitat bonus Lowerus! mit der Zeit in Vergessenheit gerathen könnten, und diese Gefahr schien erst dann beseitigt, wenn es ihm gelang, ihre Leidensgeschichte allen Bischöfen Galliens zur Kenntniß zu bringen und den Cnlt der hl. Märtyrer auch in anderen Diöcesen zu beleben.*") Mithin kann jenes Argument Stolle's nicht als stichhaltig erachtet werden. Nicht viel besser steht es um seine Behauptung (S. 56 f.), daß Eucherius für seine Legende neben der Lokaltradition noch andere Quellen benützt habe. Denn zugestanden auch, daß die Nachricht des Eucherius über das Ende Maximians aus Lactantius (äs mort. xsr- sssnbvrniQ 29 und 8V) entnommen sei**), so läßt sich doch nicht bestreiten, daß dieselbe mit dem Inhalt der Legende gar nichts zu schaffen hat, sondern nur zur Befriedigung der Wißbegierde des Lesers am Schlüsse angereiht wurde. Sie kommt daher bei der Beurtheilung des Werthes der Legende gar nicht in Betracht. Noch weniger Gewicht können wir den Stellen, welche Stolle S. 58 f. aus VegetiuS sxib. rei ruilibaris anführt, beimeffen, da eine genauere Prüfung derselben ergibt, daß sie mit den Worten Suchers gar keine Aehn- lichkeit haben, sondern diesen zum Theil direkt widersprechen. läd. III, 4 redet VegetiuS von der Art, wie man einen Tumult im Heere dämpfen müsse, und sagt dabei, es sei besser, nach Weise der Vorfahren nur die Rädelsführer zu packen; Eucher dagegen spricht (cmp. III f.) von der Dezimirung — welche offenbar den Unschuldigen ebenso wie den Schuldigen trifft — und von der Nieder- wetzelung einer ganzen Abtheilung. läb. III, 21 räth VegetiuS zur Vorsicht bei der Verfolgung des Feindes, weil derselbe in der Verzweiflung das Aeußerste wage; Eucher dagegen läßt (onx. IV) seine Thebäer sagen, daß sie lieber sterben als todten wollen. IUb. II, 5 berichtet VegetiuS, daß die Soldaten seiner Zeit bei Gott und dem Kaiser zu schwören pflegten und in dem Kaiser gleichsam den sichtbaren und verkörperten Gott verehrten; Eucher dagegen legt seinen Thcbüern die Worte in den Mund (sax. IV), daß sie dem Blutbefehl des Kaisers den Gehorsam versagen müßten, weil sie sonst Gott verläugnen würden, dem sie zuerst ihren Eid geschworen hätten. Demnach beschränkt sich alles, was VegetiuS und Eucher mit einander gemein haben, auf den Satz, daß die Menge für ihre Vergehen meist straflos ausgehe, und selbst dieser Gedanke ist zu trivial, als daß wir annehmen könnten, daß ihn ein Nhetor wie Eucher einem Militärschriftsteller zu entlehnen nöthig hatte. Was vollends das Vorkommen gewisser militärisch-technischer Ausdrücke bei Eucher anlangt, so kann uns dieses schon darum nicht befremden, weil die Thebäer Soldaten waren und die Märtyrer von den älteren christlichen Autoren (wie ") S. die Worte des uralten Sittencr Breviers (A.. 83. Voll. V, 815): -Lassionem sanstorum Miebasoruw martzwum 7c§auueusium Llanrieii st soeiorum eins exiseoxo Eeusvsnsi transinisit (Tbsoäorus) oowwunioanäaw owutbus oxisvoxis Oalliao, guam üuobsrius eptseopns ImKäunensis pro IroKrautia, sui stM owuibus vowwunsm tseit.« Vgl. A. 6 a. E. Wahrscheinlich hat Eucherius diese Passiv durch seinen Sohn Salonius, der schon i. I. 441 als Bischof von Genf erscheint (s. Mansi VI, 441, Gams a. a. O. S. 277) und wobl als der unmittelbare Nachfolger des Jsaak zu betrachten ist, erhalten. ") Reminiscenzen aus der Lektüre sind bei einem so vielbelesenen Mann wie Eucherius wahrlich kein Wunder; vgl. noch Oros. VII, 28, 8. Lnr. Victor äs 6sssar. 40, sxit. äs vassar. oax. 40, Lutrop. X, 2. Stolle S. 32 f. selbst dcirthut) mit Vorliebe als militsa Oüristi oder ooalsstis inilitig. bezeichnet wurden.^) Zudem läßt sich aus dem Umstände, daß Eucher aus einem vornehmen römischen Geschlechte stammte und lange im Getümmel der Welt gelebt hatte, ehe er sich dem Dienst der Kirche widmete"), abnehmen, daß ihm die militärischen Verhältnisse und Ausdrücke, wie campiäuvtor,^) oontuffarnalos u. a. m., ebenso wie dem Vegetius geläufig waren. Erwähnt er doch sogar die Charge eines ssnator rnilrturu, von welcher Vegetius schweigt. Nehmen wir hinzu, daß Eucher die Stärke der Legion nicht, wie Vegetius lid. II, 6, auf 6830 Mann (6100 psäitso, 730 Laustes), sondern (gleich Plutarch vita Romrür 20) auf 6600 Mann beziffert, so wird es fraglich, ob Eucher das Werk des Vegetius auch nur gekannt habe, zumal es durchaus nicht ausgemacht ist, daß Vegetius vor Eucherius schrieb. Ebenso unbegründet ist die Meinung Stolle's (S. 61), Eucherius habe, um die Entfernung des Ortes Agaunum von Genf kennen zu lernen, ein Jtinerar zu Hilfe nehmen müssen, da es „ganz unwahrscheinlich sei, daß Eucher oder auch seine Gewährsleute ihre Reise dahin zum Theil mit Ablesen von römischen Meilensteinen vertrieben* (viel). Denn eS läßt sich kaum annehmen, daß in jener vielbereisten Gegend kein Gastwirth oder Kutscher zu finden gewesen sei, der über die Entfernung Agaunums von Genf Bescheid zu ertheilen wußte, gleichwie heutzutage jeder Postillon über die Länge der Wegstrecke, die er befählt, sichere Auskunft zu geben vermag. Im schlimmsten Falle brauchte Eucher nur seinen Sohn Salonius, der vom Jahre 441 an als Bischof von Genf erscheint, zu fragen, um Aufschluß hierüber zu erhalten. Noch wunderlicher ist, wenn Stolle S. 62 beifügt, Eucher habe sich auch in der Beschreibung von Agaunum (das er vermuthlich vom Sehen kannte) an die Vorschrift des Vegetius gehalten, der liff. III, 6 dem commandierenden Offizier an's Herz legt, von den Gegenden, in welchen Krieg geführt wird, sich genaue Karten zu verschaffen — Eucher war kein Militär und wollte auch nicht Krieg führen. Oder wenn Stolle die Vermuthung äußert, daß Eucher den Namen Hivstavi für seine Legion aus der iHoritia, äiZnitatum Oooi- äentia V und VII entnommen habe! — Schwerlich war Eucher so thöricht, unter den zahlreichen Legionen, welche in diesem Staatshandbuch des römischen Reiches aufgeführt werden, gerade eine solche als Taufpathin für seine Martyrerlegion zu wühlen, welche eine !ö§io palatinn inira, Italiam war, d. h. das Privilegium hatte, in Italien stationirt zu sein.^) ") Vgl. noch die uralten Marlyrerccktcn des hl. Maximilian (Nuinart a. a. O. S. 263) »nou milito saeenlo, seä milito veo inoo.« '°) Eucherius war scnatorii'chcn Standes und Solch eines Valerianus (wabrichciulich des kriseus Valsrianus, praeteotuo xrastorio dalliarnm, eines nahen Verwandten des Kaisers Avitus), dem er leine Schrift äo oontsinxtu muncli widmete. Er hatte aus seiner Ehe mit (Kalla zwei Sötme. walouinS und Vcranius, welche beide gleichfalls Bischöfe wurden. (Ueber SaloniuS s. oben A. 10, über Veraniuö, Bischof von Vence? f. Gams a. a. O. S. 651). ") Aus dem Beisatz »ut in oxoreitu atzxollant« möchte man folgern, daß diese Bezeichnung zur Zeit, wo Eucherius schrieb, noch nicht abgekommen war. Ueber die Rangstufe eines xrimieorins (— xrimi xili eenturio?) und seuutor wilitum s. Hieronhmus aä kammaokium eap. 19 (Migne XXIII, 370). ") S. 71 findet Lrtolle in dem dreimaligen Wüthen Maximians gegen die Thebäer gar etwas symbolisches (eine Beziehung zum Geheimniß der Trinität, sioi). Ueber Schul- und Studienwesen. Wenn die Geschichte eine Lehrmeisterin ist — und sie kann und sollte es sein — so haben wir allen Grund in Bezug auf das s. t. angezeigte Thema uns wiederholt bei der Geschichte zu erkundigen. Wir bleiben dabei zunächst in unserm Lande Bayern. Was wir da als Spezielles vorführen, wirft zugleich auch einen Reflex auf die allgemeinen Verhältnisse in fraglicher Sache: es sind Spiegelbilder für unsere Zeit. In der ehemaligen bayerischen Zeitschrift „Eos" vom Jahre 1826 — einer Zeitschrift, welcher der Vor- wurf „nltramontan" durchaus nicht gemacht werden kann — beschäftigten sich drei verschiedene Stimmen mit unserm Thema. Die erste Stimme (in Nr. 5 genannter Zeitschrift) beschäftigt sich hauptsächlich mit der falschen Schul- und Hauserziehung des weiblichen Geschlechtes. Hievon wollen wir heute nur die Einleitung zur Sache reproduciren. Es heißt allda wie folgt. „Die gefährlichen Fortschritte einer immer mehr um sich greifenden Krankheit, welche zerstörend auf alle Lebensorgane der Menschheit wirkt, geben dem Beobachter Stoff zum Nachdenken und Klagen. Wir meinen den Egoismus, der alle Wurzeln der Gesellschaft vergiftet und das eigentliche Zeichen unserer Zeit ist. „Zwar müssen wir uns selbst als die Urheber deS Uebels anklagen, dessen Vorhandensein wir überall schmerzlich fühlen. Oder waren wir es nicht selbst, die in unseliger Verblendung — weil wir die „Aufklärung" befördern zu müssen glaubten — Alles der Erklärung unterwarfen — sogar das Ueberirdischel? Und weil wir die Menschen zum PhtlanthropismuS erziehen wollten und die Nützlichkeits-Tendenz zum Typus aller Erkenntniß von göttlichen und menschlichen Dingen machten." Bei der Hinweisung darauf, daß man Alles der Erklärung unterworfen, befindet sich eine Note, welche eine scharfsinnige Erklärung aus Guts Muths „Bibliothek der pädagogischen Wissenschaften" (Jahrg. 1804 S. 256) enthält — und lautet: „Der Grund, warum die ältern, vergessenen Schriften, welche man vormals der Jugend in die Hände gab, mehr als die jetzigen mit ganzer Seele ergriffen wurden, liegt wohl darin, daß eben jene die Seele des Kindes umfangen, die Phantasie mehr genährt und das Gemüth tiefer berührt haben, da die meisten Pädagogen des vorigen Jahrzehnts vor lauter Aufklürungssucht in ihren Lehrbüchern gar vorsichtlich alles vermeiden, was etwa Unerklärliches aus einer unbekannten, höheren Ordnung der Dinge mit unterlaufen möchte, und das Heilige im Menschen auf den dürren kathegorischen Imperativ zurückführen. Die Sucht, Alles demonstriren und praktisch fürs Erdenleben machen zu wollen, hat auch in der Pädagogik großes Unheil angestiftet." Nun heißt es im Haupttcxt weiter: „Jetzt hält sich der Mensch an das, was ihm zunächst liegt, an sein Ich! Was die Pflichten an Gott und den Nächsten anbelangt, so hat er gelernt, geschickt und bequem sie mit Worten abzuthun. Sobald er sich den Kinderschuhen entwachsen fühlt, jagt er nach sogenannter Selbstständigkeit und streift alle Bande des Gehorsams von sich; daher so viel Unordnung und Zwist in den Familien; so viel verkehrte Ansichten in Absicht auf das öffentliche Leben, den gesellschaftlichen Verband, wo Jeder herrschen und Keiner dienen möchte. Dieser Geist des Eigendünkels greift irr 254 alle Verhältnisse ein — und rückt und meistert so lange, j bis er die ganze Maschine (Staatsmaschine) unbrauchbar macht." Eine andere Stimme der Eos im Jahre 1826 läßt sich (in Nro. 16) unter der Aufschrift „Schul- und Studienwesen" vernehmen wie folgt: In einer Zeit, wo das Bedürfniß einer festeren, kräftigeren Ordnung im Fache der öffentlichen Erziehung und des Unterrichtes am lebendigsten gefühlt wird und vielfach besprochen worden; wo durch die stürmische Bewegnng der Zeit und den ewigen Wechsel neuer Pläne, die nothwendig daraus hervorgegangen, die Schule wie das Leben in den wesentlichsten Elementen erschüttert und gefährdet worden ist und noch wird; wo selbst der redliche Wille im Ningen nach einer besseren Ordnung, vielleicht aus übertriebener Scheu vor dem Alten und aus dem charakteristischen Hange nach neuen und originellen Schöpfungen, oft die wesentlichen Grundlagen übersehen hat, — thut es allerdings noth, einmal mit nüchternem Auge in die Geschichte der Vorzeit zurückzusehen — und in den Annalen der vaterländischen Cultur jene Lichtprincipien aufzusuchen, denen das Vaterland (Bayern) das schnelle und stärkende Aufblühen zn einer der gebildetsten Nationen verdankt, und eben dadurch den sicheren Leitfaden für die Bildung der gegenwärtigen und zukünftigen Generation zn finden." Eine Nation, welche über ein Jahrtausend die Rechte ihres Thrones und ihren Namen mit der Geschichte verflochten hat, steht immer auf einer hohen Stufe der moralischen Kraft und Cultur. Man nehme ihr diese historische Würde durch Entuationalisirung in den Bildungsprin- cipien, so wird sie verbildet und dadurch demoralisirt; und die fortschreitende Demoralisation — fügen wir bei — bereitet den Sturz der Nation — des Staates — des mächtigsten Reiches! Da Gott entfremdet Völker, Kronen, Sank in den Ocean der Zeit Zertrümmert eine Welt von Thronen — Mit aller Macht und Herrlichkeit! Welch eine furchtbare Mahnung für unsere Zeit! Vernehmen wir nun wieder unsere Eos-Stimme. Da heißt es des Wettern: „Wenn das Leben eines Volkes wie das Individuelle eines Menschen einer organischen Entwicklung und Fortbildung unterworfen ist; — wenn die wahre Bildung eines Volkes durch ewige, unwandelbare Principien bedingt ist; wenn in der Volksbildung wie in der individuellen das Festhalten an einem Plane und in diesem konsequentes Fortschreiten — ohne Sprung und Lücke, ohne willkürliche (fremdartige — sohin negative) Experimente — nothwendig ist, so werden sich wohl die gegenwärtigen und die künftigen Institute, wie aus der Vergangenheit erzeugt, an den historischen Standpunkt anschließen, jene unwandelbaren Principien, welche vom allweisen Erzieher des Menschengeschlechtes geoffenbaret oder als Erzeugnisse der menschlichen Vernunft durch die Geschichte bewährt, in sich aufnehmen und für ihre Zeit darstellen müssen. — Unsere Zeit hat es mit nur zn tiefer Betrübniß erfahren müssen, welche Wunden unreife Pläne — ax abruptw aus dem Gehirn irgend eines Individuums entsprossen — den heiligsten Interessen der Menschheit und dem Vaterlande schlagen können." Zur Zeit, als diese Mahnstimme erscholl, sprühten noch die stolzen luziferischen Ltchtfunken der „großen Principien", welche hauptsächlich die Guillotinen-Revolution von 1789 erzeugt. Dort, wo die Eosstimme von unreifen Plänen spricht, seht sie eine sehr charakteristische Note, welche uns Zugleich an die bekannte „akademische Glorification" erinnert. Diese Note lautet: „Abgesehen von dem, wie die Mütter der Literatur' seit so langem die gefälligsten Recensionen und Belobungen über das, was der Doctrine huldigt und angehört, theils selbst machen, theils annehmen — ist man bei uns über diese Tactik längst hinweg. Der wahre Freund des Vaterlandes kennt keinen anderen Humanism ns, mag ihn Doctor Thiersch drehen, wie er will, als den, welchen schon Karl der Große mit den wahrhaften Worten bezeichnete: Mein Volk gehorche nicht deßwegen, weil es muß, sondern weil es aus Gehorsam gegen Gott will'." Aber wie bringt man das Volk zu diesem wahren Gehorsam? Durch die moderue Erzieh uugs- und Bildungsweise nicht! Schließlich wird in der Eos für die so wichtige Zeitanfgabe das Werk „Die Geschichte der Schulen in Bayern" von Felix Joseph Lipowsky (1825) empfohlen, „ein unerschöpfliches Quellcnbuch für eine streng wissenschaftliche, pragmatische Geschichte der vaterländischen Cultur und der wichtigsten Principien der National- bildung, welche die Weisen aller Zeiten ausgesprochen — und die Philanthropen unserer Tage nicht erkannt haben"; sagen wir — nicht erkennen mochten —, gleichwie in unseren Tagen der Gelehrtenriug auch das beste geistige Erzeugnis; ignorirt oder „verdonnert", wenn dessen Verfasser der Doctrin des Ringes nicht huldigt. Dieses hochmüthige oder tendenziöse Jguoriren (wenn es nicht beides ist) ward — und wird noch — zur Nebelkappe empörender, nicht selten folgenschwerer Geschichts- lügen. — (Schluß folgt.) Von Grenoble nach der Grande Chartrense. Von H. Eid. (Schluß.) Der Wagen, mit dem wir bis Grenoble hätten fahren können, war, bis mein Freund sich endlich zum Aufbruch entschlossen hatte, bereits abgegangen, und so mußten wir uns auf eine etwa 8stündige und umso anstrengendere Fußtour gefaßt machen, als der Regen sich immer heftiger gestaltete. Wir schlugen diesmal die links von dem bei unserm Aufstiege beuütztcn Weg abzweigende Straße ein, l'Lntröo xar Is Imxpax-, und ich war trotz des Regens froh, dem Kloster entronnen zu sein. Es dauerte indeß nicht lauge, so waren wir vollständig durchnäßt und sahen die Unmöglichkeit ein, überhaupt weiterzugehen. Kurz entschlossen eilten wir auf eine etwas abseits vom Wege auf einer Wiese stehende Meierei des Klosters zu. Mein Freund klopfte an die verriegelte Hausthüre, worauf ein altes, zusammengeschrumpftes, ärmlich aussehendes Männchen erschien, das nach unserm Begehr fragte. Wir baten um die Erlaubniß, uns an seinem Küchenfeuer trocknen zu dürfen, was er uns denn auch gern gewährte, nachdem er uns freilich vorher einer mit der Miene der Ueberraschung und des Zweifels angestellten Musterung unterzogen hatte. Er führte uns in seine Küche, wo ein lustiges Herdfener brannte, auf dem ein Topf mit Wasser kochte. Wir hingen unsre Mäntel ans Feuer und ließen uns selbst mit stiller Befriedigung neben demselben nieder. Das alte Männchen nöthigte uns dann in der gastfreundlichsten Weise, eine Tasse Kaffee zu trinken, und ließ sich dabei mit meinem Begleiter in eine lebhafte Unterhaltung ein, an der ich 255 nur vermöge der Dolmeischerkünste meines Freundes thcil- nehmen konnte. Unser Gastgeber merkte bald, daß ich Ausländer sei: „Sind Sie Engländer oder Deutscher?" fragte er sichtlich gespannt, nachdem ich ihm meine Ausländerschaft zugestanden. Da ich mich nun als Deutscher entpuppte, so schien ich dem Manne nicht mehr recht zu behagen. Er sprach mit leidenschaftlichem Eifer von dem Unglück von 1870, von den bösen Preußen, zu denen er mich ohne Weiteres auch rechnete, und von dem geraubten Elsaß-Lothringen. Dabei wandte er sich ausschließlich an mich, machte die heftigsten Geberden und that, als wollte er mir in die Augen springen. Zu Worte ließ er mich durchaus nicht kommen, auch habe ich seine Zornesausbrüche zum größten Theil nicht verstanden. Zuletzt ließ er sich doch auf Zureden meines Freundes beruhigen. Indessen schien es mir, als könne ich in seinen Augen keine Gnade mehr finden; denn als er später meinem Gesellschafter in die geleerte Tasse, wie es in der Gegend üblich ist, ein Schnäpschen einschenkte, that er, als sei ich gar nicht da. Nun mag ja das auch aus Versehen geschehen sein; allein ich könnte es dem guten Manne nicht sehr verargen, wenn er es absichtlich gethan hätte. Denn er war, wie er vorher schon erzählt hatte, lange Jahre Soldat in Afrika gewesen, und da mag er sich denn für die Ehre seines Vaterlandes etwas stärker erhitzt haben, als es die Gelegenheit oder vielmehr meine unschuldige Person gerade angezeigt erscheinen ließen. Mir nöthigte dieser kleine Zwischenfall zwar nicht im Augenblicke der Aktion, denn diese selbst versetzte mich in eine etwas un- gemüthliche Stimmung, so doch später manches Lächeln ab, und noch lange nachher habe ich meinen Freund, der sich gewiß dabei in heikler Lage befand, damit geneckt, da er mir bei jedem passenden Anlaß zu beweisen suchte, wir Deutsche könnten ganz unangefochten bei ihnen weilen und mit ihnen verkehren, was ich auch trotz alldem gewiß nicht bestreiten möchte. Der Regen hatte aufgehört, wir schickten uns zur Weiterreise an. Unser guter Alter machte uns indessen noch auf die seiner Wohnung gegenüberliegende Kapelle aufmerksam. Auf dem Altare derselben steht eine lateinische Inschrift in gothischen Buchstaben, die nach der Behauptung unseres Führers noch von niemand entziffert worden war. Nach einigem Bemühen war es uns geglückt, das Räthsel zu entschleiern, worüber der alte Soldat ganz verblüfft dreinschaute, so, als ob wir damit die Kapelle ihres geheimnißvollsten Reizes beraubt hätten. Mein Freund übersetzte die an sich unbedeutsame Inschrift, die von den Rechten des Klosters auf dieses Kirchlein spricht, ins Französische und schrieb sie dann auf einen Zettel nieder, damit sie der Alte hin und wieder lesen möchte. Aber siehe da l Die Kunst des Lesens war ihm fremd. Das ließ mich nun den unhöflichen Eifer des Mannes in einem noch milderen Lichte betrachten, und wir schieden in Frieden von einander. Leichten Muthes schritten wir von bannen. Bald hatten wir das auf einer Anhöhe thronende Dörfchen St. Pierre erreicht, dessen Pfarrer uns, wie oben schon erzählt, in St. Laurent eingeladen, bei ihm vorzusprechen. Der geistliche Herr war soeben mit dem Ausschleudern von Honig beschäftigt und erwies sich in der Folge als ein sehr eifriger und rationeller Bienenzüchter. Der gastfreundliche Pfarrer von St. Pierre schlug bei Tisch einen gar frischen, herzlichen Ton mir gegenüber an. Ihm machte, wie vielen andern Personen, die mir hier bekannt wurden, die Aussprache meines Namens einige Mühe, die er in launiger Weise dadurch zu umgehen wußte, daß er mich einfach Llr. ^rllsmancl benamste. Ich, der ich hier weltfremd war und nur ganz flüchtig und zufällig die Bekamüschaft dieses Herrn gemacht hatte, wurde als erster und vornehmster Gast behandelt und mit der liebenswürdigsten Zudringlichkeit zum Essen und Trinken eingeladen. Die lustige Unterhaltung bei Tische ließ mich bald die Düsterkeit des eben erst verlassenen Klosters vergessen. Der gute Herr Pfarrer wurde nicht müde, seine heiteren Zwischenbemerkungen zu machen und die Gesellschaft zum Trinken seines vorzüglichen Weißweines aufzumuntern, den man hier selten bekommt. Wir beabsichtigten jetzt, wenigstens den zweiten und letzten Wagen, der von der Grande Chartrcuse nach Grenoble geht, noch zu erreichen. Nachdem wir an der Haltestelle des Wagens bei einem Wirthshaus voll Ungeduld, weil im Regen stehend, einige Zeit gewartet, erschienen zuletzt zwei Wägen, die aber über und über besetzt waren. Jedenfalls hatten die Pilger auf der Grande Chartreuse angesichts des schlechten Wetters sämmtlich das Weite gesucht. Mit Mühe und Noth und bemitleidet von den in den Wägen Geborgenen gelang es uns endlich, einen Sitz auf dem engen und unbequemen Kutsch- bock zu erhalten, und wir durften diese Unterkunft immer noch als ein Glück betrachten, denn der Regen wurde immer heftiger, und wenn uns auch das aufgespannte Zeltdach des Wagens wegen unseres exponirten Platzes keinen Schutz gewährte, so waren wir doch der mühseligen Wanderung auf kothiger Straße und über Berg und Thal enthoben. Die Fahrt ging zuerst beständig bergan, der Weg wurde dabei immer steiler, und ich bedauerte die armen Pferde, die der Kutscher erbarmungslos weiterpeitschte. Ueberhaupt hatte ich auf allen meinen Fahrten durch die Dauphins von meinem gewöhnlichen Platze aus, der sich auf dem sogen. Jmpsriale, dem oberen Stockwerke, befand, reichlich Gelegenheit, die Leistungen dieses gequälten Geschöpfes so recht würdigen zu lernen. Die Voitures sind bei guter Witterung meist dicht besetzt, und wenn auch von Zeit zu Zeit bei einem an der Landstraße gelegenen Wirthshause Pferdewechsel eintritt, so ist doch die den Thieren zugemuthcte Aufgabe meist eine recht schwierige, und man fühlt sich, wenn man überhaupt Gefühl hiefür hat. gleichsam mitveranwortlich für jede, dem gehorsamen Freunde des Menschen zugefügte Unbill. Diesmal, da ich auf dem Kutschbocke saß, ging mir das Geschick der beiden Pferde besonders zu Herzen. Eines davon gebeidete sich etwas unartig, überließ meist seinem Genossen die Arbeit und drohte beständig, den Wagen über den steilen, manchmal schluchtenartigen Wegrand zu schleudern. Der Kutscher, ein frischer Geselle mit schwarzen Locken, rauhem Schnurrbart und blau- grauen, schalkhaft blitzenden Augen, kannte denn auch gegen diesen halsstarrigen Unterthanen keine Barmherzigkeit und schlug ihn dermaßen mit der Peitsche, daß das arme Thier über und über mit Striemen bedeckt war. Die unmittelbare Nachbarschaft dieses Mannes, aus dessen Munde ich nicht viel mehr als Flüche hörte, war mir nicht besonders angenehm; allein ich war doch froh. so festgepackt und sicher auf diesem luftigen Throne sitzen zu können und die Pferdedecke gemeinsam mit ihm und meinem Freunde über die durchnäßten Knie breiten zu dürfen. Gern hätte ich ihn um größere Schonung seines Schutzbefohlenen gebeten, aber ich wagte es nicht, eine derartige, wenn auch noch so bescheidene Andeutung zu 256 machen, da ich gerade bei solchen Fahrten schon öfter erleben mußte, wie diese Leute oft wegen der geringfügigsten Ursachen die lebhaftesten und rohesten Hansel nicht allein mit ihresgleichen, sondern auck mit den Reisenden beginnen. So unterdrückte ich denn mein Mitleid und athmete erleichtert auf, als wir endlich den Gipfel der Mächtig vor uns aufragenden Wasserscheide erreicht hatten, wo ein Pferdewcchsel vorgenommen wurde. Da droben war es herrlich. Ein riesiger Tannenwald empfing uns in seinem Halbdunkel und hielt den lästigen Regen einigermaßen von uns ab. Von den Zweigen und Besten dieser Tannen hingen gewaltige graue Moosbärte in solcher Fülle herab, daß das Waldinnere einen ganz eigenartigen, geisterhaften Anblick gewährte. Jetzt ging es mit dem neuen Gespann frisch hinab ins Thal, und nach 3'/2 ständiger Fahrt durch mächtige Forste, über steinige Einöden und an kleinen Ansiedelungen vorbei tauchte endlich das weite Thal der Jsöre mit seinen rebenbekränzten Hügeln und seinen aus blauer Ferne grüßenden Schneebcrgen vor uns auf. Drunten liegt die Stadt im Sonnenglanze des Abends. Der Regen hat sich verzogen, und die Menschen ergehen sich in der nun kühleren Luft. Gerne verlassen wir unsre unbequemen Sitze, unsre Reisegefährten zerstreuen sich nach allen Seiten, und wir sind wieder daheim im schönen Grenoble. Recensionen und Notizen. Apologie des Christenthums. Von b'r. Albert Maria Weiß 0. ?r. I. Bd. Der ganze Mensch. Handbuch der Ethik. Dritte Auflage. Mit Approbation des hochwürdigstcn Herrn Erzbii'choiS von Freibnrg und Gut- heißnng der Ordcnsobcrn. Freiburg, Herder 1891, (XVI u. 808 S,) M. 6, geb. M. 7,80. ik. v. I,. Fort mit d,m Glauben an das Uebcrnatürliche! DaS ist die Lotung der modernen Feinde des Christenthums. In Kort und L-ckrift suchen sie unermüdlich ihren teuflischen Zweck zu erreichen. Wie sie offen gestehen, wollen sie eine glaubenslose L-itllickkeit. Und diese preisen sie an als natürliche, naturwissenschaftlich begründete, bessere Sittlichkeit. Solchen gottlosen Bestrebungen müssen wir unserseits manuhasr entgegentreten. Da heißt es, warnen und mahnen und vom Gegentheil überzeugen. Eine wahre Rüstkammer dazu bietet der jetzt in dritter Auflage erschienene erste Band der Apologie des Christenthums vom Dominikaner-Pater Albert Maria Weis;. Ohne Gott bleibt der Mensch ein Räthsel. Ohne Gotr wird des Menschen Würde entehrt. Mit Gott allein läßt sich seine Ausgabe lösen. Diese Au'gabc des Menschen nun sucht der Verfasser im 1. Bande, ganz unabhängig von allen Lehren des Christenthums, auf rein psychologischem und philosophischem Wege klar zu machen. Er verfolgt den Gegner aus dessen eigenem Gebiete und legt seinen ganzen Irrwahn bloß. Nach den Grundsätzen einer gesunden Philosophie lernen wir den Menschen kennen, wie er sein soll, den ganzen Menschen, gerecht gegen Gott, gerecht gegen die Nebcnmenschen, gerecht gegen sich selbst. Mit den Vorschriften der Vernunft zur Erreichung unserer menschlichen Vollkommenheit steht durchaus im Einklänge, was zu diesem Zwecke die Lehre des Christcnibums vorschreibt. Im Christenthum wird die natürliche Befähigung und Bestimmung des Menschen keineswegs verkümmert; vielmehr gerade von ihm deutlich erkannt und von ihm allein ernstlich und ganz zur Anerkennung gebracht. So haben wir denn, wenn auch in freierer Form, im 1. Bande der Apologie ein treffliches, überaus praktisches „Handbuch der Ethik". — Die vorliegende dritte Ausgabe ist mannigfach umgearbeitet, insbesondere in der Eintbeilung geändert. Gegenüber den 3 Abtheilungen der zweiten zerfällt die neue Ausgabe in 4 Abtheilungen: 1) die Kräfte des ganzen Menschen; 2) das Uebungsfeld des ganzen Menschen; 3) wie das Christenthum zum ganzen Menschen erzieht; 4) wie sich einer selbst zum ganzen Menschen bildet. Durch diese Anordnung wurden zwar die Vortrüge 8—15 umgestellt, die einzelnen Abtheilungen aber, dem Umfange nach, > gleichmäßiger, sowie Klarheit und Uebcrsicbtlichkeit des Ganzen nicht unbeträchtlich erhöbet. — Alle, die noch Liebe zur Wabr- beit und Gerechtigkeit haben, werden durch Lesung unseres Buches nothwendig zum Gcständniß gezwungen, daß Ebrinus mchr bloß zu Christen macht, sondern auch zu echten Menschen. Die auf seine Religion den Vorwurf schleudern, als nehme ne uns die Erde und vertröste uns auf den Himmel, wissen nickt, was sie sagen. Die kennen unsern Glauben schleckt, welche nickt erfassen, daß er auch das Angesicht der Erde erneuert bat. Wir aber, die wir Christ- Jünger bereits sind, wir haben die verantwortungsvolle, ernste und große Aufgabe, durch unsern Wandel dicier Wahrheit den Weg zu den Herzen zu bahnen. Dem Zweifler' würde selbst der letzte Aubalt zum Widersprüche entzogen, wenn alle Christen die schönen Worte Stolbergs zur That und Wahrheit machten: Ihr habt die Lehre, haltet, waS ihr habt> Sie ist's, für welche Märt'rer bluteten, Sie gibt im Leben wie im Tode Ruh', Der Dämm'rung Rübe vor dem Morgenroth, Und strahlet einst in vollem Mitkagsglanz. Baut, Cbristcn, baut auf diesen Felsengrund. Die falschen Lehrer ban'n auf falschen Sand. Wengcnmayr Florian. Der KrippleS-Verl. Eine Erzählung aus Schwaden für die Jugend und das Volk Himmlische Liebe. Eine Künstler- und Reiienovelle. Katholische Jugend-Bibliothek. Kcmpteu, Köiel. 1894. t>. Eines der Hauptübcl, an denen unsere Zeit krankt, ist unstreitig die Lesewutb, d>,e fast alle Alter, Stände und Geschleckter cr^rstfcn hat. Mir Reckt wird dagegen anmkämpfen versucht, mit Reckt wird immer wievcr auf die Gefahren hingewiesen, die darin für Glaube unv Sittlichkeit liegen. Allein so wie die Dinge nun einmal gelagert sind, ist wenig Aussicht vorbanden, daß dem Uebel erfolgreich gesteuert wird und cS kann sich daher nur darum bandeln, dein chrislkatbolischen Volke, insbesondere der heranwachsenden Jugend, gute, gediegene, vom kirchlichen Geiste durckwebte Schriftiir in die Hand zu geben. Gott Lob feblt es uns an solchen nickt; außer umern um die katholische Sacke so hochverdienten Zeüuincn und UisterbaltungS- blättcrn sei beiipielsbalber nur hingewiesen auf Männer wie Steigenbergcr, den leider allzufrüh dahingegangenen Franz von Seeburg und den unermüdlichen Konrad von Bolanven. Bezüglich des letzteren bat uns erst unlängst ein wackerer, dein Gewerbestandc angehörender junger Mann geschrieben, wie er in seinen! 21. Lebensjahre in der Fremde durch die Lektüre der kirchenscindlichen Zeitschriften „Der Feierabend" nud „Chronik der Zeit" bereits in Gcsabr war. auf Abwege zu gerathen, und wie er dann glücklicher Weise einige Lände Bolanden und auch des katb. Hausschatzcs in die Hand bekommen und dadurch in der Liebe zur Kirche wieder unerschütterlich bestärkt morden sei. Und wie vielen Andern mag es ähnlich ergeben, wie viele junge Leute fallen durch die Lektüre glaubensieindlichcr Schriften, die ja heutzutage jedem in's Haus gewinnen werben, dein Unglauben anheim. Wahrlich, jene Männer criüllen eine wahrhaft apostolische Mission, die, von Gott mit dein Charisma des Wortes und der Kunst der Darstellung bcgnadcr, znr Feder greifen, um das Volk und besonders die Jugend in der Liebe zur christlichen Weltanschauung zu erhalten und das lodernde Feuer der Ideale für daS wahrhaft Große, Gute und Schöne zu schüren. Eine vielversprechende Kraft tritt nnö im Verfasser obiger Erzählungen entgegen. Die „himmlische Liebe" bietet uns herrliche Schilderungen aus Italien, im „Kripples-Verl" schildert er in mitunter ergreifender Weise des armen LandmanneS Freud und Leid, sein stilles, gottergebenes Arbeiten und Dulden, Leben und Sterben, Straucheln und Wiederaufstehen, und dürfte nicht leicht jemand das Büchlein ohne innere Erhebung zu Ende lesen. Wengeumayr hat unstreitig reiche Anlagen zu belletristischen Arbeiten, und wünschen wir nickt bloß in seinem eigenen, sondern auch im Interesse der guten Sacke, daß er seine Kraft noch weiter ausbilde und an der Hand erprobter Meister entwickle, Insbesondere dürfte die Handlung spannender, die Fäden feiner gewoben, die Charaktere schärfer und individueller gezeichnet und von allen Uebertreibungen nach der einen wie nach der andern Seite freigehalten werden. Der katholische Schriftsteller kann dem «katholischen nicht auf das Gebiet des Pikanten und Prickelnden folgen; aber gut schreiben, lebendig, fesselnd, feurig, das kann und soll auch er. In diesem Sinne rufen wir dem jugendlichen Verfasser ein wohlgemeintes „Glück auf" zu. Lerantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabhcrr in Augsburg. tt,'. 33 1894 . Das Martyrium der thebäischen Legion. Vvn Dr. Bernhard Sepp. (Schluß.) II. Schon hieraus hat der Leser ersehen, daß die Argumentation Stolle's kaum ernsthaft zu nehmen ist, sondern eher geeignet sein dürfte, uns ein Lächeln zu entlocken. Recht eigenthümlich muthet uns daher seine Schlußfolgerung auf S. 63 an: „Euchers Werk ist also nicht mehr der reine und ungetrübte Niederschlag dessen, was ihm seine Gewährsleute erzählten." Ist es ihm doch nicht gelungen, auch nur eine einzige Quelle außer der Ortstradition namhaft zu machen, aus welcher Eucher irgend etwas über das Martyrium der thebäischen Legion erfahren konnte. Im Gegentheil versichert Stolle au anderer Stelle (S. 79 f.) selbst, daß kein Schriftsteller vor Eucher von diesem Martyrium Erwähnung thue. Da nun aber kaum anzunehmen ist, daß Eucher die Einzelheiten seines Berichtes frei ersonnen habe (vgl. Stolle S. 81 f.), so erhellt, daß er sie nur den von Bischof Isaak hinterlassenen Aufzeichnungen entnommen haben kann. Allerdings mag zugegeben werden, daß dabei manches Mißverständniß mitunterlaufen sei, denn gewiß in Eucher im Irrthum, wenn er die ganzes thebäische Legion das Martyrium erleiden läßt und den Borfall in die Zeit der großen Chriflenvcrfolgung der Jahre 303—305 verlegt. Immerhin können uns solche Verstoße nicht hindern, die Meldung der Legende, daß eine größere Anzahl von Thcbäern ") nach zweimaliger Dezi- mirung zu Agannnm niedergehauen wurde, in ihrem ganzen Umfang aufrecht zu erhalten. Stolle irrt nämlich auch darin, daß er meint (S. 65) „es werde nur immer vergebliche Blühe sein, die Erzählung Euchers mit dem, was wir von der Geschichte dieser Zeit wissen, in Einklang zu setzen", denn so lückenhaft uns auch die Geschichte Maximians überliefert ist,'^) gibt sie uns doch einen deutlichen Fingerzeig, in welches Jahr wir das in der Legende geschilderte Ereignis; zu verlegen haben. Wie wir nämlich aus einer Rede (des Eumenins?), welche am 1. März 29? zu Trier gehalten wurde, erfahren, zog Maximian im Herbst des Jahres 296 zur Unterdrückung eines Aufstands in Mauretanien mit einem Heere von Gallien (vom Oberrhein) über die Alpen nach Italien und Afrika,") und es unterliegt keinem Zweifel, daß er bei dieser Gelegenheit den Weg über den irrc>i,8 '") Alte Martprologicn, wie das von H. Rosweyde herausgegebene Llartzwoloxinmilomannm, die Kcllendcirien von Biineriin and Bcck sprechen nur von Mauritius und seinen Genossen, ohne eine Zahl zu nennen. ES ist daher recht wohl »löblich, daß nur eine Coborte (die cokors wiliaria?) von dem schrecklichen Schicksal betroffen wurde. ") Da die Tbchais zum Verwaltungsbezirk Orient geborte, so ist der Ausdruck Euchers -Tbsbasi ab Orionti» partibns acciti venerant« ganz richtig. Die Legionen der Tkebäer scheinen erst durch Maximian, ConstantiuS Cblorus und Diokletian gebildet worden zu sein, vgl. Xot. äiAin Orientis o. VI u. VII: -Triwa Llaximiana Tbsbasorum-, »8scunäa Xlavia Oonstantia. Tbsdaeorum-, »Tertia Oioeietiana Tbsbaeorrnn-. "0 Näheres über die Fcldzüge Maximians erfahren wir — was Stolle seinen Lesern klüglich verschweigt — nur gelegentlich aus einigen Paneghrikern, wie Maincrtinus, EumcniuS, und aus Inschriften. Der Beweis sx silsutio ist daher hier wenig am Platze. Im Frühjahr deö I. 296 hatte sich Maximian von Aquilcja her (wo er noch am 31. März 296 weilte, s. H. Schiller kenninus (Gr. St. Bernhard) nahm. Er muß mithin damals Agaunum (— 'Uurnnia, wo eine Abtheilung der 22. Legion Llloxanclriana. pirr kickslm ibre Station hatte, s. Mowmsen, Inser. ccwkoeä. Ilolv. lab. n. 14) und Octodurum pafsirt haben, und zwar um dieselbe Zeit, um welche die Ueberlieferung das Martyrium der Thebäer ansetzt (22. Sept.). Dieses merkwürdige Zusammentreffen der Umstände macht es wahrscheinlich, daß der von der Legende berichtete Vorfall im Herbst des Jahres 296 stattgefunden habe, zumal sich weder vorher noch nachher ein geeigneter Zeitpunkt für dasselbe ausfindig.machen läßt. Denn das Ereigniß früher anzusetzen, verbietet die bestimmte Meldung des Euscbius und Lactantius, daß die diokletianische Christenveifolgung um's Jahr 297 (wohlgcmerkt beim Heere) begonnen habe."") Später kann dasselbe aber darum nicht fallen, iveil Maximian erst Ende des Jahres 307, also lange nach dem Aufgören jener Verfolgung, nach Gallien (ohne Heer) zurückkehrte und bei dem ersten Versuche, sich gegen Konstantin zu erheben, den Tod fand (im I. 310). Wir haben also einen sicheren Anhallspuukt für die Datirung jenes Borfalls gewonnen und nur noch zu untersuchen, ob eine solche Härte dem Charakter Maximians entsprach. Auch dies kann kaum in Abrede gestellt werden, da alle Autoren, welche uns Nachrichten über sein Naturell hinterlassen haben, versichern, daß er äußerst jähzornig, grausam und jeder Bildung bar gewesen sei."') Berücksichtigen wir zudem, daß das schlechte Beispiel des Ungehorsams leicht ansteckend wirken konnte, so darf es uns nicht wundern, wenn er eine Insubordination im Heere mit der größten Strenge bestrafte. Wahrscheinlich hatten sich die Thebäer in dem Momente, wo sie den Paß überschreiten sollten, geweigert, Gallien zu verlassen, um nicht gegen ihre christlichen^) Mitbrüder und Mitbürger in Afrika (die Mauren) kämpfen zu müssen, denn unter dieser Voraussetzung lösen sich alle Schwierigkeiten. Aber selbst wenn unsere Vermuthung irrig wäre und es uns niemals gelänge, das wahre Motiv jenes Massenmords zu eruiren, würde die Glaubwürdigkeit jener Tradition dennoch keine Einbuße erleiden, denn der Werth einer geschichtlichen Ueberlieferung hängt selbstverständlich nicht davon ab, daß wir sie heute, d. i. nach 1600 Jahren, a. ci. O. S. 133 A. 5) nach dem Nhcin begeben, nni in Gallien während ver Abwesenheit des ConstantiuS Cblorus (der eine Expcdiiion nach Britannien unternommen baue) die Nabe aufreckn zu erhalten. Nach der Nückkchr des ConstantiuS nach dem Contincnt, die erst im Laufe des Herbstes eriolgte, zog Maximian in seine Provinz zurück, da sich inzwischen die tzuingnoAentanei in Maurecanien crboben hatten, s. H. Scknller a. a. O. S. 136, 8. elnr. Victor äs Oassar. 39; Ikutrop. brov. IX, 15; ckorn. äs rsb. get. cax. 21; Incsrti pans^xr. Oonstantio Oaesari ckiet. (1. März 297) cap. 5: reservetnr uunriis iam iamgus vsnisntibus dlauris iniuissa vastatio, vgl. ibick. eap. 13. °") Siehe H. Schiller, Geschichte der römischen Kaiserzeit Bd. II S. 153 s. 2') S. 8. ilur. Victor, spit. etc Oaesar. cap. 40: »Lmrelius dkaximianu!!, csAnomento Herenlius, ksrns nalura, aräsns libickins, consilio stoliäus, ortri agrssti kannonioqns.« blutrop. brsv. IX, 16: -Horcntins antsm propaiam ksrns st incivilis intz'onii, asperitatem suam etiain vultus Horrors siguiticans;« X, 2 (Ilsrcniins) > vir all omusm aspsritatem sasvitiamgus proclivns, inüäus, iucowmoäus, civilitatis psuitus sxpsrs«; vgl. Lactantius äs mort. psrsse. 8. ") Daß das Christenthum in der Thebais und in Mauretanien in jener Zeit sehr verbreitet war, lehrt Eusebius bist. esel. VIII, 6 u. 9; äs wart. kalasst. cap. 8; vgl. Tertnllian aäv. änä. 7. 258 noch strikt beweisen können, sondern umgekehrt muß eine Legende, welche so alt und so gut bezeugt ist, wie die vorliegende, so lange für zuverlässig erachtet werden, bis die Unmöglichkeit des darin erzählten Faktums unwider- leglich dargethan ist?") Letzteres dürfte aber bei der Thebäerlegende kaum jemals gelingen, denn Fälle von Nieder'metzelung rebellischer Truppeutheile kamen, wie Stolle S. 76 selbst zeigt, bei den Nömern im Laufe der Jahrhunderte mehrmals vor. Auch ist es kaum denkbar, daß ein Tyrann, wie Maximian, der höhere Offiziere, wie Mauritius. Exuperius, Candidus (nach Stolle), nicht schonte, den gemeinen Mann habe straflos ausgehen lassen. Mithin dürfen wir aus dem Umstände, daß die Legende nur jene drei Märtyrer mit Namen nennt, nicht ohne weiteres mit Stolle (S. 82) folgern, daß diese die einzigen Opfer der Rache Maximians gewesen seien. Ebenso unzulässig ist es, wenn Stolle aus dem Schweigen des Eucherius bezüglich der rheinischen Thebäer") den Schluß zieht, daß die Nachrichten, welche von solchen überliefert sind, falsch seien. Vielmehr müssen wir, da bereits Gregor von Tours deutlich von thebäischen Märtyrern, die zu seiner Zeit — und wohl schon lange vorher — in Köln verehrt wurden, spricht, "") annehmen, daß Maximian seinen Cäsar Konstantins auf die Un- botmäßigkeit dieser Truppe aufmerksam gemacht und ihn zu strengem Einschreiten gegen die Kohorten der Thebäer (und Mauren), welche in den Garnisonen von Köln, Lanten und Bonn lagen,"") ermähnt habe. Allerdings mochten mehrere Wochen verstreichen, bis ein darauf lautendes Schreiben des Kaisers am Niederrhein anlangte und dort in die That übersetzt wurde. Da aber die Mariyrologien in der That erst den 9., 10. und 15. Oktober als Tage der Hinrichtung der rheinischen Thebäer und Mauren bezeichnen,"") so stehen sie mit der Passiv Suchers im besten Einklang und dienen vortrefflich dazu, dieselbe zu bestätigen und zu ergänzen. III. Damit schließen wir diese Betrachtung und wenden uns nun dem im Anhang obiger Dissertation S. 101 f. Stolle scheint umgekehrt nichts Ueberliefertes für wahr zu hallen, was sich nicht heute noch, nachdem so viele Schriften und Denkmäler des Alterthums untergegangen sind, auS gleichzeitigen Autoren erweisen läßt! "0 Da Eucherius ex xrokssso nur von den agaunensischcn Märtyrern handelt, so harte er keine Veranlassung, von den außeraaaunischen Thebäern zu sprechen, falls er überhaupt von dieser Lokaltradition der Kölner, Lantener und Bonner Bevölkerung wußte. 2°) vs Zlor. mark. oax. 62. Wenn Gregor hiebet den Ausdruck äiouutur gebraucht, so will er damit gewiß nicht, wie Stolle ihm unterschiebt (S. 41). andeuten, daß dies nur ein Gerücht war, sondern vielmehr sagen, daß in Köln eine solche Tradition vorhanden sei. Da er aber ferne vorn Nheine in Tours lebte, so darf eS uns auch nicht wundern, wenn er sich über die Zahl der Märtyrer schlecht unterrichtet zeigt (auf der Gesandtschaftsreisc, von der er bist. eeel. VIII, 13 f. spricht, berührte er nur Koblenz und Trier und fand wohl kaum Zeit, antiquarische Studien zu machen). Er kennt die rheinischen Thebäer offenbar nur vorn Hörensagen, und da er nur die Wunder, die ihm zu Ohren gekommen waren, erwähnt, hatte er auch keine Ursache, alle Märtyrer des NheinlanbS aufzuzählen, geschweige denn bei jedem einzelnen anzumerken, ob er Thebäer war oder nicht. Mithin ist aus seinem Schweigen nichts sicheres zu schließen. 2 °) Während die Legionen der Thebäer in der Hot. äiFuit. nach dem Osten verlegt erscheinen, werden darin noch Mauren in Gallien aufgeführt (in der Vendöe und Bretagne); vgl. noch Friedrich K. G. D. I S. 135. 2') S. chlorentillius Vstust. oooiä. scelss. martyrol. Imeea. 1668 S. 907. 910, 919. L. 88. Soll. Ootob. XIII S. XXIV f.; die Kalepdarien von Beck und Binteriin u. a. m. (aus Ruinart) abgedruckten Texte der Passiv zu, da Stolle auch diesen corrigiren möchte. Leider ist er in seinen Emendationsversuchen wenig glücklich. Wohl stimmen wir ihm bei, wenn er jenen Passus des Kapitels VI, welcher von Urfus und Victor, die, am 30. September zu Solothurn gemartert wurden, handelt, als spätere Interpolation betrachtet (s. Exkurs I S. 84 f.), weil derselbe in direktem Gegensatz zu den unmittelbar vorausgehenden Worten des Eucherius "") steht und darum nicht von ihm herrühren kann. Dagegen sehen wir keinen Grund, das ganze Kapitel VI zu eliminiren, denn weder unterscheidet sich die Sprache desselben von der der vorausgehenden Kapitel, noch erregt die Stelle, welche der Bericht über Victor einnimmt (hinter der Erzählung von den Thebäern), Anstoß, da Victor nicht zn den Thebäern zählte, überhaupt nicht Legionssoldat, sondern Veteran war. Dazu kommt, daß Victor bereits in den Akten der Synode von Agaunnm (im I. 515), ferner in den um die Mitte des sechsten Jahrhunderts entstandenen vitas abstatuin cklZuunsnZiunr mit Namen aufgeführt wird und Venantius Fortunatus (P 600) in feinem Hymnus auf die Thebäer von yuatuor pi^nora, savata prooerum spricht (s. Stolle S. 16 A. 1 u. S. 17), unter welchen Victor jedenfalls mitinbegriffen ist?") Es kann daher nicht mit Fug be- stritten werden, daß auch Kapitel VI der ersten Recension angehört. ^-Ebenso unstatthaft ist es, wenn Stolle das von Ruinart in den Text gesetzte oiroa, Ootociurura (oax. II) in ocito äieruin verändert. Denn für's erste verlangt der Ausdruck as tonsstat: (er hielt sich auf) eine nähere Bezeichnung des Ortes, wo sich Maximian aufhielt; zweitens ist eS zwar recht wohl möglich, daß 2°) -Nase nobis tantnm äs numero illo Ilart^rum eom- psrts, saut nomina, iä sst, bcatissimorum Llaurion, Kxuperii, Oanäiäi atgus Vietoris, osksia voro nobis guiäsin inooAnita, ssä in libro vitas soripta. sunt.« Hieraus folgt natürlich nicht, daß das Martyrium des UrsuS und Victor erfunden sei. 2b) Die altgallikanische Messe (Stolle S. 106 f.) spricht nur im allgemeinen von den hl. Agauncnsern, zu welchen ja auch Victor gehört. Zudem gilt der Satz: »a potiori üt äo- uoiuinatio«, was Stolle S. 35 s. übersehen hat. Auch auf die Mariyrologien darf sich Stolle für seinen Zweck nicht berufen, da er vorher (S. 23 f.) die Zuverlässigkeit und Vollständigkeit derselben in Zweifel gezogen hat. Uebrigens kann die Oberflächlichkeit und Leichtfertigkeit, mit welcher Stolle über die Mar- tyrologien urtheilt, nicht strenge genug gerügt werden, und es findet dieselbe nur in der Unerfahrcuhcit dcS jugendlichen Forschers eine gewisse Entschuldigung. In Wahrheit verhält es sich mit den Martyrologien ebenso wie mit den Werken veralten Autoren. Wie es von den letzteren gute und schlechte Handschriften gibt, so gibt es auch gute und schlechte Texte der Martyrologien. Niemand aber wird darum ihr Zeugniß ohne weiteres verwerfen, sowenig als wir die Bücher der Alten darum gering achten, weil sie uns nicht in ihrem unverfälschten Wortlaut erhalten sind. Ein verständiger Forscher wird vielmehr die ältesten und besten Handschriften der Martyrologien mit einander vergleichen und den ihnen gemeinsamen Text zn eruiren suchen, da dieser dem Originaltext am nächsten kommt. Aus diese Weise läßt sich auch Klarheit über den ursprünglichen Inhalt und die späteren Zusätze und Erweiterungen gewinnen. Nebenbei bemerkt, scheint Stolle nicht einmal den Unterschied zwischen Kalendaricn und Martyrologien zu kennen. Kalendarien sind Tabellen in Kalcnderform, welche die kirchlichen Feste und die Gedäcbtnißtage jener Heiligen enthalten, die in einer einzelnen Kirche, Diöcese oder Kirchenprovinz gefeiert wurden. Martyrologien dagegen sind kalenderartige Verzeichnisse der Märtyrer und Bekenncr verschiedener Diöcesen, ja der ganzen Erde. Die älteren Martyrologien enthielten, wie Gregor d. Er. (roglstr. existolar. VIII, 29) uns bezeugt, nur die Namen der Heiligen, ferner Ort und Tag ihres Todes. Erst Beda erweiterte den ursprünglichen Plan dahin, daß er (unter Beibehaltung der Kalcnderform) die nähere» Umstände der Lebens- und Leidensgeschichte der genannten Heiligen angab. Ihm folgten Florus, Ado u. a. m. 259 ein späterer Abschreiber den ihm unbekannten Ortsnamen Oobocluruw mit ooto äisrniu vertauschte, dagegen kaum glaublich, daß octo äisrnm in Ootoäurnm verwandelt worden sei. Auch steht es durchaus nicht fest, daß der Kaiser Maximian von Mailand kam, welches nach Stolle S. 70 etwa acht Tagmärsche (189 röm. Meilen — 80 Wegstunden) von Agaunum entfernt ist, und daß er diese Reise nirgends unterbrach; nach unserer Vermuthung kam er vielmehr vom Nheine her. Endlich ist die Lesart circa, Octcärrrnnr durch den Wortlaut der zweiten Recension, welche eine frühe Ueberarbeitung der ersten ist, gestützt und paßt vortrefflich zu den vorausgehenden Worten der Passio „ülaxirnianus nvn Icu^c afferab", da Octodurum nur 12 röm. Meilen (— 4 Wegstunden) von Agaunum entfernt lag. Oax. V ist für §rsx äominicarnva vvinm die Lesart des coä. ffurensis Zrsx äomiuicns oviurn herzustellen, vgl. coä. Oarol. sä. TaM ex. 10: ns äi- sxerg'Lvtur anrxlius oves Oominici §re^is (Mntth. 26, 31; Zach. 13, 7; Mark. 14, 27). Für „von tantura totere ackclinis" (cax. VII) bieten zwei Handschriften der Münchener Hof- und Staatsbibliothek, nämlich atm. t 8220 (Dcx. 220) s. X u. clm. 22020 (tVessok. 20) s. XII, wohl richtiger „nuo tanturn 1 obere oä- clivis". In der iuamototio wissac (— Präfation) der altgallikanischen Messe ist für nee crun tontis ut (Stolle S. 108) offenbar nee unvtoti surrt zu lesen; weiter unten mag iro oder rotstes vor inimivoruin ausgefallen sein. Zu S. 109 Drojauuin uet Xanten bemerken wir: Die Bezeichnung Drojauum für Tanten stammt davon her, daß unweit von Tanten (— eostra vetero) die ootonio Drasaua angelegt war. Dieser letztere Name wurde frühzeitig zu Iroio in Beziehung gebracht (s. den Anonymus Ravcnnas); daher auch die (schon von Fredegar OrsA. Dur. trist, exitow. 2 berichtete) Sage, daß die Franken (welche Tanten eroberten) von dem alten Troja gekommen seien und am Nheine eine zweite Stadt dieses Namens angelegt hätten. Hie- durch wird die Ansicht Stolle's S. 41 hinfällig, daß der Name Drojonuiu für Tanten vor dem 11. Jahrhundert in der Literatur nicht vorkomme. Uebrigens haben wohl die Bollandisten Recht, wenn sie behaupten, daß die von Mombritius Louutuorruui I, 217 v. edirte kassio sancicruru Oassü «t tilorsrrtii rnaitxrnrrr curn socris eornin et Ocrcouis uuur sociis eins nur ein Auszug aus dem Sermon des Cisterziensers Helinandus (1- 1227) sei (s. H.. 88. Volt. Oot. V S. 36 f. vgl. ebenda S. 17 v. 15), denn erst Heliandus scheint die thcbäischen Märtyrer der Orte Agaunum, Köln, Bonn, Tanten mit einander in Zusammenhang gebracht zu haben. S. 110 ist unter Llcr^issslns LZrixpivos co- clcsias sxiscoxus jener Lkcr^isilus zu verstehen, den Gregor von Tours äs §1or. ruort. 61 und 62 bei einer ähnlichen Gelegenheit erwähnt. Vgl. über ihn noch Irrst. ccclss. X, 15. Ueber Schul- und Studienwesen. (Schluß.) Unsere Vorfahren gaben den öffentlichen Schulen den herrlichen Namen „Werkstätten des Geistes Gottes". Auch Herder wünschte, es möchten unsere Schulen solche erhabene Werkstätten sein; als er fühlte, wie weit auch in seiner Zeit die Schulen davon entfernt seien. Und er schrieb (in seinen Schulreden): „Wir wissen Alle, daß unsern Zeiten (und 1894 erst recht!) noch immer, wie vor einem halben Jahrhundert, der Vorwurf gemacht wird, daß nicht, wie in den alten Zeiten, unsere Weisheit im Leben ausgedrückt wird — und von den Sitten ausgeht und auf Sitten zurückführt. Sie — die Weisheit — wohnt bei uns mehr im Kopf, als im Herzen — und hat meistens mehr unser Gedächtniß berührt, als unsere Denkart und Sinnesart gebildet. Die unermeßliche Luxurie in den Wissenschaften, ihre fast unübersehbare Vermehrung Hai uns zu Sklaven der Wissenschaft gemacht — oft ohne alle Selbstbildung —: wie manche Jugendseele ging im trügerischen Organ des Vielwissens, der,Allgelehrsamkeit' unter." So weit — Herder. — Diese und ähnliche alte Mahnungen scheinen in der modernen Gclehrtenwelt spurlos verhallt zu sein. Eine weitere Eosstimme aus dem Jahrgang 1826 — S. 124 — bietet ebenfalls einen vortrefflichen Spiegel für unsere Zeit. Der Verfasser anerkennt vollständig, daß die Wissenschaften nothwendig; er hätte „auch nichts gegen die Aufklärung", aber meint — und mit Recht, daß man „mit diesem Worte — besonders bei den Oppositionsgliedern der Religion — Etwas mit diesem Namen nennt, was das reine Licht der Wahrheit eher trüben, als die Finsterniß des menschlichen Geistes aufzuhellen scheint". „Die Zeit ist bei Vielen noch nicht vorüber, wo man glaubte, der Mensch müsse so frühzeitig als möglich über religiöse Dinge verständigt' — das heißt, auf ganz natürliche Weise über Gott, menschliche Bestimmung u. s. w. unterrichtet werden; dagegen — ohne bei diesen Dingen lange zu verweilen — mit besondern! Eifer über seine gesellschaftlichen Interessen aufgeklärt und in Allem, was ihm in der Welt Ruhm, Ehre, Nutzen, Vortheil und Genuß gewähren kann, ausgebildet werden." Man hat nach dieser Meinung länger als ein halbes Jahrhundert hindurch die Menschen zu erziehen und zu unterrichten gesucht —: und auf diese Weise der Selbstsucht das Vernichtungsschwert gegen Thron und Altar, gegen Personen und Eigenthum — und gegen die wahre Freiheit und Gleichheit in die Hand gegeben. Wegen der geistigen Vcrirrung will nun der Verfasser den Geist durchaus nicht in Fesseln geschlagen wissen; aber er fordert eine vernünftige Erziehung und Bildung, und zwar auf wahrhaft christlicher Grundlage. Er weist hin auf die Ungeheuerlichkeit des wissenschaftlichen Strebens, auf das „unübersehbare Feld von Theorien und besonders auf die Anforderung an die Jugend, wo durch übermäßige Anhäufung gelehrter Kenntnisse der Geist überladen, jede freie Entwicklung gehemmt, die klare und zweckmäßige Anordnung — und eben dadurch einzig mögliche Benutzung des Gesammelten erschwert, jeder Beurtheilung die eigene Ansicht, jeder Mittheilung die belebende Kraft entzogen — und somit der Geist in jene unbegreifliche Lage versetzt wird, wo er nichts zeigen kann, als das Gewicht der auf ihm lastenden Schätze (die Schütze selbst aber nicht)". „Wir haben (sagt unsere Eosstimme weiter) vor lauter Aufklärerei den erleuchteten und erleuchtenden Glauben, vor lauter Gelehrsamkeit den nüchternen, reinen Sinn und daher auch das klare, faßliche Wort, mithin vor lauter ,umfassender Kenntniß und Verständigkeit' das rechte Verständniß unserer selbst und alles dessen verloren, was uns zunächst liegt." Wiederholt verlangt der Verfasser die Pflege des religiösen Geistes in den verschiedenen Fächern der Wissen» schuft (also auch — und hauptsächlich sogar an deu Universitäten!), indem er sagt: „Die Philosophie muß zur Wahrheit und zur Tugend führen; aber nicht zu dieser oder jener Wahrheit eines Systems, dessen Principien die Philosophen selbst in die größten, die Philosophie selbst herabwürdigenden Streitigkeiten verflechten, sondern zu jener Wahrheit, die in Gott ist; aber wieder nicht in dem von den Philosophen bald so oder so aufgefaßten Gott; sondern in dem ewig unwandelbaren Geiste des uns von der Religion gelehrten einzig wahren Gottes." Wie man nun christliche Philosophie lehren müsse, ebenso verhält es sich mit der Geschichte, der Rechts- und der Naturlehre älterer und neuester Literatur. Alan trage nichts in die Geschichte, man bürde ihr nichts auf, man mache nichts Uuheiliges aus dem Heiligen, nichts Falsches aus dem Wahren, nichts Ncchtsloses aus dem Rechte, nichts Nanmvivrigcs aus Natürlichem. Man lehre jedes Fach in der ihm eigenthümlich (naturgemäß) zukommenden Weise — in klarer Ordnung, jedes für sich, in harmonischer Verbindung zu- und untereinander — und in gleicher, reiner Beziehung auf ihr Allgemeinesund „Höchstes — auf Gott". — So wird ein Glauben, der beseligt, ein Wissen und Handeln, das fruchtet, erzeugt; so erreicht die Schule ihre rechte Bestimmung; die Wissenschaften werden erlernt, ohne daß man die „freien" Studien versäumt; der Mensch reift übcrdieß noch zu ciwas Besserem, als zum bloßen nä lwo. Aber was dieses aä !ic>o betrifft, so wird er nicht nur unterrichtet genug sein, allen Anforderungen seines Gcschüstsberufes entsprechen zu können, sondern auch gewissenhaft und redlich genug, um dem Staate, dem er dient, genügen zu wollen. Also die Philosophie nicht von der Schule verbannen; aber jene Philosophen und Lehrer überhaupt, welche nicht für die positive Religion und die allgemeine Wohlfahrt des Staates eintreten, sondern nach besonderen Absichten erziehen und bilden; deren ganzes Dichten und Trachten dahin zielt, gewisse „Lieblingsidecn der Zeit als vorzüglich einer politischen Partei, einer philosophischen Schule (Zunft) oder religiösen Sccte in den Geist der Jugend zu verpflanzen. — Nach den modernen Weisen müßten, weil die Zeiten wechseln, auch der Glaube und die Ueberzeugung sich ändern, und das Recht und mit ihm die Einrichtung und Verfassung des Staates sich beständig umgestalten". Paffen nun wohl diese Worte, welche vor längst 60 Jahren gesprochen, etwa nicht für unsere Zeit? Man hat auf gewissen Seiten von jeher nicht unterschieden zwischen verändern und richtig verbessern — vervollkommnen. In diesem Sinne soll und mnß die Welt, die Menschheit immer fortschreiten. Der wahre Fortschritt vollzieht sich nach bestimmten Entwicklungsgesetzen, welche die Vernunft im Bereiche des göttlichen Offcnbarungslichtes erkennt. Wohin aber — bei aller Intelligenz — der Fortschritt führt, welcher dieses göttlichen Lichtes sich entzieht, das bezeugen uns — leider in nur zu sinnenfälliger Weise — die Früchte des neuparadiesischen Erkenntnißbaumes, dessen Schlangenkrone nicht mehr der Socialdemokratismns gemeinhin ist, sondern der Anarchismus — das ist der völlige religiöse und politische Nihilismus. Senden wir für unsere Sache nun auch einen Blick in die altheidnische Cultnrwelt. Wie beschämen viele alte heidnische Weltweisen die modernen „Weisen" im christlichen Zeitalter! Wie haben sie doch bei ihren verschiedenen Studien immer die Gottheit gesucht und das Verhältniß des Menschen zu ihr! Mit welcher Ehrfurcht haben sie ihre religiöse Pflicht erkannt und bethätigt. Und wie haben sie vor Allem darauf gedrungen, daß die Jugend religiös erzogen und gebildet — und tugendhaft werdet Denn „die Seele des Menschen ist", wie Cicero lehrt, „gleichsam ein Tempel der Gottheit". Wie scharfsinig, herrlich überraschend, als von einem Heiden kommend, ist seine Erklärung oom Gewissen — von der „nruFnn vis aonsoisntüns etc."*) —und über die Pflichten des Menschen zur Gottheit. Gerade in diesem religiösen Suchen dieser Heiden ist ihre Vernunft erstarkt und erhellt worden, und so ward ihnen die Tugend nicht nur von hohem Werthe, sondern eine heilige Pflicht, und in diesem Sinne erzogen sie die Jugend und lehrten sie die Weltweisheit. Wie hoch auch immer die alten Weisen Griechenlanos und Roms die Wissenschaften schätzten und ihre Pflege förderten, sie achteten sie dennoch wenig, wenn sie nicht zur Tugend leiteten. Ja, sie hielten sie nicht nur für nichts, sondern sogar für gefährlich, wenn sie ohne Gottesfurcht waren, denn sie vermöchten so nicht einen einzigen sittlichen Fehler zu verbessern, nicht die Leidenschaften zu zähmen, sondern sie würden im Gegentheil sie entzügeln und besonders die Jugend hochmüthig machen. Aehnlich spricht Seneca (Lpto. 59), der namentlich den Grundgedanken des Platon folgt: der Endzweck der Erziehung und Bildung sei — die Jugend tugendhaft zu machen; und daß derjenige, der sich von diesem Endzweck entferne, bei all seinen etwaigen sonstigen Verdiensten der Hochachtung und des allgemeinen Beifalls nicht werth sei. Ach — wenn unsere modernen Gelehrten doch beherzigen möchten, was die alten Weisen in ihrer heißen Sorgfalt für die Erziehung und Bildung der Jugend geschrieben und gelehrt haben! namentlich Platon, L'cnophon (in seiner herrlichen Cyropä), Cicero, Seneca, Quintilian — schon diese genügen. Zum Schlüsse wollen wir noch einen besonders zu beherzigenden Punkt des Universitütslebens in Betracht ziehen. Ein höchst wichtiges Kapitel ist die „akademische Freiheit". Die vielen Unbotmäßigkciten, ärgerliche, nicht selten scandalöse Auftritte an den Hochschulen bezeugen klar, daß hier tiefere Uebelstände herrschen, als man gebotenen Ortes sich zugestehen will. Der akademische Bürger ist denn doch noch mehr Jüngling als Mann; da herrscht noch die üppige Kraft — und lodert heiß die schwer zu zügelnde Phantasie: mit diesen Mächten eint sich nicht Maß und Ziel, wenn der Freiheit nicht als Correctiv die religiös-moralische Kraft zur Seite steht. Aber — selbst diese muß verloren gehen — und zwar positiv und negativ zugleich, wenn der Hochschüler ohne religiöse Uebungen, ohne moralische Veredelung mehrere Jahre hinbringt — und dazu noch vom Katheder herab Lehren vernimmt, welche die letzten Wurzelfasern seines positiven Glaubens zerstören. Da muß man doch Respect vor England haben. Die Britten haben es längst erkannt, daß unter den Sternen nur eine relative Freiheit möglich ist — und daß diese auch bei der studierenden Jugend ihr Correctiv in der Religion haben muß: darum gibt es in England keinen „Tempel der Wissenschaft" ohne einen Tempel *) Man lese nur von Cicero äs Usx. lib. n. 44, n. 59; üb. II n. 8—13,15; dazu pro LIil. n. 63; äs nai. vsor. Üb. II n. 164; lib. I äs Oküo. o. 10 u. s. w. L61 der Religion. Ja, an den englischen Universitäten herrscht noch eine Liebe zur Wissenschaft, eine tiefernste Verinnerlichung in dieselbe und eine strenge Ordnung nach jeder Richtung hin. Und dennoch werden auf den englischen Universitäten Charaktere gebildet, welche dann im öffentlichen Leben auftreten erhobenen Hauptes als Männer des freimüthigsten, kühnsten Wortes; während gerade jene unserer akademischen Bürger, welche immer die „Freiheit" im Munde haben, dann in ihrem Berufsleben zumeist sich knechtisch beugen, aus — Selbstsucht, wenn sie einstehen sollten für das wahre Wohl des Staates und die Rechte des Volkes, oder — für die Rechte der Kirche! Ich schliche mit den Worten: Wo immer ein Volk wahre Macht und wahre Größe errungen — und aufrecht erhalten hat, so konnte das nicht geschehen durch die rohe Gewalt der Waffen, sondern durch jene oft wunderbar wirkende Doppelkraft von Moral und Intelligenz, welche da ist Frucht des erhabenen Bündnisses zwischen Religion und Wissenschaft. Darum, ihr Lehrer der Jugend insgesammt: Q pfleget Uefbcsorgt den Wisscnö-Drang! So daß er stets auf jenen Weg auch leitet, Darauf, gleichwie ninrauscht von Engclsang, Der Mensch der Gottheit immer näher schreitet. Augsburg. Joh. Gg. Fußenecker. Maria Luschari nnd Pontebba. Von Cölcstiu Schmid. Niederösterreich hat sein Maria Taferl, Steiermark sein Maria Zell, das kärntische Gebirgsland sein Maria Luggau und Maria Luschari. Ersteres, tief in einem rauhen Thale der krainischen Alpen verborgen, nahe der Tirolergrenze, hat seinen rein deutschen Charakter bewahrt, letzteres, in den julischen Alpen auf dem 1800 irr hohen Luschariberg gelegen, bildet den ideellen Mittelpunkt von deutschen, italienischen und slavischen Cultur- elementen. Au der Paßhöhe von Saifnitz, unweit der italienischen Grenze, schaut der schöne Berg auf das von der Poutebbabahn durchfahrene, im Anfang überwiegend deutsche, später fast rein slavische und schließlich italienische Cannl-Thal herab. Gegen Osten liegt die alte Mark- grafschaft Friaul, in ihrem nördlichen Theil überwiegend slavisch mit romanisirenden Elementen, in die hellen Fels- thäler der Venetianeralpen gebettet, gegen Nordosten liegt krainischcs Land, gegen Norden deutsches Drangebiet, das Villacherland, gegen Westen das halb Windische halb deutsche Gail-, das rein deutsche Bleibergerthal, gegen Süden beginnt sehr bald die italienische Grenze. Wir fahren von Villach aus an dem jetzt weithin bekannten Tarvis vorbei bis zu dem fast rein slovenischcn Paßdorfe Saifnitz. Den ganzen Weg begleiten unS links, immer schärfer, schließlich gigantisch ansteigend, die Felshöhen der julischen Alpen. In der Nähe unserer Haltstation bricht von denselben der wilde Luscharigraben herab, der allen Jngenicurkünsten zutrotz seine Wasser immer wieder vcrmnrend thalwärts schickt. An dem Rande des klüftigen Bettes steigen wir aufwärts. Bald belebt sich der Weg in bezeichnender Weise. Bald da, bald dort treten uns wie hinter Bühncukulisscn hervor zerlumpte, gebrochene Bettlergestalten entgegen. Das ist ganz begreiflich. Morgen ist einer jener Marientage, an denen der Berg von 2000—3000 Wallfahrern besucht wird. Ueberhaupt wälzen die umliegenden Gemeinden ihre Armenlasten so ziemlich auf den „heiligen Berg" ab, und die Platzverhältnisse der Bettler sind demgemäß auch ganz offiziell geregelt. Nach zweistündigem Steigen führt der Weg auf eine kleine, grüne Hochmulde, umsäumt von Tannenwald und breitgelagerten Bergkuppen. Zur Rechten taucht der sanfte Felskegel des Luschari aus dem zwerghaft Hinaufstrebenden Tannengrün. Auch die Kirche mit einigen der Unterkunftsgebüude zeigt sich, malerisch die Höhen umfassend. Marientag! Eben zieht eine kleine Schaar, im Abstiege begriffen, am Fuße der Felskuppen über die grüne Mulde hin. Bereits dringen die abwechselnd gesungenen, choral- artigen Gesänge zu uns herüber, so daß wir den Text als Gemisch von Lateinisch und Italienisch, vielleicht auch als friaulisch unterscheiden können. Langsam tauchen die ärmlich gekleideten, ernsten Männergestalten vor uns auf, bald auch Frauen mit braungebrannten Gesichtern, unter der Korblast, die sie auf dem Kopfe tragen, fast graziös einherschreitend. Jetzt hat die ganze Schaar unsere Waldblöße erreicht, wo der abziehende Wallfahrer die Kirche zum letztenmal vom Felsen winken sieht. Wie auf ein unsichtbares Commandowort verstummen die Gesänge und, den Blick gegen die Luscharikuppe gewendet, sinkt die ganze Schaar lautlos auf dem thaufeuchten Rasen in die Kniee. Es sind Küstenländer, die vielleicht weit aus dem Thal des Jsonzo, aus den Gegenden von Görz bis nach Trieft hinüber, über den Predilpaß gezogen waren und nun, wohl manchmal zum letztenmal, mit schwerem Herzen und sehnendem Blicke von dem einzigen Troste ihres engen, felsigen Thales Abschied nehmen. Langsam verhallen die Gesänge auf den steil abfallenden Pfaden, die gegen Norden ins Schlitzathal, zum Raiblersee hinabführen. Ein sorgfältig gepflegter Weg führt uns, um die Felskuppen sich windend, dem Gipfel entgegen. Einzelne Kapellen und Kreuze zeigen sich am Abhang mit versunkenen Wallfahrern und jammernden Bettlern. Während die Bergwirrnisse der Umgebung, von scharfen Sonnenstrahlen durchleuchtet, immer mächtiger und Wetter vor unserm Auge auftauchen, nimmt der Zauber des bergan bergab fluthenden Lebens der wolkennahen heiligen Stätte immer mehr unsere Seele gefangen. Endlich stehen wir vor dem übermächtigen Anblick der gegen Süden und Osten fast endlos sich dehnenden julischen Alpen. In allen nur möglichen Formen und Linien zieht es nebcu- und durcheinander; in düsterem Grün und Schwarz sinkt es jäh in Klüfte und Schluchten ab und erhebt sich wieder ungebrochen zu himmelstürmenden Zacken und blendenden Schneelagcrn. Direkt vor uns, gegen Süden, die Niesen der schaurigschönen Seiseragruppe mit den tiefeingerissenen, vermurten Thalfurchen, weit entfernt, von intensiverem Blau übergössen, das Venetische Gebirg, im Osten wie zwei geharnischte Kronmächte. Mangart und Triglavl Ermüdet von den unendlich wechselnden Abstufungen der Farbentöne sucht das Auge immer wieder das erlösende Grün des westlich herüberleuchtenden Uggowitzer Almengebietes und der zart verduftenden Höhen des nördlichen Kärntens. Und, wenn es dann, wie von einem Magnet gezogen, zu den versteinerten Titanenkämpfen des Südens zurückgleitet, auf die ätherisches Licht siegreich blendend herabglänzt, so erblickt es jetzt erst die tief zwischen Felsen in Schlangcnwindungen ziehende Thalfurche der Fella mit den Userorten Malborget, Pontafel, Pontebba rc. als weißlichen Flecken. Und hier nun, in dieser Umgebung, das buntwimmelnde 262 Menschengewoge, das sich zwischen den vor der Kirche aufgeschlagenen Reihen der Verkaufsbuden drängt. Bei jener Schaar dort weist die schlichte, unbestimmte Tracht, ein nicht mehr ganz passiver Zug im Gesicht auf die deutschen Thäler Nordkärntens. Daneben schreitet breit angelegt und entwickelt, in farbenreicher, halborientalischer Tracht, oft mit unbewußter Anmuth in den üppigen Gesichtslinien, daS Naturweib aus den Gründen des windischen Gailthnles. Mit ernster, fast düsterer Miene, ebenso ärmlich gekleidet als naiv selbstbewußt, gravitätisch und beweglich macht sich derfriaulische Sprößling, der verbrannte Küstenländer Bahn. Unbestimmt wie die große slavische Nation, äußerlich nur an dem typischen Kopftuch erkenntlich, durch die verhärmten Züge auf harte Arbeit deutend, lagern Schaaren von Krainerinnen auf den Rasenplätzen vor der Kirche. Dazwischen einzelne Gestalten mit den deutlichen Kennzeichen halber und ganzer Civilisation im modernen Sinne. Darüber hinweg das Gedränge der dreisprachigen Beichtstühle, das Feilschen an den Verkaufsbuden. Lateinische Gesänge, italienisch lebhafte Gesprächsformeln, weiches slavisches Gcplauder und die langsame, bedächtige Rede des Deutschen. Schaaren ziehen auf und ab, sammeln sich auf ihren Lagerplätzen zum Abzüge, mancher hat sich noch schnell ein liebes Andenken zu holen, drängt sich eilig durch das Gewühle, während von Zeit zu Zeit bimmelndes Glockengeläute mahnt. Und all dieses oft sehr lärmende Treiben führt äußerst selten zu ernsten Reibereien. Infolge der verhetzenden Politik der letzten Jahrzehnte sind diese trotz des friedfertigen Charakters der Slovenen in den Thälern drunten eben nicht selten. An den größten Feiertagen aber lagern droben 4000 bis 5000 Menschen in der Kirche und im Freien. Dabei entfaltet sich bei den Körben voll Lebensmittel und Kleidung, welche die Wallfahrer oft auf 8—10 Tage mitnehmen, ein regelrechtes, lärmendes Lagerleben. Was alle diese schreienden Disharmonien zu einer verklärten, erhebenden Harmonie einigt, das ist der altererbte, ungekünstelte Volksglaube. Der arme Thalbewohner zieht von dem heiligen Berg mit einem um ein paar Kreuzer gekauften Andenken als Talisman getröstet hinunter zu jahrelangem, schwerem Kampfe mit den feindlichen Naturmächten. Die Zurückgebliebenen preisen ihn glücklich und harren sehnsüchtig auf den Augenblick, wo sie selber die Kirche Maria Luschari zum erstenmal vom Felsen winken sehen werden. Manchem Modernen wird diese Macht tiefwurzelnden Volksglaubens ein Räthsel oder auch ein leeres Hirngespinst beschränkter Leute dünken, nicht aber dem, der diese wunderbare centralisirende Kraft in der Völkergeschichte kennen gelernt und in entscheidenden Lebens» Momenten sie selber empfunden hat. Da gibt es keine künstlich zugespitzte Nationalitäteneifersüchtelei: alle die vielen verschiedenen großen und kleinen Züge der beschränkten culturellen Entwicklung passen in den weiten Nahmen dieser Kraft. Sie alle, bis zu den drei verschiedenen Landessprachen, geben nur den bunten Einschlag: am Webstuhl sitzen hohe, ewige Gesetze. Und all das Kleinliche, Kreischende, Grelle wird erdrückt durch die gewaltigen überirdischen Linien, die da ziehen von Himmelsihüre zu Himmelsthüre, von Berg zu Thal, von allen Seiten zusammen, bis sie dem Unverdorbenen von selbst sich zu luftigen Gestalten fügen und im ewigen Aether, von wo sie gekommen, entschwinden. In solcher Weise hat sich den Germanen der Gottesglaube faßbar geoffenbart, und als dann das Christenthum kam, denselben in seine Bahnen zu lenken, da drang es, von volksentwachsenen Söhnen gelehrt und verkündigt, hinauf zu den Höhen der Volksphantasie und bot dieser ihre eigenen Gebilde in einer milderen, versöhnlicheren Form an, legte den Volksfesten einen andern, noch tiefern Sinn unter und baute seine Hciligthümer hinauf in die luftigen Höhen, wo der stolze Germane sich ganz seiner Phantasie, seiner Vaterlands- und Freiheitsliebe und andrerseits dem Gefühl der Abhängigkeit vom höchsten Wesen überließ. So ist das Christenthum auch eine wahre Volksreligion geworden, und lange noch über das Mittelalter hinaus haben sich die Gebräuche des ersten mächtigen Kampfes zwischen Heidenthmn und Christerrthum, des ersten gewaltigen Durch- dringenS des gewaltigsten Volksthums und der erhabensten überirdischen Lehre erhalten. Das Christenthum des Mittelalters.ist aus dem Volke herausgewachsen und manche spätere Jahrhunderte haben an dieser in Wesen und Form wahren Religion gezehrt. Auch jetzt noch findet sich das Volk, wo es nicht verdorben und verflacht ist, aus dem kleinlichsten Treiben, dem mühseligsten tagtäglichen Kämpfen heraus in seinen unver- derbbaren Grundvesten wieder im Zusammenflüsse der stärksten Dinge: des germanischen und slavischen Natur- gefühles, der Vaterlandsliebe und der Alles bindenden und lösenden Religion. Es wäre hier eine lehrreiche Parallele mit manchen Dingen der allerneuesten Zeit gegeben, wenn sie nicht so leicht falsch verstanden werden könnte: mir drängt sie sich immer auf, wenn ich so vor einem Brrgkirchlein stehe, das vielleicht schon manchen Ungläubigen anders als er gekommen hinabgeschickt Hai, und das liebe, leider hauptsächlich slavische, Volk sehe, wie es da, nur in milderen gczügelten Formen, die unbesiegbare Macht wahren Volksthums immer wieder spiegelt. Ich meine die vielfach jetzt erbauten Lourdes- grotten. Da wird in ein grünes, weiches Wiesenthal auf einmal ein riesiger Aufbau aus Kalk- und Tuffsteinen, Stalaktithöhlen und Wasserfalle hineingelegt, da muß das Volk auf einmal in die an und für sich ja berechtigte und schöne Marienverehruug, das Feld der tiefsten christlichen Spekulation und Mystik, hineingedrängt werden. Don allen irdischen Beziehungen, Naturgefühl, Vaterlandsliebe, verwandten Zügen aus dem täglichen Leben losgelöst, symbolisch-abstrakt, nur für tiefste Mystik durchdringbar, muß diese Art der Marienverehruug dem Volke fremd gegenüberstehen und einfach nicht anders in dasselbe hineingetragen werden, als Fclsgcklüfte in den weichen Bachabhang. Man braucht nur die mittelalterliche Art der Verehrung zu dem schmucklosen, vom Volk geschmückten Holzbild hoch oben im Blauen, daneben mit dem Volke verwurzelte Heilige, wie St. Georg, Martin, Nikolaus, Hildegard, als vermittelnde Stufe zum Vergleichs heranzuziehen, um zu sehen, daß diese neuaufkommenden religiösen Formen Künstlichkcit nicht verleugnen können. Eine weitere lehrreiche Beobachtung wird zeigen, daß dieselben nur da wirklich eindringen, wo dem Volke durch irgend welche Prozesse sein Bestes, das eigene Volksthum, bereits genommen ist. Einer der segensreichsten jener Orte aber, wo ein Glanbenshciligthum innig mit den Elementen der Natur verbunden ist, die auf das menschliche Gemüth am stärksten und unmittelbarsten wirken, ist der heilige Berg Maria Luschari. (Schluß folgt.) 263 Recensionen nnd Notizen. Haberl Fr. Xav., Kirchenmusikalisches Jahrbuch für das Jahr 1894. 8°. SS. IV-s-124. Negcnsbrirg, Fr. Pustet 1891. M. 2.00. zr. Zum neunzehnten Mal erscheint dieses Jahrbuch, zugleich Cäcilienkalender, zur Freude der Förderer und Freunde echter Kirchenmusik; wir hoffen nur, es möchten deren nicht so wenige werden, daß das fernere Erscheinen dieses Jahrbuches nochmals ernstlich in Frage gestellt werden muß, so wie vor etlichen Jahren, obwohl der Preis des hübsch ausgestatteten Heftes spottbillig ist. Das Interesse der Sionswächtcr, welche für LourdeSgrotten und ähnliche Modeartikel immer Geld und Sinn haben, ist freilich zur Zeit noch schwach genug, wenn eS sich um eine musikalisch würdige Feier der hl. Geheimnisse handelt und mit dem liebgewonnenen Schlendrian gebrochen werden soll. Möge dieser Jahrgang die Zahl derer vermehren, welche für eine heilige Musik begeistert sind und die Vorschriften der Kirche, die doch nun einmal da sind, hochachten, unbekümmert, wieviele andere „kirchliche Gesinnung" erheuchelnd ihren Gläubigen Ehrfurcht und Gehorsam gegen die Kirche predigen, selbst aber nicht darnach thun. Daß dieses Jahrbuch Heuer den beiden Heroen Pierluigi da Palestrina und Orlando di Lasso ganz besonders seine Huldigung darbringt, ist selbstverständlich; ist doch vor 300 Jahren der »Lrineeps Llusisas- in Rom und der deutsche Palestrina in München zu Grabe getragen worden. Dem Herausgeber verdanken wir im laufenden Hefte eine synchronistische Tabelle über Leben und Werke der beiden großen Meister; die Arbeit war schwieriger und mühevoller, als mancher Leser vermuthen kann, und wird bleibenden Werth behalten. Aus A. Walter's (in Landshut) Feder haben wir einen Aufsalz über Witt, der in den letzten Lebensjahren mit Unrecht in den Verdacht einer Abschweifung von den Principien „der Alten" gekommen war. Auch Haberl's Aufsätze über Baun und ProSke sind zugleich eine Ehrung für Palestrina; war doch ersterer der gewaltige Palestrina-Forscher-Dirigent-Biograph, der uns den vergessenen Stern wieder inS Gesichtsfeld gerückt, letzterer aber ein Musikkenner, der die Palestrina-Begeistcrung nach Deutschland gebracht nnd damit die Umgestaltung der Kirchenmusik angebahnt hat. Es folgen noch andere werthvolle Beiträge, sowie eine musikalische Beilage: Palcstrina's herrliche Messe „0 admirakils oommsroinm". deren Verständniß durch Hallcr's treffliche Analyse erleichtert ist. Einige polemische Notizen und kleinere Nachrichten bilden den Schluß des Buches. Schirlitz S.CH., Griech isch-deutsches Wörterbu ch zum neucn Testamente. V. Anst. neu bearbeitet von T h. Eger. 8°. xx. V -s- 456. Gießen, Em. Noth. 1863. M. 6,00. k. Ein -Iwxicon ZMsco-Iatinnm in lidros novi tsstamsuti- (M. III. xp. 474 in 8"; Inpsias, Lrnold. 1888. M. 12.) besitzen wir bereits von Car. Lud. Will). Grimm; daß dieses „ein in vieler Hinsicht nicht zu übertreffendes" Werk ist, gesteht der Herausgeber vorliegenden (zum ersten Mal 1850 erschienenen) Buches unumwunden zu, glaubt aber die Berechtigung des letzteren mit Schirlitz selbst einerseits in dem zu breiten Umfang und hohen Preise, anderseits in dem lateinischen Gewände zu sehen, in welchem die älteren derartigen Werke auftreten. Letzteren Umstand müssen wir gerade für einen Vorzug halten und nicht für einen Mangel, denn gerade die wichtige und altchrwürdige Vulgata-Ucbersctzung, die doch jedem vernünftigen Bibellescr vor Allem zur Hand ist, fordert uns gerade heraus, ihre uns gang und gäbe gewordene Latinität mit der eines Iwxisvu ßrasoo-Iatinuin nach dem heutigen Stande der Philologie und Textkritik zu vergleichen, sei es zu bestätigen oder zu verbessern. Traurig, wenn deßhalb ein derartiges Wörterbuch „nur den Männern vom Fach zugänglich ist"; was müssen da unsere Gymnasien leisten?! Sonst verdient indessen vorliegendes Werk in seiner neuen Bearbeitung vollste Anerkennung; namentlich wirt^ der staunenSwerth niedrige Preis bei vollendeter äußerer Ausstattung auch der Börse eines Studierenden nicht zu wehe thun. Nicht bloß dem sprachlichen Element, sondern auch den Realien ist vorzüglich mit Hcrbeiziehung zahlreicher Beweis- und Parallelstcllen die größte Aufmerksamkeit geschenkt. Möge das Buch beitragen, die Bekanntschaft mit dem Urtext des Gotteswortes mehr zu verbreiten; es wäre schon angezeigt, daß auch die kathol. NcligiouSlchrer an den Gymnasien ein oder das andere Stück des neuen Testaments im Orginaltext mit den Schülern lesen, statt ihren Kistemackcr, Allioli oder andere noch schlechtere Verdeutschungen auf dem Pulte liegen zu lassen; dadurch, daß die Kirche unter den lateinischen Ucbersetzungen den VulMa-Text apprybirt hat, ist dieser durchaus nicht dem Original etwa vorgezogen; auch erleidet durch die griechische Lektüre dgs „klassische Stilgefühl" der Schüler gewiß keinen Schaden, nachdem mit griechischen Stilübungen zudem neuerdings aufgeräumt worden. Beiträge zur Kunstgeschichte der Stadt Eichstätt. Von Josef Schlecht. Eichstätt, Hornik. 1894. —8t. Als im Herbste 1888 die Görresgesellschaft in Eichstätt tagte, erhielt der Sekretär Schlecht des dortigen historischen VereinS den Auftrag, über Eichstätts Kunstschätze zu sprechen. Sein Vortrug („Zur Kunstgeschichte der Stadt Eichstätt") fand allgemeinen Beifall und wurde sofort im Drucke vervielfältigt. Letzter Tage nun bekamen wir eine interessante Fortsetzung dieser Arbeit in die Hände. Sie betitelt sich „Beiträge zur Kunstgeschichte der Stadt Eichstätt". Es sind Verbesserungen und Nachträge zur ersten Broschüre. Besprechungen früher nicht erwähnter Kuustschätze und gewähren einen vollen Einblick in die hohe Cultur, welche Jahrhunderte laug in der kleinen, romantisch gelegenen Bischofsstab! blühte. Eleganten Stil sind wir beim Herrn Verfasser schon gewöhnt, aber die vielen Fußnoten (218 auf 37 Textseiten) geben dem Büchlein, das in sehr Vieler Hände zu kommen verdient, doch gar zu stark den Anstrich einer Gelchrten-Schrift. Wir wünschen, es möchte jede Stadt, die eine Vergangenheit ausweist, einen eben solchen Schildcrer ihrer Kunstdcnkmäler finden, einen Schilderet, der in Städte- und Kunstgeschichte gleich bewandert ist, wie cö beim Herrn Verfasser zutrifft, der es zwischen dem Erscheinen der ersten und zweiten Broschüre vom Kaplan in Eichstätt zum Doktor und Gcschichteprofessor in Dillingcn gebracht hat. Lxitoms kistorias Arnssas. üdition simpliüss st ZMklnss, avsa uns iutrodnotiou, äss nolss, un vo- cabnlairs, das illustrations d'axrös les monnmsnts st uns sarts gar InI. Oirard. 16" xp. VIII -si 344. lkr. 1,50 oart. Laris, Laokstts 1891 (II). I/Komond, Lpitoms liistorias saoras. 16° x. 173. Tours, LIams 1890. §r. 1,00 oart. l/sjard, Tlorss sanetoruin ssu ds olaris soolssias viris. 16° Tip- XVI -s- 198. Laris, OK. koussislAUö 1893. Ich. 2,00 oart. -r. Hicmit seien gleich drei Büchlein angezeigt und unseren lateinischen ABC-Schützcn empfohlen; alle drei sind mit lateinisch- französischem Glossar versehen zur Einführung in die lateinische Lektüre, die dem Schüler in zusammenhängender Weise jedenfalls angenehmer und nutzbringender sein wird, als mit abgerissenen Uebunzssätzen, wie es in unseren Gymnasien der Brauch ist, solange man dem Lernenden als Anfänger noch keinen „Klassiker" in die Hand geben kann. Die drei Büchlein beweisen und, daß in Frankreich eine etwas geschicktere Pädagogik herrscht, die in überaus praktischer Methode dem Schüler mit der Form auch einen seinem Verständniß angemessenen Inhalt bietet, der ihm Lnst und Liebe zum Lernen mehrt. Ein prächtiges Lehrbuch nnd Lesebuch zugleich ist namentlich das erstgenannte Werk, das dem Anfänger nicht bloß die lateinische Grammatik, sondern auch spielend die griechische Geschichte beibringt ; hübsch ausgeführte Bilder unterstützen die Vorstellungskraft. Merkwürdig, daß wir in unserm hochgelehrten Deutschland, dem Paradies der Schulreformen, derartige pädagogisch vorzügliche Lehrmittel gar nicht haben. Die »Ilistoriii. Araees,- wäre es wirklich werth, in einer Bearbeitung für deutsche Mittelschulen herausgegeben zu werden; in einer „Ausstellung von Lehrmitteln an Gymnasien", glaube ich, würde sie allseitigen Beifall finden. _ Bayer. Bürger-Handbuch für HauS und Schule. Von Amtsrichter Frz. Lindner in Krumbach. Verlag von Palm u. Enke in Erlangen. Ein bewährter Fachmann äußert sich über dieses „Bayer. Bürger-Handbuch" von Amtsrichter F. Lindner wie folgt: „Eine Gcsetzeskuude, die sich an das große Publikum wendet, mutz kurz gefaßt, gemeinverständlich geschrieben und billig sein. DieS alles trifft bei vorliegendem Werke in hervorragendem Maße zu. Was muß ich thun, wenn ich Jemanden verklagen oder pfänden lassen, wenn ich auswandern, ivenn ich heirathcn will; was habe ich als Bürgermeister, als Distrikts- oder Landrath zu thun, waö ist bei einem Wechsel, einem Schuldschein zu beobachten, wie wird ein Vertrag, ein Kauf, eine Pacht abgeschlossen, kurz all' die hundert und aberhundert Fragen des täglichen Lebens finden hier eine kurze, aber genügende Beantwortung. Dazu kommt noch, daß auch eine übersichtliche und klare Darstellung der Reichs- und bayerischen Landesverfassung, sowie der Organisation der Gerichte, der Handels- und Gewerbe- 264 kammern stoben ist. Infolge dieser Vorzüge und seiner enormen Billigkeit ist das Lindner'sche Bück berufen, ein Volksbuch im wahrsten Sinne des Wortes zu werocn. Außerdem aber glauben wir, daß dasselbe sich ganz vorzüglich eignen wird zu einem Leitfaden, nach dem der staatsbürgerliche Unterricht in den Fortbildnugs-, Handels- und Gewerbeschulen ertheilt werden kann, wcSbalb wir cS auch den Herren Lehrern noch besonders empfehlen/' l>r. Dom. Korioth. Katholische Apologetik für die obern Klassen der Gymnasien und Realgymnasien. Frcibnrg i. Br. Herder'sche Vcrlags- haudlung, 1894. Preis 1 M. 40 Pf., geb. 1 M. 65 Pf. 8°. XI u. 162 S. P. Genanntes Schulbuch ist aus der Praxis herausgewachsen und vereinigt in sich auch die Vorzüge, die solcher Eutstchuiigs- weise eigen sind. Die volle Beherrschung des Stoffes verleibt der DarstcllungSwcise die empfehlende Eigenschaft der Frische und Lebendigkeit. Was sodann die Ausführlichkeit anbelangt, so ist dieselbe bei allem Streben, den Rabmeu eines Schulbuches nicht zu überschreiten, ancrkenncnSwerth. Lobend sei u. a. bcs. erwähnt der Abschnitt über die Einrichtung der Kirche Jesu Christi; hier sind Punkte behandelt, von denen Schreiber erst als Tbeologickandidat gehört. Die Bemerkungen S. 112 über den Kanon und die dcuterokanonischcn Bücher wünschten wir etwas prägnanter und mehr auf die Gründe hingewiesen, warum bezüglich des Kanons und besonders der deuterokanon- iscken Bücher ursprünglich nicht die Einheit vorhanden war, welche seht herrscht. Die Definition von Inspiration: „Der HI. Geist hat die Verfasser .... so erleuchtet und geleitet, daß' sie weder in Glaubens- und Sittenlebren noch sonstwie irren konnten", scheint uns mit diesem „sonstwie" nicht ganz glücklich gegeben. Wenn die mündliche Erklärung nicht mehr im Gedächtniß weilt, so ist Gefahr vorhanden, daß dieses „sonstwie" entweder zu weit oder zu eng gefaßt werde. Unserer Ansicht nach wäre die Sache gehoben durch weitere Anführung des AussprucheS des hl. AugustinnS, lilp. 81, 1, 3. XLX. 277: eis soriptmrarrrw libris, gui fürn eanomei axpellaiwur, äiüiei huno tstmoroiu Iwnvremgus dekorrs, ut nnlium oornm auo- torom soriboudo allgnid errasso Lrmissimo ereäam eto. 8i aliguid in eis olkeuäero litteris, grrod videatur contrarium veritati, niliil alinä guam vsl weuüosum esse eoüiosm, vel interprstem uon asseontum esse, guod äiotum est, vel ine minims iutslloxisse non amdiKaw. Wird dieses Bündchen gut aufgenommen, so folgen auch die übrigen Theile der kath. NcligionSlehre im Drucke nach. Nun, wir glauben, daß dies der Fall sein wird. Ueber das Werkchen: Lationss wovsncki poeni- tsntes, auctore 0. 6 em perle. 6°. 60 Seiten. Preis Mk. —.60 (Nationale Verlagsanstalt NegcnSburz) schreibt der hochw. Herr Univ.-Pros. Dr. Krieg in Freiburg i. Br. nach Durchsicht des MauuscriptS u. A.: Die-beiden Serien, die deutsche wie die lateinische, verdienen gedruckt zu werden, und ich wünsche dies dringend, einmal weil wir sehr arm an derartige», doch so nöthigen Zusprächen sind, und dann wegen der innern Gediegenheit der vorliegenden zwei Arbeiten. Die „Zuspräche" sind durchweg mit Geschick der Epistel ovcr dem Evangelium entnommen, oft originell, dabei praktisch und gerade wegen ihrer Bündigkeit und Knappheit jedem Seelensührcr willkommen. Alle sind gut und brauchbar und regen zu neuen Gedanken an; und gerade letzteres Moment ist bei derartigen Schriften sehr zu schätzen. Auch dem Prediger werden die einzelnen Serien sehr gute Dienste thun. Geschichte des deutschen Volkes. Von Dr. S. Wid- mann. Vollständig in 19Licfg. L 40 Pfg. Paderborn, Ferdinand Schöningh. WidmanuS Geschichte des deutschen Volkes ist nun vollständig und erhält ihr eigenthümliches Gepräge dadurch, daß sie auf dem Grund und Boden einer christlichen Weltanschauung fußt und sich mit Glück versucht, ein möglichst allseitiges Bild der deutschen Geschichte zu zeichnen, vor allein aber der Cultur- entwickelung gerecht zu werden und für die Gesammtcntfaltung der materiellen und geistigen Cultur einheitliche Grundlagen und FortschrittSstufen nachzuweisen. W/s Darstellung zeigt, daß er das weitscküchtigc Material vollständig beherrscht und mit selbständigem Urtheil durchdringt. Aber ebenso lobenswerth ist die Art des VortragS, welche den Leser selbst schwierigere Partien und Ausführungen des Verfassers mit Genuß folgen läßt. In Betreff der Ausstattung, des Preises und der Tendenz steht dieses Bück einzig da und eignet sich daher hauptsächlich für solche Laien, welchen JaussenS Geschichte der Deutschen zu wissenschaftlich und zu theuer ist und die ein Bück wünschen, das. vom christlichen Standpunkte aus geschrieben, sich von jenen Produkten liberaler Herkunft unterscheidet, in welchen sich häufig neben GeschichtSlügeu Ausdrücke und Redewendungen finden die für jedes katholische Gemüth verletzend sind. Alle katholischen Zeitungsstimmen äußern sich sehr anerkennend über daö Widmaun'schs Werk, das zur Anschaffung nur bestens empfohlen werden kann. Staatslexikon. Herausgegeben im Auftrage der Görres- Gcscllschait zur Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland durch Dr. Adolf Bruder. — Erscheint in Heften von 5 Bogen Lex.-8°, oder in Bänden von je etwa 50 Bogen, bezw. in Halbbäuden von etwa 25 Bogen. Preis für das Heft Mk. 1.50, für den Halbband Mk. 7.50, für den Band Mk. 15. — Verlag von Herder in Freiburg. DaS 31. Heft (Anfang des IV. Bandes) enthält u. a. folgende Artikel: Ocsterrcich-IIngaru (Haas). Oldenburg (Sickcn- berger), Oranje-Freistaat (Neuwiem), Orden, religiöse (Lebin- kubl), Ordnung, sittliche, und Sitteugcsctz lNcuniugcr), Pacht (Bctzinger), Vanslavismus (HaaS). Papiergeld (v. Hueue), Papst (noch ohne Schluß) (Bellesheim). Studien undMi Theilungen auö dem Beuedictiner- Or den. XV. Jahrg. 1894. Preis pr. Jahrg. (4 Hefte ca. 40 Logen) Mk. 8 — 4 fl. Nur zu beziehen durch die Administration genannter Zeitschrist im Stift Naigern bei Bräun (Oesterreich). JnhaltS-Verzcichniß des II. HefteS 1894. (Abbau d l u n g e n.) Schmid, ?. Bernhard (0. 8. L. Schützern): Die Gewisscnsvcrpslichtuug der menschlichen Gesetze. Albcrö, V. Bruno (0. 8. IZ. Leurou): Zur Geschichte dcS Beucdictiucr- Ordcns in Polen. Eubel, 1'. Komas (0. A. 6, Rom): Die päpstlichen Provisionen aus deutsche Abteien wäbrend des Schismas und des Pontificats von Martin V. (1378—1431.) (Schluß.) Dolberg, Ludw. (Ribnitz): Die Satzungen der Cistercienser wider das Betreten ihrer Klöster und Kirchen durch Frauen. (Schleiß.) Hammerlc, Älois Ios. (Salzburg): Ein Beitrag zur Geschichte der ehem. Benediciiuer-lluiversität (I). Srölzl, ?. Marc. (0. 61st., Wisheriug): Ein Beitrag zur Geschichte deö östcrr. ErbsolgckriegcS in den Jahren 1741 und 1742. (Schluß.) Plaine, l). Bcda (0. 8 L., LstloS): Os Lanouis Llissao Xpostoliertato oum nova dielst Oauours ox- plauaistous. — Oisguisirio erliste» litur^iea. (II.) Hafner, Otto (Eßlingeu): Negesten zur Geschichte des schwäb. Klosters Hinan. (XIV) Bredl, ?. SigiSm. (0. 6ist., Hoheuiurt): Cistercienscr-Professoren im erzbischöflichen Seminare zu Prag. — (Mittheilungen.) Schmiv, I?. Bernhard (0. 8. B., Scbeyern): Das prlvilsgstum tori in casuislischcr Beleuchtung. Neueste Benedictiuer- u. Cistercicuscr-Litcrarur (IstVIII.) Litcrarische Referate. OrdeuSgeschichtl. Rundschau. Nekrologe. Nekrologische Notizen. Historisches Jahrbuch. Im Auftrage der Görresgcsellichaft herausgegeben von vr. H. Graucrt, Dr. L. Pastor und Dr. G. Schnüren CominissionSvcrlag von Herder u. Cie., München. XV. Jahrgang. 3. Heft. Inhalt: Aufsätze, v. Funk, kritische Bemerkungen zu dogmatischen Reflexionen. Falk, der mittclrbcinische Freundeskreis des Heinrich von Langeustein. Weiß, Beiträge zur Geschichte der WahlLeopoldSl. —Kleinere Beiträge. Gietl, Hincmars Oolleetsto ds seolesiis et eapollis. Sauerland, eine Padcrboruer HS. dcS 12. Jahrh, in der Vatikan. Bibliothek. Paulus, Wolfgaug Mayer, ein baycr. Cistercienserabt des 16. Jahrh. Notizen: (Meister. — C. W(eimnu). — Recensionen und Referate. Roch oll, Philosophie der Geschichte (Weiß). Pisani, tu valmatsts do 1797—1815 (». KroneS). Pisani, Xnm LaZursini immuuos kuoriut? (v. Krones). Seifferi, Denkmäler deutscher Tonkunst (Wagner). — Zcitschriftcnschau. — Novitätcnschau. — Nachrichten. Leipziger Historikcrtag (Helmolt). Llonn- inouta 6orm. Iiistoriea. Bayerische histor. Coinmissiou. Gesellschaft für rheinische GcschichiSkiinde. Reise nach Rom und Neapel (Pastor). Preisfragen. Neue Unternehmungen. Nc- krologische Ilotizen- — Erklärungen. V. Nösler-Finke. Verantlv. Ncdactcur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag deö Lit. Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg. Ni-. 34. Wage zm Aitgskarger Iaßzeiiaag. 23. August 1894. Der Nimbus. I-. K. Zu den manchen Erscheinungen in der katholischen Kirche, welche auf den ersten Blick als christlichen Ursprungs sich darstellen, bei näherer Untersuchung aber als aus dem Heidenthum herübergenommen sich erweisen, gehört auch der Heiligenschein oder Nimbus. Um zu einem richtigen Verständniß des christlichen Heiligenscheins zu gelangen, ist es daher nöthig, auf dieselbe Erscheinung im Heidenthum zurückzugreifen und ohne moderne oder vorgefaßte Anschauungen gewaltsam in die Vergangenheit hineinzutragen an der Hand der aus uns gekommenen Darstellungen Sinn und Bedeutung des Nimbus zu erforschen und zu beobachten, wie dann die christliche Kunst sich denselben zu eigen machte und im Lauf der Jahrhunderte in ihrem Geiste ausbildete. Das soll im Folgenden versucht werden. Der Nimbus tritt gleichzeitig auf als einfache Kreislinie um das Haupt (Nimbus im engeren Sinne) oder als Strahlenkranz, der Haupt oder die ganze Figur umgibt, und ist stets aufzufassen als ein die ganze Gestalt umstrahlender Lichtglanz. Das Licht machte von jeher einen freundlichen belebenden Eindruck auf den Menschen, so daß es ganz natürlich erscheint, wenn die Griechen, die in ihrer anthropo- morphistischen Götterauffassung den Göttern nicht nur alle menschlichen Eigenschaften in höchster Potenz, sondern auch übermenschliche Vorzüge beilegten, vor allem die Vorstellung eines lichtglänzenden Leibes damit verbanden. Der strahlende feurige Aether gilt ihnen als Wohnung der Götter und eine Erscheinung, die aus diesem Neich des Lichtes kommt, gibt sich durch den Strahlenkranz dem Menschen als göttlich zu erkennen. So sagt Homer *) von Demeter: H oväov -ro<7t xar (>« zekX«F(>ov xvpr ös Skroio, und Vergilt von der Erscheinung der Venus — pur«, per uootem in Ines relulsit ttlwn xarens oonksssa äsaw gualisguo viäeri Oaetteotis ot guanta, sotot — ! t . Als mir hell wie nimmer zuvor sich dem Auge zu sehen Bot und in lauterem Licht durchstrahlte die Mutter Herrlich und hehr als Göttin wie schön sie den Himmlischen jemals Und wie hoher Gestalt sie erscheint. Ebenso kommt auch den den Göttern heiligen Thieren der Nimbus zu. Heroen haben ihn nur vorübergehend. Er wird ihnen von den Göttern mitgetheilt oder entwickelt sich bei besonderen Heldenthaten aus den Waffen. Von den zahlreichen Beispielen aus Homer seien nur zwei angeführt: -) errk« «öo»- ärir/o»' vrrkp zrk)'«Sv,uor> I/izLk,lu>-vs Starrend sehn auch die Lenker der Gluth rastlose Gewalt dort Grauenvoll um daö Haupt des erhabenen Peleioncn Brennend entflammt von Zeus blauängichter Tochter Athene. An einer anderen Stelle heißt es: <) rov ä' o Tl^luror ozi>A«z^ot- lninus lacium" sich herauswindet! Der Engel hält im rechten Arm einen bandumwundcuen Kreuzstab; er ist der Jäger des Einhorns, das er „aä sinurn vir- Ainig prwllas" treibt. Die vier Hunde sind bezeichnet als veritn8, xax, rnissrioorciia, und znstütia. Das Einhorn auf dem lieblichen Bild ist ein Mittelding zwischen einem Füllen und einem Esel, mehr ersterem ähnlich, mit wallenden Mähnen. Das zugespitzte gewundene Horn des Thieres scheint gerade gegen das Herz Mariens gerichtet wie ein Sinnbild des namenlosen Schmerzes, der bald die gebenedeiete Seele treffen soll. — Die Darstellung gehört der gothischen Kunstperiode an. Maria Lnschari und Pontebba. Von Cölestin Schmid. (Schluß.) Jetzt aber an den südlichen, steilen Grashnngen hinab in das Thal des wilden Seiserabaches und dann hinüber zum Jahrmarkt von Pontebba! Am Fuße des Berges liegt das durch seinen feinen Menschenschlag berühmte Wolfsbach. Von da aus erreichen wir, durch Gebüsch und Röhricht marschierend, in einer Stunde Dorf und Station Uggowitz. Zwei Stationen Fella - abwärts stehen wir an der italienischen Grenze. Eine schwache Wasserlinie, die seitwärts vom Gebirge her der Fella zustrebende Pontebbana, markirt dieselbe. Um so schärfer sind die Gegensätze der Grenzorte, des deutschen Pontafel, des italienischen Pontebba. Während in den Thälern der Etsch und des Tesstn der Kampf zwischen Germanen- und Nomanenthum auf weitem Felde auf- und abwogt, scheint es hier, als wenn die Brennpunkte zweier gegeneinander wogenden Kampfeslinien, voreilend und gegen einander anrennend, in gegenseitiger Verwunderung für immer erstarrt wären. Immer fester und undurchdringlicher hat sich die Kruste der Zeitläufte auf die beiden Grenzstädte gelegt. So finden wir uns hier, wenn wir über die schmale Brücke hinüber nach Pontebba gehen, plötzlich in einer waschechten italienischen Scenerie: holprig gepflasterte Straßen, winkliges Häuserwerk mit Knäueln von schmutziggrauen, ineinander geschobenen Mauern und öffentlichem Gewerbe, überall Spuren ehrwürdiger Schmutzüberreste, eine in ihrem Aeußern vernachlässigte Bevölkemng, deren scharfgeschnittene, feurige Gesichtszüge aber auch alles Uebrige nur als romantisch erscheinen lassen. Wohl mögen sonst die beiden Orte idyllische Ruhe für ihre gegenseitigen Betrachtungen in Fülle haben; denn die Bahn führt ja allen größer» Verkehr rasch an ihnen vorbei. Heute aber wogt es, als wenn der Grenzbann für immer gebrochen wäre, herüber und hinüber über die schmächtige Brücke, und die feierlichen Gegensätze scheinen sich in ordnungslosem Durcheinander ein- für allemal auflösen zu wollen. Jahrmarkt von Pontafel-Pontebba l Ich überließ mich willenlos dem übermüthigen, völkermischenden Treiben. Glatt und ohne Störung trug mich dieses durch Pontafel. Hier lehnten sich die Kaufbuden bescheiden und beschaulich an die Häuserreihen, und um dieselben sammelte sich, mehr oder minder lebhaft, aber immer mit einer gewissen Behäbigkeit, der Verkehr in kleinen Gruppen. Nur einzelne, sauber eingerichtete Obstbuden wagten sich etwas kühner auf die Mitte der Straße vor, und von einem seitwärts gelegenen Platz drang ein abgerissenes Durcheinander von Lauten, bald italienisch, bald deutsch, herüber, welches sich von Zeit zu Zeit dramatisch zuspitzte und manchmal auch in jäher Katastrophe abzubrechen schien. Das war der deutsch-italienische Viehmarkt. Nunmehr aber setzte mich die Strömung mit einem gewaltigen Ruck auf die Schwelle der Pontebbanabrücke, und mit dem wiederkehrenden Bewußtsein, das mir dabei verloren gegangen, wurde es mir auch immer deutlicher, daß meine übermüthigen Freiheitsträume nur ein schöner Wahn gewesen. Denn wie Brückenpfeiler, an denen die Wogen sich brechen, standen sie da, die biedern Zollwächter der Manarchie, nationalen Argwohn auf Obst und Wein und dergleichen Schmuggelsachen in dem biedern Gesicht. Kaum hatte ich mich an ihnen vorbeigewunden, so stürzten bereits auch vom andern Ende deren italienische Collegen auf mich zu und untersuchten, romanische Grimassen schneidend, meinen Nucksack mit der Genauigkeit eines Untersuchungsrichters. Aus ihrem Dialektgewälsche wurde mir nur das eine klar, daß sie hauptsächlich nach österreichischem Tabak fahndeten, wohl in dem ganz zutreffenden Bewußtsein, daß ihre heimischen Cigarren trotz ihrer romantischen, nationalen Namen: Cavour, Noma, 270 Toscana, Minghetti u. dgl., deun doch ein sehr schutzbe- dürftiger Punkt ihrer gepriesenen Halbinsel seien. So oft ich ferners die Brücke wieder passirte, ereilte auch meinen Nncksack immer wieder das Schicksal zweisprachiger Untersuchung, bis ich endlich in ziemlich derber, bajuvarischer Art meine prinzipielle Stellung zu Schmuggelgeschichten klarlegte. Doch endlich stand ich auf italienischem Boden: die ganze Scenerie machte mir das in energischer Weise klar. Stellten vielleicht jene sich drängenden Knäuel von keifenden, gestikulirenden, ab- und zurennenden Käufern und Verkäufern nicht die gewünschte Lebhaftigkeit der Südländer deutlich genug vor Augen s Auch erinnerten alsbald an das stolze Wort der Italiener, ihr Land sei der Garten Europas, die riesigen, nferdammmäßig auf beiden Seiten des Weges aufgestapelten Lager von Zwiebeln und Knoblauch, wobei die ausströmenden Gerüche die in dem Völkerkampf ermatteten Lebensgeister alsbald wieder auffrischten. Und dann der Hauch der südlichen Sonne auf all den denkbar möglichen Obstsorten, die bunt durcheinander auf primitiven Karren umeinander lagen! Mit ruhiger, selbstbewußter Grandezza bedienten einzelne Verkäufer die sie unruhig Umdrängenden. Hier erklärte sich auch die Zugcspitztheit der sonst so gemüthlichen österreichischen Grcnzwächter; denn das Obst war da doppelt so billig, als drüben am andern Ende der Brücke. Von den Karren weg riß mich nun der Strom schonungslos in die engen, menscheustauenden Gaffen zwischen den Budenreihen. Das war wieder Italien! Bald schrie einer der aufgeputzten Verkäufer den glänzenden Tand und blendenden Trödel seiner Bude laut und kreischend zum Verkauf aus, bald schleppte ein anderer unter die Menge springend seine Käufer mit sanfter Gewalt bei. Schwerer Pflasterstaub zog der herabglühenden Sonne entgegen, immer toller wurde der Lärm, dazwischen mengte sich das heitere Lachen italienischer Schönen und scharf herausgestoßene südliche Verwünschungsformeln. Ueber die Buden begann es wie Duft von schwarzem Kaffee herüberzuziehen, mit dem die übrigen aromatischen Elemente, vom wochenalten Kehrichthaufen bis zum Knoblauchlager an der Brücke, vergebens eine harmonische Vereinigung einzugehen suchten. Immer mehr drückte auf mein nordisches Gehirn dieses Gemenge südlicher Lüfte, und bald benutzte ich die erste Lücke zwischen den Buden, um mich, dem Mokkaduft folgend, in eines der vielen kleinen Cafes zu verziehen. Da gab es Stühle ü !a Boulevard. Von da aus konnte ich das südliche Treiben in ehrerbietiger Entfernung betrachten und hatte dabei noch die besondere Genugthuung, daß an meinem Horizont auch das Knoblanchlager sichtbar war. Während ich mir mit etwas eigenthümlichen Gedanken dessen gewaltige, von der südlichen Sonne freundlich beschienene Umrisse und die Käufer betrachtete, die wohlgefällig mit ihrer Beute abziehend seinen Hintergrund belebten, gesellte sich mir ein deutscher Beamter aus Poutafcl zu, der mich auf einen Weinkeller aufmerksam machte. Das war geeignet, meinen südlichen Studien einen feierlichen Abschluß zu geben. Wir blieben bald vor einem der niedrigen, schmutzigen Häuser stehen, über dessen Thüre auf einem alters- eutkräfteten, schiefhängenden Firmenschild zu lesen war: Ia zur Wohlleben". OuLa§nr>. bedeutet Schlaraffenland, die Uebersetzung des Wirthes war sehr wohlmeinend, mit italienischen Nachklängen. Ein paar nicht ungefährliche Treppen führten in ein sehr mäßig beleuchtetes, unterirdisches Lokal. Allwählig entwirrten sich mir in dem zutraulichen Dämmerlicht, das durch einige Gucker hereinfiel, die Gegenstände meiner Umgebung als einfache Brettergerüste, um die herum auf kleinen Fässern sitzend Zechende jeder Sorte, aber mit unverkennbar italienischem Gepräge, sich drängten. An den graubraunen Wänden glitzerten einzelne herabrinnende Wafferstreifen, die Decke schien sich in ein undurchdringliches Geheimniß von grauen, braunen und schwarzen Farb- töuen hüllen zu wollen. Im Hintergründe aber ragten, von den schräg herabdringenden Lichlrcflcxen umspielt, vier gewaltige Weinfässer, ein Durcheinander von Natioual- küse und der unvermeidlichen Salami bescheiden zu ihren Füßen. Sie enthielten Veuetianer und Jstricr, den Liter zu 20 Kreuzer! Es dauerte nicht lange, so gaukelte mir der schwarzrothe Trank immer mehr sich verwirrende Bilder vor. Bald glaubte ich in meinen Träumen alle die schönen heroischen Bilder von der Decke des Münchener Naths- kellers vor mir zu haben, bald huschten wie Schattenbilder bergauziehende Wallfahrer vorbei, deren Wege jedoch anstatt der Stcindümme unendlich scheinende Knoblauchlager schützen mußten. Bald verwandelten sich auch die Wallfahrer in lauge Züge selbstbewußt schreitender Obstmänner und schienen dann unter dem Wogen schwüliger Dünste als Holzbuden sich breit an die Straße zu stellen, zwischen denen aus ringelnden Dünsten keifendes, lachendes Volk aufzutauchen begann. Da zog es in Schwärmen über die Grenzbrücke, eine Völkerschlacht begann, ich stak mitten im Knäuel. Ich erinnerte mich, daß ich klassisch gebildet sei, und betete zum lluxitsr O^tnrnus Hnximus. Da sah ich weit in der Ferne die Tempel der römischen Burghöhe blinken, Merkur kam, hinter einer Wolke tauchte heiß und glühend die Sonne hervor, das ganze Bild zerfloß in einen goldigen Nebel, der sich wonnig und strahlend endlos zu dehnen schien. Das waren die letzten Strahlen der sinkenden Sonne, die durch die Lücken zwischen den Weinfässern hereinfielen. Ich hatte gerade noch soviel Zeit, in höchster Eile den Zug nach Tarvis zu erreichen. Hast du, mein Leser, schon einen Dom oder Buchillustrationen aus dem romanischen Mittelalter gesehen s Da schauen dich gar seltsam an allen Ecken und Enden Drachen und Ungeheuer, Neste deS überwundenen Christ- Heidenthums, gähnend, geheimnißvoll an. Das Christenthum hat sie zu fratzenhaften Portalwächtcrn, zu Dach- speiern, zur Bildumrahmnng herabgedrückt, aber da sind sie, wenn auch nur als Staffage. Aus der tiefen christlichen Symbolik selber aber taucht auf einmal der Volkshumor in Form eines entsprechend postirten Affen, des Todes oder Teufels als komischer Figuren auf. Das ist ungefähr die Form, wie sich der erste Volksglaube in unverdorbenen Gebieten erhalten hat. So findet er sich noch in den geheimen Winkeln des bajuvarischen Volkslebens, so noch in versteckten Thälern der deutsch-österreichischen Alpen, so vor allem noch in jenen gemischten Gebieten, wo sich unter der feinen deutschen Cultur- schichte der couservative Untergrund slavischen Volksthums findet. Gar, wenn noch Elemente des alpinen Italien dazu kommen! Und so gleitet der Blick unwillkürlich, ohne künstliche Macherei, von der zwerghaften Komik des Jnhrmarktsgetriebes wieder empor zu den Höhen des Luschari, der vom Norden her freundlich, aber mit um ! so höhern Jdeenaffociationen winkt. Dasselbe natürliche Völklein, deutsch, slovenisch, italienisch, das du auf dem Jahrmarkt von Pontebüa, auf den Kirchtagen des Gail- thales in seinem ungeschminkt derben Treiben beobachten kannst, findest du auch wieder beisammen auf der luftigen Höhe des heiligen Berges, wo alle diese kleinlichen Züge eine erhebende Harmonie eingehen mit dem befreienden Einflüsse einer großen Natur und eines ungekünstelten, tröstenden und stärkenden Glaubens. Auch Manches aus uralt eingewurzeltem Volksaberglauben kannst du dort beobachten, aber es fügt sich ebenso gut in die Harmonie des Ganzen wie jene ungeheuerlichen Portalfiguren der romanischen Dome. Ebenso wie du dann jene derbe Humoristik der frühmittelalterlichen Teufels- und Todcs- figuren begreifen wirst, ebensowenig darfst du obige Zusammenstellung des Jahrmarktes mit der Wallfahrt am Ende für frivol halten. Gerade in der Vereinigung all dieser Dinge liegt das sicherste Fundament unversieglichen, auch von der modernen Uebercivilisation nicht zu verdrängenden Volksglaubens. Necensilmen und Notizen. Prill Jos., Einführung in die hebräische Sprache für den Schnlgebran ch. 8°, X -j-153 SS. Bonn, P. Haustein 1893. M. 2,00. Dreher Theod., Kleine Grammatik der hebräischen Sprache mit Uebnngs- und Lesestücken für Obcrghmnasic n. 8°, VIII-j-118 SS. Frcibnrg i. Br., Herder 1894. M. 1,50. L Bis in die neueste Zeit entbehrten wir für den Anfangsunterricht in der schwierigen hebräischen Sprache eines brauchbaren Schul- und Lernbucbcs, das für die größeren Grammatiken eines Gesenius, Ewald, Stade rc. als passende Vorbereitung hätte gelten können und zugleich einen stufenweise geordneten Uebnngs- stosf geboten hätte. Nachdem aber die gar nicht genug zu lobende „Hebräische Grammatik" von H. L. Strack (soeben in V. Anst. Berlin, Rcnthcr M. 5. geb.) als eine pädagogische That ersten Ranges diesem Mangel abgeholfen, muß jeder weitere Versuch, daö Hebräische in einer Schnlgranunatik zu behandeln, als ein Wagniß erscheinen, das großes Selbstvertrauen vorausseht. Daß nach Strack es ein Anderer besser macht, ist kaum zu erwarten und kann man bei oben genannten neuen Lehrbüchern gewiß nicht behaupten, obgleich damit nicht gesagt sein soll, daß nickt bei Strack Manches nicht verbessert, aber doch vereinfacht werden könnte. Prill's „Einführung" ist ein ganz sorgfälltig gearbeitetes Scknlbnch, hat aber gegen Strack den Nachtheil, daß cö nicht ganz streng systematisch angeordnet ist, doch sind die einzelnen Regeln sehr klar und übersichtlich dargestellt; alle darin vorkommenden Beispiele sind auch übersetzt, was sehr angenehm ist und bei Strack nicht durchgchends gefunden wird; die Erfahrung aber beweist, daß der Schüler, namentlich der verhätschelte „Herr Gymnasiast" im Zeitalter der Schulreformen, wenn er auch mittels eines Lexikons sich die Beispiele übersetzen könnte, dennoch viel zu faul ist, um sich dieser kleinen, aber nützlichen Unbequemlichkeit zu unterziehen. Die Paradigmentafeln sind bei Prill in Folge des Formates übersichtlicher, als bei Strack, indem sie die auseinander folgenden Formen in vertikaler Neide bringen, sollten aber ebenso vollständig sein, als bei Strack, der gewiß nichts UeberflüssigeS schreibt. Die einzelnen Paragraphen bringen zahlreiche Ucbungsbeispiclc zum Uebcrsetzen aus dem Hebräischen ins Deutsche und umgekehrt, die jeweils dazu gehörigen Vokabeln folgen am Schlüsse des Buches; ärgerlich ist es, daß der Verfasser nicht lieber ein allgemeines alphabetisches Wörterverzeichnis; gibt, wie Strack, und so sehr unS das Buch (als Vorbereitung zu Strack) angcmuthet hat. war gerade dieser Umstand entscheidend, cö für den Unterricht nicht einzuführen, denn, wo soll der Schüler ein Wort finden, das er vergessen hat; wir muthen cö keinem zu, jedes Wort. das einmal vorgekommen, gleich für immer zu merken, oder sich selbst ein alphabetisches Wörterbuch anzulegen, das doch nicht fehlerfrei würde; möge der Verfasser diesen Uebclstand in einer nächsten Auflage beseitigen, daö jetzige paragraphenweise Wörterbuch würde dann entbehrlich und ein solches könnte sich eventuell der Schüler lieber und leichter von Lection zu Lectiou zum Memorieren anlegen. Die Ausstattung dcö Buches, daö mit den neuen scharfen Drugulin'schen Typen in Leipzig gedruckt ist, läßt nichts zu wünschen übrig. — Das zweite Buch von Dreher ist nicht nur kein Fortschritt gegen Strack, sondern ein Rückschritt gegen den gänzlich unbrauchbaren Vosen hin, da cö auch bescheidenen Ansprüchen nicht genügt. Das Streben »ach Kürze verleitete den Verfasser, der besser gethan hätte, von einer 27- jährigen Lehrtätigkeit, der das Buch entsprossen, zu schweigen, zu einer Art von undentschem Tclegraphen-Chisfre-Stil, wodurch Vieles nicht gerade verständlicher wird; außerdem gibt eine Blüthenlcse der anmuthigsten Druckfehler dem Anfänger noch manches Räthsel zu lösen auf. Manches ist gar zu kindisch und stellt dem Verstände der Musensöhne ein solches Armnthszcugniß aus, daß man Schülern der Art nur rathen kann, das Hebräische nicht zu lernen; sogar Mcmorialverse finden sich mit Reimen. In den UebersetznngSausgaben kommen Barbareien vor. wie „Ich bewahre eos" „Er hat aoa vernichtet"; warum dann nicht lieber den ganzen Satz lateinisch? Man könnte ja auch noch zur Abwechslung Griechisch, Englisch, Französisch, Ungarisch in die Sprachmoiaik bringen; Gelegenheit zu Vergleichen wäre ja vorhanden. So leicht, als es der Verfasser den Buben zu machen sucht, läßt sich das Hebräische überhaupt nicht modeln, dazu ist die Sprache viel zu schwierig und wer seinen Kops nicht anstrengen will, lasse überhaupt davon. Eine Grammatik, die man nicht zu lernen braucht, kann man nicht erfinden, und nur eine solche würde den Beifall des Schülers finden, von dem nur zu oft die Definition eines italienischen Schriftstellers gilt: Ltmlonts vuol ckirs, elia uou stuclia meuti! — Drehers Klcinkinder- Grammatik hat uns gar nicht gefallen, sie ähnelt den Büchern wie: „Mama, schnell Französisch per Dampf"; Prill's „Einführung" kann sehr wohl empfohlen werden, namentlich wenn die nothwendigen Verbesserungen vorgenommen würden. Das liebste aber wäre uns, wenn Stracks unerreichtes Lehrbuch auch in lateinischer Fassung erschiene, damit es auch in die Priester- seminare und Lyceen namentlich außerhalb Deutschlands eindringe, woselbst man sich vielfach noch mit den kläglichen »Lncli- monta« Voscus erfolglos abquält. Tolstoi (Graf Leo; Sohn), Daö blaue Heft. Erzählung. AnS dem Russischen von Dr. Alcxis Markow. Berlin, Stcinitz, 1894. 8°. 64 S. M. 1,09. xlz Dem Vater Tolstoi, dem russischen Typus eines Ronsseau-Diesfenbach, hat sich im eigenen Sohne nunmehr ein literarischer Compagnon zum Vertrieb der „ethischen Cultur" beigesellt. D.rS vorliegende Buch ist der erste Sendbote der neuen Firma. Es soll die Wahrheit predigen, daß die Sinnlichkeit den Menschen physisch und moralisch zerstört. Eine Wahrheit, die uns schon im Buch Hiob 31, 12 gelehrt wird: »IZnis L8t nsqns aä zieräitiouem äsvorans at omuia. eraclieims ALnimiua«, und zu deren Verkündigung wahrlich nicht erst der junge Tolstoi aufzustehen brauchte. Den Hauptinhalt des Buches (S. 16—62) aber bildet eine jung-russisch- Variation des biblischen Potipharthcmas in Form einer Erzählung aus einem alten „blauen Hcst" eines Freundes, die mit der vorgegebenen lehrhaften Tendenz des Buches blutwenig zu schassen hat. Sie wird höchstens zum Verräther an dem Eesammtwerke und läßt dasselbe trotz aller Wohlansiändigkeit der Sprache und dcS „sittlichen Ernstes" als nichts anderes alö eine verblümte Spekulation auf das Aufregungsbedürsniß „moderner" Leser erscheinen. Die Ucbcrsetzung macht den Eindruck einer guten. Geschichte der Oberpfälzischen Grenzstadt Wald- münchen. II. Theil, 2. Halste L. Vom k. Gymnasial- profcssor Franz Lommer in Amberg. 83 S. Gr.- Oklav. Preis 1 M. Zu beziehen durch Buchhändler H. Mayr in Amberg. * Das Werkchen enthält eine aktenmäßige Geschichte der Pfarrei mit einem geschichtlichen^ ErknrS über das religiöse Leben in Waldmüuchen, gibt ebenfalls an der Hand der Akten einen lichtvollen Einblick in die früheren VerwaltungS- und Eerichtsverhältnisse, sowie eine anschauliche Schilderung vom Stadtrcgimcnt und den Stadtprivilegicn. einschließlich Jagd und Fischerei. _ Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theo- logie. Herausgegeben unter Mitwirkung von Fachgelehrten von vr. Ernst Commer, o. ö. Professor an der Universität BreSlau. Paderborn, Schöningh, 1894. IX. Vand, 1. Heft (Mitte Juli). Inhalt: Portrait des Vonorabilis ckoannos cko Ualakor st lllamlcwa, Stich von Campanclla. Der Ehrwürdige starb 1659 als Bischof von Osma in Spanien, gleich ausgezeichnet durch Gelehrsamkeit und Tugend. Abhandlungen: 1) Die TextanSlegung des Aristoteles bei Thomas von Aquin und bei den Neueren. Von vr. Eugen Reises, 272 Rektor in Frauweiler. Das Ergebniß des Artikels läßt sich kurz fassen in den Worten: Soll es bei uns mit dem Verständniß des Aristoteles besser werden, so mutz die Bedeutung der betreffenden Aquinatischcn Commentare noch viel allgemeiner anerkannt und diese selbst entsprechend verwerthet werden. (S.34.) — 2) Die Ein Beitrag zur Soziologie des Aristoteles. Von Franz von Dessen-Wesicrski in Breslau. Unter den verschiedenen Bedeutungen von Lo-»,--,»','--- wird als die wichtigste nachgewiesen jene, welche wir mit „menschliche Gesellschaft" wiedergeben. (S. 49.) Fortsetzung folgt. — 3) Die Neu-THornisten. Von k. Magister 8. Blieol. GundisalvuS Feldner. Orä. kraeä., Prior in Lcmberg. Begonnen wurde diese Arbeit Band VIII (S. 385—419). Allen, welche sich ernstlich über die tbomistisch-molinistische Controverse belehren wollen, ist diese Reibe von Artikeln, deren zwei jetzt vorliegen, sehr zu empfehlen. Sie enthalten die eingehendste Kritik des in der Passaucr Monatsschrift (1894, S. 14—25) mit überschwäng- lichen Lobeserhebungen angepriesenen Werkes: »8. Mwmas ^.guinatio äoetrina äs Ooopsrations Del oum omni natura. oreata praessrtim libora ete.- (karwlis, 1893). Das Werk richtet sich gegen V. Dummermuth'S, Orä. Vrasä., Werk: »8. Bliowas st üootrinckpraswotionioyli^sioaseto.« Volle? Jahre brauchte der Verfasser Viel. Frins, 8. ä., zur Widerlegung. Man dürfte nach so langer Arbeit wohl erwarten, daß V. Dummermuth Vollständig überwunden sei. Aber, wie V. Berthier, Orä. Vraeä, in der Lsvns Bbowlsts, I (S. 82—103, S. 169—200, S. 471—509) und V. Feldner in den genannten Artikeln schlagend nachweisen, ist das durchaus nicht der Fall. Das Werk V. Dummcrmutb's, sowie das tüchtige Werk: „Wissen Gottes" (4 Bände) von Dr. Ceslaus Maria Schneider behalten gegenüber den Molinistcn ihre volle Bedeutung. V. Frins hat entschieden Unglück. Seine Logik in Auslegung der Päpstlichen Schreiben (Scct. 1), wie in Auffassung der Lehre der Thomisten und des hl. Thomas (Scct. 2) läßt ihn kläglich im Stiche. Seine Kritiker sind ihm vollauf gewachsen, um nicht zu sagen überlegen. Daß sich die VV. Dominikaner eifrigst um den bl. Thomas und seine echte Lehre annehmen, und die molinistischen Angriffe entschieden abweisen, wird man hoffentlich sür sehr erklärlich finden. Daß bei dieser Defensive dem V. Berthier (a. O. 1. Heft) einzelne unpar- lameutarische Worte entschlüpft sind, ist sicher kein Verbrechen. Beispielsweise erinnern wii an die Polemik des hl. HieronymuS. k. Fclduer's Kritik finden wir durchweg objektiv und maßvoll; einige, etwas humoristische, aber sachliche Bemerkungen werden doch wohl den Gegner und dessen Meinungsfreunde nicht zu stark verdrießen. Jin Interesse der Wahrheit ist die gründliche Kritik durchaus am Platze. (S. 79) — 4) Die Philosophie des hl. Tbomas von A guin. Gegen Frohschammcr. Schluß. Naturphilosophie. Von Kanonikus Dr. Michael Glossner in München, Mitglied der römischen Akademie des hl. Thomas. (S. 91.) — 5) Die ?otkntia.ob6äisntiaIisderKrea- turcn. Vom genannten V. Feldner. Vgl. VIII, 257 ff., 459 ff. (S. 115.) —6) Die Grundprincipien des hl. Thomas und der moderne Sozialismus. IV. Die Zweckbestimmungen der menschlichen Natur. Von Dr. Ceslaus Maria Schneider. Pfarrer in Floisdorf. Fortsetzung der 4 Artikel in Band VIII. Im letzten Artikel war behandele diese Zweckbestimmung und die soziale Ordnung; im neuen Hefte kommt zur Sprache: die letztvollendende Zweckbestimmung in sich, und ihre Beziehung zur Freiheit. Die ganze Abhandlung ist höchst zeitgemäß — sehr beachtenswert!) für Philosophen und Theologen, sowie auch für alle ernsten Sozialpolitiker. Der nächste Artikel wird das Eigenthum behandeln. (S. 125). - Damit schließen die Abhandlungen. Wegen Stosssülle mußten die Besprechungen literarischer Neuheiten auf das Oktoberheft verlegt werden. — Den Schluß desHertes bilden die Zeit- schriftenschau und die Uebersicht über „Neue Bücher und deren Besprechungen" (S. 128). — Das Jahrbuch erscheint in vierteljährigen Heften von 8 Bogen Lex. 8°. Preis für den Band von 4 Heften 9 Mark. Abonnements übernehmen jederzeit alle Buchhandlungen. Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blatter. Jahrgang 1891. Zehn Hefte M. 10.80. — Freiburg im Breisgau. Herder'sche Verlngshcmdluug. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 6. Heftes: Zur Bevölkere, ugsfrage. (H. Pesch 8. ä.) — Die Heerfahrt des sel. Heinrich von Bonn und seiner Gefährte». (O. Pfülf 8. I.) — Das Coppcruicauische Sonnensystem. I. (I. G. Hagen S. I.) — Das neucntdeckte Wandgemälde in der Katakombe der hl. Priscilla zu Rom. (Th. Granderath 8. ck.) — Annette von Droste-Hülshoffs Briefwechsel mit Levin Schücking. I. (W- Kreiten 8. ck.) Recensionen: Korum, Wunder und Göttliche Gnaden- erweise bei der Ausstellung des hl. Rockes zu Trier im Jahre 1891 (A. Lchmkuhl 8.1.); Schund, Geschichte des Georgianums in München (O. Pucks 8. ä.); Krogb-Tonning, Die Enaden- lcbre und die stille Reformation (A. Perger 8. I.); König, Die päpstliche Kammer unter Clemens V. und Johann XXII. (Fr. Ehrle 8. I.) — Empfehlenswertste Schriften. — Miscellen: Schriftstellerische Arbeiten der kath. Missionäre in China; Statistische Angaben über die Berufsstände in Frankreich; Ein „wissenschaftliches" Urtheil über Janssen. KatholischeWarte. Jllustr. Monatösckrift zur Unterhalt* tung und Belehrung. X. Jahrg. Heft 4/5 L 15 kr., 25 Pf. Jahresabonnement fl. 1.80 (M. 3.60). Die neuesten Hefte dieses heimischen Familienblattes bringen wieder reichen abwechslungsvollen Inhalt. Buols „Geheimniß der Mutter" findet einen überraschenden Abschluß, während Schachings „Traudl" immer spannender sich entwickelt. Außerdem beginnt Hirschfeld, eine historische Erzählung aus der Zeit der französischen Revolution „der Royalist" — der Humorist Kujawa eine seiner bekannten Militärhumoresken „die Lumpen- parade". In bekannter fesselnder Weise schildert Oberstlieutenant von Himmel die Tropenpracht „Brasiliens", während uns der Zoologe Tümler in einem Kapitel „Aus dem Buche der Natur" reizvolle Bilder aus den, Vogellcben schildert. An Biographien bringen diese Hefte den neuen Oberhirten der St. Pölteucr Diöccse, „Dr. Nößler", und einen westfälischen Pädagogen, „Pros. Sclmcrbusch" — beide von vertrauter Hand gezeichnet. Außerdem enthalten die Hefte Gedichte, kathol. Chronik u. dgl. Der Bilderschmuck ist ein reicher und gediegener zu nennen. Allen Freunden guter Lektüre möge deshalb die „Kath. Warte" wiederholt bestens empfohlen sein. Literarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Jahrgang 1894. 12 Nummern. M. 9. — Freiburg im Brcisgau, Herder'sche Ver- lagSbandlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 8: Idodarv, Ds oueiibus biblieis contra, Zsutss. (Sck>önfelder.) — Bäthgen, Die Psalmen. (Hoberg.) — Narueelck, Ds msmorls äei 38. apostoll Vieira st Vaolo nslla oittä äi Rowa. (Baumgarten.) — Greving, Pauls von Vermied Vita OrsZorii VII. Vaxas. (Müller.) — Korum, Wunder und göttliche Gnadenerweise bei der Ausstellung des heiligen Rockes zu Trier im Jahre 1691. (Schill.) — Dult, Da vis st 1'osuvrs äs Diakon. (Bach.) — Kunze, Unsterblichkeit und Auferstehung. (Hardy.) — Grupp, Culturgeschichte des Mittclaltcrs. (Wittmann.) — Diemaud, Das Ceremoniell der Kaiserkrönungen von Otto I. bis Friedrich II. (Günter.) — Altmann, Eberhart Windcckes Denkwürdigkeiten zur Geschichte Kaiser S,gmunds. (Wurm.) — Aus dem Leben König Karls von Rumänien. - Fromm, Zeitschrift des Aachener Gcschichts- vereins. (Rauschen.) — Dehio, Untersuchungen über das gleichseitige Dreieck als Norm gothischer Bauproportioncn. (F. Schneider.) — Noak, Die Geburt Christi in der bildenden Kunst bis zur Renaissance. (F. Schneider.) — Fcstgruß an Rudolf von Noth zu Doktorjubiläum 24. August 1893. (Vetter.) — Aly, Geschichte der römischen Literatur. (Egen.) — Haas, Der Geist der Antike. — Donner, OataloZno totius saori, eanäiäi, oa- nonici ao oxsmpki Oräinis Vraemonstratsnsis insunts anno 1894. (Hauthaler.) — Schnorr von Carolsield, Erasmus Albertus. — Zehrt, Eichsfeldische Kirchengeschichte deö 19. Jahrhunderts. (Woker.) — v. Destouches, Orlando di Lasso. (Korn- müller.) — Korioth, Katholische Apologethik. (Walter.) — Nachrichten. — Büchertisch. _ k. Mauritiu s Klostermann, 0. 8. Dr., Besuchungen des heiligsten Sakramentes des Altares für jeden Tag des Jahres. III. Auflage. Freiburg i. Br., 1894. Herder'sche Verlaqshandlung. Pr. 60 Pf., gebd. 90 Pf. 16°, IX u. 235 S. D. Recht gesunde Eeistesnahrung sür die tägliche Visikakio 8anoti88iwi und bestens zu empfehlen. Berichtigung. In Nr. 32 der Beilage Seite 251 des Artikels „Das Martyrium der thebäischen Legion" muß es in Note 8 statt war tzwolooftmn Uioron^wum Dioron^wlanuw heißen. Verantw- Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. tt!'. 35 30. August 1894. ilage zm Kugskurga Die Briefe des hl. Bonifatins. Von Adam Hirschmann, Pfarrer in Schönfeld. Wenn es einen hohen geistigen Genuß gewährt, mit hervorragenden Männern, welche die Geschicke ihrer Zeit mehr oder minder bestimmen, zu verkehren und deren Lebensauffassungen zu vernehmen, so ist doch dieser Gewinn nur Wenigen unter den Sterblichen ermöglichet, indem nur einzelne bevorzugte Freunde an dieser Tafelrunde theilnehmen können und dürfen. Anders aber liegt die Sache, wenn es sich handelt um die literarische Hinterlassenschaft eines geistig hochstehenden Mannes: die Ideale, die Kämpfe, die Zeitlage, der Freundeskreis, kurz das ganze Leben liegt klar und unzweideutig vor uns. Darum haben gerade Briefsammlungen einen so großen bildenden Werth, üben einen eigenthümlichen Zauber auf den Leser aus. „Solche Briefsammlungen, äußert sich Fr. Böhner, sind wie Kirchhöfe, auf denen viele Befreundete begraben sind. Alle diese großen, edlen, reichen Herzen schlagen nicht mehr, nur noch Trümmer sind von den Menschenkreisen vorhanden, in denen die Schreibenden sich bewegten, in den meisten Fällen hat Niemand die Heimgegangenen ersetzt." „Man lernt die großen Todten aus ihren Briefen am besten kennen und muß an dem geistigen Kampfe, den sie muthig gekämpft, und an den hohen Zielen, die sie verfolgt haben, sich emporziehen und aus ihnen Kraft, Muth und Selbstverleugnung schöpfen." Wenn aber dieses Wort des Frankfurter Historikers im Allgemeinen gilt, um wie viel mehr muß es stch bestätiget finden in der Lektüre der Briefe jenes Mannes, den wir mit Stolz „den Apostel der Deutschen" nennen, dem unser Vaterland die Grundlage aller nachfolgenden geistigen Entwicklung auf dem Boden des christlichen Glaubens verdankt? „Der Briefwechsel des hl. Boni- fatius, sagt mit Recht Cornelius Will (Regesten zur Geschichte der Mainzer Erzbischöfe I, VI Ein!.), führt uns Mitten hinein in den Gang einer Epoche der Weltgeschichte, auf der eigentlich die gesammte Bildung und sittliche Größe des Abendlandes seit elfhundert Jahren beruht. Welche Seite des historischen Interesses man daher immer ins Auge fassen mag, jene Briefe gewähren Aufschlüsse oder doch Anhaltspunkte der Belehrung, die man in anderen Quellen vergeblich suchen würde." Darum kann es nur mit Freuden begrüßt werden, wenn Ernst Tümmler in dem großen Sammelwerke der Nonumantu Oorwunius stistoriou die Briefe des hl. Bonifatins auf Grundlage der eingehendsten Vorarbeiten und der genauesten Quellenforschung neuerdings zugänglich gemacht hat. (N. 6-. Itlpp. t. III, rrrörorviuAioi st curolini asvi t. I p. 215—433). Freilich können wir angesichts der bedeutenden Kosten dieses Bandes den Wunsch nicht unterdrücken, es sollen die bonifatianischen Briese in einer handlichen Separatausgabe zum Gemeingute aller gebildeten Deutschen gemacht werden. Wenn wir die Briefe des Apostels der Deutschen aufmerksam durchgehen, so finden wir in den verschiedenen Schreiben, die entweder von ihm herrühren oder an ihn gerichtet sind, einen einheitlichen Grundgedanken ausgesprochen: die deutschen Völkerschaften für die katholische Kirche zu gewinnen und zu erhalten. Da es aber eine Kirche ohne sichtbares Oberhaupt nicht geben kann, so war für Bonifattus die Verbindung mit Rom, dem Einheitspunkte aller wirksamen Missionsthätigkeit, von selbst gegeben. Von Papst Gregor II. erhielt „der fromme Priester Bonifatius" am 15. Mai 719 die Ermächtigung, kraft der unerschütterlichen Auktorität des Apostelfürsten den Heiden aller Orten das Evangelium zu verkündigen und die Katechumenen nach der in Rom üblichen Form zu taufen (op. 12 x. 258). Aus Willibald wissen wir, daß ihm speciell Thüringen als Arbeitsfeld angewiesen wurde (Vit. s. Lonik. o. VI: In st?stui'iriAiam juxta rnunäuturu Lpostolious seciio Lonsiäoranäo pro- §r 688 U 8 63t. ^.ot. 83 . 6 ä. Nudillou t. IV. p. 11). Schon im Jahre 722 am Feste des hl. Andreas wurde Bonifatius mit der bischöflichen Würde ausgezeichnet; ehe er in dieses erhabene Amt eingesetzt wurde, leistete er den Eid der Treue und des Gehorsams in die Hände des Papstes: kroinitto 6§c>, Lorntutirw Arrrtin Ööi 6PI800PU8, vostio, stoato ketro Lpootolorum prinoixi viouriogus tuo, steato papu6 6u'6Aorio 8U66688oridus^U6 . . IN6 oilliuzra tiäora 6t puritatom 8UN6ts.6 öclei Latsto1illL6 sxstistors 6t in unituts eju8ä6in Üä6i, Oso 0 p 6 runt 6 , xeroioters (6P. 16 x. 265). Außerkirchliche Historiker lassen gewöhnlich durch diesen Eid die deutsche Kirche an das herrschsüctige Rom verkauft werden. Ebrard verliert vollends die Ruhe und die kritische Besonnenheit, wenn er in seiner bonifatianischen Biographie auf die Beziehungen Noms zu der Organisation der katholischen Kirche in den deutschen Gauen zu reden kommt. Nach ihm ist „Bonifatius zwar nicht für einen moralisch-schlechten Menschen", aber doch „für einen beschränkten Fanatiker" zu halten, der nur „eine Moral: Rom über alles! und darum keine Moral" kannte; in dessen Briefen sich „nirgends eine tiefere christliche (!) Idee" findet, sondern nur „Geistloses", dessen „Gemüth von Natur sichtlich zu Gift, Haß und Heimtücke, wie zu Kriecherei und Schmeichelei disponirt ist." Auch Woelbing (die mittelalterlichen Lebensbeschreibungen des Bonifatius S. V) behauptet, der Angelsachse Winfrid habe die deutsche und fränkische Kirche unter die Herrschaft Noms und seines Bischofes gebracht, „wodurch der Grund gelegt wurde zu all den Leiden und Wirren, welche Rom unserem Vaterlande bereitet hat und noch bereitet, und auch das Christenthum auf dem Festlande in die Bahn eines strengen Formalismus und äußerlichen Mechanismus und einer unnatürlichen und ungesunden Askese geführt, wodurch zum großen Theil der Verfall des Christenthumes und des Volks» lebens im Mittelalter herbeigeführt und eine Wiederbelebung des geistigen Lebens und eine Reformation der Kirche nothwendig wurde." Mit anderen Worten: Hätte der hl. Bonifatius die deutschen Stämme in ihrer halb christlichen, halb heidnischen Lebensauffassung und Sitte belassen, so hätte sich nach der Phantasie Ebrards und Woelbings auf kolumbanischer Grundlage eine deutschnationale Kirche entwickelt, welche an innerer Stärke und gesunder Entwicklung alle Stürme der Zeiten überdauert hätte. So aber ist Bonifattus die nothwendige Voraussetzung für das Erscheinen Luthers geworden. „Ja, schreibt Woelbing weiterhin, es war eine harte Schule, die das deutsche Volk durchmachen mußte, bis die Zeit erfüllet war und der Augustinermönch Martin Luther, der deutscheste der deutschen Männer, auftreten und seinem Volke lehren konnte (sonst verbindet man lehren mit dem vierten Fall), mit deutschem Herzen zu beten und mit deutscher Zunge zu singen (haben vielleicht die Deutschen des 12. oder 18. Jahrh, mit griechischer oder hebräischer Zunge gesungen?), und durch seine Bibelübersetzung und die damit verbundene Schöpfung einer gemeinsamen deutschen Sprache den ersten Grund legte zur Herstellung der Einheit des deutschen Reiches und zum Wiedererstehen der deutschen Kaiserherrlichkeit, welche durch die Beziehungen mit Rom geknickt schon drei Jahrhunderte in dem unterirdischen Schlosse des Kyffhäusers eingeschlossen war und noch mehr als drei Jahrhunderte eingeschlossen blieb, bis unser großer Bismarck den Schlüssel zur Oeffnung desselben auf den Schlachtfeldern Deutschlands und Frankreichs aus Blut und Eisen geschmiedet hatte." Dieser Wortschwall steht nicht in einem Festartikel zum Lutherjubilüum, sondern in einer vergleichenden Untersuchung über die verschiedenen Biographien des hl. Bonifatius. Wahrlich, die protestantischen Historiker dieser Gattung müssen mit unüberwindlichen Vorurtheilen behaftet sein, wenn sie angesichts der klaffenden Wunden des deutschen Protestantismus, welcher seit der Durchführung der preußischen Union von 1817 kein Recht mehr hat, Luther als Springquell der reformatorischen Segnungen zu feiern, eine „romfreie" Kirche als höchstes Ideal preisen; gerade diese Abarten in England, Rußland und den deutschen Staaten zeigen, wohin der Byzantinismus führt und nothwendig führen muß. (Vergl. Döllinger, Kirche u. Kirchen S. 5 ff.) * *) Danken wir Gott, daß Gregor II. in Bonifatius den Mann gefunden, welcher mit unerschütterlicher Festigkeit zeitlebens an feinem Bischofseide gehalten, welcher durch die Verbindung mit Rom der aufstrebenden Kirche in Deutschland sichere Grundlage gewährte. Welch innigen Antheil Papst Gregor II. an dem Werke des seelencifrigen Missionärs genommen hat, erhellt klar aus den verschiedenen Zuschriften an Karl Martell ^) (ap. 20), an die Bischöfe und Priester (ex. 18), an die christlichen Thüringer: Asulf, Godolav, Wilarcus, Gundhareus, Alvold (ex. 19), an die noch heidnischen ') Paulsen äußerte sich kürzlich: „Wäre die Reformation ganz durcbgedrnngen, hätten wir jetzt eine deutsche Nationalreligion und NeichSkirche; ich weiß nicht, ob wir dabei nicht in eine gefährliche Nähe zu russischen Zuständen geriethen." (Histor.-polit. Blätter 1891, Bd. 113, Heft 10, S. 768 aus der Münchner Allg. Ztg., Beilage v. 1. Febr. d. Jö.) *) Hauck (K.-G. Deutschlands I, 426) schreibt über diesen Brief an Karl Martell: „Der Papst theilt die Ordiuation des Bonifatius mit, aber er bittet nicht um Anerkennung seiner bischöflichen Würde." Das konnte der Papst deswegen nickt, weil die Spendung der Sakramente nicht vor das weltliche Forum gehört. . . „er bittet nur um Schutz und Unterstützung Karls für Bonifatius". „Es weht ein anderer Geist, erklärt Hauck weiterhin, in diesem Briese, als in den Briefen Gregors d. Er. an die fränkischen Herrscher. Die Thatsache, daß in der fränkischen Kirche der König eine leitende Stellung hatte, ist in den letzteren anerkannt, in dem ersteren nicht bestrittcn, aber ignvrirt. Gregor handelte auf Grund von Rechten, welche Rom im Frankenreich nicht besaß: alles kam darauf an, ob er sie behaupten konnte." Wenn die groben Anmaßungen der Merowiuger und ihrer Hausmcier hinsichtlich kirchlicher Güter und Aemter von selbst zur Rechtsbasis werden, dann gilt einfach der Satz: Gewalt ist Recht. Uebrigens hat Gregor d. Er. sowohl gegenüber der Königin Brunichilde, als den Königen Childebcrt, Thcodobert und Clothar den kirchlichen Nechtsstand- punkt immer betont. Vergl. Ausgewählte Schriften deS heil. Gregor (Kösel 1874) Bd. II, S. 295, 303, 491, 505. 508, 642, 662. Kirchenlexikon V, 2, 1083; Histor. Jahrbuch Bd. XU, S. 553. Mtscichsen (sx. 21); mit väterlicher Freude nimmt daS Oberhaupt der Kirche die Berichte über den glücklichen Fortgang des Bekehrungswerkes entgegen (ex. 24) und fordert die Germanen auf, Kirchen und bischöfliche Wohnungen zu errichten (ax. 24, 25). Auch Gregor III. (731—741) behielt die deutschen Misstonen scharf im Auge; bald nach Beginn seines Pontifikates erhob er Bonifatius — aä iuIumivLtionsin Fsnlig Liormaiiias vel airouuiczuac^us in umttra ruorlis morLvtiirus Zöntidus, in srrors oonstätutis, ad dao axostolivL Osi öLLlssia clirsatum — (sx. 28 x. 278) zur Würde eines Erzbischofes und verlieh ihm das Recht, bei der Feier des hl. Opfers und bei Bischofsconsekra- tiouen das Pallium zu tragen. Zum dritten Male zog der Apostel der Deutschen über die Alpen, um dem Stellvertreter Christi Rechenschaft über seine Amtsführung zu erstatten (o. 737—738). Mit Freuden, berichtet er an seine Freunde Geppan und Eoban, Tatwin und Wyg- bert nach Deutschland, sei er vom Apostolikus aufgenommen worden, und er werde erst nach Abhaltung einer Synode, wozu er vom Papste eingeladen sei, heimkehren (sx. 41 x. 289). Mit verschiedenen Empfehlungsbriefen ausgerüstet, trat Bonifatius die Rückreise an. (Fortsetzung folgt.) „Erbliche Belastung." Von Pros. Dr.L. Haas. (Schluß.) Wenn wir die „erbliche Belastung" abweisen, was setzen wir an die Stelle derselben, um den Thatsachen gerecht zu werden? Eine ursprüngliche d. h. eine nach dem Setzen des Lebensketmes oder in einem späteren, aber immer frühen Lebensstadium beginnende und sich fortsetzende Ansteckung und Einwirkung. Einer solchen haftet einerseits nicht das Widerspruchsvolle und geradezu Furchtbare einer Erblichkeit an, anderseits erklärt sie viel mehr als diese. Sie ist wenigstens im Princip heilbar, was man von der naturwissenschaftlichen Erblichkeit nicht sagen kann. Im Mutterleibe ist das neue Leben von der leiblichen Beschaffenheit der Mutter unmittelbar, von der geistigen mittelbar abhängig. Nun halte man fest, daß ein Lebcnwesen in seiner embryonalen Entwicklung für äußere Einflüsse äußerst empfänglich ist; ferner bedenke man, daß gerade die feinsten leiblichen Organe, die Nerven, in ihrer Gesammtheit, besonders das Gehirn, zu ihrer gesunden Bildung und Erhaltung der besten Ernährung bedürfen: welch' weiter Einfluß auf das neue Leben, mag dasselbe in seiner Setzung noch so gesund gewesen sein, von Seiten des mütterlichen Organismus und in zweiter Linie von dessen Umgebung im engeren und weiteren Sinne eröffnet sich da? Außerhalb des Mutterleibes verringern sich die Einflüsse auf das junge Leben nicht nur nicht, sondern mehren und verstärken sich. Der Einfluß der Mutter dauert fort, und die Einwirkungen, die das Kind bis jetzt Mittelbar durch die Mutter erfuhr, erleidet es jetzt vielfach, ja in den meisten Fällen unmittelbar. Man braucht keine Erblichkeit, die Ansteckung reicht zur Belastung des zarten, empfänglichen jungen Organismus hinreichend aus. Ich will die Sache nicht zu weit ausmalen, sondern nur auf zwei Punkte noch verweisen. Nach meiner Anschauung erklärt sich sehr einfach, warum die fälschlich behauptete Erblichkeit häufig Generationen zu überspringen scheint, und warum von einem und demselben Elternpaare vielfach belastete und unbelastete Kinder 275 stammen. Auf den zarten, empfänglichen kindlichen Organismus vermag jedenfalls auch eine dem ärztlichen und noch mehr dem Laienauge verborgene vorübergehende Krankheit der Eltern ansteckend zu wirken, besonders wenn äußere Bedingungen hiezu beitragen. Es hat z. B. fast jeder Mensch (o/,o der Gestorbenen) Tuberkeln. Aber diese zeigen sozusagen ein Streben nach Heilung, wenn diese nicht durch äußere Einflüsse gehemmt oder unmöglich gemacht wird. Es können unter besonders günstigen Umständen die Eltern oder eines von beiden mit einer Krankheit behaftet sein und doch das Kind nicht anstecken; die faktische Ansteckung des Kindes braucht nicht von den Eltern herzurühren. So sehr ich daher auch von meinem Standpunkte aus zur Erzeugung eines allseitig gesunden Geschlechtes die allseitige Gesundheit der Eltern betonen muß, so halte ich doch eine unbedingte Uebertragbarkeit (Erblichkeit) ausgeschlossen und glaube, daß unter entsprechender Vorsicht und unter Anwendung der rechten Mittel auch von kränklichen Eltern gesunde Kinder stammen können. Worin diese Mittel hauptsächlich bestehen, werden wir weiter unten sehen. Werden die schädlichen äußeren Einflüsse durch nichts gehemmt, können sie ihre volle Wirksamkeit entfalten, dann vermögen sie ein an sich ganz gesundes Leben in seinen ersten Stadien gavz oder theilweise zu verderben. Die genaue Periodicität der behaupteten Erblichkeit hat zudem noch niemand festgestellt, sie wird einfach im allgemeinen angenommen, über ihren Verlauf im einzelnen schweigt man sich aus oder gibt eine Art Regellosigkeit derselben zu. — Nach meiner Anschauung läßt sich sogar die Uebertragung der primären Verrücktheit, bei der doch jede Vererbung im eigentlichen Sinne von Hause aus ausgeschlossen ist, ganz gut erklären. Ich finde die primäre Verrücktheit darin, daß zwar die Organe an sich gesund sind, aber in verkehrter Weise gebraucht werden. Da nun die Seele des Menschen als geschaffener Geist niederer Ordnung bedingt ist, und zwar sowohl in ihrer Ausbildung überhaupt als auch hinsichtlich der scientifischen, moralischen und socialen Richtung, so kann ich es mir ganz gut erklären, daß ein Kind, welches im Hause unter dem beständigen Einflüsse eines Menschen mit nach irgend einer Beziehung abnormer Geistesrichtung steht, sich in diese Richtung allmählig sozusagen hineinlebt. Nervöse Eltern machen ihre Kinder nervös, mögen diese von Natur aus noch so gesund sein. Ja die Erfahrung geht noch weiter: Nervöse Lehrer beeinflussen ihre Schüler; selbst in höheren Erziehungsanstalten, wo es sich um Candi- daten im Anfang der zwanziger Jahre, also im Stadium der Vollendung der körperlichen Ausbildung handelt, kann der nervöse Vorstand seine Untergebenen anstecken, insbesondere wenn er beliebt ist und als allseitiges Muster der Nachahmung gilt. Den tieferen Grund dieser Uebertragung erkennen wir, wenn wir das fast einzige Mittel zu ihrer Verhinderung näher in's Auge fassen. Dieses Mittel ist einfach möglichster Wechsel. Das Gesetz des Wechsels, der Differenz, zieht sich durch das gesammte organische Leben, den Menschen mit eingeschlossen, hindurch, reicht sogar hinauf bis zur geistigen Thätigkeit des Menschen. Es läßt sich zwar nicht als Grundgesetz aufstellen, aber es ist ein sekundäres Gesetz von weitesttragender Bedeutung. Bleiben wir beim Menschen stehen! Es beherrscht seine Nahrung (auch die beste wird zum Ekel bei beständiger Wiederholung), seine Vergnügungen und Erholungen, seine Sinnenthätigkeit (einförmige, dauernde oder sich ständig wiederholende Reize stumpfen ab und werden zuletzt ganz wirkungslos), seine geistige Thätigkeit (dauernde Einseitigkeit derselben bewirkt bleibende Einseitigkeit, stumpft das Interesse und die Empfänglichkeit für anderes ab, macht pedantisch und stört die geistige Harmonie), ja sogar den Wechsel selbst. Wird dieser beständig, wird er zur Ruhelosigkeit, ist er nicht compeusirt durch ein Moment der Ruhe und Stabilität, dann stumpft er ebenfalls ab und führt zur Blastrtheit oder auch zu nervöser Ueberreizung Wie eine kränkliche Pflanze durch Versetzung an einer neuen Standort sich vielfach erholt, so auch der Mensch durch den Wechsel. Darum wechselt der Arzt mit der Arznei und der Nahrung, ja wo es sein kann mit dem Aufenthaltsort seines Patienten. Aus ihrem Nomadenleben, also aus dem beständigen Wechsel, erkläre ich mir die Erhaltung der Kraft der Urväter trotz der Heirathen innerhalb derselben Familie. Man beachte sogar, wie im Laufe der Zeit sogar die Natur selbst (um diesen einmal gebräuchlichen Ausdruck beizubehalten) für die Aenderung in der Nahrung sorgt. Die altbaperische Bevölkerung hält sich heute viel weniger an die Ernährung von fetten Mehlspeisen wie vor 30 Jahren. Man weist, um das Verderbliche der Heirathen in zu eng gezogenen Kreisen nachzuweisen, gewöhnlich auf die höheren Gefellschasts- schichten hin. Aber selbst diesen Hinweis kaun ich nicht voll gelten lassen. Ich glaube nämlich, daß die Ver- derblichkeit solcher Heirathen in den höheren Gesellschaftsschichten sich noch viel mehr geltend machen würde, wenn nicht denselben der weiteste und ausgiebigste Gebrauch des Wechsels in den verschiedensten Beziehungen hinsichtlich der Ernährung, des Aufenthaltes, der Beschäftigung u. s. w. zu Gebote stünde. Ich bin der Ansicht, daß sich diese Verderblichkeit in den tieferen Schichten eben wegen der Unmöglichkeit des Wechsels thatsächlich noch weit mehr geltend macht, als in den höheren. Der thatsächliche Zustand entzieht sich hier wegen der Schwierigkeit, um nicht zu sagen Unmöglichkeit der statistischen Zusammenstellung unserer auch nur einigermaßen genauen und sicheren Erkenntniß. Ich komme also auch von meiner Anschauung aus zur Forderung einer möglichsten Ausdehnung der gegenseitigen Heirathsbezirke; ich möchte dieselben nicht bloß auf die verschiedenen Stämme und Völkerschaften eines Landes, sondern, soweit es ohne sonstige Nachtheile geschehen kann, über die verschiedenen Nationen ausgedehnt und selbst da noch einen bestimmten Wechsel eingehalten wissen. Neben dem eigentlichen Zwecke würde sich gewiß noch eine ganze Reihe moralischer, socialer und politischer Vortheile ergeben. Die Quintessenz meiner Anschauung möchte ich dahin zusammenfassen, daß sie die entsprechenden Thatsachen hinreichend erklärt, den wissenschaftlichen Anforderungen vollständig genügt und dazu den Trost einer verhältniß- mäßig leichten und vollständigen Heilbarkeit der etwa vorhandenen Belastung gewährt. Auf einen Punkt muß ich schließlich noch aufmerksam machen: Etwa vorhandene geistige Abnormität wird vielfach nicht früh genug beachtet, und wenn dieses, vielfach vernachlässigt und durch das Benehmen der Umgebung, sei eS durch Mißbrauch zu Scherzen, sei es durch abstoßende Zurückhaltung, gesteigert, anstatt gemindert. Frühzeitige Versetzung in eine andere Umgebung ist in der Regel sowohl in materiell-leiblicher als in geistig-persönlicher Beziehung die Grundbedingung einer sicher zu erhoffenden Heilung. 276 Der Nimbus. (Schluß.) I>. L. ES fand sich also in dem zuletzt erörterten Punkt kein Gegensatz im Christenthum mit heidnischen Anschauungen, der eine Ablehnung des Gebrauches des Nimbus verlangt hätte. Falsch ist demnach, wenn Krenser schreibt:") „Um heilige Personen von anderen zu unterscheiden, verfiel die christliche Kunst — vielleicht schon in ihrem Anfang — darauf, als unterscheidendes Merkmal den Heiligenschein beizugeben", oder wenn Menzel") in seiner Symbolik vom Nimbus sagt: „Ganz andere Bedeutung wie bei den Heiden, wo er die Sonnenscheibe vorstellt, hat der Nimbus bei den Christen. Hier drückt er die Macht des Geistigen im Leiblichen aus, die den Leib gleichsam überfluthet und über ihn hinausstrahlt." Der heidnische Nimbus stellt ebensowenig die Sonnenscheibe vor — denn wie kämen Pluton und Hekate zur Sonnenscheibe — als in den christlichen Darstellungen der ersten Zeit der nicht etwa dem Heiland, sondern dem richtenden Herodes gegebene Nimbus die überfluthende Macht des Geistigen im Leiblichen bedeutet. Auch wenn Herradis") sagt: Lumina, csuus oiroo. oaputi sauotorum in inocluin virouli äöxin§untur äogi'Avant guoci luvrivs astsrvi Zploväoris oorovati lruuvtnr. lä oiroo voro soouväum tormarv rotunäi souti xivAuvtur c^uia clivina xrotootious ut Konto nnininntnr; so ist das zwar vom späteren Standpunkt aus eine sehr schöne Symbolik, aber die, welche den Nimbus erfanden, und auch die christlichen Künstler, welche ihn zuerst anwendeten, wußten von alledem nichts. Auch hat er in christlichen Darstellungen zunächst nicht die Bedeutung der Göttlichkeit, sondern ist Zeichen der Macht und Jurisdiction, der 2laiostg,3 iivporialis. In diesem Sinne hat Herodes und der Kaiser Justinian den Nimbus. Gebräuchlich wurde die Anwendung des Nimbus erst in der Zeit Constantins. Vereinzelt findet er sich aus Goldgläsern aus dem 3. Säculum. Insbesondere ist es der wunderwirkende Heiland, der mit dem Nimbus ausgezeichnet ist. So bei der Heilung des Gichtbrüchigen, der Brodvermehrung u. dgl. Besondere Erwähnung verdient auch eine Darstellung aus dem Cömeterinm des hl. Petrus und Marcellinus.") Ein Lamm trägt auf dem Rücken das die hl. Eucharistie symbolisircnde Milchgefäß, welches mit einem Nimbus umgeben ist. Sehr früh erhielten auch schon die evangelischen Thiere den Nimbus, sei es, um sie dadurch als religiöse Bilder zu kennzeichnen, sei es, weil man darin im heidnischen Vogel Phönix ein Vorbild fand. Interessant ist auch, daß die Gnostiker den Nimbus sehr viel verwendeten, so z. B. in der Darstellung der ägyptischen Schlangengottheit Kneph.") Innerhalb des Christenthums ging die morgen- ländische und abendländische Kirche im Gebrauch des Nimbus gar bald auseinander. Erstere schrieb nämlich ihren Künstlern die Verwendung des Nimbus nicht nur für alle Heiligen, auch die des alten Bundes, sondern auch für alles Ueberirdische, also auch für das Dämonische vor. Der kleinliche byzantische Hofgeist aber machte sich ") Kreuscr, der christl. Kircbcnbau. II, 87. ») Menzel. Symbolik. II. 159 sf. ") Otte, Handbuch d. Kunstarchäol. I, 550. ") De Waal in Kraus' Realencyclop II, 497. ") Stephane l. o. darin geltend, daß man den Nimbus je nach Rang und Würde des Heiligen in verschiedenen Farben malte. Auf Judas entfällt Hiebei ein schwarzer Nimbus.") Im Abendland dagegen wurde der Nimbus immer mehr zum eigentlichen Heiligenschein. Freilich findet sich auch in einer Miniatur aus dem 10. Säculum der Teufel mit dem Nimbus. De Waal möchte hierin eine Ironie erblicken.") Es scheint aber näher zu liegen, der Zeichner habe damit die Macht des Höllenfürsten ausdrücken wollen. Vielleicht dachte er keines von beiden und ahmte einfach ein byzantinisches Vorbild nach. Kleinere Verschiedenheiten und Unterscheidungen bildeten sich indessen auch im Abendlande aus. So kommt der dreieckige Nimbus ausschließlich Gott dem Vater, der mit dem Labaron geschmückte Gott Sohn, der mit einem einbeschriebenen Kreuze Gott Sohn und dem hl. Geist, niemals aber einem Heiligen zu. Die Mutter Gottes und der hl. Johannes Nepomuk haben einen aus Sternen zusammengesetzten Nimbus, erstere als Ltolla Llaris, letzterer, weil über seinem Leichnam in der Moldau sieben Sterne sichtbar gewesen sein sollen. Bis zum 12. Säculum war der Nimbus eine feine Kreislinie, im 12. und 13. wurde er dicker und schwerer; im 14. und 15. pflegte man ihm den Namen des betr. Heiligen einzuschreiben, im 16. wurde er so grob und schwer,") daß er „wie ein Mühlstein auf dem Haupte lastet". In Italien umgab man die Figur Christi und der Muttergottes häufig mit einem mandelförmigen Strahlenkranz, rvaväorla genannt. Dieser Gebrauch verpflanzte sich auch nach Deutschland, wo man in der Form der manäorlg, die eines Fisches, des Symboles Christi, erblickte.") Statt der strengen Form des Nimbus und Strahlenkranzes verwendete die sich von steifen Formen immer mehr befreiende Malerei der Renaissance verschwommene Lichtschimmer, Regenbogen, Glorien auS lichten Wolken, Tauben oder Engclsköpfen, unterließ es auch manchmal ganz den Heiligenschein beizugeben und suchte den übernatürlichen Charakter besonders im Gesichtsausdruck darzuthun. Die neueste Malerei verschmäht den Nimbus keineswegs, und es ist wohl nicht zu viel behauptet, wenn man sagt, daß sie ihn manchmal gar nöthig hat, da sonst niemand in diesem oder jenem Bild einen Heiligen suchen würde, wenn uns nicht der bei- gegebene Nimbus mit Gewalt diese Vorstellung aufdrängen würde. Um das im Vorausgehenden versuchte Bild von der Bedeutung und Anwendung des Nimbus zu vervollständigen, erübrigt uns nur noch, den Gebrauch desselben bei noch lebenden Personen kurz ins Auge zu fassen. Ein solcher Gebrauch entstand erst in der späteren römischen Kaiscrzeit. Ein indoskythischer Fürst Namens Oerki soll der erste gewesen sein, der sich mit dem Nimbus darstellen ließ?") Später galt er dann ganz allgemein als unerläßliches Attribut der königlichen Würde. In Georgien hat sich noch im 17. Säculum der Scha Abbas mit dem Nimbus malen lassen?') Auch das Christenthum gestand lebenden Personen den Nimbus zu. Aber es gab denen, die „den Kampf noch nicht gekämpft, den Lauf noch nicht vollendet und ">) Menzel l. o. II, 159. ") Kraus 1. o. ") Otte I. o. 551. ") Kreuscr I. o. I, 742. i°) Stephan! I. «r. 360. «) Stephan! I. o. 360. 277 die Krone der Gerechtigkeit noch nicht empfangen hatten", nicht den Nimbus in Form der die Ewigkeit, Vollendung und Vollkommenheit symbolisirenden Kreislinie, sondern in Gestalt eines Vierecks, was man dann wohl mit Durandus mit den vier Cardinaltugenden in Verbindung bringen mag. So zeigt uns eine Miniatur aus Monte Cassino den hl. Benedikt mit dem runden, den Abt von Monte Cassino mit dem viereckigen Nimbus.^) Doch den Menschen war es nicht genug, sich mit dem Nimbus vor oder nach dem Tode bildlich darstellen zu lassen, die Herrscher der Erde wollten auch selbst im Leben ein an die Göttlichkeit erinnerndes Abzeichen tragen. Da nun Nimbus und Strahlenkranz hiezu äußerst unpraktisch waren, sammelte man die Strahlen senkrecht stehend auf einem Band oder Reif und hatte so die Strahlenkrone. Auch diese ist griechische Erfindung aus der Zeit Alexanders des Großen. Dadurch, daß man diese Strahlenzinken keilförmig, kürzer und nach auswärts gebogen machte, entstand dann die Zackenkrone. Außer den Herrschern trug auch der Opfernde eine solche Krone, da ja das Opfer eine eigentlich königliche Handlung war. Cäsar trug sie im Theater, Nero ließ sich auf Münzen zuerst damit darstellen?«) Nach Augustus finden wir sie auch statt des Nimbus für Götterbilder verwendet. Wohl zu unterscheiden sind natürlich davon die Kronen von der Form der päpstlichen. Sie stammen alle von der persischen Tiara, welche eine wirkliche cylinder- förmige Kopfbedeckung war, die allerdings oben auch kurze, stumpfe Zacken oder Niesen hatte. Aber diese sollten keineswegs Lichtstrahlen vorstellen, sondern waren aus der Anschauung des Pflanzenreiches entnommen.^) Wir haben nun im Vorausgehenden gesehen, daß daS Christenthum den Heiligenschein, so christlich er uns vorkommt, nicht erfunden, sondern vielmehr vom Heiden- thum herübergenommen hat. Es war dies möglich, weil sich in diesem Punkt Heidenthum und Christenthum nicht feindlich gegenüberstanden, sondern im allgemein Menschlichen sich die Hand reichten. Denn überall, wo wir den Nimbus treffen, im Heidenthum wie im Christenthum, in alter und neuer Zeit, ist er der unwillkürliche Ausdruck des gemeinsamen und allgemein menschlichen Bewußtseins, daß etwas Höheres, als das Materielle, in uns wohnt, er ist der Ausdruck des allgemeinen Wunsches nach Vergeistigung und Vergöttlichung, er ist, möchte ich sagen, die bildliche Darstellung der Idee des Geistigen und Unsterblichen. Die socialistische Staatsidee beleuchtet durch Thomas von Aquin. ä. V. I«. Bekanntlich lieben es socialistische Redner und Schriftsteller sich in ihren Ausführungen auf Stellen aus den Werken des Aquinaten zu berufen. Einerseits bezwecken sie dadurch, die Ansicht zu begründen, der von uns Katholiken so sehr gefeierte Kirchenlehrer sei ihren Theorien nicht fremd; anderseits aber wollen sie so auch darthun, wie wenig das Christenthum im Stande gewesen, die einseitigsten Uebertreibungen des sogenannten Klasiensystems zu unterdrücken. Demgegenüber ist es gewiß ganz zeitgemäß, wenn der, auch den aufmerksamen Lesern unserer Beilage, als gründlicher Thomas- kenner wohlbekannte, äußerst rührige Dr. CeslauS ") Kraus l. v. 498. Stephani I. v. 360. ") Stephani l. o. 360. Maria Schneider unter obigem Titel in eigenem Schriftchen (S. 98, 8", Paderborn 1894, Bonifatius-Druckerei) den Mißbrauch des HI. Thomas seitens der Socialisten brandmarkt. Eingehend weist der gelehrte Herr Verfasser nach, und zwar durch ausführlichere Darlegung der Lehre des Aquinaten selbst, daß alle derartigen, socialistischerfeits gebrachten Belegstellen gemäß der ganzen Anschauung des hl. Thomas von vornherein entweder durchaus auf Fälschung beruhen, oder auf Unkenniniß der von ihm gebrauchten Ausdrücke, oder endlich auf der Loslösung einzelner Sätze aus dem Zusammenhange. Die einschlägige Lehre des hl. Thomas enthält zudem, auch abgesehen von den augenblicklichen Angriffen auf dieselbe, so viel wirklich Nützliches und Fruchtbringendes auf socialem Gebiete, daß sich auch darum eine genauere Wiedergabe überaus empfiehlt. Der Aquinate läßt einzig die Vernunft sprechen. Was die reine Vernunft über die menschliche Gesellschaft und deren Beschaffenheit sagt, das untersucht Thomas. Nur durchaus stichhaltige Gründe sollen gelten, und zwar Vernunftgründe. Deshalb hat auch der Verfasser gerade die Politik des hl. Thomas, d. h. dessen Erklärungen zu dem entsprechenden Buche des Aristoteles, zu Grunde gelegt, und nicht die Summa oder dessen Schrift äs re§iinins xrinoixum. Da kann sich jeder, schon durch die äußere Gestalt eines Comwentars zu Aristoteles, überzeugen, daß hier in keiner Weise die Offenbarung maßgebend ist, sondern die reine Stimme der natürlichen Vernunft, wie sie in allen Menschen wiedertönt, welche nur ernst auf sie achten wollen. Daraus folgt ein weiterer Vorzug, welcher die Darlegungen des hl. Thomas auszeichnet und, zumal für unsere Zeit, recht praktisch macht. Thomas stellt sich auf rein natürlichen Boden. So breitet sich denn gar leicht vor unsern Augen das weite Gebiet aus, auf welchem das positive Gesetz die Natur zu vollenden berufen ist. Der Hauptzweck vorliegender Schrift ist, besonders in den für die gesellschaftliche Ordnung unserer Tage wichtigen Punkten, die sichere Lehre des berühmten Fürsten der Scholastik klar vorzulegen. Keine verknöcherte Staatsordnung wird von St. Thomas vertheidigt. Das Gute in unsern heutigen Staatengebilden hebt er vielmehr schon nachdrücklich hervor. Auch schält er los den gesunden Kern in den Bestrebungen des Socialismus, soweit dieser nicht eine Sekte sein, sondern das geordnete Zusammenleben der Menschen befördern will. Nach einer Einleitung über den Zweck der staatlichen Ordnung werden in 4 Kapiteln der Reihe nach behandelt: die zwei Hauptklassen im Staate, die Erwerbsquellen, die Familie, Widerlegung des Com munismus. Zuerst wird in jedem Kapitel der entsprechende Text aus Thomas vorgelegt und daran gelegentliche Bemerkungen und Vergleiche angeschlossen. — Vor allem betont St. Thomas die natürlichen Prinzipien des staatlichen Zusammenlebens. Natur ist ihm nie das voll genügende Prinzip für das einzelne Sein und Wirken. In der heutigen Redeweise deckt der Ausdruck „Natur" alle Verlegenheiten. Jeder gebraucht ihn deshalb, wie es ihm gerade paßt. Bei Thomas ist deutlich ausgedrückt, wie sich jemand bei Behandlung socialer Fragen auf die Natur berufen kann. Sie ist das Gemeinsame in allen Menschen. Neben der Natur unterscheidet Thomas im Menschen noch ein anderes Element: jenes, durch welches der Einzelne unter die Natur hinab- sinken oder über dieselbe sich erheben kann, insofern er s durch seine frei wirkende Vernunft die Natur mißbraucht oder über das gewöhnliche Maß hinaus vollendet. Das ist durchaus festzuhalten. Weder Thomas noch Aristoteles will das Individuum im Staate aufgehen lassen. Eine Staatsallmacht ist den Ideen beider fremd. Der Staat ist ihnen vielmehr nur insofern Zweck der einzelnen Menschen und berufen, allseitig den menschlichen Nöthen zu genügen, als die Menschen durch die Natur zu einander gehören und einander bedürfen. Soweit jeder Mensch kraft seines vernünftigen Geistes selbständig ist, hat der Staat seinen Zweck im einzelnen Menschen: er soll ihn nämlich zur Tugend erziehen und damit dem endgiltigen Wohle jedes Einzelnen dienen. Das socialistische System ist keineswegs etwas Neues. Sein Grundgesetz mit den unvermeidlichen Folgen wird bereits von Aristoteles bekämpft. Dieses Grundgesetz heißt: Im Staate sind nur Individuen. Jede? derselben hat durchaus das gleiche Recht. Das Haus ist ein kleiner Staat, der Staat ist ein großes Haus oder eine große Gemeinde. Nur die Zahl macht da einen Unterschied. Demgegenüber stellt St. Thomas nach Aristoteles fest, daß Haus, Gemeinde, Staat von Natur dem Wesen nach von einander geschieden sind. Damit aber werden zugleich die Grundelemente für das organisch gegliederte Staatsganze gekennzeichnet. Die Zahl macht ja nicht wesentlich die Familie aus, sondern Mann und Gattin, Herr und Knecht, von denen jedes Glied von Natur die ihm eigene Bedeutung hat, und zwar gemäß den entsprechenden natürlichen Aufgaben, sowie nach dem Grade der Vernunft in den verschiedenen. Besonders ist hervorzuheben die Stellung, welche Thomas dem Weibe zuweist. Die Frau gehört tn die Familie. Sie ist vor allem berufen, die ersten Schritte des heranzubildenden Geistes im Kinde zu leiten. Die Arbeit in der Haushaltung liegt der Frau von Natur ob; nicht die in der Fabrik oder dgl. Noch mehr widernatürlich ist es, die Frau in allen bürgerlichen oder politischen Angelegenheiten dem Manne gleichstellen zu wollen, als ob kein natürlicher Unterschied zwischen beiden bestände. Welche Mißstände letzterer Irrthum zeitigt, dafür bietet Amerika höchst traurige Beispiele. Mit vollem Rechte weist der Verfasser hin auf den allgemeinen Fehler in den socialpolitischen Werken und Gesetzen der Gegenwart. Dieser ist der Mangel an unumstößlich festen Prinzipien, auf welchen die Erörterungen der socialen Schäden aufgebaut werden. Es fehlt der Anschluß an die vergangenen Zeiten; die socialpolitische Wissenschaft als solche wird ausdrücklich als eine Frucht des neuzeitlichen Fortschrittes gepriesen. Für die Heilmittel, welche angegeben werden, ist mehr das Gefühl maßgebend, wie die nüchterne Vernunft. Daher der stete Wechsel in den Ansichten, die vielen Abänderungen der Gesetze. Gerade der Wesenscharakter der menschlichen Handlung wird fast durchweg übersehen. St. Thomas, wie Aristoteles, betont denselben scharf. Soll das Menschliche Handeln, mag es die einzelne Person oder die gesellschaftliche Ordnung zum nächsten Gegenstände haben, nützlich und heilsam sein, so muß eS der menschlichen Natur entsprechen. Das ist die feste Norm, nach welcher auch in socialpolitischen Fragen entschieden werden muß. Darum hebt auch Thomas als Kennzeichen eines naturgemäßen Lettens oft hervor, daß die Leitung auf beiden Seiten zum Besten gereiche: dem Leitenden und dem Untergebenen, der Seele und dem Leibe. Die socialen Gesetze und Erörterungen müssen demnach immer an diesem Probirsteine untersucht werden. Nur, wenn sie der geraden Linie entsprechen, haben sie Anspruch auf Dauer. Sie müssen das Ganze befördern und zugleich die Selbständigkeit des Einzelnen. Ein Staat ist umso stärker, in je größerem Maße ihm die gewaltigste Kraft im Bereiche des Geschöpf- lichen, die Vernunft, zu Gebote steht. Die naturgemäßen Principien der Gesellschaftslehre müssen wieder ganz und voll zur Geltung kommen, wenn es anders besser werden soll. Die natürliche Ordnung ist wieder einzuführen. Man muß allseitig gebührend Rücksicht nehmen auf die selbständige Stimme der Natur. — Betreffs der Erwerbsquellen wird sehr richtig und wichtig hervorgehoben, daß es Pflicht der staatlichen Gesetzgebung ist, die eigentlich und von Natur bedeutungsvollen Erwerbsquellen an unbedingt erster Stelle zu begünstigen. Die großen Massenccntren sind kein Vortheil für einen Staat, wohl aber ein blühender, nicht leicht beweglicher Bauernstand. Etwas weiter haben wir unsere Besprechung ausgedehnt, um dem Leser auch ein Urtheil über die Bedeutung unserer Schrift zu ermöglichen. Nebenbei machen wir auch aufmerksam auf die trefflichen Artikel desselben Verfassers: „Die Grundprincipien des heiligen Thomas und der moderne Socialismus" im trefflichen Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie (vgl. Beilage Nr. 24 v. 14. Juni l. I., Artikel: „Der heilige Thomas von Aquin und seine Lehre"). Wohlthuend berührt, wie in allen Arbeiten Schneiders, so auch in unserm Schriftchen und den erwähnten Artikeln, welche auch im Jahrgange 1894/95 fortgesetzt werden, der warme, überzeugnngs- volle Ton, welcher dieselben durchweht. Wir freuen uns schon auf das baldige Erscheinen der angekündeten Schrift über „Kirche und Staat". Dieselbe soll den eingehenden Nachweis liefern, was die kirchlich-christliche Gesetzgebung gethan hat, um der Natur im Menschen zu ihrem vollen Rechte zu verhelfen und dieselbe zu vollenden. Recensionen und Notizen. Weiß I. E., Scbnl- u. ExcursionSflora von Bayern. München-Leipzig, E. Wolfs, 1894. 8°. XI- -j- 520 S. M. 4.50 geb. Der nciturgeschicbtliche Unterricht ist erst in jüngster Zeit an den bayerischen Mittelschulen eingeführt worden, nur leider nicht in den oberen Klassen, sondern in den untere», wo der Verstand der Schüler hicfür noch viel zu unentwickelt ist, um einen Erfolg zu erzielen. An Hilfsmitteln, den Lehrstoff durch die Anschauung zu beleben, feblt es gewiß nicht; eines der besten ist die vorliegende Flora Bayerns, die dem jungen und alten Freunde der Pflanzenwelt die Möglichkeit gibt, jede im Königreich wild wachsende oder cnltivirte Pflanze selbst zuverlässig zu bestimmen. Sind die dunstigen Schulstuben geschlossen und ist die ersehnte Ferienzeit gekommen, dann wird dieses prächtige und bequeme Handbuch noch mehr dem im Grünen sich ergebenden Schüler zum trauten Freund und Begleiter werden. Doch, man glaube ja nicht, daß dieses Lob dem wissenschaftlichen Charakter des Buches zu nahe träte; im Gegentheil, auch der Fachmann wird bestätigen, daß die Flora den strengen Anforderungen der Wissenschaft gerecht wird, wenn sie auch einen bescheidenen Titel führt, welchen wir freilich mehr logisch gefaßt wünschen, denn „Schule" und „Excursion" sind doch nicht coordinirte Begriffe: das Wort „Schnlflora" ist in unseren Augen ein Monstrum von Sprachwidrigkeit; in der Schule ist ja keine andere Pflanze zu finden, als die -lAnornnti» xxrawiäalik«, Excnrsionen hingegen sollen Ausbeute an Pflanzen geben, die dann allerdings in die Schule zur Analyse gebracht werden können. Von Florenbüchcrn für Deutschland (und Bayern) kennen wir eine ziemliche Anzahl, keines aber ist so 279 vollständig in seiner Art und mit so peinlicher Gewissenhaftigkeit durchgearbeitet; die Ausstattung ist musterhaft, und wenn das Buch in unseren Schulen zur ofstciellen Einführung kommt, woran wir nicht zweifeln, so ist das nur recht und billig. Mit treffender Kürze und Sicherheit sind die Diagnosen aufgestellt; die deutschen Pflanzennamen, welche in jeder Gegend wechseln, sind botanisch ganz gleichgültig und haben höchstens mitunter für den Cultur- und Dialektforscher Werth; diese hätte also der Verfasser anzugeben sich ersparen können, um so mehr, da sie nicht immer die Verdeutschung deö lateinischen Kunstausdruckes wiedergeben. Daß der Acccnt angegeben ist, wird geschätzt werden, hört man ja selbst von Fachmännern die gräulichsten Betonungen der Wörter; die Methode der Accentbezcich- nung jedoch (nach dem Grundsatz S. IV) entspricht nicht dem Charakter der lateinischen Sprache, welche den Ton regelmäßig auf der vorletzten Silbe hat und ihn nur da, wo diese kurz rst, auf die drittletzte zurückschiebt; diesem Fundameutalgesctze zufolge wäre es am besten, nur vorletzte Silbenkürzcn mit dem Quantitätszeichen oder, was dasselbe ist, drittletzte Tonstellen mit dem Tonzeichenstrich zu versehen; alles andere ist Luxus. Manche Fehler haben wir indeß auch gesehen, und zwar sehr schlimme, so „6am- xunüla" (S. 291 statt „llampLnula"), oder „üximus" (S. 266 statt „opimus") u. st w. Die Durchsicht des BucheS von einem der lateinischen Sprache kundigen Corrector würde für die Zukunft solche Fehler vermeiden lassen. Doch auch die Sonne hat Flecken! _ Brockelmann Car., Iwxieon szwiaoum, praskatus ssd Xoslclslls. §aso. I (pp. 1—80). 4°. M. 4,00. Bcrolini, Reuther u. Neichard, 1894. 1. Sehen wir von der »Lidlia, bobraiea- ab, so ist unter allen semitischen Dialekten dem Theologen (Excgcten und Patro- logen) das Syrische weitaus der wichtigste, ja man darf sagen, die Kenntniß der syrischen Sprache ist ihm kaum entbehrlich, um so weniger, als gerade in neuerer Zeit die syrischen Studien einen großartigen Aufschwung genommen haben. Trotzdem sind die Mittel für das Erlernen der Sprache immer noch sehr mangelhaft, namentlich gebrach es an einem vcrlässigen Handwörterbuch, während sür das Studium des Arabischen überreiche Auswahl vorhanden ist. Das einzige vorhandene Lcxicon von I. D. Michaelis (1788) wurde bei den Antiguaren mit 60—70 Mark bezahlt, obwohl eS eine Menge Fehler ausweist und außerdem nur den biblischen Wortschatz bringt; der große »Miesaurrw 8^riaou8- von Smith (London, Clarendon Preß), schon 1879 begonnen, erweckt durchaus nicht das Vertrauen, daß das lebende Geschlecht noch seinen Abschluß sehen werde (bis jetzt ungefähr 2 /, in 8 Heften), außerdem wird er über 200 Shilling kosten; mit dem vorzüglichen »^1-IwbLb s. cliotionarium szwvarabiouiu- (4°, 2 voll. Fr. 60), das der Maronite Gabriel Cardahi in der Jesuitendruckerci zu Beyruth 1887—91 herausgab, ist doch nur gewiegten Kennern des Arabischen etwas gedient; nachdem sich auch das von der gleichen Druckerei angekündigte »vietionuairs sxriaguo-latin elassiqus« noch nicht geburtöreif erwiesen und wer weiß, wie lang noch »en prexaration- bleiben wird, muß die Herausgabe eines »Iwxieou sz-riaonm- durch obige Verlagsbuchhandlung als eine wahre Erlösung begrüßt werde», zumal wenn es, wie man hoffen darf, schleunig seiner Vollendung entgegen geht. Daß es ein sicherer Führer sein wird, dafür bürgt die empfehlende Einführung durch einen so gewiegten Syrologen, wic Nöldekc; die Abfassung in lateinischer Sprache schätzen wir als einen besonderen Vortheil. Das Buch, welches 10 Lieferungen (L 4 M.) umfassen soll, wird in erster Linie ein bequemes Hilfsmittel bei der Lektüre sein, aber auch dem Sprachforscher einen Ueberblick über den Sprachschatz ermögliche»; jede einzelne Bedeutung ist durch Citate belegt. Der Preis des Werkes beweist aber schon, daß es die Verlagshandlnng versteht, Capital auS der Noth zu schlagen. Das erste, uns vorliegende Heft (die ersten 4 Buchstaben dcS Alphabetes umfassend) ist uns ein honnm auAnrium, daß wir ein Monumentalwerk deutschen Fleißes und philologischer Gründlichkeit in ideal schöner Ausstattung haben werden; möge es doch bald vollständig vorliegen! Hoffmann (Luise Johanna), Seelenphotographien. Aufgenommen aus Predigten zu St. Hedwig in Berlin. Gehalten von Advent bis Ostern. Ein Theil des Reinertrages ist für die katholischen Kirchen Berlins bestimmt. Ratibor, Müntzberg. 8°. 61 S. Wir setzen zur Orientirung über Inhalt und Tendenz der Sammlung das „Vorwort" der Verfasserin hieher, gegenüber einer Dame und einem WohlthätigkeitSzweckc wollen Wir uns nicht der Unhöflichkcit eines kritschen Einspruches schuldig machen: „Die folgenden Gedichte, welche meine Gedanken aus den in der St. Hedwigskirche von Advent bis Ostern gehörten Predigten, ihrem Inhalte nach, wie in einer Photographie wiedergeben, sind von mir dem Hochwürdigcn Herrn Geistlichen Rath und Stadtpfarrer Hermann Schaffer, welchen Herrn ich aus dem schönen Werke „Für Treu und Glauben" hochschätzen gelernt habe, gewidmet. Der hochwürdige Herr Geistliche Rath steht, wenn auch persönlich unbekannt» nicht blos als Dichter, sondern auch als apostolischer Lebrer vor meiner Seele. Denn der Priester, welcher durch seine Predigten mir den Stoff zu den folgenden Gedichten geliefert, hat sich unter der Anleitung des Hochwürdigen Herrn Geistlichen Rathes ausgebildet. Ratibor war ja der erste Ort der Wirksamkeit des Hochwürdigen Herrn Kaplan Stephan Burek. Mögen diese Gedichte Manchen, die verhindert sind, eine Predigt zn hören, im Stande sein, dieselbe zeitweise zu ersetzen. Außerdem wird es dem Hochwürdigen Herrn Geistlichen Rath gewiß eine große Freude sein, durch diese Gedichte an eine Kirche erinnert zu werden, in welcher er zu seiner Zeit als Abgeordneter so oft das hl. Opfer dargebracht." Der heilige Sola. Ein historischer Versuch von Adam Hirschmann, Pfarrer. Jngolstadt, Ganghofer. 1 M. t. Am 3. Dezember l. Js. werden es 1100 Jahre, daß in Solnhofen der Gründer dieses durch seine Lithographicsteine weltberühmten Ortes, der hl. Einsiedler Sola, gestorben ist. Neben St. Willibald und Walburga ist er es, der für das Bisthum Eichstätt eine Persönlichkeit höchster Bedeutung ist. Zur Centcnarfeier erschien nun bei A. Gangbofer in Jngolstadt eine Schrift, aller Beachtung werth. Der Name des Hrn. Verfassers, dem wir in den historischen Jahrbüchern der Görres- qesellschast, im Katholik und in den hist.-politischen Blättern schon öfters begegneten, bürgt dafür, daß wir eS mit einer ernsten, wissenschaftlichen Arbeit zu thun haben. In drei Abschnitten bietet Herr Hirschmann, soweit dies die spärlich vorhandenen geschichtlichen Belege zulassen, ein Bild des Heiligen und seiner Stiftung. Zuerst eine sehr minutiöse Kritik der Quellen, dann das Leben des Heiligen und seine Gründung, endlich die Schicksale der letzteren sowie auch der Reliquien deS hl. Sola. Möge das 84 Seiten haltende Werkchen beitragen, daß sich recht bald am Grabe deö frommen Einsiedlers, daS jetzt ganz im Diaspora-Gebiete des Bisthums Eichstätt liegt, eine würdige Kapelle deö Heiligen erhebe! Die hochelegante altdeutsche Ausstattung der Schrift, in starkem Pergamentpapierumschlag» macht der Vcrlagsoffizin alle Ehre. Sie ist wirklich eine jubi- lare, glanzvolle. _ M- Meschler, 8. F., DaS Leben unseres Herrn Jesu Christi, des Sohnes Gottes, in Betrachtungen. III. Auflage. Mit einer Karte von Palästina zur Zeit Christi. Zwei Bände in 8°, XXVIII u. 1225 S. Preis M. 7,50, geb. in Halbfrz. mit Rothschn. M. 10,70. Freiburg i. Br.. 1894. Herder'sche Verlagshdlg. 8. Wenn angeführtes Werk mit zwei ziemlich dicken Bänden neben andern, in nicht gerade geringer Anzahl erschienenen Be- trachtungöbüchern innerhalb 4 Jahren 3 Auflagen erlebt, so ist dies selbst schon Empfehlung genug; aber zugleich ist es ein erfreulicher Beweis, daß in katholischen Kreisen das Verlangen nach wahrhaft gediegenen, Geist und Herz in gleicher Weise befriedigenden ascetischen Werken ein bedeutendes genannt werden kann. Daß wir es mit einem hervorragenden Werke zu thun haben, darin sind die zahlreichen Recensenten einig, und zum gleichen Urtheil muß kommen, wer das Buch zur Grundlage seiner Meditationen erwählt. Was den Werth des Werkes so besonders erhöht, ist dies, daß das Leben Jesu nicht bloß einzelne Punkte zu Betrachtungsstoffen hergeben muß, sondern daß das ganze Leben des Heilandes in historischem Zusammenhange praktisch exegetisirt und in seiner allseitigen Bedeutung sür das Leben ergründet und dem betrachtenden Geiste vorgeführt wird. Auf diese Weise wird eben die Person und das Charakterbild des Erlösers überaus Wirkungsreich und allseitig gezeichnet. Um dieser Aufgabe ganz zu genügen, hat Verfasser auch in einigen Betrachtungen daS Vorleben Jesu in der Ewigkeit und im Alten Testamente und dann noch sein Nachleben in der Kirche geschildert. Die Betrachtungen über das Leiden Jesu, an und für sich schon für solche Zwecke das Wirkungsvollste, möchten wir fast als den Glanzpunkt erklären. Die Sprache ist gewählt, des Stoffes sehr würdig, von hoher Ehrfurcht gegen den hl. Gegenstand eingegeben. Das tiefe Eindringen in die wunderbaren Geheimnisse der menschlichen Natur Jesu Christi veranlaßt den Verfasser oft zu den zartesten, herzlichsten Gedanken und Anmuthungen. Gebildeten Laien wüßten wir kein bessert 280 Betrachtungöbuch zu nennen. Daß Priester daraus für sich t und für andere großen Nutzen schöpfen können, sei nicht besonders hervorgehoben; aus diesem Werke werden sie lernen, zu predigen in den Worten der hl. Schrift, zu predigen Christum den Gekreuzigten. Ein alpbabetischcö Namen und Sachregister, sowie ein Verzcichniß der Sonn- und Festtazsevangelien erhöht die Brauchbarkeit des Werkes. V Einer Ihrer geschätzten Herrn Bücherrccensenten hat in Nr. 34 der BeilageJbres Blattes die „Kleine Grammatik der hebräischen Sprache" von Tbeod. Dreher in einer Weise kritisirt, die gewiß in den Kreisen, die Herrn Domcavi- tular vr- Th. Dreher, oder wenigstens seine Schriften näher kennen, peinliches Aufleben erregte. Wie, ein Mann von solchen Verdiensten, der 27 Jahre mit großem Erfolge im Hebräischen unterrichtete, der anerkannt ausgezeichnete Schriften (Katechesen, Abriß der Kirchengerichte u. s. w.) herausgegeben sollte mit einem Werke vor die Öffentlichkeit getreten sein, das man als „Rückschritt", als „Kleinkindergrammaiik" u. s. w. bezeichnen dürste?! Das erscheint schon von vornherein unglaublich. Wenn wir nun die Gründe dieses scharfen Urtheils näher in's Auge fassen, so sind sie alle anfechtbar. Das Buch wurde nicht zum Selbststudium geschrieben, sondern setzt des Lehrers Erklärung voraus und orientirt diesen durch die knappe Kürze weit rascher über die Punkte, die einer Erläuterung bedürfen. Ist dein Schüler dann das Nöthige gesagt, dann ist ihm bei seinen vielen Arbeiten an den jetzigen Gymnasien die kürzeste Fassung des zu Memorireudcn die liebste: er stößt sich wenig an dem „Telcgraphen-Chiffrc- Stil". Ebenso wenig wird ihn ein »sos« mitten im deutschen Text genircn; er geht ja nicht in den hebräischen Unterricht, um deutsch zu lernen. So aber hat der Verfasser die kürzeste, einfachste und allen verständliche Form gefunden, da sie sonst mit „sie (ms. 80 .)" gegeben werden müßte. Und nachdem einmal das Buch in deutscher Sprache erschienen ist, läßt sich darüber streiten, ob die Uebersetzungsstücke lateinisch zu geben seien oder nickt. Der Recensent findet manches kindisch, z. B. die Memorial- verse. Hätte er uns einige namentlich angeführt, so könnten wir ein Urtheil darüber bilden, ob diese Ansicht richtig ist. Doch im Allgemeinen die Memorialvcrse für Obergymnasisten verwerfen, halten wir für ungerechtfertigt. Lernen nickt selbst die Theologen an der Universität Mcmonalverse? Ich erinnere nur an die Ehehindernisse und die „fremden Sünden". Der Herr Verfasser wollte gewiß nicht eine Grammatik schreiben, die man nicht zu lernen braucht; er kennt aus langjähriger Erfahrung die Schwierigkeit des Hebräischen an sich so gut, wie der Herr Recensent. Gerade diese Schwierigkeit bewog den Verfasser, allen unnöthigen Ballast zu entfernen, damit der Scküler ganz eingetheilt seine Gedächtnißkraft dem Wesenilickcn widme. Und wo es gilt, etwas so Schwieriges, wie die hebräische Sprache, seinem Kopfe einzuprägen, bleibt dem Lernenden kein anderes Verfahren übrig, als das, welches das Kind auch anwenden muß; eS schadet aber dem jungen Studenten keineswegs, wenn ihm diese, allerdings demüthigende Wahrheit etwas zu Gemüthe geführt wird. Soglauben wir aus den Andeutungen des Hrn. Recensenten selbst das Fazit ziehen zu dürfen: Lehrer wie Schüler werden Hrn. Dr. Dreher Dank wissen für seine neueste Arbeit. Sie hat, nebenbei bemerkt, eben durch ihre Kürze auch einen Vorzug, der bei unseren kostspieligen Studien auch nicht zu unterschätzen ist: das Buch kostet nur 1,50 M-, während das vom Recensenten so gerühmte von Strack gebunden aus 5 M. zu stehen kommt. Endlich würden wir eS sehr bedauern, wenn wirklich diesmal sich der altbewährte Ruhm der Freiheit von Druckfehlern bei der Hcrder'schcn Offizin nickt erprobt hätte. — Möge trotz aller Hindernisse dieses neueste geistige Erzeugniß unseres allverehrten Lehrers dessen edle Ziele ebenso erfolgreich fördern, wie seine anderen hochverdienten Arbeiten. Ein dankbarer Schüler des Verfassers. Das Juliheft von „Kreuz und Schwert" (Münster i. W.) bringt das interessante Porträt Msgr.'s Le Roh, apostolischen VicarS von Gabun, zugleich den Beginn dessen Neise- herickts „Von Sansibar zum Kilimandscharo". Le Roh ist ein brillanter Erzähler; die Redaction hat einen guten Griff gethan, als sie dessen großes Reiscwcrk zum alleinigen Abdruck erwarb. Das gilt aber auch von der neuen Erzählung „Ghclla und Milo", deren Anfang hereits den Leser in ganz besonderer Weise fesselt. Außerdem bringt das Heft noch eine Reihe von Originalberichten auS den afrikanischen Missionen, den halbjährigen VerwaltungSbcricht des Afrika-VercinS u. s. w. Da mit Juli ein neues Abonnement begonnen hat, so möge man eine Bestellung nicht aufschieben. Der Preis ist 75 Pf. halbjährlich bei jeder Post und Buchhandlung, 90 Pf. bei directer portofreier Zusendung. Probehefte stellt der Herausgeber (Redacteur W. Helmes in Münster i. W.) gern zur Verfügung. Alban Stolz, Legende oder der christliche Sternhimmel. X. Auflage. Freiburg i. Br., 1694. Hcr- dcr'sche VerlngShandtung. L. Vollständig in 10 Heften L 60 Pf. erschienen. DaS 2. Heft reichend bis 18. März. Dr. Hcrm. Rolfus, Kirchengeschichte für die kath. Familie bearbeitet. III. Auflage. Vollständig in 18 Heften ä 50 Pf. Freiburg i. Br., 1894. L. Erschienen daS 2. Heft mit reichem Bilderschmuck, noch die Missionsreisen des hl- Paulus behandelnd. Die Romanwelt. Zeitschrift für die erzählende Literatur aller Völker. Stuttgart, Cotta. Heft 27—39. Wir haben uns über den Charakter dieser Zeitschrist schon eingehend geäußert in der „Beilage" Nr. 52 vom 28. Dezbr. vor. Js. und Heuer in Nr. 26 vom 29. Juni. Heute obliegt eS uns, die Leser der „Beilage" mit den bedeutsamsten Erscheinungen in den oben bez. Heften bekannt zu machen. Im Vordergründe stehen diesmal 2 ausländische Autoren : Emilio de Marcdi, ein Mitglied der jung italienischen Dichterschulc, mit einem scharfsinnigen Kriminalroman „Don Cirillos Hut" — nur daß der Genuß an der Lek'üre durch naturalistische Uebertreibungen im Stil und die Tendenz, alles Kirchliche ironisch zu bebandel», ziemlich geschmälert wird —- und Paul Lourgct, der Meister des französ. psychologischen RomanS, mit seinem Werke „Das gelobte Land" (übers. von C. Hcckcr), das wegen seiner klassischen Diktion, seiner spannenden Analyse, seiner lebensvollen Seelenmalerei und seiner edlen Tendenz mir Recht gerühmt zu werden verdient. Zwei kleinere Arbeiten von der als geistreiche Erzählerin bekannten Frau Marie von Ebner-Eschenback „Das Schädliche"— doch wollen wir im Gegensatz zu der Redaktion der Roman- welt zum Vortheile der Dichterin dafür halten, daß sie durch die Erzählung nicht schon „aus der Höhe ihrer Schaffenskraft" sich zeigt — und eine flott und fesselnd geschriebene Geschichte aus den Kriegstagcn d. I. 1870 von Alexander Baron Roberts „Die Generalin", nebenher die lebendige Erzählung „Der Kriegecorreipondent" von dem gefeierten russischen Maler W. W. Weresckagin (Zeit des letzten russ.-türk. Krieges) und ein reiches „Feuilleton" machen den Inhalt der erwähnten Hefte zu einem mannigfaltigen. Daß das Unternehmen nicht für die „reifere Jugend" sich schickt uno schicken will, haben wir in den genannten Nummern der „Beilage" bereits betont. Der heilige Wolfgang. Gedenkblätter zum 900jährigen Todestage des Patrons der Diözese Negensburg. Von einem Priester des Bisthums. 8°. 40 S. Preis broch. 30 Pf. Die Diözese Regensburg rüstet sich in diesem Jahre das Fest ihres heiligen BisthumSpatroneS in besonders würdiger und feierlicher Weise zu begehen. Am 31. Oktober sind es nämlich gerade 900 Jahre, daß der heilige Wolfgang nach einem glorreichen und ruhmvolle» Wirken aus dieser Zeilsichkcit hinüber gegangen ist. Nicht blos für Regensburg, sondern auch für die Diözese Prag, wie auch für Rcichenau, Einsiedeln, Trier rc. ist dieses Fest ein wichtiger Gedenktag. Eingehend hierüber belehrt uns eine Schrift, die aus Anlaß des 900jährigen Jubiläums im Verlage von H. Böes in Amberg erschienen ist, und die das ganze Leben des Heiligen, von seiner Geburt auf dem Schlosse Ahalm im Schwabenlande bis zu seinem seligen Tode, behandelt. Wir begleiten da den Heiligen auf seinem Zuge nach Ungarn, um dort den heidnischen Völkern den christlichen Glauben zu verkünden, wir bewundern ihn in seinem Eifer für Errichtung des Bisthums Prag, wie nicht minder in seiner reformatoriscbcn Thätigkeit für die Klöster St. Emmeram, Ober- und Niedermünster in RegenSburg. Genaue Erörterung findet hier auch das Verhältniß deS heiligen Wolfgang zur bayerischen Herrscherfamilie, sein Aufenthalt am Abersee in Oesterreich, sein heiliger Tod, sowie die Gnadenerweisungen, welche Gott nach seinem Tode gewirkt bat. Die ganze Schrift baut sich auf wissenschaftlicher Grundlage auf, ist übersichtlich und klar geschrieben, und in diesem Sinne eine Volksschrist, die wir Allen aufs beste empfehlen wollen. Das Werkchen ist durch alle Buchhandlungen zu beziehen, in Amberg durch H. Böes' Verlag. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Nr. 36 6. Zeptbr. 1894. Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst. Jahresmappe. Wenn die Vereinsgabe des Vorjahres schon durch» schlagenden Erfolg erzielte, so daß Blatter aller Richtungen sich lobend und anerkennend über die Publikation äußerten, so darf Heuer die Gesellschaft in Rücksicht auf ihre neueste Publikation siegesgewiß in den Wettstreit mit allen derartigen Unternehmungen eintreten. Die Organisation der Gesellschaft, die Jurywahl insbesondere verbürgten, daß etwas Tüchtiges geleistet würde, aber auch die Erwartungen begeisterter Freunde des Unternehmens wurden übertroffen. Schon der Umfang der Publikation konnte wieder um ein Bedeutendes erweitert werden. Es sind darin zwar nur 10 Tofeln, gegen 12 Tafeln des vorjährigen Heftes, dafür aber im Texte noch 12 Illustrationen. Gerade letzterer Umstand ist besonders zu. begrüßen. Es ist dadurch das instruktive Moment der Mappe besser ins Licht gerückt und hat zugleich der Gesammteindruck der Mappe auch mit Rücksicht auf die Anordnung und elegante Ausstattung des Textes wesentlich gewonnen. Schon beim Aufschlagen der Mappe tritt uns also ein Fortschritt entgegen, und ist hier die mühsame Thätigkeit des ersten Schriftführers, Herrn Inspektors S. Staud- hamer, der wohl hierauf zunächst einwirkte und aus dessen Feder der ausführliche, fleißig ausgearbeitete Text stammt, in rühmender Weise zu erwähnen. An der Spitze des Textes ist auf einem eigenen Widmungsblatte die „ebenso erfreuliche als aufmunternde Thatsache" verzeichnet: „Seine Königliche Hoheit der Prinz-RegentLuitpold von Bayern, an welchem die Kunst gleich allen idealen Bestrebungen einen unermüdlichen und weisen Förderer besitzt, hat die deutsche Gesellschaft für christliche Kunst mit seinem Beitritt beehrt." Somit erscheint die heurige Mappe auch als eine bescheidene Huldigung an den erhabenen Protektor der Münchener Kunst. Im Folgenden erhalten wir sodann einen Commentar zu den einzelnen Reproduktionen, Aufschlüsse über Lebensverhältnisse und Thätigkeit der Schöpfer der abgebildeten Werke, theils Neues, theils eine Ergänzung der Notizen in der vorjährigen Mappe bietend. Reizende Tert- illustrationen erläutern das Gesagte noch deutlicher. Wir können uns nicht versagen, ganz besonders aufmerksam zu machen auf die vorzügliche technische Ausführung der Reproduktionen, sei es in Kupferdruck oder Phototypie. Herr Obernetter hat sich mit diesem „jüngsten Erzeuguiß seiner Anstalt" nicht nur neuen Ruhm, sondern vor allem auch Dank und Anerkennung seitens der Gesellschaft verdient, da man durchweg wahrnimmt, daß der Interpret eifrigst bemüht war, bei der Uebersetzung in die Sprache deS einfarbigen Druckes dennoch der Klarheit und Schönheit des Urtextes möglichst nahe zu kommen. Man erkennt unschwer, daß hier nicht nur das Geschäftsinteresse maßgebend war, sondern aufrichtige Liebe zu der Sache. Der Inhalt der Mappe ist im Einzelnen folgender: Vollblätter: 1) St. Martinsktrche in Chicago, von Architekt Beckerin Mainz; 2) Entwurf zu einer Brücken- kapelle, von Architekt Wetterwald in Gebweiler im Elsaß, Möbelmagazin; 3) Modell zu einem Marien- altar, von Bildhauer Busch in München, Augusten- straße 75/0 N.; 4) Brunnenmodell, von Bildhauer Gamp in München, Schillerstr. 26/R.; 5) Madonna mit Kind, von Bildhauer Pros. Heß in München, Louisenstr. 17/1.; 6) L. 08 L von Bildhauer Waders in München, Schillerstr. 26/N.; 7) Erinnerungsbild an denseligenGrnfcnLudwig von Arco-Zinneberg, von Maler Baumeister in München, Augustenstr. 29/1. N.; 8) Altargcmälde, von Maler Pros. vonDefreggerin München, Königin- straße 31; 9) St. Pantaleon, Kranke heilend, von Maler Feuerstein in München, Schwanthalerstr. 33 R. II.; 10) Chorbogenbild, von Maler Fuge! in München, Heßstraße 4/1V.; — Bilder im Text: 11 —13) Studien, zu Engeln (aä Nr. 7), von Baumeister; 14) Rast auf der Flucht nach Aegypten, von Maler Benz in München; Schillerstraße 26/11. N.; 15 u. 16) Studienköpfe zum Chorbogenbild (aä Nr. 10), gemalt von Fuge!; 17) Modellstudie zu einem Schriftgelehrten, gezeichnet von Maler Locher in Btünchen, Adnlbertstraßc 76/1.; 18) Martyrium des heiligen Vitus, von Maler Müller-Warth in München, Theresienstr. 81; 19) Religion, von Maler Schleibner in München, Zieblandstr. 16/IV.; 20 u. 21) Profil- u. Vorderansicht der Rosa (aä Nr. 6), von Waderö; 22) St. Magdalena, von Maler Walch in München, Atelier in der Akademie der bildenden Künste. Die Perle der ganzen Mappe ist WaderL's Rosa mxotäoa,, ein Madonnenideal, wie es wohl zu keiner Zeit inniger, erhabener und keuscher gedacht wurde. „Es dürfte unwidersprochen bleiben, wenn mau seine .Uoon rn^tiou' als die bedeutungsvollste Frucht seines Genius bezeichnet." Mit Recht führt der Text die innigen Worte Walthcrs von der Vogelweide an: „Maria, Magd, du hochgelebte Frau, du süße,. i. Dein Schöpfer, Vater, Kind ist z» dir eingegangeni Uns allen Heil, daß du ibn hast empfangen! Den Höhe, Breite, Tiefe, Läng' umfinge nimmermehr» Dein kleiner Leib, mit süßer Keuschheit barg ihn der." Diesem reiht sich würdig der „Marieunltar" von Georg Busch an. Tritt uns in jenem Werk die entzückende Schönheit, die keusche Erhabenheit des Madonnen- ideals selbst entgegen, so in diesem der ganze poesievolle Reiz der Marienverehrung. Zu einem solchen Werk „gehört ein warm empfindendes Gemüth, unverdrossenes Studium der Natur und ein bedeutendes Können. .. . Diese Kindergestalten muthen uns an so frisch wie Luca della Nobbia's, aber sie sind nicht „nachempfunden", sondern aus dem Innern herauscrfnnden und in unmittelbar der Natur abgelauschten Typen zum Ausdruck gebracht; so der Text; darum meinen wir aber, sie seien recht und echt deutsch, und recht und echt innig, wie eben von Georg Busch. Die feinen Detailaufuahmcn im Text erhöhen noch den Genuß der beiden genannten Werke. Von malerischen Werken dürfte sich diesen in ganz origineller Weise Baumeisters Erinnerungsbild an die Seite stellen. Hier ist es wohl am Platze, an die besten Marienbilder des Mittelalters zu erinnern, denn was Schongauers Pinsel angestrebt, haben wir hier vollendet vor uns. Und wieder ist es eine neue Seite der Mariendarstellungen, Maria erscheint hier als Hoffnung der Sterbenden, als Trost der Wittwen. Und welch ein Frieden im Antlitz dieses Todten. ' Ein hübscher Zufall ist, daß in dieser Lieferung so 282 viele Mariendarstellungen enthalten sind, wie ja auch daS Titelblatt annoch provisorisch Wadero's anmuthige „8säes saxiantias" trägt. Unter den Werken der Plastik befinden sich noch zwei Stücke, welche diesem Jdeenkreis angehören. Tafel IV zeigt uns einen herrlichen Brunnenentwurf von Gamp im Stile des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Die Brunnensäule ist in der Vorderansicht geschmückt mit einem von Putten getragenen Neliefbild des Prinz-Regenten, gekrönt von einer katrona LavariLs; der in der Richtung aus das Relief „segenspeudende Arm des Kindes weist darauf hin, es werde der weise Regent und unermüdliche Förderer alles Schönen seinem treuen Volk noch recht lange erhalten bleiben." DaS Werk trug bei der Concurrenz für einen Monumentalbrunnen in Traunstein dem Künstler den II. Preis ein. Möge dasselbe denn anderorts bald ausgeführt werden. Es wäre wahrhaft eine bessere Idee, als die ewigen Städtepersoni- ficationen, deren Namen den Brunnen oft schon vor dessen Vollendung lächerlich machen. Ein Meisterstück der Reproduktion ist die Abbildung der Madonna mit Kind von Heß, worin sich Mutterliebe und jungfräuliche Demuth so zart und reizvoll vereinigen. „Hetz hat sein Relief in Marmor ausgeführt, ein Material, welches der Komposition einen besonderen Zauber verleiht." Die Architektur ist nur mit zwei Blatt bedacht. Wir möchten der reizenden Brückenkapelle fast den Vorzug geben vor der Martinskirche in Chicago, ohne deren Bedeutung abschwächen zu wollen. Dieses kleine Heilig- thum am Wege, über den rauschenden Wogen — es ist ein recht warm empfundenes Gedicht, sobald man auf den Gedanken näher eingeht. Die Malerei ist kaum weniger gut als in den schon genannten Werken auch in den noch übrigen vertreten. Feuersteins Pantalcon ist ein Meisterstück, auf diesem Gebiete das Beste der Mappe. Die mildernste Erscheinung des Heiligen wird noch gehoben durch die herrliche Anordnung und Behandlung der Nebenfiguren, die Spannung im Ausdruck der auf ihn Hoffenden. Eine wunderbare Figur ist der Knabe, welcher Pantaleon die Schale reicht, zart, anmnihig, rein und wahr. Dcsregger hat sich ebenfalls den Verehrern Mariens angeschlossen. Seine HI. Familie ist vielleicht dem einen oder anderen Leser schon bekannt. Er verläugnet auch hier seinen gemüthvollen Sinn, die Anhänglichkeit an feine Heimath nicht, sein hl. Joseph ist meisterhaft. In der prächtigen Com Position Fugels bewundern wir die einfache, klare Ordnung der Gruppen und Ein- zelstguren. Herrlich ist besonders die Gruppe Augustin, David, Jeremias. Letztere Figur insbesondere ist typisch für Fugels Charakter: ergreifende Realistik verbunden mit idealster Empfindung und religiöser Weihe. Sie erinnert uns an sein herrliches Abendmahl im Glaspalast. Die Idee der ganzen Komposition ist die triumphirende Kirche anbetend am Throne der allerheiligsten Dreifaltigkeit. Im einzelnen bekundet Fuge! auch in diesem Werk eine erstaunliche Erfindungsgabe und Originalität, die anfangs stets überrascht, dann aber hinreißt. Das Können des jungen Meisters ist auch aus den herrlichen Studien- köpfcn im Text leicht zu ersehen. Zwischen den Zeilen des Textes lernen wir auch noch Werke von Severin Benz, Bonifaz Locher, Augnst Müller-Warth, Kaspar Schleibner und Emanuel Walch kennen. Benz und Müller-Warth zeigen uns volks- thümlichste Auffassung, letzterer überdies ein äußerst geschicktes Raumgefühl. In Locher begegnen wir einem rastlos vorwärts strebenden Talente, das wohl noch manche Stufe höher steigen wird. Schleibner zeigt eine Ruhe, welche den Beschauer wohlthuend erquickt. In Emanuel Walchs Magdalena ist die moderne Richtung der Kunst verkörpert, deren oberstes Prinzip Wahrheit ist?) Wir müßten einfach den Text der Mappe abschreiben, wollten wir mehr zu dem Gesagten hinzufügen. Derselbe führt ja in eingehendster Weise den Beschauer in die Schönheiten der Sammlung ein, nicht ohne stets auch auf des Künstlers Lebensgang und auf die Hindernisse zurückzuweisen, welche so oft „Künstlers Erdenwallen" erschweren. Wie wahr und richtig ist der Satz, welcher in die Notizen über Baumeisters Leben und Schaffen eingestreut ist! „Obwohl, heißt es da, der Künstler bis heute rastlos schafft und dabei ein unglaublich einfaches Leben führt — reich ist er nicht. Gar manchmal mögen Unwissenheit und Eigennutz mehr oder minder plumpe Versuche gemacht haben, des Künstlers Großmuth auszubeuten." Bei wie vielen Künstlerleben trifft die schlichte Schilderung des Lebens Schleibners zu! „Die Jahre der Berufswahl waren dornenvoll. Schon als Kind hegte er den sehnlichsten Wunsch, Maler zu werden. Allein da die Verhältnisse solches nicht gestatteten, so wählte er wenigstens ein an die Kunst erinnerndes Geschäft; er ging nämlich zu einem Dekorationsmaler in Bamberg in die Lehre.... Endlich wurde sein Streben soweit erfüllt, daß er an die Münchener Akademie gehen konnte." Walch folgte Defreggers Beispiel, beide machten ihre ersten Zeichenstudien beim Viehhüten. Auf manchen Umwegen — er ward Schloffergeselle — gelang es Benz endlich, sich akademischen Studien widmen und in den Tempel der Kunst als Maler eintreten zu dürfen. So bei diesem und jenem; aber selten sind die, welchen von einem günstigeren Schicksal auch auf Erden von Anfang ein behagliches Loos zu Theil wurde. Möge denn auch diese Seite nicht verschwiegen sein zu Nutz und Frommen unsrer Künstler und zur Aufklärung über den wahren Werth so mancher Phrasen. Vergleichen wir schließlich die heurige Jahrcsgabe der Gesellschaft mit jener des Vorjahres, so wird zwar die erstere gewiß nicht verlieren, aber beide gewinnen im Zusammenhalt. Hat die Gesellschaft voriges Jahr unter glücklichen Auspizien begonnen, so hat sie sich in diesem bereits als lebensfähig und -kräftig erwiesen. Man wird der diesjährigen Publikation auch von Seiten derer endlich „unverklausulirt" die verdiente Anerkennung zollen müssen, die nie erwägen wollen, daß wir nicht mehr anno 1300 oder 1400 schreiben. Erinnert mag sein an die Worte des edlen, kunsterfahrenen k. A. Kühn auf dem vorjährigen Katholikentag zu Würz- burg. Verstummen mögen jene wohlgemeinten Prophezeiungen, Mahnungen und versteckten Denunziationen, wie sie jene Anfragen an die Ritencongregation im Winter dieses Jahres enthielten. Doch es wäre schade, hier solche Bitterkeiten aufzutischen. An den Früchten erkennt man den Baum. Schlechte Früchte sind diese beiden Vereinsgaben nicht. Wir Hütten noch einen Wunsch, vielleicht könnte dieser auf der Generalversammlung im Oktober d. Js. erörtert werden. Es möchten nämlich auch von Seiten der Mitglieder, besonders der betreffenden Künstler selber, *) Dieser Meister erhielt für den Entwurf zuni künftigen Titelblatts der Mappe den ersten Preis. 283 die bereits früher erschienenen bedeutenderen Aufsätze über Leben oder Werke der einzelnen Künstler kurz bibliographisch notirt und gesammelt und dann etwa jährlich vervollständigt werden. Eine solche ganz kurze Statistik wäre eine unschätzbare Vorarbeit für die Kunstgeschichte. So würde der Zukunft eine bedeutende Quelle erschlossen werden. Inzwischen mögen sich recht Viele in der Gegenwart an diesen erwähnten Schöpfungen des Künstlergeistes erfreuen. Glückauf der Gesellschaft! Glückauf den Künstlern besonders, welche sich hier geeint, „die idealsten Güter" zu schirmen und in dauernden Werken der Mit- und Nachwelt vor Augen zu führen! Glückauf allen denen, welche es redlich mit der Kunst meinen! Mindelheim, 26. Aug. 1894. vr. O. Frhr. Lochner v. H. Die Briefe des hl. Bonifatius. Von Adam Hirschmann, Pfarrer in Schönseld. (Fortsetzung.) Als Gregor III. am 29. November 741 dieser Zeit- lichkcit entrückt wurde, versäumte Bonifatius nicht, dem Nachfolger in der päpstlichen Würde, Zacharias, seine Unterwürfigkeit auszusprechen und das Gelöbniß der Treue für sich und feine Schüler zu erneuern. Mit Freimuth bemerkt er aber auch, wie die Alamannen, Bayern, Franken als fleischlichgesinnte Menschen Aergerniß nehmen, wenn sie bei ihren Nomfahrten am Neujahrstage heidnische Tänze und ausgelassene Tafelfreuden bemerken, indem sie dadurch zur Anschauung gelangen: in Nom, unter den Augen des Papstes seien derartige Ausschreitungen erlaubt, während die Priester in der Heimath sie als Sünde verbieten und brandmarken (ex. 50 x. 299—301). Ja er sah sogar in den Gaben und Geschenken, welche bei Verleihung des Palliums an fränkische Bischöfe üblich waren, eine simonistische Handlungsweise, ob welcher der strenge Missionär bitteren Tadel gegenüber dem Papste Zacharias aussprach, welcher sich aber hiegegen scharf verwahrte: 8eä, curissirns traten, ortamnr sanetitatew Irwin, ut nestle äoin- eexs tals rrliguiä ininiwe tun, truteruitas soristat; tzuiu lastiäiosum a nostis st injuriosuin sussixitur, äuin illuä nostis rnAeritur, yuoä uos oinnino äs- testaranr (ex. 58 x. 315). Zu verschiedenen Malen sah sich der Apostel der Deutschen veranlaßt, die lehramtliche Auktorität des römischen Stuhles anzurufen. Außer persönlichen Bedenken über den Verkehr mit schlechten Bischöfen und Priestern, welcher im Interesse der kirchlichen Organisation oftmals nicht vermieden werden konnte (ex. 86 x. 368), über die Nichtbeachtung der kanonischen Weihetage (ex. 87 x. 371), waren es besonders die Schwierigkeiten in der Durchführung der kirchlichen Ehegesetze, welche eine Entscheidung Noms erheischten (ex. 26 x. 275; ex. 50 p. 300; ex. 51 x. 304). Auch auf den Synoden bildeten die Klagen über incestuöse Ehen und die Bestrafung derselben ein ständiges Kapitel. Am Abende seines thatenreichen Lebens konnte sich der hl. Bonifatius in dem Obedienzbriefe an Papst Stefan III. das Zeugniß geben, daß er drei Päpsten mit gleicher Hingebung gedient, daß er 36 Jahre lang nur das Wohl der römischen Kirche im Auge gehabt habe (ex. 108 x. 394). Leider ist sein Werk: äs umtäte öäei eLtstolicue, welches Papst Zacharias (ex. 80 x. 359) wohlgefällig aufgenommen hatte, verloren gegangen: es war das Testament des greisen Oberhirten an den deutschen Klerus, stets treu und unentwegt zum Stuhle Petri zu halten. Diese Gesinnungen finden sich auch klar ausgesprochen in dem inhaltsvollen Schreiben an Cudberht, Erzbischof von Canterbury, aus dem Jahre 747, worin er demselben Mittheilungen macht über die jüngsten Synodnlverhandluugen: Oeersvlrnrw untern In nostro siuoäali eonventu et eonkssei sninns, üäern euistolieuin et snstjeotronern Kowunus seelseiae üns tenns vitae vostrue velle servurs; saneto l'stro et vieario esus velle sustjioi . . . st xsr ornnia, xrue- oeptu s. ketri oanoniee ss^ui äesiäeiure, ut toter ovss ersti oonnneiräutas nninsremnr (sp. 78 x. 351). Sollte dieser Wunsch nach Einheit im Glauben durch Unterordnung unter Noms Auktorität heute seine Berechtigung verloren haben? Von England . war Bonifatius ausgegangen, mit England blieb er zeitlebens in engster Beziehung. Zum Danke, daß Papst Gregor d. Gr. den Mönch Augustinus von Nom abgeschickt hatte, um dem Volke der Anglen den Glauben an den gekreuzigten Gottmenschen zu predigen, sandte England feurige Verkünder der christlichen Lehre in reichen Schaaren über den Kanal und unterstützte durch Gebet und Geschenke die Arbeit der Missionäre. In herzlich bewegten Worten bittet Bonifatius den Abt Aldher, er möge mit feinen Mönchen beten, auf daß die Völker Germaniens dem Götzendienste entsagen und zur Erkenntniß Gottes gelangen mögen (ex. 38 x. 288). Ja, er fordert alle Engländer auf zum Gebete für die Bekehrung der heidnischen Sachsen, welche ihre Bruder, ihre Stammesgenossen seien. Dazu habe er den Auftrag zweier Päpste erhalten (ex. 46 x. 295). Gar oft noch kehrt in den bonifatianischen Briefen die Bitte um das eifrige Gebet seiner Landsleute wieder, auf daß die Gnade Gottes an ihm nicht wirkungslos vorübergehe — yuia, nltimrw et xessiinrw sum, fügt er in demüthiger Bescheidenheit hinzu, ownium lexrrtorum, HN 08 eatlroliou et rrxostoliea Hornana, eeeleeis. uä xraeäieanäuw svrmAsIium äestinuvrt — (ex. 67 x. 335). Von der Aebtisfin Bugga läßt sich der für wissenschaftliche Bildung begeisterte Glaubensprediger (ex. 9 x. 260) die Leidensgeschichten der Märtyrer nachsenden (ex. 15 x. 264), den Erzbischof Nothelm ersucht er um Ueberlafsung der Antworten des Papstes Gregor auf die Fragen Augustins, des Lehrers der Anglen (ex. 33 x. 284); sein Freund Duddus soll ihm Erklärungen zu den Briefen des hl. Paulus schicken, da er nur für den Römer- und I. Korintherbrief Commentare zur Hand habe (ex. 34 x. 285); die Aebtissin Eadburga wird angegangen, in goldenen Buchstaben die Briefe des hl. Petrus durch den Priester Eoban abschreiben zu lassen, um dadurch Ehrfurcht vor den hl. Schriften den Neubekehrten einzuflößen (ex. 35 x. 286). Von Rom hatte der hl. Bonifatius die Briefe des hl. Gregor mitgebracht; da er deren Wichtigkeit für England erkannte, machte er sie dem Bischöfe Egberth von Jork zum Geschenke; erbittet sich aber hiegegen die Traktate Beda's (ex. 75 x. 347), vorzüglich die Homilien zu den Evangelien und zu den Sprüchen Salomons (ex. 91 x. 377)?) °) Ueber Bcda'S (j- 26. Mai 735) exegetische Verdienste s. Kirchcnlex. II, 172. 284 Sein Herz war zugleich sehr empfänglich für die edlen Gefühle treuer Freundschaft; dem Abte Duddus ruft er daher die Worte der Schrift (Lool. 9, 14) ins Gedächtniß: „Halte fest an dem alten Freundei" um in ihm die Eindrücke früherer Jahre neu zu beleben (sx. 34 x. 285; Look. sx. 75 x. 346; ex. 94 p. 381; ex. 104 x. 390). Aber ebensosehr war Bonifatius von glühender Liebe zu seinem Vaterlande durchdrungen. „Ich freue mich, schreibt er nach Jahrzehnte langer Trennung an den Priester Herefrith, an den Vorzügen und dem Lobe meines Volkes, über seine Sünden aber und Schandthaten bin ich bekümmert und betrübt" (ex. 74 x. 346). Im Vereine mit den angelsächsischen Missionsbischöfen — darunter wird auch Wilbalth von Eichstätt genannt — richtet „der Erzbischof Bonifatius, der deutsche Legat der römischen Kirche," an den König Aethilbald von Mercien ein Mahnschreiben, dessen Freimüthigkeit in der Aufforderung eine legitime Ehe einzugehen, statt gottgeweihte Jungfrauen in viehischer Lust zu schänden, gipfelt (ex. 73 x. 339). Den Erzbischof Cudberth von Canterbury ersucht er, geeignete Vorsorge zu treffen, daß die englischen Weiber und Klosterfrauen aus Anlaß der Nomfahrten nicht Schiffbruch leiden an ihrer Ehre; denn fast alle öffentlichen Dirnen in den Städten der Lombardei, Franciens und Galliens sind angelsächsischen Ursprungs. Ebenso scharf tadelt der gottbegeisterte Missionsprediger den zügellosen Luxus in der Bekleidung und die angemessene Trunksucht seiner Landsleute; selbst Bischöfe halten sich nicht frei von diesem Laster und verleiten durch Zutrinken andere zur Unmäßigkeit. Das ist ein specielles Uebel der Heiden und unseres Volkes (stov Mini waluni sxeeials est xa§anoruin ob vostras A6nti8, ex. 78 x. 354—355). Von England erhielt der hl. Bonifatius anderseits aber auch die edelmüthigste Unterstützung in der Verkündigung der evangelischen Wahrheiten, in der sittlichen Erneuerung des deutschen Volkslebens: Priester und gottgeweihte Jungfrauen verließen die angelsächsische Heimath, um unter den Augen eines hochgcfeierten Lehrers an der Bekehrung und Besserung der Sachsen, Thüringer, Bayern U! d Franken zu arbeiten. Wir besitzen noch das Schreiben des Priesters Wiehlberht, in welchem derselbe den Mönchen in Glastonbury seine glückliche Ankunft in Niederhessen mittheilt. Voll Freude berichtet er, wie ihm Bonifatius auf die Kunde seiner Ankunft hin eine weite Strecke Weges entgegengeeilt sei und ihn gar liebevoll empfangen habe. Die Arbeit sei gefährlich und mühevoll in jeglicher Hinsicht: Hunger und Durst, Kälte und die Ueber- fälle der Heiden müsse man ertragen. Aber Wiehberht ist darob nicht kleinmüthig: seine Freunde in der Ferne sollen nur eifrig für ihn beten, damit ihm das Wort gegeben werde in freudigem Aufthun seines Mundes. Denn Gott, der da will, daß alle Menschen selig werden und zur Erkenntniß der Wahrheit gelangen, habe ihn glücklich über das Meer in die Gegend der heidnischen Hessen und Sachsen geführt (ex. 101 x. 388). *) 9 Hauck (Kirch.-Gcsch. I, 439) bemerkt zu diesem Briefe: „WiehbcrhtS Brief charakterisirt den Geist, der Bonifatius und seine Mitarbeiter beseelte: sie waren trotz ihrer Anbänglicbkeit an Rom Verkündiget des Evangeliums." Also Anhänglichkeit an Rom ist eigentlich in den Augen des protestantischen Kirchen- historikcrs ein Hemmschuhs für die Verkündigung des Evangeliums. Dieser Vvrwnrf überragt an Unverfrorenheit sonstige starke Leistungen Hauck's, der sich nicht scheut, von Bonifatius zu sagen: „Wie Hunderte vor und nach ihm, führte ihn das mißverstandene (?!) Wort in die Ferne, daß man um Christi Aus der Todtenliste der Missionsbischöfe von 1893 . ll. 0. Im vergangenen Jahre sind 11 Missionsbischöfe nach einem thatenreichen, mühevollen Leben — und mehr oder minder heimgesucht von Kreuz und Leiden — eingegangen in die ewige Ruhe. Es sind dies — in geographischer Reihe genommen: 1. Msgr. Franz Dominikus Neynaudi, O. Lax., von 1868 bis 1886 Apostol. Vicar von Sophia und Philippopel — Titular-Erzbtschof von Stauropolis, geboren am 4. September 1808 in Villafranca, einem piemontestschen Dorfe der Diöcese Turin, gestorben am 24. Juli 1893, erlebte somit das hohe Alter von 85 Jahren. Als k. Francesco da Villafranca trat er 1841 als einer der ersten Pioniere in die Mission auf der Balkanhalbinsel. Das Vicariat, das die südliche Hälfte Bulgariens und ganz Ostrumelien umfaßte, war eben im Jahre 1841 den Kapuzinern anvertraut worden; Apostol. Vicar ward k. Canova. Fünfzehn Jahre hindurch hatte diese Mission einen traurigen Bestand. Die Furcht vor den „Türken und ihrer Herrschaft" bannte die Entwicklung des kirchlichen Lebens. Die Kirchen waren ärmliche Strohhüten, die Wohnungen der Missionäre „Spelunken". — Erst durch den Krimkrieg und nach dem Vertrag in Paris am 30. März 1856 fiel wenigstens ein Theil der osmanischen Fesseln, und die Missionäre entfalteten nun, insoweit es ihnen gestattet wurde, eine energische Thätigkeit. Die Gleichstellung der Christen mit den Mohammedanern war wohl durch den Vertrag ausgesprochen; zur vollen Geltung jedoch gelaugte sie noch nicht sofort. Doch — die Missionäre konnten nun Kirchen und Schulen bauen. Im Jahre 1861 wurde die schöne Kathedrale zu Philippopel erbaut. Nachdem Msgr. Canova 1866 das Zeitliche gesegnet, wurde sein vieljähriger treuer Mitarbeiter k. Francesco Apostolischer Vicar (1868). Msgr. Neynaudi trug nun vor Allem Sorge für Heranbildung eines einheimischen Klerus und gründete ein Knabenseminar, das 1870 eröffnet wurde. Die Anstalt entwickelte sich in solch gedeihlicher Weise, daß sie im Jahre 1888 bereits 79 Zöglinge hatte (und 1891 allein 18 Theologen). Im Jahre 1872 gründete Msgr. Neynaudi ein Waisenhaus für Mädchen und übergab es später — zugleich mit dem neugegründeten Spital — bulgarischen Klosterfrauen vom dritten Orden, welchen der Bischof selbst eine „den lokalen Verhältnissen entsprechende" Regel und eine sehr praktische Anleitung für den Waisen- und den Krankendienst gegeben. Da zeigte sich ein in der That merkwürdiger Zug der bulgarischen Frauenwelt zum Ordensstand und jungfräulichen Leben. Dieser Zug trat so stark zu Tage, daß er von den Missionären förmlich zurückgedrängt werden mußte. Der Aufstand der Bulgaren gegen die Türkei im Jahre 1876 und der russisch-türkische Krieg brachten schwere Zeiten über die Mission. Msgr. Neynaudi stand felsenfest inmitten der Gefahren; er vertraute der Hilfe deS Allmächtigen. Und seinem Einflüsse, seiner Klugheit, sowie seinem unerschrockenen Vorgehen ist eS zu einem nicht geringen Theile zu verdanken, daß Philippopel vor willen die Eltern und das Vaterland verlassen müsse" (I. e. l, 417). Welche Motive bewegen denn die protestantischen Missionsprediger der Gegenwart, „Eltern und Vaterland" zu verlassen, um in überseeischen Ländern das Evangelium zu verkündigen? Nacü Hauck handeln diese evangelischen Christen ganz un- biblisch. 285 völliger Anarchie und Zerstörung bewahrt wurde. Seine dießfallsigen Verdienste wurden auch von allen Seiten anerkannt; nicht nur von Bulgarien, sondern auch von der Türkei und von Rußland. Auch in der nun folgenden Berathung über die Regelung der Balkanfrage spielte Msgr. Neynaudi als Congreßmitglied eine bedeutende Rolle. Im I. 1881 feierte er sein 50jähriges Priesterjubilüum; und 1882 unternahm er noch den Bau eines großen internationalen Spitals. — Als endlich die Gebrechen seines Alters zu empfindlich hervortraten, legte er mit Bewilligung des hl. Stuhles sein bürdevolles apostolisches Amt nieder und zog sich in das Klösterlein Kalachia (bei Philippopel) zurück — als armer Capuziner ohne Pension und Pfründe — und weihte sich dem Gebete und der Vorbereitung zum Tode. Ein glorreicher Tag war für ihn noch der 4. Oktober 1891: da feierte Bulgarien den 50. Jahrestag feiner Ankunft in Bulgarien. Das war in Wahrheit ein großes Fest, gefeiert unter Theilnahme aller Klassen, Nationen und Religionsbekenntnisse l Ferdinand I. von Bulgarien schmückte den greisen Bischof mit einem der höchsten Orden; der Viceconsul Frankreichs überreichte ihm das Kreuz eines Offiziers der Ehrenlegion; der italienische Consul das Kreuz eines Commandanten vom Orden des hl. Moriz und des hl. LazaruS. Und von Land und Stadt drängten sich Armenier, Juden und Türken — vor Allen aber seine lieben katholischen Bulgaren — um den ehrwürdigen Jubelgreis, um demselben darzubringen ihre herzlichsten Glückwünsche. Das war ein Zeichen jener seltenen allgemeinen Liebe, die hinausreicht über Grab und Zeit! 2. In Port Elizabeth (Südafrika) starb Msgr. Jakob David Ricards, apostol. Vicar des Ost- caps — am 30. November; geboren am 10. Januar 1828 zu Wexford in Irland als der Sohn eines angesehenen Arztes. Die Persönlichkeit dieses hohen Verblichenen, sowie sein hochverdienstlichcs Wirken ist in unserm verehrlichen Leserkreis in den Hauptzügen wohl schon bekannt. Vierundvierzig Jahre wirkte Msgr. RicardS im Missionsdienste des Caplands. Noch als Subdiacon (kaum 22 Jahre alt) folgte er dem apostol. Vicar des Ostcaps, Msgr. Depreux, der nach Europa gekommen war, um opferwillige Priester zu werben, im Jahre 1849 — im Dezember — nach Afrika. Damals war für die katholische Mission das Capland, wo der calvinische Fanatismus herrschte, noch ein sehr unfruchtbarer Boden. Erst im Jahre 1868 wurden die barbarischen Zwanggesetze abgeschafft. Doch war die Stimmung der protestantischen Bevölkerung gegen die Katholiken eine sehr feindselige. DaS hat bald der Neupres- byter Ricards in Grahamstown erfahren, das sein Arbeitsfeld wurde — das „fast noch völlig unbebaut". Da durfte sich kein Priester im klerikalen Rock öffentlich zeigen; man mußte die Vorurtheile zu bannen suchen. Das verstand eben der hochwürdige Herr. Er war sehr talentirt, hatte ein umfangreiches Wissen, besaß eine seltene Rednergabe, dabei so viel Klugheit als apostolischen Muth und Energie — und war überdreh eine liebenswürdige Persönlichkeit. Er verschaffte sich besonders Eingang in die Herzen seiner Gegner durch wissenschaftliche Vorlesungen, die bald sehr beliebt wurden. Er begann mit der Naturwisseuschaft und ging nach und nach, selbst Humoresken gebend, auf religiöse Themata über, wobei man mit gleicher Aufmerksamkeit den Worten des geistreichen Redners lauschte. Dann zog er auch die Presse in sein Hilfsbereich und gründete eine Zeitung und einen Leseverein. Nasch hob sich die kleine kathol. Gemeinde. Im Jahre 1869 zählte das Vicariat 4000 Katholiken, 9 Priester, 10 Kirchen und Kapellen, 1 Priester- Seminar und 9 Schulen. Im Jahre 1871 wurde Msgr. Ricards apostolischer Vicar des Ostcaps, setzte aber, trotz der großen Arbeitslast, seine literarische Thätigkeit fort; was um so nothwendiger war, da die Führer der englisch-protestantischen Seelen die aufblühende katholische Kirche in Wort und Schrift befehdeten. Außer zahlreichen Gelegenheitsschriften verfaßte er mehrere treffliche Controversschriften, von denen daS größere Werk „Oabliolio Otirisiüanit^ anä Noäsrn Ilirbsliek" auch in England und Amerika große Verbreitung fand. — Besonders aber galt es, dem Protestantismus die Alleinherrschaft im Schulwesen zu entringen, und Msgr. Ricards gründete das St. Aidans- Colleg in Grahamstown, die einzige höhere Schule im Ostcap. Im Jahre 1875 gewann er in Europa für dieses Colleg vortreffliche Lehrkräfte bet den englischen Jesuiten. Für die Elementar- und Gewerbschulen gewann er Marienbrüder aus Lyon; für die armen Waisen „Schwestern von Nazareth", welche die Leitung des Na- zarethhauses in Port Elizabeth übernahmen, eine der schönsten Gründungen Ricards'. Die Frauen von der Himmelfahrt weihten sich der Krankenpflege. Ein besonders glückliches Unternehmen des Msgr. Ricards war die Berufung deutscher Dominikanerinnen — aus dem Mutterhause zu Augsburg — im Jahre 1875. Im Jahre 1877 folgten aus dem Mutterkloster St. Ursula 7 Schwestern für einen neuen Convent in King Williams- town, worüber ein Contract mit dem Hochw. Herrn Bischof Pankratius v. Dinkel von Augsburg und der Frau Priorin des Klosters St. Ursula abgeschlossen wurde. „Gottes reichster Segen ward diesem Werke." Daß Msgr. Ricards für die armen Koffern Trappisten berief, welche 1880 die Farm Dumbrodi übernahmen, dieselbe aber wegen verschiedener Hindernisse 1882 wieder aufgaben; daß später diese Station von Jesuiten unternommen wurde, welche bei den Koffern im Keilond u. f. w. Stationen gründeten, und daß die Jesuiten am Sambesi — bei seinem Unterlaufe — wieder begonnen haben, darüber wurde in diesen Blättern und dem Hauptblatte — Postzeitung — jeweilig berichtet. Msgr. Ricards hatte als Bischof sich das Motto „Olraritns omnia sustinot" gewählt. Das ist ein Ausspruch, der, wie Msgr. Strobino, Ricards' Nachfolger, in seiner Leichenrede sagte, „so treffend das ganze Leben und Wirken des Bischofs einschloß". — Ihm verdankt die katholische Kirche im Ostcap ihre heutige, ehrenvolle Stellung. Sein Tod wurde nicht nur von den Katholiken, sondern auch von den Protestanten tief betrauert. Das bezeugt selbst ein herrlicher Nachruf der englischen protestantischen Zeitung „Eastern Province Herald", welcher Nachruf sogar von einem früheren literarischen Gegner Msgr. Ricards' verfaßt ist; von dem gelehrten Vicepropst der anglikanischen Kirche in Port Elizabeth — Nev. Dr. Wirkmann, der da unter anderm sagte: „Den Bischof Ricards kennen lernen, hieß ihn lieben und hochachten, und Alle, alt und jung, arm und reich, fühlten, daß sie bei seinem Tode einen persönlichen Freund verloren." Msgr. Ricards starb im 66. Lebensjahre. R. I. ?. (Schluß folgt.) Der Osternigg und der Kirchtag von Göriach im Gailthal (Oberkärnten). Von Cölcstin Schmid. Nur ungefähr 250 in überragt der Osternigg das 1700 in hoch gelegene Gebiet der Uggowitzer und Feist- ritzer Almen, welche sich auf den grasreichen, südlichen Fortsetzungen der Karawankenkette ausdehnen. Aber glühend brütete es in dem geschürften Felshange, an dem der Weg hinanklimmt. Noch zeigte sich an geschützten Plätzen manch zartes Alpenblümchen, wie die alpine Primel, Nelke und das gelbe Veilchen; doch die Königin der Höhen, das Edelweiß, ließ kraftlos den verblühten Stern hängen. Dafür tauchte nun, oben auf der Schneide des Grates, in weiter Ferne ein erhabenes Bouquct auf, mit riesigen Diamanten besetzt, die in der Mittagssonne flimmerten: Hafnereck, Großglockner, Großvenedigerl Mächtig über ihre Umgebung emporragend, leuchteten sie vom Norden herauf wie entschwundene, zeitferne Gebilde der Göttersage, glitzernd und blendend, aber über die Wolken der Erde in reine, unnahbare Himmelstiefen tauchend, die von dem kleinlichen, boshaften Gewürze der Zeitgeister nichts wissen, die nur dem jugendlich frischen, phantasievollen Sinne des jungen germanischen Volkes, feinen sehenden Führern sich offenbarten. Es wird nicht ohne Grund sein, daß gerade in dem stürmenden, sehnsuchtsvollen 18. Jahrhundert der Großglockner zum erstenmal von dem edlen Fürstbischof von Salm erstiegen wurde. So berückend das unendliche Berggewirre des Ostens zieht, so zart verwoben die Luftlinien des Südens winken, bis vom Po heraus, so wendet sich das Auge doch immer wieder zu den drei bläulich-schimmernden Lichtkegeln, gegen die weder die finstern Bergdämonen noch die Feuermächte des Südens etwas vermögen. Dicht vor uns gegen Nordwesten aufragend, zeigt sich das grau- röthliche Gestein des isolirt stehenden Dobratsch, breit, massig im Aufbau, mit spärlicher Cultur, mit seinen Graten und wilden Wänden auf das Gailthal hernnter- drohcnd, wie ein schatzbehütender Drache. Im Jahre 1347, zur Zeit des schwarzen Todes, stürzte der ganze östliche Felsenhang des langen Rückens ab. Dadurch wurde der Ausgang des Gailthales versperrt, die Gail schwoll zu einem See an. Im Ganzen gingen 17 vollständige Ortschaften zu Grunde. Schließlich brach sich das Wasser bei Arnoldstein Bahn gegen die Schlitzn, und der fruchtbare Schlammboden wurde bald wieder angebaut. Aber noch jetzt liegt es über der Gestaltung der Thalscenerie mit ihrem schwerfälligen Gewässer wie Erinnerung an jene Zeiten. Das ernste, unheimliche Gepräge der Dobratsch-Wände kann nur geeignet sein, diese Stimmung noch zu verstärken. Großglockner und Dobratsch: die Götter sind verschwunden, haben sich vor dem vernünftigen Sinn der Zeit in ihren Himmel zurückgezogen, die Dämonen, die unheimlichen Naturmächte haben ihre Macht ungeschwächt behalten, sie zwingen zum Glauben an sie. Mag der moderne Zeitgeist Hotels und Telegraphenstationen auf den Rücken des Ungeheuers bauen, manchmal rührt der Drache seine Pratzen, dann wehe seiner Umgebung und all den vernünftigen Aufgeklärten, die mit ihm zu thun haben. Nicht umsonst stehen gerade auf dem Luschari und Dobratsch mehrhundertjährige Volksheilig- thümer, und der Glaube, der sie in diese blauen Höhen hinaufgestellt, der weiß auch heute noch, waS er von dem Dobratsch, dem Thorwächter zwischen karnischen und Mischen Alpen, zu halten hat. Horch, da dringt es bebend zu uns an den Hängen herauf. Es ist verhallendes Glockengeläute aus dem tief unten zwischen Osternigg und Dobratsch gebetteten Gailthal I Heitere Ruhe liegt über der still abgeschlossenen Mulde mit ihrem milden, gleichmäßigen Sonnenlichte; nur goldgelbe Getreidefelder und zeitweise dunkler Erlen- und Birkenbusch unterbrechen das Sattgrün des Wiesen- teppichs. Dazwischen in unzähligen Windungen ein grauschwarzes Band, auf dem von Zeit zu Zeit schimmernde Lichtreflexe auftauchen. Das ist die Gail, deren Wasser zwischen ödem Ufergebüsch träge von Tümpel zu Tümpel schleichen. Auf den endlosen, hügligen Ufermatten aber lagert sich Dorf neben Dorf, verlieren sich Weiler und Einödhöfe wie weiße Flecken gegen die Thalwände. Gegen Süden ist in unbestimmten Umrissen der Hauptort des 14 Stunden langen Thales zu erkennen. Er ist der ganz deutsche Markt Hermagor, mitten im Thale als Markstein zwischen deutschem und «indischem Volks- thum gelegen. Nur eine Viertelstunde seitwärts gelegen, bildet Potschach den letzten vorgeschobenen Posten der Slovenen. Doch jetzt hinunter ins Thal: denn morgen ist Kirchtag in GLrjach! Und zwar ein echt windtscher Kirchtag, in der alten Form, mit den alten Liedern und Trachten — und das zwei Tage und Nächte hindurch! Und dann: wer kennt Körnten, ohne von den schönen, tanzlustigen Gailthalerinnen gehört zu haben? Und wer je einmal in Tirol und Kärnten alte Tracht und Sitte suchen geht, der wird sie fast nur mehr im Gailthal finden! Mir war das auf dem Kirchtag von Thörl-Maglern, welches an der Mündung des Gailthales in das Canale- Thal liegt, deutlich geworden. Aus beiden Thälern strömten die Besucher des Festes zusammen: dort Volksthum und Volkstracht, hier alles Alte verwischt und darüber sich breitend nivellirende moderne Civilisation! Dafür aber auch im Gailthal ein wenigstens zu 40 schöner Menschenschlag und Mädchengesichter, die manchmal an italienische Bilder erinnern. Als Erklärungsgrund beider Erscheinungen bot sich mir immer wieder nur das eine: der slovcnische Untergrund des Thales. Mit besonderer Hartnäckigkeit hatte sich hier nicht nur das Heidenthum, sondern auch das Slaventhum gegen die hereinbrechenden christianisirten Germanen gehalten. Als die christliche deutsche Cultur dann doch endlich siegreich eindrang, da scheint sie nicht zerstört, sondern sich als feine, befruchtende Kruste über den zähen Urstoff gezogen zu haben. So sind auch jetzt noch die Schulen des untern, «indischen Thalzuges zweisprachig, die eigentliche Volkssprache aber ist und bleibt das Slovenische. Nebenbei sprechen die Windischen vom 12. Jahre an ganz gut deutsch und manche auch italienisch. In ähnlicher Weise hat der deutsche Cultureinfluß mäßigend auf den slavischen Typus eingewirkt. Aus dieser Mischung erklären sich die neben dem Extremen des Slavischen, das sich noch ganz gut verfolgen läßt, auftretenden schöngeschnittenen Gesichtszüge besonders bei der weiblichen Bevölkerung. Aehnliches ist ja schließlich bei allen Nacen- und Nationalitäts- mischungen der Fall. So habe ich einmal ein wahres Ideal hinreißender Zierlichkeit und Graziösität in einem japanisch-englischen Mädchen gefunden. Andrerseits erklärt sich aus dem conservativen Grundcharakter des Slovenenthums das zähe Festhalten an den alten Bräuchen. Am allerwenigsten oder höchstens ein mißverstehendes Interesse für derartige Dinge fand ich bei den „gebildeten" deutschen Elementen des Thales, Lehrern 287 und Grundbesitzern. Unter den Volksbildnern lernte ich ein wahres Original jener streitbaren Pioniere des österreichischen Deutschtums kennen, die, unter der Acgide des deutsch-österreichischen Schulbereines manchmal recht eigenartig kämpfend, etwas gar zu rührend über Unterdrückung der deutschen Cultur zu jammern Pflegen. Der Mann war noch jung, aber bereits Wittwer mit sechs Kindern. Was er mir aber gleich nach dem ersten Bekanntwerden erzählte, war nicht das, sondern daß er bereits zehn Jahre in der Gemeinde gegen die Slovenen kämpfe, und daß er es mit Hilfe eines deutschen Grundbesitzers und des deutsch-österreichischen Schulbereines durch eine Reihe von Intriguen dazu gebracht habe, daß in der überwiegend slovenischen Gemeinde eine rein deutsche Schule zustande gekommen. Dafür habe dann auch der Schul- verein 2000 fl. zum Bau des neuen Schulhauses beigesteuert. Dieses Schulhaus, isolirt, mitten in einem Garten gelegen, sah denn auch in grellem Kontraste zu dem schmächtigen Doppeldörflein allerdings wie ein Palast aus. Vielleicht wirkt dieses Bewußtsein auch auf den streitbaren Volksbildner ein. Mit gehobenem Pathos, wie früher einmal ein Schulvereinler aus Pilsen auf dem Arber, deklamirte er mir, indem die schwarzen Haarsträhne sein Haupt wie Schlangen umzüngelten, daß er auf diese seine nationale Arbeit sehr stolz sei: seine Gemeinde sei die einzige derartige im Gailthal, und die durch Intriguen bearbeiteten slovenischen Bauern hätten selber mitgründen helfen. Bei der sonstigen Gutmnthig- keit des Mannes errieth ich aus dem wettern Gespräch gar bald, daß er eigentlich die Marionettenfignr des genannten Grundbesitzers in seinem Orts war, und der weitere Hintergrund ergab sich auch alsbald, indem mir ein junger Vetter des letzteren bald einen eingehenden Vortrag über den Protestantismus als wahre Religion der Zukunft gehalten hätte, wenn ihn nicht mein Verhalten aus seiner weittragenden Begeisterung gerissen hätte. Wenn ich noch daznfüge, daß Thörl-Magiern der unmittelbare Nachbarort des durch seine „slovenischen Umtriebe und die Verhetzung des slovenischen Volkes durch Pfarrer Einspieler" berüchtigten Arnoldstein ist, so wird sich dem, der einigermaßen in diesen Dingen unterrichtet ist, der kausale Zusammenhang der politischen Constcllation von sich selbst ergeben. Ich habe die kärntischen Slovenen als das liebenswürdigste, friedfertigste Volk kennen gelernt. Durch die „nationale" Hctzarbeii des deutsch- österreichischen Schulbereines werden sie mit der Zeit der von Krain her arbeitenden panslovenischen Agitation in die Arme geworfen werden. Mögen auch immerhin einzelne slovenische Jungkleriker auf den Kampfruf geradeso einseitig und unklug antworten, wenigstens können sie in Körnten für sich das Moment der Nothwehr beanspruchen. Andrerseits aber Hai das Völklein der windischen Gail- thaler noch gesunde Volkskraft genug in sich, um unbeirrt von derlei Dingen seine eigenen, wenn auch manchmal etwas derben, so doch gesunden Wege zu gehen. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Karsch A., Vacksinoonm dotanieum: Handbuch zum Bestimmen der in Deutschland wildwachsenden sowie im Feld und Garten, im Park, Zimmer und Gewächshaus kultivirten Pflanzen. 8°. I.V -s- 1094 -st L SS. ni. 2437 Fig. Leipzig, Otto Lenz 1894. M. 20.00. zp Ein Werk riesenhaften Fleißes liegt vor uns, dessen Erscheinen der fast ein halbes Jakrhuilden an der Akademie zu Münster rastlos thätige Professor der Naturgeschichte Karsch leider nicht mehr erlebte; denn kurz nachdem er das Manu- script des Buches zum Druck fertiggestellt hatte, rief ihn der Tod vom Schauplatz seiner Thätigkeit. Seit Koch's berühmter »bllora. Oormaniao- (1857) ist kein so brauchbares Handbuch mehr erschienen; nachdem jenes klassische Werk keinen Bearbeiter gefunden hat, der es im Sinne des Meisters redigirt und auf der Höhe der Wissenschaft gehalten hätte, müssen wir Karsch doppelt dankbar sein, daß er eine tatsächliche Lücke in der botanischen Literatur so vortrefflich ausgefüllt bat. Das Handbuch, welches an 3000 Genera und an 10000 Species vorführt und beschreibt, ermöglicht durch seine klare und deutliche Fassung auch dem Liebhaber der »Soisntin amabilis- die selbstständige Bestimmung der Pflanzen; Lehrer und Lernende, Gärtner, Forstleute und Botaniker von Beruf haben hicmit ein Nach- schlagebuch, das wohl nicht leicht versagen wird. Die Brauchbarkeit desselben in der Praxis war dem Verfasser vor Allem maßgebend, selbst die wichtigsten Gruppen der Cryptogamen fanden Berücksichtigung. Ist der wissenschaftliche Werth deS (verbesserten) De Candolls'schen Pflanzensystems auch außer aller Frage, da es eben als natürliches jedem andern gegenüber allein Berechtigung hat, so ist in dem Handbuch doch aus praktischen Gründen als grundlegendes System für die Bestimmung der Pflanzen das von LinnS angenommen worden; denn man muß offenbar jene Merkmale der Pflanzen vorzüglich berücksichtigen, die am leichtesten zu entdecken sind, nun aber ist für eine schnelle und gleichwohl sichere Bestimmung der Pflanzen das wissenschaftlich freilich unhaltbare Linns'sche Classensystcm das weitaus geeignetste, wie es der Verfasser in öOjähriger Lehr- und Excursionsthätigkeit erprobt hat. Die § Diagnosen sind kurz und bündig abgefaßt, allerdings, die ^ zweifellose Klarheit der Koch'schen erreichen sie nicht, das ist j aber auch nicht wohl möglich, denn Koch hat seine „Flora" ; lateinisch geschrieben, vorliegendes Buch ist aber zur „Ehre der , deutschen Wissenschaft" deutsch abgefaßt, d. h. in dem Mischmasch von Deutsch und Latein, in der bunten wissenschaftlichen Knnstbntlersprache, die gegenwärtig Mode ist. Wer daher an ältere Werke gewöhnt ist, wird sich schon ein wenig hart thun, sich in die vielfach neue und eigenartige Terminologie einzuleben; nicht umsonst ist schon öfter von Botanikern der beherzigens- werthe Vorschlag gemacht worden, in Werken aus der be- schreibeueen Botanik, falls man sie nicht mehr ganz lateinisch schreiben will (oder kann?), wenigstens die Diagnosen lateinisch mit den wissenschaftlich stereotypen Kunstausdrücken abzufassen. In deutsche» Termini läßt sich ja doch keine Konsequenz herstellen: warum z. B. der Verfasser „steril" und „fertil", ferner „depreß, exotisch, sensitiv" neben „fruchtbar, ausländisch, reizbar" rc., neben „bogigadrig, schülfrig" und anderen, zuweilen ganz unverständlichen Sprachncubildungen stehen läßt, ist nicht klar; jedenfalls bat er selbst das Bedürfniß gefühlt, einen Schlüssel zur Erklärung der KnnstauSdrücke beizugeben. Doch thun natürlich solche Dinge dem Werth des Buches keinen Eintrag; ist man ja bei natürgeschichtlichen Werken gewöhnt, die Anforderungen an philologische Genauigkeit der Darstellungsform nicht hoch zn spannen. Daß der Verfasser die lateinischen Genus- und Species-Bezeichnungen nicht, wie viele ähnliche Schriften, mit den barbarischen deutschen Endungen „beschwäuzt", ist anzuerkennen, ebenso, daß die lateinischen Wörter ihren Accent (nicht immer richtig, vgl. lOanoeöla, S. 1080) tragen; denn wir wissen aus Erfahrung, daß selbst gutbezahlte Umvcrsitäts- professoren die KnnstauSdrücke deS Faches, das sie in Vorlesungen dcciren, oft genug nicht einmal richtig auSzulprechen, geschweige denn ihre Herlcitung anzugeben vermögen. Wesentlich tragen zum Verständniß die beigegebenen schematischen Figuren bei, auch ist es angenehm, daß uns jene Persönlichkeiten, welche einer unseligen Sitte gemäß so Vielen Pflanzen ihre Namen gegeben haben, vorgestellt werden. — Das Werk wird in seiner Art den ersten Platz behaupten; möge es recht viel beitragen zur bewundernden Kenntniß der Natur, die im Kleinen am größten ist und in der Pflanzenwelt einen unermeßlichen Schatz an Farben, Düften und Formen bietet. Anzeiger des germanischen Nation almnseumS. 1894. Nr. 2 — März und April, 3 — Mai und Juni. Nürnberg, Germanisches Museum. Dem „Auze.ger" (Museumschronik) sind als „Mittheilungen" beigegeben: Th. Hampc, Spruchsprccher, Meistersinger und Hochzeitlader, vornehmlich in Nürnberg. S. 25—44, 60—69. Eine sehr gehaltvoll: Studie, als Text zu den im germanischen Museum bewahrten Denkmälern, überdies für die Literatur- nicht minder als für die Cultur- und Sittengeschichte interessantes Thema. Die Nürnberger Hochzeitlader und Leid- 288 bitter des XVH. Jahrhunderts rcknitirten sich hauptsächlich aus den Meistersingern und berührten sich in ihren Funktionen vielfach mit denen des Nürnberger Spruchsprcchers. — I. Kamann, Aus dem Briefwechsel eines jungen Nürnberger Kaufmanns im XVI. Jahrhundert. S. 45—56. (Schluß.) Siehe „Beilage" Nr. 18 (3. Mai 1894). — H. Bösch, Zwei Weintafeln des XVII. Jahrhunderts im germanischen Museum. S. 57—60. Vorläufer unserer Weinkarten. — Th. von Frimmel, Aus der Galerie des germanischen Museums. S. 70—71. Betrifft ein Bild ron Claes Moeyaert „Der Frühling". — H. Bosch, Inhalt eines BalsambüchSleins. S. 71. XVII. Jahrhundert. — Derselbe, Ein rheinisches Wand- kästchen des XVI. Jahrhunderts. S. 71—72. — Sämmtliche Artikel sind illustrirt, besonders der beiden Heften beigelegte „Katalog der im german. Museum vorhandenen zum Abdrucke bestimmten geschnittenen Holzstöcke vom XV—XVIII. Jahrhundert. II.Theil: XVII. und XVIII. Jahrhundert. S. 1—16: Außer Gcschlechtcrwappen eine mannigfache Zahl von Darstellungen aus der hl. Schrift. Fz Die „Mappe", die VereinSgabe der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst für 1894, sist jetzt erschienen. Die eingehende Besprechung derselben bleibt Ihrem ständigen Referenten überlassen. Wir wollen uns hier darauf beschränken, ihren allgemeinen Eindruck festzustellen, indem wir unser aufrichtiges Entzücken an dem vornehmen Inhalte, mit dem sie ihre Vorgängerin von 1893 noch übertrifft, in unverhohlener Weise kund thun. Dabei soll auch die ebenso aufmunternde als ehrende Thatsache verzeichnet werden, daß Se. kgl. Hoheit der Prinzregent die Gesellschaft mit seinem Beitritte beehrt. Weitere Kreise wird cS gleichfalls intcrcssirc», daß die Gesellschaft bereits an die Ausübung des § 14 ihrer Statuten schreiten kaun und als Beitrag zur Ausführung von Altarbildern in Groß-Eislingcn (Württemberg) 600 Mark bewilligt hat. Darum ein begeistertes Vivat, üoroat. orosoad der Deutschen Gesellschaft sür christliche Kunst! _ Friedr. Beetz. Scelenführer. Jllustrirter Katechismus der katholischen Ascese für alle heilsbegierigen Christen, besonders für Tertiären. Mit 42 Abbildungen nach Zeichnungen von A. und L. Seitz. II. Auflage. Frei- burg i. Br. 1894. Hcrdcr'sche Vcrlagshandlung. 12°. XII u. 227 S. Preis 1 M., gebund. zu 1 M. 35 Pf. u. 1 M. 45 Pf. L. Die katholische Ascese in Form eines Katechismus darzustellen, darf ein glücklicher Gedanke genannt werden, und daß vor Ablauf eines Jahres die II. Auflage nöthig wurde, bestätigt dies. Es ist dem Verfasser die gestellte Aufgabe auch gut gelungen, und eS entrollt sich in diesem Büchlein ein gar großer Stoff, von dem in Predigt und Katechese oft wenig und dann erst in sehr langen Zwischenräumen gesprochen wird. Durch die gewählte Darstellungswcise fällt auch der Inhalt deutlich und stark hervortretend in die Augen. Der Gedanke des Verfassers, genanntes Büchlein zur Grundlage von katechetischen Vortrügen bei III. OrdcnSversammlungen zu bcnützcn, kann nur gebilligt werden. Viele Fragen sind mit den Worten der hl. Schrift, Aussprüchen der Väter und Entscheidungen der Kirche beantwortet, überhaupt sind diese 3 Quellen sehr fleißig benützt und muß es so sein; denn sonst wird cS leicht eine Privat- und nicht die katholische Ascese. S. 9 wäre eine Bemerkung über Besuche bei Geistlichen in ihren Wohnungen am rechten Orte. Ein sehr beachtenSwerther Anhang von Gebeten ist beigegeben. Die Bilder sind trefflich und gut gewählt. Der Preis dieser Auflage ist gegen die erste auerkennenöwerth niedriger gestellt. Nallino 6. rV, Olrrestomatbia qorani arabica cum noiis et Klossario. 8°x. VI-f-68-ch-54. Inpsiao, IV. Oerkarä, 1893. L 4,50 Omnibus, czui in arabioa stuäia incumbunb, guanta sib aleorani assicius perloZeväi nocessitas, cuilibst: xatet; boäio- äum ea äicenäi ratio, guain ists indutus hlubainineäanorum über xrosequitnr, veluti exemplar roxutakur. Lüguas srrras blallious ita cleleg-it, ut aäuleseens kacils in menio sua variam kormam ao speeivm ssrinonis eoranici porspicers possit. llsxtus arabions wenäis carens praeclaris tzxis aä kiäem eäitionis Ileäslobianas reeusus est, quem Glossarium arabico latinum sequitvr. kltiamsi autor sermonis eleFantir so consulto ab- stinuisss ipso lateatur, tamen „vox aä Latanam ... transkerta" sie pLA. 41) lapsus est ealami nekanäissimus, gui utinam acl Latanam translatus sit. Oeteroguin übellus moüico xrstio vorrätig tironibus maZno errt cowmoäo. Französ. Volksstimmungen während des Krieges 1870/71 von Dr. E. Koschwitz, Professor an der Universität GreiiSwald. — Verlag von Eugen Salzer, Heilbronn. — PreiS: brosch. M. 1.50; gebunden M. 2.—. Unwillkürlich beschleicht uns die Ahnung, als werde uns Bekanntes geboten, und wir fragen uns, ob wir jenen „schon so oft mit mitleidigem Achselzucken gehörten Stimmen" nochmals lauschen sollen. Aber, was wir bisher gehört, sind mehr oder weniger Fragmente, Einzelheiten, ohne chronologische und kausale Anordnung. Das hier Gebotene ist Studium an den ergiebigsten Quellen, deren einzelne Rinnsale zum Strome „jener Volksstimmung" geworden. Die Zeit, welche seit jenem denkwürdigen Kriege verstrichen, konnte eben zur Untersuchung und Klärung jener Quellen benützt werden — und so liegt vor uns ein Stück Geschichte, das fast nothwendig zur Schilderung jenes Krieges mitgehört. Im Wcrkchcn sind Volkscharakter der Deutschen und Franzosen kurz und treffend gezeichnet, ist durch französische Schilderungen (mit Quellenangabe) unserer Zustände und namentlich unsres Heeres die völlige damalige Unkenntniß mit unsren Verhältnissen bewiesen, so z. B. in den Berichten des Figaro von Eh. Hugo und Milland. In Erstaunen setzt dabei die Unverfrorenheit der Lügenhaftigkeit der betreffenden Autoren. — Bekannt ist die Langsamkeit, Entstellung und Lügenhaftigkeit, mit der das französische Volk über den Fortgang des Krieges und — des unabwendbaren Schicksals — durch die französische Presse u. s. w. bedient wurde. L-ehr durchsichtig schildert das Schristchcn, wie mit dem Eindringen unsrer Truppen in Frankreich die künstlich genährten, falschen Vorstellungen von den „Barbaren" mehr und mehr schwanden, und wie sich unser Heer selbst beim erbosten Feinde die gebührende Schätzung seiner Tugenden und seiner Bildung errang. Theologisch - praktische Monatsschrift. Central-Organ der katholischen Geistlichkeit Bayerns. Herausgegeben von Dr. Georg Pell und Ludwig Heinrich Krick. 4. Band, 8. Heft. Passau, Verlag von Rudolf Abt. Jnhaltsverzeichniß des 8. Heftes: I. Wissenschaftliche Aufsätze. Die 69 Jahreswochen des Propheten Daniel. Von k. Anton Hammerschmied, 0. 8. §r., Lektor der Theologie. — Katholische und protestantische Ethik. Von Dr. Joseph Dippel, Pfarrer in Dcrnach. — Gedanken über christliche Jugendbildung an unsern Gymnasien. Von Dr. Natzinger in München. II. Belehrendes sür die scelsorgliche und pfarramtliche Praxis: Eine Betrachtung über „Firm- gcschenke". Von B. Nepcfny. Benefiziat in Stubenberg. — Die Gewissenspflichten in Bezug auf Kapitalrenteusteuer. Von Dr. Pruncr, Prälat in Eichstätt. — Ist jemand, welcher fremde Kapitalien in seinem Depot und in seiner Verwaltung hat, dafür verantwortlich, daß die Rentensteuer daraus entrichtet werde? Von Dr. Pruncr, Prälat in Eichstätt. — Dia- phanienfcnster für Kapellen nnd Oratorien. Von M. Raith, Pfarrer in Unterhanscn. — LeichengotteSdienste an abgewürdigten Feiertagen. — Hervorsegnung von Wöchnerinnen an Sonn- uud Feiertagen. — Trauung von Auswanderern. Von Ad. Hirschmann in Schönseld (Dollnstein). — Oelebratio Llissas nriurstro masoulo äeüoiorrts. Von k. Bcrnard Schmid. 0. 8. L. in Schcycrn. — Manöver, Einquartierung und Scelsorgc. Von H. Stadler in Nicdenburg. — Kann der Pfarrer gegen eine Katholikin, welche ihr illegitimes Kind protestantisch erziehen lassen will, auf Grund der Staatsgesetze einschreiten? Von Dr. Eduard Stingl in Straubiug. — Ein für die Geistlichen der Grenzorte lehrreicher Erbschaftsstreit. Von vr. Eduard Stingl in Straubing. — Behandlung eines PLnitcntcn, der eine dem Beichtvater bereits anderswoher bekannte Sünde verschweigt. Von L. H. in E. — DaS informc Testament in der Praxis. Von Christian Kunz. — Ein Dcfect in der Tauf- spendung. Von Grüner in Nürnberg. — Eine Warnung für baulustige Kirchcnverwaltungsvorstände. Von Sch., xaroolrus in U. — Ein Verein für arme Schulkinder. Von Voit in Jllkosen (Post MooSham). — Die Augen des Priesters während des Wandlungsaktes. Von L. H. in E. — Eine nachahmcns- werthe Sühne für Sonntagsschändung. Von Rüger, Pfarrer in Bibergau. — Ein Predigtthema für unsere Gegenwart aus dem zweiten Briefe dcö heiligen Petrus. Von A- Gmclch, Kanonikus in Nezensburg. _ Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. Nn. 37. zur Altgsvlirger 13. Keptlir- 1894. Die Sendlingerschlacht. xlx Wenn noch einige Jahre vergangen sind, dann ist es möglich, das Wissenswerthe der deutschen Geschichte mit Hilfe eines „kombinirten Fahrscheinheftes" einfach auf einer Theatertournee kennen zu lernen. Welch ein großartiges Bildungsmoment für die Jugend der Zukunft und ihren Unterricht in Geschichte und Literatur! Mit 20 Mark — vorausgesetzt, daß das fortschrittliche Beispiel des schwäbischen „Sandle" unsere Nachahmung findet — wird man alsdann Wochen lang im Bayerland umherreisen dürfen. Und wo ist denn eine Stätte, von der nicht irgend etwas „Romantisches" oder „Geschichtliches" erzählt wird, wo ist ein Ort, an welchem nicht irgend einmal irgend eine „historische Person" so unvorsichtig gewesen ist, durch irgend einen muthwilligen Streich die Pietät der Nachwelt herauszufordern? Wie viele Stätten und Orte kann es bei der augenblicklichen Hausse in der patriotischen Dramatik darum in einigen Jahren noch geben, die nicht werden ihr „Spiel" auszuweisen haben? Es gilt ja allgemein und mit Recht als Ruhmeszeugniß für ein Volk, wenn seine dramatische Poesie sich auf seine große Vergangenheit besinnt und lebendigen Antrieb aus der vaterländischen Gesinnung empfängt. Wir spenden deshalb Leuten, wie den wackeren Kraiburgern, und Männern, wie unserm edelsinnigen Martin Greif und seinem Genossen Oberregisscur Savits, von Herzen ein uneingeschränktes Lob, weil sie ihre schauspielerische oder dramatische Begabung in den adeligen Dienst der Vaterlandsliebe stellen. Anders aber beurtheilen wir den ethischen und ästhetischen Werth so vieler anderer „Spiele", die einzig der Eitelkeit entstammen, irgend eine lokale Spezialität aus der Rumpelkammer der „Romantik" oder „Geschichte" zur Schau bringen zu können, getreulich nach dem Motto des Direktors in Göthe's Faust: „Wird vieles vor den Augen abgesponnen, So daß die Menge staunend gaffen kann, Da habt ihr in der Breite gleich gewonnen, Ihr seid ein vielgeliebter Mann." „Dilettanten und Philister sind Geschwisterkinder", sagt Niehl in der „bürgerlichen Gesellschaft". Und es sind in der That spießbürgerlicher Chauvinismus und dramatischer Dilettantismus meist die einzigen Tugenden, welche aus derartigen Aufführungen erblühen. Neuerdings wollen nun auch die Sendlinger ihr patriotisches Schauspiel haben. Sie brauchen ja auf der Suche nach einem dramatischen Stoffe im Buch der Geschichte nicht so weit zurückzublättern. Das Gedächtniß an den Opfertod für Fürst und Vaterland, dem sich in der „Mordweihnacht" von anno 1705 im Schatten der Sendlinger Kirche eine Leonidasschaar heldenmüthiger Bauern geweiht hat, verdient wohl in unserer Zeit vaterlands- loser Bestrebungen aufgefrischt zu werden; das Gedächtniß an die Zeit, als „die seit 4 Jahrhunderten in den Gemüthern der Unterthanen zum Naturverhältniß ausgebildete Gehorsamspflicht und Anhänglichkeit an ihren Landesherrn" und die Liebe zu dem „im Boden deutscher Volkstreue festgewurzelten Herrscherstamm" (K.A. Menzel, Neuere Geschichte d. D. IX, 359) sich bewährte. Die Geschichtsliteratur zur Sendlingerschlacht ist ziemlich reich, besonders haben sich um sie verdient gemacht Professor Dr. Sepp (München) und der verstorbene Würzburger Kreisarchivar vr. Schäffler. Zwischen beiden Forschern schwebte eine lebhafte Controverse über die Geschichtlichkeit des Schmiedes von Kockel, die von Schäffler bekämpft und von Sepp vertheidigt wurde. Und wer der Promotion des Or. I. W. in der Münchner Aula am 1. März 1889 anwohnte, der konnte Zeuge sein eines interessanten Nedeturniers zwischen dem Promoventen, welcher eine Thesis aufgestellt hatte, die im Sinne Schäfflers den Münchner Literaten Grub er*) bezichtigte, an der Figur des Schmieobalthes tüchtig herumgedichtet zu haben, und zwischen Professor Sepp, der aus dem Auditorium heraus von der Redefreiheit Gebrauch machte und einen feurigen Ansturm auf diese waghalsige Behauptung ausführte. Von den dramatischen Bearbeitungen scheint die von Gustav Adolf Müller den Beifall der Sendlinger gefunden zu haben. Sie hat den Titel: „Die Schlacht bei Sendling (1705). Historisches Schauspiel in vier Aufzügen." Bühl, Concordia. 1892. 8°. 68 S., und ist „den Manen der bei Sendling am Christfest 1705 für Fürst und Freiheit kümpfend gefallenen Helden" gewidmet. „Ich denke es mir", sagt der Verfasser im Geleitsworte, „als eine der schönsten Aufgaben national gesinnter Bühnen, in dieser oder einer anderen Gestalt die Ideale der Treue und heldenhaften Liebe eines seines sittlichen Werthes vollbewußten Volkes der Mitwelt wie ein mahnend Gedenken vor Augen zu stellen." Müllers Stück, ursprünglich für das „reformirte" Oktoberfest bestimmt und von G. Flüggen bühnengerecht gemacht, fußt auf einem verwandten Drama von Pros. Sepp: „Der Jägerwirth und die Sendlingerschlacht." Drama in vier Akten mit einem Vorspiel: „Die Haberfeldtreiber". 2. Auflage. München, Lindauer. 1891. 8°. 15, 107 S., es steht aber durch Wohllaut der Verse und Adel der Sprache unserer Meinung nach weit über seinem Vorbilde, wenn auch Sepps Dichtung einige recht erhebende Partien auszuweisen hat. Die vielumstrittene und niemals, selbst nicht in Lesfings Dramaturgie, recht gelöste Controverse über die Befugniß des Dichters, große historische Begebenheiten durch kleine, freierfundene Anekdoten zu verdunkeln, bezw. zu erhellen, kommt auch in Müllers Drama zur Geltung. Bei ihm ist der Schmted- *) Zu seiner literarischen Qualifikation diene folgendes charlatanartige Inserat in der „Bayer. Staatszeitung" Nr. 40 (1832 April 15.): „Mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung werde ich, gestützt von mebrercn Kunstfreunden, Dienstags den 17. April 1832 im großen Saale zum schwarzen Adler eine Vorlesung religiösen, vaterländisch-geschichtlichen und erbauenden Inhaltes auszugsweise aus mehreren vollendeten Manuskripten, mit musikalischen Produktionen ausgestattet, zu halten, und dieselbe auf 2 bochgefällig anzugebende religiöse Vortragsstoffe als rhetorischer und lyrischer Improvisator zu beschließen, mir die Ehre nehmen. Unter den Vortragsstoffen vaterländisch- geschichtlichen Inhaltes ist ein historisches Familien- und Kriegsgemälde betitelt: Der starke SchmiedbalthcS zu Kochel (nach der von mir der Oeffcntlichkeit mitgetheilten historischen Forschung abgebildet aus dem Kirchengemälde zu Sendling) in seiner Werk- stätte und als Anführer der bayerischen Hochländerbauern am Cbristtage 1705, nach einem schriftlichen Aufsätze im Kalender 1734, welchen mir der nun verstorbene Lehrer Anton Bichl- mayr zu Kochel bchändigte, gezeichnet. Mit musikalischer Zwischen- beglcitung auf dem Fortepiano von dem 11jährigen Musikzögling Peter Cavallo. AIS ein Eingcborner Bayerns rechne ich mit unbegränzter Zuversicht aus einen zahlreichen Zuspruch und werde micb bestreben, dieser stützenden Theilnahme mich ferner als vaterländischer Historiograph und Schriftsteller würdig zu machen. München, am 14. April 1832. Ferdinand Joseph Eruber, Privatdozent und Schriftsteller." 290 balthes nicht bloß der freiheitsdurstige Patriot, sondern außerdem der für die durch einen Oesterreicher beschimpfte Ehre seiner Tochter auf blutige Vergeltung ausziehende Vater. Ob aber dieses Motiv der persönlichen Rachsucht dazu angethan ist, den Helden uns, wie man es nennt, „menschlich näher" zu bringen, ist eine Frage. Jedenfalls schadete es nichts, wenn an der weitausgesponnenen Erzählung, die der Schmied von jenem Attentat gibt, etliches gekürzt wäre. Im übrigen wird zweifelsohne das Stück seinen Eindruck nicht verfehlen. Man macht jetzt Anstrengungen, um der Degeneration des Oktoberfestes durch allerlei Programmneuheiten zu steuern. Wie wäre es denn, wenn man das „vaterländische Schauspiel" allen Ernstes in den Nahmen dieser wohlgesinnten Bestrebungen aufnähme? Wir brauchten da erst nicht, nach den Worten des verstorbenen Grafen Schack (Einleitung zu CalderonS Werken, 13), „die Brosamen von der Tafel vergangener Zeit" aufzulesen, sondern uns nur unserer mitlebenden Dichter zu erinnern. Und wenn in München keine Kräfte zu gewinnen find, dann lassen sich vielleicht die Kraiburger oder die Send- linger zu einem „Gastspiele" bestimmen. Unter den herrlichen Liedern des unsterblichen Sängers von „Dreizehnlinden" befindet sich ein schwungvoller Hymnus „An die Volkspoesie". Er stammt aus dem Jahre 1862 und klingt aus in eine warme Sehnsucht nach „Deutschlands AuferstehungsLage", nach dem Erwachen des „alten Schläfers im Kyffhnuser". An die vaterländische Muse aber richtet F. W. Weber die Bitte: „Sing' unsern Ruhm: dein Liedcrborn Erfrischt den kranken Muth der Schwachen; Sing' unsre Schmach, um Scham zu Zorn Und Zorn zu Thaten anzufachen!" Der Osternigg und der Kirchtag von Göriach im Gailthal (Oberkiirnten). Von Cölestin Schmid. (Fortsetzung.) Am nächsten Morgen zog ich schon frühe den Hügel hinan, von dem der Gvriacher Kirchthurm durch die Lücken des wallenden Thalnebels Ausschau zu halten anfing. Die Kirchengemeinde Göriach umfaßt vier Ortschaften. Zum Fcstgotiesdicnst vereinigt man sich in der gemeinsamen Dorfkirche, das Uebrige spielt sich in jeder Ortschaft gesondert ab. Etwas unterhalb der Kirche weitet sich der Dorfplatz von Göriach uneben um eine mächtige, uralte Linde. Nebenan aus dem Wirthshaus ließ sich bereits die Dorfmusik mehr lustig als feierlich hören. Den Klängen derselben nachgehend, fand ich droben auf dem Tanzboden die ganze Burschenschaft des Dorfes, hemdärmelig, mit der officiellen Virginia im Mundwinkel, versammelt. Ich stieg zur Kirche hinauf. Auf dem Platze vor derselben hatte sich bereits ein ganzer Jahrmarkt entwickelt. Von allen Seiten her zogen die Burschen und die Schönen des Thales; schon von weitem her hob sich die bunte Tracht der Auf- und Abziehenden auf dem mattgrünen Wiesengrunde scharf ab. Die Glocken bimmelten mit hartnäckiger Ausdauer, aber von einem Beginn des Gottesdienstes schien noch lange nicht die Rede zu sein. Nur die gebrochene Gestalt des Dorfpfarrers huschte von Zeit zu Zeit forschend durch das Gewirre, um bald wieder zu verschwinden. Um so freundlicher und voller beschienen allmählig die Sonnenstrahlen den bunten Kram von Buden und gleißenden Kostbarkeiten. Darunter waren besonders auffallend ganze Reihen von Lebzelterbnden, deren Schätze sich in alle möglichen Winkel mythologischer und symbolischer Deutsamkeit verloren: vor jeder stand ein Hackblock mit Beil. Da ist ein alter Volksbrauch im Spiel. Auf dem Block wird nämlich ein lebzeltenes, unbescheiden großes Herz auf zwei Hiebe durchhauen, und zwar so, daß Derjenige dasselbe gewinnt, dessen Hiebe sich in einer geraden Linie fortsetzen. Es war bereits gegen 10 Uhr, da ließ sich Musik von der Dorfgasse herauf hören, und gleich darauf erschienen, hinter der Musik einherzieheud, hemdärmelig, rauchend, die Burschen von Göriach. Während sie sich heroben im Kreise um die fortspielende Musik postirten, folgten auch die Burschen von Draschiz mit Musik, und zu gleicher Zeit ließ sich von Achamiz herüber eine dritte Musikbande mit dominirender großer Trommel recht deutlich hören. Zuletzt erschienen die Trellacher. Während der ganzen Zeit hatten sämmtliche anwesende Musikcorps nebeneinander mit der ganzen Wucht ihrer Kunst gewett- eifert, was ganz rührend zu dem Glockengebimmel paßte. Die berühmte homerische Volksversammlung konnte nicht mehr an elementaren Sinneseindrücken geleistet haben: nur zeitweise unterbrach das Schnadahüpfl irgend eines Burschen das Getöse. Endlich ging es in die Kirche. Da die Predigt in slovenischer Sprache gehalten wurde, zog ich mich alsbald wieder auf den Friedhofplatz zurück und erkämpfte mir die höchste Stufe einer Freitreppe. Von da bot sich nun das anmuthige Bild von ungefähr 200 auf der Mauer zwischen den Grabsteinen sich lagernden Thalbewohnerinnen. Den düstern Nahmen des heiteren Gemäldes bildeten die immer noch nebelumwallten Hänge des Osternigg und Dobratsch. Die Thaltracht besteht in einem faltig gebügelten Rock, der, nur bis zu den Knieen reichend, die meistens auffallend zierlichen Unterfüße sehen läßt. Auch. die seidene, bunte Schürze ist gefältelt. Die weißen Strümpfe sind halb durch hohe, verzierte Schnürstiefletten verdeckt. Das Mieder ist nur auf dem Rücken ganz geschlossen und macht da den Eindruck eines unzerstörbaren Panzers, auf der Vorderseite läuft eS in zwei Haltbänder aus. Zwischen diesen ist ein seidenes Brusttuch hinaufgespannt, das am Halse von einer Spange festgehalten wird. Eine breitfaltige, weiße Krause legt sich um den Hals, ebensolche um die Handgelenke. Um das in reichen Flechten gelegte, von Bändern durchzogene Haar schlingt sich in kühner Weise, etwas nach rückwärts geschoben, ein buntfarbiges seidenes Tuch. Vielfach hangt unter demselben ein banddurchflochtener Zopf hervor, der an dem Gürtel festgemacht wird. Es gibt kaum Farben, die nicht da oder dort bei dieser Tracht vertreten wären. Gewöhnlich sind es deren 4—5, und zwar habe ich dieselben vielfach mit einer geradezu klassisch-harmonischen Wirkung zusammengestellt gesehen, die alle Berechnungen des Wiener Ningviertels übertraf. Meistens sind die Farbennuancen gedämpft hell, und man kann sich dabei ohne Phantasterei in den hellen, farbenreichen Orient versetzt fühlen. Das sechs Stunden lange windische Gailthal ist auch die einzige Gegend, die den Fremden mit all den Phantasiern des trachtenreichen Tiroler- und Kärntnerländls nicht enttäuscht. Ebenso haben sich auch nur da noch uralte Volksspiele wie das Kufenstechen der berittenen Burschen erhalten. Der Gottesdienst war beendet, nach allen Richtungen strömt die Menge auseinander. Während die große Trommel der Achamizer noch lange über den grünen Rücken herüberdröhnt, folgen wir den Göriachern, die feierlich zu ihrer Dorflinde ziehen. Im weiten Umkreis umgibt das Volk den von mächtigen Besten beschatteten Platz. Auf einer Bank, die rund um den Stamm gezimmert ist, nimmt die Musik stehend Platz, die Burschen aber stellen sich wieder, zum Theil sich gegenseitig umschlingend, in ihren Kreis. Eine Weise nach der andern wird gespielt. Den Text singen die Burschen abwechselnd. Zugleich spielen sich geheimnißvolle Ceremonien ab: es handelt sich um die Auswahl der Tänzerinnen. Eine Pause tritt ein; da winken die Burschen gegen den umgebenden Kreis. Die Erwählten stürzen sich aus demselben in die Arme ihres Burschen. Nun werden alle gangbaren Tänze um die Linde herum durchgetanzt, dazwischen immer wieder die Schnadahüpfl der Burschen. Früher spielte sich der ganze Kirchtag, wenn möglich, unter der Linde ab, jetzt dauert der Tanz im Freien 1, 2 bis 3 Stunden, und dann geht es auf den Tanzsaal, durch dessen losgefügte Bretterwand die blaugrüne Thalscenerie freundlich hereinschimmert. Und nun geht es in tollem Jagen fort Tag und Nacht hindurch: das Ganze wiederholt sich genau am zweiten und auf besonders alterthümlichen Kirchtagen, wie auf dem von Sak-Nötsch, an einem dritten Tage. Bei dem Tanz unter der Linde ist nicht nur jeder Fremde, sondern auch jeder Bursche einer andern Dorfschaft und jeder in dem Dorfe nicht Altansässige ausgeschlossen. Doch scheint das Protektorat der Damen auch diese altererbte Schranke zu durchbrechen, wenigstens wurde ich auf einem andern Kirchtag von meiner Wirthin aufgefordert, unter ihrem Schutze den Tanz mitzumachen. Um so freundlicher zeigen sich die Burschen dem Fremden gegenüber auf dem Tanzboden. Ich war auf jenem Kirchtag der einzige thalfremde Eindringling, konnte mich aber unter den 400 — 600 Burschen und Schönen der fünf Tanzplätze vollständig frei bewegen. Einer althergebrachten Sitte zufolge bieten die Burschen selber dem Fremden Tänzerinnen an, wobei sie auch noch teilweise sorgfältige Auswahl treffen. Ablehnung von Seiten des Gastes gilt als tödtliche Beleidigung. Am höchsten galt meine Anwesenheit auf dem Kirchtag in Thörl, wo ich mit dem Bezirksrichter auf dem Tanzsaal erschienen war. Beamte und Geistliche werden als Gäste sehr geehrt, wenn sie Sinn für das Volksleben zeigen, und sind auch vielfach noch bei der ganzen Kirchtagsfeier unter ihren Leuten zu treffen. Die Tänze folgen sehr rasch, fast ununterbrochen aufeinander und haben fast durchweg einen lebhaften, scharfen Rhythmus. Eigenthümlichen Charakter haben sie wenig auszuweisen, mit Ausnahme deS „Steirischen", welcher mit Liedern abwechselt, von den Burschen, die ihre Tänzerinnen an der Hand führen, gesungen. In den kurzen Zwischenpausen stehen die Mädchen in zwei-, dreifacher Reihe an den Wänden umeinander. Nur zeitweise gehen sie zu einem großen Wafferschaff unter der Treppe, um sich etwas abzukühlen. Dafür tanzen sie bis 3 Uhr in der Frühe, ohne zu ermüden. Die Burschen vereinigen sich zu „Zechen" von 6 Mitgliedern. Alles Verzehrte geht hier ganz auf gemeinsame Rechnung, jede Zeche hat eine riesige, bekränzte Weinflasche in der Mitte. Dieser jedenfalls altererbte volkstümliche Zug des Gemeinschaftlichen macht wie das übrige Benehmen der Burschen einen durchaus günstigen Eindruck. Reibereien und Schlägereien find sehr selten. Nur der Kirchtag von Mellweg bei Hermagor hatte etwas schlimmeren Charakter. Thatsächlich begann dort bereits am Nachmittag eine Rauferei; dafür entschuldigten sich die übrigen Burschen, nachdem sie die Uebelthäter hinausgeworfen, mir, dem Fremden, gegenüber. (Schluß folgt.) Aus der Todtenliste der Missionsbischöfe von 18S3. (Schluß.) 3. Msgr. Franz Maria Duboin aus der Genossenschaft vom Hl. Geist und dem hl. Herzen Mariä, ehemal. apostol. Vicar von Senegambien; geboren am 23. September 1827 in Samoens, Diöcese Anuecy, gestorben am 26. August im Ordenshause St.-Coeur Marie in Chevilly. Msgr. Duboin hatte in Folge seiner schwächlichen Gesundheit ein wechselvolles Missionsleben. Er kam im Jahre 1850 in die Mission nach Senegambien, wirkte dort zuerst für einen einheimischen Klerus, dann als Missionär und mußte nach kaum zwei Jahren, schwer erkrankt, nach Frankreich zurück. Dort weilte er fünf Jahre und arbeitete in verschiedenen Ordensämtern. Im Johre 1857 ") ging er als Provinzialoberer nach der Insel Rounion; 1872 in derselben Eigenschaft nach der Insel Mauritius. An beiden Orten schuf er eine Reihe von Anstalten. Am 26. Juli 1876 wurde er zum apostol. Vicar von Senegal und Senegambien ernannt. Wiederum — wie einst vor 26 Jahren — wurde ihm bald gefährlich das mörderische Klima. Im sechsten Jahre seines VicariatS mußte er entkräftet seine schwere Bürde niederlegen und zog 1883 sich in das Mutterhaus zurück, wo er in stiller Zurück- gezogenheit lebte bis an sein seliges Ende. 4. Msgr. Ag apit Dumani, griechisch-melchitischer Bischof von Acca — dem alten Ptolemais und Jean- d'Acre der Kreuzfahrer. Geboren am 1. Januar 1802, erreichte er ein Alter von 91 Lebensjahren. Seine Geburtsstätte war De'ir-el Kamar im Libanon; sein Leben dürftig. Sein Einkommen belief sich auf kaum 2000 Frcs. Seine Hecrde war arm. Dennoch baute er sechs neue Steinkirchen, 8 Schulen und 15 Priesterhäuser. Die ganze Schaar seiner Gläubigen betrug nur 9000 Personen. Msgr. Dumani war ein frommer, seelcneifriger Priester und hatte sich bei seinen eifrigen Studien im Kloster der Basilianer-Möuche vom heiligen Erlöser bei Sidon ausgezeichnet. — Es sind aus Asien noch drei weitere Sterbefälle zu verzeichnen. 5. Msgr. Andreas Simon aus dem Pariser Seminar, apostol. Vicar von Nord-Birma, geboren 1858 zu? — in der Diöcese Lvtzon in Frankreich, gestorben am d in Mandalay. Er unterlag einem frühen Tode. Nur fünf Jahre währte sein Vicariat. Doch mehrte sich unter ihm die Zahl der Katholiken um 2000; auch legte er 1888 den Grundstein zu einer neuen Kathedrale, deren Baukosten ein reicher Birmane trug. Nähere biographische Notizen über den Verstorbenen sind noch nicht vorhanden. Zu bemerken ist noch, daß sich jetzt in Birma unter der neuen englischen Herrschaft die katholische Kirche frei und Achtung gebietend entfaltet. 6) Msgr. Franz Eugen Lions — ebenfalls *) In „Die kath. Miss." ist wohl irrthümlich die Jahreszahl 1855 angegeben, wen» Msgr. Duboin vom Jahre 1852 wirklich fünf Jahre in Frankreich verblieb. aus dem Pariser Missionsseminar, apostol. Vicar von Kwei-tscheu (China); geboren am 1. November 1820 im Dörfchen Barcelonnette, Diöcese Digne, gestorben am 24. April. Bis in sein 14. Lebensjahr hinein hütete er die Schafe seines Vaters. Er war talentvoll, bieder, fromm und fröhlich, und hatte etwas Militärisches in seinem Charakter. Seine äußere Erscheinung und seine chinesische Sprachfertigkeit stempelten ihn im nationalen Anzüge zu einem gleichsam wirklichen Chinesen, was ihm bei den schweren Christenverfolgungen oft zu gute kam. Seine Mission begann eben im Vicariate Kwei-tscheu im Jahre 1848. Er hatte unendlich viel zu leiden. Eine barbarische, blutige Mißhandlung schon frühzeitig äußerte ihre schmerzlichen Folgen noch nach 30 Jahren. In den 1850er Jahren mußte er mit seinen Christen ins Gebirg flüchten. Im Jahre 1860, wo eben eine außerordentliche religiöse Bewegung unter den Heiden eintrat und sich in einer einzigen Subprä- fectur die Heiden von 300 Dörfern zur Annahme des Christenthums anmeldeten, brach von Aünnan aus ein schrecklicher Verfolgungssturm los. Eine große Anzahl von Christendörfern wurden vollständig zerstört und entvölkert. In Folge der Aufregung und des Fiebers brach der heldenmüthige Missionär zusammen. — Im Jahre 1866 übernahm er die Leitung des MissionSseminars. — Nach dem Tode des apostol. Vicars Msgr. Faune wurde Msgr. Lions — am 29. Juni 1872 zum Bischof geweiht — apostol. Vicar von Kweit-tscheu. — Bereits 12 Jahre herrschte ziemlich Ruhe, und es mehrten sich in hocherfreulicher Weise die Zahl der Katholiken, der Kirchen, Schulen und Waisenhäuser rc. Da brach aufs Neue 1884 durch den französisch-chinesischen Krieg die Chrtstenverfolgung aus. Im Missionssprengel wurden 52 Stationen zerstört, Priester, Katecheten und viele Christen getödtet und schwer mißhandelt. Von diesem Schlag hat sich die Mission bis heute noch nicht erholt. Abermals mußte der Bischof flüchten. Da fing er an zu kränkeln, und nachdem er 1885 einen Coadjutor erhalten, zog er sich nach und nach ganz zurück. Er starb inmitten feiner Lieben sanft „in Ruhe und Frieden" am 24. April. 7. Msgr. Johannes Jbaüez (Jbanjes), 0. apostol. Vicar von Amoi (ebenfalls in China). Sechs Tage kaum trug er den Bischofstab. Am 8. Oktober trat er das Vicariat an und am 14. Oktober lag er auf der Todtenbahre. Er war eben schon kränklich. Seine Lebenszeit währte nur 45 Jahre. Er war sehr fromm, eifrig und wirkte auch literarisch; er ist Verfasser eines chinesischen Wörterbuches und mehrerer kleiner Schriften in der Landessprache. 8. Msgr. Felix Nikolaus Joseph Midon aus dem Pariser Seminar, apostol. Vicar von Osaka (Central-Japan), geboren in Bonviller — Diöcese Nancy — am 7. Mai 1840. Zum Priester geweiht 1864, wurde er Professor, dann Vicar an der Kathedrale in Nancy; trat 1869 in das Missionshaus ein und ging 1870 nach Japan, wo damals Msgr. Petitjean als apostol. Vicar das ganze weite Missionsgebiet unter sich hatte. Im Jahre 1674 wurde der tüchtige Missionär Provicar des nördlichen Missionsdistriktes, woselbst er auch nach der Theilung Japans in ein südliches und nördliches Vicariat, welch'letzteres Msgr. Osouf erhielt, verblieb. Hier war er 15 Jahre, da er schon über ein Jahr vor 1674 im Norden wirkte. Schon 1888 wurde d«S Vicariat Centraljapan — Osaka — errichtet und Msgr. Midon übertragen. Dort gab es 15 Missionäre, nur 2 Kirchen und etwa 2000 Neophyten — unter 13 Millionen Heiden. Und dort war das Haupt- boIlwerk des Buddhismus, der in der alten Hauptstadt Kioto (nördlich von Osaka) seine heilige Stadt besitzt, die heute noch an zweitausend Heiligthümer hat und eben erst — in den 1880er Jahren? — einen prachtvollen Tempel gebaut hatte, der über vier Millionen Frcs. gekostet (welche Opferwilligkeit bei Heiden!). Msgr. Midons Hauptbestreben war die Errichtung von Schulen und Waisenhäusern. In Kioto standen zahlreiche Anstalten und Schulen der reichen englisch-amerikanischen Secten und daneben die katholikcnfeindliche Hochschule Do-chicha (Do-schischa), von den Protestanten eifrig beeinflußt. In diese mächtige Götzenstadt baute Msgr. Midon ein solch respektables Gotteshaus, daß dieser Bau im „Fremdenführer" als Sehenswürdigkeit angeführt wurde. Der prachtvolle Bau wurde eingeweiht am 1. Mai 1890. — Trotz seiner schwächlichen Gesundheit war Msgr. Midon ein Mann von Schaffenskraft. Aber mitten in seinem Werke, und unverhofft, raffte ihn der Tod dahin. Auf einer Reise nach Rom befiel ihn zu Marseille die Influenza. Ein Blutsturz machte den Zustand hoffnungslos. In der Nacht vom 11. auf 12. April verlangte und erhielt er die hl. Sterbfakra- mente, ordnete mit aller Seelenruhe noch die dringendsten Geschäfte und verschied am 13. April ohne Todeskampf. Bei seinem Tode hatte das junge Vicariat 45 Christengemeinden, 3 Kirchen, 2 Kapellen, 34 Bethäuser, 10 Schulen, 5 Waisenhäuser, 9 Gewerbeschulen und Werkstätten und eine japanische Zeitung. Die Zahl der Missionäre aber hatte sich auf 20 und jene der Katecheten auf 50 erhöht. Das war das Werk weniger Jahre des so früh dahingeschiedenen Msgr. Midon! 9. Msgr. Christoph August Reynolds, Erzbischof von Adelaide (Australien); geb. am 25. Juli 1835 in Dublin, der Hauptstadt Irlands. Er machte seine Studien bei den Carmeliten, dann bei den Benediktinern im ehrwürdigen Subiaco in Italien, und vollendete sie bei den Jesuiten im Colleg von Sevenhill in Südaustralien. Sein Herz zog ihn hin zum Ordensleben; da er jedoch eine schwächliche Körper-Constitution hatte, konnte er sich den strengen Forderungen des Ordenslebens nicht unterwerfen. Er wirkte darum als Weltpriester. Nachdem er 14 Jahre als solcher mit schönem Erfolge gewirkt hatte, erhielt er 1873 den Bischofsstuhl von Adelaide und ward 1887 dessen erster Erzbischof. Dieses Erzbisthum ist zweimal so groß, wie Frankreich. Seit seiner Bischofsweihe bis ins Jahr 1881 hinein hat Msgr. Reynolds, wie er selbst berichtete, keinen Monat lang zu Hause gewohnt: 85,000 (?) 1cm hat er auf seinen ersten Berussreisen durchmessen, 11,800 Firmlinge gesalbt und zu 30 neuen Kirchen den Grundstein gelegt. Die Zahl der Schicken hat er von 5 auf 56 erhöht, und die 1100 Schüler stiegen auf 6000! Hiezu hat die Regierung nicht einen Heller gesteuert. Bei seinem unermüdlichen Schaffen fand Msgr. Reynolds eine Hauptstütze bei seinen lieben, zahlreichen Ordensgenossenschaften. Er hatte eine lange und schmerzliche Krankheit, die er mit aller Gottergebenheit ertrug, und schied aus dem Leben am 12. Juni 1893, tief betrauert selbst von den Protestanten. 10. Am 26. Januar starb in der Bifchofsstadt Fort Wahne — Nordamerika — Msgr. David Dwenger, ein Deutscher. Er war ein Mann von Frömmigkeit, Entschiedenheit und Geschicklichkeit. (Näheres fehlt.) 11. Dr. Jgnacia Ordoüez, Erzbischof von Quito (Ecuador). Er war es hauptsächlich auf geistlicher Seite, welcher den großen, blutigen Kampf für die kirchliche und politische Neugestaltung Ecuadors treu und kühn Mitgekämpft, welchem der unsterbliche Garcia Moreno und Msgr. Checa im Meuchelmord zum Opfer fielen, und dem Msgr. Ordoirez — damals Bischof von Rumba — mit knapper Noth entkam. — Er war es auch, der, vom Präsidenten Gar. Moreno gesandt, im Jahre 1861 bet Pius IX. das Concordat mit Nom erwirkte. Dr. Ordoüez lebte nach dem Vergiftungstode des Msgr. Chöca (1877) einige Jahre als Verbannter und wurde, als endlich eine bessere Zeit eintrat, von Leo XIII. zum Erzbischof von Quito ernannt. (Geburtszeit und Sterbetag sind nicht angegeben.) R. I. k. Die Briefe des hl. Bonifatius. Von Adam Hirschmann, Pfarrer in Schönseld. (Schluß.) Wohl der hervorragendste unter den Schülern des hl. BonifatiuS war Lul, welcher später sein Nachfolger in Mainz geworden ist. Er scheint das Kind reicher Eltern gewesen zu sein; denn er bittet die Aebtissin Cuneburg um Zusendung zweier Knechte: Beiloc und Man, welche er und sein Vater freigelassen hatten (ex. 49 x. 298). In Bonifatius verehrt er den Lehrer der Metrik und des geistlichen Lebens (ex. 98 x. 385), der seinerseits den reichbeanlagten, wissensdurstigen (ex. 71 x. 338; ex. 103 x 389) Priester zu vertrauten Sendungen an den päpstlichen Stuhl verwendet (ex. 86 x. 368). Wenn auch ein Seufzer über die harte Mis- fionsthätigkeit, über den Mangel an zuverlässigen Mitarbeitern (ex. 100 x. 387) der Brust Luls sich entringt, so läßt er sich doch in der Treue gegen die alten Freunde in England und in der Verehrung gegen Bonifatius durch keine Bitterkeit beirren; in Versen spricht er den Wunsch aus, Gott möge die Arbeit des greisen Erzbischofcs zum Heile der Seelen reichlichst lohnen, und fährt dann, sein eigenes Verhältniß zu Bonifatius berührend, fort: »Llsrnentia cchus (se. Oei) LIe miserum te lar§a monsbat rulirs niaZsistrum Llols Zravi noxas pressns, Line lumins corclis; Otia cluin vgAabunäus amabain; äuleia creäens tzuas eonstant cunetis animabus noxia sempsr. keetoris abtust teuebras scä Aratia äeinpsir Lalvantis Obristi, Zratis via ssnsibus auZens Von» weis stoliäis. 6ui laus vt bonor sma lins. Ltgus tui tibi.erescat inarce laboris Oliiupi — virscti eallis äuetor! — mereesgus coroua luAöuüguo tui, guc> snw pars ultima magni« ' (ep. 103 p. 390). Zugleich mit Lul war Denchard nach Deutschland gekommen (ex. 49 x. 297), welcher das volle Vertrauen seines Oberhirten besaß und daher als Sachwalter der deutschen Mission in Rom thätig war (ex. 61 p. 302; ex. 64 x. 308; ex. 69 x. 316). Ein kleines Brief- chen, das kaum 5 Zeilen umfaßt, zeigt uns Denehard in der angelsächsischen Heimath, wie er im Auftrage des hl. Bonifatius thätig ist für einen Unfreien, Namens Athalhere, welcher sich verehelichen wollte, dem sich aber Schwierigkeiten entgegenstellten. Denehard sollte ihn wie einen freien Mann unterstützen, wenn nothwendig sogar Bürgschaft leisten (ex. 99 x. 387). Dieser kurze Brief, bemerkt Hanck mit Recht (K.-G. I, 446), charaktertsirt Bonifatius und seine nach allen Seiten sich erstreckende Fürsorge für die Seinen besser, als lange Schilderungen. Unter den Frauen, die dem Rufe des Apostels der Deutschen folgten, nimmt unstreitig Lioba oder Leobgyth, eine Verwandte des Heiligen, die erste Stelle ein. In einem Briefe bittet sie den Erzbischof, für ihre verstorbenen Eltern: Dynne und Aebbe, deren einzige Tochter sie sei, zu beten. Unter der Leitung der Aebtissin Eadburg, welche die hl. Schrift nicht aus den Händen legt, habe sie die Kunst, Verse zu machen, gelernt (ex. 29 x. 281). Daß sie auch auf deutschem Boden für literarische Mädchenbildung thätig war, erhellt aus der Verwendung des angelsächsischen Priesters Torhthat bei Bonifatius, der Aebtissin von Bischofsheim die Erlaubniß zu gewähren, einem Mädchen Unterricht zu geben (ex. 96 x. 383). Neben Lioba werden noch andere Frauen genannt: Chunihilt, Chunitrud und Thekla, welche die christliche Bildung, die sich in England so rasch entfaltet hatte, in unser Vaterland übertrugen, welche zuerst nach Hauck'S Ausdruck (K.-G. I, 450) eine höhere Anschauung deS Lebens in Deutschland heimisch machten. Was erzählen uns die bonifatianischen Briefe über unser deutsches Vaterland? Wer an der Hand der taciteischen Germania ein Sittenbild unserer heidnischen Ahnen entwirft, der verfällt gar leicht in ein unberechtigtes Jdealisiren. So sagt Scherr (Deutsche Cultur- und Sittengeschichte S. 26): „Der lichteste Punkt in der Sittengeschichte unserer Vorfahren ist das Verhältniß der beiden Geschlechter zu einander und die Stellung der Frauen, eine Stellung, welche unverhältnißmäßig höher und edler war, als die, welche das antike Zeitalter dem Weibe einräumte, . . Daß die Frau die nährende und wärmende Flamme der Geschichte ist, das haben erst die Germanen erkannt; erst durch sie wurde das Weib wirklich in die Gesellschaft eingeführt. Sie sahen, berichtet Tacitus, im Weibe etwas Heiliges, Vorahnendes; sie achteten auf den Rath der Frauen und horchten ihren Aussprüchen." Gegenüber der raffinirten Sittcnlosigkeit des römischen Lebens mag die derbe Un- geschlachtheit der germanischen Weiber dem zürnenden Historiker der Kaiserzeit als herzerfreuendes Ideal gegolten haben, aber im bonifatianischen Zeitalter war die gerühmte Züchtigkeit deutscher Frauen und Jungfrauen äußerst selten zu finden. °) Denn sonst hätte der Apostel der Deutschen nicht stets Klage führen können über un« enthaltsame Diakone, welche, von Jugend auf in allen Schlechtigkeiten sich wälzend, selbst in diesem Stande oft vier, fünf und noch mehr Kebsweiber bei sich haben, aber gleichwohl das Wort Gottes verkündigen, ja sich nicht scheuen, die Priesterweihe sich ertheilen zu lassen. Im Reiche Karlmanns, berichtet Bonifatius an den päpstlichen Stuhl, gibt es auch Bischöfe ähnlicher Führung (sx. 50 xa§. 300). Ein häretischer Priester, welcher von seiner Concubine zwei Kinder hatte, berief sich zur Vertheidigung seiner Unenthaltsamkeit auf das alte Testament, wornach der überlebende Bruder die Frau des verstorbenen Bruders heirathen sollte (ex. 57 x. 314). °) In den Annalen (lib. IX, aap. 16) äußert sich TacituS über die vinolsntis, se libiäines, Zrata barbaiis se. Oerwanis. Cäsar (vs bsllo galliv. iib. VI o. XXI) berichtet: Intra »nimm vsro vieesimum Iswinae notitiam Iiabuisss in turpissimis bedeut (Oermani) rebus; eusus rsi null» est oeeultatio, guoä et proiniseue in Üuwiaidus perluuntur st pellibus aut parvis rsnonum legimslltis utuutur, waZna vorporis parke nuäa. Vcrgl. Weiß, Apologie des Christenthums, I, 423, 451. Ohne die Hilfe des weltlichen Armes, ohne den Schutz des Frankenkönigs, hätte Bonifatius beim Klerus weder das Cölibatsgesetz, noch bei den Laien die kirchlichen Vorschriften über die Monogamie durchzuführen vermocht (ex. 28 x. 279; ex. 56 x. 310; ex. 63 x. 329). Unter den verschiedenen Widersachern der boni- fatianischen Missiouslhätigkeit werden zwei Namen besonders genannt. Auf der römischen Synode vom 25. Oktober 745 legte Deneard die Klageschriften des hl. Bonifatius gegen den Franken Aldebert und den Schotten Klemens vor; der erstere hielt sich für einen heiligen Apostel und großen Wunderthäter, dem ein Engel des Herrn von der äußersten Ferne Reliquien von wunderbarer und unerhörter Heiligkeit überbracht habe; in Kraft derselben könne er alles, was er wünsche, von Gott erlangen. Sein größtes Heiligthum jedoch war ein Brief des Herrn Jesu Christi: in Jerusalem sei er auf die Erde gefallen und von dem Erzengel Michael am Thore Effrcm gefunden worden; nach verschiedenen Wanderungen sei er in die Hand Aldeberts gekommen. Kamen Leute zu ihm, um ihre Sünden zu bekennen, so sprach er: „Ich weiß all eure Sünden, denn eure Heimlichkeiten sind mir bekannt; es bedarf des Sündenbekenntnisses nicht, sondern es sind euch eure vergangenen Sünden vergeben, kehret getrost und frei von Schuld im Frieden in eure Häuser zurück." Die Wallfahrten nach Nom mißbilligte Aldebert, ebenso wenig liebte er die alten Kirchen der Apostel und Märtyrer, dagegen richtete er an Quellen und auf den Fluren Kreuze auf, baute Kapellen, die er auf seinen eigenen Namen weihte, und feierte dort Gottesdienst. Das Volk hörte die Predigten dieses Mannes, den unwissende Bischöfe sogar mit der bischöflichen Würde ausgezeichnet hatten, gerne an; verehrte seine Nägel und Haare als werthvolle Reliquien und sprach es offen aus: „Die Verdienste des hl. Aldebert werden uns helfen." Noch ist uns ein Bruchstück eines der Gebete dieses Schwärmers erhalten: „Herr, allmächtiger Gott, Vater des Sohnes Gottes, unseres Herrn Jesu Christi, A und O, der Du sitzest auf dem siebenten Throne, über Cherubin und Seraphin: große Frömmigkeit und süßes Glück ist vor Dir. Vater der hl. Engel, der Du gemacht hast Himmel und Erde, und Alles, was darinnen ist, Dich rufe ich an, und zu Dir schreie ich, und Dich lade ich ein zu mir Armen, denn Du hast uns gewürdiget zu sagen: Was ihr vom Vater bitten werdet in weine« Namen, das habe ich euch gegeben. Dich bitte ich, zu Dir schreie ich, auf den Herrn Christus vertraue ich meine Seele." Zu den Engeln sich wendend, beschwört er sie: ^kraecor vo8 st conjuro vvs st suxxlioo me aä vos, anAkünv Ilrisl, cmKölus IlaZusI, anxölus ltusiuel, LNZsIur ölicknöl, rmZelus ^äinu8, rmgelu8 PnßuL3, angelus Lairaoc, anxelus Liwisl." Gewiß, diese fremdartig und gehcimnißvoll klingenden Namen mußten die stets lebendige Phantasie der Menge erregen I (Hauck I. e. I, 509.) Der andere Gegner war Bischof Klemens, welcher das Cölibatsgesetz theoretisch und praktisch mißachtete, welcher die Auctorität der Kirchenversammlungen gering schätzte und das Ansehen des hl. Hieronymus, des hl. Augustinus und Gregorius verwarf. Ueber die Höllenfahrt Jesu Christi, über die göttliche Vorherbestimmung huldigte er Anschauungen, welche mit der kirchlichen Lehre im offenen Widersprüche standen. An volkstümlicher Bedeutung und tiefgehendem Einflüsse stand Klemens weit hinter Aldebert zurück; seine Irrthümer bewegten sich mehr in theologischen Jdeenkreisen. Beide wurden auf der römischen Synode ihres priesterlichen Amtes entsetzt, ihre Lehren als falsch verworfen (ex. 59 x. 317 bis 321). Doch scheinen ihre Irrthümer noch längere Zeit nachgewirkt zu haben (ex. 77 x. 349), indem Pippin die Ketzerei nicht als staatliches Vergehen erachtete und bestrafte. Groß und mannigfaltig waren demgemäß die Hindernisse und Schwierigkeiten, welche der hl. Bonifatius gegenüber den fränkischen Bischöfen, den nikolaitischev Priestern zu überwinden hatte. Aber mit muthiger Unerschrockenheit und heldenmütiger Ausdauer führte er den Kampf bis zum vollen Siege durch. Uoriaiuur, st Osu3 voluerit, xro sauLtis IsZidus xutrnva nostrornm: nov 8imu8 canes matt, noQ 8iinu3 taciti sxsculatorös, non simn8 insrosn- uarii luxuva üagisntss, 8sä xa8tor63 8oI1iciti, vigi- lantes 8uxra Zrsgem Clirtsti, xru6äieants8 rnagori av ininori, ckiviti 6t xanxsri onins eonmlium Oei, om- niliu8 §rnäidu3 vel astatidus, in csuantuiQ O6U3 äona-verlt xv38s, oxortune, inxortuns, eo naoclo cfno 8Lnotu8 6rsZc>riu8 in lißro xastorali eorworixsit (sx. 78 x. 354). Hat der hl. Bonifatius diesen herrlichen Vorzügen des katholischen Priesterthums nicht stets nachgelebt? Steht nicht heute noch sein Bild als hellleuchtendes Muster unverdrossener Pflichterfüllung, treuestcr Hirtensorgfalt vor unserem Auge. Wenn seit dreihundert Jahren nach Gottes uner- forfchlichem Weltenplane der Gedanke des hl. Bonifatius getrübt, sein Einheitsbau — das Herzvolk Europa'S mit Nom zu verbinden — theilweise in Trümmer gesunken ist, sollte nicht eine eingehendere Beschäftigung mit den Briefen dieses epochemachenden Mannes dazu beitragen, daß wir Deutsche aller Stämme wieder eins werden im Glauben, eins in der demüthigen Unterwerfung unter die unfehlbare Lehrauktorität des römischen Pontifex? Verzeichnis bei der Redaction eingegangener Schriften. Erinncrungsblätter an die feierlicbe Ueber- tragnng der Gebeine der hl. Märtyrer Adclarius undCobanuS in die Domkirche zu Erfurt. Erfurt, 1694. Druck und Verlag von G. A. Brodmann. Stimmen vom Berge Karmel. Monatsschrift für das kath. Volk. Graz, 1894. Verlag des Karmeliten-Convents- 12. Heft. Das heil. Land. Organ des Vereins vom hl. Grabe. 38. Jahrg. Heft 2. Commissionsverlag von I. P. Bachem, Köln. Nagel's Jllustr. Klassiker-Bibliothek. Schiller'S Werke I. Druck u. Verlag von G. Nagel. Berlin. Repcrtorium der Pädagogik. Organ für Erziehung, Unterricht und pädagogische Literatur. Herausgegeben und geleitet von Joh. B. Schubert, Oberlehrer in Augsburg. 48. Bd. 11. u. 12. Heft. Ulm, 1894. Druck u. Verlag der I. Ebner'- schen Buchhandlung. Jahresbericht der kgl. bayer. landwirthschaftl. Centralschule Weihenstephan für das 42. Schuljahr 1893/94. Frcising. Buchdrucker« von Dr. Frz. P. Dattcrer. Geschichte deS historischen Museums und der Maillinger-Sammlung der Stadt München. Von Ernst von Destonchcs. München. I. Lindauer'sche Buchhandlung (Schöpping). Jllust rirtcs Familienbuch der Naturheilkunde. Herausgegeben von Ludw. Rexhäuser. Leipzig, Verlag von C. Schremmel. Liefg. 24—27. Recensionen und Notizen. Schneider Eulogius. Sein Lebe» und seine Schriften. Von vr. L. Ehrhard, Oberlehrer in Straßburg. 1894. 1—223 mit Bildniß. ct. Seit dem Jahre 1791 hat dieser unglückliche Priester und SchrcckenSmann in den Tagen der französischen Revolution nicht weniger als 24 Biographen gefunden. Vorliegende Schrift schildert ausführlicher als jede Vorgängerin, wie Schneider in das Franziskanerkloster zu Augsburg eintrat, Hofprcdiger zu Stuttgart, Professor in Bon», Prediger in Stratzburg, Bürgermeister von Hagenau, öffentlicher Ankläger beim Kriminalgericht wurde und endlich sein Leben am 1. April 1794 durch die Guillotine in Paris endete. Wer ein Bild menschlicher Schwäche und die Wandelbarkeit des irdischen Glückes kennen lernen will, lese diese durch Inhalt und Form spannende Schrift. _ Fuhlrott Jos., Materialien für Prediger und Katecheten über die wichtigsten kath. Glaubensund Sittenlehrcn in alphabetischer Ordnung. IV. Bd. 8°, 603 S. Negensburg, VcrlagSanstalt 1894 (N.) M. 7,50. s. Die früheren Bände vorstehenden Werkes haben wir in der „Beilage Nr. 10" d. Bl. bereits (am 8. März d. JS.) angezeigt und lobend empfohlen,- so daß wir uns, da die Bearbeitung eine ganz gleichartige geblieben ist, darauf beschränken können, zu cvnstatiren, daß mit diesem IV. Band das ganze Werk abgeschlossen ist und auch zugleich ein den Gebrauch erleichterndes Univcrsalregistcr erhalten hat. Im übrigen können Wir unser früher gefälltes Urtheil nur wiederholen. Der heilige Papst CLlestin V. (Peter von Morronc), unter dessen Regierung das HauS der heiligen Familie von Nazarcth nach Loreto wunderbar übertragen wurde. Ein kurzes Lebensbild zur sechshundertjährigen Ge- dächtnißfeier entworfen von Don Josaphct, Herausgeber des „Sendbote des heil. AntoniuS von Padua". 8". IV. 76 S. M. 0,50. Commissionsverlag der Akticndruckerei in Fulda. Alle Nationen rüsten sich, zur 600jährigen Jubelfeier der Uebertragung des Hauses der heiligen Familie von Nazareth nach Loreto das Ihrige beizutragen. Auch Deutschland will dabei nicht zurückbleiben, und betreibt ein eigens dazu gebildetes Comite seit langem die würdige Ausstattung der den deutschen Katholiken zugewiesenen Abtheilung dieses ehrwürdigen Heiligtlmms, sowie auch die Or- ganisirung von Pilgerzügen nach dem Guadcnorte. Ohne Zweifel wird es daher jedem Katbolikcn, besonders aber denen, die an einem Pilgerzugc theilzunchmen beabsichtigen, überaus erwünscht sein, die Schicksale des hl. Hauses von Loreto zu erfahren und zugleich das Leben eines Nachfolgers des hl. Petrus kennen zu lernen, der bis zu seiner Erwählung als armer Klausner gelebt und schon nach 3'/,monatlicher Regierung in wahrhaft heroischer Demuth die Tiara wieder niederlegte, weil er sich der ränkesüchtigen französischen Politik Carls II. von Anjou nicht gewachsen fühlte und die Kirche vor Schaden bewahren wollte. In lichtvoller, klarer Darstellung führt uns der Verfasser den Heiligen und seine Zeit vor Augen und begegnet dabei den GeschichtSlügen, die sich über diesen Einsiedler-Papst gebildet hatten. DaS Werkchen verdient weiteste Verbreitung, die ihm bei der guten Ausstattung und dem billigen Preis (50 Pf.) wohl auch nicht fehlen wird. Karl Gempcrle, Wahrheiten zur Erweckung der Neue und Bußgesinnung. Ein Vaäswoouw für Beichtväter. Mit kirchl. Druckgenehmigung. 8°. XIV und 114 Seiten. Preis M. 1.20. Obiges Werkchen bildet mit der vor kurzem erschienenen lateinischen Ausgabe: »Rationss movonäi xosnitsntsa«, Preis M. —.60, eine vorzügliche Ergänzung zu dem unter dem kathol. Klerus weitest verbreiteten Buche von „Nöggl Zuspräche" und wurde von Hocbw. Herrn Universitäts-Professor vr. Krieg, Freiburg i. Br., äußerst günstig beurtheilt und zur Anschaffung bestens empfohlen. Die beiden Serien, die deutsche wie die lateinische, schreibt der hochw. Herr Nniversitätsprofessor, Verdienen gedruckt zu werden; und ich wünsche dies dringend, einmal weil wir sehr arm an derartigen, doch so nöthigen Zusprächen sind, und dann wegen der inneren Gediegenheit der vorliegenden zwei Arbeiten. Gleich die Einleitung, Vorrede genannt, ruht auf sicheren Grundsätzen und zeigt große Erfahrung des Verfassers. Es ist schade, daß der Verfasser gerade diese Gedanken nicht weiter auSgesponnen und die praktischen Grundsätze zusammengestellt hat. Die „Zuspräche" selbst sind durchweg mit Geschick der Epistel oder dem Evangelium entnommen, oft originell, dabei praktisch und gerade wegen ihrer Bündigkeit und Knappheit jedem Seelcnführcr willkommen. Alle sind gut und brauchbar und regen zu neuen Gedanken an; und gerade letzteres Moment ist bei derartigen Schriften sehr zu schätzen. Auch dem Prediger werden die einzelnen Serien sebr gute Dienste thun. Zum Schlüsse bemerkt der Hochw. Herr Univ.-Profcssor vr. Krieg, daß er im „Beichtunterricht" den Theologen gern das Werk Gemperle's als Anhang zu dem trefflichen Werke «Nöggl, Zuspräche" warm empfehlen wird. „Vorwärts" von Pros. Aug. Nincklake, Berlin, Verlag der Germania. (Preis 30 Pfg.) Der Verfasser obiger Schrift weist nach, daß der Ursprung der socialen und meistens auch der wirtschaftlichen Mißstände der Jetztzeit in den unzureichenden Arbeitslöhnen, welche namentlich in den großen Städten gezahlt werden, sowie überhaupt in dem Centralisiren deS Fabrikenwesens zu suchen ist. Der Preis der Waare dürfe nicht den Lohn bestimmen, sondern umgekehrt — der Lohn den Preis der Waare. Die schwierige Ausgabe der Lohnregulirung solle gesetzlich derart gelöst werden, daß die gewöhnlichste normalstündige Arbeit ihrem Vollsührer mindestens den Lebensunterhalt sichern müsse. Für alle Arbeiten, die Intelligenz erfordern, gebe eS durch Zeit und Gewohnheit geregelte feste Vcrhältnißzahlen, durch deren Multiplikation mit den Kosten der Lcbensuntcrhaltung der nicht z» unterschreitende Minimallohn jeder Arbeitsbranche zu ermitteln sei. So solle die halbjährlich zu erneuernde Lohn- festsetzung an allen Orten erfolgen, wonach sich die Löhne in den großen Städten ganz wesentlich höher stellen müßten, als in ländlichen Bezirken. Daraus sei zu folgern, daß die Industrie nach und nach die großen Plätze verlassen würde und sich somit daS Land wieder bevölkere. Für den Rückgang der Grundstückswcrthc in den großen Städten könne ein milder Ausgleich gefunden werden. Die sehr zu empfehlende Schrift bietet sodann auch äußerst practischc Vorschläge in Bezug auf die Wohnungsfrage, wonach die Arbeiterwohnung der Privat- spcculation dauernd entzogen werden kann. Das warme Interesse für daS Wohl der Arbeiter, welches die Schrift durchweht, als auch die kurze, jedes unnütze Wort vermeidende Abfassung derselben machen sie noch besonders lescnswerth. Die kohlcnsäurehaltigen Bäder und deren Heilwerth. Von vr. well. Hugo Zelle. Dresden, Verlag von HanS Hackarath. (Preis: 40 Pf.) In dem vorliegenden Schriftchcn ist es ein Mann der Wissenschaft, ein Arzt, welcher in streng sachlicher und klarer Weise den Werth der Kohlensäure im Bade für Gesunde und Kranke erörtert. Insbesondere beleuchtet vr. Zelle die kohlen- säurehaltigen Bäder als vornehmstes Heilmittel für die in unserer Zeit immer mehr überhandnehmenden Krankheiten der Nerven und des Herzens, wie für viele andere Leiden, und preist eS deshalb als eine außerordentliche Errungenschaft für die leidende Menschheit, daß eS in der Gegenwart gelungen ist, den natürlichen kohlensauren Bädern künstlich hergestellte an die Seite zu stellen. Unter letzter» behandelt er schließlich daS von Friedrich Keller in Dresden erfundene Verfahren ausführlich als dasjenige, welches sich nicht blos bei einem die Keller'- schen Bäder den kohlensäurereichstcn natürlichen Bädern gleich- werthig machenden Nutzeffect durch große Einfachheit und Billigkeit, sondern auch durch die leichte Regulirbarkeit des Kohlensäuregehaltes auszeichnet. Der hl. Wolfgang in Wort und Bild. Zum 900jähr» igen Jubiläum dem kath. Volke dargestellt von Präses Mchler in Negensburg. Pustet. Preis einzeln 50 Pf., 100 Stück 40 M. Mit bischöflicher Genehmigung. Zum 900jährigen Jubiläum des Todestages des hl. Wolfgang ist in vorstehender Broschüre dem kath. Volke reichhaltiger Aufschluß ertheilt über des hl. Bischofs Leben, Wunder und Verehrung. Mit großem Fleiße hat der Hochw. Hr. Verfasser alle Erinnerungen an den Heiligen aus den verschiedensten Ländern gesammelt und so in seiner mit passenden Zugaben, Programmen und sinnigen Gedichten, verbundenen Schrift eine cmpfchlenswerthe JubiläumSgabe geboten. Was daS Interesse am diese gewiß zeitgemäße Broschüre noch besonders lenken dürfte, sind die vielen und meisterhaft gelungenen Abbildungen (mehr als 30 für 103 Seiten), welche in treffender Auswahl Scenen aus dem Leben des hl. Wolfgang, Orte, die er durch 296 seine Anwesenheit geheiligt, und anderes dgl. mehr zur getreuen Anschauung bringen. Möge eine weite Verbreitung dem eifrigen und opferwilligen Hochw. Herrn Verfasser seine Mühe belohnen. k. tz., 0. Oarwel. viso. Beleuchtung antireligiöser Schlagwörter. Ein Beitrag zur Löiung der brennendsten Zeitirage. 40 kr. Unter diesem Titel erschienen bei Heinrich Kirsch in Wien soeben acht Vortrage deS bereits bestens bekannten derzeitigen Nectorö des Präger.Redcmptoristen-Kollegiums ?. Georg Freund, deren Ucberschrften lauten wie folgt: „Religion ist Nebensache", „Ick glaube nichts", „Es ist ein Glaube wie der andere", „Der Glaube ist anliquirt, heute tbut's die Bildung", „Mit dem Tode ist alleö aus". „Es gibt kein Jenseits", „Die katholische Kirche hemmt den Fortschritt", „Nur nichts übertreiben", „Von der Religion hab' ich nichts, die vertröstet auf'S Jenseits". In ungemcin klarer und ansprechender Weise widerlegt der Verfasser in den einzelnen Vortragen diverse Einwürfe gegen die kathol. Religion; Geistliche werden in den Frcund'scben Vortragen so manchen Gedanken finden, den sie vcrwertben können, und auch Laien kann die Lectüre der ungemcin klar und verständlich geschriebenen Schrift nur angcrathen werden. — Die Ucberscbriften der einzelnen Vortrage sind in der Tbat heutzutage antireligiöse Schlagwörter geworden. Möchte daher doch die Frcund'scbe Schrift, die diese Schlagwörtcr so trefflich Widerlegt, recht viel gekauft und gelesen werden. Pünktlich ist der Fuldaer Bonifatiuskalender für 1895, der in diesem Jahre sein erstes Dccennium feiert und aus diesem Anlag ganz besonders reichhaltig und hübsch ausgestattet ist, erschienen. Im Nachfolgenden nehmen wir vom Inhalte kurz Notiz: Zunächst fällt uns ein Farbcndruckbild, 24 X 18 om groß und kunstvoll ausgeführt, „Das Rosen wunder der hl. Elisabeth" darstellend, in's Auge; schon allein dieses an- muthigen Bildes wegen, welches daö für unsere Zeit so be- deutungSwürdige Gebot der christlichen Nächstenliebe versinnbildlicht, verdient der Bonifatius-Kalender weiteste Verbreitung. — Das zweifarbige Kalendarium bringt neben sehr wohl angebrachten Belehrungen über Feld-, Wald-, Garten- rc. Arbeiten die üblichen Denksprüche, Wetterregeln, Notizenraum u. s. w. Die Erzählungen: „Wunderbare Fügungen" (aus dem KricgSjahre 1870), „Sein Princip" (Soziale Erzählung aus unseren Tagen) und „Der Himmel auf dieser Welt" sind zeitgemäß und unterhaltend, voll bcberzigenswertber Lehren. Eine urgelungene Militärhumoreske „Eierkuchen und Johannisbeeren" sorgt für nöthige Erheiterung. Weiterhin folgen: eine flott geschriebene Jabresrundschau» wcrthvolle Abhandlung über Gemüsebau, das hl. Haus von Lorcto, Wasserheilmethode und sonstige schätzenswertbe Aufsätze. Wie früher, so widmet der Bonifatiuskalender auch in diesem Jahre dem Werke des Bonifatiuövereins einen größeren Artikel, der hoffentlich seine Wirkung nicht verfehlen wird. Vollständiges Marktverzeichniß und Wandkalender sind ebenfalls vorbanden. Nickt weniger als 2 Vollbilder, 33 Portraits und 25 sonstige Bilder schmücken den Text. Und das alles für nur 35 Pfg.! In der That ist dieser Kalender wie kein anderer geeignet, in katholischen Kreisen weitesten Eingang zu finden. Allen Verehrern der hl. Elisabeth sei er noch besonders empfohlen. OesterreichischesLiteraturblatt, herausgegeben von der Leo-Gesellschaft in Wien, redigirt von Dr. Franz Schnürer. (Administration: Wien I., Annagasse 9.) Inhalt der Nr. 14 u. A.: Somm ervogel C., Lidliotiitzqus cls la. LowxaZms äs llösus. (v.) — Heiner Frz., Katb. Kirchen- recht, II. Bd. (Tbeol. Pros. Dr. Jos. Scheicher. St. Pötten.) — Albertus Llagnno, vo savrosauoto corxoris vomini saeramsnto ssrnwnss, oä EZ. ssacob. (Domcapitular Rud. Frhr. v. Linde, Wien.) — Neteler B.. Stellung der alt- testamentlichcn Zeitrechnung in der oriental. Geschichte. V.: Untersuchung der Zeitverhältnisse des babylon. ExilS. (Univ.- Prof. vi. Beruh. L>chäfer, Wien.) — Müllen er Eh., Beiträge und Vorschläge zur Reorganisation der Lehrerbildung auf pädagogischer Grundlage. (Pros. Dr. C. Ludewig, Preßburg.) — Mahr Mich., Wolfgang LaziuS als Geschichtsforscher Oesterreichs. (Dr. Jos. Lampe!, Concipist I. Cl. am Geh. Staatsarchive, Wien.) — Wankel, Die prähistor. Jagd in Mähren, (vr. N. F. Kaindl, Privatdocent an der Univ. Czernowitz.) — Limback Hm., Priameln. Eine ausgewählte Sammlung altdeutscher Sinngedichte mit einem erläuternden Vorworte. (Univ.-Prof. vi. I. E. Wackernell, Innsbruck.) — Sorn Jos., Der Sprachgebrauch des Historikers Eutropius.— Spiegel Gebh., Zur Charakteristik des Epigrammatikers M. Valcrius Martialis. — Spandl Jos., Constructionsschwankungen m der latcin. Sprache und deren Ursachen. — Heidrich Gg-, Der Stil des Varro. — Troost K., Seebildcr aus Vergib Versuch einer im Goethe'schen Sinne identischen Uebersetzung. — Hevesi Ludw., Zerline Gabillon. Ein Künstlerleben. (Univ.-Prof. Dr. Laur. Müllner Wien.) — Musikalische Werke der Kaiser Ferdinand III., Leopold I. und Joseph I. Autorisirie Volksausgabe. (Pros. Moriz Prunlechncr, Wien.) — Weichs-Glon Fricdr. Frbr. zu. Das finanzielle und sociale Wesen der modernen Verkehrsmittel (Finanzratb Dr. K. Scheimpslug, Innsbruck) u. s. w. — Personalnacbricbtcn. — Inhaltsangabe von Fachzeitschriften. — Bibliographie. Katechetische Blätter. Zeitschrift für Religionslehrer. Zugleich Correipondenzblatt des Canisius-Kaiecheten- Vercins. Herausgegeben u. redigiert von Pfarrer Frz. Walk, Benesiziat zu GaimerSheim (Oberbayern). Kempten, Verlag der Jos. Kösel'scbcn Buchhandlung. 1894. Preis pro Jahrgang (12 Hefte) M. 2.40. Inhalt des siebenten Hefteö: Fingerzeige für angehende Katecheten zur Ertheilung des Religionsunterrichtes.— Die Weihungcn und Segnungen der Kirche. — Von heiligen Lippen. — Ueber die Liebe zur Jugend. — Literatur und Miscellen. — Correspondcnz des Canisius-Katecheten-Vercines. Theologis ch-praktischeMonatsschrift. Central-Organ der katholischen Geistlichkeit Bayerns. Herausgegeben von Dr. Georg Pell und Ludwig Heinrich Krick. 4. Band, 9. Heft. Passau. In Commission der Abt'- scben Buchhandlung. Jnhaltsverzcichniß des 9. Heftes: I. Wissenschaftliche Aufsätze. Interessantes auö den liturgischen Kalcndaricn (Direktorien) sämmtlicher Diöcesen von Deutschland, Oesterreich, Schweiz und Luxemburg. — Die 69 Jahreswochen des Propheten Daniel. (Schluß.) — II. Belehrendes für die seelsorglicbe und psarramtliche Praxis: Bemerkungen über die läßliche Sünde. — Das Recht deS Psarr- berrn zur Aufrechterhaltung der Disciplin in der Kirche. — Die Aufgabe der Mädchenerzichung gegenüber der modernen Gesellschaft. — Die geltenden Rubriken und Gewohnheiten bei Austheilung des Weihwassers. — Praktische Bemerkungen zum Kapitel „Krankenbesuche". — Wer ist »xaroodna proxrirw- der Schulkinder. — Gewissensfall bezüglich des Stipendiums der Binaiionsmesse. — Soll man die Episteln der Sonn- und Feiertage dem Volke vorlesen? — Knien und Kniebeugungen deS Volkes in der Kirche. — Uneigennützigkeit des Priesters. — Fleißigere Ausnützung deS Paramentenvereines. — Meßstipen- dium für den Ausbilfspriester. — III. Erlasse der obersten Verwaltungsstellen u. Entscheidungen der obersten Gerichtshöfe. (RcligionS- und Kirchensachen.) 1. Kircben- verwaliungswahlen; 2. Einkommensausbesscrung der kathol. Seclsorgsgeistlichcn aus Staatsmitteln; 3) Klage auf Anerkennung der kirchlichen Baupflickn; Compctcnz zur Entscheidung von Streitigkeiten; 4. Acrgernißgcbender Charakter des Con- cubinates; 5) Wiederzulassung der Redemptoristcn und der Väter vom heil. Geiste. — Novitätcnschau. — Literar- ischer Anzeiger. — Zeitschriftcnschau. Literarischer Handweiser, begründet, herausgegeben und redigirt von Msgr. Dr. Franz Hülskamp in Münster. 24 Nrn. L 2 Bogen Hochquart für 4 M. p. Jahr. 1894. Nr. 7. Inhalt: Kritische Referate über tlauäß l)o morali ozcstomato 8. ^.IMonsi äo InAorio (Deppe), L ox an vistinAnishsä Irislimon ot' tds XVI. Century (BclleSheim), Zwerg er ^.pis aseetiea. (Rösler), Krebs ?. Passerat und Leben der ehrwürdigen Mutter de Rozisrcs (Deppe), Oraik LuAlisIr Vroos 8oleotion8 (Zimmermann), Baumgartner Unicrrichtslchre und Rieden Allgemeine Pädagogik (Rolfus), Ludorff In sturmbewegter Zeit, Ludorff Zu spät und P. Weber Kaiser Maximilian (Keiter), Jüngling Erklärung katholischer Kirchenlieder (Schcuermann), Rom stück Personal- statistik und Bibliographie des Eichstätter LyceumS und Fest- bericht über die Jubelfeier des Münchener Georgianums (Hülskamp). — 8 Notizen über verschiedene Nova (Hülskamp). — Novitäten-Verzeichnitz. — Lectionskatalog der Universität zu Freiburg-Schweiz für das Wintersemester 1894/95. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. - Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Ein Wort über die alten Sprachen und den Einfluß der klassischen Studien in politischer und religiöser Beziehung.*) H,. H. In den letzten Jahren ist über das Schulwesen und besonders über die Gymnasien so viel gesprochen und geschrieben worden, daß man daran allerdings auf einige Zeit genug haben könnte. Allein da die Zeit der Bewegung mehr nur die Mangel des Bestehenden vor Augen gehabt und fast überall in der wesentlichen Umgestaltung das Heil zu erkennen glaubte, so dürfte es der Zeit deS ruhigen Ueberlegrns vorbehalten sein, die Gegenstände von neuem zu betrachten und zn untersuchen, ob nicht vielleicht mancher Theil des Bestehenden zuletzt doch besser und brauchbarer ist, als man zuvor gemeint hat. Es ist indessen nicht unsere Absicht, über das Schulwesen im Allgemeinen oder die Gymnasialbildung in ihrem ganzen Umfange zu sprechen, sondern wir wollen uns nur im Bereiche der letzteren über einige Punkte verbreiten, die nach unserem Dafürhalten immer zu wenig beachtet werden und eben dadurch zu manchem Vorwurf gegen die Gymnasien Anlaß geben. Man tadelt daran in der neuesten Zeit mehr als je, daß die alten todten Sprachen in zu großem Umfange gelehrt werden, dieses Studium sei in unseren Tagen überhaupt unpraktisch und die darauf verwandte Zeit eine verlorene; die Gymnasien liefern deßwegen, sagt man, nur solche Leute, welche utopisch für gewisse Ideale schwärmen, aber dem Leben gänzlich entfremdet seien. Man hat bei dieser Behauptung jene Zeit im Auge, wo die alten Sprachen (besonders Latein) den größten Theil des Gymnasialunterrichtes ausmachten, alle anderen Lehrgegenstände stiefmütterlich behandelt und jene Sprachen selbst mehr nur nach ihren Wortformen und grammatischen Regeln gelernt wurden, ohne daß man dabei großen Werth auf das Erfassen der Schriftsteller gelegt hätte. Doch diese Zeit liegt längst hinter uns. Im Vergleich zu ihr ist in den letzten Dezennien eine bedeutende Verbesserung eingetreten. Denn einerseits hat der Unterricht in der Muttersprache, in Mathematik, in den Naturwissenschaften, in Geschichte und Geographie einen Umfang gewonnen, welcher sowohl dem absoluten Werthe dieser Lehrgegenstände die verdiente Anerkennung verschafft, als auch den Anforderungen der Zeit entspricht; anderseits hat der Unterricht in den alt- klassischen Sprachen fast allenthalben eine bessere Methode der Behandlung angenommen. Während früher allzuviel Gewicht auf das Erlernen der bloßen Wortformen und syntaktischen Regeln gelegt wurde, wird jetzt die Form der Sprache zwar nicht vernachlässigt und die strenge Einübung der lateinischen und griechischen Grammatik immerfort als das beste Mittel formaler Geistesbildung angesehen; allein das bloße Wort und seine Form gilt nicht mehr für das Einzige oder die Hauptsache in dem Unterrichte dieser Sprachen, sondern mehr nur als das Mittel zum Zweck. Dieser besteht vorzugsweise darin, in enger Verbindung mit der formalen Durchbildung des Geistes den reichen Inhalt der Werke des klassischen Alterthums, die *) Aus dem Nachlasse des ch Gymnasialdirectors Dr. Stelzer zu Sigmaringen. Die Abhandlung, obwohl schon im Jahre 1852 versaht, dürste auch in unseren Tagen noch zeitgemäß sein. Thaten und Gedanken der Griechen und Römer, wie sie in der ästhetisch-schönen und dem Inhalt angemessenen Form ihrer Literatur niedergelegt sind, unmittelbar aus den Quellen selbst zu erkennen. Wir sagen: aus den Quellen selbst; denn es ist eine bekannte Sache, daß auch die besten Uebcrsehungen weit hinter dem Originale zurückbleiben, seine Lebcnsfrische entbehren und es nicht ersetzen können, da nur die Sprache selbst der getreue Ausdruck des geistigen Lebens eines Volkes ist. Wir müssen uns daher die Quellen offen erhalten und zur Anregung des forschenden und nach Wissenschaft streben» den Geistes sie immer wieder von neuem durchforschen, um ihren Inhalt durch eigene Geistesthätigkeit herauszufinden und gleichsam zu erobern. So ist die Grammatik und Literatur der lateinischen und griechischen Sprache das beste Mittel/) den Geist im logischen Denken und Begreifen unablässig zn üben, seine Kraft zu entwickeln und zu stählen, mit einem Worte: ihn zn bilden, abgesehen von dem Stoffe, den die Schriften der Alten zur Nahrung des jugendlichen Geistes und Gemüthes in reicher Fülle darbieten. Wenn ma:> nun nach dem Utilitätsprinzip in feiner alltäglichen Form nur dasjenige praktisch nennt, was alsbald im Leben mit materiellem Gewinn") angewandt werden kann, was zunächst als Mittel zum Erwerbe und Lebensunterhalte dient, so ist das Studium der alten Sprachen allerdings für die überwiegende Mehrzahl der jungen Leute sehr unpraktisch. Wenn man dagegen dasjenige praktisch nennt, was überhaupt mit vorrhcilhaftem Erfolge angewandt werden kann und somit die Erreichung eines bestimmten Zweckes möglich macht oder befördert, so ist das Studium der klassischen Sprachen in hohem Grade praktisch. Der praktische Werth dieses Studiums liegt aber nicht nur in der Geistesbildung an sich, sondern auch darin, daß jene Sprachen der Schlüssel sind zum gründlichen Erlernen und wahren Verständniß der neueren (romanischen und germanischen) Sprachen und ihrer Literatur; indem sowohl diese Sprachen selbst in Rücksicht auf ihre Formen, als auch die in ihren Schriftwerken niedergelegte Kunst und Wissenschaft ursprünglich und großenteils auf die Werke der griechischen und la- *) Ein Urtheil Schcllings sei hier angeführt, welcher sagt: „In der That nichts, selbst nicht der Unterricht in den mathematischen Wissenschaften, der zwar an ein nothwendiges, stufen- weises Fortschreiten, aber nicht ebenso zugleich an freie Bewegung gewöhnt, kann jene strenge Dünket, und salsäe Einbildung frühzeitig niederhaltende Zucht deS Geistes, jene Gewöhnung an Stetigkeit und gleichmäßiges Fortschreiten ersetzen, welche ein gründlicher Unterricht in den alten C prachen gewährt." (Jahrb. f. Ph. u. Päd. v. Klotz u. Dietsch, 52. 94.) Professor Dietsch (Grimma) sagt in den Jahrb. f. Ph. u. Päd. 52,97: „Die Jugend ist von dem Zeitgeiste angesteckt; sie will früh selbstständig sein, früh genießen, früh etwas gelten; deßhalb hält sie jede heilsame Zucht für eine Sklaverei, der sie sich womöglich entledigen müsse, und will nur dasjenige lernen» was sie in der Praxis nach ihrer Meinung gebrauchen kann. Beim Studium des Alterthums sieht sie keinen materiellen Nutzen voraus, und es fordert tüchtig Anstrengung; was Wunder, wenn sie sich gegen dasselbe sträubt, zumal ihr in den Ohren das Geschrei der VolkSagitatoren tönt, welche die Jugend in ganz moderner Weise erzogen und gebildet wissen wollen, weil sie dieselbe so besser zn ihren Zwecken brauchen können. Aber gerade darum weg mit jener Affenliebe, welche der Jugend nur das zu lernen znmnthet, wozu sie Lust hat! Nur durch die Uebung und Erfüllung schwerer Pflichten, nur durch eine spannende Uebung der Geisteskräfte, nur unter einer strengen Zucht kann ein gesundes, kräftig wollendes und vormthellSjrei prüfendes Geschlecht entstehen." teintschen Literatur aufgebaut sind. Wir wollen nicht, um dieses zu begründen, wett ausholend davon sprechen, das; einst mit der Eroberung der sogenannten alten Welt durch die Römer lateinische und griechische Sprache und griechisch- römische Bildung sich allmahlig über alle Provinzen des römischen Reiches verbreitete und seit jener Zeit aller späteren Cultur der civilisirten Welt zu Grunde liegt, daß ferner bei der Völkerwanderung die Bewohner des römischen Reiches zwar den Waffen der wandernden Völker unterlagen, aber durch ihre Sprache und Bildung geistig über die Sieger herrschten, daß endlich mit der Ausbreitung des Christenthums in allen Ländern zugleich lateinische und griechische Sprache Eingang gefunden, daß das Latein i« ganzen Mittelalter und bis in die neue Zeit herein die Sprache der Gelehrten und fast ausschließlich die Schriftsprache war. Ich will nur das erwähnen, daß durch das neue Aufleben der Studien des klassischen Alterthums in Italien, Frankreich, England, in den Niederlanden, in Deutschland u. s. w. eine neue Aera der Wissenschaft und Kunst anfing und bald darauf in eben diesen Ländern die Blüthezeit der eigenen Literatur eintrat, nachdem die klassischen Studien als Vorschule den Weg dazu gebahnt hatten. Wir sind weit entfernt, behaupten zu wollen, das Aufblühen der Wissenschaft und die Blüthezcit der neueren Sprachen sei allein den klassischen Studien zu danken; wir übersehen die Erfindung der Buchdruckerkunst, die Zeitbewegungen und verschiedene Umstünde, die dabei zusammenwirkten, keineswegs, müssen jedoch bet der Behauptung stehen bleiben, daß das Studium des klassischen Alterthums einen höchst wesentlichen Einfluß nicht nur auf die Gestaltung und Ausbildung der Sprachnormen, sondern auch auf die Blüthe der neueren Literaturen geübt hat. ^) Wer also das Neue gründlich erkennen will, muß es im Zusammenhang mit seiner Basis — mit dem Alten — erfassen. Man wende nicht ein, daß man bei diesem Studium eigeuilich mit asiatischen Sprachen, mit dem Sanskrit rc. anfangen und erst von da zu den Griechen und Römern übergehen müsse, um in dem so hoch geschätzten Zurückgehen auf Quelle und Ursprung consequent zu sein. Denn wenn die Griechen auch manches in Sprache und Sitten ursprünglich durch Einwanderungen und Verkehr von Asien und Aeghpten erhalten haben, so geschah dieses nicht durch die Literatur, sondern unmittelbar durch den Verkehr oder durch die traditionelle Sage, und auch dieses wurde bald von dem reichbegabten Genius der Griechen so nmgeschaffen und zum Nationalrigenthum gemacht, daß das griechische Volk in seiner Sprache und der ganzen geistigen Entwicklung als originell dasteht. Deßhalb konnte der griechische Jüngling in seiner Bildungs- lausbahn ohne anderweite Hilfsmittel sogleich mit der 2) Der Umstand, daß zufällig Schiller und Goethe und bei den Engländern Shakespeare im Lateinischen und Griechischen keine so ausgedehnten Kenntnisse besaßen, wie man allenfalls nach dem Gesagten voraussetzen sollte, ist kein Gegenbeweis zu unserer Behauptung; denn das Genie bricht sich selbst Bahn und kann keinen Maßstab für das Allgemeine abgeben. Ein Gelehrter unserer Zeit sagt, wenn man aus dem genannten Umstände folgern wollte, daß die klassische Bildung deßwegen für uns überflüssig sei, so wäre der Schluß ebenso unrichtig, als wenn man bebauptcn wollte, die Anatomie sei für Maler eine überflüssige Wissenschaft, da Corrcggio obne dieselbe ein großer Maler geworden ist. — Indessen ließe sich ohne Mühe in Schiller und Goethe fast auf jedem Blatte — an der Sprache und der Art der Darstellung — nachweisen, daß auch diese Koryphäen unserer Literatur viel zu den Alten in die Schule gegangen sind. Literatur seines Vaterlandes beginnen und mit ihr seine Bildung abschließen. Anders war es bei den Römern, welche die Schüler der Griechen waren, und anders ist es bei uns und den übrigen Völkern der civilisirten Welt, indem unsere und ihre Sprache, Wissenschaft und Kunst nun einmal in Folge der historischen Entwickelung vielfach auf der griechischen und römischen beruht. Es ist daraus klar, daß zur gründlichen Kenntniß unserer Muttersprache und der neueren Sprachen und Literaturen überhaupt das Studium der alten Sprachen nicht nur die nothwendige Voraussetzung, sondern auch zugleich das beste Hilfsmittel ist. Es ist also auch in dieser Beziehung das genannte Studium von großem Werthe und somit praktisch. Wenn es nun aber einmal doch unpraktisch sein und utopisches Schwärmen erzeugen soll, so wird die Ursache in dem Inhalt der griechischen und lateinischen Schriftsteller, in der Anschauungsweise und geistigen Richtung des klassischen Alterthums liegen müssen. Und hier tritt uns sogleich in Bezug auf Staatsform und Religion ein schroffer Gegensatz des Standpunktes der Alten zu unserm Standpunkte vor Augen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß unsere Jugend für das praktische Leben, für das Leben in unserem Staate, zu tüchtigen Mitgliedern dieses Staates und ebenso — mit Rücksicht auf die Erreichung der höheren Bestimmung unseres Daseins — zu guten Christen und Mitgliedern der Kirche erzogen werden soll.") Es ist gleichfalls keinem Zweifel unterworfen, daß der Unterricht und die ganze Erziehung, wenn anders das vorgesteckte Ziel erreicht werden will, in sich keinen Widerspruch, keine Disharmonie duldet, daß also nichts vorkommen darf, was die einheitliche und consequente Erziehung stört und sich mit dem Gesammtzweck derselben nicht verträgt. Wenn wir uns nun einerseits des Zweckes der Erziehung und des Umstandes, daß dabei alles Vorkommende mit sich im Einklang stehen müsse, bewußt sind und anderseits zugleich den obenbezeichneten Gegensatz der klassischen Autoren zu unserem Standpunkte nicht übersehen, so müssen wir nothwendig fragen, ob die Lectüre der Klassiker nicht gerade wegen der Beschaffenheit ihres politischen und religiösen^) Inhaltes mit der ") Der Zweck des Gymnasiums wird mit verschiedenen Definitionen bezeichnet: In den Beschlüssen der Berliner Landes- schnlconfercnz heißt eS § 1 (S. 207): „Die höheren Lehranstalten sollen die intellcctuellen und sittlichen Kräfte der männlichen Jugend entwickeln, dieselbe zn wissenschaftlichen Studien — auf Universitäten und höheren Fachschulen — und zur erfolgreichen Betreibung des gewählten Berufes vorbereiten, sowie zu selbst- ständiger Theilnahme an den höheren Interessen der menschlichen Gesellschaft und zn gedeihlicher staatsbürgerlicher Wirksamkeit erziehen." Anderswo wird der Gesammtzweck in die Worte zusammengefaßt: „Klassisches Alterthum, Christenthum, Germanenthum;" oder so ausgedrückt: „Historisch- ethische, christlich-nationale Bildungoder „allgemein humanistische Bildung: Reichthum an Kenntnissen (Wissen), Reife des Geistes (Intelligenz) und Cultur des Gemüthes (Charakter)." — Mag nun diese oder jene Zweckbestimmung die richtigere sein, so scheint doch in allen unzweideutig so viel zn liegen, daß die Schule nebst der religiösen Ausbildung und Erziehung auch die Bestimmung der Schüler zu tüchtigen Bürgern des Staates nicht aus dem Auge lassen darf, den Patriotismus in ihnen wecken und nähren und überhaupt für die einstige Erfüllung ihrer bürgerlich-n Pflichten vorbereitend thätig sein muß. °) Zn verschiedenen Zeiten und nicht am wenigsten auch in der jüngsten Vergangenheit wurde (besonders in Frankreich) behauptet, die klassische Lectüre sei überhaupt mit dem Christenthum unverträglich; und wenn man sich an die alten Fehden der Theologen und Philologen erinnert, so ist man halb versucht zu glauben, daß diese Behauptung gewissermaßen begründet sei. 2S9 Erziehung der Jugend in christlichen und monarchistischen Staaten absolut im Widerspruch stehe, ob sie nicht deßwegen unpraktisch sei und auf die Abwege des Schwärmens führe, oder ob im Gegentheil der Inhalt jener Schriftsteller sich mit dem Geiste und Zweck unserer Erziehung vertrage und durch angemessene Behandlung ihn sogar befördere. Im ersten Falle wäre der dem Zweck des Unterrichts und der Erziehung widerstreitende Stoff der Klassiker aus den Schulbüchern zu entfernen; denn der Stoff des Unterrichts muß nach dem Zwecke des Unterrichts eingerichtet sein; im zweiten Falle ist der Stoff der Schriftsteller (ohne sogenannte Purification) zu belassen und in einer seiner Natur und dem Zwecke der Erziehung entsprechenden Weise zu behandeln. In politischer Beziehung ist der Inhalt ein solcher, daß wir die Geschichte Griechenlands und Roms sowohl in der Periode der Monarchie, als auch besonders in der Entwicklung und dem Verlauf der Republik, ihrem Ucber- gehen von einer Art und Gestalt in die andere und der endlichen Rückkehr zur Monarchie kennen lernen; die Einrichtung und Verwaltung jener Staaten, das politische Leben und Treiben jener Völker tritt uns in der Lectüre der Klassiker in einzelnen, scharf ausgeprägten Bildern vor Augen. — In religiöser Hinsicht werden wir mit den Begriffen und Vorstellungen der Griechen und Römer von ihren Göttern, mit ihrer Gottesverehrung und Moral, überhaupt mit der durch keine Offenbarung unterstützten Entwickelung des religiösen Bewußtseins, mit der selbst- geschaffenen Religion heidnischer Völker bekannt. Wir haben eS somit auf dem einen Gebiete vorzugsweise und meistens mit der Geschichte und den Verhältnissen republikanischer Staaten, auf dem andern immer mit dem Heidenthum zu thun. So sehr nun dieses auch auf den ersten Anblick mit der Erziehung in christlich-monarchischen Ländern in Widerspruch zu stehen scheint, so wenig sind im ganzen genommen die Bilder und Erscheinungen, die uns dort auf beiden Gebieten begegnen, bei näherer Betrachtung und besonnener Ueberlegung geeignet, eine Neigung zu der Form und den Verhältnissen jener Staaten oder zu der Religion jener Völker hervorzurufen. Wir behaupten davon gerade das Gegentheil. Freilich kann der Gegenstand jeder Lectüre richtig oder falsch aufgefaßt, gut oder schlecht behandelt werden. Es hängt somit der Erfolg nicht nur von dem unmittelbaren Inhalte, sondern hauptsächlich auch von der Art der Behandlung ab. Wir geben von vornherein zu, daß eine unbedingte Billigung und Verehrung des Alterthums nothwendig zum Irrthum führe und somit schade, ein gedankenloses und gleichgültiges Uebergehen des Inhaltes, besonders des Standpunktes und Jdeenkreises der Alten, leicht einer irrthümlichen Auffassung Raum gebe und dadurch nachtheilig werden könne. Auf politischem Gebiete, wo das Alterthum in der That gewisse Glanzpunkte in sich schließt, kann man durch unbedingtes Billigen und Verehren des Alten und durch Mangel an Unterscheidung des wahrhaft Guten von den nur scheinbaren Vorzügen leicht eine ganz verkehrte Weltanschauung und crasse Begriffsverwirrung hervorrufen. (Fortsetzung folgt.) Der Prämonskatenser-Chorherren-Orderr. Ueber diesen Orden findet man in den gebräuchlichen Nachschlagewerken so viele veraltete und nnrichtige Angaben, daß man das Erscheinen des Prämonstra- tenser-Kataloges mit Freuden begrüßen muß, welcher dem beständigen Abdrucken der höchst ungenauen und oberflächlichen Berichte gründlich ein Ende macht. Ein Mitglied des Ordens im Stifte Wilten (Innsbruck) hat sich der mühevollen, aber gewiß sehr dankenswerthen Arbeit unterzogen, den heutigen Stand des Prämonstratenser-Ordens derart festzustellen, daß auch die anspruchsvollsten Wünsche bis auf einen sehr hohen Grad befriedigt werden und dabei doch die Anschaffung des Werkleins sehr billig zu stehen kommt. (Der Preis ist nämlich für die große Seitenzahl XXVIII und 136 erstaunlich nieder. Er beträgt 85 kr. für einen broschirten, 1 fl. 10 kr. für einen gebundenen Katalog einschließlich der Postversendung.) Mit Erlaubniß des Herrn Verfassers entnehmen wir dem Kataloge, welcher in lateinischer Sprache geschrieben ist, folgendes: Der Orden vom heil. Norbert, späterem Erz- bischofe von Magdeburg, im Jahre 1120 in Prä- montrv bei Laon in Frankreich (Departement Aisne) gegründet, anfangs nnr für Männer bestimmt, bald darauf und zwar noch vom heil. Stifter auch auf Frauen (2. Orden) und schließlich sogar auf Weltleute beiderlei Geschlechtes (3. Orden) ausgedehnt, hat im Laufe der Jahrhunderte sehr mannigfaltige Schicksale erlebt. Unbeschreiblich rasch in Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Deutschland, Schweiz, Oesterreich-Ungarn, Polen, Spanien und anderen Ländern während der ersten zwei Jahrhunderte seines Bestehens aufgeblüht, sank er in den folgenden Jahrhunderten hier schneller, dort langsamer, bis die Stürme der Glaubensneuerungen, des 30jährigen Krieges, der Klosteraufhebungen zur Zeit der sogen. Aufklärung, die Verfolgung, welche über die kaih. Kirche überhaupt in Spanien und Polen (Rußland) in diesem Jahrhunderte kam, den stattlichen Baum seiner weittragenden Neste und Zweige so sehr beraubten, daß er jetzt leider beinahe einem Strunke zu vergleichen ist, der aber, wie wir aus der trefflichen, kurzen Ordensgeschichte erfahren (Seite VII—XXIV), zum Segen der Gläubigen noch voll Lebenskraft ist. Wenn auch keine größere Entfaltung mehr nach außen, so läßt sich doch eine um so innigere Vereinigung seiner treibenden Säfte ersehen, wodurch ja vor allem die nothwendige Stärke erzeugt wird, welche dem Orden ein so großes Ansehen verleiht. Der Zweck des Männerordcns ist die Pflege deS ChorgebeteS und der thätigen Seelsorge, welche er einst auf lausenden von einverleibten Pfarreien ausgeübt hat. Den Prämonstratenser-Chorherren wurde wegen ihrer wahrhaft großen Verdienste in der Seelsorge von Papst Benedikt XIV. in der Bulle „Oneioso" vom 1. September 1750 ausdrücklich ihre Berechtigung bestätigt, um jede weltliche Pfarrei sich bewerben zu können. Der Frauenorden hat ausschließlich ein beschauliches Gepräge. Der dritte Orden deS hl. Norbert, vielleicht der älteste dieser Gattung, hat die Heiligung der Weltlrute durch ein ächt christliches Leben zum Zwecke. Derselbe hat gleich anfangs eine ungeheure Ausbreitung erlangt, machte aber den spätern Orden deS hl. DominikuS und FranziSkuS Platz, ja gerieth fast in völlige Vergessenheit, bis er um die Mitte d«S 300 vorigen Jahrhunderts in der bayerischen Ordensprovinz wieder zur Blüthe gelangte, mit der Aufhebung der deutschen Chorherren- und Chorfrauenstifte im Jahre 1803 verschwand, neuerdings sich in Belgien, Frankreich, England erhob und auch schon in Oesterreich Boden gewann, nämlich in Mähren, wo er auf dem berühmten Wallfahrtsorte Hciligenberg bet Olmütz kirchlich errichtet ist. Der Prümonstratenser-Orden hat den Kardinal Oreglia als Protektor, als General den hochwürdigsten Herrn Sigmund Stary, Prälaten des Stiftes Strahow in Prag, wo auch der Leib des hl. Norbert ruht. Er besteht gegenwärtig aus drei Provinzen (denen je ein Generalvikar und Visitator vorsteht), nämlich der österreichischen mit 7 Chorherren - Abteien (Geras in Niederösterreich, Neu-Neisch in Mähren, Schlägl in Oberösterrcich, Sclau, Strahow, Tepl in Böhmen und Willen in Tirol) und 332 Mitgliedern, sowie mit 1 Chorfrauen - Abtei (Zwierzyniec in Galizieu) und 37 Mitgliedern, der brabantischen mit 7 Chorheiren- Abteien (Averbode, Grimberghen, Park, Postel, Tonger- loo in Belgien, Berne in den Niederlanden und Mon- daye in Frankreich), 2 Chorherren-Prioraten (St. Josef de Balariu und Nantes in Frankreich) und 325 Mitgliedern und 3 Chorfraucn - Prioraten (Bonlieu in Frankreich, Neerpelt in Belgien, Oosterhout in den Niederlanden) mit 86 Mitgliedern. Zu dieser gehören noch 4 Missionen (Crowle, Manchester, Spalding in England, Nosiere in Nordamerika). Die dritte Provinz ist die ungarische mit 2 Propsteien (Csorna und Jaszo) und 149 Mitgliedern. Außerhalb des Ordensverbandes befinden sich zur Zeit noch die „französische Chorherren- Congregation" mit 1 Abtei (St. Michel de F-rigolet in Frankreich), 4 Prioraten (Conques, Etoile in Frankreich, Farnborough, Storrington in England), 3 Missionen (Ambleside, Bedworth in England, Whithorn in Schottland) und 72 Mitgliedern, ferner 3 Chorfrauen- Abteien (Jmbramovice in Russisch-Polen, Toro, Villoria de Orbigo in Spanien) und 2 Chorfrauen-Prioraten (Berg Sion in der Schweiz, Czerwinsko in Russisch- Polen) mit 81 Mitgliedern, endlich noch das Ter- narinnenkloster Mesnil-St. Denis in Frankreich mit 19 Mitgliedern. Es zählt also der 1. Orden des hl. Norbert 878, der 2. Orden 204 Mitglieder. Ueber die Anzahl derselben im 3. Orden finden wir keine nähere Angabe außer der bereits genannten Zahl (19) der Terttarinnen, welche ein gemeinschaftliches Leben führen und womit die Zahl 1101 für die eigentlichen Ordensleute sich ergibt, während die weltlichen Mitglieder vorzüglich in Mähren, Belgien, Niederlande, England, Irland, Canada und in den Vereinigten Staaten von Nordamerika zerstreut sind. Seinem Hauptzwecke gemäß arbeitet der Orden vor allem in der Seelsorge, wozu, wie sehr gut bemerkt wird, auch die Heranbildung der studirenden Jugend gehört. 117 Mitglieder sind theils als Theologie-Professoren und Lektoren an Universitäten und Hauslehranstalten, theils als Mittelschul-Professoren, 368 als Dekane, Pfarrer, Missionäre, Cooperatoren u. s. w. in 191 Pfarreien (Missionen) mit über 306,360 Katholiken (von 4 Pfarreien in Frankreich konnte die Seelenzahl nicht ermittelt werden) thätig. Hauslehranstalten besitzt der Orden 12, Gymnasien 7 mit 2227 Schülern. Zwierzyniec in Ga- lizten hat eine Anstalt, in welcher 32 arme Mädchen unterrichtet und verpflegt werden, McSnil-St. Denis eine Waisenanstalt mit 20 Kindern. Der Ordens-Katalog enthält außer der bereits erwähnten Geschichte, den Namen, Aemtern und Wurden der Mitglieder, deren Geburts-, Einkleidungs-, Profeß- jahren u. s. w. (auch Geburtsorten) noch die Gründuugs- bczw. die Wiedererrichtungsjahre der Stifte, die Pfarreien, alle einzeln mit Dekanatsort u. s. w. sowie mit Katholikenzahl aufgeführt, worauf wir wegen Raummangels leider nicht eingehen können. Einen besonderen Werth hat er noch deßhalb, weil er alle Ortsnamen in der betreffenden Landessprache angibt, also nicht, wie es so oft zur großen Unbequemlichkeit der Leser bei lateinischen Katalogen vorkommt, mit latinisirten Namen aufwartet, die man selbst in den größten Wörterbüchern nicht findet. Auch die letzte Post der einzelnen Stifte ist angegeben. Seite 130—34 werden wir über die neueste Ordensliteratur in Kenntniß gefetzt. Uebersicht, Orts- und Namenverzeichniß lassen nichts zu wünschen übrig, sie sind mit erstaunlicher Emsigkeit angefertigt. Etwas störend sind manche Druckfehler, die aber alle leicht ausgebessert werden können, da sie auf Seite 128 ff. gesammelt sind, was bei ähnlichen Werken auch wieder oft vermißt wird. Bei einer späteren Herausgabe des Kataloges möchten wir gerne die Aufnahme der Patrone der Stiftskirchen, der Tage und Monate der Geburt, Einkleidung u. s. w. und eine etwas schnellere Drucklegung empfehlen, auch könnten die lateinischen Namen der Stifte der Vollständigkeit halber in Klammern beigesetzt werden. („N. Tiroler Stimmen.") Bergwerksverwaltung der Römer.') Ueber römisches Finanzwesen im Allgemeinen sind die historischen Nachrichten nicht zahlreich; vom Bergwesen insbesondere sind nur Schriften erhalten, die von Nichtrömern stammen. Den Römern galt eben nur der Ackerbau als ehrenvolle Beschäftigung; die Arbeit in den Bergwerken wurde entweder den am Bergwerk ansässigen Völkern auferlegt oder von Sklaven verrichtet, oder in der Kaiserzeit von Sträflingen. Unrömisch ist sogar das Wort vaetaUuw, mit dem nicht blos Metallbergwerke bezeichnet sind, sondern auch die Mineralgruben mit Schwefel, Alaun, Kreide und die Steinbrüche, die Marmor- und Wetzsteinbrüche. In der ersten Zeit war der römische Staat nicht, wie späterhin, Alleinbesitzer der Fossilien; er konnte nur neben Privaten als Unternehmer im großen Stil auftreten, allerdings auch die Concession ertheilen oder verweigern aus volksmirthschaftlichen Gründen. Die staatlichen Bergwerke wurden vom Censor verpachtet. Als die welterobernden Römer eine fremde Provinz um die andere in die Tasche steckten, da wurde erstens der italische Bergbau verboten und zweitens das, was früher dem besiegten Staate oder Könige gehört hatte, Eigenthum der römischen Gemeinde. Der ganze eroberte Boden galt als römisches Staatseigenthum, als ggar xnblieuo, und die Bergwerke wurden verpachtet zuerst an Einheimische, später auch an Römer und Jtaliker, an die berüchtigten Aussauger. Als Cato z. B. die Provinz Spanien verwaltete, erklärte er die Bergwerke für Staats- *) Vergl. Binder, die Bergwerke im röm. Staatshaushalt. Progr. Laibach 18L0/81. 301 gut und verpachtete sie so günstig, daß der Aerar täglich 25,000 Drachmen einnahm. Einzelnen Privaten und Gemeinden wurde ihr Bergwerk gelassen und kein Bergzins, keine Abgabe verlangt. Unter dem Kaiser AugustuS wurden die Provinzen in seuatorische und in kaiserliche abgetheilt; es gab dann eine Senatskasse: Aerar, und eine kaiserliche Verwaltungskasse: Fiscus. Mäcenas bezeichnete dem Kaiser die Bergwerke neben den Steuern als beste Einnahmequelle. Die Kaiser zogen aber auch (durch Confiscation z. B.) die Neichsbergwerke und die werthvollsten Marmorbrüche an sich, auch neue Erzadern wurden gesucht: die Soldaten aller Provinzen beklagten sich, daß sie zu Grubenarbeiten verwendet würden. Zuletzt gehörten selbst in den senator- ischcn Provinzen die besten Mineralschätze dem kaiserlichen Fiskus. Unter Vespasian endlich ist zum letzten Mal vom Grund und Boden des römischen Volkes die Rede: das ganze Staatsgut wird kaiserliches Fiskalgut, allerdings mit der ganzen Reichsverwaltung belastet; die Kaiser aber haben einen Theil davon in ihrem eigensten Privatbcsitz als pati'inioiuura Caesaris. Wo hatten nun der Senat und die römischen Kaiser Bergwerke und Steinbrüche? In den senatorischen Provinzen spielen Gold- und Silberbergwerke keine große Rolle, dagegen Kupfer (der Senat durfte nämlich nur die Kupfermünzen prägen, die Kaiser prägten die Gold- und Silbermünzen). Berühmt war die Jnselprovinz Chpern durch ihren Kupfer- reichthum. Die andern wichtigen Bergwerke hatte frühzeitig der Fiskus an sich zu ziehen gewußt: so gehörten ihm in den senatorischen Provinzen die Kupfer- und Eisenbergwerke von Macedonien, die großen und reichen Bergwerke Hispaniens (Baetica), das Kupferbergwerk von Nio Tinto und mehrere Bleibergwerke dort, die um vier Millionen Scstcrzien verpachtet waren. Die Kupfer- und Eiscnbergwcrke Galliens gehörten ebenfalls dem Fiskus, ferner die Eisenerzlager auf Elba und die Bergwerke auf Sardinien. Kaiserlich waren auch in den senatorischen Provinzen fast alle Marmorbrüche: so in Phrygien, auf der Insel Achaja und Epirus, auf Paros und Skyros, der von den Dichtern so gepriesene Marmor von Euböa, der Marmor von Sparta, der korinthische und die Marmorbrüche vom Berg Hymettos, in Italien die Brüche von Carrara. In Spanien blieben dem Aerar die Zinnobergruben von Sisapo, die allerdings sehr einträglich waren, da für das Pfund Zinnober 70 Sesterzien gezahlt und jährlich 2000 Pfund an die Fabriken in Rom geliefert wurden. Kreta lieferte Kreide und Pontus Edelsteine und den röthlichen Thon von Sinope. L. Viel größere Bedeutung hatten die Bergwerke in den kaiserlichen Provinzen. Da sind vor Allem zu erwähnen die Goldschätze von Asturien und Lusitanien. Aus dem Tnjo und Dnero wurde Gold gewaschen, besonders in Asturien gewann man ungeheure Massen Goldes. Ganze Hügel leicht gekitteten Golderzes wurden untergraben, zum Einsturz gebracht und in das so gelockerte Erdreich aus weiter Entfernung her auf künstlichen fliegenden Holzaquädnkten mächtige Ströme Wassers geleitet, um das Gold von dem tauben Sand zu scheiden. Wichtig war auch. die Goldgewinnung in Mösien, wo der Fiskus den Betrieb auf eigene Regie hatte. Trojan und Hadrian wandten diesem Zweig der Staatsverwaltung besondere Sorgfalt zu. Die Mösier selbst waren sehr geschickte Bergleute und Metallarbeiter und wurden deßhalb zu Halbfreien, zu Colonen, gemacht. Ein minenkundiges Volk waren auch die Thracier; der thracische Bergbau lieferte ebenfalls Gold und Silber, nicht blos den Römern, sondern später noch den Byzantinern. Auf Gold wurde auch in Jllyrien und Dnl» watien gegraben, deßgleichen in Dacien neben Salz. Silber gab es bet Ncu-Karthago und Castulo; doch waren diese Lager schon früher von den Karthagern und später von den Römern maßlos ausgebeutet. Eisenerz gab es in Palästina, Kappadocien, in Pannonien, im heutigen Perigord in Frankreich. Der Reichthum an Blei- und Eisenerzen von Cantabrien ist heute noch nicht erschöpft. In Noricum gab es Eisen und Salz. (Auch das Salz war Monopol des Staates.) In England gruben die Römer nach Eisen und Silber; der Reichthum an Blei in England war so groß, daß man die Förderung beschränken mußte, um den Preis nicht zu sehr herabzudrücken, ferner versorgte England nebst Lusitanien das römische Reich mit Zinn. Reiche Einnahme brachte dem kaiserlichen Fiskus der vielberühmte Syenit von Acgypten und die dortigen Porphyrbrüche. Noch im Beginn des vierten Jahrhunderts arbeiteten christliche Bekenner in diesen Brüchen. Einen vielfach verwendeten Marmor lieferte Numidien bis in die späteste Kaiserzett. In Numidien waren auch Kupferlager, in denen im dritten Jahrhundert christliche Märtyrer arbeiteten. Aus Syrien kam zu Plinius' Zeiten Gyps und Alabaster. Unter den späteren Kaisern von 365 an wurde auch der Privatbetrieb wieder gestattet, eine Abgabe festgesetzt und dem Fiskus das Verkaufsrecht für Gold re- servirt. Durch die Privatindustrie wollte man eben neue Bodenschätze erschließen, weil Geldmangel herrschte. Dieser Geldmangel war einmal so groß, daß sich die Kaiser Gratian, Valentinian und Theodosius genöthigt sahen, ein Ausfuhrverbot auf Gold zu erlassen, wonach den Barbaren kein Gold gegeben werden durfte, ja das schon in ihrem Besitz befindliche Gold sollte ihnen auf feine Weise (subtili inZanio) abgelistet werden. Weiter wurde bestimmt, daß Kaufleute, durch die Gold über die Grenze fließe, sich der Todesstrafe schuldig machen. Nachdem nun der Bergbau wieder den Privaten überlassen war, that Justinian den weiteren Schritt, daß er das Obereigenthnm des Staates über die Grundstücke aufhob: so ward der Grundbesitzer wieder freier Disponent über seine Grundstücke. Was die Verwaltung der Bergwerke betrifft, so wurden die Einkünfte aus den Staatsbergwerken vom Censor verpachtet, und zwar entweder so, daß die Bergwerke selbst von den Pächtern betrieben wurden, oder so, daß die Abgaben, die sie dafür zu zahlen hatten, wieder an Pächter, also an Abgabepächter, vergeben wurden, die dann die Eintreibung besorgten. Pächter wurde, wer das größte Angebot machte. Da ein einzelner Kapitalist nicht die nöthigen Summen aufbringen konnte, so vereinigten sich mehrere Pächter (pnstlianni) zu einer Societät — Kommanditgesellschaft. Eine solche Gesellschaft erwähnt z. B. PliniuS und sagt von dieser, die auch die Gruben von Sisapo gepachtet hatte, daß sie ihren Gewinn bedeutend vergrößerte durch Fälschungen, die sie an dem Farbstoff in den römischen Fabriken vornahm. Während nun die senatorischen Bergwerke den Pachtgesellschaften vollständig überlassen blieben ohne weitere Beschränkung und Aufsicht, wird von Tiberius bereits gemeldet, daß er die kaiserlichen Einkünfte von eigenen Beamten verwalten ließ. Trotz dieser Beamten (proLurntoras) wurde aber das Pachtsystcm nicht vollständig aufgegeben: der Pro- M kurator konnte nun entweder das Gut in kaiserlicher Regie betreiben oder, wenn es ihm vortheilhafter erschien, ganz oder Iheilweise verpachten. Der Hütten- betrieb blieb stets Privaten überlassen, die das Erz aus fiskalischen Gruben kauften oder diese selbst in Pacht hatten. Das System der Selbstbewirthschaftung wurde, wie schon erwähnt, in Mosten und Thracien, Jllyrien, Dalmatien, Macedonien und Dacien ausgeübt. Die in Dacien arbeitenden Colonen, jene halbfreien Arbeiter, die zwar heirathen und Grund erwerben, aber nicht wandern durften, waren hierher versetzt aus Pannonien und Dalmatien zur Ausbeutung der dacischen Gold- lager. Das Bergwerk unterstand also einem kaiserlichen Beamten, einem Prokurator, bei größeren Betrieben gab es noch einen Sub-Prokurator. Im vierten Jahrhundert erscheint eine Centralbehörde: der Berggraf von Jllyrien, dem die gesammte Bergwerksverwaltung der Provinzen unterstellt war. Die Verpachtung des Bergwerks geschah in Form einer Auktion: der Ersteher mußte die Auktionssteuer und den Auktionator bezahlen. Interessant ist, daß diese Steuer ebenfalls verpachtet war; der Pächter dieser Steuer bekam bei jedem öffentlichen Verkauf ein Procent vom Werth. Diese Steuer war auch zu entrichten, wenn es, nachdem es vergebens öffentlich feilgeboten war, unter dem ausgerufenen Werth verkauft wurde. Wurde die Gebühr binnen dreier Tage dem Pächter nicht bezahlt, so hatte dieser das Doppelte zu fordern. Wie die Auktionssteuer, war übrigens auch das Geschäft des Ausrufers in Pacht gegeben. Wir werden noch von mehreren Geschäften hören, die der Staat verpachtet hatte. Wenn also ein Bergwerk verpachtet war, so konnte der Pächter durch freie Taglöhner oder durch Sklaven oder durch Sträflinge, die der Fiskus lieferte, das Erz fördern, verkaufen oder sonst verhütten. Der Ertrag des Bergwerkes aber wurde von dem Prokurator verpachtet und an die kaiserliche Kasse eingesandt. Bei Regiebetrieb wurde das Edelmetall an die nächsten Münzen geliefert oder nach Rom geschickt. (Schluß folgt.) Der Osternigg und der Kirchtag von Göriach im Gailthal (Oberkärnten). Von Cölestin Schmid. (Schluß.) Zwischen den vier ziemlich weit auseinanderlegenden Dorfgemeinden von Göriach wogte beständig eine wahre Völkerwanderung hin und her. Man besuchte sich gegenseitig nach alter Sitte: so gab auch jeder Tanzplatz immer wieder andere Bilder. Was ich aber immer wieder traf, war der hohe Procentsatz von hübschen, sogar schönen Gefichtsbildungen bet den Thaldamen. Neben dem im allgemeinen vorherrschenden gemäßigt slavischen Typus waren auch blauäugige Flachsköpfe und ebenso italienische Schärfe der Linien zu finden. Fast noch hervorstechender schien mir die zierliche Eleganz der Tanzbewegungen. Der österreichische Kaiser hat ja einmal bet einem Besuche in Körnten erklärt, daß die Nosen- thaler (Drauthal bei Klagenfurt) die besten Sänger und die Gailthaler die besten Tänzer der Monarchie seien. Und all diese heitere Beweglichkeit und froher Natursinn bei den Bewohnern eines von Felsen umdrohten Thales, denen sie in harter Arbeit und unerschrockenem Kampf ihr Leben abtrotzen müssen! Sind die Klänge des letzten Kirchtages verklungen, so schickt auch schon der Gebirgs- winter seine Boten ins Thal, bis er selbst mit eisiger Gewalt sich in der kleinsten Ritze des Grundes festkcallt. Zieht dann endlich wieder draußen im Land der Frühling über die schneefreien Fluren, so beginnt hier erst recht der Kampf gegen die feindliche Natur, und auf Steinlawinen, Vermurung durch die Bergbäche folgt alsbald die Gluthhitze des Sommers, von den Bergwänden in das gegen den Ausgang fast abgesperrte, tiefliegende Thal Zurückgeworfen. Droben auf den Hochalmcn der Züge zwischen karnischen und Mischen Alpen geht dann der Kampf erst recht wieder los gegen die auf diesen Wasserscheiden stetig sich zusammenziehenden Hochgewitter. Und das Alles zieht in dem Geleise der öden Alltäglichkeit in langer Reihe wie eine schale Kruste über das tiefere Bewußtsein des abgabengedrückten Gebirglers hin, bis an dem längst ersehnten Kirchtag das niedergedrückte Gemüth gewaltsam wie der lautere Quell durch die Steinmure bricht. Daß das Volk im Gailthal noch so zärtlich an seinem alten Kirchtag hängt und keine anderen Genüsse als Entschädigung für lange, harte Arbeit sucht, ist das sicherste Zeichen dafür, daß seine tief in dem geliebten heimischen Boden haftenden Wurzeln von den zersetzenden Ideen der modernen Zeit noch nicht angefressen und von mißverstehenden Aufklärern noch nicht gelockert sind. Dabei geht dem germanisirten Slovenen Kärutens, resp. des Gailthales, noch Alles, Kirchliches und Weltliches, Glaube und Dämonenfurcht, aus einem noch nicht getheilten und zerrissenen Gemüth heraus. Ich war erstaunt, bei einer Primizfeier, bei der das halbe, hauptsächlich windische Gailthal versammelt war, ganz dasselbe zu treffen, wie auf den Kirchtagen. Kaum daß der Primiziant, mit einem riesigen Blumenkränze, welcher wohl seine Vermählung mit der Kirche versinnbildlichen soll, geschmückt, aus der Kirche zurückgezogen, so begann auch schon das Treiben unter der Dorflinde und nachher auf den Tanzplätzen. Ebenso wie die Volks- heiligthümer und Wallfahrten in Körnten vielfach auf hohen Bergen stehen, und gerade denjenigen, die auch jetzt noch Veranlassung zum Glauben an dämonische Naturelemente geben. Das ist eben Volksreligion im wahren Sinne des Wortes. Das stoßweise Stchoffenbaren des Volksgemüthcs geht auf ferne jugendliche Jahrhunderte zurück, gleichviel ob es als altslavisch oder altgermauisch genommen wird. Jedenfalls aber bildet es die hervorstechende Eigenthümlichkeit gerade der altgermanischen poetischen Literatur, während wieder andere Züge des »indischen Völkleins mehr slavischen Charakter ausweisen. Aehnliches habe ich nur mehr auf dem vielfach als roh und halbwild verschrieenen altbayrischen Flachland gefunden. Hier liegt die elementare Kraft noch roher, ungebrochener, als in Südkärnten, wo drei verschiedene Culturen sich mischen oder wenigstens zu- sammengrenzen. Darum trifft man diese Dinge, hauptsächlich im Gebiete des Jsar- und Vilsthalcs, in Mt- bayern bei entsprechenden Gelegenheiten, welche hier nur mehr die Hochzeiten bilden, auch noch ungefüger, unvermittelter aufeinander folgend. Der Vater der Braut ist gestorben, der Brautbruder tritt an den Tisch und singt auf den verstorbenen Vater, oder die einzige Tochter hat von der alten Mutter weggeheirathet und eine Anverwandte tadelt sie deshalb in einem Schnadahüpfl: da bricht die ganze Brautgesellschaft in krampfhaftes Schluchzen aus. Im nächsten Augenblick wird ein lustiges Trutz- 303 schnadahüpfl dazwischen gesungen, und mit den meisten Taschentüchern verschwinden ebenso urplötzlich die Thränen. Mir ist bet Vergleichung des bajnvärischen und des ober- kärntischen VolkSthums immer wieder die Parallele zwischen den klotzigen, sprungweise» Eddaliedern und dem wettern Eefüge der milderen Nibelungenlieder in den Sinn gekommen. Jedenfalls bieten sich hier allein, will man noch annähernd in den Charakter jener alten Volksdichtungen eindringen, noch die Wege. Sind eS auch schon Bäche, die eine ziemliche Zeit unter dem Sonnenlicht geflossen, so ist eS doch immer noch dasselbe natürliche, unverdorbene Wasser, das dem wilden, kalten Quell entsprungen. Recensionen nnd Notizen. Ehrhard Alb., Die altchristliche Literatur unbihre Erforschung seit 1880: Allgemeine Uebersicht und erster Literaturbericht (1880 — 1834). 8°, XX -fl 240. Frcibnrg i. Br., Herder 1894. M. 3,40. S. Was die altchristliche Literatur- und Kirchcngcschichtc betrifft, so leben wir gegenwärtig in einem Zeitalter der Entdeckungen, indem die historisch-kritische Methode der theologischen Wissenschaft ihre Triumphe feiert. Leider müssen wir gestehen, daß auf katholischer Seite mit den unter enormem Aufwand von Forschcrflech gemachten Anstrengungen protestantischer Gelehrter nicht im entfernteste» gleicher Schritt gehalten wurde. Ein Blick auf den Inhalt vorliegenden BuchcS wird diese Anklage rechtfertigen; zum erstenmal erscheint hier von katholischer Seite eine Uebersicht über das, was seit 1880 in Erforschung der altchristlichen Literatur geleistet wurde, so daß wir unS über den Stand der Wissenschaft in leichter Weise oricntiren können. Das Buch bildet das IV. und V. Heft der „Straß- bürger theologischen Studien", eines noch ganz jungen Unternehmens, das sich aber schon (im Heft I u. II) durch die erste Veröffentlichung („Natur und Wunder" von E. Müller) den Ruf oer Gelehrsamkeit in hervorragender Weise errungen hat und sich denselben auch im 3. Hefte („Barth. Arnoldi von Usingeu" von 3!. Paulus) bewahrte. Erhard's Studien gliedern sich dieser Zeitschrift würdig an; alles ist mit philologischer Gründlichkeit und mit ruhiger Unparteilichkeit erörtert. Die Einleitung bespricht die puristischen Studien der Gegenwart im allgemeinen, dann folgen 14 Abschnitte über die ältesten christlichen Literaturdenkmäler (apostol. Vater), die griechischen Apologeten, die ältesten Kirchenschriftstcllcr Kleinasiens, die ältere alexandriuische Schule, die älteren afrikanischen und römischen Schriftsteller, die großen Theologen der griechischen Kirche bis zum 5. Jahrhundert, die Vlütbezeit der kirchlichen Literatur im Abendland und die Zeit der Nachblüthe, die Kirchenschrift- stellcr auf dem päpstlichen Stuhle, die altchristlichcn Historiker, Dichter und Hymnologen, die orientalischen Kirchcnschriftstellcr, die symbolischen, liturgischen nnd hagiograpbischcn Literaturdenkmäler bis zu den letzten Vertretern der patristischcn Literatur in den germanischen Reichen. Dem reichen Belchrungsstoff folgt noch ein Rückblick und Schlußwort, das wir gewissen vorur- theilenden und „wiederkäuenden" Richtungen der heutigen Theologie recht dringend zur Bcherzigung empfehlen. Möchten wir doch nur mehr solche Gelehrte haben, wie Ehrhard I Seine Arbeit darf sich schmeicheln, jedem Theologen, namentlich dem Historiker, ein unentbehrliches Handbuch zu sein; hoffentlich wird das Werk fortgesetzt, um auf dem Laufenden zu bleiben. Longfellow H. W., Lied von Hiawatha, deutsch im Versmaß der Urschrift von F. Rouleaux. 8°. XVIII -s- 201 S. .Stuttgart, I. G. Cotta 1894. M. 2,00. -r. Der feinsinnige Literaturkritiker Al. Baumgartner ( 3 .1.) hat uns in „Longfellow'S Dichtungen" (2. Aufl., Frcibnrg 1837) ein sympathisches Bild amerikanischen DichtcrlebenS vorgeführt, aus dem gewiß jeder Leser ein gesteigertes Interesse am Sänger des Himvatha-Licdes geschöpft haben wird. Dieses bekannteste und berühmteste Werk Longfellow'S ist natürlich schon öfter in andere Sprachen übersetzt worden, sogar ins Lateinische (von Newman, London 1873) und Griechische (von Pervanoglos, Leipzig 1883), öfter auch ins Deutsche; zu den besten Ucbcr- tragungen zählt sicher die vorliegende von F. Neuleaux, die zudem bei billigem Preis tadellos ausgestattet ist. Angenehm liest sich die klare Antiqua-Schrift, welche gewählt wurde „weil die zahlreichen Fremdnamcn sich in gothischen Buchstaben gar zu gesträubt ausnehmen"; möge überhaupt die augenmörderische und krüppelhafte sogenannte „deutsche Schrift", die Schweden, Polen, Böhmen, Lithauer, Wenden, Ungarn auch hatten, aber längst aufgaben, bald aus unseren Druckereien verschwinden. Das reizende Büchlein wird gewiß dem Sang von Hiawatha, dessen Kenntniß in Amerika zur allgemeinen Bildung gehört, auch in Deutschland neue Freunde gewinnen. Spillmann Jos. (s.I.), Wolken und Sonnenschein: Novellen und Erzählungen. 12", 2 voll. S. 315 u. 313. Freiburg i. Br.. Herder 1894. (IV.) M. 4.20. 1. In eleganter Ausstattung nnd handlicherem Format (consorm dem neueren prächtigen Werk „Wunderblume von Woxindon" desselben Verfassers) erscheint hiemit die mit der dritten gleichlautende Neuauflage eines NovellcnkranzeS, der den Erzähler unter die ersten Reihen deutscher Novellisten setzt und den Leser wahrhaft erfreut und erfrischt. Die erste Erzählung „DaS ParadicSzimmer" ist ein wahres Kabinetstückchen des ge- müthvollen älteren ChrouistcntoneS; rührend „der Judenknabe von Prag" und nicht minder reizend die übrigen Geschichtchen, die den Meister künstlerischer Prosa in jeder Zeile verrathen. Hätten wir solcher Bücher nur mehr! Vielleichr interessirt es manchen Leser, zu erfahren, daß die feinsinnigen Novellen auch in'S Französische übersetzt (»XuaAss st raz-ous äs solsil: traä. xar LI. äs IwstanAes-Böäner.- 16°, xp. 239. LrnZs», 51. 6al1e- vasrt 1893) herausgekommen sind. Französ ische Volksstimmungen während des KriegeS 1870/71. Von Dr. E. Ko schwitz, Professor an der Universität Greifswald. Heilbronn, Verlag von Eugen Salzer. 132 S. O Eine sehr interessante Sammlung von Aeußerungen und Stimmungen, wie sie in verschiedenen französischen Zeitungen und Schriften von dem Zusammenballen des Kriegswettcrö, während dessen Auöbruchs und darnach laut geworden. Wer aus seinem Cäsar die Charakierzeichnung der alten Gallier kennt, ihre Leichtgläubigkeit, Schwatzsucht, ihren Leichtsinn, ihre Selbstüberschätzung, ihre Verachtung der Gegner, ihre Tollkühnheit und ihre Verzagtheit nnd Mutlosigkeit, ihre Rachsucht, ihre Nnritterlichkcit regen wehrlose Feinde, wird aus diesem Schriftchen kick überzeugen, daß der altgallische Charakter über die ihn mildernde und zugleich kräftigende fränkische Beimischung, die noch bis zum Ausgang des Mittelalters sich geltend gemacht, vollends Herr geworden ist. Die Sammlung bildet daher einen schätzbaren Nachtrag zur Kriegsliteratur, ihr kommt auch ein bleibender Werth zu. Albrecht Dürer. Sein Leben, Wirken nnd Glauben, dargestellt von Anton Weber. Zweite, vermehrte und verbesserte Auflage. Mit 11 Abbildungen. RegenSburg, Pustet, 1894. 152 Seiten, Preis 1 M. 20 Pf. In diesem Buche gibt Lycealprosesior vr. Weber, der sich bereits in seiner Schrift über den Bildhauer Dill Niemcnschneider als tüchtiger Forscher und gründlicher Kenner der deutschen Kunstgeschichte erwiesen, ein belehrendes nnd anregendes Bild von dem Leben, deni Charakter und den Arbeiten des großen Nürnberger Meisters. Den historischen Hintergrund bildet die in vieler Hinsicht glanzvolle Zeit des ausgehenden Mittclaltcrs, in der die fränkische Metropole der Kunst und Wissenschaft so reich war an Männern von seltenen Geistesgabcn und hohem schöpferischen Können. Im ersten Bande seiner Geschichte hat bekanntlich Jansscn in wirkungsvollen Zügen uns das Leben einiger dieser Männer geschildert, so des Willibald Pirkheimer, des Johann Müller, genannt Rcgiomontanus. Der von Pastor bearbeitete siebente Band bietet zu dem dort Gesagten manche ausgezeichnete Ergänzung. In jenem Kreise großer Männer nimmt Dürer einen bedeutenden Platz ein. Er erlangte als Maler, Kupferstecher und Zeichner von Vorlagen für Holzschnitte, sowie als Verfasser praktischer Werke über Meßkunst, FcstungSbau, über menschliche Proportion u. dgl. hohen Ruhm nnd wurde von Fürsten nnd Bürgern in gleicher Weise geehrt. Unvergleichlich sind viele Kunstblätter, die sein trefflicher Stift geschaffen hat, so daß ihn gerade diescrhalb ErasmuS über Apcllcs und die Maler überhaupt stellt. Klar, treffend und für jeden objektiven Denker entscheidend sind in Webers Buch die Charakteristik des Künstlers und die Ausführungen über das Glaubensbekenntniß desselben. Der Verfasser beleuchtet und widerlegt darin die seit Kuglers windiger Behauptung in neuerer Zeit von Protestanten vielfach vertretene Ansicht, Dürer sei überzeugter Anhänger der Lehre Luthers gewesen, seine Kunst habe „wahrhaft evangelischen Charakter", Wohl gesteht der Verfasser zu, daß Dürer wie so viele andere edel denkende Männer jener viclbcwegten Zeit bei dem ersten Auftreten Luthers eine thatsächliche Reformation erhofften; er hält aber fest, daß er sich mit ihnen energisch von der neuen Lebre abwandte, als sie in Wahrheit eine Deformation und zugleich die uugcmein schädlichen Einflüsse und traurigen Folgen derselben sahen. Das Buch zeichnet sich durch übersichtliche Darstellung, durch sorgfältige Benützung des wissenschaftlichen Materielles über Dürer, sowie durch ein feinfühliges Urtheil in Fragen der Kunst und ein unbestechlich strenges und klares Urtheil in Fragen des religiösen Bekenntnisses aus. Besonderes Interesse erregt in dieser um 33 Seiten vermehrten Ausgabe die gründliche Widerlegung der fast allgemeinen Annahme einer Reise Dürers in den neunziger Jahren nach Italien und die eingehende Besprechung des in allerneuestcr Zeit bekannt gewordenen Gemäldes: „Maria mit dem Zeisig". Die 11 Abbildungen geben charakteristische Proben der Werke des großen Meisters und bilden eine schöne Ergänzung des fließend geschriebenen und lehrreichen Textes. Die hübsch ausgestattete, dabei so wohlfeile Schrift kann daher bestens empfohlen werden. _ vr. H. Reicher und mannigfaltiger als je zuvor ist Bcnzigers Marienkalcndcr für das Jahr 1895 soeben aus der Presse hervorgegangen. Text und Bilder bieten eine solche Fülle des Interessanten, Schönen und Lehrreichen, daß wir den Preis dieses Kalenders (50 Pfennig per Exemplar) als einen sehr niedrigen bezeichnen müssen. Was denselben während der kurzen Zeit seines Erscheinens so allgemein beliebt und anziehend machte, das sind vorab seine von berühmten Volköschrifistcllcrn geschriebenen vielen schönen und spannenden Erzählungen. Der diesjährige Kalender bringt sechs lange, reichhaltig illustrirte Geschichten. Als eine der schönsten bezeichnen wir die in lebhaften Farben geschriebene, wahrhaftige Geschichte von Wickmer, betitelt: „GottcS Mühlen mahlen langsam, mahlen aber trefflich sicher", dann das ergreifende Familiendrama „Franz Erlenkamp", die rührende Erzählung von Joachim „Er hatte das Beten verlernt", die hochinteressanten Erlebnisse des weltbekannten Neiscschrist- stellcrs Karl May in Kairo und Tunesien endlich die zwerchfellerschütternde Militär-HumoreSke „Der Spuk in der Kaserne". Als eine besondere Zierde des Kalenders nennen wir die Abhandlung über den allgemeinen Verein der christlichen Familie, von keinem Geringern geschrieben, als dem Senior des schweizerischen Episcopates, dem Gnädigen Herrn Bischof Egger von St. Gallen. Dieser schließt sich an „Saat und Ernte", eine Zusammenstellung von Gedenktagen aus früheren Jahrhunderten, jewcilen auf daS Jahr 95 entfallend, ferner eine illustrirte Rundschau, enthaltend die wichtigeren Begebenheiten des letzten Jahres, ein interessanter Artikel über den berühmten Wallfahrtsort LonrdeS, die Eisenbahn von Jaffa nach Jerusalem, Gesundheitspflege, Mahnwort an das Volk von vr. I. A. Schilling u. s. w. Wer auch die Poesie fehlt in Bcnzigers Marien- kalender nicht, da finden wir vorab das schöne Gedicht des gottbegnadigten Dichters v. Leo Fischer: „Die Jungfrau von Orleans", dann den reich illustrirte» Zimmerspruch von Ludw. Uhland, >8ursum eorlla- von L. Hensel u. s. w. Besonders hervorzuheben ist k. Alexander Baum- gartners Gedicht, welches als Text dem reichen Farbendruckbilde „Maria. Königin der Heiligen" beigcgeben ist. Unerreicht steht BenzigerS Maricnkalendcr bezüglich dcrJl- lustratiouen da. Nebst dem schon genannten Chromobilde begegnen wir einer großen Anzahl feinster, ganzseitiger Holzschnitte ernsten und humoristischen Inhaltes; wir können sie nicht alle aufzählen, dagegen sind Bilder wie „Die heilige Familie" von Nhoden, „Beim Klang der Abendglocke", „Die Jungfrau von Orleans auf dem Scheiterhaufen", „Die heilige Messe in der Neformationszcit" von Feuerstein, „Die Aufschneider" und „Die Cigarrcnprobe" von Flashar, gerade entzückend, wenn nicht unübertrefflich. Kurz und gut, „BenzigerS Marienkalender" ist ein Unikum, welches wir Jedermann bestens empfehlen können, umsomebr, als, wie schon oben bemerkt, der Preis desselben mit Rücksicht auf das Gebotene ein spottbilliger zu nennen ist. Gustav Durch ard: Hans Sachs-Dramer»: nebst einem Testspiel, Berlin, F. Fontäne L Co. Preis 1 Mk. Es ist ein verdienstvolles Unternehmen das Repertoire der ! modernen Bühne durch pietätvolle Bearbeitung dramatischer i Dichtungen Hans Sachs' zn bereichern. Die vorliegende Ausgabe dürfte geeignet sein, zu überzeugen, daß Hans Sachs nicht nur als „Vater der deutschen Bühnendichtung" ein litcrar-historisches Interesse für uns haben sollte, sondern daß die lebendige Kraft, die in seinen dichterischen Werken ruht, sich auch noch heute bewährt. — Die hier zusammengestellten Stücke zeigen uns den Meister von der ernsten und heiteren Seite. — Eingeleitet wird das Werk durch ein Testspiel. Diese Arbeit Gustav Burchards erscheint rechtzeitig zum vierhuudertsten Geburtstag Hans Sachsens und ist durch den liebenswürdigen Inhalt und den Prächtig getroffenen Ton jener Tage wie geschaffen zur „SachS-Feier". ES ist im Rahmen eines kurzen AkteS gehalten, um dem Nürnberger Meister dann selbst, als dem würdigsten Fürsprecher seiner unvergänglichen Verdienste nur die deutsche Dichtung und ihre Pflcgcstättcn, daö Wort zu geben. _ Linzer thcol.-praktiscbe Quartalschrift. Jahrgang 1891. Expedition: Linz, Stiftcrstraße Nr. 7. Preis pr. Jahr 7 M. Inhalt des 3. Heftes u. A.: Die Aufgabe der Kirche inmitten der gegenwärtigen socialen Bewegung. Von ?. Albert Maria Weiß 0. vr. — Ehcdispenscn im inneren Forum. Von Dompropst Dr. Johann Pruner in Eichstätt (Bayern). — Die Thorheit der Gotteslcugnung. Von Professor Augustin Lehm- kubl 8. 9. in Exaeten (Holland). — Daö Rundschreiben Leo's XIII. über das Studium der hl. Schrift, Von Professor vr. Philipp Kohout in Linz. — „Der CapitaliSmus ün äs sisolo," Besprochen von Graf Sylva-Tarouca. — Wie kann der Seelsorger zur Beseitigung des Pricstermaugels mitwirken? (Schlußartikel,) Von Frz. BartbolomäuS in N. — Heiligenpatronate, (Dritter Artikel,) Von k. v. II. — Marian- ischeS Nicdcrösterrcich. Von Pfarrer Josef Maurer in Deutsch- Altenburg. — Pastoral - Fragen und -Fälle: 1) Ehelich oder uncbelich? Von Dr, Rudolf v, Scherer, Uuivcrsitäts-Proiessor in Graz. 2) Gewinn im Spiel mit fremdem Geld und Nesti- tutiouSpflicht. Von Josef Weiß, Professor in St. Florian. 3) Darf an einem Altar, an welchem daö Allcrheiligste ausgesetzt ist, cclcbrirt und die hl, Communion ausgetheilt werden? Von v. Bernard Schmid 0. 8, L. in Scheycrn, Bayern. 4) Winke für Katecheten. Von Dr. Joh. Ackert, Professor in St. Florian. 5) Wie können die bei den Mcßgebetcn begangenen Fehler oder Verstöße verbessert werden? Von vr, I. N i g l u t s ch, Professor in Trient, 6) Ausstellung des TrauungSschcineS bei Trauungen per äsIsZationew. Von Franz Niedling u. s. w. — Literatur. — Erlässe und Bestimmungen der römischen Kongregationen. Zusammengestellt von ?. Bruno Albers 0. 8. L. in Beuron, — Neueste Bewilligungen oder Entscheidungen in Sachen der Ablässe. Von v. Franz Beringer 8, ll., Con- sultor in Rom. — Bericht über die Erfolge der kathol. Missionen. Von Joh. G. Hubcr. — Kirchlich-socialpolitische Umschau. Von v, A. M. Weiß 0. vr. — Kurze Fragen und Mittheilungen. Sonntagskalen der für Stadt und Land. (Kalender für Zeit und Ewigkeit.) 1895. Mit vielen Illustrationen und einem Titelbild von Joseph von Führich. (52 S. Text.) Mit und ohne Calendarium. 30 Pf. Freiburg im Breisgau; Herdcr'sche Dcrlagshandlnng. 1894. Zur gewohnten Zeit hat sich der Sonntagskalender eingestellt, der nun zum 35. Mal seine Einkehr in Tausende katholischer Familien hält. Weder an innerein Gehalt noch an der äußern Ausstattung ist der neue Jahrgang hinter seinen Vorgängern zurückgeblieben. Belehrendes, Unterhaltendes und Erbauendes finden sich hier in reicher Abwechslung, lind viele recht schöne Bilder sind in den Text eingestreut. Aus dein reichen Inhalt erwähnen wir: die gemüthvolle Erzählung von Sebastian Thalhuber: Der krumme Boten-Alexi. (Mit Bild.) — vr. Friedrich JustuS Schlecht, Weihbischof von Freiburg. (Mit Bild.) — Gesühnt. Erzählung von Antonie Jüngst (schildert das Schicksal eines den Anarchisten in die Hände gefallenen ArbeitcrS). (Mit 4 Bildern.) — Cardinal Steinhuber und das römische Collegium Gcrmanicum, (Mit 2 Bildern.) u. s. w. — Eine» nicht zu unterschätzenden Vorzug des „SonntagSkalenders" bildet auch der billige Preis von nur 30 Pfennig, der dessen weiteste Verbreitung unter dem katholischen Volke ermöglicht. Berantw, Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg. N,-. 39 M Mgsmlrger M, 27. Keptdr. 1894. De Rossi 1°. * Wie schon gemeldet, ist der berühmte Archäologe und Epigraphiker G. Battista de Nossi gestorben. Die „Deutsche Neichszeitung" gibt ein Lebensbild desselben, dem wir entnehmen: De Rossi war geboren am 23. Februar 1822 in Nom, erhielt daselbst auch seine gelehrte Bildung. Den archäologischen Studien zugewendet, veröffentlichte er seine ersten Arbeiten in gelehrten Zeitschriften. Er behandelte zunächst vornehmlich die christlichen Inschriften des 1. Jahrhunderts und richtete dann sein Augenmerk auf die gründliche Erforschung der römischen Katakomben. Die epochemachenden Ergebnisse seiner Forschungen liegen vor in den Werken: »InsorixtionW cstristiallÄS urdis Ilornus scxtirao scculo untiquiorW" (Nom 1857 ff.); „Horn«, Zvttcrunca, cri8tig.ua>" (das. 1864—67. 2 Bde. mit Kupfern; deutsch von Kraus, Freiburg 1872 ff.; auch ins Französische und Englische übersetzt); „>lu8gioi oristiaui" (Aus den Basiliken Roms, Nom 1872 ff.). Anderes von ihm enthält da? „LoUctino äi ^rostcoloßig cri8tigng", das er seit 1863 selbst herausgab. Rossi war Professor an der Universität zu Nom und Mitglied der koutikeig ^coaciciuiL ä'grcstevIoZig sowie gelehrter Gesellschaften des Aus- landes (seit 1877 auch Ehrenmitglied der Akademie der Wissenschaften in Wien). Der Höhepunkt der wissenschaftlichen Thätigkeit de Rossi's sind unbestitten seine Katakombenforschungen, denen er sich als Schüler des hochverdienten Jesuitenpaters Marchi, des wissenschaftlichen Begründers der modernen Forschung auf diesem Gebiete, hingab. Die Erfolge de Rossi's sind geradezu beispiellos, und sie wurden errungen durch eine erstaunliche Gelehrsamkeit, gepaart mit Bienenfleiß und großer Geschicklichkeit. De Rossi verstand es auch, Papst Pius IX. für seine Sache zu interessiren, der für die Aufdeckungsarbeiten eine besondere Commission ernannte und jährlich die Summe von 18,000 Franken dafür spendete, eine Spende, die von seinem hochherzigen Nachfolger Leo XIII. fortgesetzt wird. Infolge solcher Unterstützung war es denn dem großen Forscher gelungen, nach und nach innerhalb 40 Jahren folgende Katakomben mit ihren werthvollen Kunstschätzen auszu- graben: die Coemeterien des hl. Callistus und des hl. Praetextatus an der appischen, der Domitilla an der ardeatinischen, der Priscilla an der salarischeu, der hl. Agnes und das Ostrianum an der normentanischen, des Pontianus an der portuensischen Straße. In den oben angeführten Werken sowie in einer großen Anzahl kleinerer Schriften sind die Resultate dieser Forschungen niedergelegt. Ein großes Verdienst de Rossi's besteht auch darin, daß er es verstand, jüngere Kräfte für die Sache der christlichen Archäologie zu begeistern, zur Mitarbeit heranzuziehen und so eine Anzahl begeisterter Schüler heranzubilden, die das von ihm begonnene Werk fortzusetzen fähig waren. So gehörten zu seinen Mitarbeitern die berühmten Archäologen Stevenson, Maruchi, Arminelli u. a., nicht zuletzt sein Bruder, der fleißige und als Geologe berühmt gewordene Michael de Nossi. Seit 1875 gründeten Nossi und der bedeutende Forscher P. Bruzza regelmäßige archäologische Conferenzen, denen 1878 eine andere noch wichtigere Gründung unter Beihilfe mehrerer jüngerer Archäologen folgte: das LvIIsZium Lultorura mar- t^ruw, das seine Schola im Hospiz des deutschen Ouiuxo srrnto erhielt. Diese Stiftung, welche errichtet war, um die Verehrung der Märtyrer an ihren ursprünglichen Ruhestätten zu erwecken und zu beleben, wurde dann erweitert durch die Gründung eines Priestercollegiums für archäologische und archivalische Studien, welches auch jungen deutschen Gelehrten Gelegenheit bot, sich in die Katakombenforschung zu vertiefen. Die Herausgabe der „Römischen Quartalsschrift" seit 1887 war ebenfalls eine sehr glückliche Unternehmung, die es den Gelehrten ermöglichte, im Verein mit anderen Forschern die Resultate ihrer Forschungen der Oeffentlichkeit zu übergeben. So hat de Nossi in seinem unermüdlichen Eifer, seiner rastlosen Arbeitskraft und seinem großen Forschergcnie die archäologische Wissenschaft auf eine bishcran ungeahnte Höhe erhoben und das Feld der Forschung auf diesem Gebiete großartig erweitert. Manche unserer Leser, die in Rom waren und einem Feste der Oultorrrm Nrrrt^rurn in den Katakomben beigewohnt haben, werden sich noch des berühmten katholischen Gelehrten erinnern, wenn er, nachdem das Hochamt auf den Gräbern der Heiligen vollendet, in irgend einer mit Kränzen geschmückten, durch Wachskerzen geheimnißvoll erleuchteten Katakomben-Kapelle stehend, die auf das Fest bezügliche Rede hielt. In eine Ecke gedrückt, das schwarze Käppchen auf dem Haupte, sprach er dann in fließendem Französisch in steigender Begeisterung zu den aus allen Weltgegenden versammelten Fremden über den Heiligen des Tages, wissenschaftlich, religiös erhebend. Man hörte nicht nur den Gelehrten, sondern auch den kindlich gläubigen frommen Christen. Sein Privatleben war rein, einfach und schlicht, sein Benehmen geradezu demüthig, weit entfernt von dem Professoren- Hochmuth, der sich in unseren Tagen breit macht. Den Deutschen war er sehr zugethan, er stand in regem Verkehr mit den deutschen Archäologen, die sich in Nom aufgehalten, und Männer, wie Msgr. Wilpcrt in Nom, Msgr. Kirsch, Professor in Freiburg i. Schw., und Professor Dr. Ehrhard in Würzbnrg könnten Manches von seiner persönlichen Liebenswürdigkeit erzählen. Die Wissenschaft hat einen großen Mann verloren, wir trauern ihm nach um so mehr, weil er einer der Unsrigen war, aber wir freuen uns zugleich, weil wir ihm den Lohn, den er jetzt im Jenseits genießt, von Herzen gönnen. Er hat, so weit wir menschlicher Weise urtheilen können, die Krone des Lebens durch treue demüthige Arbeit verdient, k. I. k. Einfluß der Kunst auf den Gang der Weltgeschichte. Von Dr. I. N. Sepp. „Eine Religion, welche auf Kunst verzichtet, kann unmöglich die wahre sein." Dieß war die Meinung des großen Kunstmonarchen König Ludwig I., welcher sich vor allen darum den Griechen zuwandte; denn die Hellenen sind das geborne Kunstvolk, die eigentliche Nation der Künstler. Ihnen ist vor andern der Schönheitssinn aufgegangen, und kein Stamm hat sein geistiges Kapital höher auf Zinsen angelegt. Gleichwohl hat die Kunst sie kaum vor dem Untergänge gerettet; denn sie stießen mit den bilderfeindlichen Persern, fanatischen Arabern und bildungslosen Türken zusammen, und verschwanden nach dem Untergang ihres Reiches bis auf einen kleinen 306 Rest, der unter unseren Augen wieder staaisbildend auftritt. Bildung leitet sich ab von Bild: die Sprache selber verräth mithin die Kunstaufgabe, und daß mit dieser Pflege die Nohheit abgelegt sei; nicht allein Sprachkenut- rüß und Büchergelehrsamkeit genügen, um für vollkommen gebildet zu gelten. Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbilde geschaffen, sagt die Schrift. Daraus entnehmen die Künstler das Recht, die Gottheit auch menschlich darzustellen. Prometheus hat den Anthropos, d. h. den aufwärts Schauenden (nach Lassanlx' Erklärung), aus Thon gebildet und ihm durch das Licht von Oben Vernunft verliehen. Dädalus gilt für den ersten Werkmeister und Künstler in Stein, Holz und Thon, er hat die Figuren schreitend gemacht, die primitiv bei den Aegyptern geschlossene Füße zeigen. Pygmalion gestaltete die Göttin der Schönheit so leibhaft menschlich, daß das Ebenbild Leben gewann. Die Pflege der Kunst wird den Hellenen zur Religion, dagegen erwacht bei den nicht so künstlerisch veranlagten Stämmen die Eifersucht, es möchte das Gebilde von Menschenhand statt des Urbildes, welches im unzugänglichen Lichte wohnt, die Verehrung auf sich ziehen und zugleich die Vielgötterei Platz greifen. In diesem Glauben faßten zuvörderst die Semiten tödtlichen Haß gegen alle Bilder, sie sprechen nicht einmal den göttlichen Namen aus, haben auch kein Wort für Kunst und wenden nur dem Ewig-Einen, von aller sinnlichen Vorstellung abstrahirend, ihr Augenmerk, ihre Andacht zu. „Die Götter der Heiden sind Dämonen", betheuert der Psalmist 96, 5. Diese jedem religiösen Kunstwerk, wenigstens der menschlichen Skulptur entgegengesetzte Richtung ruht aber nicht, sondern verursacht Glaubenskriege von den ältesten Zeiten her. Vor allem ist es die Kunst, oder sagen wir die Anfeindung der Kunst, welche auf den Gang der Weltgeschichte unglaublichen Einfluß übt. Knnsttrieb führt zur höheren Cultur, Abneigung hält den Rückfall in Barbarei nicht auf. Die Vernachlässigung der idealen Güter hat sich noch jederzeit gerächt und einen Rückschritt im Volksleben zur natürlichen Folge. Es wäre unrecht, den Kindern Sems zum Vorwurf zu machen, daß sie das leere, farblose Ideal festhielten und jede materielle Darstellung verabscheuten. Die Arier sind die praktischen Realisten, aber merkwürdig waren es vornehmlich die Magier oder Anhänger Zoroasters, die Perser, also Stammesbrüder der Germanen, in welchen der Fanatismus wider die Kunstvölker am heißesten entbrennt. Der Inder nennt den Himmelsgott äsva, worin auch äsus, Zeus und der deutsche Ziu wurzelt. Aber das Volk von Jram, dem Lichtlande, gebraucht gegensätzlich än? für den bösen Geist, und Typhon, Typhoel entwickelt sich zu unserem Teufel. Der Eingott- gläubige bleibt nicht für sich orthodox, er fühlt die Verpflichtung, gegen die Polytheisten oder Völker, welche Bilder erschaffen, als Götzendiener feindselig aufzutreten, und er zieht im Namen Gottes zur Unterwerfung, wo nicht Bekehrung der Gottesfeinde aus. So bricht Cambyses im Lande Mizraim, Aegypten, ein und wirft die Götter des Volkes nieder, mit welchem schon Israel weder Gemeinschaft des Tisches und Bettes, noch Grabes pflog. Er ersticht mit eigener Hand das wandelnde Gottesidol, den Apis zu Memphis, wie die Könige von Juda ob der Stierkälber dem Reiche Israel Rache geschworen halten. Allerdings brachte die Lehre von der Seelenwanderung bei den Aegyptern mit sich, daß ihre Tempel im Delta eigentlich Menagerien glichen, oder, was Plutarch so auffallend findet, Thiere aller Art im Innern hinter Käfigen zu sehen waren. Allein die Gottheit strafte den Frevel, denn in Ekbatana, wo dem Sohne des Cyrus zu sterben bestimmt war (so hieß indeß auch ein Ort am Karmel), rannte sich der Herrscher, indem er zu Pferde stieg, sein Schwert ebenda in die Seite, wo er den Apis getroffen. Die Verfolgung erneuerte sich jedoch unter Darius Ochus. Aber nicht weniger galt der Ankampf der Jranier den Joniern, wie der Orientale, von Hiudostan angefangen, noch heute alle Hellenen (Djuni) nennt. Schon Darius Hystaspes, der den Feldzug unter Cambyses gegen Aegypten mitgemacht, unternahm den Rachekrieg wider das Jnselvolk. Nachdem dieser mißglückt war, brach sein Nachfolger Xerxes mit einem ungeheuren Heere wider Griechenland auf, zerstörte alle Götterbilder und Tempel, selbst den auf der athenischen Akropolis, und schonte nur Ein Heiligthum, nämlich jenes zu Delos, weil hier das ewige Licht als reinstes Symbol der Gottheit brannte und alle Städte regelmäßig im Frühjahr das heilige Feuer vom Altare holten, um vom Centralfeuer die lautere Flamme im Tempel und am häuslichen Herde zu erneuern. Ahura Mazda offenbarte sich ihnen eben im Lichte, welches auch im Eingang des Johannesevangeliums aus Gott leuchtend der Urquell alles Lebens heißt. Ich greife dem Gange der Dinge vor, wenn ich Bezug auf die christliche Zeit nehme, wo die Perser unter Sarbarazes, dem Feldherrn des Chosru II. Parwiz, 614 in Palästina einbrachen. Lassen wir Gibbon das Wort: „Die Eroberung von Jerusalem hatte schon Nushirvan vor, der Eifer seines Enkels vollbrachte sie. Der unduldsame Geist der Magier drang mit Ungestüm auf die Vernichtung des stolzesten Denkmals der Christenheit, dazu half ihm der wüthende Fanatismus von 26,000 Mosaischen (aus Galiläa)." Sie zerstörten nicht nur den von Constantin erbauten Tempel des heiligen Grabes nebst der Justinianischen Marienkirche, sondern man legte ihnen auch die Niedermetzlung von 90,000 Christen zur Last. Merkwürdig machten sie mit der Anastasis oder Auferstehungskapelle eine Ausnahme, wie dort mit Delos, weil darin der Feuercult herrschte, d. h. wie noch heute am Tage vor Ostern das Licht vom Himmel kommt, oder in Erinnerung an die Erfindung des Feuers zur Mittheilung an die Gläubigen aufgefrischt wird. Die Bekenner der Lichtlehre treten als Puritaner in der Geschichte auf, aber am Wendepunkt der Zeiten erscheint der Stifter der Weltreltgion als Protektor der Künste. Er ist auch darin, bisher ungeahnt, der große Faktor in der Weltgeschichte. Dieselben Heere des Königs der Könige erschienen auch vor dem christlichen Edessa. Die Armenier, unsere Stammverwandten, zählen nämlich zu den ältesten Christen, sie sind die ersten Arier, welche der Religion Jesu sich zuwandten. Wir lesen im Evangelium Johannis 12, 20 f. gelegentlich des Triumphzuges der Galiläer mit der Palmenprocession: „Es waren aber auch einige Hellenen «ach Jerusalem zum Feste hinaufgekommen, und sie begehrten Jesum zu sehen." Moses von Chorene beurkundet in seiner Geschichte Armeniens im fünften Jahrhundert, es seien Armenier gewesen, welche dem Herrn im Namen ihres Fürsten Abgar 307 von Edessa einen Asylantrag überbrachten. Die syrochal- däische Version nennt sie Aramäer. Fürwahr! Bereits der Kirchenhistoriker EusebiuS hat aus den Archiven von Edessa einen Sendbrief Abgars an Christus und das Antwortschreiben übersetzt, wovon ersterer die syrische Jahreszahl 340 enthält. Diese entspricht ausfallend dem wahren Todesjahre Christi 782 n. o. Die Legende fügt nun hinzu, es sei zugleich ein Maler mit bei der Gesandtschaft gewesen, beauftragt, das Bild des großen Propheten aufzunehmen. Da habe Christus sein Angesicht auf die Leinwand abgedrückt — wie das gleiche von Veronika oder der Herodierin Berenike verlautet, welche Jesu am Kreuzwege ihr Schweißtuch überreichte. Dieses Antlitz des Weltheilands, heißt es, hätten die Vertheidiger Edessas den Persern entgegengehalten und so ihre Stadt gerettet. Dasselbe ging in das Königswappen von Georgien über, und es existiren davon taufende von Abdrücken unter dem Namen « 7 «)^« «nicht von Menschenhand geschaffenes Bild". WaS ist der Sinn dieser Meldungen und welche Lehre haben wir daraus zu ziehen? Der Herr selbst tritt hiemit als Protektor der Maler auf; damit war dem kunstfeindlichen zweiten Gebote MosiS abgesagt und das Herz den knnstliebenden Hellenen zugewandt. Im Gefolge des Paulus geht Lukas der Maler, der Hellene aus Autiochia, welchen van Ehk mit seinem unvergleichlich schönen Gemälde in unserer Pinakothek wohlverstanden als den ersten Meister eines Madonncnbildes darstellt, um anzudeuten, daß der starre Judaismus im Christenthum gebrochen und den Hellenisten in der Kunst das Feld eröffnet war. Ein Wendepunkt in der Geschichte war schon vorher eingetreten. Was die Kunstfeinde unter den Japhetiden gesündigt, haben sie auch gebüßt. Alexander der Große schritt als Welteroberer in Asien und Aegypien vor, und pro- klamirte die Freiheit aller Culte. Damit gewann er die Herzen der Völker, sie richteten ihre Tempel und Götterstatuen wieder auf, und der Bildersturm der Perser hat hauptsächlich zum Untergang ihres Reiches geführt. DaS Volk kann und will sich, je größer die Religiosität, von mythologischen Vorstellungen nicht trennen, dieß haben schon die Propheten deS alten Bundes erfahren, indem sie vergebens wider den siderischen Dienst ankämpften. Der Mensch ist nicht bloß Geist, sondern Geistleib, und alle Allegorien wollen nur sichtbare Verkörperungen des Geistigen und Göttlichen sein. Dieser Empfindung folgten die alten Griechen, wie mit aller durchdachten Virtuosität ein Naphacl und Buonarotti. Es gibt dabei kunstfreundliche wie -feindliche Naturen und Nationen. Der Bilderdienst lebte mit der Hellenenherrschaft in Asien wieder auf. Das junge Christenthum, so lange es judaistisch war, erwies sich gegen die Kunst abstoßend, ja wir hören die laute Klage gebildeter Heiden, eine neue Barbarei sei damit hereingebrochen. Die Wunderwerke der Bildhauerkunst, wie die Venus von Mtlos, wurden vor der drohenden Zerstörung in einen Keller geflüchtet und blieben bis auf unsere Tage vermauert. Die Gruppe des Laakoon verbirgt sich in einem Gewölbe des Hauses von Titus und ist verschollen, bis der Tag der Auferstehung nahte und de Fredis, der Weingärtner, es 1506 in einer Nische entdeckte, worauf das größte Kunstwerk in Rom (mit Plinius zu reden) im Triumphe, von Cardinälen besungen und begleitet, nach dem Vatican übertragen ward. Die Zeit der Renaissance oder Wiedergeburt der alten, wesentlich hellenischen Kunst war zum zweitenmal herangebrochen und die Jahrhunderte überwunden, wo ein Walafried Strabo aufgefundene und ausge- grabene Statuen für versteinerte Menschen halten durfte. Wie feindselig aber ging von Anfang herein z. B. der Judenchrist Epiphanius-Vor, welcher in rasender Unduldsamkeit die erste Ketzergeschichte verfaßte! Als er auf Cypern einen Vorhang mit eingesticktem Bilde, wir sagen Gobelin, in der Kirche traf, riß er ihn in Stücke. Er begriff nicht, daß der Stifter des neuen BundeS uns vom Joche des alten Gesetzes und seiner AuSschließ- lichkeit erlöst hat, und schon darum den Namen Erlöser verdient, weil er aus Juden und Heiden Ein Volk, Eine Gottesgemeiude machte. Stephanus, der erste Mariyr, ging als Zeuge für die Verwerfung des Judaismus oder Antihellenismus, wie die Apostelgeschichte 6 , 14. 21, 28 ausführt, in den Tod. Leider wollen die meisten Gottesgelchrten dieß noch heute nicht begreifen, und die kühlen Philosophen huldigen als Nominalisten bloßen Gedankendingen. (Schluß folgt.) Ein Work über die alten Sprachen und den Einfluß der klassischen Studien in politischer und religiöser Beziehung. (Fortsetzung.) L. H. Eine so unbedingte Verehrung wird indessen kaum vorkommen; wenigstens ist sie bei näherer Kenntniß des Alterthums und bei besonnenem Nachdenken nicht möglich. — Häufiger und wohl zu häufig ist es dagegen der Fall, daß der Standpunkt und die Anschauungsweise der Alten nicht näher ins Auge gefaßt, sondern mit Gleichgültigkeit Übergängen wird. — Der vorkommende Inhalt wird dann mehr mit dem Gefühle aufgefaßt; es bleibt ein Tvtaleindruck in ihm zurück, den gewisse Werke oder Stellen der Lectüre auf dasselbe gemacht haben. Und da man zur geistigen Anregung und Belebung der studierenden Jugend gewöhnlich von jedem Schriftsteller vorzugsweise dasjenige liest, was einen wichtigen Stoff, großartige Charaktere, ruhmvolle Thaten, hohe Ideen u. dgl. enthält, da ferner dieser Inhalt in den Werken der Alten fast ohne Ausnahme in einer sehr anziehenden und ästhetisch-schönen Form dargestellt ist, da endlich das Alterthum als solches gerne die Gegenstände in demselben Maße, als sie der Zeit nach ferne liegen, nnS größer, herrlicher und ehrwürdiger erscheinen läßt: so ist der Eindruck auf das empfängliche Gemüth der leicht zu begeisternden Jugend um so stärker, tiefer und nachhaltiger. Die meisten dieser Eindrücke sind jedoch der Art, daß sie einen guten Einfluß auf die Erziehung der Jugend ausüben, besonders bei solchen Jünglingen, die, dem guten Zuge der Natur folgend, sich vom Edlen und Großen mächtig angezogen fühlen. Weil aber der Standpunkt der Alten in den wichtigsten Punkten so vielfach von dem unserigen abweicht, so ist doch nicht vorauszusetzen, diese unmittelbaren Eindrücke seien immer und jedesmal so beschaffen, daß der Studierende von selbst auf dem rechten Wege erhalten oder auf denselben hin- geleitet wird. Gewöhnlich hat jeder Standpunkt auch irgend eine Lichtseite, selbst wenn er im ganzen genommen entschieden zu verwerfen ist. Je mehr nun diese Lichtseite durch die Kunst der Sprache ausgeschmückt und hervorgehoben wird, desto mehr Anhänger gewinnt jener 308 Standpunkt; am meisten macht er sein Glück bei den s Unerfahrenen, also bei der Jugend, welche nicht selten, durch Scheingründe geblendet, dahin gebracht wird, daß sie mit dem besten Willen und redlichsten Streben nach Wahrheit auf den Weg des Irrthums geräth in der Meinung, sie habe glücklich das Wahre gefunden. Man muß zugeben, daß ein Schüler durch gewisse Erscheinungen in der Geschichte der alten Republiken auf irr- thnmliche Voraussetzungen und aus Abwege gerathen kann, wenn er nicht zugleich die weit umfangreichere Schattenseite jener Einrichtungen ins Auge fassen und vorübergehenden Glanz von wahrem und dauerndem Glücke unterscheiden lernt. Es ist nur zu häufig der Fall, daß man bei dergleichen Beurtheilungen von den inneren Zuständen und Gebrechen absieht und einzelne große Thaten nach außen, ruhmvolle Siege in blutigen Schlachten u. dgl. zum Maßstab der guten Einrichtung, der Blüthe und Wohlfahrt eines Staates nimmt. Wenn man die Gegenstände aber nicht nur obenhin kennen lernt, wenn man sich nicht mit zufälligen Eindrücken, die nichts als ein dunkles Gefühl zurücklassen, begnügt, wenn man die Dinge etwas genauer anschaut, so wird das Resultat ein ganz anderes sein. Wir wollen zu zeigen versuchen, daß das politische Leben und das Schicksal der alten Republiken, wie es uns in der klassischen Lektüre da und dort vor Augen tritt, eine so starke Schattenseite darbietet, daß es entschieden mehr abstoßen als anziehen muß, folglich bei richtiger Auffassung mit der Erziehung in monarchischen Staaten nicht im Widerspruch steht. In religiöser Beziehung ist zwar keine große Begeisterung für den Glauben der alten Griechen und Römer und nicht leicht eine Berauschung der christlichen Lehre mit den religiösen Ansichten der Heiden zu befürchten; man müßte denn auf geistigem Gebiete den Waffentausch jenes Glaubens versuchen, von dem Homer (II. VI., 234 sagt, daß er, von Zeus mit Blindheit des Geistes geschlagen, seine goldenen Waffen gegen die ehernen des Diomcdes vertauscht habe. Allein auch hier kann eine verkehrte und indifferente Behandlung der Klassiker nachiheilig fein. Wenn der Unterschied des Christenthums vom Heidenihum dem Schüler nicht vollständig zum Bewußtsein kommt, wenn der schroffe Gegensatz nicht als solcher klar vor seinen Geist tritt und sich dem Gemüthe tief einprägt, wenn der Studierende einzelne Männer des Hcibcnthums wegen der Weisheit und moralischen Größe (in ihrer Art) bewundert und bei angestellter Vergleichung über manchen tiefstehcnden Christen stellen muß, so ist es, wenn auch nicht immer wahrscheinlich, so doch wenigstens möglich, daß dadurch der Grundsatz des Jndifferentismus: es komme nicht auf den Inhalt des Glaubens, also nicht auf die richtige Erkenntniß des höchsten Wesens und seines Willens, sondern lediglich und allein auf die Handlungen an, all- mählig Eingang findet. Der Umstand, daß der Heide durch den göttlichen Lichifunken der Vernunft ein gewisses Maß von Erkenntniß erlangen und bei gutem Willen in Mancher Beziehung tugendhaft sein kann, der Christ dagegen vermöge seines freien Willens das Licht der Offenbarung fliehen, schlecht handeln und überhaupt die dargebotenen Hilfsmittel verschmähen oder mißbrauchen kaun, dieser Umstand gilt den oberflächlichen Geistern für einen Beweis, oaß es zuletzt gleichgültig sei, ob man dem Christenthum oder Heidenihum angehöre, daß alle Religionen unvollkommen und insofern einander so ziemlich gleichzustellen seien u. f. w. Es tritt dabei nun freilich niemand förmlich zum Heidenihum über, niemand läßt sich einfallen, den Zeus oder die Pallas der Griechen und Römer anzubeten. Aber indem man sich dem bequemen Jndifferentismus in die Arme wirft, aus den verschiedenen Ansichten und Neligionslehren überall das Angenehmste und Schmackhafteste für sich auswählt und so sich seine Religion selber bildet, hat man den Glauben an die göttliche Autorität des Christenthums als der allein-wahren Religion für sich abgethan, und insofern man dabei nichts Festes, nichts Positives mehr unter den Füßen hat, steht man auf dem unsicheren und schwankenden Boden des Heidenthums. Der Unterschied des modernen und antiken Heidenthums ist nur dieser, daß der alte Heide sich seine Religion selbst schaffen mußte, weil er nichts Positives, keine göttliche Offenbarung als Norm seines Glaubens hatte, und dabei auf den irrigen Glauben an viele Götter, auf Polytheismus, verfiel, der moderne Heide aber sich seine Religion mit Umgehung des positiv Gegebenen selbst schaffen will und dabei zwar nicht zum Glauben an viele Götter kommt, aber allzu leicht in Unglauben und Atheismus verfällt oder noch allenfalls ein höchstes Wesen annimmt, das ihm jedoch keinen bestimmten Inhalt hat, alles und im Grunde nichts ist. Daß zu dieser Verirrung ein verkehrtes und mangelhaftes Studium des heidnischen Alterthums etwas beitragen könne, ist oben bereits zugegeben worden. Und wenn man erwägt, daß der Unglaube seinen Hauptsitz gerade in dem gebildeten Stande aufgeschlagen, bei dessen Erziehung besonders der Gymnasialunterricht mit den klassischen Studien zur Grundlage dient, wenn man ferner bedenkt, daß man in den neuen Literaturen, die deutsche keineswegs ausgenommen, eine ganze Sint- fluth von unchristlichen und antichristlichen Schriften findet, die uns nebenbei vielfach die Ueberzeugung gewinnen lassen, ihre Verfasser seien in Bezug auf die Behandlung des Stoffes, auf Sprache, Wissenschaft und Kunst Schüler der alten Griechen und Römer und unterschieden sich auch im religiösen Standpunkte wenig oder nicht von den heidnischen Philosophen, stehen vielleicht an Interesse für religiöse Wahrheit noch eine ziemliche Stufe unter der besseren Klasse heidnischer Forscher: so möchte man im ersten Augenblick wohl versucht sein, zu glauben, das Unchristliche und Irreligiöse, welches man häufig in dem Stand der sogen. Gebildeten und Studierten, Gelehrten und in vielen Schriftstellern des christlichen Zeitalters wahrnimmt, sei ganz die natürliche Folge der altklassifchen Studien. Wenn wir die Sache aber näher betrachten und nns überzeugen, daß einerseits bei Vielen gleichzeitig frommer Christenglaube und fleißiges Studium des heidnischen Alterthums ohne Widerspruch neben einander vorhanden sind, und anderseits jener unchristliche Sinn so vielfach ohne die Kenntniß des Alterthums vorkommt und sich überhaupt am liebsten mit oberflächlicher und halber Bildung paart, so müssen wir sowohl von der Annahme abgehen, daß die Beschäftigung mit den heidnischen Schriftstellern an und für sich naturgemäß ein Abnehmen des christlichen Glaubens zur Folge habe, als auch müssen wir die Hanptquclle des Unglaubens und der Trennung vom Positiven anderswo suchen. Wir finden sie in dem Streben der Menschen, jede Autorität, jede feststehende Norm, jede bindende Vorschrift von sich zu weisen. Wir finden sie in dem Princip der sogen. Aufklärung, welches darin besteht, nur dasjenige für wahr zu halten, was der menschliche Geist entweder selbst erfunden oder doch als etwas Vernünftiges begriffen und als etwas Wahres anerkannt hat. Dieser zunächst von den Philosophen aufgestellte und festgehaltene Grundsatz hat wegen seiner temporären Annehmlichkeit für die Praxis schnell eine große Popularität erlangt. Hier liegt der Krebsschaden, hier die Quelle des Unglaubens, nicht aber in den alten Klassikern, die auch in der Blüthezeit des christlichen Glaubens Wohl ohne Nachtheil gelesen wurden. Nicht auf den Gymnasien wird der Grund zum Unglauben gelegt, sondern in den Hörsülen der modernen Philosophie und durch die Lectüre der auf dem obengenannten Princip beruhenden Schriften der Neuzeit. Diese sind die wahre Pflanzschnle des Jndtfferentismus und der Religionslosigkeit. Sie sind um so gefährlicher, da sie vielfach christlich zu sein scheinen und das wahre Licht des ächten Christenthums zu verbreiten vorgeben. Der Leser glaubt christliche Wahrheiten vor sich zu haben und hat dafür ein Product des seichten Nationalismus. Anders ist es mit den Schriften der Heiden in der Hand des christlichen Lesers; hier haben wir doch das Kind unter seinem rechten Namen, wir haben das pure Product eines Menschen, wir wissen vornweg, daß wir die Meinungen, Ansichten und Vorstellungen eines Heiden vernehmen. — Soviel sei hierüber bemerkt, und wollen wir erst zusehen, was wir in politischer Beziehung in den Klassikern finden^) und nach dem vorhandenen Stoff aus ihnen lernen können und müssen, wollen auf obigen Punkt später wieder zurückkommen. (Fortsetzung folgt.) Bergwerksvcrwaltrmg der Römer. (Schluß.) Die Prokuratoren waren keine höheren Beamten; es waren meistens frühere Sklaven, spätere Freigelassene, welche diesen Posten bekamen. Ihr Hauptgeschäft war, für die günstigste Ausnutzung der kaiserlichen Domänen zu sorgen. Sie hatten keine richterliche Gewalt, nur in einem Falle konnten sie einschreiten und selbst Aus- weisung verhängen oder den Zugang verbieten: nämlich solchen gegenüber, von denen Belästigung der kaiserlichen Colonen zu befürchten war. In jurisdictioneller Beziehung waren die Prokuratoren dem Proconsul oder Proprätor oder dem kaiserlichen Legaten untergeordnet. So wurden bei einem Strike der Bergleute in Palästina die Rädelsführer vom Prokurator ansgehoben, aber zur Vernrtheilung und Bestrafung dem Offizier des zur Wache detnchirten Corps zugeschickt. Das Loos der Prokuratoren scheint in Tacten und Mösien ein schwieriges, exponirtes gewesen zu sein, weil die Kaiser genöthigt sind, einzuschärfen, daß dieselben, im Falle sie sich unter dem Vorwand feindlicher Einfälle davon machten, an ihre frühere Stelle zurückkehren müßten und nicht eher ein höheres Amt bekleiden könnten, bis sie ihre Pflicht als Bergverwalter erfüllt hätten. Dem Prokurator standen °) Wir haben uns begnügt, unsere Ueberzeugung über den gedachten Gegenstand, wie wir sie durch die klassische Lectüre gewonnen und befestigt habe», auszusprechcn und einige Beweisstellen hicsür mehr beispielsweise anzuführen. Indessen werden die meisten Dinge, die bier vorkommen, bei solchen Leiern, die das Alterthum näher kennen, nickt erst der Belegstellen bedürfen. Bei dieser Vertheidigung der klassischen Studien gegen oben erwähnte Vorwürfe dürfte es größtentbcils genügen, auf gewisse einzelne Punkte, die häufig ganz übersehen werden, mehr aufmerksam zu machen und sie mit besonderem Accente hervorzuheben. zur Seite technische Beamte, wenn die Prokuratoren nicht selbst Sachverständige waren. Bei den Steinbrüchen war ein Werkmeister, der die ausgearbeiteten Steine übernahm; in den harmonischen Steinbrüchen hießen sie philosophische Mathematiker, da sie Fachbildung besaßen, wenn sie auch Sklaven waren. Die Offiziere mit ihren Detachements hatten nicht blos die exponirien Arbeiter- oder Sträflinge zu überwachen, sondern waren zugleich geschulte Ingenieure bei Leitung der Ausgrabungen. Dem Prokurator stand ferner ein Bureau von Rechnunas- beamten und Schreibern zur Verfügung: es gab Kassen- Beamte, Buchhalter und Schreiber, ferner Partieführer und Controlleure der Arbeiter. Vom Arbeitspersonal war vorübergehend schon die Rede. Es waren anfänglich, schon des ungestörten Fortbetriebes halber, die vor der Unterwerfung dort ansässigen und arbeitenden Prv- vincialen, die geschulten und erfahrenen Eingeborenen. Der Fiskus machte später Eingeborene zu halbsreien Pächtern, sogen. Colonen, die der Ehe und des Eigenthums fähig und nicht verkäuflich waren wie Sklaven, aber auch unauflöslich an die Scholle gebunden blieben, die sie bebauten, und durch Verkauf des Grund und Bodens an den neuen Besitzer übergingen. Das war auch meist das Schicksal der Barbaren, die nach ihrer Besiegung auf römischen Boden verpflanzt wurden. Daß sie ihre Lage manchmal zu hart fanden, erhellt nicht nur aus den Versuchen, die sie machten, bei Privaten sich zu verdingen und namentlich nach dem Westen des Reiches, selbst in die Eisenbergwerke von Sardinien, zu gelangen, sondern auch daraus, daß sie beim Hereinbruch der Gothen rasch ihr Joch abwarfen und sich den Eindringlingen anschlössen. Die Kaiser haben aber durch zahlreiche Anordnungen sich bestrebt, die Bergcolonen bei ihren Bergwerken festzuhalten, und außerdem war für die Arbeiter in den kaiserlichen Bergwerken wenigstens im zweiten Jahrhundert und im Westen in ganz eigenthümlicher Weise gesorgt. Im Jahre 1876 wurde in Süd-Portugal auf der Hochebene von Ourigue bei der Neuausbeutung eines Kupferbergwerkes eine Erztafel gefunden, 72 Cm. lang und 53 Cm. breit, auf beiden Seiten beschrieben. Sie enthält das sogenannte Berggesetz von Vipasca (I-ex urstulli Vipasooirsis). Darnach bildeten die Bergarbeiter eine Art Berggemeinde, deren Vorstand der Prokurator war, der nicht nur das Interesse des Fiscus, sondern auch das der Arbeiter zu wahren hatte. Die Bergarbeiter waren vor spekulativen Händlern dadurch geschützt, daß gewisse Gewerbe monopolisirt waren, so die Walkerei, Lederei, Schuhmacherei, ja sogar die Barbierstuben: diese Gewerbe waren durch den Staat verpachtet. Wer also unbefugt Schuhwerk, oder Lederzeug, oder sonst Fußbekleidungsartikel verkaufte und dabei erwischt wurde, hatte dem Pächter daS Doppelte von dem Werthe des Gegenstandes zu zahlen; der Pächter hatte das Pfandrecht auf diesen Gegenstand. Doch durfte jeder sich die Schuhe selbst flicken, der Sklave für seinen Herrn. Dagegen mußte der Pächter alle Sorten von Lederwaaren vorräthig haben und die sonstigen Zuthaten, widrigenfalls es Jedermann freistand, zu kaufen, wo er wollte. Auch die Barbierstuben waren verpachtet. Der Pächter war der einzige Berechtigte in dem Flecken zur Ausübung dieses Gewerbes. Der unbefugt es Ausübende zahlte dem Pächter eine Geldstrafe und mußte ihm auch seine Scheeren und Messer ausliefern. Doch dursten Sklaven ihre Herren und ihre Mitsklnven barbieren. Nur die vom Pächter herumgeschickten Barbiergesellen 310 hatten das Recht, ihre Kunst auszuüben. Wer den Pächter in Ausübung seines Pfandrechts hinderte, zahlte fünf Denare, jeder Pächter mußte aber einen oder mehrere Haarkünstler (artikaes) im Dienste haben. In den Berggemeinden gab es auch ein ärarisches Bad, das von Jahr zu Jahr verpachtet wurde. Durch strenge Vorschriften war der tägliche Genuß des Bades allen gesichert. Unentgeltlich badeten die kaiserlichen Beamten, Soldaten und Sklaven, die Frauen und Kinder; die Anderen mußten ein Geringes bezahlen. Alltäglich mußten die Pächter frisches, fließendes Wasser und warme Bäder bereit halten, die Frauen konnten Vormittags von 6—1 Uhr, die Männer Nachmittags von 1—8 Uhr baden. Bei Ablauf des Pachtes mußten die Einrichtungen unversehrt übergeben werden, ausgenommen, wenn sie durch Alter schadhaft geworden waren. Am Anfang jedes Monats waren die Kessel zu waschen, zu reiben und einzufetten auf Kosten des Pächters. Das Holz erhielt er vom FisknS und durfte es nicht wieder verkaufen, ausgenommen das Reisig. Für Ordnungswidrigkeiten konnte ihm der Prokurator eine Konventionalstrafe auferlegen. — Auch für den Unterricht der Kinder war in den Berggemeinden gesorgt durch den Schulmeister, der wie in Rom und in den übrigen römischen Gemeinden von Gemeindclasten befreit war. Aber trotz der Fürsorge, die der Staat den Berggcmeiuden «»gedeihen ließ, war, wie schon erwähnt, das LooS dieser Arbeiter ein solches, daß sie bet der ersten Gelegenheit sich losmachten. Erscheint also das Schicksal der freien Bergarbeiter schon keineswegs als günstig, wenn auch erträglich, so müssen die zu den Bergwerken und in die Steinbrüche verur- thetlten Sträflinge ihr Leben geradezu als Last gefühlt haben. Die Strafe des Bergwerks galt als die härteste Kapitalstrafe vor der Todesstrafe. Zum ersten Mal begegnet man ihrer Anwendung am Anfang der Kaiserzeit. Die dazu Verurtheilten büßten entweder ein Verbrechen oder waren Opfer der Kabineis-Justiz. In den Gesetzbüchern stehen folgende Verbrechen, welche die Strafe der Bergwerke nach sich zogen: Todtschlag, Brandlegung, Diebstahl mit der Waffe in der Hand, Diebstahl in den kaiserlichen Bergwerken, Wegelagerei, Nothzucht, Gewaltthaten an Bürgern, Grenzverletzungen. Nicht unterzogen durften dieser Strafe werden: Soldaten, Kinder von Veteranen und die ehemaligen Decurionen (Commnnal- würdcniräger). Weiber wurden verurtheilt zur Arbeit in den Salinen, die infolge des Salzmonopols sämmtlich staatlich waren, in Kalksteinbrüchen und Schwefel- gruben. Von den Strafarbeitern wird ausdrücklich bemerkt, daß sie nicht Sklaven deS Kaisers, sondern Sklaven der Strafe sind. Das Recht, diese Strafe zu verhängen, stand nur dem Stadtpräfekten zu; von dem Bergverwalter der Provinz hing nur die Vertheilung der Sträflinge an die verschiedenen Werke ab. Zur Bewachung dieser Arbeiter diente die schon erwähnte detachirte Truppen- abtheilung; sie mußte aber auch in den meist abseits gelegenen Orten die Ordnung unter der freien Arbeiterschaft aufrecht erhalten, die sich oft auf Tausende bclief. Als die römischen Kaiser ihre systematische Christenverfolgung begannen, wurden die Christen auch in die Bergwerke geschickt, und so theilten die Christen das Loos aller in die Bergwerke Verurtheilten: sie bekamen das Brandmal auf die Stirne, daS Haar wurde geschoren, ihre Kleidung war nothdürftig und schmutzig, sie halten ein hartes Steinlager und waren mit schweren oder leichteren Fesseln belastet. So arbeiteten sie bis zur Krüppelhaftigkeit oder bis der Tod sie erlöste. DaS ist das Bild der Unglücklichen, wie man es sich aus den Beschreibungen der christlichen Arbeiter, aus den Akten der Märtyrer und aus den gesetzlichen Bestimmungen zusammen entwerfen kann. Daß sie zu den härtesten und gröbsten Arbeiten verwendet wurden, läßt sich denken. So starb der greise Papst Pontianus am 30. Oktober 236 in den Bergwerken von Sardinien. Sankt Cyprian schilderte die Leiden der in die Bergwerke Verurtheilten besonders anschaulich. „Die Füße liegen in Fesseln, die nicht mehr der Schmied, sondern Gott allein abnehmen wird. Dem Körper fehlt die Lagerstätte und die Pflege; er muß auf bloßem Boden liegen. Die Verurtheilten bekommen kein Wasser, den dicken Schmutz abzuwaschen von dem sie naturgemäß bedeckt sein müssen, Brod wird kärglich gereicht, gegen die Kälte schützt die Kleidung nicht. Der Kopf ist halb geschoren, und was vom Haar bleibt, starrt von Schmutz. Bekenner danken diesem Bischof von Karthago, daß er ihre von Stockschlägen zerschlagenen Glieder geheilt, die Fesseln der Füße gelöst, das wüste Haar deS halb geschorenen Kopfes gepflegt, die Nacht des Gefängnisses erhellt, die Haufen des Erzgesteins geebnet und statt des unausstehlichen Gestankes duftende Blumen ihnen geboten habe." Dem Papst Soter schrieb Bischof DionysiuS von Corinth im Jahre 168 ein Dankschreiben für die Unterstützung, welche die Kirche zu Rom besonders den Brudern in den Bergwerken übersandt hat. Papst Victor erwirkte 192 vom Kaiser Commodus die Zurückberufung eines Theiles der Christen, die unter Marc Aurel in die Bergwerke von Sardinien verurtheilt worden waren. Tertullian und Cyprian erwähnen die besonderen Aus- lagen, die aus der aroa, der Kasse der Kirche, für kratrcw in metallo eonstitutos gemacht werden. Ja, manche Christen begaben sich freiwillig in die Gefangenschaft, um andere daraus zu befreien oder ihr LooS zu erleichtern. So meldet Gregor der Große von dem heiligen Paulinus von Nola, der sich freiwillig in die Sklaverei lieferte, um den Sohn einer Wittwe davor zu bewahren. Mit diesem schönen Bilde schließen wir die etwas prosaische Betrachtung über die römischen Bergwerke. Ein Besuch in Paris im Herbst 1A7. p. In dem Tagebuche meines scl. Vaters, der im Jahre 1814 als kgl. sächs. Generalmajor und Brigadier gestorben ist, befindet sich unter andern höchst interessanten Aufzeichnungen aus feinem Leben (aus den Feldzügen 1807, 1609, 1812 und 1813) auch eine Schilderung eines Besuchs von Paris im Herbst 1817. Im Alter von 25 Jahren bereits Major im Generalstab, hatte er sich Anfang 1811 zum ersten Male verheirathet, aber leider nur kurze Zeit eine ungestörte Häuslichkeit genießen können. Kaum hatte er sich von seiner an der Bercszina erhaltenen Wunde und von den beim Rückzug aus Rußland erlittenen Strapazen im Kreise der Seinen erholt, als er abermals ins Feldlager rücken mußte, um die Schlachten bei Großbeeren, Dennewitz und Leipzig mitznschlagen. Im Jahre 1814 rückte sein Corps nach Belgien, später ins Rheinland und den Elsaß und endlich Ende 1816, als zur Occupationsarmee gehörig, in die Gegend von Lille, nach Tourcoing, wohin das Hauptquartier der sächsischen Division verlegt wurde. Hier war es ihm möglich, im Frühjahr 1816 seine Gattin und seine beiden kleinen Mädchen, nach einer Trennung 311 von bald 3 Jahren, zu sich kommen zu lassen. Auch andere Kameraden hatten ihre Familien zu sich gerufen, und so war denn in diesem kleinen französischen Städtchen ein angenehmer und anregender Verkehr für das junge Ehepaar und zwar besonders mit der von Lenz'- schen Familie entstanden, mit der auch im Sommer 1817 ein kleinerer Ausflug nach Dünkirchen, um das Meer zu sehen, unternommen wurde. Bet dieser Gelegenheit entwarfen die beiden Freunde auch den Plan zu einer gemeinsamen Reise nach Paris, und erfolgte dessen Ausführung nach der Revue, welche der Herzog von Wellington am 25. Oktober bet Hautbourdin zwischen Losz und Wattignies über die ihm unterstellten Occupationstrnppen hielt. Die Aufzeichnungen über diesen Besuch von Paris dürften darum noch von besonderem Interesse sein, als sie uns ein Bild dieser Stadt nach dem Sturze Frankreichs von der Weltherrschaft zeigen, unter der schwachen und kleinlich-eifersüchtigen Regierung der Bourbons, welche es nicht verstanden, weder die Pariser noch die Franzosen überhaupt an sich zu fesseln. Leider war es meinem Vater bei der Kürze des ihm ertheilten Urlaubs nicht möglich, alle Sehenswürdigkeiten in und um Paris in Augenschein zu nehmen: er mußte sich nur auf das beschränken, was das größte allgemeine und sein besonderes Interesse in Anspruch nahm. Nach diesen Vorbemerkungen beginne ich nunmehr mit der Wiedergabe seines Tagebuchs. „Donnerstag den 30. Oktober verließen wir frühzeitig Tourcoing und erreichten, nachdem wir Lille und Douay passirt hatten, Abends 7 Uhr Cambrai, das damalige Hauptquartier des Herzogs von Wellington. Trotz der späten Stunde unserer Ankunft suchten wir sogleich Ramberg's auf, die uns in Begleitung meiner Freunde Schreibershofen und Berlepsch ihren Gegenbesuch abstatteten. Freitag den 31. Oktober früh 6 Uhr setzten wir unsre Reise fort und gelangten (es war etwa 9 Uhr Vormittags) an den Kanal von St. Quentin, 2 Stunden diesseits Bellicourt, wo er als Tunnel 250 par. Fuß unter der Erdoberfläche in einer Länge von 17,400 par. Fuß hingeführt wird. Dieser Kanal, welcher die Seine und die Somme mit der Scheide verbindet und durch die Quellen der ersten beiden Flüsse gespeist wird, ist über 6 Meilen lang, 24 par. Fuß breit, steigt von St. Quentin bis Tronquoy durch 6 Schleusen 40 par. Fuß und fällt bis Cambrai durch 18 Schleusen 130 par. Fuß, hat einen 3000 Fuß langen Tunnel bei Tronquoy und den andern, wie gesagt, bei Bellicourt. Diese Tunnels sind theils gewölbt, theils nur in den Felsen gehauen und so breit angelegt, daß 2 Schiffe neben einander vorbeifahren können. Außerdem gehen uoch an beiden innern Seiten des Tunnels Fußwege für die Schisfs- zieher. Leider erlaubte es uns die Zeit nicht, soweit in den Kanal hineinzufahren, bis wo das Gewölbe des Tunnels durch den Felsen selbst gebildet wird. Wir sahen nur einige Salpeterbildungeu an der Decke des gemauerten Gewölbes, die uns wie herausgestrcckte weiße Arme erschienen. Uebrigens geht der Kanal auch zweimal über die Scheide. Vollendet wurde dies großartige Bauwerk im Jahre 1810. Von da fuhren wir durch St. Quentin, das sich am 12. März den Russen ergab und seitdem aufgehört hat, Festung zu sein, und durch Ham (dessen festes Schloß seit den ältesten Zeiten als Staatsgefängniß diente, wo Karl der Einfältige 923, Ludwig XI. 1440, der Prinz von Condö 1560 und 1804 —1814 die PoltgnacS und viele Andere gefangen saßen) nach Compisgne, das wir erst Abends 9 Uhr erreichten. Das Wetter war uns nicht günstig gewesen, es hatte fast ununterbrochen geregnet. Sonnabend den 1. November. Nachdem wir früh» zeitig in der Pfarrkirche, die 1784 an Stelle einer aus dem 12. Jahrhundert stammenden baufällig gewordenen Kirche errichtet worden, unserer kirchlichen Pflicht genügt hatten, begaben wir uns in das Schloß, um dieses zu besichtigen. Hier am Zusammenfluß der Aisne und Otse hatte schon Karl der Kahle ein Schloß erbaut, von welchem aber nur noch die Kapelle und der jetzige Saal der Schweizer vorhanden sind. Unter Ludwig XI. ist daS an diesen stoßende Hintergebäude, unter Franz I. daS Hauptthor gebaut worden; Ludwig XIV. ließ die Gärten verschönern und baute sowohl das große Treppenhaus als auch das Ballspielhaus. Ludwig XV. ließ durch den Architekten Gabriel den jüngern dem Palais eine einheitliche Gestalt geben; auch die beiden Seitenflügel sind von letzterem gebaut worden, dagegen wurden seine weiteren Verschönerungspläne nicht ausgeführt. Durch die während der Revolutionszeit in das Schloß verlegte Kunst- und Gewerbeschule wurde es in einen elenden Zustand versetzt, welchem es Napoleon entriß, indem er es von 1806 an durch Barthault restauriren ließ. Hier fand der Empfang der Kaiserin Marie Louise statt. Die Möbel sind einzig schön, zwei Statuen von Achat, deren Köpfe, Füße und Hände von Bronze sind, sowie die Statuen von Amor und Psyche besonders be- merkenswerth. Die königlichen Gemächer liegen in der vorderen Front nach den Gärten zu, links und rechts davon die Gemächer der königlichen Prinzen, und zwar wohnen links Herzog und Herzogin von Angoulome, rechts die Herzogin von.Berry und der Herzog von Bordeaux. Zu den Räumen der Herzogin von AngoulZme gehört auch das frühere Schlafzimmer Marie Louisens, an dessen Plafond, UM die Erinnerung an die napoleonische Zeit zu verwischen, einige Veränderungen vorgenommen worden sind; das anstoßende Badezimmer ist von lauter Spiegelwänden eingefaßt, das Licht fällt durch eine Krystalldecke. Die große, hinter der Mitte der Haupt- front im Jahre 1810 erbaute Gallerte ist mit korinthischen Säulen in Stuck geziert; die Wandgemälde derselben sind (wie fast alle im Schloß) von Girodet, die Arabesken von Vafflard, die Decorationen und Ornamente von Dubais. Eine ebenfalls von Barthault im Jahre 1810 erbaute Dampfmaschine hebt das Wasser aus der Oise inS Schloß; leider mußte sein weiteres Projekt, das Wasser aus den naheliegenden Teichen von Pierrefonds durch unterirdische Leitungen nach Compiögne zn schaffen, aufgegeben werden, da die Kosten dieser Anlage auf eine Million Francs veranschlagt waren. Sie hätte eine Fontaine im Schloßgarten mit einem Wasserstrahl von 100 par. Fuß Höhe und 12 andere Fontaine» in der Stadt gespeist. Von CompiSgne aus fuhren wir direkt nach Paris, wo wir um 6 Uhr ankamen und im Hotel Nelson, Rue Neuve St. Augustin, im 2. Stock ein allerliebstes Quartier bereit fanden, das uns durch unsern lieben Freund Heinz bestellt worden war. Wir hatten uns eigentlich vorgenommen, den Abend zu Haus zn bleiben, um uns von der ziemlich ermüdenden zweitägen Reise auszuruhen, aber die Generäle von Gablenz und von Zezschwitz, sowie 312 i Stimtzner, welche in der 1. Etage unseres Hotels wohnten, forderten uns auf, mit ihnen noch auszugehen. Man hat ja überhaupt in diesen Hotels nichts als die Wohnung; alle Mahlzeiten muß man beim Restaurateur einnehmen; auch muß man, außer dem Zimmerpreis, Licht, Heizung und jeden anderen Dienst, die Reinigung des Zimmers ausgenommen, besonders bezahlen. So wanderten wir denn in das Cass Aux Milles Colonnes im Palais Noyal, labten uns dort und sahen uns im Palais Royal um, das uns aber (vielleicht in Folge des Feiertags) gar nicht so brillant erschien. Das Palais Royal wurde bekanntlich vorn Cardinal Richelieu von 1629 — 1636 erbaut und führte damals den Namen seines Erbauers, bis derselbe es 1643 dem König Ludwig XIV. schenkte, der es eine Zeit lang mit seiner Mutter, Anna von Oesterreich, bewohnte. Von da an hieß es Palais Royal. Ludwig XIV. überließ es 1692 seinem Bruder, dem Herzog Philipp von Orleans; während der Revolution hieß es Palais Egalits nach seinem Besitzer, dem berüchtigten Herzog von Orleans Egalits. Von 1802 an nannte man es Palais du Tribunal, und erst 1814 hat es seinen alten Namen wieder angenommen. Auch eine Bühne war früher im Palais, auf welcher die Italiener und die Molisrtsche Truppe spielten und sogar auch Opern gegeben wurden. 1763 zerstörte ein Brand den Thcatersaal und wurde statt dessen die Fatzade nach Rue St. Honorä zu aufgebaut, nach den Zeichnungen von Worin. Der Garten ist von drei Seiten von Arkaden umgeben, auf welche noch zwei Stockwerke aufgesetzt sind; in diesen Räumen befinden sich CafeS, Restaurants, Spielzimmer, kleine Verknufsläden u. s. w., kurz, man bekommt dort alles, was man braucht. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Bibel künde für höhere Lehranstalten und Lehrerseminare sowie zum Selbstunterrichte bearbeitet von Dr. Andreas Brüll. Mit Approbation des Hochw. Herrn Erzbischofes von Frciburg. 6. verbesserte Auflage. Mit 5 Abbildungen und 4 K catchen. Herder, Frciburg 1893. VII ff- 184 S. Die beste Empfehlung und der sicherste Beweis für den hohen Werth und die praktische Brauchbarkeit des vortrefflichen Büchleins ist die Thatsache, daß es schon zum 6. Mal aufgelegt werden mußte. Gegenüber den modernen Angriffen auf die heiligen Schriften muß jeder Religionsunterricht vor allem den Schüler mehr als je einmal in die Kenntniß der Offcn- barungSurkunde einführen. Die „Bibelkunde" bietet nun in gedrängter Kürze und in klarer Darstellung die nothwendigsten Kenntnisse über Inspiration, Kanon, Acchtheit und Glaubwürdigkeit, Handschriften und Uebersctzungen, Erklärung und Lesen der hl. Schrift, über die Bücher des Alten und des Neuen Testamentes, über den biblischen Schauplatz von dem ältesten Wohnsitze der Menschen bis zur Zeit der Apostel, sowie über die heiligen Alterthümer (Orte, Handlungen, Personen und Zeiten) des Volkes Israel. Dabei entspricht der Verfasser überall den gerechten Anforderungen einer gesunden wissenschaftlichen Kritik. Möge die „Bibelkunde" nicht blos an Lehranstalten, sondern auch in den gebildeten Kreisen die weiteste Verbreitung finden! Zugleich wünschten wir für eine neue Auflage, daß das apologetische Moment mehr verwerthet, die synoptische Frage (S. 76 f.) ausführlicher behandelt, die ältesten Zeugnisse für das Alter der Evangelien angeführt, die Resultate der assyrisch-babylonischen und ägyptischen Forschungen für den Inhalt der alttcstamcntlichen Bücher sruktificirt und eine Zeittafel der jüdischen Könige aufgenommen würde. Bezüglich des Lesens der hl. Schrift in der Landessprache verlangen die kirchlichen Dccrete, daß die betreffende Uebersetzung „vom Apostol. Stuhl gutgeheißen oder (nicht „und" S. 14) mit rechtgläubigen und bewährten Erklärungen versehen" sein müsse. (Vgl. Freibg. Kirchenlcxicon 2. A. s. v. Bibellescn II, 679 ff). Für die Praxis dürfte es allerdings gerathen sein, daß ein Laie nur eine mit Erklärungen versehene Uebersetzung leicn solle. St. Dr. A. Koch. Ernst Ewert. Maria Pally. Novelle. Danzig, Theodor Bcrtling, 1894. d. Ewcrr ist einer der jüngsten „Modernen". „Kürschner" von 1894 enthält seinen Namen noch nicht. Auck vorliegende Novelle legt den Gcvauken nahe, daß sie von „einem jungen" Autor, stamme und macht ganz den Eindruck eines Erstlingswerkes. Da man eine g-wisse stilistische Fertigkeit ohnehin von jedem Belletristen verlangen muß, so finden wir, von der Kürze der Erzählung (knapp 32 Seiten trotz der ungezählten „modernen" Punkt- und Gedankenstrichreihen) abgesehen, nichts LobcnSwertbeS zu erwähnen. Das Sujet ist nicht mehr neu: die Geschichte eines jedes idealen HalteS baren Modellmädchens, später unglücklich verheiratheten Kanzleirälhin, die nach vier Jahren Ehe zu ihrer alten Liebe zurückgreift, von, Maler Fred Storni aber „gedemüthigt" wird und deßhalb „eines seiner edelsten Werke zerstört", worauf sie sich selbst entleibt. Nach Moral und Aesthetik darf man nicht suchen. Parfümeriegeschäfte könnten profitircn, wenn sie gegen Möbel, die „einen philiströsen Hauch ausströmen" (S. 5), ein Patentaroma sich beilegen; den Psychologen empfehlen wir zur Untersuchung den „fragenden Hauch, der zuweilen über die Seele huscht"; der Socialpolitiker mag sich den genialen Einfall (S. 11) notiren: „Lieben können sie Alle, die Kleinen und Großen, aber Hassen ist ein Vorrecht der Großen und Starken, der geistigen Aristokratie." Den Allermodernsten und auch Hrn. Ewert würden wir rathen, ihre Dichtungen durchweg in folgender Weise beispielsweise drucken zu lassen: - 27 — V. Das gäbe in der That die ergreifendste und gedankenvollste Lektüre, müßte sich sehr hochmodern ausuehmen und die pikanteste Situationsmalerci darstellen. Das Papier ist auch hiezu geduldig genug. Gut beriet Sonst,, Die Willensfreiheit und ihre Gegner. 8°. VI ff- 272 S. Fulda, Actiendruckerei 1893. M, 3,50. ->. Mit Ausnahme derjenigen Philosophiedocenten, die sich ausdrücklich in den Dienst der katholischen Richtung gestellt haben, gibt es in Deutschland wohl kaum einen Lchrstuhl für Philosophie, dessen Vertreter gegenwärtig die Willensfreiheit des Menschen vertheidigt; so weite Ausdehnung hat der Determinismus angenommen; zum Glück bleibt das öffentliche Leben noch ziemlich von der Theorie unberührt, noch immer gibt es ja Criininalrccht, Polizei, Gefängnisse und Zuchthäuser; was für Zuständen werden wir aber entgegengehen, wenn man einmal die Folgerungen aus den Lehren der „Philosophen" zieht und der „Verbrecbertypus" (nach Lombroso) in sein blutiges Recht eingesetzt ist? Es ist also gewiß kein zweckloses Unternehmen, die Frage nach der Willensfreiheit, welche die Grundlage aller Sitte und Cultur bildet, zum Gegenstand einer Monographie zu machen. Daß uns Gutberlct nur Vorzügliches bietet, braucht wohl nicht erst erwähnt zu werden; überragen doch seine philosophischen Lehrbücher alle anderen deutsch geschriebenen Werke ihrer Art meilenweit. Der Verfasser beginnt mit der Definition und dem Beweis der Willensfreiheit und führt uns dann auf das moderne Gebiet der Moralstatistik mit ihren etwas unreinlichen Gegenständen des Bordellwesens rc.; sodann hat die Anthropologie und Physiologie daS Wort; zuletzt bespricht das Werk daS Verhältniß der Willensfreiheit zur Spekulation (Schopenhauer) und zur mechanischen Naturauffassung. _ Dr. Josef Perkmann, Bildender Unterricht in den Sprach- fächern. I. Theil: Grundlinien. Innsbruck, Verlag der Wagner'fchcn Universitätsbuchhandlung, 1894. 2 . Was bis jetzt vorliegt, zeugt von edler, christlicher Auffassung des Lehrerberufes, von vielseitiger praktischer Erfahrung, von warmer Hingabe an die idealen Aufgaben eines Erziehers, und enthält eine Fülle trefflicher, origineller Gedanken, wie sie uns sonst nicht allzu häufig in pädagogischen Büchern begegnen. Mit Spannung sehen wir dem Erscheinen des folgenden Theiles entgegen. Vcrantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 4 öjf. 40. * t» 4. NclM. 1894. Einfluß der Kirnst auf den Gang der Weltgeschichte. Von Dr. I. N. Sepp. (Schluß.) Mit Kaiser Constantin bekam der Hellenismus das Uebergewicht, oder wie man uns sagt: Das Heiden- thum brach in die Kirche ein. Die großartigsten Tempel erhoben sich, so die noch erhaltene Basilika der hl. Jungfrau zu Bethlehem und bald auch der Sophiendom Justinians an der Stelle des Salomonischen Tempels. Die Byzantiner waren die natürlichen Erben der alten Hellenen in Kunst und Wissenschaft. Da brach der neue Sturm der bildfeindlichen Muhammedaner herein. Der Prophet von Mekka, ganz von semitischer Milch genährt, erklärt Sure 21: „Ihr Götzenanbeter sollt insgesammt dem Feuer zur Nahrung in die Hölle geworfen werden!" Umsonst suchen spätere Koranausleger dieser Stelle ihren Stachel zu benehmen. Götzendiener waren den Jslamiten dieselben, welche die Hebräer Goim nannten. „Gott ist Gott und Muhammed sein Prophet!" erscholl als Schreckensruf durch drei Welttheile. Allen Kunstbildern galt die Vernichtung unter dem Vorwande, daß sie nur zur Götzendienerei verführten. Ich habe die Erfahrung gemacht und seinerzeit mitgetheilt, wie wir 1874 gelegentlich der Ausgrabung der noch vorconstantinischen Basilika zu Tyrus von den Statuen des Apollo und Learch mit dem Hirschfell die Köpfe, Arme und Beine abgeschlagen, anderseits bloß ein Herakleshaupt vorfanden und sonstiges Bildwerk ins Meer geworfen war. Wer sagt, wie viel so zertrümmert ward und verloren gegangen, die Glaubenswuth der Jslamiten hat unzählige Opfer gefordert! Auf dem Burghügel zu Pergamum traf Humann die Ko- lossalfiguren des Gigantenkampfes, Hochreliefs vom Zeus- altar, durch die muhammedanischen Türken in die Festungsschanzen vermauert. Mit diesem Werke eines vorchristlichen Michel Angelo hat Berlin keine mindere Eroberung gemacht, als München mit den Aegineten, welche nach ihrer Erhebung aus dem Erdgrunde der Bildhauer Wagner im Auftrage König Ludwigs erwarb und glücklich in Italien landete. Aber ging denn der Reichsgedanke der Kunstliebe nicht vor? Wie, wenn man die Bilder und die Kunstbilder opferte, um die durch solchen Dienst aufgestachelten Feinde der Christenheit zu versöhnen? Auf diesen Gedanken konnte allerdings nur ein Barbar oder dazu gearteter Kunstfeind sich einlassen, So viel man weiß, hetzte der Synagogen-Vorstaud von Tiberias den Kaiser Leo den Jsaurier 726 zum Bildersturm, so daß auf allerhöchsten Befehl 730 alle Bilder aus den Kirchen entfernt wurden. Diese feindselige Bewegung zerrüttete noch unter seinem Nachfolger Constantin mit dem Spottnamen Copronymos (der Mistfink) den Staat, nachdem dieser selbst das Concil zu Constantinopel 754 veranlaßt hatte, sich gegen die Cultusbildrr zu erklären, und bildereifrige Mönche hinrichten ließ. Mit Militärgewalt handhabte Kaiser Leo IV. der Chazar die Gesetze wider die Bilderverehrung. Zwar gab seine Wittwe Irene dem Verlangen des Volkes und Klerus nach, zwei andere Concilien gestalteten den Bildercult und bannten und verdammten die Widersacher; die Ikonostasen in den Kirchen füllten sich wieder mit Heiligen. Jedoch Leo V. der Armenier nahm 814 den Kampf neuerdings auf, er wurde deßhalb 820 durch Michael den Stammler vom Throne gestürzt und ermordet. Nun sage man uns, ob die Kunst keinen Einfluß auf den Gang der Weltgeschichte geübt hat? Von 726 bis 842, mithin 116 Jahre, hielt das Unwesen der Jkonoklasten an, fast konnte man ausrufen: „Du hast gesiegt, Muhammed!" Erst unter der Kaiserin Theodor«, am 19. Februar 842, konnte das Fest der Orthodoxie oder Wiederherstellung religiöser Kunstbilder begangen werden. Es galt den entscheidenden Kampf, ob Judaismus oder Hellenismus die Vorherrschaft im Christenthum behaupten solle? Damals wurden viele Bildwerke vor der Vernichtung ins Abendland geflüchtet, so das Steinbild Maria Orth, welches die Donau herauf bis an die Naabmündung geschwommen sein soll. Ursprünglich ist es Artemis Orthia, welche in Lacedämon Verehrung genoß und deren Altar mit dem Blute der Epheben bespritzt ward, wie die Dominikanerinnen zu Regensburg vor dem Bilde der hl. Küwmerniß (eigentlich der kimmerischen Mutter) sich blutig geißeln mußten. Die Madonna von Skutari wird später angeblich durch Engel wunderbar vor den Türken nach dem Monte Baldo am Gardasee gerettet und die Wallfahrt begründet. Das Abendland erfuhr einen weit nachhaltigeren Bildersturm und eine bedauerliche Vernichtung von Kunstwerken durch blinde Reformer, welche unter dem Rufe: DerBaalscultist in die Kirche eingedrungen! alles Bildwerk hinauswarfen und zusammenschlugen. ES war Bodenstein, nach seiner Vaterstadt in Franken gewöhnlich Karlstadt genannr, welcher wie rasend gegen die Heiligen predigte und deren Bilder stürmte, so daß Luther deßhalb von der Wartburg aufbrach, um seiner Wütherei in Wittenberg eine Grenze zu setzen. Doch, mit den Schwarmgeistern von Zwickau oder den Wiedertäufern unter Thomas Münz er verbunden, setzte er seine Zerstörung der Bilder in den Gotteshäusern, zumal in Orlamünde, fort, ja er wollte als Vorläufer unserer Socialisten sogar Schulen und Gelehrsamkeit abgeschafft wissen, so daß Luther neuerdings in Jena gegen ihn die Kanzel bestieg, seinen Feuereifer zu dämpfen. Bei der Wiederherstellung deZ Königreichs Zion in Westphälisch Münster trieben die Anabaptisten ihre Extravaganzen noch weiter. Allein durch den Knnsthaße Zwinglt's und Calvins ist noch weit mehr untergegangen; die Malerzunft fand keine Beschäftigung mehr, und ein Hans Halb ein wanderte nach England auS, wo Thomas Morus ihn günstig aufnahm und er fortan mit Portraitmalen sich fortbrachte. Das Herz blutet uns, wenn wir uns auch auf Weniges beschränken und (wie jüngst in der M. Allg. Ztg. 1891 Beibl. 286) lesen, wie 1525 in Basel lediglich aus Gemälden drei große Brände angerichtet wurden. Die Menge der zu förmlichen Scheiterhaufen aufgehäuften Bilder war so beträchtlich, daß man sie zum Verbrennen anfangs an die Armen vertheilen wollte, aber davon Abstand nahm, weil bei der Zu» theilung in den verschiedenen Kirchenvierteln Streit entstand und manches beiseite geschafft und gerettet werden konnte. Selbst Holbeins Orgelthüren, seine letzte kirchliche Arbeit, waren in Gefahr. Alles mußte spurlos in Flammen aufgehen, so daß nur zwei oder drei Bilder aus dem Anfang des sechzehnten Jahrhunderts im Privatbesitz sich erhielten. In den calvinischen Kirchen der Schweiz, zu Genf, Zürich, Schaffhausen u. s. w., sieht es darum so öde aus, wie in der Philosophie Spinozas oder in einer Judenschule. Die Reformirten hatten bezüglich der Kunst ganz recht mit der Behauptung, von Nom aus habe ein neues Heidenthum, besser gesagt: der religiöse Hellenismus mit der Pflege der Klassiker, sich verbreitet. Wir geben dagegen zu erwägen, daß die Reformation grundsätzlich auf das alte Testament zurückging, und so wurde das von den Päpsten stillschweigend ausgemerzte Gebot Mosis: „Du sollst Dir kein Bild formen von welch immer einem lebenden Geschöpf, sei es im Himmel, auf Erden oder im Wasser", bis zur Stunde wieder giltig und ging selbst in den Heidelberger Katechismus über. (Das Gebot hat den Beisatz: „um es anzubeten", und war in diesem Sinne niemals ausgemerzt. D. Red.) Am ärgsten hausten die Puritaner in Schott- land, namentlich ging es über die strahlende Pracht der Glasgemälde her. Hatten die Wiedertäufer im Dom zu Münster alles zu Scherben zerworfen und zu Stral- sund der Magistrat der Abgötterei mit den Heiligen in Kirchen und Klöstern durch Einschlagen all der farbenprächtigen Fenster Einhalt zu thun sich bemüßigt gefunden, so war der General der Restauration Monk gezwungen, nur um Unersetzbares zu retten, das herrliche Mnrgarethenfenster zu Oxford zu vergraben, ungefähr wie der Küster zu Nördlingen die altdeutschen Malereien nur durch Verschalung hinter dem Hochaltar rettete. Die christlichen Wechabiten schonten die Prachtfenster der Kathedrale zu Canterbury so wenig, wie zu St. Canice in Irland, obwohl der spanische Gesandte und päpstliche Nuntius Tausende von Pfunden dafür geboten haben sollen. Genug! der kunstfeindliche Mosaismus gewann wieder historische Bedeutung und die überspannteste Sabbathfeier gilt im brittischen Reiche und in Nordamerika noch heute. Im Beginne des dreißigjährigen Krieges rasten noch die Nachfolger der Hussiten unter ScultetuS wider die Kirchenbilder, und Zu Neumarkt in Tirol genießt eine hölzerne Madonnenstatue Verehrung, welche in der Stadt an der Moldau schon ins Feuer geworfen, aber von den Kapuzinern unversehrt herausgezogen ward. Die katholische Gegenreformation, welche von Italien und Spanien, also von den Romanen ausging, hat der deutschen Kunst nicht weniger Schaden gebracht, indem man die stilgerechtesten Kirchen nach wülschem Muster umbaute, den Spitzbogen abrundete und die Fenster in Baßgeigenform herstellte. Wer hat nicht mit Bedauern vom Benediktiner- und Jesuitenstil gehört oder gelesen, welcher kein charakteriistsches Motiv in die Architektur einführte, umsomehr aber durch Gypsschnörkel und willkürliches Ornament die Gotteshäuser verunzierte l Um die Staatsbaukunst stand es nicht besser, so daß Clemens Brentano äußert: „Was verstand auch der deutsche Philister anders, als was viereckig ist, und das war ihm oft noch zu rund." Auf protestantischer Seite ließ man wenigstens die ehrwürdigen Bauten noch unverletzt stehen, die Katholischen aber hatten zu viel Geld, und so sehen wir allein in München vier deutsche Kirchbauten, St. Peter und Heiliggeist, die Augustiner- und St. Jakobskirche im Anger unter Herabschlagen der Nippen und Hinauswerfen der Altäre vandalisch behandelt, zwei andere aber geradezu zusammengerissen. Damit arbeitete man Verstandlos und ohne alle Pietät nur der französischen Revolution vor, sie brach herein und blieb an Zerstörungswuth hinter den Ne- formationsstürmen nicht zurück. Wessen sie fähig seien, hatten unsere welschen Nachbarn gegen Westen schon früher gezeigt, da sie 1692 den großartigsten Renaissancebau in Deutschland, das Schloß der Wittelsbacher zu Heidelberg, in einem Anfall von Raserei in eine Ruine verwandelten, gleichzeitig auch das größte Werk der Glasmalerkunst, die Fenster der Abteikirche zu Hirsau, in lauter Scherben zerschlugen. Nenne man dieß einen Anfall von Raserei, so wurde dieselbe in der großen Revolutionszeit ständig. In Colmar, der Stadt Schongauers, ging es zu, wie früher zu Basel, denn die kostbarsten Bilder wurden verbrannt. Straßburg war der Schauplatz aller Gräuel, und die Convents- commissäre sprangen mit Füßen in die Gemälde. Hebert wollte dem Münsterthurm die Spitze abbrechen, weil er so aristokratisch über die Häuser der Citoyens sich erhob — erst die Gegenvorstellung rettete ihn, er könnte den Stadtbürgern auf den Kopf fallen. Eines der größten Gotteshäuser der Christenheit nach dem St. Petersdom, die Abteikirche zu Clugny, welche mehrere Fürsten zu Prälaten gehabt, und von wo Hildebrand oder Papst Gregor VII. ausgegangen, überhaupt die Reformation des Benediktiner-Ordens sich herschreibt, war bereits in einen Steinbruch verwandelt; nur das von den Generaläbten gegründete Hotel in Paris mit seiner weltgeschichtlichen Kunstsammlung hat den alten Ruhm noch erhalten. Da sollte dieselbe Zerstörung durch die Sanscüloten den Dom zu Mainz treffen, als das Machtwort Bonapartes den Abbruch verhinderte. Die Kunst ist eine erhaltende Macht und eine Tochter des Friedens, sie liegt in der menschlichen Natur und ist der glänzendste Beweis der Wohlhabenheit und Bildung. Die Araber haben statt der ihnen verbotenen Bilder mit architektonischen Wunderbauten und Arabesken ihren Kunstgeist befriedigt und dabei auch uns Europäern zu lernen gegeben — man denke an die Abhambral Wäre der Geist der Zeit doch überwunden, in welchem die Völker des Islam nach dem Spruche Muhammeds einhertobten: „Das Schwert ist der Schlüssel zu Himmel und Erde!" Seit 1200 Jahren haben sie die Kunstbewegung in ganz Vorderasien lahm gelegt, woselbst, solange die Griechen dort herrschten, die größten Meister aufgestanden; auch Neurom, Konstantinopel, liegt künstlerisch todt. Heute erleben wir einzig, daß auch muslimische Herrscher sich monumental verewigen möchten. In Alexandria sehen wir Mehemet Ali hoch zu Roß am Hauptplatze el Muft'i prangen — freilich blieb das Standbild lange mit Brettern verdeckt, um die Muslimen allmählig an den Anblick zu gewöhnen. Das Museum in der hiesigen Erzgießerei bewahrt noch das im kleineren Maßstabe ausgeführte Modell des Sultans AbdulAziz, welches in Bronzeguß für das Serail bestimmt war — wohin aber nach seiner Ermordung dieses Kunstwerk gelangte, wer weiß es? Sagen wir vielmehr: wer weiß, was uns die nächste Zukunft bringt? In parlamentarischen Körperschaften, wo nur zu wenig, ja oft keine Kenner und Vertreter aus der Künstlerwelt sitzen, ist schon lange der Antrag aufgetaucht, den Besitz von Kunstwerken, zumal an Gemälden, mit Steuer zu belegen. Man könnte ja auch den Bibliothek-Besitzern zur Strafe 315 eine Abgabe auferlegen. Wer weiß, was die Socialdemokratie unS bringt! sie will mit der Religion auch die Kunst abschaffen und immerhin die kirchliche Kunst in den Winkel drängen. Sehen wir nicht selbst unter Künstlern eine bedenkliche Richtung Platz greifen? Die Kunst soll uns über das Gemeine, Alltägliche erheben und den Vorgeschmack einer höheren Anschauung gewähren. Wie nnn, wenn bereits das Proletariat sich breit macht, ja sogar die gemalte Verbrecherwelt die Charaktere eines Leonardo da Vinci verdrängen will? Wenn Courbet, der die Vendome-Säule umgestürzt, keck den Straßenarbeiter, andere einen Arbeiter- strike uns vorführen, mag dieß zeitgemäß scheinen, aber ein Albrecht Dürer würde sagen: „Kann man so etwas auch malen?" Die Kunst soll nicht ihren letzten Beruf darin suchen, mit dem, was sie zur Anschauung bringt, wie mit Journalartikeln aufzuhetzen. — Soll die Begeisterung für das Edle erlöschen und der Cultus des Schönen ein Ende nehmen? Und wo bleibt die Pietät, die Achtung vor dem Heiligen, wenn wir die den Christen noch immer heilige Jungfrau wie ein Gassenweib, ihren Rangen auf dem Arme, dargestellt sehen, oder wie eine Holzträgerin neben dem Holzhauer mit seiner Säge in Nacht und Nebel dahingehen sehen? Soll damit etwa gar die Sixtinische Madonna in der Dresdener Gallerte verdrängt werden? Von der modernen Civilisation bis zur neuen Barbarei ist nur Ein Schritt! Wie Robespierre erklärte: Mus n'uvono xlus kasoin ckes savants! und Lavoisier, den Hauptbegründer der neuern Chemie, guillotiniren ließ, so könnten die zur Herrschaft gelangten Socialdemokraten oas Glaubens- bekenntniß ablegen: Wohlan! wir brauchen weder Religion noch Wissenschaft und Kunst mehr! Dann Adieu mit Kunst und Kunstgewerbe! ihr wohlthätiger Einfluß auf die Entwicklung des Völkerlebens und den Gang der Geschichte wäre zu Ende! — Ein Wort über die alten Sprachen und den Einfluß der klassischen Studien in politischer und religiöser Beziehung. (Fortsetzung.) II. Die klassische Lectüre ist immer zugleich auch ein Studium der Geschichte Griechenlands und Roms. Nebst den Kämpfen der Griechen und Römer nach außen lernen wir dort besonders die innere Entwickelung, die Verfassung und Verwaltung jener Staaten zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Formen näher kennen. In Griechenland bestanden zuerst einige Jahrhunderte hindurch erbliche Monarchien mit keineswegs unumschränkter Gewalt des Königs?) Nachher traten an ihre Stelle aristokratische Republiken, in denen die oberste Gewalt und die Leitung des Ganzen im Besitze des ersten Standes oder weniger Familien desselben ist; nicht selten kommt sie in den Besitz eines Einzigen, der sie sich durch List und Gewalt aneignet?) Dieser Eine wird meistens bald wieder gestürzt, indem die Vornehmsten ihm die angemaßte Gewalt entreißen und die Aristokratie zurückführen. In dieser streiten sich wiederum die Ersten des Staates um den höchsten Rang und die Ausübung der Staatsgewalt; eS entstehen Parteien, die sich gegenseitig bekämpfen. So geht es zunächst unter wechselnden Siegen und Niederlagen der aristokratischen Geschlechter und Parteihäupter unter sich einige Zeit fort, bis entweder das Volk sich von selbst gegen den ersten Stand, gegen die Aristokraten empört oder ein Parteiführer des Adels sich auf seine Seite stellt, um durch Hilfe des gemeinen Volkes seinen Gegner aus dem Besitze der Macht zu verdrängen; auf diese Weise wird die Aristokratie in Demokratie umgewandelt. So war der Verlauf z. B. in Athen, wo Klisthenes und Jsagoras, zwei aristokratische Parieihäupter, um die höchste Gewalt stritten. Klisthenes unterlag dem Gegner, schlug sich auf die Seite des Volkes und verschaffte der Demokratie den Sieg?) Und wenn schon in der Aristokratie das monarchische Princip, die Leitung des Ganzen durch einen Einzigen, deutlich hervor trat, so ist dieses in der Demokratie nicht weniger der Fall. Denn auch hier ist es in der Regel ein Mann, der das Volk in seinen Beschlüssen und Handlungen leitet und die Menge beherrscht. Sobald nicht ein Einziger ein entschiedenes Uebergewicht hat und den höchsten Platz allein behauptet, so dauert der Parteikampf so lange fort, bis ein Parteihaupt siegt und sich für längere oder kürzere Zeit entschieden auf oberster Stufe erhält. Von den vielen Kämpfen dieser Art heben wir nur denjenigen hervor, der für den Staat noch am wenigsten nachtheilig gewesen zu sein scheint, nämlich den des Aristides und Themistokles, dem nur die Verbannung des einen dieser Männer ein Ziel setzte. Ihre Eifersucht war dem Staate weniger verderblich, als die vieler Andern vor und nach ihnen. Denn Aristides, der sich bekanntlich durch seine Nechtschaffenheit den Beinamen des Gerechten erwarb, hatte bei Bekämpfung des Themistokles doch im allgemeinen das Wohl des Staates im Auge und gab, als das Vaterland in Gefahr schwebte (besonders vor der Schlacht bei Salamis), ein herrliches Beispiel von Patriotismus und Selbstüberwindung?") Doch zu anderer Zeit, wenn den Staat keine äußere Gefahr bedrohte, vergaß selbst Aristides das allgemeine Wohl bei der Bekämpfung seines Gegners; er ließ sich durch die Eifersucht verleiten, sogar guten Vorschlägen des Themistokles entgegenzuwirken, nur um ihn nicht siegen und nicht an Macht gewinnen zu lassen. Und als er denselben einmal in einem solchen Falle besiegt hatte, rief er, wie uns Plntarch berichtet, im Unmuth über sein verkehrtes Streben und das Verderbliche der Parteikämpfe aus, daß für Athen kein Heil sei, wenn man nicht ihn und den Themistokles in jenen Abgrund werfe,") in welchen sonst die zum Tode Verurteilten gestürzt wurden. Nach der Verbannung des Themistokles und dem Tode des Aristides traten Cimon und Periklcs als Rivalen in der Oberleitung des Staates auf. Beide waren von Geburt und Gesinnung ursprünglich Aristokraten. Cimon hatte zuerst das Uebergewicht durch seinen Kriegs- rnhm und Reichthum, der es ihm möglich machte, sich durch große Freigebigkeit beliebt zu machen. Dem Perikles standen solche Mittel nicht zu Gebote. Er trat daher in die Fußstapfen des Klisthenes'") und verschaffte der Demokratie den entschiedensten Sieg und die größte Ausdehnung, so daß die Gegenpartei völlig geschlagen war «) Vergl. AeroS. V., 66. ") Vergl. klut. Lrist. 8. ") klut. ^rist. 3. klut. körte!. 7. ') Vergl. Muexä. I. 13. °) Vergl. Herock. I. 59 sgg. und insofern die Parteikümpfe unter Perikles ruhten, da die eine Partei gänzlich unterlag und ihr Anführer verbannt wurde. Perikles leitete nun das Volk der Athener und alle Angelegenheiten des Staates mit Muth, Einsicht, unermüdlicher Thätigkeit und Energie, unterstützt von außerordentlicher Beredsamkeit. Unter ihm war Athen stark nach außen und blühte im Innern durch die Künste des Friedens mehr als zuvor und nachher. Allein nicht das Volk herrschte, sondern Perikles beherrschte es wie ein Alleinherrscher; Athen war nach dem Urtheil des Thu- cydides unter ihm nur dem Namen nach eine Demokratie, in der That aber eine Monarchie;*") eben daraus ist seine Blüthe hauptsächlich zu erklären. Dieselbe hörte deßhalb auch auf, als Perikles nicht mehr war und kein anderer Führer des Volkes sich nach ihm für längere Dauer als Monarch zu behaupten wußte. Allerdings hat das Volk selbst den Perikles auf seinen Platz gestellt und ihm willig, nicht gezwungen, gehorcht; aber er hat diesen Gehorsam sich nicht allein durch seine geistige Ueberlegenheit, sondern zum großen, wenn nicht zum größten Theil durch andere und zwar verwerfliche Mittel verschafft. Er hat der Menge allerdings nicht mit Worten geschmeichelt, aber er wußte sie doch sehr gut an der schwachen Seite zu fassen und an sich zu fesseln. Er hat für die Theilnahme an den Gerichten und Volksversammlungen einen Sold eingeführt und große Summen aus der Staatskasse unter die unbemittelte Klasse vertheilt, damit sie davon das Theater, die Feste und Opfermahle besuchen könnte. Er machte es also auch der besitzlosen Klaffe auf Kosten der Besitzenden möglich, an dem ganzen öffentlichen Leben im Staate thätigen Antheil zu nehmen, und eben in dieser gleichmäßigen Theilnahme Aller liegt das Wesen der Demokratie. Die so heilsame Wirksamkeit des Arcopags, der als oberster Sittenrichter, als ein Bollwerk gegen Zügellosigkeit des Volkes und Willkür der Beamten, als Wächter der Gesetze und Beschützer der alten Verfassung nicht weniger den Gelüsten der Menge als der Herrschsucht ihres Führers allein noch im Wege stand, ließ er schmälern und beschränken. Um solchen Preis gehorchte das Volk der Athener allerdings ihm allein; aber er hat es dabei so au Müßiggang und Genußsucht gewöhnt und überhaupt so verdorben,") daß nach ihm niemand es mehr im Zaume halten konnte. So groß der Glanz seiner Alleinherrschaft an und für sich war, so verderblich war die Nachwirkung der Mittel, durch die er jene Herrschaft behauptete. Die Folgen zeigten sich bald nach dem Tode des Perikles in vollstem Maße. Die Demagogen setzten das Volk in Bewegung und brachten alles in Verwirrung. Die gährende Menge warf sich bald diesem, bald jenem Anführer in die Arme, und häufig lieber den frechsten und schlechtesten Menschen, als redlichen und wohlwollenden Patrioten, lieber einem Cleon und Alcibiades, als einem Nicias und Demosthenes. — Jeder strebte nach der Macht und Alleinherrschaft des Perikles, aber keiner konnte sich in derselben erhalten; heute herrschte dieser, morgen jener. Der Grund lag nicht nur darin, daß keiner die seltene Kraft und Größe des Perikles besaß, sondern vorzugsweise darin, daß die Grundlagen und Bedingungen, worauf die Alleinherrschaft des Perikles gegründet war, nicht für längere Dauer bestehen konnten. Denn obgleich die Geldvertheilungen aus ») killt, ksriel. 9. — 6onk. I'bueyä. II., 65. ") Oool. ktut. keriol. 9 und kiat. Oor§. x. 515. der Staatskasse auf Kosten der wohlhabenden Bürger und der Bundesgenossen nicht aufhörten, indem die Demagogen den letzteren immer mehr Beiträge auspreßten,*") so war es doch nicht möglich, die sich immer steigernden Wünsche und Ansprüche der nun einmal verwöhnten Menge zu befriedigen. Die minder besitzende und besitzlose Klasse entschied durch ihre numerische Ueberlegenheit alles ") und beherrschte die besitzende, so daß m und rll «nopoe als bezeichnet und ihre Herrschaft rs) genannt wurde. Perikles hat durch die Mittel, auf die er seine Alleinherrschaft gründete, die Zeit des größten Sittenoerderbnisses und der Zerrüttung des Staates hervorgerufen, jene Zeit, von der einst Jsokrates sagte, die Reichen haben ein peinlicheres Loos, als die Armen,") und es sei gefährlicher, reich zu scheinen, als offen ein Verbrechen zu begehen."") Alle Uebel der Anarchie und Demagogie bedrängten den verwirrten Staat. Alles wollte regieren und niemand gehorchen; am schwierigsten war es für die Guten und Rechtschaffenen, einigen Einfluß auf die Masse zu gewinnen und den Staat zu leiten. Deßhalb hielt es SakrateS, um längere Zeit für das Wahre und Gute wirken zu können, für nöthig, sich auf Privatwirksamkeit zu beschränken, kein öffentliches Amt zu bekleiden und nicht als Staatsmann redend und handelnd vor dem Volke aufzutreten; denn er hegte die Ueberzeugung, daß man, im Falle er auftreten würde, seinem auf Wahrheit und Gerechtigkeit gerichteten Streben frühzeitig durch den Tod ein Ende gemacht hätte?*) Er vertraute ebensowenig auf den Gerechtigkeitssinn der großen Menge, als auf den jener 30 Oligarchen, die einige Zeit mit Willkür und Schrecken über Athen herrschten. Und als er in einem Alter von mehr als siebenzig Jahren wegen seines Wirkens als Lehrer der Jugend angeklagt und zum Tode verurtheilt wurde, sagte er vor seinen Richtern, daß er nicht aus Mangel an Vertheidigungsgründen unterlegen sei, sondern deßwegen, weil er es nicht über sich vermocht habe, wie die Uebrigen, einerseits mit Keckheit und Unverschämiheit aufzutreten, anderseits den Ohren der Zuhörer zu schmeicheln""). — Wie sehr die Menge durch die Schmeicheleien der Demagogen"") verwöhnt war und wie wenig sie eine ernste Wahrheit ertragen konnte, erfuhr in etwas späterer Zeit besonders -der Redner Demosthenes. Er warf dem Volke seine Verblendung und Schlaffheit vor, die es dem schlauen Philipp gegenüber an den Tag legte; er tadelte seine Mitbürger, daß sie ihre Pflicht gegen das Vaterland nicht erfüllen/*) er forderte sie mit glühendem Eifer und der größten Vaterlandsliebe auf, mit Hingabe und Kraftanstrengung für die Selbstständigkeit zu kämpfen. Er zeigte, wie thöricht es sei, die schlimme Lage des Staates mit Selbsttäuschung sich zu verhehlen, um nicht durch das Bekennen der Wahrheit ein unangenehmes Wort sagen und hören zu müssen/") Er beklagt sich bitter darüber, daß man in der Versammlung des Volkes die Wahrheit nicht sagen dürfe, und zeigt, daß der Staat 6ouk. killt. Lrist. 24. 10 ^ 12 9 ") 6ouk. Xenoxb. Nsmor. IV, 2 u. killt, äs rsßb. p. 565. -°) 0ouk. ^i-ist. koi. III, 5, L. ") Isoer. äs kaes o. 33. 2") Isoor. 7rk(>t p. 85 Orsil. 6vllk. killt. Lxoi. XIX. u. ibiä. XX. killt. L.i,oi. XXIX. --) ^rist. koiit. IV., 4. vsmostii., llävsrg. kbil. I., 8. °°) vemostb. I.. 38. 317 eben dadurch in die größte Gefahr gekommen sei?") Allein der Redner Aeschines, welcher im Solde deS Philippus stand, wurde meistens lieber gehört, weil er gewöhnlich nichts anderes vorbrachte, als was angenehm klang, weil er nichts von Opfern sprach, die der Einzelne für den Staat bringen müsse. Die Unabhängigkeit Griechenlands aber ging eben dadurch verloren, daß seine Bürger schlaff waren, sich lieber von schmeichelnden Demagogen, als von wahrheitsliebenden Patrioten leiten ließen, weil sie eS nicht über sich vermochten, dem Parteigeist zu entsagen und mit aufopfernder Selbstoerläug- nung einmüthig für das Vaterland einzustehen, weil es endlich die eine Partei vorzog, eher das Interesse und die Unabhängigkeit des Staates aufzuopfern, als der Gegenpartei nachzugeben. — Ganz derselbe Fall trat später bei Carthago ein.^) — Theils ähnliche, theils die gleichen Erscheinungen begegnen uns in der römischen Geschichte. — (Fortsetzung folgt.) Ein Besuch in Paris im Herbst 1817. (Fortsetzung.) p. So spät Abends noch alle Lüden geöffnet und so gefüllt die Straßen noch zu später Nachtstunde von Wagen und Menschen sind, so spät ist auch das Erwachen des Pariser Lebens. Der Lohnbediente kommt nicht vor 8 Uhr, der Kaffee ist nicht vor 9 Uhr zu haben, so daß vor 10 Uhr nicht an das Ausgehen zu denken ist. Wir benutzten die frühe Morgenstunde des heutigen Tages, um in der Kirche Notre Dame des Victoires, auch des Petits Pöres genannt, die heilige Messe zu hören und für' unsre lieben Abgestorbenen — es war ja heute Allerseelentag — zu beten. Bald nach unserer Rückkehr kam auch Zezschwitz zu uns herauf, um uns den Plan zu unsern heutigen Rundgängen zu entwerfen, zu welchen er sich uns in höchst liebenswürdiger Weise als Führer anbot. So wanderten wir denn durch die Rue de la Pnix, die früher Rue Napoleon hieß, nach der kolossalen Vendomesänle, welche, innen von Stein, außen von Kanonenmetall, im Ganzen 125 par. Fuß hoch ist und um welche, wie ein gewundenes Band, die Siege der Franzosen im Jahre 1805 in Hantrelief dargestellt sind. Im Piedestal befinden sich Waffen aller Art: aus der Spitze der Säule stand früher die Kolossalstatue Napoleons, die aber 1814 abgenommen und durch eine weiße Fahne ersetzt wurde, während das Metall der Napoleonsstatue beim Guß des neuen Standbildes Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf Verwendung finden soll. Die Vendomesänle wurde 1806 begonnen und 1810 beendet; die Hautreliefs sind von Gerard und Nenaud. Man kann im Innern der Säule hinaufsteigen; wir unterließen es aber. Von da wendeten wir uns nach dem Tuileriengarten, zu welchem die Rue Castiglione führt und der sich vom Tuilerienpalast bis zum Platz Ludwigs XV. längs der Seine hinzieht. Parallel zum Seinequai geht die Rue Nivoli, welche Napoleon anlegte. An dieser Straße war ein neues Postgebäude in Bau, aber noch nicht unter Dach. Im Tuileriengarten 2 °) vsmostb. aävers. kbil. III., 3. 6onk. ibiä. 2 u. 84. Vioit eiZo Urnimbslsin non xoxulus romainm toties oavsus knAatusgus, sei ssuarns eLltbaZiviLnsis olUreetkUlons atqus inviäia; uequs bao clokorinitors roäitug msi ?. Loixio oxultobit atqus ellsrst 8686, qug.ro Houuo, qui äomuw nostrom, quLncko glia, rs non xotnit, ruin» Oartkagiuis Lxxrsssit. — luv. XXX., 20. selbst wurde uns ein kleines Lnsthaus gezeigt, in welchem früher der König von Rom spielte und das jetzt in ein Cafs verwandelt ist. Der Garten wurde 1600 nach den Plänen von Lenotre ausgeführt: keine Stadt Europa's hat einen so schönen öffentlichen Park auszuweisen, dessen Alleen und Wasserbecken herrliche Statuen schmücken. In der Verlängerung des Tuileriengartens liegen die Champs Elysees, an deren Ende unter Napoleon der Grund zu einem großen Triumphbogen gelegt wurde, auf welchen, wie man sich erzählt, daS Kreuz des Kreml gesetzt werden sollte. Auf die Pfeiler des nach dem Platz Ludwigs XV. führenden Gartenthores hätten je zwei der Pferde des Brandenburger Thores kommen sollen. Auf letztgenanntem Platz wurden Ludwig XVI. und Marie An- toinette enthauptet. Man sieht von hier Seine abwärts auf dem linken Ufer einen hohen runden Thurm, die Pompe L Feu am Quai d'Orsay, der Paris mit Wasser bei ausbrechenden Bränden versorgt. Zwei Dampfmaschinen treiben das Wasser bis auf 110 par. Fuß Höhe und werden von vier großen Reservoirs gespeist, deren jedes 9000 Kubikmeter Wasser faßt. Dieses Wasserwerk wurde 1805 durch Marguerit verbessert. Auch den Dom der Invaliden mit seiner goldenen Kuppel kann man von hier aus sehen. Wir gingen nun längs des Tuileriengartens hinauf und ließen uns den unterirdischen Gang in der Nähe des Schlosses zeigen, welchen Kaiserin Marie Lonise mit ihrem Sohne benutzte, wenn letzterer den mit zwei Lämmern bespannten Wagen bestieg und im Garten herumfuhr. Der Bau der Tuilerien begann auf Veranlassung von Katharina von Medici im Jahre 1564 durch die beiden berühmten Architekten Delorme und Bullant: Heinrich IV. ließ sie durch Ducenceau und Dupirant vergrößern und verändern; doch wurde der Bau abermals unterbrochen und erst unter Ludwig XIII. vollendet; daher der verschiedene Baustilseiner 5 Pavillons. Denn auch uuter Ludwig XIV., welcher Einheit in denselben bringen wollte, änderten die mit der Ausführung seines Wunsches beauftragten Architekten Le Veau und Orbay nur den mittleren Pavillon, während sie das Nebrige stehen ließen; die innere Ausschmückung erfolgte ebenfalls hauptsächlich während Ludwigs XIV. Regierung. Unser Weg führte uns längs des Quai nach dem Pont des Arts, und kamen wir an dem Theil des kgl. Schlosses vorüber, aus dessen einem Fenster Karl IX. in der Bartholomäusnacht auf die Hugenotten geschossen haben soll. Die Bögen des Pont des Arts sind von Eisen. Von da aus gingen wir um die Tuilerien herum, deren rückwärtiger Hof durch ein eisernes Gitter geschlossen ist: es war gerade Paradezeit und die Militärmusik spielte. Vor dem Gitterthor befindet sich ein Triumphbogen, auf dem früher die venetianischeu Pferde gestanden haben, der jetzt ohne dieselben ganz kahl aussieht. Den Tuilerien gegenüber liegt der Louvre, der durch Gallerten längs des Quai mit ersteren verbunden ist. Auch der Louvre ist ein ganz alter Bau: im Jahre 1355 diente er noch als Rendezvous zur Jagd. Im Jahre 1510 ließ Franz I. das alte Schloß niederreißen und ein neues nach Zeichnungen von Pierre Lescot zu bauen anfangen; dieser Bau wurde unter Heinrich II.» Katharina von Medici, Heinrich IV. und Ludwig XIII. fortgesetzt. Ludwig XIV. ließ zur Vollendung des Louvre den berühmten Le Benein aus Rom kommen, der einen i neuen Plan entwarf, dessen Ausführung aber der Neid der französischen Architekten vereitelte. 1670 wurden von den letzteren die Kolonnaden des Louvre vollendet, an der Jonrseite desselben, gewiß eines der klassischsten Bauwerke Frankreichs. Anfang dieses Jahrhunderts wurde unter der Leitung der Architekten Percier und Fontaine der Bau des Louvre zu Ende geführt. Napoleon hatte auch die zwischen beiden Schlössern stehenden Häuser ganz wegräumen lassen wollen; doch war dies bis jetzt nur zur Hälfte geschehen: der dadurch gewonnene freie Platz heißt Place du Caroussel. Wir traten in die Gallerie rechter Hand des Louvre, wo die Gemälde aufgestellt sind; freilich sieht es da jetzt anders aus als zu Napoleons Zeiten, aber da die früher im Palast Luxembonrg befindlichen Gemälde auch in dieser Gallerie untergebracht sind, so findet man hier immer noch eine große Anzahl Meisterwerke. Im ganzen besteht die Sammlung aus 1200 Gemälde, darunter die berühmtesten: der HI. Julian, von Allori, einem Florentiner des 16. Jahrhunderts, Karl I. von England, vom Holländer Mhtees, die Hochzeit von Kanaan, von Paul Veronese, Alexander der Große im Zelt des Darius, von Le Brun, die Sündfliith, von Poussin, Thomas Morns, von Halbem und andere mehr. Außerdem befinden sich in den anstoßenden 24 Sälen 20,000 Handzeichnungen, darunter die Schule von Athen und die Verleumdung von Nafael, sowie 900 Antiken, worunter Ariadne von Naxos, Venus von Medici, Laokoon, Apoll von Bel- oedere, die Büsten der Kaiser Hadrian und Galba die bekanntesten sind. Aus der Gallerie gingen wir durch den Louvre. Das Schloß hat sollen ein schönes Viereck werden, ist aber im Innern noch nicht ganz ausgebaut. Es war Napoleons Plan, von hier aus eine gerade Straße nach der Place du Trone zu bauen, wozu die Häuser, welche niedergerissen werden sollten, schon bezeichnet waren; die Ausführung desselben wurde durch seine Thronentsetzung vereitelt. Nach dieser anstrengenden Wanderung stärkten wir uns im Cafs aux Milles Colonnes des Palais Noyal mit einer Tasse Chocolade und begaben uns von da durch die Passage Feydeau in das Panorama von Amsterdam; es stellt diese Stadt zur Winterszeit dar und istz sehr sehenswerth. Dann bestiegen wir am Boulevard des Italiens einen Wagen und fuhren durch die Champs Elysee's zu den französischen Nutschbergen. Das dort gebotene Vergnügen besteht darin, sich von dem oberen Stock eines hohen Hauses aus in einen kleinen vierrädrigen Wagen zu setzen, der in Rinnen geht, und auf diesem pfeilschnell auf einer schiefen Ebene hinunter- und ebensoschnell auf einer andern schiefen Ebene durch eine Maschinerie getrieben wieder; hinaufzufahren. Wir begnügten uns mit dem Zusehen. Den Rückweg nahmen wir durch die Vorstadt St. Honore bei dem Palais Elisee Bourbon vorbei, das vom Herzog von Berry bewohnt wird. Dieses Palais wurde im Anfang des 18. Jahrhunderts erbaut und war von der Marquise von Pompadour bis zu ihrem Tode bewohnt, gehörte dann eine kurze Zeit der Herzogin von Bourbon, nach welcher es auch benannt wurde. Auch Napoleon bewohnte es mehrere Male, so nach der Schlacht von Waterloo, und hier legte er 1815 die Regierung nieder. Während der Anwesenheit des großen Hauptquartiers der Verbündeten in Paris bewohnte es Kaiser Alexander. Wir speisten im Palais Noyal bei Verry, wo wir unsere übrigen Landsleute trafen und mit ihnen dann ins Theater der Varietes, Boulevard Montmartre, gingen. In diesem Theater werden nur Vaudevilles, Burlesken und leichte Stücke aufgeführt. Die Melodien, die darin vorkommen, find meist bekannte Gassenhauer oder werden es, die Pointen verstehen wir Ausländer schwer, weil sie sich auf das Pariser Leben, auf die Tagesereignisse beziehen. Wenn man sich bei diesen Vorstellungen amüsiren will, muß man jedenfalls Verstand und Geschmack draußen lassen. Montag den 3. November galt unser erster Besuch dem Schuhmacher Mr. Chapelle, bei dem wir schon von Tourcoing aus Bestellungen gemacht hatten. Hierauf wanderten wir wieder ins Palais Royal, machten auch dort verschiedene Einkäufe und Bestellungen, frühstückten und bestiegen sodann in der Nue Nivoli einen Wagen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich einige Bemerkungen über die Pariser Lohnkntscher einstießen lassen. Es gibt z. Z. hier 900 zweispännige Fuhrwerke, welche eine fortlaufende Nummer führen und auf 71 Standplätzen in der Stadt durch die Polizei vertheilt sind. Sie haben ihre Taxe nach der einzelnen Fahrt oder nach der Stunde: eine Stunde Fahrt 2 Francs, jede Stunde mehr 30 Sous, nach Mitternacht das Doppelte. Wenn man in ein Theater oder Concert fährt, muß man voraus bezahlen, Trinkgeld ist üblich. Die zweirädrigcn Cabriolets sind etwas billiger, doch findet man sie nur bis Abends 10 Uhr auf den Plätzen. Sowie man über die Barrieren von Paris hinausfahren will, muß man den Fahrpreis im voraus ausmachen. Die Kutscher fuhren gut und haben auch gute Wagen. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen, Stcindorff Gc., Kop tische Gra inniai ik mit Chrestomathie. Wörterverzeichnis; und Literatur. 8°. XVIII -f- 220 -s- 94 S. Berlin, Reuther und Reichard, 1894. M. 13,20. g. Unter dem Titel einer »korta. liuAuarum orloutalium« begründete I. H. Pctcrmann (fi 1875) eine Sammlung von Lehrbüchern zur ersten Einführung in das Studium der Sprachen des Orients; die Bündchen, deren Zahl jetzt auf 25 gestiegen ist. erfreuen sich ob der glücklichen Vereinigung von wissenschaftlicher Gründlichkeit mit praktischer Kürze mit Recht allgemeiner Beliebtheit; die ersten unter Petcrmann's Leitung herausgegebenen Theile waren überdies zu ihrem Vortheil lateinisch abgefaßt; spätere Auflagen und neuere Bündchen, von verschiedenen Gelehrten bearbeitet, haben das allgemein verständliche und anständige Idiom der Wissenschaft zum größten Theil leider verlassen und sind in jenem gelehrten Jargon abgefaßt, den man weder „Deutsch" noch „Latein" nennen kann. Auch daö vorliegende Bündchen, das XIV. in der Reihe, von dem man in der That sagen muß, daß es einem wirklichen Bedürfnisse abhilft, da cS die einzige Grammatik bietet, die dem heutigen Stande der Wissenschaft gerecht wird; freilich, ob bei dem Wucherpreis von 13 M., der trotz der einfachen koptischen Typen für daö kleine Buch festgesetzt wurde, die koptischen Studien, so wichtig sie sind, ein besonderes Aufblühen erfahren werden, ist eine andere Frage; kostet doch Stern's vollständige Grammatik, die nebenbei tast ein Lexicon entbehrlich macht, nur 18 Mark. Unter den fünf Hauptdialekten der koptischen Sprache hat Steindorff den sahidischcn zur Grundlage genommen; manche Leser würden aber gewiß an sciuer Stelle lieber den boheirijchcn sehen, denn „er hat sich später in der Literatur über ganz Aegypten verbreitet und gilt noch jetzt allgemein als Kircbeniprache" (S. 4), waS ja das Literaturver- verzeichniß (S. 217) am besten beweist, in welchem auch Lagarde's Pcntateuch-Anszabe aufgeführt ist, einer der wenigen korrekten und für die Lektüre passenden Texte. In der Chrestomathie hat der Verfasser „das Princip dem praktischen Nutzen geopfert und sprachlich etwa-Z weniger korrekte Texte, aber solche gewählt, die den Lernenden mehr zum eigenen Nachdenken, alö auf die Benutzung der Bibel und ihrer Uebcrsetzungen ver- 319 weisen*. Aber, nachdem die koptischen Bibcltexte, wenn überhaupt zu beschaffen, unerschwinglich theuer, außerdem auch noch kritisch ost in einem heillosen Zustande sind, wie die von Fehlern wimmelnde Ausgabe des neuen Testamentes von Wilkins, wäre es doch mindestens sehr erwünscht gewesen, eine größere Auswahl biblischer Texte zu bieten; wir können nur wünschen, daß diesem Mangel bald mit einer eigenen »Odrsstomatdia bidlica ooptioa onm Zstossario« abgeholfen werde. Was philologische Genauigkeit betrifft, läßt das Buch nichts zu wünschen übrig; auf das Aegyptische ist stets Bezug genommen. Ossig H., Spanisch-deutsches und deutsch-spanisches Taschenwörterbuch. 16". 544 S. Leipzig, Ph. Reclam (1894. Univ.-Bibl. Nr. 3201 —5). M. 1,00; geb. 1,50. Keine andere Sprache der Welt lohnt die Mühe des LernenS so reichlich, wie daS Spanische, das uns eine der herrlichsten Literaturen bietet und auch schon um seiner eigenen klangvollen Schönheit willen mehr, als bisher, studirt zu werden verdient. Dazu ist Ossig'S sauber ausgestattetes, bequemes und reichhaltiges Wörterbuch ein Hilfsmittel von geradezu beispielloser Billigkeit, daS namentlich dem Kenner des Lateinischen sofort genügende Dienste leisten wird, um sich an die Lektüre eines Caballero, Trueba und auch der älteren Klassiker zu wagen. Möge namentlich die studirende Jugend ergiebigen Gebrauch davon machen; aus die Kostspieligkeit der nöthigen Lern- bücher kann sich nun Niemand mehr ausreden. Königs-Historicn. I. Theil: Was sich die bayerischen Königsschlösser erzählen. München. Im Selbstverläge des Verfassers. I. L. Crämer, Baumstraße 11. Preis M. 1,50. O In buntem Durcheinander und nicht immer in taktvoller Auswahl sind Erinnerungen, Vorkommnisse, Anekdoten aneinander gereiht, die an einige bayerische Königsschlösser — Bayreuth, Ansbach, Nürnberger Burg, LudwizShöhe, Trausnitz bei Landshut, insbesondere Hohcnschwaugau, Neuschwanstein, Linderhof, Hcrrnchiemsee, Berg. Nvseninsel, Wintergarten — und an den Besuch und Aufenthalt bayerischer Könige alldort sich knüpfen. Selbstverständlich mußte daS einsame Leben und das tragische Geschick des unglücklichen Königs Ludwig II. den Hauptanthcil zum Inhalt des Buches liesern. Alles findet sich zusammengetragen, was aus dem Geflüster der Hofleute, aus den Stuben der Zofen, Lakaien und Hosstaller in die Oesfentlichkeit durchsickerte, selbst die doch ganz interesselosen Namen einiger militärischer Diener des kranken Königs wurden erfragt und gebracht, was nicht minder unangenehm berührt, wie die mannigfachen Andeutungen des Verfassers, was er, weiß Gott, noch Alles wüßte, sich aber nicht zu sagen getraute. Nach unserer Empfindung hat er nichts verschwiegen, was er zu erlauschen vermochte! was er veröffentlichte, sind eben die Klatschereien, die in der ersten Hälfte des vorigen Jahrzehntes und nach des Königs Tode zwischen Berg und Hohenschwangau und wohl auch in München umhergcredct wurden. Gleichwohl wird daS Buch den großen Leserkreis finden, für den es berechnet ist, wenn auch gerade nicht unter den Lesern der Postzeitung. Sehr hübsch sind die bcigegcbenen Darstellungen der Schlösser, König Ludwig II. zu Pferd, am Familientisch mit der Königin-Mutter und dem Prinzen Otto. Der Frauen Natur und Recht von Hedwig Dohm. 2. Aufl. Friedrich Stabr, Verlagsbuchhandlung, Berlin SW. Wilhelmstraße 122 L. 365 Seiten, 8°. O Geistreich, mit sprühendem Witze, mit beißendem und häufig sehr wohl berechtigtem Spotte hat die als Fahrerin auf dem Gebiete der Frauenbewegung bekannte Verfasserin die Gründe in äußerst gewandter und packender Darstellung entwickelt, die sür die Gleichstellung der Frauen mit der Männerwelt auf dem Gebiete des Erwerbslebens, der Politik, in der Bildung, kurz für eine Emancipation in gutem Sinne vorgebracht werden können, und die Widerlegung der Gegengründe und Einwendungen niit Geschick und nicht selten mit gelungener Ironie versucht. Wenn man auch grundsätzlich mit der Verfasserin nicht einverstanden sein will, so muß man immerhin anerkennen, daß sie die wirklichen und vermeintlichen Fraucn- rcchte glücklich vertritt und die Gegner mit Ruhm bekämpft. Aus einen nahen Sieg ihrer Ideen hofft sie selber nicht. Uebrigens liefert das Buch einen sehr schätzbaren Beitrag zur Frauenfrage, die, nun einmal aufgeworfen und einen bedeutsamen Theil der social-politischen Frage bildend, mit guten oder schlechten Witzen nicht mehr abgethan werden kann, sondern volle Beachtung verdient. Deßhalb macht das Buch berechtigten Anspruch auf eine eingehende Beachtung. ES steckt in ihm nickt blos ein Körnchen, sondern manche, mitunter bittere Wahrheit. Bei der Belescnheit und, wir möchten sagen» Gelehrsamkeit der Verfasserin ist uns aufgefallen, daß sie den entscheidenden Einfluß des Christenthums aus die Stellung und Wcrthschätzung der Frauen so sehr unterschätzt, ja gar nicht anerkennen will. obwohl sie damit in Widerspruch mit andern Partien ihres Buches geräth. Für eine dritte Auflage möchten wir ihr deßhalb eine Ergänzung ihrer Studien empfehlen, sowie die Beseitigung der Abgeschmacktheit, die in der Bezeichnung einiger Verkehrtheiten des Hausfrauenthums als „Jcsuitis- mus" liegt. _ Die Konfession der Kinder nach dem geltenden bayerischen Rechte von Franz Lindner, kgl. Amtsrichter. München, I. Schweitzer, Verlag. 62 S. Preis 1 M. o Eine recht verdienstliche und erwünschte, bündige und dabei erschöpfende Zusammenstellung der in Bayern über die Confessionsverhältnisse Minderjähriger geltenden Bestimmungen und der einschlägigen Praxis, insbesondere des Verwaltungs- gcricbtshofes. die Geistlichen, VcrwaltungSbeamten und Richtern bestens empfohlen werden kann, da sie über die so schwierige und strittige Materie in allen sich ergebenden Fragen sofort richtige Auskunft und rasche Orientirung bietet. Nlmann's Cicerone für Jtalienreisende. Verlag von Otto Weihrauch. L. Dieser Cicerone ist wirklich eine gelungene Erscheinung Ein angenehmer, redseliger Unterhalter, deutsch und italienisch. Er ist in allem, was zur Reise gehört, beschlagen: auf der Bahn, auf der Post, beim Telegraphen-, beim Zollamt. Kennt sich in den Hotels aus, und er ist ein kleiner Gourmand in den italienischen kulinarischen Genüssen. Der „Cicerone", eben wegen seiner Unentbehrlichkeit, hat in kürzester Frist schon die zweite Austage nöthig gemacht. DaS Werkchen behandelt vorerst eine Rundreise durch die Schweiz nach Rom und zurück über den Brenner. ES sind 26 interessante, genußreiche Tage. Der Cicerone lehrt uns die Zeit sparen und steuert mit sicherem Blick auf das SehcnSwürdigste, sei es, daß es der Geist oder die Kunst oder die Natur ausbaut, hin. Ich habe mit einem Im-, presario einmal eine große Nundtour gemacht. — Gott, bis wir alle beieinander waren; und dann die Jagd — durch die Straßen, durch die Kirchen, durch die Museen, durch die Paläste, auf den Seen, auf der See. Das Minutiöse wurde ost auf Kosten des Grandiosen mitgenommen. Und beim Essen wieder ein Hinabjagcn. Man kam weder zu einer intellektuellen noch zu einer gastronomischen Verdauung. Anders der Cicerone, wer mit ihm geht, geht ohne Hetze und sieht viel» und mangelt einem gerade der italienische Ausdruck, so macht der II. Theil des Büchleins den Dolmetsch. Es gibt keine Verlegenheit in der Konversation, weder bei der Wanderung, noch im Hotel. Das Werkchen, elegant und fest gebunden, kostet nur 1 M. 80 Pfg. Wer cS in die Hand nimmt und nur einige Seiten liest, wird sich sagen: Billig, schön und praktisch. ^.IbortusaLuIsano (o. 6ap.), Institutiones tbooloZias äoZmaticas speoialis rsco§nitao eorreetasa dottkrisä a 6 raun. 'I'om. II. 8". mag. pp. X -st 800. Osnixonts, lädr. catd. soo. 1894. Ll. 10,00. S krimum duzuses oporis tomum, guem zam anno 1893 in kaseieulo 36" Iris actis äiuruis aääitieio lauäavimns, nune alter sscutus oat traetatus äo Deo sanotiücators, äs »ratia Odristi, äs saoramentis in sssnsrs neenou äs sacra- montis daxtismi, eonürmationis, vucdaristias cvntiusns; tertimn volumen a nodis valäo äesiäeratum opus intsArum reääst. Ooäokrsäus a 6raun, qui kormam sui nominis vers latinaw eonstantor reeusars viästur, autoris vsstizia maAna eum pie- tato atqus eruäitione servans oucdiriäion eonZessit, guoä zam ab omnidns viris s. tbsolo§iam in scbolis äoeentibus marima cum lauäs äiscipulis commenäatum est. Lbsgus äubio non solum tiionss, ssä etiam saesräotes euram animarum srer- centes opors maFno cum succossu utontur. I?iat, üat! Franz Devantier, Der Siegfriedmythus, ein Kapitel auS der vergleichenden Mythologie. Hainburg, Verlagsanstalt und Druckerei A.-G. (vorn,. I. F. Richter). 1894. u. Vorliegende Studie, Heft 190 der von Virckow und Holtzendorff begründeten, von Virchow und Wattcnbach herausgegebenen Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vortrage. empfiehlt sich durch den für alle Deutsche interessanten Stoss, durch wissenschaftlichen Gehalt und klare und gefällige Form aus's beste. Ranke Job-, Der Mensch. 2 Bde. 8°, XIV-f- 640 n. XII -s- 676 S. mit 1393 Tcxtfiguren, 35 Tafeln und 6 Karten. Leipzig-Wien, Bibliogr. Institut 1894. (II.) M. 32 geb. Unter der Menge von Werken biologischen und speziell antliropologischen Inhaltes zeichnet sich Ranke's großartige Anthropologie durch einen ebenso seltenen als wohlthuenden wissenschaftlichen Ernst aus, der es verschmäht, durch die bekannten Seitenblicke auf fremde Gebiete die höchsten geistigen Interessen der Menschheit bei Lesern zu untergraben, welche vielfach bloße Hypothesen von den bewiesenen Thatsachen nicht gehörig unterscheiden tonnen, sich aber desto mehr geschmeichelt fühlen, wenn sie für ihre eigene materialistische Lebensauffassung eine gelehrt klingende Stütze zu haben glauben. Ranke gcbört also nicht zur oberflächlichen Scbaar jener naturgcschichtlichen Nomanfchreibcr, die (wie E. Hacke!) die zugkräftigen TagcS- mcinnngen der Wissenschaft als Dogmen verkünden, ein in seinen Folgen gemeingefährliches Beginnen; denn „so mußte nothwendig, sagt Ranke, in dem der cxactcn Naturforschnng ferner stehenden Publikum die vcrbängnißvolle Meinung erweckt werden, als gäbe es naturwissenschaftliche Dogmen, welche den höchsten Idealen des MenstbengeisteS feindselig gegenüber stehen; es wäre ein Lohn für die Mühen unserer besten Forscher, wenn es auf dem Gebiete der Anthropologie gelänge, diesem volksverderbenden Irrthum Schranken zu setzen". Das hat der gelehrte Physiologe Joh. Ranke selbst in diesem herrlichen Buche, daS der reiche Bilderschmuck überdies zu einem Kunstwerk macht, in wirkungsvoller Weise geleistet. Nicht blos dem Gelehrten, sondern jedem Gebildeten wird dieses beste und vollständige Lehrbuch der Anthropologie ein unentbehrliches Nachschlagcbuch werden, besonders in einer Zeit, wie die gegenwärtige ist, wo die Naturwissenschaften im Vordergrund des Interesses stehen und es so überaus wichtig ist, sie nicht durch den keck auftretenden wisscnschastlichen Schwindel blenden und auf falsche Bahn leiten zu lassen. Mit Stolz kann der Generalsekretär der anthropologischen Gesellschaft auf diese seine Lebensarbeit blicken.; möge nur auch das Meisterwerk die verdiente Würdigung erfahren und die vielen bösartigen anthropologischen Tendcnzromane, die im Umlaufe sind, verdrängen. Bibel und Judenthum. Ein Blick auf Israels Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Don Jo- saphct. Waldbaucr'sche Buchhandlung, Passau 1893. VIII u. 153 S. Preis 2 M. An der Hand von AuSsprüchen der hl. Schrift Alten und Neuen Testamentes legt der Verfasser seilte persönlichen Ideen über das Judenthum dar und wendet sich deßhalb nur an gläubige Leser, Jsraeliten und Christen. Entsprechend dem Titel zerfällt das Buch in drei Theile, die in durchgängiger Abhängigkeit von den Schriften Seb. BrunnerS, Döllingers, Franks, v. Saldenhofcns, Krcmentz's und VanutelliS das vergangene, gegenwärtige und zukünftige JSracl behandeln. Trotz dieser Abhängigkeit, die stets an Ort und Stelle benierkt ist, zeigt der Verfasser ein selbstständiges und gesundes Urtheil. Im ersten Theil verdient namentlich seine Ansicht über den rituellen Ostermord, der nicht ein allgemeiner jüdischer Gebrauch oder gar eine Religion ss chrift für die Juden sei, Anerkennung und Nachahmung. Die schwungvollen Ausführungen deS zweiten Theils über Judenthum und Christenthum, über Roma und Jerusalem, Katholicismus und Judenthum sind äußerst interessant. In dem Kapitel über Charakter und Eigenschaften der Juden zeigt der Verfasser, „daß es Christenpflicht ist, die Menschenwürde in Jedem zu ehren und zu lieben — in- clusive Juden" (S. 78). Die warm geschriebene Abhandlung über die antisemitische Bewegung hat unseren vollen Beifall erhalten: „nicht Jndenhetzc, sondern Christenschutz!" Die Zukunft Israels wird im dritten Theil ideal und nach unserer Ansicht zu ideal geschildert. Ohne den Vorwurs einer „grob spiritualist- ischcn Auffassung" (S. 116) zu fürchten, halten wir daran fest, daß die biblischen Verheißungen nicht dem leiblichen, sondern dem neuen, geistigen Israel Christi gegeben sind. (Vgl. Gal. III, 28. — Röm. II, 28 f.; IV, 11 f.) Das interessante Schrift- chcn aber sei bestens empfohlen! St. Dr. A. Koch. Kiefl Fr. -k., Pierre Gassendi'S Erkenntnißiheorie und seine Stellung zum Materialismus. 8°, 104 S. Fulva, Actiendruckerei 1893. M. 1,60. Die gesammte philosophische Bewegung unserer Tage spitzt sich auf crkenntnißtheoretische Fragen zu; mnso interessanter ist Vcratilw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. es, einen Rückblick auf vergangene Zeiten zu thun und zu sehen, wie frühere Denker Probleme erörtert haben, die heutzutage so sehr im Vordergründe stehen. Die bisher noch nicht genügend aufgehellte Erkenntnißiheorie Gassendi'S hat sich Kiefl zum Gegenstand einer Jnaugural-Dissertation gewählt, für deren wissenschaftliche Tüchtigkeit die Billigung der philosophischen Fakultät in München Gewähr leistet. Das Urtheil Lange'S, der in Gassendi den Vater des Materialismus sieht, weist Kiefl mit Recht entschieden zurück. k. Benedikt Valuh, 8. I., Der Priester in der Einsamkeit der heiligen Exercitien. Zweite, vielfach verbesserte Auflage von L. Franz Miller. 8. 3. Mit Approbation des hochw. bischöfl. Ordinariates von Rottenburg. Stuttgart, Jos. Roth'sche Verlagshandlung, 1894. i. Ascetische Schriften werden vielfach wahllos aus dem Französischen importirt und dem deutschen Publikum oft in sehr undentschcr und fabrikmäßiger Uebersetznng geboten. Das ist glücklicherweise hier nicht der Fall. Der Inhalt dcö BuckeS ist gediegen, ohne Uebertreibung und Uebcrspanntbeit, obne Sentimentalität; er ist durchweg darauf berechnet, dem Priester in den Tagen der Einsamkeit zrr einer gründlichen Sclbstkenntniß, zur entschiedenen Abkehr von all den kleineren oder größeren Mangeln zu verhelfen, die der natürlichen Anlage entspringen und durch die mannigfachen Berührungen mit der Welt genährt werden, und ihn mit neuem Opfersinn zu entflammen. So empfiehlt sich das Buch namentlich jenen Priestern, die nicht in der Lage sind, gemeinsame Exercitien mitmachen zu können; auch Leiter der Exercitien werden eS sicher mit großem Nutzen gebrauchen. Möge es mit Gottes Hilfe reichen Segen stijten! _ Franz Fiedler, AuS der Musikantcnholle. Ein Urtheil über Richard Wagner im Jenseits. Graz 1894. Commissionsverlag HanS Wagner. I. DaS Ding soll eine Satire sein, ist'S aber nicht; dazu fehlt dem Autor die geistige Ucberlcgeiiheit. Des Pudels Kern ist schwer zu finden; endlich kriegt man ihn doch heraus: Wagner schreibt „Affcnmusik". Witz ist in der ganzen Sache keiner; man ist am Schluß so klug, wie zu Anfang, so daß man sich zuletzt fragt: „Wozu ist das Ding denn eigentlich geschrieben?" Geschichte des Historischen Museums und derMail- linger-Sammlung der Stadt München von Ernst von Destouches, k. b. Archivrath. München, I. Lindauer'sche Buchhandlung (Schöpping). 128 S. 8". mit 13 Abbildungen und Titelblatt von Max Wolf. Preis 2 M. München besitzt erst seit acht Jahren ein Historisches Museum Dessenungeachtet muß man staunen über diese Fülle von Schätzen, Kostbarkeiten, Kleinoden und absonderlichen Gegenständen, die hier als Erbtheil früherer Jahrhunderte angesammelt und in klar übersichtlicher Weise vereinigt wurden. Indem nnS Herr Destouches, dieser rühmlichst bekannte Archivar und Chronist, durch die neugeschaffenen Räume begleitet, erläutert uns derselbe die Büsten, Portraits und Lrachtenbilder, die interessanten Ansichten und Abbildungen, das Silber- und Pretiosen-Cabinet, die Collectiv» von Waffen, Altarzierden, die alten Maße und Gewichte, die Ueberrcste hochnothpeinlicher Gerichtsbarkeit und allerlei Schmuck und Hausbedarf des öffentlichen und privaten Lebens. Dazu berichtet er die Geschichte der hier sachgemäß einverleibten sogenannten „M aillinger - S ammlung" und erzählt als weltcrfahrencr Historiker aus den ihm anvertrauten Archivalen. Quellen und Urkunden die Geschichte des altehr- würdigcn Stadthauses, dessen Grundbestand wohl auf ein halbes Jahrtausend zurückgeführt werden kaun. Ebenso verzeichnet er in dankbarer Erinnerung alle Namen der Stifter, Donatoren und Gutthäter, welche in irgend einer Form zum ersprießlichen Ganzen beigetragen und mitgewirkt haben. DaS mit vielen zweckmäßigen Abbildungen ausgestattete Buch, welches im Auskrage der Stadt publicirt wird, dient nicht nur den Besuchern als treuer Führer, sondern gewährt auch dem Kunst- und Kultur-Freunde, insbesondere dem cxacten Historiker und Forscher, eine Fülle des anregendsten und lehrreichsten Stoffes. Der Verfasser hat mit dieser Publikation die Geschichte Münchens um einen neuen, ganz besonders werthvollen Beitrag bereichert. Verlag des LIt. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 11. VMiir. 1894. MM Akademische Gesetze gegen das Duell. * Im Jahre 1794, also vor hundert Jahren, ist bei Joh. Albr. Barmeier, Univerfitäts--Buchdrucker in Göttingen, im Drucke eine Sammlung „Akademische Gesetze für die Ltuctiosos aus der Königlichen und Chur- fürstlichen Georg-August-Universität zu Göttingen" erschienen, deren auf das Duellunwesen bezüglicher Theil besonderes Interesse bietet. Die Sammlung ist durch einen Erlaß vom 18. August 1763 eingeleitet, laut dessen Georg III. „von Gottes Gnaden, König von Großbrittannien, Frankreich und Irland, Beschützer des Glaubens, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg" rc. w. befiehlt, daß die von ihm „zum Besten unserer Universität zu Götttngen" gegebenen akademischen Gesetze nebst dazu gehörigen Beilagen in Druck gegeben und den Studenten ausgetheilt werden. In 18 Titeln gibt sodann das Hauptedikt ganz treffliche Vorschriften; einige der Ueber- schriften über den einzelnen Abschnitten mögen hier erwähnt sein: „Die Ltuäivsi sollen einen gotteSsürchtigen Wandel führen, und dem öffentlichen Gottesdienste fleißig und ohne dessen Stöhrung beywohnen" — „Auch der in das Land publicirten Sabbaths-Feyer-Ordnung sich gemäß verhalten, und vor, unter, und zwischen dem Gottesdienste die Schenken, LuW-Häuser und Dillaräs nicht besuchen" — „Die Ltuäiosi sollen ihren Vorzug nicht in einer unbändigen Freyheit, sondern in ihrer wohlanständigen, unbescholtenen Aufführung suchen" — „Landsleute haben einander alle Freundschaft, Rath und Beystand zu leisten, jedoch dabey vor allem Anscheine des verbotenen Ratio- vulisrni sich zu hüten" — „Uebermäßiges und allzuhohes Spiel ist, nebst Annullirung der Schuld, mit willkührlicher Strafe anzusehen" — „Ein jeder Ltuäicwus soll sich nach seinem Stande und Vermögen einer guten Occonomir befleißigen, und vor Schulden und den daher entstehenden Klagen sich hüten" u. s. w. Ziff. 9 des Ediktes hat die folgende Ueberschrift: „Alle Injurien, und die darauf genommene Selbst-Rache, alle Thätlichkeiten, HeneontrsZ und Duells find in dem der Universität ertheilten Duell-Läiets bey schwerer Strafe untersaget." Dann heißt es weiter: Es kann niemand, als denen, welche Gelehrte sehn und werden wollen, besser bekannt seyn, datz von allen Landsherren hauptsächlich um deswillen Obrigkeiten und Gerichte bestellet und angeordnet worden, damit unter deren Schutze jeder Unterthan ein stilles und geruhiges Leben führen könne, und, wenn dennoch einiger Streit oder Unwille sich erhebet, der Beleidigte wisse, wo und wie er seine wahre rechtliche Genugthuung zu suchen habe; und wenn jemand diesen Weg nicht crwehlct, und sich selbst Recht zu schaffen vornimmt, derselbe dem von der höchsten Obrigkeit gesetzten Richter in das ihm anvertraute Amt greife, und mit dem Beleidiger solchergestalt fast in gleiche Schuld und Strafe gerathe. Dessen ohngeachtct lehret leider die traurige Erfahrung, daß sonderlich auch auf Universitäten die studierende Jugend aus einer unüberlegten Hitze zum öfter» in Streitigkeiten und Beschimpfungen ausbricht: sodann aber der beleidigte Theil bey der Akademischen Obrigkeit die rechtliche Hülfe nicht suchet, sondern dem sehr falschen Begriffe von dem sogenannten point ä'bonneur nachgehet, sich und andere in Leib- und LebenS- Gefahr setzet, und zuweilen die hohe Schule sogar mit Blutschulden beschwehret, vor denen jedoch der gnädige Gott diese Georg-Augustus-Universität bis hieher bewahret hat: als hat der Allerdnrchlauchiigste Stifter derselben gleich bey deren Anfange ein besonderes Duell -Läiet den 18. Juli 1735. vor dieselbe ausgehen lassen, alle Verbal- und Deal-Injurien den Ltuäiosis darinne rechtlich untersaget, alle Selbst-Rache und die daraus entspringenden ü-enoontree und Duelle auf das schärfste verbothen, und nicht alleine wider die Duellanten, sondern auch wider die Secundanten, Cartel-Träger, oder mündliche Herausforderer, die Diener und Domestiguen, welche dabey wissentlich Handreichung oder andere Dienste leisten, die Zuschauer, und die, welche einen Duellanten verbergen oder verhelen, schwere Strafe verordnet. Da nun einem jedem Ltuäioso bey der Im- matriculation von diesem Königlichen Gesetze, sammt dem den 15. May 1743. von der Universität auf hohen Befehl publicirten Patente, ein Exemplar zugestellet wird, ist dabey eines jeden Pflicht und Schuldigkeit, solche fleissig und mit Aufmerksamkeit zu lesen, alle darinne umständlich erzchlcte Fälle lind die darauf gesetzte Strafen sich bekannt zu machen, und vor dem, was darinne verboten und angedrohet worden, sich möglichsten Fleisses zu hüten. Das in Vorstehendem angezogene Duell-Edikt König Georgs II. vom 18. Juli 1735 ist in der IV. Beilage enthalten und handelt in folgenden Artikeln von Ehren- händeln: ^.rt. IV. Es wird hicmit unter der hier nachfolgendcrmassc» specificirtcn Strafe ernstlich und gänzlich verboten, jemanden durch Gebärden, Worte und Werke, zu injuriircn, und zu beleidigen. Wenn aber ein Ltuäiosns oder anderer UniversitätsVerwandter zu Göttingen. aus einige Weise mit Worten und Werken beleidiget wird, oder sich für beleidiget hält; so hat er solches, mit Bcyscitsetzung aller Selbst-Rache, dem dortigen Lonatui ^.oaclsmivo zu denunciiren, von dem ihm sodann un- verweilet und zureickige Latislaction verschaffet werden soll. Welche richterliche öffentliche Latiskaotion viel bonorablsr, sicherer und soliäor für die Beleidigte ist, und wodurch ihr vermcynter point ä'bcmnour viel besser salviret wird, als durch alle selbst übende, in göttlichen und weltliche» Gesetzen höchst strafbare, krivat-Rache, die nicht genommen werden kann, ohne in gleiche Gefahr von Leib und Leben, Seele und L>eeligkeit, mit seinem Widersacher sich zu setzen. ^rt. VI. Der Llaxistratus Lcmlemiens zu Göttingen soll sobald jemand bey ihm über empfangene Injurien sich beklaget, die Sache gehörig cognosciren, oder auch, wenn ihm sonsten von jemandes Jnjnriirung etwas kund wird, sx ottieio darauf schars inquirircn, jedoch in beyden Fällen, ohne nnnölhige Weilläuftig- keit und Umschweif verfahren, und nur dahin vornehmlich sehen, daß das Davtuin klar gemacht, den: Jnjnriirtcn genügsame Latistaotion gegeben, und die That Recht und Ordnungsmäßig bestrafet werde. Wenn der Jnjuriirte ein Divis eleailomious ist, der Jn- jurante aber nicht, so hat der Llatz'istratus ^.emlsmivns, mittelst Rcquirirung der ordentlichen Obrigkeit des Beleidigers, auch allen benöthigten Falls, mittelst Jmplorirung des mit allein Nachdruck zu leistenden Beytritts des Geheimen Raths OoIIsZii, und aus alle andere eouvouadio Art und Weise, dafür Sorge zu tragen, daß der Jnjuriaut nicht frey ausgehen, sondern dem Jnjuriirten gebührende schleunige Latistaotiou wiedersahren, auch der Jnjuriant nach Verdienst bestrafet werden möge. Der LlaZistratus Lcmlsmiens soll auch mit aller möglichen Wachsamkeit sich befleißigen, die zwischen Studenten vorfallenden Irrungen, ehe sie zu gefährlichen Thalhandlungen ausbrechcn, zu erfahren, und alsdann durch diensameS Zureden, und alle bequeme Mittel und Wege, dahin sehen, daß die Sachen in der Güte beygelegt, und alle daher zu besorgende böse und unglückliche Wirkungen und Folgen abgelehnet werden mögen. ^.rt. VII. Wenn Dasquillo asfigiret gefunden werden, oder sonst zum Vorschein kommen, sollen solche durch des Nachrich- ters Knecht öffentlich verbrannt, aus den Urheber ox oküoio inquiriret, und derselbe nach Wichtigkeit des dem andern zugefügten Schimpfs mit drey- oder viermonathlicker Gefängniß, auch wohl mit ein- oder zweimonatlichen VestungSbau, oder Zuchthaus-, bestrafet, andere schriftliche Verunglimpfungen aber, die die Darm und Roquisita eines kasquiis nicht haben, wie auch blosse Ehrenrührige Worre oder Gebärden, nach Befinden ihrer Beschaffenheit, Enormitat, und Umstände, mit 14tägigem, 4, 6. und mehr wöchigem Gefängniß dergestalt geahndet weiden, daß der Beleidigte zugleich durch eine Ehren-Erklärung, oder Abbitte und Widerruf des Beleidigers in öffentlichen Gerichte, zu seiner billigmäßigen Latiskaotion gelange. elrt. VIII. Wenn jemand einem andern mit der Hand, oder mit einem Stocke, einer Peitsche, oder andern Instrument, drohet, rind ihm Maulschellen, Schläge, oder Streiche anbietet, ohne daß es jedoch zu deren Erthcilung würklich komme, so soll ein solcher Beleidiger, nebst einer dem Beleidigten zu thuenden gerichtlichen Abbitte, mit 3 monatlicher Gefängnißstrase beleget werden. 32L Wenn cS aber zu wnrklicher Handanlegung und Schlägen gekommen, so ist ein Unterschied zu machen, ob solches aus nn- vermutblich vorgefallene Vcrunwillignng in eoutänenti in der ersten Hitze geschehen, oder, ob die Gelegenheit darzu vorschlich gesuchet sey. Ersteren Falls ist der ckM'sssor mit halbjährigem Gefängniß, oder drcymonatlicher Conäsmnation all oxoras, nach des Naxiotratno Leaäomioi Wahl zu bestrafen. Zweyten Falls aber wenn nehmlich die Gelegenheit zur Verunwillignng vorschlich gesucht worden, und es darüber zu Schlägen gekommen, soll der ch^ressor ein ganzes Jahr im Gefängniß sitzen, oder auf ein Jahr all oxua xnblionm condemniret werden. In diesen beyden Fällen soll der Beleidiger anncbst angehalten werden, dem Beleidigten eine Abbitte in öffentlichem Gerichte kniccnd zu thun, auch daselbst sich zu erbieten, daß er von dem Beleidigten eben das Tractanient annebinen wolle, was er demselben angethan. Wer jemanden aufpasset, und ihm mit einem Degen, oder Stocke, oder mit einer Peitsche, oder mit einem andern Instrument, anfällt und schlüget, der soll gleich einem würklichen Duellanten bestraft werden. Wenn er solche böse That mit Hülfe anderer ausgeübt, so sollen solche Helfer, und HelferS-Helfer, wenn sie die Absicht gewnst, und dazu vorsätzlich Beystand und Vorschub geleistet, mit gleicher Strafe angesehen werden. Lrt. IX. Weil oftmals vorsätzliche ckttagnon und Schlä- gercycn, welche von vorherigem Groll und nachgetragenen Tücken herrühren, auch wohl heimliche AnSfordernngen zu Duellen, unter dem Nahmen einer Uetzereilung, oder zufälligen Ksnooutro, verstellet werden; so wird dem NaZistratni ^callomioo hiermit aufs ernstlichste eingebunden, bey Vorfallenheiten, da vorgcwandt Wird, daß die Beleidigung pur Lonoontro, und nicht aus prä- mcditirtem Vorsatz, geschehen, aufs genaueste nach allen Umständen zu erforschen, ob es in der That also sich verhalte, oder nur fälschlich vorgegeben ivcrde. Und wenn sich dann findet, daß der Beleidiger mit dem Beleidigten nickt erst zu der Zeit, da die vorgegebene Lonoontro geschehen, in Streitigkeit gerathen, sondern durch eine, zu anderer Zeit sich zugetragene Sache, Anlaß dazu gegeben worden; soll ein solcher LAZrossor, ohne Unterscheid, ob die H,t.tagno mit andern Real- oder Vsrbal-Jnjnrien, oder mit einer Nörbigung, das der attaquirte den Degen zücken müssen, begleitet gewesen ich, oder nicht, gleich einem würklichen Duellanten und Provocanten zum Duell, Inhalts nachstehenden XI. bestrafet werden. Lrt. X. Wenn aber der vorkommende Casus auf eine wahre unverstellte Lsncoutro qualificirt zu seyn sich zeiget, und einer von denen, die solchergestalt aneinander gerathen, entleibet, oder so, daß er davon stutzet, verwundet wird, soll zwischen dem tl§rossoro und ^.Kresse, der gehörige Unterscheid ob sie sich illlra. terwinos iuoulpatao tntslas gehalten, beobachtet unv sonst die Sache nach den gemeinen Rechten entschieden und bestrafet werden. Lrt. XI. Wenn jemand sich gelüsten last, seinen Widersacher entweder selbst, ocer durch einen andern, zum Duell herauszufordern, es sey auf den Degen, oder auf Pistolen, zu Fuß oder zu Pferde, so soll der Herausgeforderte dem bla- Aistratni Leaäemieo sofort davon Eröffnung thun, und sodann der Provocant allein; wenn aber der Provocirte die Ans- fordcrnng, sie geschehe schrffft- oder mündlich, annimt, 10 sollen beyde, der Provocans und Provocatns, wenn gleich kein Duell daraus erfolget, sondern dasselbe, ohne der Partheyen Zuthun, durch obrigkeitliches Veranstalten abgewandt worden, aus ein Jahr all oporas pnblioas bey einen Vestungsbau, oder einem Zuchtbaufe, oder an statt dessen, auf zwey Jahr zum Gefängniß, wobey sie das erste Jahr mit blostm Wasser und Brod zu ernähren seyn, condemniret; wenn es aber zum würklichen Duell gekommen, dasselbe jedoch ohne Entleibung oder tödtlicke Verwundung abaelaufen, bcyde mit zweijähriger Ccmüemuation aä oporas xnbtioas, oder vierjähriger Gefängniß, bestrafet werden. Der Provocans soll auch nickt die geringste privat Latiskacticm für den ihm etwa zugefügten Schimpf, um deswillen die AnSfordernng geschehen, zu gewarten baden, sondern denselben immerwährend tragen. Solte jedoch der Provocans nach der von ihm geschehenen und von dem Pcovocato angenommenen Ausforderung vor dem würklichen Duell eines bessern sich besinnen, seinen Unfug des ProvocirenS erkennen, und mit dessen Bereung die Sacke, ehe sie kund worden, der akademischen Obrigkeit selbst anmelden, so soll er mit vorgesetzter Strafe übersehen, und blos in eine mäsige Geldsumme condemniret werden. ^rt. XII. Wenn der Provocatns die ihm geschehene Provokation vor dem Duell der Obrigkeit zwar denuncuret aber zu der Provokation durch eine dem Provocanten zugefügte Beschimpfung Anlaß gegeben: so ist der ProvocatuS solches seines Denunciiren ungeachtet, darum, daß er durch Beschimpfung des Provocanten zum Xnetors rixas sich gemacht, gebührend zu bestrafen; das hebet aber sodann die von dem Provocanten ver- würkte oben Lrt. XI. ausgedrückte Strafe nicht aus, sondern dieselbe ist an ihm dennoch zu vollziehen. Lrt. XIII. Diejenigen, die wegen geschehener, oder angenommener Provokation, oder wegen vollbrachten, und ohne Todlschlag abgegangenen Duells mit der Flucht sich zu retten jucken, sollen, wenn sie in Unsern Landen betreten werden, zur Haft und gebührenden Strafe gezogen werden. Wenn sie aber entkommen, und aus ergangene peremtorische bläiotal Citation sich nicht einstellen, sollen sie von Unserer Universität xubliev onm inkamia in xorpotuum, aus Unsern Landen aber aus gewisse Jahre, relcgirct, und solche Ssntontia rolsKationis der Obrigkeit des Orts, von wannen sie bürtig seyn, sä notitiam zugeschickt werden. Lrt. XIV. Wenn ein Duell in- oder ausserhalb Unserer Lande geschiehet, und einer der Duellanten dabey entleibet wird, und entweder sofort aus dem Platze todt bleibet, oder von einer empfangenen absolnts lstbalen Wunde hernach stirbet; so soll der Thäter, ohne Unterschied seines Standes, oder Wesens, und ohne alle Begnadigung, mit dem Scbwcrdt vom Leben zum Tode gebracht, und dessen Leichnam, nicht weniger der Leichnam des Entleibten, an einen Abort begraben werden. Desgleichen sollen, wenn tzeyde Duellanten anf der Wahlstatt todt tzleiben, ihre Leiber daselbst, oder an einen Abort, begraben, auch wenn einer der Duellanten verwundet, und die Wunde zwar nicht iotkal befunden wird, er aber dennoch durch Verwahrlosung seines Chirurgi, oder wegen einer andern zufälligen Ursache, daran stirbet, sein Cörper in der Stille ausserhalb des Kirchhofes eingescharret werden. Wenn der Mörder flüchtig wird, so ist derselbe durch Steckbriefe, und sonst auf alle Weise möglichst zu verfolgen; wenn man aber seiner Person nicht habhaft werden kan, sein Bildniß mit einer Beschreibung der Beschaffenheit seines volioti an den Galgen zu henken. Diese Bestrafung in eköKis soll aber die gesetzte Todesstrafe nicht aufheben, sondern dieselbe an dem Mörder, wenn er über lang oder kurz erhäschet, und vest gemacht wird, vollzogen werden, ohne daß er dawider mit der Verjährung oder einem andern Vorwand, sich schützen könne. ^rt, XV. Damit solche Missethäter desto schwerer entkommen mögen, so sollen kro Lootor und Zsnatns Leaclemious, sobald von einem vorgegangenen Duell, Loneontrs, oder Schlägerey, ihnen etwa's kund worden, eS sei damit abgelaufen, wie es wolle, mit möglichster Geschwindigkeit zu der Captnr der Verbrecher eilen, und ihrer Person in Zeiten sich zu versichern alle erdenkliche Vorkehrung anwenden. Lrt. XVI. Weil bey L-cblägercyen und Duellen Leute gemeiniglich sich befinden, die unter dem Namen von L-ccundanten, oder Mittelspersonen, in die Sachen sich mischen, denen Duellen beywohnen, auch wohl, an statt sie die in Streit gerathene zur gütlichen Beylegung ihrer Handel perfnadiren sollen, die Duelle befördern, und dazu anrcitzen; So sollen dieselbe nachfolgender maßen bestraft werden. 1) Die Secnndanten sollen in allem dem würklichen Duellanten gleich, und also, wenn das Duell ohne Entleibung abgelaufen, mit vierjähriger Gefängniß, und zwar das erste Jabr bey Wasser und Brod, oder mit zwcyjähriger Arbeit an einem Vestungsbau, oder im Zncbthaufe bestrafet; auf den Fall aber, daß eine Entleibung vorgefallen: mit dem Schwerd vom Leben zum Tode gebracht werden. 2) Die Cartelträgcr, oder mündliche Herausforderer, und welche wissentlich Waffen und Gewehr zum Duell hergeben, sind mit vierjähriger Gefängniß, oder zwcyjähriger Conclvmnation aä operas, zu bestrafen. 3) Die Diener und Domestiquen, so zu Duellen wissentliche Handreichungen, oder andere Dienste, leisten sollen 6 Mo- naie bey einem Vestungsbau im Karren schieben, oder, wenn sie zu schwach dazu sind, sechs Monate im Zucht- hause sitzen, und arbeiten. 4) Wer einem Duell zustehet, und mit Vorbewust dabey sich einfindet, aber nickt auf alle Weise bemühet ist, solcbeS zu verhüten, da er eS dock wohl gekonnt, soll 4 Wochen und nach Befinden noch länger, im Gefängniß sitzen. 5) Wer einen Duellanten vcrbirget, oder verholet, und dadurch sich schuldig machet, daß die Obrigkeit feiner nicht habhaft werden kann, auch wobl gar dem Duellanten in seiner Flucht mit Rath und That behülslich ist, dcr soll dreimonatliche Gefäuguißstrafe ausstehen. ^rt. XVII. Wer von einem geschehenen, oder vorsehenden Duell Nachricht bekömmt, soll dem jedesmahligen kro-Leetoii solches unverzüglich anmelden*), damit lctzternfciÜS die Vollziehung des Duells, wenn es möglich ist, verhindert werden könne. Wenn aber jemand dieses Anmelden unterlasset, ob er gleich im übrigen des Duells, oder des Streits, woraus er hergekommen, sich nicht theilhaftig gemachet, man aber hernach erfahret, daß er darum gcwnst, so soll er nach Bewcmduiß der Umstände mit einer Gcldbusse, oder anderer willknhrlichcr Strafe, welche der illa- tz'istratus Lomlomions zu determiniern hat, beleget werden. Eben das haben auch diejenigen vcrwürket, und soll an. ihnen vollstrecket werden, welche von einem vorsehenden, oder vorgegangenen Lonoontrs Wissenschaft gehabt, und es dem?ro- Neetori nicht angezeiget. Der I'ro-Loetor ist aber sodann schuldig, und wird hicmit befehliget, die Person, die ihm dergleichen anzeiget,. auf ihr Begehren allerdings zu verschweigen, und ihren Namen zu ihrem Nachtheil und Gefährde nicht kund zu machen. ^rt. XVIII. Einem jeden gebühret, wenn in seinem Veyscin Leute sich vcrnnwilligcn, dieselben so viel möglich zu besänftigen, und den Ansbrnch des Streits zum Handgemenge, so viel ohne Gefahr eigenen Leibes und Lebens geschehen kan, verwehren zu helfen. Wer aber solches nicht thut, und im Gegentheil den AuSbruch der Streithändcl zu Thätlichkeiten auf einige Weise veranlasset, facilitiret, oder befördert, der soll entweder in vier- monatliche Arbeitsstrafe am VestungSban oder im Zuchthaus?, wovon die Wahl dem lllagistratui üe-ulomieo zustehet, verfallen sehn. Dafcrn jemand sich so weit vergriffe, daß er Leute zu einem Duell zuscuumenhetzete, oder, welches einerley ist, zu einem verstellten Lenoontro anricthe, oder, wenn jemand diejenigen, der eine ihm kund gewordene Provokation, oder Duell, der Obrigkeit denunciiret, oder der selbst proviciret wäre, aber für die ihm wicderfahrne Beschimpfungen durch den Weg Rechtens Satiskuctioo gesnchct und erlanget, oder noch zu suchen gesonnen wäre, solches »erweislich vorzuhalten, ihn deshalber von Gesellschaften auSznschliessen, ihm bey Tisch den Teller umzukehren, oder ihm auf andere Weise verklcinerlich und verächtlich zu begegnen, sich unterstünde, und ihn dadurch per in ilireotum zum Duell, oder zu einem Dnellgleichenden Lsueontrs, anzutreiben; So soll derselbe Verbrecher denen würklichen Sccuu- dantcn gleich, nach Inhalt obigen XVI. tkrt. Xr. I. bestrafet werden, und zwar, so viel die Auhetzung zu einem Duell, oder lleneontre, betrist, mit dcr Maaßgcbung, daß, wenn das Duell oder Lsueontro, ohne Eutlcibuug abgelaufen, die Aubetzung mit zwcyjährigcr Oonäenmation all operas, oder vierjähriger Gefangenschaft, wenn aber einer dcr Duellanten, oder durch verstellte lloneontro aneinander gerathene, oder auch behde, ums Leben kommen, der Anhetzer, gleich dem, der ihn entleibet, mit dem Schwerdt vom Leben zum Tode gebracht werden solle. ttrt. XIX. Auf unserer Universität zu Eöttingen soll durchaus niemand geduldet werden, der zwar für einen Ltncliosnm sich ausgicbet, aber denen Stuäiis oder Exercitien nicht oblieget, sondern die Zeit mit Müssiggehe», Saufen und Schwelgen zubringet. und andere an ihren Stuäiis durch zudringliche Besuch- und Bcschmausungen hindert, auch wohl davon Profeßion machet, daß er Händel und Plaudcreycn zwischen Stuäiosis anrichte, sie zum Balgen und Raufen animire, alsdann zum Secundanten sich gebrauchen lasse, oder, wenn ein Studiosus sich nicht gerne duclliren will, sich zum Unterhändler auswerfe, eS in die Wege zu richten, daß der, so das Duell dccliniret, gleichsam pro roäimeuäs. voxu, durch ein dem, der ihm ein Ducll angeboten, und seinem Anhange, zu gebendes kostbares Convivium, vom Duclliren sich bestehen möge. Wer dergleichen Dinge, eines oder mehrerer sich schuldig machet, und dessen überführet wird, dcr soll allsofort, ohne einiges Nachsehen, von Unserer Universität weggeschaffet werden, und zwar, wenn er niemanden zu Schlägerehen, oder Duclliren, verleitet, durch ein Simplex vonsilium ubounäi, andernfalls aber, nach Unterschied der Umstände, entweder per relegationew xudlieam, auch *) Den Studenten der Medicin und Chirurgie ist bey 10 Rthlr. Geld- oder dem Befinden nach härterer Strafe verboten, sich aller Praxis der Medicin und Chirurgie zu enthalten, mit dem Anhange, daß wenn sie etwa bey Verwundungen academischcr Mitbürger» zu erforderlicher schleuniger Hülse gerufen werden sollten, sie doch so bald als möglich einem andern der dazu lc- gitimirct ist, die Cur übergeben und dem Köuigl. Universit. Gerichte von dem Vorfall sogleich Anzeige thun sollen. Nescript vom 5. Oct. 1761. nach Befinden onm iukawia, oder nach Inhalt abstehenden üertionli XVIII. So die Göitinger Gesetze gegen das Duellunwesen, das nach Janssen (Bd. 7 S. 163) durch französische adelige Studenten vor dem 30 jährigen Krieg an die Universität Freiburg eingeschleppt wurde und sich von dort auf die deutschen Universitäten verbreitete. Auch andere Universitütsgesctze enthielten strenge Verordnungen gegen das Ducll; so ist in den „Freyheiten und Ordnungen" der Universität Mainz vom Jahre 1746 über Duellanten und Secundanten Ehrlosigkeit und Relegation verhängt. Leider ist es trotzdem nicht gelungen, die Duell-Barbarei auszurotten, und wird es noch vieler Bemühungen bedürfen, um diesem heillosen Unfug ein Ende zu machen. Zum Schlüsse möge auch noch aus „des Hochwürdigsten Fürsten und Herrn, Herrn Johann Friederich Carl, des H. Stuhls zu Mayntz Ertz- Bischoffen, des H. N. Reichs durch Germanien Ertz- Cantzlern und Churfürsten Unsers gnädigsten Herrns, Erneuert- und vermehrte Freyheiten und Ordnungen für Dero Uralte Universität zu Mayntz (28. Dez.) 1746" folgende gegen das Duellunwesen gerichtete Bestimmungen eine Stelle finden: Ditulus XII. Von Busen, und Straffen. §. VIII. Säuffere, Spiclcre, Nachtschwärmere, und dergleichen liederliche Pnrsch sollen unter dem mißbrauchten Nahmen deren Studenten nicht gedultet, sondern wie eine ansteckende Kranckbeit aus der Stadt verwiesen, oder mittels langwürigen Kärckers zur Besserung gebracht werden. Ferners sollen diejenige, welche sich drey Monath über nirgends bey dem Vorlesen vcren öffentlichen Lehrer eiufindcn, andurcb des Einschreib- und anderer Akademischen Rechte verlustigt wissen, sofort von anderen Gerichts-Stellen eingezogen, und dem VerbesserungsHautz zur verdienten Straffe übergeben werden. §. XII. Wer den anderen zu einem Zweykampfs auf den Degen, oder Pistohlcn forderet, oder dem Forderenden an bestimmtem Orth erscheinet, soll als unehrlich öffentlich von der Universität verwiesen werden, und mit gleicher Straff sollen auch die belegt werden, welche dem Zwcykampf als Erbettene Vor- und Zuständte beywohnen, gegen die Kämpffende aber selbst soll nach Recht, und dem dahiesigcn besonderen Duell- Edict verfahren werden. Ei» Wort über die alten Sprachen und den Einfluß der klassischen Studien in politischer und religiöser Beziehung. (Fortsetzung.) 8. Auch in Rom finden wir zuerst (zwei und ein halbes Jahrhundert hindurch) Könige mit eingeschränkter Gewalt. Ihnen steht der Senat und die Versammlung der Comitien zur Seite. Nach der Vertreibung der Tarquinier wird die Gewalt des Königs ungeschmälert auf zwei Consuln übertragen.^) Der Stand des Adels beherrscht den Staat, aus ihm werden die Senatoren und alle Beamten gewählt, er ist im Besitze des Staatslandes (aZer publious). Die Plebejer gewinnen durch die Vertreibung des Königs nicht das Mindeste, sie fühlen im Gegentheil den Druck der Patricier doppelt, da dieselben jetzt durch nichts mehr in Schranken gehalten werden. Wir erinnern nur an das Schicksal der plebejischen Schuldknechte, die, wenn sie nicht bezahlen konnten, den Gläubigern (und diese waren fast nur Patricier) mit ihrer Person verfallen waren "°) lüv. II. 1. 324 und so förmlich die Sklaven derselben wurden. Die Plebejer klagen deßhalb, daß ihre Lage zu Hause eine härtere sei, als im Kriegsdienste gegen auswärtige Feinde?") Es entsteht durch jenen Druck ein langwieriger Kampf zwischen den Patriciern und Plebejern, der über 200 Jahre dauert, bis endlich der Bürgerstand dem Adel ein Recht nach dem andern abgerungen und die Gleichstellung beider Stände erkämpft hat. Aber auch nach der gesetzlichen Gleichstellung überwiegt die Macht des ersten Standes noch eine geraume Zeit, bis der Bürgerstand ihm faktisch das Gleichgewicht hält. Die inneren Kämpfe um das Standes-Jnteresse dauern fort. Daß der Staat bei diesen immerwährenden Unruhen im Innern nicht zu Grunde ging, hatte seinen Grund darin, daß er gleichzeitig stets gegen auswärtige Feinde zu kämpfen hatte. Die gemeinsame Gefahr nöthigte die Bürger immer wieder zur Eintracht und ließ den inneren Streit nie zum Aeußersten kommen?") Ebenso hatten die auswärtigen Kriege um Selbsterhal- jung und Erweiterung des Staates die gute Folge, daß sie das römische Volk in angestrengter Thätigkeit und bet einfachen Sitten erhielten, vor Weichlichkeit und Genußsucht lange bewahrten und für die Bevölkerung der Stadt Rom einen Ableiter bildeten. Außerdem wurde in gefährlichen Zeitumständen das monarchische Princip auf höchster Stufe zu Hilfe gerufen, man legte alle Staatsgewalt in eine Hand, man schritt zur Wahl eines Dictators, der eine unumschränkte Macht, selbst über Leben und Tod der Bürger, besaß. (Nach Livius wurde in der Zeit von 499—301, von T. Lartius bis Val. Maximus, also in nicht ganz 200 Jahren, 48 Mal zur Wahl eines Dictators die Zuflucht genommen.) Durch diese Ursachen, äußeren Umstände und Mittel hat sich die römische Republik theils in absolut, theils in überwiegend aristokratischer Form (vor dem faktischen Eintreten der Demokratie) beinahe vierhundert Jahre erhalten, durch ihre beharrliche und conieguente Eroberungspolitik, durch den selbst im größten Unglück nicht verzagenden Muth ihrer Bürger?^) durch die stanncnswerthe Tapferkeit ihrer wohlgeübtcn Heere eine außerordentliche Größe erreicht. Die äußere Gefahr, der fortgesetzte Krieg war also einerseits die nothwendige Bedingung, daß der innere Kampf nicht bis zur Auflösung und Zerstörung des Staatsgebäudes sich steigerte, anderseits die Hauptursache des Glanzes nach außen. Wir würden den Zustand des römischen Staates und Volkes jener Zeit einen wünschens- werthen, einen glücklichen nennen, wenn der Hauptzweck der Menschheit im gegenseitigen Vernichtungskampfe, wenn das Glück der Völker im Kriegführen bestünde, wenn der Krieg sich selbst Zweck wäre und nicht vielmehr, wie Aristoteles und Cicero sagen, nur das Mittel zur Erlangung eines ehrenvollen und guten Friedens sein sollte. Doch nach dem letzten gefährlichen Kampfe, nach der Demüthigung und Zerstörung Karthagos ist Rom in keiner äußeren Gefahr mehr, kein Brennus, kein Hanni- bal rückt mehr gegen die Stadt und schreckt die Bürger; Rom hat Frieden oder könnte ihn wenigstens haben und die reiche Beute der glorreichen Kriege in Ruhe genießen. -°) viv. II. 23. vorrk. ibiä. II. 27 u. 32. viv. XXII, 12, viv. XXII, 61. ") Schön sagt hierüber Horaz (Oä. IV, 4): vnris ut ilex torrsa bipennidns Xi^ras keraoi kronäis in ^IZicko, ker äamira, per eaeäss, ab ixso vueit opss nuimnmqus kerro. Aber gerade diese Beute ist Gift für die Eingeweide des Staates, weil mit dem Reichthum zugleich die Ueppigkeit und Genußsucht ihren Einzug hält. Gerade die Ruhe und die Sicherheit vor äußeren Feinden, gerade der Umstand, daß kein Feind mehr gegen Rom zieht und die streitenden Parteien zur Eintracht nöthigt, ist jetzt dem Staate zum Untergang,"") weil dieses zuvor seine Lebensbedinguug gewesen. Der innere Kampf wird jetzt um so heftiger und gefährlicher, je mehr die Demokratie die Oberhand gewinnt. Die gesteigerte Heftigkeit der Parteikämpfe regt nun mehr als je die Leidenschaften auf und zerstört die Sittlichkeit?") Während vorher die Furcht vor dem äußeren Feinde zur Mäßigung mahnte und das Bindemittel der zwistigen Stände war, herrscht jetzt Leidenschaft und Zwietracht. Das Wohl des Staates ist nicht mehr der oberste Zweck aller Stände und einzelnen Bürger, sondern der Staat wird fortan zur Erreichung der Privat- und Parteizwccke auf jegliche Weise ausgebeutet."^) Die innere Fäulniß wird zuerst im Jugurtinischeu Kriege recht offenbar. Volksgunst, Staatsämter, alles war käuflich""): wer am heftigsten die Senatspartei bekämpfte, wer am meisten gab oder versprach, der hatte die große Menge, namentlich den besitzlosen Theil"") derselben, zu seinem Anhange und bereitwilligen Werkzeuge. Marius erlangt dnrch Verleumdung seines Vorgesetzten, des Metellus (ooirk. Lull. 64 u. 65), das Consulat, und nachdem er als Plebejer und lwuiv novrm einen Patrizier, welchem er Uebermuth und Herrschsucht vorgeworfen, vervrängt hatte, wurde er selbst so ehrgeizig und herrschsüchtig, daß er seinem Gegner, dem schrecklichen Sulla, an Herrschsucht und Grausamkeit um nichts nachstand. Sobald die eine Partei siegte, verfolgte sie den Sieg an der Gegenpartei, an ihren Mitbürgern auf schonungslose Weise dnrch Proskription, Raub, Mord und Gewaltthaten jeder Art;"^) man mißhandelte, verbannte und tödtete die Anhänger der Gegenpartei, theils um das Nachegefühl an ihnen zu sättigen, theils um ihre Güter wegzunehmen."") Während in dem Bürgerkriege des Marius und Sulla die beiden Stände der Patrizier und Plebejer sich feindlich gegenüberstanden und sich gegenseitig durch Herrsch- und Habsucht, Blutgier und Grausamkeit zu übertreffen suchten, sehen wir bald darauf in der catilinarischen Verschwörung nicht so fast einen Kampf des Bürgerstandes gegen den Adel, sondern vorzugsweise einen Kampf von besitzlosen, stark verschuldeten und moralisch ganz niedrigen Menschen gegen die besitzende und moralisch bessere Klasse. Cicero faßt die Anhänger des Catilina unter folgenden sechs Klassen zusammen, die bei ähnlichen Ereignissen überall und zu allen Zeiten vorzukommen scheinen. Der vortrefflichen Bezeichnung wegen setzen wir die ganze Stelle, so lange sie auch ist, hieher: »vnuin Fenns est eornin, gui rnagno in aero aUsno Majores etianr possessiones dabent, guarum ainors aääueti äissoivi nulle nroäo possuut. vorum Irorninrun Speeres est tronestissima: surrt «nim locnxlstes, vvlnntas ve-ro et eansa impuäeirtissrirrr ... Huri! vniin exspectas? beiluiv? gniä? srFo in vastationo ornnium Inas possessiones saerosanetas lutnras xrrtas 2 Llterum gemis est eoruiu, gui guamguampremnntrrr aere --) 8-rII. 6-rt. 10. °') 8-rII. ,7u» 5. "«) 8-rII. änF. 41. "°) 8-rII. äriA. 35. 8-rII. IriA. 86. "') 8-rIl. 6ar. 11. 6onk. 6io. pro kose. Lmer. °°) 8-rlI. 6-rt. 51. 325 slieno, äominationsm ts.msn exspsetLni- rerm» potiri volunk, kooores, guos qriista rspuklies. äespsrank, povturkskL eonseg»! ss passe arditrantur. lertiom ^enus sst aetsta eonkeetui», seä tsmen exercitationo rokustum; guo ex gsnsro est klellkis, v»i Mine 6s.ti>inL saecsäit. Hi sunt Kamines ex üs eoloniis, g»as LuIIa I'nesulis constituit; c>uas e§o uni versag civinm esse optimornm ei) kortissimoruw virorum sentio; seil tarnen ki sunt coioni, gui ss in inspero-tis rspontivisgas pseuniis snwtnosiug insoientirisHns jaetarunt: II i clum asäiüernt, tairr- gULw keati, ämu prasäiis, lsetiois, kainiliis mngnis, eonviviig appsratis clelsotantor, in tanturn aas aliennm inciäerunt, »t, si salvi esso velint, Lulln sit iis all inkeris exeitanclns; gui etism nonnnllog »Orestes, Kamines tsnnes atczno e§e»tes in eanäein illam spom rapinarum vstsruin impnlsrnnt; guos ego »trosgne, tznirites, in eoclem Feuers prasclatorum äirep- tornmqns pono. tzuartum Avnns sst sanv varium est inistnm st tnikulontnm; gui ssi» priclam premuntur (se. aers alieno), g»i nnnrquam emergsut, gei partim etiam snmtikns, in vetsrs asrs alisoo vaeillant, g»i vaäiiuonüs, jüäieüs, proserixtionibus bonormn äskatiFati, pormulti et ax urke et ex nxris ss in illa eastra conksrrs äiouvtur. tzuiotum Aenns sst parrici- äarum, sicariorum, äenignv ownium kaeinorosoram. kost- rsmnin autei» §snns sst non solnin vnmsro, vsrnm stiam Fsners ixso atgus vita, gnoä proxrium sst Oatilinae, cls esus äolsetn, iinrno voro äs eoinploxn sjus ao sinn, guos xsxo eaxillo nitiäos, ant imksrkos ant bans karkatos viästis, wanicatis st talarikns tnnieis, volis amietos, non tozis; quoruin omninm inclustria vitas et vigilanäi lakor in ants- Inoanis eosnis expromitur. In kis Fregikus omnss aleatorss, omnss aänlteri, omnss impnri impuäioiguv varsantnr. (Orat. in (latil. II, 8 sgg.) Die Versprechungen des Catilina und die Hoffnungen seiner Anhänger waren auf die Besitznahme der Staatsämter und der Güter ihrer Mitbürger gerichtet.") Anfangs schien freilich der Zweck ein mehr allgemeiner zu sein und das Interesse des Bürgerstandes dem Adel gegenüber zu betreffen. Aus diesem Grunde sowohl als auch aus Ncuerungssucht war der ganze Stand des gemeinen Volkes anfangs für das Unternehmen des Catilina;") allein als die eigentliche Tendenz der Verschworenen offen da lag, trat ein Umschlag der Gesinnung ein. man verdammte die Pläne des Catilina und erhob den Consnl Cicero als den Retter des Staates in den Himmel.") Aber dasselbe Volk. das jetzt den Consul als Vater des Vaterlandes pries, verbannte ihn nach kurzer Zeit auf Rath und Antrieb des schändlichen Clodius. Die Menge zeigte überhaupt weder Einsicht noch eigenen Willen, keinen Grundsatz, keinen zuverlässigen Charakter, sondern große Unselbststündigkeit, Veränderlichkeit, Uebermutb und Neigung zu Gewaltthaten. Die Worte des Livins (XXIV, 25) scheinen allgemein anwendbar zu sein, wenn er sagt: Hase »sture. rrmltituäims est: aut servil kumilitsr, ant superkv clowiuatur; liksrtutsm, guas meclia, est, nee sperovro moäiee, nae Imkere sciunt; et non kenne ässunt warum inälllZentes ministri, gui uviclos atgue intcmperantes xlekejorum suimos aä sanZuinew et caeäom irriteut. Das, worüber schon im ersten Jahrhundert der römischen Republik (469 v. Chr.) nicht ohne Grund im Senate geklagt wurde, daß nämlich durch die Streitigkeiten im Innern der Staat zerfleischt werde, daß es sich dabei nicht mehr um das Wohl des Staates, sondern um den Besitz der Herrschaft in demselben handle, war jetzt im vollsten Maße eingetreten. In diesem letzten Stadium der römischen Republik stieg daher der Kampf der Parteien auf den höchsten Grad. Er bestand nicht mehr, wie früher, größtentheils in Feindseligkeiten und blutigen Auftritten in der Stadt Rom selbst, sondern der ganze Staat ist jetzt in zwei feindliche Lager ge- °°) Lall. 6atil. 31. *°) Lall. 6atil. 37. ") Lall. vatil. 48. theilt, in allen Ländern und Provinzen deS römischen Reiches werden von Römern gegen Römer blutige Schlachten geschlagen. Deßhalb ruft der Dichter klagend aus: Hais non Istina sangiiius pinxmor Lampus sspulckris impia proelia Lsstatur uuäitum^us Llsäis Ilesperias sanitär» ruin-rs? tzui Anr^es ant gnae ilnmina, InAnkris Ixinrra Kolli? guocl rnars vannias klon äseoloravere eaeävs? (juas oarot ora ernoro nostro? Hör. 0cl. II. 1. 6onk. ikiä. I. 14. Eine österreichische Erzherzogin als Romanschriftstellerin. Von Joseph Maurer. Erzherzog Sigmund von Oesterreich wurde 1427 zu Innsbruck als Sohn des Herzogs Friedrich mit der leeren Tasche geboren und wurde nach seines Vaters Tode, 1439, Erbe von dessen Ländern, namentlich von Tirol. Von seinen Zeitgenossen erhielt er den Beinamen „der Münzreiche". Im Jahre 1448 verehelichte er sich mit Eleonore, der Tochter des gelehrten König Jakob I. von Schottland, welche Ehe 32 Jahre dauerte. Sigmund umgab sich gerne mit einem Kreis von Dichtern und Gelehrten, in dem sich auch Eleonora heimisch fühlte, da ihr schon in ihrer Heimath Lust und Liebe zu den Wissenschaften beigebracht wurden. Eleonora fand an der Literatur ein solches Wohlgefallen, daß sie endlich selbst zur Feder griff und Schriftstellerin wurde. Erzherzogin Sigmund fand nämlich an einem französischen Roman, l'llistoira äu Xobls Rox Lcmtus, üls äu Ilo^ äs Oulias st äs Ig. sislls LiäoMS AIs äu Ilox äs LrstaiZns" besonderes Gefallen, so daß sich Eleonora bewogen fühlte, diesen Roman „ihrem ehelichen Gemahl zulieb und gefallen" in deutscher Sprache zu bearbeiten, waS ihr so vortrefflich gelang, daß aus dem französischen Roman ein deutsches Volksbuch wurde, daS zahlreiche neue Auflagen, Wieder- und Nachdrucke erlebte. Die Erzherzogin benutzte für ihre Arbeit das französische Original sowie eine lateinische Uebersetzung, die aber jetzt nicht mehr vorhanden ist. Sie gab ihrer Arbeit folgenden Titel: „Hie hebt sich an eine schön History, daraus und davon man vil guter, schöner Lehre, Unterweisung und Gleichnuß mag nennen und besunder die jungen, so sie hören und vernemen die Gutthat und grob Ehre und Tugent so ihre Eltern und Vordem gethan und an ihnen gehabt haben" u. s. w. Hierauf folgt die Angabe, daß die Erzherzogin die Geschichte „von französischen Zungen in Teutsch transferirt und gemacht hat dem durchlauchtigen hochgebornen Fürsten und Herrn Sigmunden Erzherzog zu Oesterreich ihrem ehelichen Genial zulieb und zugefallen." Die Drucklegung ihres Buches erlebte die Erzherzogin nicht mehr, denn sie starb schon 1480, während ihr Buch erst drei Jahre später aus der Druckerpresse hervorging; denn es heißt am Ende des Buches: „Gedruckt und vollendet ist dies Büchlein genannt PontuS von Hansen Schönsperger in der kaiserlichen Stadt Augs- , bürg, da man zält nach Christi gepurt Ll0666ll,XXXIII." Das Buch wurde in Augsburg, Frankfurt, Nürnberg, Straßburg 1498, 1509, 1539, 1542, 1548, 1557 «. s. w. wieder gedruckt. Die Nürnberger Ausgabe vom Jahre 1645, die bei Michael Endter erschien, sucht das Versprechen ihres Titels: „eine gar kurzweilige Lcctüre" zu bieten, dadurch noch eher zu erreichen, indem 57 Illustrationen in naivem Holzschnitt beigegeben sind, von denen einzelne Bilder zweimal und auch öfter vorkommen, so oft sich nämlich eine Scene geschildert findet, zu der sie halbwegs passen. Das Volksbuch „Pontus und Sidonia" hat beiläufig folgenden Inhalt: Pontus ist natürlich ein Held, welcher die Bretagne vor den einfallenden Heiden siegreich beschützt. Er liebt die Königstochter Sidonia und es wird zwar seine Liebe erwidert, aber der neidische Gendellet verleumdet ihn, worauf Pontus nach England geht und dort große Heldenthaten verübt. Als er zurückkehrt, kommt er gerade noch zu recht, um Sidonia von der Ehe abzuhalten, zu welcher Gendellet sie mit ihm selbst zwingen will. Der Verleumder wird entlarvt und büßt seine Schandthaten mit dem Leben. Die Heldin des Buches hat überhaupt mit allen möglichen Hindernissen mit Furcht, Hinterlist, Verrath u. s. w. zu kämpfen, so z. B. gleich im Eingänge, wo ihr der Seneschall statt des Ritters PontuS dessen Vetter Polidas zuführt, welche Verwechslung aber ohne weitere schlechte Folgen bleibt, da Polidas so ehrlich ist zu bekennen, wer er eigentlich ist. Sidonia stellt nun den Seneschall ordentlich zur Rede: „Förcht ir mein, ich will und weiß meine Ehre wol zu bewahren, das solt ihr noch jemand bezweifeln." Daraufhin holte ihr der Seneschall den wahren Ritter Pontus. „Ich bitte Euch", sprach sie, „gehet hin und bleibet nicht lange aus." Und dann heißt es: „der Seneschall ging hin den Pontum zu holen, die Sidonia ging in ihr Gemach und erwartet mit großer Begierd und Freud des Jünglings und sah zu einem Fenster hinaus auf den Weg, da er herkommen sollte, und war Niemand bei ihr als Elois, ihre liebe Jungfrau, und also schauet Elois auch oft aus, um am letzten kam Elois schnell gelaufen zu der Frauen und sprach: Fran er kommt, der schönste in der Welt. — Da erschrnck Sidonia von großen Freuden, die sie empfinge und ging auch an das Fenster und sah ihn und den Seneschall mit einander kommen. Und als sie den Pontum recht ersah, da war er gerade, lang und schön, daß sie sie darob verwundert und sprach: Liebe Elois, er bedünkt mich ausdermaßen schön. Dazu sprach Elois: Fran, er ist nicht ein Mann, sondern ein Engel, denn ich habe keine menschliche Creatur nie so hübsch gesehen. Gott hat ihn mit seiner eigenen Hand gemacht. — Auf mein Eid ja, sprach Sidonia, liebe Elois. Und bald ging sie heraus in eine große Kammer, da ihre Frauen und Jungfrauen immer waren und wartete daselbst. Da kam Pontus und der Seneschall, Pontus erzeuget sich ganz höflich mit Worten und Geberden, mit züchtigen Reden und fürstlichen Ansprachen, wie er solches gelernt und wol unterrichtet war. Da ging Sidonia ihm entgegen und empfing ihn auch gar lieblich und schön, nahm ihn mit seiner Hand, führet ihn mit ihr hinein in ihr Königlich Gemach und hieß ihn zur niedersetzen auf ihren Stuhl. Aber der züchtig und edelich Pontus wehrt sich und sprach: „Gnädige Frau, es ist nicht billig noch ziemlich, daß ich zu Euch auf Euren Stuhl soll sitzen, ich bin ein Jüngling und geringe Person, dieser Ehren gar nicht würdig, und macht sich ihr fast ungleich und unterthänig." Da sprach Sidonia zu ihm: „Warum treibt ihr soviel Gcprens, ihr seid doch wol eines Königs Kind wie ich." Er sprach: „Ihr seid eines mächtigen Königs Tochter, ich einer, der weder Land noch Lent hat und werde allein erhalten durch die Wohlthaten, die mir von Eurem Vater meinem Herrn widerfahren, der mir viel Gutes thut." „Lieber Pontus", spricht sie, „lasset solche Worte unterwegen." Das nächste Kapitel erzählt: „Was für Gespräch, schöner Rede, Kurzweil und Höflichkeit Sidonia und Pontus miteinander hatten, auL wie Sidonia an Pontum begehrte, ihr Ritter zu werden, darauf sie ihm ein Fingerling gibet und er ihr schwor, für allen anderen Frauen ihr Ritter zn sein und ihr zu dienen, so lange er lebet." Pontus hielt diesen Schwur, so viele Gelegenheiten und Gefahren es auch gab, die ihm die Haltung desselben auf alle mögliche Weise erschwerten. Zuletzt wurde er doch ihr Gemahl, nachdem alle Hindernisse und Prüfungen glücklich überwunden und überstanden waren. Sidonia aber war an seiner Seiie Königin von Galicia. Das letzte Bild des Buches zeigt uns einen pompösen Leichenzug, dem ein Bischof in vollem Ornate in würdevoller Haltung voranschreitct, Männer mit Gugel- hauben tragen einen Sarg anf den Schultern und Pagen gehen zu beiden Seiten als Fackelträger. Unter dem Bilde ist zu lesen: „Der König PoutuS und die Königin Sidonia regierten eine lange Zeit nach ihrer Landschaft gefallen. Darnach stürben sie mit großer Klag von allen ihren Unterthanen. Aber es ist so gestalt, mnb dieser Welt Leben, daß kein Mensch so fromb oder so reich, noch so hübsch, noch so mächtig, er muß von dieser Welt scheiden. Ende!" Wer diesen Roman der Erzherzogin Eleonore, der zum Volksbuchs geworden ist, in neuhochdeutscher Bearbeitung lesen will, der nehme die neueste Ausgabe desselben von Karl Simrock (die deutschen Volksbücher, Frankfurt-a. M., 11. Band) zur Hand und er wird finden, daß „die zierliche, ruhmreiche und fruchtbare Histori" wirklich „gar kurzweilig zu lesen" ist. Erzherzog Sigmund, der sich 1487 wieder mit Katharina von Sachsen verehelicht hatte, überlebte seine erste Gattin um sechzehn Jahre, indem er am 4. März 1496 aus diesem Leben schied. Da er ohne Leibeserben starb, so hatte er seinen Vetter Maximilian I. an Kindesstatt angenommen und setzte ihn zum Erben aller seiner Besitzungen ein, wodurch Tirol und Vorderösterreich wieder in den Besitz der österreichischen Hauptlinie kamen. Ein Besuch in Paris im Herbst 1817. (Fortsetzung.) p. Wir fuhren also bei den Champs Elysees vorbei nach dem für den König von Rom projectirten PalaiS; was dort gebaut worden war, wurde bereits abgetragen und der Platz, auf welchem das Palais zu stehen kommen sollte, eingeebnet. Von da gelangten wir über die Brücke der Invaliden (früher Pont de Jeux) nach dem Marsfeld, einem großen länglichen Viereck, Manövrirplatz der Pariser Garnison, der von der Seine bis zur Ecole Militaire reicht, welches letztere Gebäude Ludwig XV. für 500 junge Edelleute errichten ließ, die sich dem Waffendienst widmen wollten, und welches Ludwig XVIII. dieser Bestimmung wiedergegeben hat. Von hier aus erreichten wir das Hotel der Invaliden: Ludwig XIV. legte den Grundstein zu diesem Bau; 1671 und 1679 327 wurde derselbe unter Bruants Leitung vollendet. Von der Seine her kommt man zunächst in einen mit Gräben umgebenen und mit eisernen Gittern eingefaßten Vorhast hinter welchem sich das großartige Bauwerk erhebt. An dem Mittelgebäude befindet sich ein mit Trophäen geschmückter Triumphbogen, unter welchem ein Basrelief von Coustou angebracht ist, Ludwig XIV. zu Pferd darstellend, begleitet von der Gerechtigkeit und der Klugheit. Die Statuen des Mars und der Minerva stehen rechts und links des Hauptthorcs, und die 4 bronzenen Sclaven von Desjardins, die für die Place des Victoires bestimmt waren, schmücken die Ecken der Flügelpavillons. Im Innern gibt es nicht weniger als 14 Höfe. 6- bis 7000 Invaliden bekommen hier Wohnung und Verpflegung. Ein Marschall von Frankreich ist Gouverneur des Palastes; unter ihm steht ein Generalstab. Die Stabsund Oberoffiziere bewohnen einen eigenen Pavillon: wir besahen uns ihren Speisesaal, in welchem sie an runden Tischen zu 6 und 8 speisen, Mittags drei und Abends zwei Gänge erhalten und zu jeder Mahlzeit eine Flasche Wein, während den Soldaten eine halbe Flasche Wein und ein Gericht weniger verabreicht wird. Die Kranken werden von den Schwestern des hl. Vincenz von Paul gepflegt. Wir besuchten auch den Dom, dessen vergoldete Kuppel, wie ich bereits erwähnte, man in ganz Paris sieht. Er ist von Mansard erbaut, sehr reich ausgestattet und mit Marmorplatten belegt: in seine mittlere Kuppel hat Lafosse die Apotheose des hl. Ludwig gemalt, wie er Gott Vater seine Krone und sein Schwert darbietet. Die anstoßenden Kapellen des hl. Hieronymus, hl. Ambrosins und hl. Augustinus sind mit Gemälden von Bonllongce, die übrigen drei von andern Meistern geschmückt. Früher hingen im Dom Hunderte von eroberten Fahnen, die aber, als die Alliirten das erste Mal in Paris einrückten, von den Invaliden verbrannt wurden. Von hier fuhren wir nach dem Palais Luxembourg, dem Sitzungslokal der Pairs; sein Treppenhaus ist besonders schön, aber von den Statuen der Feldherren, die in demselben standen, hat man nur noch die von Desaix, Marceau und von noch zwei andern stehen lassen, während man die übrigen mit allegorischen Figuren aus der Antike vertauschte. Die Gemäldesammlung ist, wie ich bereits erwähnte, in den Louvre gekommen; nur einige größere Stücke blieben zurück, unter anderen ein Gemälde, die Siegeskrönung Napoleons darstellend: man hatte aber jetzt seinem Körper einen andern Kopf aufgesetzt! Im Sitzungssaal der Pairs war der frühere Thron weg. genommen worden, dagegen im Nebensaal ein Thronsessel für den König aufgestellt. Ney hat in diesem Palast seine letzten Tage zugebracht und ist am 7. Dez. 1815 früh 9 Uhr im Garten des Luxembourg in der Nähe der Umfassungsmauer erschossen worden. Dieser Garten bildet eine der beliebtesten öffentlichen Promenaden; da er nicht ganz eben ist, bietet er in Folge dessen manche Abwechselung; zum Schmuck dienen ihm Statuen heidnischer Gottheiten: Venus, Flora, Diana, Bacchus u. s. w. sind vielfach vertreten. Am Pantheon, das wir nun aufsuchten, wird die Aufschrift „Den berühmten Männern die dankbare Nation" ausgekratzt, um der früheren: „Sie. Geneviöve" Platz zu machen, da das Gebäude dem kirchlichen Cultus wiedergegeben und wie früher unter den Schutz der Patronin von Paris, der hl. Genoveva, gestellt werden soll. Ludwig XV. ließ an Stelle einer älteren, baufällig gewordenen Kirche, welche ebenfalls diese Schutz- patronin hatte, den Neubau beginnen, der 1770 beendet wurde; während der Revolution und auch unter Napoleon dienten seine Grüfte als Begräbntßstätten berühmter Männer. Wir stiegen zu ihnen hinab und besuchten unter anderen das Grab des Generals Neynier, welcher 1809, 1812 und 1813 unsere Truppen commandirte. Neuerdings ist bestimmt worden, daß alle Marschälle, Cardinäle, Minister, Großoffiziere der Ehrenlegion und Senatoren hier beigesetzt werden sollen. In dem Pantheon selbst befinden sich die Denkmäler von Turenne und Rousseau. Der Platz um die Kirche ist, wie gewöhnlich bei allen im Bau begriffenen Gebäuden, mit einer Bretterwand umgeben, was einen unangenehmen Eindruck macht. Es war nun Zeit zur Heimfahrt, die wir über den Pont Neuf antraten, der über die beiden Arme der Seine führt, und zwar in der Nähe der unteren Spitze der Jsle du Palais. Begonnen wurde der Bau desselben unter Heinrich III. und während der Regierung Heinrichs IV. beendet. Des letzteren Monument in Bronze vom Jahre 1614 (welches neben der Brücke auf der Insel stand) wurde, nachdem es zu Anfang der Revolution ein Gegenstand der Verehrung des Pöbels gewesen war, nachher von diesem zerstört. An derselben Stelle, wo jenes gestanden hatte, wurde 1814 eine Neiterstatue Heinrichs IV. in Gips aufgestellt, die später durch eine gleiche in Bronze ersetzt werden soll. Wir besahen uns noch im Vorbeifahren die Fontaine Desaix auf der Place Dauphins, errichtet zum Andenken an den General Desaix, der bei Marengo fiel. Gespeist wurde heute zu allgemeiner Zufriedenheit bei dem Restaurateur Grignon, Nue Neuve des PetitS Champs: trotzdem das Diner in jeder Hinsicht ein ganz vorzügliches war, kam es jeder Person nicht höher als 6—7 Francs zu stehen. Nachher fuhren wir ins Theater der Grande Academie, auch Grand Opera genannt, wo man „Die Karawane von Kairo" von Gretry und das Ballet „Nina" gab. Der Umfang des Theaters — es ist wohl das größte der Welt — die kunstvolle Darstellung, die herrlichen Dekorationen; alles das machte die Vorstellung zum Vollkommensten, das man sehen konnte; außerdem findet sich dort die ganze vornehme und schöne Welt von PnriS zusammen, nicht nur um zu sehen, sondern auch um gesehen zu werden. Unsere für heute, Dienstag den 4., geplanten Ausflüge wurden durch die Eröffnung der Kammern beschränkt. Vor derselben fand eine hl. Geist-Messe in Notre Dame statt, um den Segen Gottes zu der kommenden Session zu erflehen. Wir zogen es aber vor, nicht dahin zu gehen, da man uns vor dem Andrang des Publikums warnte, sondern hörten erst eine stille hl. Messe in Notre Dame des Victoires, dann bestellten wir Einiges, und als wir zum Frühstück in das Cafs de Foy gehen wollten, kam Einsiedel und erzählte uns, daß er den Zug des königlichen Hofes in die Kirche gesehen habe. Es wurde daher beschlossen, letzteren aus der Kirche zurückkommen zu sehen, worauf wir freilich zwei Stunden warten mußten. Endlich nahte der Zug; voran ritten die Stäbe der kgl. Garden, dann kamen viele 8 spännige Gnlawagen, in welchen Hofchargcn saßen, hierauf 4 Herolde und hinter diesen die Wagen mit der kgl. Familie. Die Equipagen waren prachtvoll und sollen (wie uns der Lohnbediente erzählte) bei der Ver- mühlungSfeier Marie Louisens Verwendung gefunden 328 haben. Weniger glänzend war das Geleite der Gardes j du Corps und der Grenadiergarde zu Pferde, ebenso fiel die schlechte Haltung der Truppen, welche die Haie von Notre Dame nach den Tuilcrien bildeten, unangenehm auf. In der dem Zug zuschauenden Menge war kein Gedränge zu bemerken, ebensowenig hörte man freudige Zurufe. Da uns dadurch der Nachmittag für weitere Partien verloren gegangen war, wanderten wir nach dem Platz des Jnnocents, einem früheren Kirchhof, wo jetzt die berüchtigten Fischweiber fitzen und ihre Waare feilbieten. In der Nähe dieses Platzes ist in der Straße de la Ferronnerie die Stelle zu sehen, wo Heinrich IV. am 14. Mai 1610 von Navaillac erstochen wurde. Das Haus, vor welchem die Mordthat geschah, trägt das Bildniß des Königs über der Hausthür. Wir halten es übersehen und wollten nicht wieder umkehren; dafür ward uns die Genugthuung, Zeugen eines Auftritts unter den Fischweibern zu sein. Zwei derselben spaßten mit einander, spien sich ins Gesicht und schimpften sich: dennoch herrschte die größte Harmonie unter ihnen. Wir besahen uns auch die Halle aux Blas, Nue de Viarmes, ein großes rundes Gebäude, das in eine Kuppel endigt, die mit Glas bedeckt ist, um das Licht hereinfallen zu lassen. Es ist mit den verschiedensten Gattungen von Mehl gefüllt und wurde 1762 an der Stelle erbaut, wo früher das Hotel de Soissons gestanden harte. An der Wölbung der Kuppel befindet sich jetzt kein Holzwerk, denn nach dem Brand von 1802 hat man sie im Jahre 1806 aus Eisen und Kupfer hergestellt. An der Außenmauer der Halle aux Bläs ist die 95 par. Fuß hohe, schöne Medicissäule befestigt, in deren Innern eine Treppe bis auf das Kapitäl führt, auf welchem sich eine Art Observatorium befindet. Unser nächster Weg führte uns bei der Place Noyale vorbei, unweit welcher (in einem kleinen Gäßchen vor der Wache des Gefängnisses La Force) im September 1792 die Obersthofmeisterin der Königin Marie Antoinette, die Princessin von Lamballe, auf barbarische Weise umgebracht wurde, nachdem sie es abgelehnt hatte, ihren Haß gegen König und Königin, sowie gegen das Königthum überhaupt auszusprechen. Man schnitt ihr den Leib auf, bratete und aß einzelne Theile und Glieder derselben u. s. w., steckte ihren Kopf auf eine Pike und hielt ihn vor das Fenster des Gefängnisses der unglücklichen Königin. Wir kehrten nun in unser Hotel zurück, die Damen ruhten sich aus und kleideten sich um, dann ging es zum Essen zu den Trois Fröres Provenceaux im Palais Noyal und von da ins Theatre Frangais, Nue Richelieu, dicht am Palais Noyal, wo fast ausschließlich nur Tragödien und Schauspiele aufgeführt werden. Man gab „1^68 wuniSres äs8 §runcl8 liomiw68" und noch ein anderes Stück, welches wir aber nicht abwarteten. Im ersteren kamen viele Anspielungen auf den Dünkel der Geburt vor; jede derselben wurde eifrig beklatscht. Uebrigens spielte man ausgezeichnet, die Mlle. Mars, Talma und die vorzüglichsten Schauspieler traten auf; die Sprache war außerordentlich schön und stand zu dem Spiel in gleichem Verhältniß. (Schluß folgt.) Vcrantw- Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Neceusionen und Notizen. Axenstein. Eine Doppelnovelle von C. Miethe, Verfasser von „Schloß Karnath" — „Ein Sommer" — „Usr aspsra all astra." — „Gräfin Klausel" rc. rc. Berlin 1894. R. v. Decker'S Verlag. G. Schenk. 187 S. 8°. Preis 3 Mark. O Der bekannte Schweizergasthof auf dem herrlichen Axen- stein und seine prachtvolle Umgebung bilden den Schauplatz einer reizenden Doppclnovclle, deren Fabel trotz ihrer Einfachheit und Anspruchslosigkeit durch bie geist- und gemüthvolle Entwicklung und Darstellung und durch die treffliche scharfe Zeichnung der Charaktere das vollste Interesse deS Lesers in Anspruch nimmt und ihn bis zum Ende in steter Spannung erhält. Der Inhalt ist durchaus rein, die Sprache gewählt und schön, und so kann das Buch zu einer nicht blos einmaligen stets genußreichen Lesung bestens empfohlen werden. Vom Deutschen Hausjchatz liegt nunmehr das letzte Heft des 20. Jahrgangs vor. Wie uns die Verlagshandlung mittheilt, wird der neue Jahrgang die vorhergehenden an Reichhaltigkeit weit übertreffen. Es liegen große Romane vor von M. Herbert, M. Ludolff, H. Nicbthofen, L. v. Neidegg, Karl May u. a. — den besten Erzählern des katholischen Deutschlands — welche bei allen Lesern das lebhafteste Interesse erregen werden. Neben diesen großen Romanen wird eine Reibe kleinerer spannender Novellen veröffentlicht werden. Unterhaltende und belehrende Artikel über alle Zweige der Wissenschaft und des Lebens liegen der Vcrlagöhandlung in großer Fülle vor, so daß die Leser über die Fortschritte der Neuzeit stets auf dem Laufenden gehalten werden; dazu kommen die zahllosen kleinen Notizen, die interessanten Brieskasten-Antworten, die Extrabeilage für die Frauenwelt, die reiche Jllustrirung — ein Reichthum deS Stoffes, wie ihn so leicht keine andere Zeitschrift bietet. Wir rathen unsern Lesern deshalb dringend, auf den neuen Jahrgang zu abouniren. „Alte und Neue Welt". Mit großer Bewiedigung haben wir von dem uns dieser Tage zugekommenen I. Hefte des neuen (29.) Jahrgangs dieser altbewährten Zeitsch' iit Einsicht genommen. Der rege und dabei doch friedliche och teifer, mit welchem die Verleger unserer illustrirten kathol. Familien- blätter allen berechtigten Anforderungen ihrer Leser zu entsprechen sich bestreben, kommt in diesem Hefte der „Alten und Neuen Welt" ganz hervorragend zum Ausdruck. In ein frisches, allmonatlich sich änderndes Gewand gehüllt und mit neuer, sehr leserlicher Schrift gesetzt, führt der soeben beginnende Jahrgang mit seinem bedeutend vergrößerten Formate und mit dem entsprechend erweiterten Umfang sich äußerst Vortheilhast bei der Leserwelt ein. Der äußeren Schale entspricht dann aber auch der innere Kern, indem es der Redaktion gelang, durch Wort und Bild für Unterhaltung und Belehrung in gleich vorzüglicher Weise zu sorgen und der „Alten und Neuen Welt" auch fortan einen Ehrenplatz auf dem Tische der katholischen Familie zu sichern. _ Die katholischen Missionen. Jllustrirte Monatschrift. Jahrgang 1894. 12 Nummern. M. 4 — fl. 2.40 ö. W. — Frciburg im Breisgau. Herder'sche Verlagshandlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 10: Korea. — Die Mission auf den Kei-Jnseln (Holländisch-Jndien). (Fortsetzung.) — Venezuelas Hauptstadt und ihre Umgebung. (Schluß.) — Nachrichten aus den Missionen: Korea (Die Ansänge des Krieges); Vorderindien (Bekehrung der höheren Kasten); Indonesien (Mission auf Portugicsisch-Timor); Nordairika (Am Lagerfeuer in der Sahara); Centralafrika (Stand der Mission deS Sudan); Südafrika (Der neue Abt von Mariannhill; Apostol. Präsectur des Oranjeflusseö); Britisch-Nordamerika (Erbauliche Züge aus Britisch-Columbieu); Mexico (Die Kirchen in Mexico; Anstalten der Ordenssrauen vom heiligsten Herzen); Südamerika (Kapuzinermissionen in Columbia); Oceanien (Die Anstalten in Kinigunan aus Neu-Pommern); Aus verschiedenen Missionen. — Misccllen. — Für Missionszwecke. Illustrationen: Li Hung, der König von Korea. — Der Rönigspalast in Söul. — Koreanische Soldaten der regulären Armee. — Söul, die Hauptstadt von Korea. — Wasfer- fall der L-illa bei Caräcaö. — Ansicht des Städtchens Anti- mano in Venezuela. — Ansicht von La Guaira in Venezuela. — Ritt über die Dünen. — Gesattelte Reitkamcle. Verlag des Lit. Instituts von Haas nullis stastentur" deuten darauf hin, daß man sie nicht als Menschen, sondern als eine Sache des gewöhnlichen Besitzthnms betrachtete. Es mußte der Einzelne gleichsam zuerst ein Mitglied des Staates, ein Bürger werden, ehe er ein Mensch sein konnte. Die Sclaven waren völlig rechtlos. In Griechenland wurden sie zwar im ganzen weniger hart behandelt als in Rom. Hier aber waren sie ganz der Laune und Grausamkeit ihrer Herren preisgegeben. Oft wurden sie wegen einer Kleinigkeit nicht nur gefühllos gezüchtigt und mißhandelt, sondern getödtet, an das Kreuz geschlagen. So weit verirrten sich die gebildeten Völker der Heidenwelt, daß sie in den armen Sclaven die Menschenwürde gänzlich verkannten. Die Römer haben die Rechtswissenschaft sonst so sehr ausgebildet und für alle möglichen Fälle Gesetze und Normen aufgestellt, mit haarspaltendem Scharfsinn die Rechte von Mein und Dein geschieden; aber für die Sclaven haben sie kein Menschenrecht herausgefunden. Wandgemälde aus dem XV. Jahrhundert. I. Zell bei Oberstaufen. Eine gute halbe Stunde von Oberstaufen liegt friedlich und unmuthig inmitten weniger schmucker Anwesen auf kleiner Arhöhe eine Kapelle, einst die Pfarrkirche von Zell, seit 1375 Mit der Propstei Staufen unirt, jetzt ein einfaches Filialkirchlein, von welchem man, abgesehen von der anmuthigen Lage, kaum besondere Dinge erwartet, die etwa einen Ausflug dorthin lohnen würden. Dennoch birgt dieses kleine Kirchlein in seinem Chöre seltene und auserlesene Kuustschätze. Die Kapelle umfaßte ursprünglich wohl nur den Nanm des heutigen Chores. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts etwa wurde dieselbe aber erhöht und mit einem entsprechenden Langhause versehen. Aus dieser Zeit stammt der künstlerische Wandschmuck. Es sind nämlich die Wände des Chores vollkommen mit Gemälden bedeckt, die sich dem Raume und Inhalte nach in drei Gruppen gliedern. Die erste Gruppe bedeckte die Nordwand des Chores, leider wurden hier später 2 Fenster eingebrochen. Die vorzügliche Restauration hat den Schaden so geschickt ausgebessert, daß auch der Kenner nur mit besonderer Aufmerksamkeit die Ergänzungen wird angeben können. Es finden sich an dieser Wand 16 Darstellungen, die reihenweise unter einander wie in einem Bilderbuche angeordnet sind; die Reihen enden in der Mitte der Ostwand. Demnach haben wir in der ersten Zeile: 1) Die Wurzel Jesses (Stammbaum Mariens);') 2) Joachims Opfer wird zurückgewiesen (das Opfer ist als TempelzinS gedacht; der Hohepriester sitzt, Joachim will eben das Geldstück hergeben, Anna steht trauernd zur Seite); 3) Joachim vom Engel über die Erhörung seines Gebetes unterrichtet (auf der Weide, ein Hirte im Hintergrund); 4) Anna im Garten (Anna hat stets den Heiligenschein, Joachim nicht) erhält ebenfalls vom Engel die trostreiche Botschaft; 5) Joachim und Anna begegnen sich an der goldenen Pforte; 6) Maria Geburt (bekannte Auffassung). Zweite Zeile: 7) Die kleine Maria steigt die Tempelstufen hinan; 8) Die Freier Mariens erhalten ihre Stäbe zurück, Josephs Stab grünt, er erhält von einem der Freier einen F-anstschlng, ein andrer zerbricht seinen Stab; 9) Vermählung Josephs (bejahrt) mit Maria; 10) Verkündigung (Maria sitzt vor einem Buche, der Engel schwebt von oben herab); 11) Heimsuchung (ungemein zart). Dritte Zeile: 12) Weihnacht, drei Englein darüber, welche das Gloria singen (Choralnoteu); 13) Beschnei düng; 14) Anbetung der Könige; 15) Flucht nach Aegypten; 16) Der bethlehcmitischc Kindcrmord (etwas derber aufgefaßt). Die südliche Chorwand zeigt uns die Martyrien der Apostel und drei andere Darstellungen, in der nämlichen Weise angeordnet, nur daß hier die Fenster ursprünglich vorhanden waren. Erste Zeile: 1) Kreuzigung Petri; 2) Enthauptung Pauli; 3) Kreuzigung deshl. Andreas (Andreas bekleidet); Jakobus wird von einem Kanzelgerüste herabgeworfen und mit der Walker st äuge erschlagen (einige Figuren sind noch in der andächtigen Stellung, wie sie seiner Predigt zuhörten); 5) Johann Evangelist vor der la- teranensischen Pforte im Oelkcssel (der Tyrann in kostbarem Gewände sieht zu); 6) Thomas wird enthauptet, während eine fürstliche Familie andächtigst ein Götzenbild (Kalb) anbetet; 7) Philippi Kreuzigung. Zweite Zeile: 8) Matthäus vor dem Altar erstochen; 9) Bartholomäus wird geschunden (—Fenster—); 10) Stephanus wird gesteinigt ') Sämmtliche Bilder trugen erklärende Unterschriften, größtentheils nicht mehr erhalten. (— Fenster —); 11) Mathias wird enthauptet. Dritte Zeile: 12) Jakobus der Aeltere wird enthauptet; 13) Simon und Judas werden erstochen, ersterer mit einer Lanze, letzterer mit dem Schwert (— Fenster—); 14) Stephanus heilt ein Pferd (ein Fuß ist eingebunden), ein stattlicher Zug Hilfesuchender reitet herzu, einige werfen Geld in einen Opferkasten (das Bild trug die Unterschrift: Ltopdanus laoiedut xrociiZia, ab mZoa, inaZnn in plosis) (—Fenster—); 15) St. Albauus. — Aus dem Triumphbogen (Seite gegen den Chor) ist das jüngste Gericht dargestellt, oben Christus, zu beiden Seiten Engel, etwa in mittlerer Höhe zur Rechten (Süden) die Seligen von Petrus geführt, zur Linken (Norden) Sturz der Verdammten; unten zur Rechten auferstehende Selige, zur Linken der Höllenrachen, bereits mit Angehörigen der verschiedensten Stände gefüllt. Unterhalb sämmtlicher Gemälde zieht sich eine einheitliche Sockelmaleret hin, marmorirt, unterbrochen von graugemalten gewundenen Säulchen. Unter den Gemälden zeigten sich die Apostelkreuze. In der Läibung (unprofilirt) des Chorbogeus, auf der Südseite, fanden sich noch Neste, welche zeigen, daß hier die klugen und thörichten Jungfrauen gemalt waren, doch sind diese sämmtlich zerstört, da der ursprüngliche Spitzbogen ausgerundet wurde. Die Laibungen der alten (südlichen) Chorfenster zeigen auf jeder Seite je einen Heiligen: Nikolaus Tolentino und Sebastian, Leonhard und Laurentius, Antonius Eremita und Martin (als Bischof), darüber Sternchen. In derselben Weise sind in die neueren Fenster ergänzt worden: St. Gallus und Maguus, St. Konrad und Wolfgang. Auch das Schiff war bemalt, leider sind hier nur ungenügende Spuren von Ornamenten aufgedeckt, auf der Südwand befand sich ein größeres Gemälde, das aber nicht mehr erkennbar ist. In neuerer Zeit wurden auch die Decken mit derben, handwerksmäßigen Fresken im Nococostil versehen, die allerdings an anderem Orte nicht gerade ganz schlecht genannt werden müßten, aber in dieser Umgebung keinen Anspruch auf Schonung machen können. In die Nordwand des Chores zwischen den: 9. und 10., 14. und 15. Bildchen ist ein Sakramentshäuschen im spätgothischen Stile (2. Hälfte des 15. Jahrhunderts) eingelassen, eine schöne Arbeit in grauem Sandstein, mit dem Wappen der Montfort geschmückt. Man sieht hier noch die grünen Umrahmungen, wie sie jedes Bild ausweist, zu beiden Seiten. Dem Inhalte nach ist aber die Reihenfolge der Bilder nicht durchbrochen, es war also wohl nur die Eintheilung auch hier vorgezeichnet. Es läßt sich nämlich erkennen, wie der ganze Wandschmuck vorgezeichnet war, frisch und originell sind diese Skizzen hingeworfen; dann wurde durch Buchstaben die Farbe angegeben und erst zuletzt die Umrißzeichuungen, vielleicht von einem Gehilfen, mit Farbe ausgefüllt. Einigemale scheint sogar noch eine andere Skizze, namentlich bei den Hüten u. ä., durch die Farbe durch. Der Charakter der Bilder ist ein durchweg einheitlicher, d. h. alle sind von derselben Hand gemalt; jedoch ist ein merklicher Unterschied zwischen den Gemälden des Marienlebcns und den übrigen. Erstere Bilder zeigen trotz mancher Neuheit in Stellung u. s. w. doch mehr den ständigen traditionellen Typus, letztere sind ungleich freier, kühner, realistischer; der Künstler gab sich hier mehr, wie er wirklich sein wollte. Freilich ist die Zart- hett des Marienlebens in diesen letzteren nicht überboten, i aber welch ein Reichthum der Phantasie herrscht in diesen vielen Aposteln, Henkern, Tyrannen, den Rittern und Frauen der Umgebung u. s. w., alles lebt, rührt sich, spricht und handelt. Insgesammt zeigen alle Gemälde eine unglaubliche Sicherheit der Zeichnung. Mit ein paar Strichen und Punkten ist ein Marienköpfchen voll reizender Anmuth hingeworfen, ebenso frisch und keck die herrlichsten Costüme. Da ist bei ausgesprochen dekorativem Charakter des Ganzen doch ein vollendetes Kunstwerk geschaffen worden. Was der Zeit fehlte, vergißt man im Genusse des vom Künstler Gebotenen. Das ist aber eben die Kunst, eine Idee in der zu Gebote stehenden Formen- sprache dem Beschauer vollkommen zu Gemüthe zu führen. Ist denn, absolut gesprochen, auch die herrlichste moderne Technik unübertrefflich? Noch ein kostbares Kunstwerk ist in dieser Kapelle, der Choraltar, ein Altarschrein mit Flügeln und Be- krönung. Der Schrein zeigt geschnitzt: Maria zwischen Barbara und Stephanus, die gemalten Flügel außen Weihnacht und die hl. 3 Könige, ersteres Bildchen sehr ähnlich dem 12. des Marienlebens, innen Leonhard- Bartholomäus und Alban-Margareth. Wie diese Flügel, war die ganze Predella mit rauher Leinwand überzogen, darauf ein Gipsgrund, auf diesem die Malereien. Die Predella zeigt in Bogenarkaden die Brustbilder von Aposteln. Die Rückseite des Schreines ist gänzlich verblaßt, doch erkennt man, daß darauf ein sehr schöner Oelbcrg gemalt war. Der Schrein zeigt innen die Unterschrift: Lüo . änr . m - ooooO xlzr . sxlstm » s - Ir? Irrbula, - p » ioliü - strigol. Damit ist die Zeit der Vollendung des künstlerischen Schmuckes der Wände im Endtermin gegeben. Wahrscheinlich stammen auch die Wandgemälde von derselben Hand, wie die Malereien dieses Altars. Leider, leider ist derselbe durch eine sehr schlimme Fassung und schlechte Ergänzung und Ucbermalung in der Zeit der Anfertigung obengenaunter Deckengemälde rninirt worden. Eine völlige Wiederherstellung ist unmöglich. Die beiden Seitenaltüre sind geringwerihig. Das ist, was dieses Kapellchen bietet. Den Anlaß zur Restauration gaben die unermüdlichen Versuche der anwohnenden Geschwister Allger, die alten Bilder bloßzulegen. Einer der Brüder hat sich der Mühe unterzogen, die ganze Wand abzuklopfen und zur Restauration vorzubereiten. Die kgl. Regierung ließ denn auch die Mittel zu einer fachgemäßen tüchtigen Restauration beschaffen und beauftragte den Münchner Historienmaler Bonifaz Locher mit der Restauration. Dieselbe ist nn- gemein geschickt durchgeführt; mit größter Pietät wurde nur das Nothwendigste ergänzt, alles Vorhandene geschont. Es haben sich deßhalb auch Autoritäten, wie Professor Rudolf Seitz, nicht anerkennend genug hierüber aussprechen können. Professor Seitz bezeichnete gerade diese Restauration als die beste ihm bekannte. Hier haben wir also eine Musterrestauration vor uns. Freilich stellte die Arbeit bedeutende Anforderungen an die Geduld und Selbstlosigkeit des Künstlers. Dafür ist sein Name hinfort auf's innigste mit dem schönen Werke verbunden?') Mindelheim, den 3. Okt. 1834. I)r. O. Frhr. von Lochner. 2) Eine genaue und fachmnßige Besprechung dieser Malereien wird Herr Professor Dr. EndreS-Negensbnrg im Allgäuer Ge- schichtSfrcnnd veröffentlichen. Ein Besuch in Paris im Herbst 1817. (Schluß.) p. Mittwoch den 5. früh beschlossen wir, nach St. Cloud zu fahren, verließen um 10 Uhr in Einsiedels Begleitung das Hotel und fuhren bei sehr nebligem Wetter auf einem kleinen Umweg durch das Bois de Bonlogne, um auch dieses kennen zu lernen. Die Al- liirten haben hier mit ihren Biwaks großen Schaden in den schönen Waldpartien angerichtet, wie wir beim Durchführen bemerkten. Im Sommer müssen die Spaziergänge in demselben herrlich sein. Wohl eine Stunde WcgS legten wir von dem einen Ende bis zum andern zurück, bis wir eine Brücke über die Seine erreichten, welche nach St. Cloud führt, das sich am Bergabhange auf dem linken Seineufer hinzieht, während sich das schöne Schloß links der Brücke am südlichen Abhang deS Hügels, auf welchem die Stadt gelegen ist, befindet. Hier wurde Heinrich III. in dem Gondy'schen Hause am 2. Auguste 1289 von Jacques Element ermordet; Ludwig XIV. kaufte es im Jahre 1658 und schenkte es seinem Bruder, dem Herzog von Orleans, der es 1680 ausbaute. Als es die Königin Marie Antoinette 1782 kaufte, ließ sie im Innern große Veränderungen vornehmen; dagegen nur einen kleinen Theil des von Le Notre angelegten Parkes als Privatgarten abtrennen, während der übrige Theil dem Publikum offen stand; der Park zieht sich vom Seinenfer bis Garches. Ein sehr aufgeblasener königlicher Bedienter führte uns in dem prachtvollen Schlosse herum, in welchem jetzt viel gebaut wird; vom Balkon soll man eine schöne Aussicht nach Paris haben, die wir aber wegen des starken Nebels leider nicht genießen konnten. Der Orangeriesaal diente während der Revolution als Sitzungssaal der Fünfhundert; Napoleon trat am 16. November 1799 in denselben ein, um das Direktorium zu stürzen. Wegen der ungünstigen Witterung war an einen Besuch des Schloßparks nicht zu denken; wir fuhren daher nach eingenommenem Frühstück nach Ssvrcs Zur Besichtigung der Porzellanfabrik. Die erste derartige Fabrik legte der Marquis von Fulvy 1738 an, durch die er zum armen Manne wurde, obgleich sein Porzellan an Güte dem japanischen gleichkam; 1755 erbauten die Generalpächter die jetzige Mannfactur, die ihnen Ludwig XV. auf den Rath der Pompädour abkaufte. Seit 1810 macht man dort auch porealaino clura, welches sich von dem poroLlaina tamlrs dadurch unterscheidet, daß es den Wechsel von der Kälte zur Wärme eher aushält, während letzteres die Farben besser annimmt; das Kaolin, der Grundbestandiheil des Porzellans, kommt aus der Gegend von Limoges. Der Besuch der Arbeitssäle war uns, da wir uns mit keinem Erlaubniß- schein versehen hatten, nicht gestattet; man führte uns daher nur in die Magazine, wo es viele Prachtstücke gibt, unter anderen einen runden Tisch, in dessen Platte Medaillons mit Ansichten der königlichen Lustschlösser eingelassen sind. Dieser Tisch hat einen Werth von 36,000 Frcs., viele Vasen und Services haben einen ähnlichen, auch ein Glasgcmülde sahen wir, ferner die königliche Familie in Biscuit, und zwar in großer Anzahl. Auch eine Glasfabrik gibt es in Sävrcs, die wegen ihrer schönen Flaschen großen Ruf hat. Das Wetter heiterte sich, als wir zurückfuhren, derart auf, daß wir noch das Observatorium zu besichtigen beschlossen, welches sich im Fauburg St. Jacques, gegenüber der großen Avenue des Lnpembourg, befindet. 334 und von wo man den diesseitigen Theil von Paris und , das linke Seineufer gut übersehen kann. Dies Observatorium ist ein viereckiger Bau mit zwei achteckigen Thürmen an den Ecken der Südseite und einem Vorbau an der Westseite. Der Meridian, welcher auf dem Estrich des großen (in der Mitte des Gebäudes befindlichen) Saales eingezeichnet ist, bildet die Achse desselben. Der ganze Bau ist nur aus Steinen aufgeführt, ohne jegliche Holz- oder Eisenconstruktion. Die tiefen Keller, in welche mau auf einer Treppe von 360 Stufen hinabsteigt, werden zu Versuchen benutzt, Körper zum Gefrieren zu bringen. Auch ist hier eine Maschine aufgestellt, welche die Menge der Niederschlage im Laufe eines Jahres angibt. Es war schon 4 Uhr, als wir das Observatorium verließen, deßhalb zu spät zur Besichtigung der Katakomben, jener unterirdischen Steinbruche, deren Eingang in der Rue d'Eufer gelegen ist und wohin man im Jahre 1786 alle Menschenknvchen schaffte, die sich in den Grüften der seit Jahrhunderten aufgehobenen Kirchen und Kirchhöfe befanden; man schmückte damit die unterirdischen Gänge in etwas sehr bizarrer Weise aus. Wir gingen nunmehr durch den Gärten des Lnxembourg, der nach dem Observatorium freie Aussicht hat, besahen uns die Stelle, wo Ney erschossen wurde, und fuhren nach der Kathedrale Notre Dame, die auf der Seine-Insel, dem ältesten Theil von Paris, der Citä, liegt. Childerich, Klodwigs Sohn, soll 522 dort die erste Kirche gebaut haben; ihr gegenüber stand eine zweite, welche dem hl. Stephan geweiht war. Den ersten Stein der jetzigen Notre Dame-Kirche legte Papst Alexander III., der vor dem Gegenpapst Victor IV. nach Frankreich geflüchtet war, in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts; der Bau selbst wurde gegen Ende des 13. Jahrhunderts beendet. Die Steinarbeitcn des Westportals geben mehrere Züge aus dem Leben der hl. Gottesmutter wieder. In diesem Dome ließ sich Napoleon von Papst Pius VII. zum Kaiser salben; er zeigt sehr große Dimensionen, aber keine hervorragende Prachtentfaltung; die von der Anwesenheit des Papstes Pius VII. herrührenden Dekorationen sollen zwar auf besonderen Wunsch gezeigt werden; wir bekamen sie aber nicht zu sehen. Unser Diner nahmen wir heute bei Beauvilliers, Nue Richelieu, ein und begaben uns von da in die Große Oper, wo man die Danaiden aufführte, eine Vor- - stellung, die durch die dazu gehörigen Ballets, Pracht- > vollen Dekorationen und Eruppirungen uns ausnehmend gefiel. Donnerstag den 6. fuhren wir früh 10 Uhr in Begleitung unserer Freunde Zezschwitz und Stüntzner in das Palais de Justice, wo die Kriminalverbrecher verwahrt werden; es liegt ebenfalls in der Cits und war schon im 9. Jahrhundert königlicher Palast. Zwei Brände, 1618 und 1776, zerstörten den alten prachtvollen Saal, sowie die Kapelle und die daraustoßenden Baulichkeiten. In diesem Palast brachte die unglückliche Königin Marie Antoinette ihre letzten Lebenstage zu, und zwar in der sogenannten Conciergerie, wo die gemeinsten Verbrecher eingesperrt werden. Ihr Gefängniß ist in eine 5 Fuß breite und 10 Fuß lange Kapelle umgebaut worden; an der Stelle, wo ihr Bett stand, befindet sich jetzt ein Sarkophag; das kleine Fenster, das das Tageslicht von oben hereinließ, hat man vergrößert und den Nebenraum, in welchem sich die Wächter der Königin aufhielten und der nur durch eine niedere spanische Wand von ihrer Gefängnißzelle getrennt war, durch eine Mauer abgeschieden. Auch in diesem Zimmer steht ein Altar; an den Wänden hängen Gemälde, welche Scenen aus der letzten Lebenszeit Marie Antoiuette's darstellen. DaS Zimmer, in welchem Ney gefangen saß, sowie jenes, aus welchem Lafayette entsprang, wollte man uns nicht zeigen. Von da aus fuhren wir nach der Gobelinfabrik, Nue Monffetard, die in dieser Art einzige in Frankreich; sie arbeitet nur für den König und nicht für den Verkauf. Schon 1450 (nach anderen unter Franz I.) errichtete Gilles Gobelin an derselben Stelle Färbereien in Wolle und Tuchen, die unter Ludwig XIV. von I. Glucq vergrößert und verbessert wurden. Colbert und der Maler Lebrun haben die Gobelinweberei auf die Stufe ihrer jetzigen Vollkommenheit gehoben. Die Anfertigung ist meist theurer, als ein Gemälde von gleicher Größe zu stehen kommen würde, denn die Arbeit ist so mühsam, daß über einem größeren Stück zwei Personen 6 Jahre lang Zubringen; dafür wird aber so schön gewebt, daß man, wenn man das Gobelin in einiger Entfernung betrachtet, ein Gemälde zu sehen glaubt. Besonders gefielen uns zwei große Arbeiten: Sully vor Heinrich IV. auf den Knieen liegend und eine Jagdscene aus dem Leben desselben Königs. Bei allen fertigen wie unfertigen Arbeiten war es unverkennbar, daß das Gewebe schöner sei, als das Gemälde; es wird theils in feiner Wolle, theils, wenn nöthig, in Seide gearbeitet. Von den Gobelins ging es zum Jardin du Not oder des Plantes, Quai St. Vernard. 1636 unter Ludwig XIII. gegründet, erlangte er unter seinem Intendanten Buffon, dem hervorragenden Naturforscher, 1739 seine größte Vollkommenheit. Wir begannen mit der Besichtigung des Naturaliencabinets, in welchem jede Thiergattuug vertreten ist, ebenso alle Mineralien in der Mineraliensammlung; 7000 Pflanzen sind nach Klasse und Familie nach der Methode Jussieu geordnet. Dann bestiegen wir das Belvedöre, auf welchem einige Cypressen vom Libanon wachsen und sich durch ihre geraden Neste von anderen Nadelbäumen auszeichnen: man hat hier eine sehr schöne Aussicht auf Paris. Ferner besahen wir uns die Menagerie, die viele ausländische Vierfüßler und Vögel enthält, wie Kameele, Löwen, Affen, Strauße n. s. w., in welcher aber seltsamerweise der Elephant fehlte. Zwei Löwinnen zeichnen sich besonders aus; die eine durch ihre Schönheit, die andre durch ihre Harmonie mit einem Hündchen, mit dem sie schon einige Jahre zusammen lebt. Im Garten, welcher sich bis an die Seine hinzieht, werden auch alle Arten gemeinere wie seltenere Pflanzen gezogen. Mit dem Jardin des Plantes verbunden ist eine Akademie, in welcher 13 Professoren stark besuchte Vorlesungen über Botanik, Anatomie, Zoologie, Geologie, Ikonographie, Mineralogie und Chemie halten. Der Pont d'Austerlitz, jetzt Pont du Noi genannt, führt hier über die Seine, ein Privatunternehmen, weß- halb auch Wagen, Reiter und Fußgänger einen Brückenzoll zu entrichten haben; die Brücke wurde 1800 begonnen und 1806 beendet, Pfeiler und Streben sind von behauenem Stein, die 5 Bögen von je 77 par. Fuß Spannweite aus gegossenem Eisen, deren mittelst Schrauben untereinander befestigte Theile die Abnahme des ganzen Bogens gestatten. Unser Wagen führte uns längs des Boulevard Bourdon nach dem Bastilleplatz, wobei wir am Grenier d'Abondance vorbeikamen, einem immens großen unvollendeten Gebäude, das 1807 von Napoleon zu dem Zwecke angelegt wurde, darin für Paris alle Arten trockne Gemüse und Getreide aufzuspeichern, und so für den Nothfall die Ernährung der Bevölkerung zu sichern; es wurde aber in den Jahren 1814 und 1815 nicht weitergebaut, sondern eingedeckt, nachdem die Mauern kaum 8 Fuß über das Erdgeschoß hinwegragten. Auf dem Bastilleplatz beabsichtigt man, einen kolossalen Elephanten aufzustellen, der aus seinem Rüssel Wasser speit; das Wasser will man dem Ourcqkanal entnehmen, der unter dem Platz fließt und Paris mit Wasser versorgt. Das Piedestal ist angefangen; ob der Elephant darauf kommen wird, ist noch die Frage; vor der Hand steht sein Gypsmodell in einem Schuppen nebenan. An seinem rechten Vorderbein soll eine Treppe herausführen, sein Leib einen großen Saal enthalten und in den auf seinem Rücken ruhenden achteckigen Thurm das Wasser geleitet werden, damit es genug Druck hat, die Fontäne aus dem Rüssel zu treiben. Die geplante Straße vom Louvre nach der Place du Trone, von der ich schon gesprochen habe, sollte hier vorbeiführen. Von hier gelangten wir über die Place Royale durch die Boulevards St. Martin und St. Denis (wo zwei freistehende Thore gleichsam Triumphbögen bilden und Porte St. Martin und Porte St. Denis genannt werden) über den Boulevard Bonne Rondelle und Poissonniöre, wo die Fontäne Bondy ist, verließen dann den Wagen und gingen noch das Panorama von London betrachten und von da aus zu Fuß nach Hause. Dann speisten wir bei Grignon, Rue Neuve des Petits Champs, besuchten, da wir sehr ermüdet waren, kein Theater, sondern gingen nach kurzem Spaziergang nach Hanse. Freitag den 7. galt es den ganzen Tag über das Bestellte herbeizuschaffen, die noch übrigen Einkäufe zu machen und alles zur Abreise in Bereitschaft zu setzen. Wir speisten bei den Frsres Provenceaux; Gablenz verließ uns schon um 6 Uhr, während wir übrigen Sachsen nachher noch einmal nach dem Cafö Milles Colonnes gingen. Sonnabend den 8. früh 1 Uhr verließen wir alle Paris; Lenz mit Gattin reiste über Metz, Mainz nach Dresden, Zczschwitz, Einsiede! und Stüntzner mit uns über Senlis, Compisgne, dessen Schloß wir uns nochmals besahen, nach St. Quentin, wo wir sehr ermattet Abends anlangten und wenn auch nicht besonders gut, so doch wenigstens leidlich logirten. Am 9. (Sonntag) fuhren wir, nachdem ich mit meiner Frau eine hl. Messe gehört, um 6 Uhr weiter nach Cambrai, wo wir das Frühstück einnahmen und von Schreibershofen begrüßt wurden, über Lille, und langten Abends 6 Uhr glücklich wieder in Tourcoing an, wo wir unsere lieben Kinder gottlob gesund antrafen. Recensionen und Notizen. Des gottseligen Thomas von Kempen Rosengärt- lein und Lilienthal in deutschen Versen von Hermann Zicke. Verlag von F. W. Cordier zu Heiligcustadt. Preis broschirt 2 M. 50 Pf.; in Salon- band 3 M. 50 Pf. „Der Knabe Karl fängt an, mir fürchterlich zu werden", d. h. die Cordier'sche Verlagshandlung läßt den Freund der katholischen klassischen Dichtung ja kaum mehr zu Athem kommen: vor Weihnachten die herrliche „Nachfolge Christi" von Jscke, zu Ostern die großartige episch-allegorische Dichtung „Vom Nil zum Nebo" von Macke, im Sommer der klassische tiessinnige „Völkersang Kalanyas" von Fr. W. Helle, dem Dichter des „Jesus Messias", uud jetzt, wenige Wochen nach letzterem, das vorliegende Werk! Viel des Guten in einem Jahre, ja des sehr Guten! Ein geistiges Gegenstück, möchte ich sagen, zu der heutigen Ernte des Feldes! „Vom Nil zum Nebo" und „Kalanyas Völkersaug" können freilich nur von dem höher Gebildeten genossen werden — aber welcher Genuß auch! Die „Nachfolge Christi" aber wie „Nosengärtlein" und „Lilienthal": das sind Blüthen, aus denen den süßen Seim der Erbauung und des Trostes jede hcilSbegicrigc Seele zu schlürfen befähigt ist. So kunstvollendet die Strophen Jsekc'S aufgebaut sind, so anspruchslos und natürlich — getreu dem lateinischen Prosa-Originale — gleiten sie dahin und sind von einer Gemüthswärme getragen, die das Herz gefangennimmt und den Willen hinreißt. Die deutschen Prosa - Ueber- setzungen des Thomas von Kempen — von „Nosengärtlein" und „Lilienthal" mögen wohl überhaupt keine im Gebrauche sein — können den eigenthümlichen, an unzählig vielen Stellen hochpoetischen Hauch des lateinischen Originals nicht wiedergeben, und so mutz die objektive Berechtigung dichterischer Behandlung unumwunden zugestanden werden, um so lieber, wenn sie so durchgeführt ist, wie hier. Das Spruchhaste, ja die Rcimklänge des Originals kommen bei poetischer Darstellung zu ihrer Geltung, und so finden wir bei Jseke in gewissem Sinne den alten Thomas treuer wiedergegeben, wie in prosaischen Uebcrtragungen, von denen manche außerdem recht unbeholfen und nachlässig verfaßt sind. Wer gewinnt z. B. aus Prosa-Uebersetzuugen eine Ahnung, daß Thomas Stellen hat, wie z. B. Nosengärtlein 4 Cap. a. E.: Laxiens sst illo, gni sxernit millia mills. Omnia. suut nuIls,, Lox, kapa, st plumbea bn11a. Ounetorum tinis, mors, vermis, t'ovea, oinrs. tzuantumgus guis ss ext» litt, nilri! est, mors vmnia tollit? Sonderbar anmuthen dürfte manchen die allzugetreue Wiedergabe für unser modernes Gefühl befremdlicher Bilder, z. B. der „schwarze Hund" als Bild eines Zotenreißers, u. A. Auch hätte vielleicht Manches weggelassen werden können, waS sich lediglich auf die Klostcrnovizen bezieht, z. B. Vorlesung bei der gemeinschaftlichen Mahlzeit rc. Freilich könnte man dann nicht mehr sagen: Nosengärtlein des Thomas von Kempen, sondern nach Thomas von Kempen. Es tritt nämlich bei vorliegendem Werke viel deutlicher als bei der „Nachfolge Christi" der Zweck des Thomas hervor, seine Novizen zu belehren, ohne jedoch die übrige Christenheit ausschließen zu wollen. Wir hätten lieber gesehen, daß das Versmaß des ersten Kapitels beibehalten wäre, welches beginnt: „Mit Heiligen wirst heilig dn, Du wirst verkehrt mit den Verkehrten (Ps. 17. 26.27.) Drum prüfe, wenn du wählen willst Zum Freunde dir und zum Gefährten/ Auf daß nicht durch Genossenschaft Mit Argen, die von Zucht nicht wissen Uud abgelegt die Sündenscheu, Verdeckt du wirst und fortgerissen!" Doch wird mancher gerade in der kapitclwcisen Abwechslung des Versmaßes — im „Nosengärtlein" sind 11 verschiedene Metra verwendet — einen Vorzug finden. Unseres Erachtens hat neben dem ersten das letzte Kapitel daS bestgewählte Versmaß. Der Schluß dcS Ganzen lautet: „Darum habe Gott vor Augen, Was du thust und was du denkst; Hüte dich, Ihn zu betrüben, Wache, daß du Ihn nicht kränkst! Sag' Ihm Dank sür alles Gute, Was er Seinem Kind erwies. Und am Schlüsse jedes Werkes Sprich herzinnig dankend dies: Lob und Dank sei meinem Schöpfer, Preis und Ruhm Ihm allezeit! Alles lobe, was da athmet, Gott den Herrn in Ewigkeit I Amen." Das „Lilienthal" hat durch alle 34 Kapitel den reimlosen Blankvers und sind nur an mehr als hundert Stellen — jedesmal am Schluß der Absätze — Reimpaare wirkungsvoll verwendet, so daß man lebhaft an „Maria Stuart" erinnert wird. Daß dieses Versmaß auch didaktisch verwerthbar ist, haben die deutschen Klassiker genügend bewiesen. Da das 336 „Lilienil,cil" mehr praktisch nüchterne Partien hat, als „Nachfolge .Christi" und „Roscngärtlein", so war die Weglassung dcS Reimes, wenn nickt geboten, so doch rathsam. Das „Lilicn- thal" möchte man trotz des dichterischen Gewandes eine geradezu wörtliche Ucbersetzung nennen. Da beide Werke unter dem Volke unbekannt sind, so haben sich der Dichter und die Verlagshandlung den Dank der katholischen Welt in reichem Maße verdient, und es wird nicht lange währen, so werden beide genannten Werke von Thomas der unverdienten Vergessenheit entrissen und in dem schmucken Kleide, das Dichter und Verleger ihnen gaben, allen Heilsbegierigcn lieb und theuer sein. O—u. L. Unter den katholischen VolkSkalendcrn nimmt der im 19. Jahrgang erscheinende „EichSfclder Maricn- Keilender" (Verlag von F. W. Cordier in Heiligcnstadt- EichSfeld) einen der ersten Plätze ein. Der Kalender ist zugleich ein „Jahrbuch" für die Mitglieder des von Leo XIII. so warm empfohlenen „Allgemeinen VereinS der christlichen Familien". Eine illustrirtc politische Jahrcsschau, mehrere hübsche und spannende VotkScrzählnngen — gleichfalls durch gut gezeichnete Bilder ausgestattet — prächtige humoristische Beiträge, belehrende Aufsätze verschiedener Art, LebenSrcgeln, Rathschläge für Bürger und Bauern, Gedichte rc. bieten eine seltene Fülle von Lesestoff für jedes Alter und für jeden Geschmack. Das Kalendarium ist sehr praktisch eingerichtet und enthält AllcS, waS man nur sticken will. Der Bilderschmuck ist so reichhaltig, das; er allein schon dem Kalender zur Empfehlung gereicht. Auch mehrere künstlerisch ausgeführte Vollbilder zieren den stattlichen Band von im Ganzen 190 Seiten großen Formats. Ein Wandkalender auf Karton ist nickt vergessen, das Titelblatt ist in Buntdruck hergestellt. Der Preis dieses herrlichen Kalcnderwerkcs ist spottbillig: 30 Pfennige. Wir können den „EichSfclder Marien-Kalender" mit gutem Gewissen allen katholischen Familien empfehlen. Stcindorf Ge., Koptische Grammat'k mit "hresto- mathic, Wörterverzeichnis und Literatur. 8°. XVIII -s- 220 -s- 91 SS. Berlin, N:ut>r und Neichard, 1894. M. 13.20. It. Obiges Werk haben wir in „Beilage 40" d. Bl. (4. Okt. 1891) gebührend gerühmt und empfohlen; nur bedauerten wir den außerordentlich hohen Preis, der uns der wünschcnSwcrthen Verbreitung dcS vortrefflichen BuchcS als wenig förderlich schien. Doch lag es uns vollständig ferne, mit dem von uns damals gebrauchten Ausdruck „Wncherprciö" einen Sinn zu verbinden, welcher der Geschäftsehre der sehr vorehelichen und gerühmten Vcrlagshandlung zu nahe treten sollte. Wenn dieselbe den Ausdruck „Wuchcrpreis" als ehrenrührig und beleidigend betrachtet, so sind wir natürlich sofort bereit, diese Bezeichnung mit Bedauern zurückzunehmen, um so mehr, als wir nun auch von der verehrst Verlagöbandlung über die enormen Herstellungskosten eines derartigen Buches, sowie über das der Natur der Sache nach beschränkte Absatzgebiet eine dankenswcrthe Aufklärung empfangen babcn, der zufolge wir zugestehen müssen, daß der Preis des obigen musterhaft ausgestatteten Buches nicht allzuhoch angesetzt ist. Mögen die Leser d. Bl., welche unsere Besprechung in „Beilage 40" gelesen haben, nun auch von dieser unserer Erklärung Notiz nehmen, womit wir der Vcrlags- handlung aufrichtig und öffentlich und, wie wir hoffen, zufriedenstellend Genugthuung leisten wollen. Christus als Prophet. Nach den Evangelien dargestellt von Dr. Franz Sckmid, Professor der Theologie, Brixen; kathol.-politischer Prcßvercin; 1892; 8°; 19ö S.; Preis: fl. 1,20. X. Es ist hier eine sehr ansprechend, ruhig und inst tiefem Verständniß geschriebene Studie von hohem apologetischen und paränctiscken Werthe zu begrüßen. Wir lernen nicht bloß das Verhältniß der Wunder Christi zu seinen Weissagungen, das Verhältniß der Weissagungen zu einander, die prophetische Bedeutung mancher Gleichnißreden kennen, sondern auch den typischen Charakter vieler Einrichtungen der Kirche, der Anordnungen, Gebote und Räthe und Sakramente Christi würdigen. Im Nachweis zur Erfüllung der Weissagungen sind die nothwendigen Erklärungen, Beschränkungen und Unterscheidungen gemacht, um etwaigen Einwendungen zu begegnen. Der Verfasser unterscheidet sachgemäß Weissagungen mit vollständig eingetretener Erfüllung, solche mit fortlaufender Erfüllung, solche für daS Endziel, Weissagungen Christi und anderer in Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. I den Evangelien vorkommenden Personen. Was der Verfasser in absichtlicher Kürze oft nur andeutet, verdient weiteres Studium, vermittelt neue Gesichtspunkte und verbreitet Helles Licht über viele Erlösungsthatsachen. Körnig Th. G., Die Hygiene der Keuschheit. 8°, 93 S. Berlin, H. Stcinitz, 1894. (III.) M. 2,00. zr. Vom natürlichen, rein medizinischen Standpunkt aus spricht der Verfasser über eine von der Religion unerbittlich geforderte Tugend, deren Name jedoch in der heutigen verlotterten Gesellschaft vollständig aus dem Lexikon moralischer Begriffe verschwunden ist, wozu gewiß auch die Vertreter der medizinische» Wissenschaft oftmals ihren Beitrag in Theorie und Praxis liefern, waS Körnig selbst zugibt und sich aus der wissenschaftlichen (namentlich der „populären") medizinischen Literatur sattsam beweisen läßt; kennen wir ja doch eine gynäkologische Zeitschrift, deren Rathschläge auch sonst sogar von Wiener „Collegen" alö „verbrecherisch" bezeichnet werden. Körnig hebt seine Darstellung an mit Hinweis auf Björnson's Drama „Ein Handschuh", das bekanntlich einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen hat, weil es der „modernen Gesellschaft" in drastischer Weise den Spiegel vorhält und den Widerspruch schonungslos aufbellt, der darin liegt, daß die Welt die^ Forderung „tadelloser Vergangenheit" bei dem Mädchen stellt und das Gegentheil als Schimpf und Schande betrachtet, während man dem jungen Manne volle Freizügigkeit seiner Leidenschaften gern zu gute hält, ja als selbstverständlich voraussetzt. Moral und Logik, die für alle Menschen gleiche Geltung haben, fordern aber gleiche Beurtheilung; auf dieser Grundlage fußt Kornig's ernstes Wort an alle Mütter, Lehrer und Erzieher, die in dem Buche, soviel wir gesehen habe», keine Ansicht vorgetragen finden werden, die mit der Moral in Conflict stünde, was bei einem Arzt in dem Punkte immerhin als rühmenswcrth hervorgehoben werden darf. Einige Andeutungen früherer Auflagen sind in vorliegender gemildert worden, unsern zimperlichen Damen zu liebe, die ihre Töchter zwar ruhig ins „moderne Theater" mit seinen rohen Sckweincreicn schicken, bei Naturalibus aber heuchlerisch sogleich nach dem Feigenblatt schreien. k. August Sckynse und feine MissionSreiscn in Afrika. Herausgegeben von einem Freunde dcS Missionars. Mit dem Bilds L. Sckynse's und einer Ab- hildung seiner Grabstätte. Straßburg i. Elsaß. Verlag von F. X. L- Roux u. Co. brosch. 2 M. VIII', 336. e. DaS Lebensbild eines Mannes zu lesen, das anS dessen Briefen zusammengestellt ist, welche, wie man mit Sicherheit annehmen darf, nicht mit dem Hintergedanken geschrieben wurden, sie später zu veröffentlichen, heißt wirklich einen tiefen Blick in die Seele dieses Menschen werfen. Hier bat man eben die Person vor sich nicht im schwarzen Frack. Cylinder und Glacehandschuhen, sondern sozusagen in ihrem Hausgewand, in ihrem Arbeitszimmer. Wie schon die beiden früheren Schriften von V. Schynse: Mit Stanley und Emin Pascha durch Dcutsch- Ostafrika und k. Schynse'S letzte Reisen, Briefe und Tagebuch- blätter, veröffentlicht durch die ELrrcs-Gesellschaft — großes allgemeines Interesse hervorgerufen, so rann auch dieses Werk auf gleiche Aufmerksamkeit Anspruch erbeben; denn cS ist gleichsam der Schluß- und Ergänzungsband dieser beiden erstgenannten Schriften. Recht willkommen dürfte dieses Werk sein jenen, die Missionöbernf in sich verspüren. Geschildert sind auch die Jugend- und Studienjahre Sckynse's. Neugierigen Seelen sei verrathen, daß auch ein Abschnitt vorkommt: „Im Carcer"; jedoch ganz ungefährlich und wie der Herausgeber bemerkt: Es ist aber auch das einzige, was man tadelnswertstes anführen kann. _ Reiß C., Die Naturheilmethode bei Magen-und Darmkrankheiten (VerdaunngSstöruuge n). 8°. 60 S. Berlin, H. Stcinitz. 1894. M. 1,00. Vorliegendes Bündchen bildet den dritten Theil der Bibliothek der gesammten Naturheilkunde; die beiden ersten Hefte derselben enthalten zuerst den allgemeinen Theil (Diät, Lust, Wasser, Massage, Gymnastik) und dann die Methode bei Nerven- und Rückcnmarkslciden; auch dieses Bündchen ist dem Plane, eine kurze, allgemein verständliche Darstellung zu bieten, treu geblieben. Allen, die das angeht, wovon das Buch erzählt, sei diese Oricntirung zu einer dem Leiden entsprechenden Behandlung empfohlen; sie werden damit dem Arzt seine Kunst erleichtern. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Friedrich W. Helle: Kalanya's Vvlkersang. Mittelafrikanischer SchöpfungsMythus. 18! Unter diesem Titel erschien bei Franz W. Cordier in Heiligenstadt (Eichsfeld) 1894 eine Dichtung von 143 Octavseiten, über welche der Dichter in Anmerkung sagt: „Die Traditionen des Menschengeschlechts bezüglich der wahren GotteSerkeuntniß wie der Schöpfung, des Sündcnfalles und seiner Strafe und Sühne haben, soweit auch die Völker sich örtlich und zeitlich immer mehr von der Wabr- heit entfernten und in die Irrwege des Götzendienstes hinein- geriethcn, sich dennoch ihre Urkcime bewabrt. Den tiefer Forschenden und Schauenden treten in allen Götter- und Schöpfungsmythen der verschiedensten Völker und Zeiten Gedanken entgegen, die auf den Urquell aller Wahrheit zurückweisen und die Berichte der Genesis und die Worte der göttlichen Offenbarungen mehr oder weniger bestätigen resp. in sich erhalten haben. Man ist so leicht geneigt zu glauben, daß die heidnischen Negervölker Afrika's nach ihrem Mittelpunkte hin sich sämmtlich am weitesten von der Urwahrheit und von den Zeugnissen der wahren Gottcserkenntniß entfernt hätten; und doch ruht gerade in ihnen, wie eine in der Nacht verschlossene Morgendämmerung, eine Fülle von Ideen, welche zur wabren Gotteserkeuntnitz zurückweisen und die Sehnsucht des Menschen zur Rückkebr nach der vollen, verlorenen Wahrheit zum Ausdruck bringen. DaS beweist uns der SchöpfungsmhtbuS der in Ccntral- Afrika lebenden Uumala-Neger, ein Mythus, dessen Ideen und Anschauungen von wahrhaft christlichen Anklängen, die das Hcidenthum aus der Zeit der ersten Völker der Welt, sowie des Urchristentums in sich aufgenommen und bewahrt haben mutz, Zeugniß ablegen. In einer Zeit, wo das Christenthum sich anschickt, wie ein Niese sich neue Bahnen durch Afrika's undurchdringliche Waldungen, über seine Ströme und Niescnberge zu schaffen, um Afrika für sich und für Gott zurückzugewinnen, soll diese Dichtung in gewisser Weise an den afrikanischen Missionen durch Begeisterung für deren Ziele und durch Anregung theil- nehmen. . Dieses war der Zweck, der schon vor 30 Jahren die Ma- terialsammlung und Bearbeitung des Stoffes veranlaßte und den Inhalt nach und nach vervollständigte bis zur gegenwärtigen Form. Der eigentliche Stoff wurde theils aus Lüken's ,Traditionen des Menschengeschlechtes', theils aus alten Reise- beschreibungen in München, Wien und Rom geschöpft und durch Selbstachtung ergänzt und dann ausgefüllt." Unter dem Ergänzen und Ausfüllen find wohl vor Allem zu verstehen die schönen Naturschilderungen, in welchen Helle bekanntlich Meister ist, sowie kleinere Einzelheiten der Vorgänge. Wieweit er den Mythus noch durchtränkt hat mit christlichem Geiste, bleibt uns ungewiß, jedenfalls ist trotz menschlich sagenhafter Beimischung, und obschon der vollständige Begriff reiner Geistigkeit mangelt, die Gestalt Til's des Schöpfers in einer Erhabenheit und Milde gehalten, welche erbauend wirkt. Das Hervorbringen der Schöpfung aus dem Nichts, d. h. das Nichtsein alles dessen was nicht er ist oder schafft, wird zwar nicht mit Deutlichkeit betont, immerhin erscheint Til als einziger und lebenspendender Gestalter aller Dinge. Sehr poetisch sind auch die von ihm hervorgerufenen Lichtgestalten, welche unsrer Engclwelt entsprechen, und ebenso entsprechen dem Satan und seinen Gesellen die Dimmus als nicht ursprünglich böse, sondern als gefallene, verfluchte Wesen. Ein erstes Menschenpaar erscheint auf des Schöpfers Ruf und empfängt dessen Befehle; der Sündenfall aber, bei welchem anstatt der Schlange der häßliche Frosch zum Helfer und dafür zur Strafe in den Sumpf verbannt wird, tritt hier erst ein, nachdem die Erde bereits durch zahlreiche Menschheit bevölkert ist. Die überall vorhandene Erinnerung an ein Riesengeschlecht der Urzeit macht auch hier sich geltend. Eine merkwürdige Abweichung nicht nur von der Genesis, sondern von der Sage der meisten Völker ist die, daß hier anstatt der großen Fluth ein Weltbrand die sündigen Geschlechter vertilgt. Nahm der afrikanische Sonnenbrand die Geister so sehr in Beschlag? Hat eine partielle Katastrophe, ähnlich, nur weit gewaltiger, wie die amerikanischen Waldbrände, von denen wir jüngst vernahmen, die Erinnerung an die allgemeine Fluth verdrängt? Oder geistert hier eine Urüberlieferung über ein prüadamitisches Ereignis; (etwa beim Engelsturz), welches dem „Wüst und leer" im ersten Kapitel der Genesis voranging? Oder endlich, spiegelt sich eine alte Weissagung jenes Brandes, der am Ende der Zeiten die Erde vertilgen soll? Aus der Urzeit wird ein einziger Heiliger gerettet, in einer Basalthöhle geborgen, aber er wird nicht wie Noah der Stammvater der späteren Geschlechter, sondern nur Zeuge, Lehrer, gottpreisender Sänger. Schade, daß der Dichter nicht ändernd eingriff in das, was bei der Neuschöpfung der Pflanzen- und Thierwelt und beim zweiten Verderbnis; der Menschen zu ähnlich dem Vorlauf der Urzeit erzählt wird und hiedurch ermüdet. Aber höchst merkwürdig ist, das; wie allerwärts, so auch in der afrikanischen Sage eine Jungfrau-Mutter verehrt wird; sie bringt zwar nicht den Erlöser zur Welt, .sondern die Stammeltern aller ferneren Geschlechter, und ihre eigene Entstehung ist märchenhaft umkleidet, aber in keuschem Zauber. Und, wie Helle eigens anmerkt (S. 94), die Jungfrau-Mutter heißt im afrikanischen Mythus Mariam (entsprechend der arabischen Form Mirjam für Maria). Der Sang Kalanya's schließt unter Vorherver- kündigung zuerst des Elendes der Sklaverei, dann aber auch derjenigen weißen Männer, welche kommen sollen, unter wunderbarem Zeichen eine Botschaft des Friedens und des Heiles zu bringen, und in einem Epilog wird die Ankunft der Letzteren als bereits geschehen angesagt. Möge dem deutschen Dichter beschieden sein, das Ziel zu erreichen, welches er den lauteren Klängen dieser Dichtung gesteckt hat! — Wandgemälde aus dem XV. Jahrhundert, ii. Die Frauenkirche in Memmingen. In der, heute protestantischen, Frauenkirche zu Memmingen wurden schon 1891 herrliche Wandmalereien blos- gelegt. Seitdem wurde die Tünche von allen Malereien, deren die Kirche zahllose enthält, entfernt, und schon naht deren Restauration ihrem Ende. Das Verdienst der Aufdeckung kommt Herrn Stadtpfarrer Braun zu, der auch die erste, ziemlich eingehende Beschreibung derselben lieferte?) Die kgl. Regierung unterstützte das Nestau- rationswerk, das wohl ebenfalls mnstergiltig genannt werden muß. Hier haben wir das Beispiel einer großartigen einheitlichen Bemalung des ganzen Kirchenraumes. Die Kirche wurde dreimal erweitert und umgebaut. Der dritte Umbau wurde um Mitte des 15. Jahrhunderts vollendet. Wie haben eine dreischiffige spätgothische Kirche mit flachgedecktem Mittelschiff. In die Seitenschiffe find -) Im Christl. Kuustbl. 1891 S. 33 ff.. 1892 S. 26 ff., 43 ff. bei Dr. Endrcö: Bild!. Darstellungen aus dem Marien- lcbc» im Mittelalter. Hist.-pol. Bl. 113* S. 245 Anm. 338 Netzgewölbe eingespannt, der Chor ist ebenfalls reich eingewölbt. Die Bemalung ist in folgender Weise durchgeführt. Der Grund ist weist, die Nippen sind ziegelroth bemalt, im Chor und Triumphbogen waren sie mit Silberrosen gemustert. Die Pfeiler waren röthlich marmorirt, die breiten Gurte von Pfeiler zu Pfeiler, wie die Laibung des Triumphbogens, tragen reichen Bilderschmuck, die Viertelrippen an den Arkadenbögen sind mit einem gewellten bunten Muster versehen. Ueber den Arkaden läuft ein gemalter Fries, über dem Scheitel eines jeden Bogens von den ebenfalls (grün) gemalten Wimpergen durchbrochen, über jedem Pfeiler durch einen gemalten Sockel, welcher je eine kolossale prächtige Apostelfigur trägt. Die Arkadenbögen zeigen auf jeder Seite je zwei Engel, dazwischen einen Propheten, einmal zwei Heilige, dazwischen einen Engel. Alle halten Spruchbänder, die sich auf Meßopfer und Marienverchrung beziehen. In den Zwickeln zwischen Bogen und Apostelfigur finden sich herrliche Engelsgestalten, bei welchen besonders die meisterliche Stellung der Flügel und Drapirung der Gewänder auffällt. Oberhalb des Frieses finden sich an den Hochwänden des Schiffes nur vorne beim Triumphbogen rechts und links zwei Tafeln, Anfang und Ende des Athana- sianums in deutscher Sprache enthaltend. Im Chor findet sich an der Wand zwischen Fenster und Nippen des beginnenden Chorschlusses je ein fliegender Engel, flott gemalt; einer hält die Hostie mit dem Namen Jesu. Rechts ist eine Nische, wie für den Credcnztisch, dieselbe ist architektonisch ausgemalt, darüber ein Wimperg (wie oben), den Hintergrund bildet eine Teppichmalerei, darüber Maria mit dem Kinde in der Mondsichel, das Jesukind hält einen Rosenkranz, rechts und links ein reizender mufizirender Engel; dieses Bild ist ungemcin lieblich. Links ist in ziemlicher Höhe der Stifter nebst Wappen groß aufgemalt. Um die fünf Schlußpunkte des Chorgewölbes sind je vier Engel (in die vier Zwickel) eingemalt, dieselben shmbolisiren wieder das Meßopfer, die mittleren vier haben ein jeder in einer Hand eine Sanktuskerze, in der andern eine Schelle. Die Laibung des Triumphbogens zeigt uns südlich die thörichten Jungfrauen (10 Brustbildchen), in reichen Modecostümen, aber mit leeren Oelflaschen und umgekehrten Lampen, auf der Nordseite die 10 klugen mit brennenden Lampen. Die Gewölbesterne im Seitenschiff sind um die Schlußpunkte mit schwarzrothen, gothischen Pflanzenornamenten geschmückt. Nicht zwei von ihnen gleichen sich. Den herrlichsten Schmuck trägt aber die Wand des eingebauten Thurmes im nördlichen Seitenschiff. Hier finden wir zwei Darstellungen, oben ein größeres Bild, darunter ein Marienleben in 14 Bildern. Das obere Gemälde zeigt uns zuoberst Gott Vater, darunter rechts einen Garten, nach Art einer mittelalterlichen Burg mit Mauern und Thürmen umgeben. Darin finden sich alle möglichen Symbole Mariens: der versiegelte Brunnen, der Thurm Davids, die verschlossene Pforte, die Lilie unter den Dornen n. f. w. Stets ist die Bedeutung beigeschricben. Die Darstellung links ist theilweise zerstört. Die köstlichste Darstellung ist die Einhornjagd. Gabriel als Jäger mit vier Hunden und dem Speer, das Hifthorn am Munde, treibt das Einhorn, worauf das Christkindlein reitet, in den Schoß Mariens. Die Darstellung ist sehr hübsch durchgeführt, zeigt aber, daß die alte Einhornsage bereits nicht mehr ganz verstanden wurde. Die 14 kleineren Bilder unten sind: 1) Joachim und Anna Lämmer opfernd vom Hohenpriester zurückgewiesen; 2) Joachim auf der Weide, der Engel bringt ihm die Botschaft, im Hintergrund ein Hirt; 3) Anna im Garten empfängt vom Engel die Verheißung der Geburt Mariens; 4) Joachim und Auna an der goldenen Pforte; 5) Geburt Mariens; 6) Maria Tempelgang; 7) das Stab- wuuder, die Freier zerbrechen ihre Stäbe; 8) Vermählung Mariens; 9) Verkündigung; 10) Maria bei Elisabeth; 11) Joseph wird der Empfängniß gewahr, ein Engel klärt ihn auf; 12) die Geburt Christi; 13) die Be- schneidung; 14) die Anbetung der hl. drei Könige. Die Bilder sind höchst originell gedacht und ausgeführt, voll Ausdruck und packender Realistik, im Reichthum des Beiwerks nähern sie sich schon der Auffassung, wie sie aus Dürers Marienleben bekannt. Sehr fein, die besten und zartesten Gemälde überhaupt sind: das Erbärmdebild (Leos kvruo) auf einem Pfeiler der Evangelienseite und der Schmuck des Kanzelpfeilers, welcher eine Reihe von Diensten und Kapitälen vorgemalt erhielt, darauf Maria mit dem Kind in einer zierlichen spütgothischen Halle, zu beiden Seiten je zwei Engelsfigürchen. Dieser einzig schöne Schmuck soll sogar copirt werden und dieser ganze Pfeiler in dem neuen Nationalmuseum prangen. Ueber dem Chor findet sich die Jahreszahl 1459, über dem Südportal des Seitenschiffes ein Steinmetz- zeichen zwischen den Buchstaben L. u. ^., darüber 1571. In der südlichen Portalvorhalle findet sich eine Kreuzigungsgruppe gemalt, darüber wieder ein Wimperg. In der nördlichen Thorhalle sehen wir über dem Portal drei Bilder, oben die Anbetung der hl. 3 Könige, darunter die Verkündigung und die Geburt Jesu. Links sind Spuren von einer Apostellegende, erkennbar nur eiste Scene vom Martyrium des hl. Jakobus d. Ae. Dieses Portal harrt noch seiner Restauration entgegen. Merkwürdig ist noch im Innern der Kirche ein gemaltes Epitaphium, die Grabschrift ist unleserlich, darüber eine Nische (gemalt) mit Kelch, Ciborium, Meßbuch, Kanon, Meßpult, Leuchter und Oelgefäß(s), also den Emblemen des Priesterstandes. Fassen wir Alles zusammen, so haben wir in dieser Kirche ein Denkmal mittelalterlicher Kunst von ganz unschätzbarem Werthe; in der Geschichte der Wandmalerei gibt es wenige ähnliche Beispiele. Wir glaubten darum trotz oben erwähnter Publikation auch die Leser der Postzeitung darauf aufmerksam machen zu sollen. Viel kann hier sowohl in Hinsicht auf den Inhalt der Bilder, als in Hinsicht auf die treffliche Restauration gelernt werden?) Mindelheim, den 3. Okt. 1894. vr. O. Frhr. von Lochner. Josef Lelotte, ein katholischer Socialreformer aus dem Priesterstaude. Von L. H. Der Träger obigen Namens war keine moderne Tagesgröße, deren Name viel genannt wurde im politischen Leben, ja es sind schon zwei Jahre her, daß er nicht mehr unter den Sterblichen wandelt, und wohl viele Leser Ihres geschätzten Blattes haben noch nie den 2) Auch über die Frauenkirche steht noch eine größere Publikation von Herrn Stadtpsarrer Braun in Aussicht. 339 Namen Josef Lelotte nennen hören — und doch glauben wir der katholischen Sache einen Dienst zu erweisen, wenn wir Leben und Wirken des am 6. April 1892 verstorbenen Oberpfarrers von München-Gladbach — denn das war Lelotte — weiteren Kreisen bekannt machen. M.-Gladbach ist ja in den letzten Jahren berühmt geworden als Taguugsstätte des ersten praktischsocialen Kurses vorn 20.-30. September 1892. Zwar haben die Thcilnehmer an diesem Kursus den merkwürdigen Oberpfarrer nicht mehr kennen gelernt, aber es ist wohl nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet: wäre nicht ein Lelotte viele Jahre Pfarrer in M.-Gladbach gewesen, so wäre dieß nicht in solch großartiger Weise eine Musterstadt für Lösung der socialen Frage geworden, wie es dieß jetzt ist. Hat ja doch der Leichen- redner vor der Bahre des Verblichenen, der Hochwürdigste Herr Weihbischof Or. A. Fischer von Köln, zn den Pfarr- kindern des Seligen die Worte gesprochen: „Zu einer Zeit, wo nur wenige die Bedeutsamkeit der socialen Frage ahnten, wo oberflächliche Geister die Existenz dieser Frage einfach verneinten, da hat dieser schlichte Pfarrer schon die ganze Bedeutsamkeit dieser Frage durchschaut und sie nicht bloß erkannt, sondern selbst Hand uns Werk gelegt. Und wenn M.-Gladbach unwidersprochen den Mittelpunkt bildet der katholisch-socialen Bewegung in unserem deutschen Vaterland, so verdanken wir das neben anderen Männern, die dem Pfarrer zur Seite standen, ganz vorzüglich eurem guten verstorbenen Pfarrer, der anregte, begeisterte, selbst Hand ans Werk legte und andre dazu bestimmte." Darum möge es gestattet sein, eine Skizze des Lebens und Wirkens dieses hochbegabten Mannes zu geben; wir folgen einer Biographie, welche ein Kaplan des Verstorbenen, Hochw. Herr Kesselkaul, veröffentlichte (M.-Gladbach, 1893, Druck und Commissionsvcrlag von Wilms und Nixen; Preis 30 Pf.), und deren Lectüre wir jedem empfehlen möchten, da zudem der Reinertrag für einen Kirchenban in M.-Gladbach bestimmt ist. Karl Josef Nemaclus Lelotte wurde zu Aachen am 28. März 1827 als Sohn wohlhabender Bürgersleute geboren. Seine Gymnasialstudien machte er in feiner Vaterstadt. Für seine außerordentliche Begabung zeugt der Umstand, daß er in den Oberklaffen die lateinische Sprache so gut beherrschte, daß er mehrere lateinische Aufsätze über dasselbe Thema hintereinander diktiren konnte, ohne ein Wort zu schreiben. Seine theologischen Studien machte Lelotte in Bonn, wo er der katholischen Studentenverbindung Bnvaria beiirat und mit großer Schneidigkeit, geschmückt mit den weiß-blauen Farben, das Amt des Seniors versah. Er gründete auch unter den Studenten den akademischen Dombauverein, dessen Mitglieder sich verpflichteten, durch Geldbeiträge und auf andere Weise an dem großen Werke der Restauration und Vollendung des Kölner Domes mitzuwirken. Der feurige Student machte an anderen Universitäten, besonders in Süddeutschland, durch persönliches Auftreten und Vortrüge energisch Propaganda für seine Idee. Bei Elkan in Köln ließ er eine farbige Skizze des Domes anfertigen, und ans dem Ertrage wurde ein großes Glasfenster an der Südseite des Domes und ein anderes in der Sacramentskapelle beschafft. Lelotte hat damals durch seinen Eifer ein erhöhtes Interesse für den Kölner Dombau in weite Kreise getragen. Das am Studenten schon bewunderte Nednertalent ließ von dem Auftreten Lelotte's als Prediger (er wurde am 3. September 1850 zum Priester geweiht) Großartiges erwarten. Als Primiziant predigte er in seiner Pfarrkirche St. Michael über den hl. Erzengel und dessen Wahlspruch tzuis ut Osus — Wer ist wie Gott? Ein Mann aus dem Volke faßte seine Kritik über den feurigen Redner in die naiven Worte zusammen: „Wenn der den Lucifer fassen könnte, er würde ihn noch einmal in die Hölle stürzen." Seinen ersten Posten als Kaplan bezog Lelotte in Eupen, wo er eine Arbeitslast auf sich nahm, in welche sich nachher 2 oder 3 Geistliche theilten. Dem übergroßen Eifer hielt die Gesundheit nicht Stand; er wurde von einem heftigen Blutsturze befallen und mußte nach bloß 7 monatlicher Wirksamkeit Eupen wieder verlassen. Nach seiner Wiederherstellung war er 3 Jahre in Türen Kaplan und wurde dann in gleicher Eigenschaft nach Düsseldorf versetzt. Dort hauptsächlich begründete er seinen Ruf als großer, geistreicher Redner und Prediger. Alles strömte in seine Predigten, selbst Schauspieler vom Theater. Die Prinzessin Stephanie, eine Tochter des Fürsten von Hohenzollern, welche Lelotte zu ihrem Beichtvater gewühlt hatte und fleißig dessen Predigten besuchte, wollte den tüchtigen Geistlichen als Hofkaplan mit sich nach Lissabon nehmen, als sie die Gemahlin des Königs von Portugal wurde; allein Lelotte dankte und ging anstatt nach Lissabon, in die majestätische Königsstadt am atlantischen Ocean, — nach Venwegen, einem Ocrtchen von einigen 100 Seelen, in den Vorbergen der Eifel gelegen. Das war Lelotte's erste Pfarrei, welche er 2*/z Jahre verwaltete. Am 19. Januar 1864 übernahm er auf Wunsch seines Erzbischofs als 36 jähriger Mann die Sorge für eine Pfarrei von 18,000 Seelen, welche während seiner mehr als 28jährigen Amtsdauer sich auf 40,000 vermehrten — Lelotte wurde Oberpfarrer von Müuchen- Gladbach, und das war die von der Vorsehung für ihn bestimmte Stellung. Bald schon hatte er gegen die Bestrebungen der Socialdemokratie aufzutreten, die ein ergiebiges Feld ihrer Thätigkeit in der rasch aufblühenden Industriestadt gesucht und vielleicht auch gefunden Hütte, wenn nicht Lelotte den Wühlereien der Socialdemokraten sehr rasch den Boden entzogen hätte. Als im Jahre 1871 ein geriebener Socialdemokrat, Fritz Mcnde, der jeden Sonntag die hl. Messe besuchte, durch diese Zurschautragung einer erheuchelten religiösen Gesinnung viele gute Leute für seine verderblichen Ideen zu gewinnen schien, da genügten wenige, aber gewaltig wirkende Predigten Lelotte's, um dem Volksverführcr den Boden zu entziehen und ihm den letzten Anhänger zu entreißen — eine Thatsache, auf welche man im Parlament zu Berlin hingewiesen hat als Beweis dafür, wie wichtig die Wirksamkeit des katholischen Geistlichen in der Bekämpfung der Umstnrzbestrcbungen der Socialdemokratie sei. Ebenso mächtig erwies sich unseres Pfarrers Wort und der Einfluß seines Geistes in der kritischen Zeit zu Beginn des Cnlturkampfes. In unvergleichlicher Weise verstand er es, das Volk über die der Religion drohende Gefahr aufzuklären und zu mannhaftem Eintreten für die hl. Kirche zu begeistern, ohne dabei den schuldigen Respekt vor der weltlichen Obrigkeit zu verletzen. Ein Hauptaugenmerk richtete Lelotte dem Geiste 340 der Zeit entsprechend auf die Sorge für die arbeitenden Klassen. Er gründete schon im Jahre 1866 das erste „Hospiz" in Deutschland für katholische Arbeiterinnen, welches mustergiltig geworden ist nicht bloß in Deutschland, sondern weit über die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus; sodann rief er im Anschluß an das vorgenannte Institut einen Verein für Arbeiterinnen ins Leben, auch wohl den ersten oder sicher einen der ersten in Deutschland. Ebenso gründete er einen Verein für junge Kaufleute; auch die jugendlichen Arbeiter (von 14 bis 18 Jahren) und die Lehrlinge sammelte er zu einem Verein und erbaute ihnen sogar ein eigenes, schönes, musterhaft eingerichtetes Vereinshaus. Jahre lang trug er sich mit dem Gedanken auch den Ladenmädchen Sonntags Nachmittags eine veredelnde und herzerhebcude Erholung in einem Vereine zu bieten; aber die Sonntagsbeschäftigung ließ diesen Plan nicht ausführen, und erst als diese für den Nachmittag durch das Gesetz über die Sonntagsruhe aufgehoben wurde, trat bald nach dem Tode Lelotte's der „Verein der Ladengehülfinnen" ins Leben. Die hohe sociale Bedeutung der katholischen Orden fand bei dem weitausschauenden Gladbacher Pfarrherrn die vollste Würdigung; es wurde unter ihm für die der Krankenpflege obliegenden „Dienstmügde Christi" ein Kloster gebaut; in den letzten Jahren seines Lebens noch veranlaßte er eine Niederlassung der Franziskaner in seiner Pfarrei. Eine seiner Lieblingsschvpfungen war das stattliche Waisenhaus, für welches er große persönliche Opfer brachte. Es wurden ferner unter Lelotte's Leitung gebaut die (späteren) Pfarrkirchen von Venn und im Eickeu, sowie die Nektoratskirchen der Dienstmägde Christi und der Alexianerbrüder auf dem Blumenberge; daneben wurden die Restaurationen der alten Gladbacher Kirchen weitergeführt und vollendet. Neben dieser großartigen Thätigkeit vergaß Lelotte keineswegs die zwar weniger auffällige, aber um so wichtigere Thätigkeit für die Schule. Er hatte nicht bloß die Aufsicht über die Schulen seiner Pfarrei, sondern war auch Kreisschulinspektor, welch letzteres Amt ihm aber zu Beginn des Culturkampfes abgenommen wurde. Für die Schulsachen zunächst hielt er sich einen eigenen Sekretär und arbeitete selbst, solange er Kreisschulinspektor war, fast jeden Abend bis 12 oder 1 Uhr. Die Lehrpcrsonen schätzten Lelotte überaus hoch; manche sprechen geradezu mit Begeisterung von feinem pädagogischen Talent, seiner Menschenrenntniß, seinem erstaunlichen Gedächtniß. Ein Kind, das er nur Ein Mal gesehen, mit dem er nur einige flüchtige Worte gewechselt, erkannte er oft nach mehreren Jahren unter Hunderten wieder heraus, hatte sogar den Namen behalten. Die aufrichtige Liebe und Verehrung, womit die Lehrpersonen an ihm hingen, fand einen herrlichen Ausdruck unmittelbar nach des Obcrpfarrers Tod, indem die Lehrer und Lehrerinnen Gladbachs die ersten waren, welche einen Jahrtag für den Seligen stifteten — ein Akt der Pietät von Seiten der Lehrpersouen Gladbachs, den der Hoch- würdigste Herr Weihbischof von Köln, Dr. Fischer, öffentlich gerühmt hat. Wenn man Lelotte mit kurzen Worten charakterisiren will, so muß man wohl mit seinem Biographen sagen: Er war ein groß und originell angelegter Geist, er war ein liebenswürdiger Mensch, er war vor allem ein Priester in des Wortes bester und edelster Bedeutung. Er lebte und wirkte für Gott und seine Neben- menschen, für sich suchte er kein Vergnügen, kein Geld, keine Ehre. Seine Erholung bestand in einem Spaziergange durch seinen großen Garten; Reisen machte er äußerst selten; es ist Thatsache, daß bei ihm vorkam, daß er 12 Jahre laug keine Eisenbahn benutzte. Des edlen Priesters Herz war frei von Anhänglichkeit an Hab und Gut; vor seiner Thüre sammelten sich oft solche Haufen von Armen, daß die Polizei, die in der Nähe ihr Hauptquartier hatte, sich veranlaßt sah, schützend einzuschreiten. Auch nach Ehre verlangte der bescheidene Priester nicht. Es wurde ihm die Stelle eines Stiftspropstes in Aachen von seinem Vorgesetzten angeboten, Lelotte aber lehnte ab; er sollte dann Domkapitular in Köln werden, aber er wollte Pfarrer bleiben; Se. Eminenz der Hochwürdigste Herr Cardinal-Erzbischof Krementz wollte Lelotte zu seinem Weihbischof haben, trug ihm persönlich die Würde eines Kirchenfürsten an, aber Lelotte bat demüthig, seine schon alternden Schultern nicht mit einer so schweren Bürde zu belasten. Lelotte blieb Pfarrer und starb als Pfarrer am 6. April 1892. Der Hochwürdigste Herr Weihbischof von Köln, Dr. Fischer, eilte an die Bahre des Verblichenen, celebrirte ein Pontifikal-Requiem für dessen Seelenruhe und hielt eine ergreifende Leichenrede. Danken wir Gott, daß er uns einen solchen Mann geschenkt, ein so hellleuchtendes, begeisterndes Vorbild für jeden Priester, und bitten wir den Allgütigen, daß er jeder großen Stadt, in welcher die Socialdemokratie eingebrochen ist oder einzubrechen droht, einen solchen Pfarrer gebe! Ein Wort über die alten Sprachen und den Einfluß der klassischen Studien in politischer und religiöser Beziehung. (Fortsetzung.) A. 8. Es ist nun nicht schwer, diesen großen Unterschied zwischen den heidnischen Staaten des Alterthums und den christlichen Staaten der neuen Zeit einzusehen. Dort besteht der Staat aus der Anzahl der Freien, meistens aus dem geringeren Theil der Bewohner des Staatsgebietes; hier besteht er aus der ganzen Bevölkerung. Dort liegt die ganze Erwerbsthätigkeit beinahe ausschließlich den rechtslosen Sklaven ob, sie müssen für die kleinere Anzahl der Freien alle Arbeiten verrichten, damit diese sich dem Kriege und den Staats- gefchäften widmen können; hier gibt es keine Menschenklasse im Zustande der Rechtslosigkeit, es gibt keine Sklaven; der Landbau, die häuslichen Arbeiten und die Gewerbe werden daher alle von den Mitgliedern des Staates selbst getrieben, jedes derselben arbeitet und erwirbt für sich, da keines das Eigenthum des andern ist, sondern, auch wenn es andern dient, in Folge eines freien Vertrages und für Lohn, also zu seinem eigenen Erwerb, für sich arbeitet. Die natürliche Folge ist, daß hier nicht, wie dort, alle Freien sich bloß den Staatsgeschüften widmen können, eben weil alle Einwohner persönlich frei sind und somit keine Klasse mehr im Staate vorhanden sein kann, durch welche, wie in Griechenland und Rom, die Privatgeschäfte 341 der Freien besorgt würden. Wollte man nun in unserer Zeit einen Staat von etwa 16 Millionen Einwohnern ganz nach dem Muster des alten Athen unter Perikles organisiren, so würden ungefähr 4,325,000 Einwohner als Freie, 11,675,000 als Sklaven anzusehen sein. Letztere wären also das Eigenthum und die rechtslosen Knechte jener geringeren Zahl von Freien. Wenn nun unter diesen, die alsdann den Staat ausmachten, eine ausgedehntere Freiheit bestände, als in Athen oder Rom je unter den Bürgern bestand, und eine Gleichheit, wie sie kaum denkbar ist, so hätten zwar die 4 Millionen eine Demokratie im vollsten Maße; aber mit Rücksicht auf die Gesammtbevölkerung des Staates, von der wir in unserer Zeit und nach unseren Verhältnissen nothwendig ausgehen müssen und allein ausgehen können, wäre es eine höchst grausame und unmenschliche Bedrückung der größeren Menge durch die kleinere; wir würden einem solchen Staate jeden erdenklichen Namen eher geben, als den eines „Freistaates". Hieraus ist klar, daß nach unserem Maßstabe, nach unseren Verhältnissen, wonach wir die gesummte Bevölkerung des Staatslandes, nicht einen einzelnen Theil derselben unter den Bürgern und Mitgliedern des Staates verstehen, im alten Griechenland und Rom gar nie eine Demokratie existirt hat, abgesehen davon, daß auch in dem engeren Kreise der Freien, die dort das Volk hießen und den Staat bildeten, fast immer die Leitung und Beherrschung der Menge durch einen Mann vorwaltete und die Selbstherrschaft des Volkes in der Regel eine Selbsttäuschung war. — Und doch will man, trotz aller dieser Verhältnisse, in unserer Zeit jene Staaten des Alterthums wegen ihrer Freiheit bewundern und als Ideale hinstellen für welche die Jugend durch das Lesen der Klassiker, wie man sagt, bis zur Schwärmerei begeistert werde?*) Das, was mit Recht Bewunderung Vielleicht wird eingewendet, cö lasse sich ans den Klassikern auch vieles im entgegengesetzten Sinne anführen und folgern, insbesondere finde man in ihnen häufig eine entschiedene Sprache gegen das Königthum; schon der klotze Name -rsx« sei bei den Alten verhaßt gewesen, Brutus werde als »oxpnlsor rs§nm« und »vimlsx libsrtas« hochgepriescn, Harmodins und Aristozitcn werden als Mörder des Hipparcbns wie Helden besungen n. dgl. (eouk. Oio. äs oll. III. 4, Oio. pro ülil., Oemoatb. § 280). Bei dem letzten Beispiel und ähnlichen ist die laxe und verkehrte Moral in Betreff des Mordes nicht zu übersehen. Was den Hatz gegen das Königthum betrifft, so hatte derselbe vorzüglich darin seinen Grund, daß die Alten in einem Könige überhaupt einen unnnischränkten Herrscher nach Art der orientalischen Tespoten vor Augen hatten, der sich zu seinen Unterthanen ungesäbr so Verhält, wie ein römischer Bürger zu seinen Sklaven. Deßwegen bezeichnen sie auch den Zustand eines Staates, der keinen König hat, mit dem nämlichen Worte, mit welchem sie den eines Menschen, der eben nicht der Sklave eines andern Menschen ist, bezeichneten, mit dem Worte -liberkas-, so daß dieses zugleich den Gegensatz zu -rsZum« und -svrvitns- bildete (oonk. las. Lun. I. 1, luv. II. 1). Dieser Gegensatz ist jedoch nur mehr ein contradictorischcr, die bloße Negation von reZ-um und ssrvitus, ohne im Grunde etwas Positives zu bezeichnen, so daß z. B. gleich nach der Vertreibung der Tarquinier das Wort -libortao- aus den Zustand des römischen StaaleS angewandt wird, obgleich die nämlichen Historiker, die diesen AnSdruS gebrauchen, ein schauerliches Bild von der Unfreiheit und Bedrückung der Plebejer durch die Patrizier entwerfen, wie wir oben gesehen. — UebrigcnS stellten die Griechen und Römer das Königthum gewöhnlich mit der besonderen Absicht, es bei dem Volke verbaßt zu machen, in ein ungünstiges Licht; deßwegen sprechen sie nicht selten von der Gewalt ihrer früheren Könige, z. B. der attischen und römischen, in einem Sinne, als hätte ihre jedesmalige Laune und Willkür für den Staat als Gesetz gegolten, obgleich sie wohl wissen, daß dieses nicht wahr ist und zwischen ihren Königen und den asiatischen ein sehr großer Unterschied war. erregt und bis zur Begeisterung für sich einnehmen kann und soll, ist nicht die Form, nicht das Leben und Schicksal jener Staaten im ganzen genommen, sondern einzelne Einrichtungen und Grundsätze^) und insbesondere der Charakter einzelner hervorragender Männer, ihr Gehorsam gegen das Gesetz und seine Vollstrecker, ihre glühende Vaterlandsliebe und rückhaltlose Hingabe für das Wohl und den Ruhm des Vaterlandes. In dieser Beziehung bietet uns die Lcctüre der Alten viel Schönes dar und stellt uns manchen Mann als Muster und leuchtendes Vorbild in Erfüllung der bürgerlichen Pflichten vor Augen. Wir möchten bezüglich des Gehorsams gegen die Staatsgesetze auf den an Gymnasien so häufig gelesenen Dialog des Plato, der „Oritoi? betitelt ist, hinweisen. Dort setzt der zum Tode oerurtheilte Sokrates, dem Triton räth, aus dem Gefängnisse zu entfliehen, das Verhältniß des Bürgers zum Staat und die daraus hervorgehenden Pflichten treffend auseinander. Er sagt (6ux>. 11 rc.) zu Criton, was sie antworten werden, wenn ihnen beim Entfliehen die Gesetze und die Person des Staates (cfl rözrcw xcrc 10 xocröv -rH; TcöXsw-:) begegnen und also fragen würden: Was willst du thun, o Sokrates, willst du nicht uns, die Gesetze, und, soweit es an dir liegt, den Staat zu Grunde richten? Oder glaubst du, es könne ein Staat bestehen, in dem die gefällten Urtheilssprüche nichts gelten, sondern von dem Einzelnen ungültig gemacht und aufgehoben werden? Werden wir, o Criton, wohl antworten: Der Staat hat uns Unrecht gethan, er hat ein ungerechtes Urtheil über uns gefällt! Gut. Wenn aber die Gesetze und der Staat erwidern; Sind nicht wir es, die dich erzeugten, dich erzogen und bildeten? bist du somit nicht unser, sowohl unser Sohn als unser Sklave (sxpavo; ösöXsc) , du und deine Kinder? Glaubst du nun, bei diesem Verhältniß habest du soviel Recht gegen uns, als wir gegen dich? Der Sohn hat gegen den Vater, der Sklave gegen den Herrn nicht das gleiche Recht, das der Vater gegen den Sohn, der Herr gegen den Sklaven hat; wenn der Sohn und der Sklave geschmäht oder geschlagen werden, so dürfen sie den Vater und Herrn nicht wiederum schmähen und schlagen. Und doch glaubst du uns zu Grunde richten °-) Wir erinnern hier, daß bei den Alten nicht die unbesonnene Jugend, sondern Männer des reiferen Alters und die vielersahrcnen Greise im Rathe des Staates saßen, in öffentlichen Angelegenheiten zu berathen und das Wort zu führen berufen waren. Die Stellung, welche die Jugend im Alterthum einnahm, und das Beispiel der spartanitchen Jünglinge in ihrem ehrfurchtsvollen Verhalten gegen die Greise ist für die Jugend aller Zeiten sehr belehrend. — BeachtunzSwcrth ist in dieser Beziehung auch das Beispiel und besonders der dabei ausgesprochene Satz deS Römers MinucinS. Als er nämlich, wie Livins erzählt, aus Hitze und Uebcreilung sich gegen den Rath und Willen des älteren und einsichtsvolleren Dictators Fabius mir Hannibal in ein Tressen eingelassen hatte und bereits geschlagen war, kam Fabins demselben zu Hilfe und rettete ihn vom nahen Untergänge. Hierauf sprach Miuucius zu seinen Truppen, nachdem er sie in das Lager zurückgeführt hatte: „Ich habe oft gehört, o Soldaten, daß derjenige Mann der eruc sei, der selbst klugen Rath besitze und das Sachdienliche erkenne; der zweite sei der, welcher einem guten Rath gehorche; derjenige aber, welcher weder selbst Einsicht habe, noch einem anderen zu gehorchen wisse, der sei der unfähigste und letzte. Da uns nun der erste Rang an Geist und Einsicht nickt beschicken ist, so lasset uns den zweiten und mittleren behaupten und den Entschluß fassen, einem Einsichtsvollen zu gehorchen, bis wir befehlen lernen." Sodann sübrtc er seine Heereöabtheilung in das Lager des Fabins, begrüßte ihn mit dem Worte „Vater" und unterwarf sich gänzlich seinem Oberbefehl, obgleich er zuvor an Macht dem Dictator gleichgestellt war. 342 zu dürfen, weil wir es für recht halten, dich zu tödten. Oder hast du vergessen, daß das Vaterland seinen Bürgern gegenüber nicht nur die Rechte des Vaters gegen den Sohn und des Herrn gegen den Sklaven hat, sondern noch weit höher steht, als Vater und Mutter, daß man ihm, auch wenn es hart ist, noch mehr gehorchen und dienen müsse, als den Eltern; daß man dulden muß, wenn es zu dulden befiehlt, daß man im Kriege und vor Gericht und überall thun muß, was der Staat und das Vaterland gebietet? Bedenke, Sokrates, ob wir nicht wahr sprechen, wenn wir sagen, du thust uns Unrecht durch das, was du unternimmst. Denn wir haben dich erzeugt, erzogen, gebildet, wir haben dich und die übrigen Bürger an all dem Guten, das wir haben, Theil nehmen lassen. Gleichwohl gestatten wir jedem, das, was er hat, zu nehmen und in ein anderes Land zu ziehen, wenn wir ihm nicht gefallen. Wer aber im Staate bleibt, von dem nehmen wir an, daß er durch die That seine Zustimmung gegeben habe, das thun zu wollen, was wir befehlen. Wer uns aber nicht gehorcht und uns auch nicht eines Besseren belehrt, uns nicht überzeugt, daß wir Unrecht thun, der begeht au uns ein dreifaches Unrecht, weil er uns, seinen Ernährern und Erziehern, und weil er denen nicht gehorcht, welchen er Gehorsam versprochen hat. — In diesem Sinne und ungefähr mit diesen Worten läßt uns Plato seinen Lehrer die Pflicht des Gehorsams gegen den Staat und seine Gesetze entwickeln. Obgleich Sokrates die Ueberzeugung in sich trägt, daß er unschuldig verurtheilt sei, und obgleich ihm durch seinen Schüler und Freund Criton alle Mittel zur Flucht angeboten wurden, so bleibt er doch im Kerker und erwartet voll Seelenruhe den Tod. Nicht von dem Gesetze, sondern von den Menschen, die jenes mißbrauchen, sagt er, geschehe ihm Unrecht. Er bringt das Leben zum Opfer, nur um den Grundsatz nicht anzutasten, daß der Einzelne kein Recht habe, sich den Gesetzen und Aussprüchen des Staates willkürlich zu entziehen. — Daraus, daß Plato die Pflichten des Bürgers gegen den Staat und seine Gesetze aus dem Verhältnisse des Sohnes zum Vater und des Sklaven zum Herrn ableitet, ersehen wir auch deutlich, wie der Staat bei den Alten der unumschränkte Herr des einzelnen Bürgers war und dieser mit Aufopferung seiner individuellen Zwecke vor allem und hauptsächlich dem Allgemeinen, dem Staatszwecke sich unbedingt hingeben mußte. (Oonst 6io. acl ^.tt. IX., 9 und 6io. da oll. I., 17). Der Einzelne ist dort gleichsam mehr des Staates, als seiner selbst wegen da. Am meisten war dieses in Sparta der Fall, wo der Mensch schon als Kind ganz dem Staate angehörte und seine Person sofort in der Staatsfamilie aufging. Die gemeinschaftlichen Mahlzeiten der Spartaner und Anderes zeugen allerdings von einer Art Kommunismus, aber nicht zum Behufe des Genusses, sondern zum Zweck der allgemeinen Einfachheit, Enthaltsamkeit und Abhärtung. Von dem Kennenlernen jenes Beispiels ist nichts Nachteiliges zu befürchten; es findet in unserer Zeit gewiß keine Nachahmung, denn man hat bisher noch nirgends ein Gelüste nach der schwarzen Suppe der Spartaner entdeckt. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. L. Bei Kösel in Kcmpten erscheinen „Pädagogische Vortrage und Abhandlungen", herausgegeben in Verbindung mit namhaften Schulmännern von Jos. Pötsch» in zwangslosen Heften von 2—6 Bogen. Das Unternehmen ist ein katholisches und ist gerichtet gegen gewisse moderne naturalistische, materialistische und rationalistische Strömungen auf dem pädagogischen Gebiete. Es will Jnformationsarbeiten, eckte Gcistcswaffen, eine wahrhaft katholische Lektüre bieten. — Die folgenden erschienenen Hefte lassen beurtheilen, in wie weit bis jetzt das Programm eingehalten worden ist. Viertes Heft: Die wahren Verdienste Luthers um die Volksschule. Zur Lehr' und Abwehr dargestellt von Dr. Thalhcim; 8°; 29 Seiten. Das Resultat dieser Untcriuchung an der Hand der Geschichte lautet: Luther ist nicht der Gründer der deutschen Volksschule, sondern ihr Zerstörer. — Fünftes Hest: Die Er- ziehnngsprincipicn Dnpanloups und unsre modernen Pädagogen. Von Hugo Wehncr, Lehrer in Düsseldorf. 8°; 88 Seiten. Der geistreiche, im Erziehungswesen wohl erfahrene französische Bischof hat in einem größeren 3 bändigen Werk seine Grundsätze über christliche Erziehung niedergelegt und sich als eine Autorität in diesem Fache bewiesen, indem er das Ziel der Erziehung, die Natur des Kindes und die Erziehungsmittel eingehend behandelt. Der Verfasser dieses Schriftchens hat die verdienstvolle Arbeit übernommen, diese Grundsätze deS katholischen Bischofs den Principien der modernen Pävagogik gegenüberzustellen und letztere auf ihren praktischen Werth in einer christlichen Schule zu prüfen. DaS Resultat geht dabin, daß kein Grund vorhanden, die alten katholischen Grundsätze zu verlassen. — Sechstes Heft: Die culturhistorischen Stufen der Herbart-Ziller-Stoy'schen Schule. Ein Darstellung nebst Beurtheilung derselben. Von Al. Knöppcl, Hauptlehrer. 8°; 46 Seiten. Wenn Protestanten die Schule zum Versuchsfeld machen wollen für die Entwickelung falscher Principien und Voraussetzungen, so kommt es den Katboliken zu, dem Eindringen derselben in katholische Schulen sich entgegenzustellen. Das that der Verfasser. Er kommt in seiner Kritik der genannten Schule zu dem Resultat, daß das Unterrichten in diesem Sinne aus praktischen, methodischen und religiösen Bedenken in unseren Schulen nicht zulässig sei. — Bisher hat die VcrlagShandlung von Kösel ihr Programm erfüllt und verdient demnach ihr Unternehmen in bethciligten Kreisen alle Beachtung und Unterstützung. Die neue Kunst und der Schaupöbel. Dresden, Verlag : Kunstdruckerei Union, Herzog u. Schwinge. 60 Pf. O Ein sehr verdienstvolles Schriftchen eines hervorragenden Sachverständigen über und gegen die modernsten Kunst- bestrebungen, deren Endziel, dem Zeitgeist entsprechend, die Darstellung des Häßlichen und Gemeinen, die Erniedrigung des Erhabenen ist, beleuchtet an einigen Muster-Meisterwerken dieser Art. Zunächst bestimmt für Dresden und DrcSdcner Kunstverhältnisse, verdient die schneidige und wohl begründete Kritik allgemeine Beachtung, insbesondere in Bayern, in dessen Haupt- und Kunststadt ja auch die modernste Kunstrichtung über Gebühr sich breit macht. _ Beleuchtung antireligiöser Schlagwörter. Von k. Georg Freund, l. S. S. N. Wien 1824. Verlag von Heinrich Kirsch. I. Singcrstraße 7. 73 Seiten. O Die täglich zu hörenden Schlagwörter: „Religion ist Nebensache; Ich glaube nichts; Es ist ein Glaube wie der andere; Der Glaube ist autiguirt, heute thut's Bildung; Mit dem Tode ist alles aus, eS gibt kein Jenseits; Die kath. Kirche hemmt den Fortschritt; Nur nichts übertreiben; Von der Religion habe ich nichts, die vertröstet aufs Jenseits", sind anziehend und volksthümlich und gut widerlegt. Das Schriftcken liest sich leicht und dürfte für Vortrüge in Vereinen ein vortreffliches Material bieten. Stellung des katholischen Religionsunterrichtes in der Volksschule im Plane der Jünger Herbarts von Dr. Johannes Scholastikus. Würzburg, Andreas Göbel; 1894; 8°; 34 Seiten. L. Der philosophisch-theologische Wellenschlag der Zeit macht sich auch in der wissenschaftlichen Pädagogik geltend. Doch ist eine glückliche Jnconsequcnz oft von Vortheil, indem neue Versuche nicht zur Entwickelung gelangen und so das bewährte Alre die Oberhand behält. So ist auch die Hcrbart'sche Philosophie großenthcils überwunden, und der Verfasser dieses Schriftchens beleuchtet kritisch die Abwege, wohin Hcrbart's wissenschaftliche Pädagogik führt, d. h. daß man sich nicht mit dem Resultat befreunden könne: Der Mensch ist lediglich das Produkt der Erziehung. Dagegen anerkennt der Verfasser, daß in der kcnntnißthcoretischcn und metbodischen Beziehung die Her- bart'fche Richtung einen gewissen Fortschritt bezeichne. 343 k. I- I- Scheffmacher» 8. F., ControverS-Katechis- muS für Katholiken und Protestanten, in dieser neuen Ausgabe vermehrt mit einem Nachtrag: Folgen und Früchte der Reformation; Protest. Schlag- wörter unv Entstellungen. Anhang: Die christliche Familie, ein Sittenspicgel. Herausgegeben von einem Priester der Diöccse Strahlung. Mit bischöflicher Approbation. Strahlung i. E., Le Ronx u. Co. 8°, 1894; 312 Seiten; Preis 2,00 M. gebunden. L. Ein altes Buch nach Titel, Anlage und Einfluß, aber neu durch sehr bedeutende Erweiterungen nach den Häresien und Bedürfnissen der Neuzeit, besonders durch das II. Buch! — Dieses Buch ist eine vortreffliche Waffe zur Abwehr, eine Fundgrube zur Vertiefung in die Wahrheiten deS Karcchismus. ein Rcpertorinm über die Untcrscheidungslehrcn zwischen der kathol. Kirche und den Sekten seit 350 Jahren in präciser, verständlicher und erschöpfender Darstellung. Für unsere Zeit ist besonders wichtig das II. Buch, welches von den Folgen und Früchten des Lntherthums und der sogenannten Reformation in socialer Hinsicht, von den protestantischen Schlagwörtern, dann von den Freidenkern, von der Freimaurerei u. s. w. handelt. Der Proceß der Entwickelung des Protestantismus bis herab zum Socialismus in seiner conscqnenten Phasen vollzieht sich vor den Augen des Lesers. Die Ausstattung ist sehr solid. _ Der große Tag der Ernte. Fastcnprcdigten von G. Diessel, 0. 8s. L. Mit Approbation des bischöfl. Ordinariats Königgrätz und der Ordcnsobern. Negens- bnrg, Pustet; 1894; 8°; 176 Seiten. 8. Der Verfasser, welcher durch frühere Jahrgänge von Fastcnpredigteu bereits einen Namen hat, fesselt in diesen vorliegenden den Leser nicht blos durch den an sich das Herz ergreifenden Gegenstand (das letzte Gericht), sondern auch ganz besonders durch die Darstellung; denn er findet wohl durchdachte, gut disponirte, durch passende Beispiele beleuchtete, sprachlich abgerundete, einfach stilisirte Verträge, an welchen Jeder lernen kann. Wilhelm Becker, 8. kk. Die christliche Erziehung oder Pflichten der Eltern. Freiburg i. Br. 1894. Herder'sche Vcrlagshandlung. br. 2 M., geb. 2 M. 70 Pf. 8°. 282. o. Drciunddrcißig Kanzclvcrträge führen aus, wie Eltern ihre Kinder zu guten, nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft machen können, wie sie dieselben in die christliche Religion einzuführen, vor Sünden und Jrrpfaden zu bewahren, nöthigenfalls weise zu bestrafen, durch das eigene gute Beispiel im Guten zu befestigen haben. Die Sprache ist einfach und gemeinverständlich, aber trotzdem oder vielmehr gerade deshalb warm und überzeugend. Die Vortrüge, weil in Amerika gehalten, sind amerikanischen Verhältnissen angepaßt; jedoch, da die Gesetze der Erziehnngskunst überall die gleichen sind, auch in der alten Welt recht brauchbar. Joseph Seeber. Der ewige Jude. Episches Gedicht. Freiburg i. Br., Herder'sche VerlagShandlnng. 1894. br. 2 M., kl. 8°. 216. s. Die Erzählung beginnt mit den Ereignissen in den letzten Tagen der antichristlichen Weltherrschaft und endet mit ihrem Sturze. Der ewige Jude ist aufgefaßt, als der Vertreter des altgläubigen Judemhnms, das seine national-politische Anschauung vom Messias bewahrt hat und darum dem in Christus erschienenen feindlich gegenübersteht, welche Auffassung vor allem eine großartige Grundlage schafft und dann auch einen gewaltigen Ausbau der Erzählung ermöglicht. In Jerusalem, das zur modernen Weltstadt geworden, thront der Antichrist als mächtiger Fürst; das Feldherrntalent, die List AhaSver'S hat ihm Orient und Occident unterjocht; der Fels Petri scheint endlich durch die Gefangennahme des Statthalters Christi überwältigt. Trotz dieser Erfolge sieht sich AhaSver und sein Volk von der Stelle verdrängt, die einzunehmen er geboffr; ein Nichtjude, ein verhaßter, abgefallener Christ hat die Gunst deö Antichristes für sich gewonnen. Alle Bestrebungen, dieselbe zurückzuerobern, mißlingen nicht blos, AhaSver muß sogar den Haß seines Herrn fühlen, der ihm durch ein Scheinwnuder das Augenlicht raubt, und wird mit seinem Volke vom fürstlichen Hofe in Schanden verstoßen. Aufnahme findet er bei den verfolgten Christen; das Oberhaupt der Kirche pflegt ihn persönlich. Diese Liebe besiegt seinen Haß, er läßt sich taufen, erhält das Augenlicht wieder, wird ein zweiter Paulus und führt sein unglückliches Volk zum wahren Gott zurück, während unterdessen die Herrschaft des Antichristes, der sich als Gott huldigen läßt, durch göttliches Einschreiten ihr Ende erreicht. Diese gedrängte Inhaltsangabe läßt einigermaßen ersehen, welch gewaltigen Stoff der Dichter sich ausgesucht. Er ist aber auch Meister über denselben geworden. Die Sprache ist fließend; mit Meisterschaft der fünffüßige Iambus behandelt; öfters erfreuen den Leser überraschende Bilder; die Spannung wächst von Gesang zu Gesang. Wir lasen das Gedicht sozusagen auf einen Sitz, um eö sofort — wieder von vorne zu beginnen, und haben seitdem manche Stelle schon wiederholt gelesen. Ein Blick in die heutige Rechtsanwaltschaft hinein. Commissions-Verlag von Georg Weiß in Heidelberg. 38 Seiten. O In volkSthümlicher Sprache sind die bedenklichen Mißstände der heutigen Ncchtsanwaltschaft recht sachkundig besprochen und ihre Ursachen erörtert. Diese findet der Verfasser mit Recht in der unbeschränkten und in der Zulassung praktisch noch ungeschickter, unerfahrener Bewerber, in Mängeln der Prozeßordnung, die dem Richter nur einen sehr geringen Einfluß auf den Gang des Verfahrens gestattet und ihren Vorschriften durch die Unterlassung von Strafandrohungen auf die Nicktbeachinng den Nachdruck und Erfolg benimmt. Mit Unrecht scheint uns der Verfasser dem mündlichen Verfahren einige Schuld beizumesseu; denn gelogen wird auch in den Schriftsätzen, und noch mehr wurde gelogen im frühern schriftlichen Verfahren. Was sonst der Verfasser alles sagt und beklagt, hat nicht bloß für Baden, sondern im Allgemeinen Geltung, und wiro ihm jeder mit der streitigen Rechtspflege befaßte Richter bestätigen, jeder aufrichtige Anwalt zugestehen, und könnte in mancher Hinsicht z. B. durch ein Kapitel über die Ausscheidung von Schreibgebühren ergänzt werden. k. O. Ningholz 0. 8. P. Der selige Markgraf Bernhard von Baden. Mit einem Titelbild in Farbendruck und 7 weiteren Abbildungen. Volksausgabe. Herder'sche Verlagsbandlung. Freiburg i. Br., 1894. brosch. 50 Pf., Leinw. 60 Pf., ganz Leinw. 1 Mark. XII», 93. o. Vorliegendes Büchlein, bearbeitet nach dem größeren, glcichbctiteltcn Werke desselben Autors, enthält in edler, sehr ansprechender Form die Lebensbeschreibung eines Gliedes des badensischcn Herrscherhauses, des Markgrafen Bernhard, der 1458 im Alter von 30 Jahren starb und 1769 von Papst Clemens XIV. selig gesprochen wurde. Ein Anhang bringt Gebete zu Ehren deS Seligen aus alter und neuer Zeit. Die Ausstattung, sowie die Bilder verdienen Lob. Für Volks- bibliothcken sehr zu empfehlen. F. C. Bacrnrcitbcr, Bonfilia oder gutgemeinte Worte an katholische Töchter. Approbirt und empfohlen vom Hochw. Bischof von Linz. Einsiedeln, Benziger, 1894. 279 S. Fein geb. 3 M. -cl- An guten Rathgcbcrn für Mädchen aus gebildeten Gesellschaftskreisen, welche im Begriffe stehen, in das gesellschaftliche Leben eingeführt zu werden, bat die katholische Literatur keinen Mangel. Die betreffenden Schriften der Frauen von Licbenau, von Lindcmann, Albini-Crosta — um nur die bekanntesten zu nennen — sind aber trotz ihrer Vorzüge noch uicbt^ im Stanoe gewesen, die protestantische und die religiös indifferente Literatur auf diesem Gebiete von den katholischen Familien gänzlich ferne zu halten. Es wird dies auch der vorliegenden Schrift nicht gelingen, weil die „gebildeten katholischen Kreise" von der katholischen Literatur vielfach nicht Notiz zu nehmen lieben. Gegenüber solcher Indolenz ist cS schon von moralischem Gewichte, auf eine stattliche Zahl concurrenzsäbiger katholischer Leistungen wenigstens hinweisen zu können. Bonfilia wird übrigens ihren Weg finden. Das Büchlein ist unter die belehrende, nicht unter die erbauliche Literatur einzureihen. Um es kurz zusammenzufassen, cS zeichnet sich gleichmäßig aus durch vornehme Sprache, durch weise Beschränkung auf das praktisch Erreichbare unter Fcrnhaltnng aller Einseitigkeitcn und durch eine wirklich gründliche, auf reiche Erfahrung gestützte Kenntniß des Franeuhcrzcns. Der Emancipation wird die echte Weiblichkeit in ihrer ganzen Würde und Schönheit gegenübergestellt, doch nirgends polemisch, sondern rein positiv-apologetisch. An packenden Vergleichen und Bildern, an anregenden Gedanken wird eine Fülle geboten. Aber alle diese Vorzüge treten zurück hinter dem der warmen Liebe zu den Angeredeten, wie sie der ganze Ton der Schrift verräth. Die Liebe reicht diese Gabe, 344 welcher eben darum der Segen nicht fehlen kann. Wir theilen hier statt einer Analyse einzelne Artikcliiberichriften mit: Lectitre. In Gottes freier Natur. Ueber Bälle. Was ist Takt? Angewöhnte Fehler und Mittel dagegen. Langweile und Einsamkeit. Mit Gott allein. Etwas über Liebe und warum Mädchen hcirathen. Welche Männer nicht zu wählen sind. Der Brautstand als Vorbereitung für die Ehe. Schwiegermütter. Vom Kochen und Essen u. s. w. Nach Inhalt und Form ist die Sckrift für die gebildeten Kreise im engeren Sinne berechnet. Möge es in solchen recht warm empfohlen werden. Es wäre eine Zierde für den Weihnachtstisch der Tochter. Linzer theol.-praktischc Qnartalschrift. Jahrgang 1894. Expedition: Linz, Stiftcrstraße Nr. 7. Preis pr. Jahr 7 M. Inhalt des 4. Heftes u. A.: Die Aufgabe der Kirche inmitten der gegenwärtigen socialen Bewegung. Von v. Albert Maria Weih 0. vr. — Die Heilsbedürftigkeit des Menschen und die HeilSsorge Gottes. Von Augustin Lehmkuhl 8. I., Professor in Exaeten (Holland). — Die RechlSbezichnngen des lateinischen und griechisch-katholischen Ritus in der Lembergcr Kircheuprovinz. Von Aug. Arndt 8. .1., Professor des canon- ischen Rechtes in Krakau. — Die s. 6a?» in Loreto. Von Joj. Krcschnicka, NeligionSprofcssor in Horn (N.-Oe.). — Der Gesang bei der feierlichen Liturgie. Von Pfarrer Saut er, Präses des hohcnzollern'schen Bezirks-Cäcilienvereines. — Kennt die katholische Liturgie die Eintheilnng des Kirchenjahres in die drei Festkreise von Weihnacht, Ostern und Pfingsten? Von v. Franz Hattler 8. I. in Innsbruck u. s. w. — Pastoral- Fragcn und -Fälle: 1) Beihilfe zum protestantischen Ne- ligions-Untcrricht. Von Professor Augustin Lehmkuhl 8. st. in Exaeten (Holland); 2) Ungerechter Preis bei Zwangsversteigerung. Von vr. A. Goepfert, Universitäts-Professcr in Würzburg, Bayern; 3) Eine unrichtige Definition des Gelübdes. Von Josef Frcihcrrn v. Grimmen sie in, Maissau; 4) Die heilige Communion in Frauenklöstern und nicht durch Priester geleiteten Laienorden. Von Aug. Arndt 8. I., Professor in Krakau, Galizien; 5) Sakramenten-Empfang der Tertiären. Von I. Weiß, Professor in St. Florian, Obcröstcrrcich u. s. w. — Literatnranzeigen u. s. w. Theologisch-praktischeMonatsschrift. Central-Organ der katholischen Geistlichkeit BayernS. Herausgegeben von vr. Georg Pell und Ludwig Heinrich Krick. 4. Band, 10. Heft. Passau. In Commission der Abt'- schen Buchhandlung. JnhaltSverzcichniß des 10. Heftes: l. Wissenschaftliche Aufsätze: Wolframs von Eschenbach Stellung zum Katholizismus. — Interessantes auS den liturgischen Kalendarien (Direktorien) sämmtlicher Dtöcesen von Deutschland, Oesterreich, Schweiz und Luxemburg. (Schluß.) — II. Belehrendes für die seelsorgliche und pfarramtliche Praxis: Fälle zur Beleuchtung der neuesten Erlasse des hl. Stuhles über die Zensuren. — Aphorismen zur schwierigen Katechese über die vollkommene Reue. — Seelsorgliche Behandlung depressiver und krankhaft cxaltirtcr Geniüthszustände. — Die Aufgabe der Mädchcnerziehung gegenüber der modernen Gesellschaft. (Fortsetzung). — Die sittliche Bedeutung der Raiff- eiscnvereine. — Wie ist das Fest des hl. BonifatiuS zu feiern? — Weibliche Ministranten. — Unentgeltlichkeit der Katechese. — Gelten die pfarramtlichen Geburtszcngnisse seit 1876 noch als ZivilstandSakte und bedürfen sie einer Gebührenmarke? — Obacht auf schädliche Bücher-Annoucen. — Gegen tumnltuöses Hinausdrängen aus der Kirche. — St. Joseph als Sterbepatron. — Zur Frage der Ueberfüllung der Pfarrregistraturkästen mit gebundenen Amtsblättern. — Novitäten schau. — Literar- ischer Anzeiger. _ Philosophisches Jahrbuch. Auf Veranlassung und mit Unterstützung der GörrcSgesellschaft herausgegeben von vr. Const. Gutberlet. Verlag der Fuldaer Akticn- Druckerci. VII. Jahrgang. 4. Heft. Inhalt: I. Abhandlungen. 1. I. Nassen, Ueber den platonischen Gottcsbegriff (Forts.). 2. C. G n t b c r l c t, Ueber Meßbarkeit psychischer Acte (Forts.) 3. T. Pesch 8. I., vr. Al. Schmid über die Erkenntnißlehre (Schluß). 4. C. Th. Jscn- krahc, Die Coppernicanische Hypothese und die Sinnestäuschungen. — II. Recensionen und Referate. 1. H. Schmid- kunz, Ueber die Abstraction, von Pfeifer. 2. H. Schmid- Verantw. Redacteur: kunz, Analytische und synthetische Phantasie, von demselben. 3. M. Schwcisthal, Hiooris än Dean, von demselben. 4. Ad. Bonhöffer, Die Ethik des Stoikers Epiktet, von Frhrn. v. Hertling. 5. Fr. W. F ö r st e r, Der Entwickelungsgang der Kantischen Ethik bis zur Kritik der reinen Vernunft, von Schanz. 6. Fr. Erhardt, Metaphysik. 1. Bd.: Er- kenntnißthcorie, von Al. Schmid. 7. A. Biese, Die Philosophie des Metaphorischen, von Gutberlet. 8. Die Sittlichkeit als Nalurlehre, von demselben. 9. R. Keßler. Praktische Philosophie, von demselben. 10. G. Esser, Die Seelenlehre Tertullians, von Schanz. 11. L. Stein, Fr. Nietzsches Weltanschauung und ihre Gefahren, von Adlhoch 0. 8. L. 12. 13. Philosophische Vortrüge. (l)A. v. Hcydcbrcck, Ueber die Gewißheit des Allgemeinen. (2) N. v. Wschert, Die Lebenskraft, von Gutberlet. 14. Petri Card. Pelz in an y oporal.: vialeetiea., von Schinitt. — III. Philosophischer SPre ch- saal. Mathilde v. H., Das Weib und die traditionelle Auffassung seiner Natur (Schluß). — IV. Zeitichriftenschau. Philosophische Studie». Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik. Archiv für Geschichte der Philosophie. Jahrbuch für Philosophie und speculative Theologie. — V. Mis- cellen und Nachrichten. Die Structur des Nervensystems. Die Temperatur der Sonne und der Fixsterne. Teleologie in dem Brutgeschäfte der Vögcl. „Thier-Ethik." Zur Bcvöl- kerungsfrage. _ Litcrarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von vr. G. Hoberg, Professor an der Universität Frciburg i. Br. Jahrgang 1894. 12 Nummern. M. .9. — Frciburg im Brcisgau, Hcrdcr'sche Vcr- lagsbandlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 10: Giescbrecht, Das Bück Jeremia. (Vetter.) — Löhr, Die Klagelieder dcS Jeremia. (Vetter.) — Llazmr, ^neeilota. Oxouisnoia. (BelleSheim.) — Ovorton, llis Vn§li8st vsturoli in tlio uinstssntli venturz-. (Bellcshciui.) — Vsetor, Vo vonelavs. (Sägmüller.) — clo Ilartel, vanliui Xolani vxistnlas. (Wcynian.) — Kühn, Die Christologie Leos I., des Großen, in systematischer Darstellung. (Hoch.) — vswontlwn, VIreotoirs äs 1'en8eiAnement rsÜAisux 3 los maisons il'eüneation. (Krieg.) — Deinen tbon, Lletlioäs prati- gus el'instruetion reliAisuse. (Krieg.) — Marx, Pastoral - Medizin. (Gassert.) — Strakosch-Graßmann, Der Einfall der Mongolen in Mitteleuropa in den Jahren 1241 u. 1242. (Gottlob.) — Joachim, Die Politik des letzten Hochmeisters in Preußen, Albrecht von Brandenburg. (Kolbcrg.) — Fcstbnch zur Eröffnung des Historischen Museums. (Hürbin.) — 8iearck, V'anoien elerg'e äs vranoo. (Gottlob.) — blalum, Bde 1n- üueues ok ssa porver npon üistor^ 1660—1783. (Zimmermann.) — blalian, Mis inüusnee ok sea. porver uxon tliö vrenost rovolution anst tlis vmxire 1793—1812. (Ziniiner- mann.) — Macke, Vom Nil zum Nebo. (v. Hecmstedc.) — Spanien in Wort und Bild. (Ruhle.) — Scheffmacher, „Licht in den Finsternissen". (Schild) — Giovanni Pierluigi da Pa- lestrina und das Oraüuals Vomannm der eciitio meäicao» von 1614. (Walter.) — 6iov. kisrl. ä» valsstrina. eil il Vraänals Uomanum Hell eäitio weclies». (Walter.) — Die ehrwürdige Mutter Maria von der Vorsehung (Eugenie Smct). (Pruner.) — Nachrichten. — Büchertisch. Der Katholik. Redigirt von Joh. Mich. Naich. 12 Hefte M. 12. Mainz, Kirchhcim. Inhalt von 1894, Heft X, Oktober: vr. A. BelleSheim, Neue Biographie des anglikanischen Erzbischofs Land von Canterbury. — vr. Selbst, Eine Schule für biblische Studien in Jerusalem. — v. Jldc- Phons Veitb, 0. 8. v., Das sog. LlartzwolvAinm Ilioron^mi- anuw. — Galluö Jakob Baumgartner, Die Ritnalisten in England und der gregorianische Choral. — vr. Ant. Linsen- mayer, Nikolaus v. Lüttich, ein Reimprediger am Ende des Mittclalters. — Literatur: D. Ferd. Kattenbusch, Das apostolische Symbol. — vr. P. Bahlmann, Deutschlands katholische Katechismen. — votrns vauisius, 8nimn» ilovtrinas obristianao. — v. llannarius Lnoosroui, 8. I.. 6asus oonscisntias. — vr. F. P. Kraus, Synchronistische Tabellen der Kirchengeschichtc. — Lornliaril vuür, 8. st., blounmsnta Oorinanias paeilaAvZIea. — vr. I. P. Kirsch, Die Päpstlichen Collectoricn in Deutschland. — 6aril. Llkouso Oaxsoolatro, va Vita ili 8. ^.Ikonso clo' ViAuori. — Heinrich Pesch, 8. st., Liberalismus, Socialismus und christliche Gesellschaftsordnung. — Alinda Jakob y, Jda Gräfin Hahn-Hahn. — MiScelle. Phil. Frist in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. 44 . Wage zm Sag5öillgel Weitung. 1. Nauvr. 1894. Zum 400jährigen Gebnrtsjnbilämn des Dichters Hans Sachs. xsz „Hans Sachs war ein Schuh- — Macher und Poet dazu." Mit diesem wohlfeilen Knittelvers, gedankenlos anderen nachgesprochen, glauben noch gar manche unserer „Gebildeten" ruhigen Gewissens dem Andenken des Nürnberger Dichters volle literarische und menschliche Gerechtigkeit erzeigen zu können. Keiner derselben hat wohl eine Zeile von des Dichters Werken gelesen. Und doch steht Hans Sachs in seiner „dichterisch armen Zeit als der eigentliche Poet da, wofern wir ihn nur von seiner bedeutsamen Seite betrachten wollen?) Am 5. Nov. 1494 wurde dem ehrsamen Schneidermeister Jörg Sachs und seiner Hausfrau Christine zu Nürnberg ein Söhnlein geboren, das noch am selben Tage in der hl. Taufe den Namen Hans erhielt. Zu guten Sitten, Tugend, Zucht und Ehre ward der Knabe erzogen und kam als Siebenjähriger in die Spitalschule, eine der vier Nürnberger Lateinschulen, wo er die Anfangsgründe seiner Bildung, auch Grammatik und Musik erlernte. 1509 verließ er 15 Jahre alt die Schule und trat bei einem Schuhmachermeister in die Lehre, die er in zwei Jahren vollendete. Seine Nebensiunden waren der Kunst des Meistergesanges unter Anleitung des Leinewebers Lienhard Nunnenbeck gewidmet. Für fünf Jahre begab er sich dann auf die Wanderschaft; Regensburg und Passau, Vraunau am Jnn, Oetting, Burghausen, Wels, Salzburg, Neichenhall, München, Landshut, Würzburg, Frankfurt a. M., Koblenz, Köln und Aachen wurden die Stationen, wo er auf längere oder kürzere Zeit verweilte. Gegen Schluß des Jahres 1516 kehrte er reich an Erfahrungen und zum Charakter gereift, aber lebensfrisch und unverführt durch „Spiel, Trunkenheit und Wühlerei" in die geliebte Vaterstadt zurück. Am 1. Sept. 1519 vermählte er sich mit Kuni- gunde Creutzcr, mit der er bis zu ihrem Tode 1560 die glücklichste Ehe führte und 7 Kinder zeugte, die er alle überlebte; am 2. Sept. 1561 heirathete der fast Siebenundsechzigjährige abermals und starb am 19. Jan. 1576. Sein treuer Schüler Adam Pnschmann hat uns ein rührendes Bild des hochbetagtcn, vorn Alter wohl an den Sinnen, nicht aber an der Heiterkeit des Gemüthes geschwächten Meisters hinterlassen. Er sieht ihn inmitten eines schönen Gartens in einem zierlichen Lusthause vor einem mit grüner Seide überdeckten Tische sitzen, grau und weiß wie eine Taube, in ein großes, goldbeschlagenes Buch vertieft und von vielen anderen Büchern umgeben, nach denen er zuweilen hinblickt. Wer zu dem alten Sänger eintritt oder ihn aus der Ferne grüßt, den sieht er nicht, er redet auch nicht, sondern neigt schweigend sein schwaches Haupt. Als er starb waren seine Landsleute sich seines Verlustes wohl bewußt. Das Todtenbuch z. B. gibt den Eintrag, wie es sonst nicht gebräuchlich, mit größerer und kalligraphischer Schrift und in einer Zweizeiler „Gestorben ist Hans Sachs der alte teutsche Poet. Gott verleih ihm und uns eine fröhliche Urstet!" Und im Todtengeläut von St. Sebald steht er gleichfalls als „teutscher Poet und gewesener Schuh- ') Lindemann-Seeber, Gesch. d. deutsch, Literatur rc., Seite 344. macher im Spittlgäßlein".?) Auch die Nürnberger Chronisten hielten sein Andenken in Ehren. Von seinen berühmten Zeitgenossen schützten ihn besonders hoch Luther und Melanchthon, deren kirchlichen Neuerungen er sich in ehrlicher Ueberzeugung angeschlossen und einen begeisterten Lobgesang auf „Die Wittenbergisch Nachtigall" 1523 gewidmet hatte, so daß sein Eintreten für die Sache der neuen Lehre ihn sogar mit dem Rathe seiner Vaterstadt in Conflikt brachte. Allein schon bald war er über das Treiben der Anhänger Luthers in bittere Klagen aus- gebrochen: „Es ist nur Geschrei und wenig Wolle an euch; wenn ihr evangelisch wäret, wie ihr rumoren thut, so thätet ihr die Werke des Evangeliums" u. s. w?) Immerhin aber hielt er an Luthers Sache fest, dichtete Gesänge nach Psalmen, unterzog seine Lieder aus der katholischen Zeit einer „christlichen Veränderung und Correctur" und brachte seinen kirchlichen Standpunkt in seinem „Epitaphium ob der Leich Doktor Martini Luthers" nochmals zum Ausdruck. „Ließe sich mit Sicherheit annehmen, daß das Lied ,Warum betrübst du dich, mein Herz* von ihm verfaßt wäre, so würde ihm allerdings dieser innige gottergebene Gesang, der mehrfach in todte und lebende Sprachen übersetzt und unter tiefer Verehrung ,der alten Leute Trostprcdigst genannt wurde, zu größerem Ruhme gereichen, denn all seine Meistergesänge."^) Gewiß! Die Meistergesänge so wenig wie die Dialoge und Disputationen sind durchaus nicht die Eigenart und Stärke des Hans Sachs. Er war eine zu kerngesunde, lebens- und schaffens- frohe Natur, als daß er sich einseitig oder auf die Dauer den Fesseln des Meistergesanges und dem engen und beschränkten Kreise der Meistersinger hätte anbequemen können. Seine Meistergesänge waren ja auch nicht für die Ocffentlichkeit, sondern nur für die „Schule" zu Nürnberg bestimmt. Und dafür besaßen auch sie ihr Verdienst. Der Meistergesang — auf die Frage nach dem Ursprung desselben näher einzugehen, würde uns hier zu weit führen — hatte etwa seit dem Anfange des XVI. Jahrhunderts in Nürnberg eine Stätte gefunden?) Das Unterscheidungszeichen zwischen Meistersingern und anderen Dichtern und Sängern beruht in der Existenz der Sing schule. Einmal bedeutet dieses Wort die Versammlung einer bestimmten Anzahl von Personen zur Uebung regelrechten Singens und Dichtens nach der °) Eine gcholtvclle Biographie, die sich an einen weiteren Leserkreis wendet, ist im Auitrage der Stadt Nürnberg soeben zum Jubiläum erschienen von der Hand des städtischen Archivars Ernst Mummenhoss: „Hans Sachs. Zum 400jähr. Geburtsjubiläum des Dichters rc. rc." Das Buch erstes bis zehrst. Tausend (Nürnberg, Fr. Korn) umfaßt 141 S. und würdigt den Dichter ruhigen Urtheils nach seinem menschlichen und literar. Werthe. Einen hervorragenden Schmuck verleihen ihm die zahlreichen säst ausschließlich alten Vorlagen wiedergebenden Abbildungen mit einer die Originale erreichenden Genauigkeit, besonders der Einblattdruck mit einem sarbigen Holzschnitt von Hans Schäussclein „Ein neuer Spruch wie d.ie Geystlichkeit und etlich Handwerker yber den Luther clagen", wodurch die Hvjbuchdruckerei von Bicling-Dietz und die Kunstanstalt von E. Nistcr sich rühmlich verdient gemacht haben. °) Döllinger, Resormat. I, 172 s. Janssen, Gesch. d. d. V. II, 349. — Vgl. Mummenhoss a. a. O. 90. <) Lindemann-Seeber a. a. O- 345. °) Vgl. den instrukt. Artikel von Th. Hampe, Spruchsprecher, Meistersinger rc. rc. in Nürnberg, in den Mittheilung, a. d. Germern. Nationalmuseum S. 25 ff. (Beil. z. Angsb. Postztg. 1894 S. 287). Leidbitter, Leichensänger u. die Todten- gräber wurden die Erben der Meistersinger ; a. a, O. S.. 63. 346 „Tabulatur", d. h. nach einer umständlichen Sammlung von Gesetzen, Rügen u. ähnl., unter selbstgewählten Lehrern oder Kritikern („Merkern"). Die Nürnberger Zusammenkunft fand in der Katharinenkirche statt;°) neben der Kanzel befand sich der Singstuhl, im Chor war ein Podium für die Mcrker, das „Gemerke". Das andere Mal ist das Wort etwa identisch mit unserem Worte „Concert". Nur Singschule in ersterer Bedeutung und genaue Benennung der „Töne" ?) — die eben auf ein „beweren", eine Taufe derselben durch eine meister- fingerische Genossenschaft schließen läßt — sind die Hauptindizien für die Existenz einer Meistersingergesellschaft. Und eine solche läßt sich für 1503 in Nürnberg frühestens nachweisen. AIs Hans Sachs auftrat, glich sie eher einem wüsten Haufen weintruukener Zechgesellen, denn einer löblichen Gesellschaft von Meistersingern. Sein erstes „Bar" d. i. Meistergesang hatte er 1514 zu München auf das Geheimniß der Gottheit gedichtet. In Nürnberg begann er vor allem Zucht und Ehrbarkeit unter den Gliedern der Schule zu schaffen und den Kreis der der Sangeskunst vorgeschriebenen Stoffe zu erweitern, indem er auch die weltliche Poesie in der Schule heimisch machte. Das wurden unstreitige Verdienste. Man mag ferner noch so geringschätzig denken von den Künsteleien des Meistergesanges, der Gedankenarmuth so vieler Reimer, die den Mangel ihrer dichterischen Begabung durch verzwickten Stropheubau zu verdecken suchten: wenn man aber die Erscheinung in ihrem Culturzusammen- hange betrachtet und beurtheilt, so wird man zugeben müssen, daß der Meistergesang der guten Zeit als ein Ausdruck der Blüthe deutschen Siüdtelebens zu gelten hat und daß selbst der Meistergesang der Verfallzeit noch unzähligen Menschen das Leben verschönen und die bösen Gedanken bannen half. Auch um die Ausbreitung und Weiterbildung der neuhochdeutschen Schriftsprache erwarb er sich Verdienste. „Mehr als ungerecht wäre es demnach, eine Erscheinung von solcher Bedeutung für unsere Culturcutwickelung mit Spott und Hohn zu übergießen, nur weil sie auch Auswüchse zeitigte und weil sie im Alter melkte, krank und schwach und eben alt wurde." ^) Doch, wie schon bemerkt, die Stärke des Hans Sachs liegt nicht im Meistergesang. Seine Poesie waltet, um mit Jakob Grimm zu reden, „am reinsten und eigensten in den Fabeln und Schwanken, deren Stoff und Umfang seiner Lebenserfahrung und ganzen Sinnesart am meisten entsprach." Und Lindemann-Seeber sagt (a. a. O. 345) mit Recht: „Wohl kaum ist seit dem 16. Jahrhundert wieder ein so glückliches Talent für naiv-komische Erzählung unter uns aufgestanden." Hans Sachs besaß in hohem Grade jene Anlage, welche den Humoristen und Satiriker befähigt: unverwüstliche Heiterkeit des Gemüthes, sittlichen Ernst und eine zum Lehrhaften hinneigende Auffassung. Die schöpferische Arbeit des Dichters offenbart sich aber ausschließlich in der Art und Weise, wie er den überkommenen fremden Stoff aufnimmt und verarbeitet; frei aus sich schöpft er nicht. Letzteres ist jedoch keine besondere Eigenthümlichkeit unseres Dichters, es galt bei den Dichtern des Mittelalters als etwas Selbstverständliches, zumal in ihren epischen Ge- °) Gelegentlich des Jubiläums soll sie, die durch Wagners „Meistersinger" eine internationale Bcrübmtheit erhielt, zur Behausung für ein Haus SackS-Muscum bestimmt werden. I Die Bezeichnungen der verschied. Tonweiscu waren ganz absonderliche: die Hagebüttweise, die überh öhe Bergweis, MuS- catblüths langer Ton u. ä. °) Th. Hampe a. a. O. S. 69. dichten wollten sie in der Materie nichts Eigenartiges darbieten und nur in neuem Gewände geben, wus sie aus einheimischen und fremdländischen Dichtungen und Sagen, Chroniken und Geschichten oft mit großer Mühe erst auflesen mußten. Die Stoffe zu seinen Fabeln entnahm Hans Sachs wohl sämmtlich aus der ihm zugänglichen Literatur, der Uebersetzung Aesops und «uS anderweitigen Bearbeitungen mittelalterlicher Vorlagen. Er dnrchdringt sie aber mit dem eignen Geist und Gefühl, belebt sie mit dem eigenen Wesen und gestaltet nun doch ein eigenartiges Gebilde. „In diesem Sinne ist er der bedeutendste Dichter seiner Zeit, ob er nun in den über.- lieferten Tönen oder in eigenen Weisen den Meistergesang Pflegt, ob er in den von ihm so leicht und geläufig gehandhabten kurzen Reimpaaren feine fröhlichen Schwünke und Fabeln, seine .örtlichen' Gespräche, Geschichten und Allegorien, kurzweilig und lehrhaft, auftischt, ob er endlich seine Personen handelnd, in Rede und Gegenrede auftreten läßt."^) Mit seinen Schwänken tritt er mitten in das Leben des Volkes als ein scharfer Beobachter, ein humorvoller Erzähler und eindringlicher Erzieher. „Die Moral der Geschichte" ist der Punkt, auf den jeder Schwank und jede Fabel sich zuspitzt. Wer kennt nicht die schwankhaften Legenden von „St. Peter mit der Geiß", eine komisch-ernste Abfertigung der Beschwerden über die göttliche Vorsehung? Die mannigfachen Possen über den „dummen" Teufel? Eine Reihe von Schwänken geht auf das Treiben der Landsknechte, eine andere auf das Bauernleben, die häuslichen Scenen zwischen Mann und Weib, eine andere auf das löbliche Handwerk. „Der Schneider mit dem Panier", „der Müller und der Student" werden noch in unserer Zeit gerne erzählt, wie nicht minder „der Waldbruder mit dem Esel" und das „Schlauraffenland". Hans Sachs weiß die Geschichten von den Narreteien der Welt ebenso mit schalkhafter Anmuth zu erzählen, wie er auch den überaus derben Ton zu treffen versteht, der dem Geschmack jener rauheren Zeit behagt. Sitte und Zucht der Neformationszeit waren eben andere als in unseren Tagen, und Hans Sachs bedeutete auf dem Gebiete der Delikatesse einen entschiedenen Fortschritt gegen Hans Nosenblüt, den Schnepperer, Hans Folz und Kunz Has. Auch in der dramatischen Dichtung brach mit ihm in dieser Beziehung eine neue Zeit an. Von seinen eigentlichen „Dramen" sind zu unterscheiden die „Gespräche" und besonders die „Kampfgespräche", die dramatischer Form sich nähern, ohne den Charakter von eigentlichen Dramen auszuweisen. Die Dramen selbst theilt Hans Sachs je nach dem glücklichen oder traurigen Ausgaug in „Komödien" und „Tragödien" und gesellt beiden noch bei „die Spiele", geistliche und weltliche und besonders „Fastnachtspiele mit Schwänken". Von einem tiefen Einblick in das Wesen des Schauspiels ist keine Rede; ohne alle Ein- theilung und Ruhepause läuft die Handlung zu Ende; eine Zerlegung der Akte in Scenen, die drei Einheiten kennt er nicht, ebensowenig geschichtliche oder archäologische Gesetze als Kind feiner Zeit. Das Stück wird gewöhnlich durch den Herold, „Ehrnhold" (Prolog), eingeleitet und geschlossen. In den Komödien und zumal in den Fastnachtspielen begegnet auch hin und wieder die lustige Person „Jükle" oder „Jüklein" der Narr. Die Bedeutung des Haus Sachs auf dem dramatischen Gebiete beruht darin, daß er dem geistlichen Drama in Nürn- ") Mummenhoff a. a. O. S. 36 f. 347 berg wieder Eingang verschaffte nnd damit sich um die Verfittlichung des Volkes namhafte Verdienste erwarb, und daß er ebenso das Fastnachtspiel aus der unbeschreiblichen Rohheit und dem Schmutze, in dem es steckte, emporhob. Derbheiten und Rohheiten trifft man freilich bei ihm noch zur Genüge, „aber gegenüber den Spielen seiner Vorgänger sind die seinigen wie Tauben unter den Naben." Einen für unsere Tage passenden Ausblick auf die sociale Frage enthält die Komödie „Die ungleichen Kinder Eva", deren Stoff er als Mcisterlied, als Schwaukgedicht, als Spiel und als Komödie behandelt hat. Eva bringt nämlich, als Gott die wohlerzogenen Kinder zu den höchsten Würden und Aemtern erhoben hat, auch ihre bösen und ungeschlachten Buben, die sie vorher im Heu und Stroh, ja sogar im Ofenloch versteckt hatte, damit Gott sie zu großen Herren mache. Aber je nach ihren Fähigkeiten werden Schuster, Weber, Schäfer und Bauern daraus, und als sich Eva über die ungleiche Anstheilnng der Stünde beklagt, erwidert ihr Gott, daß er sich erst seinen Mann ansehe, bevor er etwas aus ihm mache. Er muß eben Amtleute haben zu allen Dingen, und wenn es nur Könige, Fürsten, Bürgermeister und große Kaufherren gäbe, so müßten sie alle miteinander verschworen. Keiner würde bauen, zimmern, backen und andere Handwerke treiben wollen. Und was würde entstehen, wenn der große Haufe keine Obrigkeit hätte zum Schutze der allgemeinen Wohlfahrt und zur Abwehr der Bösen? Da ginge alles „über md über" .... „Zu Arbeit ick den Menschen klug Bcschuf wie den Vogel zum Flug. Drumb, welcher Mensch sich läßt genügen An dem Stand, den ich ihm thu fügen, Der hat genug bei all sein Jahren." Eine so erstaunliche Fruchtbarkeit, wie sie uns in Hans Sachsens Dichtcrthätigkeit entgegentritt, ist ohne Beispiel in der deutschen Literatur?") Nach der Zählung des ersten Sachsforschers Edmund Götze bcläuft sich die Zahl der Werke auf ungefähr 6205, und zwar auf 4420 Meistergesänge und 1785 Spruchgedichte. Die Werke erschienen zum Theil bei des Dichters Lebzeiten 1558 ff. zu Nürnberg in 5 Foliobänden. Eine neue Gesammtausgabe besorgen Edm. Götze und Adalbcrt v. Keller in der „Bibliothek des literarischen Vereins", während E. Götze eigens die Fastnachtspiele und Schwanke herausgibt. Das literarische Andenken des Dichters ist früh schon in absprechender Weise beurtheilt worden von Joh. Phil. Harsdörffer, dem pegnesischen Schäfer- dichter, und zu dieser Theilnahmlosigkeit gesellte A. Gryphius in seinem „Peter Squcnz" bald noch den Hohn. Nachdem dann Gottsched, Lessing und Herder auf den Nürnberger Poeten wieder die verdiente Aufmerksamkeit zu lenken versucht hatten, war es dann vor allem Goethe, der mit seinem Gedichte „Hans Sachsens poet. Sendung" dem Vergessenen den „Eichkranz, ewig jung belaubt" aufs Haupt setzte. Seine Vaterstadt stiftete Hans Sachs 1874 ein Denkmal. Das Urtheil des Altmeisters der Sprachwissenschaft, Jakob Grimms, haben wir schon angeführt. Wackernagel nennt Hans Sachs den größten Dichter des XVI. Jahrhunderts, „weil ungebrochen von der Schulunart in ihm die Art des Volkes mit ihrem edelsten Kerne und Marke wohnte." Vilmar mißt seinen Werth ab mit den Er hat nur ein Gegenstück in der spanischen Literatur an Lope de Vcga, der von Cervantes als „Wunder der Natur" gefeiert ward und Hans Sachs noch überbietet- Worten: „Als Dichter, das Wort im höchsten Sinne gefaßt, als schöpferisches, die Welt gestaltendes oder umgestaltendes Ingenium, kann Hans Sachs allerdings nicht gelten, wohl aber ist er ein ungemein glücklich begabtes Talent, in der Auffassung des Gegebenen schnell und sicher, in der Darstellung leicht und ungezwungen, dem Stoffe und der Behandlung desselben fast immer entschieden überlegen, milde und gemäßigt, dabei von heiterer Laune nnd höchst ergötzlichem Humor."") Gödeke bemerkt: „Man thut Hans Sachs Unrecht, wenn man ihn mit den Späteren mißt und dann glaubt entschuldigen zu müssen; man darf ihn nur mit seinen Zeitgenossen und nach den in ihm liegenden Maße messen — er übertrifft alle an Fülle und Umfang des Stoffes, an Mannigfaltigkeit der Erfindungen und Formen, an sittlicher Tiefe und glücklicher Gestaltung."") In eingehender Weise haben ihn der Franzose Eh. Schweitzer und neuerdings Rudolf Genee gewürdigt. Zur Jubiläumsfeier des „teutschen Poeten" werden in einer Reihe von Städten festliche Veranstaltungen statthaben, in Wien, Dresden, Weimar, Berlin, München nnd Nürnberg. In Wien sollen durch Studenten Schwänke von Hans Sachs aufgeführt werden, Professor Minor wird die Festrede halten. In Weimar und München feiern die Hoftheater den Tag durch die Vorstellung von Martin Greifs Schauspiel „Hans Sachs". Dasselbe gelangt an den drei Festtagen auch in Nürnberg zur Ausführung; Nürnberg hat außerdem noch ein „offizielles" Festspiel von Nnd. Genöe, welches am Vorabend gespielt wird im Stadttheater; am 5. Nov. ist Festversammlung im Nathhaus, wo Ed. Götze die Festrede hält, dann histor. Festzng, Nachmittags finden „Fastnachtspicle" statt; ein Bankett und die Ausführung von Nich. Wagners „Meistersingern" bildenden Schluß der Jnbiläumstage. Sct. Thomas und die moderne Wissenschaft. Von Dr. S. Huber. So lautet das Thema, über welches die wissenschaftliche Beilage der „Allgemeinen Zeitung" (Beilage Nr. 244 u. 245) zwei Artikel aus der Feder des Dr. Joseph Müller bringt. Es wird in diesen beiden Artikeln jene Richtung der katholischen Wissenschaft, der Philosophie und Theologie, welche entsprechend einer alten Schultradition und der bekannten Encyklica des heiligen Vaters „Latarui katris" den Principien des hl. Thomas folgt, aufs heftigste angegriffen. Für den feinen Ton dieser Angriffe sprechen Ausdrücke wie „Gedankensaulheit, Bequemlichkeit, Wahnsinn, dumpfe Hörsüle der vom wogenden Geistesleben so entlegenen Lyceen, frömmelnde Devotionsheuchelei, Professorenmnmien, gleichwie Ritter, welche noch mit Speeren und Eisenrüstungen erschienen, als das Pulver längst erfunden war" rc. rc. Derartige Ausdrücke könnten uns nicht bewegen, die Feder zur Erwiderung in die Hand zu nehmen. Sie richten denjenigen, welcher sich ihrer bedient, selbst. Der Stil ist der Mensch, heißt ein bekanntes Wort. Auch der ganze Gedankengang der beiden Artikel, die Taktik des Angriffes erfordert keine besondere Berücksichtigung ; denn sie bietet nichts Neues, wenigstens nicht im Allgemeinen. Zuerst wird der hl. Thomas über alle Himmel erhoben; gegen Schluß wird sogar einmal ") Vorlesungen üb. b. Gcsch. b. d. Literat. ") Grundriß z. Gesch. d. d. Dichtg. I. 348 Veranlassung genommen, das bekannte Wort des ehemaligen Philosopbicprofessors Prantl, welches mit Recht von Weiß als eines Akademieprofeffors unwürdig bezeichnet wurde, als zu weit gehend zurückzuweisen, wenn auch sehr sanft und nicht ohne Zugeständniß. Was ist Wahres, was ist Dauerndes an der thomistischen Lehre? Merken wir es uns wohl, nach was gefragt wird. Nach dem, was dauernd ist an der thomistischen Lehre. Die Antwort lautet: Thomas ist kein origineller Denker, er ist ein systematischer Kopf und dazu eine conciliante Persönlichkeit. Seine Kraft ist demnach das Systemati- siren. Und gerade dadurch war er für seine Zeit wie geschaffen. Denn ein Doppeltes that damals noth: die Lehre der Kirche bedurfte der Systematisirung und der Verbindung mit dem damaligen Geiste der Zeit, welcher kurz als „Aristotelismus" bezeichnet werden kann. Beides hat nun Thomas in ganz vorzüglicher und unübertrefflicher Weise geleistet. Es gelang ihm, „aus dürftigem Material das imposante Gebäude seiner Summen aufzubauen" und „eine dem christlichen Empfinden so heterogene Lehre, wie die des Aristoteles, mit dem Christenthum innig zu amalgamiren". Wir müssen nochmal darauf hinweisen, daß vom Verfasser die Systematisirung der christlichen Lehre als ein dauerndes Verdienst des Aquinaten hingestellt wird; ebenso als ein dauerndes, daß er die christliche Weltanschauung mit Aristoteles versöhnte und so natürlich die Kluft zwischen den Gebildeten seiner Zeit und dem Christenthum überbrückte, was auch in unserer Zeit geschehen sollte. Nicht zu vergessen ferner ist, daß zur Erhöhung des Lobes des Lehrers der Schule noch beigefügt wird, die großartige Anlage, der imposante Bau sei bewunderungswerth, „weil das Niedere, wenn auch schlummernd, die Sehnsucht nach dem Höheren in sich birgt, die Stufenordnung der Zwecke einem Ziele zuschaue, die Gebiete und Principien aber, so innig sie in Verbindung stehen, keineswegs vermischt würden, sondern in ihrer Selbstständigkeit und Eigenthümlichkeit gewahrt würden". Es will uns scheinen, der Verfasser wollte hiemit dem hl. Thomas das Lob spenden, sein System zeichne sich sowohl durch innere Harmonie und Uebereinstimmung, als durch großen Reichthum an Gedanken und allumfassenden Principien aus. Gewiß ein großes Lob, über welches man den Tadel, St. Thomas sei kein origineller Kopf, fast vergessen möchte. Aber wenn das Lob doch hinterher nicht gar so geschmälert würde, daß davon nichts mehr übrig bleibt! Im offenen Widerspruch mit dem Lobe wird gegen Schluß des 2. Artikels gesagt, „es sei unleugbar, daß die thomistische Lehre keine einheitliche, aus einem Guß, aus einer Gesammtanfchaunng gefertigte sei; die heterogenen Gedanken seien nur lose aneinandergereiht, nicht organisch verbunden, noch aus einer leitenden Idee entwickelt; daher die mannigfachen Widersprüche, die nur dürftig verschleiert sind." Wo bleibt da noch das frühere, begeisterte Lob? Doch ist das nicht der einzige Widerspruch, in welchen Dr. Joseph Müller verfällt. Obwohl die Systematisirung der christlichen Lehre und die Versöhnung derselben mit dem Aristotelismus als dauerndes Verdienst des Aqui- naten als das Wahre an dessen Lehre bezeichnet wird, wird doch sofort gesagt, es sei diese Systematisirung nicht mehr für unsere Zeit, müsse daher fallen gelassen werden. Denn für unsere fortgeschrittene Zeit ist eine andere Fassung der christlichen Lehre nothwendig, und diese läßt sie auch zu, ja verlangt sie sogar! Also dauernd und doch nicht bleibend? Wie reimt sich das zusammen? Welch ein Splitterrichter! wird es nun heißen. Doch nein, es ist nicht bloß Splitterrichterei, sondern ernster Kampf um das Verdienst des hl. Thomas. Es gibt nur eine Wahrheit für alle Zeiten; und diese eine Wahrheit allein hat Dauer; entweder ist die Systematisirung keine dauernde, wenigstens in ihren Grundzügen und Hauptumrissen für alle Zeiten geltende, dann ist sie auch nicht die wahre und Thomas ist auch kein systematischer Kopf; oder sie ist jene Systematisirung, welche der kirchlichen Lehre entspricht und demnach die wahre ist, dann ist sie für alle Zeiten giltig und dauernd; dann ist sie nicht aufzugeben, sondern vielmehr festzuhalten, trotz aller Anforderungen, welche die moderne Wissenschaft zu stellen scheint. Daß nun das letztere der Fall ist, wird mit vollster Ueberzeugung von der ganzen scholastischen Richtung, welche in einer erdrückenden Mehrheit von Theologen ihre Vertreter hat, verkündigt, ja von der Kirche selbst ausgesprochen. Herrn Dr. Müller wird ja doch jener Satz nicht unbekannt sein, der im Syllabus als falsch erklärt ist: „NstlioäuZ st xrirraixin, yuibrm anti^ui äoator63 scsiolastiei lsisisoloZiaw. exeolnarunt, tsm- xorunr oostrvruur nsesssibLtisius 8ci6ntiaeczus p>ro- Ar688iii llsinirnö conZruunt" — „Die Methode und die Principien, nach denen die scholastischen Lehrer der Vorzeit die Theologie ausgebildet haben, entsprechen keineswegs den Bedürfnissen unserer Zeit und ihrem Fortschritte in den Wissenschaften" (8M. Z II, 13). Doch wir haben gesagt, es sei auf diese Art der Argumentation nicht allzu viel zu geben; ihr innerer Widerspruch springt sofort in die Augen, auch ist sie nicht neu und originell — weil nun einmal darauf gar so viel ankommt — sie ist in allen Büchern zu lesen, welche gegen die Scholastik geschrieben sind. Größeres Gewicht möchten wir zwei anderen Punkten beilegen. Herr Dr. Müller erlaubt sich, um seiner Argumentation mehr Nachdruck zu verleihen, eine Verschiebung des Fragcpunktes. Die moderne Scholastik wird deshalb von ihm bekämpft, weil sie die Lehre des hl. Thomas repristinirt. Um das Unsinnige dieses Verfahrens in den Augen der Leser darzulegen, wird dann dargethan, daß sich bei Thomas und Aristoteles einzelne Lehren und Sätze finden, welche von aller Welt heutzutage als lächerlich angesehen werden, so über den Einfluß des Süd- und Nordwindes auf die Geburt von Mann und Weib, der Gestirne auf die Somnambulen rc. rc. Allerdings versucht der Verfasser es auch, tiefer greifende Lehren als falsch und unhaltbar hinzustellen, so vor allen den Dualismus von Materie und Form, die Lehre von den Universalien rc. rc. Auf die Rechtfertigung dieser Lehren näher einzugehen, Lehren, welche thatsächlich auch von der Neuscholastik vertreten sind, kann nicht erwartet werden. Es sei auf die zahlreichen gründlichen Darlegungen dieser Punkte in den zahlreichen, trefflichen Werken der Neuzeit verwiesen. Es ist uns schon genug, wenn wir durch Herru vr. Müller erfahren, in der Scholastik sei „sein — wahr sein, falsch — nicht sein, daher die Realität der Universalien rc. rc.". Ein philosophischer Scharfsinn sondersgleichen wird geoffenbart, wenn durch Herrn Müller Aristoteles und Thomas dahin belehrt werden, das Princip der Jndividuation sei nicht ein Metaphysisches, sondern ein psychologisches Problem. Als ob in der Scholastik und auch bei Aristoteles der psychologische Faktor bei Erkenntniß des Allgemeinen im Einzelnen nicht vollauf wäre gewürdigt worden, ohne daß 349 Man dem metaphysischen irgend etwas vergab. „Das universale äirscwurn ist seinem Inhalte, nicht aber seiner Form nach real", heißt eine Thesis, welche jeder kennen muß, der etwas scholastische Philosophie studirt hat. Er gibt in Kürze die Lehre des gemäßigten Realismus, welche Gemeingut der Blüthezeit der Scholastik, wenn auch nicht gerade der modernen Philosophie genannt werden kann. (Schluß folgt.) Ein Wort über die alten Sprachen und den Einfluß der klassischen Studien in politischer und religiöser Beziehung. (Fortsetzung.) 8. Wie der historisch-politische Inhalt der Klassiker uns einerseits viel Nachahmungswürdiges vorführt und anderseits durch abschreckende Beispiele vor Manchem Uebel warnt, so ist der religiöse Inhalt nicht weniger geeignet, uns gleichfalls in doppelter Hinsicht zu belehren. Bekanntlich verehrten die alten Griechen und Römer, statt des einen wahren Gottes, eine große Zahl von Göttern und Göttinnen, die nichts als Geschöpfe menschlicher Phantasie waren und also auch nirgends als eben in der Einbildung, in dem Glauben jener Völker existirten. Mit diesen fingirten Göttern nun, mit "ihrer Natur und der Art ihrer Verehrung werden wir durch die klassische Leciüre näher bekannt; wir sehen, in welcher Weise jene heidnischen Völker sich ihre Religion gebildet haben. Das Gottesbewußtsein, das, wie die Geschichte aller Völker beweist, dem Menschen als ein Erbtheil seiner Abstammung und als ein unveräußerliches Eigenthum der Vernunft angeboren und tief eingepflanzt ist, wurve zunächst durch die äußere Natur, ihre wohlthätigen und furchtbaren Erscheinungen geweckt und zur Entwickelung angeregt. Da jene Völker Hiebei lediglich auf den Inhalt der Vernunft und die äußere Wahrnehmung, die Natur, beschränkt waren und durch keine weitere Offenbarung der Gottheit unterstützt und geleitet wurden, so gelang es ihnen nicht, den einen wahren Gott zu finden. Sie erhoben sich nicht über die Natur hinaus zu einem ewigen, geistigen, uneuolicv vollkommenen Wesen als dem Schöpfer der Natur und Urquell alles Seins, sondern sie blieben bei der Natur selbst stehen und verwechselten das Geschöpf mit dem Schöpfer. Ihre Phantasie schrieb den Elementen ein höheres Leben zu, personifieirte und vergötterte dieselben. Und wie die Elemente alles aus sich erzeugen, so zeugten nach der Vorstellung der heidnischen Griechen und Römer die ersten Gottheiten (die personificirtcn Elemente, zunächst vög«vö<; und U«-a) wiederum andere Götter und Göttinnen, und es entsteht sofort ein zahlreiches Geschlecht von größeren und kleineren, älteren und jüngeren Gottheiten,") so daß zuletzt fast in jedem größeren Gegenstände der Natur eine besondere Gottheit gesehen wurde, die in dem Naturgegenstande als dem ihr überwiesenen Gebiete lebte, wirkte und herrschte. Auf oberster Stufe steht als höchster Herr der Welt der Gott des alles überragenden und umschließenden Himmels — Zeus oder Jupiter. Alle übrigen Gottheiten stehen unter ihm und haben sowohl durch diese Unterordnung, als auch durch die gegenseitige Abgrenzung ihres Gebietes eine beschränkte Macht. Allein auch die Macht des Jupiter ist eine beschränkte, sie ist keine Allmacht, obgleich ihm, besonders von Dichtern, häufig die Prädikate des Allmächtigen") beigelegt werden; er theilt die Beherrschung der Welt mit dem blinden und unabänderlichen Schicksal, mit dem Fatum. Es herrschte in diesem Punkte bei den Alten, wie in vielen andern, eine große Unklarheit und Verschiedenheit der Auffassung; bald wird Zeus oben angestellt und das Schicksal ist gleichsam nur ein Ausfluß seines Willens, bald stehen Zeus und das Schicksal neben einander, bald stehen Zeus und alle anderen Götter unter dem Schicksal.") Daß auch dem höchsten der Götter keine absolute Macht zugeschrieben wurde, hing damit zusammen, daß man nicht einen Gott, sondern einen formlosen Urstoff, der allen Raum erfüllte, als das erste und ursprüngliche Wesen annahm und erst aus diesem die Welt sammt den Göttern hervorgehen ließ. So ist nach jenem Glauben die Welt nickt von Gott als dem absoluten Urgrund alles Seins erschaffen worden; sondern, wenn sie nicht von selbst oder durch Zufall entstand, so wurde höchstens der vorhandene Stoff von einem Gatte geordnet und zu dieser Welt gestaltet, wie ein Kunstwerk vom Künstler aus vorhandenem Stoffe verfertigt wird. Eine Stelle aus Ovid, Nstarn. I. 5. s^., mag hier citirt werden, welche heißt: Luto mors et lerras vt, quoä teZsit omnia, eoelum IInus erat toto naturas vultus tu orbs, (Zuam (lixeis 6Imos; rmlis iuäiAöstaqus molss; Xeo quiäquLM »ist xornlus iners; oonAostaqus eoäom Xon bens juiuNaruw äiseoräia, semiug, rerum. Der Dualismus in der Regierung der Welt (Zeus und Fatum) ruht somit folgerichtig auf dem Dualismus, der bei der Entstehung und Bildung der Welt (Chaos und öy.n'.ou^v;) schon vorhanden ist. Zeus und die anderen Götter erscheinen daher von Anfang an als bedingte, entstandene Wesen; sie werden geboren, sie sind zwar unsterblich, aber sie sind nicht von Ewigkeit her. Ebenso ist das Wissen der Götter ein beschränktes, sie werden von einander und selbst von Menschen getäuscht und betrogen, sie haben keine Allwissenheit,") obgleich ihnen solche bisweilen beigelegt wird?'') Ihre Gerechtigkeit ist gleichfalls eine relative und für den Begriff der Gottheit niedrige; von Heiligkeit nach unserem Begriffe ist bei ihnen keine Rede, sondern wie sie in allem Anderen anthropomorphosirt sind, so sind sie es besonders in dieser Hinsicht; sie sind genußsüchtig und leidenschaftlich, neidisch und eifersüchtig, sie hadern und kämpfen miteinander um Ehre und Macht rc., sie werden überhaupt mit menschlichen Schwachheiten und Lastern behaftet gedacht. Die Menschen sind für sie oft die bloßen Werkzeuge ihrer Laune, der Liebe oder des Hasses. Ihre Lieblinge beschützen sie, auch wenn dieselben ungerecht handeln; auf die Gehaßten dagegen schütten sie die volle Schale ihres Zornes aus. Die Ursache dieses Hasses ist gewöhnlich eine spezielle Beleidigung von Seiten des Menschen, eine Mißachtung dieser oder jener Gottheit, das Unterlassen der Opfer u. dgl. Die dafür von Seiten der beleidigten Gottheit verhängte Strafe scheint mehr ein Akt der Rache als der Gerechtigkeit zu sein. Manchmal verleiten sie den Menschen zu schlechten Thaten, die sonst von den Göttern selbst schwer bestraft wurden. (Oonk. Hörner, II. IV. 64 u. 94 sc^.) Bezüglich ihrer Lasterhaftigkeit gehen wir eben zunächst von unseren Begriffen von Tugend und Laster aus, und es ist einiger "') 6onk. Aomer, Ocl^ss. IV. 2, 37. ^) Heroik. I. 91. Homer, Oäzss. III. 236 oqo. -°) 6onr. Homer II. XIV.. 1ö9 und tt. XVIII., 183. ") Horn. (clxss. IV., 469. ^) Oonk. Ueoiocl. Uisox. 350 Grund vorhanden, zu sagen, daß jene Götter für das sittliche Bewußtsein der Alten nicht lasterhaft gewesen seien, indem man in ihren Attributen nur die bessere Seite, die Macht und Größe im Auge gehabt und das ihnen Beigelegte eben nicht für lasterhaft gehalten habe. Hier ist jedoch nicht zu vergessen, daß in der Mythologie auch manche Thaten den Göttern zugeschrieben worden find, die, wenn sie von Menschen begangen wurden, nach den Gesetzen und Sitten der Alten Strafe und Schande zur Folge hatten. Freilich galt in vielen Fallen dieser Art die Strafe nicht der Handlung an sich, sondern der damit verbundenen Verletzung des Rechtes Anderer. Und insofern die Menschen den Göttern gegenüber kein Recht anzusprechen hatten, so fiel allerdings die Rechtsverletzung weg. Aber auch so sind manche Handlungen der heidnischen Götter selbst vor dem moralischen Bewußtsein der Griechen und Römer nicht ganz gerechtfertigt; denn das Gefühl für das Bessere war nie ganz erstickt, und das Bewußtsein von der Schändlichkeit des hier gedachten Lasters trat oft unzweideutig hervor. Dieses sehen wir besonders auch aus der Hochschätznng der ihm entgegengesetzten Tugend. (Oonü ?1ut. Lrisb. 20.) Wir erinnern nur an den Dienst der Vesta und die großen Ehren und Auszeichnungen der Vestalinnen. Die Begriffe der Alten sind eben auch hierin, wie in den meisten anderen Dingen, schwankend, unklar und sich widersprechend, weil ihre religiösen Ansichten, abgesehen von der getrübten Quelle, aus der sie geflossen, keinen Mittelpunkt haben, in keinem Lehrgebäude als Ganzes zusammengefaßt sind, überhaupt der Einheit, Uebereinstimmung und Konsequenz vollständig entbehren. — Insofern jedes Volk von Natur aus dasjenige als seine Gottheit verehrt und mit dem Namen Gott oder Götter bezeichnet, was es nach seinen Begriffen für das Größte und Vollkommenste hält, so ist es freilich gegen die Natur der Sache, anzunehmen, daß die Alten etwas, das sie als lasterhaft erkannt hatten, ihren Göttern beilegten. Allein wenn sie unbewußt den Göttern jene Eigenschaften und Thaten zuschrieben, die wir mit Recht als menschliche Schwachheiten und Laster bezeichnen, so sehen wir eben daraus, wie wenig sich die Alten zu einer würdigen Vorstellung der Gottheit erhoben, indem sie ihre eigene Natur, ihre Lebens- und Handlungsweise nur in etwas vergrößertem Maßstabe auf die Götter übertrugen und eigentlich nur ihr eigenes Wesen — ohne Jdealisirung ins Unendliche — zur Gottheit erweiterten. Und hierin liegt eben der Grund davon, daß die Moral der Alten so vielfach verkehrt und niedrig war. Denn wenn die Menschen aus sich Gesetze der Moral entwickeln wollen, so können sie dieselben nur aus der Vernunft, aus dem Gottesbewußtscin schöpfen; sie werden sich die Begriffe von Sittlichkeit, Tugend und Vollkommenheit aus ihren Begriffen von Gott, aus ihrer Vorstellung von dem Wesen und Willen Gottes herausnehmen; was sie in ihrem Bilde von Gott sehen, wird ihnen die höchste Tugend, die größte Vollkommenheit sein, so daß das Streben nach Tugend und Vollkommenheit nichts anderes ist, wie Plato sagt, als das Streben nach der Aehnlichkeit mit Gott. Denn ein höheres Vorbild, als das Wesen Gottes, ein höheres Gesetz, als den Willen GotteS, kann es für den Menschen nicht geben. Wenn nun aber in das Bild von den Göttern nebst anderen Eigenschaften zugleich die (wenn auch nicht als solche zum Bewußtsein gekommenen) Mangel der Menschen hineingetragen wurden, so hatten die Heiden in ihren Göttern als Vorbildern der Tugend und Vollkommenheit ini Grunde nichts anderes oder nicht viel mehr, als ihr eigenes unvollkommenes Wesen und Handeln. Daß die Moral dadurch nur eine niedrige und unvollkommene werden konnte, ist klar. Und in der That war die Tugend auch der edelsten Heiden nach christlichen Begriffen immerhin noch sehr mangelhaft und einseitig; denn abgesehen davon, daß die Heiden viele Handlungen, die nach unserer Sitten- lehre schlecht sind, für erlaubt, ja selbst für gut und für ein Zeichen hoher Gesinnung hielten (wir erinnern hier nur an den Selbstmord eines Cato von Utica, „Oatonig nodils letum," Hör. 06. I. 12), beruhte ihre Tugend mehr auf der Furcht vor den Göttern, als auf Liebe zu ihnen; häufig mehr auf Ruhmsucht und Eitelkeit in der strengen und conscquenten Durchführung gewisser Grundsätze, als auf wahrer Liebe zur Tugend selbst (Oonk. klut. Oalo). Daher sind die Alten auch so oft die Lobredner ihrer eigenen Tugend. Die Demuth dagegen, ohne die es im Christenthum keine ächte Tugend gibt, kannten die Alten soviel als gar nicht. Es ist dieses aus dem Vorhergehenden leicht zu erklären. Denn da die Demuth das Gefühl und Bewußtsein der eigenen Schwäche und sittlichen Unvollkommcnheit im Verhältniß zur unendlichen Vollkommenheit und Heiligkeit Gottes ist, die heidnischen Götter aber mehr nur in Betreff der natürlichen Anlagen und der Macht hoch über den Menschen stehen, in sittlicher Beziehung dagegen so sehr anthropo- morphosirt find, daß zwischen ihnen und den Menschen kein unendlicher Gegensatz stattfindet, indem sie ja selbst menschlich denken, fühlen und handeln und somit für die Menschen nicht als unendlich hohe und absolut unerreichbare Ideale von sittlicher Vollkommenheit erscheinen können, so ist es ganz natürlich, daß die Heiden bei solchen Vorbildern von sittlicher Vollkommenheit, denen sie auch bei einem geringeren Maß von Tugend nicht sehr ferne standen, nicht in dem Grade zum Bewußtsein ihrer eigenen Un- vollkommenheit gelangen konnten, wie dieses auf christlichem Boden der Fall ist und nach der christlichen Lehre von den Eigenschaften Gottes nothwendig sein muß. Die Demuth fand daher dort keinen Platz, weil eben das Unvollkommene für vollkommen galt; man war im Gegentheil stolz auf die Tugend. Nicht mit Unrecht werden deßhalb die heidnischen Tugenden vom christlichen Standpunkte aus als glänzende Laster bezeichnet. Zwar haben die alten Philosophen, besonders Plato, sich thcilweise zu einer würdigeren Vorstellung von der Gottheit erhoben und vielfach bessere Sittenlehren aufgestellt. Die Naturkräste, welche die Dichter und der besonders auf sie gestützte Volksglaube einzeln auffaßten, durch die Phantasie belebten und personificirten, wurden von den Philosophen gewöhnlich in eins zusammengefaßt und als ein Ganzes angeschaut. (Ltiam in 60 lisiro, czui xsi^sieus inscribitur, populäres äsog' inrrltog, uaturalsm. urmra 6886 clioeno, tollib vinr 6t nrrtuiLiir äoorum. Oio. clo nat. äoor. I. 13.) Aber auch sie kamen nicht über die Natur hinaus, sie erhoben sich aus dem Begriffe der als Einheit gefaßten Kraft nicht mehr zur Persönlichkeit. Die Ethik des Sokrates, des Plato und Anderer setzt, sowie alles Streben nach Tugend und Vollkommenheit, freilich die Existenz eines persönlichen Gottes voraus oder ist wenigstens ohne dieselbe nicht wohl erklärlich. Allein gerade da liegt ja der Hauptwiderspruch der Philosophen mit sich selbst, daß die Vernunft das Bewußtsein Gottes, eines persönlichen Gottes, unabweisbar in sich trägt und vermöge des- 351 selben sich unwillkürlich zur Tugend und Selbstveredlung angetrieben fühlt, während der bloße Verstand, von einem angenommenen Princip ausgehend, in seinen Urtheilen und Schlüssen nicht zu einem Resultate gelangt, das mit dem unmittelbar sich kundgebenden Gottesbewußtsein völlig übereinstimmt. Indessen haben die philosophischen Systeme bei den Alten, mochten sie nun für die rein menschliche Wissenschaft noch so große Bedeutung haben, im Einzelnen eine gewisse ideale Höhe behaupten und manche tiefe und schön entwickelte Vernunftwahrheit enthalten, im Ganzen doch keinen großen und umgestaltenden Einfluß auf den Glauben des Volkes ausgeübt. Ein Theil derselben blieb selbst bei dem Polytheismus stehen und näherte sich insofern dem Volksglauben, ein anderer erkannte zwar den im Polytheismus liegenden Widerspruch und Irrthum, erhob sich aber doch nicht zur Idee eines einzigen, über der Natur stehenden persönlichen Gottes, sondern verfiel auf Pantheismus, der dem Atheismus im Grunde gleich ist?«) Während der Irrthum vorher in der Vielheit göttlicher Wesen lag, bestand er jetzt darin, daß man kein göttliches Wesen mit Persönlichkeit wehr dachte, daß die gesammte Naturkraft das Höchste und Einzige war. Soweit nun diese Richtung Einfluß auf das Volk ausübte, konnte sie kaum etwas anderes als Unglauben bewirken und die geistige Verwirrung vermehren, um so mehr, da die Lehrsätze der Philosophen, wie es leicht erklärlich ist, vom Volke nicht, oder nur halb und falsch verstanden wurden. Es zeigte sich deutlich, daß Philosopheme mit ihren abstrakten Lehrsätzen nicht im Stande sind, dem Volke eine verständliche, das Herz erwärmende und dadurch auf das sittliche Leben mächtig einwirkende Neligionslehre zu geben. (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Johann Jgnciz von Fclbigers Methodenbuch. Mit einer geschichtlichen Einleitung über daö deutsche VolkS- schulwcscn vor Felbiger und über das Leben und Wirken FclbigcrS und seiner Zeitgenossen Ferdinand Kindermann und Älcxiuö Vinz. Parzizek. Bearbeitet von Jobann Panhotzcr. Freiburg, Herder. 368 S. M. 3,86. 8. In unserer Zeit, da die moderne Pädagogik so gern alles Heil der Scbule in ibrer Trennung von der Kirche wähnt und die Verdienste jener Schulmänner, welche als treue Glieder der katholischen Kirche gelebt und gewirkt haben, zu verdunkeln sucht, ist es doppelt gerathen, durch Wort und Schrift auf solche Persönlichkeiten aufmerksam zu machen, die streng gläubig Ware» und aus dem Gebiete der Jugenderziehung Ersprießliches geleistet haben. Der Herr Verfasser hat eine glückliche Wabl getroffen, da er den großen, edlen Abt von Sagan und späteren Reformator des österreichischen Schulwesens in seinen Schriften, seinem Leben und Wirken zum Gegenstand des Studiums und der Besprechung machte. Der Abschnitt „Das deutsche VolkS- schulwcsen vor Felbiger" beleuchtet einerseits hell das rege^ Interesse und die warme Fürsorge, welche die Kirche stets für die Jugenderziehung gehegt und bekundet hat; andererseits entrollt er ein Bild der traurigen Sebulverhältnisse namentlich in der Zeit nach dem 30 jährigen Kriege. FclbigcrS Schulreform in Schlesien und später in Oesterreich, sowie seine literarische Thätigkeit auf pädagogisch-didaktischem Gebiete rc. behandeln die weiteren Abschnitte; dieselben nebst dem sich anschließenden Metbodcnbuch bezeugen den seltenen Scharsblick, mit dem Felbiger die Schäden des damaligen Untcrrichtswesen erkannt und Mittel zu deren Besserung gefunden hat. Man ersieht °°) Jnsofcrne der Polytheismus au und für sich mit dem Begriffe Gottes, als des absoluten Seins, das natürlich nur eines sein kann, durchaus in Widerspruch steht, nur mit relativem Sein gedachte und überhaupt nichtseicnde Wesen zur Gottheit erhebt, ist er dem Atheismus gleichzustellen, obwohl er von der subjcctivcn Seite, von der Anschauung und dem Glauben der Polythcisten aus betrachtet, es nicht ist. aber auch den Ernst und thatkräftigen Eifer, mit dem er fast sein ganzes Leben dem Dienste der Jugend opferte. Allen Lehrern und Erziehern, allen Freunden der Schule kann dieses Buch bestens empfohlen werden, ha es gewiß neue Begeisterung für den schönen, aber opferreichen Lehrberuf weckt. KönigSdorfcr Mart., Katholische Homilien; neu herausgegeben von Al. Eber hart. 8", VIII-j-408S. Brixen, Kath. Preßvcrein. 1894. M. 4,60. 0880 äixerunt; anFustov 86usus, imkociUoa rrniiuoa, bravia. currieula. vitao, et (ut Oernoorrtrw) in pro- tnncko veritrrtern crwe eleinerMin; opinioniluw et in8tituti3 ornnirr teneri; nrirrl verstatt rolin<)ui, äe- ineepw ornnirr tenebrst eireurnstwrr o830 ckixerunt. — Wir halten aus obigen Gründen nichts für geeigneter, den Menschen vor Ucberschütznng seiner Kräfte und seines Wissens, vor der eitlen Meinung, alles erforschen und durchdrängen zu können, vor dem himmclstürmcnden Titanenstolz, dem geistigen Hochmuihe der Selbstvergötternng zu bewahren, als eben das Studium der alten Klassiker, das uns so vielfach mit der Beschränktheit des menschlichen Geistes und seinen Verirrungen bekannt macht/ Gerade auf diesem Wege können wir uns am leichtesten von dem Bedürfnisse und der Nothwendigkeit einer göttlichen Offenbarung überzeugen; wir werden das hehre Licht des Christenthums und die Fülle seines geistigen Reichthums dadurch erst recht erkennen und über alles hoch schätzen lernen, daß uns der schroffe Gegensatz, die Finsterniß und Armuth des HeidenthumL vor Augen tritt, wie der Reiche sich seiner Schätze erst wahrhaft bewußt wird, wenn er in die Hütte des Armen geht. Diese Erkenntniß, die wir aus den klassischen Autoren ziehen können und sollen, ist in der That ein großer Gewinn; man fürchte dabei nicht, daß durch die Ueberzeugung von der Beschränktheit des menschlichen Wissens der Muth zum wissenschaftlichen Streben gebrochen und die Schwingen des Geistes gelähmt werden. Der nach Erkennen und Wissen strebende Geist wird dadurch nur zum voraus auf daS aufmerksam gemacht, was erreicht und was nicht erreicht werden kann, er wird in die rechte Bahn und Sphäre eingelenkt, vor dem Jcarns-Fluge und seinen Folgen gewarnt. Denn warum sollten wir die Wahrheit des Heils, die uns von oben gegeben ist, erst aus uns selbst finden wollen und zu diesem Zwecke denselben Weg einschlagen, von dem wir aus den alten Klassikern gesehen haben, daß er nicht zu dem erwünschten Ziele, sondern in die Jrrgänge eines unentwirrbaren Labyrinthes führt? Wenn wir uns in dasselbe hinein begeben und nicht durch das darin Hansende Unihier: den sich weise dünkenden Wahn — aufgezehrt werden wollen, sondern wieder unversehrt herauszukommen wünschen, so müssen wir den gefährlichen Weg an dem leitenden Faden der göttlichen Offenbarung zurücklegen. Zu diesem Schlüsse und Resultate gelangen wir durch das Studium des heidnischen Alterthums. — Allein wir lernen daraus nicht nur, auf welchem Wege wir nicht zum vorgesteckten Ziele gelangen, sondern wir stoßen daselbst auch auf manches Beispiel, das, obgleich von Heiden gegeben, Nachahmung verdient. Wir sehen, wir die Griechen und Römer mit lebhaftem Interesse nach religiöser Wahrheit streben und in allen Lcbensvcrhültnissen Religiosität an den Tag legen. Mit Unrecht spricht man häufig den Alten die Religiosität ab, und mit Unrecht belegt man oft einen Menschen, der, wie man sagt, nichts glaubt und von Gott und Religion nichts wissen will, mit dem Namen „Heide", während er doch noch eine ziemliche Stufe unter den Heiden sieht. Alle wichtigen Handlungen begannen im Alterthum mit einem religiösen Acte, mit Befragen des Willens der Götter (Orakel, 356 Auspicien rc.), mit Gebet und Opfern. Bei Opfern wurden immer die besten Früchte und auserlesene Thiere"") dargebracht, man scheute überhaupt bei religiösen Feierlichkeiten weder Mühe noch Aufwand/") Alle gemeinsamen Feste und Spiele hatten einen religiösen Ursprung, sie waren von religiöser Tendenz getragen und gehoben. Die Künste, besonders Architectur, Plastik, Musik und Poesie, standen wesentlich im Dienste der Religion und betrachteten als ihre Hauptaufgabe die Verherrlichung der Götter. Obgleich überall in Prosaikern und Dichtern der oben berührte Dualismus von Göttermacht und Fatum zum Vorschein kommt, so tritt doch in den Tragödien besonders die Demüthigung des Stolzes und Frcvelmuthes der Menschen durch die Götter in den Vordergrund, während im Epos überall ein persönliches Eingreifen der Götter in die Handlung vorherrscht. Ueberall zeigt sich das Gefühl der menschlichen Schwäche, überall die Ueberzeugung, daß der Mensch nichts Großes durch sich allein thun könne, daß er alles Große, Gute und Schöne der Hilfe und Gnade eines Gottes zu danken habe. Homer ist reich an solchen Beispielen; nichts Außerordentliches geschieht dort ohne besonderen Beistand einer Gottheit. Wir erinnern nur an die Heldenthaten des Diomedes (II. V.) und an die Be- siegung Hcctors durch Achilles (II. XXII.), wobei die Göttin Pallas der Tapferkeit des Helden wenig mehr zu thun übrig läßt, so daß der Held weniger durch seine eigene That groß erscheint, als eben dadurch, daß ihn die Göttin liebt und ihres besonderen Schutzes und Beistandes würdigt. Der Dichter stellt seine Helden oft unter den Schutz eines besonderen Gottes oder einer Göttin, läßt sie vor jedem wichtigen Unternehmen und Kampf zur Gottheit flehen und erst so von dieser zum Siege geführt werden/') Nach vollbrachter That werden den hilfreichen Göttern Dankgebete und Dankopfer dargebracht, ihnen weihen die Helden ihr Theuerstes, die Denkmäler ihres Ruhms, die im Kriege erbeuteten Waffen und die im Wettkampfe errungenen Preise. (Die zahlreichen Weihegeschenke in den Tempeln.) In der Erfüllung der Gelübde, in der Heilighaltung des Eides waren die Alten in der Regel sehr gewissenhaft und streng; denn sie gingen von dem Glauben aus, daß der Meineid sicher die Feindschaft der Götter und große Strafe nach sich ziehe, die Gewissenhaftigkeit im Schwören und Halten der Eide aber dem ganzen Geschlechte Segen bringe."") In manchen anderen Dingen begegnen uns löbliche Muster von Gottesfurcht, Hochschätzung der Tugend''") als des höchsten und einzig wahren Gutes, Geringschätzung irdischer Güter, Verachtung des Todes") und anderer scheinbaren Uebel. Dieses alles bekundet den religiösen Sinn jener heidnischen Völker, das Streben nach Wahrheit und Tugend, das als lobenswerth anerkannt werden muß, wenn auch ihre Religion eine irr- thümliche war und als solche keine ächte und allseitige --) 6ovk. Ilom. II. II, 102, ibiit. VI, 91, iöiä. I, 315. Vir§. ä.ev. VI, 38. ") vemostli. aävers. Uliil. I, 35 und Lall. 6ad. 9. «') 6ouk. II. X, 276 und XXIII, 872 Lgg. Vir§. äeu. V, 513 8gg. ") Xeuoxli. Lual). II, 5, 7. — 6ouk, Uow. II. IV. 170. ") Oouk. Ulkt. Lxol. Loer. XVII. Mciu vergleiche über diesen Punkt die Schriften der Philosophen, besonders des Plato und Cicero. ") klot. Lxol. Locr. XX. l?Iat. 6rlt. VI. 6io. tzuaest. Misoul. üb. I. Tugend erzeugen konnte. Doch in manchen Punkten siegte der bessere Zug der Natur, und manche Leucht- funken der Vernunft durchbrachen und erhellten theil- weise das Dunkel, je nachdem die Vernunftideen mehr oder weniger zum klaren Bewußtsein kamen. Das verschiedene Maß der Entwickelung dieser ist für uns von keiner untergeordneten Bedeutung. Denn wenn wir dort viele Ideen mangelhaft entfaltet sehen und dieselben im Christenthum vollkommener ausgeprägt und geläutert wieder finden, so erkennen wir daraus nicht nur den ungleich höheren Standpunkt, auf den das Christenthum den Menschen erhebt, sondern wir sehen auch zugleich, wie manche Glaubenswahrheiten des Christenthums, die uns auf den ersten Blick als unbegreifliche und völlig vernunftwidrige Dogmen erscheinen, schon bei den Heiden in gewissem Maße auftauchten, daß sie also, indem die Heiden sie nur auS der Vernunft schöpfen konnten, in der Vernunft selbst begründet sein müssen und somit durch das Christenthum uns nicht als etwas für die Vernunft Fremdartiges gleichsam aufgedrungen, sondern nur zum volleren Erwachen gebracht worden sind; während sie vor dem Hinzutreten des göttlichen Lichtes sich erst verworren aus dem Schlummer hcrauszuringen suchten. In dieser Hinsicht kann das Heidenthum viel dazu beitragen, daß wir erkennen, wie die Vernunftidecn durch das Christenthum nur zu größerer Klarheit erwacht und in der rechten Richtung ausgebildet worden sind, so daß das Christenthum, auch wenn es in manchen Punkten über unsere Fassungskraft hinausgeht, doch im Ganzen hauptsächlich nur den Inhalt der menschlichen Vernunft aus den tiefsten Keimen an das Licht hervorgebracht hat. Dasselbe kann und muß daher die wahre Ver- nunftrcligion im edelsten Sinne des Wortes genannt werden. Und wirklich ist keine andere Religion der menschlichen Natur, deren Wesen und Hauptmerkmal eben die Vernunft ist, so anf allen Stufen der geistigen Bildung angepaßt, keine umfaßt so den ganzen Menschen nach allen Seiten seines Wesens und unter allen Verhältnissen des Lebens. Wenn wir nun das Gesagte zusammenfassen, so müssen wir den Schluß ziehen, daß die Lcctüre der heidnischen Klassiker sich mit der entschieden christlichen Erziehung der studircnden Jugend nicht nur vertrage, sondern ihr sogar in mancher Hinsicht sehr förderlich sein könne und müsse, wenn man nur den Standpunkt und das Wesen jener heidnischen Religion näher ins Auge faßt und die sich dann von selbst ergebenden Konsequenzen daraus zieht. Also nur eine höchst oberflächliche Kenntniß des Hcidenthnms kann dem Christenthum schaden, während eine wahre und gründliche Kenntniß die Niedrigkeit und Mangelhaftigkeit der von Menschen geschaffenen Religionen aufdeckt und in ihrer ganzen Blöße zeigt, wodurch uns eben die Höhe und Vollkommenheit der christlichen Religion, ihr Triumph über alle Erfindungen menschlicher Weisheit erst recht zum vollen Bewußtsein kommt. Wer durch das Studium des heidnischen Alterthums nicht zu diesem Schlußsätze gelangt, hat aus den Klassikern soviel als nichts gelernt. — Wenn es nun in der klassischen Lcctüre nicht an solchem Stoffe fehlt, der geeignet ist, uns in politischer und religiöser Hinsicht zu belehren und besonders vor demjenigen zu warnen, was auf beiden Gebieten nicht zum Heile, sondern zum Verderben führt, so wird es die unerläßliche Pflicht und Aufgabe der Schule sein, diesen Stoff für den Zweck der Erziehung zu bcnützen 357 und nicht indifferent über ihn wegzugehen. Hiemit ist nicht gesagt, daß man bei der klassischen Lectüre jede sich darbietende Gelegenheit ergreifen solle, um Bemerkungen über den religiösen und politischen Standpunkt der Alten anzuknüpfen und sich darüber mit weitschweifender Kritik zu verbreiten; dieses würde von dem jedesmaligen Gegenstände des Unterrichts leicht zu weit abführen und das Fortschreiten in der Lectüre selbst offenbar hemmen. Auch muß dcui nur zu oft hervortretenden Streben der Jugend, alles verstehen und beurtheilen zu wollen, sich mit Selbstüberschätzung und wegwerfender Kritik über die verschiedensten und ihrem Gesichtskreis oft ganz fern liegenden Gegenstände zu äußern, so viel als möglich entgegengewirkt werden; denn die Jugend soll zwar nichts gedankenlos, oberflächlich und mechanisch erlernen, aber sie ist auch nicht zum Näsouniren und Kritisiren berufen. Von einer solchen Behandlung des klassischen Alterthums, die das entgegengesetzte Extrem zu dem gleichgültigen Ueber- gehen der wichtigsten und lehrreichsten Punkte bildet, ist hier keine Rede; nicht das eine oder andere Extrem, sondern das rechte Maß (arM-- ä'pav), die bei den Alten so hoch geschätzte goldene Mittclstraße („anrsa, raeckio- oritas"), ist auch hier das Nichtigste und Zweckmäßigste. Es wird ohne Zweifel für den Zweck der Schule vollkommen genügen, wenn bei solchen Stellen der Klassiker, die den politischen oder religiösen Standpunkt der Alten charakterisircn und das Verhältniß desselben zu dem unseligen, die Uebereinstimmung oder den Gegensatz leicht nachweisen lassen, eine kurze Bemerkung angeknüpft oder auch manchmal nur ein flüchtiger Wink gegeben wird, der die Schüler anleitet, den Gegenstand von dem richtigen Gesichtspunkte aus zu betrachten und aufzufassen. Daß dabei stets auf das Alter und die Bildungsstufe der Schüler Rücksicht genommen werden mutz, versteht sich von selbst. Während es daher in den unteren und mittleren Klaffen die Hauptaufgabe ist, der Grund- anschauung der jungen Leute die rechte Richtung zu geben, falsche Begriffe zu beseitigen, das Aufkeimen irr- thümlicher Ansichten und schlechter Grundsätze zu verhüten, wird es die Aufgabe der höheren und obersten Klassen sein, das Wesen der antiken Bildung, das Leben und den Jdeenkreis der Griechen und Römer genauer kennen zu lernen, klare Begriffe und Vorstellungen davon zu erlangen, so daß die Studirenden vor dem Ueber- tritt zur Universität besonders auch von den religiösen Ansichten und politischen Einrichtungen des Alterthums, ihrem Werth und Unwerth im Allgemeinen hinreichende Kenntniß besitzen und feste Anhaltspnnkte für die Zukunft gewonnen haben. Durch diese Art der Auffassung und Behandlung des klassischen Alterthums wird mancher Verirruug sowohl auf religiösem als politischem Boden vorgebeugt. Es wird sich daher das Studium der alten Klassiker, wenn es nur recht getrieben wird, auch in dieser doppelten Hinsicht, nämlich in der Erziehung der studirenden Jünglinge zu guten Mitgliedern der christlichen Kirche und zu tüchtigen Bürgern des monarchischen Staates, als zweck« dienlich und somit als praktisch erweisen. Der Einfluß des Klimas auf die Umgestaltung der Thier-rassen. Von H. von Reinagen. (Nachdruck vlrvoUn) „Die Natur schafft ewig neue Gestalten; was da ist, war noch nie; was war, kommt nicht wieder: Alles ist I neu und doch immer das Alte. Sie baut immer und zerstört immer, und ihre Werkstätte ist unzugänglich. Es ist ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr," sagt Goethe. Ein solches Leben und Weben, Werden und Vergehen findet namentlich im Thicrreich statt. Unzweifelhaft haben sich in ihm die ausfallendsten Umgestaltungen vollzogen; denn gar mannigfaltig sind die im Laufe der Zeit vorgekommenen Veränderungen der Thiere, Thierarten und Nassen. Ganz sicher cxistirt jetzt kein Dinotherium, kein Ichthyosaurus und kein Lepido- centrid mehr auf der Erde. Wollen wir den Grund dieser Erscheinung finden, so müssen wir die heutige Erde beobachten, ob darauf nicht ähnliche Erscheinungen vorkommen, die bloß wegen der Kürze der Zeit unserer Beobachtung etwas dürftiger ausfallen werden. Es liegen eine Menge von Beweisen vor, daß der Wechsel der äußeren Lebensbedingungen tief eingreifende Veränderungen in der Körperbeschaffenheit der Thiere und Pflanzen bewirkte. Wir finden nahe verwandte Thiere in weit auseinander liegenden Gegenden körperlich so verschieden, daß man sie als sclbstständige verschiedene Arten aufgestellt hat. So wird der ceylonische und afrikanische Elephant, das ein- und zweihöckerige Kameel, die Antilopen verschiedener Länder, das einhörnige oder asiatische und das zwcihörnige oder afrikanische Nashorn, das Krokodil Afrika's und der Kaiman Amerika's unterschieden, da sich wirkliche Unterschiede auffinden lassen. Es ist aber trotzdem möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß diese Thiere von je einer und derselben Art abstammen und sich nur in den ungleichen Verhältnissen ungleich gestaltet haben. Australien, ein in Bezug aus Klima, Wasservcr- thciluug, Flüsse, Trockenheit der Luft ganz eigenthümliches Land, hat auch eine eigene Flora und Fauna. Kein Lastthier, kein Hausthier, kein Singvogel findet sich dort, dagegen das Känguruh, die Känguruh-Ratte, der Wombat, das Schnabclthier, der Vampyr, der Manati und andere abenteuerliche Gestalten. — Die Bäume haben keine grünen, schattengebenden Blätter, sondern schmale, mattweiße, lanzettförmige Blätter, und die Stiele sind häufig mit Stacheln versehen. Alles ist wie zum Nachtheile des Menschen gemacht, daher auch der armselige Urzustand des Australiers, des Tasmaniers. Die arme unwirthbare Nordküste von Ncuholland sticht auffallend von dem gegenüber liegenden, gleich einem Garten blühenden Timor ab, wo Mensch und Thiere von jenen Neuhollands so sehr verschieden sind. In Südamerika sind alle Thierspezics kleiner als die parallelen Arten der alten Welt: der Kaiman ist kleiner als das Krokodil, der Puma geringer als der Löwe, der Strauß kleiner als der afrikanische, der Jaguar schwächer als der Tiger, die Onze kleiner als der Panther. Viele Veränderungen sind auch schon mit Sicherheit wahrgenommen worden. Die Süugcthiere in Syrien und Persien zeichnen sich durch langes, weiches Haar aus, und die dort erst akklimatisirtcn Thiere haben ähnliches angenommen. Auf Korsika werden die verschiedensten Thiere, Hunde, Pferde u. s. w. bald gefleckt; die zur Wollzncht aus Spanien nach Paraguay verpflanzten Schafe sind vollkommen ausgeartet und haben kurze, rauhe Haare bekommen. Auch die dorthin vor 300 Jahren eingeführten Hauskatzen sind um ein Viertel kleiner geworden, schmächtig und zartgliederig, und zeigen nicht Lust, sich mit frisch eingeführten Katzen zu paaren. Die verwilderten Schweine haben auf Cuba eine be- 358 deutende Stärke und Körpermasse angenommen, mehr aufrecht stehende Ohren und schwarze Borsten bekommen. Auf Kubagua erhielten sie ungewöhnlich lange Schalen. Im Winter bedecken sich in unseren Klimaten alle Thiere mit einem dickeren Pelze als im Sommer. Der Alpenhase des äußersten Nordens hat seinen Winterbalg das ganze Jahr hindurch, der lappländische während zehn Monate, der norwegische acht bis neun Monate, im mittleren Deutschland fünf bis sechs Monate lang. Unter den Tropen findet man keinen Winterbalg mehr, weil es keinen Winter gibt. Thiere, welche nach den südlichen Gegenden verpflanzt wurden, verlieren die Dichte des Balges, in nördlichen gewinnen sie ihn. Das Mammuth hatte einen doppelten, über Meter langen Balg, und sein Abkömmling, der Elephant, hat in Ceylon die Haare fast ganz verloren. Die ächten Pelzthierc finden sich in Sibirien, am Kupferminenflnß, während der Süden schwach behaarte und nackte Thiere erzeugt. Es ist demnach klar, daß Wärme und Kälte einen bedeutenden Einfluß aus Erzeugung von Haaren und Wolle haben, und daß ein ursächlicher Zusammenhang zwischen diesen beiden Erscheinungen stattfindet. Bis jetzt kennen wir die Wirkung nicht, aber der Zusammenhang ist klar. Ebenso einleuchtend ist, daß, wenn sich die Temperatur eines Landes ändert, dies auch auf die Behaarung der Thiers und ihre ganze Körperbeschaffenheit einen Einfluß haben müsse, weil sich ja auch das Wachsthum der Pflanzen ändert. Daß sich in lange dauernden Zeiträumen Pflanzen und Thiere nach den klimatischen Verhältnissen eines Landes einrichten, beweisen unter Andern: die Galapagos- odcr Schildkröten-Inseln, die nicht weit vom Continent von Amerika in der Südsee gerade unter der Linie liegen. — Anderson, der die Fregatte „Eugenie" begleitete, berichtet, daß unter 26 Arten Landvügeln nur 25 dort, aber sonst nirgends, angetroffen werden. Die kolossalen Schildkröten und großen Ottern-Arten sind alle eigenthümlich; 15 Fischarten sind nur dort zu Hause, und von 16 Landmuscheln sind 14 auf jene Inseln beschränkt. Auch von 90 Seemnschcln sind 49 fast überall sonst unbekannt, und alle Insekten-Arten, etwa mit Ausnahme von dreien, sind gleichfalls neue Arten. Demnach kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die körperliche Beschaffenheit der lebenden Wesen von den äußeren Bedingungen abhängig ist, und daß mit den Veränderungen dieser auch die Ersteren wechseln müssen. Solche äußere Bedingungen sind die Feuchtigkeit der Luft, die Nähe des Meeres, das Vorhandensein großer Ströme oder nahe liegender Hinterländer; ferner die chemische Beschaffenheit des Bodens, d. h. ob er Mineralbestandtheile für Pflanzen enthält, oder die Summe des Negens auf das Jahr und seine Vertheilung. Vorwaltende Windrichtungen, die östliche oder westliche Lage zu einem großen Continent, oder die Nähe zum Acqnator hin, ob viel Land oder viel Meer vorhanden sei, die Temperatur des Meerwassers und dessen Strömungen, sowie vor Allem die mittlere Warme des Jahres und die Mittlere Wärme des Sommers und des Winters für sich allein, wie noch viele andere Beziehungen sind vom stärksten Einfluß. Die Körpertheile der Thiere aber, welche durch diese äußeren Bedingungen mancherlei Veränderungen unterworfen werden, gehören namentlich zu denjenigen, welche zur Aufnahme der Nahrungsmittel und zur Fortbewegung bestimmt sind, als Kopf, Hals, Leib, Kreuz und Hiutertheil, besonders aber auch die Bekleidung, im Allgemeinen also gerade diejenigen Theile, welche die wichtigsten Nassenkennzeichen bieten. Besonders groß ist indeß auch die klimatische Einwirkung auf die Färbung der Bedeckungen in allen den verschiedenen Tinten und Nuancen, auf Häute, Haar und Gefieder, wie auch auf die Größe eines oder des anderen Körpertheiles sowohl im freien Zustande, als auch in der Gefangenschaft. Denn es ist bekannt, wie außerordentlich, ja oft ungeheuer der Einfluß ist, den der Mensch dadurch ausübt, daß er Thiere in andere Weltgegenden versetzt, wo sie, obwohl sie immer dieselbe Spezics bleiben, sich nach und nach zu klimatischen Rassen umwandeln, welchen die am neuen Aufenthaltsort gewonnenen charakteristischen Züge so fest aufgeprägt sind, daß sie diese endlich auch beim Zurückbringen an den früheren Ort durch viele Generationen beibehalten. Warum werden die Schafe in Chile und die Schweine auf Cuba so groß, aber in den deutschen Haiden so klein? Warum erhalten die Schafe in manchen Gegenden von Asien Fettschwänze? Warum werden sie in verschiedenen anderen Gegenden ganz schwanzlos und erhalten Fettpolster auf den Steiß? Warum sind sie in Aegypten und den angrenzenden Ländern ebenso wie die Ziegen hängeohrig, dort und am Senegal oft ungehörnt oder nur mit ganz kleinen Hörnchen begabt, dagegen auf Island, auf den Anden, in Südamerika vielhörnig? Warum sind in der Walachei und auf Kreta die Hörner der Ziegen denen des Kndu (^Vntilops sdi-opsioeros) ähnlich? Warum find Schafe um den Aeguator herum, wie auf Island, rauhhaarig u. s. w.? Warum besitzen gerade die hohen Gebirgsstriche zwischen Persien oder China außer den feinwolligsten aller Ziegen und Schafe auch andere sehr lang- und reichhaarige Thiere, wie z. B. den Los Zruvnious? Warum hat gerade der Bezirk von Angara Ziegen, Kaninchen und Katzen mit so langen seidenartigen Haaren? Jedenfalls nur, weil in der eigenthümlichen Beschaffenheit der Himmelsstriche die Ursachen dazu vorhanden sind. (Schluß folgt.) Einige Scenen aus dem Schtvedenkcicge. (Auch ein Beitrag zur Beantwortung der Frage: „Ob Deutschland bei der Gustav- Adolf-Feier mitthun soll?") Von k. Emmeram Heindl, 0. 8. V. Wir haben aus den uns zu Gebote stehenden Quellen zusammengesucht was die Benediktinerklöster im 30jährigen Kriege seitens der Schweden zu erdulden hatten. Die schwedischen Soldaten haben als getreu; Söhne Luthers nur in seinem Sinne und nach seiner Mahnung gehandelt, wenn sie Kirchen und Klöster niederbrannten, ihre Bewohner mordeten oder verjagten. Daß Luther zu solchen Gräuelthaten gegen die „götzendienerischen Papisten" wirklich aufgefordert, dafür finden sich in seinen Schriften hinlängliche Beweise (vgl. hierüber das Werk von Janssen ec.). Vielleicht sind diese Zeilen auch für einige der geehrten HH. Mitarbeiter, denen noch andere Quellen zur Verfügung stehen, ein Anstoß, um durch Aufführung ähnlicher Beispiele diese Berichte zu vervollständigen. 1. Andc chs. Dem Tagebuche des Abtes Maurus Frksenegger (abgedruckt in I>. Sattlers Chronik von AnvechS) einnehmen wir Folgendes: AIS die Nachricht voin Einfalle der Schweden in Bayern sich verbreitet hatte, wurden die Kostbarkeiten, insbesondere der heilige Schatz, rechtzeitig an sicheren Orten untergebracht; auch 359 die meisten Klostcrbcwohner flüchteten sich. Um gar nicht zu reden von dem, was das Kloster von den übrigen Feinden, ja selbst von Freunden zu leiden hatte, soll nur berichtet werden, wie die Schweden in demselben hausten. Anno 1632 den 18. Mai früh Morgens kamen 16 schwedische Reiter vor das Thor des Klosters hl. Berg, und da sie nicht gleich eingelassen wurden, hieben sie das Thor mit Hacken und Gewalt ein und nur mit Mühe retteten sich die zwei Herren, Hausmeister und Psarrcr mit den Bedienten, die noch da waren, durch den Garten in das Kientbal und nahmen die Flucht weit über den Ammer- see nach Liessen. Die Reiter raubten 26 Pferde und das Bessere, was sie im Kloster fanden. Es kamen aber bald mehrere feindliche Soldaten nach. Was sich in der Zeit von 3 Wochen und darüber bei Anwesenheit des Feindes am hl. Berg zugetragen, hat sich nach der Hand, nach dem Abzug der Schweden und der Zurückkauft einiger Domestiken und Geistlichen gezeigt. Das Gotteshaus war voll Gestank und Pferdemist, auf den Altären Ueberbleibsel von Futter, die Opfcrstöcke alle zerbrochen und die Grabstätte des Stifters geöffnet. Jedoch waren die Altäre uns die Bildnisse derselben alle unverletzt, ausgenommen das Bildniß des hl. Rasso, das, verstümmelt und mit Kcth befleckt, außer dem GottcShause gefunden wurde. Den beiden Guadcnbildern der MuttergotteS konnten die Feinde nichts anhaben; auch suchten sie mehrmals vergeblich Feuer au die Ge- bäulichkeiten zu legen. Auch im ganzen Kloster war eine abscheuliche Verwüstung: keine ganze Thür, kein Schloß, kein Kasten, kein Schrank, kein Fenster, daö nicht zerbrochen war; alle Gänge, alle Zimmer, das Nefcctorium. Dormitorium und Kollegium waren mit Stroh, zerschlagenen Fenster-, Thür- und Kästeniplittern, mit Pferd- und Meuschenunrath, mit Gestank und Grausen so angefüllt, daß 5 Mann 10 Tage genug zu thun hatte», das Kloster nur vom größten Unrath zu reinigen. Vom ganzen Hausrath, von Küchen- und Tischgeräthe war nichts mehr da, oder zerbrochen. Von der Menge der Betten fand man kaun; eines oder das andere, und diese ohne Leinenzeuge, ohne Kissen und Polster; von anderen lagen die Federn in den Gängen und Zimmern mit auderm Unrath zerstreut. Auch in der folgenden Zeit schwebten die Klostcrbewohuer beständig zwischen Furcht und Hoffnung und mußten mehrmals sich zur Flucht bereit halten. Am 17. April 1633 sielen wieder einige schwedische Freibeuter iuS Kloster am hl. Berge ein. zu denen immer mehrere nachkamen und sich bei 13 Tage aushielten. Sie zerbrachen Thüren und Kästen, Fenster und Tabulatcn, und raubten Geschirre, Kleidungen, Getreide und Hafer, sowie das, was sie vom Kloster und den Dorflenten darin fanden. Den 1. April 1631 wurde auch das benachbarte Kloster Wessobrnnn von den Schweden überfallen und zwei Religiösen gefangen nach Kaufbcurcn geführt. In ganz ähnlicher Weise wie in AndechS machten es die Schweden auch in den meisten übrigen von ihnen heimgesuchten Klöstern. 2. Benedictbcnern. 8. Karl Mcichclbek erzählt in seinem -dbronieon vsns cliotodurannm- (herausgegeben 1753 von I?. Alfons Haidcn- fcld) folgendcrwcise den Martcrtod des 8. Simon Speer: 1'. Simon Speer, der sich im Jahre 1591 unserem Kloster durch die feierlichen Gelübde einverleibte, wurde am 19. Mai 1632 von den Schweden aufs grausamste ermordet. Diesem Manne lag die Erhaltung deö Klosters mehr am Herzen als das eigene Leben. Als daher wegen des Einfalles der Schweden in diese Gegend alle unsere Bruder zugleich mit dem Abte auf den benachbarten Bergen sich versteckt und auch die besseren Geräthschaflcn, sowohl heilige als profane, an sicheren Orten untergebracht hatten, entwich 8. Simon allein nicht aus dem Kloster, sondern wollte bei unsern Sachen bleiben, solange es möglich wäre. Die Anzahl der eingefallenen Schweden war bei weitem geringer als der Ruf davon, der sich durch furchtsame Leute verbreitet hatte; und wenn man den Berichten älterer Landleute und Diener unseres Hauses, die ich selbst vor etwa 50 Jahren noch ganz gut gekannt habe, glauben darf, so waren ihrer nicht mehr als zwanzig. Dieser unbedeutende Trupp schwedischer Reiter hätte von den Uusrigen ohne Mühe in die Flucht geschlagen oder überwältigt werden können; indessen die Furcht, welche bei weitem größer war als die Zahl der Feinde, trieb die Uusrigen in die Flucht und auf die Berge. Uebrigens erschienen diese wenigen feindlichen Reiter so rasch in unserem Kloster, daß 8. Simon weder Ort noch Zeit fand, sich ihrer Wuth zu entziehen. Außer 8. Simon selbst befand sich in dem Kloster Niemand als einige Knaben und Mädchen, welche aus Furcht vor den Feinden aus der Nachbarschaft zu uns geflohen waren. Die Schweden drangen nun eiligst in unser Kloster ein, und da sie Niemanden fanden, der ihnen Widerstand leistete, stießen sie endlich auf8. Simon als willkommenes Opfer ihrer Wuth. Auf diesen stürmten sie also los und begehrten wüthend von ihm, daß er ihnen die werthvollen Sachen des Klosters sogleich verrathen sollte. 8. Simon sagte ihnen, es sei nichts von besonderem Werthe mehr im Kloster vorhanden. Der Abt und die Brüder hätten sich sammt den beweglichen Sachen in den Bergen versteckt; indeß sei ihm ganz unbekannt, in welchen Theilen des Gebirges sie gegenwärtig verweilten. Da die Schweden dies durchaus nicht glauben wollten, so mißhandelten sie den guten Mann alsbald mit schauderhaften Schlägen, um etwas von ihm zu erpressen. Da sie aber nichts ausrichteten, beraubten sie ihn sämmtlicher Kleider und hängten ihn ganz nackt im Speisezimmer der Klostcrdicnerschaft beim Ofen an einer eisernen Stange aus; hierauf zündeten sie um seinen ganzen Leib herum Stroh an und marterten ihn so, bis der gute Mann dem Tode nahe war. Die Schweden wünschten aber, daß er noch eine Zeit laug leben sollte, weil sie hofften, ihm endlich durch die Gewalt der Marter irgend ein Geständnis; zu entlocken. Daher verschafften sie ihm in seiner hängenden Lage einige Erleichterung und suchten einige Zeit im Kloster herum nach Beute. Als sie einiges gefunden, viel verwüstet und zerbrochen hatten, kehrten sie in erwähntes Speisezimmer zurück, ließen den 8. Simon von der Stange herab und schleppten ihn mit sich zum Kloster hinaus gegen die Alpen zu. Da sie aber mit größter Habgier in den umliegenden Dörfern nach Beute suchten, ließen sie ihn endlich halbtodt liegen. Inzwischen kamen einige unserer Bauern und erblickten den I?. Simon nackt, auf allen Seiten versengt und mit Wunden bedeckt. Von innigstem Mitleid gerührt, fragten sie ihn, womit sie ihm dienlich sein könnten. Er verlangte mit schwacher Stimme etwas, womit er seine Blöße bedecken könnte. AIS mau es ihm gebracht, bat er, man möge ihn in eines der nahen Gebüsche tragen, damit er nicht dem Anblicke Aller ausgesetzt wäre. Unsere Bauern willfahrten seiner Bitte. Aber schon am nächsten Tage hauchte 8. Simon seine Seele aus, nachdem er sie unaufhörlich und voll Andacht Gott empfohlen hatte. Als die Nachricht von seinem Tode den Uusrigen, die auf den Bergen versteckt waren, hinterbracht worden war, wurde der Leichnam des guten Mannes nicht in unserm Kloster (wo man vor den Feinden nicht sicher war), sondern in unserer Pfarrkirche zu Kochcl beim Hochaltar beigesetzt. Der Grabstein enthält die Inschrift: >Häm. 8. 8. Limon Lpeor Orll. 8. 8. a 8nsoi3 oeoimw 1632.« So bildete 8. Simon einen glückseligen Zuwachs zur Anzahl derer von den Uusrigen, die einst von den Hunnen und anderen gottlosen Menschen ähnliche Martern um ihres Glaubens oder ihrer Treue willen erlitten haben. Und wir zweifeln nicht, daß er auch jetzt im Himmel noch unser Kloster liebe, dem er einst auf Erden mit solcher Anhänglichkeit zugethan war. 3. St. Emineram (in Regenöburg). (Aus Uatisdona monastica I. Theil, Ncgeusburg 1752; vom Fürstabt I. B. Kraus von St. Emmcram.) Die Bürger der Stadt fielen größtenthcils der neuen Lehre zu seit 1535; diese Lehre wurde in Ncgeusburg 1542 öffentlich anerkannt. Als die Stadt am 5. Nov. 1633 sich dem schwedischen Feldherrn Bernhard von Weimar übergeben hatte, wurden die Mönche und Nonnen aus ihren Klöstern vertrieben, die meisten Geistlichen aus der Stadt verjagt, Das Stift St. Emmcram kam in weltlichen Besitz, und die herrliche Bibliothek mit den kostbaren Werken und Handschriften wurde elend verschleudert. 4. Ettal. 8. Ludwig Babcustuber, Conveutualc von Ettal, erzählt in seinem Werke >8unllatrix lüttalerwrs« (München 1691 bei I. L. Sträub) Folgendes: Unter Abt Othmar Eoppelzrieber fiel der Schwebeukv'nig Gustav Adolf in das röm. Kaiserreich deutscher Nation ein, und zuletzt auch in Bachern. Mau sah sich darum bei Zeiten durch die Flucht vor, und alles Wcrtbvollerc wurde an sicheren Orten verborgen. Abt Othmar selbst und alle Mönche suchten Schlupfwinkel auf. Der einzige 8. Josef Hcß aus Augsburg weigerte sich, das Kloster zu verlassen, und gab aus eigenem Antriebe das handschriftliche Versprechen, er würde daö Hauswesen bewachen und besorgen, solange vom Kloster noch eine Mauer übrig wäre. Dean nahm seine hochherzige Großmuth an, und die Uebrigen begaben sich in ihre verschiedenen Zufluchtsstätten, wo ihnen solche geboten wurden; das war am 4. Juni 1632. Bald darauf erschien eine Schaar feindlicher Reiter, nachdem Solche, welche sogar mit Gefahr ihres Lebens es hätten verheimlichen sollen, ihnen den Weg durch die Alpen gewiesen hatten. Bei ihrer Ankunft begehrten sie mit ächter Soldaten- 360 rohheit Einlaß, und k. Josef empfing sie ausS freundlicbstc. Hierauf bewirthete er sie wie liebe Gäste reichlich mit Speise und Trank. Mau hätte unu sicher glauben sollen, die Gäste hätten ihm wegen einer so ausnehmenden Freundlichkeit wenn nicht das Geld, doch wenigstens das Leben gelassen, allein die Sache kam ganz anders. Plötzlich Miethen sie nämlich in Wuth und schlugen ihren Gastwirth, der sie bei Allem, was heilig ist, vergeblich um Schonung anflehte, zuerst unmenschlich mit Knitteln, verwundeten ihn dann köstlich mit ihren Säbeln und durchbohrten ihn mit Spießen. Er fiel an der Klostcr- psorte in die Kniee, indem er ununterbrochen bis zum letzten Athemzuge Gott und die seligste Jungfrau, die Gründerin unseres Klosters, anrief. Es war damals ein gewisser Job. Zieglmair, ein sehr braver junger Mensch, im Kloster Organist. Dieser war mit ?. Josef, während die ganze übrige Dienerschaft sich durch die Flucht zerstreut hatte, zurückgeblieben. Als er nun den ?. Josef in seinem Blute liegen sah und erkannte, daß auch er sterben müsse, fiel er auf seine Kniee nieder und erhielt von dem nämlichen Meuchelmörder den Todesstoß. Im Fallen umfaßte er noch den l?. Josef und gab allsvgleich den Geist auf. Nach diesem Doppelmord- stürzten die Feinde, von einem geheimuißvollen panischen Schrecken ergriffen, in eiliger Flucht aus den Bergen und ließen das Kloster im llebrigcu unverletzt. Jener gottcsräuberische Mörder aber wurde bald darauf von Landlcntcn erschlagen und empfing so die wohlverdiente Strafe für seine Unthat. Die unschuldigen Opscr dieser barbarischen Grausamkeit, welche die gleiche Ursache und Art des Todes getroffen hatte, nahm dann auch in der Kirche das gleiche Grab aus. DaS war die blutige Einkehr der Schweden zu Ettal. (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. In der Festung wegen einer katholischen Predigt über die Ehe. Von I. Bcchtold, Pfarrer in Thaunweilcr. Straßburg. Druck von F. X. Le Noux, bischöfl. Buchdr. 144 S. 60 Pf. O Eine vierzehntägige Gcfängnißhaft durch kaiserl. — von dritter Hand angerufene — Gnade in Festungshaft von gleicher Dauer umgewandelt, bot dem Verfasser hinreichende Muße, über seine Missethat, über die Anwendung des § 166 dcS N.-St.- G.-B. auf katholische Priester, auf evangelische Bundes- und andere Brüder und über die beiderseitige Behandlung auf dem Rechts- und Gnadenwege reiflich nachzudenken und die Ergebnisse seiner Betrachtungen aufzuzeichnen. Der beigefügte Wortlaut der Predigt und eine anmuthige Sammlung der saftigsten Schimpfereien gegen die katholische Kirche, die nachweislich in protestantischen Versammlungen, in Flug- und sonstigen Schriften, in Witzblättern gebraucht wurden, und der darauf ergaugeuen Urtheile bieten dem Leser lehrreichen Stoff zu nützlichen Vergleichungcn. Die gegen den Verfasser beliebte strafrechtliche Verfolgung, die vom juristischen Standpunkt schwer, vom politischen unbegreiflich ist, bat eine in das Werkchen aufgenommene scharf abfällige Kritik in der protestantischen Zeitschrift für Kirchcurecht gefunden, die in Leipzig, dem Sitz des NeichSgerichtS, von Geheimrath und Professor der Rechte Dr. Emil Friedbcrg dortselbst und von Dr. Emil Schling, Professor der Rechte in Erlangen, herausgegeben wird. Die Trost- gedanken des Herrn Verfassers, der, wie es scheint, keineswegs zerknirscht das Dcckwerk der Schleuse 88 verlassen hat, verdienen daher die allgemeine Beachtung, insbesondere in theologischen und juristischen Kreisen. Sie geben viel zu denken. Lehrbuch der Apologetik. 3. Band. Von der katholischen Religion von Dr. Coustautin Gnt- berlet, Professor am bischöflichen Seminar zu Fnlda. 290 S. in 8°. Preis 3 M. Verlag der Thcissing'schen Buchhandlung in Münster i. W. T Den früher erschienenen und von der Kritik sehr günstig bcurtbeiltcu ersten beiden Bänden schließt sich der dritte Band von Gutbcrlct'S Apologetik würdig an. Eutberlct hatte bei der Abfassung der ersten Bände („Von der Religion überhaupt" und „Von der geoffenbarten Religion") noch die Absicht, die katholische Apologetik der Dogmatik zu überlassen. Die Verhältnisse haben sich aber geändert und den Verfasser veranlaßt, den Kreis weiter zu ziehen. Denn der Protestantismus richtet seit einiger Zeit fast mit derselben Kampfeslust wie in den schlimmsten Tagen der religiösen Spaltung unseres Vater- , landcS seine Angriffe auf die katholische Kirche. Diese leidige I Thatsache ist eS, welche Dr. Gutberlet dazu führte, in einem dritten Band auch die katholische Apologetik zu behandeln. Auch dieser Band weist die Vorzüge auf, welche Herrn vr. Gutberlet's Ruf als Gelehrter und Schriftsteller sicher gestellt haben. Klarheit der Darstellung, Gründlichkeit der Behandlung, Schärfe der Bewcissührung zeichnen auch seine katholische Apologetik in hohem Maße aus. Möge das Buch nicht bloß in geistlichen, sondern auch in gebildeten Laienkreisen zahlreiche Leser finden l _ Unserer Töchter Erziehung zur Schönheit von Hor- tcnse deGouph. Fried. Stahn, Verlagsbuchhandlung. Berlin SW., Wilhclmstraße 122 ^.. O Die Schönheit des Körpers ist eine hochschätzbarc Mitgift der Natur, sie nimmt ein und empfiehlt, bevor noch der Geist zum Aus- und Eindruck gekommen ist; die Erziehung zur Schönheit ist aber auch eine Erziehung zur Gesundheit. Deßhalb ist sie ein wichtiger Bestandtheil der Erziehung überhaupt, insbesondere der Meidchencrziehung. Die Verfasserin bietet nun in ihrem eigenartigen Buche eine auf die Natur und die körperliche Entwicklung des WeibcS gegründete, wohl durchdachte Anleitung, wie unsere Töchter zur Schönheit heranzuziehen seien von dem zartesten Alter bis zur vollendeten Reife, und füllt mit ihrer Gabe eine fühlbare Lücke der Erziehungs- litcratur aus. Es ist sehr gut geschrieben und allen, die mit der Mädchen-Erziehung zu thun haben, insbesondere den Müttern, den Vorsteherinnen von Mädchen-Erziehungs-Anstaltcn weltlichen und geistlichen Charakters, zu empfehlen. Zu berichtigen wäre die falsche Aufstellung, daß durch der Sinne Pforten der Geist in den Körper einziehe und durch die Sinnes- wahrnehmnngen die (Leistest Heftigkeit entstehe. Wahrscheinlich ist dem richtigen Gedanken, daß durch die Sinnes- empfindungcn dem im Körper wohnenden Menschengeist die Auffassung der Außenwelt vermittelt wird, nur ein unrichtiger Ausdruck gegeben. Welche Mittel stehen uns zu Gebote im Kampfe gegen die öffentliche Uusittlichkeit? Vertrag von vr. Bren necke, pr. Arzt in Magdeburg. Albert Rathke's Verlag. 29 Seiten. O Eine bemerkenswerihe Gabe deS Magdeburger Männcr- bundes zur Wahrung und Pflege der öffentlichen Sittlichkeit, der den vor ihm gehaltenen Vortrug durch Druck weiteren Kreisen zugänglich machte. Der Redner sieht die Ursache der zunehmenden Sittcnfäulniß in der zunehmenden religiösen Ver- flachnng, in der Entchristlichung deö Volkes und folgerichtig das Hauptmittcl zur Bckäumpfnug dcS öffentlichen Lasters in der Zurückeroberung des Volkes für das Christenthum. In diesen Hauptpunkten sind wir mit dem Redner ganz einverstanden, weniger mit seinen Erörterungen über den für uns Katholiken nicht vorhandenen Unterschied zwischen Kirche und Christenthum, auch nicht mit der auch nur vorläufig noch zu duldenden Kasernirung deö Lasters. DaS Schriftchcn verdient übrigens auch aus katholischer Seite alle Beachtung, insbesondere der Rath, das öffentliche Laster und seine Förderer durch daS Vereinswcsen zu bekämpfen. Kirchenmni'ikalische Vierteljahrsschrift. Hcransgcz. vom Salzburgcr Diöccsan-Cäcilien-Vercin. Verlag von Mittcrmüller in Salzburg. Preis, 2 M. per Jabr. Das Heft III 1894 enthält n. A.: Orlando di Lasso, die Ehoralrcsponsorien, über Gesangschnlen, Statuten für Kirchen- sänger aus dem 18. Jahrh. n. s. w. Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1891. Zehn Hefte M. 10.80. — Freibnrg im BrciSgan. Hcrdcr'sche Ncrlagshandlnng. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 9. Heftes: Henry George und die En- cyklica -Herum normrum«. I. (H. Pesck 8. 9.) — Die Geschichte eines unglücklichen Fürstensohnes. III. (O. Pfülf 8.9.) — Die Reblaus und ihre Vorgänger. (E. Wasmanu 8. 9.) — Die Mosaiken von Navcnna. I. (S. Bcissel 8. 9.) — Mohammed und die Literatur der Araber. (A. Baumgartner 8. 9.) Recensionen: Korioth, Katholische Apologetik (A. Pergcr 8. 9.); tzuillist, vo eivilis yotootatis ori§ino tlrooria eatlwlioa, (A. Lehmknhl 8. 9.); Kepplcr, Wanderfahrten und Wallfahrten im Orient. — Empfehlenswerthe Schriften. — Mis- ccllen: Ein Nachtrag zum Artikel über Picrlnigi da Palestrina; Die Ceremonie des Fnßknsses; Das internationale Schiedsgericht. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabhcrr in Augsburg. tti-. 46 15. Navl-r. 1894. Die Beuroner. Durch die Presse geht gegenwärtig die Nachricht, daß die Beuroner Benedictinercongregation demnächst auch im fernen Auslande Niederlassungen gründen wird. Schon im Vorjahre wurden einige Patres derselben nach Brasilien entsandt, um in die dortigen Ordensverhältnisse Einsicht zu nehmen, da vom HI. Stuhle die Einführung der von den Beuronern angestrebten Reformen in dortigen Klöstern befürwortet wurde, und es soll nun demnächst, sobald die hiezu nothwendigen Anstalten getroffen sein können, eine Colonie nach Südamerika entsandt werden. Auf der Rückreise haben diese Patres in einem Kloster der portugiesischen Provinz Porto Aufenthalt genommen, und während desselben theilte ihnen dessen Abt seinen Wunsch mit, es von Beuroner Mönchen geleitet zu wissen. Es wurde nun beschlossen, daß der vor einigen Jahren in die Kongregation eingetretene Fürst Nadziwill (?. Benedict) mit der Mission nach Portugal betraut werden solle. Gelegentlich dieser Neuigkeiten dürfte es von Interesse sein, Näheres über die so sehr emporstrebende Kongregation zu erfahren. Dieselbe wurde, wie bereits bekannt sein dürfte, vor mehr als zwei Dezennien durch den späteren, nunmehr gestorbenen Erzabt Dr. Maurns Wolter gegründet, der vom hl. Stuhle mit der Reform des Benedictinerordens, zunächst in den Ländern deutscher Zunge, betraut worden war. Zur Ausführung seiner Pläne, zu denen nur die geringsten Mittel vorhanden waren, fand er unerwartet entgegenkommende Unterstützung durch die Fürstin Katharina von Hohenzollern, welche ihm die Gebäulichkeiten ihres Besitzthumes Beuron in Hohenzollern zur Gründung einer ersten Niederlassung in Deutschland überließ. Nach Ueberwindung vieler anfänglicher Schwierigkeiten erreichte dieselbe eine Blüthezeit, welche die Aufmerksamkeit weiter Kreise anzog und speziell die Pflege der Künste in der neuen Communität ließ sie zu hoher Achtung gelangen. Der Name der Beuroner Malerschule wurde seitdem in Erörterungen der neuen christlichen Kunst oft unter Anerkennung der Bedeutsamkeit der von diesen Klosterkünstlern angestrebten Reformen zur Förderung der Würde und Erhabenheit christlich-künstlerischer Schöpfungen in den Vordergrund gestellt. Ferner wurde die eigenartige Wiederbelebung des Choralgesanges durch die Beuroner Mönche bald so geschätzt, daß sogar bei Verbannung der „jesuitenverwandten" Congregationen zur Zeit des Culturkampfes man dem Zugeständnisse nicht abgeneigt war, die Beuroner im Lande zu lassen, falls sie dem Unterrichte in der Kirchenmusik ihr Hauptaugenmerk zuwenden würden. Doch endeten die damals eingeleiteten Verhandlungen derart, daß die Mönche sich in das ihnen gebotene Asyl zu Volders in Tirol begaben. Es waren ihnen aber noch glücklichere Zeiten durch die Gunst des österreichischen Kaiserhauses beschieden. Vorerst wurden sie zur Uebernahme des vereinsamten Benedictinerklosters Emmaus bei Prag veranlaßt. Eine Besichtigung der früher dringend einer Verbesserung bedürftigen, durch ihren historischen Werth in mancher Hinsicht bedeutsamen Gebäulichkeiten in der Gegenwart mag erkennen lassen, was Beuroner Fleiß und Beuroner Kunst in verhültnißmäßig kurzer Zeit zur Vervollkommnung und Veredlung zu schaffen vermag. Die Kirche, die historische Wenzelscapelle, und das Kloster selbst sind durch die herrlichsten Frescogemälde und sculptorische Kunstentfaltung zu einer der hervorragendsten Zierden der altehrwürdigen Stadt geworden. Die stets wachsende Zahl der Mitglieder der Con» gregation wachte bald neue Gründungen nothwendig. Schon vor der geschilderten Besserung der Verhältnisse für dieselbe in den Ländern deutscher Zunge war eine Niederlassung zu Maredsous in Belgien durch die Opferfreudigkeit eines belgischen Edelmannes veranlaßt worden, welcher der Bau einer imposanten, im gothischen Stile gehaltenen Heimstätte für die eifrigen Mönche zu danken war. Der erste Abt dieses Klosters war der Bruder des genannten Erzabtes, Dr. Placidus Wolter, und unter seiner Leitung wurde nicht nur der künstlerische, sondern auch der literarische Werth der neuen Communität gesichert, welch letzterer gegenwärtig eine allgemeine Würdigung erfährt. Das „Cstroinooli Leueätetimim" und die „Lunalas äs l'Orära äo Luiuk-Löiwlk" dürften, was historische Forschung und treffende Kennzeichnung der Neformverhältnisse der Gegenwart anbelangt, zu den geschätztesten Quellen gehören. Das Gedeihen der Neu- stiftnng hat es auch ermöglicht, daß mit diesen Bestrebungen erzieherische Thätigkeit verbunden werden konnte. DaS Kollegium von Maredsous, dessen Schüler meist belgischen Adelskreisen entstammen, ist sehr geschätzt, ähnlich wie das, welches mit der zweiten noch zu erwähnenden Niederlassung im Auslande, in dem Priorate Erdington bei Birmingham, gegründet wurde. In Oesterreich und Deutschland sollte der Kongregation noch weitere Entfaltung beschieden sein. Durch die Bemühung des Cellerars der Präger Abtei, k. Jldephons Schober, gelang die Erwerbung des historisch durch die Fürstbischöfe von Graz bekannten, im Jahre 1140 vom Grafen Adalram von Waldeck gegründeten Klosters Seccau, dessen ausgedehnte, aber sehr reparaturbedürftige Räume zunächst zur Wohnstätte des Beuroner ClcricateS bestimmt wurden. Nachdem im Jahre 1687 das anfängliche Priorat Seccau zur Abtei erhoben war und früher schon der Wiedereinzug der Mönche in ihrem ersten Kloster gestattet sworden, wurde dem Gründer der Kongregation der Titel eines Erzabtes zuerkannt, und wühlte derselbe wieder Beuron zu seiner Residenz. Emmaus erhielt einen neuen Abt in der Person des früheren Priors, k. Benedict Sauter. Der obengenannte Cellerar hingegen wurde zum Abte von Seccau bestimmt. Die spätere Uebernahme des Klosters Maria-Laach darf bereits als bekannt vorausgesetzt werden. Wenn wir nach der Ursache dieses verhültnißmäßig so auffallend raschen Wachsthums dieser unter nicht allzu günstigen Auspicien eingeleiteten Neformbcwegung im Benedictinerorden fragen, so dürfte der energisch vorwärts strebende, fest an den erkannten Principien haltende und doch mit seltenem mildem Zugeständnis; an einzelne Verhältnisse wirkende Geist, der die Führer in ihren Bestimmungen und Handlungen beherrscht und der in dem mehr als unter andern Verhältnissen erzielten Gesammtbewußtsein der Communitäten eine kräftige Stütze findet, verbunden mit dem die Bemühungen reichlich lohnenden schützenden Entgegenkommen von Seite hoher und einflußreicher Kreise, als solche sich ergeben. Die Grundsätze und Gebräuche des Ordens, wenn auch nicht für alle Individualitäten in gleicher Weise 362 geeignet, bieten viele Anschlußpunkte an die durch ihre edle Mäßigung und vornehme Empfindung in der Geschichte eigenartig hervortretenden Zweige des Bencdicüner- ordcns, z B. die Manriner. In neuerer Zeit ergaben sich naturgemäß die meisten verwandtschaftlichen Beziehungen mit den in Frankreich so schwer getroffenen Mönchen von SolcSmes. Wie diese und ursprünglich alle Congregationen strengerer Observanz, haben auch die Beuroner ihre Kräfte in erster Linie auf das OEeiurn divinum con- centrirt. Das bedeutsame Werk des ErzabteS Walter „ksallits Zg-xianter" ist ein Beweis deS trotz der strengsten Beachtung der äußeren ceremoniellen Borschriften erzielten tiefen Eindringens in die kontemplativen Aufgaben des Mönchslebens. Anderseits aber beweisen uns die Werke des Abtes von Emmaus, Sauter, sowie des auch sonst durch historisch-liturgische Forschungen neben seinem nunmehr verstorbenen Cousrnter k. Suitbert Bauemer bedeutsam wirkenden k. Ambrosius Ktenle über die nothwendige Auffassung und die nothwendigen Reformen auf dem Gebiete des Choralgesanges, daß die Kongregation der äußeren Veredlung und der Rückleitung des Gottesdienstes auf frühere Principien in der von Nom in neuerer Zeit befürworteten Weise auf das erfolgreichste sich widmet. Daß die auf Askese gerichteten Bestimmungen der Congrcgalion, wie sie im traditionellen Ordensleben als integrirender Faktor auftreten müssen, dazu beitragen, die Neformrichtung derselben noch mehr hervorzuheben, ist nach dem Gesagten erklärlich. Wenn auch in dieser Hinsicht vielleicht ein allzu rigoroses Festhalten an alten Usancen zu beobachten ist, so muß doch im Allgemeinen anerkannt werden, daß der äußerlichen Strenge, die in andern Orden so sehr hervortritt, wehr die inneren, rein seelischen asketischen Bemühungen vorgezogen werden, die bei dieser Kongregation eine gewisse principielle Uebereinstimmung mit besonders betonten Anschauungen des Jesuitenordens nicht verkennen lassen, wenn auch sonst der Charakter der beiden Gesellschaften, wie er durch manche Verschiedenheiten in den Bestrebungen festgesetzt wird, keineswegs die Behauptung einer näheren Verwandtschaft rechtfertigt. Ch. Th. Saint-Paul. Planeten im Fixsternsysiem. Beitrag zur Astronomie des Unsichtbaren. Von Max Mater (Schaufling). -Motto: „Die Spräche der Analysis des Unendlichen, die vollkommenste aller Sprachen, ist schon an sich selbst ein mächtiges Hilfsmittel und Werkzeug der Entocckung." Pierre Simon Laplace in »Llöeanigus eLkebte«. Die meisten Sterne, .die wir am Himmelszelte erblicken, sind Fixsterne, die von unserer Sonne und von einander durch unermeßlich große Zwischenrüume getrennt werden. Die Spektralanalyse, welche dem Chemiker noch Vsononon Milligramm eines Natriumsalzes nachweisen läßt, hat dargethan, daß jeder Fixstern in seinem physischen Aufbau die größte Aehnlichkeit mit dem Centralkörper unseres Systems, mit unserer Sonne, besitzt und außerdem eine lange Reihe von Entwickelungsstadien von der intensivsten Weißglühhitze bis zu einer massenhafte Kondensationen von Metalldämpfen bedingenden Abkühlung und noch weiter bis zum festen Zustande zu durchlaufen hat, freilich in unmcßbaren Jahrmillionen! Also die Fixsterne lauter Sonnen! Sie erweisen sich aus derselben Materie zusammengesetzt, welche wir hier auf Erden analystren, sie eilen in rastlosem Fluge durch den unendlichen Raum — welchem Ziele entgegen? wir wissen es noch nicht; was liegt da näher als der Gedanke: alle Fixsterne als Sonnen sind Tagesgestirne für besondere Welten, mit anderen Worten: alle Fixsterne sind Sonnen für Systeme von dunklen Körpern, für Planetensysteme. — Nicht nutzlos würden auf diese Weise diese fernen Sonnen ihren ungeheueren Vorrath von Energie durch Vermittlung des Aethcrs, in welchem die Körper reiblos dahingleiten, in den Weltenraum ausgießen, vielmehr würden sie auf großen und kleinen Weltkugeln durch ihre Licht- und Wärmestrahlcn das Leben in der Materie wachrufen und bis zur höchsten Vollendung steigern. Nachdem wir wissen, daß auch auf den andern Welikörpern des Universums dieselben chemischen Bestand- theile existiren, durch welche auf unserem Erdball daS organische Leben bedingt wird, so entsteht von selbst die Frage, ob nicht auf diesen Körpern eine der irdischen Flora und Fauna analoge Stufenreihe von Organismen sich entwickelt, sobald dieselben physikalischen Bedingungen wie auf unserer Erde erfüllt sind. Jeder Weltkörper ist für uns ein Samenkorn, das bei seiner Entstehung schon eine ganze Organismenwelt xoteirtialrtöv enthält, um sie dann unter den günstigen Bedingungen entwickeln zu lassen. (Vgl. die merkwürdigen Spekulationen Kant's im 3. Theile der „Naturgeschichte des Himmels". Ost- wald's Klassiker der exakten Wissenschaften. Leipzig, Engelmann.) Wenn wir auch sicher wissen, daß auf einzelnen Weltkörpern, z. B. den Fixsternen, Organismen nicht existiren können, so lange sie sich im Glühzustand befinden, so thut das der Annahme der Bewohnbarkeit der Welten keinen Eintrag! Wir wissen, daß unsere Erde von ihrem einst gasförmigen, dann glühend flüssigen bis zu ihrem jetzigen Zustande mit erkalteter Rinde eine Entwickelung von mehreren Millionen Jahren durchlaufen hat. Mehr als 10 Millionen Jahre hat sie sich um die Sonne bewegt, bis endlich einmal, vermuthlich in der kambrischen Periode, auf ihr die einfachsten Zellen- orgamsmen entstanden; Menschen haben vermuthlich nicht viel länger als höchstens 10,000 Jahre auf ihr gelebt, die Civilisation besteht auf ihr noch nicht 5000 Jahre; hätte also ein Enge! die Eide in Zwischenräumen von 10,000 Jahren besucht, um Menschen zu suchen, so würde er viele tausend Male enttäuscht worden sein. So würde es auch uns gehen, wenn wir die fernsten Sterne nach lebenden Wesen absuchen würden. Uebrigens wer sagt uns, daß das Leben, die Reizbarkeit des Protoplasmas überall im unendlichen Weltall zwischen denselben Grenzen eingeschlossen ist, wie hier aus Erden! (Vgl. meine Ausführungen in „Natur und Offenbarung". 40. Bd. 1894, S. 193 ff., 272 ff. u. 462 ff.) Diese ganz der Vernunft entsprechende Auffassung würde jedenfalls eine wesentliche Stütze bekommen, wenn man einmal darüber volle Gewißheit hätte, daß die Fixsterne mit Planeten d. h. mit dunklen Körpern ausgestattet feien. Die Astrophysik hat in jüngster Zeit auf einem höchst einfachen Wege Anhaltspunkts erhalten, um auf das Vorhandensein dunkler Fixsternbegleiter zu schließen. Der erste Fixstern, bei dem ein dunkler Begleiter 363 nachgewiesen werden konnte, war der Stern st (Algol) ini Persens. Im Jahre 1667 hatte Montanari erkannt, daß dieser Stern sein Licht verändere, d. h. daß er bald Heller, bald dunkler werde, und erst Arge land er und Schönfeld ersahen aus ihren zahlreichen Beobachtungen, daß das Maximum der Helligkeit Algols 2 Tage 11*/z Stunden anhält, um dann in 4*/» Stunden bis zum Minimum der Helligkeit herabzusinken und in weiteren 4*/z Stunden wieder zur vollen Stärke anzuschwellen. Man hat im Laufe der Zeit noch sieben Fixsterne gefunden, deren Ltcbtwechsel dieselben typischen Eigenschaften wie Algol besitzt. Verschiedene Erklärungen wurden gegeben. Als die plausibelste erwies sich diejenige, welche den Lichtwechsel erklärte durch einen den Algol umkreisenden weniger hellen oder dunklen Himmelskörper. Die Bahnebene mußte sich natürlich nahe in der Gesichtslinie befinden, so daß beim Vorübergehen des dunklen Körpers jedesmal eine Bedeckung d. h. Verfinsterung des hellen stattfand. Die Umlaufszeit der beiden Körper um ihren Schwerpunkt mußte 2 Tage 21 Stunden betragen, d. h. der Periode des Lichtwechsels gleich sein. Daraus lassen sich die Elemente der Bahn dieses Doppelsternsystems berechnen. Aus diesen Berechnungen ergab sich, daß die Distanz der beiden Körper äußerst gering ist, so daß man an die Stabilität eines so engen Systems nicht glauben konnte. Die scheinbare Distanz der beiden Sterne am Himmel konnte nicht viel über den hundertsten Theil einer Bogensekunde betragen, und derartige Distanzen können selbst in unseren Niesenrefraktoren nicht aufgelöst werden. Da machte das Spektroskop, dieser feinste Analyscnr der Materie, den dunklen Begleiter des Algol sichtbar! Nach dem Doppler'schen Princip, nämlich aus der gegenseitigen Verschiebung der Linien im Spektrum, können wir ermitteln, ob ein Himmelskörper sich uns nähert oder ob er sich entfernt, und mit welcher Geschwindigkeit dieses geschieht. (Die höchste Genauigkeit in der Messung der Linienverschiebung in einem Spektrum wird durch die im Jahre 1888 zum ersten Male angewandte spektro- graphische Methode erzielt.) Wie ein Ton immer höher wird, je mehr sich dessen Quelle uns nähert, oder immer tiefer, je weiter sich eine Tonquelle von uns entfernt, weil in dem ersten Falle in der Zeiteinheit immer mehr, im zweiten Falle immer weniger Schallwellen unseren Gehörnerv reizen, so werden auch die Linien im Spektrum eines Sternes, der sich uns nähert und der uns also in der Sekunde immer mehr Aetherwellen zusendet, gegen die violette Seite hin verschoben; im entgegengesetzten Falle, wenn sich der Stern von uns wegbewcgt und uns also immer weniger Aetherwellen in der Zeiteinheit zusendet, so werden die Linien eine Verschiebung gegen Noth hin erleiden. Vogel und Sch einer in Potsdam waren es, welche die Lösung des Algolproblcms auf fpektrographischem Wege versuchten und das Ergebniß ihrer Untersuchungen am 28. November 1889 der Berliner Akademie der Wissenschaften vorlegten. Daß ein Satellit, der so starke Verfinsterungen hervorrufen kann, an Größe und an Masse vom Hauptstern nicht zu sehr verschieden sein kann, ergibt sich bei der einfachsten Ucberlegung. Die Himmels-Mechanik zeigt, daß sich solche Körper, die an Masse sehr wenig differiren, um einen gemeinsamen Schwerpunkt bewegen müssen. (Bei unserem Sonnensystem liegt dieser Schwerpunkt in der Sonne wegen ihres Massenüberschusses.) Nun muß Algol, wenn er wirklich um einen von seinem Centrum verschiedenen Punkt kreist, während jedes Umlaufes ein Mal mit großer Schnelligkeit sich von uns entfernen, ein anderes Mal mit ebenso großer Geschwindigkeit uns näher kommen, welche Bewegungen in den Linien- verschiebungen des Algolspektrums sich wiederspiegeln müssen. So fanden Vogel und Sch einer, daß die Bahngeschwindigkeit Algols 42, die seines dunklen Begleiters 89 Kilometer beträgt. Das ganze System bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von nur 4 Kilometer auf uns zu. Die Massen der beiden Körper sind ^/g und 2/g der Sonncnmasse. Der Durchmesser des Hauptsterns ist 1,700,000, der des Begleiters 1,330,000 Kilometer. Die Distanz der beiden Mittelpunkte beträgt 5,480,000 Kilometer! Die Mittelpunkte dieser beiden Körper sind 10 Mal näher aneinander gerückt, als der sonnennächste Planet Merkur bei seinem Tagcsgestirne steht. Die Oberflächen dieser beiden Körper müssen also noch näher sein! Für Merkur hat Schiaparelli vor einigen Jahren nachgewiesen, daß die Zeit seiner Notation gleich der Zeit feines Umlaufes um die Sonne ist. Seit den berühmten Mathematischen Untersuchungen von Georg Darwin und William Thomson wissen wir, daß der Grund hievon in einer sehr starken Fluthwclle zu suchen ist, welche die Sonne seit unermeßlichen Zeiten auf der Oberfläche des Merkur hervorgerufen hat. Um wie viel stärker müssen bei Systemen, wie dem des Algol, die Fluthwirkungen der beiden Körper sein! Algol und sein dunkler Begleiter müssen, wie Wilsing gezeigt hat, Ziemlich stark von der Kugel abweichende Formen besitzen; sie müssen in der Richtung ihrer Mittelpunkte verlängert sein — nach G. Darwin'S Theorie in ciähnlichen Figuren, deren Spitzen einander zugekehrt sind. AuS Unregelmäßigkeiten in der Periode des Lichtwcchsels hat Eh and! er auf einen dritten dunklen Körper im Algol- system geschlossen. Die exacten Untersuchungen hierüber sind aber bis jetzt noch nicht abgeschlossen. (Schluß folgt.) Der Einfluß des Klimas auf die Umgestaltung der Thierrassen. Von H. von Remagcn. (Schluß.) Am augenscheinlichsten sind unter den Veränderungen, welche das Klima rc. hervorruft, jedenfalls diejenigen, welche an den Haaren und Hörnern sich vollziehen. Wie schon bemerkt, haben die meisten Thiere in heißen Gegenden nicht nur weniger, sondern auch kürzere und feinere Haare, als in kälteren Zonen, wie dies z. B. die nackten Hunde Chinas beweisen. In Grönland dagegen sind die Mitglieder dieser Spezies stark behaart, während der Büffelochs Chinas nur wenig einzelne Haare hat. Der Fuchs ist im Norden stark behaart, im Süden dagegen trägt er einen weit feineren und kurzhaarigen Balg. Aber auch die einzelnen Haare werden abgeändert, wenn man Thiere aus einem Klima in das andere versetzt. So wurde, wie schon gezeigt, z. B. die schönste und feinste Wolle der Merinos in Chile und Peru verhältnißmäßig schnell in schlichte und steife Haare verwandelt. Wie das Haar, verhalten sich die Hörner in Bezug auf Form und Construktion, indem sie bei einigen Thierarten kürzer werden, sich in der Masse mehr verdichten und sich dabei Heller und glänzender färben, bei anderen i aber mehr oder weniger gewunden erscheinen. Als Bei- 364 i spiel dienen hiefür einige ostindische Rindvieh- und Schaf- Rassen. Aber auch im Nebligen wirkt das Klima umbildend. So wird der europäische Hund, wenn er nach den heißesten Gegenden von Afrika verpflanzt wird, stumm, das heißt, sein Bellen verwandelt sich in ein Gemurr; dabei bekommt er spitzige, steife Ohren, wird häßlich und verliert die Haare, wie auch seinen ehemaligen Muth; ebenso ergeht es ihm in Südamerika. Was nun die Größe der Thiere betrifft, so steht auch diese offenbar in Wechselwirkung mit dem Klima. Denn unter den wärmeren Himmelsstrichen finden sich im Allgemeinen größere und ausgebildeter« Formen der organischen Welt vor, als in den gemäßigten, und die bildende Thätigkeit der Natur erscheint dort in jeder Hinsicht kräftiger, was man besonders bei den auf dem Lande lebenden Thieren bemerken kann. In den nördlichen Gegenden von Europa findet man die Farnkräuter als kleine Gewächse, während sie in den tropischen Gegenden zu hohen, baumartigen Farnen gedeihen. In unserem Norden findet man durchgehend nur kleine Amphibien- arten, während im Süden die kolossalen Krokodile, Niesenschlangen und Niesenschildkröten Hausen. Wie gering sind nicht die wilde Katze und der Luchs, diese beiden Arten des europäischen Katzengeschlechtes, gegen den mächtigen Löwen und Tiger des Südens? Die hohen Palmen, Giraffen, Elephanten gehören alle dem Süden an, dem Norden dagegen die großen Wasserthiere. — Das Pferd in den heißen Zonen und im hohen Norden ist klein, wie in Arabien, Island und Sibirien. Versetzt man Rindvieh aus den gemäßigten Zonen Europas, z. B. nach Ostindien, so wird es in den folgenden Generationen bedeutend kleiner, ebenso ist's mit den Schweinen. Werfen wir weiter einen Blick auf die Temperamente, Triebe und Eigenschaften der Thiere, so werden wir wiederum einen Einfluß des Klimas spüren. So findet man in den heißen Zonen meist Thiere von lebhaft cholerischem Temperament, von der wilden Katze anfangend bis zum Tiger und zum Löwen hinauf, während die Nanbthiere in gemäßigteren Gegenden weniger raubgierig und meist sanfter sind, wie der Wolf und der Hund. In den gemäßigten Zonen ist auch das Fleisch viel wohlschmeckender und nahrhafter, als in den heißen und kalten. Die Häut ist in weniger warmen Gegenden ebenfalls anders gestaltet, als in heißen; in jenen ist sie weniger porös, daher dichter, zäher und weniger dick. Dasselbe gilt von den Knochen, welche bei den meisten Thieren in einem warmen und gemäßigten oder einem trockenen Klima weit dichter, weniger porös und daher bei gleicher Dicke weit fester als im kalten sind. Allerdings kommt Hiebei auch der Aufenthaltsort und die Nahrung in Betracht. Man muß bei alledem die Tiefen, Höhen, Berge und Sumpfgegenden nicht unberücksichtigt lassen. — In Betreff der Nahrung ist zu bemerken, daß alle Pflanzen, die in Tiefen oder einem feuchten Klima wachsen, weit mehr wässerige als feste Theile in gleichem Gewichte und Volumen enthalten, und daß daher Thiere, die dort heimisch sind, gegen jene in einem entgegengesetzten eine andere Körperform annehmen. Je besser die Weiden sind, desto herrlicher gedeihen die Thiere; so haben die oberen kalten Gegenden Sibiriens, wo die Weiden äußerst schlecht sind, kleines, elendes, oftmals hornloses Rindvieh; so sind die Ochsen Persiens klein, hingegen in der Kalmuckei und Ukraine wegen reicher, guter Nahrung sehr groß; so sind die Ochsen der Schweiz größer, als die Frankreichs. Bei Verschiedenheit der Nahrung nimmt meist nicht bloß die Größe, sondern auch die Form des Körpers eine verschiedene Gestalt an; bei dieser beginnt die Veränderung von innen nach außen, bei den klimatischen Einflüssen dagegen mehr von außen nach innen. Darum hat man wohl gesagt: „das Klima verändere den Typus von außen nach innen, die Nahrung dagegen von innen nach außen." Wenden wir schließlich unsere Aufmerksamkeit noch den Abänderungen in der Färbung zu, welche durch die klimatischen Einflüsse hervorgerufen werden, so finden wir, daß diese besonders groß sind, wenn nämlich Dr. Gloger in Breslau — der diesen Gegenstand ausführlich behandelte und durch Beispiele belegte — Recht hat. Nach ihm wird an Vögeln z. B. das Schwarz oder Braunschwarz in wärmeren Gegenden einerseits tiefer, während es andererseits bei unbestimmter Abgrenzung von hellen Farben sich mit bestimmten Grenzen von diesen abzuscheiden und in schärferen Gegensatz gegen sie zu treten pflegt, so z. B. bei den Dohlen, dem schwarzkehligen Wiesenschmätzer, auf den Flügeln der Nöthlinge, bei der weißen Bachstelze. Theilweise muß es aber auch weichen, wie bei den Schwänzen des rothköpfigen Würgers, der Steinschmätzer-Arten, den Flügeln der Röthliuge, der weißen Bachstelze, beim Schwanz des Erlenzeisiges, mehrerer Grasmücken und Lerchen, besonders aber des Wiedehopfes und der Feldtaube. Die Färbung nimmt hingegen ab bei Standvögeln unter kalten, nördlichen oder östlichen Klimaten, so beim Jagdfalken, bei dem Mäusebussard, bei der Schnee-Eule, bei dem Uhu, bei der gemeinen Krähe und hin und wieder bei dem Wasserschmätzer. Das Graue und Graubraune neigt sich an wärmeren Orten mehr ins Dunklere und geht zuletzt ganz in das Schwarze über, wie z. B. beim Hühnerhabicht, beim Sperber, beim Zwergfalken, bei der Dohle, bei der Wacholderdrossel. Ganz deutlich verdunkelt sich das helle Nothgrau beim Baumläufer. Oft wird ein recht Helles Weißgrau bei denselben klimatischen Einflüssen noch lichter, ja manchmal ganz weiß, so bei dem grauen Kopfe des männlichen rothköpfigen Würgers, an mehreren Theilen der Dohle, an der Stirn und den Hinteren Schwanzfedern der Nöthlinge, an den Flügeln der weißen Bachstelze, an oen Seitenschwauzfedern der Grasmücken und am Schwänze der Feldtaube. Im Norden wird dies Heller, oder es tritt das Weiße an die Stelle des Grauen und Graubraunen, so bei der gemeinen Krähe am nördlichen Laufe und Busen des Obi, beim Hühnerhabicht, Jagdfalken, Mäusebussard, beim Uhu und oft bei der Schneetaube. Das Weiße nimmt meistens in den kalten Ländern an Glanz und Schönheit zu, während es in wärmeren Ländern sich mehr in das Schwarze verliert. Die hellere Nostfarbe wird in den wärmeren Klimaten zu tiefem Rost- oder Rothbraun, z. B. am Bauche des schwarzkehligen Wiesenschmätzers, des GartenröthlingS, Garten- Ammers, Baumläufers und den Hinteren Flügelfedern der Turteltaube. Bei anderen Vögeln werden diese Farben, wo sie oft nur schwach oder bloß angedeutet sind, weiter ausgedehnt, überziehen allmählig größere Strecken und verdrängen dadurch die benachbarten Farben, wie z. B. am männlichen Sperber, Mäusebussard, am rothköpfigen und weiblichen rothrückigen Würger, dem 1 Wasserschmätzer, männlichen Haussperling, ganz besonders aber am einjährigen oder jüngeren Kuckuck und dem jungen Jagdfalken. So nimmt bei den Gänsen im Alter der Körper eine viel höhere Nostfarbe an, während die weißen Schnabelfederchen sich verlieren. Oefters entsteht tiefes Nothbraun aus einem schwefelgelblichen oder blassen Nostgelb, wie beim Wiesenpiper im Sommer oder beim blaukehligen Erdsänger und Gartenammer. Im hohen Norden sind sie gegen eine sehr merkliche Abnahme dieser Farben geschützt. Weniger auffallend werden Blau und Grün in wärmeren Gegenden erhöht; im Alter kommt bei einigen Vögeln das Grüngelb mehr zum Vorschein, so beim Erbsenzeisig und Hänflling. Ebenso verhält es sich bezüglich der Färbung mit den Säugethieren. Von dem gemeinen Eichhörnchen gibt es bekanntlich in unseren Gegenden ein rothes und schwarzes, während letzteres in Skandinavien fehlt. Die rothen Thiere dieser Art sind bei uns im Sommer braunroth, im nördlichen Skandinavien aber noch etwas dunkler gefärbt, werden aber bei uns im Winter grauer, in Skandinavien graubraun und in Sibirien ganz weiß. — So hat der I^vxus doreulis im südlichen Skandinavien, ebenso wie bei uns, während des Sommers eine graubraune, im Winter aber eine weißgraue, in Grönland das ganze Jahr hindurch eine weiße Färbung. Aehnliches bietet das kleine Wiesel und andere Thiere. Die grüne Farbe wird vielfach weißgrau, wenn sie längere Zeit hindurch dem Lichte entzogen wird, so z. B. bei den Laubfröschen. Bewahrt man diese Thier- chen einige Zeit über im Dunkeln auf, so findet dieser Farbenwechsel statt; setzt man sie hingegen dem Sonnenlichte aus, so wird ihre Farbe immer dunkler. Im Allgemeinen werden alle Farben bei den Thieren Heller, je werriger die Luft einwirken kann. So behalten die Larven einiger Nachtschmetterlinge, als des Lomsizx Virrulae, Lpliinx ocollata,, Illgustri, ihre Farben bis fast zu ihrer Verwandlung, wenn man sie in Behältern mit Glasglocken aufbewahrt und sie dem Lichte aussetzt. Werden sie aber mit hölzernen Deckeln bedeckt, so bleichen sie bald. Die grüne Farbe wird gelb; bei der Vinula und Liguster wird sogar das Roth blässer. — Ebenso verlieren Vögcl, die beständig im Zimmer unterhalten werden, endlich die dunkleren Farben, vorzüglich die rothe; doch muß ein Theil dieser Veränderungen der veränderten Nahrung rc. zugeschrieben werden. Aus dein allem geht hervor, daß dem direkten und bestimmten Einflüsse äußerer Lebensbedingungen, wie z. B. dem Klima, bei der Veränderung der Thierrassen ein nicht geringer Airtheil einzuräumen sei, wenngleich das Hauptgewicht auf die Thätigkeit der Menschen zu legen sein dürfte: Die Natur liefert allmnhlig mancherlei Abänderungen, der Mensch summirt sie in gewissen, ihm Nützlichen Richtungen. Einige Scenen aus dem Schwedenkriege. (Auch ein Beitrag zur Beantwortung der Frage: „Ob Deutschland bei der Gustav- Adolf-Feier mitthun soll?") Von k. Emmeram Hcindl, 0. 8. L. (Schluß.) 5. Metten. In ?. Nnpert Mittermüllcrs „Kloster Metten und seine Aebte" lesen wir S. 163 f.: Im Jahre 1633 und 1641 wurde das Kloster theils durch die Feinde, theils durch die Freunde rein ausgeplündert. Im Jahre 1633 war der Andrang des schwedischen Feindes für Metten und die Umgegend am verhängnißvollsten. Die Mönche erhielten am 14. Nov. 1633 ihre Empfehlungsbriefe, um anderwärts Schutz und Unterkunft zu suchen; einige derselben gerathen jedoch in Gefangenschaft und wurden sebr übel behandelt. Der Abt selbst (Johann Christoph Gurtknccht) flüchtete sich einige Tage später nach Oesterreich. Die Plünderung des Klosters war vollständig; als der Abt zurückkam, fand er im Stalle, im Wohnhause, auf dem Gctreidekasten alles leer. 6. Ottobeuren. (Nach k. Maurus Feherabend: „Des ehemaligen Neichs- stistes Ottenbeuren sämmtliche Jahrbücher"; Ottobeuren 1815 bei Ganser; 3. Band.) Das Stift Ottobeuren wurde i. I. 1634 gewaltsam ver- wclilicht, als Besitzthum dem schwedischen Oberst Wurmbraud angewiesen und eine weltliche Verwaltung darüber bestellt. Der Abt und die Convcntualen flohen nach Füssen und von da in das Stift St. Peter zu Salzburg. Dann heißt es wörtlich: „Der einzige, welcher (von Füssen) wieder nach Hause zurückkehrte, war der in unserer Hausgeschichte unvergeßliche k. Jerc- mias Mahr, ein geborner Mindelheimer (geb. 1588, Profeß zu Ottobeuren 1602), ein Mann, der allen Gefahren und Schrecken der Zeit trotzte, der Wächter und einzig sichtbare Schutzgcist des Hauses, der als ein in der Nähe umherwaudernbcr Engel deö Friedens und Trostes unter hundert Lebensgefahren alle Unternehmungen der Feinde genaues) beobachtete, schriftlich bemerkte, der leidenden Menschheit Oel in die Wunden goß, die Pflichten eines allgemeinen Scclcuhirten erfüllte, manchesmal in verschiedenen Pfarrkirchen in einem Tage bei dem Mangel der theils ermordeten, theils flüchtig gewordenen PsariPriester 2- bis 3mal das Wort Gottes predigte und das hl. Meßopfer entrichtete, und welcher bei seinem äußerst mühsamen und gefahrvollen Hirtenleben weder eines bestimmten Tisches noch einer bestimmten Herberge genoß. Erst jetzt ging es zu (so sagte man 20 Jahre später bis jetzt) wie im schwedischen Kriege. DaS hiesige Stift stand leer und war, von allen Klostcrgeist- lichen verlassen, mehr nicht als eine schwedische Burg, und des Raubens sah man kein Ende." Dieser genannte ?. Jeremias Mahr selbst schildert in einem Berichte an seinen (in Salzburg weilenden) Abt Maurus vom 2. August folgendermaßen die Lage der Dinge: „Man besetzt unser Kloster ringsumbcr mit Schranken und Pallisaden, in die Klostermauern werden Schieß- löeber gebrochen, das Klostergebäude selbst ist mit einem Unteroffizier und 40 bewaffneten Schweden besetzt, die nach ihrem Vorgeben stark genug sind, es wieder mit 5—600 Kaiserlichen aufzunehmen. Noch zur Zeit ist an den Klostcrgebäudcn nichts zerstört worden. Noch tönen die Orgel, die Glocken; noch hat weder das kupferne Dach noch die Büchersammlung gelitten, und noch haben die Feinde von den verborgenen Schätzen nichts ausgespäht. UevrigenS leben die Pfarrer unseres Gebietes verschiedener Nachstellungen wegen sehr unsicher, und haben sie an Sonn- und Festtagen den PfarrgotteSdicnst geendigt, so eilen sie alle nach Ottenbeuren, wo sie sich sicherer glauben." In einem andern um einige Tage späteren Berichte schreibt er: „Ober der Orgel haben die Feinde Alles gefunden und mitgenommen, auch die von mir schon einmal gerettete Büchcrsamm- lung haben sie größtcntheils wcggeiübrt. In der geschlossenen Stiftskirche fällt auS Mangel der durchstreichenden Lust das Ghpswerk herunter." In einem Schreiben vom 21. Dezember des nämlichen Jahres 1634 sagt er: „Den 16. d. Mts. schlich ick mich NacktS in mein Kloster ein und schlief aus dem harten Boden meiner Zelle; am folgenden Tage las ich in der Stiftskirche die Messe; alle Diener weinten vor Freude uns grüßten mich bei der Hand. Die Zimmer fand ich so ziemlich ganz, nur wo man etwas Verborgenes ahnte, sind die Böden aufgehoben und alle Schränke, Behältnisse und Tbüren zerhauen und zerschlagen; die Kirche und die Apotheke sind sehr ichonend behandelt. Die Büchersammlung litt Vieles .... die Hausdienerschaft ist unter einander spaltig und zwieträcktig und kommt nirgendwo fleißiger und ciumülhigcr als beim Tische zusammen." Hieraus erzählt der Chronist (k. Feyerabend) weiter: „Nichts aber übertraf die unmenschliche Weise, womit die Schweden von den gemeinen Leuten die verheimlichten Gelder erpreßten. Einigen stießen sie in dieser Absicht Ahlen und Pfriemen durch die Waden, Anderen schössen sie, um Schrecken zu verbreiten, entweder zwischen den Füßen durch oder jagten ihnen Kugeln durch den bohlen Leib; wieder Andere füllten sie unter Bedrohung, mit Füßen auf ihre aufgedunsenen Leiber zu springen, mit einer Menge Wassers so voll an, daß sie bloß zwischen dem Zerplatzen nnd dem Entdecken ihres ver- 366 heimlichten NotbpsennigS zu wählen hatten; noch Andere sperrten sie in die Backöfen und heizten dieselben so lange, bis es die Hitze ebenso weit als der Wasserzwang brachte." Im I. 1635 erreichte das Elend in diesen Gegenden einen Grad. welcher bis zn den unmenschlichsten und verzweifeltsten Unternehmen verleitete. Der erwähnte k. JeremiaS Mahr schildert in einem Berichtsschreiben an seinen Abt Maurns vom 20. Jänner d. I. das Elend folgendermaßen: .... „die Pfarrer zn Otten- benren, Ottenhausen, Günz und Erisricd haben ihre Posten verlassen. In unserm Gebiete sind die meisten Mühlen zerstört und in einen unbrauchbaren Stand versetzt. Mit dem Hunger ist cS auf der äußersten Stufe; Pferdefleisch, ausgebälgte Katzen und geschundene Hunde sind jetzt die gewöhnlichen Delikatessen der bloßen Bürger, die Noth zwingt sie auch, nicht nur alle Gattung der Mäuse, sondern auch das MooS alter Bäume, Brennesseln und gleich den Thieren GraS und andere theils unverdauliche, theils äußerst ekelhafte Dinge zu speisen. AIS dieser Tage dem Herrn Obersten von Wolkenstein ein schäbiger und krätziger Esel fiel, stürzte man sich über das Aas her und fraß dasselbe begierig aus Zn Loos zehrte eine Mutter ihr eigen Kind auf, und eine andere stand eben im Begriffe, mit ihrer doppelten Leibesfrucht ihren Hunger zn stillen, als der Ortspfarrcr dazu kam und die Unmcnfchlichkcit binderte. Von AngSburg und dessen Gegenden meldet der Oberste von Biberack', daß man auch dort Menschcnflcisch speise." Erst im Jahre 1636 nach dem Abzüge der Schweden, dieser grausamen Unmenschen, traten wieder gelindere und menschlichere Tage für Sckwaben ein. Aber erst im I. 1610 kehrten die gcflüchtelcn Mönche unter ihrem Abte wieder in ihr Kloster zurück, und damit kehrte die frühere Ordnung wieder in das Stift ein. 7. Wcihcnstephan. Nach Gcntner'S Geschichte von Weihcnsiephan (München 1854 bei Hübsckmann) plünderten die Schweden bei ihrem ersten Einfalle in Bayern 1632 das Kloster von innen und voi^außen und benahmen sich besonders roh gegen jene vorhandenen «schätze, welche nicht mehr ersetzt werden konnten, nämlich gegen die Docnmcnte und wissenschaftlichen Alterthümer, an welchen Weihenstepban so reich war. Im Jahre 1634 nahten die Schweden wieder und ermordeten viele Leute in Vötting und Bachern, scheinen aber diesmal das Kloster verschont zu haben. 9. Weingarten. Ueber die Schicksale des Klosters Weingarten in dieser Periode entnehmen wir dem >6atalo§ns Lbdatum Iwxerialis Ilonasteiii IVain^artöllsis« von k. Gerhard Heß (Augsburg 1781) folgende Notizen: Im April des Jahres 1632 drangen die zn Ulm sich aufhaltenden schwedischen Soldaten in die umliegenden Klöster ein und plünderten sie; sie jagten eine solche Furcht ein, daß alle Klosterbewohncr die Flucht ergriffen und an andern Orten ein sicheres Unterkommen suchten. In das Kloster Weingarten flohen sehr Viele von verschiedenen Orten her. Am 20. April flohen aber auch 16 Mönche von Weingarten wegen dringender Gefahr, die seitens der Schweden drohte, nach Feldkirch. Am 16. Juli sahen sich auch die übrigen zur Flucht gezwungen. Bald darauf erschien ein schwedisches Heer, das die Bürger und Landlcute, die es antraf, ohne alles Mitleid verjagte oder tövtete. Von der Grausamkeit der Schweden blieb weder das Kloster noch seine Bewohner und Bediensteten verschont. Denn zwei derselben, welche eben krank lagen und deßhalb nicht hatten mitgenommen werden können, wurden grausam ermordet, ?. Nu- pcrt Khuen und der Schreiber Zoh. Maier. ?. Nupert lag auf einem mit trockenen Blättern gefüllten Sacke krank am Boden. Da kam ein lutherischer Fleischer aus der Nachbarschaft und zerschmetterte ihm mit einer Doppelaxt das Haupt. Als nach 11 Tagen die Feinde abgezogen waren, fand man ihn so, mit zertrümmertem «Schädel, tobt aus dem Sacke liegen. Sein Bild war bis über die Hälfte des Leibes auf dem genannte Sacke durch sein eigenes Blut so vollkommen ausgeprägt, daß man alle seine Glieder bis zu den Knöcheln deutlich unterscheiden konnte. Von den Fersen weg war ihm die Haut wie ein Stiefel abgezogen und wurde besonders gefunden. Den barbarischen Soldaten war es noch nicht genug, so grausam gegen die unschuldigen Bewohner gewüthet zu haben; auch daS Kloster selbst sollte jämmerlich verwüstet werden. Der Hochaltar und einige andere Altäre in der Kirche wurden entweiht und zerstört, die Heiligenbilder zerschlagen und mit Schmach überhäuft. Sogar der allcrbciligstc Name Jesu, der oben ain Tabernakel mit goldenen Strahlen umgeben angebracht war, wurde nicht verschont. Alle Kostbarkeiten des Tempels wurden geraubt; die drei Orgeln wurden so zerschlagen und verdorben, daß mau sie nachher nicht mehr gebrauchen konnte. Den Bildern, welche äußerst künstlich in die Chorstüblc geschnitzt waren, wurden mutwilliger Weise die Nasen abgeschlagen. Alle Tbnren deS Tempels wurden zerschlagen; die Zimmer und Säle deS Klosters fand man voll Unrat, Federn, Blätter n. dgl. Die Fenster deS ganzen Conveuts, namentlich des Speisesaales, waren alle zerschlagen. Die Klostcrgänge und der Recreationssaal wurden als Pfcrdcställe verwendet. Alle NahrungSvorräthe wurden nicht bloß von den Feinden, sondern noch mehr von den Freunden und Hausgenossen des Klosters entführt. ES wird auch berichtet, daß die Schweden mit den hl. Kirchengewändern angethan in einem Obstgarten Tänze ausführten und Niemanden zu denselben zuließen, der nicht mit einer ähnlichen Larve verkleidet war. Am 5. Jänner 1633 kehrten endlich wieder einige Patres von der Flucht ins Kloster zurück. Am 10. Juli predigte ein lutherischer Prädjkant auf der Kanzel der Klosterkirche,^und das Kloster wurde wieder von einigen Tausend Soldaten besetzt. Am 27. Jänner 1634 besetzten einige Schwadronen schwedischer Reiter die Klostcrpforle, um den Auö- gang abzusperren. Unterdessen aber entkamen die Meisten sammt dem Abte über eine an die Gartenmauer gelehnte Leiter. Der Klostcrökvnom ?. Peter Molstor, der mit den übrigen nicht entflohen war, mußte 52 Stunden unter den Mühlrädern verborgen bis an die Lenden im Wasser stehen und wurde erst am folgenden Sonntag den 29. Jänner von einem Klostcrbäckcr, welcher sein dort verstecktes Geld zu suchen gekommen war, zufällig entdeckt, mit Speise und Trank erquickt und in ein warmeö Zimmer gebracht, nachdem er vom Donnerstag bis zum Sonntag ganz nüchtern und vor Kälte beinahe erstarrt war. In der folgenden Nacht gelang cS ihm mit den klebrigen, in weltlichen Kleidern mit einer Hacke über der Achsel, als ob's zum Eiöhaucn ginge, nach Bregen; zu entfliehen. Es ist wahrhaft wunderbar, daß er bei der gerade damals herrschenden sehr strengen Kälte nicht ganz erfror. Einige blieben in Bregcnz bei ihren Freunden und Bekannten, andere reisten nach Feldkirch weiter. Erst im Juli des Jahres 1637 konnte man wieder an die Rückkehr in's Kloster denken. Die folgenden Berichte entnehmen wir der -HierarelnL ^.UAnstana I'ars III. reguläres- von k. Corbinian Khamm 0. 8. L., Augsburg 1715. 9. St. Ulrich und Afra (in Augsburg). Im Schwcdenkricge, unter dem Administrator und nachmaligen Abte Bernhard Herdtfclder, wurde ane 19. Mai 1633 der gesammte Klerus, mit Ausnahme der Mönche von St. Ulrich, aus Augsburg vertrieben; 5 Stadtpfarrcien waren ihrer Hirten beraubt. Zur geistlichen Verlassenheit kam noch eine schreckliche Pest; die Mönche von St. Ulrich standen in dieser Noth allein noch den Leuten bei, der Prior deS Klosters wurde von der Pest hinwcggerafft. Dazu gesellte sich eine so schreckliche Hungersnot», daß man mit Hunden und Katzen, dem Aas und der Haut gefallener Thiere den Hunger stillte. Kleingeschnittenes Stroh vermischte man mit ein wenig Mehl und buk Brod daraus; ja sogar vor Menschenfleisch schreckte man nicht mehr zurück. Abt Bernhard war unter all' diesem Unglück der einzige kirchliche Prälat in der Stadt und vom bischöflichen Gencralvikar mit allen geistlichen Vollmachten ausgerüstet. Die 6 Stadtpsarrcien rcdncirte er aus 4: 1) die Dompfarrci; 2) St. Ulrich und St. Moriz; 3) hl. Kreuz und St. Georg; 4) St. Stephan mit der Vorstadt St. Jakob. Einer jeden dieser Pfarreien setzte er einen aus seinen Mönchen als Pfarrer vor. Mit diesen versah er die gesammte Scclsorge der Stadt und der 3 Franenklöster, und widerstand nach Kräften den wilden Stürmen der Häresie, von welchen Augsburg heimgesucht ward. Damit der katholische Glaube in der Stadt nicht ganz zu Grunde gehe, predigte er selbst an Sonn- und Festtagen dem zusammenströmenden Volke, ermunterte cS zum Gehorsam gegen den Papst und waffncte cS mit den heilsamen Lehren deS alten Glaubens. Dazu veranstaltete er noch in der Kirche St. Ulrich öffentliche Gebete und Andachten. Am FrohnlcichiiamSscste (26. Mai) 1633 und dessen Octav veranstaltete er die feierlichen Proccssionen in herkömmlicher Weise unter Theilnahme aller Gläubigen, so daß sogar die zuschauenden Schweden sich wunderten, daß cS noch so viele Katholiken in der Stadt gebe. Am 11. April 1634 wurde der Abt sammt dem Convcnte aus ihrem Kloster vertrieben, und sie mußten in das Jesuitcncollcgium übersiedeln, wo sie wie bisher allein für die ganze Stadt die Scelsorge versahen; sie bildeten noch den einzigen Damm gegen die Häresie und zur Bewahrung deS katholischen Glaubens. Unter allen Stürmen und Verfolgungen, die ihm mitunter sogar von der katholischen Geistlichkeit wegen eines der schwedischen Krone notgedrungen geleisteten EideS von rein politischer Bedeutung bereitet wurden, stand Bernhard unbeweglich wie ein Fels. Als endlich ain 6. April 1636 durch die siegreiche Hand des Kaisers dem Klerus der Stadt seine Kirchen und Klöster wieder zurückgegeben worden waren, wurde Bernhard alsbald zum Abte gewählt. 10. Irsee wurde im Schwedeukriegc 10 mal geplündert, und alle Kostbarkeiten und wichtigen Documentc gingen zu Grunde. Die Religiösen flohen und starben meist in der Verbannung; der Abt allein hielt unter allen Drangsalen im Kloster aus. Recensionen und Notizen. flannaris L. X. et kxlarinoo 6d. Bd,, vommeub xarls- t-on L L.tkenss? Lobo ün tzree moüsruo avso nu cliotiouuairs speeial. 8" xp. 170. Voipsio, R. Ciogler, 1894. Ir. 3,75 oart. ->. Die „Echos" aus dem Verlage von Gieglcr in Leipzig (bereits für Englisch, Niederländisch, Dänisch, Schwedisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Rumänisch, Russisch und Ungarisch vorhanden) werden mit Recht den übrigen sogenannten Gesprächbüchern vorgezogen, welche durch die nebenstehende Ucbcrsetzuug eine gar zu grosse Verlockung zur Bequemlichkeit bieten; die hier befolgte Methode, zusammenhängende Unterhaltungen ohne Uebersetzung zu geben, verdient entschieden den Vorzug, da man Raum erspart, das eigene Denken fördert und doch mittels des beigegcbencn Wörterbuches die Möglichkeit gibt, Alles zu entziffern, abgesehen davon, da» das selbst Gefundene besser im Gedächtnis; bleibt, als das mühelos Gebotene. Nachdem schon vor einiger Zeit das griechische Echo mit griechisch-deutschem Glossar erschienen ist, besitzen wir nunmehr dasselbe auch mit griechisch-französischem Glossar; beide Ausgaben können angelegentlich empfohlen werden. Das Buch trifft den frischen lebendigen Gesprächston vorzüglich und ist von einem Meister (JannariS) zusammengestellt, dem wir die beste neugriechische Grammatik verdanken. Die Schriftsprache ist zwar in griechischen Büchern und selbst in allen TagcSblätteru nahezu reines Attisch, also nach Ed. Engel „Knnstbuttergriccbisch", dem Kenner des Altzriechischcn soiort verständlich, die Umgangssprache jedoch, und zwar auch die der Gebildeten, weicht sehr bedeutend vorn Schriftgrnchisch ab; so nothwendig es ist, selbe zu kennen, so gibt cö doch fast gar keine Literatur znr Uebung in derselben, und schon darum müssen wir den Verfassern für Herausgabe vorliegender Gespräche dankbar sein, welche einen unentbehrlichen Anhang zu jeder neugriechischen Grammatik bilden. Der Kenner des Altgriechischen, welcher die Athenienscr Zeitungen leicht liest, wird staunen, wie verschieden die Umgangssprache von jenem Griechisch ist, sich aber mit Hilfe des Lexikons ganz leicht hineinlesen und dafür bei einem etwaigen Ausflug ins klassische Hellas reichlich belohnt finden. Baum gar tu er Heinr., Psychologie oder Seelen- lehre für Lehrer und Erzieher. 8°. VIII-s-132S. Freiburg i. Br., Herder, 1894. (III.) M. 1,20. ->. Das recht brauchbare Büchlein, aus der Feder eines tüchtigen Schulmannes hervorgegangen, ist aus den Erfahrungen einer langjährigen Schulpraxis entsprungen und auch ganz besonders für die Lrchulpraxis geschrieben. Vorstände von Lehrerbildungsanstalten thäten sehr gut daran, das klein: und leicht verständliche Werk bei ihren Zöglingen einzuführen, denn ohne Kenntniß des Seelenlebens, wenigstens nach seinen wichtigsten Erscheinungen ist ein vernünftiger und solider Unterricht in Pädagogik und Methodik undenkbar, welche beide geradezu eine angewandte Psychologie genannt werden können. Solche Kenntnisse wären unseren Schallehren!, Pardon! „Ele- mentarprosessorcn" jedenfalls ersprießlicher, als das Herumstöbern in unverstandenen Phrasen Herbart'scher Philosophie oder in den höheren Regionen der Physik und Chemie. Daß sich der fleißige Schüler mit dem, was dieses Büchlein bietet, begnügen soll, ist damit nicht gesagt, aber, wir meinen, es gibt den passendsten Vornntcrricht zur Lektüre größerer Werke, zu deren Verständniß allerdings die Kenntniß der lateinischen Sprache fast nothwendig ist, eine Forderung, die endlich auch einmal bei Schullehrern gestellt werden muß. Kappes Mat., Aristoteles-Lexikon: Erklärung der philosophischen tsrmiui tooliuiei dcsAristo- telcS in alphabetischer Reihenfolge. 8°, 70 S. Paderborn, F. Scköningh, 1894. M. 1,50. So erfreulich es ist, daß dem größten griechischen Denker in neuerer Zeit allmählig wieder mehr die ihm gebührende Ehren- stellung im Studium der Philosophie zugewiesen wird, so bedauerlich ist die Erscheinung, daß die Vorbildung, welche unsere Gymnasien nach Ojährigem Drill in sprachlicher Hinsicht zu geben vermögen, ganz und gar ungenügend ist und mit fortschreitender „Schulreform" immer noch kläglicher wird, trotz aller „klassischen" PnriSmus-Hcuchelei. Um diesem Uebelstande abzuhelfen, hat Kappes ein sehr brauchbares Lexikon der aristotelischen Borwini zusammengestellt und reichlich mit den Belegstellen versehen, so daß sich der Anfänger aus einem Gebiete, das ihm so schwierig und fremdartig ist. leicht orientiren kann. Die entsprechenden Ausdrücke der lateinischen Ucbcrsclzer sind nicht überall angegeben, waS sehr zu wünschen wäre, wie überhaupt das ganze Buch besser lateinisch abgefaßt wäre, nachdem doch die Scholastik sich der aristotelischen Philosophie bemächtigt hat und auch Trcndelenburg seine -Llemsnta, logiosz aristotslioab« in Latein geschrieben hat. k. A. v. Doß. Gedanken und Rathschläge. 9. Anfl. mit Titelbild. Herdcr-Freiburg. 1894. Preis 2,40 M. geb. 3,60 u. 5,40 M. G Das allbekannte und allbewährtc Buch, das schon so vielen Jünglingen ein Führer zum Licht und zum edlen Leben war, ist in neuer, neunter Auflage erschienen. Obschon der Preis dieser Auflage um 60 Ps. ermäßigt wurde, ist sie doch ebenso gut ausgestattet, wie die früheren. Der Inhalt des Buches braucht nicht mehr besonders gekennzeichnet zu werden. Möge es recht Vielen im Sturm des Lebens als treuer Freund und Berather dienen! Lebende Bilder in religiösen Dichtungen von Jos. Hcchcr, CanonicuS. II. Aufl. Jos. Noth'sche VerlagS- handlunz, Stuttgart. I. Passionsblumen. Aus dem Leben und der Verherrlichung Jesu. 8", 49. Preis 60 Pf. II. Marienrosen. Die Geheimnisse deS Rosenkranzes. 3°, 62. Preis 60 Ps. III. Märzenveilchcn. Aus dem Leben deS Nährvaters Christi. 8°, 32. Preis 40 Ps. o. Mit diesen drei ganz trefflichen Schristchen werden nicht nur Motive zur Vorführung lebender Bilder geboten, sondern gleichzeitig auch geeignete, stimmungsvolle Texte, die sich bnrch tiefe, erhabene Gedanken und eine schwungvolle Sprache auszeichnen. Es sei noch bemerkt, daß der Gesellenvercin St. Anna in Müncken seinerzeit solche Bilder mit recht erfreulichem Erfolge aufführte. _ Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie. Herausgegeben unter Mitwirkung von Fachgelehrten von Dr. Ernst Coinnrer, o. ö. Professor an der Universität Brcslau. Paderborn 1894, Ferdinand Schöuingh. 9. v. V. IX. Band, 2. Heft, Inhalt: I. Die Philosophie des hl. Thomas von Aquin. Gegen Froh- schammer. VIII. Psychologie. Von Kanonikus vr. Michael Gloßncr in München. — II. Die Neu-Tho misten. Forts. Von ?. Llax. Tdeol. Gundisalv Feldncr Orcl. Lraoä., Prior in Lembcrg. In der Kritik deS Werkes vonv. Frins: Ls- opvusio all ?. vummsrmntli folgt ?. Feldner dem Molinistiscben Verfasser Schritt auf Schritt, legt unnachsichtig seine Unwahrheiten, seine logischen Fehler, seine Verdrehungen und Entstellungen der Lehre deS hl. TbouraS und der „Tbomistcn" bloß, faßt dann in mehreren Punkten diese Lehre, wie sie tha t- sächlich vorgetragen, nicht wie sie von den Molinisten erdichtet wird, kurz zusammen, erklärt näher, wie unter der xraemotio physios, der Wille durchaus frei bleibe und nicht die Potenz für das Gegentheil verliere, iübrt vor die einstimmige Lehre des hl. Thomas und der „Thomisten" bezüglich des Willens, welcher von Gott nicht vorherbewegt und vorherbestimmt ist, widerlegt die diesbezüglichen Mcliuist- ischen Einwürfe; L. Pcsch (Welträthsel, II, S. 364 ff.) kommt dabei mit seiner Theorie vom „actnellen Bewcgungs- quantum" betreffs der Naturdinge, sowie vom „Uebermaß der Selbstbesti >ninungSfähigkeit" im Menschen sehr in die Enge. Mit jeder Fortsetzung unseres Artikels wird eS immer klarer, was von den Anpreisungen des Frins'schen Buches in verschiedenen Zeitschriften (z. B. Passauer Monatschrist, 1894, 1. Heft. Abhandlung: „St. Thomas' Gegner der liraomotio xh^siea") oder Broschüren zu halten ist. Jeder sachlich urtheilende Leser der k. Feldncr'schen Artikel wird immer bestimmter sagen müssen: „Besser wäre es, wenn V. Frins geschwiegen. Er reitet den Molinismus zu Tode." — III. Der Beweis des Aristoteles für die Unsterblichkeit der Seele. (Forts, folgt.) Von vr. Eugen NolseS, Rektor in Frauweiler (Nheinprovinz). — IV. Dievotöntrs 368 obsäiontialis der Kreaturen. (Schluß.) Von v. 2la§. Misol. Gundisalv Fclducr 0. vr. — V. Literarische Besprechungen. — VI. Ze itschristenschau. — VII. Neue Bücher und deren Besprech nngcn. — Das Jahrbuch erscheint in vierteljährigen Hestcn von 8 Bogen, Lex. 8°. Preis für den Band von 4 Heften 9 Mark. Abonnements übernehmen alle Buchhandlungen. Josef Haydn, Singspiel in 1 Akt, von Franz Lehner; Musik von Jos. Renner jun.; Text ä 25 Pf.; Partitur 3 M.; St. 50 Pf. NegcnSbnrg, Coppenrath. Der Dichter, auch Verfasser mehrerer werihvoller Beiträge zur poetischen Wolfgangsliteratur und einer herrlichen Elegie aus Franz Bonn, bietet in obigem Singspiel eine von idealem Schwung getragene Dichtung, die schon um ihrer deklamatorischen Brauchbarkeit willen allen Seminarien, Instituten rc. zur Ausführung bestens empfohlen werden kann. Die Scenerie ist einfach, die Handlung spannend und interessant; das lyrische Element kommt zur gebührenden Geltung: edle, klangvolle, musikalische Sprache, reiche, lyrische Empfindung und eine lebenSfrische, gefühlvolle Zeichnung des heiteren, jugeudirohcn „Seminarlebens" im Wiener Kapellhausc! Die Musik ist melodiös und schön. Die eingestreuten Lieder und Romanzen, namentlich das Terzett „Weihnacht" sind echte Perlen. Das Ganze ist eine schöne Wcihnachtsgabe besonders für Institute, v. Dr. L. Militärhumorcsken von Fcrd. Bonn. Jllustr. von Nein icke. 2 Bündchen. NeaenSburg, Friedr. Pustet, 1894. kl 8°, 127 u. 168 ä. 75 Pf. s. Den Lesern des Negeusburger Marienkalenders sind diese Humoresken immer noch in recht guter Erinnerung, und daß der Leserkreis sich immer mehr erweitere, dafür sorgen diese lustigen Dinger schon selbst. Mit Recht konnte der Vater deö Verfassers, der bekannte „von MiriS", davon schreiben: „Bilder sind es mannigfalt—lustig, frisch, für Jung und Alt, sroh und fröhlich, lichtumringt, wie'S das Leben mit sich bringt." Theologisch-praktischeMonatsschrift. Central-Organ der katholischen Geistlichkeit Bayerns. Herausgegeben von Dr. Georg Pell und Ludwig Heinrich Krick. 4. Band, 11. Heft. Passan. In Commission der Abt'- schen Buchhandlung. Jnhaltsverzeichniß deS 11. Heftes. I. Wissenschaftliche Aufsätze: Haben die ConsecrationSworte in der hl. Eucharistie Sakramcntönatur? — II. Belehrendes für die seelsorgliche und pfarramtliche Praxis: Die kirchlichen Vorschriften über das Oküeium und die Llissa, els- kunctoruin euw Hbsolutiono. — Die „innere Mission" der Protestanten. — Ueber die Gewissenserforschung, vorzüglich das Partikularcxamcn. — Der Stiftnngsfonds der Raiffcisenvercine. — Die Begräbuißfcier an confcssioncll gemischten Orten. — Die Ausgabe der Mädchencrziehung gegenüber der modernen Gesellschaft. (Forts.) — Beförderung der Armenseelen-Andacht durch den HI. Papst Gregor. — Geschichtliche Reflexionen über die Simultanschule. — Notizen zum -Oanticum tilum xuerorum- im Breviergebctc. — Eine für Kirchcnfabriken der Pfalz wichtige Entscheidung des VerwaltungSgerichtöhoscs. — WaS ist in Betreff von „Litaneien beim öffentlichen Gottesdienste" kirchliche Vorschrift. — Crucifix bei Messen und Aemtern coram Lsino. oxposito. — Besorgung von Meßstipendicn durch Laien. — Acceß und Neccß der Ministranten. — Warnung vor dem Gebrauche von Opium und Morphium als Heilmittel. — Vari- irung der Taxe bei Lcichenaussegming und LeichenanShilse. — Taktvolles Behandeln „schwieriger" Confitcnten. — „Scelsorg- liche Praxis", eine nicht mustergültige Auffassung von derselben. — III. Erlasse der obersten Verwaltungsbehörden und Entscheidungen der obersten Gerichtshöfe. — Novitätcnschau. Literarischer Handweiser, begründet, herausgegeben und redigirt von Msgr. Dr. Franz Hülökamp in Münster. 24 Nrn. ü 2 Bogen Hochqnart für 4 M. p. Jahr. 1894. Nr. 13. Inhalt: Jgnaz v. Felbigcr's Leben und Wirken (Rolfus). — Weitere kritische Referate über 21. sts Llaria, viiitosoplna, xsripatetico - aeliolastica (Huber), Pox o Institutionos tliooloAioao (Depp.), Gräser Predigten und Kolberg Sonntagspredigten (Deppe), Viclilou Piks ok knsez'(Bellcsheim), Frhr. v. Brenner Besuch bei den Kannibalen Sumatra's (Plaßmann), Veldenz Novellen und Ferd. Bonn Mtlitärhumoresken (Keiter). — 10 Notizen über die neuen VivsL'schen Ausgaben von Albertus und Scotus (Deppe), Debes' neuen Handatlas (Plaßmann) und verschiedene andere Nova (HülSkamp). --- Novitätcn-Verzeichniß. Die Pariser Commune 1871 von Freiherrn Dietrich von Labberg, k. bayr. Premicrlicutcnant a. D. Verlag des „Arbeiter", München, Commissiousverlag für den Buchhandel: H. Korff in München. 70 Seiten, Preis 20 Pf. 10 Expl. M. 1.80, 50 Expl. M. 7.-. 100 Expl. M. 12.—. Reinertrag für wohlthätige Zwecke. Man redet oft von der kommenden socialen Revolution, und Viele begrüben sie als den Uebergang zu besseren Tagen. WaS die sociale Revolution ist und waö die Welt von ihr zu erwarten hat, zeigt uns die Pariser Commune. Sie war nicht die sociale Revolution, aber sie war wie Bebe! ganz richtig gesagt hat ein „Vorpostengestcht" zu dem kommenden Kampfe. Die Geschichte der Commune zeigt uns in verkleinertem Maßstab, wie eine Revolution im Großen verlaufen müßte. Die vorliegende Schrift, welche die Geschichte der Commune in gedrängter Kürze und farbigen Einzelbildern bringt, ist darum ein höchst lehrreiches VolkSbllchlein. Der Verfasser, ein Veteran des siebziger KriegeS, schildert theils aus persönlichen Erinnerungen, theils an der Hand bewährter Schriftsteller die Sturmtage der Commune und ihre Gräuelthaten. Der behandelte Gegenstand ist hochinteressant, die Darstellung übersichtlich, frisch und lebendig. Wir empfehlen daö Schriftchcn zur weitesten Verbreitung im Volke. _ Weber I., Katechismus deS katholis chen Ehcrechts. 4. Aufl., besorgt von vr. Konrad Elser, Kaplan an der Auima in Rom. Augsburg 1894. B. Schmid'fche Verlagsbuchhandlung. 261 Seiten. 8°. Preis brach. M. 2.10, Rück u. Eck in Leder gcbd. M. 2.70. Dieser Katechismus deS katholischen EherechtcS muß als recht praktisches Nackschlagebuch sür Jeden, der sich in eherecht- lichcu Fragen schnell und sicher oricntiren will, bestens empfohlen werden, und spricht für die Brauchbarkeit des Werkes schon die bereits nothwendig gewordene 4. Auflage. — In 383 präcis gestellten Fragen behandelt das Buch das ganze Eherecht in klarer, bündiger Weise, und ist dasselbe sehr zu empfehlen für die Vorbereitung zu den einzelnen Examiuas, welche der Theologe zu bestehen hat. _ Epiphanias. Unter diesem Titel ist von Walter E i chner im Verlage von P. Hauptmann in Bonn ein Weihnachts-Drama in vier Akten erschienen, welches in schöner und schwungvoller Sprache die Reise der hl. drei Könige nach Bethlehem, des Weiteren HerodeS' fluchwürdigen Kindcrmord sowie das schandcr- volle Ende des Massenmörders auf dem Throne behandelt. An die Aufführung werden nur geringe Anforderungen gestellt, hingegen ist bei dem dankbaren Stoffe leicht eine tiefgehende Wirkung zu erzielen. Es kann daher das Drama für theatralische Veranstaltungen nur bestens empfohlen werden. „Kreuz und Schwert." Inhalt des Nov.-HefteS: Kreuz und Schwert (Gedicht aus dem Drama „Afrika"). — Der erste Missionär der jetzigen Sambesi-Mission. — Von Sansibar zum Kilimandscharo (Fortsetzung). — Ghclla und Milo (Fortsetzung). — Aus der apostolischen Präfektur Kamerun. — Aus der Togo- Mission. — Von unseren Novizen. — Salia, die kleine Araberin. — Professor Ed. DcscampS' Drama „Afrika". — Kleine Nachrichten. — Eingegangene Gaben. — Gcbctsempfchlungen. — Sprachrohr. — Büchcrschau. — Illustration: Der Zauberer von Kamba. — „Kreuz und Schwert" kann noch vom Juli ab nachbestellt werden. Der dritte Jahrgang dieser so erfolgreichen Zeitschrift beginnt am 1. Januar 1895. Preis halbjährlich 75 Psg. per Post und im Buchhandel; 90 Pfg. unter Kreuzband versandt. (Redacteur und Verleger: W. Helmes, Münster i. W.) _ Historisch-politische Blätter. Jahrg. 1694. 114. Bd Neuntes Heft. Inhalt: Der dänische Luther: Hans Taufen (1494 bis 1561). — Die „konfessionelle Parität" im Beamtenthum des preußischen Staates. (Schluß.) — Das Alter der Lehnin'schen Weissagung. — Socialismus und Frauenfrage. — Zeitkäufe. Das neue Wahlgesetz in Belgien; seine erste Wirkung. — Eine Biographie des Bischofs Nudigier. — Cardinal Päzmäny'S gesammelte Schriften. ' Verantw- Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. . Nf. 47. Wage zur Sugsömger Weitung 22. Navlir- 1894. Planeten im Fixsternsystem. Beitrag zur Astronomie des Unsichtbaren. Von Max Maier (Schaufling). (Schluß.) Ein anderes dem Algol ähnliches System mit dunklen Körpern bildet der Stern « Virginia. Dieser Stern vollendet seinen Umlauf um den Schwerpunkt des Systems in 4 Tagen und 19 Minuten. Der sichtbare Stern legt bei dieser Umlaufsbewegung in jeder Sekunde 12,3 geographische Meilen zurück. Beide Glieder des Systems haben zusammen eine Masse, die 2,6mal so groß ist wie die Masse unserer Sonne. Der Abstand der sichtbaren Sterne vom Schwerpunkt des Systems ist 679,000 Meilen. Der Schwerpunkt des ganzen Systems nähert sich uns mit einer Geschwindigkeit von 2 Meilen. Bei si Xuriga.6 beträgt die Entfernung des dunklen Körpers von seiner leuchtenden Sonne 1,650,000 geographische Meilen, und die Masse des ganzen Systems ist gleich 4,7 Sonnen- massen. Auch dieses System nähert sich unserem Sonnensystem mit einer Geschwindigkeit von 3'/z Meilen per Sekunde. Es erinnert uns diese geistreiche Methode des Aufsuchens unsichtbarer Himmelskörper an jenen Triumph, den die „Analysis des Unendlichen" in ihrer Anwendung auf die Himmels-Mechanik errang, als einer der größten Mathematiker Frankreichs, Urban Leverrier, am 31. August 1846 in der Sitzung der Pariser Akademie mit der Zuversicht eines Propheten den bloß mit der Feder gefundenen Ort des unbekannten Planeten, des Neptun, verkündete. Durch höchst geistreiche Berechnungen hat der rühmlichst bekannte Direktor der Sternwarte Bogenhausen (München), Pros. Dr. H. Seeliger, das System des Sternes tz Ounori enthüllt. Das System hat drei leuchtende Sonnen und einen unsichtbaren Körper. Die Sonnen und L stehen durchschnittlich 0,9" voneinander entfernt und beschreiben umeinander eine kreisähnliche Ellipse in 59*/z Jahren. Die dritte Sonne 6 steht 5,4" von der Mitte von ^ und L entfernt und bewegt sich in einer unregelmäßigen Wellenlinie um dieselben, welche einer Epicycloide ähnlich ist. (Erfolgt die Bewegung eines Kreises auf einer geraden Linie, so beschreibt ein Punkt auf der Peripherie desselben eine Cykloide; bewegt sich ein Kreis auf der Außenseite eines festen Kreises, so beschreibt ein Punkt auf der Peripherie des ersten, des bewegten Kreises eine Epicykloide!) Der vierte unsichtbare Stern dreht sich mit der dritten leuchtenden Sonne 6 innerhalb 18 Jahren um einen gemeinsamen Schwerpunkt. Nun gibt eS bei diesen Systemen von zwei oder mehreren Sonnen oft eine ungleiche Färbung der Sterne, d. h. die Sonnen befinden sich in verschiedenen Entwickelungsstadien. Wer von uns könnte wohl einen Tag schildern, der von einer rothen Sonne beleuchtet wird, oder einen Tag, an welchem zwei Sonnen mit verschiedener Farbe strahlen und eine Nacht, die mit goldfarbigem Dämmerlichte beginnt und mit blauem verschwindet! Alle diese Systeme in den unermeßlichen Tiefen des Weltalls zeigen uns nicht nur die Spuren der nämlichen Materie, wie wir sie auf unserer Erde analysiren, sondern sie lassen sich auch beherrschen von dem nämlichen Gesetze der Gravitation, das hienieden den emporgeworfenen Stein zur Erde zwingt. Wenn wir erwägen die Unendlichkeit des Weltalls in Raum und Zeit, wenn wir bedenken, daß unser Erdenball nicht einmal einem Sandkorn gleichkommt in Hinsicht auf die zahllosen Körper des Weltalls, so müssen wir von dem Wahne geheilt werden, als wären wir die alleinigen vernünftigen und bedeutendsten Geschöpfe des ficht baren Universums. Ich erinnere an einen treffende Ausspruch des größten Mathematikers Frankreichs, Pierre Laplace: „Doppelt getäuscht durch die Uuvollkommen- heit seiner Sinne, wie durch die Einbildung seiner Selbstliebe, betrachtete der Mensch sich lange als das Centrum der Bewegungen der Gestirne. Und diese seine Eitelkeit wurde durch all die Schrecken der Astrologie gestraft, zu welchen er den Anlaß gegeben. Endlich zogen Jahrhunderte von Arbeit den Schleier hinweg, der das System der Welt vor seinen Augen verbarg. Da fand er sich auf der Oberfläche eines Wandelsternes wieder, der so winzig war, daß er kaum merkbar in jenem selben Sonnensystem erschien, das selbst wieder nur einen Punkt darstellt in der Unendlichkeit des Raumes." Betrachten wir das Weltall, die Entstehung, die allmählige Ausbildung der Nebelflecke, Sonnen und Planeten, so müssen wir uns sagen, daß unsere Erde von ganz kurzer Dauer ist. Und innerhalb der Entwickelungszeit der Erde ist nur eine Minute für die Existenz des Menschen angesetzt. Und nach der Zukunft sind gleichfalls unsere Tage gezählt, indem sich unsere Existenz an das Vorhandensein der Sonnenglnth knüpft. Schon lange, bevor die Sonne erloschen sein wird, d. h. wo ihre potentielle Energie sich in kinetische Energie der Aether- und Körpermoleküle umgesetzt haben wird, wird das Menschengeschlecht dahin sein. Nach meinem Dafürhalten ist unser Sonnensystem nur ein Molekül, eine belebte Zelle gleichsam von einem System höherer Ordnung im Universum. Wir endliche Menschen sind an die Sinne gebunden! Wir messen die Natur mit uns selbst räumlich und zeitlich. Hätten wir die Größe einer mikroskopisch kleinen Radiolarie (Näder- thicrchcn), so würde ein Teich uns wie ein Ocean erscheinen. Wir können jetzt nach den Messungen der Psychophysiker beiläufig im Zeitraum von einem Puls- schlag zum andern 6—10 sinnliche Wahrnehmungen auffassen! (Vgl. Wundt, Grundzüge der Physiologischen Psychologie. 4. Anst. Leipzig, 1893. 2 Bde.) Jetzt erreicht der Mensch ein Alter von 80 Jahren oder 29,200 Tagen. Denken wir uns, sein Leben wäre auf den tausendsten Theil beschränkt. Er wäre also schon ein Greis, wenn er 29 Tage alt ist. Er soll Nichts von seinem inneren Leben verlieren, und sein Pulsschlag soll tausendmal so schnell sein, als er jetzt ist. Der Zeitraum für die sinnlichen Wahrnehmungen sei der oben- genannte. Ein solcher Mensch würde z. B. einer an ihm vorbeifliegenden Flintenkugel leicht folgen können. Aber wie würde ihm die gesammte Natur erscheinen! Von einer Jahreszeit würde er keine Erfahrung haben! Vom Monde würde er etwa sagen: „Es war ein Gestirn am Himmel, das wurde erst, als ich ein kleines Kind war, und zwar zuerst ganz schmal und sichelförmig, dann wurde es immer voller und stand länger am Himmel, bis es ganz rund wurde und die ganze Nacht hindurch leuchtete. Aber dieses Gestirn wurde nach kurzer Zeit wieder kleiner und ging immer später auf. bis es jetzt wieder verschwunden ist. Mit diesem Gestirn ist es also vorbei, und die Nächte 370 werden immer dunkel bleiben." Eine solche Anficht wäre doch sehr natürlich für ein denkendes Wesen, das nur 29 Tage denken und beobachten konnte! Wir wissen aus den Experimenten von Hertz u. A., daß sich die Elektricität ähnlich dem Lichte in Wellenform fortbewegt, aber wir haben keinen Sinn für diese Wellenbewegung des Aethers. Werden die Wellen kleiner, so empfinden wir sie als Wärme, werden sie noch kleiner als Licht und über das violette Ende des Specirums hinaus nehmen wir sie mit unseren Sinnen wieder nicht mehr wahr. Es fehlen uns also die Organe für das physische Jenseits! Vielleicht bringt es die Forschungstechnik noch dazu, so starke Vergrößerungen zu erzeugen, daß wir in dem Steine die ihre schwingenden und ro- tirendcn Bewegungen ausführenden Atome einzeln erkennen werden und so im Stande sind, unsere astronomischen Studien, die wir am raumdurchdringenden Teleskope begannen, im Mikroskop zu vollenden. Die Bewegungen der Atome im geworfenen Stein müssen selbst in den Details den Bewegungen der Himmelskörper ganz ähnlich fein. Nur eine Materie und an diese gebunden nur eine Energie im beständigen Flusse und nur ein Gesetz beherrscht das unendliche Universum. * Nachschrift: Soeben ersehe ich aus den „Astronomischen Nachrichten 136, 281", daß Belopolsky beim Stern ö Löxlloi einen dunklen Begleiter nachgewiesen hat. Der Radius der Bahn ist 1,330,000 stm, und das ganze System nähert sich uns mit einer Geschwindigkeit von 18 stin in der Secunde. „Die Lücke im Leben Jesu." Von Dr. Gustav A. Müller. Diesen vielversprechenden, ich möchte fast sagen pikanten Titel führt eine bereits in III. Auflage bei der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart erschienene Ueber- setzung des Russischen eines Tibetreisenden Nikolaus Noto witsch. Das Buch ist mit all der Sorgfalt des noblen Verlags ausgestattet: sein Erscheinen ist als Verdienst zu begrüßen, denn das Werk ist die klare und deutliche Krönung der neueren Versuche, Jesum als Buddhisten zu erweisen, und nach ihm können alle weiteren Versuche als höchst überflüssige Plagiate zu Hause bleiben. Dies ist unsere Meinung vom liter arischen Werth des merkwürdigen Buches, das Reise- schilderung und christologifche Untersuchung in einem bietet, im ersteren freilich zweifellos wissenschaftlicher als im — zweiten. Noto witsch hat nämlich in einem Buddhakloster uralte Aufzeichnungen über einen im Judenland von den Heiden gekreuzigten Propheten „Jssa" gefunden, die er — sie relativ richtig auf Christum beziehend — in ihrer Objectivität über die Evangelien, in ihrem Alter vor dieselben, etwa 3 oder 4 Jahre nach Jesu Tod, zu setzen sich veranlaßt sieht. Wir erfahren da als Neuigkeit, daß Jesus, die Jncarnation der Weltseele, nach dem 18. Lebensjahr, um einer Heirath zu entgehen, die Heimath verläßt und den „Sindh" überschreitend zu den Buddhisten geht, wo er Weisheit lernt und lehrt und Wunder wirkt. Später hört er von seines israelitischen Volkes Geistes- und Staatsknechtschaft und kehrt als sein Erlöser heim; von den Luden gefeiert und geliebt, wird er dem bösen Pilatus unbequem, der ihn — den Juden zuwider! — hinrichten läßt. Die Verwandten begraben ihn, das Volk betet an seinem Grabe: drum läßt der wüthende Pilatus den Leichnam entfernen, das Grab aber offen stehen, um dem Cultus zu begegnen. Kino illus laorünao: daher die Legende von der „leiblichen" Auferstehung. Dies ist in Kürze das Neue, was wir vernehmen. Die Lücke im Leben Jesu — die Zeit vom 13. bis zum 30. Jahre — ist bedeutsam ausgefüllt: als eine Jncarnation Buddhas, besser als Buddhist, kehrt Jesus „von der Wüste" heim und wird der große Bekehrer einer weiten Welt. Die Buddhisten von Himis und Lass« verehren Jssa als einen der Ihrigen. Kaufleute hatten ihnen gleich nach dem Tage von Golgatha die letzte Kunde von Buddha-Jssa gebracht: diese Ohren- und Augenzeugen, meint Notowitsch, verdienen mehr Glauben als die kirchlich anerkannten Evangelien. Ich füge bei, daß die Tendenz des Buches keineswegs atheistisch ist und daß ich den „Fund" des Reisenden gar nicht bezweifeln möchte. Doch seine Bedeutung liegt auf dem Felde der Apokryphen, nicht auf dem geschichtlicher Wahrheit. Zunächst etwas Principielles. Aus einem Buddha konnte kein Christus, aus einem Buddhisten kein Jesus werden, weil ein Nihilist eben kein Autonomist ist. Buddhismus und Christenthum sind ganz einfache Gegensätze: jedenfalls braucht der Dalai-Lama auf den Buddha- Jesus nicht zu pochen. Notowitsch weiß vielleicht, was eine ernste Wissenschaft — nicht die der Bierpolitiker oder Ooirrnais voMZeurs — von der angeblichen inneren und äußeren Verwandtschaft zwischen Christenthum und Buddhismus hält; die abgefeimten Budohapriester mögen eine solche — sich natürlich bevorzugend — behaupten, die modernen Magier, die Spiritisten und „Magnetiseurs", mögen sie glauben, ein Christ aber macht sich vor sich selbst lächerlich, wenn er — seinen Glauben nicht besser kennt. Notowitsch ist uns freilich sympathischer als alle andern Buddhariecher: er leitet in seinem Funde die geistige Größe Jesu aus sich und seiner Lehrzeit ab, indeß die andern Jesum bei den Buddhisten das „Hexen" lernen lassen. „Jesus ein Buddhist?" und „Jesus ein Fakir?" — wir haben diese Untersuchungen hervorragender und achtbarer Spiritisten und Philosophen mit minderem Eindruck gelesen. Die Gleichung Buddha-Jesus ist also absolut nichts Neues; sie war bisher abendländische Forschungs-Specu- lation, nun ist sie durch eine orientalische Schriftrolle auch als Buddhisteuglaube erwiesen worden: was sie um keinen Bruchthcil überzeugender gestaltet. Warum? Notowitsch hat die gelehrten Akademien zu einer Prüfungsexpedition aufgefordert, nicht um die Echtheit, die absolut feststehe, zü untersuchen, sondern die Handschriften zu studiren und ihr Alter zu cruiren. Da haben wir's! Die Handschriften — ihr Alter. Die Handschriften sind eben noch nicht die „alten Kaufleute", die ihren Inhalt nach Indien brachten, sie sind nicht einmal apostolische Zeitgenossen — sie sind vielleicht recht späten Datums. Der Inhalt aber ist in den das Leiden Jesu berichtenden Stellen ganz unzweifelhaft voller Anklänge an unsere Evangelien. Die Kritik dieser letzteren sagt uns, daß sie nicht aus Indien importirt sind. Doch sie behandeln denselben Gegenstand, sagt wer, und in einer bestimmten T en- 371 denz und als spätere Zeugnisse. Chronologisch sind die Evangelien zur Stunde sicherer erkannt als die Schriftrolle von Himis, sie sind wirklich vertrauenswürdiger; doch wir wollen die „Expeditionen" nach Himis mit ihren Ergebnissen abwarten. Bleibt die Tendenz. Eine Tendenz hat jedes Ding, sonst ist es ein Unding. Soll das Wort aber soviel wie Partei bedeuten, und zwar „Partei um allen Preis", so macht die Buddhisteuschrift auf jeden Unbefangenen sofort den Eindruck, daß sie im Hinblick auf die Evangelien eben als Tendenzschrift geschrieben sei, gleichviel ob 1893 oder anno 37 n. Chr. — Mit merklicher Ostentation macht sie Front gegen die evangelischen Berichte vom Ende des Herrn! So betrachten wir die Schrift als einen späteren Tendenzabklatsch der Evangelien. Ob das Buch, soweit eS „Jssa" betrifft, nicht ein romanhafter, am Ende gar witziger Einfall sein soll, habe ich mich freilich gefragt: allein wir nehmen den Verfasser durchaus ernst, da wir ihn als vorzüglichen Ethnographen kennen lernten. Notvwitsch wird daher im zweiten Theil nicht weniger wahr sein wollen als im ersten: er müßte denn eine Heine-Natur als Satiriker haben. Der Wissenschaft nützen seine ethnologischen Beobachtungen sicherlich mehr als seine philologische Buddhistenprobe. Unsere sehr schlechte Meinung von der moralischen Aufrichtigkeit der Buddha- und Brahma- Priester hat er nicht gehoben. Der Versuch, Christum irgendwie mit einer „Schule" oder einem Neli- gionssystem zu identificiren, bleibt vernunftwidrig, sei er alt oder neu. Einen Gedanken freilich bestärkt auch dieses seltsame Buch, von dem der Prospect meint, es sei vielleicht berufen, die jetzige Neligionsanschauung zu modificiren. Es erinnert an den Orient, wo noch sicherlich uralte Zeugnisse über das Urchristcnthum begraben liegen. Roina. looutn est — sage ich in archäologischem Sinne. Der Orient hat nun angefangen, seinen Mund auf- zuthun. Die kommenden Jahrhunderte mögen wahre Wunder an Enthüllungen bringen. Ich glaube daran. Christum freilich werden sie nicht zum Buddhisten — „bekehren" können. Das war wohl auch bezüglich des Notowiisch-Fundes die Meinung von Renan, von Jules Simon, von Cardinal Noielli u. a., die Herrn Notowitsch nach seinem Vorwort mehr oder minder „deutlich" als ungläubige Thomasse entgegenkamen. Babenberger oder Scheyern. Eine genealogische Notiz von Dr. B. Sepp. Bekanntlich ist die Herkunft jener Markgrafen, welche mit dem Jahre 976 im Nordgan und in der Ostmark als Gebieter auftreten, noch immer in tiefes Dunkel gehüllt. Während Otto von Freising seinen Ahn, den Markgrafen Adalbcrt ('s 1055), ohne weiteres für einen Nachkommen des Babenbergers Adalbert erklärt, der am 9. Sept. 906 vor seiner Burg Tharisfa (ThereS) au: Main unweit Bamberg wegen Landfriedensbruchs enthauptet wurde/) steht Avcuttn nicht an, Otto's Bruder ') Oliron. VI, 15: »üx Irnius LUierti eavAuws LIbortus, gui xostmoclnm marebinin orieutalem, iä 88t Uaunouiam suxeriorem, UnAarrs erextaw Romano imxsiio aäioort ori- Aiiiem (luxisse traclitur.« AuS dein Ausdruck traäitur ersehen wir, daß Otto v. Fr. seiner Sache durchaus uicht sicher war; vielmehr lieh er sich wobl nur durch den Elcichlaut der Namen zu seiner Annahme verleiten, und er hat eben darum Leopold IV. als Sproß der Grafen von Scheyern zu bezeichnen?) Und in der That, so seltsam es auch auf den ersten Blick erscheinen mag, daß sich Otto von Freistng in einer ihn selbst so nahe berührenden Frage geirrt haben sollte, müssen wir doch gestehen, daß die größere Wahrscheinlichkeit für Aventins Annahme spricht, denn 1. steht urkundlich fest, daß Mitglieder jenes mark- gräflichen Hauses als Zeugen beim Ohre gezupft wurden, was, wie schon Riezler hervorgehoben hat?) ein sicheres Merkmal ihrer bayrischen Abkunft ist; von den Babenbergern aber läßt sich nicht bezweifeln, daß sie ihrer Abstammung nach Franken waren; 2. sind die Namen Berthold und Liutpold, welche die Stifter jener markgräflichen Linien tragen, in der Familie der Babenberger nicht nachweisbar?) im Hause der Scheyern dagegen wohlbekannt; 3) haben wir bestimmte Auhaltspuukte dafür, daß die Stifter jener markgräflichen Linien im Besitze scheyrischen Hausguts waren: n) Aus einer Traditionsurkunde des Klosters St. Emmeram (gedr. bei Pcz, Mass. anaeclot:. Vvl. I k. III S. 92 u. 99, 6ocl. traü. s. üinwar. anx. 20 u. 33) geht hervor, daß Markgraf Berthold im Einverständniß mit seiner Gattin Heilsuinda und seinem Sohne Heinrich dem Abt Namwold von St. Emmeram (reg. 975—1000) das Gut Jsling (bei Regensburg) im Donangau, wo auch sein Bruder Liutpold begütert war, Übermächte. Da nun Heilsuinda die Tochter des sächsischen Grafen Lothar von Walbeck war/) so kann dieses Gut nicht etwa von ihr in die Ehe gebracht worden sein, sondern nur zum Hausgut Bertholds gehört haben?) den eigentlichen Begründer der Linie Liutpcld I. (st 991) mi* * Stillschweigen Übergängen. Sein Zeugniß wird dober sehr verschiedenartig beurtbcilt. Während Giescbrccht (Nankc'sche Jahrb. d. d. R- unter Otto II. Exkurs VI S. 137) meint: „Auf diese Autorität hin mag denn sich immer die Tradition, so lange sich nicht eine sichere Genealogie auffinden läßt, auch weiter fortpflanzen", bestreiten F. Stein (Forschungen zur D. G. Bd. XII S. 131), S. Riezler (Gesch. B. Bd. I S. 360), Cl. Schwitz (Oesterreichs Scheyern-WittelSbacber S. 22 f.) die Richtigkeit dieser Hypothese, zumal cS an jedem Mittelglied zur Anknüpfung an die Babenberger fehlt. 2 ) Bayer. Chronik VI, cap. 17: „König Chunrad lihe Vairn, davon er herzog Haiurichcn den zebcuden vcrtribcn hat, seinem bruedcr der muctcr halben, herzog Leitpold. marchgrafcn auS Oesterreich, sank LeitpoldS fun, so auch auS dem eltistcn stam dcö Haus Bairn, den grasen von Scheirn, pürtig was." 2) Gesch. B. Bd. I S. 360 A. 3. Dieses Argument bewog auch Giescbrccht, seine Meinung zu ändern, s. Gesch. d. d. Kaiserzeit Bd. I 5. Aufl. S. 616 Anm. zu S. 573: „Man kann so zu der Annahme gelangen, daß die Babenberger m der Nordmark und in Oesterreich von einem bairischen im Bambergischcn später angesiedelten Geschlecht abstammten, aber man kommt über vage Vermuthungen nicht hinaus." *) Hier begegnen uns Namen, wie Poppo (— Pabo, davon Pabinberg — Bamberg), Avalbert, Ndalhard. S. ThietmarS (Enkel des Grafen Lothar von Walbeck) Chronik V, 8. Unter dem Chronik II, 11 z. I. 911 angeführten Grasen Berthold ist natürlich der Bruder dcS Herzogs Arnulf zu verstehen, vgl. Lnual. Laxo z. I. 913 (oomes steht in den Quellen oft, wo wir clux oder warelno erwarten). Die Unmöglichkeit, ihn mit dem Markgrafen Berthold zu identificiren, hat Cl. Schmilz a. a. O. S. 6 f. überzeugend bargethan. Eine Verwechslung war aber beim sächsischen Annalisten (z. I. 977) um so leichter, als beide Bcrtholdc Söhne des Namens Heinrich hatten. °) Daß die Schehern im Donangau viele Güter hatten, beweisen die Urkunden bei Ried coä. äixlow Uktisb. I n. 103« 372 Wie aber sollte ein Babenberger in den Besitz scheyrischen Erbguts gelangt sein? sz) Aus einer 2. Traditionsnrkunde desselben Klosters (ebenda S. 106 oax. 48; vgl. Ried eoä. clixlora. Ilatigd. I n. 120) ersehen wir. daß Bertholds Schwester Mathilde, welche den Burggrafen Pabo von Regensburg (Grafen v.Stefening) geheirathet hatte, das Gut Gundelshausen (bei Abbach) an St. Emmeram schenkte. Auch dieses war eine scheyrische Besitzung, welche ihre Mutter Kuni- gnnde anscheinend als Wittwengut von ihrem Gatten, dem Vater Bertholds, erhalten hatte, o) Eben diese Mathilde ließ laut einer Urkunde, die zu Maria Saal in Körnten ausgestellt wurde (s. Kleimayrn lluvavia Diplomatischer Anhang S. 198 n. 20, Nagel Notüt. oriA. äom. boions S. 236), durch ihren aävoeatus Berthold von dem Erzbischof Friedrich I. von Salzburg (reg. 958—991) und dessen aävooatrm Hartwig die Orte Gurnoz (— Gurnitz bei Klagenfurt) und Turbine (?) in Körnten gegen Zemusesdorf (— Zimmersdorf bei Feuchtwangen?) und Hornaresdorf (— Hormersdorf bei Hersbruck?) eintauschen. Nun wissen wir von den Scheyern, daß sie sowohl in Körnten/) wo einst Herzog Arnulfs Bruder Berthold geboten hatte, als auch im Sualafeld, Sulzgau und Rangau Besitzungen hatten/) von den Babenbergern dagegen ist weder das eine noch das andere bezeugt. Diese Umstünde rechtfertigen die Vermuthung von Cl. Schwitz a. a. O. S. 71 f., daß jener Markgraf Berthold im Nordgau mit dem gleichnamigen Sohn des bayrischen Pfalzgrafen Arnulf identisch sei. Denn wenn auch der letztere wegen Betheiligung an dem Aufstande seines Vaters des Landes verwiesen wurde (nach der Reisensburg bei Günzburg) und wegen des vor der Schlacht auf dem Lechselde geübten Verraths sogar das Leben verwirkt hatte, so ist es doch ausgemacht, daß er von König Otto I. auf Bitten seines Taufpathen (des hl. Bischofs Ulrich von Augsburg) begnadigt wurde?) Wenige Jahre später treffen wir ihn mit Liutpold als Zeugen bei Beurkundungen des Bischofs Abraham von 110, 112, wo uns als Besitzungen Judiths und ihres Bruders Ludwig: Schierling, Nogging, Lindhart, Biberbach und Aiter- hofen genannt werden. Ueber ihren Neffen Bertbold s. unten A. 17. Ueber Jslinz vgl. Heigel und Riezler, Das Herzozgthum Bayern, S. 294. ') Z. B. die Arnulsinger Hermann (im Grabfeldc, s. Kleimayrn, üuvavia. Diplom. Anhang S. 180 n. 66, vgl. Tümmler, Otto d. Er. S. 229 A. 3) und Ascuin (Ncifnitz am Wörther- see, f. Ncsch, Lunal. Labion. T. II S. 632 f. n. 2, Nagel a. a. O. S. 229 f.). °) So z. B. Herzog Bertholds Wittwe Willrude, Tochter des Herzogs Giselbert von Lothringen, Stifterin des Klosters Bergen bei Ncubnrg a. D., und Herzog Berthold felbst (s. Nagel a. a. O. S. 243 f.. Llon. So. XXXIa. 230 f.. Oefele, Vermißte Kaiser- und Königsurkundcn. Sitzunqsbcr. d. k. b. Akad. d. W. philos.-philol.-histor. Cl. Jahrg. 1893 S. 296 n. XIII). Daß die Allode der Markgrafen von Schweinsurt mit dem babenbergischen Besitz sich nicht berühren, hat schon F. Stein a. a. O. S. 132 f. gezeigt. °) S. Conrad von Scheyern Llon. Lo. X, 392 f., der den Sohn Arnulfs fälschlich Wcrnherus nennt; vgl. Hmiial. s. ümmsr. z. I. 951, Gerhards vita s. Väalrioi cap. 12. Otto von Freising läßt diesen Berthold im Jahre 955 durch die Ungarn gctödtet werden, s. Obrem. VI, 20; aus einer Urkunde Otto'S II erhellt aber, daß er noch im I. 976 am Leben war, s. Lloy. Lo. XI. 439. Freising (reg. 957—993)/°) des treuen Berathers seiner Tante Judith, die seit dem Tode ihres Gemahls Heinrich I. (-ß 955) die Regentschaft für ihren unmündigen Sohn Heinrich (d. Zänker) in Bayern führte. Judiths und Abrahams Fürsprache wird es wohl auch zuzuschreiben sein, wenn Berthold durch Otto d. Gr. ums Jahr 960 die Grafschaft im Nordgau, Nadenzgau und im Volkfelde,") wo auch seine Ahnen regiert hatten,") erhielt, während dem jüngeren Bruder Liutpold (nach 973) die Grafschaft im Donaugau") und im Sundergau") zu- theil wurde. In dankbarer Erinnerung an seinen königlichen Wohlthäter warnte Berthold dessen Sohn Otto II. im I. 974 vor den Anschlägen Heinrichs des Zänkers,") der dem Scheyern das ihm von Rechtswegen gebührende Herzogthum Bayern vorenthielt und ihm daher in der Seele verhaßt sein mußte. Als jedoch Otto II. nach der Aechtung des Bayernherzogs dieses Herzogthum nicht ihm, sondern seinem Neffen Otto von Schwaben verlieh, lehnte sich Berthold gegen seinen König auf,") und es kam so weit, daß Otto II. mehrere Güter des scheyrischen Grafen confiscirte.") Dies veranlaßte Berthold, sich dem l°) S. Meichclbeck, bist. Pris. Ib n. 1090, 1097 g und b, 1101; Huschbcrg, Aclteste Gcsch. d. HauscS Scheyern-Wittcls- bach, S. 181 A. 13. ") S. LIu einem besseren Verständniß der Währungsfrage führen. Kiesel und Krystall. Gedichte von Anton Müller (Br. Willram). Buchhandlung des Kath.-pol. Preßvercins, Brixcn. 8 Bg. auf Doc.-Papier 60 kr.; in feinem Ge- schcnkband fl. 1,20. „Die Gedichte des .herrlichen Bruders Willram', wie ihn vr. Hehl in einem Briese an mich genannt hat, sind nach meinem Urtheile echte, frische, mitunter geradezu prächtige Lyrik, wahre Poesie. Die flügge gewordene junge Alpcnlcrche verspricht ein ausgezeichneter Sänger zu werden." — Dieses Gutachten hat Sckrcibcr dieser Zeilen seinerzeit dem Ausschiffst deS Kath.-polit. Preßvercins gegenüber abgegeben. Jetzt figurirt dasselbe, wie ich sehe, an der Spitze des Liedcrbüchleins, daS nun in nobler Prachtausgabe vorliegt. Nachdem ich die Lieder Bruder Willrams neuerdings gelesen, kann ich nur obiges Urtheil wiederum und vollinhaltlich unterschreiben. Es ist eine Freude und ein Genuß, diese jugendfrischcn und jugendkräftigen Dichtungen zu lesen, und man wird beim Lesen mächtig zum Mitdichten eingeladen — das aber ist eben daS richtige Kriterium. Die erste Abtheilung seiner Dichtungen überschreibt der Sänger mit „BnnteS Allerlei". Dennoch lassen sich bestimmte Gruppen zusammengehörender Lieder ziemlich genau unterscheiden. Dem jugendlichen Alter des Dichters entsprechend, stehen da zunächst die Lieder der LenzeSlust und des freudigen JugendmutbeS. Wer auch einmal jung gewesen und mit Jugendträumen geflogen, fühlt sich lebhaft zurückversetzt in jene goldene Zeit, die freilich so balde entschwunden. Aber sehr täuschen würde man sich, wollte man den Sänger für einen leichtsinnigen Springinsfeld halten, wie deren so viele sich auf dem deutschen Parnaß herumtummeln. Zins die Lieder der Jugendlust folgen in merkwürdigem Contrast Dichtungen von gewaltigem Ernst. Eine ganze Gruppe könnte man „Friedhofsgedichte" überschreiben. Dahin gehören: »Vanitas vanitatum-, „Das einsame Grab", „Im Beinhaus", »vxtrema. so tanFirnt«, „Der Friedhos", „Das Emblem des Todes" uud andere. Die zweite Abtheilung ist dem „Marierffang" gewidmet und enthält prächtige Lieder; wir nennen nur: „Gruß an die Maienkönigin". Die Waldkapelle", „An die Schmerzhafte" u. s. w. Das hübsch ausgestattete Büchlein bildet eine reizende Weihnachtsgabe. Verantw- Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. tt,-. 48 29. zillvbr. 1894. Ein interessanter Beitrag znr Geschichte einheimischer Knnstbethätigung. Als eine Errungenschaft neuester kuustgeschichtlicher Forschungen ist die Entdeckung einer zahlreiche Mitglieder umfassenden und weithin in Beschäftigung genommenen Wessobrunner Stuckatorenschule zu bezeichnen. Die staatliche Jnventarisation der Kunstdenkmale des Bezirksamtes Landsberg i. I. 1888 hat zu dieser, für die Geschichte des Barock und Rokoko sehr belangreichen Entdeckung geführt. Soeben erhalten wir über die Schule eine höchst lehrreiche, auf eingehendem Studium der Kunstobjekte und auf sorgfältiger Verwerthung eines reichen archivalischen Materielles beruhende Einzeldarstellung von der berufenen Hand des Herrn Dr. Georg Hager, kgl. Conservators am bayerischen National- museum. Ör. Hager war nicht nur persönlich betheiligt an der erwähnten Jnventarisation, sondern hat auch schon einmal zu Anfang des vorigen Jahres in drei Artikeln der Beilage zur Allgemeine» Zeitung über die Wessobrunner Stuckatorenschule berichtet. In sehr erweiterter und vertiefter Form legt er nun die Ergebnisse seiner seitherigen eifrigen Forschungen auf diesem Gebiete vor in der Zeitschrift des historischen Vereines von Oberbayern.*) Der Name Wessobrunn hatte schon vordem einen guten Klang in der Kunstgeschichte. Ein in den Jahren 1862 — 64 aus den Fundamenten der niedergelegten Klostertrakte zu Tage geförderter spätromanischer Apostel- cyklus hat die Aufmerksamkeit der Kunstforscher auf sich gezogen. Dieser Cyklus, ein wichtiges Glied in der Entwicklung der deutschen Plastik in der Zeit des Ueber- gangsstiles, findet allseitige Würdigung vom künstlerischen und kunsthistorischen Standpunkte aus im ersten Theile der Hager'schcn Abhandlung, welcher sich betitelt: „Die Bauthätigkeit und Kunstpflcge im Kloster Wessobrunn." Hier sind außerdem alle Nachrichten über die Baugeschichte des Klosters und der Kirche von den Zeiten der Agilolfinger an bis zur Säkularisation gesammelt und kunsthistorisch erörtert und was sonst noch über die Kunstpflege im Kloster überliefert ist, sei es in gelegentlichen Aufzeichnungen oder in den noch erhaltenen Werken selbst, zu einem möglichst vollständigen Bilde klösterlicher Kunstpflege vereinigt. Welch wichtige Bereicherung das kunstgeschichtliche Studium aus derartig sorgfältigen Zusammenstellungen von vereinzelt überlieferten Nachrichten gewinnt, dafür sei nur andeutungsweise die Beschreibung eines zwischen 1160 und 1165 angefertigten Kirchen- portales sowie zweier dem Anfang des 13. Jahrhunderts entstammenden Wandteppiche mit Darstellungen aus der Apokalypse und aus dem Leben der hl. Apostclfürsten erwähnt. Wir wenden uns sofort dem zweiten Theile der Abhandlung zu, welcher überschrieben ist: Die Wessobrunner Stuckatoren. Das Verdienst des Verfassers besteht darin, daß er die Meister, welche der: Glanz der *) Oberbayerisches Archiv für vaterländische Geschichte. 48. Band, 2. (Schlug-) Heft. Manchen 1894, S. 193 — 521: „Die Bautbäiigkeit und Knni'lpflcge im Kloster Wessobrunn und die Wessobrunner Stuccatoren". Mit 16 Abbildungen im Text und 9 Tafeln. Der zweite Theil S. 347 — 475 und der Anhang S. 490 — 510 bandelt von den Wessobrunner Stuckatoren. Die ganze Abhandlung ist auch im Sonder- abdrnck mit eigener Seitcnzählnng erschienen. Wessobrunner Stuckatorenschule begründen, der unverdienten Vergessenheit entreißt, ihre äußeren Lebens- umstände feststellt, den Begriff einer Wessobrunner Stuckatorenschule durch Analysiruug des Stiles ihrer Arbeiten in die Kunstgeschichte einführt und diese Schule durch den Nachweis der auf dieselbe bestimmend wirkenden Einflüsse der Kunstgeschichte eingliedert. Die Wessobrunner Stuckatoren waren schlichte Dorfbewohner, ansäßig oder doch hervorgegangen aus den um das Kloster Wessobrunn gelegenen Ortschaften (Gaispoint, Haid u. s. w.). In dem den Altbayern angeborenen und besonders in der Bevölkerung der Weilheimer Gegend lebendigen Kunstsinne war die Vorbedingung künstlerischen Schaffens gegeben; ungünstige Verhältnisse in landwirth- schaftlicher Beziehung hatten schon längst die Wessobruner zu Handwerken greifen lassen, unter welchen sie daS Maurerhandmerk besonders bevorzugten. AIs nun im Laufe des 16. Jahrhunderts die Stuckdekoration in Deutschland Eingang fand, da war der Anlaß gegeben, der künstlerisch veranlagte Maurer zur Entfaltung ihrer Fähigkeiten geradezu herausfordern mußte. Im 16. Jahrhundert, dessen zweite Hälfte wenig Baulust entwickelte, kam es dazu nicht mehr. Nachdem aber im 17. Jahrhundert die unmittelbaren Folgen des dreißigjährigen Krieges überwunden waren, da haben die schlichten Dorfbewohner von Wessobrunn, welche wohl auch während des Winters, um ihr Fortkommen zu finden, irgend ein anderes Gewerbe betrieben, in der Dekorationskunst des Barock- und Nokokostiles nicht blos Hervorragendes, sondern auch Eigenartiges geleistet, haben in einem Zeiträume von etwa 100 Jahren (ca. 1675—1775) den Ruhm bayerischer Kunstfertigkeit hinausgetragen in alle Gaue des deutschen Reiches und selbst bis nach Polen, Rußland, Frankreich und den Niederlanden und sind nur durch die Verfluchung der Kunst im Klassicismus zum Stillstände genöthigt worden. Wie zahlreich die Wessobrunner im Auslande arbeiteten, zeigt eine 100 Jahre umspannende Liste der fern von ihrer Heimath gestorbenen Wessobrunner Stucka- toreu, welche nicht weniger als 47 Namen enthält. Davon entfallen 6 auf Polen, 5 auf die Schweiz, je einer auf Berlin, Wien, Amsterdam, Paris u. s. w. Der Wessobrunner Meister Johann Michael Merk war um die Mitte des 18. Jahrhunderts des Königs von Preußen erster Stuckator. Mit der Münchener Hofkunst ist der Name von Wcssobrunnern unzertrennlich und in sehr ruhmvoller Weise verbunden. Von den in Augsburg ansäßigen Stuckatoren gehörten zur Wessobrunner Schule die Feuchtmayr, Rauch, Finsterwalder, lauter Namen von gutem Klänge. Unstreitig der bedeutendste unter den Wessobrunner Künstlern des 17. Jahrhunderts war Johann Schmuzer, der als Architekt wie als Stnckatormeister hervorragte. Seine künstlerische Eigenart kommt am vollsten zur Geltung in der von ihm 1687 ff. als Centralbau aufgeführten Wallfahrtskirche zu Vilgertshosen (Pfarrei Stadel), „welche nach Grundriß, Aufbau und Dekoration zu den interessantesten Barockdenkmälern unseres Landes gehört". Von den Klosterkirchen in Obermarch- thal und Friedrichshafen abgesehen, war Joh. Schmuzer gewiß noch in einer Reihe von Landkirchen thätig, wie das Beispiel der kleinen Pfarrkirche Ettelried vermuthen läßt, woselbst er die Stuckirung des Chores um 33 fl. 378 übernahm. Der Lokalforschung bleibt da noch ein weites Feld zu bebauen und erst, wenn einmal die alten Stfftungsrecbnungen ausgebeutet sein werden, läßt sich über den Umfang der Thätigkeit, welche die Wesso- brunner Schule entfaltete, ein annähernd vollständiges Bild gewinnen. Darum ist es dankbarst zu begrüßen, daß Herr Dr. Hager sich der mühseligen Arbeit unterzogen hat, ein alphabetisch geordnetes Verzetchniß der Wcssobrunner Maurer und Stuckatoren herzustellen. So ist der Lokalforscher in den Stand gesetzt, sich in den meisten Fällen sofort zu unterrichten, ob ein ihm unterkommender Name unter die Wcssobrunner Meister einzureihen ist. Doch wir kehren zu diesen selbst zurück. Im 18. Jahrhundert brachte die Schule in Johann Zimmcrmann ihren bedeutendsten Stuckator, in dessen Bruder Dominikus ihren bedeutendsten Baumeister, „einen wahrhaft genialen Architekten", hervor. Letzterer baute die köstlichen Wallfahrtskirchen Steinhaufen und Wies, ersterer stnckirte die Klosterräume in Ottobeuren und trat 1720 in die Dienste des Münchener Hofes, wodurch er auf die innere Entwicklung der Wcssobrunner Schule maßgebenden Einfluß gewann. Die Wcssobrunner Stuckatorenschule beginnt in den achtziger Jahren des 17. Jahrhunderts ein eigenen Stil auszubilden. Bis dahin hatten die Wcssobrunner sich begnügt, die in Oberitalien übliche und durch die St. Michaelskirche in München nach Deutschland verpflanzte Art der Stuckdekoration nachzuahmen, deren Wesen darin besteht, die Gewölbe durch quadratisches und kreisförmiges Rahmenwerk in geometrische Felder zu theilen (Quadraturarbeit), wobei die Kanten der Nahmen durch Eier- und antike Blatistäbe hervorgehoben werden. Dieser Formenschatz erhält im Laufe der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine wesentliche Bereicherung durch Aufnahme jener Dckorationsmotive, welche von dem Bolögnesen Barelli in der Theatincrkirche zu München, diesem „Markstein in der altbayerischen Baugeschichte des 17. Jahrhunderts", zur Verwendung gebracht worden waren. Es sind hauptsächlich die Akanthusranke, der Lorbeer- und Eichenlaubstab und die Fruchtschnur. Trotz der Abhängigkeit von den Italienern zeigt die Formcnwelt der Wcssobrunner doch gewisse Eigenthümlichkeiten, freilich nicht zu deren Vortheil: das Figürliche steht hinter dem Pflanzenwerk quantitativ und qualitativ zurück; unter den Pflauzenmottven ist der von den Italienern so sehr begünstigte Palmzweig nur spärlich und in verkümmerter Form vertreten; überhaupt erreichen die Wcssobrunner Stuckaturen nicht die schwellende, üppige Form der italienischen. Zu diesen den italienischen Vorbildern entnommenen Motiven gesellt sich alsbald als neues Element französischer Einfluß. Die durch den Münchener Hof und den Augs- burger Kunsthandel bekannt gewordenen Nadirungen des Architekten Jean Le Pautre vermÄeln diesen Einfluß. Unter den neuen Motiven sei als hervorstechendstes erwähnt das des Hinweggleitens der Akanthusranken über die Figuren, so daß diese theilwcise unter den Ranken versteckt sind (Jagdsaal in Wessobrunn; Ostwand der Frauenkirche in Münsterhausen). Durch diese Vermengung italienischer und französischer Motive entsteht der eigentliche Wcssobrunner Stil und von da ab kann man von einer Wcssobrunner Schule im vollen Sinne des Wortes reden. Wie nun der kräftige, gedrungene Stil der Hochbarock überhaupt sich gegen das Jahr 1700 zu freier und leichter gestaltet, so wird jetzt auch die Stuckatur großzügiger und in ihren Formen schmächtiger. Die Akanthusranken entfalten sich, die Zwischenräume, in denen sie vom Stamme abzweigen, werden größer, in immer wachsender Menge entsprießt verschiedenartiges Blatt- und Blumenwerk in diesen Zwischenräumen dem Stamme (Jesuitenkirche in Mindelheim). Mit der Zunahme der Neigung für schmächtigere Formen tritt die Nothwendigkeit ein, durch zarte Abtönung des Grundes den Stuckaturen gegenüber der Architektur die volle Wirkung zu verschaffen, welche ihnen vordem die eigene Kraft und Fülle gab. Die Stilwendung zum Rokoko trat bei den Wcssobrunner Meistern schon frühzeitig ein. München und Augsburg waren auch hierin von maßgebendem Einflüsse. In Augsburg, dem Hauptsitze deS Ornamentstiches, hatte Wessobrunn seinen kirchlichen Mittelpunkt und die daselbst ansäßigen Wcssobrunner Künstler versahen ihre Landsleute ohne Zweifel eifrig mit den neuesten Stichen französischen Geschmackes. Johann Zimmcrmann verwendete schon i. I. 1717 jenes „Laub- und Bandelwerk französischer Manier", welches den neuen Stil ankündigt. Als er dann seit 1720 am Hofe zu München Beschäftigung fand und bald auch unter Cüvilliäs Leitung arbeitete, fand er Gelegenheit, den damals modernsten Stil sich anzueignen und den Seinigen zu vermitteln. Die Nachahmung französischer Vorbilder ward bald allgemein Mode und erwischte so zum gntcn Theil seit etwa 1720 die Eigenart der Wcssobrunner Schule. Indeß ist zu erwarten, daß ein ins Einzelnste gehendes Studium des Rokoko, wie es erst an der Hand eines vollständigen Photographischen Materiales möglich sein wird, auch für die spätere Zeit gewisse Eigenthümlichkeiten der Wcssobrunner Stuckaturen erkennen lassen wird. Freilich die Glanzzeit der Stuckdekoration oder doch ihre beherrschende Stellung unter den Dekorationsmitteln geht um die Mitte des 18. Jahrh, zu Ende. Die Freskomalerei beginnt das Feld zu behaupten und läßt der Stuckatur nur mehr die Aufgabe, den Nahmen für das Gemälde zu schaffen. Die seit 1780 allmählig zur Geltung kommende klassicistische Richtung bereitete der Stuckaturkunst den Untergang, indem ihre nüchternen Formen der Phantasie des Künstlers den Boden entzogen. Wieviel des Belehrenden und Anregenden Hagers Studie bietet, konnte hier nur in großen Umrissen angedeutet werden. Darf der erste Theil der Abhandlung als ein Muster einer Kloster-Kunstgeschichte bezeichnet werden, so greift der zweite einschneidend in die Geschichte des Barock und Rokoko in Deutschland ein und eröffnet der kunst- geschichtlichen Forschung über diese Stilarten ein neues Feld. Augsburg. Dr. A. Schröder. Die Chronologie des hl. Willibald nach der Klosterfrau von Heidenheim a. H., einer bayer. Schriftstellerin des VIII. Jahrhunderts. Von I. N. Seefried. (Fortsetzung.) II. OftronoIoZia. IVillilial ciina zwischen 720 und 743. Hirschmann hat die spätmittelalterliche falsche Eich- stätter Tradition, daß Willibald schon 741 Bischof geworden, nicht bloß aus dem Oonoiliuna Aorwaniourn, sondern auch aus der vitn ^Villisialäi nach der Lanabi- inouialis beweisen wollen, es ist ihr» dieses jedoch ebenfalls vollständig mißlungen. Lauschen wir, sagt er, den Worten unseres ersten Bischofs, wie sie die Nonne wiedergegeben,") zeigt aber schon in seinem ersten Satze, daß er dieselbe mißverstanden hat. „Im Sommer des Jahres 721, behauptet Hirschmann, habe der HI. Willibald die Heimath verlassen." Die Unrichtigkeit dieser chronologischen Angabe habe ich bereits angedeutet, wenn ich sagte: mit Sommeranfang 720 (20. —23. Juni) sei die Nomreise unternommen worden.") Daß sich die Sache aber genau so verhalten hat, ergibt sich aus der Hauptregel der Interpretation, welche für jeden Autor, sohin auch für die Klosterfrau von Heidenheim, Geltung hat: aucstor oxtirnrm sui inborprös. Die Lauotiiuoiüalis hat uns nicht bloß die Jahreszeit, sondern irvxliaits auch das Jahr der Abreise der beiden Brüdcr und ihres Vaters von England nach Frankreich, Italien und Nom genau angegeben. Als der Sommer schon ganz nahe war, brachen sie im Heimath- lande auf, suchten den Einschiffungsplatz Hamblehaven nahe der Stadt Hambich (in der heutigen Grafschaft Southampton) auf und bestiegen mit Sommersanfang oder bald darauf, d. h. 21. — 24. Juni oder Anfang Jnli (oouZruo aastatiZ tanipors) 720, das Schiff.") Das Jahr 720 ist zwar nicht speciell angegeben, aber die Nonne sagt im Leben Wunibalds wiederholt, daß derselbe beim Verlassen der Heimath 19 Jahre alt war, und später erzählt sie,") daß er in einem Alter von 60 Jahren am 19. Dezember 761 gestorben ist; er war demgemäß im Jahre 701 geboren, denn 761 — 60 —701, und die Wallfahrt nach Nom wurde nicht erst 721 angetreten, wie Holder-Egger und Hirsch- mann annehmen und andere vor ihnen angenommen haben, sondern mit Sommersanfang des Jahres 720, denn 701 -s- 19 720. Am 11. November (Martini) des Jahres 720 waren die Brüdcr nach Nom gekommen. Von da an bis zur andern oder übernächsten (nicht nächsten, wie Brückl übersetzte), d. h. bis zur zweiten, Osterfeier 722 führten sie in klösterlicher Zucht und Znrückgezogenhcit ein glückliches Leben;") hierauf aber (turn autsni), als die Sonneuhitze zu- und der Tag abnahm, wurden auch sie vom Fieber ergriffen (Juli 722) und zum Sterben krank. Beide erholten sich aber wieder, und Willibald unternahm seine Orientreise im darauffolgenden Frühjahr (Ostern 28. März) 7 2 3. Diese Daten sind als die wahren, dem Texte der 8a,notirnoQia.Ii8 entsprechenden festzuhalten, weil sie die Grundlage der Chronologie des hl. Willibald bilden. Nicht l'/r Jahre (vom 11. Nov. 721 bis 28. März 723), -°) I. o. ") Beilage zur Augsb. Postztg. 1893 Nr. 51 S. 2. ") Brückl L., Willibalds Pilgerreise cax. VIII x. 20; Holder-Egger !1. 6. 88. XV, 91 hat mit Recht zu 721 ein Fragezeichen gesetzt. '-) LI. S. 88. XV o. 1 u. 2. xa§. 107, nonäsosm a-unoruiu ästals u. uonäooim annornm ästals jain Arauäovus. Osg. 1 u, 9, xaZ. 114, 20; sexa-Aiuta, annoinm ealoulo aä . . keliosm vitas proveulns est sxitnm. üt 8io rsgnissesbat uns, sbäomaäa ants natale Oomiui ob tunll laid sabbadum post vssgsrs 14 Xal. äannar. Xt turn ernt ills ssrag'inta snnorum ssrats st kuit abbas ksrs 10 auuo8. Oax. 13, xaA, 115 u. 116. ") Brückl I. e. eag. IX, p. 22: nsgns aä aliam oolomni- tatis xa. soll am. Holder-Egger I. o. 92. sondern Jahre (vom 11. Nov. 720 bis Ostern 723) war Willibald in Rom. dann unternahm er die Orient- reise, überwinterte 723/4 zu Patara in Lycien (Kleinasien), war zu Ostern (16. April) 724 drei Wochen in Paphos und bis nach Johannis dem Täufer (24. April 724) in Constantia auf der Insel Cypcrn. Hierauf wurde nach Syrien (Tharathas, Antarados) übergesetzt. Dem Aufenthalte Willibalds in Syrien, bezw. der ziemlich lange dauernden Haft desselben und seiner 7 Gefährten, welche insgesammt für griechische Spione angesehen wurden, habe ich im Jahre 1859 ein ganzes Kapitel gewidmet und näher ausgeführt- daß unser Palästinapilger unmöglich schon am 11. Nov. des Jahres 724 nach Jerusalem gekommmen sein kaun, daß seine Ankunft daselbst vielmehr auf den genannten Tag des Jahres 725 angesetzt werden muß. Man bedenke doch, daß der 24. Juni (Johannis) 724 bereits vorüber war,") als die Pilger Constantia auf Cypern verließen, daß die Fahrt an die Küste Syriens und der Weg von Antarados über Arke nach Emessa (Homs) immerhin einige Tage in Anspruch nahm und der Proceß in Folge ihrer Gefangensctzung als Spione ein sehr zeitraubender war, da sie zuerst von einem reichen Alten (8Msx), dann von einem Spanier, der am Hofe einen hochgestellten Bruder hatte, sehr eingehend ausgeforscht und verhört wurden und ihre Sache zuletzt vor den Chalifen selbst gebracht worden war, der in Gegenwart des Kapitäns (ug.utori8) des Schiffes, auf welchem sie von Cypern gekommen waren, des inquirirenden Spaniers und des Präses, welcher sie einkerkern ließ, vor Allem fragte, woher die Fremdlinge wären, und als auf diese Frage der Statthalter von Emessa, der Spanier und der cypcische Schiffsherr antworteten: „Vom Westen,") wo die Sonne untergeht, sind jene Leute gekommen, wir kennen über das ihrige hinaus kein Land, nichts als lauter Wasser," ergriff der König das Wort und sprach: „WaS sollen wir sie strafen? Sie haben nichts gegen uns verschuldet. Gib ihnen (zum Statthalter gewendet) freien Paß und laß sie abziehen." Daß die Haft Willibalds und seiner Reisegefährten eine langa »dauernde gewesen, geht insbesondere auch aus dem Umstände deutlich hervor, daß ein Handelsmann aus Emessa sie loskaufen und aus dem Gefängnisse befreien wollte, was ihm jedoch nicht gelang; er durfte aber den Gefangenen täglich Frühstück und Mittagsmahl schicken und sie durch seinen Sohn am Mittwoch und Samstag ins Bad und wieder zurückführen lassen, ja am Sonntag konnte er selbst mit ihnen über deu Bazar zur Kirche gehen und nach ihrem Wunsche Einkäufe für dieselben machen. Wenn nun schon Holder- Egger die Gefangenschaft in Emessa bis in den September und Oktober des Jahres 724 ausgedehnt hat, so dürfen wir, gestützt auf die bruchstückartige Erzählung der folgenden Ereignisse und die Versicherung der Nonne, daß die Orientreise sieben Jahre gedauert hat, mit Recht darauf schließen, daß das Jahr 724 zur Neige gegangen war, als der Chalife Hi schein") die Weiterreise gestattete und die Pilger den 100 Millien weiten Weg Brückl oax. XII in Lns 23. Holder-Egger I. 0 . 94, 95. Hahn übersetzt die Stelle äs oeoiäentali xlaZa „von der östlichen (?) Küste, wo die Sonne untergeht, kamen jene Menschen." Reise d. hl. Willibald nach Palästina. Programm, Berlin 1856, S. 19. ") Dessen Bruder Jegid II. war am 27. Januar 724 gestorben. Holder-Egger 1. e. x. 95 A. 1. 380 nach Damaskus angetreten haben. Es führten aber nach der Puliulg, keutingsriunu zwei Nömerstraßen von Emessa (^6M68a) nach Damaskus, die eine über Helio- polis (Lliopolia) zählte 140, die andere, kürzere 96 mils xa,88U8; die letztere haben unsere Pilger eingeschlagen, weil sie mit der von Willibald angegebenen Länge so ziemlich harmonirt.^b) Am 25. Januar 725 besuchten sie wahrscheinlich die nur 2 Millien von der Hauptstadt der Omajaden entfernte christliche Kirche Pauli Bekehrung. An diesem Tag wird nämlich das Fest des Völkerapostels begangen, zu welchem der Herr die Worte gesprochen: Saulus, Saulns, warum verfolgst Du mich? (J.Ltu axovtol. 22, 7.) Hatte Willibald die Entfernung der Hauptstadt Damaskus von Emessa noch angegeben, so läßt er uns über die nach achttägigem Aufenthalte daselbst unternommene Reise nach Nazareth ohne alle Nachricht über den eingeschlagenen Weg, die Entfernung und die verwendete Zeit. Nachdem die Pilger in der Paulskirche ihr Gebet verrichtet, gingen sie nach Galiläa, wo Gabriel die seligste Jungfrau mit Huvo Naria. begrüßte (Luc. I, 28). Ich vermuthe, daß die Pilger Maria Verkündigung (25. März 722, Sonntag Judica) in Nazareth gefeiert haben, sodann wurde Kana und der Berg Tabor besucht. Von dort gingen sie in die Stadt Tiberias am See Gcnesareth und hielten sich daselbst ziemlich viele Tage (a,lii)ua.uto8 äio8) anf?o) Die Osterwoche war nahe, Palmsonntag fiel auf den 1. April, Ostern auf den 8. desselben Monats. Die hl. Charwoche verlangte die vorgeschriebene Ruhe und Sammlung, und wie die Pilger im vorigen Jahre 724 zu Ostern in Paphos auf Cypern 3 Wochen verweilten, so scheinen sie sich im Jahre 725 gleich lange oder ein paar Tage weniger oder mehr in Tiberias am See gleichen Namens in Galiläa aufgehalten zu haben. Sodann umgingen sie den See in nördlicher Richtung über Migdol, Kapharnanm, Bethsaida und Corazaim, suchten dann die Quellen des Jordans (Jor und Dau) auf, wo sie von den Hirten saure Milch zu trinken bekamen und Willibald folgende Bemerkung über die dortige Nindviehzucht einstießen läßt. „Das Rind, sagt er?°) hat dort einen ungewöhnlich langen Rucken, kmze Schenkel und große, aufrechtstehende Hörner. Alle haben eine röthliche Farbe. Die Sümpfe daselbst sind lief, und wenn zur Sommerszeit große Sonnenhitze über die Erde zu kommen pflegt, so steht das Vieh auf, läuft in den Sumpf und taucht mit dem ganzen Leibe unter, mit Ausnahme des Kopfes." Wenn nun Willibald, was sehr wahrscheinlich ist, selbst gesehen hat, wie die Rinder zur Sommerszeit in die Sümpfe gingen, so erleidet es keinen Zweifel, daß er sich während des Maimondes des Jahres 725 noch an den Quellen des Jordans befand, was mit der Zeitrechnung im Allgemeinen übereinstimmt. Von den Quellen des Jordans weg begaben sich die Pilger nach Cäsarea Philippi"') (Baneas, Paneas), ") Vgl. Weltkarte des Eastorius, genannt die Peutinger'sche Tafel X, 3 u. 4. von Dr. Konrad Miller, Navcnsburg 1888. ") Brück! oax. XIV, 5. Ibi Inornnt »liguandos äiö 8 . Holder-Eggcr 1. o. x. 95 in Lne. 2 °) Brückt e»p XV; Holder-Egger I. o. x»K. 96. Omneo sunt nuin 8 oolorio, ostreae, 2') Das jetzt wieder einen katholischen Buckos hat, der unsern lieben Freund, den Orientalisten I. Mich. Scbmid, Psarr- berrn in Frohnstettcn bei Deggendors, zum Canonicns seiner Kathedrale (a. Peter) ernannt hat. wo eine Kirche und eine Menge Christen sich befand, und dort ruhten sie ziemlich lange Zeit aus.^) Jedem Geographen und Chronologen muß es auffallend erscheinen, daß Willibald von Damaskus plötzlich bis Nazareth im Südenvon Galiläa herüberspringt und, anstatt über Cäsarea Philippi dorthin zu gelangen, den umgekehrten Weg von Nazareth nach Philippi geht. Lautete etwa der Paß der Pilger bloß auf die 103. Hedschra, welche am 15. Juli 725 endigte (Flucht Muhameds aus Mekka 15. Juli 622), und mußten sie denselben in Damaskus oder Emesa für die 104. Hedschra (726) verlängern lassen?^) Der dauernde Aufenthalt Willibalds in Baneas (Cäsarea Philippi) steht fest; gleichwohl hat Generalvikar (später Dompropst) Snttner in Eichstätt in seiner Ausgabe die sehr gewichtige Stelle: „st idi (6g.68ur6g.s kstilixxi) rö^uisgosutss uli- HULlltuirr t6vapu8" gar nicht, undBrückl übersetzte: „dort rasteten sie eine Weile", womit ich mich nicht ganz einverstanden erklären knnn?0 Ebenso lückenhaft, wie die Reise von Damaskus nach Nazareth, ist nach einem längeren Aufenthalte zu Cäsarea Philippi die Pilgerfahrt von dort zum Kloster des hl. Johannes des Täufers gegeben. Wir erfahren nicht, wann die Pilger abreisten, ob sie ihren Weg rechts oder links des Jordanflusses nahmen und wann sie in dem gedachten Kloster ankamen. Im Johannis- kloster wurde übernachtet, und Willibald badete im Jordan, ein Umstand, der darauf schließen läßt, daß die Pilger noch im Oktober 725 dorthin gekommen waren. Hierauf wallfahrteten sie weiter nach Ealgala, Jercho und dem Kloster der hl. Eustochium zwischen Jercho und Jerusalem. Am Sonntag den 11. November 725 (kurz vor Eintritt der Regenzeit) waren die Pilger von: Osten (Oelberg) her in die hl. Stadt gelangt, und Willibald erkrankte sogleich und lag darnieder bis eine Woche vor des Herrn Geburt (d. h. bis 18. Dez. 725 ). 2 °) Ich habe den Weg, welchen Willibald im Jahre 725 durch Galiläa, Perea und Jndea machte, deßwegen etwas eingehender besprochen, um zu zeigen, daß die Annahme jener Autoren,"°) welche mit Hirschmann den Palästinapilger Willibald schon am 11. Nov. 724 nach Jerusalem kommen lassen, ebenso unstichhaltig ist wie die Behauptung, er sei noch im Jahre 7 29 von Con stantinopel nach Italien zurückgekehrt und im Herbste dieses Jahres in das Bcnediktinerkoster Monte Cassino eingetreten??) Die beiden Angaben sind entschieden unrichtig und von Willibald selbst und der Luiretiuroninlig wiederholt zurückgewiesen worden, einmal durch den de- ??) Brückt Latz. XVI. üt ibi regnieoeeutss »ligngntuin temporig . . Holder-Egger alignantnin tempno . . I. 0 . 22 ) Ueber die damaligen Paßplackereicn in Syrien und Palästina gibt Willibald'S Nebe genügenden Aufschluß. (Brückt cax. 26, Holder-Egger I. 0 . x. 100.) 2 H Brückt ist überbanpt nickt sebr genau, so hat er z. B. die Srelle e»p. Xlll S. 32 seiner Ausgabe ob 8 »netn 8 ^nanicrs — Zziriin weggelassen bezw. nicht ins Deutsche übertragen. 2 °) Brück! I. 0 . o»p. XVI, XVII u. XVIII; Holder-Egger LI. S. 88 . XV. 96 u. 97. *°) Die vv. Joh. Nep. n. Bernhard Sepp sagen in ihrer Felscnkuppcl rc., Müncben 1882 S. 55, „Willibald sei 728 nicht in die 8 »not!» 8 opbi» zu Jerusalem gekommen." Im Jahre 728 gewiß nickt, wobl aber zu Christi Geburt 725 in die 8 a. not». 8 ic>n, welche wobl mit 8 g.net!» 80 p bi», 8 »not:» Llari» ökäroxoL, dem Tempel des Herrn und der jetzigen Omarmoscbee identisch sein dürste. ??) Beilage z. Augsb. Postz. 1894 Nr. 17 S. 131; Holder- Egger I. 0 . x. 101. taillirten Nachweis, daß die Orientreise von Nom bis Cypern 1 Jahr, von da durch Syrien unter Ein- rechnung einer lange dauernden Gefangenschaft ein zweites Jahr, drei weitere Jahre ^) die Wanderungen in Palästina in Anspruch nahmen und der Pilger sich zwei Jahre in Constantiuopel aufgehalten hat;^) sodann im Allgemeinen dadurch, daß die Nonne, beim Eintritt Willibalds in das Benediktinerkloster auf Monte Cassino im Herbste 7 30 auf die Jahre der damals vollendeten Wanderschaft zurückblickend, die Gesammt- dauer auf 10 volle Jahre 2* */g-H-7-K-*/z — 10) angegeben hat.2°) Fällt nun, wie wir aus dem Leben Wunibalds gesehen haben, der Abgang von England in den Anfang des Sommers 720, so muß die Zurück- kunst aus dem Oriente nach Italien im Frühlinge des Jahres 730 stattgefunden haben, nicht schon 729, wie Holder-Egger und Hirschmann bezw. die Gewährsmänner derselben angenommen haben. Hirschmann meint, da Willibald die Pilgerreise nach dem Oriente erst Ostern 723 angetreten hat, so scheint die Nonne die Jahre der Abreise und der Ankunft als voll gezählt zu haben, ebenso scheint sie Verfahren zu sein bei der Zühlung der Jahre der Abreise von England und der Ankunft in Nom?*) Daß diese Vermuthungen jedoch nur auf Schein beruhen, nicht auf der nackten Wahrheit und Wirklichkeit, geht schon daraus hervor, daß die Nonne ihre Jahreszeiten stets nach Ostern, Weihnachten, Johannis, Martini und nebenbei auch nach dem Tage des Apostels Andreas (30. Nov.) zu berechnen pflegte. Man nehme einmal mit Hirschmann, Holder-Egger und den Gewährsmännern derselben an, Willibald sei 721 von England abgefahren, so wäre er nach der genauen Berechnung der Nonne 731 vorn Orient zurückgekehrt und am 30. Nov. 741 von Monte Cassino nach Nom gekommen. Papst Gregor III. hätte ihn nach dem 30. Nov. 7 41 zu sich beschicken, d. h. erst nach seinem Tode, da Gregor III. einen Tag vor der angeblichen Ankunft Willibalds am 29. Nov. 741 bereits gestorben war. In solche arge Widersprüche verwickeln sich alle jene gerühmten Autoren, welche den hl. Willibald, diesen Chronologen I. Ranges aus dem 8. Jahrhnndcrte, falsch interprctiren oder deßwegen nicht mehr verstehen, weil sie sich selbst öffentlich für die unhaltbare, spüttnittclaltcrliche Eichstätter Chronologie ausgesprochen haben und sich eines Irrthums nicht überführen lassen wollen. Die Chronologie Popps, Brückls und Hirschmanns und die Nandchronologie Holdcr-Eggers siu Leben des hl. Willibald müssen aufgegeben und durch die sicheren chronologischen Angaben der Nonne von Hcideuheim ersetzt werden, weil Willibald schon mit Beginn des Som- Abfahrt ven TyrnS 30. Nov. 727, wie Hirschmann u. Holder Egger ebenfalls angeben. 2") Ende März 728 — 780; nicht 729, wie Hirschmann und .Holder-Egger I. s. haben. °°) Brückt cax. XXXI u, XXXII; Holder-Egger I. s. p. 102. Illnil (taue) erst anrmnnns, guamlo veiiik aä Landarm Lsns- äieiarm ev tnno kusra.nt7ri.uno8, gnoä äs D-owa transirs oospit, st omnium srrrut 10 rrnnos, gnoä äs xatria sua rrauoibat .. . . 1? ran 8 asIo (a) itagus dune 10 anuorum inreroaxeäins .. Beilage z. Angsb, Postz. 1894 Nr. 17 S. 131. Denselben Gedanken hat Holder-Egger lateinisch in die Auincrk- ungen 9 n. 10 x. 102 seiner Ausgabe niedergelegt. °2) Nur ein paar Angaben Holder-Eggers, nämlich 723, 727, sind richtig. mers 7 20 (nicht 721) England verlassen hat, aus dem Orient nach Italien nicht schon 729, sondern erst 730 zurückgekehrt ist und sich auf Monte Cassino vom Herbste 730 bis 30. Nov. 740 (nicht 739) aufgehalten hat. Willibalds Berufung nach Bayern 740/1, seine Reise dorthin 741, seine Priesterweihe am 22. Juli 742 zu Eichstätt und die Weihe zum Bischof von Eichstätt am 20. Oktober 743 habe ich in meinen Bruchstücken ausführlich behandelt; indem ich auf dieselbe verweise,^) will ich nur noch ein paar Bemängelungen und irrige Auffassungen Hirschmanns zurückweisen bezw. richtigstellen. (Fortsetzung folgt.) Geschichte des Volksschulwesens in Württemberg. Bearbeitet und herausgegeben von Beruh. Kaitzer, Oberlehrer am kgl. katholischen Schullehrerieminar Einund,*) „Die Schulfrage steht überall im Vordergründe, und jede Erörterung derselben in kirchlichem Sinn ist erwünscht. Bis jetzt ist dieselbe viel zu wenig beachtet." vr. Windthorst. Aus Anlaß des 25 jährigen Ncgierungsjnbiläums weiland König Karls von Württemberg (1889) hatte Oberlehrer Kaißer in Gmünd eine kürzere „Geschichte des Volksschulwesens in Württemberg" herausgegeben, welche allerorts eine überaus günstige Aufnahme fand (clr. Augsb. Postztg. Beil. Nr. 57 v. I. 1689). Seit jener Zeit setzte er mit bewundernswerthem Eifer seine volksschulgeschichtlichen Studien fort, erweiterte und vertiefte sie auf Grund schulgeschichtlicher Schriften und archivalischer Urkunden. Vorstehendes Werk ist eine Frucht seines Sammelns und Forschens. (Einige Partien sind zum Theile früher auch schon in dieser Zeitung zum Abdruck gekommen.) Die Schrift stellt mit großer Gründlichkeit und Sachlichkeit, in klarer, anziehender Sprache die Entwicklung des Volksschulweseus in Württemberg von den frühesten Zeiten bis zur Gegenwart dar. Sie steht auf entschieden christlichem Standpunkte und athmet Liebe zur Kirche und zum Vaterlande. Es ist ein wirklicher Genuß, sie zu lesen. Der Verfasser weist in der Einleitung und im I. Abschnitte bis zur Evidenz nach, daß die Kirche die Mutter der Volksschule ist und daß es Volksschulen in Deutschland überhaupt und ganz besonders auch im heutigen Württemberg — in Städten und auf Dörfern — schon vor der Glaubensspaltung des 16. Jahrhunderts gegeben hat. Im II. Abschnitt wird die Entwicklung des kathol. und evangelischen Schulwesens im 16., 17. und 18. Jahrhundert im Allgemeinen und mit besonderer Berücksichtigung Württembergs geschildert. Der schlimme Einfluß der sog. Reformation wird gebührend hervorgehoben; es wird aber auch im Verlaufe der weitern Entwicklung nachgewiesen, daß und wie man katholischerseits so gut wie protestantischerseits das Volksschulwesen zu heben bestrebt war. Am eingehendsten und ausführlichsten wird im III. Abschnitt das Volksschulwesen im Königreich Württemberg behandelt. Sehr interessant nnd instruktiv ist in diesem Theile (von S. 118 bis S. 153) die Geschichte der Volksschulaufsicht von den ersten Anfängen bis heute. °°) Im Separatabdruck sind die vier ersten Zeilen auf Seite 10 hinter die drittletzte Zeile nach in Syrien herabzusetzen. *) Stuttgart, Jos. Notb'sche VerlagShaudlung. X. 336 S. in gr. 8°, brosch. 5 M. 50 Pj. 382 Dieser Passus ist eine glänzende Apologie der kirchlichen Schulaussicht. Der IV. Abschnitt bespricht das Fortbildungsschnl- wesen von der frühesten Zeit bis heute. Hier verdienen die Ausführungen über „die Sonntagsschule" und „den Handfertigkeitsunterricht für Knaben" besondere Beachtung. Im V. Abschnitt werden die öffentlichen und privaten Anstalten (mit katholischem und evangelischem Charakter) zur Erziehung und Bildung schulpflichtiger Kinder außerhalb der öffentlichen Volksschule vorgeführt. Es ist wohlthuend, das hier entworfene Bild der staatlichen und kirchlichen Fürsorge für verwahrloste, blinde, taube, schwachsinnige und epileptische Kinder zu betrachten. Zur Vervollständigung der Abhandlung über die Kleinkinderschulen in Württemberg möchte Recensent hinweisen z. B. auf „Blätter für das Armenwcsen", Stuttgart 1888 Nr. 39 und 40, und die dort angegebene Literatur. Betreffs des letzten (IV.) Abschnittes: „von den Verhältnissen der Lehrer im Mittelalter bis heute" (Heranbildung und Fortbildung, Anstellung, soziale Stellung, ökonomische Lage) ist zu wiederholen, was über die Behandlung der Geschichte der Volksschulaufsicht gesagt wurde: sehr interessant, sehr instruktiv! Vorstehende Schrift ist in hohem Grade geeignet, eine Blenge von Vorurtheilen und Einseitigkeiten zu zerstören, welche wir Katholiken fast in jeder größern Erziehungsgeschichte finden. Sie ist von hohem Interesse nicht bloß für die württcmbcrgischen Geistlichen und Lehrer, sondern auch für Schulfreunde und Lehrer aller deutschen Gauen, für Männer politischer Laufbahn, für «lle, welche für kulturhistorische Forschungen und historische Wahrheit überhaupt sich interessiren — zumal da, wie man oft sagen hört, das württembergische Schulwesen zu den Musterhaftesten aller zivilisirten Länder gehört. Die Druckfehler, welche sich dann und wann vorfinden sind untergeordneter Art und lassen sich leicht verbessern. Einigemal hätten wir genaue Literaturangabe gewünscht (z. B. S. 8 zum Satz: „wie urkundlich nachgewiesen ist", S. 37 zur Behauptung: „Thatsache ist, daß" rc.). Schließlich empfehlen wir vorstehende Schrift aufs wärmste und wünschen und hoffen, daß sie recht viele Leser und Freunde finde. Dann wird der geehrte Verfasser mit um so größerer Freude seine volksschulgeschichtlichen Studien fortsetzen. Gegenwärtig arbeitet er an der Geschichte des Schulwesens Neuwürttembergs, d. h. der zu Anfang dieses Jahrhunderts an Württemberg gekommenen katholischen Landcstheile — eine Arbeit, welche sich ausschließlich auf archivalische Ausbeute gründet und welche äußerst interessante Resultate zu Tage fördern wird. Es ist sehr wünschenswerth und erfreulich, daß dieses Stück der Geschichte unseres Volksschulwesens einmal recht einläßlich behandelt wird. Wir sehen diesem II. Theil der Geschichte des Volksschulwesens in Württemberg mit großer Spannung entgegen. Hohenstadt, O.-A. Aalen. Schnitter, Pfarrer. Zeitgemäße katholische Literatur. Bon Theodor Habicher. CorDlila Mähler. Wie ein Veilchen anspruchslos und verborgen lcht und dichtet die Sängerin heiliger Liebe Frau Cordula Wühler, die durch ihren Lcbensgang sowie durch ihr Dichten vielfach an Lonise Hcnsel erinnert. Sie ist 1815 zu Machlin (Mecklenburg-Schwerin) geboren als Tochter des nun pcnsionirten lutherischen Pastors W. Wühler, der selbst ein episch-lyrisches Epos („Hobenstein") verfaßte, kon- vertirte 1870, ehelichte in der Hafenstadt Bregenz am Herr» lichen Bodensee den geistreichen Privatier Joseph Schneid, lebt aber schon längere Zeit in meinem Geburtsort Sebwaz (Tirol). — Eine wahre Natbanaclsscele singt in all ihren frommen Liedern, die dem Urtheile des Literarhistorikers Brngier gemäß wahre Perlen deutscher Poesie sind. Gleichwie die Sonnenblume ihre Krone stets der Sonne zuwendet, so neigt ihre Muse immer und immer wieder dem Heiland im Sakramente zu. Eine große Anzahl ihrer Lieder dürfen den Perlen geistlicher Lyrik zugezählt werden. Von ihren Dichtungen sind im Druck erschienen: „Die Geschichte der heiligen Notbburga, poetisch erzählt"; „Was das ewige Licht erzählt" (Gedickte, über das heilige Altarssakrament, 7. Auflage, 1888, unter dem Pseudonym Cordula Pcregrina); „Bausteine" (zwei Bündchen, die Lieder über die Sonntagsevangelien und Festtagsgeheimnisse enthalten, und deren Erlös die an irdischen Gütern nickt reiche Dichterin dem Bau einer neuen Kirche zuwandte); „Katholisches Haus- nnd Familienleben"; endlich eine „Tiroler Dorfgeschichte", worin die himmlische und irdische Liebe in ihren Zielen, Opfern und in ibrcm Glücke geschildert ist; außerdem schrieb sie »erschiene treffliche, durchaus poetisch angehauchte religiöse Bctrachtungs- bücker mit eingelegten Gedichten, die sehr zu empfehlen sind. („GebhardnSbuck", „Weg nach Golgatha", „Krippe und Altar".) Von den drei Bündchen wirklich guter, zum Theil reckt volkSthümlichcr und darum schnell beliebt gewordener Erzählungen nennen wir mit Auszeichnung die literarischen Erzeugnisse: „Die Lilie des hl. Antonius von Pcwua", „VincentiuS und Paula", sowie „Das Sonntagskind".'*) Gar bald sind Cordula Wübler's Name und ihre gediegenen Schöpfungen in der deutschen Lescrwelt bekannt geworden. Erfüllt von Eindrücken und Erscheinungen aller Art, in der frischen, unverbrauchten Kraft und mit feuriger Phantasie begabt, schuf sie ein Werk nach dem andern mit bewunderns- werthcr Prodeirtivitär. Sie ist daher eine Autorin von jener kräftigen Art, die darauf hindrängt, die Bilder und Gestalten der vom Christenthum vollständig erfaßten Phantasie in knappen Strichen auf daö Papier zu werfen, eine Autorin, der ein weiter Gesichtskreis und ein sicherer Blick für die Auswahl ihrer Stoffe und ihrer Durchführung im Einzelnen zu Gebote steht, und die es gerade dadurch versteht, ihren Werken den Stempel einer geschlossenen Eigenart aufzudrücken. Eines ihrer besten Werke, „Krippe und Altar", erscheint soeben in dritter Auflage und eignet sich dasselbe infolge seines gediegenen Inhaltes und billigen Preises — 3 Mk. 7ö Pfg. — sowohl als Betracktungsbnch für die heil. Adventzeit sowie auch als Weihnachtsgeschenk. Möcktcn daher recht viele Familien, besonders aus den Bcamtenkreisen, nach dem Büchlein greisen, welches auch in seiner äußeren Ausstattung viel Lob verdient. Sie werden es nicht ohne die mannigfachste Anregung aus der Hand legen. Hätten die Cordula Wöblcr'schen Werke nur den vorübergehenden, zweifelhaften Werth, wie ihn leider Gott Hunderte moderner Erzählungen und Dichtungen haben, dann würde die Autorin an dieser Stelle nicht genannt fein. Eine kurze Prüfung einer einzigen hier angeführten, dem Werke „Krippe und Altar" entnommenen Strophe möge genügen, oben angeführte Worte zu bekräftigen: — Vorahn ung. Ihr Vöglein, laßt euch fragen, Was singt ihr heut' so holv? AlS wen» ibr mir was sagen Tief in die Lreelc wollt! Ich möchte init euch singen, Wenn ich's so lieblich könnt'! — Auch dein Lied soll erklingen, Herz — morgen ist Advent! Recensionen und Notizen. D Handbücklein der kathol. Presse. Heinrich Kcitcr, der unermüdliche Förderer der Interessen der kathol. Presse und Literatur, Redacteur des „Deutschen Hausschuhes" in *) Sämmtliche hier angeführte Werke sind stets vorräthig und zu beziehen durch daö Litcrarische Institut von vr. M Hnttlcr (Michael Seih), lL 160. Negensburg, bat den bis jetzt erschienenen 4 Jahrgängen seines „Katbol. Literaturkalenders" ein Büchlein folgen lassen, welches ausschließlich der kathol. Presse gewidmet ist (Selbstverlag des Verfassers). Das hübsch ausgestattete Wcrkchen enthält zunächst eine sehr sorgfältig bearbeitete Statistik der katholischen politischen und kirchlich-politischen Presse deutscher Zunge in Deutschland, Luxemburg, Oesterreich-Ungarn und der Schweiz (nach Staaten bczw. Provinzen geordnet), sodann ein Verzeichnis der Fachzeitschriften (nach Materien geordnet), eine eigene Rubrik über die katholische Presse in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, ein Verzeichnis; der katholischen Kalender (1211), genaue Mittheilungen über die bestehenden ZeitungS-Correspcnvcnzen, Agenturen für Feuilleton-Bedarf, Anstalten für Herstellung von Autotypien und Zinkätzungen, Agenturen und Verlagsbandlnngen, welche Buchdruck-Clickös liefern, endlich ein Verzeichnis katholischer Schriftsteller, welche Feuilleton- und Kalender-Material liefern. Auch die katholischen Pretzvereine in Deutschland und Oesterreich sind nickt vergessen; sowohl über den deutschen Augustinus-Vcrein als auch über die beiden österreichischen Vereine erkält man genauen Ausschluß. Der Herausgeber hat sich durch sein neues Werk den Dank der ganzen katholischen Presse verdient. Aber nicht nur den Redacteuren, Verlegern und Schriftstellern, sondern auch dem inserireuden und litcratursreundlicken Publikum wird das „Handbücklcin der katholische» Presse" ein wichtiger Führer auf einem Gebiete sein, dessen stetige Ausbreitung durch die Statistik in erfreulichster Weise bestätigt wird. kszzodoloFia rabionalis sivs pdilosopdia äs anima Imma.ua. In usum soliolsiium. ^.uelors Psruaräo Losääsr 8. ä. Oum Xpprob. Lvu Xrebisp. IkriburA. 8°, XVII, 314. l?ribnr§i Lris§., Ileräsr 1894. krstüum: 21. 3,20; lix. 21. 4,40. ä. v. D. Den bereits erschienenen und früher besprochenen 4 Bündchen dcS >6ursus pliilosopbieus. In usum soliolarum - folgt hiermit das fünfte. Die Ausstattung ist wiederum trefflich; die Latinität flüssig und leichtverständlich. Der ganze Stoff wird eingetheilt in zwei Bücher. Das erste handelt: äs aetibus eb kaeultatäbus aniiuas Iiumanas, und zwar in 5 Kapiteln. 6apub I bringt die ävAmata lunäainölltalia: äs äis- kiuctious kaeult.at.uw aniwas und aus der Kosmologie (kliilo- sopdiu nakuralis) äs sorxors vivo vSAStali st animali. 6aput II: äs ssnsu kowinis (äs sudjeoto aotus ssutisoäi, ortu sensationis, ssusibus sxtsrioribus st interioribus). 6uput III: äs intsllsotu Humana (ojus iwwaterialitas, od- gsekum; oriKo priiuarum iäearum; oonseisntia sui ipsius aniwas; woäus eoxuitiouis intellsetualis; intelleetus ratio- oinans; wsworia inbellsetiva; verbuw wsntis sto.). 6aput IV: äs kaeultatibua rrppstitivis Iiomini propriis (apxstitus ssusitivus; voluntatis objsotum, libsrtas iuäitksrentias sto.). 6aput V-. äs pobsukiis st haditidus aniwas in Asners eon- siäeratis. DaS zweite Buch handelt: äs natura Humana in 2 Kapitell;. 6aput I: äs priuoipio naturas humanas in spssis consiäsratas sivs äs aniwa ut priuoipio prima vitas rationalis (animas simplieitas, spiritualitas, imwortali- tas). 6 aput II: äs natura Humana ei auima rationali st vorpors oonstituta (aniwas uuitas; moäus oorpori unionis; ssäss animas, ori§o ojusgus oum oorporis oriAius oannsxio; natura aä psrsonam humanam eomparatio). In einem kurzen Appendix ist zum Schlüsse Rede vom Spiritismus. — Dieser ganze Inhalt wird durchgeführt in syllogistischcn Beweisen von 53 Thesen. Klarheit und Uebersichtlichkeit gewinnen dadurch. Für die Einwürfe und deren bündige Widerlegung ist zu Ende der einzelnen Thesen der Kleindruck gewählt, und tritt auch so das Wichtigere schärfer hervor. Eingebender werden im Zusammenhange die falschen Theorien über die menschliche Erkenntniß zurückgewiesen. So die von Spencer, Locke, Kaut, der TraditioualiSmus, die eingeborenen Ideen, der OntologiS- mus. Gelegentlich werden auch manche andere irrige einschlägige Ansichten, wie von Nosmiui, Longiorgi uud Palmieri (beide 8.I.), berichtigt. Seinen längeren Aufenthalt in England benutzte der Verfasser, um sich auch in englischen Autoren näher umzusehen und öfter zu verwerthen. Im Allgemeinen bemüht sich der Verfasser sichtlich, an St. Thomas sich anzuschließen. Nur ist ihm dies nickt stets gelungen. So z. B. in der Eintheilnug. Die rationelle Psychologie (philosophia äs anima) muß zunächst das Wesen der Seele erforschen, um aus diesem tiefsten Grunde die Seelcu-Kräfte und -Thätigkeiten zu erklären (vgl. 8. Bh. I, gu. 75, Einleitung). Ferner ist St. Tbomas, Wie seinen großen Zeitgenossen, die äistiuotio kormalis zwischen der Seele und ihren Kräften und zwischen den letzteren untereinander unbekannt. Sie nehmen in beider Hinsicht eine äistiuotio rsalis an. (Vgl. 8. Louavouturu — säit. tzua- raeolii — 2. 8eut äist. 24, p. 1, a. 2, gu. 4 und 8oho1ion dazu; TiAÜara, 8umma pliilos. Tom. 2, I. 3, op. 1, a. 1; I. 4, op. 1, a. 2; LKAsr, kropaeäsutiou sä 4 a, kszwdol. 8sot. 2. llraet. 1, op. 1, a. 1; op. 3, a. 2; Eommcr, System der Philosophie, 3. B., 4. Kap. § 1; 5. Kap. § 1, 4) Manche Tbeien scheinen uns gar zu laugathmig, manche Partien zu weitschweifig. Zum neuen Jahre! Eine Octave A B C-Stndien aus der Fibel und Bibel zur Anregung und Unterhaltung für Junge und Alte von Carl Maria Sam berge r. Bambcrg 1895. Commissionsverlag der Sckmidt'schen Buchhandlung (L. Schindler). 175 S. Preis 2 M. Vs. Ein origineller Titel für ein originelles Büchlein. Unter die Hauptrubrikcn der sieben Wockcntaae sammt der Octave und die untergcordn. Rubriken der einzelnen Buchstaben des Alphabets ordnen sick Schlagworte, welche mit den betr. Buchstaben des ABC beginnen. Diesen Schlagworten fügt sich an eine buntschillernde Menge von Gedanken, Reflexionen, Wortspielen, Antithesen über Zustände der alten und der neuen Zeit, über alte ernste Wahrheiten und moderne luftige Thorheiten, bezüglich letzterer bald im Tone ernster Rüge, bald im Tone heiteren Spottes. Geschickte und Politik, Familie und Gesellschaft, Wissenschaft und Literatur, Schule und Haus, Kirche und antikirckliche Strebungen — das alles in buntem Wechsel wie in einem Kaleidoikop, bisweilen untermischt mit einem kurzen Poem. Und alles durchdrungen von gläubigem kirchlichem Geist, geleitet von dem Streben, die irdischen menschlichen Dissonanzen aufzulösen zu dem höheren Accord eines übernatürlichen christlichen Lebens. Das Büchlein ist gedankenreich und regt wieder zum Denken an. Die ägyptische Fürstentochter. Ein Weihnachtsi'picl in 3 Auszügen von Jos. Hccher. Stuttgart, Jos. Noth'sche V-rlagshdlg. 8°. 53. Pr. 60 Ps. s. Atossa, die Tochter Balthassars, eines der hl. 3 Könige, ringt, während der Vater fortgezogen, den »Stern Davids" zu jucken, in der Heimath in schwerem Geistcskampfe nach Erkenntniß der Wahrheit. Eine jüdische Sklavin vermittelt ihr Israels Hoffnung auf den Messias, und schon ist sie nahe daran, zu demselben Glauben sich zu erschwingen, wie ihr Vater, da fällt ein auirührcrischer Negeifürst über Balthassars Reich her, erobert die Königsstadt und führt alle in Gefangenschaft. Atossa wird eingekerkert und soll nur befreit werden, wenn sie einwilligt, die Gemahlin deS Siegers zu werden. Folterwerkzeuge sollen ihre entschiedene Weigerung brechen. Im letzten Augenblicke kommt ibr Vater mit starker Heercsmacht, besiegt den Empörer. Atossa siebt diese Befreiung als ein Werk des wahren Gottes an und glaubt an ihn. Beim SiegeSfest erzählt Balthassar Von dem göttlichen Kinde und seiner Mutter. Mit der Verehrung der hl. Familie, welche auf der Flucht in das Reich Balthassars gekommen, findet daö Stück seinen Abschluß. In solcher Darstellung gefällt uns die Tochter des Magiers bedeutend besser, als wie Lewis Wallacc in Bcn Hur sie gezeichnet, welchem Hecker in der.Erzählung des Zusammentreffens der 3 Könige gefolgt zu sein scheint. Das Spiel ist dazu angethan, gewünschte Abwechselung in die Weihnachtsspiele zu bringen. Lucas Ritter v. Führich's ausgewählte Schriften von Heinrich von Wörndle. Stuttgart. Verlag Noth, 1894. D. II. Wir haben in diesem gediegenen Schriftchen eine Veröffentlichung des Nachlasses deS zu Wien 1891 verstorbenen Ministcrial- und HofrathcS Lucas v. Fübrich, des würdigen Sohnes Joscf's v. Fübrich, unseres bockgefeierten, weltberühmten Malers, vor uns. Der Herausgeber schickt eine mit lebhafter Pietät geschriebene Biographie des Verewigten voraus. In den „Erinnerungen aus einer Künstlerwohnung" werden wir mitdenLebenSver- bältnissen dcS großen MalerS Josef Führich vertraut gemacht. Die anderen Aufsätze (5) lassen uns einen tiefen Btzck in die gottbegnadcte, kunstliebcude Seele des Verewigten thun. Während manche der erwähnten Aufsätze schon früher in Druck gekommen, sind andere und eine Anzahl Gedichte hier zum erstenmale veröffentlicht. Das treffliche Büchlein wird allen willkommen sein, die sich an trefflichen Charakteren begeistern wollen; so einer war der Verewigte, dem Slöber in der Vorrede die Worte widmet: Er war ein echter Gelehrter, ein sinniger Kunstsreund, ein inniger Poet, er hatte ein goldenes Herz. 6 N H)i- -i- « «r s^s 0». ^ S ,-^SZ As->- L .SIS S ^N- --N S ^ S ^E> 7§ -L> - ÄZZ A 'S s^ L>. -!- N s L' S- S S S Q S G S T «r N d W 8-2 Q s s so s 'S s s? „"S.ss>^^r.^s«> -^ u 7 > »«>x> s L <»r -s " s x^S Z LLm^ -^-ZA §3 c- ! L«. .X'l X! ?> § - '7 « 8 L 8 « 8 ^ 8 «> >» '8 ZA 7«q-Z^-S° KXLZ ^ : « « ^ ^ ^ ^ ^ r- ^ L " -Kb°GLFZ- «-S?H---Z°LZ «'" ^Zs-s«'"-M'Z o -<2 q2 L2. -v-« -tzL S^N ^ , 7-^ rü o -N-" -> Z ZnR - Srs^ " 'L-S 8 -i ^ » §L-S- L L» " ^ ^ LS «SS ^ «r»02 « « " « ^8l2.s o 6 S-.'L r:D"».« o « "X . -L2 27) L2 ^ c^ >O ^2 ^ b2- ^ . » L-—Z 2 ^ ^ 'U 2d j j L ^ rZr-vr-c-^^o^» ^ ^ ^ ^ x ^.2 gz^ ^2 » S " ^.^5- 1 -^2 ^ .2 -: o^sr s ^ ^ .s Lk> ^ o «ZG »'r: ^ S^-o ^ "^N x" R^^-S:^„E!4 .^-L>--^.S -A- ZZ 6 « u-s >7-''' "Ls-L^^-L-.s Z-« --^LLZZübs^s« ZP-OS-Ar-KAx^o^Z^-.^-sL-^'^'? --3-27^ L« ,.^-Z L^NZ Z ZN"^LZI G^^L4^^-8--Z--^ZZsZS K Z'ZLSZ 6^G?L^Sd"Z ^s^>-^K- § ^ ^ ^ «2 ^ ^ 7^ L <2 L: >2 r-. -S^^Oo -.2?) L b:Z^^ " V . 2 «) rr ^ ^ ^ l70.77 77 ^ ^t^s) » 2 «" L o.Z ZZN Z^ 'S _cr r- 'S- «2 T . !2 L ^2 E> «- r- ^> «.02 X b « 77 - § 2 rr ^.rs -2 -^ . ^» L . ^LO o ^ 77 ^ o ^ ^^'.2 . 2 77 . 2 ^ ^N Q Q 'Isis L s--sd S-^ ^ZZ"-^>kZs».D ^ L oQ — o "" ^7 . ^ S x- -« ^ 8-'d S?^^Ts AZ^-ZL - . " "-T^Z'-L'Vx SL-ZPZZT^ . ;°«2 . ,G-->^Q- -<-». >^L^N .U s; ü? .^r- ; «> ^ÜZ-S.Ld W «.^,«>.2 -§0 ^ Q Q <2 'O ^z. o >S^ »ZS'LA^T«^' - E^AZVZ ^> "^s?.§ 'L ^ 'x ^ 8, - - -A^Z 21 S SL " 8 ^ ^ L^Z -Z< ) o o .^2 . ^7^ SZ»-NZ?ss-^G -L^ RlS^ö^ZG'^L'' O^T ^ . '»-^ -L> - ^ >A»5)Ü? ^ 2 ^'L V Q-^ L; -S>- .Ld-- s ^ ?^>- n-s .X-r^ZÄ-LOx ^^-i o 2: d . « Lx-^s ' ^ «ZZ!" ->--... — Z «S" 2 sZ^V -S^-SZ^T^Sg--^ »-» tT^k ^ M o ^ ^ o o:^r ^ ^MO .,Q Z — . .^ o ^^^02-7- r_. ^ -Ip ?0 ^ -^-> M >—, ^ ^ ^ ^ «r . k^I L> ''2^^s -QNL^^tL) ^»-^ 1 ! §-^ § m' s ^ Z ^ « ZL.-S ^-S'SNS-Z^ Z-S« ^ßß'Z^IZZkE M-?8«-s«G?ß o « ZS "N 8 ZZ ^ -'KGX°Z §L Verantw. Ncdcictcur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Vrrlag dcs Lit. Instituts von Hans L Grabherr in Augsburg. 49 Zeililge zU Augubmger Weitung.«^ Gustav Adolf. Nach seinem Leben, seinem Charakter und seinen Thaten geschildert von A. G. Motto: Bet', Kindlcin, bet'! Bet', es kommt der Schweb'! Bet', es kommt der Ochsenstern, Der wird's Kindlein beten lehr'». (Worte eines alten Klagliedcs.) Der 9. Dezember 1894, an dem vor dreihundert Jahren Gustav Adolf als Sohn Carls IX. geboren wurde, liegt heute, an welchem Tage diese kurze, gedrängte Abhandlung zu schreiben begonnen wird (14. November), noch ziemlich ferne, aber schon sind die Tagesblütter voll mit Berichten großartiger Versammlungen, mit Ausführung von Festspielen, lebenden Bildern rc. von Seite der protestantischen Bevölkerung, insonderheit von Seite der Mitglieder des evangelischen Bundes. Es ist sicher, die Gustav Adolfs-Jubiläumsfeier, sie bleibt nicht zurück und darf nicht zurückbleiben hinter der hinter uns liegenden Lutherfeier. Während nun der Reformator Martin Luther als „Gottesmann", als „neuer Verkündige! der reinen Lehre des Herrn" bei denen, welche sich nach seinem Namen nennen, eine Berechtigung hat, gefeiert zu werden, kommt es dem nüchternen Verstände eines nüchternen Deutschen mehr als nüchtern vor, daß Gustav Adolf geradeso gefeiert wird, als der „Gottesmann". Gustav Adolf nämlich kann im Grunde genommen nur gefeiert werden als „Blutmann" Deutschlands, und dies halten wir doch für allzu deutsch und allzu gemüthlich. Gönnen wir den Deutschen diese Feiern, besonders jenen, die dem Verein angehören, welcher den Namen des Schwedenkönigs trägt und der ihn als „Vater" verehrt, fast anbetet, während er die Tochter des Vaters — Christine — bei allen möglichen Gelegenheiten verdonnert, und feiern wir selbst mit! Ja, wir wollen das Jubiläum nicht vorübergehen lassen, ohne kurz und prägnant Gustav Adolf auch in diesen Blättern zu feiern ohne Voreingenommenheit, kina irg, 6t oäio, zu feiern ihn als den, was er war, wie er war und was er für Deutschland vollbrachte. Schon mit 17 Jahren wurde er König von Schweden und führte alsbald drei Kriege: gegen Polen, gegen Dänemark, den der Friede zu Knäröd 1613 schloß, gegen Rußland, der mit dem Frieden von Stolbowa 1617 endete. Dies berührt uns Deutsche nicht. Ein Konversationslexikon bemerkt nach diesen Thaten sehr kurz: am 24. Juni 1630 landete er an Deutschlands Küste, und am 6. November 1632 fand er seinen Tod bei Lützen. So war er also bloß zwei kurze Jahre in Deutschland! Was aber ist alles in diesen zwei kurzen Jahren enthalten? Welch ein Unmaß von Perfidiel welch ein Unmaß von Grüuel und Elend! Wir haben zunächst an der Hand einer unparteiischen, also wahren Geschichtsschreibung darzulegen die Fragen: wer hat Gustav Adolf nach Deutschland gerufen? warum folgte er dem Rufe? welches waren seine eigentlichen Absichten? was hat er für Deutschland „Gutes" geleistet bis zur Schlacht von Lützen? Es muß hier zuerst die Frage aufgeworfen werden: wer trügt die meiste Schuld am 30jührigen Kriege? Wir beantworten die Frage frei und ohne Scheu dahin, daß wir sagen: am ersten Theil dieses verheerende Krieges bis zum Jahre 1629 tragen die Protestanten die Hauptschuld, vom zweiten Theil sind betreffs der Hauptschuld die Katholiken nicht freizusprechen. Die Protestanten haben im Anfang zuerst den Rcligiousfrieden gebrochen, sie haben zuerst eine Allianz geschlossen, sie haben zuerst die Feindseligkeiten in Böhmen angefangen. Es kam das Jahr 1629 und mit ihm das Nestitutionsedikt. Dasselbe verbot den protestantischen Cult in den geistlichen Fürstcn- thümcrn, beziehungsweise stellte es die geistlichen Fürsten bezüglich des jrw rekorwairäi den weltlichen gleich, hielt das rasarvatuin seelösigstioum aufrecht und erklärte die Säkularisation der Kirchcngüter seit 1555 für nichtig. Nun erlauben wir uns zu sagen: Klugheit hätte geboten, dieses Edikt nicht zu erlassen, sondern Frieden zu schließen, da man nie erwarten konnte und durfte, jene Punkte würden angenommen werden; die Protestanten wollten ihren Besitzstand retten und griffen aufs neue zu den Waffen, und die Folge, die traurige Folge davon war die Verlängerung des Krieges auf weitere volle 19 Jahre und dadurch die Verwüstung Deutschlands und die Aufreibung von zwei Dritteln seiner Bewohner. Die Protestanten suchten in dieser ihrer Lage Hilfe, wo sie Hilfe finden konnten, und sie fanden eine solche in erster Linie bei Frankreich, das sich mit ihnen verband, obgleich es im eigenen Lande die Protestanten unterdrückte. Dieser Zwiespalt der Natur ist sehr einfach daraus zu erklären, daß Frankreich sich schon damals durch Erwerben von Ländern, d. h. deutschen Ländern, bereichern wollte. Nicht um die reliZio war es Frankreich zu thun, sondern um die reZio, die man Deutschland abzwicken wollte. Daß Frankreich auch damals der Erbfeind Deutschlands war, geht klar daraus hervor, daß nach der Schlacht bei Nördlingen im Jahre 1634 die deutschen Protestanten und die Schweden zum Frieden geneigt waren, Frankreich aber dazwischen trat und die Fortsetzung des Krieges bewirkte, so daß er noch weitere 14 Jahre dauerte. Der zweite Bundesgenosse neben Frankreich war für die deutschen Protestanten der jugendliche König und Held Gustav Adolf. Sein Bestreben war, kurz gesagt: die Kaiserkrone zu erwerben (sein Kanzler Oxenstierna wäre in Bescheidenheit zufrieden gewesen mit dem Churfürsten- thum Mainz) oder, wenn dies nicht zu erreichen wäre, wenigstens dem deutschen Adler die Federn ordentlich auszu- reißen — letzteres gelang mitunter mehr als zur Genüge! — Die neue Religion zu schützen, wie vorgegeben war, ist einfach große Heuchelei, sonst nichts. Daß er ersteres wollte, hat er selbst, ein Jahr bevor er nach Deutschland zog, ausgesprochen mit den Worten: „si rvx 6rik viotor, (lvrmani xrasäu Erunk", also ex ora tuo fuclico ts. Es ist der Fundamentalsatz, der gleichsam als Motto für die damalige Zeit galt, nicht aus dem Auge zu lassen „eujus regio, illius 6k reiigio", und mit Fug und Recht hat schon Hippolytus a Lapide seinen Zeitgenossen gesagt: „daß, weil nicht um Religionen, sondern um Regionen gestritten wurde, der leere Neligionsvorwaud (vanus ill6 r6lißioin3 xraataxtus) bei Seite gelassen werden sollte." Noch viel weniger galt er der Freiheit Deutschlands, wie man so oft in geradezu unglaublicher Verblendung gesagt hat, sagt und leider sagen wird. Frankreich in erster Linie wollte Deutschland schwächen und deßhalb uneinig sehen, und mithelfen mußte hiezu Schweden; dasselbe that es sub praataxtu raliZionis, in That und Wahrheit aber, wir wiederholen es, um die Kaiserkrone für sich zu holen. Trotz der angeblichen NeligionSliebe wurde vor dem 386 Schweden sogar von Freund und Feind gewarnt, und man ist ganz auf dem Holzwege, wenn man klipp und klapp mit gewissen Geschichtsschreibern annimmt, als sei Gustav Adolf mit weitausgestreckten Armen empfangen worden, denn jeder erkannte, daß, wo immer er Krieg führte, wohin immer er seine Waffen wandte, Deutschland sein erster und letzter Gedanke war; was er betrieb, was er anstrebte, es war nur eine Vorbereitung auf den späteren deutschen Krieg, darum war auch seine wichtigste Sorge, einen Hasen an der deutschen Nordküste zu erlangen, und zwar beschäftigte ihn dieses schon 4 Jahre, bevor er wirklich seine Invasion in Deutschland begann. Wie er in jener Zeit mit gewissen Deputationen verkehrte, des näheren darzulegen; würde über den Nahmen unserer Darstellung Hinausgreifen; es genügen zwei Sätze von ihm: „ Uaata non surrt paota. Inter urina, sileirb legkw;" deßgleichen übergehen wir die unerquicklichen, wenn auch lehrreichen Händel und Streitigkeiten des Schwaden mit Dänemark, Mecklenburg u. a. Wollenstem selbst, der mitunter eine sonderbare Rolle spielte, durchschaute den Schweden ganz und gar und warnte vor ihm. Besonders schrieb er derartige Warnungen des öfteren an Nrnim: „er ist ein gefährlicher Nachbar, auf dessen Treue und Glauben man sich ebensowenig verlassen könne, wie auf diejenige seines Schwagers Bethlen Gabor;" „auch wage der Schwede nichts im offenen Kriege, sondern practicire heimlich." Offen warnte Schwnrzenberg auch vor dem Schweden, bevor er nach Deutschland kam. Er sagte nämlich: „entweder siegt der König, und dann werden die deutschen Reichsstände durch den Schweden schärfer geknechtet sein, als es je ein Kaiser vom Hause Habsburg versuchte; oder der König wird besiegt, und dann ereilt alle die, welche zu dem Ausländer abgefallen sind, die Rache des Kaisers." Und weiter sagt der gleiche Schwarzenberg, nachdem er sich dem Wahne hingegeben, daß der Schwede wohl nur eine kleine Vergütung feiner Anstrengungen haben wolle (sehr bescheiden vom Schweden gedacht!), die er ja, wie er selbst behauptet, zum Wohle der protestantischen Religion gemacht: „wenn aber der Schwede sich damit nicht begnügt, sondern noch weitere Dinge gegen das deutsche Reich im Schilde führt, so müssen wir ihm das vertreiben. Nicht allein die Protestanten müsse" sich znsammenthun, ihn hinauszuwerfen, sondern auch oie Katholiken helfen, daß der freche Eindringling wieder den deutschen Boden verläßt." Bevor wir den Schweden in Deutschland landen lassen als „Befreier", haben wir noch eine Frage, eine wichtige, auszuwerfen und kurz zu beantworten, nämlich die: beabsichtigte der deutsche Kaiser Ferdinand II. einen Krieg mit dem Schwedenkönig Gustav Adolf? Von einer gewissen Geschichtsschreiberei wurde auch diese Frage bejaht, wir verneinen sie ganz entschieden und beweisen dieses unser Nein kurz in folgenden Sätzen: Gustav Adolf hatte eine Stadt auf deutschem Reichsboden besetzt und sammelte in Stralsnnd Truppen, soviel er konnte. Gesetzt den Fall, solches geschähe heutzutage, so wäre damit sofort ein casrm und eine eri-usa. dolli geschaffen; hätte Deutschland derartiges in Schweden gethan, wahrlich, der Schwede hätte auch sofort losgeschlagen. Der Kaiser aber wollte, wie er an Wollenstem berichtete, deßwegen keinen Krieg. Diese Ansicht des Kaisers datirt vom Januar 1630 — aber Gustav Adolf wollte Krieg, schon längere Zeit, wie wir schon oben nachgewiesen haben, er wollte Krieg auf deutschem Boden, obwohl selbst Oxen- stierna im Anfang nicht für den Krieg war, sondern nur wollte, daß sich sein Herr zum Herrn des Nordens machen sollte. Ja, Gustav Adolf vergab ja seinerseits durch seine Gesandten bereits deutsche Fürsteuthümer, ein Jahr bevor sein Fuß den deutschen Boden betrat. Ueber- gehen wir gewisse scheinheilige Verhandlungen und Unter- handlungen des Schweden, und fassen wir nun seine Thaten und Unthaten ins Auge vom Sommer 1630 an, also von der Zeit an, in welcher er in Pommern landete und dieses Land zum Veitritt nöthigte, obgleich Herzog Bogislaw von Pommern Gesandte an den Schweden vorher geschickt hatte mit der Bitte, sein Land zu verschonen und dort nicht zu landen, worauf der Schwede erwiderte, „er habe keinen Grund, Pommern zu verschonen, denn der Herzog und die Stände seien in Rath und That schon feindselig gegen ihn gewesen" — Hnoä orut äamonstranäuill. Er landete bei der Insel Uscdom ungehindert, eine eigentliche Kriegserklärung an den Kaiser erließ er nicht, er behauptete, „in den Schranken der Vertheidigung zu stehen, in welchem Falle der Krieg nicht durch Herolde, sondern durch die Natur und von selber angesagt werde." Geht über diese Frivolität etwas in der Geschichte? Kaum auf dem Lande angekommen, kniete er nieder, dankte Gott für die glückliche Landung, betete und forderte die Seinen zum Gebete auf mit den Worten: „Betet, meine Freunde! Je mehr Betens, je mehr Siegs! Fleißig gebetet, ist halb gefochten!" Es mag dies ein theatralisches Schauspiel gewesen sein, würdig, bei einem Gustav-Adolf-Festspiel öffentlich aufgeführt zu werden, wir aber halten dieser Komödie die Worte des großen Propheten Jsaias entgegen: „und ob ihr wohl eure Hände ausbreitet, und ob ihr viel betet, höre ich euch doch nicht, denn eure Hände sind voll Bluts" und, fügen wir bet, eure Herzen voll Hochmuth und Heuchelei. Geradezu blasphcmisch ist das Wort, das dieser sonderbare „Gottesmann" nach seinen ersten kleinen Eroberungen sprach: „Die Gnade Gottes ist bei mir!" Die Zeit zu seiner Invasion hatte der Schwede sehr glücklich gewählt: Wallenstein war entlassen, das Heer vermindert, die Kurfürsten in Negensburg versammelt, die Truppen tu Pommern zwar den Schweden numerisch überlegen, aber ohne Thatkraft. Gustav Adolf besetzte Stettin, der alte Herzog wollte die Stadt nicht übergeben, der Schwede aber schrieb an den Magistrat der Stadt: „Faßt einen Entschluß, die Sache ist dringend; die Sonne wird in Bälde untergehen, und ich bin nicht gewohnt, in der Nacht auf den Wällen Schildwachen auszustellen. Eilet und nöthigt mich nicht, zu wirksameren Mitteln Zuflucht zu nehmen, wenn meine Worte euch nicht überreden können." Und die Stadt wurde übergeben am 20. Juli 1630. „Stettiner! Ich komme zu euch als euer Freund, um euch und euren Fürsten von den Räubern zu erlösen. Ich komme nicht als ein großer Potentat, sondern als ein Soldat, um euch zu schützen!" Schöne Worte! nur schade, daß alles erlogen ist. Wer sind die Räuber, vor denen der Schwede die Stettiner schützen will? Er selbst war der Räuber, der ungerufen in das Land eindrang! Der Kaiser selbst und die Kurfürsten schrieben damals an den Eindringling nach Stettin, ein Schreiben, worin von weiter nichts als der Geneigtheit zum Frieden und den Vorstellungen gegen einen Krieg die Rede ist. Und der „Netter" Adolf, er wartete zwei Monate, bis er eine „gnädige" Antwort gab, und wie lautete diese Antwort: „Zwar sei es schon für einen gedeihlichen Frieden zu spät; doch wolle er in Unterhandlungen treten, wenn der Kaiser den Stand der Dinge, wie er im Jahre 1618 gewesen, wiederherstelle und ihn — den Sckweden — für seine Kriegskosten entschädige." So ungefähr hatte der Usurpator Napoleon I. auch geschrieben, und er wird deßhalb mit Recht von dem deutschen Volke verdammt. Und Gustav Adolf wird von einem Theil des deutschen Volkes gleichsam angebetet und war kein Härchen besser, als Napoleon I. Wie konnte er dem Kaiser gegenüber eine solche Sprache führen? mit welchem Rechte konnte er eine Rückerstattung der Kriegskosten verlangen? mit welchem Rechte eine Wiederherstellung der Zustände, wie sie waren 1618? wer hatte den Schweden gerufen? Niemand! Er will nichts, gar nichts anderes, als Krieg, und im Hintergrund sieht er auf Trümmern eine Kaiserkrone, nach der er mit größter Gier die Hände ausstreckt — ohne sie gottlob zu erreichen! (Fortsetzung folgt.) Lcmndpot und ordmmg der vischereyen halb in Bairn von 1516. (Vertrag von Max Frhr. Lochner von Hüttenbach auf der 6. Wandcrvericnnmlnng dcS schwäbischen Fischerei-Vereines zu Dillingcn am 21. Oktober 1891.) Schon unter Albrecht IV. dem Weisen von Bayern- München und unter Georg dem Reichen von Bayern- Landshut waren Ordnungen und „lanndtpote" errichtet worden, die im Lauf der Zeit wenig gehalten worden und zum Theil in Vergessenheit gekommen sind. Da beriefen die Söhne Albrechts IV., die Herzöge Wilhelm IV. der Standhafte und Ludwig von Vohburg, auf dem Landtag zu Jngolstadt am 14. April 1516 Abgeordnete aus allen Stünden nach München, um mit ihnen und den herzoglichen Räthen die alten Ordnungen zu berathen. Das Ergebniß dieser Berathung war „ain Satzung, Ordnung uund Lanndtpot", die uns in einem prächtigen Druck erhalten ist. Uns interesfirt insbesondere die „nottürfftige Lannd- pot und ordnung der vischereyen halb in Bairn". Die Ordnung soll gelten einmal „auf der Thunaw von Rain bis gen Passaw", dann zweitens „auf allen anndern flicssennden vischwassern". Eingangs der Ordnung für die Donau ist dessen gedacht, daß sowohl Herzog Albrecht, als auch Herzog Georg für die Donau schon eine Fischerei-Ordnung erlassen haben. Doch ist die Ordnung nicht mehr gehalten worden, „daraus dann dem vischwerch groß Verödung ervolgt". Deshalb wurde eine neue Ordnung aufgestellt, die in Folge Uebereinkunft auch im Neuburgischen angenommen wurde. Die Einhaltung derselben sollen die Ambtleut, Pfleger und Richter überwachen. Thuen die es nicht, so sollen sie vor dem Vitzdomb oder Renndt- mayster erscheinen und von diesem „mit gelübden ver- strickht" werden, daß sie sich vor dem Herzog stellen. Man sieht daraus, daß die Ordnung nicht blos auf dem Papier stehen sollte. Zunächst werden verschiedene Fanggeräthe vollständig verboten. Es sind dies die Archen, Legschcffel, verbundne oder verdeckte Neusten, Holzreussen, Gleyder- (Schweibcr-) Körbe, Geränterpürd, Geschirr, daran man die flinnderl hängt (eine Neuerung). Sie sollen hin, abgethan und in allweg verpoten sein. Andere Geräthe oder Fangarten sollen nur zu bestimmten Zeiten angewendet werden, so das Legen der Gleyder oder Schweiber von Bartlmeßtag (24. August) bis saut Jörgentag (23. April), der Zawnschern von Lichtmeß (2. Februar) bis sant Jörgen, das Schrätten von Ostern bis auf sant Laurentzntag (10. August). Das letztere wird besonders als „ain Verödung und verjagen aller visch in der Thunaw pringend" bezeichnet. Von den Netzen werden insbesondere die „Pern" erwähnt, die das „lischt" haben müssen, als das „pritl" anzeigt. Dieses Blaß gibt 12 ein an. Verstehe ich diese lichte Weite recht, dann ist als Malcheugröße des Netzes 85 inm bestimmt, während nach der jetzigen Ordnung 30 ruirr vorgeschrieben sind.*) Außerdem sind auch ganz verboten die „dickhn gärn". Es soll auch keines an das andere mehr gebunden werden dürfen, weil das eine große Verödung an den Fischen mit sich bringt. Heutzutage laufen Klagen, daß einer gleich auf Kilo- meter Länge Netze einhängt und treiben läßt! Auch das sogenannte Brittel-Maß ist festgesetzt. Zu dem Ende sind die einzelnen Fischarten in der vorgeschriebenen Größe in Abbildungen beigefügt. Der „Alltn" (Aland) hat 16 om. Für diese Fischgattung kennt man jetzt gar kein Minimalmaß. Brachsen und Karpfen haben 32 ova. Für den Brachse» sind in der bayrischen Landesfischerei-Ordnung von 1884 28 om vorgesehen, während für den Karpfen kein Maß festgesetzt ist. Im Bodensee hat man für ihn 25 om genouunen. Der Huchen hat 33^/» ercr; heutzutage findet man 54 om für genügend! Auch die Barbe hat ihr Maß mit 30^/z cw, heute 28 ein. Der Schied hat 30, der Hecht 31^^ ein. Für den Hecht kennt die Bodenseefischereiordnung 30 ein, ein Maß, das sich ziemlich mit dem alten deckt. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, daß für diesen Fisch wieder ein allgemeines Brittelmaß eingeführt wird, sogar werden muß! Auch der Nerffling erfreut sich eines Maßes von 28 om. Die Forelle hat 30, heute 24, die Aesche 27'/z, heute 29 ein zu verzeichnen. Schließlich kommt noch sogar der Krebs mit 9 ein von der Schnauze bis zur Schwanzspitze. Man sieht also, daß so ziemlich für alle Fischarten, die für den Markt von Bedeutung sind, Minimal- oder Brittelmaße festgesetzt waren. Schließlich wird noch, um ein Ueberfischcu zu Verbindern, bestimmt, daß „auff der Thunaw, auf den wassern, die von der Thunaw zuegang haben und in denselben zugeenden wassern", also im ganzen Stromgebiet der Donau, nur die Fron- und gemeinen Fischer, die verdingte Wasser an denselben haben, fischen dürfen. Sie haben sich aber bei aller Arbeit an das Britlmaß zu halten. Das gleiche ist zu beobachten in den gemeinen Wassern, in denen „mag man bischen, wer da wil". Im zweiten Theil der Ordnung, der, wie Eingangs erwähnt, sich mit den andern fließenden Fisch- wassern beschäftigt, wird ebenfalls festgestellt, daß sich „in und bey anndern wasscrstramen und vischwassern uunsers Fürstcnthumbs Bairn" ebenfalls „grosse Unordnung und merckliche eröduug der fisch dem gemaineu nutz zu schaden" eingeschlichen hat. Es soll deshalb die Ordnung für die Donau auch für diese Wasser gelten. Insbesondere werden die Archen auch auf dem „yn, yser" u. s. w. verboten. Hecht, Karpfen, Huchen und Barben haben das gleiche Brittelmaß; doch soll auch das Maß der andern gehalten werden. *) Es wäre das eine auffallende Maschenweite. Von dem Borne iübrt in seiner neu erschienenen Sügwasserfischcrei indessen auch das Blei- oder Brachsen-Netz der Oder an, das 70 mm weite Maschen hat. und mit dem Brachsen, Schied und Zander gcsangcn werden können. 388 Bezüglich der Krebse wird dann am Schluß an das erwähnte Maß erinnert. Nur die rechten Steinkrebse sind in diesem Verbot nicht inbcgriffen. Der dritte Theil der Ordnung handelt von den „straffen der so obverschribne gegot überfarn". Wer sich gegen das Mittelmaß verfehlt, hat zwölf Pfennige, wer sich gegen die andern Vorschriften ein Verschulden zukommen laßt, einen „gülden rcynisch" seiner Gerichtsobrigkeit zu zahlen. Alle diejenigen Stellen, wie Vizedom, Hauptleute, Pfleger, Nentmeister, Richter, Hofmarken, Städte und Märkte, welche zur Aufrechthaliung und Handhabung der Ordnung berufen sind, haben vereidigte Aufseher zu bestellen, die „vleissig aufsehen zu haben". „All unnser Preläten, die vom Adel nnnd annder die »unsern, so Vischlehen auf der Thunaw und andern wasserstramen, auch gemaine oder aygne vischwasser in unnserm Fürstenthomb haben", werden ebenfalls ermähnt, „bey vermeydung vorgeschribner pene und straff" die Ordnung zu halten. Mit den Bischöfen zu Salzburg, Eichstätt, Freising, Negensburg und Passau soll in Unterhandlung getreten werden, daß sie die gleiche Ordnung einführen möchten. Von Interesse ist der Schlußartikel, der sich mit dem Fischen in gemeinen Wassern beschäftigt. Demzufolge darf nur derjenige in den gemeinen Wassern fischen, der mit den nächst umliegenden Anslößern „wnnn, waid, trib und trabt" hat. Wer das übertritt, hat 60 Pfennige zu zahlen. Die heutigen Fischordnungen enthalten in der Hauptsache drei Theile: Bestimmungen über eine Schonzeit, über das Minimalmaß und über Fangartcn und Fang- geräthe. Wir haben gesehen, wie die alte Ordnung von 1516 oft in sehr strenger Weise den Anforderungen über Mittelmaß und Fanggcräthe gerecht zu werden suchte; die Erkenntniß, daß man durch Schonen der Fische in der Laichzeit die natürliche Fortpflanzung schütze und ein vermehrtes Fortkommen von Jnngbrut erziele, ist erst später durchgedrungen. Jedenfalls aber ist der Beweis geliefert, daß man auch schon im 16. Jahrhundert Fischereiordnnngen zu machen wußte und daß nicht erst die Neuzeit sich in einem Plagen der Fischer durch Aufstellung allerhand lästiger Vorschriften gefällt. Ohne Ordnung und Gesetz geht es bei der Fischerei so wenig, wie anderswo, und vielleicht, ich sage nochmals vielleicht, sehen es alle Fischer und Fischereiintcressenten noch einmal dankbar ein, daß durch weise Vorschriften ihnen ein gewisser jährlicher Ertrag sicher gestellt werden kann, während sonst, wenn der bequemere Raubbau zugelassen würde, auf ein fettes Jahr gar schnell die sehr mageren Jahre folgen dürften. Heim verhehlt sich nicht, daß in der Berechnung, die wir hier übergehen wollen, eine Menge kleinerer und größerer Fehlerquellen steckt. Der berühmte Schweizer Geologe hat dieselben eingehend überlegt und ihren Einfluß aus das Resultat zu berechnen versucht. Manche der Fehler heben sich gegenseitig wieder auf, andere nicht. Wenn man alle Fehler möglichst ungünstig combinirend und groß annehmen will, mag sich das Resultat um 50°/g, vielleicht sogar um 100 °/„ ändern. Aber trotz dieser möglichen Fehler bleibt das Resultat der Berechnungen des Schweizer Geologen noch immer höchst interessant und nützlich. Auf ganz exakte Berechnungen durfte man ja niemals hoffen! Wir haben wenigstens, sagt Heim, so viel erreicht, sagen zu können, daß seil dem Rückzug der diluvialen großen Gletscher der letzten Vergletscherung wenigstens 10,000, höchstens 50,000 Jahre vergangen sind, und daß es sich jedenfalls bei der Frage nach dem Alter der Eiszeit weder um einzelne wenige Jahrtausende, noch um Jahrhunderttausende, wohl aber um einige Jahrzehntausende handelt. Die Größenordnung der Jahrzahl darf doch wohl als ein sicherer Gewinn dieser kleinen Untersuchung angesehen werden — ein Gewinn, der übrigens in vollem Einklang steht mit dem, was mir, fährt Heim weiter, in Erwägung aller Thatsachen stets als das Wahrscheinlichste erschienen ist. Wenn 16,000 Jahre seit der letzten Vergletscherung verflossen sind, so schätze ich aus interglacialen Schieferkohlen, interglacialer Thalbildung u. s. w., daß 100.000 Jahre seit Beginn der ersten Vergletscherung verflossen sein mögen. Professor Dr. Brückner in Bern und Dr. Steck haben das Alter der Deltabildungen zwischen Brienzer- und Thunersce zu 20,000 Jahren, das Alter der Aare-Anschwcmmungen oberhalb des Brienzer-Sees zu 14,000 bis 15,000 Jahren berechnet. Es ist nun höchst wahrscheinlich, daß diese Anschwemmungen eben seit dem letzten Rückzüge des Gletschers hinter diese Stellen begonnen haben, und somit ihr Alter nahezu gleichkommt demjenigen der Post- glacialzeit. Diese Zahlen bestätigen die Berechnungen von Pros. I)r. Heim. Nachdem sicher erwiesen ist, daß der Mensch in der Jnterglazialzeit, d. h. in der der letzten Vergletscherung vorausgehenden Epoche schon gelebt hat, wie dieß der schöne Fund bei Taubach (Weimar) beweist, so wird der Mensch Europa schon länger als 10,000 Jahre bewohnen. Feuersteinmcsser, abgeschlagene Bisonknochen, Holzkohlen- stücke, aufgeschlagene Knochen von Löwen und Hyänen wurden hier gefunden. Der leider vor einigen Jahren verstorbene Anthropologe Pros. Schaaffhausen hat auf dem Anthropologencongreß zu Münster im August 1890 das Alter des Menschen zu 15,000 Jahren bestimmt. Das absolute Alter der Eiszeit. Von Max Maier (Scbauflinz). In der Vierteljahresschrift der „Naturforschenden Gesellschaft in Zürich" (Jahrgang 39) hat Professor Alb?rt Heim das absolute Alter der Eiszeit berechnet. Quer durch den Vicrwnldstättersee, unterhalb Brunnen, zieht eine große Endmoräne. Das Seeboden- flück zwischen dem Muottadelta und dieser Endmoräne ist erhöht durch die Concentration der Ablagerungen der Mnoita auf diese Scestrccke. Diese Ablagerungen hinter der Moränenbarriöre müssen natürlich jünger sein, als dir Barriöre. Das Volumen der Anschwemmung und die dazu nöthige Zeit läßt sich berechnen. Die Chronologie des hl. Willibald nach der Klosterfrau von Heidenbeim a. H., einer bayer. Schriftstellerin des VIII. Jahrh. Von I. N. Seefried. (Fortsetzung.) III. Willibald, Bischof von Eichstätt (20. Oktober 743 bis 7. Juli 779). BonifaziuS zum lctztenmale in Rom 735. Hirschmann läßt den Benediktiuermönch Willibald noch in dem unmöglichen Jahre 740 nach Bayern kommen und zu Eichstätt die Priesterweihe erhalten. Die Entfernung Roms gibt er nach Breitegraden (6'/z) an und findet (2 Breitegrade zu 15 geographischen Meilen — 30 Stunden genommen) eine Wcgsentfernung von 195—200 Stunden, läßt Willibald täglich 8 Stunden zurücklegen, auf einem Pferde oder Maulesel reiten und in 25 Tagen das Ziel seiner Reise (Freising) erreichen.^) Woher weiß denn aber Hirschmann, daß Willibalds Reiseziel Freising gewesen? Wo Herzog Odilo damals residirte, wissen wir nicht. Vermuthen läßt sich etwa, daß er in Negensburg oder Osterhasen an der Donau (Altenmarkt, (Zuintianis) Hof gehalten. Die Nonne sagt nur, Willibald sei zu Odilo und Suitgar gekommen, habe sich bei jedem 1 Woche aufgehalten und sei dann mit Suitgar nach Lindhard zu Bonifazius fortgereist.^) Für Liudhart (Ober- und Niederlindhart, B.-A. Mallers- dorf in Niederbayern) habe ich Markt Lindenhardt in Oberfranken (B.-A. Pegnitz) vorgeschlagen, weil, wenn Suitgar nicht bloß Hoswürdenträger (satallöZ?), sondern Graf im Nordgau gewesen, an dieses eher gedacht werden kann, als an die beiden Lindhart an der großen Laber. Außerdem ist nicht zu übersehen, daß in dem unrichtigen, von Hirschmann angenommenen Reisejahre 740 Ostern auf den 24. (17.) April gefallen ist, was er anzugeben unterlassen hat, denn daß Willibald seine Reise nicht nach der Luftlinie, sondern auf Umwegen über Lucca und Pavia (lioeiruw) an den Gardasee vollzog und die Tiroler Hochalpen überstieg, wie sein Bruder Wunibald^) im Jahre 735. Sodann hat Willibald gewiß nicht vor dem 26. April (Osterdinstag), sondern darnach die Reise angetreten (in xuscfia), Sonn- und Feiertage sicher Rast gehalten und sich als erprobter Tourist auch weder eines Pferdes noch Esels bedient (die Nonne wenigstens sagt nichts davon). Unter so be- waudten Umständen wird man es wohl begreiflich finden, daß nicht bloß 25 Tage verbraucht wurden, um an den weit entfernten, nicht näher bestimmten Hof Herzog Odilo's von Bahern zu gelangen, sondern sicher l'/z Monate. Nimmt man hinzu, daß Willibald sich bei Odilo und Suitgar je eine Woche aufgehalten, so war der Monat Juni zur Neige gegangen, bevor die Reisen Willibalds von Odilo zu Suitgar, von diesem zu Bonifazius nach Lindenhart, von hier nach Eichstätt, von dort nach längerem Aufenthalte nach Freising und von da nach abermaligem Verzüge wieder nach Eichstätt unternommen und ausgeführt worden sind. Der Aufenthalt in Eichstätt vor der Priesterweihe Willibalds war ohne allen Zweifel von ziemlich langer Dauer, und ich muß mich nm so mehr für die Lesart Llicfuantum tcuuporuia iiräueirnn aussprcchen, wenn ich erwäge, daß mit der Auswahl eines Wohnplatzes an der verwüsteten Stätte eigentlich nichts gedient war, vielmehr allererst eine Wohnung gebaut und hergestellt werden mußte, um sich aus den Empfang der Priesterweihe vorbereiten zu können??) Wunibald wurde nicht mehr im Neisejahre 735 zum Priester geweiht, sondern erst nach der -") SlugSb. Postztg. 1894 Nr. 18 S. 139. 0°) Das iteruw perAsbaut (Brückt oap. 36 und Holder- Egger p. 104, 39) bezieht sich wohl nur all Lonikaeium, nicht aä IstiZstsinAUm. lll. (3. 88. XV, 109 eng. 4 per irräu» ^Ipium alt». Wunibald reiste 735, nickt 7 38, wie Holder-Egger angegeben. °') Warum wobt hat Holder-Egger I. o. x. 104 zu »li- guantulum tewporis inäuoinm seiner Ausgabe die ins Gewicht fallende Variante nicht angemerkt? Zurückkunft des Bonifazius aus Italien, sohin wahr» scheinlich erst im Jahre 7 36 nach vorausgegangener längerer Vorbereitung, Prüfung und Erprobung.^) Ein gleiches Verfahren scheint bei Willibald eingehalten worden zu sein, und ich kann mich unmöglich dafür erklären, daß er noch im wirklichen Reisejahre 7 41 zum Priester geweiht wurde, wenn ich bedenke, daß er nach der Berechnung der 8a,uetivaonia.1i8 ganz gewiß erst am 20. Oktober 743 Bischof geworden ist und 1 Jahr zuvor die Priesterweihe in Eichstätt erhalten hat. Acht und ein halbes Jahr hatten sich die Brüder Willibald und Wuni- bald nicht mehr gesehen, als sie im Herbste 743 in Sulzebrücke zusammenkamen; Greiser und Hauck haben die Stelle oato ainroruin 8putio ab vono äiraiäio ebenfalls mit 8'/? Jahren übersetzt, die richtige Consequenz aber haben sie nicht gezogen, daß Bonifazius 735 zum letztenmale in Rom und Italien anwesend war und den Wunibald veranlaßt hat, sich an der thüringischen Mission zu betheiligen. Hirschmann beharrt auf der falschen Anschauung, daß die Brüder sich vor der Orient reise Willibalds im Jahre 723 zuletzt gesehen haben, allein ich muß im Hinblick auf das bestimmte Zeugniß der Heidenheimer Klosterfrau darauf bestehen, daß sich dieselben um Ostern 735 gesehen und gesprochen^) haben und der Ausdruck „ooto urmorura sxatio st nono äiraiäio" nur mit 8?/z, nicht mit 16'/z oder 17'/, Jahren übersetzt werden darf. Sechzehn ein halb oder siebzehn ein halb Jahre zu der Orientreise 723 hinzugerechnet, würden 7 39 oder 740 ergeben, in welchen Jahren Willibald unmöglich Bischof geworden sein kann, und wenn Hirschmann (I. e. Nr. 17 S. 140 und sonst) immer von 18'/^ Jahren redet, so geht er mit Holder-Egger und Popp (N. 6. 88. XV, 105 A. 2) von der Ansicht aus, ein Abschreiber habe „äeosin ob" vor ooto anaorum 8patio weggelassen. Allein mit welchem Rechte wird dem ersten Bischöfe von Eichstätt bezw. der 8aaoti- iaonia1i8 hier ein Irrthum unterschoben, die Stelle cor- rumpirt") und die Zusammenkunft der Brüder im Jahre 735 in Abrede gestellt? Die hier vorgenommene Korrektur unserer Schriftstellerin ist eine Versündigung an der historischen Wahrheit und die Uebersetzung der fraglichen Stelle mit 16'/z oder 17'/z Jahren dem Wortlaute und der Darstellung der angelsächsischen Jungfrau stracks entgegen. Hirschmann behauptet, Willibald und Wunibald haben sich 735 weder gesehen noch gesprochen, womit der Grund hinwegfällt, die dritte Nomreise des hl. Bonifazius in das Jahr 735 zu verweisen?') Dagegen ist zu erinnern, daß sich die Nomreise des hl. Bonifazius im Jahre 735 nicht bloß aus der vita, 'Mlliioaiäi und IVunibaläi der Nonne von Heidcnheim, LI. (3. 88. XV, 109. Ouingus transaeto »Ist gurrn to tewporis spatio srreer itle ...» srrnoto Bons' t'atio in prssbirsratum eonseorrrtus est §raäuin 2°) Oonksstimgns krntrsin suaw proprium, seä st alias oognrrtos rrtgus rrwieos sobriis srrlntatiornm vsrbis sonpsllrrvit rrtgus lieentirriu postulrrvit. lll. <3. 88. XV, 109 eap. 4. Weder Holder-Egger (I. o. A. 3), welchem Hirsch- mami folgt, noch Nctkberg (Ki-G. Deutschlands II, 358) kann beigepflichtet werden. ") Brückt eap. XXXVII u. Bruchstücke I, Holder-Eggcrs: blror in numero, lumä cludis nonuisi seridas orrore ortus. Bsgenäuin est X st VIII annormn muß entschieden zurückgewiesen werden. ") Beilage z. Augsb. Postztg. 1894 Nr. 19 S. 150. 390 sondern auch aus anderen gleichzeitigen Quellen erweisen läßt, sohin auch dann bestehen bliebe, wenn sich die Bruder 735 nicht gesprochen hätten. In meinem Manu- scripte aus dem Jahre 1859 ist des dritten Bruders (Stiefbruders?) Willibalds und Wunibalds ebenfalls gedacht. Dieser ungenannte dritte Bruder ging mit Wuni- bald, welcher 728 nach England zurückgekehrt war, 729/30 (nicht schon 728, wie Holder-Egger meint) nach Nom, ist aber verschollen oder von einem Ueberarbeiter der vitu IVuuibaläi erst später in den Text aufgenommen worden. ") Deßungeachtet meint Hirschmann, Wunibald habe den Antrag des Bonifazins, sich der thüringischen Mission anzuschließen, seinem ungenannten Stiefbruder, nicht dem damals auf Monte Cassino weilenden Willibald, mitgetheilt; allein dagegen spricht die bestimmte Nachricht der Nonne, daß Willibald und Wunibald sich 8ffz Jahre vor des Ersteren Bischofsweihe zum letztenmal gesehen haben.") Wunibald und Willibald waren zweibändige Brüder, der erstere war 701, der letztere am 20. Oktober 702 geboren. Der angebliche dritte Bruder war wahrscheinlich ihr Stiefbruder und hat es jedenfalls zu keiner größeren Bedeutung gebracht, wenn er überhaupt bis zum Jahre 735 in Nom geblieben ist. Mir ist es deßhalb nicht bloß sehr wahrscheinlich, sondern fast gewiß, daß Wunibald mit dem sehr nahe verwandten Bonifazius 735 nach Monte Cassino ging, um den Willibald ebenfalls für die thüringische Mission gewinnen zu helfen. Es gelang damals nicht, ihn von 8. Benedikt abzuziehen, es mußte dazu von Bonifazius die Autorität Papst Gregors III. in Anspruch genommen werden, erst der päpstlichen Aufforderung und Mahnung hat Willibald fünf Jahre später (740/41) Folge geleistet.") IV. Einige Richtigstellungen. Hirschmann hat aus meinen Worten: „Willibald (der Priester und Biograph des hl. Bonifazius) setzt die Reise des Apostels der Deutschen nach Nom unmittelbar nach der Visitation der kirchlichen Verhältnisse Baherns unter dem damals noch lebenden Herzog Hug- bert an", einen Sinn herausgelesen,") den ich nicht damit verbunden habe. Es wird genügen, darauf aufmerksam zu machen, daß ich keineswegs den hl. Bonifazius direkt von Bayern hinweg (734) nach Italien und Rvm abgehen lasse, sondern recht gut weiß und gewußt habe, daß derselbe damals von Bayern zunächst nach Thüringen zurückging. Mit dem Worte unmittelbar wollte ich nur den Zusammenhang der Reisen nach Bayern (734) und Nom (735) hervorheben und die Behauptung zurückweisen, daß der Apostel Deutschlands seine dritte und letzte Nomreise erst 739 unternommen habe. Das Verdienst, das Jahr dieser Reise erschlossen zu haben, lasse ich der angelsächsischen Jungfrau bezw. dem hl. Willibald von Niemand entreißen oder mit Erfolg bestreiten. ") ll. 6. 88. XV, 108 oax. 3 in üne. Lt iterum, kratrs suo somits, saora s. ketri xerguirsre proxerabat xresiäia. Willibald wird sonst von der Nonne Unter Aermauus und xroprins genannt, nicht krater schlechthin. ") So hat den Thatbestand auch der dritte Biograph deS hl. Willibald im XI. Jabrhundcrt aufgefaßt, wenn er schreibt: »kratrsm Wnuebaläum ootavosewis anno, xost- nam apnä Romain äisoossero, von visnw. v. alkcnstein 6oä. äixl. x. 468. ") Brück! cap. XXXIV xa§. 58 Ll. 6. 88. XV p. 104. *°) ». o. (A. 38). Ich theile die Ansicht Rtezlers (Gesch. Bayerns I, 103) nicht ganz, wenn er sagt: „noch unter Herzog Hugbert, etwa 735 (nicht gegen das Jahr 735, wie Hirschmann ihn sagen läßt), nahm Bonifazius einen längeren Aufenthalt in Bayern", weil nach meiner vollsten Ueberzeugung der Legat des apostolischen Stuhles um Ostern 735 schon in Italien eingetroffen war. Nicht bloß die LnuLtimoElw von Heidenheim und die Biographen des hl. Bonifazius (Priester Willibald zu Mainz und der Mönch Othlon bei 8. Emmeran in Negcnsburg) sprechen für die Anwesenheit desselben in Italien im Jahre 735, sondern noch viele andere gewichtige Gründe, und ich muß deßhalb wiederholt entschieden in Abrede stellen, daß Hergenröther, Hcfcle und Dümmler die letzte Nomfahrt Winfrids 737—738 richtig angesetzt und angegeben haben. Ich bin nicht der Ansicht, daß sich Bonifazius in Bayern mit der Circumscription der vier bischöflichen Sitze zwei volle Jahre in coutinuo beschäftigt hat, wohl aber hat die Zergliederung (clivisio) und Neueintheilung der älteren bayerischen Kirchen, der ketsuL-^uvuvansis (Chieming-Salzburg), VrisinZensiZ und der ^.UAUZtu-IlsAiuöusiZ und katavienZiZ (Strau- bing-Negensburg-Passau) denselben in den Jahren 736 und 737 vielfach (raultis äiedus) beschäftigt,") und wir dürfen ihn in diesen Jahren in Bayern vermuthen, wenn sein Aufenthalt anderwärts nicht beglaubigt nachgewiesen ist. Im Jahre 740 hat er in Bayern nichts mehr zu organisiren gehabt, — in diesem Jahre hat er daselbst (wahrscheinlich in Negcnsburg oder Straubing a./D.) das erste Concilium abgehalten, auch soll er 740 mit Bischof Wiggo von Augsburg Kloster Benediktbeuern eingeweiht haben.") Mit Hirschmann und Holder-Egger die Nonne von Heidenheim dafür einstehen zu lassen, daß Willibald schon 740 nach Bayern gekommen und am 22. Juli dieses oder des nächsten Jahres 7 41 das Presbyterat in Eich- stätt erlangt hat, das kann und darf nicht zugegeben werden. Ebenso wenig wird, wie wir gesehen haben, von den Akten des „ersten deutschen Nationalconcils" (?) die Bischofsweihe Willibalds im Jahre 7 41 gefordert. Willibald wurde auch nicht zugleich mit Burkhard 741 Bischof, wie der Anonymus von Herrieden") behauptet hat. Papst Zacharias bestätigte allerdings die Bisthümer Würzburg, Beraburg und Erfurt, und unser Ungenannter von Herrieden substituirte der letzteren Stadt, Hui olim luit url)8 xugLnorura d. h. der Heidenstadt, sein liebes Eistet bezw. das damals neu aufgekommene famose ^ursaturn, das nur in der Einbildung der Gelehrten, sonst aber niemals und nirgends, auch in Jngoldstatt nicht, existirte und von unserm sarkastischen Niederer längst scharf zurückgewiesen wurde.") ") Bruckstücke, SeparatauSgabe, S. 10 A. 17 mansitgns s-xnä Lajnvarios äiebus multis. Hätte der Biograph mit Hirsckmann die Worte multis aunis gebraucht, so hätte man darunter mindestens 3—4 Jahre verstehen müssen. ") Vergl. Dr. Friedrich Kunstmann im oberbayer. Archiv I. Band. ") Lli^ns tom. 146 paA. 1007 und lll. d. 88. VII, 255 eax. 3. Luno ab i. v. 741, ut iu Aestis xontiüeum Ro- inanorum repsrimus...vonstitutae sunt una saäem- gns äis äno exisoopales ssäss IVirrburlr et Listet. Zur richtigen Jahreszahl V60XUII (nicht 741) ist anstatt Erfurt unser Listet bezw. ^.ureatum substituirt worden. Falsch ist die Angabe Bcthmanus, daß Willibald wirklich im Oktober 741 zum Bischof geweiht worden ist. ") Vergl. dessen Lrolusio aeaäemiea äs veteri ^.urs o 391 Burchard und Wizo, welche nach der gottgeweihten Jungfrau von Heidenheim bei der Bischofsmeihe Willibalds assistirten, waren schon im April 742 Bischöfe, Willibald dagegen war damals noch nicht Presbyter, und Bischof wurde er erst am 20. Oktober 743, drei Wochen vor Martini.5°) Drei Wochen find zusammen 21 Tage, und diese 21 Tage vor Montag dem 11. November 743, nicht von diesem Tage an zurückgerechnet, ergeben als Weihetag Willibalds zum Bischöfe und als seinen Geburtstag den 2 0., nicht 21. oder 22. Oktober 743. Der 2 0. Oktober war im Jahre 743 ein Sonntag, und an Sonntagen wurden und werden vorschriftsgemäß auch heute noch die Bischöfe geweiht, einer besonderen Fakultät oder Erlaubniß des Papstes zur Weihe Willibalds an diesem Tage hatte Bonifazius nicht bedurft. (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. v. Steichele-Schröder, Das Bistbum Augsburg bistoriick und statistisch beschrieben. Augsburg, Schund, 1894. 40. Heft. —8. Unter den edlen Bestrebungen des unvergeßlichen Bischofs Pankratius wird vie Geschichte auch das zu verzeichnen haben, daß er die während seines Ponlifikates begonnene historisch- statistische Beschreibung der Diözese nacb dein Tode des hochsel. Erzbischofs v. Strichele nickt unvollendet liegen ließ, sondern durchaus geeigneten Händen zur Fortführung und Vollendung anvertraute. — Das vorliegende 40. Heft der BiStbumsgeschicbte schließt sich den vorausgehenden in ebenbürtiger Weise an. Es behandelt aus dem Laudkapite! Jcttingen die gleichnamige Pfarrei (Schluß), ferner die Pfarreien und Kuraticn Konzenberg, LandenS- bcrg, Mindelaltbcim, Münsterbansen, Oberschöneberg, Rechberg- reuthen, Ried. Nöstngcu, Scheppacb, Tbannbansen (ohne Schluß). — Zu den Partien des Weites, welche allgemeineres Interesse finden, gehört ohne Zweifel die Ncgistrirnng der Kunstgegenstände. Hierüber eine kurze Bemerkung! Während Architektur und Malerei wie auch die Kleinkünste stets eine zweckentsprechende Schilderung erfahren, scheint das Gleiche nicht immer der Fall zu sein bei den Skulpturen. Einige kurze, vielleicht sogar in Klammern gcictzie Andeutungen über Auffassung, Attribute, Disposition u. dgl. z. B. bei der reizenden Gruppe des Todes Mariä zu Landcnsbcrg (S. 693), den gothischen Skulpturen in Allerheiligen (S. 748), zu Oberwaldbach (S. 728), der Figur des bl. Diouysius Areop. aus dem 14. Jahrhundert zu Nöfingen (S. 735) würden gewiß auch in diesem Punkte, ohne das Werk zu belasten, dankenswerthe Ausschlüsse geben. vr. Karl August Geiger. Die religiöse Kinder-Er- ziehuug in gemischten Ehen nach bayerischem Rechte. Ein Commentar zu 88 12 — 23 der II. Vcr- fassungsbeilage. Augsburg 1894. Literar. Institut von vr. M. Huttler (Mich. Seih). IV und 184 Seiten. Preis: 3 M. 60 Pf. * Je mehr die verschiedenen Confessioucn in unseren Gegenden sich vermischen, desto häufiger werden die gemischten Ehen, und desto öfter kaun der katholische Seelsorger in die Lage kommen, für die Erziehung der Kinder aus gemischten Ehen in der kaibolischen Religion mit allen gesetzlichen Mitteln eintreten zu müssen. Ein verläisiger Führer bei Erfüllung dieser Aufgabe ist die neue Schrift Geiger's. Dieselbe enthält eine kurze Geschichte der Entwickelung des nunmehr in Bayern geltenden Rechtes bezüglich der religiösen Erziehung der Kinder aus gemischten Eben. Hieran reibt sich ein gründlicher Coinmcn- tar zum III. Kapitel oder zu §8 12 — 23 der zweiten Beilage der bayerischen Verfassung, wodurch die religiöse Erziehung der Kinder aus gemischten Eben staatlich geregelt und geordnet ist. Hiebe! kommt die NcckstSauffassung des k. b. VerwaltungSgerichts- hofcs ausführlich zur Darstellung, und werden zur Erläuterung der einzelnen Fragen und Fälle sehr zahlreiche Auszüge aus den Entscheidungen des genannten Gerichtshofes, die meistens °°) Ueber die Errichtung der Bistbümcr Würzburg und Eickstätt ist schon der Biograph des hl. BonifaziuS nicht ganz verlässig. Die Nonne von Heidcnheim hat ihn corrigirt. Vgl. meine Bruchstücke S. 1ö u. 32. der offiziellen Sammlung derselben, aber auch anderen Quelle» entnommen sind, angeführt. Der Verfasser hat indeß auch die Literatur, welche nainentlich seit Einführung der Verwaltungsgerichte in Bayern über den vorliegenden Gegenstand sich gebildet bat, sorgiältig benutzt und an der Hand derselben an den Entscheidungen des VerwaltungsgerichtShofcS eine mitunter zutreffende, aber stets bescheidene Kritik geübt. Das Bück kann auf Vollständigkeit Anspruch machen, insofernc von den wichtigeren Fragen, über welche der k. b. Verwaltungsgerichtshof in dieser Materie sich auszusprcchen Veranlassung hatte und die neuere Literatur sich verbreitete, kaum eine übersehen worden ist. Darum kann es als ein sicherer Wegweiser für den Seelsorger bezeichnet werden. Derie.be findet darin Aufschluß, welche Wege er einzuschlagen und welche Mittel er zu ergreifen habe, wenn es sich darum handelt, Kinder auö gemischten Eben, welche in katholischer Erziehung stehen und von irgendwelcher Seite einer anderen Couiession zugeführt werden wollen, der katholischen Kirche zu erhalten, sowie solche Kinder, wenn sie im Widerspruch mit den gesetzlichen Bestimmungen in einer anderen Confession erzoren werden, für die katholische Erziehung wirksam zu reklamiren. Aber auch in Fällen, in welchen das liraotuum sasonlaro für die Erzwiuaung der Erziehung eines Kindes im katholischen Glauben nicht mit Erfolg angeraten werden kaun, findet der Seelsorger hier Belehrung, und es werden ihm dadurch nutzlose Ben,Übungen und Konen erspart. Bemerki. muß werden, daß der kirchliche oder katholische Standpunkt, von dem aus die Frage nach der religiösen Erziehung der Kinder beurtheilt und behandelt werden muß, hier vollständig bei Seite gelassen ist. Es wird vorausgesetzt, daß der Priester die Pflichten, die er in dieser Beziehung hat, kennt, und er soll hier nur in dem unterrichtet werden, was er den weltlichen Behörden gegenüber zu tbun hat, um seine diesbezüglichen Pflichten nach allen Richtungen hin zn erfüllen! Diesen Unterricht bietet das neue Geiger'scbe Werk in vorzüglicher Weise, und es sollte unseres ErachtenS in den Bibliotheken der Seelsorger nirgends fehlen. Bei der durchaus sachlichen Darstellung, deren sich der Verfasser befleißigt, wird das Buch ohne Zweifel auch von den Juristen, für die es im Grunde noch mehr Interesse bat als für die Theologen, beachtet und von Beamten und Nechlsanwälten vielfach in Gebrauch genommen werden. Usw Rsstamont in Lansorit, translateä krom tbs Aroslr. 8", paF. 666. Oaleutta,, Libls Looistzc 1886 (III). 8ti. 4,00 §ob. k. Daß Gottes Wort, wie eS uns in den hl. Schriften geoffenbart ist, aus den Originaltexten in alle nur erdenklichen lebenden Sprachen übersetzt worden ist, kann nicht Wunder nehmen; wunderbarer mag sein, daß es auch eine vollständige »Holz? Uidlö in Lanserit-, der todten Schriftsprache der gelehrten Inder, gibt (Calcutta 1848—51, 5 voll.); das Buch, das jetzt bei Antiquaren auf ungefähr 40 Mark kommt, wurde anfänglich von der britischen Bibelgesellschaft zu sehr billigem Preis verkamt, ist aber längst aus den Preisverzeichnissen der Gesellschaft verschwunden, bis erst vor kurzer Zeit wenigstens daö Neue Testament (bei Antiquaren ca. 9 M.) wieder Aufnahme in den „Anhang zum Preisverzeicbniß für Deutschland der brit. Bibelgesellschaft" gefunden hat und in deren Filialen (z. B. durch Justus Naumann in Leipzig) zu dem erstaunlich billigen Preis von 4 M. verkauft wird; das ist auch der Grund, warum mir von eurem Buche reden, das doch schon vor geraumer Zeit erschienen ist. Die Uebersctzung ist aus dem Griechischen auf Veranlassung der Baptisten - Missionare in Calcutta mit großer Sorgfalt ausgearbeitet, und zwar unter der für Sprachricbtigkeit Gewähr leistenden Oberleitung ein» geborner Gelehrter, die ihr Sanskrit bekanntlich ganz anders verstehen und beherrschen, als etwa ein europäischer Professor sein Latein. Die Schwierigkeit, ein christliches Buch inS Altindische zu gcwaudcn, liegt nun nicht etwa an der Armuth deS Sanskrit, da es ja eine unergründlich reiche Sprache ist, sondern im Gegentheil in der unerschöpflichen Fülle von Synonymen, aus denen eben die Auffassung des Uebersctzcrö daS Sprachmaterial zieht und verwendet; wie nun das Gotteswort sich ausuimmt in der uralten heiligen Brahmanensprache, das zu kennen, dürfte von hohem Interesse sein; die feine Gewandtheit der Uebersetzer muß uns oft dabei erstaunen machen. Vor allem aber ist das Werk als Lcrnmittel nickst genug zu empfehlen; denn Sauskritbüchcr von gleichem Umfang kosten sonst mindestens das Fünffache und bieren namentlich dem Anfänger und Autodidakten unüberwindliche Schwierigkeiten, während hier der Inhalt dem Leser bereits venraut ist und die Sprache keine Unregelmäßigkeiten ausweist. Mit Hilse v. Cappeller's „Sanskrit- 3V2 Wörterbuch" (Slraßburg, Trübncr 1837, M. 15.) kann sich ein Jeder, der die Elemente der Grammatik überwunden hat, getrost an die überaus lehrreiche Lektüre des Buches machen, das in sauberer DevauLgari-Sckrift gedruckt ist, die Wvrttrennung und sogar die Interpunktionszeichen nach europäischem Muster zur Erleichterung eingeführt hat. Katholische Flugschriften zurWehr undLehr. Preis L 10 Pf. * Von den trefflichen grünen Hcftcben (Verlag der „Germania", Berlin) sind neuerdings erschienen Nr. 82—86/87 mit folgendem Inhalt: 82. Bernardino Ochino von Siena. 83. Der hl. Petrus Claver. 84. Blicke auf das Wirken des Evangelischen Bundes. 85. Gustav Adolf. Ein trauriges Jubiläum. 86./87. Protestantische Stimmen zum Jesuitengesetz. Die Flugschrist Nr. 85. Gustav Adolf, von hervorragend sachkundiger Seite verfasst, verdient eine um so gröbere Beachtung, als man sich im protestantischen Lager bekanntlich anschickt, das bevorstehende Jubiläum des Verwüstcrs unseres Vaterlandes „Gustav Adolf" in ganz außergewöhnlicher Weise zu feiern. F. X. 'äoulin, Die Gottcöbraut. Betrachtungen über die Jungfräulichkeit, aus dem Französischen übersetzt und vermehrt durch einen Anhang: „Klosterleben in der Welt" von Dr. I. Ecker. 2. Auflage. Herder-Freiburg 1894. Preis 3,00 M.. geb. 3,80 M. O Jungfräulichkeit! — „Nicht alle fassen dieses Wort", nicht die Ungläubigen, die bloß für wahr halten, was ihr bischen Verstand begreift, — nicht die Häretiker, — nicht die Wcltchristen, — nicht die thörichten Jungfrauen, die „Bräute Cbristi" sind, weil sie keinem Manne gefallen und viel in die Kirche laufen, weil sie zu träge sind zum Arbeiten — für all' diese ist nach des Uebersetzers eigenem Wort das Büchlein nicht geschrieben, sondern nur sür jene, „denen es gegeben ist". Für die heiligen Jungfrauen, welche Vater und Mutter, Bruder und Schwester, ja ihren eigenen Willen verlassen haben, um in der Einsamkeit des Klosters sich Gott zu weihen. Für diese ist cö ein ErbauungS- und Betrachtungsbuch; aber auch die Eltern, die ibr Theuerstes dem Herrn darbringen, werden es mit Nutzen in die Hand nehmen und daraus den Werth des Gutes lernen, das ihre Kinder für die Welt eingetauscht haben. Das Buch bietet 21 Betrachtungen, jede zerfällt in drei fast selbstständige Theile. Daran fügt sich ein „Unterricht für die Wittwen" und eine sehr eingehende Erörterung und Zurückweisung des oft gehörten Satzes „Emweder heirathcn, oder in's Kloster". Der Anhang „Klosterleben in der Welt" ist eine Ermunterung und Anleitung zur Jungfräulichkeit, wie sie auch außerhalb der Klostermauern gepflegt werden kann, und trägt dazu bei. daS Buch sür weitere Kreise nutzbar und werthvoll zu machen. Schlichte Weisen. Gedichte von Evarist Bickmann. Heiligenstadt (Eichsscld), Verlag von F. W. Cordier. 6». 144. Preis 2 M.. geb. 3 M. s. Es finden sich in diesen schlichten Weisen einzelne reckt gute Gedichte. Unter „Gedanken und Sprüche" verbirgt sich manches Goldkörnlein, während anderes wieder recht schlicht ist. Wenn „Halme" als Iambus auftreten will, so geht dies ohne Hinken nicht, s. S. 41. Der kath. Meß n er in seinen kirchlichen Verrichtungen von Gg. Brei tsa mcter. II. verbesserte Auflage von I. Lautenschlager. Augsburg, B. Schmid'fche Buchhandlung. kl. 8°, 59 S. o. Ein brauchbares Büchlein, dem aber leider im lateinischen Texte die Angabe des Accentes mangelt. Auch die deutsche Ucbersctzung des angeführten Lateins wäre willkommen. Die Arbeiter-Einigungen des Mittelalters; nach dem Französischen des Pros. Dr. G. Knrth bearbeitet von vr. K. A. Leimbach. 8". IV. und 26 Seiten. Preis 25 Pfg. Verlag der Fuldacr Actiendruckerci. Dieses Schriftchen, daS in seiner französischen Ausgabe schon über 50,000 Abnehmer gefunden, verdient auch in der neuen deutschen Bearbeitung, die auf die deutschen Verhältnisse gebührend Rücksicht nimmt und als durchaus gelungen bezeichnet werden muß, die Beachtung aller, die sich sür die Handwcrker- und Arbeiterfrage irgendwie interessieren und nach Mitteln zu deren glücklicher Lösung suchen. Das Spiegelbild, das uns der Verfasser in den großentheils von der Kirche ausgegangenen Handwerker- und Arbeiter-Einigungen vorhält, liefert den klaren Beweis, daß unter diesem, von den Aposteln des Socialismus so verpönten Regimcnte Verbände in's Leben gcrnien und Einrichtungen getroffen waren, die auch heute noch als mustergiltig bezeichnet werden müssen. Wenn nun auch die Einigungen jener vergangenen Zeit mit ihren Einrichtungen nicht mehr die gleicher Dienste leisten würden, wie damals, so bleibt doch der Gedanke, der ihnen das Leben gegeben, ewig jung und ewig fruchtbar. Der Geist der brüderlichen Liebe muß auch die neuen Einige ungcn beseelen, der religiöse Gedanke muß sie beleben und nähren. Vor allem muß der christliche Begriff von der Arbeit sich wieder Bahn brechen und muß Arbeiter und Arbeitgeber bestimmend beherrschen. So hielt sich z. B. der Arbeitgeber des Mittelalters nicht für berechtigt, seine Arbeiter zu überbürden. Man trug bei Bemessung der Arbeitszeit der Schwierigkeit oder Gesundheitsschädlichkeit der Beschäftigung gebührend Rechnung. Die Arbeitszeit sür Bergarbeiter betrug z. B. in Deutschland damals nur acht Stunden. Nachtarbeit war bei den meisten Gewerben gänzlich untersagt. Ebenso war Frauen- und Kinderarbeit genau geregelt, die Ausbildung und das Halten von Lehrlingen rc. rc. Wir können das lehrreiche Schriftchen nur empfehlen. Der billige Preis erleichtert dessen weiteste Verbreitung. Lorenz August Grill, Handbuch des bayerischen Staatsbürgers. (DaS Werk erscheint in 10 monatlichen Lieferungen ä 60 Pf. im C. H. Beck'schen Verlag zu München.) Von dem obigen empfchlenswerthcn Werk ist soeben die 3. und 4. Lieferung erschienen. Dieselben beweisen aufs neue, daß es'Verfasser und Verleger voller Ernst damit ist, ein Werk zu liefern, das das nicht juristisch gebildete Publikum in die öffentlichen Angelegenheiten einschließlich der beutzutag das Interesse des Staatsbürgers inehr wie früher herausfordernden Fragen der Social- und Wirthsckaftspolitik wiiklich gründlich einführt. Dadurch, daß der Verfasser fortlaufend auch die einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen anführt, macht er sein Buch ganz besonders für die Gemeindebehörden, Magistratsräthe, Gemeindebevollmächtigten, Kirchen- verwaltungs Mitglieder usw. brauchbar und empicblcus- werth. Aber auch alle» übrigen Ständen bietet eS des Wissenswerthen viel. Die 3. Lieferung bringt ein Haupt-Kapitel, nämlich das über die Gemeinbeverfassung, das nicht nur das örtliche Gcmeindewesen in allen seinen Beziehungen und Abstufungen, sondern auch die Districtsbehördcn und die Landräthe umfaßt. Auf Seite 235 beginnt alsdann der zweite Theil des Werkes, nämlich die Darstellung der inneren Verwaltung in Bezug auf Polizei, sociales und wirtbschaftliches Leben, Kirche und Schule, StaatS- und Gemeinde-Finanzen, Landcsvertheidigung. In Lief. 4 folgen die Kapitel, welche die öffentliche Ordnung und Sicherheit, die öffentliche Sittlichkeit und die Gcsuudheitspolizei zum Gegenstände haben. Es ist ein weites und großes Gebiet, das liier behandelt und jedem etwas ihn Jnteressireudes bieten wird. Wir machen auf das wirklich cmpfchleuswerthe Werk auch die Schulbibliotheken in Stadt und Land aufmerksam. Allen Denjenigen, welche sich auf leichte und bequeme Art die Kenntniß der französischen, englischen und italienischen Sprache aneignen wollen, seien die Zeitschriften »Iw Lspstiteur-, >Ttzs Lopeator-, »II ripotitors» zum Abonnement warm empiohlen. (Berlin, Verlag von Nosenbaum u. Hart.) Zur Uebung in diesen wichtigsten fremden Sprachen, deren Kenntniß in allen BcrufSzweizcn äußerst wertbvoll ist, ist die Methode der genannten Zeitschriften sehr zweckdienlich. Unter jedem fremden Worte steht daS entsprechende deutsche, so daß dem Leser das unbekannte sofort auffällt und bei der Wiederholung in Erinnerung gebracht wird, wodurch der Wortschatz sich beständig vergrößert. Für die weiter Fortgeschrittenen ist ebenfalls gesorgt, indem die 14tägig erscheinenden Blätter allmonatlich eine Beilage mit nur französischem, englischem und italienischem Texte enthalten, dem zum Zwecke des besseren Verständnisses am Fuße jeder Seite die nöthigen Anmerkungen bei- gegebcn sind. Es dürsten daher diese Zeitschriften, deren Abonne- mentsprcis bei der Post und im Buchhandel pro Quartal nur je 1 Mk. beträgt, vielen unserer Leser willkommen sein. Berichtigung. Im Stammbaum der Scheyern haben sich leider Druckverschen cingescklichen. Es muß heißen: Herzog Arnulf si 937, Herzog Heinrich I. si 955, Mantachinga. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Spiritismus und Theosophie. Von Charles Saint-Paul. Dem aufmerksamen Beobachter neuer Strömungen kann es nicht entgehen, daß in der Gegenwart die Kampfesliga gegen den Materialismus sich in einer Weise verbreitet, welche erwarten läßt, daß derselbe binnen Kurzem den Todesstoß erhalten wird. Die hypnotischen Forschungen der Neuzeit haben zur Anerkennung der Mental- suggestion, der rein geistigen Gedankenübertragung ohne physische Vermittlung, sowie der Phänomene geführt, welche in das Gebiet des sogen. Somnambulismus gehören, und von denen das Hellsehen eines der bedeutendsten ist. Ueberdies sind durch die Forschungen der „Loeietx tor Ikeseareli" in England und der ihr verwandten psychologischen Gesellschaften in Deutschland, vornehmlich in München und Berlin, die Geistererschcin- ungen, das Fernwirken Sterbender und Verstorbener, in Tausenden von Fällen constatirt worden, die speciell in dem Werke der berühmten Psychologen Gurney, Myers und Podmore nkdantasius ok dirs lüving" dargelegt wurden. Ja sogar gewisse von den Spiritisten behauptete Phänomene sind auf dem letzten internationalen „Psychiker"congreß in Chicago zur Sprache gebracht worden, und bedeutende Gelehrte haben die Möglichkeit derselben zu erweisen versucht. Wenn also hiedurch die Thatsache hervortritt, daß in der antimaterialistischcn Bewegung der Gegenwart bedeutende Kämpfer sich befinden, die ein wissenschaftliches Bollwerk gegen den Materialismus errichtet haben, so finden wir doch leider anderseits eine Masse ungebildeter, leichtgläubiger und verdächtiger Spiritisten an derselben betheiligt, die sich bei der gegenwärtigen Ausbildung des Spiritismus bereits zu einer Art Cultus der Professionsmedien vereinen, bei denen, da sie meist um Geld arbeiten, Betrug aus Erwerbsrücksichten meist nicht ausgeschlossen ist, und deren Eeistesprodukte vielfach auch an ihrer geistigen Zurechnungsfähigkeit zweifeln lassen. Was den mediumistischen Betrug anbelangt, so finde Ich soeben im „Figaro" (vom 10. November 1894) eine Studie von dem bekannten Mitgliede der Pariser „Oroupa ä'Ltnclss Lsotörliuss", Charles Chincholle, in welcher er Mittheilung von der kürzlich vollzogenen Entlarvung des „berühmten" amerikanischen Mediums Mrs. Williams, das einige Herren nach Paris kommen ließen, macht. Da dasselbe auch in Berlin Vorstellungen geben sollte und daselbst von einigen Spiritisten unglaubliche Reklame für seine Experimente gemacht wurde, *) so glaube ich des aktuellen Interesses halber die Hauptpunkte des Berichtes im „Figaro" hier einschalten zu sollen. Mrs. Williams ist nach demselben in Amerika im Rufe bedeutender mediumistischer Kraft. Sie „verdient" daselbst bedeutende Gelder mit ihren Experimenten; besitzt in New-Iork drei Hotels und überdies 750,000 Fr. Baarvermögen. Trotzdem war ihr die neue Welt nicht groß genug für ihre Thätigkeit; sie wollte auch in der alten ihren Ruhm und ihr Geld vermehren. So schrieb sie nach Paris, ob sie dort Vorstellungen geben könne. Der „Ehrensekretär" der Vereinigung „Sphinx" daselbst gab sogar vor kurzem eine eigene Broschüre über dieses Mevium heraus. und kam auf den Bescheid, daß, falls neues und ernst zu nehmendes geboten werden könne, sie angenehm sei, in die französische Hauptstadt mit ihren! Impresario, M. Macdouald. Vorerst wurde eine Privatsitzung bei Mme. de . . . arrangirt, während welcher Mrs. Williams, die in großer Toilette erschienen war, dem Herzog von H. versprach, eine seiner Verwandten erscheinen zu lassen, die mit ihm dann sprechen werde. Sie setzte sich dann auf einen Stuhl im Dunkelkabinet, das bei so vielen spiritistischen Säancen hergestellt wird, da angeblich oie meisten Geister das Licht nicht ertragen können, und bezeichnete dem Herzog die Stelle, wo seine Verwandte sich zeigen würde. Derselbe sah auch wirklich bald eine Hand und küßte dieselbe, auch hörte er eine Stimme, die zu ihm sagte: „Ich bin hier." Sie schien von der Stimme der Mediums verschieden Zu sein. Plötzlich aber bemerkte er, da das Licht nicht ganz abgedreht war, daß der Sessel, auf dem das Medium sich niedergelassen hatte, während der Erscheinung leer war. Dieses mußte jedoch seine Entlarvung gefürchtet haben und zeigte sich wieder auf seinem Stuhle, ehe man eingehendere Prüfungen anstellen konnte. Die Versammlung schöpfte aber Mißtrauen, und man wollte sich mit ihm nicht mehr abgeben. Sie versprach nun einigen Pariser Psychologen eine Ssance in ihrer Privaiwohnung zu geben, bei öer Materialisationen (Verkörperungen von Abgestorbenen) mit wechselnden Lichterscheinungen sich zeigen würden. Bei der Sitzung, die am 31. Oktober gehalten wurde, und bei der die Eintrittspreise zwischen 10 und 25 Fr. variirten, hoffte man vielfach auf bedeutende Phänomene. Diejenigen aber, welche Verdacht geschöpft hatten, trafen die Bestimmung, einen Entlarvungsversuch, sobald sich der Augenblick dazu bieten würde, vorzunehmen. Einer der Herren aus der Versammlung äußerte im Verlause der Sitzung den Wunsch, einen verstorbenen Arzt zu sehen, und dieser kam angeblich mit seiner Tochter. Als sich die Erscheinungen zeigten, stürzten einige Herren aus dem Publikum auf sie, den Manager der Mrs. Williams und letztere selbst zu, während ein anderer Licht machte. Da entdeckte man nun das Medium, welches Kleider und Schuhe ausgezogen hatte, um besser schwindeln zu können. Der gewünschte und herbcigeeilte Arzt entpuppte sich als ein Weib, das sich als Btann verkleidet hatte. Die zweite Erscheinung aber zeigte sich als Puppe, über die ein Schleier geworfen war und deren Gliedmnßen die Betrügerin durch Gummibänder mit der linken Hand bewegte. In der rechten hatte sie eine Schnur, mit welcher sie den Lichtapparat regulirte, der ihr zur Beleuchtung ihrer „Geister" diente. Das Medium stieß, als es sich entlarvt sah, einen Schrei aus und wollte sich in ein anstoßendes Gemach flüchten. Aber einer der Herren, die aus dasselbe losgestürzt waren, Mr. Lcymarie, der Direktor einer spiritistischen Zeitung, zwang es, zurückzukehren und sich öffentlich beschämen zu lassen. Man sammelte alle Gegenstände, die ihr zu ihren „Experimenten" dienten. Sie hatte dieselben in einem kleinen Sack unter ihrem Rocke verborgen, wenn sie vor dem Publikum erschien. Im Dunkelkabinet kleidete sie sich dann um, entleerte den Sack und spielte mit der Puppe und, wenn nöthig, mit ihren Helfern „Geist". Es kam ihr Hiebei sehr zu 394 statten, daß sie Bauchrednerin war und alle Stimmen, l von der Stimme eines kleinen Kindes bis zu der eines Mannes, imitiren konnte. Es wurde nun ein Protokoll über die Entlarvung abgefaßt und von 22 Personen unterzeichnet. Man drohte der Betrügerin und ihrem Manager mit Auslieferung an die Polizei, falls sie nicht binnen einer Stunde Paris verlassen hätten, und sie zog selbstverständlich vor, dieses zu thun. Sie soll sich dann in Havre wieder nach New-Mrk eingeschifft haben, wohl sehr enttäuscht von ihren Erfahrungen in Europa. Die Spiritisten in Frankreich hoffen, wie Charles Chincholle am Schlüsse seines Artikels bemerkt, in Zukunft von amerikanischen Medien verschont zu bleiben. Es ist nun gewiß keine Frage, daß im Geburtslande des Spiritismus, in den vereinigten Staaten Nordamerikas, am meisten in experimenteller Hinsicht betrogen wird, und deßhalb haben sich ja daselbst auch bereits eine gewisse Kategorie von Personen festgesetzt, die ihr Hauptaugenmerk auf Entlarvung von Medien richten („Neäiunrlluutsrs"). Aber auch im allgemeinen ist zu betonen, daß die Täuschung naturgemäß mit dem niedrigen Phünomeualismus, insofern er zu pecuniären Zwecken ausgebeutet wird, verbunden ist, und daß es jedem Medium naheliegt, falls einmal seine „Geister" es im Stiche lassen, auf andere Weise nachzuhelfen. Aber der Betrug — der erzählte Fall steht gewiß nicht einzig in neuester Zeit da; ich erinnere in dieser Hinsicht nur an den Prozeß gegen das Medium Töpfer — ist es nicht allein, welcher die moderne Entwicklung des Mediumismus bedenklich erscheinen lassen muß. Es kommen auch noch die Schädigungen des Mediums selbst in Betracht, die so häufig beobachtet werden. Nicht nur körperlich verursachen, wie nachgewiesen, die spiritistischen Experimente bei den Medien eine bedeutende Kraftabsorption, die nach und nach zu schweren Nervenleiden und völliger Erschöpfung gesteigert werden kann, falls die Experimente so häufig wie von Professionsmedien wiederholt werden. Auch geistig können sich mit der Zeit schwere Leiden einstellen, Jrrsinnssymptome u. dgl. eintreten; ein Theil der Spiritisten spricht sogar von beobachteter Besessenheit, indem bei Ssancen, besonders wenn sie nur zur Belustigung in Kreisen, die aus Sport Spiritismus treiben, unternommen werden, manchmal einer der gerufenen Geister ganz vvn dem Medium Besitz ergreift, sich durch dasselbe nach seiner Art zu äußern sucht; es treten dann furchtbare Krümpfe auf und man sucht oft lange vergeblich nach Hilfe. Auf diese Folgen hat schon Schneid in seiner bekannten Schrift über den Spiritismus hingewiesen und dieselben haben während der letzten Jahre viele veranlaßt, auf die spiritistischen Experimente, speciell auf solche mit Profesfiousmcdien, zu verzichten und energisch gegen dieselben aufzutreten. Mau hat Hiebei in Betracht gezogen, daß selbst vom spiritualistischen Standpunkte aus der niedrige Phänomenalismus nur geringen Werth besitzt und daß, abgesehen von der vielfach kindischen und rohen Art der Erscheinungen und Manifestationen, speciell bei Professions- medien, auch die anfangs so beliebten „Offenbarungen", die durch Medien im „Pranaa" (Verzückung) gegeben werden, so widerspcuchsvoll und oftmals albern sind, daß der erwachsende Schaden durch den Nutzen der Phänomene nicht ausgewogen wird. ') Eichstält 1630. Offenbar hat man in den leitenden Kreisen der Kirche die erwähnten Uebelstände oder wenigstens einen Theil derselben in Betracht gezogen, wenn man wiederholt gegen die spiritistischen und ähnliche Experimente auftrat. Vom Standpunkte der christlichen Mystik aus betrachtet, mußte überdies diese Art des Verkehrs mit den Geistern noch weniger als nutzbringend, ja im Gegentheile als Verirrnng und in gewisser Hinsicht auch als mit Einflüssen böser Geister zusammenhängend erscheinen. Jedoch ist man wohl im Allgemeinen in der Annahme diabolischer Einflüsse zuweit gegangen, und diesbezüglich dürften, insbesondere auch, wenn Magnetismus und Spiritismus zusammengestellt werden, die Erklärungen in Betracht zu ziehen sein, die schon vor mehr als einem Decennium in einem Artikel der „Augsburger Postzeitung" gegeben wurden. (Einige Blicke ins Nachtgebiet der Natur, von Dippel. Beilage zur Augsburger Postzeitung. Jahrgang 1880 .) ^) In denselben wird die Behauptung aufgestellt, daß wenigstens die magnetischen Erscheinungen als Ausflüsse des physisch-psychischen Wesens der menschlichen Natur zu betrachten seien. In der Zwischenzeit nun haben die neueren Forschungen, speciell die des russischen Staatsrathes Or. Aksakow, nachgewiesen, daß nicht nur diese, sondern auch ein Theil der „spiritistischen" Phänomene auf solche Wirkungen zurückzuführen sind. Man spricht deshalb im modernen Spiritualismus häufig vom Animismus, und der eben erwähnte Gelehrt hat in seinem Werke: „Animismus und Spiritismus. Versuch einer kritischen Prüfung der mediumistischon Phänomene mit besonderer Berücksichtigung der Hypothesen der Hallucinationen und des Unbewußten. Als Entgegnung auf Dr. Eduard von Hartmann's Werk: Der Spiritismus. (2 Bünde. Mutze. Leipzig 1890.) viele Fälle gesammelt, bei denen die Möglichkeit einer Wirkung des Mediums selbst bei Manifestationen und Erscheinungen, bei letzteren durch Auslösung des eigenen „Aetherleibes" im n"Ira,irc:6"zustande, angenommen werden kann. Er hat sogar durch einige Beispiele darauf hingedeutet, daß offenbar viele Phänomene durch Fernwirkung hypnoid veranlagter Lebender veranlaßt werden können. Diese neueren Forschungen werden also wohl auch in Zukunft bei einer endgiltigen Entscheidung berücksichtigt werden müssen. Eine genauere Prüfung der ") Dagegen wird in der Encyclica vom Jahre 1656 eine scharfe Verurtbeilung wenigstens des Somnambulismus ans- gesprowen: »bltoniw comxsrtum sst«, so heißt es in derselben, — »novuw guoääam supsrstitionis ß'snus invsbi sx pbasno- msnis mag'nsticis, guibus baue! scisntiis pb^sicis suuclsanäis, ut par sssst, seil äscipisuäis ac seäucsnäis bominibus stuäent usotsrici plurss, rate posss occulta, rsmota ac kutura ästegl wag'notismi arts, vel prasstigio, prasssrtim ops mulisrcularum, guas unics a maAnotisatoris nutu psnäsnt.... Hinc »8omnam- bulismi st claras intuitionls-, uti vocant, praestigiis mulisr- culas illao, Assticulationibus non ssmpor vsrscunäis, abrsxtas, so iuvisibilia guasgus conspicers sttütiunt, ac äs ipsa rsli^ Aions ssrmonss instituers, auimas mortuorum svocars, rs- sponsa accipers, ignota ac longingua ästsZcrs, allagus iä Asnus superstitiosa sxsrcsrs ausu tsmsrario prassumunt, maZuum guasstuw sibi ac äominis suis äivinamio ccrto cou socuturas. In kiscs omnibus, guascungus äsmum utuntur arte vsl illusiouv, cum oräinontur meäia pb^sica aä stksctus non naturalss, rspsritur äsesptio omnino illicita st basrsti- calis st scauäalnm contra bousstatom worum. Igitur aä tautum notas, st rsligioni st ei rill socistati inksstissimum otücacirsr cobibsnänm, excitari äsbet guam maxims Pastorales sollicituäo, vitzilantia as sein» Lpiscoporum omnium.« Olvilta 6atr. 8. VI, vol. 8, x, 105. einschlägigen Literatur würde in dieser Hinsicht überhaupt sehr förderlich sich zeigen. Dieselbe ist allerdings sehr schwierig. Denn es gibt ja über 100 Zeitschriften über Spiritualismus in allen Welttheilen, und die Bibliographie ist fast unübersehbar geworden. Bei uns in Deutschland allerdings — um dies noch zu bemerken — ist dieselbe nicht von der Bedeutung wie im Auslande. Es existiren hier nur 3 nennenswerte Zeitschriften, die „Psychischen Studien", gegründet von Aksakow im Jahre 1874 und redigirt von Dr. Wittig, dem Uebersetzrr der Werke des amerikanischen Spiritualisten Davis; sodann die „Spiritualistischen Blätter", ein Wochen- organ für den amerikanischen Spiritualismus, herausgegeben von Dr. Eyriax; ferner die „Sphinx", von der wir noch sprechen werden und die nicht ausschließlich spiritualistische Richtung verfolgt. In bibliographischer Hinsicht kommen wohl nur die Schriften des Baron Dr. du Prel, des Ehrenpräsidenten der Gesellschaft für wissenschaftliche Psychologie in München, in Betracht, der die Phänomene durch Wirkung des „transcendentalen Subjects" erklärt, dem er, im Anschlüsse an Andeutungen in Kants „Vorlesungen über Metaphysik", individuellen Charakter zuschreibt. (Fortsetzung folgt.) Gustav Adolf. Nach seinem Leben, seinem Charakter und seinen Thaten geschildert von A. E. (Fortsetzung.) Wir haben gezeigt, daß Pommern nichts mit dem Schweden zu thun haben wollte, Brandenburg wollte ebenso nichts von ihm, und doch sagte der König überall, man habe ihn gerufen, bloß vergißt er beizusetzen, wer ihn gerufen habe. Von Mecklenburg verlangte er, daß es sich mit ihm verbünde, und als es sich weigert, läßt er den mecklenburgischen Ständen vermelden: „wenn sie dem nicht nachkämen, werde er sie mit Feuer und Schwert verfolgen und bestrafen". Dies sind wohl nicht Worte eines „Gerufenen", eines „Befreiers Deutschlands". Mit der Stadt Lübeck stand es gerade so. Nur die Landgrafen von Hessen-Kassel machten Brüderschaft mit dem Schweden, sie, welche schon seit langer Zeit mit jedem verbündet waren, nur nicht mit Kaiser und Reich, sie, welche stets die jämmerlichste Rolle als Deutsche gespielt hatten und mit jedem Fetzen Landes zufrieden waren, kam er her, woher er wolle. Zwei Umstände waren es, welche die Aussicht des Schweden sehr hoben: der Convent zu Leipzig und der Vertrag zu Bärwalde. Auf dem ersten zeigte sich so recht die Uneinigkeit der Fürsten und das Dominiren des protestantischen Geistes, welcher trefflich illustrirt wurde schon durch die Einleitungspredigt des Hofpredigers Hoe von Hoenegg, in welcher dieser Mann des „reinen" Wortes Gottes gemein gegen den Katholizismus loszog. Und nun der Vertrag von Bärwalde. Was wollte Richelieu? was Frankreich? Die Niederwerfung -Oesterreichs. Was wollte Gustav Adolf? Ganz das Gleiche, denn Oesterreich war der natürliche Schutz- und Schirmherr des deutschen Reiches und als solcher der erste und größte Feind des Schweden. So lag die Sache, als der französische Gesandte im Januar 1631 bei Gustav Adolf in Bärwalde eintraf, und hier wurde der berüchtigte Vertrag am 23. Januar geschlossen, dessen Hauptpunkte wir — wenn auch kurz — hier hervorheben müssen: Schweden und Frankreich — Pilatus und Herodes — verbinden sich zum Schutz ihrer Freunde, zur Wiederherstellung der Rechte der bedrängten Stände des römischen Reiches, alles soll in den Stand zurückversetzt werden, in dem es zu Anfang des Krieges gewesen. Da die feindliche Partei jede Genugthuung bis jetzt verweigert hat, soll sie durch die Gewalt der Waffen gezwungen werden. Zu diesem Zweck führt der König von Schweben ein Heer von 30,000 Btann zu Fuß und 6000 Mann zu Pferd nach Deutschland und unterhält es auf seine Kosten. Dafür zahlt Frankreich jährlich eine Million Livres. Sind die Waffen des Königs glücklich, so soll er in allen eroberten Gebieten nach den Neichssatzungen verfahren und die Ausübung der katholischen Religion nicht hindern (doch verflucht gnädig!). Mit dem Herzog von Bayern und den Fürsten der Liga soll Freundschaft oder doch Neutralität gehalten werden, wenn sie zu Gleichem bereit sind (sehr gnädig, aber auch ungemein nach einem Fuchs riechend!). Das Bündniß dauert bis zum 1. März 1636; weil aber der König schon viele Kosten für diesen Krieg aufgewandt hat, so werden ihm für das vorige Jahr 300,000 Livres vergütet (sehr vorsichtig I). Hiemit war der Hauptgrund zur zweiten Coalition gegen Habsburg gelegt. Es schlössen sich ihr in der Folge die übrigen Westmächte an. Der Kriegstanz konnte jetzt erst auf's neue wieder beginnen, und er begann, nachdem Ende 1630 Gustav Adolf bereits Herr von ganz Pommern, mit Ausnahme der beiden Festungen Colberg und Greifswalde, war und ein großes Dankfest am Neujahrstage 1631 in Stettin die Erfolge des Schweden verherrlichen mußte. Das kaiserliche Heer war ungemein geschwächt, Lilly sammelt, was zu sammeln war — Wollenstem schmollt in einem Winkel Deutschlands —, Lilly will eine offene Feldschlacht mit dem Schweden, dieser geht derselben vor der Hand wohlweislich aus dem Wege. Neubranden- burg wird durch die Kaiserlichen eingenommen, Frankfurt a./O. durch den Schweden wahrscheinlich in Folge von Verrath. Beide Städte werden nach dem damaligen Kriegsrecht drei Stunden der Plünderung durch die Soldaten übergeben. Man hat den Kaiserlichen betreffend Neu- brandenbnrg alles Schändliche vorgeworfen, dagegen die Schweden betreffs Frankfurts in Schutz genommen. Untersuchen wir die Sache kurz nach der vollen Wahrheit! Geplündert wurden beide Städte, Neubrandenburg aber erst, nachdem alle gütlichen Mittel erschöpft waren, Frankfurt gegenüber aber hatte der Schwede gar keine gütlichen Mittel angewandt. In Neubrandenburg hatte Lilly mitten im Blutbad die Trommelwirbel rühren und jedem Gnade und Rettung ankündigen lassen, welcher helfe, dem Brand der Häuser zu steuern; in Frankfurt wirbelten auch die Trommeln, die Soldaten rankten und mordeten weiter, die meisten Menschen wurden bis auf das Hemd ausgezogen, denn „die Schweden waren in voller Action begriffen", und erst als der Schwede einige der miserabelsten hängen ließ, ward ein Ende geschafft. Ganz merkwürdig ist noch, daß Gustav Adolf einen theologischen Grund zur Entschuldigung oder Rechtfertigung des Plünderns fand. Als nämlich der reformirte Superintendent Pelargus in Frankfurt sich beklagte, daß auch er mit ausgeplündert fei, erwiderte der lutherische König: „das sei die gerechte Strafe dafür, daß Pelargus falsche Lehren in die Kirche gebracht". Das sagte der gleiche Gustav Adolf, der wenige Wochen zuvor dem hessischen Gesandten Wolf für den reformirten Landgrafen geant- 396 wartet hatte: „den Unterschied zwischen der veränderten und unveränderten Konfession habe der Teufel erfunden". Tilly war bereits vor Magdeburg, als er erfuhr, der Schwede habe sich gegen Frankfurt gewandt; er brach sofort auf, es war aber schon zu spät. Frankfurt und Magdeburg zugleich zu belagern, hätte eine Theilung der Macht verlangt, und eine getheilte Macht hätte zu nichts ausgereicht. Er legte sich also mit seiner ganzen Macht vor Magdeburg und hoffte zuversichtlich, Gustav Adolf werde sich jetzt in offener Seeschlacht mit ihm messen, wenn er Magdeburg retten wollte. Und jetzt wird Magdeburg der Mittelpunkt des Interesses für den deutschen Krieg. Wir wollen auch hier kurz halten. Magdeburg! Tillh! Der jahrhundertlauge Missethäter, bis er endlich in unserm Jahrhundert doch von der ihm auf- und angedichteten Missethat rein gewaschen wurde. Der Administrator von Magdeburg war Verbündeter Schwedens, und die Stadt suchte allein Heil und Segen bei Gustav Adolf. Warum dieser nicht sofort zu Hilfe eilte, wird wohl ein Räthsel bleiben, glaubhaft ist, daß er sich fürchtete, mit Tilly offen zu kämpfen. Letzterer machte Magdeburg ausdrücklich aufmerksam darauf, „daß es auch nicht die allergeringste Ursache habe zu einer Widergesetzlichkeit und daß es unnöthiger Weise zu den Waffen gegriffen". Dreimal forderte Tilly zur Uebergabe auf, umsonst, er läßt seine Batterien ein fürchterliches Feuer gegen die Stadt eröffnen, umsonst. Ein Theil will Kapitulation, aber Falkenbcrg will nicht, denn der Freund, der Schwede, muß ja zu Hilfe kommen, aber der „Freund" kommt nicht — er rückte ja gegen Wittenberg. Falkenberg liest einen Brief vor, den er vom Schweden vor einer Stunde erhalten habe und worin letzterer versichert, er werde sofort zum Entsatz kommen; der Brief war gefälscht. Ein Prediger erzählt dem Volke, einen Engel habe er im Schweigen der Nacht die Wachen und Wälle umwandeln sehen, und dieser habe ihm verkündet, Magdeburg werde aus dem Kampfe mit dem alten Ruhme hervorgehen. So bethörte lutherischer Fanatismus und schwedische Lügekunst das arme Volk. Wir übergehen der Kürze halber die Verhandlungen im Kriegsrathe, Magdeburg wird eingenommen und geplündert. Daß es an sehr vielen greulichen Scenen nicht fehlte, ist selbstverständlich bei der damaligen Soldateska und bei der großen Erbitterung der Soldaten, bald brennt die Stadt an fünfzig bis sechzig Stellen, aber nicht Tilly hat hiezu Befehl gegeben, denn es brannte zu gleicher Zeit in manchen Stadttheilen, wohin die Kaiserlichen noch gar nicht gedrungen waren. Gustav Adolf wollte Magdeburg nicht retten, aber er hat die Stadt zerstört durch die Verrätherei des Schweden Falkenberg, er wollte Tilly als Massenmörder hinstellen und für alle Zeiten brandmarken, er wollte den Religionskrieg, den er so unumgänglich nothwendig zu seinen ehrgeizigen Plänen brauchte, in Deutschland mit aller und voller Gewalt entzünden. Und der Fanatismus der Demagogen und Prediger wollte nicht, daß die Stadt in die Hände des „gottverdammten Liguisten" falle. Tilly rettete zudem ja die herrliche Domkirche und andere hervorragende Gebäude durch seine Vermittlung allein; er schonte Hunderte und aber Hunderte vor dem Untergang durch seine striktesten Befehle, er — der Mordbrenner! Wohl soll der Schwede auf die Kunde von Magdeburgs Fall geweint haben, Thränen sind oft eine sehr billige, auch eine sehr heuchlerische Waare, und er schwor, diese That an den Urhebern zu rächen, er verstand eben den alten Satz nach seiner ganzen und vollen Wahrheit: „Die Welt will für den Narren gehalten sein!" Er heuchelt dem Kurfürsten von Brandenburg, daß so vieler Christen Blut geflossen und er habe nicht helfen können, er droht mit seinem Abgang nach Schweden, wenn ihm nicht alsbald die protestantischen Stände bei- treten; Tilly's Macht ist zu schwach, um sofort offensiv gegen den Schweden vorzugehen, neue gebildete Regimenter waren nicht für ihn bestimmt, sondern für den neu erwachenden Wollenstem und seine Partei, die Gegnerin des liguistischen Feldherrn. Wie Gustav Adolf den Bogislaw überlistet hatte, so überlistet er jetzt den Herrn von Brandenburg, welches Land sich dem Schweden unterwarf und für den Unterhalt des schwedischen Heeres sorgte. Gustav Adolf ging bei Tangermünde über die Elbe und bezog ein festes Lager bei Werben, Tilly lag ihm gegenüber, und wieder kam es zu einer offenen Feldschlacht nicht; der Schwede ging bei Wittenberg zum zweitenmale über die Elbe. ES folgte die Schlacht bei Leipzig. Die Schweden siegten; der „edle" Kurfürst brannte durch, Tilly wurde dreimal verwundet. Es war die erste bedeutende Schlacht, die Tilly verlor, die kaiserliche Sache stand schlecht. Jetzt ruft der Schwede laut: „unsere Sache gilt der Religion", und nicht mehr erscheint er gewissen Deutschen als der nordische Eroberer, sondern als der neue Heiland des unterdrückten Glaubens, und sie rufen dem Schweden ein Vivat! zu, denn der Gewalt weicht füglich auch die Ueberzeugung. Alsbald wurde Halle schwedische Stadt aus Zwang, und so ging es bei dem „Befreier" Deutschlands ruhig weiter. Der Grundplan war jetzt: „die Sachsen sollten den Kaiser in Böhmen und Schlesien angreifen, die Schweden aber durch Thüringen nach Franken vordringen, den Protestanten in Süddentschland Luft machen und die Staaten der katholischen Fürsten erobern, damit man füglich das Schicksal des ganzen Reiches in die Hand bekäme, die Liga Zerschmettern uvo dem Protestantismus durch die Wahl eines römischen KönigS (!!) von dieser Partei ein entscheidendes Uebergewicht geben könne." So schreibt Becker. Hütte er nicht „schwedischer Kaiser" schreiben sollen? Er deutet es wenigstens als Meinung an und hätte gar nichts auszusetzen, wenn es so gekommen wäre. Nach verschiedenen Zügen, kleineren Attaquen kam der Schwede nach Würzburg, aus welcher Stadt der Bischof geflohen war. Die Stadt ergab sich nach kurzem Widerstand, das Schloß wurde erstürmt, und Gustav Adolf setzte eine schwedische Landesregierung ein und ließ sich huldigen. Die Büchersammlung der Jesuiten ließ er einpacken und schenkte sie der Universität zu Upsala. Die Jesuiten hielt der Schwede überhaupt für seine eigentlichen Feinde. Dies bewies er schon in Erfurt, wo er denselben sagte, „er wisse mehr von ihnen, als sie dächten, ihre Pläne seien schlecht, ihre Wege krumm, ihre Grundsätze gefährlich." Ja, was hatten denn die Jesuiten gethan? was konnten sie denn gethan haben? Sie lebten mit allen im Frieden, bis der Schwede kam und den Unfrieden brachte; weil er den Religionskrieg erzwingen wollte, deßwegen mußten die Jesuiten gesündigt haben. Es ist wohl nicht besonders merkwürdig, daß die Angst vor den Jesuiten auch auf diejenigen in vollem Maße bis heute übergegangen ist, welche nicht höher schwöre», als auf den „Vater" Gustav Adolf. tScbluk folgt.) 397 Die Chronologie des hl. Willibald nach der Klosterfrau von Heidenheim a. H., einer bayer. Schriftstellerin des VIII. Jahrh. Von I. N. Seesried. (Schluß.) V. Der hl. Willibald ist am 7. Juli 779, nicht 7 81 gestorben. Ein bisher nicht bekanntes, sehr ins Gewicht fallendes chronologisches Moment hat mit der Freisinger Vita. Willibalds Holder-Egger zur allgemeinen Kenntniß gebracht, die Abfassung des Originals derselben durch die LruiLtimolnalis zwischen dem 23. Juni 778 und dem Beginn des Jahres 779. Ich habe zwar schon 1859 angenommen, daß Willibald an dem bezeichneten Tage des Jahres 778 seine Reiseerlebnisse der Nonne zu Heidenheim mitgetheilt hat/9 weil das Leben Wunibalds von derselben Nonne kurz nach jenem Willibalds und nach dem Ableben Walburga's (25. Februar 779) geschrieben wurde; nun bestätigt uns die Heidenheimer Schriftstellerin noch speciell und ganz bestimmt, daß ihr der Bischof seine Reisen 9 Kai. llulü, priäia ants solstitüa, Nartia, äls erzählte und diktirte.^) Nach Holder- Egger fiel der 23. Juni (9 Kai. lluk, xrickis ants solstitia) in den Jahren 767, 772 und 77 8 auf den äiss Nartiua; und ist demnach dieser Wochentag des Jahres 778 jener Tag, an welchem der hl. Willibald der Nonne seine Reisen in Heidenheim a. H. bekannt gegeben hat. Der dreijährige Kirchenbau von S. Sal- vator in Heidenheim, die Erhebung der Reliquien seines Bruders (777) und die Einweihung der neuen Kirche (778) führten den ersten Bischof von Eichstütt gerade in den Jahren 776 — 778 wiederholt in die klösterlichen Siedlungen des Bruders und der Schwester auf dem sualafeldischen Hahnenkamm. ^). In der Thatsache aber, daß das Itinarariura Konti ^Villikaläi am Dienstag den 23. Juni 778 in Heidenheim der verwandten angelsächsischen Jungfrau erzählt und diktirt worden ist, finden alle Anstünde, welche die Gegner bislang in die 6krono- loZia Villikaläma hineininterpretirt haben, ihre vollständige Lösung. War nämlich der hl. Willibald 77 Jahre alt, als er starb, und lebte er zur Zeit der Abfassung des Lebens des hl. Wunibald (Frühling bis Sommer 7 7 9) höchst betagt^) noch fort. so ist er eben am 7. Juli dieses Jahres d. h. cleclxxix, nicht ckoelxxxi, im Alter von 77 Jahren in die Gemeinschaft der Engel aufgenommen und am 20. Oktober 702 geboren worden (779 — 77 — 702), nicht 700, wie Hirschmanu und seine Gewährsmänner angeben, und wurde er nach der Lanotimonialia im Alter von 41 Jahren Bischof, so ist er es 743 geworden, denn 702 -s- 41 743. Zugegeben muß allerdings werden, daß das Pontifikalbuch Gnndekars auf tolio 7 °') In den Bruchstücken ist Scparatabdnick S. 16 statt 777 das Jahr 778 zu setzen, ebenso Beilage z. AngSb. Postz. 1893 Nr. 51 S. 2 Abs. 1. ") In omnibns eäitäonibus vox Llrrrtii ommissa, sst, quaro annus anten statui noqnivit. Holder-Egger Ll. O. 88. XV, 81 A. 5. ") Ll. S. 1. e. p»F. 115 u. 117 oai>. 11 n. 13. ") In Vit» VVillibübli eap. 1 sagt die Nonne von ihm: usqua seneetntem proeessum et Imoteuus usqns äoorsxitatis »etatom . . (I. o. IMF. 88), und in Vit» IViiuibalsti redet sie ihn 779 noch als lebend an (l. o. x»§. 117 i» Lue). folgenden Satz enthält, welcher die Quelle alles Irrthums sowohl für das Todesjahr Willibalds wie der Errichtung des Bisthums Eichstätt geworden und geblieben ist bis auf den heutigen Tag:^) „Im Jahre der Menschwerdung des Herrn 781 am 7. Juli wurde der hl. Willibald in die Gemeinschaft der Engel aufgenommen, er war 7 7 Jahre alt und saß 36 Jahre auf dem bischöflichen Stuhle." Wir können jedoch nur die Thatsache, daß der ct- tirte Satz, so wie angeführt, im Pontifikale Gnndekars (1057—1075) kok 7 steht und kok 5 wiederholt worden ist, zugestehen, müssen dagegen mit aller Entschiedenheit die Nichtigkeit des Sterbejahres 781 beanstanden. Offenbar ist die römische Zahl äeolxxxi anstatt der glcichziffrigen Jahreszahl äoolxxix nur durch ein Versehen des Schreibers in den Gundekarischen Text eingesetzt worden, was ganz evident schon daraus hervorgeht, daß Gundekar selbst nicht einmal bloß, sondern siebenmal angeführt hat, die Diöcese sei im Jahre 743 errichtet worden?^) Da Hirschmann mit mir hierüber nicht rechten will, so gehe ich der Kürze wegen hierauf nicht näher ein, kann aber die Bemerkung nicht unterlassen, daß es im Pontifikalbuche Gnndekars II., nachdem die auf Willibald folgenden fünf Bischöfe Geruch, Aganus, Adalung, Altun und Otkar ausgezählt sind und das Sterbejahr Otkars (Otgers) herausradirt und dafür die Zahl äaelxxx (780) mit blässerer Tinte von anderer Hand eingesetzt ist, ausdrücklich heißt: „Diese fünf Bischöfe haben die Gesammtzahl ihrer Regierung fleißig in Eins zusammengefaßt, volle hundert Jahre ausgefüllt." Von dem Nachfolger Otkars Gottschalk wird gesagt, daß er am 12. Nov. 882 gestorben sei und drei Jahre Bischof war??) Es folgt daraus, daß Gottschalk im Jahre 87 9 Bischof wurde, denn 882 — 3 — 879; es folgt aber auch, daß an der radirten Stelle bei Otkar ursprünglich gar keine andere Zahl stehen konnte als 8 7 9, denn wäre, wie jetzt, schon ckeeelxxx (880) darin gestanden, dann würde eine Rasur oder Correktur nicht vorgenommen worden sein; die Zahl äoeolxxxi aber konnte schon um deßwillen nicht im Texte stehen, weil in diesem Falle für die bischöfliche Würde Gottschalks keine drei Jahre, sondern bloß ein Jahr übrig geblieben wäre. Otger oder Otkar starb mithin am 6. Juli äeodxxix °°) Hnno »b meai'U. vomini äoolxxxr 8»notus IViNi- bsläns Xoiiis änlii cousvrtinm consceuäit auqelornw, »st»ts quitziio 1 xxv 11 »nnornwseäit annos XXXVI (L1.8.88. VII, 245 u. 243). °°) 1. o. xriA. 246 u. 247. Zur Weihe des Hochaltars s. Lalvritoris ließ Ginidckar II. coiistatircn: .4uno »d ine. vowini 1060, »nno rintem voustitntionis Imius ei>iseoi>ij 66LXVI1, imlivtioiio XIII, re§n»nte quarto Ilcinrico reFo, construvtnrn et eonssor»tnm est koe altars . . . Der letzte Einer der Zahl 317 ist verwischt, 1060 — 317 ergibt das Jabr 74 3. Ich habe unter Hcchw. Herrn Toiiidckan Dr. Drrn- berger, meinem trüberen verehrten Vorstand im Gcorgiaiiriin zu München, das Poniisicalc selbst einüben dürfen, was dem Hcs- historiographcn Falkcnstein noch nicht gestattet war. L1. O. I. e. 245. Ocker obüt (auf radirter Stelle rleoelxrx) anno, 2. Xon. ckul. »Isti gningus vpiscopi owni eoruin äirectionis uiimero rliliZenter in uunm eolle-ety eeutum »nnos vowp iovorniit. Ootosonlvli vdiit: 882. anno, 2. lä. Xov.; seäit »imo» tres. Aus kol. 243 I. e. liest man «Isti quinque exiseoiij.eeutniu »nuos vivsnrla ooiuxteverunt. und am 7. Juli ckovlxxix, gerade 100 Jahre zuvor, sohin nicht ävolxxxi (781), der hl. Willibald?«) Die Rasur und Correktur der Zahl ckaoolxxix (879) bei Otkar wurde erst nach dem LnonzMus HusarMsis oder von ihm, dem Vertrauensmanne Gundekars, selbst vorgenommen, da bei ihm die Stelle bereits lautet: nOtlrsrus (ostiit) 2. Xon. ckulü anno ad i. I). 8 80." Man sieht, es wurde an der unrichtigen Stelle corrigirt, anstatt äeolxxxi (781) bei Willibald in das richtige ckoalxxix (779) umzusetzen, wurde schon vom HusarauLis oder einem seiner Zeitgenossen das richtige ckooelxxix (879) bei Otkar in das unrichtige 880 umgesetzt?') An Rasuren fehlt es dem Pontifikale Gundekars II. keineswegs, und wenn Suttner in ladula Iwonroäiung, x. 1 erklärte, die Zeitangabe auf lol. 5 des Ouuäs- curiuin ^seäit anuv8 XXXVI" stehe auf einer Rasur, ursprünglich habe XXVII gestanden/') so würde die letztere unmögliche Zahl nur beweisen, daß man zu Gundekars II. Zeit die Nonne von Heidenheim und den hl. Willibald gar nicht zu Rathe gezogen oder aber sehr arg mißverstanden hat?') Warum soll es der historischen Kritik nicht erlaubt sein, das ungeschichtliche, offenbar verschriebene Todesjahr 781 aus der Willibaldinischen Chronologie wieder zu entfernen? Dasselbe ist nicht bloß einer liebgewonnenen Meinung unbequem, sondern der geschichtlichen Wahrheit (in vita staati VCIIibaläi nach der Klosterfrau von Heidenhcim) und der älteren beglaubigten Tradition der Diöcese Eichstätt (im Pontifikale bsati duuäacari II.) stracks entgegen. Daß man den Ausdruck im Gundekarium: anno andern eon8ti tntioois Iiujns exi8ooxii auf die Gründung des BisthumS Eichstätt, nicht auf die Erbauung der dortigen Kathedralkirche, beziehen müsse, habe ich im Jahre 1859 schon in ziemlich schneidiger Weise nachgewiesen; ich unterlasse es, die damals gebrauchten kräftigen Worte hier einzurücken, warum auch den Gegner verletzen? llueunäa oritioa si Linien. Warum gerade ich mich mit den vielen Autoritäten, welche den hl. Willibald erst 786 sterben lassen, auseinandersetzen soll, ist nicht einzusehen. Schon die Dompröpste David Popp und Georg Suttner von Eich- stütt haben die Urkunden, welche scheinbar nach dem 7. Juli 781 aus Willibald lauten, beanstandet und zurückgewiesen; ich gehe einen Schritt weiter und bestreite die Beweiskraft und Echtheit einer jeden auf Willibald bezüglichen Urkunde nach dem genannten Tage 779. Will Jemand sich dieser Urkunden bedienen, so muß er") °') Wäre das Sterbejahr 781 im Pontificale richtig, so würde Willibald nacb den übrigen Angaben desselben im Jahre 701 nicht 700 geboren und 745, nicht 741 Bischof geworden sein, chronologische Ergebnisse, welche sich weder mit den genauen Angaben der Laiietimonialis noch init dem Endresultate HirschmannS vereinigen lassen. (Augsb. Postz. 1894 Nr. 19 S. 152 am Schlüsse.) °°) Ll. E. 83. VII. 254 cap. 2. *°) L. C. Bethmann hat I. o. x. 243 ssetit annos XXXVI, einer Rasur und der Zahl XXVII hat er nicht gedacht. Die Vita IVillibaläi III bei v. Falkenstein 6oä. äipl. 468 aus dem 11. Jahrhundert ipricht nur von einer sicbcn- j ihrigen (per soxtom annos) bisckvsl. Wirksamkeit. Hier scheint mir triAinta. vor soptsin ausgefallen zu sein, weil 713 -s- 37 — 760 ist, in welchem Jahre der gleichzeitige Ungenannte von Hcrricdcn den hl. Willibald hat sterben lassen. °2) Hier insbesondere Hauck und Holder-Egger. Die Behauptung des Leistern S. 88. XV, 106 A. 4), Gundc- kar habe das Todesjahr Willibalds 781 unrichtig vorgetragen, trifft den wahren Sachvcrhalt nicht. Nur soviel kaun zuge- beweisen, daß sie echt sind und auf den Bischof Willibald von Eichstätt, den großen Chronologen aus dem 8. Jahrhunderte, sich beziehen. Die Urkunde vom 8. Oktober 786 (v. Falkenstein 6oä. äixl. pa§. 1) bezieht sich nicht auf den ersten Bischof von Eichstätt (Suttner, Pastoralblatt der Diöcese Eichstätt 1881 S. 59). Ich habe nicht Alles besprochen, was sich in der Kritik Hirschmanns beanstanden läßt, sondern nur die wesentlichsten Punkte herausgehoben. Das Resultat der Antikritik konnte nicht zweifelhaft sein, weil gegen die Autorität des hl. Willibald und der Nonne von Heidenheim aus dem 8. Jahrhunderte eine spätere aus dem 11. und 13. Jahrhunderte herrührende entgegengesetzte Chronologie nicht aufkommen kann und niemals ausgekommen wäre, wenn nicht das unkritische spätere Mittel- alter Willibald und Wigbert, Erfurt und Eichstätt bezw. den 1oou8, Hui olim tuit urli8 xaZauoruia und das eingebildete famose ^ursatuw, das niemals cxistirte, mit einander verwechselt hätte. Daß diese Verwechslung d. h. die spät Mittelalterliche Tradition aufgegeben und die Urtradition wiederhergestellt werden muß, kann angesichts der bestimmt und genau gegebenen Daten der Klosterjungfrau von Heidenheim, welche ihre freie Meinungsäußerung und Redefreiheit gegenüber von einigen Autoritäten") ihrer Tage so kühn und glänzend vertheidigt hat, keine Frage mehr sein. Das liebenswürdige Urtheil des Ungenannten von Herrieden, daß die Lanetilrwmalw (nicht wie er angibt die hl. Walburga) vita.3 tratrurir 8iinxlieit6r Zwickern 8vä plenitsr et veraei88irne 8erix3i886 (LI. 6. 88. VII, 255 o. 3), unterschreiben wir recht gern, für das anerkennende mmxlieiter aber mit Holder-Egger 3irnxlioi88iins zu setzen, dazu können wir uns nicht verstehen (LI. 6. 88. XV, 80 A. 4 u. 82). Wir haben eine viel höhere und bessere Meinung von der 8anoti- rnoniaÜ3 Heicksnsioimeiwm und von den Verdiensten Jakob Brückls in Eichstätt als Holder-Egger und theilen die Ansicht desselben nicht, daß die Freisinger vita IVillibalcki fast bis in die Tage unserer heimischen Schriftstellerin hinaufreicht und die vielen Fehler, welche ihr zugeschrieben werden, alle auf ihre Rechnung gesetzt werden dürfen,") doch darum handelt es sich nicht, sondern darum, daß das Bisthnm Eichstätt im Jahre 743 constituict worden ist, wofür sich im Jahre 778, einen Tag vor Sonnenwende, der hl. Willibald und im XI. Jahrhundert der selige Gundekar klar und deutlich genug ausgesprochen haben. Ihnen zufolge wurde Willibald am 20. Oktober 743 Bischof von Eichstätt in einem Alter von 41 Jahren; er war demnach erst im Jahre 702 geboren, folglich 1 Jahr jünger als der 701 geborene Wunibald, und erst 18 Jahre alt, als er sich zum erstenmal auf die Wanderung nach Rom begab (8anotimoniaIi8 IlaickLulisiinoirsio); er hatte den bischöflichen Stuhl in Eickstätt 36 Jahre inne und starb somit am 7. Juli 779 in einem Alter von 77 Jahren (Pon- iifikale). geben werden, daß der Abschreiber die richtige Zahl äoolxxix in die falsche äoalxxxi verschrieben hat. °") Ueber Autoritäten und ihren Werth dürfte die Rede des Rektor Magnificus vr. Kuöpfler in München vom 25. Novellier 1893 zu vergleichen und wohl zu beachten sein. Wir bedauern, daß wir unsere uralten heimischen Quellenschriften nunmehr über Berlin und Hannover beziehen müssen und Commentare dazu erhalten, womit wir uns nicht immer einverstanden erklären können. 399 Wir geben zum Schlüsse die aus der Klostersrau von Heidenheim bereits im Jahre 1859 gewonnenen Resultate und werden, wenn es verlangt wird, von den 18 Nummern unserer damaligen Arbeit noch weitere Bruchstücke oder Fragmente, z. B. über ^urantuni und die exiscoxi ^urentsnsss, Eichstätt ein bayerisches Bisthum u. s. w-, der Oeffentlichkeit übergeben. Passau, am Tage Maria Magdalenä 22. Juli 1894. t/dronalvAi» HVilülralÄjira nach der Klosterfrau von Heidenheim a./H. 778. (Willibald, geboren am 20. Oktober 702.) 720 20.—23. Juni. Willibald (18 I. alt) und sein Bruder Wunib ald (19 I. alt) verlassen mit dem Vater die Heimath. „ c. 1. Juli besteigen dieselben in Hamblehaven das Schiff. „ 11. Nov. (Mariini) Ankunft der Bruder in Rom. 722 nach dem 24. Juni (Johannis) erkranken beide am Fieber. 723 nacb Ostern (28. März). Reise Willibalds in den Orient. 724 Osterseier (16. April) in Paphos auf der Insel Chpern. „ nach dem 24. Juni Abfahrt von Constantia (Sala- mina) nach Syrien. „ Juli bis Dez. Gefangenschaft in Homs (Emesa). 725 Reise nach Damaskus, Galiläa, an den Jordan und Jerusalem. (I) „ (Ostern, 8. April in Tiberias am See Gcnesarcth; im Sommer längerer Aufenthalt in Cäsarea Philipp!; 11. Nov. (Martini) Ankunft in Jerusalem.) 726 Reise über Bethlehem nach Gaza und zurück nach Jerusalem. (II) Reise über Tyrus und Sidon nach Damaökus und von dort über Cäsarea Philippe nach Jerusalem. Pestjabr. 726/27 Ueberwinterung in Jerusalem. (III) 727 Reise nach Syrien. In Salaminias krank bis 1 Woche „ vor Ostern (13. April). Emesa, DamaSkus, Jerusalem. (IV) „ Reise über Sebaste nach Tyrus. „ 30. Nov. (Andreas) Einschiffung in Tyrus nach Konstantinopel. 728 28. März (eine Woche vor dem 4. April, Ostern) Ankunft daselbst. 723—730 zweijähriger Aufenthalt in Konstantinopel. 730 Rückreise nach Italien. 780(Herbst) — 740 Nov. Aufenthalt auf Monte Cassino. 740 30. Nov. (Andreas) Ankunft in Rom. 741 nach Ostern (9. April) Reise nach Bayern. 742 22. Juli Priesterweihe in Eichstätt. 743 20. Oktbr. Bischofsweihe in Sulzebrucke (Tbüringcn). 761 18. u. 19. Dez. in Hcidenheim (Ableben WunibaldS). 765 Willibald unterscbrnbt daS Concil von Attigny. 776—778 befindet sich derselbe im Sommer und Herbst zu Heidcnheim. 778 am 23. Juni erzählte und diktirte er der Nonne seine Reisen. 779 am 7. Juli starb er im Alter von 77 Jahre». -i- 728 Rückkehr WunibaldS nach England, k 729/30 zweite Reise desselben nach Rom. 735 nach Ostern Abgang in die thüringische Mission. 736 Priesterweihe. Steht in Tbüringcn sieben Kirchen vor. 744 an der Vils in der Oberpfalz thätig. 747 in Mainz. 750 in Heidenbcim a./H. Abt. 761 19. Dez. Ableben WunibaldS. 77? 24. Sepr. Erhebung der Reliquien desselben durch Willibald in der Salvatorkirche zu Hcidenheim. Berichtigung. In Beilage Nr. 43 S. 379 Spalte 2 Zeile 5 ist zu lesen Juni statt April, Nr. 49 S. 389 Spalte I Zeile 25 dann statt denn, Nr. 49 S. 390 Spalte 2 Anm. 49 ll.nren.to start Hureo. Recensionen und Notizen. „AlräunchenS Kräuterbuch." Literarischcs Institut von Dr. M. Huttler. —4 „Alräuuchens Kräuterbuch", welches schon bei seinem ersten Erscheinen mit aufrichtiger Freude von Alt und Jung begriffst worden war, ist uns vom Verleger aufs Neue inso- ferne unter dankenSwerth günstigen Bedingungen voraelcgt worden, als für das ganze aus vier Tbeilcn bestehende Werk der Gesammtpreis M. 20 — anstatt M. 25 wie bisher — festgesetzt worden ist. Die einzelnen Theile sollen zu je 5 bezw. 6 M. abgegeben werden. Theil I, „der da handelt von allem, was mit dem täglichen Leben zu schaffen hat", und Theil II, in dem man von den sog. „Zauberkräutern" erfahren wird,, deren seltsamer Gebrauch zumeist der alten Heidenzeit entstammt, können zusammen als der weltliche Theil des Werkes für sich als Ganzes gelten; ebenso der III. u. IV. Theil, welche in die „christliche Pflanzenmystik" einführen. Dadurch dürste die Kenntnißnahme dieses mit ernstem Forscherfleiß gesammelten, mit historischem Sinn ausgearbeiteten und von feinster Naturempfinduug durchdrungenen Werkes für ein größeres Publikum ermöglicht werden. Vor allem möchten wir aber der reiferen Jugend an's Herz legen, sich mit dem durchaus eigenartigen Buch bekannt zu machen, da eö besonders dazu geeignet ist, das Interesse für kulturgeschichtliche Botanik zu wecken. Für eingehendere Studien auf diesem Gebiete bietet daS jedem Theil angefügte Quellenregister einen unschätzbaren Wegweiser. Möchte „AlräunchenS Kräuterbuch" recht viele Weihnachtstische schmücken! Maria im Bilde. 12 Darstellungen im Lichtdruck. Verlag von Paul Neff, Stuttgart. 18 M. * Diese Collectiv» ist das erste Prachtwerk, welches wir zur bevorstehenden Weihnachtssaison anzuzeigen haben. Eö sind hier 12 Marienbilder nach den berühmtesten Darstellungen alter Meister geboten, nämlich: La Madonna di Sän Sistino, Madonna della Sedia und La belle Jardinisre von Naphael, die Conceptio Immaculata von Murillo, die Madonna della Scala von Correggio, die Madonna mit dem Bürgermeister von Holbein, die Vierge aux rochers von Lionardo da Vinci, die Himmelfahrt Mariens von Tizian, Maria mit den Heiligen von Rubens, die heilige Familie mit Engelsknaben von Guido Reist, Madonna mit Engeln von A. Dürer. Die vorliegenden Reproduktionen dieser berühmten Meisterwerke sind in Pboto- typie von der Hofkunstanstalt Rommel u. Co. ganz vorzüglich ausgeführt, und zwar 11 von ihnen nach auserlesenen Kupferstichen und eine nach einem Original-Holzscbnitt. Die Große der Blätter ist (mit Rand) 45:33. Die Sammlung ist von einer magnisik ausgestatteten Mappe umschlossen. Das Ganze eignet sich namentlich als prächtige Gabe auf den Weihnachtstisch, und wir wünschen dem Werke umsomehr recht viele Freunde als der Preis verhältnißmäßig nieder gestellt ist. Gegenüber den Darbietungen verkehrter moderner Kunst ist es immer wieder ein Hochgenuß, sich an jenen Meisterwerken zu laben, in denen zumeist in glücklichster Weise berechtigter Realismus mit dem höchsten Idealismus sich paart. Zum neuen Jahrei Eine Oktave ABC-Studien aus der Fibel und Bibel zur Anregung und Unterhaltung für Junge und Alte, die sich in der Schule des LebeuS für die ewige Oktave vorbereiten. AuS der Mappe eines bemoosten Hauptes von Carl Maria Sam berge r. Bamberg 1895. 175 S. kl. 8°. Druck von Paul Franke. Commiss.-Vcrlag Schmidr'sche Buchhandlung (Schindler). Pr. 2 M- — Wie der launige Titel, so der Inhalt des Büchleins, das wir hicinit anzeigen und empfehlen. Es ist ein wahrer Stapelplatz von hohem Ernst und geflügeltem Scherz, von reicber Erfahrung und Lebensweisheit, von echter Religiosität wie von Wissen und Kunst, aus welchem allem manchmal anhaltenver, manchmal wie im Fluge genippt wird. Mitten aus dein Felsen der Prosa rinnen und sprudeln öfters, wie bei Scb. Brunner, poetische Adern. Obgleich man ein strenges System nach der leicht geschürzten Anlage des WerkchenS nickt suchen darf, so bcrrscbt doch nicht pure Willkür oder Unordnung. Die musikalische Oktave gibt das allgemeine, das Alphabet das untergeordnete Sckema ab, in welches der gciniilhvolle Autor seine Gold- und Silbctkörner unterbringt und wie an einem Faden lose reiht. Auch der Weihnachtstisch, für welchen daS Büchlein sich trefflich eignet, und der Weibnachtsbaum bietet seine Gaben nicht im strengen System, sondern mehr bunt, aber insofern um so angenehmer geordnet, weil man sie, ohne sich 400 besonders anzustrengen, abpflücken und genießen kann. Möge das Werkchcn Viele nützlich crsrencn! Dr. K. Der Gottesbegriff in der neueren und neuesten Philosophie. Von Dr. M. Gloßner, Kanonikus, Mitalied der römischen Akademie des hl. Thomas. S. 80, 8°. Padcrborn 1894, Schöningh. Preis: M. 1,80; für Abonnenten dcö Commer'schcn Jahrbuchs: M. 1,20. 0. v. I/. Zum „Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie" werden von nun an auch Ergänzungöl,efte erscheinen. Abonnenten des Jahrbuchs erhalten dieselben zu einem ermäßigten Preise. Das erste Ergänzungshcft liegt uns unter dem angegebenen Titel vor. Format nnd Ausstattung ist ebenso wie beim Jahrbuch nnd macht der VcrlagShandlung alle Ehre. Wir können das Heft kurz Kritik einer Kritik nennen. In eingehendster Weise bespricht der so rührige Verfechter der Lehre des hl. Thomas, Dr. M. Glvßner, das Werk: „Die deutsche Spekulation seit Kant mit besonderer Rücksicht auf das Wesen des Absoluten nnd die Persönlichkeit Gottes." Von Dr. A. Drcws. 2 Bände, Berlin 1893. Der Verfasser, ein Jünger Ed. v. Hartmann's nnd Anhänger der Philosophie dcö Unbewußten, bietet darin eine ausführliche Darstellung der Geschichte des modernen spekulativen Gottcsbegriffs. Die Absicht ist gerichtet auf eine Prüfung der spekulativen Shsteme (seit Kant) nach ihrem Werthe und ihrer Bedeutung für das Ganze der spekulativen Jdeenentwickelung. Gloßner folgt dem Verfasser auf seinem Gange durch die Jrrpfade der movcrnen Systeme. Der philosophische Nihilismus zeigt sich so handgreiflich als das folgerichtige Endergebniß deö DeScartes-Kant'- schen SnbjectiviSmus. In „I. Allgemeine Erörterung" wird zunächst erklärt, was der sogen, spekulative Gottesbegriff der neueren Philosophie sei, wie er sich entwickelt vom dogmatischen Pantheismus aus durch Kant nnd Hegel hindurch. Vorläufer Kants sind CartcsiuS, Malebranche, Leibniz, Spinoza. Die Uebersicht des Verfassers über die Entwickelung des religiösen und philosophischen Gottcsbegriffs von ihren vermeintlichen Ansängen an (Einleitung des Werkes) wird in manchen Punkten berichtigt. Dann kommen der Reihe nach zur Sprache: II. Der Gottesbegriff Kants. III. Der angebliche naive Pantheismus (Fichte, Schelling, Schleiermacher, Hegel). IV. Der spekulative TheismnS(Baader, Schelling in der späteren Periode, der jüngere Fichte, Weiße, Fischer, Sengler, Günther, Weber, Deutinger, Nosenkrantz, Dörner). V. Ilnitari scher Theismus (Jakobi, Krause, Herbart, Braniß, Rothe, Chalybäns, Fcchner, Lotze, Nohmer Ulrici, Carriere, LiPsiuS). VI. Pseudoth eismuS (Latke, Wirth, Biedermann, Sicndel, Frohschammer). VII. Radikaler Atheismus (Feuerbach, Strauß, Büchner, Häckel, Czolbc, Dühring, Planck, Mainländer, Bahnsen). VIII. Jndifserentistischer Atheismus (Hcllenbach, Du Prel, Wundt). IX. Antitheist- ischer Atheismus (Schopenhauer, Michelet, v. Hartmann). AnS der Besprechung ergibt sich ein entschiedenes Vcrwerfungs- urthcil über diese gesummte Entwickelung, welche endet in der Philosophie des Unbewußten mit einem unbewußten unpersönlichen Gott. Retten kann nur ein Mittel: die Rückkehr znr christlichen, patristisch-scholastischcn d. i. echt theuristischen Philosophie, wie es immer wieder der hl. Vater betont. — Somit liefert denn Gloßner einen wcrtbvollen Beitrag znr Geschichte der neueren und neuesten Philosophie. Eben am GotteSbcgriffe haben wir auch einen Maßstab zur richtigen Würdigung der einzelnen philosophischen Systeme. Und darum müssen wir vr. Gloßner für seine Arbeit allen Dank sagen. Leontius von Byzanz, ein Polemiker aus dem Zeitalter Jnstinians. Von vr. tlwol. k. Wilhelm Rügamcr, 0. 8. L. Preisgekrönte Schrift; Würzburg 1891, bei Göbel; VIII nnd 176 S. ö. Der Verfasser vorstehender Schrift, vier Jahre lang als Kaplan in der Diöcese Würzburg thätig, seit einem Jahre Mitglied dcS Augustiner-Klosters zu Münnerstadt, sowie Ncligions- lebicr und Lobrer der hebräischen Sprache am dortigen Gymnasium, übergibt hier seine als Alumnus im Jahre 1887/88 gelöste PreiSanfgabe in neuer Ueberarbcitung der Öffentlichkeit. Durch die Encyklika Lco's XIII. vom 20. Juni lfd. Js., nt ownes sint nimm, worin er die morgcnländischcn Völker auffordert zum Studium ihrer Vater, um sieb zu überzeugen, daß ihre Vorfahren dasselbe glaubten und lehrten, was die römisch- katbolische Kirche glaubt und lehrt, sowie durch die vor Kurzem in Rom tagende Versammlung der orientalischen öcumenischen Patriarchen, wird die Aufmerksamkeit der Abendländer auf die griechischen Vater der ersten Jahrhunderte in erneutem Maße hingelenkt. Schöne Frückte hat bereits die historisch-kritische Methode der theologischen Wissenschaft hervorgebracht, und dürfen die kath. Theologen hierin nicht zurückbleiben. Im I. historischkritischen Theil behandelt der Verfasser die dem L. zugeschriebenen Werke unter steter Berücksichtigung der neuesten einschlägigen Literatur und dann das Leben desselben, 1—68; im II. dogmen- historischcn Theile wird nachgewiesen, daß die Lehre des Leontius mit der der katholischen Kirche übereinstimmt. Von besonderem Interesse ist es, daß Leontius als Apologet die Beschlüsse des Konzils von Chalcedon vertheidigt und als Polemiker gegen die Nestorianer und Monophhsitcn, von denen ja verschiedene Sekten noch bestehen, die jetzt zur Wiedervereinigung mit der Kirche eingeladen werden, auftritt. Trug er ja dadurch viel zur Befestigung der Kirchengemeinschaft des östlichen Theiles mit Rom bei. Welchen Einfluß L. auf die Theologie der spätern Zeit hatte, gebt daraus hervor, daß er als „Vorläufer" des Johannes v. Damaskus, des „Vaters der Scholastik", bezeichnet wird. Mag auch manchmal der Kritiker an vorliegendem Werke etwas auszusetzen haben, mag er manchmal eine präcisere oder prägnantere Definition wünschen, — mag auch die Schrift noch nicht eine endgültigte Lösung der Frage nach dem Leben, den Werken und der Bedeutung dcö L. als Kirchen- schriststeller sein, wie Verfasser selbst S. 1 n. 175 bemerkt, — als ein wichtiger Beitrag dazu muß sie aber angesehen werden. Soll der Wunsch des hl. Vaters betreffs Wiedervereinigung der nicht nnirten Orientalen in Erfüllung gehen, so darf daS Studium der byzantinischen Kircbenschriftstcller der ersten Jahrhunderte nicht außer Acht gelassen werden, wie Verfasser mit Recht zum Schlüsse bemerkt. Volle, lsZol L. v. Hammerstein, „Edgar" oder „Vom Atheismus znr vollen Wahrheit". 8. Aufl. Trier, 1891. - „GottcSbcwcise" nnd moderner Atheismus. 4. Aufl. Trier, 1894. Verlag der Paulinusdruckerci. O Von den genannten Büchern werden nnS neue Aus- lagen geboten, die in mehrfacher Beziehung die früheren überflügeln. „Edgar" ist um Vieles vermehrt worden; anderes wurde neu gefaßt nnd überarbeitet. Der Literaturnachweis am Schlüsse ist mit den neuesten Erscheinungen vervollständigt und eine Tafel — graphische Darstellung einiger der bekannteren christlichen Confcssioncn — ist am Schlüsse angefügt. — Die „GottcSbeweise" bilden den ersten Band einer christlichen Apologie; sie wenden sich gegen den Atheismus niid Nationalismus und schaffen die Grundlage für den Beweis des Christenthums. Auch dies Buch wurde einer genauen Durchsicht unterzogen und mehrfach erweitert. Im Interesse der praktischen Bcnutz- barkcit des Buches wäre cS aber doch vielleicht besser gewesen, wenn der Herr Verfasser seinem Impuls gefolgt wäre und die spekulativ-philosophischen Kapitel weiter zurückgestellt hätte. Der christliche Vater in der modernen Welt. Vo» August in Egg er, Bischof von St. Gallen. Verlag von Benziger n. Co., Einsicdeln. Preis M. 1,30. (Fein gcbd. zu M. 2—3,20.) * Der bocbwürdigste Herr Verfasser, dessen Fleiß und Talent die katholische Welt schon eine Reihe sehr dankcnswerther Publikationen verdankt, bietet in diesem von der Verlagshand- lnng sehr hübsch ausgestatteten Buche (handliches Gebetbuch- Format, 511 Seiten) dem christlichen Vater einen treuen Führer, der ihm durch die Schwierigkeiten und Hindernisse der modernen Welt den rechten Weg zeigt, um seiner hohen Ausgabe gerecht zu werden und sich und seine Familie und damit auch die Gesellschaft zu beglücken. Es sind Belehrungen, die aus warm fühlendem Herzen kommen und von einem klaren Geiste diktirt sind. Sie umfassen das Leben und Wirken eines Vaters in seiner ganzen Mannigfaltigkeit nnd in seinem Verhältniß zu Frau nnd Kindern, zur Kirche, zur Oeffentlichkcit u. s. w. Probeweise greifen wir folgende Stelle heraus: „Wenn das Kind sich gut hält, so sei man mit dem Lobe nicht verschwenderisch und mit Belohnungen sparsam. Dieselben sind nicht ausgeschlossen, aber man sehe sich vor, daß man damit daS Kind nicht verziehe. Es ist bald geschehen, daß das Kind nur um einer Art Eigennutzes willen gehorcht, und das darf nicht sein. Ist es auch für höhere Beweggründe noch wenig zugänglich, so muß doch für diese der Raum in seinem Herzen offen bleiben." Möge dies in seiner Art classische Buch, das im zweiten Theil die gewöhnlichen Andachtsübungcn eines kathol. Christen und eine Anzahl Gebete für einen christl, Vater in den verschiedenen Anliegen seines Berufes enthält, recht weite Verbreitung finden und vielen Segen stiften! 'Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erahherr in Augsburg. Die Apostclgruft liä (ülLtlirriiWlE an der Via Appia. So betitelt sich eine in hohem Grade interessante Schrift des unermüdlichen Archäologen Msgr. Dr. Ant. de Waal, welche vor Kurzem als drittes Supplcmenthcft der von dem nämlichen Autor in Verbindung mit dem Historiker Pros. Finke herausgegebenen Römischen Quartalschrift erschien?) Es ist eine auf Grund der neuesten Ausgrabungen fußende historisch-archäologische Untersuchung über den Ort an der Kirche von S. Sebastians, wo nach verbürgten Zeugnissen des christlichen Alterthums die Leiber der Apostelfürsten eine Zeit lang beigesetzt waren. Ihr großer Werth liegt darin, ein neues kräftiges Beweismoment in dem Complexe von Fragen, welche sich an die Tradition von der Anwesenheit des hl. Petrus in Rom knüpfen, in den Vordergrund gerückt zu haben. Die Kritik, welche sich gegen die traditionellen Nachrichten über den hl. Petrus zu Rom ablehnend verhält, ist gegenwärtig in einem Stadium der Rückbildung begriffen. „Abgesehen von einzelnen Gelehrten, welche hartnäckig den allgemach antiquirten Standpunkt vertheidigen, sagt de Waal, ist der Verlauf der Opposition gegen die römische Tradition folgender: Petrus ist nie in Rom gewesen. Er ist zwar in Rom gewesen, aber er hat doch dort nicht als Bischof gewirkt. Er ist zwar (nicht bloß als einer von den zwölf, sondern als der erste von den Aposteln) dort thätig gewesen, allein er ist nicht in Rom gestorben. Er ist freilich daselbst gestorben; allein sein Grab ist unbekannt." (S. 24.) Daß nun die römischen Ueberlieferungen auch bezüglich der Ruhestätten der Apostelfürsten trotz der Irreleitung, welche sie durch den Wandel der Dinge im Laufe der Jahrhunderte in nebensächlichen Momenten erfahren haben mögen, in der Hauptsache auf einen festen und sicheren Ausgangs- und Anhnltspunkt zurückweisen, das an einem Beispiele zu zeigen, ist de Waal in der vorliegenden Schrift nach unserem Ermessen in ebenso überzeugender als überraschender Weise gelungen. Die Tradition bezeichnet die sogenannte Platonia an der Kirche S. Sebastian», einen unterirdischen halbrunden, nach rückwärts gerade abschließenden Raum, den ein Tonnengewölbe deckt, als zeitweilige Ruhestätte der Apostelfürsten. Inmitten dieses Raumes steht ein ausgemauerter hohler Altarstock, dessen Fenestellä die Kommunikation mit einer kleineren, tiefer liegenden Grab- kammer mit bisomer Tumba (Grab für zwei Leichname) vermitteln. Hicher sollen die Leiber der Apostel gebettet worden sein, als orientalische Christen, wie die Sage berichtet, den Versnch gemacht hatten, sie in ihre Heimath zu entführen, aber durch ein Erdbeben und die nacheilenden Römer beim dritten Meilensteine vor dem Appischen Thore gezwungen wurden, ihren Raub zurückzulassen. Als historischen Kern dieser vielinterpretirten Legende glaubt de Waal folgendes zu erkennen: Die in Rom ansässigen Jndenchristen hätten den Versuch gemacht, gleich nach dem Tode der Apostel sich in den Besitz ihrer Leiber zu setzen, weil sie ein größeres Anrecht darauf zu haben glaubten und ihrer Partei ein kostbares Palladium sichern wollten. Die Absicht einer Neberführung in den ') Rom 1894. In Commission der Herdcr'schen Verlagsbuchhandlung zu Freiburg i. B. und der Buchhandlung Spit- höver zu Nom. Orient sei spätere Zuthat (S. 51). Hier nun hätten die Reliquien ungefähr anderthalb Jahre geruht, nämlich bis zum Bau der Memorier durch Anaklet auf dem Vatikan. Als de Waal über die ersten Ausgrabungen in diesem Raume berichtete 2) — sie begannen im Winter 1892 —, konnte er von mannigfachen Spuren, welche die ersten christlichen Jahrhunderte dort hinterlassen hatten, erzählen, während sich über die ursprüngliche Bestimmung des Raumes noch tiefes Dunkel legte. Erst nach Wiederaufnahme der Arbeiten im folgenden Jahre begann sich dasselbe zu lichten. Nun aber mußte eine Thatsache con- statirt werden, die ganz und gar unerwartet kam, die Thatsache nämlich, „daß die Platonia gar nichts mit den Apostelreliquien zu thun hat", daß sie der Bergungsort der Reliquien des heiligen Bischofs und Marthrcrs Quirinus ist, welche ungefähr in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts aus Pannonicn nach Nom geflüchtet worden waren: „II Nrrusoloo s Lsotärigus für Deutschland, berufen, der den wissenschaftlichen Theil der „Sphinx" leitete, aber nach einiger Zeit, wie wir hören, da er die neue Gottweisheit mit seinen religionsphilosophischen Bestrebungen auf die Dauer nicht in Einklang bringen konnte und die christliche Mystik der indischen vorzog, sich wieder verabschiedete. Es wurde nun vorerst im November des Jahres 1893 zu Berlin ein „Esoterischer Kreis" gegründet, dem das Studium der Werke der Mme. Blavatsky empfohlen wurde. Nachdem sodann der deutsche Theosoph alles Nothwendige mit den „indischen und englischen" Hauptquartieren geregelt hatte, entstand im August dieses Jahres eine deutsche Zweiggesellschaft der indischen Mahatma-Berbindung. Oberst Olcott, der Leiter derselben, war eigens, um den Triumph der Blavatskosophie in Deutschland mitzufeiern, nach Berlin gekommen und wohnte der Gründungsversammlung bei, die allerdings nicht so zahlreich besucht war, als man erwartet hatte. Hübbe-Schleiden ging, nachdem sein Wunsch erfüllt war, nach Indien, und für ihn übernahm nun ein Or. Goering die Leitung des indischen Zweigvereins und der zuerst gegründeten „Theo- sophischen Vereinigung", die merkwürdigerweise noch immer fortbesteht, aber, wie Hübbe-Schleiden in der „Sphinx" bemerkte, „nur für solche geistig niedrig stehende, die noch nicht tiefer in das Wesen der Theosophte eingedrungen sind und deßhalb sich noch an nationale Schranken gebunden fühlen", d. h. mit andern Worten, die theosoph- ischen Werke der englischen Gesellschaft nicht lesen und verdauen können. Nach dieser Aenderung der Verhältnisse wird also gegenwärtig der Lehre der Blavatsky und ihrer Mahatmas das Hauptaugenmerk in Deutschland geschenkt, und es ist deßhalb nothwendig, daß wir uns schließlich noch mit dieser eingehender beschäftigen; es werden hiedurch einzelne Andeutungen, welche im Laufe dieser Erörterungen bereits gegeben sind, erklärt und vervollständigt werden. Mme. Blavatsky ist identisch mit der bekannten Reisenden, die, nachdem sie den 60jährigcn russischen General gleichen Namens im Alter von 17 Jahren aus Eigensinn und Muthwillen geheirathet hatte, ihn eines Tages, als er ihr unsympathisch wurde, mit einem silbernen Leuchter zu Boden schlug, dann in Angst um die Folgen entfloh und in der weiten Welt umherzog. Auf einer ihrer Reisen, und zwar erst im Jahre 1856, behauptet sie in Tibet eingedrungen zu sein und dort drei Jahre lang unter der Brüderschaft der „Mahatmas", d. i. der großen indischen Mystiker, geweilt zu haben und von ihnen in die geheimen Wissenschaften und in die uralte Weisheitsreligion oder Theosophie, aus der alle Volksreligionen hervorgegangen sein sollen und die den großen Religionsstiftern, wie Buddha und Christus, bekannt war, eingeweiht worden zu sein. Es ist sehr schwer glaublich, daß diese Aussagen auf Wahrheit beruhen; denn die indischen weltflüchtigen Mystiker sollen keineswegs zu so vertrautem Verkehre mit Frauen geneigt sein. Bemerkenswerth ist es in dieser Hinsicht, daß in dem Berichte, den der Londoner Psychologe Dr. Hodgson im Auftrage der „Looiotzc kor xs^okioLl resoarolr" in Indien nach den Aussagen der Umgebung der Mme. Blavatsky zusammenstellte, dieselbe nur mit Chelas, d. h. Schülern indischer Mystiker, aber nicht mit diesen selbst, in Beziehung war. Selbstverständlich stellte die Theosophin dies in Abrede, wie sie überhaupt stets allen Einwänden ihrer Gegner energisch widersprach. Sie will nach ihrer Rückkehr aus Indien noch immer mit den „Mahatmas" in geistigem Rapport geblieben sein, sogar, während sie 3 Jahre lang in TifliS in hysterisch-kataleptischem Zustande sich befand, geistig bet denselben ein zweites selbstbewußtes Dasein geführt haben. Ueberdies sollen diese ihr das Material zu ihren beiden Werken „Psts Laoret Dootrius" (Die Geheimlehre) und „Isw unveileä" (Die entschleierte Isis) in geheimnißvoller Weise gesandt und sie mit der Gründung der „Theosophischen Gesellschaft" zur Verbreitung indischer Weisheit betraut haben. Letztere vollzog sie, nachdem sie in Amerika anfänglich sich an der mediumistischen Bewegung betheiligt, am 17. November 1875, in Verbindung mit Oberst Olcott, den sie in New-Aork kennen gelernt hatte. Sie wollte keine neue Neligionsgesellschaft ins Leben rufen, sondern nur die Doktrinen verbreiten, welche nach ihrer Aussage Wissenschaft und Religion vereinen. Allmählig gewann sie in den Ländern englischer Zunge, wo ja jede neue Bewegung, sogar eine Heilsarmee Verbreitung finden kann, immer mehr Anhänger. Das „Hauptquartier" der Gesellschaft wurde im Jahre 1878 nach Adyar bei Madras in Indien verlegt. Gegenwärtig zählt sie etwa 300 Zweigvereine, und im letzten Jahre hielt sie unter dem Vorsitze der Mrs. Annie Besant, welche nach dem am 8. Mai 1891 erfolgten Tode der Mme. Blavatsky deren Nachfolgerin wurde, einen Congreß gelegentlich der Weltausstellung in Chicago ab, der sehr zahlreich besucht war. Die angeblich völlig undogmatische theosophische Gesellschaft hält doch im allgemeinen an den „esoterischbuddhistischen" Lehren fest, deren Hauptpunkte in den beiden genannten Hauptwerken der Blavatsky, in dem Werke „Schlüssel zur Theosophie", einer Summe von Widersprüchen, lächerlichen und gewagten Behauptungen, sowie in Sinnett'L Buch v^soteriv Luäclsiisiu" klargelegt sind. Nach denselben vollziehen sich im Universum — hinsichtlich des Gottesbegriffes strotzen die theosophischen Werke von Phrasen und Widersprüchen, nnd im allgemeinen tritt der indische Pantheismns, nur vielfach verzerrt, entgegen — ewig zwei Processe, die Evolution und die Involution, — das Aus- und Einathmen Brahmas, — die Verstofflichung und Vergeistigung. Das Menschenwesen, welches in 6 oder 7 Theile, 3 obere uno 4 untere „Principien", Atma, Buddhi, Manas, — ManaS, Linga Sharira, Kama Nupa, Nnpa/) zerfällt, wird durch viele Neinkarnationen ge- ') Gottgeist, erleuchtete oder göttliche Seele, Mcnschengcist, (ManaS) Astral- oder Actherleib, Lebensprincip, materieller Leib. läutert und allmählig vom Stofflichen zum Geistigen zurückgeführt. Dieselben erfolgen meist ungefähr alle 3000 Jahre, während welcher Zeit das Menschenwesen in einer Art „Nirwana", nach Art der spiritistischen „vierten Dimension", herumbummelt. Im Indischen wird dieser Zwischenzustand als „Devachan" bezeichnet. Erst nachdem der Mensch sich von aller Anhänglichkeit an das Irdische und an das Sonderdasein gereinigt hat, erfolgt die Rückkehr in das eigentliche „Nirwana", welches Erlöschen eben nur mit Bezug auf das Stoffliche bedeutet. Von der langwierigen Inkarnation kann sich nun ein Mensch schon hier auf Erden befreien, wenn er durch Askese die Höhe eines „Jogi", d. t. Gottmenschen, zu erreichen sucht, der dann schon hier auf Erden in der Ekstase sich ganz mit dem Gottgeiste einen und auf diese Weise das höchste Wissen und die höchste Vollendung erreichen kann. Ein solcher ist ein Gottwciser, Theosoph, im vollen Sinne des Wortes. Die Mahatmas sind auf dieser Entwicklungshöhe in der Gegenwart. Ganz besonders wird von den Theosophen das Gesetz der „Karma" betont, welches alle scheinbare Ungerechtigkeit in der Welt erklären und in allen Verhältnissen Trost und rechte Lebensführung gewähren soll. Nach demselben bestimmt die Gesammtsumme der guten und bösen Thaten eines Individuums in früheren Existenzen kausal die Verhältnisse desselben in den späteren bis zur Rückkehr inS Nirwana. Wenn wir uns mit unserem irdischen Bewußtsein unserer Handlungen im früheren Dasein, von denen nur das höhere geistige Ich Kenntniß hat, nicht erinnern können, so ist dies für uns in der Weise von Vortheil, weil wir noch mehr geprüft nnd znm Selbstdenken über unser und der Welt Wesen angeregt werden. Diese Lehren muß man sich mühsam aus den verschiedenen Werken, in welchen sie keineswegs so klar und verständlich dargestellt werden, zurechtlegen. Wer nun dieselben mit der Aufzählung der Zwecke vergleicht, welche die englische theosophische Gesellschaft haben soll, der muß bekennen, daß letztere wohl keineswegs dem Neuling einen Begriff von dem Glauben geben, dem er entgegenzustrcben hat. Die Theosophische Gesellschaft, so heißt es, hat folgende Zwecke: 1) Einen Kern zu bilden, um welchen die Ideen einer allgemeinen Menschenverbrüderung ohne Unterschied der Nationalität, des Glaubens, Geschlechts, der gesellschaftlichen Stellung oder Hautfarbe krystallisiren und die Ideale der Menschheit sich verwirklichen können. 2) Das Studium der Literatur der Arier und der Religionen, Philosophien und Wissenschaften des Orients und des Alterthums zu befördern und auf dessen Wichtigkeit aufmerksam zu machen. 3) Die noch unbekannten Gesetze der in der Natur und im Menschen schlummernden Kräfte (Wille, Bewußtsein, Vorstellung rc.) zn erforschen. Letzterer Zweck wird jedoch hauptsächlich nur von der „Esoterischen Section" der Theosophischen Gesellschaft, die noch immer in direkter Verbindung mit den Mahatmas stehen und von ihnen mysteriöse Briefe aus Tibet mit Blitzesschnelle durch magische Fernwirkung empfangen soll, verfolgt. Dieses allgemein gehaltene Programm kann wohl Manchen verlocken, sich den Theosophen anzuschließen, der auf ihre sonstigen Lehren und Bestrebungen, wenn er sofort in sie eingeweiht würde, nicht näher eingehen würde. Man wird nach dem Gesagten zu der Anschauung gelangen müssen, daß in Deutschland die Verbreitung ^er Theosophie kaum so rasch erfolgen dürfte, wie in England. Abgesehen davon, daß wir nicht das Interesse an indischen Ideen haben, wie die Engländer, dürfte wohl auch in Betracht zu ziehen sein, daß der deutsche Michel doch Verstandeskraft und Willen genug hat, um sich nicht buddhistisch einschläfern zu lassen. Die gebildeten und tiefer religiösen Kreise werden aber wohl immer mit Befremden und Mißtrauen eine Gottwcisheit betrachten, die auf derartigen Umwegen bei uns eingeführt werden soll und die christliche Mystik noch immer der indischen vorziehen. Dies ahnte wohl auch Graf Lciningen, der kürzlich (am 8. Novbr.) in München einen Vortrag über Theosophie und Mystik hielt, und suchte deßhalb auch das Wesen derselben möglichst von der Theosophischen Gesellschaft, ihrer Stifterin, ihren Mahatmas u. s. w. zu trennen und überhaupt zu betonen, daß er keineswegs ausschließlich indische Mystik vertreten wolle, daß, was er lehre, auch der Kern der christlichen sei. Jedoch waren im allgemeinen die Grundzüge seines Vertrages nur die dargestellten indisch-theosophischen Lehren, und am Schlüsse entwickelte er sogar ein System der praktischen Mystik und Askese aus der Vedanta. Demzufolge wird wohl auch in der süddeutschen Hauptstadt seine Bemühung wohl kaum die angestrebte Förderung realisiren können, und auch die Münchener, von denen doch ein Theil weniger Verständniß für Mystik, zumal für so entlegene, zeigt und gewissen „grobstofflichen" Gewohnheiten nicht allzuschncll entsagen dürfte, werden wohl nicht so bald in die Gemeinschaft der „Mahatmas'' kommen können. Auch ein Beitrag zur Astronomie. Von Georg Sailer (Anistors). Herr Maier (Schausling) hat in einigen Beilagen der Postzcitung deren Lesern mit seinem reichen Wissen aus der Astronomie interessante Aufschlüsse gegeben. In der Beilage Nr. 47 jedoch findet sich ein Satz, dessen Inhalt sich aus dem sonst Gesagten nicht beweisen läßt. Er lautet: „Wenn wir erwägen die Unendlichkeit des Weltalls in Raum und Zeit, wenn wir bedenken, daß unser Erdball nicht einmal einem Sandkorne gleichkommt in Hinsicht auf die zahllosen Körper des Weltalls, so müssen wir von dem Wahne geheilt werden, als wären wir die alleinigen vernünftigen und bedeutendsten Geschöpfe des sichtbaren Universums." Hier ist also, wie es scheint, von einer absoluten Unendlichkeit des Universums in Raum und Zeit die Rede. Mit einer solchen Annahme aber ist vor allem der Erfahrungswissenschaft selbst widersprochen, denn diese hat die allmählige Entwickelung des ganzen Kosmos ermittelt. Alles weist hin auf einen Anfang, den die einzelnen Theile genommen haben, und den man deßhalb folgerichtig auch dem Ganzen nicht absprechen kann. Wenn auch die Erfahrung bis zu diesem Anfang noch nicht gelangt ist, so muß sie ihn doch annehmen, gleichwie sie auch den mathematischen Punkt im Centrum eines Kreises annimmt, obwohl sie ihn mit der feinsten Messung nicht erreichen kann. Die Annahme der Unendlichkeit des Universums der Zeit nach ist auch ein Widerspruch gegen das geoffenbarte Wort Gottes, das uns belehrt, daß Gott im Anfange Himmel und Erde erschaffen hat. Eine Unendlichkeit des Universums der Ausdehnung nach ist ein philosophisches Absurdum. Die Adee der Materie ist nicht denkbar ohne Begrenzung. Mit der Annahme der Unendlichkeit des Universums nach Zeit oder Raum kommt man nothwendiger Weise zur Naturvcrgöttening. Niemand aber wird Widerspruch erheben, wenn man von einer relativen Unendlichkeit des Universums spricht. Für die Erfahrungswissenschaft und menschliche Berechnung mag Anfang und Grenze des Universums unerreichbar sein. Wenn das wirklich ist und so bleiben sollte, so hätte es auch seinen guten Grund. Der heil. Apostel Paulus schreibt: „Was von Gott erkennbar ist, das ist unter den Menschen offenbar. Denn das Unsichtbare von ihm ist aus der Schöpfung der Welt in den geschaffenen Dingen erkennbar und sichtbar, seine unsichtbare Kraft und Gottheit." Also nicht blos die Existenz Gottes, sondern auch seine Kraft und Gottheit, seine Eigenschaften sind in den erschaffenen Dingen erkennbar. Wie aber sollte aus dem Kosmos Gottes Ewigkeit und Unendlichkeit erkennbar sein, wenn nicht der Kosmos dem Menschen unermeßlich scheint nach Zeit und Raum? Wie sollte Gottes unendliche Schönheit, Weisheit und Intelligenz aus den erschaffenen Dingen erkennbar sein, wenn nicht der Kosmos die Spuren dieser Eigenschaften in seinen unerschöpflich neu sich erschließenden Wundern zeigt? Der Eingangs erwähnte Sah stellt es ferner als einen Wahn hin, wenn sich der Mensch als die Krone der Schöpfung, als das vornehmste Geschöpf Gottes in der sichtbaren Welt betrachtet. Bisher haben die Worte des Schöpfers, mit denen er die Erschaffung des Menschen einleitet, die wunderbare Einrichtung des menschlichen Organismus, endlich seine geistige Macht und Ebenbildlich- keit Gottes als Beweis dafür gegolten, daß es kein Wahn ist, wenn man den Menschen als bedeutendstes Geschöpf Gottes in der sichtbaren Welt betrachtet. Was auch soll bedeutender sein als er? Will man ohne jeglichen Anhaltspunkt andere der sichtbaren Welt noch angehörende Geschöpfe aus irgend einem unbekannten Planeten voraussetzen, die bedeutender sein sollen, als der Mensch? Die Erfahrung liefert dafür nicht die Spur eines Beweises. Oder soll die Bedeutung des Menschen etwa verschwinden vor den zahllosen Himmelskörpern? So lange man den Werth der Menschenscele kennt, kann man das nie zugeben. Ausdehnung ist die Haupteigenschaft der Materie. Und wenn der liebe Gott der Materie überhaupt Bedeutung geben wollte, so konnte es nur dadurch geschehen, daß er ihr diese Eigenschaft im reichlichsten Maße verlieh. Aber wirklich geehrt und geadelt, in ein höheres Reich versetzt wurde die Materie erst durch die Verbindung mit dem unsterblichen Menschengeist. Ungezählte Millionen von nur materiellen Welten mit all ihrer Pracht können die Bedeutung eines einzigen Menschengeistes nicht aufwägen. ^ Endlich wird behauptet, daß wir Menschen auf dieser Erde nicht die alleinigen vernünftigen Geschöpfe der sichtbaren Welt seien. Damit entscheidet sich der Herr Verfasser für die mehrfach ventilirte Hypothese von der Bewohnbarkeit anderer Himmelskörper. Der Beweis für diese Hypothese gründet sich hauptsächlich auf Analogie. Es wird angenommen- daß es Himmelskörper gibt mit gleichem Entwicklungsstadium wie unsere Erde, also müsse es auch Leben auf denselben geben. Wenn dieser winzige Erdball bewohnt ist, warum sollen nicht noch viele, viele andere unter den zahllosen Himmelskörpern bewohnt sein? So argumentirt man, um diese Hypothese wahrscheinlich zu machen. 413 Dagegen ist vorerst zu sagen, daß nicht der eben passende Entwickelungszustand erster Grund dafür ist, daß Leben auf Erden herrscht, sondern der freie Willensakt Gottes. Es mochten alle Vorbedingungen für Pflanzen- und animalisches Leben erfüllt sein, gleichwohl hätte die Erde nie das geringste Leben hervorgebracht, wenn nicht des Schöpfers freier Akt die Lebenskraft hineingelegt Hütte. Es können also Millionen von Himmelskörpern das tellurische Entwicklungsstadium betreten haben und dabei dennoch ohne Leben sein. Von der Erde sagt uns die hl. Schrift ausdrücklich, daß sie den Menschen als Wohnsitz übergeben sei. Morruia autoin äsäit ülÜ3 Komin am.« Von anderen Himmelskörpern ist ein solcher Zweck nirgends angegeben. Die verschwindende Kleinheit der Erde spricht nicht vagegen, daß sie alleiniger Wohnsitz des Lebens sei, ebensowenig ihre Stellung als Planet. Gottes Wahl greift so gerne nach dem Kleinen. Nicht Assyrier, Meder oder Perser, auch nicht Griechen oder Nömer, sondern das kleine Volk Israel im kleinen Ländchen Palästina war sein auserwähltes Volk. Das kleine Bethlehem wurde als Geburtsort des Welterlösers bevorzugt vor so vielen anderen weit größeren Städten. Auch in der Natur ist das Edelste nicht immer groß oder durch cen- trale Lage ausgezeichnet. Man denke nur z. B. an das Gehirn des Elephanten oder Walfisches und vergleiche es mit dem übrigen Körper. Der Lage nach liegt nicht einmal das Herz genau im Centrum des Körpers. Wie klein ist das Auge, das so viel umfast aus dem Reiche der Sichtbarkeit! Der menschliche Körper, dieser wunderbare Kosmos im Kleinen, verschwindet völlig vor einem gewaltigen Gcbirgsriesen. Dieser selbst wieder birgt in seinem Innern verschwindend kleine Gänge edlen Metalles oder Gesteines, dessen Werth dennoch unschätzbar ist. Gleichwie die Blüthe der Pflanze, obgleich im Vergleich zum Ganzen unbedeutend an Masse, dennoch der edelste Theil derselben ist, so kann auch die Erde trotz ihrer Kleinheit die Blüthe des Weltalls durch ihre Bestimmung sein und vielleicht auch durch ihre sonstigen Eigenschaften. Jedenfalls ist sie der bevorzugteste Planet unseres Sonnensystems. Hier gilt als erwiesen, daß sämmtliche äußere, jenseits der Asteroiden liegende Planeten sich gegenwärtig noch in einem so geringen Dichtigkeitszustand und auch in Tcmpcraturverhältnissen befinden, welche auf ihnen eine Entwickelung organischen Lebens unmöglich machen. Der kleine, der Sonne am nächsten stehende Merkur besitzt die größte Dichtigkeit. Allein seine sehr dichte Atmosphäre und die wahrscheinlich sehr große Wärme, die auf ihm herrscht, machen die Existenz organischer Gebilde mindestens zweifelhaft. Der Mond kann wegen Mangels jeglicher Atmosphäre gar nicht in Sprache kommen. Es bleiben also außer der Erde nur noch Venus und Mars übrig. Allein für Mars beträgt die Sonnenstrahlung noch nicht die Hälfte von der, welche die Erde empfängt. Die Folge davon ist, daß sein Klima mindestens doppelt so kalt ist, als das irdische. Da zugleich dieser Planet ein sehr großes Absorptionsvermögen für die Lichtstrahlen besitzt, so ist das Licht auf ihm .nicht bloß im Verhältniß des Quadrates seiner Entfernung schwächer als auf der Erde, sondern noch bedeutend geringer. Venus hat fast gleiche physikalische Verhältnisse wie die Erde mit doppelt so großer Erleuchtung und Erwärmung. Bei diesem Planeten allein kann man auf Grund der Forschung die Bewohnbarkeit nicht direkt in Abrede stellen. Da jedoch der Winkel seiner Rotationsachse weit größere Extreme seiner Klimate bedingt, so muß man dieses jedenfalls als einen sehr bedeutenden Nachtheil fürs organische Leben bezeichnen. Aus dem Gesagten geht hervor, daß unsere Erde unter allen Planeten unseres Sonnensystems am meisten begünstigt erscheint für das Gedeihen organischen Lebens. Die meisten Planeten unseres Sonnensystems können nicht bewohnt fein, die übrigen weisen große Nachtheile auf für die Entfaltung von organischem Leben, somit spricht der Erfahrungsbeweis dafür, daß nur unsere Erde bewohnt und belebt ist. Wenn dieses von unserem Sonnensystem gilt, warum sollen wir. dann mit der Hypothese von der Bewohnbarkeit noch weiter ziehen auf unsichtbare Planeten anderer Sonnen? Indem Schreiber dieser Zeilen hiemit sich erlaubt hat, Kritik zu üben an dem, was ihm ungeeignet erschien, bekennt er sich ausdrücklich als Freund der Naturwissenschaft und der Naturforscher. Er wünscht aufrichtig, daß jeder derselben die drohende Gefahr der Einseitigkeit vermeide. Möge man die Natur als geschaffenes Wort Gottes betrachten, welches nie dem geoffenbarten widersprechen kann. So betrachtet schon der hl. Augustin die Natur, wenn er schreibt: Major lider nostor ordia tsrraruw. est: in oo loZo ooinxloturn, Hnoä in likro Del loZo xroinissnra.« Außer Altum hat besonders Lorinser das Gesammtgebiet der Naturwissenschaft in diesem Sinne erfaßt und behandelt in seinem bedeutenden Werke „Das Buch der Natur". Allein es ist dieses, wie er selbst sagt, nur ein Versuch, ein Anfang. Möge Gott bald einen genialen Geist erwecken, der, auf dieser Bahn fortschreitend, uns möglichst Vollkommenes bietet! Dann, wenn man im geschaffenen Buche der Natur nicht mehr falsch liest, sondern recht lesen gelernt hat, wird die Naturwissenschaft nicht mehr vom Glauben hinweg, sondern zum Glauben hinführen. «- * * Herr Maier (Schaufling), dem wir vorstehenden Artikel im Manuscript vorgelegt haben, bemerkt hiezu: Was die Unendlichkeit des Weltalls betrifft, so habe ich zunächst in meiner Arbeit die relative Unendlichkeit des Weltalls oder, strenge genommen, unseres Fixsternsystems behauptet. Diese Unendlichkeit in Raum und Zeit ist ein Satz der Empirie. Wir als endliche Wesen werden nie die Schranken der Unendlichkeit durchbrechen! Ich habe in einem Vortrage vor der natur- forschenden Gesellschaft in Passan und in mehreren Artikeln über „Größe und Bau des Weltalls", welche im 38. Band der Zeitschrift „Natur und Offenbarung" abgedruckt sind,, gezeigt, daß wir mit unseren optischen Hilfsmitteln bis jetzt nicht einmal über unsere höchst wahrscheinlich linsenförmige Weltinsel hinausgedrungen sind, daß wir also nicht wissen, was jenseits unseres Fixsternsystems sich befindet. Ich sehe übrigens nicbt ein, weshalb im absolut grenzenlosen Raum die Zahl der Weltkörper eine begrenzte, endliche sein sollte. Bekanntlich ist ja das Unendliche auch heute noch das Objekt der größten Streitigkeiten zwischen den Mathematikern und Philosophen. Die „Analysis des Unendlichen" oder die „Differential- und Integralrechnung" rechnet sogar mit den unendlich kleinen Größen. Der mathematische Realismus behandelt das Differentiale als eine transfinite, der Nominalismns als eine infinite Größe. Wie Hamilton in seiner genialen Theorie der 414 Ouaternionen die sogenannten complexen oder imaginären Größen benutzt hat, ist ja bekannt. — Wenn man die Arbeiten von Gauß („Briefwechsel zwischen Gauß und Schumacher" Bd. II), Bolzano (Paradoxien des Unendlichen), Paul Du Bois-Reymond („Funktionen- theorie"), Cantor („Mannigfaltigkeitslehre"), Wundt („Logik" Bd. II, S. 150 ff., 223 ff.) u. s. w. liest, dann sieht man, wie die Ansichten großer Denken in Bezug auf das Unendliche auseinandergehen. Ich sage also: Die Wissenschaft kann weder die Endlichkeit noch die Unendlichkeit des Weltalls in Bezug auf Ausdehnung und Anzahl der Körper beweisen. Mit Du BoiS-Neymond müssen wir hier sagen: I§nor- alüraus. Um zu beweisen, daß es sich hier um eine Grenze der Erfahrung und des Wissens handelt, greift Kant zu seinen Antinomien, bei welchen die Vernunft mit sich selbst in Widerspruch kommt, da sie zwei entgegengesetzte Sätze mit gleicher Kraft beweisen kann. Die erste Antinomie heißt: Thesis: Die Welt hat einen Anfang in der Zeit und ist dem Raum nach auch in Grenzen eingeschlossen. Antithesis: Die Welt hat keinen Anfang und keine Grenze im Raume, sondern ist sowohl in Ansehung der Zeit als des Raumes unendlich. (Kant, Kritik d. reinen Vernunft. Ausgabe v. Zimmermann. S. 340 u. 341.) ^ Die Natnrwissenschaft, welche Materie und Bewegung als etwas Gegebenes zu betrachten und nur den gesetzmäßigen Kreislauf des scheinbaren Werdens und Vergehens der Naturformen zu analysiren hat, kann weder die Ewigkeit noch die Nichtewigkcit des Weltalls beweisen. weil dieses nicht mehr Gegenstand der Empirie sein kann. Aristoteles glaubte beweisen zu können, daß die Weltbewegung nothwendig eine von Ewigkeit her bestehende sei. Denn jeder Anfang dieser Bewegung schien ihm das Resultat eines vorangegangenen Prozesses, also wiederum einer Bewegung sein zu müssen. (Aristoteles, Liixs. VIII, eux». 1. — Hertling, Ueber die Grenzen der mechan. Naturerklärung. Bonn 1875. S. 18 ff., behandelt diese Frage genauer!) Und Thomas v. Aquin ist der Ansicht, daß die Vernunft zwar beweisen könne, daß die Welt ex niüilo, tamHuaw. ex nulla, materi» xraeexistente geschaffen worden sei, daß sie aber nicht darzuthun vermöge, daß die Welt xost nikiluin geworden sei, daß ihrem Sein ein Nichtsein vorangegangen wäre. — Wie Kant über diese Frage gedacht, sehen wir aus der oben angeführten Antinomie. In neuester Zeit ist, nachdem durch Robert Mayer, Helmholtz, Joule, Thomson, Maxwell, Clausius, Boltzmann u. A. die mechanische Wärmetheorie begründet wurde, diese Frage in ein neues Stadium getreten. Clausius hat im Jahre 1854 den 2. Hauptsatz der mechanischen Wärmetheorie aufgestellt, welcher sich also in Worten ausdrücken läßt: „Wenn bei einem umkehrbaren Kreisprozesse jedes von dem veränderlichen Körper aufgenommene (positive oder negative) Wärmeelement durch die absolute Aufnahmetemperatur dividirt und der so entstandene Differentialausdruck für den ganzen Verlauf des Kreisprozesses integrirt wird, so hat das Integral den Werth Null." Der mathematische Ausdruck heißt: — 0. Aus diesem Satze folgt jener berühmte Entropte- ^atz, der schon eine große Literatur hervorgerufen hat. Fast bei allen Verwandlungen der verschiedenen Energieformen in einander überwiegen die Verwandlungen von Bewegungsenergie in Wärme die umgekehrten. Und da Clausius die bei einer solchen Energieverwandlung übrig bleibende Wärme Entropie nennt, so wird der zweite Hauptsatz auch in der Form gegeben: „Die Entropie deS Weltalls strebt einem Maximum zu." Clausius, Thomson und Helmholtz haben diesen Satz auf das ganze Universum ausgedehnt. „Das ganze Weltall strebt unaufhaltsam einem Endzustand entgegen, in welchem alle Bewegungsenergie in Wärme verwandelt ist und der ganze Raum in eisiger, gleichmäßig vertheilter Temperatur erstarrt und jede Bewegung unmöglich macht." Diesem Satze ist unter den Astronomen namentlich ?. A. Secchi beigetreten. (Clausius, Mechan. Wärmetheorie. Braunschweig 1887. Bd. I, S. 355 ff. — Helmholtz, Vortrüge und Reden. Braunschweig 1884. Bd. I, S. 27 ff. — Secchi, Die Sonne. Braunschweig 1872. Bd. II, Seite 607 ff. — Secchi, Einheit d. Naturkräfte. Leipzig 1876. Bd. II, S. 342 ff. — Tyndall, Fragmente a. d. Naturwissenschaften. Braunschweig 1874. S. 1 u. 83 ff. — Thomson, Handbuch d. theoret. Physik. Lang, Theoret. Physik. Wüllner, Physik. Bd. III. — Tait, Vorlesungen re. S. 7 u. 123 ff. — Maxwell, Theorie d. Wärme u. s. w.) Gegen den Entropiesatz läßt sich folgendes sagen: Der Satz von Clausius stützt sich auf die Begriffe eines unendlichen Raumes und einer unendlichen Zeit. Beide Begriffe aber sind für uns unfaßbar. (Gauß bemerkt einmal scharfsinnig: Das Unendliche ist nur als ewig Unvollendetes aufzufassen I l) Und da unsere Naturgesetze Abstraktionen aus Erfahrungen sind, so werden wir nicht berechtigt sein, einen solchen Erfahrungssatz auf Zeiträume auszudehnen, die für uns unendlich sind. Einen neuen Einwand gegen die Allgemeingültig- keit des Entropicsatzes hat A. Schmidt (Beiblätter zu den Annalen d. Physik u. Chemie von Wicdemann. Bd. 18, xaA. 1038) aufgestellt. Ein Hauptmerkmal des Zustandes, wo die Entropie ihr Maximum erreicht hat, ist die vollkommene Ausgleichung der Temperatur. In der Meteorologie ist man aber zu der Ueberzeugung gelangt, daß Temperaturgleichheit in der Atmosphäre eines Himmelskörpers als Dauerzustand ganz unmöglich ist. Die Erdatmosphäre zeigt einen Temperaturabfall von unten nach oben, als dessen Ursache die Schwere anzusehen ist. Die selbstthätige Mischung der Atmosphäre vermöge ihrer Wärmcbcwegung ist mit einer Temperaturgleichheit der oberen und unteren Schichten unverträglich. ^ sr? Auf die Einwendungen, die Tait, Maxwell, Boltz- mann, Burton und Eilhard Wiedemann gemacht haben, kann ich hier nicht näher eingehen. — Erwähnen will ich nur, daß der Entropiesatz in seiner Gültigkeit auf Organismen noch nicht im geringsten geprüft ist. Wir Menschen können dnrch unsere willkürlichen Handlungen die Entropie des Weltalls jeden Augenblick um einen freilich sehr kleinen Betrag vermehren. Die Erfinder von Maschinen sind zugleich Vermehrer der Energie. Dann kommt in der Anwendung des Clausius'schen Satzes die Gestaltung des Weltraumes in Betracht. Die Eigenschaften, die wir dem Raume beilegen, sind wesentlich empirischen Ursprunges. Seit den geistreichen Untersuchungen von Gauß, Niemann, Lobatschewski», Bolhay, Klein, Killing u. A. hat man eine von 415 dem Euklidischen Parallelen-Axiom unabhängige, ein- wurfsfreie sogen, „absolute Geometrie" („Pangeometrie") gegründet. (Vgl. Klein, Nicht-Euklidische Geometrie". — Frischauf, Absolute Geometrie. Leipzig. — Hagen, Syn- opsis der höheren Mathematik. Berlin. Bd. II. — Killing, Einführung in die Grundlagen der Geometrie. 2 Bde.) Man unterscheidet eine hyperbolische (Lo- batschewsky), eine parabolische (Euklides) und eine elliptische Geometrie (Riemann). Legen wir dem Raume mit Riemann (Riemann, Abhandlungen der kgl. Gesellschaft d. W. zu Göttingen. Bd. XIII)' ein constantes Krümmungsmaß bei, das einen positiven Werth hat, so würden in einem solchen Raume die Theile einer endlichen Quantität Materie, die sich mit endlichen constanten Geschwindigkeiten entfernen, niemals unendlich weite Punkte erreichen können. Dieselben müßten sich nach endlichen Zeitintervallen, deren Größe von der Geschwindigkeit der Bewegung und dem Krümmungsmaße des Raumes abhängt, wieder nähern und auf diese Weise pendelartig periodisch kinetische Energie in potentielle bei Annäherung und potentielle Energie in kinetische bei Entfernung verwandeln. Es ist ja bekannt, daß der Entdecker des Prinzips der Erhaltung der Energie am Meisten gegen die Anwendung des Gesetzes der Entropie auf das Universum remonstrirt hat. Und I. Robert Mayer war nicht nur ein origineller Denker, sondern auch ein strenggläubiger Christ. (Vgl. Mayer, Die Mechanik d. Wärme. Ausg. v. Wcyrauch. Stuttgart, 1893. S. 347 ff. und Weyrauch, Kleinere Schriften u. Briefe von Robert Mayer. Stuttgart 1893. Namentlich das letztere Werk zeigt uns, von welcher Glaubensinnigkeit Mayer beseelt war.) Die Entropie, auf das ganze Weltall angewendet, ist gar kein physikalisches Problem und gehört dem transcendenten Gebiete an, oder wie (Rüttler in seiner verdienstvollen Abhandlung „Die Entropie des Weltalls und die Kant'schen Antinomien" sagt: „Entropie und Weltende sind in letzter Linie Probleme der sittlich- transcendenten Weltordnnng, sie sind durch die theoretische Vernunft nicht zu lösen, sondern gehören in das Gebiet des Vernunftglaubens und der religiösen Weltanschauung." (Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik. Halle 1891.) Was die Frage über die Bewohnbarkeit der Himmelskörper anbelangt, so kann ich' verweisen auf meine im 40. Bande der Zeitschrift „Natur und Offenbarung" erschienenen Abhandlungen über „Physik der Planeten". Was die Atmosphären der Planeten in unserem Sonnensystem betrifft, so wissen wir darüber nichts Sicheres. Erst fortgesetzte spektrographische und photomctrtsche Untersuchungen werden uns mit der Zeit Gewißheit hierüber verschaffen. Merkur kann trotz seiner großen Sonnennähe von Organismen bewohnt sein! Der Planst darf nur eine dichte Atmosphäre besitzen. Hütte unsere Erde keine Atmosphäre, so würde bei Tage furchtbare Wärme und bei Nacht furchtbare Kälte unser Leben unmöglich machen. Ich erinnere dann an die Grenzen des Lebens der Organismen, die natürlich nicht überall gleich sein müssen. Jeder, der mit dem Mikroskope schon gearbeitet hat, weiß, daß Protozoen nach Tagen oder sogar Jahren wieder aufleben können, wenn man sie wieder in's Wasser bringt. Erst jüngst hat der Physiker Pictet durch Experimente gezeigt, daß Jnsecten noch eine Temperatur von — 28 ° 0, Myriapoden eine solche von — Roherträgen. Bakterien bleiben noch lebensfähig, wenn sie einer Temperatur von — 213° 0 ausgesetzt werden. Wir Menschen haben bekanntlich Augen, die vor» Standpunkt des Physikers und Physiologen aus sehr fehlerhaft gebaut sind. Ich erinnere an Farbenzerstreu- ung, Gefäßschatten, Fluorescenz der Cornea, Astigmatismus, Lückenhaftigkeit im Gesichtsfelde u. s. w. (Vgl. Helmholtz, Physiologische Optik.) Alle diese Fehler haben Fraunhofer, Clark, Steinheil, Abbe u. A. in den optischen Instrumenten corrigiren müssen. Warum sollte es auf Himmelskörpern nicht intelligente Wesen mit teleskopisch oder mikroskopisch eingerichteten Augen geben? Welch eine große Mannigfaltigkeit ist schon unter den Organismen der Erde! Der Physiologe Exn er hat uns durch seine Arbeiten die vielfach aus Krystallkegeln zusammengesetzten Jnsectenaugen kennen gelehrt. Wie einfach ist das Auge von Euglena oder irgend eines Protozoen? Bei mehreren Feuer-Boliden (Meteoriten) wurde durch sorgfältige chemische Untersuchung das Vorhandensein einer kohlenstoffhaltigen Substanz, die mit dem Ozokerit Aehnlichkeit hat, nachgewiesen. Es ist fast unzweifelhaft, daß diese Kohlenstoffverbindung organischen Ursprungs ist, da eigentlich die Organismen die Kohlenstoffträger sind. Die für die meisten in den letzten Jahren beobachteten Feuer-Boliden berechneten hyperbolischen Geschwindigkeiten weisen darauf hin, daß die Boliden aus dem Fixstern- raum zu uns gelangen, und somit wären die auf die Erde gefallenen Meteoriten Zeugen dafür, daß auf den Körpern des Fixstern- raumes Organismen vorkommen. Der anthropozentrische Standpunkt ist wissenschaftlich nicht haltbar. Galilei ist der anthropozentrischen Lehrmeinung zum Opfer gefallen. Für das Vorhandensein von Organismen auf den fernen Himmelskörpern ist unter den Philosophen namentlich Lieb mann (vgl. Liebmann, Analysis der Wirklichkeit. Straßburg 1880. S. 400 ff.) und unter den katholischen Theologen Pohle (vgl. Bewohnbarkeit d. Sternenwelten. Köln. 2 Bde.) eingetreten. Für die „Himmels-Mechanik" und für die Astrophysik hat diese Frage keine Bedeutung. „Das endliche Ziel der theoretischen Naturwissenschaften ist, die letzten unveränderlichen Ursachen der Vorgänge in der Natur aufzufinden. Es ist klar, daß die Wissenschaft, deren Zweck es ist, die Natur zu begreifen, von der Voraussetzung ihrer Begreiflichkeit ausgehen müsse." (Helmholtz, Erhaltung d. Kraft. Leipzig 1889. S. 4.) Jsaak Newton stellt als Hauptregel für die Erforschung der Natur auf: „An Ursachen zur Erklärung natürlicher Dinge nicht mehr zuzulassen, als wahr sind und zur Erklärung jener Erscheinungen ausreichen." (Newton, krirroixiuxlriivsoxirius uuturalis nurtdamutioa,. Ausgabe v. Wolfers. S. 380.) Die Bedeutung des Menschen in Bezug auf die Unsterblichkeit feiner Seele und in Bezug auf die Erlösung gehört nicht in die Wissenschaft des Natürlichen, sondern in die Wissenschaft des Ucbernatttrlichen.*) Schaufling. M. Maier. ") Das Buch Lorim'er'S „Das Buch der Natur" ist gänzlich veraltet. In der Astronomie hat Lorinscr fast alles dem epochemachenden Werke des ?. Secchi über „Die Sonne", Braunschweig 1872, entlehnt. Secchi war ein scharfsinniger, ideenreicher und vielseitiger Mathematiker und Astrophysiker; hätte er neben diesen schönen Eigenschaften auch die der Gründlichkeit und Kritik besessen, so wäre er neben B esset der größte Astronom unseres Jahrhunderts. Recensionen nnd Notizen. * Die Linzertbcol.-Prakt. Quartal schrift, deren 1. Heft pro 1895 die Presse verlassen hat, beginnt damit ihren 48. Jahrgang nnd verbindet mit ihrem hohen Alter einen anerkannt groben Nnf. Ihrem Titel gemäß ist sie stets bestrebt gewesen, den praktischen Theil der Sceliorge zu Pflegen, ohne 'deßhalb aber den wissenschaftlichen Theil zu vernachlässigen, wovon das neueste Heft wiederum den Beweis liefert. Dem Umstände, daß dem Klerus bei der Lösung der socialen Frage ein Hauptanthcil zufällt, trägt die Redaktion in den von der ständigen Feder des hochw. ?. Albert Maria Weiß stammenden Leitartikeln und in der „Kirchlich-socialpolitischcn Umschau" Rechnung und bringt außerdem noch in jedem Hefte zahlreiche interessante Abhandlungen. Die „Pastoral-Fragcn und Fälle" zumeist von bekannten Kasuisten bieten dem Seelsorger eine Fundgrube in schwierigen Fällen; ebenso besprechen die „Kurzen Fragen und Mittheilungen" die verschiedenen Vorkommnisse in der Seclsorge, und finden mannigfache kirchliche Rechtsfragen hier ihre Lösung. Jedes Hest bringt außerdem noch einen Bericht über die Literatur, über die Erfolge in den katholischen Missionen und über neueste Entscheidungen und Bewilligungen in Sachen der Ablässe bezw. Entscheidungen und Bestimmungen der römischen Congre- gationen. Da der Redaction über 500 Mitarbeiter auS allen europäischen Ländern, darunter hervorragende Gelehrte, zur Seite stehen, so können die Verhältnisse der verschiedenen Länder berücksichtigt werden. Die Quartalschrift, die von den meisten bischöflichen Ordinariaten warm empfohlen wurde, erfreut sich in allen Diöcescn Oesterreich-Ungarns und Deutschlands, sowie in der Schweiz, in Holland, Luxemburg und Amerika einer stets wachsenden Verbreitung. Die Auflage stieg von 1889 bis 1894 von 8700 aus 12,000 Exemplare. Das I. Heft 1895 wurde in der Stärke von 17 Bogen mit 15,000 Exemplaren aufgelegt. Die einzelnen Hefte erscheinen stets Ende Dezember, 15. April, 15. Juli und 15. Oktober in der Stärke von 17 Bogen in schöner Ausstattung. Trotz des reichen Inhaltes beträgt der Abonncmeniprcis nur 3 fl. 50 kr. — 7 Mark — 8 Frc. und 75 Cent. Man pränumerirt am einfachsten mit Postanweisung bei der Redaction der Quartalschrift in Linz a. d. Donau, Stiftcrstraße 7. Die Versendung geschieht direkt und portofrei. Auch die Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. Lolot I.-8. (s. ck.), Voeadnlairs arade-kiangais L I'usaAö ckos ötncliauts. 8", xx. IX -j- 994. Vr. 10,00. Lsg-- ronth, InMimoris eatlwligus. 1894. (III.) k Ein großartiges Feld der Thätigkeit haben die Jesuiten in dem herrlich gelegenen Beirut, dem Neapel des Orients, eröffnet. Was sie dort aus ihrer vorzüglich eingerichteten Druckerei an arabischer Literatur und Studienwerken für arabische Sprache veröffentlicht haben, ist ein Muster philologischer Genauigkeit und hat auch bei den gelehrten Orientalisten Europas, die sonst giftige Jesuitenfresser sind, vollste Anerkennung und Benützung gefunden. Zu den nützlichsten Büchern des Verlages gehört obiges Wörterbuch, welches jetzt in seiner neuen Auflage, die (in größerem Format, als die vorige von 1688) um mehr als 5000 Wörter reicher geworden ist, kurzwcg als bestes und bequemstes Lexikon bezeichnet werden darf; Staunen erregt der niedrige Preis (der freilich bei Bezug von deutschen Importgeschäften sich auf 10 — 30 Mark erhöht) bei einem Umfange, der das theuere vierbändige arabische Folio- Lexikon von Frcytag vollständig ersetzt; nur den Vortheil hat letzteres, daß cS lateinisch geschrieben ist. Daß bei der com- pcndiösen Form dieses handlichen Wörterbuches der Druck entsprechend klein werden mußte, ist klar; die arabische Schrift ist aber schon wirklich von mikroskopischer Kleinheit, für Beduinenaugen berechnet, die ihre Schärfe freilich gerade dem Nichtlesen verdanken. Weiß, Dr. I. B. von, k. k. Hofrath, Weltgeschichte, dritte verbesserte Auflage. Lieferung 110—116. Grnz und Leipzig 1894. Verlags-Buchhandlung „Styria". Preis der Lieferung 50 kr. — 65 Pfg. Nun liegt von diesem epochalen Gcschichtewerke bereits der XIV. Band vor. Dieser führt uns in der ersten Hälfte in den Abfall Nordamerikas vom Mutterlande ein, schildert unö die Ursachen desselben, die Verhandlungen darüber, den langen, wcchsclrollen Krieg, den FriedcnSabschluß und endlich das riesige Wachsthum der jungen Republik. Die zweite Hälfte zeigt uns wie der nordamerikanische Freiheitskampf nicht ohne Folgen für die alte Welt geblieben und hebt namentlich die Einwirkung Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. hervor, welche selber zunächst auf die gewaltige Bewegung auZ- ausgcübt, die da „französi'cbe Revolution" heißt, und von der nack und nach die meisten Völker beeinflußt werden. Meisterhaft wie immer hat der Verfasser die Zeichnung der Charaktere verstanden; denn unvergleichlich ist die Charaktcrwicdcrgabe dcS erhabenen Freiheitömauncs Washington, des französ. Schriftstellers Rousseau, der Staatsmänner Maurepaö und Necker und hauptsächlich des ersten Redners Frankreichs Mirabeau. Unstreitig gehört dieser Band zu den interessantesten der bis jetzt erschienenen Bände dieses Werkes und nur schwer ist es, das Buch aus der Hand zu geben, wenn man einmal darin zu lesen begonnen. Mit großer Befriedigung erfüllt uns die Nachricht, daß soeben von der ersten Ausgabe der Weiß'schen Weltgeschichte die erste Hälfte des X. Bandes erschienen ist, enthaltend: Allgemeine Geschichte 1806 bis 1809. Mit der zweiten Hälfte dieses Bandes, welche bis 1815 reichen wird, will der Verfasser sein Werk bekanntlich schließen. Die Natnrheilmcthode bei Asthma- und Herzleiden von vr. Carl Reiß. Hugo Steinitz' Verlag, Berlin 1895. Preis 1 Mk. Der vorliegende vierte Band der „Bibliothek der gcsammtcn Naturheilkunde" weist vollständige Beherrschung des umfangreichen Materials, objektive unparteiische Schilderung aller natürlichen Heilfaktorcu und Heilmethoden, klare, lichtvolle, in allen Theilen gemeinverständliche Darstellung auf. Der Leser findet in dem Buche alles das im weitesten Umfange geschildert, waS über daS Wesen und die Ursachen des Asthma und der Herzkrankheiten bekannt ist, und eine ganz besonders sorgfältige Darstellung derjenigen Behandlungsmctbodcn, die sich in langjähriger Erfahrung als unzweifelhaft günstig bewährt haben. Das vierte Heft.des Deutschen Hausschatzes enthält die Fortsetzung des mit so großem Beifall aufgenommenen Romans von M. Lndolfs: Die Einsamen und des Reise- romans von Carl Map: Krüger-Bci. Außerdem bringt es eine sehr feine, kleine Erzählung, betitelt: Eine Erinnerung von Carl Ernest. An belehrend-unterhaltenden Artikeln ist dieses Heft besonders reich. Wir nennen nur: Die Wahrheit überGustav Adolf von Dr, Hcrm. Iosep h. Behrings Diphtheriebeilserum von Dr. Anton Schmid, die Thicrwelt der Eiszeit von vr. O- Fall- mann, Bischof Petrus Hötzl von Augsburg, Janssen's achter Band von H. Kerner u. s. w. Daran schließen sich kleine Artikel über die letzte Flottenparade bei Kiel, über den Komponisten von Hänsel und Gretel, Engelbert Humperdinck, und viele kurze Notizen. Der Inhalt der Beilage: „Für die Frauenwelt" ist ebenfalls reich und gediegen. Die zahlreichen Illustrationen stehen ganz auf der Höbe. — Der Beginn des Neuen Jabrcs ist die beste Gelegenheit zum Abonnement. Das bereits erschienene I. Quartal wird vollständig nachgeliefert. Quartal M. 1.80. 18 Hefte ä 40 P f. Theologisch-Praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heil in der Stärke von 5 Bg. od. 80 S. gr. 8°. Preis ganzjährig 5 Mk. Inhalt des 1. Heftes 1895: Der Klerus und die Gesellschaft. — Lebensweise der Jesuiten vor 190 Jahren, zunächst im Collegium zu Passau. — Das übernatürliche Motiv guter Werke. — Ein Seelsorgcrmuster aus der Regcnsbnrger Diöcese. — Was ist Rechtens in Sachen der Friedhos-Ordnung? — Provisur und Beerdigung von Kindern vor ihrem siebenten Lebensjahre. — BeherzigcnSwerthes über die Leitung der sogenannten „frommen Seelen". — Die Mütter als „Secliorgs- gehilicn". — Die Verpflichtung der Geistlichen zur Quartierleistung für die bewaffnete Macht im Friesen. — Aufenthalt vor der Kircbthüre während des Gottesdienstes. — Erfordernisse zur Giltigkeit eines Beschlusses der Kirchengemeindeversammlung. — Die „Zahl der Auserwähltcn" in der Predigt. — Wann darf der celebrirende Priester das heil. Opfer unterbrechen und vor beendigter Messe den Altar verlassen? — Rechtfertigt die Ueberzahl der Pönitcnten wenigstens ausnahmsweise ein Absehen von der Vollständigkeit der Beicht? — Bei Darreichung des Viatikums zu beachten! — Die äußere Erscheinung des OfsteiatorS beim Gottesdienste. — Ebrcnbczeig- nngcn für unverehelichte Mütter. — Ausnutzung der kirchlichen Ablaßgnaden. — Sittengcsährlicbe Schaustellungen auf Jahrmärkten. — Oommamoratio äs Vsnsrabili in einer Messe, in welcher zwei große Hostien consccrirt werocn. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 4. N xerei Ut >8s1dn-2 Neovitalismus. / ^ Von Proscssor vr. L. Haas in Possau. (Vgl. Beilage znr Augsb. Postzcitung Nr. 41 vom 4. Oktober 1895 und Eäa XXX, S. 705 sf.) Erfreulicherweise erheben sich mancherlei Stimmen gegen die materialistische Naturerklärung, insbesondere gegen die des Lebens. Zwar hält man auf der einen Seite immer noch starr daran fest, daß in der Zelle die Atome dieselben Kräfte haben, wie außerhalb einer solchen (Du Bois-Neymond, Rede in d. öffentl. Sitzung d. preuß. Akad. d. WW. am 28. Juli 1894), daß es also eine Lebenskraft nicht gibt; doch finden wir die Ansicht, die im Leben ein Problem sieht, welches nicht nur mechanistisch, sondern sogar physikalisch-chemisch auflösbar sei, ohne weiters als beschränkt bezeichnet. (Driesch, Biologie als selbstständige Grundwissenschaft.) Bunge führt in seinem Lehrbuch der physiologischen Chemie die von ihm be- strittene Behauptung, daß in den lebenden Wesen einzig und allein die Kräfte und Stoffe der unbelebten Natur wirksam seien, darauf zurück, daß wir zur Beobachtung der belebten und unbelebten Natur immer nur ein und dieselben Sinnesorgane benützen, welche nur einen beschränkten Kreis von Bewegungen percipiren. Er verweist dagegen auf den inneren Sinn zur Beobachtung der Zustände und Vorgänge unseres Bewußtseins. Dieser zeigt uns Qualitäten der verschiedensten Art, Dinge, die nicht räumlich geordnet sind, Vorgänge, die nichts mit einem Mechanismus zu thun haben. Die physiologische Forschung beginnt mit dem complicirtesten Organismus, dem Menschlichen, weil wir durch die Selbstbeobachtung, den inneren Sinn, in dessen innerstes Wesen eindringen können, um der von außen vordringenden Physik die Hand zu reichen. „In der Aktivität steckt das Räthsel des Lebens." Der Referent der Gäa (Or. Klein?) bemerkt mit Recht, daß Neymond übersieht, daß in der That in den Lebewesen andere Kräfte auftreten als in den Atomen außerhalb der Zelle, nämlich die Motive, welche Aktionen hervorrufen, und zwar mit der gleichen Nothwendigkeit, wie die Schwere den nicht unterstützten Stein zum Fallen bringt. So anerkennenswerth dergleichen Anschauungen und Bestrebungen sind, so würde man doch sehr irren, wenn man in ihnen sofort eine principiell und wesentlich verschiedene Lösung der Frage erblicken wollte. Nur der Ausgangspunkt ist vorläufig ein verschiedener. Der Neovitalismus, welcher in neuerer Zeit sich geltend macht, unterscheidet sich dadurch von dem älteren Vi- talismus, wie ihn die christliche Philosophie und u. a. Joh. Müller und E. H. Weber vertreten, daß er nicht wie dieser zwischen der organischen und anorganischen Kraft unterscheidet. Ein Hauptvertreter desselben ist der Würzburger Professor I)r. Rindfleisch, der schon in seiner Nektoratsrede und neuerdings auf der 67. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte zu Lübeck Zeugniß von demselben abgelegt hat. In seiner Nektoratsrede spricht sich vr. Rindfleisch in folgender Weise aus: „Ganz unabhängig von jenen älteren Vitalistischen Theorien hat sich der Neovitalismus entwickelt, welcher die Lebenskraft nur in der innigsten Verbindung mit einem zu ihr gehörigen Lebensstosi kennt und beide gleichzeitig zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung macht. Derselbe ist lediglich bemüht, die Erscheinungendes Lebens aus der chemisch-physikalischen Beschaffenheit des Lebensstosfes zu erklären." .. . „Er verhehlt sich aber nicht, daß cs abgesehen von den Erscheinungen des Bewußtseins Thatsachen gibt, welche der Forschung vielleicht unübersteigliche Hindernisse bieten werden." Eingehender und zuversichtlicher sind die Darlegungen in der Rede zu Lübeck, die wir in einer kurzen Erörterung auf ihren Werth und ihre Bedeutung prüfen wollen. Gegenüber der mechanistischen Weltanschauung, die zur Erklärung der Vorgänge in der Natur vom Einfachsten und Kleinsten, dem Atome, ausgeht, von dem wir aber immer noch nicht wissen, waS es ist, setzt der Neovitalismus bei dem Verwickelt- sten, dem Weltganzen, ein und sucht den Geist dieses Wcltganzen auch in die elementarsten Bildungen und Vorgänge der Körperwelt hineinzutragen. Der Mechanismus hat insbesondere das „Wie" der Verbindung von Kraft und Stoff nicht zu erklären vermocht. Der Neovitalismus hilft sich da ganz einfach: er sucht etwas, bei dem Kraft und Stoff schon möglichst verschmolzen sind, und findet dieses Etwas in einem Stoffe, der sich selbst bewegt. Ein solcher Stoff ist die Welt als Ganzes. Das sich das Weltall selbst bewegt, sei ja eine uns allen geläufige Ueberzeugung, und nichts hindere, sie zum Ausgangspunkt der ferneren Betrachtung zu machen und zu behaupten, daß das die ganze Welt bewegende Princip nicht auch in den Theilerscheinnngen zu einer den Umständen angepaßten Darstellung drängte und in etwelchen Versuchen und Nachbildungen zum Vorschein käme, wie etwa an einem gothischen Tome die Idee des Ganzen auch an der kleinsten Dachverzierung sich ausprägt. Von den gelungeneren (sind nicht alle gelungen? warum nicht?) unter solchen Nachbildungen werden vorsichtige Rückschlüsse auf das Ganze gemacht, welches ja kein sterbliches Auge mit einem Blick zu umfassen vermag. Das die Grundanschauung des Neovitalismus. Näthselhaft und unverständlich ist in dieser Darstellung, daß der sich selbst bewegende Stoff, das Weltganze, in den Theilerscheinungen es nur zu mehr oder minder gelungenen Versuchen bringen soll. Wo liegt der Grund hievon? Das Weliganze muß doch als unabhängig und absolut gefaßt sein. Was als Ganzes vollkommen ist, das ist es doch auch in seinen einzelnen Theilen in ihrer Art; sind die einzelnen Theile (Theilerscheinnngen) oder auch nur ein Theil derselben minder gelungen, so ist es auch das Ganze. Die „Umstände" können auch keinen Einfluß ausüben; denn sie gehören jedenfalls auch zum Ganzen und sind von diesem abhängig. Es bleibt für den Neovitalismus nur die Annahme übrig, daß der sich selbst bewegende Stoff, das Weltganze, in seinen Theilerscheinungen sich selbst unbegrciflicherweise behindert und beschränkt, ein Widerspruch, der jeder monistischen Weltanschauung von Hause aus anhaftet. Ist die Grundanschaunng des Neovitalismus neu? Sie erinnert zu sehr an den Hylozoismus der älteren Mischen Naturphilosophen, die in naiver Auffassungs- wcise einfach die unmittelbare Einheit von Materie und Leben annahmen. Dieses Leben findet sich bei ihnen in allem. Den Satz des Thales (geb. um 640 v. Chr.), daß alles voll von Göttern sei, kann der Neo» 2 oitalismus ohne weiters herübernehmen, wie sich besän- , ders aus seiner weiter unten zu besprechenden Vorstellung von Gott ergibt. Wie steht es weiter mit dem Ausgangspunkt? Das Weltall bewegt sich; woher der Beweis, daß es sich selbst bewegt? Ist vielleicht beides eins? Wir finden diese Bewegung in ihrem Gange vor. Soll etwa darin der Beweis liegen, daß sie eine Selbstbewegung ist? Dann gilt für mich eine Uhr, die ich im Gange finde, als selbstbewegt und belebt, sowie jeder Fluß, dessen Lauf ich mich nähere. — Soweit wir die Bewegungen der Himmelskörper kennen, folgen sie mechanischen Gesetzen. Folgt etwa daraus, daß die Gesammtbewegung eine lebendige ist? Oder verlieren die Einzclbewegungen dadurch, daß die Gesammtbewegung ohne weiters als lebendige, als Selbst- bewegung genommen wird, ihren mechanischen Charakter und werden lebendige? Wo wir eine Bewegung in der Natur treffen, da finden wir Bewegtes und Bewegendes: wer gibt das Recht, die Gesammtnatur" als lediglich bewegend, als sich selbst bewegend zu behaupten, wenn nicht der erste Beweger (der aristotelische „unbewegte Beweger") durch eine kühne xotitio xrinoixii in die Natur und in die passive Bewegung mit hereingezogen wird, also seine reine Aktivität verliert? An einen Anfang der Bewegung kann man Hiebei auch nicht denken, sie ist einfach gegeben, ewig. Die hieraus sich ergebenden Conscquenzen will ich nicht weiter verfolgen. Von einer Selbstbewegnng legt allein das menschliche Bewußtsein Zeugniß ab. Aber gerade diese Selbstbewegnng, die sich im seelischen und geistigen Leben des Menschen kundgibt, muß der Neovitalismus leugnen; er kann sie nicht als eigentliche Selbstbewegung fassen, sondern nur als Folge, also als Wirkung der Gesammtselbstbewegung des Weltganzen. Seine Grundanschauung fußt ja in der potitio xrinoixii, daß alle Bewegungen der lebenden Wesen dieselben sind wie die des Weltganzen. Würde der Neovitalismus von der einzigen Selbstbewegung, die wir beobachten können, von der menschlichen, ausgehen, dann würde er zu ganz anderen Resultaten gelangen. Schon das Thierleben (um vom Menschenleben nicht weiter zu reden) zeigt Bewegungen, die sich von den im Weltall der Beobachtung zugänglichen Bewegungen diametral unterscheiden. Man nehme einfach das Beispiel eines in die Luft geworfenen Steines und eines in die Luft geworfenen lebenden Vogels t Von der in der Bewegung des letzteren sich zeigenden Willkür findet sich in den bis jetzt beobachteten Bewegungen im Weltall keine Spur. Soll man daraus etwa gar schließen dürfen, baß sie sich in den nicht beobachteten oder gar in den der Natur der Sache nach gar nicht der Beobachtung zugänglichen, d. h. den uranfänglichen, ewigen findet? Es bleibt da für den Neovitalismus nur die unbeweisbare Annahme übrig, daß sich Las Weltall ein- für allemal für seinen gegenwärtigen Bewegungsgang selbst (willkürlich) bestimmt hat. Kein sterbliches Auge vermag das Weltganze mit einem Blicke zu umfassen. Und doch die Ueberzeugung von seiner Selbstbewegung mit den weiteren auf sie gebauten Behauptungen! Was wir als Ganzes nicht erfassen, von dem dürfen wir als Ganzem nur dann etwas behaupten, wenn uns die Einzelbeobachtungen dazu berechtigen. Nicht aber dürfen die allein maßgebenden Einzelbeobachtungen von vorneherein und ohne Grund eine bestimmte Färbung und Bedeutung von einer vorgefaßten Meinung bezüglich des Ganzen erhalten. Wer einen Menschen von vorneherein für einen Taugenichts oder einen Tugendbold hält, der findet den Widerschein davon leicht in den einzelnen Handlungen desselben. Die Grundanschanung des Neovitalismus beruht also auf einer xatitio xrlneixii und. demzufolge auf einem logischen Zirkel. Ohne Beweis steht ihm fest: Das Ganze ist belebt. Daraus folgt freilich logisch, daß auch die einzelnen Theile belebt sind. Die einzelnen Theile müssen also, mögen sie auch wie immer sein, als belebt genommen werden, damit von ihnen (vorsichtige) Rückschlüsse auf das Ganze möglich sind. Wozu denn überhaupt solche Rückschlüsse, wenn man sich über - das Ganze schon klar ist? Heißt das etwas anders, als eine aufgestellte Behauptung aus dem beweisen, was nur durch sie gewiß ist? (Schluß folgt.) „Negensburg in seiner Vergangenheit und Gegenwart."*) (Bearbeitet von Hugo Graf von Walderdorff.) Negensburg, in der Herzgegend Bayerns gelegen, in einer Gegend, die „eine Stadt Herlocken mußte," — ein Compliment, das man Goethe nie vergessen wird —, vor alter Zeit die Hauptstadt des Landes, Jahrhunderte lang eine Centralstätte der Cultur, Sitz zahlreicher Stifter und Klöster, berühmter Bischöfe, blühender Geschlechter, oftmals der Versammlungsort der Stände des heiligen römischen Reiches: darf sich einer Vergangenheit rühmen, wie wenige der Schwesterstädte im engeren und weiteren Vaterlande. Und hat auch sein Stern längst den Zenith überschritten, er steht noch in achtunggebietender Höhe; und der Glanz der Vergangenheit, krystallifirt in herrlichen monumentalen Werken aus allen Perioden der christlichen Aera, wie die Blüthe der Gegenwart vereinigen sich dort an der nördlichsten Biegung der Donau zu einem der anziehendsten Städtebilder im südlichen Deutschland. „Negensburg in seiner Vergangenheit und Gegenwart" ist soeben Gegenstand einer Beschreibung geworden, die der geschichtlichen und kulturellen Bedeutung der Stadt in jeder Beziehung entspricht und ohne Umschweif als mustergiltig in ihrer Art anerkannt werden muß. Der Verfasser, Graf Hugo von Walderdorff, seit Jahrzehnten mit der Geschichte der Stadt in eingehender Weise beschäftigt, hatte bereits im Jahre 1869 bei Gelegenheit der Generalversammlung der deutschen Geschichts- und Alterthums - Vereine einen dankbar aufgenommenen Wegweiser durch Regensburg erscheinen lassen. Nunmehr, in der 4. Auflage, ist die Schrift zu dem respektablen Umfange von ungefähr 700 Seiten angewachsen und damit ein Hausbuch geworden für jede BürgerSfamilie, ein vorzüglicher Führer für alle jene Fremden, deren Interessen den gewöhnlichen Horizont überragen, ein unentbehrliches Ortentirungsmittel für den Geschichtsforscher und Kunstfreund. Bei dieser neuen Auflage, welche sich gegen die unmittelbar vorausgehende um mehr als das Doppelte vergrößerte, hatte sich der Verfasser die Aufgabe gestellt, nicht nur der emsigen Lokal- und Spezialforschung auf historischem Gebiete, welche gerade in Negensburg einen sehr ergiebigen Boden fand, auf allen Punkten zu folgen, *) Vierte, vollkommen umgearbeitete und vielfach vermehrte Auflage. Negensburg, Fr. Pustet, 1896. ö M- 3 ihre Resultate an den Quellen kritisch nachzuprüfen und zu einem Ganzen zusammenzuarbeiten, sondern auch dieselben zu ergänzen und vielfach selbstständig weiterzuführen. Einen besonderen Werth und Reiz verleihen dem Buche die zahlreichen (bei 200) gelungenen und instruktiven Illustrationen. Die Disposition des Inhaltes betreffend bemerkt der Verfasser: „Die Einrichtung des Buches ist in der Hauptsache dieselbe wie früher geblieben, doch wurde der Stoff etwas übersichtlicher gestaltet. Einer allgemeinen geschichtlichen Einleitung, wobei namentlich, wie auch in den früheren Auflagen, die etwas verwickelte Verfaffungs- geschichte näher beleuchtet wurde, folgt eine längere Abhandlung über die örtliche Entwicklung der Stadt in den verschiedenen Zeitperioden. Besonders eingehend wurde Hiebei die alte Römerstadt mit ihrer wieder neu aufgedeckten porig. prnstoria, und den römischen Todten- seldern behandelt; es schien dies um so mehr geboten, als über die hiesige Römerzeit mehrfach unrichtige und unhaltbare Meinungen verbreitet worden waren. .Hieran schließt sich eine gedrängte Beschreibung der einzelnen kirchlichen und profanen Bauten, sowohl in geschichtlicher als architektonischer Beziehung. Nm auch der Neuzeit gerecht zu werden, folgt ein kurzer Abschnitt mit statistischen und praktischen Notizen, und endlich schließt das Werk mit einem Ausfluge durch die ebenso denkwürdigen als wechselvollen und reizenden Umgebungen von Regensburg" (p. XI 8.) Dieses schöne Werk gereicht wie dem Verfasser, io auch dem einheimischen Pustet'schen Verlage, dessen Interesse und Opfcrwilligkeit für die Sache die treffliche reiche Ausstattung des Buches ermöglichen half, zu hoher Ehre. Ncgensburg. Dr. Endres. „Schwedens Schanze."*) Ein Wort über die Völker Skandinaviens, besonders über die Schweden von Frau Helene Nyblom, geb. Noos. Frei und gekürzt nacki dem schwedischen Original von Or. P. Wittmann. Wem immer Gelegenheit geboten war, sich längere Zeit mit dem Studium eines Landes und seiner Bewohner zu beschäftigen, der gewinnt allmählig den Eindruck, als trete ihm eine selbstständige, ausgeprägte Persönlichkeit entgegen. Geschichtliche Erinnerungen, eigene Erfahrung, schöne und häßliche Züge vereinigen sich zu einem Ganzen. Das Wesentliche haftet, das Zufällige verschwindet. Auch die Vorzüge und Mängel der Heimath fallen besonders dann in's Auge, wenn man nach längerer Abwesenheit wieder dorthin zurückkehrt. Nur reife Erfahrung berechtigt übrigens dazu, die eigene Ansicht weiteren Kreisen zugänglich zu machen. Denke ich mir die skandinavischen Länder als drei belebte Wesen, so repräsentirt für mich Dänemark das Bürgerthum, Norwegen den Bauernstand, Schweden den Adel. Natürlich ist das nicht so zu verstehen, als ob ich glaubte, Dänemark sei nur aus bürgerlichen, Norwegen ausschließlich aus bäuerlichen Elementen zusammengesetzt, ") „Schanze" (Lcansen) betitelt sich daö von Dr. Hazelius, dem Vorstand d. Nord. Museums aus Djurgürdcn bei Stockholm angelegte „Freiluft-Museuin", welches schwedisches Volksleben alter und neuer Zeit darzustellen bestimmt ist. Während die Schweden sich sammt und sonders edler Ahnen rühmen könnten. Ich meine bloß, daß jede der drei Nationen die Licht- und Schattenseiten genannter Gesellfchaftsschichten in vorzüglichem Maße wiederspiegle. Im schwedischen Landmanne tritt ein ritterlicher, im dänischen Aristokraten ein bürgerlicher Zug zu Tage, während dem Normann fast immer etwas Bäuerisches anklebt. Dänemark gleicht gewissermaßen einer freundlichen, wohlhabenden Bürgcrsfrau, welche ihr gemüthliches Heim gerne auch Anderen erschließt und in liebenswürdiger Weise znr Theilnahme am Familien- tische einlädt. Das Zimmer ist hübsch und wohnlich eingerichtet; Thorwaldsen'sche Bildwerke und Gemälde dänischer Meister schmücken die rothbraunen Wände; Kopenhagener Werkstätten entstammt die Einrichtung. Alles athmet Behaglichkeit. Ueberall treten uns Erzeugnisse einheimischen Gewerbeflcißcs entgegen. Auf der Tafel prangen lockende Gerichte, und die letzte Vorstellung des kgl. Theaters, das neueste dänische Werk, eine Ausstellung in Char- lottcnbnrg oder die reichlich gebotenen Zerstreuungen der Hauptstadt bilden den Gegenstand munterer Unterhaltung. Betritt man in Kopenhagen ein conservatipes oder liberales Haus — die Bewohner versichern uns, daß sie sich gegenseitig Haffen und verachten — so beobachtet man doch überall gleich große Gemüthlichkeit und Gastfreiheit. Man gewahrt ein gewisses allgemeines Wohlbefinden und eine weitverbreitete Bildung von stark ausgeprägter nationaler Färbung, die selbst längerer Aufenthalt im Aus- lande kaum zu beeinflussen vermag. Auch der stark mar- kirte Tonfall des Hauptstädters verschwindet trotz aller Berührung mit fremden Nationen niemals. Die Dänen sind eben Inselbewohner. Hierin liegt ebensowohl die Ursache ihrer Stärke wie ihrer Beschränktheit. Für daS, was aus ihrer Mitte hervorgeht, Zeigen sie ausgesprochene, leicht zu lächerlichem Dünkel ausartende Vorliebe. Und doch hat andererseits auch dieser Stolz auf eigenes Können dem kleinen Lande Kraft verliehen, bei Vertheidigung feiner Existenz wahre Wunder von Heldenmuth zu vollbringen. Die Ansammlung einer nach Hunderttausenden zählenden Volksmenge in Kopenhagen, der einzigen bedeutenden Stadt des Reiches, erinnert etwas an kleine Männer mit zu großem Kopfe, an Personen, welche sich von Kindheit all altklug geberdeu und, um länger zu scheinen, als sie in Wirklichkeit sind, recht hohe Hüte tragen. Faßt man aber nicht die Residenz allein, sondern das gesawmte Land in's Auge, so erweisen sich die Dänen, als wackere Bürger, als fleißige, sparsame und gutmüthige Leute. Sie nehmen das Leben von seiner heiteren Seite und sind wohlwollend und hilfsbereit gegen Jedermann. Freunde edler und gemeinnütziger Ideen, zeigen sie alle eine auffällige Gleichartigkeit der Sinncs- richtnng. So wie ihr Boden verhältnißmäßig wenige, dabei nur kleine Erhöhungen zeigt und die Sprache etwas monoton klingt, so ist auch das ganze Volk jeglicher Uebertreibung abhold. Was das Gewöhnliche übersteigt, mißfällt und muß die Geißel des Spottes fühlen. Welch' gewaltiger Unterschied zwischen dem norwegischen und dänischen Bauer! Letzterer hat allzulang seinen Herren Knechtsdienste geleistet, als daß er der Nation noch ein bestimmtes Gepräge zu der- 4 leihen im Stande wäre. Die Norwegischen Landleute dagegen sind stets freie Männer gewesen; Könige und Heerführer gingen aus ihrem Schoße hervor. Gleicht doch schon ihr Land einem solchen breitschulterigen Ackersmann, wie er hochgewachsen und stattlich, dabei hüftenschlank, mit marktrten Zügen, fest- geschlossenem Munde und hervortretendem Kinn unter buschigen Brauen seine scharfen Blicke auf uns richtet. Die ausgesprochene Individualität, will er seinen Staat nicht nur durch eine Stadt vertreten wissen; das eigene Thal, der eigene Fjord bildet seinen Stolz; er versteht es, sein Heim zu einer Welt für sich zu gestalten. Hat ja der Schöpfer das herrliche Nordland gar mannigfach abgetheilt und gegliedert. Allenthalben überwiegen die Kuppen mächtiger Berge, und der Mensch sieht sich darauf angewiesen, die zwischen ihnen liegenden Thalspalten dienstbar zu machen. Wenige Gegenden der Erde erreichen Norwegen an Schönheit. Selbst der Schweiz mangelt diese Unzahl von Wasserfällen, die Fülle der Buchten, das erhabene Meer. Und dennoch scheint auf den Bewohnern dieses gewaltigen Berglandes eine Art Druck zu lasten. Ueberall ruft gewissermaßen die Natur dem Menschen zu: „Bis hieher und nicht weiter!" Der Verkehr zwischen den verschiedenen Bezirken und deren Hauptplätzen gestaltet sich nirgends wie im offenen Lande; geistige und körperliche Absperrung der Menschen ist hievon natürliche Folge. Jedes der kleinen Gemeinwesen führt sein eigenes, beschränktes Dasein; hoffnungslose Jsolirtheit bildet sein Gepräge. Im Gegensatze hiezu bietet der norwegische Bauer ein vollkommen abweichendes Bild. Jeder Zug seines Wesens verräth den Normannen; sein Charakter ist der eines auf sich bauenden, thatkräftigen Mannes. Nicht selten artet sogar bei ihm Kraft zur Derbheit, Eigenart zum Unschönen aus. Der überflnthenden Fülle von Mannhaftigkeit könnten einzelne weiblich-weiche Züge durchaus nicht schaden, würden ihr vielmehr sicher zur Zierde dienen. Mit Recht stellt man Norweger und amerikanische Westmänner zu einander in Parallele. Muth und Begeisterung eines jungen Volkes zeichnen beide gleichmäßig aus. Das Sagenzeitalter liegt hinter ihnen, während die Periode fortschreitender Cultur noch andauert. Was manche Europäer beim Besuch gewisser Theile Amerikas vermissen — Mangel von Spuren früherer Civilisation — zeigt sich beim norwegischen Bauer: die guten Eigenschaften eines Kindes, gepaart mit den großen Fehlern eines Neuansiedlers oder Wikings. Denke ich mir somit Dänemark im Bürger, Norwegen im Bauersmann verkörpert, so steht Schweden als adeliger Jüngling vom alten Schlage eines Sten Sture oder Gustav Wasa vor mir, ein Junker, der sich auf der Welt umgesehen und dabei Schätze von Wissen und Kunstfertigkeit erworben hat, schließlich aber doch wieder zur lieben Heimath zurückkehrt, um hier leben und sterben, sie im Fall der Noth mit Gut und Blut vertheidigen zu können. Die schwedischen Aristokraten waren nicht nur Schlemmer und Bauernschinder, wie vielfach anderwärts der Fall, sie erwiesen sich vielmehr von jeher als wahre Repräsentanten der Staatsidee und leisteten ihrem Vaterlande gute Dienste. Sie vermittelten ihm zugleich die höhere Cultnr anderer europäischer Völker. In Schwedens zahlreichen Herrenhöfen empfängt man beständig neue Eindrücke wohlthätigster Art. Gemälde - Sammlungen, Büchereien, von den Ahnen erworbene, mit Pietät und Stolz bewahrte Kunstgegenstände legen Zeugniß ab, wie Generationen hindurch höhere Ziele verfolgt wurden, wie mächtig und bedeutsam der Staat bei den großen europäischen Verwickelungen eingegriffen hat. Betritt man aber die Residenzstadt, so „scheint einem die ganze schwedische Geschichte in weitem Umriß entgegenzutreten". Ich erwähnte bereits, daß es mir ferne liege, die politische Geschichte des Reiches mit der seiner Nobtlität zu identificiren, zu behaupten, daß gerade sie den Kern der Nation bilde. Nur darauf möchte ich hinweisen, wie bei all' dem Guten, das man in Schweden antrifft, sich eine gewisse Vornehmheit bemerklich macht, die Landes- geschichte den Stempel der Großartigkeit an sich trägt. Noch zur Stunde erblicken wir in den Bewohnern DalarneS jenes stolze Racevolk, das einst mit gleichem Muth wie die Großen für die Sache der Freiheit eintrat; beim Laydmann und Tagewerker entdecken wir ein augebornes Schicklichkeitsgefühl, einen Takt, wie man ihn sonst selten findet. Am wahrsten und treffendsten drücken die Volks-Lieder die GrundstimMung der Volks- Seele aus; sie sind der beste Beweis für den hochentwickelten ästhetischen Sinn derselben. Dieses ange- borne Schönheits-Jdeal, daS sich oft mit merkwürdiger, harmonischer Vertheilung ungleicher Eigenschaften vereint, hat Individuen von ungewöhnlicher Vollkommenheit auf dem Gebiete der politischen und Literaturgeschichte erzeugt. Anlangend Kunst will ich hier nur Jenny Lind erwähnen. Ich glaube kaum, daß sie außerhalb Schwedens hätte geboren werden können. Hervorgegangen aus dem Volke, hatte sie keinerlei Vorschule genossen und sah sich überdies von all' den Versuchungen und Gefahren umgeben, welche eins Jüngerin der Kunst auf der Bühne bedrohen. Gleichwohl nahm sie eine ganz vereinzelte Stellung ein: sowohl durch Reinheit des Charakters wie durch ungewöhnliche Leistung in ihrem Fache. Diese strahlende Unschuld, vor der sich ein Jeder beugen mußte, das Vermögen, die Gefühle der Menschen zu erfassen und ihnen vollkommen adäquaten Ausdruck zu verleihen, hat vor und nach ihr kein Weib besessen. Trotz der Befähigung zum Universellen, dem Stigma höchster Begabung, hing Jenny mit allen Fasern ihres Herzens an Volk und Natur ihres HeimathlandeS, ja die Liebe zu diesen bildet sogar den einzigen leidenschaftlichen Charakterzug, den wir an ihr bemerken. Wenn ich von Jenny Lind rede, so geschieht es, weil sie mir als bekanntestes Beispiel dafür erscheint, welch' geniales Neceptionsvermögen die schwedische Nation besitzt. In Dänemark sind die großen Massen gebildeter, obschon sich hier oft das Wissen auf einen recht engen Gesichtskreis beschränkt; in Norwegen macht sich die ausgeprägteste Stammeseigenthümlichkeit geltend; nur die Schweden können fast Alles mit Liebe umfassen und auch erfassen. So begabte, harmonisch gestimmte Naturen, wie sie in Schweden, und zwar in jedem Stande, vorkommen, finden sich bei anderen Völkern nur ganz vereinzelt. (Schluß folgt.) Der schwarze Bertholt», der Erfinder des Schieß- pnlvers und der Feuerwaffen. F. k'. Nach der Buchdruckerkunst wird keine andere Erfindung so hoch gewerthet und ist keine von so hohem Einflüsse auf die Entwickelung der Völker gewesen, als eben die des Schteßpnlvers und der Feuerwaffen. Wohl soll jeder Volksschüler den Namen des Mannes wissen, der diese epochemachende Erfindung machte, und sagen können, wie diese geschehen; allein über dieses hinaus ist selten über „Berthold Schwarz" weiteres zu hören. Ja, es ist noch gar nicht lange her, daß man es geradezu in Zweifel gezogen hat, daß der Freiburger Franziskaner- Mönch überhaupt der Erfinder sei. Da ist es nun höchst erfreulich, daß kein Geringerer als der bekannte Volksschriftsteller Dr. Heinrich Hansjakob, Stadtpfarrer von St. Martin in Freiburg, es in letzter Zeit unternommen hat, „durch eine kritische und wissenschaftliche Untersuchung den berühmtesten Franziskaner von St. Martin und den bekanntesten Mann FreiburgS — der Stadt und dem Kloster zu vindiziren". An der Hand dieser, bei Herder in Freiburg erschienenen, höchst dankens- werthen Arbeit*) wollen wir den Lesern dieses Blattes das Wichtigste über den schwarzen Berthold und seine Erfindung vorführen. In den Mythen der Alten lesen wir, daß der Sohn des Japetus, Prometheus, den Göttern das Feuer stahl; von Salmoneus, dem Sohne des Königs Aeolus in Thessalien, berichten sie, er habe donnern und blitzen gekonnt und sei deßhalb vom Donnergott erschlagen worden. Dio Casfius erzählt uns in seiner römischen Geschichte, der Kaiser Caligula habe eine Maschine machen lassen, mit welcher er bei Gewittern, dem Jupiter zum Trotz, gedonnert und geblitzt habe. Und Philostratus berichtet in dem Leben des Apollonins von Tyana von den Indern, daß sie Blitz und Donner auf die Feinde geworfen hätten. Es ist nun sehr wahrscheinlich, daß Caligula seine Maschine über den Hauptstapelplatz der östlichen Welt, Alexandrien, von ostindischen Völkern erhalten hat. Von den Chinesen wissen wir endlich, daß sie eine Art Pulver lange vor uns hatten, aber nicht Zum Schießen, sondern nur zu Spielereien. Diese Feuerwerke der Alten hängen wohl zumeist mit dem zusammen, was wir unter dem Namen „griechisches Feuer" kennen, das im 7. Jahrhundert nach Europa kam, von den ost- römischen Kaisern als Staatsgeheimniß bewahrt und vielfach zu Kriegszwecken benützt wurde. Dasselbe war ein Gemisch aus Naphtha, Bergpech, Schwefel und Harz. Von den Griechen erfuhren zuerst die Venetianer das Geheimniß des griechischen Feuers; es war dieses in den Kämpfen der oströmischen Statthalter mit den Sarazenen und Normannen in Unteritalien, in welchen sie auf Seite der Griechen standen. So schössen schon 1003 vor dem belagerten Bari die Venetianer mit feurigen Pfeilen auf die Schiffe der Sarazenen, ebenso 1082 „aus verborgenen Röhren" gegen die Normannen in der Schlacht bei Dnrazzo. Jene Pfeile trugen einen Ring aus Pech, Werg, Harz, Schwefel und Oel, der unmittelbar vor dem Abschießen angezündet wurde. Wohl durch Gefangene oder Ver- räther gelangte das griechische Feuer zur Kenntniß der Sarazenen, welche es zum Werfen von Steinen in den Kriegen benutzten. So berichtet der Schriftsteller Join- ville, daß bei dem Feldzuge Ludwigs des Heiligen von Frankreich nach Aegypten die Sarazenen 1250 bei der Belagerung von Damiette „griechisches Feuer" auf die Befestigungswerke der Christen warfen aus einem Rohre, das die Größe einer Essigtonne hatte und mit einem donnerähnlichen Geräusche losging. Aber diese Geschosse *) Der schwärze Berthold, der Erfinder dcS Schießpulvcrs und der Feuerwaffen. Eine kritische Untersuchung von Dr. S. Hansjakob. Mit Titelbild. VI u. 91 S. Pr. 1.80 M. und das Pulver der Mauren hatten, wie der gelehrte dänische Professor Christian Temler nachweist, nichts Verwandtes mit unsern Pulvergeschützen. Was nun die Erfindung des Schleifpulvers betrifft, so steht fest, daß die ersten Kenner desselben zweifellos abendländische Mönche waren. Die Geschichte kennt außer dem schwarzen Berthold von Freiburg noch zwei Zeitgenossen desselben, welche in Chemie und Alchemie hoch erfahren waren und das Pulver kannten und mit demselben experimentirten; es sind dieses Albertus M eign us, der durch seine Theologie und Philosophie berühmte Dominikanermönch (geboren um das Jahr 1200 zu Lauingen an der Donau aus dem altadeligen Geschlechte derer von Bollstädt, gestorben zu Köln im Jahre 1280), und der englische Franziskanermönch Nager (Robert) Bacon, einer der merkwürdigsten und originellsten Gelehrten des Mittelalters (geboren 1214 auf einem Schlosse bei Jlchester in England und gestorben zwischen 1292 und 1294). Neben theologischen Werken schrieb Albertus Magnus auch naturwissenschaftliche, und durch physikalische Kenntnisse überragte er weit alle seine Zeitgenossen. Da er allerlei physikalische und künstliche Experimente machte, so galt er allgemein als Wundermann und Hexenmeister. Wenn das Albertus unterschobene Buch Da mirnsiilidus rrmncli (über die Wunderdinge der Welt) ächt wäre, so hätte er bestimmt „das Schwarz'sche Pulver" gekannt. In dem genannten Büchlein ist nämlich ein Recept zu einem „fliegenden Feuer", das anS Schwefel, Weidenkohle und Salpeter zusammengesetzt wird, angegeben. „Diese Mischung wird in eine Patrone gefüllt, kurz, dicht und halb voll, und dann geschlossen und angezündet" (Rakete). Der Schriftsteller Matthäus de Luna nennt Albert den Großen geradezu den Erfinder der Feuerbüchsen und der Handröhren (Gewehre). Nager Bacon, noch bedeutender als Albertus, galt als Erfinder der Fern- und Vergrößerungsgläser und des Vrennspiegels; auch über Strahlenbrechung und die Größe von Mond und Sonne lehrte er Neues. Wegen seiner erstaunlichen, an Wunder grenzenden Experimente wurde er vootor mirndilis (der wunderbare Gelehrte) genannt. Ja, wegen dieser seiner „Künste" brachte man ihn in Verbindung mit dem Teufel und leider wiederholt in den Kerker. Er mußte eben auch erfahren, daß diese Erde nicht für Gentes eingerichtet ist. In einem kleinen Buche I)s ssoretis oxorlbns nitw ed unturns sagt Bacon: „Aus Salpeter und anderen Dingen machen wir durch die Kunst ein brennendes Feuer; außerdem kann man einen heftigen Donnerknall in der Lust machen, wie die Natur ihn hervorbringt." Er gibt dann ein Recept an, wie viel Schwefel und Salpeter zu nehmen sei, aber verräth das Geheimniß nicht, denn er fügt hinzu: „So wirst du Donner und Blitz hervorbrigen, wenn du diese Kunst kennst." Weiter sagt er, daß diese Kunst im kleinen als Knabenspkl an manchen Orten getrieben werde, daß damit aber auch „ganze Städte und Kriegs- heerc zerstört werden könnten". Nirgends jedoch sagt Bacon, daß er dieses Pulver erfunden habe. Diese Angaben Bacons erklären sich daraus, daß er, wie wir sehen werden, ein Zeitgenosse des schwarzen Berthold war; wahrscheinlich haben englische Franziskanermönche, die auf ihren Pilgerfahrten nach Rom auch in Freiburg in St. Martin ein- und ausgingen, das „Geheimniß" ihrem gelehrten Landsmann heimgebracht. Wenn nun auch beide vielleicht sich mit Pulver- 6 experimenten abgegeben haben und jeder für sich die Mischung des Pulvers erfand, so entdeckte der dritte Mönch, der im Franziskanerkloster zu Freiburg die Netorte gebrauchte, allein dessen Schießkraft und wandte sie praktisch an. Wenn er auch bezüglich seiner Gelehrsamkeit erst an dritter Stelle genannt werden muß, so gebührt doch ihm die Palme. So geschieht es sehr häufig. Die meisten wichtigen Erfindungen sind nicht von Gelehrten, sondern oft ganz zufällig und von Laien gemacht worden. Gehen wir nun zum schwarzen Berthold über. Das erste gedruckte Zeugniß über ihn verdanken wir dem ebenso gelehrten, freimüthigen und charakterfesten als unglücklichen Manne, dem Geistlichen Felix Hemmerlin von Zürich (geboren 1389, gestorben um das Jahr 1464, als Opfer einer noch rohen, barbarischen Zeit). Dieser Geistliche erzählt in seinem um das Jahr 1450 geschriebenen Dialog „Ueber den Adel und die Bauernschaft", „daß der schwarze Berthold (Lartlrolrius nixer), ein allgemein bekannter, feiner Alchimist", das Quecksilber fixiren, hammerfest machen wollte, damit man es behandeln könne wie reines Silber. Er wollte deßhalb zunächst den „Geist", den „Basilisken", wie Hemmerlin in jener naturwissenschaftlich so naiven Zeit das „Leben" des Quecksilbers nannte, todten. Und da „der Geist dem Feuer feindlich ist und durch Rauch entweicht, wenn er dem Feuer nahe gebracht wird", so stellte er das Quecksilber an's Feuer. Aber er konnte es nicht tödten. Jetzt beschloß der schwarze Berthold einen andern Versuch. Er kam auf den Gedanken, den „Geist" sammt dem Quecksilber selbst zu vernichten. Er wußte, daß Gegensätze einander nicht dulden, und that deßhalb den von Natur feurigen Schwefel und den kalten Salpeter mit dem Quecksilber in ein Gefäß von Erz zusammen, verschloß dieses und setzte es dann dem Feuer aus. Die Wirkung war eine verblüffende. Der Schwefel entzündete sich, konnte neben dem kalten Salpeter nicht mehr cxistiren und zerriß unter furchibarem Knall die Büchse. Durch dieses Ereigniß aufmerksam geworden, experimentirte Berthold weiter, er band starke Metallgefässe mit Eisen und wiederholte obige Prozedur. Sie zerrissen und schlugen die Wände des Laboratoriums in Stücke. Nun erzählt Hemmerlin weiter: „Als Berthold das sah, machte er durch seinen Erfindungsgeist zum Staunen aller die durch einen Zufall erfundenen Gefäße zu dem, was wir uueigentlich Büchsen nennen, und da er seine Erfindung von Tag zu Tag verbesserte, so kam eS, daß er alle früheren Kriegsinstrumente übertraf. Es geht aus Schriften hervor, daß die Erfindung innerhalb zweihundert Jahren zum erstenuiale bekannt wurde." Hansjakob führt eine ganze Reihe Schriftsteller auf, welche von dieser neuen Erfindung sprechen. Von den alteren Italienern spricht ganz ausführlich Guido Porn- cirollus davon. Er sagt. daß unter den Erfindungen der Deutschen die metallenen Maschinen, welche durch Feuer und Schwefclpulver unter furchtbarem Donnern eherne Kugeln und Steine weithin schleudern, die Mauern der Städte und alles, was ihnen in den Weg kommt, niederwerfen, nicht den letzten Platz einnehmen. Man nenne sie „Lombarden" von dem griechischen Worte Koinl>ci8 (das Brummen), und der Schriftsteller Robert Valtnrius vergleiche sie „einem feurigen Brummen". Er zählt dann von Archimedes an alle Erfinder ähnlicher Kriegsmaschinen auf und meint, diese seien Kinderspiele gewesen gegen die Bombarden, welche mehr zu fürchten j seien als Blitz und Donner. Wahr sei, baß der Erfinder ein Deutscher gewesen, wie verschiedene Schriftsteller von ihm auch behaupteten, ob nun sein Name unbekannt oder ein Mönch von Freiburg, Konstantin Anklitzen oder Berthold Schwarz sei, wie er von Forculatus (j- 1573) genannt werde. Mit großer Sachkenutniß weist nun Dr. Hansjakob nach, daß man mit Hemmerlin annehmen muß, der Erfinder des Schießpulvers habe um 1250 gelebt. Die verbreitetste Annahme, welche besonders in Deutschland durchgedrungen ist, setzt die Erfindung in das Jahr 1354, eine Jahreszahl, welche auch auf dem im Jahre 1853 errichteten Monumente des Berthold Schwarz zu Freiburg Platz gefunden hat. Der „erste Verbreiter dieser Jahreszahl" ist niemand anders als der 1505 in Lindau geborene und 1577 in Augsburg als Arzt und Geschichtkschreiber gestorbene Dr. Achilles Pirminius Gaffer, welcher diese Zeitangabe auch dem ehemaligen Franziskaner und späteren Professor in Basel Sebastian Münster (1489—1552) übermittelte. Aus der Kosmographic Münsters schrieben es dann zahlreiche spätere Schriftsteller nach. Gaffer selbst hatte die Notiz von dem bekannten Johannes Aventinns (Johannes Thurmayr aus Abensberg, 1466 bis 1534) entlehnt. In seiner lateinisch geschriebenen und von ihm selbst verdeutschten Chronik schreibt er: Dieser Zeit (zur Zeit Karls IV.) hat gelebt Meister Berthold Schwartz, ein Barfüßer, ein großer Künstler der heimlichen Kunst Alchimey und dergleichen mehr; hat die Geister (des Quecksilbers!) können zwingen und bannen. Und hat die Büchsen und das Pulver erfunden, die nachmals durch andere gebessert worden und bei unserer Zeit auf das Höchste sctznd kommen." Zweifellos wurde Aventin von Hemmerlin bedient. Da nun dieser um 1454 seinen oben genannten Dialog „Ueber den Adel und die Bauernschaft" herausgab und darin sagte, daß innerhalb zweier Jahrhunderte vorher das Pulver erfunden worden sei, so nahm Aventin ein Jahrhundert, die Mitte, an;- so ergibt sich 1354. Daß Hemmerlin allein die richtige Zeit getroffen hat, wenn er auf das 13. Jahrhundert zurückgeht, folgt auch aus einem andern Umstände. Gewiß braucht eine Erfindung von weltgeschichtlicher Bedeutung bis zu ihrer vollen Entfaltung Jahrhunderte. Es sei nur an die Dampfmaschine hier erinnert; Abt Luger von St. Denis, mit dem Beinamen „Vater des Vaterlandes", war vor 700 Jahren deren Erfinder; der Spanier Blasco de Garay machte 1543 weitere Versuche ; bis zur Ausführung praktisch anwendbarer Dampfmaschinen durch den Kapitän Savertz 1698 vergingen 150 und von da bis zur ersten Eiscnbahnlokomotive fast ebensovicle Jahre. Demgemäß können wir wohl annehmen, daß von der ersten Erfindung des Geschützes bis zu seinem öffentlichen kriegerischen Gebrauche mindestens hundert Jahre vergangen sein können. Der historische Nachweis wurde von Dr. Hansjakob erbracht, daß weder bei den Deutschen, noch bei den Italienern, noch Franzosen rc. rc. vor der Mitte des 14. Jahrhunderts das Schießpulver und dessen Gebrauch erwähnt wird. Und Tcmler weist ganz vorzüglich nach, daß „kein einziger glaubwürdiger, recht verstandener Schriftsteller mit irgend einem klaren Zeugnisse darthne, daß vor dem Jahre 1354 das Schießpulver in Europa bekannt und im Gebrauch gewesen sei". (Schluß folgt.) 7 Münchner anthropologische Gesellschaft. —Nachdem der Vorsitzende Herr Pros. Dr. I. Ranke in der Sitzung von: 13. Dez. die neuangemeldeten Mitglieder mitgetheilt hatte, stellte er die gegenwärtig im Panoptikum sich produzirenden Kongonegcrinnen vor. Sie sind anthropologisch deßhalb interessant, weil sie einem Stamme angehören, der nach Burmeistcr den eigentlichen Negertypus darstellt. Gerade die vorgestellten Negerinnen zeigen die Unhaltbarkett von Bur- meisters Behauptungen. Ihre allgemeinen Körperpropvrtionen nähern sich in keiner Weise den Affen Hierauf demonstrirte der Vorsitzende die von Herrn Direktor E. v. Lange erfundene Meßvorrichtung. Scala. Dieser Apparat ist bestimmt zur Messung der Körpergröße in der Familie und der Schule und erfüllt seinen Zkvcck voll und ganz. Hierauf hielt Herr Hofrath Dr. msä. L. Martin seinen interessanten Vortrag über die Völker des östlichen Himalaya: Nepal, Sikkim, Bhutan. Martin war zweimal, und zwar auf längere Zeit (14 Tage und 6 Wochen), in Sikkim, das zwischen Nepal und Bhutan in der Nähe der höchsten Berge der Welt liegt. Das Land verbindet mit einem sehr gesunden Klima viele landschaftliche Reize und wird von den Europäern als GesundheitSstation benutzt. Da eS mehr als 7000 Fuß über dem Meere liegt, ist eS frei von dem Malariaficber. Von Calcutta erreicht man eS mit der Eisenbahn in 24 Stunden. Die Fahrt ist sehr genußreich. Es dürfte wohl die interessanteste Gebirgsbahn der Erde sein. Ohne Zahnrad werden die Höhen überwunden. Die Bahn fährt im Zickzack, indem die Lokomotive bald zieht, bald schiebt. Die Flora ist nicht unähnlich der von Südeuropa. Die Jesuiten haben dort ein Kloster mit einem berühmten Institute zur Erziehung von Kindern unter der Leitung von rheinischen und belgischen Patres. Dieses Institut ist bei Katholiken und Protestanten gleich beliebt. Letztere lassen oft ihre Kinder katholisch taufen und erziehen, um sie in jenem Institute unterzubringen. Die Bewohner SikkimS zeigen mongoloide Züge. Ihre Kleidung besieht aus einer kurzen Jacke und einem weiten, bis zu den Knöcheln enger werdenden Beinklcide. Die Bevölkerung befielst aus den Lcptschanern, welche die eigentlichen Eingeborenen sind, den Nepalesen und den Bhutanern. Erstere zeigen mongolische Züge und gehören zur tibeto-birmanischen Rasse. Sie tragen aber keinen Zopf, sind sanft, unkriegerisch und sehr geeignet als Diener. Sie haben ein sehr großes Verständniß für die sie umgebende Natur. Da sie eine Art Bier, Murwa- bicr, sehr lieben, sielst man häufig Scenen, die an die Salvator- und Bccksaison in München erinnern. Es ist ein im Aus- sterben begriffenes Völklcin von ca. 20,000 Seelen. Die zweite Gruppe sind Einwanderer von Nepal. Sie zeigen deutlich ein mongolisches AcnßercS, haben eine geringe Körpergröße. Jrr- thümlicher Weise werden sie der arischen Nasse beigezäblt. Sie sind ein kriegerisches, tapferes, anspruchloscs, an Embchrungen gewöhntes Gebirgsvolk. Die dritte Gruppe ist aus Bbutan eingewandert. Die Bhutaner sind rein und nnvermischte Mongolen mit chinesischer Tracht und Zöpfen. Ihre Beschäftigung besteht in Handel und Ackerbau. Sie sind klein und gedrungen, offen, frei und fröhlich. Es ist angenehm mit ihnen zu Verkehren. Die geringe Schönheit der Weiber läßt sich durch die jrühe schwere Arbeit erklären. Der Schmuck der Frauen besteht größtenteils anS Türkisen. Die Religion ist die buddhistische, aber mit einigen Aenderungen. Zum Schlüsse dcmonstrirt Martin verschiedene Gegenstände aus jener Gegend, wie Waffen, Kleidungsstücke, Gcbetöniühle und andere Cultgcgenstände. An der Diskussion betheiligen sich Pros. Kühn und Furtwängler. Hierauf theilt Pros. I. Rauke mit, daß das Ehrenmitglied Herr Sanitätsrath Bartels der Gesellschaft sein Werk „Das Weib" geschenkt hat und läßt das Werk von E. u. L. Selenka »Sonnige Welten" circulircn. Zum Schlüsse legte Professor Selenka Photographien anS Vorderindien und moderne japanische Drucke vor. Dr. Schund wies im Anschluß an die letzte Sitzung auf den großen Unterschied in der japanischen Malerei md Plastik hin. Letztere zeigt von hoher künstlerischer Begabung. Pros. I. Ranke dankt den Rednern und theilt mit, vaß Pros. Selenka versprochen hat, einen Vertrag über seinen Aufenthalt in Japan zu halten, verbunden mit einer Demonstration von Photographien mittels des Scioptikon. Damit schloß die sehr genußreiche Monats-Sitzung. Recensionen und Notizen. Theologisch-praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. od. 80 S. gr. 8°. Preis ganzjährig 5 Mk. Inhalt des 1. Heftes 1896: Die theologische Literatur der griechischen Kirche rc. Von Vk. A. Ehrhard, Professor der Theologie in Würzbnrg. — Der Klerus und die Laien. Von Domkapitular Dr. Kuudlach in Passau. — Mitwirkung des Seclsorgsklcrus zur Förderung der Gürrcsgesellschaft. Von Dr. Pell in Passau. — Die Religion und die Mittelschulen. Von Max Steige nberger, Domprcdiger in Augsburg. — Aus der seelsorglichen Kasuistik über die Ehe. Bon Prälat Dr. Pruner in Eichstätt. — Der Kampf gegen die Genußsucht und der Klerus. Von A. Häuser, geistl. Rath in Augsburg. — Die Lssistentia Passiva bei Mischehen im GellungS-Berciebe der Tridentincr Eheschließunzssorm nach Vortrauung des mi- nistsr aeatlroliaus und bei Verweigerung katholischer Kinder- Erziehung. Von Domkapitular Dr. P. Schmitt in Würz- burg. — Ueber die Bettelbriefe der Diaspora-Geistlichen. Von X. Z. — Ausnutzung der lebrplanmäßigen katcchetischen Unterrichtsstunden. Von Georg Sailer, Pfarrer und DistriktS- schulinspektor in Arnstors. — 6asus propositns ab aliguo eon- kessario cks nsu watrimonii. Von Dr. Pruner in Eichstätt. — Die Spinnstuben. Von Dr. H ünnn er in Würzbnrg.— Zur Behandlung der Glocken. (Wichtig für jeden Kirchenvcrstand.) Von Dr. Walter in Landshut. — Antheilnahme am häretischen Gottesdienste. Von Dr. HaSler in Passau. — Ist der Pfarrer zur Beherbergung der sog. Gemeindeumsuhrcr verpflichtet? Von L. H. Krick. — Verwendung des Armenopferstcckgeldes. Von L. H. Krick. — Postportosreiheit der Pfarrämter. Von L. H. Krick. Leichtes Mittel, um Meßwein auf seine Echtheit zu prüfen. Von L. Henmann in Feucht. — Der Tertiarpriestcr und die Generalabsolution. Von Anst. Kronseder, ExposituS in Föcknng. — Neueste Erlasse und Entscheidungen der römischen Congregationen. — Erlasse der obersten Verwaltungsstellen uno Entscheidungen der obersten Gerichtshöfe. — Literarische Novitätenschau. — Litterarischer Anzeiger. Das Lehrbuch der Metaphysik für Kaiser Joseph II. Verfaßt von D. Joseph Frantz, weil. Direcior der philos. Facnltät der Universität Wien rc. rc., herausgegeben von Fr. Thomas M. Wchofer, 0. Lraocl. Paderborn 1890. Ferdinand Schöningh. Gr. 8°, S. IX, 167. chj: Vorliegendes Lehrbuch der Metaphysik bildet das Er- gänzungsheft II zum Commer'schen Jahrbuch für Philosophie und speculative Theologie. Der Preis desselben ist für die Abonnenten des Jahrbuchs M. 2.60, für Nichtabonncnten M. 3.60. Der Dominikaner-Pater Wehofcr^hat das Buch zunr erstenmale nach dem in der Allcrh. k. k. Privat- und Familien- bibliothck befindlichen Orginale herausgegeben und mit Benützung der im k. k. HauS-, Hof- und StaatS-Archivc befindlichen und anderer angedruckter und gedruckter Quellen philosophic- geschichtlich erläutert. Ein doppeltes Moment verleiht der Arbeit deS L. Frantz große Bedeutsamkeit: 1) ist er der Lehrer keines geringeren gewesen als deS nachmaligen deutschen Kaisers Joseph II., 2) ist der Tracstatms ülotapdxsicao des gelehrten Oberösterreichers eine höchst merkwürdige Etappe in der Geschichte deS Cartesianismus und seiner Berührung mit der Leibniz-Wolff'schcn Philosophie. Das Buch des ?. Wehofer erhielt die Approbation der Wiener Linker ü-mlolpliina, und verhalf dem Verfasser mit zur akademischen Doctorwürde an der ersten Universität der österreichischen Monarchie. Bescheiden will es nur der erste Spatenstich sein auf einem bisher leider sehr vernachlässigten Felde, auf dem Gebiete der Geschichte der österreichischen Nachscholastik in deren Zersetzung durch andere ganz fremde Elemente. . Fern von allem Tendenziösen wird nur die Feststellung der reinen, lauteren, geschichtlichen Wahrheit gesucht. Von den in der Einleitung versprochenen 3 Theilen behandelt k. Frantz nur den 1. Theil: Noetik und Kriteriologie, und den 2. Theil: Ontologie, Kos- mosophie und Pneumatologic. Der 3. Theil über die Principien, welche die einzelnen besonderen Wissenschaften entlehnen, ist, vielleicht aus Zeitmangel, weggeblieben. Des k. Frantz philosophisches System setzt sich im Großen und Ganzen zusammen aus der nach Leibniz-Wolff zum Theil modificirtcn Scholastik einerseits, aus dein Eartcsianismus anderseits. Erstere Richtung brachte er mit aus der im Jesuitenorden empfangenen Erziehung; die letztere ist zurückzuführen aus seine damalige Stellung in Wien und auf die ganz eigenthümlichen Verhältnisse um die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Den eingehenden Nachweis dieses Urtheils bildet der Abschnitt: Die philosophiegeschichtliche Bedeutung von k. Frantz Traotatus Llstaxtiz'sieas in 8 Capiteln (S. 95—167). Vorausgeht (es. 1—53) die diplomatisch getreue Wiedergabe des Manuskriptes, die nähere Inhaltsangabe deS Traetatns (S. 56), sowie (S. 59) Gedankmgang. uns EintheilustL desselben. Hos- 8 fcntlich wird der Verfasser in Nom, woselbst er sich behufs weiterer Studien aufhält, Muße finden zu ähnlichen tüchtigen Arbeiten. Die Wunder des heiligen Antonius von Padua in unserm Jahrhundert. Mainz, Verlag von Franz Kirch- heim 1895. 80 Seiten, Preis 40 Pf. Die ungläubige Welt protestirt gegen das Wunder, und Gott protestirt gegen die ungläubige Welt, indem er auch in unserm Jahrhundert zahllose Wunder wirkt. Ein Beleg dafür ist obiges Büchlein, welches die Geschichte eines neuen Licbes- werkcs: „Brod der Armen" schildert, welches vor fünf Jahren in Toulon zu Ehren des heil. AntoniuS von Padua seinen Anfang genommen und inzwischen die größte Verbreitung gesunden hat. Diese Schrist, welche der siebeuhundertjährigen Wicgcnscier deS hl. Antonius von Padua gewidmet ist, ist ganz geeignet, auch in Deutschland die Verehrung dieses großen Heiligen mächtig zu fördern. Altheimland. Ein zweites Bayernbuch von I. Schlicht. Bamberg, Büchner. 8°. VI, 192 S. kart. 2.50 M., elcg. geb. 3 M. Das Buch, eine Art Volkskunde AltbayernS im belletristischen Gewände, ist gewiß gut gemeint. Das darf man bei dem geistlichen Verfasser wohl annehmen. Es enthält auch prächtige Partien, die fast an Alban Stolzischen Stil erinnern. Andere Stellen wiederum, und es sind leider viele, können aber wegen ihrer Derbheit fast nicht genossen werden. Und man braucht gerade kein zimperlicher Leser zu sein. Das ist recht schade! — Litcrarischc Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. Hobcrg, Professor an der Universität Freibnrg i. Br. Jahrgang 1895. 12 Nummern. M. 9. — Freibnrg im Brciszan, Herdcr'scbc Vcr- lagshandlnng. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 11: Neuere Prcdigiliterntur. (Keppler.) — äo lluwmolauer, Onrsus Lcrixturae saerao. (Schäfer.) — I-aFrs»§o, 8aint Ltienns et sou kauetnairs ä lorusalow. (Schiffers.) — Nolffs, Urkunden aus dem antimontaiiistischcn Kampfe des Abendlandes. (Funk.) — Lauchert, Die Lehre deS heiligen AthanasiuS des Großen. (Funk.) — Harnack, Eine bisher nicht erkannte Schrift des Papstes SixtuS II., zur Petrusapokalhpse, Patristischcö zu Luc. 16, 19: Jselin, Eine bisher unbekannte Version des ersten Theiles der „Apostcllchrc". tWeyinan.) — Harnack, Eine bisher nicht erkannte Schrift NovatianS. (Wcyman.) u. s. w. — Nachrichten. — Büchertisch. Heft 4 deS Deutschen HausschatzeS, welches in seiner prächtigen Ausstattung den früheren sich anreiht, bringt Fort- setzuiig'der sehr spannenden Romane: Prada von Melati von Java und Die Jagd auf den Millivnendieb von Karl Map, sowie die sehr unterhaltende Humoreske: Der Knoten im Taschentuch. Von den zahlreichen Artikeln können wir wegen Mangels an Raum nur die folgenden hervorheben: Erzbischof Dr. Zardetti, von I. Mchler; Eine Plauderei vom deutschen Wein, von A. I. Cüppcrs: Morgen- ländische Romantik, von Viktor Henze; Philippinc Weiser, von I. Hirn,- Centrums - Jubiläum und Ceutrums-Jubilare, von NhenanuS; Die heil. Drei Könige, von vr. Dreibach; daran reiht sich, wie in jedem Heft, eine Fülle kleiner inhaltreicher Mittheilungen. — Neue Abonnenten werden zu jeder Zeit angenommen und erhalten daS bereits erschienene I. Quartal bei allen Buchhandlungen und Postämtern sowohl in der Nummern- a!S Heftaus- gabe (Quartal L M. 1,80) nachgeliefert. Stimmen aus Mari a-La ach. Katholische Blätter. Jahrgang 1895. Zehn Hefte M. 10.80 (oder zwei Bände L M. 5.40). — Freibnrg im Breisgau. Herder'sche Verlagöhaudlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 10. Heftes: Die Methoden der Volks- wirthschaftSlehre. (H. Pesch 8. I.) — Das Leuchtvermögcn im Thierrcich. (E. Wasmann 8. I.) — Ein Besuch in Val-dcs- BoiS. (A. Lebmkuhl 8. I.) — Altcnglische Weihnachtslieder. (G. M. Dreves 8. I.) — Die religiös-communistischen Gemeinden in den Vereinigten Staaten. (O. Pfülf 8.1.) — Eine neue JguatinS-Biograph-e. (W. Krciten 8. N) Recensionen: 8tentrnx, 8z-nvMS Nraetatus sedolastioi äs veo Duo. (E. Lingens 8.).); Das Mahabharata als Epos und Ncchtsbuch (G. Gictmann 8.1.); HoäZ-kin, lialz- anä der Invaäars (A. Zimmcrniann 8. N); Fabri de Fabris, WaS die Blumen erzählen. (W. Kreiten 8.1.)-- EmpfehlenSwerthe Schriften. — Miöcellen: DaS große religiöse Testspiel von Vourgcs; Erinnerungen eines Couvertiten. Katholische Warte. Jllustr. Monatsschrift zur Unterhaltung und Belehrung. XI. Jahrg. Heft 8/9 L 15 kr.» 25 Pf. Jahresabonnement fl. 1.80 (M. 3.60). Verlag von A. Pustet in Salzburg. Die vorliegenden Hefte beweisen durch ihre textliche und illustrative Ausstattung wieder, daß dieses Familienblatt immer mehr verbessert wird und recht weite Verbreitung vollauf verdient, zumal allen Ansprüchen Genüge geleistet ist. Als Erzähler finden wir M. Buol, Cl. Borges und den Volkshumoristcn Josef Wichner, landschaftliche und geschichtliche Schilderungen bieten uns S. Orrcf, Archivar ?. Fr. Engl und Dr. H. Sam- son, die Zunft der Poeten ist vertreten in Anna Esser, Fritz Fuuder, du Nord, Jda von Lißberg, von Zerboui u. a. in. Schweizerische Leser werden sich freuen an dem Lebcnöbilde deS Buudespräsidcntcn Dr. Zemp, im Ländchen vor dem Arlberg wird die eingehende Biographie des fi Priors von Mehrerau LaurcntiuS Wacher gewiß Vielen willkommen sein. So sucht die Monatsschrift ihren Ruf zu wahren, ihren Freundeskreis zu mehren: möge ihr Letzteres allüberall glücken I OesterreichischesLitcraturblatt, herausgegeben von der Leo-Gesellschaft in Wien, redigirt von Ist-. Franz Schnüren. (Administration: Wien I., Aunagasse 9.) Inhalt der Nr. 22- Libliotlioos. Tliomistioa, I. 8. Dramas A.g. Oompeiulium Disolo-giac, eä. Vr. Lbart. (Univ.-Prof. Dr. F. M. Schindler. Wien.) (681.) - Schlatter D. A.. Zur Topographie und Geschichte Palästinas. (lluiv.-Prof. vr. Bb. Schäfer, Wien.) (682.) - Friedrich I., I. N. Möblcr, der Shmbclikcr. (?. Aug. Rösler, Mautern in St.) (684.) — Weib A. M., Apologie des Christenthums, II. 3. Anst. (V.) (685.) — Vidmar C., Geschichte und Festschrift der „Confraternität" in Wien. (k.) (685.) - Behrich Conrad, Das System der Uebcrgewalt. (I)r. R. von Kralik, Wien.) (686.) — Natorp Paul, Die Etlnka des Demokritos. (Ders.) (687.) — Limbonrg Max, Kant's kategorischer Imperativ. (Pfarrer N. Eichhorn, Wien-Nußdorf.) (688.) — Lange Conr., Die bewußte Selbsttäuschung als Kern des künstlerischen Genusses. (R.) (688.) — Klopp Onno, Der dreißigjährige Krieg bis zuin Tode Gustav Adolfs 1632. III. Bd., 1. Th. (Geh. Rath Jos. Freiherr von Helfert, Wien.) (689.) — Clauß Jmm., Die Lehre von den Staatsdicnstbcn keilen. (Fi- nauzrath vr. Carl Scheimpflug, Innsbruck.) (700.) — Gengler, Die Verfassuugszustände im bahr. Franken bis zum Beginne deS XIII. Jahrh. (Dr. Hs. Th. Soergel, Nürnberg.) (701.) — Stcnglcin M., Wider die Berufung. (Dr. v. Wein rieh, Franks, a. M.) (701.) — Hagen I. G., Synopsis der höheren Mathematik. (Univ.-Prof. i>r. Leopold Gegenbaucr, Wien.) (703.) — KleS F., Herzkrankheiten und ihre Behandlung durch die diätetische Heilmethode. (Univ.- Prof. Dr. Joh. Kirste, Graz.) (705.) — Dittmer Nich.» Handbuch der Sccschifffahrtökunde. (K. u. k. Schisfs-Licut. Alfr. Frhr. v. Koudelka, Pola.) (706.) u. s. w. Zum Artikel: Dcharbe'scher Katechismns. Lediglich einer sachlichen Berichtigung wegen ersuche ich die verehr!. Redaction Folgendes aufzunehmen: Seite 424 der Beilage sagt der hochw. „Veteran", ich hätte dafür plaidirt, daß in einen neuen Katechismus Gefühlsergüsse aufgenommen werden sollen. Das ist nickt zutreffend. Denn der unzweideutige Sinn meiner Ausführung Seite 391 (drittens) ist dieser: Im Katechismus sollen die dogmatischen Lichtseiten mehr in den Vordergrund gestellt werden, wodurch dann bei den Kindern eine Glaubens- frcndigkeit erregt würde, welche Glaubensfreudigkeit in dem Gedanken — natürlich bei den Kindern (und bei Erwachsenen) — gipfeln soll u. s. w. ES ist nicht möglich, meine Worte anders aufzufassen. Also im Katechismus sollen die dogmatischen Lichtseiten (nicht GesühlSergüsse) einen breiteren Raum einnchmen — dafür spricht eine hohe Autorität, Kanonikus Ginelch (viäs Passauer Zeitschrift 1892) — für die Gefühl-ergüsse ist der richtige Platz das Menschenherz, und nicht ein Lehrbuch. Mitbin fallen 70 Zeilen des Artikels vom hochw. „Veteran", welche diesen Punkt behandeln, hinweg. Der Expositns. Lcrantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L. Grabherr in Augsburg. Nl-. 2. 10. Jan. 1896. (5 Neovitalismns. Von Professor vr. L. Haas in Passau. (Schluß.) ES ist im Grunde gar nicht richtig, daß der Neo- vitalismus vom Weltganzen, überhaupt von einem com- plicirten Ganzen ausgeht. Will er ein solches durchforschen, muß er eS in seine Theile zerlegen. Er geht vom lebenden Protoplasma aus, also auch vom Kleinsten. Das nackte Protoplasmaklümpchen (etwa ein farbloses Blutkörperchen aus dem Blute eines Frosches) fängt, unter dem Mikroskop beobachtet, bei steigender Wärme an, seine Form zu verändern. Wie zarte Füß- chen tritt es an die Oberfläche hervor, und offenbar (ist es bewiesen?) mit diesen Füßcheu kriecht das Klümpchen auf der Glasplatte von Ort zu Ort. Mit zunehmender Wärme wird diese Bewegung lebhafter, bei einer bestimmten Temperaturgrenze werden die Ausläufer eingezogen, und die Bewegung hört auf. Aus diesem Verhalten soll sich ergeben, daß der Lebenssubstanz schon in ihren untersten Prägungen die Fähigkeit einer eigenartigen Verarbeitung äußerlich übertragener Kräfte zukommt, die uns als Selbstbestimmung (?) erscheint. Diese vitale Selbstbestimmung werde im Wesentlichen erreicht durch eine vorläufige Ueberführung der Kräfte, die von außen einwirken, in Spannkraft, und eS werde der Naturforschung voraussichtlich (?) gelingen, eine einleuchtende Physikalische Beschreibung der Veränderungen zu geben, die eine von außen kommende Anregung im Innern des Körpers durchmacht, bis sie in der Form einer scheinbar freiwilligen Bewegung wieder «ach außen tritt. In dieser Darstellung findet sich vor allem eine bedenkliche Lücke. Das beregte Protoplasmaklümpchen (Blutkörperchen) ist zwar organisirter Stoff, ist es aber aus dem lebenden Organismus herausgenommen noch als wirklich lebende Substanz zu betrachten? Dies kann nur der Fall sein, wenn man den lebenden Organismus aus einzelnen lebenden Organismen zusammengesetzt sein läßt. Wie steht es aber da mit dem diese zusammenhaltenden, or- ganisirenden Princip? Ein organisirter Stoff verhält sich jedenfalls anders der Wärme gegenüber, so lange die Nachwirkungen der organisirenden Kraft in ihm noch vorhanden sind, als wenn dies nicht mehr der Fall ist, ein grünes Blatt anders als ein dürres. Aber die Frage ist doch die, ob in dem abgebrochenen Blatte, in dem aus dem Blute herausgenommenen Protoplasma- körperchen die Lebenskraft als solche noch wirksam ist, ob man es also in dem angeführten Experimente noch mit der eigentlichen Lebenskraft, der organi- sirenden Kraft in ihrer wahren und eigentlich e n T h ä t i g k e t t zu thun hat. Kann das Experiment an einem und demselben Protoplasmaklümpchen wiederholt werden? So lange diese Fragen nicht gelöst sind, so lange können die angegebenen Erscheinungen ganz gut als physikalische gelten und müssen dann freilich eine physikalische Erklärung zulassen; man steht eben einfach nicht vor der eigentlichen Lebenskraft. Zudem ist es voreilig, aus dieser äußeren Aehnlich- keit, die sich in sehr bescheidenen Grenzen hält, auf die wesentliche Aehnlichkeit (oder Gleichheit) der Vorgänge in einem lebenden Organismus zu schließen. Ist aber das Verhalten eines wirklich lebenden Protoplasmakügelchens ein ganz anderes als das lebloser Körper, dann ist in ihm eine besondere Kraft wirksam. Will der Neovitalismns dieselbe physikalisch erklären, so unterscheidet er sich einerseits nicht principiell vom Mechanismus, anderseits vermag er den Unterschied zwischen der organischen und anorganischen Natur nicht zu erklären. Erklärt der von den Atomen ausgehende Mechanismus nicht die Einheit von Kraft und Materie und noch weniger die Erscheinungen des Lebens, so auch nicht der Neovitalismus: er setzt vielmehr von Anfang an durch einen kühnen Sprung über die Grenze zwischen Lebendem und Leblosem hinweg. Beide scheitern an demselben Punkte, an der Grenze zwischen der lebenden und leblosen Natur, nur langen sie von verschiedenen Seiten an dieser Grenze an. Wenn daher der Neovitalismus zu dem Resultat gelangen will, den Durchgang der äußeren Neizung durch unseren Körper von Station zu Station zu verfolgen, in das Nacheinander dieser Erscheinungen leitend und helfend — und zwar mit mathematischer Sicherheit — einzugreifen, so kommt er einerseits über das physikalische (leblose) Gebiet wieder nicht hinaus, anderseits vergißt er, daß wir in der höchsten Lebenserscheinung, in der geistigen Selbstbestimmung, von der äußeren Neizung thatsächlich unabhängig sind (auf diesem Gebiete hat das Gesetz der smateriellenj Aeguivalenz von Wirkung und Ursache keine Giltigkeit), während manche Lebensvorgänge unserer positiven Einwirkung entzogen sind. Wo bleibt da die mathematische Sicherheit? Nebenbei sei bemerkt, daß auch die zuversichtlichste Berufung auf eine in der Zukunft zu gewinnende Erkenntniß kein Recht zur Aufstellung auch nur einer Hypothese gibt: die zur Aufstellung einer Hypothese berechtigenden Erkenntnisse müssen wenigstens der Mehrzahl nach eher gewonnen sein als die Hypothese aufgestellt wird. Was weiterhin gesagt ist von den Errungenschaften des Lebens, von den Aeußerungen der vitalen Selbstbestimmung, die ihr muthmaßliches (sie) Ziel und Vorbild, den Stoff, der sich selbst bewegt, am nächsten streifen, so ist das zwar sehr geistreich, aber nicht klar ausgedrückt. Einheiten, die sich besonders schwer in Kraft und Stoff zerlegen lassen, werden wir geneigt sein, in höchster Vollkommenheit dem Ureinen als Eigenschaften beizulegen. Solche Einheiten sind Empfinden, Denken und Wollen, weil hier nachgiebiger Vorstellungsstoff und gestaltende Vorstellungskraft so innig verbunden sind, daß sie uns als ein Seelenvermögen entgegentreten. — Aber was ist denn Vorstellungsstoff? Ist es noch der grobsinnliche Stoff, den wir sonst Materie nennen? Allerdings sind Vorstellnngsstoff und Vorstellungskraft so innig vereinigt, daß letztere ohne ersteren nie in Wirksamkeit treten, sich nicht manifestiren kann. Aber ich denke, daS ist bei jeder Kraft der Fall: keine kann wirken ohne Wirkungsstoff. Wo wir überhaupt Kraft und Stoff zerlegen, da scheiden wir Stoffe mit ihren Kräften; unterscheiden können wir Kraft und Stoff überall. Wenn daS Selbstbewußtsein als Vorstellung (sie) über den Vorstellenden selbst für den höchsten Grad dieser innigen Durchdringung erklärt wird; wenn in ihm in den Augen der Menschen die Selbstbestimmung sich zur Freiheit adelt; wenn es als absolute Freiheit dem 10 Meinen mit Kraft und Stoff, das im Weltall sich von selbst bewegt, beigelegt wird; wenn es aber trotzdem nur als Begleiterscheinung (nicht, was es in der That ist, als Grundvoraussetzung) der (wahren) Selbstbestimmung gefaßt wird, so kommen wir zu der Sonderbarkeit, daß das Meine sich eher (wenigstens sachlich, wenn auch nicht zeitlich) absolut selbst bestimmte, als es sich selbst wußte. Wie da von einer absoluten Freiheit die Rede sein soll, ist unbegreiflich. Wir können uns die Sache nicht anders denken, als daß bas Meine sich bestimmte und dadurch sich erkannte, und sich daraufhin für frei hält, obwohl es doch nur erkennen kann, daß es selbst so sein muß, wie es sich ohne sein Wissen bestimmt hat. Wir kommen zur Moral des Neovitalismus. Das Mittel, dessen sich die Natur (das Ur-Eine?) bedient, um ihre Lebewesen auf immer höhere Stufen der Selbstbestimmung zu heben, weist über den Nahmen der individuellen Begrenzung hinaus. Dieses Mittel besteht nämlich darin, daß die Selbstbestimmung sich in den Dienst der Nächstenliebe stellt. Einer für Alle, und Alle für Einen! so lautet das Gebot, welches die Theile jedes lebenden Ganzen unter einander verbindet und die sogenannte „organische Einheit" derselben herstellt. — Wie ist denn im Neovitalismus, wo doch jede Bestimmung eine Folge der uranfänglichen Selbstbestimmung des Ur-Einen ist. überhaupt eine wahre Selbstbestimmung des Einzelnen noch möglich? Wie eine wahre Freiheit? Läßt sich das genannte Gebot auf den niedrigsten Stufen der thierischen Organismen, wo durch Theilung neue Individuen entstehen, überhaupt in der Pflanzenwelt vollständig durchführen? Es soll ein Naturgesetz und zugleich das vornehmste Gebot der Sittlichkeit sein! In gleicher Weise? Freilich, wenn Freiheit und Nächstenliebe Hand in Hand gehen, d. h. wenn die freien Wesen sich frei für ihre Mitwesen bestimmen, dann wird sicher ein hoher Grad der Vollkommenheit erreicht, aber nicht im Sinne des Neovitalismus. Wie Freiheit als Ziel und Nächstenliebe als Mittel zu diesem Ziele erklärt werden kann, ist auf den ersten Blick unverständlich, denn die Nächstenliebe ist ja eine Beschränkung, wenn auch eine Selbstbeschränkung der Freiheit. Man muß aber daran denken, daß im Sinne des Neovitalismus dadurch, daß alle Wesen sich um der andern willen bestimmen, diese Bestimmungen zuletzt aufgehen in der Selbstbestimmung des Ur-Einen, das insofern frei ist, als es sich sogar unabhängig von sich, weil seiner unbewußt, bestimmte. Freilich ist diese Freiheit keine wahre Freiheit. Es wird zuletzt sogar an das Bibelwort erinnert, daß Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde erschaffen hat. Die neovitalistische Auffassung vorn Leben erinnere so unmittelbar an dieses Wort, daß es Gott absichtlich verleugnen hieße, wollte man achtlos an dieser Uebereinstimmung vorübergehen. — Wenn nur die geringste Uebereinstimmung vorhanden wäre! Im Neovitalismus sind doch alle lebenden Wesen nur immer unvollkommenere Wiederholungen des Ur-Einen oder gar Eigenschaften (vgl. oben) desselben. Dieses Ur-Eine aber ist sein Gott, den wir uns als höchstes Wesen in vollkommener Freiheit gegenüber denken sollen, das doch zugleich in der Natur und ihren gesetzmäßigen Erscheinungen aufgeht. Also ja keine Transscendenz! Da ist es freilich schwer, das muß man dem Neovitalismus zugestehen, zu einer einheitlichen Vorstellung von Gott zu gelangen. Eine solche Vorstellung im Sinne des Neovitalismus fordert das reinste oaoriüoinra intolloetus! Freilich soll die höchste Freiheit durch ein Naturgesetz, das der Nächstenliebe, erlangt werden! Aber dieses Gesetz war für die erste, sreieste Selbstbestimmung des Ur-Einen nicht vorhanden. Haben wir da vielleicht gar im Sinne des Neovitalismus anzunehmen, daß auch sein Gott die höchste Freiheit, also die höchste Vollkommenheit erst durch die Nächstenliebe erlangt, so daß wir im Grunde einen Gott zu denken hätten, der eigentlich noch nicht ist, sondern erst wird? Es würde zu weit führen, alle Anklänge an bereits vergangene philosophische Systeme aufzuzählen, die sich im Neovitalismus finden. Er ist eben eine monistische Weltanschauung, die sich principiell über die materialistische nicht erhebt. Aus seinen Jnconscquenzen und Widersprüchen kommt er nur dann heraus, wenn er im kleinsten wirklich lebenden Protaplasmakügclchen eine Kraft anerkennt, welche sich nirgends im Anorganischen findet, also auch nicht mit den gleichen Mitteln wie die anorganischen Kräfte erklärt werden kann, eine Kraft, welche die physikalischen und chemischen Kräfte zu einem bestimmten Ziele leitet, also über ihnen steht und insofern ihnen gegenüber Selbstständigkeit besitzt. Dabei ist weder ausgeschlossen noch thut es der Selbstständigkeit dieser Kraft einen Eintrag, daß sie für ihre Wirksamkeit Bedingungen voraussetzt, welche in der Wirksamkeit der sogenannten kosmischen Kräfte liegen. Sind diese Bedingungen gegeben, dann wirkt sie in ihrer Weise, nicht chemisch und physikalisch, sondern or- gantsirend. Wollen wir uns überhaupt über die verschiedenen Verbindungen von Kraft und Stoff, vom kleinsten Körperchen im Anorganischen angefangen bis hinauf zum höchsten Lebewesen auf Erden, dem Menschen, Klarheit verschaffen und uns dadurch eine genaue Scheidung ermöglichen zwischen dem Anorganischen und Organischen einerseits, zwischen dem Menschenleben und dem übrigen Naturleben anderseits, dann glaube ich, müssen wir vor allem klar zu werden suchen über das Wesen der Materie. Dieser Begriff scheint mir einer eingehenden Untersuchung werth und bedürftig. Professor Dr. Grimm si. * Das „Fränk. Volksblatt" bringt folgenden Nachruf: Einen schweren Verlust hat der erste Tag des Neuen Jahres der hiesigen theologischen Fakultät und mit ihr der katholischen Gelehrtenwelt Deutschlands gebracht. Am 1. Januar Nachmittags ftz4 Uhr verstarb nach kurzem Unwohlsein in Folge eines Schlaganfalles unerwartet schnell der ordentliche öffentliche Professor der neutesta- mentlichen Exegese Dr. Joseph Grimm, gleich ausgezeichnet als Gelehrter wie als Priester, ein Mann, in welchem tiefes, umfassendes Wissen sich mit seltener Frömmigkeit und Herzenseinfalt verbanden. Joseph Grimm wurde zu Freising geboren am 23. Januar 1827. Nachdem er seine Gymnasialstudien in Freising vollendet, in allen acht Klassen sich den ersten Platz und in der Reifeprüfung 1843 die erste Note erworben hatte, bezog er die Universität München, um da seinen philosophischen und theologischen Studien obzuliegen. Dort löste er die von der philosophischen Fakultät ge- 11 stellte Preisangabe: „Ueber den Geschichtschreiber Otto von Freising." Am 24. Juni 1850 wurde er Zum Priester geweiht und wirkte einige Zeit in der Seelsorge in München. Als Erstlingsfrucht seiner theologischen Studien erschien seine Doktordissertation: „Geschichte der Samariter mit besonderer Rücksicht auf Simon den Magier. München 1854." Daraufhin erfolgte am 20. Febr. 1856 seine Ernennung zum Lycealprofessor in Regensburg. Als solcher schrieb er im Jahre 1860 ein Programm über den des zweiten Thessalonicherbriefes, 1663 veröffentlichte er seine Schrift „Einheit des Lukasevangeli- ums", welcher 1868 sein großes Werk „Einheit der vier Evangelien" folgte, das seinen Namen weithin bekannt machte. Grimm hatte anfangs alt- und neutestamentliche Exegese zu vertreten, zog sich aber hierauf, als für ueu- testamsntliche Exegese eine Professur errichtet wurde, auf die alttestamentliche Exegese zurück, ohne die neutestament- lichen Studien zu vernachlässigen, was seine genannten Schriften aus jener Zeit beweisen. Im Jahre 1869 bekam er einen Ruf als Professor der neutestamentlichen Exegese an die Universität Prag, den er aber ablehnte. Der hochwürdigste Herr Bischof von Negerrsburg erkannte seine Verdienste dadurch an, daß er ihn zum geistlichen Rath ernannte. Inzwischen war auch in Würzburg eine Professur für neutestamentliche Exegese errichtet worden, welche zuerst Ov. Peter Schegg inne hatte. Nach dessen Berufung an die Münchener Universität richtete die theologische Fakultät Würzburg, welche damals, zur Zeit des beginnenden „Culturkampfes", der Sammelpunkt der Thcologiestudirenden aus ganz Deutschland geworden war, ihre Augen auf den gelehrten Lycealprofessor, der dann auch wirklich durch kgl. Dekret vom 4. August 1874 zum ordentlichen Professor der neutestamentlichen Exegese ernannt wurde. Mehr als 21 Jahre war Grimm hier eine Zierde des Katheders, der Freund und Liebling seiner Zuhörer, das Beispiel eines Priesters, der Wohlthäter der Armen. Zwar versuchte im Jahre 1886 nach dem Tode Schegg's die Münchener theologische Fakultät ihn für die dortige Hochschule zu gewinnen; aber den Bemühungen seiner Kollegen und insbesondere den dringenden Bitten seiner Zuhörer gelang es, ihn in Würzburg festzuhalten. Eiue begeisterte Huldigungsfeier der katholischen Studentenschaft und die Verleihung des St. Michaelsordens waren der Lohn für sein Verbleiben. Als Professor in Würzburg veröffentlichte er sein berühmtes Werk „Leben Jesu" in 5 Bänden, dessen erste Bände zum zweiten Male aufgelegt sind, während leider vom letzten Bande nur der erste Theil erschienen ist der zweite Theil erst vollendet werden sollte. Hoffentlich sind die Vorarbeiten soweit gediehen, daß das ganze Werk der Vollendung entgegcngeführt werden kann. Groß und allseitig war die Anerkennung, welche dieses Werk dem bescheidenen Gelehrten eintrug. Bei aller wissenschaftlichen Gründlichkeit der theologischen Forschung quillt die Darstellung aus einem gläubigen, frommen, betrachtenden Herzen, welche die Lektüre so angenehm und anregend für Geist und Gemüth, so fruchtbar für das praktische Leben, insbesondere für die Predigt, macht. Dies gilt vor allem vom letzierschienenen Theile, von der Leidensgeschichte, welche er mit der Innigkeit eines Lnkas, der Liebeswürme eines Johannes geschrieben hat. Nun ist die Feder seiner Hand entfallen; ehedem er die Leidensgeschichte vollenden und das verklärte Leben deS Heilandes schildern konnte, hat er sein eigenes Leiden vollendet und ist in das Land der Verklärung eingegangen. Wenige Tage genügten, um diese scheinbar noch unge- brachen« Lebenskraft aufzulösen. Am Vorabende vor Weihnachten befiel ihn ein Unwohlsein, das ihn nur mit Anstrengung das hl. Opfer an den beiden Weihnachtsfeiertagen feiern ließ. Von da an das Zimmer gefesselt, hatte er gleich seiner Umgebung kaum eine Ahnung des nahen Todes, und es traf ihn plötzlich und unerwartet am Neujahrstage, nachdem er noch am Vormittage zahlreiche Besuche empfangen hatte, ein Schlaganfall, welcher in wenigen Minuten seinem Leben ein Ende bereitete. Doch hatte er während seines Unwohlseins zweimal, so auch noch am Neujahrsmorgen, die hl. Sakramente empfangen. So starb er zwar plötzlich und unerwartet, aber nicht unvorbereitet; der fromme Priester, der sonst vor dem Tabernakel unserer Kirchen gekniet, stand vor seinem Erlöser, dessen Leben er mit solcher Liebe beschrieben, dessen Ehre er allein gesucht hatte. Möge er von dem Herrn. die Herrlichkeit als Lohn empfangen, weil er nie um andern Lohn gedient hat! k. I. k. Die Gründer des Hauses Bourbon-Frauce. Von Charles Saint Paul. Während die deutschen Historiker die neuere Geschichte der Bourbonen und die Einzelgestalten aus derselben vielfach eingehend behandelt haben, ist die Forschung in deren älterer Geschichte nur wenig berücksichtigt worden. Abgesehen davon, daß die auch für den französischen Forscher, — wovon sich der Autor folgender Studie selbst überzeugt hat, — mit vielen Schwierigkeiten verbundene Zusammenstellung der historischen Daten über das Haus, Bourbon-Ancien nicht vollzogen wurde, ist auch eine genauere Abhandlung über die Gründung des Hauses Bourbon-France und dessen Gründer noch nicht geliefert worden. Es soll nun im Folgenden speciell letztere Aufgabe gelöst werden, welche eher gelingen kann, da das Quellenmaterial für eine Studie über die Gründer des Hauses Bourbon-France zuverlässiger und leichter zu überblicken ist, als das für die frühesten Fürsten des Bourbonnais, über welche sich die widersprechendsten Angaben und Urkunden, die theilweise von einem Historiker, k. Andrö, gefälscht worden sein sollen,') finden. «« >) Der Verfasser des Werkes: I/Lneiou Uonrbonnois Mouline 1833), Allier, hat ebenso wie sein anonymer Hilfsarbeiter, der dasselbe nach seinem Tobe vollendete, einen Ersatz für die wichtige Urknndensammlung, das „Cartnlare" von Sou- vigny, in zwei Manuscripten gesucht. Daß erste derselben ist betitelt: -Uistoiro äes autiqnitss 146661,VI uatus ost Robertos, Mus Dnäovioi Rsxis, goem Dominos kbitixxos, ^rekispiseoxus I-itori- osnsis, baxtiravit.« <) Der Text der BelehnunzSurkunde, die aus dem Jabre 1269 stammt, lautet: -dions ä Robert, uostrs üts st ä Iss boirs äs son oorxs äonnons st assiZnoos . . . axrös nostrs äsoost ä tenir st xossssssr . . nostrs Okastst äs Otsrmont avso tootss lss apxarteuauoss, Orssi^ avso tootss Iss axxarts- nanoss st gustgoss untres obosss gos nous avous st xiosssssons en la Oomts äs Otsrmont, sn Dsorgostout, Llöri avso tootss Iss axxarrsiiancss st äswainos ... st tootss obosss äsvaut äites zmbit Robert st si boir tenront ä kö st eu bommazs ti^s äs nons, Rox äss Rraus — Des obosss tootss voiss gos lss Oowtes äs Otsrmont ont tsno ou äsvront tenir äs l'ovss- gus äs Lsaovais st äst abbs äs Laint-Dsnxs sont tonns taut ^eisux nostrs tioux oomms st boir kairs bomma§s ä I'svss- gos st o. I'abbs goi aront sts poor ts temps.- „Wir geben Robert, unserem Sohne, und seinen Erben unsere Burg von Clermont mit allem dazu gehörigen Besitze, Neuville cn Hues, la Forest und die andern dazu gehörigen Orte, Crecly und einiges andere, das wir in der Herrschaft Clermont und in Leurguetout besitzen, auch Msri mit allem davon Abhängigen — all' dieses soll dieser Robert und seine Erben von uns, dem Könige von Frankreich, zum Lehen haben. Sie sollen aber für alles, was die Grasen von Clermont vorn Bischöfe von Beau- vais und den Aebten von Saint-Dsnis gehabt haben, diesen huldigen." (Lrnssst, Ilsags äss tisks. tom. I. x. 458; ll'kau- mas äs la Tbaomasstüre, Oootüws äs Lsauvoisis, x. 356.) 13 Im Verhältnisse zu dem Erbe seiner späteren Gemahlin Beatrix war für Robert die Grafschaft Clermont ein geringer Besitz. Ludwig hatte ursprünglich seinen jüngsten Sohn mit der Tochter Margaretas von Burgund, die Vicomtesse von Limoges war, verbinden wollen. Dieselbe mußte aber später, als Philipp die am Hofe weilende Beatrix für seinen Bruder auserlesen hatte, zurücktreten?) Die Ehe zwischen Robert und Beatrix wurde zu Elermont, wahrscheinlich im Jahre 1276, geschlossen. Ein von k. Anselme") fälschlich citirtes Document hat bestimmt, die Hochzeit in die Mitte des Jahres 1272 zu verlegen, da in demselben gesagt wird, daß wegen der Vermählungsfeierlichkeiten das Pfingstparlament unterbleiben mußte, nach den Rsgistrss äss „Olim" dasselbe aber nur in diesem Jahre unterblieb. Jedoch weist Chazaud (OdronoloAis äss 8Irs8 äs Lourkon 239) nach, daß in dem von k. Anselme (Olim I. tot. 27 rsoto. toin. I. xaF. 154 äs I'säition äs N. LsuFnot) citirten Register gesagt wird: „L. v. käOOIuXII ° nso kuit xalla-insnturn in ksnttiscosti, proxtsr nuptias äomini kditippii titii äomini rsZis, taotas axuä Olnrnm-montsm? Die fragliche Hochzeit scheint nun - die Philipps III., des zweiten Sohnes des hl. Ludwig, > mit Jsabella von Aragon, die am 28. Mai 1262 gefeiert wurde, zu fein. Chazaud glaubt, daß die Hochzeit Roberts und Beatricens der Konfirmation ihres Verlobungsvertrages vom Juli 1276 durch Philipp III?) bald folgte. Der König erlas während des Hochzeitsfestes Beatrix, um ihren Gemahl mit der Ritterwürde auszuzeichnen. Dieselbe hatte er nach den Berichten Belleforest's (Lunalss äs Iranos) und Desormeaux's wohl verdient. Er zog mit 16 Jahren nach den Pyrenäen, um mit seinem Bruder Philipp den rebellischen Grafen von Foix, Noger Bernard, zu unterwerfen. Philipp wurde bald durch andere Angelegenheiten in's Innere zurückgerufen und soll seinem jungen Bruder, dessen Ritterlichkeit er bereits erprobt hatte, die weitere Verfolgung überlassen haben. Der Graf wurde bald auf seine Burg beschränkt und gezwungen, sich mit seiner Familie zu ergeben. Er wurde gefesselt nach Bcancaire gebracht und erhielt erst nach einem Jahre seine Freiheit und sein Lehen wieder?) Ein trauriges Ereigniß schwächte zeitlebens die vielversprechenden Eigenschaften unseres Fürsten. Während der Festlichkeiten, welche der junge Ritter gelegentlich des Besuches des Fürsten von Salerno, des Thronfolgers des Königreiches beider Sicilien, im Jahre 1279 gab, ließ er sich beim Turniere, indem er den ersten Siegespreis erringen wollte, zu weit von seinem Ehrgeize und jugend- 0 Ribliolbsca uova wauuserixtorum toin. II. po§. ZOO; Lääition L In, Obronigus äs Saint-IIartin äs lümvFss: Unis (Roberto) tuit ässponsats, LIis, Vieeooinitis Rsmovieeusis, si sibi plaoerst st LeZi, ouw nndiles ssssnt. Ebenso: Na,- risro, nuioam Imsrsäsm, grmm Ruäoviens, Rsx Rraueorum, Llio 8no Roberto äs8pov8ari xrowisit. (Obrouigus äs Lsint- Ltienns äs Inmog'ss, ibiäsm.) Ilistoirs Aöuealogigus äs In maisov äs Rraucs. Rnris, 1726—33. 0 Chazaud nach: Lrolnvos äs I Rmpirs. oartou. m. 348. °) Einige Historiker behaupten, Robert habe im Jahre 1276 auch den Zug gegen Navarra und Castilicn mitgemacht. Dies scheint jedoch unbegründet zu sein und aus einer Verwechslung Clermonts mit Robert von Zlrtois zu beruhen, der damals auch i,ch »Lirs äs Ronrbon- nannte. (eVebaintrs, Mstoirs äs Ir Llaisou äs Ronrbon. Lrr. Robert.) lichem Feüer fortreißen, so daß ihm sein erfahrener Gegner derartige Verwundungen beibrachte, daß er lebenslänglich körperlich und vorübergehend auch geistig zu leiden hatte?) In dem Berichte des Guillaume de Nangis ist offenbar der Grad der Folgen der Verletzung übertrieben, wie aus den sonstigen Daten der Historiker über Roberts Leben hervorgeht. Dieselben weisen nach, daß der Verwundete später noch im Stande war, an den Regierungsangelegenheiten theilzunehmen. As-- Einige Autoren stellen ihn sogar als einen hervor» ragenden Staatsmann und hohen Würdenträger der Krone hin, welcher eines der vier wichtigsten Kronämter, das des Chambrier de France, bekleidet hätte?") Letztere Annahme ist wohl auf eine Verwechslung seiner Persönlichkeit mit seinem Sohne Ludwig, welche durch den Wortlaut einer Urkunde nahegelegt ist» zurückzuführen. Jedoch ist es sicher, daß Robert oft in wichtigen Berathungen hervortrat und auch sonst seine Einsicht bewies. So war er am 21. Januar 1297 mit dem Herzoge vou Burgund und andern Herren und Prälaten in der Versammlung zur Regelung der Differenzen mit dem flandrischen Grafen Guy, der von den Engländern unterstützt wurde. (Fortsetzung folgt.) „Schwedens Schanze." Ein Wort über die Völker Skandinaviens, besonders über die Schweden von Frau Helene Nyblom," geb. Roos. Frei und gekürzt nach dem schwedischen Original von Dr. P. Wittmann. (Fortsetzung.) Ein Beweis für die natürliche Veranlagung deS Volkes liegt unter anderen darin, daß Mädchen der unteren Schichten und ohne jegliche Bildung, die als Ehefrauen mit den höchsten Gesellschaftskreisen in Berührung kommen, Takt, ästhetisches Gefühl und Empfänglichkeit für jeden Zweig wirklicher Cultur mit sich bringen. Selten fühlt man den Parvenü heraus. Da» Benehmen der feinen Welt bildet, was äußeren Schliff anlangt, ein durchaus nachahmenswerthes Beispiel. Schwachheit für äußeren Glanz und Schimmer bildet allerdings einen Punkt, welchen man den Schweden mit Recht und Unrecht vorzuwerfen Pflegt. So gibt z. B. ein Dienstmädchen in Stockholm den letzten Pfennig d'ran, um sich recht elegant kleiden zu können; seine dänische Kollegin dagegen vernachlässigt meist das Aeußere, weiß aber für ihre alten Tage etwas bei Seite zu legen. ^ Die Dänen sind eben verständige Leute; sie denken an die Zukunft, genießen wenig und sparen. Die Schweden hingegen wollen das Leben mit vollen Zügen genießen: Lieber heute ein frohes Fest, dann vierzehn Tage lang Häring und Kartoffeln, ist ihre Parole; sie leben nur der Gegenwart. Der Winter ist ja so lang. 0 Ueber den Docka'ck schreibt Guillaume de Nanzis: In gnvänm Ulorum txrouiciornm, oomes OIrromontis, jnveniz, uovu8 wilss, srworum ponäers xergravstus st matleoruw ictibus 8vpsr caxnt xluries st kortitsr xercus8llZ, veistions csredri iutouitus, äeoiäit in omsutiow, äs gno äawnnm st üolor maximu8 eumnavit. Rrat sutew tonnn eZregiar, oujus anrmus sä xrobikrtew tenäens xerveuire xotsrat. '0 Ra Anis, Ilistoirs äes äncs äs Loardon. krri?, 1860. 14 der Sommer kurz. Wer möchte auch auf jede Freude verzichten! Doch darf man nicht klimatischen Verhältnissen allein die Schuld an derartigen Erscheinungen beimessen, der eigentliche Grund hiefür liegt vielmehr im Naturell des Volkes; es lebt in ihm eine Künstlerseele voll Sehnsucht «ach Schönheit, Farbe, Klang und Lust. Die Karikatur zu dieser berechtigten Freude am Dasein zeigt sich bei Menschen, die bloß für Essen und Trinken, namentlich aber für letzteres, Interesse bekunden. Nirgends sonst auf Erden kann man solche Batterien von Flaschen aufgestapelt finden, vor denen sich gewisse Herren zu Postiren pflegen und halbe Tage zubringen, scheinbar ohne anderen Zweck, als um schweigend und apathisch ein Glas nach dem andern zu leeren. Diese Sorte Schweden, deren es leider eine Menge gibt, sind in den Nachbarländern nur allzuwohl bekannt. Wollte man aber die schwedische Nation nach ihren mindestwerthigen Vertretern beurtheilen, so wäre das ebenso unbillig, wie wenn man in Schweden vagabund- irende Dänen, Deutsche rc. als Typen ihres Volksthums ansehen würde. Einen gemeinsamen Charakterzug der Schweden bildet immerhin die Lust an Festen, die Gier, daß der Tag außer seinem ewigen Einerlei auch etwas anderes bringen soll. Ihren idealsten Ausdruck fand diese Seite des schwedischen Gemüthslebens im Improvisator Bellmann, der die einfachsten Zechbrüderschaften zu einer Atmosphäre olympischer Kraft und Freude zu erheben wußte. Er besaß das echt schwedische Vermögen, Alles zu vergeistigen; er wollte durch die Phantasie mehr Raum für Leben und Bewegung schaffen, als die Wirklichkeit bietet. Ganz anders die Dänen; sie betrachten, so zu sagen, die Welt durch ein Verkleinerungsglas und sehen dann alles recht erbärmlich. Der ausgesprochen künstlerische Zug des Schweden wird bedauerlicherweise oft außer Acht gelassen. Man gibt zu, daß die Schweden ein praktisches Volk, für die Zwecke der Verwaltung wohl brauchbare Leute sind; man weiß, daß Ericssons und Nobels der Welt bewnnderns- werthe Proben von Thatkraft und Jngenieurskunst lieferten; daß die schwedischen Bahnen den Vergleich mit andern durchaus nicht zu scheuen brauchen; daß kein Land reichlicher mit Telephonen und Telegraphen bedacht ist. Die übrigen Seiten des Volkscharakters sind aber so gut wie unbekannt, wenigstens soweit Dänen und Norweger in Frage kommen. Die fremden Nationen würdigen Schweden besser. In den Dänen oder, richtiger gesagt, den Kopen- hagenern lebt ein gewisser ästhetischer Zug. Bet ihnen wird verhältnismäßig viel gemalt, vcrsificirt und com- ponirt. Bei den Schweden überwiegt das wahrhaft dichterische Element. Am besten enthüllen uns dir Phantasiereichen Volksweisen all' den Reiz der Wälder, Seen und Ströme, auch wenn man nur zufällig damit bekannt wird. Man beschuldigt die Schweden der Kälte und Steifheit im Verkehr mit Fremden, und in der That bewahren sie auch eine gewisse vornehm-kühle Zurückhaltung, solange sie mit ihren Gästen nicht näher bekannt sind. Kommt man in ein dänisches Bahn-Conpä, so sieht man dort die Fahrgenosftn meist schon nach 5 Minuten Mit einander plaudern, selbst wenn sie sich früher niemals gesehen haben sollten. In freundschaftlich-gemüthlicher Weise verkürzt man sich so die Zeit und nimmt selbst keinen Anstand, während des Gespräches die eigene» Pläne und Verhältnisse preiszugeben. In einem mit Schweden gefüllten Wagen kann man, soferne nicht Bekannte darin sitzen, halbe Tage lang reisen, ohne daß einer den andern anspricht. Dagegen darf eine Dame bestimmt darauf zählen, daß ihr ein schwedischer Herr, soferne sie seiner Hilfe irgendwie bedarf, dieselbe in ritterlichster Weise gewähren wird. In Dänemark hinwiederum verspürt man nicht viel von solch' galanter Gesinnung gegen Damen. Man meint es gleichwohl gut. Wie gesagt, von den skandinavischen Nationen scheinen mir die Schweden entschieden die höchste Begabung zu besitzen. — Obschon ich schon so lange in ihrem mir liebgewordenen Lande weile — mehr als die Hälfte meines Lebens — so empfinde ich doch noch oft jenes Gefühl, das ein Mädchen zu desgleichen pflegt, welches, aus kleinem Hause einer Provinzstadt stammend, sich mit einem reichen Schloßherrn vermählt. Ich bewundere die großartigen, neuen Verhältnisse und erfreue mich an ihnen wie an all' den Erinnerungen alter, glanzvoller Zeiten, dem ewigen Wechsel in der Natur und Bevölkerung. Die Schweden weisen ja eine bunte Mannigfaltigkeit auf. Der Bewohner Norrlands und Skanes, Würmlüuder und Smaländer, - Göteburger und Stockholmer, SLadtbürger und Dienstleute des Adels welchen in ihrem Typus sehr wesentlich von einander ab. Am besten läßt sich das in einer Universitätsstadt beobachten, wo ganze Generationen junger Männer aus allen Theilen des Reiches durch- passiren; hier findet man sogar noch eher Gelegenheit, die provinziellen Unterschiede zu studiren, wie in der Hauptstadt. Wechselreich ist auch der Anblick des Landes. Bergkuppcn, Seen, Steilgestade und Ackerfelder, endlose Wälder und mächtige Ströme verleihen jedem Distrikt sein eigenthümliches Gepräge. In der Hauptsache ein offenes, nirgends von Felsen eingeengtes Gebiet, streckt Schweden seine Arme vertrauend und frei der ganzen Welt entgegen. Die Leichtigkeit, womit man sich das Fremde aneignet, geht leider nicht selten in kritiklose Bewunderung dessen über, was vom Auslande stammt. (Schluß folgt.) Aus dem Leben eines Modernen. 8. 8. Im November v. I. starb in Frankreich ein viel genannter Schriftsteller — Alex. Dumas — von dem alle französischen Blätter voll waren. Früher hieß es, Dichter und Philosophen müßten verhungern! Unsere modernen Schriftsteller verstehen es aber häufig, ihre Kunst zu Geld zu machen. Dumas wollte sein letztes Stück „Routs äo fl'stöbas" nicht herausgeben, obschon er selbst glaubte, es sei vielleicht sein bestes Stück. Warum sollte er es auch herausgeben? „Ruhm", so bekannte er, „oder das, was man so nennt, habe ich so reichlich, daß ein Mann damit zufrieden sein könnte, der hundertmal gieriger danach wäre, als ich. Geld besitze ich mehr, als ich ausgeben kann. Beifall, Zischen, Zustimmung, Anschwärzung — das Alles habe ich in so vielfältiger Art durchgemacht, daß ich nicht einmal mehr neugierig danach bin. Warum soll ich unter diesen Umständen wieder vor das Publikum treten? Es kennt 6) Frcm Nyblom ist geborne Dänin, Gattin des Professors der Aesthetik C. N. Nhblom in Upfala. »> 15 Mich, ich kenne es, und ich glaube, wir beide könnten es dabei bewenden lassen." Er war mit einem Wort gesättigt. Er kannte nicht die Triebfeder des wahren Schriftstellers — das Volk zu belehren, veredelnd auf dasselbe einzuwirken; seine Beweggründe waren Ruhm und Geld, und als er beides hatte, da erfaßte ihn ein Ekel davor. Unbewußt spricht aus ihm die gesättigte Eitelkeit und Geldgierde. Das obige Bekenntniß konnte sein Freund Philippe Gille, der es jetzt im Figaro erzählt, nicht begreifen, und er forschte darum nach, und was mußte er jetzt erst hören? „Wissen Sie wohl, fuhr Dumas fort, woran ich hundertmal gedacht habe? Ich habe es Niemandem gesagt, aus Furcht, man könnte falsche Folgerungen aus einem ganz natürlichen Entschlüsse ziehen." Unsere Leser werden es kaum selbst wohl ahnen, wonach sich dieser Verherrliche! der Halbwelt sehnte. „Im Angesicht der Nichtigkeit des Lebens, der Nutzlosigkeit unserer Anstrengungen, die wir an eine sogenannte Vorsehung richten, die nichts für uns vorsieht — habe ich daran gedacht (hundertmal!), mich in ein Kloster zurückzuziehen." Lache nicht, lieber Leser, dem Manne muß es weh um's Herz gewesen sein. Er mußte schon in diesem Leben die Strafe dafür erleiden, daß er so manchmal seine Frivolität an dem Klosterleben ausgelassen hatte. Vielleicht selten hat er so wahr gesprochen, als in diesem interessanten Bekenntniß. Und warum sehnte er sich nach dem Kloster? „Da ist man außerhalb des Lebens, da hört man nicht einmal dessen Geräusche, da denkt man an sich, da ist man frei zwischen diesen vier Wänden, tausendmal mehr frei als im sogenannten unabhängigen Leben....." Man fragt sich unwillkürlich, ist es wirklich Alexander Dumas, der so spricht? Aber er sollte das Glück nie genießen, er sollte es nur ahnen, sich darnach sehnen, aber nie erreichen. „Beruhigen Sie sich!" spricht er zu Philippe Gille, der wohl verwundert genug dreingeschaut haben mag. „Ich werde niemals das thun, was ich Ihnen da sage. Wissen Sie warum? Weil man sagen würde, ich sei in Frömmelei verfallen (aha!) und ich hatte dem Einflüsse irgend eines Priesters oder einer Frau gehorcht." Wie kleinlich! Beifall, Zischen, Zustimmung und An- schwärzung des Publikums war ihm doch nicht so ganz gleichgültig, wie er sich glauben machen wollte. Dann mischt er wieder Frivoles mit Tiefernstem: „Auch lese ich Ihre Einwendungen auf Ihrer Stirne: Ich würde wich da zu Tod langweilen (das Ansichselbstdeuken war also doch nicht so ganz nach seinem Geschmack), und es würde mich nicht befriedigen, Birnbäume zu Pflegen oder Dessert-Liqueure zu componiren (im Kloster thut man noch ein wenig anderes). Sie haben recht, mein Geist würde stets anderswo sein, als im Kloster, weil ich nicht das habe, was die andern dort zurückhält — den Glauben. Ach, diejenigen sind glücklich, die den Glauben haben; aber man hat ihn nicht, wenn man will." Der Glaube ist eben ein kostbares Geschenk Gottes, das Dumas, der nicht einmal getauft war und auch seine Kinder nicht taufen ließ, nie gekannt hat. Das möge als ein Entschuldigungsgrund gelten. Alexander Dumas hat auch einmal seinem Freunde Desbarolles, wie die „Franks. Zeitung" zu erzählen weiß, eine Art Selbstbeichte vor 15 Jahren übergeben, und die „Franks. Zestung" meint selber, dieselbe sei „nicht ganz unparteiisch ausgefallen, und man merkt, setzt sie hinzu, die Beschönigungsversuche und die Pose für die Nachwelt." Lernen wir den modernen Geistesheros noch etwa) näher kennen: „Ich erfinde sehr schwerfällig und componire sehr langsam. Darum producire ich so wenig (mehr als genug) im Vergleich zu meinen Collegen. Ich habe in meiner Kunst keinerlei „Ingeniosität"; was ich schreibe, das finde ich nach langem Suchen." Wie sind denn die vielen Bände entstanden, die ihm so ein Heidengeld getragen haben? Nun, er gehörte halt zu den Bücherfabrikanten, welche junge, ungekaunte Kräfte benutzen, die unter der Leitung des Meisters für diesen componiren und schreiben. Dann bekennt er weiter: „Ich bin ein großer Ignorant, und ich befinde mich in Unkenntniß über eine Menge der elementarsten Dinge." Aber trotzdem kann man eine ganze Bibliothek über alles Mögliche zusammenschreiben! „Früher habe ich einen wahren Heißhunger nach Ruhm gehabt." „Ich besitze einen erschreckenden Erwerbssinn.... Ich thue mir auf meine Sparsamkeit und Wirthschaftlichkeit viel zu Gute. Ich liebe das Geld, wegen der Macht, die es geben kann, und wegen all' des Guten, das man thun kann.... Nein aus Egoismus möchte ich so reich sein, wie alle Rothschilds zusammen." Geld und Ruhm wird eben zum Götzen, wenn man Gott nicht anerkennen will, aber zu einem Götzen, der das Herz leer und unbefriedigt läßt. „Diejenigen sind glücklich, die den Glauben haben; aber man hat ihn nicht, wenn man will." Dr. Hermann Roesler. * Welch große Hochschätzung die Japaner für den Ende 1894 in Bozen verstorbenen vortragenden Rath im Ministerrathe zu Tokio, Dr. Hermann Roesler, hatten, dessen Lebensskizze wir seinerzeit gebracht haben (Beilage 1895 Nr. 1), und welch innige Gefühle der Dankbarkeit sie gegen ihn hegen, geht außer andern Schreiben aus nachstehender Zuschrift hervor, welche, datirt vom Februar 1895, im Wege des Reichskanzler- amtes in Berlin erst im November an seine in Bozen lebende Wittwe gelangte. Dieselbe stammt vom „Verein für deutsche Wissenschaft" in Tokio, dessen Protector Se. kais. Hoheit der seitdem auf Formosa gestorbene Prinz Kitashirakawa war, und ist in japanischer Sprache verfaßt, mit beigefügter deutscher Uebersetzung. Mehr als auffallend ist der Umstand, daß das Auswärtige Amt in Berlin sieben Monate brauchte, um den Aufenthalt der Wittwe, für welche jene Zuschrift so trostreich war, zu entdecken, während doch die japanische Gesandtschaft in Berlin wie auch in Wien darüber alle Tage hätte Auskunft geben können. Aber Dr. Roesler war in Preußen nicht beliebt, theils wegen seiner Schriften, theils wegen seines Uebertritts zur katholischen Kirche. — Die Zuschrift lautet: Tokyo, den 25. Februar 1395. Hochgeehrteste Frau! Mit dem lebhaften Bedauern haben wir von dem schweren Verluste erfahren, der Sie betroffen hat, und es ist uns ein tiefempfundenes Bedürfniß, Ihnen, hochgeehrteste Frau, hiermit unsere innigsten Sympathien kundzugeben. Vielleicht wird es Ihnen in Ihrem tiefen Kummer einen wenn auch schmerzlichen Trost gewähren, zu wissen, daß der Tod Ihres Herrn Gemahls hier, in dem Lande, dem er eine so lange Reihe von Jahren seine besten Kräfie gewidmet hat, überall auf's Thcilnahmvollste empfunden und betrauert wird. Herr Rath vr. Hermann Roesler bat sich durch die bedeutenden Leistungen, die wir seinen seltenen wissenschaftlichen 16 Fähigkeiten sowohl wie seiner gewissenhaften, unermüdlichen Pflichttreue verdanken, insbesondere durch seine Verdienste um die Reorganisation unserer Gesetzgebung, den höchsten Anspruch aus die dauernde Anerkennung und Dankbarkeit unseres Landes erworben. Ganz besonders bei dem „Verein für deutsche Wissenschaften" wird das Andenken des Verewigten, welcber der von diesem Verein begründeten „Vereinsschule deutscher Wissenschaften" eine so rege. thätige Theilnahme entgegenbrachte und ihr mit seinem Rathe so oft zur Seite stand, immerdar in hohen Ehren bleiben; ebenso werden die ehemaligen Schüler dieser Anstalt seiner stets mit tiefer, treuer Dankbarkeit gedenken. Ihnen aber, hochgeehrteste Frau, wünschen wir von ganzem Herzen, das; der Himmel Ihnen Krast verleihen möge, den herben, unersetzlichen Verlust, den Sie erlitten haben, zu ertragen. Wir bitten Sie, dieses Schreiben, den zwar schwachen, aber aufrichtigen Ausdruck unserer Gesinnungen gegen Sie und Ihren verewigten Herrn Gemahl, freundlich entgegennehmen zu wollen. Mit der Versicherung der ausgezeichnetsten Hochachtung und Ergebenheit Vicomte I. Sinagawa, Präsident des Vereins für deutsche Wissenschaften. Pros. H. Kato, Direktor der VcrcinSlchule deutscher Wissenschaften. Recensionen und Notizen. Biblische Tragödie in fünf Aufzügen von Max von Theuern. Erstes Bündchen: Text. Kemptcn, Verlag der Köscl'schen Buchhandlung. 1896. Unter obigem Titel verläßt soeben ein Büchlein die Presse, daS wohl einiger Beachtung werth ist. Das vorliegende Bündchen enthält den Text, das zweite die Musik dazu. Die Komposition hat Herr Kapellmeister Stehle in St. Gallen übernommen. Das Ganze ist Sr. Königlichen Hoheit dem Prinzen Nupprecht von Bayern, gewidmet, der die Widmung des Pseudonymen Verfassers huldvoll entgegengenommen hat. Wie der Verfasser am Schlüsse bemerkt, lehnt sich das Stück im Ganzen sehr eng an den biblischen Bericht an. Es ist ja richtig, daß der Stoff selbst gewissermaßen nach einer dramatische Behandlung ruft; und dem Verfasser ist es auch gelungen, ein kleines Meisterstück daraus zu fertigen. Der scenische Aufbau ist corrcct, die Handlung fesselnd, die Charaktere sind trefflich gezeichnet. Der wilde Joab, der in seiner rauhen Königstreue den nngerathcnen Sohn dem Befehl entgegen tödtet, erregt doch unser Mitleid, da ihn die Strafe trifft. Er ähnelt sehr dem grimmen Hagen im Nibelungenliede. Packend ist die Verzweiflung des hinterlistigen Acbitophel geschildert, dem der milde, bedächtige Chusai gegenübersteht. Ein reizendes Bild tritt uns in dem Knaben Chamaam entgegen, dem Sohne Bersillaies; Wie lieblich ist die Scene am Brunnen, in dem Chamaam vor seinen Verfolgern geborgen wird. Hier hat der Verfasser mit der Einführung Mirjams einen glücklichen Griff gethan. Von den cingeflochtenen Liedern will ich nur eines als Probe folgen lassen. Im siebenten Auftritt des dritten AufzugeS singt Chamaam: Vözlein fliegt zu Thal herab, Sitzt im Netz gefangen. Vogelstellers Mägdelein Rührt sein ängstlich Bangen. Süße Worte trösten es, Süße Lippen sprechen: Kann dich nicht so traurig seh'n, Will die Fesseln brechen. Frei ist's Vöglein, — blickt zurück Dennoch voll Verlangen. Mägdlein, das ihm Freiheit gab, Hält sein Herz gefangen. Ueber die Musik kann ich kein Urtheil fällen, da sie noch nicht vollständig vorliegt. Der Name des Verfassers bürgt indeß für ein Gelingen nach dieser Seite. Das Textbuch erscheint in zwei Ausgaben, einer billigen Volksausgabe und einem hübsch ausgestatteten Bündchen. Daö Stück ist zwar für größere Bühnen berechnet, dürfte aber auch mit geringen Aen- Berantw. Redacteur: berungen sich für Gesellschaften empfehlen. Möge es allseitig die Aufnahme finden, die es meinem Urtheile nach verdient! Dr. v. Förtsch, Neichsger.-Nath, Die Neichsgesctze betr. die privatrechtl. VerhältnissederBinnenschifffahrtundderFlößerei vom 15. Juni 1895, nebst den ergänzenden Vorschriften der Gewerbeordnung und deö Handelsgesetzbuches. Leipzig» Roßberg. 7 M. -es- Dieses mit dem 1. Januar 1896 in Krall getretene Gesetz wird für Richter wie Private, die nicht durch die Nähe der See mit dem letzten Theile des Handelsgesetzbuches, mit dem Seerecht, bekannt sind, anfangs manche Schwierigkeit mit sich bringen. Insonderheit i» Bayern, wo ciucStheilS das Seerecht selten zur Anwendung zu kommen hat und andcrntheils bis vor Kurzem auch auf den Universitäten das Seerccht mit Stillschweigen Übergängen wurde, wird das Verlangen nach einem tüchtigen, die Bedürfnisse der Praxis besonders berücksichtigenden Comnientar zu den vorliegenden Gesetzen ein starkes sein. Gerade in dieser Beziehung leistet vorliegende Ausgabe wirklich Hervorragendes. Der Verfasser war nicht nur bestrebt, alle nur irgend auftauchenden Zweifel oder Unsicherheiten zu lösen und zu heben, er hat es auch meisterlich verstanden, durch gut gewählte Beispiele uns zum Theil doch recht fremde Begriffe und Verhältnisse verständlich zu machen. Wir sind daher der Ueberzeugung, daß der Förtsch'sche Commentar zum Binnenschifffahrts- Gesetz den eingetheilten Beifall der Praktiker finden wird. Heilige Anklänge zu Betrachtungen und Erwägungen religiösen Belanges. Aus den Schriften eines Prä laten. Graz, Verlagsbuchhandlung Styria. G Fünfzig Meditationen als Frucht ernster, tiefer Reflexion! Die Bezugnahme auf den Unglauben unserer Zeit verleihen dem Buche eine seltene Originalität, die Betonung der Andacht zum Allerheiligsten Sacramente und der Maricnver- ehrung einen wahrhaft katholischen Charakter. Infolge des gediegenen Inhaltes sehen wir über die sprachlichen Unrichtigkeiten gerne hinweg, umsomebr als wir in dem Verfasser einen geborenen Ausländer vermuthen. „'S Dorl i". Von Carola v. Eynatten. Verlag von P. Weber in Baden-Baden. Die allbekannte und beliebte Erzählerin Carola v. Eynatten bietet der reiferen Jugend hier eine reizende Geschichte aus dem Schwarzwalde. Nichtalte Märchen grauer Vorzeit u. ferner Länder, sondern daS Leben und Treiben des heimathlichen Schwarz- waldes mit seinen originellen Erscheinungen und Trachten, wie es die Wirklichkeit bietet, wird uns hier in spannender und höchst anziehender Weise geschildert. Drei schöne 5 fünffar- bige Bilder zieren das Buch, die Ausstattung ist schön und der Preis (Mk. 2.50) sehr mäßig. Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie. Herausgegeben unter Mitwirkung von Fachgelehrten von Dr. Er nst Co m mer, o. ö. Professor an der Universität BreSlau. Padcrborn, Fcrd. Schöningh, 1896. X. Band. 2. Heft. Inhalt: I. Zur neuesten philosophischen Literatur. (I.) Von Kanonikus Dr. M. Gloßner, Müncben. II. Die in den drei unter dem Namen deö Aristoteles uns erhaltenen Ethiken angewandte Methode. (II.) Von Pros. l>r. Zahlfleisch in Ried, Ob.-Oesterreich. III. Die Neu-Thomistcn. (VII.) Das Gebiet der Gnade. Von U. LluF. Bbool. Gundisalv Fcldncr, 0. Vrasck., Prior in Lemberg. IV. Die unbefleckte Empfängniß der Gottesmutter u. der hl. Thomas. (II.) Von Jos. a Leon., 0. LI. 6ap. V. Die Grundprinzipien des hl. Thomas von Aqnin und der moderne Socialismus. (VI.) Die Gnade im allgemeinen. Von Dr. C. M. Schneider, Pfarrer in Floisdorf. U. s. w. Das Okkioinm Lla.ria.num xarvum, oder Die kleinen Marianischen Tagzeiten, in homiletischen Vortrügen erläutert von V. Ludwig Fritz, aus dem Orden der beschuhten Karmeliten. Regensburg bei Pustet. 2 Bde. 508 u. 644 S. Preis 6 M. —a. Diese Predigten sind in Straubing gehalten worden; sie sind die wohl ausgereifte Frucht sinniger und tief eindringender Meditation. Die Darstellung ist einfach und klar, jede rhetorische Uebertreibung ist streng vermieden. Ad. Haas in Augsburg. — Druck ». Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Die GettemlkerMlmlrmlM der Katholiken und die christliche KrmsL. So ist denn noch vor Ablauf des alten Jahres trotz mancher Hemmnisse der gedruckte Bericht der Verhandlungen der 42. Generalversammlung der Deutschen Katholiken in München in die Hände der Mitglieder gelangt. Er erschien früher als dies in den letzten Jahren der Fall war. Und so kaun denn Jeder an der Hand diese» Berichtes um so leichter die schönen Tage vom 25. bis 29. August 1895 mit der ganzen Fülle ihrer geistigen Anregungen, der aufklärenden und begeisternden Gedanken, Mittheilungen, Rathschläge nnd Resolutionen, wie sie in den berathenden Sitzungen, den beschließenden Versammlungen und den öffentlichen Reden zum Ausdruck kamen, sammt jenen das Gemüth erhebenden Freuden der zusammenschließenden christlichen Geselligkeit und Solidarität noch einmal im Geiste durchkosten. Auf den Katholikentagen tritt so recht der allumfassende Charakter der katholischen Kirche der Welt vor Augen. Die ihrer Pflicht als solche sich bewußten Katholiken, die eifrigen werkihätigen Mitglieder der kathol. Kirche, stehen am allerwenigsten den wichtigen, drängenden Zeitfrageu unthätig gegenüber. Nein, sie bethätigen sich mit bestem Wissen und Können an deren möglichst vollkommener Lösung. So wurden so manche jener „Fragen", wie die Preß-, Schul-, Armen-, Arbeiter-, Kirchengesangs- und andere wichtige Fragen, von katholischen, zielbewußten Männern angeregt, auf den allgemeinen deutschen Katholikentagen in Fluß gebracht und mit ihrer Hilfe der Lösung näher geführt. Als die zwei neuesten Fragen, deren energische Inangriffnahme nicht wehr verschoben werden darf, sind die „Bauern-" und die „Künstlerfrage" aufgetaucht. — Bauern und christliche Künstler! Jawohl, beide halten wir für äußerst wichtige, ja unentbehrliche Faktoren eines soliden christlich-germanischen Staates. Beide sind aber in dem Punkte, der den „narvus omiuurn reruna kuwrnng.rnin" von heute betrifft, gleichgestellt. Sie müssen nämlich, wenn sie ein vollwertiges Produkt ihrer Arbeit herstellen wollen, meist ebensoviel oder noch mehr Geld und Geldeswerth hineinstecken, als sie dafür vom Abnehmer zurückerhalten. Eine genaue und gewissenhafte Enquete würde jene Thatsache bei den christlichen Künstlern vielleicht noch eklatanter bestätigen, als bei den Bauern. Bei solchen Verhältnissen kann nun aber, wie keine leveuskrüftige, gesunde Landwirtschaft, so auch keine blühende, achtunggebietende christliche Kunst bestehen. Selbst nicht die sparsamste klösterliche Genossenschaft, welche sich der Pflege der christlichen Kunst in wahrhaft künstlerischer Weise hingeben wollte, würde bei der jetzigen, bet uns so ziemlich allgemeinen Ablöhnung der christlichen Künstler existiren können, wenn ihr nicht noch weitere Quellen zum Lebensunterhalte zu Gebote ständen. Denn wenn man wirklich „kunstgemäß hergestellte Altarbilder von 2 m Höhe für 100 Mark" und vollständig künstlerisch und anatomisch richtig behandelte Altarbilder von 2 m Höhe für 120 Mark absetzen will oder muß, dann muß auch selbst der spekulativste Kunst- kmstaltsbesitzer bankerott werden, und wenn die ausführenden .Künstler auch nur wahre Hnngerlöhne erhielten. Aber abgesehen davon, wäre das Werk kein würdiges, kein Gott wohlgefälliges, zur himmlischen SegensvermiLt- lung paffendes Kunstwerk und Andachtsbildniß, wenn es außer seiner stumpfen Empfindungslosigkeit den unter Verwünschungen vergossenen Schweiß des Lohnarbeiters, genannt „christlicher Künstler", an sich tragen würde. — Das ist auch ein Stück der socialen Frage! Aber wie ist da abzuhelfen? Bei der Bauerufrage ist die Lösung jedenfalls bedeutend schwieriger. Denn bei dieser ist das Spiel der hohen Politik, der äußern wie der innern, die Rücksicht aus die fremden „meistbegünstigten Nationen", sowie auch die heimischen Kapitalmächte, die Allmacht des Manchesterthnms, ein ungemcin schwer zu überwindendes Hinderniß. Bei weitem leichter dürste die „christliche Künstlerstage" zu lösen sein. Man sollte meinen, eL bedürfe hier bloß der sachgemäßen Aufklärung nnd des guten Willens der maßgebenden Interessenten. Jeder, der eine wahre christliche Kunst will, der muß doch wollen und mitwirken, daß da, wo wirklich etwas Künstlerisches geschaffen werden soll, auch die absolut nothwendigen Vorbedingungen hiezu gegeben werden. Diese dürsten nun aber wohl vor allen folgende drei sein. 1. Der auszuführende kirchliche Kunstaustrag darf nur einem wirklichen Künstler übertragen werden — also nicht einem Faßmaler, Vergolder oder bloßen Techniker, Maurer- oder Baumeister, auch keinem Kunst- fabrikanten oder Engroskünstler, sondern direkt und unmittelbar dem der Aufgabe gewachsenen, durchgebildeten Meister. Nur der letzte hat von Gotts- und Rechtswegen einen begründeten Anspruch wie auf die Ausführung eines für das Gotteshaus bestimmten wirklichen Kunstwerkes, so auch auf die volle, ihm gebührende Entlohnung für die vollbrachte Kuustarbeit. — Daß für das religiöse kirchliche Kunstwerk kein Ungläubiger oder Jude in Anspruch genommen werden darf, versteht sich wohl von selbst, muß aber doch noch eigens betont werden. Ebenso gut könnte man einen solchen auch als Prediger auf die christliche Kanzel zulassen. 2. Es muß dem Künstler durch entsprechende, seine Arbeit, Mühe und Zeitaufwand vollwerthig entlohnende Bezahlung ermöglicht werden, mit Lust und Freude, mit ganzer Hingabe und Begeisterung sich seinem künstlerischen Schaffen zu widmen, zu dessen erster Bedingung ein sorgenfreies Gemüth gehört. Wahrlich, nicht nur eine sichere, niemals versagende Meisterschaft in seiner Kunst, sondern auch ein in echt christlicher Gesinnung festgegründetes Gemüth gehört dazu, trotz der oft unerhört unpreiswürdigen, herabgehaudelten Preissumwe, ein Andachts- und Heiligenbildniß zu schaffen, dessen erhabene Schönheit oder himmlischer Friede keine Spur jener bittern menschlichen Stimmung verräth, die bei jedem Pinselstrich und Meißelschlag im tiefsten Seelengrunde des christlichen Bildners aufwallen möchte. — Wenn der Literarhistoriker Vilmar sich im Stande erklärt, in jedem modernen Volkspoem „das Haar in der Suppe", das heißt: die innere, mehr oder weniger starke Verstimmung des Dichters nachzuweisen, so zeigen dagegen die echten Kunstgebilde unserer wahrhaft christlichen Dichter und Künstler trotz aller Ungunst der Zeiten bis in die neuesten Tage ein ganz reines, von jener Schlacke freies Gepräge. Als hervorstechende und gleichsam monumentale Beispiele 18 mögcn hier nur die Namen eines Dr. Fr. Helle und eines Carl Baumeister genannt werden. 3. Man rede deui Künstler nicht zu viel ein und wolle, was die rein künstlerische Auffassung und Form angeht, nicht klüger und vsrständnißvoller sein, als der gebildete Künstler selbst. Dieses Hineinreden, Vorschreiben und laienhafte Vordemoustriren und Constrniren des zu schaffenden Kunstwerkes hat schon manchem genialen Künstler — man denke nur an die Schöpfungen eines Steinle in Köln — das beste Concept verdorben. Macht doch nur das Subjcciiv-Jndividuclle, d. i. der persönliche Stil, das Werk zum Kunstwerk. Diese drei hier kurz berührten Grundsätze können nicht entschieden und oft genug betont werden. Sie bilden die sachliche und praktische Voraussetzung zur Er- möglichung einer höher« und allgemeinern christlichen Kunstblüthe. Ohne Künstler keine Kunst und ohne genügende Existenzmittel keine Künstler I Auch die allgemeinen Katholikenversammlnugen befaßten sich schon seit Jahren mit der christlichen Kunstsrage und erließen manche beachtenswerthe Resolutionen über die Ausgabe der christlichen Kunst und über Wesen und Form des christlichen Kunstwerkes. Auch wurden manche inhaltsreiche Reden über die Schönheit, Würde und Bedeutung der erhabenen religiösen Muse gehalten. Im „christlichen Jsar-Athen" wurde merkwürdiger Weise gegen Aller Erwarten, dem auch unwillkürlich Herr Or. Orterer in seiner öffentlichen Rede Ausdruck gab, keine vernommen. Mit Stillschweigen ist aber hier, wie überall, nichts geholfen. Auch die Generalversammlung der deutschen Gesellschaft für christliche Kunst bot für den Ausfall jener Rede keinen Ersatz. Die äußerst knapp zugemessene Zeit füllte zum größten Theil die Verlesung des Jahresberichtes, und kaum war es Herrn Professor Dr. Schlecht möglich, in einem kurzen rhetorischen Vorstoß eine kräftige Lanze für unsere christlichen Künstler zu brechen. Die „Künstlerfrage", der praktische Kern der ganzen Sache, wurde aber bisher meist nur so obenhin behandelt und hie und da mit einer nicht beachteten und noch weniger befolgten Resolution abgethan. So kommt dieselbe auch diesesmal wieder in dem Unterabschnitte einer seitenlangen Resolution ein wenig zum Vorschein, indem es da heißt: „Die Generalversammlung erkennt deßwegen für die Kirche ausschließlich die Thätigkeit selbst- ftändig schaffender Künstler und Kunsthandwerker als berechtigt an und verurtheilt den Fabrikbetrieb vieler sogen. Kunstanstalten, welche als die schlimmsten Feinde der echten kirchlichen Kunstthätigkeit betrachte! werden müssen. Die Generalversammlung verwirft die Massenerzeugung auf dem Kunstgebiete und warnt alle, die es angeht, durch Anschaffung solcher Erzeugnisse die Kirchen zu verunzieren und dazu auch finanziell schwer zn schädigen." Die „Künstlerfrage" war aber stets der Refrain oes seligen A. Neichensperger, der schon entschieden betonte: „Will man der christlichen Kunst aufhelfen, so muß uian vor allem dem schaffenden Künstler direkte Auftrüge zuwenden. Geld wäre zu diesem Zwecke genug da. Unsere christlichen Vorfahren hätten auch nicht an offenen Gcldsäcken gestanden." — Letzterer Gedanke ist ebenso wahr wie beachtcus- werth. — Ein Würzburger Decan erklärte mir in Mainz Folgendes: „Bei uns werden alljährlich in jedem Dekanate etwa 30,000 Mk. für kirchliche Nestaurations- zwecke ausgegeben. Wenn nun von oben herab dafür gesorgt würde, daß diese Summe nur für künstlerisch und technisch würdige Arbeiten verwendet würde, dann wäre der christlichen Kunst bald geholfen." Das ist in der That unzweifelhaft! "Doch ich will etwas noch ablassen. Ich behaupte, wenn von diesen 30,000 Mark nur „5000" alljährlich in jedem Dekanate für eine wirkliche Kunstleistuug ausgegeben würden, so würden nach und nach alle Kirchen den einen oder andern durchaus würdigen und erbaulichen Bildschmuck erhalten, und dem Elende der christlichen Kunst wie der Noth der christlichen Künstler wäre in Bälde abgeholfen. — Ncichen- sperger selbst griff vorzüglich in seiner nächsten Umgebung am Rhein mit großer Energie und Sachkenntniß, bei genauer Befolgung seines vorgenannten Grundsatzes, in die christliche Kunstthätigkeit ein, und ist die dortige herrliche Neublüthe kirchlicher Gothik als die reich entwickelte Frucht seiner grundlegenden und fördernden Bemühungen anzusehen. Möchte er nun besonders in allen Kunstcentren ebenso energisch eingreifende Nachahmer finden! Möchten auch besonders die folgenden Generalversammlungen der Katholiken gerade jenes alte Reichensperger'sche Grundthema der „Künstlerfrage" in nachdrücklichster aufklärender Weise den anwohnenden Mitgliedern, unter denen ja besonders der Klerus, der zunächst interessirte und berufene Förderer der bezüglichen Kunstthätigkeit, stets am zahlreichsten vertreten ist, nicht nur als Verstandes-, sondern noch mehr als Gewissenssache immer wieder zu Gehör bringen l Dann muß doch endlich auch auf dem vorwürfigen Gebiete ein ersprießlicher praktischer Erfolg sich zeigen, wie deren auf andern Gebieten die Generalversammlungen der Deutschen Katholiken in der That so manche zu verzeichnen haben. Festing, Die Gründer des Hauses Bourbon-France. Von Charles Saint Paul. (Fortsetzung.) Im Jahre 1310 sandte König Philipp den Grafen und seinen ältesten Sohn, Ludwig, zum Kaiser Heinrich VII., um einen Vertrag gegen die Engländer und Flamländer zu schließen.") Robert wollte sich auch am Kreuzzuge betheiligen. Jedoch entband ihn Clemens V. von dem diesbezügliche» Gelübde, wie aus einem Schreiben desselben vom 25. Februar 1306 hervorgeht, in welchem er den Grafen auffordert, da er durch körperliche Schwäche abgehalten sei, statt des Kreuzzuges eine fromme Schenkung von 10,000 LireZ zu machen.^) Daß Robert sich möglichst von der Verwaltung seiner Herrschaft frei zu machen suchte, ist erklärlich. Er verzichtete im Jahre 1310, nach dem Tods feiner Gattin, auf die Administration des Bourbonnais und gab vier Jahre später auch die Grafschaft Clermont seinem Sohne Ludwig, indem er nur den Titel und eine jährliche Reute für sich behielt. Er starb im Jahre 1317, am 7. Februar, wie aus der Grabschrift erhellt, im 62. Lebensjahre. Seine Be- gräbnißstätte war die Domiuikanerkirche der Nue Saint- Jacques in Paris, wo mehrere Bourbonen ruhten. Sein ") I,a Llurs, ioin. II. xn§. 10, 11; Ooiküsr vemorst, I,o Oonrbounais. ^.rtiels Itobort, toiu. I. '-) In den >?i'onvos snr l'bistoiro äss vnes äs Oonr- bon« von I,?. Lknrs, low. III. krsnvss 114 A. 19 Testament"), am 6. Dezember 1316 zu Paris abgefaßt, enthalt außer einer Stelle, die beweist, das; er zeitlebens im Sinne hatte, das Kreuz zu nehmen, nur einige fromme Schenkungen und einige unbedeutende Bestimmungen. Seine Kürze ist darauf zurückzuführen, daß, wie erwähnt, Robert bereits vor der Abfassung desselben seine Besitzungen seinem Sohne übertrug. Sein Epitaphium zierte eine Statue und die Inschrift: Ostx gisb 1s tits Nss. 8.. Roms, fuäis Hör äs Istmirss L swvoir tzl. Robert, Oornts äs 61srinont, Lstgueur äs Rourbon, Hui trspassu 1o VII° gour äs Isvrisr 1s lcmäi axrss 1u kuriüsution Rotrs Oams. Rris 2 xour I'uins cls . . . (lz?) . . . Später wurde diese Inschrift bei Veränderung des Epitaphiums durch folgende ersetzt: 6z? Zist wsssirs Robsrt, sonats cls Olsrnaont, ssignsur cls Lonrbon, c^ui tut 61s äs lllorwisur 8uint-Roz?8, roi äs Rranes, vsui trssxassL ls V1I° gour äs kövrisr l'un äs grnss N600XVII. kris 2 gsws Dien alt sori anas. Lrnsn.^) Beatrix besaß, als ihre Mutter noch lebte, nur die Chlltellernie Chavroche und 1000 Livres Einkünfte. Ihr väterlicher Großvater aber, Hugo IV., Herzog von Burgund, gab ihr durch sein Testament die Grafschaft Charrollais, die später eine ansehnliche Vergrößerung des Bourbonnais bildete. Ehe Beatrix ihr Erbe in Besitz nahm, hatte sie einen andauernden Streit mit dem Grafen von Artois, mit welchem ihre Mutter Agnes in zweiter Ehe sich vermählt hatte.") Ihr Gatte stellte wegen der Versuche desselben, Beatrix eines Theiles des Bourbonnais zu berauben, Klage beim Könige,") und das Parlament erklärte im Jahre 1282, daß Beatrix allein zur Erbschaft berechtigt und das Land der Fürsten von Bourbon un- theilbar sei.") Doch wollte sich Artois immer noch nicht zufrieden geben und reklamirte nach dem Tode seiner Gemahlin (1288) abermals einen Theil des früheren Besitzes derselben.") Die Angelegenheit wurde erst durch feinen Tod erledigt. '9 Der Text desselben ist in »Bitres äs In LI. O. äs Lonrbon« (xa§. 252) zu finden. ") Eine neuere Jnscription des Poeten Santeuil lautete: M QV8 LB IHV81W8 LXUVILS Lersnissimi kriuoixis, Oomitis äs Olermout, Laneti Imäovivi UsAis Hegias Lorbsniänin kriwasvas Ltärxis Lpitaxliium. Ris Ltirps Lorboniänm, Hie Urimus äs nowins Urinoeps, Oouüitur; Nie tnmuli vslnt in eunadula Usgmm. Uio vsniant xroni Us§ali s Ltirxs lisxotss. Lordonii bis isAnaut invito tunsrs LIanss. Das Epitaphium des Fürsten wurde von den Wütherichen des Jahres 1793 zerstört. Es ist irrig, wenn man noch in den letzten Jahrzehnten im llluses äes kstäts Lngustins in Paris Roberts Statue zu bewahren glaubt. Es ist dies nicht seine, sondern die von Charles de France, dem dritten Sohne Philipps des Kühnen. '9 Die Hochzeit muß vor dem Juni 1277 stattgefunden haben. Denn am 2t. Juni dieses Jahres huldigte Robert zu OrlSanS dem Erzbischof von Bourges für alles, was er von ihm m dem Bourbonnais zum Lehen hatte. (Lartulairs äs l'arobsvZclis äs Lonr^es 660X111, xa§. 41.) '9 Nach Ditrss (xa§. 128) haben Agnes und ihr Gatte sich durch einen Akt vom 26. Juli 1281 dem Richterspruche des Königs unterworfen. '9 bn lllure. Uistoire äss änes äs Lourbou. Bow. III., krsnves. 114 a. ") Wie Chazaud bemerkt, war das Bourbonnais ein weibliches Lehen. Denn nach dem Tode der Agnes lebte noch G rullanme II. von Bourbon-Lcxai, der Neffe Archambaudö VI. Robert und Beatrix ergriffen im Juni 1288, nach dem Tode der Agnes, Besitz von dem Bourbonnais. Das Datum ist durch eins Urkunde des Cartulare von Sou- vigny bestätigt. — Die Herren von Bourbon mußten nämlich beim Antritte ihrer Regierung schwören, die^ Privilegien von Souvigny zu wahren. Robert, der am Hofe des Königs zurückgehalten war, sandte drei Kommissäre nach dem Priorate, um den Eid zu leisten und die außerordentliche Abgabe, welche ihm die Stadt Souvigny schuldete, zu erheben. Es waren dies Gauthier, Bischof von Senlis, Pierre, Archidiakon von Orlsans, und Guy de Nsris, ein Ritter des Königs Philipp. Sie erhielten von den Mönchen die Antwort, daß die Abgabe nur dann gezahlt werden würde, wenn der Fürst selbst käme, um zu schwören. Jedoch erachteten diese es bald für besser, nachzugeben, und beschlossen, die Summe von 920 Livres zu verabfolgen, falls hiedurch ihre Rechte für die Zukunft nicht beeinträchtigt würden und Robert, wenn er später in sein Land käme, den Eis nachträglich leisten würde. Die Urkunde, welche diese Bestimmungen enthält, ist vom Jahre 1288, am Mittwoch nach der Pfingstoctav, datirt, und es wird also kurze Zeit vorher Robert den Besitz angetreten haben. Beatrix starb am 1. Oktober des Jahres 1310, sieben Jahre vor ihrem Gatten. Ihr Grabmal war früher in der Franziskanerkirche zu Champaigue im Bourbonnais zu sehen. Es wurde mit der Kirche zerstört; jedoch existirt noch eine Beschreibung desselben von l?. Andrs.") Es war in der Mitte des Chores zwischen den Gräbern von Guy de Dampierre und Marie d« Hainault, ein herrliches architektonisches Denkmal, ihre Statue weisend mit der Inschrift: si Ist gist trss nolisls Ouvis Naäams Rsutrxx Oovaissss äs Olsrmcmt st äams äs London, yui und es cxistirte noch die Familie Blot, welche in directer und männlicher Linie von Archambaud III. abstammte. Dieselbe war noch von Nager de Blot, Herrn von Montespedon und seinen beiden Söhnen Roger und Gauvain vertreten, von denen der letztere im Jahre 1276 der Dame Agnes für die Herrschaft Fernant im Combraille huldigte. Beatrix führte daö Wappen von Altbourbon, anfangs getheilt mit dem von Burgund, später mit dem ihres Gatten, welcher das Wappen von Frankreich, mit einem Querbalken, zur Andeutung seiner Geniturstellnng, statt dem Wappen von Clcr- mont angenommen hatte. Die alten Fürsten von Bourbon trugen Gold mit rothem Löwen und am Schildrande 10, nach anderen 8 oder 6 blaue Muscheln. Die Zahl der letzteren kann nicht festgestellt werden. Das älteste Monument, an dem dieses Wappen sichtbar ist, eine Grabstatue in der alten Abtcikirche von Bcllaigue bei Montaiguc-en-Combraille (Lnz? äs vüms), zeigt ein Schild mit einem Löwen und 11 Muscheln. Das Siegel Archambaud VIII. von Bourbon dagegen, einem Akte von 1247 beigegebcn, ein Wappen mit 8 Muscheln. Im Ar- morial von Gnillaume Nevcl ist Beatrix abgebildet mir einem goldverbrämten Pnrpnrgcwande, an dessen Untertheil daö Wappen rechts blau, besät mit goldenen Lilien und rothem Qucrstab (Frankreich), links Gold, mit rothem Löwen und 8 blauen Muscheln, eingestickt ist. Diese Figur findet sich auch in den 'Llouumeuks äs !a Llrmaiodis Ikrauxaiss- (tom. 2, pag. 23). — Neben Beatrix befindet sich ihr Gemahl im blauen mit goldenen Lilien besäte» Gewände, über welches sich von rechts nach links ein rother Qucrstab zieht. — Manche behaupten, daß Beatrix aus Hochjchcitzung ihres alten Hauses das Wappen von Bourbon l'Ancicn allein getragen habe, und stützen sich aus ein Wappen, das im archäologischen Museum von Moulins, in der Capelle Bourbon, gesunden wurde, uud iu welchem sich nur der rothe Löwe und die Muscheln befinden. Dem jedoch kann inan ein anderes, vom Grasen von Sonltrait gesunden, entgegenstellen, welches France und Bourbon l'Ancicn getheilt zeigt, und zwar nock mit einigen Fragmente» der Inschrift: »Lour(bon), äams äs-, ein Beweis, jedenfalls noch zuverlässiger als das Armorial von Nevel 20 tresxasss. au Oliatsuu äs Llurnt Is xrswisr jour äs vxlosirs 1'au äs §raos NOOOX. xriss xsr laws äs 1i?°) Der Ehe von Robert und Beatrix entstammten drei Söhne und drei Töchter. Der Erstgeborne war Ludwig I., der Große, dessen biographische Daten wir im Folgenden noch näher ins Auge fassen wollen. Der zweite Sohn war Jean de Clermont, Baron von Charolais und Saint- Just. Als Waffengefährte seines älteren Bruders zeichnete er sich in den Kämpfen mit Flandern aus und starb, kurze Zeit, nachdem er den Entschluß gefaßt hatte, ins heilige Land zu ziehen (1316). Von dem dritten Sohne, Pierre de Clermont, weiß man nur, daß er im Jahre 1330 Archidiakon von Paris war. (6g.I1. 6krist. lorn. VII. eol. 129.) Die erste Tochter, Manche de Clermont, vermählte sich im Jahre 1303 mit Robert VII., Grafen von Auvergne und von Boulogne, dem sie die Graf- schaft von Saint-Just in der Champagne, 11,000 Livres, die Herrschaften von Scmur, Argeuce, la Marche und Terrail im Bourbonnais sowie die Chütcllenie von Remin in der Grafschaft Clermont als Mitgift brachte. Sie starb nach den Autoren des „^nsisir Lourbormgis" schon im Jahre 1304, nach der Angabe des Grafen von Soultrait erst 1312, und wurde in der Cathedralkirche von Boulogne-sur-Mer. beigesetzt. Marie, die zweite Tochter Roberts, wurde in ihrer Jugend Johann, dem Markgrafen von Montferrat, versprochen. Sie zog aber das Klosterleben dem Ehestände vor und nahm im Con- vente von Moutargis den Schleier. Später wurde sie Priorin in dem kgl. Stifte Poissy (1333). Nachdem sie 11 Jahre lang die Vorstandschaft geführt, starb sie als einfache Klosterfrau, erblindet, am 13. Juni 1372 und wurde in der Klosterkirche begraben. Margaretha, das jüngste Kind Roberts, wurde, wahrscheinlich im Jahre 1308, die Gattin Johanns von Namur, Grafen von Flandern, und soll schon im solgenden Jahre, ohne Nachkommen zu hinterlassen, gestorben sein. (Siehe für die Genealogie der Kinder Roberts die Anmerkungen des Grafen von Soultrait zur Ilistoirs äss äuss äs Lour- lioir von La Mure (II. 11—13) und „Anoieu Lour- dsiurgis" (434—435). (Fortsetzung folgt.) „Schwedens Schanze." Ein Wort über die Völker Skandinaviens, besonders über die Schweden von Frau Helene Nhblom, geb. Roos. Frei und gekürzt nach dem schwedischen Original von Dr. P. Wittmann. (Schluß.) Während aber die Norweger zähe und unentwegt am Erbe der Vüter festhalten und die Dänen des Seibst- tobs und der Selbstberüucherung nie müde werden, stehen die Schweden den Schützen und der Zukunft ihres Landes vielfach theilnahmslos gegenüber. Da ich noch Kind war, schilderte man mir sie als Prahlhänsen, die stets von der Größe ihrer Nation zu erzählen wüßten. Ist das je wahr gewesen, so muß diese Generation nunmehr aus- gestorben sein. Ich wenigstens habe bei keiner anderen 2°) Diese Inschrift ist gleichfalls neueren Datums. Die ursprüngliche war ganz zerstört und zeigte nach der Zeichnung des Pöre Montfaucon in seinem Werke >Iws Llonnmonts äo In ülouareilis ^raueaiss« nur mehr die Worte . . . -Lotst kero Lvv LIs to änv Loxs« ... Nation solchen Mangel an Patriotismus beobachtet, ein so trauriges Unvermögen gefunden, eigenen Besitz zu schätzen und für dessen Erhaltung besorgt zu sein. Eine allzulang andauernde Friedensperiode trägt wohl Schuld an dieser moralischen Erschlaffung. Die Partei der Friedensfreunde, deren Stärke stetig wächst, gelangt nicht selten auf Absvege. So vertreten Einzelne die Anschauung, man solle sich überhaupt nicht in Vertheidigungsstand setzen; es sei einerlei, ob Schweden dem deutschen oder russischen Reiche zufiele u. s. w. Mit lächerlicher Inkonsequenz bewundern aber gerade Leute dieses Schlages das ausgeprägte Nationalgefühl der Norweger und gestehen zu, daß der „tapfere Landsoldat" dem kleinen Dänenvolke die Gloriole des Heldenthums verschafft hat. Der Wille, feine nationale Existenz hochzuhalten, entsproßt ebenso einem Naturtrieb, wie jener, das Leben, und zwar nicht bloß das eigene, sondern auch jenes der Kinder und Eltern, zu schützen. Läßt sich z. B. ein Deutscher denken, der gegen französische, ein Engländer, der gegen deutsche Herrschaft sich nicht ablehnend verhielte; würde ein Italiener sich wehrlos dem österreichischen Nachbar unterwerfen? Nimmermehr, und sogar bei den Kaltfinntgsten unseres Volkes müßte solch unnatürliches Gebühren Zorn und Verachtung hervorrufen. Wo aber der eigene Herd und Werth in Frage kommt, da verblassen alle Begriffe. Man schwankt hin und her. Man hält es für inhuman, an einen Krieg nur zu denken. Angriffskrieg gilt überhaupt als undenkbar. Er ist Sache barbarischer Nationen. Aber ein Veriheidigungs- krieg? Pah, welch' ein Zeitaufwand, welch' unnöthige Sorge! Weßhalb an Unangenehmes denken, das vielleicht niemals eintritt. — Manche freilich sind von solch blasirter Anschauung frei. Es gibt Tausende von Männern und Frauen, die zu jedem Opfer für's Vaterland bereit sind, aber diese Vaterlandsliebe ist nicht allgemein. Nur ein Theil des schwedischen Volkes erweist sich als stark und patriotisch gesinnt. Und doch hätte gerade der Schwede hinreichend Grund, stolz auf sein Vaterland zu sein. Was haben nicht dessen Könige und Adelige, seine Bürger und Bauern, Männer und Frauen Alles geleistet! Beide Geschlechter, Hoch und Nieder wetteiferten miteinander in Helden- und Opfermnth. „Ja, das war die Zeit von Schwedens Größe", wird hier von Manchen eingewendet. „Für jene Periode lassen wir Hünen und Heroen gelten. Jetzt aber hat unsere Nation zu viele Fehler und Schwächen an sich, als daß sie die frühere Begeisterung wecken könnte, unserer Hingabe würdig wäre." Eine merkwürdige Vaterlandsliebe, die sich auf bestimmte Epochen der Geschichte beschränkt! Was frommt es, das Schweden der Vergangenheit zu feiern und darüber das Land der Gegenwart mit seinen Fehlern und Tugenden aus dem Auge zu verlieren? Im großen Geisterkampf der Zeit dreht es sich vornehmlich um zwei Punkte, Wahrung des Rechts persönlicher Freiheit und werkthätige Unterstützung der Schwächern. Um dieser Doppelaufgabe gerecht werden zu können, gilt es zunächst das eigene Ich harmonisch auszubilden, ohne dabei individuelle Veranlagung zu beeinträchtigen. Wie langweilig wäre es, wenn alle Menschen einander ähnlich sehen, dasselbe reden und thun würden! Das Erfrischende im Verkehr mit anderen Personen besteht im Gegentheile darin, daß beide Parteien ihre Eigenthümlichkeiten, Sitten, Erfahrungen und Fähigkeiten zum Einsatz bringen. Gleich 21 förderlich wirken auch zwei Nationen auf einander ein, sofern sie sich nicht zu sehr verschmelzen, vielmehr ihre charakteristischen Merkmale beibehalten. Pflicht der Völker ist es deßhalb, an Gewohnheit, Sage, Sitte und Tracht, kurz an ihrer nationalen Eigenart festzuhalten. Diesem Zwecke soll auch Skansen, jenes herrliche Frei- luftmuseum, dienen, das vr. Arthur Hazelius auf Djurgarden errichtet hat. Von hier blickt man hinaus über die herrliche Stadt Stockholm, die sich mit all ihren Reizen dem Blicke entrollt und zauberisch auf den Fluthen des Meeres zu schwimmen scheint. Kein Gegenstück auf Erden zu dieser sonnenumglänzten, strahlenden Königin des Nordens, welche mit Recht den Stolz der Nation bildet! Ihr Bild allein sollte genügen, um den Söhnen des Landes Leier und Schwert in die Hand zu drücken! — Der Traum eines „einigen Skandinaviens" ist bis auf Weiteres vorüber. Wenn also Björnson Schweden auffordert, die „Fahne des Nordens" zu entrollen, dürfte er wohl wenig Anklang finden. Eilt es aber Existenz und Ehre Schwedens, so soll man die Enkel ihrer Ahnen würdig sehen! Ihnen sei es zugerufen, das Wort des Dichters: „Gemüthsvolk Du, Du Volk der Phantasie, Der innig sceleiivollen Poesie; Sei männlich stark und fasse muthentbrannt Dein Schwert und Dein Panier mit fester Hand!" Der schwarze Berthold, der Erfinder des Schieß- prrlvers und der Feuerwaffen. (Schluß.) ll. I'. Kommen wir nun zum Namen des Erfinders, den alle Geschichts- und Lesebücher als Berthold Schwarz angeben. Wie wir oben schon gesehen, nennt ihn der älteste Zeuge, Hemmerlin, Lertüolclus niZar, d. h. der schwarze Berthold. Aus diesem Lertüoläus niZar machte nun der als nicht sehr scrupulös bekannte Aventin den Lsrtüolclua I^iZen, und das heißt Berthold Schwarz. Diesen Namen übernahm von Aventin der obengenannte Gaffer und von diesem Sebastian Münster u. s. f. Daß dieses nicht die richtige Wiedergabe des lateinischen Namens ist, liegt auf der Hand; nicht bloß Hemmerlin sagt uns, daß er nicht Schwarz, sondern der Schwarze heißen muß; auch der Verfasser eines angedruckten Feuerwerlbuches aus dem Jahre 1432 bezeugt uns dieses. Er nennt den Erfinder einen „Maistcr", so geheißen hat „der schwarze Berthold" und gewesen ist ein ^gaiinantious, ein Schwarzkünstler. Das letztere Wort gibt unS deutlich den Grund an, warum der Pulvererfinder, Meister Berthold, den Beinamen „der Schwarze" bekam; von seiner „Schwarzkunst", der Alchimie. Richtiger als die deutschen Chronisten haben die Franzosen den LarÜioIclus nitzar übersetzt. So nennen ihn Frau?ois de Belleforest 1579 und Andrö Thevet 1584 Lartkolä Is Noir, d. i. Berthold der Schwarze. Der andere Name des Erfinders, Konstantin Antlitzen, hat Veranlassung gegeben, zwei Männer aus demselben zu machen. Dieses scheint aber ohne jeden triftigen Grund geschehen zu sein. Denn es ist bekannt, daß, wer in ein Kloster tritt, seinen Taufnamen ablegt und einen andern bekommt. So wurde der Konstantin der Welt eben im Kloster ?. Berthold, ohne daß man deßhalb vergessen mußte, daß er vor seinem Eintritt Konstantin Antlitzen geheißen habe. In Freiburg kamen in vergangenen Jahrhunderten eine Menge mit „Jsen" (Eisen) zusammengesetzter Geschlechtsnamen vor. So noch 1624 ein Spielmann Angelisen, den die österreichische Regierung dem Stadtrathe zur Anzeige brachte, weil „Georg Angelisen und ein Schreiner Jäcklin, Spiclleute von Freiburg, bei ihrem Durchzuge zu einer Hochzeit nach Kienzheim (Elsaß) zu Neichenweier an einem Freitage Speck gegessen und dadurch großes Aergerniß gegeben hätten." Von Angelisen, bemerkt Hansjakob richtig, ist aber, namentlich im Munde fremder Schriftsteller, nur ein Schritt zu Anklizen und Antlitzen. Man möchte sich nun wundern, daß die Chronisten des Franziskanerordens am wenigsten wissen von dem Pulvererfinder. Es ist aber bekannt, daß die ersten Nachfolger der zu Freiburg vertriebenen Conventualen oder diese selbst Pergamente abschabten, um anderes darauf zu schreiben. Warum aber Notizen über den Pulvererfinder mit Vorliebe vertilgt wurden, wird uns klar werden, wenn wir das Urtheil der Welt über den schwarzen Berthold und seine Erfindung erfahren. Doch zuvor noch ein Wort über die Stadt der Erfindung. Klar weist unser Gewährsmann nach, daß die Erfindung in Deutschland gemacht wurde, und daß das, was verschiedene Chronikanten darüber sagen, daß das „Byssen-Krud" (Büchsen-Kraut, d. i. Schießpulver) in Dänemark, in Italien, in Griechenland, in Böhmen usw. erfunden worden sei, theils Sage, theils Verwechslung ist. Ebenso klar ist sein Beweis, daß unter den fünf Städten, Köln, Goslar, Mainz, Nürnberg, Dortmund, die als Geburtsstätten des Erfinders oder wenigstens der Erfindung genannt werden, keine einen Grund hiezu habe. Freiburg allein hat diese Ehre. Für diese Stadt spricht die Sage, welche doch stets einen historischen Hintergrund hat. Diese Sagen erzählen, daß Meister Berthold, erst Cistercienser, in dem schon im 13. Jahrhundert blühenden St. Blasien, dem Monte Cassino des Schwarzwaldes, seine Studien machte und mit naturwissenschaftlichen Experimenten sich abgeben konnte; hier habe er sich auch seinen Gelehrtentitel, den eines „Meisters der freien Künste" (Mgistar), geholt. Ein „Meister Berthold" erscheint aber im Jahre 1245 in der Kirche St. Martin zu Freiburg als Zeuge. Als ein Sohn des hl. Franziskus wäre Berthold damals, wo Predigt und überhaupt Seelsorge die Hauptaufgabe der Franziskaner war, sicherlich nicht zum Studiren nach St. Blasten geschickt worden. Eine zweite Sage erzählt, daß feine Mitbrüder den Pulvererfinder wegen seiner unheimlichen Studien eingesperrt haben. Ein deutscher Schriftsteller, Buddeus, sagt, in einem Traktat, welches unter Alberti Magui Werken zu finden, stehe, daß Berthold Schwarz ein Barfüßer-Mönch gewesen und das Pulver im Gefängnisse erfunden habe. Damit stimmt überein, was wir mit geschichtlicher Gewißheit wissen, daß nämlich sein Zeit- und Ordcnsgenosse Bacon wegen ähnlicher Dinge wiederholt und jahrelang in Haft sich befand. Die dritte Legende übt das Nichteramt an dem Erfinder einer so „schändlichen Sache"; sie berichtet nämlich, daß der schwarze Berthold sich zu Freiburg selbst in die Luft gesprengt habe, um die Wirkung seiner Erfindung zu zeigen. In einem Scherzgedicht, dessen Dichter nach Dr. Hausjakob wohl noch im 13. Jahrhundert gelebt hat, ist die Rede von dem Schießen mit Büchsen; man hat also damals schon in Freiburg mit Pulver geschossen — und zwar früher als in einer andern Stadt. Daß dieses 22 mit den Angaben Hemmerlins, mit der oben angegebenen ! Urkunde und mit dem, was über die Entwickelungszeit einer solchen Erfindung gesagt wurde, übereinstimmt, bedarf keines Beweises. Daß kein größerer Gebrauch von der Erfindung gemacht wurde vor dem letzten Drittel des 14. Jahrhunderts, läßt sich damit begründen, daß 1348 der schwarze Tod durch das Land ging und 1356 im Breisgau und am Oberrhein die Zerstörung Basels durch ein Erdbeben Entsetzen hervorrief. Solche Zeiten sind für kriegerische Experimente und Unternehmungen nicht geeignet. Uebrigens besitzen wir einen genauen geschichtlichen Nachweis, daß die Freiburger Bürger zu den ersten gehörten, die in Deutschland Gebrauch von der Erfindung machten. In der „Freyburgischen Chronike" des Jakob von Königshoven heißt es vom Jahre 1366: „Darnach belagerten die burger von der Stadt Freyburg die Burg und das Schloß Burghalden dem Graf mit Dreyen lagern und stets hinaufschiessend." Endlich wissen wir, daß diese Stadt durch ihre Büchsenmeister und ihr „Büchsenzeug" renommirt war und daß die benachbarten weit größeren Städte Basel und Straßburg ihren desfallsigen Bedarf in Freiburg deckten. Aus all diesem folgt, daß im Ernst von keiner andern Stadt in Deutschland als von Freiburg als der Geburtsstätte des Pulvers und seines Erfinders gesprochen werde» kann. Dieses möchten wir noch anführen, daß Berthold nicht, wie gewöhnlich angenommen wird, durch Zufall feine Erfindung gemacht hat. Die meisten älteren Chronisten behaupten, daß er durch Studium und Experimente, auf „geistreiche" Art, durch Scharfsinn, wie Hemmerlin sagt, darauf gekommen sei. Der bedeutendste Chronist der Franziskaner, LucaS Wadding, schreibt: „Berthold habe lange Philosophie studirt und dabei gelernt, daß nicht zwei Körper in demselben Raum sein könnten, und daß Feuer mehr Raum brauche als Erde. Darum habe er Schwefel und Salpeter pulverisirt und in einem geschlossenen Gefäß an's Feuer gestellt, worauf das Gefäß zersprengt worden. Erstellt hierüber, habe er angefangen, das Schießpulver rationell anzufertigen und anzuwenden, und habe zuerst Baumstrünke mit Pulver gesprengt und dann erst mit hölzernen und endlich mit eisernen Röhren ex- perimentirt und Steine und Orgeln aus denselben geworfen." Berthold war also ein Naturforscher und Chemiker oder, nach dem Sprachgebrauchs jener Zeit, ein Alchimist, dessen „Pulverküche" man noch heute hinter dem alten Kreuzgang von St. Martin zeigt. Und wie lohnte ihn die Welt dafür? Daß er von seinen Ordensgenossen ob seiner „Teufelskünste" wahrscheinlich eingesperrt wurde, haben wir schon gesagt. Forcatulus nennt ihn einen „Mönch und Faulenzer, weil nur aus dem Müßiggänge alles Böse komme". Ein Chronist, Erich Adalar, meint: „Büchsen mit Kraut (Pulver) und Lot (Blei) sind erfunden durch einen Mönnich: Wie das Werk ist, so ist auch der Meister gewesen, nämlich ein feuerspeiender Drach." Selbst der „milde" Philipp Melanchthon nennt den Erfinder „einen Münch, Diener und Gehülfen des Teufels", und Busch berichtet, daß die Obrigkeit von Ostfriesland 1379 habe Bussen (Büchsen) Inten soluneäen unä Zseten (gießen), änt inooräelist instruvaent, äoor (durch) äes Havels (Teufels) Onxellnn erkunäen." „Die schlechteste, die gefährlichste und die fluchwürdigste" aller Erfindungen wurde, wie Opmerius meint, „zum Verderben vieler Sterblichen gemacht", was ihm heute noch jedermann bestätigen wird. Der berühmte Dichter Ariost hält seinen folgenden Spruch für „gediegen": „Von den verruchten Geistern allzumal War keiner böser, noch im Frevel dreister, Als dieser greulichen Erfindung Meister. Und daß dafür ihn ewige Rache quäle, Hat in den tiefsten Abgrund Gottes Hand — Das glaub' ich sicher — die verruchte Seele Zu dem verruchten Judas hingebannt." Faber Stapulenfis (1- 1526) meint menschenfreundlich, „es wäre den Sterblichen gut gegangen, wenn der Erfinder beim ersten Versuche verbrannt wäre". Noch eine Reihe von Schriftstellern und Dichtern schließen sich diesem Wunsche an und sind darin einig, daß am besten der Urheber der Kanone zuerst erschossen worden wäre. Noch eine Belohnung haben die Schriftsteller früherer Zeit für den armen Berthold. Jalofsky meint, es wäre eine Art Belohnung für den Erfinder des Pulvers gewesen, daß sein Name für immer ein Geheimniß blieb, damit er nicht zu allen Zeiten von allen Sterblichen verflucht würde. Der spanische Kapitän Diego Uffano, Commandant der Citadelle von Antwerpen zu Anfang des 17. Jahrhunderts, sagt: „Und kompt diese teuffelische invsntion her von einem vorwitzigen Münch Deutscher Nation, einem sonderlichen Philosopho oder Alchymisten, deßen Namen zu seinem Vnglück gleichsam von allen bey allen verschwiegen wird." Wir wissen nun, warum der Name des Erfinders so lange geheim gehalten wurde, „damit ihm nicht zu allen Zeiten von allen Menschen geflucht werde", und begreifen nun auch, warum die Ordenschronisten so lange schwiegen und die etwa vorhandenen Aufzeichnungen möglichst bald vertilgt wurden?) Von dem gläubigen Volke und der Priesterschast wurde die Erfindung als im Bunde mit Dämonen entstanden verdammt, und die „Gelehrten" und Ritter der ersten Jahrhunderte nach Berthold glaubten dies auch, verwarfen sie aber ganz besonders, namentlich die letzteren, weil sie dem Mannesmuth Eintrag thue. Diesem Gefühl gibt Ariost Ausdruck, wenn er fingt: „Gib, armer Krieger, gib der Schmiedezange All' deine Waffen hin, bis auf das Schwert; Die Flint' und Büchse sei dafür genommen! Sonst wirst du wahrlich keinen Sold bekommen. Wie hast du Raum in Mcnschenbrnst gefunden, Erfindung, voll des Frevels und der Weh'n? Durch dich ist Waffendienst der Ehr' entbunden, Durch dich niuß Kriegesruhm zu Grunde gch'n. Durch dich — so weit sind Kraft und Muth geschwunden — Scheint Wackern oft der Schlechte vorzugeh'n. Durch dich sind Stärk' und Hcldensinn enthoben Der Möglichkeit, im Feld sich zu erproben." Dasselbe behauptet M. T. Alpinus; nachdem er die Wirkung der Geschützkugel geschildert, daß sie „alles des sie vor jr findt, zerschütets, zertrennets, zerbrichts, vnd zerknütschets so gar, das gantz kahn ort ist, wiewol vonn natur gantz wol bewaret, des nit leichtlich erkriegt mag werden," fährt er fort: „Darauß ists verfolgt, vnd darzu kommen, das alle krafft der fußknechten, aller glantz oder eer der raysigen, vnd zum leisten, die gantz kriegerische dapfferkayt, daran stehet, ligt vnd fault." Aber auch Lob erhielt der Erfinder des Pulvers und des Geschützes, wenn auch spät und sehr vereinzelt. *) Uebrigens gab es bald einzelne Mönche, die gute Artilleristen waren. So berichtet Gram, daß im Jahre 1469 ein Augustiner-Eremit den Kurfürsten von Brandenburg von der Belagerung von Ukermynde abtrieb durch seine vortreffliche Bedienung des Geschützes. Eines Tages schoß er dem Kurfürsten den Tisch sammt dem Essen „vor dem Maul" weg. Während Felix Heuiiuerlin Beriholds Erfindung „im höchsten Grade bcwundernsmerth" findet, widmet ihr Huldrich Mutins (1539) ein entschiedenes und warmes Lob. Er sagt: „Wenige Deutsche sehen ein, was das Menschengeschlecht den zwei Erfindungen, der Geschütze und der Buchdruckerei, verdankt, und von keinem werden sie genug gerühmt, obwohl sonst jede Kleinigkeit ihren Lobredner findet. . . . Auf den ersten Blick scheint die so nothwendige Erfindung der Geschütze dem menschlichen Geschlecht verderblich. Aber dies ist in Wirklichkeit nicht der Fall, denn bei der jetzigen Zunahme von Habsucht und Bosheit und bei der Abnahme der Nächstenliebe wären die Gesetze nicht im Stande, die Bosheit der Schlechten in Schranken zu halten, und niemand wäre seines Lebens sicher. Wer hätte die Burgen der Räuber von ihren Höhen herabgeworfen, wenn nicht die Geschütze es gethan hätten? Es verdammen viele dieselben und ihren Erfinder, die ohne sie nicht leben würden, ja nicht einmal ihre Eltern. Die mächtigen und reichen Städte existirten nicht ohne sie, und die Kaufleute könnten ihren Handel nicht so frei treiben, und doch macht der Handel zum großen Theil den Reichthum unseres Stüdtewesens aus. Darum soll niemand diese Geschenke Gottes verachten, außer wer die Zähne im Munde des Hundes und die Hörner des Stieres nicht für ein gutes Werk des Schöpfers hält. Entweder muß man alles, was Gott die Menschen zu ihrer Vertheidigung gelehrt hat, verdammen oder den Geschützen einen Platz unter den Gaben Gottes einräumen." Sehr ruhig urtheilt der berühmte englische Historiker Hume (si 1776) über unsere Erfindung; er sagt unter anderem von ihr, daß sie den Krieg im Grunde weniger blutig gemacht und den bürgerlichen Gesellschaften eine größere Festigkeit gegeben habe, ob sie gleich zur Zerstörung des menschlichen Geschlechts und zum Untergang der Reiche erfunden zu sein schien. „Die Völker, führt Hume fort, sind durch diese Erfindung einander mehr gleich gemacht, die Eroberungen sind langsamer und seltener geworden, das Glück im Kriege ist beinahe in eine Sache verwandelt worden, die sich ausrechnen läßt, und eine Nation, die sich von ihrem Feinde überwältigt sieht, willigt entweder in seine Forderungen oder setzt sich durch Allianzen gegen seine Gewaltthätigkeit und Einfülle in Sicherheit." Wie wir in der Einleitung unserer Abhandlung schon sagten, leitete die Erfindung des Schießpulvers eine neue Zeit ein. Pulver und Geschütze haben dem Bürger- und Bauernstande „eine Gasse für die Freiheit" geschossen; denn wie die Freibnrger Bürger, zum Schloß ihres Herrn „hinaufschicssend", sich die Freiheit geholt haben, so haben die Kanonen alle Freiheiten und Privilegien der waffenkundigen Ritterschaft, in deren Händen die Herrschaft auf dem Lande und das Regiment in der Stadt lag, hinweggefegt, die Dienstbarkeit der Bauern und Bürger beseitigt und sie freigemacht. Bertholds Erfindung schuf das, was wir heute mit Stolz „das Volk in Waffen" nennen! Aber noch mehr. DaS Pulver und die Geschütze haben die außereuropäische Erde für die Civilisation geöffnet, dem Dampfroß die Wege geebnet und so den Verkehr durch Berge und Felsen ermöglicht, und endlich ist die Kanone im Männerrathe der Völker immer noch die letzte und stärkste Stimme; sie ist die nltima, ratio der Könige und Völker; unter den Wissenschaften nimmt die des Krieges nicht die letzte Stelle ein. Wenn auch die Erfindung des alten, schwarzen Pulvers durch das im Jahre 1889 erfundene moderne, rauchlose Pulver etwas zurückgedrängt ist, so darf man denn doch nicht aus dem Auge lassen, daß dieses bloß eine neue Lebensphase der Erfindung des schwarzen Bertholt) ist und auf denselben Naturgesetzen beruht, mit denen der geistreiche Mönch operirte. Der Ruhm des armen Franziskaners wird nicht erbleichen vor dem rauchlosen Pulver; denn selbst wenn dieses eine ganz neue Erfindung wäre, bliebe sie werthlos, wenn der schwarze Bertholt) nicht auch der Erfinder der Kanone wäre. Dein hochbegabten Stadtpfarrer von St. Martin in Frciburg, Or. Hansjakob, aber gebührt das Verdienst, festgestellt zu haben, daß das Pulver in der Mitte des 13., nicht 14. Jahrhunderts durch den Freibnrger Franziskanerpater Bertholt), dessen Familienname Konstantin Anklitzen war, erfunden wurde. Da er ein tüchtiger Chemiker war, so wurde er nach dem Sprachgebrauchs jener Zeit „Schwarzkünstler" genannt, und von dieser Bezeichnung erhielt er den Namen Lortsiolckus nigar, d. i. der schwarze Berthold. Recensionen und Notizen. Schloß Hubcrtus. Von Ludw. Gangbofcr. Mit 1 Illustration von Hugo Engl. Stuttgart, Verlag von Sld. Bon; u. Co. 2 Bde. -s. Der fruchtbare Schriftsteller bietet in diesem seinem neueste» Werke einen Familienroman, der seine cnlturbistvrische „MartinSklause" an litcrarischcr Bedeutung unseres ErachtenS bei weitem nicht erreicht. Indessen bewährt sich die reiche Phantasie und die geschickte Mache, welche wir an L. Gang- boicr stets beivunderten, namentlich auch seine Kraft in plastischer Gestaltung der Charaktere und Handlungen, auch in seinem neuesten Werk. Die Hauptperson des Romans, »in welche sich eine große Gesellschaft bandclndcr Personen und eine Menge von Episoden gruppirt, ist der alte Graf Egge, für den es auf Erden nur etwas gibt, waS des Lebens werth ist — die Jagd. Seine Leidenschaft bicfnr, in der er Gattin und Kinder gröblich vernachlässigt, begründet seine Schuld, bringt aber auch die Sühne, indem er bei einem wahnsinnig verwegenen Versuch, ein Ablernest ansjnnchmen. erblindet und schließlich an einer Wunde zu Grunde gebt. die ein Adler ihm geschlagen. An sich isr dieser Vorwnrs des Romans psychologisch gerade nickt sehr interessant. Aber der Autor bat es verstanden, das Hanpt- ihema mit einer Fülle von fesselnden Nebenumständcn zu umgeben und mit den Schicksalen einer Anzahl von andern Personen zu verweben, so daß die Spannung des Lesers bis zum Schlüsse lebendig erhalten wird. Da sind es zunächst die Kinder des Grafen: der blasirte, schließlich an seiner Spielwnth zu Grunde gehende Offizier Graf Robert; der liebenswürdige, aber über alles Maß leichtsinnige Graf Willy, der beim Kamircr- femterln vom Mutsturz betroffen wird und stirbt; der rcchtS- gclcbrtc Graf Tassilo, die Idealfigur des Romans, der natürlich ant GebnrtSadel nicht viel hält und eine Opern-Diva hciralhet; dann die Tockter des Grafen, Kitty, die sich in einen jungen Maler verliebt, der zuiällig der illegitime Sohn ihrer Gcnver- naine und eines gepriesenen Malers ist, dessen Lebensweisheit mit dem irdischen Leben alles anS sein läßt; dann eine Anzahl von braven und bösen Jägern und Mädels, thcilweise etwas sentimcmal aufgeputzt — wie man sieht, eine bunte, gemischte Gesellschaft. Bedeutende Joccn wird man in dem Roman vergeblich suchen; aber die schon erwähnten Vorzüge lebendiger Schilderung und reicher Handlung und das Wehen gesunder Bcrgluft — aus die Bcrgwclt versteht sich Ganghoser ja ganz eminent — machen den Roman zu einer spannenden Lectüre. Das Wesen des Erfinders. Eine Erklärung der scköp'cr- ischen GeisicStbätigkeit an Beispielen planmäßiger Aufstellung und Lösung erfinderischer Aufgaben. Von Emil Cnpitaine, Eivilingenienr. Leipzig, Gnstap Fock. U. Unter Auswand ansehnlicher wissenschaftlicher Miltck verfolgt der Verfasser den Zweck, dem in den meisten Fällen eingebildeten Erfindergcnie, das selbst in den gcringiügigsten Patcitten eine besondere Begabung wittert, den NunbuS zu ncbmcn und das Erfinden nicht als ein angeborenes Talent, sondern als etwas Erlernbares nachzuweisen. Von der Voraussetzung ausgehend, daß wirklich ursprünglich Neues dank der, 24 Jahrtausende alten schöpferischen Thätigkeit des menschlichen Geistes zu den Ausnahmefällen zu rechnen sei, wird in einer mehrere Abschnitte umfassenden tbcoretisch-pbilosopbische» Studie die Möglichkeit vor Augen geführt, im planmäßigen Schaffen dieselben Ziele zu erreichen, für die beispielsweise Harrig das aller Gesetzmäßigkeit spottende Erfinden voraussetzt. Je umfangreicher die Kenntniß der Mittel und Wege, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß Beste für den jeweiligen Zweck zu finden, wobei naturgemäß die Beweglichkeit der inneren Denkthätigkeit bestimmend für Umfang, Schnelligkeit und Sicherheit dcS Auffindens ist. In dem zweiten, praktischen Theil werden an einigen Beispielen planmäßig durchgeführte Erfindungen erläutert; er bietet selbst demjenigen, der au die Behauptungen deS Autors nicht glaubt, des Interessanten genug. Eine gewisse Individualität wird dem Künstler eingeräumt, der nicht erst versucht, um eine Wirkung zu erreichen, sondern die Menschen mit seiner Kunst, so wie er will, zu beherrschen trachtet. Achnlichcs wird mit Bezug auf den Politiker entwickelt. Einen Seitcnbicb erhält der Mediziner, der auf Pro- bircn angewiesen sei. Daß die Kenntniß auf zwei an sich getrennten Gebieten die Erfindungen begünstigt, steht außer Frage; sie wird z. B. vorausgesetzt bei Erfindung der gleichfalls ausgeführten Apparate zur graphischen Feststellung der Vorgänge an verschiedenen Stellen eines zu untersuchenden menschlichen Körpers. Gestreift wird auch das Problem des lenkbaren Luftschiffes. Daß dasselbe sehr wohl lösbar ist, und zwar durch Combination und Vervollkommnung bekannter technischer Mittel, ist eine unbestreitbare Thatsache. Daß aber die Lösung in oer einen oder der anderen Weise trotz zahlreicher Versuche ernster Männer bisher nicht erfolgt ist, dürfte vielleicht als Beweis dafür dienen, daß es Ausnahmen gibt, bei denen selbst planmäßiges Erfinden versagt. Ucbcrhaupt lehnt sich das letztere sehr an diejenige Thätigkeit an, welche der Fachmann mit Con- struiren bezeichnet. Für eine Patentirnng würde die Grenze zwischen beiden Gebieten noch mehr verwischt werden, als sie es jetzt schon ist, ja, die patentfähige Erfindung wird erst aus einer höheren stufe geistiger Thätigkeit vom reinen Zusammenbauen abzweigen, als man unter Belastung von Ersiudcrtaleiiten anzunehmen geneigt ist. _ Das Deutschthnm im Donaureiche. Von Dr. G. Schultheiß. Berlin, Verlag von M. Priber. Geheftet (8 Bogen) 1 M. LI. Das Schriftchen, aus der Feder eines der besten Kenner der südosteuropäffchen Verhältnisse, wird in allen Kreisen, die sich für die Frage interessiern, große Beachtung finden. Auf Grund reichen Thatsachenmaterials werden die Gefahren für das deutsche Element schlagend dargcthan, aber auch der Weg bezeichnet zur Aenderung der Lage, zur Erlösung von dem Druck, welcher auf den Deutschen in allen Ländern des Donau- rcickcs lastet. Sprache und Urtheil, wenn auch scharf, sind ernst und maßvoll. Bayerische Zeitschrift für Realschulwesen. Redigirt von Wilh. Vogt, München. M. Rieger'sche Univ.- Buchhandlung, München. ^ Das 5. Heft des Bandes III (N. F.) enthält u. A.: Hertel E., Das Transscendentale in N. Wagner's Dichtungen; Kleiber H., Ueber Liniengcomctrie u. linearen Complex; Falch E., Die Schulreformbewcgung in Bayern und im Reich. — Recensionen. _ Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1893. Zehn Hefte M. 10.80 (oder zwei Bände ä M. 5.40). — Freiburg im Brcisgan. Herder'sche Verlagshandlung. Durch die Post und den Buchhanoel. Inhalt des l. Heftes: Ziele und Grenzen der staatlichen Wirlhschaftspolitik. I. (H. Pesch 8. 9.) -- Der heilige Bonifaz, UnivcrsnätSprofessor zu Paris, Domscholaster zu Köln, Bischof von Lausanne, Weihbischof in Brabant und den Niederlanden. I. (D. Rattinger 8. I.) — Die neueste Energetik und die chemische Willensfreiheit. (L. Dresse! 8. 7.) — Die arabische Dichtung im Reiche der Chalifen. (A. Baumgartncr 3. 7.) — Das Meeresleuchten und seine Ursachen. I. (E. Wasmniin 8. 7.) — Wie entstand „Des Knaben Wunderhorn"? (W. Kreiten 8. I.) — Recensionen: 1. UeviuZ'tou, Luxlioau kallaoiss, 2. Vaug'lian, M,s wag' ot rouniou ok Oliristsuäom, 3. 8mitb, Deasons pro roseetuiA Hutzlioau Dreiers (A. Lehmkuhl 8. ,7.); Sauren, Die Lauretanische Litanei (G. M. Drevcs 8. 7.); Wilpert, Draotio Pauls (I. Braun 8. 7.); Schwering, Zur Geschichte des niederländischen und spanischen Dramas in Deutschland (A. Banmgartner 8. 7.); Weber, Herbstblätter (W. Kreiten 8. 7.). -- Empfe hlenS werthe Schriften. — Miscellen: Leo Tolstois neuestes Evangelium; „Wissenschaftliche" Bericht- crnattung im „Theologischen Jahresbericht"; DaS Nom der Päpste das Rom der Welt. Kirchenmusikalische Vierteljabrs-Schrift. Herausgegeben vom Salzburger Diöcesan - Eäcilien - Verein. X. Jabrgang 1895. Verlag von M. Mlttermüller in Salzburg. Inhalt des 2. Heftes: Ueber GesangSschnlen (Fortsetzung). — WaS ist die Andacht, und in welchem Verhältnisse stehen zu ihr die Wirkungen der Musik? Die Kunst, die englische Sprache in kürzester Zeit u nd in Bezug auf Verst ä ndn iß, Co ii Vers ation u nd S ch ris t s p ra ch e d urch S elbstil nterricht s i ch anzueignen. Von R. Clairbrook. 5. Anst. gebd. 2 Mark. Verlag von A. Hartleben, Wien. Bei Bearbeitung dcS in fünfter Auflage vorliegenden Werkes war des Verfassers vorzüglichstes Streben dahin gerichtet, den Freunden der englischen Sprache ein Handbuch zu liefern, welches sich als ein verläßlicher und zeitsparender Führer in das Gebäude jener Weltsprache empfehlen dürste. Die Aussprache wird hier gleichwie in bewährten größeren Grammatiken vollständig gelehrt, und zwar nach dein altbewährten System des verewigten Professors der englischen Spräche Charles Gaulis Clairinoni. welches System nicht nur m zuverlässigster W-'ise die allgemeinen Regel» lehrt, sondern auch das einfachste mid doch zugleich schlagfertigste Rüstzeug gegen die vielen vorkommenden Ansnabmen gewährt. Wird das hier gewonnene Material durch die Redensarten und Gespräche dcS praktischen Theiles so viel als möglich ergänzt, so wird endlich dem Lernenden in der bcigegebcnen und mit einem vollständigen Wörter- bnche versehenen Chrestomathie ein willkommener Schlüssel zu dem reichen Schatze der englischen Literatur geboten werden. Und so ist denn hiermit ein Werk geschaffen, dessen Brauchbarkeit dem Freunde der englischen Sprache gegenüber sich in befriedigender Weise bewährt, eine Thatsache, welche die innerhalb kurzer Zeit erschienenen fünf Auflagen dieses cm- psehlenswcrthen Buches verbürgen. Dc u tsch e R un d schci u fürGeographie unb S ta t i st ik. Unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von Pros. Dr. Fr.'Umlauft. XVIII. Jahrgang 1896. (A. Hartlebcns Verlag in Wien, jährlich 12 Hefte L 85 Pf. Präiiliiucration incl. Franco-Zu- scndung 10 M.) Auch das eben erschienene dritte Heft des XVIII. Jahrganges zeichnet sich durch einen reichen, interessanten Inhalt aus, den wir hier im AuSzuge wiedergeben: Das Klima Ost» Asiciis in wcltwirthschaiilicher und sanitärer Beziehung. Von Wilb. Krebs. (Mit 1 K.wte.) — London. Von Rudolf Schück in London. (Mit 1 Illustration.) — Der Kreis Surgut in West-Sibirien. Von Peter von Stenin in St. Petersburg. (Mit 2 Illustrationen.) — Neueste Polarrcise». Von Dr. Gustav v. Hayek. — Astronomische und phvsikalische Geographie. Die Wunder eines Sicbenzöllcrs. — Politische Geographie und Statistik. Ergebnisse der Berufs- und Kcwerbe-ählnng in Preußen. Von A. Tromnali. — Berühmte Geographen, Naturforscher und Reisende. Mit I Porirät: L. v. Lüczy. — Geographische Nckrologie. Todesfälle. Mit 1 Portrait: Moriz Willkomm. — Kleine Mittheilungen aus allen Erdlbeilen. — Geographische und verwandte Vereine. — Vom Büchcrtisch. Eingegangene Bücher, Karten rc. (Mit 2 Illustrationen.) — Kartcn- beilage: Vertheilung der Niederschlüge in China in den einzelnen Jahren 1835—1693 zur Darstellung der Wettervcrlegnng. O Die Nedaction deö Historischen Jahrbuches der Görres-Gesellschaft erfuhr mit dem neuen Jahre eine Veränderung. Die Herausgabe dieser Zeitschrift ist jetzt in verantwortlicher Weise dem kgl. Sccretär am k. Geheim. Staatsarchive in Münckcn Dr. Jos. Weiß übertragen, welcher das Jahrbuch unter Mitwirkung der bisherigen 3 Redacteure Pros. Grauert (München), Pastor (Innsbruck) und Schnitter (Frci- bnrg) und mit Beihilfe des Assistenten an der Münchener Hof- und Staatsbibliothek Dr. Kampers redigiren wird. Veranlw. Redacteur: Ad. HaaS in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Gral-Herr in Augsburg. Gedanken über Wissenschaft und Christenthum. L In der 253. Beilage der „Allgem. Zeitung" (2. Nov. 1895 Nr. 30L) berichtet ein „Spectator" über seine Eindrücke öom letzten Katholikentag. Dom politischen Inhalt des Artikels völlig absehend, wollen wir hier nur einen Passus herausgreifen, der das Verhältniß von Wissenschaft und Christenthum beleuchten will. Der Verfasser sagt nämlich anläßlich der Besprechung der Rede des Herrn Professors Grauert: „Wenn man sx xrolosso von Katholicismus und Wissenschaft spricht, so sollte man meines Ermessens doch einmal tiefer in den Gegenstand hineinsteigen und klar darlegen, wie jetzt thatsächlich die Lage ist und um was es sich zwischen Christenthum und Wissenschaft handelt. Die exakten Wissenschaften glauben die vollkommene Gesetzmäßigkeit alles Geschehenden und alles uns in der Natur entgegentretenden Lebens erwiesen zu haben; die historische Kritik leugnet, daß, soweit die Thatsachen der Weltgeschichte controllirbar sind, dieser Annahme widersprochen werden könne. Dieser Weltanschauung, welche keinen Platz für übernatürliche Vorgänge läßt, steht der christliche Glaube schnurstracks entgegen. Wie die Sachen gegenwärtig liegen, ist an einen objektiven Ausgleich der beiden Standpunkte vorläufig nicht zu denken. Der Ausgleich existirt nur individuell in Gott sei Dank zahlreichen Individuen, denen die inneren Lebenserfahrungen und die nicht wegzu- disputirenden Thatsachen des Gemüthes diese Harmoni- sirung gewonnen haben: für alle, die es trifft, ein unsagbarer Segen, aber mehr eine Gnade, denn ein Verdienst. Der Allgemeinheit wird dieses Glück erst auf dem Wege eines langen und schmerzlichen Prozesses wieder zugeführt werden können und es kaun erst eintreten, wenn in einem ungeheuren Maßstabe die Menschheit abermals die Einsicht gewonnen haben wird, daß sie aus und in sich selbst nicht zu ihrem Ziele kommen kaun." Der Verfasser zählt zwar offenbar selbst unter die, denen die erwähnte Gnade zu theil geworden ist, und wenn er aus seinen Prämissen die Consequenz zieht, daß die Forschenden und Strebenden unter redlicher Anerkennung ihrer Arbeit einander ruhig und liebevoll ertragen sollen, so können wir ihm hierin nur freudigen Herzens beistimmen. Aber seine Darstellung des Verhältnisses hat doch soviel Bedenkliches an sich, daß sie nicht unwidersprochen bleiben darf. Wenn wir ihm folgen, dann haben wir innerhalb der wissenschaftlich gebildeten Welt zwei Gruppen: solche, die wissen und nicht glauben, und solche, die wissen und dennoch glauben, aber nicht weil sie auf dem Wege wissenschaftlichen Denkens zur Erkenntniß gelangt sind, daß natürliche Wissenschaft und übernatürlicher Glaube neben einander Platz haben und sich eher fordern als ausschließen, sondern weil sie rein subjektiv durch gewisse innere Lebenserfahrungen und gedrängt durch ein von der Wissenschaft unbefriedigt gelassenes Gemüth dahin gekommen sind, im positiven Christenthum Trost zu suchen und so den ihnen vom wissenschaftlichen Standpunkt aus gleichfalls unversöhnlichen Gegensatz in ihrem Herzen zu verschließen und mit Anstand zu ertragen. Bei diesem Standpunkt ist also — die übernatürliche Theologie ausgenommen — für eine christliche Wissenschaft, insbesondere für eine christliche Philosophie und Apologetik, kein Raum mehr. Höchstens von der Thatsache des Gewissens, des natürlichen Scligkeitstriebes u. s. w. — denn das meint der Spectator offenbar mit der inneren Lebenserfahrung — kaun auf das Dasein Gottes geschlossen werden. Und doch sagt der Apostel Paulus im Römerbriefe (1, 20): Invisidiliu anim ixsins a, ereutnrg. ruuircli per eu Huua tucta, snnt, intellsetu coirsxioiuntur; sswxitsrna. guocius sius virtus at cüvinitus, itu ut oint inexousamles. Der Ausgleich des heutigen Gegensatzes zwischen Wissenschaft und Christenthum gehört also nicht bloß in das stille Herzenskämmerlein, sondern auch vor das Forum der mit natürlichen Principien operircuden Wissenschaft, und ihn vorbereiten und verwirklichen zu helfen, ist eine Ehrensache des christlichen Gelehrten. Versuchen wir es einmal von diesem Standpunkte aus „tiefer in den Gegenstand hineinzusteigen und das Verhältniß von Christenthum und Wissenschaft darzulegen." Da müssen wir vor allem bestreiten, daß eine Weltanschauung, welche die sicheren Ergebnisse der exakten Wissenschaften acceptiren will, dem christlichen Glauben schnurstracks entgegenstehen müsse. Gott ist die ewige Wahrheit, weil er das absolute Sein ist. Wie er die Dinge denkt und erkennt, so sind sie. Unsere Natur ist nach Gottes Bild und Gleichniß geschaffen, daher haben wir analog die Möglichkeit einer wahren Erkenntniß, d. h. der Inhalt unserer Begriffe ist logisch identisch mit dem Wesen des Bcgriffsobjectes und somit schließlich mit der nrbildlichen Idee Gottes. Wir erkennen die Dinge, wie sie sind. Nach dem Willen des Schöpfers haben wir nicht bloß die Möglichkeit, die Wahrheit zu erkennen, sondern auch den Trieb, sie zu suchen. Dieser Erkenntnißdrang äußert sich in der wissenschaftlichen Forschung. Jede Wahrheit also, die wir auf dem Wege wissenschaftlicher Forschung gewinnen, bedeutet eine Uebereinstimmung unserer Vernunsterkenntniß mit dem göttlichen Erkennen. Insoweit also die Früchte unserer Bemühungen wirklich erkannte Wahrheiten sind, kann keine dieser Wahrheiten einer anderen widersprechen, ebensowenig als es in dem absoluten Urgrund alles Seins und aller Wahrheit einen Widerspruch geben kann. Die exakten Wissenschaften haben als hauptsächliches Erkenntnißprincip die sinnliche Wahrnehmung, und ihre Objecte sind die Gegenstände der sinnlichen Wahrnehmung bezw. die Veränderungen an denselben. Innerhalb dieses ihres Forschungsgebietes nun können sie allerdings auf etwas Uebernatürliches nicht kommen und brauchen und sollen es auch gar nicht. Aber ebensowenig sagt dem Astronomen oder Physiker irgend eine seiner Berechnungen oder eines seiner Instrumente, daß sein Endergebniß auch das letzte und oberste Princip sei, daß eS über dem Natürlichen, das er erkannt, nichts Uebernatürliches gebe, und über dem Gesetze, das er entdeckt, kein Gesetzgeber stehe. Sobald er dieses behaupten will, verläßt er sein Gebiet, und fein Urtheil verliert den Anspruch auf jene besondere Werthschätzung, die man ihm dort schuldet, wo er als Fachmann auftritt. — Insofern also die Resultate der exakten Wissenschaften wirklich wahr sind, braucht dem gläubigen Christen nicht davor zu bangen; sie können seinen Glauben nur stützen, nicht untergraben. Wo aber solche wahre Ergebnisse mit der christlichen Offenbarung in Widerspruch zu stehen scheinen, da ist es eine heilige und schöne Pflicht des christlichen Gelehrten, solch scheinbare 26 Gegensätze zu versöhnen und viele, alle mit dem befreienden Geschenke (ok. Joh. 8, 32) neuer Wahrheit und Erkenntniß zu beglücken. Wenn die katholische Wissenschaft diese Ehrenpflicht getreu erfüllt, dann wird, wie es immer geschehen, die wissenschaftliche Thätigkeit auch in breiteren Volksschichten ihre Neflexerscheinungen hervorrufen, und der Allgemeinheit wird auch ohne schmerzlichen und langwierigen Prozeß das Glück zutheil werden, die Früchte der profanen Forschung zu genießen und ohne Widerspruch damit jene höhere Erkenntniß zu verbinden, die uns Demjenigen näher bringt, der da ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Die nicht wissenschaftlichen Kreise sollen solchen Männern, die diesem idealen Versöhnungswerke ihre Kraft weihen, Vertrauen, Dankbarkeit und christliche Liebe entgegenbringen. Katholische Männer der Wissenschaft aber in möglichst großer Zahl sollen in friedlich ernster Thätigkeit und besonnenem Eifer auf dem Gebiete der Theologie, wie der Philosophie, Geschichte und Naturwissenschaft arbeiten und bedenken, daß sie der guten Sache dann den besten Dienst erweisen, wenn sie ohne Tendenz in ruhigster Objektivität die Wahrheit suchen. Unbewiesenen Hypothesen gegenüber werden sie freilich vorsichtig sein müssen, und immer werden die Worte des weisen Sirach (37; 19, 20) gelten, mit denen wir vom „Spectator" Abschied nehmen wollen: Anima viri srmoti eurmtinb sliguniräo vers, Herum sextenr ciraunasxsetatores, seäontaZ in ax- aalso acl sxaLuIanclnin. M in lim oinnidns äaxrs- vnre iHtissirnnin, nb äirigab in veritata vinrn tnuva. Znm Jubiläum des „größten" Erziehers. Die „moderne" Pädagogik feierte vor Kurzem wieder einmal einen Ehren- und Jubeltag, das 150. Geburtsfest des Schweizers Joh. Heinr. Pestalozzi. In politischen Blättern und der pädagogischen Fachpresse, in Vortrügen und Broschüren, ja sogar durch theatralische Vorstellungen und Stiftungen wurde dieses Fest gefeiert. Grund also genug, um auf den Jubilar in Kürze zurückzukommen. Wir wären übrigens schon vor der Feier auf diesen Schulmann zu sprechen gekommen, glaubten aber warten zu sollen, bis der Festjubel etwas verrauscht sei. Es ist nämlich gar zu interessant und lehrreich, zu sehen, wie sich die Leute, denen die Gottesverehrung zu altmodisch vorkommt, nun an den Menschen klammern und diesen vergöttern, um wieder einmal für kurze Zeit in Vegisteruug zu machen. Der Ton der Festartikel, deren uns eine respektable Reihe unter die Augen kam, war in dem bekannten überschwänglichen Stile gehalten. Wenn jemand nicht gerade besonders bewandert wäre auf dem Gebiete der Erziehungsgeschichte, er Hütte aus diesen Jubiläums- betrachtungen schließen müssen: vor Pestalozzi war auf dem Felde der Erziehung und des Unterrichtes überall tiefe Nacht und Finsterniß; dieser steckte der Menschheit das Licht auf, und seitdem ist in dieser Beziehung alles auf's Herrlichste bestellt. Das ist denn doch nicht bloß übertrieben und höchst unhistorisch, sondern geradezu lächerlich. Vor einigen Jahren (1890), als man Diesterweg's 100. Geburtstag feierte, war dieser der Größte, der Vater der modernen Volksschule, der Schöpfer der neueren Pädagogik, obwohl — nach dem Urtheile kompetenter Leute! — dessen Erziehungssystem sinnlos in sich selbst, unsittlich für den einzelnen Menschen und darum heillos für das gesammte Menschengeschlecht ist; obwohl — oder vielleicht auch weil? — es dessen eifrigstes Bestreben war, das Christenthum aus den Schulen zu entfernen. Und wenn einmal der alte Dittes in Wien seine Streitaxt für immer begraben muß, so wird man, dessen sind wir sicher, diesen als den Helden des Jahrhunderts preisen. Ist das nicht sonderbar? Im höchsten Grade, aber es ist eben der Fluch derjenigen Weltanschauung, die sich auf dem Flugsands der öffentlichen Meinung aufbauen will. Wir sind nun durchaus nicht so einseitig und fanatisch, nur die Männer der eigenen Confession zu schützen, wie man im jenseitigen Lager vielleicht glauben machen möchte und dabei stets selbst diesem Fehler anheimfällt. O nein; auch wir wissen Pestalozzi in seiner ganzen Bedeutung zu schätzen; aber wir wollen die Sache nehmen, wie sie liegt, da uns die geschichtliche Wahrheit über alles geht. Alle und auch wir, die wir uns schon oft mit Pestalozzi beschäftigt haben, müssen denselben bewundern ob seiner Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit, seines Fleißes und seiner Demuth; auch wir re- spektiren die Tiefe seines Geistes, die Reinheit seines Willens und die Stärke seiner Liebe. Und was speziell die Schule, resp. die Methode des Unterrichtes betrifft, so wissen auch wir es in vollem Maße zu schätzen, die Anschauung als das Grundprincip alles Unterrichtes bezeichnet zu haben. Aber, so müssen wir denn doch fragen, sind jene Tugenden so rar, so selten anzutreffen, daß man aus denselben nun bei Pestalozzi ein solches Wesen machen muß? Wir wollen nicht etwa reden von den tausend Missionären, die mindestens so viel gethan haben und noch thun, oder ähnlichen Glaubenshelden. Nein, so weit wollen wir gar nicht schweifen. Wir möchten auf dem engern Erziehungsgebiete bleiben und nur auf einen hinweisen, auf Don Bosco. Den kennt freilich die liberale Presse nicht, weil er eine Blüthe aus katholischem Garten ist. Wir wollen derselben verrathen, daß uns das Wirken dieses schlichten Italieners denn doch noch mehr imponirt, als das Pestalozzi's. Vielleicht ist dieser kurze Hinweis im Stande, daß unsere Gegner sich auch einmal diesen Helden mit vorurtheilsfreien Blicken anschauen. Don Bosco baute auf den unerschütterlichen Fels des christlichen Glaubens; daher seine staunen- erregenden Erziehungsresultate; daher die Thatsache, daß er sich nicht so oft enttäuscht sah, wie der gute Schweizer. Am Ende interessirt man sich „drüben" auch einmal für das Urtheil eines Mannes, der wohl kein eigentlicher Pädagoge war, dem aber niemand Uukenntniß oder Parteilichkeit zum Vorwürfe machen wird. Der Protestant und Schriftsteller Wolfgang Menzel sagt in seiner Selbstbiographie von Pestalozzi, den auch er besuchte: „Der edle Mensch wurde hier von einer falschen und übertriebenen Vorstellung, die er sich von einer Menschheitsreform durch Erziehung gemacht hatte, und durch den Egoismus seiner Schüler in offenbare Thorheit, Schmach und Unglück fortgerissen. Als er später bankerott wurde, hat er noch die Irrthümer seines Lebens eingesehen und offen bekannt, insbesondere aber den Irrthum, daß er in seinem Erziehungssysteme nicht genug auf die Religion geachtet habe. Diese seine letzte Beichte macht ihm die größte Ehre." („Denkwürdigkeiten", x. 167.) Uebrigens gibt man gegnerischerfeits ja zum Theil L7 selbst zu, baß Pestalozzi so Manches abging, was Man an einer bedeutenden Persönlichkeit nicht vermissen möchte. Es ist doch, um nur eines Zu erwähnen, nicht gerade eine Empfehlung, wenn jemand zuerst Theolog, dann Jurist, hierauf Nationalökonom und zuletzt Pädagog werden will. Von einem solchen Manne muß man doch sagen, daß es in seinem Kopfe nicht ganz klar aussehen dürfte. Kein Wunder denn auch, daß sich bei ihm Enttäuschung an Enttäuschung reihte. Was das eigentliche Unter nichts gebiet anbelangt, so hat Pestalozzi, wie schon gesagt, die Anschauung mit Recht als das Fundament eines vernünftigen Unterrichtes betont. Aber werden das nicht vor ihm viele andere still in xraxi geübt haben? Und ist man seitdem nicht ins andere Extrem verfallen, dem auch schon sein Meister nicht zu entgehen vermochte: hatte jene didaktische Proklamation nicht so viele Uebertreibungen zur Folge, vor denen die pädagogische Presse heute wieder warnen Zu müssen glaubt? Um es zum Schluß kurz zusammenzufassen: Pestalozzi verdient mit Recht die Achtung jedes Mannes; an seinem Beispiele werden sich viele erwärmen können, die es mit Kindern zu thun haben. Aber es gibt so viele andere Persönlichkeiten, die nach der wirklich idealen Seite dem edlen Schweizer ähnlich, ja völlig gleich sind, ohne jedoch mit seinen vielen Fehlern behaftet zu sein. Ein Künstler ans dem Chiemgan. Von Christ. Scherm. Unter den bayerischen Gebieten war der Chiemgan von den Verwüstungen des dreißigjährigen Krieges verschont geblieben, denn die Wogen des Kampfes waren nur bis an den Jnn gebrandet. Aber die vielen zur Führung der großen Sache nothwendigen Contribuiionen und mehr noch die im Gefolge des Krieges auftretende Pestilenz hatten auch diesem Landstrich seinen Antheil an dem Jammer der Zeit zugemessen. Nach rühm- und ehrenvoll ausgefochtenem Streite richtete der Große Kurfürst sein Land zur alten Kraft empor, und im Glücke des Friedens schloß er das väterliche Auge. In diese Zeit führt uns die Betrachtung eines Künstlerlebens, das, im Chiemgau begonnen, mit der Heimath durch die Bande des BlnteS und werkthäiiger Liebe verbunden blieb und hier den Segen dankbarer Erinnerung genießt. Die Schulkinder des Filialdorfes Kammer der Pfarrei Otting kennen alle den Künstler, denn sein Bild als das des Stifters der Schule ziert das Klassenzimmer. Balthasar Permoser* *) lebt im Gedächtnisse der Gaugenossen als ein Meister in mehreren Künsten und Fertigkeiten. Ihnen ist er nicht bloß der große Bildhauer, der er war, sondern auch Maler, und sein Oelbild in Kammer wird hier seiner Hand zugeschrieben. Die Lnndleute halten ihn für den Fertiger einer sinnreich einfach hergestellten Uhr in einem Bauernhause von Fritzenweng. Einzelne kleine Elfenbeinschnitzereien im Privatbesitz, die als Pcrmoser gelten, deuten auf die steten Beziehungen, die den Künstler mit Elternhaus und Heimathgau verbunden hielten. Weniger aber als Bild und Name sind die Umstünde seines ') Vergl. den Aussah über P. vcn Gallcricinspcktor Gast. Müller im Dresdener Anzeiger 1885, Nr. 145, in erweiterter ^onn abgedruckt. in „Vergessene und bcilbverqesseue Dresdener Künstler des vorigen Jahrhunderts" von Gustav Otto Müller, Inspektor der Kgl. Gemäldcgallcrie. Dresden, Wilhelm Hofs- mann. 1895. Lebens und Wirkens in feiner Heimath bekannt. Seinen Landsleuten im Chiemgan sei also dieser Lebensabriß vor allen gewidmet. Im August des Jahres 1651 wurde „in dem Churbayerischen Dorf Kammer, Gerichts Trauenstein, dem Ehrbaren Christian Permoßer, Nenmayerbauern all- dort, und Anna, dessen cheweib", ein Knabe geboren, der am 13. des genannten Monats,") wahrscheinlich noch an seinem Geburtstage, „von dem Wohlehrwürdigen Herrn Johann Voller, damaligen Cooperatorn zu Otting und Cammer Christ-cathol. Gebrauch nach getauffet und von dem Ehrsamen Balthasar Mur, Bauersmann zu Alterfing aus dem hl. Tauff gehoben wurde." ^) Balthasar Murr, dessen Nachkommen noch heute in Alterfing wohnen, hat wohl nicht geträumt, daß dieses Pathenkind einst als „Bill Ehrngeachter und Kunstreicher Herr" in die Paläste reicher, mächtiger Fürsten berufen werden sollte. Aber das Bauernbüblein offenbarte schon frühzeitig sein Talent. Von Giotto. dem Vater der italienischen Malerei, wird die anmuihige Geschichte erzählt, daß er als Hirtenknabe den Künstler in sich gefunden und das Glück gehabt habe, von Meister Cimabus in dem Augenblick überrascht zu werden, da er eben seine Schäflein und die Landschaft mit Kohle auf einen Stein oder, nach einer anderen Fassung, in Sand gezeichnet hatte. Aehnliches berichtet die Tradition von zwei bayerischen Künstlern: von Balthasar Permoser und von dem etwas später lebenden Haidhauser Simon Träger. Während Balthasar angesichts der blauen Berge und des silbernen Sees auf der herbstlichen Weide die Kühe des Vaters hütete, vertrieb er sich die Zeit damit, daß er „auf seine Hirtenstäbe oder in anderes schlechtes Holz Köpfe, Thiere und sonstige Figuren schnitzte". Dieses Talent zur Plastik war so augenscheinlich, daß sein Vater ihm bei dem Dorfgenossen und Handwerksmaler Gnckcnbieler**) (Guggen- bichler) das Zeichnen lernen ließ und ihn dann um das Jahr 1663 in die nüchstgelegcne Kunststadt, nach Salzburg, zn Bildhauer Weißenkirchner°) (oder Weißkirchner) in die Lehre gab. Lesen und Schreiben hatte der Jüngling, wenigstens nach dem Zeugnisse des Malers Franz Christoph Jcmncck in Wien/) nicht gelernt. Bei Weißen- kirchner, der auf dem Erics in Salzburg wohnte, verbrachte Permoser seine Lehr- und wahrscheinlich einen Theil der Gesellenzeit. Von seiner Geschicklichkeit zeugten unter anderen zwei Heiligenstatnen in der Frcmzis- 2) »13. .-tuAiist 1651 baptmavlt lloaunss Lol i Laltlnw- sarum ül. IsA. (llrristiani Xuinavr st Lnnas uxoris. 8ns- osptor knit. Lalttzassar ölnr äs ^.ItorüuZ.- Aus dcn Matrikeln mitgetheilt vom gcgcnw. Koopcrator in Otting n. Kammer Hrn. Gottsr. Zicgler. Hiernach sind die irrthümlicben Angaben bei Müller 1. o, und in der Grabinschrift zu berichtigen. Vergl. die Inschrift an der Apollostatne im Albcrtinnm. °) Tanfzcugniß des Pfarrers Johann Georg Nnggenthalcr von Otting vom 4. April 1769, in der „Neuen Bibtiotbek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste" IX. Bd. S. 218. Dyck, Leipzig 1769. *) „Magazin der Sächsischen Geschichte" I. Theil, DreSden 1784. S. 149. Nach gütiger Mittheilung des H*«. Direktors Dr. Pctter in Salzburg war dies Wolsgang Weißenkirchner, der käwn 187? zugleich mit seinem Vater, dem Maler und Weinzaslgeber auf der Gstötten Wilhelm Weitzenkircbncr (und seinem jüngeren Bruder Vincciiz), das Bürgerrecht erhalten hatte. Woli's Wohnhaus auf dem Erics trägt jetzt die Nr. 31. Sein Solm Bildhauer Mathias Wilhelm Wcitzenkirchner hcirathete 1707 und starb 1727. Drüse von und an Christian Ludwig von Hagedorn, herausgegeben von Torkel Baden, Leipzig, Weidmann 1797. S. 210/11. 28 kanerkirche und eine Anzahl Statuen und Bildwerke für das Schloß Mirabcll. Leider war diesen, wie manch anderem seiner Werke, keine lange Dauer beschicken: sie gingen durch den großen Brand zu Grunde, der 1818 Mirabell zerstörte. Es kamen die Wanderjahre. Permoser ging zunächst nach Wien zu Meister Knacker (Knnker); in welchem Jahre ist ungewiß, vielleicht 1670. Nur kurze Zeit scheint Permosers Aufenthalt in der Kaiserstadt gewährt zu haben; dann folgte der junge Mann der Sehnsucht des Künsilerherzens, das klassische Land der Schönheit und der Kunst zu schauen. Er genoß die Pracht der reichen, noch meerbe- herrschenden Laguneustadt und erfaßte die doppelte Herrlichkeit der ewigen, einzigen Noma. Dauernd aber fesselte ihn das schöne Florenz, wo der vorletzte Medici, Cosimo III., Großherzog von Toskana, bald sein Gönner wurde. Hier, in der Heimath der Renaissancekunst, fand der Künstler gewiß entscheidende Anregungen für fein künftiges Schaffen. Er athmete die reine und liebliche Luft, der der alte Vasari zuschrieb, daß sie ungewöhnlich zarte und sinnige Geister erzeuge. 14 Jahre — nach allgemeiner Annahme (1671—1665?) — weilte und wirkte Balthasar auf italischem Boden. Hochgeschätzt am Hofe des stolzen Mediceers schuf er für diesen viele Arbeiten in Elfenbein und vor allem kleine Basreliefs. Für das Hauptportal der Theatinerklosterkirche meißelte er „zwei sehr schöne Statuen", allegorische Figuren, und für eine Nische der Fa^ade die Statue des hl. Kajetan. Wieviele und welche Bildwerke er in dieser langen Zeit sonst geschaffen, darüber fehlen die erwünschten Nachrichten. Sicher ist: sein Ruf drang über die Alpen nach Deutschland. Friedrich I. von Preußen, ehr- und prachtlicbend, legte einen besonderen Stolz darein, Freund und Förderer der Künste und Wissenschaften zu heißen. Der Stifter der Universität Halle war auch der Gründer der Berliner Akademie der Künste. Er berief Andreas Schlnter als Hosoildhaner nach Berlin. Um die Wende des Jahrhunderts folgte auch Balthasar Permoser?) dem Rufe dieses Fürsten. Hagedorn^) allerdings und nach ihm Gustav Müller 2) behaupten, Permoser habe die Berliner Aufträge von Dresden aus ausgeführt, wohin er schon unter Johann Georg III. (1680—1691) gekommen sei. Durch das sichere Datum einiger Dresdener Werke (1685 Saturn, 1700 und 1704 Lichtenburger Grabmal, 1707 großes Pferd) gewinnt diese Annahme hohe Wahrscheinlichkeit, wenigstens ist erwiesen, daß Permoser nicht erst seit 1710 für den Dresdener Hof gearbeitet hat. — In den Garten des von Schlüter eben fertig gestellten Schlosses Charlottenburg und in den fürstlich reußischen Garten lieferte Balthasar eine Reihe von Werken, die später zu Grunde gingen oder wenigstens verschollen sind: >o für Charlottenburg einen bogenschnitzenden Amor und das Kind Herkules als Schlangenwürger, beide aus Marmor; für den reußischen Garten eine Gruppe: Adam und Eva. In der 1730 infolge Blitzschlags abgebrannten ) „Er kani unter Friedrich I. nach Berlin." Nachrichten von Künstlern und Kunst-Sachen. Leipzia, Johann Paul Krauß 1769. Erster Tbeil. S. 68. 8) l-sttrs ü uu Lmatenr äs ta ksiutnrs avso äss bioiair- cissemsnts Listorignos ste. Drssäs, E. 0. IValtiier 1755. x. 334. Die gleiche Behauptung im Magazin der Sächsischen Geschichte. I. Theil. S. 148. .") G. Müller, Vergessene Künstler u. s. w. S. 9. Peterskirche zu Berlin standen zwei Werke Permosers, die durch das Feuer zerstört wurden: die marmorne Kanzel") und das allegorische Epitaphium des Medailleurs und Münzstempelschneiders Raimund Faltz (1658—1703). Dieses allgemein als hervorragend schön geschilderte Grabmal (Kupferstich von Sam. Blesendorf) hat Friedrich Nicolai gemeint, wenn er in einem Briefe an Christian Ludwig von Hagedorn") fälschlich von einem Epitaph des Malers Elzheimer in der Petrikirche spricht, einem „großen Werk", das die vier Haupttugenden in Alabaster vorgestellt habe. Es stellte nicht die vier Kardinaltngenden dar, sondern die drei göttlichen und die Geduld: die allegorischen Gestalten des Glaubens mit dem Kreuze, der Liebe mit einem Kinde auf dem Arm, der Hoffnung mit gefalteten Händen, auf einem Anker sitzend, und der Geduld mit einem Lämmchen im Schoße, das 1758, als Nicolai das Denkmal sah, allein noch übrig war. Seine zweite Heimath und schließlich die Stätte seiner Ruhe fand Balthasar Permoser in Dresden, wohin ihn der kurfürstliche Hof von Sachsen berief.") Permoser kam nach Dresden gerade zu Beginn der Jahrzehnte, die in der politischen Geschichte des Landes, noch mehr aber in der Geschichte der deutschen Kunst als die Glanzzeit des „deutschen Florenz" bekannt sind. Kurfürst Friedrich August I., der Starke, (1691—1733) wurde 1697 als August II. König von Polen. Der ebenso schöne, als kräftige und geniale Fürst hatte als Prinz die Heiterkeit des südlichen Lebens und die elegante Festespracht des französischen Hofes lieben gelernt. Auch für ihn wurde Ludwig der XIV. in seiner imponirenden Erscheinung und im überwältigenden Glänze seines Königthums das hohe Ideal des Lebens. Baukunst, Bildhauerei, Malerei, Gartenkunst, Oper und Schauspiel sollten zusammenwirken, eine der neue» Krone würdige KönigSstadt zu schaffen. So wurde Dresden der Sitz eines der prunk- und geschmackvollsten Höfe, eine Stätte mannigfaltiger und glänzender Kunstübung im Barock- und Nokokostil. Das ganze Leben war ein heiteres Götterfest, das der König gab, als Leiter, Dichter und Darsteller. Bis auf die Kostüme entwarf er die Programme seiner Feste, die den Inhalt so vieler Kunstwerke, den Charakter der Bauten und der Plastik erklären. Der majestätische, von August theilwetse selbstständig mit entworfene Bau des Zwingers, „festfreudig, von höchster Eleganz, königlich", ist ein Sinnbild des Herrschers, eine Verkörperung seines Hofes. Die Schätze des Grünen Gewölbes nennen seinen Namen, in seinem Dienste stand ein Pöppelmann als Baumeister, ein Louis Silvestre als Maler, ein Dinglinger als Juwelier, ein Mercier als Teppichweber, und als „Khönigl. Pohl. und Chur- sächsischer Hoff-Bildthauer" Balthasar Permoser. Das erste Dresdener Werk unseres Meisters ist Nachr. v. Künstlern u. Knnst-Sachcn 1768. I. Tbeil. S. 44. Neue Nachrichten von Künstlern nnd Kunst-Sachen, Dresven n. Leipzig bey I. G. I. Brcitkopi 1766. S. 5. Briefe von u. an C. L. Hagedorn, S. 253. Müller, l. e. S. 9 u. 10. Zu dieser Berufung erzählt daö Magazin der Sächsischen Geschichte, I. Theil 1764, S. 150, folgende Anekdote: „Der Herz. v. Florenz rüste ibn mit einem Gehalt von 1000 Thlr. an seinen Hof; aber AuaustuS' Gnade war ihm lieber, die er durch folgenden Sieg befestigt hatte. Es kamen zwei Franzosen und erboten sich mit ihm zu einem Wettstreite. Der König befahl Probefiguren zu machen; es geschah mit einer jungen Weibl. nnd der Sieg schwankte ungewiß: Balthasar verlangte eine alte ' Frau, und nun mußten sie ihn für ihren Sieger erkennen." Nach den bisherigen Feststellungen der „fliegende Saturn". Zum Andenken an den großen Brand in Altdresden 1685 ließ der Erbauer eines Hauses am Eingang der Augustusbrücke von Permoser aus ausgekragten Quadern an der scharfen Ecke einen geflügelten Saturn meißeln, von schönen, dem Raum angepaßten Verhältnissen, in doppelter Mannesgröße weit aus der Hausfront hervorragend und vom ersten Obergeschoß bis zum Dachrand reichend. Der Gott der Zeit hielt in der Rechten die Sanduhr hoch über sein bärtiges, langlockiges, oben aber kahles Haupt, und in der Linken, wett weg- gestreckt, die Sense, deren Schneide über seinem eigenen Nacken stand. Um die Lenden und Schenkel der sonst nackten Figur schlang sich fliegendes Gewand. Das Bild wurde 1788, 1830/31 und 1870 restaurirt. Es war ein vielbesprochenes Dresdener Wahrzeichen und wurde vom Volk der Tod genannt und mit allerlei Sagen umwoben. An dem Saturnhause soll das Feuer, das damals in wenigen Stunden fast ganz Altdresden (die jetzige Neustadt) zerstörte, still gestanden und deßhalb das Bild angebracht worden sein. Das Haus wurde nach dem Bilde „die Zeit" genannt und wich im Jahre 1874 dem Hotel Kaiserhof. Der Saturn verschwand unter einem verschlagenen Bogen der Elbbrücke, wo die Bruchstücke noch achtlos umherliegen;*^) Kopf und Sense sollen in Privatbesitz gekommen sein. Bei seinem Herrn stand der Künstler in hoher Gunst. Der König-Churfürst ließ ihm im alten Reit- haüse am Zwinger eine Werkstätte anweisen und ertheilte ihm manch ehrenvollen Auftrag. So sandte er ihn 1717 mit seinem Schüler und Gehilfen Paul Egell nach Salzburg, um Marmor zur Ausschmückung einiger Zimmer im Schlosse auszusuchen. Graf Flemming versah ihn zu dieser Reise mit einem Empfehlungsbrief an Fürstbischof Franz Anton von Harrach. Ein Jahr später hatte er für die Königliche Loge und für das Proscenium des neuen Opernhauses (1849 von den Insurgenten verbrannt) 6 Statuen und 2 Hermen zu fertigen, wozu er sich zwei Tannen aus dem Tharandter Walde auswählte.^) Bereits in das Jahr 1707 fällt die „von Sr. KLiügl. Majestät in Pohlen und Churfürst!. Durchlaucht zu Sachsen nilergnädigst verordnete Arbeit eines großen Pferdes, wozu er sich im Moritzburger Walde eine starke Eiche, zwei mittelmäßige Buchen und eine Linde aussuchte.'") Für Paläste und Gürten fertigte der Künstler eine große Zahl von Statuen. So arbeitete er 1715 und 1716 aus sächsischem Marmor die Figuren der Venus, des Apollo und der Minerva für die Nischen des Grottensaals im Zwingerpavillon (jetzt mineralogisches Museum). Apollo und Minerva standen bis vor kurzem an ihrer alten Stelle (durch Draperien verdeckt), sind aber jetzt auf der Treppe zum Lichthof des AlbertinumS. Venus ist von ihrem mit vier Delphinen geschmückten Postament*") verschwunden. Die Apollostatue trägt die *°) Briefl. Mittbeilung des Herrn Moritz Lauster. — Abbildung des Hauses und des Saturn in der „Festschrift des Hauses Canzlcr" (Hotel Kaiserhos), Dresden 1895. „Die vier Sklaven im großen Opcrnbanse, welche die Königlichen Logen irngen, waren, obwohl nur von Hol?, allgemein ^meisterhaft gemacht. Solche sind bei der von Bibiena — 1755 — vorgenommenen Veränderung dieses Opernhauses weggenommen — und verloren — worden." Nachrichten von Künstlern lind Kunst-Sachen 1763. S. 69 n. 70. M.mazin der Sächsischen Geschichte. Erster Theil 1784. S. 148. ' ") G. Müller, i. o. S. 14, 10. *°) Bergl. übrigens Müller I. o. S. 11. Inschrift: Istst. FvF. Kövi§ in kolk. unä Osturk. 2 u Luvst, stach auo äsn stissiZsu stanäwarinor vsrlsrtiASii lasssu äursst Laltstasar ksrwossv von 8a!?pur§. dats Zsmaestt ostns hlustsr in ssinsn 64igschon äastr 1715. Unter dem Minervabilde steht: L. ?. stats §s- masstt In ssiirsn 65i§8ch6n äastr 1716. Ein anderes Werk Permosers krönt den Mittelpavillou des Zwingers: der die Himmelskugel tragende Hercules. Gesicht und Körpermuskeln zeigen die Schwere der Last, die durch Unterschieben der Keule zwischen Kugel und Schulter weniger drückend empfunden werden soll. Auf der Unterlagplatte dieses Hercules steht des Meisters Monogramm: L. ?.") Gustav Müller hält auch die Nischenfiguren des Zwingerthorthurms: Ceres, Pomona, Bacchus und Vulcan für Permoser'sche Arbeiten, weil sie mit den Elfenbeinfigürchen des Künstlers im Braunschweiger Museum große Ähnlichkeit zeigen,*") ferner den Tambourinschläger im Garten einer Villa der Emser Allee in Blasewitz.") Auf Entwürfe von Permoser führt G. Müller vier Satyrnkaryatiden an den vier Rundgalerien des Zwingers zurück, die im 7jährigen Kriege von preußischen Schildwachen muthwillig zerstört wurden?") (Fortsetzung folgt.) Die Gründer des Hauses Bourbon-France. Von Charles Satnt Paul. (Fortsetzung.) II. Ludwig I. der Große. Dieser Fürst erhielt seinen Beinamen „der Große* theils mit Rücksicht auf die bedeutenden Leistungen, durch welche er sich im Staatsleben, von den Königen mit den wichtigsten und schwierigsten Missionen betraut, auszeichnete. wie auch in Folge der ihm verliehenen hohen Würden und der Vermehrung seines Besitzes, welche der Ausdruck des königlichen Dankes waren und das Hans Bourbon zu der bedeutendsten Stellung im französischen Reiche erhoben. Ehe wir auf letztere näher eingehen, wollen wir kurz die seiner Erhebung vorhergehenden biographischen Daten von Wichtigkeit in Betracht ziehen?*) Nachdem er im Alter von 17 Jahren (1297) vom König Philipp dem Schönen zu Cowpisgne in Gegenwart der Groß- vasallen und des Hofes vor Beginn des Feldzuges gegen Guy de Dampierre, den Grafen von Flandern und von Namur, zum Ritter geschlagen worden war, zeichnete er sich in der diesem Gegner gelieferten Schlacht von Furnes aus und trat auch in der später folgenden, für die Franzosen so unglücklichen Schlacht von Courtray (am 11. Juli 1302) durch seine große Geistesgegenwart und Festigkeit hervor, mit welcher er, den Nachtrab befehligend, die Neste der Urmee sammelte und für einen geordneten Rückzug sorgte. In dem zwei Jahre später gegen Flandern gelieferten Treffen von Mous-en-Puelle (13. August 1304) bewahrte er den König vor der Gefangenschaft. Die '*) Aus d. Thorpavillon gegenüber stand bis zum Brand von 1849 ein Atlas mit kupstrner Himinelökugel. Diesen stellte man beim Wiederaufbau nicht wieder her, sondern meißelte einen zweiten Herkules, nachdem man den Permoser'schcn znm Muster in GyvS abgeformt hatte. Dieser Ehpsabgnß steht jetzt im Albertimun. Müller I. e. S. 11. iciüm S. 44. ,> iclow S. 88. ! 2 )) Die Biographie dieses Fürsten in -Lllior, ^neien i Lonrbannai8 I, 437-473- ist zu berichtigen durch fta Zlurs, > Tom. II. (die Notizen des Grasen von Eoultrait) xa§. 16—32. 30 Flamläuder waren damals ins französische Lager eingedrungen und bereits beim Königszelte, so daß Philipp in ihre Gewalt gerathen wäre, znmal die Mehrzahl seiner Ritter bereits geflohen war, wenn nicht plötzlich Ludwig mit seinen Truppen herbeigeeilt wäre. Im Jahre 1309, nicht wie Du Cange und andere Historiker behaupten, im Jahre 1312, wurde der Fürst an Stelle des verstorbenen Grafen Johann von Dreux mit der Wurde des „Ostaradrier clo Trance" bekleidet, einer der vier höchsten Würden der Krone, deren Inhaber das Recht hatten, den Erlaß des Königs zu unterschreiben und dem Gerichte der Pairs beizuwohnen. Nachdem im Jahre 1308 zu Boulogne die Hochzeit der Tochter Philipps des Schönen, Jsabella, mit dem Könige von England, Eduard II., stattgefunden hatte, wurde er mit seinem Bruder Johann und dem Grafen von Valois beauftragt, die junge Königin nach England zu führen und deren Krönung in Westminster beizuwohnen. Der Friedens- und Bündnißvertrag, welcher im Jahre 1310 zwischen dem Kaiser Heinrich VII. und dem Könige Philipp dem Schönen abgeschlossen wurde und den er mit seinem Vater und dem Könige von Navarra unterzeichnete, soll insbesondere infolge seiner Bemühungen veranlaßt worden sein. Der Fürst erbte im selben Jahre das Bourbonnais und nahm im folgenden Maria von Hainaut zur Gattin. Dieselbe war die Tochter Johanns II., Grafen von Hainaut, Holland und Zeland. Ludwig hatte kurz vorher einen Streit zwischen ihrem Bruder Wilhelm und Robert von Böthune, Grafen von Flandern, der die Suzerünetät über die Grafschaft Zeland, die Wilhelm von Guy de Niche- bourg erworben hatte, reklamirte, beigelegt, indem er den Grafen von Hainaut veranlaßte, Robert, der sein (Ludwigs) Verwandter war, zu huldigen. Auf dem Concil von Vienne, während dessen er auch der Sitzung beiwohnte, in welcher Clemens V. die Auflösung des Templerordens verfügte, wurde er mit der Leitung des beschlossenen Krenzzuges betraut und begab sich sodann im Jahre 1314 mit seinem Bruder Johann nach Lyon, dem Versammlungsort der Kreuzfahrer; wegen der geringen Theilnahme konnte er aber den von ihm so begeistert gefaßten Entschluß nicht ausführen. Erst in diesem Jahre kam er wieder in das Bourbonnais, nahm Besitz von seinen väterlichen und mütterlichen Gütern und leistete in Souvigny dem Prior Etienne II. den usuellen Eid, die Rechte des Klosters und der Stadt Souvigny zu wahren. Der diesbezügliche Akt ist am 17. August des Jahres 1314 gezeichnet und im „'ksiasnnrus 8zst- vinjaosnsis" vorhanden gewesen.^) BemcrkenSwerth ist noch, baß unter Ludwig der Grund zu ferneren Streitigkeiten hinsichtlich des Münzrechtcs zwischen den Fürsten von Bourbon und den Mönchen von Souvigny, welch letztere alte Ansprüche aus dasselbe in dem Bourbonnais besaßen, gehoben wurde. Es wurden nämlich unter Philippe- le-Long energische Versuche gemacht, das Mnnzrecht einer großen Zahl von Baronen, Bischöfen und Klöstern zu beseitigen. Dasselbe war vielfach derart zu Fälschungen mißbraucht worden, daß die Münzen nur mehr Nominalwerth hatten und es schwierig war, sie in Circulation zu halten. Um diese Zustände zu bessern, machte man den Herren, die man ibres Rechtes nicht ganz berauben wollte noch konnte, den Vorschlag, ihnen eine Entschädigung für dasselbe zu bieten. Ludwig war der erste, welcher demselben folgte. Er trat dem Könige das Münzrecbt in ver Grafschaft Clermont und im Bourbonnais für 15,000 LivreS ab. Es scheint, daß er mit den Mönchen von Souvigny, denen er in diesem Rechte nur associirt war, zuvor unterhandelte, da doch deren Ansprüche nicht ignorirt werden konnten; jedoch kann man Urkunden, die hierüber Auskunft geben könnten, nicht finden. Nachdem er im Jahre 1315 den Aufstand des Adels, der seine alten Privilegien wieder erlangen wollte, gemeinsam mit dem Grafen von Valois im Auftrage des Königs durch das Zugeständniß der Prärogative, die der Adel zur Zeit der Regierung des heiligen Ludwig hatte, unterdrückt, kam er nach dem 1316 erfolgten Tode des Königs Louis-le-Hutin energisch dem Regenten Phtlippe- le-Long, dessen Bruder, gegen die Opposition, an deren Spitze der Herzog von Burgund, der Onkel der jungen Prinzessin Johanna, der Graf von Valois, der Onkel des Regenten, und der Graf von La Marche, sein Bruder, standen, zu Hilfe und war einer von denen, die besonders in der Versammlung vom 2. Januar 1317 dem Princip des saltschen Gesetzes den Sieg verschafften. Er hat offenbar wiederholt feilten Wunsch, das Kreuzzugsprojekt zu verwirklichen, geäußert und den König dadurch veranlaßt, ihn zur Leitung eines solchen ans- zuersehen. Es geschah dies am 13. September 1318, wie es in der in Longchamps gegebenen Ernennungsurkunde heißt,^) „nicht nur in Anbetracht seines hohen Adels, sondern mit Hinsicht auf seine Macht, seinen Werth, seine Klugheit und Weisheit." Daß er auch dieses zweitem«! an der Ausführung seines Vorhabens durch die Theilnahmslosigkeit des Adels und durch persönliche Verhältnisse gehindert wurde, hat ihn schmerzlich berührt. Letztere bestanden darin, daß er mit dem Grafen von Auvergne und mehreren anderen Herren seiner Verwandten Mahaut, der Gräfin von Artois und Tochter Roberts II., der in der Schlacht von Courtray gefallen war, zu Hilfe eilen mußte, da derselben ihr Neffe, gleichfalls Robert genannt, den Besitz der Graf- schaft Artois streitig machte. Die Gräfin wurde wieder in ihre Rechte eingesetzt, zur selben Zeit, als ein Erlaß der Patrskammer die Ansprüche des Neffen zurückwies. Ludwtg konnte seine Sehnsucht nach dem heiligen Lande und nach einer Herrschaft in demselben jedoch nicht unterdrücken und dachte immer wieder an sein Vorhaben, obwohl er auch in all' den langwierigen Kämpfen mit Flandern, die sich bis zum Friedensschlüsse von Paris am 5. Mai 1320 hinzogen, thätig war. Die Idee nahm ihn so gefangen, daß er schließlich, da er nicht selbst fortziehen konnte, von Eudcs von Burgund den Titel eines Königs von Theffalonien sich erwarb. Dieser hatte Ansprüche auf Morea durch das Testament seines Bruders Ludwig erhalten. Er fand aber, daß die Eroberung des Landes, auf welches überdies noch die Wittwe seines Bruders, Mahaut von Hainaut, ihre Rechte geltend zu machen suchte, zu schwierig war, und zog es deßhalb vor, das Fürstenthum und das Königreich Theffalonien an Ludwig von Clermont und seine Erben um 40,000 Livres (etwa 700,000 Franken) durch einen Vertrag vom 14. April 1320 abzutreten.^) Jedoch ereiferten ihn die Schwierigkeiten, die sich ihm entgegenstellten, immer mehr. Später, im Jahre 1332, schwur er auf eine Reliquie des heiligen Kreuzes, nicht mehr in Paris einzuziehen, bis er seinen Plan verwirklicht hätte; mußte sich aber, da er einsah, daß ihm sein Antheil an den Staatsgeschäften es unmöglich machte, den Eid zu halten, von Johann XXII. von demselben entbinden lassen. Um eine Stütze für die Durchsetzung seiner Pläne im Oriente zu haben, verband er 22) litres äs In Lkuii-on vncale äs Bourbon pur UuiUurä- LrSbolles^I. 259). ") Liehe auch: Oueunge, IliLtotrs äs Oonstuntiuopls eous lss Braueuis, liv. 8. zwei seiner Töchter mit Fürsten daselbst, nämlich Beatrix mit Philipp von Tarent und Rumänien, und Marie mit dem Thronfolger des Königreiches Cypern. Als nun am 1. Oktober 1333 Philipp von Valois mit den Königen von Böhmen, Navarra und Aragon das Kreuz nahm, war natürlich Ludwig der erste, der sich anschloß. Jedoch wurde erst drei Jahre später, während eines Aufenthaltes Philipps am Hofe Benedikts XII. in Avignon, ernstlich an die Ausführung des Beschlusses gedacht. Es kam damals auch der König von Serbien an den Hof des Papstes und bat um Hilfe gegen die vordringenden Türken. Der Papst predigte selbst am Charfreitag den Kreuzzug, und sein Wort zündete derart, daß man überall Anstalten zu demselben machte, dessen Führung der König selbst übernehmen wollte. Bekanntlich nöthigte aber das Auftreten Eduards III. von England Philipp vor allem zur Vertheidigung gegen diesen Gegner, und so konnte der Wunsch unseres Fürsten, der übrigens seinen Einfluß für die Versöhnung geltend machte, aber auch auf dem Congresse von Arras im Jahre 1341 nur die Verlängerung des Waffenstillstandes um 2 Jahre erlangen konnte, abermals nicht befriedigt werden. (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. * Die Jllustrirte Zeit. So betitelt sich eine neue Zeitschrift im Verlag von L. Weber in Düsseldorf. Preis 2 Mark per Vierteljahr. Sie erscheint alle 14 Tage, ist vornehm ausgestattet und gibt sich als „Rundschau für die christliche Welt". Sie will die brennenden Fragen der Gegenwart in den Kreis der Erörterung zieben, und zwar politische, sociale, gewerbliche, wissenschaftliche und technische Fragen, und daneben auch das Untcrhaltungsbedürfniß Pflegen. Es bandelt sich also um ein Mittelding zwischen einer politischen Zeitung und den illustrirtcn Nntcrbaltnngs-Zeitschriften. Die Idee ist nicht übel, aber fraglich ist uns, ob bei der Fülle von katholischen Zeitungen und katholischen Unterhaltnngsschriften, die gegenüber der liberalen literarischen Prodnction ohnehin zum Theil einen schweren Existenzkampf führen, eine weitere Vermehrung der Concurrenz im katholischen Lager besonders Vortheilhaft ist für die Sache selbst. Nun darüber wird der Erfolg des neuen Unternehmens selbst am besten richten. Die vorliegende erste Nummer enthält n. 2l. folgende Aufsähe: „Lernen unsere Kinder zu viel oder zu wenig?" „Die Jubilare deS Eentrnms" (mit vortrefflichen Porträts), „Eine wiedererstandene Cultur- stätte" (die Prämonstratenser-Abtei Krechtstcden), „Der biblische Joseph und die Denkmäler des Pharaonenlandes", eine „Politische Rundschau", eine große Zahl von Notizen aus verschiedenen Gebieten und den Ansang eines Romanes „Heimathlos" von Hekt. Malot, u. s. w. NepetitionSbüchlein zur Wiederholung des Nothwendigsten aus dem Katechismus rc. EinBeitrag znrKatechismusfrage. (Drei Bändchen zusammengebunden 60 Ps. Köscl, Kempten.) * Hierüber schreibt uns ein langjähriger erfahrener Katechet aus dem -Oberland: Das Rcpetitionsbücblein hat mir mit seinem I. Bändchen gar frolie Hoffnungen auf einen guten, bedeutenden Fortschritt in der Lösung der brennend gewordenen KatechismnSfrage erweckt — mit seinem dritten, vor uns liegenden Bändchen hat es diese frohen Hoffnungen vollauf bestätigt. Das Büchlein ist mehr geworden, als was sein Name besagt: es dürfte kühnlich als die Grundlage eines Schul- und Volks- KatcchiSmnS bezeichnet werden, wie man ihn braucht und wie man ihn seit Jahrzehnten sucht. Ich will nicht sagen, daß das Ziel schon erreicht worden, aber das Bücklein ist demselben nahe gekommen. Dasselbe folgt im Allgemeinen und in den einzelnen Abschnitten dem Gang des Deharbe'schen Katechismus. Das Repetitionsbüchlein dürfte in seinem Großdrücke so ziemlich alles das enthalten, was die Kinder zu wissen nothwendig haben und dies in einer Sprache, wie der Schulmann sie spricht, einfach, unmittelbar, concret, Abstraktionen, wo nur immer möglich, vermeidend. Auf diese Weise würde von vorneherein die harte unnöthig Zeit raubende, nur zu oft erfolglos bleibende Arbeit der Worterklärung, großentheils Hinwegfallen. Daß ein solches Neli- gionsbüchlein auch ohne Katecheten in Nothfällen zum Selbstunterricht Dienste leisten kann, ist ein für unsere Verhältnisse nicht zu unterschätzender Vortheil. Durch Wegfall vieler Worterklärnngen fände der Katechet die Zeit zu so manch' anderer praktisch religiöser Unterweisung der Jugend, und im Besondern die nöthige Zeit, um den Einfluß der göttlichen Wahrheit auf Verstand, Gemüth, Wille und Leben des Kindes im Unterricht zu fördern. Anleitung und Anregung dazu gibt ihm der Kleindruck im Repetitionsbüchlein. Derselbe könnte, weil nicht zum Auswendiglernen bestimmt, aber die Vorbereitung des Katecheten ganz bedeutend erleichternd, ohne Schaden, ja mit Nutzen durch weitere kurze Andeutungen, namentlich Hinweise auf die biblische Geschichte, noch vermehrt werden. Wir rufen jedem Katecheten, doppelt dem Anfänger das „tolle, lege" zu. Das Büchlein thut bei jedem Katechismus dankenswerthe Dienste, um sich in Auswahl des Denkstoffes zu beschränken und überschaulich in verständlicher Form die einzelnen NeligionSwahrhciten dem Verstand und dem Herzen des Kindes nahe zu bringen. Von Interesse mag die Notiz erscheinen, daß gleichzeitig auch in Amerika eine Rcformbewegung in der Katechismusfrage in Fluß gerathen und einen neuen, äußerst beachtenswertben approbirten Katechismus von W. Färber, Vfarrer in St. Louis, zu Tage gefördert hat. Ein Vergleich desselben mit dem obengcnannten Büchlein dürfte von besonderem Werthe sein, denn nirgends mehr als hier gilt — die Verfasser des NepetitionSbüchleinS sind davon überzeugt — nsitis viribus! Für eine Neuauflage empfiehlt sich für den Großdruck eine noch größere, wenigstens fettere Schrift, damit derselbe vom Lesestoff für das Auge des Lesenden deutlich sich abhebe. Schließlich Allen die zur Herausgabe des Büchleins mitgeholfen, ein wohlverdientes Oratnlor Sagen, Gebräuche und Sprich Wörter des Allgäns. Von Dr. K. Reiser. Verlag von Kösel in Kempten. Preis des Heftes 1 Mark. * Das vorliegende 4. Heft dieser verdienstvollen Arbeit bringt eine reiche Fülle von Material und bietet vielfach ein lustiges Lesen über Hexen und Trndcn, Zauberei und Schwarzkünstler, dann Natnrmythcn und Sceensagen, Sagen über versunkene Schlösser und Dörfer. Zahlreiche Illustrationen schmücken das Heft. _ Ta usen d Jahre Bayerns unter Scheyern-Witt els- back>, 895-1895. Erinnerungen an Fürsten, Land und Leute von Jgnaz Ricdle, Pfarrer in Endorf, Mitglied des historischen Vereines von Oberbayern. Frcising, Dr. Franz Paul Datier er. Preis 50 Pfg. * Herr Pfarrer Ricdle hat sich eine ebenso patriotische als dankbare Aufgabe gestellt. Er führt uns in seinem Buche die Geschichte Bayerns in zusammenhängender knapper Fassung vor und widmet den Episoden, die ein besonderes Interesse verdienen, besondere Beachtung. Zum tansendjäbrigcn Regier- unasjubilänm des Hauses Scheyern-Wittelsbach hätte keine passendere Gabe erscheinen können. Es ist die Entwicklung des Hauses WittelSbach in außerordentlich übersichtlicher unv verständlicher Form bebandelt, mit peinlicher Genauigkeit und leicht faßlich für Schüler sind die verschiedenen Teilungen und Kriege der WittclSbacher unter sich, die Machtstellung der Wittelöbachcr in allen Zeiten, die finanzielle Lage des Hauses und des Landes, kurz Alles zusammengestellt, was ein Bayer von der Geschichte seines Landes und seiner Dynastie wissen muß. Als Anhang ist eine Geschichte des Hochstifts Freisinz beigebeben. _ Grill, Handbuch des bayer. Staatsbürgers. Verlag der C. H. Bcck'schcn Buchbandlung in München. * Von diesem trefflichen Werk, das in 10 Lieferungen s 80 Pfg. vollendet sein wird, liegt nun bereits die 7. und 8. Lieferung vor. Sie umfassen n. Ä. sociale Materien (Vcrehe- lichnngswescn, Armenpflege, Kranken-, Unfall-, Alters- und Invalidenversicherung), sodann die Verwaltung aus dem Gebiet des wirthscbafil. Lebens (Handels- und Gcwerbekanuner, Zollgesetzgebung und Handelsverträge des deutschen NeicbeS. das Bankwesen, Maß- und Gcwicbtswesen, bayer. Verkehrswesen). Die Darstellung und Anordnung ist überall klar und geeignet, den nicht juristisch gebildeten Staatsbürger in gemeinverständlicher Weise mit den wichtigsten Zweigen des Reichsund Staatswesenö und der Verwaltung desselben vertraut zu machen. 32 Erinnerung an meine Jugend, ein Geleit- und Gcdeuk- buck für unsere Kinder. Von Adolf Müller, Stadt- kaplan in Augsburg. Regenöbnrg bei H. votier. Ein ganz eigenartiges Buch, in welchem ein guter Gedanke sinnig ansgefükrt wird: cS soll die Memorabilien des Kindes in Wort und Bild festhalten: Gebunstag und Geburtshaus, Taufe und Täufer, Firmung, Palhcn, Vater und Mutter, Gc- sckwistcr und nähere Verwandte, Schulzeit. Lehrer, Katecheten, Pfarrer, erste Beicht und Conrmuiiion. Wenn Eltern sich das Buch anschaffen und zu gegebenen Zeiten in die vorgesehenen Umrahmungen die betreffenden Photographiern einkleben, sowie die einschlägigen Daten einschreiben, kommt für das Kind ein durch das ganze Leben werthvollcs Andenken zu Stande. Das Buch wird in prachtvollem Einbande geboten. K. Deutscher Hausbesitzer-Kalender für 1896. Im Auftrage des CcntralvcrbandcS der HauS- und städt. Grundbesitzer-Vereine. Von Nechtöanwalt Dr. GünSburg. Berlin, Verlag von N. Kühn, Leipzigerstr. 115. * Der Zweck des Kalenders erhellt aus seinem speziellen Titel. Es finden sich darin zahlreiche praktische Abhandlungen und Informationen, die, soweit sie auf reichörechtlimer Basis beruhen, auch für die süddeutschen Interessenten von Bedeutung sind. Die Ausstattung ist gut und gefällig. „Die heilige Familie." Monatschrift für die christliche Familie, insbesondere für die Mitglieder des allgemeinen frommen Vereins der christlichen Familien zu Ehren der hl. Familie von Nazaretb. Herausgegeben von mehreren Welt- und Ordenspricstern. Jährlich 12 Hefte, 16 — 32 Seiten stark, mit Illustrationen. Preis M. 1.—, mit Post direkt M. 1.10. Durch mehrere bischöfliche Empfehlungen ausgezeichnet. Verlag von Dr. Franz Paul Dattcrer in Freising (Bayern). IV. Jahrgang, Heft 1 soeben erschienen und enthält: Neujahr-Gedicht. Ueber die gute Meinung. Zur Geschichte der häuslichen Gesellschaft. Zum Namen Jesu-Fest. Etwas aus Japan. Frevel und Strafe. Die Anbetung der bl. drei Könige mit Bild. Die Mutter des HI. Franz von Salcs. Das ehrliche Mädchen. Eine schöne Antwort im Munde eines Kindes. Allerlei. Ablaßtage. — Abonnements bei allen Buchhandlungen, Postanstalten und unseren Agenten. Die Afrika-Zeitschrift „Kreuz und Schwert", hcrausg. von W. Helmes in Münster, hat auch in ihrem abgeschlossenen III. Jahrgang an Verbreitung und Wirkung wieder zugenommen und es auf 12.000 Abnehmer gebracht; und die Gaben, welche sie für afrikanische MissionSzwecke seither einsammeln und abliefern konnte, belaufen sich bereits aus 30,000 M. Möge sie auch im neuen Jahrgange weitere Tausende von Abnehmern wie an frommen Gaben gewinnen! Der sehr niedrige Preis bleibt 75 Pf. für daö Halbjahr, 90 Pf. bei portofreier Zusendung. Das 1. Heft des neuen Jahrgangs zeigt eine angenehme Verbesserung. Es bringt noch mehr Text als bisher und 2 schöne Vollbilder. Außer den amtlichen Veröffentlichungen des Asrika-Vcreins fanden wir darin Originalbriefe von Missionären auS Afrika, Togo, Kamerun, vom Sambesi und aus dem Kaffernlande, alle sehr unterhaltend. Bei der Firma Eberle L Rickenbach in Einsiedeln (Schweiz) und St. Ludwig (Elsaß) erscheint eine „Katholische Zehnpfcnnig-Bibliothck", welche sehr viele gute Erzählungen von hervorragenden katholischen Schriftstellern enthält. Es sind hübsche, gebundene Heftchen, welche um den fabelhaft billigen Preis von 10 Pfennig per Nummer zu haben sind, so daß man für 10 Mark eine ganze Bibliothek von 100 Nummern erhält. Jede Nummer hat 64 Seiten. Miscellen. 6. (Eine statistische Berichtigung.) Ueber die katholische Mission in China ging unlängst ein irrtbümlicher Bericht durch die Presse, welchen die „kath. Missionen" Nr. 12 richtig stellen. — Mit Berufung auf daß Zeugniß des Protestanten vr. G. E. Morrison wurde im Bericht ein Vergleich zwischen der katholischen und der protestantischen Mission ausgeführt, der glänzend zu Gunsten der ersteren ausfiel. Dabei gab aber Morrison die Zahl der Katholiken Chinas offenbar Viel zu hoch an. Er sagt, daß allein „die Jesuiten jährlich über 4000 bekehrten und China 1,200,000 Katholiken zähle. Thatsächlich ist die Zahl der eingebornen Katboliten nach den Ilis- sionss datiiolieas 1895 (Propagandaberichk) bloß 581,775. Vielleicht hat der wohlmeinende Reisende irrrbümlich die Katbo- likenzabl der indochinesischen Millionen Hmienndicnü (1895: 769 660) dazu gerechnet, waö eine Gesammtzahl von 1,351,435 ergäbe. Aehnlich dürste die Schätzung des deutschen Reisenden v. Hesse-Wartegg auf 1,072,818 zu erklären uns zu corrigiren sein. Was sonst Herr Morrison über die Unfruchtbarkeit der protestantischen Propaganda sagt, fechten wir nicht an. 0. (Das Vordringen des Islam in Vortu giesisch- Ost-Afrika.) Nach der Schätzung eines mit den Verhältnissen sehr gut bekannten Correspondemen der „katholischen Missionen" wohnen allein in der Jnsclstadt Mozainbique gegenwärtig schon über 5000 sogenannte MonhöS, d. h. znm Islam bekehrte Neger, ca. 2000 eigentliche MonroS (Mauren), ca. 1000 indiiche Baui- anen, ca. 1000 andere heidnische Jndier und vielleicht 1000 europäische oder goancsische Christen. Der Handel ruht fast ganz in der Hand der Mohammedaner und Banianen, und der reichste Mann der Stadt soll ein Baniane sein. Sobald die neu angekommenen Schwarzen einige Wochen in der Stadt sind, siebt man sie bereits im weißen arabischen Hemde und mit Turban auf dem Kopfe cinherstolziren. Sie sind im Dienste eines Moölini, d. b. sie sind Molwö geworden. AIs solche dürfen sie freilich nickt die Moscheen der eigentlichen Moslemin betreten, allein ant Ponta-da-Jlha stehen zahlreiche Scrohbautcn, die als Moscheen dienen und wo fanatische Denvi'cke und MaraSnts den Koran lehren. lind was hier im Kleinen geschieht, wiederholt sich aus dem Festland längs der Küste überall ini Große». Wie traurig muß dies ein katholisches Herz berühren! Am Schluß des mohammedanischen Ramadan, am Osterfeste der Moslemin, sab unser Gewährsmann, wie die Blechmusik der portugiesischen Lreola ü'artss s okücüos sich dazu bergab, in voller Iluisorm bei der lärmenden Prozession der MonroS und Mondes mitzuwirken — und dies für lumpige 14 Mark! Daß die Gesetze gegen den Sklavenhandel bei solchen Zuständen im portugiesischen Gebiete vielfach nur auf dem Papiere bleiben, ist klar. Armes Portugal, wie hast du deine glanzvolle Vergangenheit vergessen! ä. 6. (Bcuroner Benediktiner in Südamerika und Entdeckung eines KirckensckatzcS.) Durch die kirchemeiudliche Regierung Brasiliens in den lctzren Decennien wurde die (im Jahre 1827 vereinigte) Benediktincr-Congregation in Brasilien zum Aussterben vernrtbeilt. Im Jahre 1883 zählte die Congregation neck 37 Mönche in 7 Abteien und 4 Primaten. Die endlich erfolgte Trennung von Kirche und Staat — so verwerflich sie auch an sich ist — ermöglichte die Neubclebuug dieser Congregation. Nach dem weilen Plane des Papstes Leo XIII. soll der alte, in den laugen Kämpfen und Leiden sehr geschwächte Stamm dieses Ordens durch einen frischen, kräftigen Sprößling neu verjüngt werden; und zur Lösung dieser Ausgabe wurden Mönche aus dem berühmten Benediktiner- Kloster Beuron berufen. Am 17. August l. Iß. trafen die Berufenen — 15 an oer Zahl — in Pernambuco ein (4 Profeß- paircs, 2 Brüder-Novizen, 7 Laienbruder, 2 Ponulanten). Von hier aus ging der Zug durch eine wahrhaft paradiesische Landschaft nack Olinda — dem Ziclorie. Olinva, dessen Name aus dem entzückten Ausruf „O Linda!" sO Schöne!) entstanden sein soll, hat seine frühere Größe und Bedeutung verloren und hat nur noch 2000 Einwohner. Es liegt malerisch an einem Hügel-Gelände, von dessen unterm Abhang die Abtei beruiedcr- grnßt. Die neuen Apostel wurden von den versammelten brasilianischen Aebten herzlich empfangen, und der greise Abt von Olinda weinte Freudenthräncn. Feierlich wurden die Bcuroner Mönche in die öde Klosterkirche geleitet. Als sie dann ihr neues Heim in Augenschein nahmen, erkannten sie mit freudiger Genugthuung, daß wenigstens der äußere Anblick ein großartiger war und gegen alle Erwartung keine Spur des Verfalles zeigte. Die ersten Tage schon brachten den neuen Kloster-Insassen eine große und freudige Überraschung. Als sie hinter dem Hochaltare Jagd auf die vielen Fledermäuse machten, fanden sie ein geheimes Versteck. Sie erbrachen ein Tbürchen, das in eine Mauervertiefung führte. Hier lag — welch' ein Erstaunen — der Kirchen schätz: eine große Anzahl von Kelchen und Ciborien, eine große Monstranz mit kostbaren Steinen, das Kreuz eines Abtes, Platten und Känncken, ein Dutzend ungeheuer großer Lampen rc. rc. — alles aus reinstem massivem Silber. Der Generalabt wußte zwar, daß ein Schatz vorhanden, hatte jedoch denselben nie gesebcn. Wie lange schon mag der Kirchenschatz in seinen alten Kisten gelegen haben? Vcrantw. Redacteur: Ad, Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. 8 . 31 . IM. 1896 . Christoph von Stadion, Bischof von Augsburg, nnd seine Stellung znr Reformation. L. X. Es war am 12. April des Jahres 1517, als der Bischossstuhl des hl. Ulrich zu Augsburg durch den Tod Heinrichs von Lichtenau verwaist wurde.* *) Schon am 5. Juli desselben Jahres empfing dessen Nachfolger Christoph von Stadion zu Dillingen die bischöfliche Weihe?) Sein Regierungsantritt fällt also zusammen mit dem Auftreten jenes Augustinermönches von Witten- berg, der durch die 95 Thesen, die er am 31. Oktober 1517 gegen die Ablaßpredigten des Dominikaners „Johann Tctzel" an der Allerheiligenkirche zu Wittenberg anschlug, den Kampf gegen Papstthum und Kirche ankündigte. Es war dies Martin Luther, Professor der Theologie an der Universität Wittenberg, der so die nächste Veranlassung zu der großen Neligionsbewegung des 16. Jahrhunderts in Deutschland gab, die sich nicht nur auf ihr Entstehungsgebiet beschränkte, sondern immer weiter und weiter um sich griff und sich bald auch über einen großen Theil des südlichen Deutschlands erstreckte. Natürlich blieb auch das Bisihum Augsburg nicht verschont, war ja Luther selbst im Jahre 1518 auf dem Reichstage zu Augsburg anwesend, ^) und sehr bald wurde auch der neue Bischof Christoph von Stadion mit in die Bewegung hineingezogen. Das Verhalten der Geistlichen zu der neuen Lehre war ein sehr verschiedenes, und es gab leider nicht wenige, die dieselbe bereitwillig aufnahmen. Namentlich war es der niedere Klerus, der Luthers Worten ein geneigtes Ohr schenkte, und gerade ausgesprungenen Mönchen verdankte die neue Lehre die weiteste Verbreitung. Aber auch unter der höheren Geistlichkeit fanden sich welche, die sich von der althergebrachten katholischen Kirche lossagten. Ich will nur erinnern an den Hochmeister des deutschen Ordens Albrecht von Brandenburg, der sich von Luther bereden ließ, das ihm unterstellte Ordensland Preußen in ein weltliches Herzogthum umzuwandeln, mit dem er sich dann 1525 vom Polenkönig belehnen ließ. Im darauffolgenden Jahre vcrheirathete er sich mit einer schwedischen Prinzessin?) Doch wie dieser fahnenflüchtige Kirchenfürst wagten es nicht alle, sich offen von der katholischen Kirche zu trennen, und es gab manche, die zwar in ihrer Gesinnung ganz und gar Lutheraner waren, die jedoch äußerlich bei der alten Kirche blieben, indem sie durch offenen Uebertritt zu Luthers Lehre ihr Einkommen und ihre Macht zu verlieren fürchteten. So war der Cardinal Albrecht von Brandenburg, Erzbischof von Mainz, der mehr humanistisch als theologisch gebildet und mehr weltlich denn geistlich gesinnt war, wenigstens anfangs Luthers Lehre sehr zugethan?) Ebenso find die Urtheile ') Geschichte der Bischöfe von Augsburg von Placidus Braun, 3. Band (Augsburg 1814): Seite 174. 2) Ebd. S. 186. °) Ebd. S. 206. *) Jausien, Geschichte des deutschen Volkes, 3. Vd. (Frei- burg i. Br. 1883): Seite 73 f.; 76. °) Diese Ansicht vertritt Jakob Map: „Der Kurfürst, Cardinal und Erzbischof Albrecht von Mainz und Magdeburg". 2 Bände, München 1865. — Dagegen sucht H. Grcdp nachzuweisen, daß derselbe insbesondere als „feststehend in seinem katholischen Glauben und als ein steter Gegner der Empörung gegen die althergebrachte kirchliche und staatliche Ordnung erschien" (Cardinal-Erzbischof Albrecht II. von Brandenburg in seinem Verhältniß zu den GlaubenSneucrungen, Mainz 1891: Vorrede Seite IV). über Christoph von Stadion sehr verschieden, und manche lauten für ihn ziemlich ungünstig. Im Nachfolgenden will ich nun die Fragen zu lösen versuchen: Welche Stellung nahm Christoph zur neuen Lehre? War er in seiner Gesinnung Katholik oder hing er der Lehre Luthers an? Christoph von Stadion stammt aus der schwäbischen Adelsfamilie von Stadion, wurde 1478 wahrscheinlich zu< Schelklingen in Württemberg geboren, bezog 1490 die Universität Tübingen, wo er 1491 Baccalaureus, 1494 Magister wurde, ging einige Jahre später zum Studium des geistlichen Rechtes nach Bologna, erwarb sich hier den Doktorgrad und kehrte, reich an Bildung und Kenntnissen, im Jahre 1500 nach Deutschland zurück. Er widmete sich dem geistlichen Staude, wurde bald bischöflicher geistlicher Rath zu Augsburg, 1507 Domherr, dann Official, 1515 Domdekan daselbst und erhielt den Rang eines kaiserlichen Rathes. Der altersschwache Bischof Heinrich von Lichtenau wählte bald darauf mit Zustimmung des Domkapitels den Domdekan von Stadion zum Coadjutor, und als solcher wurde er von Papst Leo X. mit dem Rechte der Nachfolge bestätigt. Nach dem Tode seines Bischofs nahm er sodann Besitz vom bischöflichen Stuhle zu Augsburg?) Man begrüßte den hochbegabten, gelehrten, klugen, milden und eifrigen Mann mit freudigen Hoffnungen als Bischof, und sein erstes Auftreten war auch ganz geeignet, dieselben zu rechtfertigen. Schon auf den 1. Oktober 1517 berief er die Geistlichkeit seines Bis- thums zu einer Synode nach Dillingen, bet welcher er persönlich eine geistreiche Rede voll christlich frommer Gesinnung und apostolischen Eifers hielt?) Besonders mahnte er in dieser Rede seinen Klerus zu Tugend und Demuth, er belehrte denselben, wie er das Fasten, das Beten, den Gottesdienst n. dgl. zu verrichten habe, und forderte ihn zu einem reinen und festen Glauben auf. Der neue Bischof tadelte aber zugleich auch mit scharfen Worten die Schwelgerei und den Luxus der höheren Geistlichkeit und warnte seinen Klerus vor solch unwürdigem Lebenswandel?) Wie diese Rede, so bezweckten auch die Dekrete, die auf dieser Synode verkündet wurden, hauptsächlich Abstellung von Mißbräuchen und Hebung der Kirchenzucht. Im Anschluß an die Synode ordnete der Bischof auch eine Visitation der Diöcesc an, um die mehrfach tiefgesunkcnen Zustände derselben zu bessern und das religiöse und sittliche Leben zu heben. Dieses wichtige Amt übertrug er den einsichtsvollsten °) Stcichele in „Allgemeine deutsche Biographie" 4. Band (Leipzig 4876): S. 224. ') Ob die Rede bei Beginn oder am Schluß der Synode gehalten wurde, darüber gehen die Berichte auseinander. Braun, Gesch. d. Bisch. v. Augsb. III. 167, setzt sie an den Ansang der Synode, Strichele dagegen, ferner Haas (Wetzcr und Welle, Kirchenlexikon: Christoph von Stadion, I. Band sFreiburg 1947) Seite 145) setzen sie an den Schluß. Letzterer meint, es widerspreche der Schluß der Rede der Ansicht Brauns. — Ltvinor, Vota ssleota bloelesiao LnZnatanas (Vntz'U8tao Vinäs- liooram LIO60I,XXXV) xa.K. 56: In boo Lznoäo ipss Obristopborns Oratoria innnoro tunotns ost; Anmerkung: lüpiloAo aolliAitur, suvssgusntoin oratäcmew all üuew Lxuoeil taisso babitaiu. °) Braun, Geschichte d. Bisch. v. Augsb. III. 187-189 (theils Inhaltsangabe, theils wörtliche Citate der Rede in deutscher U.-bcrsetzung; wortwörtlich: Steiuer, Leta, Zelsota, xsL- 53-70). ^ / 34 und tugendhaftesten Männern, unter ihnen Johann Altensteig.o) Mit den besten Absichten hatte also Christoph von Stadion fein verantwortungsvolles Amt angetreten, und unverkennbar ist sein Streben, seine Diözese ganz nach den Grundsätzen der katholischen Kirche zu regieren. Dem Eifer, den der Bischof aus der ersten von ihm gehaltenen Synode für die katholische Sache zu Tage gelegt, entspricht auch die entschieden schroffe Stellung, mit der er anfangs gegen die neue Glanbensrichtung, die sich sehr bald auch in seinem Bisthum bemerkbar machte, auftrat.^) Zeuge davon ist sein Verfahren gegen Caspar Aquila, Pfarrer zu Jengen. Derselbe hatte sich schon vor Luthers Auftreten, im Jahre 1516, mit einer Wittwe verhcirathet und begrüßte in Folge dessen freudigst Luthers Lehre, in der er sein Verfahren gerechtfertigt fand. Er las fleißig Luthers Schriften und begann ganz offen im Sinne der Neuerung zu predigen. Wegen Bruchs des Cölibates und Verbreitung ketzerischer Lehren wurde er, als der Bischof davon gehört hatte, nach einigen vorausgegangenen fruchtlosen Ermahnungen auf einen Karren geschmiedet und nach Dillingen gebracht, wo er in strenger Kerkerhaft ein halbes Jahr lang gefangen gehalten wurde. Da aber Aquila ein nicht unbedeutender Mann und aus einer sehr angesehenen Familie Augsburgs war, erregte dieses Verfahren großes Aufsehen; dennoch ließ sich der Bischof trotz vieler Fürbitten nicht milder stimmen. Der Gefangene blieb in Hast, bis ihn des Kaisers eigene Schwester, die Königin von Dänemark, losbat, und auch da ließ ihn der Bischof nur ungern frei und mit dem ausdrücklichen Befehl, binnen weniger Stunden die Diözese mit Zurncklassuug all feiner Habe zu verlassen. Ja, es hieß sogar, Aquila hätte am nächsten Tage hingerichtet werden sollen.") Ein anderes Beispiel davon, mit welcher Strenge Christoph gegen sittenlose und unbrauchbare Kleriker verfuhr, ist der Abt Franz von Donauwörth, der, ohne sich im mindesten um die religiösen Dinge zu kümmern, mit seinen Blutsverwandten, seinen Freunden und andern „losen Leuten" sorglos dahinschmanste und schwelgte, zur Strafe hiefür aber zu lebenslänglichem Gefängniß veruriheilt worden war.") Ebenso wurde Kaspar Haslach, der erste Jklhaber der 1522 in Dillingcn errichteten Predigerstclle, im Jult 1522 vor die bischöfliche Kurie geladen, um sich wegen einiger allzufreien Aeußerungen und wegen seiner Sympathie für Luthers Meinungen zu verantworten. Doch fand man keinen Grund, mit Strafe gegen Haslach vorzugehen.") Wir ersehen aus diesen drei Beispielen, wie energisch Christoph von Stadion sich dem Eindringen der neuen Lehre in den Weg stellte und wie sehr er auf die Sitten- reinheit seines Klerus bedacht war. Allerdings meint Zapf, ein eifriger Vertheidiger Luthers ") und ein Feind der entschiedenen Vertreter der katholischen Lehre,") der Bischof sei „von seiner Klerisei" zu derartigen „nicht rühmlichen Handlungen aufgehetzt worden". Derselbe schreibt auch von dem Reichstage zu Augsburg im Jahre 1518, auf welchem eine Unterredung zwischen dem Kar- ") Braun, III. 199. ") Allgemeine deuische Biographie, IV. 221. ") Zapf. Christopb von Stadion, Bischof von Augsburg (Zürich 1799), Seite 15 s. ") Geschichte des Klosters zum Heil. Kreutz in Donauwörth von Cölestin KönigSdorfer (Donaawörtb 1825) 2. Vd-, S. 1 f. ") Akten des bischöflichen Archivs Augsburg. ") Vgl. Zapf, Chr. v. St., Seite 10, 14 u. a. '°) Bgl. ebd. S. 16. 71 u. a. dinal Cajetan, dem päpstlichen Legaten, und Luther stattfand, über Christoph von Stadion, wie folgt: „Wie sich der Bischof von Stadion bet dieser merkwürdigen und wichtigen Begebenheit benommen, ob er sich mit Lnthern ebenfalls unterredet, davon schweigt die Geschichte; es ist aber zu vermuthen, daß er dabei ein aufmerksamer Zuhörer war. .... Sicher hätte er mehr verstanden, als der päpstliche Legat Cajetan verstanden hatte."") Zapf glaubt also, schon im Jahre 1518 in Christoph von Stadion eine für Luther günstige Stimmung suchen zu dürfen. (Fortsetzung folgt.) Ein Künstler aus dem Chiemgan. Von Christ. Scherm. (Fortsetzung.) Der „Große Garten" in Dresden enthielt eine Reihe von Statuen des Meisters, die zu Grunde gingen, entweder in Folge der heftigen Beschießung durch die Preußen 1760, die 400 Häuser zerstörte, oder in Folge Zertrümmerung durch die Kroaten. Nicht abzuweisen ist auch die Annahme Gottschalk's,") „Friedrich der Große habe viele dieser Statuen nach Berlin bringen lassen, wo sie vielleicht noch sind." Unter den verschollenen Gartenfiguren befand sich ein einen Fisch haltender Mohr aus schwarzem Marmor mit weißen Adern, der als ganz vorzügliches Werk bewundert wurde, und eine Mohrin mit ihrem Kinde.^) An den Mohrenbildern waren die Augen mit weißem Marmor eingesetzt. Permoser imitirte hier wahrscheinlich die Negergiganten des Melchior Barthel (ff zu Dresden 1672) am Pesaro- grab der Frari in Venedig. Den „Großen Garten" zierten auch die von Zeitgenossen besonders gerühmten Werke: die „Mildthätigkeit", auch „Mütterliche Liebe" benannt, und die Gruppe: „Maleret und Bildhauerkunst, die sich umarmen."^) Wie dem siebenjährigen, fiel auch den Franzosenkriegen manches Bildwerk des Künstlers zum Opfer; so sollen zwei vortreffliche Statuen im Kretzschmar'schen Garten vor Neustadt, Ceres und Merkur, von den Franzosen 1813 zertrümmert worden fein.^) Zwei andere Marmorbilder: Saturn und Venus mit Cupido, in Lebensgröße, die 1785 noch im Ertel'schen Garten der Friedrichstädter Allee standen, sind seit Ende deS vorigen Jahrhunderts verschwunden?") In Leipzig (in Vorgärten der Dorotheenstraße) stehen von zwölf Sandsteinfiguren aus der Hand Permosers noch vier: Jupiter, Juno, Mars und Venus, „halb kolossalisch". Sie gehörten in einen auf Befehl Augusts des Starken (durch O. - L. - Baumeister Schatz) für die Gattin des Leipziger Senators Andr. Appel in Fächerform angelegten Lustgarten^) und sind nach dem Geschmack der Zeit in heftig bewegten Stellungen ausgeführt. Nur die Statue des Mars zeigt eine -°) Ebd. S. 12. E») Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften und Künste von I. S. Ersetz und I. G. Eruber, Leipzig, Brockhaus 1842. 4°. 3. Sektion. 17. Lh. S. 149. Hagedorn: bldaire. brat. p. 330. 2 °) Hagecorn I. o. x. 330/1. Nachrichten von Künstlern u. Kunst-Sachen. I. Theil. S. 69. Magazin der Sächsischen Geschichte. I. Theil. S. 149. M. B. Linveiu, Geschichte der Haupt- und Nes.-Stadt Dresden. DreSden, N. Kuntze, 1862. II, 282. Magazin der Seichs. Geschichte, 1785. II. Theil. S. 655. G. Müller I. o. S. 19. 2 °) Später Rcichcls Garten, vor unz. 55 Jahren überbaut. 35 gewisse Ruhe. Geharnischt und den einem Wolfskopf ähnlich gestalteten Helm auf dem Haupte, steht er mit gespreizten Beinen da, ein Bild der selbstbewußten Kraft und Widerstandsfähigkeit.^) Wie in Florenz, waren in Deutschland Permosers kleine Elfenbeinarbeiten hoch geschätzt. Ludwig v. Hagedorn besaß ein Basrelief, das in Elfenbein die Fabel des Merkur und des Argus darstellte?") Das Traunsteiner Museum bewahrte bis vor Kurzem 2 kleine Basreliefs, von denen eines das Brustbild Augusts II., das andere Adam und Eva nach dem Falle zeigt. Die Größe der doppelten Sünde, der eigenen Lust und der Verführung erkennend, legt Eva begütigend Haupt und Hand auf die Schulter des schmerzlich sich abwendenden Gatten, als wolle sie nach dem Verlust der göttlichen Liebe wenigstens die des Mannes sich bewahren. Beide Reliefs stammen aus einem Baucrnhause von Kammer, wo ihr ideeller Werth für den Ort nicht erkannt worden war. — Von den im Grünen Gewölbe zu Dresden aufbewahrten Elfenbeinschnitzereien Permosers sagt G. Müller, daß sie eine ausgebildete Technik, sowie Beherrschung der Formen und des Materiales zeigen, und verweist besonders auf „die Gruppe der Omphale und des Herkules,""") „die vier Jahreszeiten,"") den „blitzschlendernden Jupiter auf dem Adler"^) (Aufsatz zu einer mit Schildkrot eingelegten silbernen Säule) und ein „schreitendes Pferd", in dem er das Modell des für König August gefertigten lebensgroßen Pferdes vermuthet. Bemerkenswerth ist hier ferner der „Bogenschnitzende Amor"?") Zwei reizende Elfenbeinstatuetien von Permoser, Ceres und Flora mit je einem Kindengel, birgt das herzogliche Museum zu Braunschweig. Die Figur der Flora ist bezeichnet mit Laltlursar karmossr in. v. die der Ceres mit L. I?. in. v. I?. 1695. Zu Monumentalwcrken wurde die Kunst des Meisters mehrfach in Anspruch genommen. Ein solches ist vor allem die Apotheose des Prinzen Eugen von Savoyen, eine Gruppe, die Balthasar als angehender Siebziger (1718—1721) im Auftrage des Wiener Hofes geschaffen hat. Das Denkmal ist in weißem Maxener"") Marmor aus einem einzigen 80 Zentner schweren Block gearbeitet und wurde Anfang Oktober 1721 nach Wien gesandt und im Garten des von Prinz Eugen erbauten Belvedere aufgestellt. Gegenwärtig steht die Gruppe im Karyatidensanl des Erdgeschosses des Kaiserlichen oberen Belvedere, wohin sie zum Schutze gegen Verwitterung gebracht wurdet) Prinz Eugen ist in der mauierirten Vorliebe jener Zeit für allegorische Umrahmung dargestellt, als werde er von den Genien der Wahrheit (mit einer Sonne) und ^1 Gustav Müller I. o. S. 10. "") Magazin der Stichs. Geschichte. I. Theil, 1784. S. 149: „Argos u. Mercnr, fast ganze Figuren, sehr schön geschnitzt." "°) Elscnbeinzimmer des Grünen Gewölles Ar. 41 u. 42. 2 °) Ebendorr Ar. 45. 40, 48, 49. "j) Ebcndort Nr. 840. . ö") Nr. 334. — Kaufmann Tloinas Richter ,'n Leipzig besaß nin 1785 „viele in Elfenbein gesehnüne Figuren von Ballbasar". Mag. der Sachs. Geschick». II, v55. DaS Maxen des „Finkenfangö". "1 Hagerern sah die Gruppe, die er ein Meisterwerk nennt, in der Ecke eines Hoseo von eure! Weiubn.tenstande 'Nil oer- dcckt, und er dachte an Eicero ror dein Grabe oes A: er,miede". Lelaira. Irrst. p. 333. — Meyers Cocon sanone! xckon, 4. t-llisl., XII, 850 nennt als jetzigen Standort die K.ulch.rmenknche m Wien: eine solche befiehl dort nicht. des Ruhmes emporgehoben und in der Erhebung von einer Schaar Kinderengel umflogen, die die Symbole seines Sieges: die Keule des Herkules und das Löwenfell, tragen und ihn stützend umschweben. Der Held, in reicher Ritterrüstung und mit Allonge-Perrücke, deckt mit der linken Hand die Oeffmrng der von Fama geblasenen Tuba, zum Zeichen der Bescheidenheit, mit dem linken Fuße aber tritt er auf einen nackten Mann, der wie ein Wurm sich windet und das schmerzzerriffene Gesicht auf den Gewaltigen richtet. Die Ueberlieferung erzählt, der getretene Mann sei Permoser selbst;"") mit dieser Stellung habe er andeuten wollen, daß er gegen seinen Willen, gleichsam mit Fußtritten, zu dieser Arbeit gezwungen worden sei. Der Sache entsprechend wird die Annahme sein, daß die Figur des unterliegenden Mannes den besiegten Feind, zunächst den Türken, bedenre, was keineswegs ausschließt, daß hier der Künstler mit irgendwelchem Nebengedanken sein eigenes Bild angebracht hat. Der röthliche Marmorsockel trägt die goldene Inschrift:"") I?. Lugenirw Luffuuct. ob keüömont. kiinosxs Nuroffio 8girrt. Kur. Voll. Lyrres Curoli VI Kur;. Lb 8. It. I. 8upi'6mrrs lixeroiturrur Orrx Inviatissimus. (F. Eugen, Prinz von Savoyen und Piemont, Markgraf von Snluzzo, Ritter des Güldenen Vlieses, Kaiser Karls VI. und des Hl. Römischen Reiches, oberster, nie besiegter Heercsführcr.) Nach P. Fuhrmann"^) hätte Permoser für daS kühne, technisch virtuose Werk 20,000 Thaler erhallen(?). Aus den Bildhauer Joseph Winterhalter (geb. 1702 im Schwarzwald), der bei der Aufstellung des Bildes zugegen war, machte die malerische Wirkung der Gruppe einen solchen Eindruck, daß er zu Permoser nach Dresden ging und dort die Technik des Meisters ins Einzelne kennen zu lernen sich bemühte."") Eine im Einzelnen veränderte Kopie der Eugen- gruppe fertigte Permoser in pirnaischcm Sandstein auf Bestellung seines Herrn, des KöuigS und Churfürsten. Der Hauptfigur der Gruppe gab er die Züge Augusts des Starken; die Putten ließ er weg, der getretene Mann "") Sein Porträt hat dcr Künstler nach schöner, alter Sitte an mehreren seiner Werke angebracht. So soll die Büste eines Greises, der zur Gruppe der „sich umarmenden Malerei und Bildbauerei" gehörte, daS Sclbstporträt Baltbaiars gewesen sein. (Hagedorn, Helaire. Inst. 331.) Und das „Magazin d. Sachs. Geschichte" bemerkt zu dem von Bernigroth gestochenen Bild deS Künstlers: „Er selbst arbeitete seinen Kops ähnlich in Stein, so wie er noch (1734) im Gärtner'schcn Hause auf dem Altan vor dcr Judcnsetmle steht (I. Th. S. 150). Es wird hier die in demselben Buch an gleicher Stelle (S. 149) erwähnte steinerne Gruppe gemeint sein, die über dem Portal d:S Gärtncr'fchen Hauses hinter der Frauenkirche angebracht war und „die Unwissende so gern znm Denkmal der wiereranicrftandcnen Goldschatz e d s f ra n machten". -°) Die Kunsthandlung Czihak'S Nachfolger, Wien, Graben 22, bat aus Veranlassung deS Vers. dieses Auss. Photographen des Denkmals hergestellt. (Quarts. 1 fl.) "') Hislor. Beschreibung rc. dcr Residenzstadt Wien, 1770, III. Theil. E. 35. -^) I>r. Albert Jlg, Auisatz über P. in den Mittheilungen der K. K. Cemral-Conintzssion zur Erforschung und Erhaltung der Knust- und bistori'chcn Denkmale IV. Jahrgang. Wien, Gereld 1878. n. EXVII. Vergl. mi: Winlcrhalter's Aufenthalt in DreSocil die Reise Rapbacl TonucrS zu.gleichem Zweck. Biellcietr bezicht sich die Notiz nur aus einen der beide» Künstler. 36 stellt einen kahl geschorenen Türken vor. Bis 1839 stand dieses Werk im Parke des Rittergutes Oberlichienau bei Pulsnitz und wurde dann vom Besitzer dem Staate geschenkt und im „Großen Garten" bei Pavillon R aufgestellt. Eine weitere Kopie deS Denkmals in Elfenbein befand sich mit einer Büste aus grauem Marmor: „Die Verzweiflung", im vorigen Jahrhundert in Zemisch's Kunstkabinet in Leipzig.^) Das größte Monnmsntalwerk Permofers steht jetzt im Dome zu Freiberg in Sachsen: das früher in Lichlen- burg bei Prettin befindliche Grabmal zweier Fürstinnen: der Wittwe des Kurfürsten Johann Georg III., Anna Sophia, Prinzessin von Dänemark, Mutter Augusts II., und ihrer Schwester Wilhelmine Ernestine, Wittwe des Kurfürsten Karl von der Pfalz, die 1706 starb und 1811, nach Transferirung des Denkmals, hier beigesetzt wurde. Die Schwestern ließen sich ihr Grabmal noch bei Lebzeiten in der Schloßkapelle zu Lichtenburg aufrichten. Neben der Thüre der offenen, die zwei Särge bergenden Grabkammer steht links Charitas, rechts Abundantia. Charitas trägt ein Kind auf dem Arm, ein anderes, weinendes, führt sie an der Hand. Abundantia, auf ein Füllhorn gestützt, hält zwei Kronen. Auf dem Sims des Thürstnrzes sitzen „die Neue", ein heulendes altes Weib, und „die Religion" mit Kreuz, Kelch und Hostie. Ueber ihnen wölbt sich ein Bogen, auf dem ein mit Schlangen umwundener Kindengcl den Süudenfall und ein zweiter mit Buch und Tuba das Weltgericht bedeuten. Ein sich höher spannender Bogen trägt als Schlußstein eine Krone, unter der ein Seraph und das Doppelwappen der Fürstinnen eingefügt sind, daneben Tod und Auferstehung, von zwei Putte» shmbolisirt. Unterhalb der Abundantia steht in den Stein eingegraben: Lo.ltlia.snr Lerinosar von 8 ult 2 pur§ links Zowrrolit in ckalir 1703 und 4?") Ueber dem Grabe des Meisters auf dem katholischen Ariedhof erhebt sich eine herrliche Gruppe aus seiner Hand: die Kreuzabnahme (oder besser: Vorbereitung zur Abnahme) in weißem Sandstein mit fast lebensgroßen Figuren (?/, Lebensgr.).") Das Antlitz des verschiedenen Erlösers ist zwar von dem entsetzlichen Schmerze durchfurcht, doch ist ein süßer Friede darüber ausgebreitet, der mit allem Leid versöhnt. „In der Auffassung deS Gekreuzigten", sagt Paul Schumann, „fällt uns ein grausamer Zug auf: die Arme sind derart gebogen, daß die Hände mit den innern Flüchen nach oben auf der Oberfläche des Querbalkens liegen, und so sind sie angenagelt. Durch diese Anordnung wird der Oberkörper in gewaltsamer Weise ewporgepreßt, Brust- und Bauchmuskeln treten in scharfer, schmerzlicher Anspannung hervor. Im Gegensatz zu dieser unser ganzes Innere erregenden Auffassung steht das Antlitz des edlen Dulders: er hat ausgelitten; über den Schmerz in den Zügen hat sich ein unendlich wohlthuender Friede gelagert, der jenes unbehagliche Gefühl sanft löst. Im Kopfe Christi hat Per- moser sicherlich etwas gegeben, das über die gemeine barocke Auffassung hinausgeht. Der Gesichtsausdruck der lebenden Gestalten ist roher als der Christi." Zur Rechten wird die in Ohnmacht sinkende Mutter Gottes von dem aufwärts blickenden Joseph von Arimathia leicht 2 °) G. Müller I. o. S. 21 crwäbnt auch eine monumentale (lebensgroße) Marmorbüste des HcrzogS Anton Ulrich (1704 biS 1714), die sich im Brannschwciger Museum befindet. ") G. Müller I. o. 19. ") Abbildung in Lützvw's Zeitschrift für bildende Knust. 24. Bd. S. 187. gestützt; zur Linken steht Johannes im Anblicke des geliebten Todten versunken, mit der Rechten daS Leichentuch um die Hüften des Erlösers emporschlingend; am Fuße des Kreuzes, den Stamm umklammernd, kniet Maria Magdnlena. Eine Leiter ist rückwärts an das Kreuz gelehnt. „Die Gruppe ist geschickt und zwanglos angeordnet. Echt barock ist das malerisch gelegte Gewand, das den Hintergrund für den Gekreuzigten bildet: die Rückseite des rein malerisch gedachten Werkes bietet nichts als eine durch das Leichentuch und den Felsen hergestellte ziemlich gerade Fläche, auf der sich die Grabinschrift befindet."") Die Gruppe, die mit der Zeit sehr ruinös geworben war, wurde im Jahre 1888 auf Veranlassung der Dresdener Kunstgenossenschaft durch den Professor der K. Kunstgewerbschule Bildhauer Hugo Spieler in Dresden, unter Beihilfe des Steinbildhauers Schurig, in der glücklichsten Weise restamirt. Se. Kgl. Hoheit Prinz-Regent Luitpold von Bayern, Kaiser Friedrich, Kaiser Franz Joseph, sowie König Albert von Sachsen spendeten namhafte Beitrüge zur Wiederherstellung des Denkmals. Am Allerheiligentage des Jahres 1888 schmückte bereits das auferstandene Werk die Ruhestätte des Meisters. Sein Grabmal ist nicht das einzige religiöse Werk des Künstlers. Eine große Zahl Krnzifixbilder sind aus seiner Werkstätte hervorgegangen. Die Dresdener Elfenbeinausstellung (Oktober bis Dezember 1892) wies zwei Meisterwerke allerersten Ranges von Permoser auf. Das eine ist ein Kruzifix aus Elfenbein, das der St. Jakobsgemeinde zu Freiberg in Sachsen gehört. „Es zeigt eine seltene Milde in der Auffassung, verbunden mit staunenswerther Beherrschung der menschlichen Formen und natürlich auch der technischen Behandlung."") „Der Kopf ist meisterhaft im Ausdruck, der Haarwurf geradezu unübertrefflich."") Das andere ist eine Elfenbeingruppe von größerem Umfange im Besitz der Nathsbibliothek in Leipzig (Vorstand: Dr. Gustav Wustmann). Der gekreuzigte Heiland ist von einem mächtigen Strahlennimbus (vergoldete Bronze) und von Engelsköpfchen umgeben. Das braune Holzkreuz steht auf einer Kugel aus glänzend polirtem Kupfer, und hier sind die Paradicscsschlange, Tod und Teufel und Reue(?) (ein nacktes Weib mit Scorpion) sowie Kindergruppen zur Personifikation der Wollust und der Hoffart angebracht: alle Figuren von packendem Ausdruck und virtuoser Technik in Elfenbein geschnitzt.") Ein „vortreffliches Bild" war die um das Jahr 1725 dem Sohne seines Lehrmeisters Weißenkirchner geschenkte, ungefähr 5 Schuh hohe Statue des gegeißelten Heilandes an der Martersäule,") „von fleischfarbenem und roth gesprenktem Untersperger Marmor so künstlich verfertigt, daß es das feinste Auge tauschet," oder wie die Quelle dieses Urtheils vorsichtiger sagt: „daß es fast das schärfste Auge tauscht."") Aufsah von vr. Paul Schumann in Dresden in Lützvw'S Zeitschrift für bildende Kunst. 24. Bd., 1889, S. 187. Herrn vr. Schumann ist Verfasser vorliegenden Aussatzes für seine bricfl. Mittheilungen und Ueberscndung des Dresdener Anzeigers Jahrg. 1885 sehr verpflichtet. ") Aufsatz von Karl Berling in der Zeitschrift „Vom Fels zum Meer" 1893, S. 490. mit Abbildung des Kruzifixes. ") Müller l. v. S. 20. ") Genaue Beschreibung der Gruppe bei Müller I. o. S. 20 n. 21. o°) Müller I. o. S. 13 meint, P. habe das Bild bei seinem letzten Besuch in Salzburg 1725 gefertigt. ") F. I. Lipvwöky, Bayerisches Küiistlerlcxikon 1810, 37 z ' Ä In der katholischen Hofkirche zu Dresden ist die irr Holz geschnitzte Kanzel ein Werk Permosers im üppigsten Barockstil. Sie stand früher in der kathol. Hofkapelle und wurde 1849 renovirt. Die vier Evangelisten auf Wolken sitzend sind von ihren Symbolen begleitet, von denen der Löwe des hl. Markus auffällt, der sich die linke Pranke leckt. Zwischen den Evangelisten sind Kinderengcl mit den Marterwerkzeugen des Leidens Christi angebracht. Den unteren Abschluß der Kanzel bildet die Statue des Gethsemane-Engels Chamuel. Der Schalldeckel hatte vie Form einer riesigen Königskrone, er wurde bei der Uebertragung durch den jetzigen ersetzt. In derselben Hofkirche befindet sich ein Doos Homo und ein Johannes der Täufer aus der Hand Permosers. Sein letztes Werk ist die liebliche, trefflich aufgebaute Altargruppe von Hubertusburg,") dem durch den Abschluß des 7jährigen Krieges bekannten sächsischen Jagdschlösse. Als der Bau des Schlosses s. Z. soweit gediehen war, daß der Kronprinz Friedrich August und seine Gemahlin Maria Josepha von Oesterreich es beziehen konnten, erhielt Permoser den königlichen Auftrag, für den Hochaltar der Schloßkapelle eine große Marmorgruppe zu schaffen. Das Modell der Gruppe war bereits in ganzer Größe in Gyps abgeformt: da überraschte den Meister der Tod! Die Ausführung in Marmor »lochte man wohl niemand Anderem anvertrauen, und so begnügte man sich, das Modell mit weißer Oel- farbe anzustreichen und ihm durch Ucberziehen mit glänzendem Firniß daS Aussehen von Marmor zu geben. Die jungfräuliche Mutter Gottes von wunderbarer Schönheit blickt vom Throne hernieder, auf ihrem Schoße steht das liebliche Christuskind und neigt sich zu einem heiligen Priester mit Lilien auf dem Evangelienbuch (Franz Taver S), der in seliger Verzückung ihm entgegen- schaut. Einen glücklichen Gegensatz zur Erregung dieses Heiligen bildet rechts der in stilles Sinnen versunkene hl. Joseph, auf seinen vergoldeten Stab gestützt. Die edle Gewandung bringt die Formen der Körper zu richtiger Geltung: ein seltener Vorzug bei einem Bildner der Barockzeit. — Am Orgelchor sind die 4 Evangelisten mit ihren Attributen in starkem Relief von Permoser gearbeitet. Gustav Müller erwähnt außerdem noch die Halbfigur eines Weltheilaudes und eine Statue der Himmelskönigin, deren Haupt ein Sternenkranz umrahmt und die den Fuß auf das grämliche Gesicht des Halbmondes gesetzt hält. Mit den Arbeiten Permosers für Hubertusburg war sein Leben und Wirken, mit ihnen sei diese Aufzählung seiner Werke abgeschlossen.^) (Schluß folgt.) Der heil. Thomas nnd die kathol. Wissenschaft. Von Pros. Dr. L. Haas in Passan. (Vergl. Beilage 1895, Nr. 22, 23, 34, 35.) Ein Freund regen wissenschaftlichen Wetteifers, bin ich ein Feind aller Polemik, die ja in der Regel unfruchtbar ist. Ich beabsichtigte daher mit den Artikeln in Nr. 22 u. 23 der Beilage 1895 nichts weniger als II. Bd., S. 164, und Neue Bibliothek der schönen Wissci (Haften nnd srepe» Knuste. IX. Bd.. S. 219. ") G. Müller I. o. 13. ^),Gottschalk behauptet ohne Nachweis in der Euchklopädi ??? Grsch u. Grober, daß auch in Stuttgart und in Baurze sich Pcriuoicr'sche Werke befänden. eine Polemik. Trotzdem sehe ich mich gezwungen, auf das „offene Wort" des ?. Josephus a Leoniffa in Nr. 34 u. 35 einiges zu erwidern. Daß es fo spät geschieht, ist nicht eine Schuld von mir. Da ich mich unter keinen Umständen auf eine weitere Polemik einlasse — ich brauche meine Zeit und Kraft in den nächsten Monaten vollständig zu Berufsarbeiten —, so werde ich mich möglichst, sachlich halten und Persönliches nur noth- gedrungen berühren. Ich werde daher auch meine persönliche Anschauung in der Streitfrage selbst so wenig als möglich hervortreten lassen. 1. Zu den Anhängern der Lehre des hl. ThomaS Müssen wir wohl alle jene (katholischen) Gelehrten rechnen, welche aufrichtig und in redlicher Absicht ihre Anschauungen in den Werken desselben begründet finden. Selbst wenn sie irren sollten, kann man ihnen diesen Titel nicht ohne weiters versagen. Wird der Ausdruck „Thomist" nicht in diesem allgemeinen Sinne, sondern im Sinne einer bestimmten Schule (der Dominikaner) genommen, so sind beide Ausdrücke nicht identisch, und hat nicht jeder, wag er noch so redlich ein Anhänger des hl. Thomas sein wollen, das Recht, sich „Thomist" zu nennen. Aber auch die „Thomisten" haben vorläufig nicht ohne weiters das Recht, sich als die alleinigen Anhänger des hl. Thomas hinzustellen, so daß der Hinweis auf die Lehre des hl. Thomas gleichbedeutend mit dem Hinweis auf die der Thomisten wäre. 2. In wissenschaftlichen Fragen ist die Abweichung von der traditionellen Interpretation nicht ohne weiters ein Verbrechen, sondern die grundlose, muth- willige Abweichung von derselben. Ein strenges Festhalten ist nur am Platze, wo es sich um feststehende, sichere Principien handelt. Nun hat Molina gerade neue Principien aufgestellt. Die Sache geht daher auf eine principielle Auseinandersetzung hinaus. Enthalten nun die Principien der Thomisten und die des Molina keinen Widerspruch in sich, stehen sie anderseits nicht in einem nachweisbaren Widerspruch mit der hl. Schrift und der Lehre der Kirche, vertritt endlich, wie über jeden Zweifel erhaben ist, der hl. Thomas die Lehre der Kirche, dann scheint doch die Möglichkeit eines Ausgleichs nicht von vorneherein eine bloße Illusion zu sein. Freilich wird sie eine solche faktisch, wenn sie von irgend einer Seite schroff abgewiesen wird. 3. Daß Molina Gegner fand, ist sehr natürlich. Sie sind auch dem hl. Thomas nicht ganz erspart geblieben. Daß diese Gegner sich in sehr kräftigen Ausdrücken bewegten, ist ihrer Zeit zu gute zu rechnen. Daß auch neuere, z. B. Schneider, sich ziemlich stark ausdrücken, ist zwar nicht ganz zu billigen, aber erklärlich. Eine durchschlagende Widerlegung haben Molina's Principien nicht gefunden, sie haben sich gehalten und im Laufe der Zeit soviele Anhänger gewonnen, daß die Molinisteu gegenwärtig „in Deutschland-Oesterreich die meisten wissenschaftlichen Zeitschriften auf katholischer Seite mit Beschlag belegt haben". Der MolinismuS ist nicht einmal auf Deutschland-Oesterreich beschränkt. Diese nicht hinwegzuleugncnde Thatsache gibt doch auch zu denken. Sie kann jedenfalls nicht als Beweis feiner Falschheit gelten, mag man sonst über ihn denken, wie man es, por seinem wissenschaftlichen Gewissen nur immer verantworten kann. 4. Die physische Vorherbewegung (pras- 38 Ilwtlo xlrMaa) führt uns auf das Gebiet der Interpretation des hl. Thomas. Da behaupten die „Neu- molinisten" allerdings, der hl. Thomas lehre nicht die xrnarnotio wenigstens nicht die der Thomisten. Wenn die „Neumolinisieu" beschuldigt werden, daß sie nur die berühmten Namen der Kritiker in die Waagschale werfen, so machen es die Thomisten nicht wesentlich besser. Soviel glaube ich als völlig Unparteiischer (das bin ich im vollsten Sinne) sagen zu müssen. Daß nicht alle Jesuiten als Violinisten zu bezeichnen sind, ist sicher; gegenwärtig aber huldigt sicherlich die übergroße Mehrzahl derselben und ebenso die übergroße Mehrzahl ihrer unmittelbaren oder mittelbaren Schüler dem Molinismus. Nun will ich hier einmal mit meiner persönlichen Anschauung heraustreten und offen bekennen, daß die krasiuotio xlrxsieg. mir nicht als Princip gilt. Das entsprechende Princip ist für mich: „Keine Potenz geht aus sich in den Akt über." Daraus folgt eine kraaraotio xlrzcsioa. Sie ist unabweisbar; es handelt sich nur darum, sie richtig zu erklären. 5. Nicht zu billigen sind alle jene Versuche, welche darauf hinausgehen, zu beweisen, daß der hl. Thomas selbst Thomist gewesen sein muß, weil sie dem Fehler des Zuvielbeweisens verfallen. Der einfache, klare Nachweis, daß eine Lehre mit der des hl. Thomas übereinstimmt, hat mehr Werth. Nach den Thomisten war der „Thomismus" schon vor dem hl. Thomas das officiclle Lehrsystem des Dominikanerordens und seiner Schule. „Aus dieser Schule ging Thomas als deren größtes Licht hervor, und nach ihm hieß sie dann die thomist- ische Schule." Als Dominikaner mußte also der hl. Thomas „Thomist" sein. „Nach und vor Thomas aber liegt die autoritativ im Bereiche der Schule entscheidende Lehrgewalt nicht in den stummen Büchern, welche Thomas geschrieben, sondern im Beschlusse des Ordensgeneralkapitels, ähnlich etwa wie nicht in der stummen Bibel allein die Richtschnur des geoffenbarten Glaubens liegt, sondern in der Tradition, d. h. in der obersten Lehrgewalt der Kirche." Darnach sieht über den Schriften des hl. Thomas eine höhere Autori'.ät, die aber nur für den Dominikanerorden gilt; wird allgemeine Geltung für sie beansprucht, dann folgt, daß wir die Principien des hl. Thomas nicht bei diesem selbst, sondern im Lehrsystem des Dominikanerordens oder bei den Thomisten zu suchen haben, konsequent ergibt sich, daß Papst Leo XIII. nicht auf die Principien des hl. Thomas, sondern auf die der Thomisten hätte zurückweisen sollen. Die Autorität des Ordcus- generalkapitels der Dominikaner gilt aber für jeden außerhalb des Ordens Stehenden nur insoweit, als sie hinreichende Gründe für sich hat. Es hat jedermann das Recht, von ihrer Entscheidung auf die Schriften des hl. Thomas zurückzugehen und seine Zustimmung oder Nicht- zustimmung von der aus diesen Schriften sich ergebenden Begründung abhängig zu machen. Der allerdings mit großer Vorsicht angezogene Vergleich ist in zweifacher Hinsicht ein unglücklicher: Die Lehrgewalt der Kirche ist auch in der Auslegung der hl. Schrift unfehlbar, das Generalkapitel der Dominikaner ist eS nicht hinsichtlich der Schriften des hl. Thomas und auch nicht bezüglich der Reinhaltung der entsprechenden Tradition; die hl. Schrift enthält nicht die ganze Offenbarung: sollen etwa gar auch die Schriften des hl. Thomas nicht den ganzen Thomismus enthalten und etwas unter Umständen als thomistisch hinzunehmen sein, was sich gar nicht im hl. Thomas findet? Oder sollen die Thomisten allein zu einer Weiterentwicklung der Lehre des Heiligen berechtigt und befähigt sein? Als Muster eines Ordensmannes hat sich der hl. Thomas gewiß nicht von einer eidlich ihm seitens des Ordens auferlegten Verpflichtung entfernt. Aber das schließt nicht aus, daß er in seinen Schriften Gesichtspunkte eröffnet, die einer Weiterbildung nicht nur werth sind, sondern sie geradezu fordern; er wäre sonst nicht der universale Geist gewesen, der er wirklich war. 6. Zu meiner Aufforderung, eine Versöhnung anzustreben, bemerkt k. Josephus, daß „wohl schwerlich jemand im Ernste daran denken wird, beide Ansichten zu versöhnen". Soll das heißen: So wie sie liegen, sollen sie versöhnt werden, und wird mir allein etwa eine solche Ansicht zugeschrieben, so muß ich ernstltchst protestircn. Das erste Erforderniß ist doch, sich eine Sache, über die man schreiben will, genau anzusehen. Ich habe ausdrücklich von einem „Ausgleich der verschiedenen Meinungen über diese hinaus" gesprochen. Ueber die Möglichkeit eines solchen f. oben Nr. 2. — Höchst unglücklich ist der weitere Satz: „Eine von beiden (Ansichten) ist wahr, die andere falsch." Beide Ansichten stehen sich nicht wie contradiktorische, sondern wie konträre Urtheile gegenüber. Also können nicht beide wahr, wohl aber beide falsch sein. Es ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß beide Wahres und Falsches enthalten. Beide Ansichten werden in der katholischen Wissenschaft vertreten. Ist eine nothwendig falsch (und welche das ist, deuten die Thomisten nicht unklar an), dann wird sozusagen unter den Augen der Kirche Falsches gelehrt, und zwar in ziemlich weitem Umfange. Eine Entscheidung ist bis jetzt nicht getroffen; zur Zeit ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß dieselbe einmal auch gegen die Thomisten ausfalle, und wenn ihre Lehre mit der des hl. Thomas identisch sein muß, auch gegen diesen. Die letztere Möglichkeit per- horrescire ich durchaus und möchte nicht entfernt eine Behauptung aufstellen, die auf sie anklingt. — Die Frage über den Störenfried gehört meiner Anschauung nach ganz anderswohin als in wissenschaftliche Erörterungen. 7. Gegen die „Nsumolinisten" wird Nom gegenüber ex 8ileirtio argumentirt. Daß ihre Lehre eine Entwicklung und Vervollkommnung, ein Fortschritt der Lehre des hl. Thomas fei, davon finde sich nirgends „ein Sterbenswörtlein" in den betreffenden Erlassen des hl. Vaters. Es findet sich aber auch nicht ein Sterbenswörtlein vom Gegentheil. Zudem war gerade auf dieser Seite der Eifer im Herausgeben von Schriften im Geiste, nach den Principien des hl. Thomas (acl meutern, 86- cuuclnm xrinoipia ciivi llromae) ein so reger, daß eine Ermunterung, eine Steigerung dieses Eifers das überflüssigste von der Welt gewesen wäre. Die betreffende Lehre wird weiterhin unmittelbar unter den Augen des hl. Vaters vorgetragen. Argumente ax eileutio haben keinen Werth nach einem bekannten Sprichworts. Mit dem „Zurück zu den Principien des hl. Thomas!" ist unmittelbar weder die Verurtheilung aller anderen Principien, noch viel weniger die jener Principien gegeben, die von denen der Thomisten abweichen und trotzdem auf den hl. Thomas zurückgeführt werden. Es sei hier constatirt, baß erst in neuester Zeit wissenschaftliche Bestrebungen von Seiten Roms Anerkennung erfuhren, die nicht auf den Principien des hl. Thomas beruhen. — Die Erlasse deS hl. Vaters Leo XIII. lauten bis jetzt ziemlich reservirt und gehen über die Aufmunterung zum Studium der Schriften des hl. Thomas und der seiner besten Kommentatoren, zum Klarlegen der reinen Lehre des Heiligen nicht hinaus. Eine direkte Approbation des Inhaltes einer Schrift habe ich bis jetzt nirgends gefunden, auch nicht in den von k. Josephus angeführten Citaten. Der hl. Vater sagt von der Dominikanerfamilie: huas sumirro Iroo rnagistro (hl. Thomas) zurs gu säurn suo Zloriatur. Bloß z'rrrs oder suo z'urs wäre mehr. Auf die Ueber- tragung der Herausgabe der Werke des hl. Thomas an die Dominikaner ist kein besonderes Gewicht zu legen; es geben ja auch die Franziskaner die Werke ihres Ordensgenossen Bonaventura heraus. Das Gegentheil wäre geradezu beschämend für den Dominikanerorden gewesen. Daß die den beiden Summen beizudruckenden Kommentare aus der Thomistenschule stammen, hat kein größeres Gewicht. Eine Approbation derselben liegt darin noch nicht. In dem Schreiben an den Herausgeber der Hsvus Mioraisto ist zunächst das »Zeuns travbntionis" (Methode) anerkannt. Der hl. Vater ist bis jetzt nach keiner Seite hin engagirt (um diesen Ausdruck zu gebrauchen). 8. Daß bis Thomisten einander selbst Anerkennung spenden und gegenseitig ihre Werke empfehlen, ist natürlich und sogar erfreulich; es wäre doch schrecklich, wenn auch da Uneinigkeit herrschte. Irgend ein Beweis kann von diesem Umstände nicht hergenommen werden, auch nicht dafür, wo die wahre Lehre des hl. Thomas zu finden ist. Sonst wäre das Beweisen unter Umständen doch gar zu leicht. Den Schriften der Thomisten über den hl. Thomas kann eine noch größere Anzahl auf Seiten der Jesuiten gegenüber gestellt werden, die den ersteren an Güte nicht nachstehen. — Wie mir übrigens scheinen will, wollen oder wollten die Thomisten die Empfehlung der Principien des hl. Thomas durch Papst Leo XIII. bcnützen, die maßgebende Stellung, welche die Jesuiten in der letzten Zeit in der katholischen Wissenschaft besonders Deutschlands und Oesterreichs einnahmen, zu brechen. Ich habe für meine Person gegen einen solchen Versuch schon darum nichts einzuwenden, weil ich mich freue, wenn es mir möglich ist, Dinge, mit denen ich mich nicht eingehender beschäftigen kann, von zwei verschiedenen Standpunkten aus betrachtet zu sehen. Es täuscht mich wohl der Schein; aber mag die Sache wie immer sich verhalten, einen friedlichen Wetteifer ziehe ich unter allen Umstärwen vor. Zudem werden die Thomisten schwerlich durchgingen, so lauge sie das Lehrsystem des Dominikanerordens ohne weiters mit der Lehre des hl. Thomas ideutificiren, also für die wahre Auffassung der Lehre desselben auf die Beschlüsse des Ordensgeneralkapitels recurriren. Innerhalb eines Ordens hat eine solche Geschlossenheit jedenfalls ihr Gutes, auf weitere Kreise wird sie versagen. DaS ist ja das große Geheimniß der sich überall praktisch zeigenden Jesuiten, daß sie Freiheit zu gestatten wissen, ohne die Einheit zu verlieren. Vorläufig wollen wir es mit Zigliara halten, daß wir in rein wissenschaftlichen Fragen nicht der Autorität, sondern den klaren Gründen weichen; daß wir die Wahrheit begrüßen und nehmen, wo wir sie hinreichend begründet finden, und den Irrthum überall und in jeder Form bekämpfen. Unwillkürlich fällt mir zum Schlüsse ein Ausspruch Caramuels (si 1682) ein, den ich jüngst irgendwo gelesen: tzulä csnssain äs Iris ssn- tsntüs (Lsisntig, rneäia sto.) inHuiris. Lt Mig, sunrurs sinesrus snrn, rssxonäsv, raifti nullum xlaosrs, st sxistinao, ant uäftus Irrtors veritatsin, ant ulirmäs pstenäum. (Ursol. lunä. Q. XXIV. kruneok. 1651.) Miurchnev anthropologische Gesellschaft. Die Sitzung am 21. Januar war wohl eine der besuchtesten seit dem Bestehen der Gesellschaft. Die Ursache lag in dem Vortrage des Herrn Pros. Grätz über die von Röntgen entdeckten X-Strahlen. Zuvor sprach Herr Pros. M. Büchner über Anatomie und Aesthetik der Japaner. Während ein Theil unserer Kunst durch die Kenntniß der japanischen Malerei neue Anregung erhalten hat, wie z. B. die Blumenmalerei, steht die Darstellung des menschlichen Körpers aus einer sehr niedrigen Siuse. Wenn einige Götterbilder nicht gar so häßlich sind, so ist dies sremdcm Einfluß zuzuschreiben. Der Japaner stellt nie einen weiblichen Körper dar um seiner selbst willen, nur als Genrebild, die weibliche Schönheit schätzt er nur in reiche», prunkvollen Kleidern. Die männlichen Aktbrlder finden sich nur bei der Darstellung der Ringkämpfer. Es sind dies fette Gestalten. Die Japaner haben nicht daran gedacht, daß der menschliche Körper als Ideal dargestellt werden könnte. Die Anatomie stand bis in die Neuzeit aus einer sehr niedrigen Stufe. Erst im Jahre 18ö9 fand die erste Sektion auf japanischem Gebiete statt. Das medizinische Hauptwerk stammt aus dem Jahre 350 v. Chr. und behandelt die fieberhaften Krankheiten, das über die nicht fieberhaften Krankheiten ist etwas jünger, stand aber deßhalb auch nicht so sehr im Ansehen. Auf dem Theater will der Japaner grausame Scenen sehen, in voller Natürlichkeit. Die japanische Kunst zeigt rassinirte Eeschicklich- kcit, Sucht nach Reizen, aber die Ruhe und Befriedigung, welche wahre Kunst bewirkt, fehlt. Die eigentliche klassische Kunst kennen wir sehr wenig, das was wir kennen ist für die Masse' bestimmt. Immerhin hält die japanische Malerei einen Vergleich mit den Erzeugnissen unserer modernen Kunst aus. Die Schönheit der antiken Kunst fehlt in Japan vollständig. Hierauf empfahl der Vorsitzende Herr Pros. I. Ranke die iicncrschienenc Zeitschrift „Centralblatt sür Anthropologie" von vr. Lnichan und ließ das erste Heft circnliren. Nach einer kleinen Pause begann Herr Pros. Grätz seinen Vertrag über Röntgens Entdeckung. Der elektrische Strom geht durch Körper, aber nicht durch Lust. Erst im Jahre 1359 fand man, daß er durch lustverdünnten Raum geht (Geißler'sche Röhren). Je nachdem ein GaS in der Röhre sich befindet, erscheint daS Licht in andrer Farbe. In der Nähe der einen Elektrode, der sogen. Kathode, befindet sich ein dunkler Raum. In Röhren mit sehr verdünnter Luft (Hittorf'sche oder Brookes'sche Röhren) leuchtet nur mehr die Kathode, der übrige Raum ist dunkel. Dagegen erscheint auf der der Kathode entgegengesetzten Wand des Glases eine grüne Lichterscheinung, das ElaS phoöphvreöcirt. Diese Phos- phorescenz ist bedingt durch die Absorption der sog. Kathodeu- strciblcn. Diese haben folgende Eigenschaften. Sie gehen von der Kathode zur direkt gegenüberliegenden Glaswand, wobei cü gleicbgiltig ist, wo die andere Elektrode sich befindet. Durch einen Magneten werden die Katbodenstrahlcn abgelenkt, bewegliche Körper werden durch dieselben in Bewegung gesetzt. DaS GlaS ist für die Kathodenstrahlcn undurchlässig. Hcrß bewies, daß die Katbodenstrahlcn unabhängig sind von der Richtung des elektrischen Stromes. Er fand, daß die Kathodenstrahlcn durch Metalle hindurchgehen, dagegen von durchsichtigen Körpern absorbirt werden. Lenard verschloß eine Ocffnung des Glases mit Aluminium und fand, daß die Kathodenstrahlcn durch dieses Metall in die Luft hinausgehen, wo sie nichr erzeugt werden können, daß sie auch hier PhosphoreSccuz erzeugen, wenn auch nur in geringer Entfernung (1—2 om), daß die Kathoden auS verschiedenen Strahlen zusammengesetzt sind. die durch den Magnet verschieden ablenkbar sind. Soweit reichten unsere Kenntnisse bis vor einigen Wochen. Da fand Röntgen, daß Strahlen auch ohne Aluminiumsciistcr durch daö GlaS der Röhre gehen und chemisch wirke». Diese Slrablen (X-Strahlen) gehen durch alle Körper, nur die Dichte bestmiint die Größe der Durchlässigkeit. Blei ist sehr wenig durchlässig. Eine Brechung der X-Strahlen durch den Magnet sinder nicht statt, auch keine Jnterfercuzerscheiuuugcu. Auf einer Photographischen Platte erscheinen die weniger durchlässigen Gegenstände als Schattenbilder. Ob die X-Strahlen und KatboLenstraLlen wirklich verschieden sind, steht noch nicht ganz fest, da die Eigenschaft der X-Strahlen, durch den Magnet nicht abgelenkt zu werden, beide» 40 Kathodcnsirahlen bei gewöhnlichem Luftdruck noch nicht untersucht werden konnte. Die X-Ztrahlen haben entweder eine sehr große oder eine sehr kleine Wellenlänge, das letztere scheint das Wahrscheinlichere. Die Experimente, die der Redner während deö Vertrages machte, trugen wesentlich zum Verständnisse des Gesagten bei. Besonders interessant waren aber das Phoro- graphircn eines Geldbeutels und die Vorführung anderer mittels des Nöntgcn'schen Verfahrens gewonnener Photographien. Zwischen die Hittorf'sche NLbre und eine gewöhnliche, mit schwarzem Papier umhüllte photograpbische Platte wurde ein Geldbeutel mit 3 Geldstücken gelegt. Während der lederne Theil des Beutels nur in schwachen Umrissen erkennbar war, traten Metallbügel und Geldstücke im Innern ganz deutlich hervor. Sehr schön erschienen auch die Knochen einer Hand, sogar der Unterschied zwischen dem porösen und compaktcn Theil der Knochen ließ sich erkennen. Herr Pros. Ranke dankte den beiden Herren Vortragenden und sprach seine Freude darüber aus, daß in München die anthropologische Gesellschaft die erste war. welcher die neue Erfindung in so klarer Form vorgeführt wurde. ... Dr. L. Neceusioueu und Notizen. Martin Greif'S „Gesammelte Werke". Leipzig, Ame- langS Verlag. I. Band: Gedichte. 1895. vr.6-.Ll. Als Ausgabe letzter Hand hat sich der berühmte Dichter diese Gesammtgabe seiner Werke gedacht, die soeben erscheinen. So, wie er sich hier offenbart, will er künftig von der Litcraturgeschichte verstanden und beurtheilt sein. Bisher erschien der I. Band, die Gedichte enthaltend. Der Lyriker Greis steht endlich auf einer Warte, die ihm ernstlich nicht mehr von Neid und Mißgunst bestricken werden kann. Er darf als der universellste deutsche Lyriker der nachgcetheschen Zeit gelten. Daß er beginnt, Gemeingut des deutschen Volkes zu werden, dafür zeugt eben das Erscheinen dieser sechsten Auflage seiner Gedichte! Die sechste Auflage, und doch nicht bloß eine — Auflage. Das zweischneidige Wort „verbessert" ist hier am rechten Ort. Greif gibt vielfach ausgerciste Aenderungen früherer Lesarten, oft klein erscheinend und doch bedeutsam: eine Selbstkritik edelster Art. Der Leser staunt, nun erden Ertrag eines so gefühlsgehaltigen Poetenlebeus vor sich sieht, über die Unbegrcuztheit der Stoffwabl, die Universalität der Gedanken und die — Eigenart in Form und Ausdruck. Immer deutlicher tritt die Lyrik Greifs unbewußt in die geistige Sphäre eines Goethe — damit ist genug gesagt. Die lebendige Anschaulichkeit und die Naturbcseelung hat seit Goethe wohl kein Poet mehr so getroffen und empfunden, wie Martin Greif. — Die vorliegende Ausgabe, die auch in billigen Lieferungen erschienen ist, muß aber auch als vermehrte gelten, wenn gleichwohl der Dichter trotz seiner Schüchternheit wohl noch manches Gedicht hätte beisteuern können, das sein neueres Schaffen kennzeichnet. Indessen ist Greis bei aller Fruchtbarkeit wählerisch: was er als xosmata, uova bietet, ist klassisch schön, wie die „Andacht im Walde" und daö Idyll „Der Main und die OclSnitz". Fragt man nach seinem Glauben — und jeder Dichter ist im Grund religiös, sonst ist ereilt Schmierfink! — so gehört er zu den geweihten Sängern, die für alles Höbe und Heilige erglühen, wo sie es finden. Den Gott, der seine Liebe offenbart, weiß der Dichter in der Erscheinung Jesu ebenso gegenwärtig, wie in der erhabenen Stimmung der Natur. Greif ist ein christlicher Poet durch und durch, bei dem unser Herrgott freilich nicht erst seit den Tagen des Christenthums lebt, sondern auch unerkannt im Leben der Verwelk gewaltet hat. Und Greif ist ein bayerischdeutscher Dichter, ein echter Germane. Es ist ein großes Verdienst, das sich der noble Verlag erwirbt, indem er einen solchen Meister der Dichtkunst populär zu machen bestrebt ist. Die Ausgabe, von der ein II. Band den Dramatiker uns zeigt, ist mustergültig. _ „Jnstruktionsbuch für die dem bayer. Landesverband angeschlossenen DarlehenSkassen- vereiue," bearbeitet von I. Stau dinger, k. Pfarrer und E. Bischofs, Direktor der bayer. Ccnlral-Dar- lcheuskassc. München 1896. Verlag des bayer. Landesverbandes. Preis 3 M. lH Der auf VIII und 383 Seiten gr. 8° sich darbietende Inhalt dieses soeben erschienenen Buches besieht in einer klaren und bündigen, stets durch ausgefüllte Formulare zur concrcten Anschauung gebrachten Instruktion über all das, was bei Gründung, Geschästs- und Rechnungsführung bayer. Raiff- eiseu'scher Darlehenskassenvereine und deren Verkehr mit dem Landesverbände, den Kreis- und BczirkSverbänden, sowie der Ccntral-DarlcbenSkasse zu beachten ist. Das Buch zerfällt in fünf Theile. Der l. Tbeck handelt vom bayer. Landesverband lanvwiribsckastl. Darlehenskassenvereine; der II. von der daher. Ccutral-Darlehenokassc,- der III. über laudwirthschaftl. Dar- lcbenSkasscnvereine nach Naiffeisen'schen Grundsätzen; der IV. enthält die einschlägigen Gesetze und Entschließungen der Staats- reaiernug; der V. bringt Statuten-Emwürfe und Sonstiges. Besonders ist auch der Bildung von Verkaufsgcnossenschaften sowie der Errichtung und Verwaltung von Lagerhäusern, diesem für die Landwirthe und den rentablen Absatz ihrer Produkte so wichtigen Mittel, ausführliche Besprechung gewidmet. Als prakt. Eommcutar sind die Statuten der Verkaufsgeuossenschaft Trost- hcrg abgedruckt. Wir empfehlen das vorliegende Jnstruktionsbuch allen bayer. Raiffeiseuvereinen zur Anschaffung. Es wird denselben die besten Dienste leisten, nicht bloß als offiziöse Darlegung der Ziele und Einrichtung des bayer. Landesverbandes, sondern auch als praktisches Hilfs» und Nachscklagebuch in zahlreichen Fällen, wo sie. wie besonders im ersten Stadium des Werdens und der Consolidirung, Aufschluß suche». Sie werde» diesen sicher stets finden; denn die Bersasser, welche hinreichend bekannt sind, haben den Lanvwirthen, ihren Mitbürgern, in dem Buche das Resultat vicljäbriger, in rastloser praktischer Arbeit gewonnener Erfahrungen dargeboten. Ein ausführliches Sachregister erleichtert die Benützung des Werkes. Die Ausstattung ist fein, der Preis sehr mäßig. Das Jnstruktionsbuch verdient die Anerkennung des ganzen derzeit schwer ringenden bayerischen Bauernstandes, es ist eine patriotische That. Theologisch - praktiscbe Monatsschrift. Ceutral-Organ der katholischen Geistlichkeit BayernS. Passau. Abt'sche Buchhandlung. ^ Dem Forschuugsgeiste des 19. Jahrhunderts rühmt man nach, daß ihm die Selbstgenügsamkeit früherer Zeit und die Zufriedenheit mit dem Hergebrachten fremd geworden sei. Er ist aus allen Gebieten der menschlichen Erkenntniß mit fieberhafter Hast vorwärts gedrungen, und die Erfolge seiner nie rastenden Thätigkeit liegen in den schätzbarsten Resultaten vor uns. Hinter diesem nur auf das lebhafteste zu begrüßenden Streben der Profanwissenschnft ist die theologische Forschung nicht zurückgeblieben, Vor uns liegt daS 2. Heft deö 6. Bandes der Passnuer theologis ch-prakti sehen Monatss christ» welche uns sprechenden Beweis davon ablegt. Diese Zeitschrift hält im Wettlausc um möglichst zutreffende Erforschung der Dinge außer und über uns gleichen Schritt mit der sogenannten exakten Forschung, und es ist ibr ernst, nicht zurückzustehen in der Aufhellung des Geistes. Wir Katholiken in Bayern dürfe» stolz sein auf ein solches Preßerzeuguiß. Die Errungenschaften spekulativen Denkens vergangener Jahrbundertc, die geschichtliche Gestaltung deö Reiches Gottes aus Erden im Verlaufe derselben, die praktischen Forderungen einer methodisch angelegten Seelsorgenlcitung und die Erfolge derselben, endlich die rechtlichen Beziehungen nud Verhältnisse der Kirche treten unö hier in abwecbSlnngSvollein Bilde mit logischer Schärfe, populärer Darstellungsweise und wohlthuender Kürze und Genauigkeit vor Augen, daß auch der verwöhnte Geschmack Befriedigung findet. Es ist kein Zweig des theologischen Wissens, welcher liier nicht gestreift, unter dem einen oder andern Gesichtspunkte betrachtet und beleuchtet ist. Der Geistliche, welcher sich diese schöne Zeitschrift einmal zum Begleiter gewählt, wird sie unserer Ueberzeugung nach niemals mehr anS seiner Nähe weisen. Es sind die hervorragendsten Namen der bayerischen Gelehrtenwelt, welche ihre Feder in den Dienst derselben gestellt. Wer sollte nicht erfreut sein, wenn er die schwierigsten Fälle anS der Verwaltung des Pfarramtes, die dem Seelsorger manchmal schlaflose Nächte bereiten können, hier mit Sicherheit gelöst findet? Möge diese Zeitschrift in keiner Seelsorgerbibliotbek fehlen und möge durch fleißiges Abonnement seitens der Geistlichkeit die Redaktion eine Ermunterung finden, auf dem bisherigen mit so viel Glück betretenen Wege muthig weiterzuschreiten! Fünf kürzlich in der „Nation" erschienene Artikel des Hrn. Jnstizraths M. Lcby (Berlin) über den Entwurf des Bürgerlichen GcsetzeSbuäiS für das Deutsche Reich sind in einer Separatausgabe (3^/g Druckbogen) erschienen. Preis 1 Mark. Da die Arbeit des Herrn Levy den wesentlichsten Inhalt des neuen Gesetzbuchs unter specieller Berücksichtigung der Abweichungen vom bestehenden Recht in höchst übersichtlicher Weise zur Darstellung bringt, so eignet sich die Broschüre vorzüglich zur Einführung in die wichtige gesetzgeberische Materie. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Jusiituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 7. Fevr. 1896. Gedanke» über Wissenschaft und Christenthum will uns in Nr. 4 der Beilage ein Kritiker des „Spectators" der „Allg. Ztg." bieten. Er bietet aber bloß Gedanken über die Objektivität des Erkennens und einige wohlgemeinte Ermahnungen an die Gelehrten. Von einer Widerlegung des „Spectators" aber ist keine Rede, und der eigentliche Kern der Sache ist gar nicht erfaßt. Es handelt sich nicht darum, ob Denken und Sein übereinstimmt, sondern darum, ob etwas Uebernatür- liches, Göttliches, Wunderbares in der Natur und Geschichte objektiv sicher und unanfechtbar festzustellen sei. Diese Frage wird in der Apologetik behandelt, und zwar so weit es sich um die natürliche Offenbarung Gottes handelt, unter den Gottesbeweisen, soweit es sich um die geschichtliche oder positive Offenbarung Gottes handelt, in den Capiteln über die Offenbarung und die Wunder im allgemeinen, sodann über die Offenbarung des alten und neuen Testaments im besondern. Sowohl in der einen als in der andern Hinsicht ist bekannt, daß die Beweise von Gottes Dasein und Erscheinen in der Natur und Geschichte es zu keiner vollen Stringenz und Evidenz bringen. Wohl spricht das vatikanische Concil von einer Erkennbarkeit Gottes, nicht aber von sicherer Beweisbarkeit. Alle Bemühungen der Apologeten, Gottes Offenbarung zu beweisen, haben es nie bis zu einem Erkenntnißzwang, bis zu einer innern Nöthigung gebracht; die Glaubenswahrheiten wurden nicht als allgemein gültig und nothwendig in dem Sinne erwiesen, wie es philosophische und metaphysische Grundbegriffe sein müssen, und es ist allerdings nicht zu verwundern, daß die exakten und kritischen Wissenschaften, die nur mit sicher Beweisbarem operiren, Thatsachen aus dem Wege gehen, die nach ihrer Ansicht Sachen bloßen Meinens oder Glaubens sind. Man muß ihnen zugeben, daß der Glaube auf dem Gebiet des Erkennens nicht allein auszumachen ist, denn der Glaube ist ebensosehr Sache des Willens, oder wie man heute sagt, des Gemüthes, wie des Intellektes, anderseits aber ist jenen Wissenschaften, der Natur- und Geschichtswissenschaft, nahezulegen, daß ihre vorgebliche Exaktheit und kritische Stringenz eben doch oft bloß eine vorgebliche und vermeintliche ist. Schon die Naturwissenschaften leben von einer Menge Hypothesen (Aether- und Atomtheorie), noch unsicherer aber ist die historische Kritik, worüber ein Aufsatz über Ranke in den Histor. polit. Blättern ausführlicher handeln wird. Ohne Meinen, Vermuthen, Schließen geht es in der Geschichte nicht ab; schon die Grundlage, das Vertrauen auf die Quellen, auf die Berichterstatter und Zeugen einer historischen Thatsache ist eben ein Glauben, ein Glauben, der zwar nicht ganz gleichartig, aber ähnlich dem religiösen Glauben, der Hingabe an kirchliche und geschichtliche Autoritäten ist. Ein subjektiver Faktor bleibt überall, namentlich bei der Geschichte, übrig; wie wäre denn sonst die ganz verschiedenartige, ja entgegengesetzte Auffassung geschichtlicher Erscheinungen möglich? Daß auch beim Glauben ein subjektiver Faktor constatirt werden muß, darf uns daher nicht erschrecken. Dieser subjektive Faktor ist das Gefühl für das Unendliche, Ewige, das Streben nach dem höchsten bleibenden Gute, nach der Vollkommenheit und Seligkeit, das sich in der Idee GotteS ausspricht. Ohne diese Idee ist kein Gottesbeweis möglich, unrichtig ist es nur, diese Idee als angeboren zu betrachten, wie der Ontologismus, oder als bloß ererbt oder überliefert, wie der Traditionalismus, oder von einer unmittelbaren Offenbarung Gottes im Gemüthe zu sprechen, wie der pantheistische Ontologismus. Man kann ein ganz guter Katholik sein — der Verfasser könnte sehr hochgestellte kirchliche Personen nennen — und doch Kants Kritik der Gottes beweise mit Kühn in soweit gelten lassen, als sie das unmittelbare Gottesbewußtsein nicht anfechten. Der Verfasser selbst geht zwar noch weiter und glaubt, der Kausalitätsbeweis sei sicher genug, um eine w-it« gehende objective Beweisbarkeit Gottes zu ermöglichen, aber vollendet kann dieser Beweis nur vermittelst der ursprünglichen Gottesidee werden. Noch wichtiger sind indessen die Beweise für die Offenbarung im Allgemeinen und im Besonderen. Sie und nicht so fast die Gottesbeweise hat der Spectator im Auge, wenn er davon spricht, daß alles zuletzt auf innere Erlebnisse, Erfahrungen und Thatsachen des Gemüthes hinauskommt. In der That, wer in sich und seinem Schicksale kein Wunder erlebt hat, wird schwerlich an Wunder glauben. Solche Wunder zu erleben und zu erfahren, ist aber nicht so schwer, als es bei einem Blick in die weite Welt den Anschein hat, das ist jedem möglich, der läutern Sinnes, empfänglich für höhere Anregung und dankbar für die Vorsehung ist. Das ist zuletzt eine moralische Frage, mag man sagen was man will; denn sonst wäre es unwahr, daß Gott jedem seine hinreichende Gnade schickt. In diesem Punkte steckt auch die eigentliche Unentschieden- heit und Zweideutigkeit des Spectators, die sein Kritiker wohl fühlte, aber nicht herausfand. Nach ihm könnte es scheinen, als sei es bloßer Zufall, ein unverdientes Geschenk, daß Gott seine Gnade einem erzeige; Gott aber offenbart sich jedem und gibt jedem die Möglichkeit, gerecht zu sein, der bereit ist, mitzuwirken: das ist eine Lehre, die nicht blos dem Molinismus, sondern überhaupt der katholischen Kirche eigen ist. Es kommt zuletzt auf den Willen oder darauf hinaus, daß einer seine Seele und sein Herz für die höhere Welt offen hält, daß einer, eingedenk seiner Schwäche und Endlichkeit, seiner Beschränktheit und Hilflosigkeit, seine Hand und sein Auge zu den höheren Machten emporhebt, die sein Schicksal gestalten. Man muß ebenso dankbar für erwiesene Gnaden, als für die geschichtliche Offenbarung, wie ehrfurchtsvoll für die christlichen Vorbilder und christlichen Autoritäten sein. Nun hat aber gerade der Zeitgeist die entgegengesetzten Tugenden gezeitigt, die Undankbarkeit, Ehrfurchtlosigkeit und Rücksichtslosigkeit, und daher ist der große Abfall vom Christenthum leicht zu erklären. Seinen Gipfelpunkt fand der Zeitgeist in Nietzsche, der die Rücksichtslosigkeit, die Gefühllosigkeit, den Egoismus und die Bosheit verherrlicht und als Grundlage der Moral hinstellt, und er hat sich selbst mit Recht Antichrist genannt. Ich habe in den Histor. polit. Blättern (116. Band) ausführlich über Nietzsche berichtet und verweise hierauf. Es ist also, ich wiederhole, eine moralische Frage, auf die es im Streit zwischen Glauben und Unglauben ankommt. Das wußte man freilich schon lange, und man hat von gläubiger Seite nicht unterlassen, bei den Heroen des Unglaubens nach allerlei moralischen Flecken und Gebrechen zu spüren, man hat sich dabei aber oft lächerlich und kleinlich gemacht, und die Gegner hatten leichtes 42 Spiel, mit ihren Splitterrichtern fertig zu werden. Denn jene Apologeten glaubten ihr Ziel nicht erreicht zu haben, wenn sie nicht den Vorwarf grober Unsittlichkeit aus einzelnen Vorkommnissen Herausgestalten konnten. Oder wenn die Apologeten gar in den Ton von Moralpredigern fielen, so waren die Gegner gleich bereit zu sagen, sie wüßten nichts anderes, als die Entscheidung theoretischer Fragen einem ins Gewissen zu schieben. Die Gegner wiesen immer schadenfroh darauf hin, wie ihre Helden ehrliche und brave Menschen waren, wahre Heilige wie Spinoza, edel wie Schleiermacher und Strauß, brave Familienvater und rastlose Arbeiter wie Renan, daß die Apologeten an Sittlichkeit weit hinter diesen bösen Freigeistern zurückbleiben. Und in der That kann das wohl der Fall sein, der Apologet kann äußerlich betrachtet in der sittlichen Schätzung der Menschen hinter einem Freigeist zurückstehen, aber dann ist sicher auch das Bewußtsein seiner Gebrechlichkeit, Hilflosigkeit und Beschränktheit viel großer, und während der Freigeist sich stolz auf einsame Höhe stellt und sich in seinem Glänze berauscht, wird jener demüthig sein Haupt neigen und seine Sündhaftigkeit bekennen. Der Wissensstolz und die Selbstgefälligkeit ist eine viel größere Sünde als die Schwäche, und der Heiland hat wohl den Sündern, nicht aber den Pharisäern verziehen. Der Spectator hat also unrecht, wenn er das Auge vor den erwähnten Thatsachen verschließt — er muß es ja verschließen, weil er, nun einmal in die Gesellschaft von Freigeistern gerathen, doch nicht unhöflich sein kann —, aber recht hat er, wenn er behauptet, es komme zuletzt auf innere Erfahrungen an. Ob es Wunder gibt, und ob die Bibel Gottes Offenbarung enthält, das kann nur bis zu einem gewissen Grade objectiv ausgemacht werden. Die Apologetik kann z. B. die Echtheit der hl. Schrift erweisen und einen hohen Grad von Evidenz erreichen, aber ein subjectiver Factor bleibt besonders bei der Frage nach der Glaubwürdigkeit der historischen Zeugen. Die zeugenkritische Untersuchung muß bestimmte Voraussetzungen über die einem Zeugen nothwendige geistige und sittliche Beschaffenheit machen. Es muß feststehen, daß religiöse Stimmung und Erhebung mit der klaren Erkenntniß subjectiver Thatsachen vereinbar und der Ruhe des Sinnes und Klarheit des Urtheils nicht hinderlich sei, daß religiöser Enthusiasmus, religiöse Be- geisterungundErleuchtungnichtnothwendigjeneschwärmerisch schwüle Atmosphäre erzeugt, in welcher die concreten Gestalten und Geschehnisse der Wirklichkeit nebelhaft zerfließen. Viel wichtiger indessen als diese Voraussetzung, welche selbst wieder in allgemeinem Ansichten über Religion und die durch sie geschaffene normale und abnormale Stimmung wurzelt, ist der historische Nachweis, daß die Zeugen der Offcnbarungsthatsachen sich durch ihren Wandel und ihr Wirken als Männer bewähren, denen wir uns geistig hingeben, denen wir glauben und vertrauen dürfen. Freilich, was sie sahen und hörten, das waren vorübergehende Erscheinungen und flüchtige Worte. Um für alle Menschen eine Geltung zu beanspruchen, scheinen diese Thatsachen und Worte wegen ihrer räumlichen und zeitlichen Beschränktheit unfähig zu sein. Deßhalb verlangt Hartmann von den Offenbarungsthatsachen, daß sie sich jedem Menschengeiste speciell enthüllen. Erst so sollen sie sich zum Rang von allgemeingültigen Vernunftswahr- heiten erheben. Indessen erhalten diese Thatsachen und Wahrheiten eine gewisse räumliche und zeitliche Allgegen- Wrt und deßhalb Allgemeingültigkeit durch die lebendige. überall hinbringende Ueberlieferung der Kirche, in welcher ein Zeuge an Stelle des andern tritt und deßhalb selbst Zeuge wird. Die Kirche, in welcher der gleiche hl. Geist wie vor Jahrhunderten lebt, versetzt uns über die Schranken der Zeit hinüber in die Gegenwart der Ereignisse, welche die Grundlage des Glaubens sind. Das heute noch rr- fahrbare Wirken der kirchlichen Organe gewährleistet uns die Wahrheit und den Werth der uns schriftlich bekannt werdenden Anfänge, die Göttlichkeit ihres Ursprungs und Ausgangs. Durch ihre Vermittlung werden wir selbst Augenzeugen der Ereignisse und vermögen wir weiter zu zeugen. Wenn wir von der Glaubwürdigkeit der biblischen Schriftsteller fest überzeugt sind, werden wir auch ihren Wundererzählungen gerne Gehör schenken, mögen sie noch so sehr unsere Fassungskraft übersteigen. Gerade je größer ein Wunder ist, je außerordentlicher, unglaubhafter und räthselhafter, um so größer ist das Staunen vor der in ihm sich offenbarenden Gottesgewali. Wer an einen Gott glaubt, der wird auch Wunder nicht ablehnen können, mag ihm auch nie in seinem Leben ein wirkliches Wunder, ein Durchbrechen der Naturgesetze, vorgekommen sein. Denn er wird sich sagen, daß seine beschränkte Erfahrung nicht ausreicht, eine solche Möglichkeit zu verneinen. Eine fortgesetzte Reihe von Erfahrungen gleicher Art gibt allerdings einen Jndnctions- beweis, aber eine Iuduction hat nie den Werth eines Syllogismus. Man hat allerdings aus dem Begriff des Naturgesetzes die Unmöglichkeit eines Wunders deducireu wollen, allein man hat nicht beachtet, daß das Wunder gar nicht das Naturgesetz aufheben will. Gott benützt im Wunder die Naturkräfte und -gesetze, um eine höhere oder entgegengesetzte Wirkung hervorzubringen, ähnlich wie der Mensch täglich dem Walten des einen Naturgesetzes ein anderes entgegensetzt und die Wirkung des Wassers z. B. durch Dämme, Schiffe, Feuer aufhebt. Gott kann dies aber viel rascher und stärker ohne viele Vermittlungen thun, das Brod vermehren, ohne zu säen und zu ernten, den menschlichen Körper gegen Feuer und Fall stärken, die erloschene Lebenskraft ohne Arzneien wieder erwecken. Am schnellsten fertig sind jene Gegner der Offen- barung, welche überhaupt die Möglichkeit leugnen, daß Gott in anderer als der gewöhnlichen gesetzlichen und naturgemäßen Weise wirkt. Ein Heraustreten Gottes aus dieser Ordnung und eine Offenbarung an einem bestimmten Punkte des Raumes und der Zeit sei durch den Begriff eines unendlichen, über Zeit und Raum erhabenen Wesens, welches über jede beschränkte Erscheinung hinausgeht, und durch den Begriff göttlicher Gesetzlichkeit und Gerechtigkeit, welche keine einzelne Person und Zeit bevorzugen könne, ausgeschlossen. In der That vermag keine irdisch beschränkte Erscheinung Gottes Wesen zum vollen Ausdruck zu bringen, und die geschichtliche Bevorzugung einzelner Völker und Menschen bietet zumal nach der streng prädestinatianischen Ansicht erhebliche Schwierigkeiten. Allein abgesehen von anderen Gründen würde man Gefahr laufen, Gottes Freiheit, seine Liebe und sein lebendiges Wirken gegen eine starre Gesetzlichkeit aufopfern zu müssen, wollte man jede besondere Einwirkung auf die Natur und den Geist des Menschen leugnen. Dadurch würde nicht nur jede religiöse Mannigfaltigkeit und die Individualität des religiösen Lebens zur Unmöglichkeit, sondern man müßte auch die Ueberweltlich- keit, das Fürsichsein und das Eigenleben Gottes leugnen, und wirklich haben auch alle Gegner der Offenbarung einen mehr oder weniger pautheistischen Gottesbegriff gehabt. O. Christoph von Stadion, Bischof von Augsburg, und seine Stellung zur Reformation. (Fortsetzung.) L. H.*) Grund zu der Annahme, daß Christoph von Stadion schon frühzeitig für Luther günstig gestimmt war, könnte allerdings die Berufung des Ockolampadius zum Domprediger in Augsburg geben. Ockolampadius war zwar, als er im Jahre 1518, nachdem er kurz vorher in der Theologie den Doktorgrad erlangt hatte, diese Stelle annahm, noch katholisch, aber er begann in Augsburg, wo er Luther persönlich kennen gelernt hatie, zu schwanken. Er schrieb gegen Eck und trat mit Luther und Melanchthon in Briefwechsel??) Nach Zapf hätte er schon als Domprediger von Augsburg sehr stark gegen die Mißbrauche der Kirche und den ehelosen Stand der Geistlichen geeifert und die öffentliche Beicht eingeführt, wodurch er sich viele Feinde auf den Hals gezogen, so daß er um seine Entlassung nachgesucht habe. Demun- geachtet habe ihn der Bischof nicht gehen lassen wollen, da er ihm, obgleich er ziemlich evangelisch predigte, sehr lieb gewesen sei, aber durch öfteres Zureden habe er ihn endlich entlassen im April 1520?") Einige Jahre später nun tritt er in Basel als der Hauptreformator dieser Stadt auf. Hier ertrotzte er vom Rathe 1527 durch Zusammenrottung und Bildersturm freie Religionsübung, hier verheirathete er sich 1528, und 1529 unterdrückte er hier den alten Cultus völlig, vertrieb die Ordensleute und führte die Alleinherrschaft des Zwinglianismus durch?") Nachfolger des Ockolampadius auf der Domkanzel zu Augsburg wurde Urbanus Nhegins, der ebenso verdächtig war wie Oekolampad, und deßhalb schon 1521 wieder entlassen ward. Er kehrte jedoch, vom Rathe zurückberufen, im Jahre 1525 wieder nach Augsburg zurück und war nun ein entschiedener Vertreter des Lntherthums. Er war in Augsburg unter den ersten, die das hl. Abendmahl unter beiderlei Gestalten und ohne vorhergehende Ohrenbeicht spendeten, er hielt 1526 eine feierliche, starkbesuchte Hochzeit?") er war überhaupt einer der ersten Reformatoren Augsburgs, und deßhalb liegt wohl die Vermuthung nahe, daß er schon im Jahre 1520 wenigstens der Gesinnung nach Lutheraner gewesen sei, und Noth nennt ihn schon in dieser Zeit einen «viel gefährlicheren Neuerer" als Ockolampadius war?*) Durch Berufung solcher Männer zu seinen Dompredigern lädt Christoph von Stadion allerdings den Verdacht auf sich, als ob auch er selbst im Geheimen Lutheraner gewesen wäre und als ob er diese Männer berufen hätte in der Absicht, durch dieselben die neue Lehre in seinem BiSthum verbreiten zu lassen. Zapf natürlich, der den Bischof schon von Anfang an auf die lutherische Seite zieht, faßt solche Daten bereitwilligst *) Die Signatur X. in Nr. 5 war irrthümlich. D. R. Wetzcr und Weite, Kircheulexikon. IX. Bd. 2. A. (Frei- bnrg im Breisgau, 1895); Seite 702 f. ") Zapf, Cbr. v. Stadion 11. Hciele, Concilieugcschichte, fortges. von Cardinal Hergen- röther, IX. Band (Frciburg i. B., 1890) S. 651. -°) Braun. Gesch. d. Bisch.- V. Slugsb. III. 238 f. ?') Neioriuationsgcjchichtc Augsburgs (Münchm, 1881)' Seite 61. als Beweismaterial für seine Ansicht auf. Doch läßt sich oie Berufung jener beiden Männer, die für die katholische Kirche Gefahr zu bringen drohten, nach meiner Ansicht wohl erklären aus der großen Vorliebe, die von Stadion für die Humanisten hegte. Außerdem waren dieselben bei ihrer Berufung auf die Augsburger Domkanzel noch auf Seite der katholischen Kirche, und der Bischof wird wohl von ihrer reformatorischen Gesinnung kaum etwas gewußt haben. Beweise für diese meine Meinung finden sich bei Veith und bei Noth. Ersterer berichtet nämlich, daß der Bischof ein sehr großer Gönner der Humanisten gewesen sei und daß er den Oekolampad, der außer Deutsch auch Latein und Griechisch verstand, und den Nhegius, der Doktor der Theologie, kaiserlicher Orator und xoöta, lauraatus war, eben wegen seirr.c Vorliebe für die Humanisten, „mit großer Gunst überhäuft und eine Zeit lang sogar ihre Dienste in der Kirche benützt habe," setzt jedoch ausdrücklich hinzu: „ämrr in orblaocloxa ticls ststsrunb? so lange sie den rechten Glauben bekannten?") Ebenso spricht auch Noth für die gute Absicht des Bischofs bei der Berufung jener beiden Humanisten nach Augsburg, wenn er schreibt: „Während der Bischof einen ihm gefährlich scheinenden Neuerer — nämlich Oekolampad — in die Fremde trieb, rief er ahnungslos einen andern, viel gefährlicheren in die Stadt — UrbanuS Nhegius, wobei sich Stadion wieder durch seine Vorliebe für humanistische Studien leiten ließ."?') Braun sagt von Nhegius, daß derselbe keineswegs den „christlich gesinnten Bischof befriedigte, sondern vielmehr den guten Absichten desselben entgegenarbeitete." "^) Den Ockolampadius nennt Erasmus von Rotterdam noch 1518 xlarrs uaonaolrus und supörstitwirs suiovaolestus. Derselbe hatte damals gewiß noch nicht die Absicht, sich gegen die katholische Kirche aufzulehnen. Davon zeugt die Übersetzung einer Rede des heiligen Gregor von Nazianz, die voll ist von herrlichen Schilderungen eines gottgeweihten Lebens und durch die er eine Tochter Peutingers zum Eintritt in ein Kloster zu bewegen suchte. Ja, sogar er selbst trat im April 1520 in das Brigitten- kloster zu Altomünster, um vor der Gefahr, seinen Glauben zu verlieren, zu flüchten, und ob dieses Schrittes mußte er oft den Spott der Anhänger Luthers hinnehmen. Er wendete sich erst, als er 1522 das Kloster wieder verließ, mehr und mehr den Neuerern zu?") Man kann also Christoph nicht den Vorwurf machen, er habe absichtlich solche Prediger berufen, die die Verbreitung des Lntherthums förderten. Außer den angeführten Zeugnissen sprechen auch verschiedene Thatsachen für die wahrhaft katholische Gesinnung des Bischofs. Im Jahre 1520 versammelte er, als er merkte, daß nach der berühmten Leipziger Disputation zwischen dem Professor und Prokanzler der Universität Jngolstadt Dr. Johann Eck und Luther die Gegensätze immer schärfer wurden, zu Dillingen eine Synode, auf welcher neben den Aebten und Prälaten 160 Pfarrer erschienen. Es wurde hier, um dem Ein- ^) Libliotdees. ^utzustauo, Llydodsties. (LnAUStas Vin- äsliens 2lv60I,XXXVI1I). Llpdabstuin IV. pa§. 62 s.: Ut- tsrsrnm st littsrntornm lauter ina.xiinn8; Kino kaetum, nt loannem Oeeolainiiailimn st post dune Crbrnnin KbsAiam, änin in ortdocloxa üäo srstorunt, inntto kavors proseentns st rttiguanäo tsu>Voris spstio soruin oxera aä saeras eon- eiones Usus 8it. 23) Rtt'oriuationSzesch. Augsburgs Seite 61 f. -*) Gesch. d. Bisch. v. AugSb. III. 210. 22) Wetzer u. Weite, Kircheulexikon. 1X2. 703. 44 dringen der immer weiter um sich greifenden neuen Lehre einen Damm entgegenzusetzen, Luthers Schriften zu lesen verboten, den Priestern ward die Ehe aufs strengste untersagt und das Concubinat mit kanonischen Strafen belegt?") Ein anderer Beweis sind das schon oben erwähnte Vorgehen gegen Aquila, die Bestrafung des Abtes Franz von Donauwörth und die Untersuchung gegen den Prediger Kaspar Haslach. Wäre die Gesinnung des Bischofs wirklich dem Lutherthum zugeneigt gewesen, so würde er kaum durch solche Exempel andere vor dem Uebertritt zu demselben zurückgeschreckt haben. Was die Verbreitung der von Eck in Nom 1520 erwirkten Bannbulle betrifft, die Luthers Hauptlehrsätze als ketzerisch verurthcilte und ihn mit der Excommuni- kation bedrohte, falls er nicht innerhalb 60 Tagen widerriefe, so gehen die Berichte hierüber auseinander. Während die einen behaupten, Christoph habe die Bulle bereitwilligst verbreitet, nachdem er dazu von Eck den Auftrag erhalten,^) meinen andere, er habe sie ungern und erst nach vielem Drängen und Mahnen von Seite Ecks publizirt?") Es ist wahr, als Christoph die Bulle von Eck bekommen hatte, schickte er dieselbe wieder an den Usberbringer nach Deutschland zurück, stellte aber, wie Braun mittheilt, Eck zugleich ein Mandat zu, das ihn bei der Verbreitung der Bulle im Bisthum Augsburg empfehlen sollte, weil Christoph eben weinte, Eck werde die Bulle selbst veröffentlichen. Daraufhin schrieb jedoch Professor Eck dem Bischof zurück, er sei vorn Papst beauftragt, die Bischöfe, nicht aber deren Untergebene zur Publizirung der Bulle zu requiriren. Nun ließ Stadion die Bulle „ungesäumt" drucken und nebst einem am 8. Mai 1520 zu Dillingen ausgefertigten Mandat an die Geistlichkeit seiner Diözese ergehen und befahl derselben „unter dem Gehorsam und den in der Bulle angedrohten Strafen dieselbe auf den Kanzeln der Kirchen und Klöster, und wo, wann und so oft es von Nöthen sein würde, zu veröffentlichen und die Gläubigen zu ermähnen, daß sie sich der in der Bulle angezeigten Irrthümer und Lehre des Martin Luther und der Vertheidigung, Verbreitung und schriftlichen Bekanntmachung derselben gänzlich zu enthalten habe; auch nicht die einige irreführende Sätze Luthers aufstellenden Bücher, Predigten, Schriften, Zettel gutheißen, drucken, verkaufen, bekannt machen und heimlich oder öffentlich in'Schutz nehuien, oder aufbewahren und verbergen, sondern vielmehr nach der Publikation der Bulle den Vorständen und Dekanen zum Verbrennen überliefern sollten"?") Druffel sagt dagegen in seinem Vortrag: „Ueber die Aufnahme der Bulle Lxurgs Oominv": „Der Augsburger Bischof erhob erstlich Gegenvorstellung bei Eck und ließ dann nach einer zweiten Aufforderung desselben ein Mandat, welches die Veröffentlichung der Bulle anordnete, verfassen und drucken; einstweilen aber Braun, Gesch. d. Bisch. v. Augsb. III. 20? s. -') Braun, lll. 209. - Vcith, Libl. ä.u§. IV. 56. — Kirchcnlexikon. X. 326. -°) Allgemeine deutsche Biographie. IV. 224. — Zapf, Chr. V. St., Scae 20. — Vortrag von Druffel (Sitzungsberichte der philosophisch-philologischen und historischen Klasse ver k. bayer. Akademie der Wissenschaften zu München, Jahrgang 1880) Seite 573. -°) Braun. Gesch. d. Bisch. v. AugSb. III. 208. — Veith, 8ibl. ^UA. iV. 56: tllonnit guam impensiosimo wauäato opiscoxali anno 1520 eäito et Luilao Imonw X. aäversus I/Utlieri äootrinam s> so xromulZatas praomisso. — Das Mandat findet sich gedruckt bei Veith, Libl. L.NA. IV. xas-. 56 bis SS, Zapf, Chr. v. St. Beilage II. Seite 136 f. blieb dasselbe noch liegen, wenn der Bischof freilich, wie wir sehen, auch bereit war, dasselbe wirklich in die Welt zu schicken, falls sich die Verhältnisse nicht ändern sollten. Ausdrücklich aber gibt der Bischof zu erkennen, daß er der lästigen Angelegenheit gern ausgewichen wäre, indessen Rücksichten nehmen zu müssen glaubte auf die Nachtheile, welche dadurch ihm und seinem Bisthum hätten erwachsen können.""") Nach meiner Ansicht nun läßt sich mit den Gegenvorstellungen, die der Bischof Eck gemacht haben soll, daS Mandat nicht gut vereinigen, das nach Braun Christoph an Eck zur Verbreitung der Bulle übersendet hat. Ferner geht aus dem Mandat vom 8. November 1620 hervor, wie genau und strikte er die Verbote der Bulle durchgeführt wissen wollte und wie sehr er die allseitige Verbreitung derselben in seinem Bisthum anbefahl. Wenn er schließlich auch mit der Verbreitung der Bulle etwas gezögert, so hat er es sicher nicht gethan, um durch Nichtverbreitung der Bulle der Lehre Luthers Vorschub zu leisten, sondern er richtete sich wahrscheinlich nach den andern Bischöfen, die der Meinung waren, durch die Verbreitung der Bulle werde Luther eher abgestoßen als zur Rückkehr zur alten Kirche und zum Widerruf bewogen. Immerhin war Stadion unter den ersten Bischöfen, die die Bulle in ihren Diözesen veröffentlichten. Ich glaube nicht, daß dieser Punkt einen Beweis bietet für das Hinneigen Christophs zur neuen Lehre. (Fortsetzung folgt.) Ein Künstler aus dem Chiemgan. Von Christ. Scherm. (Fortsetzung statt Schluß.) Balthasar Permoser war einer der originellsten Plastiker der Barockzeit in Deutschland, ein Künstler des Barockstils, dem die Kunstgeschichte einen ehrenvollen Platz nicht versagen darf. Schon die Zeitgenossen erkannten seine Bedeutung, und nichts beweist besser das Ansehen, in dem er bei der künstlerischen Mitwelt stand, als die Reise, die der Wiener Bildhauer Naphael Donner nach Sachsen zu dem Zwecke unternahm, den berühmten Meister und seine Werke kennen zu lernen?") „Eigenartig feurig und voll barocker Einfälle, wie sie feinen Zeitgenossen gefielen, beherrschte Balihasar Permoser überdies Technik und Stoff in hervorragender Weise. Daß er auch über die Aeußerlichkeiten des Barockstils hinauszugehen vermochte, zeigt das im Ausdruck wie in der Gewandung fast edelschön zu nennende Hochaltarbild zu Hubertusburg." "1) Sein eigentliches Element war der Sandstein und der Marmor, aber auch in Elfenbein schuf er, wie wir gesehen, herrliche Arbeiten. Während späterhin und noch heute die Ablehnung dieses Materials seitens der Künstler, den Rückgang der künstlerischen Elfenbeinschnitzerei verschuldet hat. haben damals die großen Meister sich solcher Arbeiten nicht geschämt und diese Kunstart zur Blüthe gebracht. Auch Fürsten, wie Maximilian I. und Max Emanucl von Bayern, haben die Elfenbeinschnitzerei ausgeübt. Es war zur Mode geworden, derartige Kunstgegenstände, vor allem Kruzifixe aus Elfenbein, zu besitzen. In letzteren kam das Streben der damaligen Künstler nach anatomisch möglichst getreuer Darstellung des menschlichen Leibes zur vollen Geltung: die naturwahre Darstellung der zum Tode 2 °) Siehe Anmerkung 28. °°) Hagedorn, üolairoisssinsnts 332. Paul Schumann in Lützew's Zeitschr. l. o 45 krampfhaft gefesselten und verzerrten Glieder war hier beabsichtigt und erreicht. Für die Kruzifixbilder gilt wohl in erster Linie das oft wiederholte Urtheil über Permoser, daß er gerne fein anatomisches Wissen zur Schau getragen habe?«) Unser patriotisches Interesse an dem Künstler Bal- thasar Permoser wird erhöht durch das freundliche Licht, in dem er uns als Mensch und Christ erscheint. Er war ein frommer, freundlicher, fröhlicher Mann, eine gerade, ehrliche Natur, ein wohlwollender Charakter, der gerne half, wo er konnte: ein würdiger Repräsentant des Alibayernthums. Seinem geordneten Leben verdankte er ein hohes und kräftiges Alter mit ungeschmälerter Rüstigkeit bis ans Ende. Machte er doch als Greis noch große, damals so beschwerliche Reisen, so als 67jähriger nach Salzburg in dem obenerwähnten Auftrage seines Herrn; ja mit 74 Jahren noch unternahm er eine Fußretse nach Rom, auf der er zum letzten Mal in fein geliebtes Salzburg und gewiß auch in sein Heimathdörfchen kam. Permoser war unvermählt geblieben?«) und dieser Stand erlaubte ihm die ungestörte Pflege unschuldiger, kleiner Eigenthümlichkeiten, die ihn seinerzeit als Sonderling erscheinen liehen und die seine Biographen gewissenhaft überliefert haben. So habe er bei Niemand speisen mögen, habe nie einen Stock getragen und habe sich im Gegensatz zur herrschenden Mode, der „bedrängten Zeiten" wegen, wie er vorgab, einen ansehnlichen Bart wachsen lassen, gleich seinem Zeitgenossen und Mitbürger, dem Miniaturmaler Gabriel Donath in Dresden. (Lange Bärte trugen damals nur die Juden, weßhalb dem Donath oft „Mauschel" nachgerufen und faules Obst, einmal sogar ein Ziegelstein nachgeworfen wurde.) Zur Vertheidigung der Bärte, an denen also „der Spott sehr stark zupfte", soll Permoser ein „Traktätchen" geschrieben oder veranlaßt haben, daS den stolzen Titel führt: „Der ohne Ursach verworffeue und dahero von Rechtswegen aufs den Thron der Ehren wiederum erhobene Barth. Beh jetzigen ohnbärtigen Zeiten sonder alle Furcht zu männigliches Wohl und Vergnügen ausgefertigt vor und von Laltiin8ar I^srnrosorn Königl. Pohl. und Churfürst!. Süchß. bestallen Hosf-Bildhauern. Ans Kosten guter Freunde zum Druck gebracht durch U. Larloabirun Lolrönlonrb." Frankfurt a. M. __1714.6b) „Seine Stärke war Anatomie und leideuschaftl. Ausdruck." Magazin der Sachs. Gcich. I, 150. °^) Ein eigenes Hans mit Grund und Boden kann er nicht leicht gehabt haben, da im damaligen Dresden allen Nicht- proiestanten die Erwerbung von Grundbesitz versagt war. Ueber die schwierigen consessioncllen Verbältnisse in DreSden zu Per- moierS Zeit vcrgl. Lindau M. B., Geschickte der Haupt- und Ncsioenzstadt DreSden. Dresden, Nnd. Kuntze, 1862. II. Bd. S. 269. 273, 282. „Er hieß gemcinigl. nur Balthasar mit dem Barte. Weil der wundert. Mann ans Singularität einen Viertel langen Bart trug." Magazin d. Sackn Gcsch. I. Theil, S. 150. Dasselbe Magazin II. Theil, S. 656 spricht von einem Freunde PcrmoserS, dem Btaler Balthasar, der nach des Freundes Tode ihm zu Liebe einen ebenso langen Bart getragen habe. Verwechselung mit Donath? °°) Herr Dr. Heuer in Frankfurt forschte auf meine Bitte «ach dem Büchlein, aber ohne Ersolg. K. Heinrich von Heknecken behauptet?«) die „etwaS satirische" Schrift sei von Hofrath und Ceremonienmeister Ulrich von König dem Künstler zu Gefallen und Ehren geschrieben worden. Wichtig an dem Büchlein ist, daß dem Titelblatt das Btldniß des Künstlers, ein Stich von Moriz Bodenehr, beigegeben wurde. Als weitere Sonderbarkeit wurde dem Meister die Thatsache angerechnet, daß er bei gesunden Tagen seinen Leichenstein gemeißelt habe?^) Da aber Permoser auf feinem Grabe das sinnige Bild der Kreuzabnahme aufrichten und seine christliche Hoffnung mit eigener Hand bezeugen wollte, konnte er wohl nicht warten, bis die letzte Krankheit seinen Arm gelähmt hätte. Wunderlich allerdings und unheimlich erschien manchem des Künstlers Einfall, sich bei Lebzeiten seinen Sarg machen zu lassen, den er dann mit einem in Holz geschnittenen Todten- kopf versah. Wie jeder Künstler, war auch Balthasar Permoser stolz auf die Erzeugnisse seiner Kunst. Wir erinnern an seine an einem Künstler sehr löbliche Gewohnheit, seine Werke deutlich und ausführlich zu bezeichnen. Von dem verlangten Preise ließ er sich nichts abhandeln und abfeilschen?«) Wurde der bedungene Preis nicht bezahlt, so behielt er das Werk zurück oder zerstörte es gar. So zerschlug er — wenn die Erzählung richtig ist — im gekränkten Ehrgefühl ein in Elfenbein geschnitztes Bild- niß einer hohen Dame, weil deren Gemahl die ausbe- dungene Summe nicht voll bezahlen wollte. Hagedorn erzählt, daß auch die geringste an seinen Werken geübte Kritik ihn derart „wild machen" und erzürnen konnte, daß er oft, ohne auf irgend welche Vorstellungen zu hören, seine Schöpfungen zertrümmerte; ein Grund mehr, fügt Hagedorn bei, warum man so wenig von seinen Werken steht. Einen anderen Beleg seines Selbstgefühls und zugleich des ihm anhaftenden Eigensinns bietet ein interessanter Ausspruch Balthasars. Permoser war ein aufrichtiger Bewunderer des Schwedenkönigs Karl XII., des Wittelsbachers, jenes wagemuthigen Drauflosgehers, der mit 18 Jahren schon Sieger über Dänemark und Rußland war, der August den Starken aus Polen vertrieb, der dann, im Unglück so groß wie im Glück, gleich einem Meteor, noch im Schimmer der Jugend unterging (1718). Permoser sprach gern von den Thaten dieses Helden. Einmal meinte nun ein Gegner des Schwedenkönigs, Permoser möchte doch das Standbild seines Helden meißeln. Balthasar antwortete: „Oh, ja, recht gern, wenn er nur nicht so eigensinnig wäre und mir stände!" AIs nun jener entgcgnete, daß „beide mit einander aufheben könnten" (d. h. daß beide den gleichen Starrsinn hätten), versetzte Balthasar: „Allerdings, denn er ist König, und ich bin Künstler." Die Zeit dieses Ausspruches mag in die Jahre 1706—7 zu fetzen sein, als Karl den Kurfürsten von Sachsen und König von Polen, August II.. zum Frieden von Altranstädt gezwungen hatte. (Schluß folgt.) °°) Nachrichten v. Künstlern n. Kunst-Sachen. I, 70. Hier und im Magazin der Sachs. Gcich. I, 150 ist ein Kupferstich vou Bernigerolb, Periuviers Bilvniß 1732, erwähnt. ") Vcrgl. Ersck u. Gruber l. v. und den hieraus geschöpften Aussatz in der Wissenschaftlichen Beilage der Leipziger Zeitung, 1831. Nr. 75. S. 417. 6°) I» Bezug auf die Eugengruppe sagt Hagedorn, nachdem er Permosers Widerwillen gegen das Abhandeln erwähnt hat: »On assürs quäl auroft repris eette Heils Ltatue, eil ea eür ste ls lllaitro.« blelaireissemonts Hist. x. 331. 46 Die Gründer des Hauses Bourbon-France. Von Charles Saint Paul. (Schluß.) Ludwig war schon früher, als nach der Thronbesteigung Carls des Schönen der Krieg zwischen Frankreich und England ausgebrochen war, mit Charles von Valois vorn Könige in die Guyenne gesandt worden, um daselbst die Uebergrisfe der Engländer zurückzuweisen. Er eroberte damals das Agsnois, während Valois den Nest der Guyenne, mit Ausnahme Bordeaux's, einnahm; bekanntlich wurde aber in dem nachfolgenden Vertrage nur das Agsnois an Frankreich abgetreten, während die Engländer eine Entschädigung von 50,000 Livrss Sterlings zahlen mußten. Während der Streitigkeiten ferner, die dadurch entstanden, daß Eduard III. sich weigerte, sich als IIowras-IiAS des Königs von Frankreich zu erkennen, bewerkstelligte er, von demselben mit mehreren andern Herren und Bischöfen nach England gesandt, daß Eduard diese Huldigung für das Herzogthum Aquitanien und die Grafschaften von Ponthieu und Montreuil (in Akten, zu Eltham am 30. März 1331 abgefaßt) leistete. Charles-le-Bel war in Clermont geboren und wollte gerne die Grafschaft Clermont in seinem Besitz- haben. Er legte deßhalb seinem Cousin nahe, ihm dieselbe für die Grafschaft La Marche, die nach dem Tode Hugos XIII. von Lufignan im Jahre 1303 mit der Krone vereinigt worden war, zu überlassen, indem er ihm zugleich die Erhebung des Bourbonnais zur Dnchs-Pairie in Aussicht stellte. Neben der Grafschaft La Marche sollten auch noch die Burgen von Jssoudun im Berry, von Saint-Pierre-le-Monstier im Nivernais und von Mont- ferrand in der Auvergne das Eigenthum Ludwigs werden. Die Grafschaft wurde ferner gleichfalls zur Pairie erhoben. Die beiden Urkunden der für den Fürsten so vortheilhaften und ehrenden Bestimmung und Erhebung sind am 14. (?) Dezember 1327 im Louvre gezeichnet, und es werden in denselben die Verdienste Ludwigs hervorgehoben. Sie sind in dem Werke Coisfier-Demorets über die Genealogie des Hauses Bourbon, in dem Werke Alliers „^nsisn Lourffannais" (I, 455) und den »Mtrss äs 1» waison Ouoals äs Lourdou" (x>a§. 320) zu finden. Indem Ludwig den Titel eines Herzogs von Bourbon annahm, bewahrte er das Wappen Frankreichs mit Hinsicht auf seine königliche Abstammung. Die Graf- schaft Clermont kam im Jahre 1329, zur Pairie erhoben, wieder in seinen Besitz zurück, während die Graf- schaft La Marche ihm forterhalten blieb, da der König sich gegen ihn, der ihm kurz zuvor das Leben gerettet, dankbar erweisen wollte; der Herzog konnte demnach drei Pairs in seiner Familie zählen, ein Privilegium, welches er einzig besaß und welches sein Haus über alle andern in Frankreich erhob. Die Rettung des Königs hatte Ludwig während des wiederausbrechenden Krieges mit Flandern vollzogen. Philipp von Valois war mit den Königen von Böhmen und Navarra, den Herzögen von Burgund, Bourbon und der Bretagne nach dem Kriegsschauplätze geeilt, wo sich das Volksheer unter Führung Colin Zonnekins begeistert vertheidigte und durch die Sorglosigkeit der französischen Truppen, welche glaubten, es leicht überwältigen zu können, in den Stand gesetzt wurde, in die Nähe des französischen Lagers zu gelangen und einen Angriff zum großen Schaden der Gegner zu bewerkstelligen. ZonnckinS kam an der Spitze einer Schaar bis zum Königszelte, und der König hatte kaum wehr Zeit, die Rüstung anzulegen; er widerstand aber mit den Herren in seiner Nähe den Eindringlingen, bis der Herzog von Bourbon, der auf die Nothlage aufmerksam geworden war, herbeieilte, die Feinde vertrieb und niederhieb und so die Gefahr beseitigte, worauf er mit der Reiterei die festgeschlosseue Schlachtreihe deS Volksheeres durchbrach und den Franzosen den Sieg vom 23. August 1328 sicherte, welcher die Unterwerfung der Aufständischen zur Folge hatte. Die Nachkommenschaft Ludwigs war so zahlreich daß eine Festigung des nengegrüudeten Hauses sicher erschien. Von seiner Gemahlin, die 1354 starb und in der Franziskanerkirche von Champaigue, deren Wohlthäterin sie war, begraben wurde, hatte er 8 Kinder, von denen zwei sehr früh starben. Diese hießen Jacques (-f 1318) und Philippe. Man kennt nur ihre Namen durch ihr Grabmal in der Franziskanerkirche von Chamvaigne. Die andern Söhne und Töchter waren: I. Pierre, der Thronfolger, der 1313 geboren wurde. Er zeichnete sich in den folgenden Kriegen gegen die Engländer aus, vermittelte vielfach die Verträge mit denselben und siel nach einem thatenreichen Leben in der Schlacht von Poitiers. Er hatte seine Cousine, Jsabella von Valois, die Tochter von Charles de Valois, geheirathet. II. Jacques, Graf von La Marche. Er wurde wegen seiner Tapferkeit von seinen Zeitgenossen „die Blume der Ritterschaft" genannt, nahm an den Kämpfen in der Bretagne und Normandie theil und rettete in der Schlacht von Crscy (1346), in welcher er verwundet wurde, Philipp von Valois das Leben. Im Jahre 1349 wurde er zum Generalkapitün der Languedoc, im Jahre 1354 zum Connetable ernannt. Er wurde in der Schlacht von Poitiers gefangen genommen, nach dem Vertrage von Bretigny aber wieder frei gelassen, und starb im Jahre 1362 an den Wunden, die er im Treffen von Brignats bei Lyon erhalten hatte. Von ihm stammt die Linie Bourbon-Vendvme. III. Jeanne, die älteste der Töchter Ludwigs, wurde im Jahre 1311 geboren und vermählte sich im Jahre 1318 mit Guigucs VII., Grafen von Forez. Sie verwaltete Forez für ihren Sohn Johann und starb im Jahre 1403 im Schlosse Clepps; ihr Grab war in der Franziskanerkirche von Montbrison. Durch ihre Nichte Anna, die Dauphins von Auvergne, die an ihren Neffen, Ludwig II. von Bourbon, vermählt war, kam das Forez in den Besitz des Hauses Bourbon, nach dem Tode des Grafen Johann, mit dem der Mannesstamm des Hauses Forez erlosch. IV. Margaretha, die zweite Tochter, heirathete im Jahre 1320 Johann von Seuly, aus einer der ältesten Familien des Berry, die bereits mit dem Hause Bourbon-Dampierre durch Heirath verbunden war. Ihr zweiter Gatte war Hutin de Vermeilles, ein pikardischer Edelmann und Kämmerer des Königs, der sich im Jahre 1356 bei der Vertheidigung von Bourges gegen den Prinzen von Wales auszeichnete. Sie starb im Jahre 1362. V. Beatrix, die dritte Tochter, wurde im Jahre 1334 die Gattin von Johann von Luxemburg, dem Könige von Böhmen und Polen, der im Jahre 1346 in der Schlacht von Crscy für Frankreich kämpfend starb. Sie war im Jahre 1321 mit Philipp von Sicilien, dem Fürsten von Tarent und von Achaia, verlobt worden. Das Ehebündniß wurde aber nicht geschlossen. Der zweite Gatte Beatricens war der Herr Endes von Grancey in Burgund. Sie behielt aber immer am französischen Hofe die Ehren einer Königin. Aus ihrer Ehe mit dem Könige von Böhmen stammte ein Sohn, Wenzeslaus, für den Kaiser Carl IV. das Herzogthum Luxemburg errichtete. Sie starb am 25. Dezember 1383 und wurde in der Jakobinerkirche zu Paris begraben. VI. Marie, die vierte Tochter, heirathete im Jahre 1809 Gut) de Lusignan, den Fürsten von Galiläa, den ältesten Sohn Hugo's IV., Königs von Cypern. Ein zweites Ehebündniß schloß diese Fürstin nach dem Tode ihres Gatten mit Robert von Sicilien, dem Fürsten von Achaia und Tarent und Titularkaiser von Constantinopel, welcher ihr nach seinem Tode im Jahre 1364 den größten Theil seiner Besitzungen in Griechenland und Sicilien hinterließ. Sie starb im Jahre 1387 tu Neapel, wo sie in der Kirche der heiligen Clara begraben wurde, und fetzte vor ihrem Tode, da sie keine Kinder hatte, ihren Neffen, Ludwig II., den dritten Herzog von Bourbon, »u ihrem Universalerben ein?^) Ludwig der Große starb zu Paris in den letzten Tagen des Januar 1342, im Alter von 62 Jahren, betrauert vom Könige, der seine großen Verdienste um Frankreich und sein Herrscherhaus zu würdigen wußte, und wurde an der Seite seines Vaters in der Jakobinerkirche beigesetzt. Es war ihm bestimmt, durch seine Tüchtigkeit und die Gunst der Verhältnisse das Haus Vourbon-France, dessen Gründung mit ihm vollendet wurde, zu einem der mächtigsten zu machen und ihm dauerndes Gedeihen ,u sichern. Recensionen und Notizen. Brockhaus' Konversationslexikon. Verlag von F. A. Brockbaus in Leipzig. * Die neue 14. Ausgabe dieses bedeutenden lilerarischcn Werkes ist mit dein 16. Band glücklich vollendet worden und hat damit ein lOOjährigcs Jubiläum erreicht. Es marschirt jetzt an der Spitze der lexikographischen Literatur, sowohl was Umfang als ihpographiiche Ausstattung betrifft, und enthält über 126.000 Artikel, 10,000 Abbildungen und 130 Tafeln im Buntdruck, abgesehen von den 300 Karten und Plänen, die dem Werke beigcgcben sind. Die Fülle und Mannigfaltigkeit des Stoffes, welchen über 400 Mitarbeiter verarbeitet haben, ist in der That riesig. Man wird wohl nur in sehr seltenen Fällen, ohne Aufschluß zu erhalten, das Lexikon zur Hand nehmen. Ueber die Beschaffenheit der Länder, Gebirge, Tbäler, Steppen ». s. w. geben die ausgezeichneten Karten, besonders die trefflichen Gebirgskarten, über die der Städte die Pläne und deren Beschreibungen Auskunft; der Techniker findet in allen Zweigen seines Gebietes gute Artikel und sachgemäß angefertigte Maschinen- dilder, der Baumeister die neuesten Constructiouen. der Chemiker »nd Mediciucr Auskunft über alle Fragen ihrer Wissenschaft. Der Landwirth lernt die neuesten Maschinen und Muster-Einrichtungen kennen und der Gewerbetreibende jedes Faches die Erfindungen, die ihm in Dampf und Elektricität zn Hülse kommen. Auch der Kunst ist größte Aufmerksamkeit gewidmet, Neben diesen Kindern hinterließ Ludwig auch einen außerehelichen Sohn, Johann von Bourbon, der sich mit Agnes de Cbailleu, der Dame von Crozet im BourbonnaiS, vermählte, die ihm einen Sohn Namens Wilhelm gebar. Er starb im Jahre 1375 und wurde in Souvigny begraben, k. Anselm, der Autor des Werkes »Zweien Bourdonnais« und andere Autoren haben den Irrthum begangen, denselben mit Gny de Bourbon, dem Herrn von Classy und La Ferts-Cbauberon, zu verwechseln,^der aus einer ander» Familie stammte, und Johann als Sohn von Pierre I., Herzog von Bourbon, anzuführen. Siehe über die Nachkommenschaft Ludwigs die aufklärenden Anmerkungen Stcyert's in La Mure's Ilistoirs clss Duos äs Bourbon. (II. 24—32.) in Buntdruck, Bilder» und einem trefflich geschriebenen Texte. Ueber alle militärischen Fragen gibt das große Werk ebenso sachgemäße Belebrung, wie über die Marine, über Handel und Wandel, wie über den Weltverkehr. Fleißig ist die Länder- und Gcschichtökunde gearbeitet. In den wirthschaftlichen und politischen Fragen tritt das Bestreben nach Unparteilichkeit hervor, die aber natürlich, wie das in der Natur der menschlichen Dinge liegt, nicht durchaus erreicht werden kann. Da wo sich's um positiv-christliche und kirchliche Anschauung oder deren Gegentheil bandelt, macht sich leider durchwegs die liberalistische Auffassung geltend. Und das ist für uns die Schattenseite an dem sonst so bedeutenden Werke, das ein Zeugniß großer Schaffenskraft und unternehmenden Geistes ist. 6uw talis sis, utinam nootsrossss — möchten wir rufen, d. h. hätten wir doch einmal ein auf positiv-christlichem und katholischem Boden stehendes gleichartiges Werk, das sich mit dem „Brockhaus" messen -Löunte. Das wird aber auf absehbare Zeiten ein frommer Wunsch bleiben und wir also genöthigt sein, zn Brcckhans u. A. zu greisen. Der Preis des Lexikons stellt sich für die 16 Bände auf 160 M., scheinbar hoch, aber angesichts der Unsumme von Arbeit und Leistung, die in dem Werke steckt, doch überaus billig. Es mag noch erwähnt sein, daß die Verlagsfirma elegante Regale für das Lexikon herstellen ließ, welche einen hübschen Wandschmuck bilden uns in Eichen- oder Nußbaumholz in langer oder hoher Form zu 30 bezw. 36 M. zu beziehen sind. Anton Weber, Vortrüge und Ansprachen. Ne* gensburg, Habbel, 1895. 109 S., Preis 75 Ps. Sieben Vortrüge und Ansprachen und zwar vier Reden größeren Umfanges und drei Anreden im ernst-heiteren Kreise von Studenten, Arbeitern rc. bietet uns in vorliegender Schrift der aus andern literarischeu Arbeiten wohlbekannte, geist- und gcmülhvolle Lhcealvrosessor Dr. Weber. Die vier Vortrüge/ behandelnd 1) Die Druckkunst, 2) Römische Katakomben. 3) Moderne bildende Kunst, 4) Ludwig den Großen, sind Essais von hervorragender Bedeutung in Bezug auf historische, religiöse, kunstsinnige und politische Weltanschauung. Der erste Vertrag erörtert die Ansänge, den Verlauf, die Entwickelung der Buchdruckerkunst — angefangen von Gutenberg bis zur Jetztzeit, ein Bild voll dramatischer Momente, geschichtlicher Belehrung, praktischer und idealer Gesichtspunkte. Bei dem bevorstehenden Jubiläum des öOOjäbrigcn Geburtstages EutenbcrgS wird dieser Vertrag manchen Rednern, welche bei der Feier eine Ansprache zu halten haben, sehr willkommen sein. Der zweite Vortrug führt uns in die römischen Katakomben, behandelnd die Entstehung, Anlage, Geschichte, Verwendung, Inschriften, bildliche Darstellungen rc. der Katakomben. Da wir selbst das Glück hatten, in die Katakomben niederzusteigen und dieselben mit einem kundigen Führer, Monsignor de Waal, kreuz und quer zn durchwandern, so müssen wir sagen, daß die Darstellung Dr. Webers eine ebenso lehrreiche als gründliche ist. Auch die neuesten Forschungen (stehe S. 49—51) sind in Betracht gezogen. Wir stehen nicht an, zn sagen, ein jeder Besucher der Katakomben thäte gut, wenn er Dr. Webers Abhandlung studirt hätte; sie würde ihm ein so gründlicher und belehrender Behelf sein, daß er beim Betreten der Katakomben, wo die verschiedensten Eindrücke aus ihn einstürmen, nicht wie ein Neuling und verwirrt diese Stätten durchwandern, sondern im Verein mit den Erklärungen des Führers ein volles, klares Bild all dieser neuen, geheimnißvollen Dinge erhalten würde. Aber auch derjenige, dem es nickt gestattet ist, diese heiligen Stätten persönlich zu schauen, wird vr. Webers Darstellung der Katakomben mit hohem Interesse lesen. Der dritte Vortrag bespricht zunächst die Münchner Kunstausstellung v. I. 1888. Anknüpfend an die daselbst ausgestellten Werke, ergeht sich dann der Autor über die moderne bildende Kunst. Er bespricht die neuen Malwciscn: Impressionismus und Freilichtmalerei sowie Tendenzmalerei rc., und polemisirt gegen die in der Neuzeit so sehr cultivirte Manier der Nudi- tätcumalerei, beweisend, daß die wahre Kunst dieser Unsitte durchaus abhold ist. Im weiteren werden besprochen die positiven und negativen Resultate der gegenwärtigen Historien- und religiösen Malerei u. s. w. Der Vortrag schließt mit einem Appell, daß die ewigen Grundsätze des Christenthums nicht nur die socialen Verhältnisse durchgingen, sondern auch den Bildwerken ihr Gepräge ausdrücken möchten. Der vierte Vortrag ist gewidmet der Kunsttbätigkeit Ludwigs I. des „Großen", wie ihn der Autor feiert. ES wird hier geschildert, welch hoben Dienst der König leistete seinem Lande und der Kunst selbst, da er der begeisterte und hochherzige Mäcenas derselben wurdep eö werden vorgeführt die großartiger Schöpfungen der Architektur, welche dem König ihre Existenz verdanken, ferner wie 48 er jeden Zweig der Kunst förderte und zur Blüthe brachte. Es ist ein herrliches Lebensbild, das der Autor darbietet und in welchem er den König preist als „trefflichen LandeSvntcr, starken Schirmherrn der Religion, weisen Pfleger der Wissenschaft und verständigen Erneuerer der Kunst". An diese vier Vortrage größeren Umfangs schließen sich noch drei Ansprachen, gehalten in studentischen Festversammlungen und beim Besuche eines Gcsellenvereins. Von Herzen kommend und zu Herzen gehend, sind diese Ansprachen ein Weckruf zu idealem Streben, zu Religion und Tugend. Ernste Gedanken, gekleidet in gemütbvolle Worte, sind sie geeignet, die jugendlichen Herzen mit behrcr Begeisterung zu erfüllen. Wir können demnach vr. Webers Schrift bestens empfehlen. H- L. K.LeMaire, Katholische Kirchengeschichte. München, Oldenburg, 1895. IV und 144 Seiten, geb. 1,75 M. In vorliegender Arbeit hat sich Seminarpräfekt Le Maire das Ziel gesteckt, ein leicht verständliches, nicht umfangreiches Lehrbuch der Kirchengeschichte herzustellen. Es ist dieses ihm auch gelungen. In gedrängter, dabei fließender Sprache bat er die erbebenden und betrübenden Erscheinungen im Reiche Christi auf Erden dargestellt und dabei auf die Culturgeschichte entsprechende Rücksicht genommen. Randbemerkungen bilden Marksteine und unterstützen das Gedächtniß des Lernenden. Man sieht es dem Buche an, daß langjähriger Unterricht und vielfache Erfahrung dem ReligivnSlebrer die Feder geführt haben. Liebe zur Sache und zur Kirche leuchtet aus jeder Seite uns entgegen. Obwohl das Buch „zunächst für die oberen Kurse der Lehrerbildungsanstalten und der Realschulen" bestimmt ist, so kann es auch von andern, namentlich als Nachschlagebuch zur raschen Orientirung, mit Vortheil benutzt werden. — Mit der Eintheilung des Stoffes in zwölf Zeiträume bin iä> jedoch nicht einverstanden. Kleinere Versehen wird eine neue Auflage beseitigen. Möge das treffliche Buch diese bald erleben! Negensburg. A. Weber. Repertorium der Pädagogik. Herausgegeben von Oberlehrer I. B. Schubert. Verlag der I. Ebner'schen Buchhandlung in Ulm. (Preis 5 Mark 40 Pfg. für 12 Monatshefte.) Das 1. Heft des 50. Bandes enthält u. And.: Schulrath Friedrich Polack. Ein Lebensbild. Von Ernst Schreck. — Die verschiedenen Ansichten über das Wesen der Seele. Eine psychologische Studie von L. E. Seidel. — Socialistische und ethische Erziehung oder Social- und Jndividualpädagogik. Von Alex. Schultz. — Für und wider die Zahlbilder. Von I. Grab. Danner, Wachet über Gottes Kinder! Ein Büchlein über katholische Kindererziehung. 3. Auflage. Martins- bühel, Verein katholischer Kindersrcunde. Preis geb. 40 Pfg. o Eine ganz gediegene, praktische Anleitung zur Kindererziehung! Der Inhalt ist aus den besten katholischen Schriften über Pädagogik entnommen, übersichtlich geordnet und in anziehender, packender Form dargestellt. Wir wünschen das Büchlein in die Hand jedes Katecheten, jedes Predigers, jedes Seelsorgers und aller christlichen Eltern. „Stadt Gottes.* Jllustr. Zeitschrift für das kathol. Volk. Missionsdruckerei in Stchl, postlagernd Kaldenkirchen (Nhcinb.). Preis franco 3 M. pr. Jahr. 12 Hefte. Die uns vorliegenden zwei ersten Hefte des neuen Jahrgangs der illustrirtcn Monatsschrift „Stadt Gottes" lassen ihr unablässiges Streben nach Fortschritt deutlich erkennen und bieten einen mannigfaltigen Inhalt: längere und kürzere Erzählungen von vortrefflicher Richtung. Biographien von Männern des Tages (z. B. Fürst Ferdinand, Louis Pastcur und die Schutzimpfung gegen die Tollwnth); Schilderungen (z, B. von München, namentlich in kunstgeschichtlicher Beziehung); Berichte und Schilderungen aus den Missionen; belehrende Artikel n, s. w. Ucbcrdies enthält jedes dieser Hefte auf 40 S. groß 4° über 30 Bilder. Der Ertrag dieses schonen Blattes wird dem Werke der Heidenmission zugewendet. Dr. H. Cardauns, „Die Märchen Clemens Brentano' s". Comm.-Verlag von I. P. Bachc m in Köln. * Diese Schrift bildet die dritte Veremsgabe pro 1895 seitens 0er GörreSge feilsch äst. Mit großer Akribie und sicherem Urtheil führt der Verfasser die Entstehung und Quellen der Märchen, die uns Brentano erzählt bat, vor und verbilft, soweit das möglich war, durch seine sorgfältigen Untersuchungen in dankenSwerther Weise zum Verständniß und zu einer objectiven Würdigung dieser literarischcn Erzeugnisse Brcntano's, welche seither von den widersprechendsten kritischen Urtheilen betroffen worden sind. Mayer Otto, Deutsches Verwaltnngsrecht. I. Baiw. Leipzig, Duncker L Humblot. IX und 482 S. 11 M. VI. Äbth. I. Band des Binding'schen Handbuches der deutschen Rechtswissenschaft. -co- Von allen bisher erschienenen Bänden dieser Sammlung wird vorliegender sicher den meisten Beifall bei den Praktikern finden. Würde das Werk unter einem Pseudonym erschienen sein, so würde man den Alltor für einen mitten in der Praxis siebenden, erfahrungsreichen Verwciltnngsbeamten mit umfassendem Wissen auf dem Gebiete des Verwaltungs- und des Civilrechts halten. Der Autor hat allem Anscheine nach vor Beginn seines Werkes die gesummte verwaltnngsrcchtliche Spruch- praxis Deutschlands und insonderheit Bayerns eingebend durcharbeitet, da Satz für Satz soweit nothwendig und möglich aus obcrstrichtcrliche Entscheidungen Bezug genommen ist. Dieselben sind durchaus in die Anmerkungen verwiesen und geben in Kürze den Thatbestand und juristischen Kern der Entscheidung, woran sich dann in vielen Fällen eine kurze, treffende und von umfassender Litcraturkenntniß zeugende Kritik an schließt. Ebenso setzt sich der Verfasser in den Anmerkungen auch mit der Ansicht anderer Autoren über diese oder jene Frage auseinander, und zwar in ebenso klarer als kurzer Art. Ein bninoristischcr, ein sarkastischer Ausruf, eine kurze, boshafte Frage präzisiren seinen Standpunkt und weisen auf die schwache Stelle der angegriffenen Entscheidung oder Ansicht hin (ok. die Anmerkungen auf S. 345, 353, 403, 453 rc. rc.). Außerdem aber enthalten diese Anmerkungen auch die Ansicht des Verfassers über eine Reihe von Controverscn auf dem ganzen Gebiete jder Rechtswissenschaft (ok. die ebenso kurze als treffende Behandlung der Frage, ob die Krone ein Recht auf Erlaß von Steuern habe, S. 430). Leider leidet aber unter dem Bestreben, sich kurz zu fassen, öfters die Klarheit bei Wiedergabe des Inhalts von Entscheidungen (ok. S. 250 Anm. 2!). Die Behandlung von „Polizeistrafe, polizeiliche Zwangsvollstreckung, unmittelbarer Zwang und Zwang durch Gewaltanwendung" (8 22 mit 25) muß entschieden die bisher beste genannt werden. Die hier an einzelnen Entscheidungen geübte Kritik und die von dem Verfasser aufgestellten Gesichtspunkte und Grundsätze verdienen die höchste Beachtung. Praktikern und Studircnden wird das Mayer'sche Werk den größten Nutzen bieten, besonders wenn einmal das für den Praktiker unentbehrliche Register erschienen ist. Der I. Band behandelt außer dem allgemeinen Theil noch die Lehre von der Polizei- und Finanzgewalt. Heft 6 des Deutschen Hausschatzes führt den prächtigen Roman von Melati von Java: Prada, einen der besten, die von der beliebten Zeitschrift je veröffentlicht worden sind, zu Ende und bringt die Fortsetzung des Romans: Die Jagd auf den Millionendicb von Karl May. Außerdem enthält das Heft die ausgezeichnete Novelle: Wimpics Soldat. Von den zahlreichen belehrend-unterhaltenden Artikeln nennen wir nur die Biographie des hervorragenden Gelehrten k. Franz Ehrle, die Schilderung der Landsknechte von Jos. Weiß, die Biographie des hochseligcn Kardinals Paulus Melchers, das reizende Wanderbild von Anton Ender: Im kleinsten Fürstenthum Europas, Zum Kapitel der Bergkrankheit von Paul Friedrich u. s. w. Auf die zahlreichen kleinen Artikel können wir nur hindeuten. Der Jllustrations- schmuck ist wieder reich und schön. Katechetische Blätter. Zeitschrift für NeligionSlehrer. Zugleich Corrcspondenzblatt des Canisius-Karechcten- Vereins. Herausgegeben u. redigiert von Pfarrer Frz. Walk, Bcnefiziat zu Gaimersheim (Oberbayern). Kempten, Verlag der Jos. Kösel'scbcn Buchhandlung. Preis pro Jahrgang (12 Hefte) M. 2,40. 21. Band 12. Heft enthält u. A.: Schriftgemäße Erklärung deö Evangeliums für den 3. Sonntag nach Erscheinung. — Die katechetische Definition der Sünde. — Die confcssionellen Unterscheidungslehren im Jugend- und Volksuntcrricht u. s. w. Verantw. Redacteur: Ad. HgaS in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 14. Febr. 1896. Monumentale und religiöse Knust. So hat denn der neue Justizpalast auch seinen äußeren „künstlerischen Schmuck". Aber was für einen! Es ist nur gut, daß unsere Landboten keinen Pfennig dafür speciell bewilligt haben. In diesem Falle würden sie jetzt, nachdem der Schmuck fertig, noch viel mehr gescholten werden, als dies vorher in Folge der Nicht- bewillignng geschehen ist. Er ist auch sowohl in ästhetischer wie in ideeller'oder pädagogischer Beziehung nichts mehr als unnütz und nichtsnutzig — wenn man ganz davon absehen will. daß er den Künstlern einmal wieder Gelegenheit zur Bethätigung ihres Könnens und zum Verdienste gegeben. — Nichts Altgermanisch-Nationales, wie Professor Scpp es wünschte, aber auch absolut nichts Christlich-Deutsches, keine Spur eines religiösen Symbols, als wenn die Justiz mit der Religion nichts zu thun hätte! Statt des von Constantin auf die Tempel und Paläste erhobenen Kreuzes ist die Krone oes Ganzen die Kugel, das Symbol des Freimaurerthnms, das Zeichen pantheistischer oder deistischer Weltanschauung. Wenn man sich schon der öffentlichen Aussprache eines christlichgermanischen Gedankens schämt und scheut, warum hat man denn nicht z. B. den weisesten der Richter, den jüdischen König Salomon, dessen bekanntes Urtheil doch am klarsten das Princip: „trat justütia, pareat rnunclus!" illustrirt, oder den klugen Daniel Urtheil sprechend, oder den ersten Gerichtsvollstrccker, den deutschen Patron St. Michael, angebracht, wenn man den ersten Richter auf Erden, Gott Vater im Paradiese, oder den letzten Weltenrichter, dem der Vater das Gericht übergeben, darzustellen sich nicht getraute. In der That! Von keinem Gesichtspunkte aus finden wir das abgenutzte alte heidnische Göttergesindel mit seiner dem Mann aus dem Volke absolut unverständlichen Symbolik als krönenden Schmuck eines deutschen Justizpalastes in christlicher Zeitrechnung berechtigt! — Nur Lalthasar Schmitt's gewaltige nackte „Justitia" mit dem gezückten Schwerte läßt allenfalls ahnen, daß es sich da drinnen auch um einen in's Fletsch gehenden Schnitt handeln kann. Doch wie lange wird es dauern, bis dieses schöne Weib sammt seinen Kollegen und Kolleginnen unter der Ungunst des bayerischen Himmels Schönheit und Gestalt verloren haben wird. — Doch gehen wir zu einem andern Monumentalbau über. Das neue Münchener Naihhaus zeigt außen wenigstens ein Kunstwerk specifisch christlich-religiösen Charakters. Es ist der Drachentödter St. Georg, das in Erz gegossene Standbild am Eck des Marienplatzes und der Dienerstraße, ein Werk von vollendeter Durchbildung des Akademieprofessors SyriuS Eberle in München. Es gleicht ganz einer der ins Große übertragenen schlanken Goldschmiedstatuettcn dieses Heiligen aus spätgothischer Zeit. Eine durch und durch adelige, echt mittelalterliche Nittergestalt, von schön gezeichneten Linien und strammer statuarischer Haltung, sticht der Drachentödter mit vornehmer und zugleich energischer Grandezza den geschickt bewegten, echt Dürer'schen Tatzelwurm zu seinen Füßen nieder. Dieser vornehme, ritterliche Charakter des christlichen Helden kommt auch in dem edlen, scharf geschnittenen Antlitz mit dem energischen Auge und der kühn geschwungenen Nase zum vorherrschenden Ausdruck. Diese Statue ist unter verschiedenen hervorragenden Standbildern weltlichen Charakters das einzige religiöse Kunstwerk, welches dem Meister, dem eine „Schule" talentvoller und ideal angelegter Jünger der christlichen Knust die Grundlage ihrer künstlerischen Bildung verdankt, für die Oeffentlichkeit zu schaffen vergönnt war; — auch ein Trost für die vielfach in ähnlicher Lage befindlichen Schüler! Nun ist auch für einen weitern, mehr in die Augen fallenden Schmuck des Marienplatzes vom Münchcnew- Magistrate Sorge getragen. In einer von diesem ausgeschriebenen, reich beschickten Concurrenz trug der Historienmaler Hugo Huber in München den Sieg davon, und wird derselbe im nächsten Sommer den obern Theil der nach dem Marienplatze schauenden Mauer des alten Nath- hausthurmcs mit zwei ebenso charakteristischen wie bedeutsamen Figurenbilonissen bemalen. Es sind dies die katrona, Luvarlao, die Madonna mit dem göttlichen Kinde, und der Schutzheilige der Erzdiözese München, St. Bcnno, welche in mehr als doppelter Lebensgröße rechts und links der Uhr auf gothischer Kreuzblume, die ein Münchener Kindl umschließt, zu stehen kommen. Sowohl in ideeller als malerischer Beziehung wird das nunmehr auf Grund der endgiltig approbirten Farbenskizze Hubers dnrchgedruugene Projekt vor den anfänglich beabsichtigten Bildnissen der jüngst verstorbenen Bürger- ,,Meister den Vorzug verdienen. Und nachdem für dieses Werk die Summe von 12,000 Mark angesetzt wurde, so wird, dessen sind wir überzeugt, der ungcmein leistungsfähige durchgebildete Künstler den schönen Nathhausplatz, und damit die Stadt München, um einen bedeutsamen monumentalen Schmuck bereichern. Noch aus einer andern von der kgl. Regierung aus» geschriebenen Concurrenz ging Herr Hugo Huber zugleich mit dem Maler Joseph Huber als erster Preisträger hervor. Beide haben die im vorigen Jahrhunderte vom Historienmaler Johann Huber ausgemalte Ncuaissauce- Kirche in Obermedlingen je mit einem kolossalen Deckengemälde in der Größe von 9/6 Meter auszustatten. Die für beide Werke bestimmkeu Kostensummen von zusammen 12,000 Mark scheinen uns im Verhältniß z. den Bezahlungen anderweitiger bisheriger Auftrüge vo Seite des Ministeriums ziemlich „preiswürdig". Da Bild Hugo Hubers wird die Verkündigung Mariens jenes von Joseph Huber die Aufopferung Jesu im Temp darstellen. Des letzter» flotter und geschickter Farbenskizze kam die Verwerthung der gegebenen mächtigen Architektur des Tempelbaues als natürlichen Hintergrundes der Gruppen zur Ausfüllung der unverhältniß- mäßig großen Bildfläche sehr zu statten. Ersterer wußte in seiner harmonisch schwungvollen und warmfarbigen Komposition, nach dem Vorbilde älterer Meister, das Transcendentale mit dem historisch Realen verbindend, durch volle Ausbildung des gedanklichen Inhalts den gewaltigen Höhenraum des Bildes auf geistreiche Weise zu beleben. — Der zweite Preis wurde Herrn Gebhard Fugel, einem der leistungsfähigsten der jüngeren Historienmaler, für seine beiden, mit den obigen an genialer Conception wetteifernden, größern Bildskizzen von frischer charakteristischer Farbengebung zuerkannt. Auch ihn leitete bei der Darstellung der Verkündigung die fast gleiche künstlerische wie gedankliche Auffassung mit dem Vorigen. Während der Erzengel Gabriel, mit der Lilie in der Hand, im faltenreichen Gewands vor der in den Bet« mantcl eingehüllten Madonna niederschwebt, setzen andere der himmlischen Geister gleichsam die der Menschheit den größten Segen aus der Höhe dringende lebendige Himmelsleiter fort bis hinauf zum Throne Gottes des Vaters, der seine Friedensboten zn der Gebenedeiten unter den Weibern sendet, indem die verklärenden Lichtstrahlen des hl. Geistes die unten sich abspielende bedeutsame weltgeschichtliche Scene beleuchten. Während Hugo Huber auch die ältern Stile, den romanischen und gothischen, wie den der Renaissance und des Zopfes, mit einer seltenen Meisterschaft freier und origineller Verwerthung beherrscht, wie seine reichhaltige Mappe und herrliche Cartons zu Glasgemälden zeigen, geht das konsequente Streben Fugels offenbar dahin, aus den Fesseln der Schule, d. i. jeder bloß traditionell- conventioncllen Beschränktheit, sich vollständig loszulösen, um mit allen Mitteln der Errungenschaften moderner Kunst die möglichst harmonische Verschmelzung ansprechender realistischer Wahrheit mit der Tiefe des Gedankens und der Empfindung als sein höchstes Künstlerziel zu erreichen. Dies beweist auch wieder sein neuestes großes Altarbild (für Tillingen). Es zeigt den heiligen Sebastian, der, ein schöner kräftiger Jüngling, nach Lockerung der Fesseln am Baume niedergesunken ist. Ihm zur Seite erscheint eine prächtige schlanke Frauen- gestalt, die Römerin Irene, die, im Begriffe das Werk der heilenden Samariterin zu beginnen, noch einmal mit gespannter Aufmerksamkeit die dämmerige Umgegend mustert. Die Lampe in ihrer Hand beleuchtet mit stimmugsvollem Lichteffekt die einsame, mit religiöser Poesie behandelte Scene. — Ein anderes Werk, eine große, ganz wie ein modernes Gallcricbild mit aller Feinheit charakteristischer Raturstimmung ausgemalte Skizze zu einem Deckengemälde — die fast schon als fertiges Bild erscheint — zeigt den Apostel Petrus mit erhabenem Pathos den gedrängten Volksschaaren von der Treppe des Abendmahlhauses aus seine erste Predigt haltend. (Siehe Katharina von Emmerich!) — Daß Fuge! aber auch mit der modernen Technik und der realistisch wahren Formbehandlung echt historisch-monumentale Gesammtauffassung bei gewissenhafter Treue im geschichtlich formalen Detail zu verbinden weiß, das zeigen neuerdings die im letzten Sommer begonnenen Freskogewälde in der Kirche auf dem St. Gebhardsberg bei Bregcnz („Die Ankunft des hl. Geb- hard mit Schiff in Konstanz" und „Die Grundsteinlegung des Klosters Petershausen bei Konstanz"), weihe- und stimmungsvoll gemalte religiöse Geschichtsbilder, denen der Stilist Hans Martin, der mit dem Maler Pacher auch kürzlich die Stadtpfarrkirche in Bregenz effektvoll ausmalte, seine stilechten, farbenfrischen Dekorationen hinzufügte. — Ein wahres Kleinod der religiösen Kunst hat soeben der weit über Baherns Grenzen bekannte Historienmaler Martin Feuerstein in München, einer der fruchtbarsten und bedeutendsten Meister der zeitgenössischen Künstlerschaft, vollendet. Es ist das aus einer mittleren Haupt- und 8, erstere einschließenden, kleinern Nebendarstellnngen bestehende Altarbild des hl. Antonius in der Münchener St. Annakirche, welches an der Hand der Legende die Wunderthaten dieses Heiligen der Franziskanergenossenschaft schildert. Es ist von einer geistigen Tiefe und Frische seelischer Empfindung belebt, durch welche es nebst der feinen charakteristischen Farbengebung, der historischmonumentalen und doch natürlich-freien Komposition an die besten italienischen Nenaissaucebilder erinnert. Besonders die Gestalt des Heiligen selbst ist von sprechender und charaktervoller, der religiös-poetischen Natur desselben sehr entsprechender Auffassung. So besonders in feiner sinnigen „Fischpredigi", seiner begeisterten „ersten Predigt". Das letztere, sowie die „Heilung des reuigen Sohnes, der die Mutter getreten und sich darob den Fuß abgehackt", sowie das Todtcnbild des Heiligen werden dieser Tage in den Nahmen des Altars gesetzt. Das letztere zeigt den im Tode Verklärten auf dem Todtcnbette, bei dem zwei betende Mönche die Nachtwache halten, während zwei Engel mit der abgcschicdenenen Seele wie in einer lichten Mandarin zum Himmel schweben. Es erscheint wie eine lyrisch-elegische Dichtung in Farben, voll religiöser Poesie und Weihe, wohl eine der kleinern und einfachsten Darstellungen, aber sicher eine der in sich vollendetsten und ansprechendsten, die Feuerstein geschaffen hat. — Zu bedauern ist, daß diese Perle, geschaffen mit Liebe und Begeisterung zur Erbauung und Erhebung eines christlichen Gemüthes, wie kaum ein zweites unter allen bis jetzt in der Annakirche angebrachten Kunstwerken, die zum Theil zu diesem passen wie die Faust auf's Auge, in der dämmerigen Nacht der Altarnifche einer an sich schon dunklen Kirche seinem eigentlichen Zwecke als christliche Kunstschöpfung fast gänzlich entzogen werden soll. — Auch die hl. Geistkirche in München erhält nun zu den bereits vorhandenen Glasgemälden nach den Cartons von Feuerstein „Die hl. Familie" und „Nosen- wunder der hl. Elisabeth" auch das Bild der „Verklärung der hl. Walburga". Diese drei im modificirten Zopfstil ausgeführten Gemälde sind von einem Schwünge der Komposition und ästhetisch feiner Zeichnung, welche sie in rein künstlerischer Beziehung noch über die Antoniusbilder erheben. Zum Schlüsse geben wir noch unserer — und vieler Anderer — Freude Ausdruck, daß Herr Feuerstein es über sich vermocht hat, den ehrenden Ruf zu einer Professur an der Wiener Akademie der bildenden Künste endgiltig abzulehnen, um in München auch fürder verbleiben zu können. Festing. Christoph von Stadion, Bischof von Augsburg, und seine Stellung zur Reformation. (Fortsetzung.) L. R. Auch dem Papste Leo X. war der Eifer des Bischofs von Augsburg für die Erhaltung der katholischen Religion in seinem Bisthum nicht unbekannt geblieben. Am 25. Februar 1521 erhielt nämlich Christoph vom hl. Vater ein Schreiben, in welchem ihm derselbe „im Namen Gottes für seine unermüdete und kluge Verwendung dankte und ihn ermähnte, auch in Zukunft die Vertheidigung des katholischen Glaubens und des apostolischen Stuhles zu führen, denen, die zurückkehren, Verzeihung zu ertheilen, diejenigen aber, welche hartnäckig in der Bosheit verharrten, von der Gemeinde abzuschneiden, damit sie nicht durch ihre Ansteckung noch größeren Schaden verursachten. Dadurch werde er sich bei Gott Gnade, bei allen guten Menschen Ruhm und bet ihm Dank verdienen."^) In diesem Schreiben dürfte doch wohl kein in schönen Worten versteckter Tadel, keine Aufforderung an den Bischof zu größerem Eifer in der katholischen Sache, zu suchen sein, wie es geschehen ist?^) zumal wir ja gesehen haben, wie sehr er sich bisher die Bewahrung -») Braun, Eesch. d. Bisch. v. Aug§b. III. 210 f. Allgemeine deutsche Biographie. IV. 22-1 der Reinheit der katholischen Lehre halte angelegen sein lassen. Es ist dies Schreiben vielmehr eine dem Bischof vom Papste gezollte Anerkennung seines redlichen Bemühens, die Ausbreitung des Lutherthuws möglichst hintanzuhalten. Am 27. März desselben Jahres schickte der Papst an Stadion ein zweites Schreiben, in welchem er demselben seine besondere Zufriedenheit darüber ausdrückt, „daß es den Bischof schmerze, daß ein Prediger Luthers Irrthümer in feinem Dome predige und vertheidige, und daß der Bischof bereit sei, denselben zu bestrafen und zu entfernen".^) Der hier gemeinte Prediger ist Urbanus Nhegius, und so ist also dieses päpstliche Schreiben auch ein Beleg für die Behauptung Veiths, der Bischof habe dessen Dienste nur so lange gebraucht, säum in ortsiocloxa, kicks steint". In demselben Jahre (1521) fand auch der Reichstag zu Worms statt, auf welchem sich Luther über seine herausgegebenen Bücher und Schriften und über die darin enthaltenen Lehren vor dem Kaiser und vor den Fürsten Zu verantworten hatte.Auf diesem Reichstage erschien auch unser Bischof Christoph von Stadion. Er trat in der Sache Luthers mit Ruhe und Mäßigung auf und zeigte Scheu vor übereilten und rechtsverletzen- den Schritten. Als nämlich der Kaiser, aufgebracht über die Hartnäckigkeit Luthers, womit dieser seine Lehre vertheidigte, demselben bedeutete, er habe Worms zu verlassen, da war Christoph mit unter jener Commission, welche von Karl V. noch fünf Tage Aufschub erwirkte und unterdessen Luther zur Nachgiebigkeit zu bewegen suchte. Allerdings erreichte die Commission ihren Zweck nicht, und nach fünf Tagen mußte Luther Worms verlassen.^) Doch auch jetzt noch bestand Stadion mit dem Churfürsten von der Pfalz darauf, daß Luther Treue gehalten werden müsse und daß man ihm das versprochene Geleit nicht entziehen dürfet) welches er denn auch noch auf 21 Tage erhielt, aber unter der Bedingung, unterwegs weder zu predigen, noch das Volk zu versammeln oder Schriften zu veröffentlichen.^) Christoph äußerte sich auch, daß man Luther wenigstens anhören Müsse und ihn nicht so „obenhin" verdammen dürfet) Diese milde Stimmung Christophs gegen Luther zu Worms stimmt nun allerdings nicht ganz mit der Strenge, die er bisher gegen die neue Lehre gezeigt hatte, überein, und man muß auf die Vermuthung kommen, Luther habe auf ihn einen guten Eindruck gemacht. In dieser Meinung wird man noch bestärkt, wenn man bei No!h liest, daß der Bischof gerade unmittelbar nach seiner Rückkehr von Worms ungemein tolerant erschienen sei?o) Ebenso rühmt Eberlin von Günzburg in „Der frommen Pfaffen Trost" seine milde Gesinnung gegen die Lehrer heilsamer Schrift, gegen den christlichen Doktor Speiser, gegen die beiden edlen Bruder Adelmaun und einige Prediger der bischöflichen Stadt Dillingen.") Auch theilt Eberlin mit, der Bischof soll sich geäußert haben: „Ihm sei, wie ihm wolle, so sind die Lutherischen jedenfalls weniger sträflich in ihrem Wandel, als die andern, von denen viele Schlemmer -) Braun, III. 211. Jansscn, Gcsch. des deutschen Volkes. 2. Bd., S. 154. Gcsch. Karts V. von Hermann Banmgartcn (Stuttgart, 1885); 1. Bd., S. 473 f. — Jausten, Gescü. d. deutsch. Volkes. II. 165 f. — Heselc, Eoncilieiigcsch. IX. 238. oo) Zapi, Cbr. v. Stadien. Seite 26. --) Bcmmgartm. Kart V. I. 474. - Jansscn, II. 167. 0 °) Zapf, Ehr. v. Stadion. S. 26. o°) Rnvnuationsgesch. Augsburgs. S 83. ") „Johann Eberlin von Günzburg" von Max Nadlkofcr (Nördlingcn, 1887). S. 67. sind."") Des Bischofs Toleranz geht ferner aus folgender Stelle aus den „trostlosen Pfaffen" von Eberlin Herbor: „Wie ich selbst gesehen habe zu Dillingen in Wolf Hafens Haus, des Secretani Episcopi Augustensis, liest derselbe seinem Hausgesinde tagtäglich aus der Bibel vor."") Diese Zeugnisse bestätigen es allerdings, daß Christoph von Stadion aus Worms eine günstige Meinung über Luther nach Hause gebracht hat, jedoch kann man nicht behaupten, daß er etwas gethan Hütte, was auf eine protestantische Gesinnung schließen ließe; denn ein gegebenes Wort muß man auch dem Feinde gegenüber halten, und wenn er darauf drang, Luther anzuhören, so glaubte er eben, man könne eine Sache, über die man nicht auch den Gegner bis zu Ende gehört, nicht beurtheilen. Er that daher nur, was recht und billig war. Zudem war ihm daran gelegen, eine Einigung mit Luther herbeizuführen, damit sich die Gegensätze nicht noch mehr vergrößerten. Welches Verstauen übrigens Papst Hadrian IV. auf unfern Bischof setzte, bezeugt ein Schreiben an denselben vom 1. Dezember 1522; in demselben heißt es unter anderem: „Da Deine Fraternität, wie allgemein bekannt, vor vielen andern Prälaten und Fürsten unseres Deutschlands sieb muthig und eifrig den schädlichen, den so schön angelegten Weinberg des Herrn in unserm Vaterland so gräulich verwüstenden Füchsen, nämlich den neuen Jrrlehrcrn oder vielmehr den Erneuerern der alten und schon öfters von der Kirche verdammten Irrlehren, sich entgcgengestcmmt hat. so wollten wir nickt umer- lasscn, an sie besonders zn schreiben und sie wegen ihrer vortrefflichen Lugenden und ihrem brennenden Eifer für das Hans des Herrn und die heilige Religion zn rühmen; alSdaun sie zu ermähnen, daß sie dies heilige Unternehmen Mischen möge, sowie sie von sich selbst, von ibrcin Gewissen, ihrer Würde, Tugend und Geburt, und in Hinsicht auf die Ehre Gottes angespornt werden, mit Hilfe Gottes alles zn thun, alle Mühe und alles Ansehen bei deni Convent (nämlich aus dem Reichstage zu Nürnberg 1523) und ihren Freunden zu verwenden, damit die Sache GottcS nicht, wie bisher, ganz nachlässig, sondern, wie es die Wichtigkeit derselben erfordert, mit größtem Eiter und Fleiße einmal möchte behandelt werden, und die Fürsten aus diesem Convent unter sick solche Mittel ergreifen möchten, wodurch die lutherische Wuth, bevor sie die ganze Nation vergiftet, möchte eingedämmt und gänzlich vernichtet werden. Wird dieser innerliche Krieg, welchen die Mächte der Finsterniß mit unserer Nation nicht vermitteln körperlicher, sondern geistiger Waffen führen, gelegt sein, so wird man sodann viel leichter den gottlosen Angriffen der grausamen Türken widcrstebcn können. Weil unS auch ihre Klugheit, Bescheidenheit und Eifer bewußt ist, so ermähnen wir sie, uns alle ibr bekannt sein sollenden Anschläge, die lutherische Sekte aus deu Herzen unserer Deutschen herauszureißen, sobald möglich, schriftlich mittheilen zu wollen. Eure Fraternität werden durch dieß einen für ihre Würde und für die Religion ihrer Voreltern rühmlichen, uns und allen Christen sehr löblichen und angcuebmen Dienst leisten, und ihr eine Krone für den Himmel flechten."^) Würde eins Kunde von etwaigen protestantisch scheinenden Ansichten Christoph von Stadions nach Rom gedrungen sein, was jedenfalls auch geschehen wäre, wenn solche bei ihm zu Tags getreten wären, dann würde der Papst kaum einen Brief so voller Anerkennung und voll Vertrauens au ihn gerichtet haben. Der Bischof von Augsburg rechtfertigte aber auch das in ihn gesetzte Vertrauen, indem er sich auf dem Reichstag zu Nürnberg 1523 mit allen Kräften für die katholische Sache verwendete,") was sogar Zapf erwähnt,") wenn er ") Ebd. S. 67. Ebd. S. 63. — Roth, Nescrniatioiisgcsch. Augsburgs. Seite 89 f. So die Uebcrsetznng bei Braun. III. 215—217. ") Ebd. S. 217. ") Zapf, Chr. v. Stadion. S. 32. 52 auch an der Aufrichtigkeit dieser Gesinnung wegen des Verhaltens Christophs auf dem Reichstag zu Worms bezweifelt. Christophs Schuld war es sicherlich nicht, daß das Resultat dieses Reichstages nicht so günstig ausfiel, als es der Papst gehofft hatte. Unser Bischof konnte zwar trotz seines Religionseifers im Ganzen nicht viel ausrichten, er war aber bemüht, in seiner Diözese und vornehmlich in seiner Ka- rhedralstadt das entglimmende Feuer vor dem gänzlichen Ausbruch womöglich niederzuhalten.") Als sich z. B. im Jahre 1522 ein Karmelitermönch zu St. Anna in Augsburg erdreistete, die neue Lehre öffentlich von der Kanzel dem Volke vorzutragen, ließ ihm Christoph durch seine Vorgesetzten das Predigen verbieten; und obgleich der Magistrat dagegen Vorstellungen machte, blieb er doch bei seinem gerechten Entschluß") Als auch in Memmingen einige Neuerer offen aus der Kanzel Luthers Lehre zu verkünden wagten, da ermähnte Christoph in Güte und Milde, um richt etwa durch Härte abzustoßen, den Memminger Stadimagistrat, dies nicht zu dulden.") Das Schreiben, das er am 19. Juli 1523 nach Memmingen abgehen ließ, ist uns auch deßhalb interessant, weil er hier ein Urtheil über Luthers Lehre abgibt. ES heißt hier: „Wiewol der Luther und sein anhang anfangs von etlichen vcr kirchendicner mißpreuchen und andern» vil christenlicher vnd gueter leren geschrieben, so haben sy doch darunder so vil be- truglicheS giffteS eingemischt, daraus bisher kain besscrung oder inerung göitlichS lobs, sonnder nicht anders, dann hinlessigkeit, leichtvertiakcit vnd crgernus gegen Gott und der Welt erwachsen vnd groölich zu besorgen ist, wa Gott der Herr nit mit sondern gnaden sehen, das daraus nicht anders dann gantz vcrfiiren vnd verderben der seelcn, leib, crcn vnd gut erfolgen werden: dann so man nicht mcr »echten, beichten, bethen, mcsshörcn, die muetcr Cristi und ander lieb heiligen nicht mer in Gott cren vnd vmb ir fürbitt gegen Gott anruffen, sonder der menniglich nach seinem freyen willen vnd zu heben zeittcn die bisher verholten ipeiß nach sciin gcvallen vnd Wollust niesten vnd anders mcr thun soll vnd möcht, wie dann die Lutherischen gar vbel davon schreiben vnd leren, so würd dadurch nicht allein der gantz cristenlich glaub und gaistliche oberkeit vertrackt, sonnder auch dem weltlichen regiment aller gehorsam entzogen, zueletst groß Pluetvergießen daraus erwachsen vnd alles Wesen zu Nichten werden." Daran schließt sich dann noch eine ernstliche Mahnung an den Stadtmagistrat, er solle „im Gehorsam bleiben nnd auch die seinen darzu getreulich ziehen und weisen, und sonderlich bey denjencn, die so fälschliche, betrügliche, lutherische ler angenommen und andere darin» heimlich oder öffentlich zu unterweisen unterstanden haben oder noch thun würden, ernstlich fürkommen und abstellen und nicht länger zusehen.'"") Außerdem ordnete der Bischof für Memmingen Prozessionen an, was er zugleich auch an andern Orten seines Bisthums that?°) Aber so sehr sich Christoph auch bemühte, seine Gläubigen der wahren katholischen Religion treu zu erhalten, so hatte er doch wenig Erfolg. Der Rath von Memmingen schenkte zwar seinen Worten Gehör und suchte seinen Anordnungen nachzukommen, aber er verfuhr so milde gegen die Neuerer, daß dieselben nicht zum Schweigen gebracht wurden. Die Veits,, Libl. ^.UK. IV. 56: Inciclit episcogatug Obristoxbori nostri in eliktieillirna, tsmgora, guibus Imtksro sna ckoAinata Sparkonto, Esrmania uuiversa inunwerabilibus tnrbis Znotuabat. II is stiaw ckiooossin ^.ngaistanam, imo ipsam urbem LuZustain invackentibus xro otticii oxiscoxalis rationo totis viribus obstitit Lxiscoxus noster, non sins suo- cossu, attamsu non onmi, guein szwrarö ei iiouisset. ") Braun. III. 213. ") Ebd. S. 219. "1 Braun, Gesch. d. Bisch. v. Augsb. III. 219 ff. °") Friedrich Doblcr, „Memmingen im Resormations- zeitalter" (Augsburg, 1877). Erster Theil, S. 32. - Braun, Reformation faßte in dieser Stadt immer festeren Bodens) Unter großem Beifall predigte Christoph Schappeler, Bene- fiziat an der Pfarrkirche zu St. Martin, gegen Messe und Heiligenverehrung und schimpfte weidlich über die katholischen Geistlichen;^) als ihn der Bischof 1524 nach Dillingen beschick» und ihn, da er nicht erschienen war, mit dem Banne belegte, trat der Rath für ihn ein. Er schickte zweimal seine Mitglieder Hans Keller und Bernhard Strigel zum Bischof. Umsonst aber stellten sie demselben vor, eine Verfolgung Schappelers werde einen Aufstand der Memminger Bürgerschaft entfachen; der Bischof blieb fest und erwiderte, wenn die Gemeinde sich empöre, werde er und der schwäbische Bund sie gehorsam machen. Da sich Schappeler nicht beugte und in seinem Beginnen fortfuhr, so blieb Christoph nichts übrig, als über ihn den Kirchenbann auszusprechen. Am 27. Februar 1524 wurde die Bannurkunde an der Martinskirche angeschlagen; aber die Stimmung der Bürgerschaft war derart, daß der Rath nicht wagen durfte, die Urkunde hängen zu lassen. Er begnügte sich jedoch nicht damit, dieselbe abzunehmen, sondern stellte sich nunmehr offen auf die Seite der Reformatoren, indem er behauptete, man müsse dem Worte Gottes mehr anhangen als des Bischofs Drohungen; und damit leugnete er thatsächlich die bischöfliche Autorität.^) (Fortsetzung folgt.) Ein Künstler aus dem Chiemgan. Von Christ. Scherm. (Schluß.) Einen Einblick in die Gesinnung seines Herzens eröffnet uns der Künstler durch die Stiftung, die er 1692 zu Gunsten feines Heimathdorfes Kammer machte. In der Fremde ist ihm wohl der Werth eines geordneten Unterrichtes der Kinder recht vor die Seele getreten, denn er sandte 1000 Gulden — eine sehr hohe Summe für jene Zeit — an die Pfarrei Otting, damit, wie es im Stiftungsbriefe heißt, „die Jugend auf ewige Weltzeiten sowohl im Lesen, Schreiben und Rechnen, als auch anderen guten Sitten und christkatholischen Lehrstücken durch taugliche Schulhalter emsig unterwiesen werden solle". Von den Zinsen des Stiftungskapitals werden jetzt für arme Kinder Bücher und Schuhe angekauft. Im Klassenzimmer des Schnlhauses von Kammer hängt das in Oel gemalte Brustbild Balthasars/o) das 1840 auf Veranlassung und Kosten des Herrn Gerichts- arztes Dr. Hell von Traunstein renovirt wurde.o°) Es stellt den Künstler im Alter von ungefähr 55 Jahren dar. Die kleine, gewöhnliche Nase, die wulstigen Lippen, "') Doblcr, I. Thl., S. 32 ff. "") „Derselbe nannte seine geistlichen Gegner sogar auf der Kanzel elende, gottlose Pfaffen, Mistfinken, Kücken- nnd Suppen- prediger, nnd lobte Gott, daß die Laien beiderlei Geschlecktes gelehrter seien denn die Pfaffen und das Wort Gottes besser verkündigen könnten; kein Pfaff wisse, was Evangelium auf Deutsch heiße" (Dr. Franz Ludwig Banmann, Geschichte des Allgäuö fKempten. 1890) III. Bd.. S. 16). "") Ebd. S. 311. — Doblcr, Memmingen im Neform.- Zeitallcr. I. 39-41. "") G. Müller hält das Bild für Selbstportrait; die Annahme ist unbewiesen. °°) Vcrgl- den von -j- Benefiziat Bückele in Traunstein auf Grund der Neuen Bibliothek rc., der Hagedorn'schen Lelairoisso- inonts bist. und der Küustlerlexika von LipowSky und Nagler verfaßten Aufsatz über P. im Traunsteiner Wockenblatt 1856 Nr. 22 u. 23, den Verfasser vorliegenden Aufsatzes von Herrn LandgerichtSdircktor Otto Mahr in Traunstein zur Einsicht erhielt. 53 die stark gerötheten Wangen und die zusammengekniffenen Augenbrauen würden ihn unschön erscheinen lassen, wenn nicht das feurige, offene Auge, das reich wallende, an der Stirn ergraute Haar und der noch schwarze, volle Bart sein Aeußeres heben würden. Das Geburtshaus des Künstlers, „beim Nömayer oder Neumayer« (so hieß es noch 1856), heißt jetzt „beim Emmer" und ist nördlich von der Kirche, rechts zurückgelegen, das letzte Bauernhaus vor dem Gasthause des Dorfes. Balthasar, so hieß ihn gewöhnlich die Mitwelt/') starb in Dresden den 18. (?) Februar^) 1732 im Alter von 80 Jahren und 6 Monaten und wurde am 22. Februar auf dem Friedrichstädter Gottesacker im „Freudhof der Königin"^) begraben, dem Friedhofe, wo auch Karl Maria von Weber und Friedrich von Schlegel später zur Ruhe gebettet wurden. Ein Dresdener Ge- legcnheitspoet, Johann Gottlieb Kittel (Mikrander), fertigte bei Permosers Tod folgende als Grabschrift gedachte Zeilen: „Laltbssar liegt allhier, der kluge Bild Arbeiter, „Der dem Praxiteles und kbiäias nicht wich. „Sein Nahm ist weit berühmt, drumb brauchet er nichts weiter „AIS diesen Leichenstein zum Dcnckmahl über sich. „Denn wolle man Ihm gleich ein kostbahr Grabmahl bauen „So reißt es doch die Zeit durch Wind und Wetter ein, „Ein edles Marmorbild daß seine Hand gehauen, „Ist von ihm selbsten schon sein bester Grabe Stein." Die Verse mögen selbst jener anspruchslosen Zeit zu ärmlich erschienen sein, denn auf dem Monumente steht eine andere Grabschrift, welche lautet: Herr Laltlrasar Lsrmossr, ist gebohren zu Cammer, in Bayern 1650 d. 1 ^ug-usti: gestorben in Drcßde d. 20 Febr. 1732 Ruhet hier am Fuß des Creutzes welches er gebildet hat, seines Alters 81 Jahr 7 Mon. Diesen Meister in Bildhaucn kann nicht jeder sich getrauen gleich zu kommen an Ähnlichkeit, an Stellung, Stärke, Feinigkeit. Er gab alles dock kein Leben, das nur 607"1' kein Mensch kann geben. Seine Hand macht theur Marmlstcin, Wachs. Holt;, Metal u. Helfendem. Lebt jetzt mit 60VL durch sein Tugend die er liebte von der Jugend. Hier wird allzeit leben in Gunst und Hochachtung seine Kunst. Seinen verstorbenen Vetter zu Danck und Gedachtnüß hat dieses in Nahmen der Frenndschafft geschrieben ist. LI. Permosers Schüler.^) Die Buchstaben LI. N. bedeuten Michael Moscr, den Vetter, Schüler und Erben Balthasars. Er war geboren am 26. September 1698 als Sohn des Meisl- bauern von Selberting, Georg Moser, und seiner Ehefrau Barbara, geborenen Archer. Balthasar hatte ihn wie an Kindesstatt zu sich genommen, ihm die Bildhauerei gelehrt und fremde Sprachen lernen lassen. Zum eigentlichen Berufe wählte Moser das Gold- und Silberschmiedehandwerk, wobei ihm die Kenntnisse und Fertigkeiten, die er bei Permoser im Zeichnen, Modelltren und Elfenbeinschnitzen erworben hatte, trefflich zu statten kamen. Er ging — wahrscheinlich nach dem Tode seines väterlichen Freundes — nach England und erlangte dort °') »II 68t plus connu 80N8 son now äs Lateins.- Ilass- äorn, Lelairoisseinsnts bist. 333. Vergl. die Angabe der Grabschrift! Müller l. o. 15. °b) Maria Joseph« hatt- ihn für ihre katholische Hofdicner- schaft anlegen lassen. °') Vergl. Gustav Müller !. o. S. 21, 26, 13. großen Ruf als einer der besten Gold- und SilberschMkebe, Emailleure und Juwelenfaffer. Auch wurde er Haupt- lehrer an der von James Thornhill errichteten, von dessen Schwiegersohn William Hogarth fortgeführten Malerakademie. Bei Stiftung der Königlichen Akademie 1768 wurde er von König Georg III. zum Mitglied derselben ernannt. 1719 oder 50 stiftete Michael Moser seinem Vetter und Lehrer und dessen Base Elisabeth eine Jahrmesse in der Filialkirche zu Kammer und für sich selbst einen Jahrtag. Ort und Zeit seines Todes sind unbestimmt: er soll 1773 gestorben sein, wahrscheinlich in London. Ein drittes Glied dieser künstlerisch angelegten Bauernfamilie steht in den Blättern der Kunstgeschichte verzeichnet: die Tochter des Michael Moser, Maria Moser. Sie war eine vorzügliche Blumenmalerin und stand bei Hofe in großer Gunst. Von ihrem Talente zeugt die Thatsache, daß Marie Moser und Angelika Kausfmann die einzigen weiblichen Mitglieder blieben, die in den Listen der Königlichen Akademie in London aufgeführt sind. Marie Moser soll 1789 gestorben sein. Außer Michael Moser werden noch 5 Schüler Permosers genannt: Paul Heermann aus Weikmannsdorf bei Freiberg, Valentin Schwarzenberger aus Leipzig, Alfanz aus Wien, Paul Egell aus Mannheim und Louis Franaois Roubillac aus Lyon. Von Paul Heermann weist G. Müller nach, daß er kein Schüler Permosers war. Die Arbeiten Schwarzenbergers scheinen ganz, die von Alfanz zum größeren Theil verschollen zu sein. Paul Egell, geboren 1691, gestorben 10. Januar 1752, ließ sich dauernd im Pfalzbayerischen Mannheim nieder und lieferte für Kurfürst Karl Theodor eine Anzahl Statuen in den Garten von Schwetzingen. Ein schönes Grabmal von seiner Hand soll in Durlach sein. Der bedeutendste Schüler Balthasars war L. F. Noubillac, geboren um 1690, gest. 11. Januar 1762 in London. 1720 war er nach England gegangen, und hier schuf er eine große Zahl Denkmäler berühmter Persönlichkeiten für englische Kirchen. Seine Werke sind in der ausschweifendsten Manier des von ihm hochverehrten Bernini ausgeführt. Westminster Abbey bewahrt 7 große Arbeiten seiner Hand, darunter seine letzte: das Bild des Componisten Händel. Eine Statue Händels für den Londoner Vergnügungsplatz Vauxhall Garden war auch seine erste Arbeit auf englischem Boden gewesen und hatte seinen Ruf begründet. AIs Gehilfe "Permosers ist urkundlich beglaubigt Bildhauer Benjamin Thomae von Pesterwitz bei Planen (1682—1751). Auf Bitte und Empfehlung des mit königlichen Auftrügen überhäuften, alternden Meisters bewilligte König August unterm 21. Juli 1712, daß Benjamin Thomae mit einem festen Gehalt von 200 Thaler als Mitarbeiter Permosers in seinen Hofarbeiten bestellt werde. Die deutschen Kolonien in Sndrnßlnnd. Von I. E. Biller. Bis kurze Zeit vor meiner Abreise hatte ich kaum eine Ahnung, daß es im Süden von Rußland deutsche Ansiedlungen gebe, deren Bewohner trotz russischer Unter- thanenschast deutsche Sprache und deutsche Sitte so rein bewahrt haben. Man fühlt sich dort gleichsam in ein anderes Land versetzt, das die Heimath nur wenig vermissen läßt. Ja das Deutschthnm hat sich mit der Zeit 54 so stark entwickelt, daß die Russen schon die völlige Ger- ruanisirung des Südens befürchteten und darum auch bereits zv. russifiziren begannen. Und hier in Deutschland hat man nur spärliche Kunde von jenen Lands- lenten an den fernen Gestaden des Pontus, die immer noch mit Achtung und Liebe auf ihr ehemaliges Vaterland blicken. Es ist darum nur ein Akt landsmiinnischer Pietät, wenn ich darangehe, etwas Weniges über jenes Klein-Deutschland und die bestehenden Verhältnisse zu erzählen und so das öffentliche Interesse wieder einigermaßen auf sie hinzulenken. Die ersten Einwanderungen der Deutschen datiren schon aus dem Jahre 1763. Czar Peter der Große hatte, um auch im Süden das Meer zu gewinnen, fast beständigen Krieg gegen die dort ansässigen Türken und Tataren unterhalten, und es war ihm auch wirklich gelungen, das ganze südliche Steppengebiet am Schwarzen Meere zu erobern. Diese weiten, aber öden Lündereien wollte nun seine Nachfolgerin, die Kaiserin Katharina II., bevölkern und fruchtbar machen. In eigenen Manifesten lud sie zur Kolonisirung ein und versprach besonders den Deutschen große Privilegien und Vorrechte für den Fall dauernder Niederlassung. Noch im Jahre 1763 folgten Tausende von Deutschen dem Rufe der Kaiserin, und Negensburg wurde der Sammelpunkt für alle Auswanderer aus Bayern, Sachsen, Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß, Tirol und der Schweiz. Die große Reise ging nun über Preußen nach Nordrußland, von wo sie erst im nächsten Jahre nach dem Süden weiter befördert wurden, entweder in die Wolgadistrikte — jetziges samarischeS Gouvernement — oder an die Ufer des Schwarzen und Asowschen Meeres, wo sie in dem sogenannten Neu-Nußland jetzt drei Gouvernements einnehmen: Cherson, Taurien und Jekaterinoslaw. Später wurde die Zahl der deutschen Ansiedler durch neue Zuzüge noch bedeutend vermehrt, da infolge der herrschenden religiösen Wirren manche in Deutschland zur Auswanderung sich veranlaßt sahen, so daß jetzt die deutschen Kolonien eine bunte Musterkarte von Volks- siammen und Konfessionen auszuweisen haben. Die Bedingungen, unter welchen die Deutschen in Rußland sich ansiedelten, waren, wenigstens von Seite der Regierung, sehr gute. Jeder der Kolonisten bekam 60 Deßjatin (L 3 Tagwerk) Boden zum Eigenthum, sowie den für den Anfang nöthigen Bedarf an Vieh und Fahrniß, und außerdem waren sie 10 Jahre lang von jeder Steuer frei. Die Privilegien aber, die ihnen ursprünglich verliehen worden waren, wurden leider noch während der Negierungszeit der Kaiserin Katharina wegen der Eifersucht der Russen zum großen Theile aufgehoben, so daß jetzt nicht mehr allzu viele davon in Geltung sind. Die Gegend, welche den Kolonisten zur neuen Heimath werden sollte, war freilich nichts weniger als einladend. Man stelle sich eine unendlich weite, wald- nnd wasserlose, etwas wellenförmige Ebene vor, welche mancherorts von eigenthümlichen Erdriffen, von den Ansiedlern „Ritsch" oder „Balken" genannt, durchzogen wird, und man wird ein ziemlich richtiges Bild jener südrnssischen Steppen gewonnen haben. Höchstens könnte man noch die eigenthümlichen, etwa einen Schuh hohen und 4—5 Schuh im Durchmesser haltenden, kreisrunden Hügelchen erwähnen, die man ziemlich zahlreich in der noch ursprünglichen Steppe findet, und für deren Vorhandensein die verschiedensten Vermuthungen bestehen. Gerade mit Hinweis auf diese sonderbaren Hügelchen fragte mich ein kleines Kolonistenmädchen, — eine sehr bezeichnende Illustration für die Einförmigkeit der Ebene — „ob es in Deutschland auch so hohe Bergs gebe". Im Frühjahr tritt regelmäßig die Regenzeit ein, und zwar mit einer Heftigkeit, die nur den Tropengegenden nachsteht, indem es 4—5 Wochen nach einander fast täglich regnet. Die Wege, denen jede Steinunterlage oder Beschotterung vollständig fehlt, bilden während dieser Zeit nur eine schwarze, schlammige Masse, die den Verkehr fast zur Unmöglichkeit macht. Der Pflanzen- wuchs der Steppe wird aber durch den Regen außerordentlich gefördert, und im Anfange des Sommers ist das Gras so hoch und so üppig, daß stellenweise sogar ein Reiter darin völlig verschwinden kann. Das Klima kann man im allgemeinen nicht anders als extrem nennen. Der Hochsommer ist gewöhnlich vollständig regcnlos und bringt eine solche Hitze, daß alle Vegetation auf der Steppe nach und nach völlig verdorrt, was den Reiz der Gegend wahrhaft nicht erhöht. Im Winter fegen eisige Schncestürme über die kahlen Flächen dahin, so daß 2- und 3fache Pelze vor Kälte oft kaum zu schützen vermögen. Und wehe dann dem Fuhrmann, der bei solchem Unwetter die Wege nicht genan kennt! Er kann Tage lang herumirren müssen, und auch Beispiele mit noch traurigerem Allsgange sind nicht selten. Trotz der nicht besonders günstigen örtlichen und klimatischen Verhältnisse und trotz der Schwierigkeiten und Entbehrungen, die man im Anfange so reichlich durchzukosten hatte, haben die Deutschen sich mit der Zeit einzurichten verstanden. Als ich auf meiner Reise durch verschiedene Russendörfer kam und hier sah, wie die armen Leute in kleinen, elenden Lehmhütten wohnen, die, fast regellos auf die glühende Steppe hingestellt, auch nicht eine Spur von Bequemlichkeit ausweisen, da fürchtete ich bereits, es möchte dieser Typus auch für die deutschen Dörfer maßgebend sein. Doch wie war ich angenehm enttäuscht, als ich die erste deutsche Niederlassung zu sehen bekam! Ein kleiner Wald tauchte vor meinen Blicken auf, und neben dem Wald ein Dorf, genau so lang wie der Wald selbst, so behaglich und so einladend, so nett und so reinlich, daß ich mir unwillkürlich sagen mußte: Mit solchen Dörfern braucht sich Deutschland nicht zu schämen. Man denke sich eine circa 33 rn breite und etwa 1600—1800 ra lange, schnurgerade Dorsstraße, rechts und links von Bäumen begrenzt, hinter welchen inmitten wohlgcpflegter Blumcngärtchen die Wohnhäuser sichtbar werden. Jeder Hof hat einen eigenen Eingang von der Straße her; das Hans ist auf 2 oder 3 Seiten von Obst- und anderen Bäumen dicht umgeben, die besonders gegen die Straße hin das Haus fast völlig verdecken. Dieses selbst ist aus Ziegelsteinen sehr massiv und zweckmäßig aufgeführt und besteht regelmäßig nur aus einem Erdgeschoß; „denn warum", so wurde mir auf meine diesbezügliche Frage geantwortet, „warum sollen wir in die Höhe bauen, wenn uns auf dem Boden Platz genug znr Verfügung steht". Und bei der hier gewöhnlich herrschenden großen Sommerhitze hat diese Banart auch ihre unleugbaren Vorzüge. In Bezug auf Eiutheilung der Räumlichkeiten ist fast ein Hans gebaut wie das andere, und der Salon, der nirgends fehlt, bildet gleichsam den Mittelpunkt des Ganzen. Einen sehr netten Anblick gewährt es, daß an fast 65 allen Häusern das Mauer- und Holzwerk Mit den buntesten Farben bemalt ist. Es mag das freilich etwas von den Nüssen herübergenommenes sein, doch das zeigt nur von dem praktischen Sinn der Kolonisten, die das Gute nehmen, wo sie es finden. Ein untrügliches Kennzeichen für die deutschen Dörfer ist, wie bereits erwähnt, das Vorhandensein eines Waldes; denn nirgends in der ganzen Steppengegend findet man einen solchen, als nur bei den deutschen Dörfern. Zwar ist er nicht groß, enthält nur Laubbäume, ist meist auch nicht gut gepflegt, besonders jetzt, da die deutsche Verwaltung aufgehoben ist: aber trotz alledem, er verleiht den deutschen Ansiedelungen in diesen Gegenden einen eigenen Reiz, und mir speziell erschien er immer als ein deutlicher Beweis von der unverfälscht deutschen Ge- sinnungsart der Kolonisten. Eine besondere Ueberraschung für den deutschen Reisenden liegt auch in den echt deutschen Namen, welche die Dörfer führen. Oder muß es nicht eigenthümlich wirken, wenn man mitten in Rußland plötzlich Ortschaften trifft wie: München, Leipzig, Landau, Bergthal, Ludwigsthal, Eichwald, Darmstadt, Lustdorf, Neukirchen, Marien- thal u. s. w.? Allerdings hat die Regierung jetzt russische Namen eingeführt und duldet im amtlichen Verkehr auch nur diese; aber die Deutschen unter sich gebrauchen immer nur die deutschen Namen, wie sie es von jeher gewohnt sind. Im Mariupoler Kreis, um auch diese Eigenheit zu erwähnen, werden die deutschen Dörfer meist nur nach Nummern bezeichnet, was sich für den ersten Augenblick recht sonderbar ausnimmt; doch daneben bestehen auch die deutschen Namen immer noch fort. Die Angehörigen der einzelnen deutschen Volksstämme — und fast alle sind hier vertreten, wie schon früher erwähnt wurde — wohnen regelmäßig in eigenen Dörfern beisammen. So ist es auch erklärlich, daß die einzelnen Dialekte sich in wunderbarer Reinheit fortgeerbt haben. Fast verblüffend wirkt es da, wenn man plötzlich von einem biederen Schwaben in seiner gemüthlichen Mundart angeredet wird, oder wenn man auf einmal einen Ostpreußen neben sich in dem breitesten Plattdeutsch seine Gedanken äußern hört. Neben vielen Russen- und Griechendörfern finden sich in der nächsten Umgegend der Kolonien auch mehrere Judendörfer. Ich erwähne dies darum, weil hier die Juden allgemein deutsch sprechen. Es ist das sogar ihre Geschäftssprache. Doch sprechen sie es mit jenem eigenthümlichen, spezifisch jüdischen Accrnt, den man in Deutschland fast nur mehr auf einer Lustspiclbühne zu hören bekommt. Ueberdies haben sie auch noch verschiedene andere Wörter, wie hebräische, russische u. s. w., aufgenommen, so daß es einem Deutschen außerordentlich schwer wird, sie zu verstehen. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. klnAiZtor dioralis. Theoretisch-praktische Anweisung zum Verständniß und Vertrag deß authentischen römischen Choralgesangeö, bearbeitet von Fr. T. Hadert. Elfte vermehrte und verbesserte Auflage. 1896, Rcgensburg, Pustet. Preis 1 M. 40 Ps. IV. Ein Buch, das innerhalb vcrhältnißmäßig kurzer Zeit V>e elfte Auflage erreicht bat und überdies; in das Englische, Französische, Italienische, Ungarische, Polnische und Spanische übersetzt worden ist, braucht keine Empfehlung, sondern nur eine Anzeige. Wissenschaft und Praxis haben längst ibr empfehlendes Urtheil gebrochen. Das ist beim lllagislar clloraUs der Fall. Man kann fast sagen: wo in der katholischen Welt ein Sänger- chor das 6raclnals Lomannm in der einen Hand hat, so hat er in der anderen den IlaZIstsr eboralis. Doch nun, wo eine neue Auflage in die Öffentlichkeit eingeführt werden soll, geziemt cS sich aufmerksam zu machen, daß in jedem Paragrapbe mannigfache Verbesserungen, nützliche Zusätze und zwcckoienliche neue Bemerkungen, welche sich auf geschichtliche, archäologische und liturgische Materien beziehen, eingefügt worden sind. Außerdem, wer sich seit ein paar Dezennien mit der Choral-Frage beschäftigt hat, weiß, wie schroff sich Wissenschaft und Amorität. Archäologie und Praxis, oicutuZ 8. EreZorii und cantns g-ro- Avrianns, die alten Nenmen-Locliees und die Lloäieaoa gegenüberstanden. Durch das päpstliche Brcve vom 7. Juli 1894 ist nunmebr die Frage im Sinne der Autorität und der liturgischen Einheit entschieden. Ueber alle diese Streitigkeiten bekommt der Leser des lllaAister oboralia authentische Aufschlüsse. Das Buch sei hicmit aus'» Beste empfohlen. Jesus Cbristns. Von ?. Didou, ans dem Predigerorden- Jllustrirte Prachtausgabe. Rcgensburg, 1895, Nationale Verlagsanstalt. Lieferung 5—10, ä M. 1.—. K Mit der 10. Lieferung liegt die neue Prachtausgabe des Didon'schcn Merkes vollendet vor. Wie die ersteren, sind auch die jetzigen Lieferungen ausgestattet mil künstlerisch ausgeführten Holzschnitten nach Gemälden der berühmtesten Meister (z. B. Rubens, Bernardino Lnino); auch enthalten sie ganz neue Ansichten aus dem heiligen Lande nach Originalaufnahmen der V?. Franziskaner in Jerusalem, sowie das Portrait des U. l?. Didon selber. Dem Inhalte nach stimmt die neue Ausgabe ganz mit der ersten. Verbesserungen fanden nur statt in Bezug auf den sprachlichen Ausdruck. Ü. Didon schreibt für Leser, deren Seele durch die großartige Gestalt des Gottmenschen gespeist sein will. Zwar verräth dem Kenner jede Seite die gründlichsten Studien; aber dennoch wendet sich der Verfasser nicht an solche, welche nicht anders als mit dem Sczicrmcsser der Kritik in der Hand ein Werk lesen. Der fromme und gelehrte Sohn des hl. DcminikuS glaubt nicht nur lebendigen Herzens an Jesum Ehristnm; er ist auch ganz innig davon durchdrungen, daß allein der mcnschgewordene Gottessohn, seine Persönlichkeit und Lehre das einzige Heilmittel ist für alle sittlichen, religiösen und socialen Schäden unserer Zeit. Die Uebersctzung ist des Originales durchaus würdig. — Papst Leo XIII. beehrte den Verfasser mit eigenem Anerkennungsschreiben. Den gebildeten christlichen Kreisen kann das Werk nicht warm genug empfohlen werden. Original-Einbanddcckcn sind von der Vcrlcigshandlnng zu beziehen. Die Wahrheit. Herausgeber: Philipp Wasserburg. Erscheint am 1. und 15. jeden Monats. 30. Jahrgang. Verlag von .Rudolf Abt, München. Druck von H. Mühlberger in Augsburg. * Diese Zeitschrift ist die Fortsetzung dcS bisherigen „Kath. Bewegung", bietet aber in Ausstattung und Redaction ein ganz neues und, wie man sagen darf, sehr einnehmendes Bild. Der AboiinciuentSpreis ist per Jahr (24 Hefte) auf 8 M. gestellt (Einzclbefte kosten 50 Ps.). Es liegen bisher 3 Hefte vor, welche eine Reihe von meist recht interessanten Aufsätzen bieten. Dieselben stammen aus sehr tüchtigen Federn, und ist es ein besonderer Vorzug, daß in der Regel jeder Aufsatz ein in sich geschlossenes Ganze bietet. Wir erwähnen folgende: Der Meineid des hl. Jgncttins. Von Bernhard Dnhr. — Die christlichen Prinzipien in der agrarischen Bewegung. Don Dr. Gnst. Rnh- land. — Politik oder praküsche Arbeit? Von Dr. G. Heim. — Oeffemlichcs Arbeitsrecht und Lohnvertrag. Von l>r. G. Natzinger. — Christi. Heiligcnverehrnng und moderner Herocn- kult. — Die christl.-soc. Bewegung in Oesterreich. Von Trabcrt. — Die Erhöhung der Getrcideprcise und die Commnnatisirunz der Brodbäckerei. Von Frhrn. v. Weichs. — Cardinal Melchcrs v. — Unfruchtbarkeit der modernen Wissenschaft. — Die christl. Principien und der Bund der Landwirthe. Von vr. Pichlcr. Die Zchngcbote der Wasserkur. Verlag der Paradies- Druckerei und VcrlagScinstalt Passau. Preis 40 Pf^ geb. 80 Pf. * Dieses anläßlich der 5. Generalversammlung der Kneipp- vereinc im Auftrag mehrerer Vorstände von A. Colling, Vorsitzender dcS Kncipp-Vcrcins Passan, verfaßte Büchlein enthält zahlreiche Beweise für die Nolbwcndigkeit einer naturgemäßen Lebensweise und für die Wirksamkeit des Wasscrs auf den Organismus, so daß der Leser anS den in tO Abschnitten enthaltenen mehr als 400 Punkten großen Nutzen ziehen wird. 56 H: Religiöse Bilder. Gegenüber den noch immer stark verbreiteten durchaus unwürdigen Darstellungen von Heiligenbildern machen wir aufmerksam auf die wahrbaft schönen und erbaulichen Bilder auö dem photographisch- religiösen Kunstverlag Franz Böham, München, Landwehrstraße 32. Dieselben sind hergestellt in photo- graphischem Drucke nach Oelaemäldcn und Cartons der berühmtesten Meister neuerer Zeit. Die Sammlung umfaßt 240 Nummern, welche alle zu haben sind in Visit-, Cabinet- und Quart-Format, 80 Nummern auch in Großfolio. Neu erschienen sind 4, bei schöner Ausführung sehr preiswerthe, Serien ausgaben in Visit. Die Bilder der deutschen Ausgabe sind auf der Rückseite mit sinnreichen Gedichten von der rühmlichst bekannten Dichterin CordulaPeregrina versehen, wodurch dieselben unstreitig an Werth gewinnen. Muster von sämmtlichen Artikeln sowie Cataloge stehen auf Verlangen stets gratis und franko zu Diensten. Eine neue Art von Strahlen. Von Dr. W. Röntgen. Verlag der Stahel'schen VerlagShantlung in Würzburg. Preis 60 Pf. * Diese Broschüre enthält aus den Sitzungsberichten der Würzburger Physikalisch-medizinischen Gesellschaft den als vorläufige Mittheilung bezeichneten Vortrug Röntgcns über seine lyerkwürdige Entdeckung. Anleitung zur Ertheilung des Erstbcicht-Ilnter- richtes. Herausgegeben zum Besten deö Cassianeum in Donauwörth von Gg. Fröhlich. 3. Ausl. Douauwörth, Verlag von L. Aller. Preis 80 Ps. Unterricht für die Erstbeichtenden. Von Bcncfiziat Fröhlich in Schongau. 4. Anst. Preis 10 Ps. Verlag von L. Auer, Donauwörth. 2 Bei herannahender Osterzeit machen wir auf diese Schriften aufmerksam, deren wiederholte Auflage für ihre vielseitig anerkannte Brauchbarkeit spricht. Der Knnstge werbe-Gehilfe. (Organ der Vereinigung deutscher Knustgewerbegehilfen aller Branchen.) Verlag von E. Grobmann, Stuttgart. Preis Viertels. M. 2,5V. * Diese prächtig ausgestattete Zeitschrift erscheint in 20 Nummern jährlich und ist, abgesehen von ihrer Eigenschaft als Verbandsorgan, eine wahre Schatzkammer für Belehrung der Kunst- gcwerke-Jünger in allen Branchen, geboten in zahlreichen Aufsätzen hervorragender Autoren und bildlichen Mustern. Kirchcnmusilalische Vierteljahrsschrift. Herausgegeben vom Salzburger Diöcesan-Cäcilienverciu. Salzburg, Verlag von M. Mittermüiler. Heft 3 u. 4 des X. Jahrg. enthalten: Das liturgische Hochamt. (Forts.) — Ueber Gesangsschulen. (Forts.) — Zur Geschichte der musikalischen Notation. — Autoritative Stimmen Über Kirchenmusik. — Recensionen. — Notizen. OesterreichischcsLiteraturblatt, herausgegeben von der Leo-Gesellschast in Wien, redigirt von Dr. Franz Schnüren. (Administration: Wien I.. Annagasse 9.) Inhalt der Nr. 1 u. A.: Stöckl Albert, Lehrbuch der Apologetik. (Uuiv.-Prof. Dr. Gg. Rein hold, Wien.) (1.) — Knabcn- baucr I., Oommsntarius in svauA'ellum seo- Imcam. (Lhcol.- Prof. Dr. Jos. Schindler, Lcitmeritz.) (3.) — Cornill K. H., Der israelitische Prophctismus. (Univ.-Prof. Dr. Bh. Schäfer, Wien.) (4.) — Filkuka L., Die metaphysischen Grundlagen der Ethik bei Aristoteles. (Dr. O. Willmann, Pros. an der deutschen Universität Prag.) (6.) — Caspari Q, H. Lotze und die philosophische Aufgabe der Gegenwart. (Univ. Dr. C. Braig, Frciburg i. Br.) (7.) — Barras Paul, Memoiren, herausgegeben von Gg. Duruy. Bd. I, II. (Geb.-Nath Jos. Fuhr. v. Heifert, Wien.) (8.) — Die Jahrbücher der Jesuiten zu Schletistadt und Rufach 1615—1765. I. Herausgegeben von I. GSny. (Univ.-Prof. Dr. Jos. Hirn, Innsbruck.) (10.) — Geiger W. und E. Kühn, Grundriß der iranischen Philologie., .1, 1. (Univ.-Prof. Dr. I. Kirste, Eraz,)(11.) — Weise O., Unsere Muttersprache. (Univ.-Prof. Dr. I. E. Wackcrncll, Innsbruck.) (13.) — Erzgraeber Gg., Elemente der histor. Laut- und Formenlehre des Französischen. (Dr. I. u. Jarnik, Nrof. an der böhm. Univers. Prag.) (14.) — Hi llenbrand H., Erinnerungen aus meiner Nomfahrt. (Univ.-Prof. Dr. L. Pastor, Innsbruck.) (19.) — Wach Adf., Die Mündlichkcit im österreichischen Civilprozeß- Entwurf. (UniversitätS-Prof. Dr. E. Schrutka Edler von Nechtenstamm, Wien.) (21.) — Lombroso C., Die Anarchisten, eine crimiualpsychologische und sociologische Studie. (Univ.-Prof. Dr. Heinr. Lammasch, Wien.) (20.) — Tyn- dall I., Das Licht. (Uuiv.-Prof. Dr. I. M. Pernter, Innsbruck.) (23.) _ Theologisch-praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. od. 80 S. gr. 8°. Preis ganzjährig 5 Mk. Inhalt des 2. Heftes 1896: Wie hat der katholische Klerus den modernen Zeitläuften gegenüber seine «Stellung aufzufassen? — Die Streitfrage über die Natur des Thierlebens und seines Prinzips. — Die theologische Literatur der griechischen Kirche rc. — Eine brüderliche Kirchenvisitation. — Die kirchlichen Vorschriften bezüglich der „Jabrtage" (Anniversarien). — Warum und wie soll der kathol. Kanzelredner die heil. Schrift studircn? — Eine Schwierigkeit bei Beurtheilung der Heb- ammeutaufe. — Wie oft sollen OrvcnSfrauen kommnniziren? — Darf das illegitime Kind einer protestantischen Mutter auf deren Verlangen katholisch getauft werden? — Kirchenparamente in einer ConcnrSmasse. — Aussetzung des Allcrbciligstcn im Cibcrium. — BeaLtenswertbe Kleinigkeiten. —" Neueste Entscheidungen der römischen Congrcgationen. — Novitätcuschau. Das heilige Land. Organ des Deutschen Vereins voin hl. Land. Neue Folge, 1. Jahrg., Heft 2: Cardinal Melcbers (Nekrolog). Vereinsmittbeilungen und Geschäftliches. Verehrung des HI. Stephanns in Jerusalem. Wört's Nciscbiichcr für den Orient. Der Berg S.on und die Stadt Davids. Topographie Jerusalems von Gucrin. ?. Knabcnbaucr über Emmaus. Die neuesten Ausgrabungen in Jerusalem u. s. w. Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik. Unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von Pros. Dr. Fr. Umlauft. XVIII. Jahrg. 1896. (A. Hartlcben'S Verlag in Wien, jährlich 12 Hefte zu 85 Pf.) Auch das eben erschienene fünfte Heft zeichnet sich durch einen reichen, interessanten Inhalt aus, den wir hier im Aus- zuge wiedergeben: Die AlandS-Jnseln. Von Anton Weis. (Mit 1 Karte und 3 Illustrationen.) — Neueste Polarreisen. Von Dr. Gustav von Hayck. (Schluß.) — Eine Woche in Ceylon. Von Direktor Dr. Gustav Radde in Tislis. (Forts.) — Simony's Dachsteinwcrk. (Mit 2 Illustrationen.) — Die Kometen des Jahres 1895. — Die cotonisatorische Bedeutung der sibirischen Eisenbahn. Das französische Guiana. — Berühmte Geographen Naturforscher u. Reisende. Mit 1 Porträt: Pros. Gust. Fritsch — Kartenbcilage: AlandS-Jnseln. Maßstab 1:400,000. Katechetische Blätter. Zeitschrift für Neligionslehrer Zugleich Correspoudenzblatt des Canisius-Kaiccheten- Vcrcins. HerauSgcgcben n. redigiert von Pfarrer Frz Walk, Bcnefiziat zu GaimerShcim (Obcrbayeru) Kenipccn, Verlag der Jos. Köscl'schen Buchhandlung. Preis pro Jahrgang (12 Hefte) M. 2,40. 22. Jahrg., Hcst 1 enthält u. A.: Die Kni-beugung vor dem heil. Altarssakrament. Gemeinschaftliche Meßandacht für Kinder. Von hl. Lippen. Im Banne deö Tabernakels. Meß- erklärung u. s. w. In dem Aufsatz „Gedanken über Wissenschaft und Christenthum" in Nr. 6 hat man einen Widerspruch darin entdecken wollen, daß es das einemal beißt, man müsse Wunder erlebt haben, um daran zu glauben, das andcremal, man brauche kein Wunder im strengen Sinne erlebt zu haben, man brauche nur an einen lebendigen Gott zu glauben. Der Widerspruch ist nur scheinbar: das einemal sind Wunder im weitesten Sinne gemeint, Gnaden, Einsprcchungen, Erleuchtungen, natürliche Offenbarungen, die zu einem lebendigen Gottesbegriff überhaupt erst führen. Wer einen solchen lebendigen Gottesbegriff dann erworben hat, d. h. den Begriff eines GotteS, dessen Leben und Wirksamkeit er gleichsam schon erfahren hat, der wird selbstverständlich an dessen Wundcrkrast, m. a. W. an dessen lebendiger Wirksamkeit nicht zweifeln. DaS eine ist also die Voraussetzung des andern; die Deduktion seht die Induktion voraus. G. G. Berantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 21. Febr. 1896. Der dritte Band von Pastors Geschichte der Päpste. k. —n. Seit dem Jahre 1884, wo der erste Band von Pastors Geschichte der Päpste erschien, hat sich dieses Werk die steigende Anerkennung der gelehrten Welt und, wie die zweite Auflage des ersten und zweiten Bandes beweist, auch die Theilnahme eines größeren Leserkreises erworben. Der jetzt vorliegende dritte Band*) wird dieselbe sicherlich noch steigern. Er ist, wie die früheren, das Ergebniß eines staunenswerthen Fleißes, einer Gelehrsamkeit, die das gedruckte wie das »»gedruckte Material gleich vortrefflich beherrscht, und für die es kaum etwas Unbekanntes zu geben scheint. Man sollte glauben, daß über eine Periode, für welche eine Reihe bekannter Forscher wie Ranke, Gregorovius, Reumont, Brosch, Maulde - la - ClaviSre, Unarte, Thuasne, Delaborde, Luzio-Nenier u. v. a. die italienischen und auswärtigen Archive so vielfach durchforscht haben, kaum mehr Neues zu finden wäre: Pastor hat nicht nur aus dem von ihm zum ersten Mal benützten päpstlichen Geheimarchiv, sondern fast noch mehr aus den längst zugänglichen Archiven zu Mantua, Moden« und Mailand eine Fülle unge- druckter Dokumente von allerdings unterschiedlichem Werthe zusammengebracht. Ein Theil derselben ist dem Bande als Anhang beigegeben, ein andrer Theil einer besonderen Sammlung vorbehalten, deren baldiges Erscheinen sehr zu wünschen wäre. Der vorliegende Band umfaßt die Jahre 1484 bis 1513, die Pontifikate Jnnozenz' VIII., Alexanders VI., Pius' III. und Julius' II. Es ist in vieler Hinsicht keine erfreuliche Zeit für den Geschichtschreiber des Papstthums. Ueber seine Stellung zu Alexander VI. läßt Pastor schon in der Vorrede keinen Zweifel: „jeder Rettungsversuch Alexanders VI. erscheint fortan als aussichtslos", seiner Gesinnung gibt das als Motto vorangestellte Urtheil Leo's I. Ausdruck: „kstri äiguitas atiaur in inäiZllo Ueracis von äesioit„die Würde des heiligen Petrus geht auch in dem unwürdigen Nachfolger nicht verloren," was Pastor in dem Buche selbst dann näher ausführt. Wie in den früheren Bänden, baut Pastor auch hier seine Darstellung auf breiter kulturhistorischer Grundlage auf. Ein umfangreiches Einleitungskapitel führt die im ersten und zweiten Bande begonnene Scheidung zwischen wahrer und falscher, zwischen christlicher und heidnischer Renaissance für die letzten Jahrzehnte des 15. Jahrhunderts durch und fügt werthvolle Bemerkungen darüber hinzu, wie auch in dieser scheinbar so stark verweltlichten Gesellschaft ein fester Untergrund von Religiosität sich zeigt. Pastor malt nicht in großen Strichen, er liebt es wehr, aus tausend kleinen Steinen ein Mosaik zusammenzusetzen, das der Leser gleichsam vor sich entstehen sieht. Das Material ist ja fast überreich. Wir sehen in das Haus des einfachen Bürgers wie in den Palast der Medici, in Kirchen und Klöster, wissenschaftliche Zirkel und lüderliche Theateraufführungen. Die gewaltigen Gegensätze der Zeit verkörpern sich schließlich in zwei Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters. Mit Benutzung des päpstlichen Geheimarchivs und vieler anderer Archive bearbeitet von Dr. Ludwig Pastor. з. Bd. Geschichte der Päpste im Zeitalter der Renaissance von der Wahl Jnnozenz' VIII. bis zum Tode Julius' II. Erste и. zweite Aufl. Freiburg, Herder. LXII u. 886 S. 11 M. Mitgliedern desselben Gemeinwesens: dem Politiker Niccolo Macchiavelli und dem Bubprediger Girolamo Savonarola, von denen ein jeder auf seine Art seinen Namen der spätesten Nachwelt merkwürdig gemacht hat. Jnnocenz VIII. (1484—1432) war ein Gennese. Seine Wahl verdankte er dem Umstände, daß weder Rodrigo Borja noch Giuliano della Novere damals genug Stimmen erhalten konnten, um selbst Papst zu werden. Der Mangel an Entschlossenheit, der Jnnozenz anhaftete, verhinderte ihn, sich, etwa wie später Julius II., zum Herrn der Parteien zu machen. Colonna und Orsint setzten fast während seines ganzen Pontifikats den Kirchenstaat in Aufregung. Dazu kamen beständige auswärtige Verwickelungen, vor allem mit dem gewissenlosen Ferrante von Neapel. Für das Papstthum war es, zumal seit sich im Norden die kräftigen Dynastien der Sfoxza und Medici gebildet hatten, und seit Venedig immer eifriger danach strebte, seinen Besitz auf der torra, tirma. zu erweitern, eine Lebensfrage, seinen Einfluß auf den südlichen Theil der Halbinsel aufrecht zu erhalten. An den niemals ganz vergessenen und eben von dem Franzosenkönig Karl VIII. mit neuer Kraft aufgenommenen Ansprüchen der Anjous auf das Neapolitanische Königreich hätte eine geschickte Diplomatie ein starkes Pressionsmittel gegen die aragouesische Dynastie gehabt. Aber Jnnozenz verstand nicht, das zu benutzen; zwischen Freundschaft und Krieg mit Ferrante hin- und herschwankend, fand er, der 1489 Ferrante abgesetzt hatte, es am Ende seiner Regierung doch gerathen, die aragonesische Thronfolge in Neapel zu bestätigen und die Ansprüche Frankreichs abzuweisen. — Begreiflicher Weise hinderten solche Verwicklungen auch die Bestrebungen des Papstes zur Bekämpfung der Türken. Es war zwar ein gewisser Erfolg, daß er den zu den Nhodiserrittern geflüchteten Prinzen Dschem, einen Bruder des Sultans, in seine Gewalt bekam, aber der Türkcncongreß zu Rom vom Jahre 1490 erinnerte nur allzu lebhaft an die erfolglosen Verhandlungen zu Mantua von 1459, und selbst eine Feuernatur wie Raimund Peraudi begegnete in Deutschland vor allem bei seinen Geldforderungen dem entschiedensten Widerstände. Fiel auch 1492 das letzte Bollwerk der Muhamedaner in Spanien, Granada, in die Hände der Christen, so war es doch klar, daß der Sultan dauernd in den Kreis der europäischen Mächte eingetreten war. Die Zeit war nicht mehr fern, wo selbst die Päpste dies durch Verhandlungen mit ihm anerkennen mußten. Von den kirchlichen Maßnahmen Jnnozenz' VIII. ist eine der bekanntesten seine Hexenbulle vom 5. Dezember 1484. Pastor weist nach, daß die auf Gnmd derselben gegen den Papst gerichteten Angriffe sehr übertrieben sind, daß insbesondere von einer Begründung des ganzen Hexenprozesfes durch dieselbe keine Rede sein könne. Hat die Bulle, wie auch Pastor bemerkt, die Hexenverfolgnng theilweise befördert, so lag doch der wesentlichste Antrieb zu derselben in dem Zuge der Zeit zur Grausamkeit und Wildheit, der im 16. Jahrhundert so oft entsetzenerregend hervorbricht. Gegen die kirchlichen Mißstände geschah unter Jnnozenz VIII. leider nichts Durchgreifendes. Der päpstliche Hof selbst bot einen schlimmen Anblick, die Käuflichkeit der Aemter nahm zu, das Cardinalcollegium verweltlichte mehr und mehr, und eine Hauptrolle in 58 demselben spielte Nodrigo Borja, als Papst der Nachfolger Jnnozenz' VIII., Alexander VI. Auch Alexander VI. war nicht durch die Thüre in den Schafstall Petri gekommen, ebenso wie bei der Wahl seines Vorgängers sind auch bei ihm simoniflische Beeinflussungen sicher nachweisbar, und schon sein Vorleben als Cardinal war nicht geeignet, ihn streng denkenden Gemüthern zu empfehlen. Nichtsdestoweniger fehlten auch bei seinem Regierungsantritt hoffnungsvolle Stimmen nicht, zumal aus der Fremde, aus Deutschland, wo man die Dinge nicht so genau übersah. Gerade auf die Deutschen aber hat dann freilich das Rom Alexanders VI. einen tiefverlctzenden Eindruck gemacht, und in nicht wenigen haben die Erlebnisse des Jubiläumsjahres 1500, wo sich wiederum alle Welt in der Hauptstadt der Christenheit versammelte, schwere Zweifel und Gewiffenskämpfe geweckt. Der böse Geist der Regierung des Papstes ist sein Sohn Cesare Borja, ein Mann, in dem alle schlechten Eigenschaften der römischen Cäsaren wieder aufgelebt zu sein schienen. Die Chronik der Stadt Rom ist in diesen 11 Jahren angefüllt von Blut und Mord, und wenn auch von den gräßlichen Dingen, die noch Ranke in wenigen Zeilen zur Charakteristik der Borja-Herrschaft zusammengetragen hat, sich gar vieles als Erzeugniß der vergrößernden Fama erweist, so bleibt doch noch genug übrig, um Pastors eingangs erwähntes Urtheil über diesen Pontifikat zu rechtfertigen. Auch die Versuche einer Rettung der Lukrezia Borja, deren Bild Gregorovins mehr glänzend als treu gezeichnet hat, werden nun wohl verstummen müssen. Daß Cesare und Lukrezia in der Geschichte dieses Pontifikats eine so große Rolle spielen, zeigt eben, wie sehr der Papst von der Sorge für seine Familie beherrscht war. Auch für Alexander VI. ist in der äußeren Politik oas Verhältniß zu Neapel und zu Frankreich das wichtigste gewesen. Und in seinen Pontifikat fällt der Kriegszug Karls VIII., des neuen Cyrus, der nach den Scharmützeln der Condottieri-Kämpfe die Italiener zum ersten Male wieder den wirklichen Krieg kennen lehrte. Ferrante von Neapel war todt, Alexander blieb in den Bahnen seines Vorgängers, indem er Alfons II. dort anerkannte. Aber es war ein morscher Thron, den er stützte, und Giuliano della Novere ergriff die aussichtsvollere Partei, als er nach Frankreich floh. Fünf Monate später stand Karl VIII. in Rom, der Papst sah sich in der Engcls- burg eingeschlossen und zu einem demüthigenden Vertrage mit dem Sieger genöthigt, in dem er Neapel preisgab. Cesare Borja selbst sollte als Cardinallegat, in Wirklichkeit als Geisel, die Franzosen auf ihrem märchenhaft schnellen Siegeszug nach dem Königreich Neapel geleiten. Hier freilich wendete sich das französische Kriegsglück. Die heilige Liga vom März 1495 vereinigte Spanien, Oesterreich, Venedig und Mailand mit dem Papste gegen Karl VIII., nur mit Blühe konnte sich derselbe durch die Schlacht bei Fornuovo, die einer Niederlage gleichkam, den Rückzug nach Frankreich bahnen. — Mitte 1496 schien Italien für einen Augenblick von den Fremden befreit, da der Vorstoß Maximilians nach Oberitalien nur die Bedeutung einer Episode hatte, aber der Nachfolger Karls VIII., Ludwtg XII., nahm mit um so größerer Kraft dessen italienische Pläne wieder auf. Und diesmal fand es der Papst — nicht zum wenigsten auf Cesare Borja's Betreiben — gerathen, sich alsbald auf die Seite Frankreichs zu stellen. Die Venetianer wurden die Dritten im Bunde. Ludovico Moro aber bezahlte seine Gegenstellung mit dem Verluste von Mailand, 1499, der ein Jahr später durch die Schlacht bei Novara ein endgiltiger wurde. Die neapolitanische Beute konnten die Franzosen freilich nur erlangen, indem sie dieselbe mit den Spaniern theilten. Am 25. Juni 1501 billigte der Papst den Vertrag, in dem Ferdinand der Katholische sein eigenes Blut verrieth. Man versteht diese wie andere Ereignisse der Regierung Alexanders VI. erst recht, wenn man beachtet, wie wenig der Papst Herr im eigenen Hause war. Der Streit der Colonna und der Orsini ging auch in seinem Pontifikat weiter; bald die einen, bald die andern setzten sich gegen den Papst. Sein Versuch, die Orsini zu unterjochen (1496), endete mit der Niederlage bei Soriano. Glücklicher war dann sein Sohn Cesare, der es trefflich verstand, die Gegner gegen einander auszuspielen und sich in kurzer Zeit zum Herzog der Nomagna machte. Die Cardinalswürde hatte er bereits 1489 niedergelegt. Der weltliche Stand und der Herzogstitel paßten besser für diesen zum Kriegsmanne geborenen Borja, der alle Welt und schließlich Alexander selbst vor sich zittern machte. (Schluß folgt.) Christoph von Stadion, Bischof von Augsburg, und seine Stellung zur Reformation. (Fortsetzung.) H. k. Um einen Halt zu gewinnen, schloß sich Christoph im Jahre 1524 dem Bündnisse katholischer Fürsten zu Negensburg an, dessen Spitze scharf gegen die Neugläubigen gerichtet war. Man ward einig, der lutherischen Lehre so viel als möglich Einhalt zu thun, kein Landeskind auf die Universität Wittenberg zu schicken und diejenigen, welche trotz dieses Verbotes auf derselben studirten, weder zu einem geistlichen noch zu einem weltlichen Amte zuzulassen. Diese Beschlüsse machte der Bischof am 1. Oktober 1524 nebst den sehr nützlichen Verordnungen deS Cardinals Campegio, die sich auf die Kirchenzucht und besonders auf die Sitten der Geistlichen bezogen, vermittelst eines Mandates seinem Klerus bekannt.^) Trotz aller dieser Verordnungen konnte der Bischof in den Religiousangelegenheiten keine Wendung zum Bessern in seiner Diözese erzielen, die neue Lehre gewann immer festeren Boden. Wie sich der Memminger Magistrat nicht mehr um den Bischof kümmerte, so machte es auch der Augsburger, der auf Andringen der Neuerer im Jahre 1524 verschiedene katholische Kirchengebräuche, besonders aber das Fasten, abschaffte. Er duldete und unterstützte die abtrünnigen Mönche und Prediger, und durch diese wurde beim Pöbel ein fanatischer Eifer entzündet. Christoph mußte, um eine Stütze zu haben und um feinen Anordnungen Gehör zu verschaffen, seine Zuflucht zum schwäbischen Bund nehmen, der die Parteien durch eine Commission auszugleichen beschloß.^) Es konnte jedoch nichts die Verbreitung der Irrthümer Luthers verhindern. In Augsburg wurde das hl. Abendmahl unter beiden Gestalten ausgetheilt, die Karmeliten legten den Ordenshabit ab, Or. Frosch und Urban Nhegius vrr- heiratheten sich, ein gewisser Herbort hob die gestifteten Jahrtage auf. In Memmingen wurde seit 1527 das Fastengebot verachtet, mehrere Kirchen wurden von den Lutheranern verunehrt und die Katholiken verfolgt, einem ") Braun, IH. 229. - Hcfele. Conc.-Gesch., IX. 374 f. Braun, III. 236 f. katholischen Prediger Johann Mack verbot man das Betreten der Kanzel?") Christoph that, was er bei diesen Gewaltthätigkeiten und bei dem raschen Umsichgreifen des Lutherthums noch thun konnte; er erneuerte die Constitution des Legaten Campegio vorn Jahre 1624 und ließ sie in deutscher Sprache an seine Diözesanen geistlichen und weltlichen Standes ausgehen?^) Im Jahre 1628 ließ Ambras Blaurer in Memmiugen die Messe bis auf eine rechtmäßige Kirchenversammlung abschaffen und die Altäre in den Kirchen Zerstören. Sobald Stadion von der katholischen Geistlichkeit über diesen Vorfall Bericht erhalten hatte, ahndete er dieses widerrechtliche Verfahren und verwies es dem Magistrat auf's schärfste; er verlangte ernstlich, daß das Verbot aufgehoben und alles in den vorigen Stand gebracht werde?«) Im Jahre 1629 begab er sich auf den Reichstag zu Speyer,"") auf welchem hinsichtlich der Religion durch Stimmenmehrheit beschlossen wurde, „daß diejenigen, welche bisher bei dem Wormser Edikt geblieben waren, noch ferner dabei verharren, hingegen die, welche die lutherische Lehre angenommen hatten, sich aller Neuerungen enthalten, die dem Saerament des Altares entgegengesetzte Lehre nicht beibehalten und sie zu predigen und zu lehren nicht gestatten, die Messe nicht abthun, noch sie zu hören rc. verhindern sollten.""") Wie wir nun bisher die Haltung Christophs von Stadion den Neligionsncuernngen gegenüber verfolgt haben, so können wir nicht anders sagen, als: Der Bischof war bisher ein treuer Sohn der katholischen Kirche, der sie mit Wort und That vertheidigte, der durch Güte und Strenge, wie es eben die Umstände erforderten, diejenigen, die sich vorn verderblichen Einfluß der Irrlehren hinreißen ließen, auf den rechten Weg znrückzuleitcn suchte, der namentlich in seiner Diözese alle Vorkehrungen traf, um den Neuernngen den Eingang zu versperren und sie da, wo sie bereits eingedrungen waren, wieder zu unterdrücken. Im Jahre 1530 jedoch scheint, wie Zapf meint,eine Sinnesänderung bei dem Bischof eingetreten zu sein. Wollen wir im Folgenden sehen, in wie weit sich die Behauptung Zapf's bewahrheitet. Das Jahr 1530 war in Hinsicht auf die Religion eines der wichtigsten; denn es sollte auf einmal der Ne- ligionsspaltung ein Ende machen und die heilbringende Einigkeit herbeiführen« Karl V. veranstaltete einen Reichstag zu Augsburg, auf welchem alle Fürsten und Stünde erscheinen sollten. Am 15. Juni, dem Vorabend von Frohuleichnam, kam er selbst in die alte Reichsstadt. Er wurde von den Reichsfürsten vor der Stadt erwartet, vom Mainzer Primas mit einer Anrede begrübt und dann in glänzendem Zuge nebst seinem Bruder Ferdinand und dem ihn begleitenden Legaten Campegio zum Dom und dann Zu feinem Absteigequartier geleitet. Am nächsten Tage nahm der Kaiser mit allen Fürsten an der Frohn- leichnamsprozession theil, die seit einigen Jahren in Augsburg unterblieben war?^) Am 20. Juni wurde der Neichs- °°) Ebd. S. 238 f. °') Ebd. S. 245. -y Ebd. S. 248. °°) Voitli, Lid!. LIM. IV. 59: gnew consiiüs suis aäjuvit. °°) Broun, III. 249. Christoph von Stadion, S. 61. °°) Daennnsr, Llonuinsnta Vatieo.ua (Freibürg im Brcis- gau, 1861): ur. XXXIII. pag-. 39 f. — Baunigarten, Karl V., 3. Band, S. 28. Lag feierlich eröffnet, während man am 24. Juni mit den Verhandlungen der Neligionsstreitigkeiten begann. Cam- pegio hielt eine ausgezeichnete Rede über Beseitigung deS Zwiespaltes, in der sorgfältig jedes die Protestanten beleidigende Wort vermieden war. Am 25. Juni wurde sodann vor dem Kaiser und den Neichsständen auf der bischöflichen Pfalz die von Melanchthon verfaßte und von Luther gutgeheißene sogenannte AugSburger Confcssion abgelesen und dem Kaiser überreicht?") Hicbci war auch Christoph von Stadion gegenwärtig. An ihn hatte Papst Clemens VII., der auf seine Tugend und Frömmigkeit und die bisher gegen den päpstlichen Stuhl bezeigte Anhänglichkeit großes Vertrauen setzte, am 29. März 1530 geschrieben und ihn ermähnt, „daß er während des Neichsconventes die Vertheidigung der hl. Religion auf sich nehmen und den Legaten Lorenz Cam-- pegio mit seinem Rathe und seinem Ansehen unterstützen möchte, damit nach vernichteter Ketzerei der päpstliche Stuhl zum Besitze seiner Rechte und zu seiner vorigen Würde gelange." "^) Das Ansehen, das Christoph besaß, war in der That groß; dies beweist der Umstand, daß er am 15. August in den kleinen Ausschuß gewählt wurde, welcher mit der lutherischen Partei die Streitigkeiten ausgleichen und eine Einigung herbeiführen sollte."") Der Kaiser war nämlich mit der verlesenen AugSburger Konfession sehr unzufrieden, und er stellte sie den gelehrtesten Männern der kathol. Kirche zur Widerlegung zu und berathschlagte sich mit den katholischen Ständen, was zu thun fei. Von diesen riethen einige, wie namentlich Joachim von Brandenburg, Georg von Sachsen und die Theologen Eck und Faber, zur Strenge, während die meisten geistlichen Fürsten, unter ihnen auch Christoph, und des Kaisers Räthe sich zu friedlichen Maßregeln geneigt zeigten?") Da man lange Zeit kein Einvernehmen mit den Protestanten zu Stande brachte, schlugen dieselben vor, einen kleinen Aus- schuß von 14 Personen zu ernennen, was denn auch, wie oben erwähnt, am 15. August geschah. Was die Wirksamkeit Christophs auf dem Reichstage zu Augsburg betrifft, so lauten protestantische Berichte schon aus den ersten Tagen der Reichsversammlung dahin: „Der Bischof von Augsburg habe sich günstig über das vorgelesene Glaubensbekenntniß ausgesprochen und zeige sich mildgesinnt gegen die Bekenner desselben, wie überhaupt die Bischöfe eine versöhnlichere Stimmung darthäten, als die katholischen weltlichen Fürsten; er habe im Fürstenrathe ungeschcut erklärt, ,ehe er wollt, daß man unvertragen abscheiden sollte, wollt' er ehe die zwen Artikel von beder Gestalt des Sacramcnts und von der Priesterehe nachgeben, und ob es Noth wäre, noch mehr zu thun, sollte zur Erhaltung Friedens und Einigkeit auch nit erwindeist. Diese Rede hätten viele der Fürsten dem Bischof hoch verarget und gleichsam dafür achten wollen, als ob er auch lutherisch wäre."*") Auch dem °-) Janssen, Gcsch. d. deutschen Volkes. 3. Vd., S. 165 f. — Hefele, Conc.-Eesch. IX. 704 f. °*) Braun, Gesch. d. Buch. v. AugSb. III. 252. «°) Hefele, Conc.-Gescbichte IX. 716. — Braun, III. 253. — Veith, Libl. XuZ-. Xlpd. IV. 59 f.: XuZustano (so. vonvsntni aclluit Obr.) kennt 1530, in qno non solum nt Or- äinariue loei, seä ut äoetus eonstansqns vir ab Imperators Larolo V. ornn aliis Oatboliois sex äeloetus knit, gut onm totictsln Xeatliolicio äs inennäts Ooneoräias rationidus in» vioom oonsultarent. — Janssen, III. 176. °°) Hescle, Conc.-Gcsch. IX. 703. — Braun, III. 253. ") Allgemeine deutsche Biographie, IV. 226. — Zapf, Chr. v. Stadion. S. 74. 60 ebenfalls in Augsburg anwesenden Prediger von Saalfeld, jenem Caspar Aquila, mit dem er einst so strenge verfahren war, begegnete er nun mit Freundlichkeit. Daraus ist also schon ersichtlich, daß Christoph den neuen Lehren und ihren Anhängern gegenüber andere Ansichten bekommen habe. Auch scheute er sich nicht, Luthers Mahnbrief an den Erzbischof von Mainz öffentlich im Fürstenrath zu verlesen; ja in der Versammlung des Neligionsausschnffes vom 6. August mahnte Christoph so eindringlich zu Friede und Eintracht, daß es zu heftigen Auftritten zwischen ihm einerseits und dem Cardinal Matthäus Lang 6«) und dem Kurfürsten Joachim von Brandenburg andererseits kam, doch die mildern Stimmen, zu denen besonders auch die des Erzbischofs von Mainz zählte, wurden zurückgewiesen?") Einen Beweis für das ernstliche Eintreten Christophs für die Protestanten liefert auch der Brief, den Melanchthon an ihn schrieb, datirt vom 13. August, in welchem ihm derselbe seinen besonderen Dank ausdrückt für seine hohe Mäßigung und für seine Einsprache gegen Maßnahmen der Gewalt?") In einem Schreiben an Luther berichtet Melanchthon, daß sich der Bischof von Augsburg ganz ernstlich um sie annehme. ?') Der Legat des Papstes, Campegio, fügt einem Schreiben an den Staatssccretär Salviato über Christoph die Bemerkung bei, daß er einiges zu dessen Ungunsten gehört habe?") Hiemit ist also die Behauptung Zapfs, seit 1530 sei bei Stadion eine Sinnesänderung bemerkbar, erwiesen. Unleugbar war er auf dem Augsburger Reichstag gegen die Protestanten viel milder gestimmt als früher, ja er trat sogar zu ihren Gunsten auf. Wie läßt sich aber dieser Umschlag bei oem Manne, der bisher ein so eifriger Vertheidiger der alten katholischen Kirche war, erklären? Steichele gibt die Antwort: „Dem Gemüthe des Bischofs that es wehe, daß die religiöse und politische Zerrissenheit, die in das deutsche Reich eingedrungen war, immer weiter um sich zu greifen drohte, und deßhalb erschien ihn: jeder zulässige Weg Zur Ausgleichung willkommen"?") Es ist wahr, Christoph hatte ein weiches Gemüth und liebte den Frieden über alles, und deßhalb suchte er auf gütigem Wege die Einigung mit den Protestanten zu bewerkstelligen. Wir haben bei ihm diese Bemerkung schon gemacht auf dem Reichstage zu Worms und wiederum gegen den Memminger Magistrat, den er durch väterliche Ermahnungen zum Gehorsam gegen die katholische Kirche zurückzubringen suchte. Aber diese Charaktereigenschaft des Bischofs erklärt doch nicht ganz sein Verhalten auf dem Reichstage zu Augsburg. Während er vor demselben immer energisch protestirte, Derselbe hielt eine Einigung mit den Protestanten für unmöglich: „Der Cardinal Lang soll nach protestantischen Quellen zu Melanchthon erklärt haben: Zur Wiedervereinigung der Katholiken und Lutherischen gebe es nur vier Wege: Erstlich, das; wir Katholiken euch Lutherischen nachgeben — das wollen wir nicht; dann, daß ihr Lutherische uns weicht — das könnt ihr, wie ihr sagt, nicht thun; ferner, baß man beide Theile vermittle — das ist aber unmöglich; so bleibt demnach nichts übrig, als jeder Theil denke und trachte, wie er den andern aufhebe". (Willibald Hautbaler. 0. 8. L., Des Car- dinals und Erzbischofs MathäuS Lang Verhalten zur religiösen Bewegung seiner Zeit (1519-1540 (Wien, 1895) Seite 15). °°) Zapf, Seite 75. r°) Braun, III. 253; Zapf. Seite 78 und Beilage VII. Seite 149 f. 'j) Zapf. S. 73. E l-asinwor, Llou. Vat. xa§. 44: äs auo tuiio aliauiä -suustri auilio. ?°) Allgemeine deutsche Biographie IV. 224. wenn es sich um den Laienkelch oder um die Priestereh handelte, ist er jetzt bereit, diese Zugeständnisse den Protestanten einzuräumen und auch noch mehr, „wenn es von Nöthen wäre". Demselben Aquila, dem er einst so hart mitgespielt hatte wegen Bruches des Cölibats und wegen Verkündigung lutherischer Lehren, begegnet er auf einmal mit Freundlichkeit, und doch hat sich derselbe nicht bekehrt. Hier kann der Grund nicht allein in der Friedfertigkeit des Bischofs liegen, hier hatten jedenfalls noch andere Ursachen mitgewirkt, die eine Aenderung in der Gesinnung Christophs zur Folge hatten. (Fortsetzung folgt.) Der selige Luüpold zu Breitbrunn. Von k. Emmcrain Heindl 0. 8. L. Am östlichen Gestade des Ammersees, in einem Querthale des von Jnning bis zum Schlosse Ried längs des Sees sich erstreckenden Höhenzuges, liegt das 38 Anwesen zählende Dörfchen Breitbrunn, das wegen seiner unmuthigen Lage und der stärkenden Seebäder schon seit Jahren ein beliebter Sommeraufenthalt geworden ist. Einen Hauptanziehungspunkt für Naturfreunde bildet namentlich die kaum eine Viertelstunde nordöstlich vom Orte gelegene kahle, sanftgerundete Höhe. vom einge- bornen Volke noch immer der „Jaudesberg"') genannt, auf dem seit uralter Zeit an Ostern und Johanni (oder Peter und Paul) ein Feuer angezündet wird, um das dann die liebe Dorfjugend herumtanzt und sonst noch mancherlei Schabernack treibt?) Ueber den Berg selbst, der ohne Zweifel eine altheidnische Cultusstätte war, gehen im Volke unheimliche Sagen um, und er wird bei Nacht möglichst gemieden. Bei den Sommerfrischlern führt er den Namen „Königshöhe" oder „Königsberg", den er nach König Ludwig I. erhalten hat. Denn die Fernsicht, die man von seinem Gipfel") besonders über den Seespiegel und das Gebirge genießt, ist so bezaubernd, daß der König, als er i. I. 1836 mit seiner Gemahlin Therese im Bade zu Greifenberg weilte, gerne hieherkam und daselbst einen Aussichtsthurm errichten ließ, der aber jetzt verfallen ist. Ja er soll sich sogar mit dem Plane getragen haben, hier ein Schloß zu erbauen. Das später errichtete kleine Sommerhaus, worin eine Bank zum Ausruhen einlud, steht ebenfalls nicht mehr. Ein sehr hohes Alter scheint auch dem Dorfe Breit» brunn selbst zuzukommen, wie schon aus dem Umstände hervorgeht, daß es, obwohl bereits feit undenklichen Zeiten eine Quasifiltale, bis auf den heutigen Tag pfarrliche Rechte (mit Sanctissimum, eigener Sepultur u. s. w.) genießt. Wir möchten zwar nicht darauf schwören, was Or. A. Huber ^) meint, zu Breitbrunn sei nach Name und Lage des Ortes die ursprüngliche Tauf- kirche des Missionsbezirkes um den Wörth- und Pilsensee gewesen, worauf auch der Kirchenpatron (Johann d. T.) hindeute. Denn die Lage der jetzigen Kirche ist nicht gerade derart, daß diese zu einer Taufkirche, wozu bekanntlich ein womöglich stehendes Gewässer erforderlich Wohl verdorben aus „JudaZberg", weil hier am Char- samstag in dem vorher von Haus zu Haus erbettelten Holze „der Judas verbrannt wird". 2) Siebe vr. I. Scpp, Kirchengeschichte von Oberbayern (4: „Das Feuerhupfen und der Sonnwendtanz"). 2) Derselbe erhebt sich nach dem „Topographischen Atlas" 617,7 Meter über die Meercsfläche. *) Geschichte der Einführung des Christenthums in Südostdeutschland (III, 455). 61 war, geeignet gewesen wäre. Allerdings ist unser Ort, und zwar gerade in unmittelbarer Nähe der Kirche, sehr reich an Quellen und hat wohl davon — nicht, wie Huber meint, von einem ehemaligen Taufbrunnen — seinen Namen erhalten; man müßte denn annehmen, daß die Kirche ursprünglich unten am Gestade des Sees gestanden habe und erst später auf die Höhe transferirt worden sei. Aber daß Breitbrunn in ältester Zeit eine eigene Pfarrei gewesen sei, dürfte kaum einem Zweifel unterliegen. Urkundlich kommt unser Ort, wenn Freudensprung 5) Recht hat, zuerst unter Bischof Heinrich I. von Fretstng (reg. 1098—1137) vor, wo der Edle Kobalt äs kröittanxrullnnQ Zeuge einer Gutsschankung ans Freifinger Hochstift ist?) Jedenfalls aber gehört Msr- dnrärw äs Lraitdruiursn, um 1185 Ministerin! des Markgrafen Berthold von Andechs?) unserm Orte an. — Die Kirche von Breitbrunn, die uns für unsern Zweck zunächst interessirt, wird zuerst in der Chronik von Andechs vom Jahre 1755 (I, 52) erwähnt, wonach Graf Heinrich von Andechs ums Jahr 1225 seiner Schloßkapelle dortselbst unter anderen auch das Oollaturns" der Kirche in „Praibrunn" verleiht, welche nach einer Andeutung der Andechser Chronik von 1715 (S. 44) einstmals von den Grafen von Andechs gegründet und dotirt worden zu sein scheint. Das erwähnte Vermächtnitz des Grafen Heinrich war übrigens nicht von langer Dauer; nach dem Aussterben des Andechsergeschlechtes (1248) scheinen vielmehr die bayrischen Herzoge, denen die Güter der Andechser in Bayern zufielen, auch das Patronatsrecht der Kirche von Breitbrunn sich angeeignet zu haben. Denn am 2. August 1266 schenkt Herzog Ludwig der Strenge die Kirche zu Lraitdrunan sammt Kirchensatz und aller übrigen Zugehörde dem Kloster Liessen?) was Bischof Hartmann von Augsburg 1268 bestätigt?) Daraus geht hervor, daß die hiesige St. Johanneskirche damals eine Pfarrkirche war, welche das Kloster Liessen anfangs, gemäß einer von Bischof Hartmaun 1273 für alle ihm untergebenen Pfarreien erhaltenen Erlaubniß?") wohl durch einen hieher exponirten Conventualen versehen ließ, zumal es feit 1304 auch sonst bedeutende Besitzungen (3 Höfe) hier hatte.") Später aber wurde deren Pastoration einem weltlichen Pfarrer aus der Umgebung, und zwar zunächst ums Jahr 1415 jenem von Frieding, anvertraut; aus diesem Jahre liegt nämlich ein Vtkariats- entschetd des Ordinariats Augsburg vor, aus dem hervorgeht, daß die Kirche Breitbrunn keineswegs mit der Pfarrei Frieding unirt werde; sie war daher, wenn sie auch keinen eigenen Pfarrer mehr hatte, doch niemals eine eigentliche Filiale weder von Frieding noch von einer anderen Pfarrkirche, sondern wurde stets als eine eigene Kirche betrachtet, die der Propst von Liessen jedem beliebigen entsprechenden Nachbarpriester übergeben konnte. 1723 kam die Seelsorge von Breitbrunn provisorisch, 1738 aber definitiv an die Pfarrei Oberalting, bis durch Revers vom 7. Dezember 1760 Pfarrer Mathias Wid- man von Höchendorf dieselbe übernahm, bei welcher Pfarrei sie bis heute verblieben ist, wahrend das Präsentationsrecht bis zur Säcularisation dem Kloster Messen °) Ueber die Ortschaften des 1. Bds. der Meichelbcck'fchen Uistoria. VrisinAensis. ") Usielwtd. Liot. ikris. I, b, n. 1283 , b. -) 21. L. VII, 71. «) 21. L. VIII, 191. °) I^UA L Vroxderg', Lög'ssts, III. *°) 21. L. VIII, 192. '* *) LsAssta V; 21. L. VIII. 202. gehörte. Zur Kirche Breitbrunn waren schon seit alter Zeit noch die beiden Einöden Ellwang und Was ach zuständig?") Diese Vorbemerkungen sollen hauptsächlich dazu dienen, unser eigentliches Thema zu beleuchten und verständlicher zu machen. Die Kirche St. Johann in Breitbrunn, welche nach Dillitzer") im Jahre 1489 eingeweiht worden sein soll und außer einer alten Thurmglocke und einer am nördlichen Seitenaltar befindlichen, dem 16. Jahrhundert ungehörigen Holzfigur des hl. Nikolaus") nichts Interessantes bietet, erfreute sich nämlich einstmals längere Zeit hindurch eines hohen Ruhmes und bedeutenden Volkszulaufes wegen des angeblichen Grabes des seligen Luitpold, das sie in sich bergen sollte — und hicmit stehen wir beim eigentlichen Gegenstände unserer Abhandlung : welche Bewandtniß hat es mit diesem Seligen und mit seinem Grabe zu Breitbrunn? Nach den Andechser Chroniken von 1715 (S. 22) und 1755 (I, 33) war der selige Luitpold*") — auch Leupold, Liupold, Leopold, Leutgeb u. a. genannt — ein Sohn des Grafen Otto II. von Wolfratshausen (1' 1122 als Mönch zu Seeon) und seiner im Tode ihm bereits vorangegangenen Gemahlin Lauritta. Daß indessen diese Angabe mit Mißtrauen aufzunehmen ist, geht schon aus den offenbaren sonstigen Unrichtigkeiten hervor, die sie enthält; denn nach Oefele*") starb Otto erst 1127, während seine Gemahlin noch 1140 am Leben ist; auch hatte er keinen urkundlich nachweisbaren Sohn dieses Namens. Mehr Glauben verdienen daher die Dicssener historischen Nachrichten;") diese machen ihn zu einem Sohn des Grafen Otto I. von Wolfratshausen (j- 24. April 1122) und seiner Gemahlin Jusiitia, einer gebornen Gräfin von Wtttelsbach, welche am 30. Januar 1070 im Gerüche der Heiligkeit starb und in einer eigenen Kapelle in der Pfarrkirche zu Thanning bei Wolfratshausen begraben liegt?") Dall' Abaco, der*") unsern Seligen unter dem Namen „Luitpold" erwähnt, weiß von seiner Genealogie nur zu berichten, daß er „aus dem Geschlechte der Grafen von Diessen und Wolfratshausen" gewesen sei. Urkundlich läßt sich jedoch nur Folgendes feststellen: Allerdings hatte Otto I. (nach Oefele Otto II.) von Wolfratshausen (Gemahlin Justitia) einen Sohn Namens Liupold,"") der gegen 1102 lebte und am 19. Februar ca. 1127 starb. Doch wurde dieser nach dem ^acroloZiniu von Diessen in der dortigen Stiftskirche St. Stephan begraben; immerhin wäre es denkbar, daß sein (anfänglich zu Breitbrunn begrabener) Leichnam später cxhuwirt und ins gemeinsame Familiengrab nach Diessen transferirt worden sei. (Schluß folgt.) *") Schreiben des Propstes Berthold von Diessen v. I. 1757 (Kopie in der Pfarrregistratur zu Frieding). *o) Handschriftliche Beschreibung des Kapitels Oberalting v. I. 1890, Eigenthum dcS Kapitelarchivs. "I Bezold-Riehl, Kunstdenkmale d. Königreiches Bayern (I, 858). *°) Im Volksmunde hieß er auch der „heilige" Leupold. *°) Geschichte der Grafen von Andechs (S. 18 Nr. 17); wir richten uns nach der Zählunaswcise der Dicssener und Andechser Chronisten; bei Oeicle ist es Otto III. *') Nach Mittheilungen des ch H. H. Pfarrers Gschwind von Diessen (Stadlcr's Heiligcnlexikcu III, 956). *°) Vgl. Mayer-Wesiermay-r, Statist. Beschreibe des Erz- bisthumS Müuchen-Freising (III, 659 f.). In seiner in der k. Staatsbibliothek befindlichen handschriftlichen Chronik von Diessen v. I. 1776/77. "°) Oefele S. 18 Nr. 16. u. S. 117. 62 Die deutschen Kolonien in Südrrchllmd. Von I. E. Biller. (Fortsetzung.) Wenn man nach den Ursachen sich erkundigt, welche die Musterhafte Ordnung in den deutschen Dörfern geschaffen haben, so wird man fast regelmäßig auf frühere deutsche,.. Verwaltung hingewiesen. Für alle deutschen Kolonisten in ganz Rußland war nämlich anfangs eine eigene Verwaltung aufgestellt worden, in welcher die sogenannten Inspektoren vielleicht den wichtigsten Theil zu besorgen hatten, nämlich die Visitation der Dörfer u. a. Die Kolonisten wurden von ihnen, wie ich hörte und auch aus den alten Verordnungen ersehen konnte, fast wie Leibeigene behandelt, aber nur zu deren eigenem Wähle. Und es war auch eine eiserne Strenge nothwendig, um eine Gleichheitlichkeit zu erzielen in diesen Niederlassungen, deren Bewohner aus den verschiedensten Gauen Deutschlands sich zusammengefunden und welche die verschiedensten Sitten, Lcbensgewohnhciten und Ve- wirthschaftungsweisen mitgebracht hatten. Von der deutschen Verwaltung war die Anpflanzung von Wäldern befohlen und deren Instandhaltung überwacht; sie sah auch darauf, daß die Gärten gut gepflegt würden, daß überall Ordnung und Reinlichkeit herrsche, und ließ es sich auf alle mögliche Weise angelegen sein, den Gemeinstnn zu nähren und zu heben, kurz die Kolonisten wurden beständig überwacht und zur Arbeit angehalten. Der Paragraph 314 der alten Kolonialordnung lautete sogar: „Sobald die vorschriftsmäßige Zeit zum Ackerbau eintritt, haben die Schulzen bekannt zu machen, daß alle Einwohner früh morgens auf das Feld sich begeben und mit gehörigem Fleiß an die Arbeit gehen; die Aufsicht darüber führen die Zehntmänner." Einzelne Bauern, welche die Ackerbestellung nachlässig vornahmen, wurden eingesperrt und deren Felder auf ihre Kosten von andern bestellt. Doch die weise Strenge der Verwaltung brachte überraschende Erfolge. Die deutschen Kolonien galten bald als Muster von Schönheit und Ordnung, ja von den Russen wurden sie geradezu als landwirthschaftliche Musterschulen betrachtet. Und als man später daran ging, Judendörfer zu bilden und deren Bewohner zum Ackerbau anzuhalten, wurde sogar angeordnet, daß in jedem Judendorfe 4—6 deutsche Musterwirthe sich niederlassen sollten, damit die Juden die Bewirthschaftnngs- wcise bei ihnen erlernen könnten. Und wirklich findet man auch jetzt noch in jedem Judendorfe die vorgeschriebene Zahl Deutscher, deren Höfe sich durch reichere Baumanlagen, durch größere Ordnung und Wohlhabenheit in erfreulicher Weise von den übrigen Häusern unterscheiden. Seit etwa 20 Jahren ist die eigene deutsche Verwaltung aufgehoben und dafür überall die russische eingeführt. Es bedeutete das freilich einen Schaden für die Entwicklung der deutschen Kolonien, aber trotzdem wäre eL ungerecht, das System der jetzigen Dorf- und Wolost- verwaltung ein schlechtes nennen zu wollen. Ich bin im Gegentheil zur Ueberzeugung gekommen, daß die großartige Selbständigkeit, welche den Bauern in der Verwaltung eingeräumt ist, unserer oft nur allzu bureau- kratischen Verwaltung vorzuziehen sei; Mißbräuche sind freilich nicht ausgeschlossen. Aber wo in der Welt gibt es etwas, das nicht mißbraucht werden könnte? Der Vorstand jeder Dorfgemeinde heißt Schulze oder Starost, und es steht ihm eine große Machtbesugniß zur Seite. So hat er beispielsweise das Recht, ohne vorherigen Nichterspruch jemanden bis zu 24 Stunden einsperren zu lassen. Ein ganz außerordentliches und sehr wcrthvolles Recht besitzt ferner die Gemeinde darin, daß sie unverbesserliche Subjekte aus der Dorfgcmeinschaft ausschließen und durch Vermittlung des Gouverneurs nach Sibirien verbannen kann, eine Befugniß, von der auch zur rechten Zeit Gebrauch gemacht wird. Neben der Erledigung der gewöhnlichen Gemeindeangclegenheiten hat die Verwaltung auch den treffenden Steuersatz nach Maßgabe des überwiesenen Steuerquantnms für die einzelnen Gemeindemitglieder festzustellen, für die Eintreibung zu sorgen, ferner Schule und Lehrer zu unterhalten u. s. w. Eine sehr lobenswerthe Institution fand ich auch noch in der Einrichtung der Getreidespeicher; jeder Bauer ist verpflichtet, alle 2—3 Jahre das für seine ganze Bewirth- schaftung nöthige Samengetreide in den Dorfspeicher zu schaffen, um im Falle einer Mißernte wenigstens den vorräthigcn Samen zu besitzen. In den Händen der Gemeindeverwaltung ruht auch die niedere Polizeigcwalt. Von je 10 Bauern wird einer als Zehntmann (Dessatski) und von je 100 einer als Hundertmann (Ssotski) zum Polizeidienst ausgewählt. Von der Regierung werden nur die höheren Polizei- organe bestellt. Ucbrigens wird diese Dorf-Polizeigewalt im allgemeinen sehr „human" ausgeübt. So z. B. ist auch in Rußland die Erlaubniß zur Jagd von der Lösung einer Jagdkarte abhängig gemacht; mit einer solchen ausgerüstet, rann man jagen, wo und wann man will, und wer keine besitzt, kann gleichfalls pürschen, wo und wan» er will! Mehrere Gemeinden zusammen bilden eine sogenannte Wolost, die am besten mit unsern alten Landrichtereibezirken verglichen werden kann. Ein russischer Adeliger hat darüber in der Regel als Landvogt (Natschalik) die oberste Aussicht, die jedoch faktisch ohne größere praktische Bedeutung ist. Das eigentliche Oberhaupt der Wolostverwaltung ist der Oberschnlze oder Starfchina; Mitglieder sind alle Schulzen und die Abgeordneten von je 10 Bauernfamilieu. Die Wolost hat von den Dorfgemeinden die Steuern einzufordern und an den Staat abzuliefern, sie unterhält ferner ein eigenes Wolostgericht, dessen bäuerliche Richter bis zu 14 Tagen Haft und bis zu 40 Knutenhieben „verordnen" können; sie richtet auch gemeinschaftliche Schulen ein und verwaltet dieselben u. s. w., kurz, die Wolost ist nicht bloß die oberste autonome Landgemeine, sie ist auch die fast einzige Vermittlerin zwischen der Regierung und den Bauern. Auch viele sociale Einrichtungen haben in derselben ihren Sitz und ihre Verwaltung, so z. B. besteht eine Viehversicherung, eine Brandvcrsicherung (natürlich auf Gegenseitigkeit gegründet), eine Centralschule, deren Zöglings sich zu Schullehrern ausbilden können, eine Handwerkerschule, eine Baumschule rc. rc., lauter Dinge, die vielleicht mancher in Rußland nicht gesucht hätte. Den Hauptcrwerbszweig in jenen Niederlassungen bildet selbstverständlich der Getreidebau, wozu sich auch der schwarze, fruchtbare Boden außerordentlich gut eignet, indem er eine fast unerschöpfliche Keimkraft in sich birgt und vielleicht noch lange Jahre einer Düngung nicht bedürftig sein wird. Man versicherte mir, daß unter den jetzigen Verhältnissen eine Düngung für die Frucht sogar schädlich wäre, weil in heißen Sommern durch die dadurch bewirkte größere Erhitzung das keimende Getreide verbrennen, bet etwas feuchterem Wetter aber der Weizen Zn sehr in die Halme schießen würde. Neben dem Ackerbau wird auch Pferdezucht betrieben, und jeder Bauer hält sich eine ziemliche Anzahl, oft bis zu 30 und 40 Stück, die vom Dorfhirten, dem Tabuntfchik, Tag und Nacht auf der Steppe geweidet werden. Die Tabune kehrt nur darum jeden Tag ins Dorf zurück, damit sich der Besitzer seine Arbeitspferde für den folgenden Tag auswählen kann. Und es ist ein prächtiger Anblick, wenn die ganze Tabune, die oft herrliches Pferdsmaterial enthält, im schärfsten Galopp die lange Dorfstraße hinabrast. In ähnlicher Weise, wie die Pferde, wird auch das Rindvieh auf der Steppe tagsüber geweidet, während es nachts meist auf dem Hofe angepflockt wird. Zu Winterszeit ist es natürlich in Ställen untergebracht. Schweine züchtet der Deutsche fast ausschließlich nur zu seinem Bedarf, und jedes Jahr bei Eintritt des Winters beginnt die herkömmliche große Schlächterei, indem auf jedem Hofe 4—6 Schweine auf einmal geschlachtet, eingepökelt und geräuchert werden. Der Schinken reicht dann gewöhnlich für das ganze Jahr. Die Lcbensmittelpreise sind im Vergleich zu unseren Verhältnissen unerhört niedrig, was sich zur Genüge aus dem mangelhaften Absatz erklären läßt. Ein ca. dreiwöchentliches Kalb kostet nur einen Rubel (— 3,20 M.), ein Pfund Rindfleisch 10—16 Pf., ein Spanferkel 60 Pf. bis IM. — Die Dienstbotenlöhne dagegen sind sehr hoch; die Nachfrage ist eben groß und das Angebot gering. Meist halten sich die deutschen Kolonisten russische Knechte (großentheils aus der Poltawa stammend). Vor der allgemeinen Einführung der Getreidemähmaschinen, wie fast jeder Kolonist sie jetzt benützt, mußten die Bauern für einen Mäher 7 M. und darüber als Tageslohn bezahlen und das Essen noch eigens beschaffen. Als Brennmaterial wird ganz allgemein, wie im Oriente, so auch hier, der Viehmist verwendet, und besonders der Schafmist gilt als ganz vorzüglich. Da die Schafe des nachts über in großen Pferchen zusammengetrieben werden, bildet sich von dem Miste allmählig eine dicke Kruste, die von Zeit zu Zeit, wie Torf, in viereckigen Stücken ausgehoben und getrocknet wird. Die Vornehmeren und Reicheren gebrauchen freilich auch Steinkohlen, welche immerhin noch leichter zu haben sind, als das seltene Holz. Im Allgemeinen sind die deutschen Kolonisten wohlhabende, vielleicht sogar reiche Leute. Eine Wirthschaft umfaßt meist circa 180 Tagwerk Grundstücke. Doch wurden mir auch Beispiele berichtet von wahrhaft fürstlichen Besitzungen. Im Cherson'schen z. B. leben fünf Brüder; von den vier ältesten besitzt jeder ein eigenes Bauerngut von 6000 Tagwerk; außerdem haben sie gemeinsam ein Gut gepachtet, über welches der jüngste Bruder als Verwalter gesetzt ist, und das nicht weniger als 42,000 Tagwerk umfaßt. Darauf halten sie 25,000 Stück Schafe u. s. w. Ueberhaupt, wer fleißig, strebsam und einigermaßen intelligent ist, der kann es in Rußland leichter als irgend wo anders zu etwas bringen. (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Wanderers Weisen. Gedichte von Leo Fischer ch. Cor- dicr, Heiligenstadt. Saionband mit Portrait des Verfassers. 3 M. I'. Leo Fächer ist das berechtigte Lob geworden, erhabene Gedankentiefe in prägnanter Kürze und klassischer Wärme und Klarheit meisterhaft in eine gefällige Form zu gießen und in harmonischer Abrundung der Verse musikalisch die Leser zu bestricken. Kein Zweifel, jeder vorurtheilslose Sammler des Ursprünglichen und Genialen in deutscher Lyrik müßte diese zarten Melodien und harmonischen Verögcfälle Leo, Fischers ganz besonders in Erwägung ziehen. Leo Fischer hat sich dem eisernen Zwange des Taktstocks allmählig entzogen, er hat sich aber nickt, gottlob nicht, cmancipirt von der hoben, klassischen Formenschönheit, mit der er von jeher seine Dichtungen so glanzvoll schmückte, er hat hier in „Wanderers Weisen" die Poesie mit der Form in innige Harmonie gebracht. Echte Poesie ist undefinirbar, und wenn Jemand aus den Dichtungen FiscbcrS „allgemeine Regeln für angehende Dichter" herauslesen wollte, so müßte er ihnen gleich das Büchlein hergeben mit den Worten: „hier; macht's nach!" „Die Kunst verlangt ein rein Gewissen." Ja, Fischers kindlich frommes Gemüth, sein ungetrübter Blick für alles Hohe und Hehre, seine innige Vertrautheit mit den Wundern und Schönheiten der weiten Gotteswclt und sein eigener künstlerischer Genius, das sind die Regeln, aus denen er sich seine Poesie construirt hatte, oder vielmehr, die ihn zuin ganzen Dichter machten. Freilich, nicht jeder wird ihm folgen, er sagt: Die Ideale, Sie werden nur Vom Muth errungen, Der niemals wankt; Es ist die schmale Und steile Spur Von Leid umschlungen, Vom Dorn umrankt. Wunderbar schöne StimmungSliedcr bieten UNS „Wanderers Weisen". Wenn die dunkle Nacht verdämmert und von ferne das Posthorn klingt, da steht lockend vor des Dichters Sinn das Wclschland, unv das Meer: O holdes Land Jtalia, So reich an Glück und Zier, Wer Dich gekannt. Wer einst Dich sah, Den treibt's zurück zu Dir! Die sanfte Ruhe und der süße Friede eines Frühlings» abends weht uns an, wenn wir das Büchlein dieses sinnigen Poeten durchblättern, und cS klingt beinahe wie ein Anachronismus in unsere realistische Zeit, dies sanfte Saitcnspiel einer gottgeweihten Harfe. Doch mit wahrem Herzcnsgenuß habe ich daS hübsch ausgestattete Büchlein durchgelescn, und ein solcher poetischer Anachronismus ist mir denn doch viel lieber, als all die Erzeugnisse eines übersättigten Realismus. Leser, nimm und lies, und es reut' Dich nit! SchererM., vr.jnr., RechtSanwalt. Die Entscheidungen! des Reichsgerichts und des bayer. obersten Landesgerichts zum gemeinen Recht. Leipzig. Otto Wigand. -oe- Der Verfasser bringt im Anschluß an die Paragraphen des I. Entwurfes des bürgerlichen Gesetzbuches einen kurzen AuSzug aus den jeweils diese Materie behandelnden Entscheidungen. Der Auszug ist wie bei den anderen vom gleichen Verfasser herausgegebenen Sammlungen zwar kurz, doch leidet keineswegs die Klarheit darunter, weil der Verkäster mit großem Geschick auS den langatbmigen Entscheidungen den juristischen Kern herauszuschälen verstanden bat. Da die Zusammenstellung außer den beiden oificiellcn EntscheidnngSsammlungen noch auö 16 weiteren Zeitschriften und Sammlungen Material benutzt bat, erreicht sie an Vollständigkeit den denkbar höchsten Grad. Nach Einiübrung des Bürgert. Gesetzbuches und gegenwärtig zum vergleichenden Studium wird vorliegendes Buch die besten Dienste leisten. Kuhlenbeck L., vr.jnr., Nechtsanw. DieRechtsprechnng des Reichsgerichts in Beziehung aus die wickiigstcn Begriffe und Institute des CivilrechtS in systematischer Folge dargestellt und kritisch besprochen. Berlin. W. Möscr. -06- Auf ungleich anderer Basis als das Scherer'ick: Werk ist vorliegendes aufgebaut. Der Vers. untersucht die Eiiisckeid- ungen des Reichsgerichts auf ihre juristische Haltbarkeit und gibt gleichzeitig an, in welcher Richtung seiner Ansicht nach eine Aenderung eintreten muß. Obwohl gerade bei einer solchen Darstellung die Gefahr nahe liegt, bewußt oder unbewußt „in der Hitze des Gefechts" manch' brauchbares Korn mir der Spreu auszuscheiden, müssen wir dem Vers. nachrühmen, daß er auf 64 Grund einer mehr als gewöhnlichen Kenntniß der Literatur, die umfassendes juristisches Wissen mit feinem juristischen Gefühl vereinigt, aus der Enncheidungen Menge nur herausgegriffen hat, was absolut unhaltbar in. Man hat beim Studium die'er Lieferung das wohlthuende Gefühl, daß nicht d>e Sucht zu kritischen, sondern das edle Bestreben, die Rechtsprechung in richtige Bahnen zu lenken, dem Verfasser die Feder in die Hand gedrückt hat. Wir können deßhalb daö Studium dieser kritischen Besprechungen Richtern wie Rechtsanwälten nicht warm genug empfehlen- _ Annegarns Weltgeschichte in acht Bänden. Neu bearbeitet und bis zur Gegenwart ergänzt von vr. Aug. Enck und vr. V. Huyökens. Siebente Auflage. — Münster i. W., Verlag von Theissing. „Wenn ein katholischer Historiker, wie der geniale JobauncS Janssen, von sich das Bekenntniß ablegt, daß AnnegarnS Weltgeschichte ihm die erste Anregung zum Studium der Geschichte gegeben habe, so ist dies die beste Empfehlung, die man einem Buche dieser Art mit auf den Weg geben konnte. In der That ist die lebensvolle Darstellung, die übersichtliche Anordnung deS Stoffes und die Auswahl dessen, was zum leichten und sicheren Verständniß der Thatsachen und der Zeitvcrbält- nisse führt, unübertroffen. Mit pietätvoller Hand, aber sicherem Blick und richtigem Verständniß ist die Aufgabe gelost, den wissenschaftlichen Erfordernissen gerecht zu werden, ohne die übrigen Vorzüge des Buches anzutasten.Hochwillkommen ist die Berücksichtigung der culturhistorifchen Momente, die in einem GeschichtSwerkc nickt fehlen dürfen." Die neue Auflage erscheint in halbmonatlichen Heften von 80 Seiten zum Preise von 50 Pt. pro Heft; das ganze Werk umfaßt deren 32 — wird also in ungefähr einem halben Jahre vollständig sein. 24 Hefte sind bereits erschienen. Reperrorenm der Pädagogik. Herausgegeben von Oberlehrer I. B. Schubert. Verlag der I. Ebncr'schen Buchhandlung in Ulm. (Preis 5 Mark 40 Pfg. für 12 Monatshefte.) Das 3. Heft des 50. Jahrganges enthält u. A.: Was läßt sich zur Pflege einer gediegenen echt volksthümlichen Bildung in den Arbciterkreisen thun? Von Anton Mcndler, Lehrer in Tundorf (Oberbayern). — Die Kladde. Von vr. Frd. Horn, Neal-Oberlchrer in Mona. — Veranschaulichungsmittel beim ersten Rechcnuntcrricht. Von L. Hohmann, Rektor in Berlin. — Goethe in Straßburg. Von Jakob Esselborn, Lehrer in Ludwigöhascn a. Rh. — Grundriß der europäisch-abendländischen Musik. Von Troppmann, Lehrer a. D. in Tirschenreuth. — Die Frauensrage vor den Anthropologen. — Liebe und Brautstand im deutschen Volksglauben. U. f. w. Philosophisches Jahrbuch. Auf Veranlassung und mit Unterstützung der Görrcsgescllschaft herausgegeben von vr. Sonst. Gutberlet. Verlag der Fuldaer Aktien- Druckcrei. IX. Jahrgang. 1. Heft. Inhalt: I. Abhandlungen. C. Gutberlet, Ist die Seele Thätigkeit oder Substanz? B. Paqus, Zur Lehre vom Gefühl. L. Schütz, Der Hypnotismus. I. Ucbinger, Die mathematischen Schriften des Nik. Cufauus (Fortsetzung). — II. Recensionen und Referate. A. Bullinger, Das Christenthum im Lichte der deutschen Philosophie, von P. Schanz. P. Natorp, Die Ethika des Demokritos, von Frhr. von Hertling. Al. Wernicke, Kant. . und kein Ende, von B. Adlhoch 0.8.L. Al. Wernicke, Kant-Studien, von demselben. I. Straub, Der teleolozijcke Gotteöbcweis und seine Gegner, von C. Gutberlet. L. Filkuka, Die metaphysischen Grundlagen der Ethik bei Aristoteles, von M. Kappes. M. Novaro, li ooneotto sti Inünito o U Probleme cosmolvAieo, v. B. Adlhoch 0. 8. v. Jg. Pctrone, Va käse recentissiwa, stelle Llosoüe stel stritt» in 6ermenie, von I. W. Aren hold. Nud. Eisler, Geschichte der Philosophie im Grundriß, von demselben. I. Möller, Jean Paul und seine Bedeutung für die Gegenwart, von A. Otten. I. Möller, Die Seelenlehre Jean Paul'ö, von demselben. — III. Zeitschriftenschau. — IV. Miscellen und Nachrichten. Der Katholik. Redigirt von Joh. Mich. Naich, 12 Hefte M. 12. Mainz, Kirchheim. Inhalt von 1896. Heft I, Januar, vr. Albert Stöckl. — vr. Adolph Franz, Die kirchlichen Bruderschaften und, die protestantische Polemik. — Fr. Schneider, Theologisches zu Raffael. — Wie lange wird sick die Kirche der neuen Freiheit nock zu erfreuen haben? — A. Zimmermann 8. st., Ein irischer Richter über Irland. — Literatur: E. Le Camus, Leben unseres Herrn Jesus Christus. — vr. Paul Scbanz, Apologie des Christenthums. — Andreas Schill, Theologische Principienlehre. — vr. C. Gutberlet, Lehrbuch der Aplogetik. — Herm. Jos. Fugger-Glött, Kreuzfahrerblättcr u. s. w. Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie. Herausgegeben unter Mitwirkung von Fachgelehrten von vr. Ernst Coinnrer, o. ö. Professor an der Universität Breslau. Paderborn 1896. Ferdinand Schöningh. X. Band 3. Heft. Inhalt: I. Giovanni Battista Tornatore, 6. II. Portrait nach einer Photographie von Gregori in Piacenza. II. Selbst» er ursachnng Gottes? — Kennzeichnung und Beurtheilung einer These des Herrn Pros. vr. Schell. Von vr. B. Dörbolt, Dozent an der Akademie in Münster. III. Die Neu-Tho nisten. (8.) Von ?. Llaxe. Mreol. Gundisalv Fcldner, 0. vraest., Prior. IV. Zur neuesten philosophischen Literatur. (2.) Von Kanonikus vr. M. Gloßncr, Mitglied der röm. Akademie des hl. Thomas, in München. V. Die Grundprinzipien deö hl. Thomas von Aquin und der moderne Sozialismus. (7.) Die Gnade und die Freiheit. Von vr. C. M. Schneider, Pfarrer in FloiSdorf. U. s. w. Historisches Jahrbuch der GörreSgesellschaft. Kommissionsverlag von Herder rr. Cre., München. XVI. Jahrgang. 4. Heft. Inhalt: Aufsätze: Stiglmayr. Der Neuplatoniker Proclus als Vorlage des sogen. DionysiuS Arcopagita in der Lehre vorn Uebel. Merkte. Hercules Sevcroli und sein Tagebuch über daö Trienter Concil. Kleinere Beiträge: Pieper, Zur Frage über den Verbleib der Corm'pondcnz des Papstes Hadrian VI. Paulus, Zur Literatur über Luthers Lebensende. Unkel, Der erste Kölner Nuntiaiurstrcit und sein Einfluß auf die kirchlichen Nejormbestrcbnngen im Erz- bistbnm Köln um die Wende des 16. Jahrhunderts. — Recensionen und Referate: Württcmbergifche Geschichts- quellen (Banma n n). Stäbelin, Huldreich Zwingli (Büch i). Jnritsch, Geschichte der Babcnbcrger und ihrer Länder (Dö- berl). U. s. w. — Zeitschriftenschau. — Novitäten- schau. — Nachrichten. _ Zeitschrift des Kathol. Universitäts-Vereins von L-alzburg. Redigirt von Stadtpfarrer vr. Kalten- hauser. Druck von A. Pustet in Salzburg. Preis per Jahrg. (4 Hefte) 1 fl. ö. W. Das 1. Qnartalheft 1896 enthält u. A.: Welche Rechte werden Kirche und Staat der srcien kathol. Volksschule gegenüber beanspruchen? Der St. Pöltncr Katholikentag und die freie kath. Universität. Qnartalbericht m s. w. DaS Apostolat der christlichen Tochter oder „St. Angela-Blatt". Wien, I. Johannesgasse 8. Preis fl. 1.— per Jahr (per Post fl. 1.15, für Deutschland M. 2.50). Bei der gegenwärtigen Frauenbewegung verdient alle Beachtung die Monatsschrift „Apostolat der christlichen Tochter", welche seit sieben Jahren dahinstrebt, die katholischen Jungiraucn und Frauen zur Ausübung eines ihrem Geschlechte und Stande entsprechenden Apostolatcö anzueifcrn. ch Negensburg. Mit der Vollendung des großen Lebens Jesu von dem verstorbenen Pros. vr. I. Grimm hat die Pustct'sche VerlagShandlung Herrn Subregenö vr. Zahn in Würzburg betraut. Grimm selbst hat die Hälfte des noch ausstehenden 7. Bandes bearbeitet, so daß die Besitzer der ersten Bände in nicht allzulanger Zeit das Werk vollendet erhalten. Berichtigunng. Zu dem Scklußartikcl „Ein Künstler aus dem Chiemgan" ist berichtigend zu bemerken, daß die Zinsen der Pcrmoser'schen Sckulstiitung seit der Gründung einer eigenen Schule in Kammer (1853) zur Aufbesserung des Lehrcreinkommcns verwcnvet werden. Vcranttv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg. Ar. 9. 28. Mr. 1896. Der dritte Band von Pastors Geschichte der Päpste. (Schluß.) Für die Bekämpfung der Türken behielt Alexander so wenig Kraft und Mittel übrig; immerhin hat auch er eS nicht an Aufwendungen fehlen lassen, unter seinem Pontifikat ward von der vereinigten päpstlich-venetianischen Kreuzzugsflotte St. Maura, das alte Leukadia, erobert (1501), aber schon zwei Jahre darauf schloß Venedig fast ohne Gewinn Frieden, dem sich auch die andern Mächte wohl oder übel fügen mußten. Es läßt sich denken, daß auch die kirchliche Neform durch Alexander wenig gefördert wurde. Einmal schien er sich aufraffen zu wollen, als 1497 sein Lieblingssohn, der Herzog von Gandia, auf geheimnißvolle Weise, wahrscheinlich auf Anstiften der Orsini, ermordet wurde. Der Papst war aufs tiefste getroffen, er erkannte die Strafe Gottes. „Es ist unzweifelhaft, daß er sich in jenen trüben Sommertagen des JahreS 1497 ernstlich mit umfassenden Neformgedanken getragen hat." Zeugniß davon gibt der Entwurf einer großen Bulle, den Pastor zuerst in brauchbarer Weise aus dem vatikanischen Geheimarchiv veröffentlicht hat. Auf all die schlimmsten Schäden des damaligen Kirchenwesens ist hier die Hand gelegt, die Reformation sollte wirklich, wie es die Deutschen so oft gefordert hatten, „beim Haupte beginnen," — aber sie blieb Entwurf. „Die Reformsache ward zunächst hinausgeschoben, dann vergessen." Aber „trotz aller Mißstände ging die Kirchenregierung im wesentlichen ungestört ihren Gang, was sich freilich zum Theil nur durch die wunderbare Organisation der katholischen Kirche erklärt." Begannen ja unter Alexander VI. auch die folgenreichen Misstonen in der neuen Welt, und er ist es gewesen, der 1493 kraft päpstlicher Autorität die Grenzlinie zwischen den Rechtsansprüchen der Spanier und Portugiesen zog, eine That, aus der ihm nur Unverstand einen Vorwurf machen kann. Es ist ein tragisches Verhängniß, daß sich die päpstliche Autorität in Alexander VI. in einem Streite verkörperte, wo mehr als alles sittliche Reinheit hätte wirken können, in dem Streite mit Savonarola, und ein merkwürdiger Zufall war es auch, daß der Papst die Bulle, welche den Widerspenstigen excommunicirte, der so laut gegen das moderne Babylon gedonnert hatte, kaum einen Monat vor der Ermordung des Herzogs von Gandia erließ, die ihn zu ernster Einkehr in sich selbst veranlassen sollte. Aber auch die Bewunderer des kühnen Mönchs müssen zugeben, daß Savonarola sich selbst sein Grab gegraben hat. Alexander hatte lange Zeit — allerdings mehr mit der kühlen Ruhe eines Weltmannes als mit christlicher Geduld — die Schmähungen Savonarolas gegen ihn selbst ertragen, aber „ein Prophetenthum über der Hierarchie, wie es Savonarola in Anspruch nahm, durfte auch ein Alexander VI. nicht anerkennen", und das Verhalten Savonarolas nach der Excommunication und seine Theorie vom bedingten Gehorsam zeigten, daß er sich nicht mehr in die katholische Kirchenverfassung fügte. Gestürzt hat ihn dann schließlich dieselbe Macht, die ihn empor getragen hatte, das von ihm selbst fanatisirte Florentiner Volk. „Dem katholischen Dogma als solchem ist Savonarola in der Theorie stets treu geblieben; gleichwohl hat er mit seiner Leugnung der Strafgewalt des Heiligen Stuhles und seinen Concilsplünen, die im Fall des Gelingens zum Schisma führen mußten, praktisch unkirchliche Tendenzen vertreten. Zur Entschuldigung gereicht ihm gewiß, daß in Florenz wie in Rom, ja in ganz Italien vielfach sehr traurige sittliche Zustände herrschten, daß die Verwestlichung des Papstthums in Alexander VI. ihren Höhepunkt erreicht hatte. Allein in seinem glühenden Eifer für eine sittliche Erneuerung ließ sich Savonarola nicht bloß zu den maßlosesten Angriffen gegen hoch und nieder fortreißen, sondern er vergaß auch vollständig die Lehre der Kirche, daß das sündhafte, lasterhafte Leben der Obern, auch des Papstes, seine Jurisdiktion nicht zu erschüttern vermag. Er glaubte gewiß aufrichtig und ehrlich, ein gottgesandter Prophet zu sein, lieferte aber auch bald den Beweis, daß der Geist, der ihn trieb, nicht mehr von oben war; denn die Probe göttlicher Mission ist vor allem der demüthige Gehorsam gegen die vor. Gott gesetzte höchste Autorität. Dieser fehlte Savonarola vollständig." Alexander VI. starb am 18. August 1503, sicherlich nicht durch Gift, wie man freilich sogleich geargwöhnt und lange geglaubt hat, sondern an der Malaria. In der That wurde es mit seinem Tode besser in der Kirche. Die Hoffnungen freilich, die man auf Cardinal Piccolomini gesetzt hatte, der sich nach seinem Oheim Pins III. nannte, zerstörte nach kaum einem Monat der Tod. aber schon diese kurze Zeit hatte genügt, Cesare Borjas Tyrannis zu brechen, und daß sie so wenig wiederkehre, wie die Zeiten Alexanders VI. überhaupt, dafür sorgte Giuliano della Novere, der jetzt als Julius II. den päpstlichen Thron bestieg. Allerdings war auch Julius II. nicht ein Papst, wie ihn sich etwa Savonarola gedacht hätte. Er hatte wenig von einem Leo I., der die Hunnen durch Bitten aus dem Lande zu bringen suchte, weit mehr war er nach den Jnnozenzen der Stauferzeit und nach den streitbaren deutschen Kirchenfürsten des Mittelalters geartet, denen ein Panzer kein ungewohntes Kleidungsstück war. Das Beiwort, das er Michel-Angelo gab, „tsrristils", wendet Pastor auf ihn selbst an. Ein in jeder Hinsicht ungewöhnlicher Mann, ein „Kraftmensch der italienischen Renaissance-Epoche" ist dieser Papst, der fast als Greis den Thron bestieg, in den 10 Jahren seiner Herrschaft, wenn nicht der Nestaurator der Kirche, so doch der Wiederherstelle! des Kirchenstaates geworden. Denn das trat als wesentlichster Unterschied gegen die Weise Alexanders VI. gleich am Anfang der Regierung des neuen Papstes hervor, daß der Nepotismus keine Stelle mehr an der Kurie fand. Cesare Borja verließ nach gütlichem Uebereinkommen Rom, um bald darauf in Spanien einen ehrlichen Soldatentod zu sterben. WaS er für sich erobert hatte, kam den Plänen Julius' II. zu gute, es war hohe Zeit, hier in der Nomagna dem Umsichgreifen der landgierigen Venetianer einen Damm entgegen zu setzen. In Venedig sah man mit Staunen und Unglauben den Drohungen des Papstes zu, und in der That dauerte es noch einige Zeit, bis Julius denselben Nachdruck geben konnte. Aber noch größere Verwunderung ergriff die Zeitgenossen, als nun Julius im Jahre 1506 selbst an der Spitze eines Heeres auszog, um die abtrünnigen Städte Perugia und Bologna der päpstlichen Herrschaft wieder zu unterwerfen, und als dieser Zug, wenigstens für den Augenblick, einen glänzenden Erfolg hatte. 66 Allerdings nur für einen Augenblick, denn Italien war damals mehr als je das Schachbrett der europäischen Politik, und Papst und Kirchenstaat schienen nur ein Stein in ihrem Spiele. Die Franzosen, zwar von den Spaniern aus Neapel herausgeworfen und Verbündete des Papstes auf seinem Zuge gegen Bologna, vereinigten sich doch wieder mit jenen in Gcgenstellung gegen Julius II. Von Deutschland drohte der Nömerzug Maximilians, der dem Papste durchaus nicht erwünscht war. Maximilian nun freilich begnügte sich mit dem Titel eines erwählten römischen Kaisers, und der Uebermuth der Venetianer führte selbst den Umschwung der politischen Lage zu Gunsten des Papstes herbei. Die Verbündeten von Cambrai ergriffen gegen Venedig die Waffen und der Papst als Genosse des Bundes bannte die Republik, die so vielfach in seine geistlichen und weltlichen Rechte eingegriffen hatte. Aber als nun nach der Niederlage Venedigs bei Agnadello (1509) Ludwig XII. und Maximilian an eine völlige Vernichtung der Republik dachten, da änderte sich der Sinn des PirpsteZ. Er schloß Frieden, und von jetzt an wird das Streben Julius' II, von dem großen Gedanken beherrscht, die „Fremden" aus Italien zu vertreiben. Aber die Verfolgung dieses Planes sollte dem Papst noch schwere Sorgen bringen. Aufs Neue sah man ihn 1510 zu Felde ziehen, diesmal gegen die Franzosen, mit denen es zum völligen Bruche gekommen war. Nach vorübergehenden Erfolgen ging Bologna verloren, krank und machtlos, aber ungebeugten Muthes, kehrte der Papst im Juni 1511 nach Rom zurück. Seine Lage schien um so gefährlicher, als es den Franzosen gelungen war, die alte Drohung einer jeden Opposition, die Concilsforderung zu verwirklichen. Ein Schisma im Cardinalscollegium entstand, die abtrünnigen Cardinäle beriefen eine Synode nach Pisa. Obgleich mehrfach schwer erkrankt, wußte der Papst doch all diesen Feinden zu begegnen. Gegen Frankreich gaben ihm in der „heiligen Liga" Spanien, Venedig und England den nöthigen Rückhalt, und gegen die abgefallenen Cardinäle hatte er schon zuvor den entscheidenden Schritt gethan, indem er selbst am 18. Juli 1511 ein allgemeines Concil nach Rom berief. Am 19. April 1512 sollte es im Lateran zusammentreten. Die Pisaner Synode kam nun freilich zu Stande, aber wie sehr hatten sich die Zeiten seit Konstanz und Basel verändert. Die Synode fand in Italien selbst gar wenig ehrliche Anhänger, noch weniger war Deutschland zu gewinnen. In diesen Augenblick fällt der phantastische Plan Kaiser Maximilians, für sich selbst die päpstliche Tiara zu erstreben — Pastor stellt sich gewiß mit Recht auf die Seite der Forscher, die in dem Projekte doch mehr als einen „Scherz" oder „diplomatische Scheinmanöver" sehen. Von den Gegnern des Papstes war Maximilian freilich der ungefährlichste. Aber auch der Stern der Franzosen neigte sich. Unmittelbar nach dem Siege, den sie am Ostersonntag 1512 bei Navenna über die päpstlich-venetianische Armee davongetragen hatten und der sie zu Herren der Lage zu machen schien, erfolgte der völlige Sturz ihrer Herrschaft in Italien, vor allem durch die Schweizer, „die Beschützer der Freiheit der Kirche," wie der dankbare Papst sie nannte. Der Lebensabend des Papstes ist umstrahlt von glänzenden Erfolgen. Ein Congreß zu Mautua ordnete die italienischen Verhältnisse sehr zu Gunsten des päpstlichen Stuhles, auch der Kaiser trat zu ihm, und vor dem Lateranconcil verging die Pisaner Synode. Der Papst konnte daran denken, gegen die pragmatische Sanktion der Franzosen, das wichtigste Ueberbleibsel der Basier Concilszeit, Stellung zu nehmen, vielleicht wäre er auch noch an die innere Reform der Kirche gegangen, deren Nothwendigkeit er sich nicht verhehlte. Am 21. Februar 1513 ereilte ihn der Tod. Er verließ die Kirche am Vorabend schwerer Stürme und er hat viel dazu beigetragen, daß sie dieselben überstand. „Wenn es auch zu viel behauptet ist, daß daS Papstthum ohne den weltlichen Besitz in diesen Stürmen untergegangen sein würde, so ist doch sicher, daß dasselbe ohne die feste Grundlage, welche die Neugrnndung des Kirchenstaats geschaffen, in ganz unabsehbare Bedrängnisse gerathen sein würde: vielleicht hätte es noch einmal in die Katakomben hinabsteigen müssen. Vor diesem Aeutzersten sind Welt und Kirche bewahrt worden durch den Heldenmuth und die Energie Julius' II., für welchen Michel-Angelo kein besseres Symbol zu finden wußte, als den kolossalen Moses." An den Stufen des päpstlichen Thrones steht seit Nicolans V. die Renaissancekunst. In dem Zeitalter der hier behandelten Päpste tritt sie in ihre glänzendste Periode ein. Es ist eine lange und glänzende Reihe von Kunstwerken, der Plastik und Architektur, die Pastor in seiner Einleitung auf sieben Seiten zusammenstellt. Sie umfaßt die Jahre 1401—1518, und alle diese Werke sind im Dienste der Kirche entstanden. — Jnnozenz VIII. war zu sehr durch Finanznoth und Kriegsläufte bedrängt, als daß er eine geregelte Kunstpflege hätte üben können. Dennoch sind an seinem Hofe zwei bedeutende Künstler beschäftigt, Pinturicchio und Mantegna. Pinturicchio war es dann auch, der unter Alexander VI. dessen Wohn- gemächer mit Fresken zierte, es ist das sogenannte Appartamento Borja, das, durch die Munifizenz des jetzigen Papstes erneuert und dem Besuche geöffnet, eine neue Sehenswürdigkeit des Vatikans bildet. Aber auch dies verschwindet vor dem Mäcenat Julius' II. mit seinen drei Künstlernamen Bramante, Michel-Angelo und Naffael. Den Künstlern wohlbekannt sind die genialen Entwürfe Bramante's zu einem neuen Pctcrsdom. Am 18. April 1506 wurde der Grundstein dazu gelegt, und noch heute darf man bedauern, daß eine spätere Zeit diese Pläne umgestaltet hat. Weltberühmt ist Bramantes Ausgestaltung des Belvedere, in dessen Statuenhof dann der Apollo und die 1506 neugefundene Laokoongruppe Aufstellung fanden, weltberühmt Michel-Angelo's Decken- fresken in der Sixtina, sein Entwurf für ein Grabmal Julius' II., als dessen Nest der berühmte Moses erhalten ist, weltbekannt die Ausmalung der Vatikanischen Stanzen durch Naffael. Ueber all diese Dinge gibt Pastor genaue, zum Theil durch neue archivalische Daten gestützte Nachweise. Auf seine neue Erklärung der „Disputa" sei hier ganz besonders hingewiesen. Auch wer das päpstliche Rom nur mit den Augen des Kunstfreundes betrachtet, wird so in diesem Bande seine Rechnung finden. Der nächste Band des Werkes wird uns in die Zeiten Lco's X. und der deutschen Kirchenreformation führen. Wir dürfen erwarten, daß Pastor hier mit gleicher Gründlichkeit auch die deutschen Zustände erörtern wird, welche zur Kirchentrennung führten, und die in dem vorliegenden Bande naturgemäß nur geringe Berücksichtigung fanden. Möge ihm Kraft und Frische zur Writcrsührung seines Werkes nicht fehlen. ?. ff—u. 67 Christoph von Stadion, Bischof von Augsburg, und seine Stellung znr Reformation. (Fortsetzung.) H.. R. Christoph von Stadion war, wie wir schon oben gesehen, ein großer Verehrer der Humanisten. Seit dem Jahre 1528 nun war er mit dem bedeutendsten seiner Zeit, mit Erasmus von Rotterdam, in Verbindung getreten.^) Diesen bewunderte er sehr ob seiner bedeutenden humanistischen Kenntnisse und machte ihm auch reiche Geschenke. So übersandte er ihm im Jahre 1533 zwei Saumrosse, von welchen er sich eines auswählen sollte.^) Ja, er verehrte ihn so, daß er eine siebentägige, nicht gefahrlose Reise nach Freiburg i. Br. unternahm, um den Mann zu besuchen und ihn kennen Zu lernen, und auch diesmal beschenkte er ihn reichlich/*) Des Erasmus Bild soll man in allen Gemächern der bischöflichen Residenz zu Dillingen gesehen habend) Unter solchen Umständen wurden denn auch des Erasmus Ansichten über Religion und Reformation die Stadions und er ließ sich in seinem Thun sehr von ihm beeinflussen. Eras- muS aber war wohl ein guter Kenner der antiken Wissenschaften, aber nichts weniger als ein guter, überzeugungs- fester Katholik. Er hatte vielmehr sich schon bald nach dem ersten Auftreten Luthers beifällig über ihn ausgesprochen und schon im Jahre 1518 Luthers Ansichten in Wort und That vertheidigt, er stand mit Luther und mit Mclanchthon in freundschaftlichem Briefwechsel. Und als er sich um die Jahre 1523—1524 wieder von Luther und seinen Lehren zurückzog, that er dies nur, weil er einsah, welche Elemente durch die neue Lehre angezogen und welche Wirren durch dieselbe veranlaßt wurden, es war ihm um seinen guten Ruf und auch um die Gunst des Kaisers und anderer hochgestellter Persönlichkeiten zu thun; er trat äußerlich zur katholischen Kirche zurück, gab aber die reformatorischen Ansichten nicht auf, denn die neue Lehre gefiel ihm, aber die Personen mißfielen ihm.^) So kam es, daß er der Vater der Mittelpartet (wie ihn Pastor nennt) wurde, die eine Versöhnung anstrebte. Aber Erasmus, „dem der Begriff der Kirche gänzlich abhanden gekommen war", war mit seinen Anschauungen nicht im Stande, eine Vermittlung und Vergleichung der großen Gegensätze jener Zeit herbeizuführen. Sein Standpunkt war ein Pietismus feinerer Art, verbunden mit einer Art freidenkerischer Aufklärung; seine Dogmatik und Moral entsprachen ganz der theologischen Methode, welche im 18. Jahrhundert die „aufgeklärte" genannt wurde. Nach seinen Grundsätzen würde es eine streng wissenschaftliche Dogmatik überhaupt nicht mehr gegeben haben. Er wollte allerdings Erhaltung der Einheit der Kirche, Rückkehr zur apostolischen Kirche, allein die Summe des zu Glaubenden würde in dieser „einigen, apostolischen" Kirche des Erasmus nur sehr wenig Artikel ") Braun, Gesch. d. Bisch. v. AugSb. III. 344. «) Ebd. S. 348. ") Veitb, Libl. Xnx. fllxb. IV. 63: kine (nämlich von dem Umstände, daß Christoph ein sehr großer Gönner der Hnm. war) kaetnm, nt lürasmo Uotteräamo non solum se beniAnissimum xraednerit, sei vtiam all oum vissuäum septsin äiernin itinsre b'ridurg'um xrokectus sit, atlsrsns seenin äuo xocnla rsKia enm 60 üorsnis anreis, äskerens insnner omnium kaoultatum suarum eowmunieusm. — Braun, III. 343. ") Allgemeine deutsche Biographie IV. 227. r°) 2. Döttinger, Reformation (Regensburg, 1846) I. Vd., Seite 3 ff., 8 f. und diese in möglichst unbestimmter Form umfaßt haben/°) Derartige Ansichten treten uns auch aus zwei Briefen entgegen, die Erasmus im Jahre 1530 an Christoph geschrieben hat.") Am 24. Juni 1530 meldet er: er bete täglich zu Gott, daß er den Kaiser und die Fürsten mit seinem Geiste erfüllen, ihnen zum Besten der Kirchs heilbringenden Rath ertheilen und durch die Macht und Frömmigkeit des Kaisers dieses unglückliche, alle menschliche Hilfe übersteigende Gewitter stillen möge."") In einem andern Schreiben vom 11. August äußert er sich etwas deutlicher: „Die drei von Dir angeführten Bedingungen können nach meinem Ermessen ohne Nachtheil der Religion zugelassen werden; ich glaube aber/ daß die Häupter der Sekte sich damit nicht begnüget werden. Ich weiß, daß Deine Erhabenheit bis Bisse? dieser Tollen und Starrköpfigen nicht zu fürchten hat/"-') Mit jenen drei Bedingungen sind aber die Zulassung des Laienkelches, die Gestaltung der Priesterehe und die Einführung der Muttersprache in die Liturgie gemeint. Und da diese Bedingungen dem Erasmus als zulässig erschienen, machte sich auch Christoph von Stadion kein Gewissen wehr daraus, für dieselben einzutreten. Er selbst schreibt an Nansca, Bischof von Wien, am 30. November 1537: Erasmus' Schriften seien ihm Führer geworden zur Erkenntniß evangelischer Lehre und christlichen Lebens;") er gesteht mit Erasmus, daß menschliche Satzungen sich der christlichen Religion beigemischt haben, und beklagt mit ihm, daß es Theologen und Neichsstände gebe, welche in Schriften von Lutheranern selbst dasjenige verwerfen, was mit dem Evangelium in Einklang stehe. Am 8. August 1533 tritt Christoph in einem Brief an seinen Freund EraSmus ebenfalls für seine Ansichten ein, wenn er schreibt: „Um die NeligionS- flreitigkeitsn durch die in Deinem Briefe erwähnten Mitte! beizulegen, steht nach meiner Ansicht nichts im Wege, als daß diejenigen, die sich mit dieser Angelegenheit befassen, nicht die Sache Gottes ihrem Vortheil nachsetzen."") Christoph hat sich also zu vertrauensvoll der Führung Erasmus von Rotterdam überlassen; er hat dessen Ansichten als die allein richtigen aufgenommen, und daher kommt seine Nachgiebigkeit gegen die Protestanten. Doch so sehr er bei jeder Gelegenheit daraufdrang, seine Ansicht durchzusetzen, und sich zu Gunsten jener drei Bedingungen verwendete, ins Praktische hat er diese seine An- Die kirchlichen ReunionSbestrebungen während der Regierung Karls V. von Dr. Ludwig Pastor (Freiüurg i. Br.. 1879) Seite 131. °°) Gesch. d. Bisch. v. AugSb. III. 257. °'),Zaps. Chr. v. Stadion. Beilage XXXI. Seite 247: tznotiäie arclentissime äeum comxreeor, ut sno sxiritn Oassaris öd xrineixium animis snZMrere rligmetur consiüa Reixuli. Oliristianas ss.lutm.rla>, xergus Oassaris summam xo- tentiam ot xoenitentiae purem xietatsm fatalem bans et bumanis xraesiäiis inseäadilem temxsstatem in trauguillum vertsre äiZuetur. Ebd. Beilage XXXIII. Seite 249: ll'res oonäitiones, guas recensss, moo inäieio nulla reliZstonis iaetnra eoneeäi xotsrunt, seä minims ereüo seetarum xiveeres illis kors contsntos. Ebd. Beilage XXVIII. S. 241: H guo non minimam ebristianitatis pvrtionem (si sattem in mv aligna rcslävt) ms aceexisse eonüteor. Is tnit, igui veram xivtaris ao reli- gionis viam äi§ito (ut ita loguar) äemonstravit. "*) Ebd. Beilage XXVII. S. 240: tzuo minus religionis äissiäinm üs meäiis, äs gnibus in tnis litteris faota est mentio, eomxonetnr, niliil aliuä viäetnr odstare meo inäioio, nist gnoll isti, gut Poe traotant, maxis axnnt xroxrium guam Del ne§otiuw. 68 ficht nie umgesetzt, wie viele Unannehmlichkeiten ihm namentlich von Seite des Augsburger Rathes vielleicht auch erspart geblieben wären, wenn er durch Stillschweigen dessen Thun und Treiben gleichsam gebilligt hätte. Aber das that er nicht. „Der Reichstagsabschied von Augsburg bildete für ihn die Norm des ferneren Verhaltens, er erwies sich fortan als treuen Bischof der alten Kirche, ohne jedoch früheren informatorischen Gedanken, deren Ausführung er dem Besten der Kirche für förderlich hielt, zu entsagen."««) Daß er sich wirklich d:n Neuerungen in seiner Diözese und namentlich in Augsburg auch fernerhin entgegensetzte, beweisen mehrere Thatsachen. Im Jahre 1533 reichte der Magistrat von Augsburg, begeistert von Luthers Lehre und voll Eifer für das allgemeine Bekenntniß derselben, an den Bischof und an das Domkapitel eine Schrift ein, die ganz widerrechtlich und sehr nachteilig für die Neligions- und Gewissensfreiheit war. Es heißt hier: „Hierum wir zu der Ehre Gottes, Beförderung der Wahrheit und Abstellung der Irrthum eilich Artikel zum kürzesten gestellt baben, darin» E. F. G. wir zn erkennen geben, was wir und die Unsern täglich von unsern Prädicanten durch die Schrift gelehrt werden, das sie in einem freyen Con- cilio mit biblischen Schriften zu erhalten verhoffen und getrauen, was wir auch täglich lesen und herzlich glauben, daß der Ehr Gottes abbrüchig, auch uns und Unsern im Gewissen beschwerlich und der Seligkeit gefährlich sey, das doch nicht destoweniger von E. F. G. oder ihren geistlichen Predigern allhier nncntsetzt geprediget, gelehrt und von ihren Geistlichen unerläßlich geübt wird." Die Artikel, die sodann in dem Schreiben aufgeführt sind, sind hauptsächlich folgende: Es sei wider die „offenbare Schrift", daß die „Steinhaufen sollen Kirchen oder Tempel Gottes und der Papst deren Haupt sein". Ferner wollen die Augsburger nichts wissen von der Hetligenverehrung, von der Ohrenbeicht, vom Fegfeuer und von den Seelenmessen, vom Opfer, von Prozessionen und päpstlichen Messen, von der Bilderverehrung und von Wallfahrten, von der „fremden Sprach" in der Liturgie, von den Klostergelübden und von andern Dingen, „dieweil solch alles und jedes dem Wort und der Ehre Gottes entgegen ist"?«) Auf diese Schrift hin gab der Bischof zur Antwort, er wolle alles thun, was zu Fried, Ruhe und Einigkeit diene. Doch es seien unter jenen Artikeln manche, die er nicht „aus eigener Vermessenheit" abstellen wolle, weil dieselben „als recht und christlich erkannt" und von allgemeinen Concilien approbirt worden seien. Auch dürfe er nicht mehr bewilligen, als was auf dem Reichstage zu Augsburg gewährt worden sei, zudem sich der Magistrat auf demselben erboten habe: „an der Meß, Beicht, noch sonst andern Ceremonien habe er von Alter bisher niemand geirrt oder davon gedrungen, also gedenke er auch fürder niemand davon zu dringen oder daran zu verhindern". „Daher möget ihr selbst ermessen," fährt der Bischof fort, „daß uns ganz verweißlich und beschwerlich, auch keineswegs thunlich, daß wir uns von aller gemeinen freyen christlichen Concilien Erkanntuis, von allen christlichen Nationen, ja der gemeinen ganzen christlichen Kirche absundern und wider unser eigen Gewissen handeln sollten; daraus uns nicht allein K. M. unsers allergnädigsten Herrn, auch anderer Fürsten Un° Allgemeine deutsche Biographie. IV. 225. «) Braun, Gesch. d. Bisch. v. AuM. III. 267-276. gnad und Feindschaft, Widerwillen und unserer Leibs und Güter Nachtheil, sondern auch zum höchsten Bedenken unsers Gewissens und Seelen Schaden erwachsen wurde"??) Diese Antwort des Bischofs ist ein klarer Beweis dafür, daß er sich den Beschlüssen des Reichstages zu Augsburg fügte und daß er den Augsburgern auch solche Dinge nicht erlaubte, die er den Protestanten einzuräumen für seine Person geneigt gewesen wäre. Daraus folgt dann aber auch, daß der Bischof sein persönliches Urtheil demjenigen der katholischen Kirche stets unterworfen hat. Im Jahre 1534 verlangte der Magistrat von Augsburg vom Bischof und von dem Domcapitel ein Neligions- gespräch. Doch der Bischof erklärte: „Ein Zusammentritt und eine Disputation sei unnöthig und ohne Nutzen; denn u) wäre keine Hoffnung zu einer Vergleichung denkbar und, wie es die Erfahrung lehre, nicht einmal von ihren Prädikanten es auf solche abgesehen; b) würden sie keinen Richter, der den Streit vergleiche, anerkennen wollen; o) würde bei unterbleibender und nicht zu erstreckender Vergleichung die Verwirrung unv Erbitterung noch viel bösartiger werden; ä) wären ja diese Differenzen schon lange durch die Concilien entschieden und dergleichen Privatvergleiche durch geistliche und kaiserliche Gesetze verboten worden; s) müßte es jedem Christen sehr schwer, ja auch unverantwortlich fallen, anf den Aussprnch von zwei oder vier Prädikanten seine Ehr, See! und Seligkeit zu setzen"?«) Am 1. August 1534 ließ der Rath ein Dekret wider die Katholiken und ihre Religionsübungen veröffentlichen. In demselben wird jedem das Predigen verboten, der nicht vom Rathe angestellt ist, alle Kirchen mit Ausnahme einiger weniger werden geschlossen, „damit die Ceremonien und vermeinten Gottesdienst, so bisher darinnen mißbraucht worden, fürohin vermieden und nicht mehr gehalten werden," den Klosterbcwohnern wird nahe gelegt, sie sollen sich aus den Klöstern entfernen, einem jeden wird bei Strafe an Gut, Ehren, Leib oder Leben untersagt, katholisch zu predigen oder auch solche Predigten nur anzuhören?«) Die Folge dieses Dekretes war, daß die Pfarr- und Frühmeßaltäre von allem entblößt und der zu Sanct Ulricb in eiserne Bande geschlagen, die übrigen Kirchen gesperrt und von den Mönchen von St. Anna die Klosterzellen verlassen wurden. Der Bischof konnte sich nicht anders helfen, als daß er sich beim Kaiser beschwerte. Er erwirkte wider die Stadt ein Mandat, in welchem dem Rath sein ungerechtes Verfahren wider die katholische Geistlichkeit verwiesen und von königlicher Macht wegen geboten ward, alles Verordnete abzuschaffen, das aus den katholischen Kirchen Weggenommene zurückzugeben und sich aller Neuerungen zu enthalten. Da jedoch dieses Mandat keinen Erfolg hatte, beklagte sich Christoph am 11. April 1535 beim schwäbischen Bunde auf dem Bundestag zu Lauingen und suchte bei den Bundesständen Hilfe. Doch auch dies führte zu keiner Besserung der religiösen Zustände in Augsburg. Der Magistrat berief Martin Buzer, ein „listiges Männleiu", auf die Kanzel in die St. Johanucskirche; ein Lutheraner, Johann Förster, wurde ebenfalls als Prediger in Augsburg angestellt?«) Aus all dem ist ersichtlich, daß Christoph wenigstens den guten Willen hatte, für die katholische Kirche zu ») Ebd. S. 277-280. . °°) Ebd. S. 284. «») Ebd. S. 200-296. 2 °) Ebb. S. 296—390. Wittinan», Augöburger „Reformator-»" 258 ff. 237 f. thun, was in seinen Kräften stand. Um noch größerem Uebel vorzubeugen und um seine Unterthanen davor zn bewahren, hielt er im Jahre 1536 eine Synode, deren Statuten jedoch nicht erhalten sind?!) (Schluß folgt.) Die stringente Kraft der Gottesbeweise. 8tr. In Nr. 6 der Beilage hat ein Mitarbeiter der Postzeitung unter der Aufschrift „Gedanken über Wissenschaft und Christenthum" eine Kritik über den ebenso betitelten Artikel eines anderen Correspondenten in Nr. 4 zum Besten gegeben und dabei verschiedene Sätze aufgestellt, die wir darin lieber nicht gelesen hätten. ES heißt dort unter ander«, „daß die Beweise von Gottes Dasein und Erscheinung in der Natur und Geschichte es zn keiner vollen Stringenz und Evidenz bringen"; dann wird weitergefahren: „Wohl spricht daS vatikanische Concil von einer Erkennbarkeit Gottes, nicht aber von einer sicheren Beweisbarkeit. Alle Bemühungen der Apologeten, Gottes Offenbarung zu beweisen, haben es nie bis zu einem Erkenntnißzwang, bis zu einer inneren Nöthigung gebracht. Die Glaubenswahrheiten wurden nicht als allgemein gültig und nothwendig in dem Sinne erwiesen, wie es philosophische und metaphysische Grundbegriffe sein müssen, und es ist allerdings nicht zu verwundern, daß die exakten und kritischen Wissenschaften, die nur (?) mit sicher Beweisbarem operiren, Thatsachen aus dem Wege gehen, die nach ihrer Ansicht Sachen bloßen Meinens oder Glaubens sind." In dieser Darstellung ist Wahres und Falsches und auch nicht Zusammengehöriges zusammengemengt, aber im allgemeinen bekommt man beim Durchlesen derselben den Eindruck, als ob eS mit der natürlichen und philosophischen Begründung des Gottes- und Christenglaubens gar kläglich bestellt sei, so daß man ihn mit guten Gründen als bloße subjektive Anschauung bei Seite schieben könne. Auf so schwachen Füßen steht nun aber glücklicherweise das Gottesreich noch nicht, und die hohlen und blinden Dunstgeschosss der modernen „Wissenschaft und Aufklärung" werden nimmer den Felsen der Kirche wankend machen. Auch heute noch behält der Satz seine Wahrheit: „Nur der Thor spricht in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott," und jene Geistesheroen sind nicht zu entschuldigen, welche in dem Wunderbar: des Universums den allmächtigen Baumeister nicht finden wollen. Freilich, wenn jene Tollhüusler von Philosophen recht hätten, welche ihre eigenen Grundsätze im praktischen Leben bei jedem Schritte, den sie machen, verleugnen müssen, welche nur das als real gelten lassen, was man greifen und wägen kann, oder gar in ihrem Hyperkriticismus alle objective Erkenntniß hinwcgdisputiren und schließlich beim vollen Nihilismus angelangen, wobei auch der Kritikus selbst in Dunst und Nebel aufgeht, da liegt es allerdings nahe, die unwägbare Voraussetzung aller Phänomene einfach zu negiren, obwohl andrerseits nicht zu ersehen ist, worauf sich denn das eine Welt scheinende Nichts stützen soll, wenn nicht ein erstes, höchstes Wesen oder Urphänomen ponirt wird. Aber was hat denn die Natur- forschung und exakte Wissenschaft entdeckt, wodurch Gott, die einzige Stütze aller Wahrheit und Wirklichkeit, überflüssig geworden wäre? Im Gegentheil, alles, was Astro- Veitii, Itibl. LIpb. IV. 66: sivs gnoä typis exeusLs nou i'usriiw, sivs guoä per bellieas illormu iemporuw iurdcrs mtenverint. nomie, Physik, Chemie, Pflanzen- und Tierkunde, Geologie und Physiologie u. s. w. zu Tage gefördert haben, ist im Grunde genommen nur ein großartiger Commentar zu dem Ausruf des Psalmisten: „Die Himmel verkünden die Ehre Gottes, und seiner Hände Werk zeigt an das Firmament." Mit aller Entschiedenheit muß darum die Behauptung zurückgewiesen werden, als ob die herkömmlichen Beweise für das Dasein GotteS nicht vollkommen stichhaltig seien oder der vollen Stringenz und Evidenz entbehren. S o wahr das Causalitätsgesetz unumschränkte, ganz ausnahmslose Allgemeingiltigkeit im gesammten Reiche des Werdens uud Wirkens besitzt, so wahr und sicher eignet den auf dieses metaphysische Princip aufgebauten Gottesbeweisen die unerschütterlichste Gewißheit, welche weder durch kantische Antinomien noch durch minder berühmte Paralogismen wankend gemacht wird. Wie der Topf nicht ohne Töpfer, der Tisch nicht ohne Tischler entsteht, so ist Leben nicht vom Schlamme und die unendlich verwickelte Weltordnung und -Harmonie nicht durch Zufall aus dem Chaos erwachsen, abgesehen davon, daß auch der Weltstoff in keinem seiner Theile die Absolutheit und Allgenugsamkeit bekundet, welche gewisse „Denker" ihm vindiciren möchten. Ist etwa die Pracht eines herrlichen Frühlingsmorgens oder die Majestät des Sternen- himmels als Produkt der Evolution und zufälligen Anpassung begreiflicher, denn als Werk einer allmächtigen, allweisen Intelligenz? Soll der Schleim des Meeresgrundes der Vater des Menschengeistcs sein? Diese auf das Causalitätspriucip gründende Gewißheit und Evidenz ist es auch unzweifelhaft, die das Vati- canum andeutet mit den Worten: Li czuis Üixsrit, vaum uinrrn ei vermin, Lreatorein 6b Oowiirrun uostwum, per 6a, Huus flrota surrt, rratuirrli ratrvrirs luurins osrto oogrrosoi rrou xvsso, airatlrarrra sit. Es ist uns darum unerfindlich, wie der 6. 6-.-Cor- respondeut Zu dem Einfall kommt: „Wohl spricht das vatikanische Concil von einer Erkennbarkeit Gottes, nicht aber von einer Beweisbarkeit." Er behauptet zunächst mehr als zulässig ist; denn wenn von Erkennbarkeit im Gegensatz zur Beweisbarkeit die Rede ist, so kann nur etwas gemeint sein, was durch unmittelbare Perception evident ist; von Gott gibt es aber natürlicherweise nur ein durch Schlußfolgerung aus anderer'. Thatsachen und Wahrheiten vermitteltes Erkennen. Andrerseits aber wird ein solches angeblich direktes Ersassen Gottes als so minder- werthig taxirt, daß es weit hinter ein durch Beweis und Schluß gewonnenes zuverlässiges Wissen zurücktreten müßte. Das Vaticanum hat jedenfalls kein unmittelbares oder intuitives Schauen Gottes im Auge; es meint auch nicht ein Erfassen durch Abstraktion, wie wir die uns umgebende sinnliche Welt mit dem Verstände ergreifen; ebenso ist die von dem Urheber des besprochenen Artikels angedeutete innere Gotteserfahrung hier ausgeschlossen, welche nur bei besonders begnadigten Seelen vorkommt und nur snbjective Bedeutung hat; es bleibt demnach nur das durch Schlußfolgerung vermittelte Erkennen übrig, das allein in jenem aerto evZnosoi bezeichnet wird. Eben weil wir Gott nicht in seinem eigenen Sein, sondern in dem Resultate seiner schöpferischen Wirksamkeit als Urheber der vor uns ausgebreiteten Welt zu erreichen vermögen, ist unsere Gotteserkenntniß lückenhaft; wir sehen nicht sein Wesen, sondern können nur aus der Herrlichkeit seines Werkes und der ihm noth» wendig zukommenden Aseität seine Vollkommenheiten erschließen. Aus jeder Wirkung folgt ja mit Nothwendigkeit das Vorhandensein einer Ursache, deren Vollkommenheit mindestens der Größe der Wirkung entsprechen muß; denn wäre die Ursache geringer an Kraft als die Wirkung, so wäre dieses Mehr von Vollkommenheit in der Wirkung ursachlos, ein Ding der Unmöglichkeit. Aber ist auch unsere Kunde von dem höchsten Wesen unvollkommen, ein Stückwerk, so ist doch das relativ Wenige, das wir von ihm wissen, ein vollkommen gesichertes Wissen. Kennen wir Gott in seinem Sein und seinen Eigenschaften auch nicht mit jener unmittelbaren Evidenz und Klarheit wie etwa den algebraischen Satz: 2X2 — 4, so erfreut sich diese Erkenntniß doch jener Zuverlässigkeit und Festigkeit, welche jeder Folgerung aus zweifellos sicheren Principien und Prämissen eigen ist um so mehr, weil wir nicht bloß auf dem einen oder anderen Wege zu Gott emporgelangen, sondern auf zahlreichen Bahnen dieses Ziel mit gleicher Sicherheit erreichen. Der Bau unserer Gotteskunde ruht auf festen Quadern, auf unerschütterlichen Fundamenten, während der Atheismus sein Haus nicht einmal auf Sand bauen kann. Ein überzeugter Atheist ist überhaupt eine Unmöglichkeit; wenn auch ein überkritischer Skeptiker die Behauptung aufstellt, die Argumente für Gottes Dasein scheinen ihm nicht vollständig zwingend zu sein, so kann doch kein Mensch je etwa ausrufen: „Ich weiß es und habe es gefunden, daß ein Gott nicht existirt." Was nun den Charakter der Gewißheit anlangt, auf welcher die Evidenz der Gottesbeweise ruht, so ist diese Gewißheit eine metaphysische, soweit sich diese Beweise wie der kosmologische und Leleologische auf das Causalitätsprincip stützen. Schließt man aber von der Thatsache der Wunder und der in Erfüllung gegangenen Weissagungen auf Gott, dem allein eine solche absolute Macht über Natur und Geschichte eignet, so hängt in diesem Falle die Zuverlässigkeit des Schlusses allerdings von der Glaubwürdigkeit und Sicherheit der Zeugen ab; die hier erreichbare Gewißheit ist eine moralische; aber welche moralische Gewißheit! Welches historische Ereignis; ist besser bezeugt als das Faktum der Wunder? Christus selbst hat unzählige Wunder gewirkt; dasselbe thaten die Apostel und Heiligen in der Kraft Gottes; zu allen Zeiten wurde daS Wirken und Leben besonders begnadigter Personen durch Wunder verherrlicht. Bei manchen dieser Wundervorgänge waren Hunderte und Tausende als Zeugen zugegen; manche von diesen Zeugen haben ihr Zeugniß mit ihrem Blute besiegelt. Welch eine Frivolität gehört demnach dazu, die Möglichkeit eines Wunders zu leugnen! Mit demselben Recht kann ich die ganze Weltgeschichte als Lüge zurückweisen. Steht etwa die Existenz eines Han- nibal oder Cäsar sicherer fest als das Leben und die Thaten des Gottessohnes? Daraus ergibt sich, was von einer Aeußerung zu halten ist wie: „Wer in sich und seinem Schicksale keine Wunder erlebt hat, wird schwerlich an Wunder glauben." Dieselbe Gewißheit wie der Thatsache der Wunder steht auch der Thatsache der Offenbarung Gottes überhaupt zur Seite; durch Wnn'oer hat sich die Kirche als Gottes Werk bekundet und bestätigt. Kein Ereigniß der alten und neueren Geschichte erfreut sich auch nach seiner kritisch-wissenschaftlichen Seite hin einer festeren Basis als die Stiftung und der Bestand der katholischen Kirche. WaS dann der 6. O.-Correspondent mit der „ursprünglichen Gottesidee" meint, ist uns gleichfalls ein schwieriges Räthsel. Eine angeborene Gottesidee gibt es nicht, weil überhaupt keine angeborenen Ideen existiren. Soll etwa diese Idee noch der Nachhall der Uroffenbarung oder der durch Tradition von Geschlecht zu Geschlecht übermittelte Gottesgcdanke sein? Wenn letzteres nicht gemeint ist, so kann diese Gottesidee jedenfalls nur das Produkt jenes jedermann so naheliegenden Gedankenganges sein, der in den Beweisen für das Dasein Gottes gewöhnlich eingeschlagen wird. Was liegt denn dem Menschen näher, als bet allem, was er sieht, nach der Ursache zu fragen? Warum sollte er also nicht auch nach der letzten und höchsten Ursache fragen? Jene Funktion aber, welche unser O. 6l.-Corrcspondent der ursprünglichen Gottesidee zuweist, hat dieselbe ganz gewiß nicht. Aber wie kommt es dann, höre ich mir entgegen- rufen, daß trotz dieser Stringenz der Eottesbeweise so- vicle an Gott und seiner Kirche irre werden? Solchen Fragcrn möchte ich zunächst mit einer Gegenfrage antworten: Warum haben die Jsraelitcn, obwohl sie so große Thaten und Wunder Gottes erlebt hatten, trotzdem das goldene Kalb angebetet? Welch ein Abgrund von Leichtsinn und Bosheit des menschlichen Herzens offenbart sich in diesem Vorgang! Uebrigcns kommen auch noch andere Atomente hier in Betracht. Obwohl im allgemeinen der Gottesgedanke jedem Menschen so nahe liegt und sich förmlich aufdrängt, so ist doch ein tieferes Eindringen in diese Gedaukengänge mit einiger Schwierigkeit verbunden und nicht jedermanns Sache. Sodann kann man die Menschen nicht zwingen, ihren Geist auf solche Probleme zu richten und darin zu vertiefen. Auch bei der Erkenntniß der Wahrheit wie bei der Bethätigung jeder anderen Fähigkeit muß der Wille dabei sein. Soll ich einen Gegenstand sehen, so muß ich das Auge öffnen und ihm meine Aufmerksamkeit zuwenden. Nun aber geschieht es bekanntlich leider nur zu häufig, daß der ganz in die Sinnenwclt und in das materielle Treiben verstrickte und versenkte Mensch für die Dinge über ihm kein Auge mehr hat, daß die Osterglocken der Gottesgedanken von dem Sturme und Geschrei gemeiner Leidenschaften gänzlich übertönt werden. Und wenn man auch nicht gerade immer annehmen darf, daß die ordinärsten Götzen wie Venus, Bacchus, das goldene Kalb den Weg zu Gott verlegt und den Ausblick nach der Höhe versperrt haben, wie oft ist es besonders bei Professoren und Gelehrten der Hochmuth, die Selbstvergötterung, der Hang zu schrankenloser Freiheit und Ungebundenheit im Denken und Handeln, welcher die Geistesklarheit trübt und die Welt in falscher Beleuchtung erscheinen läßt! Oft genug auch gesellt sich dann zur Sünde des Geistes die alles Hohe und Ideale verheerende Sünde des Fleisches und zieht mit Bleigewicht die Schwingen des Geistes von den lichten, erhabenen Gottesideen zur Gemeinheit nieder. Das mögen im allgemeinen die Hemmnisse sein, welche vielen den Ausblick zum Weltenschöpfer versperren oder widerwärtig erscheinen lassen; im einzelnen bei jedem Apostaten den Grad der Verschuldung festzustellen, ist Sache dessen, welcher Herzen und Nieren durchforscht. Jedenfalls aber werden dabei jene nicht am besten wegkommen, welche, nicht zufrieden mit der Oede und Verzweiflung im eigenen Herzen, dieses Gift auch in möglichst viele andere Seelen auszugießen bemüht sind. » » » * Wir haben vorstehenden Artikel vor der Drucklegung dem Verfasser des kritisirten Aufsatzes vorgelegt, welcher uns um Aufnahme des Folgenden ersucht: Erwiderung. Von der obigen Antikritik habe ich nur mit großem Bedauern Kenntniß genommen. Ich hätte nicht geglaubt, daß meine wohlgemeinten Ausführungen, die nur im Interesse der Wahrheit und wissenschaftlichen Objektivität geschrieben worden sind, so vielfachen Mißverständnissen begegnen würden. Es mag ja sein, daß ich selbst ein wenig daran schuld bin, da ich die Stringenz der Gottesbeweise mehr einschränkte oder einzuschränken schien, als es nach der Lage der Dinge und nach meiner eigenen Ueberzeugung nöthig ist; denn man ist der Wirkung seiner Worte nie sicher. Aber schon der Umstand, daß meine Bemerkungen in einem tadellos katholischen Blatte standen, hätten zu einer günstigen Deutung führen sollen. Wenn ich Aergerniß gegeben haben sollte, Hut es mir leid; ärgern wollte ich niemand, sondern bielmehr beruhigen und aufklären. Beruhigen über die Lage der Dinge, die nun einmal Gott zugelassen hat und die wir mit Eifern und Schimpfen nicht ändern; aufklären und auf jenen Standpunkt stellen, der uns allein vor Anfechtungen sicher stellt und eine sichere Operationsbasis für den Apologeten bildet. Gerade das geringgeschätzte subjective, geistige Gebiet, das man so leicht preisgibt, wollte ich als den sichersten Ausgangspunkt darstellen. Daß meine Absicht gänzlich verkannt wurde, nehme ich mit Beschämung wahr, denn ich bin auch hier nicht ohne Mitschuld, da meine Ausführungen zu knapp und nicht gegen alle Mißdeutungen gewahrt worden sind. Ich ergreife die Gelegenheit dieser Widerlegung, um in aller Kürze anzudeuten, wohin meine Gedanken zielen. Im Wesen der Sache bin ich ja mit St. einverstanden, er hätte sich die meisten seiner Einwendungen sparen können, wenn er ruhig meinen Satz erwogen hätte, worin es heißt, ich gehe weiter als Kühn und seine Anhänger, ich „halte den Kausalitätsbeweis für sicher genug, um eine weitgehende objective Beweisbarkeit Gottes zu ermöglichen", nur müsse dieser Beweis vermittelst der unmittelbaren Gottesidee vollendet, bzw. ergänzt werden. Dieser Satz hätte sich mit leichter Mühe weiter ausführen lassen, aber ich wollte mich möglichst kurz fassen, um so mehr als ich im nächsten Hefte der Histor.-poltt. Blatter mich aus Anlaß einer Recension darüber aussprechcn werde. Warum hat der Antikritiker diesen Satz ganz übersehen? Wäre St., oder um seinen geschmackvollen Ausdruck zu wiederholten, der 8t.-Correspondent fachlich und objectiv geblieben, dann hätte er mit mir streiten können über den Begriff und den Umfang der Stringenz oder auch darüber, ob den Gottesbewcisen aus der Natur oder aus dem Geiste mehr Tragweite zukomme. St. mußte doch merken, daß ich die Stringenz in dem Sinn verstehe, wie sie mathematischen Lehrsätzen oder wenigstens durch die Sinne constatirbaren Thatsachen eigen ist, und wenn ich diese Stringenz bei den Glaubenswahrheiten nicht sehe, so ist das gewiß kein Verbrechen, daß man sich darüber zu erregen braucht. Mag St. von sich auch sagen, er glaube nicht bloß, sondern er wisse, daß es einen Gott gibt und daß Christus Gottessohn fei, so sicher, als daß es einen Cäsar gab, mag für ihn Glauben und Wissen gleich bedeutend sein, so wird man sich darüber nur freuen. Aber dann soll er Gott dafür danken und jene, welche Gottes Dasein als eine Voraussetzung des Denkens oder als ein Postulat der Vernunft hinstellen, geschweige die von einer ursprünglichen Gottesidee reden, nicht mit den Atheisten in einen Topf werfen, da sie doch weiter davon entfernt sind als jene, die immer im Buch der Natur blättern müssen, um sich an Gott zu erinnern. Es gibt allerdings Grade in der Zuversicht- lichkeit und Gewißheit, die einen sind behutsamer und weniger kategorisch, als die andern, aber wenn ich in meinen Aussagen vorsichtig bin und von hoher Wahrscheinlichkeit oder von glaubhafter Sicherheit oder gar von innerer Evidenz rede, will ich damit die Wahrheit nicht leugnen, die ein anderer sicher weiß oder zu wissen meint. Herr St. scheint diese Unterschiede nicht zu kennen, sonst hätte er nicht den Schein erweckt, als ob ich die gottesleugnerische Wissenschaft in Schutz nehmen wollte. Er erweckt den Schein! ist eigentlich zu milde gesagt, denn er sagt klar und ausdrücklich, ich erwecke den Eindruck, als sei es mit der Begründung des Glaubens schlecht bestellt, so daß man ihn mit gutem Grunde als bloße subjective Anschauungen bei Seite sehen könne. Diese Aussage stützt St. auf einen aus dem Zusammenhang gerissenen und nicht einmal objectiv richtig wiedergegebenen Satz, der im folgenden Zusammenhang theils widerlegt, theils wenigstens stark eingeschränkt wird. Warum hat St. in diesem Satz wohl das klebrige, nicht aber den entscheidenden Beisatz „nach ihrer Ansicht" unterstrichen und warum fügt er bei „nur sicher Beweisbares" ein Fragezeichen bei, da ich doch selbst unmittelbar nach jenem Satz die Exaktheit der positiven und kritischen Wissenschaften anzweifle und mit einzelnen Beispielen widerlege? Einfach damit er leichten Herzens behaupten kann, in meinem Satze sei Wahres und Falsches gemischt. Freilich ist Falsches gemischt, aber das ist ganz deutlich als Ansicht der exakten und kritischen Wissenschaften hingestellt und gibt bloß das wieder, was der Spcktator viel kategorischer erklärt hatte. Man gewinnt übcrhanpc den Eindruck, Herr St. habe nur den ansgehobenen Satz richtig gelesen und erwogen, das klebrige aber dnrch- flogcn. Er sah nur noch, daß ich vou einer ursprünglichen Goltesidce spreche, aber meine Erklärung derselben cxistirt nicht sür ihm; auch der gesperrt gedruckte Satz: „wer ... keine Wunder erlebt hat rc. 7c." entging ihm nicht, aber ohne auf den nähern und entfernteren Zusammenhang zu achten, deutet er ihn im alleruugünstigsten Sinne und bringt beinahe das Gegentheil heraus von dem, was ich meine. Daß das Schwergewicht (flz) meiner Ausführungen den Beweis der übernatürlichen Offenbarungen betrifft, bemerkte er nicht oder wollte eS nicht bemerke», da er gleich im Eingang nur meine Anfechtung der Gotteöbemejsc unterstreicht und sich dadurch allerdings die Arbeit wesentlich erleichtert. Ich hatte aber schon bei meinen Bemerkungen über den GottesbcwciS weniger die Welinrsache im Auge, welche weniger Schwierigkeit macht und deren Be- sireiinng eine Dummheit ist, als vielmehr den Offenbarnngs- gotr, den lebendigen Gott im Auge. Das habe ich freilich nicht hervorgehoben, brauchte eS aber auch nicht, da es sich um die Ausstellungen des SpcktatorS der Allgemeinen Zeitung handelte, der nur nebensächlich an die GottcSbcweise gedacht haben kann. Allem nach hat St. dessen Ausstellungen gar nicht beachtet, sonst könnte er die Absicht meines Aussatzes nicht so gründlich mißverstehen. Wenn ich die Stringenz der Gottesbeweise bemängelte, so wollte ich damit die Sicherheit des Gottesglaubens nicht antasten, im Gegentheil. Der Gottesglaube ist doch etwas so natürliches, etwas gewissermaßen Angeborenes, daß derjenige, der dieses Bewußtsein auslöscht, allerdings ein Thor und mehr als ein Thor, ein Dummkopf wird. Es kann sich also nur darum handeln, wie man Gott auffaßt und wie und auf welchem Wege man einen festen Begriff gewinnt, und in dieser Richtung bin ich allerdings mit den traditionellen Beweisen und Begriffs» 72 bildungen nicht ganz zufrieden. Die Gottesbeweise aus der Natur in der üblichen Form haben ja innerhalb gewisser Grenzen einen hohen Werth, aber sie richten sich zunächst bloß gegen den nackten Atheismus, beweisen nur eine mehr oder weniger bewußte Weltursache, außer wenn man verstohlene Anlehen bei der Psychologie*) macht, nicht aber die selbst-wirkliche Geistesmacht, den persönlichen Gott, der auch die sittlich-geistige Welt erschaffen hat und in ihr nicht bloß erscheint, den Gott der Offenbarung, der Wunder, des Gebetes. Die ausgedehnte denkende Weltsubstanz Spinoza's wird sowenig überwunden, wie das zweckvoll schaffende Unbewußte Hartmanns, gar nicht zu reden von dem idealistischen Monismus, der mehr und mehr sich aller nichtkatholifchen Forscher bemächtigt. Dieser Monismus, der den meisten Apologeten noch unbekannt ist und den ich hier nicht in Kürze skizziren kann, ist viel verbreiteter und viel gefährlicher, als man sich denkt. Unser schwerster Feind, den wir immer im Auge haben müssen, ist weniger der dumme Atheismus und theoretische Materialismus — der ist denkenden Leuten (sogar Häckel) doch viel zu fad und geistlos —, der eigentliche Feind ist der schillernde, gleißende Monismus und an dem prallen, wie ich übrigens schon oft wiederholte, die meisten Geschosse wirkungslos ab, die nach der herkömmlichen Methode gegen die Gottesleugner abgefeuert werden. Auch die obigen Expcktorationen werden einem modernen Pantheisten wohl höchstens einiges Lächeln abnöthigen, denn sie gehen neben das Ziel. Der einzige Apologet, der diese Sachlage einsieht und den modernen Gegnern auch gewachsen ist, ist, wenn ich wich nicht täusche, Schell, dessen „Grundwahrheiten des Christenthums" ich Herrn St. sehr empfehle. (Schluß folgt.) Münchner Anthropologische Gesellschaft. 8. Donnerstag den 20. Fcbr. Abends 7'/, Uhr hielt die Anthropologische Gesellschaft mit der Geozrapdischen und Co- lonial-Gescllschaft im Chemischen Hörsaal eine gemeinschaftliche Sitzung ab, in der Herr Oskar Neumann „über seine Reisen in Ost- und Central-Asrika" sprach. Der Sitzung wohnten die Kgl. Hoheiten Prinzessin Thcrese, Prinz Ludwig und Prinz Leopold mit zwei Söhnen bei. Neumann begann seine Reise von Sansibar, ging zunächst westwärts nach Jrangi und machte von hier einen Abstecher in das Gebiet der Ussagara. Er war der erste Europäer, der den Gurui-Berg bestieg. Dann zog er nordwärts und kam nach vielen Strapazen und Kämpfen an den Viktoria-See nach Uganda, wo er einige Zeit zum Zwecke wissenschaftlicher Excursioncn verweilte. Von da kehrte er auf dem gewöhnlichen Karawauenweg an die Küste zurück. Er war fast zwei Jahre uuterwcgs u»d bat eine große Sammlung von Thieren, darunter viele neue Arten, mitgebracht. Freitag den 21. Februar. Die gewöhnliche MouatSsitzung im KunstgewerbehauS eröffnete der Vorsitzende Pros. Dr. I. Ranke mit dem Danke an das Kgl. Ministerium des Acußeren, welches den wissenschaftlichen Expeditionen in ferne Länder großes Interesse entgegenbringt. Kaum war nämlich aus Südamerika die Nachricht angelangt, daß die von Herrn Dr. Herrmann Meyer aus Leipzig ausgerüstete Expedition zur Erforschung der »och unbekannten Quellflüsse des Schingu auf der Hochebene von Matto Grosso, an welcher sich auch Dr. Karl Rauke aus München, der Sohn des Vorsitzenden der Gesellschaft, bethciligt» von Indianern überfallen worden sei, als das Kgl. Ministerium aus eigener Initiative sofort an Ort und Stelle Erkundiaungcn einzog. Aus der eingehenden Nachricht des Konsuls in S. Ca- tharina ersieht man, daß die Expedition von Blumeuau in den Urwald des Staates S. Catharina vorgedrungen war und dort von den Bugre-Jndianern nachts überfallen wurde. Der Ucber- 7 --- *) Vgl. Güttler, Wissen und Glauben S. 73. fall verlief ohne jeden Schaden. Die Expedition ging heute bereits wieder nach Nio Grande ab. Dann dankte der Vorsitzende noch im Namen der Gesellschaft Herrn Lieutenant Storch, welcher eine Anzahl von Schädeln von Pare-Negern und Massai dem anthropologischen Institute zum Geschenke machte. Hierauf ertheilte er Herrn Gebeimratb l)r. v. Christ das Wort zu seinem Vortrage mit dem Titel: „Ueber die geschlechtlichen Verhältnisse im Alterthumme bei Griechen und Römern", woran sich eine kurze Diskussion schloß. Recensionen und Notizen. Das glänzend ausgestattete 7. Heft des Deutschen HauS- schatzeS bringt eine reizende Novelle von L. v. Neidegg: Ein Gegenüber, beginnt eine packende Erzählung von M. Herbert mit dem charakteristischen Titel: Die Rache der Jugend und bietet außerdem die wirklich humorvolle Humoreske: Felddienst bei Nacht von Joh. Roesberg. Der Roman von Karl May: Die Jagd aus den Millionendieb wird fortgesetzt. Von den belehrenden Artikeln des Heftes heben wir die folgenden hervor: Ein Besuch aus der Mccrc-burg von Max Kraß, die kleinen Religionen von Paris von Dr. I. M. Höhler, der dritte Band der Pastorschen Papstgcschichte von Karl Hoebcr, der Bund Tirols mit dem göttlichen Herzen Jesu von Franz Peters, das Ohr und der Gehörsinn von Jos. Dackweiler, Aushebung der Undurchsicktigkeit? (Die Entdeckung des Nontgen'schm Lichtes.) Die zahlreichen kleineren Artikel und Notizen zu erwähnen, verbietet uns der Raum. Studien undMitthcilungen aus dem Bencdictiner- und Cistcrcieuser-Orden. XVI. Jahrgang 1895. Preis pr. Jahrg. (4 Hefte ca. 40 Bogen) M. 8 — 4 fl. Nur zu beziehen durch die Administration genannter Zeitschrift im Stift Naigcrn bei Brunn (Oesterreich). JuhaltS-Verzeichniß des IV. Hefteö 1895. Abhandlungen: Leistle, Dr. David (Dillingcn): Wissenschaftliche und künstlerische Strcbiamkeit im Sr. Magnusstiste zu Füssen (II.) Wintera, 8. Laur. (0. 6. 8. Brauuau): Eine Stätte alter Bcuediktiuercultur (Kloster Säzava in Böhmen). Ncnz, G. A. (Regensburg): Beiträge zur Geschichte der Scboltcnabtci St. Jacob und des Priorates Weih St. Peter (0. 8. 8.) in RegcnSburg. (IV.) Vielhaber, 8. Gottfried (Orä. l?raem., Scklägl): Eine Admontcr Rotel vom Jahre 1390. Lerlisre, 8. UrLmar (0. 8. 8. MaredsouS): VisitationSreccsse des Bcncdiktinerklosterö St. Trond a. d. I. 1252 und Statuten des CarvinalS Hugo von St. Sabina. Grilln berger, vr. Otto (0. 6ist., Wtlhering): Kleinere Quellen und Forschungen zur Geschichte des Cistercienser- Ordcns (VI.) — Mittheilungen: Weikert, v. Thomas Ag. (0. 8. 8. von St. Meinrad, Am.): Meine Orientreise (I.) Breitschopf, 8. Robert (0. 8. 8., Altenburg): Zur Wahl Caspar Hofmanns zum Abte von Melk (1587). Ptaine, I. Beda (0. 8. 8., Silos): Os 1'anthsnticits äs la, wission äs 8. Llaur eu Kranes. W. I., 8. (0. 8. 8. von Ad.): Zur Geschichte der Bücherccnsur in Oesterreich. Breitschopf, Ueber das Formulare bei der Abtweibe. Endl» 8. Friedrich (0. 8. 8., Altenburg): Paul Troger. ein Künstler der Barockzeit. (II.) Clauß, Jos. M. B. (Herbitzhcim): Beiträge zur Bau und Kunstgeschichte der Klöster (III.) — Neueste Benediktiner- und Cistercienser-Literatur u. s. w. Literarischcr Haudweiser, begründet, herausgegeben und redigirt von Msgr. Or. Franz HülSkamp in Münster. 24 Nrn. ä 2 Bogen Hochquart für 4 M. P. Jahr. 1895. Nr. 22. Inhalt. Der III. Band von Pastor'S Papstgeschichte (Wurm). — Weitere kritische Referate über Heben streit und Kerschbaumer Fastenpredigten (Dcppe), Röhricht Rsg-ests. Lsgni Ilisrosolz-ivitani und Röhricht Die Deutschen im hl. Lande (Ehrhard), Brümmer Lexikon der deutschen Dichter, K. Fischer Kritische Strcifzüge und Ioft es Der Rattenfänger von Hamcln (HülSkamp), 8 urcs 111-iks ok 6arä. LlanninA (BelleSheim), W. Bäuinker Deutsches gcistl. Liederbuch des 15. Jahrh. (Kreiten), Sandberg er Orlando di Lasso 3. Theil (Bäumker), Krebs Passionsblumen u. St. Joscpbsbüchlein (Deppe). — 23 Notizen über Sckanz Alter des Menschengeschlechts, F. Schöningh'- schc Novitäten und verschiedene andere Nova (HülSkamp). — Zeitschristen-Jnhalt und Novitäten-Verzeichniß. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. - Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. Christoph von Stadion, Bischof von Augsburg, und seine Stellung zur Reformation. (Schluß.) L. R. Ein sehr merkwürdiges und trauriges Jahr, in welchem die katholische Religion, wie es schien, aus Augsburg für immer auswandern sollte, war das Jahr 1537. Am 18. Januar hatte der Rath dem Bischof und Domcapitel eine Schrift zugestellt des Inhalts, daß die Messe und der katholische Gottesdienst, weil er erschrecklich sei gegen Gott, in der Stadt abgeschafft worden und niemand unter Strafe weder Messen noch Ceremonien mehr halten dürfe. Die Geistlichkeit wurde der bürgerlichen Obrigkeit unterworfen, alle Heiligenbilder aus den Kirchen fortgeschafft; der Klerus sollte sich den Gesetzen der Stadtobrigkcit fügen oder Augsburg verlassen. Wer sich dieser „christlichen, friedlichen und billigen Erkenntniß" nicht unterwerfen wolle, solle längstens binnen acht Tagen die Stadt mit Hab und Gut verlassen; wer aber dawider irgendwie schreibe, rede oder handle, er sei hohen oder niedern Standes, Geistlicher oder Weltlicher, der solle an Ehre, Leib und Gut ernstlich bestraft werden??) Dieses traurige Schicksal berichtete Stadion dem Papste Paul III. und bat ihn, er möchte ihm und seinem vertriebenen Klerus wenigstens Worte des Trostes schicken. Auch dem König Ferdinand schilderte er dieses empörende Unternehmen des Augsburger Senates??) Die Folge davon war, daß sich dieser zu rechtfertigen suchte und über die Geistlichen mit gemeinen Schmähungen und groben Verleumdungen herfiel?^) Daraufhin setzten der Bischof und das Domcapitel am 26. Februar dem Kaiser und den Ständen des Reiches die Vorgänge in einer in ruhigem und würdigem Ton abgefaßten Schrift auseinander. „Obwohl sich der Rath", heißt es darin, „auf dem Augsburger Reichstag ausdrücklich dazu verpflichtet habe, niemand vom katholischen Glauben zu drängen oder dessen Ausübung zu verhindern, so habe er doch den katholischen Gottesdienst abgeschafft und die Kirchen geplündert, die Bilder verwüstet, die Monumente und Grabmäler zerstört. Zur Rechtfertigung seines Verfahrens bringe der Rath die Beschuldigung vor, die Geistlichen seien Anbeter der Heiligen und Bilder, was jedoch widersinnig sei; denn niemand sei so thöricht, die Heiligen anzubeten, als ob sie die rechten Gnadenspender wären. Das jedoch hielten sie nicht für Unrecht, die Bilder der lieben Heiligen zu einer Erinnerung der christlichen Exempel, die sie uns vorgetragen haben, vorzustellen." Auf ähnliche ruhige Weise widerlegte der Bischof alle Beschuldigungen, die der Rath gegen den Klerus beim König vorgebracht. Nebenbei bestritt er aber auch den Augsburgern das Recht, vor der Entscheidung eines allgemeinen Concils die hl. Messe abzuschaffen oder sie auch nur in Sprache und Kleidung zu ändern, das heilige Abendmahl unter °2) Jansscn, Eesch. d. deutsch. Volkes. III. 338. - Braun, III. 302-305. -?) Braun, HI. 307 f. „Die katholische Geistlichkeit habe durch ausgebreitete falsche Gerüchte unter der Bürgerschaft Unruhe gestiftet, den Kaiser und einige Fürsten wider die Stadt übel berichtet, durch ihren unsittlichen Wandel den gemeinen Mann mir geärgert, die von den Kaisern und Königen erworbenen Freiheiten mißbraucht und derselben sich unwürdig gemacht, nbcrdicß der Stadt schon von vielen hundert Jahren her viele Widerwärtig- beiden Gestalten auszutheilen, es den Kranken überhaupt zu enthalten, und anderes??) Alle diese Argumente liefern den Beweis für die Richtigkeit der Behauptung Steichele's: „Der Ncichstags- abschied von Augsburg bildete für den Bischof die Norm des ferneren Verhaltens;" der Bischof ist nicht geneigt, dem Augsburger Rathe nachzugeben, nicht einmal in den Punkten, die er selbst als zulässig erachtet. Deßhalb möchte ich nicht ganz dem Urtheile Zapfs beistimmen: „Aus jenen Schreiben kann erkannt und der Beweis gezogen werden, daß der Bischof blos durch zeitliche Absichten, aber nicht aus Ueberzeugung, vom Bekenntniß der evangelischen Religion abgehalten und von seinem Kapitel zu dergleichen Unternehmungen gegen die Evangelischen angetrieben worden sei." ??) Denn der Bischof tritt nicht nur gegen die Punkte auf, die seine und des Domcapitels Rechte beeinträchtigen, was er übrigens der katholischen Kirche und seinem Domcapitel schuldig war, sondern er wendet sich auch gegen die Punkte, die seine Rechte nicht berührten, die sich aber gegen die althergebrachten Gebräuche der katholischen Kirche richteten, und vertheidigt dieselben ebenso wie jene. Nicht einmal daS räumt er den Augsburgern ein, was nach seiner Ueberzeugung zulässig gewesen wäre, eben weil es die katholische Kirche nicht gestattet hatte. Hütte der Bischof heimlich zur evangelischen Kirche gehalten, dann hätte er sich die Vertheidigung der katholischen nicht so sehr angelegen sein lassen, er hätte sich der Einführung des Lutherthums nicht so entschieden in den Weg gestellt. Ein günstiges Zeugniß über Christoph von Stadion stellt auch der päpstliche Nuntius Vergerio, den Papst Paul III. dem Bischof eigens in einem Schreiben empfohlen hatte, aus. So schreibt er am 16. Mai 1535 an den Geheimsccretür des Papstes Nicalcati, Christoph von Stadion sei ein guter Prälat nud Fürst; er werde ihn um seine Ansicht befragen, wie er sich gegen die meist protestantische und zwinglianische Umgebung desselben verhalten solle?^) Und über die Meinung Christophs über das abzuhaltende Concil berichtet der Nuntius aui 20. Mai 1535 an den König Ferdinand: „Der Bischof von Augsburg erschien mir als ein überaus kluger Mann und geübt im Handeln; derselbe glaubt, man dürfe das Concil nicht in einer deutschen Stadt abhalten, ebensowenig, als man Laien znr Abstimmung beiziehen solle, was allerdings der Wunsch der lutherischen Fürsten sei; denn in Folge der allzuweiten Verbreitung des Protestantismus hätte man einen Ueberfall des Volkes zu erwarten. Nur wenn der Papst zuvor einige augenscheinliche Mißbräuche in der katholischen Kirche abstellen wollte, dürfte man es wagen, das Concil in eine deutsche Stadt zu berufen." Darin stimmte ihm auch der Nuntius bei, der selbst vor Kurzem dem Papste diesen Rath gegeben hatte. Doch in einigen Punkten ging der Bischof zu weit, wie z. B. mit dem Vorschlag, der Papst solle den Laienkelch gewähren, die Fasten mildern und die Verbote unter Todsünde einschränken; denn soweit gehen keilen zugezogen und babe sich bedeutende Eingriffe in die Rechte derselben erlaubt". (Braun, III. 310). °b) Janssen, Gcsch. d. d. Volkes III. 339 f. — Brau», III. 3t1-327. °°) Zopf. Chr. v. St. S. 9l. Nuntiaturberichte auö Deutschland. I. Mth., k. Band, bearbeitet von Walter FriedenSburg (Gotha, 1892) Seite 38A ur. 151. 74 die Befugnisse des Papstes nicht, diese Punkte könnte nur ein Concil zugestehen. „Doch", entschuldigt ihn Vergerio, „ich glaube, daß der Bischof von heiligem Eifer dazu bewogen werde, weil ich sah, daß er sicherlich sehr für diese Angelegenheit begeistert war." Das Zeugniß Vergerio's ist nun allerdings nicht allzu beweiskräftig, da derselbe später selbst zum Protestantismus übertrat. Aber damals war er noch katholisch und kämpfte noch für die katholischen Interessen, und insofern können wir aus seinem Zeugniß entnehmen, daß auch Stadion ernstlich für das Wohl der alten Kirche eintrat und daß er mit jenen Zugeständnissen, von denen er freilich seit 1530 trotz ihrer Verwerflichkeit nicht mehr abstand, nur das Beste derselben im Auge hatte, in der Hoffnung, durch dieselben die Protestanten zur katholischen Religion zurückführen und so Friede und Einigkeit herbeiführen zu können. Sicherlich spricht auch sein Rath, das Concil nicht in einer deutschen Stadt abzuhalten, für ihn; denn wäre er protestantisch gesinnt gewesen, so hätte cS ihm ja erwünscht sein müssen, daß Luther den Sieg davontrage; und dies wäre in einer deutschen Stadt, wo die Protestanten ihren Einfluß auf das Concil hätten ausüben können, leichter möglich gewesen als anderSwo. Auch verwarf Christoph die Abstimmung der Laien beim Concil und nahm so dem Protestantismus einen großen Theil von Stimmen weg. Bedeutend ungünstiger jedoch lauten andere Berichte über Stadion, und nach diesen könnte man wirklich glauben, er sei durch und durch Anhänger Luthers gewesen. Er scheint nämlich bei jeder passenden Gelegenheit feine uns wohlbekannten Anträge zur Ausgleichung der Uneinigkeiten in Deutschland vorgebracht zu haben und für dieselben energisch eingetreten zn sein. Namentlich scheint er den Abendwahlkelch, die Priesterehe und die Muttersprache in der Liturgie verlangt zu haben, und diese Forderungen sind in der That dazu angethan, den Verdacht zu erregen, Christoph sei wirklich ein Begünstiger der Neuerer und ein Anhänger des Protestantismus wenigstens der Gesinnung nach gewesen. Die ungünstigen Berichte aber hierüber fallen um so schwerer ins Gewicht, als sie von tadellos katholischen Männern, von den ersten Vertheidigern der katholischen Kirche geschrieben sind. So äußert sich Held, Neichsvicekanzler und kaiserlicher Orator, im Jahre 1539 über Christoph, daß er sehr von Eras- mus angesteckt sei, namentlich im Punkte der Priester- ehe.^) Dasselbe beklagt auch Dr. Johann Eck in einem Briefe an Aleander mit den Worten: „Ich bedaure, daß der ausgezeichnete Fürst so viel in den Schriften des Erasmus gelesen hat, aus welchen man zwar großen sprachlichen Nutzen ziehen kann, die aber sehr verderblich für ein christliches Leben sind." Noch ungünstiger sind die Aussagen der päpstlichen Legaten über Stadion. In einem Berichte Morone's an den Cardinal Farnese vom 2. Juni 1540 heißt es: „Der Augsburger Bischof wird mehr als Lutheraner, denn als Katholik angesehen. Offen sagt er, man solle die Communion unter beiden Gestalten, die Priesterehe, die Abhaltung des Gottesdienstes in der gewöhnlichen, nämlich in der deutschen Sprache zugeben, obschon ich dieses gegen die Auctorität Ebb. 393 nr. 153. Nuntiaturberichte aus Deutschland, I. Abth., IV. Bd., pax. 389: susxieor, esso sxisooxuw LuAnstannm iokeotuw ab Lraswo, prassortim sugsr uuxtiis gaeer-lot.am. Ebd. xag. 582: voleo, oxtimnm xrinoigem (so. op. LvA.) tauta logässs ir> Lrnsmo, gnia, ex esus scrixEs xotost guw reäirs eisgautior Untz'ua, ssä uou wslior vita. des Apostolischen Stuhles und des Concils erklärte." E) In einem andern Schreiben vom 27. Juni 1540 meint Marone, man könne den Bischof unter diejenigen zählen, die sich offen Lutheraner nennen können. Und Servilst geht in einem Briefe an Farnese vom August 1540 noch weiter und behauptet, Christoph sei noch schlimmer als ein Lutheraner?°°) Es ist nun nicht zu leugnen, baß Christoph von Stadion in seinen Zugeständnissen zu weit ging, und der Umstand, daß er immer wieder für dieselben eintrat, mußte bei jenen Männern den begründeten Verdacht erregen, er sei selbst überzeugter Protestant. Doch wenn man sein sonstiges Verhalten betrachtet, dann muß man von ihm sagen, er war Katholik und ging in seinen Zugeständnissen nur deßhalb so weit, weil er glaubte, eins Einigung sei nur mehr auf diesem Wege möglich. Allerdings ist ein anderer Grund, warum er daran festhielt, auch der Umstand, daß er jene Ansichten von Erasmus überkommen hat; doch ist er deßhalb noch nicht ausgesprochener, überzeugter Anhänger der neuen Lehre. Uebrigens gesteht Marone selbst in einem Berichte an Farnese zu, daß sein Urtheil über den Bischof von Augsburg ein zu strenges gewesen sei. Er schreibt im Jahre 1542: „Der Bischof von Augsburg ist ein Mann von guten Geistesanlagen, mit reicher Erfahrung und mit mehr Gelehrsamkeit, als gewöhnlich bei den deutschen Bischöfen und Fürsten gefunden wird. Er hat sich bei mir entschuldigt, daß er von manchen und vielleicht auch in Nom für einen Lutheraner gehalten werde, was jedoch nicht der Fall sei, wenn es auch den Anschein gehabt habe; was er gethan, habe er nur um des Friedens willen für sein Vaterland gethan; er sei der Ansicht, der Verlust an Seelen wäre ein kleinerer, wenn man den Lutheranern in einigen Punkten, wie in der Ausspendung der Com- munion unter beiden Gestalten, nachsehen würde. Anders könne man das Volk nicht im Gehorsam erhalten.'"^) Wie wir soeben gesehen, ist es nicht gar leicht, Christoph von Stadion richtig zu beurtheilen; doch protestantisch gesinnt war er nach meiner auf Grund der vorausgehenden Darstellung gewonnenen Ansicht nicht, wenn ich ihn auch nicht einen stets entschiedenen Sohn der katholischen Kirche nennen möchte. Jedenfalls ist sein Anschluß, sein Vertrauen auf den freidenkerischen Eras- mus von Rotterdam zu tadeln; denn feit er sich an diesen Humanisten angeschlossen hatte, zeigte er auch seine große Nachgiebigkeit gegen die Protestanten, die auf ihn den Verdacht zog, als wäre er ihr Gesinnungsgenosse. Seit er sich des Erasmus Ansichten angeeignet, gehört er zu jener Mittelharter, die immer noch hoffte, eine Einigung mit den Protestanten herbeiführen zu können. Und an diesem Gedanken hielt er sich fest, da er seiner fried- Nuntiaturbericht Giovanni Morones vom deutschen KonigShosc 1539—1540, bearbeitet von Dr. Franz Dittrich. herausgegeben von der GörreSgesellschaft (Paderborn, 1892): 134, nr. 69. l") Ebd. xag. 177, nr. 96. Ebd. pax. 195, Beil. I: xiü ebs Imtbsrauo. lEinmor, Llau. Vat. nr. 06XXX1I, xag. 402: N vosoovo e buowo öi brisn ingsgno, äi inolta, esxerienM st il piü äotto ebs Äa tra i vssoovi xrineipi äi Cermania. 8. 8ignoris. elogo ibtta uns. exonsirtions ebs ä'o.Ionni ed korsö 8, Kowa si» teunto xsr Imtberano, il ods cüos non sussrs, bsnobs 8in stato öi Miors xsr Irr xaes äsila sua xatria, sd I>or ininors ästrimsnto äoli' anims ki äovessu eonosäsrs gualobs 6088 n Imtksrani onms ssssiniill eausa 1a eom- inunions snb ntragno, ssuna ta gnals von si possono oon- iLllors xoxnli in oküoio. 75 liebenden Natur am meisten entsprach. Bei dieser Partei der sogenannten Vermitilnngsthcologcn blieb er bis zu seinem Tode,^) der am 14. April 1543 zu Nürnberg erfolgte, als er auf dem dortigen Reichstage sich befand.^) Die Protestanten wußten diese seine Stellung zu würdigen und hielten sich an ihm fest, weil sie hoffen konnten, von ihm und seinen Gesinnungsgenossen die weitesten Zugeständnisse zu erhalten. Bucer meldet dem Landgrafen Philipp von Hessen noch im Januar 1540, daß der Bischof von Augsburg zu jenen geistlichen Fürsten zähle, welche zu einer Bergleichung geneigt seien.^) Daher kommt es, daß protestantischen Autoren Christoph von Stadion so sehr wegen seiner Friedensliebe und Nachgiebigkeit loben. Aber wie oft er auch darauf drang, daß den Lutheranern die weitesten Zugeständnisse gemacht würden, so erfüllte er doch immer treu seine Pflichten als katholischer Bischof und wich nie von dem erlaubten Wege ab. so daß man wohl mit Recht behaupten kann, Stadion blieb der katholischen Kirche treu bis zu seinem Tode. Die stringmLe Kraft der GotLesbeweise. Erwiderung. (Schluß.) Vielleicht wird St. einwenden, es handle sich nicht um die Bildung des Gottesbegriffes, sondern um die Stringenz des Gottesbeweises, aber er wird selbst wissen, wie enge das Daß und das Was bei Gott zusammenhängt. Essenz und Existenz fällt zusammen. Wenn ich daher, kein in jeder Hinsicht vollkommenes Wesen, Gott nicht bloß als Schöpfer der Natur, sondern als Herr des Geisterreichcs und der sittlichen Weltordnung, als den persönlichen Gott, mit dem man im Gebet verkehrt, Nachweisen kann, so ist der Gottcsbeweis mindestens in dem Sinne, wie ich ihn im Auge hatte, unvollständig und ermangelt der vollen Stringenz. Das ist keine Verschiebung des Streitpunktes. Verschoben hat St. die ganze Frage. Ich hatte die Erscheinung Gottes in der Natur und Geschichte zusammengefaßt, als ich die stringenie Beweisbarkeit dieser Erscheinung anfocht, St. aber sieht von der Geschichte und der geistig-sitttlichen Welt ab. Das Unglaublichste an Mißverstäudniß wird geleistet, wenn St. allen Ernstes die Sache so darstellt, als ob ich der angeführten Bestimmung des vatikanischen Concils über die natürliche Gotteserkenntniß meine angebliche Ansicht von der unmittelbaren Gotteskenntniß unterschiebe. Nicht bloß habe ich selbst die Annahme einer unmittelbaren Gotteserkenntniß, oder wie St. mit dem scholastischen Ausdruck sagt, einer unmittelbaren Perception deutlich abgewiesen, sondern es lag mir auch der Gedanke vollständig ferne, dem vatikanischen Concil ontologistische Anwandlungen zuzutrauen. Ein solcher Ignorant bin ich denn doch nicht, um die Absicht und Meinung des Concils so gründlich mißzuverstehen. Wenn ich die Erkennbarkeit der Beweisbarkeit entgegenstellte, so sah ich allerdings in der Erkennbarkeit ein weniger, aber „gering taxirt", wie St. meint, habe ich sie deßwegen nicht. Oder sollte daraus, daß ich leugne, man könne den Glauben stricte beweisen, folgen, ich taxire ihn gering? "°) Jansscn, III. 333. "°) Braun. III. 350. — Zapf, Chr. v. Stadion. S. 94. '") Briefwechsel Landgraf Philipps des Großmüthigen von Hessen mit Bucer. herausgegeben vcn Max Lenz; I. Theil (Leipzig, 1880) i>a§. 129, ur. 43. Gerade dasjenige, was man nach Ueberwindung vieler Zweifel uns Kämpfe sich endlich errungen hat, den Glauben und die Gnade, wird man um so höher schätzen, je weniger diese Güicr sich ohne weiteres von selbst verstehen. Wäre der Glaube so selbstverständlich, dann wäre er kein Verdienst mehr. Damit will ich nicht bestreiten, daß den Glaubens- wahrhciten, angefangen von Gottes Dasein bis zur Göttlichkeit der Kirche, ein hoher Grad von Evidenz eigen ist; nach der Ansicht vieler Dogmatiker sogar der höchstmögliche Grad, der alle andern Wahrscheinlichkeiten übertrifft, — es hat mich gewundert, daß St. nicht diese Evidenz gegen mich ins Feld führte. Aber diese Evidenz ist eine innere, geistige, sie ist, wenn ich mir den kühnen Ausdruck erlauben darf, eine subjcctive Gewißheit. Der Ausdruck „subjektiv" hat für viele einen schrecklichen Klang: was subjcctiv ist, scheint Herrn St. und andern unsicher und werthlos zu sein. Darum meint er wohl auch, ich taxire die Erkennbarkeit Gottes aus dem Geiste gering, weil die Erkenntniß Gottes nach meiner Ansicht subjcctiv sei, ja ich lasse den Christenglauben überhaupt bei Seite schieben, weil er eine bloße subjcctive Anschauung fei. Hier liegt allerdings der große Differenzpuukt zwischen St. und mir, und ich muß daher schon näher auf ihn eingehen. ES ist auch der Punkt, den mein angefochtener Aussatz zumeist im Auge hatte. Ich wollte das innere, wenn man will das subjective Kriterium ins Licht setzen. Um das dort Gesagte nun weiter zu ergänzen und gegen die aufgetauchten Mißverständnisse sicher zu stellen, muß ich etwas weiter ausholen und zwar in einem zweiten mehr sachlichen Artikel, der auch auf die Wunderfrage näher eingehen wird. Zunächst nur noch ein paar Kleinigkeietn. St., meint, ein Idealist stehe eigentlich mit sich selbst immer im Widerspruch, da er im Leben die Theorie verleugnen müsse. Aber so einfach ist die Sache doch nicht; das was man so gewöhnlich „Leben" oder noch kräftiger „praktisches Leben" nennt, bildet keinen Gegengrund sowenig, wie der „gemeine Menschenverstand". Der kommt bei jeder erkenntnißtheoretischen Studie gleich in Verwirrung. Der Vorwurf der Tollheit oder Narrheit vollends ist doch zu kategorisch. Wie leicht kann der „kritische Idealismus" den Spieß umdrehen und den „Dogmatismus" aus's Korn nehmen, ohne daß er deßhalb ungläubig zu fein brauchte, — hat St. das „Lob der Narrheit" von dem gläubigen ErasmuS noch nicht gelesen? Es gibt viele gläubige Idealisten, es sei nur der Oratorianer Malebranche und Berkeley genannt. Selbst Fenelon war angesteckt vom cartesianischen Idealismus. Vermuthlich hält St. alle Idealisten, vor allem den Hauptvertreter Kant, für Atheisten, da er sie alle unter die Thoren rechnet, die die hl. Schrift meint. War denn Kant ein Atheist? Oder war es Jacnht Hermes, Kühn? Daß St. in seinem Schlußpassus nur das wiederholt und nicht einmal vollständig wiederholt, was ich schon gesagt hatte — denn ich habe auf das wichtige Nietzsche-Symptom hingewiesen —, ist wohl aus einem Erinnerungsmangel zu erklären. Aber gefreut hat'S mich, daß er doch trotz seiner metaphysischen Sicherheit zur Moral seine Zuflucht nehmen mußte, um die Gottesleugnung zu erklären. Damit gibt er indirekt selbst zu, daß der Metaphysische Beweis in seinem Sinne nicht ganz ausreiche und daß mgn den Gott der Moral darüber 76 hinaus suchen mutz. Bei dem Schlußsatz habe ich mich vergeblich besonne», wer wohl so teuflisch sein könnte, daß er mit der Oede und Verzweiflung seines Herzens andere anstecken wollte; ich bezweifle, ob das auch nur Schopenhauer oder Voltaire beabsichtigte. Oder dachte St. an den Bibelspruch: „Wer die Erkenntnis; mehrt, der mehrt die Pein." Jede neue Erkenntniß bringt in die Seele neben dem Gefühl der Befriedigung eine gewisse Unruhe, reizt die Neugier weiter und der Zweifel ist der Schatten des ErkennenS. Daher ist vielen nichts unsympathischer, als eine neue Idee. Es sind jene, die längst abgeschlossen haben und gewissermaßen in ihrem Erkenntniß- kreis erstarrt sind. 6. 0. Der selige Luitpold zu Vreitvrmm. Von k. Emmeram Heindl 0. 8. L. (Schluß.) Ueber des Seligen Leben wissen die Andcchser und Diessencr Chronisten nur sehr Spärliches zu berichten. Nachdem die Andcchser Chronik von 1715 einen Leopold unter den Kindern Otto's II. von Wolfratshausen aufgeführt, fährt sie fort: „Vermuthlich aber ist dieser Leopold jener gewesen, welcher anjetzo Leupold insgemein genennet wird, und in freiwilliger Armuth, auch großer Frombkeit gelebt"; die Chronik von 1755 weiß noch, daß er viele heilige Orte besuchte und verehrte und zuletzt als Pilgrim nach Ellwang unweit der Burg Andechs kam. Dali' Abaco weiß von diesen Pilgerfahrten nichts, dagegen berichtet er, daß „Luitpold den Stand eines Eremiten erwählte und feine Klause zu Ellwangen, einem kleinen Dörflein unweit vom Ammersee, aufschlug und ein heiligmüßiges Leben da vollführte". Heiligmäßig, wie sein Leben, war auch sein Sterben, indem er laut Chronik von 1715 „endlich zu Ellwang unweit Andex in einem Vaurenhauß^) seinen seligen Geist aufgeben und zu Baybrnnn, wohin ihn wundcrthätiger Weiß^) zwei Ochsen geführt, begraben worden; allwo er noch biß heutigen Tag mit Wunderzeichen leuchtet". Etwas umständlicher erzählt fein Begräbniß Dall' Abaco im Jahre 1776 mit folgenden Worten: „Man findet von ihm aufgezeichnet, daß er nach seinem Tode, sowie er es bei Lebszeiten verlanget, auf einen gemeinen Karren von einem Paar Ochsen bespannet gelegt werden sollte, wie dann sein Leichnam ohne Lcit und Fuhrmann nach Braitbrunn gebracht und allda begraben wurde; leuchtet mit Zeichen und Gutthaten". Während es uach den Andcchser Chroniken den Anschein gewinnen könnte, als sei unser Selige am Ende seiner Pilgerfahrten nur zufällig zu Ellwang verschieden, erfahren wir also durch den Diessener Chronisten, daß er vielmehr längere Zeit vor seinem Hinscheiden als Klausner daselbst zugebracht habe. 23) Nun noch einiges Aktenmäßige über sein Grab „In einer schlechten Vaucrnhütte" sagt die Chronik von 1755. 22 ) „Zn allgemeiner Verwunderung" sagt die Chronik von 1755; einen Sterbetag oder -Datum findet man nirgends angegeben, auch nicht, wann sein Gedächtniß etwa zu feiern wäre. 22 ) Ein ganz ähnliche Legende lebt bekanntlich im Volk über den sel. Willibold, Grafen von Calw, dessen Leib zu Vertheiln in Württemberg ruht. Auch an den sel. Heinrich möchte ich erinnern, der nach der Legende, dem Geschlechte der Grafen von Andechs entsprossen, im 12. Jahrhundert als Einsiedler am Südcnde des Würmsccö lebte und der Wallfahrt St. Heinrich ihre» Ursprung gab; vergl. hiezu die Chronik von Beuerberg und dessen Verehrung beim Volke. Dillitzer ^) hat hierüber Folgendes: „In der Kirche zu Breitbrunn war früher ein Grab berühmt, welches dem seligen Luitpold (Leopold) angehören sollte, der der Sage nach ein frommer Pilger aus dem Geschlechte der Grafen von Andechs gewesen sein soll. Die vom heiligen Berg zurückkehrenden Wallfahrer nahmen häufig Erde von diesem Grabe mit sich nach Hause. 1740 wurde auf eingeholte Ordinariatsbewilligung im Beisein des Blaflus Marx, Pfarrers in Utting, als bischöflicher Commissür, des Georg Faber, Pfarrers zu Oberalting, und Petrus Ferrerius aus dem Kloster Polling als päpstlichen Notarius das Grab eröffnet, durchsucht und nichts gefunden; deßhalb wieder zugeworfen, womit sein Nuhm ein Ende hatte." Dieser Bericht ist zwar im Wesentlichen, doch nicht in allen Einzelheiten richtig; das Protokoll über die Eröffnung und Untersuchung des Grabes des seligen „Leypold" befindet sich im Höchendorfer Pfarrarchiv, und wir geben nachstehend seinen Hauptinhalt: „I. G. Faber, Pfarrer in Alting, ließ nach eingeholter Ordinariatsbewilligung in Gegenwart einer kirchlichen Commission das Grab des (dem Volksglauben nach heiligen) Leypold in Bayr- prun^b) am 4. August 1739 eröffnen und untersuchen. Diese Commission bestand aus dem Pfarrer Blastus Marx von Utting als vom Ordinariat delegirten Com- missär, dem apostolischen Notar Peter Forer Gries, Ca- noniker von Polling, und den beiden Zeugen Ferdinand Kellerzhofer, Dekan in Liessen, und Eusebius Amort, Dekan in Polling. Nach der Versicherung mehrerer Ortsbewohner wurde das Grab des seligen Leypold schon seit mehr als 50 Jahren vom Volk verehrt und Erde davon mit nach Hause genommen. Ueber dem in der Mitte des Kirchenschiffes befindlichen Grab war ein hölzernes, mit Sanderde gefülltes Monument errichtet mit der Inschrift: ,8. 1680*. Es wurden einige Neste von Gebeinen gefunden." Allem Anscheine uach war Pfarrer Faber von Oberalting, welchem Breitbrunn kurz vorher (1736) zur Pastoration übergeben worden war, die Seele dieses ganzen Vorgehens, welchem jedoch erst die Krone aufgesetzt wurde durch einen Erlaß des Patrimonialgerichtes Seefeld an das Pfarramt Höchendorf vom 2. Dezember 1826, worin angeordnet wurde, daß das Grab eingefüllt und dem Kirchenpflaster gleichgemacht werden solle, da die alte Volkssage durch eine Commission vor mehreren Jahren als unbegründet erwiesen worden sei. — Was eS nun mit dem seligen Luitpold und seinem Grabe in Wirklichkeit auf sich habe, scheint mir nichtsdestoweniger damit noch keineswegs außer allen Zweifel gesetzt und wird sich bei dem Mangel von authentischen Nachrichten aus älterer Zeit auch kaum jemals aufhellen lassen. Von wem rührten die gefundenen Gebeine her, und wo kamen sie hin? Darüber schweigt sich das Protokoll vollkommen aus. War das Ganze ein plump angelegter Schwindel? Aber wann, wie und durch wen hätte ein S. 24 ff. im karinwoao boiono; Uaäerns IH, 143; Iwitnvi, Uwtor. VV6Z8okont. I, 163; Sulzbachcr Kalender 1873, S. 49; Vsatrisck, Geschichte von Beuerberg. S. 77; Graf, Cbronik von SeeShaupt, S. 56 ff. — Im Leben der Heiligen finden wir auch fönst öfter die Erscheinung, daß Thiere ihnen Dienste leisten, so beim hl- Corbinian, der hl. Ecnovesa, der sel. Edigna u. a, >") Dillitzer Josef, der die bereits erwähnte Beschreibung des Capitels Oberalting hinterließ, starb am 13. Januar 1802 als Dekan und Pfarrer von Frieding. °2) Ungenaue Schreibweise statt Brayörunn (— Breit- bruun). solcher unter den Augen des Stiftes Diessen wohl in Scene gesetzt werden könnend Bemerkenswerth ist es immerhin, daß die Chronisten von Andechs und Diessen hierüber einhellig berichten, indem sie sich auf ihnen vorliegende ältere Aufzeichnungen berufen und 1715 sowie noch 1776 von „Wunderzeichen und Gutthaten" reden, durch die das Grab des Seligen geleuchtet habe. Auch ist nicht außer Acht zu lassen, daß wohl schon um jene Zeit, da die ebenerwähnte Untersuchungscommission zu Breitbrunn ihres Amtes waltete, jener berüchtigte, allen derartigen Aeußerungen der Volksandacht feindselige, einer falschen, rationalistischen Aufklärung huldigende Zeitgeist, selbst bis in die geistlichen Kreise hinein, sich zu regen begann, der den Greueln der Säkularisation den Weg bereitete. Schon oben haben wir übrigens die Vermuthung ausgesprochen, daß der ursprünglich in Breitbrunn beigesetzte Leib deS sei. Luitpold später exhumirt und in das Familiengrab nach Diessen übertragen oder auch bei einem feindlichen Einfalle^) zerstört worden sein könne. In der Ueberlieferung der Breitbrunner mag sich dann noch immer die Erinnerung von seinem Grabe daselbst erhalten haben, mit dessen Verehrung man fortgefahren, auch als sein Leichnam nicht wehr darin war. Immerhin bleibt es auffallend, daß noch heute die Breitbrunner es sich durchaus nicht nehmen lassen wollen, daß ihr Kirchlein einst wirklich den Leib des seligen Luitpold besessen habe; aber um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, als der Zudrang zum Grabe enorme Dimensionen angenommen, hätten zwei Domherren von Augsburg den Leib des Seligen mit sich nach Augsburg fortgenommen; dortselbst sei er schön neugefaßt und an eine Kirche^) geschenkt worden, in der er sich noch befinde. Alle nach- herigen Bemühungen der Gemeinde, den hl. Leib wieder zurückzuerlangen, seien vergeblich gewesen. Soviel konnten wir aus den uns zu Gebote stehenden Quellen — vielleicht wäre in der kgl. Staatsbibliothek und den Archiven der Hauptstadt noch mehr zu finden — über den seligen Luitpold und sein Grab eruiren. Wir hoffen, damit einen bescheidenen Beitrag zur „Davaria saneta" geliefert zu haben, der um so eher auch ein allgemeineres Interesse beanspruchen dürfte, als unseres Wissens S. K. H. unser erhabener Prinzregent diesen Seligen als seinen Namenspatron verehrt. Die deutschen Kolonien in Siidrußland. Von I. E. Biller. (Schluß.) Bezüglich der Schule steht es in den deutschen Dörfern im allgemeinen gut, wenngleich fast während des ganzen Hochsommers der Unterricht eingestellt ist. In der neueren Zeit muß in den Schulen auch Russisch gelehrt werden, was früher nicht der Fall war. Und auch jetzt kann man noch manche Leute treffen, die fast kein Wort Russisch verstehen. Die katholischen Lehrer rekrutiren sich zu einem großen Theil aus denjenigen Zöglingen des bischöflichen Seminars in Saratow, welche nach Zurücklegung einiger Studienjahre sich nicht für den geistlichen Stand entscheiden konnten und darum aus dem Seminare wieder anstraten. Ein Geistlicher ver- °°) Etwa zur Zeit des SckwedeukriegeS; denn 1633 wurde daselbst vom Feinde auck ein Hof niedergebrannt. An welche? Dieser ganzen Ueberlieferung lkgt offenbar die Erinnerung an die bereits berichtete Untersuchung der kirchlichen Commission v. I. 1739 zu Grunde. sicherte mir, daß dieses sogar ein Glück für die Katholiken sei, weil sie dadurch entschieden katholische und auch unterrichtete Lehrer bekämen. Der Religion nach sind von den 945 deutschen Dörfern etwa 263 katholisch, so wenigstens finde ich im neuesten Odessaer Kalender „Hausfreund" angegeben. Die übrigen Dörfer sind weitaus zum größten Theil lutherisch; sodann finden sich auch viele Neformirte, Wiedertäufer, Mennoniten u. s. w. Die Katholiken stehen unter der Jurisdiktion des Tiraspoler Diöcesanbischofs, der aber nicht in seiner Titelstadt residiren darf, weil er hier wegen der größeren Nähe und der besseren Verkehrsbedingungen zu großen Einfluß auf die Katholiken gewinnen könnte, sondern in Saratow an der Wolga, schon nahe der sibirischen Grenze, seine Wohnung hat aufschlagen müssen. Die Zahl der gesammten deutschen Katholiken schätzt man auf ca. 225,000. Die Diöcese, welche zweimal so groß ist wie ganz Deutschland, zählt nur 158 Geistliche. Bei solchen Umständen ist es leicht erklärlich, daß die Pastoration theilweise eine ungeheuer schwierige ist. In die etwas entlegeneren Kolonieen kommt vielleicht alle 20 Jahre einmal ein Bischof zur Spendung der heiligen Firmung. Vermehrt werden die Schwierigkeiten der Seelsorge noch durch die bereits angedeutete mißgünstige Haltung der russischen Regierung. Zwar werden hier die Katholiken nicht so schlimm behandelt wie ihre Glaubensbrüder in Polen, einerseits, weil man doch die den deutschen Ansiedlern ertheilten Privilegien noch etwas respektiren will, und andrerseits, weil auch jene politischen Beweggründe hier nicht so sehr mitspielen, wie gegenüber den unglücklichen Polen. Aber es steht trotzdem noch traurig genug aus. In einem katholischen Dorfe sah ich eine alte, elende Banernhütte, die den dortigen Katholiken als Kirche dienen mußte: keine Sakristei, kein Thurm, keine Orgel, und das Innere bot in seiner grenzenlosen Armuth einen wahrhaft beweinenswerthen Anblick. Der Bau einer Kirche war den Katholiken direkt verboten worden; man kam nun um die Erlaubniß ein, wenigstens die äußerst baufällige Hütte etwas ausbessern zu dürfen, aber auch das wurde strengstens verboten, ja man kündigte sogar die Aufhebung der Pfarrei an; nun letzteres unterblieb vorläufig, und Dank der „Umsicht" der russischen Polizei konnte man doch im geheimen die größten Schäden der „Kirche" wieder ausbessern; doch ist die Pfarrei keinen Tag vor der Aufhebung sicher. Und warum das alles: weil man es versäumt hatte, dem maßgebenden russischen Bischof einige Tausend Rubel „zur besseren Würdigung der Sachlage" zu schicken. Ein weiteres Beispiel russischer Toleranz! In Odessa waren die Katholiken mit dem Bau einer schönen neuen Kirche beschäftigt, deren Thurm nach dem angefertigten Plane sogar höher werden sollte, als jener der russischen Kathedrale war. Und was geschah? Es wurde den Katholiken rundweg untersagt, den Thurm auszubauen. Es darf eben nichts Höheres geben, als die russische Ssobor I Die katholischen Geistlichen sind keinen Tag ihrer Freiheit sicher. Es sind schon oft Fälle vorgekommen, daß einer angeklagt wurde, er habe einen Russen Beichte gehört, oder er habe irgend einer katholischen Person, welche russische Kindererziehung versprochen hat, die Absolution verweigert, oder er habe gegen den Bau einer russischen Kirche agitirt u. s. w. Die Folge einer solchen. Anklage ist Bestrafung ohne vorhergehende Untersuchung, vielleicht sogar Verbannung nach Sibirien. Doch muß man den katholischen Geistlichen das Zeugniß ausstellen, daß sie im allgemeinen trotz all dieser so ungünstigen Verhältnisse mit Klugheit und Eifer ihre seelsorglichen Pflichten erfüllen. Die katholische Bevölkerung selbst ist sehr religiös gesinnt und besucht ziemlich fleißig den sonntäglichen Gottesdienst, der nach lateinischem Ritus abgehalten wird. Gepredigt wird in den deutschen Kirchen nur in deutscher Sprache, und auch die Kirchenlieder sind deutsch. Der Unterhalt des Pfarrers ruht vollständig auf den Schultern seiner Pfarrkinder. Nur in den älteren Pfarreien besitzt der Pfarrer noch Regierungsland; das ist aber auch das Einzige, was der Staat in dieser Beziehung leistet, oder besser, geleistet hat. Die Lebensweise der deutschen Ansiedler kann im allgemeinen nichts weniger als dürftig genannt werden. Ja ich muß gestehen, daß ich während meines dortigen Aufenthaltes eine Küche kennen gelernt habe, welche sich stolz mit unsern besten messen kann. Gewöhnliche Bauern sind hier oftmals ein Frühstück gewohnt, wie man es bei uns nur in bestsituirten Kreisen findet: Thee oder Kaffee, Schinken, Butter, Honig, Eier, Käse und vielleicht auch noch Kaviar! Daß die russische Theemaschine, der berühmte Samowar, in jedem deutschen Hause zu dem unentbehrlichsten Hausrathe gehört, brauche ich bloß anzudeuten. Der Thee muß ja fast die Getränke ersetzen; denn in dieser Beziehung sieht es im allgemeinen nicht gut aus: Schnaps (l), einheimischer Wem, der sich allerdings ganz gut trinken läßt, und dann noch ein Getränk, zu dessen Bezeichnung man leider das ehrliche deutsche Wort Bier mißbraucht; denn meistentheilS sind die dortigen russischen Biere unter aller Kritik. Das Wirthshausleben, wie es bei uns in Deutschland sich findet, fehlt in den Kolonieen vollständig; eS gibt nur eine Schnapsschcnke, und wer dorthin geht, gilt schon als etwas anrüchig. Das gesellschaftliche Leben wird aber in der Weise gepflegt, daß man sich gegenseitig Besuche macht und beim dampfenden Samowar mit Spiel oder Musik sich gemüthlich unterhält. Es hat früher allerdings Zeiten gegeben, wo die Sitten der Kolonisten nicht die besten waren, wo über Trunksucht u. s. w. sehr geklagt wurde. Einen großen Theil der Schuld daran trugen leider die schlechten polnischen Geistlichen, die in der ersten Zeit die Seelsorge in den deutschen Kolonieen ausgeübt, aber nur wenig segensreich gewirkt haben. Jetzt ist es gottlob unter den Deutschen wieder etwas besser bestellt. Besonders zu rühmen ist ihre fast patriarchalische Gastfreundschaft wie überhaupt ihre Freigebigkeit. Auch bethätigen sie einen regen Ge- meingeist und sind im Unglück voll Aufopferung für einander. Die alte deutsche Gemüthlichkeit, jene herrliche Charaktereigenschaft, die man eben nur bei Deutschen findet, hat sich hier in seltener Reinheit erhalten. Bei dem großen Fleiße und der außerordentlichen Strebsamkeit der Kolonisten findet man gar nicht selten Leute unter ihnen, die über alles Wissenswerthe der Neuzeit ganz vorzüglich unterrichtet sind, und besonders von den politischen Vorgängen in Deutschland wissen sie viel, mehr sogar als von den Vorkommnissen in Rußland. Das ist freilich auch leicht erklärlich. Einerseits hält sich ein großer Theil der Kolonisten deutsche Zeitungen und Zeitschriften; besonders häufig traf ich den „Deutschen HaMchgtz". „Alte und neue Welt" u. s. w. Andrerseits aber bringt von allen russischen Vorgängen die inländische Presse nur das, was die Regierung zu erlauben für gut findet, während die ausländischen Blätter unbarmherzig mißhandelt werden. Es ist eigentlich urkomisch zu sehen, in welchem Zustande die ausländischen Zeitungen dort ankommen, wenn irgend ein „gefährlicher" Artikel über Rußland oder russische Verhältnisse darin zu finden ist. Von der vorsichtigen russischen Censurbehörde wird er ängstlich mit schwarzer Lackfarbe vollständig überstrichen und dann erst dem Abonnenten zugestellt. Sogar russische Zeitungen werden nachträglich manchmal noch mit solchen „Illustrationen" versehen. In politischer Beziehung sind die Kolonisten durchaus loyale Staatsbürger, und es ist ihnen noch nie eingefallen, gegen die russische Regierung irgendwie zu in» triguiren. Sie fühlen und betragen sich als russische Unterthanen, als „Nußländer",-und sind voll aufrichtiger Anhänglichkeit an das russische Herrscherhaus, wie sie es schon des öftern in ganz außerordentlicher Weise bewiesen haben. Aber wenn sie sich auch mit Stolz „Nußländer" nennen, als „Russen" wollen sie nicht gelten. Zwar kann man eigentlich nicht recht von einem gespannten Verhältniß zwischen Deutschen und Russen sprechen, aber doch betrachtet man im allgemeinen die Russen nicht als gleichstehend. Eine treffende Illustration dafür ist die fast allgemeine Sitte, die Kinder mit dem Rufe zu schrecken: „Der Rufs' kommt". Daß mehrere Nationalitäten in Rußland beisnmmen- wohnen, finden die Kolonisten übrigens selbstverständlich, ja so selbstverständlich, daß ich oft schon ganz verwundert gefragt wurde: „Ja, gibt es denn in Deutschland keine Russen und keine Nussendörfer?" Es dürfte zum Schlüsse nicht überflüssig sein, nach den Ursachen zu forschen, welche das deutsche Wesen in Südrußland fortdauernd so lebendig erhalten haben. Einen Grund fand ich in dem Verhalten der Russen, die nur mit Neid auf die ihnen überlegenen Deutschen blicken und ihnen dieses Gefühl manchmal auch ziemlich deutlich merken lassen. Das wirkt nun hinwiederum auf die Deutschen und veranlaßt sie dazu, sich enger an einander zu schließen, was das deutsche Bewußtsein selbstverständlich noch mehr stärkt. Der weitaus wichtigste Grund aber ist darin zu suchen, daß die russische Regierung eine Mischehe nur unter der Bedingung der schismatischen Kindererziehung gestattet. Dadurch werden die Deutschen, Katholiken wie Protestanten, gezwungen, immer wieder nur Deutsche zu heirathen, und das ist erfahrungsgemäß das beste Mittel, um deutsches Wesen und deutsche Sitte unversehrt zu bewahren. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, daß da, wo einmal russisches Blut in die Familien gedrungen ist das Deutsch- thum in einem gewaltigen Rückgang sich befindet; ich habe da einen ganz bestimmten Fall im Auge, wo das Einheirathen von Russinnen den Späheraugen der Regierung allerdings entgangen ist, und darum auch nicht russische Kindererziehung besteht; aber die deutsche Sprache ist doch fast völlig verschwunden: man spricht russisch, man lebt und trägt sich russisch. — Was also die intolerante Staatsiegierung angeordnet hat als Nusfifi- cirungsmittel, das dient nun gerade im Gegentheil dazu, die fremdländischen Unterthanen in heimathlich-nationaler Gesinnung zu erhalten. Damit glaube ich nun eine ziemlich vollständige Schilderung von dem Leben und Treiben unserer fernen Stammesbruder an den Ufern des koutus Luxiuus ge- gehen zu haben. Möge nur das Deutschtum dort sich forterhalten, und mögen die Deutschen durch ihr ganzes Leben und Wirken kräftig dazu beitragen, das Ansehen der deutschen Nation auch weiterhin im slavischen Osten zu verbreiten I Recensionen nnd Notizen. Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild. Wien. Alfred Holder, k. k. Hof- nnd Uni- versitäts-Buchhäudler. Heft 25—38 Böhmen und Heft 12—17 Ungarn. I,. Die vorliegenden Hefte über Bobinen befassen sich mit der Schilderung der romanischen, sodann mit der Entwickelung der gothischen Architektur in Böhmen; anschließend hieran behandelt Dr. Chytil die Schilderung der Architektur-Entwickelung Böhmens in der Renaissance und Neuzeit. Zahlreiche Ansichten romanischer und gothischer Bauwerke, sowie Abbildungen von hervorragenden Baulichkeiten der folgenden Kunstperioden erläutern den Text. Diesen Schilderungen reiht sich würdig eine sehr interessante Arbeit aus der Feder des Professors August Sedlazck in Labor an, welche sich mit der Darstellung und Schilderung der Burgen. Schlösser und Besten Böbmcns, von der heidnischen Zeit an bis zu unseren Lagen, beschäftigt. Zahlreiche Typen solcher Bauten, landschaftlich und architektonisch durchgeführt, erscheinen im Bilde als Begleiter dcö Textes. Die folgenden Hefte umfassen eine Schilderung von Plastik und Malerei vorn Mittelaltcr bis zur Neuzeit, sowie eine solche der Kunstindustrie und Landwirthschaft Böhmens. Der Beschreibung der forstwirtbschaftlichen Verhältnisse schließt sich sachgemäß jene der Jagd von der berufenen Feder des Obcrforstmeistcrö Karl Hcirowsky an. Hier ist eine Abblilduug zu erwähnen, welche des allgemeinsten Interesses sicher sein darf: „Aufbruch zur Jagd auf Schloß Frauenberg", und stammt dieses Bild aus jener Zeit, als weiland Kronprinz Erzherzog Rudolf sich in Böhmen aufhielt und an den großen Jagden iheilnahm. Die weiteren Aufsätze über Bergbau und Hüttenwesen beanspruche» ein hohes Interesse, führt ja die Geschichte des böhmischen Bergbaues zurück zu uralten Zeiten. Seit dem letzten Viertel des ersten Jahrtausends nach Christus ist das Bestehen des böhmischen Bergbaues historisch außer Zweifel gestellt. — Die Eingangs bezeichneten Hefte über Ungarn bringen die allgemeine und spezielle Darstellung der Comitate Eisenburg, Qedeuburg, Wicselburg und Raab. Neben zahlreichen Landscbafts- und Architekturbildcrn sind namentlich sehr interessant die Stadt- ansichten von Grau, sowie bildliche Darstellungen aus den weltberühmten Gestüten von KiSbör und Bäbolua. Namentlich die Abhandlung über die alte Bischossstadt Gran nnd deren Umgebung von Körösy ist sehr dcikcnreich. Im letzten Hefte beginnt eine sehr klar geschriebene Schilderung des Wcißenbiirgcr ComitateS aus der Feder des chcinatigen ungarischen Ministerpräsidenten Alexander Wekerle. Zahlreiche Illustrationen von Kunstschätzen aus Gran sowie Landschafts- und Städtebilder zieren die vorliegenden Hefte und lassen dieselben sich gleich werthvoll an die bereits erschienenen anschließen. Jahresbericht der Herder'schen Verlagsbuchhandlung für 1895. * Dieser Bericht gibt einen Einblick in die umfassende Vcr- lags-Thätigkeit, welche die vornehmste kathol. Verlagsbuchhandlung im Jahre 1895 entwickelt hat. Leider hat die berühmte Firma diesem Bericht einen Nekrolog beifügen müssen, welcher ihrem hochverdienten Theilhaber Frz. Jos. Huttcr gilt. Oettingische Negesten. 1. Heft: 1110 — 1279. Bearb. von Dr. Georg Grupp, fürstl. Oettingen-Wallcrstcin. Bibliothekar. Nördlingen, Ncischle. Kl. 4°. 52 Seiten, geh. M. 1,50. Dr. ck. IV. Ansätze und Vorarbeiten zu einem solchen Werke sind von öttingischcn GescbichtSfreundcn und Historikern freilich schon crlicheinale gemacht worden. Allein erst die löbl. That G. Grupp's bedeutet den rechten, praktischen nnd methodischen Versuch, der einerseits in weitere Kreise verläsnge Nachrichten über das öttingischc Land und sein Tynastengeschlectit bringen kann und anderseits die unentbehrliche Grundlage für eine so lange schon rückständige Geschichte deö Nicsgan's und des vttingische» Fürstenhauses zu bieten vermag. Und diese reiche Geschichte darf nicht ungeschrieben bleiben. Darum ist das Unternehmen Grupp's, mögen auch einzelne, vorn allgemein üblichen Editionsiystem abweichende Eigenarten dieser Veröffentlichung manchem Fachmanne nicht zusagen, ein sehr verdienstvolles Beginnen und sollte beschleunigt und gefördert werden. _ Leben des heiligen Fidelis von Sigmaringen von k. Ferdinand von Scala, Orü. 6ap. Mainz, Franz Kirchheim. Mit 20 Abbildungen. Gebd. 4 M.» brosch. 3 M. Ein wechsclvollcs, farbenreiches Bild, das uns auf diesen Blättern entworfen wird. — Im Jahre 1577 zu Sigmaringen geboren, bezog der Heilige, über dessen erste Jugendschicksale wenig bekannt ist, nach Beendigung seiner humanistischen und philosophischen Vorbildung die Universität Frciburg i. Br., um die Rechte zu studiren, begleitete dann mehrere adelige junge Leute auf einer sechsjährigen Reise in die bedeutendsten Städte Europas und kehrte 1610 reich an Kenntnissen in die Heimath zurück. Ein Jahr darauf erhielt er die Doctorwürde beider Rechte und trat ein in die Advokatur, in der er sich sowohl das Vertrauen der österreichischen Regierung, als auch den Ebrentitel eines Advokaten der Armen erwarb. Aber schon bald erging an ihn ein höherer Ruf; er ließ sich umnehmen in den Kapuzinerorden, in dem er als Prediger, Bcickcvatcr und Oberer an den verschiedensten Orten wirkte. Ein Muster der Armulb und Demuth, zog er mächtig durch seine Predigten an, wirkte Wunder von Bekehrungen, führte zahllose Calviuisicn zurück in den Schooß der Kirche und pflegte zur Zeit der Pest die Kranken mit einer Aufopferung, die ihm die allgemeinste Achtung gewann Als dann Oesterreich im Jahre 1621 das von Neligionsbaß und Partciwnth zerrissene Vcltlin und andere Theile von Graubünden besetzte, und der katholischen Religion dort wieder aufhelfen wollte, wurde Fidelis zum Präsekten der neu errichteten rhäiiscbcn Mission bestellt. Allein seine dornenvolle Thätigkeit dauerte nicht lange; kaum ein halbes Jahr hatte er gegen den Irrthum durch die Macht seines Wortes und seiucr katholischen Ueberzeugung gckänipst, da fiel er unter dc» Streichen fanatischer Calvinisten als Märtyrer auf dem Felde der Ehre. Benedikt XIV. nahm ihn auf in die Zahl der Heiligen. — Das ist in wenig Worten der Inhalt des reich illusirirten Buches, das LebcnSmlv dieses ächten Kapuziners mit seinem lieben, treuen Wesen; als eine herrliche Lichtgestalt hebt er sich ab von dem düsteren Hintergrund des 17. Jahr- bundertS. Die Schilderung, die der Verfasser bietet, ist frisch, lebendig, von reicher Poesie durchhaucht, dabei aber nach Quellen bearbeitet sorgfältig und genau. Keiner wird sie lese» ohne Genuß und Erbauung. „Freu' DichI" Eine Auswahl geistlicher Gesänge. Mit bischöflicher Gcucbmigung. 8° 156 Seiten. Selbstverlag bei I)r. M. Tratter, Benef. in Bozcn (Tirol). Preis Mk. 1.—. Zu beziehen durch die Buchhandlungen oder direkt vom Commissiousvcrlag Joh. Falk III. Söhne in Mainz. Der Inhalt dieses Werkes zeichnet sich durch große Reichhaltigkeit und Mannigfaltigkeit aus, indem für Advent 13 Nummern, Weihnachtszeit 18, Namen Jesu 14, Fasten 28, Ostern 17, Bittwocke 6. Christi Himmelfahrt 6, Pfingsten 16, Dreifaltigkeit 6, Fronleichnam 24, Herz Jesu 6, Mutter GoiteS 46 rc. Vorhände» sind, wobei nur in wenigen Fällen dieselbe Melodie zu mcbr als cinem Liedcrtext gehört. ES begegnen unS vor allem jene ehrwürdigen Gesänge, an deren Kraft und Innigkeit sich schon vor'Jahrhunderteu unsere Vorfahren erbauten. „AnS praktischen Gründe» schien es dem Vcriasser aber nöthig, den kostbaren Perlen alter Dich-tkunst auch neue Lieder beizu- geben." In der Fassung des Textes wie der Melcdieen, welch letztere aus guten Gründen in Choralnotcnschrist aus Vierlimen- systcm wiedergegeben sind, ist mit peinlicher Sorgfalt verfahren worden. Musterhaft ist die Ausstattung, was Papier, Tcxt- und Notendruck betrifft, vortrefflich die Einrichtung, daß man bei keiner der 232 Nummern jemals das Blatt zu wenden braucht, also Text und Melodie immer aus Einer Fläche vor vor sich hat. Daß solches nicht aus Kosten der Handlichkeit erreicht wurde, sei noch besonders lobend bervorgehobeu, sowie auch, daß der Preis von 1 Mk. sehr niedrig ist. rv. Professor vi. Chr. Wilh. Hnfelands Makro- biotik oder Die Kunst, daö menschliche Leben zu verlängern, erschien jüngst in einer sehr gut ausgestatteten, von Dr. weil. Alfred Manry bearbeiteten Volksausgabe im Verlage von Hugo Steinitz in Berlin. Daö berühmte Buch des ehemaligen Leibarztes der preußischen Königsiamilie gibt die wesentlichsten Mittel an, die Gesundheit zu erhalten, die erschütterte herzustellen nnd Krankheiten zu beseitigen. Daß die 80 Rathschläge deS groben nnb berühmten Arztes, der selbst ein sehr hohes Alter erreichte, in tausend und abertausend Fällen die segensreichsten Früchte getragen haben, ist bekannt; eS thut sicherlich jedem bessere Dienste als die vielen Geheimmittcl, die jetzt angepriesen werden. Der Preis des 232 Seiten starken Buches ist außerordentlich billig, er beträgt 1 Mk. 50 Ps. Bibliothek der gestimmten Natnrhcilknnde. Bd. IX. Die Naturheil Methode bei Hämorrhoidal- lei den von Dr. Carl Reiß. Berlin, H. Steinitz Verlag. 1 Mk. Die Hämorrhcidcn, dieses verbreitetste und lästigste Uebel der Menschheit, welches meist hervorgerufen ist durch eine den natürlichen Erfordernissen des Körpers nicht entsprechende Lebensweise, können nicht anders beseitigt werden, als durch vernunftgemäße Lebensführung, durch ausgiebigste Verwendung der natürlichen Hcilfaktoren. Von dieser einzig richtigen Anschauung ausgehend ist der vorliegende Band geschrieben, der, was die erschöpfende Darstellung, die Eleganz der Diktion, die Klarheit des Stils anbelangt, vollkommen aus der Höhe der vorausgegangenen Bände steht und volle Beachtung verdient. .Katholische Flugschriften zur Wehr und Lehr." Preis pro Nummer 10 Pf. Verlag der „Germania" in Berlin. Nr. 95/96. Wilhelm Emanuel Frhr. v. Ketteler, der Lehrer und Vorkämpfer der katholisch-socialen Bestrebungen. Von Joh. Wenzel, Mitglied des Reichstages. — Nr. 97. Darwinismus und Socialdemokratie oder Haeckel und der Umsturz. — Nr. 98/99. Ein Blick in die Re- ductionen von Paraguay. — Nr. 100. Ketteler, Die wissenschaftliche Behandlung der socialen Frage. Von Joh. Wenzel. — Nr. 101. Warum ich katholisch geworden bin? Offener Brief des früheren lutherischen Pastors Jenseit an seine Freunde in der dänischen Landeskirche. — Alle Hcft- chcn, ausschließlich von anerkannt tüchtigen Verfassern geschrieben, verdienen die weiteste Verbreitung. Literarische Rundschau sür das katholische Deutschland. Herausgegeben von vr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. 22. Jahrg. 1896. 12 Nummern. M. 9. — Freiburg im Breisgau, Herder'fche Vcr- lagShaudluug. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 1: Neuere philosophische Literatur. (Draig.) — Bardenhewer, Der Name Maria. (Nottmanuer.) — Stiglmayr, Das Aufkommen der Pscudo-DionysifchcnSchriften rc. (Bardenhewer.) — Lingcns, Die innere Schönheit des Christenthums. (Schanz.) — Gutberlet, Lehrbuch der Apologetik. (Schill.) — Ldort, Lidliotlwoa llüomistiea. (Dörholt.) — Bürger, Unterweisungen über die christliche Vollkommenheit. (Pruner.) — Mayer, Die krokossio reli^iosa, im kanonischen, gemeinen und geltenden deutschen Neichsrcchte. (Kihn.) — Walter, Das Eigenthum nach der Lehre des hl. TbomaS rc. (Atzbcrger.) — kottliast, LibliotLeoa, Historie». meüii aevi. (Falk.) — Aus dem Leben Unserer Lieben Frau. (Krieg.) — Weiß-Kreiten, Ein moderner Todtcntanz. (Krieg.) — Verschiedene Ncproduc- tionen älterer Kunstschöpfungen. (Krieg.) — Zingcler-Laur, Die Bau- und Kunstdenkmälcr in den Hobcnzollcrnschen Landen. (Keppler.) — Sickenberger, Deutsche Geschichte sür Schule und Hans. (Macke.) — Wychgram, Schiller. (Egen.) — Nachrichten. — Büchcrtisch. _ Linzer theok.-praktische Quartalschrift. Jahrgang 1896. Expedition: Linz, Stiftcrsiraße Nr. 7. Hreiö pr. Jahr 7 M. Inhalt des 1. Heftes u. A.: Die Erneuerung der Gesellschaft. Von I?. A. M. Weiß 0. vr. — Praktische Bemerkungen über das Veichtvateramt und dessen Verwaltung. Von Dr. Jakob Schmitt, Domcapitular zu Freiburg (Baden). — Der Beruf zum Priesterthum. Von Professor Auzustin Lehm- kubl 8. i. in Exaeten (Holland). — Schrift und Schriftlescn. Von k. Hilarin 0. Lax., Lector in Freiburg (Schweiz). — Der Begriff des Gelübdes. Von vr. Ph. Huppert, Ncctor in BcnSheim (Hessen). — Die kirchlichen Benedictionen in ihren Wirkungen gegen Krankheiten. Von v. Ludwig Keller Orcl. List., Prior in Marienstatt (Nassau). — Das Geburtsjahr Jesu Christi. Von ?. Michael Hetze nancr 0. 6ax>., Lector der hl. Schrift in Innsbruck. — Das päpstliche Dccret -tzuem- aämoäum omuium« bezüglich der öfteren Commuuion. Von v. Max Hub er 8. I., PriesterhauS-Director in Klagensurt. — Waffen im Kampfe gegen den Socialismus. Von Joh. Lang- thaler, reg. Chorherr und StistSbosmeistcr in St. Florian. — Pastoral-Fragen und-Fälle, u. A.: Oeoasio proxima. Von v. Augustin Lebmkuhl 8. I. in Exaeten (Holland). Impeäi- insntmiu amsutiae oder erroris? Von vr. Heinrich Kihn, llniversitätSprofcssor in Würzburg (Bayern). Meßstipeudien. Von vr. Fr. A. G oepfert, Univ.-Prof. in Würzburg. Mißbrauch der Ecncralbeicht von Seite der weiblichen Pönitenten. Von vr. Jos. Nig lutsch, Professor in Tricnt (Tirol). Con- scssion der Kinder aus gemischten Ehen nach dem Tode des VaterS. Von Augustin Arndt 8. I., Pros. in Krakau. Wie kaun der Mechanismus beim äußeren Gottesdienste beseitigt werden. Von v. Bernb. Schmid 0.8. V. in Scbcyern (Bayern). — Literatur. — Entscheidungen und Bestimmungen der röm- Kongregationen. Zusammengestellt von v. Bruno AlberS 0. 8. v. in Beuron. — Neueste Bewilligungen oder Entscheidungen in Sacken der Ablässe. Von k. Franz Beriuger 8.1., Consnltor in Rom. — Kirchliche Zeitläufte. Von Professor Vr. M. Hiptmair in Linz. — Bericht über die Erfolge der kath. Missionen. Von Joh. G. Hub er, Siadtvfarrer in Schwaneu- stadt. — Geschichte des Lollexium Vermauioniu IIuvAarionm in Rom. Von Domcapitular vr. Mathias Höhler in Lim» bürg a. b. L. — Kurze Fragen und Mittheilungen. Die von vr. Karl Nuß herausgegebene illustrirte Wochen sehnst sür Vogelliebhaber, -Züchter und -Händler „Die gefiederte Welt" (Preis vierteljährlich IM. 50 Pf.) feiert in diesem Jahr das Fest ihres 25jährigcn Bestehens. Die erste Nummer des Jahrg. 1896 liegt vor uns und läßt ersehen, daß „Die gefiederte Welt" noch immer an der Spitze aller Fachbläiter marschirt. Diese Nummer 1 ist z. B. außer mit zwei Abbildungen im Text, bei vorzüglichster Ausstattung des Blattes selbst, noch mit eiueni Vollbild bedacht, auf welchem eine Gruppe einheimischer und eine solche fremdländischer Stubenvögcl in Schwarzdruck dargestellt ist. Eine Probcnummer des 1896er Jahrgangs versendet die Creutz'sche Verlagsbuchbandlung in Magdeburg auf Wunsch kostenlos und postfrci. Miscelle». 6 . (Der japanisch-chinesische Krieg und das Missionöwerk in China.) Man hat die Frage aufgeworfen, ob der vorbezeichncte Krieg sür daö MissionSwcrk in China von Nutzen sein werde. Manche haben gemeint, diese Frage bejahen zu dürfen. Der Missionär k. T. Garcia in Fokien verneint diese Frage. Vernehmen wir, wie derselbe von dieser Frage urtheilt. „ . . . Die Chinesen scheinen noch widcrhaariger geworden zu sein. Von Japan, dessen leitende Staatsmänner dem religiösen JndifferentismuS huldigen, ist in dieser Hinsicht nichts zu erwarten. Einige Hoffnung knüpfte sich an Frankreich, das entschlossen schien, für die katholische Religion in China volle Bewegungsfreiheit zu fordern. Allein die internationalen Fragen, welche der FricdenSvertrag von Simono-Saki heraufbeschwor, saugten seine Aufmerksamkeit völlig auf und bis jetzt ist noch nichts in der Sache geschehen. Ueberdics glaube ich, daß China trotz der harten Lektion, die es von Japan erhalten hat, der Aufnahme von europäischen Sitten und Ideen nach wie vor abgeneigt bleiben wird. Es leidet an einem Uebel, das zu alt ist, als daß es sobald gesunden könnte. Der Confucianismus, die Lehre Lao-tie's und deS Buddha haben den Chinesen in seiner religiösen Anschauung „stolz" verknöchern lassen, unv er will es gar nicht einsehen, daß er so dem Zustande der Unbeweglichkeit, der muiuien- artigen Vertrocknung und einer ewig unmündigen Kindheit verfallen ist. Was die natürlich-sittliche Veranlagung deS Chinesen angeht, so ist dieselbe zum Verwundern gut: arbeitsam, höflich, verständig und menschenfreundlich. Sie hoffen allein auf die Zeit, wo mit der Ankunft Kiun-tse'S die rechte Ordnung wieder hergestellt werden soll." — Kiun-tse bedeutet „Hirte und höchste Wahrheit" (der Hirte der höchsten Wahrheit). Man könnte mit v. Garcia der Vermuthung sein, Kiun-tse bedeute Christus. - 6. (Eine tröstliche Nachricht aus China.) Gegenüber der jüngsten Cbristeuverfolgung gereicht es den bedrängten Cbristcn zu nicht geringem Troste und erfüllt sie mit erhebender Hoffnung, daß der Kaiser von China einen Katholiken — Tsching-ta-jen — zum „bevollmächtigten chinesischen Gesandten" in Paris erhoben hat. Der Ernannte ist ein vortrefflicher Katholik. Seine Vorfahren wurden vor bereits 200 Jahren von den alten Jesuiten bekehrt. ES ist dieses in der Neuzeit das erste Mal, daß ein Katholik zu einem solch hohen Posten erhoben woroen. Eerantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Jnstii'stö von Haas L Grabhcrr in Augsburg. ttl'. 11 13. Mär? 1896. 6 8 Adam Weishanpt. Von Adam Hirschmann. An den Gymnasialschulen der Jesuiten herrschte die lobenswerthe Sitte, das Schuljahr mit Aufführung eines lateinischen Theaterstückes feierlich zu schließen?) Demgemäß brachte das Gymnasium zu Jngolstadt 1755 ein Stück zur Darstellung, welches der Professor der Rhetorik Seidel aus der Gesellschaft Jesu verfaßt hatte. Es betitelt sich: La,varia, vstus st novn, und zielte darauf ab, Bayern zur Abwehr der eindringenden Freimaurerei aufzufordern. Der Mann der Loge tritt selbst auf. Mit den Worten, die zugleich feine Herkunft verrathen: Votrs trss linmdls ssrvitsnr, L-laäanis! bietet er dem jungen Bayern seine Dienste an. Dieses will wissen, was er, der Freimaurer, von Bayern denke? I'rg.uolis- raent, sums tatzon, saus ssraxlirasut erklärt er: Bayern hat viel Aberglauben, wenig Kunst und Wissenschaft. Die Menge Kirchen, voll Gold und Edelsteine, die Menge Popen und Oberpfasien, lauter Leute, die der Welt nichts nützen, das seien genug Beweise des Aberglaubens und seien der Schaden des Aerars. Darum soll das junge Bayern folgende Rathschläge befolgen: Mache die Kirchen zu Fabriken und Ställen, jage die Pfaffen fort, und nimm die nützlichen Leute auf, die ich dir vorstelle. Und das wären? Zuerst die Glaubensfreiheit. Sie ist die wahre Nationalökonomie. Denn von den verschiedenen Sekten wird die eine neue Handwerker, die andere geschicktere Künstler bringen, die eine den Handel fördern, die andere den Ackerbau, die dritte die Forste verbessern, die vierte die Viehzucht heben, die fünfte die Bergwerke ausbeuten. Zuletzt bringt der Jude Geld und kauft sich darum das Bürgerrecht. Laß jeden glauben, was er will, st unies euras, nt babeas civss, xsr guorum laborsm sis poisns st äivss! Als zweiten Gehilfen präsentirt der Freimaurer die Denkfreiheit. Katholische Luft, wie sie jetzt in Bayern wehe, tauge nicht für den Flor der Wissenschaft; im protestantischen Norden müsse man sich wahre Wissenschaft und Bildung holen: ImZstnni Latavorum est patria äoetorum; LlarburKi, cksnss, l-ixsias guasrenäao snnt ecisutjus. Kslwstmlü, Imnüini TubinZLS, Rsrolini Kalos aMä Laxonss tbi üant koimnes. Inbsrtas ssntisnäi tex xriwa S8t 8eisnäi. 8i jura. äat Lslig'io caxtiva Mimt ratio. Hai vinenlis Lomaais liZatur in8tar eanis nuuguam meutsw sii§it, nunguaw, 86 nil seirs, seit. Lehden in Holland ist die Vaterstadt der Gelehrten; zu Marburg, Jena, Leipzig muß man sich Wissenschaft holen; in Helmstädt, London, Tübingen, Berlin, zu Halle ') Die Studienordnung der Gesellschaft Jesu v. I. 1599 enthält hierüber folgende Vorschrift: Der Gegenstand der Tragödien und Komödien, die jedoch nur lateinisch sein und sehr selten ausgeführt werden sollen, sei ein heiliger und frommer; auch dürfen nur lateinische und anständige Zwischenspiele vorkommen; weibliche Rollen und Trachten sind ganz verboten. Pachtlcr, Ratio etuäiorum II, 273., bei den Sachsen werden die Menschen gebildet. Die Freiheit zu denken ist das erste Gesetz des Wissens; herrscht aber die Religion, so seufzt in Knechtschaft die Vernunft; wer wie ein Hund mit Ketten an Rom gefesselt ist, erhebt niemals den Geist, wird sich niemals bewußt, daß er eigentlich nichts weiß! So deklamirte in Jngolstadt 1755 der Freimaurer, welcher das junge Bayern zur Säkularisation der Kirchen- und Klostergüter, zur Duldung aller Konfessionen anspornte. In Gegenwart des Kurfürsten Maximilian III. (1745—1777) wurde das Drama Luvaria. vstus sb vova, einige Jahre später in Straubing noch einmal aufgeführt; zum Danke erhielt der Verfasser den gemessenen Befehl, Bayerns Boden innerhalb drei Tagen zu verlassen. Seidel hatte eben zu getrau nach dem Leben gezeichnet. Die Freimaurer am Hofe in München fühlten sich getroffen; zur Strafe mußte der kühne Jesuite über die Grenze ziehen! ?) Durch die Vermittelung eines eifrigen Schülers des ungläubigen Voltaire, des kurmainzischen Großhosmeisters Graf Stadion, war 1731 Adam Ick statt, welcher in Mainz, wo er das Jahr zuvor den Doktorgrad der Rechte erworben hatte, keine öffentlichen Vorlesungen hatte eröffnen dürfen, mit dem Prädikate eines Hofrathes als Professor des jrm xulüisunr iinx., des jus naturas st: Asntüuw und der institutionss irnxsrialss nach Würz- burg berufen worden. Zehn Jahre hatte Jckstatt diese Stelle inne, als er einen Ruf nach München erhielt, um den Kurprinzen Maximilian in das Staats-, Natur- und Völkerrecht einzuführen. Am 1. April 1741 trat der neue Prinzenerzieher sein Amt an. Gab es denn für diesen wichtigen Posten keinen einheimischen Gelehrten? Warum wurde dazu ein Ausländers auserlesen? Am 20. Januar 1745 starb Karl Albrecht, nachdem er drei Jahre lang die Schattenwürde eines deutschen Kaisers innegehabt hatte; Jckstatt's Schüler bestieg den Thron Bayerns. Am 22. August 1746 ernannte Maximilian III) Joseph seinen ehemaligen Hofmeister zum Direktor der Universität Jngolstadt, wo er zugleich als Lehrer des Pastoralbl. des BisthumS Eichstätt 1865 S. 203. Im Jahre 1799 gab ein Jlluminat Seidel's Arbeit heraus mit bissigen Bemerkungen gegen die Jesuiten. Neu abgedruckt mit Erläuterungen in Fr. v. VeSnard'S Literaturzeitung für die. kathol. Geistlichkeit, Septcinberhest 1832. Als eigene Broschüre erschienen in LandShut bei Jos. Thomann. b) Adam Jckstatt war am 6. Januar 1702 zu Vockenhausen unweit Königstcin im kurmainzischen Gebiete als Sohn eines Grobschmiedes geboren worden. Da ibm das Gewerbe des Vaters nicht zusagte, entwich er nach Mainz und erwarb sich daselbst durch sein einschmeichelndes Wesen und durch den Durst nach Kenntniß Freunde, die es ihm ermöglichten, das Gymnasium besuchen zu können. Doch unbekannt aus welchem Grunde verließ der junge Student gar bald Mainz und wanderte nach Paris; aber anstatt in den Hörsälcn berühmter Denker finden wir den achtzehnjährigen Jckstatt in der Kaserne als gemeinen Soldaten. Indessen vertauschte er baldigst den französischen Waffenrock mit dem kaiserlichen; ob er Frankreich mit einem ordentlichen Abschied verlassen oder ob er descrtirt ist, steht nicht fest. 1725 hörte er in Marburg den Philosophen Wolf, promovirtc 1727 zum Magister auf Grund der Dissertation : kbasnomsu siiiKnIars äs malo pomiksra. sins üoribus aä rations8 pb^sieas rsvoeatnm — Merkwürdige Erscheinung des blätterlosen Apfelbaumes nach den Gesetzen der Physik geprüft. Da Jckstatt als Dozent der Mathematik kein Kolleg zu Stande brachte, so hörte er bei Waldschmidt und Hombregh Vortrage über Rechtswissenschaft. Histor.-polit. Blätter Bd. 70 Seite 378. Natur- und Völkerrechtes, der Oekonomie- und Kameral- tvissenschaften die ganze juristische Fakultät in Händen hatte. Im Oktober trat Jckstatt sein Amt an, und seine erste That war, daß Heegius an die Regierung nach Straubing versetzt wurde, um für einen Günstling Platz zu machen, der in Würzburg sein Schüler gewesen, dermalen aber Repetitor des Rechtes an der fränkischen Hochschule und Bräutigam einer Nichte seiner Frau war: durch Dekret vom 14. Oktober 1746 wurde Johann Georg Weishaupt, geboren 1717 zu Brilon im preußischen Regierungsbezirke Arnsberg in Westfalen, als Professor der kaiserlichen Institutionen und des Kriminalrechtes mit 600 fl. Gehalt nach Jngolstadt berufen. (Mederer, ^irnul. inZolst. III, 227.) Um seine Vorlesungen beginnen zu können, mußte der Berufene erst selbst am 4. November 1746 in Jngolstadt zum Doktor beider Rechte promoviren! Am 6. Februar 1748 wurde dem Professor Weishaupt ein Söhnlein geboren, das in der hl. Taufe den Namen Joseph Johann Adam erhielt; Adam Jckstatt hielt das Kind über dem Taufbecken, als Stadtpfarrer Ferdinand Balthasar Ecker zur Sch. U. L. Frau in Jngolstadt das Wasser der Wiedergeburt abgoß. Diesem Pathenkinde Jckstatis sollen die nachfolgenden Zeilen gewidmet sein. Seine geistige Ausbildung erhielt Adam Weishaupt bei den Jesuiten seiner Vaterstadt, welche seit 1556 in Jngolstadt thätig waren. Im Nachtrag zur „Rechtfertigung meiner Absichten" (Frankfurt u. Leipzig 1787 S. 14—19) erzählt Weishaupt: „Ich kam als ein Knab mit achthalb Jahren das erstemal in die Schule. Es ist wahr, wir mußten unaufhörlich beichten und dem äußerlichen Gottesdienst beiwohnen und vorzüglich die Andachten zu ihren (der Jesuiten) Heiligen verrichten. Aber dies war auch alles: Sie wollten sich auf diese Art, nicht durch Gründe, sondern durch den äußerlichen Glanz, durch Gewohnheit und Fertigkeiten des jungen Kopfes so sehr bemeistern, daß er dereinst bei reiferen Jahren gar kein Bedürfniß nach höheren Gründen haben sollte. Unser einziger Unterricht war jeden Freitag, wo wir ein Stück aus unserem Canisius auswendig daherplappern mußten?) Wenn gegen Ende des Jahres die Prämien vertheilt wurden, so ward eine dergleichen Belohnung auch demjenigen zugedacht, welcher bei der vorgenommenen Prüfung die besten Beweise seines Unterrichts im Christenthum gegeben hatte. Und nun höre die Welt diese Beweise und sie sage, ob ich unrecht habe? — Wir mußten der Reihe nach, meistens nach alphabetischer Ordnung, an der Thür des Zimmers, in welchem sich drei von unseren Glaubens-Richtern versammelt hatten, warten, der erste nach gegebenen Zeichen ein- «) Aehnlich schreibt Cl. Th. P-rtheS in: Politische Zustände und Personen in Deutschland zur Zeit der französischen Revolution (Gotha 1862) I, 438 über Bayern: „Der Religionsunterricht bestand zum großen Tbeile in dem Auswendiglernen der Sätze des von dem Jesuiten Grätscher verfaßten Katechismus." Greifer oder Gretscher, wie Mederer schreibt, hat aber keinen Schulkatcchismus geschrieben. Die Studienordnnng der Gesellschaft Jesu v. 1599 schrieb den Professoren der niederen Klassen *or: „Die Jünglinge, die man der Gesellschaft Jesu zur Er- .iehung anvertraue hat, unterrichte der Lehrer so, daß sie zugleich mit den Wissenschaften besonders die eines Christen würdigen Sitten gewinnen. Er wache darüber, daß alle der Messe und Predigt beiwohnen; und zwar der Messe täglich, der Predigt aber an Festtagen. . . . Der christliche Unterricht soll besonders in den Klassen der Grammatik und, wenn nöthig, auch in andern Freitags oder Sonnabends auswendig gelernt und hergesagt werden. . . Er halte auch Freitags oder Sonnabends eine halbstündige fromme Exhorte oder Erklärung des Katechismus; er dringe vorzüglich aus tägliches Gebet, besonders auch zur täglichen Abbetung des Rosenkranzes oder der Tag- zeiten Mariä. . . Er empfehle sehr die geistliche Lesung, besonders aus dem Leben der Heiligen; er bemühe sich, daß Niemand die monatliche Beicht unterlasse. Pachtler I. v. II, 879-381. 6onk. II, 275 v. 21; II. 353 u. 6. treten und nicht eine Glaubenssrage, sondern ein Räthsel anS dem Canisius auflösen, z. B. wir sollten das Vaterunser rückwärts ohne Anstand auswendig hersagen. Wir sollten sagen, wie oft at, tu oder oum in dem ersten Haupt stück stehen, oder eö wurden uns 2 oder 3 Worte aufgegeben, wo wir sogleich fortfahren mußten, und dies so oft, als diese Worte in diesem Hauptstücke enthalten waren. Wenn einer nach dem andern diese Fragen vor diesem geheimen Religionsgericht beantwortet hatte, so kam der Präfckt an die Thüre und verlas die Namen derjenigen, welche die Frage errathen hatten. Diese blieben sodann und fingen unter sich ihren Wettstreit aus der Religion auf das Neue an, bis ein einziger Sieger blieb, und dieser allein wurde gekrönt. — Nun sage alle Welt, was sie von diesem Religionsunterricht hält? Diesen und keinen andern Unterricht (denn ihre Predigten waren nicht viel besser) erhielt ich bis in das 15. Jahr meines Lebens, wo ich das Gymnasium verließ und mit dem akademischen CursuS den Ansang machte. Ich bin auf diese Art, ich darf sagen, 29 Jahre alt geworden, ohne daß ich für die Wahrheit meiner Religion einen andern Beweis anführen konnte, als: so bin ich gelehrt worden; so sagt die Kirche; dieses Recht der Kirche ist in der hl. Schrift gegründet, und die Kirche hat das Recht, den zweifelhaften Sinn der Schrift zu bestimmen. Was soll, fährt Weishaupt fort, aus einem solchen Menschen werden, wenn er hinter andere Bücher geräth, wenn er mit Vernünftigen einen Umgang pflegt, wenn er aus der Schule mit einer so schwachen Gegenwehr und Vorbereitung in die Welt tritt... Ich glaube also mit Grund behaupten zu können, daß nicht ich, nickt der Jlluminatismus, sondern der fortdauernde schlechte Religionsunterricht und die Unwissenheit des größern Theils von dem katholischen Klerus, die Quelle dcS in diesem Lande (Bayern) herrschenden Unglaubens sei." Der junge Weishaupt, dessen Vater schon im September 1753 in Heiligenthal bei Würzburg, wo er in den Ferien weilte, im Alter von 36 Jahren starb (Mederer, Uniral. III, 256), lernte bei seinem Gönner und Pathen Jckstatt die neueste Literatur französischer Aufklärung kennen, und bald war ihm „der Name der Bibel ebenso unerträglich und lächerlich", als die Schriften des Cicero, gegen welche er bis in sein Alter tiefen Abscheu trug; er gelangte zu einem allgemeinen Skepticismus. Im Jahre 1764 promovirte er an der Hochschule zu Jngolstadt aus der gesammten Philosophie, 1768 aus dem Rechte, welches er sich zum Fachstudium erwählt hatte. Schon im Jahre 1772 wurde er außerordentlicher Professor der Rechtswissenschaft; als im folgenden Jahre die Jesuiten in Folge des päpstlichen Aufhebungsbreves vom 21. Juli 1773 ihre Lehrthätigkeit an der Jngol- städter Hochschule einstellen mußten, übernahm Weishaupt, wenn auch Laie, die Vorlesungen aus dem kanonischen Rechte, welche er 13 Jahre lang „nach der Lehre der gallikanischen Kirche" fortführte. (Kurze Rechtfertigung S. 25.) Mit Jckstatt's Hilfe fand er auch Zutritt zu der philosophischen Fakultät und las über Geschichte und Moralphilosophie in so „aufgeklärtem" Sinne, wie er ohne zu große Gefahr nur konnte. Dabei verschmähte es der ehrgeizige Professor nicht, in lieblosester Weise über seinen Gönner Jckstatt an Lori, den Mitdirektor der Universität, nach München zu berichten. (Allg. Ztg. 1874 Beilage Nr. 174; über Lori vergl. Westenrteder, Sämmtl. Werke, Kcmpten 1833, Bd. 14 S. 140—167.) Ueberall aber wähnte er den Einfluß der Exjesuiten als Hemmschuh seiner Bestrebungen zu verspüren; der Jesuitis- mus war der Popanz seiner Eitelkeit; ja er behauptete geradezu, die Jesuiten hätten sich gegen ihn, nachdem er Professor geworden, verschworen. (Pythagoras oder Betrachtungen über die geheime Welt und Negierungskunst von Adam Weishaupt, Frankfurt und Leipzig 1790, Seite 658.) Da kam, wie Weishaupt erzählt, im Jahre 1774 ein Protestant H. aus H. (vielleicht Hamburg) nach In- golstadt und unterhielt sich mit Weishaupt über dke Freimaurerei, deren Ziele und Bestrebungen. Hiedurch kam der Jngolstädter Universitätsprosessor auf den Gedanken, einen eigenen Orden zu gründen, um die Einwirkungen des Jesuiiismus zu paralysiren (Pythagoras S. 651). Abts Schrift vom Verdienste bestärkte ihn in seinem Vorhaben, so daß allgemeine Statuten entworfen wurden, deren Tendenz aus dem Namen „Statuten der Perfekii- bilisten" erhellte. „Diesen Namen, sagt Weishaupt, habe ich bloß aus der Ursache geändert, weil das Wort zu sonderbar klingt; indessen zeigt doch dieser Name, welche Absicht ich bei der Gründung der Gesellschaft hatte. Diese nahm mit dem 1. Mai 1776 ihren Anfang" ^) (Pyjha- goras S. 670). Der Zweck dieser geheimen Verbindung, welche Orden der Jlluminaten, Erleuchteten oder Bienenorden, Bienengesellschaft (Einige Originalschriften S. 320) benannt wurde, war: „dem Menschen die Vervollkommnung seines Verstandes und moralischen Charakters interessant zu machen, menschliche und gesellschaftliche Gesinnungen zu verbreiten, boshafte Absichten in der Welt zu hindern, der notleidenden und bedrängten Tugend gegen das Unrecht beizustehen, auf die Beförderung würdiger Männer zu gedenken und überhaupt die Mittel zur Erkenntniß und Wissenschaften zu erleichtern. Man versichert theuer und heilig, daß dieses der einzige und nicht colorirte Endzweck der Gesellschaft sei" (Einige Original- schriften S. 27). Ein andermal schreibt Weishaupt an Cato: „Ich schwöre zu Gott, daß ich nichts weiter suche, als meinen Zweck. Dieser ist für mich Hinterflucht und Zuflucht im Unglück, für die Welt aber Bildung guter Menschen, Verbreitung der Wissenschaften und Schwächung boshafter Absichten" (Ebend. S. 280.) Als letztes Ziel des Ordens betrachtete der Stifter die Aufgabe, alle Menschen zum Dienste der Natur hinzuführen (o'sst sn rarasnant toua 1s s storarnss au eults äs In naturs. VoilL 1s äsrnisr Hut äs nron ouvraZs. (Ebend. S. 237.) Am 10. März 1778 schrieb Weishaupt, der an den Statuten immer änderte, an Cato: „Unterdessen will ich ihnen doch ev äktail meine damaligen Gedanken schreiben, tllon bat est kairs valoir In raison. Als Nebenzweck betrachte ich unseren Schuh, Macht, sichern Nucken von UnMckSfällen, Erleichterung der Mittel zur Erkanntnuß und Wissenschaft zu gelangen. Am meisten suche ich diejenigen Wissenschaften zu betreiben, die auf unsere allgenuine oder Ordens Glückseligkeit oder auch Privatangelegenheiten Einfluß haben, und die entgegengesetzten aus dem Weg zu räumen. Sie können also wohl denken, daß wir es mit Pedantismo, mit öffentlichen Schulen. Erziehung, Intoleranz, Theologie und Staatsverfassung werden zu thun haben. Dazu kann ich die Leute nicht brauchen, wie sie sind, sondern ich muß mir sie erst bilden. Und jede vorhergehende Klasse muß die Prüfungsschule für die künftige sein... In der nächsten Klasse, dächte ich also, eine Art von gelehrter Akademie zu errichten: in solcher wird gearbeitet, an Cbaraktcren, historischen und lebenden, Studium der Alten, Beobachtungsgeist, Abhandlungen, Preisfragen, und in sxsois mache ick darinnen jeden zum Spion des andern und aller. Darauf werden die Fähigen zu den Mysterien herausgenommen, die in dieser Klasse etliche Grundsätze und Grundersordernisse zum menschlichen glückseligen Leben sind. Anbei wird gearbeitet an Erkenntniß und Ansreutung der Vorurtheile. Diese muß jeder anzeigen v. g. monatlich, welche er bei sich entdeckt? welches das herrschende ist? wie weit er in Bestreitung derselben gekommen ist rc. Dieses ist bei uns ebensoviel, was bei den Jesuiten die Beickt war. Aus diesen kann ich ersehen, welche geneigt sind, gewisse sonderbare Staatslehren, Weckers hinauf Neligionsmeinungen anzunehmen. °) Knöpf! er, Lehrbuch der Kirchengeschichte S. 616, hat somit unrecht, wenn er die Gründung des Illuminatenordens in das Jahr 1775 verlegt. Und am Ende folgt die totale Einsicht in die Politik und Maximen des Ordens. In diesem obersten Conseil werden die Projekte entworfen, wie den Feinden der Vernunft und Menschlichkeit nach und nach auf den Leib zu gehen sei; Wie die Sache unter den Ordens Mitgliedern einzuleiten, wem es anzuvertrauen? Wie ein jeder n, proxortions seiner Einsicht könne dazu gebraucht werden; ebenso werde ich es auch mit der Erziehung und andern: machen. . . Sie werden nach und nach eine eigene Moral, Erziehung. Statistik und Religion entstehen sehen." (Ebend. S. 215-217.) (Fortsetzung folgt.) k'i'aotio xariis. Eine wichtige Entdeckung aus den Katakomben. Besprochen von Dr. G. A. Müller. Wenn der geniale Schüler Battista de Nossis, Mon- fignor Josef Wilpert in Rom, unser deutscher Landsmann, ein neues Werk publizirt, so ist das allemal ein wichtiges Ereigniß. Wilpert scheint nun einmal Prä« desttnirt zu sein, auf der Arena der christlichen Alterthumswissenschaft die gewaltige Rolle eines glückbegünstig- ten, fügen wir aber auch bei, tiefgelehrten Entdeckers zu spielen. Wir verdanken ihm die Klarstellung der „Prinzipienfragen der christlichen Archäologie" gegenüber den destruktiven Theorieen moderner Skeptiker; wir verdanken ihm die erstmalige mustergültige Herausgabe eines „CycluS christologischer Gemälde aus der Katakombe der heiligen Petrus und Marcellinus; wir verdanken ihm eine ikono- graphische Studie über die Katakombengemälde und ihre > alten Copieen; wir verdanken ihm eine prächtige Mono- > graphie über „die gottgeweihten Jungfrauen in den ersten > Jahrhunderten der Kirche" — alles Arbeiten, die jegliche ! für sich eine neue Entdeckung bedeuten. ! Und nun überrascht die gesammte wissenschaftliche i Welt eine neue Arbeit, deren Inhalt der große Nosst vor seinem Tode als die „Krone der Ausgrabungen" bezeichnete. Wilpert hat in einer Dar- > stellung der ersten christlichen Kunstepoche die Wiedergabe der liturgischen Brodbrechung im eucharistischen Opfer entdeckt — und dieser unabsehbar wichtigen Entdeckung gilt die bei Herder erschienene herrliche Monographie pg,uis". (Preis M. 18.—.) Die Bedeutung dieser Entdeckung für die katholische Apologetik liegt auf der Hand: wir stehen vor einem un- widerleglichen monumentalen Beweis für den apostolischen Charakter der sogenannten „Messe", für den ur- christlichen Sinn der Eucharistie als Opfer, für die Wahrheit, daß das „Brodbrechen" nichts anderes als unser Meßopfer ist. Und dieser Beweis ist umso ver-< blüffender, als er bis fast in die Geburtstunde deS Christenthums hinaufreicht. Er widerlegt jeden nicht- katholischen Lchrbegriff über die Eucharistie in geschicht-, licher Beziehung und gibt den katholischen Kirchen deS Erdenrunds ein tesiiiaoniunr vsritutis. Man muß vorausschicken, daß die sogenannten Sakramentskapellen in den Katakomben des hl. Callistus, die jedem Nompilger bekannt sind, eine solch evivente Beweiskraft in ihren Malereien nicht besitzen, als jene ist, die Wilperts Entdeckung bietet. Dort konnte, wenn auch nur gezwungen, eine allegorisch-dogmatische Be-^ deutung noch angetastet werden: hier tritt die Allegorie mit der geschichtlichen Darstellung in engen Bund. Der Schauplatz der Entdeckung ist die wohlbekannte Katakombe der hl. Priscilla an der Via Salaria, die in das apostolische Zeitalter hinaufreicht, noch näher, die 84 darin befindliche architektonisch wie monumental wichtige „enxella, 6reou", eine Grabkammer, die eine kleine Basilika mit drei Nischen (einem Tonnengewölbe und zwei Abfiden) bildet und deren Bilderschmuck bis auf die poch nicht untersuchten Wand flächen über den Bögen archäologisch bekannt war. Hier setzte Wilperts Arbeit ein: und wie schwierig, ja gefährlich diese Arbeit war, wie sie an sich schon eine geniale That bedeutet, läßt uns der bescheidene Forscher ahnen. Das Resultat war aber auch des Schweißes werth: neben anderen Funden war die „Brodbrechung" entdeckt, deren Werth Wilpert kurz also bezeichnet: wir haben ein liturgisches Gemälde vor uns, das in der gesammten altchristlichen Kunst einzig in feiner Art dasteht. Wilpert gibt das Bild mit folgenden Worten wieder: Die Mahlgenossen, sechs an der Zahl, sind auf einem halbrunden Speisesopha (signaa, stibaüiuw, neLubi- torturo), welches etwas über dem Erdboden erhöht ist, gelagert. Der bärtige Mann dagegen, der das Brod bricht, sitzt auf einem niedrigen Gegenstand, der sich, weil nur oberflächlich angedeutet, nicht genauer bestimmen läßt. Er befindet sich am rechten Ende des Apeisesophas, also vor demjenigen, der den ersten Platz (in äextro cornu) einnimmt; er ist der Vorsitzende „yui xraosiäot", welcher den Sechs die Speise reichen wird. Als die Hauptperson wurde er von dem Maler dadurch ausgezeichnet, daß er allein den Bart trügt, was ihm ein gewisses Alter und eine gewisse Würde verleihen soll. Zu seinen Füßen steht zunächst der Kelch, dann die beiden Teller mit zwei Fischen und fünf Broden und zu äußerst auf beiden Seiten, links vier, rechts drei, bis an den Rand mit Brod gefüllte Körbe. Seine ganze Haltung beweist, daß er das Brod wirklich bricht und es nicht etwa bloß in die Höhe hebt, um es zu zeigen: die Arme sind nicht eingebogen, sondern nach vorn, fast wagsrecht, ausgestreckt; der Oberkörper ist gleichfalls nach vorn geneigt, nur der Kopf legt sich etwas zurück. Hierdurch hat der Künstler die ihm vorschwebende Idee, den Augenblick, den Akt der Brodbrechung darzustellen, in meisterhafter Weise zum Ausdruck gebracht. Es ist unschwer zu erkennen, daß hier eine Mischung mehrerer liturgischer und biblischer Momente vorliegt: wir finden das Speisewunder allegorisirt und das Wesen der Eucharistie dargestellt in Fisch, Brod und Wein; Wein und Brod sind nach der Konsekration der Fisch, d. i. Christus, der Herr; aber wir Haben auch eine der allerwichtigsten liturgischen Handlungen vor uns, die Brechung des Brodes durch den celebrirenden Bischof, der den Gläubigen die Com- Munion zu spenden im Begriffe steht. Wir stehen hier nicht vor einer bloßen Nummer pon Gemälden, die uns hin und wieder das unchrist- liche Liebesmahl, die Agape, darstellen. Hier sagen Ms die Gläubigen, die Brode, die cucharistische Vase, ^ie Fische und vorab der mit Aplomb gekennzeichnete Celebrant etwas anderes: wir werden ^Mitten in die Opferhandlung hinein versetzt, wir sehen die Liturgie der Messe. Diesem Beweismoment gibt Wilpert natürlich entsprechenden Ausdruck. Gleichwohl möchte ich noch ein Anderes betonen, was nicht minder wichtig erscheint: ich erblicke in der von Wilpert entdeckten xavis" den evidentesten Monumentalbeweis für den geschichtlichen Urcharakter deS besonderen Prtesterthums, des oräc» sxeoiulis, und in dieser Richtung liegt für mich die wirkliche, großartige Bedeutung der Entdeckung, die dazu angethan ist, die — Wissenden im Glauben zu stärken! Johann Carl August Lewald. Biographie zu seinem 25. Todestag (10. März) von A. G. Der schriftstellerisch ungemein thätige Lewald, der auch in unserem engeren Vaterlande eine Rolle spielte, wurde geboren am 14. Oktober 1792 in der preußischen Stadt Königsberg als der Sohn eines vermöglichen Kaufmanns. Da sein Vater bald mit Tod abging, mußte er zu seinem größten Leidwesen seine Studien, die er am Gymnasium seiner Vaterstadt betrieb, verlassen und gegen seinen Willen an die Stelle des verstorbenen Vaters im elterlichen Hause als Kaufmann eintreten, nachdem er vorher noch im Handelsfach sich etwas ausgebildet hatte. Er fand aber an dem Kaufmannsfach so wenig Gefallen, daß er kränkelte; die Liebe zum Studium war stärker, als die Liebe zur Fortführung des elterlichen Geschäftes, er kehrte wieder zu dem unfreiwillig verlassenen Studium zurück und warf sich in erster Linie auf die Erlernung der modernen Sprachen. Später wollte er die Kunst zu seinem Lebensberuf erwählen und zu diesem Zweck, da ihm reiche Mittel zu Gebote standen, eine Studienreise nach Italien antreten, um dort, wie jeder Kunstjünger, sich auszubilden, als der ansprechende Krieg mit Frankreich ihm einen Strich durch die wohlüberlegte Rechnung machte. Kein junger Mann blieb ja damals zu Hanse, als es galt, das Vaterland zu retten vor dem Korsen und korsischer Unterdrückung; sie schaarten sich zusammen als freiwillige, als fliegende Korps, und was sie geleistet, ist mit glänzenden Buchstaben in das Buch der deutschen Geschichte eingetragen zu ihrem unvergeßlichen Ruhme. Auch Lewald schloß sich den Freiwilligen an, mußte aber zu seinem größten Bedauern bald seinen Abschied nehmen, und zwar wegen Kränklichkeit. Nach Erlangung seiner Gesundheit hatte er im Auftrag eines Verwandten eine Geschäftsreise nach Warschau zu machen, wo ihn der russische General von Rosen kennen lernte, mit dem er auf seine Bitten hin als Sekretär seiner Kanzlei den Feldzug nach Frankreich mitmachte, also doch Soldat, wenn auch nicht mit dem Gewehr, so doch mit der Feder. Nach Beendigung des Feldzuges machte er Reisen fast durch ganz Deutschland, hielt sich nirgends längere Zeit auf, bis er endlich Holtei und Schall kennen lernte, auf deren Veranlassung hin sich Lewald der Bühne zuwandte. Nach einem kurzen Aufenthalt in der österreichischen Hauptstadt ging er nach Mähren, trat einerseits als Schauspieler auf, andererseits war er gegen vier Jahre als Theaterdichter thätig, ohne indeß in dieser Zeit besonders Bemerkenswerthes zu schaffen. Bekanntlich haben die Schauspieler in der Regel keine bleibende Stätte, weil sie eine solche nur in einzelnen Fällen wünschen, sie wollen reisen und ihr Licht bald da, bald dort leuchten oder auch nicht leuchten lassen. Lewald ging es auch so. Bald finden wir ihn als Sekretär beim berühmten Direktor Carl in Wien, dann als Regisseur des Stadttheaters in Nürnberg und hier zugleich als zeitweiligen Redacteur des „Nürnberger Korrespondenten". Früher hatte er als Dichter unter dem Namen Kurt Waller in die „Augsburger Abendzeitung", in ein Breslauer Blatt und tn das „Jahrbuch deutscher Nach» spiele" von Holtet geschrieben, in Wrnberg aber verfaßte er sein erstes größeres Werk, seine „Geschichte der Musik" im Jahre 1826 und begann damit zugleich die Schriftstellerlaufbahn. Kurze Zeit war Lewald Direktor des Theaters in Bamberg, dann vier Jahre Theaterdichter und Inspektor in Hamburg, in welcher Zeit er fünf Bände Novellen schrieb. DaS Theaterleben wollte ihm nicht recht behagen, er fühlte sich als Schriftsteller, und um ganz diesem Fach sich widmen zu können, übersiedelte er nach Paris, wo er bleiben wollte. Doch eine stärkere Gewalt vertrieb ihn aus der Seinestadt bereits nach neun Monaten, nämlich die Cholera, und er übersiedelte nach der Geburtsstadt seiner Frau, nach München, wo alsbald fünf Bände Novellen entstanden, von denen einer wegen des sonderbaren Titels erwähnt sei: „Gadsalünah, Erinnerungen aus Hamburg". Aber auch in München hielt es den Zugvogel nicht lange, nach nur drei Jahren ging er nach Stuttgart und gründete die Zeitschrift „Europa, Chronik der gebildeten Welt," mit der er später nach Karlsruhe übersiedelte und die er während zwölf Jahren redigirte, noch welchen sie Gustav Kühne übernahm. Trotz des etwas pompösen Titels scheint er mit der Chronik nicht die besten Geschäfte gemacht zu haben, und er schrieb deßwegen in dieser Zeit seine Erinnerungen aus dem Leben unter dem Titel „Aquarellen", „Neue Aquarellen aus dem Leben" und „Ein Menschenleben", welche nicht weniger als siebzehn Bände umfassen, gewiß ein Beweis von großer Emsigkeit und großem Fleiß; allein ob hier nicht die Wahrheit desealten Satzes anzuwenden ist: „allzuviel ist ungesund", ist denn doch eine andere Frage, die wir nicht verneinen möchten. In den folgenden Jahren machte Lewald mehrfache Reisen, so an den Bodensee, nach Tirol, an den Rhein, zu dem Zwecke, um Land und Leute und deren Sitten und Charakter in der Nähe kennen zu lernen, in sich aufzunehmen und sie in weiteren, mitunter interessanten Werken der Mit- und Nachwelt zu überliefern. Wie ungemein thätig er schriftstellerisch war, beweist sicher der Umstand, daß in den nächsten elf Jahren nicht weniger als vierzig Bände Novellen, Neiseschilderungen und Theater- erinnerungen im Buchhandel von ihm erschienen, mitunter natürlich auch Minderwerthiges, bisweilen auch unter bizarrem Titel, wie „Mörder und Gespenster" rc. Nachdem er die Redaktion der „Europa" niedergelegt hatte, zog er nach Wien und von dort nach Frankfurt a. M., wo er während der Revolutionszeit lebte. Ruhe fand er wiederum anf vierzehn Jahre in Stuttgart als Regisseur der Oper und des Hoftheaters, zugleich als Redacteur der konservativen „Deutschen Chronik". Im Jahre 1860 trat er in München zur katholischen Kirche über, und wir brauchen gar nicht weitere Worte zu verlieren, wenn wir behaupten, daß dieser Schritt von bekannter Seite ihm Feinde über Feinde zuzog. Was er bisher geleistet, war selbstverständlich in den Augen dieser Menschenkinder wie gar nichts. Lewald aber ließ sich durch nichts aus dem Geleise bringen, er widmete jetzt seine Feder ganz und gar Schriften, die rein katholischen Charakter an sich tragen und wovon erwähnt sein sollen seine „Clarinette", „Anna" und „Moderne Familiengeschichten". Viel Interessantes bieten auch seine „Letzten Fahrten", feine, wenn wir nicht irren, letzte Publikation. Nachdem er pensionirt war, zog er nach Baden-Baden, von da nach München, wo er am 10. März 1871 sein reichbewegtes irdisches Dasein beschloß im 79. Jahre seines Lebens. Die Thümmelei in der „schönen" Literatur. Ein gutes Wort zur rechten Zeit ist nach der hl. Schrift gleich goldenen Aepfeln auf silbernen Schalen. Ein gutes Buch, das zur rechten Zeit seine Stimme erhebt, ist erst recht dieses ehrenvollen Vergleichs würdig, und so etwas Zeitgemäßes im strengsten Sinne des Wortes ist eine Schrift von Heinrich Keiter, dem trefflichen Redacteur des Deutschen Hansschatzes, der mit einer unermüdlichen Wachsamkeit die moderne Literatur in ihren guten und schlechten Werken verfolgt.*) Wenn Herr v. Eynern und andere Thümmelfreunde im preußischen Abgcordnetenhause ihre langathmige Beredsamkeit einsetzen, um die Katholiken als die Trüber des konfessionellen Friedenswässerchens hinzustellen, so deckt dieses Schriftchen einen Riesensumpf von protestantisch-jüdischen Verleumdungen gegen die katholische Kirche auf, der bisher in dieser gründlichen und umfassenden Weise noch nicht beleuchtet worden ist. Mit Recht sagt Keiter, die Wirksamkeit der sog. populär-wissenschaftlichen Broschüren," der politischen Tagesblätter und der Reden der Hetzapostel sei nicht so eindringlich und nachhaltig, als das Brunnen» gift, das durch die Kanäle der schönen Literatur, der Unterhaltungsliteratur, der Romane und Theaterstücke in alle Schichten und Kreise der Gesellschaft geleitet wird. Er findet die Ursache der konfessionellen Verbissenheit auf protestantischer Seite zum weitaus größten Theil in der Unterhaltungsliteratur, und er gibt zum Beweise dessen eine reichhaltige und höchst interessante Uebersicht über den confes» schnellen Gehalt der schönwissenschaftlichen Literatur. Damit man nicht die „Hitze des Culturkampfs" zur Entschuldigung heranziehen kann, hat Keiter fast nur Werke herangezogen, die nach 1880 erschienen sind. Das Verzeichniß der benutzten Werke zählt 800 Nummern; es sind dabei Schriftsteller betheiligt, die als große Geister ersten Ranges gelten: Paul Heyse und der jüngst gefeierte Jubilar Konrad Ferdinand Meyer, Franzos, Frenzel, Jensen, Hopfen, Voß rc. Sie alle arbeiten in ihren „Kunstwerken" an der confessionellen Brunnenvergiftung mit, indem sie von der katholischen Kirche, den Oberhirten, den Geistlichen und Ordenslenten ein gehässiges Zerrbild entwerfen. Die culturkämpferischen Schwadroneurs bedecken die gröbsten und perfidesten Hetzereien von protestantischer Seite mit dem Mantel der Liebe, aber jedes kräftige Wörtlein, das ein Katholik in der Nothwehr riskirt, brandmarken sie als einen himmelschreienden Fricdens- bruch. In ähnlicher Weise hantirt die „ästhetische Kritik", mit doppeltem Maß. Wenn Conrad von Bolanden in einem Roman einen defensiven Vorstoß gegen ein protestantisches oder liberales „Ideal" macht, dann werden die Mücken geseiht und die Frösche zu Ochsen aufgeblasen. Aber wenn von der Gegenseite das tollste und widerwärtigste Zeug über den Katholicismus zusammengeschrieben wird, dann werden Kameele verschluckt. Die niedere Kritik, sagt Keiter treffend, lobt ohne Einschränkung; die höhere aber hebt, wenn die Sache gar zu arg ist, gegenüber „kleinen Mängeln" die „gesunde Tendenz" hervor, die über alles andere hinwegsehen lasse. Ebenso richtig ist die Bemerkung Keiter's, daß die liberale Kritik alsbald gegen den „Tendenzroman" wettert, wenn in einer Erzählung der katholische Verfasser ein Kreuzzeichen machen oder ein Ave beten läßt; aber Romane mit der leiden- ) Consessionelle Brunncnvcrgiftimg. des Jahrhunderts. Regcnsburg u. Leipzig Keiter. 120 S. 8°. Preis 1,20 M Die wahre Schmach Verlag von Heinr. 86 schriftliche» Tendenz der Verunglimpfung des Heiligen werden als Kunstwerke anerkannt. Ein Kritiker, der eine Ausnahme bildet, sagte in Westermann's Monatsheften: „die Mehrzahl der protestantischen Bearbeiter der Neformationszeit halte zu sehr an den einseitig überkommenen Ueberlieferungen fest und gebe mehr schattenhafte Gebilde statt wirklichen Lebens; die katholischen Romanschriftsteller mochten diesen Trugbildern ihre Auffassung dichterisch entgegenstellen." Dieser Rathschlag erinnert uns daran, daß das GeschichtSwerk Janssen'S eine fürchterliche Fluth von Schmähungen und sogen. Widerlegungen entfesselt, aber doch einen bedeutenden Eindruck auf das Gedanken- und Empfindungsleben der Gegner gemacht hat. Wodurch wurde dieser Erfolg herbeigeführt? Gerade durch diejenige Eigenschaft der Janssen'schen Geschichtschreibung, welche die Vertreter der „modernen" Manier der Geschichtschreibung ihm zum schweren Mangel anrechnen wollten. Janssen hätte nach diesen Ausführungen raisonniren, Philosophiren und überhaupt das Material in seinem Geiste verarbeiten und ein künstlerisches Gesammtbild der Zeit „schaffen" sollen. Statt des Oelgemäldes aus „freier Hand" lieferte Janssen ein Mosaikbild, aus lauter echten Steinchen zusammengefügt, eine einwandfreie Zusammenstellung von Zeugnissen unter möglichster Vermeidung aller subjektiven Zuthaten. Das frappirte. Hätte aber Janssen mit der vereinigten Phantasie und Denkkraft sämmtlicher Berliner Geschichtsbaumeister ein wahres Meisterwerk der historifch- polttisch-poetischen Darstellungsknnst geschaffen, so würde man das Buch als Ausgeburt eines fanatischen Gehirns einfach zu den Acten geschrieben haben. Wenn wir die katholische Weltauffassung dichterisch darstellen, so ist daS ein Vortheil für unsere Gesinnungsgenossen; aber eine Wirkung auf die Gegner darf man sich nur von packenden Thatsachen und durchschlagenden Gründen versprechen. Nur mit solchen wuchtigen und scharfen Waffen kann man in dem Wall der Vorurtheile eine Bresche legen. Wenn dieser Wall erst gebrochen ist, können auch die Musen des erobernden Kreuzes vorwärts. Wie der dicke Wall der Vorurtheile und der Abneigung entstehen mußte, zeigt uns die reichhaltige Sammlung von Schmutzproben, die Herr Keiter aus 300 Werken antikatholischer Schriftsteller veranstaltet hat. Er gibt eine systematische Zusammenstellung gemäß den Rubriken: 1) Wesen und Geschichte der Kirche, 2) Papst und Bischöfe, 3) Jesuiten, 4) andere Mönche und Nonnen, 5) Seel- sorggeistlichkeit — so daß man in jedem Kapitel all' das theils lächerliche, theils entsetzliche Zeug, was die Herren und Damen über den betreffenden Punkt znsammen- gedichtet haben, übersichtlich vereinigt findet. Es ist geradezu unglaublich, was die „berühmtesten Schriftsteller" sich da zu leisten erlauben. Wir können hier nur auf ein paar „Kleinigkeiten" kurz hinweisen. Hans Hopfen, der Vielgepriesene, läßt einen „bildungsfeindlichen" Tiroler Pfarrer mittels einer Morphiumspritze von einem schwer leidenden Kranken ein Testament erpressen, das zum Bau eines Hochaltars dient. Derselbe Hopfen läßt in einem andern Kunstwerk einen Benediktiner auf — Maskenbälle gehen. Felix Dahn läßt in seinem Roman „Julian" den Papst Liberius sagen, die Vernunft sei eine Buhle des Satans, — was Luther bekanntlich wirklich gesagt hat. Karl Frenzel verkündet durch einen Helden, der ihm als Sprachrohr dient, daß noch jeder Papst das Geschöpf einer Frau gewesen sei, wenn auch nicht immer in bösem Sinne. M. G. Conrad, einer vom jüngsten Deutschland, läßt die katholischen Geistlichen „insonderheit bei feierlichen Cultushandlungen die Gläubigen mit balletmäßigen Evolutionen regaliren". Paul Heyse, der große Heyse, schreibt in „Ueber Land und Meer", die „Langeweile" sei eines der geheimen Kunstmittel Wagners, wodurch das Schmachten nach sinnlicher Beglückung gesteigert werde; etwas Aehnliches habe man nur in dem dumpfen Hinbrüten während der katholischen Messe. „Diese mystische Langeweile ist ein unentbehrliches Ingrediens der höchsten Kunst- und Neligionsübung." Ein Roman der Gräfin Luckner durste der Erbprinzesfiv zu Schaumburg-Lippe gewidmet werden; darin wird ein Erbfräulein narkottsirt, in ein Jesuitenkloster gebracht, dann als geisteskrank in einem Nonnenkloster eingesperrt; um die Entführung zu verschleiern, beerdigen die Jesuiten einen leeren Sarg. In der „Deutschen Revue" von Friedrich Fleischer, die wissenschaftliche Größen zu Mitarbeitern hat, erschien ein geradezu toller Roman mit einem jesuitischen Erbschleicher, der Hypnotismus und Geburtshilfe betreibt, um Kinder zu vertauschen, damit eine Majoratsherrschaft bei der katholischen Linie bleibt. Schämen sich denn die Leute gar nicht mehr über solche hirnverbrannte Dinge? Revoltiren die Nachbarn und die Leser dieser „Dichter" nicht? Nein; sie sind an die Ausfülle gegen Kirche und Geistlichkeit offenbar so sehr gewöhnt, daß sie es als den ordnungsmäßigen Beruf der Päpste, Cardinäle, Bischöfe, Jesuiten, Tiroler Pfarrer rc betrachten, sich von tollen Dichtern begeifern zu lassen Die Politiker derselben Sorte sind bekanntlich der Meinung daß es der Beruf der Jesuiten und ihrer Verwandten ist, ausgewiesen zu werden, und der übrigen Mönche und Nonnen, unter Polizeiaufsicht zu stehen. Die Einen fragen nicht mehr nach der Wahrheit, die Andern nicht nach der Gerechtigkeit. Es muß so sein! ^ Aus der systematischen Zusammenstellung Keiters ersieht man so recht, wie sich durch das Hand in Hand- Arbeiten der culturkämpferischen „Dichter" feste Typen für die einzelnen Klassen der Welt- und Ordensgeistlichkeit — vom Papste bis zum Nönnlein — herausgebildet haben. Der Jesuit z. B. ist mager, fein, intrigant; der andere Mönch ist fett, plump, gewaltthätig. Durch die fortgesetzte Lektüre derartiger gleichgestimmter Schriften und durch den Anblick von Schauspielen oder Bildwerken derselben Tendenz setzt sich dieser erdichtete Typus in der Vorstellung der Leser so fest, daß sie ihn ohne allen Zweifel für wirklich halten. Eine auffallende Erscheinung ist, daß die weiblichen Federhelden zu den rücksichtslosesten (nicht selten auch zu den schamlosesten) der konfessionellen Hetzdichter gehören. Zu ihrer Entschuldigung kann man vielleicht annehmen, daß diese weiblichen Schmntzschreiber weniger erfinden, als nachempfinden, d. h. durch die Lectüre der vorhergegangenen Gift-Romane selber durch und durch vergiftet worden sind. Leider ist ja das weibliche Gemüth, wenn es des Schutzes der religiösen Ueberzeugung und Uebung verlustig geworden, noch weniger „seuchenfest" als daS männliche. Was soll aus dem Denken und Empfinden der Mädchen und Frauen werden, die Tag für Tag die Geschichten von blutigen Päpsten und Cardinälen, schleichenden Jesuiten, liederlichen Mönchen und Nonnen:c.' lesen? Und diese Weiblichkeit lehrt die nächste Generation!! In der That, Herr Keiter hat eine Schmach und^ eine Gefahr des Jahrhunderts gekennzeichnet, die auch von den positiven Evangelischen beachtet werden 87 vruß. Denn Christenthum und Religion selbst werden damit untergraben. Gedichte von Max Crone.*) Vor mir liegt ein Bündchen Gedichte, die nicht aus der Feder eines schwärmenden, jugendtrunkenen Gemüthes geflossen, die nicht die empfindsam-melancholischen Saiten eines weiblichen Herzens verrathen, die nicht aus der Brust eines liederreichen Barden gedrungen, die aber einen Vorzug haben, um derentwillen sie viele andere weit überragen: die Lieder des protestantischen Pfarrers von Niedercggenen zeigen von einem tiefgläubigen, kindlich frommen Gemüthe, wie uns selten ein solches auf protestantischer Seite in neuerer Zeit begegnet. Unbedenklich könnte man solche Poesie als eines Überzeugungstreuen katholischen Herzens durchaus würdig hinnehmen; und dieses Lob sprechen wir hier um so lieber und rückhaltSloser aus, da wir an warm empfundenen, glaubenSvollen Dichtungen wahrlich keine Ueberproduction haben. Gehen wir nun ein wenig die Gedichte von Max Crone durch nach der Einthcilung, die vom Verfasser selbst getroffen. An erster Stelle stehen die durchaus religiösen Gedichte mit der Aufschrift „Gott und Welt". Dem „Glauben" gehört sein erstes Lied, zum Zeichen, wie tief der Verfasser von der Ueberzeugung durchdrungen, daß ohne Glauben einfach jedes übernatürliche Leben undenkbar ist: „Glaube!" heißt des Herrn Gebot, Kommst nicht d'ran vorbei, Und es macht von Sund' und Tod Glaube nur Dich frei. „Verstand und Glaube" nennt der Verfasser ein anderes Sonett, durch welches er der rationalistischen Lebensauffassung durchaus das Wort entzieht. Ergreifend sind die Lieder, die die Mahnung an ein unbedingtes Gottvertrauen enthalten, denn daraus allein, aus der vertrauenden und gläubigen Hingabe an Gott und seine Gnade erwächst der schönste Friede. Hier nennen wir besonders „Gottvertrauen", „Ermunterung", „Souncublick", „Der feste Punkt" nnd andere. Tief rühren die Gedichte vom „Leben und Sterben" und „Glück"; in letzterem zeigt der Verfasser dem nach Glück ringenden Menschenherzen das einzige Ziel, das befriedigt und wahres Glück bringt: das »Luranm ooräa« ist's, wonach die Menschen streben sollen. Auswärts die Herzen! Aufwärts zu Gott! Hinauf, hinauf! Die Klimax von Strophe zu Strophe ist hier meisterhaft durchgeführt und gelungen. Eine scharfe Mahnung vor Religions- spöttcrei und atheistischem Protzenthum läßt der Dichter an den Leser ergehen in „Hüte Dich!" In drei resp. vier schönen Gesängen läßt er die drei Hauptfeste des christlichen Kirchenjahres, „Weihnacht" („Neujahr"), „Ostern", „Pfingsten" vor dem Auge des Lesers vorüberzieben, in welchen Gedichten die wunderbare Harmonie zwischen Natur- und Fcstcharaktcr besonders trefflich geschildert wird. So zeigt unö der Verfasser in seinem ersten Licdercyclus die Quintessenz seines ganzen inneren, religiösen Lebens und begeistert den Leser zu gleicher Glaubenswärme und religiöser Ueberzeugung. Unwillkürlich wird man da an zwei andere frommgläubigc, protestantische Dichter erinnert: an Emanucl Gcibcl und Julius Sturm. Die innigen Lieder von Sturm „Nimm Christum in Dein Lebenssckiff", „Es ist für Dich noch eine Ruh' vorbanden", oder von Geibel „Gebet" und ,fO Du, vor dem die Stürme schweigen", athmen sie nicht die gleiche, von wahrem Glauben getragene Herzensfreudigkeit und ruhige Ueberzeugung? Diesen religiösen Liedern läßt der Verfasser die Naturlieder folgen, von denen einige ganz anerkcnneuswerth sind, z. B. „Im März", „Herbstblumen", „Sichere Hoffnung". Die Parallele zwischen Natur- und Menschenleben ist oft gut angebracht. Ein anderer Cyclus folgt: die Balladen. Und in der That, auch hier kann man dem Verfasser ein besonderes Geschick und Talent nicht absprechen, wenn man auch bei einigen fast unwillkürlich an bekannte Stoffe erinnert wird; hierher gehörten vor allen „Das silberne Kegelspiel", obwohl die Idee gut durchgeführt; ferner „Der Liebenbach". Die gelungenste von allen dürste wohl „Der wilde Junker von Vollmarstein" sein, die ergreifendste „Der Todten Warnruf". Eine Hungersnoth bringt Elend und Unzufriedenheit in's Land. Einigen Malcontenten in der Stadt gelingt es, die Menge aufzureizen 2 ) Im Verlage der Carl Winter'schen Univ.-Buchhandlung in Heidelberg. Preis brosch. M. 3,5V. und anzutreiben, sich an die Schätze des Bischofs zu machen, dieselben zu rauben und so ihrer Noth abzuhelfen. Die Volksmenge ist erregt und durch kein warnendes Wort zurückzuhalten. Ungehemmt geht ihr Zug zum Dom, wo eben der Bischof seinen Functionen obliegt. Die tolle Menge ist unbändig und läßt sich weder durch die Heiligkeit des Ortes, noch auch durch die milden Worte des Bischofs hemmen. Nicht einmal der heilige Leib des Heilandes, von den Händen des Bischofs gehalten, vermag die Wuth der Tempelschänder zu wandeln. Da wirst sich der Bischof auf die Stufen des Altares hin und schreit laut um Erbarmen für die Rasenden. Die Todten sollen auS ihren Grüften erstehen und denselben entgegentreten. Aus allen Todtengrüften kommt's hervor; Schaudern erfaßt die Menge. Vergessen ist Zorn. Haß und Greuel. Der Friede kehrt wieder, die barmherzige Milde der Reichen bringt Ruhe und Versöhnung in die Herzen der Elenden und Armen. Dies der kurze Inhalt dieser herrlichen Ballade. Noch zwei andere verdienen unbedingt hervorgehoben zu werden, „Die drei Kreuze" mit dem erschütternden Inhalte: Mord zeugt wieder Mord, der Fluch der bösen That, die fortzeugend stets BöseS muß gebären. Endlich noch eine der schönsten Balladen, „Die Macht deS Glaubens", die den Volkston ziemlich trifft, wenn sie auch inhaltlich zu den bekannteren Stoffen gerechnet werden muß; werden wir denn nicht unwillkürlich an den „Mönch von Hcistcrbach" erinnert? Dann läßt der Verfasser einige Gedichte vorüberziehen mit der Aufschrist „Anekdotenhaft". Und in der That, der Verfasser zeigt, daß er auch zu humorvollen Gedichten nicht wenig Geschick hat. Besonders erwähnt zu werden verdienen die von köstlichem Humor getragenen Gedichte „Die Regentage", „Ein guter Handel", „Eine, die sich durchbeißt". Der den Kindern eigenthümliche naiv-ergötzende GcsprächSton wird am besten angeschlagen in „Kinder-Logik" und „WaS hülfe es dem Menschen?" Nun zu einem anderen größeren Liederkranz „Sie und ich", enthaltend eine stattliche Anzahl von Minncliedern, die, weit entfernt von stürmischer Jugendleidcnschaft, in ruhigem, oft sogar getragenem Tone die tief empfundenen Gcfüble eines liebenden Mcnschenherzens in sanfter Harmonie ausgingen lassen. Freilich zieht sich hie und da ein Ton der Wehmuth durch die Lieder, der aber, weil eben wahr empfunden, nur um so tiefer den Leser ergreift und ihn die Wahrheit fühlen läßt, daß die irdische Liebe als reizendste Blume, die der Herr in unser Dasei» gesetzt, eben auch die schärfsten Dornen hat, die ein menschliches Herz treffen können. Der Schmerz der Trennung, die Sehnsucht nach dem fernen Lieb beim Abcnddämmcrfchein, die Macht der Liebe, der reiche Trost, den wahre Liebe zu spenden weiß, mit einem Worte die verschiedensten Hcrzeusempfinduugen schildert der Dichter in warmer, klarer, oft ergreifender, oft kunstvoller Weise und Gestaltung. (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. I. Wenzel, Wilhelm Emanuel Frhr. von Ketteler. Nr. 95/96 und Nr. 190 der „Katholischen Flugschriften zur Wehr und Lehr." Verlag der Germania 1895. Herr von Eynern, der unermüdliche Culturkämpfer, bat jüngst in einer Neichstagörcde. allerdings sehr gegen seine Intention, eifrig Propaganda für die Germania-Broschüren gemacht. Wir wünschten sehr, daß der Titel, welchen er ihnen gegeben, „die grünen Hefte", beibehalten werde; er stellt sie damit neben die „gelben Hefte", die Historisch-Politischen Blätter; und wir geben ihm recht; sie sind in der periodischen Literatur ebenfalls eine Art von Großmacht geworden, geeignet, Vor- urtheile gegen die katholische Kirche zu zerstreuen und Geschichts- lügcu zurückzuweisen. Im 7. Jahrgang bis zur Nr. 103 gediehen, haben sie alle ein aktuelles Interesse. Die oben genannten sind veranlaßt durch das kecke Wort, welches Liebknecht einst dem Reichstag zurief, daß vor dem Auftreten der socialdemokratischen Bewegung Niemand die sociale Frage studirt, sich Niemand um die Arbeiter gekümmert habe. Dem entgegen weist Wenzel nach, wie ein einzelner Mann, W. E. Freiherr von Ketteler, für die Lösung der socialen Frage thätig war, längst bevor dieselbe theoretisch und kritisch besprochen wurde. Er zeigt, wie Ketteler als Kaplan und als Laudpfarrcr i» seinem eng bcgränzteu Wirkungskreise, als Propst bei St. Hedwig und später als Bischof von Mainz in weitestem Kren- Anstalten inö Leben rief, welche socialen Bedürfnissen in wirksamster Weise entsprachen, und, was den im behäbigsten Wobl» 88 stand, wenn nicht sogar in üppigem Reichthum lebenden Führern des Socialismus nicht scharf genug ins Gesicht gesagt werden kann, wie der Kaplan, der Pfarrer und der Bischof sein Vermögen und sein regelmäßiges Einkommen bis zur Erschöpfung seiner Kasse seinen Anstalten opferte. — Die zweite Broschüre zeigt in 14 Abtheilungen, wie Ketteler die wissenschaftliche Seite der socialen Frage beherrschte, welche Mittel er empfahl, um zu sicheren praktischen Resultaten zu gelangen. Die gcsammte internationale Socialdemokratie hat mit all ihren Rodomontaden noch nicht den zehnten Theil an klaren Principien, festen Zielpunkten und zweckmäßigen Mitteln aufgestellt, wie der eine Bischof Ketteler. Eine größere Anerkennung kann ihm nicht zu Theil werden, als wie Leo XIII., der sociale Papst, sie ausgesprochen, da er über Ketteler äußerte: „DaS war mein großer Vorgänger". Wir können diese, wie alle übrigen Germania-Broschüren für Vereine, als Leitfaden zu Vortrügen und dcrgl. nicht dringend genug empfehlen. Die einzelne Broschüre kostet nur 10 Pf. Poestion I. C., Die Kunst, die schwedische Sprache durch Selbstunterricht zu erlernen. 8°, VIII -j-183 SS. 2 M. geb. Wien-Leipzig, A. Hartleben. 1894. X Die stattliche Reihe von Grammatiken in Hartlebcns „Kunst der Polyglotte" umfaßt Bündchen von sehr verschiedenem Werthe: ganz unbrauchbare und fehlervolle (z. B. Hebräisch), annehmbar gute, und (trotz des begrenzten Raumes) auch ganz vorzügliche. Vorliegende Bearbeitung des „Schwedischen" ist nicht nur der beste Bestandtheil der Sammlung, sondern eines der besten schwedischen Lehrbücher überhaupt; ja es reicht weit über die Elemente hinaus und verdient sogar den Namen „wissenschaftlich", so eingehend ist namentlich Aussprache und Lautlehre behandelt. Volles Lob müssen wir der streng systematischen und erschöpfenden Anordnung der Formenlehre spenden, ein Vorzug, den die sogen, „praktischen" Grammatiken so selten ausweisen, entweder, um vor den Denkfaulen den Verdacht der Pedanterie zu vermeiden oder — was wahrscheinlicher — weil die Verfasser zu unbeholfen sind, um sich logisch-grammatisch ausdrücken zu können. Übersetzungsübungen enthält das Büchlein nicht, sie sind auch entbehrlich; man kann dafür nützlicher irgend eine Zeitung in die Hand nehmen; dagegen ist dem theoretischen Theile eine Blumenlese von Texten nebst Wörterbuch angefügt. Es ist merkwürdig, daß bei uns in Deutschland, wo'so viel fremde Sprachen betrieben werden und der neugierige Einfall oft auf die entlegensten Sprachgebiete abzielt, doch dem Schwedischen so wenig Beachtung geschenkt wird; und ist doch diese kraftvolle Sprache nach Longfellow »t>1rs wusiean ok tüs soanälnavian lanKuaAss-, für uns Deutsche aber mehr als das, nämlich der älteste lebende Repräsentant der germanischen Sprachfamilie überhaupt, ein Vorzug, der dem sprachwissenschaftlich Gebildeten vor allem hoch stehen muß. Zu S. VI ist nachzutragen, daß die beiden besten Wörterbücher von Hoppe (Deutsch-schwedisch 1886, Schwedisch-deutsch 1893, Stock- holm) und Schultheß (Lvensü - kräusle und Ikrausle- sveusle, Stockholm, M. 18) nunmehr vollständig vorliegen. Das Buch könnte allen Grammatikschrcibern ein heilsames Vorbild klarer grammatischer Darstellung sein und zeigt, wie man auch auf engem Raum den Gegenstand, sofern man ihn nur selbst beherrscht, übersichtlich, richtig und genügend behandeln kann; aber freilich unserm unvernünftigen „Publikum" werden die wortreichen, zerfahrenen und doch so mangelhaften Eintrickterungs- niethoden mit ihren lächerlichen Regeln und sinnlosen UcbnngS- sätzen und der jedem Finden des Suchenden spottenden Unordnung immer lieber sein! Dies kleine und doch so reichhaltige Lehrbuch können wir allen Freunden der schwedischen Sprache angelegentlich empfehlen. Wären ihm nur die anderen Theile der «Kunst der Polyglotte" gleich eder wenigstens ähnlich! Der Rattenfänger von Hameln. Ein Beitrag zur Sagenkunde. Nebst Mittheilungen über einen gefälschten Rattenfänger-Roman von Pros. Dr. Franz I oft es. Bonn, Haustein. 1698. 6°. 52 S. Mk. 1.—. — 2 . Die bekannte Sage hat nach dem Ergebniß vorl. Untersuchung ihren Keim in der bildlichen Darstellung der Schlacht bei Scdemünde (1259). Dieses Bild in einem Fenster der Marktkirche stellte den Anführer der gegen den Bischof von Minden ausziehenden Kriegerschaar in sehr satten, bunten Farben dar, so daß er den späteren Geschlechtern als Pfeifer und ihm gegenüber die jugendliche Kriegerschaar als Kinder- Gerantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag schaar vorkam. Die historische Erinnerung verdunkelte sich, die Sage spann darüber ihr Gewebe, drang nach auswärts, verschmolz daselbst mit einer Thier-Malediktionsgcschichte und Tänzersage, ward dann im XVI. Jahrhundert von dem bekannten Gegner der Hexcnprozesse, Dr. Joh. Weicr, in seinem Werke „vo prasstiZiis äaemonum" schriftlich fixirt, und diese Darstellung trug zuletzt in Hameln selbst über die einheimische Auffassung den Sieg davon. — Veranlaßt zu der scharfsinnigen Untersuchung wurde der Verfasser, Universitätsprofessor in Frei- burg i. d. Sckw., durch eine pikante Entdeckung. Der Frei- burger Universitätsbibliothek ist im Jahre 1891 eine Handschrift von einem ungenannten Absender als Geschenk zugeschickt worden, welche eine Geschichte obiger Sage enthält und sich ins Jahr 1640 zurückvalirt. Jostcs weist nun mit belustigender Evidenz nach, daß diese Handschrift eine von einem Gelehrten unserer Tage mit großem Fleiß und Wissen verfertigte — Fälschung ist! Und zwar fällt ihre Entstehung in die Zeit zwischen 1888 und 1890. Im letzteren Jahre wurve sie sogar gedruckt, aber nicht ausgegeben. In demselben Jahre spielte auch der bekannte Lutherbuchprozeß in Münster!! Das Märzheft „Alte und Neue Welt", das soeben erschienen ist, bringt neue interessante Erzählungen und Aufsätze. Der Roman „Die Tochter des Intendanten" gelangt zum befriedigenden Abschluß und ein neuer kriminalistischer Roman „Das japanische Schränkchen" von M. Carruthers beginnt. Seitdem es dem bedeutendsten russischen Romanschriftsteller, Fedor Dostojewskh gelungen ist, auch diese Art des Romans in den Bereich künstlerischer Gestaltung zu erbeben, hat sich der Werth der Kriminalerzählung in der öffentlichen Schätzung bedeutend gehoben. Die vorliegende ist bei aller Klarheit der Anlage spannend, was man von den meisten derartigen Romanen nickt sagen kann. Die fesselnd geschriebenen und prächtig illnstrirten Reiseerlebnisse „Selbanver durch Armenien" von I)r. Paul Müller-Simonis schließen in diesem Hefte ab und bringen am Ende das Bildniß des Autors. Der Aufsatz „Die Behandlung der Geistesgestörten im Laufe der Zeiten" von Leop. M. El. Stoff ist nicht minder zeitgemäß als der erstere. Wie anders wird man auch in diesem Punkte die Gegenwart beurtheilen, wenn man die Vergangenheit kennt. „Aus dem Leben eines Märtyrers der Commune" von Amara George-Kaufmann gibt uns anläßlich der 25. Wicderkebr des Todestages des Erzbischofs von Paris nach zeitgenössischen Aufzeichnungen eine ergreifende Episode aus dem Leben Msgr. Darboys, die man mit größter Befriedigung liest. Den neuen Cardinälen von Salzburg und Lembcrg, sowie dem jüngst verstorbenen, um die bad- ischen Kirchenverhältnisse hochverdienten bischöflichen Berather Dr, Heinr. MaaS sind kleinere Artikel gewidmet. Der bild- mäßige Heftschmuck ist fein und geschmackvoll, die typographische Ausstattung musterhaft. Zuverlässiger Führer zur Auswahl cinwands- freier Jugendschriftcn unter besonderer Berücksichtigung der Knaben- und Mädchenschule Eltern und Lehrern gewidmet von C. Ommerborn, Rector in Charlottenburg. 1895. Verlag von Franz Kirchheim in Mainz. Mit vorliegender Schrift hat der bekannte Autor der katholischen Schul Welt einen wesentlichen Dienst geleistet. Bekanntlich wurde noch auf dem Katholikentage in München der Frage der Jugendlektüre eine besondere Sorgfalt gewidmet. Ommerborn's Führer durch die Hochflutb der Jugcndschristen unterscheidet sich nun vor andern Verzeichnissen vor allem dadurch, daß er zum ersten Male eine strenge Sichtung der Knaben- und Mädchenlcktüre vornimmt, und daß er ausschließlich solche Bücher empfiehlt, die man mit gutem Gewissen der Jugend in die Hand gehen kann. Dem Vcrzcichniß vorausgehende Winke für Schule und Haus erhöhen den Werth der mühsamen, aber auch dafür um so werthvolleren Arbeit. Die Billigkeit der Schrift, welche in zwei Ausgaben: H.. Ausgabe für Knaben (Preis 50 Pf.), 8. für Mädchen (Preis 50 Pf.), erschienen ist, ermöglichtes jedem, sich bei Einkäufen von Büchern mit einem zuverlässigen Rathgeber zu versehen» des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. ! öip. 12- 20. Mär; 1896. Adam Weishaupt. Von Adam Hirsch mann. (Fortsetzung.) Die Allegorie, in welche nach Weishaupts Brief vorn 6. April 1779 die Mysterien und höhere Grade eingekleidet werden sollten, „ist der Fenerdienst und die ganze Philosophie Zoroasters oder der alten Parfen: daher heißt auch der Orden in weiteren Graden der Feuerdienst, Feuerorden, Parsenorden, das ist etwas über alle Erwartung prächtiges. . . . Zum Feuerdienst kömmt kein Lta-bono (Novize), sondern nur solche, die viele Vorurtheile gebeichtet haben, und sich dadurch ziemlich gereinigt". (Ebcnd. S. 330.) Zum Dienste der Mysterien beabsichtigte der Ordensstifter einen Feuertempel, in welchem nur Mitglieder Zutritt und Wohnung haben sollten, zu errichten, der „auf allen Ecken und Stellen elektrisch gemacht werde, wo immer die Inrtianäi (Aufzunehmenden) hingestellt werden". (Ebend. S. 244.) Deßhalb wurde das Studium der Elektricität warm empfohlen, denn Weishaupt dachte schon 1778 daran, das alte System der Guebrrs und Parsen wieder aufzuwärmen. (Ebend. S. 230.) „Der Endzweck des Ordens ist also, daß es Licht werde, und wir sind Streiter gegen Finsterniß; dieses ist der Feuerdienst", bemerkte Weishaupt. (Ebend. S. 331.) Zur Durchführung dieser Pläne sollte der Geheim- bund des Jngolftädter Kanonisten nachstehende Klassen und Grade haben: Erste Klasse Minervaleu mit der Unterabtheilung in Novizen, Minerva!, und Mnsrvalis Illnwinatus oder Illurninatus rninor. „Am liebsten hat man Junge von 18 — 30 Jahren, reiche, wiffens- begierige, gutherzige, folgsame, standhafte und beharrliche Leute", hieß eS in der Instruktion für die Aufzunehmenden. (Einige Originalschr. S. 55.) „In Auswahl der Leute, schrieb Weishaupt an Marius, bitte ich auch auf schöne Leute, ootarw xarilzus, zu sehen." (Ebend. S. 237.) 6) Die Handlung der Aufnahme geschah entweder an einem abgelegenen dunklen Orte oder bei Nachtszeit in einem stillen Zimmer, zu einer Zeit, wo der Mond am Himmel stand. Niemand war hiebet gegenwärtig, als der Einzuweihende und derjenige, welcher ihn aufnahm. Nach verschiedenen Fragen und Antworten setzte der Ordens- delegirte dem Novizen den Dolch auf die Brust: „Sollst Du Verräther oder Meineidiger werden, so sehe hier in diesem Degen alle und jede von der Gesellschaft gegen Dich in Waffen. Glaube nicht sicher zu sein, wo Du auch immer hinfliehest." Nunmehr schwor jener mit über den Kops gehaltener flacher Hand: „Ich gelobe auch ewiges Stillschweigen in unverbrüchlicher Treue und Gehorsam allen Obern und Satzungen des Ordens. Ich thue auch hier treuliche Verzicht auf meine Privaieinsicht und Eigensinn, wie auch auf allen meinen eingeschränkten Gebrauch meiner Kräfte und Fähigkeiten." (Ebend. S. 70—76.) Geheimniß und Stillschweigen betrachtete Weishaupt als die Seele seines Ordens; ohne Noth °) Aebnlich lautet die Forderung an Ajax: „Macht euch hinter Oavaliors, ibr Leute! ich glaube zwei liefern zu können, und Domherrn noch dazu. Wenn mir meine Absicht mit den Domkapiteln gelingt, so haben wir grobe Schritte gethan. Suchet junge schon geschickte Leute und keine solche rohe Kerls. Unsere Leute müssen einnehmend, unternehmend, intrigunnt und geschickt sein. Besonders die ersten... Uobilos, xotontss, äivttes, äootos gnaerito." (Einige Originalschr. S. 175.) sollten auch Ordensgcnossen gegenüber nicht die geringsten Umstände Mitgetheilt werden. (Ebend. S. 17, 42, 325.) Ebenso mußte unbedingter Gehorsam, selbst zu unanständigen, ungerechten Sachen, angelobt werden. (Ebend. S. 85, 92, 103.) Die zweite Klaffe theilte sich nach dem System der Freimaurer in Lehrling, Geselle und Meister, während die dritte die Mysterienklasse mit dem Illuminatns major oder schottischen Novizen und dem lilumiiratus cliriZaiw oder schottischen Nitter bildete. „Taugt der Mann zu nichts besserem, so bleibt er schottischer Ritter. Ist er ein besonders fleißiger Sammler, Beobachter, Arbeiter, so wird er Priester. Diese Priester sind die Vorsteher der gesammelten wissenschaftlichen Schätze in Klaffen nach ihren Fächern vertheilt. Sind unter ihnen höhere, spekulativische Köpfe, so werden dieselben Nagt. Diese sammeln und bringen die höheren philosophischen Systeme in Ordnung und bearbeiten eine Volks-Neligion, welche der Orden demnächsten der Welt geben will. Sollten sich diese höheren Genies auch zur Regierung der Welt schicken, so werden sie Regenten." (Nachtrag von weiteren Originalschriften II, 3 -15.) Ueber den Priestergrad und dessen rationalistische Schrifterklärung äußert sich der Stifter: „Ich glaube uuu beinahe selbst, daß, so wie ich es erkläre es wirklich die geheime Lehre Christi war, die Freiheit auf diese Art unter den Juden einzuführen: ich glaube selbst, daß die Freimaurerei verborgenes Christenthum ist, wenigstens passet meine Erklärung der Hieroglyphen vollkommen dahin,') und ant diese Art, wie ich das Cbristcnthm» erkläre, darf sich kein Mensch schämen, ein Christ zu sein; denn ick lasse den Namen und snbstituire ihm die Vernunft. ES ist doch wirklich keine kleine Sache, eine neue Religion, Staats- vcrsassnng und Erklärungen der so dunklen Hieroglyphen in einen Grad so passend zusammen zu drängen. Man sollte glauben, fügt Weisdaupt in eitler Selbstgefälligkeit bei. es wäre das größte: und doch hab ich noch drei größere, ungleich wichtigere Grade für die höheren Mysterien schon da liegen. Diese behalte ich aber für mich, und ertheile sie bloß allein beuo moritis, es mögen solche Arevpageten sein oder nicht." (Nachtrag 1,63.) Ein anderes Mal meldet Weishaupt: „Sie können nicht glauben, wie unser Priester-Grad bei den Leuten Auf- und Ansehen weckt. DaS wunderbarste ist daß große protestantische und rcformirte Theologen, die von Orden sind, noch dazu glauben, der darin ertheilte RcligionS unterricht enthalte den wahren und ächten Geist und Sinn der christlichen Religion. O Menschen l zu was kann man euch bereden: hätte nicht geglaubt, daß ick noch ein neuer Glaubens stifter werden sollte." (Ebend. I, 76 ) In der Anrede an die Illurainatos äiriZontos bezeichnete Weishaupt die geheimen Verbindungen als die „geheimen Weisheitsschulen, die Archive ver Natur und der menschlichen Rechte: durch sie wird der Mensch von feinem Falle sich erholen, Fürsten und Nationen werden ohne Gewaltthätigkeit von der Erde verschwinden, das Menschengeschlecht wird der- ') „Der Hanptgegenstand der manrcrischen Allegorie und. Hieroglyphen ist der Tod HieramS. Wer ist also dieser Hieram? Hier sage ick nun: Hieram ist Christus und beweise mein Assertum aus folgende Art: 1) Aus dem Namen selbst; denn erkläre ich so: 8. -- 8io 1. " llosns 8. — est R. — rssnrZsns L.. — a. Ll. — mortnis. Hier ist schon viel zum vorhinein gewonnen, obwohl ich selbst über diese Explikation im Grunde lachen muß." Diese Aeußerung ist für den Charakter Weishaupts sehr bezeichnend. (Nachtrag H. 122-123.) 90 einst eine Familie und die Welt der Aufenthalt vernünftiger Menschen werden. Die Moral allein wird diese Veränderungen unmerkbar herbeiführen. Jeder Hausvater wird dereinst, wie vordem Abraham und die Patriarchen, der Priester und der unumschränkte Herr seiner Familie und die Vernunft das alleinige Gesetzbuch der Menschen sein. Dieses ist eines unserer großen Geheimnisse." (Nachtrag II, 80. Die neuesten Arbeiten des Spartakus 1794, II. Abth. S. 44.)«) Die Aufnahme der Priester und Regenten in ihre Grade erfolgte unter pompösen Feierlichkeiten, welche vielfach den Ceremonien der katholischen Kirche bei Ertheilung der höheren Weihen nachgeäfft waren. „Die Regenten sollen die Kunst studiren zu herrschen, ohne das Ansehen davon zu haben. Wo man in der Regierung eines Landes die Hand hat, da stelle man sich, als wenn man gerade am wenigsten vermöchte, so wird uns nicht entgegen gearbeitet; und wo man nichts durchsetze» kann, da scheine man alles zu können, damit man gefürchtet, gesucht und dadurch verstärkt werde." (Gemeinste Heuchelei!) „Eine unserer vornehmsten Sorgen muß auch sein, unter dem Volke sklavische Fürsten-Verehrung nicht zu hoch steigen zu lassen. Durch diese knechtischen Schmeicheleien werden diese mchrentheils sehr mittelmäßigen schwachen Menschen noch immer mehr verdorben: man rede und schreibe von ihnen, wie man von anderen Männern spricht, damit sie wissen lernen, daß sie Menschen sind, wie wir andere, und daß sie nur conventionelle Herren sind." „Wenn es darauf ankommt, einem von unseren verdienstvollen Leuten empor zu helfen, so soll man alles in Bewegung setzen, ihm Ruf zu machen." „Militärschulen, Akademieen, Duchdruckereien, Buchladen, Domkapitel und alles, was Einfluß auf Bildung und Regierung hat, muß nie aus den Augen gelassen werden, und die Regenten sollen unaufhörlich Pläne entwerfen, wie man es anfangen könne, über dieselben Gewalt zu bekommen." „Können es die Regenten dahin bringen, daß Klöster, besonders die mit Bettelmönchen besetzt sind, eingezogen und ihre Güter zu unseren Endzwecken, z. B. zur Unterhaltung tüchtiger Erzieher für das Landvolk, verwendet werden, so werden den Obern dergleichen Vorschläge willkommen sein." „Durch Weiber wirkt man oft in der Welt am mehrsten; bei diesen sich einschmeicheln, sie zu gewinnen suchen, sei eines unserer feinsten Studien. Mehr oder weniger werden sie alle durch Eitelkeit, Neugierde, Sinnlichkeit und Hang zur Abwechselung geleitet. Hieraus ziehe man Nutzen für die gute Sache! Dies Geschlecht hat einen großen Theil der Welt in feinen Händen."«) °) Unterm 9. Juni 1782 schreibt Weishaupt an Cato: „Der Grad, wovon ich die zwei letzten Bogen begehrt habe, ist ist der bei CelsnS und MarinS mit 100 Schlössern verwahrte Grad vom patriarchalischen Leben." (Nachtrag I, 41.) Bei Anwerbungen sollten jedoch die deistischcn Tendenzen des Ordens möglichst zurückgedrängt bleiben. So heißt es in dem Briese vom 17. März 1778 über MarinS: „Aber von Religions- absichtcn muß er noch verschont werden. Sein Magen ist noch nicht gänzlich eingerichtet, diese starke Speise zu verdauen." (Einige Originalschr. S. 223.) Mahomet (Baron Schröcken- stein zu Eichstätt) ertheilt den Rath: „Seien Sie ja im Briefwechsel mit Zcno behutsam; er sagte mir, daß er mit dem Manne, der an der Unsterblichkeit der Seele zweifelt, nicht unter einem Dache wohnen wolle, und wenn der Orden je bei Gliedern solche Zweifel erregen konnte, so wollte er gegen Ihn wie gegen Jesuiten arbeiten." (Nachtrag I, 164.) Vcrgl. ebendas. I, 205 Über Verbreitung des Deismus. ") Zur Errichtung eines Weiberordcns machte Zwack ent- „Auch das gemeine Volk muß aller Orten für den Orden gewonnen werden. Dies geschieht am besten durch Einfluß auf die Schulen." (Neueste Arbeiten II, 156—167.) Das waren die Grundsätze, nach denen die Welt von Jngolstadt aus sollte reformirt werden; aber Weis- hanpt scheint selbst mit diesen Graden noch nicht zufrieden gewesen zu sein. In einem Briefe vom 22. Februar, wahrscheinlich aus dem Jahre 1782, au Cato gesteht Weishaupt: „Wenn sie hier (in Jngolstadt) bei mir wären, so würde ich ihnen meinen Grad ohne Anstand ertheilen. — Aber aus Handen gebe ich diesen Grad nicht, er ist gar zu wichtig, er ist der Schlüssel der alten sowohl als neuen Geschichte, zur Religion und zu jeder Staatsverfassung in der Welt." (Nachtrag I, 71.) Unterm 3. Februar 1783 schreibt Weishaupt abermals an Cato, nachdem er sich über den Priestergrad des Philo und den „elenden" schottischen Nittergrad und über den „ebenso elenden Negentengrad" bitter ausgelassen hat: „Aber über diesen hinaus habe ich noch vier Grade schon componirt, wo gegen den schlechtesten der Priestergrad Kinderspiel sein soll; doch theile ich sie Niemand mit, bis ich sehe, wie die Sache geht und wer es verdient: lasse mir auch nichts darin corrigiren." (Ebend. I, 9b.) Weishaupt änderte und feilte immer an den Graden seines Ordens. _(Fortsetzung folgt.) Die Organisation der Gesellschaft.* *) Eine Skizze. I. d. Innerhalb der Menschheit, innerhalb jeder Nation unterscheidet man drei Generalinstitutionen: Gesellschaft, Kirche und Staat. Das einzelne Individuum ist ein Glied jeder dieser drei großen Institutionen; eine bestimmende oder amtliche Stellung innerhalb derselben nimmt jedoch stets nur eine Minorität der Menschheit ein. sprechende Vorschläge. „Der Nutzen müßte sein, dem wahren Orden Geld zu liefern, sichere geheime Nachrichten zu erlangen, Schutz zu bekommen und den Charakteren der wohllüstigen F. M. Genüge zu leisten." Der Weiberorden sollte in die Klasse der Tugcndbaften und der Ausschweifenden eingetheilt werden. (Einige Originalschr. S. 5—6.) In einem monatlichen Provinzialberichte meldet MinoS (RcichSkammergerichts- assessor von Dictsurt in Wetzlar): „Der weitere Vorschlag des Herkules, eine Minervalsckule für Mägdgens anzulegen, verdient «alle mögliche Aufmerksamkeit. Ich habe eben denselben Gedanken schon lange gehabt und Philoni einmal eröffnet. Die Weiber haben zuviel Einfluß auf die Männer, als daß man es hoffen könnte, die Welt zu bessern, wenn sie nicht gebessert sind. . . . Herkules schlägt Ptolomai Lagi (v. Niedesels, Kammcrgerichts- assessors) Frau vor. und ich habe nichts dagegen: ich schlage meine 4 Stieftöchter dazu mit vor; sie sind gute Mägdgens und besonders die älteste ein sehr gutes Mägdzen von 24 Jahren, die sehr viel Belesenhcit hat, über alle Vorurtheile hinweg ist, über die Religion wie ich denkt, alle weibliche Arbeit, Oekonomie und Küche versteht, französisch, italienisch spricht. . . . Diese meine Stieftöchter haben viele Bekanntschaft mit jungen Mädchens ihees Alters, und es wäre bald eine Societät unter Direktion Ptolomai Lagi Gemahlin eingerichtet." (Nachtrag I, 169-172.) *) Das täglich stärker hervortretende Bestreben der BcrufS- stände, sich behufs Geltendmachung ihrer Interessen zu vereinigen, die Neubildung von bäuerlichen Genossenschaften und die Forderung und der Ruf einzelner Stände, besonders des Handwerks, nach einer corporativen Neuorganisation veranlaßt uns, in einer kleinen Skizze die Organisation der Gesellschaft darzulegen und das Prinzip der organischen gesellschaftlichen Gliederung den Gegnern gegenüber zu vertheidigen. Wenn wir auch damit nur oft Gesagtes wiederholen, so halten wir eine solche Wiederholung, der Wichtigkeit der Sache wegen, nicht für überflüssig. 91 Jede einzelne dieser großen menschlichen Institutionen muß, um lebensfähig zu sein und um ihre Aufgabe erfüllen zu können, eine klare und natürliche Gliederung, eine einheitliche und feste Organisation ausweisen. Diese Organisation ist deutlich bei der Kirche und ist deutlich beim Staate sichtbar. Ohne diese feste, gesetz- und naturgemäße Organisation wäre die Existenz von Kirche und Staat undenkbar, ohne diese Organisation würden sie überhaupt nicht vorhanden fein. Auflösung ist Sterben, und die Auflösung der kirchlichen und staatlichen Organisation wäre gleichbedeutend mit dem Ende der beiden Gewalten. Was für Kirche und Staat gilt, das gilt auch für die Gesellschaft. Auch die Gesellschaft muß, um bestehen zu können, eine ihrer Natur entsprechende Organisation ausweisen; denn ein Haufe gleichartiger und zusammenhangloser Individuen stellt keinen Organismus und damit auch keine Gesellschaft vor. Und darum war, gleich Kirche und Staat, auch einst die Gesellschaft or- ganistrt und in Stände gegliedert. Die organisirte Gesellschaft ist eine Schöpfung des Christenthums; vor Christus gab es keine Gesellschaft. Und in den herrlichsten Epochen christlicher Geschichte erhob sich auch der Bau der Gesellschaft am schönsten und lebenskräftigsten. Erst die französische Revolution hat in ihrem hohlen Gleichheitstaumel den organischen Bau der alten Gesellschaft zerschlagen, die Gesellschaft aufgelöst. Die Wahu- sinnsnacht vom 4. August 1789 war die Todesstunde der Gesellschaft. Fortan gab es keine Stände, keine Berufsklassen, keine Genossenschaften mehr, sondern nur Menschenatome, gleichwertige Nummern und Zahlen. Jeder gesellschaftliche Organismus hatte aufgehört. Ist eine Einrichtung vernichtet, so wird eine andere um so mächtiger. Die Zerstörung der alten Gesellschaft erzeugte den Cäsarismus und den omnipotenten Staat, welcher durch seine Schul- und Ehegesetzgebung bis in das Heiligtum der Familie und des Gewissens hineingreift; sie erzeugte die Uebermacht der vielfach zur herzlosen Bureaukratie verknöcherten Beamtenschaft; sie erzeugte den Kampf der durch keine gesellschaftliche Ordnung mehr gebundenen wirtschaftlichen Mächte, den Kampf des Starken gegen den Schwachen, des Kapitals gegen die Arbeit. Soll die Gesellschaft wieder erstehen, soll daS gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben wieder geordnet werden, so muß auch wieder eine der Zeitlage entsprechende Organisation der Gesellschaft geschaffen werden, eine Organisation, welche sich auf der natürlichen Grundlage der Berufsklassen aufbaut. Die gegenwärtige Jnteressenbewegung und die Bildung von Interessengruppen, die Hervorkehrung des Standesinteresses bei manchen der alten Parteien zeigen das dunkle und instinktive Ringen der Volksmassen nach einer auf natürlichen wirtschaftlichen und beruflichen Gesetzen und Bedingungen wieder aufzubauenden Gesellschaft. Diese bis jetzt unbestimmte und tastende Bewegung in richtige Bahnen zu lenken, muß für die Gegenwart eine der ersten und wichtigsten socialen Sorgen und Aufgaben bilden. II. Die liberalen Gegner einer nach Berufsständen einzurichtenden Organisation der Gesellschaft kommen stets mit der banalen und hundertmal widerlegten Phrase und Behauptung, man wolle veraltete mittelalterliche Institutionen wieder aus der Rumpelkammer hervorholen. Mit Nichten! Wir wollen nicht Institutionen einer bestimmten geschichtlichen Epoche, sondern Institutionen, welche in der Natur der Menschheit begründet sind. Wir sind, wenn wir auch die günstigen wirthschaftlichen Verhältnisse des Mittelalters anerkennen, keine Kinder des Mittelalters, sondern Kinder unserer Zeit. Wir sind keine Kinder der Vergangenheit, das ist der (wirthschaftliche) Liberalismus, der seit dem Jahre 1789 oder dem Jahre 1848 nichts gelernt und nichts vergessen hat. Wir stehen nicht auf den in der Schulstube ausgebrüteten Doktrinen eines bestimmten Zeitabschnittes, sondern auf den Forderungen des Lebens. Wir wollen Einrichtungen schaffen, die dem Leben und dem Wesen der Menschheit entsprechen und aus ihnen hervorgehen, und wir wollen die Menschheit nicht in künstliche, der subjektiven Laune entsprungene Schemata einzwängen. Das überlassen wir den modernen Doktrinären und ihrem Anhange. Was wir mit dem Mittelalter gemein haben, das ist die organische Auffassung der Gesellschaft im Gegensatze zu der «touristischen und mechanischen des Liberalismus. Wir wollen den natürlichen, im Volke liegenden Bestrebungen nach einer Organisation oder organischen Gliederung zur gesunden Entwicklung verhelfen, und wir wollen nicht dieser naturgemäßen Entwicklung widerstreben und uns nicht damit begnügen, die zufammenhangslosen Glieder unserer sogenannten Gesellschaft gezählt und numerirt zu haben. Diese mechanische und mathematische Behandlung der Gesellschaft von Seite des Liberalismus und des modernen Staates ist ebenso oberflächlich und unnatürlich wie die bekannte Schrift Sieyös' über den dritten Stand, welche man, wie k. Weiß sagt, als das Eröffnungsprogramm der Revolution und als den Todtenschein der Gesellschaft bezeichnen kann. »Ihre ganze Weisheit umfaßt nur die zwei Sätze, daß der französische Staat etwa aus 26,200,000 Menschenatomen bestehe, und daß 25,000,000 um 125 mal mehr als 200,000 (des Klerus und Adels) seien, folglich letztere kein Recht haben, als eigener Stand zu bestehen." (?. Weiß, Apologie. IV. Bd.) Die Menschen sind keine Atome und keine Nummern. So wenig als zwei Menschen geistig und physisch gleich sind, so wenig als die Lebensweise und die Beschäftigung gleich sind, ebensowenig können die Menschen in ein gleichförmig eingetheiltes, schablonenhaftes System eingegliedert werden. Das wäre der Tod und eine todte Schablone, Mensch und Menschheit aber bedeuten Leben. Dem Leben müssen wir unsere Einrichtungen ablauschen. „Das Wesen und der Vorzug einer socialen Politik ... ist es," schreibt Niehl, „daß sie die Lehre aus dem Leben entwickelt, und nicht umgekehrt das Leben aus der Lehre." Nicht leblose Schablonen, sondern einen lebendigen, d. i. dem Leben entsprungenen Organismus wollen und erstreben wir. III. Wie soll nun dieser Organismus beschaffen, wie soll die Gesellschaft gegliedert sein? „Es ist zu erstreben," sagte Dr. Frhr. von Schorlemer-Alst auf dem Katholikentag zu Köln, „eine Organisation der Gesellschaft nach Berufsstünden auf christlicher Grundlage in einer den gesellschaftlichen und wirthschaftlichen Verhältnissen der Gegenwart angepaßten Form." Diese Organisation muß dem Doppelcharakter des Menschen entsprechen. Denn „der Mensch ist seiner Natur nach selbständig und 92 ein Gesellschaftswesen, und eine Organisation, die von Dauer sein soll, muß diesem Doppelcharakier der menschlichen Natur entsprechen." Diese nach den Berufsstünden eingerichtete Organi» sation muß vor allem scharf zwischen Groß- und Kleinbetrieb unterscheiden, denn die Interessen der beiden stehen sich vielfach diametral gegenüber. Ebenso hat sich dieselbe in eine Hauptorganisation und in eine Unterorganisation oder Untereintheilung zu scheiden. Als große oder Hauptklassen haben wir: die Laudwirthschaft, die Industrie, das Handwerk, den Kaufmanns- und Handelsstand und vielleicht noch den Stand der im Verkehrswesen Beschäftigten. Gelehrte, Beamte u. s. w. können vorerst in diese gesellschaftliche Organisation nicht einbezogen werden, da sie heute in ihrem Berufe mehr ein Glied des Staates als der Gesellschaft sind. Diese vorgenannten Hauptberufsstände theilen sich sodann in die einzelnen fachlichen Genossenschaften oder Corporationen. Die corporative Organisation muß im Handwerk, in der Industrie und im Handel (Groß- und Kleinhandel) durchgeführt werden. Für die Bauernschaft wären räumlich abgegrenzte Genossenschaften einzurichten. In der Spccialisirung der Berufe und Geschäfte darf man indeß nicht zu weit gehen. Die neu- gebildeten Corporationen sollen mit den Rechten juristischer Personen ausgestattet sein, d. h. bewegliches und unbewegliches Vermögen erwerben und verwalten dürfen; sie sollen ferner disciplinäre Befugnisse über ihre Mitglieder haben und schiedsrichterliche Funktionen ausüben dürfen; mit einem Worte: jede Corporation soll in ihrem Bereiche eine vollkommen autonome Körperschaft unter dem Schutze des Staates bilden. Diese Organisation, in den Erundzügen gleich, wird in der inneren Ausgestaltung nach den verschiedenen Ländern verschieden sein und sich der Natur der jeweiligen Verhältnisse anpassen müssen. Das ist, in großen Zügen gezeichnet, die zu schaffende Organisation der Gesellschaft. Ohne Organisation kann keine größere Summe von Menschen auf die Dauer bestehen, ohne Organisation kann man von einer Gesellschaft im eigentlichen Sinne nicht sprechen; ohne Organisation gleicht dieselbe einer Heerde Thiere, in welcher jedes seinem eigenen egoistischen Triebe folgt und die nur die Hand eines starken Treibers zusammenhalten kann. „Ein freies Volk (d. i. ein social aufgelöstes) braucht eine große Polizei." Vus soll! Wehe dem, der allein steht! Die strirrgellte Kraft der Gottesbeweise nocheinmal. Dr. 8tr. In Nr. 9 der Beilage zur Augsburger Postzettung vom 28. Februar hat Herr 6. O. auf meine gegen eine frühere Publikation des angedeuteten Korrespondenten gerichteten Einwendungen eine Erwiderung veröffentlicht. Ich könnte nun wohl die Sache auf sich beruhen und das Urtheil darüber der vergleichenden Lektüre unparteiischer Leser überlassen, um so mehr, da ich keineswegs zu den polemischen und streitlustigen Naturen zu gehören glaube und die Feder nur auf dringendes Bitten eines guten Freundes ergriffen habe, der wie auch andere mir bekannte und befreundete Leser der Postzeitung an den beanstandeten Stellen Anstoß nahm. Auch darüber könnte ich das Urtheil ruhig den geehrten Lesern anheimstellen, ob ich bei meiner Entgegnung mich objektiv und fachlich ausgedrückt oder etwa subjektiver Empfindlichkeit und Animosität Raum gegeben habe, ohne von der sicher hochehrenwerthen Persönlichkeit meines Gegners auch nur die leiseste Ahnung zu haben. Weil aber die Sache zu wichtig ist und weil Herr 6. 6-. neben verschiedenen unrichtigen Auffassungen in seiner Erwiderung gerade das, was ich in meinem Artikel entschieden zurückweisen zu müssen glaubte, neuerdings zu vertreten unternimmt — mich auch mit dem zu befassen, was in seiner Einsendung in Ordnung war, lag für mich kein Grund vor —, so muß ich leider nochmal die Leser mit einigen Worten behelligen, hoffe aber dann nicht weiter mehr zu einer Replik genöthigt zu werden. Zunächst möchte ich bemerken, daß mir nichts fernec lag, als etwa den Verfasser jener Metakritik in Nr. 6 mit den Atheisten in einen Topf zu werfen; im Gegentheil bin ich fest überzeugt, daß wir praktisch in Sachen der Religion denselben Standpunkt einnehmen, aber soviel glaube ich allerdings auch bereits herausgefunden zu haben, daß wir auf theoretisch-philosophischem Boden uns kaum je verständigen werden. Darum wird es auch am besten sein, den Streit möglichst bald abzubrechen. Was nun die Ausstellungen betrifft, welche Herr O. 6l. an meiner „Antikritik" zu machen findet, so muß ich es mir bei der eigenartigen Schreibweise meines Opponenten leider versagen, eine vollständige Behandlung der gemachten Vorhaltungen zu bieten, und mich auf das Allernothwendigste beschränken. Zur Klärung der Situation sei dann vorausgeschickt, daß ich an der citirten Stelle diejenigen Worte unterstrich, an denen ich zumeist Anstoß nahm; wie sollte ich aber damit an eine Irreführung der Leser gedacht haben? An den unterstrichenen Worten haben aber gewiß auch Hunderte anderer Leser gleichfalls Anstand genommen. Dann handelt es sich hier nicht um bloße „Mißverständnisse"; was der „Spektator" in der Allgemeinen Zeitung in der Sache geschrieben hat, das kenne ich allerdings nicht; das hat aber mit unserer Diskussion gar nichts zu thun; worauf es hier ankommt, das ist das Faktum, daß Herr 0-. 6-. in dem fraglichen Artikel sich über die apologetisch so unendlich wichtigen prusamstula. üäai in einer Weise geäußert hat, welche Widerspruch finden mußte. Hier liegt der Schwerpunkt des Konfliktes. Daß unser Opponent thatsächlich einen solchen Sinn in den citirten Passus hineinlegen wollte, wie ich und andere ihn auffaßten, bestätigen seine erneuten Bemängelungen der Stringenz der Gottesbeweise in der Erwiderung selbst. Oder sollen etwa solche unbestimmte Erklärungen, wie: „ich gehe weiter als Kühn und seine Anhänger, ich .halte den Kausalitätsbeweis für sicher genug, um eine weitgehende objektive Beweisbarkeit Gottes zu ermöglichen"', das Gegentheil meiner Behauptung erhärten? Wir möchten es noch einmal betonen: die Gottesbeweise, soweit sie sich ausschließlich auf das Kausalitätsgesetz stützen, erfreuen sich jener vollen Gewißheit und Evidenz, welche überhaupt den Folgerungen aus unmittelbar sicheren Principien eignet. Wenn Herr 6. stringente Gewißheit nur den unmittelbar evidenten metaphysischen und mathematischen Grundgesetzen zugesteht, dann sinken auch die meisten Resultate der verschiedenen Wissensgebiete zur Bedeutung unsicherer Wahrscheinlichkeitsrechnungen herab; denn dort ist das Meiste nicht unmittelbar gewiß, sondern das Ergebniß von Schlüssen und oft eines sehr weitläufigen Diskursus. Im Sinne unseres Opponenten besäße z. B. auch der pythagoräische Lehrsatz nicht den Charakter einer absolut 93 feststehenden Wahrheit. Herr O. 6t. will nur jene Sätze als stringent gewiß gelten lassen, welche unsere Zustimmung erzwingen. Ja, wenn sich Vernunft und Einsicht erzwingen ließen l Wohl ist der Intellekt keine freiwirkende Kraft, und insofern ist es eigentlich unsinnig, von einer Freiheit der Wissenschaft zu reden; aber ist auch der Verstand in Bezug auf den aotus xaroextionis nicht frei, so hat doch der Wille den aetus axercitii in seiner Gewalt. Der Verstand sollte eigentlich immer Führer sein und dem blinden Willen mit seinem Lichte vorangehen, aber wie oft wird hier der Sehende von dem Blinden geführt! Welchen Irrweg und welchen Abgrund gibt es noch, in welchen nicht schon der arme Intellekt von einem durch Leidenschaften und Vorurtheile präokkupirten Willen gezerrt worden ist! Herr 6. O. nenne uns einmal gefälligst auch nur eine einzige absolut feststehende und evidente metaphysische Grundwahrheit, die nicht schon angefochten worden wäre, und das nicht etwa von Idioten, sondern sogar von Geistestitanen. Wird doch schon längst von den „Denkern" selbst die Allgemeingiltigkeit des Kausalitätsgesetzes geleugnet. Ja, sogar das Princip des Widerspruches soll durch eine Ueberleitung der contradiktorischen Gegensätze zu einer höheren Einheit aufgehoben werden. Kurz, der Zwang kann in der Zeit der „freien Wissenschaft" kein zuverlässiges Kriterium für Stringenz und Gewißheit bilden. Heutzutage ist es schon richtiger, in solchen Fragen an den vorurtheilssreten gesunden Menschenverstand zu appelliren, als sich von Atheisten und Pantheisten mit Nebeldunst und Seifenblasen im- poniren zu lassen. Ob sie dann über unsere Naivität mitleidig lächeln oder sich teuflisch ärgern, das kann uns höchst gleichgilttg sein, gewinnen lassen sich solche Leute auch durch die Genialität eines Schell schwerlich; man kann eben Atheismus und Pantheismus durch keine Argumente „überwinden", wenn sie nicht zur gesunden Vernunft heimkehren wollen. Wohl müssen wir mit den Verirrten Mitleid haben, aber einem eingebildeten Wissenschaftsdünkel zu Liebe sich selbst den festen Boden unter den Füßen wegziehen zu lassen und den Tanz über Abgründe und die Luftfahrten eines zügellosen Subjektivismus mitmachen zu wollen, das wäre nicht mehr Mitleid, sondern Selbstmord. Was dann die Behauptung anlangt, die GotteS- beweise müßten „vermittels der unmittelbaren Gottesidee vollendet bezw. ergänzt werden, so muß ich Herrn l). O. schon gestehen, daß ich leider nicht so glücklich bin, eine solche unmittelbare Gottesidee zu kennen. Soll damit etwa die bei allen Völkern aller Zeiten zu Tage tretende Ueberzeugung von der Existenz Gottes gemeint sein? Diese Ueberzeugung hat aber jedenfalls ihren Grund nicht in einer fertig angeborenen Idee, sondern erklärt sich theils aus der Leichtigkeit, mit welcher auch der schlichteste Bauernverstand von der Welt und ihrer Einrichtung auf ihren Schöpfer und Herrn schließt, theils aus einer besonderen Führung und Leitung der Vorsehung, deren sich jeder Mensch und jedes Volk erfreut. Aber das letztere Moment muß bei unserer Diskussion außer Betracht bleiben. Oder soll mit dieser unmittelbaren Gottesidee gar nach alten Mustern von einer jedenfalls recht unvollkommenen Vorstellung des höchsten Wesens feine Existenz erschlossen werden? Aber der saltv iuor- tala vom idealen ins reale Gebiet ist bis zur Stunde noch kein gangbarer Weg geworden. Es ist übrigens unrichtig, daß ich den Passus von der „ursprünglichen Gottesidee" übersehen habe, wie Ohponent wir vorwirft. Ich habe ja ausdrücklich erklärt, daß ich mit einer solchen nichts zu machen wüßte und mir nicht denken könne, waS darunter zu verstehen sei. Wenn ich mit den vorgebrachten Vermuthungen nirgends das Rechte getroffen habe, so bin ich für eine Belehrung sehr dankbar, wenn sie nicht etwa so ausfällt, daß ich sie nicht acceptiren kann. Soll etwa diese Idee ein Ausfluß jenes „geringgeschätzten subjektiven, geistigen Gebietes" darstellen, „das man so leicht preisgibt" ? Das geistige Gebiet preiszugeben, fällt uns gewiß nicht ein; aber dieser Ausdruck „fubjektiv" macht uns die Sache sehr verdächtig. Die subjektivistische Philosophasterei schon seit Cartefius und noch mehr seit Kant hat all den intellektuellen Jammer zur Folge gehabt, in welchem noch immer die außerkirchliche zünftige Spekulation an den Hochschulen befangen ist, und dieser Subjektivismus oder größere oder geringere Concessionen an ihn sollen etwa wieder Rettung bringen? Wir möchten also mehr das geistige Gebiet als objektive Thatsache betont wissen. Auch wir finden in dem durch Denken und Wollen sich bekundenden Wesen des Menschengeistes ein Faktum, das mit unweigerlicher Gewißheit auf einen überweltlichen, persönlichen Urheber und Schöpfer hinweist. Wie will der Atheismus und der nicht minder einfältige Pantheismus z. B. die Thatsache des Erkennens, die ideale Vereinigung von Subjekt und Objekt erklären, da doch beide substantiell nichts mit einander gemein haben? Gerade bei dieser wunderbar harmonischen Zusammenordnung von ganz heterogenen Dingen fällt uns ein schöner Satz von Professor Schell ein, den er in seiner Dogmatik vorbringt: „Die Beziehungen sind Spuren der Gottheit." Uebrigens möchten wir dem hochgelehrten und genialen Herrn nicht auf allen seinen, manchmal auch sehr gewagten Bahnen folgen, aber hinsichtlich der Gottesbeweise und ihrer Gewißheit steht derselbe jedenfalls auf unserer Seite. Wenn Herr 6-. O. meint, ich habe alle Ursache Gott zu danken, daß ich mich einer solchen Glaubens- ficherheit erfreue, so hat er recht, und ich bin bemüht, täglich Gott dafür zu preisen, daß Er mich so gnädig bisher auf der Bahn der Wahrheit geführt und geleitet hat. Aber auch an dieser Stelle spukt in der gebrachten Erwiderung wieder eine Verwechslung. ES handelt sich für uns hier nicht um den dogmatischen Lehrinhalt des Christenthums, nicht um die übernatürlichen Glaubeus- wahrheiten; auch nicht um den Glauben dreht sich die Frage, sondern um die natürliche Voraussetzung des Glaubens. Soll Jemand für das Christenthum gewonnen werden, so muß vor allem für ihn feststehen, daß es einen Gott gibt, daß er sich geoffenbart und die Kirche gegründet hat. Müßten wir diese Grundvoraussetzungen auch mit dem Glauben allein erfassen, dann wäre der Vorwurf von Köhlerglauben und Unvernunft berechtigt, mit dem unsere Gegner so freigebig sind. Aber das Dasein Gottes können wir in Wahrheit wissen, es ist und bleibt eine unabweisbare Forderung einer vernünftigen Weltbetrachtung. Wie soll ich nun mit einer solchen Auffassung der Sachs Wissen und Glauben verwechselt oder identificirt haben? Nicht weniger merkwürdig muthet mich das Kompliment des Herrn Opponenten an, als ob ich die Gewißheit und ihre verschiedenen Grade von der Wahrscheinlichkeit nicht zu unterscheiden vermöge. Von einer bloßen Wahrscheinlichkeit hätte das vatikanische Concil nimmer den Ausdruck eerto aoZnoscü gebrauchen können. Uebrigens erfreut sich natürlich diese Gotteserkenntniß ihrer stringenten Sicherheit nicht wegen der angedeuteten autoritativen Erklärung, sondern umgekehrt fußt diese Erklärung selbst auf dem schon an sich sicheren Thatbestand, und es galt nur, diesen Thatbestand gegen allen- fallsige Versuche eines sich geistreich dünkenden Skepticismus oder gegen Muthwillen im Gewände der Gelehrsamkeit ein- für alle- mal nachdrücklich zu constatiren. Mögen deßhalb auch Millionen moderner Geistesheroen uns den Weg zur causa eausarum mit Irrlichtern und Sophismen zu verlegen suchen, der gesunde Menschenverstand wird dennoch stets unbeirrt durch solche Blendwerke von den irdischen Spuren und Abbildern zur großen Geistersonne aufsteigen. Das beigefügte Fragezeichen wird gewiß jeder verständige Leser richtig aufgefaßt und nicht als eine von meiner Seite gegen Herrn 6-. (1. gerichtete Finte angesehen haben. Wenn ich von einer Vermengung von Wahrem und Falschem und Nichizusammengehörigem sprach, so waren damit ganz andere Dinge gemeint: zunächst die Zusammenstellung von Dasein und Erscheinen. Von einer Erscheinung Gottes in der Welt kann nicht die Rede sein; solche Weisheit überlassen wir dem Pantheismus. Dann wird wieder das Faktum der Offenbarung mit den christlichen Lehren und Wahrheiten zusammengeworfen. Daß Christus lebte und Wunder wirkte, steht in der That für mich und hoffentlich auch für die Mehrzahl der Katholiken als historisches Ercigniß mindestens ebenso fest, als Leben und Thaten eines Hannibal, eines Angustus. Aus der Art des Auftretens und Wirkens Jesu aber folgt seine Gottsssohnschaft und die Göttlichkeit seiner Stiftung, der Kirche, jedenfalls mit nicht geringerer Gewißheit, als jene ist, welche die moderne Gelehrsamkeit für Tausende ihrer Errungenschaften mit Recht in Anspruch nimmt. Nun dürfte Herr 6. wohl auch die Art meiner Unterstreichung in dem vorgeführten Citate begreiflich finden. Daß ich auch den einzelnen übernatürlichen Glaubenswahrheiten wissenschaftliche Evidenz beilegen wollte, eine solche Naivität wird mein Herr Opponent mir doch nicht zugetraut haben. Wenn schließlich Herr 6-. meint, die traditionellen Gottesbeweise seien am Ende wohl gut gegen den Atheismus, taugten aber nichts gegen den Pantheismus, so finde ich darin nur eine weitere Bestätigung meiner gleich anfangs angedeuteten Vermuthung, daß mein Herr Opponent und meine Wenigkeit uns auf philosophischem Gebiete nie zusammenfinden werden. Für mich aber und jene Leute, welche meinen spekulativen Standpunkt theilen, ist der Pantheismus um kein Haar gescheiter als der Atheismus, er ist ja nur ein etwas poetisch herausgeputzter Atheismus, und gegen ihn bieten die herkömmlichen Gottesbeweise resp. die Principien, auf welchen diese basiren, vollkommen ausreichende Waffen; freilich, durch solche Argumente jemand zu belehren und zu gewinnen, der sich nicht belehren lassen will, das würde auch einem Engel vom Himmel nimmer gelingen. Was Herr 6-. 6l. in der Fortsetzung seiner Erwiderung in Nr. 10 der Beilage gegen mich ins Feld führt, bringt zunächst die bereits angedeutete Vermuthung zur vollen Ueberzeugung, daß wir beide uns in philosophischen Fragen nimmer verständigen werden. Da das hier Vorgebrachte zum großen Theile schon in meinen vorausgehenden Darlegungen berührt wurde, so kann ich mich jetzt kurz fassen. Was die Bildung des Gottes- Legriffes anlangt, so ergibt sich derselbe eben aus der natürlichen Erkenntniß Gottes als der ersten und obersten Ursache des Alls, einer Ursache, der gerade deßhalb, weil sie xrinaa. oausa, ist, die Aseität eignen muß. Aus dieser Aseität folgt dann Gottes Unendlichkeit. Der so gewonnene Gottesbegriff wird nun allerdings durch die Offenbarung wesentlich vollkommener ausgestaltet, aber daraus folgt keineswegs, daß die Erkenntniß Gottes auS der Weltbetrachtung — die Geisterwelt natürlich inbe- griffen, soweit sie dem Menschenverstände zugänglich ist — für sich der vollen Stringenz und Evidenz entbehre. Mein verehrter Gegner scheint mir hier wieder vollkommene Erkenntniß mit voller Stringenz zu confundiren. Eine Erkenntniß kann inhaltlich sehr mangelhaft sein und dabei doch vollkommene Gewißheit besitzen. Was wissen wir z. B. über das Wesen der Elektricität? und doch ist die Thatsache selbst absolut sicher. Sodann kann ich es gewiß getrost dem besonnenen Urtheile gütiger Leser überlassen, zu entscheiden, ob dadurch, daß ich die Ursache der Gottesleugnung hauptsächlich in moralischen Defekten finde, die metaphysische Gewißheit und Evidenz der natürlichen Gotteserkenntniß auch nur die geringste Schmälerung erfahre. Soll man die Wahrheit erkennen, so muß man freilich sie auch erkennen wollen und sich der Mühe des erforderlichen Denkprozesses unterziehen. Wenn aber jemand sich an einer unbequemen Wahrheit ohne Kenntnißnahme scheu vorbeidrückt, so folgt daraus nicht, daß die Wahrheit an sich der nöthigen Sicherheit und Evidenz ermangle. Also auch ohne Anleihe bei der Moral bleibt für uns und andere Leute die volle, wenn auch mittelbare Stringenz oder Gewißheit der natürlichen Gotteserkenntniß bestehen. * Erwiderung. Eine Reihe von Vorwürfen hätte mir 8t. sicherlich erspart, wenn ich noch rechtzeitig den angekündigten zweiten Artikel Hütte erscheinen lassen können; so muß ich auf die Gefahr hin, nicht verstanden und ins Unrecht gesetzt zu werden, mich möglichst kurz fassen, um eine endlose Streiterei zu vermeiden. Ich bin ohnehin in einer ungünstigen Lage, da meine größere Zurückhaltung und Vorsicht leicht den Schein des Skepticismus erweckt. Mag 8t. Recht haben, für den Gottesbegriff in seinem Sinn als Voraussetzung der Religion stringente Beweisbarkeit, eine syllogistische Stringenz anzunehmen — ich lehne diese Art Stringenz nicht ab —, so ist mir ihre Annahme leider unmöglich für den erweiterten Gottesbeweis, wie ich ihn im Auge hatte. Wenigstens traue ich mir einen solchen Nachweis nicht zu; einer, der alles beweisen kann, bringt's vielleicht fertig. Wohl halte ich fest an einer mittelbaren Erfahrung Gottes im Geiste und an einer Erscheinung Gottes in der Natur, im Geiste und in der Geschichte, ohne daß ich dem Pantheismus, Mysticismus oder Subjektivismus im üblen Sinne zu verfallen fürchte. Wäre letzteres unausweichlich, dann waren nicht allein die Mystiker, sondern war der hl. Paulus selbst ein Pantheist und Subjektivist, da er vom Sichtbarwerden Gottes in den Crea» turen (Röm. I, 19 ff.) und vom Beweis des Geistes und der Kraft spricht <1. Cor. 2). Wirkungen und Spuren Gottes sind fühl- und sichtbar in der Natur, aber vor allem in der geistigen und geschichtlichen Welt, die uns erst den persönlichen Gott und den Gott der Liebe offenbart; die Seele selbst ist ja ein Hauch Gottes! Solche Spuren liegen vor 1) in der allen Menschen an- geborenen Ahnung des Unendlichen, im Streben nach dem Höchsten, das sich in der „ursprünglichen Gottesidee« ausspricht^), 2) im Gewissen und seinen Einsprech- ungen, 3) in der religiösen Gnade. Aber gerade je höher wir steigen, je näher wir dem Person-. lichenGotte derLiebe kommen, desto schwerer wird die Beweisbarkeit. Die Seelenregungen sind dunkel und schwer faßbar, aber gerade um so werthvoller. Dunkel sind namentlich die Wege der Gnade, von der alles abhängt. — Mag nun 8t. wieder behaupten, hier sei Nichtzusammengehöriges vermischt und verwechselt, — warum ging er dann selbst darauf ein? — ich hatte es nun aber einmal verbunden, und zwar gerade um den Pantheismus zu überwinden. Leider kann ich mich nicht weiter darüber verbreiten. Ich füge nur noch ein Paar Leitsätze aus dem angekündigten zweiten Artikel an, den ich vorläufig zurückhalte, weil die Redaktion eine endlose Debatte fürchtet. DaS Christenthum stellt die höchste absolute Erscheinung Gottes dar. Die durch das Christenthum gegebene Gnade, Bekehrung, Heiligung und Erleuchtung ist das Urwunder, dem alle andern Wunder untergeordnet sind. Hierin, nicht in äußeren Wunderberichten, liegt der Beweis des Geistes und der Kraft, aus den auch Christus selbst anspielt (Joh. 7, 17, v. 8 u. 14). Wer dieses Wunder nicht erlebt hat, wird äußern Wundererzählungen schwerlich Glauben schenken, wenn er nicht ganz naiven Sinnes ist. Denn von Wundern erzählen auch andere Religionen, Wunder wirkt auch der Antichrist: wer aber soll unterscheiden, als der Geist, mit dem daS Geistige erkannt wird (1. Cor. 2, 23) und der Zeugniß gibt, daß wir durch das Christenthum Kinder GctteS geworden sind (Nöm. 8, 16). Sehr belehrend war es, daß gleichzeitig mit dem Angriff von 8t. anderwärts mein „fanatischer Ultramontauismus" der jliberalen Inquisition deiiuucirt wurde und ich gar als „verbissener Socialdemokrat« ausmarschircn mußte. Wem kann's hegte Jemand recht machen, gui viam ventatis ologit? I)r. 6. 6. * * Wir glauben hiemit die Dtscussion über dieses Hherua schließen zu dürfen. D. Red. Gedichte von Max Crorre. (Schluß.) In dein letzterwähnten ChcluS finden sich auch des Ver- fässcrs beste Sonette. Es ist wirklich schwer, aus diesem Neigen von Liedern die Auswahl cer besten zu treffen. Doch hören wir den Dichter selbst. In „Liebe und Leid" singt er: Wir wisscn'S auch: nur bitterwcnig Zeit Bleibt für das Glück auf unsern Erdcnwegen. Doch was ist Glück? DaS ist der alte Streit. DeS Menschen Gluck, cS ist im Leid gelegen, Und Liebe ist vereint getragnes Leid. So wandelt sich der Fluch in eitel Segen. Die kräftige Ermunterung zum Vertrauen in „Weine nicht!« Sollst muthig vorwärts in die Zukunft schauen» Nickt wie ein Feigling zage vor ihr beben; O hadrc nicht, fleh' du um Gottverlrauen, ES wird dir deine Kräfte wiedergeben. Schuf denn der Vater uns zu Tod und Grauen? Nein, für ein immerwährend selig Leben! Wo der. Cultus des „Ich", dort keine wahre Liebe; denn in „Der Liebe Prüfstein« heißt es: Der Liebe Prüfstein ist Selbstlosigkeit. Denkst du an dich, gleich kommt dein Herz in Streit, Es will die Eifersucht sich in dich senken, *) Diese Idee hatte ich ganz deutlich erklärt, anstatt dieß aber nachzulesen, wiederholt 8t. alle möglichen Vermuthungen, die er schon einmal angestellt. Gibt es für ihn überhaupt nichts Apriorisches, auch keine angeborenen Principien und Anlagen? Dein bess'reS JA, dein Liebstes, in dir kränken, Und statt des Glücks bringt dir die Liebe Leid. In „Was die Liebe vermag« wird der „Eigengier«, dem Eigenwillen durch die Liebe der Krieg erklärt. Weiter sagt der Dichter in „Die Liebe und das liebe Ich« Mein Kind, und eh' in Liebe sich Ein Menschcnpaar zusammenschließt, Zu brechen sind zwei trotz'ge Ich, Bis eins, ein heilig Ich, erspricßt. Von den größeren sind hervorzuheben „Glosse«, das reimlose Gedicht „Traum und Wahrheit" und „LiebeSbande" mit dem Schluß: Das Liebesband, das unser Herrgott geknüpft, reicht über alle Ewigkeit. Blättern wir weiter, so kommen wir zu den „Vermischten Gedichten«, unter welchen man einige Bergmanns- und Knappen- lieder nicht unerwähnt lassen darf; so „Glückauf zum neuen Jahrl«, „Das Bergmannslied«, dessen letzte Strophe wir uns herzusetzen nicht versagen können: Und weil ich nun ein Bergmann bin Und von so edlem Stand, So geb' ich ganz auch Herz und Sinn In meines Gottes Hand. Und mit Gebet fahr' ich zur Schicht Und mit Gebet herauf, Mein treuer Gott, dick lass' ich nicht, Hinauf zu dir! — Glückauf! Welch kräftiges Gottvcrtrauen spricht sich in diesen Zeilen aus; jenes unverwüstliche Vertrauen, das gerade den Bergmann vor allen besonders erhebt. Das schöne Gedicht „Glcich- niß« mit der ernsten Mahnung, „still in sich selber zu gehen, will man es im Leben dazu bringen, auf wackeren Füßen zu stehen;« „mit Gott und sich selber zurechtzukommen« bringt Ruhe und Glück. Wer könnte bann das ebenso wahre als ernste Gedicht „Aus Wiedersehen!« mit Stillschweigen übergehen. Das Lied „Im Glück« zeigt anschaulich die Wahrheit vom beständigen Wechsel zwischen Lust und Leid im menschlichen Leben. Dann die „Osterklänge", die auch daS »erbittertste Herz aus dem TodcSbann zu locken verstehen. Im Anschluß an diese Gruppe finden sich die „Sinnsprnche", worunter einige ganz kernige Sentenzen und Lebensregeln an- geführt sind. Wollen wir einige folgen lassen: Getrost im Leide still zu halten Erlernt sich nur durch Händefalten. Oder das „Ich" der ärgste Feind — der beste Freund. Ein anderes heißt: Thu', was du sollst, in dieser Zeit, So wirkst du sür die Ewigkeit. Ein andermal sagt er: Wiewohl an Kirchen und Kapelle» keine Noth, wiewohl Gottes Wort aus tausend Quellen lebendig strömt, findet man doch auf Erden so selten einen wahren, echten Christen. Wie wahr ist folgendes: Ist ein Nechenexempel der Lebenslauf» Dann ist das Sterben die Probe darauf. Und so folgen noch viele kleinere oder größere Sentenzen oder Geistesblitze, die in bündiger Form oft die ernstesten Gedanken nahelegen. An den Schluß der Gedichtsammlung setzt der Verfasser einige Gelegenheitsgedichte, von denen das erste „Zum sünfunddreißigsten Geburtstag des Kaisers« dem Patriotismus des Verfassers schönen Ausdruck verleiht. Die übrigen können wir übergehen. Was nun die Form anbelangt, in welche der Verfasser seine Lieder kleidet, so begegnet und fast am häufigsten der vierfübige Iambus mit Reimpaaren oder gekreuzten Reimen; auch umschlossene Reime (a a b « o b) finden sich. Einmal finden wir den fünffüßigen Iambus (Blankvers). Von trochä- ischen Versen haben wir meistens den fünffüßigen, hie und da auch den schleppenden achtfnßigen Trochäus. Einige kleinere Gedichte sind in Distichen abgefaßt. Unser Verfasser liebt eS nicht, künstliche Formen in Verwendung zu bringen; er bleibt bei den einfachen, schlichten Gattungen und ergreift den Leser vielleicht gerade durch die eckte deutsche Weise, durch die einfache Form. Doch eines müssen wir unserem Dichter zugestehen; Er ist ein Meister des Sonetts, das er denn auch häufig und in ganz ungesuchter, ungekünstelter Weise anwendet. WaS 96 die Reinheit der Reime anbelangt, so kann man auch bei auf- meiksamer Lectüre nur wenige unreine Reime finden. Der Verfasser ist gewiß auch in dieser Hinsicht recht ancrkcnuens- werth, indem uns gerade in der jüngsten Poesie so viele Produkte mit Gezwungcnhcitcn und Härten im Reime begegnen. Wir können unö am Schlüsse kurz fassen: Der Eindruck, den Crone'S Gedichte sowohl im Einzelnen als auch in der Gesammtheit machen, ist ein recht guter und befriedigender. Wir haben einen Dichter vor uns, der sowohl durch Inhalt als auch Form seiner Gedichte viele andere Poeten in den Hintergrund drängt und hinter sich zurückläßt. Wir können daher äuck Crone'S Gedichte jedem auf's wärmste empfehlen, der in unserer so liederreichen und poesievollen Zeit sich noch einen Geschmack für etwas Besseres als Alltagöproduct gewahrt hat. Salzburg. Oswald Flock«. Recensionen und Notizen. Der weiße Sonntag. Belehrungen und Gebete für Erst- communicanten und die gcsammte Jugend, welche würdig und mit Nutzen communiciren will. Mit einer Beigabe: Unterricht und Gebete für Firmlinge und Gesinnte. Von Pfarrer F. X. Fecht. 34. Aufl. Donauwörth» Druck und Verlag der Buchhandlung L. Aucr. O Das obige Büchlein zielt nicht bloß auf eine momentan^ Erregung frommbegeisterter Gefühle beim Empfange der ersten hl. Communion, nein, es verdient mit vollem Recht den Namen eines „geistlichen Excrcierbüchleinö" für's Leben. Es lehrt den göttlichen Kindcrfreund, der sich keinem Lebensalter so gerne naht, wie den kindlichen Seelen, nicht nur lieben, sondern Jbm dienen in gewissenhafter Nachfolge, — Ihm daS ganze Leben weihen. Dieses goldene Büchlein ist wie wenig andere dazu angethan, wahre Christen zu bilden. Nicht umsonst wurde es durch die Empfehlung dreier Bischöfe unter die erstcommuni- circnde Jugend eingeführt. Stets sich wiederholende Auflagen rechtfertigen glänzend diese Empfehlung. Charfreitagsbüchlein für Jung und Alt. Von A. Häuser, bischöfl. geistl. Rath. 3. Auflage. Mit Genehmigung des bischöfl. Ordinariates Augsburg. Preis 15 Pfge. L.. Der Charfreitag, der Gedächinißtag der tiefsten Erden- trauer, wird unter dem katholischen Volke oft mit nicht vollkommenem Verständniß begangen. Das vorliegende Büchlein lehrt das große Geheimniß dieses Tages ersassen im Geiste der Kirche, welche gerade den heil. Charfreitag mit den schönsten, sinnigsten und bedeutungsvollsten Ceremonien und Uebungen ausgestattet bat. Möge dieses unentbehrliche, so außerordentlich billige Handbüchlein für die Charwoche die weiteste Verbreitung finden! Die heilige Stunde zur Verehrung der Todesangst Jesu und zur Sühne für die Sünden der Nacht. Von Alois Hacker, Pfarrer in Kleinaitingcn. Mit oberhirtlichcr Druckbewilligung. A. Das kleine empfehlcnswerthe Broschürchen unterstützt in erbaulichster Weise den frommen Brauch, die zwölfte Stunde der Nacht von Gründonnerstag auf Charfreitag in Betrachtung der Todesangst Jesu betend, sühnend und mit Ihm leidend zuzubringen. K i r ch c n m u s i k a l i s ch e S I a h r b u ch 1896. Von Dr. H a b e r l. Pustet, Negensburg. Preis 2 Mark. >V. Um den literarischen Werth des Jahrbuches zu würdigen und dadurch dasselbe zu empfehlen, genügt es, den Inhalt vorzuführen. Auf 28 Noten-Seiken bringt es Vittoria's kuori Uobraeornm, 4 stimmig, Chorantworten zur Passion nach Matthäus, 4 stimmig, 0 vomins llssu Oliristo, 6 stimmig, Ineigit vamontatio für 2 Alt, Bariton und Baß, für die Char- woche. 110 Seiten sind Abhandlungen und Aufsätzen gewidmet: Kirchenmusikalischc Jahreschronik, Archivalische Excerpte über die Hoskapelle in München (K. Walter), Ein deutsches Missale aus dem Jahre 1529 (R. v. Liliencrcn), Ueber Kataloge von Musikbibliotheken (Haberl), Katalog der Maricnbibliothek zu Elbing, Rhythmische Gliederung des Chorals (Gietmann 8. .7.), DaS vom deutschen Gesang begleitete Hochamt (Langer). Eine bio-bibliographische Studie über Vittoria (Haberl), Die Neumen- forschung (k. Kornmüller). Daran reihen sich 10 größere und kleinere Referate und Anzeigen über neueste kirchenmusikalische Erscheinungen in deutscher, französischer, englischer und italienischer Sprache. Und das Alles um 2 Mark! Wer sich für die Geschichte und Aesthetik der Kirchenmusik interessirt, dein kann das Jahrbuch nicht genug empfohlen werden. Das um so mehr, als das Jahrbuch daö einzige deutsche Organ wissenschaftlicher Behandlung der Kirchenmusik ist. Mir scheint es daher eine Art Ehrenpflicht zu sein, dasselbe durch Abnahme zu unterstützen. DaS Kreuz. Sechs Fastenprcdigtcn von vr. Anton Kerfch- baumer. Brixe» 1896. Preis brosch. 64 Pf. V. Daö alte Kreuz, das schwere Kreuz, das blutige Kreuz, daö heilige Kreuz, das starke Kreuz und das triumphirende Kreuz — das ist der Inhalt des nur zwei Bogen umfassenden Schriftchens. Scheinbar ist das Thema mehr als eingehend behandelt; aber die Lehre vom Kreuz ist ein Geheimniß, das wohl von den verschiedensten Seiten anS betrachtet, aber nie erschöpft werden kann. Die reichliche Benützung des alten und neuen Testamentes, einfache, populäre und gleichwohl der Würde des Wortes Gottes entsprechende Darstellung sind besondere Vorzüge dieser Predigten, wcßhalb sie die gleiche Empfehlung verdienen, wie die von demselben Verfasser schon früher erschienenen Sonn- und FesttagSprcdigte». Der Katholik. Nedigirt von Joh. Mich. Na ich, 12 Hefte, M. 12. Mainz, Kirchheim. Inhalt von 1896. Heft III, März. vr. Selbst, Die Bibelwissenschaft dcö Protestantismus im Kampfe gegen das Alte Testament. — vr. L. Bendix, Die Deutsche NcchtLeinheit. — vr. Franz Zigon, Die wirksame Bewegung Gottes und die Freibeit des Menschen. — Der dritte Band der Geschichte der Päpste von L. Pastor. — vr. G. Natzinger, Lorch und Passau. — Literatur: Lic. Joseph Bautz, Grundzüge der katholischen Dozmatik. — Wilhelm Bäumker, Ein deutsches geistliches Liederbuch. — Pbomas O'Cormau, ^.msriean Öliured Ilistorz'. — Vr. G. Natzinger, Die VolkSwirrhschaft in ihren sittlichen Grundlagen. — Franz Laver Kraus, Geschickte der christlichen Kunst. — vr. Georg Hagemann, Logik und Noctik. — k. Ferdinand della Scala, Der heil. FideliS von Sigmaringcn. — Johannes Weißbrodt, Fastcnpredigtcn- Katholische Warte. Jllustr. Monatsschrift zur Unterhaltung und Belehrung. XI. Jahrgang. Heft 12 L 15 kr., 25 Pf. Jahresabonnement fl. 1.80 (M. 3.60). Verlag von A. Pustet in Salzburg. Mit dem nun vorliegenden 12. Hefte ist jetzt abermals ein Jahrgang der heimischen Familienzeitsckrist vollendet. Dieselbe bringt eine kleinere Novelle „Die alte Lampe" von Elisabeth Saint-Louiö und beherzigenswerthe Worte „Für stille Taae und Stunden" von A. v. Liebcnau; du Nords „Die französischen Canadier" und Kujawas Humoreske „Die Ochsenzunge" finden befriedigenden Abschluß. Franz Peters schildert uns endlich in fesselnder Weise den Dichter Leo Fischer." Möge die Monatschrift in alle kathol. Kreise dringen und immer mehr Freunde und Abonnenten finden! Die katholischen Missionen. Jllustrirte Monatschrift. Jahrgang 1895. 12 Nummern. M. 4 — fl. 2.40 Z. W. — Frciburg im Breisgan. Hcrder'sche Verlags- handlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 3: Die blutigen Vorgänge in Armenien. — Aus dem Leben und Wirken eines verbannten sibirischen Priesters. — Eine bischöfliche Hirtcnreise in Norwegen. (Schluß.) — Nachrichten aus den Missionen: Balkan (Augustinermisston in Bulgarien); Syrien (Unruhen); Philippinen (Bencdiktinermission); Acguatorial-Afrika (Uganda); Ostafrika (Süd-Sansibar); Südafrika (Mission am Ober-Sambesi); Nordamerika (Standing Rock' Reservation); Oceanien (Cook-Jnjeln); Aus verschiedenen Missionen. — Misccllcn. — Beilage für die Jugend: Der Zug nach Nicaragua. (Fortsetzung.)— Diese Nummer enthält 9 Illustrationen. Vcrantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. »I,-. IS. ie 27. Wir? I«. k. Wilhelm Kreitcn. Literarhistorische Studie von Ad. Jos. Kiel. So vieles schon hat man über den Aufschwung unserer katholischen Literatur geschrieben und gesprochen, und da ist es wohl auch angebracht, einmal desjenigen Mannes zu gedenken, der nicht zum wenigsten zu diesem Aufschwünge beigetragen hat. Es ist das der Jesuiten Pater Wilhelm Kreiten. Um jedoch die Verdienste dieses Mannes ganz und voll würdigen zu können, ist eS nothwendig, vorher eine kurze Rückschau zu halten auf den Stand, den die Literatur zu jener Zeit einnahm, da k. Kreiten zum ersten Male eingriff und durch seine literarischen Arbeiten bahnbrechend wirkte. Wie eine prächtige Rakete war zu Beginn unseres Jahrhunderts die Romantik zum nächtlichen Himmel emporgestiegen. Von allen wurde sie begeistert und bewundernd begrüßt. Doch nur kurze Zeit erleuchtete ihr funkelnder Glanz die nächtliche Gegend, dann zerplatzte sie in tausend bunte Sterne, die anseinanderstobeu und — erloschen. Hervorgegangen war die Romantik aus der Unbe- friedigtheit des deutschen Gemüthes. Sowohl die, wenn auch formvollendete Klassicität Goethes, die sich lediglich an die Natur anlehnte, als auch der Idealismus Schillers, dem die höhere Weihe fehlte, ließen in dem Herzen des Deutschen das Gefühl einer gewissen Leere zurück. Leider entsprach das Leben der gebildeten Deutschen in jener Zeit im Allgemeinen nicht mehr der christlichen Weltauffassung; aber man fühlte weithin doch, daß es ein höheres Drittes geben muffe, in dem sich die Gegensätze zwischen dem Realismus Goethes und Schillers Idealismus harmonisch ergänzten und vereinigten. In diesem Gefühle, und diese Idee allmählig erfassend, erklärte sich die junge Generation in jugendlicher, feuriger Begeisterung zu Rittern des Christenthums wider den herrschenden Rationalismus. Freilich äußerte sich dies Bestreben zunächst, da die Jünger ihre Milch an einer anderen Brust getrunken und in einer ganz anderen Luft aufgewachsen waren, als ein unsicheres Suchen und Herumtappen einer sich selbst kaum verständlichen Sehnsucht. Immerhin war es eine wunderbare Zeit, da die Romantik ihr melodienreichcs Lied an- hub, da die Natur ihr uraltes Märchen wieder zu erzählen begann und an den verfallenen Burgen und Kirchen mit dem immergrünenden Epheu die Sagen und Geschichten emporrankten, die Glocken wie von selbst anschlugen und die Wipfel sich rauschend neigten, als ginge der Herr durch die weite Stille, und als müsse der Mensch ob all des Glanzes niedersinken. Es war, als erinnere sich das altgcwordene Geschlecht plötzlich wieder seiner schöneren Jugendzeit, und eine tiefe Erschütterung ging durch alle Gemüther, da Schclling, Steffens, Görres, Novalis, die Schlegel und Tieck ihr Tagewerk begannen. Indeß die wenigsten von ihnen hielten auch späterhin noch den Curs ein, den sie von Anfang genommen. Die meisten Vertreter der Romantik vermochten nicht, den Subjectivismus des Protestantismus zu überwinden, den sie mit der Muttermilch eingesogen. Die Poesie hatte sie vor das im Waldesdicktcht versteckte und längst vergessene Hetligthum hingeführt und vor die mit grünem Epheu überrankten Thore der katholischen Kirche; doch ihre Absicht war nicht kindlich rein genug, als daß ihnen der Spruch geoffenbart worden wäre, auf den hin sich diese Thore öffnen sollten. Nur wenigen war es mit Friedrich von Schlegel vergönnt, auch in das Innere dieses Heiligthums einzutreten, um sich dort in die unendliche Schönheit des Allerhöchsten zu versenken; die anderen begnügten sich. statt ein Glied der lebendigen sichtbaren Kirche zu werden, mit einer manchmal pantheistischen, in träumerischem Halbdunkel schwebenden Symbolik dieser Kirche. Und so wurde naturgemäß der Katholicismus der Romantiker zu dem, für was ihn später auch Tieck zu seiner Rechtfertigung ausgab, zu einer bloßen Staffage ihrer poetischen Gefühle. Lange konnte dieser Zustand nicht andauern. Heine war der Erste, welcher Reißaus nahm. Er war es welcher das vauvs gui xaut! in die Massen warf, mik zweischneidiger Ironie an dem in der eigenen Phantasterei stecken gebliebenen „Munitionskarren" der Romantik rasch die letzten Gurten und Stränge durchschnitt und dann mit Sattel und Zeug zu dem schon lange schadenfroh gegenüber lauernden Heidenthume überging. Eine ganze Freischaar romantischer Trainkuechte, Nachzügler und Marodeurs, ja Alles, was inzwischen am Glauben Schiffbruch gelitten, folgte seinem willkommenen Signalrufe ebenso frech, nur mit weniger Geist und Witz. Mit einem Schlage hatte nun die specifisch änlich ri st liche Poesie fast das ganze Feld erobert. Was kurz vorher doch wenigstens noch scheinbar geehrt und verherrlicht worden war, das war jetzt auf der ganzen Linie in den Koth getreten. Der Geist eines Byron rauschte nunmehr durch den deutschen Dichterwald. Aber zur Ehre der Deutschen sei's gesagt, zu jenem dämonischen Hasse dieses unglücklichen Britten gegen Gott und alles Göttliche brachten sie es meist doch nicht, wenn sie auch die innere Oede und Zerrissenheit mit ihm theilten. Man muß die ganze Trostlosigkeit der Lage kennen, die zu jener Zeit herrschte, da das „JungeDeutschland" tonangebend geworden war, um den lauten Jubel begreifen zu können, mit dem die „Amaranth" von Nedwitz begrüßt wurde. Im Grunde genommen krankte doch auch diese Dichtung an Hyperromantik. Aber es waren wenigstens katholische Ideen, welche da auftraten. Und wenn diese auch noch in einer gewissen Verschwommenheit und manchmal in ungesunder pietistischer Sentimentalität erschienen, so setzte man doch große Hoffnungen auf des kühnen Dichters Jugend, der es sich zur Lebensaufgabe gestellt zu haben schien, den Kampf mit dem herrschenden modernen Heidenthume aufzunehmen. Leider ist uns das formgewandte Talent Nedwitz' verloren gegangen. Seine Verschwommenheit und sein krankhafter Pietismus wurden ihm selbst eine Schlinge zum Falle. Pantheismus und nackter Materialismus waren die Systeme, in deren Dienste seit den vierziger Jahren durch drei volle Decennien die deutsche Dichtung vorherrschend stand. Von katholischer Seite geschah dem gegenüber wenig, oft soviel wie gar nichts. Die Ungunst der Verhältnisse, die Allmacht der liberalen Tagespresse, kurz, Alles hatte sich verbunden, jedes aufstrebende katholische Talent entweder todtzufchweigen oder positiv zu bekämpfen. Nur so ist es erklärlich, wie man vielfach katholischerseits allmählig dazu kommen konnte, ein gewisses Vorurtheil gegen jegliche Art von Literatur zu fassen. Man war gar oft geneigt, die gegenMrtige. V e,r- L8 Irrung der Poesie mit ihrem Wesen zu verwechseln. Und man dachte nicht daran, daß diese formvollendeten krystallenen Schalen erst dann ihren wahren Werth erhielten, wenn der echte, reine, goldene Lebenswein in sie gegossen wird, und daß die Poesie, getragen und durchdrungen von einer großartigen Weltanschauung, wie das Christenthum sie bietet, ungleich mehr Gutes stiften werde, als sie im andern Falle Unheil anrichtet. Das war ungefähr die trostlose Lage und Stimmung in jener Zeit, da k. Kreiten auf der literarischen Arena erschien und seine volle Kraft sammt seinem reichen, ausgedehnten Wissen in den Dienst einer katholischen Poesie stellte. In einer ereignißvollen, gährenden Zeit, am 22. Juni 1847, zu Gängelt in der Nheinprovinz geboren, besuchte k. Kreiten zunächst die Bürgerschule und trat dann schon mit 16 Jahren zu Münster in den Orden der Gesellschaft Jesu ein. Hier vollendete er seine klassischen Studien und ging 1867 zum Studium der Philosophie nach Maria-Laach, woran sich ein zweijähriger Aufenthalt zu Amiens in Frankreich anschloß. Im Jahre 1870 kehrte er nach Münster zurück und hörte auf der dortigen Akademie ein Jahr lang Geschichte und Aesthetik. Hier verkehrte er besonders viel mit dem ausgezeichneten Aesthetiker, dem erblindeten Professor Schlüter. Als er hierauf in Folge des Jesuitengesetzes im Dezember 1872 die Heimath verlassen mußte, wurde er nach Aix in Südfrankrcich gesandt, wo er 1873 die Priesterweihe empfing.'"" 1874 — 75 absolvirte er zu Castres bei Toulouse sein drittes Probejahr und ward dann als Seelsorger und Lehrer am Kollegium nach Lyon und 1876 als Mitredacteur der „Stimmen aus Maria-Laach" nach Schloß Tervueren bei Brüssel geschickt. In dieser Eigenschaft lebt er seit 1878 zu Kirchrath in Holland. Das ist in Kürze der Lebensgang k. KreitenS. Seine Hauptschaffenszeit beginnt mit dem Jahre 1876, von jener Zeit an, da er zum Mitredacteur der Laacher Stimmen ernannt worden war. Ueber die Bedeutung dieser Zeitschrift brauche ich an dieser Stelle wohl nichts mehr zu sagen. Es ist ja ausgemacht, daß die aus ihrem Vaterlands vertriebenen Jesuiten gerade durch diese Blätter einen großen Einfluß auf die Hebung der katholischen Wissenschaft und Literatur in Deutschland und auch auf die Richtung der Geister ausgeübt haben. Obgleich sehr leidend und oft wochenlang an das Krankenlager gefesselt, entwickelte k. Kreiten doch eine ungemeine Rührigkeit. Vor Allem beschäftigten ihn literarische und literarhistorische Arbeiten, die er in den Laacher Stimmen veröffentlichte. Hier hatte er bald die Rolle eines Vertheidigers, bald die eines Angreifers zu übernehmen: immer aber bewährte er sich als einen gerechten, scharfsinnigen und geistreichen Kritiker. Eine kurze Uebersicht über die Aufsätze, die er seit 1874 in der genannten Zeitschrift veröffentlichte, mag einen Begriff geben, von dem Willensstärken Bienenfleiße und der Vielseitigkeit k. Kreitens. Jahrgang 1674 Die FrohnlcichnamSspiele des KönigS Rens. „ 1875 Felibre und Felibrige. Studien über die proveiixalische Literatur der Gegenwart. „ 1876 Jacques Cretincau-Joly. „ 1877 George Sand. Eine literarhistorische Skizze. „ 1877/78 Fernan Caballero. „ 1878 Friedrich August von Klinkowström. , „ Soldat und Christ. » , Vier ungedruckte Briefe von Clemens Brentano. Jahrgang 1879 Dreizehnlinden. „ 1880 Aus einem alten Stammbuch. „ 1889/31 Clemens Brentano'S Chronika eines fahrenden Sckülcrs im ersten Entwurf. „ 1881/32 Dichterklänge aus Wcstphalcn. „ 1882 Zur Entstellung deö Exercitienbüchleins. „ „ Der Singschwan. „ 1882/83 Weibnachtcn in der Provence. , 1883 Eugene Tue oder Professor der Kirchen- gcschichte? „ „ Louis Venillot. „ „ Annette von Drostc-Hülöhosfs literarischer Entwickelungsgang. „ 1684/65 Molisre. Eine Episode aus Bischof LaurentS Leben. Der neueste Neligionsstifter und sein Evangelium. Die Rudhard-Sagc. Ist Voltaires Glaubenöbekenntniß vom Jahre 1769 „gefälscht" und ein „Muster psäjfischer Jntriguenkunst" ? Ncrto. Eine provengalische Dichtung. Zu spät erkannt. Der Tod BaldurS. Ist Voltaire todt? Randglossen zu preisgekrönten und nicht preisgekrönten Gedichten der Gegenwart. Dahnö neueste Erzählungen. Säculäquat oder statuarisch. Ein seltsamer Roman. Wie man „Probleme" löst, von denen man nichts versteht, oder „Dahiel, der Convcrtit". Ein Roman. Zwei neue erzählende Gedichte: I. Unterm Krummstab, II. Jörg von Falkenstein. Ein Wort über „Jesus Romane". Die Fahne deS gebildeten Oesterrcichcrthums? Ungedruckte Briefe von Joseph v. Eichcn- dorff und Karl Ernst Jacke an Lebrccht Dreves. Es geht lustig weiter! (Besprechung eines Enstav-Adolph-Festspiels von Haiser.) Dichterisches aus Amerika. Wie man Wörterbücher schreibt. Der heil. AloysiuS und sein Mahnwort an unsere Zeit. (Zur Fcstfeier des 21. Juni 1891.) Zwei neue christologische Gedichte. Blasinö Pascal. Ein Charakterbild. Die Provinzialbriefe Pascalö. Pascals letzte Jahre. Die Lieder des Mirza-Schasfy. Felix Dahn's neuester Roman „Julian der Abtrünnige". Bedenkt man, daß Vieles hiervon, ja vielleicht das Meiste auf dem Krankenlager entstand, dann kann man nicht genug die hingebende Liebe und die Akribie bewundern, mit der all diese gehaltvollen Aufsätze geschrieben sind. Dazu ist der Stil k. Kreitens klar und durchsichtig und gewandt, so daß selbst die Gegner niemals diesem ihr Lob vorenthalten konnten. An dieser Stelle möchten wir auch darauf hinweisen, daß wohl recht viele Freunde k. Kreitens ihm zu großem Danke verpflichtet sein würden, falls er all diese Aufsätze in einem eigenen Buche sammeln und herausgeben wollte. Viele kleinere Recensionen und Besprechungen, in denen der Kritiker die bemerkenswerthesten katholischen Novitäten des literarischen Marktes notirte und re- gistrirte, mußten wir natürlich in dem vorstehenden Register übergehen. Außerdem aber betheiligte sich k. Kreiten noch an der Abfassung einer Biographie und Charakteristik Brentanos, gab die nachgelassenen Gedichte und Novellen seines Freundes und Ordensbruders Diel heraus. 1885 § 1886 1663 1889 1839/9L 1890 1891 1892 1893 1894 99 veranstaltete eine Sammlung der Gedichte unserer größten deutschen Dichterin, der Annette v. Droste-Hülshoff, deren echte, reine Katholicität er protestantischen Literarhistorikern gegenüber in seinen „Studien" nachwies; schrieb ein Leben Voltaires und MoliereS und übersetzte endlich den Liedercyklus „Bethlehem" deS proven?alischen Troubadours Abbs Lambert. Das ist in großen Zügen die Wirksamkeit des Kritikers und Literarhistorikers k. Kreiten. So gedrängt auch diese Notizen sind, so wird doch Jedermann zugestehen müssen, daß ein solches Wirken und Schaffen nicht ohne Einfluß auf die gleichzeitig erst im Entstehen begriffene katholische Literatur sein konnte. Adam Weishaupt. Von Adam Hirschmann. (Fortsetzung.) Um nun die deistischen, antimonarchischen Grundideen des Jngolstädter Geheimbundes, welche nach Knigge's eigenem Urtheil „für die Welt wahrhaftig gefährlich waren", durchzuführen, forderte der Stifter von seinen Anhängern blinden Gehorsam, vollständige Unterwürfigkeit gegen unbekannte Obere. (Einige Originalschriften S. 28, 40, 300.) „Höhere Grade, heißt es in den Maximen für den Negentengrad (Neueste Arbeiten II, 166), müssen den untern allezeit verschwiegen bleiben. Man ist geneigter von Personen, die man nicht kennt, Befehle anzunehmen, als von Bekannten, an denen man uach und nach allerlei Mängel wahrnimmt. Man kann auch die Untergebenen besser beobachten, und diese werden sich besser und vorsichtiger betragen, wenn sie immer von Ausschern umringt zu sein glauben, und solange gut handeln, bis ihnen die Tugend zur Gewohnheit wird." Der Orden forderte eine totale Unterwürfigkeit in Rücksicht auf Ordens-Angelegenheiten. „Die Mitglieder haben die Kunst zu erlernen, sich zu verstellen, andere zu beobachten und auszuforschen." „Stillschweigen ist das größte Gesetz, deßwegen ist es nicht erlaubt, auch gegen vermeinte Ordensbrüder von dem Orden, von seiner Aufnahme zu reden." Die Gesellschaft sollte so verborgen als möglich bleiben, damit nicht die ganze Gesellschaft auf einmal verrathen werden konnte und damit die obern Knigge sagt: „Wenn ich die Entstehungsgeschichte, ihre wahrhaftig für die Welt gefährlichen, von mir in allen Heften moderirten Grundsätze gewissen Männern vorlegen wollte — wer würde bleiben? Was ist der Priestergrad gegen ihre Mittel zu guten Zwecken, gegen die unverzeihlichen Unbilligkeiten gegen Walter, Leveling u. s. w.?" (Nachtrag I, 124.) Das allgem. Handbuch der Freimaurerei, Leipzig 1865, sagt II, 14: „Denn so edel die Absichten des Stifters waren, so verkehrt waren die Mittel, mit welchen diese in das Leben gesetzt werden sollten." Um die „edlen Absichten" WeiöhauptS zu erhärten, beruft sich das Handbuch aus die Stelle in Pythagoras S. 35, wo WeiS- baupt sagt: „Was ist größer als die Kunst, sclbstdenkcnde Menschen aus allen Welttheilen, von allen Ständen und Religionen, unbeschadet ihrer Denkfrciheit, trotz aller so verschiedenen Meinungen und Leidem chasten, durch ein gegebenes höheres Interesse, in ein einziges Band dauerhaft zu vereinigen, sie dafür glühend und aus den Grad empfänglich zu machen, daß sie in der größten Entfernung als gegenwärtig, in der Unterordnung als Gleiche, daß Viele wie ein einziges Handeln und Begehren und aus eigenem Antriebe, aus wahrer Ueberzeugung von selbst thun, waS kein öffentlicher Zwang, seit Welt und Menschen sind. bewirken kann? — Die Gesellschaft, welche dieses leistet, und diese ganz allein, ist das Meisterstück der menschlichen Vernunft; .in ibr und durch sie bat die Ne- gicrungSkunst ihre höchste Vollkommenheit erreicht." Allem Wcisbauvt spricht hier ganz allgemein; und die Gcscbichie seines eigenen Ordens beweist, daß diese Gründung nicht das Meisterstück der menschlichen Vernunft war. verborgenen Glieder die unteren um so bester beobachten konnten. (Einige Originalschr. S. 40—43.) Ja, Weishaupt scheute auch vor wissentlichem Betrüge nicht zurück, wenn es das Interesse seines GcheimbundeS erheischte: „So, wie er sie betrogen hat, schreibt ir über Ajax (Hofkammerrath Mässenhauser) nach München, so betrügen sie ihn ebenfalls." (Ebendas. S. 198; vergl. S. 326.) Den Vorgesetzten mußten alle Vierteljahre genaue Berichte — tzuibrm lioot genannt — von den Untergebenen eingereicht werden, welche dann dem General deS Ordens vorgelegt wurden. In Folge dieser Ueberwachung nach Art der Geheimpolizei konnte Weishaupt 1779 über Eichstätt berichten: „Da kenne ich Leute, die mir nicht einmal von Person bekannt sind, so genau, als wenn ich täglich mit ihnen umginge." (Ebendas. S. 334.) Die Eichstätter waren aber auch sehr naiv; sie leben und sterben darauf, sagt Weishaupt, die Sache sei so alt als Methusalem! (Ebendas. S. 202.) Wirklich einsichtsvolle, denkende Männer wurden indessen durch die Heimlichkeit vorn Eintritts in den Orden abgehalten; so äußerte Lamezan: Er könne sich nicht entschließen, in eine Gesellschaft zu treten, deren Obere und Mitglieder ihm gänzlich unbekannt seien und die gleichwohl Gehorsam von ihm fordern und ihm neue Verbindlichkeiten auflegen wollen. Dann sei es ihm auffallend und bedenklich, daß heimliche Aufseher angeordnet seien, die über die Sitten und Aufführung anderer Mitglieder Acht haben sollen. Sowohl mit der Erfahrung als auch besonders aus den Jesuiten-") und Mönchsschnlen wäre ihm erinnerlich, daß dadurch keine wahrhaften und tugendhaften Menschen gebildet, sondern meistens nur Scheinheilige und Heuchler gezogen würden. (Nachtrag I, 176.) Um die Geheimnißthuerei zu steigern und sich vor Entdeckung zu schützen, führte Weishaupt eine eigene Ordensgeographie ein. So nannte er Bayern Achaja, Schwaben Pannonien, Franken Jllyrikum, Oesterreich Aegypten; München hieß Athen, Freising Theben, Eichstätt Erzerum, Bamberg Antiochia, Nürnberg Nicora, Landshut Delphi, Jngolstadt Eleusis ober auch Ephesus; Würzburg Karthago, Erlangen Sagunth. Die Zeitrechnung war den Persern entlehnt; die Zahlen dienten als eigene Ordens-Chiffre; 12 bedeutete a und bildete den Schlüssel. Die Mitglieder selbst erhielten eigene Namen, welche MeistentheilS der griechischen oder römischen Geschichte entnommen waren. So nannte sich Weishaupt sehr bezeichnend Spartakus (Vergl. Histor.-polit. Blätter 1891 Bd. 107 S. 124—135); der kurfürstliche Hofkammcr- rath Mässenhauser hieß Ajax; Professor Bader Celsus; Bassus Baron von Sanderstorf führte den Namen Han- nibal; Buecher, Pfarrer von Englbrechtsmünster, wurde Ulrich von Hütten genannt;^) Repetitor Duschel von Jngolstadt Deucalcon; Dosch, Stiftspfarrer zu Strau- bing, Lucianus; Fischer, ehemaliger Stadtoberrichter zu Jngolstadt, Menippus; der Benediktinermönch Finner Mnsonius; Gerstner, Stadtschreiber zu Eichstätt, Ottin;- Pfarrcr Gerhardinger Plato; ein Kanoniker zu Eichstätt bei St. Walburg hieß Moyses; ein anderer unbenannter Priester Eichstätts Tasso; Häffelin, Vicepräsident deS ") Die Studienordnung von 1599 kennt keine geheimen Aufseher. Pachtlcr II. 366 nr. 37, 394 ur. 36, 458 ur. 7. '-) Umcrni 13. August 1783 schreibt Marius (Hcrtel) an Hannioal (Baron Bassus zu Sandersdorf): „Ich muß schließen, weil wir den Ulrich von HuUen stants xeäs zum Gr. Jllum. befördern müssen." (Nachtrag v. Originalschr. I, 141.) geistlichen Rathes, Philobiblius; Hohenadel, Kloster- richter zu Steingaden, Pisistratus; der Benediktinermönch k. Placidus Herler im Kloster heil. Kreuz zu Donauwörth wurde Viucentius Garaffa benannt, wahrend Dompropst Kobenzl zu Eichstätt Arminius hieß. Bene- fiziat Lanz trug den Namen Sokrates; Lang, kapitlischer Beamter in Eichstätt, jenen von Tamerlan; der Hofrath Baron MontgelaS hieß Musäus; Michl, Priester und Hofmeister beim Baron Weiden zu Freising, Solon; Graf Pappenheim, Stadthalter zu Jngolstadt, Alexander; die beiden Pettenkofer wurden Pylades und Orestes benannt ; Graf Preysing in Moos Pelopitas; Graf Seinsheim, Oberlandes-Negierungs-Viceprüsident, Alfred; Sauer, Kanzler zu St. Emmeran, hieß Attila; Speer, geheimer Kabinetskanzlist beim Bischöfe zu NegenSburg, Argus; Sedlmaher, Pfarrer zu Biburg, Cäsar d'Avalos; Graf Spauer, Domherr zu Salzburg, Diogenes; Socher, Pfarrer von Haching, Hermes; Kanonikus von Schneid in Straubing Horatius; Trexel,") Weltpriester und Schuldirekior in Jngolstadt, Pythagoras; Winterhalter, Physikus zu Landsberg, Democedes; Zwack, Regierungsrath in Landshut, Cato; der Pfarrer zu Windisch- Eschenbach, dessen bürgerlicher Name in der Liste nicht genannt ist, hieß Demetrius Valerius; von Löwenthall, Kanzler zu Amberg, Ephorus; Baron Egcker zu Amberg, Negierungsrath, Periklcs; Pfarrer Niedermayer zu Williug Suetonius u. s. w. (Hist.-pol. Blätter 1883 Bd. 103 S. 926—941.) Fragen wir nunmehr nach der Ausbreitung des Ordens, so war die Mitgliederzahl anfänglich eine sehr beschränkte; im Jahre 1778 belief sich dieselbe auf 40 Köpfe. (Einige Originalschr. S. 297.) In Eichstätt hatte Weishaupt selbst im September 1776 Boden zu gewinnen versucht; als erster wurde Lang unter dem Ordensnamen Tamerlan im Dezember 1776 aufgenommen; im Laufe des nächsten Jahres folgten noch einige Neuwerbungen, so daß Weishaupt unterm 13. März 1778 berichten konnte: „In Eychstätt werden sie die wenigsten kennen. Genug 2. 12. 13. 6 (d. h. Lang) unter dem Namen Tamerlan dirigirt und seinem Eifer habe ich zu danken Odin (Gerstner), Tasso, Osiris (Barth), Lukullus (Klug), Sesostris und Moyses (Starkes Derselbe wurde 1802 Professor an der Universität Lands- hnt, 1618 Pfarrer in Viechtach. Von ihm liegt oaS Stamm- bucbblatt vor: „Welches ist die Religion eines Menschen oder Volkes ohne Aufklärung? Nichts weiter als Gedächtnißwerk, als Cäremoiüeuwerk, als Heuchlerdienst, als Selbstbetrug. Die niedrigsten Begriffe von der Gottheit und ebenso niedriges, knechtisches, kindisches Verhalten gegen dieselbe, die abergläubigsten Vorstellungen von der Wunderkraft gewisser Worte (Trexel meinte wohl die Consccrationöworte) und feierlichen Gebräuche und Außenhandlungcn, und ein ganz blindes Vertrauen auf diese Worte und Gebräuche und Handlungen, ängstliche Ge- wisscnbastigkeit in glcichgiltigen und roher Leichtsinn in den wichtigsten Dingen, sklavische Furcht und eitle Hoffnung. Eifer ohne Verstand, Glaube ohne Tugend, Frömmigkeit ohne Menschenliebe, strenge Beobachtung willkürlicher Vorschriften und Gebote und gemeinschädliche Entbindung von den unablässigsten Pflichten! And welches ist die Religion des aufgeklärten Mannes und eines Volkes, wo man das Licht nicht scheut, wo man ihm den Zugang zu dem Verstände des Menschen gerne öffnet? Das Gegentheil von jenem." > Lxmlio!: vises saxoro et lastari. Jngolstadt, den 9. Junius 1785. . Dehnliche Anschauungen hegte Wolfgang Hobmann, Priester bei den Bartholomäern in Jngolstadt, der 1808 als k. b. Obcr- Schul- und Studicnrath das Elemcntarschulwescn des ganzen Königreichs Bayern in die Hände bekam. Past.-Bl. des Bislh. Eichstätt 1865, 211. mann). Sind diese nicht gute Progressen?" (Ebend. S. 221.) In einem anderen Briefe, datirt aus Erzerum den 25. Merdedmeh 1148 (Eichstätt den 25. August 1778), bemerkt er: „Ich wünsche, daß in Athen (München) mit so vielem Eifer und Fortgang gearbeitet werde, als es in hiesiger Gegend geschieht. Dieser Tagen wird von Tamerlan ein allhiesiger Domherr B. v. 17 — (Ried- heim?) engagirt werden.^) Und ich habe auch vor kurzem wiederum einen angetroffen, der an Eifer und Arbeitsamkeit Tamerlan übertrifft. Hier ist es den Leuten wirklich Ernst. Ihre Genauigkeit in Befolgung ihrer neuen Pflichten ist äußerst und sie lassen sich sozusagen maschinenmäßig dirigiren. Mit den Freisingern bin ich nicht zufrieden." (Ebend. S. 257.) Die Eichstätter Loge hieß zu den Plejaden (ebend. S. 311 )^) und war im jetzigen bischöflichen Palais rückwärts eingerichtet. In München konnten im Jahre 1778 zwei Convente und zwei Logen eingerichtet werden. (Ebend. S. 219.) Nach den Angaben Schreibers (Geschichte Bayerns II, 245) lebten damals (1778) in München allein über 300 Jlluminaten aus allen Beamtenzweigen, sowie der höheren und niederen Geistlichkeit, darunter der Vicepräfident des „Geistlichen Rathes" Häffelin, welche ihre Loge in einer Ecke der Hackergasse hatten. In Rücksicht auf die von Dr. Max Lingg in den Historisch-politischen Blättern Bd. 103 mitgetheilte Liste der Mitglieder vor 1782 dürfte jedoch diese Zahl zu hoch gegriffen sein, da sich daselbst nur 227 Namen verzeichnet finden, welche aber nicht ausschließlich auf München entfallen. Weishaupt selbst schreibt unterm 2. September 1778 von Eichstätt nach München: „Denn waren in dem elenden Erzerum 8 bis 10 tüchtige Personen aufzutreiben, warum sollte es in dem weitläufigen Athen ebenfalls nicht geschehen können?" (Einige Originalschr. S. 263.) Freilich waren nicht immer die besten Männer Anhänger des Jngolstüdter Geheimbundes. So jammert Weishaupt über München: „Urtheilen Sie weiter, wenn ein solcher Mann, wie Markus, erführe, wie elend es in Athen (München) aussieht: welchen Auswurf von unmoralischen Menschen, von Hurern, Lügnern, Schulden- wachern, Großsprechern und eitlen Narren Sie unter sich haben? wenn er das alles sähe, was glauben Sie, daß der Mann denken würde?" Ja, Weishaupt steht nicht an, den harten Ausdruck zu gebrauchen: „Diese Lumperleute find ohnehin nicht zu erhalten; sind keiner Disciplin fähig, versprechen und zahlen nicht, wie es ihre Ausstände beweisen." (Nachtrag von Originalschr. I, 42—44.) Unterm 12. Februar 1781 beklagt sich der Stifter dem Cato (Zwack, Regierungsrath in Landshut) gegenüber in einem vertraulichen Briefe: „Der Zustand ihrer Provinz ist erbärmlich, so elend, daß ihm nicht mehr zu helfen ist. . . . Wenn Philo (Knigge) das alles erführe, so ging er den Augenblick zurück, er, der in dem Orden auch nach der Entdeckung nichts als Ordnung, Schönheit und das vortrefflichste Gebäude zu finden glaubt. Nicht nur ihre Provinz, auch alle, die unter dem Direktorio der athenienser Areopagiten stehen, sind elend, verwahrlost." (Einige Originalschr. S. 867—368.) Noch schlimmer stand es in Freistng: «Von Theben, schreibt Weishaupt, höre ich fatale Nachrichten, sie haben das Skandal der ganzen Stadt, den liederlichen Schulden- ") Sich, Die Bischöfe und ReichSsürsten von Eichstätt II, 690. >°) Saö. I. °. II. 686. II. 659. 101 wacher Propertius") in die Loge aufgenommen, der nun das ganze Personal von Athen (München), Theben (Frei» sing) und Erzerum (Etchstätt) aller Orten austrompet: auch soll D — — ein schlechter Mensch sein. Sokrates (Benefiziat Lanz), der ein Kapital-Mann wäre, ist beständig besoffen, AugustuS (Graf Königsfeld, Domherr zu Freising) in dem übelsten Ruf, und' Alcibiades (Hoheneichner, Hofrath zu Freising) setzt sich den ganzen Tag vor die Gastwirthin hin und seufzet und schmachtet; Tiberius (Merz aus Naumburg) hat in Corinth (Regensburg) des Democedes (Winterhalter, Arzt in Landsberg) Schwester nothzüchtigen wollen und der Mann kam dazu. Um des Himmels willen, was sind das für Areopagiten l" Am Schlüsse fügt der Stifter noch die Klage bei: „O Areopagiten, Areopagiten! hätte ich, wenn es Möglich gewesen wäre, gar keine oder doch wenigstens thätigere und folgsamere dazu gemacht." (Nachtrag von Originnlschr. I, 39—40.) Uebrigens hatte Weishaupt, der mit nebelhaften Ideen und knabenhaften Einfällen die Sitten der Welt verbessern wollte, keinen Grund, mit pharisäischem Hochmuths auf die Ausschreitungen seiner Ordensbruder herabzusehen; er selbst war am wenigsten tadelfrei, wie wir später noch hören werden. Eine sehr mißliche Sache für den jungen Geheim- bund waren die finanziellen Schwierigkeiten. Jeder Kandidat sollte vor seiner Aufnahme einen Geldbeitrag leisten: Leute von Vermögen eine Karolin (11 fl.), weniger Reiche einen Dukaten, geringere nach Belieben. (Einige Ori- ginalschr. S. 36.) Aber gar manche Ordensmitglieder dachten an ihr Privatinteresse. So klagt Weishaupt in einem Briefe an Cato aus dem Jahre 1778: „Wenn Ihnen der Abzug für Korrespondenzen erlaubt ist, so gilt dem Scipio (von Berger, Nevifions-Nath), Marius (Benefiziat Hertcl in München), Tiberius (Merz aus Naumburg), Alcibiades (Hoheneichner, Hofrath zu Freising), Solon (Mohl, Priester und Hofmeister beim Baron Melden zu Freising) und mir ein gleiches. Mich kostet die Ordenscorrespondenz jährlich über 30 fl.") Verrathet dieß wieder neuerdings Ihre Absicht, den Orden nur zu Ihrem Privatvortheil zu gebrauchen. Ich bin bereit, mein Hab und Gut für das Beste der Gesellschaft abzuziehen. Und Sie nehmen bei dem ersten Erlag von 17 fl. über 11 fl. hinweg; ist das socialisch? Was läßt sich da hoffen? Mir möchte das Herz bluten, wenn ich an einem Theil gar soviel Eigennutz und sowenig Liebe für's Ganze sehe. . . . Von was werden wir nunmehr die Jnsignien, Wappen u. s. w. bezahlen? Weil ich sehe, daß man mit unserem Gelde so umgeht, so kann man mir ja nicht verdenken, wenn ich von Erzerum (Eichstätt) keinen Beitrag nach Athen (München) machen lasse. Diese Oekonomie gefüllt mir nicht, und ich habe Sorge, wir gerathen auch noch durch Administration unserer Kassa in Schand und Spott." (Einige Originalschr. S. 295.) Jene, welche nicht im Stande waren, eine Geldeinlage zu machen, sollten kleine, der Zeit entsprechende satirische Aufsätze und Gedichte liefern, welche zum Drucke befördert werden könnten, um „etwas Geld daraus zu lösen. Denn nur für die Kassa gesorgt, das ist das -°) Nach Hist.-pol. Bl. Bd. 103 S. 930 u. 940 war Pro- pertiuS mit dem bürgerlichen Namen: Franz, Wachs- Hof- und Ehrghrts.-Sckret. zu Hanau. Weishaupt scheint auch die amtliche Postfreiheit für seine Zwecke benutzt zu haben. So fragt er am Schlüsse eines BriefeS nach München vom Jahre 1778: „In wiefern kann die Post- freiheit des Cato noch benutzt werden." (Einige Originalschr. S. 263.) erste; sobald ich weiß, daß schon eine Einlage und wie viel geschehen, so folgt meine Karolin auch." (Ebend. S. 319.) Wirklich sehr vorsichtig und schlau gehandelt von Weishaupt! Er empfahl den Schriftstellern: „eine Parodie von den Lamentationen Jeremiä. Ein Klage» lied in poetischer Prosa über den Zustand von Baiern in dem Geschmack von Thomsons Britania oder Uoungs Nachtgedanken, v. g. Lavaria,. Hier müßte Baiern redend eingeführt werden. Oder auch Prophezeiungen im orientalischen Stil. Satyrische Schriften, die nicht zu sehr in das pasquillenmäßige verfallen. Ich für meinen Theil, gesteht der Ordensstifter im Briefe vom 4. April 1779, will die Parodie von den Lamentationen Jeremiä übernehmen. Schickt sich gut auf die Zeit" (ebendaf. S. 323), aber schlecht für einen gebildeten Mann! Um die Kassa auf besseren Fuß zu stellen, faßte Weishaupt ein andermal den Plan, in alle Genueser Lotto die nämliche Nummer zu setzen, und zwar zu gleicher Zeit. (Ebend. S. 250.) Ein weiterer Rathschlag ging dahin, Lesebücher, Romane, Komödien sammeln zu lassen. Weishaupt war bereit, auch von seinen Büchern einen großen Beitrag herzugeben; „ich habe ausspekulirt, schreibt er an Ajax (Hofkammerrath Mässenhauser zun.), daß sie für uns eine Finanzquelle werden." (Ebend. S. 177.) Aengstlich war hierin der Ordensstifter durchaus nicht. So schrieb er am 6. April 1779: „Marius (Benefiziat Hertel) hat noch etwas davon (von Handschriften) aus der Hofbibliothek, er soll es uns mittheilen, und soll sich durchaus keinen camuri oonseisntiaa (Gewissensbedenken) machen; denn nur was Schaden bringt, ist Sünde; und wenn der Nutzen größer wird als der Schaden, so wird es gar zur Tugend. (Saubere Moral!) Bei uns nützen sie gewiß mehr, als wenn sie hundert Jahre in ihrem Orte eingesperrt stehen. Tiberius (Merz aus Naumburg) hat die im beiliegenden Katalog aufgeschriebenen Bücher alle in der Karmelitenbibliothek zu Navcnsburg erobert. Was thun die Kerls mit diesen Büchern? . . Den überschicktcn Vücherkatalog senden Sie auch dem Tiberius; denn er ist vielleicht im Stande, auf seinen Feldzügen in den schwäbischen Bibliotheken manchen zu erhäschen. "^) (Ebend. S. 330.) (Fortsetzung folgt.) Em Blatt aus der belgischen KircherrgeschichLe. H,. N. Bei der neuen Diözesaneintheilung der Niederlande unter Philipp II. im Jahre 1559 wurde Gent, die Hauptstadt Ostflanderns, Bischofssitz und bekam in der Person des hochgefeierten Exegeten Jansenius — nicht zu verwechseln mit dem berüchtigten Jansenius von Apern, nach welchem die Sekte der Jansenisten ihren Namen erhielt — seinen ersten Bischof. Einer seiner bedeutendsten Kircheufnrsten ist zweifellos der dem französischen Hochadel entsprossene Mauritius Johannes Magdalena de Broglie. Bereits unter dem 17. November 1805 Bischof von Acqui in Piemont geworden, wurde er von Papst Pius VII. unter dem 3. August 1807 auf den belgischen Bischofsstuhl zu Gent transferirt. Fast 14 Jahre war er der geistliche Oberhirte dieser volkreichen, gut kathol» ischen Diözese, hatte aber während genannter Zeit einen fast beständigen Kampf für die Rechte der Kirche zuerst Hohencicher hat sich erboten, zu unserer Gewcin-Dibliothek nach München zu saniineln und er wird insbesondere aus der domkapitliichen zu Freising sehr wichtige Beiträge liefern. (Einige Originalschr. S. 242.) gegen die StaatSomnipotenz Napoleons I., dann gegen die Eingriffe der holländischen Regierung unter dem Dränier Wilhelm I. in das innerste religiöse Leben der Kirche zn führen. Den größten Theil seiner bischöflichen Amtsthätigkeit brachte er in der Verbannung zu. Welch bewunderungswürdigen Eifer dieser edle Kirchenfürst während seiner 14jährigen Regierung (3. Aug. 1807 bis 20. Juli 1821) in der Vertheidigung der Rechte der Kirche entfaltet, waS er im rechtmäßigen Kampf mit der alles erdrückenden Staatsallmacht Napoleons I. und dem katho- likcnfeindlichen Geiste der protestantischen Regierung Wilhelms 1. von Holland erduldet, soll in Nachstehendem dem freundlichen Leser als eine traurige Episode der belgischen Kirchengeschichte im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts vor Augen geführt werden. Schon im Jahre 1809 hatte der Fürstbischof von Gent, Broglie, die Unzufriedenheit des Kaisers Napoleon erregt. Ein offizieller Bericht deS Cultusministers an den Bischof that letzterem kund, der Kaiser sei unzufrieden ob der geringen Aufmerksamkeit, welche der Bischof seiner Person schenke. Er bringe zu viel Vertrauen einem seiner Generalvtkare, der nicht geeignet sei, die Gemüther für die Regierung zu stimmen, entgegen. Die Folge dieser ministeriellen Rüge war, daß der Bischof diesen dem Kaiser nicht genehmen General- vikar entlassen mußte. Ein Jahr später wurde Broglie zum Mitgliede der sogenannten „Ehrenlegion- ernannt, weigerte sich jedoch, den damit verbundenen Eid zu leisten, weil derselbe gegen Recht und Gerechtigkeit verstoße. Er entwickelte diese Weigerung in einer eigenen Denkschrift an den Minister. Als ihn bald nachher Napoleon zornig hierüber zur Rede stellte, erklärte der Bischof freimüthig : man könne nicht von ihm etwas verlangen, was mit seinem Gewissen im Widerspruch stünde. Doch all das waren nur leichte Vorpostengefechte. Der Hauptkampf begann im Jahre 1811. Napoleon hatte für dieses Jahr ein Nationalconcil nach Paris zusammenberufen. Unter andern ließ er den dort versammelten Bischöfen die Frage vorlegen, ob das Naiionalconcilium befugt sei, über die kanonische Einsetzung der Bischöfe zu beschließen, ohne die vorherige Dazwischenkunft des Papstes in den Fällen, wo das Concordat als abgeschafft erklärt wäre. Die Mehrzahl der Concilsväter entschied sich, den kirchlichen Satzungen entsprechend, für die Nichtbcfugniß und ließ am 10. Juli (1811) durch eine Commission, deren Mitglied der Bischof von Gent war, dem Kaiser die ablehnende Antwort zukommen. Der fein gesponnene Plan Napoleons, selbstthätig, d. i. ohne die Zuhilfenahme des Papstes, die Bischofsstühle seines Reiches nach seinem eigensten Belieben zu besetzen, war damit gründlich zu nichte gemacht, sein Zorn aber auch auf's heftigste erregt. Noch am selben Abend erschien das von ihm unterzeichnete Dekret der Concilsauflösung. In der darauffolgenden Nacht vom 10. auf den 11. Juli wurden drei Bischöfe, Msgr. de Broglie von Gent, Mfgr. Hirn von Tournay und Msgr. de Boulogne von Trotzes, aus den Betten geholt und mit den Theologen der zwei erstgenannten Bischöfe, den Herren Van de Vclde und Duvivier, in den Kerker zu Vincennes geworfen; denn diese drei Bischöfe galten dem Kaiser als die Verführer der Uebrigen, und darum sollten sie vor allem erfahren, was es heiße, den Plänen des gewaltigen Kaisers entgegenzutreten. Weder List noch Gewalt wurde gespart, um die Bischöfe zur Abdankung zu bewegen und nachgiebigere Persönlichkeiten an ihre Stelle zu bringen. Man rang zwar ein vom 22. November 1811 datirtes Versprechen, sich nicht mehr in die Regierung ihrer Diözesen einmischen zu wollen, den drei Bischöfen ab, doch das genügte Napoleon nicht. Er wollte eine bestimmtere Abdankungs- Urkunde. So wurde denn mit der größten Härte besonders gegen den Bischof de Broglie vorgegangen. Man schleppte ihn in den verschiedensten Kerkern und Verbannungsorten herum, bis er schließlich nach Dijon gebracht wurde. Hier verlangte der Unterpräfect geradezu unter Todesdrohungen die Abdankung. Erschöpft durch Krankheit und Entbehrungen aller Art, unterschrieb endlich Broglie am 8. Juli 1813 nach achtstündigem, heißem Kampfe mit sich selbst die vorgelegte Erklärung; aber alsbald ergriffen ihn die größten Gewissensbisse ob dieses Wankelmuthcs, und er gab in einem Schreiben an den heiligen Vater und in einem Hirtenbriefe an seine Diö- zesanen seiner Neue hierüber den edelsten und offenherzigsten Ausdruck. Als man ihm daher am 30. November 1813 eiue neue, noch eingehendere Verzichtleistnng abverlangte, widerstand er trotz aller Drohungen auf'S unerschütterlichste. Während man den Bischof in seinen Gefängnissen mit der Unterschreibung der Abdankungsurkunde quälte und peinigte, ging man in Gent gegen den seinem Bischöfe treu gebliebenen Klerus und die Alumnen des Priesterseminars zu Gent mit ähnlicher Rücksichtslosigkeit und Gewaltthätigkeit vor. Sofort nach der Gefangensetzung des Bischofes zu Paris in der vorhin erwähnten Nacht vom 10. auf den 11. Juli 1811 wurden im bischöflichen Palaste zu Gent die strengsten Untersuchungen vorgenommen, die Papiere des Bischofes confiscirt und dessen Sekretär verhaftet. Die Regierung erklärte das Bisthum als rechtmäßig erledigt und befahl dem Domkapitel die Ernennung von Kapitularvikaren. Die durch diese Re- gierungsmaßregel angestiftete Verwirrung in der Gcnter Diärese eingehender zu schildern, würde zu weit führen; ich erwähne darum sofort jene Thatsache, daß Napoleon im April des Jahres 1813 einen Domherrn von Dijon, de la Brue de Saint-Bauzille zum Bischof von Gent ernannte. Durch diesen kirchlich ungesetzlichen Akt hatte Napoleon das Schisma in die Gcnter Diözese hineingetragen ; doch, wie es sich alsbald zeigte, mit sehr geringem Erfolge. Von den 1200 Priestern des Bis» thums ergriffen höchstens 30 die Partei des Staats- bischofeS. Die Alumnen deS Priesterseminars verweigerten gleichfalls dessen Anerkennung und blieben den feierlichen Gottesdiensten in der Domkirche, welchen der NegierungS- bischof beiwohnte, aus freiem Antriebe fern. Auch das Volk stand treu zu seinem rechtmäßigen Oberhirten. Als am 15. August, zugleich Napoleonstag, die feierliche Prozession in Anwesenheit des Staatsbischofes im Freien stattfand, nahmen außer demselben und seinem Sekretär nur 10 Geistliche theil, nämlich seine 4 Wähler, 3 Pfarrer und 3 andere Priester. Die Alumnen und die Bruderschaften blieben dieser Prozession ostentativ fern. Ueber die widerspenstigen Pfarrer wurde nun vom kaiserlichen Vikariate die Suspension verhängt. Ein Gerichtsbote überbrachte die Sentenz, sie wurde an den Kirchenthüren angeschlagen; darnach hatten sich die Schuldigen sofort aller Funktionen zu enthalten und durften nirgends im Bereiche der Diözese Messe lesen. Daß der Suspension von einer solch unkirchlichen Behörde seitens des seinem rechtmäßigen, in der Verbannung lebenden Bischöfe treu ergebenen Klerus keine Kraft beigemessen wurde, war selbstverständlich. War man ja doch bereits so weit ge- 103 kommen, nicht bloß auf die Befehle deS kaiserlichen Vi- kariates nicht mehr zu achten, sondern dieselben geradezu mit Spott zu erwidern. So hatte z. B. der Pfarrer von Moen die Ernennung zu einer Pfarrei höheren Ranges erhalten. Er sandte das Dekret sofort wieder zurück, nachdem er vorher unter dasselbe die bezeichnenden Worte des 49. Psalmes geschrieben: „Narr aeoipiuw äs äorno tun vitulo8, lie^u.6 äs grsgidus tuig lüroo8." „Von Deinem Hause nehme ich keine Kälber an, und die Böcke Deiner Heerde kannst Du selbst behalten." Besonders schwer mußten für ihre Ergebenheit an ihren verbannten Bischof die Alumnen oder Priesteramtskandidaten leiden. Nach der mißglückten Prozession am Napoleonstage (15. August) ließ der Departementspräfect durch ein Circular die Alumnen auf den 18. August Vormittags 10 Uhr inS ehemalige Kapuzinerkloster zu Gent vorladen. Sämmtliche Erschienene, 77 an der Zahl, blieben dem Versprechen, das sie sich einige Wochen vorher gegeben hatten, „lieber das Leben zu lassen, als gegen ihr Gewissen zu handeln", unerschütterlich treu. Zwei von ihnen, vornehmen Familien angehörig, ließ der Präfect zuerst in die Uniform der kaiserlichen Ehreu- garde stecken, und als sie auch jetzt noch die Anerkennung des Staatsbischofes verweigerten, ihnen die glänzende Uniform vom Leibe reißen und sie ins Zwangsarbeitsthaus (Rasxliuis) sperren. Weitere vier, die als Nädels- iführer galten, schleppte man sofort tns Gefängniß; alle Äbrigen, auch diejenigen, welche auf die Vorladung im Kapuzinerkloster nicht erschienen waren, im Ganzen ungefähr 150, wurden der Strafkolonne in der Festung Wesel am Rhein zugetheilt. Dort langten diese jungen, lüberzeugungstreuen Männer im September 1813 an. WaS sie von da ab während eines Zeitraumes von 8 Monaten und 8 Tagen zu erdulden hatten, erinnert geradezu an die Leiden christlicher Märtyrer. Krankheit und Tod lichteten ihre Schaar in der Weise, daß von den 150, die Wesel betreten, am 8. Mai 1814 nur mehr 38 die Festung verließen. Erschütternd ist die Schilderung, welche einer von ihnen über das Militär- lazareth, in dem er eine Zeit lang krank lag, entwirft. „In dem Saale, in dem ich wich befand, fand man jeden Morgen 3, 4, zuweilen sogar 7 Leichen. Die einen waren in ihrem Bette gestorben, die andern, während sie sich zur Mulde (welche die Entleerungen aufzunehmen hatte) schleppten. Wieder andere, indem sie über den Rand in die Mulde glitten. Die Wärter waren meistens gottlose und jeglichen Gefühles bare Menschen. Ein junger Mann von etwa 24 Jahren, Festungsgefangener, bekam die Ruhr. Vollständig erschöpft und eher einem Skelette als einem lebenden Wesen gleichend, befand er sich schon seit einigen Tagen in einem solchen Zustande der Schwäche, daß es ihm nicht mehr möglich war, seinen Strohsack zu verlassen, und er deßhalb in Blut und Unrath schwamm. Da packten ihn die Wärter, schleppten ihn unter die Wasserpumpe, legten ihn auf den Boden und reinigten den Halbtodten mit Besen. Des andern Tages war er eine Leiche. Triftige Gründe liegen zu der Annahme vor, Herr Silos (einer von den Alumnen) sei auf dem Sterbebette von den Wärtern erstickt worden. Die Herren Van den Daele, De Keyzer und Gonthyu hat man in daS „Todtenloch" geworfen, noch ehe sie den letzten Seufzer ausgehaucht. . . . De Keyzer lag schon zwischen den Leichen. Da bemerkte ein Seminarist noch ein Lebenszeichen an ihm; auf's Bett zurückgebracht, starb er erst nach einigen Stunden." So viel des Leides und des Jackuiers hatte Napoleon durch seinen Despotismus über die Diözese Gent gebracht, und das nur deßhalb, well sein Bischof, sein Klerus und sein Volk den Gesetzen der Kirche treu geblieben. Doch für daS schwer bedrängte BiSthum kam wenigstens auf kurze Zeit die Erlösung. Die verbündeten Fürsten hatten den Despoten Europas überwunden. Kirche und Völker athmeten neu auf. Münchner anthropologische Gesellschaft. L. Am 13. März hielt die Münchner anthropologische Ger sellschaft ihre Monatssitzung im Festsaale der k. Akademie der Wissenschaften ab, wozu auch die Dameu der Mitglieder einge- laven waren. Nach der Proklamirung von zwei neuen Mitgliedern theilte der Vorsitzende Pros. I. Ranke eine Einladung der geographischen Gesellschaft zu dem Vortrage des Herrn kgl. Raths Fr. Martin über „Indische Städtebilder" mit. Zugleich lädt die geographische Gesellschaft die anthropologische definitiv zu allen ihren Vortrügen ein. Hierauf kam ein Schreiben von Pros. E. Sclenka zur Verlesung, in welchem mir einem Gruß das Bedauern zum Ausdrucke gebracht wurde, daß er durch seine plötzliche Erkrankung verhindert ist, den projekiirten Vertrag zu halten. Für ihn ist im letzten Augenblick Pros. Dr. Furiwäugler eingetreten mit einem Vortrage über „Die Völker des äaäischen Meeres in der mykenischen Epoche". Aus dieser Zeit haben wir zweierlei Quellen: die Ausgrabungen in Griechenland und Aegypten und die Nachrichten der Aegyptcr über kriegerische Einfälle von Secvölkern. Beide Quellen ergänzen sich. Die ägyptischen Inschriften aus dem Anfange des 15. Jahrhunderts v. Chr. erzählen von Völkern, Kephto genannt, welche den ägyptischen Herrschern Gesäße aus ihrer Heimath zum Geschenke machten. Der Sitz dieser Kephto dürfte auf Kreta zu suchen sein. Ihre Cultur stimmt ganz überein mit der Blüthezeit der mykenischen Periode. Zum ersten Mal werden See- völker erwähnt als Verbündete der Hethiter gegen Ramses II. Unter andern werden auch Jawana aufgezählt, welche wohl identisch sind mit den Jonicrn. Zum zweiten Male verbündeten sich Scevölker mit den Libyern gegen Mcrenptah. Hier werden Völkernamen genannt, welche auf die Achäer (Akaiwascha) und Sardinier (Schardana) hindeuten. Ein dritter Einfall barbarischer Völker wird erwähnt von Nordcstcn, welche nach der Unterwerfung der Hethiter zu Wasser und zu Lande gegen die Aegypter zogen. Die auf den Darstellungen der Kämpfe vorkommenden Krieger weisen in ihrer Tracht und ihrem Typus aus die Völker des ägäischeu Meeres in der mykenischen Epoche. Die Schilderungen in der Jlias mögen sich theilweise auf Erlebnisse in diesen Kriegen gründen. Nach diesen Kämpfen beginnt der Verfall der mykenischen Cultur. Der Vortragende weist darauf hin, daß wohl auch die Philister hellenischen Ursprungs sind. Die Gestalt und das Auftreten des Niesen Goliath erinnern ganz an die homerischen Helden. Den lehrreichen Vertrag illustrirtc Pros. Furiwäugler durch eine große Reihe von Lichtbildern, durch welche den Anwesenden die reiche mhkcmsche Cultur und deren Wechselbeziehung zur ägyptischen klar vor Augen trat. Pros. Ranke dankte im Namen der Gesellschaft für den interessanten und lehrreiche» Vertrag. Recensionen und Notizen. Homilien über die festtäglichen Evangelien deS Kirchenjahres von Alois Welcher, bischöfl. Wallfahrtsdirektor. Keuchten, Kösel 1695. I-. Wer den Verfasser, der vor einigen Jahren aus dem Zeitlichen geschieden ist, gekannt hat, weiß, welch einfacher, bescheidener und eifriger Priester er war. So, wie seine Person, waren auch seine Predigten, von welchen ein Theil hier gegeben wird. Beim Lesen derselben wird man erinnert an das Wort des hl. Paulus: Meine Reden und Predigten bestanden nicht in überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisungen deS Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht auf Weisheit der Menschen, sondern auf Gottes Kraft beruhe. 1. Kor. 2, 4. 5. Die Homilien über die sonntäglichen Evangelien sind schon früher erschienen und vom literarischcn Handweiser günstig rccensirt worden. Die FesttagSbcmilien verdienen wohl dieselbe Kritik. Fern von aller Effekthascherei, geben sie das Wort Gottes einfach und klar mit unzesuchten Anwendungen aus das tägliche Leben und dürsten gerade deßhalb nicht ohne Segen bleiben. 104 I. v. Massow, Dorotheenkörblein. Aus der Zeitschrift „vt 0 MNS 8 unum". Herausgegeben von I. Beer, Priester der Diöcesc Negcusburg. Augsburg, Mich. Seitz. D Julie v. Massow ist die Gründerin des bekannten Psalmcnbundes der Katholiken und Protestanten zu gemeinsamem Gebete vereinigt, um für die Christenheit die Einheit im Glauben voni Himmel zn erflehen. Der irenische Geist, der diesen Gedanken eingegeben, weht uns auch aus vorliegenden Blättern entgegen, welche „Beiträge zur NennionSfrage" liefern wollen. Der Duft reiner Gottes- und Menschenliebe, die klassische Bildung, wie sie nur einer Frau von Massow eigen ist, die Eleganz der Sprache, alles wirkt zusammen, um den Leser zu fesseln. Möge das „Dorotheenkörblein" dazu beitragen, der LiebliugSidec Lco's XIII. neue Freunde und Förderer zu schaffen! k. Bernard M. Spörr: Lebensbilder aus dem Servitenorden. III. Bd., 656 Seiten. JnnSbruck, Marianische Vcrcinsbnchhandlung. 1894. -s- Schön schreibt vr. Stamminger in der vramwnia saneta: „An welchem Orte das Kreuz aufgerichtet wird, sehen wir eö bald darauf von einem dovvclten Kranze umschlungen: der eine ist gewunven aus den Passionsblumen des MariyriumS, der andere aus den Lilien der Jungfräulichkeit. Wenn der Kranz der Märtyrer leuchtender ist, so erscheint jener der Jungfräulichkeit um so lieblicher. Sie sind die erste Blüthe des Menschengeschlechtes, jene Blüthe, die noch ihren Thautropfcn trägt, in welchem nur der Glanz der aufgehenden Sonne sich abspiegelt, , die noch keine rauhe Hand gestreift, kein Erdenstanb beschmutzt ' hat — eine reizende Blüthe, deren süßen Wohlgcruch nicht selten selbst der Verworfene bewundert." Dieses gilt auch vom Servitenorden. Kaum hatten der hl. Philipp Benizins und seine Genossen angefangen, die Verehrung der schmerzhaften Mutter zu predigen, als sich auch eine Schaar frommer Frauen ihnen anschloß und so der Orden der Servitinnen entstand. Als Stiftern: des 2. Ordens der Servitinnen wird allgemein die hl. Jnliana Falconieri, die Braut des hl. Sakramentes, wie sie Svörr nennt, verehrt. Daher beginnt der Verfasser seinen III. Band mit der Lebcnsgeschichte der hl. Jnliana. 32 Lebensbilder von seligen oder ehrwürdigen Servitinnen folgen. Jeder Biographie ist ein Lehrstück oder eine kleine Betrachtung über eine Glaubens- oder Sittenwahrbeit beigegeben. Das Buch ist mit Liebe und Begeisterung einfach, aber herzlich geschrieben, nur manchmal etwas zu breit. Die Ausstattung ist eine vorzügliche. Die Vignetten lassen zwar an Feinheit der Ausführung einiges zu wünschen übrig; um so schöner, seiner, zarter sind die zahlreichen Darstellungen der im Buche besprochenen Servitinnen. Die den betreffenden Bildern beigegebcnen Sprüche sind vorzüglich ausgewählt. Das Buch bietet eine gute und empfehlenswcrthe Lektüre. brauoouia saora, Geschichte und Beschreibung deS BisthumS Würz bürg. Liefg. 2, I—VI, 260. Von Dr. Amrbein. Wnrzbnrg, Bücher. 1696. Preis br. 2 M. 60 Pf. 6. Endlich einmal hat das von Dr. Stamminger 1869 begonnene Werk der Geschichte und Beschreibung des BisthumS Würzburg die längst ersehnte Fortsetzung erhalten. Herr Aug. Amrhein, Dr. xbil,, Pfarrer in Roßbrunn, hat sich der mühe- sainen Arbeit unterzogen, die in vielen Archiven, Registraturen und Bibliotheken verborgenen Schätze zu heben. Geschickte und geschichtliche Studien gelten so ziemlich unbestritten als Zeichen menschlicher Cultur, und die Historiker wurden stets als Repräsentanten derselben hochgehalten. Die allgemeine Geschichte aber baut sich auf der Lokalgeschichte auf. Eine vollständige Würdigung der ersteren ist aber ohne letztere nicht möglich. Dazu soll aber das vorliegende Werk behilflich sein, indem es uns die Geschichte der einzelnen Pfarreien und der dazu gehörigen Orte vorführt. Allerdings wird es dabei nicht möglich sein, großartige Geschichtsbilder zu entwerfen — das ist auch nicht sein Zweck; eö soll nur ein Sammelwerk sein, aus dessen Mosaikarbcit später das Bild der ganzen Diöccse sich herausbilden wird. Für den gediegenen Inhalt des Werkes spricht der rühmlichst bekannte Name des Verfassers. Außerdem hat daS Werk auch einen eminenten praktischen Werth. Die Vergangenheit ist der Spiegel der Zukunft. Pflege der Geschichte der Heimath, dcö Vaterlandes ist heute das Schlagwort, weil man davon ausgeht, daß mit der Kenntniß der Geschichte des Vaterlandes auch die Liebe zu demselben wächst. Vorliegende Lieferung enthält vom Kapitel Lengfurt die Geschichte der Pfarreien: Böttigheim, Eisingen, Erlenbach, Helmstadt und Hcttstadt. Wir hegen den Wunsch: möge einerseits die Fortsetzung des mit so viel Schwierigkeiten verbundenen Werkes nicht so lange auf sich warten lassen, andrerseits das Werk gefördert werden durch Abonnement — hier gilt einer für Alle und alle für den Einzelnen —, sodann auch durch Mit-, beziehungsweise Vorarbeit hiczu! Der Inhalt des Werkes ist reich, und man nimmt mit Freuden Kenntniß von dessen Inhalt. Dolls, le^o! Stammbaum und Ausbreitung der Germanen. Von Dr. Ludw. Wilser. Bonn, Homstein. 1895. gr. 8° 59 S. M. 1,20. — 2 . Die etwas ungleiche Schrift besteht aus früheren Aufsätzen des Verfassers (in den Rhein. Geschichtsblättern 1,4 und der Alemannia XXIII, 1) über die Franken, Hessen, Schwaben, Alemannen, Thüringer, Bayern und Sachsen, und neuen Untersuchungen über die Kimbern, Teutonen, Dänen, Frisen, Burgunder, Wandalen und Goten. Nach der Auffassung Wilscrs sind an Stelle der alten Stämme der Marscr, Semnonen, Sueben und Lygier als ihre Fortsetze! die Stämme der Franken, Alemannen, Schwaben und Bayern getreten. Dagegen läßt sich mancherlei einwenden. Besonders was er gegen Baumann sagt, scheint uns auf schwachen Füßen zu stehen. Die Urheimath der Arier erblickt Wilser in Skandinavien. StaatSlexikon. Herausgegeben im Auftrage der GvrreS- Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland durch Dr. Adolf Bruder. — Erscheint in Heften von 5 Bogen Lex.-8°, oder in Bänden von je etwa 50 Bogen, bezw. in Halbbänden von etwa 25 Bogen. Preis für das Heft Mk. 1.50, für den Halbband Mk. 7.50, für den Band Mk. 15. - Verlag von Herder in Freibnrg. Das soeben ausgegebene 39. Heft enthält u. a. folgende Artikel: Schwurgerichte (Nintelen); Scerccht (Schaffeld); Selbst- mord und Selbstverstümmelung (Stöckl); Seminarien (Hipler); Serbien (Pöppelmann); Siam (Pöppelmann); Sittenpolizei (Pjctschka); Sittlichkeit, Verbrechet» gegen die (Stieve); Sklaverei (Stöckl); Smith, Adam (Bach); Socialdemokratie (Brüll); Socialismus (Kämpfe); Socialpolitik (Brüll); SonntaaSfeier (Stieve); Souveränität, staatsrechtliche (noch ohne Schluß). Theologisch-praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. od. 80 S. gr. 8°. Preis ganzjährig 5 Mk. Inhalt des 3. Heftes1896: Anregung und Anleitung für geistliche Herren zu wissenschaftlichen Beobachtungen in der Gegend ihres Aufenthaltes und auf Reisen. — Der Schauplatz der Siiufluth. — Vater Raiffeiscn. — Bemerkungen über das Beichtsizill mit Bezug auf die modernen Einwendungen gegen dasselbe. — Die Mcßstipcnbien in Bayern keine Stolgebühren! — Dienstbotenscelsorgc. — Schulprüfung und Erstcommnnion. — Nordamerika und die KatechiSmuSfragc. — Soll der Prediger die Cbristgläubigcn von der Kanzel mit „Ihr" oder „Sie" anreden? — DaS Abziehen des McßweineS mittels Gummischlanch. — Meßweinprobe. — Verstöße gegen die Dogmatik in gemeinsamen Volksgebeten. — Auferlegung der Buße vor der dazu gehörigen Beicht. — Beachtenöwerthe Kleinigkeiten. — Neueste Entscheidungen der römischen Kongregationen. — Erlasse der obersten Verwaltungsstellen und Entscheidungen der obersten Gerichtshöfe. — Novstätenschau. AnnegarnS Weltgeschichte in acht Bänden. Neu bearbeitet und bis zur Gegenwart ergänzt von vr. Aug. Enck und vr. V. Huyskens. Siebente Auflage. — Münster i. W., Verlag von Theissing. Annegarns Weltgeschichte war von jeher ein Lieblingsbuch für Volk und Jugend. Die neue Ausgabe hat die Fortschritte der geschichtlichen Wissenschaft sorgfältig benutzt, mehrere Abschnitte sind umgearbeitet oder vollständig neu bearbeitet, dabei ist aber in der Darstellung jene Frische und Anschaulichkeit bewahrt, welche das Werk zu einer so anziehenden Lektüre jür Jung und Alt machte. Die neue Auflage erscheint in halbmonatlichen Heften von 80 Seiten zum Preise von 50 Pf. pro Heft; das ganze Werk umfaßt deren 32, von denen bereits 26 fertig vorliegen — wird also in ungefähr 4 Monaten vollständig sein. Lcrantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg' M'. 14 3. Aprtt 1696. Peter von Heß. Ein kurzes Gedenkblatt zu seinem 25jährigen Todestag (4. April) von A. G. Obgleich Hetz von den Nheinlanden stammt, darf man ihn doch als eigensten Laudsmann betrachten, denn in Bayern lebte er die größte Zeit seines Lebens, für Bayern hat er seine allermeisten Kunstwerke geschaffen, in Bayerns Erde ruhen seine irdischen Ueberreste, so daß er wohl würdig ist, daß seiner bei seinem 25 jährigen Todestag kurz gedacht wird. Wir lehnen uns bei den folgenden Zeilen an die Abhandlung deS Kunstkritikers Pecht an, welcher dieselbe in der „Allgemeinen deutschen Biographie" veröffentlicht hat, einmal weil die Quellen ungemein rar sind und weil wir nichts Besseres zu finden vermochten, als eben diese Abhandlung. Peter Heß wurde geboren am 29. Juli 1792 in der alten Kunststadt Düsseldorf und ist einer der Begründer der seinerzeitigen modernen Münchner Schule, vielleicht der erste, bedeutendste Realist derselben. Sich anlehnend an die niederländische Schule, vor allem aber an die Natur selbst, versuchte er eine neue Kunstrichtung zn schaffen, freilich versuchte er es oft mit gleichsam ge- waltthätigen Mitteln, so daß viele Versuche fehlschlugen oder wenigstens nicht so gelangen, wie es die Kunst verlangt und wie er wohl selbst wollte. Deßwegen aber ist doch nicht zu leugnen, daß er unter den Schlachten- und Genremalern stets einen hervorragenden Platz einnimmt und einnehmen wird. Geboren als Sohn des Hofkupferstechers und Akademieprofessors Christian Heß, genoß er im Vaterhause den ersten Zeichenunterricht und machte hierin in Bälde die besten Fortschritte. Nachdem im Jahre 1806 die Akademie nach München übersiedelte, folgte auch er dorthin. Ein großer Freund der Natur, abgeschlossen von der Welt für sich lebend und wirkend, wollte er gleich von Anfang an seine eigenen Wege gehen, sich um keine Schule kümmernd. Seine Haupifreude war das Betrachten und Studiren des Volkslebens, besonders aber des Soldaten- lebcnS, und hiezu hatte er Gelegenheit in Hülle und Fülle sowohl in Düsseldorf gehabt, als auch in der bayerischen Hauptstadt, wir dürfen ja bloß an Wallenstein erinnern. Unter denen, welche wir als seine Vorgänger betrachten können, ist Kobell wohl der bedeutendste, aber bald überflügelte Heß alle und zeichnete sich trotz seiner Jugend derart aus, daß er den Feldzug gegen Frankreich in den Jahren 1813—1815 im Hauptquartier des Fürsten Wrede mitmachen durfte. Hier entstand als erstes großes Schlachtenbild das der Schlacht von Arcis sur Aube, das aber noch ziemlich zu wünschen übrig ließ an eigentlicher Frische und lebenswahrer Darstellung, während seine Militärischen Genrebilder aus jener Zeit dagegen schon den Meister verrathen. Im Jahre 1818 ging er nach dem Beispiele aller Künstler nach Italien, wo er seinen Aufenthalt auf das fleißigste ausnützte und mehrere prächtige Bilder mit in die Heimath brachte. Berühmt ist besonders aus damaliger Zeit sein „Morgen in Partenkirchen", welches Werk die vorzügliche Wirkung ausübte, daß von dieser Zeit an das bayerische Hochland und Tirol mit ihrer Bevölkerung ein Hauptstoff für die deutschen Maler wurden und, dürfen wir beisetzen, bis zum heutigen Tage geblieben sind. Eines seiner berühmtesten Bilder, das „österreichische Lager", entstand im Jahre 1822. Hier sind alle Volksstämme des weiten Kaiserreichs auf das prägnanteste charakterisirt, eine Kunst, die so selten zu finden ist, bei Heb aber deßwegen nicht überraschen kann, weil er allen Nationalitäten kühl gegenüberstand, keine bevorzugte, keine vernachlässigte, sondern sie allein vom Standpunkt des Künstlers aus betrachtete und auf diese Weise auf die Leinwand knnst- und naturgerecht hinzauberte; der Patriot verschwand hinter dem Künstler. Die Anordnung auf den großen Bildern, die damals entstanden und für den Schlachten- saal der Münchner Residenz bestimmt waren, ist ungemein klar, die einzelnen Figuren ganz und gar charakteristisch, trotz der Größe mancher Bilder ist nie ein Huül pro cjuo zu entdecken, nur Eines ist vielleicht auszusetzen, daß er das Kleinste ebenso pedantisch ausführlich acccntuirte, wie das Größte und Bedeutendste; dies aber lag ganz und gar in seinem Künstler-Charakter. Für den Grafen Schönborn malte er damals „die Grundsteinlegung zur Constitutionssäule". Im Jahre 1833 wurde Heß die Ehre zu Theil, im Gefolge des Königs Otto nach Griechenland reisen zu dürfen, wo er sieben Jahre lang wirkte. Sein erstes Bild war der „Einzug König Otto's in Nauplia an der Spitze der bayerischen Truppen" und der enthusiastische Empfang der Bevölkerung. Es dürfte dieses Bild sein vorzüglichstes sein; größere Naiurwahrheit, bessere Anordnung des Ganzen sowohl als des Einzelnen ist wohl auf keinem zweiten besser und mehr zu finden. „Ja sogar", sagt Pecht ausdrücklich, „übt diese Schöpfung heute noch großen Reiz aus, daß man jetzt sogleich sieht, was man damals freilich übersah, daß so heterogene Bestandtheile wie dies hochbegabte Volk und die nicht eben elastische bayerische Bureaukratie unmöglich auf die Dauer sich vertragen konnten." Als Pendant zu diesem Bilde entstand „Der Empfang des Königs in Athen am Thesens- tempel mit der Aussicht auf die Akropolis", ebenfalls ein hervorragendes Werk, wenn es auch nicht dem vorher- genannten in allweg gleichkommt. Den Schluß machte eine Schilderung des ganzen griechischen Freiheitskamvfes in vierzig Kompositionen, die in den Arkaden des Hofgartens in München ul trsseo ausgeführt wurden, ebenfalls Bilder, die großes dramatisches Leben zeigen. Im Auftrage des Kaisers Nikolaus von Rußland begann er eine Reihe von Bildern — acht große Schlachtcn- bilder und eine Anzahl kleinerer —, welche ihn in der Zeit von 1839, wo er nach Petersburg reiste und die betreffenden Schlachtfelder besuchte, beschäftigten bis zum Jahre 1855. Diese Bilder, sowie die unmittelbar folgenden der Schlachten von Austcrlitz und Leipzig, zeigen zwar noch die alte gute Disposition, wohl auch noch bessere koloristische Stimmung wie früher, erreichen aber den Werth seiner früheren großen Werke nicht, wohl deßwegen, weil er, wie Pecht sagt, immer seltener mehr die Natur zu Rathe zog. „Der Schilderung eines Napoleon oder auch nur sonst hochstehender Männer ist hier Heß nicht mehr gewachsen, er sieht sie mit den Augen eines ledernen Philisters." Die nächsten fünfzehn Jahre seines Lebens schuf er Werke von Bedeutung nicht mehr, die Wärme der Begeisterung für Kunst und Leben ließ nach, und am 4. April 1871 nahm ihm der Tod im 79. Lebensjahre den Pinsel aus der müden Hand. Wir schließen mit den Worten Pecht's: „Seine früheren Schöpfungen sind 106 sehr bedeutend und werden immer einen höchst ehrenvollen Platz in der gesummten Produktion dieser Periode einnehmen, schon weil sie einen Respekt vor der Natur, ein liebevolles Eingehen auf sie zeigen, die man bei der damaligen deutschen Historienmalerei schmerzlich genug vermisst, nicht minder, weil sie uns eine Zeit und Verhältnisse von der deutschen Seite her kennen lehren, die wir sonst nur durch die Brille der Franzosen betrachten könnten, die sie allerdings ausführlich und ruhmredig genug in ihrem Sinne geschildert." Adam Weishaupt. Von Adam Hirsch mann. (Fortsetzung.) Umfassendere Ausbreitung und stärkere Mitgliederzahl gewann der neue Bund der Jlluminaten erst durch die Verbindung mit der Freimaurerei, welche durch den schon genannten Knigge herbeigeführt wurde. Freiherr Adolf v. Knigge aus Bredenbeck in Hannover (16. Oktober 1752 — 6. Mai 1796) war schon mit 20 Jahren in Kassel Freimaurer geworden, und besaß Geist und Talent, aber kein Vermögen. Wie Stark angibt (Triumph der Philosophie, Landshut 1834 S. 327), hatte er sich in Frankfurt heimlich in die katholische Kirche aufnehmen lassen; als jedoch das Projekt, um dessentwillen er dem Lutherthume abgeschworen hatte, scheiterte, wandte er derselben alsbald wieder den Rücken. Nach Kluckhohn war Knigge ein jugendlicher Schwärmer mit einem leichten Auslug von Schwindel, an Welt- und Menschenkenntniß Weishaupt weit überlegen, an brennendem Ehrgeiz ihm vielleicht gleich, jedenfalls aber offener, weniger ränkevoll und liebcnswerther. (Beilage z. Augsb. Allg. Zeitung 1874 Nr. 179.) In den Briefen Weishaupts, welcher 1777 zu München in die Loge der strikten Observanz aufgenommen worden war (Nachtrag zur Rechtfertigung meiner Absichten S. 43), wird des hannoveranischen Edelmannes unter dem Ordensnamen Philo zuerst gedacht am 25. Februar 1780 (Einige Originalschr. S. 353); Philo selbst bemerkt, daß er im Juli 1780 zu Frankfurt a. M. durch den Marquis v. Costanza (mit dem Geheimnamen Dio- medes, ehemaliger Hofkammerrath) für die Schöpfung des Jngolstädter Professors gewonnen worden sei (Philo's Endlose Erklärung S. 32 ).^) Dieser selbst schickte im November 1780 einen Brief an Knigge, um ihn für seine Ideen zu begeistern. Denn in Folge der herrischen, aber fehlerhaft geschriebenen Briefe der Münchener Loge „Karl Theodor vom guten Rath", welcher Professor Bader als '°) Unterm 16. Febr. 1732 schreibt Weishaupt: Diomedes ist also in Athen (München). Dieser Mann bat grobe Verdienste um den Orden; denn er hat den Philo angeworben und folglich durch ihn die herrlichen Männer, die unter dessen Direktion stehen. . . . Ich gestehe cS gerne ein, daß im Orden ungleich bessere und gröbere Gelehrte sind als ich: aber das getraue ich mir zu behaupten, daß keiner von allen, auch nicht einmal Philo, so sehr die Kunst verstehe, die kleinsten Umstände zu nützen, und die Mangel und Gebrechen einer derlei künstlichen Maschine zu übersehen. Man glaubt daher oft, viele meiner Einfälle und Forderungen seien Eigensinn und Eigendünkel. (Nachtrag v. Originalschr. I, 33.) Das bekannteste Werk Knigge's ist seine Schrift: „Ueber den Unigang mit Menschen" (Hannover 1788), das nach Kurz, Geschichte der deutschen Literatur, 8. Aufl. III, 710-11, aus tiefer Menschen- kenntniß und tiefer Beobachtung hervorgegangen ist, wie es denn seinerzeit ein „Gesetzbuch der praktischen Lebensweisheit" genannt wurde. Man würde es jedoch besser als eine Anweisung zur Lebensklugheit bezeichnen können, weil ein fester moralischer Standpunkt vermißt wird. Meister vom Stuhle vorstand, war Knigge's erste Zuneigung sehr erkaltet. Das folgende Jahr (1781) kam er selbst nach Bayern und fand in München begeisterte Aufnahme. Doch sah er sich in seinen Erwartungen hinsichtlich des Geheimbundes getäuscht; zwischen ihm und Weishaupt trat gar bald eine eifersüchtige Spannung ein, die in offene Feindschaft überging. Doch hören wir Knigge selbst: „Als Spartakus anfing, mit mir zu correspondiren, da malte er mir den Orden als ein völlig ausgearbeitetes, tief durchdachtes, weit ausgebreitetes System ab und ermunterte mich, aller Orten erwachsene, angesehene, schon gebildete, gelehrte Männer anzuwerben. Es war natürlich, daß diese Männer nicht nur geschwinder befördert werden wollten, sondern daß ich auch die Direktion ohne Nachtheil meiner Gesundheit und meines Geldbeutels nicht lange allein führen konnte. Die Sache griff so geschwind um sich. daß ich endlich 500 Menschen zu behandeln bekam?°) Um nun Mittclobere ansetzen zu können, bat ich um die nöthigen Instruktionen, mit einem Worte, um höhere Grade, und nun machte mich Spartakus (Weishaupt) auf einmal zum Areopagiten und entdeckte, daß alle übrigen Grade nicht fertig wären. Dieß schreckte mich nicht ab, nur bat ich dringend darum, eine gewisse Anzahl Grade, die zur Direktion nothwendig wären, auszuarbeiten und versprach unterdessen alle meine Leute zwei Jahre lang hintanzuhalten. Darauf schrieb er mir: ich solle alles nach Belieben machen, und soviel Areopagiten aufnehmen, als mir beliebte. Ich nahm aber niemand zum Areopagiten auf, hielt durch unerhörte Schwänke und Wendungen die ältesten, klügsten Männer auf, setzte alles ins Feuer, untergrub die strikte Observanz, arbeitete mit Hintansetzung aller meiner häuslichen und anderer theils wichtigen, theils einträglichen Geschäfte 16 Stunden täglich für den Orden; nahm, um allem in diesen Gegenden so gewöhnlichen Verdachte des Eigennutzes auszuweichen, von niemand Geld, gab jährlich 250 fl. Porto auS, ließ mich zu allem brauchen, schrieb gegen Jesuiten und Rosenkreuzer, die mich nie beleidigt haben, mich aber jetzt verfolgen, und arbeitete unterdessen die unteren Klassen aus. Darauf ließ man mich zu Ihnen, meine besten Bruder! (nach München) reisen?') woselbst ich soviel Freundschaft und Güte genossen habe. Dort nun wurden die Grade bis zum Schottischen Rittergrad festgesetzt. Ich kam zurück und führte dies in meinen Provinzen ein und legte Versammlungen und Logen an. Nun aber wurde die Maschine sür meine Schultern zu schwer. Deßsalls bat ich um Festsetzung höherer Direktionsgrade, nemlich a) einen kleinen Priestergrad zur scientifischen Direktion und b) einen kleinen Ncgcntcngrad zur politischen. Alsdann dachte ich, können wir die sogen, größeren Mysterien noch immer sür uns behalten, uns dahinter verstecken und das ganze Gebäude anderen Händen überliefern. Wir sehen, wie diese das Ding dirigircn, bleiben im Hinterhalt und arbeiten nach Muße die höheren Mysterien aus. . . . Unterdessen fing Spartakus an in mich zu dringen, ich soll nach Edessa (Frankfurt) eine rechte Force vom Orden legen. Ich stellte ihm vor, daß daselbst die Leute zu wenig Bedürfniß hätten, zu faul, zu wobllüstig, zu reich, zu republikanisch wären; aber da half nichts. Er erinnerte mich so oft, daß ich endlich alles versuchte. Ich fing nach der Reihe mit 10—12 Leuten an, deren keiner ganz eingeschlagen ist, und da nun diese Leute unter 500 treuen Untergebenen nicht eingeschlagen waren, und viel andere kleine zufällige Umstände machten dann, daß er anfing, mich für einen höchst übereilten mittelmäßigen Menschen zu halten. Er correspondirte hinter meinem Nucken mit meinen Untergebenen.^) Ich habe Briefe von ihm gelesen, darin» er 2") Weishaupt bemerkt hiegegen: „Philo sagt freilich, daß er mir 500 Menschen geliefert: aber 1) sind es nicht so viele. 2) sind seine Provinzen in einer Verwirrung, daß ich mir nicht zu helfen weiß. Nachdem er sich mit allen Leuten abgeworfen, sein Kredit und Vertrauen verloren, so soll ich nun wieder so die Sache in Gang bringen. Philo ist gut zum Anwerben; aber hat die Geduld nicht, um Leute zu erhalten, prüft sie nicht genau: daher muß ich von all den Leuten wohl die Hälfte laufen lassen. . . Beinahe überall sieht es aus, wie in Edessa (Frankfurt), wo selbst nach Philo's Anordnung 4 einzige sich gerettet haben, worunter doch die meisten von Philo engagirt worden." (Nachtrag v. Originalschr. I, 69.) 2') Nachtrag v. Originalschr. I, 147. Denselben Vorwurs erhob Weishaupt: „Philo habe ich 107 mit jenen Leuten, die ich aufgenommen, über mich wie über einen Novizen raisonirte. . . . Ich arbeitete den Presbyter und PriuccpS aus und zwar nach folgenden Grundsätzen: Jesus bat keine neue Religion einführen, sondern nur die natürliche Religion und die Vernunft in ihre alten Neckte einsetzen wollen. ... So war der geheime Sinn seiner Lehre: allgemeine Freiheit und Gleichheit unter den Menschen wieder ohne alle Revolution einzuführen. Es lassen sich alle Stellen der Bibel darauf anwenden und erklären und dadurch hört aller Zank unter den Sekten auf, wenn jeder einen vernünftigen Sinn in der Lehre Jesu findet (eS sei nun wahr oder nicht)!! . . . Alle frcimaurerischcn Hieroglyphen lassen sich auf diesen Zweck erklären. Spartakus hat sehr viel gute Data dazu gc- gesammclt, ich habe daS mcinige hinzugethan und so habe ich die beiden Grade verfertiget und darin» lauter Ceremonien aus den ersten Gemeinen genommen. Da nun hier die Leute sehen, daß wir die einzigen ächten wahren Christen sind, so dürfen wir dagegen ein Wort mehr gegen Pfaffen und Fürsten reden, doch habe ich dieß so gethan, daß ich Päbste (oho!) und Könige nach vorhergegangener Prüfung in diese Grade aufnehmen wollte. Nachdem der Presbyter und PriucepS fertig waren, schickte ich das Concept an Spartakus mit der Bitte, eS an alle Areo- pagitcn herumzuseudcn; ich bekam aber in langer Zeit keine Antwort, meine Papiere nicht zurück. . . . Endlich schrieb nur Spartakus, Mahomct (Baron Schröckenstein in Eichstätt) habe zwar manches zu erinnern, doch wolle er schon sorgen, daß die Grade also angenommen würden. Da ich nun Eile bade, so solle ich die Grade nur nach meiner Art austheilen. Auf einmal schickte mir Mahomet nicht etwa Anmerkungen zu diesen Graden, sondern ganz verändertes verstümmeltes Zeug. Man verlangte, ick sollte meine (an die Ordcuömitgliedcr vertheilten) Hefte zurückfordern und als ich mich weigerte, bestand wenigstens Spartakus darauf, alle Abschriften selbst zu revidircn, den Leuten zu sagen, es hätten sich unächte Zusätze cingeschlichcn, um dadurch mich zum Lügner zu machen. Obgleich ich nun gewiß nickt hcrrschsnchtig bin, so konnte ich doch eine solche Beschimpfung nicht ertragen, und da Spartakus noch dazu grob wird, so sehe ick gar nicht ein, warum ick mich von einem Professor in Jn- golstadt wie ein Student soll behandeln lassen. Also habe ich ihm allen Gehorsam ausgcküudigt." (Nachtrag v. Origiualschr. I. 100-107.) Weishaupt schob die Schuld auf den Eigensinn deö Freiherrn von Knigge. So schreibt er unterm 28. Jan. 1783 an Caio: „Hier folgt abermal ein insolenter Brief von Philo: lesen sie, wie er groß spricht und alle Welt trotzen kann. Das konnte doch Cäsar (Baron Slreitt, Haupiniann unter den Trabanten) und Alexander (Graf Pappenheim) nicht. . . Kurz — ich schreibe nicht mehr an ihn, das ist das Beßte. Es hilft auch nichts, denn er ist unbeugsam und gute Worte kann ich ihm nicht geben, weil er sodann noch unvorsichtiger und insolenter wird. Lrgo tnoodo, um so mehr, als er sich meine Correspondenz verketten." (Nachtrag v. Originalschr. I, 92.) Unterm 7. Februar 1783 äußert sich Weishaupt: „Philo steckt voll solcher Narrheiten (über die äußeren Abzeichen der Priester), welche seinen kleinen Geist verrathen. . . . Wenn Philo sich selbst wieder, wie vordem, an mich wendet, und sein Unrecht erkennt, so werde ich mit ihm wieder der alte sein, aber suchen werde ich ihn auf keine Art: ich muß ihm beweisen, daß er mir nicht wesentlich ist, daß er dadurch, daß er beim Orden ist, nicht mir, sondern der Menschheit dient, daß ich nichts von ihm habe, ich auch durch ihn um nichts klüger geworden bin und daß er durch seinen Umgang und Korrespondenz mit mir keinen Schaden gehabt. Man muß seine ihm und uns so schädliche Eitelkeit nicht ernähren; im Verdacht, daß er hinter unser arbeitet und etwas anders errichtet; denn alle, an die er sonst geschrieben, klagen, daß sie gar nichts von ihm hören: nehmen sie sich also mit ihm in Acht, cö muß sich bald zeigen. Aber da darf er trübe anfstehcu, wenn er mir Herr werden will." (Nachtrag v. Originalschr. I, 81.) eben weck er gebetten sein will, muß vian ihn nicht bitten; ich am allerwenigsten, denn mich yat er schlecht behandelt. .. . Mit dem allen werde ich ihm das Zeugniß allzeit geben, daß er durch Anwerbung wichtiger Leute um den Orden große Verdienste hat; aber außerdem hat er mir wenig genutzt, hat mir oft manches verdorben, die Einheit meines Planes durch elende Einschaltungen von unbedeutenden Graden sehr stark verdorben; ich hab ihm gewiß lang nachgegeben, aber nunmehr» macht er es zu arg." (Nachtrag v. Originalschr. I, 95.) Knigge seinerseits charakterisirt die Herrschsucht deS mißtrauischen Ordensstifters folgendermaßen: „Ein Orden, der auf diese Art die Menschen mißbraucht und tyramüsirt, als Spartakus die Absicht hat, der würde die armen Menschen in ein ärgeres Joch bringen, als die Jesuiten. Ich habe mich zu einer Maschine der Tyrannei brauchen lasten; alle sollen es wissen, daß auch ich betrogen worden und mit dem besten Herzen betrogen worden bin." (Ebendas. I, 117.) „Eine subalterne Rolle, betonte Knigge weiterhin, blinde Befehle von einem Jesuitengeneral anzunehmen, dazu bin ich nicht gemacht." (Ebendaselbst I, 125.) „Ich fange an zu argwöhnen — sollte selbst Spartakus ein verlarvter Jesuit sein — danu bin ich der Mann, der ihn zu Boden schlagen kann. — Gott! welch ein Mensch! — Wohin führen ihn seine unbändigen Leidenschaften? Hätte ich je den Mann einer solchen niedrigen und undankbaren Verfahrungsart fähig geglaubt! — Und unter seiner Fahne sollte ich für die Menschheit arbeiten, sie unter das Joch eines solchen Starrkopfes bringen! — Nimmermehr! lieber gar nichts gethan, und alles geschehene zerstört." (Ebendas. I, 129.) Der Riß zwischen Weishaupt und Knigge — welcher in den Logen zu Frankfurt und Wetzlar das eklektische System eingeführt und dem Jlluminaienthum Thür und Thor geöffnet hatte (Stark, 1. v. 330, Kluckhohn, Beil. zur Augsb. Allgem. Zeitung 1874 Nr. 185), so daß in Thüringen, in Niedersachsen sowie am Rhein Fürsten und Prinzen, Gelehrte und Dichter in wachsender Zahl dem Geheimbunde sich anschlössen, auch Göthe und Herder gehörten dazu — war zu tief, die Gegensätze zu groß, als daß durch die Vermittelung der Ordensbrüder ein dauernder Ausgleich hätte herbeigeführt werden können; um die Mitte des Jahres 1784 wurde der eifrige Hannoveraner, der selbst den Herzog Ferdinand von Braunschweig und den Prinzen Karl von Hesscn-Kasscl für den Illuminatenbund zu gewinnen wußte, mit einem Belobigungsdekret wegen geleisteter Dienste entlassen;^) doch wirkte derselbe auch fernerhin für die Verbreitung der deistischen Anschauungen des Jngolstädter Ordens, ebenso der als Uebersetzer englischer Schriften bekannte Bode und Wilhelm von dem Bussche, einer angesehenen hannoveranischeu Adelsfamilie entsprossen. (Stark 1. o. 332—333.) (Fortsetzung folgt.) "2) DaS Allgem. Handbuch der Freimaurerei H, 25 sagi hierüber: „Weishaupt, der mit seinen Ideen nie fertig werden konnte und der Hilfe eines organisatorischen Talentes bedurfte, war viclzusehr Pedant und ein zu nüchterner (?) Gelehrter (Weishaupt War ein großartiger Phrasenheld), um Geschmack a» dem vielen bunten Flitterwcrk zu finden, mit dem Knigge seine niedergelegten Gedanken ausgeputzt hatte. Sein Eigensinn und rechthaberisches Wesen traten erst dann auffallend hervor, als er zu fühlen begann, daß Knigge ibn in seinem eigene» Bunde überflügele. Weishaupt schadete sich um so mehr, je einseitiger und wankelmüthigcr er auftrat; da er kein Menschenkenner war. glaubte er jedem Schmeichler und zog ihn vor, »rührend er verdienstvolle Mitglieder zurückstieß." Ein Blatt ans der belgische» Kirchengeschichte. (Schluß.) (1. l)l. Am 24. Mai 1814 hielt der drei Jahre lang gefangene Papst Pins VII. seinen glorreichen Einzug in der Hauptstadt der Christenheit. An demselben Tage kehrte auch unter dem größten Jubel bon Klerus und Volk der verbannte Fürstbischof von Gent in sein treues Bisthum zurück. Indessen hatten die gegen Napoleon verbündeten siegreichen Fürsten den Entschluß gefaßt, das katholische Belgien mit dem größtentheils protestantischen Holland zu einem Königreiche der Niederlande unter dem -Dränier Wilhelm I. zu vereinigen. Alsbald sah sich oer Bischof von Gent wieder mitten im heißen Kampfe für die Rechte der Kirche. Es handelte sich um die vom .Könige am 24. August 1815 unterzeichnete Konstitution, die durch kgl. Verordnung von demselben Datum als Grundgesetz des neuen Königreiches ausgesprochen wurde. Sie erschien in verschiedenen Punkten den belgischen Bischöfen als unvereinbar mit den Grundsätzen der katholischen Religion und Kirche und mit der völlig freien -Ausübung ihres oberhirtlichen Amtes. Als die Einführung dieser Konstitution in Vorschlag gebracht wurde, war der erste Schritt der Bischöfe eine gemeinsame Adresse (datirt vom 28. Jult 1815) an den König, in welcher sie denselben auf die kirchenfeindlichen Bestimmungen des neuen Verfassungsgesetzes ehrfurchtsvollst aufmerksam zu machen sich gestatteten und die unterthänigst dringendste Bitte an ihn richteten, „er möge die unterzeichneten Bischöfe nicht in die harte Nothwendigkeit versetzen, bei Erfüllung ihrer Pflichten in einen scheinbaren Widerstand gegen den Staat treten zu müssen, und gegen die Maßregeln, welche seine Majestät zur Aufrechthaltung der Konstitution in ihren Sprengeln nehmen dürften. Der zweite Schritt der vereinten Bischöfe, de Broglie an der Spitze, war der Erlaß einer Pastoralinstruktion vom 2. August an ihre Diözesanen, welche dieselben über die Tragweite all jener Artikel des einzuführenden Ver- sassungsgesetzes, die der Religion und den Kirchengesetzen widerstrebten, belehrte. Schließlich gaben die Bischöfe noch ein theologisches Gutachten („flnFeirrsirt äoatrinal") über den vorgeschriebenen Verfassungseid heraus. In demselben wurde den Katholiken des Landes die Un- schwörvnrkeit des Eides hinsichtlich jener Artikel der Konstitution, die mit dem Gewissen des Katholiken in Widerspruch stünden, dargethan. Es wurde demnach nur ein bedingter Eid auf die Verfassung als kirchlich erlaubt erklärt. Um jedoch in ihrem Widerstände gegen die Konstitution sicher zu gehen, sandte der Fürstbischof von Gent die soeben erwähnten drei Schriftstücke an den hl. Vater irach Rom. Pins VII. setzte zur Untersuchung der in denselben enthaltenen Klagepunkte eine eigene Kongregation von Cardinülen nieder. Nach fünfmonatlicher Prüfung überreichte am 16. Mai 1816 der Kardinal- Staatssekretär dem in Rom residirenden niederländischen Minister eine officielle Note des Inhaltes, „das neue Fundamental-Gesetz enthalte Irrthümer, die gegen die Grundsätze der katholischen Religion streiten; der Widerstand der Bischöfe könne mit Recht nicht getadelt werden, und man könne keinen Eid, dessen Ablegung gegen das Gewissen sei, verlangen". Bereits fünf Tage früher, am 11. Mai, hatte der hl. Vater dem Bischöfe von Gent in einem Breve seine Zufriedenheit über dessen Verhalten in dieser heiklen Angelegenheit ausgesprochen. „Wir glauben nicht," heißt es in diesem Breve, „daß es nöthig sei, Dich und die übrigen Bischöfe ihrer Provinzen über die Pflichten, welche Euch die Ausübung Eures Hirtenamtes bei solchen Umstünden vorschreibt, zu unterrichten; denn wir sehen vollkommen ein, mit welchem Eifer Ihr (Du und die übrigen Bischöfe) für die Sache Gottes und feiner Kirche wachet." Die pflichtmäßige Belehrung, welche die Bischöfe Belgiens durch die Pastoralinstruktion ihren Diözesanen über die Konstitution zukommen ließen, wurde die Losung von Unterdrückungen und Gewaltthätigkeiten jeglicher Art. „Meine Pastoralinstruktion". schreibt Bischof de Broglie in seiner 1819 veröffentlichten „Raolainntioiri'asxeetneusö", „welche acht Tage nach der Eröffnung der Notabeln*) erschien, war eine der ersten Veranlassungen, um gegen Religion, Kirche und Geistlichkeit zu Felde zu ziehen. Polizeiagenten, mit Aufträgen der höheren Behörden versehen, nahmen einige Tage nachher alle bei meinem Buchdrucker noch vorfindlichen Exemplare dieser Instruktion hinweg. Man stellte bei allen Buchdruckern meiner Diözese die strengsten Haussuchungen an, um die noch übrigen Exemplare einzuziehen. Die Polizeiagenten untersagten allen Pfarrern, welche noch kein Exemplar erhalten hatten, dessen Inhalt ihren Pfarrgemeinden bekannt zu machen, obschon ich letzteres der Geistlichkeit als Bischof in meiner Gerichtsbarkeit zur besonderen Pflicht gemacht hatte. Ich legte darüber meine Beschwerdeführung zu den Füßen des Thrones nieder, jedoch ohne Erfolg." Fragen wir, welche Artikel der vielerwähnten Konstitution von den Bischöfen Belgiens als unvereinbar mit den katholischen Grundsätzen erklärt wurden, so waren es insbesondere jene, welche die Freiheit aller religiösen Meinungen in Belgien garantirten und die katholische Kirche auf das Niveau der Sekten heruntersetzten, dem Könige das Recht zuerkannten, darüber zu wachen, daß alle Konfessionen in den Schranken des Gehorsams gegen die Gesetze des Staates bleiben, den Landesbischöfen das Recht, den christlichen Unterricht zu leiten und die Direktion darüber zu führen, absprachen und die ganze Leitung des Unterrichiswesens dem protestantischen Staatsoberhaupte übertrugen. Die Bischöfe erblickten in diesen Verfassungsartikeln mit Recht eine Vernichtung ihrer bischöflichen Gerechtsamen und eine prekäre und illusorische Freiheit für die katholische Religion, welche bis dahin die alleiuherrschende in Belgien gewesen war. Sie erklärten darum in der „Pastoralinstruktion" und in dem „Theologischen Gutachten" über den vorgeschriebenen Con- stitutionseid, „daß die Gläubigen den Eid nicht in der Art leisten könnten, die ganze Constitution zu befolgen und aufrecht zu erhalten, ohne auf irgend eine Art oder unter irgend einem Vorwand davon abzuweichen, und ebensowenig einzuwilligen, daß davon abgewichen würde." Sie gingen hiebet von dem theologisch unanfechtbaren Grundsätze aus: Der Eid darf nichts enthalten, was der Religion, wozu sich der Eidleistende bekennt, und den Gesetzen der Kirche, welche er anzuerkennen verpflichtet ist, widerstreitet. Als die Regierung, auf die Constitution sich stützend, die Erziehung des Klerus in ihre Gewalt zu bekommen versuchte, zu diesem Zwecke alle Diözesan-Scminarien *) Die Notabeln hatten über die Einführung der Konstitution abzustimmen. Von 1603 zur Abstimmung berufenen Notabeln eiklärten sich 796 gegen, 527 für dieselbe und 280 stimmten gar nicht. Auf der Liste der Notabeln war von der gesammten katholischen Geistlichkeit Belgiens nicht ein einziger ausgenommen. 109 schloß und allen Theologen an dem neubegründeten, sogenannten philosophischen Kollegium zu Löwen ihre Studien zu machen gebot, da richtete der gewissenhafte Fürstbischof von Gent, von sämmtlichen niederländischen Bischöfen unterstützt, eine zwar der Form nach milde, aber dem Inhalte nach entschiedene Vorstellung an die Regierung. Diese hielt nun den Zeitpunkt für gekommen, sich dieses eifrigen, ihr immer mehr lästig werdenden Kirchenfürsten zu entledigen. Er wurde von der Regierung vor das Assisengericht von Brüssel gezogen und sechs Anklagcpunkte gegen ihn formulirt. Dieselben waren: 1) das von ihm und den Bischöfen von Namür und Tournay herausgegebene und von den Kapitular- vikaren von Mecheln und Lüttich mitunterzeichnete theologische Gutachten, welches dem Könige selbst überreicht und der verfassungsmäßigen Preßfreiheit gemäß öffentlich gedruckt und versendet wurde; 2) die Erklärung über den nur unter Bedingungen und Modifikationen zu leistenden Constitutionseid; 3) die fast von allen geistlichen Behörden Belgiens an den hl. Stuhl ergangenen Anfragen wegen Auslegung jener Kirchengesetze, in welchen das feierliche Gebet für Nichtkatholiken verboten zu sein scheint; 4) die Bekanntmachung der päpstlichen Bullen, Dispeusationen und andere rein geistliche Angelegenheiten betreffend; 5) die fortgesetzte Korrespondenz mit dem Papste über kirchliche Verhältnisse und Geschäfte; 6) eine Bekanntmachung von Ablaßbreven. Als dem Bischöfe seitens des obersten Gerichtshofes ver Anklageakt unter dem 9. Oktober 1817 zugestellt wurde, sandte er einen schriftlichen Protest ein. Derselbe motivirte in gedrängter Kürze sein wirkliches, den Gesetzen der Kirche entsprechendes Verhalten in den sechs Anklagepunkten. Die Protestation wurde dem Generalprokurator des Königs in Brüssel zugestellt; doch er behandelte dieselbe als ein „Aufruhrslibcll". Gegen den Bischof wurde der Haftbefehl erlassen. Durch Flucht nach Frankreich, von wo aus er gegen solch ungesetzliches Benehmen Protest erhob, entzog sich oe Broglie der Verhaftung. Inzwischen sprach der Nssisenhos zu Brüssel sein schmachvolles Urtheil über den muthvollen Kirchenfürsten. Es ist vom 8. November 1817 datirt und lautete auf Absetzung und Deportation aus dem Lande. Unter Trommel- schlag wurde die Coninmacial-, Absctzungs- und Depor- tationssenteuz gegen einen katholischen Bischof in einem ganz katholischen Lande an einem Sonntage publicirt und auf dem Schandpfahle in Mitte zweier wegen Diebstahls an den Pranger gestellten ehrlosen Menschen angeheftet. So verfuhr die damalige Regierung der Niederlande mit einem Bischöfe, der nur seine Amtspflichten erfüllt, der stets im Verein mit den übrigen Ordinariaten Belgiens und im Einverständnisse mit dem Oberhaupte der Kirche gehandelt, der aber freilich wegen seiner theologischen Kenntnisse, seiner unermüdeten Hirtenthätigkeit und seines festen, unerschütterlichen Sinnes, den er schon Napoleon I. gegenüber bewiesen, den Feinden der katholischen Religion unsagbar verhaßt war. Von Frankreich aus richtete der verbannte Bischof Gents an die zum Cvngresse versammelten Fürsten, den Kaiser von Oesterreich, den Kaiser von Rußland und den König von Preußen, eine vortreffliche Denkschrift, welche in getreuer, freimüthiger Darstellung die Verfolgung gegen die katholische Religion und ihre Diener im Königreich der Niederlande schilderte und deren Schutz und Hilfe erbat. Im darauffolgenden Jahre 1819 ließ de Broglie dieselbe unter dem Titel „Usolawution rssxsotususs" im Drucke erscheinen. Doch in den Niederlanden wurde trotz der daselbst bestehenden allgemeinen Preßfreiheit deren Drucklegung strengstens verboten ; in Frankreich hingegen nahm man keinen Anstand, den, Druck und zwar in einer königlichen Druckerei, öffentlich zu erlauben. Die protestantische niederländische Regierung begnügte sich nicht damit, den edlen muthvollen Bischof zu ächten und seinen Namen an den Schandpfahl zu heften, sie ließ ihren Ingrimm auch an seinen Generalvikaren und seinem Sekretäre aus. Als dieselben im Namen ihres des Landes verwiesenen rechtmäßigen Bischofes die geistliche Gerichtsbarkeit in der Diözese ausüben wollten, wurden sie verhaftet. Monatelang ließ man sie ohne Verhör und ohne Rechtshilfe im Kerker schmachten, trotzdem daß das damalige, in den Niederlanden geltende Recht die schleunigste Untersuchung und Erledigung aller Jnguisitionsfälle vorschrieb. Endlich „unter dem 10. Mai 1821", so berichtet das französische Journal ^rui üs Ig, RsUZioir st äu (Nr. 712 Seite 119), „erschienen die beiden Generalvikare und der Sekretär des Bisthums Gent vor dem Assisenhofe zu Brüssel. Die ersten Sitzungen wurden geheim bei verschlossenen Thüren gehalten." Erst fünf Tage später wurden sie in öffentliche Sitzungen umgewandelt. Vergeblich bemühten sich jedoch das kalvinische Ministerium und der Staatsanwalt Herr Sprüht, die Angeklagten eines Verbrechens gegen die Regierung zu beschuldigen, um dadurch gegen sie das Napoleonische Strafgesetzbuch anwenden zu können. Die Vertheidiger der Generalvikare und des bischöflichen Sekretärs wußten ihre Sache zu gut zu führen. Sie wiesen insbesondere darauf hin, daß es ein großer Mißgriff der Regierung wäre, wenn sie, um ein katholisches Volk zu gewinnen, demselben in allen seinen, auch billigsten Wünschen, in seinen wichtigsten religiösen Angelegenheiten, in Gewisscnssachen und GlaubenSgcgen- ständen widerspreche, die Priester unaufhörlich beunruhige und mit dem Umstürze aller katholischen Institutionen und alles, was dem Volke heilig und ehrwürdig sei, drohe. Endlich am 25. Mai erfolgte die Urtheils- verkündignng des obersten Gerichtshofes. Sie lautete auf Freisprechung. Ein Ausbruch des Jubels und Beifalles erfolgte bei Verlesung des Erkenntnisses. Alles drängte sich herbei, um den drei freigesprochenen ehrwürdigen Priestern Glück zu wünschen. Das ganze katholische Belgien empfand ob dieses gerechten Urtheils die lebhafteste Freude. Indessen nahte auch für den verbannten Fürstbischof die Stunde der Erlösung, allerdings nicht in dem Sinne, daß er wieder zu seiner treuen Heerde zurückkehren durste, wohl aber in einem höheren Sinne. Er sollte eingehen in jenes Land, von dem es in der „Geheimen Offenbarung" des hl. Johannes (21, 4) heißt: „Und Gott wird abwischen alle Thränen von ihren Augen; der Tod wird nicht mehr sein; noch Trauer, noch Klage, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen." Fast vier Jahre seit seiner ungerechten Verurtheilung durch den Assisenhof in Brüssel lebte der Bischof von Gent in der Verbannung in Frankreich. Die meisten Nachrichten aus seiner Diözese waren für den scelcn- eifrigcn Bischof von sehr trarrriger Natur. Einer seiner Gencralvikare wurde gleich ihm verbannt, die zwei andern nebst seinem Sekretär vor Gericht gezogen — ihre Freisprechung haben wir vorhin vernommen —. 110 einige Domherren aus dem Kapitel verstoßen, mehreren Pfarrern daS Pfrünl einkommen gesperrt, eine strenge Untersuchung gegen seine Geistlichkeit verhängt, arme Mönche und Nonnen in ihren friedlichen Klöstern beunruhiget. Alles das wirkte auf seine durch frühere harte Prüfungen bereits erschütterte Gesundheit nachtheilig ein. Im Juni des Jahres 1821 wurde er zur Zeit seines Aufenthaltes in Paris von einer Krankheit befallen, deren tödtlichen Charakter er alsbald fühlte. Am 25. genannten Monats ließ er sich vom Pfarrer von St. Sulpice die hl. Sterbsakramente reichen. Von da ab sprach er nur mehr von göttlichen Dingen. Für einen jeden, der ihn auf seinem Schmerzenslager besuchte, war er ein Gegenstand der Erbauung. Freitag den 20. Juli 1 Uhr morgens hauchte er in einem Alter von 54 Jahren 10 Monaten seine edle Seele aus. Mit ihm war ein Kirchenfürst aus diesem Leben geschieden, auf den voll und ganz das Wort des königlichen Sängers anwendbar ist: „Tolus äoruus tuae comsäit, ine" (der Eifer für dein Haus hat mich verzehrt). Außer seiner unerschütterlichen Anhänglichkeit an die Kirche, seinem standhaften Eintreten für ihre Rechte und seinem ausdauernden Muthe in allen über ihn hereinstürmenden Widerwärtigkeiten wurden ihm von seinen Zeitgenossen insbesondere Geradheit des Charakters und kindliche Frömmigkeit nachgerühmt. Bei den treuen Katholiken der Diözese Gent, ja ganz Belgiens, steht heutigen Tages noch sein Name im gesegnetsten Andenken. k. Wilhelm Kreisen. Literarhistorische Studie von Ad. Jos. Kiel. (Fortsetzung.) k. Kreiten's Aufsätze bildeten nicht bloß werthvolle Beiträge zur Literaturgeschichte, sondern, was ungleich mehr Bedeutung hat, sie erweckten in den weitesten katholischen Kreisen wieder mehr und mehr das richtige Interesse für Literatur und Poesie. War so ?. Kreiten bestrebt, der antichristlichen Kritik eine christliche gegenüberzusitzen, so that er andererseits zugleich durch seine Arbeiten dar, wie eine reine, edle Dichtkunst ein mächtiges Mittel ist, um das Gemüth und durch dieses das ganze geistige Wesen des Menschen zu läutern, zu wecken und zu veredeln. Und so kann man in der That k. Kreiten mit vollem Rechte einen Mitbegründer unserer heutigen katholischen Poesie und Literatur nennen. Nun ist aber k. Kreiten nicht bloß Kritiker und Historiker, er ist auch selbst ein großes, gottbegnadetes lyrisches Talent. Er beschenkte uns mit einem wundervollen Strauße von Blüthen, die er „den Weg entlang" gepflückt.*) Die „Widmung" dazu schrieb er an einem Allerseelen-Abend, und in seiner tiefmelancholischen Art fühlt sich da der leidende Dichter selber nahe „der stillen Friedensstadt der grünen Hügel". Wegmüd' und wund zuckt oft der Fuß. Gott Dank! schon winkt mit trautem Gruß Die stille FriedenSstadt der grünen Hügel. Am Thore seh' ich den Richter steh'», Der Rechnung heischt von meinem Geb'n, Seit kühn ich fortgestürmt mit verhängtem Zügel, Voll Hoffnung, einst im Jugenddrang, ViS stiller ward des Mannes Gang ,_Den Weg entlang. — *) Wilhelm Kreiten 8. Den Weg entlang. Gedichte. Drifte vermeh rte Auflage der „Heimathweise» aus der Fremde". Von diesem Gedanken des einstigen und vielleicht schon nahen Tages der Rechenschaft beseelt, lenkt der Dichter „rückwärts seiner Seele Schritte". Der Kindheit sinnend Spiel, der Jugend unverstandenes Hoffen, das zieht wie trauter Abendglockenklang durch seine Seele wieder. Doch dann, wie schreckt ihn auf der grause „Hammerschlag, der ihm die Mutter sargte". Durch Schmerz gereift hört er des Heilands »Vom, sscfuörs ws!" (komm', folge mir nach!) und freudig folgt er seinem Banner „durch Nacht und Fährniß trotz Todesdroh'n und Lockgesang". So naht dem Ziele sich die Bahn; Längst Viele, Viele mir voran Heimgingen, die mir treue Weggeiellen. Sie winken mir: nur Muth, nur Muth! Der Herr ist gutem Willen gut, Ihm sollst anheim du all dein Fürchten stellen, Zn ihm trieb doch dein tiefster Drang, Wie oft auch Schwäche dich bezwäng Den Weg entlang. — So will ich geh'n und ihm vertrau'» Den dunklen Schritt durch Todesgrau'n, Das er für mich am Kreuze wollt' besiegen . . . Ihr Freunde, die des Wegs noch geht, Nehmt, daß ihr meiner im Gebet Fromm denket, werd' ich selbst im Grabe liegen. Die Lieder, oft voll trübem Klang, Voll hcit'rcm oft, wie ich sie sang Den Weg entlang. — Der „trübe" ernste Klang herrscht vor in seinen schönen Liedern, k. Kreiten ist eben eine sinnende, nach dem einzigen wahren Gute sich sehnende Natur, die sich immer bewußt bleibt, wie sie hier auf Erden nur „den Weg entlang" zum ewigen Ziele schreitet. Heitere und in leichtem Spiele dahinhüpfende Melodiken klangen kaum von seiner Harfe. Deren Melodieen glichen vielmehr dem ernsten, tiefen, mahnenden Geläute der Ossanna vom Münsterthurme. k. Kreiten theilte seine Gedichtsammlung in fünf Bücher. Den Anfang bildet daS umfangreichste derselben, „das Buch der Andacht". Hat sich im fünften Buche, dem „Buche der Sprüche", Dichter und Kritiker in glücklichster Weise verbunden, und kommt im dritten, dem „Buche des Menschenlebens", in vollem Maße das durchgebildete und formgewandte lyrische Talent des Dichters zur Geltnng, so offenbart sich hier im ersten Buche das ganze schöne, nur nach dem Himmel sich sehnende Herz I>. Kreitens. Die innigsten, weihevollsten Gefühle und Gedanken weiß er in schlichtester Weise, aber gerade deßhalb so ergreifend und erhebend wiederzugeben. Man könnte es ein Trostbüchlein im Leiden nennen. Geduld in Leiden und Schmerz, eine allein an Gott sich anklammernde Liebe und ein heißes Verlangen nach dem, der allein des Herzens Sehnsucht zu stillen vermag, das sind die Grundsaiten des kindlich frommen Gemüthes unseres Dichters. Eine Probe aus all' dem Schönen mag genügen, dieses Urtheil zu erhärten. Es ist das Fragen einer gott- geliebten Seele: Einmal, einmal nur umfangen. Herz an Herz, o könnt' ich Dich, Aller Himmel Glnthverlangen: Jesus Heiland, liebst Du mich? Einmal, einmal möcht' ich schauen In die GottcSaugcu, Dir Alle tiefste Furcht vertrauen, Die nicht lassen will von mir. Mit einem Titclbilde von Ed. v. Steinle. Paderbörn. Ferd. Schöningh. Preis acbd. 6 M. 560 S. 1891. Ach nur eine kurze Frage, Ach ein einzig kleines Wort: Wird die Lieb', die ich Dir trage, Währen bis zum Grabe fort? Werd' iH, wie der Sturm mag treiben, Lassen nie von Dir, wein Lickt? Werd' ich immer treu Dir bleiben? Herr, Du weißt es, schweige nicht! Sage ja! und laß mich wandern Tausend Jahr' im Elend noch. Will nicht schauen auf die Andern, Jauchzend tragen jedes Joch. Ew'ger Treue Gnade senke, Allerbarmer, in die Brust, Daß ich nie vom Pfade lenke, Deiner treuen Huld bewußt. Sagten wir oben, im dritten Buche käme besonders das ganze lyrische Talent des Dichters zur vollen Entfaltung, so wollten wir damit durchaus nicht behaupten, daß dieses in den andern sich verleugne und am wenigsten im zweiten, dem „Buche der Natur". Im Gegentheil, diese sinnige, lebenSwarme, Alles, auch das scheinbar Geringfügigste wahrnehmende Auffassung, wie sie dem echten Naturdichter eigen ist, finden wir in diesem Büchlein vertreten. Hören wir nur einmal, wie der Dichter so prägnant und doch so gefühlvoll den „fremden Frühling" malt: Funkelnd auf dem fremden Land Friihlingshimmel blauet, Lraumgcweckt die Felsenwand Grüßend um sich schauet. Fremde Blumen seh'n mir sacht Fragend in die Augen — Wollten sie mit ihrer Pracht D'rauS die Thränen saugen? Duftumhaucht im Thals steh'n Weiße Mandelbäume, Meereslüste d'rnbcr weh'n, Kühl wie Morgenträume. Stille I welch ein Lied erklingt Dort so hcimatheigen? Waudermüd' die Schwalbe singt In des Oelbaums Zweigen. Weht nur weiter warmen Hauch, ^Linde Lenzeslüfte, Weckt im Land der Heimath auch Sang und Blumendüste. Fort zum Haus am Haidegrund, Möglcin, wollt euch schwingen Und von mir zu jeder Stund' Tausend Grüße bringen. - Freilich schwirrt die Luft voll „Frühlingslieder", doch dieses ist keines von den landläufigen. Schon die Person des Dichters selber, die da mitten drin steht und dem die fremden Blumen so facht und fragend in die Augen sehen, gibt dem Ganzen ein individuelles, eigenthümliches Gepräge und erweckt unsere innigste Theilnahme. Ist doch der Frühling, den hier der Dichter besingt, ein — „fremder", und ist er doch selber aus dem „Haus am Haidegrund", für das er den Vöglein seine Grüße aufträgt — verwiesen und verbannt! Ebenso bietet das folgende Gedicht, „Der Lenz", eine eigene, frische, gemüthvolle Auffassung. Als „holder Blüthenknab'" zieht er ins Land und läutet dem Winter „hinunter ins grüne Grab". Alles sprießt und sproßt, wo er geschritten. Dann kommt die Königin Nose, Hält große Blumcuschau Uno feiert Spiel und Tourniere Des Nachts aus der Waloeöau. Inzwischen hat Lenz, der Knappe, Auch Rüstung angelegt, Schwertblüthe und Eisenblume Und Rittersporn er trägt. Dann kommt Prinz Sommer geritten Und rennt den Frühling an. Daß er zwischen Gras und Blume» Sinkt sterbend aus den Plan. Dem Sieger reicht die Nose Zum Bunde dann stolz die Hand — Und es jubelt, leuchtet und glühet Ihr Brautlauf durch das Land. Nur einsam still eine Jungfrau Im weißen Schleier steht; ES wacht beim Grabe des Frühlings Die Lilie im treuen Gebet. DaS eigene Todesahnen gab dem Dichter wohl auch das kurze, aber tief gefühlte Gedicht „DaS Förstermal" ein: Da drauß' im Walde stehen der schlanken Eichen so viel, Deö Frühlings Säusclwchen treibt in den Kronen Spiel. Die schwellen, knospen und grünen im goldenen Maienstrahl, WaS kümmert die stolzen Hünen am Stamme das kleine Mal? Das hat der Förster gehauen mit seinem Gürtclbeil» Von fern ist's kaum zu schauen, ein Jahr — dann ist es heil! Ein Jahr? — du arme Eiche erlebst nicht so ferne Zeit! Dich hat mit jenem Streiche der Förster dem Tode geweiht. Bald werden die Hauer kommen und spähen nach jenem Mal, Da kann kein Knospen frommen, dich fället der Aexte Strahl. Dann wieder diese herrlichen, stimmungsvollen Abendbilder! Zu dem Besten in unserer gesäumten deutschen Lyrik zählen wohl Lieder wie das folgende: Auf Waldeswipscln funkelt Der Sonnen Flammenpracht, Vom Berg im Osten dunkelt Die weite stille Nacht. O sag'! zu dieser Stunde Was engt die arme Brust, Daß ich dasteh' im Grunde Und klage von Verlust? Mich zieht's mit StrahlenhänböN Fort in die Muth hinein, Ich kann den Blick nicht wenden Vom milden Abendschein. ES ist, als müßt' ich bluten Mein Herz am Himmel seh'n Und mit den Abendgluthcn Auf ewig untergeh'n. (Schluß folgt.) Recensionen nnd Notizen. Förster I. M-, „Das gottselige München". 6tBogen 8° mit circa 140 Illustrationen. (III Theile, stark brosch. M. 7.-.) * Es ist ein erfreuliches Zeichen, daß die kirchlich-historische Literatur in neuerer Zeit immer mehr aufblüht, da hierin der beste Beweis für die Antheilnahmc des Volkes liegt. Das vorliegende Buch hat die geschichtliche Beschreibung aller Kirchen und Klöster, welche München je besessen hat, zum Gegenstände. Da der Verfasser aber in den meisten Fällen auch die Bau- geschichte, die Beschreibung der Altäre (selbst aus früheren Zeiten), der Glocken, der etwa bestehenden Bruderschaften bringt und verschiedentlich interessante Charakterzüge einsticht (wie z. B. daß bei Aufhebung des früheren Kapuzinerklosters in München Polizeidiener, nachts durch Fanghnnde verstärkt, vor demselben Wache hielten, damit keine Verschleppung erfolge; daß die Mitglieder unseres erhabenen RegcntenbauseS fleißige Kirchenbesncher sind u. s. w.), ist das Buch außerordentlich wcrth- voll und kann jeder katholischen Familie, namentlich der k. D. Geistlichkeit, bestens empfohlen werden. Neben dem Bezug in 3 Theilen ist auch ciu solcher in (64) Heften L 10 Pf. durch jede Buchhandlung oder direkt beim,Herausgeber (München, 112 Wörthstraße 18 a), in dessen Selbstverlag dciS Buch erschienen ist, gegeben. Zn ganz besonderer Empfehlung dürste dem Buche dienen, daß der Magistrat München für sämmtliche Schul- bibliothcken, die Lehrer-, Magistrats- und VolkSbibliothck je ein Exemplar dieses Buches anschaffte, ebenso die Rektorate der Müuckcner Mittelschulen jeweils mehrere Exemplare desselben beschafften. * Schnlchan Nrnch. Am 15. April d. I. erscheint im Verlag der Mechitaristcu-Bnchdrnckcrei in Wien (VII, 2 Mechi- taristengasse t)!r. 4) „Schnlchan Aruch, Die vier jüdischen Gesetzbücher" übersetzt von Heinrich C. F. Löwe sou. 2. Anflöge, 2 Bände, gr. 8°, cn. 75—80 Bogen. — Die Löwe'sche Ucber- sctznng besteht schon seit 1840, die aber nur sehr schwer mehr anizntreiben ist. Da sich Lome sclavisch an das Original hielt, wurde seine Uebcrsetznng holprig und an mancher Stelle fast unverständlich. Die NcuauSgabe ändert an der Uebersetzung nichts Wesentliches, will sie aber in einem lesbaren Deutsch geben. Solange keine authentische Uebcrsetznng des Schnlckan Aruch cxistirt, wird diese Uebersetzung, die hinsichtlich der ersten 160 Paragraphen des Buches OrachChajim mit der Uebersetzung PavlyS verglichen und übereinstimmend befunden wurde, mit voller Beruhigung benutzt werden können. Die neue Auflage des Werkes, das antiquarisch kaum um 100 M. zu erhalten ist, kostet im SnbscriptionSweg 10 M., nach dem 15. April beträgt der Bnchhändlcrpreis 15 M. Bestellungen zum Subscriptions- preiS sind bis 15. April an den oben genannten Verlag zu richten. Die Schädelstätte oder Golgatha. Eine Hochschule christlicher Tugend und Vollkommenheit. Von ?. F. Peters, 0. ss. Q. Mainz, Kirchheim. 1896. Preis M. 1,80. Der hochwürdige Verfasser hat sich in diesem Buche, ähnlich wie in dem „Oclgartcn Gcthsemane" und dem „Ricbtcrstuhl", zur Aufgabe gemacht, über christliche Tugenden, in denen der Erlöser insbesondere bei seinem Lcidcnsgange zur Kreuzigung und bei dieser selbst uns ein so ergreifendes Beispiel war, abzuhandeln und den Gläubigen zu empfehlen, sie zur Bethätigung der Liebe Christi anzuregen. Die Diktion ist fließend, lebhaft und beredt, und getragen von tüchtiger Kenntniß der Wege Gottes im inneren Leben. »Die katholische Familie". Verlag der B. Schmid'schcn Verlagsbuchhandlung in Augsburg. Von G. P. Lauten- schlager redigirt. * Diese Familien-Wochenschrift, welche sich sehr warmer Empfehlung der geistlichen Obrigkeit erfreut, bietet allen einzelnen Familienmitglicdcrn viel Nützliches und zugleich gute Unterhaltung. Sie kostet vierteljährig nur 50 Pfge. und verdient, recht weite Verbreitung zu finden. Alte und Neue Welt. Das Qsierheft der „Alten und Neuen Welt", das 7. dieses Jahrganges, enthält nicht weniger als süuf größere erzählende Beiträge. Wohl selten wird ein Familicnblatt, das sich auch die Belehrung seiner Leser zur Aufgabe macht, mehr bieten. Außer dem effektvollen Schluß des Romans „Das japanische Schräukchen" erwähnen wir die an der Spitze des Heftes stehende musikgeschichtliche Novelle „Emanucl Astorga" von A. Schuppe; die spannende Erzählung „Ein Sonderling" von Hermann Hirschfcld und die mit geradezu Jean Paul'schem Humor gewürzte Humoreske „Dr. Labsals Brautsabrt" von Ncinfried, ein Autor, welchem wir hier zum ersten Male begegnen, und zu dem wir der „Alten und Neuen Welt" Glück wünschen. Ist es ja doch leider Thatsache, daß die meisten unserer heutigen sogen. Humoresken nicht anderes als bessere Schwänke genannt werden müssen. Hier sehen wir uns wieder einmal zum Zeugen eines höchst einfachen Vorganges gemacht, der durch humorvolle Charakteristik ebensowohl unser herzliches Lachen, als auch unsere Shmpathie erregt. Unter den belehrenden Aufsätzen nimmt die Würdigung PcsialozziS, von Schuirath Fr. Wilh. Bürgcl, den ersten Rang ein. Wir sind im voraus überzeugt, daß dieser rühmenswerthc Aufsatz insbesondere in der Lehrerwelt Dank und Beifall ernten wird. Ueber die neue Nöutgen'schc Entdeckung gibt ein klarer, mit instruktiven Illustrationen geschmückter Beitrag auS der Feder von U. F. Kinvler, 0. 8. L., populärwissenschaftliche Belehrung. Als Streiflichter auf die Geschichte der türkischen Vorherrschaft in Europa kaun die geschichtliche Abhandlung „Zwei Grober- , ringen KoustautinvpelS" von Dr. Dcutschmann akiuellcö Juier- > esse beanspruchen. In das Gebiet der Naturgeschichte gehört der Aufsatz „Ueber den Schlaf der Säuzcthicre und Bögel" von E. Rüdiger, in das der Naturiabel das reizvolle Märchen „Ein Besuch beim Osterhasen" von Th. Bertholt». Die veilchenblaue Ausstattung des Umschlags und die Illustrationen sind ebenso geschmackvoll als eigenartig. Engclmann, Dr., II. Staatsanwalt. Die rechtlichen Verhältnisse der unehelichen Kinder nach bayerischem Landrecht. Gcbd. 3 M. 250 Seiten. München, I. Schweißer (Jos. Eichbichler). -os- Der Verfasser behandelt im ersten Drittel seines Buches nach einer rcchtShistorischen Einleitung die rechtlichen Verhältnisse der unehelichen Kinder nach gemeinem Recht, auf Seite 95 bis 220 nach dem bayerischen Landrecht, und zum Schlüsse bringt er einen Abdruck der diesbezüglichen Bestimmungen deS bürgerlichen Gesetzbuches. Soweit der Verfasser diese äußerst schwierige Materie behandelt hat, ist dies durchweg mit großer juristischer Schärfe und Klarheit geschehen, leider bat er sich aber zu oft ein Halt zugerufen, weil die Frage nicht streng zum Thema gehört oder zu weit führen würde. Bei einer so sehr umstrittenen Materie, wie die vorliegende, wäre eS unserer Ansicht nach nur von Vortheil, wenn man alle Streitfragen, die sich um den Begriff außerehelich gruppircn — und deren sind es bekanntlich eine schwere Menge — hereingezogen hätte; daß dies nicht geschehen, bedauern wir mit Rücksicht auf die sonstige Trefflichkeit des Gebotenen und auf die praktische Verwendbarkeit des Buches selbst. Gehet zum heil. Antouius! Von U. Nrscuinö Dossier, 0. 8. Ikr. Würzburg, Göbcl, 1896. Gebunden in Ganzlcinwand 75 Pfennig. G Eine Lebenoskizzc des großen Heiligen von Padua und die üblichen Andachtsübungcn zu demselben! St. Antoniuö ist einer jener Heiligen, die zu den Lieblingen des christlichen Volkes zählen. „Der heilige Antouius ist nicht blos der Heilige von Padua, er ist der Heilige der ganzen Welt", sagte unlängst Papst Leo XIII. Ein Ordensbruder, ein Mitglied der bayerischen Frauziskaucrproviuz vom heil. AutouinS, will in vorliegendem Büchlein das Leben dcö Heiligen weiteren Kreisen bekannt machen und zugleich dessen Verehrung fördern. Der Verfasser weiß die Feder zn führen; präzis im Gedanken, gewandt in der Form, ist er Meister in edler Popularität. Wir können das Büchlein bestens empfehlen. ___ Silbernagl. Dr. Jsidor, o. ö. Professor des KircbenrechtS und der Kirchengeschichte an der Universität zu München, Lehrbuch des katholische» Kircheurechts zugleich mit Rücksicht auf das im jetzigen Deutschen Reiche geltende StaatSkirchenrccht. 3. Auflage. NcgcnSburg, Nationale VerlagSaustalt. M. 8. -w- Silbcrnagl's Kircheurccht, aus dem Bedürfniß nach einem gut geschriebenen, nicht zu umfangreichen Lehrbuche heraus entstanden, bewahrt auch in seiner neuen Auflage noch den Charakter deS Lehrbuchs, indem es bestrebt ist, in großen Zügen dem Leser und insonderheit dem Theologen ein klares Bild dieser Materie zu geben. Wenn der Verfasser dabei von Auflage zu Auflage in steigendem Maße die einschlägige Literatur und Rechtsprechung berücksichtigt hat, so werden ihm dafür nicht nur die Theologen, sondern auch die Juristen dankbar sein, die sich in vielen Fällen auö dem Lehrbuche recht guten Rath für die Praxis holen können. Der heilige Joseph, als Vorbild und Schutzpatron der christlichen Ehemänner. Ein Lehr-, Gebet- und Er- bauungöbuch. Von Joh. Völkl, Stistspropst in Jnnichen. Innsbruck, Vereinöbuchhandluug. Preis gebd. M. 2. §. Der nun in Gott ruhende, hochwürdige Verfasser dieses Buches ist bereits seit langem durch sein berühmtes, in allen Ländern deutscher Zunge viel und gerne gelesenes „Anna-Buch" bestens bekannt. Wie dieses in der Frauen-, so hat sein „Josephi-Buch" in der Männerwelt einen sehr guten Klang, was schon aus dem Umstände ersichtlich ist, daß abermals eine Neubearbeitung desselben nothwendig wurde. Das Buch verdient wegen des praktischen Inhaltes und der leichtverständlichen Schreibart allen Ehemännern bestens empfohlen zu werden. Es wird gewiß großen Nutzen stiften. Verantlv. Redacteur: Lid. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabbcrr in Augsburg. t^. 15 10. Aprlk 1896. Streifzüge durch die social politische Literatur des Mittclalters bis Thomas von Aquin. Von Frz. Jos. Strohmeyer, Benefiziat in Oberstdorf. Bekanntlich gilt es bei den meisten neuen Staatslchrern als unumstößliches Dogma, daß dem Mittelalter eine wirklich politische Forschung fehle. Sie sagen, diejenigen Schriftsteller jenes Zeitalters, welche sich mit staats- und socialphtlosophischen Fragen beschäftigen, begnügen sich mit nur akademischen, durchaus nicht wissenschaftlich selbst- ständigen Erörterungen; die ganze Politik jener Zeit bestände nur aus Kommentaren und Wiederholungen des Aristoteles. Insoweit diese Behauptung allgemein ist und sich auf alle politischen Schriftsteller und Arbeiten des Mittelalters bezieht, entspricht sie der Wahrheit nicht, wie ein Gang durch die socialpolitische Literatur des Mittelalters beweist. Die Bücher „äs rsZivaiirs xrinoixura" von Thomas von Aquin und ,1)6 nionnrosiia,« von Dante Alighieri, um nur diese Beispiele anzuführen, beweisen das Gegentheil. Die mittelalterliche Staats- und Gcsellschaftsphilo- fophie baut sich auf einer doppelten Grundlage auf, auf der griechisch-römischen Anschauung vom Staat, dessen Begriff und Zweck, und auf der Lehre des hl. Augustinus vom Verhältniß des irdischen zum überirdischen Leben. Indem das Mittelalter die Augustinische Doktrin bei der Bildung seines Staats- und Gesellschaftsbegriffs mitberücksichtigte und dieselbe zur dominirenden Geltung kommen ließ, hat dieser Begriff christliches Gepräge erhalten. Diesen Einfluß der Augustinischen Lehre auf die politische Denkweise des Mittelalters will dagegen Robert Mohl nicht gelten lassen. Er schreibt in einem seiner berühmtesten Werke*): „Ganz verkehrt ist es, diese Staatsphtlosophie anknüpfen zu wollen an die Schrift des hl. Augustinus äs oivituts Osi, indem dessen Gottesreich das ewige, das weltliche aber das des Bösen ist, so daß der spätere theokratische Gedanke des christlichen römischen Reichs eher als ein Gegensatz als eine Folge der Lehre des Kirchenvaters erscheint." Es ist unschwer zu erkennen, wie der berühmte Staatslehrer zu seiner Ansicht kam: er hat eben diesen Einfluß der Augustinischen Lehre auf die mittelalterliche Politik zu allgemein aufgefaßt. Das Buch äs civitats Osi betrachtet das Gottesreich als das ewige im Gegensatz zum Reiche des Bösen, zum weltlichen, ganz airsoluts. Dieselbe Anschauung sucht nun das Mittelalter rslativs in die weltliche Politik hineinzubringen, insofern als die geistliche Macht des Papstes von der weltlichen des Kaisers unterschieden wird, und je nach der entgegengesetzten Behauptung entweder die eine oder die andere die Oberhand beansprucht. Ohne in Abrede zu stellen, daß die griechisch-römische Philosophie, namentlich Aristoteles und auch Cicero und Seneca, in der mittelalterlichen Politik eine bedeutende Rolle spielt, dürfen wir auf der andern Seite auch den Einfluß des hl. Augustinus und der hl. Schriften und des Bosthius nicht verkennen und unterschätzen. Daraus aber zu folgern, daß keine Spur von Selbsiständigkeit vorhanden sei, wäre falsch. „Den eigentlichen Haupt- ') Robert Mohl, Geschichte und Literatur der Staatswissenschaften I. Bd. S, 225. gedanken dieser Zeit, der der griechischen Anschauung geradeswegs entgegen war, hat sie sich nicht aus Aristoteles geholt; der war ihr durch die christliche Idee gegeben und entwickelte sich ganz selb st ständig und im inneren Zusammenhang."") Ehe wir nun unseren Spaziergang durch die Halle der socialpolitischen Denkmäler des Mittelalters antreten, müssen wir zwei auffallende Thatsachen registriren, nämlich 1) daß das Mittelalter so arm ist au politischen Literaturprodukten trotz seiner staunenswerthen Kenntnisse auf fast allen Wissensgebieten, und 2) daß selbst bet jenen Philosophen, Theologen und Schriftstellern, die sich noch mit Socialpolitik beschäftigen, die Politik doch eine mehr untergeordnete, secundäre Rolle spielt. Es sind dies Erscheinungen, die auf eine gewisse Abneigung des Mittelalters gegen die Politik schließen lassen, und müssen dieselben um so mehr auffallen, als die Erörterungen, welche die Gesellschaft angehen, immer auch die Denker jeder Zeit auf's tiefste beschäftigt haben. Welche Culturperiode weist nicht ihre politischen Denkmäler auf? Die Arier hatten die Vedischcn Hymnen, die Brahmanische Cultur das Gesetzbuch von Manu, die Perser das Buch Zendavesta von Zoroaster, die Aegypter ihr Todtenbuch. Und welcher Hauptphilosoph unter den Griechen hat sich nicht mit Staats-, Social- oder Rechtsphilosophie beschäftigt? Es genügt, auf Plato und Aristoteles hinzuweisen. Plato versuchte eine idealpolitische, auf die Gerechtigkeit gegründete Verfassung zu entwerfen. Aristoteles hatte mit der Untersuchung von 158 demokratischen, oligarchischen, aristokratischen und tyrannischen Verfassungen sich vorbereitet, um seine eigenen politischen Gedanken darzulegen. Leider sind diese Aristotelischen Untersuchungen bis auf die neuer- dins wieder aufgefundene verloren gegangen. Die Römer endlich beherrschen noch heutzutage die Welt mit ihren mannigfachen Gesetzen und ihren Nechtsanschauungen. Einer solchen Reichhaltigkeit der socialpolitischen Literatur in andern Culturperioden gegenüber muß die Armuth an derselben im Mittelnlter im höchsten Grade auffallen. Wir haben bis zum 8. Jahrhundert nur folgende Denkmäler: das Buch „äs sivitats Ost" vom hl. Augustinus, welches auf das ganze Mittclalter eingewirkt hat, dann die 22 „Oapita, aänrcmitoria, aä äustinianuin I." des Agapetus Diaconus, ferner die „Oaxita, sxstortaticmuw. aä I^soiisrn stMuur" deL Kaisers Basilius Macedo, dann die „lloaär-l« des Theophylactus, endlich die Schrift „ilpo; -röv eöeov MOV 'RtukEv'/' über die Verwaltung des Kaiserthums von Constantinus Porphyrogennetus?) Die einzigen politischen Denkmäler vom 8. bis gegen das 13. Jahrhundert sind die Kapitularien Karls des Großen und seiner Nachfolger, die päpstlichen Bullen und Kirchenrechtssammlungen, von denen die berühmteste das sogenannte Vsorstmva Oratirmi ist, dessen Vollendung- eine Arbeit von 80 Jahren kostete. Den Grund dieser seltsamen Erscheinung müssen wir 2 ) Förster, „Die Staatslehre des MittclalterS" in der Allgemeinen Monatsschrift für Wissensch. u. Literatur S. 834 Jnhrg. 1853. °) Diese und die nachfolgenden literaturhistorischen Notizen sind entnommen dem Buche dcS Johannes Schön „über die politische Literatur des Mittelalters" (äs titsratura politie» weitn aevi) 1833. 114 vorzüglich in der Völkerwanderung suchen, durch welche die Frucht der Erforschungen von zahlreichen Denkern viele Jahrhunderte abhanden gekommen, namentlich fast alles, was die Politik als solche anbelangt, verloren gegangen ist. Es bleiben, außer einigen Ueber- reflen der lateinischen Literatur, nur die Erinnerung an die Vergangenheit und in den Werken der apostolischen Vater wenige Bruchstücke, in vielfach fehlerhaften Aus- zügen und theils unterschobenen Aufsätzen. Und dann ist wohl zu erwägen, daß sich damals weder Philosophen noch Theologen um Socialfragen bekümmert haben, selbst Abülard nicht, von dem man es doch am ehesten hätte erwarten können. Lange Zeit hat man, einer Benedictin- tschen Tradition folgend, geglaubt, es sei auf der berühmten Hofschule „Lastolu kulatinaR eine Professur für Politik errichtet gewesen, indem einer der dortigen Lehrer, Mannon, zur Zeit Ludwigs deS Stammlers (877 — 879) Plato's Politik und IwZes erläutert habe. Die neuesten historischen Forschungen haben aber ergeben, daß Liese Nachricht unhaltbar ist. Erst der welthistorische Kampf zwischen dem Papstthum und dem deutschen Kaiserthum, vom Pontifikate Gregors VII. (1073) an, gab die natürliche Anregung, nm die Recht h ire beider Mächte, der geistlichen und weltlichen, und den Ursprung der Gewalt überhaupt zu erforschen. (Fortsetzung folgt.) Johannes Nas, Franziskaner und Weihbischof. Wie rar gerecht der Vorwnrf ist, daß die Lehre rer ivgcuannten Reformatoren zum großen Theile deßwegen so günstige Aufnahme und so schnelle und weite Verbreitung gefunden habe, weil es von Seite des Welt- und OrdensOerus aus Mangel an Wissenschaft und Eifer an kräftiger Opposition gefehlt habe, zeigt die lange Reihe jener Männer, welche, ausgezeichnet durch wissenschaftliche Bilning und tiefe Frömmigkeit, nach allen Kräften dem Vordringen der neuen Lehre einen Damm entgcgenzusetz suchten. Ohne daß in Abrede gestellt werden soll, baß namentlich in der ersten Zeit manche überrascht wurden oder sich anlocken ließen, so zeigt doch die Geschichte, wie ungerecht ein solcher Vorwurf ist, wenn er allgemein gegen den damaligen Klerus oder gegen die religiösen Orden erhoben wird. Unter denen, welchen die Vertheidigung der katholischen Lehre am Herzen lag und die für dieselbe mit allem Eifer eintraten, ist nicht der geringsten einer der Konvertit und spätere Ordensmann und Weihbischof Johannes Nas, von dessen Leben eine kurze Schilderung hiemit gegeben werden soll.*) Johannes Nas war zu Eltmann in Unterfranken geboren am 19. März 1634; sein Großvater gleichen Namens war viele Jahre Aeltester im Rathe der Stadt gewesen. Sein Vater hieß Valentin, die Mutter Magda- lena, geb. Schumann. Der Knabe wurde anfangs mit häuslichen Arbeiten beschäftigt, bis er in seinem zwölften Jahre nach dem nahen Bamberg gebracht wurde, um das Schneiderhandwerk zu erlernen. Nach beendigter Lehrzeit begab er sich auf die Wanderschaft und arbeitete in mehreren bayerischen Städten, so in Nürnberg, Negens- *) Um viele Citationen zu vermeiden, seien die Quellen hier genannt: Schöps, U. Joh. Nasus; die neu herausgegebene 6brouwa Urov. 8. Iwoxoläi und Janssen, des. Bd. V u. VI; endlich auch Glaßberger, Otirouioa. bürg, Augsburg und München. So werthvoll einerseits diese Reisen für den jungen Schneidergesellen waren hinsichtlich seiner gewerblichen Fortbildung, so gefahrvoll wurden sie ihm anderseits für seinen Glauben; denn obwohl er von katholischen Eltern stammte und auch selbst im katholischen Glauben erzogen war, wandte er sich auf seiner Wanderschaft der Lehre der lutherischen Prüdikanten zu, und zwar mit einem wahren Feuereifer. Er besuchte ihre Gottesdienste, hörte ihre Predigten und verkehrte viel mit ihnen. Ihre Lehre begeisterte ihn, und er bekennt später selbst, daß er mit Lust und Liebe protestantische Lieder gesungen, und erinnert sich auch wohl, wie die Lutherischen „ihre Offenmeß damals auf's schein- barlichst gehalten". Die unausgesetzten Schmähreden gegen die katholische Kirche machten auf das Gemüth des Nas einen überaus tiefen Eindruck, wie aus seinen späteren Schriften hervorgeht. „Zu Nürnberg, Regensburg und Augsburg habe ich, schrieb er später, dem vermeinten Wort Gottes hungrig angehangen wie nach- folgends in Luthers Büchern." An manchen Sonntagen habe er vier ganze Predigten gehört und das Lied „Erhalt' un§, Herr, bei deinem Wort, und steur' des Papfls und Türken Mord" so stark gesungen als einer im Haufen. Die Schmähungen gegen Papst und Kirche erfüllten ihn schließlich mit solchem Haß, daß er nach seinem eigenen Geständniß ohne weiteres nach Steinen s gesucht hätte, wenn ihm nach einer solchen Predigt ein ; katholischer Priester oder Bischof begegnet wäre. (Schöpf 73.) Die verführerischen Beispiele, die gegen die Kirche gerichteten Bilder und Reden brachten ihn zuletzt so weit, daß er mit wahrer Wollust die rasendsten Schmähschriften las und sich nebenbei noch der damals grassierenden Art des Aberglaubens, nämlich der Sterndeuterei, ergab. So war er seinem Glauben ganz entfremdet, ja vollständig abtrünnig geworden und schien für die katholische Kirche für immer verloren. Da ging 1552 plötzlich eine völlig überraschende Veränderung in ihm vor. Der Zufall spielte ihm in München das goldene Büchlein von der Nachfolge Christi in die Hände, sein Herz öffnete sich der göttlichen Gnade, er schloß sich wieder der katholischen Kirche an und kehrte sogar der Welt den Rücken, indem er im nämlichen Jahre 1552 zu München um Aufnahme in den Franziskanerorden nachsuchte, welche ihm auch gewährt wurde. Am 5. August 1553 legte er alsdann nach bestandenem Noviziat die feierlichen Ordeusgelübde ab. Anfangs übte er im Kloster noch sein Handwerk, indem er in der Schneiderei beschäftigt wurde, worüber seine nachhertgen Gegner, so insbesondere Fischart, Ni- grinus und Osiander, ihre groben Späße nicht sparten, während er dasselbe immer in Ehren hielt, so daß er, zum Wethbischof von Vrixen ernannt, die Scheere in sein bischöfliches Wappen aufnahm. Aber nun erwachte in dem jungen Franziskanerlaienbruder ein gewaltiger Wissensdrang, er begann auf eigene Faust die lateinische Grammatik zu erlernen. In stiller Nacht, während alles im Kloster schlief, studirte er bei einer Lampe, die auf einem der Klostergänge brannte, die Anfangsgründe der lateinischen Sprache. Diese Lampe war vor einem Muttergottesbilde angebracht, und Maria bewies sich ihm als gütige Helferin, wie seine überraschenden Fortschritte nachgehends zeigten. Dieses nämliche Marienbild ist eS auch, welches gegenwärtig in überaus großer Verehrung steht. Obwohl an sich ganz anspruchslos, wurde es zuerst der Gegenstand der Verehrung im Kloster, da ja alle Mitbrüder davon überzeugt waren, daß Maria an Bruder Nas ein Werk der Barmherzigkeit gethan, der vor demselben soviel betete und studirte. Nachdem aber das alte Franziskanerkloster in Jngolstadt aufgehoben wurde, brachte man dasselbe in die jetzige Franziskanerkirche, in der es den Altar des hl. Augustinus ziert, und ist es zugleich das Titularbild des großen, überall verbreiteten sogen. Lngolstädter Meßbandes geworden. Nas konnte nach Erlernung der Grammatik bald zur Lektüre der Klassiker übergehen und gab, als er sich seinen Obern offenbarte, ihnen zum größten Erstaunen solche Beweise selbsterworbener Kenntnisse, daß er von ihnen für würdig und fähig befunden wurde, in die Zahl der Kleriker aufgenommen zu werden, und schon im Herbste 1557 empfing er in Freistng die Priesterweihe. Seit 1559 verweilte er wieder in Jngolstadt, und zwar als Hörer an der Universität, welche damals der Mittelpunkt katholischer Wissenschaft und Polemik im südlichen Deutschland war; er beschäftigte sich vorzugsweise mit dem Studium der hl. Schrift und der Väter und erlernte noch nachträglich die griechische und hebräische Sprache. In seinen Schriften nennt er die Professoren Staphylus, Eisengrein, Frank — sämmtliche Convertiten — mit besonderem Dank als seine Lehrer und Freunde. Am 14. September 1560 wurde er auf dem Ordenskapitel zu Sefflingen zum Conventprediger in Jngolstadt ernannt, was ihn jedoch nicht hinderte, seine Studien eifrigst fortzusetzen und unter- Leitung der Jesuiten sich in Disputationen zu üben. k. Johannes wurde bald ein berühmter Prediger. Seine Reden erweisen ihn als einen Mann von großer Sprachgewalt und volksthümlicher Beredsamkeit, der aus dem Born des Volkes schöpfte, wenn auch seine Redeweise der Jetztzeit nicht mehr zusagt. Der unerschrockene Muth und die volkstümliche Kraft seiner inhaltreichen Reden thaten mächtige Wirkung nicht nur bei den Katholiken, sondern auch den Lutherischen; die neue Lehre war bereits bis fast an die Thore Jngolstadts vorgedrungen. Und nicht bloß auf der Kanzel seiner Klosterkirche trat er gegen dieselbe auf, sondern er predigte auf seinen Sammelreisen, die er als Sohn des hl. Franziskns unternahm, um den Lebensunterhalt durch Almosen zu erhalten, auch auf dem Lande gegen dieselbe, wobei er manche betrübende Erfahrungen über das Glück des bethörten Volkes „unter dem reinen, unverfälschten Wort" zu machen Gelegenheit hatte. In dem Maße seiner Erfolge stiegen aber auch die heimlichen Ränke und Verfolgungen wie auch die offenen Verunglimpfungen, und er wurde mit Titeln wie „Schneiderknecht" u. a. belegt; wenn er sogar von Meuchelmörderischen Anschlägen gegen sein Leben erzählt, so darf man dies bei der zügellosen Parteiwuth jener Zeit durchaus nicht für Uebertreibung halten; um so einen „tollen Mönch" aus dem Wege zu räumen, war in der That jedes Mittel recht. Durch seine Predigten wurde er überall bekannt, und der Cardinal Bischof Otto von Augsburg lud den Franziskaner zur Provinzialsynode nach Dillingen ein, wo ihn wiederum der Bischof von Würzbnrg kennen lernte, der ihn zu einer Missionsreise nach Franken bewog. ?. Nas erzählt selbst, welche Freude er empfunden, als er am 29. Juni 1569 auf dem Frauenberge zu Würzburg die hl. Messe las und predigte. Bei einem Besuche in seiner Heimath, den er bei dieser Gelegenheit Wachte, erlebte er den Schmerz, das Lutherthum inzwischen dort eingerisscn zu sehen. Schon vorher hatte er übrigens in Ulm, Bruck und München längere Zeit als Missionär gewirkt und zu diesem Zwecke auch ein eigenes katholisches Handbüchlein drucken lassen. Doch noch bekannter wie als Prediger ist ?. Johannes als Polemiker. Als solcher aufzutreten war ursprünglich keineswegs seine Absicht gewesen. „Ich wollte wohl am liebsten, äußerte er sich, einfältiglich das Volk den katholischen Glauben zu jeder Zeit gelehrt haben auf dem Predigtstuhl und im Jugendunterricht und ihm gedient haben im Beichtstuhl und in den Siechhäusern, aber die unzähligen, unsäglichen Lästerschriftcn der Pcädi- kanten haben mich in's Feld geführt, und ich muß mich nun mit ihnen hauen und fechten mit gleichen Waffen und ihnen die Sprache reden, so sie selbst führen, da sie doch keine andere verstehen und hören wollen." „Freudig zu Muthe" war es ihm als Streitschriftstcller keineswegs. „Welcher Leser wird frömmer, wenn er anderer Leute Büberei gleich wohl und oft liest und hört?" „Aber was soll man machen, wenn, man mög' wohl sagen Tag um Tag immer neue Famos- und Lästerbücher erscheinen und unsere Widersacher gleich wie Wölfe in die katholische Hürde dringen und den Weinberg des Herrn verwüsten, alle Zucht und Ehrbarkeit zu Nichte machen", „unfläthigste Phrases am liebsten gebrauchen, unzüchtige Bilder, Gemälde ausstreuen, sollte man da geruhig bleiben können und nicht den Wölfen wehren?" Jcmssen 364 ff. (Schluß folgt.) Adam Weishanpt. Von Adam Hirsch mann. (Fortsetzung.) Am 11. Juli 1773 hatte sich Adam v. Weishanpt in Eichstätt mit Afra Sausenhofcr, Tochter des fürst- bischöflichen Kastners und Hofkammerrathes Sausenhofcr, vermählt;^) doch schon am 8. Februar 1780 wurde diese Verbindung durch den Tod der Frau gelöst, welche seit 1777 krank darniedergelegen.^) Zur Besorgung der ^) Maria Afra Johanna Walburga Sausenhofcr war am 3. August 1716 zu Wolferstadt (in der Nahe von Wemdinz) geboren, wo der Vater domkapitlischer Kastner (granariusl war. Er scheint gegen daö Jahr 1760 nach Eichstätt versetzt worden zu sein, woselbst ihm am 22. Mai 1766 eine Tochter Maria geboren wnrde. In Wolferstadt war ihm am 7. Nov. 1747 ein Sohn geschenkt worden: Wolfgang Damianus Karpophorus JoscphuS, welcher in den geistlichen Stand eintrat und mir Erlaubniß des Pfarrers von Sk. Moritz in Jngolstadt die Kopulation seiner Schwester Afra mit Weishanpt vornahm. Später wnrde er Pfarrer in Kirchanhausen bei Bcilngries und starb am 12. Januar 1801 in Eichstätt. Der Hoikastncr Wolfgang Willibald Jakob Sansenhoser selbst war geboren den 7. Juli 1718 und starb in Eichstätt am 17. Nov. 1792, nachdem er, wie seine Grabschrist an der westlichen Wand der Gottesacker- kapelle daselbst besagt, dem hohen Stifte über 47 Jahre getreue Dienste geleistet. Öb Wolfgang Sansenhoser und sein Sobn Wolfgang Nahmnnd, geb. zu Wolferstadt den 23. Juli 1754. gest. in Eichstätt am 9. Nov. 1801 als Hoch-Biscböfl. Eichst. Hof- und Rcgicrnngsrath, dann Lchcnpropst, dem Illuminatenorden angclwrt babcn, ist nicht zu erweisen. I» Innsbruck (SamoS) suchte Hanmbal (Baron Bassns) Professor 8 — — , künftigen Schwager deß Spartakus, iür die Jllnininatcn zu gewinnen. (Nachtrag v. Originalschr. I, 136.) 2 °) Die Mutter Weishanpt'S, Anna Katharina Apollonia, eine Tochter des Vogtes Valentin Kicsner des wnrzburgischen Julinöspitales zu Hciligentbal, starb 1783. (Nachtrag von Originalschr. S. 21.) Dieselbe hatte sich am 6. Oktober 1746 mit Johann Georg Weishanpt vermählt. Nach freundlicher Mittheilung des hochw. Herrn Pfarrers Fuchs zu Schwamcld „ist in der Filialkirche zu Heiligenthal der Grabstein des Joh. Georg Weishanpt noch gut erhalten. Die Inschrift lautet: Lnno Oowtlli 1753 äts 20. LextLiybrrs tu Domino obüt xras- 116 häuslichen Geschäfte wurde die Schwester herbeigerufen, welcher auf Drängen der kranken Gattin Weishaupt im Oktober 1779 versprach, seinerseits nach Kräften bestrebt zu sein, die Erlaubniß zur Heirath zu erwirken. „Selbst den Tag vor ihrem Tod habe ich dieses Versprechen wiederholt, bestätigt Weishaupt. Sie war darüber ruhig und starb, und meine Schwägerin blieb bei mir, um meine Wirthschaft zu führen." (Kurze Rechtfertigung meiner Absichten 1787 S. 56.) Nachdem die Trauerzeit vorüber war, ersuchte Weishaupt feinen geistlichen Schwager, er möchte durch die Franziskaner in Nenburg sich in Rom erkundigen lassen, welche Hoffnung er hatte, sein Versprechen zu erfüllen. Die Antwort war nicht besonders günstig. Dann wandte sich Weishaupt durch seinen Schwager (jedenfalls Wolfgang Sansenhofer), welcher sich in Wien befand, an die dortige Nuntiatur. Doch die Sache ging nicht vorwärts. „Und schon damals im Jahr 1782 versicherten mich viele angesehene Männer, erzählt Weishaupt, welche die prux in onrino besser verstanden, daß eine Schwängerung das kräftigste Beförderungsmittel bei ähnlichen Gesuchen sei." (Kurze Rechtfertigung S. 58.) Das bischöfliche Ehegericht in Eichstätt, dem die Dispense- angclegenheit nunmehr übertragen wurde, erholte sich daS Gutachten der theologischen Fakultät in Jngolstadt, welche am 3. Februar 1783 auf Antrag Fröhlichs zu Gunsten des Petenten sich aussprach. Ueber Wien ging dann die Sache nach Rom. Nach einer ziemlichen Zwischenzeit kam desselben Weges die Nachricht, daß man von Seiten des Vikariats (Eichstätt) unterlassen habe, die nöthigen Produkte beizulegen, und daß überhaupt das Vorschreiben nicht in der nöthigen Form abgefaßt sei. Weishaupt erhielt zwar die noch abgängigen Produkte, indessen war seine Schwägerin schon gegen das Ende des dritten Monats in ihrer Schwangerschaft vorgerückt. (Kurze Rechtfertigung S. 61.) Der Ordensstifter kam nun in eine sehr ungemüthltche Lage und schob alle Schuld auf den Eichstätter Generalvikar Martin Lehenbauer, der durch „Anempfehlung der Jesuiten sein abgesagtester Feind" war. (Kurze Rechtfertigung S. 59.) Aber als Professor des kanonischen Rechtes hätte Weishaupt doch wenigstens wissen müssen, daß er sein Dispensgesuch bei nodilis magmitieus ao oonsultissiunw D. Isannes OeorZius IVsisImupi, utri. g. j. äostor, sereuissimi üueis ao sieotoris ilavuiias oonsiliarius aotualis, juiiicii provinoiaiis oassarsi Hirscbbei-F assossor, in aiwa ob oisotor. univsrsit. luZolstallt imi>. p. p. Institut. praxeos orim. st bist. juris Professor pubiicus st orüinarius nso von p. 1. Lsetor waAnilieus, oui maostissiiua ejus uxor Latimrina nata Xissnsr tristo boo eoujuAaiis piotatis st amoris posuit monumentnm. Lax vivis, reguiss clskunotis. Unmittelbar an der Grabstätte Joh. G. Weishaupt's befindet sich jene seines Schwiegervaters Joh. Valentin Kiesner, mit der Antichrist: ^»no 1746 eiis 8. Xovembris circa borain XI msriä. omnibns inoribnmiorum saoramsntis watnro prasmunitus pis in Domino obiit praenobiiis st strsnnnns D. Isannss Valsntiuus Liosner, gui in bospitali luliano annos 12 oklieial. st kao in sacra vaiis per 28 annos praeksoruram sollioits st üüeiiter ... aetaris snae 65 aun. Heiligenthal war von 1234—1561 eine Cistcrzicnscrinnen- Abtei; im letztgenannten Jahre wurde dieselbe ausgelöst und deren Güter 1577 mit dem ncnerrichteten JnliuSspitale zu Würzburg vereinigt, welche bis 1789 von einem juliusspital- ischen Vogte verwaltet wurden.. Bis 1789 gehörte Heiligcnthal zur Psarrei Wipfcld, nunmehr zu Schwanfeld. DaS Schiff dcr gothischen Kirche zu Heiligenthal dient dermalen als Scheune, dcr Chor wird als Kapelle benutzt; die Güter gehören dem Protest. Fürsten Leiningen in Amorbach." H. Pfarrer Fuchs unseren besten Dankt dem zuständigen Bischöfe von Eichstätt in Vorlage zu bringen habe. Ucbrigens scheint Weishaupt in seiner Nechtfertigungsschrift vor dem großen Publikum nicht ganz aufrichtig gesprochen zu haben. Denn wenn er schon 1779 seiner Schwägerin die Heirath in Aussicht gestellt hat, warum wollte er doch Zwack's Schwager- werden? In einem Briefe an Cato (Rcgieruugsrath Zwack in Landshut) wahrscheinlich aus dem Jahre 1782 bemerkt der Ordensgründer: „Noch eines! wäre es ihnen wohl recht, wenn ich dereinst ihr Schwager würde? Wenn es ihnen recht ist, wenn es unbeschadet meiner Ehrlichkeit geschehen kann, wie die Hoffnung dazu anscheint, so hoffe ich, soll es auch geschehen, aber schweigen sie dermal noch." (Nachtrag von Originalschr. I, 77.) Im Briefe an Marius (Benefiziat Hertel in München) gesteht er: „Und nun im engsten Vertrauen eine Angelegenheit meines Herzens, die mir alle Ruhe raubt, mich zu allein unfähig macht und mich bis zur Verzweiflung treibt. Ich stehe in Gefahr, meine Ehre und Reputation, durch welche ich auf unsere Leute so vieles vermochte, zu verlieren. Denken sie, meine 18. 1V. 5. 21. 12. 6. 8. 17. 4. 13. ist 18. 10. 5. 21. 12. 13. 6. 8. 17. (d. h. meine Schwägerin ist schwanger). Ich habe diese zu diesem Ende nach Athen (München) zu Euriphon geschickt, um die Heirats-Liccnz und Promotoralicn nach Rom zu sollicilieren. Sie sehen, wie viel daran liegt, daß sie reussiren und keine Zeit versäumt werde: jede Minute ist theuer. Aber, wenn nun die Diipensation nicht erfolgt, was mache ich sodann? wie ersetze ich dieses einer Person, der ich alles schuldig bin? Wir haben schon verschiedenes tentirt, um das 3. 4. 13. 9. — 12. 11. 24. 20. 19. 17. 8. 4. 11. 8. 13. (Kind abzutreiben). 2 °) Sie selbst war zu allen entschlossen. Aber Enripbon ist zu timid und doch sehe ich beinahe kein anderes Ex- pedicnS. Wenn ich des Stillschweigens des Celsus (Professor und LcibmediknS Baadcr) versichert wäre, dcr könnte mir wohl helfen und hat es mir auch schon vor 3 Jabrcn versprochen. Reden Sie mit ibme, wenn Sie glauben, was hier zu thun sei? Caro mag ich nicht gerne etwas davon wissen lassen, weil es sonst seine ganze Freundschaft erfährt. Wenn Sie mir aus dieser Verlegenheit helfen, so geben Sie mir Leben, Ehre, Ruhe und Macht zu wirken wieder. Wo nicht, so sage ich Ihnen, 2 °) Zur Entschuldigung und Beschönigung dieses Verbrechens beruft sich Weishaupt auf das „Ansehen und die so bernffene Moral der Jesuiten" (Kurze Rechtfertigung S. 52), indem er in der Anmerkung kühn behauptet: „Hundert Zeugnisse könnte ich anführen, wenn cS nöthig wäre. was diese frommen Väter, welche in Bahern so sehr für Sitten. Tugend und Religion besorgt sind, über diesen Gegenstand öffentlich gelehrt und geschrieben haben. Wir wollen einen einzigen hören. Dieser ist der k. Morinus und dieser schreibt in seiner tboolvAia spsouiativa st woraii M 3 1'r. 25. üs matrimonio Disp. 8. 8sst. 5 u. 63, 64, 66, 67 und beruft sich Nr. 75 auf andere Väter feines Ordens, einen Navarra, Banne;, Henriguez, Sä, Castro Palolo, Sanchez." ES gab nun wohl einen gelehrten Theologen mit Rauten Johann MorinuS, gest. 16. Febr. 1659 in Paris, aber dieser war Oratoriancr (K.-L. VIII, 1917); einen Jesuiten Worin, der das von Weishaupt citirte Werk geschrieben, konnte ich weder bei Sommervogel, Libliotkegus äs ia oompaZnis äs Issus t. V p. 1323 — 26, nock bei Hurter, Xomsuol. I, 480, noch in Zedlers Uuivcrsal- lcxikon Bd. 21, noch bei Jöckier (Gclchrtenlexckon) und Adeluug finden. Entweder hat Weishaupt sich im Namen geirrt, oder er hat aus einem anderen Autor bona tiüs das Citat herüber- genommcn, oder er bat absichtlich den Oratoriancr Morin, der übrigens kein Moralwerk geschrieben, in einen Jesuiten umgewandelt. Eine Entschuldigung kann ich nicht treffen. Auch Navarra und Banne; waren keine Jesuiten, sondern Dominikaner; der Jesuit Castro Palolo hieß Castro Palao (K.-L. II, 2035). Daß ?. Girard, Rektor des'Collcgiums zu Toulouse, in Behandlung der hysterischen Maria Kalb. Cardicre als Ge- wissensführcr zu leichtgläubig war, läßt sich nicht bestreiten; daß er aber Abortivmittel angewendet habe, wie Weishaupt behauptet, ist durch das freisprechende Urtheil des Gerichtshofes zu Aix (Oktober 1731) widerlegt. S. Critische Jesuiler-Geschichte, Frankfurt u. Maynz 1765, S. 53 u. 561. Duhr, Jesuitenfabeln S. 495. 117 ich wage einen desperaten Streich?') denn ich will und kann meine Ehre nicht verlieren. Ich weiß nickt, welcher Teufel mich irre geführt, mich. der ich allzeit in diesem Falle die äußerste Behutsamkeit angewandt. Noch bis bero ist alles still. Niemand weiß etwas als Sie und Euripbon. Noch wär eS Zeit etwas zu unternehmen, denn cS ist erst im 4tcn Monate und noch dazu, was das ärgste ist, ist dieser Fall sogar kriminalisch. Und eben dieses macht den äußersten Effort und die verwegenste Entschließung nothwendig." (Nachtrag von Originalschr. I, 14-17.) Wer ist nun dieser Euriphon, welcher dem Jngol- städter Professor, der die Aechtheit und Wahrheit vorstehenden Briefes anerkannt hat (Kurze Rechtfertigung S. 51), die Heirathslicenz in Rom erwirken sollte? Nach der Jlluminatenliste in den Hist.-pol. Bl. Bd. 103 S. 938 war Euriphon, mit dem bürgerlichen Namen Kanzler, Arzt in München, welcher wohl zu den Freunden Häffelins, des Vicepräsidenten des churfürstlichen geistlichen Rathes, gezählt haben mochte. Denn der Stadtpfarrer von St. Moritz in Jngolstadt, Joh. Paul Baur, berichtet am 19. Dez. 1783 dem Gencralvikare nach Eichstätt: „Der ärgste Feind vom Papste, der Weis- hanpt, ist sehr glücklich; denn seine Fräulein ist glücklich zu Sandersdorf entbunden worden^) und die päpstliche Dispensation, bewirket durch Häfelin und Steigenberger (Kanonikus deS Stiftes Polling) et yuiäsiu sud ab odrextitia, ist auch angekommen. Zweifelsohne wird es ein Bischof inspiciren dürfen; das gu8 eowinuira wird doch der Papst dem Häfelin^) zu lieh nicht aufheben." (Past.-Bl. des Bisth. Eichstätt 1865, 215.) Wenige Tage darnach, am 21. Dez. 1783, feierte Weishanpt zu Sandersdorf auf dem Schlosse des Baron Bassus seine Vermählung mit Maria Anna Sausenhofer unter Assistenz des Stadipfarrers Wibmer von Jngol- l stadt: Nom hatte im ersten Grade der Schwägerschaft, Eichstätt von der geschlossenen Zeit und dem dreimaligen Aufgebote Dispense ertheilt. Damit war für den welt- erneuenden Ordenssiifter eine schwere Krisis überstanden; in den Kreisen der Jlluminaten scheint man dem hochfahrenden Professor und strengen Sittenrichter diese Verdemüthigung wohl gegönnt zu haben. Wenigstens bemerkt Manns (Hertel) in einem Briefe vom 3. Nov. Weishanpt trug sich damals ernstlich mit Selbstmord- qcdaukeu. (Ewige Originalschr. S. 383.) : '°) Nach dem Geburtsregister der oberen Stadipsarrei in , Jngolstadt ist dieses Datum nickt richtig. Diesem zniolgc wurde am 30. Januar 1784 dem Adam Weisbaupr und seiner Ehefrau Maria Anna, geb. Sausenhvier, ein Solm geboren, welcher in der Taufe den Namen Wilhelm Damianus erdielt. °°) Ueber den ehrgeizigen Häffelin, als Jllnminat küilo bidlins benannt, entwirft der Geucralvikar von Eichstätt im Jahre 1788 an den hl. Stubl eine sehr ungünstige Schilderung; er wird genannt: vir notas totsrrimao tnm ob Illuminatisinnm tnm vitas rationsm, astutiseiiuus Ii^gocrita et mlnlator vakerrimns; vor Jahren habe er mir allen Kräften die Errichtung eines ErzbistbumS in München versucht, um selbst mit Dieser neuen Stelle bedacht zu werden Er schmeichle dem Nuntius in München in der ekelhaftesten Weise, durch ihn sei er Titnlarbischof von Cberionncs geworden. Auch Stadtpiarrcr Baur kennt die Pläne der Jlluminaten bezüglich der Errichtung neuer Bischofsstühle in Bayern; er schreibt: „Wenn Gott nickt bald seiner Kirche zu Hilfe kommt, so scheint eo, als wollte Gott das Licht des wahren Glaubens unserm Batcrlande entziehen, wozu der (obere Stadtpfarrcr) Wibmer Alles beitragen wird. Nur Geduld I Er und Weishanpt schmieden schon an vielen Projekten, daß in München ein Bischof und anderer Orten Weibbiscköfe verordnet werden. Wibmer soll Bn'ckof von Jngolstadt werden. Hernach webe der Religion!" (Past.-Bl. I. o. p. 215.) Eine Biographie Häffelins, der das bayerische Konkordat abschloß und hiefür zum Kardinalat erhoben werden mußte, findet sich Binder, ConversationSlexikon V, 17, fehlt aber anffallcndcrwcise im neuen Kirchenlexikon von Hergenröther- Kaulen Bd. V. 1783 an Cato (Zwack): „Spartakus ist heute nach Ephesus (Jngolstadt) gereiset; seine dicke Schwägerin ließ er aber zurück. Auf das neue Jahr hofft er mit einem, — der Königen und Fürsten vorgehen soll, — erfreuet zu werden. Der Papst wird also doch Respekt haben und ihn vor der Zeit legitimiren." (Einige Originalschr. S. 387.) Doch über Weishaupt zog sich gar bald ein neues folgenschweres Gewitter zusammen. Dem geheimen Sekretär der Herzogin Maria Anna von Bayern, Joseph Utz- schneider, wurde, wie Schreiber (Gesch. Bayerns II, 246) berichtet, von dem Jlluminaten Marquis von Costanza, Hofkammerrath, zugemuthet, angeblich um dessen Ergebenheit gegen den Orden zu prüfen, jene Briefe auszuliefern, welche König Friedrich II. von Preußen und Minister Graf Herzberg an die Herzogin hinsichtlich des Tauschprojektes des Kurfürsten Karl Theodor, Bayern gegen die österreichischen Niederlande an Oesterreich abzutreten, geschrieben hatten. Bei Joseph II. hofften die bayerischen Jlluminaten Befriedigung all' ihrer Wünsche zu finden; darum wohl die geheime Sehnsucht, österreichische Unterthanen zu werden. Doch Utzschneider weigerte sich, diesem Ansinnen nachzukommen, und schied aus dem Orden. Friedrich II. erfuhr seinerseits durch die Freimaurer, welche Anforderungen an Utzschneider gestellt worden seien, und machte im Februar 1785 die Herzogin Maria Anna auf das staatsgefährliche Treiben der Jlluminaten aufmerksam. Nun entdeckte der Sekretär das ganze Geheimniß des Ordens?") Schon durch die Streitigkeiten zwischen Weishaupt und Knigge waren dunkle Gerüchte über die neue Ordensstiftung in die Ocffentltchkett gedrungen. Einzelne Mitglieder, wie Abbs Cossandey, Nenner, Professor Grünberger, Hofkriegsrathssekretär Zaupser, waren mit Utzschneider Anfang Dezember 1783 ausgetreten. Am 22. Juni 1764 erließ die kurfürstliche Regierung in München eine Verordnung, wornach alle geheimen Gesellschaften verboten wurden. Die Jlluminaten, vertrauend auf den Einfluß zahlreicher Beamten, welche dem Geheimbunde angehörten, gehorchten scheinbar, setzten aber im Geheimen an anderen Orten ihre Thätigkeit wieder fort. Noch am 4. August 1784 stellte der Jurist Alois Bauer in Jngolstadt dem Baron Fraueuberg einen Revers aus, seine Aufnahme in eine geheime Gesellschaft betreffend, wornach er als ehrlicher Mann versprach, „gegen keinen auch vertrautesten Freund und Anverwandten auf keine mögliche Weise, weder durch Worte, Zeichen, Blicke u. s. w., jemal das geringste zu offenbaren, es mag nun solche Aufnahme zu Stande kommen oder nicht, um so mehr als der Aufnehmer versicherte, daß in dieser Gesellschaft nichts wider den Staat, die Religion und die guten Sitten unternommen werde." (Nachtrag von Originalschr. I, 231.) Der Landschaftsvicekanzler von Kern, als Jlluminat Lykurgns benannt, schickt seiner Rechnung über die zwei letzten Quartale des Jahres 1784 die Bemerkung voraus: „Warum für diese zwei Quartale keine förmliche Rechnung abgelegt werden kann, ist aus der Lage der Umstände von selbst bekannt. Da sich nemlich schon von Anfang des Juli her ein Theil der ehemaligen Minerval- -°) Stark (Triumph der Philosophie S. 337 A. 1) stellt die Thätigkeit Friedrichs II. gegen die Jlluminatcn in Abrede; ihre eigene Unvorsichtigkeit, wodurch daö Publikum gereizt ward, wird in der Schrift: Große Absichten des Ordens der Jlluiui- naten, S. 37, als die wahre Ursache angegeben. Kluckhohn (AugSb. Allg. Zeitung 1874 Beil. 185) hält an der Ansicht Schreibers fest. 118 versawmlustg unter dem Super, des Jll. Musäus (Hofrath MoutgelaS, später Siaatsminister) in den engen freundschaftlichen Zirkel des Demonax (Schieß!, Pfister- meister) zurückgezogen hat" . . . Darum erbittet er sich „von Seite erl. Oberer eine gefällignamentliche Weisung über das dermalige Personale unter der Leitung des Demonax, um hienach sich richten und die allenfallsigen Ausstände rechnungsformig vortragen zu können." (Nachtrag v. Originalschr. I, 234—236.) Auch in Korinth (Negensburg) wurden vorn 1. Sept. bis 31. Dez. 1784 an monatlichen Beiträgen 15 fl. 15 kr. eingenommen. (Ebendas. I, 239.) Der Quästor Armidorus (Lieutenant Eval) legte Rechnung ab über die Einnahmen und Ausgaben bei der Minervalversammlung zu Nemea ^) unter dem Superiorate des Sulla (Baron Meggenhofen) vor» 1. Januar bis 28. Februar 1785. (Ebend. I, 245.) Da erfolgte am 2. März 1785 ein namentliches Verbot der Freimaurerei und des Illuminatenordens seitens des Kurfürsten Karl Theodor, welcher durch eine Denkschrift Utzschneiders über die Ziele und die Ausbreitung des Jugolstädter Geheimbundes aufgeklärt worden war??) Wie benahm sich Weishaupt in dieser kritischen Periode? Noch im Februar 1783 trug er sich mit dem naiven Gedanken, dem Kurfürsten durch eine Deputation das Protektorat der B— eklektischen Loge antragen zu lassen, um sich recht fest zu setzen, wie er wähnte. (Nachtrag v. Originalschr. I, 98.) Freilich sollte der Landesherr nicht alles erfahren, was in den Statuten der einzelnen Grade enthalten war; so sollte gemäß Anweisung des Ordensstifters vom 2. Februar 1785 beim Illunnnutrw Nujor der Satz gestrichen werden: „Pfaffen und böse Fürsten stehen uns im Wege." Vom Illuminatus äiriAens (Negentengrad) sollten nur die Ceremonien der Aufnahme und Weishaupts Anrede hiebet übergeben werden; vom Priestergrad gar nichts, als die ilwtruotio in soiantitiaw, Unterricht über die Pflege der Wissenschaft; aber, fügte der betrügerische Ordensgeneral ernst bei, wohl durchgegangen, damit sie keine beziehende (anzügliche) Stelle enthalte. Wenn Sie, instruirie er weiterhin die Depu- tirten der Münchener Loge, die Instruktion von dem Priestergrad mit übergeben, so sorgen Sie bei der Instruktion im historischen Fach, daß keine Stelle darin, welche das Archiv-Bestehlen bestätigt. (Nachtrag von Originalschr. I, 227; Einige Originalschr. S. 330.) Diese Rathschläge des Jugolstädter Professors, welcher durch seinen Geheimbund die Menschheit sittlich heben wollte, find doch ganz genau nach dem Recepte formulirt: Der Zweck heiligt die Mittel, wie auch Knigge richtig s') Nach den Namen der Bruder und Novizen eine Loge zu München. 2-) Das Kircheiilexikon VI, 716 hat irrthüinlicher Weise daS Jahr 1736 angenommen. Kurz (Litcraturacsch. III, 4), welcher vom Jesuiten- und seinem Gegenstücke, dem Illuminatenorden ganz wunderliche Anschauungen zu Markte trägt: „Dieser (nämlich der Jugolstädter Geheimbund) nahm rasch zu, aber er konnte den geheimen Umtrieben der Jesuiten nicht widerstehen, die in ihm den gefährlichsten Feind schon darum erkannten, weil er sich, was sein Hauptfehler war, ihrer eigenen Mittel bediente," läßt denselben schon im Jahre 1784 durch den Kurfürsten von Bayern aufgehoben werden, „der auch den edlen WeiShaupt absetzte und verbannte". Anfänglich war über Weishaupt nicht die Strafe der Verbannung ausgesprochen worden, sondern er ging freiwillig auS Bayern fort und erklärte selbst: „Ich habe im Sinne, auch unter den vortheil- haftestcn Bedingungen nie wieder zurückzukehren." (Einige Originalschr. S. 40ö.) erkannte, wenn er bemerkt: Was ist der Priestergrad gegen ihre Mittel zu guten Zwecken? (Nachtrag von Originalschr. I, 124.) Den Jesuiten warf Weishaupt höhnend laxe Moral vor, die seinige war jedoch die laxeste! Inzwischen fürchtete er schon, daß die kurfürstliche Regierung eine Untersuchung einleiten könnte. In diesem Falle sollten die Häupter des Bundes auf Einzelheiten sich nicht einlassen, sondern die Erklärung abgeben, daß sie nur dem Kurfürsten selbst die nöthigen Eröffnungen machen würden. Diesem soll man sodann die zwei Grade von den höchsten Mysterien zu lesen geben. Auf diese Weise hoffte Weishaupt für seine Sache eine günstige, unerwartete Wendung zu erzielen, wie er von Jngolstadt aus am 18. Dez. 1784 schrieb. Unterm 2. Febr. 1785 ertheilte er den Rath: „Wenn Personal-Inquisitionen vorkommen, so lassen sie sich in Personalverbrechen auf eine Verantwortung ein; soviel aber die Grade und die innere Verfassung des Ordens, hiemtt Nealia betrifft, so provociren sie darauf, daß sie solche Niemand als Sr. Durchlaucht in höchst eigener Person eröffnen würden und diesem sagen sie ungescheut, dieser Orden sei ein Landesprodukt und ich der Verfasser; dann wird die Rede schon an mich kommen." (Nachtrag v. Originalschr. 1, 226.) Wirklich kam schon wenige Tage hernach die Rede an Weishaupt: am 11. Februar 1785 wurde er seiner Lehrtätigkeit an der Universität Jngolstadt enthoben, nachdem er kurz zuvor auf Betreiben Lipperts vor versammeltem Senate wegen des Antrages: für die Universitätsbibliothek Pierre Bayle's Werk Oiotionnairs stistMiqns ob eritiqua und das Werk des Richard Simon (Prantl, Gesch. der Univ. Jngolstadt I, 641) anzuschaffen, das tridentinische Glaubensbekenntnis hatte erneuern müssen, und bis zu einer anderweitigen Verwendung von Schluß des Schuljahres ab mit 400 fl. pensionirt. Da er jedoch eine Personal-Untersuchung nicht ohne Grund fürchtete, indem er schon früher den Gedanken ausgesprochen hatte, daß er sich „durch all' sein Wohlwollen, Denken und Arbeiten zum Lohn einen Galgen baue" (Nachtrag v. Originalschr. I, 52), daß er „dereinst durch die Unvorsichtigkeit seiner Leute den Kops verlieren könnte" (ebendas. I, 89), so schlug er die Pension aus und bat um seinen Abschied. Diesen erhielt er durch kurfürstliches Neskript vom 19. Februar 1785, worin er ein „hochmüthiger und renommirter Logen- meister" genannt wurde. (Stark, Triumph d. Philosophie S. 339.) Der vaterländische Boden scheint dem schuldbewußten Ordensstifter zu heiß geworden zu sein; denn schon am 25. Februar 1785 schrieb er von Nürnberg aus an Zwack, die Worte Cicero's von Catilina auf sich beziehend: Lxesssit, eruxit, avusib — Auf und davon ist er! Mit Schulden war Weishaupt aus Jngolstadt entflohen und bat daher den genannten Ordensgenossen seiner Frau, welche mit den Kindern noch bis Ende April dortselbst bleiben sollte, etwas Geld aus der Logen- kasse zu überschicken. Von Nürnberg aus besuchte der Flüchtling Erlangen, Altdorf und gedachte mit Eintritt gelinderer Witterung weiter zu reisen. (Einige Originalschriften S. 403.) An Herzog Ernst von Gotha, Br. „Timoleon", fand er gar bald einen wohlwollenden Gönner und Beschützer, an dessen Hofe er fortab lebte, ausgezeichnet durch den Hofrathstitel. (Schluß folgt.) k. Wilhelm Kreiten. Literarhistorische Studie von Ad. Jos. Kiel. (Schluß.) Wie wiederholt angedeutet, enthält das dritte Büchlein: „Buch des Menschenlebens", das Beste aus des Dichters Mappe. Den Anfang bildet in finniger Weise das nicht nur gut erfundene, sondern auch muster- giltig durchgeführte Gedicht „Das Glück". Es schildert in packender, dramatischer Weise das Jagen und Haschen und Drangen der Menschen nach „Glück". Doch wie bald zerfließen in Nichts die Phantome, denen sie nachgeeilt: Und weiter und weiter und nie zurück, Das war wobt Gluth und Leben, Das war wohl Wechsel — doch ach, das Glück, Das Glück wollt' sich nicht geben! Nur oft zur Nacht Zieht mich mit Macht Die Blume blau in's ferne Land — Bis ich erwacht Mit Thränen schau'» daß ich verbannt! Glauben und Kinderunschuld warfen sie über Bord, and erst wenn sie den Abgrund vor sich gähnen sehen, »ann seufzen sie auf: Wie find' ich den Weg, der rückwärts lenkt Boin falschen Glücke zum Friesen? Wer ist, der mir wieder die Blume schenkt, Die tollen Wahns ich gemieden! Nur ost zur Nacht Zieht mich mit Macht Die Blume blau in'S ferne Land — Bis ich erwacht Mit Thränen schau, daß ich verbannt! Doch das wahre Glück bringt nach all' den Ver- irrungen erst wieder die Taube der Buße: O blaue Blume im fernen Land, O Kindcrunschulv und -Glaube! Du hast mir doch einen Boten gesandt — Mich grüßt mit dein Oelzweig die Taube. Die ost zur Nacht Mich lockt mit Macht Hinüber in des Friedcnö Land, Und eh' ich's dacht' Die Zeit vergeht, daß ich verbannt! Es würde zu weit führen, wollten wir viele der auserlesenen Blumen und Blüthen erwähnen, die uns der Dichter in seinen Strauß gebunden. Man nehme selbst das Buch zur Hand und lese und empfinde mit dem Dichter. Sicherlich wird der Leser schöne Stunden Mit ihm verleben! Nur ein Gedicht, oder vielmehr einen Liedercyclus können wir nicht unerwähnt lassen, bildet er doch die kostbarste Perle des ganzen Buches. „Der Mutter Tod" ist die Ucberschrift einer Reihe tiefempfundener, echter lyrischer Edelsteine. Der Mai war wieder gekommen Mit Lied und Blüt'henstrauß» Hat Einkehr nicht genommen In meines Vaters Haus. Die Fichte klagend rauschte, Die vor dem Fenster stand, Und schaute still und traurig In's frühlingSfrohe Land. Ich faß in stiller Kammer Beim kranken Müttcrlcin, Unnennbar tiefe Wehmnth Schlich mir in's Herz hinein. Sie schlummert' im alten Sessel, So bleich, so abgehärmt, Ihre weißen lieben Hände An meiner Stirn' ich wärmt'. Da draußen sang es und klang eS Voll seliger Maienlust — Ach Gott, war das ein Winter In meiner jungen Brust! In seiner Trauer eilte er hinaus in den Wald, der Mutter Liebltngsblumen zu pflücken. Doch jedes Maiglöckchen, das er brach, das sprach so viel vorn Scheiden, und auf jedes fiel eine Thräne und glänzte da gleich Thautröpfchen. Es war am heil'gen Pfingsttag Und letzten Mai dazu — Da meine einzige Mutter Einging zur ewigen Ruh', llll Da konnt' ich wild nur weinen Die armen Augen roth — Da lief ich, und da rief ich: „Die Mutter todt! ach, tobt!" Dann die ergreifende Schilderung: Auf der Bahre lag sie schweigend, Hörte unsern Ruf nicht mehr — Schlief und schwieg — ob wir UNS neigend Sie liebkosten noch so sehr. Durften einmal sie noch sehen, Da sie schon im Sarge lag — „Kinder! müßt hinaus nun gehen!" Schluchzend bald der Vater sprach. Der Tischler kam, und jeder Hammerschlag trieb einen Nagel in des Dichters eignes Herz, daß nimmermehr die Wunden mögen vernarben. Sie haben sie fortgetragen, Sie drangen in's Haus hinein, Sie hörten nicht auf mein Klagen, Als wär' sie nicht mehr «rein. Die Glocken so herzlos klangen, Als sollt' es Ostern sein. Und doch zu Grab sie sangen Der einzigen Mutter mein. Sie warfen mir Erde d'rüber. Ein Kreuz ward aufgesteckt — Ich hätte den Sarg wohl lieber Mit meinem Leibe bedeckt. Die Sonne sah ich prangen, Die Blumen blühten so schön. Die Vögel so lustig sangen: Als wäre nichts gescheh'n! Und mir doch lag im Grabe Ein enger dunkler Sarg, Der meine reichste Habe, Das Herz der Mutter barg. Da ward ihm das Herz zum Brechen schwer uu. trauervoll. Von Zimmer lief er zu Zimmer, doch überall war's öde, es fehlte etwas — das Mutterherz. Wie beneidet er das arme Bettelkind, das seine blinde Mutter führt. Jst's arm auch an Lab' und Gut. hat's doch noch eine Mutter. Und nun der Schluß dieser wehmnthdurchtränkten Gedichte, die in ihrer einfachen, ungekünstelten Form unser Herz doch so gewaltig ergreifen! Er ist des Dichters würdig. Wohl ist Melancholie ein Grundzug von Kreitens Charakter, aber sie ist geadelt durch ein gläubiges, gottergebenes Gemüth und darum himmelweit verschieden von dem Weltschmerz unserer modernen Pessimisten. Seine Trauer ist darum auch nicht jene wild zerrissene, in sich selbst aufgelöste, wie man sie jetzt oft auf den Gräbern unserer modernen Friedhöfe symbolisirt findet — eine Trauer, die nur erdwärts ihre Blicke senkt und keine Hoffnung kennt. Der christliche Trauer- schmerz jedoch, so gewaltig er auch das Herz zusammenpressen mag, er trägt gleichwohl den Stempel himmlischex 120 Ergebung, und der geistige Blick wird nicht umflort don der Erdenhaftigkeit unserer menschlichen Natur, sondern bleibt aufwärts zu den Sternen gerichtet. Und so klingen auch diese trauernden Lieder nicht mit der grellen Dissonanz der Hoffnungslosigkeit aus, sondern am Schluß schwingt auch der Dichter sich zum Gedanken der Unsterblichkeit und des Wiedersehens auf. Seit ich zu Grabe Dir, o Muiter, gab Geleit Vor langer, trüber Zeit, Klingt stets in meiner Seele nach das Wort „Unsterblichkeit!" Wir müssen Beide aufersteh'», In Himmelsauen selig wallen. — Ich werk' Dich einstens wiederseh'n, Wenn Lebenshauch am großen Tag in's Grab wird niederweh'» Und auflebt, was im Staub zerfallen. Und wär' kein ewig Leben mehr, Wie könnt' ein Muttcrberz denn brechen? Es setzte sich dem Tode kühn zur Wehr, Gab' er nickt schmeichelnd das Versprechen Von ew'ger Liebe Wonnemeer! Aus dem „Buch der Geschichten" erwähnen wir besonders die naiv innige „Legende von der heiligen Cücilia" und das bewegt dramatisch durchgeführte Gedicht „Priestertod". Wie der Dichter auch den Volkston zu treffen weiß, mag die Ballade „Geistergruß" illustriren: Zu Magdeburg im Graben Die Trommel ward gerührt, Zum frühen Tod sie haben Den Deserteur geführt. Und fern im Heimaththale Bei Wetterwilder Nacht Klopft's heimlich an das Fenster, Wo noch die Mutter wacht. Sie kennt wohl gleich die Stimme, Doch klingt der Gruß so hohl — Sie weiß nicht, war's „Willkommen!" War'S gar ein „Lebewohl!" Rasch reißt sie auf das Fenster: „Mein Sohn, mein jüngstes Kind!" „Still, Mutter, sprich doch leiser, Sonst hört's der falsche Wind." „Und bist Du nickt gekommen Auf Urlaub, liebster Sohn?" „Still, still, ein ew'ger Urlaub Ward mir als Erdenlohn I" „Wie werden all' sich freuen Die Brüder und Schwestern Dein . . „Laß, Mutter, laß die Leute, Denk' Du der Seele mein!" Und zittern nicht die Scheiben, Dröhnt's nicht wie Schuß auf Schuß? Fühlt's nicht die arme Mutter Wie kalten Geistcrkuß? Sie breitet aus die Arme, Sie ruft umsonst ihr Kind, Sie steht allein am Fenster, Und klagend geht der Wind. Und bald mit schwarzem Siegel Ein Brief ward wohl gebracht, Da wußte die arme Mutter, Wer sie gegrüßt zur Nacht. Es ist eine Eigenthümlichkeit, aber auch ein hoher Vorzug der Kreiten'schen Gedichte, daß sie sich nur schwer bruchstückweise anführen lassen. Alles ist da so prägnant, alles so wohlbegründet und eilt in so rascher, fester Folge dem pointirten Schlüsse zu, daß nirgends das Blätterwerk der Form den festen Stamm des Gedankens zu überwuchern vermag. Kretten ist eben zugleich auch ein großer Kritiker, der zuerst an sich selbst die sorgfältigste Feile legt. Also nochmals: tolls st Isgs! Und da die Verlagshandlung dem Werke eine so schöne Ausstattung gegeben, können wir es wärmstens auch für den Geschenktisch empfehlen. Wir brauchen unsere Kinder nicht mehr an der Form der inhaltsleeren „Modedichter" L In, Baumbach w. sich bilden zu lassen, das haben wir alles vortrefflicher bet unseren katholischen Dichtern und Schriftstellern, die obendrein Gesundes für Herz und Gemüth bieten. Ziehen wir nun einen Schluß aus dem oben Gesagten, so ergibt sich, daß k. Kreiten nicht nur einer unserer ersten und geschultesten Kritiker und Literarhistoriker ist, sondern daß ihm auch ein vornehmer Platz in den Reihen unserer deutschen Lyriker gebührt. Strebt die katholische Dichtung unter solchen Sternen und Zeichen vorwärts, dann wird es ihr sicher beschießen sein, noch vor Schluß des neunzehnten Jahrhunderts dasjenige Werk erheblich weiter zu führen, das zu Beginn des Jahrhunderts die Romantik vergeblich begonnen hatte — nämlich den Dom der christlichen Dichtung. Recensionen und Notizen. Iloblosss oblixs, Worte an den Adel deutscher Nation- Verlag von Borgmeycr in Hannover. 72 Seiten Oct. Preis 1 M. Diese Schrift zeichnet sich aus durch hohen sittlichen Ernst der Weltanschauung eines überzeugten Katholiken, so daß man bei dem scharfen Gepräge der Ansichten des Verfassers seinen Antisemitismus gerne mit in den Kauf nimmt, zumal er aus edler Gesinnung entspringt. Am sympathischsten berührt den Katholiken die ideale Auffassung des Christenthums und die Begeisterung für sittliche Ideale. Streng auf dem Boden des historischen Rechtes stehend, verurtbeilt der Autor die italienische und deutsche Politik des Fürsten Bismarck als eine revolutionäre und betont das Recht der Monarchie von Gottes Gnaden. Den religiösen, politischen und wirthschaftlichcn Liberalismus verurthcilt er mit scharfer Logik, wobei ihm interessantes geschichtliches und literariickes Material zu Gebote steht. Die christliche Ehe und das christliche Familienleben sind Dinge, welche er scharf betont. Mit den Waffen feiner Ironie und treffenden Witzes geht er den Mißsländen zu Leibe, welche in den Reihen deS Adels zu Tage treten: Verschwendung, Luxus, Verweichlichung, Sport, Gigerlthum, Schulden und die Beziehungen zu der jüdischen Finanz, sowie Duell und F-reimaurer- thum. Wenn der Geist des Autors überall in dem deutschen Adel lebendig wird, dann kann man mit Recht von den Edelsten der Nation reden, und das wcrkthätige Volk würde in dem nationalen Adel eine kräftige Stütze finden. Die Lectürc dieser Schrift kann nicht nur dem Adel, sondern allen Ständen empfohlen werden. Mette nleiter Bernhard, Llissa in bonorow 8s. Nominis L. lllarias V., für Sopran, Alt, Tenor und Baß, Op. 46, Düsseldorf bei Schwärm, Preis 1 M. 20 Pf., 1 Stimme 29 Pf. Vorliegende Messe weist alle Eigenarten der bisherigen Werke des verdienten Kirchencomponisten in Melodieführung und Harmonisirung auf, nur ist sie in der Struktur noch einfacher gehalten, als alle früheren. Vollständig homophon mit eingestreuten, Abwechslung bringenden zweistimmigen Sätzen componirt, bietet sie für eine gute Aufführung von Seite eines mittelguten Chores nicht die geringste Schwierigkeit. Da man auch auf dcni Lande und unter den einfachsten Verhältnissen würdige, correcte kirchliche Kompositionen nothwendig hat und hier nicht alles der subjektiven Willkür überlassen kann, so wird man dem fruchtbaren Autor für sein Op. 46, welches sich für bescheidene Kreise vollständig eignet, dankbar sein müssen, v. vr Kerantw, Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 16 Nen6 Descartes. (Nach 300 Jahren.) 8. „Von Jugend auf bin ich für die Wissenschaft erzogen worden. Man sagte mir, durch sie könne man eine klare und sichere Erkenntniß von allem erlangen, was für das Leben von Werth ist, und so war ich vom sehnlichsten Wunsche beseelt, sie kennen zu lernen. Als ich nun den ganzen Studiengang beendet hatte und mich, wie es Sitte war, zu den „Gelehrten" hätte rechnen dürfen, da war ich ganz anderer Meinung geworden! Zweifel und Irrthümer umgaben mich, und nur das eine schien mir bei all meiner Lernbegierde immer klarer und klarer geworden zu sein, nämlich daß ich nichts weiß. Und doch besuchte ich eine der hervorragendsten Schulen in ganz Europa, wo es, wenn überhaupt irgendwo in der Welt, gelehrte Männer geben mußte!" So schrieb Rens Descartes, als er die Schule verließ, jener Mann, den man als den Begründer der neueren Philosophie ausgibt. Ist es nicht ein werthvolles, ein äußerst bezeichnendes Geständniß, das er in jenen Worten niedergelegt hat? Man sagt, der alte Sokrates habe eine fast gleichlautende Aeußerung gethan, und nun bedenke man, daß dieser im Heidenthum, in der vorchristlichen Zeit lebte, Cartesius aber im 19. Jahrhundert nach Christus lehrte. Man wird hier den Gedanken nicht los, daß in obigem Bekenntniß sozusagen eine Charakteristik der ganzen „neueren Philosophie", der „modernen Weltanschauung" enthalten ist, die ja nach dem Ausspruche eines französischen Schriftstellers den „Durst der Menschheit" nichts weniger als gelöscht hat. Das Cartesius-Jubiläum zwingt uns förmlich, den Mann und sein Werk wenigstens im Hauptpunkt etwas zu besehen, da er bet der Betrachtung der „Geschichte des modernen Gedankens" nicht umgangen werden darf. Zunächst einige biographische Notizen. Rens Descartes („LsiZnenr äu ksrrcm") erblickte das Licht der Welt am 31. März 1596 zu La Haye (Touraine), wohin seine Mutter sich vor der Pest geflüchtet hatte. Sein Vater, welcher Parlamentsrath der Bretagne zu Nennes war, gehörte einem der ältesten Adelsgeschlechter der Provinz an. Der Knabe war von schwächlicher Körperconstitution, zeigte aber schon in frühester Jugend hohe Geistesgaben. Ein ungewöhnlicher Wissensdurst und Forschungsdrang beseelte ihn, und man nannte ihn schon damals den „kleinen Philosophen". Die erste öffentliche Schule, die er besuchte, war das Jesuiten-Colleg zu La Fläche. Hier wurde der Grund gelegt zu dem festen, unerschütterlichen Glauben, den er sein ganzes Leben hindurch bewahrte und in all seinen Schriften manifestirte. Mit großem Eifer folgte er dem Unterrichte der gelehrten Ordensmänner, die er nicht selten durch die Schärfe und Selbständigkeit feines Urtheils in Erstaunen setzte. Unter den Wissenschaften, die seinem hohen Geiste im Ganzen keine Befriedigung gewähren konnten, sagte ihm die Mathematik am meisten zu; sie verdankt ja gerade Cartesius eine wichtige Errungenschaft: die analytische Geometrie, und schon im Jahre 1618 veröffentlichte er eine mathematische Abhandlung über die Musik. Auf die Lehrjahre folgten die Wan verjähre. Wir finden ihn in Paris, hierauf in Holland, in Deutschland, in Böhmen und Ungarn, theils Zerstreuung suchend, theils Kriegsdienste leistend, theils um Beobachtungen und Studien zu machen. Nach diesem unsteten Treiben wollte er sich in Haag niederlassen, um sich ganz und ungestört den Wissenschaften, insbesondere seinem Lieblingsfache, hinzugeben. Allein alles war noch in ihm in Gährung; ein zweiter Faust, greift er bald zu dieser, bald zu jener Beschäftigung, nirgends Befriedigung und Ruhe findend. Weitere und größere Reisen folgten, um sich dann abermals und endgiltig in die Einsamkeit zurückzuziehen. Seine Ideen hatten sich inzwischen bedeutend geklärt, und bald hatte er das richtige Fach gefunden; 1629 erschien der erste Entwurf seines philosophischen Systems. Da er sich gar nicht blicken ließ und von ihm bekannt wurde, daß er an einer ganz neuen Begründung der Wissenschaften arbeite, so umgab seine Person bald ein eigenartiger Nimbus, was dem stillen Denker nichts weniger als angenehm war. In rascher Aufeinanderfolge erschienen nun aus Cartesius' Feder eine Reihe von Schriften, sämmtliche philosophischen Inhaltes, welche allenthalben großes Aufsehen erregten, viele Anhänger fanden, aber auch manchen Gegner in die Schranken riefen. Auch die Königin Christine von Schweden interessirte sich sehr für den großen Mann, und es gelang ihr durch einen Gesandten, Descartes an den schwedischen Hof nach Stockholm zu ziehen. Früher ein großer Freund eines langen Schlafes, erschien er nun jeden Morgen um 5 Uhr in der Bibliothek der Königin, um diese in der Weltweisheit zu unterrichten. Diese ungewohnte Anstrengung, die ganz veränderte Lebensweise sowie das rauhe nordische Klima waren seiner Gesundheit nicht zuträglich. Nach einigen Monaten erkrankte er, und schon am 11. Februar 1650 erlag er seinen Leiden. Gleich Kant war er unverheirathet. Als die wichtigste und interessanteste Schrift Cartesius' gelten seine „Betrachtungen", 1641 erschienen. Das Ringen eines großen Geistes nach Wahrheit, nach tieferer und sicherer Erkenntniß tritt uns darin in einer so lebendigen, unmittelbaren Weise entgegen, daß diese Empfindungen sich jedem Leser mittheilen. Wir lernen die Macht des alles zerstörenden Zweifels kennen, der so oft unsere Kräfte lähmt, aber auch den Menfchengeist in seiner Energie, in seinem Selbsterhaltungstriebe, wie er mit immer neuer Kraft angreift, bis ihn das beseligende Gefühl der Sicherheit erfüllt. Formell betrachtet, zeigen Descartes' Schriften noch deutlich die Spuren der Scholastik, obwohl der Ausblick in eine neue Zeit mit neuen Begriffen und Zielen unschwer zu erkennen ist. Cartesius wird oft als der Begründer der neueren Philosophie bezeichnet. Er hat den neueren Idealismus eingeleitet, indem er den alleinigen Gewißheitsgrund in das Selbstbewußtsein des Geistes legte: 6o§itc>, sr§o sum! kann als das Grundprinzip seines philosophischen Lehrgebäudes betrachtet werden. Dem Geiste legt er angeborne Ideen bei, und das Kriterium der Wahrheit setzt er in die Klarheit des Erkennens. Descartes und seine Schüler fassen die Metaphysik wohl auch noch als die Wissenschaft des Ucberstnnlichen auf, verließen aber die bisherige analytische Methode und gingen von der uns ureigenen Idee oder vom unmittelbaren Schauen Gottes aus. 122 Unsere Seele ist Cartesius eine denkende Substanz, die allster aller Beziehung zum leiblichen Organismus steht; das Gedächtniß und die Jdeenassociation erklärt er mechanisch durch die Strömungen der von ihm angenommenen materiellen Lebensgeister. Schon aus dieser kurzen Inhaltsangabe ist ersichtlich, daß der Weise von Haag in vielen wesentlichen Punkten mit der bisherigen Anschauungsweise und auch Forschungsmethode brach und ein Gebiet freilegte, auf welchem nach ihm so viele ihr Geistesrößlein tummelten, bekanntlich nicht zum Wohle der nach Wahrheit lechzenden Menschheit. Seine idealistische Philosophie nahm bald ihren Weg durch die Niederlande nach Deutschland, wo sie sich zunächst mehr als Schulweisheit, dann aber als Lcbensmacht entfaltete. Hier brachte sie ihr größtes Licht hervor in Jmmanuel Kant, der mit dem Gedanken endigte: Veit rnstil, ovanirr steter! Adam Weishaupt. Von Adam Hirschmann. (Schluß.) Die kurfürstliche Regierung in München gewann jedoch vollen Einblick in die deistischen und republikanischen Tendenzen des Illuminatenbundes erst durch die Papiere des katholischen Priesters Lanz (Br. Sokrates), welcher, im Begriffe nach Schlesien zu reisen, um dort für den Jngolstädter Orden Propaganda zu machen, in Negcnsbnrg vom Blitze erschlagen worden war. Man fand bei ihm eine Anweisung der Ordensoberen, welche zur Entdeckung mehrerer angesehener Mitglieder führte und eine verschärfte Untersuchung und Bestrafung im Gefolge hatte. In Sandersdorf bei dem Freiherr» von Bassus und in Landshut bei dem Negiernngsraihe Zwack gelangten die geheimen Korrespondenzen und die Original- schriften der Hauptführer in den Besitz der batzerischen Regierung: 11. und 12. Oktober 1786. Diese liest wohl zur eigenen Rechtfertigung ihrer rücksichtslosen Kabinetsjustiz, welche seit dem 16. August 1785 über Bauern hereingebrochen war, die entdeckten Briefschaften und Aktenstücke durch den Druck veröffentlichen, „um das in- und ausländische Publikum von dem offenbaren Ungrund, womit die Jlluminaten noch immer über ungerechte Gewalt und Verfolgung in Bayern schreien, desto mehr zu überzeugen und selbes sowohl vor dieser epidemischen Sekte als all andern dergleichen verbotenen Winkelgesellschaften zn warnen, worin man nur Leichtgläubige zu betrügen, Geld zu schneuzen und statt der vorgespiegelten Wahrheitsanfklär- und Sitten- verbesserung diese vielmehr im Grund zu verderben und jene gänzlich zu unterdrücken oder zu verfälschen bemühet ist." (Vorrede der Regierung, München den 26. März 1787, zu: Einige Originalschriften des Illuminatenordens.) In dieser ersten Sammlung fanden jene Stücke Aufnahme, welche in Landshut bei dem Negiernngsraihe Zwack 1766 entdeckt worden waren, während die Ergebnisse der Haussuchung in Sandcrsdorf in dem „Nachtrag von weiteren Originalschriften", 2 Abtheilungen (München 1787), der Oeffentlichkeit übergeben wurden. Wie verhielt sich nun Weishanpt gegenüber diesen Publikationen? Gab er deren Authenticität zu oder erklärte er die veröffcnlichten Aktenstücke und Briefe für falsch und unterschoben? Im Jahre 1787 veröffentlichte Weishaupt ein kleines Werkchen, betitelt: Einleitung zu meiner Apologie (Frank' fürt und Leipzig); daselbst bemerkt er: „daß er von einigen dieser Schriften, insbesondere von allen diesen so verdächtigen geheimen Mitteln, der Vergiftung u. s. w. in seinem ganzen Leben weder etwas gehört noch gesehen habe, noch viel weniger, daß ihm ein einziger Fall bekannt wäre, wo irgend einer von seiner Bekanntschaft nur gedacht hätte, solche anzurathen, mitzutheilen oder einigen Gebrauch zu machen." (S. 7.) Er könnte zwar gegen die von der Regierung in München bekannt gegebenen Schriften den Einwand erheben, daß dieselben in Abwesenheit der Interessenten ohne die erforderlichen Gerichtszeugen abgenommen, weder ihm noch einem anderen Verfasser zur Anerkennung vorgelegt worden seien, aber die Güte seiner Sache mache es überflüssig, sich solcher unnöthigen Ausflüchte und Verzögerungen zu bedienen; darum gesteht er: „Ich erkenne also die von meiner Hand geschrieben sein sollenden Briefe und Aktenstücke idlL. in der Hauptsache schon dermalen, ohne sie gesehen zu haben, unbedingt als ächt an.-" (S. 9.) Auch den schon oben besprochenen Brief, worin er der Blutschande und der attentirten Abtreibung des Fötus beschuldigt wird, erkennt er als ächt und der Hauptsache nach als wahr an. (Kurze Rechtfertigung meiner Absichten S. 51.) Aber mit diesem Zugeständnisse war eine Recht» fertigung seiner Pläne und Ideen hinsichtlich der Reform von Kirche und Staat durch den Illuminatenorden zur Unmöglichkeit geworden; die hierauf bezüglichen Schriften, wie Apologie der Jlluminaten, das verbesserte System der Jlluminaten, Kurze Rechtfertigung meiner Absichten, Nachtrag zur Rechtfertigung meiner Absichten, Pythagoras oder Betrachtungen über die geheime Welt- und Ne- gierungskuust?b) können nur als sophistische Beschönigungsversuche gelten, welche vor der Wahrheit nicht bestehen. Ob ihm das Anerbieten, in München vor einem unparteiischen Gerichte zu erscheinen, wirklich Ernst war (Einleitung zu meiner Apologie S. 23), können wir im Hinblick auf die brieflichen Aeußerungen an Zwack (25. Febr. 1785) kaum bejahen. Durch die Aechtheit der Origiualpapierc ist aber Weishaupt und seine Schöpfung Moralisch vernichtet. (Augsb. Allgem. Zeitung 1674 Beil. Nr. 185.) Am 16. Februar 1799 starb, vom Schlage gerührt, Kurfürst Karl Theodor, dessen Maitressenwirthschaft den fruchtbaren Nährboden für die Umsturzideen der Jllumi- natenpartei gebildet hatte. In der Regierung Bayerns folgte ihm Herzog Maximilian Joseph von Pfalz-Zwei- brücken, dessen Bruder Karl II. August einst den flüchtigen Jlluminaten Minister Graf von Seinsheim und Hofrath von Montgelas eine Zufluchtsstätte in der Pfalz gewährt hatte. Nach dem Ableben dieses Gönners 1795 war Montgelas' in die Dienste Maximilians getreten, der ihn auch mit sich nach München nahm 1799. Dort nun wurde derselbe gar bald die Seele der neuen Regierung. Als Jlluminat, sagt Perthes (Politische Zustünde I, 451), hatte Montgelas Bayern 1785 verlassen müssen, als Minister kehrte er 1799 zurück und fand dieselbe Ordnung der Dinge vor, die ihn einst vertrieben hatte. Der Kurfürst vertraute seinem Minister unbedingt, und der 2°) Die Apologie des Mißvergnügens und Uebels (Frankfurt und Leipzig 1787) widmete Weishaupt: „Dem Freund seines Herzens dem Hochwürdigen Hcchgcbohrnen Franz des H. R. N. Grafen von Starbemberg des hohen Dcmstifts zu Eychstädt Domicellaren als ein Denkmal seiner innigsten Verehrung und Freundschaft." Minister verkannte so wenig die Gewalt, welche er über den Kurfürsten übte, als er irgend einen Zweifel in die eigene Befähigung zum großen Staatsmann setzte. Wohl im Vertrauen auf diese politische Wandelung in Bayern erließ Weishaupt von Gotha aus am 22. April 1799 im Neichsanzeiger (26. April 1799 Nr. 95 S. 1101 —1104) seine „Endliche Erklärung": „Ich habe bisher, heißt es daselbst, in der festen Ueberzeugung, als ob alle weiteren Vertheidigungen in Rücksicht meiner überflüssig sein würden, gutmüthig dahingelebt. ... Ich werde aber durch widrige Folgen gewahr, daß ich mich in meiner Erwartung mehr als jemals getäuscht habe. Ich bin es daher müde, fernerhin in dieser zweideutigen Gestalt zu erscheinen; denn ich glaube etwas besseres als Verachtung oder Mitleid zu verdienen. Ich bin es aber auch ebenso müde, Vertheidigungen zu schreiben; denn ich habe erfahren, daß sie entweder gar nicht gelesen oder sehr bald vergessen werden. Ich bin Vater einer zahlreichen Familie; durch mich sind viele schuldlose Menschen in widrige Umstände versetzt; mehr als eine Regierung ist bei dieser Veranlassung beunruhigt und durch Furcht und Besorgnisse aller Art zu strengen Maßregeln gereizt worden. Ich bitte um gerichtliche Untersuchung und Entscheidung dieser Sache. ... Im Angestchte der Gesetze und vor den Augen eines unbefangenen Richters getraue ich mir zu beweisen, daß in dieser Sache nur Mißverstand oder Verleumdung herrschen. Ich werde beweisen, daß ich Niemanden hintergangen habe, daß diese Verbindung nicht allein nicht gefährlich, sondern von allen übrigen bei weitem die unschädlichste, daß sie sogar trotz alles widrigen Scheines groß und erhaben ist, daß keine Schule für Selbst- und Menschenkenntniß gefunden werden dürfte, welche ihr gleichkomme. . . . Wer anders das in dieser Sache klassische Buch, welches den wahren Geist meines Systems unverkennbar darlegt, das Buch, ohne welches unmöglich ein entscheidendes Urtheil über mich so wenig als über meine Sache gefällt werden kann, ich wahrsage, meinen Pytha- goras — nur den letzten Abschnitt desselben, ja wer nur S. 442—447 gelesen hat, der muß, wenn er sich nicht Verdrehung und Verleumdung zum Gesetze gemacht und nur einiges Gefühl für Sittlichkeit hat, sehr bald einsehen, daß ich bei diesem Schritte nur gewinnen und in keinem Falle verlieren kann. . . Von Bayern ist die Verleumdung ausgegangen; es ist also billig, daß sie in Bayern erprobt oder meine tief verwundete Ehre wieder hergestellt werde." Weishaupt erhofft darum von dem neuen Kurfürsten Gerechtigkeit zu erhalten. Schließlich sagt er: „Ich erkläre hicmit feierlich vor den Augen von ganz Deutschland, daß ich in Betreff meiner, soviel diese Angelegenheit betrifft, jeden Nichterstuhl als kompetent erkenne. Ich werde mich aber in keinem Falle zu einer außergerichtlichen Vertheidigung in Zukunft verstehen, wenn diese Mittel ungenützt bleiben und die Anfälle meiner Gegner fortgesetzt werden sollten." Aber weder Maximilian Joseph noch sein Sohn Ludwig I. konnten zu einer Begnadigung Weishaupts veranlaßt werden. Nach den „Gesammelten Blättern" (München 1868 S. 19) soll König Ludwig I., auf einer Reise von dem späteren Bischöfe Georg v. Oettl "') Georg Loren; Oettl, geb. am Oettlgut zu Gängham, Pfarrer Palling, am 26. Januar 1794, 18i7 ordinirt, wurde auf Empfehlung Sailers am 20. Dezbr. 1820 zum Neligions- lchrer der Prinzen und Prinzessinnen des Kronprinzen, nach- von Eichstätt begleitet, in Gotha mit dem ehemaliger Professor aus Jngolstadt zusammengetroffen sein. Der selbe habe den Bayernfürstcn um einen Beitrag zur Erbauung einer katholischen Kirche in Gotha angefleht (6000 fl.), um für die Verirrungen seines Lebens einige Genugthuung zu leisten. Trotz eifrigen Nachforschens ist es mir nicht gelungen, einen glaubwürdigen Beleg für die berührten Angaben der „Gesammelten Blätter" zu entdecken. Nach den freundlichen Mittheilungen des dermaligen katholischen Pfarrers in Gotha, Diöcese Paderborn, Herrn Schnettler, dem hicfür der gebührende Dank ausgesprochen sei, wurde die dortige katholische Gemeinde im Jahre 1812 wieder in's Leben gerufen, nachdem sie in den Stürmen der Glaubensspaltung des 16. Jahrhunderts erloschen war. Weishaupt scheint nun seinen Einfluß zu Gunsten der neuen Seelsorgsstation geltend gemacht zu haben, da heute noch in Gotha die Erinnerung fortlebt, dieselbe sei von Jlluminaten gestiftet worden. Im Jahre 1829 wurde für die katholische Gemeinde zu Gotha im Königreiche Bayern eine allgemeine Kirckencollccte bewilligt, welche die Summe von 6975 fl. 4*/z kr. ergab. In dem einschlägigen amtlichen Aktenmnterial findet sich nun zwar kein Hinweis auf die Thätigkeit Weishaupts, aber als geborner Bayer dürfte er doch die Anregung zu diesem Schritte gegeben haben, da ja die sonstigen Mitglieder der katholischen Gemeinde mit der bayerischen Regierung in keinerlei Beziehung und Verbindung gestanden; die in Bayern bewilligte Sammlung war nämlich die erste für den katholischen Kirchcuban in Gotha, andere Staaten genehmigten später derartige Collccten. Am 18. November 1830 starb hochbelagt Hofrath Adam Weishaupt in Gotha, ausgesöhnt mit der kathol. Kirche, welcher er einst als junger Professor Tod und Vernichtung geschworen. Am 21. November wurden di- irdischen Ueberreste der geweihten Erde übergeben. 1748—18301 Welch eine inhaltsvolle, sturmbewegte Zeit! Weishaupt, in den Schulen der Jesuiten zu Jngolstadt erzogen, sah den Fall dieses Ordens und freute sich darob; er gründete einen Gehcimbund, welcher als Gegenstück der Schöpfung des spanischen Officiers der Welt Aufklärung und reine Sittlichkeit bringen sollte; aber die hohen Ziele des ehrgeizigen Professors wurden nicht erreicht; er selbst mußte seinem Vaterlands den Rücken kehren und das harte Brod der Verbannung essen. Er sah aber auch die politischen und religiösen Umwälzungen der französischen Revolution, deren Grundgedanken ihn so sympathisch berührt hatten; er sah, wie Napoleon, der Günstling der Revolution, die Völkerkarte Europa's rücksichtslos zerschnitt, wie er den Nationen Gesetze diktirte. Weishaupt erblickte von der Ferne die Ruinen, die seine Schüler und Anhänger, mit Montgelas an der Spitze, maligcn KönigS Ludwig l., in WUrzvurg ernannt. 1825 zog er mit Ludwig an den Hof nach München, wurde, als seine Aufgabe eines Netigionslebrers vollenoct war, 1829 Kanonikus am Metropolitankapitel München-Frcisinz, 1832 Dechant desselben Kapitels. Am 7. Febr. 1817 ward Oettl als Bischof von Eichstätt in München consccrirt und starb am 6. Febr. 1866. Nach freundlicher Mittbcilunz von hochgeschätzter Seite sei einstmals zu Oettl, als er noch in München weilte, ein altes kleines Herrchen gekommen und habe ihm in längerer Unterredung auseinandergesetzt, er habe viel Unheil im früheren Leben gestiftet und möchte daS, wenn möglich, wieder gut machen. Erst im Verlaufe des Gespräches habe sich der Fremde als Weishaupt zu erkennen gegeben. Im Jahre 1851 bewilligte der hochherzige König Ludwig I. für Gotha die Summe von 1300 fl. im katholischen Bayern aufthürmten, als Klöster und Stifte mit vandaliscker Wuth der Auflösung und Zerstörung preisgegeben wurden; er mochte das Wehen des tviedererwachten christlich-germanischen VolkSgeistes fühlen, als auf Leipzigs grünem Plane des stolzen Korsen Ueber- muth gebrochen ward, als in der hl. Allianz die Grundsätze des Evangeliums zur Richtschnur der politischen Freiheit und Rechte der Völker proklamirt wurden. Unter diesem Eindrucke erwachte wohl auch wieder in dem Herzen des gestürzten Jlluminatengenerals die Erinnerung an den Glauben seiner Kindheit, und als Greis suchte er die Fehltritte des wild überschäumenden Mannes zu sühnen, indem er für jene Kirche eintrat, welche durch Revolution und Säkularisation zwar geschwächt, aber nicht vernichtet werden konnte. Das katholische Bayern, dem gemäß den Bestrebungen der Jlluminateupartei das heiligste Erbgut seiner Läter — der Glaube der Vorzeit — entrissen werden sollte, übte die süße Rache der Liebe und half in Gotha dem greisen Weishaupt ein katholisches Gotteshaus erbauen. Möge dasselbe ein Wahrzeichen sein für den Sieg der katholischen Wahrheit über Irrthum und Lüge! * -d » Berichtigung und Ergänzung. In Beilage Nr. 14 Seite 106 ist zu lesen: Endliche Erklärung Pbilo'S. start: Endlose. — Zu Anm. 26 Seite 116 Nr. 15 harte Titl. Herr vr. Morgott, Domkapitular in Eich- stätt, die Eure, den Verfasser auf den Jesuiten Job. MariuuS, Professor zu Alcala, gest. 1725, aufmerksam zu machen, dessen Werk HieoloAia sxseulativa st moralis durch Dekret vom 5. Juli 1728 und 18. Juli 1729 auf den Index gesetzt worden ist. (Inklex librorum probibitornm, Romav 1881 x. 208, Lurtor, nomeirolator II/ 976, Reusch, Der Index II, 1, 514). Vielleicht hatte Weishaupt diesen Marinas im Auge. k. Johannes Nas, Franziskaner und Weihbischof. (Schluß.) H Den eigentlichen Anstoß zur Polemik des k. Johannes gab die in den Jahren 1562 und 1564 von Hieronymus Rauscher, Hofprediger des Pfalzgrafen zu Neuburg, herausgegebene und dem Herzog Christoph gewidmete Schrift: „Hundert auserwählte, große, unverschämte, feiste, wohlgemästete, erstunkene Papistische Lügen." Rauscher hatte aus verschiedenen Büchern allerlei Legenden und Wundergeschichten zusammengetragen und auf solcher Grundlage und unter dem erwähnten geschmacklosen Titel das ganze Papstthum als Abgötterei dargestellt mit Ausdrücken, die unter halbwegs gebildeten oder auch nur anständigen Menschen nicht wiederzugeben sind. In diesem Buche überhäuft dieser Hofprediger auch besonders den hl. Franziskus mit Schmach. Als Franziskus gestorben, „sei Fastnacht in der Hölle gewesen, Beelzebub und Lucifer und feine Gesellen haben ihn mit großen Ehren empfangen und als einen treuen Diener in ihr Reich aufgenommen und obenan gesetzt" u. s. w.; ebenso gebraucht er von der Kirche Ausdrücke wie „babylonische Hure", „Teufelsbraut" u. ähnl. ?. Johannes sehte dieser wüthenden Schmähschrift die erste feiner berühmten Centurien entgegen: „Das antipapistisch Eins und Hundert auserlesener gewisser evangelischer Wahrheit, bei welcher als bei den Früchten der Baum, die reine Lehr soll und muß erkannt werden", zu Jngolstadt 1565 ohne Angabe seines Namens. ES entwickelte sich ein heftiger Federkrieg, in dessen Verlauf er die zweite Centurie: „Das andere Hundert der evangelischen Wahrheit", erscheinen ließ (1567) und so biS 1570 noch drei weitere Centurien veröffentlichte, welche insgesammt die Lehren und Thaten der reformatorischen Häupter in derb sarkastischer Weise kritisiren, zum Theil auch gegen Zeitgenossen persönlich gerichtet sind, wie insbesondere gegen Heßhus, Andreas, Spangenberg und Ostander. Alle diese gaben wieder heftige Gegenschriften heraus, zudem fielen auch Nigrinus und der wegen seiner Satiren in der Literaturgeschichte bekannte Fischart über Nas her, und je erbitterter die neuen Angriffe wurden, desto berber wurde auch er in seinen Antworten. Wie er in seinen Werken gegen die neue Lehre auftrat mit einem Eifer, daß die Annalen der Universität Jngolstadt ihm das Prädikat geben: „magiius vsrta sinnig lurarosis niastix ab LLlnsmatiooruin voxutor", indem er besonders auf die schlimmen Früchte hinwies, die aus derselben hervorgingen (z. B. im xras- luäiurn in Oenturirrs stoininuin sola, 6äs xaräitoruin d. i. Newer Zeiten Vorgang, Jngolstadt 1588), so trat er auch damals schon für die Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes ein; in einer zu Jngolstadt gedruckten Predigt über das hl. Sakrament „wider alle Sakraments- schwörmer" findet er die Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes in dem Gebete Christi Luc. 22 begründet, was er auch auf des hl. Petrus Glauben allein anwendet. Eine andere krankhafte Erscheinung der damaligen Zeit bekämpfte er gleichfalls, nämlich den Glauben an den Einfluß der Gestirne auf die Geschicke des Menschen, welcher sogar Eingang in das gewöhnliche Volk, in die Bürger- und Bauernhäuser gefunden hatte durch die Kalender und Planetenbücher, welche zu der am meisten verbreiteten Volksliterntur gehörten und zur Abwendung von drohenden Uebeln aus dem Stand der Gestirne alle möglichen abergläubischen Regeln und Vorschriften für Haus und Hof, Gesundheit und Leben ertheilten. Gegen diesen unsinnigen Aberglauben trat er auf in seinem kstiloZeussiug kraotica, kraotieurum, d. i. eine gewisse Vorsagung auf viel zukünftiger Jahr, darin man allerlei Freyd und Leydt aus den seltsamen Aspekten kurz und lustig beschrieben liest (Jngolstadt 1571). Auch gegen die herrschende Teufelssucht und Teufelsfurcht trat er auf. „Innerhalb wenig Jahren, schrieb er 1588, sein viel teuflische Bücher ausgangen, die in Teufels Namen beschrieben, in's Teufels Namen gedruckt, in's Teufels Namen gekauft und gelesen und für große Kunst beschreit worden und sind ihre Meister nicht unter den geringsten Wortsknechten berühmt worden." Er führte ganze Alphabete von ausgegangenen Teufelsbüchern an und fuhr fort: „Die alten frommen Christen haben ihren Kindern den Bösen mit seinen greulichen, teuflischen Ab- namen nicht nennen lassen, ja wol dabei zu fluchen wai niemand gestattet, wie der weise Mann sagt: So der böse Mann dem Teufel flucht, verflucht er seine eigene Seele. Diese jetzige Welt predigt und schreibt Bücher in's Teufels Namen." Die Katholiken dürften auf diesem Gebiete nicht folgen. (LnZalus der Warnungsengel. 1588.) Doch wenden wir uns zu den weiteren Lebensschicksalen des k. Johannes. Es ist schon erwähnt worden, wie er 1560 auf dem Provinzialkapitel zu Sefflingen als Prediger in Jngolstadt aufgestellt wurde. 1566 kam er in gleicher Eigenschaft nach Straubing, und 1569 wurde er auf dem Kapitel zu Jngolstadt in diese letztere Stadt zurückberufen und zum Guardian des 125 Klosters und zugleich zum Custos erwählt, nachdem er schon 1563 und 1566 auf den Kapiteln zu Sefflingen und München als Definitor gegenwärtig gewesen war; 1571 ging er zum Generalkapitel nach Rom, wohin sein Ruf ihm schon vorangeeilt war, so daß Papst Pius V. selbst sein Zuhörer war, der ihm auch den Titel oou- oiouutor axostolious verlieh. Erzherzog Ferdinand von Tirol setzte es durch, daß 8 . Johannes ihm als Hofprediger überlassen wurde, und er ging als solcher nach Innsbruck 1572. Auch von dieser Stadt aus unternahm der unermüdliche Mann noch zwei Missionsreisen nach Augsburg, wie er auch in Tirol selbst mit der vielfältig verbreiteten Häresie, namentlich der Wiedertäufer, zu kämpfen hatte. Der Ordensgeneral 8 . Christoph g, Oaxits loutiuiu (Otisöoutaiuos) ernannte ihn zum Commissär für die Ordensprovinzen Straßburg, Oesterreich und Böhmen, und als solcher führte er 1574 die Brüder seiner heimathlichen (Straßburger) Provinz in den Convent Innsbruck ein, wo früher die Franziskaner der venetianischen Provinz gewesen, bei dessen Besetzung sie aber aus Mangel an deutschen Priestern mit Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt. Er bemühte sich auch zwei andere Klöster Tirols, nämlich Schwaz und Bozen, mit Straßburg noch zu vereinigen, stieß aber dabei auf Widerspruch bei seinen eigenen Mttbrüdern, wie Glaß- berger andeutet; besonders war dies der Fall auf dem Kapitel zu München 1574, wo der Beschluß gefaßt wurde, daß diese beiden letzten Klöster wieder von der Straßburger Provinz getrennt werden sollten, nachdem sie auf kurze Zeit dazu gehört hatten. Papst Gregor XIII. ernannte k. Johannes 1578 zum Commissär über alle seraphischen Klöster in den Landen des Erzherzogs ^ Ferdinand. Da die Straßburger Provinz sich gegen die Aufnahme der Tiroler Klöster geweigert hatte, wurde aus denselben eine eigene Provinz gebildet (16. April 1580), und von dem Ernennungsrechte bei der Errichtung einer solchen Gebrauch machend, ernannte unterm 18. April 1580 der Ordensgeneral k. Franz Gonzaga als ersten Provinziell der neuen xrovineia 8 . Deoxoläi den k. Heinrich Sedulius, und unter den vier ernannten Definitoren war k. Nas, so daß er nunmehr als zur Tiroler Provinz gehörend erscheint. War auf diese Weise der verdiente Mann zu hohen Aemtern in seinem Orden gelangt, so war ihm eine noch höhere Würde beschicken. Am 19. Mai 1580 ernannte ihn der Papst zum Bischof von Vcllin und zum Weihbischof von Brixen, und wurde er am 18. September von Johann Thomas von Spanr, Fürstbischof von Brixen, consccrirt. Als ein demüthiger Mann schämte er sich auch in seiner neuen Stellung seines Ursprunges nicht und nahm, wie schon erwähnt, die Scheere in sein bischöfliches Wappen auf. Seine "einfache Lebensweise, die er als Franziskaner geführt, gab er niemals auf, und ebenso lag er seinem missionarischen Berufe mit immer gleichem Eifer ob, wenn auch die Kräfte nach und nach abnahmen. Als Weihbischof consecrirte er am 8 . Mai 1582 eine Kapelle in Schwaz, am 5. August 1583 die Kapelle auf dem Gottesacker der Clarissinnen in Brixen zugleich mit dem Altare in fion. 8 . Ornats et 8 . V. N. aä utvos, am 8 . September die sogenannte silberne Kapelle in der k. k. Hofburg in Innsbruck, welche einer Vergrößerung unterzogen worden war; am 14. September 1586 eine Kirche bei Mtls, am 4. September 1587 den Altar im Kapitelsaale zu Innsbruck, am 11. September die Kirche in Schloß Sigmundslust bet Vomp, 1589 die Klosterkirche in Passau. In wie gboßer Ächtung er immerfort in Nom stand, erhellt aus einem Briefe des Cardinals Alexandrinus, der ihn im Auftrage des Papstes im Juli 1584 nach Nom berief, in welchem eS heißt: „üb autsrn saäera Hmxlituäo Dun eommoäius iter eontresrs xossit, iussn Luas 83 .u 6 tita.tis statira illi psrsol- vsutur 100 uummi anrät st Drbsra äoiuosxs in- gressa teumLnissime sxoixistur, c^ueiuuclinoäuin suarnin virtutum rasrita postulnrs viäsutur st iQulti laborss xsr Ost eoolosiam in rslellsnäis IiLsrstieoruw. äogruatidus susesxti. Osrto untern seiat Uruxlituäo Pua, ssss die esse in wLAua sx- sxsotLtions." Im Mai 1590 vom Erzherzog Ferdinand zum Landtag nach Innsbruck berufen, starb er unerwartet daselbst im Kloster schon am 16. Mai, von aetats louAasvns ssä ladoribus et viZtlits Iraetus, wie die Ordenschronik sagt. Der Erzherzog ließ seinem Freunde ein Monument setzen, dessen Inschrift lautet: kms. ia Odristo kraesnl so Doruiuus krater llodannes Xasus, Orä. Dr. Niu. äs Ofissrvautia, Lellinensts Lpisoopus, Drixiususis 8 u§r 3 A 3 ueus, Ooneionator axostolious et Lersntsstwt krtneipis Dsräiuanäi, Lnstrtas ^rodiänois /tnlions, IleltZtonis catdoltcus xro- puAuator ooustLutissimus et daeretieormn dostis aoerriinns snd doa saxo in Domino ^ntesott. Nortons 16. ciie Nuti anno salutis dumnnue 1590, aetutts vero suae 57., ^nem Deus Opttmus Nuximus Sun in Odristo miseriooräiL äignetur. In der Sakristei der Hofkirche in Innsbruck, die zugleich den Franziskanern zum Gottesdienste überlassen und allen Touristen bekannt ist wegen des Denkmals Kaiser Maximilians, befindet sich ein Glasschrank, in welchem ein Ornat desselben und zugleich ein von ihm selbst noch geschriebenes Büchlein als Erinnerung aufbewahrt wird. Schöpf gibt ein Verzeichniß der Schriften des ?. Johannes und zählt deren 39 auf, während die Chronik der xroviuoia 8 . Dsopolüi deren 45 anführt. Es sind darunter treffliche Neben und Predigtwerke, aber das polemische Element überwiegt. Mit dem größten Nachdruck hat er bis zuletzt insbesondere gegen die Lehre vom Alleinglauben gekämpft. Schließen wir die Lebensskizze dieses berühmten und verdienten Mannes mit einem Urtheil, welches die Histor.-Polit. Blätter über ihn abgeben (Band 46, Seite 546): „Dem heutigen Geschmacke können die Nas'schen Streitschriften freilich nicht mehr zusagen; eines aber läßt sich ihnen nicht absprechen, sie belegen alle die Behauptungen mit Stellen aus den reformatorischen Schriften selber, und sie beweisen hierin eine so ungcmeine Bclesenheit und Der- lässigkeit, daß sie heute noch einen sehr schätzbaren Behelf abgeben können." Streifzüa.e durch die socialpolitische Literatur des Mittelalters bis Thomas von Aquin. Von Frz. Jos. Strobmcyer, Bcncftziat in Oberst: erf. (Fortsetzung.) Derjenige, der die Reihe der socialpolitischen Schriftsteller im Miitelalter eröffnet, ist Johannes von Salisbury (gestorben 1180). Sein Hanptwerk ist der in 8 Bücher abgetheilte „kolvoraticus sirs äs vu§is euiialiuin st vestiZüs püilosopfioruw.") Namentlich *) ck. Ferdinand Walter, Notnrrccht u. Politik im Lichte der Gegenwart, 8 519 S. 402. 1571. 126 im 4., 8. und 6. Buch werden politische Fragen behandelt. Nach ihm erhalten die Könige ihre Würde und Macht von den Priestern; die Kirche, welche ihnen diese gegeben, kann sie ihnen auch wieder nehmen. Wenn sie tyranniflren oder ihre Herrschaft durch Gewalt erlangt haben, darf man nicht nur, sondern muß sogar, weil es gerecht und billig wäre, sie todten. Das ist so ungefähr sein Gedankengang: „Zlsätuiu äs ruauu Leolssiss sssixib prinesxs. Lst ergo xiiuosxs 8sssräotü csuiäsru rüiiÜ8tsr st gui 8 s. (worum, ostisiorum iUsm xsrtsm sxsrssb ^uss ssssräotii ursniffus viästur iuäigus. korro äs rstious juris sjus est uolls eusu3 68t vells st sjn3 S3t snlsrs cstii äs jnrs eou- Isrrs xvtest.Pxrannuw. ossiäsrs uou uroäo lioitum 68t, 8sä ae^uuin st snstum? °) Bemerkenswerth ist seine Theorie vom Tyrannenmord, die später noch wiederholt wurde, besonders von dem Jesuiten Mariana, dem Lehrer Philipps III. von Spanien (1598—1621), in dessen Buch „äs rsgs". Sie ist uns ein Beweis, daß das antike, »»christliche Element in der mittelalterlichen Politik noch nicht ganz überwunden ist. Was im allgemeinen die Bedeutung des Johannes von Salssbrry anlangt, so hat er durch seine im kol^- orstieua entwickelten socialpolitischen Grundsätze auf die nachfolgenden Denker einen bleibenden Einfluß ausgeübt, wenn auch die Spuren desselben nicht immer ganz sichtbar sind. 6) Gleichzeitig widmete ein Mönch von der Abte! zu Fleury, Hugo von Sancta Maria, dem König Heinrich I. von England (1160—1135) seinen „Irss- tutu8 äs rsgis xotsatsts st sacsräotsli äignitats." Darin behandelt der gelehrte Mönch eingehend die Theorie des Tyrannenmords, kommt aber auf Grund seiner Voraussetzungen auf die gegentheilige Behauptung, er spricht mit Entschiedenheit die sittliche Verwerflichkeit aus. Seine Deduktionen sind folgende: Die königliche Macht stammt von Gott; aktiver Widerstand ist darum unerlaubt; nur Gebete um Abwendung ihrer Tyrannei sind erlaubt, und jeder, der ihren Sturz veranlaßt oder unterstützt, sei er auch Bischof, macht sich göttlicher und menschlicher Majestütsbeleidigung schuldig. Auch des berühmten „Kommentators" der Aristotelischen Schriften sei hier gedacht, des Spaniers Averross (1126—1198). Derselbe hat nicht nur die Aristotelische Politik erläutert, sondern auch eine Paraphrase über Plato's Republik verfaßt, worin er seine eigenen politischen Ansichten mittheilt?) Diese Paraphrase hat der Jude Mantinus vom Arabischen in's Lateinische übersetzt und dem Papst Paul III. gewidmet?) Den bisher genannten Schriftstellern ist eS nicht gelungen, den Boden zu finden, auf dem sich die christliche und antikheidnische Socialphilosophie ausgleichen und harmonisch verschmelzen ließe. Es lassen sich deutlich im Mittelalter zwet Richtungen unterscheiden. Der einen gehören diejenigen Schriftsteller an, welche die Rechte der Kirche vertheidigen, der andern die Vertreter der Unabhängigkeit der weltlichen von der geistlichen Macht. Einen bemerkenswerthen Umschwung erhalten endlich die socialpolitischen Studien um die Mitte des 13. °) kolxerations IV, 3 ff. u. III. °) Ferdinand Walter, Naturr. u. Politik S. 403. ') Kirchenlcxikon von Wetzer und Weite, alte Auflage l. Bd. S. 421. b) ok. Johannes Schon, äs literatura xolitioa meäii aevi. Jahrhunderts: Wilhelm von Mörbeka (gestorben ca. 1300) entdeckt und übersetzt auf Wunsch des heil. Thomas von Aquin die Politik deS Aristoteles,") wie er überhaupt fast sämmtliche Werke des Stagiriten in's Lateinische übersetzt hat. Diese Uebersetzung der Aristotelischen Politik ist von tiefeinschneidender und grundlegender Bedeutung für die spätere Zeit geworden, und es läßt sich denken, daß eine Menge von Commentaren dieses Werk untersucht und betrachtet haben. Die meisten Verdienste um das Studium und die Verbreitung der Schriften des großen Stagiriten und seiner politischen im besondern, die durch direkte Uebersetzung aus dem Griechischen im Abendland bekannt wurden, haben sich die Scholastiker erworben?") Namentlich war es Thomas von Aquin, der seinen Erläuterungen der Logik, Metaphysik, Ethik, der natur» philosophischen Schriften des Aristoteles und der Schrift „äs 63.U8IS", welche die Scholastiker ebenfalls dem Aristoteles zugeschrieben haben, jetzt auch eine Interpretation seiner Politik folgen ließ. Dieser Tho- mistische Commentar der Aristotelischen Politik ist ganz eminent und von besonderem Werthe, weil hier die reine Stimme der natürlichen Vernunft, nicht die Stimme der Offenbarung zum Ausdruck kommt, und übertrifft jedenfalls den seines Lehrers, des hl. Albertus Magnus (1193—1280), der aus späterer Zeit stammt.") Diesen Commentar hat der hl. vostor anFslieus erst in den letzten Jahren seines Lebens begonnen und darum auch nicht selbst vollenden können; vielmehr hat nach dem übereinstimmenden Urtheil der Biographen Peter de Alvernia, ein Schüler des hl. Lehrers, die Thomistischen Commentare mit Benützung der hinterlassenen Manuskripte des hl. Thomas fortgesetzt und vollendet, wobei er nicht bloß die Lehre, sondern auch Stil und Methode deS Heiligen auf's beste und genaueste getroffen hat. Um dieselbe Zeit, in welcher die Erläuterungen zur Politik des Aristoteles erschienen, also etwa um 1266, am Abende seines Lebens, arbeitete Thomas auch an "dem Traktat „äs rsAimius prinoixuia sä rsgom 6^xri". Ob der „englische Lehrer" das Werk noch selbst vollendet hat, ob insbesondere auch die zwei letzten Bücher, das 3. und 4., dem Heiligen zugeschrieben werden dürfen, darüber streiten sich die Gelehrten. Jedenfalls ist sicher, daß die in der Abhandlung vorgetragene Lehre sowohl mit den andern Werken des Heiligen als namentlich mit seinen Commentaren zur Politik des Aristoteles übereinstimmt, und ich denke, daraus darf man doch auf seine geistige Urheberschaft auch der letzten zwei Bücher des Traktates schließen, wenn auch die verworrene Disposition der Materie, die zahlreichen Wiederholungen, die darin vorkommen, und anderes auf einen verschiedenen Urheber hinweisen. Der Heilige hat eben keine Zeit mehr gefunden, die schon gesammelten Materialien auch für das 3. und 4. Buch zu sichten und geordnet zusammenzustellen, aber vorbereitet ") ok. Kirchenlcxikon I. Bd., Jourdain, -reeberebos ort- tignos....« deutsch von Ad. Steche. *°) ok. Kirchenlcxikon I. Bd., ebenso Ueberweg, Grundriß der Gesch. d. Philoj. II. Bd. S. 820. 1886. Stockt, Gesch. d. Pbilos. ") ok. baS herrliche Sckriftchcn: „Die socialistische Staats- idce beleuchtet durch Thomas von Aquin" von vr. Ceslans Schneider. 1694. Paderborn, worin dieser Commentar kritisch beleuchtet wird gegen die Socialisten. 127 E: ' hat er wahrscheinlich auch diese Bücher, und ein unbekannter Fortsetzer hat dann die hinterlassenen Manuskripte benutzt und die Vorbereitungen nach eigenem Belieben geordnet und vielleicht auch manches eingeschoben. Das scheint die natürlichste Lösung einer Frage zu sein, über welche schon so viel von spitzfindigen Kritikern geschrieben worden ist. Bei dem Ansehen, welches Thomas von Aqutn in der wissenschaftlichen Welt von jeher genossen hat, ist es erklärlich, daß auch dieses letzte Werk seines Geistes einen nachhaltigen Einfluß auf das Mittelalter und auch auf die nächsten Jahrhunderte ausgeübt und alle Diejenigen in Erstaunen gesetzt hat, welche die politischen Anschauungen des Mittelalters studirt haben. Dieses Schriftchen vertritt den Höhepunkt der mittelalterlichen Staats- und Gesellschaftswissenschaft, insofern hier ein Ausgleich zu Stande kommt zwischen dem christlichen und antiken Element, wobei dieses als Substrat dient, auf dem sich jenes siegreich erhebt. Wir gehen darum nicht zu weit, wenn wir dieses Werk die centrale Zusammenfassung der Social- politik der Kirche nennen. Walters schreibt darüber: „Das ganze Werk zeichnet sich durch Reichhaltigkeit, Scharfsinn, Selbstständigkeit des Urtheils und durch die ausgebreitetste Kenntniß der alten Schriftsteller und der heiligen wie der Profan-Geschichte aus." (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Brnstatris prrstornlis äs Laornm sutis inxtcr prc>- batissimos anetorss nä nsum tlrooloZorum IV. aunr st olsri in enrn. nnrmarnw eoneinnatns 8, k. Uilnrio g. Lsxtsn, Orä. Onpus. 6um npprobnticms Uoversuä. spiss. Iriäsnt. st Lupsrioimn Orärnis. Llozznntias, ! Von der neuen Zeitschrift „Charitas" (für die Werke > der Nächstenliebe im katholischer. Deutschland. — Verlag von ! Herder zu Freiburg im Breisgau. Preis 3 Mark jährlich) sind - bis jetzt drei Monatsnummern erschienen, welche außerordcnilich reichhaltig und belehrend sind und durch ihren Inhalt das Unternehmen jedem Katholiken, der sich für Wokltbätigkeits- bestrebungen interessirt. vorzüglich empfehlen. Beiträge haben bis jetzt geliefert die Professoren Dr. Hitze und Dr. Keppler, die Landcsrätbe Brandts und Scbmedding, k. Cyprian 0. 6ap., Domkapitular Woker, Direktor Müller u. a. Kein charstativer Verein, keine Ordensniederlassnng oder Erziehungsanstalt sollte cö unterlassen» diese wichtige Zeitschrift zu halten. »Die Wahrheit." Herausgegeben von Ph. Wasserburg. Verlag von Nud. Abt in München. (Erscheint monatlich zweimal. Abonnementspreis pr. Jahr 8 M.; Einzelhefte 50 Pf.) Heft 6 enthält: Das Centrum und die Organisation der Katholiken Deutschlands in Vergangenheit und Zukunft. Von A. v. HohenfelS.StaatSkirchcnthum. Von Sincerus. — Die Wahrheit in der Geschichte. Von vr. H. Meurer. — Die Nöntgen'schen Strahlen und die Photographie des Unsichtbaren. Von vr. H. Putz. — Heilige Erinnerungen in Rom. Von vr. N. Klinisch. — Ueber die Inquisition. Von Finsterling. — Aus unserer Mappe. Katholische Warte. Jllustr. Monatsschrift zur Unterhaltung und Belehrung. XI. Jahrg. Heft 10/11 L 15 kr., 25 Pf. Jahresabonnement fl. 1.80 (M. 3.60). Verlag von A. Pustet in Salzburg. Die beiden vorliegenden Hefte präsentsten das heimische Gepräge. Vor Allein wird sich jeder Abonnent der „Warte" freuen, das wohlgctroffene neueste Porträt des Salzburger Metropoliten Cardinal-Fürsterzbischof vr. Johannes Haller zu erhalten; hochinteressant sind ferner die „Erinnerungen an Frau Maria Napp", bekannt als Verfasserin des herrlichen Buches „Magdcllcnens Erinnerungen" unter dem Pseudonym I. M. Parr, sowie die Aufsätze „Weissagungen des hl. Malachias" von Fr. Tezclin und „Die französischen Canadier" von Wilhelm du Nord. Als Erzähler finden sich Melati von Java verdeutscht durch L. von Heemstede, Cl. Borges, I. T. Kujawa und vr. Wittmann, als Poeren Chr. Aufschnaiter, C. Achleitncr, Marie Scbauscrt, A. Dreyer, Friedrich Fuuder u. a. Der Bilder- schmuck ist schön und gut gewählt. Literarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von vr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. 22. Jabrg. 1896. 12 Nummern. M. 9. — Freiburg im Brcisgau, Herder'icbe Ver- lagshandluug. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 3: Die katholische Literatur Englands im Jahre 1895. (Bellesbeim.) — 6onsssn, Lpoealz-psia 8 lobannis Lxootoli versio sadidioa. (Scbnlie.) — Klcbba, Anthropologie deS bl. Jrenäus. (Pcrcrs.)— Bernoulli, Der Scbriitstellerkatalog des HierouymuS. (Bardenkcwcr.) — Bernoulli, HieronymnS und Gcnnadius da viris instwtribug. (Bardenhcwer.) — Clausen, Papst Honorius III. (Wurm.) — Schneider, Die Sittlichkeit im Lickte der Darwin'scbcn Entwickelungslehre. (Keppler.) — Didio, Die moderne Moral und ihre Grundprincipicn. (Keppler.) - — Baumgariner, Die Erkenntnißlebre des Wilhelm von An- vergne. (Back.) — Doccor, Die Philosophie deS Josef (Jbn) Zaddik. (Bach.) — Hübschmann, Armenische Grammatik. (Vetter.) — Norrenberg-Macke, Allgemeine Literaturgeschichte. (Helling- haus.) — Ratzinger. Die Volkswirtbschast in ihren sittlichen Grundlagen. (Brüll.) — Widmann. vr. Johannes Bumüllers Lehrbuch der Weltgeschichte. (Hauthaler.) — Vadlaebo, Xtlas daswqus, Ilsttoiro et VSoZrapüio. (Wittmann.) — Ilodinson, Mio Lritisü vlsst. (Zimmcrmann.) — Mitius, Ein Familien- bild aus der PriScillakatakombe. (Künstle.) — Tsrcy, Die Hand- zeichnungen des Hans Baldung gen. Grien. — Ommor, v'amitiS. (Krieg.) - Meister, Erinnerungen an Johannes Janssen. (Widmann.) — Nissen, Heinrich Heine's Familienleben. (Egeii.) — Nachrichten. — Büchertisch. Linzer theol.-praktiscbe Quartalschrift. Jahrgang 1896. Expedition: Linz. Stifterstraße Nr. 7. Preis pr. Jahr 7 M. Inhalt des 2. HefteS: Gesellschaftslchre und canon- ischeS Neckt. Ein Antrittsvorlesung. Von Pros. k. Albert M. Weiß 0. vr. in Freiburg (Schweiz). — AuSzüge aus Ammiauus Marcellinus, welche für die Kircbengeschichte und Apologetik von Bedeutung sind. I. Sein Bericht über Julians des Apostaten Tempelban in Jerusalem. Von Professor vr. Chr. Lingen in Düsseldorf. — Der Begriff des Gelübdes. Von vr. Ph. Huppert, Rektor in Bensbeim (Hessen). — Gemeinschaftliche Schulmeßandachten im Allgemeinen. Von S. Degenbeck Pfarrer in Neichcnball (Bayern). — Eine Schulmeßandacht der Kinder im Besonderen. Von Pros. vr. Rudolf Hittmair in Linz. — Ueber die diminutiv dsneLeii durch Perionallasten. Von G. Romig, Seminarpräfect in Burghausen (Bayern).— Der Gesang bei der feierlichen Liturgie. VIII. Die Bedeutung der Orgel beim Gottesdienste und die wichtigsten kirchlichen Vorschriften über den Gebrauch derselben. Von Pfarrer Sauter, Präses des bohenzollern'schen B-zirks-Cäcilienvcreines. — Dein Andenken des großen Symbolikers. Von Jos. Kreschnicka, ReligionS-Professor in Horn (N.-Oe.). — Die Bergpredigt nach Matthäus (Cap. 5, 6, 7). Von Sl. Niesterer, Pfarrer in Müllen (Baden). — Waffen im Kampfe gegen den Socialismus. Von Joh. Langthaler, reg. Chorherr und Stistshof- meister in St. Florian (O.-Oe.). — Pastoral-Fragen und -Fälle. U. s. w. Bei der Redaction eingelaufene Bücher und Schriften. Ihre Kreuzersonate. Aus dem Tagebncke der Mdme. Posdnidschew. — Die Naturheilmethode bei Fettleibigkeit und Verfettungskrankheiten (Bd. X der Bibl. der ges. Natnrheilkunde) von vr. mod. Karl Reiß. — Ischias (Hüftweh), Wesen, Entstehung und Heilung von vr. Paul Bcrger. Verlag von Hugo Steinitz, Berlin 81V., Charlottcnstr. 2. Die Cisterzicnser-Abtei Klosterlangheim mit den Wallfahrtsorten Vierzehnheiligen und Marien- weiher mit drei Holzschnitten. Von vr. I. Baier, Würzburg, Andreas Göbel, 1896. 8°. 48 S. Preis 50 Pf. Heilige Kreuzwegandackt (Franziskanertcxt). Mit oberhirtlicker Genehmigung. Würzburg, Andreas Göbel's Verlagsbuchhandlung. Preis 10 Pf. Vcrantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 1 ^. 17 24, ApM 1696. Carl Lebrecht Jmmermann. Zu seinem hundertsten Geburtstag (24. April) von A. G. Carl Lebrecht Jmmermann stammte aus einer Familie, die weder zu den reichen noch zu den armen zählte, den mittleren Schichten der Gesellschaft war er entsprossen, konnte aber auf eine lange Reihe von Ahnen blicken, die mitunter eine ziemlich bedeutende Rolle gespielt hatten. Er wurde am 24. April 1796 in Magdeburg geboren als der Sohn des Kriegs- und Domänenraths Carl Lebrecht Jmmermann, der in seinem Hause ungemein streng war, während die Mutter sich durch „Grundgüte" auszeichnete. Streng wurde der Sohn mit seinen andern fünf Geschwistern vom Vater herangezogen und selbst unterrichtet in Rechnen, Geographie und Geschichte, bis er in das Kloster Unserer Lieben Frau zur weiteren Fortbildung aufgenommen wurde. Er war ein talentirter und sehr fleißiger Knabe, verfiel aber bald in eine geradezu krankhafte Lesewuth, mit welcher er alle Bücher ergriff, die ihm in die Hände kamen, und von denen viele ihrem Inhalte nach für ihn absolut nicht taugten. „Reisebeschreibungen, Romane, Schauspiele wurden verschlungen" und, fügen wir bei, konnten nicht verdaut werden. Dazu kam der Drang, Dunkles und Geheimniß- volleS zu erforschen, hiemit Zurückgezogenhett in stille Winkel, für einen Menschen im Alter Jmmermanns, wie für alle in diesem Alter, ein großes Uebel, das nichts Gutes zeitigen kann. Trotzdem vernachlässigte er die eigentlichen Schulaufgaben nicht und erhielt stets gute Zeugnisse. Ostern 1813 bezog er die Universität Halle, um sich, gleich dem Vater, der Jurisprudenz zu widmen. Neben den juridischen Fächern belegte er auch philologische, deßgleichen Aesthetik und Kunstgeschichte und deutsche Literatur, und schwänzte keines — weißer Rabe unter den Universitätsstudenten! wenn es buchstäblich wahr ist. Leider konnte er seine Studien nicht in Ruhe fortsetzen und vollenden, die Kämpfe um das Sein oder Nichtsein Deutschlands machten ihm einen Strich durch seine Rechnung, wie abertausend jungen begeisterten deutschen Männern und Studenten. Im Hochsommer 1813 zog Napoleon durch Halle, hob die Universität auf, und die Studierenden zerstreuten sich, die rümal'riäerioiÄllü. stand verlassen und leer. Kurze Zeit verweilte Jmmermann im Vaterhaus, nach der Schlacht bei Leipzig aber meldete er sich als Freiwilliger und wurde in daS erste Jägerdetachement des Leib-Jnfanterte-RegimentS aufgenommen. Doch zog er nicht in's Feld, denn ein Nervenfieber brachte ihn an den Rand des Grabes, und er erreichte seine Abtheilung erst nach Beendigung des Feldzuges. Auf dem Rückzug traf ihn die Trauernachricht, daß sein geliebter Vater am Charsreitag des Jahres 1814 gestorben sei. 1814/15 widmete er sich wieder den Studien, als ein neuer Aufruf des Königs an die Freiwilligen erging, und nun ging es an die französische Grenze; unter dem Donner der Geschütze von Ligny lernte Jmmermann das Bild der Schlachten kennen. Er wurde nach Beendigung des Feldzugs als Offizier entlassen und kehrte zu den Studien nach Halle zurück, wo er sich jetzt der Theologie widmen wollte, doch trat als Hinderniß die Unkenntniß des Hebräischen in den Weg, so daß er bei der Jurisprudenz blieb. Eine Episode aus der damaligen Studienzeit verdient sicher der Erwähnung, da sie von großem Muth zeigt und ebenso großer Offenheit. In Halle existirte eine Verbindung Namens „Teu- tonia", die sehr ausartete. So wurde ein armer Student, der sich nicht schlug, auf das gröbste mißhandelt; Jmmermann verfaßte eine Erklärung, mit vielen Unterschriften wurde dieselbe angeschlagen, der Verfasser aber war kaum mehr seines Lebens sicher. „Teutonia" trieb das Unwesen weiter. Da reiste Jmmermann mit zwei Com- militonen nach Berlin; er erhielt zwar keine Audienz beim König, doch wurde ein Schriftstück gnädig angenommen und erhielt Jmmermann schriftliches großes Lob seitens des Monarchen, dessen Schreiben schloß: „Ihr guter Sinn für Ordnung und Gesetzmäßigkeit hat meinen ganzen Beifall." Unmittelbar darauf wurde die Teutonia aufgehoben, die „Sulphuristen", wie mau die Unterzeichner spottweife nannte, hatten gesiegt. Neben seinen Studien warf sich Jmmermann um diese Zeit zum ersten Male auf das Dichten, es entstanden mehrere Gelegenheitsgedichte, welche aber ohne literarischen Werth waren, dagegen zeigt er darin schon eine gewisse glühende Phantasie. Im Anfang des Jahres 1818 machte er in Halberstadt sein erstes juristisches Examen und wurde Auscultator beim Kreisgericht in Aschersleben; dann kam er nach Magdeburg und Münster, wo er zuerst ganz allein für sich lebte und sein erstes Drama „Roland" schrieb nebst mehreren Gedichten. Es folgte das Trauerspiel „Edwin", das zu schnell ausgearbeitet wurde und deßhalb auch viele Mängel zeigt, obwohl ihm schön poetische Gedanken nicht abzusprechen sind. Eine Recension seiner Arbeiten aus damaliger Zeit sagt u. a.: „Gedankenreich ist seine Welt, kräftig, kühn, nicht hohle Worte und Phrasen spricht er aus. Seine Dichtungen sind Bekenntnisse seiner Seele, doch fehlt dem stolzen Bau noch seine Vollendung." In diese Zeit fällt sein Verhältniß zu Elise von Lützow-Ahlefeldt, das wir, weil es sich in gleicher Weise bei den sogenannten Schöngeistern mu- tatis mutuiräis wiederholt hat und wiederholt, wohl mit allem Recht übergehen können, ohne daß diese Ueber- gehuug uns ein Leser übel nehmen wird, da unsere Beilage für pikante Liebesabenteuer gewiß nicht redigirt wird. Jmmermann wurde träumerisch und dichtete träumerisch nahezu Verse, die sich reimten auf „Herz" und „Schmerz". Doch ermannte er sich bald wieder und warf sich auf Lustspiele und Tragödien zu einer Zeit, wo er nach Magdeburg versetzt wurde, wohin er 1824 ging, nachdem er den Seinen noch einen Besuch abgestattet hatte, da er mit kindlicher und brüderlicher Liebe an der Mutter und an den Geschwistern hing, die damals vorübergehend in Oschersleben sich befanden. Die Vaterstadt war ihm ziemlich fremd geworden, bald war er aber wegen seines scharfen Verstandes beliebt geworden, sein klares, wenn auch scharfes Urtheil imponirte. Die dichterische Ader stockte eine Zeit lang, bis Heinrich Heine ihn besuchte und das Blut in derselben wieder in Wallung brachte, ohne daß er Bedeutendes damals schuf. Er mußie sich auch dem Studium damals widmen, sein letztes Examen stand bevor, das er denn auch mit gutem Erfolg bestand. Es erschien das Drama „Hofer", mitunter ebenso getadelt als gelobt, ein Stück, durch welches auch Göthe auf den Verfasser aufmerksam wurde. König sagt über „Hofer": „Nicht befriedigte das Trauerspiel in Tirol, das in Andreas Hofers Geschichte allerhand Wunder- 130 bareS — Träume, Engelerschetnungen — hineinmischt". ! In Düsseldorf wurde fleißig weitergearbeitet, soweit nicht die ihm nachziehende „Freundin" Gräfin Ahlefeldt ihn daran hinderte. Sein erstes Musenkind war das Lustspiel „Die Verkleidungen",' das der Verfasser aber für sich höher schätzte, als es in That und Wahrheit zu schätzen ist; das Stück wurde auch, soweit bekannt, nur allein in Hamburg aufgeführt. Es folgte „Friedrich der Zweite", dessen Composition aber wiederum ziemlich bedeutende Mängel zeigt; trotzdem erlebte es Aufführungen an bedeutenden Theatern Deutschlands zum größten Stolze des Verfassers. In dieser Zeit war es, als gegen Jmmermann der Dichter Graf Platen in die Schranken trat, und zwar unbarmherzig, so daß er sogar den Namen des Gegners in Nimmermann umsetzte. Er wählte im „Romantischen OcdipuS" sich Jmmermann zur Zielscheibe, in dessen Person er zugleich die gesammten Verirrungen der Romantik verhöhnen wollte. Veranlassung gab ihm dazu ein boshaftes Penion, das Jmmermann in Heine's Reise- bildern" gegen Platens „Gaselen" losgelassen hatte: „Von den Früchten, die sie aus dem Gartenhain von SchiraS stehlen, Essen sie zu viel, die Armen, und vomiren dann Gaselcn."^) Die scharfe Antwort auf den auch nicht zarten Angriff war der Held des „Romantischen Oedipus", der „schwulst - einpöklerische Musensohn", der Romantiker „Nimmermann", von dem es unter anderm heißt: „— gesalbt zum Stellvertreter hab' ich Dich Der ganzen tollen Dicbterlinasgenossenschast. Die auf dem Hackbrett Fieberträume phantasirt Und unsere deutsche Hcldensprache ganz entweiht." Das Ganze ist geistreich durchgeführt, die Form ist vollendet, aber die persönliche große Abneigung und das übermüthige Gebühren Platens berühren ungemein peinlich. Zur Ehre Jmmermanns, der natürlich auch wieder nach Platen schoß, muß gesagt werden, daß er Platen später alles verzieh und ihm als Dichter stets Anerkennung zollte. So sagte er, als er Platens Tod erfuhr: „Der Graf von Platen kommt in die Walhalla, und er gehört auch hinein trotz aller seiner Thorheiten und Mißgriffe". Die beiden Hanptgegenschriften gegen Platen: „Der im Irrgarten der Metrik umhertaumelnde Kavalier" und „Tulifäntchen", wurden weder von Platen noch vom Publikum beachtet, da sie wett über das Ziel hinausschössen und so in erster Linie ihren eigentlichen Zweck verfehlten. (Schluß folgt.) FimrischL Studenten in Jesuitencollegien.* *) Von Dr. P. Wittmann in München. Die Verdienste, welche sich die „Gesellschaft Jesu" um Wiederbelebung katholischen Geistes bei germanischen und romanischen Nationen erwarb, sind unbestritten. Selbst Protestanten und Ungläubige gestehen zu, daß die Jünger Loyola's insbesondere auf dem Gebiet der Erziehung Großartiges geleistet haben. Ihre pädagogische Thätigkeit beschränkte sich auch keineswegs auf rein ka'"*) Die Gaselen sind eine aus dem Persischen stammende Dichtungform, die bei manchem damaligen Dichter sehr beliebt war. *) In der Hauptsache Auszug aus dem also (Om Lnslls stlläoramls oto.) betitelten, zunächst in -HiZtorialliiwu Lrdisto- H., dann auch im Sonderdruck (1890) erschienenen Abhandlung des Historikers K. G. Lcinberg, die ihrer Sprache halber uur wenige Leser in Deutschland gefunden haben dürfte. tholische Gebiete, sondern bezweckte zugleich die von der kirchlichen Einheit Getrennten wiederzugewinnen. Zu diesem Behufe gründeten sie zunächst in Rom die sogenannten „National-Collegien", d. h. Lehranstalten, worin begabte Jünglinge verschiedener Zungen Unterricht im Glauben und Wissen erhielten, um später in ihre Hei- math zurückgesendet und dort zur Wiederherstellung des Katholicismus verwandt zu werden. Die erste Schöpfung dieser Art, zugleich Muster aller späteren, war das Ool- laginin Osriauiuauia zu NoM. Mit König Johanns III. Regierungsantritt begann in der schwedischen Reformarionsgeschichte eine rückläufige Bewegung. Durch Studium der Schriften der Kirchen- väter gelangte er zur Ansicht, daß sich Verfassung, Lehre und Gebräuche der schwedischen Kirche am besten mit Rücksicht aus jene alten Quellenschriften regeln ließen. Dieser Umstand erweckte bei seiner Umgebung, soweit sie zum Katholicismus hinneigte, zumal er mit einer Prinzessin dieses Bekenntnisses verheirathet war, Hoffnung, die schwedische Nation wieder für das Papstthum gewinnen zu können. Katholische Autoritäten, welchen hierüber Mittheilung zu Ohren kam, versäumten nicht, die scheinbar günstige Gelegenheit zu benützen, um der katholischen Kirche ein bedeutendes, aber bereits als verloren betrachtetes Gebiet wieder zurückzuerobern. Die Verbindungen der Königin Katharina, der Gemahlin Johanns, mit ihrem Heimathlande Polen bildeten eine natürliche Brücke, auf der der Katholicismus neuerdings in Schweden einzudringen suchte. Da die Ausführung des Planes gewandten und erfahrenen Patres der Gesellschaft Jesu anvertraut wurde, darf man sich nicht wundern, wenn die katholische Propaganda mehrere Jahre lang mit vielem Erfolg arbeitete. Ihre Thätigkeit begann Anfang der Siebenziger - Jahre des 16. Jahrhunderts, und drei Ausländer spielten Hiebei eine besonders einflußreiche Rolle. Vor Allen verdient der warme Jesuiienfreund StanislauS Hosius (ch 1579) Erwähnung, der erst Bischof von Ermeland, dann 1561 Cardinal geworden war. Ob seiner Frömmigkeit und Gelehrsamkeit hochgepriesen, hatte dieser Prälat auf's Eifrigste für Wiederherstellung der römischen Kirche in dem von reformatorischen Ansichten berührten Polen gearbeitet. Er war auch der Erste, welcher Jesuiten nach diesem Reiche und nach Preußen rief. Schon im Jahre 1557 dachte er daran, in seinem Stift ein Jefuitencolleg zu errichten, und einige Jahre später (1565) hatte er die Genugthuung, seinen Plan durch Stiftung des CollegS und Seminars in Braunsberg — einer zwischen Danzig und Königsberg gelegenen Stadt — verwirklicht zu sehen. Er benützte seine vertraute Stellung zum Jagellonischen Königshauss, unterhielt von 1572 ab fleißigen Briefwechsel mit der schwedischen Königin Katharina und leitete auch die Verhandlungen zwischen ihr und dem römischen Stuhle ein. In einem vom 24. Januar 1574 datirten Briefe theilte er der Königin mit, der Papst wünsche, es möchten sechs junge schwedische Adelige nach Rom gesandt werden, um dort eine wahrhaft christliche Erziehung zu empfangen. Ein zweiter, im Hinblick auf seine katholisirenden Bestrebungen üemerkenswerther, wenn auch späterhin in Schweden sehr verhaßter Mann war der Norweger Lau- rentius Nicolat. Während seiner Reisen im Auslande — er soll in Löwen, Douay und Köln studirt haben — wurde er für die Kirche und Gesellschaft Jesu gewonnen. Da er der 131 schwedischen Sprache kundig war, sandte ihn der Jesuiten- general auf Befehl des Papstes nach Stockholm, woselbst er im Frühjahre 1576 ankam, um „der Königin als Tröster zu dienen und in vorsichtiger Weise dem katholischen Bekenntnisse den Pfad zu bahnen". Im Anfang gelang es Nicolai das Vertrauen der lutherischen Prediger zu gewinnen, welche, bestochen von seinem Wissen und seiner Herrschaft über die lateinische Sprache, ihn als Rektor des Gymnasiums vorschlugen, daS König Johann statt der Akademie zu Upsala im früheren Franziskanerkloster auf Riddarholmen einzurichten gedachte. Er ließ dort junge Geistliche und Candidaten zusammenbringen, welche theilweise freien Unterhalt genossen, theilweise auf andere Art unterstützt wurden. Kirche wie Conventsgebäude wurden für die neue Schöpfung adaptirt; Laurentius aber erhielt die Weisung, im Colleg Theologie zu lehren und in der Kirche zu predigen. Derselbe begann seine Thätigkeit mit großem Beifall, zog übrigens bald den Verdacht der eifrigen Lutheraner auf sich. Doch gelang es ihm, sich beim König in Gunst zu setzen, und schon ein Jahr nach seiner Ankunft durfte er sich rühmen, 30 Bekehrungen erzielt zu haben. Um eine größere Anzahl passender Arbeiter für das anscheinend dankbare Ackerfeld zu gewinnen, schickte er im Sommer 1577 sechs junge Schweden an das OolleAium Oorinarnoum nach Rom, damit sie dort Zu Priestern ausgebildet würden. König Johann selbst gab das Reisegeld. Durch allerhand Vermittlungsvorschläge, deren Unvereinbarkeit mit den Ansichten NomS sich später herausstellte, suchte Laurentius der kirchlichen Wiedervereinigung vorzuarbeiten. Er wußte dem Monarchen solches Vertrauen zu dem regierenden Papste Gregor XIII. einzuflößen, daß Johann um Entsendung eines Mannes bat, mit dem er persönlich unterhandeln könne. Im Jesuiten Antonio Possevino fand sich die geeignete Person. Nach seinem Erscheinen in Schweden trat „Klosterlasse", wie Nicolai benannt wurde, in den Hintergrund, fiel sogar allmählig beim König in Ungnade. Im Jahre 1580 verließ er in Gesellschaft PosscvinoS Schweden für immer. Zuerst als Lehrer in Braunsberg angestellt, treffen wir ihn 1586 zu Prag; hochbetagt starb er zu Wilna (1622). Antonio Possevino, geboren zu Mantua 1534, gestorben 1611, hatte seine Studien in Rom vollendet und sich 1559 dem Jesuitenorden angeschlossen. Nachdem er mehrere wichtige Aufträge zur Zufriedenheit der Oberen erledigt und sich dabei durch Gelehrsamkeit und Redegewandtheit ausgezeichnet, erhielt er den Auftrag, Schweden zu bereisen und König Johann zum Ueber- tritt zu bewegen. Ende 1577 in Stockholm angelangt, wußte er den Fürsten durch umfassendes Wissen wie scharfsinnige Dialektik derart für sich einzunehmen und zu überzeugen, daß er in einer Stunde der Begeisterung vor dem päpstlichen Gesandten Generalbeichte ablegte, von ihm die Lossprcchung und die Kommunion nach katholischem RituS empfing. Dies geschah im Mai 1578?) Die Bedeutung, welche Possevino dieser Handlung beilegte, die er als Beweis des endgültigen Ueber- trittS des Königs zur katholischen Kirche auffaßte, wurde ') Vergl. die ausführliche Schilderung des Vorgangs bei Thciner „Schweben und seine Slcttung znm hl. Stuhle" I, S. 485 ss. jedoch bald durch das eigensinnige Festhalten des Letzter« an den von ihm für Wiedervereinigung der schwedischen und römischen Kirche aufgestellten Bedingungen, als Laienkelch, Priesterehe, Beseitigung des Weihwassers und anderer Ceremonien, wesentlich reducirt. Da Possevino unter solchen Umständen am Erfolge seiner Sendung verzweifelte, verließ er bald darauf (Ende Mai 1578) Schweden. Eine schwedische Kronyacht beförderte ihn nach Danzig. Von dort reiste er über Braunsberg nach Rom. Ihm folgten fünf für das Kollegium darnramourn bestimmte junge Schweden. Ueber seine Erfahrungen an den Papst berichtend, äußerte sich Possevino zugleich über die Art, wie die Missionstbätigkeit im Norden am besten Fortgang nehmen dürfte. Als Hauptmittel brachte er Einrichtung von Unterrichtsanstalten für die schwedische Jugend in Vorschlag. Da sich das 6oIIe§ium Oorinamoum zu sehr entfernt erwies, empfahl Possevino Erweiterung der Jesuitencollcgien in Braunsberg und Olmütz. Ersteres schien noch geeigneter, weil es in der Nähe der damals von Schweden und Finnen zahlreich besuchten Stadt Danzig lag; nur an zweiter Stelle sollte der mährische Bischofssitz in Betracht gezogen werden. PosscvinoS Vorschläge fanden Billigung und Ausführung, und unterm 10. Dezember erhielten die genannten Stifte im Namen des Papstes neue Satzungen. Da, wie bereits erwähnt, König Johann auf seinen Unionsbedingungen beharrte, der römische Stuhl aber die meisten derselben ablehnte, so wurde ersterer allmählig lauer in seinem Streben, die Verbindung mit Rom wiederherzustellen. Noch einmal jedoch sollte ein letzter Versuch gemacht werden, den Monarchen umzustimmen,- und Possevino wurde neuerdings nach Schweden entsandt. Im Juli 1579 dort angelangt, erkannte der Nuntius bald, daß seine Mühe vergeblich sei. Er blieb dieß- mal mehr als ein Jahr im Lande, theils um die Con- vertiten im Glauben zu festigen, theils auch, um die größtmögliche Zahl schwedischer Jünglinge für Jesuitenseminare zu gewinnen und hiedurch die katholische Propaganda für die Zukunft sicher zu stellen. Der blühende Zustand dieser Anstalten veranlaßte viele Schweden, ihre Söhne denselben anzuvertrauen. So brachte schon der Herbst l579 die stattliche Anzahl von zwanzig jungen Leuten. Die Nonnen des Klosters Wadstena, „des verschlossenen Gartens im Walde der Ketzerei", der einen Gegenstand besonderer Sorge für Possevino bildete, wurden von ihm veranlaßt, vier bis sechs junge, fromme Adelige zum Eintritt in's Braunsberg'sche Seminar zu bewegen. Allmählig wurden immer mehr entsandt, so daß einschließlich der früher nach Rom Abgegangenen von Possevino fünfzig Jünglinge theils ausgeschickt, theils fortgeführt wurden. Bei seiner zweiten Abreise von Schweden im August 1580 führte er dexen fünfzehn mit sich. Viele von ihnen kamen wegen Krankheit oder anderen Ursachen bald wieder nach Hause. Andere folgten später nach und fügten sich willig in die mittlerweile eingetretenen Verhältnisse. Manche kehrten niemals zurück, indem sie entweder während ihrer Studienzeit den heimathlichen Verhältnissen fremd geworden waren oder auch trotz aller Sehnsucht durch äußere Umstünde sich daran verhindert sahen. (Fortsetzung folgt.) 132 Streifzüne durch die sockalpolitische Literatur des Mittelalters bis Thomas von Aquin. Von Frz. Jos. Stroh meyer, Benefiziat in Oberstdorf. (Schluß.) Bekanntlich hat der protestantische Professor Dr. v. Jhcring, einer der scharfsinnigsten Nechtsgelehrten, in seinem Buche „Der Zweck im Recht" zum Text der II. Auflage einen Nachtrag gemacht, worin er sagt, er hätte vielleicht sein ganzes Buch nicht geschrieben, wenn er gewußt hätte, daß die Grundgedanken desselben sich schon beim hl. Thomas in vollendeter Klarheit und prägnantester Fassung ausgesprochen finden. Das gilt aber besonders von dem Buche „äs rsZiroins prinoixuva". Er tadelt dann bitter die modernen Philosophen und protestantischen Theologen, die es versäumt hätten, die großartigen Gedanken dieses Mannes sich zu Nutzen zu machen. „Staunend, sagt er, frage ich mich: wie war es möglich, daß solche Wahrheiten, nachdem sie einmal ausgesprochen waren, bei unserer protestantischen Wissenschaft so gänzlich in Vergessenheit gerathen konnten? Welch Irrwege hätte sie sich ersparen können, wenn sie dieselben beherzigt hätte I" Indeß so ganz unschuldig ist Herr von Jhering doch nicht. Den Vorwurf der Unkenntniß kann er nicht gänzlich von sich abweisen. Oder sollte es ihm auch entgangen sein, was Karl von Kaltenborn schon 1848 mit Bezugnahme auf das Schriftchen „äs reZiiriins prillvixuur" geschrieben hat? Derselbe^ schreibt darüber: „Am vollständigsten und mit dem meisten Scheine (?) einer selbst- ständigen wissenschaftlichen Entscheidung finden sich die mittelalterlichen Nechtsansichlen bei dem berühmten Scholastiker und Heiligen Thomas von Aquino entwickelt," und sagt weiterhin, daß Thomas „der Hauptrepräsentant der mittelalterlichen Doktrin vom Rechte zu nennen" sei. Wir können hier zwei Bemerkungen nicht unterdrücken. Es ist merkwürdig, daß die genannte Schrift des hl. Thomas von vielen Schriftstellern über die mittelalterliche Philosophie nicht nur vernachlässigt, sondern nicht einmal erwähnt wird. Wir haben Tenne- mann's „Geschichte der Philosophie" vor uns, in welcher die Socialpolitik des Heiligen mir keinem Worte erwähnt wird. Auch in Stöckl's „Lehrbuch der Geschichte der Philosophie" 3. Auflage haben wir nichts darüber gefunden. Noch merkwürdiger ist, daß unsere Socialpolitiker so wenig auf diese wichtige Schrift zurückgreifen, und doch könnte, wenn auch nicht alle politischen Ansichten des hl. Thomas unserer Zeit entsprechen, die Gesellschaft Heilmittel für ihre Uebel auch heutzutage in mancher Hinsicht daraus schöpfen. Die allerwichtigsten Probleme, nach deren Lösung noch heute die Gesellschaft fortwährend strebt, hat der hl. Doktor in scharfsinniger und präciser Weise hier in den Nahmen seiner Betrachtungen gezogen. Die natürliche Neigung des Menschen zur Gesellschaft (orl «vllpmno; c-ruo-l noXlrlxäv ^cüov, Lviwul sooiuls), die Natur, Entstehung und Formen der Gewalt, die menschliche Freiheit und Gleichheit, die Pflichten der Negierenden und Unterthanen, Familie, Stadt und Staat, Religion, Handel, Kunst und Heer, kurz, das compli- ctrte Problem des gesellschaftlichen Lebens wird hier einer tiefen Kritik unterworfen ") „Die Vorläufer des Hugo Grotius auf dem Gebiete des zus naturas st Asutiuw sowie der Politik im Reformations- zeitalter" S. 43. und nach den Grundsätzen der natürlichen Vernunft und des Christenthums erklärt. Auch andere Fragen praktischer Natur, die noch jetzt von lebendigem Interesse sind, werden hier eingehend behandelt, wie die Fragen über Besteuerung, über die Ausgaben für militärische Zwecke, über die königlichen Einkünfte, über die Nothwendigkeit einer eigenen Münze im Staat, um den Geldverlust durch Wechsel zu vermeiden u. s. w. Man sieht, Probleme kommen in diesem Werke zur Erörterung, die von außerordentlicher Wichtigkeit sind, und darum können wir unsere Abhandlung nicht beschließen, ohne dieses Buch der sorgfältigsten Beachtung und dem ernstlichen Studium eines jeden Philosophen und Socialpolitikers empfohlen zu haben.") Das kann nur von Vortheil sein für die Lösung der schweren Social- probleme der Gegenwart. Es hat sicherlich keine Zeit mehr ein Wort deS Friedens nothwendiger als die jetzige, die durch die gefährlichsten und drohendsten Leidenschaften entzündet ist. Nun vermag aber die Philosophie ohne Religion dieses Wort nicht auszusprechen. Wie weit hat es denn die Philosophie gebracht, seitdem sie emancipirt ist von ihrem Centrum, von Religion und Wahrheit, seitdem der Kriti- cismus des Königsberger Philosophen den letzten Stein weghob vom Gebäude der philosophischen Wahrheit? Bis zur barsten Negation, bis zur tollsten Verzweiflungs- philosophke des „Unbewußten", die sich sozusagen selbst zum Besten hält. Wie soll eine solche Philosophie noch die sittliche Kraft zu siegreicher Initiative haben? Selbst Lange, der Geschichtschreiber des Materialismus, erwartet den Sieg „unter dem Banner einer großen Idee". Darum können wir dem Christenthum das Prognostikon stellen: es wird noch einmal die Gesellschaft von ihren Uebeln heilen und vor dem Zusammensturz retten und so einen großartigen Triumph feiern in der Inauguration einer neuen Zukunft. Der christliche Socialismus,^) durch welchen in der unauflöslichen Ungleichheit der Stände alle Menschen Brüder sind und sich als solche fühlen, — das ist die einzige und wahre „xactio loeäoris" der Zukunft! Zur baldigen Erreichung dieses Ziels wird auch die Ausbreitung der Kenntniß der socialpolitischen Grundsätze des gewaltigen mittelalterlichen Denkers einen werthvollen Beitrag liefern können. Vor Vierzehnhundert Jahren. Das katholische Frankreich begeht in diesem Jahre eine außerordentliche Gedächtnisfeier, darum hat ihm das Oberhaupt der Kirche auch eine außerordentliche kirchliche Begünstigung erwiesen, einen nationalen Jubelablaß, also einen Ablaß mit jenen Facultäten und Privilegien, wie sie sonst nur mit dem für die ganze Kirche ausgeschriebenen ") EmpfehlcnSwerth ist außer dem schon genannten Buche des vr. Schneider (ot. oben) zu diesem Zwecke das Buch des Dr. I. I. Baumann: „Die Staatslehre des hl. Thomas von Aquino, des größten Theologen und Philosophen der katholischen Kirche. Ein Beitrag zur Frage zwischen Staat und Kirche." Leipzig 1873. Das, was man nach dem Titel vermuthen möchte, nämlich eine historisch-kritische Untersuchung der Tbomistiichen Socialpolitik, fehlt freilich; indeß ist auch die einfache Ueber- setzung aus dem I. lid. von »äs rsKim. xrim;,- und von 4 Kapiteln des II. lib. nebst Ergänzungen aus >vo rs§iwms äuäasorum«, aus dein Commcntar zu Aristoteles' Politik, aus der -Summ» tbeol.« und aus der »Lumma »ävsrsus Asutilss« durchaus nicht wcrtbloS. '°) ek. Hitze Franz. Quintessenz der socialen Frage, Paderborn 1880. Jubiläum verbunden sind. Cardinal Langcnieux, der Erzbischof von Reims, hat den Heiligen Vater in einem eigenen Schreiben um diese Gnade gebeten, und der Papst hat diese Bitte in einem ausführlichen Antwortschreiben gewährt. Im Eingänge dieses Briefes gibt Leo XIII. den Gegenstand der Feier klar und präcis an: es ist die Taufe Chlodwig's, KönigS der salischen Franken, die am Weihnachtsfeste des JahreS 496 zu Reims durch den heiligen Nemigius, Bischof dieser Stadt, vorgenommen wurde. Es ist gut, ausdrücklich festzustellen, wer Chlodwig gewesen, und wer seine Leute gewesen. Denn bei den Franzosen ist noch immer die sonderbare Auffassung nicht ausgestorben, Chlodwig als König von Frankreich, die Merovinger als eine französische Dynastie und die Franken als Franzosen hinzustellen, trotzdem ernste französische Historiker, wie namentlich Augustin Thterry, dies längst als aller Geschichte widersprechend aufgezeigt haben. Von Frankreich und Franzosen kann unter Chlodwig keine Rede sein, weil es damals weder ein Frankreich noch Franzosen gab. Als die Franken im letzten Drittel des fünften Jahrhunderts in Gallien einfielen, war dieses von den Gallo-Nomanen, den romanisirten Galliern, bewohnt.' Es befanden sich nun zwei ganz verschiedene Bevölkerungselemente im Lande: die unterjochten römischen Protz inzialen, die längst christlich waren, und bei denen die Kirche seit Jahrhunderten blühte; dann die herrschenden Franken, einer der germanischen Hauptstämme, die noch im Heidenthum verharrten. Diese beiden Elemente standen einander schroff gegenüber, und so lange die Eroberer das Christenthum nicht angenommen hatten, konnte von einer Mischung und Amalgamirung der beiden Völker keine Rede sein. Erst nach der Christianifirung der Franken erfolgte, und zwar sehr allmählig, der Proceß der Verschmelzung der Germanen mit den Romanen, als dessen Resultat das Volk der Franzosen zu betrachten ist. Diese erscheinen erst um die Mitte des neunten Jahrhunderts als fertige Nation, und die gelegentlich des Vertrages von Verdun (842) abgelegten, von Neidhart aufgezeichneten sogenannten Straßburger Eide sind der älteste bekannte Text in französischer Sprache. Indem aber Chlodwig und mit ihm sein Volk die Taufe annahmen, legten sie den Grund und erfüllten die unerläßliche Vorbedingung zu ihrer nachherigen Verbindung mit den Gallo-Nomanen und zur Entstehung der französischen Nation und des französischen Staatswesens. Und hierin liegt eben die Bedeutung der Taufe Chlodwigs für Frankreich selbst: sie war der Keim seiner späteren Existenz. Verweilen wir noch einen Augenblick bei Chlodwig selbst. Als der König zur Taufe herantrat, richtete Remigius an ihn die ernsten Worte: „Beuge sanft- müthig Deinen Nacken, Sikamber (so wurden die salischen Franken genannt); bete an, was Du verbrannt hast, verbrenne, was Du angebetet hast" (Nitia äsxons calla, Licaralrer, aävra Hnoä ivcenäisti, incsnäs, tzuoä aäorasti); damit war die völlige Aenderung der Sinnes- und Handlungsweise angedeutet, die das Christenthum fordert. Damit war es freilich bei Chlodwig lange nicht so bestellt, wie es hätte fein sollen. Indessen darf man deßwegen seine Bekehrung nicht als unaufrichtig betrachten, dem stehen zu viele Thatsachen gegenüber, namentlich die, daß er das Christenthum, von dem er nach dem Ausdrucke Gregor's von Tours irdischen Ruhm und ewige Seligkeit (sasculi gloriava athus coalcstig regn! xg.tria.ni) erwartete, kräftig schützte und begünstigte und in ihm die ersprießlichste Grundlage für das Wohl seines Reiches erkannte, und daß er seiner Gemahlin Clotilde mit unverbrüchlicher Treue ergeben blieb. Es kämpften aber bei Chlodwig wie bei seinen Nachfolgern und dem christlich gewordenen Volke der Franken überhaupt noch lange zwei Strömungen mit einander: die alte heidnischnationale mit ihren Mißbrauchen und lasterhaften Gewohnheiten und die neue christliche mit ihren strengen sittlichen Anforderungen und ihrer reformatorischen Thätigkeit. Doch Chlodwigs Bekehrung geht in ihrer Tragweite über Frankreich weit hinaus: sie ist ein wahrhaft großes, welthistorisches, epochales Ereigniß. Einmal wurde dadurch das erste principiell und in jeder Beziehung christliche Staatswesen hergestellt, was das weströmische Reich selbst nach Constantin nicht im vollen Sinne gewesen. Sodann war damit das erste katholische, rechtgläubige Staatswesen geschaffen. Arianisch waren die Ostgothen in Italien, arianisch die Westgothen in Spanten und Südfrankreich, arianisch die Burgunden, arianisch die Wandalen; die oströmischen Kaiser, wie gerade Zeno, waren von der Häresie beeinflußt. Da trat Chlodwig auf als der einzige katholische Herrscher, damit war dem Arianismus der Todesstoß versetzt. Der Häresie fehlt aber stets die innere Segensfülle, welcher einzig und allein die heilsamen Wirkungen des Christenthums entspringen, und gerade die Geschichte des Arianismus beweist, daß auch damals nur die katholische Kirche jene Segensfülle zu bieten vermochte, und daß der durch sie gegebene Zusammenhang mit Rom hiebet die erste Rolle spielte. Darum erschien den Zeitgenossen die Taufe Chlodwigs als eine so hochwichtige und bedeutungsvolle Thatsache. Papst Anastasius II. schrieb in der Freude seines Herzens an den neubekchrten König: „Erfreue, ruhmreicher, erlauchter Sohn, Deine Mutter und fei ihr ein eiserner Pfeiler. Denn die Liebe ist bei Vielen im Erkalten, und durch die Arglist der Schlechten wird das Schifftet» der Kirche von wilder Wege hin- und her- geworfen, von schäumender Brandung gepeitscht. Doch Wir hoffen wider alles Hoffen und preisen den Herrn, der Dich der Macht der Finsterniß entrissen und der Kirche einen so gewaltigen Fürsten geschenkt hat, auf daß er sie schütze- und gegen die Ruchlosen den Helm des Heiles ergreife." Diese Bedeutung der katholischen Taufe des Frankenkönigs läßt es auch begreiflich erscheinen, daß man den Titel „Allerchristlichster König" (Ksx OlristianiZsimus) bis auf Chlodwig zurückgeführt hat. Indeß läßt sich nur nachweisen, daß die französischen Karolinger von den Päpsten öfter mit diesem Titel beehrt wurden, daß derselbe später allgemein erblich, im fünfzehnten Jahrhundert von Papst Pius ll. als herkömmlicher Titel der französischen Könige anerkannt, von Paul II. endlich ihnen förmlich verliehen wurde. Die Bekehrung der Franken zur katholischen Kirche hatte zunächst auch den Uebertritt der von Chlodwig besiegten Alamannen zur Folge. Weiterhin aber wurde durch die Ausdehnung der fränkischen Herrschaft über das westliche und südliche Deutschland überhaupt die christliche Missionirung der germanischen Stämme mächtig gefördert, wie denn namentlich dem heiligen BonifatiuS seine enge Verbindung mit dem fränkischen Hofe eine sehr willkommene Unterstützung bei seinem großen Werke bot. 134 Freilich fällt das tzäüpiverdienst in dieser Beziehung nicht den Merovingern zu, sondern jenem Geschlechte, dessen Hauptvertreter zuerst als thatsächliche Regenten, dann als Könige auch dem Namen nach über das Frankenreich herrschten, und das nach seinem vorzüglichsten Mitgliede das Karolingische genannt wird. Die Karolinger waren es auch, die in der Person Pipin's und Karls des Groben als Werkzeuge der Vorsehung den Päpsten jene territoriale Selbständigkeit sicherten, welche die materielle Basis ihrer effcctiven Freiheit und Unabhängigkeit in der Ausübung ihres Amtes ist. Vielleicht nie kam das Verhältniß zwischen Lueerclotium und Imperium seinem Ideale näher als unter den ersten Karolingern, namentlich unter Karl dem Großen. Nur nebenbei sei darauf hingewiesen» daß die Gründung des christlichen FrankenreicheL nicht bloß in religiöser, sondern auch in nationaler und politischer Beziehung von großer Wichtigkeit war. Aus dem Frankenreiche löste sich später das Deutsche Reich los, die fränkische Größe ward die Grundlage zur deutschen Größe. Auch nachdem die Westfranken zu Franzosen, das westfränkische Reich zu Frankreich geworden war, gab es Zeiten, wo Frankreichs Herrscher und Volk sich hohe Verdienste um die Sache der katholischen Kirche und Religion erwarben und den Titeln „Allerchristlichster König" und „erstgeborene Tochter der Kirche" Ehre machten. Es sei nur erinnert an Ludwig den Heiligen und an die Kreuzzüge. ES kamen freilich auch immer wieder andere Zeiten, wo eS anders zuging und aussah. Doch ist hier nicht der Ort zu Recriminationen. Auch heutzutage, mitten unter den Bedrängnissen einer gottentfremdeten Herrschaft, behaupten die Katholiken Frankreichs einen Ehrenplatz unter den katholischen Nationen, und insbesondere das französische MisfionSwesen muß als das erste der Welt anerkannt werden. Was sonst den französischen Katholiken obliegt und noththut, sagt das päpstliche Schreiben an Cardinal Langsnieux deutlich genug. Wir schließen mit k. Florian Rieß' Worten in den „Stimmen aus Maria-Laach" (II. Band): „Mit dem Eintritts eines Volkes in die katholische Kirche verhält eS sich ganz ähnlich wie mit der Bekehrung des Einzelnen: es wird ein neuer höchster Zielpunkt gewonnen, von welchem allmählig das ganze Verhalten geregelt und harmonisch gestimmt wird; eS wird ein Gesetz angenommen, von dessen treuer Erfüllung Wohl und Wehe abhängt. Eine viele Jahrhunderte zählende Geschichte hat den Act Chlodwig's bestätigt; die katholische Kirche hat die Franken und ihren Zweig, die Deutschen, mit ihrem Geiste durchdrungen; die Willigkeit, womit sich unsere Vorfahren diesem höheren Zuge ergaben, hat sie zu dem gemacht, als was wir sie in den folgenden Jahrhunderten bewundern. Sie bildeten ein eminent katholisches Volk, das war die Wurzel ihrer Größe; von ihrer Treue gegen diesen Geist . . . hing auch ihre nationale Wohlfahrt ab." Einige Konzertbesprechnngen. L. Paris, im April 1896. ES fügt sich feit Jahren, daß ich um die Zeit der Vollendung meiner Winteraufgabe, d. t. wenn das eigene Konzert vorüber ist und die Karwochenaufführungen wenigstens secnuiäum ymä in's Reine gearbeitet sind, nach Nürnberg und nach München fahre, um dort zu hören, W lernen, zu vergleichen und Anregungen zu empfangen. Ist der Ostertag vorüber, so eile ich hieher, nicht blos, aber doch auch um wenigstens noch einige Wellen der hiesigen Konzertfluth zu erhäschen. Was ich meist noch erreiche, ist das eine oder andere Konzert im großen Trocadsro-Saale. Es sei mir gestattet, über das Gehörte mich ein bischen vernehmen zu lassen — zunächst über das Konzert, das der Verein für klassische Chormusik unter der Leitung des Herrn Kapellmeisters Ringler am Passtonssonntag im Rathhaussaale in Nürnberg gab: Judas Makkabäus, Oratorium in 3 Theilen von G. F. Händel. Ein Segment aus den Befreiungskämpfen des israelitischen Volkes. Man weiß, wie sehr populär solche Stosse bei den Engländern zur Zeit Händels waren: die Engländer exemplifizirten ja daraus mit Vorliebe auf ihre eigenen religiösen wirklichen oder vermeintlichen Befreiungskriege: „der Mann voll Muth und Geist, der uns're Bande kühn zerreißt", ja das war damals der populäre Mann in England! Indeß Gott ist ein Gott nicht blos der anglikanischen Protestanten, sondern der ganzen Welt, und so wäre es gewiß verfehlt in den religiösen Befreiungskriegen der alten Juden blos Typen für die Engländer zu sehen. So wie aber diese Typen allgemeine, d. h. katholische, und ich darf sagen sogar spezifisch katholische Bedeutung haben, so auch ihre Verwendung und Behandlung im Händel'schen Oratorium. Mag hundertmal der protestantische Gottesdienst Veranlassung gegeben haben zu der Ausgestaltung unseres Oratoriums, mögen hundertmal „protestantische" Choral- melodien von den Komponisten citirt und verwendet sein, wie z. B. von Bach in seinem Magnificat die Melodie „Meine Seele preiset den Herrn" *) — die Veranlassung allein stempelt das Werk, zumal ein Vokalwerk, noch lange nicht zu einem confessionell bestimmten, noch weniger vermag dies ein Citat, sowenig als etwa der Ohreubart den fränkischen Bauern zum Lutheraner macht. Sondern wenn ein Text, ich will speziell beim Oratorium bleiben, wenn ein Oratoriums stoff aus der hl. Schrift richtig aufgefaßt ist, so betrachtet meines Erachtens der Katholik — immer die Möglichkeit konfessionellen Unterschiedes in der Musik vorausgesetzt — diese Musik mit Recht als katholisch. Ich halte es nicht für unangezeigt, auch einmal darüber zu reden, da gewisse Leute gar zu leichthin von dem protestantischen „Dettinger 1s vaum" Händels, von dem protestantischen Ua§niücub S. Backs u. s. w. sprechen. Viel fruchtbarer als der Streit um katholische oder protestantische Musik ist gerade angesichts des Händel'schen Judas Makkabäus und der in München aufgeführten Bach-- sehen MatthäuZpassion, von der später die Rede sein soll, eine andere Frage: welche Musik ist populär, welche ist aristokratisch? Man sollte meinen: da Händel nie, wenigstens in seinen bedeutendsten mir bekannten Werken nie (ob die „Choralmelodie" in „JudaS Makkabäus": „wir opfern Gott, und Gott allein" eine Ausnahme macht, oder ob sie von Händel selbst erfunden ist, weiß ich nicht; jedenfalls ist sie L la cllorals) Volksgesänge, Choräle citirt, so wäre er der unpopuläre, der hocharistokratische Komponist, der thnrmhoch über dem Volke und seinem musikalischen Fühlen und Begehren stünde. Umgekehrt S. Bach, der immer und überall wieder Choräle citirt und verarbeitet, er müßte der wahrhaft populäre Komponist sein. Und doch scheint mir gerade das Um- >) Die übrigens, wenn sie denn durchaus als Musik, alö Melodie confessignell sein muß, garnicht protestantisch ist, sondern uralt katholisch: der ehrwürdige ll?ouus xeresriuusl gekehrte der Fall zu sein, Händel hat ja keine Volksgesänge citirt, das ist wahr, aber er hat Volksgesänge gemacht: seine Chöre in allen großen Werken, im „Messias", im «1s vauna" (z. B. das gewaltige „Heilig", der Aufmarsch der einzelnen Chöre von Heiligen rc.), im Judas Makkabüus z. B. „Wir weih'n dem Edlen Klag' und Schmerz", „Du Gott, dem Erd' und Himmel schweigt", „Fall ward sein Loos", „Seht, er kommt mit Preis gekrönt", das alles sind Volks- gesünge, d. h. Gesänge so, wie das Volk singt. Aeußer- lich weist schon die vorwiegend homophone Behandlung der Singstimmrn auf den volksthümlichen Charakter dieser Gesänge hin. Dagegen ist Seb. Bach trotz seiner unzähligen Choralmelodieen durchaus nicht volkstümlich in unserem Sinne des Wortes, nicht wegen seiner Choralmelodieen, sondern wegen ihrer Verwendung und Verarbeitung, die sehr gelehrt und oft genug sehr complizirt ist. HändelS selbsterfundene Melodiken find populär, die populären Choralmelodieen haben in Bach c'ne sehr aristokratische Be- und Verarbeitung gefunden. Und selbst in seinen Arien scheint mir Händel viel mehr als Bach einen populären Zug bewahrt zu haben. „Arg dogmatisch", habe ich vor Jahren, ich glaube im „Sammler", von dem Duett „Ostrists Liaison" in Bachs Hoher Messe gelesen. Um bei diesem Ausdrucke zu bleiben: oaatsris xg-ribus dürfte Händel gegen Bach ein „kleiner Katechismus für das Volk" sein gegenüber einem sublimen Lehrbuch der Dogmatik. Aber eines muß von Händel und Bach und den Klassikern gemeinsam, namentlich gegenüber manchen „Modernsten" hervorgehoben werden: ihnen genügten in Chor und Arie und Orchestersatz feste, bestehende, gesetzmäßige Formen, um darin ihre ganze Fantasie und ihr ganzes Herz niederzulegen, während es bei vielen Modernsten Mode geworden ist, die Form zu zerreißen, form- und regellos und dadurch auch oft genug ! unfaßbar zu werden — einem „Einfalle", einem „Herzens- drange" znlieb; und wenn es nur immer wenigstens auch große Gedanken, bedeutende Herzensergüsse wären! Die möchten wohl solche Revolutionen entschuldigen, meinetwegen sogar rechtfertigen; „der Meister kann die Form zerbrechen"-wie aber, wenn die Meisterschaft gesucht wird gerade in der Zerbrechung der Form? Dort heißt es, ich kann die Form zerbrechen, weil ich Meister bin; hier: ich bin Meister, weil ich die Form zerbrechen kann! Aha! In Bezug auf die Form nun find die Chöre in „Judas Makkabüus" geradezu musterhaft; man sehe sich beispielshalber die schöne Disposition an in den Chören „Wohlan, wir folgen gern", „Du Held, du Held, o mach' uns frei", „Hör' uns, o Herr", „Fall ward sein Loos"! In diesen stehenden Formen — wie viel Fantasie, wie reiches Gemüthsleben! Und damit komme ich zu einem Kapitel, daS eigentlich für sich allein eine Betrachtung werth ist: zur Händel'schen Textauffassung. Händel, der Situationsmaler — was stand ihm htefür zur Verfügung? Vor allem, soweit die Musik Deklamation und Architektonik ist, prägnante Rhythmen und Akzente; soweit sie Melodie ist, charakteristische Intervalle; sofern sie aus Harmonien besteht, der Wechsel der Tonarten; soweit sie aus verschiedenartigen Singsttmmen besteht, Trennung und Mischung der Singstimmen; soweit sie endlich instrumental ist, die zweckmäßige Verwerthung der Instrumente. Das scheinen Binsenwahrheiten zu sein, die hier aufzutischen ganz unnöthig sei — und doch war's nicht immer so, wie bei Händel Bei Palestrina z. B. stehen Rhythmen und Akzente vör alleut im Dienst^ der Contrapunktik; auch die melodischen Schritte sind bestimmt und begrenzt durch die Regeln der Polyphonie. Und wenn bet Palestrina das L^ris düster dorisch gehalten ist, so halten sich Lllorig,, Oreäo, Lanetus in derselben (Moll-)Tonart; was für einen Umschwung in der Stimmung führt im „Judas Makkabüus" nur daS Recitativ „Nicht ganz umsonst" mit der folgenden Arie „Fromme Thränen" herbei! Die von der Natur selbst gemachte Beschränkung in der Verwendnng der Hörner und namentlich der Trompeten in jener Zeit wäre für sich allein schon ein Grund gewesen für gewisse Stimmungen und Situationen gewisse Tonarten für charakteristisch zu halten. DaS alles war früher anders und ist auch jetzt wieder anders geworden, nachdem allen Blasinstrumenten die ganze chromatische Skala aufgethan ist. Mehr gemeinsam mit früherer oder spaterer Musik als das Gesagte ist der Händel'schen Periode die Wahl der Taktart (z. B. „Blas't die Trommet"), die Wahl steigender oder fallender Jntervallschritte für die Wörter „steigen" und „fallen", z. B. „du sinkest, armes Israel, tief herab"; das Verweilen der Musik bei einem Begriffe, einem Worte, ja einer einzigen Silbe, um sie gehörig zu illustriren, z. B. den „Arm" in der Arie: „Wie eitel ist", in der Arie „Durch Wunderthaten errettet euer Gott" die beiden Begriffe „Wunderthaten" und „errettet". Bei Palestrina und Orlando finden wir diesem verwandte Züge: in seinen Lamentationen umkleidet Palestrina, wie auch schon die Choralmelodte solches andeutet, die hebräischen Namen Aleph, Beth rc., die doch eigentlich recht wenig zu bedeuten haben, mit herrlichen musikalischen Nahmen; bei Orlando macht eS mir oft Vergnügen, zu sehen, wie er in seinen Credos, in seinen Magnificats die Wörter „rssurrsetionsni", rc. schüttelt und beutelt, und sogar mit bloßen Vokalen sein rhythmisches Spiel treibt (ich erinnere an „visidiltuin" in seiner Ntssa „(jusl äorma"). Ein Hauptdarstellungsmittel ist endlich auch der dynamische Gegensatz: eine klassisch schöne Stelle in dieser Hinsicht ist im „Judas Makkabüus": „wir folgen dir zum Siege", dann nach einer Pause das Piano: „wär's zum Fall". Solche Stellen sind und bleiben wahr, und deßhalb altern sie auch nicht. Aber all das Gesagte enthüllt uns das Geheimniß der Kunst noch nicht; Akzente, Gegensätze, Periodenbau — heute habe ich ein französisches Kirchengesangbuch durchgeblättert; da finde ich all diese Griffe verwerthet; und doch kommen die besten Lieder über steifleinenen Klassizismus nicht hinaus; das Geheimniß besteht darin, daß jedes Mittel zur rechten Zeit und im entsprechenden Grade angewendet wird. Ja, es ist nicht anders, und wenn man über dieses Bekenntniß auch hundertmal lachen mag: nicht neue Mittel sind's, die das Genie kennzeichnen, sondern die rechte Anwendung der Mittel; aber mit der Sonde eines Chirurgen läßt sich das Genie nicht finden. Was nun die Wirkung betrifft, die Händel im „Judas Makkabüus" erreicht, so reichen die Chöre an die Herrlichkeit und den Glanz etwa des Dettinger 1s vöum oder auch des „Messias" nicht recht hinan; auch die Regie in Nürnberg hat das gefühlt und deßhalb an Stelle des kleinen Schlußchores das „Halleluja" aus dem „Messias" gesetzt; ob das nicht über das Ziel hinausgeschossen war, möchte ich nicht entscheiden. Freilich ist eine Vergleichung mit dem großen Oeura deßhalb 136 nicht recht angezeigt, weil die Situation in „Judas Makkabäus" sich viel mehr verändert; eher dürfte eine Vergleichung mit dem „Messias" zutreffen, wenn nicht die Person des „Messias" so unendlich hoch über dem „Judas Makkabäus" stünde. Eine Hauptmacht des „Judas Makkabäus" liegt in den Arien, wohingegen das genannte Osunr ganz wenig Arien hat. Aber innerlich ist „Judas Makkabäus", besonders seine Chorpartien, viel mehr als andere Werke Händels; wer die Musik zum Texte betrachtet, dem wird die Wahrheit und Tiefe derselben immer mehr aufgehen und wohlthun. Die Aufführung im Nathhaussaale in Nürnberg! Ich habe schon vor einigen Jahren in diesen Blättern gesagt, daß ich den Nathhaussaal nicht für sehr geeignet halte zum Konzertlokal. Häufige Konzertbesuche haben mich in dieser Meinung bestärkt: eS klingt etwas trocken. Aber groß und geräumig ist das Lokal; und sehr lobens- werth ist, daß die Nürnberger für ihre Aufführung jedesmal eine Orgel aufstellen lassen; die große Frequenz der Konzerte mag ja das ermöglichen. Der Chor zählt etwa 300 Köpfe; aber man kann kaum beweisen, daß die Wirkung von 300 Sängern doppelt so groß ist, als die von 150 Sängern, selbst wenn man dieselbe QualitätsEinheit zu Grunde legt. Trügt mich meine Beobachtung nicht, so bliebe mancher Sänger und manche Sängerin besser weg und machte dem Orchester Platz; denn das ist immer ein Vortheil, wenn Chor und Orchester beisammen vor dem Dirigenten aufgestellt sind. In München sind übrigens der Statisten unter den Sängern viel mehr als in Nürnberg. Aber das muß man den Singenden in Nürnberg — und das sind weit mehr als die „manchen" anderen — nachsagen: tüchtig und fleißig sind sie, und wackere Stimmführer haben sie; der Chorklang im „Judas Makkabäus" war schön, die Textaussprache musterhaft. Das Orchester spielte sauber und korrekt zusammen. Die Verwendung von 2 Flügelhörnern (oder Pistons?) anstatt der Waldhörner beim Zwischenspiele zum „Chor der Jünglinge" wird wohl ihren guten Grund haben, den Namentlich wir Provinzler zu würdigen wissen. Bei den heutigen Trompeten für Händel'sche Sachen widert mich immer der kurze, kindische Stakkatoton an; das sollte viel länger, tubenmäßiger klingen. Der Organist hat bet aller Fertigkeit manches gesündiget, indem er zu viel begleitete und zu stark begleitete; das lautete oft aufdringlich. Ich erinnere nur an Eines: im Allegro der Ouvertüre haben die Streicher ein Sechzehntelmotiv auf demselben Tone. Hält nun das Orgelprinzipal diesen Ton zu gleicher Zeit aus, so ist die Arbeit der Streicher paralysirt und damit das Thema verwischt. Die Solisten hatten alle große Vorzüge, und große Nachtheile, für welche letztere sie freilich zum Theile nicht verantwortlich gemacht werden können. Frau Meta Hieber - München vereinigt in der tiefern und mittleren Lage mit feiner Schulung eine gute, wohlklingende Stimme; die Auffassung war sehr gut. Leider aber fehlt der Stimme die entsprechende Höhe: was über das gewöhnliche Sopran-1? hinaufgeht, ist nur auf künstlichem Wege zu erreichen. Die Altistin Frau Schmid-Allizar hat viel Pathos, eignet sich für Händel'sche Recitative, in den Arien sollte sie nicht soviel tremoliren! Herrn Krämer hat der Dirigent einigemal arg mitgespielt: die Arie „Wie eitel ist" wurde zu rasch begonnen, der Sänger konnte sein Figurenwerk und seine Stimme nicht gehörig entfalten. Noch schlimmer war dies bei der früheren , Arie „Bewaffne dich mit Muth". Recht frisch und entsprechend lebhaft war dagegen die Trompetenarie: „Blas't die Trompet'". Herr Wunderlich, der Bassist, dessen Vortrug uns immer so innerlich und contemplativ ernst an» murhet — schade, daß er soviel mit Heiserkeit zu kämpfen hat; vielleicht sollte er sich besser schonen. Nun endlich auch der Dirigent des Ganzen, Herr Kapellmeister Ningler! Früher, bei modernen Werken, kam es uns immer vor, als nehme er die Tempi — viel zu langsam; namentlich schien uns das in der „Schöpfung" und im „Paulus" der Fall zu sein; — war ihm von anderer Seite das bedeutet worden? oder war es das Bestreben, um jeden Preis bis zum Abgang des nächsten Zuges fertig zu werden? Diesmal waren seine Tempi ungewöhnlich flott, manchmal nur zu gehetzt; Pausen zwischen den einzelnen Sätzen existirten kaum, nur aitnoo» suffito! Das Eine wie das Andere schadet der Klarheit und trübt den Genuß; und genau das Nichtige zu finden, ist für den Dirigenten im betreffenden Augenblick oft so schwer! Wir wären gewiß falsch verstanden, wenn man aus dem Vorstehenden schlösse, wir hätten bloß zu tadeln. Nein, gewiß nicht. Aber man schreibt viele so einseitig lobende und nur lobende Konzertberichte, die gar kein Interesse haben, weil daraus niemand etwas lernen kann. Ich habe mich angesichts der Thatsachen und der Leistungsfähigkeit eines Chores — ich gehöre ja auch ein bischen zu der Zunft der Chorregenten und konnte an mir und am eigenen Chöre manche Erfahrungen machen — ich habe mich schon oft gefragt: Ist es überhaupt möglich, ein Oratorium, eine Masse von Chören, von Arien so einzustudiren und bei der Aufführung so wiederzugeben, daß man sich nicht stellenweise im bloß conventionellen taktfesten und treffsicheren Abwickeln bewegt? Wie lange müßten da die Vorbereitungen brauchen für den Dirigenten wie für die Ausführenden? Ich meine, unsere Kunst darf sich freuen, ein Konzertinstitut von der Größe und Güte des Nürnberger Chorvereins überhaupt zu besitzen. Das darf uns aber nicht abhalten bei aller Verehrung und Hochachtung gegen dasselbe auch gelegentlich auf dessen „Menschlichkeit" hinzuweisen. (Fortsetzung folgt.) Literarilches. Katechetischer Unterricht über die Firmung. Verlag von Wort in Würzburg. Preis 30 Pf. Es läßt sich kaum in Abrede stellen, daß die Wichtigkeit und hohe Bedeutung der hl. Firmung vielfach nicht recht erkannt und gewürdigt wird. Ein Grund hiefür liegt in dem betreffenden Unterrichte. Wie dürftig und trocken ist unter Anderem, was unsere Katechismen über die bl. Firmung enthalten! Die Hauptsache liegt darum in der mündlichen Erklärung durch den Katecheten. Aber diese Erklärung mag noch so umfassend und erschöpfend sein, sie wird bei den Firmlingen sich gar leicht verflüchtigen, weil so viele Umstände zusammenwirken, um sie zu zerstreuen. So fällt der Firmungsunterricht meistens in die Zeit der Schulprüfungen; dazu kommt die Wahl der Firmpathcn, der Gedanke an die Firmungsgeschenke, die Aussicht auf die Reise zum Firmungsorte und noch manches Andere. Viele Katecheten werden darum schon gewünscht haben, es möchte den Firmlingen ein Büchlein in die Hand gegeben werden, welches einen erschöpfenden und dem kindlichen Verstände angepaßten Firmungöunterricht enthält. Ein solches Büchlein hat Herr Dr. Frank erscheinen lassen, das in jeder Hinsicht entspricht. Möchte nur dieses schöne Büchlein in die Hände aller Firmlinge, und dadurch auch in die einzelnen Familien kommen, damit auch die Erwachsenen zum Nachdenken über die Firmung und zur Benützung der Firmgnade angeregt werden. Zach, ehem. Domprediger und Katechet. Leranlw. Redacteur: Ad. Haaö in Augsburg. - Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Abschließende Untersuchungen über die 12 Artikel von 1525. Mit steigendem Interesse hat sich in den letzten Jahrzehnten die geschichtliche Forschung mit dem groben Bauernaufstände von 1525 beschäftigt. Ganz natürlich; denn wenn überhaupt diese Bewegung als unmittelbare, gewaltsam hervorbrechende und weit um sich greifende Aeußerung der Volksstimmung, wie sie die Geschichte nur selten zu verzeichnen hat, der historischen B-trachtnng der Merkwürdigen Punkte genug bietet, so mußte doch vor Allem eine selbst nach nationaler Einigung und socialer Gesundung ringende Zeit dem Studium dieser Volkserhebung besonderen Reiz abgewinnen. Denn bet aller Unklarheit über die zureichenden Mittel und die rechten Wege lagen doch ähnliche Tendenzen der seit 1517 anschwellenden Volksbewegung, die in den Ideen von 1525 ihren Höhepunkt erreichte, zu Grunde. Die Bauernartikel brachten diese Ideen zur Aussprache; „sie erfüllten und entflammten die deutsche Nation 1525 ebenso wie die ,Erklärung der Menschenrechte' 264 Jahre später das französische Volk". Wie sich unter jenen Ideen die des „göttlichen Rechtes" als die wirksamste erwies, so waren unter den verschiedenen Baucrn- programmen die sogenannten zwölf Artikel, welche dem „göttlichen Recht" den entschiedensten Ausdruck verliehen, die weitest verbreiteten. In ganz Oberdeutschland gelangten sie zur Annahme. Ueber dieses bedeutungsvolle Programm erhalten wir soeben eine Monographie aus der Feder Baumanns unter dem Titel: „Die zwölf Artikel der oberfchwäbischen Bauern 1525?") Soweit Oberschwaben d. i. das Land zwischen Donau, Lech und dem Hochgebirge und Bodensee in Betracht kommt, ist ohne Zweifel Dr. Franz Ludwig Banmann der verdienteste Forscher und gründlichste Kenner des Bauernkrieges. Schon vor 25 Jahren führte er sich als Achtung gebietender Forscher auf diesem Felde in die Oeffentltchkeit ein mit der Dissertation: „Die ober- schwäbischen Bauern im März 1525 und die zwölf Artikel", eine Untersuchung, welche in wichtigen Fragen auf neue Bahnen lenkte und von keinem Historiker des Bauernkrieges ungestraft außer Acht gelassen werden konnte. In den Jahren 1876 und 1877 sodann folgten zwei höchst verdienstliche Publikationen, welche das umfangreiche, in bayerischen, Württembergischen und badischen Archiven und Bibliotheken zerstreute, ungedruckte Material für Oberschwaben in mustergiltiger Weise der wissenschaftlichen Forschung zugänglich machten. Es sind die als 129. Band der „Bibliothek des literarischen Vereins in Stuttgart" herausgegebene Sammlung von „Quellen zur Geschichte des Bauernkriegs in Oberschwaben" und das bei Herder in Freiburg verlegte Werk: „Akten zur Geschichte des deutschen Bauernkrieges aus Oberschwaben". An der Hand dieses Matertales hat Baumann ein lebensvolles Bild des Bauernkrieges im Allgäu entworfen und dem dritten Bande seiner trefflichen „Geschichte des Allgäus" einverleibt. Die neuesten Untersuchungen Baumanns beschränken sich auf den Ursprung der „zwölf Artikel", dieses berühmtesten aller Bauernprogramme. Es war jedoch im Interesse der vollständigen Erschöpfung der Frage geboten, auf die ganze Bewegung in Oberschwaben von Ende ') Kempten, Kösel 1896. IV u. 169 S. 1523 an bis zum kriegerischen Eingreifen des schwäbischen Bundes einzugehen. Insofern bietet das Buch mehr, als der Titel auf den ersten Blick besagt^ es ist eine Geschichte des Bauernaufstandes in Obcrschwaben bis März 1525. Eine gedrängte Uebersicht unter Betonung der von Banmann eudgiltig festgestellten Ergebnisse mag manchem Leser erwünscht sein. Im Allgäu machte die Kemptuer Landschaft oen Anfang mit der Erhebung; im Februar 1525 stelle- sie sich auf den Boden des „göttlichen Rechtes". Gleichzeitig suchte sie durch Ueberrcdung und Drohung, bald auch durch Anwendung von Zmangsmaßregeln den Anschluß der übrigen Allgäuer herbeizuführen. In /.rstannlich kurzer Frist gelang das Werk der Einigung; eine Versammlung zu Oberdorf am 24. Februar gab dem „Allgäuer Bund" das Dasein, eine zweite zu Leubas drei Tage später oie Organisation und einheitliche Leitung. Die Artikel des Allgäuer Bundes lassen deutlich erkennen, daß das „göttliche Recht" d. i. das „Princip, daß alle Verhältnisse, seien sie politischer, socialer oder religiöser Natur, nach Vorschrift des Evangeliums als der einzigen und ausschließlichen Quelle und Norm alles Rechtes geordnet werden müssen", das LebcuLelement der Bewegung ist. — Am Vodensce war es der Pfarrer zu Esseratsweiler, welcher das zündende Wort vom göttlichen Recht unter die Massen warf. Eine Versammlung zu Nappers- weil in der zweiten Hälfte des Februar bekannte sich zu diesem Standpunkte. Bald trat die ganze Gegend um den Bodcnsee bei. — An der Spitze des größten unter den drei oberschwäbischen Hansen, des Bnltringer Haufens, welcher die Hochebene südlich der Donau von der Herrschaft Meßkirch (jetzt zu Baden gehörig) bis an den Lech umfaßte, erscheint seit Anfang Februar 1525 als Führer ein Hufschmied von Sulmingen, welchem es gelingt, am 27. Februar seine Anhänger für das göttliche Recht zu gewinnen. In die Dienste dieses Haufens trat kurze Zeit darnach als Feldschreiber der Memminger Kürschner Sebastian Lotzer, ein begeisterter Anhänger des „Evangeliums". Von Lotzer geleitet, beantragte der Baltringer Haufe eine Vereinigung der drei schwäbischen Sonderbünde. Auf einem gemeinsamen Tage der Bundesausschüsse zu Memmingen am 6. März brachte er den von Lotzer redigirten Entwurf einer Bundesordnung ein, welcher in dritter Fassung am folgenden Tage die Zustimmung der Allgäuer und Seebauern erlangte. Gemeinsame Artikel für diese „christliche Vereinigung" wurden der Versammlung wohl vorgelegt, kamen aber noch nicht zur Annahme, weil sie erst den einzelnen Gemeinden vorgetragen werden sollten. Durch nachdrncksame Agitation war es soweit gekommen, daß mit Ausnahme weniger Orte alles Land zwischen Donau, Lech und Bodensee dem Aufruhr verfallen war, als am 14. März der zweite Rauern- tag in Memmingen zusammentrat. Die Aufgabe desselben war vor Allem die endgiltige Annahme eines Programmes, welches die gemeinsamen Forderungen zusammenfaßte. Es sind die berühmten zwölf Artikel, welche die Versammlung vom 14. März zum Programm 2) A. Stern, Ueber die zwölf Artikel der Bauern und einige andere Aktenstücke aus der Bewegung von 1525. Leipzig» 1868. K. Lehnert, Studien z. Gesch. d. zwölf Art. von 1525. Halle. 1894. 138 der oberschwäbischen Bauernschaft erhob. Daß diese zwölf Artikel wirklich das Programm der „christlichen Vereinigung" sind, daß sie auch inhaltlich als deren Eigenthum betrachtet werden müssen, das; sie die von Lotzer redigirte Eingabe der Memminger Bauern vom 24. Februar als Vorlage benutzen und das umgekehrte Verhältniß nicht statthaben kann, wird gegen Stern und Lehnert^) mit schlagenden Gründen nachgewiesen. Redaktor der Artikel war Lotzer, dem Schappelcr, der Memminger Prediger, „bei der Ausgestaltung des Textes und der Auswahl der zum Beweise seiner Schriftgemäß- heit beizusetzenden Bibelstcllen sein Wissen zur Vcrsttgung gestellt hat". Als Richter, welche die Uebereinstimmung der Banernfordcrnngen mit dem Evangelium prüfen sollten, benannte das zweite Memminger Bauernparlawent die hervorragendsten 'Reformatoren und daneben einige den Bauern persönlich bekannte Prädikanten in Oberschwaben. Artikel, Bnndesordnung und Nichterliste wurden sofort in Druck gegeben, nicht zu Agitationszwecken, sondern als Nechtfcrtignngsschriften, um dem beharrlichen und unheimlichen Schweigen des schwäbischen Bundes gegenüber an die öffentliche Meinung Berufung zu ergreifen. Aus diesem Zwecke erklärt sich theilweise die in den Artikeln zu Tage tretende Mäßigung. Die protestantische Geschichtsforschung beruft sich gern auf diese Mäßigung, um darzuthun, daß die Artikel „ein Programm der Reform, nicht eines der Revolution" seien; „wer sie verkündigte, wollte nicht Bürgerkrieg, sondern Versöhnung" ^). Allein bei den Bauern „stimmen Wort und That nicht; ihre Schriften und Programme athmen Frieden und Ruhe, ihre Handlungen sind rücksichtslos und gewaltthätig". Der Haß gegen die bisher allein berechtigten Stände und gegen die altgläubige Geistlichkeit, dazu die Lust an Gewaltthaten waren Leidenschaften, welche zu zügeln die Führer keine Macht besaßen. Es hätte somit die in den zwölf Artikeln angekündigte Neugestaltung der Dinge nie friedlich vor sich gehen können, ganz abgesehen davon, daß die Herrschaften nicht geneigt waren, ihre zumeist wohlerworbenen Rechte friedlich tönenden Programmen zu liebe preiszugeben. Nachdem in der zweiten Memminger Tagsatzung die Bauernbewegnng ihren Höhepunkt erreicht hatte, kam es denn auch alsbald von Seite der Bauern zu neuen Gewaltthätigkeiten, welche den schwäbischen Bund der Mühe überhoben, die unterdessen geschickt eingeleiteten Verhandlungen zum Abschlüsse zu bringen: das Bundesheer, nach der glücklichen Altion gegen Herzog Ulrich von Württemberg frei geworden, stand zur Niederwerfung des Aufruhres bereit. Daß bei der ganzen Bewegung das „göttliche Recht" einen maßgebenden Faktor bildet, tritt in Ban- manns Untersuchung klar zu Tage. War es bei den mittelalterlichen Ausständen, weil man bei Einzeln- beschwerdcn stehen blieb, im schlimmsten Falle zur Erhebung einer einzelnen Landschaft gekommen, so konnte jetzt unter der Losung des göttlichen Rechtes die Einigung weiter Kreise von Unzufriedenen-stattfinden; es ließen sich ja alle Einzeluforderungen unter dieser gemeinsamen Forderung zusammenfassen. Hatte man früher — soweit nicht der Einfluß husitischer Lehren sich geltend machte — die historisch und rechtlich gefestigten Verhältnisse respektirt und lediglich die Rückkehr zu älteren Nechtszuständeu gegenüber der Verschlimmerung der Lage in den letzten °) G. Egclhaaf, Deutsche Geschichte im sechzehnten Jahrhundert. I, 576. Jahrzehnten angestrebt, so trat jetzt in dem göttlichen Recht ein Princip mit dem Anspruch hervor, Maßstab und Grundlage einer völlig neuen, allein berechtigten Ordnung der Dinge zu sein. Es ist klar, daß solche grundstürzende Forderungen dem äußersten Widerstände der berechtigten Klassen begegnen mußten. Mit Recht hat daher Janssen^) betont, daß die sociale Revolution den Charakter der Allgemeinheit und der unmenschlichen Furchtbarkeit erst aus den durch die religiösen Wirren geschaffenen oder entwickelten Zustünden erhielt. „Die Vorspiegelung falscher Freiheit, gesteht der Nördlinger Reformator Billicanus, hat die Bauern verlockt, und jene haben das Feldgeschrei erhoben, welche durch ihr verfälschtes Gotteswort die Einfalt der Menschen bethörten." Die „zwölf Artikel" Bauwanns weisen die bekannten Vorzüge seiner schriftstellerischen Thätigkeit auf: völlige Beherrschung des Stoffes, die sich im Herausgreifen der springenden Punkte der Entwicklung unter Beiseitestellnng bedeutungsloser Fragen geltend macht, Klarheit in der Anordnung und logische Schärfe in der Beweisführung, fesselnde Darstellung und eine geschickte Combtnations» gäbe, welche hier namentlich in der chronologischen Ein- reihung von undatirten oder falsch datirten Schriftstücken glücklich zur Anwendung kommt. Möge es dem verdienten Gelehrten beschicken sein, den Zug ins Große, der seinen Detailforschungen unverkennbar eigen ist, dereinst an einem großen Stoff in Wirksamkeit treten zu lassen. Dr. A. Schröder. Carl LcLrerht Jmmernumn. Zu seinem hundertsten Geburtstag (24. April) von A. G. (Schluß.) Gewaltsam riß die Julirevolutton 1830 Jmmermann aus der befriedigenden Stimmung heraus, sein Freund Beer hatte ihm die Katastrophe in der Hauptstadt Frankreichs in mehreren Briefen auf das lebhafteste geschildert, und in tiefer Erregung hatte er die Briefe beantwortet, er fürchtet Krieg und den Ausbruch der Revolution selbst im lieben Vaterland. Seine Jugendbegeisterung galt der Befreiung des Vaterlandes vom Joche der Fremdherrschaft, und nun wähnte er wiederum, daß die alte traurige Zeit anbreche, was ihn mit Schmerz erfüllte. Friedrich Wilhelm III., König von Preußen, unter dessen Regierung sein bisheriges Leben verfloß, starb, und er widmete ihm ein Gedicht, dessen Schluß lautet: „Friedrich Wilbelm wallet Hinab zu den Vatern, Seine ruhige Gruft Wird umgießen ein Licht, d'rüi die Falschheit bliubet, D'rin der Redliche lieset nrälteste Gebote, Dem Kinde klar." Trotz der politischen Aufregung fand sich Jmmermann bald selbst wieder und arbeitete an seinem Drama „Alexis", das zu seinen bedeutendsten Schöpfungen gehört, an dem er selbst nie sein Interesse verlor. Es war eine große Aufgabe, die Politik mit der Liebe in Einklang zu bringen, die düstersten Seiten neben den größten Eemüths-Empfindungen zu schildern; ob es ihm gelungen, wie er selbst glaubte, dürfte füglich doch noch etwas H Gcsch. d. deutschen Volkes 11°, 4t0. °) Nach dem Citate und der llebersebung bei Döllinger, I Reformation 1, 149. L3ö fraglich erscheinen. Eines aber ist sicher, das Stück zeugt von großer Fülle und Kraft und ist mitunter spannend geschrieben, obwohl es auch, wie bei Jmmermann gebräuchlich, Bizarres enthält. Cotta verweigerte den Druck deS Alexis, sandte ihn zurück, weil die belletristische Literatur zur Zeit so sehr daniederliege, daß er den Verlag eines solchen Dramas nicht wagen möge, weß- wegcn der Dichter sich an eine Umarbeitung machte. Er hatte auf Alexis aber auch finanzielle Hoffnungen gesetzt, da er sich öfters und besonders damals in Geldklemme befand. Sie schlugen fehl, als er zum Glück durch den Tod einer entfernten Verwandten eine kleine Erbschaft machte, die ihn wieder über Wasser hielt. Die damals in Deutschland grassirende Cholera legte auf einige Zeit das Arbeiten des Dichters brach, eine Reise aber nach der Heimath und andere Städte brachte wieder neuen Muth und neue Schaffenskraft, obgleich dieselben durch Todes- gedanken sehr beeinträchtigt wurden. Er glaubte nämlich bald sterben zu müssen und sieht sein baldiges Ende als Strafe manches Leichtsinnes an. Darum ist es auch ganz und gar unbegreiflich, daß trotz dieser Gedanken, trotz innerer Vorwürfe damals das Gedicht „Merlin" entstand, welcher nach der Sage der Sohn des Teufels ist, der sich durch diesen die ihm durch den Sohn Gottes entrissene Welt wieder erobern will. Jmmermann sagt über den Teufel selbst, um nur Einen Satz anzuführen: „er war mir nie das Ungeheuer, vielmehr ging er mir mit Nothwendigkeit aus Gottes Wesen hervor, der Teufel war mir der in der Mannigfaltigkeit geoffenbarte Gott, der durch diesen Akt sich selbst in seiner Einheit verloren hatte." Laxienti saiissiins! Das ganze Gedicht ist durch spätere Erklärungen des Verfertigcrs stets noch geheimnißvoller geworden und dunkler, ein Beweis, daß von Anfang an ihm Klarheit fehlte mehr als je. Zur Todtenfeier Göthes, welcher im März 1832 starb, wurde Jmmermann aufgefordert vom Direktor des Düsseldorfer Theaters, einen Epilog zu dichten, welcher der Aufführung Clavigo's angefügt werden sollte. Er kam dem Auftrag nach, und der Epilog gefiel. Die Schlußworte mögen hier ein Plätzchen finden: „So lcuLt' uns denn voran, verklärte Kraft, DeS deutschen Volkes hehrer geist'ger Held, Zins lichten Wolken schwebend, fort und fort, Und schirme das durch dich befreite Wort!" Im Jahre 1832 übernahm der Dichter die Leiiung des neuen Theaters in Düsseldorf, auf welchem nur Mustervorstellnngen aufgeführt werden sollten — auch einige Stücke von ihm selbst gingen über die Bühne — und es gelang ihm, in Folge des Dürerfestes den Com- ponistcn Mendelssohn, an dem er mit schwärmerischer Begeisterung hing, auf mehrere Jahre für Düsseldorf zu gewinnen, wenn letzterer auch nicht die Stelle eines Kapellmeisters für das Theater selbst annahm; nebenher gab der Dichter Vorlesungen über dramatische Gedichte, ein Beweis, daß er seine Zeit fleißig ausfüllte. Da die finanziellen Verhältnisse sich immer besser gestalteten, so konnte er einen lange gehegten Lieblings- plan ausführen, nämlich eine größere Reise machen. Er durchwanderte Süddentschland, Tirol, Oesterreich, Böhmen, Holland, dann Norddentschlaud, wo er sich besonders in Berlin aufhielt. Ueber die Theater in letzterer Stadt fällte er das Urtheil: „es steht hier schlimmer als schlecht". Auf diesen Reisen traf er mit hervorragenden Männern seiner Zeit zusammen, z. B. mit Humboldt, Schleier- macher, Chcmiisso, v. Eichendorff u. a. Am meisten befriedigte ihn letztgenannter Dichter; mit Chamisso hatte er ein Rededuell, das ziemlich heftig gewesen sein soll, über Voesie und Literatur. Nach der Rückkehr aus Holland widmete er sich wieder nahezu ganz der Leitung des Theaters in Düsseldorf, das er auf eine ziemlich bedeutende Höhe brachte. Aber ein großer Schmerz sollte ihm nicht erspart bleiben, daß nämlich Mendelssohn, der ihm überall mit Rath und That beistand, Düsseldorf verließ. Deßglcichen machten ihm Streitigkeiten mit Grabbe große Sorgen, obwohl er von der Herbeiführung derselben nicht freizusprechen ist. Sein „altes Herz wurde zu damaliger Zeit mit angenehmer Würde erfüllt durch die Bekanntschaft mit einer schönen, liebenswürdigen Frau", wie überhaupt der alte kurze Satz vü est In kemino? von Zeit zn Zeit eine Rolle im Leben Jmmermcmns spielte. Durch stetes Dichten, durch stete Aufführungen auf dem Theater hatte er, wie nicht anders zu erwarten war, die Liebe zu seinem Berufe, dem Justtzdienst, fast verloren, immer wurde wieder um Urlaub eingegeben, endlich „mußte ich zurück". Mit welchen Gefühlen er „zurückkehrte, geht aus dem Satz seines Tagebuches hervor, den er aus die Kunde des Todes Plateus schrieb: „ich wollte, Plntcn säße im Landgericht und ich läge bei Syrncus begraben". „Ueber die Zukunft habe ich gar keine Pläne und Entschlüsse, kann sie auch nicht haben, da meine Armuth mir die Nothwendigkeit auferlegt, in dem juristischen Loch: einen Schritt nach dem andern weiter zu setzen." Freilich, Theaterdirekior, ungebundenes, freies Leben und Justiz- beamter, trockenes Amt, reimt sich sehr schlecht zusammen! 1836 erschien sein Roman „Die Epigonen.", in göthischem Stil und gothischem Muster gehalten, eine neue Auflage des Wilhelm Meister, in der die Frauen nach verschiedenen Seiten hin eine Hauptrolle spielen. Ein moderner Roman, aber mitunter verschwommen; „wir sind, um mit einem Worte das ganze Elend auszusprechen, Epigonen (Nachgeborene) und tragen an der Last, die jeder Erb- und Nachgeborenschast anzukleben pflegt". König sagt über diesen Roman: „Der Kamps der neuen Zeit mit der alten, der weniger zu einem Siege, als zu kühler Ergebung führt, findet seinen lehrhaften Ausdruck in zahlreich eingestreuten Gesprächen und Bemerkungen über sittliche, sociale, ökonomische, liiernrischc und politisch: Zustünde, die oft die Handlung in störender Weise hemmen." Bedeutender war Jmruernramis zweiter Roman oder „eine Geschichte in Arabesken", wie er ihn nannt:: „Müuchhansen"; mitunter sehr satirisch geschrieben, bildet dieser Roman ein Zerrbild aus dem Leben des heruntergekommenen Adels. Was demstlbcn aber seine größte Bedeutung verleiht, ist eine wunderhübsche, urwüchsig- frische Dorfgeschichte, die er hincingewcbt hat, nämlich „Der Oberhos", unter diesem Titel später besonders herausgegeben. Die Charaktere sind meisterhaft gezeichnet, und wird dieses Oberhosidtzll für alle Zeiten ein poetisch wie cnltnrhistorisch gleich bedeutendes Erzeugnis; unserer Literatur sein und bleiben, während Müuchhauseu in dem Maße an Werth verliert, als die Geschichte wegen ihrer zahlreichen Beziehungen auf längstvcrgessene Zustände und Personen immer unverständlicher werden muß. Um die Zeit, da dieses bedeutendste Werk vollendet wurde, hatte der Dichter selbst auch noch im vorgerückten Alter — er zahlt: schon 42 Jahre — ein lang ersehntes Liebesglück gesunden. Durch die Verchelichnng mit einer Enkelin deS Kanzlers Niemeyer löste er das schon erwähnte Verhältniß zu der geschiedenen Gemahlin des Generals von Lützow, des Führers der bekannten Freischaar, das ihn viele Jahre in unnatürliche Fesseln geschlagen hatte. Er ist wieder ganz Feuer und Flamme und singt: „Gestorben war das Herz und lag im Grabe! ^7 Dein Zauber weckt eS wieder auf, der holde, Es klopfet, fühlet neuen Lebens Gabe, Sein erster Laut ist: Tristan und Isolde!" und' „Es hätte stets in mir geruht Und wäre wohl mit mir vermodert, Deck) plötzlich fühl' ich Jugendmuth Und bin von Jugeudgluth durchlodcrt." Er sühlt sich ungemcin glücklich, neubelebt nach langer Zeit, doch sollte es nicht lange dauern, dieses Erdenglück, er konnte nicht einmal mehr sein Gedicht „den ersten Laut: Tristan und Isolde" vollenden. Körperliche Leiden stellten sich ein, auch sein Gemüth wurde sehr erschüttert auf die Nachricht von dem Tode des Königs Friedrich Wilhelm. „Weil ich so ernst geworden, darf ich scherzen, Weil ich so heiter, darf das Roß der Musen Mich tragen durch die Wilduiß grimmster Schmerzen, Denn alles kaun und darf ein freier Busen." Das ist der Schluß des Terzinengesanges, deS SchwanengesangcS Jmmermanns. Starke nervöse Fieber stellten sich ein, rasende Kopfschmerzen quälten den Kranken, welcher am 25. August 1840 zu Düsseldorf seinen Geist aufgab, noch nicht 44 Jahre alt, eine Frau mit 20 Jahren und ein kaum zur Welt gekommenes Kind als Wittwe und Waise hinterlassend. Sein früher Tod erregte schmerzliche Sensation in der ganzen literarischen Welt. Jmmerwann war von starker, kräftiger Statur, stets sorgfältig gekleidet, aber weit entfernt geckenhaft zu sein, seine breite Stirne zeigte Nutze und Hoheit, seine Züge waren liebenswürdig und heiter, konventionelle Formen waren ihm nahezu fremd, die Magdeburger etwas harte Aussprache behielt er zeitlebens bei. Er besaß ein warmes Gemüth, ein starkes Herz und war besonders freigebig gegenüber der Noth und dem Elend der Mitmenschen. Mitunter erregbar, wenn man ihm zu nahe trat, verzieh er schnell und gern. Obwohl er Minderwertiges geschaffen — er schuf eben fast zu viel — er hat seine Talente doch auch recht gut benutzt und wird in unserer Literatur- geschichte stets einen gut klingenden Rainen einnehmen. Finnische Studenten in JesmLencollegien. Von Dr. P. Wittmann in München. (Fortsetzung.) Auf Possevino's Anregung ließ der Papst die Col- legien in Brannsberg und Olmütz entsprechend erweitern und wies zum Unterhalt der Schüler und Lehrer eine bestimmte jährliche Summe an. Die Gesammtzahl der Zöglinge sollte 100 nicht übersteigen, davon auf jede Anstalt die Hälfte entfallen. Beide Seminarien erhielten durch Cardinal Ptolemäus von Como die nämlichen Satzungen. Sie erschienen am 10. Dezember 1578, wie bereits oben erwähnt, in lateinischer Fassung unter dem Titel: „Ilntio et le^os OieZorü XIII. ?ont. blux. nornina xrownlgataa in lunäutions Söininuiivrum Olornuoi in Nova,via, st LrunsdöiAns in krussin." Ihr Inhalt war folgender:") 1- D ie Zöglinge sollen von verschiedenen Ländern, nament- 2 ) Auch abgedruckt in deutscher (Übersetzung bei Theiner a. a. O. S. 535 ff. lich Schweden, Götaland, Wendeulanb, Norwegen, Dänemark, Pommern. Preußen, Livland. Moskau, Rußland, Lithauen und Ungarn ausgenommen werden, um als Arbeiter in diesen großen Weingärten mit Gottes Hilfe den Glauben und die Frömmigkeit der Vater wiederherzustellen. Auch vorn höheren Norden, ebenso aus Sachsen können hoffnungsvolle Knaben ausgenommen werden. 2. Für Anleitung zur Frömmigkeit und zu den Studien sollen hier dieselben Gesetze, wie in anderen päpstlichen Seminarien, gelten. 3. Die Schüler der Anstalten sollen Alles: Speise, Kleider, Wohnung und Unterricht, kostenfrei erhalten. 4. Was vom Jahresetat übrig bleibt, soll entweder zur Vermehrung deS Schülerstatus oder zu Buchankäufen oder zur Bestreitung der Heimfahrt der Jungen verwendet werden. 5. Ebenso soll aus diesen Erübriguugen Possevino für sich, die seinen und alle die. welche er in Schweden zu unterhalten hat, bis sie außer Landes geschickt werden, Zuschuß bekommen. 6 . Die Zahl der Schüler und Lehrer in beiden Anstalten soll zusammen 100 betragen. 7. Auch jene Zöglinge, welche sich ihre Kleidung selbst beschaffen können, sollen sich gleicher Tracht wie die übrigen bedienen, um das sie umschlingende Freundschaftsband desto mehr zu festigen und sich ebenso in Demuth, wie im katholischen und kirchlichen Geiste auszubilden. 8 . Jeder kann sich seinen Lebensberuf nach freiem Ermessen wählen. 9. Deßhalb sollen die Schüler auch nicht auf ihr Gewissen verpflichtet werden, sich später dem Klerikerstande zuzuwenden oder priesterlichen Habit anzulegen, vielmehr steht es Jedem frei, nach Belieben das Eine oder Andere zu thun. 10. Für den Personaletat der Seminarien sind pro Jahr 2400 Zechiuen ausgesetzt, die quartaliter zur Auszahlung kommen. 11. Jedes Semester soll dem Papste gegenüber Abrechnung gepflogen werden. 12. Beim Unterricht sind die Anschauungen und Bedürfnisse der Völker in'S Auge zu fassen, unter denen einst die Schüler wirken müssen. 13. Deßhalb bedürfen auch nicht Alle einen vollen Lehr- kurs in Philosophie und scholastischer Theologie. Die älteren Zöglinge, welche zugleich Beweise aufrichtiger Frömmigkeit gegeben haben, können auch in einer fremden Sprache, z. B. der griechischen oder lateinischen, Unterricht erhalten. 14. Bekehrte Juden-Jünglinge von hervorragender geistiger Begabung und bewährter Tugend sollen in das Ncophhtcn- collcgium nach Nom gesendet werden. 15. Die Lehrgegenstände sind: der römische Katechismus, die Art und Weise der Sakramcntspendung, Casnistik und Polemik, bczw. Apologetik. 16. Ist dieser Grund gelegt, so sollen jene, von denen man Festigkeit im Glauben erwarten darf, in ihre Heimath geschickt werden oder auch, falls es der Rektor für gut hält, ini Missionsdienste zur Verwendung kommen, damit neue Zöglinge Ausnahme finden können. 17. Nach Ablauf einer gewissen Zeit sollen die Seminaristen sich verpflichten, hinfort nicht nur der katholischen Lehre treu zu bleiben, sondern auch alle bisher erlaufenen Kosten zu ersetzen, soserne sie sich ein schwereres Vergehen zu Schulden kommen ließen oder als Nerräther und Ketzer entlarvt würden. Auf diese Weise ist Verführung und Betrug von Seite der Sektircr hintanzuhalten. 18. Wünschenswert!) erscheint auch, daß, um solchen Fällen vorzubeugen, von einem Dritten Bürgschaft für sie geleistet werde. 19. Zöglinge von nördlicheren Gegenden, wie Schweden, Götaland, Finland, die wegen Nähe ihres Vaterlandes der Gefahr ausgesetzt sind, abzufallen oder heimgcrnfen zu werden, foll man nach Olmütz tranSferireu, einem Ort, der sich durch größere Entlegenheit und Sicherheit empfiehlt. 20. In jedem Seminar soll ein Verzeichnis) hinterlicgcn, in welchem Tauf- und Gcschlechtsuamen sowie sonstige die Schüler betreffende Umstände angegeben sind. Alljährlich ist Sr. Heiligkeit hievou Abschrift vorzulegen, damit Selbe zu ersehen vermögen, wieviele Katholiken, deren sich der bl. apostolische Stuhl zur Verbreitung des Glaubens bedienen kann, in jeder Provinz leben. 21. Die Rektoren dieser Anstalten sollen überdies jährlich eine Liste jener Zöglinge einschicken, welche zur Wirksamkeit im Weinberg des Herrn besonders tauglich scheinen, auch darüber berichten, waö jeder derselben durch Gottes Gnade ausgerichtet. 22. Im klebrigen soll man sich nach den Regeln richten, die bereits im OolleZstuw 6 ermamcuw zu Nom und anderen 141 päpstlichen Seminarien Geltung besitzen, auch die Nationak- eigenthümlichkeiten der verschiedenen Völker gebührend berücksichtigen. Außerdem wurde für die Collegien verordnet, daß die Zöglinge fleißig zum Gebet angehalten und auf größtmögliche Einigkeit unter den Angehörigen der einzelnen Stämme hingewirkt werden solle, daß sich dieselben in Liebeswerken, Krankenbesuch rc., übten. Ihr Bett sollte eine Strohmatratze bilden, die Kost einfach sein. Die ökonomische Stellung des Braunsberger Seminars verbesserte sich nachmals durch eine bedeutende Schankung, da Königin Katharina von Schweden (j-1583) der Lehranstalt 10,600 Thaler testamentarisch überwies. Man kaufte für diese Summe Güter in Preußen an, welche jährlich 900 fl. abwarfen. In der Folge wurden hievon mehrere schwedische Studenten unterhalten, (k'and, „viss. äs stuäiosis Lveois in söwiuariis llesulturum versus stirem seouli XVI, xag. 2; vergl. Theiner a. a. O. II, S. 19 ff.) Bezüglich des in Braunsberg eingehaltenen Lehrganges kann man sich aus der bei V/ervinZ „Xouung LiZismunä ooli Louung 6ar1 IX. äes Historien" II, S. 191 f. aufgenommenen eigenhändig verfaßten Schilderung des Johannes Messenius über seine Studien in Braunsberg belehren, wo er im Oktober 1595 als 16 jähriger Jüngling Aufnahme fand, nachdem er zuvor in der Heimath sich entsprechend vorbereitet hatte. Nach Ablauf von sieben Wochen übersiedelte er bereits an das kgl. Seminar, dessen erste Klasse wie in anderen Jssuiten- schulen hier „Kuäimeutum" hieß. Alljährlich um Michaelis erfolgte Vorrücken in die höheren Klassen: Ornmmatioa, Lzuitnxis, koösis, bis er 1599 in die Rhetorik avancirte. Dort verbrachte er zwei Jahre und begann dann mit dem Studium der Philosophie. Außer den speciell für Nordländer bestimmten katholischen Seminarien zu Braunsberg und Olmütz wurde auch das 1569 in Wilna gegründete Jesuitencolleg von mehreren Schweden und Finnen besucht. * » * Nach dieser Auseinandersetzung über Entstehung und Organisation der fraglichen Lehranstalten wollen wir auf Grund der im schwedischen Neichsarchive wie in der Universitätsbibliothek Upsala vorhandenen Quellen über die Finnen berichten, welche zeitweilig Jesnitencollegien angehörten. Einen werthvollen Behelf für diese Schilderung bildeten die von weiland Lektor vr. L. 6. ^.Isthmst dem Neichsarchiv überlassenen Notizen und Abschriften mit dem Titel: „Nancliingai' röruiräs äsn lcatolstca, nensttioireu i LvoriZs nnäor llolmmr III.s reger-lir»-." Ein beträchtlicher Theil dieser Notizen sind übrigens aus Drucken und Handschriften der Bibliothek Upsala entnommen, au welche König Gustav II. Adolf die ganze Bibliothek des katholischen Kollegiums in Braunsberg schenkte, als er 1626 die Stadt einnahm und die Jesuiten vertrieb. Unter dieser Bücherei verdienen die Matrikeln über Braunsberger Studierende besondere Aufmerksamkeit. Als zweite Hauptquelle erwies sich das in veu Jahren 1838/39 von Augustin Theiner herausgegebene, wiederholt angezogene Werk: „Schweden und seine Stellung zum heil. Stuhl unter Johann III., Sigis- mund III. und Karl IX." (Fortsetzung folgt.) ') S. über ihn Schück, -Lvensk Interatm-Ilistoria« I. S. 422 ff. u. a. a. O. Prähistorisches aus Schwaben. -ö- Der historische Verein für Schwaben nnd Neuburg hat jüngst ein sehr wcrtbvolles Stück seinen Sammlungen einverleibt, nämlich ein vollständig erhaltenes Bronzeschwert von 75 am Länge mit gegossenem Griffe und breiter, wulstartiger Klingenrippe, aufgefunden im Februar 1895 bei Stcckheim in der Wertach von Bürgermeister Schöner in Stockheim. Es scheint nicht zweifelhaft zu sein, daß dieses Schwert auS einem der Grabhügel stamme, welche sich in großer Zahl zu beiden Seiten der Wertach von Pforzen abwärts hinziehen. Da jedoch diese Gruppen von Hügelgräbern noch nicht systematisch durchforscht und daher hinsichtlich der Zeit ihrer Anlage dermalen nicht bestimmbar sind, so ist man bei Beurtheilung des beiläufigen Alters dieses Schwertes lediglich aus die Formen desselben angewiesen. Diese Formen nun sind so charakteristisch, daß sich das Schwert sofort als Vertreter jenes in Süddeutsch- land, besonders in Bayern relativ häufig nachweisbaren Typus zu erkennen gibt, welchen der bekannte Prähistoriker Dr. Jul. Nane in München alö Typus L bezeichnet. In der Gestaltung des Griffes und der Klinge nnd selbst in den Ornamenten zeigt das Stcckheimer Schwert die größte Ähnlichkeit mit den von Nane in St. Andrä und am Nicgsee (Oberbayer») gefundenen und in dem Werke „Die Bronzezeit in Oberbaycrn" S. 92—94 und Tafel XV eingehend beschriebenen nnd im Detail abgebildeten Schwertern. Da nun die beiden cbcngenanntcil Schwerter aus Gräbern erhoben wurden, welche sich durch ihren übrigen Inhalt als dem Ende der jüngeren Bronzezeit angehörig erwiesen, so ist damit auch für den Stockheimer Fund eine beiläufige Zeltgrenze gegeben, unter welche er nicht herab- gerückt werden darf, nämlich die zweite Periode der jüngeren Bronzezeit, welche nach Naue's Berechnung um 1050-900 oder 950 vor Christus anzusetzen ist. — In den Sammlungen des historischen Vereins für Schwaben und Neuburg war die für Bayern typische Form des BronzeschwcrtcS bisher nur durch ein bei Gablingen gefundenes Bruchstück vertreten. Mit lebhafter Freude und Dankbarkeit wurde es daher von Seite deS Vereins aufgenommen, daß eine hohe Ministerialentschlicßung vom 1. März d. I. die Ucberlassnng deS Stockheimer FundcS an den Verein genehmigte. Um den ansehnlichen, aus Grund fachmännischer Schätzung festgestellten Preis von 509 Mark kaufte nun der Verein das Schwert vom Finder für die prähistorische Sammlung, deren hervorragende Zierde es jetzt bildet. Recensionen und Notizen. Consessionelle Brunnen Vergiftung. Die wahre Schmach des Jahrhunderts- Von Heinrich Kciter, Redacteur des Hausschatzes. Ncgcnsburg und Leipzig, Verlag von Heiur. Keitcr. Preis M. 1,20. III. Der originelle Titel dieses in seiner Art wohl einzig dastehenden Buches deckt sich völlig mit dessen Inhalt; dieser selbst aber dürste epochemachend wirken, sallS er den weiten und allgemeinen Leserkreis findet, den er verdient. Der von dem rühmlich bekannten Autor inS Auge gefaßte und -- dein Stoff gegenüber — mit Heroismus durchgeführte Zweck ist ein resormatorisch idealer: die in der scbönwissenschastlicheu Literatur, diesem Haupikanal des geistigen VcrkehrSzcbictcs, von protestantischer und israelitischer Seite ausgekramten Begriffsverwirrungen nnd Böswilligkeiten bcz. der kathol. Kirche festzunageln; die daselbst systematisch ins Werk gesetzte und — als unter dem Deckmantel der Dichtung — besonders eindrucksvolle con fessionclle Verhetzung bloßzulegcn; den braven Katholiken vor Hypertoleranz. den ehrlichen Gegner vor ungerechtem Urtheil zu warnen; durch dies alles aber den confcssionellen Frieden, dieses hohe und heilige Gut, anzubahnen und zu wahren. — AuS guten Gründen hat der Verfasser nur aus solchen Werken, die nach 1880 erschienen sind, sein überwältigendes BeweiSmatcrial zusammengestellt; dieses aber gruppirt sich hauptsächlich um Namen allerersten Ranges. In den sechs Kapiteln des BnchcS (1. Standpunkt und Zweck; 2. Wesen und Geschichte der Kirche; 3. Papstthum und Papst, Cardinälc und Bischöfe; 4. Der Orden der Gesellschaft Jesu; 5. Mönche und Nonnen; 6. Die Seclforg-Gcistlich- kcit) beweist Keiter, wie die Hunderte protestantischer nnd israelitischer Tcndenzschriftstcstcr, denen nur der eine Konrad von Bolandcn gegenübersteht, aus Unwissenheit, Voreingenommenheit nnd Haß daS hehre Bild der katholischen Kirche verunglimpfen, die Geschichte verzerren, das Papstthum und dessen Träger nach den berühmten Mustern der Magdeburger Ceuturiatcren verdächtigen und verläumden, den Orden der 142 Gesellschaft Jesu mit Koth beweisen, den Klosterzcdanken und seine Vertreter frivol verhöhnen, die Wcltpricstcr als sittlich Verkommene brandmarken. Und während er solche stetige Verletzung der Elementar-Negeln deö WohlanstandeS, der Sitte und der Schamhaitigkcit aufdeckt, bewahrt der edel- und feinsinnige Verfasser stets die ihm eigene vornehme Objectivitäk, kennzeichnet er unentwegt den hohen sittlichen Standpunkt, von dem anö jeder, der Gott, die hl. Kirche und die Bruder liebt, dem Irrthum Einhalt gebieten soll, je nach den ihm verliehenen Gaben. Dreimal hoch die Eisenbahn! Eine Erzählung für die reifere Jugend und das Volk von Florian Wengeu- mayr. Katholische Jugcndbibliothek. 11. Vändche». Kempten, Kösel 1886. c. Der durch seine Erzählungen für die Jugend und das Volk bereits in weiteren Kreisen bekannte Verfasser beschenkt uns in vorliegender Schrift mit einem neuen Produkte seiner fruchtbaren Muse. Er stellt sich in der Vorrede alö ein großer Freund des Reifens vor, der der Eisenbahn und allen, die zum sicheren und schnellen Betrieb derselben mitwirken, großen Dank schulde. In der Erzählung selbst schildert er das Leben, Sorgen und Mühen eines pflichttreuen, kernbraven Bahnwärters, der sich mit seinem fleißigen Weibe und seinen zahlreichen Kindern recht und schlecht durchkämpft und schließlich das Opfer seines Diensteifers wird. in liebender Hingabe sür den Sohn seines Vorgesetzten, des Expeditorö, dessen zänkische, neiderfüllte Frau ihm wie ihrem Manne schon sovicle bittere Stunden bereitet hat. Obwohl durch den frühen Verlust des Gatten und Vaters aufs schmerzlichste heimgesucht, arbeitet sich die wackere Wittwe mit ihrer Familie dennoch durch, ihr Nettester ist als Techniker beim Bau der Gotthardbahn angestellt, was dem Verfasser Gelegenheit gibt, nnS in anschaulicher Weise mit dem Betriebe eines so gewaltigen Unternehmens bekannt zu machen. Die Erzählung ist in warmem Tone gehalten, und ihr Grundgedanke: wer gewissenhaft das Seine thut, den wird Gott nicht verlassen, kann namentlich in unseren Tagen nur aufmunternd und scgcnstistend auf Volk und Jugend wirken. Krick L. H., Handbuch der Verwaltung des kathol. Pfarramtes i. e. S.. mit Rücksicht aus die im Königreiche Bayern geltenden kirchlichen und staatlichen Bestimmungen. Passau, N. Abt 1895. 735 S. i>. Die beste Empfehlung, die diesem Werke mit auf den Weg gegeben werden kann, ist wohl die, daß man in Wahrheit von ihm sagen kann: eS ist aus der Praxis sür die Praxis geschrieben. Wenn der Herr Verfasser in der Vorrede die Hoffnung anSspricht, daß er seinen Herren AmtSbrüdern, besonders den jüngern, durch Herausgabe eines solchen Handbuches einen erwünschten Dienst leisten werde, so sind wir überzeugt, daß sich dieselbe vollauf erfüllen und das Buch den Herren Seelsorgern bald ein geradezu unentbehrlicher Berather geworden sein wird für alle jene pfarrnmtlichcn Geschäfte, welche eine schriftliche und akienmäßige Behandlung erfordern. Vorliegendes Werk macht uns in seinem ersten Theile mit der formellen Behandlung der pfarramtlichen Geschäfte vertraur, den: GeschäftS- siil, den verschiedenen Arten der amtlichen Geschäftsaufsätze, der Form des Geschäftsverkehrs mit den verschiedenen Behörden, Behandlung der Akten, Post-, Telegraphen- und Gebührenordnung, sodann mit den vorzüglichsten Rechtsgeschäften, den VcrwaltungS- und VcrwaltungSrechtssachcn, der hypothekarischen Sicherung der Forderungen, Verfolgung privatrechtlicher Forderungen, Amortisation verlorener Wcrtbpapicre. Der zweite Theil ist der materiellen Behandlung der pfarramtlichen Geschäfte gewidmet und bespricht u. a. die Handhabung der Kirchenzuckt und -Polizei, Verwaltung des Gottesdienstes, Lehramtes, Spendunz der hl. Sakramente, wobei insbesondere die religiöse Kindererziehung zu eingehender Darstellung kommt. Treffliche Dienste dürfte der dritte Theil namentlich der jüngeren Geistlichkeit leisten durch die reichhaltige Sammlung von Formularien und Mustern für den schriftlichen Verkehr in allen nur erdenklichen amtlichen und Rechtsgeschäften. Ein sorgfältig gearbeitetes Register erleichtert den praktischen Gebrauch des dankenswerthcn BuchcS. 1. Notizen zur Geschichte von Eberfing. 16 Seiten. 2. Der Weiler Dictclhofcn. 21 S. 3. Altcr- tbnmliches von Oderding. 12 Seiten. 4. St. Jörgen und St. IaiS am Peißcnbcrg. 11 S. 5. Das Kirchlein in Graslä. 10 S. 6r. So lauten die Titel der 5 historischen Abhandlungen, tyslche mit Ausnahme von Nr. 2 im Jahre 1885 im Weilhcimcr Tagblatt erschienen und nun hübsch brofchirt in Separatabzügen vorliegen. Sie haben sämmtliche den bochw. Herrn gcistl. Rath Schmidtner in Weilheim zum Verfasser und damit auch Anspruch auf historischen Werth. Geradezu stauncuSwerth ist der Fleiß deö um die Geschichte des Kapitels Weilheim so hoch verdienten Jubilarpricsters, der, hochbctagt und in erster Linie Seelsorger, jedes Jahr nnS mit einer Anzahl neuer Studien erfreut. ES wäre gewiß nur eine Ehrenschuld, wenn der mit dem Ehrenkreuz geschmückte Herr Verfasser zur Anerkennung seiner großen Verdienste um die vaterländische Geschichte zum vootor I,. o. promovirt würde. Freilich mag er unbekannt sein in der hohen Gelehrtenwclt, da er seine Studien nur im Weil- hcimer Tagblatte und nicht in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlichte. Und doch beruht die ganze Geschichtswissenschaft auf lokalgcschichtlichcn Arbeiten, wie der stolze Palast aus einzelnen Ziegelsteinen besteht. Martin Greifs Gesammelte Werke. II. Bd.: Dramen Erster Theil. Leipzig, C. F. Amclangs Verlag. Wir haben bereits dem ersten Band dieser trefflichen Gc- sammtansgabe das Zeugniß mitgegeben, daö unser Empfinden dem großen nationalen Dichter ausstellt. Nun löst den voll- werthigen Lyriker Greif der vollwcrthige Dramatiker, zunächst mit seinem älteren Schaffen, mit den Dramen Ccrsiz Ulseldt, Nero, Marine» Falieri, Prinz Eugen, Franccsca da Nimini und Liebe über Altes, ab, die alle auch in der billigen Lieferungsausgabe zu beziehen find. Es wäre die Pflicht unserer deutschen Bühnen, eine Ehrenpflicht vorab der bayerischen, einem so lange verkannten edlen Dichter wie Martin Greif endlich ausgiebige Genugthuung zu gewahren; das ist die einzige entsprechende Kritik von Dramen, die tief im Menschheitswcscn schöpfen und die Probe auf ihre Wirksamkeit zum Theil schon glänzend bestanden habe». Greif erweist sich auch in den Dramen stets als einen Dichter, der auf dem Boden christlicher Weltanschauung steht: sein gewaltiger „Nero", auch geschichtlich und archäologisch betrachtet ein Meisterwerk, endigt aus in den begeisterten und begeisternden Glauben: „Erbarme Gott sich Dein: die Liebe herrscht!" Wir freuen nnS auf den dritten Band, der die nationalen Dramen bringen wird. Dr. 6. L. ÜI. Tbumb Alb.. Handbuch der neugriechischen Volkssprache: Grammatik, Texte, Glossar. 8". XVI-s-2-40 SS. Straßburg, K. I. Trübncr 1895. M. 6.00. ll. An neugriechischen Grammatiken ist kein Mangel; meist aber behandeln sie nur die Litcratursprache, welche mit der alt- griechischen fast zusammenfällt, und wenn die Volkssprache Berücksichtigung findet, geschieht eö nicht in sclbststäudigcr Weise, sondern nur nebenbei als Anhang oder in dürftigen Bemerkungen. Beide Sprachgestalkcn gleichmäßig zu behandeln ist noch am besten dein Buche von Miiiotakis, sowie der neuesten Grammatik von PetrariS (Heidelberg, Groos) gelungen. Für denjenigen, der nur ein biScbcn Sprachsinn hat, ist es meist unerträglich. die unbeholfenen Redewendungen, die geschwätzige Unzulänglichkeit der philologisch ungeschickten Verfasser von sogenannten „praktischen" Grammatiken zu kosten. Da ist Thumbs Buch eine wahre Wohlthat. Er hat zum ersten Mal die neugriechische Volkssprache systematisch und wissenschaftlich zu sclbst- ständigcr Darstellung gebracht, also von der künstlichen Literatursprache losgetrennt und in ihrer eigenen Beleuchtung, nack ihren eigenen Gesetzen betrachtet und das ist eine höchst Verdienstreiche That. Vieles, waß man da und dort in Lehrbüchern zerstreut und am unrechten Platze lesen kann, hat der Verfasser wohlgeordnet zusammengestellt. Daö ganze Buch durchzieht der Gedanke, gleichartige Spracherschcinungcn in Gcsammtrcgeln zusammenzubringen und die Ucbersichtlichkeit, die dadurch entsteht, sticht überaus vorthcilhaft ab von der Zerfahrenheit der „praktischen" Lehrbücher, die meist darin eine große Virtuosität besitzen, Zusammengehöriges auseinander zu reißen. ThumbS Lehrbuch darf sich der Beachtung jedes denkenden Sprachbcflissenen versichert halten. Dem theoretischen Theile folgt eine reichhaltige Auswahl aus der griechischen Nolkslitcratur und ein genaues Wörterverzeichnis;. Die Ausstattung ist ganz vorzüglich. Wenn der Sinn für solide, philologische Behandlung der Grammatik gleichen Schritt hält mit dem Interesse, das man gegenwärtig dem Gricchenvolk und seiner Sprache entgegenbringt, dann wird dem vorzüglichen, in seiner Art einzigen Lehrbuch von Thnmb bald eine neue Auslage nöthig werden. Wir zweifeln nicht, daß Jedem, der dies Buch durchstudirt, derselbe freudige Genuß erwächst, den uuö die Durchsicht dieses ausgezeichneten Werkes gewährte. 143 Morawsky S., Echo der russischen Umgangssprache, mit Specialwörterbuch von H. Sack. 8°. 120 -tz- 72 SS. Leipzig, Rud. Giegler. M. 3,60. Noch haben wir die Zeit nicht ganz überwunden, da man geneigt ist, einen Jeden, der Russisch studirt, mit theil- nehmendem Achselzucken als Sonderling zu betrachten. Ja selbst „gebildet" sein wollende Leute sind vielfach so unverständig. die russische Sprache für das rohe Idiom eines halb barbarischen Volkes zu halten, nicht werth Zeit und Mühe darauf zu verschwenden. Das ist ein großer Irrthum. Ist schon die Literatur dieses Volkes weit reicher, alö mancher westeuropäische Hochträber nur ahnt, so zeigt besonders die Sprache einen edlen, krystallenen Bau und einen Formenreichtbum, der sich getrost neben den klassischen und germanischen Sprachen sehen lassen kann, abgesehen davon, daß das Studium des Russischen auch von Tag zu Tag an praktischer Bedeutung gewinnt. Sind die Elemente der Grammatik, etwa nach dem vortrefflichen Lehrbuch von Moser (Hannover. Habn, M. 5,50 mit Schlüssel) überwunden, so eignet sich zur Einführung in die Umgangssprache kaum ein anderes HilsSmittel besser, als obiges „Echo", daS eine Reihe von wirklich dem Leben entnommenen Gesprächen in zusammenhängender Unterhaltung bietet. Der Text ist mit Acccntzeichcn versehen, was bei der schwierigen, beweglichen Betonung im Russischen für Anfänger absolut nothwendig ist, aber in vielen Büchern (z. B. in dem dickleibigen Conversationsbuch von Fuchs-Stuttgart, Reff) unbegreiflicher Weise vernachlässigt wird. Gieglers Echo-Ausgaben ziehen wir allen ähnlichen Arbeiten vor, da sie durch den Mangel einer nebenstehenden Uebcrsetzung den Schüler zur Selbstthätigkeit zwingen und ihm doch durch das genaue Wörterbuch alle etwaigen Schwierigkeiten lösen. Allen Sprachbcflissenen empfehlen wir also dieses russische „Echo" ebenso nachdrücklich, wie die früher erschienenen, darunter besonders das neugriechische, spanische, italienische und französische. Die Ausstattung ist sehr sauber und der Preis nicht zu hoch. Unterweisungen über die christliche Verkommenheit. Von ?. Bürger. Priester der Gesellschaft Jesu. Freibnrg, Herder. Ungcb. 4 M. 60 Ps., geb. 6 M. I-. An aScetischen Schriften, Büchern, wie Traktätlein von minderer Qualität ist unsere Zeit wahrhaftig nicht arm; um so freudiger begrüßen wir ein Werk, wie vorgenanntes, das auf einer gesunden Dogmatik süßt. Eine AScetik, der nicht daS christliche Dogma zu Grunde gelegt ist, hat keine Bedeutung. — Verfasser schließt sich wohl in seiner Darstellung der christlichen Vollkommenbeir au die Lebre des hl. Thomas an; aber er befolgt auch dabei — die Unterweisungen sind hervorgegangen aus Verträgen, die er bei verschiedenen Gelegenheiten hielt — das Wort des göttlichen Heilands, daß jeder Lehrer einem Hans- vater gleichen soll, der aus seinem Schatze altes und neues hervorbringt. (Matth. 13,52.) Nach der Darstellung des übernatürlichen Lebens und seiner Vollkommenheit in der Welt wie im Ordensstande werden die beiden Grundbedingungen und Hauptmittel für die christliche Vollkommenheit, Gnade und Wille einerseits, Gebet und Selbstverleugnung andererseits, behandelt, und hieran reibt sich der Unterricht über die göttlichen Tugenden und die sogenannten Kardinaltugenden. Die Früchte des Strebens nach Vollkommenheit, Gerechtigkeit, Friede, Freude, bilden den Schluß der Unterweisungen. Wir zweifeln nicht, daß daS Werk gar manchen Priestern und Ordensleutcn, welchen die Leitung geistlicher Personen obliegt, sehr willkommen sein wird. _ Das soeben erschienene Maiheft von „Alte und Neue Welt" beginnt einen neuen in England spielenden Original- Nsoman „Als die Rosen wieder blühten" von der bestbekannten Schriftstellerin Josephiue Flach; enthält eine ausgezeichnete Novelle „Letzte Bilanz" von Ad. Jos. Küppers, dem Dichter der „Edeltrude"; eine reizende Erzählung „Oberon u. Titania" von Fr. v. Minra; und eine ergreifende kleine novellistische Skizze „Abendläuten" von A. Wcnk. Der unterhaltende Theil ist also so reich und dabei so gediegen, wie es der anspruchsvollste Leser nicht besser wünschen mag. An Studien und Schilderungen begegnen wir einem Aufsatz über „DaS Mahdireich im Sudan. Seine Entstehung und sein Fortbestand," von Karl Muth; einer in den Kreisen der Vogel- freunde sicher gut aufgenommenen Abhandlung über die Ablichtung der Stubcnvögel von Walter Kleeberg; und einem mit Ortginal-Tuschzeichnungen geschmückten Aufsatz über das kaiserliche Lustschloß Schönbrunn von E. v. Dombrowski. Dem herrlichen Bildniß der edlen Vittoria Colouna von dem französischen Maler Lefövre ist ein Charakterbild der Freundin Michelangelos von Ncdeatis beigegeben. Dein neuerwählten Stistsabte von Maria Einsiedeln, ?. Kolumban Brugger, 0. 8. v., widmet k. Raymuud Netzhammer einen biographischen Artikel, der von dem wissenschaftlichen Streben unserer Ordensleute lautes Zeugniß gibt und speciell in der Person des neuen Abtes uns mit einer Mönchsgestalt des ausgehenden Jahrhunderts bekannt macht, der gegenüber das dumme Geschwätz unserer Gegner von der „scholastischen Nückständigkeit" der wissenschaftlichen Bestrebungen der Ordenöleute wie wesenloser Rauch aufgeht. Kurz dies Machest, in dem selbstverständlich zur Freude jedes katholischen Herzens auch der Maieuköuigin in Wort und Bild der schuldige Tribut gezollt wird, bietet wiederum eine Fülle sittenreiner Unterhaltung, gediegener Belehrung und wirklicher Erbauung, so daß wir nur wünschen mögen, jeder christliche, für das Wohl seiner ihm anvertrauten Familienglieder bedachte Vater würde die kleine monatliche Ausgabe von 50 Pfg. (25 Kreuzern, 60 Cts.) nicht scheuen und die stattlichen Hefte zur Familienlektüre halten. Die Kunst aus unsern Fehlern Nutzen zu ziehen. Nach dem heil. Franz von Sales. Von I?. Joseph Tissot, Gencraloberer der Missionäre vom heil. Franz v. Sales. Mit vielen Empfehlungen kirchlicher Würdenträger. Mainz. Kirchheim, 1896. 8. (XV u. 18? S.) M. 1,-. geb. M. 1,50. k. Tissot, der Verfasser dieses Büchleins, hat sich treulich an die Lehren des unvergleichlichen ascetischcu Führers, des hl. Franz v. Sales gehalten. Der Verfasser lenkt die Aufmerksamkeit hin auf einen höchst wichtigen und leider allzuwcnig beachteten Punkt des christlichen Lebens. Wer nach einem begangenen Fehler nur einige Zeilen dieses WerkchenS betrachtet, der findet darin mit Gottes Gnade eine Stütze, sich wieder zu erheben. _ Archiv für christliche Kunst. Jahrg. 1896,'Nr. 1—4. Dctzel, Die alten Wandgemälde im Chöre der Pfarrkirche zu Ehestesten. Frühgoihischer Bildercyklus aus oem Leben Mariens und der Passion Christi. — Schön Th., Zur Ban- geschichte der Karthause Güterstein. —Bach M., Ueber Künstler- inschriften an Altarwerken. Hält gegenüber BuSl die Existenz eines Bildhauers Schramm für uuerwiesen und die Inschrift, auf welche sich die gcgcntheilige Ansicht stützt, für apokryph, weil sie gegen die spatmitlelaltcrlichc Sitte die Namen zweier verschiedener Künstler (eines Bildschnitzers und eines Malers) mittheile. — Nueß. Die Baugeschichte der Klosterkirche von Schusscnried. Romanische Anlage, gothische Zubauten, Ausschmückung in Rokoko durch Joh. Zick, Hofmaler in München, 1745. — Pfeiffer Dr. B„ ein berühmter Niederländer in Württemberg. Die von Caspar de Crayer genialten Altarbilder zu Wolfegg, Uutercsscndorf und Amberg (i. d. Oberpfalz) sind zurückzuführen auf Bestellung durch Max Willib. Truchseß von Walbburg und seine Gemahlin, eine geborne von Arenberg, deren Haus in Brüssel rcsidirte. — Die neue Kirche in Lauterbach. Ein dreischiffigcr romanischer Bau mit Raum für 2500 Personen; Kosten 109.000 M. — Die kirchliche Kunst in ihren Beziehungen zum geistlichen Schauspiel. Beachtcns- werthe Besprechung über vr. P. Webers bekannte Studie: Geistliches Schauspiel und kirchliche Kunst in ihrem Verhältniß erläutert au einer Ikonographie der Kirche und Synagoge. — Bach M., Mittelalterliche Holzskulpturcn anö Oberschwaben im bayerischen Nationalmuseum. Besprechung von drei gothischen Figuren. _ 6 aoremoniale für Priester, Leviten u. Ministranten zu den gewöhnlichen liturgischen Diensten von vr. Andr. Schmid, Direktor des Gcorgianums in München, o. ö. Uuiversitätsprosessor, erzbischöfl. geistl. Rath. Kempte», Kösel 1896. V. Schon vor vielen Jahren ließ der Verfasser für seine Alumnen ein autographirtes Büchlein erscheinen, welches die Dienste der wiuistri saeri ziemlich eingehend behandelt. Hier haben wir nun dieses bescheidene Schristchen bedeutend erweitert und mit Illustrationen versehen vor uns. Schon der Name des Verfassers bürgt dafür, daß wir mit diesem Buche einen verlässigcn Wegweiser im bl. Dienste am Altare erhalten, der jedem jüngeren und älteren Priester aufS Wärmste empfohlen werden kann. Abgesehen von der Genauigkeit, mit welcher die Rubriken der hl. Kirche dargestellt werden, gibt der Veiiasser soviele praktische Winke, selbst für scheinbar unbedeutende Dinge (z. B. x. 240), daß jeder Liturge ihm nur dankbar sein kann. Auffallend finden wir, daß der Verfasser das Tragen des Birrets bei Exorcismen als unstatthaft hinstellt, während doch 144 Thalhofer in seinem Handbuch der Liturgik (1883 I. p. 627) ausdrücklich schreibt: „Auch bei den Exorcismen zur Wasserweihe bedeckt der Priester gleich dem Bischof süglich daS Haupt, entblößt kS aber bei der folgenden Oration." Die afrikanischen Missionen sind eine höchst wichtige Sache, welche den deutschen Katholiken ebenso sehr am Herzen liegen muß, wie daS Wiederaufblühen deö GlaubenslebeuS im Mutterlande. Da wir nun einmal in Afrika Kolonien besitzen, ist es auch unsere Pflicht, zu sorgen, daß dort, im schwarzen Deutschland, der katholische Glaube ausgebreitet werde. Den Eifer der deutschen Katholiken für das so eminent wichtige Werk der Christianisiruug und Civilisation des dunklen Erdtheils anzuregen und stets wach und opfer- tmllig zu erhalten, ist der löbliche Zweck, den die illustrirte Afrika-Missious-Zeitschrift „Gott will es!", das oificielle Organ des Asrika-Vereins deutscher Katholiken (Verlag von A. Niffarth in M.-Gladbach), verfolgt. Die sehr interessante, gediegene und mit prächtigen Bildern aus Afrika geschmückte Zeitschrift sei deshalb allen Katholiken bestens empfohlen. Preis Pro Halbjahr (6 Hefte ü 32 Seiten) Mark 1.-. Katholische Warte. XII. Jahrg. Illustrirte Monatsschrift zur Unterhaltung und Belehrung. Preis pro Heft 15 kr. (25 Pf.) Zum zwölften Male tritt die heimische Zeitschrift ihre Fahrt in die Welt an und zeigt bereits im I. Hefte, daß Verlag und Redaction bestrebt sind, das Familienblatt immer besser zu gestalten. Unter den Mitarbeitern finden sich Namen von gutem Klang, wie: Josef Seebcr, Joscfiue Flach, Antonie Haupt, Franz Alfred Muth, k. Pl. Theiler, H. S- Nehm, vr. H. L-am- son, M. A. Zaubzer n. a. Treffliche Bilder zieren das Heft und ist eS gewiß verdient, wenn das salzburaische Diöcesan- Verordnungsblatt 1896 Nr. II der „Kathol. Warte" die empfehlenden Worte widmet: „Der Inhalt der 11 Jahrgänge ist durchwegs vom katholische» Geiste durchweht und kann die Zeitschrift sowohl dem Inhalte wie der Ausstattung nach für christliche Familien bestens empfohlen werden. Der hochw. Klerus möge nicht ermangeln, diese gediegene und dazu wahrhaft billige Zeitschrift christlichen Familien zu empfehlen." Möchte diese oberhirtliche Anerkennung nicht ungehört verhallen! Nepertorium der Pädagogik. Herausgegeben von Oberlehrer I. B. Schubert. Verlag der I. Ebner'schen Buchhandlung in Ulm- (Preis 5 Mark 10 Pfg. für 12 Monatshefte.) Das 6. Heft des 50. Jahrganges enthält u. A.: Ueber die Faulheit. Ein psychologischer Versuch von Dr. Karl Andrea. (Schluß.) — Der Königbauer'schc Rcformvorschlag im Lichte der rcvolutionistischen Pädagogik. Von K. Otto. — Erwiderung auf die Kritik Otto'ö. Von I. Königbauer, kgl. Seminar- inspektor in Lauingen. — Weltsprachen. Von K. A. Geil, Lehrer in Großrohrhcim (Hessen). — Joseph Fischer, k. Seminar- lehrer in Lauingen ch. Vorbeugungs- und Verhaltungsmaßregeln bei Diphtheritis von Dr. wecl. Ad. Thiele, Kappcl- Cbemnitz. Verlag Scitz L Schauer, München. Preis 50 Pfg. Der Verfasser erhielt nach Veröffentlichung eines Theiles dieser Schrift von Seiten zahlreicher Behörden und Aerzte Zuschritten, auf Grund deren er sich entschloß, seine einfachen, erprobten Maßregeln zur Verhütung der mörderischen Krankheit in Broschürcnform herauszugeben. Neues Handbüchlein für tägliche Besucher des Aller heiligsten. Von dem Verfasser der L.vis spiritnels. (Ä. von Hoffclizc.) 4. Auflage. Mit bischöfl. Approbation. Mainz, Kirchhcim, 1896. 8. (VIII u. 328 S.) 90 Pr., geb. M. 1,20 u. M. 1,80. Das vorliegende Büchlein enthält zweimal 33 Besuche des hl. Sakramentes, welche der geistvollen Verfasserin Gelegenheit geben, die unermeßliche Liebe Christi in diesem Geheimnisse nach allen Seiten bin im hellsten Lichte leuchten zu lassen. Das in edelster Sprache geschriebene und höchst gelungene ins Deutsche übersetzte Büchlein lehnt sich genau an die Besuch- nngen deö hl. Alphons an. Von dem beliebten illustrirtcn Familienblatt „Die katholische Welt" gingen uns Heft 4, 5 und 6 zu. Sie enthalten u. And. eine ausführliche Biographie deö hochfeligcn CardinalS Welchers, Aufsätze über Armenien und Transvaal mit zahlreichen sehr schönen Abbildungen. Auch den Humoresken ist ein weiter Spielraum angewiesen. Die zahlreichen illustrirlen Humoresken sind allerliebst, während die weiblichen Handarbeiten in jedem Hefte durch eine Fülle geschmackvoller Muster stets neue Anregung erhalten, und die Beilage „Der Hausfreund" zahlreiche praktische Recepte für alle Bedürfnisse des täglichen Lebens bringt. — Probehefte versendet gratis und srauco die Verlagshandlung A. Niffarth, M.Gladbach. Kunst-Stil-Unterscheidung. 2. Auflage. München 1896, G. Franz'sche Hofbuchhaudlung. M. 1,20. Wer ohne Studium — in wenigen Stunden die Grundzüge aller wichtigen Stilartcn (voin alt-ägyptischen Stile bis zur Gegenwart) kennen und unterscheiden lernen will, dem sei die oben genannte, von dem Kunstmaler und Bildhauer Haus Sebastian Schneid verfaßte und mit 200 instructiven Illustrationen ausgestattete Broschüre, wärmstenS empfohlen. Vorzügliche Gutachten namhafter Künstler und Kuustzeit- schriftcn bürgen für die Trefflichkeit des Werkchens. Die heilige Familie. Jeden Monat 1 Heft, 16—32 S- starr, mit Bildern. Preis jährlich M. 1,—, mit Zusendung der einzelnen Hefte durch die Post M. 1,40. IV. Jahrgang. Verlag und Erpcditiou der Monatschrift „Die hl. Familie" in Freising. Inhalt des 3. HcfteS: Gruß an Nazareth. St. Joseph und die hl. Kommunion. Kinder, ehret und liebet eure Eltern! Vom Trinken und Fasten. KoSciusto und der Sattler. Die Zuchtruthc. Da hat Gott gerichtet. AuS Münchberg. Dasaläs 6., Oomxenäio äs Ksogralia. 8° xx. VlII -j- 270 oon 60 grab VribnrZ'o äs Itrisg-. Herder 1895. 3.— Fr Die vortreffliche Herder'sche Verlagsbuchhandlung in Frei- burg (BreiSgau) macht sich auch um Verbreitung guter spanischer Litteratur hervorragend verdient. Ihren zahlreichen Publiationen dieser Sparte hat sie neuerdings ein mit dem Bildniß des Christoph Columbus geschmücktes, sehr brauchbares Handbuch der Geographie beigesellt, welches selbst denen, die kein- sachliche Erweiterung ihrer Kenntnisse daraus zu entnehmen gedenken, immerhin eine willkommene Uebung in spanischer Lektüre bieten kann. Die Ausstattung ist bei sehr billigem Preise ganz vorzüglich, auch die 60 Abbildungen und 4 Landkärtchen sind hübsch und sauber ausgeführt. Amerika ist in dein schmucken, ansprechenden Büchlein selbstverständlich besonders berücksichtigt, und siebt auch an erster Stelle nach der Einleitung (S. 1—2ö). welche in kurzen Zügen das Wichtigste aus der'physikalischen Geographie bringt. Liebhabern der wohllautenden spanischen Sprache können wir das Werkchen zur leichten und angenehmen Lektüre nur empfehlen. „Kreuz und Schwert" im Kampfe gegen Sklaverei und Heidcnthum. Missions- und Unterhaltungsblatt für daS kath. Volk. (Münster i. W., Walter Helmes. Preis im Jnlaude u. Oesterreich Halbjährlich 75 Pf. per Post u. Buchhandel, 90 Pf. portofrei; im AuSlande 1,20 M.) Diese Zeitschrift ist seit Januar von 12,000 auf 20,000 Exemplare gestiegen, gewiß ein Zeichen, daß sie den Wünschen der Leser gerecht wird. Inhalt deö Märzheftes: Gottes Segen. — Anfänge der Sambesi-Mission im 16. Jahrhundert (Fortsetzung). — Plaudereien aus Kamerun. — Aus der Mission in der deutschen Südscc. — Von Sansibar zum Kilimaudscharo (Fortsetzung). — Wie die Neger telegraphiren. — Brief eines jungen deutschen Arztes aus dem Kaplande. — Die Tochter deS Sklavenhändlers von Sansibar (Fortsetzung). — Kleine Nachrichten. — Afrika-Verein deutscher Katholiken. — Quittungen über eingegangene Gaben. — Sprachrohr. — Büchcrschau. — Illustrationen: Negerdors am Matschame. — Krieger vo» Matschame. i —- Veranttv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck ».Verlag des Lit. Instituts von Haas LGrabherr in Augsburg. ttl'. 19 8. Wi 1896. Johann Adam Möhler. Ein Gedenkblatt zu seinem hundertjährigen Geburtstag (6. Mai) von A. G. Motto: „Ist nur einmal die Kirche befestigt und in recht weilen Kreisen eingedrungen, dann kann die Monarchie nicht sinken." Möhler. „Uemmissö g'uvat.", die Erinnerung ist von Nutzen, die Erinnerung sowohl an große Begebenheiten der Vorzeit, als auch an große Männer. Das laufende Jahr beweist klar und deutlich, daß der Deutsche sich gern und freudig an große Begebenheiten erinnert, wurden ja in den Blättern aller Parteien und aller Schattirungen die Kriegsthaten vor 25 Jahren wieder aufgefrischt, mitunter sogar nach unserer unmaßgeblichen Ansicht breiter und weitschweifiger, als nöthig gewesen wäre. An dem Andenken großer Männer der Vergangenheit frischt sich der Geist auf, und abgesehen davon, verlangt es die Dankbarkeit der Nachwelt, sich ihrer stets zu erinnern, denn sie haben nicht nur gearbeitet und gewirkt für ihre Zeit, für die Mitwelt, sondern auch für die Nachwelt. Die Wahrheit dieser kurzen Worte vorausgesetzt, und niemand wird sie in Zweifel ziehen, bedarf es des weiteren sicher keines Beweises, daß der Mann, dem wir nachstehende Zeilen widmen wollen» Johann Adam Möhler, der Regenerator neuen christlichen Lebens und Wirkens, der Regenerator der christlichen Wissenschaft, ganz und gar würdig ist, in seinem Andenken aufgefrischt zu werden, zumal er ja gerade in Süddeutschlaud, speciell in der Hauptstadt Bayerns, wirkte und lebte und leider allzu früh mit Tod abging. Verkannt oft im Leben, wurde er, wie so viele, erst dann recht erkannt und gefeiert, als der Todesengel an ihn herantrat, erst dann, als der Todesengel ihm die Augen zum zeitlich steten Schlummer schloß. Die Wiege von Johann Adam Möhler stand in dem wunderschönen, rebenumkränzten Orte Jgersheim bei Mergentheim in Württemberg, wo er am 6. Mai 1796 das Licht der Welt erblickte als der Sohn eines ver- möglichen Wirthes, der zugleich auch Ortsvorstand der Gemeinde war. Der Knabe, aufgeweckt und talentirt, wollte studiren, wozu dem Vater auch gute Bekannte riethen, letzterer aber wollte aus einem sehr primitiven Grunde nicht darauf eingehen. Er betrieb nämlich auch eine Bäckerei, zu welchem Geschäfte der junge Sohn sehr bald herbeigezogen wurde und dasselbe auch aus dem Fundament verstand. „Wer soll denn dann die guten Brödchen backen, wenn du studirst?" lautete der Einwand des Vaters; der Sohn aber machte dem Vater einen genialen Vorschlag, indem er erklärte, er werde so bald aufstehen, daß er zuerst noch backen und dann als Student nach Mergentheim gehen könne Tag für Tag. Dies zog, Möhler war Brödchenbäcker und Student in Mergentheim. Obwohl auf diese Weise etwas spät zum Studiren gekommen, machte er in Folge seiner Talente derartige gute und zugleich schnelle Fortschritte, daß er im Jahre 1813, im achtzehnten seines Lebens, schon an das kgl. Lyceum zu Ellwangen übertreten konnte, wo er trotz Ueberspringens einer Klasse in den meisten Fächern den ersten Platz behauptete, nur in der griechischen Sprache den vierten, freilich eine natnrnothwendige Folge des schnellen Durchgangs durch die niederen Klassen. Zwei Jahre studirte er in Ellwangen Theologie und kam im Jahre 1817, als die Anstalt von Ellwangen nach Tübingen verlegt wurde, nach der letzten Universitätsstadt. Die Theologie wurde damals noch etwas lax betrieben, so daß es nicht zu verwundern ist, wenn gemeldet wird, daß Möhler kraft seiner tiefen Anlagen und seines ein- und durchdringenden Geistes die Docenten des öfteren interpcllirte. Das studentische Leben wurde nach den Berichten der Zeitgenossen damals auch jedenfalls zu bunt getrieben, auch von den Stndirenden der Theologie, so daß man recht oft den theologischen Geist nicht einmal mit der Laterne des Diogenes zu finden vermochte. Oft kam es über diese herrschenden Zustände zwischen Möhler und seinen Mitfreunden zu heftigen Auseinandersetzungen, denn Möhler war und blieb streng in seinen Sitten, wie er denn auch in Tübingen von den drei Studien- und Sitienpreisen stets den ersten erhielt. Im Spätjahr 1818 kam Möhler in das Klerikal- seminar zu Noitenburg. Klerikales Leben war damals auch hier noch nicht besonders entwickelt, das Brevier wurde deutsch vorgelesen, die Meditationen waren Privat- sache, das theologische Studium trieb jeder gerade nach seinem Geschmack, im nahen Baden entstand der Cölibats- streit, der feine trüben Schatten weithin, auch in das Seminar zu Noitenburg, warf, wo pro und contra de- battirt wurde; kurz, der Alumne mußte stark sein, um nicht nach verschiedenen Seiten hin zu straucheln oder gar zu fallen; Möhler blieb stark und wurde im September des folgenden Jahres mit noch acht Alumnen durch den Generalvikar v. Keller zum Priester geweiht. In der praktischen Seelsorge wirkte der neue Priester nur ein Jahr, nämlich als HilfSpriester in Weilderstadt bei Stuttgart und in dem Oberamtsstädtchen Niedltngen an der Donau. Sein Principal in letzterem Stndichen stellte ihm betreffs seines Lebens und Wirkens ein glänzendes Zeugniß aus. Es wird darin gerühmt sein heiliger Ernst in allen seinen Verrichtungen, sein stets würdiges Benehmen, wodurch er die Liebe und Verehrung der ganzen Gemeinde, insbesondere der kleinen Schüler, deren Katechet er war, in ausgezeichneter Weise sich erwarb. Seine Predigten waren stets gemüthvoll, sein Wesen ganz und gar demüthig. Im Oktober 1820 kam er als Präparand in das Mit dem Wilhelmsstift verbundene Vorbereitungsinstitut zum Gymuasial-Lehramte nach Tübingen und war dort als solcher und als Repetent zwei Jahre. Er widmete sich hauptsächlich mit größtem Eifer und Erfolge dem Studium der altklasstschen Sprachen und dem der Literatur, während er als Repetent sehr fleißig Nepetitionen anstellte und die Disputationen mit größtem Geschick leitete. Nachdem im Jahre 1822 Professor Dresch einen Ruf nach Landshut angenommen hatte und dadurch der Lehr- stuhl der Kirchengeschichte an der katholisch-theologischen Fakultät in Tübingen frei geworden war, wurde der junge Repetent Möhler nach dem Antrag der Fakultät als Privatdocent mit einem Gehalt von 800 Gulden am 8. September zu dessen Nachfolger ernannt. Zugleich wurde gewünscht und gewährt, daß er noch vor dem Antritt seines Amtes eine ltterarische Reise mit Staatsunterstützung antrete. Sofort reiste er ab und besuchte der Reihe nach die berühmtesten Universitäten siowohl in Nord- als Süddeutschland, Göttingen, Berlin, Laudshut, Prag, Wien u. a., und lernte dabei sowohl die damaligen Celebritäten dieser Hochschulen, als auch den Stand der Wissenschaft in der Nähe kennen. Mit manchem Professor blieb er die Zeit seines Lebens in stetem Briefwechsel. Zurückgekehrt nach Tübingen, begann er seine Vorlesungen im Sommersemester 1823 über Kirchengeschichte, Patrologie und zum Theil auch über Kirchenrccht. Die größere Erstlingsschrift, die er herausgab, ist „die Einheit in der Kirche, oder das Princip des Katholicismus". Die Schrift kennzeichnet sowohl den großen Geist, als das tiefe Gemüth ihres Verfassers, obwohl manches in derselben enthalten ist, was er selbst später nicht mehr billigte. Er schrieb in dieser Beziehung an seinen Freund Joseph Lipp, den nachherigen Bischof von Rottenburg: „Ich werde ungern daran erinnert, eS ist die Arbeit einer begeisterten Jugend, die es mit Gott, Kirche und Welt redlich meinte, aber Manches, waS darin steht, könnte ich jetzt nicht mehr vertreten; es ist nicht alles gehörig verdaut und bündig dargestellt." Die kirchliche Wissenschaft war auf ihn jetzt aufmerksam geworden, es folgten Berufungen nach Frei- burg, Breslau, für den jugendlichen Gelehrten sehr verlockend, er schlug sie aus, blieb in Tübingen, wo er bald zum außerordentlichen beziehungsweise ordentlichen Professor der Theologie vorrückte. Die preußische Regierung wollte Möhler in Bonn haben, und er war nicht abgeneigt, diesem Rufe zu folgen. Der damalige Erzbischof von Köln, Graf Spiegel, aber verhinderte die Berufung beziehungsweise die Annahme derselben durch Möhler. Hermes hatte nämlich mehrere Sätze in der genannten Schrift Mahlers „Die Einheit in der Kirche" als nicht kirchlich bezeichnet. Der Erzbischof verlangte nun die Zurücknahme dieser Schrift, Möhler aber verweigerte jeden förmlichen Widerruf und blieb, wo er war. Dieses Vorgehen und Verlangen des Erzbischofs muß jedem sonderbar erscheinen. Wollte er katholischer sein, als Möhler? oder wollte er Möhler nicht, weil am Ende er katholischer war, als der Erzbischof mitsammt Hermes? Daß letzterer die Verstöße gegen die Kirche in der Schrift Möhlers fand, beweist einfach die uralte Wahrheit des Satzes: „Du siehst den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken im eigenen Auge aber siehst du nicht". Wir haben keine Kirchengeschichte der damaligen Zeit zu schreiben und bemerken aä stoo nur das Eine, daß ja Hermes stlbst den bekannten Satz aufstellte: „xar iirtalleetum rrä ücieiu", mit welchem Erfolg, ist jedem bekannt. Und kannte denn der Erzbischof das alsbald folgende Werk Möhlers nicht: „Athanasius der Große und die Kirche seiner Zeit" ?, kannte er nicht dessen epochemachendes Werk „Symbolik", das doch alle Zweifel an der ächt kirchlichen Gesinnung Möhlers verscheuchen mußte? Kurz, wir glauben, der Erzbischof wollte den für seine Kirche begeisterten jungen Theologen nicht, vielleicht, weil ihn eben Hermes nicht wollte, und für Möhler selbst war dies recht gut, der Himmel fügte es wohl so, denn er wäre mitten in Streitigkeiten hinein versetzt worden, die seiner Natur absolut nicht gepaßt hätten, die aber auch für seinen Gesundheitszustand, der nie der beste war, sicher sehr schädlich gewesen wären. Später, um dies sofort hier noch anzufügen, bot ihm die preußische Regierung eine Domherrnstelle in Köln an und zugleich, wenn er es wünsche, eine Professur, aber er schlug auch diesen glänzenden Ruf aus. Es würde unsere Aufgabe weit übersteigen, wenn wir die vielen kleineren Werke und Schriften Möhlers aufzählen und einer Kritik unterziehen wollten, die sehr vielen Abhandlungen in verschiedenen Zeitschriften anführen würden, allein der eben genannten beiden Werke muß auch hier Erwähnung geschehen. In seinem „Athanasius" ist ein ungemein großer Reichthum dogmatischer, kirchen- historischer und patristischer Forschungen niedergelegt, und gerade diese Arbeit hat Möhler zu seinem größten Werke den Impuls gegeben, zu seiner „Symbolik oder Darstellung der dogmatischen Gegensätze der Katholiken und Protestanten nach ihren öffentlichen Bekenninißschriften". Er erblickte nämlich die Kirche seiner Tage dem Protestantismus gegenüber ganz in der gleichen Lage, wie die katholische Kirche des vierten Jahrhunderts dem Arianismus gegenüber. Nach langem Quellenstudium, nachdem er längere Zeit Vortrüge über diesen weitverzweigten Gegenstand gehalten, erschien die Schrift im Jahre 1832 und erlebte in den nächsten Jahren sofort mehrere Auflagen. Alzog sagt in seiner Kirchengeschichte hierüber: „Die Symbolik wirkte gleich einem elektrischen Schlag auf die Gemüther. Dieses Buch hat das katholische Glanbenssystem vergleichungsweise mit dem des Lutherthums und der reformatorischen Kirche in so gediegener und anziehender Weise dargestellt, daß die protestantischen Theologen alsbald den seitherigen Standpunkt vornehmen Jgnorirens katholischer Schriften verließen, zu zahlreichen Kritiken sich anschickten, ja an vielen Universitäten Vorlesungen über jene hielten, natürlich um das unliebsame Werk zu widerlegen." Die treffende Inschrift auf dem Grabe des allzufrüh in München verstorbenen Verfassers: „votansor üäai, iitsrarura äsous, eoolösias solaruen", verkündet nachfolgenden Geschlechtern fein hohes Verdienst um die katholische Kirche, besonders in Deutschland. Döllinger urtheilt über die „Symbolik" u. a. folgendermaßen: „Es ist das beste Buch in dieser Art, und in gewissem Sinne noch immer einzig. Seit dem Erscheinen der Symbolik von Möhler haben wir erst eine Wissenschaft der Symbolik und haben ein klassisches Buch über dieselbe. Wir haben kein protestantisches Buch, welches verdiente, als Settenstück zum Möhler- schen Werke genannt zu werden. Meine Vortrüge sollen u. a. dazu dienen, das Verständniß des Möhler'schen Werkes klar zu machen, oder auf manches hinzuweisen, was in demselben Übergängen oder nicht gehörig hervorgehoben ist." (Schluß folgt.) Die Entstehung der Kaiserchnmik. L. 8. Die sogenannte Kaiserchronik oder oronioa, wie sie sich selbst nennt — der Name Kaiserchronik rührt von Docen (1807) her — ist das erste Geschichtswerk in deutscher Sprache und nimmt daher zunächst das Interesse des Geschichtsforschers in Anspruch. Aber auch der Literarhistoriker hat Ursache, sich mit ihr eingehend zu beschäftigen, da sie eines der frühesten und obendrein umfangreichsten Erzeugnisse der mittelhochdeutschen Literaturperiode ist — sie umfaßt, die späteren Fortsetzungen nicht miteingerechnet, 17,283 Verszeilen — und wegen ihres reichen Sagen- inhalts zu den beliebtesten Unterhaltungsbüchern des Mittelalters gehörte, wie aus der großen Zahl der erhaltenen Handschriften (circa 30) und den mehrfachen Ueberarbeitungen in Vers und Prosa hervorgeht. Zudem wurde sie wegen ihrer Tendenz zum Moralisiren sogar den deutschen Nechtsbüchern, welche unter dem Namen Sachsenspiegel und Schwabenspiegel bekannt find, als 147 Einleitung und Sittenspiegel für Richter und Könige vorangeschickt. Umsomehr muß es auffallen, daß mau erst im Jahre 1849 daran dachte, diese Neimchronik dem deutschen Publikum durch Druck zugänglich zu machen. Freilich erschienen wie zur Entschädigung zu gleicher Zeit zwei Ausgaben, die beide in ihrer Art vortrefflich sind, nämlich: 1. die Ausgabe des (oom Wartburgfeste her bekannten) Jahnschülers Hans Ferdinand Maßmann *), der seiner Publikation die Heidelberger Handschrift saeo. XIII zu Grunde legte; - 2. die Ausgabe von Josef Diemer (Wien), der im Jahre 1841 eine wichtige Handschrift im Stift Voran in Steiermark entdeckt hatte (die außer der Kaiserchronik noch einige bis dahin unbekannte deutsche Gedichte des 11. und 12. Jahrhunderts enthielt) und ihr als der ältesten (saso. XII) den Vorzug gab. In neuester Zeit endlich hat Edward Schröder (Nou. Oerra. List. Deutsche Chroniken I. Bd. Hannover 1892) nicht nur einen geläuterten Text geliefert, sondern auch in einer gediegenen Einleitung neues Material zur Aufhellung der Entstehungsgeschichte der Kaiserchronik zu Tage gefördert, ohne jedoch die Frage über die Person des Autors zum völligen Abschluß zu bringen. Um die Bedeutung des genannten Reimwerkes zu ermessen, müssen wir einen Blick auf die litterarischen Zustünde im 10. und 11. Jahrhundert werfen. Nach dem kräftigen Anlauf, den die deutsche Dichtung tm Zeitalter der Karolinger genommen hatte, trat unter der Regierung der sächsischen und salischen Könige plötzlich ein Rückschlag ein. Zwar war es auch jetzt noch der Klerus, aus dem sich fast ausschließlich die Dichter re- krutirten, aber er bediente sich seit dem 10. Jahrhundert nicht mehr der deutschen, sondern der ihm geläufigeren lateinischen Sprache, welche in jener Zeit die alleinige Schrift- und Gelehrtensprache war. Demzufolge prüsen- tirte sich schon damals, wie später im Zeitalter der Humanisten, nicht nur das Heldenepos und das Kirchenlied, sondern auch die Lyrik und Spruchdichtung, ja sogar das Drama und die Thiermäre mit ihrem satirischen Beigeschmack in diesem fremdartigen Gewände, ohne daß sich jedoch die deutsche Denkart der Dichter verläugnete. Man denke nur an den oiannkortm des Ekkehard von St. Gallen, den Iluvälisbus des Frou- mund von Tegernsee, das lateinische Nibelungenlied des Priesters Konrad (aus Passau), die Sequenzen des Notker Balbulus, die xrovsrffia und den tstwaloZus des Kanzlers Wipo, die sariuing. Lurana,, die Dramen der Nonne Hrotswitha von Gandersheim und ihr carinsii äs Zsstis Oääonis, das oarmsii äs dsllo Laxornoo, die sogen, esdasis caxtivi u. a. m. Ihren Höhepunkt erreichte diese lateinische Dichtung in den Huiriiuäia, des Dichters Metellus von Tegernsee (um 1160), die an Formvollendung hinter den Werken der Neulateiner nicht zurückstehen (Nachahmung sämmtlicher Metren des Horaz und der Lusolioa, des Vergil), dem InZurinus des Mönches Guntherus von Pairis im Elsaß (einem Heldengedicht über die Thaten Barbarossa's in Italien in 6 tausend antik gebauten Hexametern) aus dem Jahre 1187, und dem Imäus äs aävsntu Lntsobristi, einem Drama, das kurz vor dem Aufbruche Barbarossa's nach dem gelobten Lande (1189) ') Quedlinburg u. Leipzig. 2 Bde. Text; ein dritter Band, der einen ungcmcin reichhaltigen Commentar bietet, erschien ebenda 1854. im Kloster Tegernsee (von dem Scholastikus WerinherS) gedichtet und aufgeführt wurde. Merkwürdiger Weise waren es nun aber die Wallfahrten nach dem Grabe Christi und die Kreuzzüge, welche eine Rückkehr zur volksthümlichen Dichtung bewirkten. Insbesondere ist eine Pilgerfahrt vom Jahre 1064/65 für die deutsche Literaturgeschichte epochemachend geworden, da die Entstehung des ersten Liedes in mittelhochdeutscher Sprache, von dem wir Kunde haben, damit zusammenhängt. Im Jahre 1065 trat nämlich der ziemlich seltene Fall ein, daß Ostern auf den 27. März traf, d. h. mit dem Kalendertag der rssurrsotio 6llristi zusammenfiel. Daher machte sich um Martini 1064 eine ungewöhnlich große Schaar von Pilgern aus Deutschland auf, um den jüngsten Tag im gelobten Lande zu erwarten. Nach der geringsten Schätzung belief sich die Menge auf 7000, nach andern sogar auf 12,000 Mann. An der Spitze derselben standen der Erzbischof Sigfried von Mainz, die Bischöfe Wilhelm von Utrecht, Otto von Negensburg und Günther von Bamberg. Von dem letzteren nun, der durch seine Hünengestalt die Bewunderung der Griechen und der Araber erregte, aber schon am 23. Juli 1065 auf der Rückreise zu Oedenburg in Ungarn starb, wird uns folgendes berichtet: „Der gute Bischof Günther von Babenberg, Der hieß machen ein viel gut Werk. Er hieß da seine Pfaffen Ein gut Lied machen. Eines Liedes sie begunden (begannen), Want (Da) sie die Buch künden (kannten). Ezzo?) begunde schreiben (dichten), Wille 2) fand die Weise (Melodie). Da er die Weise da gewann, Da eilten sie sich alle münchcn" (Mönche zu werden). *) Das in diesen Versen angedeutete Gedicht des Scho- lasticus Ezzo (der noch heute erhaltene sogen. Ezzoleich) war in deutscher Sprache abgefaßt und handelte von den Wundern Christi. Es genügt, als Probe die Schlußstrophe desselben anzuführen: „Unsre Erlösung ist gethan! Des loben wir Gott Vater all' Und loben des auch seinen Sohlt, kro nobia orueiüxum. Der dir Mensche wollte sein. Unser Urtheil (Gericht) das ist sein. Das dritte, der heilige Athem (Geist), Der soll uns auch (be)gnaden. Wir glauben, daß die Namen drei Eine wahre Gottheit sei. Also (salls) uns findet der Tod, So wird unS gelobnet. Da (wo) wir den Leib nahmen Dahin wieder (zurück) sollen wir. Amen." Damit war der Bann gebrochen, der bis dahin die deutsche Dichtung einem Dornröschen gleich in Schlaf befangen hielt, und wie bei einem Morgenconcert der Vögel erst einer zu singen anhebt, allmählig aber immer mehr einstimmen, bis ein mächtiger Chorus erschallt, in den sich zuletzt auch der freche Spatz einmischt, so begann es sich jetzt auch im deutschen Dichterhain zu regen. Gerade in der oben angeführten Vorauer Handschrift ist uns eine Reihe solcher Gesänge aus der zweiten Hälfte deS 11. Jahrhunderts und dem Anfang des 12. Jahrhunderts überliefert, deren Stoff meist aus der Bibel genommen 2) Ein Domherr aus Bamberg, der Bischof Günther auf seiner Reise nach Palästina begleitet hatte. °) Abt von Kl. Micbclsberg bei Bamberg 1032—1085. ") Des besseren Verständnisses halber haben wir die mittelhochdeutschen Verse hier und im Folgenden etwas mvdermsirt« 148 ist, so z. B. eine Genesis, eine Bearbeitung der biblischen Geschichte bis zum Falle von Jericho, ein Lob Salomonis, die drei Jünglinge im Feuerofen, eine Judith, ein Loblied auf Johannes Baptist», ein Loblied auf den heiligen Geist und die Siebenzahl (von Priester Arnold), eine Luwwa tiisoloZius, ein Lied „Die Wahrheit" betitelt u. a. m. (S. Mnllenhoff und SÄerer Denkmäler deutscher Poesie und Prosa aus dem VIII.—XII. Jahrhundert 3. Ausg. von E. Steinmeyer, Berlin 1892). Die erste größere Dichtung historischen Inhalts aber, von der wir wissen, ist das Annolied, d. i. ein Loblied auf Erzbischof Anno von Köln (gest. 1075), welches zu Zeiten des Abtes Kuno von Siegberg (1105—1126) von einem Mönche dieses (von Anno im Jahre 1064 gestifteten) Klosters, der die im Jahre 1105 erschienene vitu ^nuonis benutzte, verfaßt wurde. Eine längere Stelle dieses Liedes läßt keinen Zweifel darüber, daß der Autor desselben von Geburt ein Bayer war. Denn man höre nur, was er über die Bayern sagt (V. 293 f.): „Da sich Bayernland wider ihn (Cäsar) vermaß, Die märe (berühmte) Regensburg er besaß (belagerte). Da raub er inne Helme und Brünne (Panzer), Manchen Held guotcn, Die der Burg Humen (hüteten). Welche Knechte (Tapfere) da waren, Das ist in heidnischen Büchern kund. Da liest man -uorieus ausis- DaS (be)demct „ein Scbwerr bayrisch"; Want (denn) sie wollten wissen, Daß keine besser bissen, Die man dicke (oft) durch den Helm schlug. Dem Volk was je (immer) diese Stärke gut (eigen). Ihr Geschleckt kam dahin vor Zeilen Von Nrmenic der kehren, Wo Noe aus der Arche ging. Da er den Oelzwcig von der Taube empfing. Ihr Zeichen noch die Arche hat Auf den Bergen Ararat. Man lagt, daß in dieser Gegend noch sind Die da deutsch sprechen Gegen Judicu hin viel ferne. Bayern fuhren je (immer) zum Kampfe gerne Den Sieg, den Cäsar an ihnen gewann Mit Blut mußte er ihn (ent)gelten." So konnte nur ein Mann sprechen, der mit der bayerischen Stammsage auf's innigste vertraut war. Da nun aber außer Abt Kuno selbst, der aus Regensburg stammte, kaum ein geborner Bayer im Kloster Siegberg lebte, so wird man wohl ihn als den Dichter des Anno- licdes anzusehen haben ^), zumal der Umstand, daß diese Dichtung in Regensburg bereits um's Jahr 1130 bekannt war (s. u.), in diesem Falle eine leichte Erklärung findet, weil eben dieser Kuno im Jahre 1126 Bischof von Regensburg wurde. Derselben Nachricht, daß die Bayern aus Armenien gekommen seien, begegnen wir in der der Zeit nach zu- uächststehenden deutschen Bearbeitung des Nolandsliedes, s. V. 7787 f. (Worte Karls d. Gr.): „NaimeS °) der Weigand (Kämpe) Der zieret wohl Bciycrlaud. Gott (ge)ruhte mich noch zu bedenken, Er sandte mir ihn zum Kämpen °) Vgl. LeherS Bayerland Jahrg. 169l S. 106 f. Wahrscheinlich rührt auch die lateinische vita Lmwiiis von Kuuo her, denn in dieser werden ebenso wie im Annoliede hcivnische Autoren (Sallust) citirt. ») Wie S. Niezler (Sitzungöber. d. b. Akab. d. W. 1892) nachgewiesen hat. ist unter NaimeS jener unglückselige Griso, der Sohn der bayerischen Swanhilde, zu verstehen, der nach dem Tode Odiles Anspruch aus das bayerische Herzogthum erhob Bon den getreuen Armenien geboren. Die Bayern hab' ich selbst erkoren Zu förderlicher (außerordentlicher) Kncchtheite (Tapferkeit). Zwanzigtausend er leite (führte) Mit ihren scharfen Schwerten Solln sie den Sieg an ihnen (den Sarazenen) erhärten. Sie kaufen ihn viel sehr (theuer) Kühner Volk ward nimmermehr." Also derselbe Preis der Tapferkeit der Bayern, wie im Annolied. Aber noch mehr! Auch das wunderbare Schwert, das Neuntes führt, ist in Bayern und zwar in Regensburg geschmiedet, s. V. 1597 f. „Naimes der Bayern Weigand Führte es von Bayern. Die Urkunde (Beweis) will ich euch zeigen: Der Schmied hieß Madelger. Dasselbe Sckwcrt worchte (fertigte) er In der Stadt zu Regensburg Es ward märe (berühmt) und gut." Durch diesen Lokalpatriotismus verräth der Dichter, daß er in Regensburg schrieb, auch wenn es niemals gelingen sollte, einen Waffenschmied des Namens Madelger aus Regensburger Urkunden nachzuweisen. Auf dieselbe Gegend werden wir verwiesen, wenn er V. 846 einen Markgraf Thiepolt aufführt, wobei der zeitgenössische Leser an den mächtigen Markgraf Diepold II. von Cham und Bohburg (j- 1146) gemahnt wurde, der seinen gleichnamigen Sohn mit einer Schwester Heinrichs des Stolzen, dem das Rolandslied gewidmet ist, vermählte. In gleicher Weise wird man bei dem Namen Napoto V. 7766 an den gleichzeitigen Napoto von Niedenburg erinnert, der ebenso wie die in V. 127 und 4924 aufgeführten Edelsitze Moringen und Dachsbnrg in Regensburger Urkunden aus der Zeit des Bischofs Kuno vorkommt (s. Ried I n. 198 und o. 201)?) (Fortsetzung folgt.) Finnische Studenten in Jesuitencollegien. Von Dr. P. Wittmann in Müncher, (Fortsetzung.) Nach den bezeichneten Gewährsmännern haben tm Ganzen dreizehn Finnen an Jesuitencollegien studirt: 8 1 . In einem wahrscheinlich aus dem OoUsZIum 66ro§oriu3 Olomontis, ^iiilmulensis, ruuwrum 22, Ilnmuinsts.. Vonit 24. lun. 1578, Kuuumist». viseossit 8. LlkO 1583 Olmutium. Ikuit äeiuäs luckimugistor in IVauckolis,,- Es läßt sich daraus entnehmen, daß der Genannte zu jenen ersten sechs Jünglingen zählte, welche im Jahre 1577 von Klosterlasse (l-nureutius XorvaZus) in's OoUsgiura OarmLniauiu uach Rom gesandt wurden, und daß er dortselbst in einem Alter von 22 Jahren anlangte. Wahrscheinlich gehörte er zuvor dem von Klosterlasse geleiteten Colleg auf Niddar- (damals Gra- munke-) Holmen an. Nach einem fünfjährigen Aufenthalt in Rom siedelte er in's Olmützer Jesuitencolleg über und wurde später Lehrer tm Mecklenburgischen. 8 2 . Olaus (Marci) Sundergelt scheint von deutscher Herkunft zu sein. Sein Vater MarcuS lebte ') Vgl. Zeitschrift für deutsches Mcrthmn.27 Bde- Berlin 1883 S. 70 f. Edw. Schröder „Die Heimath des deutschen Nolandslicds." 149 Anfang der dreißiger Jahre des 16. Jahrhunderts als Schiffer zu Stockholm. Um 1550 findet man ihn in Ulfsby; vier Jahre später war er Untervogt in Helstng- fors. Zwischen 1559—1566 läßt er sich in Björneborg nachweisen. Seine Frau hieß Karin. Der circa 1551 geborne Sohn OlauS wurde lutherischer Prediger und ein erbitterter Feind der katholischen Kirche. Doch änderte er bald seine Anficht und fand 28 Jahre alt Aufnahme im Colleg zu Olmütz, wo er den 12. Oktober 1579 als „Physiker« inscribirt wurde. Nach Abschluß seiner philosophischen Studien wünschte er Theologie zu hören, was jedoch damals in Olmütz Umstände halber nicht möglich war. Dagegen erhielt er den Auftrag, eine finnische Grammatik abzufassen, damit der römische Katechismus tn seine Muttersprache übersetzt werden könne, während sein Studiengenosse, der vier Jahre ältere Schwede Petrus Cuprimontanus, mit Revision einer schwedischen Grammatik betraut wurde, die Possevino in Schweden ausarbeiten ließ (vergl. H. 0-. rüst „LnleekiünZku- om 6Q svenslr Lprairlära uiräor 16. seklst" in „Ilistoriskt Liblio- tlwlr» VI. Seite 258—269). Im Oktober 1560 von der Schule freigesprochen („mors ^.caäcvrico cslckrata 68b clcposrtüo" berichtet darüber die „Natricula ^.caäcnaias Olmucsirsis") erhielt Sundergclt bald auch die Würde eines BaccalaureuS der Philosophie und begab sich dann (1584) ins Kollegium zu Braunsberg, wo damals außer ihm noch drei Finnen und eine Anzahl Schweden lebten. Im Jahre 1590 kehrte er in sein Vaterland zurück. Später erscheint er als Pfarrer von Alt-Pernau (Livland). Von dort hat er unterm 15. Juni 1596 einem aus Schweden vertriebenen Katholiken, Magister Samuel Holger, einen Reisepaß ausgestellt, dessen Original im finnischen Staatsarchive hinterliegt?) Sundergelts spätere Lebensumstände sind z. Z. unbekannt. 8 3 - ValentinusThomä, aus Finland, trat am 20. Juni 1580 in's Kollegium zu Braunsberg ein, bezog sodann (10. März 1587) die Akademie Wilna, begab sich nachmals an den polnischen Hof und wurde dort des Königs Panegyriker. Schon frühzeitig bewies er dichterisches Talent. Dafür zeugt das lateinische Trauercarmen, welches er anläßlich des Todes der Königin Katharina von Schweden (16. Sept. 1583) als Beitrag zu eine: Sammlung „Lxicsäia" rc. lieferte. Auch in griechischer Verskirnst versuchte er sich (TeirZströlli „Oiss. cio viri8 in I'einria xcritia lit- teraruw. graccarnna claris" pa§. 6). In der Folge (1589) bot ihm die Anwesenheit König Sigismunds III. zu Wilna Gelegenheit, in die Harfe zu greifen. Er besang den Fürsten in lateinischer wie finnischer Sprache ^) und scheint sich hiedurch den Weg nach oben gebahnt zu haben. 8 4-7. Wie die „Natricula oirurium aluranoruin ab armo Oomini 1578 ustzue aä annum 1798" berichtet, wurden zu Braunsberg auch drei Finnen mit dem Geschlechtsnamen Jussoila, offenbar Brüder, aufgenommen, nämlich ein Michael, Joseph und Lorenz. Der erstgenannte starb bereits als Zögling in der An*) Leinbcrg gibt den Wortlaut desselben nach einer Abschrift des „Schwedischen ReichSarchivcS« a. a. O. S. 21 fs. 6) Beide Gedichte sind abgedruckt bei Leinberg a. a. O S. 24 u. 25. statt, während den beiden anderen längere Wirksamkeit beschieden war. Die in der „Matrikel« enthaltenen Angaben über diese Personen lauten: „Mcbael llussoila, 15. bloveinbris 1559. Luccus. 18. Rovcrabris 1582 xic mortuus in Sduinario; l-aurentius llussoila, 25. AxiMs 1586. Luecus; äiscessib Varsaviam 1588, ibi. 18), sah man damals eine himmelweite Kluft; jetzt ist das anders geworden; wir finden bei Beethoven und Haydn gerne die verwandten Züge heraus, das was sie einiget viel wehr und viel leichter als das was sie trennt. — Krach- und Kraftstellen, frappante Wendungen, auf die hin manchmal ein „Stil" behauptet wird, vermögen für sich allein nicht ein Werk dauernd im Ansehen eines Kunstwerkes zu halten, also sollten sie überhaupt bei der Prüfung einer Komposition auf ihren Kunstwerth viel weniger ins Gewicht fallen. „Als ich Kind war, redete ich wie ein Kind", dachte, fühlte, urtheilte ich wie ein Kind; jawohl, das Kind fürchtet sich, namentlich die ersten Male, vor dem Donner und beurtheilt das Gewitter bloß nach der Stärke und der Zahl der Donner- schläge; der Mann läßt sich vorn Donner viel weniger imponiren. Und was dem Kinde ein schreckliches Wetter war, der Mann hält — — das musikalische Gewitter in der Pastoralsymphonie Beethovens schon für sehr zahm, vorausgesetzt, daß ein Hektor Berlioz'scher Donnerkeil die Einheit ist, nach der die Stärke des Gewitters gemessen wird. Es kommen ja in dem Beethoven'schen Quartette harmonische Fortschrcitungen, deren Erklärung man in Fuxens 6rucku8 aä ka-rnussum vergeblich suchen wird. Aber uns fallen sie nur mehr auf, wenn wir uns ox x>rots38o damit befassen, beim bloßen flüchtigen Anhören kaum. Und dann Philosophiren wir über die alten Regeln, um die neuen Formen uns aus ihnen zu erklären und zurechtzulegen. Was dagegen den künstlerischen Werth eines Werkes betrifft, so möge es mir gestattet sein, in einer gewiß sehr freien Uebersetznng eines alten Kirchenvaters^) ein Kriterium anzugeben. uumcius oomponera äieinin3; nnäo aoinp08itoi'68 luti 6ZuIo3 voaalnrw: komponire» heißt bilden oder gestalten; wer aber bloß in Dr.. hantirt, heißt ein-"ich wage es nicht, *1 8. 6rs§., Horn. 23 in blvangelis,; zu lesen im römischen Breviere am-Ostermontag. Ich weiß recht gut, daß dort das Wort nicht auf die Musik und die musikalischen Komponisten gemünzt ist t das dreiste Wort in anständiger Gesellschaft auszusprechen. Was nun die „Gestaltung" betrifft, so ist Mendelssohns und Beethovens Quartett geradezu musterhaft zu nennen. Gewiß nicht mit Unrecht nennt Ambras irgendwo^) Mendelssohns Werke geschliffene Krystallgefäße mit goldenem Rande. Und um ein bischen bei dem Bilde von dem Krystall zu bleiben: das Beethoven'sche Quartett ist ein krystallenes Prisma, durch das der Genius seines Urhebers durchstrahlt in allerhand Farben und Brechungen; aber es sind lauter streng logische, exakt ausge- «essene, feingeschliffene Figuren, die unser Herz erfreuen, wie uns ein schön geformter menschlicher Leib erfreut, den wir — merkwürdig genug — vorab mit einem mathematischen, verstandesmäßigeu Worte belobigen: pro- portionirt; geradeso wie wir für gewisse andere Dinge, die aus Gründen unsere Bewunderung, aber nicht unser Wohlgefallen erwerben, wiederum eine sehr mathematische Bezeichnung haben: excentrisch. — Das dritte in jener Soiree vorgetragene Quartett war von Tschaikowsky, in es-moll. Ich kannte eS bisher nicht. Das ist eine fremdländische Arbeit, düster und trübe, immer Moll und kunesire. Es ist schwer auf das erstmalige Anhören hin ein Urtheil über ein solches Werk abzugeben, ein Urtheil, das nicht ungerecht ist. Aber wenn ich mich über den Eindruck aussprcchen darf, den es auf mich gemacht, so kann ich ihn zusammenfassen, indem ich von dem bekannten Horazischen Worte ausgehe: „Norr 8ati8 est, reetg. 6880 xoarautg,; äuleia, 8unio." Und dieses äuloo ist es, das mir an dem Werke zu fehlen scheint; nichts als Klage und Migräne und Weh an allen Gliedern, kaum einmal das Zeichen eines Erlösten, der sich seines Daseins freuen kann. Da lobe ich mir die russischen Quartette Beethovens: das ist ein Nussenthum, das uns zusagt; freilich ist's ein Ausländer, der sie gemacht; aber warum soll uns nicht eine Gegend, im Gemälde vorgestellt, manchmal besser gefallen, als wenn wir uns in deren leibhaftiger Wirklichkeit befinden? Ich war froh, als das Gejammer zu Ende war. Aber vielleicht bin ich ungerecht, vielleicht kommt das den Landsleuten Tschaikowsky's ganz anders vor, und es ist mein Fehler, wenn ich den Slaven mit deutschem Maßstab messe. Ich sehe schon, bis ich dazu komme, von Pariser Konzerten zu sprechen, geht es mir gerade wie im Heimath- lande: in Paris bespreche ich deutsche Konzerte; bis ich zur Besprechung des Trakaderokonzertes komme, bin ich wieder zu Hause. Also Fortsetzung vom deutschen Boden aus. Das spezifische Gewicht und seine Bedeutung für die Molekulartheorie. * *) 8. 8. In dieser Broschüre, welche bereits vor Jahresfrist erschienen ist, wird zum erstenmale der Versuch gemacht, den Unterschied zwischen spezifischem Gewicht und Dichtigkeit, zwei Begriffen, die schon ost miteinander verwechselt worden sind, genauer festzustellen. Der Gcdankengang des Verfassers ist ungefähr folgender: I. Die Erfahrung lehrt, daß die (absoluten) Gewichte der einfachen Gase den Atomgewichten derselben proportional sind. Nimmt man daher das spezifische Gewicht des Wasserstoffs — 1 an. so fallen die spezifischen Gewichte der einsachen Gase mit den Atomgewichten derselben zusammen. Was die zusammengesetzten Gase anlangt, so erhellt aus °) Bunte Blätter, über Hektor Bcrlioz. *) Druck von I. und K. Mahr in Stadtamhof (bei Ne- genöburg). 152 Wägungeu, baß das spezifische Gewicht der Säuren, Basen, Alkohole, Aetbcr den halben, das der Salze dagegen den vierten Theil der Snnnne der Atomgewichte der verbundenen Elemente ausmacht.**) II. Anders verhält cS sich mit der Dichtigkeit der Gase. Berücksichtigen wir nämlich den bekannten Sah von Avogadro, wonach alle Gase bei gleicher Temperatur und gleichem Druck glcichvicle Moleküle enthalten, so ergibt sich, daß sie unter gleichen Umständen die gleiche Dichtigkeit besitzen. Wir können daher die Dichtigkeit eines beliebigen Gases bei 4" 0 und 1 Atmosphärcndruck als Einheit (— 1) annehmen. Da nun aber alle festen und flüssigen Körper nur mehr oder minder stark verdichtete Gase oder Dämpfe vorstellen, so erhalten wir die Dichtigkeit derselben, wenn wir das Gewicht eines festen oder flüssigen Körpers von bestimmter Ausdehnung durch das Gewicht, welches ein gleichgroßes Volumen dieses Körpers im Gaszustande bei gleicher Temperatur und gleichem Druck besitzt,***) dividiren. Einige Beispiele mögen dies erläutern: 1 . Das Gewicht eines Kubikdccimeters Wasserdampf beträgt bei 4°6 und dem Druck einer Atmosphäre 0,793 Gramm. Das Gewicht eines Kubikdecimctcrs (— Liters) tropfbar flüssigen Wassers beträgt bei derselben Temperatur 1000 Gramm. Also v. -- -- 1261 d. h. das tropsbarflüssige Wasser besitzt eine 1261 mal größere Dichtigkeit als der Wasserdampf oder irgend ein anderes Gas unter denselben Umständen hat. 2. Das Gewicht eines Kubikdccimeters Salmiakgas beträgt bei 4°0 und dem Druck einer Atmosphäre 1,178 Gramm. Daö Gewicht eines Kubikdecimctcrs festen Salmiaks beträgt bei gleicher Temperatur 1450 Gramm. Also v-, - — 1230 d. b. der feste Salmiak ist 1230 mal so dicht als der gasförmige. 3. Das Gewicht eines Kubikdecimctcrs Quccksilberdampf beträgt bei 4° 6 und dem Druck einer Atmosphäre 17,6 Gramm. DaS Gewicht eines KnbikdecimeterS metallischen Quecksilbers beträgt bei derselben Temperatur 13570 Gramm. Also v« — --- 769 d. h. die Dichtigkeit des metallischen Quecksilbers ist nur etwa 2/5 mal so groß als die des tropfbai flüssigen Wassers und des festen Salmiaks. Stellen wir nach dieser Methode die Wichtigkeiten der einfachen festen Körper zusammen, so ergibt sich, daß der Diamant die größte (— 3330), das Rubidium die geringste (— 202) Dichtigkeit hat und daß die Dichtigkeitsgrade der Metalle ibren Härtegraden, wie sie Ostwald in seinem Lehrbuch der allgemeinen Chemie Bd. I Leipzig 1885 S. 603 angibt, entsprechen. Damit ist die Richtigkeit des Satzes bewiesen, da es kaum einem Zweifel unterliegt, daß die Härte eines Metalls durch seine Dichtigkeit bedingt ist. Eine beigcgebene Tafel gibt ein Bild von der Gruppirnng und Zusammensetzung der Moleküle der einfachen Elemente, Säuren, Salze, wie sie aus dein Obeugesagten resultirl. Recensionen nnd Notizen. ckuuKinaiill Lern., In 8 titutiouö 8 tlwolo°'ias ckoZmaticao speoialis: Nraetatua cks Vratia. 8 °. xp. VI -s- 312. Uatish-onao, Vr. vustst 1896. (VI.) öl. 3,00. S. Die dogmatischen Abhandlungen des der Wissenschaft und namentlich dem Lehrstuhl allzufrüh entrissenen Löweuer Professors Bernhard Jungmann erfreuen sich wegen ihrer Prunklosen und klaren Darstellung mit Recht großer Beliebtheit, trotzdem sie in einer Sprache verfaßt sind, die der jungen Theo- **) Das spezifische Gewicht der atmosphärischen Luft ist I, 293125:0,0896 — 14,4356. Verdoppelt man diese Zahl, so erhält man den Faktor 28,87, mit dem Lothar Meyer das auf die atmosphärische Luft bezogene spezifische Gewicht der Gase multiplicirte, um ihr Molekulargewicht zu finden. ***) Da ein Kubikdecimeter Wasserstoffgas bei 4"0 und 1 Atmospbärendruck 0,0883 Gramm wiegt, so hat man nach II. L 0,0683 mit dem Atomgewicht eines einfachen und dem Molekulargewicht (-- spezifischen Gewicht) eines zusammengesetzten Körpers zu mnltipliciren, um das Gewicht eines gleichen Volumens dieses Körpers im Gaszustände bei gleicher Temperatur und gleichem Druck zu erhalten. logengeneration unbeschadet des neunjährigen GymnasialbrilleS leider eine „fremde" zu sein pflegt. Zum sechsten Mal macht jetzt schon der -Vraetatus äs vratia- seinen Gang zu den Schülern der heiligen Göttesgelebrtheit und erläßt uns damit als überflüssig, ihm ein empfehlendes Geleitwort mit auf den Weg zu geben; seine eigenen Vorzüge liegen so auf der Hand, daß er sich, wie früher so diesmal, durch diese selber am wirksamsten wird einführen können. Die übersichtliche Anordnung, die Befreiung von jedem entbehrlichen Citatcnballast macht JungmannS Handbücher zu Lern- und Wiederholungsmittcln ersten Ranges. _ Die Lauretanische Litanei nach Ursprung, Geschichte und Inhalt von Jos. Sauren, Rektor am St. Maricuhospital zu Köln. 78 S. 5 Bg. Kemptcn, Kösel. V. Vor mehreren Jahren noch bestand die Ansicht, daß der Ursprung der lauretanischen Litanei in's fünfte Jahrhundert hinaufreiche, und auch der Verfasser vorliegender Schrift hat dieser Anschauung früher gehuldigt. - Jetzt widerlegt er diese Meinung in ziemlich ausführlicher Weise. Die Autoren, welche für die Widerlegung sprechen, werden nicht bloß citirt, sondern wörtlich angeführt. Auch die auf die Litanei bezüglichen Dekrete sind dem Wortlaut nach im Anhang wiedergegeben. — Die Erklärung des Inhalts der Litanei ist bündig und zutreffend. Daran reiht sich bei jedem Titel eine kurze dogmatische Begründung, wie auch die Angabe jener Väter und Lehrer, welche der allcrseligsten Jungfrau dieselben oder rast dieselben Ehrennamen gegeben haben. Kürze und doch Gründlichkeit, das ist der Hauptvorzug dieser Schrift, welcher derselben auch manche Freunde unter den Theologen erwerben dürste. Heft 10 des Deutschen Hansschatzes, der, wie wir zu unserer Freude hören, im neuen Jahrgang wieder einige tausend Abonnenten gewonnen hat, bringt die Fortsetzung der prächtigen Erzählung von M. Ludolsf-Huyn: Die kleine Landgräfin, sowie der Nciseiomanö von Karl May: Die Jagd auf den Millionenvieb, dann die tief ergreifende Novelle einer hochgestellten Dame: Ein ewiges Geheimniß, die den tragischen Tod dcö Königs Ludwig II. von Bayern behandelt. Daran reibt sich wie immer eine reiche Auswahl von '' unterhaltenden und belehrenden Artikeln aus allen Gebieten der , Wissenschaft. Wir heben nur die folgenden hervor: Die « kleinen Religionen von Paris von Dr. I. M. Höhler, ! Das Chinin von vr. A. Schmid, Abessinien, ein Blick j auf Land und Leute, Wozu die Chemie gut ist, von A. ; Weber, Das Rad als Symbol, von Dr. Dreibach. Außer- i dem enthält das Heft, wie jedes der beliebten Zeitschrift, eine ! außerordentliche Fülle von interessanten kleinen Beitraget' Die j Illustrationen sind sehr geschmackvoll und zahlreich. s OesterreichischesLitcraturblatt, herausgegebue von , der Leo-Gesellschaft in Wien. redigirt von Dr. Franz s Schnürer. (Administration: Wien I., Annagasse 9.) Inhalt der Nr. 6 : Holz hey K., Die Inspiration der bl. Schrift in der Anschauung des MittclalterS. (Univ.-Prof. Dr. Bernhard Schäfer, Wien.) (161.) -- Weiß Joh., Die musikalischen Jnstrnm.mc in den hl. Schriften des A. T. (Studiendirektor Mszr. Dr. A. Fischer-Colbrie, Wien.) (163.) — Leit- schnb Fr.. Katalog der Handschriften der kgl. Bibliothek zu Bambcrg. I.: Bibelhaudschrikten. (Ist Jld. Veit h, Prag-Emaus.) (165.) — Gebbardt Br., Die Aravamina. der Deutschen Nation gegen den röm. Host (Pros. L. Wintern, Vraunau i. B.) (165.) — Holzmann H., Theolog. Jahresbericht. XIV. Bd.: 1894. (—au.) (165.) — Romstöck F. S., Personalstatistik u. Bibliographie des bisch. Lyceums in Eicbstätt. (165.) — Nippel d Frdr., Die jesuitischen Schriftsteller der Gegenwart in Deutschland. (166.) — Haas G. E., Der Geist der Antike. (Dr. A. Fischer-C olbr ie.) (166.) - Otten Al., Einleitung in die Geschichte der Philosophie. Die Gottesidee, die leitende Idee der Entwicklung der griech. Philosophie. (Ders.) (166.) — Huber Scb., Die Glückseligkeitslehre des Aristoteles und hl. Thomas v. A. (Dr. C. Ludewig, Preßburg.) (168.)— Berliner A-, Geschichte der Juden in Rom. (Univ.-Prof. vr. L. Pastor, Innsbruck.) (169.) — Maag Rud., Daö Habsburgische Urbar I. (Pros. Max Straganz, Hall i. T.) (170.) — Mayer Gust., Lassalle als Socialökonom. (vr. Fricdr. Frhr. zu Weichs-Glonn, Innsbruck.) (181.) — Dubois F., Die anarchistische Gefahr. (S—g.) (184.) — Voigt A., Excursionsbuch zum Studium der Vogelstimmen, (vr. R. v. Kralik, Wien.) (185.) — HrabLkI., Praktische Hilfstabellen für logarithmischc und andere Zahlenrechuungen. (g—r.) (185.) «» Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas k Grabherr in Augsburg- Nk-.ro 15. Mas 1896. Johann Adam Mähler. Ein Gedenkblatt zu seinem hundertjährigen Geburtstag (6. Mai) von A. G. (Schluß.)*) Mähler stand jetzt auf der Hohe seines Ruhmes, Kirchenfürsten, Gelehrte — selbst Protestanten — waren einig über seinen Nuhm. Freilich erschienen, wie dies als selbstverständlich vorausgesehen werden mußte, bald auch kleinere und größere Streitschriften gegen die Symbolik seitens der Protestanten, doch sei es mit Freude erwähnt, allermeist in ganz anständigem Tone gehalten, nicht in's Blinde hineinschreiend, krakehlend und schimpfend, wie dies in unserer Zeit mitunter sehr oft der Fall ist. Auf eine Gegenschrift sei hingewiesen aus dem Grunde, weil Möhler durch dieselbe zu einer zweiten Schrift dieses Inhalts veranlaßt wurde. Es ist die Schrift des Professors Dr. Baur in Tübingen mit dem Titel: „Der Gegensatz des Katholicismus und Protestantismus nach den Principien und Hauptdogmen der beiden Lehrbegriffe mit besonderer Rücksicht auf Möhler's Symbolik." Möhler erwiderte auf diese Schrift mit seinen „Neuen Untersuchungen der Lehrgegensätze zwischen den Katholiken und Protestanten :c." Es ist dieses Werk eine Bereicherung der Symbolik, würdevoll sind die wissenschaftlichen und persönlichen Angriffe des Gegners zurückgewiesen. Die Biographie, welche seiner Symbolik vorgedruckt ist, sagt: „Von dieser Zeit an änderte sich die Stellung Möhlers an der Universität Tübingen. Es hatte den Anschein, daß man mit wissenschaftlichen Argumenten die Blöße nicht genug verdecken zu können meinte, und glaubte sich bemüßigt, eine Polemik zu ergreifen, welche ihm den längeren Aufenthalt in Tübingen verleidete und den Wunsch in ihm erzeugte, einen andern ruhigeren Ort für seine Lehrthütigkeit aufzusuchen." Einen solchen fand er durch das Entgegenkommen Döllingers an der Ludwig- Maximilians-Universität zu München, wohin er durch König Ludwig I. von Bayern berufen wurde. Einen gleichzeitigen Versuch Preußens, Möhler für Bonn zu gewinnen, wies dieser, mißstimmt durch frühere Erfahrungen, kurzerhand zurück. So übersiedelte Möhler im Frühjahr 1835 nach München, von seinen Freunden und den Studireuden freudig empfangen. Er hielt exegetische Vorlesungen, dann las er Kirchengeschichte und Patrologie, und fühlte sich, wie aus Briefen hervorgeht, glücklich und zufrieden in seinem neuen Vaterlande. Leider sollte das Glück nur ganz kurz dauern. Nie recht gesund, wurde er zu allem hin im Anfang des Wintersemesters von einem Cholera-Anfall betroffen, später zwei Monate lang von der Grippe, so daß er auf den Rath der Aerzte nach eingetretener Besserung nach Meran ging, um seine zerrüttete Gesundheit herzustellen, von wo er auch anscheinend neugestärkt an seinen Wirkungskreis zurückkehrte. Gesund sollte der junge Gelehrte nicht mehr werden, die Lungenschwindsucht hatte ihn erfaßt und hielt ihn fest mit eisernen Krallen. Auch sein Gemüth litt in Folge der bekannten Ereignisse in Köln und der gewaltthätigen Hinwegführung *) Betreffs einiger unrichtiger Angaben im ersten Artikel vgl. Kuöpfler, Jobann Adam Möhler, ein Gedenkblatt zu dessen hundertstem Geburtstag. (Mit einem Bilde MöhlcrS.) München, 1896. Wirwerden auf diese Schuitzurückkommrn. D. N. des Erzbischofs Droste-Vischering. Noch einmal wollte die preußische Regierung ihn an eine Universität berufen, Möhler nahm wieder nicht an — es war auch zu spät. König Ludwig, Bayerns erhabener Fürst, würdigte die Verdienste des Gelehrten des oftern, so besonders auch am Neujahrstag 1838 durch Verleihung des Verdienstordens vom hl. Michael. Am 8. Januar des genannten Jahres raffte sich Möhler noch einmal auf, begann seine Vorlesungen auf'S neue, schrieb noch einen Aufsatz über „die neue Bekämpfung der katholischen Kirche" unter schweren Leiden — es war seine letzte geistreiche Arbeit, sein Körper war siech geworden, das Klima setzte ihm bedeutend zu. Da gab der König ihm einen neuen Beweis seiner Huld und Gnade, er wollte das theure Leben seinem Lande und der Kirche erhalten und war der festen Meinung, ein milderes Klima werde Möhler stärken, weßhalb er ihm die erledigte Domdecanstelle in Würzburg alsbald nach dem Tode des seitherigen Inhabers verlieh. Möhler war über diesen Beweis zarter Aufmerksamkeit und Fürsorge seines Monarchen tief und innigst gerührt und schrieb nach dem Nekrolog seines Schülers und Kollegen Kühn an einen seiner Freunde am 25. März vom Krankenbett aus folgendes: „Die Gnade meines KonigS hat mich vor wenigen Tagen zum Domdechant in Würzburg ernannt. Der König hat mich in ganz besondere Affection genommen, wie es scheint, denn sobald der Tod meines Vorgängers ihm bekannt war, gedachte er meiner, weil ich mich in dem besseren Klima am Main und ohne die Last öffentlicher Vortrage am besten erholen könne, woran ihm gelegen sei. Daher wußte ich von der ganzen Sache nichts, bis man mich nach bereits unterzeichnetem Dekrete durch eine Botschaft au§ dem Ministerium des Innern wohl nur zum Schein noch fragen ließ, ob ich die Stelle auch annehmen würde.* So gut gemeint und so ehrenvoll diese Berufung war, so hat sie sicher Möhler nicht mit ganz ungemischter Freude aufnehmen können. Er erfaßte ja sein Lehramt, zu dem ihn der Himmel berufen, für welches Gott ihn mit so reichlichen Talenten ausgestattet hatte, in dem er bisher so herrliche Erfolge erzielte, mit einer Liebe und einer Begeisterung, wie selten ein Zweiter, die Trennung von diesem seinem Amte mußte also ihn sicher auch wehmüthig stimmen. Er ahnte aber noch mehr als dies. Nach Kühn äußerte er einem Freunde gegenüber, der ihn zur neuen Würde beglückwünschte, merkwürdiger Weise Folgendes: Er habe oft in der Geschichte die Bemerkung gemacht, daß Gott Personen, die er im Leben oft begnadigt hatte, am Ende, zur Trennung von dieser Welt, noch mit dem Schimmer einer zeitlichen Würde über- kleidet habe. Er könne es, ohne undankbar zu sein, nicht verhehlen, daß Gott ihn mit vielen Gnaden überhäuft habe, aber nun möge wohl auch an ihm sich jenes Vorzeichen erwahren. Seine Ahnung wurde leider nur allzubald zur vollsten Wahrheit. Katarrh und Heiserkeit nahmen zu, die Fieber zehrten die letzten schwachen Kräfte auf, in der Charwoche empfing er die heiligen Sterbsakramente und ordnete seine zeitlichen Angelegenheiten. Am Gründonnerstag dem 12. April entschlief er ruhig im Herrn im Beisein seines Beichtvaters Dr. Alois Büchner, der nicht von seiner Seite wich. Kurz vor seinem Tode sagte er, vom Schlummer erwachend: „Ach! jetzt hab' ich's gesehen, jetzt weiß ich's, jetzt wollte ich ein BuÄ 154 schreiben, das wüßte ein Buch werden; aber jetzt ist's vorbei!" Es war vorbei, viel zu früh nach menschlicher Meinung, denn Möhler hatte das zweiundvierzigste Jahr noch nicht zurückgelegt; jung an Jahren, reich an Verdiensten starb er und wurde am Charsamstag dem 14. April bestattet, tief betrauert von seinem König und beweint von feinen vielen Freunden. Im Jahre 1842 wurde ihm auf seinem Grabe ein sehr schönes Denkmal errichtet, ein Werk des Meisters Josef Entres in München; der Magistrat der Stadt München schenkte den Grabplatz der theologischen Fakultät. Die Grabschrift lautet folgendermaßen: lloboiinso Läoimis Llillilor. 8Z. Ilisologlos voetor. st. llrokossor. I?: 0: in Ilnivorsitato I'neding-onsi. er. Llonoosvm. 6oM: 6o.tcksär: IViroebm'A: Oocanns. vLsig'ii: Oräiiu 8t,: illiodool: zwo. mvritis. lllgues. diatns . Ig'orgbsmii. in IVnertonrberg'L. xoiäio . dlon. lllojas . 1796. Vskeusor. lkiäsi. Illtorornm . Vsens . bloelosios Lolnmen. Obiit. Ilonnobii. priäis. Iclns. Lxril. 1838. Noch sei bemerkt, daß in der neuen Kirche seines Geburtsortes dem frommen, gelehrten Sohne ein Denkmal errichtet wurde. Sofort nach dem Tode erschienen sehr viele, edel gehaltene Nekrologe von Freunden und Bekannten in Zeitungen sowohl, als in Zeitschriften. So sagt u. a. ein am Tage nach der Beerdigung des Seligen erschienener Nekrolog in der „Allg. Zig.": „Möhler erwarb sich in kurzer Zeit allgemeine Liebe und Verehrung; über den hohen Werth dieses Mannes war nur Eine Stimme. Tausende in Deutschland, ja in Europa, werden den Verlust eines solchen Mannes als einen unersetzlichen fühlen. Durch seine Werke steht sein Ruf als der eines der ersten ka- iholischen Theologen neuerer Zeit fest gegründet. Gewiß ist, daß die große, fieberhafte Aufregung, in welche ihn die kirchlichen Ereignisse der neuesten Zeit und ihre so tief greifenden Folgen versetzten, wesentlich — auch nach der Erklärung der Aerzte — mit zu seinem Tode beitrugen." Der protestantische Dekan Kling in Marbach sagt in der Nealencyklopädie für protestantische Theologie von Herzog über den Verblichenen u. a.: „Möhler war ein Epoche machender Geist und ein hellscheinendcs Licht in der römisch-katholischen Kirche unserer Tage, und auch die evangelische Kirche, von der er vieles empfangen hat, hat ihm einerseits viele Anregung und Belehrung zu verdankn, sowohl unmittelbar als mittelbar." Der Biograph lobt sodann seine „aufrichtige Frömmigkeit, seinen hohen änlichen Ernst, sein zartes und feines Gemüth, seinen klaren, ausgezeichnet gebildeten Geist, seine feste und entschiedene Persönlichkeit" und schließt mit folgenden schönen Worten: „Wir aber, in fester Zuversicht, daß er jetzt in hrllrm Lichte schaut, was ihm hienieden dunkel geblieben, preisen ihn selig, daß er überwunden hat und, dem Kampf entrückt, des Friedens genießt, den seine Seele liebte und suchte." Garns schließt sein Werk übe» Möhler mit folgenden Worten: „Was Papst Gregor XVI. in seiner Allocution vom 21. November 1845 über den Tod des Clemens August, Erzbischof von Köln, sagte, das dürfen wir auch zum Theil auf seinen Vorläufer (Möhler) beziehen: „Kraut illustris st slarus luit in tsrris, sis st in ovslis, orriu oranilru8 iis, rsui nci justitirrrrr erudiunt wnltos, cfnrrsi stelln. tulZsat in xsrxstrurs rrstsrnitatss." Nur Einer wagte es, einen Stein aus Möhler zu werfen in seinen „Erinnerungen an Möhler", so dgß selbst ein Recensent in der „Allg. Ztg." gesteht, daß ihn diese Erinnerungen „angewidert haben, und zwar gründlich", und dieser Eine ist Dr. David Friedrich Strauß. Der Name genügt vollauf, um die Gesinnung zu erkennen! Vgl. hierüber Knöpfler, a. a. O. S. 94. Der selige Möhler war groß von Statur, aber schmächtig und zart gebaut; seine äußere Haltung stets edel, voll Würde und Anstand; seine Gesichtsbildung fein, regelmäßig und einnehmend; in seinem großen dunklen Auge ein sanftes Feuer, welches über das sonst leidend blasse Antlitz eine unbeschreibliche Anmuth ausgoß. Wie seine Körpercomplexion, so war auch seine Stimme zart und schwach, aber wohlklingend, sein Accent rein, ohne das Widerliche einer besondern Mundart. Wer ihn daher auch nur das erstemal gesehen, fühlte den angenehmsten Eindruck seiner Erscheinung. Er redete in der Regel wenig, aber was er sprach, war tief gedacht, der Ausdruck nicht gekünstelt, aber gewählt. Möhler war ein frommer Priester, sein Wandel stets tadel- und fleckenlos, aufgebaut auf die Grundtugend der Demuth. Ueber die Gelehrsamkeit Möhlers braucht weiter kein Wort mehr geschrieben zu werden, es gebührt ihm unstreitig ein Platz unter den Gelehrten ersten Ranges seiner Zeit, die Lehrgabe war ihm im vorzüglichsten Grade eigen, er hielt seine Vortrage in der Regel alle frei in einfacher Sprache. Wir schließen mit den schönen Worten, die einer seiner Schüler, Josef Heß in München, ihm nachgerufen: „Wer fühlt nickt die Seele sick erheben, Wenn ihm die Brust vom beil'gen Dränge schwoll, Wenn ihm der Mund von krastcrfülltcm Leben Aus reinster Tiefe strömend übergärst? Wer je au solchem Borne sich crguickct, Der ging gestärkt im Herzen und beglücket, Den trieb es immer wieder, und er ging Zum Quell, wo er den ersten Trost empfing. Und wenn der süße Wohllaut seiner Rede L>anit zitternd in die tiefste Seele klang, Wenn Gottes Geist um seine Züge wehte Und feinen wunderbaren Blick vurckdrang: — Wer kann es sagen, was in jenen Stunden Mit ihm ein Jeder selig mitemvfundcn; Was jeden wieder im geraden Flug Zur Höhe seiner Christenwürde trug?" Pfülf, 8. Cardinal von Geiste!. Aus seinem handschriftlichen Nachlaß geschildert.*) Aus der Pfalz. Spät schreibe ich über Pater Otto Pfülfs „Cardinal von Geissel", aber ich schreibe. Hätte ich dem Reize des pfälzischen Nationaljtolzes nachgegeben, so würde ich das Werk unseres Spcyerer Jesuiten über unsern größten Pfälzer Landsmann von vornherein schon der ganzen Welt empfohlen haben, nicht bloß zum Lesen, sondern auch zum Anschaffen, denn man muß die Bücher seiner Freunde, pflegte unser seliger Molitor zu sagen, nicht bewundern, sondern kaufen. Nachdem ich nun das Werk über Geissel kenne und zahlreiche Beurtheilungen desselben gelesen und gehört habe, kann ich es auch in der „Postzeitung" mit um so besserem Rechte zum Kaufe empfehlen. Wir wollen nicht darüber streiten, ob die zwei Bände eine biographische Documentensamm- lung genannt werden müssen, oder eine documentarischc Biographie; wir wollen uns vielmehr mit einem der gelehrtesten, aus den Zeiten Geissels noch überlebenden Theologen darüber freuen, daß wir eine solche Darstellung des Lebens und Wirkens unseres großen Cardinals über- *) Frciburg, Herder. 2 Bände ö. 9 M., geb. M. 11,50. 155 Haupt besitzen. Alle Urtheile sind darüber einig, daß dieses Werk die Schranken einer Biographie weit überschreitet und ein gutes Stück neuester Kirchengeschichte Deutschlands bietet. Wer die gegenwärtige Lage des Katholizismus in unserem Vaterlands aus ihren Ursachen verstehen lernen und mit gutem Erfolge für die Zukunft der deutschen Kirche fortwirken möchte, sollte Pfülfs Leben des Cardinals studiren und benutzen. Es ist ein Buch zur Belehrung für Könige, Staatsmänner und Kirchen- fürsten, wie auch eine Fundgrube für katholische Redner und Publicisten. Aber auch die beschaulichem Leser, die sich bloß persönlich unterrichten und erbauen, die Leid und Freud' des kirchlichen Lebens mitmachen wollen, können aus Psülfs „Cardinal v. Geissel" bestimmter und genauer sich darüber aufklären, wofür sie bangen und hoffen, wofür sie in ihrem engern Kreise wirken und in ihrem stillen Kämmerlein beten sollen. Mit Bewunderung sehen wir da, wie unter dem Fortwirken ererbter Frömmigkeit durch jene von Colmar und Liebermann erworbene wissenschaftliche und kirchentreue Richtung, besonders aber durch die Anhänglichkeit an den päpstlichen Stuhl, aus dem frohgeselligen poetischen Pfälzer ein Bischof wurde, dessen Beredsamkeit an Bossuet, dessen Herrschergeist an seinen Vorgänger, den großen Anno, und dessen neubelebendes Wirken an den Apostel Deutschlands erinnert. Es ist kein schön'rer Anblick in der Welt, Als einen Fürsten seh'n, der klug regiert. Geissel hatte bereits in der Kirchen- und Schul- verwaltung mit dem weltlichen wie auch geistlichen Bureaukratismus amtlich und publicistisch so viel gckämpft, daß er selber, zum Negieren berufen, nicht bloß klug, sondern apostolisch regiert hat, mit Geduld, mit Beharrlichkeit, mit Eifer, mit Liebe. So gelang es ihm, ohne der Sache zu vergeben, mit Leuten der verschiedenartigsten Richtung wenn nicht gerade immer gut, so wenigstens doch nicht schlecht zu stehen und durch Schwierigkeiten hindurchzukommcn, die man für unüberwindlich halten mußte. Die Freundschaft des Königs Ludwig I. und seines Ministers Abel hatte schon in der Pfalz dem Bischof Geissel ein über die Schranken des Bureaukratismus Hinausgreifendes Wirken ermöglicht. Die bis zur Vertraulichkeit gehende Zuneigung des geistvollen Königs Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, welchem Geissel durch König Ludwig empfohlen war, half ihm durch ihr fast in jedem Anliegen gewährtes Entgegenkommen gegenüber dem Mißtrauen der rheinischen Bevölkerung, gegenüber den sectirerischen Umtrieben des Hermesianismus und Nongeanismus und im Kampfe gegen die mit allen katholikenfeindlichen Bestrebungen einverstandene Pietistische preußische Bureaukratie. So sehen wir denn unsern Geissel zuerst das Vertrauen des alten Erzbischofcs Clemens August und bald auch das seiner Diöcesanen gewinnen, den Ausbau des Kölner Domes betreiben, die Hermesianer unschädlich machen, sein Domcapitel erneuern, das Vereinswcsen befördern, dem Ron- geanismus entgegentreten, mit Leuten wie Eichmann, Eichhorn, Bodclschwingh, Bunsen sich hcrumquälen, die ganze Diöcesanverwaltung neu organisiren, die Verfassung vom 5. Dezember 1848 schleunigst ausnützen, mit den katholischen Volksvertretern in den Provinzialtagen, im Landtage und im Frankfurter Parlamente in lebendige Beziehung treten, die preußischen und deutschen Bischöfe um sich und um den hl. Stuhl einigen (Würzburger Versammlung) und dadurch auch das katholische Volk durch ganz Deutschland fester um seine Hirten schaaren, Knabenseminare zu Neuß und Münstereifel gründen, den wich tigsten Verein unter allen, den Geselleuvereiu, pflegen, durch großartige Kirchenfeste dem religiösen Leben begeisterten Aufschwung geben, zahlreiche Klöster und Ordenshäuser errichten, für das Recht der Kirche auf die Schulen eintreten, die katholische Wissenschaft und Presse begünstigen, den Kircheugesang heben, die christliche Kunst auf jede Weise unterstützen, zahllose kleine und große Quälereien von Seiten der preußischen Bureaukratie aushalten, ein Provinzialconcil berufen, persönlich nach Rom zum hl. Vater reisen und sonst nach allen Seiten innerhalb und sogar außerhalb Deutschlands seinen Einfluß geltend machen. Die Kirchengeschichte von ganz Deutschland hatte sich an seine Person geknüpft. Der Papst schaute mit Stolz und Anerkennung auf den Erzbischof des deutschen Rom und verlieh ihm 1880 den Car- dinalspurpur. Der König Friedrich Wilhelm IV. gratu- lirte ihm mit den Worten: „Der Gedanke, die Besten der deutschen Kirche (Geissel und Diepenbrock) mit dem römischen Purpur zu bekleiden, ist Pins'IX., des durch Trübsal Verherrlichten würdig," und verlieh ihm 1885 den Schwarzen Avlerordeu. Auf dem Todesbette noch empfing Geissel die Nachricht, daß unter Zustimmung Napoleons III. eine starke Partei unter den Cardinälen ihn zum Nachfolger Pius' IX. ausersehen habe. Er sollte der „kommenden Heimsuchung", die er vorausgeahnt hatte, enthoben werden. Noch auf dem Krönungsfeste in Königsberg von Wilhelm I. und der Königin Augusta auffallend ausgezeichnet und vom alten Wrangel wegen seiner kühnen Worte gegen die Schändlichkeiten Piemonts mit einem Händedruck begrüßt, konnte er sich einer unheilvollen Vorahnung nicht erwehren. „Ich beginne zu fürchten, sagte er zu seinem Weihbischof, wenn ich sehe, was Alles in Deutschland zur Stärkung des Glaubens geschehen ist und geschieht. Solche Wunder und Zeichen deuten auf kommende Heimsuchung." Sechs Jahre vor dieser Heimsuchung ward er selber in gnaden- vollster Weise heimgesucht am 8. September 1864. Die Entstehung der Kaiserchronik. (Fortsetzung.) 8. 8. Wie nun, wenn der Dichter des Nolands- lieds, der sich als Pfaffen Konrad bezeichnet, mit dem erwähnten Bischof Kuno von Negensburg, den wir schon als Dichter des Auuolieds kennen gelernt haben, identisch wäre? In der That läßt sich manches zu Gunsten unserer Hypothese anführen. Denn 1. ist Kuno nur eine geläufige Abkürzung für Konrad; 2. steht von Bischof Kuno fest, daß er vor seiner Ankunft in Negensburg als Lehrer an der Hochschule zu Paris thätig war; er war mithin der französischen Sprache ohne Zweifel soweit mächtig, daß er eine französische Dichtung in's Lateinische übertragen konnte, um sie dann auf Befehl der bayerischen Herzogin in deutsche Verse zu bringen; 3. fällt die Dichtung in die Zeit seines Pontifikats, denn sie kann wegen der Verse 9024 und 9025 „Des (be)gchrte die edle Herzogin (— Gertrud, Tochter König LolharS) Eines reichen Königs Barn (Kind)" nur zwischen dem 29. Mai 1127 (an welchem Tage die Vermählung Heinrichs des Stolzen mit Gertrud stattfand) und dem 4. Juni 1133 (an welchem Tage König Lothar in Rom die Kaiserkrone empfing) entstanden sein. Nach Kuno's Tod aber (er starb am 19. Mai 1132) trat eine Zeit heftiger Kämpfe zwischen dem bayrischen Herzog und Kuno's Nachfolger Heinrich, Graf von Wolfratshausen, ein, welche einer solchen Dichtung nicht förderlich war. Demnach werden wir die Entstehung derselben wohl noch vor Kuno's Tod (um's Jahr 1130) anzusetzen haben. Für Kuno b) spricht auch die Anspielung auf den Markgraf Diepold, da letzterer der Gönner seines Freundes Gerwig war — der Kuno von Siegberg nach Negens- burg begleitet hatte — und diesen bei der Gründung deS Klosters Waldsassen kräftigst unterstützte (1130). Endlich fehlt es dem deutschen Nolandslied nicht an Anklängen an das Annolied. In V. 7979—81 kehren die Verse des Annolieds 443—446 fast wörtlich wieder. Der Ausdruck insr-Zurta (für Welt) findet sich Nolandslied V. 2942, der Ausdruck volarvia (für Schlacht) ebenda V. 699, 2073, 3847; vgl. auch noch V. 4370 mit Annolied V. 455 und 456. Aber auch die Kaiserchronik ist, wie längst H. Wclzhofer (Untersuchungen über die deutsche Kaiserchronik des 12. Jahrhunderts, München 1874) und W. v. Giese- brecht (Geschichte der deutschen Kaiserzeit 4. Bd. Braunschweig 1875 S. 399 f.) dargethan haben, in Negens- burg gedichtet. Die Anhaltspunkte, welche wir hiefür besitzen, sind folgende (s. E. Schröder a. a. O. Einleitung: „Die Kaiserchronik eines Negeusburger Geistlichen" S. 46 f.): 1. Keine Stadt ist darin so häufig genannt als Negensburg. Schon zu Anfang des Werks wird es als Gründung des Kaisers Tiberius aufgeführt, von dem eS den Namen Tiburnia habe, s. V. 683 f.r „Da er (Tiberiuö) die Heiden alle bezwäng, Da fuhr er in deutsches Land. Er kam zu einem Wasser, heißet Donau. Da griff er wohl zum Bau, Eine Stadt baute er da, Geheißen Tiburnia, Nun heißet sie aber NatiSbona." °) 2. An anderer Stelle wird Negensburg kurzweg als die „Hauptstadt" bezeichnet, wie außerdem nur noch Nom, s. V. 16822 und 14327. 3. Mit Vorliebe gedenkt der Autor der Einfälle der Ungarn und Böhmen/") durch welche auch Bayerns Hauptstadt bedroht war, und der in Negensburg abgehaltenen Hoftage. 4. Vers 7044 macht er einen Burggraf Wirnt °) Dr. Wilhelm Wald („Ueber Konrad, den Dichter des deutschen Nolanvslicdes", Programm des Gymnasiums zu WandSbeck 1879) denkt an Abt Konrad von Tegernsee (1131-55). °) Diese Nachricht taucht zuerst in der Nranslalio s. vio- nxsü trsoxagitae (Llon. 6orm. biet. 88. IX z>. 353) und in emer ebenfalls ,m 11. Jaln hundert gefälschten Urkunde des Klosters St. Emmeram in RcgenSburg aus (s. F. Jänner, Geschichte der Bischöfe von R. I S. 117: »iuxta muros eivitatns 'Izchuiinae, gnas a I'z'dsrio Oaesaro LuAuslo aoäiüeata. est, guas moüo vuloo axgellata e3t UkK'anioxureb-) und dürfte außerhalb Negensbnrgs nur geringe Verbreitung gesunden haben, vgl. noch die Annalen des Negeusburger Kanonikus Hugo von Lcrchcnfcld z. I. 783: »kriiuum apuci LeZsinoiiolim, guas et Latisbona. äioitur sl Liatosxolis st Iinbripolis et Niburnia, Iraereais b'olieiana. äsvinoiturr, und vita Lltwanni oap. 28. ") Bei einem derselben läßt er den Böbmcnkönig bis Sallern bei Negensburg vordringen, s. V. 7034. Im Uebrigen ist er über Böbmen gut unterrichtet und kennt sogar den Titel der böhmischen Großen (Suppane). Er bezeichnet den Böbmer- wald einfach als den „Wald" und ist aus das Volk der Böhmen als Nachbar schlecht zu sprechen > namhaft, wobei er offenbar einen Burggraf von Negensburg im Auge hat. 5. Bet der Schilderung der Heldenthaten, welche Heinrich der Stolze auf dem zweiten italienischen Feldzug König Lothars vollbrachte (1137), weiß er von einer kühnen List der „Abensäre" zu berichten, unter welchen nur die Abensberger verstanden sein können (sie verkleideten sich als Wallfahrer, verbargen aber Schwerter unter dem Pilgergewand und überrumpelten auf diese Weise das Kloster Montecassino). Endlich hebt er mit auffallender Betonung hervor, daß Graf Friedrich von Falkenstein (-Bogen), der Ne- gensburger Domvogt, im Jahre 1128 den Prätendent Konrad nach Italien begleitet und Bischof Heinrich von Negensburg im Jahre 1138 im Bunde mit dem Böhmen die Wahl dieses Konrad — der „ehe wider dem Reiche was" — zum deutschen Könige den Welsen zum Leide durchgesetzt habe. Alles dies beweist, daß der Verfasser der Kaiser- chronik mit den Negensburger Verhältnissen wohlvertraut und ein eifriger Anhänger der wclfischen Sache war, weshalb er auch dem Herzoge Heinrich d. St. und dessen Schwiegereltern Lothar und Nichenza, deren Negenten- tugenden er in den wärmsten Worten preist (V. 17169 f.), ein Gebet in's Grab nachsendet. Damit gibt er sich zugleich als Zeitgenossen dieser Fürsten zu erkennen, und wenn er daher einige Zeilen später (V. 17283) nach Erwähnung der Kreuzzugspredigt des hl. Bernhard zu Spcyer, welche Konrad bestimmte, das Kreuz zu nehmen (27. Dezember 1146), mitten im Satze abbricht, so liegt die Vermuthung nahe, daß ihn der Tod bei der Arbeit überrascht habe." ") Wie dem auch sei, jedenfalls sind die letzten tausend Verse nicht vor dem Jahre 1147 gedichtet (schon V. 16253 wird K. Heinrich II. als Heiliger angerufen, die Kanoni- sation Heinrichs II. erfolgte aber erst durch Bulle deS Papstes Eugen III. vom 14. März 1146). Andrerseits unterliegt es keinem Zweifel, daß der Verfasser noch zu Lebzeiten Konrads III. (gest. 15. Februar 1152) sein Werk abschloß, denn wie sollten wir es sonst erklären, daß er weder Heinrichs des Löwen, noch Friedrich Barba- roffa's mit einer Silbe gedenkt! Wahrscheinlich hatte er, als er die Schlußverse schrieb, sogar noch keine Ahnung von dem schlimmen Ausgang des zweiten Kreuzzugs, denn andernfalls würde er wohl kaum die Predigt des heil. Bernhard, der nach demselben mit Vorwürfen überschüttet wurde, als „süße Lehre" bezeichnet haben. Es dürfte daher das Jahr 1149 als spätester Termin der Vollendung des Werkes zu betrachten sein. Hier aber erhebt sich eine neue Frage: Wer ist der Verfasser der Kaiser- chronik? Die Antwort lautet: Ohne Zweifel ein Mönch von St. Emmeram in Negensburg, und zwar aus folgenden Gründen: n) Nur einem St. Emmeramer Mönche konnte eS beifallen, bei der Erwähnung des Kaisers Arnulf in anachronistischer Weise die Emmeramslegende einzuschalten (V. 15556 f>), da nur ein Mönch dieses Klosters darauf Werth legen mochte, daß Kaiser Arnulf das Stift St. Emmeram vor Zeiten reich bedachte (Ooäax aursus, usäiLuIa turritu). b) Gerade in der Bibliothek von St. Emmeram ") Erst hundert Jahre später wurde die Dichtung in Nc- gcnöburg fortgesetzt (bis auf den Tod Friedrichs II.), und eine einzige Handschrift führt die Geschichte bis in's Jahr 1274 (um 1281). waren sLon frühzeitig (schon im 10. Jahrh.) mehrere jener Werke vorhanden, welche der Dichter der Kaiser» chronik in ausgedehnter Weise benutzte (s. d. Bücher» katalog, welchen Abt Namwold, der Zeitgenosse des heil. Wolfgang, anfertigen ließ, bei Jänner a. a. O. I. S. 417 f.), nämlich: 1. lüiiri II s. Lilvestri — Silvesterlegende (heute oliv. 14540 der Münchener Staatsbibliothek Lw. K 43 vadr. 3. IX toi. 177 8H.: Lotus 8. Lilvsslri exissoxi urbis Komas; vgl. ebenda olm. 14704 — Km. (188 8. XI toi. 101 8^.: Vita et aotus 8. Lilvostri urstis Komas spiseoxi). 2. Kistsr I Olsmsntis — die sog. roooZnitiovss Olsmsvtis in zehn Büchern (heute «Im. 14253 d. M. St.-B. Km. 0 72 mstr. 8. IX toi. 5 8st.).^^) 3. Ein Kasmonals — Heiligenlegende (heute oliv. 14418 d. M. St.-B. Lm. L 41 ivlir. 8. IX). 4. Oesta Xaroli I. — Llonaestus LanZallsvsis. 5. I-ibsr vliroviooruiv — Kisron^mi (Lussbii) olirovioov. Der ersten Handschrift hat der Dichter außer der Legende der Siebenschläfer (toi. 226 8y.: Os8ta saoo- torniv VII riormisntium stui iv Lplioso äormiunt --- V. 6417—6442, V. 13491—13642) die Episode über Silvester V. 7806—10613, der zweiten Handschrift die Episode von Faustintan V. 1219 - 4038, also beiden zusammen den Stoff zu 5800 Versen entnommen. Dem Passionale entlehnte er die Legendendes SixtuS, FelicissimuS und Agapitus (s. tol. 37 sst. Do xassiovo 8Lvotvrurv Lixti, Ksliewmmi, L^axiti), des Laurentius (tol. 38 8H. Ks passious sanoti Kaursntii), des Hippo- lytus (tol. 41 8°) -Xcmnug Ligisirnrucls oob Lon. 6arl IX. bistorler« II. S. 117-18, 134-190. Vollstreckung, indem ihm bei lebendigem Leibe der Büttel das Herz aus der Brust riß und vor den Mund warf. Sterbend soll er noch durch den Ruf „Jesus, Maria" seinen katholischen Glauben bekannt haben. In seinem „Lobgesang auf katholische Märtyrer" äußert sich Messenius (Leoncl. 111. IX. xass. 56) hierüber folgendermaßen: »Uormngns primus ketrns Xrioius, tzuä Ouiuxianus mortuus in üäs Lostusguo ülazorum üäslis, 8s morisr guo^us oonütstur; Perro rossotum xeetus is iuschcit, 6nm Nktrs llssum suavitsr iuvoeat; vuin 6oräs privutus, suprswam Marteret ex aaimo gaerstam. Die Palmskiöld'sche Sammlung der Universitätsbibliothek zu Upsala") enthält folgende auf Petrosa bezügliche Notiz: »Detrue Hoinaiiovits, HeZi8 6aroli noni aä Oaesarera Uu-Iolluiu I-e§atu8, laetionis I'olouieas convictus, corairr orc1ini5u8 OsreffroZius, lrorrenäo uüksetue 8uxx1ioio. tzui anto martern 86 eatlrolieum 6886 xulum 60 irt 68 tatus, xro 8ui UvAmuti8U8- 86rtiori6 ta.irta.8 xrocluxit ratioirse, ut äootor Ic>1rarrii68 Unumanirus xostrirliü illas xro Loireioire retutare rvZaretur." Es wäre sehr zu wünschen, daß Nachforschungen in den schwedischen und polnischen Archiven gepflogen würden, um darüber Klarheit zu schaffen, ob Erici thatsächlich sich in Conspirationen gegen seinen Landesherrn eingelassen habe, oder ob er lediglich als Opfer seiner Glaubenstreue unter dem Vorwand des Verraths den Martertod für Christus und seine Kirche erlitten hat. 8 13 - Der letzte jener finnischen Jünglinge und Männer, welche in auswärtigen Jesuitencollegien studirten und dadurch veranlaßt wurden, mehr oder minder vollkommen zum Katholicismus überzugehen, war ein Sohn des protestantischen Bischofs von Abo, Erich Erici Sorolainen. Zum Unterschied von feinem Vater nannte sich derselbe Lrieue lH> 06 U 8 i 8 flunior oder auch Lrierm Urioi Uffosiwm. Bei seiner Geburt") bekleidete der Vater wahrscheinlich die Stelle eines Rektors in Gefle. Die Mutter, deren Familienname nicht feststeht, dürfte eine Schwester der Gattin des (prot.) Dompropstes von Vestcras gewesen sein. Sie war 1607 bereits unter den Todten. Eine Schwester Erikssons hieß Birgitta. Nachdem derselbe (vermuthlich) die Schule zu Abo mit bestem Erfolg besucht hatte, begab er sich zunächst nach Schweden zu dem obengenannten Dompropst von Vesteras, Salomon Birgeri Wallcnsis, und knüpfte dort mit dessen Tochter Anna ein Liebesverhältniß an, das nicht gerade platonisch gewesen oder wenigstens geblieben zu sein scheint. Im Uebrigen war er darauf bedacht, sich einflußreiche Beziehungen zu schaffen. Im Jahre 1600 bezog er die Universität Rostock, später wohl auch Jcsuiten- schulen und ging dann nach Krakau, wo er den Kaplan des Königs Sigmund, den durch seine „Viti8 Hgui- lonia," bekannten Johann Vastovius kennen lernte. Nach erfolgten: Ucbertritt zur katholischen Kirche verweilte er zwei volle Jahre im OolleZium Oermuuioum. Seine Hoffnung, vom Vater Geld zur Heimreise zu bekommen, schlug fehl, zumal der junge Mann sich zum Schrecken feiner Eltern die Priesterweihe ertheilen ließ. So mußte -°) X. XIII. venealoA. 8v. 6otb. Pom. XUV. Lit. R. kars III. S. 185. ») Circa 1580 (?). er für's Erste noch in der Stadt am Tiber verweilen. Später soll er sich über Deutschland nach Polen begeben haben. Die Heimath sah er niemals wieder; wahrscheinlich zu seinem Glück, denn wie leicht hätte ihn das traurige Schicksal anderer Convertiten treffen können, von denen die schwedische Regierung die Wohlfahrt des Reichs und der lutherischen Kirche gefährdet erachtete. Katholische Sympathien zu hegen, war damals im Wasa- reiche ebenso hoffnungslos wie gefährlich. Aus gleichem Grunde stockte bald der Zugang von Schweden und Finnen zu den jesuitischen Lehranstalten und hörte allgemach ganz auf. Es beweist dies ein Vraunsberger Visitationsprotokoll vorn Jahre 1741. Die Frage: „tznurs ox rsZais et xrovinoiis, xro c;uil>us 68b tacta l'unduckio, non 8U8oixig.ntur juvon68?" wurde folgendermaßen beantwortet: „Lt hniäein Hnod Lvetiana, Ltotlrinin, Vundulinw, HorvoZium, Oaniarn attinot, luorunt primitrm udmissi juvenös Iruinrn irationaur ^uairr xluriini, nb eonstab ox raabrioula. ulunrnornur U8<^no ad lanaxora (tai'oti Lveoi, LiZlsrnnndo III. rsZi ?o1onia,6 rofföllis, yni ex odio contra, trnno regoin conoexto duv8 sx Lveois, ^ni in ulnnrnatn lusrant, czuusi onnr rege kolonia.6 oons^irnssent, orndelissiino snxxlioio nü'ecit, xroinnlgnta. insnxsr lege, N6 nlluL xost trac Kvecoruin alurnna-tnin Lrun8derg6N86rn ingrediatur, ant aliffi apnd de8uitN8 Student, snii a,inis8ion6 donornin suaec^ue lraeredi- tnti8 nunc;narn ndeunda.6, xo3t osnod dscretuin rnrns ex Luevia. et Ootffiu Iino venit, nrodo ssverioridus legrffus in 60 regno nd lavorern Iiaereseos tubri- cutis,^) piano nullu3.") Neceusiouen und Notizen. Heinrich Naspe. Drama in 4 Auszügen von Dr. Franz K lasen. Zweite, neu bearbeitete Auflage. München, Lentncr. 1896. VI, 111 S. M. 1.50. -v- Es ist unbestreitbar ein erfreuliches Zeichen, daß Klasens „H. Naspe" in Jabressrist bereits neu aufgelegt werden mußte. Ueber die erste Auflage babcn wir in Nr. 1 der Beilage vorn 4. Januar 1895 ausführlich berichtet. Wir können heute darum Inhalt und Geist des Dramas als bekannt voraussetzen und wollen nur auf das ueu Bearbeitete hinweisen. Das Stück hat in seiner zweiten Auflage eine thatsächliche Verbesserung erfahren, es hat bedeutend gewonnen. Nicht nur in formaler Hinsicht, in Sprache und Metrik, sondern auch im inneren Organismus. Vers und Ausdruck sind gefeilt worden, wie ein Vergleich der beiden Auflagen leicht ergibt. Der dramatische Ausbau ist fester gefügt, die Struktur straffer geworden, vieles tritt plastischer heraus. Die erste Scene des II. Aktes zeigt eine völlig umgemodelte Gestalt, und, waS wir bei unserer citirtcn Besprechung glaubten ehedem aussetzen zu müssen, den Mangel an Entwicklung und Erklärung im Charakter NaSpcS, daö ist behoben Worden. Ebenso kommt der inneren Geschlossenheit des Ganzen es sehr zu statten, daß der III. Akt jetzt mit dem titanen- trotzigen Selbstgespräche NaspeS schließt und nicht mehr mit der süßen Abschiedsaric der Elisabeth: „Ich wollt' nach Ungarn gehen." Elisabeth bleibt überhaupt da, Naspe läßt sie (IV. 1) einkerkern, und am Schlüsse des Dramas erscheint sie versöhnlich nochmals an der Leiche ihres Uebelthäters. Die Geister- crscheinungcn in IV, 3 der alten Auflage sind weggelassen, dasür führt der Dichter den jüngeren Bruder Konrad zu einem psychologisch wichtigen Gespräche mit Heinrich Naspe ein. Ucberhanpt haben die neuen Zuthaten und die Streichungen und Kürzungen den Helden sowohl wie die Hauptpersonen des Stückes uns menschlich näher gerückt. Bei einer Vühneuauffübrung würde der Dichter ganz gewiß sich auch noch zum Weglassen der Ansprache Elisabeths an den Geist ihres Gemahls bekehren (vgl. unsere Gründe in der angeführten Besprechung). Einer solchen ") sind jetzt abgeschafft und bestehen katholische Gemeinden in Stockholm, Göteborg, Malmö, Gefle; auch im finnischen Abo cxistirt wieder eine katholische Gemeinde. *°) Aufzeichnungen AhlqufftS im Schwcd. NeichSarchiv. Ausführung aber und nicht minder einer verbreiteten Lektüre des „Heinrich NaSpe" möchten wir hiemit angelegentlichst daS Wort reden. _ Veronika. Schauspiel in 3 Aufzügen von Emilie NingS- eis. Vierte, verbesserte Auflage. Freiburg, Herder. 1895. 8°. 91 S. M. 1,40. -o- Die Lektüre dieses ergreifenden und erhebenden Schauspiels erweckt im Leser das lebhafte Gefühl des Schmerzes über den großen Verlust, welchen mit dem Hingänge von Emilie Ringseis am 4. Febr. 1895 die Dichtkunst, namentlich für unS Katholiken erlitten hat. Die Persönlichkeit der Verblichenen, speciell ihre literarische Bedeutung, ist damals in Nr. 9 und 10 der Beilage von feinsinniger Hand in einem verständnißvollen Bilde uns vorgeführt worden. Wir dürfen darum von einer besonderen Würdigung des Schauspiels „Veronika" absehen, dessen Kenntniß ohnehin bei einem Kreise katholischer Literaturfreunde vorausgesetzt werden kann und das mit seinem 1. Erscheinen 1854 bezw. der Jnscenirung im Museum zu München 1857 den Dichterruhm von Emilie Ningseis begründet hat. Heute liegt es in 4. verbesserter Auflage vor. Freilich moderne Theatergänger wird das Stück nicht befriedigen, und auch dem „Sebastian" würden sich die Pforten des k. Nesidenztbeaters zu München nicht mehr öffnen wie anno 1863. Heute lädt man dort Madame Judic zu Gast, und die jetzt beliebte Dramatik hat zum Zweck nicht nach der Auffassung eines Aristoteles die Reinigung von Leidenschaften, sondern die Erregung derselben. Das göttliche Drama von Joh. Gruber. Paderborn, Schöningh. 1896. kl. 8°. 44 S. M. 0,80. -e- Der verstorbene F. W. Weber hat dem Verfasser auf die Lektüre dcS Büchleins hin einige liebenswürdige Zeilen geschrieben, die zur Empfehlung vorausgedruckt sind. Die Dichtung, in 1 Prolog, 3 Theilen und 1 Epilog, bietet thatsächlich „in edler Form edle Gedanken". Allein das Drama der Welt bezw. der Kirche Gottes vom Engelsturz angefangen in etwa 120 sechsseitigen Strophen reimloser spanischer Trochäen vorzuführen, ist doch ein grandioser Vorwurs, der ein Genie fordert. Verskünste aber wie die folgenden erzeugen da wenn auch unfreiwillige Komik vom Genre des sel. Herrn von Miris: S. 35: „Manichäer, Pelagianer, Methodisten, Puritaner, Nestorianer, Janscnisten, Zwinglianer, Calvinisten, Panthcisten, Philosophen, Socialisten, Theologen, Anarchisten, Materielle Wiedertäufer, Rationelle Forscher der Natur, Waldenser, Herrenhuter, Albingenscr ... u. s. w. Manassewitsch B., Die Kunst, die arabische Sprache durch Selbstunterricht zu erlernen. II.Aufl. 8°. VIII-s-186 SS. 1895. M. 2 geb. Seidel A., Praktisches Lehrbuch der arabischen Umgangssprache syrischen Dialektes. 8°, VIII 190 SS. 1895. M. 2 gbd. Wien-Leipzig, A. Hartlcben. Hartmann M., Arabischer Sprachführer: ConverfationS- wörterbuch für Reife und Haus. 32°, XII -s- 313 SS. M. 5 geb. Wien-Leipzig, Bibliogr. Institut. 1895. (II.) Harkouollo los., I>6 ckraFoiuan arabs: 6uicko pratiguo cks I'arabs parls. 12°, pp. XVI -s- 354. Ir. 5 rel. Lsv routli, Iiibrairio catholiguo. 1894. k Mit dem wachsenden Interesse, das der Orient in Anspruch nimmt, mehrt sich auch die Zahl derer täglich, welche sich an das Studium dcS Arabische» heranwagen, wie auch die Hilfsmittel immer reichlicher werden, welche uns die Kenntniß einer der allerschwierigstcn Sprachen zuführen wollen. Leider steht der Werth dieser Bücher in keinem Verhältniß zu ihrer Menge. In Hartlcbenö „Kunst der Polyglotte" war die arabische Grammatik von Manasscwitsch schon die schlechteste mit Auszeichnung : sie wimmelte von Fehlern und bewies in jeder Zeile, daß ihr Verfasser seiner Aufgabe nicht gewachsen war. Nach seinem Tode hat sich vr. Bohatta des Buches erbarmt und war — wie er allzu mild urtheilend sagt -- „redlich bemüht, die zahlreichen Druckfehler und sonstigen Irrthümer, die sich in das Werk eingeichlichen hatten, zu verbcsscn". Er hat neue Beispiele hinzugefügt, die Orthographie in der Transscription einheitlich durchgeführt und die Vulgärsprache mehr berücksichtigt. Daß er sich WahrmundS Lehrbuch zum Muster genommen, konnte nur zum Vortheil gereichen. So ist auS. 160 einem gänzlich werthloscn und geradezu irreführenden Buch ein zwar sehr dürftiger, aber doch nicht unbrauchbarer Leitfaden für die allererste Bekanntschaft mit dem Arabischen geworden; die Ausstattung ist vorzüglich, der arabische Druck klar und deutlich. — DaS Lehrbuch von Seidel behandelt nur den syrischen Dialekt, und zwar nur in TranSscriptions-Text, gegen den sich Einwendungen machen ließen. Die arabischen Lesestücke sind mit einer zum Rückübersetzen eingerichteten Uebersetzung versehen, was wir nur billigen können, denn mit Uebungen, die keine Controle geben und vor Fehlern nicht sicher bewahren, ist für das Selbststudium nichts gedient. Wer aus dem Bücke etwa erst die Elemente des Arabischen lernen wollte, würde sich gründlich enttäuscht finden. Die Beispiele, wie auch der Wortlaut der Regeln (z. B. über die Femininbildung) würde ihm ganz unverständlich sein, ja geradezu verkehrte Begriffe beibringen. Für den aber. der die Elemente der arabischen Grammatik schon überwunden hat, ist das Buch von Seidel sehr lehrreich, beton» derö aber überaus brauchbar zur Vorbereitung für das Verständniß der Sprachführer von Hartmann und Harfonchc. worauf Seidel ja ausdrücklich Bezug nimmt. Leser, die wissen, wie unbeständig und regellos die Aussprache der arabischen Umgangssprache ist, werden sich nicht wundern, wenn Seidels Angaben von denen anderer Autoren (z. B. Wabrmund) ganz bedeutend abweichen. — Der Sprachführer von Hartmann, für Anfänger ein Buch mit sieben Siegeln, ist für den Kenner des Schriftarabischcn ein vorzüglicher, unentbehrlicher Reisebegleiter, der in seiner neuen Auflage an Knappheit und Deutlichkeit bedeutend gewonnen hat. — Auch das Büchlein von Harfoucke, Professor an der Jesuitenunivcrsität in Beiruth, kann dringend empfohlen werden. Es ist wieder ein neues Glied in der Reihe der billigen und trefflichen Lehrbücher, durch welche sich die Druckerei der Jesuiten um Verbreitung der Kenntnisse in arabischer Sprache und Literatur verdient zu machen nicht müde wird. ^ 8ssburA Rr., ckosspd Hageln: 8esnss äs !a vis ck'un Zravä artists, traäuib xar .1. äs Rostmx. 8" x. 240. 'i'ours, L. lllams, 1895. (V.) Rr. 2,00 rsl. LssdurA Rr., ^ nsvslönö: koräitotta Lanleovits. 8°x.II-s- 496. Luäaxost, Na^el, 1895. ü. 2,00. a Für höhere und niedere Töchter, deren erste Pflicht es sein muß, französisch zu plappern, dürste es interessant sein, zu erfahren, daß Franz Hackers (Franz von Seeburg) rührende und gemüthöticfe Erzählung „Joseph Haydn" in einer sehr schon ausgestatteten und auch recht hübsch illustrirten französischen Ausgabe vorliegt; man begreift nur nicht, wie es möglich ist, ein solches Buch gebunden um den Preis von 2 Franken zu liefern; die deutsche Ausgabe (2. Aufl. Regensburg, Pustet. 16°, 440 SS.) kostet mehr als das Doppelte, ohne Bilder zu enthalten. — Desselben Verfassers „Marienkind" ist von einem »lllaA^ar omber- auf die Puszta verpflanzt worden, ohne dadurch ein naturkräftigereS Gebilde geworden zu sein, nur den Namen mußte es ändern in »Nsvslönö« (Erzieherin), vermuthlich weil die ungarische Sprache kein passendes Wort hat für diese Kindschaft, die sich bei uns zu Lande weichherzige fromme Seelen in besonderem Maße zulegen. Die deutsche Ausgabe des „Marienkind" liegt bereits zum siebenten Mal (16°, 546 SS. Rcgensburg, Pustet. 1895. M. 4,70 gcbd.) vor — ein Beweis für die Beliebtheit thräncnscliger Lectüre. Rituals Lomauuw Rauli V. p. w. z'nssu säitnm st a Reneäioto XIV. auotum st oastiAatum oui novissima. aeoeäit Lsnsäivtionum st Instrustionuru apxenäix 4° xp. VIII -s- 228 -s- 148. Ratisbonas, Rr. Rüstet 1895 (V) 21. 6,00. S. Diese tadellos ausgestattete Quartausgabe des »Rituals Romanum- wird auch die strengsten Anforderungen befriedigen; sie ist zum Kirchengebrauch vorzüglich geeignet, und es wäre nur zu wünschen, daß man bei uns zu Lande endlich einmal energisch den Diöcesanritualien entsage; solange das nicht der Fall ist, können wir mit einem -Rituals Romanum- auch nichts anfangen. Was hilft es, die herrlichsten Bücher zu drucken, Vorschriften zu machen, sie immer neu einzuschärfen, Commentare zu schreiben u. s. w., wenn der Sinn für die uralten Kirchen- gebräuche^ unter der Ueberwucherung „volksthümlicher" Andachten täglich mehr und mehr verloren geht und der Kirchen- vorstand in diesen Dingen so ziemlich thun darf, was ihm seine Laune eingibt. Möchten namentlich die berufenen Wächter Sions angesichts dieser prächtigen Ausgabe des »Rituals Romanum- gute Vorsätze fassen und sich einmal zu Thaten aufraffen, um der heillosen Zerfahrenheit ein Ende zu machen'. Raussou 01a, LloervöMl: Novells. 12", 13588. Lrsslau, 8. 8eliottlänäer, 1895. 21. 0,75; Asb. 1.00.' « Ola Hausson hecht der nordische Schriftsteller, der einmal — leider allerdings im Namen von vielen Tausenden seiner Zeit — unumwunden das hündische Geständnis niedergeschrieben: „Ich habe kein anderes Interesse mehr, als das Geschlechtslebe zu studiren und zu genießen." Ist dieser Qla Haussen mit dem Verfasser obiger Novelle etwa identisch? Die „Meeivögcl" lassen das nicht erreichen, sie sind ganz anständig. Aber wer weiß? So ein „Moderner" ist manchmal gedeimnißvolll Vielleicht soll der Held der Erzäblung bereits das impotente Stadium beginnender Gehirnerweichung in Folge übermäßigen „SmdircnS" vorführen? Die in mäßig gutem Deutsch geschriebene, wirklich äußerst flache Geschichte ist kurz diese: Ein abgelebter, abgehaufter Herr Tuveson lernt irgendwo in der Sommerfrische ein gelangweiltes Fräulein Berg kennen, sie stehen in Briefwechsel einen Winter über, treffen sich dann wieder auf Verabredung zur Badekur im Norden, treiben dann in wunderlicher Laune ein kleines Geduldspiel zwischen gegenseitigem Ausweichen und Annähern, bis sie nach 134 Seiten entdecken, daß sie sich lieben, aber kein Geld haben, um zu heirathen. Wozu auch das? „Frei wie die Meervögel und arm wie die Meervögel und stolz wie die Meer- vögcl, so wollen wir lebe», so lange der Schatz vorhält, den wir gefunden haben." Man sieht — die Sacke ist höchst nichtssagend und geistesarm. Man könnte glauben, das Buch wäre etwa für Bahnhofcolportage gerade gut genug, um damit ein Stündchen todt zu schlagen und es dann wegzuwerfen. Es muß aber doch Leute geben, die anderer Ansicht sind, denn an den Schaufenstern sehen wir das Heftchen mit der Aufschrif „Novität ersten Ranges", und die Verlagshandlung veröffentlicht in der Sammlung „Unterwegs und Daheim", der das Buch angehört, nur „die bervorragendsten Neuheiten auf dem Gebiete der schöntu isseuschaftlicheu Literatur von den beliebtesten Erzählern der Gegenwart". Wir danken für solche traurige „Perlen", wie diese „Meervögel" sind! von Berlepsch: Roman-Bibliothek. Jeder Band in roth Leinwand geb. M. 1,50. Verlag von I. Habbel, RegcnSburg. K Jahrzehnte lang versorgte Frau v. Berlepsch die Tages» presse mit ihren gewandten Uebertragungcn amerikanischer Romane, welche rasch ein ungemcin zahlreiches und dankbares Publikum fanden. Die gut lesbaren Uebcrsetzungen betrafen sämmtlich solche Romane, welche mit einer sehr spannenden, allerdings stets sensationell ausgeputzten Handlung eine vortreffliche, hin und wieder sogar ungewöhnlich gute Cbarakter- zeichnung verbanden Und dabei hatten sie noch den, bei spannenden Romanen nicht immer zu findenden großen Vorzug, daß sie auch der reiferen Jugend in die Hände gegeben werden konnten. Kein Wunder, wenn jeder dieser Romane durch Dutzende von Zeitungen ging! Frau v. Berlepsch bat nun den glücklichen Gedanken gehabt, jene Romane in eine Romanbibliothek zu vereinigen, und sie hat einen Verleger gefunden, der den Plan in zweckentsprechender Weise und, was sehr wichtig ist, zu sehr mäßigem Preise ausführen wird. Der erste Band bringt gleich einen Roman, „Um Ihretwillen", der als Typus dieser Art von Uuterhaltungölcktürc dienen kann. Die Handlung ist sehr verwickelt und im hohen Grade ungewöhnlich. Eine ebenso interessante Lektüre bieten die folgenden Bände. Band 2: Regina; Band 3: In Ebbe und Fluth; Band 4: Eines Weibes Martyrium. Unter Syrlngen; Band 5: Dem Irrlicht gefolgt; Band 6: Geheimmßooll. Der billige Preis (1,50 M. im hübschen Callico-Einband) ermöglicht auch den Unbemittelten die Anschaffung dieser empsehlenswerthen Romane. Literarischcr Handweiser, begründet, herausgegeben und redigirt von Msgr. Dr. Franz Hülskamp in Münster. 24 Nrn. L 2 Bogen Hochquart für 4 M. P. Jahr. 1696. Nr. 1. Inhalt. Kritische Referate über Sträter ErlösungSlehre des hl. Athanasius (Ehrhard), Weihbischof Katschthaler Predigten und Welcher Homilien (Deppe), Rouäinlron Os l» Valiäits äss orälnations unAlieanss und Rliss Oalsnäar ot Rntriss in Ichs kaxa.1 RsZistsr» (Bellesheim), Hansjakob Der schwarze Berthold und v. Romocki Geschichte der Explosivstoffe (Al- Wurm), Beissel Fra Giov. Angclico da Fiesole (Seb. Hubcr). — 20 Notizen über -h Vering'ö Leben und Schriften (HülS- kamp), den Karthäuser Dionysius Nickel (Paulus), die 2. Aufl. Von Pottbast's Ribl. Nist. meä. asvi und verschiedene andere Nova (Hülskamp). — Novitäten-Verzeichniß. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg- Ein Gederrkblatt zu Möhlers hnttdertjähri^em Wiegenfest. Kein langes Erdenwallen war Mähler beschieden, und doch hat die kurze Spanne Zeit, die ihm in Tübingen und München zu wirken gegönnt war, genügt, um sein Andenken unauslöschlich in die Herzen seiner Freunde wie seiner Gegner einzugraben und ihm die bewundernde Verehrung der einen, die Anerkennung und respektvolle Achtung der andern zu sichern. Was sonst so selten beobachtet wird, erstaunt gewahren wir es bet ihm, daß nämlich Männer der verschiedensten Richtungen in seinem Lobe sich gleichsam zu überbieten streben. Sein erster Biograph Neithmayr, der ihm im Leben befreundet gewesen war, urtheilt: „Als Gelehrter wie als genialer Denker glänzt er unter den ersten kirchlichen Schriftstellern seiner Zeit." Döllinger, der Möhlers Berufung nach München durchsetzte und ihm bis zu seinem Tode nahestand, bezeugt, daß „alle Stimmfähigen in Europa (Möhler) das Zeugniß gaben, daß er der erste unter den lebenden Theologen seiner Kirche sei". I. Friedrich nennt Möhler „den Stolz der deutschen Kirche", vor dessen hohem Geiste, warmer Religiosität und demüthiger, bescheidener Art noch heute jeder, der seiner Persönlichkeit näher trete, verehrungsvoll sich beugen müsse. Der Protestant Kling, der Möhler „in der Zeit seines frischesten Strebens kennen gelernt und über 1^2 Jahre vertraulichen Umgang mit ihm gepflogen", bezeichnet ihn als „einen Epoche machenden Geist und ein hellscheinendes Licht in der römisch-katholischen Kirche unserer Tage" und sagt: „Seine aufrichtige Frömmigkeit, sein hoher sittlicher Ernst, sein zartes und feines Gemüth, sein klarer, durch klassische Studien wie durch tiefes Eindringen in das christliche Alterthum vielseitig und in ausgezeichnetem Grade gebildeter Geist, seine ganze, ebenso milde wie feste und entschiedene Persönlichkeit mußte ihm in und außer seiner Kirche Hochachtung und Vertrauen in seltenem Maße gewinnen; und schon die äußere seelenvolle Erscheinung, das edle Angesicht, das ernst und doch freundlich blickende Auge, die ganze würdige Gestalt des Mannes hatte etwas Anziehendes und zugleich Jmponirendes." Und bei der Bewunderung ließ man es nicht sein Bewenden haben, hüben und drüben glaubte man auf ihn Anspruch erheben zu können. Die Protestanten machten geltend, von ihnen habe Möhler vieles empfangen, mehr als wohl von katholischer Seite zugestanden werde; und auch anderwärts versuchte man, ihn als einen Gesinnungsgenossen darzuthun, der mit der Richtung nicht einverstanden gewesen sei, welche die katholische Kirche in neuester Zeit genommen habe. Schon begann eine Art Legendenbildung ihr wirres Schlinggewächse um das edle Bild zu ranken, dessen Züge mehr und mehr verwischend und entstellend. Da war cS ein verdienstlicher und glücklicher Gedanke des zweiten Nachfolgers Möhlers auf dem Lehrstuhl für Kirchengeschichte an der Münchener Universität, des Professors Dr. Knöpfler, zu dessen hundertjährigem Geburtstage auf Grund sorgfältiger Studien und selbstständiger Forschungen sein Leben und Wirken nochmals zur Darstellung zu bringen,*) wobei es ihm gelang, so manches zu be*) Johann Adam Möhler. Ein Gebenkblatt zu dessen hundertstem Geburtstag von AloiS Knöpfler, Doctor der Theologie und Philosophie, o. v. Professor der Kirchengeschichte richtigen und klarzustellen, was bisher fast traditionell von dem einen dem andern nacherzählt worden war. So wird gewöhnlich angenommen, Möhler habe am dreijährigen Lycealkurs zu Ellwangen den zweiten übersprungen; die theologischen Studien seien dort ganz rationalistisch betrieben worden, und da das Ellwanger Bier zu jener Zeit trefflich war, so seien die Wirthshäuser von Studenten regelmäßig und stark besetzt gewesen. Knöpfler weist das Unrichtige und Uebertriebene dieser Angaben nach; das Lyceum war in seinem philologisch-philosophischen Theil nicht drei-, sondern zweijährig, wcßhalb Möhler nichts überspringen konnte, da er 1813 hier ein- und 1815 zum Studium der Theologie übertrat, und dieses wurde, wenn es sich auch dem Geiste jener Zeit naturgemäß nicht entziehen konnte, keineswegs so leicht betrieben, gerade in der Dogmatik war der tüchtigste Lehrer thätig, und was das Kneipen anlangt, so wird auf die Thatsache verwiesen, daß das Ellwanger Lyceum zu Möhlers Zeit ganze 22 Studenten zählte, so daß es schon deßhalb nicht sehr wahrscheinlich klingt, daß die Wirthshäuser von ihnen regelmäßig und stark besetzt gewesen seien. Im Herbst 1817 wurde die Ellwanger theologische Akademie nach Tübingen verlegt, Möhler übersiedelte daher mit seinen Genossen an die dortige Universität, wo sie im Wilhelmsstift unentgeltlich Verpflegung fanden; am 1. November 1818 traten sie zur unmittelbaren Vorbereitung auf das Priesterthnm in's Seminar zu Rottenburg ein. Auch hier soll nun ein ganz unkirchlicher Geist geherrscht haben; als die Alumnen im Juli 1819, bereits zu Diakonen geweiht, den Antrag Rotte cks in der badischeu Kammer für Aufhebung des Cölibats gelesen hätten, sollen sie einen lauten Jubel erhoben haben, worüber der fromme Repetent die Hände über dem Kopfe zusammenschlug. Dem gegenüber macht Knöpfler aufmerksam, daß die Alumnen zu Rottenburg im Juli 1819 ganz unmöglich in lauten Jubel über einen Antrag ans- brecheu konnten, der vom 20. April 1828 datirt ist! Mit welcher Vorsicht da die andern derartigen Mittheilungen, wie sie über Möhlers Bildungsgang gerne aufgetischt wurden, aufzunehmen sind, liegt auf der Hand. Am 18. September 1819 zum Priester geweiht, kam Möhler nun als Vikar nach Weilderstadt und Niedlingen a. D.; sein Prinzipal an letzterem Orte, Dekan Ströbele, konnte ihm über sein Wirken ein glänzendes Zeugniß ausstellen. Doch schon am 31. Oktober 1820 wurde er nach Tübingen einberufen, um sich auf das Gymnasiallehramt vorzubereiten; bald darauf wurde er zum Repetenten für Kirchengeschichte ernannt. Mit vollstem Rechte hebt Knöpfler bei dieser Gelegenheit hervor, wie Württemberg zur Heranbildung tüchtiger Lehrkräfte über treffliche Einrichtungen verfügt, von denen nur zu wünschen wäre, daß sie anderswo zur Nachahmung dienten; möglich wären sie bei nur einigem guten Willen, und gewiß auch für Lehrende und Lernende von reichstem Gewinne. 1822 wurde Möhler znm Docenten der Kirchengeschichte befördert, zuvor sollte er jedoch eine wissenschaftliche Reise mit Staatsunterstützung machen; i« September reiste er über Würzburg nach Bamberg, an der Universität München. Mit einem Bildnisse Möhlers. München, 1896. I. I. Lentner (E. Stahl jnn.). 6", IX und 149 S. Preis M. 2.S0. besuchte die Universitäten Jena, Leipzig, Halle, Göttingen, Berlin, Breslau, Prag, Wien und Lands Hut, und kehrte im April 1823 über München nach Tübingen wieder zurück, voll reicher Erfahrungen und fruchtbarer Anregungen, um im Sommersemester 1823 seine Vorlesungen zu beginnen. Wenn nun später behauptet wurde, Mähler habe zur Zeit seiner ersten schriftstellerischen und akademischen Thätigkeit noch nicht völlig mit dem positiven Glauben harmonirt, noch habe die Kirche die Liebe seines Herzens nicht von Grund aus gewonnen gehabt, so ist Knöpfler gleichfalls beizupflichten, wenn er diese Darstellung verwirft und darauf hinweist, wie Möhler nach allen positiven Zeugnissen von Haus aus eine tief religiöse, Überzeugungstreue, gläubige Natur war, für die eS keine Aenderung der Gesinnung, sondern nur der Erkenntniß geben konnte; und wahrlich, wer sich mit Möhlers Schriften auch nur einigermaßen vertraut gemacht hat, der wird sich dem Eindrucke nicht verschließen können, daß ihm hier eine religiöse Begeisterung, eine so innige Liebe zur Kirche und ihren Institutionen entgegentritt, wie sie nur aus dem tiefsten Born eines kindlich frommen Herzens quellen, nimmermehr aber als das mühselige Produkt langer, nüchterner Verstandesarbeit, die doch ewig vom Zweifel angefressen bleibt, erworben werden kaun. Auf Kuöpflers Schilderung Möhlers als Gründers der historischen Schule näher einzugehen, müssen wir uns, so schwer uns dies auch ankommt, leider versagen; dagegen sei besonders hervorgehoben der Abschnitt „Der theologische Forscher", worin gewissen Tendenzen und Bestrebungen gegenüber Möhlers Stellung zum Primat ins rechte Licht gesetzt wird; wohl hat derselbe früher das Episkopalsystem möglichst schroff zu vertreten gesucht; aber bei näherer Prüfung kam er bald zur Ansicht, daß sowohl das schroffe Episkopal-, wie das extreme Papal- system in ihrer Einseitigkeit unhaltbar seien. Vielverhandelt wurde auch Möhlers Beurtheilung der Gesellschaft Jesu; auch hier haben wir uns nicht zu überzeugen vermocht, daß er einen incorrecten Standpunkt eingenommen, glauben vielmehr, daß er ihr gegenüber die richtige Linie zwischen rückhaltlosem Lob und unverdientem Tadel nicht überschritten habe. Mit seiner berühmtesten und verdienstvollsten Schrift, der Symbolik, und deren Vertheidigung gegen die Entgegnung Baur's stand Möhler im Zenith seines Ruhmes; von da an neigte der Stern seines Lebens merklich dem Untergänge zu. Nicht als ob seine geistigen Kräfte nachgelassen hätten; schien er ja doch, in den leistungsfähigsten Mannesjahren an einen neuen, aussichtsreichen Wirkungskreis berufen, die reifsten Früchte seines gottbegnadeten Geistes erst noch bringen zu sollen. Aber der zarte, schwächliche Körper hielt nicht aus, auch die Erholung in den weicheren Lüsten des sonnigen Südens brachte nur momentane Erleichterung, keine Genesung, und so siechte er langsam dahin; am Charsamstag dem 14. April 1838 bettete man ihn, der in wenig Jahren einen großen Lauf vollendet, zur letzten Ruhe. Wir müssen Knöpfler aufrichtig dankbar sein, daß er dem Andenken seines Vorgängers und Landsmanu.es dieses schöne Gedenkblatt gewidmet hat. Innige Pietät und Verehrung für den allzufrüh Entschlafenen hat ihm Hiebei unverkennbar den Griffel geführt, und es ist ihm auch vollauf gelungen, den äußern Lebensgang, wie das innere geistige Streben und Weben, Ringen und Schaffen, die ganze lautere, makellose, herzgewinnende Persönlichkeit dieses außerordentlichen Mannes in so anschaulicher und fesselnder Weise zu schildern, daß wir immer wieder gerne zu dem Schriftchen greifen.. Dasselbe gehört auch keineswegs der Gattung der raschverwehenden Fest- und Tagesliteratur an, sondern ist von bleibendem Werthe, nicht bloß wegen der mannigfachen Correcturen und Berichtigungen, die es an früheren Möhlerbiographien übt, sondern insbesondere auch deßhalb, weil es eine so sorgfältige Zusammenstellung aller aus Möhler's Feder geflossenen Schriften, Aufsätze, Abhandlungen und Besprechungen bietet, wie sie in solcher Vollständigkeit nirgends zu finden war. Aber noch aus einem andern Grunde verdient Knöpfler's Schrift weiteste Beachtung. „Begeisterte Verehrung und Dankbarkeit", schreibt er in der Vorrede, „hat bereits an der Geburtsstütte, wie über dem Grabe des gefeierten Lehrers Denkmale aus Stein errichtet; könnte dessen hundertster Geburtstag nicht Anregung werden, an der Stätte seines letzten Wirkens ein noch schöneres, vielleicht auch dauerhafteres, gewiß aber dem Geiste Möhlers mehr entsprechendes Denkmal zu errichten: ein Stipendium zur Heranbildung tüchtiger katholischer Theologen? Hiezu soll der Reinertrag dieser Schrift den ersten Baustein liefern, welchem die Verehrer des um die Kirche Christi so hochverdienten Mannes ihre Dankesgaben beilegen mögen." Wir glauben diesen Worten nichts beifügen zu sollen und schließen mit dem einen lebhaften Wunsch», daß Knöpflers Schrift im katholischen Klerus, namentlich auch unter den Theologiestudirenden, recht viele Leser finden möge! Dr. I. S. Beattts Adalbertns ein Graf Zollern-Hohenberg-Haigerloch, Mönch, Priester und Prior in der niederbayerischen Benediktinerabtet Oberaltaich 1261 — 1311 von I. N. Seefried. Leatus Oouksssor Läalbertus ex Lnsvia cls 9?erritorio Oonetkntienei §ainilik>. Ocnnitnin äe HaMLr'Ioeb xroAenio militari oxortus. (Vita, Läaldsrti eax>. I.) In dem Aussatze „Die Könige von Preußen und die Fürsten von Hohenzollern sind Abenberg - Zollern, nicht Zollern-Abenberg" habe ich die Vermuthung ausgesprochen, Elisabet, die Gemahlin Friedrichs I. von Zollern oder mit dem Löwen, sei als die Schwester Alberts II. von Hohen- berg und als Tante des Benediktiner-Priors von Oberaltaich, Alberts Grafen von Haigerloch, anzusehen, welcher 1239 (nicht 1229 nach Schmid) geboren und am 26. November 1311 (nicht 1316) in Oberaltaich gestorben ist. Meine Begründung für diese Annahme stützte sich auf den Umstand, daß Friedrich II. oder der Erlauchte am 12. Januar 1271 den Grafen Albert II. von Hohen- berg avrmoulus d. h. Oheim oder Mutterbruder genannt hat, wozu ich noch bemerkte, daß die Darstellung vr. Ludwig Schmids über den in Oberaltaich als selig verehrten Hohenberger Grafen nicht genüge, auch manches Unwahre enthalte, weßhalb ich auf den Prior Albert (Adelbert) von Haigerloch später speziell zurückkommen werde?) i) Beilage zur Augsb. Postzeitung 1894 Nr. 25 S. 198; Separatcibdruck S. 16 A. 34. Diesem Versprechen nachkommend, will ich an der Hand der besten, aus Oberaltaich stammenden Vita, des Priors Albert, Grafen von Haigerloch. zeigen, wie weit in chronologischer und sachlicher Beziehung die Angaben unseres Gegners von der glaubwürdig hinterlegten geschichtlichen Wahrheit abliegen und entfernt sind?) I. Geburt, Eintritt in das Benediktinerstift Oberaltaich und Ableben des Grafen Adal- bert (Albert) von Haigerloch. Wenn man auf der bayerischen Ostbahn von Strau- bing, der einstigen Residenz niederbaycrischer Herzoge ^) aus dem Hause Wittelsbach, gegen Plattling (Pledelingen im Nibelungenliede) nach Passau herabsähet, sieht man, sobald die Doppelthürme von s. Peter zu Straubing (^uAustavis) verschwunden sind, links jenseits der Donau fast am Fuße des Bogenberges die doppelthürmige einstige Abtei-, jetzt Pfarrkirche von Oberaltaich herüber- leuchten, jedoch hinter dunklen Fichten- und Tannenwäldern bald wieder verschwinden. Das Benediktinerkloster 8. Peter daselbst, welches im Jahre 1731 das 1000jährige Jubiläum seines Bestandes gefeiert hattet und am Anfange unseres Jahrhunderts mit der Namensschwester Niederaltaich unterhalb Deggen- dorfs der Säkularisation zum Opfer gefallen ist, soll im Jahre 731 von dem agitolfingischen Herzoge Odilo unter Beihilfe des Abtes Pirminius von Neichenau im Bodensee erstmals errichtet und besieoelt worden sein.^) Allein Herzog Odilo kam erst nach dem Ableben Herzog Hugberts am 1. November 736 zur Regierung, und die alte Eiche am Donanstrome war ohne Zweifel schon eine Cultus- und Opferstätte des keltischen Heidenthums, und sind daselbst wohl Menschenopfer dargebracht worden, ehe römische und christliche Cultur, von ver Beste und dem Bischofssitze ^uZustanis (Straubing) ausgehend, die Zelle s. Peter bet der alten Eiche und zahlreiche andere Zellen des bayerischen Waldes und Vorwaldes gegründet hat. Auch der Agilolsinger Herzog Theodo I. wird als Gründer von Oberaltaich bezeichnet, und wenn der heil. Nupert, wie ich früher ausgeführt habe?) in Straubing wirklich seine dritte bischöfliche Kirche in Bayern in der Mitte des 6. Jahrhunderts aufgerichtet hm, um das Heidenthum der zurückgewanderten Bajonren zu bekämpfen, dann ist Oberaltaich, welches den gleichen Patron mit der bischöflichen Kirche zu t1ugu8taiu8 (8. Peter) hat, nicht erst im Jahre 731, sondern ebenfalls schon in der Mitte des 6. Jahrhunderts entstanden und 731 unter °) Geschichte der Grafen von Zollern-Hohenberg von Dr. Ludwig Schmid. Stuttgart, 1862, Gebrüder Schcillin, S. 17 und 327. 2) straubing ist das keltische Sorvioäurum der Ga- bula LsutinAsrlan»,, UnAUstis des Itinorarii Lutomni und Lug'nstaiiiL der ReicbSnoiiz. Siehe A. 0. H Vgl. des Priors Aemilian Hemmauer historischen Entwurf, auch Chronik genannt, aus dein Jahre 1731, gedruckt zu Siranbing bei Cassian Betz (nack Adalbert Ebner wohl erst 1732, siehe Sanunclblätter zur Geschichte der Stadt Straubing von Ed. Wimmer, k. Hauptinaun, S. 591). °) Chronik I. o. S. 18. Hlmns kirmiuius sx ^n§ia ... iu8i§ns praotsr alia in viosessi Lattavisnsi eosuobium Lltaoba, Inksrius ttiotnm . . eouäictit . . atia, guogus Oosnobia in oocksm Ouoatn.. .kirmiuii Xnsxioiis xartim sunt instructa, partim rskormata st re- staurata vüleliest Llt-Hsba Lnxsrins sto. o) Die ece.tesia Lugustaua, zu s. Peter in Straubing, Separatabdruck der Nttcukofer'schen Buchhandlung daselbst 1893 aus dem Uuterhaltungsblatte zum Straubinger Tagblatt 1892 Nr. 46-52 und 1893 Nr. 1-3. Karl dem Hammer und dem Herzoge Hugbert (nicht Odilo) in Bayern von Neichenau aus nur neu besiedelt worden. Nach der Zerstörung des Klosters durch die Ungarn im Jahre 907 (nl. 904) lag dasselbe in Asche, bis es 1102 von Friedrich, Grafen von Bogen, dem Vogte der bischöflichen Kirche von Ncgensburg, wieder hergestellt worden ist. Woher jedoch der erste Abt des damals restaurirten Klosters Namens Egino berufen wurde, war im Jahre 1731 noch nicht ermittelt und ist bis jetzt unermittelt geblieben?) In diesem wiederhergestellten Kloster hat unter dem 16. Abte Poppo (1160—1182), einem Schüler des berühmten Abtes Hermann von Niederaltaich?) der jugendliche Graf Albert von Haigerloch im Jahre 1261 Aufnahme gefunden, °) und ist das Leben dieses hochgebornen, frommen und demüthigen Benediktiners, verfaßt von dem gleichnamigen Prior Albert zu Oberaltaich, der Nachwelt in zwei Editionen bekannt und zugänglich gemacht worden. Eine sehr alte Abschrift der Oberaltaicher Vita tMorti besaß das Kloster 3. Emmeram in Negensburg?") welche k. Bernhard Pez für das Original gehalten zu haben scheint und in seinem Mw8anru8 ^liacclotormri novi88imu8 Pom. I o x. 535—554 zum Abdruck gebracht hat?') Die 1721 edirte Emmcramer Abschrift schließt mit Lax. 34 ab, während die Melker Abschrift, die Pez von dem Prior ?. Paulus auf dem Bogenberge zum Geschenk erhalten hatte, wie die Oberaltaicher Vita in eux. 35 den Epilog und am Schlüsse die Beglaubigung durch Abt Dominikus II. (erwählt 1721) enthält, daß die Abschrift sx antoZi-axlro genommen worden ist??) Die jüngere Veröffentlichung der Vita durch den Druck unter Abt Dominikus II. und Prior Aemilian Hemmauer von Oberaltaich zum tausendjährigen Bestände des Klosters daselbst 1731 hat folgende Ueberschrift: Vita Lsati ^Ibarti, Älonaesti Olwraltaelrsiwm, aerixta ab Tlllierto, sjrwclsm LIona8tarii 0. 8. ?. L. in Lojaria kriors. Lruta sx 6oä. lVl. 8. Obsraltaosteimi et oollata oniri 6oä. N. 8. Impsrialis Nona.8tsrii 8. Lrnmorami katiadonao, und entnehmen wir dieser Vita?2) welche der 3. Emmeramer vorzuziehen ist, die nachstehenden theils chronologischen, theils thatsächlichen Berichtigungen älterer und neuerer Schriftsteller, insbesondere aber Dr. Schmids in Tübingen, des Geschichtschreibers der Grafen von Zollern-Hohenberg. Nach Schmid, welcher die Ausgabe der Vita des k. Bernhard Pez aus 8. Emmeram benützt hat,") soll Abt Poppo den Grafen Albert von Haygerloch 1251 im Alter von 22 Jahren aufgenommen haben, während r) Chronik von Hemmauer S. 120 n. 122. b) Chronik S. 173. Povpo war ein Mann, Gott und den Menschen angenehm. Ein Eiferer der klösterlichen Disciplin. Ll. 6. 88. XVII. 402. S. A. 16! Vita. Llbsrti oax. 1. -°) OIm. der k. Hos- und Staatsbibliothek Nr. 14673 nach ?. GallnS in Metten. ") Augsburg und Grätz 1721. vissertatio Isagoxiea xaZ'. lOXXXIX stsi is (Ooäsx hlmmsramsnsis) auto- Kraplius viclsrstur, onm reeenstori tamen axo§rs,Mo Obsraltalieiwi, guoä ab L. L. st 01. V. Lanlo, Loolssias LvAsnborASllsis kriors, üono aceeximus, eoukorrs non praetermisimns. ker I. o. x. 554. Chronik HeminauerS S. 585. Geschichte der Grafen von Zollern-Hohenberg 1862 S. 327 A. 1. Schmid liest mit Pez RaAgsrlo; Hemmauer richtig LrH'Lsrloell I. v. S. 588. unsere Quelle aus Oberaltaich sagt, die Aufnahme habe anno Douiini 12 61 astabia 1xsiu8 ^.Istsrti viZssiwo sssnnclo stattgefunden. Die Ausgaben von Pez und Hemmauer differiren Demnach bezüglich des Jahres der Aufnahme Alberts in Oberaltaich um volle 10 Jahre, wahrend sie im Alter und der Art der Aufnahme genau übereinstimmen. Allein schon Pez hat zu „anno Doiaini luilssiiao äu- csntWirno . XXI die übereinstimmende Angabe haben, Albert entschlief im Herrn anno Ooinini inilosiino trsosntssiino nnäsoiino ssxto Oalonstas veeoinbris, nachdem er 50 Jahre daS Priesterthum unter dem Joche des Evangeliums und der Ordensregel lobenswerth verwaltet hatte. Die bestimmte Angabe, daß Albert 50 Jahre Laoeräos in Oberaltaich gewesen und am 26. November l311 verstorben ist, hätte den Abschreiber der Emmeramer Vita, welcher als Todestag den 27. November angegeben hat, und Dr. Schund in Tübingen überzeugen können, daß ihre Angaben und Annahmen, Graf Albert von Haigerloch sei schon 1251 zu Oberaltaich in den Benediktinerorden getreten, unrichtig sind, weil vom Sterbejahre 1311 fünfzig Jahre zurück- gerechnet stch das Jahr 1261 als Eintrittsjahr mit Nothwendigkeit ergibt. Einen zwe ien, nicht unbedeutenden chronologischen Fehler hat sich Schmid dadurch zu Schulden kommen lassen, daß er die nicht quellenmäßige Behauptung aufgestellt hat"): „unter außerordentlichen Umständen sei auch sein (Alberts) Abscheiden, das er vorausgesagt, am 27. November des Jahres 1316 vor sich gegangen." Schmid hat ohne Zweifel „rallssirao troosutssimo anäseiiao Huinto" in folgender Weise zusammengelesen: 1300 -j- 11 -j- 5 — 1316, während nur 1311 zusammengelesen werden darf und das c^uinto (aeiliost äis) zu 6a1enäa8 Vooaial>rl8 bezogen werden muß. Die Emmeramer Vita Tlllisrti hat das Todesjahr und den Todestag Alberts angegeben, wie folgt: „äornaivit in Domino anno niilemino troosotssirao unäeoirno yuinto 6aloncia8 Dsesmstris"; und daß die Zahl Huinto zu 6a1onäa,8 Doosnidrm gelesen werden muß, beweist die Thatsache, daß eine jüngere Hand als Sterbetag am Rande den 27. November notirt hat. Die Oberaltaicher Vita und die Bogen - Altaich - Melker Abschrift lesen richtiger soxto (äis) anto Oalsnäas Ds- asmdrj8, und hat Pez diese richtige Zeitbestimmung in seine Ausgabe herübergenommen und daS cjuinto rliminirt?b) Daß aber Graf Albert am 2 6., nicht 27. November 1311 im Herrn entschlafen ist, dafür spricht nicht nur das Xoorologium Oboraltavenss, sondern auch die Inschrift auf AlbertL Scpulchralmonument in der Klosterkirche zu Oberaltaich aus dem Jahre 1395. -°) kor I. o. oap. HI p. 540. >°) LI. S. 88. XVII, 402. Loäew anno (1260) äowinus Lopxo, monnolins -4Itakeusi8, ölig-stur tu abbatew 8uxorior1s LItalie, vir maguo xrnüontio st religiouis. ") Geschichte der Grafen von Hohenberg 1662 S. 328. Bemerkt ist zum angeblichen Sterbejahre 1316: «Nach Angabe dtS Lbronieon äo üueibus Lavarias 1311." ") I. v. eax. XXI x. 518. Das Necrologium des Stiftes Oberaltaich, welches im Jahre 1342 angefangen und fortgesetzt worden ist/o) hat, wie wir mit Sicherheit annehmen dürfen, aus einer früheren Aufzeichnung folgenden Eintrag herübergenommen: VI. stal. Doo. H1bsrtu8 Drssst. st Nou. Xoster oli. xis rasmorias aü. äom. Neosxi. und aus dem noch erhaltenen, sehr schönen Grabsteine Alberts aus Untersberger Marmor^) geht in Uebereinstimmung mit den Lebensbeschreibungen unzweifelhaft und unwiderleglich hervor, daß derselbe am 26. November 1311 im Herrn selig entschlafen ist, nicht am 27. November 1316. Die Sepulchralinschrift lautet nach einer genauen Abschrift, welche ich der gütigen Hand des quiescirten 82jährigen Herrn Lehrers Cajetan Schwert! in Oberaltaich verdanke, wie folgt: 1- LXXO . DXI. U.660.XI.VI. LD . DL6LLRI8.0 . DDVI-. kIL . ÜILLlOIIIL . A?II. LI. LI0X^6D°. DVD. DOOI. xroourats. äüo. xstro. aliats. soulptus. 68t. Iap>i8. i3ts. rao.cooo.vs". d. h. Unno clomini 1311 86xto (anto) Xalenäas Ds- osraliris odiit trater ä.Il>srtu8 xis moiaorio xrssstitsr st raouaoliu8 Irujus looi. Im Jahre des Herrn 1311 am 26. November starb Bruder Albert seligen Angedenkens, Priester und Mönch dahier. Auf Veranlassung des Herrn Abtes Petrus^) ist das Steindcnkmal errichtet worden 1395. Wenn nun Prior Aemilian Hemmauer 1731 schreibt^): „iVrmo 1261 nahm Abt Poppo den seligen Beichtiger (Bekenner) Albert einen Grafen von Hayger- loch seines Alters im 22. Jahr allhier in das Kloster auf und machet ihn nach vollendetem Probierjahr Profeß", und etwas später ergänzend hinzufügt^): „1311 den 26. November ist in Gott selig entschlafen unser Albertus", so kann man als feststehend und ausgemacht betrachten, daß Graf Albert von Haigerloch, geboren 12 39 (nicht 1229 nach Schmid), im Jahre 1261 (nicht 1251) ins Kloster trat, 1262 eingekleidet wurde, 50 Jahre dem Mönchsorden 8. Benedikts angehörte und im Alter von 72 Jahren^) am 26. (nicht 27.) November 1311 (nicht 1316) zu Oberaltaich gestorben ist. Hält man diese chronologisch richtigen Daten fest, dann wird man auch in genealogischer Beziehung zu Resultaten gelangen, welche stch mit den Annahmen Schunds nicht vereinigen lassen. (Fortsetzung folgt.) ") Lloii. Loioa XII p. 293. Xeorolognim anno 1342 ineboatum ot Lueesssivs oorstinuatuw. 2 °) Siehe Facsimile in der Beilage 2 zum Scparatabdrucke. Das Monument ist nach Herrn Lehrer Schwerst mit Nahme 2,37 m lang, 1,18 w breit und 1,35 m hoch. Es ist von Holz, die Decke von rothem Marmor, die Rahme von Messing. Petrus von Urscnböckh (Urscnbach) aus einem guten, alten bayerischen Torniergeschlechte war der 26. Abt zu Oberaltaich (1379-1403). --) Chronik S. 175. -») l. o. S. 198. ") Dr. Schmid sagt in seinem oft citirten Werke S. 328 A. 1: «er muß jedenfalls ein sehr hohes Alter erreicht haben". 16 ? Die Entstehung der Kaiserchronik. (Schluß.) 8. 8. Sehen wir uns nun aber in St. Emmeram nach einer Persönlichkeit um, die zur Abfassung eines so bedeutenden Werkes geeignet gewesen sein dürfte, so erheben sich große Schwierigkeiten. Denn gerade in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts herrschte in diesem Kloster eine arge Verwirrung, indem Bischof Heinrich I. von Negensburg bei seinem Regierungsantritt den Abt Pabo von St. Emmeram entsetzte, weil dieser ihm keinen Beistand gegen den Bayernherzog, den Weifen Heinrich den Stolzen, leisten wollte. Erst im Jahre 1141 erlangte Pabo, der die Hülfe des Papstes Jnnozenz II. angerufen hatte, seine Restitution, doch schied er bald darauf, am 27. Juni 1143, aus dem Leben. Sein Nachfolger in der Abtwürde wurde — da es im eigenen Kloster an einer tauglichen Person gefehlt zu haben scheint — Mönch Berthold aus Adwont, welches Stift unter Abt Gottfried (1137—1165) eine hohe Blüthe erreichte, so daß nicht weniger als dreizehn Aebte während seiner Negierungszeit aus diesem Konvente berufen wurden. Merkwürdiger Weise starb Berthold schon um's Jahr 1149, also in derselben Zeit, in welche wir den Tod des Dichters der Kaiserchronik fetzten (s. Quellen und Erörterungen zur bayrischen und deutschen Geschichte I. S. 88 Urkunde u. 187 aus dem Jahre 1150, in der Adalbert von Admont bereits als Bertholds Nachfolger aufgeführt wird. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, daß Abt Berthold der gesuchte Autor ist. Auf jeden Fall war der Dichter ein guter Bayer, denn er zeigt sich in der bayrischen Stammsage wohl bewandert (Vers 297 f.): „Die Schwaben, rieihcn Julio (Cäsar) Er kehrte auf die Bayern Wo viel mancher Degen (Held) inne saß Dcemnnd ibr Herzog was Sein Bruder hieß Ingram") Viel schier (bald) besandte» sie ibre Man (Mannen) Ihnen kam an der Stund (sofort) Viel mancher Held jung Mit Halsberg und mit Brünne Sie wehrten sich mit Grimme Sie fochten mit ihm einen VolkökaiM Weder vorher noch seitdem Fiel nie so mancher Held gut Oder es lügen die heidnischen Bücher. O wie gute Knechte (Kämpen) die Bayern waren Das ist in den heidnischen Büchern kund" rc.'°) Noch deutlicher erhellt seine bayrische Abkunft aus der berühmten Erzählung von Scverus und Adelger?°) ") Ein Ingram erscheint auch im deutschen Nolandslied V. 850; vgl. Llon. Lote. VIII S. 42t (Ingram von Hart- kirchen), S. 422 (Ingram von Picsenkam); Edm. Oercle, Gesch. d. Gr. v. Andechs S. 167 U. 379 (Ingram von Sachsenkam). ") Im Folgenden wird mit säst denselben Versen wie im Annolied der Herkunft der Bayern aus Armenien gedacht, vgl. dazu vita. Lltmanni aap. 28 (versaßt nn Kloster Götweih bald nach 1125): »Laavari traäuntur ox Lrmonia oriunäi-, und die jüngere Fassung der Tcgernseer QuirinuSlcgende (nach 1164): »Uorieorum (d. i. der Bayern) in Ultimo orients circa ar- rueniam vel iuüiam nsgus Iwüis manct vrisso«. 2 °) Aehnlichcs berichtet die jüngere Fassung der Tcgernseer QuirinuSlcgende in dem Abschnitt -äs kiorieorum ori§ms st äucatu«, der auch in die sogen, kunäatio mouasterii DeZern- sssusis (bei ksr Miss. onocäot. III, 3 S. 492 f.) überging, Von dem Baycrnherzog Theodo (welcher an die Stelle des Ost- gothcn Thcooorich bei Fredegar Chronik III, 9 und Aimoin von Fleury List. Vraneor. I, 10 getreten ist), nur daß in der eingeschalteten Thicrsabel der Bär als König der Thiers die Rolle des Gärtners in der Kaiserchronik übernommen hat, was V. 6622—7135 (513 Verse), welche geradezu ein Loblied auf die Treue und die Tapferkeit des Bayernvolkes ist, vgl. V. 6770 f. (Worte des Bayernherzogs Adelger): „Auch ist unsre Gewohnheit daheim Was einem geschieht zu Leide Das müssen wir allesammt dulden Wie wir her sind kommen Er sei arm oder reich Das tragen wir alle gleich Unsre Sitte ist also." VerS 7125 f. ruft der — von den Bayern geschlagene — römische Kaiser Severus verzweifelnd aus: „Nom, dich hat Bayerland Geschändet also sehr Nun will ich auch nicht leben mehr." Triumphirend dagegen stößt Adelger seine Lanze beim Haselbrunnen bei Brixen in die Erde und ruft V. 7133 f.: „Das Land hab ich gewonnen Den Bayern zu Ehren Die Mark diene ihnen immermchrl* Wir ersehen hieraus, zu welcher Blüthe die deutsche Dichtung im 12. Jahrhundert gerade bei den Bayern gedieh. ^) Aber wir sind mit der Aufzählung ihrer poetischen Leistungen noch lange nicht zu Ende. Auch das Lied vorn Herzog Ernst — den die Sage zu einem Bnyernherzog macht — ist noch vor dem Jahre 1186 in Bayern, und zwar in Kloster Tegernsee, wo eben um diese Zeit Werinher ein Marienleben dichtete, entstanden. Dies geht deutlich aus einem Briefe hervor, ven Graf Berthold III. von Andechs (gest. 1188) an Abt Nupert von Tegernsee (gest. 1186) richtete (s. Las Isiem Änaoäot. VI, 2 S. 13: „conLsäus railü lisiellum tsutoniouw. cls sisiMASu Lrneston, äouso velocirw soridulur miiii, guo xarsci'ijfto coirtinuo rsmittstur tiki"). Gleiches läßt sich von dem Epos König Rother vermuthen, denn es wird darin neben Hadamar von Liessen und Amalger und Wolfrat von Tengling ein Herzog Verchter von Meran als „Held von Meran" aufgeführt, zu dem offenbar der Vogt von Tegernsee, Berthold IV., Herzog von Meranien (gest. 1204), als Vorbild diente. Besonders aber war die Kudrunsage in der Umgebung von Tegernsee heimisch, und eS darf uns daher nicht Wunder nehmen, wenn.Herwig, der Freund des Ortwin, das Tegernseer Wappen (die Seeblätter) in seiner Fahne führt??) Beherzigen wir außerdem, daß Wolfram von Eschen» bach sich einen Bayer nennt (Parcival III, 153), daß Walther von der Vogelwude im bayrischen Norital (um Sterzing) angesessen war, daß der Kürenberger bei Linz, Heinrich von Ofterdingen bei Wels, der Tannhäuser in der Nähe von Traunstein seinen Wohnsitz hatte (s. M. Fürst „Zur Heimathsfrage Tannhäusers" im Sammler Nr. 58 und 59 des Jahrg. 1891), so gelangen wir zu auf eine ältere Form der Sage schließen läßt, vergl. die vlla blatbilüis des Donizo V. 250— 272 (aus d. I. 1114). 2') Auch der um dieselbe Zeit gedichtete Tuudalus rührr von einem Ncgensburgcr Geistlichen (Namens Albero) her. Im 13. Jabrhundert verfaßte der Minorit Lamprecht in Negensburg die „Tochter von Sion" und ein gereimtes Leben des hl. Franziskus. ^) Schon im Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht, einer Umdichlung der Alexandreis des Franzosen Aibcrich von Besan;oii, die ebenfalls im 12. Jahrhundert in Bayern entstanden ist (s. die Ausgabe von K. Kinzel, Halle a: S. 1884, Vorrede S. 63) und im Ausdruck an das deutsche Nolandslied und die Kaiserchronik anklingt, ist der Kudrunsage deutlich gedacht, s. Vers 1321 f. in der Voran» Handschrift. 166 dem überraschenden Ergebniß, daß die Bayern im 12. und 13. Jahrhundert auf dem Gebiete der Literatur der tonangebende Stamm in Deutschland waren. In der That gehört die Mehrzahl der Epiker und Minnesänger der mittelhochdeutschen Literaturpertode durch Geburt dem Bayernvolke an, zu dem ja auch die Oeiterreicher ihrer Abstammung nach zählen, und nicht der schwäbische, sondern der bayrische Dialekt war es, der im Zeitalter der Hohenstaufen die Sprache des Hofes und der höfischen Dichtung wurde. Erst in unserem Jahrhundert hat man es gewagt, die Fähigkeiten des Bayernstawmes in Abrede zu stellen, und mit einer gewissen Absicht die Meinung zu verbreiten gesucht, als ob derselbe mit den übrigen deutschen Stämmen nicht gleichen Schritt zu halten vermöchte.^) Ja es kam so weit, daß die gebornen Bayern mit den Brosamen, die von ihrem eignen Tische fielen, vorlieb nehmen mußten! Ein Blick auf die Entwicklungsgeschichte des deutschen Volkes lehrt aber, daß die meisten Erfindungen im Süden und nicht im Norden Deutschlands gemacht wurden^) und daß der Bayernstamm allen übrigen deutschen Stämmen auf dem Gebiete der Künste und deS Kunstgewerbes zu allen Zeiten überlegen war, dank der reicheren Phantasie und der größeren Tiefe des Gemüths, die er besitzt und die eben nur die Folge eines reineren Blutes sind. Denn es ist doch noch ein Unterschied zwischen einem Volke, das wie das der Bayern seit der Völkerwanderung in dem nach ihm benannten Lande wohnt und seine Individualität trotz Beimischung fremder Elemente im großen Ganzen bis heute bewahrt hat, und einer Mischrace von Kolonisten aus aller Herren Ländern, die erst seit dem 12. und 13. Jahrhundert in erobertes wendisches und preußisches Gebiet eingedrungen sind. Hoffen wir, daß es dem gesunden Sinne unseres Bayernvolkes gelingen werde, jenem Nihilismus, Skepticismus und Pessimismus, der sich in neuerer Zeit auf dem Gebiete der Wissenschaft wie der Dichtung gerade von Berlin aus in widerlicher Weise breit macht, einen kräftigen Damm entgegenzusetzen! Münchner anthropologische Gesellschaft. Freitag den 8. Mal 1896. Der Vorsitzende Pros. I. Nanke refcrirt über die in der AuSschußsitzmig crsolgte Recknungsablage und beantragt für den Schatzmeister Herrn Oberlebrer Weis- man» Decharge. Zugleich dankt er im Namen der Gesellschaft Herrn Wciömann sür seine 25jährige wirksame Thätigkeit im Interesse der Gesellschaft und fordert die Anwesenden auf, durch Schon im 8. Jahrhundert hat unser engeres Vaterland Geschichtschreiber, wie Arbeo und die Nonne von Heidcnheim, auszuweisen. Ebenso gingen die Bayern im 15. und 16. Jahr- hunocrt auf diesem Gebiete allen voran; vgl. das Lob, welches Lcibniz dem Bayern Aventin spendet. Bekanntlich haben die Berliner das Pulver nicht erfunden. sondern ein Schwabe war es, der zuerst das Recept zur Bereitung desselben in Deutschland bekannt machte (der Dominikaner Albertus Magnus, ein geborner Graf von Bollstädt bei Lauingen, in seiner Schrift äs wiradilidus wunäi, die von Einigen auch dem Engländer Noger Baco zugeschrieben wird), und ein andrer Schwabe (der Franziskaner Berthold Schwarz auö Frciburg i. Br.) hat das erste Geschütz in Deutschland gefertigt. Ueber die Erfindungen der Bayern vgl. Seb. Güntbner: Geschichte der litcrar. Anstalten in Bayern, München 1810, 2 Bde.; ein dritter Band, München 1815, führt den Titel: Was hat Bayern sür Wissenschaften und Künste gethan; Cl. AI. Baader: Das gelehrte Bayern, 1. Bd., Nürnberg und Sulzbach 1604,- Lexikon verstorbener bayrischer Schriftsteller des 18. und 19. Jahrb., 2 Bde., Augsburg und Leipzig 1824—25; Plcickbard Stumpft' Denkwürdige Bayern, München 1865. Erheben von den Sitzen Herrn Oberlehrer Weismann zu ehren. (ES geschieht.) Zur Neuwahl des Vorstandes werden die bisherigen Mitglieder vorgeschlagen, die auch gewählt werden. Der Vorsitzende dankt den Rednern des vorigen Jahres und begrüßt als Gast den Lanvtagsabgcordneten Frickbinger von Nördlingcn. Hierauf sprach Proi. Dr. S. Günther über den gegenwärtigen Stand unseres Wissens über die Eskimo-Nasse. Die Eskimos bewohnen ein Gebiet von 700 geogr. Meilen (etwa Lissabon bis Ural) mit großer Einförmigkeit der Fauna und Flora. Auch die Menschen sind sich ziemlich gleich hinsichtlich der somalischen Eigenschaften, der Sprache und der LebenSgewohn- beilen. Wenn auch Gleichförmigkeit auf einem der erwähnten Gebiete für sich allein nicht beweisend ist, so dürfte doch auch aus die Gleichförmigkeit in allen drei Gebieten ein Gewicht zu legen sein. Hinsichtlich der Abstammung der Eskimos cxistircn drei Hypothesen. Die eine läßt die Eskimos von den alten PalävlNbikern, also Von Europäern abstammen; die zweite leitet sie von den amerikanischen Indianern her; die dritte endlich läßt sie von Asien herüberwandern. Die erste Hypothese stützt sich Darauf, daß die Eskimos noch dieselben LebcnSgewohn- hciten hätten, wie die Paläolitbiker. Es ist aber Thatsache, daß unter ähnlichen Verhältnissen Menschen bei größter Entfernung ihr Leben sich in ähnlicher Weise einrichten. Außerdem cxistirte die Landverbindung zwischen Amerika und Europa nur in einer sehr frühen Erdperiode. Bis jetzt reicht aber der Mensch auf Grund der wisseniebaftlichcn Untersuchungen nicht übers Diluvium hinaus. Die Ansicht ist also unbewiesen und unbeweisbar und muß durch eine Fülle neuer Hypotbcscn gestützt werden. Gegen die zweite Hypothese ist zu sagen: Die Gründe, welche ihre Anhänger daiür anführen, sind nickt zwingend, außerdem spricht dagegen, daß die Indianer den Schlitten nickt kennen und den Hund ats Ziigthier. Daß die Eskimos das Rennthier nicht haben, liegt an dem Mangel der geringen Existenzmittcl dieser Tbiere. Der geringe Graswuchs, oe» sie in Asien noch zur Verfügung haben, genügt. Die größte Wahrscheinlichkeit besitzt die dritte Hypothese von der asiatischen Herkunft der ESkimoS. Dafür sprechen die somatischcn Eigenschaften: das Schlitzauge mit der Mongolem'alte, die zumeist gelbliche Hautfarbe, die vorspringenden Backenknochen, der ganze mongoloide Sckädclbau. Auch in der Spräche läßt sich eine gewisse Nebn- lickkeit mit den Ostasiaten nachweisen. Wir hätten dann hier eine große arktische Völkerwanderung zu denen in den Tropen und im gemäßigten Klima. Die Ursache der Völkcrverichiebung ist zu suchen in dem raschen Verbrauche der spärlich vorhandenen Lcbensmittcl. Die westlichsten Ek-kimoS, welche am längsten in ein und demselben Gebiete geblieben sind, baden Vieles von jenen angenommen, mit denen sie in Verkehr traten, während die östlichen die ESkimo-Eigenschaslen reiner sich bewahrten. Die Rickknng der Wanderung läßt sich leicht verfolgen an den Ucberblcibieln der Eskimo-Niederlassungen: zerbrochene Gerüche. Knochcnnberreste und die in eigembüinlichen Ringen gelagerten Steine, welche einst znm Beschweren des Scmmerzeltes dienten. Der Weg ging am nördlichen Saum des amerikanischen Comments entlang, von wo auf die benachbarten Inselgruppen Abstecher unternommen wurden. Erwa am 79. bis 80? ieyten sie nach Grönland über und zogen bicr an der Westküste herunter, um allmählig auch die Ostküste zu bevölkern. An der Westküste kämpften sie im 12. Jahrhundert siegreich gegen die dort seßhaften Normannen, welche bereits gegen das 14. Jahrhundert theilweise durch Krankheit und durch den Mangel an frischem Nachschübe, theelweise aber wohl auch durch die Eskimos vernichtet wurden. Ein Tbeil ist vielleicht in den Eskmios aufgegangen. An der Discuision betheiligten sich Pros. Dr. Kühn und der Vortragende. Hierauf reserirte Dr. C. Nöse über seine Untersuchungen an Rekruten über den Einfluß der Gesichtssinn auf die Zahnververbniß. Bei den Rekruten deS oberdayeriichen und niedre bayerischen Bezirkes zeigte sich, daß die Langgesickter schlechtere Zabne hatten, als die Brcitgcsichter. Der Grund dürste darin gesucht werden, daß bei ersteren die Zähne enger aneinander gereiht sind, so daß die Reinigung erschwert ist. und daß die KaunmSkulatur schwächer entwickelt ist. Von Einfluß ist auch der Genuß von schwarzem Broo. In Gegenden, wo hauptsächlich Schwarzbrod gegessen wird, wie im bayerischen Wald, finden sich die besten Zähne. Redner meint, das käme daher, weil die Uebcrreste des schweren schwarzen Brodes viel lästiger sind und deßhalb viel eher aus den Zwischcnräumen zwischen drn Zähnen entfernt werden. Pros. Lindemann weist auf ähnliche Verhältnisse in Ostpreußen hin. Pros. Dr. Kuh» macht Mittheilungen über die Fakire. Die in der Literatur vorkommende» Berichte über das Lebcndigbcgraben der Fakire beziehen sich wahrscheinlich auf eine einzige Person, welche in den Jahren 1828—183? daraus ein Geschäft machte. 167 Bei diesem Experiment handelt eS sich um einen kataleptischen oder vielleicht auch nur narkotischen (mit Haschisch hervorgerufenen) Schlaf, während dessen die Lebensfunktionen stark herabgesetzt sind. Luft kann bei allen derartigen Experimenten zutreten, wenn auch in geringem Matze. Es ist mehr oder weniger eine Hungerkur. Die Vorbereitungen, die in den Berichten erwähnt werden, sind auf eine Täuschung des Publikums berechnet. Pros. vr, Nüdinger erinnert gerave hinsichtlich der Täuschung an den Fakir, der sich vor einiger Zeit in München produzirte. Da er in Zunge und Backen präformirte Kanäle hatte, konnte er leicht ohne Blutung eine Nadel bindurch- stecken u. s. w. Ueber künstliche Herabsetzung der Pulstbätig- keit berichten russische Aerzte bei Rekruten, welche vom Militärdienst frei werden wollten. Der Vorsitzende erinnert daran, dah man durch Athembcwegungen bei verschlossenem Mund und Nase eine ähnliche Wirkung erzielt. Damit schloß die Sitzung. Recensionen und Notizen. Die centrale Leitung der Freimaurerei und ihr derzeitiges Oberhaupt. Auszug aus dem französischen Werke: „Erinnerungen eines Drciunddreißigsten. Adriano Lemmi, oberstes Haupt der Freimaurerei. Von Domenico Margiotta." Verlag von Ferd. Schöningh in Paderborn. Preis 1 M. ?. Seit dein Erscheinen des Werkes von Eckert am Anfang der fünfziger Jahre sind in immer rascherem Laufe eine Reihe hervorragender Arbeiten über die Freimaurerei, wie die von DcScbamp und Claudia Janet, von Pachtler 8. ll., Leo Taxil, De la Rine, dem Bischöfe Mcurin und anderen, geschrieben worden. Aber keines dieser Werke hat solch wichtige Enthüllungen über diesen merkwürdigen Bund, dem sovicle politische Morde, selbst Fürstenmorde, zur Last gelegt werden, über seine Organisation und seine Endziele gebracht, wie die Schrift Mar- giotta'S. Man ersieht aus diesem Bücke, wie die Freimaurerei, die das Volk glauben macht, daß sie keine politischen, sondern nur Zwecke der Wohlthätigkeit und des Friedens verfolge, systematisch vorgeht, die christliche Weltorduung zu zerstören, den christlichen Glauben auszurotten und an dessen Stelle den Satauscult zu setzen. Das Buch zeigt ferner, wie das neue, so unglückliche Italien entstanden, wie sein armes Volk mittels eines falschen Patriotismus betrogen wurde, wie die nationale Einheit für die treibenden Kräite nur Vorwand und Mittel war zur Bekämpfung des Stellvertreters Christi und wie die ganze Revolution nur ein Werk der Freimaurerei war. Die Schrift ist um so interessanter, als gerade heutzutage in den meisten Culturstaaten und namentlich bei uns die Trennung von Kirche und Staat, Staatsmvuopol des Unterrichts, konfessionsloser Staat und konfessionslose Schule, Verwestlichung der Ebc, Civilehe, Civilbegräbmß, Feuerbestattung und all die schrankenlosen, den Wohlstand deS Volkes untergrabenden Freiheiten, die stets von der Loge gepflegt und als Postulate aufgestellt wurden, mehr und mehr an Boden gewinnen, als gerade heutzutage der Freimaurerorden die Zeit für gekommen erachtet hak, an die Ocfsentlichkcit zu treten, wie er sich ja ostentativ als den Beherrscher Frankreichs im Besitze der Präsidentschaft, des Ministeriums und der Majorität des Parlaments dem In- und AuSlaude vorgestellt hat, als gerade heutzutage die Freimaurerei bereit ist, in den offenen Kamps mit der christlichen Weltordnung einzutreten. Der billige Preis dieser nicht genug zu empfehlenden Schrift ermöglicht es, daß sie in die weitesten Kreise dringe. Arnold, Hugo. Unter General von der Tann. Fcld- zugserinnerungen 1870/71. Zweites Bändchen: Der Feldzug an der Loire. Vor Paris. Heimmarsch und Einzug in München. München, C. H. Beck. 1896. (268 S.) L. Vor Weihnachten 1895 habe ich in diesen Blättern auf das erste Bändchen der vorgenannten Arbeit eines verdienten Militärschriststellers aufmerksam gemacht. Jetzt liegt auch das Scklutzbändchen dieser Arbeit vor, das ich den Lesern dieser Blätter ebenso empfehlen kann, wie daö erste. Die Vorzüge deö ersten Bündchens sind auch dem zweiten in hohem Matze eigen: Klarheit der Darstellung, NechtSsinn, der auch dem Feinde Anerkennung widerfahren läßt und die Fehler im eigenen Lager nicht vertuscht, Liebe zu den Kameraden und zum Vaterlande und gesunder Humor. Die Darstellung der im zweiten Bündchen besprochenen Ereignisse während des furchtbaren Winterfeldzugs an der Loire war keine leichte Aufgabe, denn diese scheinbar wirren Märsche dem Leser in ihrem Zusammenhange klar zu machen, erfordert besonderes Talent. Gerade diese Aufgabe aber hat Arnold vortrefflich gelöst; wer seiner Darstellung dieses Winterfeldzugs an der Hand einer Karte des Landes zwischen Paris und der Loire folgt, wird die Operationen der deutschen Heere in der Beauce und am Perche verstehen und mit Bewunderung und Stolz die Großthaten des ersten bayerischen Armeekorps in diesen Landen vernehmen. Zu bedauern ist es, daß Arnold seine Erlebnisse vor Pariö zur Zeit der Commune nickt eingehender erzählt; er handelte also, um seine Arbeit nicht zu sehr anschwellen zu lassen. Ich glaube aber nickt, daß seine Leser unzufrieden wären, wenn er diesen Erlebnissen einige Bogen mehr gewidmet hätte; er schreibt ja so anziehend, daß man am Schlüsse seines Werkes geradezu bedauert, schon am Ende zu sein. Interessant ist Arnolds Beurtheilung des Bischofs Dupanloup, den er mit Döllingcr vergleicht; ob dieselbe aber allgemeinen Anklang finden wird, möchte ick anzweifeln. Auch seine Bemerkung über den Fanatismus der Priestex in OrleanS wird kaum unbeanstandet bleiben; warum sollten nickt auch diese Patrioten gewesen sein? Möge Arnold's Büchlein nach Verdienst weite Verbreitung und Anerkennung finden! Eugen Ankelcn, Markus Heller. Eine Malergeschichte. München. Verlag von Seitz und Schauer. 126 Seiten. Preis M. 1,50. Dr. Eine Malergcschickte — von einem feinsinnigen Malet geschrieben, der über allem Realismus des Lebens die leuchtenden Ideale des Herzens hocbbält. Die Novelle, ein Stück gewaltigen Seelen- und LiebcSlcbens eines ringenden Künstlers in intimen Strichen zeicknenv, ist hock erhaben über der beliebten Dutzendwaare des Alltags — sie ist Herzblut eines echten Menschen unserer Zeit. Ankclen, der prächtige Feuilletonist und hochgebildete Künstler, bat eine überaus edle Sprache. Ihm ist ferner die große Kunst eigen, lebenswahre, typische und dabei doch außergewöhnliche Charaktere darzustellen: die beiden Mädchengcstalien, Mathilde und Hedwig, sind Schöpfungen von majestätischer, raffinirter Wahrheit. Ich will nicht mehr verrathen. Ich habe seit Jahren kein solches Buch mehr gelesen. Bei aller Ungeschminkthcit ist es decent, echt künstlerisch. Markus Heller ist ein gutes Buch. Ludwig K., Die Schulregcln der.hebräischen Grammatik nach den Ergebnissen der neueren Sprachwissenschaft zum Mcmoriren und Nepetiren. 8°, SS. VI -s- 78. Gießen, I. Nicker. 1895. M. 2,00 geb. Vosen - Kaulen, Kurze Anleitung zum Erlernen der hebräischen Sprache. 8°, SS. IV -s- 149. Freiburg i. Br., Herder, 1895. (XVII.) M. 1,30. L Trotz des Ucbcrflusses an hebräischen Grammatiken für den Unterricht an Mittelschulen und trotz des unübertrefflichen Lehrbuches von Strack erscheinen fortwährend neue Bücher dieser Art, als ob die Verfasser gar nicht wüßten, daß der moderne Durchschnitts-Gymnasiast im Allgemeinen jeder Geistesthätigkeit abhold ist und kaum das schleckst genug lernt, wozu er gezwungen ist, geschweige denn etwas, dessen Inangriffnahme Ernst und ideales Interesse voraussetzt. Da helfen auch die besten Lehrmittel nichts. — Die „Schulregcln" können auch neben Strack sehr gut Verwendung finden; die eigenthümliche Austastung, die klare Airordnung des Stoffes, das Altlehnen an die grundlegende, alte Traditionen über den Haufen werfende Grammatik von Stade machen das Büchlein auch noch für den interessant, der es nicht mehr nöthig hat, gerade grammatischeRegeln daraus zu lernen. Bedenken gegen die Einführung des Buches an Mittelschulen veranlassen uns nur einige Bemerkungen des Verfassers, worin er in gar zu großem Vertrauen auf die „Ergebnisse" der Bibelkritik die Berichte unseres Offcnbarungs-Codex anzweifelt. Solche Dinge hätte er besser für sich behalten: für unreife Schüler passen sie nicht. Sonst ist das Buch alles Lobes werth; es läßt bekannte Dinge unter neuen, wissenschaftlichen Gesichtspunkten hervortrercn und verräth auf jeder Seite den gründlichen Kenner und tüchtigen Lehrer. — Auch über Voscns „Anleitung" sind unS schon günstige Recensionen zu Gesicht gekommen. Nur die Gedankenlosigkeit und der verführerische, billige Preis konnte diese unbrauchbare und jetzt gänzlich wertblose „Anleitung" zur erstaunlichen Höhe von 17 Auflagen bringen. Es wäre besser, dieses Lehrbuch endlich einmal der verdienten Vergessenheit anheimfallen und von der Bildfläche verschwinden zu lassen, anstatt einem unserer besten Gelehrten, Dr. Kaulen, die undankbare Last aufzubürden, ein Opus stets neu herauszugeben, an dem jede Liebesmühe verschwendet ist und das in der Gestalt, wie eS ist, kaum je so verbessert werden kaun, daß es sich neben anderen Lehrbüchern wenigstens mit Anstand sehen lassen darf. Aus Einzelnes können wir nicht eingehen, wir müßten die meisten 168 Paragraphen verurteilen, da sie nicht im Stande sind, Zweifel zu lösen, sondern nur zu erzeugen. Soll aber der Lebrer Alles leisten, wozu dann ein Buch? Schließlich haben wir die bescheidene Ansicht: Blau begnüge sich stillschweigend mit Strack, solang unsere katholische Literatur nichts Ebenbürtiges an die Seite stellen kann! „Das mathematische Pensum des humanistischen Gymnasiums und der Realschule. Eine übersichtliche Zusammenstellung des Wichtigen zur Wiederholung und zugleich zur Vorbereitung auf daS Schlußexamcn sowie aus das Einjährig - Freiwilligen - Examen" ist Heuer zum erstenmal erschienen und ist enthüllen im Bayerischen Studie lila len der 1895/96 (Verlag von C. Gerber in München), der um 75 Ps. bei allen Buchhandlungen erhältlich ist. Es ist das ein praktischer Führer, namentlich für Absolventen, der sie durch die Fülle des Durchgenommencn leitet und zu ersolgreicher Nepetition sich eignet. Miscellen. 8. (Eine sehr denkwürdige Begebenheit aus dem Leben Pius' IX.), welche bisher nur wenigen bekannt sein dürite, finden wir in dem soeben erschienenen neuesten Hefte des „Natclisfian". der Zeitschrist von Natclisfe College. Dort bringt nämlich in seiner Biographie des sel. Nectors und Präsidenten L. Hirst sein Biograph I?. Emery folgenden Tagcbuchs- Eintrag k. Hirst's (vom 3. Febr.) aus der Zeit seines Aufenthaltes in Rom — einige Monate nach der Schlacht von Meutana. „Wie mir Msgr. Talbot, Graf Viliers und W. Wells erzählen, wurde am letzten Freitag ein Meuchelmord- versuch auf Papst Pius IX. gemacht. Ein Italiener, welchem der Papst Privataudienz gewährte, zog plötzlich einen Revolver aus der Brusttasche. Der bl. Vater sagte: .Schießen Sie nur auf mich, ich bin ganz bereit'. Daraufhin stürzte der Mann ohnmächtig vor den Füßen des Papstes zu Boden. Man fand bei ihm zwei sechsläufige Revolver und einen Dolch." — Nicht weniger dürfte der folgende, gleichfalls nicht allgemein bekannte historische Zwischenfall aus dem nämlichen römischen Tagebuch ?. Hirst's interessiren, welches Aufschluß gibt, warum Napoleon III-, welcher bald nach der Schlacht von Mentana seine Truppen von Rom zurückgezogen hatte, sie nicht lange darnach wieder zurückbeorderte: Der hl. Vater erzählte dieser Tage dem RcdemptorislenpaterX. Folgendes: „Nachdem die Caserne Serrestori in die Luft gesprengt war, sei General Kanzler zu ibm gekommen und habe erklärt, daß er sich keine 24 Stunden mehr haltet! könne. Darauf habe er — der Papst — sich gegen ein Madonnabild gewendet und geklagt: O Madonna, hast du mich denn in diesen Nöthen verlassen? Darauf habe er auf ein Blatt Papier ein Telegramm an den Nuntius Chigi in Paris geschrieben und dasselbe unterzeichnet PiusIX. P ap st. In dein Telegramm stand: der Nuntius solle das päpstliche Wappen herunternehmen, seinen Paß verlangen und unverzüglich zu ihm kommen. Der Nuntius theilte dies sofort dem Minister de Moussier mit. .Warten Sie ein Bißchen', sagte Moussier, .bis ich's dem Kaiser sage'. Der Kaiser berief einen Natb, bei dem die Kaiserin, de Moussier, Lavalctte, Nouher (?) uno ein Admiral N. zugegen waren. Der Nuusius gewährte dem Rathe eine Stunde Zeit, nach deren Ablauf aber mau zu keinem Resultate kam. Darauf erklärte de Moussier: .Wenn der Nuntius Paris verläßt, so verlieren Sie in 24 Stunden Ihre Krone'. Darauf der Kaiser ganz bestürzt: .Aber jetzt ist cS zu spät'. .Nein', sagte der Admiral, .meine Schiffe liegen bereit, und in 3 oder 4 Tagen kann ich eine Brigade in Civita Vccchia landen'. Darauf ergingen sogleich per Telegramm die nöthigen Ordres." „Sehen Sie", sagte der Papst, „wenn ich selbst etwas in die Hand nehme, wie eö dann gleich geht — ganz anders, als wenn ich die Sache den Händen der Diplomatie überlasse." Ein 8 Tage vorher gemachter Eintrag des Tagebuches lautet: „Msgr. Talbot erzählt uns, daß man unter dem Vatican ein Faß Pulver gefunden hat. Sechs weitere dort gelegte Pulverfässer — was man sicher weiß - hat man noch nicht gefunden. In der Stadt Rom selbst hat man eine Liste von 9000 Geächteten entdeckt sammt einer Guillotine." Die sehr zahlreichen Tagebücher des vorigen Herbst verstorbenen Nectors und Präsidenten ?. Hirst umfassen einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren. Bei seinen nahen Beziehungen zu den höchsten und berühmtesten Persönlichkeiten geistlichen und weltlichen Standes in ganz Europa sind dieselben eine reiche Fundgrube des Interessanten und Belehrenden. 8» (Feierst Hochamt in den Katakomben von St. Callixt in Rom.) Einem Briefe des L. PiuS M. Stcinherr (aus der Gesellschaft des göttlichen HeilanoeS) an seine Familie in Lindau entnehmen wir Folgendes: Am Samstag vor dem weißen Sonntag ward uns eine nicht gcrmge Freude zu theil. Au diesem Tage zog ich um 5 Uhr morgens mit zwei Patres, zwei Leviten, unserm Gesaugschore und mit etwa 40 unserer Oblaten, d. h. jener Mitglieder, welche »och niedere Studien betreiben, hinaus vor die hl. Stadt nach der via L.ppia antigua, der alten Appischcn Straße. Während die meisten Römer noch der Ruhe pflegten, ginge» wir schweigend, von herrlichem Wetter begünstigt und dem Gesänge der lieben Vögelein erfreut, die großcntheils noch geräuschlosen Wege entlang, jeder seiner Betrachtung sich hingebend, wozu die Erinnerung an die Vergangenheit und au die Cbristenhelden, welche einst dieselben Wege gewandelt, Stoff genug darbieten konnte. Um Uhr bei den Trappistenpatres angelangt, welchen die Obhut der Katakomben von St. CallixtuS anvertraut ist, wurden wir freundlichst empfangen, und in möglichster Stille ward alles zur bevorstehenden Feier Erforderliche zugerichtet. Verschiedene Kerzen werden angezündet, ein Zeichen gegeben, und alle. einer nach dem andern,^ steigen hinab in die Gruftgänge der ersten Christen, um gleich diesen ebendaselbst dem hl. Opfer beizuwohnen. Bald sind wir in der Kapelle der hl. Cäcilia, wo der freundliche Trappislenpater Paul schon das Nöthige in Bereitschaft gebracht hat. Unsere Leute vertheilen sich so gut als möglich in dem engen Raume, der theilweise durch eine Oeffnung von oben her (Imesruarinin) Licht und Luft erkält, theilweise durch Kerzenlicht erhellt werden muß. Der aus mehreren unserer stuck. pdil. und tlwol. gebildete Chor nimmt beim Eingang Ssilluug, während ich mit den Leviten die hl. Gewänder anlege. ES beginnt das feierliche Amt pro 8abdato in LIbis. Der Chor bringt eine 4stimmige Messe von Aug. Wiltbergcr zum Vertrag, daS Lrscko singt er olroralitsr. Beim Otkortorinm: Lsgina eoeli laetars (Freue Dich, 0 Himmelskönigin) von Lolli, dessen jubelndes Alleluja in den weithin verlaufenden Katakomben eigenthümlich verhallt und nebst den andern ergreifenden Eriuuerungen dieser merkwürdigen Orte daS Christenherz am'S Tiesste bewegt, bei der hl. Wandlung beseelt uuö der Wunsch, jene Gluth von GottcSlicbe möchte uns durchziehen, welche unsere Vorfahren zu so heldenmüthigen Thaten befähigte. Bei der hl. Commuuion singt der Diacon feierlich das tlonütsor, und etwa 30 unserer Studenten empfangen den Leib des Hcrrn. Das Hochamt naht seinem Ende, und so hören wir in diesem Jahre nach dem Its lftissa ost das letzte doppelte Ostcr-Alleluja an einem jener Orte singen, wo unter ganz andern Umständen und Verhältnissen unsere Vorfahren zur Zeit der Verfolgung dem hl. Opfer beiwohnten. — Nach Beendigung des Amtcs lasen l?. AihanasiuS Funke aus Essen a. Ruhr und k. Epiphanias Dcibele, ein Württemberger, in Katakomben-Kapellen stille hl. Messe. Nach Einuahme eines einfachen Frühstücks auf einer Wiese über den Katakomben traten wir unter Anführung und Belehrung seitens des hockn). L. Paul einen Nuudgang durch dieselben an, beginnend bei der Gruft des Papst-Martyrers Cornelius, und kamen nach verschiedenen Kreuz- und Qucrgäugen wieder zur Cäcilieu-Kapclle. Während dessen sangen mir wechselweise die Allerbcil-gcu-Litauei, lateinisch und einige Psalmen, bei einigen Haltssillen trug der Chor seine Weisen vor, und zwar daö bereits einmal gesungene Log-ina, Oooli von Lotti, ein 4stimmiges I-anckato vominum, Gott grüße Dich, von Mücke und die Papsthymue von Billigmann, welche auf Verlangen noch zwenual wiederholt werden mußte, bei welcher Gelegenheit Hochrufe in deutscher Sprache auf den bl. Vater ausgebracht wurden. Auch daS deutsche „Großer Gott, wir loben Dich" kam an die Reihe. Zum letztenmal unsern Blick auf diese ehrwürdigen Stätten werfend, verließen wir dieselben, nicht ohne die Aufmunterung mitzunehmen, gleich den alten Streitern Christi alle Leiden, Sorgen und Kümmernisse dieses Lebens auö Liebe zum Hcrrn in Geduld und Ergebung zu tragen bis zum Abend unseres Lebens, nach welchem wir einzugehen hoffen in den Frieden, welcher den Dahingeschiedenen manchmal auf den alten Grabsteinen gewünscht wird: Vivas in Laos, oder vivas in 8piritu 8anotc>, lebe in Frieden, lebe im hl. Geiste. Auf die Oberfläche der Erde zurückgekehrt, sang der Chor noch: „Felsenkreuz" von Kreutzer und „Still ruht die Erde" (Sabbathfcier) von Abt. Nach herzlichem Dank verabschiedeten wir uns von den guten Trappistenvätcrn und machten uns auf, den Rückmarsch anzutreten, unter dem- , selben die in den verflossenen Stunden gewonnenen Eindrücke j gegenseitig austauschend. Leranttv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. ÜZi'. L2. 29. Mlll 1896. Lpiesälum in kun6?6 kupsrti 8ö6unäi rmMäissillli 8edM6 Lbbstis. Olarorrun si, klrosds xatsr, ts kunsra tan^untz, Uns n§s eum oitstnrÄ, sum onriuinidus Innsstis, InLultus tristis. 1^. III. oI>3. 139) hätten welche aufgezeichnet. Alle diese Fälle seien aber nicht so recht ausgemittelt und rund und klar mit Fernhaltung aller Täuschung dargestellt, daß man auf sie ein irgend verläßliches Urtheil begründe» könnte. Dies gilt wohl auch von dem Vorgänge, der in dem Akte der Inquisition von Carcassone vom Jahre 1328 gegen den Karmeliten Petrus Nikordi erzählt ist, und den Döllinger in der Pariser Bibliothek für Görres cxcerpirte. Zur Erläuterung des Bilderzaubers bemerkt derselbe: „Das Bild soll eine Art von Spiegel sein, der die bösartige Intention wie in einem Brennpunkte sammelt und sie dann auf das Vorgestellte selbst in ganzer Verderblichkeit hinüberleitet. Der Grundgedanke ist also der eines Apparates, in dem die dämonischen Influenzen sich einigen; etwa wie das magnetische Baquet die somnambulistischen Einflüsse concentrircn und weiter leiten sollte. Wie aber dies auf gewiesenem Wege zu allerlei Arten von CharlataniSm hingeführt, so war auch durch diese dämonischen Kondensatoren der Weg zu jeder Art des Betrugs und der Selbsttäuschung angebahnt." Es dürfte vielleicht von Interesse sein, nach dieser Erklärung auch einige auf den Bilderzauber bezügliche Stellen aus den Schriften des Arztes Paracelsus, der bekanntlich als Occultist in neuerer Zeit wieder vielfach genannt wird, folgen zu lassen. Man kann dieselben wohl als einen Beweis dafür betrachten, daß er die mystischen Fragen ebenso zu erklären versuchte, wie unsere modernen Hypnotiseure, Magnetiseure und Suggestionisten. Wir finden insbesondere in seinem Werke „Oo eirts 8p>irituum" (über das Wesen der Geister) eine Besprechung des Bilderzaubers. Er schließt ausdrücklich eine dämonische „Wirkung oder Inspiration" aus und äußert sich folgendermaßen: „Ihr wisset, daß nach dem Willen eines Geistes, der sich im Streit mit einem andern Geist befindet/ wenn man ein Wachsbild mit Erde und Steinen bedeckt, der, den es vorstellen soll, unruhig wird. Schmerz empfindet und nicht gekeilt wird. ehe das Bild wieder ausgcgraben ist; wenn dies geschehen, ist er von seinen A engsten befreit. Dann sollt Ihr auch daran denken, daß, wenn man diesem Bilde ein Bein bricht, der Mensch, den cS darstellt, diesen Bruch suhlt; dasselbe gilt auch von den Stichen und ähnlichen Verletzungen, die dem Bilde beigebracht werden. (Cap. VII.) Es ist möglich, daß mein Geist einer andern Person eine Verletzung wie die von einem Schwerte beibringt, ohne Beihilfe des Körpers, durch mein glühendes Verlangen. Es kann auch noch geschehen, daß ich durch meinen Willen den Geist meines Gegners in einem Bilde festhalte und baß ich so dazu komme, diesen Gegner mißgestaltet oder lahm zu machen, — nach meinem Belieben, durch das Mittel des Wachses. . . . Ihr müßt es für gewiß halten, daß der Willensakt von großer Wichtigkeit in der Medizin, und ebenso, daß einer, der sich Uebles wünscht, alles Uebel fühlen kann, das er will, da die Verwünschung im Gebiete des Geistes ist; ebenso kann es geschehen, daß in Folge der Verwünschungen durch Bilder Krankheiten wie Fieber, Epilepsie, Apoplexie und andere ähnliche erzeugt werden, wenn die nöthigen Vorbereitungen getroffen sind. (Cap. 8.) Wenn man an eine Wand das Bild eines Menschen malt, so ist es gewiß, daß alle Schläge und Verletzungen, die man diesem Bilde beibringt, von dem, welchem das Bild gleicht, empfunden werden. Das rührt davon her, daß der Geist dieses Menschen durch den Willen eines andern Geistes in diese Figur hineinversetzt wird... So wird auch dieser Mensch jede Züchtigung erleiden, die Ihr wollt, wenn Ihr sie dem Bilde zufügt, da Euer Geist den des andern in diese Figur gebannt hat, so daß 173 er Euck> Unterthan geworden ist und gezwungen, alles zu dulden, was Ihr wollt." (Cap. IX.) So Paracelsns, der in letzterer Zeit wieder so häufig citirte Vorgänger der modernen Hypnotiseure und Psychotherapeuten. Alan konnte annehmen, daß die zahlreichen Fernwirkungscyperimente der letzteren die Aufmerksamkeit schließlich auch noch auf die Frage nach der Möglichkeit der früher so häufig berichteten Bezauberung aus der Ferne hinlenken würden. Dies geschah auch wirklich in jüngster Zeit. Die Bilderznuberei sollte am Ende des 19. Jahrhunderts gelegentlich der Versuche eines bekannten Pariser Hypnotiseurs näher erörtert werden. Dieselben und ihre Folgen, welche einen Einblick in das Treiben moderner Mystiker und „Occultisten" bieten, dürften von größerem Interesse sein, wenn sie auch in mancher Hinsicht bedenklich erscheinen müssen, und wir wollen deßhalb, zumal sie in Deutschland noch weniger bekannt sind, im Weiteren näher hierauf eingehen. (Fortsetzung folgt.) Beatus Adalöertus ein Graf Z o l leru -H o h e n b er g-Haigerloch, Mönch, Priester und Prior in der niederbayerischen Benediktinerabtei Oberaltaich 1261 — 1311 von I. N. Secfried. (Fortsetzung.) II. Einige Züge aus dem Leben des sel. Grafen Albert. Sein Biograph. Schmid hat sich in seinem neueren Werke über Albert Grafen von Hohcnberg-Notenburg-Haygerloch, den Sänger und Helden, -5) und in der neuesten Schrift „Die Grafen von Hohenberg zollerischen Stammes und das Minnesänger- Denkmal auf der Weilerburg" einfach auf seine früheren Angaben über den Prior Albert aus dem Jahre 1862 bezogen, ohne etwas Neues beizubringen oder die früheren irrigen Aufstellungen zu berichtigen; ich sehe mich deßhalb veranlaßt, einige Unebenheiten und schiefe Anschauungen desselben richtig zu stellen. Schmid hat den Autor der Vita ^Istsrti nicht selten mißverstanden. „Seinem Beichtvater, sagt er, beichtete er siebenmal und noch öfters des Tages", während es in cap. VI der Vita^) bloß heißt: „cnii (IlarinviZo) iubsrclum LLptiss vel pstrriss uno couütostatar lsto." Das „bisweilen" (intsrelnw) läßt Schmid weg, und auch darüber ist Stillschweigen beobachtet, daß es sich hier kaum um einen zu häufigen Gebrauch des Sakraments der Buße handelt, sondern etwa nur um die öftere Einholung des Rathes des vorn Abte speciell gewährten Beichtvaters von Seite des hier, wie mir scheint, zu überängstlich dargestellten Grafen. Hier ist wohl im Auge zu behalten, daß Alberts Biograph die Vita desselben erst 1339, sohin 28 Jahre nach dessen Heimgang, geschrieben und nur dasjenige berichtet hat, was ihm zuverlässige Zeitgenossen des seligen Grafen erzählt haben. Die fragliche Stelle in cap. VI der Vita ist schon frühzeitig mißverstanden und übertrieben dargestellt worden, wie namentlich von dem 2 °) Ein Cyclus von cultnrhistor. Bildern aus dem 13. Jahrhundert. Stuttgart 1879, Cotta. 2 °) Tübingen bei Franz Fncö 1892. --) Chronik Vita ä. p. 593.- I'er Vita II. p. 541/2. Schweizer Gabriel Bucelin.^) Wäre Graf Albert wirklich ein so scrupulöser Mann gewesen, wie er von Bucelin und Schmid dargestellt wird, so hätte er sich kaum zum Novizenmeister des Klosters geeigenschaftet und wäre vom Abte Poppo sicher niemals hiezu und zum Pfarrer und Prior bestellt worden. „Sein Nachtlager soll er nach Schmid ^) nahe bei dk Klosterkirche an einem schmutzigen Platze aufgeschlagen haben"; das Original aber bezw. die Originalabschrift und die Ausgaben von s. Emmeram und Oberaltaich sprechen in cap. VI nur davon, daß Albert wegen der häufigen Nachtwachen seine Lagerstätte nicht mehr im Dormitori'nm (dem gemeinschaftlichen Schlafsaale) haben wollte, sondern neben der Kirche iu locv Leistest stumist ct äespeeto, um unbemerkt und ohne Störung der übrigen Conventualen zur Kirche gelangen zu können. Weder stuwists noch elespeetus kann und darf mit schmutzig übertragen werden, es gestattet eine solche Uebersetzung schon die unmittelbare Nähe der Kirche und der gewöhnliche Anstand nicht, auf welchen wohl auch der gräfliche Conventuale Anspruch machen konnte und Anspruch gemacht haben wird. Prior Aemilian Hemmauer sagt in der Chronik Seite 551 über die fragliche Stelle der Vita: „Albertus habe wegen seines Eifers im Gebete nahe bei der Sakristei-Thüre ein Cellulein für sich zu errichten Erlaubniß erbeten, damit er desto freieren Zugang in die Kirche, zum hochwürdigen Gute hatte, bei welchem er sich mehr als in seiner Zelle aufgehalten." Vollständig verschwiegen hat Dr. Schmid jene merkwürdige Stelle der Vita, in welcher der Mönch gewordene Edelmann als fleißiger und überaus scharfsinniger Verbesserer und Erklärer dunkler Stellen der Oberaltaich- ischen Bücherei (Bibliothek) gerühmt wird.^°) „Von irdischen Gegenständen, sagt sein Biograph, besaß er nur Federn und einen Stift von Schmelzglasfarbe wegen Besserung und Erklärung von Schriftwerken, worin er überaus scharfsinnig gewesen, wie aus mehreren Büchern unserer Kirche erhellt." Auf die Frage, warum er sich um Bücher von so geringem Werthe kümmere und sie so eifrig und mühesam verbessere und mit Glossen versehe, antwortete er^): „es wird die Zeit kommen, da diese und andere kleine Werke unserer Kirche mit Vorliebe werden begehrt und verlangt werden." Wir könnten noch manches Mißverständniß und manche Unterlassungssünde anführen, wollen uns jedoch möglichst beschränken und unter Uebergehung der vielen wundersamen Vorkommnisse im Leben Adalberts und am Grabe desselben nur bemerken, daß unser Ocdensmann dem Lobe der Menschen sich stets zu entziehen wußte und °°) Den. läßt den Grafen Albert et sexies septiesvs soll xinries in äie xeoeatilla oonke88ario per 8aer am enteis in äetegers eonkessiouem. Vergl. Hcminanerö Chronik S. 198. 2") Vita. cap. VI OL.. x. 592; §. (ker) p. 542. Vropter erebras ergo vigilias leotulnin suum nou alias amplius in clormitorio babero volnit nisi prope Leelvsiam in looo soiiioet llumili st äespeeto, unäs silenter.. aä eocie- siaur ambularet. 2 °) Vita eap. VII Chronik xag 593. Xiliil terrenarnm rermn liabnit nisi pennas et eneaustnin prop ter oorreetionew librornm et glossationem, in XVI I. o. Iliraeula sanetum uou laeinut sei ostsustuut. Ein anderes sind Wunder, die ich mit eigenen Augen selie und selbst zu prüfen Gelegenheit habe; ein anderes sind Wunder, von denen ich nur historisch weiß, daß sie andere wollen gesehen und geprüft haben. (Lessing über den Beweis des Geistes und der Kraft 1777.) ^) Vita cap. XIV, Chronik I. o. S. 598; 4?ex I. o. pa§. 545 n. 546. ?°) I. o. eap. XIV. (Zuain antsm dass 8na verba vora tueriut, sxpsrti 8NMN3 plus guam XI, aunis st gnotistiauis tribnlationibno sxporimur. Die Nltaich-Bogen-Melkcr Abschrift (bei Pez I. e.) hat ssxaZüuta (IX) auuis; es dürfte jedoch hier nur ein Schreibfehler vorliegen. weil die DruckauSgabcn der Vira nach Heimnancr und Pez übereinstimmend gnastraginta aunis ausweisen. Ueber den neugewählten Abt Konrad 141. hat sich weder der Biograph Alberts, noch Hemmauer günstig geäußert. Der letztere sagt von ihm ??): „was von unserem Ocmraäo, welcher OaxLlianus betitlet worden (warum? wird nirgends gefunden), zu halten, lassen wir willig anderen auf der Waagschale der Vernunft zu erwägen über, wir inzwischen halten unsere Meinung in susxsnso." Ob demnach den herzoglichen Hof zu Straubing, welcher mit der Grafschaft Bogen 1242 die Vogtei über Oberaltaich geerbt hatte, politische oder vogteiliche Erwägungen veranlaßt haben, den Hofkaplan Konrad etwa gegen den Prior Albert von Hohenberg-Haigerloch zu protegiren, müssen wir in Ermanglung positiver Nachrichten dahingestellt sein lassen; gewiß dagegen ist es, daß die Vita, Hldsrti erst 40 Jahre nach der von den bayerischen Herzogen wahrscheinlich beeinflußten Wahl von 1297 und 27—28 Jahre nach dem Ableben Alberts verfaßt und zunächst nicht von den Siebten Heinrich III. (1316—1330) oder Ulrich III. (1330—1338), sondern von dem Benediktiner Gebhard zu s. Emmeram in Ne- gensburg veranlaßt worden ist.??) Mit Recht hat sich deßhalb Prior Albert 1338/39 entschuldigt, daß er die Biographie zu schreiben verschoben und bis jetzt verzögert habe, weil er sich zur Abfassung derselben für unwürdig und ungeeignet gehalten habe??) „Ihr sollt aber wissen, fügt er seinem Briefe an Gebhard bei, daß ich den Mann Gottes niemals gesehen, sondern dessen Leben geschrieben habe, wie ich es von meinen Aelteren (Mit- brüdern), seinen Zeitgenossen, vernommen, von Herrn Hartwig nämlich, der mehr als 20 Jahre (sohin von 1290—1311) sein Beichtvater gewesen??) von Herrn Chuorad, genannt Cantor, und Herrn Ehunrad von Dingolfing, sowie von Herrn Bernhard (Pez Wernhard) mit dem Beinamen Gundakher und von anderen glaubwürdigen Personen, von denen viele noch am Leben sind und deren Namen ich nicht anzuführen brauche, da die älteren Mitglieder eueres Klosters (s. Emmeram) und des Klosters Niederaltaich, sowie der Klöster Neichenbach und Metten") und viele Bruder anderer Kirchen, auch Mönche vom Prediger- und Minoriten-Orden seine Heiligkeit und sein bewundernswerthes Leben mit den Söhnen unserer Kirche gleichmäßig bezeugen und hoch in Ehre» halten." Dreihundert und sechzig Jahre nach dem Biographen Albert hat Prior ?. Matthäus Huefnagl von Oberaltaich in seinem Leben Alberti in deutscher Sprache den Beichtvater Alberts, den 78jährigen ?. Hartwig, für den Autor der lateinisch geschriebenen Vita ^) Chronik S. 189 u. 190. Von 118 Religiösen waren im Jahre 1300 die meisten von adeliger Abkunft. I. e. S. 54 (meistens alle. sagt Hemmauer). 2 °) Vcrgl. Ipistola Llberti 1?riori8 Obsraltaebensis ack Csbliarstum Ooeuobitam lümmsramsussin äs Vita L. Ll- berti ssu Hstalberti. Chronik Hemmaucrs p. 585; De 2 1. o. p. 537 u. 538. 2 °) I e. Dis tnli ot usgus imno protraxi, iustiFuum ms st minus icloneuw sousistsraus. ") I. o. gni ejus Oouksssor plus guam 20 auuis luit und Prolog: Dominos autem Ilarluvious 8suioruostsr, vir plusguam ssptuaZuuta auuorum ooto, gui L. H.4- berti Loulsssor plus guam 20 aunis luit, Ori- xinoin, Oouvsrsiousm st vitam eum pluribns mira- oulis Djus miiii listoliter suaravit, pstsus a ms^ saopius, nt seksstnlis auuotarsm. Chronik x. 588;^ Pez I. o. p. 533 u. 539. ") Beuediktiucrabteicn, beide 1803 aufgehoben, Metten von König Ludwig I. 1830 als Priorat und 1840 als Abtei wieder ins Leben gerufen. 175 ausgegeben^) und dieselbe als Simplex, nncla et trivialis qualifizirt, während Biograph Albert Herrn Hartwig nur als ersten Gewährsmann bezeichnet hat und es sehr zweifelhaft erscheint, ob Huefnagl am Ende des 16. Jahrhunderts mit seiner sehr zweideutigen Darstellungsweise Besseres zu leisten im Stande gewesen wäre. Von dem Autor der Vita, ^Idorti wissen wir leider z. Z. nur anzugeben, daß er den Grafen persönlich nicht gekannt hat, mithin erst nach dem Tode desselben (1311) nach Oberaltaich gekommen ist, hier 1338/39 die Vita als Prior geschrieben und sich dadurch kein geringes Verdienst um die Geschichte der Grafen von Zollern-Hohen- berg-Haigerloch erworben hat. „Horr est kriorum momorirr" sagt Hcmmauer unter scherzweiser Bezugnahme auf den Prediger 6 . 1 v. 11; bloß ihre Namen findet mau in Llortilogio (Chronik S. 38). (Fortsetzung folgt.) Berichtigung« Statt xroenrats in Zeile 5 der Mouumcntinschrist (Beil. Nr. 21 S. 164) ist zu lesen xroourato d. h. xroourants. Recensionen und Notizen. Foseplii Dossier gnornlam Lxiseopi 8. LipxolM lusti' tutiouos LatrolvAias, gnas deuno roeonsnit, auxit, sdidit Lsrnardna .InnKmann. Domi II xars altern. Ooniponts 1896, Dolle. Laueil. 8" La§. X, 712. Lrot. Ll. 5.40. ch: Dein verdienten Professor der KirLcngeschichte und Patrologie an der katholischen Universität Löwen Bernardus Jungmann war es nicht mehr vergönnt, die Herausgabe der Institutionss LatroloZiao des Bischofs von St. Pötten, Joseph Fehler, Hochselig, zu vollenden. Der Tod überraschte ihn mitten in der Arbeit gegen Ende der Schluß-Abtheilung. Daher die beinahe 4jährige Verzögerung im Erscheinen derselben. Endlich liegt denn das Werk vollendet vor. Und wir müssen gestehen, der neue Fehler steht durchaus aus der Höbe der Zeit. Die reichen Forschungen auf dem Gebiete der Näterknnde seit dem Erscheinen der ersten Allsgabe vor fast 50 Jahren sind durchweg wohl verwerthet. Einzelne Particen wurden neu aufgenommen. Vorliegende Abtheilung beginnt im 7. Kapitel mit der Darstellung jener Vater und Kirchenschriftstellcr, welche die Irrthümer des NestoriuS bekämpften. Unter diesen ragt vor Allem hervor der hl. Cy rill»s von Alcxandricn. Außerdem zeichneten sich aucb aus der hl. Cölestinuö, Papst, der hl. ProkluS, Bischof von Konstantmopcl, und insbesondere unter den asketischen Schriftstellern der hl. NiluS und hl. Jsidor von Pelnsium. Das 8. Kapitel ist eingetheilt in 5 Sectionen. Unter den Bekämpfern der Monophpsiten ist der bedeutendste der hl. Papst Leo der Große; unter den sehr berühmten Predigern des 5. Jahrhunderts ragen besonders hervor der hl. PetruöChrhsologus und der hl. Maxi m u s, Bischöfe. Gegen die Semipelagianer wandte sich besonders der h l. ProSper von Aqnitanien. Im 6. Jahrh, waren besonders ausgezeichnet der hl. FulgeutiuS, Bischof von Nuspe, der hl. CäsariuS, Bischof von Alles, der hl. Grege rius, Bischof von Tours, und der bl. Abt JoanneS Klimakuö. Den würdigen Schluß bildet der hl. Papst GrcgoriuS der Große. Verdienterweise findet er eingehende Berücksichtigung (S. 551—611). Nur hätten wir gewünscht, seine Bedeutung als Kirchenlehrer wäre noch mehr betont worden, wie dies nachdrücklich thut Schneider in den „Thomas- blättern" (2. Bd. S. 289 ff., S. 321 ff.. S. 353 sf.) und mit ^) Gedruckt in der churfürstlichcn Hauptstadt Straubing bei Johann Chrhsostomo Haan 1699 S. 5 u. 6. L§o voro ad woum Lartavionm rodso, oujus Verba. ita. sonant. ") In lilisllo, gnom ds vita, ei wiraoulis 8. ^.1- bsrtj lintz'ua vornaenla, sod stxlo admodnm xerplsxo edidit 8traubinK'ao apuck Olrrzwost;. Laan anno 1699. Huefnagl nennt Albert den seeligen, nicht heiligen Grafen. Adalbcrt Ebner hat den Titel der Schrift Huefnagls mitgetheilt in den Sammclblättcrn zur Geschichte der Stadt Straubing Nr. 123 S. 490. eingehenden Belegstellen in seinen verschiedenen Werken, insbesondere in „Wissen Gottes" (4 Bde., NegenSburg, Mauz), nachweist. St. Grcgorius ist für die Kenntniß der Theologie der Vater von noch größerem Nutzen wie AugnstinuS. Er hat eben Angustinus'Weisheit bereits in sich ausgenommen. Er erklärt die Glaubenswahrheiten mit den gleichen Ausdrücken, wie Augustinus. Was bei diesem jedoch als Most der Forschung gewissermaßen noch gährt und schäumt, ist bei Grcgorius tiefes, aber ruhiges und bis auf den Grund klares Wasser. Spielend gleichsam überwindet er die Schwierigkeiten; ja seine Diction fließt so leicht faßlich dahin, daß eö fast den Eindruck macht, als gebe es in der Theologie keine Schwierigkeiten mehr. — Ein zum besseren Verständniß der einzelnen Zeitabschnitte gewiß nutzbringender Beitrag sind die bei den Hauplvätern beigcgebencn Proben ihrer Lehre. Der Appendix bringt die Syrischen Kirchenschriftstellcr aus dem 5. und 6. Jahrh., sowie die Armenischen Väter und Kirchenschriflstcller von Bekehrung dieses Volkes an bis in das 6. Jahrh., von letzteren besonders den hl. Grcgorius Illuminator, Bischof von Cäsarea in Kappadozien, den hl. Jsaak, Patriarchen von Armenien, mit dem Beinamen des Großen, und den hl. Mesropes, zubc- nannt Mastosins. Die Darstellung der Päpste bis einschließlich Gregoriuö d. Er. in der 5. Sectiou bewegte Professor der Patrologie in Löwen Ad. Hcbbelynck, die des Appendix Pros. T. I. Lauch an derselben kath. Universität. Die Addenda auf S. 670 bringen den Literatur-Nachtrag zu Dom. II, p. 1, 8 155 „Lriseillianus". Der genaue Personal- und Neal- Jndcx ist eine recht willkommene Beigabe znr Erleichterung des Gebrauchs der hiemit vollendeten trefflichen Patrologie. Die Verlagsbuchhandlung sorgte ihrerseits auch für würdige äußere Ausstattung. Dogmatische Theologie von Dr. Heinrich, fortgiführt durch Dr. Gut beriet. VII. Bd. S. LXXIX, 846. Mainz 1896, Kirchheim. M. 12.-. chp Nach geradezu 9 Jahren — der 6. Bb. erschien 1837 — liegt endlich der 7. Bd. der Dogmatik des unvergeßlichen Domdekans Heinrich vor. Der Tod überraschte ihn mitten in der Arbeit, mit der Behandlung der unbefleckten Empfängnis;. Professor Gutbcrlet von Fulda hat eS übernommen, das große Werk im Geiste des verewigten Verfassers fortzusetzen. Seine Arbeit nun beginnt mit der mittelalterlichen Controvcrsc über die unbefleckte Empfängnis. Der Fortsetze!.' ist bestrebt, treu den Fußstapfen Heinrichs folgend, in streng' kirchlichem Sinne und insbesondere nach Anleitung des heil. Thomas die Glaubenslehre zur Darstellung zu bringen. Letzteres hindert ihn jedoch nicht, in einzelnen Punkten von der Lehre deö heil. Thomas abzuweichen. Ob dadurch die Dogmatik wirklich eine Fortentwickclung erfahren hat, dürfte, wenigstens von thomist- ischcr Seite, stark in Frage gestellt werden, und wird dies von eigentlichen Fachzeitschriften auch näher zu beleuchten sein. UebrigenS sind dergleichen Abweichungen geradezu gefordert durch den, allerdings ganz kirchlichen, molinistischcn Standpunkt des Fortsetzers, und waren deßhalb auch vorauszusehen. Bei Auseinandersetzungen mit einzelnen Dogmatikern oder mit einer ganzen Richtung bcmübt sich der Fortsetze! möglichst der Sachlichkeit nno Ruhe. Gegebenen Ortes werden auch Angriffe andersgläubiger Theologen gebührend zurückgewiesen; so z. B. Harnack's heftiger AuSfall gegen die katholische Genugthuungs- Ichre. Im Unterschied von Heinrich nimmt Gntberlet in den Text selbst längere Stellen der hl. Schrift oder aus den Werken des hl. Thomas von Aguin aus; ob dadurch die Darstellung gewonnen, überlassen wir dein Urtheile des Lesers selber. — Der Betrachtung des JnkarnationS- und Erlösungödogma's gehen im 1. Kapitel voraus Untersuchungen über die Wichtigkeit und den Charakter dieser Dogmen und über den ewigen göttlichen Nathschlnß und die zeitliche Vorbereitung der Menschwerdung und Erlösung. Der Gott-Mensch Jesus Christus ist Gegenstand des 2. Kapitels. Der Reihe nach ist da Rede: von der göttlichen Natur und Persönlichkeit Christi; von seiner menschlichen Natur an sich (daran schließt sich die Mariologic); von der Vereinigung beider Naturen in der Person des Wortes (hypostalische Union) und ihren Folgerungen für den ganzen Christus. Das 3. Kapitel behandelt dann die Vorzüge der menschlichen Natur des Gottessohnes als solcher und das 4. Kapitel die Erlösung. Dem Umfange nach stillen die Vorfragen ein Drittel des Bandes, die sogenannte Christclogie die Hälfte, die Soteriolozie nur ein Sechstel, wohl nicht im richtigen Verhältnisse. Allen wird eine sehr willkommene Beigabe sein: Porträt und Lebensskizzc deö Verfassers selig 176 Die substantielle Form mid der Begriff der Seele bei Aristoteles. Von Dr. E. Nolfcs. Padcrborn 1896, Fcrd. Schöningh. 8". S. IV, 141. P: Der als eifriger AristotclcS-Forschcr wobl bekanntc Verfasser schenkt nnS mit dem vorliegenden 3. ErgäuzungSheste des Ccmmcr'schcn Jahrbuchs sür Philosophie und spekulative Theologie einen neuen wcrthvollcn Bci:rag zur Aristoteles-Literatur. Die Arbeit bildet eine Ergänzung zweier andern Abhandlungen über Fragen der aristotelischen Psychologie; die eine über die Unsterblichkeit der Seele bei Aristoteles (Commcr, Jahrbuch 1894/95, Heft 2 und 3), die andere über die vorgebliche Prä- existenz des Geistes bei Aristoteles (Philos. Jahrbuch, Fulda 1895, Heft 1 und 3). In unserer Schrist handelt es sich um Wisscnsgcgcnstände, welche unsere ganze Theilnahme in Anspruch nebmen. Die Vereinigung der Seele mit dem Leibe ist ein Problem, das von jeher die denkenden Geister wie kaum ein zweites beschäftigt hat. Der Begriff der substantiellen Form, in welchen Aristoteles das Verhältnis der Seele zum Leibe fasst, führt seinerseits auf die fundamentalsten Fragen der Naturphilosophie. Für das Verständniß seines Scelenbegriffs weist nnS Aristoteles selbst auf seine Lehre von Materie und Form. Darum wird diese, oder vielmehr die Lehre von der snbstantialcn Form und die von der Materie nur soweit es das Verständniß der Form verlangt, im ersten Theil der Schrift erörtert. Zunächst kommt der Sinn und die Bedeutung, dann die Begründung der Lehre betreffs der unorganischen, wie der organischen Wesen. In diesem Theile werden zu dem Ende übersetzt und erklärt das 1. Buch der Physik und der Ansang des 2.. sowie die beiden Bücher vom Entstehen und Vergehen. Im zweiten Theile wird der Begriff der Seele nach den i beiden ersten Kapiteln des 2. Buches von der Seele entwickelt > und begründet. Die Schwierigkeiten gegen den Formcharakter der menschlichen Seele werden im Sinne der Scholastiker und insbesondere dcS bl. Tbomas von Aquin gelöst. Mit vollem ! Rechte betont der Verfasser immer wieder, trotz aller etwaigen s philologischen Mängcl, die h o he Phil os oph ische Bedeutung der Aristoteles-Commentare des Aguinateu. Auch auf unserer Seite verdienten sie noch weit mehr geschätzt und verwerthet zu werden. Bei größerer Berücksichtigung dieser Leistungen wäre sicher der Fleiß und Scharfsinn mancher neuerer Forscher zu weit reicheren Ergebnissen gelangt und manches Mißverstäudniß vermieden worden. — Der Fluß der Darstellung gewinnt durch die Verweisung der Anmerkungen an den Schluß dcS Heftes. Der Preis ist M. 3,20, für die Abonnenten des Jahrbuchs M. 2,20. 6oät8 X. (o. ss. II.), Leopnli vivauti in xortraotanäa gnaosttouo äs coiutitions ozMeum. 8° pp. IV -j- 336. Lruxellio, vsselös ob Vrcnnver. 1695. (II.) S Dies Buch, in einem Zeitraum von wenigen Wochen bereits in zweiter, bedeutend vermehrter und verbesserter Ausgabe gedruckt, bandelt von den „Klippen", die bei Erörterung der socialen Frage unserer Tage zu vermeiden sind. Die höchst lehrreiche und praktische Schrift kann Jedem, der gezwungen ist, daS Getriebe des socialen Lebens in den Krciö seiner Studien oder seiner Thätigkeit zu ziehen, als ein unentbehrlicher und sicherer Führer auf so schlüpfrigem Boden dienen; sie ersetzt geradezu ganze Bibliotheken. Möchten sich die goldenen Worte des Verfassers namentlich die jungen Theologen gehörig anschauen, um sie vor der Gefahr zu bewahren, zu glauben, man könne ausgerüstet mit flüchtigen socialen Studien und heiß- sporuigen Sermonen die ausgerenkten Thore zum Völkerglück wieder in die Angeln heben! Solche Mißgriffe, die nur zum Spott herausfordern, rächen sich bitter und bringen der eigenen Sache den größten Schaden; ihnen soll das vorliegende Buch wirksam vorbeugen, indem cS vorzüglich die schöne und so wenig geübte Tugend der Prüfung und der weisen Mäßigung eindringlich aus Herz legt. Die päpstlichen Aktenstücke sind bis auf die neueste Zeit dem Werke zu Grunde gelegt und theit- weisc vollständig einverleibt. Der Stil des Buches weist ein schlichtes, aber gutes, angenehm lesbares Latein auf. Die lateinische Sprache sollte Sprach- der Wissenschaft bleiben oder vielmehr in ihr altes Recht wieder voll eingesetzt werden: hat sie ja doch die Feuerprobe bestanden; keine andere Sprache eignet sich dazu besser, und gerade diese „Leopnli" liefern den erneuten Beweis, daß selbst die modernsten Fragen in einem sehr gefälligen lateinischen Gewände geboten werden können, was freilich diejenigen in Abrede stellen, die selbst das Idiom nicht genügend beherrschen und ihm darum so gern eine Unfähigkeit , vorwerfen, die nur ihnen allein zur Last fällt. Der Verfasser der > „Soopuli" handhabt die lateinische Sprache mit größer Leichtigkeit und Gewandtheit und hat uns schon deswegen eine genußreiche Lektüre geboten. Die typographische Ausstattung des Buches läßt nichts zu wünschen übrig. Möchten dieser neuen Auflage noch weitere, immer aus dein Höhepunkt der Wissenschaft stehende folgen und eifrige Leser finden l Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie. Herausgegeben unter Mitwirkung von Fachgelehrten von Dr. Ernst Coinmcr, o. ö. Professor an der Universität BreSlau. Paderboru, Fcrd. Schöningh, 1896. X. Jahrgang. K Inhalt des 4. Heftes: I. Wege, Abwege, Irrwege. Principielle Bemerkungen zur neuesten philosophicgeschicht- lichcn Lireratur. Von ? Thomas M. Wchofcr, Orä. Lraeii., Dr. plstl., Professor am CoUegium 8. Thomas eis Urbs in Nom. II. Bemerkungen zu dem Aufsätze von Professor vr. L. Schütz: „Der hl. Thomas von Aguin und sein Verständniß dcS Griechischen." Von Dr. Eugen Nolfes, Ncctor in Frauenweiler. III. Apologetische Tendenzen und Richtnngcn. 8.Der göttliche Ursprung des Christenthums und der Evangelien. Bon Kanonikus vr. Mich. Gloßner in München, Mitglied der römischen Akademie des heil. Thomas. IV. Zur mittelalterlichen Coutrovcrse über die unbefleckte Empfäng- ni ß. Von l>r. Bernhard Dörbolt, Docent an der Akademie in Münster. V. Die Neu-Thomisten. 9. Das Wissen Gottes mit Bezug auf daS Zukünftige. Von k. Llas;. Tlrsol. Guudisalv Feldner, Orcl. krasä., Prior in Lcmberg. VI. P r o- babilistische Beweisführung. Von U. I. L. Jausen, 6. 88. Reck., Professor in Wittem (Holland). VII. Litcrar- ische Berichte. Vom Herausgeber. VIII. Zcitschriften- schau. IX. Neue Bücher und deren Besprechungen. — Mitte Juli beginnt der XI. Jahrgang; vierteljährlich ein Heft von 8 Bogen. Der Preis des Jahrgangs 9 Mark. Abonnements übernehmen alle Buchhandlungen. Charitas. Zeitschrift für die Werke der Nächstenliebe im katholischen Deutschland. Unter Mitwirkung von Fachmännern herausgegeben vom CharitaS- Comits zu Freiburg im BrciSgau. Erster Jahrgang: 1896. Erscheint 16 Seiten stark je am 1. des Monats und kann durch die Post und den Buchhandel bezogen werden. Abonnemcntspreis jährlich M. 3.— Freiburg im Breisgau. Herdcr'sche VcrlagSbandlung. Inhalt von Nr. 5: Armengesctz und christlich: Wohlthätigkeit.—Bilder aus der Hamburger Cbolcrazcit.—Wohnungsnot!) und Vincentiusvercinc. — Männer und Frauen derCharitas. (7. Msgr. Jos. Weis, ein wahrer Vater der Dienstmädchen. II. sSchluß.) 8. Maria Pelletier, Stickerin der Congregation vom guten Hirten. I.) — Ueber Central-Heizuug für Krankenhäuser. — Au die katholischen Frauen der Vincenz- und Elisabcthcn- vereine. — Zum Kampf gegen den Alkohol. (1. Die katholischen Bestrebungen.)—Kleinere Mittheilungen, Fragckasten,Briefkasten. Modern, wie daS Gelb der diesjährigen Sommertoiletten. im freundlichen ginsicrfarbigen Umschlage, langt soeben das Juniheft der „Alten und Neuen Welt" auf unserm Redactionstisch an. ES segelt unter guter Flagge. Ein herrliches Bilvniß des Dichterfürsten Shakespeare zureden Umschlag. Außer dem Schluß des Romans von Josephs»- Flach „AlS die Rosen wieder blühten" sind an neuen Erzählungen darin enthalten: „Vom Verlornen Bruder" von L. Martenscn und „Briefe einer Emancipirten" von Reinsried. Der Urgewalt des echten, befreienden Humors und der ätzenden Satire in der Reinfriedschen Humoreske wird sich kein Leser entziehen können. Dem Zeitereignis) der Zarenkrönung ist ein sehr frischer Artikel über Moskau von N. Elsner gewidmet. Maximilian Schmidt gibt an der Hand reichen JllustrationSmatcrials eine ausgezeichnete Schilderung der bayerischen Volkstrachten. Von der lieblichen Ophelia aus Shakespeares Hamlet handelt ein geistvoller, tiefempfundener Aussatz Fritz Lienhards. Zur Kennzeichnung der Reichhaltigkeit dcS HeftcS nennen wir noch die Antsätze: „Das Mahdireich im Sudan. Seine Entstehung und sein Fortbestand." Von Karl Muth. „Die Darstellung der Apostel in der christlichen Kunst." Von vr. Drcibach. „Mäuse- ncster." Von E. Rüdiger. „Die Erforschung des Himmels." Von K. M. „Die Ausgewiesene." Ein Märchen von der Liebe. Von A. Bauer. Hierzu kommen ein Eommnnionlied mit Noten, die beliebte Frauen- u. Kiuderbcilage, die zeitgeschichtliche Rundschau, eine Anzahl kleinerer Artikel, Gedichte und Mittheilungen. Verantw. Redacteur) Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. kln. 23. Mge zur ßilgsömger WKlilg. « Lia NarrevKviliM kap8t Lev'8 XM. ^äiulpioi clmsliLnvl'um elegis. tlb vuno, Virgo xotöns, viotrioss ts auspics palwas Llaiori xleetro eoueinuissL iuvat. — kor to NÄMMo almas vietvria uuneia paais klus LLinol aä votoros risit araica xatrss. Oallia, tu to8ti8: metuouäuo arto waligna Vis iukornu tibi struxerat iusiäias. Lu^us, vlira virtuto, siäs splenässasrö visa, Ilou priseum misers iam äsous sxueras! Immuncka lats orroruiu vitiigus saatslias Illuvio, gouto8 äöpopulauts tuas. L6kult ab Virgo: meritis, piaiats voreuäuw kiuibus llisxauis aävocat ipsa Virum; Oui rossas blanäo ouiu truäorot ors aoronas, Haso, ait, daso 6a1Iis arvaa salutis oruut. Ilisco armis pugnas ooourit 6usmanius Iisros, Ilao arto ouisus olara tropasa tulit. Oooubuoro llostss; rursumyus eüulsit avita kulellrior iu Oallis oanäiäioi'^us üäos. — 1o8tor ot loniis guas csruis «Rellinaäas" uuäis, ^.ttouito guvuäam Zesta uiri puZna mari. Ltuut ox aävsrso iustruotas lougo orämo puxpss, lu sasva Lräosouut praslia iam rusro. Iltra^uo fort aoivs signum; krroo oolo8to Runas tristo raiuax illa bioornis liabsb. Ilt rauoo 8ouuoro tulias, oouourritur; iuZous 6outiuuo aä ouoli tollitur astra traZor. Lsra touaut, rodoat Iitu8, mioat iZuibus asi^uor; Iwxaviüi dao illao äaut torg, iussa äuoo3. Ooukruotv lutors et remis uou uns, äolriseit dlavis et imrneusi ZurZitis iwa xetit. laotata kvrrisono inorZuntur eorpora xouto, Iluwano sxuinsns unäs oruore rudot. ^noexs stat fortuns: pari virtuto xersota, Line inäo eventu puZus itersts pari. Iambus iterum tentsnäs aoios, oum porcita 5at0 Rssoio Mv olsssis kuroics, sollioito. kulss repento motu, reluZit xroäuoors puZNLM, Lt c^uainvis rnulto milito prsovsliäu. Loäoro viss looo, et soso, inirabilo äiotu! Ultra 6kristisäuiu äeäore in arditrium. InZeminst tuuo viotor io, uomon^us Ll^RILD, Lonolamst rosonis unäic^ue litoribus: Oonolsraant xopuli portoutum, Virgiuis a-Imse kstrstum äis boUixotoutis oxo; kornuliäso iviprimis, i^uois miruru ox kosto triuwplruw kutiäioa oäixit praosoius ore ?IV8. Inäo <^uios ot psx Duroxso aclserts ruonti, Inäs stotit xutriao Iloligionis Iioiws. LinZuIs tzuiä inomoroin? rnsM sore xoronnia, Virga Lxlouäiää, virtutis staut monumonts tuao. — Rune yuoHuo Lliristiadiiw xiotas clo msrmorotewplum konoro katrousi iu litore äoproperst. Rio VirZo tomxluiu tonest Regina,, tuinonti Rio praeoinota rosis imporot ipsa raari. * * Vorstehendes Gedicht hat uns Herr geistl. Rath I. Hecher, Hofprediger und Kanonikus in München, in freier Übersetzung also wiedergegeben: Der Helferin der Christen. DaS höchste Preislied soll Dir nun erklingen, O Jungfrau, unerreicht an Huld und Macht, Ob all des Ruhmes, den Du halfst erringen Der Christenheit in mancher heißen Schlacht; Auf Dein Geheiß erhob die Adlerschwingen Gar oft glorreicher Sieg und hat gebracht Den Vatern einst ersehnte FriedenSknnde: Du hattest ihn gesandt zur rechten Stunde! Du, Frankreich, tritt als Zeuge in die Schranken? Es schmiedete der Hölle Nachtgewalt Zu Deinem Unheil schreckliche Gedanken. Du, einst der Glaubenstugend Hort und Halt, Du solltest schmuckberaubt zum Grabe wanken; Es schien Dein Volk im Wahn sich zu verbluten, Zu enden in der Sünde schmutzigen Fluthen. Doch sich, die Jungfrau half! Aus Spaniens Gauen Rief sie herbei den hocherlauchten Mann, Der mit dem Rosenkränze voll Vertrauen Zu brechen kam des Unheils wilden Bann; Und seine Waffe schuf den Feinden Grauen, Der fromme Held den schönsten Sieg gewann. Und prächtiger als je in Frankreichs Grenzen Sah er des Glaubens lichte Banner glänzen! Und sind nicht Zeugen auch die Echinaden, Umspült von Joniens inselreiche« Meer, Drauf sich der Seeschlacht Wettersturm entladen, Da sich gemessen einst der Christen Heer Mit dem der Gläubigen des Omejjaden? Von Schiffen.war kein Raum der Fluthen leer: Dort weh'n Maria's Fahnen von den Masten, Und hier des Halbmonds grause Hörner glasten. Es ruft zum Kampfe der Drometten Dröhnen, Und bis zum Himmel donnert das Geschütz; Die Ufer hallen wieder, und es stöhnen Die Wasser, drüber zuckt der Schüsse Blitz, Dazwischen die Commandorufe tönen; Die Nuderknechte stürzen hier vom Sitz, Dort zieht die See geborstne Schiffe nieder Und treibt in blutigem Schaum der Todten Glieder. Noch schwankt der Sieg; es halten sich die Waage Erfolg und Muth, auf jeder Seite gleich; Doch plötzlich jetzt, als wie mit einem Schlage Kehrt sich zur Flucht der Türke schreckensbleich Und überläßt, trotz aller Stärke zage, Dem Christenheere Beute überreich Und nun erhebt das Jauchzen sich der Sjeger, Die Jungfrau preisen laut der Jungfrau KrieMh 178 Und ihres Jubels Schall tönt weit und weiter, DaS Ufer hallt davon, und rings im Kreis Erheben alle Völker siegesheiter Sich zu der Gottesmutter Lob und Preis, Vor allen Nom, wo schon der Kirche Leiter Zum voraus seh erblüh'» des Sieges Reis, Wo Pins schon das Wunder hat verkündet, Das in der „Kriegesmächtigen" Hilfe gründet. Seither nun ruhet vor des Halbmonds Dräuen Europa in des Friedens fich'rem Hort, Es kann des heimischen Glaubens sich erfreuen. Soll mehr verkünden noch des Sängers Wort? Nein, Jungfrau, Deiner Hilfe Mäler reihen Allum sich durch die Welt wohl fort und fort, Und eher wird das Erz wie Sand zerstieben, Eh' Dir versagt die Christenheit ihr Lieben. Auch jetzt erbau'n Dir fromme Christenhände Ein Marwortempelhaus auf Patras' Grund; Dort sei Du Königin, und milde spende Von Deiner Gnadenfülle Stund' um Stund'; Begränzt mit Rosen schirme die Gelände, Und Ruh' gebiete siegreich stets Dein Mund, Wenn sturmgepeitscht die Mccreswogen schwellen: Du sprichst ein Wort, und stille ruh'n die Wellen! Der Bilderzaulier und die modernen Zauberer in Frankreich. Von Charles Saint-Paul. (Fortsetzung.) II. Die modernen Zauberer in Frankreich.*) Die Pariser Gesellschaft für physiologische Psychologie beauftragte mit Fortsetzung der Studien über Hypno- ttsmus und verwandte Phänomene, die von der berühmten Londoner „Society for Psychical Research" eingeleitet wurden, eine Commission, die aus den Herren Sully- Prndhomme von der französischen Akademie, G. Ballet, Professor an der medizinischen Facultät in Paris, Beannis, Professor der Medizin in Nancy, Charles Nichet, Professor der Medizin in Paris, Oberstlieutenant Albert de Rochas, Administrator der polytechnischen Schule, und Marillier, Professor an der Leola lsiraticfuo äss Kautos Ltuäes, bestand. Von den Forschungen dieser Herren erregten nun besonders die des Obersten de Rochas großes Aufsehen. Sie schienen in gewisser Hinsicht die Behauptungen des bekannten Experimentators Baron Neichcnbach bezüglich eines von ihm entdeckten verbindenden Fluidums, das er „Od" nannte, zu bestätigen. Dieselben wurden bekanntlich bisher vielfach bestritten. Rochas bemerkte, wie er behauptet, daß Personen in der Hypnose die Berührungen der sie umgebenden Luft empfanden, wie wenn sie selbst berührt worden wären. Er nahm an, daß diese Beobachtung auf Ausstrahlungen eines flnidischen Stoffes während der Hypnose zurückzuführen wäre, und nannte diesen nach Neichen- bach „Od". ') Zum Schlüsse des ersten Artikels ist noch folgende Note nachzutragen: „Eine genauere Behandlung des Themas hat Rochas in seiner Schrift »lUlünvoütemont- (Paris, Chamucl 1895) geliefert. Die Experimente sind im Allgemeinen auch in der Studie „Auslösung der Sensibilität und Bilderzauber" von Thomassin in den «Psychischen Studien" (Juli und August MS) besprochen. Er will nun ferner entdeckt haben, daß dieses „Od" von Flüssigkeiten nicht nur aufgehalten, sondern auch aufgesaugt werde. Wenn er z. B. ein Glas Wasser in die Nähe des Körpers der Versuchsperson hielt, so sbe- mcrkte dieselbe Berührungen der Luft hinter dem Glase nicht mehr, jedoch empfand sie jede Berührung des Wassers. Je weiter man das Glas von der Versuchsperson entfernte, desto schwächer wurde die Empfindlichkeit seines Inhaltes. Die Berührung desselben empfand die Hypnotisirte aber immer an der Körperstelle, die mit dem Orte, an welchem der Experimentator das Glas in das den Körper umgebende Fluidum gebracht hatte, in einer Linie war. Rochas erinnerte sich nun an die Berichte über den Bilderzauber. Er machte, wie er behauptet, um sie zu prüfen, scherzweise eine Wachspuppe und hielt sie eine Zeit lang in die Nähe der Hypnotisirten. Sodann stach er sie mit Nadeln. Und nun soll wirklich die Versuchsperson Schmerz gefühlt haben. Er schnitt ihr ferner einmal während der Hypnose Haare ab und knetete dieselben in den Kopf der Wachsfigur ein. Einer der anwesenden Herren, Mitarbeiter der Zeitschrift „KoZmos", verbarg letztere an einem Orte, wo weder Rochas noch die Versuchsperson sie sehen konnte. Diese wurde geweckt und unterhielt sich eine Zeit lang mit den Anwesenden. Plötzlich griff sie an ihren Kopf und fragte, wer sie an den Haaren gezogen habe. Es stellte sich heraus, daß in demselben Momente die verborgene Puppe an den Haaren gezogen worden war. Rochas machte sodann auch noch einen Versuch mit dem weichen Bromgelatineüberzng einer Photographischen Platte. Er hielt dieselbe in die Nähe der Hypnotisirten, brachte sie dann in den Apparat und nahm ein Bild auf. Seiner Behauptung zufolge empfand die Versuchsperson, falls dieses an irgend einem Punkte berührt wurde, abermals genau an dem diesem entsprechenden Körpertheile Schmerz. Dieses Experiment soll auch einige Tage später mit dem gleichen Bilde gelungen sein. Einmal stach Rochas heftig mit der Nadel in die rechte Hand deS Bildes, worauf die Hypnotisirte laut aufschrie und, als sie erweckt wurde, sich auf ihrer Hand rothe Male zeigten. Diese Experimente, die meist in Gegenwart einiger Herren von der polytechnischen Schule und einiger Vertreter der Presse stattfanden, wurden selbstverständlich lebhaft erörtert. Man wußte nicht, wie man sich derartige Behauptungen des bekannten Experimentators erklären sollte. In Brüssel wurden die Versuche von Herrn von Arsac wiederholt, der darüber im Journal „Paris- Bruxelles" berichtete. Dieser behauptete jedoch, ebenso wie später ein Dr. Hart, dessen Experimente übrigens von mehreren Psychologen als unwissenschaftlich bezeichnet wurden, 2) daß alles nur durch Suggestion zu erklären sei. Er habe gefunden, daß die Versuchsperson immer nur dann Schmerz empfand, wenn der Hypnotiseur in das Bild stach. Wenn andere Personen die Versuche vornahmen, so war äußerst selten ein Erfolg zu verzeichnen, niemals aber, wenn dieselben die Nadel ins Bild einstachen, ohne dabei den Zweck, die Ucbertragung der Schmerzen, zu kennen. Rochas erwiderte auf diese Behauptungen, es würde -) Z. B. in einer Schrift: »vs l'Uxpßrimoneatiou äous I'Iktuäo äs l'II^Motiswo ä xrogos «los xrstsuäuss ex- Iwrieiiees äs oontrots üs Ll. Hark äs Lonärss- von Görard Eneausse. >.' . . ' . 179 durch solche Beobachtungen nur die Nothwendigkeit des „Rapportes", der psychomaguetischen Beziehung zwischen Hypnotistrtem und Hypnotiseur, erwiesen, man könne daraus aber keineswegs folgern, daß sie nur auf Suggestion oder Gedankenübertragung zurückzuführen seien. Ihm selbst sei niemals ein Experiment der Gedankenübertragung geglückt. Die Versuchsperson habe nie wissen können, wohin er stach, und doch den Schmerz an der Körperstelle gefühlt, die der Stelle des Bildes, in die gestochen wurde, entsprach. Es ist im Allgemeinen zu dieser Frage zu bemerken, daß die Experimente des Obersten Rochas viele Aehnlich- keit mit denen haben, die Dr. Luys, Mitglied der französischen Akademie und Chef der Salpotriöre, sowie Dr. Garard Encausse, Chef des hypnotherapeutischen Laboratoriums der CharitZ anstellten?) Aus denselben könnte die Folgerung gezogen werden, daß eine magnetische Uebertragung nicht nur von Schmerzgefühlen, sondern auch von Ideen ohne Verbal- oder Mentalsuggestion möglich ist. So wurde z. B. von den genannten Experimentatoren einem Hypnotisirten ein magnetisirter Eiscnreif auf den Kopf gesetzt, den vorher ein an Verfolgungswahn Leidender getragen hatte, was er nicht wußte. Obwohl er nun bis zu diesem Augenblicke ganz glücklich und vernünftig zu sein schien, wurde er plötzlich traurig und ängstlich und schrie, er werde verfolgt und gequält; kaum aber war ihm der Eiscnreif abgenommen, so wurde er wieder vollkommen ruhig. In diesem Falle kann wohl keine Suggestion stattgefunden haben. Es wird sich also eher durch eine Kraft erklären lassen, die wir noch nicht genügend kennen. Bei Rochas' Experimenten nun ist allerdings die suggestive Beeinflussung nicht ganz ausgeschlossen. Da aber die Suggestion allein nicht zur Erklärung ausreichte, wie aus den Berichten ersichtlich ist/) war es für ihn naheliegend, die Verbindung durch die „psychomagnetische Kraft" anzunehmen?) (Fortsetzung folgt.) ') l>u transksrt L ätstanes L l'aiäo äos oouronnss aimaiitees gar Oörarcl Lneausss. bw eoUaboratiou avev ls Dr. IniZ's. ?aris, 1893. Rochas will ferner noch beobachtet haben, baß nach dem Erwachen der Hypnotisirten auch meist das „sensible Ob" aus der Flüssigkeit oder aus dein Stoffe, von dein es aufgesogen war, entschwand. Einigemale soll es ihm allerdings gelungen sein, dasselbe längere Zeit hindurch aufzubewahren. So hatte er. wie er in seiner Schrift »I/blnvorrtsinsnt« (Paris, Chamuel) bemerkt, einmal eine starke Lösung von untcrschwefligsaurcm Natron „empfindlich gemacht", indem er sie in die Nähe der Hand einer Hypnotisirten hielt. Diese wurde wieder geweckt. Kurze Zeit darauf machte sich ein Gehilfe, ohne ihr Wissen, daran, die Flüssigkeit zu krystallisiren. Kaum war dies geschehen, so zog sich der Arm der Versuchsperson zusammen, und sie erlitt heftige Schmerzen. Etwa zwöls Tage darauf nahm Nochas die krystallisirtc Flüssigkeit wieder und stieß mit einem Messer in dieselbe. Die Frau, mit der er die früheren Experimente vorgenommen hatte, befand sich im Nebenzimmer und unterhielt sich dort, ohne zu wissen, was geschah, mit einigen Personen. Da schrie sie plötzlich laut auf und fiel in Ohn- nacht. sie sagte später, sie habe den Messerstich gefühlt, und bestimmte den Experimentator, das Experiment nie mehr zu wiederholen- Baron Dr. du Prek, der bekannte deutsche Vorkämpfer des OccultismuS und Spiritismus bat in der Zeitschrift „Sphinx" (1893) eine längere Abhandlung über diese „Psychomagnetische Kraft" publizirt, in welcher er umfassendes Material aus der Geschichte des Hypnotismns und Magnetismus sammelte, um dieselbe nachzuweisen und ihre Eigenschaften genauer festzustellen. St. Zenv. (Schluß.) In der That finden wir die Zenoburg als Residenz der Landesfürsten urkundlich wiederholt beglaubigt. Vorzüglich war es König Heinrich von Böhmen, der sie zu seinem Lieblingsaufenthalte machte. Zwei seiner Kinder, Luiipold und Adelheid, fanden in der Kapelle 1341—1359 ihr Begräbniß. Im Jahre 1347 wurde diese Burg von König Karl von Böhmen aus Rache gegen die Gräfin Margarethe Maultasch beranut und verbrannt; im Jahre 1486 aber die Ruine dem Bertholt» Feierabend mit der Verbindlichkeit, sie wieder aufzubauen, zum Lehen verliehen. Der Aufbau unterblieb, so daß von der einst so berühmten Burg heute nichts mehr übrig, als die Thürme und Capelle. Zenoburgs Ruinen gehören derzeit der Familie von Braitenberg in Bozen, welche wenigstens die Kapelle vor gänzlichem Verfalle zu bewahren sucht. Eingehend findet sich dieselbe beschrieben und abgebildet (Portale) bei Atz, Kunstgeschichte Tirols, Bozen 1885, sowie in dessen „Kunstfreund von Tirol" 8. Jahrgang 1892, Nr. 7 u. 8. a Inwieweit eine andere uralte Schloßkapelle, nämlich St. Zeno auf Reifeustein, beim Uebergcmge über den Jaufen von Sterzing (dem römischen Vipitcnum) aus, oder das eine und andere St. Zcnno-Kirchlein im Vintsch- gau (Naturns, Burgcis, Täufers), ferner zu Servaus im Oberinnthale zu St. Corbinian in Bezug steht, mag dahingestellt bleiben. Auffallend an diesen ist, daß sie zumeist an römischen Straßenzügen und ehemaligen römischen Kastellen sich finden. In Freising selbst sind noch heutigen Tages St. Zeno nebst St. Valentin aus der Zeit Corbinians her Patrone des dortigen Domes. Gleich Corbinian ließ sich dessen zweiter Nachfolger auf dem bischöflichen Stuhle in Frcising, Josef (749 — 764), die Ausbreitung des St. Zeno-Cultes angelegen sein. Aus diesem Grunde — da über seine Herkunft nichts Näheres bekannt ist — wurde er hin und wieder für einen Veroneser oder Etschländer gehalten. Ihm verdankt die St. Zeno-Kirche in Jsen ihre Be- gründung und Ausstattung, in dieser seiner Lieblingsstiftung liegt er auch begraben. Ueber das seltsame romanische Portal mit seinen hochinteressanten Scnlpturen hat seinerzeit Dr. I. Sighart (Mittelalterliche Kunst in der Erzdiözese München-Frcising) eingehend berichtet. Das Tympauon zeigt Christum als Weltrichter mit aufgeschlagenem Buche in der Linken, unter seinen Füßen Schlange und Basilisk. DaS Münster selbst, in verkleinertem Maßstabe ein Nachbild des Domes zu Freising, ist eine dreischiffige Pfeilerbasilika mit hochliegendem Chöre und drei Abfiden, einer Krypta, deren Gewölbe auf zwölf stumpfen Würfclsäulen ruhen. Um die Erbauung desselben erwarb sich der zweite Augustiner-Chorherren-Propst Ulrich (1180 bis circa 1210) unsterbliche Verdienste. Das Stift konnte noch vom 31. August bis 15. September 1760 das tausendjährige Jubiläum seines Bestehens feiern und bei diesem Anlasse auf gloriose Namen sich berufen, die zum Stifte in innigster Beziehung gestanden. So sollen hier nicht nur der spätere Erzbtschof Arno von Salzburg und ebenso die aus Schwindkirchen gebürtigen Bischöfe von Vizenza Andreas (st circa 820) und Franko (st circa 848) ihre Bildung erhalten haben, sondern auch die heilige Chunigundis einige Zeit in Jsen sich aufgehalten haben. Unter den Pröpsten stiegen sechs (Gerald, Konrad II., Johann Grünwalder, SixtuS von Tannenberg, Leo Lösch 180 und Ludwig Josef von Weiden) zu Bischöfen von Freising empor; auch Kardinäle, wie Melchior Klcscl und Ernst Albert Graf von Harrach, hatten die Propstei Jsen inne. Unter dem Propste Damian Hugo Graf von Lehrbach (1793—1802) und dem Dechant Andreas Göttner wurde das Collegiatstift Jsen, aus 9 Kanonikern bestehend, aufgelöst, das Vermögen eingezogen, die Kirche zur Pfarrkirche bestimmt. Ein herrlich gearbeiteter rothmarmorner Taufstein, eine reiche Anzahl alter Grabsteine, worunter besonders der des Bischofes Josef, im Jahre 1473 durch den Decan Christian Stark gesetzt, sowie ein Oelberg sind die einzigen Reliquien aus der Glanzzeit des Stiftes von hohem künstlerischen Interesse, die sich erhalten haben. Vieles wurde bei der Säcularisation verschleudert, ein silbernes Standbild des Stiftspatrones St. Zeno kam erst vor Kurzem um hohen Preis in das Germanische Museum zu Nürnberg. Das ehrwürdigste und berühmteste, dem hl. Zeno auf bayrischem Boden geweihte Baudenkmal indeß befindet sich zu Reichenhall. Es verdankt sein Entstehen Kaiser Karl dem Großen und fand an Kaiser Friedrich Rothbart einen eifrigen Gönner und Wohlthäter. Gleich St. Corbinian war auch Kaiser Karl während seines längeren Aufenthaltes in Südtirol und der Lombardei Zeuge des großen Ansehens und der innigen Verehrung gewesen, die der Heilige in jenen Gegenden genoß. Bei seinem Kriegszuge durch das Rendenathal, aus dem Sulzberg kommend, hatte er nach Einnahme und Zerstörung einer Bergveste in Pelug bereits dem hl. Zeno ein Gotteshaus gebaut. Nun verhalf er auch den Bewohnern Neichenhalls zu einem solchen. Während seines Aufenthaltes daselbst im Jahre 803 fand wieder eine jener Ucberschwemmungen der Saale statt, unter denen die Stadt so häufig zu leiden hatte. Nun sollte durch Errichtung eines Tempels zu Ehren St. Zenos, des bekannten Patrones in Wassernöthen, künftigen Gefahren vorgebeugt werden. Im Jahre 1095 veranlaßte der Erzbischof Thiemo von Salzburg die Priester an dieser Kirche zu einem gemeinschaftlichen Leben unter einem Vorstände. Sein Nachfolger, Erzbischof Konrad von Abcnsberg, ein großer Eiferer für Klosterdisciplin, begründete sodann 1120 das Augustiner-Chorherrenstift, welches bis zum Jahre 1802 bestand. Lanzo wird als erster Propst genannt. Aus jener Zeit stammt noch das gegenwärtig arg lückenhafte, löwengeschmückte, romanische Portal, mit dem Bilde der Gottesmutter und zweier Bischöfe im Tym- panon. Beim großen Stadtbrande 1512 sank auch das ehrwürdige Münster von St. Zeno in Asche; aber der thatkräftige Propst Wolfgang Lueger (1515—1526) ging muthig an den Wiederaufbau. Die noch gegenwärtig stehende 300 Fuß lange und 90 Fuß breite, 6000 Personen fassende Kirche ist sein Werk. Anstatt der bisherigen flachen Holzdecke erhielt dieselbe ein Gewölbe und M besondere Zierden die rothmarmorne Kanzel mit den Symbolen der vier Evangelisten, den Taufstein mit den Meliefbildern der 12 Apostel, sowie das herrliche gothische Morgestühl von Eichenholz. Auch ließ er in der Vorfalle die zwei riesigen Steintafcln mit der Vatexunser- -Md Decalog-Jnschrift herstellen. Besondere Beachtung verdient der Kreuzgang von St. Zeno. Außer den zierlich gekuppelten Säulen mit .seltsam geformten Kapitalen enthält derselbe eine große Anzahl hochinteressanter Grabsteine aus dem 13. und 14- Jahrhundert und das Neliefhjld von Kaiser BgM- rossa. Unter Propst Bernhard Elixhauser (1782 erwählt) fand auch dieses allehrwürdige Stift 1802 seine gewaltsame Auflösung, doch wurde nach einigen Jahrzehnten dem drohenden gänzlichen Verfalle der Stifts- gebäulichkeiten dadurch vorgebeugt, daß sie wieder in geistliche Hände kamen, indem am 5. Juni 1853 die englischen Fräulein davon Besitz ergriffen. Mit großem Kostenaufwande wurden die Bauschüden allenthalben, soweit es noch möglich war, reparirt und auch das Gotteshaus einer Erneuerung unterzogen, so daß St. Zeno nach wie vor seine Anziehungskraft ausübt, wenn auch vieles durch die Barbarei Anfang dieses Jahrhunderts unwiederbringlich verloren ist. Beatus Adalbertus ein Graf Zolle rn-Hohenberg-Haigerl och, Mönch, Priester und Prior in der niederbayerischen Benediktinerabtei Oberaltaich 1261 — 1311 von I. N. Seefried. (Fortsetzung.) Hl. Graf Alberts Verehrung im Kloster Oberaltaich nach seinem Tode. Dr. Schund in Tübingen hat die Verehrung, welche der selige Graf Albert von Zollern-Haigerloch, den er den Heiligen mit Pez hat und als Sohn deS Grafen Albert I. von Notenburg ausgegeben hat, in Oberaltaich genossen, nicht weiter verfolgt,") weßhalb wir das Fehlende kurz nachtragen wollen. Der im Jahre 1297 zum Abt von Oberaltaich gewählte Konrad III. war im Jahre 1311 nach seiner im gleichen Jahre erfolgten Resignation am 28. Dezember gestorben und vom Bischöfe Konrad zu Negensburg Heinrich II., Propst zu Ninchnach und Profeß von Nieder- altaich, per Compromissum") an dessen Stelle zum Abt ernannt und am Feste des hl. Apostels Iambus (25. Juli) in Negensburg confirmirt und benedicirt w orden. Als nun am 26. November 1311 Graf Albert heimgegangen war und die Brüder über den Ort seiner Beerdigung verschiedener Ansicht waren, hatte einer derselben (Hartwig) eine Erscheinung, welche sagte, die Leiche des Seligen müsse neben dem Altare des heiligen Bartholomäus auf der Südseite der Kirche beerdigt werden, woselbst Gott zur Kundgabe seiner Heiligkeit vielfältig Wunder wirken werde.") Diese Angabe und Ansicht drang im Hinblick auf eine dem Abte selbst zu Theil gewordene Vision (Sonnenkugelerscheinung am Begräbnißplatze) durch und veranlaßte Heinrich II., den seligen Albertus neben dem Bartholomüus- Altare, welcher auch hl. Kreuzaltar genannt wird, zu bestatten.") ") Geschichte der Grafen von Zvllern - Hohenbcrg S. 17 und 327. ") Die Chronik bemerkt hiezu S. 194 u. 195. Ein ganzer Convent, in dessen Gewalt eö stand, sich einen Abt seines Gefallens zu wählen, übertrug diese Befngniß freiwillig dem Bischöfe Konrad von Lnppnrg durch ein öffentlich gefertigtes Instrument. Vita cap. XXII. ubi Daus all llsclaranllam osus oanetitatsm mnttixliearo vult, llsvots xetentibus wirasuta, quae vivens et Immanam tauäem kuA'iens xauea kscit- ") Vita i. o. Lbbas praelliotas . 16. '°) Beilage zur Augsb. Postzeitung 1861 Nr. 33 u. 1894 Nr. 25; Separatabdruck S. 15. °°) Obronio. Ilslvst. I, 141- °>) t. o. I. 183. 190 wenn er von drei Gemahlinnen Rudolfs von Habsburg gesprochen hat; in dem Familiennamen der ersten Gemahlin, Gertrauds, aber, die er eine Freburg-Hochenberg nannte, hat er sich ohne Zweifel geirrt?") Wenn nun auch nach dem Stande neuerer Forschung zugegeben werden muß, daß die größere Wahrscheinlichkeit dafür spricht, daß die Königinnen Gertraud und Anna nur als eine Person aufzufassen sind, so ist doch der wirkliche Thatbestand auch jetzt noch nicht zweifellos festgestellt, und scheint mir insbesondere der Umstand der Beachtung werth zu sein, daß Tschudi den Vater Anna's nicht Burkard, sondern Albert genannt hat. Da wir als Vater des Priors Albert zu Oberaltaich Albert II. postu- lirt haben und postuliren mußten, so könnte dieser der Chronologie zufolge wohl auch der Vater Anna'S gewesen sein. Ich habe wiederholt auf die Urkunde vom 12. Januar 1271 hingewiesen?") in welcher ein Graf Albert von Hohenberg von Friedrich dem Erlauchten, Grafen von Abenberg-Zollern, uvrmouluo d. h. Mutterbruder (Oheim) genannt worden ist. Nun sollen aber der Vater des Priors Adalbert Albert (II.) und seine Gemahlin schon vor dem Eintritt des Sohnes ins Kloster gestorben sein. Ware dieses wirklich der Fall gewesen (die Vita. ^Ilisrti enthält, wie schon gesagt, hierüber nichts Bestimmtes), dann wäre in der Urkunde vom 12. Januar 1271 nicht unser Albert II , sondern Albert III., Burkards III. Sohn, gemeint, und avunoulus hätte hier thatsächlich nicht die ursprüngliche Bedeutung von Oheim oder Mutterbruder, sondern nur diejenige einer durch eine Frau vermittelten ziemlich nahen Anverwandtschaft, in welchem Sinne das Wort im Mittelalter ebenfalls gebraucht worden ist. Albert III. (bei Schmid II.) und Friedrich der Erlauchte waren Geschwisterkinder, avrmculuo würde demnach in der betreffenden Urkunde in diesem Sinne zu erklären sein. Elisabet, die Gemahlin Friedrichs mit dem Löwen, hat vr. Schmid "*) unter Vorsehung eines Fragezeichens mit dem Edelherrn Berthold von Blankenstein vermählt, womit wir uns aus mehrfachen, theilweise schon bekannt gegebenen Gründen nicht einverstanden erklären können. Ebenso wenig wie die Gemahlin Werts II. dem Namen und Geschlechte nach bisher bekannt geworden, läßt sich Name und Geschlecht der Gemahlin Burkards II., der Mutter Burkards III., Werts II., Diepolds, Bertholds von Mühlhausen und Elisabets, näher nachweisen. Der in der gräflichen Familie ungewöhnliche Name Diepold ist wohl aus der Verwandtschaft und dem Geschlechte der Mutter Diepolds herübergenommen worden, allein Diepolde hat es in gar vielen Grafen- geschlechtcrn (Dilltngen, Lechsgemünd - Graisbach, Markgrafen von Cham-Vohburg u. s. w.) gegeben. Schmid hat es für sehr wahrscheinlich gehalten, daß Burkards II. Gemahlin dem Hause der Grafen von Aichclberg, O.-A. Kirchheim, angehört habe; in seiner ersten Stammtafel des Grafenhauses Zollern-Hohenberg hat er jedoch hiezu Mit Recht ein Fragezeichen gesetzt?") Ich habe die heftigen Fehden, welche in der zweiten "") Vcrgl. Gertrud-Anna, Gemahlin Rudolfs von Habs- ßurg. von Dr. NemigiuS Meyer. Beiträge zur vaterländischen Geschichte V. Bd. Basel 1851. S. 177 insbes. 181. Siebe A. 78 l "*) Geschichte der Grafen von Zollern-Hohenberg 1862 S. 334 und I. Stammtafel derselben. «-) i. o. S. 12. Hälfte des 13. Jahrhunderts zwischen den Grafen von Abenberg-Zollern und Zollern-Hohenberg wegen Haigerlochs entstanden sind, mit der Verschwägerung dieser Geschlechter und mit dem Eintritt des Grafen Albert von Haigerloch in den Benediktinerorden in Verbindung gebracht. Ueber den Kampf der Streitstheile nun bei Haigerloch am Feste Allerheiligen (1. Nov.) 1267 haben uns die Sindelfingcr Annalen ziemlich verlässige Kunde überliefert. Dieselben notirten zu diesem Jahre:"") 1267. §rs.vis xugva, tuib LMä HaiZerlooli in tssto oinmurn sunetorura intsr comitss äs 2oIrs at äs HodsnbsrZ. Dbi ooines äo 2oIrs xotsntsr triunixsta-vit? Die Annalen von s. Georg im Schwarzwald lassen den Kampf zwischen Friedrich Graf von Zollern und dem Grafen Albert von Hohinlo (richtig Hohinberg) stattfinden, den Grafen Albert Sieger bleiben und viele Gefangene machen?') Der hier genannte Graf Albert von Hohinberg ist ohne Zweifel Graf Burkards III. Sohn Albert III. (Schmid II.), und Friedrich Graf von Zollern kann nur Friedrich der Erlauchte sein, der Sohn Friedrichs mit dem Löwen und ElisabetS von Hohenberg. Dw NonuwsntuOsrinanius haben hiezu bemerkt:^) „Friedrich ist nachher von Kaiser Rudolf zum Burggrafen von Nürnberg ernannt worden," eine Behauptung, die entschieden als unrichtig bezeichnet werden muß. Zwischen Friedrich dem Erlauchten, vermählt mit Elisabet von Hohenberg, und dem gleichzeitigen Friedrich II., Burggrafen von Nürnberg, dem Gemahl der Herzogin Elisabet von Meran, muß genau unterschieden werden; man kann und darf sie nicht mit einander verwechseln. In den achtziger Jahren des 13. Jahrhunderts entstanden neue Streitigkeiten und Kämpfe zwischen Abenberg-Zollern und Zollern-Hohenberg, veranlaßt vielleicht, durch das Ableben der Königin Anna 1281 oder jener Anna, welche im nämlichen Jahre auf Hohenberg ledig gestorben sein soll"") und eher eine Tochter Werts II. als III. dieses Namens gewesen sein dürfte. Am 23. Oktober 1286 hatte nämlich Graf Burkard (IV.) mit dem Grafen Friedrich bei Balingen einen Conflikt. Auf Seite des Grafen Burkard und des Grafen Albert von Hohinberg, der damals vor Stuttgart lag, sind viele gefangen genommen und geiödtet worden?") Auf dem Tage zu Ulm am 10. November 1286 wurden sodann zur Beilegung des Krieges zwischen dem von Zolre und seine kint ainhalp und grave Albrecht anderhalp Maßregeln getroffen und als Obmänner des SchiedL- gerichteS der Burggraf von Nürnberg und der Graf von Oettingen aufgestellt, welche eine Sühne und einen dauerhaften Frieden herstellen sollten;"') aber erst Kaiser Rudolf ist es zu Weihnachten 1286 in Hoheu- »") U. 0. 88. XVII. 301. LI. S, 88. XVII. 298. 1267 .. Loäsm anno kaeta 68t puAna intsr sowitem kriäsrioum äs 2olrs st ooinitom ^Ibortnm äo IloliinbsrK st ooinss Ltbertns mnltos oaxtivanäo triuinxbavit. Für Llbsrtnm äo bobinto ist Loodiu- bor§ berichtigt 1. o. A. a. °°) I. o. A. 14 gni xostsa a Rnäolto oaesaro bni'Agravinz Xorimborgensis rsnuntiatus sst. Ll. °°) Geschichte der Grafen von Zollern-Hohenberg 1862 S. 117 (Schmid nach Memminger O--A--Beschreibung vo» Notcnburg S. 14). -°) Ll. O. 88. XVII, 304. Schmid, Geschichte der Grasen von Zollern-Hohenberg 191 berg und Rotweil gelungen, die Eintracht zwischen Graf Albert und den Grafen von Zollern wieder herzustellen. Auffallend ist es, daß für die gräfliche Familie Zollern-Hohenberg der Benediktiner-Prior Adalbert exnl geblieben ist. Weder Albert, Rudolfs Sohn, welcher Bischof von Freising (1349 —1359) geworden war,^) noch spätere Mitglieder dieses seit seiner Verbindung mit Rudolf von Habsburg illustren Hauses scheinen sich um die Beatifikation ihres Stammesgliedes gekümmert zu haben. Deßungeachtet hat an der Zoller'schen Abkunft des seligen Adalbert bisher Niemand gezweifelt. Sein Angedenken haben die Besten der Söhne des hl. Benedikt in Oberaltaich hoch gefeiert und in Ehren gehalten, und wird dasselbe in Bayern (Adalbert ist ja durch Naturalisation Bayer geworden) gesegnet bleiben, solange die Kirche zu s. Peter in Oberaltaich an den Bestand des alten, berühmten Klosters erinnert. Dieses Kloster ist schon zweimal, ja dreimal verlassen bezw. zerstört worden, es wurde aber immer wieder Hergestellt. Das erstemal vom Abte Pirminius unter dem Agilolfinger-Herzoge Hugbert (nicht Odilo) 731, das zweitemal von den überaus mächtigen Grafen von Bogens) zunächst von Iriäarions aävooatno aeolasias klatrs- bvQMsig. Dieser Friedrich war seinem Wappen zufolge ein Graf von Vormbach (Lambach-Wels-Vormbach), und Hie Vögte der bischöflichen Kirche von Bamberg, die Ahnen der Grafen von Abenberg, scheinen seit Lhiemo I. der nämlichen Abstammung gewesen zu sein, wie wir anderwärts bereits angemerkt habend) In dieser Richtung muß weiter geforscht werden, und wäre nur zu wünschen, daß in Bayern wieder Genealogen auftreten, wie wir sie an Moritz zu Ensdorf (Wittelsbacher Stiftung) und an ?. Hermann Sch ollin er von Oberaltaich,°°) dem Akademiker und Redacteur der Non. Loiaa, gehabt haben vor und zur Zeit der Klosteraufhebung des 19. Jahrhunderts. Auf Aventin, welcher nach seinem Kalender am 30. Juni und 5. Oktober 1517 in Oberaltaich gewesen ist, und auf Bayerns alte Grafschaften des Ritters Karl Heinrich v.,Lang kann man sich nicht verlassen. Wie wir gesehen haben, war der selige Prior Adalbert von Oberaltaich ein Geschwisterkind der Gräfin Gertrud von Hohenberg, der Gemahlin Kaiser Rudolfs von Habsburg, mit welcher dieser jene Mechtilde erzeugte, welche die dritte Gemahlin des Bayernherzogs Ludwig des Strengen und die Mutter des Pfalzgrafen Rudolf, des Stammvaters des regierenden Hauses Wiitelsbach, und des Kaisers Ludwig des Bayers geworden ist. Wenn unsere Aufgabe hier nur eine beschränkte war, fo glauben wir doch die Erinnerung an eine berühmte Culturstätte Bayerns geweckt und an dem Benediktiner- Prior Adalbert, welcher als Muster eines Ordensmannes °2) Ll. 6. 88. XVII, 305. ämts nativitatem vomini rsx Kuäoltus venit. vodinberZ st Lotwils. Idiäsm kestum vats.1so8l6bra.vit. OomitsmL.1b6rtnmeteowitss äs 2o11srs rssovoiliavit. Llsivlislbsek Historik vrisinA. tom. II x. 151. Schmid I. o. S. 205-224. Ueber die Grafen von Bogen ist zu vergleichen v. Bcne- dikt Braunmüller (jetzt Abt in Metten) 17. Jahrb. d. hist. B. sich Niedcrbayern S. 144 u. 18. Bd. S. 87. °°) Siehe 54. Bericht d. hist. Ver. zu Bamberg 1892 „die Grafen von Bergthcim" Beil. II, 3 A. 1. °°) Scholliner, geb. 1722 zu Altomünster (Aichach), legte 1733 zu Oberaltaich Profcß ab, wurde 1745 Doktor der Theologie, 1772 Prior und Vicar auf dem Bogenberge. Derselbe lehrte seit 1773 Dogmatik an der Universität Jngvlstadt und starb 1795. in Armuth, Entsagung und Gehorsam gelten kann und auch als Kritiker Anerkennung gefunden hat?') gezeigt zu haben, wie die genealogische Darstellung in der Schmid'schen I. Stammtafel der Zollern-Hohenberg aus der Vita lläalbarti theilweise berichtigt werden kann"») und berichtigt werden muß. Passau, am 25. Februar 1896. Berichtigung. In Beilage Nr. 23 ist bei BeatuS AdalbcrtuS Seite 180 Zeile 3 nach Pez das Wort „hat" zu streichen und dafür das ausgelassene „genannt" zu setzen. Münchner anthropologische Gesellschaft. Freitag den 29. Mai 1896. Der Vorsitzende Professor vr. I. Ranke gibt die Einladung der Nürnberger naiur- bistorischen Gesellschaft zum Besuch ihrer prähistorischen Ausstellung bekannt und knüpft daran die Hoffnung, daß möglichst viele Mitglieder dieser Einladung Folge leisten möchten. Hierauf wird der bisherige Ausschuß per Acclamation wiedergewählt. Das Wort erhält hierauf Pros. vr. E. Selenka zu seinem Vortrage: „Die Sprache des menschlichen Angesichts." Nicht aus der Form, nicht aus dem Schnitt des Gesichts können wir aus die Seelcnstimmung und Gemüthsbewegungen schließen. Die Nassen- und Nationaliypen sind verschieden, die Mimik aber ist bei allen Völkern gleich. Von den vier Arten, um anderen etwas mitzutheilen: Tastsprache, Geberdensprache. Lantfprache und Mimik, soll die letztere behandelt werden. Die Gesichts- zügc werden durch den Zug von Muskeln verändert, wodurch Hautfalten entstehen. Wird der Mensch durch Bilder überrascht oder ist er besonders aufmerksam auf etwas, so werden die Augen weit geöffnet, die Stirn in horizontale Falten gelegt; dazu kommt oft noch der offenstehende Mund, weil man in der Uebcrraschung vergißt, den Mund zu schließen, wie es sich ziemlich drastisch bei Untersuchungen von Kindern beobachten läßt. Die Mimik ist dieselbe, ob Sinneseindrücke oder seelische Erregungen dieselbe bedingen. Wir mimen in derselben Weise, ob uns liebliche, süße Gedanken beschäftigen, oder ob wir etwas SüßeS genießen, ähnlich wie wir abstrakte Begriffe aus dem Sinnlichwahrnchmbarcn hernehmen, weil alle unsere Vorstellungen von uns vergegenständlicht werden. Die Mimik hat den Zweck, die Vorstellungen intensiver zu machen (adjutorische Züge). Wir mimen aber auch, um uns gegenseitig zu verständigen (demonstrative Züge). Die Angesichtssprache ist wort- ärmer als die Lantsprachc; während aber letztere erfunden ist, ist erstere in der natürlichen sinnlichen Mimik gegeben. Die Mimik ist die einzig natürliche Sprache. Sie ist aber auch viel aufrichtiger, weil wir, gute Schauspieler ausgenommen, nicht selbst controliren können. Zu den schon erwähnten horizontalen Stirnfalten kommen senkrechte durch Zusammenziehen dcrBraucn- muskeln, sie entstehen bei dem Bestreben, daö Licht abzublenden; zugleich wird die Lidspalte verengert, es entstehen im äußeren Augenwinkel die sog. Gänsefüßchen, die Oberlippe wird paisiv gehoben, die Zähne kommen zum Vorschein. Es zeigt diese Grimasse Unbehagen an, es ist der verdrossene Zug. Der Vortragende skizzirt dann noch die Mimik der MundmnSkulatnr. Bei süßen Empfindungen preßt man die Lippen leicht aufeinander, bei bittern zieht man Oberlippe und Nase etwas in die Höhe; will man etwas prüfen, so schiebt man die ganze Lippenpartie vor. Beim bissigen Zug pressen wir die Zähne und Lippen aufeinander. Die gleichen Züge treten bei entsprechenden Gemüthsbewegungen auf. Es ist nicht möglich in dem kurzen Rahmen eines Referats die vielen interessanten und geistreichen Details zu bringen, die durch eine Menge von Abbildungen trefflich illustrirt wurden. Zum Schlüsse wies der Vortragende noch aus den Vergleich mit außereuropäischen Völkern und Affen bin. Bei allen Menschen zeigt sich dieselbe Mimik. Wie die Affen keine Lautsprache haben, so haben sie auch keine Angesichtssprache. Erst mit der Begrisfsbildung kann der Wunsch entstehen, sich gegenseitig durch mimische Züge verständlich zu machen. Die derben GesichtSmuskcln der Affen haben sich daher auch nicht feiner differentirt. An der Diskussion betheiligten sich Oberstabsarzt I. Cl. Segge! und Selenka. Nachdem der Vorsitzende dem Vortragenden gedankt hatte, erhielt das Wort Pros. vr. Kühn zu einigen Mittheilungen über die Fakire in Budapest. Nach den vorliegenden Mittheilungen des ") Vergl. Anm. 30 oben! °°) Siehe Beilage 1 des Separatabdruckö. 192 Herrn Pros. von Török hören die LebcnSfunktionen nicht aus, sondern werden nur herabgesetzt, der Sarg wird nicht verschlossen. Kühn und Pros. Nüdinger weisen die Ansicht, daß eS sich hier um eine mystische Kraft der Seele bandle, entschieden zurück. Der Vorsitzende dankt nochmals den Rednern des Abends und schließt für Heuer die Vortragsabende. Recensionen und Notizen. Frox 1996. rHx „'Larcar" 1996. 8° x. 490. är. 4.—. a. Unter der Kalenderliteratur, mit der wir bei jedem Jahreswechsel überschwemmt werden, nimmt auch ein uns zugegangener „Jllustrirter Volkskalender auj'S Jahr 1896" in griechischer Sprache einen ehrenvollen Platz ein. Er nennt sich und wird (Heuer im zweiten Jahrgang) von den ausgezeichneten Philologen und Schriftstellern Drosinis und KasdoniS herausgegeben; hergestellt ist derselbe in der Druckerei der Zeitung ,/Dort'a", eines sehr empschlenswerthen, ganz aus der Höhe der Zeitforderungen siebenden Blattes, dessen Mitarbeiter die bedeutendsten Schriftsteller Griechenlands sind. Nicht schleckt sind die Bilder des Kalenders (Landschaften, Porträte), besonders aber ist sein Lese-Inhalt ein so reicher, daß ihn der Besitzer wohl noch auch für spätere Jahre aufzuheben der Mühe Werth finden wird: Wir finden außer den Zeittabellcn darin Astronomisches, Geschichtliches, Politisches, Erzählungen und Gedichte, sogar eine ganze Komödie in der Volkssprache. Der bunte Wechsel des Gegenstandes wie des Stiles macht die Lektüre sehr unterhaltend und anregend, besonders für die stu- dirende Jugend, welche hier ein paar Mark besser anwenden könnte, als mit manch anderer unvernünftiger Ausgabe. Man bezieht das Buch (gegen 3 M. 40 Pf.) am einfachsten durch die Buchhandlung von M. Spirgatis in Leipzig. Nationale Wohnungsreform. Von PaulLechler und Albert Schäffle, K. K. Minister a. D. Verlag von Ernst Hofmann u. Co. in Berlin 8^V. 48. Preis 1 M. Die vorliegende Schrift beschreibt in fesselnder Weise und mit klaren Zügen einen Weg zur Lösung der Wohnungsfrage. Sie beginnt mit einer Schilderung der Wohnungsnoth und ihrer Gefahren, bespricht im Einzelnen die bisherigen Versuche und kommt dann in logischer Gedankenfolge darauf, daß bei der weiten Ausdehnung der Wohnungönoth nur mit Antheil- nahme des Staates eine durchgreifende Abhilfe geschaffen werden könne. Die folgenden Capitel enthalten einen genau durchdachten und unschwer ausführbaren Plan. Der Vorschlag geht davon aus, daß eine nationale Wohnungsreform für den Staat keinerlei nennenSwcrthe Opfer erheische, daß nur der Staat seinen Credit einzusetzen habe, um, ohne Belastung der Steuerzahler, eine Organisation durchzuführen, welche die brennendste aller socialen Fragen in wirthschaftlicher und moralischer Beziehung zu lösen im Stande sei. Die treffliche Schrift ist durch den Anhang aus der Feder eines unserer bedeutendsten VolkSwirtbschaftS- und StaatSkenner, des bekannten Ministers a. D. Dr. Albert Schäffle bereichert, der die Lcchlcr'schen Ausführungen „nicht blos als kerngesund, sondern als den einzig praktisch zielführlichen Weg zur Lösung der Wohnungsfrage im großen Stil" bezeichnet. Cochem, k. Martin von, Orä. 6ap. Herziges Büchlein oder herzliche Anmuthungcn, Betrachtungen und Gebete. Nach der Originalausgabe aus dem Jahre 1699 hergestellt durch ?. Bcnedikt von Calcar, Orit. 6ap. 7. Auflage^ Mit kirchlicher Approbation. 16. (XVIH und 248 L>.) geh. 90 Pfg., gebunden in Halbleinwand 1 M. 20 Pf. Mainz. Franz Kirchheim. 1996. Aus der großen Zahl der vortrefflichen Werke des sei. ?. Martin von Cochem aus dem Kapuzinerorden bietet f k. Bcnedikt von Calcar allen Christen das vorliegende, bis vor wenigen Jahren völlig unbekannte Original-Büchlein dar, welches er unter dem Titel „Herziges Büchlein" im Jahre 1699 niedergeschrieben, und der Acbtissin des adeligen Stiftes Oehren gewidmet hat. Beim Lesen dieses Büchleins steigt vor unserem Geiste auf das Bild des in das innerliche Gebet versenkten hciligmäßigen Paters, und wunderbar ergreift uns die Lebendigkeit seines Glaubens, die Festigkeit seines Vertrauens, die Gluth seiner Liebe zu Gott. Wohl weicht seine Betrachtungsweise von der gewöhnlichen ab. Wer sie aber eine Zeit lang übt, wird bald erkennen, wie sehr k. Martin von Cochem die wahren Bedürfnisse des menschlichen Herzens verstanden und die denselben entsprechende Betrachtungsweise gefunden, selbst geübt und gelehrt hat. Einführung in die Musik von Adolph Pochhammer. Preis gebunden Mk. 1.—. (Verlag des „Musikführer", H. Bechhold. Frankfurt a. M.) Ein prächtiges Büchlein liegt vor uns, ein Werk, das alles enthält, was der Musikfreund von der Musik wissen sollte: die Hauptpunkte der Musikgeschichte, die Elemente der praktischen und theoretischen Musik, die Musik-Instrumente und ihre Anwendung. Wer hat nicht schon vergeblich Erklärung von Begriffen wie Tonic«, Dominante, Contrapunkt, Orgelpunkt, Suite, Fuge und vielen anderen Kunstausdrücken gesucht? sie sind alle in einer auch für den weniger musikalisch Gebildeten faßlichen Weise erklärt. Zum Schluß enthält das Werk, das sich durch Klarheit der Darstellung auszeichnet, noch ein vollständiges musikalisches Lexikon. Das Büchlein ist recht hübsch ausgestattet und außerordentlich billig. „Wie kommt man mit Wenigem aus?" so betitelt sich eine kleine instruktive Schrift von Julie Navit eine praktische Anleitung zur häuslichen Geldwirihschaft und Buchführung. (Verlag von Lipsius L Tischer in Kiel; Preis 50 Pfg., bei 10 Exemplaren 30 Pfg.) Die Verfasserin ist seit Jahren die Leiterin einer städtischen HauShaltungSschule und theilt aus ihrer reichen Erfahrung auf 61 Seiten das Wesentlichste der Hauswirthschaft mit. Das Büchlein enthält einen Voranschlag für ein Einkommen von 2000 Mark und 900 Mark für einen anfangenden Hausstand, sowie die Beschaffung einer Aussteuer für die erste Einrichtung zu 3000 Mark, ferner Voranschläge für alleinstehende Personen, für Dienstboten und endlich die Einrichtung für eine geregelte Buchführung. Sehr werthvoll, geradezu mustergiltig, sind die in einem Anhang hergegebenen Muster für Aussteuern zu 3000 Mark und 800 Mark, sowie die Anlage eines vom Hausherrn zu führenden Hauptbuches und eines von der Hausfrau geführten Wirthschaftöbuckes. Mrscellen. (Ueber die socialpolitische Thätigkeit der „katholischen Kirche") äußert sich in Conrad's „Jahrbüchern sür Nationalökonomie und Statistik" der protestantische Breslauer Professor Eliesier folgendermaßen: „Die Stellung, welche der deutsche Katholizismus der Arbeiterfrage gegenüber eingenommen hat, ist eine entschieden achtunggebietende, ist eine solche, die ihm meines Dafürhaltens eine weitere Entwickelung für die Zukunft sichert. Die Centrumspartei ist zur Zeit weit niehr eine sociale, als eine kirchliche Partei. Durch die Fürsorge, die sie den arbeitenden Classen schenkt, gewinnt sie die Stimmen der niederen BevölkerungSschickten. Das Hauptmittel dazu ist zweifellos die vortrefflich organisirte Seel sorge. Denn Thatsache ist, daß der Kaplau der einzige ist, der Herz zum Herzen mit dem Arbeiter redet, Frau und Kindern Rath ertheilt, sie im Unglück aufrichtet, ihnen Segen, Trost und Almosen spendet. Ihm ist keine Stube zu eng, kein Arbeiter zu arm, kein Stolz hält ihn ab, selbst mit einem hcrabgekom- mcnen Manne zu reden. Nicht auf dem kalten, dogmatischen Wege, sondern durch werkthätige Liebe wird das Volk im Glauben erhalten und dazu bekehrt. . . . Der Kaplan in den katholischen Gebietstheilen hat in vielen Fällen Unterricht in den socialen und wirthschafllichen Fragen erhalten, und steht, weil er die Wünsche und Bedürfnisse des Arbeiterstandes kennt, demselben um Erhebliches näher, als andere. Haben doch mehrere katholische Geistliche speciell Nationalökonomie studiren müssen; einzelne sind auf Reisen in Jndustriebczirke geschickt, nur um dort die Lage der arbeitenden Classen an Ort und Stelle aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Von allem dem ist bei uns (Protestanten) keine Rede. . . . Die mächtige sociale Bewegung unserer Zeit ist nicht ein Paroxismus, der vorübergehen wird, sondern bekundet einen Fortschritt in der Entwickelung des VölkerlebcnS. Aufgabe der Kirche ist es. sich mit dieser Bewegung zu verständigen. Die Zeit wird dann lehren, ob sich auch heute noch jene viclverheißendcn Worte um das Kreuz bewahrheiten werden: „In diesem Zeichen ist der Sieg!" Veranttv. Redacteur; Air. Haas in Augsburg. 77- Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabbcrr in Augsburg. 1 ^. 25 Keiliige zm Augsbmger Weitung. 19. IM 1896. Stecken in den Bodenzinsen ehemalige Staatssteuern ? ES ist ebenso unrichtig, die Bodenzinse einseitig auS öffentlichrechtlichen Gründen als Steuern, wie einseitig aus privatrechtlichen Titeln zu erklären. Das Mittelalter kennt fdie moderne Unterscheidung zwischen dem öffentlichen und privaten Rechte gar nicht; diese Unterscheidung wurde, nachdem das Regalwesen und der Aemterkauf verschwunden war, eigentlich erst recht durchgeführt feit dem Untergänge des PatrimonialstaateS in der französischen Revolution. Man braucht bloß daran zu denken, wie in dem Negalwesen sich die öffentlichrechtliche Leistung, die Fürsorge für Wege, Forste, Bergwerke und Münze verschmolz mit dem privatrechtlichen, finanziellen Gesichtspunkte im Mittelalter —kannte aber wohl dieUnter- scheidungvon landesherrlichen u. grundherrlichen, von außerordentlichen und ordentlichen Lasten. Am meisten gleichen unsern Steuern die landesherrlichen, außerordentlichen Abgaben, die auf den Landtagen von Ständeversammlungen beschlossen wurden und in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters zu regelmäßigen ständischen Einrichtungen führten. Man hieß sie auxilin, iirr- xo8ition68, 6xaetion68, petitiou63, äswanclaa, Beden, Steuer (8tiura, otsuru), oolleatas, xisoarino u. s. f. Aber so heißen auch Abgaben, die nicht ständisch genehmigt waren, und grundherrliche Auflagen. Der hl. Engelbert, Bischof von Köln, machte z. B. solche Auflagen, um das Land zu befestigen und den Landfrieden herzustellen. (Böhmer, Iout68 II, 302.) Auch die Kreuzzugssteuern, die auf Concilien beschlossen wurden und auf jeden Haushalt je nach dem Einkommen umgelegt wurden, können hteher bezogen werden (vgl. das Buch von Gottlob, Die päpstlichen Kreuzzugssteuern des 13. Jahrhunderts). Am frühesten und deutlichsten kommen Steuern in unserm Sinne in Städten vor als Schoß und Schätzung (vgl. Lang, Hist. Entwicklung der teutschen Steuerverfasiungen S. 102, 122, 162; Baumann, Gesch. d. Allgäu's II, 357), im 15. Jahrhundert auch auf dem Lande (Lang S. 100, Baumann II, 655). Außer Zweifel steht der Steuercharakter des „gemeinen Pfennig", den das Reich im 15. Jahrhundert erhob. Im Uebrigen wurden aber die außerordentlichen Abgaben bald zu regelmäßigen, und bei der Tendenz des Mittelalters, alles zu immobilisiren, wurden sie auf Grund und Boden fixirt. Maurer zählt in seiner Geschichte der Fronhöfe (III, 336) eine lange Reihe solcher fixirter Beden auf (vergl. Baumann a. a. O. 358). Wie leicht entschwand nun bei einem solchen Proceß der ursprüngliche Grund der Abgabe dem Bewußtsein? Wie schwer es ist, den ursprünglichen Grund solcher Grundlasten und Bodenzinsc zu bestimmen, das zeigt am besten der in allen Städten vorkommende Boden- oder Wurt- zins (c6N8io arealch). In vielen Fällen ist ganz sicher der Bodenzins als eine landesherrliche, vogteilichc Leistung zu betrachten, so z. B. in Frciburg, wo der Herzog von Zähringcn bei Ertheilung des Stadtrcchtcs von einem Wohnplatz von 100 Fuß Länge und 50 Fuß Breite je einen Schilling verlangte. Aber vielfach wurden auch in feste Geldzinse die Naturalleistungen der hofhörigeu Handwerker verwandelt, so in Augsburg (vgl. Erupp, Culturgeschichte d. Mittelalters II, 343). Ob freilich der Grundzins von 4 Pf., der in Augsburg von jedes; Hof bezahlt werden muß, aus einem privatrechtlichen (Hofhörigkcits-) Verhältniß oder aus einem öffentlichen zu erklären sei, darüber wird man verschiedener Ansicht sein können (vgl. D. Städtechroniken 4, p. XXII). Nach der ältern Arnold'schen Ansicht wären fast alle Zinsleistungen aus der ursprünglichen Hofhörigkeit der Handwerker zu erklären. Die neueren Forscher aber schränken das sehr ein und erklären die meisten Bodenzinse aus der Schutzhörigkeit und Schutzvogtei. Die Vogtei war aber sicher etwas staatliches, der Vogt hatte, allerdings in sehr wechselnden Verhältnissen, den Heer- und Gerichtsbann. Die Klostervögte z. B. hatten die Klöster und ihre Hintersassen in dem ihnen gebührenden Maße militärisch zu vertreten, sowie den Blmbann über ihre Hintersassen auszuüben. Dafür hatten sie unter anderm das Quartierrecht und verschiedene Naturalleistungen. Letztere wurden dann vielfach in ständige Abgaben verwandelt, die, wie Maurer sagt, „auch dann noch entrichtet werden mußten, als die alten Amtsrcisen weggefallen und an die Stelle der alten Gerichte neue getreten waren und daher kein Richter mehr kam, um eine Atzung oder Beherbergung in Anspruch zu nehmen" (a. a. O. 442). Im Dorf Löpsingen im Ries war das Domkapitel in Augsburg Grundherr; Vögte aber mit der hohen und niedern Gerichtsbarkeit die Grafen von Oettingen. Als Vögte hatten sie nun nach einem Vertrag von 1238 das „sogenannte Vogtrccht", nämlich 1 Malter Roggen und 1 Malter Haber von jeder Manse, von dem Maierhof 65 Malter Dinkels, Roggens und Habers, sowie das Quartierrecht (ulksrZuriu), welches die Grafen in der Zeit, wenn er im Gerichte gen. „Dinch" den Vorsitz führt, ohne Beschwerde fordern können (ooruav .... eou- tentu8 6886 äsdst iurs cpuoä clioitur voAStralit.... stiaur aldersarüs töinpors illc» Huuirclo promäst in iuäieio Huocl vulZuritsr clieitur cliuosi). Später hatten die Grafen auch das Besthaupt, obwohl sie nicht Grundherren waren. Die Dienste für die gcrichtsvogieitiche Leistung der Grafen waren also der Hauptsache nach von Anfang an auf den Boden fixirt, und was es nicht war, konnte es zum wenigsten werden. Die weitere Geschichte dieser Vogteiabgabe ist mir nicht bekannt, aber sicherlich wurde sie wie ein anderer Bodenzins behandelt, verkauft, vertheilt und vertauscht. Wurden doch selbst ausgesprochene Steuern so verhandelt (Banmann II, 358), Baurechte, ja sogar die Gerichtsbarkeit selbst wurde als ein Anw-r»,:, des Bodens behandelt, verkauft und vertheilt! Aus der Schutzvogtei oder Schutzhörigkeit hat man nun die gesummte Feudalisirung des Bodens erklärt. Das mag übertrieben sein, aber alle Historiker stimmen darin überein, daß die ursprünglich freien Bauern sich in der karolingischcn Zeit massenhaft in die Hörigkeit begaben, um der Militärpflicht zu entgehen. Gegen gewisse Leistungen übernahmen die Grafen und ihre Dicnstmannen (Ritter) die Heerbannpflichten ihrer Hintersassen und der Hintersassen der Klöster, deren Vögte sie waren. Und mit dem Heerbann war der Gerichtsbann verknüpft und wurde je nach der Stellung der Herrschaft die niedere oder höhere, die grundherrliche oder landesherrliche Gerichtsbarkeit geübt. Die Hörigen hatten daher unter regelmäßigen Verhältnissen für Heer und Gericht nichts weiter zu bezahlen, als die gewöhnlichen Fronen und Zinse zu leisten. Es gab weder ein Heeresbudget noch einen Jnstizetat. Die Ritter, die an allen Orten saßen, 194 waren die geborenen Berufssoldaten, und sie übten als regelmäßige Inhaber der niedern Gerichtsbarkeit auch die Polizei. In Preußen ist es noch vor wenigen Jahrzehnten so gewesen. Auch für die Straßen hatte entweder der Grundherr, oder der Landesherr, oder der König zu sorgen, wenn ihm auch nicht verwehrt war, einen Straßenzoll und ein Brückengeld zu erheben. Das Straßenwesen galt wie das Geleitsrccht als ein Ausfluß der Gerichtsbarkeit (Maurer, Fronhöfe IV, 155); es war nur ein Regale. Ebensowenig wie einen Straßenetat gab es einen Schul- und Kirchen- emt. Die Kirche wurde wie die Schule, soweit von einer solchen die Rede sein kann, vom Zehnten unterhalten, und für die Armen war ein volles Viertel des Zehnten (guarta, panxorunr) ausgesetzt. Leider aber gaben meistens die Patrone den Zehnten sich angeeignet und nur den Klein- und Bluizehnten der Kirche gelassen. Der ursprüngliche Grund und Zweck der Bodenlasten entschwand dem Bewußtsein schon im Mittelalter, als die Landesherren anfingen, der grundherrlichen Zersplitterung entgegenzuarbeiten (Lamprecht, Deutsches Wirth- schaftslebcn I, 1251 sf.). Das landesherrliche Söldner- lhum machte die Ritterschaft mehr und mehr überflüssig, und je mehr der moderne Staat sich in diesen Territorien entwickelte, desto mehr ging das Nitterthum zurück und verloren auch Stifte und Klöster mehr und mehr an ihrer Selbstständigkeit. Dennoch blieben die alten Lasten und als die Reichsunmittelbaren mediatisirt waren, wäre es eine Ungerechtigkeit gewesen, diese Lasten einfach als ursprüngliche Steuern nach französischem Muster zu streichen, da ihre dermaligen Inhaber sie als privat- rechtliche Titel ererbt und erworben hatten. Ging ja alles so kraus untereinander, daß, wie Vicomte d'Avcnel in seiner Geschichte des Grundetgenthums erzählt, viele Adelige selbst als Besitzer verpflichteter Grundstücke durch die Lastenabschüitelung gewannen. Die Bedeutung und der Zusammenhang der Grundlasten war deßhalb nicht mehr erkennbar, als dieselben 1848 theilweise abgelöst, theilweise aufgehoben wurden. Daher sprechen die Motive des Ablösungsgesetzes, obwohl es bei manchen entschädigungslos aufgehobenen Lasten ganz nahe gelegen hätte, nicht von dem ursprünglich öffentlichrechtlichen oder steuerarttgen Charakter, sondern nur von der Gehässigkeit, Unwirthschaftlichkeit und dem geringen Ertrage der aufgehobenen Losten. Aber ganz vergessen war der Zusammenhang und die ursprüngliche Bedeutung auch wieder nicht, so wies z. B. der Abgeordnete Dr. Edel (9. Mai 1848) mit Recht darauf hin, daß die gutsherrliche Gerichtsbarkeit entschädigungslos aufgehoben werden dürfe, weil die Gerichtsbarkeit ursprünglich nicht lazu bestimmt gewesen sei, einen Verwögensvortheil abzuwerfen. „Die Gerichtsherren waren die Vorsitzer ihrer Insassen, sie waren Vorsteher des Gerichts, das aus der Mitte der Grundholden hervorging." Die Gerichtssporteln und Taxen der Patrimonialgerichte, sagte ein anderer, seien deßhalb so stark gewachsen, weil die Beamten ihren Gehalt daraus bezogen. Gerichtsbeamte wurden aber erst «it dem Aufkommen des römischen Rechtes aufgestellt. Die ursprünglichen Gerichtskosten steckten irgendwo anders, und es war eine leicht begreifliche Täuschung, daß man das Gerichthalten als eine Art Ehrenpflicht des adeligen Herrn hielt, wie man es heutzutage noch in England auffaßt. Wenn man die Fronen ohne Entschädigung aufhob, so geschah das ziemlich Principlos, wie es auch manche Abgeordnete hervorheben, um so principlofer, als seit Jahrhunderten, besonders stark aber unmittelbar vor 1848, Fronen auf Wunsch der Verpflichteten in Geld fixirt worden waren. Der Grund jener Aufhebung war auch keineswegs ihr Zusammenhang mit der Schutzhörig- keit und Vogtei oder ihr mehr persönlicher, weniger dinglicher Charakter. Oberjustizprokurator Wiest wies zwar in einer Schrift „Aufhebung der Zehenten, Leibeigen- schaftsgefälle, Fronen rc." (Ulm 1833) auf die Thatsache hin, daß die meisten Fronen derjenige von mehreren Gutsherren eines Ortes erhoben, der eine Gerichtsbarkeit befaß oder besitzt, und wollte daraus den öffentlichrechtlichen Charakter der Fronen beweisen. Allein damit schoß er über das Ziel hinaus. Die neuere Forschung erklärt die Fronen grvßtentheils aus der gehöferschaft- lichen Bewirthschaftung der gutsherrlichen Neubrüche (Veunden) und aus andern privatrechtlichen Verhältnissen. Wie mit den Fronen, verhält es sich mit der Leibeigenschaft. Wiest rechtfertigt ihre unentgeltliche Aufhebung damit, daß auch die Last des Schutzes der Leibeigenen und damit das öffentlichrechtliche Verhältniß des Leibherrn wegfiel, und führt die Thatsache an, daß ein Standesherr die Leibeigenschaftsgefälle unter der allgemeinen Nechnungsrubrik als „obrigkeitliche Gefalle" aufführte (a. a. O. S. 110). Wenn aber je etwas privatrechtlich war, so war es die Leibeigenschaft, die doch etwas ganz anderes bedeutete, als die Schutzhörigkeit der Zinsleute. In der finanzhistorischen Erklärung der Grundlasten tastete man in Folge mangelnder Vorarbeiten und Quellen unsicher hin und her und kehrte bald die eine, bald die andere Seite heraus, je nachdem man sie brauchte. Erzählt doch Wiest S. 165, der (würt- tembergischc) Staat habe 1819 den Mediatisirten gegenüber die Schutz- und Schirmgelder als öffentlichrechtliche sich angeeignet, nunmehr aber (1833) bezeichne er sie als privatrechtliche, die im zehnfachen Betrag abzulösen seien! Doch waren dies Ausnahmen; im Allgemeinen hatte man keine andere Wahl, als alle Feudallasten in privatrechtlichem Sinne zu fassen, die Zehnten, Handlöhne (Mutationsgebühren), wie die Fronen, und so geht es auch heute nicht, einen andern Maßstab an die Bodenzinse anzulegen, als damals. Immerhin ist aber die Prophezeiung des Dekans Pflaum (8. Mai 1848) interessant, daß die Ablösung der Grundlasten den Bauern so wenig Vortheil wie den französischen Bauern bringe, die dem nachrevolutionüren Staat wehr Steuern haben zahlen müssen, als sie den Erundherren und Landesherren zusammen haben je bezahlen Müssen! WaS auf der einen Seite wegfalle, komme auf der andern Seite herein (Verhandlungen der Kammer der Abgeordneten 1848, III. Band, 323). Durch die ganze Rede klingt so etwas wie von einer Doppelbesteuerung, von der wir in letzter Zeit so viel hörten. „Nodl63S6 odliAö! Worte an den Adel deutscher Nation!" Mit diesem Titel erschien im laufenden Jahre bei Otto Borgmeyer in Hannover eine zeitgemäße Besprechung der Ade-lSfrage, die bekanntlich sehr ungleicher Beurtheilung begegnet. Von Seite der demokratischen Parteien als entbehrliches mittelalterliches Requisit aufgefaßt, erzeugt anderseits die Antwort auf die Frage: was Adel sei — Erröthen und Beschämung! Darf man nicht aussprechen. 195 das; es in Wahrheit nur eine richtige, ganz correcte Auffassung dessen gebe, was in wohlgeordneten, monarchischen Staatswesen Bedeutung und Bestimmung des Adels sei? Die Lösung findet sich in der Aufgabe, welche das Christenthum der ganzen Gesellschaft, an deren Spitze dem Adel, zutheilt! Das Christenthum als Werk der gottmenschlichen Majestät Jesu Christi erscheint als das höchste adelige Institut, die christlichen Völker demgemäß als der Adel der Menschheit auf Erden! Steht dieses fest, daß eine göttliche Lehre die Menschen zuhöchst zu veredeln befähigt sei — so ist hiemit die Berechtigung des Blutadels innerhalb der christlichen Gesellschaft nicht preisgegeben. Das Christenthum anerkennt den Blutadel. Beweis hiefür findet sich in dem Evangelium nach dem heiligen Matthäus (1,1—16), enthaltend das Stammbuch Jesu Christi, in welchem dargethan ist, daß der hl. Josef, der Pflegvater Christi, von königlichem Geblüts war. Diese Beweisführung mit all' den Namen der Vor- und Urvater läßt erkennen, daß dem hl. Joseph vor Gott in Folge seiner Abstammung eine höhere Würde zukomme, sonst wäre eben dieses Namens-Negister nicht unter den Gottes» Worten der hl. Schrift zu finden. Da nun Gott der Herr den Blntadel gelten läßt, so müßte es für Christen zweifellose Verpflichtung sein, ein Gleiches zu thun. Diese gläubigen Christen gegenüber gestellte, wohlbegründete Forderung wurde seitens der Aufklärung 1789 in Frankreich und 1848 in Deutschland als unberechtigte, freiheits- und volksfeindliche Prä- tension zurückgewiesen — eine Censur, die nicht überraschen kann! Denn wo Gott und sein Evangelium nicht gilt — wie sollten da seine Vasallen noch Geltung finden! In diesen Augen erschien es als weltbefreiende, fortschrittliche Geistesthat, die Adels-Nechte als antiquirt zu verwerfen! Das Nivellement machte eitle Anstrengungen, alles auf „eine" Höhe zu bringen, als ob auf solchem Wege der Gewalt die dekretirte Gleichheit der Menschen zur ernst zu nehmenden Thatsache gemacht werden könne! Hat denn der Schöpfer Gleichheit gewollt? Die ganze Schöpfung in allen Theilen, vom leblosen Stein bis zum Meisterwerke des Schöpfers: bis zum göttlich beseelten, vernunftbegabten Menschen, ruft: nein! Die ganze Schöpfung ist ein Protest gegen die Gleichheits- Jdee der Gottesleugner! Eben die Ungleichheit ist das Gesetz; Steine, Metalle, Blumen, Bäume, Früchte, Thiere bezeigen eine Variation und Gradation von weniger edlen zu edleren und edelsten Arten und Gattungen. Vergleicht man die Typen der Menschen-Rassen, so kann die Priorität der kaukasischen Nasse nicht zweifelhaft sein. Gesichtsbildung und geistiger Ausdruck stellen die Weißen hoch über die andern Völker-Typen! Wo ist Gleichheit? Sie wohnt in den Träumen alter und neuer Kommunisten! Ungleich ist Körper-Gestalt und Kraft, ungleich find Geistesgaben, Talente, Gemüths-Eigenschaften, — wo ist Gleichheit? Gibt es Steigerungen in Bezug auf das Angeborne im innern Menschen nach der Seite des Geistes und Gemüthes hin — warum sollte die Hülle nicht Unterschiede ausweisen dürfen? „Blut ist ein besonderer Saft" — sagt Goethe im Faust. Ist das der Fall, so ist Genealogie und Adels-Generation nicht zu verwerfen^ nicht zu verspotten^ Mit dteicm Hinweis auf die Berechtigung des BlUt- adels soll nicht die Bedeutung des Herzens- und Geistes- Adels herabgesetzt werden. Feststehend bleibt für daS Christenthum, daß, abgesehen vom Blute, nur jene Seele vor Gott als hochadelig gelten könne, welche der Aufnahme in den Himmel gewürdigt wird. Mitglieder des Blutadels, welche, beherrscht von niedern Gewalten, dieses ewigen Glückes selbst sich beraubten, haben, ihre Bedeutung verkennend, ihre Bestimmung verfehlend, sich tief herabgewürdigt zur Personifikation aller Niedrigkeit, Schändlichkeit und Verächtlichkeit — zum Feinde der höchsten Majestät Gottes! Adel verpflichtet! „Xosilesss osiliZs" bezieht sich zunächst auf das Verhältniß des Vasallen zum göttlichen Dienst- und Kriegsherrn — vor dem alle nur Diener sind! Ist dieses Dienstverhältniß ein der Vorschrift entsprechendes, normales — so wird mit zwingender Logik die Stellung zum irdischen Dienst- und Kriegsherrn nothwendig auch eine correcte, iä est gottgewollte sein! Mit dieser getreuen, unerschütterlich beharrlichen Stellung gegenüber „Altar und Thron", wie sie auf vielen Blättern der Adelsg. schichte verzeichnet sich findet — ist in aller Kürze und Klarheit Bedeutung und Bestimmung, ist die von Gott gesetzte Aufgabe des Adels dargelegt! Die Bedeutung des katholischen Adels für die katholische Kirche erweist die große Zahl seiner Mitglieder, welchen die Ehre des Altars zu Theil geworden. Oder erscheint der unvergeßliche Kaiser Karl der Große nicht als Vorbild wahrer Herrschergröße von Gottes Gnaden? Ebenso Ludwig IX. von Frankreich als Muster eines weisen und gerechten Regenten! Stellt sich im Bilde der hl. Elisabeth von Ungarn nicht das Ideal wahrer, christlicher Nächstenliebe, höchsten Opfergeistes dar? Darf der Adel nicht mit begründetem Selbstgefühl auf die beiden Adelssprossen Albertus Magnus und Thomas von Aquin und andere als auf Gelehrte ersten Ranges blicken? Die Heiligen-Legenden geben Zeugniß von vielen hochwürdigen und ehrwürdigen Persönlichkeiten beider Geschlechter aus dem Adelsstande, welche, der Kirche zur Zierde dienen, als Höchstes es erkannten, für Gottes Ehre sich opfernd zu wirken, nach den Worten des heiligen Frauziskus von Assisi (1182 — 1226): „DaS ist die wahre Ehre, daß man alle Ehre dem Herrn gebe und ihm getreu diene!" Auf eine ansehnliche Reihe würdiger Gottesdiener, die aus seinen Reihen hervorgingen, ist somit der Adel zu blicken berechtigt. Dem Allerhöchsten, dem Herrn der Welten, von dem Alles ist, in Treue vorerst zu dienen, galt von Alters her als Adelsverpflichtung, als hochadelige Gesinnung! Das Verlassen dieser Tradition führte auf Abwege, deren Erkenntniß in den Herzen der traditionell-getreuen nur Schmerz und Trauer wirken kann. Es ist schmerzend, bekennen zu müssen, daß die empfindlichsten Wunden dem Adel vom Adel zugefügt worden. Die tödtlichste Wunde wurde dem Adel geschlagen mit Nobilitirung des Geldes, mit Schaffung des Geldadels — ein Faustschlag in'S Angesicht des alten, christlich-getreuen Adels! Trotz dieser so sehr zu beklagenden, traurigen Ver- irrung wird es wohl statthaft sein, aufzustellen, daß der Glaube des Volkes an die Adelswährung der neugeschaffenen Plutokratie auch heute noch mit vielen zweifelnden Fragezeichen umhegt erscheint. Daraus dürfte hervorgehen: wie wenig zulässig es gewesen, das Ansehen einüs adeligen Namens von einer wohlabgezählten Portion 194 waren die geborenen Berufssoldaten, und sie übten als regelmäßige Inhaber der niedern Gerichtsbarkeit auch die Polizei. In Preußen ist es noch vor wenigen Jahrzehnten so gewesen. Auch für die Straßen hatte entweder der Grundherr, oder der Landesherr, oder der König zu sorgen, wenn ihm auch nicht verwehrt war, einen Straßenzoll und ein Brückengeld zu erheben. Das Straßenwesen galt wie das Geleitsrecht als ein Ausfluß der Gerichtsbarkeit (Maurer, Fronhöfe IV, 155); es war nur ein Regale. Ebensowenig wie einen Straßenetat gab es einen Schul- und Kirchen- erat. Die Kirche wurde wie die Schule, soweit von einer solchen die Rede sein kann, vom Zehnten unterhalten, und für die Armen war ein volles Viertel des Zehnten (Hrrarta, xnnxsrunr) ausgesetzt. Leider aber gaben meistens die Patrone den Zehnten sich angeeignet und nur den Klein- und Blutzehnien der Kirche gelassen. Der ursprüngliche Grund und Zweck der Bodenlasten entschwand dem Bewußtsein schon im Mittelalter, als die Landesherren anfingen, der grnndherrlichen Zersplitterung entgegenzuarbeiten (Lamprecht, Deutsches Wirth- schaftslebcn I, 1251 sf.). Das landesherrliche Söldner- lhum machte die Ritterschaft mehr und mehr überflüssig, und je mehr der moderne Staat sich in diesen Territorien entwickelte, desto mehr ging das Nitterthum zurück und verloren auch Stifte und Klöster mehr und mehr an ihrer Selbstständigkeit. Dennoch blieben die alten Lasten und als die Reichsunmittelbaren mediatisirt waren, wäre es eine Ungerechtigkeit gewesen, diese Lasten einfach als ursprüngliche Steuern nach französischem Muster zu streichen, da ihre dermaligen Inhaber sie als privatrechtliche Titel ererbt und erworben hatten. Ging ja alles so kraus untereinander, daß, wie Vicomte d'Avenel in seiner Geschichte des Grundeigenthums erzählt, viele Adelige selbst als Besitzer verpflichteter Grundstücke durch die Lastenabschüttelung gewannen. Die Bedeutung und der Zusammenhang der Grundlasten war deßhalb nicht mehr erkennbar, als dieselben 1848 theilweise abgelöst, theilweise aufgehoben wurden. Daher sprechen die Motive des Ablösungsgesetzes, obwohl es bei manchen entschädigungslos aufgehobenen Lasten ganz nahe gelegen hätte, nicht von dem ursprünglich öffentlichrechtlichen oder steuerartigen Charakter, sondern nur von der Gehässigkeit, Unwirthschaftlichkeit und dem geringen Ertrage der aufgehobenen Lasten. Aber ganz vergessen war der Zusammenhang und die ursprüngliche Bedeutung auch wieder nicht, so wies z. B. der Abgeordnete Dr. Edel (9. Mai 1848) mit Recht darauf hin, daß die zutsherrliche Gerichtsbarkeit entschädigungslos aufgehoben werden dürfe, weil die Gerichtsbarkeit ursprünglich nicht dazu bestimmt gewesen sei, einen Vermögensvortheil abzuwerfen. „Die Gerichtsherren waren die Vorsitzer ihrer Insassen, sie waren Vorsteher des Gerichts, das aus der Mitte der Grundholden hervorging." Die Gerichtssporteln und Taxen der Pajrimonialgerichte, sagte ein anderer, seien deßhalb so stark gewachsen, weil die Beamten ihren Gehalt daraus bezogen. Gerichtsbeamte wurden aber erst «it dem Aufkommen des römischen Rechtes aufgestellt. Die ursprünglichen Gerichtskosten steckten irgendwo anders, und es war eine leicht begreifliche Täuschung, daß man das Eerichthalten als eine Art Ehrenpflicht des adeligen Herrn hielt, wie man es heutzutage noch in England auffaßt. Wenn man die Fronen ohne Entschädigung aufhob, so geschah das ziemlich Principlos. wie es auch manche Abgeordnete hervorheben, um so principloser. als seit Jahrhunderten, besonders stark aber unmittelbar vor 1848, Fronen auf Wunsch der Verpflichteten in Geld fixirt worden waren. Der Grund jener Aufhebung war auch keineswegs ihr Zusammenhang mit der Schutzhörigkeit und Vogtei oder ihr mehr persönlicher, weniger dinglicher Charakter. Oberjustizprokurator Wiest wies zwar in einer Schrift „Aufhebung der Zshenten, Leibcigen- schaftsgefälle, Fronen rc." (Ulm 1833) auf die Thatsache hin, daß die meisten Fronen derjenige von mehreren Gutsherren eines Ortes erhoben, der eine Gerichtsbarkeit besaß oder besitzt, und wollte daraus den öffentlichrechtlichen Charakter der Fronen beweisen. Allein damit schoß er über das Ziel hinaus. Die neuere Forschung erklärt die Fronen größtentheils aus der gehöferschaft- lichen Bewirthschaftung der gutsherrlichen Neubrüchc (Beunden) und aus andern privatrechtlichen Verhältnissen. Wie mit den Fronen, verhält es sich mit der Leibeigenschaft. Wiest rechtfertigt ihre unentgeltliche Aufhebung damit, daß auch die Last des Schutzes der Leibeigenen und damit das öffentlichrechtliche Verhältniß des Leibherrn wegfiel, und führt die Thatsache an, daß ein StandeSherr die Leibeigenschaftsgefälle unter der allgemeinen Nechnungsrubrik als „obrigkeitliche Gefalle" ausführte (a. a. O. S. 110). Wenn aber je etwas privatrechtlich war, so war es die Leibeigenschaft, die doch etwas ganz anderes bedeutete, als die Schutzhörigkeit der Zinsleute. In der finanzhistorischen Erklärung der Grundlasten tastete man in Folge mangelnder Vorarbeiten und Quellen unsicher hin und her und kehrte bald die eine, bald die andere Seite heraus, je nachdem man sie brauchte. Erzählt doch Wiest S. 165, der (würt- tembergische) Staat habe 1819 den Mediatisirten gegenüber die Schutz- und Schirmgelder als öffentlichrechtliche sich angeeignet, nunmehr aber (1833) bezeichne er sie als privatrechtliche, die im zehnfachen Betrag abzulösen seien! Doch waren dies Ausnahmen; im Allgemeinen hatte man keine andere Wahl, als alle Feudallasten in privatrechtlichcm Sinne zu fassen, die Zehnten, Handlöhne (Mutationsgebühren), wie die Fronen, und so geht es auch heute nicht, einen andern Maßstab an die Bodenzinse anzulegen, als damals. Immerhin ist aber die Prophezeiung des Dekans Pflaum (8. Mai 1848) interessant, daß die Ablösung der Grundlasten den Bauern so wenig Vortheil wie den französischen Bauern bringe, die dem nachrevolutionären Staat mehr Steuern haben zahlen müssen, als sie den Grundherrcn und Landesherren zusammen haben je bezahlen Müssen! WaS auf der einen Seite wegfalle, komme auf der andern Seite herein (Verhandlungen der Kammer der Abgeordneten 1848, III. Band, 323). Durch die ganze Rede klingt so etwas wie von einer Doppelbesteuerung, von der wir in letzter Zeit so viel hörten. „I§odl6886 odllAö! Worte an den Adel deutscher Nation!" Mit diesem Titel erschien im laufenden Jahre bei Otto Borgmeycr in Hannover eine zeitgemäße Besprechung der Ade-lsfrage, die bekanntlich sehr ungleicher Beurtheilung begegnet. Von Seite der demokratischen Parteien als entbehrliches mittelalterliches Requisit aufgefaßt, erzeugt anderseits die Antwort auf die Frage: was Adel sei — Erröthen und Beschämung! Darf man nicht aussprechen« 195 das; es in Wahrheit nur eine richtige, ganz correcte Auffassung dessen gebe, was in wohlgeordneten, monarchischen Staatswesen Bedeutung und Bestimmung des Adels sei? Die Lösung findet sich in der Aufgabe, welche das Christenthum der ganzen Gesellschaft, an deren Spitze dem Adel, zutheilt! Das Christenthum als Werk der gottmenschlichen Majestät Jesu Christi erscheint als das höchste adelige Institut, die christlichen Völker demgemäß als der Adel der Menschheit auf Erden! Steht dieses fest, daß eine göttliche Lehre die Menschen zuhöchst zu veredeln befähigt sei — so ist hiemit die Berechtigung des Blutadels innerhalb der christlichen Gesellschaft nicht preisgegeben. Das Christenthum anerkennt den Blutadel. Beweis hiefür findet sich in dem Evangelium nach dem heiligen Matthäus (1,1—16), enthaltend das Stammbuch Jesu Christi, in welchem dargethan ist, daß der hl. Josef, der Pflegvater Christi, von königlichem Geblüts war. Diese Beweisführung mit all' den Namen der Vor- und Urvater läßt erkennen, daß dem hl. Joseph vor Gott in Folge seiner Abstammung eine höhere Würde zukomme, sonst wäre eben dieses Namens-Negister nicht unter den Gottcs- Worten der hl. Schrift zu finden. Da nun Gott der Herr den Blntadel gelten läßt, so müßte es für Christen zweifellose Verpflichtung sein, ein Gleiches zu thun. Diese gläubigen Christen gegenüber gestellte, wohlbcgründete Forderung wurde seitens der Aufklärung 1789 in Frankreich und 1848 in Deutschland als unberechtigte, freiheits- und volksfeindliche Prä- tension zurückgewiesen — eine Censur, die nicht überraschen kann! Denn wo Gott und sein Evangelium nicht gilt — wie sollten da feine Vasallen noch Geltung finden! In diesen Augen erschien es als weltbefreiende, fortschrittliche Geistesthat, die Adels-Nechte als antiquirt zu verwerfen! Das Nivellement machte eitle Anstrengungen, alles auf „eine" Höhe zu bringen, als ob auf solchem Wege der Gewalt die dekretirte Gleichheit der Menschen zur ernst zu nehmenden Thatsache gemacht werden könne! Hat denn der Schöpfer Gleichheit gewollt? Die ganze Schöpfung in allen Theilen, vom leblosen Stein bis zum Meisterwerke des Schöpfers: bis zum göttlich beseelten, vernunftbegabten Menschen, ruft: nein! Die ganze Schöpfung ist ein Protest gegen die Gleichheits- Jvee der Gottesleugner! Eben die Ungleichheit ist das Gesetz; Steine, Metalle, Blumen, Bäume, Früchte, Thiere bezeigen eine Variation und Gradation von weniger edlen zu edleren und edelsten Arten und Gattungen. Vergleicht man die Typen der Menschen-Nassen, so kann die Priorität der kaukasischen Nasse nicht zweifelhaft sein. Gesichtsbildung und geistiger Ausdruck stellen die Weißen hoch über die andern Völker-Typen! Wo ist Gleichheit? Sie wohnt in den Träumen alter und neuer Communisten! Ungleich ist Körper-Gestalt und Kraft, ungleich sind Geistesgaben, Talente, Gemüths-Eigenschaften, — wo ist Gleichheit? Gibt es Steigerungen in Bezug auf das Angeborne im innern Menschen nach der Seite des Geistes und Gemüthes hin — warum sollte die Hülle nicht Unterschiede ausweisen dürfen? „Blut ist ein besonderer Saft" — sagt Goethe im Faust. Ist das der Fall, so ist Genealogie und Adels-Generation nicht zu verwerfen^ nicht zu verspotten^ Mit diesem Hinweis auf die Berechtigung des Blut- adels soll nicht die Bedeutung des Herzens- und Geistes- Adels herabgesetzt werden. Feststehend bleibt für daS Christenthum, daß, abgesehen vom Blute, nur jene Seele vor Gott als hochadelig gelten könne, welche der Aufnahme in den Himmel gewürdigt wird. Mitglieder des Blutadels, welche, beherrscht von niedern Gewalten, dieses ewigen Glückes selbst sich beraubten, haben, ihre Bedeutung verkennend, ihre Bestimmung verfehlend, sich tief herabgewürdigt zur Personifikation aller Niedrigkeit, Schändlichkeit und Verüchtlichkeit — zum Feinde der höchsten Majestät Gottes! Adel verpflichtet! „Xolsissss osiliZs" bezieht sich zunächst auf das Verhältniß des Vasallen zum göttlichen Dienst- und Kriegsherrn — vor dem alle nur Diener sind! Ist dieses Dienstverhältniß ein der Vorschrift entsprechendes, normales — so wird mit zwingender Logik die Stellung zum irdischen Dienst- und Kriegsherrn nothwendig auch eine correcte, iä est gottgewollte sein! Mit dieser getreuen, unerschütterlich beharrlichen Stellung gegenüber „Altar und Thron", wie sie auf vielen Blättern der Adelsg. schichte verzeichnet sich findet — ist in aller Kürze und Klarheit Bedeutung und Bestimmung, ist die von Gott gesetzte Aufgabe des Adels dargelegt! Die Bedeutung des katholischen Adels für die katholische Kirche erweist die große Zahl seiner Mitglieder, welchen die Ehre des Altars zu Theil geworden. Oder erscheint der unvergeßliche Kaiser Karl der Große nicht als Vorbild wahrer Herrschergröße von Gottes Gnaden? Ebenso Ludwig IX. von Frankreich als Muster eines weisen und gerechten Regenten! Stellt sich im Bilds der hl. Elisabeth von Ungarn nicht das Ideal wahrer, christlicher Nächstenliebe, höchsten Opfergeistes dar? Darf der Adel nicht mit begründetem Selbstgefühl auf die beiden Adelssprossen Albertus Magnus und Thomas von Aquin und andere als auf Gelehrte ersten Ranges blicken? Die Heiligen-Legenden geben Zeugniß von vielen hochwürdigen und ehrwürdigen Persönlichkeiten beider Geschlechter aus dem Adelsstande, welche, der Kirche zur Zierde dienen, als Höchstes es erkannten, für Gottes Ehre sich opfernd zu wirken, nach den Worten des heiligen Franziskus von Assisi (1182 — 1226): „Das ist die wahre Ehre, daß man alle Ehre dem Herrn gebe und ihm getreu diene!" Auf eine ansehnliche Reihe würdiger Goitesdiener, die aus seinen Reihen hervorgingen, ist somit der Adel zu blicken berechtigt. Dem Allerhöchsten, dem Herrn der Welten, von dem Alles ist, in Treue vorerst zu dienen, galt von Alters her als Adelsverpflichtung, als hochadelige Gesinnung! Das Verlassen dieser Tradition führte auf Abwege, deren Erkenntniß in den Herzen der traditionell-getreuen nur Schmerz und Trauer wirken kann. Es ist schmerzend, bekennen zu müssen, daß die empfindlichsten Wunden dem Adel vom Adel zugefügt worden. Die tödtlichste Wunde wurde dem Adel geschlagen mit Nobilitirung des Geldes, mit Schaffung des Geldadels — ein Faustschlag in'S Angesicht des alten, christlich-getreuen Adels! Trotz dieser so sehr zu beklagenden, traurigen Ver- irrung wird es wohl statthaft sein, aufzustellen, daß der Glaube des Volkes an die Adelswährung der neugeschaffenen Plutokratie auch heute noch mit vielen zweifelndes Fragezeichen umhegt erscheint. Daraus dürfte hervorgehen: wie wenig zulässig es gewesen, das Ansehen einüß adeligen Namens von einer wohlgbgezählten Portio» 1S6 Metall oder Papier-Stücken abhängig machen zu wollen — sowie auch die belehrende Thatsache, daß daS Volk nicht einen Namen respektirt, ist der Träger des Namens nicht achtbar, insbesondere nicht in seinem Verhältniß Gott gegenüber! Muß es nicht ausgesprochen werden, daß, wie schon bemerkt, Adel nur im Christenthum, weil seine Lehre göttlich — daß demnach Alles, was außer diesem Bereich als adelig sich geberden möchte, als fragewürdig bezeichnet werden muß! Die neugeschaffene Plutokratie hat den Adel herabgewürdigt, Geldsucht erweckt, Geldstolz genährt, falsche Ehrbegriffe zur Geltung gebracht. Das bekannte Wort: „Mein Geld ist meine Ehre" — erscheint als Etikette einer Adelsgesinnung, die dem Worte unseres göttlichen Heilands, daß man nicht zwei Herren (Gott und dem Mammon) zugleich dienen könne, direkt als Widerspruch entgegensteht! Dieses Wort von der Geldehre illustrirt zur Genüge die äeeacleirca, bet welcher der moderne und modern denkende Adel angekommen! „Mein Geld ist meine Ehre!" ES leuchtet ein, daß diese Spezialität von Adclsgesinnung als Produkt der seichtesten aller Lehren, der materialistischen, sich darstellt, daß der Verachtung göttlicher Wahrheit die Anbetung des Stoffes folgen mußte! So hoch als wahrer Gottesdienst über schmählichen Götzendienst sich erhebt — so hoch erhebt sich der in Wort und That christliche Adel über den Krämergeist der Habsucht, angethan mit glänzendem Adels- Wavpen und umgeben von imitirten adeligen Allüren! Difficile cst satiram von scrikere. Das Bewahren der Nahe bei solchen Erörterungen ist leichter angerathen als selbst bethätigt! Alles, was sich als Zerrbild darstellt, ruft die Kritik heraus. Wer mit ganzer Seele für Christus ist, kann doch nicht „das" als Adel gelten lassen, was gegen Christus ist! Darf man nicht annehmen, daß alle andern Adelspatente, die mit dem Schwert, mit der Feder, mit dem Pinsel, Meißel u. s. w. erworben wurden, allgemein einer mehr ernst zu nehmenden Achtung begegnen werden? Dem Blut- und Verdienst-Adel — jedem gebührt seine Stelle! Der Adel als conservatives Element xar cxcsllence ist von der Monarchie nicht zu trennen und die Monarchie nicht vom Adel! Demnach hat der Adel Anspxuch als nächstberechtigte Umgebung des Thrones das Vertrauen der Mächtigen von Gottes Gnaden zu finden. Der Adel sollte erscheinen als lebender Zeuge und ehrwürdiger Träger der geschichtlichen Ueberlieferungen eines Volkes! Graf Josef de Maistre (1755—1821), der bekannte Vertheidiger der Legitimität, sagt: „So lange eine „reine", die Lehrsätze des National - Glaubens bis zur Begeisterung festhaltende Aristokratie den Thron umgibt, steht er unerschütterlich — selbst wenn Schwäche oder Irrthum ihn einnehmen! — Mit diesen Worten ist die Bedeutung eines gläubigen, kirchentreuen Adels für den Halt des Thrones auf das Klarste und Schärfste gekennzeichnet! Die Schaffung der Plutokratie hatte und hat zur Folge: die in der Brochure „Noblesse vbliZe" besprochene und verurtheilte Annäherung an den Geist der kaute Lnancs, Betheiligung an Börsenspiel, Gründergeschäften u. s. w., alles Dinge, die altadeligen Principien widersprechen, als deren völlige Verläugnung die Verachtung deS christlichen Taufscheines — „des höchsten Adrlsbricfes" — und EtMhlijng einer geldrejchen, jüdischen Braut sich darstellt! Hiemit ist daS traurige Bild der äöcaäencs des christlichen Adels vollendet, die Tradition des altadeligen christlichen Geistes verächtlich bei Seite geworfen! Darf man sich wundern, wenn solcher Adel in den Augen des christlichen Volkes ohne Ansehen erscheint? So geartete Edelleute empfangen, was sie verdienen: Mißachtung! Diese gänzlich irdischem Tand und Genuß zugewendete Richtung erscheint für das christliche Volk als Bild der Warnung. Die Bedeutung solcher Adels - Elemente für die christliche Kirche ist gleich null; auch von einem Glänze, den sie dem auf christlichem Boden stehenden Throne leihen könnten, kann nicht wohl Rede sein! Nach beiden Seiten sind sie ihrer, von Gott zugetheilten Mission untreu geworden! Im Interesse des correct gebliebenen Adels wäre ihre Ausschließung dringend erwünscht. Diese Ausstoßung kann nicht erfolgen, da die Feinde des christlichen Adels die Aufhebung der Adelsgerichte durchzusetzen wußten! Was wir heute haben, ist ein Adel, der vollständig geplündert, schutzlos dasteht — ohne Fähigkeit soweit es vonnöthen zu seinen ehrwürdigen Traditionen zurückgeführt zu werden! Früher galt der Adelige als Mann von Ehre, daher die Siegelmäßigkeit. Welchen Sinn soll ein Wappen haben, wird es nicht respektirt? Das Wort eines penfionirten Offiziers gilt nicht als glaubwürdig — sei er von Adel oder nicht; er muß Zeugen ausweisen, daß er noch lebe — bei Erreichung der Quittungsbögen! Der adelige Pensionist gilt nicht als glaubwürdig, trotzdem ist er einem Ehrengericht unterstellt I Wessen Wort man nicht Glauben schenkt, der hat keine Ehre! Tiefer herabgewürdigt und in seiner Ehre angezweifelt ist der Adel wohl noch niemals gewesen; er erscheint dem pessimistischen Geist des Rechnungswesens ausgeliefert. Wie kann der Adel aufstehen von seinem Falle, das Ansehen und die Liebe des christlichen Volkes wiedergewinnend? Nur eines kann helfen: ernste und volle Rückkehr zur altehrwürdigen, christlichen Tradition, zum Geist der Vorväter, der Urväter; Religion allein kann den Adel wieder auf das Niveau erheben, das nach Gottes Willen ihm gebührt! Die weitere Bedingung der Wisdererhebung des AdelS als eines christlichen Ehrenstandes, auf welchen die Augen des christlichen Volkes gerichtet sind, ist Wiedereinführung von Ehrengerichten für den Adel! Jedes Offizierscorps, sogar jeder Verein nimmt für sich das Recht in Anspruch: unpassende, unwürdige Mitglieder auszuschließen; wie sollte ganz allein dem Adel dieses Recht nicht zustehen dürfen? Soll er das wieder werden und bedeuten, was er in der Monarchie bedeuten soll: eine Schutzwache edler, treuanhänglicher Gesinnung gegenüber Altar und Thron — so erscheint die Controlle eines Ehrengerichtes unumgänglich nothwendig. Diesem muß nach Sanktion des Regenten Macht zukommen: das Ansehen des christlichen Adels compromittirende Mitglieder auszuschließen und von solchen Beschlüssen der Oeffent- lichkeit Kenntniß zu geben! Die Mitglieder einer geschlossenen Adelsgenossenschaft, welche jeder Zeit und aller Orten Gott dem Herrn unerschrocken die Ehre geben, die dem Herrn gebührt, und als treueste Söhne der Dynastie und dem Vaterlande zugethan sind — dürfen sich überzeugt halten, der Achtung und Liebe des christlichen Volkes wieder zu begegnen. Wollte man sich nicht entschließen, einem Theil des in seiner Gesinnung alterirten Adels zur bedürftigen Auf- 1S7 erstehung zu verhelfen — so wäre gänzliche Aufhebung vorzuziehen; besser kein Adel als ein Adel, der für die Nation nicht das bedeutet, was er bedeuten soll! Armuth und Arbeit schänden nicht; beide sind vielmehr der wahren christlichen Gesinnung und Lebensweise förderlich. Die Trennung des Adels-Begriffes vom Geldgewicht, Prunk, Pomp, Glanz und Schimmer, von Bequemlichkeit, Modeland, Sportspielerei usw. wäre die Voraussetzung zur Rückkehr zu den altehrwürdigen christlichen Adelstraditionen; siegreich muß die Erkenntniß die heutigen Geschlechter wieder durch- dringen, daß unser göttlicher Heiland Jesus Christus in Wahrheit der Musteredelmann und daß eine Vereinigung von Gottesehrung mit Pflege religiöser Wissenschaftlichkeit und religiöser Kunst, mit musterhafter Gesinnungstreue der Kirche und dem Throne gegenüber das wahre Anrecht ertheile, seinen Namen ehrenvoll eingetragen zu sehen in das Adels-Negisterl Hat das Leben durch den wiederauferstandenen christlichen Adel an Vertiefung gewonnen, so wird von diesem, zum christlichen Vorbild berufenen Stande eine für das Gute förderliche, heilsame Wirkung ausgehen auf die breiten Schichten des Volkes, die nach Oben blicken sollen; es wird sich in christlichem Sinne eine Erneuerung des Volksgeistes vollziehen! Die Broschüre: ^odlssss osiliZe, deren Darlegungen wohl in der Hauptsache jeder christliche Edelmann unterschreiben wird, wenn auch der da und dort angeschlagene Ton als zu sehr aggressiv der christlichen Liebe vergißt — schließt mit dem Kapitel: Der Zweikampf! Schreiber dieser Zeilen bekundet sein Einverständniß mit diesen Aufstellungen, erinnert an die jüngst gefaßten Beschlüsse des norddeutschen Adclstages in dieser Frage und ladet alle hierüber ernstlich und gründlich Nachdenkenden ein, von einer gründlichen Studie Einblick nehmen zu wollen, des Titels: „Das Duell im Lichte der Vernunft". (Stimmen aus Maria-Laach, Katholische Blätter — Jahrgang 1894. 4. Heft. Herder's Ver- lagshandlnug.) Das fünfte göttliche Gebot, die weltliche Gesetzgebung und die Erkenntniß der Thorheit, die darin sich findet, daß ein Beleidigter dadurch Ehre und Gerechtigkeit wieder gewinne, wird er vom Beleidiger verletzt oder getodtet — das Alles sollte vernünftigen und gewissenhaften Männern das Unstatthafte, Widersinnige und Frevelnde Gott gegenüber mit aller Schärfe erkennen lassen. ÜInZna ssd veritus et praevalakit! Ein deutscher Edelmann. Der Bilderzauber und die modernen Zauberer in Frankreich. Von Charles Saint-Paul. (Schluß.) Gua'üa fährt in seinem Brief an den Redacteur des „Gil BlaS" fort: „Nach diesen Andeutungen kehren wir zu dem zurück, was mich nunmehr persönlich angeht! Ich hatte zuerst die Absicht, das Schweigen der Verachtung zu wahren. Ich habe es bis zum heutigen Tage beobachtet, — vollständig; die paar Zeilen zur Berichtigung im „Figaro" gehen von dessen Direction aus, nicht von mir. Herr Jules Avis macht sich also einer Pcrfidie schuldig, wenn er bemerkt, daß die so sarb- lose Antwort des Herrn Stanislas de Guaita im „Figaro" nicht dazu geeignet sei, seine Freunde zufrieden zu stellen. Man verlangt von mir „mit viel Geschrei" Erklärungen. In einem solchen Falle werden dieselben am besten auf einem Kampsplatzc im Freien gegeben. Das ist wenigstens meine Ansicht! Aber an wen mich halten? An Herrn HuysmanSl Jedem Herrn alle Ehre! An Herrn HuysmanS, der in seinem Roman »LL-Las« und seit der Publikation dieses Buches sich unaufhörlich zum Centralccho dieser Verleumdungen gemacht hat, — an Herrn HuysmanS, der erlaubte, daß man die närrischen Briefe veröffentlichte, in denen Herr Boullan mich als seinen Verfolger bezeichnet; an Herrn Huhsmans, dessen in einem Morgenblntte veröffentlichte Berichtigung in gewisser Hinsicht die Verleumdungen mehr bestätigt als abschwächt. Also an Herrn HuySmans, ohne Zögern i . Sodann an Herrn Jules Bois, der mich dreimal im „Gil Blas" angegriffen hat. Ich habe deßhalb meine Zeugen an diese beiden letzteren geschickt. Das ist es, Herr Redacteur, was ich den Lesern bcS „Gil Blas" wissen lassen wollte. Wenn ich gerade dieses Organ zur Antwort wählte, so geschah es deßhalb, weil Herr Jules Bois mich in demselben mit unglaublicher Erbitterung verfolgt hat. Genehmigen Sie, Herr Redacteur, den Ausdruck meiner ausgezeichneten Achtung. Stanislas de Guaita." Auf diesen langen Brief hat nun Herr Jules Bois mit einem kürzeren geantwortet, in dem unter anderm gesagt wird: „Er fängt sich in den Schlingen, die er stellt, und der schwarze Magier beschreibt seine eigenen Maleficien, wie einer, der von der Sache weiß, er bewundert sich wegen seiner Zaubereien. Lassen wir ihm seinen Stolz; lassen wir ihm dieses Vergnügen der Neclame, das ihm die Berufung auf sein Buch macht, das so unbekannt und doch so anziehend ist, da der beste Theil desselben in lateinischer Sprache geschrieben ist. Wenn es sich jedoch darum handelt, sich gegen den Verdacht des Satanismus zu vertheidigen, weicht Herr von Guaita aus und versucht eine Abschweifung. Er wechselt das Terrain; er geht von der Diskussion ab; er läßt die Feder fallen und ergreift den Degen, — dessen er sich sicherer glaubt! Gut, da er von Perfidie spricht, kann ich ihm laut antworten, daß, da ich ihn offen angriff und aufrecht erhalte, daß er mit unversöhnlichem Hasse diesen Greis verfolgte, der nun nicht mehr ist, ich auch jetzt vor ihm, SianiSlas de Guaita, mit derselben ruhigen Kühnheit auf dem Kampfplätze stehen werde. Man verleumdet nicht, Herr von Guaita, wenn man einen Todten vertheidigt und wenn man eine Idee schützt. Sie. ja Sie richten, verdammen. Sie vollziehen Ihr eigenes Urtheil! Ihr Tribunal ist nur eine schlechte Posse. Und da Sie sich als Magier erklären, will ich Ihnen das Beispiel Ihrer Meister, unserer Meister, des JesuS, Buddha, PythagoraS, Plato, So- kratcö vor Augen fübrcn, die nur zu sterben und zu verzeihen wußten. Und nun Friede für Boullani Daß er in Zukunft ruhig schlafe! M. Stanislas de Guaita weiß wohl, daß wir keine Politiker sind, daß wir gegen ihn keinen Krieg mit geriug- wcrthigen Schriftstücken mehr beginnen. Empsangen Sie u. s. w. Jules Bois." Am Abend nach der Publikation dieses sonderbaren Schriftstückes wurde die Sache plötzlich beendet durch die zwei folgenden Protokolle: 14. Januar 1893. Durch die Artikel, welche Zerr Jules Bois im „Gil Blas" vom 9., 11. und 13. Januar 1893 veröffentlichte, sah sich Herr von Guaita veranlaßt, die Herren Barrtzs und Emile Michclet zu bitten, von Herrn Jules BoiS eine Erklärung oder eine Genugthuung mit den Waffen zu verlangen, der seimricits diese Herren mit den Herren Jules Gusrin und Charles Couiba in Beziehung setzte. Die Zeugen des Herrn JuleS Bois haben erklärt, daß ihr Freund nur eine Kritik esoterischer und philosophischer Art gegen Herrn de Guaita vorbringen wollte, daß aber dieselbe den Charakter des Herrn de Guaita, eines vollkommenen Ebrcnmannes, nicht angriff und sich in keiner Weise auf denselben beziehen konnte. Nach diesen Erklärungen haben die vier Zeugen einstimmig anerkannt, daß kein Grund zu einer Begegnung vorhanden fei. Für Herrn de Guaita: Für Herrn Jnleö Bois: Em ile M i chclct. Charles Couiba. Maurice BarröS. Jules Gusrin. 168 Nach der Veröffentlichung der Interviews des Herrn I. K. HuysmauS im Gil Blas vom 9., 11. und 13. Januar durch Herrn Jules Bois und eines BricfeS des Herrn HuysmauS im „Echo de PariS" vom 13. Januar 1893 bat Herr von Gualta die Herren Manrice BarrsS und Emile Wickelet gebeten, von Herrn Huysmans Aufklärungen zu verlangen, der diese Herren m Verbindung mit den Herren Orsat und Gustave GuicheS setzte. Die Herren Orsat und Gustave GuicheS haben den Herren Barrss und Emile Wickelet erklärt, daß .Herr HuySmauS keineswegs die Artikel des Herrn Bois als persönliche Ansichten vertheidigen wollte. ÜebervicS beeilt sich Herr I. K. HuySmaus, nachdem er von dem Briefe, der von Herrn von Gualta in der Nummer deS „Gil Blas" vom 15. Januar 1893 publicirt wurde, Kenntniß genommen, zu erklären, daß er in keiner Weise zögert, Herrn de Gualta als vollständig unbetheiligt an den Thatsachen, welche die Polemik über den Tod dcö Herrn Boullan motivirtcn, zu betrachten. Herr I. K. HuySmans fügt auch noch bei, daß er niemals daran gedacht hat, dem Herrn von Gualta den Charakter eines vollkommenen Ehrenmannes zu bcstreitcn. Für Herrn de Gualta: Für Herrn I. K. Huysmans: Manrice Barrös. A. Orsat. Emile Michelet. Gustave GuicheS. Damit war die Beschuldigung von dem Nosenkrcuzer in einer allerdings befremdenden Weise wieder abgewälzt, und die Frage, ob in der Gegenwart noch Zauberer existirten, wurde eine Zeit lang in der Presse nicht weiter erörtert. Jedoch wollten Jules Bois und seine Gesinnungsgenossen keineswegs auf die Dauer auf die Klarlegung ihrer Anschauungen verzichten. Vielmehr war man bemüht, neues Material für die Geschichte der modernen Zauberei zu sammeln. JuleS Bois veröffentlichte sodann im Jahre 1894 eine Reihe von Artikeln im „8uxx>Is- naant lüttsrairs" des „Figaro", die sich auf mystische Gegenstände und auf die Zauberei bezogen; sie ermöglichen einen interessanten Einblick in die mystische Bewegung der Gegenwart und in alle Absurditäten, die in modernen spiritistischen und occultistischen Kreisen pro- ducirt werden. Vor Kurzem ließ er auch ein größeres Werk, betitelt „I^s 8g,tain8ms et ls-Uagsis", erscheinen, zu dem Huysmans eine Vorrede schrieb, und das trotz mancher Extravaganzen zur Klarlegung des modernen Satanismus und jener modernen Mystik, die an die Dämonologie unseres Görres erinnert, immerhin Wesentliches beitragen kann. Dieser Autor war übrigens nicht der Einzige, der in jüngster Zeit diese dunklen Gebiete beleuchtete. „Die Franzosen beschäftigen sich", um die Worte des bekannten Herausgebers der „Lsvisvv ok Hsvisrv^ und der spiritualistischen Zeitschrift „Borderland" zu gebrauchen, „gegenwärtig sehr viel mit dem Teufel; es scheint dies die letzte Mode von Paris (!) zu sein." So hat auch Bataille ein umfangreiches, leider gleichfalls durch viele Phantastereien in seinem Werthe beeinträchtigtes Buch „1.6 Oiusils au XIX Liöels" publicirt, in dem er vor allem Beweise für den Teufelsdienst in gewissen Freimaurerlogen zu erbringen sucht. Auch ein früherer Martinist, nebenbei Stifter der neuen gnostischen Kirche in Frankreich, JuleS Doinel, der kürzlich zum Katholizismus zurückkehrte, hat eine Publikation, betitelt „Imsitsr ciß^asyus* herausgegeben. In derselben beschuldigte er die Nosenkrcuzer und Martinisten, Teufelsdiener und Zauberer zu sein; zur Gründung seiner gnostischen Kirche vermuthet er durch dämonische Einflüsse geführt worden zu sein. Papus (Dr. Gsrard Encausse), der Präsident der Pariser „6roups Notsrivsus", Mitglied des obersten Rathes des Martinisten- und Nosen- kreuzerordens, der von diesem Autor als „1s äämon kaxus" gebrandmarkt wurde, hat sich veranlaßt gefühlt, in einer Schrift „1.6 viaffls st l'Oeoultisws. üs- xonLo aux kuffiieations Latanistes" (karw. lüflainusl. 1896) auf diese Anschuldigungen zu erwidern und die Lehre der Martinisten über Gott und Teufel näher zu erörtern. Die modernen Rosenkreuzer aber hatten schon früher, nachdem ihr Fürst Zum erstenmale der Zauberet beschuldigt worden, in dem „ ^Ima-naslr ä'rm LIaZists", ausdrücklich als einen der Zwecke ihres Bundes angeführt, „die schwarzen Magier an allen Orten und zu jeder Zeit zu bekämpfen und zu vernichten". Es ist wohl noch eine längere Coutroverse zu erwarten, ehe das Wahre von dem Falschen und Phantastischen in allen diesen Behauptungen geschieden ist. Alan wird übrigens im Allgemeinen mit Spannung dem Fortschritte einer Bewegung entgegensehen, deren Entfaltung am Ende eines vollständig dem Materialismus ergebenen Jahrhunderts man wohl nicht für möglich gehalten hätte. Jahresbericht des Historischen Vereins Dillingen. (VIII. Jahrgang 1895. Mit 5 Tafeln Abbildungen und 2 Plänen. 205 Seiten, gr. 8°.) R. 13. Der bistoriscke Verein Dillingen versendete vor kurzem feinen 8. Jahresbericht. Obwohl der Inhalt überwiegend in Quellcupublikativnen und wissenschaftlichen Abhandlungen besieht, ist noch immer der Titel Jahresbericht beibehalten; richtiger wäre wobl Jahrbuch oder Zeitschrift. An der Spitze der „Quellenmäßigen Beiträge" berichtet Pros. vr. Speckt über die Privilegien der ehemaligen Universität Dillingen. Derselbe bringt unter den -blisesllanea- auck eine Notiz über die für verloren gehaltenen Matrikel der Universität Dillingen, die auf der dortigen Bibliothek vor einiger Zeit gefunden wurden; leider sind die von 1607—1774 reichenven Verzeichnisse nicht vollständig. Von Dr. Sp-cht, der sich schon in früheren Jahresberichten mit der Dillinger Universität beschäftigt hat (vgl. V, 135; VI. 116; VII, 56). ist vielleicht die Ausführung des von ihm (V, 140) ausgesprochenen Wunsches nach einer Gesammidarstellnng der Geschichte der ehemaligen Universität zit erwarten. — Der bischöfliche Archivar Dr. Schröder veröffentlicht das Protokoll in der Untersuchung gegen Mag. Kasvar Haslach, Prediger in Dillingen, wegen Verdachtes der Häresie (1522). Darnach sind die Angaben von Keim (Reform, der Reichsstadt Ulm) und Rohling (Die Reichsstadt Memmingcn in der Zeit der cvang. Vollsbeivegnng) über einen durch Kerkerhaft erzwungenen Widerruf HaSlacks falsch. — AnS der Handschrift 12 der Dillinger «studienbibliothck liefert I. Fille einen Beitrag zur Netormationsgeschichte Augsburgs. — A. Wagner schreibt über den Augustincrpater Kaspar Amman in Launigen, einen bedeutenden Hebraisten der Huuiauisteuzcit (ff 1524). Unter den llliseelianea publicirt Wagner eine Liste der Prioren deS Launiger Augnstiner- kl öfters bis 1540, nachdem schon Dekan Schild im vorigen Jahresberichte die Ncihcnsolge der dortigen Prioren seit Wiedereinführung des Ordens 1656—1802 und ebenso den Personalstand des Klosters unmittelbar vor der Säcnlarisation veröffentlicht hat (VII, 121 ff.). Aus die Reformation des Laninger Konvents durch Herzog Ludwig von Nicderbayern beziehen sich drei von Dr. Schlecht aus dem Laninger Stadtarchiv zum Abdruck gebrachte Briese aus den Jahren 1472—1476. — Eine quellenmäßige Darstellung der durch den Nuntius Felician Ninguarda 0. 8. I). am 26. Februar 1583 vorgenommenen Untersuchung der drei bl. Hostien in Andechs gibt Pros. vr. Schlecht. Die Entscheidung des Nuntius, welche mit einer ausführlichen theologischen Begründung verscben ist und auf die im Laufe der Verhandlungen vorgebrachten Schwierigkeiten eingeht und sie zurückweist, lautet: HUI sess innovanäum. Diese Entscheidung scheint in Nom bestätigt worden zu sein. ^ Der zweite Theil handelt über die im Jahre 1595 vorgenommenen Ausgrabungen, ein Arbeitsfeld, auf welchem der Verein wie in früheren so auch in diesem Jahre Großes geleistet hat. Es wird hier berichtet über die Ausgrabungen bei Zöschingen, die Hügelgräber bei Kicklingcn, überTöPscr- stempel von Faimingen und Schretzheim, die Ausgrabungen bei Faimingen und über das Reibengräberfcld bei Schretzheim, welch letzteres, nach dem Urtheile des Direktors Lindenschmit am römisch-germanischen Centralmuieum 199 in Mainz, als eines der reichsten unter den in letzter Zeit aufgedeckten Gräberfeldern der sränkisch-alamanischen Zeit bezeichnet werden kann. Bisher wurden dort 185 Gräber geöffnet. An das genannte Museum wurden, wie in früheren Jahren, die den Gräbern entnommenen theilwcise sehr werthvollen Fund- gegenstände zur Eonservirung gesendet. Die besser erhaltenen Schädel und Skclettreste übermittelte der Verein dem General- conservatorium der vrähistorischen Sammlungen des Staates in München zum Zwecke anthropologischer Untersuchungen. Einige Messungsresultate, die Pros. Dr. Johannes Ranke vorgenommen, werden mitgetheilt. Die am Schlüsse des Jahresberichtes beigefügten 5 Tafeln mit recht gut gelungenen Abbildungen der bedeutendsten Fundgegenstände und die 2 Pläne der Fundorte gehören zu diesem Tbeile. An dritter Stelle werben üliaoollLnss. veröffentlicht, die größtentheils schon oben berührt worden sind. Der Vcrwaltungsbericht gibt eine kurze Geschichte des VcreinSjabrcs. Vereinsvcrsammlungcn mit Vortrügen wurden 9 abgehalten. Die Mitgliedcrzahl beträgt einschließlich der auswärtigen Mitglieder 240, Protektor des Vereins ist Fürst Albert von Tburn und Taxis, erster Vorstand Professor Dr. Schlecht. Der Verein steht mit 39 anderen Vereinen und Instituten im Tauschverkehr. Museu in, M ü n z sa m in lu n g und Bibliothek ersubren nenncnswerthe Bereicherung. Die Einnahmen betrugen 1898,75 M., die Ausgaben 1469,49 M. ,)Der Jahresbericht liefert den Beweis, daß der historische VeÄin Dilliugcn auf allen seinen SchaffenSgcbieteu Erfolge erzielt hat, die alle Anerkennung verdienen. In den beiden letzten Jahresberichten sind mehrfach Quellen- publikationen und Abhandlungen veröffentlicht worden, die über He Gkcnzen der Lokalgeschichtc hiuanSgrcisen. Vielleicht darf aus diesem Umstände der Schluß gezogen werden, daß der Verein neben der Lokalforschung auch die Erforschung der Diö- cesangeschichte zu berücksichtigen gewillt ist. So würde in gewissem Sinne das „Archiv für die Geschichte des Bis- thums Augsburg" wieder ausleben, waS gewiß in weiten Kreisen mit Freuden begrüßt würde. Recensionen und Notizen. Hundertvierzig merkwürdige und ergreifende Beispiele von Helden und Märtyrern der Keuschheit aus allen Jahrhunderten. Ein Spiegel für Ledige und Vcrheirathete. Gesammelt und herausgegeben von Vr. Joseph Anton Keller, Pfarrer in Gottcnhcim bei Frciburg. Mit einem Stablstichc. Mainz, Franz Kirchheim, 1896. Preis 1,50 M. — Ein uraltes Sprichwort sagt: „Worte bewege», Beispiele aber reißen hin." Diese Worte werden sicherlich mit Gottes Gnade bei vielen Lesern vorliegender Heldeugcschichten wahr Werden, zumal sie so herrliche Vorbilder aus den verschiedensten Lebensvcrbältuisse» und Ständen uns vor Augen halten. Es ist somit diese Schrift wie wenige andere in besonderem Grade geeignet, großen Segen zu stiften. Diese Versicherung darf der geschätzte Herausgeber, der unS nur durch mühsames, Jahre langes Sammeln diese Schrisr bieten konnte, getrost hinnehmen. Könnten wir diese Schrift doch allen Jünglingen und Jungfrauen in die Hand geben! Sie enthält auch 12 Seiten Belehrungen über Schönheit, Werth, Nutzen und Lohn dcS keuschen Lebens. Lebensbilder katholischer Erzieher, herausgegeben von vr. W. E. Hubert. Mit kirchlicher Approbation. Verlag von Franz Kirchheim in Mainz. 1896. V. Bäudchen: Bernhard Heinrich Overberg, der Lehrer deL Münster- landes. Von Al. Knöppel, Hauptlehrcr in Nheydt. Preis 1,60 M. * DaS neueste „Lebensbild katholischer Erzieher" schildert uns einen Deutschen, den ehrwürdigen Overberg, als Lehrer, pädagogischer Schriftsteller und Priester gleich ausgezeichnet. Der Verfasser hat es verstanden, das Wesen und Wirken dieses Mannes, der zu den edelsten Persönlichkeiten dcS XIX. Jahrhunderts zählt, in einer Weise darzustellen, welche das Herz erfreut und von selbst den Lehrer zur Nachahmung einladet. Insbesondere wird kein Lehrer, kein Geistlicher diese Lektüre ohne merklichen Nutzen aus der Hand legen. Theo logisch-praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. od. 80 S. gr. 8". Preis ganzjährig 5 Mk. Inhalt des 6. HeftcS 1696: Wer hat die Vollmacht, bist iü^ das sogenaMe fabbatinische Privileg vorgeschrieb enen Werke umzuändern? — DaS Dogma vom Ablasse. — Ueber die Wicdertaufe nach griechischem Ritus. — Etwas über die Reue, namentlich in ihrer Anwendung auf die praktische Seel- sorge. — Ueber die Verpflichtung der Pfründcbcsitzer zur Leistung von Gemeindedicnstcn im rechtsrheinischen Bayern. — Das St. Franz Rcgis-Werk. — Die Zweiteilung des Breviergcbetes in das Nacht- und Tagosficium. — Nachlese zur Frage, wie oft Ordensfraucn communiciren sollen. — Randglossen über Jugend- bibliotheken, insbesondere an unseren Mittelschulen. — Begräbnis und Requiem. (Kirchenmusflalische McditationSpunkte.) — Anspruch aus Stolgebübren bei Verbringung der Leiche eines während zufälligen Aufenthaltes in einer fremden Pfarrei Verstorbenen in seine Domizilspfarrei. — Offener Brief an einen Primizianten. — Vollkommene Ablässe von mehreren hundert Jahren. — Die vollkommene Neue als Predigtthema. — Preisausschreiben, die Beichtstuhlsrage bctr. — Bezeichnung der Zahlen in Zeugnissen mit Buchstaben. — Die Richtung der Leichen im Grabe. — Taubstummer Firmling ohne Firmungsuntcrricht. — Kann der Tauspathe ohne besonderen Grund zugleich der Firmpathe deS nämlichen Kindes sein? — Beachtenswcrthe Kleinigkeiten. — Neueste Entscheidungen der römischen Congregationen. — Erlasse der obersten Verwaltungsstellen und Entscheidungen der obersten Gerichtshöfe. — Novitätenschau. Der Lebensversicherungsvertrag. Falsche Angaben und Verschweigungen beim Abschlüsse desselben. Volkswirth- schastliche und nioraliheologische Untersuchungen von vr. Philipp Huppert. Mainz, Kirchheim. 1896. Preis 3.- M. k. Heinrich Pesch, 8. §., schreibt im „Katholik" zu diesem Werke: Die Schrift zählt zu den gediegensten Publikationen der letzten Zeit. Der Verf. behandelt den Stoff mit großem Scharfsinn, gestützt auf eine genaue Kenntniß der moraltheologischen Principien und der allgemeinen volkSwirlhschastlichen, wie der speciellen versicherungspolitischen und vcrsicherungstechnischen Literatur. Die neue Zeit weist zwar eine ziemliche Anzahl vortrefflicher Hand- und Lehrbücher der katholischen Moraltheologie auf. Eines aber vermissen wir in allen. Die vielfach verschlungenen Beziehungen deS modernen Verkehrslebens haben bisher noch keine allseitig genügende moralistische Würdigung gefunden. Um io freudiger wird es die katholische Wissenschaft begrüßen müssen, daß hier ein Mann, der sich der Löiung der überaus schwierigen Aufgabe durchaus gewachsen erweist, zunächst für einen Theil des Versicherungswesens die entscheidenden moraltheologischen Sätze in klarer, leicht verständlicher und überzeugender Beweisführung entwickelt bat. Dies ist umsomehr anzuerkennen, als bislang die weltliche Gesetzgebung eine specielle Regelung deS Versicherungswesens »ach rechtlichen und volks- wirthjchaftlichcn Gesichtspunkten versäumt hat. Die dürftigen Bestimmungen des italienischen Handelsgesetzbuches kommen kaum in Betracht. ES blieb somit der Verf. vorzugsweise auf die selbstständige Ausnützung der naturrcchtlicheu und allgemeinen moraltheologischen Principien bei Beurtheilung des zu behandelnden Stoffes beschränkt. — Wir erlauben uns, den dringenden Wunsch auSzusprecheu, vr. Huppert möge auf dem betretenen Wege fortfahren und allmälig den traetataw äs jnrs st justitia zu einer den modernen Verhältnissen entsprechenden Wirthschafte- und Verkchrsmoral fortbilden. Es dürfte unseres Erachtens der nach dieser Richtung hin der Entwicklung fähigen und bedürftigen Moraltheologie in der Gegenwart kaum ein größerer Dienst erwiesen werden können. Weiß, vr. I. B. von, k. k. Hosrath, Weltgeschichte, dritte verbesserte Auflage. Lieferung 146—153. Graz und Leipzig 1896. Verlags-Buchhandlung „Styria". Preis der Lieferung 50 kr. — 65 Psg. Mit Lieferung 153 ist der XIX. Band dieses Werkes abgeschlossen. der die Zeit von 1795—1799 umfaßt und seinem wcchselrcichc» Inhalt nach uns die Theilung Polens, die Ansänge und der Sturz des DirectorinmS, die Kriege in Italien und Deutschland und den Feldzug nach Aegypten vor Augen führt. Man athmet förmlich auf. daß die grauenvolle und bluttriefende Geschichte der französischen Revolution nun ein Ende genommen, aber auch die in diesem Bande geschilderten Ereignisse sind großenthcilS unerquicklich. Zuerst sehen wir, wie daS unglückliche Polen durch seinen inneren Zwiespalt und durch die Einmischung fremder Mächte seinem II,Hergänge entgegengeht und aus der Reihe der sclbstständigcn Nationen gestrichen wird. Sodann kommt der große Krieg, den während der Regierung deS Direcioriums die französische Republik unter ihrem geMley und vom KrieMlüch begünstigten Feldherrn 200 pcapolesn mit Europa führte; eine Zeit glänzender Siege, tapferer Heere und großer Feldherren. Die-Leiden der Volker durch die französische Naubfucht und BcsrciungSheuchelci sind unsäglich. Aber schmerzlich erst ist die deutsche Geschichte jener Tage und die Erinnerung an die Menge kleiner Fürsten, die stets das Gegentheil thaten, was der Kaiser wollte, der sechs Jahre hindurch das Blut seiner Tapfern und das Vermögen seines Volkes geopfert hatte, um das Reich zusammenzuhalten, und zuletzt, als er im Unglück Frieden schließen mußte, noch den Vorwarf erhielt, er habe das Reich verrathen. Aebischer, k. H., 0. 8. 8, Gedanken zur würdigen Feier der heiligen Messe. 8°. (VIII u. 159 S.) 1,60 M. Mit kirchlicher Approbation. Mainz, Franz Kirchheim, 1896. * Zur Lebenöordnung des hl. Franz von Sales gehörte es, eine kleine Sammlung von Gedanken und Erwägungen zur Vorbereitung auf das heilige Meßopfer anzulegen, um damit auf dem Wege nach der Kirche und bis zum Altare seinen Geist zu beschäftigen. Dasselbe beabsichtigt k. Aebischer durch vorliegende Zusammenstellung von 70 kurzen, aber ergreifenden Gedanken und Zügen, welche vornehmlich der hl. Schrift und dem Leben der Heiligen mit sorgfältiger Auswahl entlehnt sind. Mit Freuden begrüßen wir diesen dritten Beitrag des Ver- assers „zur praktischen Theologie", von welchem gewiß mancher Priester zu seinem nicht geringen Nutzen Gebrauch machen wird Studien und Mittheilungen aus dem Venedictincr- nnd Cist ercienser-Orden. XVII. Jahrgang 1896. Preis pr. Jahrg. (1 Hefte ca. 40 Bogen) M. 8 — 4 fl. Nur zu beziehen durch die Administration genannter Zeitschrift im Stift Raigcru bei Brünn (Oesterreich). Jnhalts-Verzeichniß des I. Heftes 1896. Abhandlungen: Hafner, Otto (Tübingen): Verbrüderungs- vcrirag zwischen Hirsau, St. Blasicn und Muri, 0. 8. 8. Ein Beitrag zur Consraternitätsfrage im Mittelaltcr. Leistle. Dr. David (Dillingen): Wissenschaftliche und künstlerische Streb- samkcit im St. Magnusstifte zu Füssen. (III.) Renz, G. A. (Regcnsburg): Beiträge zur Geschichte der Schottcnabtci St. Jacob und des Priorates Weih St. Peter (0.8. 8.) in RcgenS- burg. (V.) Grillnberger, Dr. Otto (0. Oist., Wilhering): Kleinere Quellen und Forschungen zur Geschichte des Cistercienser- OrdenS (VII.) Villems, Ü. Oabrisl (0.8.8. LklÜAbsm): 8obolas Vsneäiotinas sivs: Os Loisntiis, oysra Llonacboruw Oräinis 8. vsneäioti auetis, sxonltis, proxaZntis st ooussr- vatis; Vibri quatner a. v. Oäous Oambisr monaolro Ltlü- Ksnisnsis Zlonasterii Oräinis sjusäsm 8. veneäioti. (I.) — Mittheilungen: Haluza, Fr. Tcszelin (0. 6ist. Heiligenkreuz): Ein Rückblick auf die große Pest in Oesterreich und auf gleicbzeitige Vorkommnisse in Heiligcnkreuz und Umgebung. Nach dem Berichte eines Zeitgenossen. Endl, 8. Friedrich (0. 8. 8., Altcnburg): Paul Troger, ein Künstler der Barockzeit. (III.) Plattncr, 8. MauruS (0.8.8. M.-Laach): Die Benediction der Aebte betreffend. Kinn äst, 8. Florian (0. 8. 8. Admont): Veränderungen im Personalstande des Bene- dictincr- und Cistercienser-Ordeus im I. 1894. Hammerle, Alois Jos. (Salzburg): Original-Bericht über die Eröffnung der ersten Hohen-Schule in Salzburg i. I. 1617. Wcikert, v. Thomas Aq. (0. 8. 8. von St. Mcinrad, Am.): Meine Orieiitreise (II.). E. P. A. (Montecassino): v. Michael Angelas Celcsia, 0. 8. 8., Cardinal-Erzbischof von Palermo. Einige Worte über dessen Leben undSchriftcn.(I.) —Neueste Benediktiner- und Cistercienser-Literatur.(8XV.) — Literar. Referate. — Literar. Notizen. — Nekrologe. Nekrologische Notizen. — Beilage. Literarischcr Haudwciser, begründet, herausgegeben und redigirt von Msgr. vr. Franz HülSkamp in Münster. 24 Nrn. ä 2 Bogen Hochquart für 4 M. p. Jahr. 1696. Nr. 4. Inhalt. Knabenbau er'S Commeutar zum Lukas-Evangcliuni (Müller-BrcSlau). — Weitere kritische Referate über Wchofer Das Lehrbuch der Metaphysik für Kaiser Joseph II. von 8. Frantz (Stölzle), Kröll Sionsroseu, Zollner-Ziegler-Brunner GelegenhcitS- predigtcn und Geyer Perikopenbuch (Deppe), Heimbuch er Orden und Congrcgationen und MiugcS Franziskaner in Bayern (H. Weber), Üsrvisou Mio Isis ok8uts (Bellesheim), Keysscr Veröffentlichungen der Stadtbibliotbck in Köln (K. Keller), Wctzel Pbrafen, Scklagwörter und Daheim (Deppe), Manna der Jugend, Zürcher Dem Himmel zu, Bischof Egger Der christliche Vater, Effinger Leidensstuude des Christen, Furrer AudachtSbüchlein, Leöker Nachfolge Christi und Gott mein Trost (Rolfus). — 10 Notizen überSchlei- niger-Nacke Grundzüge der Beredsamkeit, Ebner Zur Geschickte und Kunstgeschichte des Missale Nomanum und verschiedene andere Nova (HülSkamp). — Novitäten-Ver» zeichniß. Litterarische Rundschau für daS katholische Deutschland. Herausgegeben von vr. G. Hoberg, Professor an der Universität Frciburg i. Br. 22. Jahrg. 1896. 12 Nummern. M. 9. — Freiburg im Brcisgau, Hcrder'scke Vcr- lagShaudlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 6: Neuere katholische Dichtungen, (von Heemstede.) — 6s lZLÜAnao vsnslon, 8«s tzninrs vivisions äsa 8aints LvaiiAiles. (Belser.) — Holzhey, Der ncuentdeckte Oo6ex 8zmus 8inaitieus. (Bardenhewer.) — 8. ^ursli Lu§nstini tznasstionnm in vsxtatsuebum libri VII, L6- notationum in lob über unns. (Weymau.) — Ousutbsr, vxistulas imperatorum yontiücnm aliornm inäs ab a. 6608XVII usqns a6 a. V8III ckatas. (Weyman.) — Xnöll, 8. Lursli LuZustini eonksssionnw libri brsäeoim. (Weyman.) — Kuöpfler, Lehrbuch der Kirchengeschickte. (Werner.) — Kirsch, Die Finanzverwaltuug des Cardiualcollcgiumö im XIII. und XIV. Jahrhundert. (Wurm.) — Knöpfler, Johann Adam Mähler. (Kepplcr.) — Harms-Wiese, Naturphilosophie. (Bäum- ker.) — TwardowSki, Idee und Perccpiion. (Bäumkcr.) — TwardowSki, Zur Lehre von Jnhali und Gegenstand der Vorstellungen. (Bäumkcr.) — Zur bäuerlichen Glaubens- und Sittenlcbre. — Weber, Geschichte der sittlich-religiösen uno socialen Entwicklung Deutschlands in den letzten 35 Jahre». (Franz.) — Lorcnz, Genealogisches Handbuch der europäischen Staateugcschichte. (Albert.) — v. Walderdorff, Ncgeusburg in seiner Vergangenheit und Gegenwart. (Scpp.) — Böge, Rasfacl und Donatcllo. (v. Tsrcy.) — Brüll, Chronik der Stadt Düren. (Koch.) — Kaufmann, Andreas Müller. (Braig.) — Nachrichten. — Vüchcrtisch. Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik. Unter Mitwiikung hervorragender Fachmänner herausgegeben von Pros. vr. Fr. Umlauft. XVIII. Jahrgang 1896. (A. Hartlcbcn's Verlag in Wien, jährlich 12 Hefte z» 85 Pf. Präuumeration incl. Franco-Zu- sendung 10 M.) . Daö 7. Heft zeichnet sich durch einen reiche», interessanten Inhalt aus, den wir hier im Auszuge wiedergeben: Zur Statistik Niedcrläudisch-Ost-JndienS. Von H. Zoudcrvan in Bergen- op-Zoom. — Die Alauds-Jufelu. Von Anton Weis. (Schluß.) — Von Algier nach Tonking. (An Bord eines französischen Kriegsschiffes.) Aon Theodor Habichcr. (Mit 3 Illustrationen.) — Astronomische und physikalische Geographie. Schiaparelli über den gegenwärtigen Stand der astronomischen Forschung des Mars. A. Heini über die Gletsckerlawiue au der Altelö. — Politische Geographie und Statistik. Der Grenzstreit zwischen England und Venezuela. — Volkszählung im Deutschen Reich. — Kartenbcilagc: Die Grenzlinie zwischen Bririfch- Guyana und Venezuela. Nach I. G. Bartholomew und dem „GlobuS". Maßstab 1:7,500,000. Historisches Jahr buch der Gör resgcsell schuft. Kommissionsverlag von Herder u. Cie., München. XVII. Jahrgang. 1. Heft. Inhalt: Aufsätze: ArenS, Claudia», Christ oder Heide. Finke, Die kirckenpolitische Thätigkeit des bl. Viucenz Ferrcr. I. Paulus, Der Dominikaner Johann Fabcr und fein Gutachten über Luther. — Kleinere Beiträge: Saner- land u. Schmilz, Zu Eubel: daß Jtiucrar der Päpste zur Zeit des großen Schismas. Wacker, Neucntdeckte Briese Da- vontS an Napoleon I. — Recensionen und Referate: B au mann, Geschickte des Allgäns (Schröder). Janssen, Geschickte des deutschen Volkes seit dem Auögang dcS Mittel- alters Bd. VII, VIII(Sckmid). vavisss sb Lo.mbauck, bistoirsgönsials6nIV.siselsäuosjours D. IV, V (Zimmer» mann). — Zeitschriftenschau. — Novitätenschau. — Nachrichten. Berichtigung. In Bcatns AdalberiuS der Beilage Nr. 24 ist S. 169 > Abs. 1 statt nur nun und S. 190 Zeile 3 statt Freburg ! Frobcrg zu lesen. Pe.raiitlv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von HaaZ L Erabherr in Augsburg. tti-. 26 26. IllNi 1896. Jules Simon. 8. Am 8. Juni dieses Jahres starb Jules Simon, dessen Tod für Frankreich „ein Nationalunglück" genannt wurde. Gewiß, als Staatsmann und Minister, als Gelehrter und Schriftsteller muß er eine ganz bedeutende Persönlichkeit gewesen sein, die um so mehr eine bemerkliche Lücke hinterlassen wird, als bei unsern westlichen Nachbarn die Hohlköpfigkeit und Großsprecherei so gern auf den öffentlichen Thron sich zu erschwingen versteht. Man darf wohl annehmen, daß das Bild der vielseitigen Thätigkeit dieses Mannes dem französischen Volke recht oft wird vorgehalten werden, wie man ja auch in Deutschland diesen Verlust „eines der größten seiner Söhne" vollauf zu würdigen versteht. Des Kaisers Telegramm beweist genug. Was uns an diesem Manne der Kraft und That am meisten interessirt, ist seine mehrmalige Thätigkeit als Minister, speciell des Unterrichts. Es ist dies ja jenes Gebiet, auf dem „das Chaos der Meinungen" größer ist als irgendwo, und wir Deutsche sind nun einmal nicht von dem Fehler zu heilen, beständig über die Vogesen zu sehen. In der That ist auch die heutige Gestaltung des französischen Unterrichtswesens für uns so lehrreich, daß es nützlich erscheint, bei dem Tode des Mannes, der hier so viel gethan, einen Blick in dasselbe zu thun. „Das Volk, das die besten Schulen hat," sagte Simon einmal, „ist das erste Volk, oder wenn es das nicht heute ist, wird eS dies morgen sein." Der Satz enthält ja eine Uebertreibung, aber er charakterisirt seinen Autor. „Alles, was auf religiösem und politischem Gebiete sich in der Mitte bewegt, ist absurd und muß für nichts geachtet werden. Nur Sie — die Katholisch-Conserva- tiven — und wir — die Freidenker — die wir an den beiden Extremen stehen, haben eine Existenzberechtigung. Sie, weil sie die Affirmation sind, wir, weil wir die Negation sind. Wir leugnen alles, was Sie behaupten; wir wollen alles zerstören, was Sie erhalten wollen. Aber die Welt ist nicht groß genug, um uns Beide zu tragen; entweder werden wir Sie oder Sie uns vernichten!" Diese Worte, welche der berüchtigte Paul Bert im Jahre 1881 im französischen Parlamente sprach, können als das Signalement der Culturströmungen gelten, wie wir es in so vielen Ländern, besonders aber in Frankreich, unschwer erkennen. Vielleicht aber auf keinem Gebiete mehr als dem der Erziehung und ves Unterrichts treffen sie so zu. Es wäre eine überaus dankbare und lehrreiche Studie, die Bilder zu betrachten, wie sie der Schulkampf überm Nheine seit der Revolution zu Tage förderte, von den „großen Ideen des Jahres 1789" bis herab auf die Tage Jules Simons. Dieser Mann selbst ist alt genug geworden, um zu erfahren, daß die grauen Theorien des Liberalismus gerade auf dem Schulgebiete nicht das Ar» kanum sind, das die sociale Frage löst, und wenn wir von ihm lesen, daß seine letzte That sogar die Bekämpfung des Atheismus war, so möchten wir nur wünschen, daß bei seinen geschäftigen Kollegen sich diese nnere Metamorphose früher vollzieht. Vor uns liegt eine Schrift „Erziehung und Unterricht", einen Band der „Bibliothek der socialen und politischen Wissenschaften Frankreichs" bildend. Bet aller Dürre der Behandlung des Stoffes ist es unS gleichwohl möglich, einen Einblick in die französischen Schulzustände zu gewinnen. Namentlich gilt dies von der Epoche, in welcher Jules Simon in erster Linie die Hand im Spiele hatte. „Was fehlt denn an der Erziehung", heißt es da bei einem Ausblicke in die Zukunft, „auf welche die Nation so große Kosten verwendet? Es ist das gemeinsame Streben nach einem gemeinsamen Ziele und dazu die feste Einigkeit der Franzosen." Dieser Klageruf läßt sich nur voll und ganz verstehen, wenn wir uns an die oben citirten Bert'schen Kammerworte erinnern. „Wenn sie — eben die so schwer vermißte Einigkeit — von allen erstrebt und herbeigeführt wird, so hat sie zur Folge die Einsetzung eines Ministeriums und eines Rathes der nationalen Erziehung, welchen eS obliegt, eine Einheit der Bestrebungen herzustellen, welche der Einheit der Bestrebungen und der Herzen entspricht. Aber was werden die Grundlagen derselben sein. Ohne Zweifel wird sie gegenseitige Nachgiebigkeit bedingen, welche jedoch um so leichter ist, als sie nicht nothwendigerweise das Aufgeben irgend einer Doctrin, irgend eines ernsten und starken Glaubens erfordert." Auf diesen naiv-optimistischen Wunsch folgt ein hochpolitischer Erguß, der zu werthvoll ist, als daß er übersehen werde. „Und außerdem erscheint es uns ebenso unzweifelhaft, sowohl daß es nicht absolut nothwendig, als daß es nicht unmöglich ist, alle Franzosen zu einigen. Noch niemals haben wir eine furchtbarere Zukunft vor uns gehabt. Ein Sturmwind des Hasses durchbraust ganz Europa. Deutsche, Italiener, Engländer, sogar Ungarn und Belgier verabscheuen Frankreich und würden es gern verschwinden sehen." In welcher Verfassung Jules Simon das Land zurückgelassen, erhellt aus folgender Betrachtung, die zugleich auch wieder einen treffenden Beleg für französische Seichtheit und Oberflächlichkeit bildet. „Während heutzutage die Lösung der politischen Fragen durch das allgemeine Stimmrecht erfolgt, und während unsere Con- stitution von 1875, welche schon länger gedauert hat als irgend eine, die ihr voranging, ein Kompromiß zwischen den Parteien war — warum sollten wir nicht auch in Bezug auf die Erziehung ebenso verfahren? Behauptet ihr, die Wahrheit und die ganze Wahrheit zu besitzen, so werden wir euch an die Demuth erinnern, welche der menschlichen Schwachheit zukommt. Die Freidenker, Republikaner oder Socialisten, welche sich auf die Wissenschaft und die wissenschaftliche Philosophie berufen, wissen, wie viel ihnen noch fehlt, um auf alle jene Fragen antworten zu können, die wir uns stellen. Die Protestanten und Jsraeliten haben zu viel Intoleranz erduldet, um nicht zu begreifen, wie schädlich dieselbe ist, und die Katholiken mögen sich fragen, ob sie ein Frankreich haben wollen, das Spanien ähnlich ist. Sie mögen bedenken, daß alle Konflikte zwischen Wissenschaft und Religion der Achtung und dem Fortschritt beider geschadet haben. Sie mögen die Stelle wieder lesen, wo das Evangelium Demuth und Liebe empfiehlt; sie mögen sich daran erinnern, daß der Papst ihnen geboten habe, sich an die Republik anzuschließen. Und könnten nicht selbst diejenigen, welche im Grunde ihres Herzens Le- gitimisten, Orleanisten und Bonapartisten sind, ebenso , wie zu der Zeit, wo man sie von Gott allein — vso 202 rognanto — geführt glaubte, ihren Theil dazu beitragen, das Dasein des Vaterlandes zu sichern, das ihre Vorfahren zu sehr geliebt haben?" Es ist doch merkwürdig: bei der mit so großem Pomp in Nizza vollzogenen Denkmalsenthülluug am 4. März dieses Jahres sprach Präsident Faure das große Wort gelassen aus: „Die Daten der französischen Geschichte sind die der Menschheit!" Glaubt man sich hier nicht in die Tage des „Sonnenkönigs" zurückversetzt? Und doch, welch ein Jammerbild in Wirklichkeit! Jules Simon hat, mit den Tröstungen der Religion gestärkt, „das Chaos" verlassen. Jedenfalls war er zu besserer Einsicht gekommen, als sein im November vorigen Jahres verstorbener Freund Barthölemy St.-Hilaire, der das vage Princip vertheidigte: „Ich glaube an das Gute!" Möge man in Paris recht oft das Siegel der alten Sorbonne beschauen, das ein vom Himmel auf die Erde herabgereichtes Buch darstellt! Z«r neuesten Calderon-Literatnr.*) Von K. L. Wie wir früher schon in diesen Blättern mittheilten, hat Herr Ghmuasialprofessor Konrad Pasch in Salzburg es sich zur Aufgabe gestellt, eine Reihe solcher Dramen des spanischen Dichterfürsten in's Deutsche zu übersetzen, welche bisher einer Uebertragung in unsere Sprache entbehrten. Die ganze Collection wird sieben Bündchen mit je zwei Stücken umfassen. Im vorigen Jahre erschienen das vierte und fünfte Bündchen mit zusammen vier Dramen. Das erste derselben führt den Titel: Glaube Du nicht stets das Schlimmere! (dlo siowxra lo xsor es eisrto). Dem pessimistischen spanischen Sprichworts „Llomxro es vierto ei peor," „Immer ist das Schlimmere sicher" stellt Calderon obigen vertrauensvollen Gedanken entgegen. Dieses Drama wurde bereits zweimal in's Französische übersetzt, von Damas Hinard und von Latour, in's Englische von Digby, und noch bei Lebzeiten Calderons kam es in einer Nachahmung vom Lustspieldichter Scarron auf die französische Bühne. Es zeigt einige Verwandtschaft mit Calderons Navanus äs Lbril ^ Llaxo (Morgen des April und Mai), doch steht der sittliche Gehalt der Hauptpersonen in M siaruxrs u. s. w. höher. Die Handlung hat einen raschen Verlauf; nirgends Stillstand, nirgends unnöthige Unterbrechung. Das Stück stammt aus der besten Zeit des Dichters; gedruckt wurde es zuerst im Jahre 1652. Das nächste Drama: „Morgen kommt ein anderer Tag" (lilaüana, sarg, otro äia), nennt der so strenge Beurtheiler der Calderon'schen Dichtungen, Moriz Napp, das zweitbeste Konversationsstück, *) und den Schluß desselben hält er geradezu für genial. Ebenso rühmend urtheilt über dieses Stück ein anderer hervorragender, angesehener Calderonforscher, Valentin Schmidt?) *) Ausgewählte Schauspiele des Don Pedro Calderon be jla Barca. Zum ersten Mal aus dem Spanischen übersetzt und mit Erläuterungen versehen von Professor K. Pasch. Freiburg im Breisgau, 1895. Herder'sche Verlagshandlung. Viertes und fünftes Bündchen ü 1 M. 80 Pf. Beide Bündchen vereinigt als II. Band 3 M. 60 Pf. Gebunden in Leinwand mit Goldpressung 5 M. 20 Pf. Das erste ist anerkanntermaßen „Die Dame Kobold" (la äama cluouüo). 2 ) Schmidt, Friedr. Wilhelm Valentin, die Schauspiele Calderons u. s. w. Elbcrfeld, N. L. Friderichs, 1857. Immer Mch zu den besten Werken über Calderon gehörig. Glanzstellen in diesem Drama sind der herrliche Monolog des zweiten Aktes, wo Beatriz ihrem gepreßten Herzen Luft macht: V abora, gus mi kortuus. vs tau äoabooda, borrasea l ! . Da nun nach so großem Sturme Glücklich ich erreicht den Hafen usw. Ferner die Scene, in welcher Fernando das HauS der Beatriz betritt, sie ihn als Lebensretter und schließlich als Bräutigam erkennt. Endlich die herrlichen Gleichnisse im dritten Akt, da Beatriz den Fernando über seinen Irrthum aufzuklären sucht. Es ist eine jener reizenden Stellen, wie sie bei Calderon öfter vorkommen und seine große Kunst wie seine vortreffliche Beobachtung der Natur zeigen. Drei Gleichnisse, Naturbilder, werden in drei Decimen uns vorgeführt. Die vierte Decime faßt zusammen. Zur Probe möge diese Stelle hier folgen: Ist doch nichts so hell und klar AIS des Wassers holder Schein; Dennoch täuscht die Fluth so rein In dem feuchten Grund fürwahr! Manches Beispiel beut sich dar; Seht ein Ruder: wenn sicb's bricht In der Woge klar und licht. Wird entstellt cS durch die Welle. Trügt nun der Krystall, der helle, Sagt mir, was betrügt dann nicht? Strahlt doch nichts in solchem Schimmer Wie die Sonne klar nnd rein; Dennoch täuscht ihr goldner Schein ,Mns mit ihrem Funkeln immer: Bald erscheint wie Schnee ihr Flimmer, Bald wie Purpur, da ihr Licht /Sich in bunte Farben bricht iJn den Strahlen, die sie sendet. Trügt der Lichtglanz, den sie spendet, Sagt mir, was betrügt dann nicht? Ist doch nichts so wohlbekannt, Als der Himmel, der dort blaut: Er ist nur ein Gegenstand Für das Auge: niemand fand. Daß die Farbe dem entspricht, WaS dort schimmert blau und licht. !Jst die Wahrheit da entstellt, -- Und betrügt das Himmelszelt, Sagt mir, was betrügt dann nicht? Nun so seid auf Eurer Hut: Und bevor Ihr glaubt die Kunde, Dien' als Beispiel Euch zur Stunde: Himmel, Sonne. Wasserfluth. Drum prüft, ob auf Wahrheit ruht Dieser Anschein,- macht Euch Pein Jetzt der trügerische Schein, Wollet heute ihn verschmähen; Denn um klarer es zu sehen, Wird ein Tag auch morgen seilst Die Abfassungszeit dieser Dichtung, welche sonst noch in keine andere Sprache übersetzt wurde, fällt in das Jahr 1634, wie man schließt aus der Erwähnung des Todes des Herzogs von Lerma. Den Titel des dritten Dramas Ll aleaiäs ät si naisrao übersetzt Herr Pasch: „Sein eigener Kerkermeister", nach dem Vorgänge des französischen Ueber- fetzers Damas Hinard (l/,o geolier äo soi-mains) und des italienischen Uebersetzsrs Monti (I! oaraoriors c!i sc stssso), wenn auch diese Uebersetzung nicht ganz zu-, treffend ist; denn alaa-icls, ein arabisches Wort, bedeute! eigentlich Festungscommandant, Kastellan oder Burgvogst Allerdings liegt auch einem solchen die Aufsicht ob über die Staatsgefangenen. Der Inhalt des Stückes ließ indessen keinen andern Titel zu, schon wegen der metrischen Uebechtzung.^ Daß. das DrgUa seiner gaWN Ansage. 203 und Verwicklung nach als ein vortreffliches Bühnenstück angezogen hat, und daß es noch jetzt auf Erfolg rechnen könnte, beweist der Umstand, daß es in's Französische und Italienische übersetzt wurde; daß eine Nachahmung hievon-durch Paul Scarron im Jahre 1655 auf die französische Bühne kam unter dem Titel: Os Auräisn äs soi-msrns, und zwei Jahre später eine von Theodor Corneille, die sehr gut aufgenommen wurde, unter dem Titel: I^s geölisr äs soi-msins. Ebenso beifällige Aufnahme fand auf der Bühne Italiens eine Nachdichtung, betitelt: ^rlsosiino Lnto xrinsixs. Nach Corneilles Uebersetzung wurde unser Drama auch in's Holländische übertragen und hieß hier: Os oprüsnsr van sied 2 s 1 vsn. Aber auch in Deutschland, und zwar in Hamburg, wo schon frühzeitig Calderon'sche Schauspiele nach dem Holländischen oder Französischen, jedoch als Singspiele, aufgeführt wurden, kam neben andern auch unser Stück unter dem Titel „Sein selbst Gefangener" im Jahre 1680 (nach dem Französischen) von Mntheson, componirt von Frank, zur Aufführung. Der bereits genannte Calderonforscher Valentin Schmidt spricht sein Lob vor allem darüber aus, daß das Verhältniß der beiden im Drama auftretenden Nebenbuhlerinnen besonders wahr und ergreifend geschildert sei. Die einander feindlichen Geschlechter, welche einer Verbindung Federico's mit Margarita im Wege sind, erinnern theilweise an Shakespeares Romeo und Julie; der Umstand, daß der Prinz verkleidet um Margarita wirbt, an die Gudrun. Dies, sowie die gelungene Schilderung des Turniers verleihen dem Drama einen recht romantischen Charakter und vermehren seine Wirkung. Der französische Uebersetzer Damas Hinard sagt: O'sst uns eomsäis, oü äoininsnb uvunt tont, sonnns äuns HuslHusg xiösss äs Lfialcsspsurs, l'iMaZination st 1a. tantaisis, st hui sestaxxs connns elles L 1a. olassiüoation äs visillss posti) und auf die Schmalkaldener Artikel (Abth. II, Art. II) °) berufen, aber schriftsgemäß ist diese Art von Confirmanden- uuterricht sicherlich nicht, wie schon Jansscn gegen Ebrard nachgewiesen hat (Janssen, „An meine Kritiker" S. 32 bis 33). Was nun die Dcccnz der heidnischen Reliquien betrifft, so hätte Berg gar leicht im Octavins des Mi- uucius Felix (Kap. 22 u. 28), in der Mahnrede an die Griechen des Clemens von Alexandrien (Kap. 2), im Goitesstaate des hl. Augustinus (1. VI o. 7, 9) die völlige Haltlosigkeit seiner unbesonnenen Behauptung erkennen können. (Vergl. Döllinger, „Judenihum und Heideu- thum" S. 151, 153, 168, 179, 400, 509.) Aber der Haß gegen die katholische Kirche trübt den historischen Blick. sagt: „cö ist jedoch überaus schwer, den wirklichen historischen Kern, der sicher darin verborgen liegt, überzeugend herauszuschälen", aus den Index gesetzt worden seien. Berg scheint diese Anincrknng nur geschrieben zu haben, um vor der katholischen Geschichtsschreibung, speziell vor Janssen, warnen zu können. Doch welch' protestantischer Historiker bat über Luther so offen und rückhaltSloS geschrieben, wie z. B. Pastor über Alexander VI. im III. Bd. seiner PapstgeschiLtc? ") In der Apologie der Augustana heißt es Art. XXI: „Auch so predigen ihre (der Katholiken) Gelehrten unverschämt, daß jeder untern Heiligen ein sonderliche Gabe könne geben, als S. Anna behüt für Armuth, S. Sebaftiannö snr die Pestilenz, S. Balten für die fallende Seuche, den bl. Ritter S. Jörgen haben die Reiter angeritten für Stich und Schoß und allerlei Fahr zu behüten und daö alles iin Grunde >st von Heiden herkommen." (Müller, Die symbolischen Bücher, 7. Auflage, Seite 228.) 5) Anrufung der Heiligen, heißt cS in den Schmalkaldener Artikeln, ist auch der cndcchrisilichcn Mißbrauchen einer und streitet wider den ersten gaanptartikcl und tilget die Erkenntniß Christi, ist auch nicht geboten noch gerathen, hat auch kein Exempel der Schrift. (Müller, I. o. 305.) Ueber die Nc- liquicnverebrung. worin „w manche ösfcnilichc Lügen und Narrcnwcrk erfunden", drücken sich die schmalkaldener Art kel noch schärfer aus (Müller. I. o. SOI). Ein Mann nach dem Herzen des Oberpsarrers von Phritz ist unzweifelhaft Armand Dnbourdicu, dessen Veranlassung und Beweggründe zur Abfassung einer heftigen Streitschrift gegen die Thebäcr mit behaglicher Breite erzählt werden, obwohl dieselben mit dem eigentlichen Thema in sehr losem Zusammenhange stehen. (Seite 32—34.) Wenn auch manche Behauptungen dcS kalvinischen Predigers vor einer ruhigen Forschung nicht Stand halten, wenn auch gar manches bestrittea wird, was unbestreitbar ist, wie Berg zugesteht, so kann ihm „gleichwohl dankbare Anerkennung nicht versagt werden. Er hat immerhin den Finger schonungslos aus manche Wunde des Katholizismus gelegt und den Nimbus, den dieser um sich zu verbreiten sucht, für den, der sehen kann und will, zerrissen." (S. 37.) Nun, diese Phrase ist belanglos; denn der Katholizismus besteht nicht in der Festfeicr zu Ehren der the- bäischen Soldaten Solnior, Advcntor und Octavius, welche Turin als Sladtpatrone verehrt, besteht auch nicht in den schwülstigen, dem Stile des 17. Jahrhunderts entsprechenden Lobreden eines Jesuiten auf die genannten Soldaten. Trotz der Kritik Dnbourdicus °) ist der Katholizismus bis auf den heutigen Tag nicht untergegangen, ja es hat den Anschein, als habe sich sein Nimbus allenthalben sogar gesteigert. (Schluß folgt.! Ueber Glasmalerei im Fraukenlande nnd die GlaSgemälde der St. Jakvbskirche zu RoLleu- lmrg o. d. Tauber. Von Dr. H. Oidimcinn in Limttch (Rheinland). Es ist eine ausfallende und befremdende Thatsache, daß in den Kirchen des Frankenlandcs einer der schönsten Zweige mittelalterlicher Kunst, die Glasmalerei, so wenige oder vielmehr gar keine Werke hinterlassen hat; heute wenigstens weisen die Krcnzgänge nnd Kapellen, die Kirchen und Dome keine alten Glasgemülde mehr auf; grell und kalt beleuchtet das helle Tageslicht die weißen, mit Gold verzierten Stuckornamcntc der Gotteshäuser in der alt- ehrwürdigen Bischofsstadt Würzburg; die mit einfach blankem Glase geschlossenen Fensteröffnungen starren uns als kahle Löcher aus der Architektur entgegen, ohne irgendwelchen vermittelnden Ucbergang, ein Vermächtniß der „Aufklärung" im 17. nnd 18. Jahrhundert. Ob es wohl immer so gewesen ist? — Das ist kaum anzunehmen; denn es wäre geradezu unbegreiflich, daß am HauptLirknngsplatze eines Tillmann Nicmcnschneidsr, dieses großen, vielbewnndertcn Meisters fränkischer Kunst, daß in der Residenzstadt der knnst- nnd prachilicbenden Würzburger Fürstbischöfe dieser herrliche Zweig mittelalterlicher Kunst so stiefmütterlich behandelt, ja sogar gänzlich vernachlässigt worden sein soll. Es ist undenkbar, daß die Baumeister der Dorne zu Bamberg und zu Würzburg auf dieses unentbehrliche Schmuckmittel der Architektur sollten verzichtet haben. Einzelne Nachrichten bestätigen denn auch, daß es ehedem anders gewesen ist. So wurde um das Jahr 1400 die romanische Kirche St. Burkard im Mainviertel zu Würzburg mit Glas» <9 Die Angabe BcvgS, baß Dubcurdicn 1731 (S. 32) geboren sei, kann unmöglich richtig sein, da derselbe schon 1691 im Gckolgc dcS Herzogö v. Schombcrg nach Tnrin gekommen nnd die kritische Untersuchung über den hl. Mauritius und seine Genossen schon 1705 (wie Berg S. 31 Anm. 4 selbst angibt) im Buchhandel erschienen ist. 212 fenstern versehen. Schon im Jahre 1331 wurde das Douistift verfenstert, die Fenster der beiden Abseiten mit Maßwerk verziert und GlaZgemäldr in dieselben eingesetzt. Im Jahre 1456 wurden die Glasmalereien der Marienkapelle, jener in schönen schlanken Verhältnissen gebauten Hallenkirche, von den Bleideckern gereinigt. Nm 1423 lebte in Würzbnrg ein Glasmaler Hanns Trust. Wie in anderen Städten, so hatte sich auch in Würzbnrg eine eigene Zunft der Glaser und Maler gebildet, welcher schon 1444 vom Rath eine neue Zunftordnung vorgeschrieben wurde. I Niedermähe! führt noch mehrere Einzelheiten an; so wurde noch 1467 für das venedische^) Glas zu den drei Fenstern der Chriacus- Knpelle am grünen Markt zu Würzburg 3 Gulden bezahlt. Um 1470 malte Konrad Lukas aus Breslau auf Tafeln, in Glas und auf Pergament, während sich gegen Ende des 15. Jahrhunderts bei Kuutz Wylandt, dem Glaser alter Art, mehrere Meister ausbildeten. Noch während des ganzen 16. Jahrhunderts und in den ersten Jahren des 17. finden wir in Würzburg Glasmaler; selbst noch zur Zeit des großen Fürstbischofs Julius Echter von Mespelbrunn waren in Würzburg verschiedene Meister thätig; leider war die schöne Kunst damals schon dem Werfall nahe, sonst würde jener hochherzige Kirchenfürst sicherlich in den Kirchen seines Sprengels für ihre Verbreitung gesorgt haben. Fürstbischof Julius hatte so viele Kirchen ausgestattet, daß man ihm nachsagte, es gäbe keine Kirche im Frankenlande, der er nicht das Gepräge seiner Bauart aufgedrückt hätte; er hätte einen Würzburger Stil gemacht?) Im Jahre 1470 erhielt die St. Lucas-Brnderschaft, die vereinigte Zunft der Maler, Glaser und Schnitzer, vom Rath eine neue Satzung. Das letzte Würzburger Zunftbuch wurde 1534 angelegt. Am Stephanstag 1534, da Meister Hanns Stang und Jörg Niemenschneider „geschworene Meister des Maler-, Glaser- und Schnitzerhandwerks der Lukasbruderschaft" waren, wurde beschlossen, die Ordnungen aus den „alten Büchern und Kästen" zusammenzubringen und neuerdings „aus beweglichen Ursachen" niederschreiben zu lassen. Bei Entstehung der Bruderschaft galten, wie auch anderwärts, die Glaser als den Malern durchaus ebenbürtige Künstler, als Glasmaler; im 16. Jahrhundert jedoch wurde auch in Würzburg zwischen Glaser und Glasmaler unterschieden, weß- halb die letzteren „Flosor uust molar" genannt werden. Technisch interessant ist folgende Vorschrift der Würzburger Zunst: „Itom Dia sollorvllonir Iistrirolloiio mit rnviiaolrom pleif. anst llestor scitto vereint aino stir III cll. ärmst mit solellem so! ein stoster meisten äie ankeift ven- LorZen, vnst verstelln stas stas llle^ nit gerindert rvenclt stau rvie üen gellnanell snnst gestalt rvnnät als clemmaell er solollen lon als III eil. mit got vnä er vercliemen vrmst nemen des rviss sicll ein fester meisten 2gv stalten.") H Nicdcrmaycr, A., Kunstgeschichte der Stadt Wirz- burg. 1860. 2 ) Venedisch Glas galt für das beste, daher u. a. die Bestimmung in dem Statut der Stadt Krakan: Xegmer 2 »! vorarbeiten settglas vor svueäiseb glas bei einem i-bunt ivacbs Kusse 26 oü't ber bsgriün rvirt. 2) Niedermähen, a. a. O.: »Dass ever sein ^ug auk Xirebon rvenüt, Das Drankenlanä vor andern kennt. Die scböne Dacb, blaun, Bbürn neu Teigen bald rvas IVürtsburgiseb sex.« *) Vgl. Niedennayer a. a. O. , Also beiderseitige Verzinnung wurde verlangt sowie ! kräftiges Blei. Sonst findet man mittelalterliche Fenster vielfach ohne Verzinnung; wohl die meisten sind einfach an den Knotenpunkten des Bleinetzes verlöthet. Die Zunftordnungen geben überhaupt bezüglich der Technik bemerkenswerthe Aufschlüsse; so belehrt uns das Buch der Malerzeche zu Prag, daß die Bleimühle schon vor dem Jahre 1527 in Gebrauch war, und nicht erst Ende des 16. Jahrhunderts in Aufnahme kam, wie allgemein angenommen wurde. Das Buch der Malerzeche spricht ausdrücklich von gezogenem Blei, nicht von gegossenem,°) Manche merkwürdige Vorschriften findet man in den Zunftsatzungen der verschiedenen Städte, welche auf die Güte vieler alten Arbeiten, auf die Haltbarkeit ihres angeblichen Schwarzloth ein recht schiefes Licht werfen. Einzelne Vertrüge aus dem 14. und 15. Jahrhundert, in welchen bei Bestellung von Glasgemälden ausdrücklich verlangt wurde, daß mit einbrenn baren Farben gemalt werden müsse, haben vielleicht Veranlassung zu diesen Bestimmungen gegeben. So finden wir u. a. in dem Statut der Krakauer Zunft Strafbestimmnngen gegen diejenigen, welche die Farben nicht einbrennen und andere Kniffe gebrauchen?) Verfasser dieses hatte mehrfach Gelegenheit, an alten Denkmälern sich von der zuweilen vorkommenden mangelhaften Haltbarkeit der alten Farbe zu überzeugen, zuletzt noch an Fenstertheilen aus St. Sebald zu Nürnberg. Auf Grund einer eingehenden Unterhaltung mit dem Chemiker und Apotheker Th. Wcigle über die sehr starke Patina auf den dortigen Fenstern sandte derselbe dem. Verfasser folgendes Gutachten: „Nürnberg, den 16. Dezbr. 1893. Wie ich Ihnen gegenüber bei Ihrem Hiersein äußerte, war auf chemischem Wege noch nachzuweisen, ob die auf dem fraglichen Glase befindlichen schwarzen Streifen aus Kienruß und einer Klebemasse bestehen, oder ob dieselben aus schwarzem Glase (Schwarzloth) bestanden. Wie ich Ihnen bereits mittheilte, ist das Glas, aus dem die Fenster der Sebalduskirche bestehen, ziemlich kalkhaltig. Durch die namentlich bei der Hopfenschwefelung in Masse produzirte schwefelige Säure, die ja bald in Schwefelsäure übergeht, bildet sich auf dem Glase ein dichter Ueberzug von Calciumsulfat (Patina). Bringt man nun das Glas in eine Lösung von Kaliumcarbonat, so bildet sich Calciumcarbonat, das mittels einer 6 °/gigen Essigsäure leicht entfernt werden kann. *) Des Buch der Melcrzcche in Prag enthält Seite 1LL in tschechischer Spreche folgende Bestimmung: „Item Beschluß im Betreff dcS gezogenen BleieS. Es ist ein Beschluß der ganzen Zeche zu Staude gekommen; da häufig Schwierigkeiten im Betreff des gezogenen Bleies vorgekommen sind, so heben sie darauf bestimmt, daß sie das nach ihren Privilegien zu thun die Macht haben und selber verkaufen können jedermann, den Einheimischen oder den Bewohnern dieser Stadt, die Juden ausgenommen. Die zu diesem Handwerk kein Recht haben und wer diesen Beschluß übertritt und anders handelt, Hai 2 Schock Meißnisch Strasc ohne alle Gnade zu erlegen. Geschehen im Jahre 1527, am Tags der Heiligen Simon und Juda." Das Buch der Malerzeche in Prag. Herausgcgcb. v. Pros. Dr. M. Paugerl u. Pros. Dr. A. Weltmann. Wien, 1873. Wilh. Branmüller. S. 84. «) Vgl. A. Esseuwein, Die mittelalterlichen Kuustdcnkmale ber Stadt Krakan. Leipzig, F. A. BrockhauS, 1869. Beilage XII, S. XXI. Statut der Maler und ihrer Zunftvcrwandten aus Baltasar Behem's Ooäex Illetorum statuta (Del. 266). »)Vir Ilotbmann üer Ltaä Orokorv bekennen mit äissm briste äas rvir neiniicb vn äew äors tarvsenä tirbunäsrt und xm uervntcmAssten der am äonrstags noeb bartiwlomsi be- Zere unä manche bete unser moler Leo. L:e. Nach vcr- 213 Auf diese Art und Weise gelingt es, die Fenster wieder ganz rein zu bekommen. Bei der oben erwähnten Behandlung des Glases Mit Kalinmcarbonat zeigte sich bei längerer Einwirkung des letzteren, daß die schwarzen Theile des Glases (Konturen und Schattirung) nach und nach verschwanden. Bei weiterer Untersuchung stellte sich nun heraus, daß die schwarze Farbe kein Glasfluß (Schwarzloth) war, sondern daß dieselbe aus Kienruß und Leinölfirniß bestand. Es mag dies als Beweis gelten, daß es auch die Alten nicht verschmähten, aus Ersparnißrücksichten Täuschungen zu begehen." Nähere Betrachtungen anzuknüpfen und Vergleiche zu ziehen, würde uns heute zu weit führen. Im Jahre 1571 noch wurden für die Würzburger Zunft Bestimmungen über die Anfertigung der Meisterstücke erlassen. Von allen Werken dieser alten Meister des Frankenlandes ist nichts erhalten geblieben. Vieles mag der „Aufklärung" der vergangenen Jahrhunderte zum Opfer gefallen sein, vieles wird auch der Bauern- und der Schwedenkrieg vernichtet haben. Noch heute hört man in der dortigen Gegend die bezeichnenden Verse: „Die SLweden sind kommen, Hab'n alles mitg'nommen, Hab'n d'Fenster neig'schlag'n, Hab'ns Blei davontrag'n, Hab'n Kugeln d'raus gössen Und d'Bauern erschossen." Heute ist das Würzburger nud Bamberger Land arm au Denkmälern unserer schönen Kunst. Dies zeigte recht auffallend die „fränkische Ausstellung von Alterthümern in Kunst und Knnstgewerbe" in Würzburg, welche in ihren für eine derartige Kunstsammlung vorzüglich geeigneten Ausstellungsräumen so viel des Interessanten und Schönen bot, aber nur einige wenige Erzeugnisse spätmittclalterlicher Glasmalerei auszuweisen hatte. (Fortsetzung folgt.) Was ist Instinkt? Von H. von Nemagen. (Schluß.) Dazu kommt noch anderes. Wir nehmen eine Reihe von Lebenserscheinungen bei den Thieren wahr, welche uns zwingen, ein ganz eigenthümliches Maß der Seelenthätig- kett anzunehmen, ja, die geradezu über unser Fassungsvermögen hinausgehen. Ich nahm einst eine meinem Freunde gehörige Brieftaube an einem Tage, wo dichter Nebel über Berlin gelagert war, zur Mittagszeit mit mir in einen weit entlegenen Stadttheil, um sie dort fliegen zu lassen. Wir hatten unsere Uhren übereinstimmend gestellt. Ich band der Taube einen Zettel an den Fuß mit der Notiz: Punkt ein Uhr. Um diese Zeit sollte ich sie, der Verabredung gemäß, loslassen. Nach zwei Minuten fünfzehn Sekunden kam sie vor ihrem Schlage an. Wie konnte das Thierchen sich in dem Häusermeer, wie konnte schiedencn anderen allgemeinen Vorschriften: Von lleu Klarern: ^Velck gla^er otk §Ias malst null llas nickt )n elom lsevr zmkrsnnet eins )'s teste ller Mlls ii,j ( 3 ) g-r, Kusse seev Karussell 20 ker keZritkeu rvirt null rvorlls zmanllt okr llrsze mal lle§riüsu lleu rat wau uns rotknumueu oü'su- karn. dlz'manät 2al mit krots aller mit rvackss lockor verkleben kvz? ij ( 2 ) uknut rvaeks Kusse snnller man ?al arbeitn mit crin null mit bls^ null sust als reckt ist.« es sich in dem Nebel, durch den man nicht hundert Schritte weit sehen konnte, orientiren? Man wird sagen: wer kann wissen, wie oft diese Taube schon über der Stadt hin und her geflogen war! Wohlaw; wenn aber die Brieftauben in ihrem Käfig im verschlossenen Eisenbahnwaggon, Tag und Nacht unterwegs, von Berlin nach Aachen gebracht werden und dort, sobald sie freigegeben sind, völlig orientirt sind, nach welcher Richtung ihre Heimath liegt; wenn sie nur in einigen schnellen Kurven sich in hohe Luftschichten erheben, um darauf mit der mehr als doppelten Schnelligkeit eines Eisenbahnzuges direct heimwärts zu eilen, wie dann ? Freilich kann der Anatom uns durch Vergleichung des Knochenbaues und dcS Muskelapparates dieses Vogels mit anderen seine besondere Begabung für schnelles Fliegen augenscheinlich beweisen; aber wo ist denn der Magnet verborgen, der diese unerklärte Thatsache begreiflich macht, den unauslöschlichen Zug zur Heimath; wo ist der Kompaß, der die untrügliche Sicherheit verschafft, die Heimath aufzufinden? Oder sollte wirklich die Taube von Aachen bis Berlin sehen können? Würde nicht diese enorme Gabe des Fernsehens noch räthselhafter sein, als der Heimaths- sinn selber? Uebrigens berechne ich, daß, wäre die Erdoberfläche eine gleichmäßige Kugelfläche, eine Erhebung von 30/4 Meilen nöthig sein würde, um von Aachen aus das achtzig Meilen entfernte Berlin am Horizont auftauchen zu sehen. Aber nur der Kondor kann zu einer Höhe von nahezu einer Meile sich erheben. Dazu kommt noch, daß das Thierchen seinen Flug bei trüber wie klarer Luft gleich sicher ausführt. Hier stehen wir also vor einer Erscheinung, die über unsern Horizont hinausgeht. Unsere Seele ist eben mit keiner analogen Kraft begabt, von der wir auf die Kraft des Heimathfinnes bei den Thieren schließen könnten. Wir stehen hier, wie bei dem Heimaths- und Wandersinn so vieler Thiere überhaupt, vor einem schöpferischen Original, das wir vernünftigerweise nur als die Gabe eines bewußten Gebers anzuerkennen haben. Nicht weniger als das eben beleuchtete Beispiel tragen die sogenannten Verirrnngen des Instinkts das Gepräge des Wunderbaren. Bekanntlich ist die Königin im Bienenstock das einzige Wesen, welches jene Eier legen kann, aus denen Arbeitsbienen entstehen. Zwar können auch gewöhnliche Arbeitsbienen Eier legen, und auch aus diesen entstehen — wunderbar genug ohne Paarung — lebendige Wesen; aber diese sind ohne jedwede Ausnahme Männchen, sogenannte Drohnen, die wohl fressen, aber nicht arbeiten können. Nun wird ein Volk seiner Königin und zugleich der Möglichkeit beraubt, sich eine neue zu erbrüten. Beides kann leicht geschehen, und geschieht oft genug. Was erfolgt nun? Es geht eine ganze Reihe von Arbeitsbienen daran, möglich viele Eier zu legen. ES treibt sie der Instinkt, den Stock vor dem AnSsterben zu retten; aber e§ ist ein verirrter Instinkt; denn durch die Erzeugung einer Unzahl von Drohnen geht der Stock um so sicherer seinem Ruin entgegen. Nun kommt im August die Zeit, wo die weiselrichtigen Völker ihre Drohnen tödten. Unser Stock aber tödtet keine; im Gegentheil, die wenigen Arbeitsbienen, die noch vorhanden sind, fliegen sich fast zu Tode, um ihren Drohnen das nöthige Futter herbeizuschaffen. Es treibt sie abermals der Instinkt, diejenigen am Leben zu erhalten, welche zur Paarung dienen sollen für die Königin, die nach ihrer Meinung (daß ich so sage) doch noch irgendwoher kommen könnte. Es liegt anf der Hand, daß an dieses Beispiel 214 zehnmal mehr Fragen geknüpft werden könnten, als der gründlichste Kenner des Biencnlebens beantworten kann. Uns ist es für jetzt nnr um ein Beispiel zu thun, das uns schlagend zeigt, wir haben eS bei den verschiedensten Thiergattnngen mit instinktiven Kräften zu thun, die uns zu der Annahme einer besonderen seelischen Begabung der Thiere unweigerlich zwingen. Um nun das Wesen dieser besondern Begabung richtig zu erkennen, überblicken wir kurz daZ ganze Gebiet der seelischen Thätigkeit. Nach drei Seiten äußert sich die Wirksamkeit der menschlichen Seele, nämlich als Denk-, Gefühls- und Begehrungsvermögen, und diese drei Kräfte haben im Thiere in gewissen Schranken ihre Analogien, und gerade auf diese Schranken kommt es an. Kann dein Hund denken? Diese hochinteressante Frage tritt oft an uns heran. Sie muß durchaus verneint werden, und in dem engeren Sinne des Wortes „denken" mit vollem Rechte. Allein der Begriff „denken" umfaßt vielerlei: Gedächtniß, Phantasie, Verstand und Vernunft. Die unterste dieser vier Stufen, das Gedächtniß, kommt dem Thiere zu, und zwar in einem beschränkten Maße, nämlich als Gedächtniß mechanischer Bewegungen. Das beweist schon jener Hund, der, als er einmal die Pforte zu offnen durch Zufall gelernt hatte, sie ferner zu offnen wußte. Herr Z. verkaufte ein Pferd. Jahre und Tage vergingen; er hatte längst seinen Fuchs vergessen. Da fährt eines Tages der Käufer am Gutshofe vorüber, und ehe er sich's versieht, ist der Fuchs durch das Thor auf den Hof getrabt. „War das nicht unser alter Fuchs?" fragte der Herr den Kutscher. „Ja wohl", sagt der, „er muß unsern Hafer noch nicht vergessen haben." „Wie lauge ist es denn her, daß er nicht mehr auf dem Hof war?" „Das muß ja wohl schon an die zehn Jahre sein," lautete die Antwort. Auch das historische Wiehern des Pferdes, das dem Darms, det HystaSpes Sohn, die persische Königskrone einbrachte, war Sache des Gedächtnisses. Aber kann dein Hund fühlen? will ich nun einmal fragen. „Ohne Zweifel," entgeguet jeder, der einen Hund besitzt. Aber was kann er denn fühlen? Schläge thun ihm weh, und Liebkosungen thun ihm wohl, mit andern Worten: das Thier empfindet sinnlichen Schmerz und sinnliche Lust. Damit ist aber auch sein Gefühlsvermögen zu Ende. Diese Gesühlsthätigkeit bezeichnet abermals die unterste Stufe einer Leiter, auf der wir höher hinauf Gefühle für das Schöne und Häßliche, für das Wahre und Unwahre, für Recht und Unrecht, Pflichtgefühl und — je mehr diese alle abgestumpft sind — Selbstgefühl finden, die sämmtlich nur dem Menschen eignen. Aber endlich: kann dein Hund etwas begehren? Die Frage ist fast lächerlich. Begehrt er denn nicht Futter und, wenn er angelegt wird, Freiheit? Wohl. aber damit ist die Frage noch nicht beantwortet. Denn Begehrungsvermögen ist Trieb, dann Willkür und zuletzt freier Wille; und wiederum kommt die unterste Stufe von diesen dreien den; Thiere zu. Es regt sich in ihm der Trieb zur Fortpflanzung, und dieser geht auf die Erhaltung des Individuums. Nun sind wir offenbar dem Begriff des Instinkts nahe, denn alles, was wir so nennen, dient diesen beiden Zwecken: der Sclbsterhaltuug und der Erhaltung der Gattung. Der Instinkt erscheint recht eigentlich als die Kraft, die in dem Kampf um das Dasein auch dem schwächsten Geschöpf die Existenz sichert, indem sie ein Gegengewicht bildet gegen die Uebermacht der sinnlichen Triebe. So ist er denn im Grunde ein angeborenes AhiinngsverMögen für das zur Selbsterhaltung Dienliche. Dieses Ahnnngsvermögen ist im Thier weit entwickelter und reger als bei uns Menschen. Und das hat seinen Grund. Auch in uns gibt es instinktive Ahnungen; aber der Instinkt unserer Seele wird durch das Ueberwiegen der Entwicklung des Erkenutuißvermögens von Hause aus weniger geweckt, durch das Urtheilen aus Gründen überall zurückgedrängt, zumal aber durch die Entscheidung unseres Willens durchweg geradezu aufgehoben. Beim Thiere dagegen, durch alle diese Faktoren unbeeinflußt, entfaltet er sich frei und wirkt frei; das Thier findet ohne Erfahrung, ohne Schlüsse, ohne Wahl die seinem Zweck dienenden Mitte! und Wege. Dennoch ist etwas dem thierischen Instinkt Achn- liches in unserer Seele vorhanden, ich meine die Antipathien und Sympathien. Vermöge dieser unwillkürlichen Zu- und Abneigungen ahnen auch wir Gutes und Böses, das sich uns naht, ohne uns der Gründe dieser Ahnungen bewußt zu werden. Hieraus erklären sich zwei Thatsachen. Einmal die, daß auf niederen Stufen der geistigen Entwicklung, wie bei Ungebildeten und bei Kindern, der Instinkt stärker ist, als bei geistig entwickelten Menschen. Es gilt auch hier das inhaltsreiche Wort: „Was kein Verstand dcr Ncrstäiidiacn ficht, Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüth." Sodann, daß das vollkommenste Maß des Instinktes gerade der Thierwclt gegeben ist, weil er in ihrem Seelenleben die Ueberlegnng und den Willen gewissermaßen ersetzen soll. Cuvier,' dcr von den Darwinisten verspottete Forscher, sieht offenbar zehnmal schärfer, als seine von Vorurteilen geblendeten Gegner, wenn er sagt: „Die Thiere werden beim Instinkt gleichsam von einer angeborenen Idee als einem Traum verfolgt. DaZ, was diesen Traum erregt, kaun nur die nach vernünftigen Gesetzen wirkende, organisirende Kraft, die Endursache des Geschöpfes selbst sein." Gewiß, nur nicht occasioualistisch, in jedem einzelnen Falle, sondern wie Professor Wigand sagt: „So gewiß, wie in der Natur alles göttliche That ist, so gewiß geht in der Natur alles natürlich her. Gott hat durch freie That die Gesetze so gesetzt, daß in dem gesetzmäßigen Verlauf gerade sein Wille sich verwirkliche."*) Man könnte auch sagen: Gott hat beim Akte dcr Schöpfung jede Thiergattung mit dem ihr eigenthümlichen Instinkte als einer originalen, bleibenden Mitgift begabt. Da nun aber in der Thierwclt für den Zweck der Erhaltung der Gattung die Erhaltung des weiblichen Jn- ! dividuums von größerer Wichtigkeit ist, als die des männlichen, und die Erhaltung der Gattung wenigstens die eine Seite, wie wir sahen, des Zweckes alles Instinktes ist, so scheint es, als ob durchweg in dcr Thierwelt der Instinkt des Weibchens lebhafter und feiner ist, als der des Männchens. Ganz ausfallend ist diese Erscheinung bei den Bienen. Während die Drohne überwiegend „dick, dumm und gefräßig" erscheint, zeigt sich die Königin, um das mindeste zu sagen, graziös in ihren Bewegungen, schüchtern und scheu vor jeder Beobachtung, waS aber die Existenz des Volkes betrifft, vielfach so klug und berechnend, daß es nicht mehr bloß wunderbar, sondern geradezu erstaunlich ist. Um nur eines cmzn- *) Zntfragcn dcS christlichen VvlkcS. Bd. III, 5 und 6. 215 führen, so sind, wenn der Nachschwarm auswandert, oft zehn und mehr reife Königinnen in ihren Zellen. Jede hat Mit ihren scharfen Schneidezangen den Deckel so abgeschnitten, daß er wie an einem kleinen Scharnier hängt, jede hält den Deckel von innen zu. Jetzt kommt es auf den Moment an, wo die bisherige Königin den Stock verläßt. Die nun zuerst aus ihrer Zelle stürzt, ist die neue Herrscherin. Sie eilt sofort in fliegender Eile durch die Gassen ihres Reiches, und wehe einer Nebenbuhlerin! Sie würde sofort erstochen werden. Sie findet aber höchst selten eine; denn jene andern, die den entscheidenden Moment versäumt haben, bleiben ganz still in ihren Zellen; sie halten den Deckel von innen Zu und stecken nur dann und wann den Säugrüssel aus der Spalte hervor, woraus sie sofort von den Arbeitsbienen vermittelst des Rüssels mit Honig gespeist werden. Sie warten aus den Abzug eines neuen Nachschwarms, um dann den günstigen Moment besser wahrzunehmen. Welch eine Rivalität, welch eine Vorsicht! Ich glaube nicht zu irren, wenn ich sage, daß auch bei andern Thierartcn das Weibchen ausgesprochene instruktive Vorzüge vor dem Männchen hat. Die Kenner der Pferde und der Jagdhunde werden dies bestätigen. Das steht jedenfalls fest, daß überall bei der Fürsorge für die Jungen das Weibchen dem Männchen in jeder Hinsicht es weit zuvorthut. Der Fuchs wenigstens, der sonst doch so scharfen Instinkt hat, bekümmert sich absolut gar nicht um seine Familie, sondern überläßt Pflege und Schutz gänzlich der Füchsin, die ihrerseits allerdings das kaum Begreifliche leistet. Würde es nun irgend einen Werth haben, die Instinkte der Thiere als Anfänge oder Keime der analogen geistigen Fähigkeiten deS Menschen anzusehen? Bekanntlich hat dies Darwin gethan in der Absicht, zu zeigen, daß schließlich die Fähigkeiten der Mcnschenssele sich durch eine allmählich gewordene Steigerung des thierischen Instinkts herausgebildet haben. Dieser Grundfehler führt aber schließlich zu jenem drastischen Unsinn, den Wigand verspottet, wenn er sagt: „Die Menschen bauen Wiegen, die Bienen bauen auch Wiegen; die Weiselwiegen der Bienen werden gelegentlich zu Vorrathskammern benutzt; auch die Kindcrwtegcn können gelegentlich als Vorratskammern dienen; folglich — wird Hnckcl sagen — ist der Mensch nur eine Art vollkommener Biene." Nein, Taube und Thauwurm, Fuchs und Fisch, Infusorium und Mensch sind „ein jegliches in seiner Art" originale Schöpfungen eines und desselben Gottes, der eine jede Gattung mit ihren ihnen eigenthümlichen Gaben ausgestattet hat. Wir reden wohl von einer Thierseele, und thun es auf Grund gewisser analoger Erscheinungen des thierischen LebenöprincipS mit der menschlichen Seele. Aber wer kann es sagen, ob nicht der ganze Begriff der Thiersccle ein irriger, ob nicht die Seele des Thieres eine von dem menschlichen Lebensprincip doch gründlich verschiedene Schöpfung ist, sowie, trotz vieler Achnlichkeit :in Lampenlicht verschieden ist vom Licht der Sonne. Jedenfalls stellt das Wort der hl. Schrift, Pred. 3, 21, wie es auch verstanden werde, einen „himmelweiten" Unterschied fest zwischen Menschen- und Thierseels, und spricht der letzteren die Fortdauer ab. Erkennen wir stets nur die unendliche Mannigfaltigkeit und Fülle der Schöpfungen Gottes an, so haben wir das wahre Ziel vernünftiger Naimbetrachtnng erreicht. Recensionen und Notizen. * Erbauungsliteratur: Nazareth, Audachtsbuch für christliche Mütter, die sich eine glückliche Entbindung erbitten wollen. Von Pfarrer D. I. Faustmann. Verlag der F. X. Buchcr'schcn Verlagsbuchliandlung. 5. Auflage. Preis 75 Pf., gebd. 1 M. —Jesus, Bräutigam reiner Seelen. Lehr-und Gebetbuch für Jungfrauen, die in der Welt oder im Kloster leben. Von Pfarrer vr. I. A. Keller. Verlag der Alsousus- Buchhaudlung in Münster in Westfalen. Preis geb. M. 1,30' bis 4,50. — Kleines Ablaß buch. Auszug äuS ?. Fr. Beringcr's „Die Ablässe, ihr Wesen und Gebrauch" von I. Hilgers, Priester der Gesellschaft Jesu. Verlag von Fcrd. Schöuingh in Paderborn. Preis 3 M. (Zur Belehrung und zum Gebrauch sehr nützlich.) — Gehet zum hl. AntoniuS. Gebet- und Erbauungsbüchlcin für die Verehrer des hl. Antonius nebst einer Lcbciisskizze von ?. Arsenius Dotzler, Franziskaner- Priester. Verlag von A. Eöbel in Würzburg. 172 S, Preis 50 Pf., geb. 75 u. 90 Pf. Grnndzüge der Philosophie. Von Dr. Braig. Verlag von Herder in Freiburg. s der stattlichen Zahl von Lehrbüchern der Philosophie fürStudirende tritt die Edition des Herrn Dr. Braig, welcher als Vertreter der kathol. Philosophie an der Universität Fret- burg i. B. wirkt. Das ganze Werk soll aus 10 Theilen bestehen, und in den nächsten 3 Jahren vollendet sein; sie werden Pro- pädeutik, Logik, Noötik, Ontologie, Physik, Psychologie, Psyche- physik, Ethik, Aesthetik, Theologie (d. h. Neligiousphilosophie) behandeln. Die Logik ist bereits erschienen (gr. 8° VIII, 141S. Preis 2 M.). Das Buch weist eine für den Zweck als Lehrbuch sehr geeignete Anordnung des Stosses auf und wird hic- durch, sowie durch seine Präcision und Klarheit der Darstellung sich ohne Zweifel viele Freunde crweebcn. Nirschl, I)r. Joseph, Domdechant in Würzburg. Das Grab der heiligen Jungfrau Maria. Eine historischkritische Studie. Mit 3 Abbildungen, gr. 8°. (XII u. 118 S,) 1,80 M. Mainz, Franz Kirchheim, 1896. b Nach alter Tradition ist die sel. Jungfrau Maria in Jerusalem begraben worden. Nach einer andern Meinung, welche die fromme Anna Katharina Emmerich in ihrem Leben Mariä vorträgt, wäre das Grab der Gottesmutter auf einem Berge bei EphesuS zu suchen, wo in neuester Zeit Nachgrabungen und Forschungen angestellt wurden. Die Ilnhaltbarkcit dieser Meinung weist der gelehrte Verfasser mit durchschlagenden Gründen nach. In Betreff der frommen Dulderin von Dülmen wird ausgeführt, daß ihre Betrachtungen historische Nichtigkeit weder beanspruchen wollen, noch können. Nach diesem polemischen Theil wird unter Herbciziehnng aller zugänglichen Zeugnisse der positive Beweis für das Grab Mariä in Jerusalem mit einer Schärfe und Sicherheit erbracht, welcher wohl zur definitiven Erledigung dieser Streitfrage genügen dürfte. Heft 13 des Deutschen Hausschatzes führt die ergreifende Erzählung von Helene Erhardt: Verschiedene Wege, zu Ende und beginnt den meisterhaften Noman von Melati von Java: Das Düberlh-Geheimniß, der ebenso sehr wie Prada allgemein fesseln wird. Der Noman von Karl May: Die Jagd anfdcnMillionendieb, findet seine Fortsetzung. Außerdem enthält das Heft die fesselnde kleine Erzählung von Flodatto: In GotteS Hand. Von dcnArtikcln erwähnen wir namentlich den Besuch in Krupps Etablissements von Karl Kollback, der nmsomehr iutcr- essiren wird, als nur sehr wenigen vergönnt ist, Einblick in das großartige Werk zu erhalten; dann den sehr lehrreichen Aufsatz über die Lebensdauer des Menschen von vr. A. Kellner, die inhaltreiche Erörterung über das bulgarische Schisma von Otto von Schaching und die humorvolle Schilderung der Hofnarren von M. Schüler. Von der Anführung der zahlreichen kleinen Beiträge müssen wir absehen. Die Illustrationen sind zahlreich und geschmackvoll. Litterarischer Hanbwciser, begründet, herausgegeben und redigirt von Msgr. Dr, Franz Hnlskamp i» Munster. 24 Nrn. ä 2 Bogen Hochgnart für 4 M. P. Jahr. 1896. Nr. 5. Inhalt. Kritische Rcferare über: Haiuvol lles controeens didlignsg üs8 xroilicateurs (Dcppe), Fonrer Korca'S Märtyrer und Missionäre und Nenmann Leo Dupout (Dcppe), Acz. Müller DaS Marterthnm der thcbäischen Jungsraucn (Steffens), v. Posson-IVosierstzl, 216 I)s trlkn8 opiaeopia 8I08vio. I'rimis und vs Lka§. Lstamo. vrernmwi (Wurm), Erb Das LUcstcr Nheinan und die helvct. N-volution (G. Meier), Finke Laiuprc.cht über die kirchlichen »nd kirchcnpolitischcn Verhältnisse zu Ende des MittclaltcrS (Sl. Pieper), Pknroan-Van gll.r 8t. voruarüin äs 8ionna (Paulus), Pfister Der Dom zu Bambcrg (Hcimbucher), I. Wein Die musikal. Instrumente in den Büchern deS Alten Testamentes (W. Däumkcr), H. Pcsch Grundwahrheiten der christlichen Gesellschastölchre (Huppcrt). — 13 Notizen über Adoli Arudcr'S Leben und Schriften, Braig'S Grundzüge der Philosophie, Atzbcrgcr's Geschichte der voruicäuischen Eschatologie und verschiedene andere neue Erscheinungen (Hüls- kamp). — Novitätcn-Ncrzcichniß. Der Katholik. Ncdigirt von Joh. Mich. Naich, 12 Hefte, At. 12. Mainz, Kirchhcim. Inhalt von 1896. Heft VI, Juni. DaS Beichtgeheimnis vor Gericht. — vr. Selbst, Die Bibclwissenschaft des Protestantismus im Kampfe gegen das Alte Testament. — vr. L. Bendix, Die Deutsche Ncchtseinheit. — v. Kcnrad Eubcl, Der hl. Pbilipp von Zell im BiSthnur Speycr. — Zwei Kundgebungen in Sachen der christlich-socialen Geistlichen. — Literatur: 3. Xuakenkauar, 8. 3., Oom- montarins in guatnor s. oranZolia Oomiui hl. 3. OK. — Va vraueo ekrötleuno clans 1'kistoiro.— vr. Alois Knöpf ler, Johann Adam Mähler. — Vr. äs vummelauer, 3. ll., hloelitationum et contomplationum punota s. I§natii elo voz-wla. — Miscelle: Zur religiösen Stellung Albrechts V. von Bayern. Historisches I a h r b u ch der G ör r es g esel l s ch äst. CommissionSvcrlag von Herder u. Cic., München. XVII. Jahrgang. 2. Heft. Inhalt: Aufsähe: Helmolt, Die Entwickelung der Grenzlinie aus dem Ercnzsaume im alten Deutschland. Lang, Passauer Annalen. Forschungen zur Passauer Geschichtsschreibung im Mittclaltcr. Meister, Zur Kenntniß des venetianischcn Chiffrewesens. — Kleine Beiträge: v. Funk, Die Zeit des ooäsx vossanonsis. Falk, Zur Geschichte der öffentlichen Vüchcrsaiumlungcn Deutschlands im 15. Jahrhundert. — Recensionen und Referate: Mirbt, Quellen zur Geschichte des Papst thumS (G ic tl). v. Zallinger, Das Verfahren gegen die landschädlichcn Leute in Süddcntschland (Beyerle). Oeniklo-Okatolain, Okartniarinm vni- rorsitatis varisisnsis III — ^.netarinm I (Ortercr). — Zeitschriftcnschau. — N o v i t ätc ns ch au. — Nachrichten: Neue Unternehmungen. — KantauSgabc der preuß. Akademie. — Funde. — Archivalicnaustausch zwischen Bayern und Oesterreich-Ungarn. — Bayer. Gruppe der Gesellschaft für deutsche Literatur und Schulgcschichtc. — Preiöerlhcilungcn und Prcisausschrciben. — Vierter internationaler wissenschaftlicher Katholikencougrcß. — Streitfrage über den Ursprung deS siebenjährigen KrjegeS. — Nekrol. Notizen. — Erwiderung Sepx- Grupp. Miscelten. ll. O. (Kirchlicher Auflösungsprozeß in Lnthcr- anismuS.) Msgr. Falliza, apostol. Vikar von Norwegen, berichtet in Nr. 0 „Die kathol. Missionen" (Juni-Hcst) von cincni „neuen, außerordentlichen Zeichen der Zeit auf protestantischem Gebiete". Der hervorragendste lutherische Dogmatiker NorwcgcuS, vr. Krogh-Touniug, der einen sehr großen Anhang im Klerus der StaatSkirche besitzt, veröffentlicht eben im „Morgenblatt" (Christiania), dem Hauptorgan der lutherischen, orthodoxen, conservativen Partei, eine Reihe von Artikeln unter dem Titel „Der kirchliche Auflösungsprozeß rc." In diesen Artikeln weist er nach, daß der Protestantismus, speciell der Lutheranismus, in Auflösung begriffen ist, weil er die apostolische Succession verloren, die Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes leugnet, die Bibel allein als ElaubcnSnorm aufstellt und so Glaubens- und Sittcnlehre, Guadenmittcl und Organisation der Kirche selbst der persönlichen Auffassung und Deutungswillkür des Einzelnen preisgibt. In einen: seiner letzten Artikel sagt er ohne Vorbehalt: „Es gibt faktisch keiiw größere Kirchenabtheilung mehr, welche positiv und bekenntnißmäßig den ganzen, unverkürzten Christenglauben bewahrt hätte, außer der katholischen Kirche." Msgr. Falliza weist nun darauf hin, daß diese Thesen im lukhcr. Norwegen öffentlich aufgestellt werden von einem luthcr. Theologen, ohne daß irgend Jemand seine Stimme dagegen erhebt; ebenso wie erst neulich constatirt werden konnte, daß kein einziger norwegischer, lutherischer Theologe gegen die These desselben Verfassers Einspruch erhob, nach welcher die Lutheraner durch eine „stille Reformation" die wesentliche Lehre der Reformatoren ausgegeben und zu der Gnadenlehre der katholischen Kirche zurückgekehrt sind. Im Gegentheil — auch andere lutherische Theologen, z. B. Bröchln ann, sind seither in ihren Schriften mit derselben Entschiedenheit für die katholische Gnadenlehre eingetreten. ll. 6. (Der Ukercwe-Archipcl auf dem Victoria- Nyanza-Sce.) Vor einiger Zeit haben wir Näheres über den Sessc-Archipcl im Norden deS Nyauza mitgetheilt. Im Machest der „Katholischen Missionen" berichtet der Missionär v. Brard Näheres über die bisher noch gar wenig bekannten Ukerewe-Juseln im Süden bezw. Osten dieses großen Sce'S. Die Jnselreihe setzt sich zusammen aus etwa zwanzig bewohnten Eilanden. Die Hauptinscln sind: Ukcrewe mit 50,000 (!) Einwohnern, Ukara mit 10,000, Jrugwa 4000, Bwiro 2000, Naufuba ebenfalls mit 2000 Einwohnern. Die andern Inseln sind auch stark bevölkert, so das; vie Ge- sammtzahl der Bewohner dieses Archipels 150,000 beträgt. Die Eingeborenen theilen sich in die Stämme und Basita und Baruri; Völkcrstämme, welche in Sitte und Cultur den Ba- L-ukuma nahe stehen. Vier kleine Könige, vom Häuptling Lukonge erst vertrieben, von den Dcurschcn aber wieder eingesetzt. theilen sich in die Herrschait dieses JnsclrcichcS im „Meere deS süßen Wasserö". WaS nun daS ChristianisirungSwerk dieses Archipels betrifft, so ist sein Erstehen der göttlichen Fügung zu verdanken. Vor 3 Jahren wollte ein junger Mann aus dem Heidenthum zum Mohammcdanismns übergehen und sich deßhalb zu Arabern in den Unterricht begeben. Die Vorsehung führte seine Barke nach Bnkuiubi (der Hauplstation der kath. Mission). Er entschloß sich, erst die katholische Religion kennen zu lernen. Dieselbe gefiel ihn: derart, daß er nicbls mehr vom Islam wissen wollte. Nach einem Katechumenar von 3 Jahren erhielt er die heilige Taufe. Im Jahre 1L92 wurde er Katcchist auf der Insel Ukcrewe und ist beute Vorsteher eines Christen- dorfcS von 290 Einwohnen:. Ende des Jahres 1895 befanden sich auf dem Ukcrewe-'Archipel 600 Katecbumcncn; 4 Kapellen — für dieses Land „monumentale Bauten" — erheben sich über die elenden Hütten. Wenn keine äußeren Schwierigkeiten eintreten, wird sich daS Christenthum auch auf Ukcrewe — gleichwie cS auf Sesse der Fall — folgcrcich entwickeln. ll. 0. (Die Armenier in Rußland.) Bekanntlich sind die Armenier ein geistig hochbegabtes Volk — und sind für daS Lanv, in welchem sie nicht geknechtet, gerade kein Unglück; das beweisen sie in russisch Armenien — in Kaukasicn. Nach russischen Berichten kommt Kautasicn durch die Armenier immer mehr empor. DaS Land ist sehr fruchtbar, jedoch schlecht bestellt. Für einen geringen Preis erwerben die Armenier Grund und Boden und gelangen rasch zu Reichthum und Macht, so daß der beste Theil des Landes, sowie Handel und Industrie immer mehr ausschließlich in ihre Hände kommen. Sie halten fest zusammen und arbeiten sich gegenseitig in die Hand, was um so leichter geschehen kann, da sie zahlreiche und wichtige Aemter inne dabei:. Sollen doch nach der „Nowoje Wrcmja" in den kaiserlichen Finanzen 38 °/„, in der Gcrichtö- ve: Wallung 40 °/o, in den StaatS-Domänen 50 und inr Ministerium des Innern sogar 70 °/o der AmtSstellen mit Armeniern besetzt sei::(!). ll. 6. (Rühmliches Urtheil eines protestantischen Geistlichen über die katholische Mission in Nordamerika.) Ein höherer Geistlicher der englischen Hochkirche — Reynolds Hole— vav. 8. — schreibt in seinem unlängst erschienenen Ncisebuche über die Vereinigten Staaten in Bezug auf die Mission und die Katholiken: „Ich bewundere aufrichtig ihren begeisterten Eifer, durch den Amerika (Bereinigte Staaten) mehr als 10,000 Kirchen und mehr als 6 Millionen Gläubige auszuweisen hat. Nicht bloß sind ihre Kirchcnbautcn die schönsten — keine Kirche in New-Uork kann sich mit der St. Patricks- Kathedrale vergleichen —, sondern sie werden auch zu gotteS- dienstlichcn Zwecken mehr besucht, als andere Plätze der Gottes- vcrcbrung. Obgleich schon drei amerikanische (anglikanische) Bischöfe in den Ncucugland - Staaten an der Arbeit waren, bevor der erste römische Bischof John (Carrol) auftrat, hat doch die katholische Kirche zehnmal mehr Fortschritte ge- gemacht, als die unsrige. Dieses Ergebniß ist die Frucht langer, mühevoller und geeinigter Arbeit und jener edcl- mülhigen Opfer an Zeit und Geld, Zie selten ohne Erfolg bleiben." ^A-Igtlilv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von HaaS L Grabhcrr in Augsburg. kip. 28 10. M 1896. Friedrich Nietzsche. Ein Antichrist der Gegenwart. Von Joseph Popp. „Er wird Reden gegen den Allerhöchsten c>us- stotzen, und die Heiligen des Allerhöchsten aufreiben, und wird meinen, Zeit und Gesetz ändern zu können: sie werden in seine Hand gegeben werden bis auf eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit. Und das Gericht wird sich setzen, damit die Gewalt ihm genommen, zerschlagen und vollends vernichtet werde." Dan. VII. 25. Diese großartige Vision des Propheten Daniel, in welcher er den Antichrist in seinem vorübergehenden Sieg und dauernden Untergang schaut, paßt ganz genau auf den Modephilosophen der Gegenwart, auf Friedrich Nietzsche, der als letztes Werk einen „Antichrist" veröffentlicht, sich selber also nannte und in diesem Namen sich rühmte. Er meinte. Alles ändern zu können; eine „Umwerthung sämmtlicher Werthe" war sein titanenhaftes Unterfangen — mancher hat sich in seine Kreise locken lassen, immer mehr folgen; Nietzsche selber liegt mit gebrochenen Schwingen auf der Erde — er ist seit sieben Jahren wahnsinnig. Ob Nietzsche zum Antichrist überhaupt wird, ist nicht deutbar; sein Geist aber ist der Geist des Antichrist: leidenschaftlichster Gotteshaß klingt aus dieser mänadischcn Seele in hundert Tönen. Man kann Nietzsche unter den verschiedensten Gesichtspunkten betrachten, wie denn auch eine fast unübersehbare Hochfluth von Artikeln, Essays, Studien, Broschüren und Büchern sich des Mannes bemächtigt, um dessen Einfluß auf die Gegenwart zu schildern. Wir betrachten das Individuum Nietzsche psychologischpsychiatrisch, weil seine Ideen ihren Untergrund nicht in objectiv Gegebenem, sondern in den persönlichen Empfindungen und Anschauungen einer krankhaften Natur haben; auch erweitert sich dadurch unsere Nietzsche-Studie mühelos zu einer cultur-psychologischen Skizze des modernen Geisteslebens, dessen concreteste Erscheinung unser Philosoph ist. Nietzsche's Person und Art, seine Ideen und deren Einfluß auf die Gegenwart sollen im Folgenden skizzirt werden. I. Fr. Nietzsche's Person und Art. . Friedrich Wilhelm Nietzsche wurde geboren am 15. Oktober 1844 zu Röcken bei Lützen. Sein Vater war streng lutherischer Pfarrer. — Für einen Culturpsychologen ohne Arbeit wäre es ein interessanter Stoff, festzustellen, warum soviele Freigeister aus den Pasioren- häusern Deutschlands hervorgegangen sind. — Seine Schulbildung empfing der Knabe in Schulpforta und ging dann als Student der klassischen Philologie nach Bonn, wo der berühmte Nitschl als Lehrer wirkte. Dieser gewann den jungen Nietzsche bald lieb als den geistvollsten aller seiner bisherigen zahlreichen Schüler. Als der Lehrer nach Leipzig übersiedelte, folgte ihm sein treuer Jünger nach. Dort lernte Nietzsche den Com- ponisten Wagner und dessen Musik kennen, für die er bald im hellsten Enthusiasmus schwärmte; selber ein guter Musiker, war die Art dieser Tonkunst für den jungen Mann mit dem gährenden Herzen eine freudige Gelegenheit, sich auszuschwelgen. Daher seine Aeußerung: „Ich wüßte nicht, auf welchem Wege ich je des reinsten sonnenhellen Glückes theilhaftig geworden wäre, als durch Wagners Musik." Im Jahre 1869 wurde der junge Philologe, ohne seine Studien mit der obligaten Promotion abgeschlossen zu haben, auf Empfehlung RitschlL nach Basel als Uni- versitätsprofessor berufen; die ^.Iwu irratar von Leipzig gab dem Scheidenden das Diplom eines Ehrendoktors als Geleitbrief mit. Zehn Jahre wirkte Nietzsche dort als begeisterter und begeisternder Lehrer der antiken Sprachen und Cultur, bis er 1879 wegen hochgradigen Nervenleidens der vorher schon öfters unterbrochenen Lehrthätigkeit für immer entsagte. Nun beginnt des unglücklichen Mannes ruheloses Wanderleben, das ihn als „eosouns tu§itivu8" durch die Schweiz nach Tirol und Oberitalien trieb; überall suchte er an den stillsten und heilkräftigsten Plätzen Genesung seines furchtbaren Kopfleidens, das ihm wie sein Schatten folgte. Da brach in Turin 1889, als eine Erlösung, der Wahnsinn über den Müde-Gehctzten herein. — Welch schauerliches Geschick für einen so hoch gespannten und mächtigen Geist; ein Menetekel jedem, der in titanenhaftem Streben Gott und der Natur trotzen will! Ganz im Gegensatz zu diesem grandiosen Kampfe mit einem erdrückenden Leiden steht der äußere Mensch Nietzsche, wie ihn seine Freundin, Frau Lou Andreas/) schildert: „Etwas Verborgenes, die Ahnung einer verschwiegenen Einsamkeit — das war der erste, starke Eindruck, durch den Nietzsche's Erscheinung fesselte. Dem flüchtigen Beschauer bot sich nichts Auffallendes; der mittelgroße Mann in seiner überaus einfachen, aber auch überaus sorgfältigen Kleidung, mit den ruhigen Zügen und dem schlicht zurückgestrichenen Haar, konnte leicht übersehen werden. Die feinen, höchst ausdrucksvollen Mundliuien werden durch einen vornübergekämmten großen Schuurr- bart fast völlig verdeckt; er hatte ein leises Lachen, eine geräuschlose Art zu sprechen und einen vorsichtigen, nachdenklichen Gang, wobei er sich ein wenig in den Schultern wiegte; man konnte sich schwer diese Gestalt inmitten einer Menschenmenge vorstellen — sie trug das Gepräge des Abseitsstehens, des Alleinseins". — Ein Bild Nietzsche's mit ähnlichen Zügen ist gegenwärtig im Glaspalast in München ausgestellt. Er selbst war für sein Aeußcres trotz feiner schlechten Augen nicht blind. Den Materialismus Nietzsche's wie seine Selbstgefälligkeit charakterisirt der Ausspruch über seine kleinen und fein modcllirten Ohren, von denen er sagte, sie seien die „wahren Ohren für Unerhörtes" (Zarathustra I, 25); ähnlich bezeichnete er seine zart- und edelgeformten Hände als Zeichen seines Geistes. „Es gibt Menschen, welche auf unvermeidliche Weise Geist haben, sie mögen sich drehen und wenden, wie sie wollen, und die Hände vor die verrätherischen Augen halten (— als ob die Hände keine Verräther wären! — An einem Mann, noch dazu an einem Philosophen, finden wir dergleichen Aeußerungen läppisch; sie machen schon einer Frau keine Ehre. UebrigenS war Nietzsche der auserlesene Liebling der Damen, wie er denn auch ganz unter weiblichem Einfluß aufgewachsen ist. Auf eine so AndrcaS-SalcmL, Lou: Friedrich Nietzsche in seinen Werke». -) Jenseits von Gut und Böse 283. 218 sensitive Natur wie Nietzsche blieb dies gewiß nicht ohne Einfluß; es ist deßhalb ganz berechtigt, von einem „Fcmininismus" Nietzsche's zu reden, wenn auch seine Anhänger sich dagegen wehren. Gerade die Art von Nietzsche's Denken ist für diese Auffassung beweisend; er dachte Alles aus dem Herzen und durch das Herz, wenn wir so sagen dürfen. Seine Gedanken sind so regellos, so tief leidenschaftlich, so ganz und gar individuell! Ein Gedanke, der ihm einmal klar geworden, wurde zu einem Stück von Nietzsche's „Ich", und das Lossagen davon durch eine spätere, andere Erkenntniß war ihm immer ein Sterben. Es schreitet deßhalb mit dem wachsenden Anarchismus seiner Erkenntniß auch sein körperliches Leiden vorwärts, bis auf dem Höhepunkt des Schaffens, bei den gigantischsten Plänen, „der Umwerthung sämmtlicher Werthe", der Wahnsinn über den unseligen Denker hereinbricht. Auch das Gcmüthsleben Nietzsche's gleicht mehr jenem des Weibes als eines Mannes, noch dazu eines solchen, der als „größter Denker" gefeiert wird: Seine Begeisterung wie sein Haß geht leicht in's Ungemessene, seine Laune ist unberechenbar, seine Eitelkeit maßlos, und alle seine Leidenschaften haben etwas Abgründiges. Aus einem schwärmerischen Verehrer Wagners, dem er ein „sonnenhelles Glück" dankte, wird er der grimmigste Hasser dieser Musik; er nennt nun die Sympathie dafür eine seiner „Krankheiten". Aehnlich macht es Nietzsche mit Schopenhauer, Paul Rse und der ganzen modernen Cultur. Diese Schwankungen lassen sich nicht mehr durch einfache Meinung-änderungen erklären, sie sind die Anzeichen einer äußeren Ursache, eines krankhaften Zustandes. Damit kommen wir auf die viel und heiß umstrittene Frage nach den Entwicklungsstufen in Nietzsche's Denken. Frau Lou Andreas, deren Nietzsche-Biographie sich der weitesten Leserkreise und so ziemlich aller Sympathien außer denjenigen der Nietzsche-Narren und -Fanatiker erfreut, nimmt drei Perioden an: die erste steht unter dem künstlerischen Einflüsse Wagners und der Philosophie Schopenhauers; die zweite gilt dem Positivismus in der Zubereitung des P. Nse; die dritte ist die Originalzeit, in welcher Nietzsche, frei von allem fremden Einfluß, der Welt die Offenbarungen seines irrlichtelirenden Genius schenkte. Andere wollen Nietzsche von Anfang an als selbstständigen Denker aufgefaßt wissen, der im „Zarathustra" den harmonischen Abschluß seiner Weltanschauung gegeben; wieder andere meinen wieder anders. Nietzsche selbst möchte seine früheren Schriften mit den zuletzt erschienenen Werken durch eigens hiefür gekünstelte Vorreden zu, einem Ganzen verbinden — doch: man merkt die Absicht und wird verstimmt. Wir nehmen, nach reiflicher Uebcrlegung und auf Grund des Studiums der Personalakten Nietzsche's, zwei klar zu Tage tretende Schaffensperioden an; die Opposition der Nietzsche-Anbeter genirt uns dabei um so weniger, als wir Aeußerungen des Meisters selber für unsere Auffassung citiren können. Nietzsche hatte eine Zeit geistiger und physischer Gesundheit und eine Periode des schwersten Nervenleidens, das sein Denken unverkennbar, ja wesentlich beeinflußt hat. Nietzsche (Gesammt-Ausgabe seiner Werke Bd. IX, 474, 455) gesteht, daß der um Neujahr 1876 erfolgende Zusammenbrach seiner Gesundheit allen seinen Lebensplänen eine andere Richtung gab; zwei Jahre vorher, als die ersten Spuren jenes Uebels erkennbar wurden, schreibt er:^) „In mir gährt jetzt sehr Vieles und mitunter sehr Extremes und sehr Gewagtes? Diese „extremen" und „gewagten" Ansichten lassen sich anfangs nur vereinzelt constatiren; mit der zunehmenden Krankheit Nietzsche's werden sie häufiger, bis sie vom Jahre 1876 an in zusammenhängender Form auftreten. Erst von da an wird Nietzsche Philosoph, und zwar jener Philosoph, dessen antimetaphysischer und antimoralischer Radikalismus allmählig zu einer wahren Anarchie des Denkens wie Physisch zum Wahnsinn führte. — Wir bezeichnen damit das Hauptwerk Nietzsche's, um dessent- willen ihm jetzt Tausende principienloser, unreifer Leute bacchantisch zujauchzen, nicht als eine That des Wahnsinnes, aber als die Folge hochgradiger Nervosität, als etwas durch und durch Krankhaftes. Nietzsche hat diesen Grundzug seines späteren Wesens selber geahnt, wenn er ihn auch anders erklärte; er hat sich davor gefürchtet, aber ihn nicht verhindern können. In der „Genealogie der Moral" (131, 153) schreibt er: „Wer nicht nur seine Nase zum Riechen hat, der spürt fast überall, wohin er heute auch nur tritt, etwas wie Irrenhaus-, wie Krankenhausluft. / Wahrscheinlich sind auch wir noch die Opfer, die Beute, die Kranken des Zeitgeschmackes und Zeitgeistes, so sehr wir uns auch als dessen Verächter fühlen, — wahrscheinlich inficirt er auch uns noch." Diese Auffassung von Nietzsche's geistigem Schaffen deutet auch überzeugend seine früheren Aeußerungen des Radikalismus, welche seine Freunde als Anzeichen des in Nietzsche schon von Anbeginn vorhandenen Systemes auslegen wollen. Nietzsche ist eine bewegliche, unersättliche Natur mit einem dämonischen Herrschertrieb; dennoch wäre er nicht so abstrus geworden, wenn nicht Krankheit ihn beeinflußt Hütte. Wer einmal Nervenleiden!» war, der weiß aus eigener bitterster Erfahrung, wie da Gedanken und Empfindungen in uns wachwerden, vor denen wir uns in gesunden Zeiten entsetzten. Nietzsche aber hatte ein entsetzliches Nervenleiden, das ihn oft dem Tode nahgebracht. Dazu kommt noch, daß Nietzsche nicht nur am Glauben, sondern auch an der ganzen modernen Cultur verzweifelte und deßhalb in seiner physischen Einsamkeit auch geistig ganz allein stand; zwar ein Genie, aber ein krankes und irregeleitetes. So allein erklären sich auch alle Widersprüche dieses Denkers, die systematische Geister mit Befremden oder Widerwillen erfüllen: der ewige Wechsel seiner Gesichtspunkte, die Unfähigkeit, einen festen Grundstock von Erkenntnissen als sicheres Fundament seiner Weltanschauung festzulegen, die seltsame Mischung von poetischem Mysticismus und hartem Jntellectualismus („Diese neue Tafel, o meine Brüder, stelle ich euch: werdet hart." Zarath. 3. Theil), die eigenthümlichen Aeußerungen seiner selbstherrlichen Laune und ästhetischen Genußsucht, wie die ergreifenden Schilderungen kranker Seelen. Diesen irren und wirren Seelenzustand, seinen Seelenzustand, hat Nietzsche in dem „Don Juan der Erkenntniß" ergreifend geschildert (Morgenröthe 327): „Er hat Geist, Kitzel und Genuß an Jagd und Intriguen der Erkenntniß — bis an die höchsten und fernsten Sterne der Erkenntniß hinauf! —Bis ihm zuletzt nichts 2 ) Elisabeth Förster-Nietzsche: Das Leben Fr. Nietz'che's. I. Band, 219 mehr zu erjagen übrig bleibt, als das absolut Wehthuende der Erkenntniß, gleich dem Trinker, der am Ende Absinth und Scheidewasser trinkt. So gelüstet es ihn am Ende nach der Hölle — es ist die letzte Erkenntniß, die ihn verführt. Vielleicht, daß auch sie ihn enttäuscht, wie alles Erkannte! Und dann müßte er in alle Ewigkeit stehen bleiben, an die Enttäuschung festgenagelt und selber zum steinernen Gast geworden, mit einem Verlangen nach einer Abendmahlzeit der Erkenntniß, die ihm nie mehr zu Theil wird! — Denn die ganze Welt der Dinge hat diesem Hungrigen keinen Bissen mehr zu reichen." Klingt das nicht wie der letzte Verzweiflungsschrei eines in der Wüste verlassen Sterbenden? Solche Zustände hat nur ein körperlich und geistig leidender Mensch; Nietzsche ist deßhalb gerade in seinem eigentlichen Lebenswerke mehr psychiatrisch als psychologisch zu betrachten. Max Nordau, der geistesprickelnde Schriftsteller des ästhetischen Materialismus, hat dies bereits gethan in seinem Buch „Die Entartung". Haben wir auch das „Problem Nietzsche" mit unserer Auffassung nicht gelöst, so haben wir es doch begreiflicher gemacht: die Nietzsche-Anbeter freilich werden es uns nur durch ein Anathem lohnen. Weigand hat in seiner geistvollen Studie (Fr. Nietzsche. Ein psychologischer Versuch) dem Philosophen zu viel Ehre angethan; denn Nietzsche kann vom künstlerischen Standpunkt allein nicht begriffen werden. Im klebrigen ist das Buch die beste Deutung von Nictzsche's complicirter Persönlichkeit. Uns ist der bedauernswerths Mann ein Bild des modernen Menschen in seinen schließlichen Errungenschaften: die maßlose Selbstverherrlichung und Zügel- losigkcit führt Physisch zu« Wahnsinn, geistig zur Anarchie alles Denkens. Daher auch die Begeisterung aller „Modernen" für Nictzsche's Geistcsart! Am System Nietzsche ist nur der sich immer deutlicher entwickelnde Wahnsinn System, sonst nichts; an diesem Resultat ändern alle Nietzsche-Biographien und Biographen nichts, weil des Unseligen Geisteswerk zu laut und unwiderleglich das Brandmal eines Jrrgeistes an sich trügt. Gottfried Wilhelm Leibniz. ff. 8. Wie oft hört man heutigen Tages nicht den Gedanken anssprccheu, daß die sog. Reformation den Hauptanstoß zur Entfaltung des menschlichen Geistes, zur Hebung von Kunst und Wissenschaft, überhaupt zur heutigen Cultur gegeben habe. Bei Janssen kann man nachlesen, was von diesem protestantischen Axiom zu halten ist. Man kennt eben die alten Griechen und Römer besser, als das Mitielalter. Was nun die Erfahrungswissenschaften anbelangt, so haben dieselben einmal mit der Theologie blutwenig zu thun, und dann waren übrigens Schießpulvsr und Compaß, Magnetnadel und Buchdrncker- knnst, das entdeckte Amerika und noch tausend andere Dinge schon lange da, als Dr. Martinus mit dem Hammer an die Wittenberger Schloßkirche klopfte. Wie steht es aber mit dem idealen Streben der Wissenschaft? Hier wäre es am besten, unsere Gegner würden davon gar nicht reden. Fast zwei Jahrhunderte lang brachte der Protestantismus hier Bleibendes und Schätzbares gar nichts zu Stande. Der erste nun, der da genannt werden kann und muß, ist G ottfricd Wilhelm L e i b n i z. Der 250. Geburtstag dieses Mannes — geb. am b. Juli 1646 — wird von der Presse aller, nicht nur katholikenfreundlicher Schattirungen benutzt, allerhand historische Betrachtungen anzustellen. Es ist richtig, weil bewiesene historische Thatsache: Leibniz ist der glänzendste Repräsentant deutscher Universalität und Tiefe im 17. Jahrhundert, ein Polyhistor im vollsten Sinne des Wortes, „eine lebendige Akademie", wie Friedrich II. ihn nannte. Unsere heutigen Berühmtheiten aus der Gelehrienrepublik sind durchweg Spezialisten; in früherer Zeit aber gab es Köpfe, die in allem zu Hause waren, in Theologie und Philosophie, in Staatswissenschaft und Politik, in Naturkunde und Kunstproblemen Bescheid wußten. Der größten einer war Leibniz. Man könnte ihn vielleicht den protestantischen Thomas von Aquin nennen; wir bitten aber, dieses „könnte" sehr zu betonen, denn was er dem Protestantismus verdankte und was er diesem für die Folgezeit wurde, das eben wollen wir kurz betrachten. „Wenn die Billigkeit erheischt, daß man die Personen schont, so erheischt doch die Frömmigkeit, daß man die Gefährlichkeit der Lehren zeigt; und gefährlich sind jene Lehren, welche gegen die Vorsehung eines allwissenden und allgercchten Gottes und gegen die persönliche Unsterblichkeit der Seele ankämpfen, um von anderen der Sitte und der Gesellschaft verderblichen Meinungen gar nicht zu sprechen." So schrieb Leibniz im Jahre 1704 in seinem reifsten philosophischen Werke: „Houvmmx essais sur l'airtLuäeuiout siumaiu". Was würde der Mann sagen, wenn er unsere heutige Zeitlage in Augenschein nähme, jene Cultur, auf die man doch ge- wisserseits mit so großem Stolze hinzuweisen beliebt?! — Schon in seinen ersten philosophischen Schriften zieht er gegen die seichte Freigeisterei loS und sucht die kirchlichen Lehren auch durch wissenschaftliche Beweisgründe sicher zu stellen. Er verfaßt eine Schrift gegen den Atheismus, eine solche zur Vertheidigung des Dreieinig. keitsgeheimnisses, und später sucht er die Gegenwart Christi im Altarssakrament zu beweisen. Um dieselbe Zeit schreibt er, daß er sein irdisches Leben anwenden wolle, um sich des zukünftigen zu versichern, und daß diese Sorge um seine Seele die vornehmste Ursache seines Philosophircns sei. Er kämpft namentlich gegen Peter Bayle, jenen noch lange nicht genug gewürdigten Franzosen, bei dem auch unser „großer" Lessing in die Schule ging. Den Verheerungen, die der Protestantismus auf allen Gebieten angerichtet hatte, mit Freimuth und Offenheit entgegenzutreten, das war eine Hauptaufgabe seines Lebens. Eben das macht uns Leibniz groß, daß er sich von dem traditionellen Haß gegen alles Katholische lossagte und sogar die Wiedervereinigung mit der alten Kirche anstrebte. Man will es Leibniz zum Vorwürfe machen, daß er bei seinen philosophischen Untersuchungen sich nicht ausschließlich auf das reine Denken stellte, wie etwa Spinoza und Kant, sondern so viel mit Dingen aus der katholischen Vorzeit liebäugelte. Ganz sicher hatte Leibniz eine höhere Meinung von der edlen Gottesgabe Vernunft, als etwa Martin Luther; aber daß man mit diesem Vermögen allein nicht landen könne, das konnte dem scharfsinnigen Kopfe nicht entgehen. Da kommt nun der famose Buddhist Arthur Schopenhauer und will in Leibnizens Ruhm einen Beweis dafür erblichen, „daß das Absurde am leichtesten in der Welt Glück macht"! Der „Frankforter" fand gewiß in seinem trostlosen Pessimismus nicht das, was Leibniz bei der göttlichen Osfen- 220 barung entdeckte; er hätte am wenigsten Ursache, seinem Philosophenneide Luft zu machen. Er gehört zu jener Klasse von Leuten, die unser Leibniz selbst also schildert: „Mit großer Rednergabe sprachen sie von der Erhabenheit und den sittlichsnden Wirkungen der Wissenschaft, und beschimpften sich dabei oft gegenseitig so, daß man hätte glauben können, man wäre unter einer aufgeregten Menge auf der Gasse." Die Betrachtung Leibnizens in theologischer und philosophischer Hinsicht drängt jedem den Gedanken auf: Nicht weiter auf der verwegenen Bahn! Zurück zum Alten und Guten! Möge man an seinem Jubiläumstage aus ihm machen, was man will, der moderne Protestantismus hat am wenigsten Ursache, sich seiner zu freuen. Die Formel, in die man Leibniz' Streben bringen könnte, müßte allein heißen: Das objective, historisch gewordene Christenthum, nicht subjektive, flug- sandartige Ansichten können die Menschheit retten! Die religiösen Orden und ihre Geschichte. l>. Von jeher haben es die „Kinder der Welt", die in ihrer Art meist klüger sind als die „Kinder des Lichtes", richtig erkannt, daß der Kirche durch Bekämpfung der religiösen Orden, sicher aber durch deren Unterdrückung der schwerste Schlag versetzt werden kann. Wirkt doch das Beispiel freiwilliger Entsagung erhebend auf Weltklerus und Laienthum, ebenso aber auch der Mangel eines solchen Vorbildes lockernd auf die priesterliche Disziplin und lähmend auf die Bethätigung des Glaubens unter dem Volke. Auch in der Gegenwart ist der Sturm auf die Orden allenthalben in vollem Gange, in Frankreich wie in Deutschland gehört die „Ordensfrage" noch nicht zu den beigelegten: dort sucht man ihnen die Lebensbedingungen zu entziehen, hier erringen sie sich erst mühsam und allmählig wider die eingewurzelten Vorurtheile ihre frühere wahlberechtigte Existenz, und noch immer ist dem unvergleichlichen, dem segensreichsten und anerkannter Weise auf der Höhe der Wissenschaft stehenden Orden, der Gesellschaft Jesu, kein Platz auf deutscher Erde gegönnt. Selbst in gut katholisch sein wollenden Kreisen herrscht über Orden und Ordensleben oft ein solcher Wirrwarr anerzogener oder durch Nomanlektüre eingesogener, verschrobener Ansichten, daß es kein Luxus ist, wenn der fruchtbare Schriftsteller L. v. Hammerstein >) aus der Gesellschaft Jesu im 65. Ergänzungshefte der hochgeschätzten „Stimmen aus Maria-Laach" das katholische Ordenswesen vom apologetischen Standpunkt aus einer eingehenden Besprechung unterzieht. Die Methode, welche auch den übrigen Schriften des beliebten Verfassers einen so außerordentlichen Erfolg verschafft hat, ist auch hier eingehalten: das Thema bewegt sich theils in Brief-, theils in Gesprächsform, vermeidet jede lehrhafte Trockenheit, geht dabei freilich nicht sonderlich tief, erfaßt aber desto wirksamer das Gemüth auch des widerhaarigen Lesers. Unter Beibringung reichen statistischen Materials erreicht das frisch geschriebene Buch seinen Zweck vollauf, das katholische Ordenswesen unserm Verständniß näher zu bringen, seine hohe sociale Bedeutung zu zeigen und die Unhaltbarkeit der gegen dasselbe erhobenen Beschuldigungen darzuthun. Der Verfasser zeigt uns trefflich den wahren Werth jener schreckhaften Schlagwörter von der „todten Hand", vom „unbedingten Gehorsam", von der trüben „Vereinsamung", der ungesunden „Weltflucht" und der „Vaterlandslosigkeit" der Klosterleute. Ein Blick anf die Missionen in und außer Lande, sowie auf die vorzüglichen Leistungen der Orden im Schulwesen genügt, um uns auch zu überzeugen, daß die Orden höchst zeitgemäß sind. „Das Ordenswesen, sagt der Verfasser geradezu, ist die Blüthe des Katholicismus, des Christenthums". Den Culturpankern milderer oder wilderer Tonart ist Hammerstcins Buch dringend zu empfehlen, aber auch bei Katholiken wird es die Verehrung, die das Volk mit Recht seinen Ordensmännern oft in so rührender Weise entgegenbringt, rechtfertigen und vermehren. Die beste Apologetik deS Ordenswesens ist jedenfalls dessen Geschichte. Mit Freuden begrüßen wir ein kürzlich erschienenes Werk des unermüdlich thätigen Bamberger Lycealprofessors Or. Max Heimbucher^), das uns in übersichtlicher Weise die Geschichte der katholischen Orden und Kongregationen in wissenschaftlicher Darstellung vorführt. Die Geschichte, sie allein gibt uns ja den richtigen und zuverlässigen Maßstab der Beurtheilung, sie bewahrt uns ebenso vor übertriebener, leichtblütiger Bewunderung wie vor überlegener Geringschätzung; sie läßt die Thatsachen sprechen, die uns Schritt für Schritt erinnern, daß auch innerhalb der Klostermauern die Menschen Menschen bleiben und ihre Leidenschaften durch Schleier und Kutten durchbrechen können, daß aber auch die Klöster Culturstätten allerersten Ranges sind, mit denen sich keine andere menschliche Civilisationsarbeit, sei es mit dem Schwert oder dem Pflug oder der Feder, auch nur im entferntesten wessen kann. Das treffliche Werk bildet den 10. Band der theologischen „wissenschaftlichen Handbibliothek" ; für jetzt liegt der erste Theil vor, ein zweiter Band, der in Bälde folgen soll, wird das Werk zum Abschluß bringen. Die Einleitung (S. 1—30) ist vornehmlich kirchenrechtlicher Natur und handelt vom Begriff eines Ordens, von der Einthcilung der Orden, vom Ursprung des Ordenslebens, von der Würdigung des Ordenswesens und endlich von der Literatur über Orden und Kongregationen. Da man im Juden- und Heidenthum, im Islam und besonders bei den Buddhisten Erscheinungen findet, die dem Mönchthum der christlichen Kirche ähnlich sind, so hat man von «katholischer Seite, wie zu erwarten, mit Vergnügen diese Aehnlichkeit nicht nur ganz besonders betont, sondern sogar einen inneren Zusammenhang (z. B. mit dem Buddhismus) construirt, um vor allem das katholische Ordensleben als unbiblischen, trüben und unnatürlichen Asketismus darzustellen und herabzusetzen. Daß man da weit neben das Ziel geschossen, sieht jeder, der offene Augen hat, um in der hl. Schrift die drastischen Warnungen vor „Augenlust, Fleischeslust und Hoffart des Lebens", vor der „Welt, die im Argen liegt" u. s. w. zu lesen; das dürfte wahrlich genügen, um den Drang erklären zu können, die „Welt und ihre Lust" zu fliehen, in abgeschiedener Entsagung sein Heil besser und sicherer „in Furcht und Zittern" zu wirken. Daß die Vergleiche mit dem anßerchristlichen, theilweise (wie in Tibet) hochentwickelten, ernsten Asketenthum von großem Interesse sind, soll damit nicht geleugnet werden; die von Heimbncher angeführte Literatur dient vortrefflich zur Einführung in das Studium derartiger Fragen. Der erste Abschnitt des Werkes handelt nun von den Anfängen ') Hammerstein L. v. (s. 1.), Das katholische -Ordens- 00^°' ^ ^ SS- Freibnrg i. B., Herder, 1896. 2) Heimbncher Max, Die Orden und Kongregationen der katholischen Kirche. I. Bd. 8°, X -s- 531 SS- M. 6,00; geb. M. 7,M. Padcrborn. Schvaiiigh, 1896. 221 des Ordenslebens bis ciuf den hl. Benedikt, nnd da ist es zunächst der Orient, von dem das Möuchthum ausgegangen und wo es überaus mächtig herangewachsen ist nnd mitunter bedeutend in die Kirchen- und Dogmengeschichte eingegriffen hat. Besonders zu nennen sind die ägyptischen Asketen und die heute noch bestehenden Ba- silianer; unter den großen Männern leuchten aber besonders hervor Paulus der Einsiedler, Antonins der Große und Basilius. Die Anfänge des abendländischen Mönch- thums hob der hl. Benedikt zu ungeahnter Blüthe und Bedeutung empor. Von dem Benediktinerorden und den übrigen Genossenschaften auf Grundlage der Benediktinerregel (Camaldulenser, Vallombrosaner, Grammontenser, Ctstercieuser, Trappisten, Karthäuser u. s. w.) handelt Heimbucher im zweiten Abschnitt, den der billig denkende Leser mit andächtiger Verehrung und Dankbarkeit lesen wird, denn hier haben wir ein Stück Culturgeschichte vor uns: keine andere kirchliche Institution ist für uns so segensreich geworden, wie der Benediktinerordcn, dessen Verdienste um Cultur und Wissenschaft gar nicht genug gepriesen werden können; heute noch zehren wir von dem Wirken dieser großen Pioniere der Civilisation. (S. 237 Z. 26 ist Bartolocci zu lesen!) Es folgt nun der dritte Abschnitt, welcher dem Franziskanerorden und seinen Abzweigungen gewidmet ist; auch die wichtigsten Lebensbeschreibungen des hl. Franziskus sind angeführt, darunter das neueste, herrliche und genußreiche Buch des Protestanten Sabatier. Der vierte Abschnitt gehört dem Augustinerorden in seinen vielfachen Gliederungen: Chorherren und Chorfraucn, Prämonstratenser, Trinitarier, Augustiner-Eremiten, No- laskcr, Servilen, Pauliner, Alexianer, Hicronymiten, Jesuaten, Barmherzige Brüder, Brigittinnen und Nrsu- linerinnen, Salesianerinnen s tutti gnanti. Der fünfte und letzte Abschnitt dieses ersten Bandes handelt vom Dominikanerorden. Die immens reichen Quellenangaben verrathen eine ganz ungewöhnlich umfassende Literaturkenntniß ; daneben finden wir aber bei dem Verfasser ein außerordentliches Gruppirungsgeschick, das Alles aus den rechten Platz zu setzen weiß, auf eben den, wo es der Leser sucht; diese wohlthuende Eigenschaft eines historischen Schriftstellers scheint selbstverständlich, ist jedoch in Wirklichkeit nicht gar zu häufig. Und welch unsägliche Geduld gehört dazu, das Quellenmaterial herbeizuschaffen! Wie viele Folianten mußten nachgeschlagen, wie viele mangelhafte Angaben mühsam ergänzt, wie viele Privatbriefe um Aufschluß an OrdenSlcute geschrieben werden! Ein Blick auf den bibliographischen Theil des Werkes wird das zu würdigen wissen. Was planvolle, übersichtliche Darstellung betrifft, kann diese Ordensgeschichte als Muster dienen und macht sie zu einem vorzüglichen, nicht leicht versagenden Nach- schlagebuch, das in unserer theologischen Literatur eine schon längst empfundene Lücke ausfüllt. Dasselbe wird dem praktischen Seelsorger, dem Theologen, wie dem Studireuden ein unentbehrliches Orientiruugsmittel sein theils zur näheren Belehrung über bekannte Orden, theils zur Auffindung von längst verschollenen religiösen Genossenschaften, deren Namen oft nicht einmal Mehr bekannt sind. So darf der Verfasser mit Befriedigung sein Werk betrachten, das in dem Rahmen, den er sich selbst gesteckt, das Mögliche geleistet hat und wohl auch unter den strengsten Kritikern keinen Bemängler finden wird; von besonderem Interesse wird der Schlußband werden, da er. neben dem Carmelitenorden und den neueren kleinen Kongregationen den Jesuitenorden eüst halten wird, dessen eminent fruchtbare wissenschaftliche Thätigkeit wir in einer reichen Bibliographie wiederge» spiegelt finden werden. Damit wird Heimbuchers Ordeus- geschjchtc, ein Werk beharrlichsten Fleißes, abgeschlossen als wahres „stanäarä stovst" den Bestandtheil einer jeden theologischen Bibliothek bilden; das hoffen wir nicht bloß, dessen sind wir gewiß. Privatinteresse und Gemeinwohl. Eine wirthschaftliche Studie. (Fortsetzung.) III. Von der Bedeutung des Waldes für das Gemeinwohl kommen wir zu dem Verhältnisse des übrigen Grund und Bodens zum Privatinteresse und zum allgemein--» Wohl, und damit zur Landwirthschaft. Grund und Boden läßt sich von dem Bebauer desselben nicht trennen; der ächte Bauer und die ächte Bauernschaft ist mit Grund und Boden gleichsam verwachsen. Der ächte Bauer betrachtet sein Besitzthum nicht als ein privates Ausbeutungs- und Spekulationsobject, sondern als einen ehrwürdigen Familicnbesitz, zu seiner und seiner Familie dauernder Existenz und dauerndem Wohlbefinden gegründet. Der wahre Bauer veräußert den von seinen Ahnen ererbten Besitz nur in der äußersten Zwangslage, und es ist daher Aufgabe der Gesetzgebung, die willkürliche und spekulative Veräußeruuv der bäuerlichen Güter in jeder Weise zu erschweren. Der bäuerliche Besitz darf niemals vom Standpunkte des freien Individuums und des Kapitals aus betrachtet werden. Die Individuen, die Personen wechseln, Grund und Boden mit dem Familienstamme bleiben. Der bäuerliche Besitz muß mehr Familienbesitz als persönlicher Besitz sein. Mit dieser Auffassung des Bauerngutes als eines untheilbaren Familienbesitzes hängt auch eine Einrichtung zusammen, welche vielfach als eine der höchsten socialen Ungerechtigkeiten betrachtet wird, welche aber trotz alledem in hohem Grade das allgemeine Wohl der Bauernschaft bedingt, und die auch so recht das Verhältniß vom Privatinteresse zum Gemeinwohl beleuchtet: das Recht der Primogenitur. Statt eigener Ausführungen wollen wir hier einen Abschnitt aus einem höchst bcachteuswerthery in den „Stimmen aus Maria-Laach" erschienenen Aufsatz, „Pflichten und Schranken des Eigenthums" von H. Pesch 8. st., rcproduziren. Der gelehrte Verfasser schreibt im Jahrgang 1895 6. Heft: „Bei manchen Völkern, z. B. den Israeliten, den Deutschen im Mittelalter, bestand der gesetzliche Brauch, den Erstgebornen gewisse Privilegien binsichtlich der Erbfolge zu gewähren. Die französische Revolution räumte principiell mit dem Rechte der Erstgeburt auf. „Voraussetzung für die Berechtigung einer solchen Einrichtung bleibt jedenfalls, daß in gebührender, der Billigkeit entsprechender Weise für Erziehung und Unterhalt der übrigen Kinder genügende Fürsorge getroffen sei. „Ist diese Bedingung erfüllt, so sprechen in der That gewichtige Gründe für das Recht der Primogenitur. „Bei gleicher Theilung nämlich wird unmöglich der Familie jene wirthschaftliche Stellung gewahrt bleiben können, welche für ihre bürgerliche und politische Stellung die unentbehrliche Grundlage bildet. Alle Vortheile, die au? einer gewissen Stabilität, der leitenden preise für W das Gemeinwesen erwachsen, würden also in Wegsall kommen. „Aber nicht bloß für die leitenden Kreise, auch für das gewöhnliche Bauerngut empfiehlt sich in gewissem Umfange die Primogenitur oder das ,Anerberecht', wie es das im April 1894 dem deutschen Reichstage vorgelegte ,Heimstättengesetz' im Interesse der Landwirthschaft forderte. Die Heimstätte ist unthcilbar und durch Erbgang im Falle des Vorhandenseins mehrerer Erben nur auf einen derselben, den Anerben, übertragbar. Bezüglich der Veräußerung, namentlich aber der Verschuldung (die Hälfte des Werthes als Verschuldungsgrenze, Verschuldung nur in amortisirbaren Renten oder Annuitäten zulässig), werden gewisse Schranken errichtet. Die Heimstätte gewährt dem Bauernstande größere Festigkeit und wirksamern Schutz gegen die Uebermacht des mobilen Kapitals. Ueberdies beruht die Forderung nach Errichtung von Heimstätten auf dem durchaus richtigen Princip, daß Eigenthum an Grund und Boden vornehmlich in der Rücksicht auf die Familie seine natur- rechtliche Begründung besitzt. „Die Erfahrungen, welche Frankreich mit der gleichen Theilung gemacht hat, lehren sodann, daß dieses System die Gefahr der V olksverminderung im Gefolge hat. Die Eltern fürchten eine zahlreiche Nachkommenschaft, auf welche sich ihr Vermögen nur in geringen Portionen vertheilen würde. „Mag ferner auch die Lage deS einzelnen nachgc- borncn Kindes für den Augenblick als eine bessere erscheinen, wenn es seinen Kopftheil an dem elterlichen Nachlasse erhält, der Vortheil ist auf die Dauer geringer, als man bei oberflächlicher Betrachtung glauben Möchte. Zunächst für die Nachkommenschaft in ihrer Gesammtheit. Nach drei oder vier Generationen werden die meisten Familienglieder der Dürftigkeit anheimgefallen sein. Auch das einzelne nachgeborne Kind verliert jenen mächtigen Rückhalt an der Familie in Zeiten der Noth und in den mannigfachen Wechsel- füllen des Lebens. Werden speciell die Töchter, wo das System der Primogenitur herrscht, von der Erbschaft ausgelassen, so finden sie zum Theil einen Ersatz in dem Vermögen ihres Gatten, das eben durch jenes System eine Steigerung erfährt. Ueberdies hindert diese Erbfolge ein Vorherrschen des finanziellen Elementes beim Abschluß der Ehe. Die Gattin wird ihrer persönlichen Eigenschaften wegen gesucht, geschätzt, geliebt. Die Ehe bewahrt ihren hohen sittlichen Charakter, während sie heute vielfach zum Handelsgeschäft degradirt ist. „Die Feindschaft gegen alle Primogeniturrechte, Stammgütcr, Heimstätten u. dgl. entspringt dem individualistischen Liberalismus, der sich hier wieder als Engel des Lichtes aufspielt, von der ,natürlichen Billigkeit', von den ,Gefahren der Concentration des Besitzes' u. dgl. gar lieblich zu reden weiß. In der That aber bildet ein richtig durchgeführtes Primogeniturshstem einen festen Damm gegen die furchtbarste aller Coucenira- tionsarten, die kapitalistische, welche der Liberalismus uns gebracht hat." Es gibt wenig kurzsichtigere Auffassungen als die vielfach vertretene Anschauung, die gleiche Erbiheilung an Grund und Boden fei ein selbstverständlicher Akt socialer Gerechtigkeit und bedinge das künftige Wohlergehen der Erben. Das Umgekehrte ist, wie I>. H. Pesch 8. ll. ausführt, die Regel. Grund und Boden ist dem Menschen nicht gegeben, daß er ihn nach persönlicher Willkür zerstückle, sondern daß er ihn für Familie und Gesellschaft bebaue. Damit wollen wir indeß dem Großgrundbesitz in keiner Weise das Wort reden. (Schluß folgt.) Zur Manritiusfrage. Von Adam Hirschmann, Piarrer in Schönseld. (Schluß.) Was nun den Gang der historisch-kritischen Untersuchung bei Berg anbelangt, so berichtet er S. 15—2? den Thatbestand nach den Angaben des Eucherius; daran reiht sich der erweiterte Bericht eines ungenannten Mönches aus Agaunum, gegen 520 verfaßt (S. 23—24), welches die Episode des hl. Mauritius mit dem Bagaudenauf- stande in Verbindung bringt, während Eucherius die Zeit der Vernichtung der christlichen Thebäer unbestimmt läßt. Sehr ausfallend hat uns die Frage Bergs geschienen: Warum haben sich die Thebäer, wenn sie wirklich so zahlreich waren (S. 26), nicht mit den Waffen in der Hand gewehrt gegen den Blutbefehl des rohen Maximian? Mit gleichem Rechte könnte man fragen: Warum haben sich die äußerst zahlreichen Christen am Hofe Diokletians nicht mit bewaffneter Faust der Exekution der Verfolgungsedikte entgegengestellt? Das christliche Gewissen gestattet eben in beiden Fällen keinen aktiven Widerstand. Dann werden die Angriffe der Magdeburger Centuria- toren, Spanhsims, Dubourdieus gegen die eucherianische Passion, das Schweigen des SulpiciuS Scverus, des Laktantius (hier hätte die Ansicht Brandt's, daß der Verfasser des Buches Os inortibns psrsaoutornin nicht Laktantius, sondern ein nikomedischer Nhetor oder Advokat gewesen sei — Sitzungsberichte der Wiener Akademie, phil.-histor. Kl. 6XXV, 1891; Neue Jahrbücher für Philol. u. Pädagog. Bd. 147 s1893j, 121, 203 —berücksichtiget werden sollen) und des Eusebius besprochen. Aber wenn auch diese Historiker schweigen, so erhebt sich doch als „gewichtige, unverdächtige, ob auch stumme Zeugin die zu Ehren der Märtyrer in Agaunum zwischen 350 — 390 erbaute Basilika (S. 39). Auch Viktor von Marseille, wo Maximian am 18. Juli 303 von Afrika zurückkehrend landet, ist ein gewichtiger Zeuge für di Wahrheit des eucherianischen Berichtes (S. 42). So ha sich denn, faßt Berg (S. 44) die gewonnenen Resultat der Untersuchung zusammen, bisher nur ein zweifache) als unzweifelhaft ergeben: erstens, daß etwa in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts in Agaunum eins Kirche, bald auch ein Kloster des hl. Mauritius bestand, daß seit dem 5. Jahrhundert Pilger dahin wallfahrietcn und der Cult der Märtyrer zu wachsender Blüthe gedieh, und zweitens, daß die Geschichte ihres Martyriums nicht unmittelbar, nachdem sie geschehen, von Augen- oder Ohrenzeugen, sondern zum ersten Male fast 150 Jahre später berichtet wird. Nun hätte man erwarten sollen, daß Berg seine Abhandlung schließe mit dem Endurtheile, ob die vorgebrachten schriftlichen und monumentalen Zeugnisse genügen zur historischen Glaubwürdigkeit der Tradition, oder ob der Bericht des Erzbischofes Eucherius von Lyon in das Reich der Fabel zu verweisen sei. Statt dessen aber nimmt der Verfasser den Faden von neuem auf; so wirft er die Fragen auf: Gab es damals eine thermische Legion? War dieselbe aus christlichen Soldaten, ganz oder überwiegend, zusammengesetzt? Gehörte siezn den Gardetruppen? Wurde sie zur Verfolgung von Christen gebraucht? Wurde sie wegen Nichtantheilnahme an heidnischen Opserfesten bestraft und vollständig aufgerieben? Da es thöricht von Maximian gewesen wäre, eine ganze Legion, mochte sie auch nur 1000 Mann zählen, zu vernichten, so ließ er die christlichen Oberoffiziere hinrichten und vielleicht auch die Legion deci- miren; dann löste er sie auf und steckte die Soldaten in größeren und kleineren Abtheilungen in andere Legionen und Garnisonen (S. 62). Aber für diese Annahme Bergs fehlen in dem Berichte des Eucherius jegliche Stützpunkte; die Glaubwürdigkeit dieser ältesten Passion des hl. Mauritius und seiner Genossen schmilzt auf ein Minimum herab. DaS Ercigniß selbst wird auf den 22. September 302 verlegt (S. 68). Ueberblicken wir noch einmal die kirchengeschichtliche Studie des Oberpfarrers von Pyritz über den hl. Mauritius und die thebäische Legion, so müssen wir sagen: der Arbeit fehlt die logische Aneinanderreihung der einschlägigen Materien. All die Fragen nach S. 46 über die Existenz einer christlichen Legion aus Thebüern zusammengesetzt, über die Ursache der Decimirung und schließlichen Vernichtung derselben, über die Zeit dieses Vorkommnisses hätten schon im Anschlüsse an die Untersuchungen über die Legionsverhältnisse zur Zeit des Kaisers Diokletian (S. 26), über den Bagaudenaufstand (S. 27) in Behandlung gezogen werden sollen. Am Schlüsse vermißt man ein cudgiltiges Urtheil. Die Hauptfrage über das Martyrium des hl. Mauritius und seiner Genossen bildet immer die Untersuchung über die Echtheit des Berichtes von Eucherius. Ist dieser als echt und glaubwürdig anerkannt, so ist er nach den Regeln der historischen Kritik zu erläutern. Auch Wotke, der neueste Herausgeber der sämmtlichen Werke des Erzbischofes von Lyon, hat die Autorschaft des Eucherius an der Passion der agaunensischen Märtyrer nicht in Abrede gestellt (volles, I-. Luoliarii Inr§ännensi3 op>. omnia, in vol. XXXI p. 163—173 des 6ori)U8 Vorixb. eeales. tat. cci. Vinäoston. ^.ea- üainiaa 1804), wenn er auch es für wahrscheinlich erachtet, daß Eucherius eine ältere schriftliche Vorlage überarbeitet habe, die er von dem Bischöfe von Genf erhalten haben mochte (I. v. p. XXII). Wird aber die Glaubwürdigkeit des eucherianischen Berichtes in Abrede gestellt, so erhebt sich sofort die andere Frage: Wie entstand in dem Engpässe zu Agauuum die Verehrung the- bäischer Soldaten? Wie gelangten die äußerst zahlreichen körperlichen Ucberreste in jenes abgelegene Walliser Alpen- thal? Wie erhob sich schon gegen 350 n. Chr. über den Reliquien der Thebüer eine Kirche, der gar bald ein Kloster folgte? Wie konnte eine solche ausgebildete Tradition sich an Ort und Stelle erhalten, wenn sie grundlos gewesen? Darum gibt es nur eine doppelte Wahl: Entweder wird die eucherianische Recension als historisch glaubwürdig angenommen und erklärt, oder die ersten Bischöfe des Walliserlandes, Jsaak von Genf, Theodor von Mariigny, waren Betrüger, welche den frommen und gelehrten Erzbischof von Lyon in die Irre führten. Ist dieser Vorwurf gegen hochverdiente Männer historisch berechtigt, sittlich erlaubt? Gewiß nicht. Darum ist das Martyrium des hl. Mauritius und seiner Genossen geschichtlich festzuhalten. Recensionen und Notizen. o Jungst erschien im Verlage der kaiserlichen und königlichen Hoshuchhandlnng von Leo Wort i» Würzhurg in zweiter. neugcarkeitetcr Auflage ein Commentar zum Buche Judith und in Verbindung damit ein zum ersten Male veröffentlichter Cowmentar zu der Erzählung von Bel undDrache von Dr. Anton Scholz, Professor an der k. Universität daselbst. Der Verfasser trägt den in der Encyklica »krovulon- rissimus Dons- ausgesprochenen kirchlichen Grundsätzen in jeder Beziehung Rechnung; seine beiden Commentare sind nach allen Regeln der biblischen AuslegungSkunde und Kritik bearbeitet und verdienen so in Wirklichkeit in weiteren Kreisen bekannt und den Liebhabern wissenschaftlicher Bibel-Erklärung empfohlen zu werden. Dem Buche ist, S. III—XV, eine schneidige und einschneidende Vorrede vorangestellt, in welcher der Verfasser seine kritisch-exegetischen Grundsätze und Resultate als mit dem obengenanntcn päpstlichen Rundschreiben vom 18. Nov. 1893 vollkommen übereinstimmend darlegt, die Vorurthcile gegen seine Erklärung und prophetische (apokalyptische) Auffassung der alttcst. Bücher Tobias, Esther und Judith als unbegründet erweist und die Einwände seiner Gegner einer vernichtenden Kritik unterstellt. Der Vorrede folgt, S. XVI—XL, zunächst die Einleitung zum Commentare zu Judith. Dieselbe gibt Aufschluß über den Inhalt des Buches nach dem griech. Texte, über die kritische Beschaffenheit und das Verhältniß der verschiedenen griechischen und lateinischen Textcszcugen, über die beiden in hebräischer Sprache geschriebenen Midraschim, über die besondere Geschichte des Textes, über die im Buche vorkommenden Namen, über den prophetischen (apokalyptischen) Sinn, über den durch die Geschichte des Textes beeinflußten Stil und die Sprache des BnchcS und endlich über dessen Berührungen mit dem Neuen Testament. Der Commentar zu Judith selbst, welcher der höchst instructiven Einleitung, S. 2—196, unmittelbar sich anschließt» ist ein beredtes Zeugniß von eminenter Begabung und besonderer Geschicklichkeit, die von der wirklichen AuSlcgung geforderte Kritik in unvergleichlicher Weise zu üben. Dabei aber wird das Eine Ziel einer jeden Erklärung, den wahren Sinn des Buches aus diesem selbst d. h. im vorliegenden Falle aus den so verschiedenartig überlieferten Texten aufzufinden, keinen Augenblick außer Acht gelassen. Auch merkt man an dem Gange der fortschreitenden Erklärung, daß cS dem Erklärer allen Ernstes nur darum zu thun ist, das Buch in Wirklichkeit zu erklären. Der nun folgende Commentar, S. 197—233, zu der Erzählung über Bel und Drache ist nach denselben kritischen und exegetischen Grundsätzen gearbeitet und verfolgt in derselben consequenten Weise sein Ziel wie der zum Buche Judith. Den ersten Anhang bilden, S. II —OXXIII, verschiedene Textcszcugen zum Buche Judith, welche in ihrem überlieferten Umfange in griech., latein. Sprache oder in deutscher Ucbersetznng in vier Colnmncn nebeneinander abgedruckt sind, und zwar enthält Columne I den Sixtinischen Text, Col. II den Codex 71, Paris. I, Col. III die Vulgata und Col. IV den großen hebräischen Midrasch in deutscher Ucbcrsctznug. Diesen merkwürdigen Texten zu Judith folgen, S. 6XXIV—6XXXI, die griechischen Texte des Theodotion und der Septuaginta zu der Erzählung über Bel und Drache. Als zweiter Anhang ist, S. 6XXXV—OL, als Vertreter der vulgata antigua der lat. Lost. kaoluanns abgedruckt und die deutsche Ucbersetznng des kleinen hebräischen Midrasch zum Buche Judith beigefügt. Diese Beigaben der Texte ermöglichen es, daß der Leser, wenn er will, durch bloßen Augenschein ihr eigenartiges Verhältniß zu einander hinsichtlich des Umfangs und der nicht seltenen Abweichungen kennen lerne und verfolge. Die Sorgfalt aber, mit welcher der Commeniar im Ganzen gedruckt ist, und die saubere Form, in welcher er sich rcpräscntirt, deuten äußerlich schon die Noblesse und Accuratesse an, mit welcher er vom unermüdlich schassenden Autor ausgearbeitet wurde. -ü- Vor Kurzem erschien das 42. Heft der Augsburger BisthumSgcschichte. Mancher Abonnent mag bei der Durchsicht desselben etwas enttäuscht gewesen sein, da es sich nicht als FortsetzungS-, sondern als NachtragSheft erwies. Dasselbe enthält nämlich nicht, wie zu erwarten war, die Einleitung zur Beschreibung des Kapitels Kausbeurcn, sondern die Register zu Bd. 2 u. 3 des genannten Werkes. ES ist aber einleuchtend, daß in erster Linie für Herrn I)r. Schröder, den Fortsetze! des Stcichcle'schcn Werkes, Register zu den früheren Bänden unumgänglich nothwendig sind, nur fortwährendes, zeitraubendes und vielleicht doch rcsultatloseS Suchen nach etwaigen früheren Angaben über Personen, Orte und Ereignisse, die erst jetzt zur genaueren Darstellung gelangen, zu vermeiden. Die sorgfältig gearbeiteten Register ermöglichen ihm ein rasches und genaues Ausfiudcn der von seinem Vorgänger gewonnenen ForschungS- resultatc auch dann, wenn dieselben zerstreut in den einzelnen Bänden sich vorfinden sollten. Ebenso sind aber auch für den Leser und Benutzer deö Werkes Register von unschätzbare!», Werthe. Herr Archivrath vr. Banmann in München schrieb in dieser Hinsicht nach Erscheinen des mit Register ausgegebenen 5. Bandes in den Historisch-politischen Blättern (Bd. 116, S. 440): „Schröder ließ sich die große Mühe nicht verdrießen, dem 5. Bande ein genaues sorgfältiges Register beizugcben, und verheißt auch zu den früheren Bänden solche nachzuliefern. Damit verdient er ganz besonderen Dank, denn solche Werke sollten nie und nimmer ohne Register ausgegeben werden. Erst durch Register werden große Werke eigentlich zugänglich; deßhalb sollte kein umfangreicheres Buch ohne Register gedruckt werden. Es ist beinahe eine Rücksichtslosigkeit den Benutzern gegenüber, Werke von mehreren Bänden ohne Register erscheinen zu lassen. Daß diese Unterlassungssünde trotzdem immer wieder begangen wird, hängt mit der überaus großen und noch dazu eintönigen Mühe, ein gutes Register herzustellen, unläugbar zusammen ; um so mehr Lob schulden die Leser und Bcnützer einem Autor, der dieser Pflicht gewissenhaft nachkommt." Das noch ausstehende Register zum 4. Bande wird jedenfalls im nächsten Hefte zugleich mit der Einleitung zur Beschreibung des Kapitels Kausbeuren erscheinen. -s- Bürgerliches Gesetzbuch. Eine corrccte und handliche Text-Ausgabe des Bürgerlichen Gesetzbuches (mit Register) zu dem sehr billigen Preis von 2 M. 50 Pf. für das 40 Bogen starke gebundene Exemplar kündigt der C. H. Bcck'sche Verlag in München als demnächst erscheinend an. Für denselben Verlag ist auch eine Ausgabe mit Anmerkungen in Vorbereitung, bearbeitet von den RegierungSräthcn im K. B. StaatSministerinm der Justiz Henle und Schneider, in Verbindung mit Universitätsprofcssor Otto Fischer in Breslan. ; Diese Ausgabe soll ebenfalls alsbald nach der Verkündigung dcö Gesetzbuchs im Neichsgcsetzblatt in 1 Band complct und gebunden erscheinen und nicht mehr als ca. 6 M. 50 Ps. kosten. Apologie des Christenthums. Von Or. Hettinger. 7. Aufl. Verlag von Herder in Frciburg. * Von dieser Lieferungsausgabe des berühmten Werkes, welches von dem Straßbnrger Professor der Theologie, Dr. Engen Müller, herausgegeben wird, liegen bis jetzt 8 Lieferungen vor, das 8. Heft beschließt die Serie der 18 Vortrüge mit dem Vertrag über die Person Jesu Christi und eröffnet die weitere Serie von Vortragen mit dem ersten, der sich „Grund- und Aufriß" betitelt und über Geist und Kraft, die Frage der Menschheit und die Antwort der Menschheit, die Vorsehung, Dualismus, Pantheismus, Princip der christlichen Sitte u. a. m. handelt. Tiefe der Gedanken und Schönheit der Sprache zeichnen Hettingers Apologie, die in keiner gebildeten katholischen Familie fehlen sollte, in hohem Maße aus. Der Herausgeber hat seinerseits in den „Bemerkungen" zu den einzelnen Vortrügen trefflich für jene Ergänzungen gesorgt, welche das Werk auf die Höhe des heutigen Standes wissenschaftlicher Forschung stellen. P. Hermann Korn 0. 8. b'r., Seraphischer Stcrnen- himmcl, d. i. Lebensbeschreibung der Heiligen, Seligen und anderer Mitglieder des III. Ordens vom hl. Fran- ziskus, welche im Ruf der Heiligkeit verschieden. Neu bearbeitet und herausgegeben von vr. Engelbert Hosele, Priester der Diöcese Nottenburg, päpstlicher Hausprälat. Vollständig in 20 Lieferungen ü 40 Pf. Negcnöburg, Nationale Verlagsanstalt. 1896. * Der Seraphische Sternhimmel, eine Legende für alle in Kloster und Welt, besonders für die Mitglieder des III. Ordens und die es werden wollen, erscheint erstmals illustrirt und enthält gegen 200 Abbildungen, darunter 12 prächtige Farbendruckbilder. Besonders anziehend sind für uns die schwäbischen, bayerischen und überhaupt deutschen Heiligen und Seligen des dritten Ordens, daher sind auch vom Herausgeber Lebensbeschreibungen solcher theils neu eingeschaltet, theils ergänzt und erweitert worden. Der „Sternenhimmel" enthält für jeden MvnatStag das Lebensbild einer heiligen oder seeligen Person und daran anschließend eine Betrachtung, und ist geeignet, im Geiste des hl. FranziSkus viel Gutes zu wirken. Liiizcr thcol.-praktische Qnartalsckrift. Jahrgang 1896. Expedition: Linz, Stisterstraße Nr. 7. Preis pr. Jahr 7 M. Inhalt des 3. Heftes: Ein Vierteljahrhundert nach dem Jahre 1870. Von Pros. ?. Albert M. Weiß 0. kr. in Freiburg (Schweiz). — Die Erhaltung und Verwaltung des kirchlichen Immobiliarbesitzes. Von Domcapitular vr. Mathias Hohler in Limbnrg an der Lahn. — Zur Lösung des apo- calyptifchen Räthsels. Von Universitäts-Profcssor Dr. Bernhard Schäfer in Wien. — Wer hat von den Socialdemokraten Rettung zu hoffen? Von Victor Cathrein 8. I. im Jgnatius- Collcg bei Valkenburg (Holland). — Das Mcnsnrunwesen an den modernen Universitäten. (Ein Beitrag zur Behandlung dieser Frage im Religionsunterrichte an Gymnasien.) Von I. B. May, Pfarrer in Hambach. — Die Bergpredigt nach Matthäus (Cap. 5, 6, 7). Von A. Riesterer, Pfarrer in Müllen (Baden). — Der hl. FranciScus von Assist und die Wissenschaft. Von ?. Joseph a Leonissa 0. Oap. in Neu- Oetting (Bayern). — Bilder aus der Seclsorge. Gezeichnet von Mathias Rupertsbergcr, Pfarrer in Niederrana (Nieder- österreich). — Ueber Hauschroniken. Von I. M. — Waffen im Kampfe gegen den Socialismus. Dargereicht von Ich. Lang- tbaler, reg. Chorherr und Stiftshosmeister in St. Florian (O.-Oe.). — Pastoral-Fragen und -Fälle: 1) Durch kleine Diebstähle zu einer erheblichen Summe. Von Pros. Augustin Lehmku hl 8. ck. in Exaetcn (Holland). 2) Die kirchlichen Ehe- gesetze und die Nichtchristen. Von vr. Fr. A. Goepsert, Uni- versitäts Professor in Würzburg (Bayern). 3) Ein treuloser Bräutigam bestraft. Von M. H. 4) Kanu das Testament eines Selbstmörders, betreffend ein Messen-Stiftuugslcgat, cxeguirt werden? Von Dr. Ant. Brychta, Domcapitular in König- grätz (Böhmen). U. s. w. Nepertorinm der Pädagogik. Herausgegeben von Oberlehrer I. B. Schubert. Verlag der I. Ebner'schen Bucbbandlung in Ulm. (Preis 5 Mark 40 Psg. für 12 Monatshefte.) Das 9. Heft des SO. Jahrganges enthält u. A. einen Gc- denkartikel über Joach. Heim. Campe, Aufsätze über die Lehrer- gestalten der Jean Paul'schcn Muse, über Entwicklungsgeschichte deS deutschen LehrerstandcS seit 1800 u. a. m. Katech etische Blätter. Zeitschrift für NeligionÄchrcr. Zugleich Corrcspondenzblatt des Canisius-Katcchetcn- Nercins. Herausgegeben u. redigiert von Pfarrer Frz. Walk, Bcnesiziat zu GaimcrSheim (Oberbayern). Keuchten, Verlag der Jos. Kösel'schcn Buchhandlung. Preis pro Jahrgang (12 Hefte) M. 2,40. Das 6. Heft des 22. Jahrg. enthält u. A. den Abschluß von „Die sociale Bedeutung des Religionsunterrichtes in der Volksschule" von Lehrer H. Aals, einen Artikel zur Katechismusfrage in Bayern u. A. Philosophisches Jahrbuch. Auf Veranlassung und mit Unterstützung der Görrcsgescllschaft herausgegeben von Dr. Const. Gntberlet. Verlag der Fuldaer Akticn- Druckerei. IX. Jahrgang. 1. Heft. Inhalt: I. Abhandlungen. V. Cathrein 8. ck., Worin besteht daS Wesen des sittlich Guten und dcö sitttlich Bösen? L. Schütz, Der HhpnotiSmns. (Forts.) C. Gut- bcrlct, Ist die Seele Thätigkeit oder Substanz? (Schluß.) B. Paquö, Zur Lehre vom Gefühl. (Forts.). — II. Recensionen u. Referate. Oursns plftlosopliieus: 0. trieft, DoZica, u. Ontologie!.; II. Heran, llliilosopliia natnralis, von I. W- Aren hold. Beiträge zur Geschickte der Philosophie des M.-A.: M. Baumgartner, Die Erkenutnißlchre des Wilb. v. Auvcrgne; M. Doktor, Die Philosophie deS Josef (ibn) Zaddik, von I. A. Endres. L. Loireeo, I-'iüea ün pllßuomöns, v. F. T. Pfeifer. I. Müller, Das Wesen deS HumorS, von C. Gntberlet. P. Schanz, Apologie des Christenthums (2. Auflage) I., von A. Ottcn. A. Stöckl, Lehrbuch der Apologetik, v. demselben. G. Louis, Thomas Morus und seine Utopia, von B. Adlhoch 0. 8. B. — A. Nossig, Ueber die bestimmende Ursache dcö Pbilosophirens, V. demselben. Pbvzl-Lrülll, I-a. xliiloeoMs üs lacodi, von A. Ottcn. L. lll. Oinmor, I/amitiS, von C. Gut- berlet. T. Pesch 8. I., Christliche Lebensphilofophie, von I. D. Schmitt. — III. Zcitschriftcnschau. — IV. No- vitätenschau. — Miscellen und Nachrichten. Berichtigung. In dem Artikel der letzten „Beilage" Nr. 27, „Privat- interesse und Gemeinwohl", hat sich Spalte 1 Absatz 2 Zeile 8 von oben durch Auslassung von 2 Worten ein siunstörender Fehler eingcschlickcn. ES muß nämlich statt „die einseitige Förderung dcö Wohlbefindens der Gesellschaft" heißen: „die einseitige Förderung des Privatinterefses das Wohlbefinden der Gesellschaft" n. s. w. Verautw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. «Vl-. 29 17. Juli 1896. Friedrich Nietzsche. Ein Antichrist der Gegenwart. Von Joseph Popp. II. Fr. Nietzsche's Ideen. Wir haben in Nietzsche's Geistesleben zwei Perioden angenomuien, eine der Gesundheit und eine der Krankheit. Wir haben diese Auffassung psychologisch zu begründen gesucht und wollen sie jetzt noch durch eine Gegenüberstellung ihrer schriftstellerischen Ergebnisse erweitern und festigen. In der Zeit seiner körperlichen und geistigen Frische sind Nietzsche's Vorbilder und Lehrer Schopenhauer als Philosoph, Wagner als Künstler; beide bewundert er blind und versucht auf Grund von deren Welt- und Kunstanschauung die altgriechisch- Cultur, die nach echter Philolvgenart sein Höchstes ist, zu begreifen und zu erklären — Nietzsche geht ganz in dieser antiken Geistes- wclt auf, die er sich noch dazu nicht objectiv, sondern subjeciiv anschaut, d. h. nicht wie sie war, sondern wie er sich dieselbe träumte und wünschte. Daher auch dieser Ekel au der modernen Cultur, deren vernichtender Kritiker er geworden ist. „Die Geburt der Tragödie" und die vier sog. „Unzeitgemäßen Betrachtungen" sind das Produkt jener Geistesrichtung. „Die Geburt der Tragödie" ist ein genialer, wenn auch mißglückte- Versuch, die griechische Tragödie aus dem Wesen des blühenden hellenischen Volksthumes zu erklären. Nietzsche hat mit diesem Jugendwerk einen neuen Weg zur Welt der Griechen gefunden und zeigt sich gerade hierin in seiner glänzendsten Eigenschaft als feinsinniger Culiurpsychologe, zu dessen klassischer Vollendung er freilich zu viel Dichter war. Noch mehr als durch diese Schrift verstieß Nietzsche durch seine „unzeitgemäßen Betrachtungen" gegen die öffentliche Meinung. „Unzeitgemäß, das heißt gegen die Zeit und dadurch auf die Zeit und hoffentlich zu Gunsten einer kommenden Zeit" will er darin wirken. Die vier Bände dieser Betrachtungen handeln über: „David Strauß, der Bekenner und Schriftsteller." — „Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben." — „Schopenhauer als Erzieher." — „Richard Wagner in Bayreuth." Die verdienstvollste Arbeit Nietzsche's ist ohne Zweifel jene über Strauß, welchen Nietzsche bis zur Vernichtung bekämpft; vor allem kritisirt er dessen vielgelesenstes Buch „Der alte und neue Glaube". Mit schonungsloser Satire werden alle Schwächen des Werkes behandelt und das Ganze stilistisch, logisch, in Bezug auf wissenschaftliche Methode und Haltbarkeit der Resultate an den Pranger gestellt. Strauß' ganzes System reißt Nietzsche wie ein Kartenhaus nieder, und der gepriesene Theologen-Apostat erscheint am Schluß als ein erbärmlicher Stümper: Strauß kein ernster Forscher, kein klassischer Schriftsteller, kein bahnbrechender Geist, als der er bis dahin gegolten, sondern ein Lobredner der trivialsten Alltäglichkeit, ein epigonenhafter Nachbeter, ein moderner „Bildungsphilister", welcher nicht im Faust'schen, nicht einmal im Lesflng'schen Suchen nach Wahrheit seine Aufgabe sieht, sondern der in dem schamlosen Philisteropümismus, in dem behäbigen, bequemen Festhalten des von den großen Männern der Vergangenheit gefundenen Culturideals seine Befriedigung findet und anderen anpreist. Die zweite Betrachtung geht der historischen Bildung der Gegenwart zu Leibe; Nietzsche sieht darin ein „Zuviel" und damit eine Gefahr für daS Geistes-Leben. Die dritte „Unzeitgemäße" behandelt Schopenhauer. Wer in dieser Schrift eines enthusiasmirten Schüler- eine gründliche Belehrung und Aufklärung über die Bedeutung des Meisters, seine Weltanschauung, seine historische Stellung, ja über seine eigentliche Wirkung als Erzieher wünscht, wird überrascht, wird enttäuscht sein. Aus den Weihrauchwolken, die vor dem Antlitz des Gefeierten aufqnalmen, blicken uns zuweilen die Züge — Nietzsche's entgegen; es ist nicht der Schopenhauer der Wirklichkeit, der uns hier geschildert wird, sondern jener, welchen der schwärmerische Jünger sich vorstellt. Die Arbeit über Wagner preist in überschwäng- lichster Weise dessen Musik, gehört aber nach dem Urtheil der Kenner zum Tiefsten und Besten, was seit Liszts epochemachenden Aufsätzen über diese Kunst geschrieben wurde. In den „unzeitgemäßen Betrachtungen" tritt Nietzsche als begeisterter Freund der griechischen Cultur gegen unsere moderne Cultur aus, die er bis in ihre innersten Herzens- günge kennt, bloßlegt und preisgibt. — Da tritt mit ! cm Hereinbräche seines schweren physischen Leidens auch der Umschwung im Geistesleben ein. Das erste Werk dicstr zweiten, philosophischen Periode ist Voltaire gcwidm und trägt den bezeichnenden Titel „Morgenröthe" mit dem Zusatz: „Gedanken über die moralischen Vor- urthcile". Voltaire, der Freigeist pur sxealleiros und Patriarch des Atheismus, ist der rechte Patron für c ne Philosophie, welche gegen alle bisherigen Weliansch. >?- ungen Sturm läuft und ihr Programm also entwickelt: - „Wir wollen nicht wieder zurück in das, was uns alS überlebt und morsch gilt, in irgend etwas „Unglaubwürdiges", heiße es nun Gott, Tugend, Wahrheit, Gerechtigkeit, Nächstenliebe; wir gestatten uns keine Lüge,>- brücken zu den alten Idealen, wir sind von Grund aus allem feind, was in uns vermitteln und mischen möchte, feind jeder jetztigen Art Glauben und Christlichkeit, feind dem Halb und Halben aller Romantik und Vaterländerei feind auch der Artisten-Genüßlichkeit, Artisten-Gewiffen- losigkeit, welche uns überreden möchte, da anzubeten, wo wir nicht mehr glauben, feind kurzum dem ganzen europäischen Femininismus (oder Idealismus, wenn man's lieber hört), der ewig hinanzieht und ewig gerade damit herunterbringt: allein als Menschen dieses Gewissens fühlen wir uns noch verwandt mit der deutschen Necht- schaffenheit und Frömmigkeit von Jahrtausenden, wenn auch als deren fragwürdigste und letzte Abkömmlinge, wir Jmmoralisten, wir Gottlosen von heute, ja sogar im gewissen Verstaube als deren Erben, als Vollstrecker ihres innersten Willens, eines pessimistischen Willens, wie gesagt, der sich nicht davor fürchtet, sich selbst zu verneinen, weil er mit Lust verneint. In uns vollzieht sich — gesetzt, daß ihr eine Form > wollt — die Selbstaushebung der Moral." Umsturz aller Begriffe und Principien ist der Grundgedanke in diesen sonst so verworrenen Aeußerungen. Merkwürdig ist auch, daß Nietzsche für das Tohuwabohu seiner Ideen den Aphorismus wählte und in ihm alle seine philosophischen Werke geschrieben hat. Da» ') Dorr, S. d. Die Morgenröthe. 226 durch gewinnt jedes seiner Bücher einen Lexikon-Charakter; man kann da über alles Erdenkliche Aufschluß erhalten, ober nichts Ganzes, Zusammenhängendes, Fertiges. Die Anhänger Nieysche's preisen diese schriftstellerische Farm als „eine Farm der Ewigkeit"; und Nietzsche selbst schreibt in seinem letzten Werke „Die Götzendämmerung" : „Der Aphorismus, die Sentenz, in denen ich als der Erste unter Deutschen Meister bin, sind die Formen der Ewigkeit; mein Ehrgeiz ist, in zehn Sätzen zu sogen, was jeder Andere in einem Buche sagt,- was jeder Andere in einem Buche nicht sagt." Und doch hat NietzUe hierin nur aus der Noth eine Tugend gemacht; seine Krankheit erlaubte ihm keine andauernde zusammenhängende Arbeitsweise; darum wählte er diese lose Form, zugleich als passendstes Charakteristicum seiner zerrissenen und verschrobenen Ideenwelt. Wir müssen übrigens zugestehen, daß wir in diesen Aphorismen eine stilistische Meisterschaft ohnegleichen anerkennen; Nietzsche hat eine Sprache, die für alle menschlichen Verhältnisse Worte findet, und oft so treffende, plastische, erschöpfende, wie sie nur ein Sprachgenie gestalten kann. Daß der Inhalt dieser bewunderungswürdigen Form unter den verworrenen Begriffen leidet, ist klar, aber noch kein Grund, auch der Form als solcher die Anerkennung zu versagen. Man muß Nietzsches Stilregeln gelesen haben, um zu erfahren, welcher Meister er auf diesem Gebiete war, in Theorie und Praxis. — Darin beruht ja auch Zum großen Theil seine Gefährlichkeit. Ein System kennt Nietzsche nicht; darum ist es so schwer, seine Gedankenwelt anderen zu vergegenwärtigen; man muß die Hauptgedanken erst mühsam aus diesem Urwald von Hunderten und taufenden Aphorismen zusammensuchen. Nietzsche ist auch hierin Anarchist! System zu haben, schein: ihm Schwindel. In der „Götzendämmerung" (S. 5) sagt er: „Ich mißtraue allen Systematikern und gehe ihnen aus dem Wege. Der Wille zum System ist ein Mangel an Nechtschaffenheit." Seit Hegel gab es kein eigentliches philosophisches System mehr, und dieses ist so abstrus, daß ein gesunder Mensch davon verwirrt, ein kranker aber zum Narren wird. Nun kommt Nietzsche und erklärt jedes System-Wollen schon als unrecht; er gibt sich selber. Infolge dessen haben wir zwei Erscheinungsformen der Philosophie Nietzsche's; die eine ist klar, die andere meist unverständlich. Wo Nietzsche in seinem Stolz und Haß über andere herfällt, ist er klar, sehr klar und dabei meistentheils grob, unsäglich grob; wo er etwas Eigenes, Positives, Philosophisches sagen soll, regnet es Wiver- sprüche, Absurditäten und Lästerungen. Der Grundgedanke Nietzsche's ist der Wahlspruch des berüchtigten Mörderordens der Assafsinen, auf den die Kreuzfahrer im Mittelalter stießen; dieser „Freigeisterorden pur oxasilauos" hatte die Devise: „Nichts ist wahr, Alles ist erlaubt."^) Es ist das eine Weltanschauung in der Westentasche. Für die Logik gilt: „Nichts ist wahr"; für die Erkcnntnißtheorie, die Psychologie und Metaphysik: „Nichts ist wahr"; der Ethik bleibt: „Alles ist erlaubt". Wie vollständig, umfassend und erschöpfend diese Antworten sind, wie ganz frei vom Ballast der Terminologie, der Distinktionen und Subtilitäten! Dem entsprechend ist Nietzsche ein philosophischer Anarchist; er stellt Alles auf den Kopf und gibt es so Genealogie der Moral. S. 166—170. als alleinige Wahrheit aus; er macht auch nicht den Versuch einer Begründung. Soweit unter den angedeuteten Umständen von einer Philosophie geredet werden kann, ist Nietzsche's Philosophie Moral- und Geschichtsphilosophic. Ihre Leitgedanken möchten folgende sein: Die Cultur entsteht dadurch, daß der physisch Stärkere (die „blonde Bestie der Urzeit", das „prachtvoll schweifende Naubthier") den Schwächeren unterdrück: und vergewaltigt. Die Moralität der menschlichen Handlungen ist so, wie sich diese Handlungen zur Förderung oder Hinderung dieser Cultur verhallen. Es gibt deßhalb zwei Arten von Moral: „H.errn- Moral" und „Sklaven-Moral". Das Herrenrecht und Herrscherrecht des Stärkeren und Alles, was dessen Ausübung theoretisch und praktisch fördert, ist gut, edel, vornehm, weil es die Cultur hebt. Was sie verneint, beschränkt, hindert, jedes bindende Gesetz, jede Zügelung der Selbstsucht ist böse, niedrig, gemein. Das ist der Kern der „Herren-Moral", welche „Jenseits von Gut und Böse" im bisherigen Sinn ist. Seit Jahrhunderten herrscht aber in der Cultur- welt die „Sklaven-Moral", nämlich die Moral des Christenthums. Sie hat wie die Begriffe von Gut und Böse, so auch in der letzten Wurzel den Begriff der Cultur gefälscht und hat mit ihrer Fälschung einen die Welt beherrschenden Erfolg erzielt. Die „Herrcn-Mora!" gerieth so vollständig in Vergessenheit, daß sie am Ausgang des 19. Jahrhunderts durch Nietzsche erst wieder entdeckt werden mußte. Was der mächtige, vornehme, freie Geist thut, ist gut; er thut aber, was er will. Das „Heerden-Vieh" — das sind alle nichtstarken Geister — meint freilich, seine Tugenden seien gut. Der Gegensatz zwischen dieser Herren- und Sklaven- Moral tritt uns in Beispielen am klarsten entgegen. Nach der Sklaven-Moral nennt man gut und edel: Demuth und Nächstenliebe etwa, Barmherzigkeit, Milde, Geduld. Vom Standpunkte der Herren-Moral sind dies lauter knechtische Niedrigkeiten, vollkommene Entartung der prachtvollen, blonden Bestie. Sie zu üben, ist Ohnmacht und Gemeinheit; sie trotz allen voranleuchtenden Beispielen vom Gegentheil immer noch bewundern und preisen, ist das zweifellose Zeichen culturcllen Niederganges, der Däcadence. Und deßhalb ist die moderne Cultur werth in Trümmer zu gehen, weil sie immer noch ganz unheilbar durchseucht ist von Nachwirkungen der Sklaven-Moral. Immer noch haben Ansehen die „alten Tafeln" mit den Satzungen theistischer und christlicher Moral. Neuer Tafeln bedarf es! „Brüder, zerbrecht mir die alten Tafeln" lehrt darum Zarathustra. Auf den neuen aber stehe nichts von den alten Chimären wie Gottesgesctz und Nächstenliebe; Freiheit nur und wiederum Freiheit! Keine Schranke verbietenden Gesetzes! Nichts ist verboten — alles ist erlaubt! Was die alten Tafeln Todsünden nannten, Habsucht, Herrschsucht, Haß, Grausamkeit, heißt auf den neuen Männerwürde und Geistesfreiheit. Der Mensch dieser neuen Freiheit ist der „Uebermensch"; bis jetzt gibt es erst einen: Zarathustra-Nictzsche! — Um diesen Menschen, zu dem die gegenwärtige Menschheit nur >,eine Brücke", ein Uebergang ist, zu züchten, muß eine „Umwerthung sämmtlicher Werthe" geschaffen werden. Das war denn auch Nietzsche's letzter titanischer Plan; er brachte es aber nur bis zum Entwurf, dann befreite ihn und die Menschheit von diesem Unmenschlichkeits-Jdeal der Wahnsinn. 227 Weil Nictzsche's Plänen das Christenthum diametral entgegenstand, so höhnte und haßte er es in noch nie dagewesener Art. Selbst der Patriarch des Unglaubens, der frivole Voltaire, muß da schweigen. Nietzsche stellt die Wirkungen des Christenthums auf eine Stufe mit der Alkoholvergiftung und Syphilis; er nennt es die größte aller Korruptionen; er preist sich selber als den Antichrist. Die ganze Weltanschauung Nictzsche's ist der extremste Individualismus, noch dazu einer kranken Persönlichkeit. Nietzsche hegte schon frühzeitig den Wahn einer Größe, die außer allem Verhältniß steht zu dem, was er thatsächlich geleistet. Er hielt sich zuletzt — nach Lou Andreas — „für daS Medium, durch welches die Ewigkeit aller Zeiten sich ihrer selbst und ihres Sinnes bewußt wird, — für den fleischgewordcnen Menschhetts- genius selbst, in dem die Vergangenheit der Gegenwart das Räthsel aller Zukunft löst/") Er fühlte sich aber auch als den durch und durch kranken Menschen der modernen Ueber-Cultur; darum kann seinem Werke nur eine symptomatische Bedeutung zukommen. Es bedarf auch keiner Widerlegung, weil es sich selber widerlegt, so gründlich, wie es kein Fremder thun kann. Wir con- statiren es lediglich als ein interessantes culturpsycholog- isches Phänomen der Gegenwart — mehr nicht! (Schluß folgt.) Privatirrteresse und Gemeinwohl. Eine wirthf christliche Studie. (Schluß.) IV. Nachdem wir das Verhältniß von Privatinteresse und Gemeinwohl mit Rücksicht auf Grund und Boden und dessen Bewirthschaftung betrachtet haben, wollen wir das Verhältniß der beiden socialen Faktoren in Beziehung auf Vereinigungen von Menschen, in Beziehung auf Korporationen oder Genossenschaften untersuchen. Wir unterscheiden ein individuelles oder privates Interesse und ein corporatives Berufs- oder Standesinteresse. Das individuelle Interesse und die freie gesetzlich gestattete und geförderte Verfolgung dieses Interesses, das ist die wirthschastliche Freiheit, mit welcher uns der Liberalismus „beglückt" hat. Der Individualismus, d. h. die Auffassung der menschlichen Gesellschaft als einer gleichartigen Masse zusammcnhangsloser und im Kampfe um das Dasein gleichberechtigter Einzelwesen, gehört zu den Grundlagen des liberalen Systems. Nicht die Familie bildet nach der liberalen Theorie daS Fundament der Gesellschaft, sondern reine Personen oder Nechtssubjecte, die weder Mann noch Frau sind. Der Unterschied der Geschlechter und deren Ergebniß, die Familie, existiren in der künstlichen und mechanischen Auffassung des Liberalismus nicht; alle Menschenwesen werden theoretisch und schematisch als gleich angenommen, mit gleichen Rechten und Pflichten ausgestattet. Es gibt keine Fnmilicninteressen, keine Interessen der Stände, die in gewissem Sinne nur eine Vereinigung von Familien sind, sondern nur ein individuelles, egoistisches Interesse. Dieses vow Familienverbande und von seinem Stande losgelöste und allein und selbstständig dastehende Individuum hat auch selbst und mittelst eigener Kraft seine ") Genealogie der Moral. t59 f. ?) Genealogie der Moral. 121—153. Interessen im wirthschaftlichen Leben geltend zu machen. Es ist ihm volle Freiheit im Erwerbsleben gegeben, es sind ihm keine einengenden Schranken gezogen, es wird ihm nicht der überwachende Schutz der Genossenschaft oder des Staates zu theil. Frei und ungebunden sind alle Berufe und deren Vertreter, frei wie die Vogel in der Luft. Frei und schutzlos! — Welche Folgen diese liberale Freiheit gezeitigt, das empfinden heute alle ar. bettenden Stände. Die sociale Frage und sociale Lage ist in erster Linie eine Folge der in den Wehen der französischen Revolution geborenen wirthschaftlichen Freiheiten. Das Ergebniß dieser individuellen Freiheit predigt die Verschuldung des festen Besitzes, die Verarmung des Mittelstandes und die Uebermacht des alles beherrschenden Kapitals. Unter dieser Freiheit seufzt der Lohnsklave an der Maschine, dieser vor hundert Jahren erklungcne Ruf nach wirihschastlicher Freiheit findet heute sein Echo in dem Schmerzensschrei des ausgewuchcrten Volkes. Die freie Verfolgung des Privat- interesses hat den Untergang des Gemeinwohls erzeugt. An die Stelle des rücksichtslosen Interesses des einzelnen Individuums soll das geregelte Interesse der organisirten Berufsklassen treten. Das durch eine naturgemäße Organisation und durch gesetzlichen Schutz bedingte Gcsammtwohl des einzelnen arbeitenden Standes garantirt gleichzeitig das Wohl jedes Individuums desselben. Um zu diesem wirthschaftlichen und socialen Wohlbefinden wieder zu gelangen, müssen wir allerdings erst die aufgelöste Gesellschaft berufs- ständisch organisiren. Nehmen wir als Beispiel den Handwerkerstand Der Handwerkerstand hat seit Jahrzehnten die „Segnungen" der Gewerbefreiheit gekostet; der einzelne Handwerksmeister konnte sein privates Interesse ungehindert geltend machen. Und die Folge? Verarmung und Rückgang des Standes, Zuchtlosigkeit bei Lehrlingen und Gesellen, Verschwinden des ehemaligen Ansehens des Meisters, mangelhafte Ausbildung und Pfuscharbeit! Das Handwerk, dieser liberalen „Segnungen" satt, will heute sich wieder corporntiv organisiren und das Standesinteresse, d. i. das allgemeine Wohl des Standes über die freie und rücksichtslose Verfolgung des privaten Interesses stellen. Hier haben wir den deutlichen Beweis, daß die freie Verfolgung des Privatinteresses erst das Gemeinwohl und als weitere Folge das Interesse und Wohl der Privaten selbst untergräbt, während umgekehrt das durch eine natürliche Organisation und durch den Schutz und die Schranke des Gesetzes geschaffene Gemeinwohl die Voraussetzung und Grundlage des Wohles jedes einzelnen Standcsgenosscn ist. Der Handwerkerstand beginnt sich zu organisiren; er will das Wohl und das Ansehen des gavM Standes über persönliche Willkür und persönlichen Egoismus stellen. Die anderen Stände beginnen, langsam aber deutlich, diesem Beispiele zu folgen, und eS gilt, diese noch tastende Bewegung in richtige Bahnen zu leiten. Das Wohl des Standes über die wirthschastliche Freiheit des Einzelnen! wird allgemeine Losung. Das Wohl all dieser Stände bedingt das Wohl der Gesellschaft und damit auch das Wohl und die innere Stärke des Staates. Wenn wieder einmal ganz die Anschauung lebendig geworden ist, daß im wirthschaftlichen Leben nicht persönliche Freiheit und persönlich-egoistisches Interesse, son- 228 dern der seiner natürlichen Bestimmung zurückgegebene Grund und Boden, die gesellschaftliche Ordnung und die gesellschaftliche Solidarität das Fundament des allgemeinen materiellen Wohles sind, dann und erst dann werden auch für unser arbeitendes, christliches Volk wieder schönere und bessere Tage erblühen. Ueber Glasmalerei im Frankenlande und die Glas-gemälde der St. Jakobskirche zn Rothen- bnrg o. d. Tauber. Von Dr. H. Oidtmann in Linnich (Rheinland). (Fortsetzung.) st. Außer 6, mit Wappen von Domherren versehenen, nach Art der Schwcizerwappen ausgeführten, kleinen Feldern, welche in dem unteren Ausstellungsraum, in den Fenstern der Scpulturkapelle eingesetzt sind, waren noch einige „Glasscheiben", abgesehen von einer Madonna, meist Wappen aus dem Ende des 16. und aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, an den Fenstern der verschiedenen Ausstellungsräume angebracht: zum großen Theil mittelmäßige Arbeiten dieser späten Periode der Glasmalerei. Ein hervorragendes Stück befand sich unter denselben nicht. Auch das Scheibchcn Nr. 832 des Katalogs: „Symbol des Evangelisten Lukas; einst im Besitz der Lukasgilde der Maler, Glaser u. s. w., sehr alt, Besitzer der histor. Verein Würzburg", verdient die obendrein etwas sehr ungenaue und unbestimmte Bezeichnung „sehr alt" doch wohl kaum. Abgesehen von dem vorhandenen Silbergelb, einer erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts erfundenen und anfangs noch recht selten und spärlich in Anwendung kommenden Malfarbe, abgesehen auch von der gothischen Minuskelschrift, verweisen die Stilisirung des angebrachten Blattornaments, ferner die Ausführung grau in grau auf eine viel spätere Zeit, wohl frühestens auf die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts. Hätte noch die Sammlung des Freiherrn v. Bibra auf Schloß Schwebhcim bestanden, dann würde diese Abtheilung der fränkischen Ausstellung sicherlich ein anderes Bild geboten haben. Leider ist aber die bedeutende Sammlung alter Glasmalereien, welche der Freiherr von Bibra besaß, im Anfange der fünfziger Jahre durch ihn gegen Pergamentmalereien vertauscht worden. So ging eine Sammlung verloren, welche schon Bessert in seinem vorzüglichen Werke über die Glasmalerei als eine der besten erwähnt, die ihm bekannt waren, und deren reichen, alle Perioden und jede Art unserer Kunst umfassenden Schatz er als ausgezeichnete Quelle für das Studium der Geschichte der Glasmalerei bezeichnet. Nach der Bavaria?) und nach Sighart sollen sich noch in vielen kleineren Kirchen und Sammlungen des Frankenlandes alte Glasmalereien befinden, so unter anderem auf der Karlsburg, deren Ruine kaum noch die Fensteröffnungen erkennen läßt, also sicherlich keine Glasgemälde mehr bergen kann. Auch die von denselben Werken angeführten Sammlungen des historischen Vereins für Unterfranken und Aschaffenburg im kgl. Residenzschlosse zu Würzburg bieten nichts Bedeutendes in ihrer Glasgemäldesammlung; einige ovale Scheiben sind noch ') Bavaria, Landes- und Volkskunde des Kgr. Bayern. 5 Bde. 1860—1867. °) Sigbart, Dr. I., Geschichte der bildenden Künste im Königreich Bayern von den Anfängen bis znr Gegenwart. München, 1863. weniger als mittelmäßig; ein kleines Wappen, schwarz und grau, ist ziemlich gut durchgeführt, während eine runde Scheibe, aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, gänzlich mit undurchsichtigem Email bemalt, ein recht krasses Beispiel aus der Zeit des Verfalles unserer Kunst darbietet. Kunstgeschichtlich interessant sind zwei für die erste Hälfte unseres Jahrhunderts gut durchgeführte Flügel mit den Darstellungen einer betenden Maria und eines auferstandenen, segnenden Christus. Das zu diesen Flügeln gehörige Maßwerk zeigt Vögcl, Früchte und Blumen, gelb in schwarz, sowie den hl. Geist in gelbem Glorienschein auf blauer Wolke. Dieses Fenster ist einer der ersten größeren Versuche des um die Wiederaufnahme oder vielmehr um die Verbreitung der Glasmalerei so hochverdienten Ernst Freiherrn v. Bibra und deßhalb kunstgeschichtlich interessant. Die Ausführung ist für die damalige Zeit gut zu nennen; die farbigen Gläser, zum Theil mit Schwarzloth damascirt, sind scbön und kräftig in der Farbe; die Schattirnng ist in Schraffir- manier durchgeführt, das Glas selbst ist schön durchsichtig und klar gelassen, nur die Fleischtheile und das weiße Kopftuch der hl. Maria sind matt überzogen. Einige Fehler in der Technik verrathen den Versuch des Anfängers, so vor allem die ungeschickte Anbringung der Bleie, welche besonders an der Fahne, an dem Glorienschein und an einem Stücke des Stabes auffällt: an einer Seite Bleiruthe, an der andern viel zu dünner und schwacher Kontur; weßhalb man die Stücke nicht ganz ausgeschnitten hat, ist heute unverständlich. Die Konturen sind überhaupt zu schmal, zu dünn aufgetragen, etwas ängstlich angebracht. Diese Mängel des Gemäldes sollen aber keineswegs das Verdienst des kunstsinnigen Freiherrn herabsetzen; diese Fehler liegen eben an den damaligen Verhältnissen. Die Arbeiten jener Zeit waren eben noch die Lehrlingsarbeiten der wiedcranflebenden Glasmalerei. Das Verdienst des kunstliebenden und kunstfertigen Freiherrn, in dieser Zeit unter Anleitung des Nürnberger Glasmalers M. Trost thatkräftig an der Verbreitung der edlen Kunst mitgearbeitet zu haben, wird sein Andenken in der Geschichte der Glasmalerei unvergeßlich machen. Von den in den oben angeführten Werken angegebenen Glasmalereien in Ochsenfnrt, Apostel in der Michelskapelle, ist nichts mehr vorhanden; auch in Heidingsfeld, wo sich alte Glasgemülde befinden sollen, ist nichts erhalten. Von sämmtlichen Kirchen des Frankenlandes bieten nur noch zwei Kirchen Reste von Glasmalereien, nämlich die gothische Kirche zu Mariasondheim bei Arnstein und die gothische Pfarrkirche zu Münnerstadt. In ersterer haben sich in zwei Fenstern mehrere Rosenkranzdarstellungen erhalten. In letzterer zeigen die Chorfenster Scenen aus dem Leben des Heilandes und Einzelfiguren. Die Fenster, heute willkürlich zusammengesetzt, mögen wohl früher ein farbenprächtiger Schmuck der Kirche gewesen sein. Ueber den früheren Zustand weiß auch das von LotzO) angeführte „Unterfränkische Archiv, Band 7" nichts Näheres anzugeben. Auch die Wappenscheiben und Fragmente in den Fenstern der 1834 restaurirten Burgkapelle auf der Altenburg bei Bamberg sind ohne besondere Bedeutung. ! Lotz spricht noch von spätgothischen Glasmalereien im Chor der Wallfahrtskapclle St. Johannes auf dem H Lotz, Dr. W-, Kunsitopographie Deutschlands; 2 Bde., 1862 u. 1863. Kirchberg bei Volkach, welche einen Christus am Kreuz, Maria, Johannes, Maria und Stifter darstellen, ferner von Glasmalereien in der sogenannten gothischen Kapelle in Greifenstein bei Bamberg. Die ersteren standen in der Kirche Naria intsr vitsg auf dem Kirchberg, wo sie Theile der Chorfenster ausfüllten, im Jahre 1880 aber bei der Renovation der Kirche durch neue Glas- gemälde ersetzt wurden. Die alten Fenster stehen in Volkach zum Verkauf. Letztere bestehen aus Wappen und den Evangclistenbildern. Ein erfreulicheres Bild bietet die St. Jakobskirche im benachbarten Nothenburg ob der Tauber. Möge auch der nicht kunstverständige Besucher dieser ehemaligen freien Reichsstadt unter dem Eindruck, welchen das reizende Tauberthal sowie der mittelalterliche Charakter der Stadt mit ihren alten Mauern, mit ihren zahlreichen Thürmen und Thürmchen, mit ihren malerischen Thoren, mit ihren Erkern und Giebeln auf ihn ausübt, nicht die Kunstschätze übersehen, welche die stattliche, gothische St. Zakobskirche in sich birgt; es ist fast ein Wunder zu nennen, daß sich dieselben gerade in dem harjgeprüften Nothenburg trotz all den Stürmen der Zeit erhalten haben. Dem Hauptaltar Friedrich Herlen's aus dem Jahre 1466, sowie den beiden Seitenaltären Tillmaun Niemen- schneider's kann man die drei großen Glassenster des Ost-Chors würdig zur Seite stellen. Es ist unbegreiflich, daß diese Fenster in den bisher erschienenen Werken über die Glasmalerei nicht besser hervorgehoben wurden; manche andere, in Wirklichkeit nicht mehr vorhandene Denkmäler findet man als noch bestehend beschrieben, und diese wirklich großartigen Kunstwerke müssen sich im günstigsten Fall mit einer bloßen Erwähnung begnügen. Die genaue Besichtigung und eingehende Würdigung dieser Prachtleistungen mittelalterlicher Meister kann nicht genug empfohlen werden. Vielen Besuchern mag die Pracht dieser färben- und figurenrcichen Glasmalereien entgangen sein, da wegen des zu starken Vordcrlichtcs — die übrigen Fenster sind nur mit weißen Bntzen ausgefüllt — die Fenster gegen Mittag vollständig ihre leuchtende Farben- wirkung verlieren. Um so großartiger, ja geradezu überwältigend ist ihr Farbenspiel in den frühen Morgenstunden. Nach vorhandenen Resten in dem Maßwerk zweier weiterer Chorfenster ist wohl zu schließen, daß ursprünglich alle Fenster, wenigstens die Chorfenster, mit Glasmalerei versehen waren; auch zeigt das Fenster an der Epistelseite einzelne Theile, welche vielleicht früher in einem anderen Fenster gestanden haben. Die Technik und die Ausarbeitung der Fenster, wenigstens des mittleren und desjenigen der Evangelieuseite, entsprechen den Arbeiten aus dem Ende des 14. Jahrhunderts; so vermissen wir auch noch die Anwendung des Silbergelb; nur an den kleinen Engeln im zweiten Medaillon des rechten (vom Beschauer aus linken) Fensters (Evangelien- seite) scheinen Spuren von Silbergelb angebracht zu sein; vielfach findet man die Haare eingebleit. In der Anordnung, in der Komposition sind die Fenster sehr verschieden; es besteht nicht der geringste Zusammenhang, nicht die geringste Ähnlichkeit, nicht einmal in der Farben- stimmung. Hier und da, besonders an dem Fenster der Epistelseite, begegnen uns Versuche besserer Modellirung und perspektivischer Darstellung. Die eingebleiten Buchstaben erinnern neben einigen anderen Einzelheiten an die Fenster von St. Martha in Nürnberg; die Fenster könntest tvM derselben Werkstätte entstammen; ob aus Nürnberg? Oder vielleicht aus Nothenburg selbst, wo die Dominikaner die Künste pflegten? Treffen wir doch hier in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts Martin Schwarz, welchem auch der Schwanenordensaltar zu Ans- bach zugeschrieben wurde. Das Fenster der Epistclseitr scheint, wie schon oben angedeutet, jünger zu sein; mehrere Reparaturen an diesem Fenster fallen unangenehm auf. Die St. Jakobskirche wurde 1373—1453 gebaut» der Ostchor ist der älteste Theil; der Westchor wurde erst 1453—1471 gebaut; Verwechselung beider Choranlagen hat wohl zur falschen Datirung der Fenster verleitet. Das dreitheilige Fenster der Evangelicnscite, welches leider schon sehr früh am Morgen die richtige Beleuchtung verliert, enthält in seinen unteren Feldern unter einer einfachen, in den Seitenfeldern weißen, im Mittelfeld kräftig gelben Architektur den englischen Gruß; in den Mittel- feldern auf grünem und braun-violettem, durch weiße Nosettchen unterbrochenem Hintergründe die heilige Maria, rechts (vom Fenster aus) den Erzengel Gabriel mit einem Buche, welches in gothischen Minuskeln die Worte: „avs Urri'ia, gratirr pisna ävinimrs tsourrr" enthält; links die Gestalt des hl. Joseph; der Hintergrund der Seiten- theile zeigt ein blau und rothes, durch zwischengesetzte weiße Nosettchen belebtes Muster. Ueber der Figur des HI. Joseph sehen wir Gott Vater, welcher durch ein großes Rohr den HI. Geist und seinen eingebornen Sohn zur hl. Maria hinabsendet; Gott Sohn ist dargestellt als nacktes Kindlein mit dem Kreuze auf der Schulter. Ueber dem Erzengel Gabriel ist die Gestalt des hl. Johannes mit einem Buche angebracht, aus dessen Blättern die Worts stehen: „st vsrduva oaro taetuva sst". In diesen Feldern besteht der Hintergrund aus abwechselnd grünen und blau-violetten Rauten. Hinter den Architekturen blauer Grund, in der Mitte einfach gewischt, in den Seitenfeldern mit Blattmuster versehen. Ueber der Architektur ein Teppich aus hellblauen und dunkelblauen Quadern, auf den Ecken dieser Quadern kleine, rothe Nosettchen. Fünf große, durch Ornament mit einander verbundene Medaillons nehmen die obern 30 Felder des Fensters ein; unten die Anbetung der hl. drei Könige, dann die Auferstehung Christi, die Himmelfahrt des Heilandes, die Sendung des hl. Geistes und der Tod der bl. Maria auf abwechselnd blauem oder grünem Hintergrund: auch die Einfassungen der Medaillons wechseln, bei dem einen breiter gelber Streifen und weißer Perlstreifen, bei dem anderen umgekehrt. Der Teppich, auf welchem die Medaillons aufliegen, ist in den seitlichen Feldern rothgrün mit weißen Nosettchen, in der Mitte roth-hellblau mit weißen oder gelblichen Nosettchen. Jedes Medaillon nimmt 6 Felder ein, wird also nicht nur durch das Quereisen, sondern auch durch die Steinpfosten durchschnitten; die Medaillons selbst, wie auch die einzelnen Gestalten der Gruppen sind sehr geschickt in den gegebenen Raum eingepaßt. DaS ganze Fenster zeigt sehr gute, harmonische Wirkung; „weiß" ist mit Vorsicht angewandt; die Arbeit ist streng mnsivisch. Auffallend ist die Aufhellung des Roth beim Gewände der hl. Maria in der unteren Gruppe; noch stärker tritt diese Abtönung bei einem Krieger im II. Medaillon hervor; vielleicht spätere Reparaturen. (Schlug solzt.) Mein Abschied von den Ptolemiiern. Ein X-Strahl durch die Wiener Clique. Von L. Unser 6n äs sieels hat vier Ereignisse zu nennen, welche der Archäologie und Kunst Funde dargebracht haben, die in ihrer überraschenden Bedeutung unserem Zeitalter den Namen des goldenen der Alterthumsfunde aufdrücken: das Sammelgrab der Oberpriester des Amon; die Wandgemälde des äornns Vstiiornrn (ausu nnovs.) in Pompeji; der Papyrus Rainer und die hellenistischen Bildnisse aus dem Fajjüm. Von dem letzten dieser Funde, von den antiken Porträts, wollen wir hiemir Abschied nehmen, bevor sie, von Museen und Kunstfreunden einzeln angekauft, in alle Welt vertragen werden. Das Auseinanderreißen dieser Sammlung, die nur in ihrer Vollzahl ungetrübten und nachhaltigen tiefen Einblick in die Kunstcpoche der alexandrinischen Schule gemährt, ist ein unverzeihliches Vergehen gegen den künstlerischen Fortschritt unserer Zeit und ein Beispiel gröbsten Undankes gegen jenen opfermuthigen und genialen Mann, der diesen einzigen Bildersund dem Wüstensande von Nubajjat entnommen; gegen Theodor Graf in Wien. Für den Ankauf seines Papyrusfundes fand sich glücklicherweise ein — wenn auch nicht ganz selbstloser — Fürsprecher bei dem kunstkiebenden Erzherzog Rainer; dem Bilderschatz antiker Porträts scheint ein solcher Stern nicht leuchten zu wollen. Blasirt sehen Mäcene, die ! Tausende für Rennpferde zur Verfügung haben» und Fachgelehrte zu, wie ein Stück ums andere der unersetzlich wrrthvollen Sammlung nach allen Weltgegenden vertragen wird; sie beten den Schatz an, aber keiner aus ihnen rührt sich, ihn in seiner Gesammtheit zu Ehren der Culturstaaten zu erwerben und zu halten; schnöde glänzt der Mammon im Säckel, und die gelahrten Herren in Wien schreiben nur, um sich im Abglanz der Selbstüberschätzung zu sonnen, statt auszurufen: Halt, dieser Schatz muß ein Ganzes bleiben! Du hoher 2 :^-Staat, als dessen Kunst-Kustoden du mich angestellt, mußt ihn erwerben! Aber es rührt sich kein braver Mann, denn in Wien — und vielleicht auch anderswo — ist Alles Clique. Wer nicht Mitglied der „Concordia* ist, wird nie seine Werke würdig besprochen sehen; wer nicht Mitglied der „Akademie der Wissenschaften" ist, kaun noch so viel wissen und entdecken, er wird dem Hungerkünstler den Vorrang lassen müssen; wer nicht Mitglied der „freiwilligen Rettungsgesellschaft" ist, darf keinen seiner Nebenmenschen ungestraft retten u. s. w. Ueber das Wiener Cliqucwesen bringt die „Neue Revue", die sich ehrlich bemüht, den socialen Wiener Augiasstall zu säubern, einen geharnischten Artikel *) Adamkiewicz' über seine Erlebnisse an der Albert'schen Klinik. Hoffentlich wird sich bald eine ebenso geist- und kraftvolle Feder finden, die sich über die Wiener Kunst-Clique ausläßt; es wäre herzlichst zu wünschen. Diese Clique hat es aum auf dem Gewissen, daß Graf's Porträt-Schatz nicht als Ganzes erworben wird; von Wien erworben wird, wo er nun zum letzten Mal ausgestellt ist. Wir können den oberen Zehntausend ein gebietendes Wort mit Hoffnung auf Erfolg leider nicht zurufen, aber es soll nicht unversucht bleiben, die berufenen und doch so lethargischen Kreise aufzurütteln. Ueber den Werth der hellenistischen Porträts noch Neue Revue. VII. Jahrgang. 3. Juni 1696. Nr. 23, ein Wort zu schreiben, nachdem ein Georg Ebers alles gesagt, was nur scharfsinnigstem Forschergeist zu untersuchen und zu würdigen bestimmt war, hieße Eulen nach Athen tragen, und eines so billigen Geflügclhandels wollen wir uns nicht schuldig machen. Ebers' Abhandlung^) hatte eine ganze Literatur von Essays in feuilletonistischer Form im Gefolge gehabt, die — wie ja oft in solchen Fällen — theils liebevolle Plagiate der Arbeit EberS' waren, theils dos maßgebende Urtheil des Acgyptologen bestätigten und ihrer Begeisterung in Dithyramben Luft machten. Hat doch die ganze kunstgebildete Welt nur eine Stimme des Entzückens über den Fund Graf's geäußert, und selbst jene Kritik, die ein scharfes Benagen harmlosem Genießen vorzieht, mußte sich zuletzt mit stiller Resignation zufrieden geben. Das Nesums aller Urtheile über die hellenistischen Porträts ergibt die Wahrscheinlichkeit, oder — sagen wir kühn — die Thatsache, daß Graf — wöge dieser selbst darüber zweifeln! — der glückliche Entdecker der Grabstätte und der Porträts der Ptolemäcr ist l Solche Bilder konnten nur von ersten alexandrinischen Künstlern gemalt worden sein, und solche Künstler konnten in jener Zeit nur von Königen berufen und — bezahlt worden fein. Solch hohritsvollen Blick konnte nur ein Lagide haben. Und zum ganzen Ausdruck der würdevollen Erscheinung der größeren Hälfte der Porträts gesellt sich der überzeugende Umstand, daß die Brust und das Haar der Männer und Frauen mit den Abzeichen der königlichen Würde geziert ist. Und wenn diese Porträts nicht jene der Ptolemäer sind, welche Heimgegangenen sollen sie sonst vorstellen? Vielleicht sind es — Kur in der Kalauer-Manier dcS Kunstkritikers, dem wir den Schluß unserer Betrachtung widmen wollen, zu vermuthen — die sprechenden Photographien von Mitgliedern der alexandrinischen Feuerwehr oder des Radfahrer-Vereines in Fajjum? Wenn man diesen herrlichen Werken en- kaustischer Malerei in das lebenswarrue Antlitz schaut, da ist es nicht zu kühn, zu behaupten: Nr. 4 ist daS Porträt des Lagos (Soter I.), Nr. 22 jenes Phila- delphos' I., Nr. 61 jenes Eucrgetes' II., und Nr. 12 ist daS LnIaLS der Kleopatra, deren bekanntes Profil aus Münzen in überzeugender Treue für den Bildsund spricht. Und so kann man an der Hand der alten Schriftsteller in jedem der Bilder oen Lagiden errathen. Bei unserer kühnen Behauptung thut uns nur der erwähnte Kunstkritiker leid, der sofort ins Tintenzeng stürzen wird, um zu beweisen, daß unsere Bilder nicht jene der Ptolemäer sind, denn unser Kritiker glaubt an die Existenz eines Alexander erst, wenn er ihm persönlich vorgestellt wird! Wenn es die p. t. Zunftgelehrten einmal soweit gebracht haben werden, mehr zu schauen als zu zweifeln, werden sie, wie der lustige Scholz sagte, immerhin noch nützliche Mitglieder der Gesellschaft werden. EZ muß aber auch Käuze geben, die selbst dann leugnen, wenn sie von der Wahrheit einer Sache überzeugt sind, denn jeder blamirt sich, so gut er kann. So lange der Spruch: „Vorsicht ist die Mutter der Porzellanfabrik" das Urtheil der akademischen Gelehrsamkeit im Zaume hält, wird sich die Archäologie nie zu höchsten Erfolgen entwickeln können und zum Schaden des zu bildenden Volkes ein ewiges Versuchskaninchen bleiben. Zum ersten Mal war Graf's Sammlung im Jahre *) Antike Porträts. Die hellenistischen Bildnisse aus dem Fajjum untersucht und gewürdigt von Georg Ebers. Verlag vo» Wilhelm Engelmami. Leipzig, 1893. L31 1890 in Wien ausgestellt, nachdem sie ihre Fahrt von Kunststadt zu Kunststadt zurückgelegt; nun nach fünf Jahren ist sie ebendort zum letzten Mal als Ganzes zu sehen. Wie damals, bildet sie auch heute den Gesprächsstoff aller Kunstfreunde und Fachleute, und die Tagesblätter füllen ihre Spalten statt mit socialem Hetzsaft mit dem friedlichen Atrament der Belehrung. Wieder Pilgern sie alle, die Akademie-Professoren, die Blaustrümpfe, die Maler und Bildhauer und Kunstdilettanten zum Kolowratring Nr. 7, um zu bewundern und den vollen, von zweifelnder Kritik nunmehr unbe- nagten Eindruck der Kunstschätze cinzusaugen; sie haben sich im Zeitraume von mehr als einer Olympiade zu verständiger Kunstanschauung dieser Porträts vorbereiten können, und auch jene Wenigen, die damals leichthin zweifelten, haben sich bekehrt wieder eingestellt. Und zu diesen Bekehrten gehört nun endlich auch Dr. Jlg, der Skeptiker und Versuchs-Archäolog, den der böse Wiener Volksmund den Blechdirektor nennt, weil er Kustos einer Waffensammlung ist und oft auch Blech urtheilt. Wir schätzen Herrn Jlg als gewandten und witzigen Journalisten, aber als crnstzunehmender Archäologe und Kunstreferent kommt er uns zu lustig vor; als letzteren hat ihn erst neulich Ernst Stöhr in der Deutschen Zeitung „niedcrgebögelt" I Und als Archäolog ist er uns Oester- reichern in schlimmer Erinnerung, als er den Theseus aus den Tempel eskamotiren und leider auch amputiren ließ und an den Erzbildsäulen in der Hofkirche zu Innsbruck naive Glanzwichsversuche anstellte. Seit diesen Thaten scheint Herr Jlg vorsichtig geworden zu sein, und wir freuen uns, daß er nun nach fünf Jahren auch zu den insichgegangenen Bewunderern der hellenistischen Porträts gehört. Damals war er sehr bös darüber, daß Künstler allerersten Ranges die antiken Porträts in eine Reihe mit den besten Bildern moderner Meister stellen, und heute findet er sogar in den Todtenmasken von Balansnrah, die diesmal zugleich mit den Todtenpertrüts ausgestellt sind, Züge „welche an jene von unseren heut noch begegnenden reizvollen Jüdinnen erinnern". Diese Ähnlichkeit findet Jlg erst heute an den Todtenmasken heraus — wo sie gar nicht vorhanden ist — und er hätte sie vor fünf Jahren weit eher in den Zügen der ägyptisch-griechischen Todten Porträts herausfinden können. Wer reitet so spät durch Nachl und Wind? Aber ganz verwinden kann es der witzige Journalist nicht, daß seine vor fünf Jahren gewagte Ansicht über den Werth der Todtenbilder ganz und gar ignorirt wurde; er benützt die Neuausstcllung und schlägt nochmals aus, wie der kritische Pegasus vor dem Verenden, und findet die Echtheit der Todtenmasken bedenklich. Das ist eine sehr bequeme Manier: wenn man an einem Funde mit bestem und schlechtestem Willen nichts deuteln kann, so erklärt man ihn einfach für unecht. Herr Jlg leitet sein Gutachten mit einem Hieb auf das „Dilettanten- geschwntz" ein, das sein Veto vor fünf Jabren ganz unbeachtet ließ; wärmt einen Brief A. v. Werners auf und legt dann los: „Wenn die strenge archäologische Untersuchung die ganze Sache (die Todtenmasken von Balansnrah) ohne alles Bedenken und Zweifel anerkennen sollte, wie wir hoffen, so wären diese farbigen Gesichtsmasken ein großartig interessanter Fund." Diesen gewagten Spruch Jlgs möge Herr Graf, der uns auf eindringliche Bitte seine Duplik übergeben — diese Wiener Geschichte der Bilder ist es wohl werth durch den Druck festgehalten ZU werden —- selbst am Schlüsse unserer Betrachtung widerlegen; wir wollen nur einige Worte über den genannten Brief A. v. Werners sagen. A. v. Werner! haha! der famose Humorist und unerreichte Illustrator Scheffels, dem der Schalk im Nacken sitzt, hat ein Gutachten über die hellenistischen Porträts abgegeben, und Herr Jlg hat es für bare Münze genommen! A. v. Werner, der witzsprühende Zeichner des KaterS Hiddigeigei, und — ein Urtheil über antike Porträts! wie reimt sich das zusamm'l Herr Jlg hat sich offenbar an die unrichtige Adresse gewendet, und A. v. Werner mag, als er den Brief Jlgs mit der Bitte um sein Gutachten bekam, wie der selige Kater meditirt haben: Hiddigeigei spricht, der Kater: „Sonderbar verkehrte Wett. Der in einer Zeit voll Hader Dies Floitiren noch gefällt . . . Kosmisch ungeheure Fragen Stürmen auf den Denker ein, Kein Orakel weiß zu sagen, Welche Lösung mag gedeih'n." Und die Lösung bestand darin, daß A. v. Werner als gebildeter und stets liebenswürdiger Mann antwortete, jedoch erklärte, „nicht sachverständig" zu sein. Warum sich Herr Jlg trotzdem auf den Brief Werners beruft, ist uns ebenso unverständlich wie die Reclame über Wasmuth's Hühneraugenringe in der Uhr. (Schluß folgt.) Historische Commission bei der k. bayer. Akademie der Wissenschaften. (Bericht deS Sekretariats über die 37. Plenarver- sammlung der historischen Commission.) Seit der letzten Plenarversammlung im Juni 1335 sind folgende Publikationen durch die Commission erfolgt: 1. Allgemeine deutsche Biographie. Band XXXIX, Lieferung 4, 5. Band XI,. Band XII, Lieferung 1. 2. Chroniken der deutschen Städte. Band XXIV. Band III der niederrkeinischen und westfälischen Städte: Soest, Duisburg. 3. Deutsche NeichStazSakte» unter Kaiser Karl V. Band II. 4. Briefe und Aktcu zur Geschichte des 16. Jahrhunderts mit besonderer Rücksicht aus Bayerns Fürstenhaus. Band IV. Die Hansarecesse sind dem Abschluß nahe. Der Herausgeber Dr. Koppmann, hat den Druck des 8. Bandes bis S. 368 gefördert und denkt im Herbst des gegenwärtigen Jahrs ihn zu Ende zu fuhren. Die Chroniken der deutschen Städte, unter der Leitung des Geheimen NathS von Hegel, sind bei ihrem 25. Band, dem 5. Band der Chroniken der Stadt Augsburg, bearbeitet von vr. Friedrich Roth, angelangt, dessen Text bereits fertig gedruckt ist. Nacb Hinzufügung des Glossars und des Registers wird er demnächst erscheinen. Er enthält die „Chronik neuer Geschichten" von Wilhelm Rcm, 1512—1527, nebst fünf Beilagen, unter welchen besonders bemerkenswerth ist die Relation über den Reichstag von Augsburg 1530 aus der Chronik von Langenmantel. AIS 26. Band ist ein zweiter Band der Magdeburger Chroniken in Aussicht genommen, deren erster Band, der siebente der ganzen Reihe, die Magdeburger L:chöffenchronik, bearbeitet von Jan icke, enthält. Für den zweiten Band ist die hochdeutsche Fortsetzung dieser Chronik bis 1566 und die Chronik des Georg Butz 1467—1551 bestimmt. Die Bearbeitung hat vr. Drtt- mar, Stadtarchivar von Magdeburg, übernommen. Ferner wird vr. Koppmann, sobald er die nöthige Muße gewinnt, an die Bearbeitung des zweiten Bandes für Lübeck gehen. Die Jahrbücher des deutschen Reichs haben eine sehr empfindliche Einbuße erlitten durch den am 10. Februar 1396 erfolgten Tod unseres Mitarbeiters, des Geheimen Hof- raths Winke lmann. Er war bis zu seinem Tod mit dem zweiten Band der Jahrbücher des ReichS unter Kaiser Friedrich II. beschäftigt. Das Manuskript für die Jahre 1223—1233 liegt druckfertig vor und soll demnächst als zweiter Band veröffentlicht werden. Zur Fortsetzung und Vollendung des Werkes. 232 für welche der Verfasser durch die Neubearbeitung der Böhmcr- scken Regelten die Grundlage geschaffen hat, ist bisbew ncch kein Gelehrter bereit gesunden worden. Für die Jahrbücher des Reichs unter Otto II. und Otto III. hat Dr. Ublirz die Sammlung und Sichtung des gesammten Quellensloffs beendigt und wird jetzt an die Ausarbeitung gehen. Die Arbeit für die Jahrbücher unter Heinrich IV. und HeinrichV. hat Professor Meyer von Knonau wieder ausgenommen und wird, wenn auch neuerdings durch die Geschäfte dcS NcctcratS der Züricher Hochschule behindert, nach Möglichkeit den dritten Band des Werkes fördern. Die Geschichte der Wissenschaften in Deutschland hat in diesem Jahre einen erfreulichen Fortschritt zu verzeichnen. Von den drei noch immer ausständigen Werken ist eines, die Geschichte der Geologie und Paläontologie vcm Geheimen Ratb von Zittel, dem Abschluß nahe gerückc. Das druckscrtige Manuskript reicht bis 1820, die Vollendung des Ganzen glaubt der Verfasser für den Mai 1807 in Aussicht stellen zu dürfen. Die Allgemeine deutsche Biographie, unter der Leitung des Freiherrn von Lilicucron und des Geheimen Raths Wegele, nimmt ihren regelmäßigen Fortgang. Der Sckluß des 41. Bandes ist bald nach Ablauf des Geschäftsjahrs (1. Juli) zu erwarten. Die Redaction beschäftigt sich bereits mit den Vorbereitung für die NachtragSbände sowie für das allgemeine NamenSregister zum ganzen Werk. Die ReichStagsakten der älteren Serie, unter Leitung des Professors Quidde, sind endlich zum Beginn der Drucklegung eines neuen Bandes gelangt, nämlich des von Dr. Beckmann bearbeiteten elften Bandes, der den Schluß der Regierung Sigmunds, die Zeit nach der Kaifcrkrönung, enthalten soll. Dr. Beckmann hat nach der vorigen Plcnar- versammlung noch das Venetianische Staatsarchiv besucht, dort die Arbeit für die Jahre 1433 — 1439 abgeschlossen, dann nach seiner Rückkehr die Fertigstellung deS Manuskripts unternommen, eine Arbeit, die längere Zeit in Anspruch nahm, als im vorigen Jahr vorausgesehen war, indem die Behandlung deS spröden Materials der kirchenpolitischen Verbandlungen nnd die Anordnung der für den Zusammenhang unentbehrlichen Akten, die sich in den Rahmen der ReichStagsakten nickt reckt fügen wollten, große Schwierigkeiten verursachte. Ende April wurde das Manuskript der ersten großen Haupiabtheilung „Entwicklung der Kirchenfrage von Sigmunds Kaiserkiönnng bis zum Reichstag von Basel Juni bis Oktober 1433" dem Druck übergeben. Im Fortgang deS Drucks, der keine Unterbrechung erfahren soll, wird sich deutlicher herausstellen, ob eS zweckmäßig sei, vie letzten Reichstage Sigmunds als einen besonderen zwölften Band abzutrennen. Der zehnte Band, die Nomzugszeit umfassend, von Dr. Herre bearbeitet wird voraussichtlich noch vor Erscheinen des elften Bandes drnckfertig werden. Dr. Herre hat im vorigen Sommer zuerst zur Unterstützung Dr. Beckmanns in Venedig, dann in Mailand gearbeitet, darauf die Bearbeitung der Con- cilSakten für seinen Land durch Benützung der Pariser Handschriften, die nach München gesandt worden sind, abgeschlossen und neben der Bearbeitung der Texte seine weit ausgreifenden Untersuchungen über die Vorgeschichte des Romzugö dermaßen gefördert, daß die Einleitung im Sommer druckfertig werden wird, die Vollendung des ganzen Bandes aber bis zur nächsten Plenarvenammlnng in Aussicht gestellt werden kann. In München wurden außer den Pariser Handschriften auch noch solche aus den Bibliotheken zu Wien, Trier, Wvlsenbüttel und München, Archivalicn von Nördlingen, Würzburg und München benutzt. Hervorzuheben ist die Ausbeute, welche daö für die ReichStagsakten bisher noch nicht benutzte Geheime Hausarchiv zu München gewährt hat. Nothwendig wird für Band 10 noch eine Nachlese an Ort und Stelle in Wien, vielleicht auch in DreSden sein. Für die Reichstagsakten der jüngeren Serie war wie bisher Dr. Wrcde mit Unterstützung von Seiten deS Dr. Bernays thätig. Der zweite Band der ReichStagsakten unter Kaiser Karl V. ist der Plenarvcrsammlung überreicht worden. Neben dem Druck desselben hat die Redaction des dritten Bandes begonnen, dessen Material im wesentlichen vorliegt. Derselbe wird die Ansänge des NegimentS und den ersten Reichstag zu Nürnberg März und April 1522, den Städtetag zu Eßlingen voni Juni 1522, den zweiten Reichstag zu Nürnberg November 1522 bis Februar 1523, den neben diesem Reichstag hergebenden Städtetag und womöglich auch noch den Städtetag zu Speyer vom März 1523, der eine unmittelbare Folge deS Reichstags ist, umfassen. Der erste Reichstag von Nürnberg gestattet eine knappe Behandlung. Die Städtetage hereinzuziehen ist unerläßlich, da es sich aus ihnen ganz vorwiegend um die gemeinsame Stellung der Stävte zu den gefaßten oder zu fassenden Neichtagsbcschlüsscn handelt; übrigens ist daS für sie vorhandene Material gering, mit Ausnahme des Tags von Speyer. Den breitesten Platz im dritten Band wird der zweite Reichstag von Nürnberg einnehmen. Da über diesen viel weniger veröffentlicht ist als über den Wormser Reichstag, wird der dritte Band mehr Neues bringen können, als der zweite. Aus dem, was bisher noch gänzlich unbekannt war, mag hervorgehoben werden ein ausführliches, aus der Mainzer Kanzlei stammendes Protokoll über die erste Hälfte deS Reichstags, und eine ausführliche Gegenschrift der Erz- bischöfe und Bischöfe gegen die Gravamina. (Schluß folgt.) Recensionen nnd Notizen. Im Verlage der F. I. Ebenhöcb'schen Buchhandlung (Heinr. Korb) in Linz a. d. D. erschien soeben: Eben hoch, Dr. Alfred, ReichSraths-Abgeordneter, Wände runaen durch die Gesellschaftspolitik. 8°. 280 S. Pr. brosch.fl. 1.80-M. 3.20. Dieses mit Spannung erwartete zeitgemäße Werk enthält folgende Capitel: 1) Ursprung und Ende; 2) Die Gesellschaft; 3) Die Staatsgewalt; 4) Die Menschcnrechte; 5) Bilder aus vergangener Zeit; 6) Am Ende des 19. Jahrhunderts; 7) Die Arbeitcrschntz-Gcsetzgebung Oesterreichs; 8) Rück- und Ausblick. Im erste» Capitel schildert der Verfasser daS Weltall und den Menschen. Das zweite Capitel entrollt ein Bild der menschlichen Gesellschaft, bewein die sociale Natur des Menschen, verbreitet sich über das Wesen nnd die Bedeutung der sccialen Frage und bespricht die Institution der Ehe und Familie. Das dritte Capitel bandelt vom Ursprünge der Staatsgewalt, deren verschiedenen Formen und insbesondere vom ständischen Staate und vom heurigen ConstitutioiialiSmus. Im vierten Capitel werden die wahren Menschenrechte geschildert. Das fünfte Capitel führt uns in die Zeilen dcS Mittelaltcrs zurück. DaS sechste Capitel gibt ein Bild des heutigen Zustandes der Gesellschaft. Das siebente Capitel gibt den Wortlaut der österreichischen Arbeiterschutzgesetze und reiht daran die neuesten Daten, wie sie in den Berichten der Gewcrbe-Jn- spectoren u. s. w. officicll niedergelegt sind. Das letzteCapitel gibt einen kurzen Rück- und Ausblick. — Das Buch dürfte, insbesondere da es nickt im Stile eines LcbrbucheS, sondern populär gehalten ist, ein willkommenes Hilfsbuch sein für Alle, welche in die Lage kommen, in politischen Vereinen u. s. w. die sociale Frage mit Allem, was d'rum und d'ran hängt, zu besprechen. Jbo, Küchen-Poesie. Kocbrccepte in Versen. Preis M. 150. Augsburg, Lampart u. Comp. ». Vor uns liegt ein kleines, nett ausgestattetes Büchlein. Es betitelt sich „Kücken-Poesie". In viele» munteren Versen bietet es Anleitung zur Herstellung unserer Leibgerichte. Jedenfalls ist es ein guter Gedanke, all die Kücken-Prosa mit dem anmuthigen Mantel der Poesie zu umkleiden, und vielleicht gelingt es auch noch, manchen jungen Damen, die vor der Küche und allem, was damit zusammenhängt, zurückschaudern, durch diese sinnige Art ihren Schrecken zu benehmen, wofür vielleicht später mancher Ehemann dem Autor Dank wissen wird. R. „WasjederWählerwissen soll!" Unter diesem Titel hat der bekannte Arbcitcr-Nedncr vom letzten Münchner Katholikentag, Herr Carl Schirmer, Schlosser, eine Zusammenstellung der wichtigsten Bestimmungen über Reichstags-, Landtags-, Gemeinde- und GewerbegericktSwablen mit einem Anhang: das Versammlungs- und Vercinsrccbt, Plakate, Flugschriften, Geld- sammlungen betreffend, im Selbstverläge (Adalbertstr. 19) erscheinen lassen. Das dankenswerthc Schriftchen bringt in gemeinverständlicher Sprache unter Benützung amtlicher Quellen Alles, was thatsächlich jeder Wähler wissen sollte, und kostet nur 20 Pfg. _ Bimetallistische Monatsschrift. Berlin, Verlag von Herm. Walter. Preis per Jahr (12 Hefte) 10 Mark; einzeln 1 Mark. II. Jahrg. 1. Heft enthält u. A.: Zur Lage. — Die Hauptversammlung der französischen Bimetallistenliga. — Wichtige Aeußerungen, die Währungsfrage betr. — Die Währungsfrage und die Vereinigten Staaten. Vetantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von HqaS L Grabherr in Augsburg. Nf. 30 24. Illli 1896. Friedrich Nietzsche. Ein Antichrist der Gegenwart. Von Joseph Popp. (Schluß.) III. Fr. Nietzsche und die moderne Cultur. Fr. Nietzsche ist für unsere Cultur symptomatisch, in seiner Person und seiner Lehre. Er ist der moderne Mensch mit all seinem Wissensballast und seinem Bildungs- ekel; er ist der konsequente Freigeist und Atheist, wie er kommen mußte. Weigand, selbst ein Moderner, schildert Nietzsche als den modernen Menschen also: „Aus diesem hochgespannten Geiste reden die geheimsten modernen Wünsche und Begierden ihre bezauberndste Sprache; in seinen Ausbrüchen finden wir Alles, was die widerspruchsvolle moderne Seele peinigt und beglückt: Kraft, Adel, Fülle, Harmonie, dichterische Anschauung und historischen Scharfblick, Zorn, Haß, Empörung, Bosheit, Naivität, Schalkhaftigkeit, Größenwahn, poetischen Tieffinn, sublimirteste Genußsucht; hier ward der Geist der Vergangenheit Mensch und — glaubt die Sprache der Zukunft zu reden." Ebenso unersättlich Nietzsche's theoretische, geistige Genußsucht, ebenso abgründig ist des modernen Menschen Verlangen nach Abwechslung, nach etwas Neuem, noch nie Dagewesenen, der Durst nach „noch nicht ausge- trunkenen Möglichkeiten". Weil aber dieses Sehnen des Menschen-Herzens nach dem Höchsten, Unendlichen hienieden mit natürlichen Mitteln nicht gestillt werden kann, daher dieser Ueberdruß trotz alles Raffinements des Genteßens, trotz aller Genußfülle, trotz aller Gaben einer hochentwickelten Cultur! Gerade dieses Hangen und Bangen zwischen Freud' und Leid hat Nietzsche in seiner „Gefahr der Glücklichsten" lebensvoll gezeichnet. „Feinen Sinn und einen feinen Geschmack haben; an das Ausgesuchteste und Allerbeste des Geistes wie an die rechte und nächste Kost gewöhnt sein; einer starken, kühnen, verborgenen Seele genießen; mit ruhigem Auge durch's Leben gehen, immer zum Aeußersten bereit wie zu einem Feste und voll des Verlangens nach unentdeckten Welten und Meeren, Menschen und Göttern; auf jede heitere Musik hin- horchen, als ob dort wohl tapfere Männer, Soldaten, Seefahrer sich eine kurze Rast und Lust machen, und im tiefsten Genusse des Augenblickes überwältigt werden von Thränen und von der ganzen purpurnen Schwermuth des Glücklichen: wer möchte nicht, daß das Alles gerade sein Besitz, sein Zustand wäre!" Diese Predigt über das Glück des Genießenden, über die Herrschaft aller Instinkte und Leidenschaften ist das Evangelium des modernen Menschen; darum wird Nietzsche vor alle« von der Jugend als Messias einer neuen Zeit gefeiert. Die moderne Kunst und Literatur läßt sich von seinen Ideen befruchten und will damit das Ihrige thun, um den „Uebermenschen" baldmöglichst verwirklicht zu sehen. Solches ist charakteristisch für das Erlösungsbedürfniß der durch die heutige Cultur Blafirten, wie auch für ihre Blindheit. Die Uebermenschlichkeits - Lehre eines Wahnsinnigen, der an sich selber tausendfach das Elend eines von den alten Menschheitsbahnen abgewichenen Denkers erfahren, wird das Muster einer neuen Glückseligkeitstheorie — und Christus, der als wahrer „Uebermensch" durch sein Leben uns gelehrt, wie wir an seiner göttlichen Natur theilhaben können, Christus wird als Feind der wahren Menschen-Veredelung gebrandmarkt. Daß die barocken, ja wahnwitzigen Ideen eine» Nietzsche Anhänger finden, daß sie eine ganze Literatur hervorgerufen, daß in jeder Zeitschrift, jedem bedeutenderen Roman, im Salon wie in öffentlichen Versammlungen Schlagworte aus Nietzsche sich finden und hören lassen, zeigt die grenzenlose Zerfahrenheit der Zeit, zeigt die große Masse derjenigen, die einer einheitlichen, auch nur natürlichen Weltanschauung entbehren; sonst würden sich nicht soviele von den Taschenspieler-Kunststücken eines Sophisten wie Nietzsche täuschen lassen. Nietzsche gesteht einmal ausdrücklich, daß seine Bücher bloß von seinen „Ueberwindungen reden"; er will sich also damit den tollen Wust seiner Gedanken und Gefühle vom Herzen schreiben; er will durch ihre Entledigung genesen — übrigens ein altes Recept seit Göthe —. Und nun fällt die moderne Culturmenschheit über diesen Abfall und Auswurf her, wie die Geier über das Aas. Es erinnert diese Art lebhaft an die Zeit der römischen Schlemmerei, wo man gewisse Fische nur dann wollte, wenn sie in der Nähe der Cloaken gefangen wurden. Es zeigt dieses Anklammern an Nietzsche, den Einen und Einzigen, das nicht auszurottende Bedürfniß nach Autorität; man will, ohne es einzugestehen, jemand, auf den man sich berufen kann. Nun Nietzsche als großer Geist die unumschränkte Herrschaft der Triebe verkündet, nun er jede moralische That leugnet, die Wissenschaft unter der Optik des Künstlers gesehen wissen will, glaubt man beruhigt sein zu können. Jetzt sind selbst neronische Gelüste und das Waten im Schmutze gerechtfertigt; nun hat die brüchige Seele doch den zweifelhaften Trost, daß am Ende auch die bedenklichsten Ausschreitungen in irgend einer Weise dem Leben zu Gute kommen müssen; nun mag sich sogar der eifrigste Catilinarter der Großstädte, dieser Cloaken der späteren Civilisationen, für einen Schaffenden halten und sich des cynischen Muthes rühmen, Mit dem er seinen auseinandergehenden Trieben folgt. Nietzsche's Verherrlichung der weltgeschichtlichen Ungeheuer, sein Schwärmen für die „starken Naturen" der Verbrecher sind das Gegenstück zu jener anderen modernen Lehre, daß der Verbrecher ein Kranker ist; die eine Auffassung entschuldigt die Schlechtigkeit, die andere verherrlicht sie. Ist das nicht ganz der passende Boden für die Dynamitarden und Petroleure; ist solche Lehre nicht Lebensweisheit für die Lebemänner, die nun ihre Liederlichkeit mit einer gewissen philosophischen Begründung genießen können? Der moderne Mensch hat in Nietzsche fein Vorbild in Theorie und Praxis; aber auch die moderne Wissenschaft und Philosophie hat in ihm ihren konsequentesten Lehrer gefunden. Freigeisterei und Atheismus, das ist die Signatur der Geisteswelt unseres Jahrhunderts. Soweit ist das freie Denken gekommen, daß jeder Einzelne auf Grund einer guten Geistesanlage sich zum Meister aller Anderen erkoren glaubt und im Ton des Gottgesandten redet, b) Hegel versicherte: „Ich möchte mit Christus sagen: ich lehre die Wahrheit, ich bin die Wahrheit;" Fichte °) ek. Limbourg, Zur Charakteristik der modernen Kant- Strömung. Jnnsbr. Zeitschr. 1893 S. 312 ff. 234 hielt die Verkündigung seiner Lehre für „die Ausgießung des hl. Geistes über alles Fleisch"; Kant meinte, sein System sei für alle zukünftigen Zeitalter zu den höchsten Zwecken der Menschheit unentbehrlich; Schopenhauer betheuerte: „Ich habe den Schleier tiefer gelüftet, als irgend ein Sterblicher vor mir." Diese maßlose Eitelkeit und Selbstvergötterung treibt Nietzsche auf die Spitze; er rühmt") sich: „Ich habe den Deutschen die tiefsten Bücher gegeben, die sie überhaupt haben; Grund genug, daß dieselben kein Wort davon verstehen." „Mein Zarathustra ist das tiefste Buch der Menschheit." Die Unverständlichkeit ist auch eine wesentliche Eigenschaft unserer großen Geister, und Nietzsche ist als der größte auch der unverständlichste, ein moderner Heraklit. Seine Tiefe besteht im „Ahnenmachen". Nietzsche hat diese Art Tiefe selber also verspottet: „Wer uns ahnen macht, macht uns tief. Entschließen wir uns, meine Herren: ... wir wollen sie ahnen machen. So viel vermögen wir noch! Was das Ahnenmachen betrifft, so nimmt hier unser Begriff „Stil" seinen Ausgangspunkt. Vor allem kein Gedanke! Nichts ist compromittirender, als ein Gedanke! Sondern der Zustand vor dem Gedanken, das Gedränge der noch nicht geborenen Gedanken, das Versprechen zukünftiger Gedanken, die Welt, wie sie war, bevor Gott sie schuf, — eine Nekrudescenz des Chaos . . . Chaos macht ahnen." Dennoch kennt Nietzsche nur die Tiefe der Verwirrung; bei ihm sind die Begriffe in völliger Auflösung. „Nichts ist wahr, Alles ist erlaubt." — So mußte es kommen, nachdem man die menschliche Vernunft nur auf sich selber gestellt, nachdem man sie frei gemacht von allen Denkgesetzen. Es müssen dann aber auch jene, welche zu solcher That beigetragen, darunter leiden, wie die Revoluttonsmänner von eben dieser Revolution verschlungen wurden: Nietzsche nennt den kritischen Kant den „verwachsensten Verstandeskrüppel"; Strauß, den Befreier der modernen Welt vom Glauben, heißt er den „Vildungsphilister"; Schopenhauer, der Vater des Pessimismus, ist ihm ein „psychologischer Falschmünzer". Sogar allgemein anerkannte Koryphäen werden ihres Lorbeers beraubt: Sokrates wird zum „Hanswursten" degradirt, Plato ist langweilig; und so bekommt jeder sein Urtheil — eine Beleidigung. Wir sehen in Nietzsche die Toleranz des Freigeistes; sie ist zwar in ihrem Wesen nie anders gewesen, Nietzsche ist nur die Frucht der früheren Blüthen. Ganz so wie in der Selbstüberhebung, dem schließ- lichen Nihilismus des Denkens und dem Haß gegen Andersdenkende ist Nietzsche auch im Atheismus der vorläufige und wohl kaum zu übertreffende Höhepunkt des modernen Unglaubens. Haben die vorausgehenden Denker und Philosophen mit allen möglichen Mitteln das Dasein Gottes untergraben, so findet Nietzsche den traurigen Muth, diese That als eine erlösende zu feiern. Er rüst der modernen Welt die schauerlichen Worte zu: „Wohin ist Gott? Ich will es Euch sagen! Wir haben ihn gelobtet! — Ihr und ich! Wir alle find seine Mörder! -Hören wir noch nichts vom Lärm der Todten- gräber, welche Gott begraben? — auch Götter verwesen; Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet! — Ist nicht die Größe dieser That zu groß .für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, «M nur ihrer würdig zu erscheinen?" Die berufenen Pfleger und Hüter der heutigen Cultur, die liberalen Professoren, wenden sich nun freilich voll Entrüstung gegen Nietzsche oder ignoriren ihn ganz. Einer, Dr. Stein, hat sogar ein ganzes Buch geschrieben „über die Gefahren von Nietzsche's Weltanschauung"; aber der Herr Professor hat eben damit den Beweis erbracht, daß Nietzsche ganz Fleisch von feinem Fleisch und Geist von seinem Geist, nur konsequenter, verwilderter ist. Da nützt alles Abschütteln und Ableugnen nichts; nicht darum handelt es sich, ob die modernen Cultur- apostel Nietzsche beistimmen und ihn verherrlichen, sondern das ist der Kernpunkt: Nietzsche hat nur auf dem vorhandenen Material weitergebaut; er hatte den Geist und die Kühnheit, anS voller Seele ein Moderner zu sein. Ihr müßt ihn also nicht völlig verleugnen! Ihr lehret freie Wissenschaft, ihr fordert freies Denken. Damit habt ihr die Geister gerufen, uns, die unabhängigen Geister, welche kein Blatt vor den Mund nehmen, welche über den „blassen Atheismus" der unfreien Geister, „die noch an die Wahrheit glauben", weit hinaus sind; uns, die „Erkennenden von heute", „die Europäer von übermorgen", die „Gottlosen und Antimetaphysiker", die mit der Freiheit Ernst machen und Freiheit des Geistes nirgends fanden, als in der Losung: „Nichts ist wahr, alles ist erlaubt." Nietzsche ist nur in dem „Milieu" der Gegenwart möglich, welche in ihrem gottentfremdeien Streben, die dem Menschen gesetzten Grenzen zu überschreiten, körperlich nervös, ja wahnsinnig, und geistig anarchistisch wird. Für alle besonnenen Zuschauer hat der Nietzsche- Cultus nur eine rein symptomatische Bedeutung, ist aber als solche nicht zu unterschätzen. ' Wir sehen auch in Nietzsche's prometheischew Streben das Schicksal der von Gott losgetrennten Vernunft verkörpert: ein Fiasko, ein Bankerott, um so unheilbarer, je weiter die Entfernung des bankerotten Geschöpfes vom unendlichen reichen Schöpfer. Jetzt schon leiden solche „freie Geister" die ärgsten Tantalusqualen, die sie vor sich selber erschauern machen und ihnen einen Klageruf auspressen, wie den folgenden: „Halb ist mein Leben um, Der Zeiger rückt, die Seele schaudert Dir! Lang schweift sie schon herum Und sucht und findet nicht — und sie zaudert hier? Halb ist dein Leben um: Schmerz war's und Irrthum, Stund' um Stund' dahier'. Was suchst du noch? Warum?- Dieß eben such' ich — Grund und Grund dafür!" Ja, uns selber find wir ein unlösbares Räthsel ohne den Glauben; wie wollen wir also Anderer Wesen deuten? Nietzsche hat dies geahnt und einmal auch ausgesprochen: „So beginnt nun der Lauf und wird fortgesetzt — bis wohin? Wenn Alles durchlaufen ist — wohin läuft man alsdann? Wenn alle CombinationsMöglichkeiten erschöpft wären — was folgte dann noch? Wie? Mühte man nicht wieder beim Glauben anlangen? Vielleicht bei einem katholischen Glauben?" O, wir Seligen hienieden schon, die wir als sicherste und beglückendste Erkenntniß, als Trost und Frieden unseres Lebens besitzen, was den Kindern dieser Welt kaum in der Ahnung gehört! Die Wahrheit und die Freiheit! „Die Wahrheit wird euch frei machen," dieses tiefsinnige Wort der hl. Schrift, es könnte als Mahnung und Drohung über Nietzsche's Leben und Lehre, über die Geistesgeschichte der Gegenwart geschrieben werden. /) Fall Wagner S. 48. Wer sich von der Wahrheit entfernt, begibt sich in die Sklaverei, und jede Freiheit ohne Wahrheit ist nur ein Schall, ein Rauch, ist nur morZaira,, über deren Betrachtung uns schon der Staub der modernen Geisteswüste um die Sinne fliegt. Nietzsche und Christus t — Christ und Antichrist! Welch ein Unterschied; ein Himmel und eine Hölle liegt zwischen Beiden. Wir können ruhig die Welt ihre Feste feiern und hernach ihre Todten begraben lassen; auch ein Nietzsche ist nur Werkzeug Gottes, der unselige Zeuge eines gott- entfremdeten und darum unglücklichen Menschenlebens. Ueber Glasmalerei im Frankenlande und die Glasgemälde der St. Jakobskirche zu Notheu- bnrg o. d. Tauber. Von vr. H. Oidtmann in Linnich (Rheinland). (Schluß.) Das vierteilige Mittelfenster, durch Quereisen in mehr als 50 Felder eingetheilt, ist geradezu überwältigend in seiner leuchtenden Farbenpracht; Noth, Blau, Gelb, Grün und „Weiß" vereinigen sich mit vielen Mitteltönen zu einer wunderbaren Farbenstimmung von seltener Harmonie; es fällt dem entzückten Auge schwer, von dem herrlichen Gesammteindruck sich loszureißen und an die Beachtung der Einzelheiten heranzugehen. Das Nothen- burger Mittelchorfenster muß seines Gleichen suchen; schön durchsichtig und klar gehalten, hat dasselbe den richtigen Glascharakter. „Es ist ein großartiger, gleichsam gold- durchwirkter, mit Perlen und Edelsteinen reich geschmückter Teppich, der uns in dieser spätmittelalterlichen Arbeit entgegentritt." * 0 ) Leider verschwindet das farbenprächtige Bild schon gegen Mittag, und eine graue, nur hier und da eine Farbe durchtastende Fläche starrt uns kalt entgegen. Die außen um das Fenster laufende Bordüre enthält auf die Geburt Christi bezügliche Stellen aus der heiligen Schrift; die einzelnen Buchstaben sind in dem rothen Grund des Frieses eingebleit. Der Teppich der beiden Mittleren Reihen, auf welchem die Medaillons aufliegen, ist roth und blau mit zwischengebleiten gelblichen Rosettchen; die ihn begleitende Bordüre besteht (von außen nach innen) aus einem gelblichen Perlstreifen und einem rothen Bande, auf welchem grünlich-weiße Blumen mit gelben Stengeln sich emporranken; die Medaillons, lang gestreckte, verschwommene Vierpäste, haben abwechselnd verschiedenfarbige, damascirte Hintergründe; die Fleisch- theile der Figuren sind aus weißem, gelblichem oder blaß- röthlichem Glase geschnitten. Das Fenster beginnt unten mit einem kleinen Steinmaßwerke, unter welchem wir in den äußeren Feldern einen knieenden Ritter und das Wappen derer von Lösch sehen; die mittleren Felder zeigen die Gestalten der hl. Elisabeth") und des hl. Jakobus. Von diesem unteren Maßwerk setzen sich die Pfosten des Fensters ununterbrochen bis zum oberen Steinwer! fort; die beiden mittleren Reihen des Fensters enthalten in jedem Felde ein Medaillon; zunächst sehen wir die Symbole der Evangelisten, dann, über diesen, geschickt auf beide Medaillons vertheilt, den englischen Gruß. Die vierte Reihe enthält die Hirten von Bethlehem und die Heimsuchung, die ") Detzel H., Eine Kunstreise durch das Frankenland. Würzburg, 1885. Kolb H., Glasmalereien des Mittelalters und der Renaissance, Stuttgart 1834, bringt eine farbige Abbildung des Feldes mit der hl. Elisabeth. fünfte in beiden Medaillons die Geburt Christi, die sechste Reihe die Anbetung der heiligen drei Könige. Ueber diesen die Flucht nach Aegypten und die Taufe Christi, weiter das heilige Abendmahl und Christus am Kreuz; hieran schließen sich der Verrath des JudaS und Christus vor Pilatus, Christus am Oelberg und die Grablegung, Christus in der Vorhölle und die Auferstehung des Heilandes. Wo eine Darstellung auf beide Medaillons vertheilt ist, ist die Gruppirung geschickt angelegt. Nach der falschen Reihenfolge der Medaillons zu schließen, find dieselben später gelegentlich einer Restauration planlos eingesetzt worden. In den äußeren Seitenfeldern finden wir unter farbenprächtigen Baldachinen und Architekturen die Darstellungen von zwölf Propheten mit Spruchbändern; auch hier begegnet uns sowohl in den Hintergründen und Architekturen, als auch in den Gewändern der Figuren ein großartiger Farbenreichthum und geschmackvolle Abwechselung in der Zeichnung. Die Medaillons der mittleren Reihen sind allerdings im Verhältniß Zum Maßstab des Fensters etwas klein; hierin erinnern sie etwas an die Fenster der Ste.-Chapelle zu Paris; aber die einzige Farbenwirkung dieses Kunstwerks läßt über alles Andere hinwegsehen. Das dreitheilige Fenster der Epistelseite zeigt wieder eine ganz andere Anordnung und eine ganz andere Behandlung; es ist jedenfalls jünger, als die beiden anderen Fenster. Die unteren Felder rechts und links werden durch die Figuren der heiligen Apostel Petrus und Jakobus ausgefüllt, welche in ihrer ganzen Auffassung und Behandlung mehr zum Mittelfenster passen, jedoch keinesfalls zu den übrigen späteren Theilen des Fensters, in welchem sie heute stehen. Auch bei diesen Figuren finden wir die eingebleite Schrift. Der Engel in dem mittleren unteren Feld mit dem Wappen der Stadt Nothenburg verräth auch schon ohne die ausdrückliche Angabe „Re- staurirt 1856" die mangelhafte Arbeit der damaligen Zeit. Die nächsten neun Felder bilden eine Abtheilung für sich. In der Mitte sehen wir Christus am Kreuz, umgeben von vier Engeln; zwei tragen zur Seitenwunde des Heilandes kleine Kindergestalten, welche nach der Auffassung Detzels Seelen darstellen sollen. Am Fuße des Kreuzesstamwes „sieht man stehend und sitzend die sündige Menschheit, welche um des Blutes Christi willen um Vergebung fleht und auf welche dieses von seinen Füßen herabfließt." Aus der rechten Hand des Gekreuzigten fließt Blut in den Kelch, welchen ein Priester beim Meßopfer am Altare in die Höhe hält; hinter dem Altar zwei Männer. Engel tragen auch dieser Wunde die Kindlein zu. Aus der linken Handwunde fließt das Blut auf ein Kind, welches ein Priester über den Tauf- stein hält; daneben eine männliche und eine weibliche Gestalt, wohl die Tauspathen. Nach oben findet die ganze Darstellung ihren Ab' schluß in einem doppelten Rundbogen, in welchem sich eine Darstellung des Fegfeuers befindet; Engel löschen an einer Seite das Feuer und tragen an der anderen arme Seelen auf ihren Armen heraus. Ueber dieser herrlichen, großartig gedachten Darstellung finden wir in ganz anderer, nicht minder sinnreicher Anordnung die Darstellung des heiligen Meßopfers. Im mittleren Felde bringt der Priester das unblutige heilige Opfer dar; links kniet ein betender Mann, hinter ihm zwei Engel; rechts will sich ein Mann vom hl. Opfer abwenden, wtxtz. 236 jedoch von einem Engel zurückgeholten. Detzel vermuthet hierin die Darstellung von Glaube und Unglaube. Ueber dem Altar sitzt oben in der Mitte der Heiland in großer Gestalt, drei Seelen in Kindergestalt auf seinem Schoße haltend; links bringen Engel ihm wettere Seelen zu, rechts knteen drei Heilige; über diesen seitlichen Darstellungen knieen die Donatoren, begleitet von einem Engel. Die nächsten neun Felder bringen das Vorbild des HI. Abendmahls, den Mannarcgen; Engel werfen die Brode und Bretzeln in lebhaft bewegter Darstellung auf die unten sitzenden und stehenden Juden. Die weiteren Felder zeigen den segnenden Christus mit der Weltkugel, zu beiden Seiten einen Engel und über dieser Darstellung auf rothem Grunde den Propheten Malachias mit einem Spruchband. Der obere Theil dieses Fensters ist, wie man auf den ersten Blick sieht, renovirt. Wie schon oben bemerkt wurde, deuten Compofition, Zeichnung und Technik auf eine etwas spätere Ausführungszeit hin; in der Farbcnstimmung herrscht das Grün etwas stark vor. In diesem Fenster besitzen wir eine schöne Darstellung des Erlösuvgswerkes, eine recht sinnige Verbindung des unblutigen Meßopfers mit dem blutigen Opfer des Gottessohnes. Die drei Fenster bilden einen kostbaren Schmuck der herrlichen Kirche; nur ungern trennt sich das Auge des bewundernden Beschauers von diesen farbenprächtigen Werken. Nebenbei sei hier noch kurz auf die aus dem Ende des XIV. Jahrhunderts stammenden Glasgemälde der im Jahre 1384 gebauten Herrgottskirche im nahen Creglingen hingewiesen. Eine nähere Beschreibung derselben vielleicht später unter Württemberg. In der Schwanenordenskapelle, dem im Jahre 1528 vollendeten Chöre der St. Gumbertus - Stiftskirche zu Ansbach befinden sich in vier Fenstern im Ganzen 2V Felder zerstreut erhalten, außerdem noch 5 kleinere Wappen. Die Felder sind leider fast alle beschädigt; sie stellen einige Madonnen, Crucifixe, Heilige, Personen aus der markgrüflich hohenzollernschen Familie und einige größere Wappen dar; die bei Graf Stillsried^) abge- oildeten markgröflichen Porträts sind nur sehr schwer wiederzukennen; theilweise find sie nur in Bruchstücken erhalten. Der knieende Ritter rechts mit der schwarzweißen Fahne, in burggräflichen Farben (roth und gelb) gekleidet, ist Markgraf Casimir; im Mittelfenster sehen wir Georg den Frommen, ebenfalls mit einer schwnrz- anßen Fahne; das dritte Bild zeigt den Markgrafen Gumbert; der Kopf fehlt, während von der Markgräfin Susanna, der Gemahlin Castmirs, einer bayerischen Prinzessin, nur noch das Brustbild zu sehen ist. Mehrere Felder sind zart und sorgfältig durchgearbeitet, besonders eine hl. Dreifaltigkeit und eine Selbdritt. Es ist bedauerlich, daß diese Reste alter Glasmalerei in der Schwanenordenskapelle sich in einem so schlechten Zustande befinden. Auch das früher an Glasgemälden reiche Kloster Heilsbronn bei Ansbach hat heute in seinem Hauptchorfenster nur noch einige spärliche Reste alter Glasmalerei erhalten, aber nur so spärliche Reste, daß man sie in dem 1876 mit den technischen Mitteln der damaligen Zeit restaurirten Fenster kaum zu erkennen vermag. Es war ursprünglich ein Votivgemälde für den 1297 ge- ") Alterthümer und Kunstdenkmale des Erlauchten Hauses Hohenzvllttn. . storbenen Burggrafen Friedrich III. Die Reste dieses Fensters waren die einzigen alten Glasmalereien, welche bei der Aufhebung des Klosters nicht entfernt wurden; aus dieser Zeit finden wir folgende Notiz: „Am rothen Fenster hinter den oberen Altar im mittleren Fenster sind die Bildnus Burggrafs zu Nürnberg, so zu Kaiser Rudolfs Zeiten gelebt, und über ihm der Zollcrische Schild und Namen Fridericus, gegenüber aber seiner beiden Gemahlinnen Bildnus, über denen auch der Zollerische Schild mit diesen Worten: Dürre Donnnae DurAgravIae." Es ist unter den Glasgemälden der Kirche das einzige, welches man im zerstörungslustigen 18. Jahrhundert der Aufbewahrung werth erachtete; man nahm es bei der damaligen verunglückten Restauration der Kirche heraus, verwahrte es sorgfältig und setzte es dann wieder ein. Auch die 16 von Abt Petrus Wegel in den Jahren 1466 — 1472 angeschafften Glasgemälde des Kreuzganges mit Darstellungen aus dem Leben des hl. Bernhard waren bei der Aufhebung des Klosters noch unversehrt in Heilsbronn, kamen aber mit noch zwei anderen Fenstern 1774 nach Ansbach laut folgenden Liefer- und Empfangsbescheinigungen : „Aum Iioostlürstliesteii Drmarat Oaol3- staost werclen rmnrit äie aus clsr kiesiZen Xirests genommenen gemalten Venster au 18 I'lügeln üdsr- sauclt. üailsstrcmu, am 28.1)63.1774. «I. ll. VVsinstarck, Verwalter." — „Die Dinlieleruug 3um Dauamt ke- sosteint, Ouelöstaeli, am 29.1)63.1774. 6.IV Xnoll."") Wohin die Fenster von dort aus gerathen sind, ist nicht bekannt; man hat nichts mehr davon gesehen noch gehört. Uebrigens finden wir die Anbringung der Lebensgeschichte des hl. Bernhard in den Kreuzgängen mehrerer Cistercienserklöster, so auch in Altenberg bei Köln. Diese Bilder wurden leider 1824 in Köln verkauft. In der Klosterkirche selbst waren nur die hintersten Fenster des östlichen Chors mit Glasmalereien geschmückt. Ueber dieselben wissen wir nicht mehr, als oben über das Hohenzollernfenster berichtet wurde. Und auch dieses Fenster war 1770 in großer Gefahr. Zeugniß für das rücksichtslose Verfahren in der damaligen Zeit gibt die auf Vorschlag wegen Erleuchtung der an den sogenannten neuen Chor anstoßenden Sakristei der neuen evangelischn Kirche erfolgte Resolution vom 7. Dezbr. 1770: „Die Haupt Musterung in der Sacristeh Verursachet das mittlere lange gemahlte Fenster im Chor. Und da diesse Mahlerey bis oben hinauf, wo ein Burggräfltch Monument stehet, leediglich keine figuren Vorstellet, sondern blos gefärbte Scheuben sind, so wäre der Vorschlag, dieses gemahlte Fenster bis zum Monumente herauszubrechen und dagegen mit neuen Taffeln zu Versehen." ^) Wie schon oben bemerkt wurde, find die alten Neste so geringe, daß man kaum noch von einem alten Fenster sprechen kann. In den obersten Feldern sehen wir in langgestreckten Medaillons eine kleine Kreuzigung, links Zuerst abgebildet von M. Sylvester Schmidt in einem Programm vom Jahre 1701; hierauf von Hocker im Hecks- bronner Antiguitätenschatz S. 3 und nach letzterem von Klingsohr S. 27. Ferner in „Alterthümer und Kunstdenkmale des Erlauchten Hauses Hvhenzollern" von Graf R. Stillsried, Heft I. eine farbige Abbildung. Eine Abbildung des Erneuerungsentwurfes bei Dr. H. Oidtmann, Technik der Glasmalerei. Seite 38. Geschichte von Kloster Heilsbronn von der Urzeit bis zur Neuzeit, von Georg Muck; 3 Bände, Nördlingen 1679. Bd. III, S. 201 u. 266. *°) Vcrgl. Stillsried a. a. O. bei der Beschreibung der ! Münstttkffche^ 237 die knieende Gestalt des 1297 verstorbenen Burggrafen Friedrich III. von Hohenzollern, rechts die knieende« Figuren seiner Gemahlinnen Elisabeth und Helena. Das Fenster entspricht keineswegs den Erwartungen, welche einzelne Schilderungen dieser „figuralen Malereien" erwecken müssen. In den meisten Werken über Glasmalerei wird von den Fenstern zu Heilsbronn gesprochen, eine unliebsame Ungenauigkeitfür den wißbegierigen Leser. Glücklicherweise bieten die übrigen Kunsidenkmäler der Klosterkirche dem Besucher reichlichen Ersatz für diese Enttäuschung. Wie wir sehen, hat das Frankenland, abgesehen von Rokhenburg, nur wenige Denkmäler alter Glasmalerei auszuweisen, eine wahre Fundgrube dagegen für daS Studium alter Glasgemälde bietet Nürnberg in feinen vielen Kirchen und Kapellen; wie tn der Glasgemäldesammlung des Germanischen Museums, so finden wir auch in den Kirchen fast alle Perioden vom 14. Jahrhundert an vertreten. Hierüber vielleicht ein anderes Mall Mein Abschied von den Ptolemäern. Ein X-Strahl durch die Wiener Clique. Von L. (Schluß.) In seinem Exposä („Presse" vom 20. März d. I.) will Herr Jlg seinen Fehler gut machen und behauptet, daß die „aus Thon modellirten und bemalten Porträt b ästen gleichfalls (wie die Porträts auf den Holztafeln) an den Mumien als getreue Konterfeis der darin Bestatteten angebracht waren. „Wir können diesen Büsten keinen Geschmack abgewinnen und muthen ihnen auch keinen besonderen Kunstwerth bet, aber für „getreue Konterfeis" der Bestatteten kann sie nicht einmal ein Zimmermaler halten; selbst der selige Meister Fludribus in Scheffels „Trompeter", der für sieben Schilling den Quadratfuß malte, hätte über die „getreuen Konterfeis" gelächelt. So hat Herr Jlg das getreue Konterfei dort, wo es thatsächlich zu finden war, übersehen und macht seine epochale Entdeckung am unrechten Platz und zu unrechter Zeit! Diese böse Verwechslung erinnert uns an die lustige Scene in Nestroy's „Schlimme Buben", wo die Taferlschüler auf Anregung eines aus ihrer Mitte die Frage- und Antwortzettel verwechseln, die ihnen vom vorsichtigen Schullehrer vor der Prüfung durch den Schulinspektor in die Kappe gelegt wurden. Wir sind am Schlüsse unseres AbschtedsworteS von den Ptolemäern und reproduciren hier den Brief, resp. die Duplik Theodor Graf's auf die Behauptungen Jlg's, da „Die Presse" der Erwiderung des Entdeckers der Bilder und Büsten nicht Raum gegeben. Es ist nicht edelsinnig, daß „Die Presse" nur Verdächtigungen ihrer Mitarbeiter aufnimmt, die Entgegnungen der Angegriffenen jedoch abweist. Herr Jlg kann leicht den Achilles spielen, wenn ihm die Redaction seines Leibblattes den Papierkorbdeckel als Schild vorhält! Herrn Graf's Antwort ist ernst gehalten, ohne Kalauer, wie wir'S nur von den Auslassungen des übermüthigen Feuilletonisten der „Presse" gewohnt sind, der in einer ernstseinsollenden Kritik mit Worten und Ausdrücken herumwirft, die sich nur in '") Uebngeiis sei schon hier bemerkt, daß derartige Unge- nauigkeiten sich in vielen Werken über GlaSmälerci recht unangenehm anhäufen und wiederholen. einem Referat in der „Juxzeitung vom Gschnasabend* schicken. Indem wir den Brief Herrn Graf's und die Antwort der „Presse" wiedergeben, glauben wir, obwohl schon mehr als drei Monate verflossen sind — solange wurde Graf mit Aufnahme seiner Erwiderung hingehalten, deren Veröffentlichung er nach so langer Zeit mit Unrecht für ganz illusorisch hielt —, doch nicht mit dem „Senf nach dem Essen zu kommen", da es sich um eine gerechte Sache handelt, die von der Wiener Clique vertuscht werden wollte! Herrn Graf's Erwiderung lautet: „Erst dieser Tage auf einen in der Abend-Presse vom 20. März erschienenen, mit „Jlg" unterfertigten Aufsatz über meine Ausstellung antiker Porträts und griechisch-römischer Porträt-Büsten und -Masken aufmerksam gemacht, ersuche ich die löbliche Redaction der Presse um Berichtigung mehrerer darin vorkommender Irrthümer. Es ist nicht richtig, daß der genannte Verfasser in meinem Ausstellungs-Local am Kolowratring Nr. 7 die 100 Porträts, die vor 5 Jahren im Künstlerhaus ausgestellt waren, jetzig „vollzählig" wiedersah, weil seitdem, wie auch aus dem Katalog ersichtlich, 25 dieser Bilder an öffentliche Sammlungen (an die kgl. Neue Pinakothek in München, die Museen in Dresden, Kopenhagen, Boston und Philadelphia) und an verschiedene Privat - Galerien verkauft und abgeliefert worden sind. .Bevor er eine so bestimmte Mittheilung machte, hätte er doch wohl die kleine Mühe nicht scheuen sollen, sich über die wahre Zahl der jetzt ausgestellten Bilder zu unterrichten. Wenn der Verfasser des erwähnten Aufsatzes die Aussprüche der größten Maler unserer Zeit über den hohen Kunstwerth dieser unserer antiken Porträts als „Dilettantcngefchwätz" bezeichnet, so trifft er dadurch Männer wie Lenbach, Menzel, Knnus, Gabriel Max, Defregger, Kaulbach, O. Piltz, Wauters, Jan Weth, Passini und Meissonier, die einen solchen Vorwurf gewiß nicht verdienen. Von einem Knaus wurden sogar einzelne dieser enkaustischen Bildnisse, die der Verfasser des erwähnten Artikels als Machwerke von „Provinzhandwerkern" jener Zeit bezeichnet, copirt, und Professor von Lenbach schreibt darüber an einen Kunstfreund: „Sie wissen, wie enthusiastisch beim ersten Anblick der griechisch-ägyptischen Porträtsammlung, dieser für uns ganz neuen Welt, ich bei Bild für Bild gewesen, welche Freude über die naive Auffassung, über die Schönheit deS Tones, über die interessante, ganz verloren gegangene Technik ich geäußert habe. Ich habe die Sammlung dann hier oftmals und neulich wieder in Berlin gesehen und jedesmal denselben erhebenden Eindruck gehabt. Muß es doch zu den Wundern der Welt gezählt werden, daß so viele Porträts aus der antiken Zeit, so frisch wie heute entstanden, gefunden und uns zugänglich gemacht worden sind. Für mich war der Einblick in den Gang einer so geschmackvollen längst vergangenen Zeit ein großes Er- eigniß und eine Quelle von Anregung. Ich wünsche von Herzen, daß diese merkwürdige Galerie des Herrn Graf Deutschland erhalten bleibt."^) „Was nun die Zweifel anbelangt, die der Verfasser ') Jlg: »Hier (Kolowratring Nr. 7) begegnet uns die ganze Galerie dieser merkwürdigen MnmienporträtS wieder, bei 100 Nummern, über die wir uns hier nicht abermals auslasten können." (Wir wissen warum! X. 8.) Dieses Urtheil des ersten Porträtistcn Deutschlands, ja der Welt. über die hellenistischen Porträts wird Herrn Jlg wohl total zudecken! X 8. 338 des kritischen Artikels über die Echtheit der bemalten Büsten und Masken durchblicken läßt, so möge er sich darüber bei dem k. k. Museum für Kunst und Industrie, der k. k. Akademie der bildenden Künste in Wien, dem British Museum in London, dem Llussnin ol Ime Lrts in Boston, dem Museum der Universität von Pennsylvania, die alle aus meiner Collection eine Reihe solcher erwarben, erkundigen, ob sie die ihnen von mir gelieferten polychromirten Büsten und Masken für echt oder unecht halten. „Der Verfasser jenes Artikels sei daran erinnert, daß sich im Museum ägyptischer Alterthümer in Gizeh bei Kairo eine recht bedeutende Sammlung solcher bemalier Büsten und Masken aus der gleichen Fundstätte Bcilan- surah befindet, deren Echtheit vor der Aufstellung festgestellt wurde. «Wer die assyrisch-babylonischen Steinsarkophage im Louvre in Paris, welche die Züge der Verstorbenen in Puppenkopfgröße zeigen, kennt, dem wird die Kleinheit einiger dieser Porträt-Masken gewiß nicht befremdlich erscheinen und keinen Anlaß zu Zweifeln geben. „Die alten Aegypter und auch die späteren griechischen und römischen Bewohner des Nilthales, die den Todten-Cultus der ersteren annahmen, waren zweifellos der Ansicht, daß der Ka, d. i. der Geist oder Genius des Verstorbenen seine sorglich aufbewahrte irdische Hülle, mit der sich auch die äußere Erscheinungsform des Entschlafenen erhielt, auch dann leicht wiederfände, wenn der Kopf nicht die volle Lebensgröße zeigte. Dafür sprechen auch die von mir ausgestellten gemalten Porträts, die vielfach unter Lebensgröße ausgeführt wurden." Diese durch ihre Ruhe und Sachkenntniß ausgezeichnete Erwiderung wollte Theodor Graf in die „Presse" lancireu; aber der Herausgeber dieses Blattes anwortete dem Rechtsfreunde des Angegriffenen: „Der von Ihnen (Graf) eingesandte Artikel enthalte bis auf einen einzigen Punkt, nämlich, daß die Porträts, die Sie gegenwärtig ausstellen, dieselben seien, welche Sie vor fünf Jahren im Künstlerhause exponirt haben, im Uebrigen lediglich einen Gegenartikel über die Kritik des Herrn vr. Albert Jlg. Trotzdem sei er bereit, Ihren Artikel unter der Spitzmarke,Eingesendet' zu bringen, wenn Sie denselben derart umarbeiten, daß ihm jede Spitze gegen den Verfasser des erschienenen Artikels fehlt." Zuletzt versucht es noch der Herausgeber der „Presse", den Nechtsfreund Graf's mit einigen nebensächlichen Für und Wider zu beschwichtigen. Uns ist die fascinirend naive Forderung der Angreifer, der Erwiderung Graf's müsse „jede Spitze gegen den Verfasser" (Jlg) fehlen, genug, um gegen diese Unfehlbarkeits-Erklärung eines Kritikers energisch zu Protestiren! Der Mitarbeiter der „Presse" darf lustig mit Steinen werfen, darf aber dafür nur mit Watte behandelt werden! Wir überlassen die Kritik einer solchen Kampfesweise den Lesern; mögen sie ihr vernichtendes Urtheil über dieses beispiellose Stück Wiener Clique-Wesen fällen. Uns war es darum zu thun, beizutragen, daß derlei Wirthschaft durch Veröffentlichung die verdiente Rüge erhalte. Wenn mir Herr Jlg, der als flotter und witz- reicher Fabulist in der „Wiener Mode" und im Feuilleton Jlg: Wie nun aber die plastischen Köpfe an den Mumien, noch dazu die ganz kleinen, angebracht waren, ist mir unverständlich^ ' anderer Blätter gern gelesen wird, das Privilegium zum Kunstkritiker abgesprochen, so möge er sich kein graues Haar wachsen lassen; man kann ein Fachmann in Beurtheilung von Etsenblcchrüstungen sein, braucht aber deßwegen nicht auch über antike Bildwerke urtheilen zu können, die auf Sykomorenholz gemalt sind. Huoä bans noimuäuirr! Historische Commission bei der k. bayer. Akademie der Wissenschaften. (Bericht des Sekretariats über die 37. Plenarver» sammlung der historischen Commission.) (Schluß.) Die ältere Pfälzische Abtheilung der WittelS- bacher-Correspondenzeu, die am dritten Band der Briefe des Pfalzgrafen Johann Casimir steht, hat von dein Herausgeber, Professor von Bezold, nicht nach Wunsch gefördert werden können, da er durch unerwartete Einberufung zur Theilnahme am philologischen Staatsexamen verhindert wurde, die sür die vorigen Herbstferien beabsichtigte größere archi- valische Reise auszuführen. Während der beiden Semester und der Osterferien mußte er sich darauf beschränken, theils in München, theils in Erlangen einige Archivalien des allgemeinen Ncichsarchivs und des Staatsarchivs, ferner Akten des Straßburger Stadtarchivs, Schlobitteuer Archivalien und Khevenhillersche Depeschen aus dem Germanischen Museum zu bcnützen. Die ältere Bayerische Abtheilung der WittclS- bacher-Correspondenzcn, unter Leitung deö Professors Lassen, hat die von Druffel'schcn Briefe und Akten zur Geschichte des 16. Jahrhunderts mit besonderer Rücksicht auf Bayerns Fürstenhaus in den von dem Urheber geplanten Grenzen zu Ende geführt. Der vierte Band, bearbeitet von Dr. Brandt, wird in den nächsten Tagen ausgegeben werden. Er umfaßt die Jahre 1553—1555. Die wichtigsten der in ihm enthaltenen Aktenstücke zur Geschichte des Neligionsfriedens sollen in einer zum Gebrauch der historischen Uebungen geeigneten Separatausgabe veröffentlicht werden. Auch der Druck der Beiträge zur Geschichte Herzog Albrechts V. und des Lands» berger Bundes, bearbeitet von Dr. Götz, hat begonnen. Da Dr. Götz, der unterdeß Privatdocent an der Universität Leipzig geworden ist, im Winter Urlaub nehmen und sich in München ganz der Bearbeitung des Manuskripts für den Druck widmen wird, so ist zu hoffen, daß dieser Band der nächsten Plenar» Versammlung fertig vorgelegt werden kann. Damit werden die Aufgaben dieser Abtheilung der Wittclsbacher-Correjpondcnzen vorläufig erledigt sein. Die jüngere Bayerische und Pfälzische Abtheilung der Wittelsbacher-Correspondenzen, die Brief« und Akten zur Geschichte des dreißigjährigen Kriegs, unter Leitung des Professors Stieve, ist in erfreulichem Wachsthum» so des Umfangs ihrer Forschungen wie der Zahl ihrer Mitarbeiter, begriffen. Leider ist Professor Stieve durch Krankheit im vergangenen Jahre verhindert worden und wird durch eine andere wissenschaftliche Aufgabe auch im nächsten Jahre verhindert werden, seine langjährigen Arbeiten für die Zeit von 1608—1610 durch die Drucklegung des 7. und 8. Bandes zu beendigen. Anderseits ist es ihm möglich gewesen, für die Zwecke der Abtheilung einen vorbereitenden Besuch der Archive zu Zerbst, Weimar und Würzburg auszuführen. Seine alten Mitarbeiter, Dr. Chrou st und Dr. May r» Deisinger, haben, der erstere zunächst für die Jahre 1611 bis 1613, der andere sür die Jahre 1618 bis 1620, weiter gearbeitet. Dr. Eh roust hat die protestantische Correspondenz des hiesigen Staatsarchivs durchgesehen und hierdurch mit den Münchner Akten für die bezeichneten Jahre nahezu abgeschlossen. Daneben beschäftigten ihn die Schlobitteuer Papiere, deren Ueber- senbung wir dem überaus gütigen Entgegenkommen des Grafen Richard zu Dohna-Schlobitten auch während des verflossenen Jahres zu danken hatten, unter welchen zwei von Abraham von Dohna geschriebenen Bänden Brandenburger Ge- heimrathSprotokolle für 1611 —1618 eine hervorragende Bedeutung zukommt; ferner Anhaltische Akten, deren Ucbcrsendung aus dem Zerbster Archiv die herzogliche Regierung gestattet hat. Außerdem beendigte er in sechSwöchentlichcm Aufenthalt zu Wien seine dortigen Arbeiten im Ministerium des Innern und im Staatsarchiv. Das Ergebniß seiner jetzt abgeschlossenen Wiener Reisen ist die erschöpfende Aufhellung der kaiserlichen und der Kurmainzcr Neichspoliiik in jenen Jahren.' Unter manchen überraschenden Aufschlüssen mag die Enthüllung der eigentlichen Ziele des Passaucr Kriegsvolks erwähnt werden- vr. Chroust wird nun den Rest der Anhaltischen Papiere, dann die Dresdner und Jnnsbrucker Akten vornehmen. Schließlich darf hier darauf hingewiesen werden, daß vr. Chroust in diesem Jahr ein umfangreiches satirisches Gedicht des Grafen Abraham von Dohna über den Reichstag von 1613 veröffentlicht hat. vr. Mayr-Deisinger fuhr fort, die Dresdner Akten, insbesondere die Lebzelter'schcn Berichte, zu bearbeiten, und hofft damit gegen Ende des Jahrs fertig zu werden. Daneben werden die Anhaltischen Akten zu durchforschen sein. Ein Wiener Aufenthalt von acht Wochen ergab überraschend reiche Ausbeute. Im Staatsarchiv fanden sich in der Sammlung Bohemica, die ein früherer Forscher nur oberflächlich benutzt hatte, unter andern höchst wcrthvollen Briefen auch Theile der nach der Schlacht am Weißen Berg erbeuteten „Heidelberger Akten" mit der Corrcspondcnz Friedrichs V. und seiner Staatsmänner und Generale. Ferner bot das Hoskammerarchiv, welches ein anderer Verstorbener Forscher auch nur höchst flüchtig benutzt hatte, in sechs mächtigen Fascikeln einen tiefen Einblick in die traurige Finanzlage des Kaisers. In der Hosbibliothek fanden sich handschriftliche Denkwürdigkeiten, die wahrscheinlich von Martiniz herrühren. Ferner erhielt vr. Mahr durch die Vermittlung des Professors Mencik aus dem Archiv der Grasen Harrach zwei Bände eigenhändiger Aufzeichnungen des Grafen 'Karl von Harrach über die Geheimrathssitzungen am Wiener Hof, mit Briefen Bucquoys und anderer Feldherren u. a. m. Eine nochmalige Reise vr. Mahrs nach Wien wird erforderlich sein. Zwei andere junge Gelehrte, vr. Altmann und vr. Hopfen, sind als Mitarbeiter des Professors Stieve eingetreten, ohne Besoldung und in einem freieren Verhältniß, in der Art, daß sie verwandte Ziele unabhängig verfolgen und für die Förderung, welche ihnen der Anschluß an die Commission im In- und Ausland gewährt, sich verpflichten, ihre Auszüge und Abschriften der Commission zu überweisen, vr. Altinann hat zum Gegenstand seiner Studien die auswärtige Politik BahernS in den Jahren 1627 — 1630 gewählt. Nachdem er schon früher in derselben Richtung thätig gewesen war, hat er im letzten Jahr in Dresden, Prag, Wien, Innsbruck gearbeitet, und wird nun fortfahren, hier die Münchner und die aus deutschen Archiven hierher geschickten Akten zu durchforschen. vr. Hopfen bat sich die Aufgabe gestellt, die deutsche Politik Spaniens in den Jahren 1621—1634 zu ergründen, und ist zu diesem Zweck im letzten Jahr in SimancaS und Madrid, dann in Paris, weiter in London, Brüssel und im Haag gewesen. Ihm ist gelungen, die in SimancaS, Madrid, Brüssel und London zerstreuten wöchentlichen Berichte der spanischen Botschafter am kaiserliche» Hof aus den Jahren 1621—1634 fast vollzählig zu sammeln. Ferner fand er die meisten Instruktionen für die bezeichneten Botschafter. Außerdem konnte er die Berichte an den König über die Verhandlungen des Staatsraths und die Korrespondenzen der spanischen Regierung mit dem Brüsseler Hof und den italienischen Statthaltern ausbeuten. Ueber die gleichzeitigen Verhandlungen mit England in der Piälzer Frage und über das Verhältniß zu Frankreich gaben ihm die Berichte der französischen und der englischen Gesandten am spanischen Hof Ausschluß. Den glücklichen Erfolg, den er namentlich in Spanien selbst hatte, verdankt er der hilfreichen Unterstützung des Minister-Präsidenten Cänovas del Castillo und zahlreicher anderer spanischer und deutscher Gönner. Recensionen nnd Notizen. Psychologie und Philosophie. Ein Wort zur Verständigung von vr. C. Güttler, Privatdocent. München. Verlag von Piloty und Loehle. " Bekanntlich findet Heuer in München ein Psychologischer Congreß statt, für welchen ein überaus großes Arbeitsprogramm festgestellt und durch zahlreiche publicistische Avis die öffentliche Aufmerksamkeit beansprucht wurde. Die oben erwähnte Broschüre vr. Güttlcrs ist an sich und angesichts jenes Congrcsses sehr dankenSwerth. Die Psychologie im Sinne der modernen Psychologen hat die alten Bahnen verlassen; sie ist eine Wissenschaft geworden, in welcher schon das — Experiment Trumpf ist; sie ist wesentlich physiologische Psychologie und Psycho-Physik und „kommt ohne Laboratorium und Apparate nicht vorwärts". Die Vorstellung der älteren Psychologie von einer „substantia. oogitans per ss oxistous'; ist für diese moderne „Psychologie" nicht vorhanden; für die Gewinnung einer Weltauffassung ist sie selbstverständlich ohne Werth, und wo ihre Adepten an dieses Ziel überhaupt noch herantreten, wandeln sie die ausgefahrencn Geleise des Materialismus. Der Autor unserer Broschüre, welcher das höbe Interesse anerkennt, das der modernen „Psychologie" zukommt, gliedert seine Darlegung nach drei Gesichtspunkten: 1. welche Aufgaben stellt sich die heutige Psychologie, und wie sucht sie dieselben zu lösen; 2. welche wissenschaftliche Definition kommt der Psychologie zu; 3. welches ist ihr Verhältniß zur Philosophie, und welchen Platz nimmt sie als Lehrfach ein? Seine Erörterung dieser Punkte ist fesselnd und anregend und scheint uns sehr geeignet, für eine „reinliche Scheidung" der Disciplinen Grund zu legen und der philosophischen Psychologie gegenüber der im Laboratorium arbeitenden — die rsets als ein Zweig der Naturwissenschaften zu betrachten wäre — die ihr gebührende Stellung zu sichern. Möge die Arbeit vr. Güttlcrs Beachtung bei den Sachverständigen finden, aber auch von Jenen gelesen werden, welche von der „Umwerthung" der rationalen Psychologie zur physiologischen und Psycho-Physik noch wenig Kenntniß haben! Edmund Behringer, Ein Erbenwallen. Aschaffenburg Verlag der C. Krebs'schen Buchhandlung (E. Kriegenherdt) Preis 3.60 M. v Der Name Behringer ist neben dem Verfasser von Dreizehnlinden in der von christlichem Geiste getragenen poetischen Literatur unserer Zeit schon längst rühmlichst bekannt. An die früher veröffentlichten Gaben seiner Muse, „Das Felsenkreuz", „Die Apostel des Herrn", „Der Königin des hl. Rosenkranzes", „DaS Vaterunser", reiht sich in würdiger Weise das oben angeführte Werk an und wird, mit dem wohlgelungcnen Bilde des Verfassers ausgestattet, ganz besonders -den zahlreichen Freunden und Bekannten des gotrbcgnadcten, großen Sängers hochwillkommen sein. In diesem „Erdenwallcn" wird dem Leser in einem reizenden Cyklus von Bildern und Szenen das ganze, reiche Dichtcrlebcn Behrinzers vorgeführt, der herrliche Maienmorgen seiner Kindheit, seine sonnigen, sangesfrohcn JünglingS- und Studienjabrc, nnd so geht es fort bis zum Höhepunkte und zur poetischen Vollkraft und Reife seiner dichterischen Entwicklung. So singt er bald mit lyrischer Innigkeit, bald mit epischer Fülle von allem Hohen und Edlen, was Menschenbrnst bewegt, von Freiheit und Mannesmuih, von Gottesminne und Nächstenliebe, von Heimath und Vaterland. Sein liederliches „Erdenwallcn" ist fortgeführt bis zur Gegenwart, wo wir ihn zusehen meinen, wie er durch die Wälder und Höhen des Spessarts wandert und dort in den Hütten der Armuth Trost und Segen verbreitet. Denn wie sein ganzes Leben, so sind auch diese Gesänge nicht bloß von dem Hauche gotiinnigster Frömmigkeit durchweht, sondern auch von jener herzlichen, opferwilligen An- theilnahmc mit allem fremden Weh nnd Leid, die nichts für sich sucht, sondern in allem Thun und Streben nur das Wohl der Mitmenschen im Ange hat. Ist doch der volle Ertrag aller Dichtungen BehringerS der Förderung und Erziehung der armen Spessartwaisen gewidmet, ein Umstand, der gewiß jede weitere Empfehlung überflüssig macht. Der Marienbote. Jllnstrirte Monatsschrift für Marien- kiuder und Töchter katholischer Familien. Verlag von Carl Aug. Seyfricd u. Comp., München, bl. Die Feinde des Christenthums haben eine reiche Literatur in's Leben gerufen, welche die weibliche Jugend dem positiven Glauben entfremden und von der althergebrachten frommen, tugendlichen Sitte emancipiren soll. Wir haben dem eine verhältnißmäßig spärliche katholische Mädchenliteratur gegenüberzustellen und gar Weniges, was sich mit dem blühenden Stile, den interessanten Zusammenstellungen und den sonstigen formellen Vorzügen gegnerischer Erzeugnisse messen könnte. Deßwegen ist cS ungemein dankenSwerth, daß es eine hervorragende Kraft unternommen, der katholischen Mädchenwelt Monatblätter zu widmen, welche an Gediegenheit des Inhalts und streng kirchlicher Tendenz auf unantastbarer Höhe stehen und zugleich durch formvollendete Sprache und wohlbercchnete Abwechslung zwischen Unterhaltung und Belehrung den Ansprüchen einer feinen wie praktischen Mädchen-Erziehung in gleich ersprießlicher Weise entgegenkommen. Eben dieser Doppel- vorzug, der Pflege des Idealen und Praktischen, tiefer Frömmigkeit und werkthätiger Nächstenliebe — das Emporziehen des weiblichen Gemüthes zum Himmel und das sinnige Herabsteigen in die Gebiete alltäglicher Pflichterfüllung — dieser Geist der Maria und Martha, welcher die stattliche Reihe der uns nun vorliegenden Blätter durchzieht, ist es, der uns dieselben ganz befondcrs rjchmenswerth macht. Der Marjenbote wird daS 840 zuweilen in tiefem Schlummer liegende Pflichtbewußtsein unserer jungen Dämchen wecken, die Verschrobenheiten moderner Bildung bekämpfen, der Vergnügungssucht, dem Luxus, der weiblichen Eitelkeit den Geist der Entsagung, der Einfachheit und der Demutb entgegensetzen — den Maricnkindern wird er die Segensbotschast der Himmelskönigin verkünden, und allenthalben wird er ihr neue Töchter zuführen. Welche katholischen Eltern und Erzieherinnen dürften also wohl dem Marienboten ihre Thüre verschließen? _ Sophie von Künsberg, Marienleben. 8°. 32 S. Negensburg, Nat. Verlagshandlung (G. I. Manz) 1896. 7r. In „tiefem Waldcsfrieden ein schlichtes Muttcrgotles- bild" am Stamme einer Linde hat sich die Verfasserin erwählt, um dasselbe nach dem Laufe der marianischcn Festzeiten mit sinnigen Blumen der Poesie zu schmücken. Das lauschige, zur stillen Andacht stimmende Plätzchen an der „Maricnlinde" wird uns im ersten hübschen Gedicht geschildert. Nun folgen die Maricntage des Kirchenjahres; ein paar Einleitungsstrophen Versetzen uns in eine wahr empfundene Naturbetrachtung, um dann in weiteren Versen das betreffende Festgeheimniß damit in Zusammenhang zu bringen. Wir treffen in den kurzen und formell abgerundeten Gedichtchen keine erkünstelte Gedankentiefe, sondern den Erguß einer schlichten, aufrichtigen Andacht verbunden mit der Gabe poetischen Natursinnes. Der Uebelstand des einerlei Versmaßes, den sovicle derartige Versuche haben, ist sehr glücklich vermieden, und erfreuen wir uns einer Abwechslung in der Metrik, welche die lieblichen Strophen nie langweilig und langathmig macht. Bei der Fülle religiöser Poesien ist das Unternehmen der Verfasserin immer ein Waguiß gewesen, aber wir sind der Ansicht, daß sich ihre Gabe auch neben den besten Erzeugnissen dieser Gattung mit Ehren sehen lassen kann. Von absonderlichen Wortbildungen, sowie von trivialen Phrasen sind die 32 Seiten frei, auch merkt man den Zeilen eine gewissenhafte Feilung an. Das sehr hübsch ausgestattete Büchlein verdient gewiß empfohlen zu werden sowohl Wegen seines eigenen Werthes, wie auch wegen deS guten Zweckes, nämlich zum Besten der Afrika-Missionen. Meschler M. (s-9.), Die Gabe des bl. Pfingstfestes. Betrachtungen über den hl. Geist. 8", VIII -s- 518 S. Freiburg i. Br., Herder 1896 (III.) M. 3,50; gebd. M. 5.00. s. Die in kurzer Zeit nöthig gewordene dritte Auflage dieser Betrachtungen beweist zur Genüge, daß sie einem Bedürfniß entgegengekommen sind. In der That ist die Literatur über diesen Gegenstand äußerst spärlich; gut aber ist es, unserm Volk, das die dritte Person der hl. Trinität in der Andacht über Gebühr zurücksetzt, auch den hl. Geist und den Glauben an ihn, der das Leben der Gnade auswirkt, zuni Bewußtsein zu bringen. Das geschieht durch k. Meschler anerkannter Weise in vorzüglicher Form. Man kann für das Buch also nur dankbar sein. Warum gründen wir katholische Arbeiterv ereine? Von I. Eckard, Präses des katholischen Arbeitervereins in Stuttgart. Stuttgart 1896. Buchdruckerei der Act.-Ges. „Deutsches Volksblatt". Preis 20 Pfg. R. Herr Redakteur und Laudtagsabgeordnetcr Eckard, der in Württemberg unermüdlich thätig ist für Gründung katholischer Arbeitervereine, weist in dieser kleinen Broschüre, in welcher die innerste Ueberzeugung des Verfassers und dessen Begeisterung für die Sache der katholischen Arbeitervereine zu beredtem Ausdruck kommt, die Nothwendigkeit dieser Vereine nach. Die Broschüre ist in erster Linie nicht an die Arbeiter gerichtet, obwohl auch diese über Zweck und Organisation der katholischen Arbeitervereine aus ihr sehr vieles entnehmen können, sie wendet sich vielmehr an alle jene — Geistliche wie Laien — die vermöge ihrer socialen Stellung berufen sind, die Gründung eines katholischen Arbeitervereins zu veranlassen, einen solchen Verein zu leiten oder irgendwie zu unterstützen. Wir können die Broschüre aufs wärmste empfehlen und wünschen, daß sie eine gute Aufnahme und weite Verbreitung finden möge. „Die Wahrheit." Herausgegeben von Ph. Wasserburg. Verlag von Rud. Abt in München. (Erscheint monatlich zweimal. AbonnemeutSpreis pr. Jahr 8 M.; Einzel- hefte 50 Ps.) * Von dieser Halbmonatsschrift liegen uns die ersten 12 Hefte vor, welche im Ganzen und Großen die Erwartungen rechtfertigen, welche an die Gründung dieses litcrarischen Unter» nebmens seitens der Leser geknüpft wurden. Eine Reihe vortrefflicher Aufsähe behandeln theils aktuelle Fragen der Tagesgeschichte, theils allgemeine Themen aus den Gebieten der Geschichte, Socialwissenschast, der Kunst u. s. w., und zwar derart, daß die betr. Aufsätze in jedem Hefte ein abgeschlossenes Ganzes bilde». Der Aufgabe der Zeitschrift entsprechend, tragen die Abhandlungen vielfach apologetischen Charakter, wodurch diese Zeitschrift zu einer Quelle der Belehrung und zu einem Arsenal für die Discussion mit Gegnern sich gestaltet. Sink auch, wie natürlich, nicht alle Abhandlungen von gleichem Werth und Interesse, so darf man doch das Unternehmen, das von einer tüchtigen Redaction Zeugniß gibt. auf's beste empfehlen. Sehr lobenswerth ist auch die gute Ausstattung und das gut gewählte Format der Hefte. Theologisch-praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. od. 80 S. gr. 8°. Preis ganzjährig 5 Mk. Inhalt des 7. HefteS 1896: Jakob Greiser als Apologet der Gesellschaft Jesu. — Vollständigkeit der Beicht bezüglich der vergessenen, nachher wieder erinnerlichen Sünden. — Ueber das Wallfahrten und die Verhütung der dabei unterlaufenden Ucbelstände. — Lehrreiches vom „Moraluntcrricht" in der französischen Volksschule. — Rechtliche Natur des sogen. Pfarrgeldes und Einfluß des Religionsbekenntnisses aus die Pflicht zu dessen Entrichtung. — Verweigerung des elterlichen Consenses zur Verebelichung. — Die Erziehungsfehler, welche die Ursache der Nervosität sind. — Sind schwach begabte Kinder, sobald sie das gehörige Alter erreicht haben, zur ersten bl. Beichte zuzulassen? — Pflicht der Gemeinden zu Scbulhausl anten. — Das Werk vom Brode des hl. Antonius, eine „sociale Andacht". — Mehrere Aemter äs Lsgniom an einem Tage in der nämlichen .Kirche. — Appellation von der geistlichen an die weltliche Regierung in Vcrwaltungssachen. — Beachtenswcrthe Kleinigkeiten. — Neueste Entscheidungen der römischen Congre- gationen. — Erlasse der obersten Verwaltungsstellen und Entscheidungen der obersten Gerichtshöfe. — Novitätcnschau. Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1896. Zehn Hefte M. 10.80 (oder zwei Bände L M. 5.10). — Freiburg im Breisgau. Herder'sche Verlagshaudluug. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 6. Heftes: Die Naturgesetze der culturellen Entwicklung und die Volkswirthschaft. I. (H. Pesch 8. 9.) — Herbarts Ansichten über Religion. (A. Schwabe 8. 9.) — Die historische Vorlage zu Shakespeares Falstaff. (O. Pfüls 8. .1.) — Das Hexenwesen in Dänemark. I. (-s- W. PlenkerS 8. 9.) — Des hl. Ambrosius Lied vom Hahnenschrei. (G. M. DrcveS 8. 9.) — Recensionen: Gutbcrlet, Der Mensch. Sein Ursprung und seine Entwicklung (E Wasmaun 8. 9.); Brandts, Die katholischen Wohlthätigkeits-Anstalten und -Vereine (H. Pesch 8. I.); Uam^, Oalsris illnstrss äs la DompaZnis äs 9ssvs (St. Beissel 8.9.) -- Empfehlenöwerthe Schriften. — Miscellen: Zum Jubiläum der Dublin Lovlorv; ZolaS Buch über Rom; Die Universitäten Italiens. Charitas. Zeitschrist für die Werke der Nächstenliebe im katholischen Deutschland. Unter Mitwirkung von Fachmännern herausgegeben vom Charitas- Comits zu Freiburg i. Br. Erster Jahrg. 1896. Erscheint, 16 Seiten stark, je am 1. des Monats und kann durch die Post und den Buchhandel bezogen werden. AbonnementsprciS jährlich 3 Mark. — Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshandlung. Nr. 7 enthält u. A.: Die Liebesthätigkeii der Cistercienser im Mittelalter. — Wie kann das Vermögen von Wohlthätig- keitsanstalten, Vereinen und Kongregationen am besten sicher gestellt werden? II. (Schluß.) — Ueber das Sammeln von Briefmarken u. dgl. im Dienste der christlichen Charitas. — Kleine Mittel zur Verbesserung der Armenwohnungen. — Der Orden und die Genossenschaften der Barmherzigen Brüder. I. — Zum Kampf gegen den Alkohol. (2. Die nichtkatholischcn Bestrebungen.) — Marianischer Mädchenschutzverein. — Die Bekämpfung des Concubinats zu München. — Eine Haushaltungsschule für Bauernt ächter. — Katholische Trinkerheilanstalt in der Centralschweiz. Peranffv, Redacteur.: Ad, Haas in WMurg..—D.ruck u, Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Heine als „Genosse"! vr. 8t. Die deutschen Socialdemokraten, welche 1891 dem internationalen Bergarbettercongreß in Paris anwohnten, legten auf Heine'S Grab einen Kranz nieder mit der Widmung: „Die Bergarbeiter ihrem Bruder Heinrich Heine". — Socialdemokratische Lesevereine werden „Heine" getauft. — Sein „Eiapopeia": „Verschleimn«! soll nicht der faule Bauch» Was lleitzige Hände erwarben. Es wächst hieniedcn Brod genug Für alle Menschenkinder, Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust Und Zuckererbsen nicht minder", das sich in sämmtlichen socialistischen Liederbüchern findet, scheint ihn auch wirklich als einen Freund socialistischer Tendenzen zu beweisen. Aber Heine in der That ein „Bruder" der Arbeiter? Ein „Genosse" rußiger, derber Gesellen? Ein Freund comwuuistischer Tendenzen? Wer nur dessen Schriften etwas mehr als flüchtig gelesen hat, muß dazu staunend den Kopf schütteln. Heine war im Gegensatz zu Börne eine „aristokratische" Natur. Er fühlte sich auch am wohlsten in Aristokratenkreisen. Schon als Student verkehrte er fast ausschließlich theils in den Salons der Rahe! Levin, wo außer der Elite der Schriftstellerwelt auch hohe Aristokraten, wie Prinz Louis Ferdinand, die Herren v. Brinkmann u. a., sich trafen, theils im gleichfeinen Zirkel der Elise von Hohenhausen. In den Bädern von Norderney, Lucca, Cauterets war er ständiger Gast der auserlesensten Kreise. In München (1827) lebte er „im Foyer der Noblesse", liebte „die liebenswürdigsten Aristokratinnen" und sah sich selbst von „Prinzessinnen des kgl. Hofes" verzogen. In Paris war er oftgesehener Gast der ersten Salons, so bei Caroline Zaubert, bei der Fürstin Belgiojoso, von Comtessen und Fürstinnen umschwärmt. Kein Wunder, daß er die Gesellschaft der deutschen Emigranten, die ihm „mit ihrem beständigen Kannegießern" zuwider waren, mied. Heine taugt auch keineswegs zum „Märtyrer der Entbehrung". Mit der jährlichen Rente von 4000 Fr., die ihm sein Onkel Salomon, der reichste Mann in Hamburg, ausgesetzt hatte, kam er nicht aus; er bewirkte deren Erhöhung auf 4800 Fr.; daneben hatte er eine beiläufige Jahreseinnahme von 3000 Fr.; ferner erhielt er von der französischen Regierung das jährliche „Almosen" von 4800 Fr. — trotzdem litt der Dichter an ständigen Finanznöthen, freilich leicht erklärlich, wenn man dessen Gourmandise und Leichtlebigkeit kennt. Nun freilich, was Singer und Lassalle erlaubt ist, kann man auch Heine zusehen! Aber wenden wir uns seinen politischen Ansichten zu! Nicht oft genug kann er betonen — ob nun aus Ueberzeugung oder nicht, gehört nicht hieher — er sei „Monarchist". „Ich bin bei Gott kein Republikaner; ich weiß, wenn die Republikaner siegen, so schneiden sie mir die Kehle ab" — ein Ausspruch, der Börne zu einem leidenschaftlichen Angriff auf Heine reizt. Heine haßt, verabscheut jeden „Umsturz", seit er „die heidnische Wildheit entzügelter Bolksmassen in der Nähe betrachtete". Der Dichter ist Samt - Simonist. Aber wie sein Meister, sucht er Abhilfe von Seiten der „Gebildeten", es bangt ihm, daß der „Mob" diese Lehren aufgreift. „Die zerstörenden Doctrinen haben in Frankreich zu sehr die unteren Klaffen ergriffen — eS handelt sich nicht mehr um Gleichheit der Rechte, sondern um Gleichheit des Genusses auf dieser Erde, und es gibt in Paris etwa 400,000 rohe Fäuste, welche nur des Losungswortes harren, um die Idee der absoluten Gleichheit -u verwirklichen, die in ihren rohen Köpfen brütet." Ihm ist vom Standpunkte des Culturmenschen aus angst vor den radicalcn Zielen des CommunismuS. „Meine Scheu vor dem letzteren hat wahrlich nichts gemein mit der Furcht des Glückspilzes, der für seine Kapitalien zittert . . . nein, mich beklemmt vielmehr die geheime Angst des Künstlers und des Gelehrten, die wir unsere ganze moderne Civilisation, die mühselige Errungenschaft so vieler Jahrhunderte, . . . durch den Sieg des CommunismuS bedroht sehen. . . . Wir können uns nimmermehr verhehlen, wessen wir uns zu gewärtigen haben, sobald die große rohe Masse, welche die einen das Volk, die andern den Pöbel nennen, ... zur wirklichen Herrschaft käme. Ganz besonders empfindet der Dichter ein unheimliches Grauen vor dem Regierungsantritte dieses täppischen Souveräns. Wir wollen gern für das Volk uns opfern ..., aber die reinliche, sensitive Natur des Dichters sträubt sich gegen jede persönlich nahe Berührung mit dem Volke, und noch mehr schrecken wir zusammen bei dem Gedanken an seine Liebkosungen, vor denen uns Gott bewahre!" Die große Masse ist ihm „stupid". „Seine Majestät das Volk ... ist nicht sehr intelligent; es ist . . . fast so bestialisch dumm, wie seine Günstlinge." Der Atheismus ist ihm verekelt, seitdem er „merkte, daß die rohe Plebs, der Janhagel, ebenfalls dieselben Themata zu discutiren begann in seinen schmutzigen Symposien, wo statt der Wachskerzen und Girandolen nur Talglichter und Thranlampen leuchteten, als ich sah, daß Schmierlappen von Schuster- und Schneidergesellen in ihrer plumpen Herbergssprache die Existenz Gottes zu leugnen sich unterfingen — als der Atheismus anfing, sehr stark nach Käse, Branntwein und Tabak zu stinken —: da gingen mir plötzlich die Augen auf, und was ich nicht durch meinen Verstand begriffen hatte, das begriff ich jetzt durch den Geruchssinn, durch das Mißbehagen des Ekels, und mit meinem Atheismus hatte es Gottlob! ein Ende." D'rum empfand er auch eine „unbezwingbare Aversion vor der Annäherung des famosen Weitling", des communistischen Schneidergesellen. „Der liebe Gott hat mir gewiß alle meine alten Frevel von Herzen verziehen, wenn er die Demüthigung in Anschlag brachte, die ich bei jenem Handwerksgruß des ungläubigen Knoten- thums . . . empfand." „Was meinen Stolz am meisten verletzte, war der gänzliche Mangel au Respekt, den der Bursche an den Tag legte, als er mit mir sprach ..." — Und einen, der also spricht, nennt man „Genossen" N In Paris wohnte er einmal — und nicht wieder — einer Volksversammlung mit Borne bei. Man lese diese Schilderung, und der letzte Zweifel wird verschwinden: „Denkt Euch meinen Schreck, als ich in Paris der . . . Volksversammlung beiwohnte, fand ich sämmtliche Vaterlandsretter mit Tabakspfeifen im Maule, und der ganze Saal war so erfüllt von schlechtem Knasterqualm, daß er mir gleich auf die Brust schlug und es miz 242 platterdings unmöglich gewesen wäre, ein Wort zu reden." „Ich merkte überhaupt, daß die deutsche Tribunal- carriöre nicht eben mit Nosen und am allerwenigsten mit reinlichen Nosen bedeckt. So z. B. mußt du allen diesen Zuhörern ,lieben Brudern und Gevattern' recht derb die Hand drücken. Es ist vielleicht metaphorisch gemeint, wenn Borne behauptet: im Fall ihm ein König die Hand gedrückt, würde er sie nachher in'S Feuer halten, um sie zu reinigen; eS ist aber durchaus nicht bildlich, sondern ganz buchstäblich gemeint, daß ich, wenn mir das Volk die Hand gedrückt, sie nachher waschen werde. — Man muß .... das Volk mit eigenen Augen gesehen, mit eigener Nase gerochen haben. . . ." Im Gegensatz zu der rohen Masse ist ihm die „Elite der Nation, die auf den Universitäten .... die feinste Ausbildung erlangt hat". Kann ein „Bourgeois" anders sprechen? Dies wird genügen, um hinlänglich erwiesen zu haben, daß Heine als „Genosse" eine Lächerlichkeit in sich begreift, daß, wenn nicht vollständige Unkenntniß seiner Schriften oder absichtliches Vertuschen, nichts den „ungezogenen Liebling der Grazien" den Socialdemokraten, auch nur im entferntesten, zugesellen kann. Die Bibel in der Volksschule. 8. Aus Schwaben. Die Lehre der Protestanten, daß die Bibel die alleinige Norm des christlichen Glaubens und Lebens sei und daß ihr Verständniß der nämliche hl. Geist, der sie eingegeben, jedem heilsbegierigen Leser erschließe, hat naturgemäß dazu geführt, die Bibel zum Lesebuch der Volksschule zu machen. Lange war sie neben Katechismus und Gesangbuch fast daS einzige Schulbuch. Es fehlte nicht an solchen, welche die Realien nur im biblischen Nahmen betreiben und die Rechenexempel aus der Bibel nehmen wollten. Dabei kam es vor, daß die Bibel mehrmals von vorn nach hinten und von hinten nach vorn ohne Wahl durchgelesen wurde, also wohl auch die Volkszählung des 4. Buches Mosts und die Geschlechtsregister der Chronik (I), wobei die hl. Stoffe von den stotternden und hinkenden Lesebengeln verhunzt wurden. (Polack, Brosamen I, S. 80.) Dies ist nun freilich unter der Bewegung der modernen Pädagogik wesentlich anders geworden. Die Bibel hat aufgehört, das einzige Schulbuch der Protestanten zu sein. Diese haben, wie die Katholiken, ihre Lesebücher rc. rc. und bei uns sogar eine „Biblische Geschichte" von Buch- rucker. Daneben ist die Bibel doch noch als Schulbuch der Volksschule geblieben. In Bayern ordnet eine Cultus-Ministerial-Entschließung vom Jahre 1883 an, daß im 6. und 7. Jahrgang der protestantischen Schulen während des ganzen Jahres neben den für den Religionsunterricht bestimmten Wochenstunden eine weitere zum Bibellesen verwendet werde. Für Schwaben enthält eine Megierungs-Entschließung vom 9. April 1885 den Leseplan für beide Jahrgänge. Außer etwa 24 Psalmen ist der bezeichnete Lesestoff durchaus dem Neuen Testament entnommen.*) *) Wie es scheint, haben die Protestanten in den unge- theilten Schulen unseres Kreises für Religion in der Oberklaffe sechs Wochenstunden, während die Katholiken vielfach nur Vier Wochenstunden haben. Für letztere bestimmt eine Rggs.» Mfchl. v. 14. Sept. 18SS, daß die durch das Regulativ an- Obwohl der Lesestoff aus den Psalmen und dem Neuen Testament genommen ist, und der in der biblischen Geschichte enthaltene Geschichtsstoff als nahezu ausreichend bezeichnet wird, ist doch bisher, soviel bekannt, die volle oder ganze Bibel, wie sie Luthers Uebersetzung enthält, im Gebrauch geblieben, und die ernsten Bedenken haben bisher keine Beachtung gefunden. Diese Bedenken beziehen sich sowohl auf die sittlichen Gefahren, welche manche Stellen und Partien für die heranwachsende Jugend enthalten, als auf das schwierige Verständniß vieler Partien. Der bereits erwähnte Polack bemerkt darüber: „Manche leugnen zwar die sittliche Gefahr, die in der Lektüre dieser Stellen liegt. Ich weiß aus Erfahrung, daß sie vorhanden ist. Und die Erfahrung ist die höchste Instanz. In meiner Dorfschule kannten die meisten älteren Kinder die betreffenden anstößigen Stellen, lasen sie fleißig und machten ihre zweideutigen, ja zotigen Bemerkungen darüber. Einzelne ältere Schlingel vermachten die Kenntniß und das Verständniß dieser Stellen immer der nachfolgenden Schulgeneration. Ich weiß noch sehr genau, daß mir des Schulmeisters eigener Sohn die Stellen heimlich zeigte und Glossen dazu machte, die ich als neunjähriger Bursche nicht verstand und die mir doch ein eigenthümliches Gefühl erregten. Erst ziemlich spät ist mir das Verständniß dieser Stellen aufgegangen, und doch habe ich sie vorher mit einem unerklärbaren Gefühl daheim immer wieder gelesen." Gewiß muß der kgl. preuß. Kreis-Schultnspektor hierin als verlässiger Gewährsmann gelten. Die hl. Urkunde hat zumal in den Geschichtsbüchern des Alten Testamentes einen Realismus, welchen die heranwachsende Jugend im Allgemeinen nicht ertragen kann. Man denke nur an Erzählungen, wie sie Gen. 19, 34, 39 bietet. Dazu gehören einige Bestimmungen der bürgerlichen Gesetze 2 Mos. 21 ff. Auch in den Büchern der Richter, Ruth, Samuels und der Könige fehlt es nicht an bedenklichen Stellen und Partien. Es gehört doch ein sonderbarer pädagogischer Standpunkt dazu, der heranwachsenden Jugend diese Schilderungen von der düstern Nachtseite des menschlichen Sünden- elends als Schulbuch in die Hand zu geben! — Wer sagt denn dem Protestanten, daß gerade die bei ihm re- cipirten Bücher die Regel und Richtschnur des Glaubens bieten und daß jeder alle kennen und lesen muß? — St. Paulus sagt: „Ich konnte nicht mit euch reden als mit geistlichen, sondern als mit fleischlichen, wie mit jungen Kindern in Christo; Milch habe ich euch zu trinken gegeben, nicht Speise; denn ihr vermochtet es noch nicht" (1 Kor. 3, 1). Dieser Rücksicht entsprechen auch manche Partien der Lehrbücher und der Propheten nicht. WaS soll es für einen 12jährigen Schüler, wenn eS Spricht». 5,18.19 heißt — ich führe den Text Luthers an: „Dein Born sei gesegnet, und freue dich des Weibes deiner Jugend — sie ist lieblich wie eine Hindin und holdselig wie ein Reh." — Beim Hohenlied hat schon die alte jüdische Kirche ebenso wie die christliche den buchstäblichen Sinn für die Schale und den höhern geistlichen Sinn als den Kern bezeichnet. Zu dieser geistigen Beziehung vorzudringen, gehört eine gewisse Reife, die bet Leuten der Volksschule kaum anzunehmen ist. Selbst von den Briefen Pault sagt die hl. Schrift, daß darin manches schwer verständlich geblich frei werdenden Wochenstunden zu gleichen Theilen für den Sprach- und Rcchenunterricht verwendet werden! In diesem Punkte besteht ylfg. eine auffallend« Disparität! - 243 ist, welches ununterrichtete und leichtfertige Menschen zu ihrem eigenen Verderben mißdeuten (2. Petr. 3, 16). Zwar kann ein besonnener und gläubiger Pädagoge nicht mit allem einverstanden sein, was der sogenannte Deutsche Lehrertag schon beschlossen hat. Wenn sich aber derselbe so entschieden gegen den Gebrauch der Vollbibel in der Volksschule ausspricht, so kann man ihm darin nur zustimmen. In dieser Richtung haben die Protestanten, die sich so gern mit den Katholiken beschäftigen, eine Aufgabe, die immer dringender wird und die vom Standpunkt der Theologie wie der Pädagogik gestellt werden muß. Es ist merkwürdig, daß die Menschen gerade auf dem Gebiete der Jugendbildung so selten die goldene Mitte finden und sich so sehr in Extremen bewegen. Während der Protestant schon dem Werktagsschüler die Vollbibel als eine Art Zaubermittel in die Hand drückt, geschieht katholischerseits in der Heranziehung der Bibel vielfach zu wenig. Einige Lesestücke — darunter einige Psalmen — sollte schon die Volksschule in einer Beigabe zur biblischen Geschichte bieten. Statt dessen werden oft die Bibeltexte des Katechismus zu wenig beachtet! — In den Mittelschulen sollte neben den Katechismen und Handbüchern Lesung ausgewählter Stücke aus der hl. Schrift mit leichtfaßlicher Erklärung nirgends fehlen. DaS halte ich für eine wichtige Forderung. Die christliche Topographie und die Mystik. Von Dr. Gustav A. Müller. Eine Aufsehen erregende Kunde durcheilte jüngst die christliche Welt: man habe bei EphesuS das Wohn» und Sterbehaus der allerseligsten Jungfrau Maria entdeckt.*) Bereits zogen fromme Schaaren nach der kunnZiL OaxouU genannten Bergödung; Bischöfe besuchten die ehrwürdige Stätte; es hieß, Papst Leo XIII. habe seinem besonderen Interesse für die Untersuchung des Platzes Ausdruck gegeben. Die Entdeckung nahm immer bestimmtere Fassung an; zuletzt fand man noch Neste von Kreuzwegstationen, die sich Maria im Andenken an das Leiden ihres göttlichen Sohnes errichtet haben sollte. Grund für alle diese Annahmen: eine schwache und schwankende Tradition, der willkürlich gedeutete Name Oaxonli" — Wohnung der Allheiligen — und die Autorität der gottseligen Augustinernonne Katharina Emmerich, jener stigmatisierten Visionärin, die uns merkwürdige Betrachtungen über das Leben Jesu und Mariü, in fremder Aufzeichnung freilich, hinterlassen hat. Es ist ein Beweis für den Ernst katholischer Wissenschaft, daß sofort die archäologische und topographische Forschung ein Wort zu dieser auffallenden Entdeckung sprachen. Dies Wort ist durchaus negativ, ablehnend, ja energisch widersprechend ausgefallen. Insonderheit hat jüngst der hochgelehrte Domdekan von Würzburg, Dr. Nirschl, in einer glänzenden, die katholische Wissenschaft hoch ehrenden Studie über das Grab der hl. Maria (Mainz, Fr. Kirchheim) den Beweis angetreten, daß EphesuS nicht im geringsten Anspruch auf die Ehre haben kann, die Mutter des Herrn beherbergt zu haben, daß die nett entdeckte Stätte zu einem profanen Gym- nasion gehörte, daß die Visionen der Katharina Emmerich im thatsächlichen Gebiet vielfach irren, und daß *) Siehe den einschlägigen Aussatz in Nr. 52 >cö Untcr- haltungSblattes 1695. D. Ncv. > andererseits die uralte christliche Tradition, wonach Maria in Jerusalem wohnte, auf Sion starb und bei Gethsemane begraben ward, unantastbar sei! Der Beweis ist exegetisch, historisch, archäologisch, topographisch mit überwältigender Sicherheit geführt. Ich will ihn hier nicht ausschreiben und empfehle allen gebildeten Katholiken — auch unsern Gegnern — diese Glanzleistung eines pxiester- lichen Forschers in aufrichtiger Bewunderung. NirschlS Studie bedeutet aber auch eine — wissenschaftliche That! Leider war diese That nöthig. ES wird hier ein „Halt" zugerufen jenen gutmüthig gläubigen Forschern, die den verbindlichen dogmatischen Glauben mit „frommen Meinungen" verwechseln, kritiklos jede Sage für echt annehmen und gar beginnen, die Mystik religiöser Visionen in die reale Arbeit natürlicher Forschung hereinzuziehen, zum Schaden der Wissenschaft. Nirschl beugt sich wie wir vor der rein religiösen, sittlichen, transcendentalen Bedeutung visionärer Erscheinungen, er verehrt wie wir die gott- geliebten Seelen, denen mystisch enthüllt wird, was uns verborgen bleibt — aber er zeigt die Gefahr, in die wir durch einen naiven Mysticismus in der Wissenschaft gerathen — die Gefahr der Lächerlichkeit und des Betruges! Ein hartes Wort — gewiß l Aber es ist berechtigt, wenn wir auf verschiedene Vorkommnisse der jüngsten Zeit blicken, die wenig erfreulich waren. Weniger wollen wir tadeln, wenn fromme Palästinapilger in ihren Neiseschilderungen Bezug nehmen auf die Angaben visionärer Frauen: die Pilgerfahrt ist ein religiöses Unternehmen und mag der Mystik als eines Erbauungsmittels wohl gedenken. Schlimm war es aber, als ein sonst tüchtiger Palüstino- loge und biblischer Topograph, ein Rottenburger Domherr, vor wenigen Jahren die heilige Topographie des Orients, die Landkarte des christologischen Palästinas nach den Angaben der sei. Katharina Emmerich — vervollständigte. Wesentliche topographische Streitfragen entschied der gelehrte Autor nach den Visionen der Nonne von Dülmenl Schon principiell besteht kein elementarer Zusammenhang zwischen Geschichte und — Vision. Zudem, wo hört in Visionen das — subjecttve Moment auf? Dann — das Thatsächliche. Die allerschwersten, bedenklichsten, ja geradezu horrendesten Irrthümer und Ungeheuerlichkeiten weist NirschlS Analyse der Gesichte Katharina's auf: handgreifliche Unrichtigkeiten. Nun wissen wir Alle und weiß ich aus meiner Handschriften- sammlnng ganz besonders, daß Clemens Brentano, der Schreiber der Visionen, eine überwuchernde Phantasie besaß und dieser oft wehrlos unterworfen war: ein edler Mensch und unfaßbarer Schwärmer. Was mag von den Einzelheiten der Visionen alles auf sein — gewiß ehrlich gemeintes — Conto zu setzen sein? Er selbst verwahrt sich gegen den Anspruch auf — geschichtliche Wahrheit! Und die Forschung sollte trotzdem pietätvoll seine Niederschrift als Offenbarung betrachten?! Nein — die Erhabenheit der Visionen ü la. Emmerich liegt auf einem andern als wissenschaftlichen Gebiete. Trotzdem würden wir niemals läugnen, daß visionäre Förderung der wissenschaftlichen Forschung möglich sei. Damit würde ich das unmittelbare Eingreifen Gottes in die Weltgeschicke läugnen. Im Gegentheil — ich glaube an die Möglichkeit autoritativer Visionen von realem Werth. Ich glaube — ohne sie zu erklären. Der heilige Papst Damafus hat — dies ist Thatsache — auf Grund eines TraumgestchteS 244 das Grab Und die Reliquien der hl. Cäcilia neben der Papstkrhpta in den Katakomben des hl. Callistus entdeckt.*) Der „NomamZiims" in den Vereinigten Staaten. Von Charles Saint-Paul. Das Gedeihen der katholischen Kirche in den Vereinigten Staaten von Nordamerika veranlaßt die verschiedenen Gegner deS Papstthums daselbst zu fortgesetzten Angriffen, die nur ihre Ignoranz und Böswilligkeit beweisen. Vor einiger Zeit hat sich eine Vereinigung gebildet, die ausschließlich den Zweck verfolgt, den „drohenden Nomanismus" in Amerika zu bekämpfen. Es ist dies die sogenannte kroteotüvs Lssooikrtion", wie schon der Name sagt, ein Schutz- und Trutzbündniß gegen das Papstthum. Dieselbe geht in ihren Publikationen mit wüthenden Angriffen gegen die katholische Kirche vor. Mit welchen Waffen sie kämpft, wird besonders aus einer Publikation ihres Präsidenten, I. H. Traynor, betitelt Nsnave ok Ilornuvism" ersichtlich, die auch in der Xortd-^rnarioan ksvisv, der bekannten amerikanischen Monatsschrift (August 1895), erschien. Seinen längeren Ausführungen seien im Folgenden einige Hauptpunkte zur Charakteristik dieser Bestrebungen entnommen. Der Autor geht von der Thatsache aus, daß in den letzten Jahren wiederholt von einem liberalen Katholizismus in den Vereinigten Staaten gesprochen wurde, und sucht zu erweisen, daß derselbe nicht cxistiren könne. Der Unterschied, den die „liberalen Katholiken" angeblich selbst zwischen sich und den „Ultramontanen" ziehen, soll darin bestehen, daß sie sich damit begnügen wollen, dem herrschenden Papst Obedienz zu leisten, wenn er von Zeit zu Zeit Vorschriften für die Kirche erläßt, während der „Mramontane" die Principien der „Paparchie" überhaupt anerkenne, sowohl mit Bezug auf die weltliche wie geistige Suprematie des Papstes. Eigentlich könnten aber diese liberalen Katholiken sich in keiner Weise von den Ultramontanen unterscheiden, wenn sie nicht aus der päpstlichen Kirche ausgeschlossen werden wollten, da ja alle Gläubigen der letzteren ihre Canones und die Aussprüche der Päpste, die, sx oa- tdeära erlassen, auf dogmatischem oder moralischem Gebiete Geltung haben, annehmen muffen. Uebrigens lasse sich auch aus den Aussprüchen angeblich liberaler amerikanischer Kirchenfürsten folgern, daß trotz aller diplomatischen Klugheit das Papstthum dieselben Ziele in Amerika verfolge, wie in Europa, dieselbe Gefahr für die staatliche Freiheit und das staatliche Gedeihen daselbst bilde. Zum Beweise seiner Behauptungen muß dem Autor der Erzbischof von Saint-Paul, John Jreland, dienen, der als „der liberalste und loyalste aller Katholiken in den Vereinigten Staaten" hingestellt wird?) *) Interessant ist, daß unser Zeitgenosse Dr. Heinrich Schliemann, der Entdecker Troja's. es sich nicht nehmen ließ, das Grab Agamenmons in Mykenä auf Grund eines höchst merkwürdigen Traumes gefunden zu haben. , ') Die Ausführungen des Präsidenten der amerikanischen kroteotive Lssooiation über den liberalen Katholizismus stehen übrigens, wie hier noch bemerkt sein möge, in Widerspruch mit hen Anschauungen anderer „Antiromanisten", die so gerne von einem kommenden Schisma zwischen liberalen und ultramontanen Katholiken in Amerika sprechen. Besonders dürfte Zola in dieser .Hinsicht in Betracht kommen, der in einem vom Figaro dublierten Artikel »I/Oxxortrwismö äo I,ßon XIII« unter andern» klM Anschauung Ausdruck gibt, daß in nicht allzuserner Zeit Derselbe habe in einer Rede, die er in Boston am 28. April 1895 hielt, behauptet: „Nächst Gott kommt das Vaterland, der Patriotismus nächst der Religion. Es wird gesagt: Vox poxuli, vox Der. Diese Worte sind wahr, wenn die Nation oder der Staat in dem Kreise der Machtvollkommenheit sich bewegt, die ihnen von dem höchsten Meister übertragen ist." „Da aber", so folgert Traynor, „die päpstliche Hierarchie den Anspruch erhebt, der einzige Interpret der Aeußerungen des höchsten Meisters zu sein, so folgt daraus nothwendig, daß der Papst der legitime Definitor der Grenzen des Staatsgebietes ist." Jreland habe übrigens mit seinen Worten eigentlich nur früher aufgestellte Sätze, wie sie aus der Bulle „IInum Lnnotam" und dem Shllabus geschlossen werden können, in milderer Form wiederholt. Diese Folgerungen des fanatischen Antiromanisten aus dem zutreffenden Hinweise eines Kirchenfürsten auf die nothwendige Hebung des religiösen Bewußtseins im Volke im allgemeinen werden übrigens an Absurdität durch einige seiner folgenden Behauptungen noch über- troffen. Die Gründe der Zurückhaltung deS „liberalen Katholiken", der nicht anerkennen will, was der Papst nur aus diplomatischer Klugheit für Amerika noch nicht bestimmt hat oder waS hervorragende Prälaten nur in vorsichtiger Sprache ausgedrückt haben, werden, wie der Autor erklärt, bei einem Vergleiche der amerikanischen Constitution mit dem kanonischen Recht und den Ency- lliken der päpstlichen Herrscher ersichtlich. Diese seien unversöhnlich, wenn man nicht die Vereinigten Staaten als Provinz der päpstlichen Kirche betrachten wolle, eine Stellung, die ihnen eigentlich bereits vom Papstthum zugewiesen sei. Auf die hierarchische Obergewalt sei auch in dem apostolischen Schreiben hingedeutet, das am 6. Januar 1895 von Leo XIII. an die Bischöfe und Erzbischöfe von Nordamerika gesandt wurde und in dem gesagt werde: „Genau zu der Epoche, da die amerikanischen Colo- nien, nachdem sie mit katholischer Hilfe Freiheit und Unabhängigkeit erlangt, zu einer konstitutionellen Republik reiften, wurde die kirchliche Hierarchie glücklich unter Euch errichtet, und zu derselben Zeit, da die Volksstimme den großen Washington an die Spitze der Republik stellte, wurde der erste Bischof durch apostolische Autorität über die amerikanische Kirche gesetzt." Es gehört in der That die fanatische Blindheit und Böswilligkeit eines wüthenden Papstfeindes dazu, um in diesen Worten ein Argument für päpstliches Streben nach Oberherrschaft in weltlicher und geistlicher Hinsicht in den Vereinigten Staaten zu finden. Das erwähnte Sendschreiben wird übrigens von unserm Autor zu seiner Beweisführung noch weiter be- nützt. So meint er z. B., daß indirekt in demselben ganz ähnliche Principien zum Ausdrucke gebracht würden, wie in einigen Bullen Gregors XVI. und PiuS' IX. Wenn diese Päpste die Preßfreiheit anathewatisirten, so thue der gegenwärtige Papst das gleiche, wenn er die Journalisten ermähne, die Religion zum Führer zu nehmen und niemals die Handlungen und Beschlüsse der Bischöfe abfällig zu kritistren, da den Bischöfen in ihrer hohen autoritativen Stellung gehorcht werden müsse. — Diesem in Amerika ein Schisma, wahrscheinlich mit Msgr. Jreland an der Spitze, eintreten werbe, daß Leo XIII. dieses befürchte (I) und deßhalb mit seinen Zugeständnissen für die amerikanischen Bischöfe und Gläubigen sich so willfährig erweise. (!) 245 Schlüsse aus eine« Mahnung für katholische Journalisten stehen ebenbürtig die Erörterungen zur Seite, zu denen er andere Stellen desselben Rundschreibens benützt. Leo XIII. sagt in demselben unter anderm: „Deßhalb wünschen wir sehnlich, daß die Wahrheit sich immer mehr und tiefer dem Geiste der Katholiken einpräge, daß sie nicht besser ihre eigenen individuellen Interessen und das Allgemeinwohl sichern können, als indem sie der Kirche sich von Herzen unterwerfen und gehorchen.- Bezüglich der Unterwerfung unter den Staat bemerkt er: „In ähnlicher Weise sollen auch die Priester fortwährend das Volk auf die Beschlüsse des dritten Concils von Baltimore aufmerksam machen, speciell auf die, welche die Observanz der gerechten Gesetze und Institutionen der Republik einschärfen." Traynor findet in der ersten Stelle nur einen Beweis für die indirekten Bemühungen zur Ausdehnung der päpstlichen Herrschaft, und bemerkt zu der zweiten Mahnung, daß in derselben der Nachdruck auf der Beifügung „gerecht" liege, insofern der Papst eS sich vorbehalten habe, zu entscheiden, welche Gesetze und Institutionen gerecht seien, und die Katholiken nur zur Befolgung derjenigen anhalte, die er als solche erklärt habe. Es ist wohl kaum nöthig, darauf hinzuweisen, wie aus diesen Worten nur die wohlmeinende Absicht des Papstes, die Anerkennung der bestehenden Verhältnisse unter Wahrung der Nothwendigen Rücksicht auf eventuelle Besserung herrschender Mißstände in moralischer Beziehung erhellt, und wie nur Gehässigkeit dieselben derart deuten kann, wie Traynor es thut. „Wenn Leo XIII. und seine Stellvertreter in den Vereinigten Staaten, so äußert sich dieser weiterhin, dieselben Ziele in der Gegenwart anstreben, wie die frühere» Päpste, so hüllen sie sich klug in den Mantel der amerikanischen Freiheit und mildern ihre Sprache mit dem Oel der Diplomatie. Wenn PiuS IX. oder Gregor XVI. ihre Kundgebungen an das amerikanische Volk heutzutage richten würden, so gäben sie nur dem Satiriker Stoff; aber Leo XIII. macht substantiell dieselben Behauptungen, nur in feinerer, milderer Sprache, und diese werden dann stillschweigend oder mit offener Billigung von einem großen Theile der Presse und des Volkes der Vereinigten Staaten angenommen." ES ist dies wohl nur ein Beweis dafür, daß vorurtheilslose Kreise die weisen Kundgebungen des gegenwärtigen Papstes immer noch zu würdigen wissen. Besondere Aufmerksamkeit widmet Traynor noch den Bestrebungen des Papstes in der Arbeiterfrage. Er versucht, so meint er, deren Organisation unter die Herrschaft der Kirche zu bringen, um die Macht in der kommerziellen und Arbeiterwelt sich zu sichern, wie er überhaupt in alle Sphären deS bürgerlichen Lebens eingreifen und auf die politische Gestaltung einwirken wolle. Wie die Hierarchie darauf hinarbeitet, das bewiesen Aeußerungen von Bischöfen und Priestern bei den amerikanischen Wahlen. Der Präsident der kro- teotivs L88ooiatioll" hat diesbezüglich ein genaues Sündenregister zusammengestellt. So wurden, wie er behauptet, die Wahlen in New-Bork und in andern großen Städten von der Priesterschaft beeinflußt, die unter die Hauptfaktoren der amerikanischen Politik gerechnet werden will. Bei den Munictpalwahlen in New« Bork im Herbst 1895 haben die Priester der Erzdiöcese New-Aork die Pfarrkinder von der Kanzel informirt, wie sie zu wählen hätten. Der Bischof von Stoux-Falls und ein großer Theil Wer Priester huben öffentlich die Pfarrkinder zur Wahl beeinflußt. Der Erzbischof Jxekand hat Ende Mai 1895 „in nicht mißzuverstehenden Worten über die Silberfrage gesprochen". Wer die Zustände bet amerikanischen Wahlen kennt, der wird über diese Sünden- aufstellung nur lächeln können, und der Einsichtsvolle wag einen wachsenden Einfluß der religiösen Elemente auf dieselben herbeiwünschen. „Die zahlreichen speciellen Privilegien von Seite der Staatsregierung", deren sich gegenwärtig die katholische Kirche, z. B. mit Bezug auf die Heidenmissionen, erfreut und «die keine andere Religionsgesellschaft in den Vereinigten Staaten in diesem Maße genießt", si^d dem wüthenden Antiromanisten ein Dorn im Auge; sie sind nach seiner Ansicht ein Beweis dafür, welche Vortheile „die lokale und nationale politische Organisation" dem Papstthum in Amerika bereits gebracht hat. Er bemerkt hiezu noch am Schlüsse seiner Ausführungen: „Was also die offene Herrschsucht und Arroganz Gregors XVI. und PiuS' IX. in den Vereinigten Staaten nicht durchsetzen konnte, hat die höhere Diplomatie Leo's XIII. und seiner amerikanischen Prälaten theilweise gesichert, das Prä- dominiren der päpstlichen Kirche als Sekte, ihre Machtstellung als politische Körperschaft. Wenn dieselbe in der Schulangelegenheit die Oberhand bekäme, so wäre die Perverfion der amerikanischen Constitution, bis sie den päpstlichen Dogmen confokm wäre, nur eine Frage der Zeit, und von der Republik, wie sie von den Unterzeichnern der Unabhängigkeitserklärung geschaffen wurde, würde nur mehr die historische Erinnerung fortleben. Die Paparchie sucht in der neuen Welt die Macht zu erneuern, welche ihr in der alten geraubt wurde. Während sie in Europa Könige und Concilien als ihre Werkzeuge gebrauchte, adaptirt sie sich amerikanischen Verhältnissen und mischt sich in alle Elemente des öffentlichen Lebens ein, die zu ihrer Macht beitragen." In den Vereinigten Staaten ist bekanntlich allen Reltgionsgcsellschaften vollkommene Freiheit der Entfaltung ihres Einflusses nach ihrem inneren Werthe gegeben worden. Nur war in dem Lande der Sekten, ehe „die zahlreichen Privilegien" für die katholische Kirche existirten, ehe die Wirksamkeit der Katholiken die Intoleranz der Gegner mehr zum Schweigen brachte, dem „AntiromaniSmus" durch die bestehenden Verhältnisse schon ein Vorzug vor dem Papstthums verliehen. — Die „prädominirende Stellung" der Kirche hängt daher eben mit ihrem inneren Werthe zusammen; der vorurtheils freie Kenner der amerikanischen Verhältnisse wird nicht behaupten können, daß das Oel der Diplomatie das kirchliche Wachsthum gefördert hat. Allerdings konnte dem toleranten und weisen Verhalten deS gegenwärtigen Papstes, der seiner Achtung der bestehenden Verhältnisse in der amerikanischen Republik und seinen Anschauungen über dieselben vom christlichen Standpunkte wiederholt Ausdruck verliehen hat, sympathische Anerkennung auch in «katholischen Kreisen nicht versagt werden. Was die „Perverston" der amerikanischen Gesetze anbelangt, so würde wohl dem Wunsche nicht nur der Katholiken, sondern auch vieler Akatholtken entsprochen, wenn den vielen Mängeln und ungesunden Verhältnissen, die dem amerikanischen Leben bei dem herrschenden Materialismus noch anhaften, durch den ethischen Einfluß der Kirche immer mehr entgegengewirkt werden könnte, den sie auch ausüben kann, ohne die Vereinigten Staaten als ihre »Provinz" nach der beliebten Auffassung zu be» trgMy; Nachdem aber bMts in der Gegenwart die 246 katholische Kirche i» der neuen Welt wunderbar rasch sich entfaltet hat, dürste zu hoffen sein, daß die einigen „liberalen" und ultramontauen Katholiken ihren Anschauungen in der Zukunft noch trotz aller kroieotive Ls8oois.tions den Sieg verschaffen werden. Dr. Ratzinger's „Volkswirthschaft in ihren sittlichen Grundlagen". sH In der Beilage der „AugSb. Postztg." ist die zweite Auflage dieses Werkes des Abg. Dr. Ratzinger schon anerkennend besprochen worven. Heute soll constatirt werden, daß das Werk eine außerordentlich günstige Aufnahme gefunden hat. Wir heben aus den Recensionen einige heraus. Dr. Schaffte, der bekannte Sociologe, spricht sich in der Tübinger „Zeitschrift für die gesammte StaatSwisscnschaft" (2. Heft 1896) also auS: „Auch diese neue Auflage des BucheS, welches theoretisch tief fundirt ist, ins volle Menschenleben der gegenwärtigen Gesellschaft rückhaltlos hinemzreist und in jeder Zeile Charakter und Uebcrlegung atbmet, wird nicht verfehlen, in der katholischen Welt eine große Wirkung auszuüben. Es ist auch sür Protestanten in hohem Grade lesenSwerth; wir stellen dasselbe als nationalökonomische und alö politische, namentlich social- und kirchenpolilische Leistung über daS Werk PörinS, des bekannten kathol. Nationalökonomen der Universität Löwen. Bibliographisch ist auf den Anhang besonders aufmerksam zu machen." ?. Heinrich Pesch äußert sich im Mainzer „Katholik" (Märzheft 1896) wie folgt: „Ratzinger's Werk besonders zu empfehlen, ist eigentlich kaum mehr nöthig. Der Name des Verfassers hat in der wissenschaftlichen Welt einen so guten Klang, daß man im vorhinein überzeugt sein dürfte, auch diese zweite Auflage der „Volkswirthschaft" werde allen gerechten Erwartungen vollauf entsprechen. Es ist kein systematisches Lehrbuch der Nationalökonomie, das Ratzinger uns bietet. Vielmehr bandelt es sich um eine Reihe trefflich durchgeführter Essays über die wichtigsten Seiten und Fragen dcS volkSwirthschaft- lichen Lebens: über Wirthschaft und Sittlichkeit, Armuth und Reichthum, Eigenthum und Communisiuus, Arbeit und Kapital, Wucher und Zins, socialpolitische Theorie und Praxis, Cultur und Civilisation. Die Darstellung ist stets interessant, zuweilen klassisch schön. Eine echt religiöse Auffassung, innige Liebe zu Jesus Christus und der hl. katholischen Kirche, verbunden mit wissenschaftlicher Tiefe und ausgebreiteter Kenntniß der einschlägigen Literatur, zeichnen den Verfasser aus und verleihen seinem Werke in hohem Maße die Fähigkeit, Verstand und Herz dcS Lesers in gleicher Weise zu befriedigen. Ganz besonders eignet sich das Buch auch sür diejenigen, welche in öffentlichen Vortrügen volkswirthschaftliche und socialpolitische Stoffe zu behandeln haken. Wir finden hier eine durchgängig zuverlässige Entwicklung der principiellen Wahrheiten, herrliche Citate, insbesondere aus den Kirchcn- vätern, eine reiche Auswahl von Details aus dem praktischen Leben, packende Ideen und Schlagwörter, alles in schöner und anziehender Form." Nachdem ?. Heinrich Pesch einige wenige abweichende Meinungen in Dctailfragcn begründet hatte, schließt er: „Auf weitere Ausstellungen verzichten wir um so lieber, als die zahlreichen großen Vorzüge des Werkes für die wenigen Mangel reichlich entschädigen." Die »Sociologie catkoliqus« (Montpellier, Nr. 50, Aprilheft 1896) widmet dem Werke Ratzinzers eine ganz eingebende Besprechung von 8 Seiten, von denen die beiden letzten allein dein Kapitel der Wuchcrfrage gewidmet sind, das Dr. Ratzinger eingehend behandelt, wobei der Recensent der Freiheit des Zinsfußes im Gegensatz zu vr. Ratzinger bekämpft. Die Recension faßt ihre Auffassung allgemein dahin zusammen, daß vr. Ratzinger sich in allen Gebieten der politischen Oekonomic auSkennt, die er behandelt, möge er nun sich auf die hl. Schrift und die Kirchenvätcr oder. Kanzclrcdncr und kirchliche Schriftsteller der Gegenwart beziehen, oder auf die Schriften der Ockonomistcn aller Schulen in Frankreich, England und Deutschland. Seine Ausführungen seien klar. genau und logisch. Man empfinde ein Gefühl des Glückes bei der Lectüre eines so echt christlichen Werkes. Die „Oesterreich. Zeitschrift für Verwaltung" (Wien, Nr. 23 vom 4. Juni) bringt ebenfalls eine ausführliche Recension, welche auf den ganzen Stoff des Buches eingeht und LlMondey das Kapitel der Agrarfrage näher behandelt. Das allgemeine Urtheil der Zeitschrift lautet: „Der Verfasser, denen Uebcrlcgenheit und Sicherheit in der Darstellung A. Schaffte anläßlich der Besprechung der vor anderthalb Jahrzehnten erschienenen ersten Auflage des Werkes seinem umfassenden wirth- schaftSgcschichtlichcn Gesichtskreise zuschreibt, bietet uns in der vorliegenden zweiten Auflage wieder jene Fülle von Ideen, jene fesselnde, von einer Beherrschung der gesammten staatSwissen- schaftlichen Literatur zeugende Schilderung der wirthschaftlichen, socialen und sittlichen Zustände, jene treffende und schneidige Kritik herrschender nationalökonomiscbcr Lehrmeinungen, welche wir schon beim ersten Erscheinen des BucheS bewundert haben. Man braucht Ratzinger's Schlußfolgerungen nicht immer für zwingend zu halten, man braucht aber auch insbesondere nicht durchaus auf dem Boden seiner Weltanschauung zu stehen; dennoch wird dieses hervorragende Buch keiner aus der Hand . legen, ohne durch seine anregende Schilderung und durch seine ehrliche UebcrzcuguugStrcue erquickt, durch seinen großen Gedankengang und seinen Matcrialienschatz wesentlich belehrt worden zu sein." Recensionen und Notizen. Apologie des Christenthums von Albert Maria Weiß, 0. kr. 3. Auflage. 4. Band. Freiburg 1898, Herder. Wie die 2. Auflage vorliegenden Bandes, so erscheint auch die 3. Auflage in zwei Theilen, aber bedeutend (um 140 Seiten) vermehrt. Darum stieg auch selbstverständlich der Preis; derselbe ist 1 Mark höber als in 2. Auflage und beträgt M. 8.— ; gebunden in Halbsranz M. 11.20. Allerorts im ganzen Bande zeigt sich die bessernde Hand; so hat z. B. die Uebersichtlichkeit nicht wenig durch häufigere Absätze (Alineas) gewonnen; besonders aber finden wir die erste Abtheilung: „DaS öffentliche Leben unter dem Einflüsse der modernen Ideen", Vortheilhaft umgeändert. Ganz neu ist der Anhang: 2 Verträge auf dem socialen KurS in Wien am 3. August 1894: I. Individuum und Gesellschaft; II. Wesen und Zweck des menschlichen Gesellschastölcbens; in denselben werden die allgemeinen Begriffe der Gcscllfchaftslchre in 24 Thesen behandelt. Um die Lehre von der Gesellschaft zu fassen, müssen wir unS eben zwei Dinge klar machen: .1) Was versteht man unter dem Begriffe Gesellschaft? 2) Wie haben wir uns daS Verhältniß des Einzelnen zur Gesellschaft zu denken ? AuS praktischen Gründen zum leichteren Verständnisse beantwortet der Verf.isser zuerst die zweite Frage. DaS neue Vorwort ist geschrieben auf Neujahr 1896 und ist beim überaus ernsten Zeitcharaktcr auch sehr ernst gehalten. Mit vollem Rechte weist der Verfasser auf das erhabene, wahrhaft katholische, das ist allumfassende Beispiel des PapsteS Leo XIII., der allen ohne Ausnahme als einzige Richtschnur das ewige, unveränderliche Gesetz Gottes vorhält. Nach diesem müssen und wollen auch wir als treue Kinder der Kirche in unserer ernsten Lage handeln. DaS Vorwort schließt mit den tief bcherzigenöwerlhcn Worten: „Darauf kommt alles an, daß das Gesetz Gottes richtig verstanden und mit Selbstverleugnung erfüllt werde. Möge Gott allen, die in dieser schweren Stunde durch Wort oder That auf die Welt wirken müssen, möge er allen die Gnade geben, nichts suchend, nichts fürchtend, mit Muth und Geduld, kein Opfer verweigernd, auch nicht daS ihrer selbst, die göttliche Wahrheit hochzuhalten nach dem Beispiele dessen, der, seiner vergessend, verfolgt und verleumdet, daS Kreuz bestieg und damit sein Wort besiegelte: Mich dauert das arme Volk." Der IV. Band ist unter dem Titel „L-ociale Frage und sociale Ordnung oder Handbuch der Gesellschafts-" lehre" zum gleichen Preise auch separat erschienen. EbnerAd., Quellen und Forschungen zurGeschichte und Kunstgeschichte des Uissale Lomanum im Mittelalter. 8°, XII -j- 488 SS- Freiburg i. Br., Herder, 1896. M. 10,00; geb. M. 12.00. S Adalbert Ebner, Domvikar und Professor am crzbischöf« lichen Lyceum in Eicbflätt, gehört zu unseren besten jüngeren Theologen der historisch-kritischen Richtung. Vorliegender Band enthält hochinteressante und werthvolle Forschungsergebnisse, die der Verfasser als »sxolia itiueris italici- in die Heimach gebracht hat und welche seiner scharfen Beobachtungsgabe, wie seinem Sammelfleiße alle Ehre machen. Der kulturgeschichtlich wie kunstgeichichtiich bedeutsame Inhalt deS BucheS, daS von der Hcrder'schcn Buchhandlung in gewohnter Mustcrgiltigkeit ausgestattet ist, wird durch ein Titelbild und 30 meist Phototypische Tcxtbildcr erläutert. Zuerst (S. 3—295) kommt eine Beschreibung der vom Verfasser auf zwei Reisen untersuchten Sakramental» und Miffalhandschriften auS italienischen Biblia- 247 theken, bann folgen (S. L96---356) eiiiuubdreißig bisher unge- drucktc Texte aus alten Meßordnungen, Calendaricn u. s. w. nach Handschriften aus Florenz, Lucca, Mailand, Monte Cassino, Neapel, Padua, Venedig und Rom. Diesen beiden Theilen schließen sich vorzügliche Abhandlungen an über verschiedene Fragen zur Entwicklung der Liturgie. Das Buch gibt uns einen genußreichen Einblick in das künstlerische Streben, sowie in den kirchlichen Sinn des vielverlästerten MittelaltcrS, das unserm staunenden Auge immer größer erscheint, je mehr es durch die Forschung erschlossen wird. Möge uns darum der Verfasser bald wieder mit einer Gabe ähnlicher Studien beschenken! _ Ungedrucktes aus dem Göthekreise. Mit vielen Facsimiles. Herausgegeben von Dr. Gustav Ad. Müller. München, 1396. Verlag von Seitz und Schauer. Preis M. 8.—. V/. Eine Reihe bisher eingedruckter Briefe und sonstiger Handschriften Götbc'S und ihm freundschaftlich oder literarifch nahcgestandcucr Persönlichkeiten. Die in treuen Facsimiles wiedergesehenen Litcrärurkunden geben so manches neue Interessante für Literalurgeschichte, Gesellschaft und Politik der Göthe- periodc. Reizend ist das bisher ungedruckte Hochzeitsgcdicht von Jakob Michael Reinhold Lenz. Das Bück. allen Literatur- und Gölbesreundcn bestens zu empfehlen, ist bei der sorgfältigen Herstellung der Facsimiles (darunter auch Lavaters Selbstporträt) nicht zu theuer im Preise. k. Gg. Freund. 0. 8. 8. K., Die Opfer des Erlösers. Den Menschen zur Mahnung und zum Troste. WarnS- dori, Ambros Opih. 15 kr. A 'I'olls et IsAö. Nimm und lieS. DaS^gilt so recht von k. Freunds neuester Broschüre. Kraft- und gemüthvoll führt der bekannte populäre Kanzelrcdner und Volköschriftsteller in dieser Broschüre, das Leiden Christi als Untergrund nehmend, den Leser, den Armen wie den Reichen, den Hochgestellten wie den Niederen durch die verschiedensten Lebenslagen und das Ge- Wirre bunter Tagesfragen. Dabei weist der bochwürdige Verfasser in ergreifenden Tönen zur Mahnung und zum Troste auf den sterbenden Mittler, den göttlichen Heiland, der für uns ein siebenfaches Opfer gebracht hat: das Opfer seiner Freunde, das der zeitlichen Güter, der Gesundheit, der Ehre, des Trostes, endlich das große Opfer seiner Mutter und seines Lebens. Ueberzcugend und klar ist die Sprache und ungcmein eindrucksvoll und gedankenreich der Inhalt. Das alte Göthe-Wort bewahrheitet sich auch an diesem so zeitgemäßen Schriftchen wieder: „Greis' inö volle Leben, wo du es packst, ist es interessant." Dieö ist sein bester Reisepaß. Streitfragen aus dem bayer. VolkSschulrechte. Von Dr. zur. Jos. Elbert. Verlag von Boch und Englert in Frankfurt a. M. K Diese „verwaltungsrecktlicke Studie" ist eine tüchtige, kleißige Arbeit. Neben einer kurzen Skizze über die Entwicklung des Volksschulwesens seit Karl dem Großen und speciell in Kurbayern, ferner einer gedrängten Darstellung über die „Entwicklung der Deckung des SchulbedarfS" gibt der Verfasser eine kritische Untersuchung über „die Träger deS Schulauf- wandcs" und verbreitet sich hier insbesondere über die Streitfrage. ob bei Sprcngelschulen der Sckulsprcngel, d. h. die zu einem Schulsprcngel vereinigten Theile politischer Gemeinden oder letztere selbst als solche für die Aufbringung des Bedarfes für die Sprengelschulen verpflichtet sind; im ersteren Falle Würden mir die eingeschulten Gemeindeglieder zur Bedarfdeckung herangezogen werden können; im letzter» die bctr. politischen Gemeinden als solche. Die erstere Ansicht ist zur Zeit die herrschende, und ist auch von, VerwaltungSgcrichtshof adoptirt. Im Gegensatze biezu und in Uebereinstimmung mit Professor v. Seydcl (Blätter für adm. Praxis Bd. 38 S. 81—86 und Bayer. Staatsrecht Bd. 6 S. 452) entscheidet sich unser Verfasser für die gegentheilige Ansicht und bringt für diese so erhebliche Argumente bei, daß seine Beweisführung als eine durchaus stringente erscheint. Ebenso interessant und unseres Erachtens meist zutreffend sind von dem Autor eine Reihe von anderen Streitfragen behandelt, z. B. ob Art. 2 Abs. 4 deS SchulbedarssgesetzeS vom 10. Nov. 1861 eine Beschränkung der freien OrganisationSbefugniß der Regierung bei Schulcrrichtungen lnvolvirt oder nicht; ferner die Frage über die Bedeutung der Schulsassionen als RechtStitel. wobei der Verfasser einen mittleren Standpunkt zwischen einem Plenarcrkenntniß des Ver- waltungsgerichtShofes und der gegentheiligen Ansicht Professor v. Setzdels einnimmt, m s. tv. Der letzte Abschnitt der Untersuchungen ist der „Ausbringung des SchulauswandeS" gewidmet, auf welchem Gebiete namentlich Art. 5 des Umlagengesctzes von 1819 und Art. 206 Abs. 2 Ziff. 3 der Gemeindeordnung von 1869 (welche die Nicktverpflichtung für Deckung der Bedürfnisse von Kirchen und Schulen einer Religionspartei, zu der der Umlagepflichtige nickt gehört) gegenüber dem Princip des Art. 1. deS SckulbedarfSgesetzes manche kontroversen hervorgerufen hat. Wir können die Arbeit Dr. Elberts Allen empfehlen, die für diese Fragen irgend Interesse haben oder durch ihren Beruf dem Schulwesen mehr oder weniger nahe stehen. Für eine etwaige Neuauflage dürste sich eine sorgsältigere Corrcctur empfehlen. Der Weg zum innern Frieden. Vonk. v. Lehen 8. 7. AuS dem Französischen übersetzt von k. I. Drucker 8. 1. 14. u. 15. Auflage. Verlag von Herder, Frciburg. Preis geb. 3 M. Dieses Lehr- und Erbauungsbuch wurde schon bei früheren Auflagen rühmend besprochen. In der That gekört das Weilchen zu den besten Erzeugnissen der asketischen Literatur und zu den reinsten und reichsten Quellen inneren FriedenS, die uns auserlesene Geisteslehrer erschlossen. Die fort und fort nöthig gewordenen Auflagen — die Anerkennung sowohl von Seite bedeutender Theologen als von Taufenden heilöbedürftiger Seelen haben dieses Urtheil bestätigt. Kleines Ablatzbnch. Auszug aus k. Franz BeringerS größerem Werke „Die Ablässe, ihr Wesen und ihr Gebrauch". Von Joseph HilgerS, Priester der Gesellschaft Jesu. Mit Approbation der hl. Ablaßcongregation. Paderborn, Verlag von Ferdinand Schöningh, 1896. Preis brosch. 3 M. Ll. ES entspricht einem allgemeinen Bedürfnisse, daß ein so schwieriger Stoff, der sogar von Manchen im eigenen Lager nicht vollkommen beherrscht wird, in faßlicher Form und kleinerem Umfang dem katholischen Volke näher gerückt wurde. DaS praktische, inhaltreiche Buch führt beinahe alle Ablaßbewilligungen an, welche das diesbezügliche größere Werk enthält und ist zugleich durch seine trefflichen Belehrungen und Erklärungen Ablaßkatechismus und durch den GebetS-Anhang Ablaßgebetbuch. _ Myrrhengärtlein des bitteren Leidens und Sterbens Jesu Christi von k. Martin von Cochem, Orä. 6ap. Herausgegeben von K. Gratian von Linden. Orck. vap. Münster i. W., Verlag der AlphonsuS-Buchhand- lung (A. Ostendorf). » k. Cochem's Schriften sind seit langen Jahren im kath. Volke mit Vorliebe gelesen. Als besonders ansprechend dürfen wir aber die vorliegenden kurzen Betrachtungen über daS Leiden Christi bezeichnen, welche recht heilsame Tröpflein auö dem Leidenskelche Jesu zu kosten geben. Wunderbares Leben des hl. StaniSlaus Kostka 8. 7. Nach authentischen Daten bearbeitet von Matthäus Grub er. 8. 7. Frciburg i. Br. Geb. 1 M. » Dieser erbaulichen und interessanten Lebensbeschreibung eines der liebenswürdigsten Heiligen wünschen wir eine recht Weite Verbreitung unter unserer männlichen Jugend. Die Biographie des hl. Stanislaus Kostka prägt am meisten gerade jene Tugenden aus, die unsere Zeit am wenigsten besitzt. Taschenkalender für die studirende Jugend 1897- Vcrlag von L. Auer, Donauwörth. Preis 40 Pf. * In gewohnter hübscher Ausstattung liegt uns als erster Ankömmling der Kalenderliteratur für 1897 obiger Studentenkalender vor. Sein Kalendarium erstreckt sich vom Scpt. 1896 bis incl. August 1897 für die süddeutschen und vom April 1897 bis incl. März 1898 für die norddeutschen Anstalten. Er enthält außerdem entsprechende Tabellen für den Schülergebrauch (Meine Lehrer, meine Mitschüler, Stundenplan, Scriptions- notenlabcllen u. s. w.), Notizenblättcr mit hübschen Sinn- sprüchen und mehrere gediegene Aufsätze biographischen, historischen und religiösen Inhalts. Wir können den Kalender nur bestens empfehlen. dl Als einer der ersten Kalender für 1897 erscheint der Kalender Unserer Lieben Frau von Afrika. Derselbe bildet das Augusthest der Zeitschrift „Kreuz und Schwert" (Münster i. W., halbjährlich 75 Pf.) und ist für 15 Pf. käuflich. Sein Zweck ist Hebung des Interesses für die katholischen Missionen in unseren Kolonien, und dsiür eignet sich. der. recht 248 lesenslverthe Inhalt sehr gut. Dke Illustrationen sind vortrefflich, der Druck ist recht leserlich. Wer sich für die Missionen inter- essirt, erhält Partien mit bedeutendem Rabatt. Päpstliches Rundschreiben über die Einheit der Kirche. * Eine Ausgabe deS lateinischen Textes mit einer offiziellen deutschen Uebersctzung dieser hochwichtigen Encyklica ist in Herder's Verlagsbuchhandlung (Frciburg i. Br.) erschienen. Preis 80 Pf. Studien undMit theil» ngen aus dem Benedictiner- und Cistercienser-Orden. XVII.Jahrgang 1896. Preis pr. Jahrg. (4 Hefte ca, 40 Bogen) M. 8 — 4 fl. Nur zu beziehen durch die Administration genannter Zeitschrift im Stift Raigern bei Brunn (Oesterreich). JnhaltS-Verzeichniß deS 2. Heftes 1896. Abhandlungen: Leistle, Dr. David (Dillingen): Wissenschaftliche und künstlerische Strcbsamkeit im St. Magnusstifte zu Füssen. (IV.) Renz, G. A. (Rcgenöburg): Beiträge zur Geschichte der Schottenabtei St. Jacob und des Prioratcs Weih St. Peter (0. 8.8.) in Regent-burg. (VI.) Vlillsms, v. Oabriel (0.8.8. LküiZchsin): 8edolas 8eneäiotinas sivs: vö 8eisntiis, opera Llonaedorum Oräinis 8.veneäioti, anetis, ex- onltis, xroxaZatis st oonssrvatis; Vibri gnatnor a. v. Oäons Oambisr wonaodo LküiZsuisnsis Llonastsrii Oräinis ejusäom 8. 8sneäieti. (II.) — Grillnberger, Dr. Otto (0. Oist., Wilhcring): Kleinere Quellen und Forschungen zur Geschichte des Cistercienser-OrdenS. (VIII.) Schneider Ed. (Luxemburg): Johannes Beitels (O.8.8.), Abt von Münster und Echtcrnach. (I.) — Mittheilungen: Monte Cassino (Gedicht). Endl, 8. Friedrich (0. 8. 8., Altcnburg): Paul Trogcr, ein Künstler der Barockzeit. (Schluß.) Hölzer Odilo (0. 8. 8., Melk): Eine Wiener Schulrede aus dem Jahre 1432. Weikcrt, v. Thomas Aq. (0. 8. 8. von St. Meinrad, Am.): Meine Orientreisc (III.). E. P. A. (Montecassino): v. Michael AngeluS Cclcsia, 0. 8. 8., Cardinal-Erzbischof von Palermo. Einige Worte über dessen Leben und Schriften. (Schluß.) — Neueste Benediktiner- und Cistercienser-Literatur. (VXVI.) — Literarische Referate. — Literarische Notizen. — Ordensgeschichtliche Rundschau. — Nekrolog: Benedikt Niedermähe«:. — Nekrologische Notizen. — Beilage. _ Philosophisches Jahrbuch. Auf Veranlassung und mit Unterstützung der Görresgesellschaft herausgegeben von Dr. Sonst. Gutberle t. Verlag der Fuldaer Aktien- Druckerei. IX. Jahrgang. 3. Heft. Inhalt: I. Abhandlungen. Al. v. Schmib, Das Eausalitätsproblcm. B. Adlhoch 0. 8.8., Der Gottesbeweis des hl. Anselm. (Fortsetzung.) B. Paqus, Zur Lehre voin Gefühl. (Schluß.) — M. Kohlhofer, Zur Controversc über bewußte und unbewußte psychische Akte. — II. Recensionen und Referate. C. Braun 8. 7., Ueber KoSmogonic von« Standpunkte christlicher Wissenschaft, von C. Gutbcrlet. Onrsus pdilosoxkions: (5.) V. Cathrein, 8dilosoxdia mo- ralis (sä. 2.); (6.) 8lisoloAia natualis, von I. W. Arcn- hold. A. Stöhr. Die Vieldeutigkeit des Urtheils, von C. Gutberlet. C. Sickenberger, Ueber die sog. Quantität des Urtheils, von demselben. H. Schwarz, Die Umwälzung der Wahrnchmungshhpothescn durch die mechanische Methode, von Al. v. Schinid. I. Schütz, Der Darwinismus und die Ergebnisse der Naturforschung, von P. Schanz. M. Gloßner, Der Gottesbegriff in der neueren und neuesten Philosophie, von demselben. G. Thiele, Die Philosophie deS Selbstbewußtseins und der Glaube an Gott, Freiheit, Unsterblichkeit, von C. Gutberlet. Ll. vs Vlulk, vtuäss snr Henri äs Oanä, von I. D. Schmitt. — III. Zeitschriften» schau. — IV. Miscellen und Nachrichten. Katholische Warte. Jllustr. Monatsschrift zur Unterhaltung und Belehrung. XII. Jahrg. Heft 2/3 ü 15 kr., 25 Pf. Jahresabonnement fl. 1.60 (M. 3.60). Verlag von A. Pustet in Salzburg. Mit den nun vorliegenden Heften zeigt die Monatschrift, daß dieselbe in ihrem Programme nicht zuviel versprochen hat, denn beide Hefte sind textlich wie illustrativ sehr reich ausgestattet. Oesterreich. Leser werden Freude haben an Franz Peters Schilderungen „Aus BozcnS Umgebung", an dein Gedcnkblatt „Tirols Herz Jesu-Bund", vor allem aber an dein prächtigen Convertitenbildc „Corduka Wöblcr". Von Erzählern sind nebe» Josefine Flachs und Gerhard Schnorrcnbergs größeren Novellen Frau Anna Esser mit einer reizenden Erzählung „Eine Tbat der Liebe", Carl Achleitncr mit einer ergreifenden Dorfgeschichte „Geopfert" vertreten. Deutsche Leser wird die biographische Skizze „Dr. M. F. Koruin, Bischof von Trier" intcrcjsiren. Außer verschiedenen anderen geschichtlichen, natur- und kulturgeschichtlichen Essays, darunter 8. I. Bergmanns hübsche Plauderei über „Moderne Reclame", finden sich sodann poetische Gaben von A. E. Markl, 8. Ambros Schupp, Carl Land- steiner, Gertrud Mara, Jda v. Lißberg, Th. Singolt, A. Esser, F. L. Binhack. u. a. Literatur, BuntcS. Hauöwirthschaft usw. usw. Möge die billige, hübsche Zeitschrift immer mehr verdiente Beachtung und Würdigung finden I Literarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. Hoberg, Professor au der Universität Frciburg i. Br. 22. Jahrg. 1896. 12 Nummern. M. 9. — Frciburg im Brciögau, Herder'sche Verlagshandlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Nr. 7 enthält u. A.: Neuere katholische Dichtungen, (von Heemstcde.) — Veckenstedt, Das Paradies und die Bäume des Paradieses rc. (Schanz.) — Bougaud von Arenberg, Christenthum und Gegenwart. (Ahbergcr.) — Zicgler, Geschichte der Pädagogik. (Egen.) — Klopp, Der dreißigjährige Krieg bis zum Tode Gustav Adolfs 1632. (Alb. Weiß.) — Cornelius, Maria Stuart. Königin von Schottland. (Jos. Weiß.) — Domanig, Der Tiroler Frciheitskampf. (Jos. Weiß.) — Seeber, SpingeL (Jos. Weiß.) U. s. w. OesterreichischcsLiteraturblatt, herausgegeben von der Leo-Gesellschaft in Wien, redigirt von vr. Franz Schnürer. (Administration: Wien I.. Annagasse 9.) Nr. 13 enthält u. A.: Englert W. Ph-, Von der Gnade Christi. (Spiritualdirector vr. C. Weiß. Wien.) — Herr mann Fz., Das Buch des Propheten Jesaia. (Theol.-Prof. Othm. Mussil, Brünn.) — Kunze Joh.. MarcuS Eremita, ein neuer Zeuge für das altkirchliche Tausbekenntniß. (Pros. vr. Cöl. Wolfsgrube«:, Wien.) — Sendschreiben eines katholischen an einen orthodoxen Theologen. (Studiendircctor vr. A. Fischer- Colbrie, Wien.) — Ostwald W-. Die Ueberwindung des Wissenschaftlichen Materialismus, (vr. Nich. v. Kralik, Wien.) — Schlichter I., Der Begriff der Seele und der empirischen Psychologie. (Pros. vr. I. Cl. Kreibig, Wien.) — Juritsch Gg-, Geschichte der Babenberger und ihrer Länder (976 —1246). (vr. Alb. Starzer, Archivs« deS n.-ö. Statth.-ArchivS, Wien.) — Klopp Onno, Der drnßigjährige Krieg bis zum Tode Gustav Adolfs 1632. III, 2. (Geh. Rath Jos. Frhr. v. Helfert, Wien.) — Bäumker W., Ein deutsches geistliches Liederbuch mit Melodien aus dem XV. Jahrh. (vr. Nick. v. Kralik, Wien.) — Richter E., Ueber einen histor. Atlas der österr. Alpenländcr. (vr. Ant. Mell, Adjunct am steierm. Landesarchiv, Eraz.) — Behrens H., Anleitung zur mikrochemischen Analyse, (vr. Hs. Malfatti, Privatdocent an der Universität Innsbruck.) _ „Das hl. Land." Organ des Deutschen Vereins vom hl. Land. Comm.-Verlag von I. P. Bachen«, Köln. Das 4. Heft des 40. Jahrgangs enthält u. A.: Die Verehrung deS ersten Märtyrers, des hl. Stephanus, zu Jerusalem. (Von Patriarchal-Sccretär Heidct. Fortsetzung.) — Die äußere Feier der Sonn- und Feiertage im Oriente. — Europäische Besitzergreifung vom Nachlaß der Kreuzzüge in Palästina. (Von Pros. vr. I. N. Sepp in München.) — Die Äechtheit der hl. Orte. — Deutsche Pilgerfahrt zum hl. Lande 1896. — Von der Wirksamkeit deS deutschen Hospizes in Kaifa. — Vereins- Nachrichten. _ Der Katholik. Redigirt von Joh. Mich. Naich, 12 Hefte. M. 12. Mainz. Kirchhcim. Inhalt von 1696. Heft VII, Juli. vr. Paul Schanz, Der Consecrations- momcnt in der hl. Messe. — vr. Jos. Nirschl, Der Briefwechsel des Königs Abgar von Edessa mit Jesus in Jerusalem oder die Abgarfrage. — vr. L. Bendix, Die Deutsche Ncchts- einheit. — Literatur: vr. 8strns LiniK, Iraotarns äs g-ratia äiviua.— 7sän lllioliel ^.lkrsä Va.oa.nt, Vtnäss tirsolo^ignss snr los eonstitutions äu Oonoils äu Vatiean. W. Färber, Katechismus für die kath. Pfarrschulen der Vereinigten Staaten. --- Al. Knöppel, Bernhard Heinrich Overberg. ' Verantw. Redacteur: A.d. Lass in Augsburg,^- Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. - l^° 32 7. Ang. 1896. Wagner und Liszt. Von Chnrles Soint-Paul. Das religiöse Gefühl in dem Werke Richard Wagners ist in letzterer Zeit ein Gegenstand eingehender Erörterungen geworden. Anlaß hiezu hat wohl insbesondere das bedeutende Werk des Abbe Marcel Hsbert über dieses Thema gegeben, das vor Kurzem auch in deutscher Uebersetzung (bei August Schupp in München) erschienen ist und viele neue Lichtpunkte zur Beurtheilung des Wesens des großen Meisters und seiner künstlerischen Thätigkeit geboten hat. Die sachverständige Erforschung und ruhige Beurtheilung seines Verhältnisses zur Religion, welche dieser Autor von seinem Standpunkte aus vornimmt, steht im Gegensatze zu den vielfach widersinnigen und entstellenden Behauptungen, die hierüber von Vertretern einer Richtung aufgestellt worden, welcher der Sieg des Christenthums über das Heidenthum in deutschen Landen ein Gräuel ist und die daher einem Künstler nie verzeihen können, der nach Verwerthung der heidnischen Mythologie in die christliche Legende sich vertieft, dem Geiste des Christenthums sich genähert hat. Wir meinen die modernen germanischen Uebermenschen, die Anhänger des „großen Philosophen Nietzsche". Wie weit dieselben in Absurditäten und Blasphemien gehen können, dürfte ganz besonders aus einer „zeitgemäßen Betrachtung" erhellen, die ein solcher Uebermensch vor Kurzem in der bekannten deutsch- reformerischen antisemitischen Monatsschrift „Das 20. Jahrhundert" hat erscheinen lassen. In derselben, betitelt „Wagner und Liszt", wird das Verhältniß der beiden Künstler mit Bezug auf die ,Bekehrung WagnerS zum katholischen MystizismuS", sowie das Verhältniß deutscher Kunst zum Christenthums in einer Weise besprochen, die zur Entgegnung herausfordert, obschon man eigentlich von Wiedergabe mancher der gemeinen Blasphemien des Autors abstehen möchte. Der Verfasser beginnt seine Erörterungen mit einer Parallele zwischen Nietzsche und Wagner und weist auf den zwischen Nietzscheanern und Wagnerianern, „dem Heerdenvieh unter den Anhängern Nietzsche's", wie er sie geschmackvoll bezeichnet, eingetretenen Zwiespalt hin. Nietzsche, so meint er, sei seinem eigenen Wesen treu geblieben, während Richard Wagner, nachdem er in seiner Götterdämmerung den Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens erreichte, den Parsifal schuf, dieses von katholischem MystizismuS und christlicher Entsagung erfüllte Grab seines einstigen Uebermenschenthnms. Die kraftvollen Rhythmen der Trauermusik zum Tode Siegfrieds wären der würdige Abschluß der Künstlerlaufbahn Wagners gewesen, nicht die weibisch-weichlichen Accorde des Parsifal, dieses unsäglich schmerzlichen Bildes des Entsagens und Leidens, dieser Prozession zum Kreuze. In der Vollkraft seiner Jahre, als einen Uebermenschen an Kampf und Leiden, habe Nietzsche sein entsetzliches Geschick getroffen, doch Richard Wagner, der sich in der Zeit der größten Noth im Exile nicht zum Glauben bekehren ließ, — er sei ein frommer Christ geworden, als er seine kühnsten Künstlerträume erfüllt sah, als das Olympia deutscher Kunst auf dem Hügel bei Bayrcuth in prangender Schönheit stand. „Dann wankte er, von seinen! Beichtvater (I I) Franz Liszt geleitet, dem Golgatha des reinen Deutschtums (!), dem katholischen MystizismuS zu. Wahrlich, ein trauriges Bild!" Der Autor bemüht sich nach solchen einleitenden Worten, die wir später noch kennzeichnen werden, die Vorzüglichkeit des „germanisch-heidnischen" Schaffens Wagners noch genauer zu erörtern. Er findet, daß im Ringe der Nibelungen der Mythos des germanischen Volkes von dem gewaltigen Künstler in einem künstlerischen Weltbilde von seltener Plastik und Großartigkeit der Conception dargestellt und die heidnisch - germanische Darstellung klar und deutlich zum Ausdrucke gebracht wurde. In der Natur das Walten und Weben der Götter zu sehen, die den alten Germanen nur Ver- geistigung der Naturkräfte waren, das sei deutsche Weltanschauung. „Aus diesem innigen Leben in der Natur, aus dieser Harmonie mit der Natur entstand das hohe deutsche Sittlichkeitsgefühl, das „deutsche Gewissen". Denn wer ein Leben mit und in der Natur führt, kann sich gegen kein ewiges Sittengesetz vergehen, weil alles Natürliche auch sittlich gut ist(I) Wie großartig schildert da Richard Wagner in der Walküre die liebende Vereinigung von Bruder und Schwester, Siegmunb und Sieglinden. Ja, diese Geschwisterehe ist sittlich, denn des Walvaters Blut, das sich in diesen beiden Geschwistern theilte, es strebt wieder nach Vereinigung. Und nur aus solcher Liebesumarmung des wildverzweifelten Zwillingspaares konnte Siegfried, der hehrste Held der Welt, entstehen. Die Natur feiert in der wonnig-schmerzlichen Maiennacht, da Siegmund Sieglinde zu sich auf das Lager zieht, den gewaltigen Triumph über das menschliche Gesetz, wie es von Fricka gehütet wirb. Die germanische Weltanschauung liegt eben „jenseits von Gut und Böse", und die Worte Zarathustra's: „Brüder, w:rdc: hart!" sind von dem großen Philosophen in erster Linie den Deutschen zugerufen worden, die in ihrem Humanitätsdusel ihr Nationalgefühl zuerst vergaßen."(I) Man wird wohl mit Befremden solche Worte lesem die als Beweise dafür dienen können, daß gewisse Vertreter des modernen „Deutschthums" und seines wahnsinnigen Apostels thatsächlich bei den Folgerungen bleiben, welche Cultur und sittliche Begriffe, die hehre Schöpfung dcS Christenthums, in ihrer Nealisirung vernichten würden. Der Kritiker kaun sich nicht enthalten, von seinem Standpunkte aus auch einige allgemeinere wüthende Ausfälle gegen die Chrisiianistrung der Deutschen und die Kirche zu machen. Durch die Chrislianisirung der Deutschen entstand seiner Behauptung nach im deutschen Wesen ein Zwiespalt, an dem das deutsche Volk bis zum heutigen Tage krankt. Ein unauflöslicher Widerspruch bestehe eben zwischen Christenthum und wahrem Deutschthum, ja reinster Menschlichkeit überhaupt. „Wir müssen uns darüber klar werden, daß ohne das Christenthum unser Volk zu einer ebenso großen, wahrscheinlich noch größeren Blüthezeit seiner nationalen Eigenart wie das griechische emporgestiegen wäre. Doch die heiligen Wotans-Eichen wurden von der Hand christlicher Priester gefällt, aus ihrem Holze Kirchen gebaut, von den Thürmen erklangen die Glocken, die den deutschen Göttern zu Grabe, dem gekreuzigten „Messias" aber zur Auferstehung läuteten; 4500 Sachsen wurden auf Befehl Karls des Großen an einem Tage geschlachtet, weil sie sich nicht taufen ließen, Hunderttausende von Deutschen fielen in Italien dem Wahne der Wiedererrichtung des alten römischen Reiches, den die Päpste den deutschen Königen einimpften, zum Opfer, ungezählte Schaaren deutscher Mannen mußte» 250 bet den Kreuzigen zu Grunde gehen, und der 30jährige Krieg machte anS Deutschland.eine Wüste. Durch diesen unseligen Krieg, an dem nur das Papstthum schuld war, wurde der deutschen Sittlichkeit, der deutschen Weltanschauung die Todeswunde versetzt. Der westfälische Friede eröffnete der französischen Unmoral, die damals die Allongcperrücke aufhalte, Thür und Thor, und sie hielt bald ihren trinniphirenden Einzug in die deutschen Fürstenhäuser. Und schon früher hat Martin Luther, als er gegen das Cälibat predigte, auf die Unsiiilichkeit der katholischen Geistlichen hingewiesen, die die Verneinung des Willens als unnatürlich nicht zu Stande brachten und, weil sie nicht heirathen dürften, allzu un- genirt die Worte Luthers: ,Wer nicht liebt Wein, Weib, Gesang' befolgten rc. rc." — Man möchte, wenn man derartiges liest, fast glauben, daß gewisse Nietzscheschüler bereits den Meister übertreffen. Der deutsche „Uebermensch" bespricht sodann des längeren die Entdeckung, daß Wagner in seinem Wesen als Mensch und Künstler manchen undeutschcn Zug hatte, daß Namentlich eine orientalische Weichlichkeit immer stärker zum Ausdrucke kam, je älter er wurde, „was die Herren Wagnerianer nicht einsehen wollen". Seine Ausführungen gipfeln im folgenden Satze: Wie in der Seele Tannhüusers „reines Dcutschthum" mit „romanischer Sinnlichkeit" im heftigsten Kampfe liegt, so befehdeten sich in Wagners Wesen auch das deutsche Empfinden und die moderne „französisch-orientalische Sinnlichkeit", und wie licbcstolle Weiber im späten Alter oft Betschwestern werden, so schuf der alt gewordene Meister den Parsifal, jenes den Stempel kindischer Greisenhaftigkeit tragende undeutsche Werk, das Nietzsche mit folgenden köstlichen (?) Versen commentirt: Ist das noch deutsch? Aus deutschen, Heizen kam dies schwule Kreischen? Und deutschen Leibs ist dies Sich-selbst-zerfleischen? Deutsch ist dies Priesterhändespreizen, Dieö wcibranchdüstelnde Sinncrcizen, Und deutsch dies Stürzen, Necken, Taumeln, Dies zuckersüße Limbamboumeln, Dies Nonnenängeln, Avcglockenbimmeln, Dies ganze falsch verzückte Hiinmelübcrhiuimeln? Ist das noch deutsch? Erwägt! Noch sieht ihr an der Pforte! Denn, was ihr hört, ist Nom, — Nom'S Glaube obne Worte! ES ist unmöglich, hier alle die halbverrückten Phrasen und gemeinen Bemerkungen gebührend zu kennzeichnen, mit denen der Verfasser seiner Entrüstung über die Umwandlung in Wagners Wesen Ausdruck zu geben sucht. Er meint z. B., — um nur das als Probe anzuführen, — daß Wagner beinahe 60 Jahre nach dem Ideale gerungen, dem deutschen Volke ein deutsches Kunstwerk, ein nationales Theater, wie das im alten Athen, zu schaffen, „um dann im wahrsten Sinne des Wortes zum Kreuze zu kriechen", oder daß er sich im letzten Jahrzehnte seines Lebens von dem zum Grabe geleiten ließ, der am Kreuze starb, und daß so der Parsifal entstanden sei, „dieses Glaubensbekenntniß eines der größten deutschen Geister, der dadurch dem deutschen Volke die Schmach eines künstlerischen Canossas nicht ersparte". Die Ursache von all' dem ist nun nach der Anschauung des forschenden Nictzscheaners nicht nur in dem nndeutschen Element, das Wagners „reines deutsches Wesen" trübte, zu suchen, sondern auch in dem Einflüsse LiSzt'S und dessen ganzer Sippe, „dieses ungarischen Klaviervirtuosen", der keine Spur deutscher Art in seinem Charakter wie in seinen Compositionen Zeige, dieses „Typus der modernen kosmopolitischen Virtuosen, der mit feiner Kunst in aller Herren Länder Hausiren geht". Zum Beweise dafür, daß Liszt es war, der Wagner schließlich zum Christcnthume bekehrte und den „Parsifal" aus der Taufe hob, beruft er sich hauptsächlich auf den Briefwechsel zwischen den beiden Künstlern, dem er folgende Stellen entnimmt: Wagner an Liszt: „Ich wollte, wir beide machten uns denn von hier strikte auf, um in die weite Welt zu gehen! Lass' doch auch Du diese deutschen Philister und Juden! Hast Du etwas anderes um Dich? Nimm noch Jesuiten mit dazu, da bist Du gewiß fertig! Philister, Juden und Jesuiten, — das ist's, aber reine Menschen." Darauf die „im echtesten Hospredigertone gehaltene" Antwort Liszt's: „Deine Briefe sind traurig — und Dein Leben noch trauriger! Du willst in die weite Welt hinaus, leben, genießen, schwelgen. Ach! wie herzlich gönnte ich es Dirl Aber fühlst Du es denn nicht, daß der Stachel und die Wunde, die Du im Herzen trügst. Dir nirgends verheilen werden und nie und nimmer zu heilen sind? — Deine Größe macht auch Dein Elend! Beide sind unzertrennlich von einander und müssen Dich quälen und martern, .... bis Du sie nicht beide, im Glauben hinsinkend, aufgehen läßt! Lass' zu dem Glauben Dich bekehren! Es gibt ein Glück . . . und dieses ist das einzige, das wahre, das ewige! Ich kann Dir es nicht predigen, nicht cxpliziren. Zu Gott will ich aber beten, daß er mächtig Dein Herz erleuchte durch seine Gnade und durch seine Liebe. Magst Du dieses Gefühl noch so bitter verhöhnen. Ich kann nicht ablassen, darin das einzige Heil zu ersehen und zn ersehnen. Durch Christus, durch das in Gott resignirte Leiden wird uns Rettung und Erlösung." Diesen Brief nennt der Nietzscheanrr ein werthvolles Aktenstück für seine Ansicht, daß in erster Linie Liszt daran schuld war, daß Wagner am Abende seines Lebens von der germanischen Weltanschauung sich abwandte, um tm „Parsifal" „dem katholischen Mysticismus, der Welt- flucht, der Verneinung jedes thatkräftigen Schaffens" sich in die Arme zu werfen, und zwar „mit der ganzen plumpen Ehrlichkeit eines Deutschen, der sich in ein Ideal verbissen hat". Dabei findet er aber selbst später, daß die Antwort Wagners auf diesen Brief LiSzt's auch skeptisch und ironisch genug gewesen ist, und daß derselbe beweise, wie wenig Verständniß Liszt für Wagner als Dichter und Philosoph hatte, da es ja lächerlich erscheinen müsse, daß Liszt, als eben Wagner in der Schöpfung seines anti- christlichen heidnisch-germanischen „Ringes der Nibelungen" lebt und webt, mit der Kirchenfahne anrückt. Wie kann er also diesen Briefwechsel als werthbolleZ Argument für die Behauptung ausgeben, daß Liszt die „Bekehrung" seines Freundes gelungen sei! Später wieder spricht er davon, daß erst die enge Berührung mit dem Katholizismus, die seine Berufung an den katholischen bayerischen Königshof mit sich brachte, das weichliche und genußsüchtige Leben, das er seit seiner Verheirathung mit Liszt's Tochter führte, das stets Zusammensein mit seinem katholischen Schwiegervater die Veranlassung zur Aenderung der Weltanschauung WagnerS gewesen sei.*) Selbstverständlich wird Niemand einen ge- *) Die große Sachkenntnis; beS Autors wird auch durch folgende Aeußerung erwiesen: „So lange Wagner LiSzt. nicht kannte, war er deutsch in seiner Kunst und deutsch in seinem wissen Einfluß des großen Meisters auf seinen suchenden Freund bestreiken wollen. Jedoch sollte man, wenn man diesem nachforschen will, in der Beweisführung logischer zu Werke gehen und nicht die absurdesten Folgerungen mit den gemeinsten und tollsten Beschimpfungen des Andenkens großer Männer verbinden, wie es unser „Kritiker" thut. - - Wir müssen, um die Unrichtigkeit der Behauptungen desselben zu beleuchten, noch einige Thatsachen in Betracht ziehen, die geeignet sind, die Entstehung des letzten Kunstwerkes Wagners und dessen Verhältniß zu seiner angeblichen „Bekehrung" genauer erkennen zu lassen. (Schluß folgt.) Die Griefe des seligen Petrus Camslns. Von Adam Hirschmann. Am 21. Dezember 1897 vollenden sich drei Jahrhunderte, seit der erste deutsche Jesuit Petrus Canisius zu Freiburg in der Schweiz der Zeitlichkeit entrückt worden ist. Allenthalben rüstet man sich, die Wiederkehr dieses TageS würdig zu begehen; der internationale Congrcß der Katholiken soll in den Augusttagen des kommenden Jahres am Grabe des Seligen tagen, der mit Recht der zweite Bonitatius, der Apostel der Deutschen, genannt wird. Daher kann es nur freudig begrüßt werden, wenn endlich einmal die Briefe dieses seeleneisrigen Priesters und Gelehrten gesammelt und der Oeffentlichkeit übergeben werden. Dieser Mühe hat sich ein Ordensgenosse des Seligen, Otto Braunsberger, rühmlichst bekannt durch seine Studien über die Entstehung und erste Entwicklung der Katechismen des Petrus Canisius (Herder, Freiburg 1893; XII, 187), mit ebensoviel Liebe als Eifer und Geschick unterzogen.*) Vor uns liegt der I. Band, die Jahre 1541 — 1556 umfassend. Der Inhalt ist reich und abwechslungsvoll, die Sprache klar und einfach. Wir sehen, abgesehen von einigen Familienbriefen, die Entwickelung der Gesellschaft Jesu in Deutschland an unserem geistigen Auge vorüberziehen, wir lernen die Schwierigkeiten kennen, mit denen die junge Pflanzung in Köln (S. 103 — 113) gegen die NenerungSsucht des heirathslustigen Erzbtschofes Hermann von Wird zu kämpfen hatte. Daß die Kölner Kirche die Wirren jener verhängnißvollen Periode glücklich überstanden hat, verdankt sie außer ihre« tüchtigen Klerus unter Groppers Führung (S. 145) dem energischen Eingreifen des Petrus Canisius, der nach den Niederlanden, nach Ulm eilte, um das Absetzungsdekrct des Papstes gegen Hermann zur Durchführung zu bringen (S. 199). Vorübergehend weilte Canisius in Trient, in Bologna, um mit Snlmeron und Laynez an den Concilsarbeitcn thcilzunehmen (1547); Charakter. Daß „JcsuS von Nazareth" dramatisches Fragment blieb, war nur die Folge der gesunden germanischen Wcltan- schaunng Wagners." Er meint offenbar, „JcsuS von Nazareth" hätte Wagner in die Wege der Orthodoxie geleitet. Nun ist aber der Entwurf diesc-Z Werkes eigentlich nur aus einer revolutionären Stimmung hervorgegangen und politisch und religiös revolutionär gehalten. ES geht aus demselben überdies hervor, daß Wagner zu damaliger Zeit durch begelianisch: Ideen beeinflußt war. Was ferner Wagner von der Ausführung zurückhielt, war nichr die „gesunde germanische Weltanschauung", sondern, wie er selbst sagt, die erkannte Unmöglichkeit der öffentlichen Aufführung und die „widerspruchsvolle Natur des Stoffes". Er war offenbar mit der Behandlung des Themas später selbst nicht mehr zufrieden. ') Lsatä stetri tlanisii, 8. >7. onistulao et aota. OolloZid et aclnotatiollidus illustravib Otto Lro.nusdsrn'or. h'ridnrLÜ LnsZovms. Ilsräsi 1896. 816. im Herbste 1547 zieht ihn der heil. Orbensstlfier nach Nom, um den ersten deutschen Jesuiten so recht einzuweihen und zu befestigen in dem Geiste, auf welchem Jgnatius das Gebäude aufgeführt wissen wollte. Herrlich, voll überquellender Gefühle des Dankes gegen Gott, sind die Briefe unseres Seligen über die «seelische Schulung, welche er vom hl. Jgnatius empfing: Gehorsam und Demuth sind die Fundamente des Ordens (S. 247). Der Gehorsam führte den Sohn der rheinischen Tiefebene hinab nach Mesfina in Sizilien, wo die Jesuiten in der Schule, auf der Kanzel, in der Christenlehre, im Beichtstühle an der Nesorm des Volkes arbeiteten. Freudig berichtet Canisius nach Köln an Leou- hard Kessel, wie die sizilianische Jugend so eifrig zu den hl. Sakramenten gehe, wie sie gerne am Unterrichte sich betheilige (S. 284). Seinen lieben Karthäusern im deutschen Rom gibt er von Mesfina aus 1549 Nachricht über die Missionen seiner Gesellschaft in Nubien, am Congo, in Abessinien, und fordert dieselben auf, mit ihm zu beten für die Einheit der Kirche, ut üat unum ovils 8ul> unius xastoris tuZurio (p. 294). Am 13. November 1549 sehen wir den gehorsamen Ordensmann einziehen in die Mauern Jngolstadis. Wie hatte sich in dieser Universitätsstadt, welche durch Eck einen Weltruf erlangt hatte, das kirchliche Leben entwickelt und sich den Stürmen der lutherischen Neuerungen gegenüber bewährt? Traurig, sehr traurig sah es damals nach den Briefen des Canisius in der gefeierten Hochburg des Katholizismus aus. Nicht mit Geld sind die Leute zu bewegen, in bis hl. Messe zu gehen; selbst an hohen Festtagen wird nur eine frostige Predigt gehalten; vom Fasten ist gar keine Rede (S. 306—314); das Niederkniecn bei dem Gebete, bei der hl. Communion gilt fast als eine Schande (S. 395), äußerst selten geht man zu den Sakramenten. Wo liegt der Grund dieses „Todcsschlafes, der alles bedeckt" (381)? In der ganz und gar unzureichenden Vorbildung der Geistlichen; selbst die unfähigsten Köpfe werden ordiniri, weil der Priestermangel zu groß ist (S. 393). Daher kommt denn auch die tiefe Abneigung gegen den geistlichen Stand und Beruf: am allerwenigsten wollen die Deutschen vom Ordensleben etwas hören. Zwei Feinde drohen die katholische Kirche in Deutschland zu vernichten: das Lutherthnm und der Islam (S. 381). An der Universität sind die Juristen tonangebend, welche mit dem Lutherthum liebäugeln; Theologen finden sich selten: möchten doch wenigstens 4 — 5 Kandidaten anS unseren Vorlesungen, die möglichst einfach, ferne von allen sublimen Spekulationen zu halten sind, einigen Nutzen schöpfen! klagt Canisius. (S. 307.) Trotz dieser ruincnhaften Zustände verzagte der OrdenZmann nicht. Er predigte, katechisirte, hörte Beichte, besuchte die Kranken und Gefangenen, hielt unentgeltlich Vorlesungen an der Hochschule: durch diese apostolischs Thätigkeit gewann Canisius die Herzen der Jugolstädter, so daß er später selbst berichten konnte: nunmehr harren die Zuhörer seiner Predigten selbst bei der strengsten Winterkälte geduldig aus (S. 395). Groß war die Trauer und der Schmerz, als am 28. Februar 1552 der sceleneifrige Jesuit von Jugolstadt'S Hochschule und Bürgerschaft Abschied nahm, um nach Wien sich zu begeben. Hier, in der Hauptstadt Oesterreichs, und im Lande selbst zeigte sich daS religiöse Leben in noch düstererer Gestalt, als in Bayern: fast bis in die Hofburg des Königs Ferdinand I. war die Häresie gedrungen 852 Der Priestermangel in Vorderösterreich hatte die bedenklichsten Früchte sittlicher Fäulniß gezeitiget; die Türkengefahr lahmte jeglichen Aufschwung (S. 420 — 424). Daher Arbeit über Arbeit in der Seelsorgs für den unermüdlichen Prediger und Beichtvater. In Wien widmete sich Canisius seit 1552 der Ausarbeitung eines Werkes, das ihn so recht zum geistigen Mittelpunkt der katholischen Restauration machte: wir meinen den Katechismus, welcher 1555 vorerst ohne Namen des Verfassers erschienen ist (S. 537). Von Wien eilte Canisius nach Prag, um im Lande des Hus ein Colleg einzurichten (S. 545). Die Mittheilungen über die böhmischen Zustände sind wohl für den Historiker interessant, für den Katholiken jedoch nicht erfreulich (S. 553). Doch mitten in seinen Arbeiten in Wien und Prag vergißt Canisius des Bayernlandes nicht; er correspondirt unablässig mit WIguleus Hundt, Heinrich Schweicker, mit dem hl. Jgnatius, um all die Schwierigkeiten wegzuräumen, welche sich der Errichtung eines Jesuitencollegs in Jngolstadt entgegenstellten: die bayerische Regierung wünschte gar sehr die Jesuiten, aber nicht so, wie Jgnatius seinen Orden mit päpstlicher Gut- heißung eingerichtet hatte, sondern wie sich die herzoglichen Räthe denselben dachten: als Mittelding zwischen Staatsbeamten und kirchlichen Personen (S. 425, 563, 566, 570—572, 576—578). Canisius kam selbst von Prag nach Jngolstadt im Oktober 1555, um persönlich die Unterhandlungen an Ort und Stelle zu leiten (S. 587, 590), und seiner Umsicht und Geduld gelang eS. die Zustimmung des hl. Jgnatius zu dem Plane des Herzogs Albrecht V. zu erlangen. Am 7. Juli 1556 gelangten 18 Jesuiten nach Jngolstadt, und wenige Tage darnach, am 31. Juli 1556, starb der Ordensstifter: Jngolstadt ist sein Benjamin geworden. Noch am 22. Juli ließ der hl. Jgnatius durch seinen Geheimsekretär Johannes de Polanco an Canisius, den er am 7. Juni 1556 zum ersten Provinziell für Oberdeutschland bestellt hatte (S. 622), schreiben. Damit schließt die Briefsamm- lung des I. Bandes, dem noch verschiedene rnonuEntu cunisiunu (652—766) über des Seligen Thätigkeit und Beziehungen zu Mainz, Köln, Trient, Bologna, Jngolstadt, Wien und Prag bcigegeben sind. Die Lektüre der mit flaunensweriheni Fleiße allenthalben aufgesuchten und mit reichhaltigen Noten versehenen Briese des seligen Petrus Canisius war für den Referenten ein geistiger Hochgenuß: welch ein Unterschied zwischen den Briefen Luthers (man verzeihe diese Zusammenstellung) und jenen des ersten deutschen Jesuiten! Während der abtrünnige Mönch von Wiitenberg, zerfallen mit Gott und sich selbst, fast nur Worte des Hohnes, des Spottes, der tiefsten Verachtung gegen Papst und Kaiser, Priester und Mönche, gegen seine Widersacher im eigenen Lager ausstößt, überall den Teufel als Ursache des allgemeinen sittlichen Verfalles trotz des neuen Evangeliums wittert, kommt aus der Feder des Jesuiten kein liebloses, kein hartes, wenn auch berechtigtes Urtheil über den unglücklichen Apostaten: er beklagt die traurigen Zustände Deutschlands, aber er flucht nicht, sondern er betet, fordert feine Ordensgenossen und Freunde zum Gebete für das zerrissene Vaterland auf; ja er ist sogar bereit, für Christus sein Blut zu vergießen (S. 604). Für die Wahrheit und das Vaterland scheut er in Christus keine Gefahr (S. 543); denn Canisius ist, wie aus seinen AufzeiAnungen (55—59) erhellt, zeitlebens ein getreuer Ver'ehrev' des göttlichen Herzens Jesu gewesen. Wenn wir nach drei Jahrhunderten noch seufzen unter den Folgen der Glaubensspaltung, so zeigen uns die Briefe des seligen Canisius die Mittel und die Wege, durch welche die von Leo XIII. so sehnlichst begrüßte Einheit herbeigeführt werden kann: Gebet und selbstlose Arbeit im Weinberge des Herrn. Wir schließen mit dem Gedanken, den unser Seliger zum Weihnachtsfeste des Jahres 1555 seinem Gönner Heinrich Schweicker in München übermittelte: Hanasoanciurn äst xrorsns: von lert iioa-ta, illg, xuiria sorcisb veisris stoininm: vasoitur Lüristus, ut renusoeocii raunäo sit uutflor 6t 6UN8U (x. 589). I. H. Pestalozzi. 3. 8. Zu Beginn dieses Jahres wurde das Jubiläum „des größten Pädagogen" Joh. Heinrich Pestalozzi in der ganzen Welt auf's Feierlichste begangen. Es schien, als ob mit dem Wirken dieses Mannes Erziehung und Unterricht erstmals die richtige Würdigung erfuhren, als ob Elternhaus und Volksschule keinen größeren Wohlthäter auszuweisen hätten. Auf Lehrerversammlungen und geistlichen Konferenzen wurde Leben und Schassen jenes Schweizers der Betrachtung und Beherzigung empfohlen, sein Bild unserer ideallosen und selbstsüchtigen Zeit als vollkommenstes Muster hingestellt. Noch aus der letzten allgemeinen deutschen Lehrerversammlung zu Pfingsten in Hamburg waren diese überschwänglichen Töne zu hören, und unsere liberale pädagogische Welt wird sich auch fernerhin nicht von ihrem Idol abbringen lassen. ES gibt Leute, die sind nun einmal nicht zu belehren und zu bekehren, weil sie eben einfach nicht wollen; sie haben sich in einen Personencult verrannt, ohne den ihr „System" nicht lebensfähig ist, ohne den sie keine Begeisterung und keinen — Fanatismus zu erregen im Stande sind. Wenn mir jemand auf stichhaltige, vernünftige' Gründe hin, d. h. quellenmäßig klar und überzeugend, nachweisen kann, daß ich mich bezüglich einer Persönlichkeit und ihres weltgeschichtlichen Werthes geirrt, sie bedeutend überschätzt habe, ja — so weh mir dies auch thun mag! — mir sogar zeigt, daß jener Mann etwa nur die Rolle einer tendenziösen Parade- figur zu spielen berufen war, so werde ich sofort dankbarst meine historische Anschauung jenes Helden berichtigen und ihm in meiner Erinnerung jenen Platz anweisen, der für diejenigen bestimmt ist, die sich auf Kosten anderer eine Ruhmesleiter bauten und sich mit fremden Federn schmückten. Und ein solcher Mann war Joh. Heinr. Pestalozzi I Dies für jeden, der sehen kann und will, überzeugend nachgewiesen zu haben, ist das Verdienst eines gewissen I)r. Joh. Schweudimann in Noihenburg (Luzern). Derselbe hat vor einem Vierteljahre eine Schrift veröffentlicht — „Pestalozzi im Lichte der Wahrheit", 3. Auflage, Luzern, Räber u. Comp. — über welche die radikale Presse, namentlich der Schweiz, unaufhörlich loszieht, ohne aber bis jetzt das kleinste Detail widerlegen zu können. Die alte Geschichte: man schimpft und poltert und fällt in pöbelhafter Weise über den Verfasser her, während man doch im Grunde über den und die erzürnt sein sollte, welche die öffentliche Meinung so schändlich hinter's Licht zu führen suchten. Einleitend charakterisirt Schwendimann die Zeit, in der Pestalozzi aus die Weltbühne trat; es war eine Epoche des reinsten Nationalismus und „dex Seher 253 von Starts" wie geschaffen, ihr die Krone aufzusetzen. In den besseren Kreisen, denen ja auch Pestalozzi entstammte, lag Nousseau's Naturevangelium auf dem Tische. Man lebte parisermäßig. Das Wort „Natur" führten die sogenannten gebildeten Stände stetsfort im Munde. Es wurden Nobinsonaden aufgeführt und die Herrlichkeiten des Landlebens besprochen und genossen. Jetzt hatten zudem die feineren Städter den Vortheil, daß sie ihr Leben nicht bloß im Winter auf Parkettböden, sondern auch im Sommer auf dem Lande noch durchtriebener fortsetzen konnten. Mit Hirtinnen und Stallmägden konnte auch ein Gebildeter verkehren, ohne sich das Mindeste zu vergeben, denn auch diese sannen in den Gedanken der Philosophen und redeten die Sprache der Encyklopädisten. Und auf dem Lande? Schwendi- mann, der Cnlturhistoriker, verwahrt sich entschieden dagegen, daß damals das Bauernvol? in unsäglichem Elend und in höchster Unwissenheit gelegen habe, das einen Pestalozzi als „Retter" gebraucht hätte. Es herrschte im Gegentheil Wohlstand, und das Schulwesen war ein gehobenes. Der schwärmerische Experimentator wurde von dem Landvolkc mit Mißtrauen und Argwohn beobachtet, und für seine Anstalten mußte er seine Zöglinge bisweilen aus der Ferne kommen lassen. Verfolgen wir den „Niesenpädagogen" etwas näher auf seinen einzelnen Stationen! Klare Einsicht und festes Wollen wurden dem Knaben nicht eingepflanzt, ; und sein in sich gekehrtes, schwärmerisches Wesen con- trastirte zeitlebens mit der Weither Wirklichkeit. Von einem maßlosen Ehrgeiz besessen, kriiisirt er schon seine „unerträglich dummen" Lehrer und trögt sich mit der fixen Idee, ein zweiter Messias zu werden. In seinem „religiösen Katzenjammer" — eigenes Geständnißl — kam ihm nun Nousseau's „Emil" wie gerufen. Sein Kopf war ihm nun erst recht verdreht. Er studirt — Theologie und macht schon ein Examen als Pastor, i Doch bald vertauscht er das „reine Wort" mit dem voraus zuri8, um auch diesem nach kurzer Zeit valeb zn sagen. Das Herz dominirt über den Kopf, und er fängt eine warme Liebschaft an. Da „sie" viel Geld hat, verlangt sie auch von „ihm", daß er sich nach einer entsprechenden Existenz umsehe. Von andern ermuntert, wirft sich nun der theologische Jurist auf die Landwirthschaft. 15,000 fl., damals eine gewaltige. - Summe, steckt er in den Boden, der aber wenig hergeben will. Er baut sich ein „reizendes" Landhaus auf den „Ncuhof", in dem er die Schweine im zweiten Stocke unterbringen will. Anfangs treibt er Krappcultur, später operirt er mit spanischem Rindvieh. Da seine zukünftigen vermögenden Schwiegereltern nicht mit ihm zufrieden sind, so „holt" er seine Anna „ohne Abschied und Dank" vom Hause weg. Nun versucht's der Neuhöfler mit der Baumwollspinnerei; es fehlt ihm aber die Ordnung, Klugheit und Geduld. Man spricht von der Einziehung des ihm vorgeschossenen Geldes, und die Leute der Umgegend machen allerlei Bemerkungen über den sonderbaren Landwirth und seine religiös-politischen Ansichten. Da, in dieser heillosen Verwirrung, geschieht nun etwas, wovon so mancher „Eingeweihte" ein Lied singen kann, was aber den „Profanen" ein Räthsel war und blieb: die Loge wirft sich für Pestalozzi in'S Zeug; sie hat schon längst ein Auge auf den „geeigneten" Mann, und ihren thätigen Agenten ist es ein leichtes, den schwärmerischen Faselhans für den heiligen Bund zu ge- wiMen.'' Pestalozzi «weist sich als höchst würdiger Bruder, der zuletzt das Haupt des helvetischen Orbtits wird. Die Dreipunkte-Brüder hinter sich: so konnte sein Ruhm, fein Weltruf nicht ausbleiben! Er verläßt den Pflug und macht sich auf Anrathen der Loge an die — Erziehung der Jugend, jenes Gebiet, das die „königliche Kunst" ja mit Vorliebe an sich zu reiben pflegt. — Wie viel ist über den „Vater der Waisen zu Staus" nun geschrieben worden! Um demselben einen gehörigen Nimbus zn verschaffen, war es nun vor allen Dingen nöthig, von Land und Leuten um Stans die gräßlichsten Bilder zu malen, Bilder, welche die elendesten Londoner Quartiere in Schatten stellen. Das haben nun Pestalozzi's Biographen bis auf den heutigen Tag pflichtschuldigst gethan. Sie wußten wohl nicht, daß er sein Material für Cultnrexperimente von weit her holen mußte! Sie ließen ihn als ehrwürdigen Patriarchen unter dem Bettelvolke wandeln, ihn, der nie einen Schritt in die Hütten der Armuth gethan! Und in den Zeiten seines persönlichen Elendes schüttelt er den Staub von den zerrissenen Schnallschuhen und macht Reisen nach Deutschland, um in der Bekanntschaft mit Göthe, Wieland u. s. w. seinen Gram zu vergessen. Pestalozzi verspürt nun den Drang, seinen Gefühlen in öffentlichen Schriften Luft zu machen. Der Schriftsteller versteht wohl gut zu erzählen und den Dialog zu handhaben, aber eine solide Bildung geht ihm ab, und wenn die französischen Vorlagen und seine geistreiche Frau nicht gewesen wären, wer weiß, was er zu Tage gefördert! Da brach die Revolution, mit welcher der wässerige Demokrat schon längst sympathisirte, über die Schweiz und Stans herein. Pestalozzi bietet in einer Schrift sofort dem Bürgerministerium seine Dienste an, ein Aktenstück, das, nachdem es von den vielen orthographischen und Jnterpunktionsfehlern gereinigt, vom berühmten Zschokke im Satzbau geordnet worden war, auf Staatskosten gedruckt wurde. Noch wehr; man gründete, um auf die Stimmung der Kantone einzuwirken, das „Helvetische Volksblatt", das aber unter Pestalozzi's Leitung nach kurzer Zeit Fiasco machte. Die geschäftigen Biographen schildern Pestalozzi's Wirken zu Stans als dessen Glanzperiode. Wie aber lag die Sache in Wirklichkeit? Die Leute waren von der Ankunft des „vaterlandslosen Freiheitsschwärmers" nichts weniger als erbaut; der „Halbnarr" und „Eindringling" mit seinen Naturfchilderungen und seiner Vernunftreligion wurde den katholischen Nidwaldenern, deren Väter unmittelbar vorher für ihren Glauben und ihre Freiheit in den Tod gegangen waren, gerade vor die Nase gesetzt. Als er mit dem Einzug der Truppen in Staus das ehemalige St. Clara-Kloster verließ, trauerten nur die Jlluminaten. — Nun ging's nach Bnrgdorf, der „Heldenzeit seines pädagogischen Strebens und Thuns", wie Blochmann bemerkt. Auch hier wurde Pestalozzi immer unbeliebter; sogar Minister Ncngger sah sich trotz anderweitiger Fürsprache genöthigt, ihm den Posten eines Vorstehers abzunehmen. Die moralischen Schläge, die er erhielt, suchte der „humane" Mann den Kindern redlich heimzuzahlen. „Er prügelte", wie Pfarrer Businger in einem amtlichen Schreiben berichtete, „sehr viel". Als er es nicht mehr aushalten zu können glaubt, geht er in's Bad und verlebt fröhliche Tage. , Pestalozzi's letzte Station war Iverdon. „In Werden Erzieher der Menschheit, Mensch, Christ und Bürger, Alles für Andere, für sich nichts", sieht anf 254 dein dortigen Denkmal. Hören wir den schweizerischen Geschichtschreiber und Zeitgenossen Pestalozzi'L, Monnard: „Die Behörden von Burgdorf hatten damals nicht gewagt, dem Pestalozzi auch nur eine Primärschule anzuvertrauen. Auch hätte dieser Mann die Vergleichung mit dem allergewöhnlichsten Bewerber nicht aushalten können." Pestalozzi that sich etwas Zwang an und übernahm eine Stelle. Die Hintersassen waren aber mit der an ihren Kindern probirten „neuen Lehre" nicht zufrieden. Ihr energischer Protest hatte zur Folge, daß der „Niesenpüdagoge" versetzt wurde. Pestalozzi erhielt eine Lehrstelle an einer der untern Schulen der Oberstadt. Im waadtländischen Schlosse zu Iverdon nun spielten sich allerhand „Merkwürdigkeiten" ab. Bekanntlich hatte hier Pestalozzi die Mitarbeiter Jos. Schwill und Joh. Niederer. Ersterer war ein tüchtiger, praktischer Schulmann, letzterer ein philosophischer Schwärmer. Diese zwei Männer aber, insbesondere Schund, verdienen den Ruhm, den heute „Vater Pestalozzi" einerntet. Schund war „eine ungeheure Kraft", wie ihn Pestalozzi vorzustellen pflegte, durch dessen zielbewußtes, thatkräftiges Eingreifen die Iverdoner Anstalt europäischen Ruf erhielt. Doch, wer nennt heute diesen Mann? Sein Lehrgeschick und namentlich auch seine positiven religiösen Anschauungen brachten ihm Haß und Mißgunst in einem Maße ein, daß er nach Wien zog, von wo aus er Pestalozzi anzugreifen für nothwendig hielt. Die daraufhin nach Averdon abgesandten Experten konnten kein günstiges Urtheil über die „Weltanstalt" abgeben. Pestalozzi war gänzlich regierungsunfähig, wie Schnyder von Wartensee, der bekannte Componist, der an Pesta- lozzi's Anstalt Musikunterricht ertheilte, schreibt. Die ! Disciplin des Hauses war geradezu schauderhaft; das i kollegiale Einvernehmen unter den Lehrern mehr als ! traurig. Pastor Niederer hielt es sogar für nöthig, den j „Erzieher der Menschheit" ^öffentlich von der Kanzel — Pfingsten 1817 — als „den Verruchter all des Guten" bloßzustcllen. Der „sanfte" Pestalozzi fiel dem Angreifer „mit Löwenstimme" in's Wort, ließ aber die Sache sonst auf sich beruhen. Er wird wohl gewußt haben, warum! 1825 sank die berühmte Anstalt als existenzunfähig in Trümmer. Schließen wir! Aus diesen kurzen Andeutungen ist zu erkennen, welche Verdienste sich Pestalozzi um die Menschheit erworben. Wir wissen nun, was wir vom „Schöpfer der modernen Schule" zu halten haben. Mögen eS auch die jungen Leute in den Seminarien erfahren! Voritas liberabit vos! Universitäten und Studenten in Rußland. Von Theodor Hermann Lange. , (Nachdruck voi«n) Ueber die Zustände an den russischen Hochschulen ist man in Deutschland meist schlecht oder mindestens sehr mangelhaft unterrichtet, und man bringt den akademischen Verhältnissen im Zarenreiche nur ein geringes Interesse entgegen. Eine Ausnahme in letzterer Hinsicht bildet die Universität Dorpat, deren Umwandlung aus einer deutschen Lehranstalt in ein russisch-slavisches Institut in den letzten Jahren in Deutschland bekanntlich mit großer Aufmcrk- famkeit verfolgt wurde. Keine der zehn russischen Hochschulen kaun aus ein hohes Alter zurückblicken. Die älteste ist die Moskauer Universität, welche im Jahre 1755 von der Kaiserin Elisabeth Petrowna (1741—1762) begründet wurde, die jüngste die Universität in Tomsk (Sibirien), welche seit sieben Jahren besteht. Die meisten Universitäten wurden erst in diesem Jahrhundert ins Leben gerufen. Die Ein- theilung in vier Fakultäten (Theologie, Jura, Medizin und Philosophie) ist in Rußland unbekannt. Eine philosophische Fakultät gibt es nicht, aber eine theologische, juristische, medizinische, philologische, mathematische und naturwissenschaftliche Fakultät. Meist sind aber für die Theologen der orthodoxen Kirche besondere Akademien (Priesterseminare) errichtet, welche mit der eigentlichen Universität in keiner Verbindung stehen. DaS bedeutendste katholische Priester-seminar befindet sich in Petersburg und steht unter außerordentlich strenger Aufsicht der Regierung. Früher befanden sich übrigens in Russisch-Polen eine Reihe katholischer Priesterseminare, welche bis auf einige wenige in den letzten Jahrzehnten von der Regierung geschlossen worden sind. Die Schließung dieser katholischen Prtesterseminare bildet ein sehr dunkles Blatt in der neuesten Geschichte Rußlands. Diele Universitäten haben nicht sämmtliche Fakultäten. So hatte die Universität Odessa bis jetzt noch keine medizinische Fakultät und erhält sie erst im Laufe dieses Jahres, Tomsk hat keine juristische, philologische und naturwissenschaftliche; vie Petersburger Universität hat keine eigentliche medizinische Fakultät. Dafür gibt eS aber in Petersburg eine eigene medizinische Akademie usw. Ebenso existiren für die russischen Universitäten keine einheitlichen Ausnahmebestimmungen (JmmatrikulationZ- rcglements). Sogenannten Hörern (Hospitanten), sowie Ausländern kann nur infolge besonderer Erlaubniß des Ministers für Volksaufklärung der Zutritt zu den Vorlesungen gestattet werden. Die Rektoren haben in dieser Hinsicht niemals das entscheidende Wort zu sprechen. Was sonst noch die Ausnahmebestimmungen anbelangt, so bestehen hinsichtlich der Immatrikulation von jüdischen Studenten an sämmtlichen Universitäten ganz besondere Vorschriften. An der Petersburger Universität werden durchschnittlich nur fünf Prozent jüdischer Studenten zugelassen, im Technischen Institut in Petersburg nur ein Prozent Juden und in der Ingenieurschule (für Brücken- und Eisenbahnbau) gar keine Juden. In Odessa, Warschau und Tomsk werden augenblicklich zehn Prozent Juden zugelassen, aber auch nur solche, welche mindestens mit der Note 4 („ziemlich gut") vo« Gymnasium kommen. Hin und wieder wird aber doch der Prozentsatz der bei den Universitäten zulässigen jüdischen Studenten überschritten, und zwar, wenn deren Angehörige persönlich bei dem Minister in Petersburg vorstellig werden. Dazu genügt allerdings nicht eine einzige Audienz, sondern die Bittsteller müssen sich Monate hindurch jede Woche beim Minister melden lassen. Auch Katholiken werden bei ihrer Immatrikulation hin und wieder Schwierigkeiten bereitet. ^ Ein mir bekannter polnischer Rittergutsbesitzer bei Warschau, der früher in Sibirien als Verschickter gelebt hatte, wollte zwei Söhne Medizin studiren lassen. Sie wurden weder in Warschau noch an einer andern Universität immatriknlirt. Da bestach der Vater, wie er mir selbst einmal gestand, einen Ministerin!-Sekretär mit 1000 Rubeln. Daraufhin wurden die jungen Leute in Moskau irymatrikulirt. Dieser Fall dürfte übrigens nicht vereinzelt dastehen. Juristen, Medizinern und Philologen polnischer Nationalität (Katholiken) wird es übrigens bei der Jrnmatrikulation an der Warschauer Universität neuerdings regelmäßig mitgetheilt, daß sie niemals auf eine staatliche Anstellung innerhalb der polnischen Gouvernements zu rechnen haben. Neflektiren sie nach Absolvirung ihrer Studien auf derartige Posten, so können ihnen diese nur im Innern oder im Osten Rußlands verliehen werden. An den russischen Hochschulen gibt es keine Semester, sondern nur Jahreskurse, wofür in allen Fakultäten und an allen Universitäten je 100 Rubel Collegiengelder zu zahlen sind. Für die Immatrikulation hat man nur 25 Kopeken (52 Pf.) zu entrichten. Juristen, Philologen, Mathematiker und Naturwissenschaftler haben je vier Jahreskurse zu absolviren, also vier Jahre zu studiren. Mediziner jedoch müssen 5*/z Jahre studiren. Bei Schluß jedes Jnhreskurscs finden Prüfungen statt. Länger als zwei Jahre wird kein Student in einem Kurse geduldet. Hat er die Prüfung bei Jahresschluß dann nicht bestanden, so erfolgt seine Verweisung von der Universität. Jeder Kursus hat seine bestimmten Vorlesungen, an diesen muß der Student theilnehmen. Eine Wahl hinsichtlich der Vorlesungen, wie beispielsweise in Deutschland, Oesterreich usw., gibt es auf den russischen Universitäten nicht. Natürlich kann ein Student auch ganz ruhig einmal ein paar Kollegien „schwänzen", danach fragt niemand. Er kann auch eine Viertel- oder halbe Stunde zu spät inL Colleg kommen, deßwegen wird er nicht zur Rede gestellt. Die Hauptsache ist nur, daß er bei Jahresschluß die Prüfung besteht, wobei allerdings auf manchen Universitäten die Polen (Katholiken) gegenüber den National- russen insofern benachtheiligt sind, als man den eigentlichen Russen die mündlichen Examina wesentlich erleichtert und den Katholiken erschwert. Vereinzelt kommen auch hier Bestechungen vor, wie sie an manchen Gymnasien leider nichts seltenes sind, wo die Vater die Aufnahme ihrer Söhne von den Gymnasialdirektoren um 300—500 Rubel erkaufen müssen. Juristen und Philologen, welche der russischen SaatS- kirche angehören, erhalten nach bestandener Prüfung sofort Staatsanstellungen, Katholiken seltener. Es vergeht immer eine Reihe von Jahren, ehe man Katholiken staatliche Stellungen gibt. In Petersburg werden Katholiken immer noch am ersten angestellt. Die polnischen Gelehrten, welche die akademische Laufbahn einschlagen, haben immer nur Aussicht auf Anstellung bezw. Beförderung, wenn sie sich nach dem äußersten Osten versetzen lassen. An der Universität in Tomsk in Sibirien sind zwei polnische Professoren angestellt. Die russischen Studenten müssen, sobald sie das Universitätsgebäude betreten, in Uniform erscheinen. Auf der Straße zeigen sie sich gelegentlich auch in Civil. Bei feierlichen Anlässen kommt zu der Uniform noch der Degen. Die Universitätsprofessoren sind ebenfalls an ihrer Kleidung kenntlich: einem dunkelblauen Frack mit gelben Knöpfen, auf denen der russische Adler angebracht ist. In eorxors erscheinen die Studenten niemals auf der Straße oder im Universitätsgebäude. Rotten sie sich einmal zusammen, so werden sie gewöhnlich sehr rasch durch Kosaken mit der Kugelpeitsche auseinandergetrieben, sofort relegirt und der Polizei oder den Gerichten zur Bestrafung überwiesen. Meist erfolgen die studentischen Zusammenrottungen, um gegen mißliebige Professoren und Rektoren zu demonstriren. ^Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Cattaneo C. Ambr. (s. 1.), Geistliche Vertrages frei nach dem Italienischen von Höhl er. 8°. '3 Bde. (S. VIII -t- 603; 568; 592). Ncgensbnrg. Fr. Pustet 1896. M. 9,20. Fritz Ludw. (s. 6arm.), Daö Okkioinm LIarinnnm karvum oder die kleinen Marianischen Tagzeiten in homiletischen Vortragen erläutert. 8", 2 Bde. 1S. IV -j- 503; 644). Ncgensbnrg, Fr. Pustet 1895. M. 6,00. s Unsere asketische Literatur leidet an bedenklicher Hypertrophie; daß da in jedem neuen Buche so ziemlich dasselbe zu finden ist, was der Leser bereits aus früheren Werken kennt, kann nicht Wunder nehmen. Die beiden obigen Erscheinungen bieten eine auerkennenswcrthe Ausnahme. Cattaneo illustrirt die moralischen Ermahnungen durch eine große Menge von Histörchen, deren Glaubwürdigkeit freilich dahingestellt sein mag, die aber immerhin dem Buche den Stempel einer kurzweiligen Unterhaltung aufdrücken. Auch ist die genaue Anführung der verwendeten Bibelstellen zu loben. Sicherlich hatte der Ueüer- setzer, der seine Ausgabe vortrefflich gelöst bat, die wohlmeinendste Absicht, die Erbauungsliteratur nicht bloß zu vermehren, sondern auch zu bereichern. — Ein Buch tieferer Art ist deS k. Fritz Erklärung des Oküeiuw LIarianum, schätzbarer schon deßhalb, weil es den liturgischen Text zum Grunde hat, mit dem die vom bl. Geist geleitete Kirche die Gottesmutter preist; freilich ist heut zu Tage leider vielfach Uebung, sich am allerwenigsten an die kirchlichen GebetSsormulare zu halten und lieber zu allen anderen selbstersundencn Surrogaten zu greifen. AuS diesem Grunde ist das Unternehmen des L. Fritz, dem wir bereits eine ähnliche Bearbeitung des Todtcn-Officium verdanken, schon im vorhinein mit Genugthuung zu begrüßen, besonders aber verdient die Art und Weise, wie er es durchgeführt hat, unser volles Lob. Hier herrscht die verständige Nüchternheit der Kirche, ohne daß jenes undefinirbare und den Meisten unentbehrliche Ding „Gefühl" ganz verdrängt wäre. Schrift- und Väterstellen finden ausgiebige Verwendung, mit frommen Anekdoten und unglaublichen Wundergcschichtcn, womit man so oft etwas Besseres ersetzen will, sind wir glücklich verschont. Möchte daS sinnige und schöne Buch allen, die freiwillig eher Standes wegen sich mit dem Oküoium xarvum L. Ll. V. beschäftigen» ein Begleiter und Führer werden, um immer tiefer in den Sinn der hl. Texte einzudringen. Auch der „Marien-Prediger" oder, wie es das höchst geschmackvoll auch gibt, der „Hcrz- Maria-Prediger" wird bei ?. Fritz sehr brauchbare Gedanken finden, wie das Buch ja auch dem Bedürfniß des Predigers sein Entstehen verdankt. Der Verfasse: des Werkes, Senior der bayerischen Carmeliten, ein unermüdlicher Prediger, ist leider am 22. Juni d. Jö. im Kloster zu Straubing, 84 Jahre alt, gestorben. ck. Der auf dem Gebiete der schwedischen Literatur und Geschichte wohl bewanderte 1. Rath am k. allgemeinen Neichs- archive Dr. Pins Wittmann bietet in seiner neuesten Publikation: „Kurzer Abriß der schwedischen Geschichte. BreSlau, Köbner 1896," dem gebildeten deutschen Publikum eine auf den neuesten Forschungen beruhende Geschichte Schwedens. Dieselbe, in ihrem ersten Theil zwar übersichtlich, aber etwas knapp gehalten, wird vom 17. Jahrhundert an eingehender behandelt, unter besonderer Berücksichtigung der WittelSbacher auf dem schwedischen Throne. Zahlreiche Litcraturangaben geben auch demjenigen, der sich mit dem einen oder andern Abschnitte der Geschichte jenes Landes näher befassen will, praktische Winke. Wer die Wohlthat eines gut angelegten Registers zu würdigen versteht, wird dem Autor Dank wissen, daß er auch diese Mühe nicht gescheut. Der Verfasser erhielt für die Vorlage deS Schriftchens aus der Geheimkanzlei S. K. H. des Prinz- Regenten und von S. K. H. Herzog Karl Theodor anerkennende Dankschreiben. Die heil. Schrift im Predigtamt von I. Sigmunb. * Diese „Monatsschrift für Priester" von Jos. Sigmund, Pfarrer in St. Jodok (Tirol), verfolgt den Zweck 1) zu zeigen, wie die hl. Schrift besonders von alten Meistern auf der Kanzel behandelt wurde, und deren Verwendung im Predigt- amte zu fördern; 2) das Volk an der Hand des Kirchenjahres gründlich zu unterrichten, auch in apologetischen Materien; 3) die Wahl des Themas zu erleichtern und die Predigten nach einem bestimmten Plan einzurichten. — Die Schrift erscheint circa am 20. eines jeden Monats und enthält jedesmal je zwei Predigt-Skizzen für jeden Sonn- und Festtag des 256 nächstfolgenden Monats. Ferner enthält jedes Heft einen Anhang mit praktischen Uebungen über die Verwerthung der hl. Schrift im Predigtamte, vorzüglich aus alten, berühmten Predigern genommen. Der Hochwürdigste Fürsterzbischof von Salzburg, sowie die Hcchwürdigsten Fürstbischöfe von Brixcn und Tricnt haben den Zweck dieser Monatsschrift sehr belobt und das erste Heft warm empfohlen. So schreibt unter auderm der Hcchwürdigste Fürstbischof von Trient: „Das erste Heft befriedigt sehr und enthält vorzügliche Betrachtungen . . . Ihre Skizzen entsprechen jedenfalls den Ermahnungen des bl. Vaterö in der Euchclika Lo Ltuüio s. Lerip- turas vom 18. Nov. 1893 und super saera praeclications vvin 31. Juli 1894." — Zu abonuircn am besten bei der bcchw. Redaction der »Luolraristia« in Feldkirch (oder einfach: „Pelikan" Feldkirch, Vorarlberg) oder auch beim fürstbischöfl. Pfarramt St. Jodok, Vrennerbahn. Preis für diesen Jahrgang 2 fl. oder 3 M. 40 Pf. (Bei größerer Betheiligung wird der Preis künftig herabgesetzt.) _ Unsere eßbaren Pilze (Schwämme). Von Joh. Alfr. Ul sanier, Hauptlchrcr. Mit 5 Tafeln in Farben- lichtdruck. (Kempten, Jos. Köscl'fche Buchhandlung. Preis broch. M. 1,40, in Halblcinwand gebd. M. 1,60.) Der durch seine frühern Schriften, namentlich durch seine vorzügliche und weit verbreitete „Hausapotheke" vorthcilbast bekannte Verfasser gibt in diesem Schriftchen eine einfache und ganz leicht verständliche Anleitung, die besten und häufiger vorkommenden eßbaren Pilze, sowie deren Verwendung in überraschend kurzer Zeit kennen zu lernen. Das Schriftchen basirt auf persönlicher Erfahrung, sorgfältiger Beobachtung und genauer Prüfung und wurden dabei auch die Rathschläge anderer erfahrener Pilzkenner bestens berücksichtigt. In fünf vorzüglich ausgeführten Farbculichtdrucktafeln enthält das Werkchen eine illustrative Veranschaulichung der beschriebenen Pilze, welche das Büchlein erst recht praktisch brauchbar macht. Der ungewöhnlich billige Preis sichert dem durchaus empfehleuSwerthen Büchlein weiteste Verbreitung. _ Pädagogische Vorträge und Abhandlungen. Herausgegeben von I. Pötsch. Verlag der I. Köfcl'schen Buchhandlung in Kempten. Die Hefte 16 und 17 bringen treffliche Abhandlungen und zwar das 16. Heft einen Aufsatz des Hrn. Domcapitulars Professor vr. Stockt über „Kirche und Schule während und unmittelbar nach der NesormationSzeit" mit einer kurzen LebcnS- skizze des inzwischen verlebten Verfassers vom Herausgeber; das 17. Heft enthält eine „Beleuchtung von DittcS' Werken", von I. E. Weis, Priester der Diöcese Eickstätt; mit einen: Anhang „Etwas über Hrn. Dr. DitteS selbst" vom Herausgeber. Erbauungsliteratur. „Die Opfer des ErlöserS." Von k. Gg. Freund, 0. 8s. II. Verlag von Opitz in Warnsdorf (Böhmen). Enthält auf 112 Seiten eine Reihe von Betrachtungen, anknüpfend an die Opfer, welche Jesus bringt, und bietet frommen Seelen eine erbauliche Lesung. Zeitschrift des Historischen Vereins fürSchwaben und Neuburg. XXII. Jahrgang. Preis im Buchhandel 6 Mk. CommissiouSverlag der I. A. Schlvsser- sckcn Buchhandlung in Augsburg. Inhalt: 1. Zur Vor- und Frühgeschichte des Lechrainö. Von Franz Weber, Qbcramtsrichtcr a. D. 2. Die poetischen und historischen Schriften eines Angöburgcr Bürgers an der Ercnzschcide des 16. und 17. Jahrhunderts. Von Max Nadl- kofer. 3. Markwart von Naudcck, Bischof von Augsburg und Patriarch von Aquileja. Von Dr. Fr. T. Glasschröder. 4. Die Kirche der Heiligen Ulrich und Afra zu Augsburg. Beitrag zu ihrer Geschichte hauptsächlich während der romanischen Kunstperiode. Von Pros. vr. I. A. Eudres. 5. Beschreibung der Nömerstraste von Augsburg nach Krumbach. Vertrag, gehalten in der Abcndversammlung des historischen VcrcinS vom 6. März 1896. Von I. Schuster, k. Major a. D. Theologisch-Praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. od. 80 S. gr. 8°. Preis ganzjährig 5 Mk. Inhalt des 8. Heftes 1896: Jakob Greiser als Apologet der Gesellschaft Jesu. — Freiheit in der Wahl deS Beichtvaters namentlich bezüglich der Ordensfrauen. — Die Bestimmungen über das Jrrenwesen in Bayern. — Die Hysterie. — DaS Laicnkatcchetenihum und die missio eanonica,. — PastorclleS von der Reise. — Concurrcnzpflicht der Filialistcn. — „Auf den Markt!" Neue Anforderungen an die Seelforge.— Drei Vorschläge über Verwendung der Pricsterbibliotheken nach dem Heimgang ihres Inhabers. — Verhalten deS Seelsorgers gegen weltliche Vereine. — Textvariante im Llissals äskunetoruiri. — Galanterie gegen Schulmädchen in amtlichen Bekanntmachungen. — Das wörtliche Citiren socialdemokratischer Gotteslästerungen in katholischen VcreinSvcrsammlungen. — Bcachtens- wcrthe Kleinigkeiten. — Erlasse der obersten Verwaltungsstellen und Entscheidungen der obersten Gerichtshöfe. — Novitätenschau. Liter arisch er Handwciscr, begründet, herausgegeben und rcdigirt von Msgr. Dr. Franz HülSkamp in Münster. 24 Nrn. ä 2 Bogen Hochquart für 4 M. P. Jahr. 1896. Nr. 7 u. 8. Inhalt. Kritische Referate über Schrader Kcilinscbriftliche Bibliothek (Kaulen), Minies Lota, Ooneilii 6onstaneiensis (Wurm). Ltsplisn Uistorz- ok tlis 8cottisli Olinrck (Bcllcsheim), Zaubzsr Betrachtungen über das Hohe Lied (Lierücimer), ölrrurz- drog-auess et I,S§eiicles cln mog'sn-ÜAo (Kampers), Briefe hervorragender Zeitgenossen an Franz Lisch (Bäumker), Dcvas Grundsätze der Volkswirthschaftslehre (Fr. Walter), Effinger Nachfolge Maria, Jox Wundcrthätige Medaille und Kerngebctc für Kranke nach Liguori und Cochem (Deppe), Keiter Confessiouelle Brunnenvergiftung, Kürschner Literaturkalender und Kürschner L-taatShand- buch für 1896 (HülSkamp). — 15 Notizen über AertnyS und Gaudö Moralfystem deS hl. Alphons (Deppe), Xillos Xaleinlarium bleelosias oriontalis od oeeütoutalis und verschiedene andere Nova (HülSkamp). - Novitätenschau und Zeitschciften-Juhalt. OestcrreichischesLitcraturblatt, herausgegeben von der Leo-Gesellschaft in Wien, redizirt von vr. Franz Schnürer. (Administration: Wien I., Anuagasse 9.) Nr. 15 enthält u. A.: Mauser I. A., kossibilitas xraemotionis pdz'sieao Dliomistioas in actibus lideris uatnralibuZ. (Spiritual- director Dr. C. Weiß, Wien.) — Ernst Jof., Die Lehre des bl. Paschasius Nadbertus von der Eucharisiie. (Pros. Dr. Cöl. Wolfögruber, Wien.) — Bcissel St., Die Verehrung 1l. L. Frau in Deutschland während deS MittelalterS. — Nehmke Joh., Lehrbuch der allgemeinen Psychologie, (vr. Nud. Hornich, Wien.) — Krampe W., Die italienischen Humanisten und ihre Wirksamkeit für die Wiederbelebung gymnastischer Pädagogik. — Andreae K., Zur inneren Entwicklungsgeschichte der deutschen Lehrerbilduugs-Austaltcii. — Schnitze Sigmar, Der Zeitgeist der modernen Literatur Europa'S. (Dr. Nich. v. Kralik, Wien.) - Bötticker Fr. v., Malcrwcrke des XIX. Jahrhunderts. t.Bd. (Dr. Th. v.Frimmel, Wien.) —Ott Emil, Kirchliche GcrichtSbaikeit. (lluiv.-Prof. Dr. Frz. Lauriu, Wien.) — Ortloff Hm., Staats- und Gcscllfchafts-Vertretung im Strafverfahren. (Ders.) — Vesaniö Sot., Ueber das Verhältniß der Vermehrung der Zinscapital-Juhabcr und der ZinL- capitalicn. (Thcol.-Prof. Fricdr. Piffl, Klosterneuburg.) — F öpp l A.. Einführung in die Maxwell'schc Theorie der Elektricität. (Pros. vr. A. Lanner, Salzburg.) — Darwinismus und Socialdemokratie oder Häckel und der Umsturz. (Pros. Dr. O. Hermann, Bibliothekar an der k. Bibliothek, Berlin.) U. s. w „Die katholische Welt." Jahrg. 1896. (Jährl. 12 Heft- ü 40 Pf. - 50 Cts.) Heft 9 u. 10 enthalten u. A.: Käthe und Kathiuka. Eine VolkScrzählung aus der Oberpfalz. Von Jos. Baier- lein. (Fortsetzung.) — Fürstin Marie Luise von Bulgarien. — Raffael. Kunsthistorische Skizze von J. Werne. — U. L. Frau vorn Berge Karmel. Von I. Ming. — Die Halligeu. — Nosiue vom Scherben Hof. Eine Geschickte aus dem Volksleben. Von August Butscher (Forts.) — Maria Magdalc na. — Die Jubelfeier des Landes Tirol. Von ik. Leitgeb, 6. 88. R. — Zwischen den Aehrcn. Ein Julibild. Von Theodor Berthold. — Der Tro llhätta-Fall. —Die Zarenkröuung in Moskau. — Getrennt im Leben — im Tode vereint. Novells aus dem Englischen. Von Odo Dowod. U. s. w. — Mit zusammen 83 Illustrationen. Die Erzählungen sind sehr gediegen. Probehefte versendet die Vcrlagöhaudlung A. Nif- farth, M.-Gladbach. Verauttv. Redacteur.: Ad. Haas in Augsburg..— Druck u. Vcrlaa des Lit. Instituts von Hao§ L tzsrabberr in Augsburg, Ein neues Lehrbuch der Volkswirthschaft?) I?. II. Die jüngste aller großen Wissenschaften, die Nationalökonomie, entstanden in der Zeit des beginnenden SubjectivismuS und des Verdrängens fast aller sittlichen und religiösen Grundsätze aus dem staatlichen und gesellschaftlichen Leben, konnte naturgemäß nicht sofort und auch nicht nach kurzen Dccennien mit einem erprobten und brauchbaren Systeme vor die Schule und die Oeffent- lichkeit treten. Es bedurfte mehr als eines Jahrhunderts des Kampfes der widersprechendsten Meinungen, selbst unter katholischen Sociologen, bis man endlich in den allerwesentlichsten Grundzügen und in den allgemeinen Erfahrungen eine gewisse Uebereinstimmung erzielte. In Deutschland speciell hat die socialreformatorische Thätigkeit des Centrums nicht zuletzt dazu beigetragen, eine Annäherung der socialpolitischen Anschauungen, vor allem in christlichen Kreisen, herbeizuführen. Damit machte sich aber auch der Mangel eines eigentlichen, die nationalökonomische Wissenschaft auf positiv-christlichen, ethischen Grundsätzen umfassend behandelnden Lehrbuches immer fühlbarer.* **) Diesem Mangel will ein vor kurzer Zeit erschienenes Werk eines englischen Nationalökonomen abhelfen. Es ist das Buch von Charles S. Devas, „Grundsätze der Volkswirthschaftslehre", von welchem nunmehr eine treffliche deutsche Uebersetzung und Bearbeitung aus der Feder Dr. Walter Kämpfe's vorliegt. Das Werk, von einem Engländer für Engländer geschrieben, wurde von Dr. Kämpfe (Salzburg), der durch verschiedene tüchtige Arbeiten auf focialpolitischem Gebiete hiezu bestens legitimirt war, in einem ziemlich bedeutenden Umfange einer Umarbeitung unterzogen. Es wurden die nur für England Interesse besitzenden Stellen gestrichen, dagegen vieles einverleibt, was für deutsche und österreichische Leser von Wichtigkeit ist; zugleich wurde auch auf die wirtschaftlichen Verhältnisse der übrigen Culturstaaten gebührend Rücksicht genommen. Die von dem Uebersetzer dem Buche neu einverleibten Stellen sind durch ein „Verzeichniß der Zusätze deS Ucbersetzers" kenntlich gemacht. Die „Volkswirthschaftslehre" von Devas - Kämpfe ergeht sich nicht in langen Abhandlungen und geistreichen Versuchen zur Lösung verwickelter wirthschaftlicher Probleme, sie versucht nicht, wie die Doktrinäre der sogen, klassischen Nationalökonomie, durch die Brille vorgefaßter Ideen das wirthschaftliche Leben zu beurtheilen und eS auf denselben aufzubauen, sie rechnet mit den Thatsachen und mit den Erscheinungen des wirthschaftlichen Lebens. Das Werk will nicht in erster Linie ein Lehrbuch wirthschaftlicher Theorien, sondern ein Lehrbuch des wirthschaftlichen Lebens sein. Das ist die Voraussetzung, mit welcher die Lektüre des Werkes begonnen werden muß. Eine geistreiche Erforschung wirthschaftlicher Räthsel wollten und konnten der Verfasser und Grundsätze der Volkswirthschaftölehre. Von Charles S. Devas. Examinator der politischen Oekonomik an der kvnigl. Universität von Irland. Uebersetzt und bearbeitet von Dr. Walter Kämpfe. Frciburg, Herdcr'sche Verlagshandlung. Preis 7 M. **) Dr. Natzingcr's ausgezeichnetes Werk „Die Volkswirthschaft in ihren sittlichen Grundlagen" ist kein Lehrbuch der Nationalökonomie und soll es nach der Absicht des Verfassers jedenfalls auch nicht sein. Uebersetzer, nach dem Zwecks, welchem das Buch dienen will, nicht liefern. Das ganze Werk ist in vier Theile oder Bücher gegliedert und stellt in dieser seiner Eintheilung einen natürlichen Aufbau der nationalökonomischen Wissenschaft und ihrer Faktoren dar. Das erste Buch behandelt die Produktion und Consumtion und bespricht die grundlegenden Begriffe der Volkswirthschaftslehre, die produktiven Eigenschaften der Erde und des Menschen, die Arbeitsorganisation, das Familienleben, die Güter- Produktion und Consumtion. Das zweite Buch ist „Der Güteraustausch" betitelt. Es bespricht den Güteraustausch im Allgemeinen, die freie und nichtfreie Preisbildung, den internationalen Handelsverkehr, das Geld und den Credit. DaS dritte Buch erörtert die Vertheilung der Güter. Es werden darin der Unternehmergewinn, der Zins und die Arbeitslöhne, sodann das Verhältniß von Reichthum und Armuth, die Berechtigung des Reichthums und die verschiedenen socialen Organisationen und Ordnungen besprochen und endlich am Schlüsse die verschiedenen Versuche zur Lösung wirthschaftlicher Schwierigkeiten vorgeführt. Das vierte und letzte Buch ist unter der Ueberschrift „Nachträge" der Oekonomik des Staates, d. i. vorzugsweise der Finanzwissenschaft gewidmet. Das vorletzte Kapitel behandelt die „Aufgabe und Methode der politischen Oekonomik", das letzte, vom Uebersetzer bedeutend erweiterte Kapitel gibt eine gedrängte Uebersicht über die Geschichte der ökonomischen Wissenschaft. Man ersieht aus vorstehender Zusammenstellung, welch gewaltiges Gebiet der Verfasser in seiner Volkswirthschaftslehre dem Leser vorführt. Kaum eine Seite des wirthschaftlichen Lebens ist in derselben unberücksichtigt gelassen. Daß an einzelnen Stellen, trotz der Elimination des nur für englische Verhältnisse Giltigen, die Anschauung des Engländers noch etwas durchklingt, kann nicht überraschen. Es würde zu weit führen, alle einzelnen Partien deS Werkes zu besprechen, und wir begnügen uns hier damit, einzelne Punkte herauszugreifen. Vor allem ist es ein Vorzug desselben, daß der Verfasser gleich am Eingänge mit festen Begriffen an den Leser herantritt und dieselben kurz definirt. Diese volkswirthschaftlichen Begriffe sind, mit gutem Grunde, nicht zu enge umschrieben; denn einerseits sind ja viele Begriffsbestimmungen und tarwini tsasinioi einer steten Veränderung unterworfen, anderseits ist über manche derselben überhaupt keine Einigkeit zu erzielen. Etwas zu weit scheint uns indeß der Begriff „Kapital? gefaßt zu sein. Sehr schlagend werden einzelne Irrthümer der älteren und neueren Nationalökonomen widerlegt. In den Kapiteln über „Produktion" z. B. wird von Devas, bei Besprechung der „Gesetze" von der abnehmenden und von der wachsenden Erträglichkeit, mit klaren Gründen dem Optimismus von der steten und uneingeschränkten Vermehrung des Prodnktionsertrages widersprochen. Ebenso klar und treffend werden bei allen zur Aufzählung kommenden Errungenschaften der „technischen Revolution" neben den Licht- auch die Schattenseiten hervorgehoben: der Untergang der Kleinmeister, die viel zu wenig beachtete Abschwendung der Wälder, die Uebel- stände der großen BepLlkMngsceniren usw. Aehnlich 258 werden bet Besprechung des Gewerbes und der Land- wirthschaft sowohl die Schäden des Zwergbetriebes als auch der großen Unternehmungen, der übermäßigen Zerstücklung wie der Latifnndienbildung berücksichtigt und — damit Zusammenhängend — in dem Abschnitte über das Familienleben die Eigenart und die Vortheile des Wirthschaftsbetriebes durch die sogen. Stammfamilie in instruktiver Weise hervorgehoben. Der Frage und Gefahr der drohenden Ueber- völkerung wird eine besonders ausführliche Erörterung zu theil, und wir haben gerade diese ernste Frage noch selten so eingehend und ruhig behandelt gesehen, wie in dem vorliegenden Werke von Devas-Käwpfe. Wenn der oder die Verfasser auch die Gefahren der kommenden Uebervölkcrung nicht in zu düsteren Farben malen, so erkennen sie diese Gefahren doch vollkommen an und verfallen nicht in den bedauerlichen Optimismus mancher volkswirthschaftlicher Schriftsteller, die im Hinblick auf die drohende Calamität fatalistisch allein auf die göttliche Vorsehung vertrauen. — Eine ebenso eingehende und gewissenhafte Erörterung wie die Uebervölkerungsfrage findet die Wohnungsfrage. Das zweite Buch, „Der Güteraustausch", beschäftigt sich hauptsächlich mit praktischen Fragen. Die Vortheile des Handels werden gebührend hervorgehoben, jedoch nicht überschätzt. Denn „das Glück des Landes läßt sich nicht nach der Höhe der Export- und Import- ziffern bemessen". Sehr eingehend sind die Ausführungen über die Preisbildung, welche zu den besten Partien des Buches zählen. Devas bestreitet u. a>, daß ein vom Marktpreis ganz verschiedener, sogen, natürlicher Werth und Preis anzunehmen sei. Der einzige — zwar nicht vollkommene, aber immerhin einzige — Werthmesser ist der (Markt-)Preis. Aus den Ausführungen über das Geld und Münz- wesen wollen wir nur hervorheben, daß der Verfasser für eine einheitliche Währung, bezw. Goldwährung, eintritt. Fast noch ausführlicher wie die Preisbildung ist der Credit behandelt, wohl in der richtigen Erwägung, daß auf dem Credite unser ganzes modern-wirthschaftliches Leben beruht. Sehr einfach ist die Seite 258 vom Verfasser gegebene Definition des Credits als „die Bewilligung des Aufschubs von Zahlungen". Die Vortheile des Wechsels und die Bedenken gegen denselben, d. i. vornehmlich die Ausdehnung der Wcchselfähigkeit auf nicht kaufmännisch Gebildete, werden richtig vorgeführt. Das Bankwesen ist klar behandelt; sehr praktisch ist die Uebersicht über die Notenbanken der einzelnen Staaten. Vom eigentlichen Bankwesen ist die Börse zu unterscheiden, die mit ersterem nicht identisch ist, sondern nur einen Theil desselben bildet. Die Gefahren des Börsen- treibens (Handel mit Scheinwerihen und werthlosen Papieren, Ausbeutung Unerfahrener) werden im Einzelnen aufgezählt, doch dürften die Ausführungen des englischen Nationalökonomen über die Termingeschäfte in Deutschland nicht in jedem Punkte Zustimmung finden. Praktisch und brauchbar sind die Vorschläge zur Bekämpfung des Wuchers. Ein besonders erfolgreiches Mittel gegen die Auswucherung und Verschuldung des Bauernstandes bildet die Heimstätte. Für die ärmeren Volksklassen sind die Konsum vereine ein Mittel zur Förderung des Wohlstandes, da dieselben vor allem der Unsitte, die Bedürfnisse auf Borg einzukaufen, entgegenwirken. Leider Hat der Verfasser unterhassen, die. aus diesen Vereinen > für den seßhaften Kaufmanns- und Gewerbcstand hervorgehenden Schädigungen zu beleuchten. Im dritten Buch, „Die Vertheilung der Güter", unterscheidet Devas drei Einnahmequellen: Lohn, Zins und Unternehmergewinn. Der Grundrente wird, im Gegensatz zu anderen Nationalökonomen, kein besonderer Platz unter den Einnahmequellen angewiesen, da sie von den vorgenannten in keinem wesentlichen Punkte verschieden ist. Ferner wird in diesem Buche vom Verfasser noch eine ganze Anzahl von Theorien der modernen und liberalen Volks- wirthschaftler in schlagender Weise widerlegt und ver- urtheilt; so z. B. die Theorie von der „Gleichheit der Gewinne", von der „Gleichheit der Löhne", von der Durchführung eines „Minimallohnes" usw. Das Kapitel über den Zins ist sehr instruktiv, ohne sich in die Fragen über die Erlaubtheit oder Nicht- erlanbtheit des Zinses u. a. besonders zu vertiefen. DaS Gleiche gilt von der Abhandlung über die Arbeitslöhne. Nach dem Verfasser ist ein fortgesetztes Sinken des Zinsfußes, falls keine politischen Katastrophen eintreten, wahrscheinlich. Mit den die Überschriften „Die Reichen und die Armen" und „Die Berechtigung des Reichthums" tragenden Abschnitten können wir uns, so viel Vollberechtigtes und Wahres dieselben enthalten, nicht ganz einverstanden erklären. Uns wäre es viel lieber gewesen, wenn DevaS, statt die Nothwendigkeit von Reichthum und (weitverzweigter) Armuth so ausführlich hervorzuheben, mehr die Nothwendigkeit eines weitverbreiteten Mittelstandes betont hätte. Der englische Verfasser scheint uns auch das bekannte Werk von A. Smith über den Reichthum etwas zu milde zu beurtheilen und wir vermuthen, daß ihm bei Abfassung seiner Volkswirthschaftslehre die englischen Zustände zu sehr vor dem Auge gestanden haben. Ucbrigens scheint Devas den Begriff der „Armuth" etwas weit gefaßt zu haben. Bei den Besprechungen der socialen Organisationsformen, deren der Verfasser fünf unterscheidet, hätten wir eine etwas hervorragendere Würdigung und Beachtung der genossenschaftlichen Form der Social- ordnung gewünscht. Die genossenschaftliche oder cor- porative Organisation der Gesellschaft ist nun einmal eine der ersten — wenn nicht überhaupt die erste — Aufgaben der heutigen Socialreform; ohne diese Organisation ist unseres Erachtens eine befriedigende Lösung der socialen Frage undenkbar; ohne die Organisation der Berufsstände ist besonders die Gefahr vorhanden, daß die Socialreform immer mehr auf jenes Gebiet gedrängt wird, welches man als „Staatssocialismus" zu bezeichnen pflegt, und daß somit das Hauptergebniß dieser Reform in einer neuen Vergrößerung der großen burcau- kratischen Macht besteht. Es wird daher das achte Kapitel dieses Buches, richtiger: die darin zu Tage tretenden Anschauungen, einen conservativen deutschen oder österreichischen Socialpolitiker kaum befriedigen. DevaS scheint auch kein besonders begeisterter Anhänger der obligatorischen Innungen zu sein; er hält die Frage, ob obligatorische Genossenschaften oder freie, von relativ untergeordneter Bedeutung (Seite 393). Zu optimistisch sind endlich seine Ausführungen über die Vortheile der Aktiengesellschaften. Das folgende Kapitel des dritten Buches erörtert die „ungeregelten socialen Beziehungen" und wirft interessante Streiflichter auf die englischen Ver- 259 hältnisse, besonders in Mitte des Jahrhunderts. Ein ferneres Kapitel, „Die Regelung socialer Verhältnisse durch Intervention des Staates", stellt eine übersichtliche und sehr brauchbare Zusammenstellung der in den verschiedenen Culturstaaten bestehenden Gewerbe- und Arbeiterschutzgesetzs dar, während im letzten Kapitel des Buches ein Ueberblick über die verschiedenen trügerischen Lösungen wirthschaftlicher Schwierigkeiten geboten wird. Es ist darin vor allem der Socialismus besprochen. Im Nachtrage des Werkes werden, wie bereits erwähnt, die Finanz wirthschaft des Staates und die Aufgabe und das Wesen der politischen Oekonomik abgehandelt. DaS Nachtrags-Buch und das ganze Werk schließen mit einer gedrängten Uebersicht über die Geschichte der ökonomischen Wissenschaft ab. Aus den Ausführungen des Verfassers und tteber- setzers über die Oekonomik des Staates möchten wir noch den die Einkommensteuer behandelnden Passus hervorheben. Wird diese Steuer doch gerade zur Zeit von einzelnen Parteien als die allein gerechte verfochten und soll ferner dieselbe in Oesterreich allgemein zur Einführung kommen. Auf das Verlangen, die Gesammt- summe der Staatsausgaben und sogar die Ausgaben der Lokalverwaltungen durch die Einkommensteuer aufzubringen, läßt sich, wie der Verfasser anführt, nur eine Antwort ertheilen, die sich in das Schlagwort zusammenfassen läßt: Iwpot unicjus (Seite 459). Das heutige wirthschaftliche Leben ist so complizirt und so vielfältig, daß eine Steuer nirgends und niemals ausreichen wird, um eine richtige und gerechte Besteuerung zu ergeben. Von diesen verwickelten wirthschaftlichcn Verhältnissen haben die Anhänger der ausschließlichen Einkommensteuer, deren Führer sich fast nur aus Theoretikern und Stubengelehrten zusammensetzen, kaum eine Ahnung. Wir schließen hiemit unsere Andeutungen über den reichen Inhalt der Volkswirthschaftslehre von Devas- Kümpfe. Sollen wir den wesentlichsten Vorzug des Buches kurz hervorheben, so müssen wir mit dem Ueber- setzer sagen: »die entschiedene Betonung der Volkswirthschaftslehre als einer ethischen Wissenschaft, als eines Zweiges der Moralphilosophie." Dazu kommt, daß sich der englische Nationalökonom überall als ein logischer Denker und nüchterner Praktiker erweist, welcher bei allen wirthschaft- lichen Erscheinungen gewissenhaft die Licht- und Schattenseiten abwägt, der nicht von einem fictiven, sondern von einem wirklichen Menschen ausgeht, welcher nicht mit Phrasen und vorgefaßten Meinungen, sondern mit Grundsätzen und Thatsachen operirt. Das Buch von DevaS- Kämpfe mag hiedurch für manchen Leser nicht genug des Interessanten bieten, allein gerade das müssen wir als einen besonderen Vorzug eines objektiven und brauchbaren Lehrbuches betrachten. Die Sprache des Werkes hat nicht die Eleganz derjenigen vr. Ratzinger's. Aber sie „zeichnet sich", wie es im Vorworte des UebersetzerS mit Recht heißt, „durch Klarheit der Begriffe, durch Kürze und Bündigkeit in einem Maße aus, daß es von allen, die sich dem Studium der Volkswirthschaftslehre zuwenden, mit großem Vortheil gelesen werden wird und für diejenigen, welche sich über die wichtigen, unsere Zeit so mächtig bewegenden Probleme nicht aus Zeitungs- und Zeitschriften- artikeln, sondern auf Grund eines umfassendem und tiefern Einblicks in diese verwickelten Fragen ein reifes Urtheil bilden wollen, einen trefflichen Führer bietet." Wagner und Liszt. Von Charles Saint-Paul. (Schluß.) Chamberlain hat in seinem bekannten Werke über Richard Wagner die Behauptung aufgestellt: „Es ist nicht mehr Christenthum in „Parsifal" als Heidenthum in „Tristan"." Er wurde zu derselben durch die Thatsache veranlaßt, daß beide Werke zu gleicher Zeit entstanden find und Wagner abwechselnd an denselben arbeitete. Eine gewisse besondere Hinneigung des Meisters zu den christlichen Ideen im allgemeinen ist jedoch nicht zu verneinen. Aber Wagner hat schon sogleich nach der kritischen Periode von 1848—49 diese kundgegeben, ohne durch die angeblichen Suggestionen seines „Beichtvaters" Liszt besonders beeinflußt zu werden. Im Jahre 1850 behauptete er, daß das Kunstwerk die lebendig dargestellte Religion sei. Allerdings war der religiöse Begriff damals für den Künstler noch unbestimmt. In der Schrift „Ueber Staat und Religion" macht sich, wie Hebert sagt, eine gerechtere Art und Weise, das Christenthum zu beurtheilen, geltend, vertiefter und, vernünftiger als die frühere Anschauung Wagners. Er hat dieselbe 1864, da er auch die erste Skizze zum Parsifal verfaßte, geschrieben. Der erwähnte Autor meint jedoch, damals habe die religiöse Auffassung Wagners noch einen rein negativen Charakter gehabt, die Nothwendigkeit der Entsagung habe seinen Geist damals insbesondere beschäftigt. Dagegen hat seine religiöse Anschauung einen positiven Charakter angenommen, als er über „Kunst und Religion" schrieb und den Gedanken der „Wiedergeburt", der „Erlösung" zum Ausdrucke brachte, die Pflicht der Entsagung ergänzt und vollendet fand durch die Pflicht des thätigen Mitleids und der aufopfernden Mildthätigkeit. Diese Schrift ist 1880 entstanden, da der Text zum Parsifal bereits vollendet war und Wagner die Musik dazu componirte. Bemerkenswerth ist übrigens noch nach diesen Klarlegungen, daß Wagner schon im Jahre 1868 in einer Unterredung mit Villiers de L'Jsle-Adam, der ihn frug, ob er nicht die religiöse Idee lediglich um ihrer scenischen Effekte willen benutze, äußerte:*) „Aber wenn ich nicht in meiner Seele das Licht und die Liebe des christlichen Glaubens, von dem Sie sprechen, lebendig empfände, so würden meine Werke, die diesen Glauben bezeugen, meine Werke, in denen ich meinen Geist und meinen Lebensgang niedergelegt habe, Werke eines Lügners, eines Affen sein.Der wahre Künstler also, der, welcher schafft, vereint und verklärt, bedarf der beiden unlösbaren Gaben: Wissenschaft und Glauben. Da Sie mich fragen, so vernehmen Sie, daß ich vor allen Dingen Christ bin und daß alles, was Sie in meinem Werke ergreift, im Princip nur daraus allein eingegeben und geschaffen worden ist." Dem ist nun wieder entgegenzuhalten, daß der Begriff „Christ" für Wagner wohl nie an ein Glaubens- bekenntniß gebunden war. Neben dem „Parsifal" entwarf er im Frühjahr 1866 auch noch ein buddhistisches Drama „Die Sieger", in welchem Ananda, der Held der Entsagung der Liebe, der „absolut Reine" erscheint. Er hatte sich damals, also zu einer Zeit, da er angeblich bereits von seinem „Beichtvater" zum katholischen Mysti- *) Hebert, xx. 121 sg. 260 zisums „bekehrt- worden war, im Geiste mehr dem Buddhismus zugewandt. Es muß nach allen diesen Betrachtungen als absurd erscheinen, von der Wirkung eines „bekehrenden" Einflusses Liszt's zu sprechen. Der, welcher den „idealen Gehalt" des Christenthums zu erfassen und dichterisch wieder zu gestalten suchte, hat niemals einer Konfession sich anschließen wollen. So ist auch immer eine gewisse Verschiedenheit in der Denkart zwischen den beiden großen Meistern geblieben. Die Freundschaft zwischen Liszt und Wagner ist nach der Ansicht des Niktzscheaners vielleicht das größte Unglück für die deutsche Kunst gewesen. In seiner Charakteristik Liszt's, dem das Verständniß für nietzsche- anische Ideen fehlte, ist er bemüht, sowohl den Menschen wie den Künstler auf die niedrigste Weise zu schmähen. „Man betrachte", so schreibt er, „nur Liszt als schaffenden Tondichter, und man wird zu der Erkenntniß kommen, daß er auch als solcher Virtuose geblieben ist. Als Symphoniker hat er keine neuen Wege eingeschlagen, den» die symphonischen Dichtungen kann man unmöglich als einen Fortschritt bezeichnen. . . . Alle Schöpfungen Liszt's sind von einem undeutschen internationalen Geiste erfüllt, einer jeden tiefen Stimmung bar, und in ihrer Zerfahrenheit entbehren sie der einheitlichen Durchführung. Schwüle, krankhafte Sinnlichkeit, musikalischer Masochismus und Sardiswns(sic!), triviale Melodien, oft wahre Gassenhauer, zerhackte Harmonien und instrumentale Effektstückchen, das sind die charakteristischen Merkmale der Compositionen des Ungarn Liszt, dessen Umgangssprache die französische war und den uns die Herren Wagnerianer als einen deutschen Tondichter aufhalsen wollen." An anderer Stelle bemerkt der deutsch-reformerische blasphemische Kritiker: „Seine Compositionen sind ein Gemisch von sinnlichster Ekstase und ödester Langeweile." Liszt sei, so meint der Lästerer, nach außen hin der denkbar frömmste Katholik gewesen, habe jeden Tag die Messe gehört, in verzücktester Ekstase vor dem Kruzifix stundenlang gebetet, in seinen Compositionen aber seiner Sinnlichkeit freien Lauf gelassen; das „Ewig-Weibliche" habe für den greisen Liszt ebensoviel Reiz gehabt, wie für den jungen Klaviervirtuosen, der es in jungen Jahren ziemlich bunt getrieben habe rc. Von welcher hohen Sittlichkeit erfüllt stehe da die Gestalt des Germanen Wagner vor uns, aus dessen Leben wir von keiner Liebcsaffaire, in dem gewissen bedenklichen Pariser Geschmacke, wüßten. „Der Bayreuther Meister war eben eine offene, ehrliche Natur und kein Heuchler." Es ist nicht zu verwundern, daß ein Kritiker wie unser Autor schließlich auch noch der Meinung Ausdruck gibt, daß Liszt's Begeisterung für Wagner wenig uneigennützig gewesen sei, da das Licht, das Wagner's Genius in unserer Zeit über alle Welt verbreite, auch einen Abglanz auf Franz Liszt werfe und unsere Wagnerianer begeistert rufen: „Wagner ist Wagner, und Liszt ist sein Prophet." (l) Den bisherigen Schmähungen und widersinnigen Behauptungen des modernen „Uebermenschen" schließt sich ebenbürtig sein Urtheil über Bayreuth an: „So schwebt denn Liszt's Geist über Bayreuth, und ein kunterbuntes Modepublikum strömt stets bei den Festspielen zusammen, um der Heilslehre des modernen Theaterchristenthums zu lauschen. So haben wir Deutsche statt des erhofften nationalen Theaters eine internationale Modeheilstätte für weltflüchtige, ausgelebte Lebemänner, emancipirte UmerikgMiynen. v errlM Engländer und aste Betschwestern erhalten! Und an allem ist das Propheten- thum Liszt's schuld." Bezeichnend und für alle Nietzscheaner und Deutschreformer erhebend sind noch die Hoffnungen, die der große Kritiker am Schlüsse seiner Leistung ausdrückt: „Die deutsche Kunst, deren gewaltiger Herzensschlag auch in Wagner's Brust gepocht, als er seinen „Ring der Nibelungen" oder „Die Meistersinger von Nürnberg" schuf, wendete sich ab von diesem Treiben und schreitet ihrer Entwicklung entgegen, in ihrer erhabenen, schlichten Einfachheit. — Durch Wagner aber führt der Weg der deutschen Kunst zu noch idealeren Zielen, in ihrer steten Reinigung von fremden Schlacken, und wenn das deutsche Volk durch eine nationale Wiedergeburt sich zur herrlichsten Blüthe seiner nationalen Eigenart auf allen Gebieten deS menschlichen Lebens entfaltet haben wird, dann wird es auch erlöst sein von „Parstfal", dem heiligen Gral und von den „Wagnerianern"." Solche Vorkämpfer „nationaler Wiedergeburt" wie dieser Kritiker müssen die nationalen Reformideen in ihrem Werthe für christliche Kreise sehr zweifelhaft („zweifelhaft" ist uns an diesem deutsch-nationalen Reformschwindel überhaupt nichts mehr. D. N.) erscheinen lassen. Die Erlösung vom Christenthum, die Wiedergeburt des Heidenthums, die sie so offen und blasphcmisch verlangen, werden sie so bald nicht erreichen. Zu ihrer Entrüstung wird unser nationales Leben und unsere Kunst vielmehr eher der christlichen Veredlung zugeführt werden, die bedeutende Männer nach ihrer Erleuchtung anstrebten. Und die „heiligen Wotanseichen" des entarteten modernen Deutschthums, dieser modernen „Uebermenschen", werden wohl in dieser neuen Siegesära des Christenthums wieder gefällt werden, und dann wird „wahrste Menschlichkeit" und „allgemeinste Menschenliebe", die sie in ihrer Ver- irrung im Heidenthume suchen, überall triumphiren. Ein LiteratiirLild aus der Gegenwart von Joh. Bapt. Föhr. I. Umschau. „Es geht ein Trauerlied von Land zu Land, von Mund zu Mund: Wir haben keine Ideale mehrl" So schrieb vor etwa anderthalb Jahrzehnten der geistreiche Prälat Hettinger in die Welt hinaus. Seitdem sind wir näher gerückt der Neige des Jahrhunderts, eines Jahrhunderts, das groß wie keines ist, eines Jahrhunderts, das gleich dem stolzen Münster, das mit seinem schlanken gothischen Bau in schwindelnde Höhe sich hebt und das bescheidene Kirchlein verschwinden macht, so die vorausgegangenen Jahrhunderte überragt, eines Jahrhunderts, wo im Gegensatze zu den früheren, die vorwiegend in Stahl und Eisen geklirrt, der Geisterkampf in hellen Flammen lodert, wo in kreischendem Papiergeräusch blendende Geistesblitze die Welt durchzucken, eines Jahrhunderts, wo die Schlagwörter von Welt-Fortschritt, Welt-Verbesserung und Welt-Beglückung die Reihen der seltsam zusammengewürfelten Menschheit mit Windeseile durchlaufen, eines Jahrhunderts, dem die Kunst eigen ist, die weite Kluft vom Höchsten bis zum Niedrigsten zu überbrücken! In nie geahntem Aufschwünge haben die Wissenschaften, vorab die Naturwissenschaften, sich Bahn gebrochen durch den dunklen Schacht der Weltschöpfung; rastlos, ruhelos wetteifern Geister wie Stahl, Seelen wie Feuer in Ergründung der Naturgesetze selbst, mit. Hintansetzung ihrer Gesundheit, mit Aufbietung unsäglichen Fleißes und Scharfsinnes. Das ist ein Ringen und Forschen, ein Suchen und Streben, bis Sichtbares, Tastbares und Meßbares das Ergebniß erfolgreichen Be- trachtens wird. Um uns zu überzeugen, genügt es, einen Blick zu werfen in die Laboratorien der Chemie, Botanik und Mineralogie, in die Institute für Physik und Hygiene, in die Anatomien, die Amphitheatern vergleichbar sind. Unsere Bewunderung aber erreicht den Gipfelpunkt, wenn wir hinaufsteigen zu dem stillen Gelehrten, der über den andern Menschen thront, der in nächtlicher Stille, wenn längst unter ihm seine Mitmenschen schlummernd in Träumen sich wiegen, mit dem Aufwande aller nur erdenklichen Anstrengung den Sternenhimmel zu entschleiern sucht. Lobredner haben dar neunzehnte Jahrhundert das des Dampfes genannt. Dieser ehrende Beiname besagt heute, an der Wende deS Jahrhunderts, bereits zu wenig. Elektrizität ist heute die Zauberkraft, ist heute die Herrscherin der Welt. Wagenzüge, die eine halbe Welt mit sich zu führen scheinen, kommen angefahren, wie von unsichtbaren Händen gezogen. Fürwahr, ein goldenes Zeitalter verspricht anzubrechen. Der Norden, der einst so glühend nach den italienischen Gartengefilden, wo rauschend die Pinie sich neigt, sich sehnte, schafft heute im kühlenden Kastanienhain sich selbst Italiens Hesperidengarten. In lieblichen Sommernächten, wenn die Feste der lebenslustigen Menschen rauschen, wenn froh die Herzen schwelgen, glitzert's und funkelt's bei elektrischem Lichtglanz durch das üppig grüne Laubwerk hindurch in feenhafter Südlandspracht, gleich als sollte nun auch der Norden werden „. . . dos Land, wo die Citronen blübn. Im dunklen Laub die Goldorangen glüh'n, Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht!" Da wandelt nicht mehr allein die schwarzgelockte Südländerin mit den feurig glühenden Augen, hier ergeht sich auch die flachszöpfige Blondine mit zwei schönen blauen Augen in schwärmerischer Lust. Wir halten inne und fragen uns sinnend: „Wo sind die Ideale? Sind sie denn zerronnen in uferlosen Sand?" Wahrlich, wir möchten dies glauben. Denn nicht der reine Fortschritt ist's, der Künste und Wissenschaften beseelt; zeitlicher Gewinn, eitler Ruhm und blasser Neid schaut aus allem heraus — den Wissenschaften unserer Tage ist der Geist tiefinnigen Glaubens abhanden gekommen, die Ergebnisse ihrer jahrlangen Forschungen legen sie nicht als Weihegeschenke auf den Altar des Allerhöchsten, sie wollen nur theilnehmen an den großen Gedanken des Jahrhunderts. Das ist nicht klingendes Wortspiel, das ist die nackte Wirklichkeit. „Wir haben keine Ideale mehr!" Sollte dieses Wort denn wirklich auch im Lande der Dichter und Denker wahr geworden sein? Sind die Musen an Deutschlands Fluren vorübergegangen, ohne aus dem Füllhorn ihrer schönen Gaben Germaniens Söhnen das Edelste und Erhabenste mitzutheilen? Wir haben Gottlob noch Ideale, vor allem die Ideale der Poesie, die wie die heilige Tempelflamme der Best« nie erlischt. „Singe, wem Gesang gegeben In dem deutschen Dichterwald l Das ist Freude, das ist Leben, Wenn's aus allen Zweigen schallt«" hat der Minnesänger des neunzehnten Jahrhunderts in hie deutschen Gaue laut und hell hineingesungen. Freudigen Widerhall hat er da und dorten gefunden, und treue Jünger folgen wohlgewuth Meister Uhland's Spur. Sich durch das Schlingkraut rationalistischer Wüste durchzu- hauen, ist den Romantikern nicht gelungen; sie kämpften für einen Glauben, dem sie im Herzen nicht zugethan sein durften. Eichendorff sagt: „Der Inhalt der Romantik war wesentlich katholisch, das denkwürdige Zeichen eines fast bewußtlos hervorbrechenden Heimweh's des Protestantismus nach der Kirche." Uhland steht an der Wetterscheide der Romantik und der neuesten Zeit. Er und Eichendorff, der letzte Ritter der Romantik, warfen der hoffärtigen Kunstpoesie den zierlich gefalteten Mantel ab und wischten ihr die Schminke vom Gesichte. Eine wackere Schaar ist ihnen nachgefolgt; hiezu zählen fast alle katholischen Dichter nach ihm. Freilich ist eS ein hartes und mühevolles Ringen für sie, aufzukommen neben jenen Zunftgenossen, die durch daS schillernde Feuerwerk des Witzes wie durch die glatte und verlockende Anmuth der Liebespoesie bis ins innerste Mark der Seele hinein Verderben anrichten, deren Urheber der ungezogene Zögling der Grazien — Heine ist. Man braucht eben nicht ein Pedant der Sittlichkeit oder ein Pietist zu sein, um Heine zu bezichtigen, er habe die liederlichste Dirnenpoesie volks- thümlich und hoffähig gemacht, weßhalb er ja auch der Liebling der Lebewelt und nicht am wenigsten der leichtlebigen Damenwelt geworden ist. Wie viele Hunderte von Sammlungen solcher und ähnlicher Gedichte sind seither gedruckt worden? Allerliebste kleine Büchlein sind es, die der geschniegelte Stutzer in der Westentasche und der blondzöpfige Backfisch in feinem Muff trägt. Was Wunder, wenn man noch vor zwanzig Jahren selbst in Kreisen der Katholiken nur mit verächtlichem Achselzucken von einer katholischen poetischen Literatur sprach? Ja, es hat vor uns Zeiten gegeben, wo ein katholischer Dichter ein rnra avis war. Gott sei Dank, es ist um vieles besser geworden. Die Zeiten der Noth und Bedrängniß haben katholisches Bewußtsein wachgeweckt. Damit ist auch zugleich ein Geistesfrühling über die katholische Literatur Deutschlands gekommen. Jener Hauch des Idealen, der auS dem Verständnisse alles Edlen und Schönen hervorgeht, hat manche Blumenkuospe wach geküßt. Soll ich nennen die Namen eines Sängers der „Amaranth", eines Dichters von „Dreizehnlinden" und deren Genossen? Nein, sie sind zu bekannt, als daß sie der katholischen Leserwelt nochmals eigens vorgestellt werden müßten. Wir wollen heute einen Lustgang machen in den deutschen Dichterwald, der jetzt noch grünend steht. Der Abtheilung der zeitgenössischen katholischen Dichter werden wir unsere ganze Aufmerksamkeit schenken. Von den einzelnen Gruppen, die nach den Schlagwörtern Lyrik, Epos und Drama sich sondern, wollen wir die klangvollsten Sänger namhaft machen. II. Die zeitgenössischen katholischen Dichter Deutschlands. 1 . In der Lyrik geht der Gegenstand der Dichtung in der eigensten Herzensempfindung auf. Der Dichter redet hier allein, indem er nur den Widerhall gibt, den ein Ereigniß, welcher Art nur immer es sein mag, in seinem Herzen geweckt hat. DaS Lied ist der überschwellende Erguß der Seele, die ihr namenloses Sehnen und Em- Pfinden nur in sangbarer Weise befriedigen kann., isn? 262 sagbar sind die Gefühle, denen ein Lied entquillt. Wir haben schon der Aufführung einer Tonschöpfung beigewohnt. Wenn Sopran und Alt wie leichtes Gewölle über dem Ganzen schwebt, weitet eine überschwengliche Fülle von Empfindungen und Gefühlen die Menfchen- brnst. So ähnlich ungefähr sind die Vorgänge im Sänger- busen, wenn ein Lied im Entstehen begriffen ist. Das Herz, sei es nun voll von Freud' oder Leid, findet Stillung im Liede. Als vor fünfundzwanzig Jahren der Herr der Heerscharen unsere Heere von Sieg zu Sieg auf Frankreichs sonnendurchglühten Fluren geleitete, bis endlich das stolze Babel an der Seine in der eisernen Umarmung der deutschen Krieger lag, als Siegesjubel von Deutschlands Söhnen in die geliebte Heimath drang und hoch die Wogen nationaler Begeisterung und Freude flutheten, da war des Siegesjubelgefangs kein Ende mehr: aus allen Gauen, vom hohen Fels zum weiten Meer, erscholl daS hohe Lied von Friede, Sieg und Einigkeit aus dem Munde berühmt gewordener Dichter, deren nicht weniger als fünfundzwanzig zu nennen wären, und zwar Namen von gutem Klang. Der äußere Krieg war inzwischen dem inneren gewichen. Unter den neugeeinten deutschen Stämmen tobte der Kampf um das heiligste Gut. Wieder wurden Siege erfochten, diesmal von Deutschen gegen Deutsche, Deutschlands Katholiken haben nach schwankendem Geisterkampfe gesiegt. Auch da hat es nicht an Sängern gefehlt; sangesfrohe deutsche Katholiken haben aufgemuntert und begeistert zum Kampfe für die höchsten Güter, sie haben aber auch gejubelt und gejauchzt, froh des errungenen Sieges. Von da ab ist es freier, lebendiger und fröhlicher geworden unter den katholischen Dichtern Deutschlands. Ein würdiger Sohn der pocsiereichen heiteren Rhein- lande ist der Jesuitenpater Wilhelm Kreiten (geb. am 22. Juni 1847 zu Gängelt i. d. Rheinprovinz). In einer ereignißvollen und gährenden Zeit ist er auf der literarischen Arena erschienen. Als gediegener Literaturkenner und Biograph wie als begabter Dichter hat er nicht am wenigsten zum Aufschwünge der katholischen Literatur beigetragen, wovon die „Stimmen aus Maria- Laach" beredtes Zeugniß geben. Kreiten gehört zu den Mitbegründern unserer heutigen katholischen Poesie und Literatur. Einen lieblich duftenden Blumenstrauß, „Den Weg entlang", hat er uns gepflückt. Freilich schwirrt heutzutage die Lust voll „Frühlingslieder", aber wenn Kreiten zu singen anhebt, ist es nicht minderwsrthiges poetisches Lallen — da ist alles Poesie. Stille Wehmuth ist der vorherrschende Ton seiner Dichtung, doch ist es nicht der zerrissene Weltschmerz eines Byron, Hölderlin oder Lenau, denn hier ist Wehmuth geadelt durch ein gläubiges Gemüth. Selbst durch seine Frühlingsgedichte tönt die melancholische Stimmung durch, die wohl daher rührt, baß er häufig aus Krankenbett gefesselt ist, darum es auch oft wie Todesahnen durch seine Gedichte zieht. So klingt „Der Lenz" aus: Nur einsam still eine Jungfrau Im weißen Schleier steht; Es wacht beim Grabe des Frühlings Die Lilie im treuen Gebet. Die Gedichtsammlung „Den Weg entlang" ist eine kostbare Perle, ein reicher Schatz tiefer Lieder, die mit ihren lieblichen innigen Klängen sich in die Seele einschmeicheln. (Fortsetzung kolat.1 Universitäten und Studenten in Rußland. Von Theodor Hermann Lange. (Nachdruck vikbolen.I (Schluß.) Die Universitätsrcktoren werden von der Regierung ernannt und bekleiden das Rektorat oft viele Jahre hintereinander, bis sie entweder in eine höhere Stellung berufen oder peusionirt werden. Ein Verkehr zwischen Studenten und Professoren findet außerhalb der Hör- säle kaum statt. Zu den Bällen und Festlichkeiten in den Familien der Professoren werden die Studenten, abgesehen von den Söhnen eines Ministers, eines hohen Offiziers usw., nicht geladen. Für gewöhnliche Sterbliche, vor allem für arme Studenten, sind die russischen Professoren ganz unzugänglich. Oeffentliche Studentenver- sammlungen, Commerse und dergleichen, welche von Nni- versitütsprofefforcn besucht werden konnten, sind in Rußland verboten. Die großen Sommerfericn währen an den russischen Hochschulen vom 15. Juni bis 15. August, die Oster- und Weihnachtsferien je 3 Wochen. Das fröhliche und heitere studentische Leben, wie in Deutschland, Wien usw., ist in Rußland gänzlich unbekannt. Verbindungen oder Vereine zu wissenschaftlichen oder geselligen Zwecken sind nicht gestattet. Dafür gibt es desto mehr geheime Verbindungen mit ausgesprochen politischem Charakter. Die früher in Dorpat nach Art der deutschen Verbindungen bestehenden Studentenvereine sind von der Regierung größtenthcils aufgehoben worden, thcilweise haben sie sich selbst aufgelöst. Dafür herrscht aber in den geheimen studentischen Cirkeln und Vereinen ein desto regeres Leben. Man treibt darin mit Vorliebe Politik, natürlich nicht regierungsfreundliche, man beschäftigt sich vor Allem mit der socialen Frage und socialem Problement und leider auch viel mit socialistischen und nihilistischen Principien. Natürlich spürt die Polizei diesen geheimen Cirkeln eifrig nach, und von Zeit zu Zeit gelingt es ihr auch, die Mitglieder einer solchen Vereinigung zu verhaften. Eins akademische Gerichtsbarkeit gibt es in Rußland nicht und somit auch keinen „Carcer". Die einzige Strafe, welche die Universität verhängen kann, ist die Relegation. Nur Polizei und Gerichte verurtheilen die politisch oder sonstwie compromittirten Studenten, und zwar entweder zu Gefängniß, Zwangsarbeit oder Verbannung nach Sibirien. Im Allgemeinen sind die russischen Studenten arme Teufel. Die wenigen reichen Söhne von hohen und höheren Beamten, höheren Offizieren, Großindustriellen usw. verschwinden in der Masse vollständig. In Petersburg und Moskau bestreiten viele Studenten alle ihre Ausgaben mit 20 Rubeln monatlich (44 M.). Ein Student in Toms! schrieb mir vor mehreren Monaten, daß dort zahlreiche Studenten für die volle Pension monatlich nur 15 Rubel (etwa 32 M.) zahlen, Heizung und Beleuchtung einbegriffen. Die wohlhabenden Studenten in Tomsk zahlen etwa 30—35 Rubel für die Pension. In dem in Toms! erscheinenden „L1bir8!ei ^Vzostiritr" finde ich öfters Anzeigen, worin Studenten sich zur Ertheilung von Privatunterricht, zur Buchführung bei Kaufleuten, zu Ueber- setzungen usw. anbieten. In Tomsk gehen Studenten mit Erlaubniß ihrer Professoren bis zu neun Monaten in „Condition", d. h. sie nehmen für diese Zeit Stellung als Hauslehrer an und arbeiten für sich weiter. Nur ein bis zwei Monate vor den Prüfungen müssen sie pünktlich wieder eintreffen. Natürlich ertheilen auch zahlreiche 263 Studenten an GyANasiasien oder sonstige Schüler Unterricht. Viele Studenten leben fast ausschließlich von privaten oder staatlichen Stipendien, welche besonders die Moskauer Universität in großer Anzahl zu vergeben hat. Die staatlichen Stipendien erhalten fast ausschließlich Nationalrussen, während Katholiken äußerst selten damit bedacht werden. Die Universttätsgebäude ähneln im Aeußern wie im Innern den deutschen und österreichischen. Die Hörsäle sind meist amphitheatralisch gebaut. Studentenduelle sind sehr selten. In Warschau kommen sie beispielsweise niemals vor, vereinzelt noch in Petersburg und Moskau, wo es Studenten vom Militäradel gibt, d. h. Offizierssöhne. Fechtunterricht können die Studenten nehmen, aber es lernen verhältnißmäßig wenige „pauken". Die Militärverhältnisse der russischen Studenten sind ganz eigenartig. Das Institut der Einjahrig-Freiwilligen gibt es in Rußland nicht. Der aktive Dienst beträgt bei den Landtruppen fünf bis sechs Jahre. Ein junger Mann, welcher eine Universität absolvirt hat, befindet sich jedoch nur sechs Monate im aktiven Dienste. Hat er sich gut geführt, so wird er nach drei Monaten Offizier (je nach Wunsch in der Linie oder Reserve, aber nicht in der Garde). Gymnasialabiturieuten dienen ebenfalls nur sechs Monate aktiv. Im Ganzen und Großen geht es in den Auditorien der russischen Universitäten nicht viel anders als in den oberen Klassen der Gymnasien zu, nur mit dem Unterschiede, daß die Professoren die Studenten bereits als Erwachsene behandeln und das; der einzelne Student, wenn er schließlich einige Tage „bummeln" will, auch ruhig aus den Vorlesungen wegbleiben kann, ohne sich, wie schon erwähnt, entschuldigen zu müssen. Die meisten indeß arbeiten Tag und Nacht, um die Prüfungen beim Jahreskursus bestehen zu können. Der Erundzug im Wesen des russischen Studenten ist ein ernster, verschlossener, der sich bei manchen Individuen bis zur Askese und zum Fanatismus steigert. Die größere Hälfte „büffelt" ununterbrochen, nur um so rasch wie möglich die Examina hinter sich zu haben und eine Staatsanstellung zu erlangen — meist ein sehr bescheidenes, aber sicheres Brodplützchen — die kleinere Hälfte der Studenten huldigt leider revolutionären Tendenzen. Sorge und Noth sind aber bei den meisten die ständigen Begleiter nicht bloß durch die akademischen Jahre, sondern oft noch lange im bürgerlichen Leben. Nur wenigen lacht die Sonne des Erfolges und des Glückes, und nur zu viele finden in den Gewölben irgend einer Citadelle, zwischen den feuchten Mauern eines niedrigen Gefängnisses, auf den Schneeseldcrn oder gar in den Bergwerken Sibiriens einen frühen Tod. Aber keinem von all' den ehemaligen russischen Studenten, gleichviel, ob sie es spater zum berühmten Professor, zum Geheimrath, Gouverneur oder gar zum Minister gebracht haben, ober ob sie nur einfache Beamte, Aerzte, Lehrer usw. geworden sind, — erscheinen in seinem Alter die akademischen Jahre in rosiger Verklärung. Ein jeder ist froh, wenn die Universitäts« jähre vorüber sind und er in das bürgerliche Leben hinübcrtreten kann. Es wird zwar auf den russischen Universitäten vielerlei gelehrt und fleißig gearbeitet — wozu schon die jährlichen Kursexamina Zwingen — aber selbstlose Begeisterung für wahre Wissenschaft und Kunst, für alle edlen und idealen Bestrebungen vermögen die russischen Universitätsprofessoren nur ganz vereinzelt in die Herzen ihrer Hörer zu legen. Die Regierung deS Zaren will ihre Beamten, Richter, Lehrer usw. nur im russisch-orthodoxen Sinne erziehen lassen, sich also Werkzeuge schaffen, die alles das, was nicht russisch-orthodox ist, mindestens mit Mißtrauen ansehen und in den meisten Fällen mit Fanatismus bekämpfen. Recensionen nnd Notizen. Leben der heiligen Jungfrau Maria. Nach den Betrachtungen der gottseligen Anna Katharina Emmerich, Augustincrin des Klosters Agnetcnberg zu Dnlmen (ch 9. Fcbr. 1824). Aufgeschrieben von Clemens Brentano. Neue Stereotvp-Ausgabe mit vielen Abbildungen. Regensbnrg, Nationale Verlagsanstalt (früher G. I. Manz) 1895. lll. Mag man den demüthigen Anschauungen der frommen Seherin Katharina Emmerich beipflichten, welche ihren Gesichten nur den Werth andächtiger Betrachtungen beimaß, — oder will man dem wunderbaren Cyklus von geschichtlichen Bildern, welche diese heiligmäßige Seele geschaut und beschrieben, den übernatürlichen, visionären Charakter nicht absprechen, — darin müssen die verschiedensten Kritiker übereinstimmen, daß diese Betrachtungen oder Gesichte den unbefangenen Leser in hohem Grade erbauen und ein christliches Gemüth zu höherer GlaubcnSinnigkeit entflammen. Also das wird jedenfalls mit ungctheilter Anerkennung zugegeben, daß das vorliegende Buch zu den Letrachtnngsbüchcrn allerersten Ranges über das Leben der allerseligstcn Jungfrau Maria gehört. Wir sehen hier die Königin aller Heiligen nicht in jener unnahbaren Glorie, die unser Auge verwirrt nnd blendet, sondern wir schauen sie so leibhaftig schlicht und einfach in dem düstern Erdenthale wallen, daß sie nicht nur unserem kindlichen Vertrauen, sondern auch unserer Nachahmung alö sozusagen greifbar plastisches Beispiel ganz besonders nahe gerückt wird. Diese deiaillirte, lebensvolle und lebenswahre Darstellung, deren historische nnd örtliche Genauigkeit sich fast immer bestätigt findet, verleiht der Erzählung einen solchen Reiz, daß selbst abgesagte Feinde asketischer Literatur diesem Buche Interesse abgewinnen — was wir mehrfach zu beobachten Gelegenheit hatten. Der große, kräftige Druck, der hübsche Bilderschmnck unterstützen das Werkchen in seinem Berufe, in weitere Kreise fromme Erbauung zu tragen. Briefe des hl. Kirchenlehrers Alsons Maria Von Liguori, Stifters der Congregation des allcrbeiligstcn Erlösers. 3 Bände. Regensburg 1893/94, Nationale Verlagsanstalt. Preis pro Band M. 8.—. K Unlieb verspätet bringen wir hiermit die Anzeige vorliegender Briefe. Das italienische Original erschien als Fest: schrift zur ersten Säcularfcier des Todestages des hl. Kirchenlehrers i. I. 1887 von einem Pater derselben Congregation. Eine wohlgelungenc französische Uebersctznng besorgte k. Dn- mortier, 6. 8s. L. Dem Original, wie der französischen Ueber- setznng, steht durchaus würdig zur Seite die von mehreren deutschen Redemptoristen-Patres veranstaltete deutsche Ucber- setzung. Der Gesammtinhalt dieser Briese liefert uns das gc- trcuene und vollendetste Bild des hl. Alfonsus. In diesem schriftlichen 50jährigen Verkehre deck: der Heilige so recht auf das Innerste seiner Seele, wie er sie von Natur empfangen und mittels der Gnade zum genauesten Abbilde des göttlichen Meisters vervollkommnet hat. Als Stifter einer OrdenS-Con- gregation, als em in Wort und That mächtiger Missionär, als erfahrener und erleuchteter Seelcnführcr, als Muster cincS Bischofs, als Schriftsteller von wunderbarer Fruchtbarkeit, stand der hl. AlsonsuS in Beziehung zu den verschiedensten Persönlich» kkitcm stieß er aus die größten Schwierigkeiten und mußte er Geschäfte und Fragen jeder Art behandeln. Seine lang- Laufbahn spiegelt sich gewissermaßen in ihrem ganzen Umfange in dieser Korrespondenz ab. Bald wendet sich der Heilige an seine Religiösen, sie anzueiscrn, zu leiten und zu trösten. Bald zeigt er heilsbegierigen Seelen den einfachsten und sichersten Weg zur Vollkommenheit; bald wendet er sich als Bischof an seinen Klerus, an die weltliche Gewalt, an die Kirchenfürsten; bald behandelt er als Theologe mannigfache Fragen, anscheinend theoretische Ccniroverspunkte, in Wahrheit aber von größtem Nutzen; bald endlich besorgt er als Schriftsteller die Herausgabe seiner zahlreichen Werke. Aber überall ist die inbrünstigste Liebe zu den Seelen für unsern Heiligen das innerste Element, welches seinen ganzen Briefwechsel und jeden seiner einzelnen Theile 264 belebt. Immer, in jeder Lage, gegen jede Person, zeigt er sich in bewunderungswürdiger Weise als der vor allem von Seelen- eifer entflammte Apostel. Der erste Theil (1. und 2. Band) umfaßt die allgemeine Korrespondenz: Briefe von verschiedenem Inhalte und verschiedener Wichtigkeit an die Mitglieder der Kongregation sowie an Auswärtige jeder Classe und jeden Standes, an Vornehme, Geringe, Verwandte, Freunde usw. Der zweite Theil (3. Band) bringt die spezielle Korrespondenz: und zwar zunächst wissenschaftliche Briefe, welche sich auf die Werke des hl. Kirchenlehrers beziehen, auf ihre Herausgabe, auf den Zweck, die Art und Weise und Zeit ihrer Abfassung, auf die Erklärung, die Entwicklung und Begründung seines Moralsystems usw.; ferner die Pastoralschreiben, welche irgendwie die Pflichten deö SeelsorgeramteS betreffen, sei es nun hinsichtlich der Verwaltung der Diözese oder der Predigt des göttlichen Wortes. Dahin gehören die Verfügungen, Verordnungen und Dekrete, welche er als Bischof für den Klerus und das Volk erließ, die Berichte an die heilige Kongregation, die Briefe zur Vertheidigung der Rechte seiner Kirche oder zur guten Verwaltung der Diözese, und endlich zwei Unterweisungen über die Art und Weise, mit Erfolg die heiligen Missionen und die geistlichen Uebungen für den Klerus zu halten. Der Ueber- sichtlichkeit wegen sind alle Briefe sowohl des ersten als zweiten Theiles chronologisch geordnet. Jedem Bande ist das Inhalts- verzeichniß der in demselben enthaltenen Briefe beigcgeben. Ein vollständiges alphabetisches Generalregister der bcmerkenswertbestcn Gegenstände am Schlüsse des dritten Bandes erleichtert den Gebrauch des ganzen Werkes, insbesondere daö Nachschlagen bestimmter Punkte, über welche sich der Heilige mehrmals ausgesprochen hat. Dem innern Werthe des Werkes entspricht durchaus die äußere Ausstattung, und ist deßhalb zur wärmsten Empfehlung nichts weiter beizufügen. Dr. Ludwig Hoffmann. „Das Recht des Adels und der Fideicommisse in Bayern." München, 1896. I. Schweißer (Jos. Cichbicblcr). 8°. Eleg. gebd. mit stilgem. Dcckcnpreffung u. Nachschnitt Preis M- 5,—, hocheleg. mit Goldschn. Preis M. 6,—. Dr. Hoffmann's Arbeit ist nicht bloß, wie auS dem Titel vermuthet werden möchte, den adeligen Fidcicommißbesitzern gewidmet, sondern thatsächlich ein Nechtshandbuch des gestimmten bayerischen Adels, welches in gedrängter, aber gleichwohl erschöpfender Darstellung eine Uebersicht über alle Rechtsverhältnisse der Adeligen Bayerns gewährt. In kurzen, lichten Umrissen gibt der Verfasser den Begriff und die Geschichte des Hohen und niederen Adels, erörtert dessen Arten (Ahnen- (alter), Ur- und Brief-, Erbadel), dessen Erwerb — durch Geburt, Heirath und Verleihung — und dessen Verlust in Folge Verheirathung und Verzichts, schildert die Standesrechte, insbesondere das Recht der HauSvcrfassung des hohen, die Rechtsgrundsätze in Bezug auf die Ebenbürtigkeit des ersteren (standesherrlichen) wie des niederen AdelS. Ein Kapitel ist dem Adelszeichen (Familiennamen, Prädikat und Wappen), ein weiteres den Vorrechten kraft Satzung oder Rechtsgeschäft (statutarischer oder rcchtsgcschäftlicber Abhängigmachung des Erwerbes bestimmter Rechte, wie Zulassung zur Mitgliedschaft adeliger Institute, zu Würden, Pfründen, Stipendien rc., Erb- folgebcfähigung in gewisse Güter vcm Besitzer des Adels überhaupt oder eines besonders gearteten Adels) gewidmet. In der folgenden Darstellung deS Adels und seiner Verhältnisse in Bayern kommen die Kronämter, die Standesherren, ihre Rechte, Ehrenvvrzüge und Auszeichnungen unter stetem Hinweis auf die einschlägigen Normen des bayer. öffentlichen Rechtes eingehend zur Besprechung, dann die Reichsritterschaft und der Landcsadcl. Von allgemeiner Bedeutung für sämmtliche Klassen deS Adels sind die Bemerkungen über das ReichShcroldamt und dessen Wirkungskreis, Adclsinatrikcl, Ahnenprobe, Wappen- prüfung, adelige Stiftungen, Siegelmäßigkeit, Orden und Auszeichnungen. Den I. Theil des Buches „die Lehre vom Fideicommisse im allgemeinen und in Bayern insbesondere" vervollständigt als dritter Theil ein Abdruck des VII. Verfassungs- cdiktcs mit Hinweis auf die Parallelstellen deö preußischen Land- rechtS und von zahlreichen erläuternden Noten begleitet, ferner der erste Anhang: die Instruktion über die Behandlung der Fvmilienfideicommisft von, 3. März 1857. Den zweiten Anhang bildet ein interessanter NcchtSfall, ein Prozeß, in dem es sich um die Stammzuts- bezw. Familienfidcicommißeigenschaft einer Familie deö vormaligen unmittelbaren Reichsadels handelt und der bis zu einem gewissen Maße als Einführung in die praktische Anwendung des FideicommißrcchtcS dienen kann. — Das Buch, 255 Seiten Octav, ist gemäß seiner Bestimmung, weniger dem geschäftlichen Handgebrauch in den Bureaux, als den Privatbibliotheken und Büchertischen des höheren und niederen AdelS zunächst in Bayern zu dienen, höchst elegant und vornehm ausgestattet und zur bequemen Benützung mit einem sorgfältig gearbeiteten Sachregister versehen, der Preis ein im Verhältnisse zur Ausstattung sehr mäßiger. V/r. Die glückliche Ehe. Lehr-und Gebetbüchlein für Erwachsene» welche in den Stand der Ehe zu treten gedenken, sowie im besonderen für Braut- und Eheleute, von Anton Häuser, Priester der Diöcese Augsburg. Mit ober- hirtlichcr Approbation. 6. Verb. Auflage des Trauungs- Andeukens. Donauwörth 1896. Druck und Verlag von L. Auer. * Kein Buch wird mehr zur geistigen und leiblichen Wohlfahrt eines Volkes beitragen, als dasjenige, welches auf die Heilighaltung der Ehe, des Familienlebens und eine wahrhaft christliche Kinder-Erziehung wirkt. Das vorliegende Lehr- und Gebetbücklein wird dieser Aufgabe in unübertroffener Weise gerecht. Könnten wir dasselbe in allen christlichen Familien einführen und ihm dort bereitwillige Herzen erschließen — es erwüchse ein starkes Geschlecht, das aus eigener Kraft den gordischen Knoten der socialen Frage löste und alle anderen Welt» verbcsserungSmittel überflüssig machte. Müller Gust. Ad,, Christus bei JosephuS Flavius, eine kritische Untersuchung. 8°, 60 S. Innsbruck, Wagner 1895 (II). S Die weltberühmte Stelle in den „Lntiguitatss (18, 3)" des JosephuS Flavius, welche sein Urtheil über Christus enthält und — weil sie so gar nicht nach dem Wunsch deS „aus- crwählten Volkes" lautet — so hartnäckig als unecht angefeindet wird, ist hier einer fleißigen historisch-philologischen Kritik unterzogen. Wer sich über die vielunistrilteuen Worte kurz. eingehend und genau belehren will, dem kann vorliegende Schrift bestens empfohlen werden, mit der fast gleichzeitig eine andere (Bole Fr., Flavius JosephuS über Christus und die Christen. 8°, VIII -s- 72 S. Brixcn, Wcger 1896. M. 1,50) erschienen ist, welche denselben Gegenstand behandelt. Die Erziehung der Kinder. Rathschläge für katholische Eltern von P. F. Peters, Priester der Kongregation des Allerh. Erlösers. 2. Auflage. Mit kirchlicher Gut- heißung. Mainz, 1896. Kirchheim. 16. (VIII und 136 S.) 75 Pf. Der inzwischen leider verstorbene Herr Verfasser hat durch 35 Jahre als Missionar an Hunderten Plätzen, in Städten und Dörfern gewirkt. Das Werkchen ist in einem, dem einfacheren Sinne leicht zugänglichen Stile abgefaßt, aus der Praxis herausgewachsen und hat sich bei seinem ersten Erscheinen schon — die erste Auflage war rasch vergriffen — viele Freunde erworben. Wir können unsere katholischen Eltern nur dringend auf daS billige Büchlein zum Wohle ihrer Kinder aufmerksam machen! Die Perle der Tugenden. Gedenkblätter für die christliche Jugend von k. Adolf von Doß 8. ll. Mit bischöfl. Approbation. 7. Auflage. Mainz, 1896. Kirchheim.' 18. (160 S.) gebd. M. 1,20. Die beste Empfehlung für diese „Gedenkblätter für die christliche Jugend" ist der Name des Verfassers, eines wahren Jugendfreundes, und die Zahl der Auflagen, welche dieses Schristchen bereits erlebt hat. „Die Perle der Tugenden" ist die Reinheit. Deren Vorzüge, die Mittel zu ihrer Bewahrung und ihre herrlichen Früchte werden in 38 kurzen Kapiteln lebhaft geschildert und durch ebenso viele gewählte Erzählungen erläutert. L. v. Doß war im Leben der erklärte Liebling der studirenden Jugend; sie hat er auch vornehmlich bei Abfassung dieser „Gedenkblätter" im Auge gehabt. Wer sie einem Jüngling zum Geschenke macht, stiftet sicher viel Gutes. j »Für unsere Kleinen." Jllustr. Monatsschrift für Kinder i von 4—10 Jahren. HerauSgeg. von G. Chr. Dieffen» I bach. Verlag von F. A. Perthes. g Vom 12. Jahrgang liegen uns die Hefte 7—10 vor. Die I Zeitschrift ist sehr nett ausgestattet und dem kindlichen Auf- » fassungSvermögen gut angepaßt._, ÄMlltlv. Nchacteur.: Ad. Haas in Angöbnrg. — Druck u. Verlag deö Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. ttl-. 34 21. Aug. 1896. Der dritte internationale Congres; für Psychologie. Von Charles Saint-Paul. Ehe wir näher auf die Verhandlungen des III. internationalen Kongresses für Psychologie, der vom 4. bis 7. August in der süddeutschen Metropolis eine große Zahl hervorragender Gelehrter des In- und Auslandes vereinigte, eingehen, müssen wir einige Worte über die psychologischen Kongresse im Allgemeinen sagen. Der erste internationale Kongreß für „physiologische Psychologie" fand im Jahre 1889 während der Weltausstellung in Paris unter -der Leitung des Pros. Ribot statt. Veranlassung zu demselben, für dessen Organisation insbesondere Pros. Charles Nichet thätig war, gab das Zusammenwirken der „psychologischen Gesellschaften", die sich in den Hauptstädten verschiedener Länder zum Studium der hypnotischen Erscheinungen und der „telepathischen Hallucinationen" gebildet hatten. Er war also vorzugsweise einem engeren Gebiete der Experimentalpsychologie gewidmet. Den zweiten Kongreß, der in London im Jahre 1892 zusammentrat, hatte man einen solchen „für experimentelle Psychologie" genannt; jedoch wurde schon während desselben ein weiterer Kreis psychologischer Materien behandelt. Auf diesen folgte während der Weltausstellung in Chicago ein „internationaler Psychikercongreß", der wieder ausschließlich der Experimentalpsychologie gewidmet war und während dessen sogar einige Redner spiritistische Fragen schüchtern zu behandeln wagten. Derselbe hatte aber selbstverständlich ein anderes Organisationscomitä als die beiden ersten Kongresse und wurde von ihren Leitern nicht in Betracht gezogen. Letztere hatten vielmehr beschlossen, die folgende Psychologenversammlung im August 1896 unter dem Vorsitze des Pros. Dr. Stumpf in München stattfinden zu lassen. Mit der Durchführung der Organisation war Dr. Freiherr von Schrenck-Notzing betraut worden, dem hicmit eine kaum zu überwältigende Aufgabe zugefallen war. Denn es bildete sich die Absicht, diesmal das ganze Gebiet der Psychologie zu berücksichtigen. Man theilte dasselbe in mehrere Sektionen, im ganzen fünf, von denen die erste Anatomie und Physiologie des Gehirns, Physiologie und Psychologie der Sinne, Psychophysik, die zweite Psychologie des normalen Individuums, die dritte Psychopathologie und criminelle Psychologie, die vierte Psychologie des Schlafes, Traumes, der hypnotischen und verwandter Erscheinungen, die fünfte endlich vergleichende und pädagogische Psychologie umfaßte. Man hatte für jede dieser Sektionen, neben den allgemeinen, 30—35 Vortrüge in Aussicht gestellt. Man kann deßhalb wohl, wie Pros. Stumpf in der Eröffnungsrede zum Kongresse, von beängstigender Mannigfaltigkeit von Vortrügen sprechen. Es war vorauszusehen, daß hiedurch die Folgen der Ueberbürdung sich zeigen mußten. Eine Vertiefung in die einzelnen Themata war wohl nicht immer möglich; man mußte suchen, möglichst rasch zu Ende zu kommen. Unserer Ansicht nach würde der Werth solcher Kongresse jedenfalls erhöht werden, wenn man nur das Allerwichtigste und actuell Hervortretende auf den Einzelgebieten zum Gegenstand der Vortrüge machen würde. Gehen wir nun auf die Arbeiten des Kongresses näher ein! Bemerkenswerth war in der ersten Sitzung desselben nach der erwähnten Eröffnungsrede, in welcher Pros. Stumpf die Fortschritte und Aufgaben der Psychologie zu kennzeichnen suchte, die Aeußerung des Kultusministers Ritter v. Landmann, der, auf den Werth internationaler wissenschaftlicher Kongresse im allgemeinen und des eröffneten Kongresses im besondern hinweisend, die Hoffnung aussprach, „daß die psychologischen Kongresse dazu beitragen würden, die große Gefahr, welche dem öffentlichen Leben der Kulturvölker aus gewissen psychologischen Theorien erwachsen könnte, zu beseitigen", und seiner Ueberzeugung Ausdruck gab, daß diese Kongresse den alten Glauben an die Verantwortlichkeit des Menschen für seine Handlungen nicht erschüttern, sondern befestigen werden. Sehr befremdend mußten nach diesem Wunsche die Behauptungen des Pros. Dr. Franz v. Liszt (Halle a. S.) über „die criminelle Zurechnungsfähigkeit" wirken. Er sprach die Ansicht auS, daß die Zurcchnungsfähigkeit nur gefaßt werden könne als normale (nicht freie) Bestimmbarkeit durch Motive und durch geistige Reife bedingt sei; die Strafe also als Motivsetzung, Abschreckung erscheine. „Die überlieferten und heute noch herrschenden ethischen Werthurtheile, denen eine vorsichtige Kriminalpolitik Rechnung tragen muß(I), auch wenn sie wissenschaftlich sie als Vorurtheile verwirft, verlangen eine Bestrafung, nicht bloß die Unschädlichmachung, des (eigentlich unzurechnungsfähigen) Gewohnheitsverbrechers; sie verlangen strenge Sondcrung des Zuchthauses von den Anstalten für gemeingefährliche unheilbare Geisteskranke." — Die Aeußerung derartiger Anschauungen war wohl nicht geeignet, die Sympathien gewisser Kreise für vie Leistungen des Kongresses zu erhöhen. Was die sonstigen allgemeinen Vortrüge anbelangt, so erscheint es uns, da wir viele wichtige Themata, die in den Sektionssitzungen erörtert wurden, zu behandeln haben, unmöglich, in gleicher Weise den Inhalt sämmtlicher zu berücksichtigen. Aus der ersten allgemeinen Sitzung ist noch der Vortrag des berühmten Pariser Psychologen Charles Nichet „8ur 1g, äoulour" zu erwähnen, der, das Thema zunächst vom physiologischen Standpunkte aus betrachtend, am Schlüsse seiner geistvollen Klarlegungen im Schmerze ein höchst zweckmäßiges Mittel findet, welches das Verhalten der Individuen der äußeren Welt gegenüber regelt, sie vor weiterer Schädigung bewahrt und sie zu höherer Entwicklung emporführt. In der zweiten allgemeinen Sitzung war besonders der Vortrag des Prof. Dr. Paul Flechsig aus Leipzig „über die Associationsceutren", der zu lebhaften Auseinandersetzungen zwischen Psychologen und Physiologen führte, von Interesse?) Nach kurzer Klarlegung der Entwicklung der Lehre von der Lokalisation der seelischen Vorgänge in der Hirnrinde bezeichnete er seine Methode *) Hier sei noch des Vortrages des Pros. G. Sergi aus Rom über das Thema »vov's la, socls clölls Lmomoui?- (Wo ist der Sitz der Gefühlserregungen?) gedacht. Redner legte dem Kongresse das Ergebniß seiner Forschungen dar, das er in einem größeren Werke: »Ooloro o kiaosro. Ltoris, naturals äei sonti- monti. Llilano 189-1- veröffentlicht hat. Das Centrnm deS Gefühlslebens ist seiner Ansicht nach nicht das Gehirn im engeren Sinne, in dem sich die Pbänomene des Bewußtseins abspielen, sondern das verlängerte Rückenmark. Der Sitz der Gefüblscrregnngen aber ist peripberisch (tsoris, xeriksiiea äells omomoui); sie entstehen durch Veränderungen im Blutlaus, i» der Ernährung, Athmung und Ausscheidung. 266 als die anatomisch-entwicklungSgeschichtliche im Gegensatze zur klinisch-pathologischen; sie hat den Zweck, die Leitungs- bahnen, welche zu verschiedener Zeit in der Großhirnrinde entstehen, festzustellen und in ihrem Wachsthum zu verfolgen. Durch seine Beobachtungen wurde er zu der Annahme geführt, daß es die Sinnesleitungen sind, die allen andern vorhergehen, die centripetalen Nervenleit- ungen, welche die Sinnesorgane und die empfindlichen Organe des Körperinnern mit der Großhirnrinde verknüpfen. Faßt man, wie er weiter erklärt, die Entwicklung der Sinnesleitungen näher ins Auge, so ergibt sich, daß keineswegs alle Sinnesorgane gleichzeitig mit der Großhirnrinde in Verbindung treten. Es besteht vielmehr eine Reihenfolge dergestalt, daß zuerst die Leitungen der Körpergefühle einschließlich des Tastsinnes zur Großhirnrinde vordringen, annähernd gleichzeitig die für den Geruch, erheblich später die Sehleitung und zuletzt die Hörleiiung. An der Hand dieser cntwicklungsgeschicht- lichcn Differenzirung lassen sich folgende Fundamentalsätze forruuliren bezüglich Umfang und Anordnung der „corticalen Sinncscentren" der Sinnessphären in der Großhirnrinde: 1) Dieselben nehmen beim Menschen nur einen Theil, etwa ein Drittel, der Großhirnrinde ein. 2) Sie stellen nicht insgesammt ein Continuum dar, sondern sind von einander durch Nindenbezirke getrennt, in welche weder sensible, noch motorische Leitungen eintreten. 3) Sie bilden vier distinkte Bezirke von verschiedener Größe; am weitesten ausgedehnt ist das Ninden- centrum der Hinteren Wurzeln des Rückenmarkes, am kleinsten die Nicchsphäre. Die Sinncscentren sind vermuthlich ausnahmslos gemischt sensorisch-motorische Bezirke; das Tonangebende in jedem Centrum ist aber die eintretende Sinnesleitung, welche auf psychisch-reflektorischem Wege die Bewegungsbahnen innervirt. Betrachtet man das Gehirn des Nen- gebornen näher, so ergibt sich, daß die einzelnen Sinnes- sphären untereinander fast vollständig leitender Verbindungen entbehren. Verfolgt man aber die Entwicklung der Leitungsbahnen der Großhirnrinde weiter, so findet man, daß schon im zweiten Lebcnsmonat zahlreiche markhaltige Faserzüge sichtbar zu werden beginnen, die von den Sinncscentren aus hereinwachsen in die Restgebiete und in deren Rinde verschwinden. Es handelt sich um Leitungsbahnen, welche man seit Mcynert als Associationssysteme bezeichnete, also Leitungen, welche verschiedene Abschnitte der Großhirnrinde mit einander verknüpfen, die Thätigkeit der nervösen Elemente verschiedener Nindenbezirke associiren. Mit dem weiteren Wachsthum des Neugebornen strömen Millionen und aber Millionen solcher Assoctationsfasern in den Zwischenstücken zusammen, und zwar gehen sie zunächst überwiegend hervor aus den Sinnessphären und deren nächster Umgebung. Jedes Sinnescentrum wird Zum Ausgangspunkt unzähliger Associationssysteme, welche in die Zwischenstücke einstrahlen, so daß sich in den Windungen der letzteren Associationssysteme begegnen, welche aus verschiedenen Sinncscentren hervorgehen. Mit Rücksicht auf diese anatomischen Thatsachen empfiehlt es sich, den Zwischenstücken die Bezeichnung „Associationscentren" beizulegen. Dieselben verknüpfen also die Sinnessphären untereinander. Das, was wir Denken nennen, beginnt erst mit der Association der Thätigkeit verschiedener Sinnesorgane. Wird schon hiedurch wahrscheinlich gemacht, daß den Associativnscentren gegenüber den Sinnessphären eine ,hiMe geistige Bedeutung zukommt, so sprechen hiefür auch die Entwicklungsgeschichte, die vergleichende Anatomie und Pathologie. Die entwicklungsgeschichtliche Untersuchung läßt eine Dreitheilung der Associationscentren erkennen. Indem es keinerlei Beweise dafür gibt, daß die Verletzung dieser Centren die Sinneswahrnehrriungen im engeren Sinne beeinträchtigt, können diese Centren nur an Wahrnehmungen im weiteren Sinne bctheiligt sein, indem sie zu den reinen Sinneseindrücken die Erinnerungsbilder hinzufügen. Die einzelnen Sinncscentren mit ihren Asfociations- fasern sind wirkliche „Seelenorgane", offenbar ganz im Sinne der von Dr. Hirth aufgestellten Grundgedächtnisse; die Associntionscentren vermitteln die Coagitation dieser Einzelorgane, die Zusammenfassung zu „Merksystemen". Nach dem Vortrag entspann sich eine sehr erregte Debatte, an der die Professoren Lipps, Stumpf, Ebbinghaus, Dechterew und Forel sich betheiligten. Professor Lipps konnte sich keineswegs mit den Ausführungen der Vortragenden in allen Punkten einverstanden erklären und äußerte sich gegen gewisse Eingriffe der Physiologen ins psychologische Gebiet. Insbesondere Dechterew schien von der Vorzüglichkeit und Unfehlbarkeit der physiologischen Behauptungen überzeugt zu sein. Man sprach den Wunsch aus, daß die Debatte nach einem Vortrage des Pros. L. Edinger (Frankfurt a. M.) über das Thema „Kann die Psychologie aus dem heutigen Stande der Hirnanatomie Nutzen ziehen?" fortgesetzt würde. Derselbe fand in dem Cyclus der Sektion II statt. Jedoch schien man keine rechte Lust zur Erneuerung des Streites mehr zu haben. Edinger sprach vom Entwicklnngsstandpunkte aus. Er meinte, daß die Psychologen zu unverrückt ihr Auge nur nach dem Großhirn und seinen Funktionen gerichtet und es vielfach versäumt haben, Kenntniß zu nehmen von den langsam sich sammelnden Studien über den Bau der tiefsten Nervencentren. Das Genetische in den höchsten seelischen Prozessen sei deßhalb ganz ungenügend studirt. Edinger warnt im allgemeinen vor voreiligen Anwendungen anatomischer Dinge auf psychologische Verhältnisse, ist aber der Ueberzeugung, daß anatomische Studien, richtig gewürdigt, heute schon Nutzen bringen können. Namentlich gelte das für die vergleichende Seelenlehre, die heute noch ganz im Anfange des Erkennens stehe. Aus dem differentcn Gehirnbau der verschiedenen Thiere ergeben sich ganz bestimmte Fragestellungen für die objektive Beobachtung ihres seelischen Verhaltens. Mangels solcher exakter Fragestellung sei bisher ein Beobachtungsmaterial zu Tage gefördert worden, das, obgleich sehr groß, nicht ausreiche, auch nur eine einzige der zahlreichen Aufgaben zu lösen, die sich demjenigen sofort ergeben, welcher die Hiruanatomie kennt. (Forts, folgt.) Ueber Marienkirchen im Mitttelalter. Von Architekt Franz Jacob Schmitt in München. Der Kirchenpatron war im ganzen Mittelalter von bestimmendem Einflüsse bei der Aufstellung des Bauprogrammes für neu zu errichtende Gotteshäuser. So beobachten wir bei allen Marienkirchen das Bestreben nach der denkbar höchsten Kunstentfaltung, und dies gilt vornehmlich für die äußere'Erscheinung; bald genügte weder in Deutschland noch in Frankreich nebst ihren Nachbarländern ein Thurm, wie wir ihn bei der gothischen Liebfrauenkirche zu Trier noch ausgeführt sehen, die meisten Marienkirchen erhielten bereits vorher und namentlich von da ab zwei, drei und mehr Thürme. Während man sich in Paris bei der Kathedrale Notre-Dame auf zwei mächtige Westthürme beschränkte, besaß die Kathedrale Notre-Dame zu Amiens außer den beiden Westthürmen ehedem auch noch einen Vierungsthurm aus Stein mit Holzhelm, und nach dessen Untergänge wurde zu spätgothischer Zeit das bis heute dauernde schöne, aus Holz mit Bleibcdeckung hergestellte Centralthürmchen errichtet. Die Notre - Dame geweihten Domkirchen von Laon und Nheims sind auf je sieben Thürme angelegt, dabei erscheinen außer dem Vierungsthurme an den Fronten der Westseite und beiden Querschiffarmen je zwei Thürme. Auch die Kathedrale von ChartreS ist eine Marienkirche, wie die zu Rouen; erstere besitzt sieben, letztere gar elf Steinthürme. Im Norden Frankreichs finden wir noch eine Episcopalktrche Notre-Dame in Noyon, sie hat zwei WestfcMden - Thürme und planmäßig zwei Chorthürme, welche jedoch unausgeführt geblieben sind. Die Tochterkirche von Noyon ist der Liebfrauen-Dom von Tournay (Dooruick), denn erst im Jahre 1135 erhielt diese Stadt ihren eigenen Bischof, das Gotteshaus wurde hier mit nicht weniger als fünf Thürmen geschmückt. Wenden wir uns nunmehr zur Betrachtung der Sanct Maria geweihten Episcopalkirchen in Deutschland, so möge mit Konstanz am Bodensee begonnen werden, und hier sind planmäßig ein ehedem extstirender Vierungsthurm aus Stein und zwei Westthürme; in Basel am Nheine finden wir beim Mariendome gleichfalls zwei Westfa^adenthürme, und liegt es nahe, an einen ursprünglich geplanten Vierungsthurm zu denken, da die technische Möglichkeit durch die kräftigen vier Mittelpfeiler erwiesen ist. Nhein- abwärts bemerken wir beim Liebfrauen-Münster in Straß- burg den Vierungs-Kuppelthurm und noch zwei weitere mächtige Westthürme. Der Kaiserdom der nächsten rheinischen Bischofsstadt Speyer ist wiederum Unserer lieben Frau geweiht, das berühmte romanische Baudenkmal besaß im ganzen Mittelalter vier Steinthürme quadratischen Grundrisses und weiter noch zwei achteckige Kuppelthürme. Der Sanct Marien-Dom in Hildesheim hat zwei Westthürme, der zu Eichstätt zwei Ostthnrme, der zu Augsburg wiederum zwei, und zwar außerhalb der Seitenschiffe romanischen Stiles stehende, Thürme von quadratischem Grundrisse. In Negensburg ist der Dom zu Ehren Sanct Mariä und des hl. Petrus geweiht, hier war außer den zwei mächtigen Westthürmen noch ein Viernngs-Kuppcl- thurm, ganz wie beim nahen Dome zu Passau heute noch aus gothischer Bauzeit existirend, planmäßig vorgesehen. Die Marienkirche zu Wiener-Neustadt mit ihren beiden Westthürmen diente vom Jahre 1469 bis 1785 als Kathedrale, auch der Sanct Marien-Dom zu Freising besitzt feine zwei auf quadratischer Grundfläche erbauten Westfront-Thürme. Bei der Sanct Maria von Papst Gregor X. in Gegenwart Kaiser Rudolfs von Habsburg zu Lausanne im Jahre 1275 geweihten Kathedrale sind planmäßig fünf Stein-Thürme vorgesehen. Verlassen wir die Schweiz und begeben uns nach Italien, so findet sich bei „Santa Maria del Flore" in Florenz außer dem berühmten Glockenthurme Giotto's auch noch die riesige Kuppel erbaut, um die Bedeutung dieses Marien-Domes vor aller Welt auszudrücken. Der Mailänder Dom ist „Mariä Geburt" geweiht und besitzt den hochragenden achtseitigen Centralthurm sowie ringsum lauter Strebepfeiler, welche geradezu als kleine Thürmchen behandelt wurden. Santa Maria maggiore „zum Schnee" hat als eine der vier Patriarchal-Kirchen der ewigen Stadt ihren alten Glocken- thurm sowie zwei hohe Kuppeln. Unter den vielen Benediktiner-Klosterkirchen zu Sanct Maria soll hier an erster Stelle die allseitig bekannte Abtei am Laacher See, deren Gotteshaus mit zwei viereckigen und zwei kreisrunden sowie zwei Kuppelthürmen geschmückt ist, Erwähnung finden; die Abteikirche zu Murrhart in Württemberg erscheint mit zwei Ostthürmen, Liebfrauen in Halberstadt mit ursprünglich zwei Westthürmen, welchen später noch zwei Ostthürme hinzugefügt worden sind. Die nächst Halberstadt gelegene Abteikirche in Huyseburg besitzt zwei Westthürme, die zu Memleben zwei viereckige Westthürme und noch einen Vierungsthurm, auch hat die Marienklosterkirche in Altenbnrg zwei Westfatzadenthürme, die sogenannten „rothen Spitzen". In Köln sind bei Maria im Kapital zwei Westthürme planmäßig vorgesehen und sicher ursprünglich auch noch ein Vierungsthurm beabsichtigt gewesen. Zwei Thürme finden wir auch beim Frauenmünster in Zürich, und auf Sicilien erscheint in Monreale die ehrwürdige Abteikirche Santa Maria nuova mit einem Vierungsthurme und zwei quadratischen Westfront-Thürmen. „ Bei den meist in größeren Städten entstandenen Collegiat-Stiftskirchen zu Sanct Maria lag es nahe, mit den Episkopalkirchen an reicher Ausbildung zu wetteifern. Beginnen wir mit dem Münster zu Freiburg im Breisgau, welches ursprünglich auf zwei Ostthürme und einen achteckigen Kuppelthurm romanischen Stiles angelegt wurde und das um die Mitte des XIII. Jahrhunderts seinem gothischen dreischifsigen Langhause den einzig schönen Wcstthurm vorgebaut erhielt. In der Zeit von 1529 bis 1676 war diese Freiburger Collegiatkirche die Kathedrale des Bischofes und Hochstiftes Basel. Am Nheine abwärts sehen wir zu Worms die Liebfrauenkirche gothischen Stiles mit zwei ganz in Stein ausgeführten Westthürmen. Die von Mainzer Erzbischöfen in Erfurt errichtete, „Dom" genannte Stiftskirche zu Unserer lieben Frau besaß anfänglich zwei Ostthürme romanischen Stiles, denen man mitteninne den dritten Thurm in gothischer Zeit hinzufügte. Wetzlar an der Lahn war bereits in romanischer Stilperiode auf zwei Westthürme angelegt, auch die Gothik behielt dieses Bauprogramm bei, doch sollten es zwei weit mächtigere Westfrontthürme werden, wovon aber nur der südliche in seinem quadratischen Untertheile zur wirklichen Ausführung gelangt ist; zwei weitere, kleinere Thürme schmücken den südlichen Kreuzesarm dieser ehemaligen Stiftskirche. Die mit drei Westthürmen versehene Collegiatkirche der Stadt Ansbach erhielt ihre erste Weihung zu Ehren der allerseligsten Jungfrau Maria im Jahre 1065, der Hochaltar trug stets ihren Namen, während das Gotteshaus selbst vom Tage der Heiligsprechung des AnSbacher Stadtheiligen Gumpert 1195 auch dessen Namen erhielt und heute noch trägt. In Sachsen steht man an dem „Dom" genannten Sanct Marien-Stifte zu Freiberg zwei Westthürme, zu Lippstadt in Westfalen aber zwei Ostthürme. Der Münster zu Aachen, der heiligen Gottesmutter geweiht, hat seine Kuppel und zwei runde Thürme an der Eingangsfeite. In Belgien erscheint Antwerpen mit seiner „Dom" genannten Marien - Stiftskirche als eine Bauanlage mit zwei mächtigen Westthürmen und einem Vierungsthurme, sowie Hny bei Lüttich mit einem Westthnrme und zwei weiteren Thürmen beim Ostchore. In Frankreich sei Notre-Dame in Mantes als eine Collegiatkirche mit zwei Westf-Mden-Thürmen angeführt. ^ Unter den PräMünstraicnser-Chorherreu-StiftMrchen 268 zu Sanct Maria ist zunächst die im frühgothischen Stile erbaute zu Kaiserslautern in der Nheinpfalz mit einem Ost- und zwei Westthürmen namhaft zu machen, dann am Niederrhein das Gotteshaus der Abtei Knechtsteden mit seinen drei Steinthürmen, weiter die Abteikirche Arnstein an der Lahn mit ihren vier Thürmen, ferner Veßera in der Diöcese Würzburg mit zwei Westthürmen, endlich Jerichow mit seinem westlichen Thurmpaare. Von den der heiligen Jungfrau Maria geweihten Angustiner-Chorherren-Stiftskirchen führen wir Pfaffen- Schwabenheim in Nheinhcssen mit zwei runden Chor- thürmen an, weiter die Abteikirche zu Schiffcnberg bei Gießen, welche außer zwei Westthürmen auch noch einen steinernen Vterungsthurm besitzt, sowie die „Sandkirche" genannte zu Breslau in Schlesien mit zwei Westthürmen. Im Voigtlande stehen zu Lausnitz heute noch die Ruinen einer Augustinerinnen-Abteikirche Mariastein, welche sich ehedem des Schmuckes zweier Westfntzaden - Thürme erfreute. Auch die Jesuiten gaben zu Köln am Nheine ihrer von 1621 bis 1629 errichteten Collegiatskirche »Mariä Himmelfahrt" zwei hohe Steinthürme an der Eingangsseite; in Venedig wurde Santa Maria della Salute als Seminarkirche mit einem Glockenthurme und zwei Kuppeln durch Longhena von 1630 bis 1656 erbaut. Die hochinteressante Wallfahrtskirche Sanct Maria aus dem Harlunger Berge bei Brandenburg an der Havel, welche leider im Jahre 1722 zerstört worden ist, besaß, nach dem auf uns gekommenen Modelle, vier Eck- thürme über quadratischem Grundrisse. Die Kirche der Propstei Maria-Kulm, ein bei Eger in Böhmen gelegener vielbesuchter Wallfahrtsort, besitzt dreiThürme, und Maria- Zell in Kärnten hat gar vier Thürme, wovon der eine noch dem Gotteshanse der Mittelalterzeit angehört. Zwei Westfagaden-Thürme schmücken die Wallfahrtskirche Notre- Dame de l'Epine in der Champagne. Nunmehr kommen wir zur Betrachtung der Sanct Maria geweihten Pfarrkirchen, und auch hier zeigt sich das Bestreben, den Außenbau mit zwei und mehr Thürmen hervorragend auszuzeichnen. Im ehemaligen Herzogthume Burgund erscheint zu Dijon Notre-Dame mit zwei Fatzadenthürmen und einem steinernen Central- thurme; in Chalon sur Marne besitzt die Pfarrkirche Notre-Dame zwei Ost- und zwei Westthürme, und zu Melun im Departement Seine et Marne hat die Liebfrauenkirche wiederum ein Thurmpaar. In Italien wurde zu Sän Germano von der berühmten Benediktiner-Abtei Monte Cassino die Kirche „Santa Maria delle cinque torre" mit fünf Thürmen geschmückt, in Genua baute man „Santa Maria di Carignano" zu Ehren „der Himmelfahrt Mariä" mit einer Kuppel und zwei Thürmen. Die Hafenstadt Barcelona errichtete in der Zeit von 1328 bis 1483 die Kirche „Santa Maria del mar" mit zwei Westfront-Thürmen. In Brüssel wurde „Notre-Dame de la Chapelle" mit einem West- und einem Vierungsthurme zur Ausführung gebracht, in Dinant bei Namur beobachten wir wieder zwei Westfatzaden-Thürme. Am Nheine erscheint zu Köln Maria-Lyskirchen mit zwei Ostthürmen, in Koblenz hat die Liebfrauen- oder obere Pfarrkirche zwei viereckige Westthürme, und Andernach besitzt einen der Gottesmutter und Sanct Genovefa geweihten Bau mit gar vier Steinthürmen.; Frankfurt am Main hatte seine Sanct Maria und Sanct Georg geweihte untere Pfarrkirche mit zwei achteckigen HPMruren romanischen Stiles, als ihr nun im Jahre 1297 Reliquien des hl. Leonhard zukamen, so wurde dieser Namen angenommen. Die drei- schisfige Marien-Pfarrkirche zu Geisenheim im Nheingau hat ihre zwei Westthürme, während die der „Heimsuchung Mariä" geweihte Stadipfarrkirche zu Wuchsen am Berge sich auf stolzer Höhe mit zwei Ostthürmen über quadrat» ischen Grundrissen präsentirt. In Villingen in Baden hat die „Münster" genannte; Unserer lieben Frau und Johannes dem Täufer geweihte Stadtpfarrkirche zwei oben achteckige Ostthürme, die schöne gothische Marienkirche zu Neutlingen in Württemberg besitzt zwei Ost- und einen Westthurm von der Breite des Mittelschiffes. Der Lieb- frauen-Münster zu Ulm an der Donau hat neben zwei neuerdings ausgebauten Ostthürmen seinen riesigen West- Prachtthurm gothischen Stiles. Donauabwärts finden wir zu Jngolstadt die obere Stadtpfarrkirche zu Sanct Maria mit zwei übereck stehenden Westthürmen, und die Marienkirche des uralten Bischofssitzes Passau hat gleichfalls zwei Westfagadenthürme. Die als Pfarre errichtete Frauenkirche zu München besaß schon in ihrer ersten Ausführung romanischen Stiles zwei Westthürme, der Meister der Gothik hat dies Motiv auch beim Neubane von 1468 bis 1488 festgehalten. In Prag ist die Haupt-Pfarrkirche der Altstadt „Mariä Himmelfahrt" am Tayn mit zwei stattlichen viereckigen Westthürmen ausgezeichnet, und auch der Marienkirche zu Krakau wurde die ganz gleiche Schmuckanlage verliehen. In Schlesien sehen wir zu Liegnitz die Frauenkirche mit zwei Westthürmen, wovon jedoch nur der eine zur wirklichen Ausführung gelangt ist; die Marien- oder Oberktrche zu Frankfurt an der Oder hat planmäßig zwei Westthürme, davon ist der südliche im Jahre 1826 eingestürzt. In Wittenberg an der Elbe wurden um 1412 die zwei Westthürme der Pfarrkirche Sanct Maria erbaut; in Luckau bei Jüterbog hat die Stadtkirche zu Sanct Maria und Nicolaus zwei viereckige Thürme, ebenso ist es bei der Marienkirche in Griwma; zu Arnstadt in Thüringen hat die Liebfrauenkirche einen Ost- und zwei Westthürme; in gleichem wurden im Jahre 1490 zu Meiningen Doppelthürme an der Westfront der Sanct Marien-Stadtpfarrkirche errichtet. In Aken bei Anhalt-Dessau besitzt die Liebfrauenkirche zwei oben achteckige Thürme; die Marienkirche zu Heiligenstadt im Eichsfelde weist zwei Westthürme auf und Mühlhausen in Thüringen zwei kleine West- und einen Hauptthurm bei seiner oberen Sanct Marien-Pfarrkirche. Die heutige Marktkirche zu Sanct Maria in Halle an der Saale hat zwei östliche und zwei westliche, also vier Thürme; in ähnlich großartiger Weise finden wir die werthvolle Marienkirche zu Gelnhansen in Hessen durch den Schmuck dreier Thürme und eines Kuppelthnrmes ausgezeichnet. Königshöfen auf der Heide in der Diöcese Eichstätt besitzt eine Marienkirche mit Doppelthürmen vom Ende des vierzehnten Jahrhunderts. Die neue Pfarrkirche, genannt „zur schönen Maria", in Regensburg hat zu beiden Seiten des Chores Thürme, während das Langhaus unausgeführt geblieben ist. Chammünster hat seine Marienkirche mit der Zierde zweier romanischer Ostthürmc. Notenburg bei Cassel in Hessen ist im Besitze einer Sanct Maria und Elisabeth geweihten Kirche, welche an der Westseite Doppelthürme hat. Die Liebfrauen-Pfarrktrche zu Friedberg in der Weiterem des Großherzogthnms Hessen besitzt zwei Westfagaden-Thürme; Soest in Westfalen bei seiner Sanct Marien-Kirche zur Wiese zwei überaus stattliche WestthürKe, welche nach Soller's Entwurf erst in unseren Tagen iA Hochbaue vollendet worden sind. Die große Marienkirche in Lippstadt hat einen Thurm vor der Westseite und zwei Thürme an der Ostseite der Kreuzesarme; Sanct Maria in Stendal erscheint mit zwei viereckigen Westthürmen; die Hauptkirche Sanct Maria zu Rostock hat drei mit einander verbundene Westthürme, und in Anklam sind bei der Marienkirche zwei Vorderfa?aden-Thürme projectirt gewesen, davon ist aber nur der eine zur wirklichen Ausführung gelangt. Kolberg hat eine Marienkirche mit einem größeren Nord- und zwei niedrigen Westthürmen, während Prenzlau sich auf Doppelthürme an der Westfront beschränkte; das gleiche Motiv finden wir an den Marienkirchen der beiden Hansestädte Bremen und Lübeck, hier in machtvollster Weise derart durchgeführt, daß die zweithürmige bischöfliche Domkirche der Stadt völlig in Schatten gestellt worden ist. Gerade diese Lübecker, als dreischiffige Basilika mit hochragendem Mittelschiffe, Chorumgange und Kapellenkranze zur Ausführung gekommene Marien-Pfarr- kirche beweist die von uns angenommene Thatsache, daß man im Mittelaller dem für das Gotteshaus gewählten Kirchenpatrone beim Vauprogramme vollste Berücksichtigung schenkte und daß beim Aeußeren aller Sanct Maria geweihten Monumentalbauten der größte Reichthum angestrebt worden ist, welches Ziel man durch mehrthürmige Anlagen zu erreichen suchte. Beiträge zur Entzifferung der mosaischen Schöpfmrgsurkunde. Von Joh. Bumüller, Kaplan in Holzheim. Mit folgenden Zeilen ist keineswegs eine erschöpfende Behandlung des ersten Kapitels der Genesis bezweckt. ES sollen nur einige Streiflichter auf die Hauptfragen geworfen werden, die sich dem Leser des mosaischen Schöpfungsberichtes aufdrängen. Bon wem stammt der Schöpfungsbericht? Es ist nicht wahrscheinlich, daß die Menschen erst zur Zeit des Moses über die Weltschöpfung unterrichtet worden sind; de. Bericht dürfte der Hauptsache nach auf das erste Mcnschenpaar zurückzuführen sein. Dagegen hat diese uralte, wahrscheinlich mündliche Ueberlieferung von Seiten des Moses offenbar eine gewisse Bearbeitung erfahren. Denn neben dem allgemeinen Zwecke des Berichtes, der in der schriftlichen Niederlegung Sicherung des Glaubens an Jahve, den Schöpfer Himmels und der Erde, besteht, läßt sich unschwer noch eine besondere von Moses bei Abfassung des Berichtes verfolgte Tendenz erkennen. Dieselbe besteht in dem Bestreben, das aus- erwählte Volk vor dem ägyptischen Götzendienste zu bewahren. Wohl jedem, der die mosaische Schöpfnngs- urkunde liest, fällt der ausführliche Bericht des vierten Tages über Erschaffung und Zweck der Sonne sowie der übrigen Gestirne des Himmels auf. Es liegt nahe, darin eine Warnung vor der Verehrung der ägyptischen Lichtgottheiten, besonders des Sonnengottes Na zu erblicken. Beim fünften Tagewerk werden außer jedem Wesen im Wasser, das da lebt und sich bewegt, ausdrücklich, und zwar den andern vorangesetzt, die tliaumiwr genannt, „Meerungeheuer", wie gewöhnlich übersetzt wird. Dieses Wort kommt von tlrairan, sich dehnen, strecken, bedeutet also ursprünglich das lang gedehnte, gestreckte Thier. Hier liegt nun der Gedanke au das Krokodil, welches von den Aegyptern als heilig verehrt wurde, sehr nahe, und dies um so mehr, da bei Ezechiel 29, 3 mit obigem Namen das Krokodil bezeichnet wird. Wenn endlich beim sechsten Tage gerade das bslrsraast, das größere, viersilbige zahme Vieh hervorgehoben wird, wer denkt da nicht an die ägyptische Verehrung der heiligen Aptsstiere, vor welcher zu warnen Moses allen Grund hatte, wie die Anbetung des goldenen Kalbes am Berge Sinai beweist? Der Bericht wendet sich also in auffälliger Weise gegen die in der ägyptischen Religion heimische Verehrung der Lichtgottheiten, der heiligen Krokodile und Apisstiere. Dies ist zugleich ein Beweis, daß die Genesis das von ihr in Anspruch genommene Alter besitzt und von Moses verfaßt ist. Liegt aber so nicht der Verdacht nahe, der Schöpfungsbericht sei nicht eine auf die Urzeit der Menschheit zurückzudatirende Offenbarung, sondern ein von Moses verfaßtes, auf poetische Phantasien oder auf seine Kenntniß der ägyptischen Wissenschaft gründendes religiöses Tendenzwerk, so etwa ein unter die pyramidenbaueuden Juden vertheiltes Traktätchen? Allein poetische Phantasien werden unerbittlich zurückgewiesen von der eklatanten Uebereinstimmung zwischen Schöpfungsbericht und Wissenschaft. Der Bericht ist aber auch nicht eine Privatarbeit des in aller Wissenschaft der Aegypter unterrichteten Moses. Denn daß die Aegypter in Folge wissenschaftlicher Forschungen von all den hier einschlägigen Dingen etwas gewußt hätten, ist weder denkbar, noch läßt sich hiefür auch nur die Spur eines Beweises aus ihren hinterlassenen literarischen Urkunden beibringen. Wie sind nun der Schöpfungsbericht und näherhin seine sechs Tage aufzufassen? Hierüber sind schon verschiedene Theorien aufgestellt worden, von denen sich nicht alle einer gar zu großen Wissenschaftlichkeit rühmen können. Theils sind sie Phantafiestücke, wie die Restitutionstheorie, theils gehören die sie vertheidigenden Elaborate zur wissenschaftlichen Schundliteratur. Es sind nur zwei Theorien, welche rücksichtlich ihres wissenschaftlichen Werthes und der Zahl ihrer Anhänger von größerer Bedeutung sind, nämlich die ideale Theorie, welche die in der Genesis vorliegende Aufeinanderfolge der einzelnen Schöpfungstage aufgibt und deren richtige Gruppirung den Naturwissenschaften überläßt, und die concordistische Theorie, welche an jener Aufeinanderfolge festhält und betreffs derselben eine Uebereinstimmung zwischen Bibel und Naturwisscnschaft lehrt. Nachdem sich manche mit vorschneller Unverständigkeit aufgestellte Behauptungen, um nicht zu sagen Träumereien einiger Concordisten nicht aufrecht erhalten ließen, hat die ideale Theorie speziell in theologischen Kreisen immer mehr Anhang gewonnen. Es ist auch verführerisch, wie sich bei ihr alle Schwierigkeiten im Handumdrehen heben! Allein jeder, der auch nur einige naturwissenschaftliche Kenntnisse besitzt, kann sich durch eine solch oberflächliche Beseitigung der Schwierigkeiten nicht befriedigt fühlen. Denn einem unbefangenen Urtheile wird die im Schöpfungs- berichte gegebene Aufeinanderfolge der Tage gerade als daS Hauptmoment erscheinen. Die chronologische Aufeinanderfolge dürfen wir nur dann fallen lassen, wenn unumstößliche Ergebnisse der Naturwissenschaft dies verlangen, was durchaus nicht der Fall ist. Die Anhänger der idealen Theorie erblicken in dieser fälschlichen Weise ein Hinterpförtchen, durch welches sie unbemerkt den Angriffen einer in den Dienst des Unglaubens gestellten Naturwissenschaft entschlüpfen zu können glauben. Doch wer sich aus dem Kampf zu drücken versucht, verzichtet schon im vorhinein auf den Sieg, und dies dürfen wir, wenn es sich um die Aukiorität der Bibel handelt, am allerwenigsten thun. Wir werden daher unbedingt an 270 der im biblischen Berichte enthaltenen chronologischen Reihenfolge festhalten, da diese mit den naturwissenschaftlichen Ergebnissen sehr wohl in Einklang zu bringen ist. Daß man dabei die sechs „Tage" nicht als Tage ü. 24 Stunden aufzufassen hat, ist eine bereits entschiedene Frage. Dagegen ist die Erklärung des Umstandes, daß Moses diese sechs Schöpfungs- und Entwicklungsakte gerade mit dem Ausdrucke „Tag" bezeichnet, noch eine schwankende. Die einfachste Annahme ist wohl, Gott habe demjenigen, welchem die erste Kenntniß von der Wcltschöpfung zu Theil wurde, die sechs Hauptschöpfungsund EntwicklungSakte in sechs verschiedenen Visionen vorgeführt, zugleich die Institution des auf sechs Wochentage folgenden Sabbates festgesetzt und dieser durch die Haupt- Schöpfungsakte ihre höhere Begründung gegeben. In Folge dieser Anknüpfung an unsere Tage ging dann in der Ueberlieferung der Ausdruck „Tag" auf die Schöpfungsakte und Entwicklungsperioden selbst über. Dieser populäre Ausdruck wurde nun auch von Moses adoptirt, der den wahren Sinn desselben sehr wohl gekannt haben kann. Wie dem übrigens sei, so viel ist sicher, daß wir hier auf Grund der naturwissenschaftlichen Ergebnisse von der buchstäblichen Ausdrucksweise abweichen müssen. Denn an Tagen L 24 Stunden festzuhalten, ist den Anhängern einer gewissen Theorie nur dadurch möglich, daß sie von der erhabenen Allmacht Gottes ein komisches Zerrbild entwerfen und dabei die naturwissenschaftlichen Ergebnisse und Theorien in einer Weise bekämpfen, welche nur dazu geeignet ist, die gläubige Wissenschaft in Mißcredit zu bringen. Wenn wir uns nun die einzelnen Tage des Schöpfungsberichtes kurz näher ansehen, so werden wir erkennen, wie es gar nicht nothwendig ist, vor der Naturwissenschnft die Flinte ins Korn zu werfen. Dabei müssen wir uns aber auch vor zu weit gehenden Ansprüchen hüten, in jedem Falle nämlich sagen zu können: „So sagt die Bibel, so lehren die naturwissenschaftlichen Ergebnisse; beide decken sich vollständig." Denn von den hier einschlägigen naturwissenschaftlichen Fragen sind noch nicht alle endgiltig gelöst, und manche dürften vergebens einer solchen Lösung harren. Am ersten Tage hat Gott das Licht erschaffen. Hier handelt es sich nicht etwa um die Erschaffung der Sonne, also um die Entstehung des Lichtes für die Erde, sondern um einen universellen Vorgang, der eine zweifache Deutung zuläßt. Die in Finsterniß gehüllte Urmaterie, aus welcher sich die gesammte Sternenwelt entwickeln sollte, ging nämlich in Folge von Verdichtung, Bewegung, Erwärmung, chemischen Verbindungen, elektrischen Vorgängen oder anderen natürlichen Erscheinungen nach und nach in leuchtenden Zustand über. Eine andere Erklärung wäre die, daß durch den Ausdruck: „Gott sprach: Es werde Licht!" die Erschaffung einer leuchtenden, gasförmigen Urmaterie ausgesprochen ist, wobei allerdings bei der in Vers 2 genannten, über dem Abgrund schwebenden Finsterniß eine nicht recht motivirte Anticipatton späterer, dem vierten Tage vorangehender Zustände der Erde angenommen werden müßte. Dies alles sind natürlich reine Hypothesen, da wir über den Urzustand der Materie noch vollständig im Unklaren sind; eS ist ja möglich, daß die Materie sich ursprünglich in einem uns ganz unbekannten Zustande befand. Daher können wir einstweilen den ersten biblischen Schöpfungstag auf Grund der Naturwissenschaften ebensowenig mit Sicherheit erklären, als diese einen begründeten Einwnrf gegen denselben erheben können. (Fortsetzung folgt.) Ein LiLeraLk'.rLild aus der Gegenwart von Joh. Bapt. Föhr. (Fortsetzung.) „Was aus einem Kloster kommt, gehört auch meistens nur für Klöster." Dieser engherzige Ausspruch eines großen Herder erleidet beträchtliche Einbuße, wenn ich mit voller Berechtigung wieder einen Klostermann, dazu noch einen Jesuiten, als großen lyrischen Dichter vorführe, den Pater Fritz Esser (in Kopenhagen). Seiner wundersamen Dichtung „Blüthen der Marienminne" zollt der protestantische Pfarrer N. Weitbrecht lobende Anerkennung mit Worten, die freilich seinen Standpunkt nicht völlig verleugnen: „Eine besondere Vorliebe können wir dl^en Marienliedern eines Jesuiten nicht entgegenbringen; aber das soll unser Urtheil nicht beeinflussen. Auf was es ankommt, ist doch in erster Linie die poetische Bewältigung des Stoffes, und diese ist Esser im ganzen gelungen. Seine Gedichte sind von einer bemerkens- werthen Vielseitigkeit in Verwerthung des einförmigen (?) Stoffes; und auch hier zeigt sich, wie viele Register ein Dichter besitzt, selbst wenn es sich immer um einen Grundton handelt, sobald seine Seele, nicht bloß sein Kopf oder seine Feder, von etwas ergriffen ist." Der Recensent sagt dann dem Buche „Auflage um Auflage" voraus und äußert weiterhin: aus Esser's „Marien- minne" werde noch „manch sangbares Lied durch das katholische Deutschland tönen". Der protestantische Recensent scheint sich denn auch wirklich als guter Prophet zu bewähren, denn nach kurzer Zeit schon wurde eine zweite Auflage nöthig, und auch Componisten suchen an den poesievollen Liedern ihr Talent zu erproben. „Wer ein Liedlein weiß zu singen, So ein Licdlcin frisch und bcitcr, O! der laß es sroh erklingen Und wer'S hört, der sing' es weiter!" Der Dichter, der uns mit diesen leichten und gefälligen Versen alsogleich gefangen nimmt, ist abermals ein Jesuit, k. Ambras Schupp (in Porto Alegre, Brasilien). Man ist vielleicht versucht, zu glauben, diese Dichter sängen nur von Gott, vom Himmel und den Engeln, aber das ist weit gefehlt, gar finnig schlingen sie in ihre Lieder Blumen hinein, die auch die lustigen Weltkinder sich gerne an den Busen stecken. Gleich Uhland und Weber singen sie „von allem Hohen, was Menschenbrust durchbebt, von allem Süßen, was Menschenherz erhebt". Ein echtes Kind der rothen Erde, anmuthend wie eine Blüthe westfälischer Heide ist die Dichterin Ferdinande Freiin von Bracke!, die Tochter eines der angesehensten Geschlechter des Landes, derer auf Welda. (Die Dichterin ist geboren a« 24. Nov. 1835.) Als die beliebteste Novellistin und Roman- dichterin der Gegenwart ist sie berühmt geworden. Wie die Zahl der Auflagen genügend darthut, kann man ihre Romane zweimal und öfters lesen, eS sei hier nur erinnert an die schöne „Daniella" und an „Die Tochter des Kunstreiters" mit ihrem Frühlingshauch und Veilchen- duft. Ferdinande Freiin von Bracke! ist eine dichtende Frauengestalt gleich Annette von Droste-Hülshosi und Emilie Ringseis nach den Worten der heiligen Schrift: „Kraft und Huld sind ihr Gewand, ihr Mund öffnet sich der Weisheit, und das Gesetz der Milde schwebt auf ihren Lippen." „Schiller's Mondschein-Amalien und Limonaden-Luisen, diese Kunstfiguren kennt Bracke! nicht", meint Alfred Muth mit reizendem Humor. Eine Wald- 271 drossel, singt sie im Schatten der Heidelinde mit einem überreichen Herzen, aber männlichem Geiste. Im Frühling, wenn der Himmel sich klärt und die Sonne das bleiche Leichentuch des Winters von Dächern und Flüssen hebt, fängt sie frohgemuth zu singen an: Böget singen, neues Leben, Frisches Grün an Blatt und Baum: Für die Böget neue Lieder, Für das Herz ein neuer Traum! Dann folgt wieder ein Lied von Nosengehegen, fröhlichem Spiel und blumiger Heide, von Maiabendroth und Nachtigallcnlauten. Kriege und Siege des Vaterlandes haben ihr auch vaterländische Weisen entlockt. In der Epik erkennen wir ihr den Preis zu; die Lieblichkeit ihrer Legenden ist wunderbar. Form und Inhalt sind knapp, zuweilen sprunghaft, oft ganz nach Art des Volksliedes. Alles zeigt Reichthum der Sprache, Fülle der Gedanken, Alles ist fein und erlesen, so daß wir glauben möchten, auch hier gelte, was der Altmeister Goethe artig vorn holden Geschlechte preist: „Willst du genau erfahren was sich ziemt» So frage nur bei edlen Frauen an!" Eine mehrfach hervorgetrctene, voriheilhaft bekannte Dichterin ist Thekla Schneider, eine gemüthvolle, liebenswürdige Schwäbin (geb. 1854 zu Navensburg, lebt jetzt in Friedrichshafen). Unter die Dichterinnen hat sie sich eingereiht durch ihre „Wellen vom Bodensee". Von ihnen sagt Brugier: Unwillkürlich wird man beim Lesen derselben an das Lob erinnert, das Platen den Poesien der schwäbischen Schule mit den Worten spendete: „Von Stuttgart her dringt ein gemüthlicher Ton zart fühlender, heimlicher Lieder." Ja, so ein Gedichtchen, wie „Prälat und Opernsängerin", ist ein zu köstlich Ding schwäbischen Humors, als daß es an dieser Stelle dem freundlichen Lescpublikum vorenthalten werden dürfte. Manche schöne Leserin wird wie stolz ihr hübsches Köpfchen in den weißen Nacken werfen, wenn sie die gefeierte Sängerin vom greisen Prälaten beschämt und besiegt sehen muß. Ein romantisches Begebniß nämlich, das der rühmlichst bekannte Dichter Karl Gerok zu Stuttgart gehabt haben soll, hat Thekla Schneider in neckische Reime gebracht. Auf dem Philosophcnpfade kommt sinnend der Prälat, indeß eine bekannte Stuttgarter Sängerin auf dem Seitenwege dahcrschreitet. Plötzlich fing es an zu tröpfeln, es regnet stärker, und der Herr Prälat tritt herbei, die Sängerin zu beschirmen. Keines kennt das andere. Sie wandeln in freundlichem Gespräch vor der Dame Haus, und dort rückt der Herr Prälat mit der Farbe heraus: .... „Dorf ich'S wagen. Nach dem Namen Sie zu fragen?" Und das rasche Musenlind Schnell auf Antwort sich besinnt: „Aus der Frage kann ich i'ch'n, Dah sie nie zur Oper geh'«; Als die erste Sängerin Jedermann bekannt ich bin. Nun ist's wohl an mir, zu fragen, Und ich bitte Sie zu sagen. Wer mir unterm Schirm soeben Gütig daö Geleit gegeben?-* „AuS der Frage kann ich seh'n, Daß Sie nie zur Kirche geh'n; Alle Frommen kennen mich, Denn der Herr Prälat bin ich!" Das ist eine farbenprächtige Blüthe schwäbischer Gemüthlichkeit, dieses reizende Gedichtchen! Auch in der Epik versuchte sie sich mit Glück. Ihre epische Dichtung „Aus alten Tagen" ist ein gar ansprechendes, sinnig ge- müthvolles Werk. „Es ist" — wie ein Landsmann der Dichterin sagt — „ein duftiger, zarter Traum aus dem Herzensleben des vielbesungenen Konradin, was die Dichterin uns bietet, geträumt auf der heimathlichen Erde." (Brugier.) „Frau Wendelgard" ist ein romantisches Epos, das an die Schlacht auf dem Lechfelde anknüpft. Die Dichterin verfügt darin über einen reichen poetischen Bilderschmuck, spricht wie die liebenswürdige Luise Hensel in fromminniger, keuschminniger Weise zum Herzen, kurz ihre Muse zieren alle jene Eigenschaften, die ihre Dichtung jeder christlichen Familie, besonders Frauen und Mädchen, lieb und werth machen müssen. Eine eigenartige, leider seit Jahren erblindete Dichterin ist Margaretha Mirbach (geboren am 5. August 1852 zu Königswinter a. Nh.). Als eine Tochter des Rheins, in dessen grünen Fluthen die Sage rauscht, ist sie eine entzückende Märchendichterin. Ihre Lieder und Gedichte sind überaus zart und wohlthuend, so tief sprudelnd und unendlich erquickend, sie legen uns den Schlüssel zu einem reichen und edlen Herzen in die Hand, kindliche Unschuld und fromme Sehnsucht fließen zur Grundstimmung in einander, darüber lacht gleich ; heiterem Sonnenschein am blauen Himmel allerliebster Frohsinn, der nicht selten die Dichterin als rheinländische Schelmin verräth. Mit feinem Scherz, mit einem Witz, in Seidenfaden ausgesponnen, neckt sie den Leser, wobei, wie ein altes gutes Wort sagt, einem das Herz im l Leibe lacht. ! Ein Schüler Simrock's ist der in der Literatnrkunde ! weithin bekannte Dr. Wilhelm Reuter, Seminar- ^ lehrer zu Münstermaifeld, Nheinprovinz. In „Palmen ^ und Oliven", „Sang und Sage", „Garben und Farben" / quillt zumeist freudehell der Dichterquell. Reuter ist ein r bemerkenswerthes Talent auch auf dem Gebiete der Bal- ' lade und Romanze. „Was ein Waldbruder sang" sind Perlen didaktischer Poesie. Wie kalter Schauer überläuft es vielleicht manchen West- und Südländer, wenn ich in die Reihe unserer zeitgenössischen Dichter einen Ostpreußen eintreten lasse: Julius Pohl (geb. am 13. Juli 1830 zu Frauen- ! bürg), jetzt Domherr in seiner Vaterstadt, Ermlands bischöflicher Residenz, die so idyllisch gelegen ist „an des * Haffes Saum, wo Wellen rauschen in den Traum". I Werke, die den Dichter mit einem Schlage den besten Sängern unseres Jahrhunderts an die Seite stellen, sind „Jubelgold" und „Bernsteinperlen". „Jubelgold", Kränze um die Tiara, ist ein Weihegeschenk zum goldenen Bischofsjubiläum unseres glorreich regierenden Papstes Leo XIII.; in wenigen Wochen schon wurde eine zweite Auflage nothwendig. Wenn „Jubelgold" mehr ein Preisgesang auf die himmlische Heimath ist, so sind „Bernsteinperlen" ein Preislied auf das irdische Vaterland; nach neuester Ausgabe zerfällt das Buch, dessen Widmung der deutsche Kaiser huldvollst entgegengenommen hat, in die zwei Haupttheile: „Vaterland und Königshaus" und „Mein Ermland". Das tönt markig und kräftig, wenn er die Saiten anschlägt: „Dem Kaiser unentwegt das Seine, Doch auch das Seine Gott dem Herrn: So reih'n zum innigen Vereine Sich alle deutschen Stämme gern! Das walte Gott, du Volk von Brüdern, Dann ist dein gold'ner Morgen da! Dann jubelt in den schönsten Liedern Die Welt dir Preis, Germania!" Von unserem Dichter sagt Peter Walde, selbst ein Muscnsohn, in einer biographischen Skizze: „Ja, ein Dichter, wie Julius Pohl, muß mit der Zeit ein Liebling unseres Volkes werden." Er vergleicht ihn mit Uhland, mit dem er echte deutsche Gemüthstiefe, mit Nückert, mit dem er eine erstaunliche Versgewandtheit gemein habe. „Wo man singt, dort laß Dich ruhig nieder!" so sang einer aus dem vorigen Jahrhundert. Fürwahr, noch lange möchten wir weilen in dem melodienreichen Wäldchen, das wie eine liebliche Oase aus der drückenden Hitze des Weltlebens, dem Rasseln der Maschinen und dem Klingeln des Mammons frisch und kräftig sich hervorhebt. Aber einen darf ich nicht vergessen, der wirklich Dichter von Gottes Gnaden ist, Leo van Heem siede, der Zeit und Geld durch Leitung der „Dichterstimmen der Gegenwart" der Hebung und Förderung der katholischen Poesie opferwillig widmet. Hcemstede ist eine weit umfassende Dichternatur, er ist Lyriker, Epiker und Dramatiker mit gleich durchschlagendem Erfolg, wie wir uns noch später überzeugen werden. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Das Marienbild in den ersten drei Jahrhunderten. Eine Studie von OSkar Blank. Mainz, Kirchheim. 91 Seiten. — Garucci hat in seiner Ltoria clell' arts oriskiana, not xrimi otto seeoli (krato 1872—1880) fast alle alten Marienbilder veröffentlicht, jedoch nicht immer genau und mit nur beschreibendem Text. Kraus hat in seinem Koma sottsrranea, die Forschungsresultate Nossi's mitgetheilt. Lehn er: Die Marien- vcrchrung in den ersten Jahrhunderten, 2. Auflage, Stuttgart 1886; Liell: Die Darstellungen der allerscligsten Jungfrau und Gottcsgebärcrin Maria auf Kunsidenkmälcrn der Katakomben, Frciburg 1387; ferner Wilpert: Ein Cyklus christo- logischer Gemälde aus der Katakombe der hl. Petrus und Marccllinus, Frciburg 1891, haben den Gegenstand, letztere zwei besonders die Orantenfrage eingehend behandelt. Auf protestantischer Seite haben Schul tze uud Hase »clever sich mit den Marienbildern beschäftigt. Die vorliegende Broschüre will „an der Hand der gesicherten Ergebnisse der bisherigen archäologisch-monumentalen Forschungen mit möglichster Sorgfalt und historischer Objektivität die Frage nach dein Marienbild der ersten drei Jahrhunderte einer etwas eingehenderen Prüfung unterwerfen". Demnach zerfällt die Arbeit jn drei Abschnitte: 1) das Marienbild in den ersten drei Jahrhunderten in archäologischer, 2) in dogmengeschichtlichcr und 8) in kunst- geschichtlicher Hinsicht. Die Darstellung ist klar und ruhig und zeugt von hervorragenden Kenntnissen, die Beweisführung ist gut, und der unbefangene Leser wird feinem Schlußwort voll und ganz beistimmen: „Ein neuer Beweis für die Wahrheit unserer hl. Religion ist uns geworden. Wir haben gesehen, wie nichtig der Ruf der Gegner ist, welche einen völligen Contrast zwischen dem llrchristcnthum und dem „modernen Nomanismuö" durch die Katakomben bezeugt wissen wollten. Auf Maria, welche die kath. Kirche als ihre mächtige Schirmherrin von jeher angerufen und vercbrt hat, haben auch die Christen der ersten Jahrhunderte ihr Vertrauen gesetzt. Schon damals hat die Erfüllung des prophetischen Wortes begonnen: „Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter!" Haber! Fr. T., Kirchcnmusikalisches Jahrbuch für das Jahr 1696. Regensburg, Fr. Pustet, 1896. 8". xp. Vl -s- 25 -j- 132. M. 2,00. z- Das „Kirchenmusikalische Jahrbuch" versteht es, alljährlich Neues, Anregendes und Interessantes zu bieten: Keiner, der auf diesem Gebiete sich umsieht, wird es entbehren können. AuS der gewandten Feder Waltcr's stammt die Jahreschronik (Okt. 1891—95). Haberl gibt sehr praktische Winke für Anfertigung von Musikbibliothcks-Catalogen. Uebcrraschend und hochinteressant ist ein Artikel „Rhythmische Gliederung deö > Chcrals" von dem Jesuiten Gictmann auf Grundlage der An- > ficht seines OrdeuSgcnossen DechsvreuS, welcher die.Behauptung aufstellt, der Cboral sei anfänglich im Takte gesungen worden, eine Ansicht, welche unserer bisherigen Meinung widerspricht und ganz neu ist. Man wird mit berechtigter Ncngiersc das Buch des gelehrten Jesuiten erwarten, in dem er seine Ausstellung zu beweisen sucht. Gelingt ihm das, so bedeutet seine Entdeckung geradezu einen Markstein in der Musikgeschichte. Wichtige Aufschlüsse bringt Haberl über den großen Tomas Luis de Victoria. Kleinere Notizen und Referate beschließen den staunenswcrth reichhaltige» Jahrgang, dem als musikalisches Angebinde einige Charwochen-Texte, von LuiS de Victoria herrlich in Musik gesetzt, mitgegeben sind. * Von einem Priester der Diöcese Eichstätt ist unlängst bei Ludwig Au er in Donauwörth ein sogen. „Schutzengel- brief" erschienen. Dieses kleine Heftchcn behandelt, wie schon der Titel sagt: „Mahnruf an alle Katholiken zum fleißigen Besuche deS sonntäglichen Psarr- gotteSdienstes", ein überaus zeitgemäßes Thema. Jn schlichten, aber eindringlichen Worten spricht dieses Bricfchen von der Bedeutung, von den Gnaden und Segnungen des PfarrgotteSdiensteS für diejenigen, welche eifrig und wohlvor- bercitet bei demselben erscheinen, aber auch von der schweren Verantwortung und den schlimmen Folgen für solche Katholiken, welche durch eigene Schuld ferne bleiben. Allen Herren Katecheten, sowie insbesondere den L-eelsorgcrn in Diaspora- Gemeinden dürfte die Verbreitung dieses Briefleins recht gute Dienste leisten, zumal der Preis hiefür ganz niedrig gestellt ist. DaS einzelne Exemplar kostet nur 5 Pfennige uud ist in der Michael Seitz'schen Buchhandlung in Augsburg zu haben. Die katholischen Missionen. Jlluflrirte Mouatschrift Jahrgang 1896. 12 Nummern. M. 4 — fl. 2.40 ö. W. — Frciburg im Brcisgau. Herdcr'sche VerlagS- handlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 8: Die Kapuzincrmission unter den Aurakanern in Chile. (Schluß.) — Die im Jahre 1895 verstorbenen MissionSbischöfe. (Schluß.) — Die Mandschurei und ihre Missionäre. (Föns.) — Nachrichten aus den Missionen: Türkei (Die katholische Kirche auf Kreta); China (Deutsche Offiziere; Li-bung-lfchang in Schanghai): Vorderindien (Puna; Bombay; Ceylon, das päpstliche Seminar); Dcutsch-Ostafrika(Kilima-Ndscharo); Aequatorial-Asrika(Sturm auf dem Nyanza); Nordamerika (Jndianerschulen); Brasilien (Pallottinermission); Aus verschiedenen Missionen. — Miscellen. — Diese Nummer enthält 9 Illustrationen und eine Kartenskizze. _ Kontrovers-Katechismus, kurze Begründung deS kathol. Glaubens und Widerlegung der gewöhnlichsten Einwände. Von L. v. Hammerstein, 8. ll. Verlag der Pauliuuö- Druckerei in Trier. Preis 50 Vfg. Vorliegende Schrift bezweckt, Nicht-Kathcliken mit dein kath. Glauben und besonders mit jenen Dunklen bekannt zu machen, welche für Andersgläubige von größerem Interesse sind. Von den 3 Abschnitten handelt der erste über die Religion im Allgemeinen, und es kommen hier besonders die GotieSbeweise, die Gleichgültigkeit gegen jedes religiöse Bekenntniß und der Religionswechsel treffend zur Sprache. Der zweite Abschnitt beweist die Gottheit Christi und damit die Göttlichkeit des Christenthums als einer geoffenbarten Religion. Im 3. Abschnitt vom Katholicismus werden die immer neu aufgworfcnen Fragen von der alleinseligmachenden Kirche, vom Glaubenszwang, Bibelverbot, Heiligenanbetung, Neliquienverchrung, Ohrenbeicht u. s. w. beantwortet. Die Darstellung zeigt alle Vorzüge der v. Hammerstein'fchen Bücher: einen sehr reichhaltigen, aber sicher und scharf in gefällige Theile zerlegten Stoff; eine klare, bestimmte Ausdrucksweise; Furchtlosigkeit in Hervorhebung und Beantwortung mancher tief einschneidenden Frage und schließlich eine eigenartige, interessante Auffassung. ES sei hiemit Jedem, der für religiöse Fragen sich intcrefsirt — und das sollten eigentlich Alle — angelegentlich empfohlen. _ Sagen, Gebräuche und Sprichwörter des Allgäu'S Von Dr. K. Reiser. Verlag der Köscl'schen Buchhandlung in Kempten. Von diesem Werke liegt UNS das 6. Heft vor, das sich mit den Geistcr-Sagcn im Allgäu beschäftigt und eine reiche Zahl! von Abbildungen von Orten, Kirchen, Schlössern rc. rc. bietet.' Unter den vielen mitgetheilten Mythen finden sich manche recht anmuthige. PuMV. MMur: Ad. HM in AULÄM'g.re- Druck ».Verlag deö Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Markwart von Randeck, Bischof von Augsburg (1348 - 1365 ). Ueber den obigen Bischof hat der kgl. Archivsekretär Dr. Glasschröder im historischen Verein für Schwaben und Neuburg im 15. und 22. Band der Zeitschrift 1888 und 1896 zwei äußerst gediegene Arbeiten veröffentlicht und Urkunden in Negesten im 20. Bande abdrucken lassen. Besondere Aufmerksamkeit hat er neben der Bis- thumsthätigkeit Markwarts dessen allgemein geschichtlicher Stellung und Bedeutung gewidmet, besonders seiner Thätigkeit in dem Streite zwischen Ludwig dem Bayern und den Päpsten zu Avignon und als Neichsverweser in Italien 1355. Er stützt sich dabei auf ein ausgedehntes Urkundenmaterial aus allen möglichen Archiven und Veröffentlichungen, namentlich auf neue italienische und römische Forschungen; ein Material, welches der Verfasser mit Bienenfleiß zusammengetragen und mit viel Geschick zu lesbaren Abhandlungen verarbeitet hat. Wer die Schwierigkeit zu würdigen weiß, die der spröde Akten- stoff, lose Notizen und »«zusammenhängende Urkunden einer zusammenfassenden Bearbeitung entgegenstellen, der wird dem Verfasser doppelt Dank wissen, daß er seinen Stoff so geschickt angeordnet und des Bischofs Thätigkeit in einfach schöner und objectiv ruhiger Weise geschildert hat.*) Markwart, geb. 1296, stammt aus dem schwäbischen Nittergeschlechte derer von Neidlingen, der Dienstmannen der Herzoge von Teck, die sich in drei Linien: die Neid- linger, Lichtenecker und Nandecker, theilten. Das Geschlecht erscheint häufig unter den Kanonikern zu Augsburg, und so war eS auch ein Oheim, Konrad von Randeck, später Custos der Domkirche, der den jungen Markwart nach Augsburg zog und dort erziehen ließ. An der Domschule genoß Markwart eines guten und klassischen Unterrichtes, wie aus den zahlreichen Citaten aus Klassikern, die der nachmalige Bischof in seinen Reden anzubringen liebte, zu schließen ist. In Bologna setzte er seine Studien fort, wurde durch daS Vertrauen seiner Landsleute 1322 zum Schaffner (proaurator) der deutschen Nation ernannt und erwarb sich die Würde eines Licentiaten des kanonischen Rechtes. Er bildete sich aber auch in der feinen Rittersitte und dem Waffenhandwerke aus. Nach seiner Rückkehr in die Heimath erhielt er, ohne die höheren Weihen empfangen zu haben, 1328 die Pfarrei Möhringen in Baden, wurde 1331 Subdiakon und Kanonikus zu Augsburg und lehrte als solcher das kanonische Recht den Domicellaren des Hochstiftes. Bald lenkte er die Aufmerksamkeit des Kaisers Ludwig des Bayern auf sich und wurde von ihm 1335 auserseheu, mit zwei andern rechtskundigen Klerikern die kaiserlichen Gesandten Grafen Ludwig den Aeltern und Jüngern von Oettingen (VIII und IX) an den päpstlichen Hof nach Avignon zu begleiten. Dort hat er vor Papst Benedikt XII. am 9. Oktober eine berühmte Rede gehalten, die in Niezlers vatikanischen Aktenstücken abgedruckt ist. Glasschröder gibt eine ausführliche Analyse (s. e. XV S. 27). Die Sprache ist hier sehr demüthig, und die Versicherung der Reue und des sehnlichen Wunsches nach Aussöhnung kehrt immer wieder. Der Papst war dem Redner auch sehr gewogen Die letzte Arbeit GlasschrvderS 1896 ist auch separat zu haben und wird den Lesern der Augsb. Postztg. angelegentlichst empfohlen. und ernannte ihn 1336 zum Dompropst von Bamberg. Als er aber 1343 von einem Theil des Bauiberger Kapitels zum Bischof erwählt wurde, bestätigte ihn der strengere Nachfolger Bencdikts, Clemens VI., nicht und ernannte 1344 Friedrich v. Hohenlohe zum Bischof. Und doch war Markwart kein blinder Anhänger Ludwigs; er ließ der Kurie volle Gerechtigkeit zu Theil werden. Er denkt genau wie Bonifaz VIII.: Die geistliche und weltliche Gewalt verhalten sich wie Sonne und Mond, Gold und Blei; aber auch die weltliche Gewalt sei eine göttliche Einrichtung, und Ludwig sei rechtmäßig (aunonioa) gewählt worden. Die geistliche Gewalt solle dafür sorgen, daß die weltliche Achtung und Gehorsam finde, der Kaiser bedürfe den Arm der Kirche, um mit den Bösen der Welt aufzuräumen. Die Maßlosigkeiten vieler Anhänger Ludwigs billigte er nicht, ebensowenig die früheren Ausschreitungen des Kaisers selbst. Als daher 1447 Ludwig gestorben war, konnte er, ohne treubrüchig zu werden, dem „Pfaffenkönig" Karl IV. huldigen. Er wurde auch gleich von letzterem zu einer Sendung nach Avignon verwendet, um vom Papste die Befreiung der Anhänger Ludwigs von den kirchlichen Censuren zu erwirken. Markwart erlangte dies nicht nur, sondern auch das volle Vertrauen des Papstes, der ihn im Mai 1348 zum Bischof von Augsburg ernannte; obwohl der Anhänger Ludwigs des Bayern, Bischof Heinrich von Schöneck, noch lebte und selbst von Kaiser Karl IV. begünstigt wurde. Es dauerte aber fast ein Jahr, bis ihn die Augsburger Bürgerschaft festen Fuß fassen ließ, und erst 6. Januar 1350 kam zwischen dem Randecker und Schönecker durch Vermittlung der Grafen Ludwig und Friedrich von Oettingen (Vertreter des Schöneckers) und des Dompropsts Eberhard von Tumnau (Vertreter Markwarts) ein Vergleich zu Stande. Darnach versprach Markwart dem Schönecker gegen dessen Verzicht, einen Bisthumstitel zu gewinnen, die Burg Zusamegg auf Lebenszeit zu überlassen und ein Jahrgeld von 400 Pfund Heller zu bezahlen, sowie eine Domherrnpfründe. Unter Heinrich von Schöneck war das Bisthum arg verwahrlost worden, viele Güter und Rechte waren verloren gegangen und Schulden aus Schulden gehäuft. Markwart konnte nicht einmal die „Kanzleisporteln"*) von 800 Eoldgulden an die Kurie bezahlen und wurde, da er den Termin immer weiter hinausschob, excommunicirt und empfing wider Wissen als Excommunicirter die Priester- und Bischofsweihe, letztere am Osterfeste 1354 in der Klosterkirche zu Kaisheim. 1355 und 56 konnte er endlich seinen Verpflichtungen nachkommen. Der Kaiser half ihm die verwirrten Finanzen verbessern, ließ die Judenschulden uach(I), gestattete, daß er die vom Reich verpfändeten augsbnrgischen Güter und Rechte wieder einlöse, und gewährte 1356 eine neue Münzstätte, nachdem die alte an die Bürgerschaft verloren war. Mit der Bürgerschaft gerieth der Bischof öfters in Streit wegen der Gerichtsbarkeit und des Steuerrechtes, besonders wegen einer Getränksteuer (Ungeld). Gegen adelige Raubritter ging er strenge vor und brach schon 1349 die zwei Burgen Mindelberg und Brenz. Sehr zahlreich sind die Erwerbungen, die durch ihn geschahen. Glasschröder führt sie ! *) So nennt Glaöschröder die Schuld; wäre es Vielleicht- ' nicht richtiger „Annaten" zu jagen,? 274 in gedrängter Zusammenfassung auf und bietet in nachfolgenden Ncgesten genauere Angaben. Ueber den weltlichen Geschäften vernachlässigte Mark- wart nicht den geistlichen Zustand der Diöcese, ordnete sogleich eine Visitation an, erließ Verordnungen zur Wahrung des ciseorurn olsriorüs, sorgte für genügenden Unterhalt der Pfarrer und trat gegen jede Verschleuderung von Kloster- und Stistsgut ein (S. 53). Da er oft abwesend war, setzte er einen Generalvikar ein, damit die Verwaltung nicht Noth leide. Interessant ist die Verordnung über die geistliche Tracht. Die Aermcl des Unterkleides sollten nicht um mehr als Handbreite über den Ellbogen, die Aermel des Oberkleides aber nur bis zum Ellbogen reichen. Die Geistlichen sollten ferner den Gürtel über dem Oberkleide nicht ablegen, keine in die Augen fallende Waffen oder Schwerter tragen und sich der „zerschnittenen" Schuhe, wie sie die Laien tragen, sowie der Kukulle nicht mißbräuchlich bedienen. Zur Zeit des Gottesdienstes solle endlich kein Geistlicher ohne Röchet die Kirche, der er angehöre, oder ms Kloster, dem er vorstehe, betreten. Indessen vermochte den kräftigen Mann die stille Diöcesanarbeit nicht ausschließlich zu fesseln und zu beschäftigen; sein Geist, der zwischen dem Papstthum und dem Kaiserthum hin- und herzufliegen gewohnt war, strebte nach weiterem. Er war 1355/56 Neichsverweser in Italien — über diese Zeit bringt Glasschröder äußerst interessante Mittheilungen — und ließ seine Hand kräftig fühlen. 1365 wurde er zur wichtigen Stelle eines Patriarchen von Aquileja erhoben — die Patriarchen von Aquileja haben eine Zeit lang sogar Rom Trotz geboten. Die Aqnilejercpoche (1365—1381) hat Glasschröder nicht behandelt, sie ist in kurzen Umrissen geschildert im Artikel der Allg. deutschen Biographie XX, 410 über ihn. Hier heißt es, man gewinne eine günstige Vorstellung von Markwarts Umsicht und Tüchtigkeit, wenn man sehe, wie -r als Ausländer den unbotmäßigen Vasallen Friauls Gehorsam abnöthigte und zwischen den Carraresen zu Padua und den Venetianern sich zu halten wußte. Ein unvergängliches Denkmal setzte sich Markwart durch die Codisicirung des Friaul'schen Rechtes in den Lonstitutiones xatria.6 lorogutiensis, das er schon 1366 dem Stände- parlament vorlegte. Alles in allem gewährt das Leben Markwarts das Bild eines ungemein kräftigen, eifrigen und klugen Regenten mitten in den trüben Zeiten des 14. Jahrhunderts. Zwar fehlt ihm der spezifisch geistliche Charakter, und die Welt der aufkeimenden Mystik lag ihm sicherlich ferne. Er hielt nicht auf geistliche Correctheit, aber sein Maßstab war ihm das kanonische Recht. Er ging von juristischen Gesichtspunkten aus, war gewandt in diplomatischen Formen und ließ sich auch von dem camsralistisch-finanziellen Zuge der Zeit, der seit dem Ende deS 13. Jahrhunderts in allen Herrscherfiguren zu bemerken ist, nicht unwesentlich bestimmen. Das Rechnungswesen spielt eine große Rolle in seinem Leben. Deßwegen war er aber noch kein Bureaukrat; der kriegerische Zug ist stärker, als selbst beim Kaiser Karl IV. Er war ein tüchtiger Kriegsmann und blieb Tage lang im Harnisch. Mit besondern: Vergnügen hat er die stolzen italienischen Städte gedemüthigt, Pisa 1355, dem er 13,000 Goldgulden auflegte, Florenz 1368 und zwang es zur Bezahlung von 50,000 Goldgulden an Kaiser Karl, und endlich hat er in der großen Coalition gegen Venedig 1379 Belluno gedemüthigt und Trieft den Venetianern entrissen. Noch vor Schluß des Venetianischen Krieges starb er in dem für die damalige« Zeiten sehr hohen Alter von 85 Jahren. vr. G. Grupp. Der dritte internationale Congreß für Psychologie. Von Charles Saint-Paul. (Fortsetzung.) Dem vulgären anatomischen Materialismus trat später Professor H. Obersteiner (Wien) in seinen Erörterungen über „Die materiellen Grundlagen des Bewußtseins" (Sektion I.) entgegen. Man könne zwar, so führte er aus, nicht anzweifeln, daß in der inneren Organisation des Nervensystems gewisse Bedingungen gegeben sind, welche das Zustandekommen jener Vorgänge ermöglichen, die man als „bewußte" zu bezeichnen Pflegt. Es sei aber doch noch keineswegs erwiesen, daß diese in dem anatomischen Bau des Gehirns gelegenen Bedingungen auch nur annähernd genügen, uns die Bewußtseinsakte verständlich zu machen. Man sei sehr gerne geneigt, auf Grund sehr schwankender Hypothesen Theorien über die seelischen Prozesse aufzustellen, die sich anscheinend auf anatomische Thatsachen stützen, einer strengeren Kritik aber doch nicht Stand halten können. Selbst das Dogma, daß die Hirnrinde Sitz des Bewußtseins sei, ist durchaus nicht fest fundirt; es gebe sogar manche dieser Anschauung eher widersprechende Erscheinungen. Noch weniger unanfechtbar seien jene Thatsachen, die speciell einzelne Theile der Hirnrinde, z. B. die Rinde des Stirnlappens, als „Sitz der Intelligenz" auffassen lassen wollen. Wenn man in jüngster Zeit Bewegungen an den Nervenzellen oder Gliederfasern zu einer Erklärung der verschiedenen Vorgänge und Zustände des Bewußtseins herangezogen habe, so fehlten für die Berechtigung einer solchen Annahme auch schon die sicheren Beobachtungen. Die Associationsbahnen zwischen den einzelnen Ntndenstellen können und werden bei der psychischen Thätigkeit jedenfalls in Aktion treten, aber als bloße Leitungsbahnen nicht den Ausgangspunkt oder das Centrum darstellen. Wir seien nicht im Stande, in unseren jetzigen anatomischen Kenntnissen die genügenden Grundlagen für das Verständniß der seelischen Vorgänge zu finden. Einen eifrigen Vorkämpfer fand Darwin's Lehre in Pros. W. Preyer (Wiesbaden), der in seinem längeren Vortrage über „Die Psychologie des Kindes" es bedauerte, daß, während auf beinahe allen Gebieten der Biologie die von Darwin gefundene und zuerst erprobte genetische Methode mit großem Erfolge angewendet wird, die Psychologie, wenigstens in Deutschland, also in ihrer Heimath, bis jetzt durch dieses neue mächtige Forschungsmittel im Allgemeinen fast gar nicht und im Einzelnen nur hie und da, man könnte sagen sporadisch, gefördert worden. — In dem Begriffe der Entwicklung liege immer die generelle und individuelle Entwicklung. Daß diese letztere eine abgekürzte und oft durch Anpassung wesentlich modifizirte Wiederholung der Stammesentwicklung sei, werde sür die Gestaltung der Organismen nicht mehr bezweifelt. Für die Psyche ist es nach seinen Beobachtungen an Kindern und jungen Thieren nicht minder gewiß. Daher sei die Psychologie des Kindes und die vergleichende Psychologie von der größten Wichtigkeit für die Erkenntniß der ganzen psychischen Organisation des Menschen und werde es bleiben. Die geistige Entwicklung des ganzen Menschengeschlechtes finde sich abgekürzt im Kinde wieder. Redner schloß diese seine Ergänzungen 275 des Darwinistischen Evangeliums mit dem Ausdrucke der Hoffnung, daß sie dazu beitragen würden, in Deutschland zur gründlichen wissenschaftlichen, d. h. natürlich physiologisch-psychologischen Untersuchung des kleinen Kindes anzuregen. Eine Fülle von neuen Thatsachen sei hiernach zu entdecken, die theoretisch sehr weit reichen und praktisch neue Hilfsmittel zur Förderung der Menschwerdung des Kindes in Aussicht stellen Energischen Widerspruch fanden gewisse Behauptungen des Dr. O. Näcke, Oberarztes an der Irrenanstalt HnbcrtuSbrrrg bei Leipzig, der „Ueber Criminalpsychologie" (Sektion III.) sprach. Er will als Vergleichs- und Ausgangspunkt der criminalpsychologischcn Erörterungen die untere Volksschicht, die Matrix der meisten Necidivisten, betrachten. Er ist der Ansicht, daß im untersten Volke im Ganzen schon die Sinnesempfindung, die Ncceptions- organe, ebenso die Denkoperationen, die „persönliche Gleichung", endlich auch die sogenannten Charaktereigenschaften, welche in letzter Instanz auf Gefühlsbetonung, Affekten beruhen, stumpfer sind, als in den oberen Schichten. Dies müsse natürlich bei den Verbrechern auch der Fall sein, nur daß hier diese oder jene Componente schärfer hervortritt, bedingt durch das endogene Moment, den stärkeren „Keim zum Bösen", durch das ungünstige Milieu, die größere Trunksucht rc., wodurch besonders die Faulheit, Lügenhaftigkeit, ethische Stumpfheit rc. großgezogen werde; secundär werde dann Weiteres durch daS Zusammenleben mit andern Verbrechern hinzugefügt, was eine gewisse Klassenähnlichkeit verleihe. Trotz alledem könne aber Specifisches hierin kaum gefunden werden. Es handle sich nur um graduelle Unterschiede von der untersten Volksseele, genau so, wie es keinen eigentlichen anatomischen Verbrechertypus gibt, sondern nur gewisse Abnormitäten, die schon bei Normalen vorkommen, sich gehäufter bei Verbrechern vorfinden, und dies zwar als Ausdruck des endogenen Moments, das das sociale meist an Wichtigkeit übertreffe, wie er jetzt glaube. Wenn also die meisten Autoren scharf ausgeprägte psychologische Züge bei den Verbrechern finden wollen, die den Ausdruck „Criminalpsychologie" rechtfertigen, so kommt dies, wie er vermuthet, daher, daß 1) alle Kategorien von Verbrechern in Betracht gezogen wurden, — oft durchaus heterogene Elemente, — 2) die vielen darunter befindlichen Geisteskranken, Epileptiker, Schwachsinnigen nicht ausgeschlossen wurden, und endlich 3) weil die Psyche der untersten Volksschicht zu wenig Berücksichtigung fand. In der auf den Vortrag folgenden Debatte traten verschiedene Fachmänner dieser Kennzeichnung der „untersten Volksseele" energisch entgegen und wiesen darauf hin, wie einseitig und unrichtig es sei, gerade bei den jetzt zu Tage tretenden Verhältnissen die intelligenteren und „besseren" Kreise criminalpsychologisch auszunehmen. Speciell opponirte auch Dr. I. Jäger, prot. Pfarrer und Strafanstaltsgeistlicher (Ebrach), auf Grund seiner eigenen Erfahrungen. Derselbe hielt selbst einen interessanten Vortrag über Willensanomalien, in welchem er deren 2) Eine eingebende Besprechung der Vortrüge der dritten allgemeinen Sitzung würde zu weit führen. In derselben behandelte Pros. Franz Brentano (Wien) die Lehre von der Empfindung, speziell dcn Jntcnsitätsstrcit, Pros. TH.Lipps(München) den Begriff des Unbewußten in der Psychologie, des realen, von dem unmittelbar Erlebten unabhängigen Ich, und Pros. H. Ebbinghaus (Brcölau) erstattete über eine neue Methode zur Prüfung geistiger Fähigkeiten und ihre Anwendung bei Schulkindern Bericht, i Genese, die Abulie, ihr Verhältniß zu den Depresfions- zustünden, die Hhperbulie, ihr Verhältniß zu den Exal- taiionszuständen und die Dysbulie, ihr Verhältniß zu der Criminalität einerseits und zur „rnoral insanitzc» andererseits in Betracht zog. Mit Rücksicht auf die Prognose und Therapie der Dysbulie empfiehlt er das Zusammenwirken der betheiligtcn Faktoren, Kirche, Schule, Staat, der öffentlichen und privaten Wohlthätigkeit zur Bekämpfung der Ursachen, der Prostitution, des Bettels, der Vagabondage, des Alkoholismus. Wir glauben, daß aus den zahlreichen Vortrügen der Sektion III besonders noch der des vr. Franz C. Müller (München) „Ueber den Selbstmord und seine Beziehungen zum Alkoholismus" Interesse bietet. Redner constatirte eine ständige Zunahme des Selbstmordes, die nur in den letzten Jahren einer Stagnation Platz gemacht habe. Neben Noth, Krankheit und Sorge müsse auch der Alkoholismus als eine der Ursachen des Selbstmordes erscheinen. Es sei durch die Statistik bewiesen, daß auch dieser progressiv wächst. Namentlich in solchen Ländern, in welchen dem Ausschank keine gesetzlichen Schwierigkeiten bereitet werden, ist der Consum an Wein, Bier und Schnaps gestiegen. Da das Bier nicht weniger schädlich wirke, als der Schnaps, der Alkohol nicht allein in concentrirter, sondern auch in verdünnter Form de- struirend auf Gehirn und Körper wirke, sei es falsch, den Bierimport oder die Bierproduktion zu begünstigen. In denjenigen Ländern, welche durch eine weise Gesetzgebung dem Consum einen Riegel vorgeschoben haben (Norwegen), ist nicht nur der Verbrauch in auffallender Weise gesunken, auch die Menge der Selbstmordfälle hat sich deutlich vermindert. Redner empfiehlt energisches Zusammenwirken gegen das „Völkergift" des Alkoholismus. Die ersten Vortrüge der Sektion IV waren der Psychologie des Schlafes und Traumes gewidmet. Zuerst sprach vr. Santa de Sanctis, Adjunkt der psychiatrischen Klinik der k. Universität Rom und Docent der Psychiatrie, über „Träume und Gemüthsbewegungen" (LoZniot Lwo- moni). Er zog einige interessante Folgerungen aus eigenen Forschungen hinsichtlich der Einwirkung der Gemüthsbewegungen auf das Traumleben, z. B. daß Gemüthsbewegungen, die eine allzu intensive organische Störung oder einen übermäßigen Kräfteverbrauch verursachten, auf den Schlaf nur sehr schwierig und sehr langsam einwirken; er nimmt die Existenz eines emotionellen Gedächtnisses an, welches unterschieden und, bis zu einem gewissen Punkte, unabhängig von dem „intellektuellen" Gedächtnisse ist. Pros. Dr. Mourlh Bold von der Universität Christiania sprach über „Einige Experimente über Gesichtsbilder im Traume". Er behandelte seine Versuche zur Bestimmung der Wirkung, welche die Abends beim Einschlafen gehabten Gesichtsbilder auf das Traumleben der kommenden Nacht ausüben. Er hat diese Experimente während der letzten 7 Jahre periodenweise und gruppenweise mit verschiedenen Personen ausgeführt, indem er den wahrscheinlichen Erfolg im voraus verheimlichte. Unmittelbar vor dem Einschlafen ließ er einen kleinen, gefärbten, plastischen Gegenstand oder eine kleine Figur, die er eben aus einem Packete herausgenommen und die deßhalb einige Ueberraschung bewirkten, bestimmt und deutlich fixiren. Am folgenden Tage ließ er sich Bericht erstatten. Die wichtigsten Erfolge der im Ganzen etwa 300 betragenden Einzelversuche waren folgende Feststellungen: 1) daß Form, Farbe und Größe des Wer- suchsgegenstandes sehr selten alle unverändert wiederkehren; 2) daß Form und Große sich zuweilen von der Farbe und häufig unter sich trennen, beide sich ändern oder verschwinden. Interessant sind auch seine Beobachtungen hinsichtlich der Farben gewesen; wir können jedoch hier auf dieselben nicht eingehen. Von praktischer Bedeutung war der folgende Vortrag von E. Nömer (Heidelberg) „Ueber einige Beziehungen zwischen Schlaf und geistigen Thätigkeiten." Redner berichtete über Experimente, die er im psychologischen Laboratorium der Heidelberger psychiatrischen Klinik angestellt hat, um die psychische Leistungsfähigkeit 1) zu verschiedener Zeit nach dem normalen Schlafe und 2) nach Morgens und Abends abgekürztem Schlafe zu untersuchen. Dabei diente ihm als Methode 1) das Auswendiglernen einstelliger Zahlen in Reihen von je zwölf, 2) das Addiren einstelliger Zahlen, 3) die Messung von Wahlreaktionen und 4) von Associntionsreaktionen. Die Hauptpunkte seiner Resultate erwiesen nun Folgendes: I. Der Zustand kurz nach dem Aufstehen nach normalem Schlafe besteht in einer mehr oder weniger großen Müdigkeit. II. Kürzen Personen, die ihre größte Schlaftiefe erst gegen Ende der Nacht erreichen, ihren Schlaf Abends ab, so wird dadurch meist die Leistungsfähigkeit am folgenden Morgen so gut wie gar nicht beeinträchtigt, weil sich der so abgekürzte Schlaf entsprechend mehr vertieft. Kürzen diese Personen aber den Schlaf Morgens ab, so resultirt ein Zustand der Ermüdung. III. Bei Individuen, deren größte Schlaftiefe sehr bald nach dem Einschlafen erreicht ist, wird nach Abends abgekürztem Schlafe die Leistungsfähigkeit am folgenden Morgen nur wenig oder gar nicht beeinträchtigt, da sich der abgekürzte Schlaf ebenfalls meist vertieft. Noch geringer ist bei diesen Individuen die Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit nach Morgens abgekürztem Schlafe. In keinem von beiden Fallen ergaben bei ihnen die vorliegenden Versuche eine deutliche Ermüdung nach abgekürztem Schlafe, sondern nur eine gewisse Müdigkeit mit Symptomen, auf die Redner in seinen Erörterungen wiederholt hinzuweisen Gelegenheit fand. Er hält den principiellen Unterschied zwischen Müdigkeit und Ermüdung als das wichtigste Ergebniß der Versuche. Besonders macht er noch auf die Bedeutung seiner Resultate für die Schulhygiene aufmerksam; es dürste seiner Ansicht zufolge hier besonders bcachienswerth sein die Ermüdung nach Morgens abgekürztem Schlafe bei Individuen, die ihre größte Schlaftiefe erst gegen das Ende ihres Schlafes erlangen, sowie die größere Ermüdbarkeit für schwerere und die geringere Uebungssähigkeit auch für leichtere geistige Arbeit in der Müdigkeit nach normalem Schlafe. — Wie werden sich unsere Jungen, die meist ihre größte Schlaftiefe erst gegen das Ende ihres Schlafes zu erlangen scheinen, freuen, wenn diese bedeutungsvollen Resultate in den Erziehungsanstalten berücksichtigt werden! Professor Ottomar Nosenbach von der Universität Breslau hielt einen längeren Vortrag über den „Mechanismus des Schlafes", in welchem er auch in längeren Erörterungen über den hypnotischen Schlaf sich verbreitete. Nicht zustimmen können wir seiner Behauptung, daß im hypnotischen Schlafe nicht nur keine bewußte Vorstellung stattfinden kann, sondern auch die wichtigen körperl. Transformations- resp. Negenerationsprocesse, die den normalen Schlaf charakterisiern, nicht stattfinden können, „weil die Hypnose ja gerade nur die Oberflächenspannungen, die den KKrtzzr von den Massen der Außenwelt isoliren, — ihn sich als Einheit der Masse bethätigen lassen, — besonders begünstigt und sie nicht, wie der Schlaf, zu Gunsten der inneren Arbeit, des stärkeren Betriebes der kleinsten Maschinen (Energeten) aufhebt". Es haben doch die bedeutendsten Forscher auf dem Gebiete der Hypnose darauf hingewiesen, daß in derselben vielfach ein erhöhtes Transformations- und Negenerationsvermögen sich zeigt. Brmerkenswerth war auch der Vortrag des Münchener Arztes Dr. Billinger über „Die niederen Körpertemperaturen im Winterschlaf und ihr Verhältniß zur Infektion". Er will die Frage beantworten, ob, angenommen, daß die Temperatursteigerung im Fieber ein antibakterieller Faktor ist (den Bacillen verderblich ist), und ebenso die Temperaturerniedrigung, es möglich ist, die Körpertemperatur bedeutend zu erniedrigen, ohne daß das Leben dabei gefährdet wird. Er bespricht einige Thatsachen, die als Beweis dafür gelten können, daß dies unter Umständen möglich ist, unter andern auch die Wirkung des hypnotischen Einflusses in dieser Hinsicht, der sich z. B. im Fakirschlaf und bei Versuchen von Krafft-Ebing (35°), von Maras und Hellich (32°) gezeigt hat. Er meinte, daß dieser sich unter Umständen therapeutisch verwerthen lassen könnte, zumal wenn die Garantie des Nutzens eines derartigen Experimentes gegeben werden könnte. Er kam nun auf den Winterschlaf der Thiere zu sprechen und bemerkte, wie in demselben ein Zustand erkenntlich ist, in dem sich diese niederen Körpertemperaturen von selbst einstellen. Seine Versuche an Winterschlafenden Thieren jedoch, wie an Haselmäusen und Murmelthieren, mit Milzbrand-, Rotz- und Tuberkelbacillen haben negativen Erfolg gehabt, nur ein Versuch mit einem Bakteriengift (Tetanusgift) hatte bis zu einem gewissen Grade positiven Erfolg. (Fortsetzung folgt.) Beiträge zur Entzifferung der mosaischen Schvpfungsurklmde. Von Joh. Bumüller, Kaplan in Holzheim. (Fortsetzung.) Der zweite Tag schildert die Sonderung der Gewässer über und unter dem Firmament. Mit der Lichtentwicklung im Universum ist dessen beginnende Entwicklung selbst angedeutet, so daß der erste Tag die erste Entwicklung aller Welten in sich schließt. Diese weiter zu verfolgen, hat aber für den Zweck der hl. «Lehnst keinen Werth, weßhalb der Bericht nun auf den Wohnort des Menschen übergeht. Aber ist hier nicht ein großer, unmotivirter Sprung: am ersten Tag die in Entwicklung übergehende Urmaterie, aus welcher sich einst auch die Erde bilden soll, am zweiten Tage bereits die von einer festen Kruste umzogene Erde mit Meer und Wolken? Nein; denn in Wirklichkeit ist hier eine schöne Eintheilung der Entwicklungsphasen der Erde. Am ersten Tage nämlich führt uns der Bericht die Erde in ihrem feurig-glühenden Zustande vor Augen, am zweiten Tage stellt er jenen großen Wendepunkt in der Entwicklung der Erde fest, da sich der feurige Ball in Folge von Abkühlung mit einer festen Kruste umgab, auf der sich nun jenes die Erde aufbauende und umbildende Element, das Wasser, niederschlagen und so in den anfangs in Dampfform den Erdball umgebenden Wassermassen die Scheidung derselben zwischen Gewässern oberhalb und unterhalb der Ausdehnung, zwischen Meer und Wolkenbildung, stattfinden konnte. Wir sehen,, in dieser Hinsicht findet auch 277 der erste Tag seine Erklärung und Bestätigung durch die Naturwissenschaft; der zweite Tag stimmt mit der von der Naturwissenschaft geforderten Entwicklung der Erde ganz überein. Am dritten Tage sondert sich nun das Festland vom Meere ab, die ersten Continente resp. Inseln treten hervor. Wie die Schale eines aus» trocknenden Apfels, in Folge Klcinerwerdens der Fleisch» Masse, Runzeln bildet, ähnlich ungefähr trat bet der Erde in Folge der durch die Abkühlung bedingten Zusammen- ziehung des Erdkernes eine Zusammenziehung und Falten- bildung der Erdrinde ein. Anfangs waren die Faltungen und Stauchungen zu unbedeutend, als daß sie den Spiegel des Urozeans erreicht hätten. Als sich aber der feuerflüsstge Erdkern immer mehr abkühlte und zusammenzog, so mußte auch die nachsinkende Erdrinde immer mehr sich zusammenziehen und mußte das Zuviel ihrer Oberfläche nach oben entweichen, d. h. die Faltungen nahmen an Höhe zu, bis sie schließlich den Spiegel des Urozeans zu überragen begannen: erstes Auftauchen oes Festlandes. Auch das Wasser arbeitete bei Bildung desselben mit, doch in mehr untergeordneter Weise. Wir können also bis jetzt noch nicht das geringste Bedürfniß verspüren, die chronologische Reihenfolge der Bibel fallen zu lassen. Der dritte Schöpfungstag berichtet uns ferner noch von der Entstehung der ersten Organismen, der Pflanzen. Hier gäbe es zwei wichtige Fragen zu besprechen, die wir nur kurz berühren können. Erstens einmal: sind pflanzliche Organismen wirklich vor den ersten thierischen entstanden? Die Paläontologie kann nach den bisherigen Funden weder einen strikten empirischen Beweis dafür noch dagegen erbringen. In den ältesten Schichten, dem unteren Kambrium, finden wir Thiere in überwiegender Zahl. Allerdings gibt es auch unterkambrische sogenannte Fukoidensandsteinc, welche nur Pflanzcnreste enthalten sollten. Allein diese angeblichen Fossilien werden jetzt mit Recht als Abdrücke von Thierspuren, zufällig entstandene Vertiefungen und Rinnen, nach Koken auch manche als zufällige, durch die Bewegung von harten Fukoidenstengeln auf dem Meeresboden entstandene Eindrücke angesehen. Doch von diesen kam- brischen Schichten dürfen wir auch gar nicht erwarten, daß in ihnen Pflanzen allein enthalten sind, denn die ersten und ältesten Organismen waren zweifellos in Folge ihrer zarten Struktur gar nicht versteincrungsfähig, und schon deßhalb dürfte es — neben anderen Gründen — einem stichhaltigen Zweifel nicht unterliegen, daß die erste Entwicklung der Organismen noch weit hinter dem Kambrium zurückliegt. Mehr theoretische Erwägungen dagegen führen uns mit größerer Bestimmtheit zu der biblischen Behauptung von der Priorität der ersten pflanzlichen Organismen. Senft schreibt in seinem Handbuch oer Geologie Seite 785, daß Pflanzen die ersten Organismen sein mußten, da sie, um die Existenz thierischer Organismen zu ermöglichen, das Wasser von den vem Thierleben schädlichen Substanzen wie von löslichen Mineralsalzen und besonders von der Kohlensäure, die sie einathmen, befreien und dasselbe zugleich mit dem für die Thiere unumgänglich nothwendigen Sauerstoff, den sie ausathmen, zu versorgen hatten. — Außerdem neigt man immer mehr der Ansicht zu, daß in den Anthraziten, Graphiten u. s. w. der vorkambrischen Schichten Ueberreste organischer Wesen zu erblicken seien. So sagt z. B. Senft in seinem citirten Werke S. 755: „Wenn man bedenkt, daß noch gegenwärtig der abgestorbene Pflanzenkörper durch den Verkohlungsprozeß nach und nach in Torf, Braunkohle, Steinkohle und Anthrazit umgewandelt wird, wie sich in den ersten Stadien dieses Prozesses viel Kohlenwasserstoff-Verbindungen (Asphalt und Bitumen) entwickeln, welche von den sie umgebenden schlammigen oder doch weichen und noch durchdringbaren Gesteinsablagerungen in der nächsten Umgebung der verkohlenden Pflanzenmaffen aufgesogen werden, — und dann im zweiten Stadium des Verkohlungsprozesses eine fast nur noch aus Kohlenstoff bestehende Kohlensubstanz, — der Anthrazit, — übrig bleibt; wenn man ferner bedenkt, daß — wie man in jeder Gasfabrik beobachten kann, — wenn eine bitumenreiche Kohle unter Luftabschluß stark erhitzt wird, nicht nur ihr ganzer Gehalt von Bitumen, sondern auch ein Theil ihres Kohlenstoffes sich verflüchtigt, welcher sich dann beim Eindringen in kältere Räume als Graphit wieder absetzt; wenn man ferner berücksichtigt, daß selbst in heißen Quellen (— z. B. in den 36 Grat warmen Quellen von Bormio —) noch gegenwärtig Gallert? algen in großer Ueppigkeit wuchern, und daß dann dieselben nach ihrem Absterben einen bitumenreichen, kein« Spur von organischer Struktur mehr zeigenden Kohlenschlamm entwickeln (— wie dieses auch der Fall ist mit dem auf den Grunde von tiefen, stehenden Gewässern verkohlenden Algen, welche bekanntlich den feinsten Pech- und Baggertorf liefern —), — wenn man dieses alles ins Auge saßt, so gelangt man freilich zu der Ansicht, daß all der Graphit und Anthrazit, sowie auch das Bitumen im Urgneis, Urkalkstein und Magneteisenerz Produkte der Verkohlung von Gallertalgen sind, welche sich schon kurze Zeit nach der Entwicklung der eben genannten Urgesteine auf dem Grunde des warmen Ozeans entwickelt und sich bei ihrer Verkohlung unter dem vollen Verluste ihrer ganzen organischen Struktur in reine Kohle umgewandelt haben. Vielleicht ließe sich dann durch diese Ansicht auch der Reichthum von Schwefelerzen in der Urgneisformation ^klären; denn diese konnten sich am ersten entwickeln aus der Einwirkung des sich bei der Verkohlung dieser Algen reichlich erzeugenden Schwefelwasserstoffes auf die damals im Ur- ozeane noch vorhandenen Metallsalze." Hiemit können wir sagen: die Naturwissenschaft macht die von der Bibel behauptete Priorität der Pflanzen sehr wahrscheinlich, kann sie jedenfalls nicht widerlegen. (Schluß folgt.) Ein Literaturbild aus der Gegenwart von Joh. Bapt. Föhr. (Forrsetzung.) Ein erlauchtes Glied des bayerischen Königshauses Wittelsbach ist es, das sich zur Ehre anrechnet, eine Zunftgenossin Deutschlands katholischen Sängerbundes zu sein. Es ist das die hochedle Spanierin Prinzessin Ludwig Ferdinand. Den Lesern vom „Deutschen Hausschatz" glaube ich entgegenzukommen, wenn ich ihnen meine Ahnung verrathe, daß wir die Verfasserin der blüthenduftigen, so unendlich wehmuthvollen „König- Ludwig-Novelle" „Ein ewiges Geheimniß" in dieser hohen Dame vermuthen dürfen. (Hausschatz Heft 10.) Viele Sänger hätte ich noch zu nennen, die bekannt geworden sind und, falls dem nicht so ist, verdienen, bekannt zu werden. Namen, wie: Happe, Freeriks, Jüngst, Jseke, Singolt in München, Herbert (Frau Therese Keiter), Eichert, Alinda Jakoby, Cordula Pere- grina, Eggert, Hermann Schilling, F. I. Holly, Eschel- 278 'L»-. bach, Zlatnik, sind würdig, der deutschen Leserwelt empfohlen zu werden. Manche von ihnen werden uns auf dem Felde der epischen Dichtung wieder begegnen. Und was singen denn unsere Dichter und Dichterinnen im deutschen Dichterwald? Lieder und Gesänge in jed- mögltchem Rhythmus, in allen Tonarten, doch nicht im leichtfertigen Tone der blassen Sinnlichkeit. „Was nicht gut ist, kann nicht schön sein", das ist ihr oberster Grundsatz. Sie singen von Liebe, die den Frühling des Lebens als schöne Zugabe begleitet, vom blühenden Lenz, vom reifenden Sommer, vom stürmischen Herbst, vom kalten Winter, dann wieder vom deutschen Wald mit seiner grünen Herrlichkeit, seinem goldigen Grün und heitern Vogelfang, wieder dann von einem Silberquell, von herrlichen Thälern, wo die bunteste Blumenwelt mit würzigem Hauch die Luft durchduftet, die nach der idealen Anschauungsweise der Dichter von engelholden Wesen bebaut zu sein scheinen — o, das klingt wie Abendglocken- klingen über stille Sommerlandschaft hin. Aber wie im Chamounythal die Wasserfalle in einer Symphonie zu- sammenrauschen, darein der Lawinen Donner sich mischt, so tönen die Lieder und Klänge wuchtig und kernig in einander. Hier ist das deutsche Lied nicht zur lüsternen Sirene geworden, das deutsche edle Mädchen nicht zur welschen Dirne, die junge Herzen schrullenhaft, übellaunig und griesgrämig macht, hier ist die Muse angethan mit wunderbarer Größe, Würde und Erhabenheit, die mit herzbeglückendem Genuß die schöne Seele labt. Denn dem reinen Künstler wohnt auch der Funke der höheren Weihe der Kunst inne, und seine keuschen Ideale sind Glaube, Liebe, Vaterland. 2 . In der lyrischen Dichtung haben als leuchtende Vorbilder Uhland und Eichendorff den Ton angegeben. Nedwitz' „Amaranth" und Scheffel's „Trompeter von Säkkingen" haben den epischen Dichtern ihre Wege vorgezeichnet, ohne deßwegen in ihnen blinde Nachahmer zu finden. Weber und Brill ruhen nun längst unterm kühlen Nasen, aber Genossen von ihnen weilen noch unter uns. „Daß Behringer nicht schon einen Namen hat, wie der Dichter von ,Dreizehnlinden*, ist nicht seine, das ist die Schuld eines Jahrhunderts, das für religiöse Epen im Stile des Mittelalters wenig Sinn mehr hat," sagt Keiter sehr bezeichnend für unsere Zeit vom bayerischschwäbischen Dichter (geb. 1828 zu Babenhausen, nun Eymnasialrector in Aschaffenburg). Großes Aufsehen hat er erregt mit der epischen Dichtung „Die Apostel des Herrn". Schönheit der Sprache, Tiefe der Gedanken reichen sich die Hand, die Dichtung zu einer der bedeutendsten unserer Tage zu stempeln. Frühere Werke, „Das Morgenopfer" und „Das Felsenkreuz", haben dem Verehrungswerthen Dichter viele Freunde zugeführt. Ein idyllenreiches Epos ist „Das Felsenkreuz", dessen Handlung in der Zeit der Ungarnkriege spielt, dessen Schauplatz ins oberschwäbische Allgäu verlegt ist. „Die Königin des Rosenkranzes" und „Das Vater unser" mit einem Reichthum religiös erbaulicher Gedanken zeigen uns Behringer als formvollendeten Lyriker. Er auch ist der Dichter, der uns ermöglicht hat, den Liedesweisen des Sängers auf dem Felsen Petri zu lauschen, indem er die Gedichte unseres heiligen Vaters Leo mit dichterischem Geschicke verdeutscht hat. „Wie eine Frühlingslerche hat sich aufgeschwungen, um in hellen, frischen Tönen Lieder göttlicher Minne zu singen, vr. Friedrich Wilhelm Helle (geboren am 28. Oktober in Böckenförde bei Lippstadt). Sein gewaltiges Epos „Jesus Messias" ist gedichtet mit dem hohen Gedankenfluge und Schwünge eines Klopstock, von dessen Messtade seine Dichtung nur dadurch sich unterscheidet, daß sie wirklich ein Epos nach den Ueberlieferungen der heiligen Schrift ist. Ein geheimnißvoller Zauber liegt in dem Gedicht, der uns mächtig ergreift, ja es wird uns versichert, daß Leser, deren sittliche Stützen wankend geworden, wieder aufgerichtet wurden. Ferner hat Helle sich als katholischer Dichter einen Namen gemacht durch das Epos „Golgatha und Oelberg" und „Kalanyas Völkersang", das ein mittelafrikanischer Schöpfungsmythus ist. Daneben ist Helle Lyriker i« Tone der Romantik in seinem Epos „Marienleben" und in der Gedichtsammlung „Marienpreis"." Eine poetische Kraft von bedeutender Begabung ist in Josef Albert Schäle hervorgetreten durch die epische Dichtung „Staufenlied", worin sich vor uns ein großartiges Welt- und Culturgemälde entwickelt, belebt von warmer Liebe zur katholischen Kirche wie zum deutschen Vaterlande. Der Held des Liedes ist eigentlich der alte Barbarossa, der fesselnde Mittelpunkt aber die liebliche und heidenmäßige Landgräfin von Thüringen, die heilige Elisabeth. Eine der schönsten Gestalten der Weltgeschichte, den letzten Sprossen des großen Hohcnstaufengeschlechtes, wählte die Westfalin Antonie Jüngst (geb. am 13. Juli 1843 zu Werne a. d. Lippe, jetzt iu Münster) zur epischen Behandlung in »Konradin". Statt jedes weiteren Urtheils lassen wir Rudolf Gottschall reden, der in den tonangebenden „Blättern für litterarische Unterhaltung" schreibt: „In den zwanzig Gesängen des ,Konradin* hat der Dichter ein wirkliches Epos von präciser und conciser Gliederung des Aufbaues und von bedeutendem Inhalt geschaffen; das Gedicht darf dem Besten beigezählt werden, das die epische Produktion in Deutschland letzthin hervorgebracht hat." Gleich den übrigen Landsmänninen macht die Dichterin unter den deutschen Frauen, die der Feder ihre Thätigkeit leihen, eine rühmliche Ausnahme von der» bekannten Flüchtigkeiten schriftstellernder Damen. Recht anschaulich spricht sie zum Gemüthe, wie gebildete Frauen das ja oft besser können, als Männer. Der nordisch- germanischen Göttersage entnommen ist „Der Tod Baldurs". Eine hochpoetische Schilderung aus der Zeit der Kreuzzüge ist „Unterm Krummstab", ein Sang aus alter Zeit. Einen Cyklus von Gedichten bietet uns Jüngst durch ihre elf poetischen Betrachtungen über das Gebet des Herrn: „Das Vater unser". Im Jahre 1895 hat sie uns mit einer Sammlung ihrer Lieder und Gedichte beschenkt unter dem Titel „Leben und Weben". „Die Schöpferin des ,Konradin*", so läßt sich darüber F. Hülskamp im ,Literarischen Handweiser* (1894 Nr. 607/8) vernehmen, „hat zweifellos ein großes episches Talent, .... aber seit den lyrischen Einlagen des ,Konradin* ist mir's schon nicht mehr zweifelhaft gewesen, daß ihre eigentliche Kraft und Stärke doch in der Lyrik liege, und die vorliegende lyrische Gedichtsammlung bestätigt das durchaus." Den Lesern der „Kölnischen VolkSzeitung" ist die Dichterin auch als vortreffliche No- vellistin bekannt. Die katholische Gruppe in der neuesten deutschen Literatur zählt einen Dichter mehr in Eduard Eggert, Oberjustizrath in Stuttgart (geb. am 13. Januar 1852 zu Ludwigsburg). Sein Name bedeutet vollwerthiges Dichtergold, der auch in jenen Kreisen, wo man gegen alles, was nur katholisch gefärbt ist, sich abschließt, gehört werden muß. Eng verschwistert mit Redwitz' „Amaranth" und Weber'L „Dreizehnlinden" ist sein episches Gedicht „Der Bauernjörg", ein Sang aus Oberschwaben. Der Held ist Georg Truchseß von Waldburg, der im Bauernkriege neben Georg von Frundsberg eine der ritterlichsten Erscheinungen jener Zeit ist. Gewaltig ist der Stoff, greuelvoll sind die Thaten, die der Bauernkrieg geboren, aber Eggert hat nur Erhebendes und Erfreuliches aus dem furchtbar Argen herausgegriffen, eingedenk des großen Dichterwortes: „Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst." Wolfram von Eschenbach und UHIand sind seine Vorbilder. Wohl mag dem feineren Leser recht eigenartig, wenn nicht abstoßend, eine Scene mit Maler Jeggle und seiner unseligen Tochter vorkommen, doch „was seltsam ist, das duonket guot," hat schon der alte Freidank gesagt. „Wo die Meisterwerke der Poesie des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts aufgezählt werden, wird künftighin ,Der letzte Prophet* mit au erster Stelle genannt werden müssen," so schrieb in der „Kölnischen Volkszeitung" der Recensent über Eggert's neuesten Sang. Der Mittelpunkt in den 11 Gesängen ist Johannes der Täufer von seinem ersten Erscheinen in der Wüste bis zu seiner Hinrichtung. Der Vorläufer des Heilandes ist die Seele des Ganzen. Die lüsterne und rachsüchtige Ehebrecherin Herodias mit ihrem unsauberen Anhang nimmt darin die zweite Stelle ein. „Der letzte Prophet" ist nichts weniger als Tendenz- poesie, alles Frömmelnde liegt ferne. Nur gereifteren Lesern sagt die Dichtung zu. Mit vollendeter Steuerfertigkeit ist Eggert über die Klippe hinweggekommen, an der wohl mancher nichtchristliche Dichter gescheitert wäre; die üppige Herodias und ihre reizende Tänzerin hätten für manchen ein verführerisches Weib werden mögen. „Der letzte Prophet" ist gedichtet mit der farbenprächtigen Gluth morgenlündischer Phantasie, aber die bilderreiche Sprache enthält echtes deutsches Mark — das Epos ist deutsche Urwnldpoesie. Möge das herrliche Dichtertalent im Neckarthal noch lange, lange blühen! In Karl Macke (Linz a. Rh.) ist ein neuer katholischer Dichter erstanden, der den kühnen Wurf gewagt, den Auszug der Jsraeliten aus Egypten und ihre Schicksale in der Wüste zu besingen in seinem Wüsten- fang „Vom Nil zum Nebo". Eine Zierde der katholischen poetischen Literatur deutscher Sprache ist auch der Tiroler Josef Seeber (geb. 1856 zu Bruneck, nun in Brixen), der mit seinem epischen Gedicht „Der ewige Jude" ein Meisterwerk von Hoher Bedeutung und edelster Form geschaffen hat. Seeber, ,der in den schönsten Mannesjahren steht, verspricht uns wohl noch manche poetische Gabe. Was christlicher Frohsinn für üppige Blüthen treibt, zeigt in köstlichster Weise „Gottfried, der Student", ein moralisch-akademisches Epos nach alten Handschriften zusammengestellt von einem Verfasser, der sich unter dem Namen Emmanuel Bim st ein verbirgt. Zwerchfellerschütternd ist es, zu lesen, wie der fidele Bruder Studio die Schwierigkeiten der Quarta überwindet, wie er die Flegeleien der Tertia absolvirt, wie er glücklich die Sekunda erreicht, wo der Professor „höflich nun Sie Faulpelz sprechen muß". Tabak und Lagerbier, Solo, Skat und Schafskopp macht ihm viel zu thun; und als stattlicher Primaner scheitert er glücklich an den Klippen der ^ Liebe. Die Lachmuskeln kommen beim Leser vollauf in ! Thätigkeit; die komische Kraft der Dichtung reicht an die Jobftade heran, nur daß wir mit den zweideutigen Zoten der Kortum'schen Muse verschont bleiben. Eine liebliche Waldidylle mit frischem, würzigem deutschen Tannenduft, belebt von lustigen Vogelstimmen und träumerischen Mädchenliedern, ist „Gleichen", ein Sang aus der Zeit der Freiheitskriege von Th. Herold, das Jünglingen und Jungfrauen mit jugendlich schwärmerischen Gemüthern wie auch den ernsteren Lesern so lieb und vertraut werden wird, wie den Kindern die Märchengestalten. So zeitigt die katholische Poesie auch auf dem Gebiete der epischen Kunst immer mehr duftende Blumen, als wollte sie Ersatz bieten für die Giftpilze, die iA weiteren Bereiche der Literatur so üppig wuchern. (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. k. ?. Lernarelini a kioonio Orä. Oax. eoneionaboris, emsritl s. BbsolvAias xrots88oris, antigui xroviueias karisi- snsis äoünitoris Mixlsx Lxpositio dsati kauli Lxostoli Dpistolas sä Romanos all usum stuäiosorum 3 . Hievt, st saosräotuM in vinea Oowiui laborantium smsnclreta ei aneta xsr ?. Niodaslsm Uetxsnansr Orä. Oax. venixonts, l'xxis st sumxtidns sooistatis Llarlanas, MKlllue 603. -- Bernhardin von Peguiny in der Picardie (1633 bis 1709) veröffentlichte 1703 ein Priplsx expositio blvLNAkIioinm. Dieselbe fand den Beifall des Papstes Clemens XI., welcher ihn denn auch ermunterte, ein ähnliches Buch über die Briefe deS hl. Paulus zu verfassen. Diese Arbeit erschien erst 1726; also 17 Jahre nach seinem Tode. Der triplsx exxositio bietet zuerst eine Lnalxsis, gna tsxtus Lpostollei viel» st oonnexiv äeolaratnrdann eine Paraphrase, gua msns ^xostoli drsvitsr exxonltur st vlars, und endlich einen ausführlichen Commentar mit vielen moralischen und asketischen Anwendungen. Es ist also mehr ein erbaulicher als ein wissenschaftlicher Commentar. Als solcher ist auch die vorliegende Arbeit, welche sich mit der Verbesserung und Erweiterung der triplex expositio üpistolas aä Lomanos befaßt, zu betrachten. Hetzcnauer verbessert Ungenaues; macht Zusätze, welche der Fortschritt der biblischen Studien erfordert. Zuerst gibt er den griechischen Text sowohl, wie den Vulgaiatcxt. Dem Kommentar sind kritische und philologische Bemerkungen hergegeben, wo cS nöthig schien. Hetzenaner fügt zum Gebrauche fürPrediger zahlreiche L-tellcn ausdenSchristen des hl. Bonaventura und des hl. Thomas bei. blt gnia mnltis animarnin pastoribns totnm psrlsAsrs sommsntarium im- xossibils srit, unionigns operi inäiosm aäiunZam speciellem, in gusin rss maZis notabilss rstsrsutnr. Dieser Index ist dankenöwerth und verdient Nachahmung. Das Latein ist klar und fließend, die Darstellung allerdings etwas breit, bei einiger Beschränkung hätte sich das Buch um '/, Theil verringern lassen. Da das Buch vornehmlich praktischen und aScetischen Zwecken dient, so wird man nicht die strengsten wissenschaftlichen Anforderungen an die exegetische Methode sowohl als an die einzelnen Aufstellungen stellen dürfen. Holzhey C., Der neu entdeckte Ooäex 8^rns Linaiticns, untersucht; mit einem vollständigen Verzeichniß der Varianten des Ooclsx Linaitiens und Ourstonianus. 8", 59 -s- 39 München, Lcntner 1896. M. 5,00. 'S Zwei gelehrte Damen, die Schwestern Smith Lewis und Gibson, haben im Jahre 1892 im Katharinenkloster aus dem Sinai ein syrisches Evangclicnpalimpsest aufgefunden, das zwei Jahre später veröffentlicht wurde und den Gelehrten Veranlassung gegeben hat, die Frage nach dem Verhältniß der syrischen Bibelübersetzungen zu einander von neuem zu untersuchen. Diesem Zwecke dient auch vorliegende, mit philologischer Gewissenhaftigkeit geleistete Arbeit. Das Ergebniß der Untersuchung, das wohl allgemeine Anerkennung finden dürfte, ist dieses: daß der Ooäsx Lzwns Liuellticus und der Ouretonianns zwei Recensionen eines und desselben Textes seien, wobei der ersterwähnte der ältere ist. Die Peichitta, die bis 1858 für die älteste syrische Uebersctzung galt, ist demnach eine um 400 entstandene Umarbeitung älterer syrischer Uebnlragungen, während der ncnentdeckte Codex gegen Ende dcö 2. Jahrhunderts entstanden sein dürste, also von großem Werthe ist. Druck urzh 280 Ausstattung der überaus klar geschriebenen, lebrreichen Schrift ist ganz vorzüglich; die prachtvollen syrischen Typen entstammen der jetzt an erster Stelle stehenden orientalischen Druckerei von Drugulin in Leipzig. Handbüchlein für Priester in Sachen des dritten Ordens des hl. Franziskus. Zusammengestellt von k. Bernard, Orä. Oap. Mit Erlaubniß des bischvfl. Ordinariates Mainz und der OrdcnSobcren. Mainz, Franz Kirchhcim, 1896. 18 (VIII u. 136 S.) 60 Pfg., gebd. 80 Pfg. Vorliegendes Büchlein aus der Feder des redegewandten bekannten Predigers ist für die Priester bestimmt, welche entweder die unmittelbare Leitung einer Ordensgemeinde übernommen haben oder sonst häufig in die Lage kommen, Tertiariern die geistlichen Güter des 3. Ordens vermitteln zu müssen. Denselben wird daS Büchlein willkommen sein, da die meisten Regelbüchlein nur für Mitglieder bestimmt sind und darum über diejenigen Angelegenheiten, welche für den Priester besonders wichtig sind, entweder gar keine oder nur unvollständige Angaben machen. Umsomehr aber ist auf einen Erfolg des außerordentlich billigen Büchleins zu hoffen, da dasselbe alle neuesten Entscheidungen der 8. 6. lustulA. enthält und eine kurze Zu- s ammenstellung der wichtigsten Bestimmungen des 3. Ordens von manchem Priester als dringendes Bedürfniß häufig empfunden wurde. _ DaS Beichtgebeimniß vor Gericht. Von einem Juristen. Mainz, 1896, Kirchheim. gr. 8. (36 S.) 10 Pf. Wie behandelt die moderne Gesetzgebung uM Rechtsprechung Deutschlands und der bedeutsamsten Staaten Europa's daS Beichtgebeimniß vor Gericht? Diese Frage löst hier ein hochangeschener praktischer Jurist unter kritischer Vorlage der einschlägigen Gesetze und gerichtlichen Entscheidungen. Diese Schrift ist ebenso für Juristen wie für Geistliche bestimmt Für die letzteren ist es eintretenden Falles von hoher Bedeutung, die Vorrechte, welche ihnen auf diesem Gebiete in den verschiedenen Ländern eingeräumt sind, genau zu kennen, um sich und andere vor Nachtheil und Schaden zu wahren. Letzteren Zweck bat der Verfasser in seiner vortrefflichen Studie offenbar vor Augen gehabt und sein Ziel vollkommen erreicht. Daß er uniwthige Polemik gänzlich ausgeschlossen hat, ist nur zu begrüßen. _ Grundzüge der christlichen Apologetik von Dr. Jos. Bautz, o. ö. Professor der Theologie an der kgl. Aca- demie zu Münster i. W. 2. verbesserte Auflage. Mit Genehmigung des bischöflichen Ordinariats von Mainz. Mainz, Franz Kirchhcim, 1896. gr. 8. (VIII u. 1ö9 S.) Mark 2.-. Das deii- Gesammtstoff der Apologetik umfassende Werk, ursprünglich für Lehrzwecke bestimmt, ist nach Inhalt und Form besonders auch für weitere Leserkreise, namentlich für gebildete Laien, geeignet. Denn es behandelt aus verhältnißmäßig engem Raum zahlreiche und wichtige, Christenthum und Kirche betreffende Fragen, ermöglicht im gegebenen Falle schnelle und bequeme Orientirung und setzt so den Leser in den Stand, nicht bloß sich selbst, sondern insbesondere auch andern gegenüber von der unantastbaren und unerschütterlichen Wahrheit des christlichen und katholischen Standpunktes mit Gründen der Vernunft und Wissenschaft allseitig und erfolgreich Rechenschaft zu geben. Und gerade an gebildete, gläubige Laien tritt die Zeit eben mit vielfachen Anforderungen, oft Herausforderungen heran. So findet die gebildete Männerwelt in diesem „Grundriß" ein vortreffliches apologetisches „Vademecum". Einst und jetzt! Sociale PassionSbilber und ihr Widerschein. Von k. Nector Georg Freund, 6. 8o. R. 2. Aufl. 52 S. 6°. Preis 30 Pf. Diese Vortrüge erschienen nach kaum drei Monaten bereits in 2. Auflage. Verlag der Alphonsus - Buchhandlung in Münster in Wcstphalen. Der durch seine populären Schriften bestbekannle Ne- demptoristen-Nector von Prag schildert hier die verschiedensten Vorgänge des Leidens und Sterbens unseres Erlösers und zieht dabei die herrlichsten Parallelen zwischen der damaligen und unserer Zeit. Schonungslos geißelt?. Freund den Mammons- dicnst der Gegenwart und warnt eindringlich vor dem schrecklichen Gift Geist und Herz verderbender Lektüre. Wiederum enthüllt uns der Verfasser die bunten Erscheinungen des Zeitgeistes, begeistert zu religiösem Muth und Entschiedenheit oder mahnt ernst und liebemild zur Heilighaltuug des Familienlebens und entlarvt das dunkle Treiben moderner Volksver- sührer. Mit dem Triumphe des bl. Kreuzes schließt die herrliche Schrift. Bisheriger Absatz 8000 Exemplare. „Fabiola." Religiöses Schauspiel nach Wiseman's gleich, namigem Roman bearbeitet von M. L. v. B. Mainz. 1896, Kirchheim. 8. (60 S.) 60 Pf. „Der Geiger von Gmünd." Schauspiel in 3 Auszüge» nach dem gleichnamigen Gedicht von I. Kcrncr frei bearbeitet von Aloysia M. Mainz, 1896, Kirchheim. 8 (42 S.) 50 Pf. Die beiden dramatischen Spiele behandeln bekannte Stoffe. Wer kennt nickt Cardinal Wiseman's herrlichen Roman und die fromme Legende von der hl. Cäcilia, die dem vor ihrer Statue knieenden Geiger zur Linderung seiner Noth den goldenen Scknh zuwirft? Beide Stücke haben sich bei Aufführungen bestens bewährt und sind allen katholischen Vereinen, Instituten rc. sowohl wegen ihres trefflichen Inhalts als auch der theatralischen Wirkung bei leichier Jnscenirung bestens zu empfehlen. Das junge Mädchen ini Verkehr mit der Welt. Fingerzeige und Rathschläge von L. F. PeterS, Priester der Kongregation des Allerbeiligsten Erlösers. Dritte Auflage. Mit kirchlicher Approbation. Mainz, Kirch- bcim, 1896. 12. (IV u. 168 S.), in Leinen gebunden Mark 1,20. Wi- vielen und großen Gefahren ist das junge Mädchen in der Well ausgesetzt! Diese Gefahren deckt in obigem Büchlein ein erfahrener Seclemührcr auf und gibt die Schutzmittel dagegen an. Zu diesen Gefahren zählt auch die Standeswahl. Deßhalb werden ausführlich der Ehestand, daS Leben im Kloster und das jungfräuliche Leben in der Welt behandelt und über diese drei Stände beherzigcnswerthe Belehrungen und Rathschläge ertheilt, von deren Befolgung für manches Mädchen das ganze Lebensglück abhängt. Im Verlage der Jos. Kösel'schcn Buchhandlung in Kcmptcn erschien soeben ein neues Werk des berühmten Prälaten Kneipp, betitelt: Ocsfentliche Vortrüge, gehalten vor seinen Kurgästen in der Wandelbahn in Wörishofcn. III. Band. Die Vortrüge der Jahre 1890 und 1891. Nach stenographischen Aufzeichnungen bearbeitet und herausgegeben von Prio: §r. Bonifaz Neile, Sekretär des Herrn Prälaten Kneipp, und H. Hartmann. Mit einem Titelbilde. (M. 2,60.) Wie die beiden ersten Bände, so enthält auch dieser neue Band der gesammelten Vorträge eine reiche Fülle von praktischen GesundheitSregeln und unzählige auS langjähriger Beobachtung hervorgegangenc, praktisch wohlerprobte Bemerkungen über die Wasserheilmethode und naturgemäße Lebensweise. Ein sehr ausführliches Register erhöht den praktischen Weith dieses neuen Werkes, daS den Anhängern der Kneippkurmcthode sehr willkommen sein wird. Der Schmied von Neumarkt. Die bekannte Wochenschrift „Das Bayerland" von Heinrich Leher weckt in ihren Centenar - Erinnerungen von 1796 die Erinnerung an einen oberpfälzischen Wiukilried, an den tapfern Hufschmied Jung aus Neumarkt i./O. Am Morgen des 23. August versuchten die Oestcrreicker in Neumarkt einzudringen, welches oie Franzosen besetzt hielten. Das obere Tbor war mit Eisenwerk und Gebälk verrammelt und die französischen Chasseure hatten' dasselbe vom Ratbhaus aus unter Feuer genommen. Da trat der Thorschmied Jung mitten unter dem Kugelregen aus seiner Schmiede hervor, schaffte mit wuchtigen Hieben das Gebälk und Eisenwerk weg und ließ die Oesterrcichcr herein. Die Redaction des „Bayerland" hat umfassende Nachforschungen angestellt, ob noch Nachkommen des tapferen Mannes existiren und ob das Grab desselben erhalten sei. Das Ergebniß derselben war, daß das Grab auf dem Kirchhofe in Neumarkt nicht mehr zu finden sei, dagegen ist an seinem Sterbehause eine eigene Tafel mit folgender Inschrift angebracht: „SterbchauS des ThorschmiedeS Veit Joseph Jung, welcher in dem Kriegsjahre 1796 durch Muth und Entschlossenheit bei Oeffnung des oberen Stadtthores sich um die Stadt Neumarkt verdient gemacht." Ferner wurde con- statirt, daß noch drei Urenkel Jung's leben: der Schneidermeister Xaver Jung in Deckung i./O., der Hafnermeister Michael Jung in München und der Schuhnzacher Joseph Jung in Fürth. Verantlv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. 17 Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. kp. 36 4. §ept. 1896. Der dritte internationale Congreß für Psychologie. Von Charles Saint-Paul. (Fortsetzung.) Es folgte nun eine Reihe höchst interessanter Vortrage über das Gebiet der suggestiven und hypnotischen Therapie, welche vielfach von großer Wichtigkeit zur Aufklärung verschiedener Fragen sein dürften. So berichtete der berühmte Psychotherapeut, Dr. Otto G. Wetterstrand aus Stockholm über seine Versuche mit künstlicher Verlängerung des Schlafes, besonders bet der Behandlung der Hysterie. Er meint, daß man bei der Behandlung vieler Krankheiten bisher zu viel Gewicht auf die Suggestion und zu wenig auf den Schlaf selbst gelegt habe. Je tiefer der Schlaf ist, desto besser wirkt er auch seiner Ansicht nach ohne jede verbale Suggestion. In den Formen der Hysterie, welche vornehmlich durch psychische Störungen charakterifirt werden, wirkt seiner Behauptung nach der tiefe Schlaf auf eine außerordentlich wohlthuende Weise, und je länger dieser ungestört währen kann, d. h. wenn er während mehrerer Tage oder Wochen ununterbrochen anhält, möglichst ohne daß der Schlafende geweckt wird, desto besser wird die Wirkung sein. Die längste Zeit, welche Wetterstrand für den künstlich verlängerten Schlaf angewandt hat, ist etwas über 6 Wochen gewesen. Der Somnambulismus ist dabei, wie er glaubt, durchaus nicht nothwendig, obgleich besonders Vortheilhaft. Jedoch muß der Schlafende immer im Rapport mit einer ihm sympathischen Person stehen. Dr. Wetterstrand besprach eingehend einige von ihm geheilte Fälle schwerster Hysterie und ermähnt alle Aerzte, welche mit solchen zu thun haben, seine Methode zu versuchen. — Auf diese Erörterungen folgte eine rege Debatte, an welcher sich mehrere Aerzte, unter andern Dr. Großmann und Dr. Bonjour betheiligten. Ersterer meinte, der verlängerte Schlaf sei wohl in den allerseltensten Fällen möglich und sprach im allgemeinen der Suggestionstherapie das Wort, da Vorstellungskrankheiten am besten durch psychischsuggestive Schulung, welche zum Zwecke die Anleitung zur Bildung richtiger Vorstellungen habe, durch Beeinflussung ideoplastischen Vermögens geheilt würden. Dr. Bonjour dagegen trat für Wetterstand ein und erzählte einige seiner Erfahrungen, die für die Methode des ersteren sprechen. — Wir erwähnen gleich hier den Vor- trag dieses offenbar auf dem Gebiete der Suggestionstherapie sehr erfolgreich wirkenden Lausanner Arztes über „Drsnvss nonvsllss äs l'inüusnss äu ps^slÜHns sur l'vrZallisins«, in welchem er einige Fälle aus seiner Praxis zum besten gab, die so recht den Einfluß der Suggestion auf den Organismus beweisen, z. B. die Beseitigung von Warzen (I) durch dieselbe. Wir machen alle unglücklichen Menschenkinder, deren Schönheit durch solche beeinträchtigt sein sollte, besonders hierauf aufmerksam. Der bekannte Arzt an der Salpstriäre in Paris, Dr. August Voisin, sprach über seine Experimente in einem Vortrage, betitelt „silruitsrusiib äs ssrtainss torinss ä'alisnution insntuls pur tu sugAssticm Er unterscheidet, mit Bezug auf die Möglichkeit der Heilung, die verschiedenen Arten des Irrsinns, die durch die Hallucinationen, den Verfolgungswahn, die Selbstmordideen und sonstigen verschiedensten Wahnideen, die Perversion der Instinkte und den moralischen Wahnsinn charakteristisch sind von der allgemeinen Paralyse und den apoplektischen Krankheiten. Bei ersteren ist die Hypnose therapeutisch verwendbar, bei letzteren erfolglos. Es wurden ferner noch verschiedene andere Vortrüge über den therapeutischen Werth des Suggestionismns und HypnotismuS gehalten. Dr. Heinrich Stadelmann (Saal a. d. Saale, Bayern) lieferte einen Beitrag „zur Therapie der durch Vorstellung entstandenen Krankheiten", indem er unter anderm auch die Vergessenheitssuggestion, die psychologisch einer negativen Hallucination im Bereiche des Selbstbewußtseins gleichkommend, das occasionelle ursächliche Moment der Erkrankung beseitigt und so die Heilung bedingt, näher erörterte. In einem Vortrage „Ueber das Verhältniß der psychischen Behandlung im Wachzustände zur hypnotischen Therapie" gab Dr. Ewald Hecker (Wiesbaden) eine Uebersicht über die verschiedenen psychischen Behandlungsmethoden, die sich von einander lediglich durch die verschiedene Art unterscheiden, wie die Hemmung und Ausschaltung der gegen die Heilsuggestion gerichteten Gegenvorstellungen zu Stande kommt. Er zählt unter denselben auch „Fanatisches Vertrauen" mit Hinweis auf „Religiöse Wunder" und „Wunderdoktoren" auf und meint, daß es in diesem Falle die Hcilungs- vorstcllung selbst sei, die, von der gewaltigen Kraft des Fanatismus getragen, jeden auf ihrem Wege liegenden Widerspruch schon im Keime erstickt und die Gedanken alle nach einer Richtung lenkt. Ein genaueres Studium des Kapitels der „Religiösen Wunder" würde ihn vielleicht zu der Ansicht führen, daß die so beliebte, moderne Erklärung durch Autosuggestion denn doch nicht als zureichend betrachtet werden kann. — Die hypnotische Therapie zeigt nun, wie er des weiteren klarlegte, in den verschiedenen Phasen der Hypnose nacheinander den WirknngS- modus der verschiedenen andern Methoden. Zur praktischen Verwerthung bedient man sich am Vortheilhaftesten einer Combination der verschiedenen Methoden, je nach der Individualität der Patienten und des Krankheitsfalles. Einer der bedeutendsten hypnotischen Praktiker unter den Mitgliedern des Congresscs scheint uns Dr. I. Miln- Brauswcll aus London zu sein, der in mehreren Vortrügen sehr wichtige Themata erörterte und wiederholt an den Debatten sich betheiligtc. In seinem Vortrage „Lasss illustratives ob tlrs wsäioa-l auä surgisul valns ob sixxuotis treatinsut" (Fälle, welche Ven medicinischen und chirurgischen Werth hypnotischer Behandlung darthun) gab er einen Bericht über eine Reihe von Operationen, die ihm unter hypnotischer Anästhesie gelungen sind, und sonstige erfolgreiche hypnotische Behandlung, indem er zugleich die Vortheile und Nachtheile derselben klarlegte. Bedeutungsvoll war auch sein zweiter Vortrng über den sogenannten Automatismus Hypnotisirter (Ou tsis sc>- callsä autowatisin ob tlio li^puotiseä susifset). Er wies in demselben den Widerstand nach, den Somnambule gegen Suggestionen, und zwar auch gegen crimiuelle Suggestionen zeigen, indem er insbesondere einige Fälle aus seiner eigenen Praxis erörterte, und stellte abschließend die Frage, ob man bei derartigen Thatsachen noch von Automatismus sprechen könne. Ein wichtiges Thema behandelte Dr. Charles Lloyd Tuckeh (London), der über den Werth des HypnotismuS für die Heilung des chronischen Alkoholismus sprach. Er wurde, wie er sagt, durch die Resultate, die er in Dr. LiebeaultS Klinik in Nanctz, im Jyhre 1888 beob- 282 achten konnte, bewogen, HypnotismuS in seiner Londoner Praxis anzuwenden, und versuchte nun auch die Menge von Gewohnheitstrinkern unter seinen Patienten auf hypnotischen! und suggestivem Wege zu heilen. Jedoch entsprachen seine Erfolge nicht seiner Erwartung. Dieselben waren nur dann von Dauer, wenn der Patient wenigstens mit seinem guten Willen die Behandlung unterstützte. Trotzdem hofft er, daß die Suggestion, in Verbindung mit sonstigen Heilsmitteln, in Zukunft als ein wichtiger Heilungsfaktor für Gewohnheitstrinker betrachtet werden würde. (2) Wir hätten noch verschiedene hochinteressante Vortrage eingehender zu besprechen, in welchen hervorragende Gelehrte einzelne Punkte ihrer Forschungen dem Congresse vorlegten. Jedoch gebietet uns die Fülle des Materiales, uns möglichst kurz zu fassen. Dr. Falk-Schupp (Bad Soden) sucht das Problem der suggestiven Anästhesie, vielfach im Gegensatz zu der Nancyer Schule, zu beleuchten. Zur Erzeugung der suggestiven Anästhesie empfiehlt er die „egoistische Methode", einleitbar durch Narcotica und durch Rnpidothmung. Dieselbe entspricht seiner Ansicht nach den Anforderungen allgemeiner Verwendbarkeit, erfordert kurze Zeit und ist gefahrlos. Dr. Erocq fils, der Chefredacteur deS „Journal äs uLuroIoZia stästi^pnoloZis" erklärte in längerem Vortrage den Zustand der Sensibilität und der intellektuellen Funkionen bei den Hypnotisirten. Wir entnehmen demselben vorerst die Unterscheidung zwischen somnambulen und süvmarribuloidcn Zuständen mit Bezug auf die Aufhebung der Schmerzgefühle. Der Nachweis, daß in den ersten Stadien der Hypnose das Schmerzgefühl theilweise noch ^xtstiren kann, dürfte vielleicht auch auf die viclnmstrittene Selbsthypnotisirung des indischen Jogi während des Kongresses Licht warfen. Bei ihm war, wie wir uns selbst überzeugten, manchmal die Anästhesie nicht vollkommen und man sprach deßhalb schon von Simulation, während die Annahme, daß bei ihm nur ein sownambuloider Zustand (unvollständige Hypnose) eintrete, eine Erklärung ,eicht ermöglich! hat. — Durch Suggestion kann, wie der Redner des Weiteren ausführte, die Sensibilität verschiedenartig modificirt, vermehrt oder vermindert werden. Was die intellektuellen Funktionen anbelangt, so beantwortet er die Frage, ob daS Gedächtniß an die intra- hypnotischen Vorgänge nach der Hypnose noch existire, mit Bezug auf obige Unterscheidung zwischen somnambul.nden und somnambulen Zuständen; nach ersteren tritt die Erinnerung ein, nach letzteren meist nicht. Durch Suggestion während der Hypnose kann das Gedächtniß bedeutend gesteigert, dagegen wohl kaum heraögeschwächt werden. Trotz Verbotes des Hypnotiseurs kann in gewissen Fällen eine Versuchsperson sich im Wach- oder Schlaszustandc an die Vorgänge während der Hypnose erinnern, was in medizinisch-juristischer Hinsicht von großer Wichtigkeit ist. — In der Hypnose ruhen, falls keine Suggestion angewandt wird, angeblich, nach der Meinung des Redners, die intellektuellen Fähigkeiten. Daß diese Ansicht falsch ist, geht aus den Beobachtungen vieler der neueren Forscher hervor; im Gegentheile zeigt sich vielfach Erhöhung des Intellekts, worauf ja auch das intrahypnotische Phänomen der siainvo^anss hindeutet. Merkwürdig sind die Behauptungen, die Dr. Paul Sollier (Paris) in seinem Vortrage über Sensibilität und Persönlichkeit (Lsrwibiiits ab ksrsvnalits) aufstellte. Er geht von der Annahme aus, daß Störungen der Sensibilität auch Störungen der „Persönlichkeit" hervorrufen, während auf diese wieder sämmtliche Formen der Geisteskrankheiten zurückzuführen sind. Man könne experimentell die „Persönlichkeit" verändern, indem man den Zustand der Sensibilität einer Versuchsperson verändert. Er habe auf dem Medicinercongreß in Rom i. I. 1894 gezeigt, daß die Hysteriker mit totaler Anästhesie nur „Vigilam- bule" wären, die man erwecken müßte, um sie zu heilen. Dieses Erwecken führe eine Rückkehr der Sensibilität herbei und zugleich komme die Versuchsperson in den Persönlichkeitszustand zurück, in dem sie war, als die Anästhesie eintrat. Sie glaubt, daß sie so alt sei, als sie damals war. In dem Maße, in dem die Sensibilität wiederkehrt, modificirt sich die „Persönlichkeit" der Versuchsperson und sie macht wieder alle Phasen ihrer Existenz durch, in denen man sie zurückhalten kaun, wenn man die Rückkehr der Sensibilität suspendirt. So habe er eine Versuchsperson willkürlich in die Zustände ihrer „früheren Persönlichkeit" zurückführen können, indem er die allgemeine Sensibilität modifictrte. Er gedenkt über diese seine Beobachtungen demnächst ein größeres Werk zu publiciren. Man wird durch diese Behauptungen an die bekannten vielumstrittenen Experimente Krafft-Ebings erinnert. In der letzten allgemeinen Sitzung des CongresseS hielt Dr. Pierre Janet (Paris) einen Vortrag über den somnambulen Einfluß und die Nothwendigkeit der Leitung (I/müusnss somnambulikzus st Is bssoin äs äirseticm). Wir wollen das Hauptsächlichste der Ausführungen dieses Forschers hier an dieser Stelle kurz wiedergeben. Er weist darauf hin, wie schwierig es erscheinen müsse, die psychologischen höheren Phänomene und besonders die socialen Gefühle experimentell zu studiren. Es sei jedoch nachweisbar, daß man in gewissen Fällen künstlich solche Gefühle hervorrufen und die Bedingungen ihrer Entwicklung erforschen könne. Man könne dies z. B. thun, indem man den Einfluß des Hypnotiseurs auf die Versuchspersonen selbst während der Zeit zwischen den somnambulen Zuständen in Betracht zieht. Derselbe sei früher unter dem Namen „Magnetischer Rapport" bekannt gewesen. Dieser verlängere sich speciell bei den Hysterischen für einige Zeit nach der Hypnose. Der Zeitraum, der zwei aufeinander folgende Hypnosen trenne, könne, wie er erklärt, in zwei Theile zerlegt werden. Im ersten derselben ist die Versuchsperson wesentlich bester und fühlt sich intelligenter, glücklicher, thatkräftiger; sie denkt wenig an den Hypnotiseur, den sie nicht nöthig hat. Im zweiten, der Periode des somnambulen Leidens, wird sie wieder von verschiedenartigen nervösen Anfällen gequält, verliert ihre intellektuellen und moralischen Kräfte, verfällt in einen Zustand psychischer Depression und empfindet ein immer mehr wachsendes Verlangen nach ihrem Hypnotiseur, das sich oft leidenschaftlich äußert. — Ist die Dauer des Einflusses sehr kurz, so müssen die Kranken sehr oft eingeschläfert werden und ihre Behandlung wird sehr schwierig. Kann man aber die Perioden des Einflusses verlängern, besonders die erste derselben, so kann man durch eine Art Erziehung zur vollständigen Heilung der Kranken gelangen. Merkwürdig ist die Art, in welcher sich die Gefühle der Kranken für den Hypnotiseur äußerten, nämlich theils als leidenschaftliche Liebe, theils als abergläubische Furcht, Verehrung oder Eifersucht. Einige derselben nehmen leicht den domintrenden Einfluß an, andere sind im beständigen Kampfe gegen denselben. Der suggestiv eingegebene Gedanke des Hypnotiseurs 283 wirkt während der Periode des Einflusses beständig kn der Versuchsperson, ihr Handeln leitend, fort, woraus Janct gewisse Hallucinationen, Ausführung posthypnot- ischcr Suggestionen, automatisches Schreiben und Hellsehen zu erklären versucht. Dieser Einfluß zeigt sich aber nicht nur bei Schwerkranken, sondern auch bei leichteren Patienten, z. B. bei solchen, die an Zweifelsucht, Un- entschlosseuheii leiden, ohne daß ein eigentlich hypnotischer Zustand vorhanden wäre oder der Gedanke des Hypnotiseurs im Subliminalbewußtsein fortwirken könnte. Man müsse deßhalb als allgemeinen Grund dieses Einflusses die Schwäche des Willens aller dieser Kranken annehmen, die es nöthig haben, daß man für sie entscheide und handle. Die Schwäche der Fähigkeit zur Synthese mache gewisse Personen notwendigerweise abhängig von anderen; sie können nicht allein leben, sie müssen gehorchen. Das Studium des somnambulen Einflusses ermöglicht uns, so schloß der Redner, alle diese socialen Gefühle, welche zwischen den Menschen zusammenhängende Gruppen und hierarchische Beziehungen bilden, besser zu begreifen. (?) — Kurz sei noch ein Fall erwähnt, den Dr. Janet in Verbindung mit Dr. Raymond dem Congresse zur Kenntniß brachte. Es handelt sich angeblich um „systematisirte hysterische Contracturbei einer Extatischen" (Lcmtraoturs sMewatisäs alias uns extati^ns ( 310 !). Diese „Klinische Beobachtung* soll uns ein neues Beispiel für den Einfluß des Gedankens auf den Körper geben. ES handle sich um eine Frau, 42 Jahre alt, die seit mehr als 2 Jahren eine eigenartige Contractur beider Beine habe. Sie geht deßhalb beständig auf den Zehen, wie eine Tänzerin. Merkwürdig sei, daß dieses Phänomen mit einer Idee zusammenhänge. Sie leide nämlich als Hysterische an religiösem Wahnsinn, habe wahre Anfälle von Extase und glaube, beständig zum Himmel empor- znschweben. „Mein Körper wird erhoben," sagt sie, „er und ich muß mich bemühen, um noch die Erde mit den Zehenspitzen zu berühren." Es wäre interessant, Näheres über diesen Fall zu erfahren. (Schluß folgt.) Beiträge znr Entzifferung der mosaischen Schöpsungsurkunde. Von Joh. Du müller, Kaplan in Holzheim. (Schluß.) Die zweite Frage wäre, wie Moses so allgemein und ausschließlich am dritten Tage von der Erschaffung der Pflanzenwelt, und später analog von den Wasser- und Landthieren sprechen kann, da doch nur die Uranfänge der Pflanzen- und Thierwclt zeitlich getrennt sind, die Entstehung weitaus der meisten beiderseitigen Arten aber gleichzeitig ist. Diese Ausdrucksweise deS MoseS findet ihre volle Berechtigung und einfachste Erklärung, wenn wir — ohne dabei andere Erklärungen als unberechtigt hinstellen zu wollen — mit den meisten Naturforschern einen genetischen Zusammenhang der Pflanzen unter sich, eine Descendenz annehmen. Aber geht es denn an, sich zu einer — natürlich nicht zu der unter Führung Häckels zu Unsinn und Unwissenschaft- lichkeit ausgewachsenen darwinistischen — Descendenztheorie zu bekennen? Da diese Frage schon an sich, wie auch für die Auslegung des Schöpfungsberichtes wichtig ist, so seien mir einige andeutende Worte hierüber gestattet. Daß es überhaupt eine Entwicklung in der organischen Welt gäbe, leugnen heutzutage nur mehr wenige, und kaum mit stichhaltigen Gründen; wie diese Entwicklung vor sich ging und wie weit sie sich erstreckt hat, ist eine noch ungelöste Frage. Daß die Erde während ihrer Entwicklung nicht immer von den heute lebenden Pflanzen und Thieren bevölkert war, daß diese vielmehr in den verschiedenen Epochen verschieden waren und von den ersten Epochen bis zur Jetztzeit von den niederen Gattungen zu den höheren allmählig aufgestiegen sind, dies sind geologische Thatsachen, die von niemand geleugnet werden können. Den Versuch, aus dem Umstände, daß die Art und Weise der Entwicklung noch nicht mit Bestimmtheit eruirt werden konnte, auf die Nichicxistenz dieser selbst schließen zu wollen, können wir ruhig aä acta. legen. Dagegen sagen die Gegner jeglicher Descendenz: allerdings hat bei Pflanzen und Thieren die Höhe einer Organisation mit dem Alter der Erde zugenommen, aber wir haben es hier nicht mit einer wirklichen, auf Grund eines natürlichen Gesetzes stattfindenden Entwicklung, nicht mit einem genetischen Zusammenhang der Organismen zu thun, wir dürfen nicht sagen: xosd Iioe, ergo xrvxtsr stoo, sondern Gott hat immer wieder, je nach den Forderungen der klimatischen Verhältnisse und dergleichen neue Pflanzen und Thiere erschaffen. Allein diese Behauptung hinkt auf beiden Füßen ganz bedeutend, sowohl auf dem naturwissenschaftlichen, als auch auf dem theologischen. Es ist in einer empirischen Wissenschaft unerhört, ohne zwingenden Grund auf die natürliche Erklärung einer sich darbietenden Erscheinung zu verzichten. Wenn eS schon in der Exegese als Grundsatz gilt, bei Erklärung der in der hl. Schrift erzählten Ereignisse solange an natürlichen Gründen und Ursachen festzuhalten, bis wir gezwungen sind, zum Wunder, zu einem außerordentlichen Eingreifen Gottes unsere Zuflucht zu nehmen, so muß es noch viel mehr in der Naturwissenschaft als oberster Grundsatz gelten, naturwissenschaftliche Thatsachen solange naturwissenschaftlich zu erklären, bis wir schlechterdings gezwungen sind, ein außerordentliches Eingreifen des Schöpfers anzunehmen. Der einzige zwingende Grund wäre aber hier, eine vorgefaßte Meinung. Man entgegnet uns: Die unzähligen Neuschöpfungen waren schon im Schöpfungs- plan aufgezeichnet und deßhalb kein außerordentliches Eingreifen Gottes. Allein gibt es dann überhaupt noch ein außerordentliches Eingreifen Gottes? Dann find eben alle Wunder schon von Ewigkeit her in den Schöpfungs- und Negierungsplan der Welt aufgenommen. Nicht minder schlecht bestellt scheint die theologische Begründung jener Theorie von der Erschaffung der einzelnen Species. Mit der Allmacht Gottes läßt sie sich schließlich vereinigen, aber wohl nur auf Grund einer sehr rohen Auffassung derselben. Denn für die Handlungen Gottes ist nicht seine Allmacht bestimmend, sondern seine unendliche Weisheit. Ob nun ein Werk, bei welchem Gott bei jeder Aenderung der äußeren Verhältnisse immer wieder neue Pflanzen und Thiere erschaffen mußte, weil die alten nichts mehr taugten, ob ein Werk, das so wenigem Stande war, sich aus den von Gott ihm eingepflanzten Gesetzen und Kräften zu der von Anfang an bestimmten Gestalt zu entwickeln, daß Gott unzählige Male eingreifen mußte, gerade besonders geeignet wäre, die Weisheit Gottes zu verkünden, dürfte doch mehr als fraglich sein. Die Idee der Einzel- schöpfung aller Species birgt eine gewisse Unvollkommen- heit in sich, die mit unseren Begriffen von der unendlichen Weisheit Gottes^ nicht recht vereinbar fein will. 284 Weiln wir überhaupt gewisse ausgestorbene Thierformen betrachten, bei denen, wie z. B. bei manchen Dinosauriern der Kreidezeit, die Nothwendigkeit des Aussterbens aus dem ganzen Bau hervorgeht, so sind uns solche Formen zwar erklärlich bei einer natürlichen, auch in Unzweck- mäßigkeiten und Degeneration ausartenden Entwicklung, die Theorie von der Einzelschöpfung der Species aber stempelt solche Formen zu nichts anderem als zu Irwus Del, wie einst in ähnlicher Weise im Mittelalter diese Thierreste als 1u8us nuturcrs angesehen wurden. Dagegen glaube ich, daß der Mensch aus den geschaffenen Dingen nicht leichter die unendliche Weisheit des Schöpfers erkennen kann, als wenn er all die Arten der Pflanzen und Thiere von den Tagen des Urmeers an bis zur Jetztzeit verfolgt und betrachtet, wie dies alles sich in geordneter Reihenfolge und doch in buntester Mannigfaltigkeit nach gcheimnißvollen, von Gott in die Natur gelegten Gesetzen entwickelt hat. Ja ich möchte behaupten, diese Entwicklung der organischen Welt von ihren Uranfängen an bis zu ihrer jetzigen Gestaltung nach natürlichen Gesetzen ist der evidenteste Beweis für einen allweisen und allmächtigen Schöpfer, der sicherste kosmo- logische Gottesbcweis, der uns zeigt, daß die Welt von einem denkenden, ordnenden Geist angelegt sein muß. Der Annahme einer gewissen Descendenz kann also weder die naturwissenschaftliche noch die theologische Berechtigung abgesprochen werden und wir dürfen und müssen sie deshalb bei Erklärung des Schöpfungsberichtes in Betracht ziehen. Wenn also die Pflanzen genetisch unter einander zusammenhängen, dann ist mit dem ersten pflanzlichen Organismus die ganze Pflanzenwelt geschaffen worden und eS ist klar, wie der biblische Bericht die Entstehung der pflanzlichen Organismen so scharf von derjenigen der thierischen trennen und in einen eigenen Schöpfungstag zusammenfassen konnte. Von diesem Standpunkt aus findet der Bericht des Moses in dieser Frage die einfachste, mit der Wissenschaft am besten harmonierende Erklärung. Der vierte Tag berichtet vorn Erscheinen der Sonne, des Mondes und der Sterne am Himmel. Nachdem der Urozean sich niedergeschlagen hatte, war die Erde anfangs noch von einer dichten Dunst- und Nebelhülle umgeben. Denn nicht alle Wasserdünste, welche den allmählig mit einer festen Kruste sich überziehenden Erdball umgaben, haben sich auf einmal zum Nrmeer niedergeschlagen. Die Erde war ferner noch wärmer, daher die Verdunstung der niedergeschlagenen Wassermassen eine ungleich größere, die Tendenz der Wasserdünste zum Niederschlag in Folge der gleichmäßigen Wärme eine ungleich geringere als heutzutage. Durch diese dichte Dnnstschichte konnte nun die Sonne nicht durchdrungen, nur ein ganz schwaches, die Existenz der niedersten Organismen bedingendes Dämmerlicht ruhte über dem Ozean und den sich erhebenden Kontinenten. Mit der Zeit aber schlug sich immer mehr Wasserdunst nieder, bis schließlich die Sonne ihr lebenspendendes Licht ungehindert über die Erde ausziehen und das Dunkel der Nacht vom Mond und den Gestirnen erhellt werden konnte. Moses hat allerdings diesen Tag zum Zwecke der Warnung der Juden vor Verehrung des Sonnengottes und anderer Lichtgottheiten so ausführlich dargestellt, derselbe ist aber nicht nur deßhalb in den biblischen Bericht aufgenommen worden. Denn jene Zeit, da das lebenerweckende Licht der Sonne zum ersten Male auf die Erde dringen konnte und so besonders für die phanerogamen Pflanzen und die höheren Thiere wohl eine der wichtigsten Existenzbedingungen brachte, diese Zeit war so wichtig, wie die Erschaffung der ersten Organismen selbst. Der fünfte Tag berichtet von der Erschaffung der Wasserthiere und der geflügelten Thiere, der sechste von den landbewohnenden. Fische fanden wir schon seit den filmischen Zeiten; überhaupt sind die Wasserthiere sicher vor den Landthieren erschienen. Wenn man die Zeit der größten Ausbreitung der hier in Betracht kommenden Thiere ins Auge faßt, so stimmt die von der Bibel angegebene Aufeinanderfolge mit der Paläontologischen überein. Die Wasserthiere sind seit den ältesten Zeiten des Kambriums bis zur Kreidezeit vorherrschend. Sie finden im Jura in den Plesiosauren und Ichthyosauren ihre mächtigste Ausdehnung; hier lassen sich auch die ersten Vogelreste nachweisen. In der darauffolgenden Kreidezeit werden landbewohnende Reptilien, nämlich die Dinosaurier, Mode, während in dem sich daran anknüpfenden Tertiär die landbewohnenden Säugethiere ihre Blüthezeit erreichen. Diese Reihenfolge wird nur dadurch scheinbar gestört, daß sich schon vor den ersten Vogelfunden in der Trias die ersten Säugethiere nachweisen lassen. Bei den äußerst spärlichen Vogelresten — woraus hervorgeht, daß die zur Erhaltung der Vogelskelette erforderlichen Bedingungen sehr ungünstige sind — wäre dies schon an sich belanglos und verliert jede Bedeutung, wenn man bedenkt, daß der fünfte Tag nicht bloß von den Vögeln, sondern überhaupt von den fliegenden Thieren berichtet. Insekten aber wurden schon im Silur nachgewiesen, also längst vor der Trias. Zuletzt erst erscheint der Mensch. Die Paläontologie lehrt dasselbe. Hier spricht die hl. Schrift deutlich von einem eigentlichen Schöpfungsakt. Dies war auch zu erwarten, denn jetzt tritt in die Natur ein anderes Princip ein: sie tritt in Verbindung mit dem Geistigen, mit einer unsterblichen Seele. Das hieraus hervorgehende Geschöpf ist nicht mehr identisch mit der bisherigen Schöpfung, denn in ihm ist ein Bindeglied geschaffen zwischen der körperlichen Natur und der geistigen Welt. Allerdings ist schon von gläubiger Seite behauptet worden, der biblische Bericht stehe der Annahme nicht im Wege, daß der menschliche Leib aus dem thierischen sich entwickelt habe und daß diesem Leibe dann durch einen schöpferischen Akt Gottes eine menschliche Seele eingehaucht worden sei. Aber abgesehen davon, daß eine sehr große Weitherzig- keit dazu gehört, um den biblischen Bericht damit nicht in Widerspruch zu finden, scheint es mir ganz undenkbar und widersinnig, daß einem schon bestehenden organischen Wesen ein neues, wesentlich anderes Lebensprincip mitgetheilt worden wäre. Aus demselben Grunde scheint auch der Uebergang eines pflanzlichen Organismus in einen noch so niedrigen thierischen unmöglich, mindestens äußerst unwahrscheinlich zu sein. Gegen die Abstammung des menschlichen Leibes vom thierischen sprechen übrigens auch gewichtige naturwissenschaftliche Gründe, deren nähere Darlegung aber zu weit führen würde. Lassen wir die einzelnen „Tage" nochmals kurz an uns vorbeiziehen: Am ersten Tag der gasförmig-glühende und feuer-flüssige Zustand der Erde; am zweiten Tag die Erstarrung der Oberfläche zu einer Erdrinde und der darauffolgende Niederschlag der Wassermassen, dieses Lebens- elementes für die ersten Organismen; am dritten Tage die beginnende Erhebung des trockenen Landes, einer Lebensbedingung für die meisten der kommenden höheren Organismen, dann die ersten, und zwar pflanzlichen 285 Organismen; am vierten Tag das die anfängliche Dunst» hülle durchbrechende Licht der Sonne, welches eine höhere Lebensentfaltung auf der Erde ermöglichte; am fünften Tage die ersten Wasserthiere und die geflügelten Thiere; am sechsten die landbewohnenden Thiere und zuletzt der Mensch. Wer kann da leugnen, daß tm Schöpfungsberichte gerade die wichtigsten Momente der Entwicklung und Bevölkerung der Erde angeführt sind, und zwar unter Einhaltung der richtigen Reihenfolge S Ein Literntnrbild aus der Gegenwart von Joh. Bapt. Führ. (Schluß.) 3. Bon jeher fand unter einem Culturvolke neben Lyrik und Epos auch das Drama eifrigste Pflege. „In keinem Lande, unter keinem Volke vermochte die Bühne vollständiger die eigentliche kulturhistorische Aufgabe zu erfüllen, als unter den Deutschen," so hat sich ein Gelehrter ausgesprochen. Stellen wir daneben eine Bühnen- charakteristik aus dem Jahre 1836, die folgendermaßen lautet: „In allen oder doch in den meisten unserer neuen Lustspiele weht kein anderer Odem, als der einer anekelnden Sinnlichkeit und Beschönigung des Lasters. Was ist der größere Theil unserer Lustspiele anders, als ein Unterricht für Mädchen, wie man den Geliebten überlistet, für die Töchter, wie sie die Mutter hinter's Licht führen sollen, für Söhne und Neffen, wie man dem Vater und Onkel Geld und Willen auszupft, und für die Gattinnen, wie man den Ehemännern den Argwohn lebendig ausschncidet?" So hat damals der Jude Saphir geschrieben; was müßte er heute von unsern Bühnen schreibend Die Bühne sollte die Zuschauer erheben zu allem Hohen und Edlen, dafür wird sie vielfach zum schalen Gemeinplatz des Lasters; Sinnenlust, Lüsternheit, oft Liederlichkeit sind die treuen Verbündeten der Bühne. Selbstverständlich ist hiemit auch schon genugsam angedeutet, daß Geisteskinder eines katholischen Dramatikers auf einer größeren Bühne das Lampenlicht noch nicht erblickt haben und es kaum in fernster Zukunft je erblicken werden. Diese trostlose Aussicht gerade ist'S, die alle Schaffenskraft auf dramatischem Plane kalholischer- seits erschlaffen läßt. Demgemäß sind hier, an dieser Stelle, nur wenige Namen zu verzeichnen, und mir demnach gestattet, mich kurz zu fassen. Der Jesuit Alexander Baumgartner, der seine umfassende Thätigkeit literaturgeschichtlichen Arbeiten widmet, hat sich im Drama versucht in „Calderon", das ein poesicvolles Festspiel ist. Berlichingen's Dramen werden Lesedramen bleiben. Einen guten Klang auf dem Gebiete des höheren Drama'S hat der Herausgeber der „Dichterstimmen" Leo Tepe van Heemstede. In den Dramen „Ma- thusala", „Arnold von Brescia" und in der Tragödie „Boleslaus" hat uns der Dichter prächtige Blüthen seiner reichen Begabung geboten. In „Boleslaus" zieht ein mächtiges Stück Geschichte an uns vorüber. In der tiefen Auffassung und künstlerischen Zeichnung der Charaktere ist Heemstede Grillparzer vergleichbar; Frauen- herzen weiß er nach Shakespeare zu bilden. Aus dem Französischen hat er das preisgekrönte Drama „Afrika" verdeutscht, das, angeregt durch ein Preisausschreiben des hochseligen Afrika-Apostels Cardinal Lavigerie, Professor Descamps geschaffen, und dem dafür der ausgesetzte Preis von 10,000 FcS. zuerkannt wurde. In verschiedenen Vereinen, die allein in rühriger Weise katholische Bühnendichtung lebendig machen, ist „Afrika" zur Aufführung gelangt bei stürmischem Beifall und durchschlagendem Erfolg. Die Besucher der diesjährigen Generalversammlung der Katholiken Deutschlands werden Gelegenheit bekommen, das Drama in Scene gehen zu sehen, denn so sei es, wie verlautet, vom Festausschuß in Dortmund geplant. Zu den geweihten Sängern, die für alles Hohe und Heilige erglühen, gehört der große Lyriker und Dramatiker Martin Greif (geb. 1839 zu Spcyer, lebt jetzt in München). „Die lebendige Anschaulichkeit hat seit Goethe wohl kein Poet mehr so getroffen und empfunden, wie Martin Greif," sagt der Recensent. Greif ist ein bayerisch-deutscher Dichter, ein echter Germane. Gegenwärtig wird eine Gesammtausgabe von Greif's Werken veranstaltet; zwei Bände find bereits an die Oeffentlichkeit gelangt. „Es wäre die Pflicht unserer deutschen Bühnen", fährt derselbe Recensent fort, „eine Ehrenpflicht vorab der bayerischen, einem so lange verkannten edlen Dichter wie Martin Greif endlich ausgiebige Genugthuung zu gewähren." In weiten Kreisen hat Sensation gemacht das dramatische Stück „Kaiser Maximilian von Mexiko". Der jugendliche Verfasser ist Ferdinand Wildermann aus Münster. Ein historisches Schauspiel von ihm ist „Der König der Wiedertäufer". Der junge begabte Dichter berechtigt zu großen Hoffnungen. Ein schönes Dichtertalent hat der Allgütige dem bayerischen Landsmann Hüttinger verliehen. Sein Erstlingswerk „Hans Dollinger" hat allenthalben günstige Aufnahme gefunden und anerkennende Besprechung sein Trauerspiel „Tasstlo II.", das namentlich ein bayerisches Herz hoch befriedigen muß. Mögen seiner Muse, die er in den Dienst der Religion, Sittlichkeit und Vaterlandsliebe gestellt hat, viele, recht viele Jahre beschicken sein! III. Winke für den katholischen Familienlesettsch. Das ist im engen Nahmen ein Bild von unserer zeitgenössischen katholischen Dichtung. Hienach ist der katholischen Literatur der Weg angebahnt, auf dem deutschen Parnaß den Platz zu erobern, der ihr gebührt. Nicht weniger als zweihundert katholische Dichtungen sind in den letzten zehn Jahren auf dem deutschen Bücherplan erschienen. Was die katholischen Dichter hindert, sich in literarischen Kreisen breit zu machen, das ist die Voreingenommenheit, mit der ihre Werke von nichtkatholischer Seite abgeurtheilt werden. Rudolf Gottschall stellt in der Vorrede zur fünften Auflage seines Werkes: „Die deutsche National-Literatur des neunzehnten Jahrhunderts" den löblichen Grundsatz auf: „Das Auslässen und Ueber- gehen von Autoren, die irgend ein Publikum haben, ist immer ein Akt kritischer Anmaßung, wenn es nicht eine Folge der Nachlässigkeit und Trägheit ist." Aber leider hat diesen Ausspruch niemand weniger zur Wahrheit gemacht, als der Urheber selbst. In dem angeführten Werke übergeht Gottschall „Dreizehnlinden" vollständig, wiewohl diese zur Zeit der Abfassung seiner Literaturgeschichte schon die siebzehnte Auflage zählten. Findet einmal eine katholische Dichtung in der Literaturgeschichte Aufnahme, so geschieht dies in den meisten Fällen mit einer Befangenheit, die deutlich durchblicken läßt, daß der fremde Kritiker wie der Blinde von der Farbe spricht. Derartige Verunglimpfung unserer besten Dichter, sollte uns gewaltig entrüsten und in Harnisch bringen. Aber weit gefehlt! Auf der letztjährigen Generalversammlung der Katholiken Deutschlands zu München mußte bittere Klage erhoben werden wegen zu lässiger Unterstützung unserer katholischen Literatur. Mit warmer Begeisterung hat damals (2. geschlossene Generalversammlung. 27. Aug.) Nector vr. Huppert zum Kreuzzuge für die katholische Literatur gepredigt. Die trefflichen und praktischen Vorschläge, die Dr. Huppert im Namen seiner Gesinnungsgenossen gegeben hat, verdienen wieder aufgefrischt zu werden. Da hieß es: Erstens: „Jeder katholische Mann und jede katholische Frau sollen . sämmtliche Unterhaltungslektüre in der Familie gewissenhaft überwachen und in erster Linie nur katholische Bücher und Zeitschriften anschaffen." Zweitens: „Die Vorsteher der katholischen Knaben- und Mädchen-Institute sowie die Neligionslshrer an höheren Lehranstalten sollen die ihnen anvertrauten Schüler und Schülerinnen über die katholische wie nicht- katholische Literatur eingehend belehren." Drittens: „Jeder Katholik soll innerhalb seines Kreises für die Verbreitung katholischer Literatur eintreten." Wenn Mann und Jüngling, Frau und Jungfrau, Univerfitütsstudent und Gymnasiast mit echt katholischer Hingebung und Treue an der Verbreitung der katholischen Literatur mitwirken, jedes in seiner Weise, dann ist uns Hoffnung gelassen, die katholische Literatur werde einen erstaunlichen Aufschwung nehmen, und dann ist ihr die Möglichkeit gegeben, einer wahren Blüthcperiode entgegenzugehen. Darum auf! „Alle Mann an Bord!" Die mächtige Kerntruppe dieses literarischen Kreuzzuges aber bilden die Geistlichen. Hören wir nur, was dem schon genannten Dr. Huppert ein Freund, der Laie ist, im Vertrauen sagte: „Wenn die Herren Geistlichen wüßten, wie dankbar in vielen Familien jeder Fingerzeig von ihnen nach eine« Buch oder einer Zeitschrift befolgt wird, würden sie weit mehr in dieser Richtung wirken und dadurch sich und anderen viel unangenehme Erfahrungen ersparen." Manch gefährliches Buch hält seinen Einzug selbst in ein gut katholisches Haus, „als ob wir gar nichts Gutes hätten". In häuslicher Musestunde vertändelt die junge Mutter im nardenduftigen Gemache ihre Zeit mit der leidenschaftschmeichelnden, weltschmerzsüßlichen und zerfahrenen Liebespoeste Heine's und seiner Schule, und läßt bewußt oder unbewußt auch ihr liebes Töchterlein vom Gifte naschen. Ein Mutterherz vor Zersetzung und Entsittlichung zu bewahren, die Engelscelc in einem schönen Kinde rein und ungetrübt dem Himmel zu erhalten — die leichtgeschürzte Valandinen-Mode aus dem christlichen Hause zu verbannen, wahrlich, das wäre ein erhabenes Apostolat für den Geistlichen, das er üben kann im Verkehre mit den Eltern und beim Unterrichte der Kinder, indem er angelegentlichst dafür Sorge trägt, daß gediegene Bücher und Zeitschriften auf den Familienlesetisch zu liegen kommen. „Man muß das Publikum mit der Nase auf die Bücher stoßen," pflegte der selige Janssen zu sagen. Dies gilt vornehmlich dem katholischen Publikum, was Unter- haltungslektüre anbelangt. „Alte und neue Welt" oder „Deutscher Hausschatz" sollte sich in jeder besseren katholischen Familie vorfinden, und last not laust die „Dichterstimmen der Gegenwart" sollten in jedem Falle nebenbei' noch aebalten werden, was der jährliche Abonnements- PreiS von nur 4 M. 50 Pf. recht leicht ermöglicht. Die „Dichterstimmen" bilden das poetische Organ für das katholische Deutschland in monatlichem Erscheinen; unter der fürtrefflichen und fachmännischen Leitung des berühmt gewordenen Dichters Leo Tepe van Heemstede haben sie die Kritik der Presse durchgehend sehr gut bestanden. Litcrarische Größen rühmen das anerkcnnenswerthe Streben deS katholischen Musenalmanachs, der mir dem nunmehrigen zehnten Jahrgange nun auch wohl die Feuertaufe erhalten haben wird. Ohne gerade selbst schriftstellerisch thätig oder gar Dichter zu sein, findet in den „Dichterstimmen" ein Jeder nach seinem Geschmack eine schöngeistige Auslese in gebundener und ungebundener Sprache. Durchaus nicht unscheinbar sind die einzelnen Hefte, zumal mit dem neuesten Jahrgang ihr Umfang sich verdoppelt, Inhalt und Form sich vervollkommnet hat. Darin findet der Leser, was am Ende für viele die Hauptsache, für alle aber gewiß ein literarischer Handweiser ist, einen kleinen Literaturkalender in jeder Nummer verzeichnet, der alle neuen dichterischen Werke, katholische wie nichtkatholifche, schöngeistiger Literatur genau angezeigt, dem einen das Wort redet, vor dem andern warnt. Die besten katholischen Dichter der Jetztzeit bis herab zum jüngsten Lauten- Wäger geben sich hier ein Stelldichein, um mit rein gestimmter Harfe zu singen von Frauentugend, Männer- würde, von Liebe und Vaterland. Wie wohl und erquickend ist es, diesen lieblichen Klängen im weltverlorenen Dichterhaine sein Ohr zu leihen, wenn ringsum in der wirr bewegten Gcisterströmung der Welt das Gezänke der Parteien und der wilde Lärm der hastigen Glücksjagd tobt! An der Hand der „Dichterstimmen" werden wir auch zur Ueberzeugung kommen, daß die katholische poetische Literatur keineswegs mehr das Aschenbrödel ist, das an der Pforte der großen Literatur vergeblich um Einlaß klopft. Lieder, Romanzen, Balladen und Kantaten, Hymnen und dramatische Bilder, fein erdachte Novellen, zauberumwobene Sagen heben uns aus dem Alltagsleben in freudige Sonntagsstimmung. Möge der frühlings- frische Morgen in der katholischen Poesie in unabsehbare Zukunft hinein Sonntag feiern zur Veredelung, zur Begeisterung deutscher Herzen! Möge er mit seinem lieblichen Festgeläute die Nacht trüben Weltschmerzes bannen, und viele, recht viele laden in den herrlichen Tempel frischgläubiger, lenzesfroher Poesie, aus der wie linder Frühlingsodem jenes hehre Ideal uns entgegenweht, daS der Seele Flügel leiht! Dieses Vertrauen beläßt uns die goldene Hoffnung auf Verwirklichung dessen, was der edle Geibel mit ahnendem Geiste von „Gründeutschland" sang: „Mag die Welt vom Einfach-Schönen Sich für kurze Zeit entwöhnen. Nicht gclingt'S ihr auf die Dauer Schnöder Unnatur zu srvhnen." „Ein Wort über die Schriften von Heinrich Httnsjakob." 8t. Wir stehen in der allgemeinen Ferienzeit. Die Schulen, die Universität, die Gerichtssäle, sie alle sind geschlossen. Jeder, der an diesen Stätten gewirkt, sehnt sich hinaus in die freie Gottesnatur, uni Mühe und Widerwärtigkeiten zu vergessen und den alten Menschen durch die ewig junge Natur mit ihren irischen Wäldern und luftigen Höhen wiederum zu verjüngen und zu neuer Arbeit zu kräftigen. Doch Nicht an jedem Tage weist Gott dem Touristen, den er „in die. 287 weite Welt geschickt, seine Wunder," manchmal und Heuer leider allzuoft hüllt er sie ein in Nebel und Regen. Jeder, der oben im Gebirge schon regnerische Tage verlebte, weiß, wie sehr da oft der ganze Humor und alle Wanderlust zu schwinden droht. Darum versieht sich der vorsichtige Tourist gerne mit einer herzerfrischenden Reiselektüre. Zu diesem Zwecke eignen sich ganz vorzüglich für Jedermann die prächtigen Erzeugnisse der Muse des badischen Stadtpfarrers Dr. Heinrich HanSjakob. In manchem aber, der früher als frischer Student mit leichtem Gepäcke und sorglosem Herzen die schöne Ferienzeit über seiner Wanderlust folgte, schlägt das Wort Fericnreise nur mehr trübe Saiten an, denn es gibt für ihn keine Ferien mehr. Puter diese rechne ich nicht zuletzt den — Landpfarrer. Wie sehr wäre so einem Landpfarrer, der das ganze Jahr über in seinem oft recht armseligen Pfarrhause sitzt und jedes gebildeten "Umganges und geistig anregenden Verkehres entbehrt, wie sehr Wäre ihm eine Fericnreise zu gönnen! Doch woher einen Stellvertreter nehmen, da die geistliche Bebörde sich nicht darum kümmert? Wenn wenigstens die Bination von Seite der Nachbarpfarrer gestattet würde, so wäre leicht auch für den Land- chfarrer ein Urlaub von 2 bis 3 Wochen zu schaffen, allein dcr- üartige Aushilfe wird dermalen gar nicht mehr gestattet. Geistige Erholung und Auffrischung des G-müthslebeus ,«kraucht der Landpfarrer so gut, wie jeder andere; wiffenschaft- Pche und ascetijche Lectüre allein reichen nicht hin. „Von Vfarrherrn selber gingen dunkle Sagen, „Daß sie als Waldbrcvier dich bei sich tragen." sagt Scheffel im poetischen Vorwort zur 2. Auflage seines „Trompeters". Als ein solches Waldbrevier, als lieben Begleiter auf einsamen Wegen, als aufheiternde und belebende Pektüre für den stillen Pfarrhof, als thcilwciscn Ersatz für die schwer vermißte Fericnreise begrüßen wir freudig die Schriften Hansjakob's. Doch >hio nlxer ost, Iruno tn, Romane, caveto«, denkt Vielleicht da ein Nicht-Geistlicher. Erschrick nicht; Hansjakob's Schriften, obschon zum größten Theile im Dorspfarrhofe Hagnau Nm Bodensee geschrieben, riechen nicht nach „finsterem Pfarr- hose" und „schwarzer Couleur"; jeder, wess' Standes und Behufes. welcher religiösen oder politischen Anschauung auch immer er sei, und nicht zuletzt der Mann aus dem Volke wird seine helle Freude an diesen Schriften haben, wofern er nur das (Gefühl für echte Volkspocsie, — wenn auch in ungebundener Sprache, — und für lebenSwarme, kernige Lektüre in sich trägt. Der Genuß des Lesers wird nicht gestört, auch wenn er gerade dieser oder jener Anschauung HauSjakob'S nicht zustimmen kann. ^diesbezüglich schreibt ein Recensent im (Protestant.) „Kireben- Freund" (Basel): „Ich ziehe Hansjakob Rosegger und ähnlichen weit vor. Zwar ist in seinem Wesen vieles, was einem tvidcrstrebt, katholischer Geistlicher u. f. w. u. f. w. kommt auch in seine» Schriften eine oft seltsame Mischung von hübschen Gedanken, originellen Ideen, feinen Beobachtungen und zweifelhaften Einfällen heraus, ich lese sie meistens unter heftigem ALidcrspruch, aber leidenschaftlich gern." Es ist überhaupt eine äußerst seltene und bei den Schriften eines kathol. Geistlichen wohl noch nie dagewesene Erscheinung, daß politisch und religiös Gleich-, wie Andersgesinnte ini Lobe übereinstimmen. Der „Badische Beobachter", erstes Centrumsblatt Badens, das ,-Deutsche Volksblatt", führendes Ceutrumsorgan Württembergs, die „Kölnische Volkszeitunz", die „Niederrhcin. Volkszeitung", ^Schlestsche VolkSzeitung", „Freie Stimme" u. a., so gut wie die liberalen Journale: „Schwäbischer Merkur", „Karlsruher Zeitung", „Skraßburger Post", die demokratische „Frankfurter Zeitung" u. a., dann die Zeitschriften und Litcraturblätter: -jLitcrarischer Handweiser" Münster 1896 Sir. 631/632, die „Kath. Warte", die „Akademischen Monatsblätter", „Schweizer literar. Monatsrundschau", „Internationale Literaturberichte", „Deutsche Revue" Stuttgart, Fcbr. 1896, „Jllustrirte Zeitung" Leipzig 1895 Sir. 2739, „Universum" Drcöden 1896 11. Heft, „DaS Land" Berlin 1896 Nr. 8 u. a. überhäuften Hansjakob'S Schriften mit den höchsten Lobsprüchcu. Was ist es denn nun, das Hansjakob's Werke so anziehend macht? Der Verfasser schöpft nicht auS vergilbten, staubigen Folianten der Bibliotheken, obgleich er zur rechten Zeit auch interessante geschichtliche Details einstießen läßt, er betritt nicht die ausgetretenen Pfade der Roman- und Novellenschriftsteller, alles an ihm ist durchaus originell. Der Born, aus dem er schöpft, ist theils das eigene Leben, zum größten Theil aber das Leben des kernigen, von keiner Uebercultur beleckten und verdorbenen Volkes aus dem badischen Schwarzwald. wie es noch in der jüngsten Vergangenheit war. Hansjakob ist der Sohn dicsiö Volkes, auö seinem eigensten Blute enMoffey pulsirt in ihm das Leben dieses Volkes mit seinen Tugenden und, wie er selbst gesteht, auch Schwächen. Von Jugend auf hat er mit diesem Volke gelebt und gefühlt, und als gereifter Mann bis in die Gegenwart herein seine Musestunden bei ihm verbracht; bis in ihr Innerstes hinein hat er mit einer nur ihm eigenen Schärfe die Volksseele belauscht. Daher erklärt sich die Natürlichkeit und Originalität, die wahre Poesie und ganze Ge- fühlstiefe, das urwüchsige Leben und die hcrzerfreuende Frische in diesen Schriften. Sie find ein werthvoller Beitrag zur „Culturgeschichtc eines zwar kleinen, aber interessanten Gebietes des deutschen Vaterlandes" und in dieser Beziehung von bleibendem Werthe; ja der Werth und die Bedeutung solch kerniger Volksgestalten, schriftlich fixirt, wird sich stets erhöhen, je ärmer allenthalben durch den sogen. Culturfortschritt auch das gewöhnliche Volk an derartigen Volkstypen wird. Zu diesem hohen Vorzüge kommt hinzu die große Unbefangenheit und Offenherzigkeit, die Aufrichtigkeit und manchmal etwas derbe Geradheit des Verfassers, die ihn offen hcraus- plaudern läßt, was andere verhüllen. Mit Recht hat man ihn in dieser Beziehung mit Abraham a Santa Clara verglichen. Ueberall hat der Leser den Eindruck der strengsten subjectiven Wahrheit und Wahrhaftigkeit, da wird nichts vertuscht oder beschönigt, weder nach oben noch nach unten werden Complimcnte gemacht. Was Hansjakob nach einem interessanten Zusammentreffen mit dem geistvollen Satyriker Sebastian Brunncr in Wien von diesem als Schriftsteller rühmte, gilt auch ganz von ihm selbst: „S. Brunncr gehört zu den immer rarer werdenden Männern, die ,von der Leber weg' reden und in allem das ,Kind beim rechten Namen' nennen, ob dieser Name gefällt oder mißfällt, beliebt macht oder nicht. Es gibt in unseren Tagen immer mehr Zuckerwassermenschcn und Simsentänzer in allen Ständen, so daß cS einem ordentlich wohl thut, neben diesen Legionen auch wieder ganze Männer zu finden, Männer, die nur darnach streben, die Wahrheit zu sagen, die ganze volle Wahrheit, Männer, die, wie Seb. Brunncr einmal so schön sagt, mit dem Schwerte und nicht mit dem Zopfe dreinschlazen." (Dürre Blätter II. Bd. 272.) Ja, das gerade ist es, was uns an HanSjakob so wohl gefällt, und was ihn über Tausende von Schriftstellern und Skribenten so unendlich hoch erhebt, daß er nirgends zu schmeicheln und auf sein eigenes Interesse Rücksicht zu nehmen sucht, sondern frei und frank „von der Leber weg" redet. Wißt ihr selber nichts zu reden. Nun, so laßt doch andre sprechen, Denn der Muth dünkt nur der Feigheit Ein zu strafendes Verbrechen. (Seb. Brunncr.) Für die Darstellung des aus dem Volksleben gegriffener Stoffes kann eS nur von Vortheil sein, daß Hansjakob absticht- lich in der Form allen gelehrten und künstlichen Apparat vermeidet und verschmäht; einfach und schlicht, wie die unverfälschte Denk- und Redeart des Volkes, ist seine Diktion. „Wie ein alter, einsamer Bergfink, auf einem stillen Tanuenas sitzend, sein Lied componirt und singt, wie es ihm aus der Kehl- dringt, ohne sich zu kümmern, ob es der Harnwnielehrc odc: dem Contrapunkt entspricht, so erzähle ich meine .Geschichten'.' (Leutnant v. HaSle.) Man hat eö ihm von Seite der Recensenten zum Vorwürfe gemacht (okr. „Daucrnblut" Vorwort), daß er „schlecht componire und allerlei untereinander erzähle". Mit vollem Rechte cntgegnet Hansjakob: „Haben denn dieß Herren noch nie einen Mann aus dem Volke erzählen Hörens Der nimmt, wenn ihm im Anschluß an das, was er erzählt, eine andere Person in dem Sinn kommt, auch diese vor und erzählt zwischen hinein auch von ihr. So erzählt der Bauer.... so erzähle auch ich. Und paßt diese Art nicht gerade für Geschichten aus dem Volke? Muß denn alles erzählt werden, wie cs in den Büchern über Grammatik und Rhetorik in Schulen gelehrt wird. Ich will nichts wissen, nicht einmal, wenn ich predige, von der grauen Theorie, sondern gehe überall dem Leben und der Praxis nach." Die hauptsächlich hier in Betracht gezogenen SLriften Hansjakob's erscheinen im Verlage von Georg Weiß in Heidelberg, die Ausstattung sowie die eigenen Eiubauddecken sind geschmackvoll. Von einigen Werken: „Aus meiner Jugendzeit", „AuS meiner Studienzeit", „Dürre Blätter", „Schneebällen", „Wilde Kirschen" erscheint gegenwärtig eine Volksausgabe in circa 50 Lieferungen » 30 Ps. So viel im Allgemeinen. Zur Würdigung wenigsten einzelner Werke Hansjakob's übergehend, wird cS uns schwer, aus der Fülle des Schönen das Schönste hervorzuheben. (Fortsetzung folM Recensionen und Notizen. DaS Lied der drei Jünglinge (Dan. 3, 56—88). Dargelegt nach seiner kanonischen Geltung, seinem Inhalt und seiner liturgischen Bedeutung v. Karl Lä in Hierin eher. kgl. Gymn.-Professor. Ncgensburg, Nationale VcrlagSanstalt (Mauz). Approb. 102 S. M. 1.00. Das ist eine ganz solide und tüchtige Arbeit, welche wir mit hohem Gennße durchgeblättert haben. Weit entfernt, nur daS Resultat religiösen Empfindens zu sein. beruht diese Erklärung des -Lsneclioito- auf fester wissenschaftlicher Grundlage, und verräth schon der erste Theil des WerkchenS den gründlichen Kenner des historisch-exegetischen Materials. Bei der Erklärung der einzelnen Verse finden wir eine Summe von großen und tiefen Gedanken aufgespeichert, deren Bedeutung weit hinausgeht über den Werth einer augenblicklichen an- muthigen Gefühlserhebung. Die von gläubigem Geiste durchleuchteten Resultate der Naiurwissenschaft, sowie die dogmatisch und historisch begründeten Bestimmungen theologischer Ausdrücke geben der Erklärung der einzelnen Verse zugleich Kraft und Weihe. Was die liturgische Verwerthung betrifft, so ist nur auf die Verwendung des Liedes bei den I-anäes der Sonn- uns Festtage Rücksicht genommen und vermißt man die Deutung ded Lobgesanges zum Zweck des priesterlichen Dankgcbetcs nach der Celebration der HI. Messe. Das könnte als ein Mangel, als ein pinirr äesiäerinw für eine zweite Auflage angesehen werden. Allein wir glauben, daß das bereits Gebotene, mit Geist und Herz erfaßt, an sich schon reichen und überreichen Stoff für die Danksagung deS Opferpriestcrö bietet. Gerade der dritte Theil — Verwendung des Loneäicito an Sonn- und Festtagen — bringt so Schönes über die Wechselwirkungen von Natur- und Gnadenlcben und über die Verklärung der Geschöpfe, daß ein frommes und denkendes Gemütb gar leicht die Beziehungen finden wird, die zwischen dem hl. Opfer uuv dem Canticum bestehen, um die Harfe deS Herzens zum vollen Tönen zu bringen. Kein Priester wird es bereuen, sich dieses Werkchen angeschafft zu haben, denn keiner wird es ohne reiche und tiefe Anregung aus der Hand legen. Dem Verfasser aber ein „Glück auf!" sür weitere ähnliche Studien! Augsburg. Max Steigenberger. Das Leben Jesu nach den 4 Evangelien dargestellt von Dr. Joseph Grimm. II. Band: Geschichte der öffentlichen Thätigkeit Jesu 1. Band, 2. Auflage, Regcnsburg, Pustet 1893, Seiten 747; III. Band des ganzen Werkes: Geschichte der öffentlichen Thätigkeit Jesu 2. Band, 2. Auflage, Regensburg, Pustet 1895, Seiten 655. Geschichte des Leidens Jesu nach den 4 Evangelien 1. Band, des ganzen Werkes 6. Band. Regensburg, Puffet 1894, Seiten 671. — Es ist zwar an „Leben Jesu" kein Mangel: Schcgg und Sepp in Deutschland, Fornari in Italien, Le Camus in Frankreich, Coleridge in England haben die Geschichte Jesu zum Gegenstand ihrer Studien gemacht und uns mit mehr oder weniger gehaltvollen Arbeiten hierüber beschenkt. Die Palme unter den Leben Jesu gebührt jedenfalls dem Leben Jesu des leider zu früh Heimgegangenen Gelehrten Joseph Grimm. Bis jetzt sind 6 Bände erschienen, bei der Vcrurtheilung Jesu zum Kreuzestod bricht das Werk ab. Wie man Hort, war jedoch der Schlußband beim Tode deS Verfassers soweit gediehen, daß das Werk nicht ein Torso bleiben muß. Der 1. und 2. Band (2. und 3. Band deö ganzen Werkes) haben bereits eine 2. Auflage erlebt und sind vom Verfasser durchgesehen und verbessert worden. Keppler rühmt an Grimm: exegetische Genauigkeit. gemüthstiefcs Eingehen in den Text der Schrist und contemplative Versenkung in die hl. Geheimnisse. Lst gnos laustes aststistisss aliguist, stseerpisse est. (Llaximus bom. 59.) Zum Schlüsse noch die Bemerkung, daß sämmtliche deutsche „Leben Jesu", welche von katholischer Seite verfaßt wurden, auf bayrischem Boden entstanden. Familie Lngmüller. Erzählung von Arth. Achleitrier. Dessau, Dünnhaupt, 1896. 8°. 162 S. M. 2. L/Z Eine tiesergrcifende Geschichte, wie sie im Leben nicht so ganz unmöglich ist. Allein der Dichter, der sie ersann, hat es bei einer einfachen Erzählung nicht bewenden lassen. Er legte es mit Anwendung gewaltsamer Scenen und effecthascher- ischer Motive darauf an, eine aufdringliche Tendenzschrift gegen „GcschäftSkatholiziSmus", Auswüchse des Wahlfahrten- Wesens, Härten des HcimatbSrechtes und was er sonst noch auf dem Herzen hat, bis zur äußersten Spitze durchzuarbeiten. Das ist ihm allerdings gelungen, freilich mit schwerer Versündigung an der Wahrheit und an der Kunst. Die Erzählung könnte ganz passend in der „Gartenlaube" der Sicbzigerjahre gestanden haben. In den guten Klang, den im allgemeinen sonst der Name deS Autors durch seine „G'schichtcln" auch in katholischen Kreisen besitzt, bringt die „Familie Lugmüller" einen bösen Mißten. Wiederum liegt mit dem soeben erschienenen 12. Hefte von „Alte und Neue Welt" ein Jahrgang (30.) abgeschlossen vor uns, und wir müssen gestehen, daß er vom ersten bis zum letzten Heft in Text und Bildcrschmuck geradezu musterhaft und unübertroffen dasteht. Das letzte Heft schließt den stattlichen Band von 768 Seiten mit 476 Kunstblättern und Illustrationen würdig ab. In diesem einen Jahre brachte die Zeitschrift nicht weniger als 38 große Romane, Novellen, Dorf- geichfchtcn und Humoresken; 7 große, reich illustrirte Reise« bcschrcibungen und Schilderungen aus der Länder- und Völkerkunde. 55 populäre Aufsätze aus den verschiedensten Wissensgebieten und viele kleinere und größere sonstige Artikel, Gedichte, Plaudereien u. s. w. Das 12. Heft zeichnet sich durch drei besonders fesselnde erzählende Beiträge aus. Die meisten Artikel sind illustrirt. Der übrige Bildschmuck ist reich und musterhaft. Möchte die „Alte unv Neue Welt" mit dem neuen Jahrgang doch in recht vielen Familien Eingang finden. Ein Versuch wird niemanden gereuen. Für 50 Pieunig mehr zu bieten, ist unmöglich. Die christliche Jungfrau in ihrem Tngcndschmucke. Von ?. Mathias von BremsÄcid, Priester aus dem Kapnzinerorden. Mit kirchlicher Approbation. Dritte Auflage. Mainz. 1894. Fr. Kirchheim. 6. (103 S.) in Leinwand qcbd. 60 Pf. Ein goldenes Büchlein, dessen Lehren and dem Leben geschöpft sind und von einem sür den Tugendschmnck der Jungfrau begeisterten Herzen kommen und deßhalb wieder den Weg zum Herzen finden. „Nimm und licö!" möchte ich jeder christlichen Jnügsrau zurufen, „und du wirst es nicht ohne großen Nutzen thun." In dem Verlage von Franz Kirchheim in Mainz gelangen demnächst zwei bedeutende Werke zur Ausgabe. Bei dem Interesse, das durch die bekannten Wirren in Klein-Asicn für Armenien erweckt ist, wird das neue Werk: „Vom Kaukasus zum Persischen Meerbusen durch Armenien, Kurdistan und Mesopotanicn" von Dr.Paul Müller-SimoniS, voraussichtlich mit großem Beifall begrüßt werden, zumal bis jetzt über jene Gegenden in deutscher Sprache ein ähnliches Werk nicht vorliegt. Der Bearbeiter hat eine Uebersicht über die orientalischen Kirchen und die armenischen Gräucl bis auf die neueste Zeit beigegcben. DaS Werk wird mit gegen 100 Text-Illustrationen, einer Heliogravüre, sechs Lichtdrnckvilocrn (durchweg Oriqinalaufnahmcn des- Verfassers) und einer Karte in elegantem Original-Einband gegen 10 Mk. kosten. Der hochinteressante Inhalt und die splendide typographische Ausstattung werden das Werk namentlich auch zum Geschcnkwerk eignen. — Ein anderes gleichfalls künstlerisch, überhaupt prächtig auSgestatlets, illustrirteS Werk desselben Verlags, das Mitte September zur Ausgabe gelangen soll. betitelt sich: „Westlich! oder Reise nach dem fernen Westen Nordamerikas". (In reichem Original-Einband ca. 7 Mark. — Der Verfasser Dr. Otto Zardctti, Titnlar-Erzbischof von Mozissus, zuletzt Erzbischof in Bukarest (ein Deutsch-Schweizer), war wie kaum ein Anderer zur Abfassung dieses Buckes berufen, da er jahrelang als Professor, dann als Bischof von St. Cloud in den Vereinigten Staaten von Nordamerika gewirkt hat. Das Werk bringt ohne selbstverständlich seinem eigentlichen Zwecke, der Schilderung von Land und Leute untreu zu werden, interessante Streiflichter auf die kirchlichen und religiösen Verhältnisse Nordamerikas. Besonders wird auch den Leser der brillante Stil des Verfassers fesseln. Nach Vollendung der beiden Werke werden wir eingehend daraus zurückkommen. Berichtigung. In dem Artikel über Bischof Markwart (Nr. 34 S. 274 Zeile 17 v. u.) muß es heißen: „er hielt wohl auf geistliche Corrcctheit, aber sein Maßstab war daS kanonische Recht." Verqntw. Redacteur: Ad. Hggö in BuMnrg. — Hruck ».Verlag des Lit. Instituts von Haas LGrabhcrr in Augsburg. ttn. 37. Wage M Dlgsöurger Weitung, u. E Die Lehmn'sche Weissagung und ihr alter Vertheidiger Wilhelm Meinhold. Von Dr. Franz Kampers. Dem Uebereifer der Gegner der „Echtheit" des Lehnin'schen VaticiniumS ist es zuzuschreiben, daß die, man dars schon sagen, leidige Frage immer wieder zur Debatte gestellt wird. Schon Max Nuge (Bemerkungen zu dem Vntieiiiimii I^stinnsnso. Progr. des Berlin. Gymn. z. grauen Kloster. 1889.) geißelte diesen Uebereifer, der haltlose Hypothesen über den muthmaßlichen Autor und über die Abfassungszeit der Fälschung zu begründen suchte und dadurch den Freunden des Vati- ciniums Wasser auf ihre Mühle lieferte. Von einem einzigen Gesichtspunkte aus kann das immerhin durch seine Geschichte interessante Schriftstück allein richtig gewürdigt und ganz verstanden werden, nämlich von dem der quellenkritischcn Analyse. Nur im Rahmen der übrigen mittelalterlichen apokryphen Verheißungen von dem großen Wcltmonarchen und dem heiligen Papste der Endzeit lösen sich überraschend einfach die Räthsel, welche die Weissagung stellt. Darüber gedenke ich mich demnächst in selbststündiger Monographie zu verbreiten; hier genüge ein Hinweis daraus, wie schwach der alte, nunmehr wiedererstandene*) Kämpe für die „Echtheit" des I^lminönsö, Wilhelm Meinhold, seinen Beweis stützt. Der größte Theil seines jetzt in 2. Auflage vorliegenden Buches bietet eine Apologie der Weissagungen überhaupt; nur 35 Seiten befassen sich mit der Frage der „Echtheit" — von der nachfolgenden Erklärung der einzelnen Verse, welche zumal in ihrer Schlußpartie als reines Phantaficprodukt gerade geeignet ist, den ernsten Leser von der „Unechtheit" der nicht mehr ein- getroffenen Weissagung zu überzeugen, kann hier abgesehen werden. Gleich zu Anfang des Kapitels über das Alter der Lehnin'schen Prophetie hat Meinhold eine arge Textentstellung der 1. Auflage berichtigt. Ursprünglich sagte er: „Im Jahre 1722 ließ Schulz die Weissagung in seinem ,gelahrten Preußen' abdrucken und erzählt II, S. 289: sie sei aus dem Mannscript des verstorbenen Bürgermeisters von der Linde in Danzig genommen, dem ein vornehmer Freund in Berlin einst die Erlaubniß gegeben, das in Lehnin aufgefundene Original zu copiren." Faktisch steht aber an der citirten Stelle (vergl. Nuge a. a. O. S. 22): „Von diesem großmächtigen Hause soll in Lehnin eine Prophezeyung sein gefunden worden, welche mir, da ich in Berlin ge- lebet, ein vornehmer Freund abschreiben lassen. Ich will dieselbe aus dem Msc., welches nach meinem Wissen bisher nicht gedruckt gewesen, dem geneigten Leser mittheilen." Von dem Bürgermeister und von dem Original kein Wort! Jetzt ist (vom Herausgeber?) die Stelle ziemlich correct angemerkt; nur wird aus „vornehmer Freund" „von hoher Hand" gemacht. Verfasser wendet sich darnach der Behauptung der Gegner zu, daß vor 1692 der Weissagung nirgendwo Erwähnung gethan wird, und zieht als Hauptstütze eine angeblich im Jahre 1620 gedruckte Prophezeiung eines Hainno Flörcken heran, in welcher Stellen aus *) Die Lchnin'iche Weissagung gegen alle,, auch die neuesten Einwürfe vertheidigt, zum erstenmal metrisch übersetzt und comlncutirt von Wilhelm Meinhold. Ilus'ö neue herausgegeben von Paul Majunke. Negensburg, Nationale BerlagS- anstalt. 1896. einer Lehnin'schen Weissagung aufgeführt werden. Dieser Druck ist aber nicht aufzutreiben, ja nicht einmal irgendwo in den bibliographischen Hilfsmitteln vermerkt; dazu stimmen die Sätze, welche mitgetheilt werden, absolut nicht mit dem Inhalt unserer metrischen Prophetie. Die Druckschrift beweist demnach — ihre Echtheit, die ich nicht für unmöglich halte, vorausgesetzt — nur, daß in Lehnin eine einem Mönche Hermann zugeschriebene Weissagung umlief, die aber mit der unsrigen gar nichts zu thun hat; darüber helfen alle Jnterpretationsversuche nicht weg. Selbst wenn eine Nachricht von unserem metrischen Vaticinium existirte, so könnte diese die Annahme späterer Erweiterungen nicht eo ipso beseitigen. Uebrigens ist die Sebaldusprophetie nicht, wie Meinhold annimmt, als Quelle Flörckens anzusehen; abgesehen davon, daß sie mit Carions Weissagung sich noch viel enger als äußerlich verwandt darstellt, läßt sich in ihr eine in das dreizehnte Jahrhundert hinaufreichende Friedrichprophetie nachweisen, die uns zu ganz entgegengesetzten Schlüssen bezüglich des I-estiünönss nöthigen wird. Warum verschweigt übrigens der Herausgeber, daß der überhaupt nicht genannte Hilgenfeld noch eine dritte Lehnin'schc Weissagung citirt, die ebenfalls als Frucht joachimitischer Spekulationen unser Interesse verdient? Die Angabe über Oelvens weiterhin erwähntes Prognostikon, daß ein Hohenzoller Kaiser werden würde, und über seine Aufforderung an das deutsche Volk zur entsprechenden That, „damit das 200jährige Vaticinium in Erfüllung gehe," kaun ich leider momentan nicht controlliren; nach Hilgenfclds Bemerkungen darüber muß ich aber annehmen, daß diese Notiz mit der Lehnin'schen Weissagung gar nichts zu thun hat. Meine Annahme geht dahin, daß Oelven sich hier nur auf die vielleicht auf Mclanchthons Freund, Canon, zurückgehende Pro- phetic bezicht, die auch Lcutinger kannte, nach welcher ein Brandenburgischer Kurfürst seine Hand nach dem Kaiserdiadem ausstrecken würde. Recht unglücklich ist weiterhin die Stütze des Beweises gewählt, daß bereits im Jahre 1599 im Kloster Benediktbeuern eine Travestie unserer Prophetie verfaßt sei. Die Angaben hierüber entbehren jeder Zuverlässigkeit und haben schon deßhalb keine Beweiskraft. Die Stütze bricht aber in sich selbst zusammen, wenn man bedenkt, daß die Travestie sich auf Ereignisse um die Wende dieses Jahrhunderts bezieht; also auch diese Travestie vom Jahre 1599 müßte demnach von Gott iuspirirt sein! Daß es im 13. und 14. Jahrhundert in Lehnin Mönche des Namens Hermann gab, steht fest, aber der von Meinhold als muthmaßlicher Verfasser angeführte Mönch hat urkundlich nachweisbar nicht Hermann, sondern Heinrich geheißen. Die noch verbleibenden allzu windigen weiteren Argumente für die Echtheit hat mein die Echtheit vertheidigender Vorgänger in diesen Blättern (Beil. 1895 Nr. 40 sf.) bereits zurückgewiesen, auf dessen sachliche Ausführungen hier verwiesen sein möge; nur eines möchte ich noch hier berühren. Wenn der Jencnser Katalog der Lchniner Bibliothek auch ein nproZuostiooli tuturi 86Luü" anmerkt, so beweist das nichts für die „Echtheit". Einmal wäre es geradezu auffällig, wenn eine Bibliothek eines Cistercicnserklosters nicht derartige Verheißungen enthalten hätte; denn gerade dieser Orden hat diese apokryphe Literatur überaus gepflegt und verbleitet, nyd jeder Kenner der Mittel» 280 alterlichen Prophctie wird aus einer solchen Notiz keine Rückschlüsse auf unser Vaticininm machen. Sodann aber, glaubt denn der Herausgeber wirklich, daß die Lehniner Mönche aus einer so bestimmt stets eintreffenden Weissagung kein Kapital geschlagen hätten, daß sie unbekannt geblieben wäre? Ziehen wir das Facit, so ergibt sich mit absoluter Sicherheit, daß die Existenz unserer Weissagung vor den letzten Dezennien des 17. Jahrhunderts nicht nachweisbar ist. Dieses Moment füllt um so schwerer in'S Gewicht, wenn man berücksichtigt, mit welcher Leichtigkeit sich im Mittelalter apokryphe Weissagungen verbreiteten und mit welcher Zähigkeit sie festgehalten wurden. Das Vati- cinium ist wie die fast gleichzeitige Weissagung des Bartholomäus Holzhäuser — daS wird die Quellenkritik ergeben — eine späte Frucht der spiritualistischen Lehre des Abtes Joachim von Fiore und seiner Schule. Die Kirche zum heiligen Geist in München. Von Franz Jacob Schinitt, Architekt in München. Karl der Große ließ sein Münster in Aachen als gewölbte Achtecks-Basilika mit einem löeckigen Umgänge - - Ausführung bringen, ebenso befahl Kaiser Ludwig Lcr Bayer um 1327 den Neubau der Heiliggeist-Kirche in München mit einem gewölbten Chorhaupte herzustellen, der Mittelraum desselben sollte mit fünf Seiten des regelmäßigen Achteckes und der Umgang mit neun Seiten des Sechzchneckcs geschlossen werden. In unserem Aufsätze der „Allgemeinen Zeitung" Nr. 352 vom 20. Dezember 1895 über den 12eckigen Centralbau der Sanct Marienkirche zu Ettal wurde die Vorliebe Kaiser Ludwigs des Bayern für eigenartige Architektur nachzuweisen versucht, durch die Münchener Heiliggeist-Kirche möge das Bild vervollständigt werden. Den Ausführungen des Herrn Stadtpfarrers Adalbert Huhn in seiner verdienstvollen, 1891 erschienenen »Geschichte des Spitales, der Kirche und der Pfarrei zum heiligen Geist in München" pflichten wir namentlich darin bei, daß die im Anfange des dreizehnten Jahrhunderts durch den Orden der Bruder vom heiligen. Geiste beim Hospitale errichtete einfache Kirche während des großen Stadtbrandes 1327 unterging und einen vollständigen Neubau nothwendig machte. Das nunmehr aufgestellte Bauprogramm verlangte eine Hallenkirche mit Chorumgang und nach innen gezogene Strebepfeiler, um dadurch architektonisch i sixirte Plätze für das Aufstellen der Altäre des Gotteshauses Zu gewinnen, also der ganz gleiche Gesichtspunkt, wie beim kaiserlichen Bauprogramme der Bcnediktiner- Abieikirche zu Sanct Maria in Ettal. Erinnert man sich, daß die damals in Freising, Salzburg, Negensburg, Passau, Eichstätt, Bamberg und Würzburg bestandenen Episkopal-Kirchcn nur einschiffige Choranlagen besaßen, o steigert dies die künstlerische That, welche Heiliggeist ,n München vom Jahre 1327 ab verwirklicht hat, noch sehr bedeutend. — Das Königliche National-Museum in München besitzt ein von Jacob Sandtuer gefertigtes Stadtmodcll von 1572, und da sieht man Heiliggeist als drcischissige Hallenkirche mit Chorumgang derart dargestellt, daß dem Mittelschiffe ein steiles Satteldach und eine ringsum laufende Dachtraufe gegeben war, während die Abseiten mit ihren steilen Pultdächern bis zu dieser Dachtraufe hinauf steigen; somit bleibt, ganz wie bei der Frauenkirche Münchens, nur ein schmaler Mauerstreifen vom Hochschiffe sichtbar. Diese Construktion der Heilig- geist-Kirche erklärt sich einfach aus dem bei den Dach- uugen zur Verwendung gekommenen Zicgelmateriale und muß beim Stande der Technik im vierzehnten Jahrhunderte als rationell anerkannt werden. Dem Con- strukteur des Werkes ergaben sich hierbei ganz von selbst Zwei Kämpferhöhen, der untere Kämpfer für die Abseiten- Scheidcbogen und Gewölbe, dann der ungefähr zwei Meter höher befindliche obere Kämpfer für die Gewölbe des Mittelschiffes. Diese zwei Kämpfer bei Hallenkirchen sind nichts Seltenes, und möge hier nur an die Stiftskirche in Stuttgart, an den Sanct Stefans-Dom in Wien und die von 1425 — 1439 erbaute Liebfrauenkirche in Jngolstadt erinnert werden. Die älteste bekannte Hallenkirche in den deutschen Ländern südlich der Donau ist die dreischisfigc Sanct Peters-Pfarrkirche spätromanischen Stiles in Augsburg, während der gothische Stil als erste Werke die von Kaiser Ludwig dem Bayern errichtete Marienkirche in Eital und die gleichzeitig in München von ihm erbaute Heilig- geist-Kirche brachte. Ettal ist eine symmetrisch zwei- schisfige Zwölfccks-Hallenkirche, das Münchener Gotteshaus eine dreischiffige Langhaus-Anlage, und zwar genau in der heiligen Linie von West nach Ost ausgeführt. Der in den Jahren 1724—1730 bewirkte Umbau der Heiliggeist» Kirche hat leider so übercuis gründlich mit den mittelalterlichen Kunstformen aufgeräumt, daß wir diese heute nur noch aus dem unverändert gebliebenen Grundplane und den Hauptdispositionen des Ganzen zu erkennen vermögen. Unter Betastung der sämmtlichen äußeren Strebepfeiler von siebenzig Centimeter Breite bei fünfzig Centi- meter Tiefe, der Mittelschiffbreite von 8,40 Meter in den Pfeilerachsen gemessen und der lichten Langhausbreite von 20,80 Meter bestand die hauptsächlichste Veränderung darin, daß man den unteren Kämpfer der Abseiten aufhob, die auf Hausteinrippen hergestellten Kreuzgewölbe der Seitenschiffe einschlug und die heute noch vorhandenen rippenlosen Gewölbe in der Höhe des ursprünglichen Kämpfers der Mittelschiffgewölbe zur Ausführung brachte. Den spitzbogigen Fenstern nahm man ihr aus Sandsteinen hergestellt gewesenes Stab- und Maßwerk und beließ zur einfachen weißen Verglasung nur ein schlichtes Schmiede-Eisenwerk, wie cL im achtzehnten Jahrhunderte bei allen Barockkirchen angebracht wurde. Ueber den unteren Langfenstern wurden sodann noch kleine Nosenfenster ausgeführt, damit auch die obere Deckenregion der nöthigen Beleuchtung nicht entbehrte. Nachdem die beiden Seitenschiffe und der Chorumgang mit ihren Dachkränzen bis zur Höhe des Mauerwerkcs bom ursprünglichen Mittelschiffe hinauf geführt waren, lag es nahe, ein mächtiges, ziegelbedecktcs Satteldach über den drei Schiffen herzustellen, welche Veränderung in ästhetischer Hinsicht nur als Nachtheil für das bis dahin ehrwürdige Gotteshaus bezeichnet werden muß. Im Mittelalter besaß die Heiliggeist-Kirche einen an der Westseite außerhalb des südlichen Nebenschiffes aufgeführten Steinthurm, der, ähnlich dem heute noch bei der Münchener Sanct Salvator-Kirche befindlichen Thurme, quadratische Untergeschosse und darüber zwei im Achtort construirte Obergeschosse nebst achteckiger Pyramide von Holz mit Ziegelbedachung besaß. Wegen Banfülligkeit soll das Abtragen dieses Glockenthurmes in späterer Zeit nöthig geworden sein, und erst der Umbau von 1724 bis 1730 brachte Heiliggeist den heute noch existircnden hochschlanken, viereckigen Pfarrthurm, und zwar vor dem Mittelfelde des Chorumganges, wo er das ehedem hier vorhandene Hauptfenster der Kirche unschicklich verdeckt 291 und auch dem Stadtbilde Münchens nicht zur Zierde gereicht. Welche Form die inneren freistehenden Stützpfeiler im Mittelalterbaue gehabt, läßt sich heute schwer feststellen, wo um den inneren quadratischen Kern von siebenzig Centimeter Seite je vier Pilaster mit achtzehn Centimeter Ausladung angebracht wurden und alles unter dickem Verputze nebst weißer Tünche steckt. Auch das ganze Acußere ist durch Verputz und Anstrich des monumentalen Charakters beraubt, den man heute noch beim unverhüllt gebliebenen Backstein-Rohbau sowohl der Frauenkirche wie der Sanct Salvatorkirche in München wahrnimmt, was jeden Freund der vaterländischen Kunst- denkmäler so überaus wohlthuend berührt. Wie die Sauet Marienkirche Ettals in ihren Haupt-Strukturtheileu ein Quadersteinbau gewesen, so dürfen wir wohl ebenso für die in demselben vierzehnten Jahrhunderte entstandene Heiliggeist-Kirche den Sandstein annnehmen, welcher ja auch bei der Sanct LaurentiuS-Kapelle im alten Hofe reichlichste Verwendung gefunden, wie die im Bayerischen Nationalmuseum vorhandenen Baureste und das merkwürdige Relief mit Kaiser Ludwig und seiner zweiten, ihm 1323 vermählten Gattin, Margaretha von Holland, darthun. Der mit Kaiser Ludwigs des Bayern Unterstützung vollführte Neubau der Heiliggeist-Kirche Münchens wirkte durch die Eigenart feiner Grundrißbildung anregend, und da finden wir zunächst die Bischofsstadt Bamberg, wo man die obere Pfarrkirche zu Unser Lieben Frauen in der Zeit von 1327 —1387 im ausgedehnten Chöre als Basilika mit fünf Seiten des Achteckes im Mittelschiffe schloß und den Umgang aus neun Seiten des Sechzehneckes mit nach innen gezogenen Strebepfeilern zur Ausführung gebracht hat. Aus dieser Beschreibung erhellt, daß der innere und äußere Schluß des Sanctuariums vollständig mit dem der Heiliggeist-Kirche zu München übereinstimmt, wir haben den nämlichen Grundriß, nur der Aufbau ist verschieden, in Bamberg eine Basilika und in München eine Hallenkirche. Der Vamberger Chorumgang hat die fünf quadratischen Joche und die vier dreieckigen Joche ganz wie Münchens Heiliggeist-Kirche; fragen wir hicfür nach einem Vorbilde der frühgothischen Baukunst, so sei die Sanct Julius-Domkirche zu Le Mans im Departement Sarthe in ihrem äußeren Chorumgange aus dem dreizehnten Jahrhunderte angeführt, eine fünfschisfige basili- kale Anlage, auch hier wechseln quadratische mit dreieckigen Jochen ab. Wie Heiliggcist in München im Laufs des vierzehnten Jahrhunderts als dreischisfige Hallenkirche mit Chorumgang erbaut wurde, so hat man auch von 1398 ab in Heidelberg am Neckar die der dortigen Universität als Gotteshaus und Bibliothek dienende Heiliggeist-Kirche in ganz gleicher Anlage zur Ausführung gebracht, hier tragen hochschlanke Sandstein-Säulen den aus fünf Seiten des Achteckes hergestellten Jnnenraum und den ebenso gestalteten gewölbten Chorumgang. Im fünfzehnten Jahrhundert entstand auch in Landshut ein Gotteshaus zum heiligen Geist, wie in München und Heidelberg eine dreischisfige gewölbte Hallenkirche mit Chorumgang, der Jnnenraum ist hier mit zwei Seiten des regelmäßigen Sechseckes und der äußere Umgang mit fünf Seiten des Zwölfeckes geschlossen. Wer Kaiser Ludwig vem Bayern und den von ihm berufenen tüchtigen Künstlern ganz gerecht werden will, der muß auch alle die Baudenkmäler in den Kreis der Betrachtung ziehen, welche Dank seiner Anregung entstanden und die ein glückliches Schicksal in der ursprünglichen Formengebung erhalten hat, was leider weder in Etta! bei der dortigen Marienkirche, noch bei Heiliggeist in München der Fall ist, wie ebenda des Kaisers schöne Hofkapelle zu Sanct Laurentius im Jahre 1816 unverantwortlicher Weise zerstört worden ist. Der dritte internationale Congreß für Psychologie. Von Charles Saint-Paul. (Schluß.) Trotzdem man occultisttsche Themata aus dem Programm des Congresses möglichst aussondern wollte, hat man doch einem angemeldeten Vortrage über die Medien von Th. Flournoy (Genf), betitelt „^uelgues istits ci'imaZinuticm vubliuriualö diea las urscliuras", in Folge seines etwas skeptischen Charakters Aufnahme gewährt. Derselbe ist der Ansicht, daß die erstaunliche schöpferische Einbildungskraft bei gewissen Medien psychologisch deren Annahme rechtfertigen könne, das; sie Werkzeuge fremder Einwirkung sind. Diese subliminale Thätigkeit könne sich derart ausdehnen, daß sie in keiner Weise der Neflexionsarbeit und compositioncllen Thätigkeit des Denkers oder Romanciers nachstehe. So hat Flournoy Z. B. gegenwärtig Gelegenheit, eine junge Frau zu beobachten, die seit einem Jahre von Zeit zu Zeit philosophische Fragmente dictirt, die voll von gelehrten Ausdrücken sind, welche sie nicht kennt und auch nicht kennen kann; diese Fragmente, die ihr im Wachzustands scheinbar eingegeben werden, verketten sich derart, daß sie ein metaphysisches Werk bilden, dessen Ideen die Dame wohl kaum aus anderer Quelle geschöpft haben kann. Flournoy hat auch, wie er behauptet, bei andern Medien viele Fälle beobachtet, die gleichfalls eine konstruktive subliminale Imagination von erstaunlicher Ueberfülle kundgeben. Diese schöpferische Originalität, die mit der automatischen Negularität der gewöhnlichen hysterischen Vorfälle contrastirt, erfordert, wie er glaubt, daß man die Medien in eine eigene psychologische Klaffe einreiht, obgleich sie im höchsten Grade die permanente und vollständige „Spaltung der Persönlichkeit" ausweisen, in der Pierre Janet den essentiellen Zug der Hysterie im Allgemeinen erkennt. Ins Gebiet des Spiritismus (Geisterphotographien!) scheint auch die Mittheilung des Dr. Hipp. Baraduc (Paris) über die fluidische Atmosphäre des Menschen (st,'Ltnro- tiuiäiHus äs l'lroniE) hineinzureichen. Er behauptet, durch Versuche erwiesen zu haben, daß die Photographische Platte durch den Menschen ohne Contact, ohne Sonnenlicht, Elektricität, Objectiv, durch seine eigene persönliche Vibration, durch das, was man sein Lebenslicht, das Licht feiner lebenden Seele nennen könne, beeindruckt werden kann. Er besitze 200 Clichäs, die durch diese Vibrationen in der Dunkelheit beeindruckt worden seien. Seine Ausführungen sollten noch genauer geprüft werden. Was das noch immer vielumstrittene Gebiet deS Gedankenlesens anbelangt, so haben mehrere hervorragende Fachmänner während des Congresses ihre Forschungen auf demselben klargelegt. Bemerkenswerth war der Vortrag, den Professor Sommer (Gießen) über „Eine graphische Methode des Gedankenlesens" hielt. Dieselbe wird durch einen von ihm sehr sinnreich construirten Apparat (Psychograph) ermöglicht. Da daS 292 Gedankenlesen auf der Wahrnehmung feiner Ausdrucksbewegungen beruhe, ergebe sich für die exakte Wissenschaft die Aufgabe, diese Ausdrucksbewcgungen sichtbar und meßbar zu machen. Die Hände des lebenden Menschen machten ohne Betheiligung des Bewußtseins eine Menge solcher Ausdrucksbewegungen, und die Analyse dieser Bewegungen müsse eine dreidimensionale in Bezug auf Druck, Stoß und seitliche Schwankung sein. Die Uebertragung dieser Bewegungen (nach unten und oben, rechts und links, vorn und zurück) geschehe am besten durch Hebel auf eine rotirende Trommel. Nach diesem Princip hat nun Sommer seinen Apparat construirt, mit dem sich eine Menge feiner Ausdrucksbewegungen sichtbar machen lassen. Hiemit, so meint er, sei der Anfang eines experimentcllen Studiums des Gedankenlesens gegeben. Natürlich kann der Apparat für die Fälle, in denen es sich um Gedankenlesen aus der Entfernung handeln soll, keine Erklärung bieten. Don Wichtigkeit zur Klärung der Frage sind jedenfalls auch die Experimente, welche Dr. Liöbault von Nancy berichtet. Er hat seine Beobachtungen über Mentalsuggestion an derselben Versuchsperson so angestellt, daß er verschiedene Zeitintervalle zwischen die einzelnen Experimente setzte. Sie haben insbesondere Bezug auf Bewegungssuggestionen und solche des Gesichtssinnes, die er entweder im Wachzustands oder im Schlaft der Versuchsperson beibrachte; im letzteren Falle wurden sie posthypnotifch rcalisirt. Er wollte noch keine voreiligen Conclusionen aus seinen Beobachtungen ziehen. Ganz besonders ist noch auf einen Vortrag des berühmten experimentalpsychologischen Forschers Professor Sidgwick aus Cambridge (England) hinzuweisen, welcher eine Klarlegung von „Lxxkrimviits in Involuutar^ 'VVIüsxsrinA anci tlrsir LsurwA vn allegacl ca.863 ok PllorrZtll - Prrmsftroiaee" (Experimente über unwillkürliches Flüstern und seine Bedeutung für die angeblichen Fälle von Gedankenübertragung) zum Thema gewählt hatte. In einem Artikel der Wundt'schen „Philosophischen Studien" von Lehmann und Hansen in Kopenhagen war auf Experimente bezüglich des „unwillkürlichen Flüsterns" hingewiesen und der Versuch gemacht worden, hiedurch einzelne Fälle der Gedankenübertragung, die in den der „Lochet^ lorI^cluLuI Ii,686arolr" in London berichtet wurden, zu erklären. Diese Erklärung, so meint Pros. Sidgwick, sei nicht neu, sie sei schon in demselben Organ besprochen worden. Unmöglich könne dieselbe übrigens auf die Experimente angewandt werden, in welchen der Agent und Percipient in verschiedenen Zimmern, durch größere Entfernung und geschlossene Thüre von einander getrennt, sich befanden und die Stellung des Percipienten im Zimmer wiederholt absichtlich gewechselt wurde. Wir kommen nun noch auf einen hochinteressanten Vortrag der Gattin des Professors Sidgwick über „Eine statistische Untersuchung bezüglich der Hallucinationen von gesunden Personen im Wachzustände" (On a staiistÜLai into Lsnsor^ HuUueinationZ axxvriönoeci ndils kUvaüa x>LN30N3 in ordinär^ Uealtst) zu sprechen. ^ Im Jahre 1892 erstattete Professor Sidgwick auf dem zweiten internationalen Congreß einen provisorischen Bericht, aber damals war keine Zeit vorhanden, das ganze Material vollständig zu prüfen. Ein vollständiger /Bericht (ca. 400 Seiten stgrk) wurde später, im Jahre 1894, von der kor k^effioal H63oarost (im Uart XXVI Vol. X) ihrer „I'roosedinZ^' pnblicirt. Mrs. Sidgwick beschränkt sich darauf, einige Richtigstellungen desselben vorzunehmen und dann die Frage, ob wirklich Telepathie (Telenergie, Fernwirken) als Ursache der Hallucinationen anzunehmen sei, näher zu erörtern. Die Untersuchung hat, wie wir aus ihren Ausführungen entnehmen, das Resultat ergeben, daß 17,000 Personen antworteten, von denen je eine von 10 erklärte, daß sie glaube, eine „Hallucination" (bei einem Dritt- theil der Fälle mehr als eine) des Gesichtes, Gefühls oder Gehörs im Wachzustände und ohne irgend welche krankhafte Veranlagung zu Hallucinationen gehabt zu haben. Die Antworten bezogen sich aber nur auf Hallucinationen, an die man sich noch erinnern konnte; eine Prüfung der Daten erwies, daß viele vergessen worden sein mußten. Eine Prüfung der Fülle, die aus dem letzten Jahre resp. Vierteljahre und Monate berichtet wurden, ließ darauf schließen, daß, um auf die Gesammtzahl der VisionShallucinationeu zu kommen, man die berichtete Zahl mit einer zwischen 4 und 6'/z liegenden multipliziren müsse. Die Evidenz für Telepathie, die durch die Untersuchung gegeben wird, hängt von der Coincidenz der Hallucinationen mit äußeren Ereignissen, die offenbar mit ihnen zusammenhängen, ab. Solche Koincidenzen müssen, so meint Mrs. Sidgwick, manchmal zufällig sein, und die Frage, welche die statistische Untersuchung beantworten sollte, ist deßhalb: Gibt es mehr Koincidenzen mit sicherer Evidenz, als solche, bei denen der Zufall eine Rolle gespielt haben könnte? Zur Beantwortung soll eine bestimmte Art von Coincidenz ausgewählt werden, deren Wahrscheinlichkeit calcnlirt werden kann. Die offenbar am besten geeignete ist das Eintreten des Todes einer Person an dem Tage, an welchem eine Erscheinung derselben gesehen wurde. Wie man dem Sterblichkeitsverhältniß entnehmen kann, ist die Möglichkeit, daß eine Person an einem bestimmten Tage sterben kann, 1 zu 19,000. Das also ist auch die Ziffer für die Möglichkeit, daß sie an dem Tage sterben kann, an welchem ihre Erscheinung gesehen wird, wenn kein Kausalzusammenhang zwischen den beiden Ereignissen besteht. Es wird dabei das allgemeine Sterblichkeitsverhältniß in Betracht gezogen, da das Alter der Personen, die in Betracht kommen, zur Zeit des Todes ähnlich dem bei der Bevölkerung im allgemeinen ist. Wenn man aber die Zahl der Erscheinungen lebender Personen in der Statistik mit OVz für die eventuell vergessenen Fälle multiplizirt und mit der gewonnenen Zahl dann die Zahl derer vergleicht, die an dem Todestage sich ereigneten, — angenommen, daß letztere niemals vergessen werden, — so kann man die Folgerung ziehen, daß ein Fall von Coincidenz auf 65 trifft, was 292 mal der wahrscheinlichsten Zahl gleichkommt. Die Zahl der Koincidenzen kann deßhalb nicht durch Zufall erklärt werden, und da in einem Dritttheil der Fülle der Percipient die Krankheit der Sterbenden nicht kannte und in einem andern Dritttheil nicht in Angst war, kann man auch folgern, daß diese Koincidenz nicht dadurch erklärt werden kann, daß der Geist des Percipienten besonders mit dem Agenten sich beschäftigte. Selbst in den Fällen, in denen Angst vorhanden war oder vorhanden gewesen sein konnte, macht es die Dauer derselben, verglichen mit der Kürze des Zeitraumes zwischen der Hallucination und dem Tode, unmöglich, alle Coinci- denzsälle der Angst allein zuzuschreiben. Mrs. Sidgwick 293 glaubt deßhalb, daß die statistische Untersuchung die Hypothese der Telepathie nahelege. Einen Gegner fand Mrs. Sidgwick in Dr. I> Bayer- Sjögren, Docent der Philosophie an der Universität Up- sala. Derselbe suchte in einem Vortrage verschiedene Gründe darzulegen, um die Frage, ob es möglich sei, durch eine internationale Hallucinationsstatistik einen Beweis für die Existenz telepathischer Einwirkungen zu erbringen, negativ zu beantworten. In der darauffolgenden Debatte trat ihm besonders Pros. Charles Richet entgegen, der für die Wahrscheinlichkeit der Telepathie sprach, die Vorzüge der Untersuchung der Londoner Forscher hervorhob und darauf hinwies, wie nur einige in jeder Hinsicht unanfechtbare Fälle zu dem Schlüsse auf Telepathie berechtigen könnten. Es war in der That von Interesse, die Debatte über dieses den Materialisten so peinliche Thema verfolgen zu können. Schließlich sei noch auf den Vortrag des Professors Or. Ferd. Lentner (Innsbruck) über „die strafgesetzlichen Bestimmungen zur Abwehr mißbräuchlicher Eingriffe in das Seelenleben" hingewiesen. Derselbe gab eine Uebersicht über die Gesetzgebung gegen Magnetismus und Hypno- tismus in Oesterreich, kennzeichnete besonders die Bestimmungen, die in den Jahren 1794 und 1845 erlassen wurden, und erörterte, wie dieselben erst im Jahre 1880 nach dem Streite um das Auftreten Hansens in Wien wieder in Erinnerung kamen. Er wies auf den bekannten Fall Salomon in neuester Zeit hin, um die straf- gesctzlichen Bestimmungen, Prohibitionsverordnuugen gegen die Hypnose, den neuesten „hypnotischen Paragraphen" zu rechtfertigen. Die Bestimmungen über die ärztliche Aufsicht bei jeder Hypnose gaben zu einer energischen Debatte Anlaß, in welcher mehrere anwesende Fachmänner gegen dieselbe Protest erhoben und den Wunsch äußerten, daß die bisherigen Bestimmungen, die nur gegen die mißbräuchliche Anwendung der Hypnose im allgemeinen wie gegen Kurpfuscherei gerichtet seien, in Kraft bleiben sollten. Ein französischer Arzt äußerte sich übrigens auch noch zu Gunsten der nicht approbirten Hypnotiseure, da dieselben mitunter bedeutendere Kenntniß des hypnotischen Gebietes besäßen, als die Aerzte. Es seien nun noch einige Vortrage aus der Sektion V (Vergleichende und pädagogische Psychologie) hervorgehoben. Dr. Eduard Westermark (Helsingfors, Finnland) sprach über „Normative und psychologische Ethik" vom skeptischen Standpunkte aus. Diejenigen, welche die Ethik als eine Normwissenschaft betrachten, so erklärte er im Verlaufe seiner Ausführungen, fetzen voraus, daß ein oberstes Moralprincip existirt. In diesem Punkte stimmen die theologische Ethik, der Jntuittonismus, der egoistische Hedonismus und der Militarismus mit einander überein. Die theologischen Moralphilosophen finden dieses erste Princip in einer Urkunde gegeben, welche der göttlichen Autorität zugeschrieben wird; diejenigen aber, welche die Ethik auf natürliche — keine übernatürliche — Grundlage basirt wissen wollen, müssen Geschichte und Ethnographie, Gesetzbücher und religiöse Urkunden, Poesie und Kunst, sowie auch ihre eigenen Nechtsbegriffe und diejenigen der Zeitgenossen auf's Genaueste durchforschen, um die Einsicht zu erwerben, welche Grundeigenschaft dem sittlichen Bewußtsein als solchem, unabhängig von zufälligen Umstünden, wie Nasse, Geschlecht, Bildungsstufe, zukommen mag. Wenn dabei ein überall wiederkehrendes Sittengesetz angetroffen wird, so mag man diesem dieselbe objective Gilligkeit zuschreiben, welche den Satzungen der Logik auf Grund ihrer Selbstevidenz zukommt; wenn nicht, so muß die Hoffnung auf den Aufbau einer ethischen Normwissenschaft aufgegeben werden (l). Allerdings seien die Pfleger der Ethik nicht mit solcher Sorg- fälttgkeit zu Werke gegangen, und es sei trotz der Mannigfaltigkeit der Moralsysteme noch keine ethische Theorie aufgestellt worden, die auf einer genügend umfassenden Unterlage von Thatsachen geruht hätte; selbst die Möglichkeit einer normativen Wissenschaft sei noch immer unbewiesen. Der Referent ist nun, wie er erörterte, seit mehreren Jahren damit beschäftigt, zu erforschen, was Menschen von verschiedenen Nassen zu verschiedenen Zeiten für sittlich und unsittlich gehalten haben, um dadurch womöglich eine generelle Auffassung von dem Ursprung und der Natur des sittlichen Bewußtseins zu gewinnen. Die Ab- schließung seiner Untersuchung wird zwar noch einige Jahre in Anspruch nehmen, jedoch glaubt er jetzt schon die Behauptung riSkiren zu können, daß die Uebereinstimmung zwischen den Nechtsbegriffen der verschiedenen Individuen und Völker hauptsächlich nur formeller Natur ist und darum nicht zum obersten Princip einer normativen Ethik geeignet. Er verzweifelt jedoch nicht an der Zukunft der Ethik, weil er als ihre erste Aufgabe betrachtet, nicht die Gesetzgebung für das menschliche Handeln, sondern das Herausfinden der Gesetze, denen die ethische Abschätzung der Handlungen thatsächlich folgt, also nicht eine Normwissenschaft, sondern eine psychologische Disciplin zu sein, deren Untersuchungsobject das sittliche Bewußtsein in seinem ganzen Umfange ist. Der wissenschaftliche Werth dieser psychologischen Ethik werde nicht dadurch bestimmt, ob ihre Resultate eine ethische Normwissenschaft ermöglichen oder nicht; sie mache sich ganz unabhängig von der Frage, ob es überhaupt etwas ob- jectivMttliches gibt. — Die „Ethische Gesellschaft" wird wohl nicht versäumen, diesem ethischen Forscher eine besondere Auszeichnung für seine ihr so sympathischen Aeußerungen zukommen zu lassen. Bemerkenswerthes dürfte der Inhalt des Vortrnges «Ueber die psychologische Bildung des Pädagogen" von Dr. C. Andreü (Kaiserslautern) bieten. Es handelt sich, so führte derselbe in längerer Rede aus, für den Pädagogen nicht um psychologisches Wissen an sich, sondern um psychologische Bildung. Aber der Weg zu dieser führe nur durch jenes, und je schwieriger sich die praktische Anwendung gestalte, um so weniger lasse sich jene theoretische Unterlage entbehren, welche nur eine solide Beschäftigung mit der Wissenschaft gewährt. Was den Erwerb der geforderten Bildung anbelangt, so sei Folgendes in Betracht zu ziehen. Je mehr der Unterricht in den Mittelschulen pädagogisch wird, um so mehr gestaltet er sich von selbst zu einer Art von psychologischer Vorbereitung, zu welcher insbesondere auch die Lektüre der Klassiker unter Leitung eines psychologisch durchgebildeten Lehrers einen bemerkenswerthen Beitrag liefern werde. Für den Pädagogen gehöre sodann ein Cursus in der Psychologie, Vertrautheit mit verschiedenen vom Redner genauer gekennzeichneten Gebieten zur berufsmäßigen Ausrüstung. So wenig aber der Mediziner ohne klinische Demonstrationen und Versuche auszukommen vermag, so unmöglich sei die Ausbildung des Pädagogen ohne die Beihilfe eines mit einer Schule verbundenen Seminars. Hier erst finde er ein Feld für methodische Beobachtung und damit Gelegenheit, die mannigfachen theoretischen Kenntnisse Praktisch Mssig zu machen. Erst wenn. alle? pädagogische Thun und Lassen psychologisch begründet werde, wenn die Individuen in ihrer Eigenart, mit ihren Fehlern und Gebrechen, ihren wechselnden Interessen, in ihrem moralischen Gesammthabitus Veranlassung zu psychologischen Ueberlegungen geben — wird das psychologische Wissen allmählig zur psychologischen Bildung führen. Wenn nur in der Praxis die Vorschläge ohne Schwierigkeit, auch von Seite gewisser pädagogischer Kreise, durchgeführt werden können und alle daS gleiche Verlangen nach dieser psychologischen Vertiefung kundgeben (l). Kurz erwähnen wir die Vortrüge von W. Preyer (Wiesbaden) und Rector Chr. Ufer (Altenburg) über Graphologie. Ersterer, der Verfasser der bekannten im Vorjahre erschienenen Schrift „Psychologie des Schreibens", hielt einen Vortrag über „die Individualität in der Handschrift". Die Thatsache, daß durch die Analyse einer charakteristischen Handschrift manche psychische Eigenthümlichkeit erkannt werden kann, steht, wie er ausführte, fest. Die inconstanten „Stimwuugsmerkmale" der Handschrift erfordern umfassendere statistische Vergleiche, als die „Dauermerkmale". Die Veränderungen der Handschrift eines und desselben Menschen je nach dem Lebensalter konnte Redner für vier bis sechs Jahrzehnte in Briefen nachweisen und fand sie übereinstimmend mit Veränderungen der psychischen Individualität. Um zu erforschen, ob durch mangelhafte Beherrschung der Hand und des ArmeS die Handschrift bezüglich der allein psychologisch in Betracht kommenden Merkmale, also in ihrem Wesen verändert werde, stellte Preyer Vergleiche zwischen den Buchstaben der an Schreibkrampf Leidenden und ihren Schriftzeichen nach ihrer Heilung an. Er fand, daß die individuellen Charaktereigenschaften in der Schrift solcher Leidender stets erkennbar blieben. Da die Heilung nach der Methode des Specialisten Wolfs, aus dessen Sammlung die Proben Prcyers stammen, in einigen Wochen erfolgt, glaubt Professor Preyer, daß die Störungen der Schreibbewegung während des Krampfes nicht vom Gehirn ausgehen, sondern peripherisch sind. — Der Vortrag Ufers lieferte in gewisser Hinsicht eine Ergänzung und Berichtigung der Erörterungen des Vorredners. Er wies nach, daß, obwohl die Schrift der Schulkinder nach Preyer zu den künstlichen Handschriften gehört, sich doch nach seiner Beobachtung die Ansätze zu fast allen graphologisch wichtigen Unterscheidungsmerkmalen in derselben zeigen und in nicht wenigen Fällen bereits stark ausgebildet sind. Abschließend wollen wir noch auf die Behandlung der Frage über den Werth des Hypnotismus und der Suggestion als pädagogische Hilfsmittel hinweisen. Fachmänner, wie Dr. Bsrillon, Dlrsstsur äs In Dovus äs l'liz'pnotisino (Paris), und Dr. Arie de Jong (Haag, Holland), hatten hierüber dem Congresse interessantes Material vorgelegt. Von der Ansicht ausgehend, daß die Suggestion im Allgemeinen der bedeutendste Faktor in der Erziehung des Individuums sei und Perversitäten in dem Charakter des Individuums in jenen Fällen, wo moralische Idiotie (?) ausgeschlossen werden kann, Folgen von unmoralischen Suggestionen oder von ungenügenden moralischen Suggestionen sind(?), will man Suggestionen im hypnotischen Zustand als Mittel von unschätzbarem Werth für die Pädagogen hinstellen. Dr. Arie de Jong meint, daß in vielen Fällen dieselben durch sie im Stande seien, die schon zu Stande gekommenen Perversitäten des Charakters zu verbessern und die Weiterentwicklung derselben zu verhüten. Selbst bei bestehender gülsrul In- SLlritF« (!) könne durch die Suggestion im hypnotischen Zustande ein hemmender Einfluß auf die perversen Neigungen und Handlungen ausgeübt werden. Bei derartiger Bedeutung der hypnotischen Suggestion muß man sich wirklich wundern, weßhalb in Bildungs- und Corrections- anstalten noch so wenig Hypnotiseure angestellt sind, und muß mit Gespanntheit der pädagogischen Entwicklung nach Einführung dieses so erfolgreichen Erziehungsmittels entgegensehen. Man wird finden, daß nicht alle während des Con- gresseS geäußerten Ansichten allgemeine Billigung finden können und vielleicht auch über den Werth der Bemühungen einzelner Mitglieder die Ansichten verschieden sein können. Im allgemeinen wird man aber nicht ohne Interesse den Arbeiten des nächsten Kongresses, der im Jahre 1900 in Paris abgehalten werden soll, entgegensehen, der vielleicht in mancher Hinsicht Verbesserungen einiger angedeuteter Mißstände versuchen wird. „Ein Wort über die Schriften von Heinrich Hanöjarvo." (Fortsetzung.) P. 8t. Indem wir zur Würdigung zunächst derjenigen Werke HanSjakobs übergehen, die gegenwärtig in Volksausgabe erscheinen, wird eS uns schwer, aus der reichen Fülle deS Schönen das Schönste auszuwählen. Beginnen wir mit dem Werke „Aus meiner Jugendzeit" (Volksausgabe zugleich III. Auflage) mit dem schönen Motto von Nückcrl: AnS der Jugendzeit, aus der Jugendzeit Klingt ein Lied mir immerdar; O wie liegt so weit, o wie liegt so weit, Was einst mein war! „Das irdische Paradies des Menschen ist die erste Jugendzeit, das Eden, in welchem die Kindheit ihre „Augenblicke Gottes" feiert, die Heimath. Lue ist das Heiligrhum, auf dessen Boden daö Kinderherz die seligsten Stunden gelebt und geträumt hat." Dies Paradies stand unserem verehrten Sclbstbicgraphcn in dem badischen Städtchen Hasläch (HaSlc), im schönen Kinzigthale. Die seligsten Stunden und unschuldigen Freuden deS Kindes im Eltcrnbause und bei de» Verwandten, bei Freunden und Kameraden, bei Spiel und Fest, in Flur und Wald schildert nnS Hansjakob in seiner sinnigen und eckt dichterischen Weise. Zuerst gedenkt er liebevoll derer, die den meisten Einfluß auf seine Jugenderziehung hatten. Dankbar und gerührten Herzens erinnert er sich der Wohlthaten, die seine Eltern ihm erwiesen. In den Kinderhimmel gehört unbedingt eine Großmutter hinein, die als „Trösterin der Betrübten" und „Zuflucht der kleinen Sünder und Sünderinnen" wie eine versöhnende Macht zwischen Eltern und Kindern steht. Der Großmutter mit ihrem coternm oonsso: „Büble, sei an brav", daö zwar das Herz des kleinen Hansjakob nicht so tief bewegte, wie der Anblick deS grcßmütter- lichen „Schnitztroges" mit gedörrten Achseln und Zwetschgen und Pflaumen, ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Mit dankbarer Ehrfurcht und Liebe gedenkt Hansjakob der „Lencbas", des sichtbaren Schutzengels seiner Kindbett, die wie ci» Magnet den Kleinen anzog und in höchst pädagogischer Form die ersten Begriffe von Gott ihm beibrachte, indem sie an den Blumen des Feldes die Güte und Allmacht Gottes ibm zeigte. „Diese Lehre der LenebaS hat in mir fester daS Goticöbcwnßtsein erhalten, als später alle philosophischen Beweise sür daS Dasein EottcS zusammen", gesteht Hansjakob. In kindlicher Begeisterung schildert Hanssakob die Freuden des KindcS an verschiedenen kirchlichen Festen, und wir erwachsene Leser werden selber mir Hansjalov wieder jung und freuen uns mit der jubelnden Kindcrschaar am Umzüge der bl. drei Könige mit dem Stern, von den Kleinen gespielt, an der herrlichen L-chil- dcrnng der Krippchcn in der Wcihnachtteit. am Frühliiigsseste der Kleinen, dem „Storchentage", am köstlich geschilderten Ehrgeiz der Knaben am Palimomttage uns an der Kräuterweihe, wo jeder den höchsten Palnicnbüschel. den blühendsten Kräuter- büschel haben wollte. Manchmal kam eS in edlem Wettstreite zur förmlichen Paluicnscblacht, so energisch wehrte sich jeder Palmträgcr für die nach der Höhe bemessene Ehre seiner Palmen usw. usw. Doch auch der Ernst des Lebens schaut schon ein BiSchen hinein in den lustigen Kindcrhimmel. Ein Knabe gar viel lernen muß, Bis aus ihm wird ein vominus. (Boznmil Goltz.) Wie humoristisch schildert Hanöjakob den ersten Eintritt des Knaben in die Arena der Bildung: „Schon Wochen vorder hat die Mutter ihm die ersten Waffen des Geistes gekauft: eine Schiefertafel, einen Sckwamm und ein gemaltes Federrohr für den Griffel. Mit ziemlichem Verdacht und einigem süßsaurem Lächeln betrachtet der zukünftige Staatsbürger dieses Geräth. Kommt aber der Tag und die Stunde, da der Delinquent dcS lieben ScbulzwangeS vorgeführt werden soll, so rinnt die erste herbe SchmcrzenSihräne des Lebens über die Wangen. Der Kindergenius wcini; er weint, weil er seine bisher volle Herrschaft theilen muß mit dem deutschen Schulmeister. Der Knabe verschmäht die dargereichten Waffen und wird trotzig, so daß schließlich nichts anderes übrig bleibt, als daß die Mutter das Schulzcug in eine Hand nimmt, mit der anderen den weinenden Erdcnsohn erfaßt und ihn seinem Schicksale entgegenführt." Manch Ernstes und Launiges lassen wir unangcsührt und begleiten den jungen Erdcnpilger zur Kirche. Nach dem Worte similis bimili tzauäod wird manch ein Leser, auch von den Alten, am jungen Hanöjakob Trost und Freude haben. Ein Unterlehrcr in Haöle examinirte einmal einen achtjährigen Schüler auf sokratisch-hcuristischc Lchrweiie über die nothwendige Ausstattung des Kindes in der Kirche. So fragte er, auch nickt sehr geistreich: „WaS hast du, wenn du in der Kirche bist?" Der Lehrer erwartete die Antwort: „Ein Gebetbuch." Der Knabe aber sagte frischweg: „Langeweile." HanSjakob sagt: „Diese Worte entsprechen ganz den Erfahrungen meiner Jugendzeit", und tadelt im Anschluß daran mit Neckt die lange Dauer des Sonntaggotl-.'SdicnsteS vieler geistlicher Herren. „Je länger die Vrcdigt. um so kürzer der Erfolg." Mit wundervollem Humor und lustigster Schalkhaftigkeit geißelt Hansjakob die Thorheiten der 1846er Revolution, die in seine Kinderzeit hineinfiel. In den lebhaftesten Farben schildert Hanöjakob. wie alles vom Geiste der Revolution wie hypnotisirt war. Männlcin und Weiblein, Kinder und Greise, alles schwärmte in Haste für Freiheit und Gleichheit, für Demokratie und Umsturz, für Volksbewaffnung und Volksjustiz. Männiglick ließ sich einen Dollbart wachsen ä la Heckcr, dem RechtSanwalt und Haupt: ädelSsührcr der badifchcn Revolution; man trug Hüte ä la Hecker und Hahnenfedern darauf, so daß bald lein Hahn seines schönen Gefieders mehr sicher war. Weiber wurden zu „Hyänen" und verlangten jedem „Feinde des Vaterlandes" auf einem „Strohschneidstuhl" den HalS abzuschneiden. Jungfrauen schwuren, nur einen solchen zu bei- rathen, der für die Freiheit die Waffen getragen usw. usw. Die Schulkinder erhielten vom Lehrer schwarz-roth-goldene Cocarden, die sie am unvermeidlichen Hcckerhute trugen, und sangen vor dem Schulunterricht: „Hecker, Striwe, Zih und Blum" (Führer der Revolution in Baden), „Kommt und bringt die Preußen um!" Die Knaben übten sich im Kampfe, wundervolle Schilderung der Knabenschlackt bei Schnellingcn, wo unser Hansjakob als Fähnrich das schwarz-rotb-goldene Banner, als die Phalanx der HaSlacber Knaben z» wanken begann, vor Schmach und Schande rettete, indem er sammt der Ebrengarde der Fahne in einen Schweinstall kroch. Ein folgendes Kapitel erzählt in liebenswürdigster Offenheit die inuihwilligen Streiche Hansjakobs. In all diesem und andern', mannigfaltigen Stoff sind gar manche ernste Wahrheiten eingesteckten für Erzieher, Eltern, Lehrer und Geistliche, über den Umgang der .Kinder mit den Dienstboten, über wahren und'falschen Humanismus, über das richtige Verhältniß des Menschen zu den Thieren usw. Ich schließe mit den Worten: „Willst du wieder ein Kind werden im Geiste und in der Erinnerung, wenigstens für kurze Zeit, und an kindlich reinen Freuden dich laben, dann nimm und lies." „Ist die Kindheit", so schreibt Fritz Reuter in den Erinnerungen an seine Vaterstadt Stavenbagen, „ein fröhliches, liebliches Wellengcwimmel, von GotieS Sonne vergoldet, so ist die Erinnerung daran der glänzendste Streif, den das durch die Nackt fortarbcitendc Schiff in seiner Fahrt zurückläßt." Dieses Werk Hansjakobs ist ganz vorzüglich für Scküler- und Jugcndbibliotheken wie geschaffen. Nichts darin beleidigt den kindlichen Sinn; es ist aus der Seele des Kindes heraus- gedackr und gefühlt und geschrieben. Wie in einem reichhaltigen, in den glänzendsten Farben strahlenden Bilderbuche sind mit lebhaftester Phantasie und in anschaulichster Klarheit die Tage der Kindheit uns vor Augen geführt. Wenn wir bei Hansjakob in der Kirche und in der Vorbereitung auf den „größten Tag" im Kindcsleben, den ersten weißen Sonntag, etwas die Innerlichkeit vermissen, so scheint das weniger auf sein eigenes, alS auf das Conto seiner Katecheten geschrieben werden zu müssen, von denen er sagte, daß sie in der L-chule nicht vielen Verkehr mit ihnen hatten. Als Fortsetzung des Buches „Aus meiner Kindheit" bietet sich uns die Schrift „AnS meiner Studienzeit" dar, 1894 in II. Auflage und demnächst in III. Auflage in der Volksausgabe erscheinend. Jahr und Tag lag sie druckfcrtig im Schreibtische Hansjakobs, allein es bedurfte deS wiederholten Drängens guter Freunde, bis Hausjakob sich zur Veröffentlichung entschloß. Den Grund des Zögcrns gab Hanöjakob selbst an: Wenn wir älter geworden, dann verfällt unser Leben dem Urtheile unsrer Mitmenschen. Da aber darf man auf alles andere eher hoffen, als auf Schonung. So wurde denn auch dieser Schrift eine ganz entgegengesetzte Beurtheilung zu Tbeil. Ein basischer Philologe nennt sie eines der schlechtesten Bücher unserer Zeit, warum? wird der freundliche Leser aus unserem nachfolgenden Referate über einige Collcgcn, vielleicht ihn selbst, erschließen können. Ein anderer Referent aber schreibt: „Die Schrifr ist eine von denen, die mir ganze Bibliotheken aufwiegen, weil sie ursprüngliche Offenbarung eigenen, echten Seelenlebens sind. Mit einer Offenheit, die sich nur eine kerngesunde und edle Persönlichkeit erlauben kaun, erzählt da der Priester seine BildungSgeschichte." Recensionen und Notizen. Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theo logie. Herausgegeben unter Mitwirkung von Fachgelehrten von vr. Ernst Commer, o. ö. Professor an der Universität Brcslau. Padcrborn, Ferd. Schöningh, 1896. XI. Band. 1. Heft. A Inhalt: I. Das Porträt Savonarolas von Fra Bartolommeo. Phototypie. II. Handschreiben Sr. Eminenz des hochwürdigsten Herrn Cardinal-Fürstbischos K opp an den Herausgeber. Facsimile. III. Ein Dccennium des Jahrbuchs. Rückblick und Orientirung. Von KanonicnS Dr. Mich. Gloßncr in München. IV. Die Schrift von Görard de Fracbct -Vitas L'ratrnm 0. ?.«, eine noch unbenutzte Quelle zur Philosophiegeschichte des 13. Jahrhunderts. Von l)r. Thomas M. Wchofer» Orcl. kraeä., Professor am Oollogstum 8. Thomas äs Eros in Rom. V. Die Grenzen der Staaisgewalt, mit besonderer Rücksicht auf das staatliche Strafrecht. Von Dr. Nahmund Zastiera, Orll. Lraeä. in Wien. VI. Die unbefleckte Empfäugniß der Gottesmutter und der hl. Thomas. Forts. Von L. Jos. a. L., Orcl. 6ap. VII. Die Neu-Thomisicn. Von ?. lllaK. Idsol. Gundisalv Fcldncr, Orcl. kraeü., Prior in Lembcrg. VIII. Giro- lamo Savonarola. Vom Herausgeber. IX. Litcrarische Besprechungen rc. rc. Kiesel und Krystall. Gedichte von Anton Müller (Bruder Willram). 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Brixen, kathol. Preßvercin. 1896. 8°. 180 S. M. 1,80. ES ist ein erfreuliches Zeichen, daß die Sammlung nach Jahresfrist schon die 2. Auflage erlebt. Der Verfasser, ein tiroler Weltpriester, ist ein echter Dichter vom Hochwuchs der Erlesenen, der uns zeigt, daß dem Vaterlande eines Walter von der Vogelweide bis heute die Musen und Charitinnen bold- gesinnt geblieben sind. Manch harter Kiesel vom steinigen Pfad des Erdenwallers, manch schimmernder Krystall, darin deS Himmels Bläue sich spiegelt! Frischer Waldesdnst, wie ihn der Bergwind traumschwer daberträgt: mögen an den kernigen Liedern dieser reingestimmten Harfe die Leser so erquicklich sich laben, wie wir es gethan haben! Dummermuth, k. 0. krasä.: voksnsio äootrinas 8. Thomas Lquinatis äs xraemotious xhg-sioa, sen resxonsio aä ?. Trius 8. I. karisiis, 1895, Iwthellisux. chj: Wem eS wirklich Ernst ist, Klarheit über die wahre Lehre des Aqninaten zu bekommen, den verweisen wir, außer dem gründlichen Artikel „Ncu-Thomisten" im Commer- schen Jahrbuch Bd. VIII, IX, X, XI, auf das vorliegende Werk deS Dominikaner-Paters Dnmmermuth. ES bringt den deutlichen Beweis, daß St. Thomas die Lehre des Molina kannte, aber en tjchieden verwarf. Vielleicht dürften manchen auch die Worte eines Besseren belehren, welche Papst Pins VIL, 296 nach Erneuerung der Gesellschaft Jesu zu deren damaligem Generalprokurator sprach: „Lasset aus euren Schulen die ssisndia. msäia. fort; sie dient euch zu nichts als zu unnützem Zank und Streit. Wie viele Feinde habt ihr euch gemacht durch diese Fragen! Aber die ältern eurer Patres haben einen Kops, welcher härter ist, als dieses Holz;" und dabei schlug der Papst dreimal auf den Tisch. Dies zur kurzen Anzeige! Albertus a Lulsano (o. oap.), Institntionss rlisoloxias äo§matiens speoialis, recoZnilas ex parts oorreetas meliori äispositions aäoruatas a. Oottkrieä a Oraun. 8° 3 voll. xx. XVI -j- 870: X -f- 900; XII -j- 1032. L1. 34,00. Osniponts, Pibrsria eatliol. sooistatis. 1893-96. s Opus sruäitionis Plenum nune voluwins tertio väito ambitu iuteZMM reääitum atgns inäies Generals leeturorum usui bans aoeowmoäatum est. l)s iis, guas eoutinst libsr, plura, uon äiosmns, oum lanäss, guibus plane äiZnus ssd, zam saepius in Iroo kolio eautaverimus. Pomus xriinus eoin- prelisnäit traetatus äs äeo in ss ipso speotato, äo äeo creatore et reäswptors; tomus sscnnäus traetatus äs äeo sanetilieators (äs §ratia Obristi, äs sacrainsutis in §ensrs, äs baptiswo, eonürmations et ss. sueüaristia); towus tsrtius traetatus ultsrlorss äs äeo sanetilieators, seil. äs posni- tentia, äs sxtrema unetione, äo oräins et matriinonio, nse- non traetatum äs äeo eonsummators. Läitor Ooäokreäus, gui in barbaris äieenäi non lauäabiliter usgus aä tinein perssvsrans sess -Oottkrieä- appsüat, et saesräotidus eurem anlmarum aAsntibus st tlieologlas stuäiosis eertum ao äis- sertum eo^nitlonis munsrisgus äucem praebuit. Gedichte aus Adolf Kolpings Rheinischen Volks- bstättern. Verlag von Beruh. Wehberg in Osnabrück. Preis 2 Mark. — Die vorliegende Sammlung Kolping'scker Gedichte wird vor Allen den zahlreichen Verehrern des unvergeßlichen Schöpfers der Institution der kath. Gesellenvcreine willkommen sein. Aber auch andere werden sich an diesen poetischen Blüthen einer edlen Seele erfreuen. Schlichte herzinnige Frömmigkeit, köstliches Gott- vertrauen und Geistcsdemutb spricht überall aus diesen Dichtungen, die von einem nicht gewöhnlichen poetischen Talent Zeugniß geben. Hier nur eine Probe: Der liebe Gott, er sorgt für Dich, Für alle Menschen väterlich; Wie ost ist es nicht schon geschehen, Daß Einer ganz verzagend stand. Der bald beschämt sich mußt' gestehen, Daß Gott das all' vorausgesehen Und — längst zum Guten es gewandt! Drum nicht verzweifeln, nicht verzagen» Der Gott, der sprach: Es werde Licht! Der es nach jeder Nacht läßt tagen. Dein Vater, — er verläßt Dich nicht. Pros. A. L. Hickmann's geographisch-statistischer Taschen- Atlas des Deutschen Reichs. Erster Theil. Preis geb. 2 M. Verlag von G. Frcytag und Berndt in Wien. K. II. Genanntes Wcrkchen kaun nicht genug empfohlen werden — es ist etwas ganz Originelles. Im Gegensatz zu allen anderen Atlanten berücksichtigt es jenes Moment, welches nahezu alles Wissen für den menschlichen Geist erst wirklich wcrthvoll macht und für die Objecte des Wissens unser Interesse in vorzüglicher Weise anregt: wir meinen das vergleichende Moment. Diesem letzteren Gesichtspunkte folgend, geht das Werkchcn auch über die Grenzen seines nächsten Gebietes, der Geographie, hinaus und erweitert sich zu einem allgemein statistischen Atlas, indem eS auch aus sonstigen Gebieten des Wissens abstrakte Größenbegriffe der Statistik in coucreter Form veranschaulicht. Das Werkchsn enthält u. A. vergleichende graphische Darstellungen der BcvölkcrungSzisfcrn der deutschen Staaten und der wichtigsten deutschen Städte, deren ConfessicnSverhältnisse, der Flußlängen und Stromgebiete, der wichtigsten Berghöhcn, der Höhen (über dem Meeresspiegel), der Flächeninhalte und der Tiefen der meisten Land- seen, der Massen einzelner Bergbauprodncte, der Vertheilung und Verwerthung der Bodenfläche, des Erntecrtragö in den einzelnen Produkten, der jährlichen Staatsausgaben und-Einnahmen des NcichS, der Truppenstärke der BunbeSstaatcn (mit Berücksichtigung der Waffengattungen) rc. rc.; schließlich erwähnen wir noch die Bildnisse sämmtlicher Kaiser von Karl dem Großen an, sowie die zeichnerischen Vcramchaulichungcn der wichtigsten Stammtafeln, die Städte- und Ländcrwappen und zu guter Letzt noch eine sehr interessante geologische Karte Deutschlands. Leitfaden der allgemeinen Weltgeschichte. Vouvr.H. Rolfuö. Verlag der Herdcr'schcn Verlagsbuchhandlung in Freiburg. — Von diesem Leitfaden liegt nunmehr die zweite Abtheilung« „Mittlere Zeit" (Preis 140 M.)> und die „Neue Zeit" (Preis 2 M.) und damit die 4. Auflage vollendet vor. Der Leit- faden ist durch Anmerkungen ergänzt und erläutert und für den Gebrauch in erweiterten Schulanstalten und zum Selbstunterricht bestimmt. Für diesen Zweck ist er durchaus entsprechend, immer vorausgesetzt, daß er eben nnr ein „Leitfaden" sein will, der natürlich in vielen Stücken der Erweiterung durch daS Wort des Lehrers bezw. durch die Lcctüre größerer Werke bedarf. Daß der Leitfaden bereits in vierter Auflage erscheine» konnte, ist ein Zeugniß für seine Brauchbarkeit. Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild. Wien. Alfred Hölder, k. k. Hof- urrd Universitäts-Buchhändler. Heft 244—228. I«. Die vorbezeichneten Hefte umfassen den Schluß beS 4. Bandes Ungarn, beenden den Band Böhmen und enthalten das erst- bis zehnte Heft der Abtheilung Mähren und Schlesien. Im vorletzten Hefte des Bandes Ungarn beendet der gewesene ungarische Ministerpräsident Alexander Wekerle seine hochinteressante Schilderung über das Wcißcnburger Comitat, und bildet eine eingehende Schilderung des Plattensees aus der Feder Karl Eölvös' den Schluß des Bandes. Die beiden Böhmen behandelnden Hefte enthalten einen sehr beachtcns- werthen Artikel über die hier zum erstenmale dargelegten Beziehungen Wallenstein's zur VclkSwirthschaft, welche den großen Feldherrn zugleich als weitblickenden Nationalökonomien und als den Vater des heute so hoch entwickelten volkSwirthschaftlichen Lebens in Böhmen erkennen lassen, auch die glanzvolle Ne- gierungszeit Maria Theresia's zeigt sich beeinflussend in den Ergebnissen auf volkswirthschaftlichem Gebiete. Ein farbiges Co- stümbild in chromo-zinkographischer sehr gelungener Ausführung, Egerländer und Egerläiwerin sowie Brannauerin darstellend, ist dem letzten Hefte von Böhmen beiacgcbcn. Die bis jetzt vorliegenden 10 H-fte von Mähren und Schlesien behandeln die Schätze der Natur und Kunst, welche die beiden hochentwickelten Kronländer ausweisen, und schildern ihre culturclle Entwicklung, das Volksleben und den Fortschritt auf geistigem und volkö- wirthschaftlickem Gebiete. Die Schilderung der landschaftlichen Eigenthümlichkeiten und Schönheiten wird durch zahlreiche anregende und mit künstlerischem Auge erfaßte Illustrationen vervollständigt. Licht oder Irrlicht? Gemeinverständliche Antwort auf die Frage: Warum bin ich Katholik? Von l>. Andreas Hamerle, 6. 88. L., Ncctor des Rcdcmptoristen-Col- Icgiums in HernalS. 8°. 148 S. Preis 1 M. Verlag der Älphoiisuö-Buchhandlung in Münster i. W. DaS Endziel unserer Lebensrcisc ist nicht der GrabcShügel. Es liegt unendlich ferner, weit über die höchsten Berg- hinaus. Und nur einen Weg gibt es, der sicher und unfehlbar dahin führt. Es ist derjenige, den Christus unS gebahnt hat und den wir einzig und allein in der katholischen Kirche gewiesen finden. Dies zu zeigen, ist der Zweck dcö vorliegenden BnchcS. — ES ist ein Versuch, in einfacher und populärer Weise die Wahrheit und Göttlichkeit unserer hl. Religion darzulegen. Wer in Folge unklarer Anschauungen, oder bcklagcnswerther Verirrungen des Herzens, oder ungünstiger Einflüsse von außen schwankend und unsicher ist in den höchsten Lebensfragen, dem sollen diese Verträge behilflich sein, Klarheit und festen Halt zu gewinnen und ihn mit dem Muthe der Ueberzeugung für daS Leben zu waffnen. Möchte sich der Herzenswunsch des Verfassers erfüllen, daß glanbcnSschwachcn Lesern dieses BnchcS die feste Ueberzeugung von der Göttlichkeit und dem Glücke des hl. Glaubens zu Theil werde, damit sie mit dem hl. Paulus > in jeder Lebenslage ausrufen können: >Leio oui ersäiäi — Ich weiß, wem ich geglaubt!" Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg.Druck u.' Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. kk. 38 >Mge zm Aligskurger Weitung, u. §eyt. 1896. Jhering und St. Thomas. In Nr. 185 der Postzeitung kam unter der Ueber- schüft „Dr. Kerschensteiner" folgende Legende vor — ich kann die Geschichte leider nicht anders bezeichnen — der wahre Sachverhalt hat sich zu einer wahren Legende aus- gesponnen; es geschah natürlich wie bei allen Legenden- bildungen ohne Absicht, und will ich damit dem betreffenden Correspondenten keinen Vorwurf machen, er schrieb sicherlich dorrn ircis: „Vor einigen Jahren gab ein deutscher Universitätsprofessor ein Buch heraus. Durch Papst Leo auf den hl. Tbomas von Aguin aufmerksam gemacht, nabm der deutsche Professor des 19. Jahrhunderts auch die Bücher des Thomas zur Hand. Bald sagte er seinen Schülern klipp und klapp: Hätte ick die Werke deS hl. Thomas zuvor gekannt, so hätte ich mein Buch nichl edirt, denn in dessen Werken sei schon enthalten, was ich geschrieben." In dieser Behauptung ist jeder Satz unrichtig. Gemeint ist der vor einigen Jahren (1892) verstorbene Rechtslehrer Jhering und sein Buch „Zweck im Recht". Ich will ganz davon absehen, daß die Erzählung in den Zusammenhang gar nicht hineingehört, in dem sie steht, wo von der Naturauffassung des Mittelalters die Rede ist. Rechtsphilosophie und Naturphilosophie ist zweierlei, in der Rechtsphilosophie konnten die Alten wohl schärfer sehen als in der Naturphilosophie, für welche die Voraussetzung, ein großes Naturwissen und ein großes Natur- beobachten, fehlte. Daher kann man von rechtsphilo- sophischen Kenntnissen nicht auf den Stand der Naturphilosophie schließen. Allein auch abgesehen davon ist es 1) unrichtig, daß Jhering durch Papst Leo auf den hl. Thomas aufmerksam gemacht wurde, das that der Missionspfarrer Ho hoff brieflich und in einer Recension des Literarischen HandweiserS (1886); 2) Jhering hat nicht selbst den hl. Thomas gelesen, er hat vielmehr sein Urtheil gegründet auf die Sätze, die ihm Hohoff vorlegte, Sätze, die unter verschiedenen Variationen immer wieder den gleichen Gedanken wiederholen, daß um des Zweckes willen alle rechtlichen Einrichtungen da sind. Der Vergleich, den Jhering auf Grund dieser Sätze zwischen der alten und neuen Philosophie zieht, kommt allerdings auf eine vollständige Verwerfung der neueren Philosophie hinaus; aber deßwegen hat er doch 3) nicht erklärt, er hätte sein Buch nicht zu schreiben brauchen, er hat deßwegen in seinem Buche, das in wiederholten Auflagen erschien, nichts geändert; er hätte auch höchstens die philosophische Einleitung umändern können. Sonst aber befaßt sich sein Werk mit dem concreten Nachweis, wie der Zweck die einzelnen Nechtsinstitute Hervortrieb, im zweiten Band, wie der Zweck selbst in scheinbar bedeutungslosen Anstands- und Höflichkcitsformen zu erkennen ist. Ich habe schon früher in den Historisch-politischen Blättern davor gewarnt, aus den Aeußerungen JheringZ zu viel Schlüsse zu ziehen, da er die neuere Philosophie, über die er sein Verdammungsurtheil anssprach, nur sehr ungenügend, eigentlich kaum kennt und, wie aus seinen Aussagen zu schließen, nur aus seiner Studentenzeit dunkle Reminiscenzen an den Hegel'schen Wirrwarr im Kopfe hatte. Hegel hat allerdings die neuere Philosophie in den Augen aller vernünftig denkenden und exakt forschenden Gelehrten compromittirt. Die Hegel'sche Philosophie war ein neuer Nomiunlismus, der nur mit Begriffen spielte. Wenn man aber mit Recht verlangt, daß man die Scholastik nicht nach dem spätmittelalterlichen Nominalismus beurtheile, so kann man verlangen, daß man die neuere Philosophie auch nicht nach Hegel oder Schelling ausschließlich beurtheile. Gerade Jhering selbst hätte in seiner nächsten Nähe Gelegenheit gehabt, eine andere Philosophie kennen zu lernen, die Philosophie Lotze's, seines Universitätscollegen, die sich bestrebte, die besten Errungenschaften der Tradition und der xlnlo- soxlrig, xsrorriris mit den Ergebnissen der exakten Wissenschaften zu verbinden, und sich dabei auf Leibniz stützte. Ferner hätte er an der Rechtsphilosophie Trendelenburgs, die sich ganz auf aristotelische Grundlage aufbaute, eine treffliche Vorarbeit gehabt. Trendelenburg war einer der ersten, die eine Rückkehr zu Aristoteles, zu einer einfacheren und schlichteren Philosophie verlangten und aristotelische Gedanken mit viel Geist und Scharfsinn entwickelten und neueren Philosophen, auch dem besonnenen Herbart, gegenüberstellten; er that das zu einer Zeit, da selbst katholische Theologen wie Staudenmaier und Kühn sich noch mit Kant, Hegel und Schleiermacher herumschlugen und ihre Sprache und Dialektik benutzten. Auch blieb Trendelenburg nicht in Abstraktionen hängen, er ging selbst mehr ein aus juristische Einzelheiten, als der Jurist und Führer der Conservativen Stahl, und hat die rechtsphilosophischen Principien immer klar und con- cret veranschaulicht. Allein Jhering hat keine Vorarbeiten benützt, er hat einfach auf eigene Faust philo- sophirt. Das bedauern selbst seine Fachgenoffen und erblicken im größten Theil seines Buches nur eine Kraftvergeudung?) Ob ihm nun, wenn er überhaupt Vorarbeiten gesucht hätte, eine Rechtsphilosophie sseunäuin priiroixstn äivr Mrorrino, etwa Taparelli, Liberatvre oder Ziglinra, mehr imponirt hätte, als Trendelenburg, möchte ich bezweifeln. Denn sein Ausgangs- und Standpunkt war ein ganz anderer, er war nicht nur unphilosophisch, sondern hätte auch jede Anknüpfung an theologische Gedanken, die Begründung des Rechtes in Gott, von Anfang an verabscheut. Wohl machte auf ihn die starke Betonung des Zweckes bei St. Thomas einen großen Eindruck aus Gründen, die wir noch kennen lernen. Im klebrigen aber stellt er sich aus den plattesten, den utili- taristischen Standpunkt, geht vom Egoismus aus, der beim Menschen wie beim Thier der gleiche ist, und legt den Darwinismus zu Grunde. Es war ein Standpunkt, wie ihn ein moderner Naturforscher oder ein praktischer Engländer nicht „realistischer" hätte wählen können. Nichtsdestoweniger ist es aber interessant, wie er dennoch zum Zweck durchdrängt und das gesäumte Recht als eine umfassende Teleologie darstellt, die sich aber auf der andern Seite als ein gewaltiger Mechanismus enthüllt. Der Egoismus des Einzelnen wird überwunden von dem Egoismus der Gesellschaft und wird zu einer Art Altruismus umgebogen. Freilich zu Grund geht der Egoismus des Einzelnen nicht, er wird bloß durch den Gesellschaftszweck (Selbsterhaltung der Gesellschaft) unschädlich gemacht, und das Recht stellt sich so dar als eine Vermittlung des EinzelegoiSmns mit dem Egoismus der Gesellschaft (der Gattung, deS Staates). Das erste ist die rechtliche Selbstbehauptung des Einzelnen, seiner Person, seines Vermögens, seiner Familie. Daneben *) Allg. Ztg. 1892 Beil. Nr. 278. 298 muß sich aber auch die Gesellschaft erhalten, die Gesellschaft seht aber ihre Zwecke auf mechanischem Wege durch ein umfassendes Lohn- und Strafsystem durch. Von einem höheren Zwecke und einer höheren Grundlage des Rechtes in Gott ist bei Jhering keine Rede. Das Individuum hat keine höhere Bestimmung, in welchem seine Rechte und Pflichten begründet liegen. Jhering kennt nicht einmal die höhere Natur, das Göttliche und Unendliche in ihm, das Gewissen oder den kategorischen Imperativ. Die Rechte und Pflichten erhalten ihre Sanktion nur durch die Gesellschaft! Wie bei allen Moralphilosophen, die vom Christenthum absehen, ist bei Jhering die Gesellschaft der Moloch, dem das höhere Thier, genannt Mensch, geopfert wird, um als etwas Besseres wiederaufzustehen. Es sind die gleichen schroffen Gegensätze: hier der Mensch mit seinen bestialischen Instinkten und dort der Tyrann Gesellschaft oder richtiger der Staat; nur verhüllt Jhering diese beiden rohen Extreme durch seine glänzende Darstellung und seine geistreichen Bemerkungen, die aber alle mehr kors ä'osuvrs sind. Das Merkwürdigste ist dabei, daß er meint, er habe zuerst energisch den Individualismus durch seine Socialethik überwunden, den bisherigen Ethikern den Vorwurf macht, sie seien zu individualistisch, und meint, erst eigentlich der Socialismus habe auf jene Einseitigkeit aufmerksam gemacht. Als ob es nie einen Fichte und Hegel gegeben hätte, die das Individuum vollständig dem Staate opferten! Dagegen bleibt seine Socialethik weit zurück, er bleibt im Individualismus trotz allem tief stecken, denn er ist allzusehr Romanist und durchdrungen vom EinzelegoiswuS des römischen Rechts, als daß er nur gesellschaftliche Pflichten anerkännte; er opfert gelegentlich auch dem Individuum, vertheidigt z. B. den clolus Konus, das Recht der wirth- schaftlich Stärkeren und Konti xossiäontos, das Recht der Gläubiger und den Kampf ums Recht.*) Das Recht entspringt nach ihm aus der Gewalt und stellt sich als eine Art Selbstbeschränkung oder Disciplin der Gewalt dar. Ganz im altrömischen Sinn erscheint das Eigenthum (äonnnimn), die okliZatio und xutria xotsstus als Gewaltrecht. Der Proceß selbst, die Lotto, ist nur eine geregelte Selbsthilfe. Das römische Recht, von dem Jhering ausgeht, war allerdings nur dazu da, einige Mächtige im ruhigen Besitz ihrer Machtmittel zu sichern und Sklaven, wie Kinder, Schuldner und Pächter in ihren Dienst, zu ihrem äc>- wiuiunr zu zwingen. Von einer socialen Auffassung ist keine Rede. Recht und Sittlichkeit ist für Jhering etwas Positives, Conventionelles, historisch Gewordenes, er kennt kein Naturrecht und keine ewige Moral. Nicht einmal im Sinne der historischen Rechtsschule erkennt er in ihnen natürliche organische Gebilde, sondern absichtliche Erzeugnisse, die allerdings durch die Lebensbedürfnisse motivirt sind. Die Lebensbedürfnisse ändern sich aber, und so ändert sich auch Recht und Sittlichkeit. Die Lebensbedürfnisse des Einzelnen und der Gesellschaft sind die Zwecke, die dem Recht zu Grunde liegen. Jhecing's principielle Anschauungen sind also so ziemlich das gerade Gegentheil der christlichen Ncchts- und Sittlichkeitsbegriffe, und man wird daher begreiflich finden, wenn ich oben bezweifelte, daß ihm das Studium .scholastischer Philosophie besonders gefallen hätte. Eine solche Nadicalcur ist für moderne Geister nicht wohl angezeigt und jedenfalls kein so sicheres Mittel, wie es *) Mehr darüber i. in des Unterzeichneten Werk „System -d.,Welch. d. tLuttur" lk 7Z.s< Viele meinen. Man täuscht sich häufig über die Wirkungen, welche die scholastische Philosophie auf die moderne Welt ausüben würde, wenn sie ihr nur näher treten wollte. Trotz aller Bemühungen sind bis jetzt die großen Wirkungen ausgeblieben. Warum haben aber doch die Aussprüche des hl. Thomas über den Zweck im Recht auf Jhering so tiefen Eindruck gemacht? Jhering war einerseits ein Gegner jeder an Hegel erinnernden Bcgriffslogik, ein Gegner der Puchta'schen Anschauung, als ob die Nechtsbegriffe sich nach immanenter Consequenz aus und durch sich selbst einwickelt hätten; er wies hingegen mit Recht auf das Leben und seine Bedürfnisse hin, er war aber andererseits auch ein Gegner der historischen Rechtsschule und ihrer romantischen Phantasie über die Geburt des Rechts aus dem dunkeln Schooße des mystischen Ncchtsgefühles. Auch ihr gegenüber betonte er mit Recht das Zweckvolle des Rechts — soweit kann man wohl mit ihm einverstanden sein —, aber, wie es gewöhnlich geht, die Gegnerschaft gegen die historisch-organische Auffassung trieb ihn immer weiter. Das Nechtsgefühl war für ihn schon deßhalb unbrauchbar, weil er ein wesentliches Moment, nicht nur ein nothwendiges Merkmal, sondern gewissermaßen das Wesen des Rechts in seiner Erzwingbarkeit, in dem Zwange erblickte, womit der Staat die Normen des menschlichen Verkehrs und Zusammenlebens durchführt. Diese Zwangsnormen müssen aber mit Bewußtsein und Absicht festgestellt werden, und so ist Jhering das Recht nichts Künstlerisches, sondern etwas Künstliches, eine bewußte Schöpfung der Staatsgewalt. Nicht aus der still wirkenden Macht der Gewohnheit, sondern im Anschluß an die concreten, bestimmt faßbaren Bewegungen und Zustände des gewöhnlichen Lebens wird nach ihm das Recht gestaltet. In diesem Sinne war ihm die klare Anschauung der Scholastik, welche noch nichts wußte von organischer Bildung und unbewußtem Schaffen, sondern geneigt war, alles — Sprache, Recht und Religion — aus. bestimmten Absichten zu erklären, viel sympathischer als die romanische Stimmung. Die Scholastik lebte noch im antiken Gesichtskreis, sie erklärte den Staat aus einem Vertrage, und das positive Recht galt ihr als etwas Conventionelles wie die Sprache als eine willkürliche Schöpfung. Ueber diese Anschauung sind wir aber, wenigstens was Sprache, Sitte und Religion anbelangt, weit hinaus. Selbst Neuscholastiker, wie Gutberlet, erklären die Sprache nicht mehr als ein künstliches, conventionelles Gebilde. Noch viel weniger wird es jemand einfallen, die Religionen als Trug und Erfindungen hinzustellen, wie es früher geschah. Das Recht und der Staat sind nun allerdings diesen Culturelementen nicht ganz gleichzustellen; hier spielt die Absicht und das Bewußtsein viel deutlicher mit, aber man wird auch heute kaum mehr von einem Gesellschaftsvertrag ausgehen dürfen. Gewiß hat hier alles seinen Sinn und seine Bedeutung, die Familien- und Eigenthumsverhältnisse, wie die Staatsform, aber eine directe Absicht ist um so weniger zu erkennen, je weiter diese Formen zurückreichen. Je älter das Recht z. B. ist, desto stärker ist das symbolisch-künstlerische Element, desto mehr ist es verwachsen mit der Sitte, und es wird schwer, den Sinn immer herauszufinden — man lese z. B. die Nechts- alterthümer von Grimm. Jedenfalls ist viel überflüssig und verdunkelt eher den rechtlichen Vorgang, als es ihn verdeutlicht. Auch das römische Recht hat viel solche Elemente, obwohl es viel stärker, als ein anderes Recht, von Anfang an den nackten Gedanken betont, Elemente, die einem dunklen Gefühle, aber keiner klaren Absicht entsprangen. Daher haben auch die Fachgenossen Jhering vorgeworfen, daß er für die Nechtsentstehnng viel zu wenig das Rechtsgefühl, viel zu viel den Verstand in Anspruch nehme. Das Nechtsgefühl — das ist freilich auch wieder ein Begriff, welchen die Scholastik nicht kennt. In der Form des Rechtsgefühles hat sich die romantische Anschauung von der organischen Nechtsent- stehung niedergeschlagen, und hat sich diese Anschauung, wenn auch modificirt und beschränkt, als eine bleibende Errungenschaft bewährt. Daß diese Anschauung mit einer christlichen Philosophie unvereinbar wäre, sehe ich nicht ein. Dr. G. Grupp. Zurethmmgsfcihigkeit und Strafrecht. 8. M „Endlich aber hoffe ich, daß die psychologischen Congresse dazu beitragen werden, die große Gefahr, welche dem öffentlichen Leben der Culturvölker aus gewissen psychologischen Theorien erwachsen könnte, zu beseitigen, und bin der Ueberzeugung, daß diese Congresse den alten Glauben an die Verantwortlichkeit des Menschen für seine Handlungen nicht erschüttern, sondern befestigen werden." Mit diesen Worten begrüßte Cultusminister Ritter v. Landmann den III. Internationalen Congreß für Psychologie bei seiner Eröffnung Anfang August in München. Die liberalen Blätter ermangelten nicht, ihm diese Bemerkungen zu verübeln, als habe er dadurch einen Druck auf die Meinungsäußerungen und Beschlüsse der Theilnehmer ausüben wollen, und sprachen ihre Hoffnung wie ihre Befriedigung aus, daß dieselben ohne Einfluß auf die wissenschaftlichen Ergebnisse und auf den Verlauf der Verhandlungen bleiben möchten, bezw. geblieben sind. Darin erhielten sie allerdings auch Recht. Wir brauchen zum Beweise nur den zweiten Vortrag hervorzuheben, welchen der Hallenser Professor der Jurisprudenz Dr. v. Liszt über „Die strafrechtliche Zurechnungsfähigkeit" gehalten hat. Dieser Vortrag ist charakteristisch für den dermaligen Stand der Straf- rechtswissenschaft und bei der umfangreichen lehramtlichen und schriftstellerischen Thätigkeit, sowie bet dem weit über Deutschlands Grenzen hinausreichendeu Ansehen v. Liszt'S, bedeutend genug, um ihn an dieser Stelle einer Würdigung zu unterziehen. Sticht als ob v. Liszt auf dem Congresse etwas Neues gesagt hätte, was etwa noch nicht bekannt gewesen wäre. Derselbe hat seine Theorien in seinem Lehrbuch des deutschen Strafrechts und in den Mittheilungen der internationalen criminalistischen Vereinigung wiederholt dargelegt. Erst vor wenigen Monaten haben diese Theorien auch eine gründliche Kritik und Zurückweisung seitens des bekannten Jesuiten V. Cathrein im 4. u. 5. Heft der „Laacher Stimmen" erfahren. Allein, wie gerade aus diesem Aufsätze zu erkennen ist, scheint v. Liszt neuerdings einen konsequenten Schritt weiter gethan zu haben auf dem von ihm betretenen Wege des Determinismus. Auf dem Boden des Determinismus nämlich fußt die von Liszt und seiner weitverzweigten Schule gelehrte Theorie von Verbrechen und Strafe. Um freilich den Standpunkt dieser Theorie völlig kennen zu lernen, müssen wir über den Inhalt des eingangs erwähnten Vortrages etwas hinausgehen und auch feine übrigen Schriften etwas in Betracht ziehen. Denn die Frage der „Zurechnungsfähigkeit" bildet einen Theil der Frage nach der Schuld, und diese wiederum gehört wesentlich zu dem einen Grundbegriff deS Strafrechts, dem Verbrechen, während der Begriff der Strafe den zweiten Grundbegriff bildet. Wir halten uns bei unserer Untersuchung zum Theil an die erwähnte treffliche Arbeit Cathrein's. Nach Cesare Lombroso und dessen Schule gibt es fünf Haupttypen von Verbrechern: 1) der geborne Verbrecher, 2) der Verbrecher aus Wahnsinn, 3) der Verbrecher aus Leidenschaft, 4) der Gelegenheits- und 5) der Gewohnheitsverbrecher. Diese Lehre vom „Ver- brechcrtypus" ist nun heute von der Mehrzahl der Kriminalisten und Criminalanthropologen als unhaltbar und unwissenschaftlich zurückgewiesen worden. Erst jüngst, auf dem zu gleicher Zeit mit dem Psychologen-Congreß tagenden Congreß der Anthropologen in Speyer, hat Pros. Virchow die Lombroso'sche Lehre gründlich vernichtet und dieselbe direct als eine bloße Caricatur der Wissenschaft bezeichnet. Gleichwohl stimmt in einem Punkte die v. Liszt'sche Verbrechenstheorie mit Lombroso überein, nämlich darin, daß sie die Willensfreiheit des Menschen verwirft und den „empirischen" Menschen zur Grundlage ihrer Studien nimmt. Man pflegt die v. Liszt'sche Auffassung als die „sociologische" oder „criminalpolitische" Auffassung deS Verbrechens zu bezeichnen. Nach v. Liszt ist das Verbrechen die nothwendige Resultante des Zusammenwirkens verschiedener natürlicher Faktoren: der Eigenart des Verbrechers im Bünde mit den Einwirkungen der ihn umgebenden Gesellschaft, v. Liszt sagt deßhalb: „Der Verbrecher ist für uns Menschen unbedingt und uneingeschränkt unfrei; sein Verbrechen die nothwendige, unvermeidliche Wirkung der gegebenen Bedingungen. Für das Strafrecht gibt es keine andere Grundlage als den Determinismus." Der Grund, aus welchem v. Liszt die Willensfreiheit des Menschen leugnet, ist die Annahme, das Causalitäts- princip sei mit der Freiheit unvereinbar. Diese Meinung führt Cathrein auf eine unrichtige Auffassung des Cau- salitätsgesetzeS zurück. Denn dieses Gesetz behaupte nur, jede Wirkung verlange nothwendig eine Ursache, nicht aber jede Wirkung verlange eine nothwendige oder nothwendig wirkende Ursache. Liszt behauptet serner: „Das Strafrecht hat es mit dem empirischen Menschen zu thun, und dieser ist unbedingt unfrei, bestimmt durch Vorstellungen (Motive), mithin dem Causal- gesetz unterworfen." Es läßt sich nicht leugnen, baß die Beweggründe Einfluß auf den Willen üben. Aber keineswegs nöthigen die Beweggründe den Willen. Trotz der Beweggründe bleibt der Wille frei. Selbstverständlich kann vom deterministischen Standpunkte v. Liszt'S aus von Schuld und Vergeltung nicht mehr gesprochen werden, wenigstens nicht im hergebrachten Sinn. Was v. Liszt unter Schuld versteht, ist nicht die freiwillige Uebertretuug eines Gesetzes, sondern „Schuld ist Verantwortlichkeit für den durch willkürliche Körperbewegung verursachten Erfolg". „Schuldfähigkeit ist die Fähigkeit, für eine rechtswidrige Handlung verantwortlich zu sein." „Voraussetzung für die strafrechtliche Verantwortlichkeit und mithin Inhalt der Zurechnungsfähigkeit ist nicht eine dem Causalgesetz entrückte Willensfreiheit, sondern nur die der Regel gemäße Bestimmbarkeit des Willens durch Vorstellungen überhaupt, durch die unser gesammteS Ver- 600 halten regelnden allgemeinen Vorstellungen der Religion, der Sittlichkeit, des Rechts, der Klugheit insbesondere." Damit kommen wir zu dem mehrerwähnten Congreß- thema Liszt's über die strafrechtliche Zurcchnuugsfühig- keit. „Zurechnungsfähigkeit ist die Fähigkeit, strafrechtlich erhebliche Handlungen vorzunehmen." „Inhaltlich bedeutet sie denjenigen Scelcnzustand des Thäters, der nach unserer Nechtsüberzeugnng im Augenblicke der That gegeben sein muß, damit Bestrafung eintreten kann. Wie muß dieser Scelenzustand beschaffen sein?" Dies ist das Problem, welches v. Liszt behandelte. Zuerst beschäftigt er sich nun mit dem Standpunkt der Gesetzgebungen, welche er in drei Gruppen theilt. Die älteste von ihnen geht nach v. Liszt von der Willensfreiheit aus und stützt die Annahme der Zurechnungsfähigkeit auf die „freie Willensbestimmung", sei es allein, sei es in Verbindung mit einem intellektuellen Moment. Die zweite Gruppe bestimmt die Zurechnungsfähigkeit als „die zur Erkenntniß der Strafbarkeit erforderliche Urtheilskraft". Die dritte endlich verzichtet auf jede positive Begriffsbestimmung und beschränkt sich darauf, die Umstände aufzuzählen, durch deren Vorliegen die strafrechtliche Verantwortlichkeit ausgeschlossen wird. Das Reichsstrafgesetzbuch gehört zur ersten Gruppe, nur bezüglich der Taubstummen und Jugendlichen bildet die zur Erkenntniß der Strafbarkeit erforderliche Einsicht das Merkmal der Zurechnungsfähigkeit. Nach diesen Darlegungen kommt Liszt in seinem Vortrage zur Kritik und zu seinen Vorschlägen. „Die Gleichstellung der Zurechnungsfähigkeit mit der freien Willensbestimmung," sagt er, „gibt zu den bedenklichsten Mißverständnissen Anlaß. Der Wortlaut weist mit aller Deutlichkeit auf die Wahlfreiheit des Indeterminismus. Damit ist als Voraussetzung für Schuld und Strafe eine Willensentscheidung hingestellt, die — mag sie völlig motivlos sein, mag sie unter den auftauchenden Vorstellungen in freier Wahl die eine oder die andere zum Motiv erheben — stets außerhalb des Causalgesetzes steht." Wir haben schon oben darauf hingewiesen, daß diese Auffassung in einer unrichtigen Anschauung des Causalitätsgesetzes ihre Wurzel hat. v. Liszt sagt nun weiter: „Es ist klar, daß durch eine solche Bestimmung dem Strafrecht die unverrückbare Grundlage entzogen, daß es hinabgezogen wird in den uralten Streit der philosophischen Systeme, daß durch sie aber zugleich Richter wie Sachverständige, die, von deterministischer Anschauung getragen, an die Beurtheilung des Einzelfalles herantreten, in die völlige Unmöglichkeit sachgemäßer Entscheidung versetzt werden." .... „Das Strafrecht muß dem uuaustragbaren Streit über die Willensfreiheit entrückt werden. Die „freie Willensbestimmung' muß fallen." Also, das Strafrecht darf sich nicht danach fragen, ob der Thäter unter der Wirkung der freien Willcnsbestimmung gehandelt hat oder nicht, „es muß eine gesetzliche Fassung für den Begriff der Zurechnungsfähigkeit gefunden werden, welche weder deterministisch noch indeterministisch ist!" Das nennt dann v. Liszt eine „Vertiefung" des Schuldbcgriffs. Wir meinen, eine solche Fassung sei schlechterdings unmöglich, wenn anders sie überhaupt einen klaren und unzweideutigen Sinn haben soll. Entweder geht man vom Determinismus aus, dann muß nothwendig auch die Definition der Zurechnungsfähigkeit eine deterministische Färbung haben, oder man stellt sich auf den Standpunkt des Jndeter« miniSmus, dann muß sich diese Auffassung in der Begriffsbestimmung von Schuld und Zurechnungsfähigkeit zu erkennen geben. Eine Unterbringung beider Anscban- ungen in einer Definition scheint uns sowenig mögccch, als zugleich Determinist und Jndeterminist sein. Auf einer gesetzlichen Fassung des Begriffs der Zurechnungsfähigkeit, welcher nicht den einen oder den anderen Grundgedanken zum Ausdruck bringt, läßt sich kein wissenschaftliches System des Strafrechts aufbauen. Die Anschauung über Verbrechen, Schuld und Verantwortlichkeit bildet doch die unentbehrliche Grundlage hiefür, und je nachdem der Mensch als frei oder als determinirt angesehen wird, wird auch das ganze System einen anderen Aufbau erhalten, Einen solchen Aufbau aber construiren wollen ohne eine Grundanscbnuung zum Ausgangspunkt zu nehmen, dünkt uns gleich, ein Haus bauen wollen ohne Grundmauer! v. Liszt kommt sodann dazu, die Zurechnungsfühig- keit zu bestimmen als die normale Bestimmbarkeit durch Motive. „Frei im Sinn des Gesetzes und daher verantwortlich ist der erwachsene Mensch, soweit nicht Geisteskrankheit oder Bewußtseinsstörung seine Freiheit aufheben, indem sie seine Reaktion auf Reize zu einer anormalen gestalten." „An Stelle der Worte Freie Willensbcstimmung' setzen wir den Ausdruck .normale Willensbestimmun gst" Mit Recht hält Cathrein dem entgegen, daß man dann auch den Irrsinnigen und Schwachsinnigen, ja sogar den Thieren Zurechnungsfähigkeit zuerkennen muß. Denn auch die Irren ließen sich vielfach durch Motive und namentlich durch Strafandrohung bestimmen. Man brauche ihnen nur für ein bestimmtes Benehmen jedesmal ein bestimmtes Uebel zuzufügen, dann würden sie dasselbe, wenigstens in sehr vielen Fällen, unterlassen. Auch bei den Thieren sei es ähnlich. v. Liszt muß aber von dieser Auffassung der strafrechtlichen Zurechnungsfähigkeit als der normalen Bestimmung durch Motive eine Ausnahme zulassen. Diese Auffassung, sagt er, sei völlig ausreichend, soweit es sich »m Abschrcckungs- oder Besserungsstrafe handelt, sie versage aber da, wo unausrottbarer Hang zum Verbrechen (bei dem unverbesserlichen Gewohnheitsverbrecher) eine Sicherungsstrafe erfordert. „Denn deren Aufgabe ist Unschädlichmachung des Verbrechers, nicht Motivsetzung; die normale Motivirbarkeit des Thäters kann ihr daher an sich glcichgiltig sein." „Der Gewohnheitsverbrecher reagirt völlig anders auf Reize wie der Durchschnittsmensch. Der ehrliche Determinist*) müßte ihm die Willensfreiheit absprechen. Mangelt dem Gewohnheitsverbrecher aber die Zurechnungsfähigkeit, so kann er nicht gestraft werden. Nicht Strafe, auch nicht Sicherungs- strase, sondern nur Unschädlichmachung als Verwaltuugs- maßregel ist gegen ihn möglich." Mit andern Worten: „Der Gewohnheitsverbrecher ist dem gemeingefährlichen Geisteskranken gleichzustellen." Und v. Liszt scheint es sicher, „daß die Zukunft uns diese Lösung bringen wird." Aus dieser Konsequenz, die v. LiSzt hiermit gezogen hat, läßt sich erkennen, daß er nunmehr auch in diesem Punkte mit den Anschauungen eines andern Anhängers der sociologischen Schule, dem Professor v. Lilienthal, völlig übereinstimmt, welche letzterer bereits im Jahre 1890 *) Wir entnahmen den Vertrag von v. Liszt den Nummern 361 und 362 der „M. N. N." vom 6. August l. Js., wo eS hier „Jndeterminist" heißt, was offenbar nach dem ganzen Inhalt „Determinist" heißen muß und u. E. nur ein Druckfehler sein kann. 301 auf dem II. Ccmgreß der internationalen kriminalistischen Vereinigung zu Bern kundgegeben hat. Der Gewohnheitsverbrecher ist also hicnach als ein anormaler, moralisch kranker Mensch anzusehen. Wenn nun der Verbrecher überbaupt unbedingt unfrei handelte bei Begehung der Strafthat, wenn der Gewohnheitsverbrecher insbesondere in einem Zustand von Geisteskrankheit sich befindet, so kann selbstredend von einer eigentlichen Vergeltung nicht mehr die Rede sein. Die Strafe ist dann nicht mehr Sühne für eine begangene Strashandlung, sondern nur mehr Schutz- maßregel gegen zukünftige Verbrechen. (Schluß folgt.) Alexander der Große in der persischen nnd arabischen Literatur. Von G. G. Wenn man je von einer historisch bedeutsamen Persönlichkeit sagen kann, sie habe sich durch ihr Auftreten und ihre Thaten einen unsterblichen Namen erworben, so kann man es von Alexander dem Großen. Sein Erscheinen als jugendlicher Welteroberer, seine Züge an die Grenzen der damals bekannten Welt und sein tragisches Ende ließen bei den mit ihm in Berührung gekommenen Völkern einen mächtigen Eindruck zurück, der sich nie ganz verwischte. Zwar mochten es anfangs wohl Haß und Groll gewesen sein, die sich mit der Erinnerung an ihn verbanden, Haß und Groll gegen den Stürzer einheimischer Dynastien, gegen den Zerstörer vaterländischer Sitten und 'Gebräuche. Aber sie machten unter dem Einflüsse der wohlthätigen Wirkungen der von Alexander verbreiteten griechischen Cultur bald der Bewunderung des Helden Platz, dem keine Macht der Erde zu widerstehen, dessen Weltreich ohne ihn nach seinem Tode kaum einen Tag zu bestehen vermocht hatte — der Bewunderung, ! die bald, die historische Wirklichkeit immer mehr ab- s streifend, die Geschichte Alexanders in das Reich des Sagenhaften und Abenteuerlichen hinüberspiclte. Gerade dieses Moment der Erinnerung an Alexander den Großen konnte sich auf dem Boden des an Märchenbildung so produktiven Orients auf das reichlichste entfalten, und dies um so mehr, als Alexander sich selbst einen übernatürlichen Ursprung beilegte, seine Persönlichkeit mehr und mehr in die Ferne rückte und der lebendige Verkehr mit den östlichen Ländern, namentlich mit dem von jeher sagenumwobenen Indien, von welchem schon Alexanders Begleiter die wunderbarsten Dinge zu erzählen wußten, mit der Zeit aufhörte. Es entstanden förmliche Romane, die sich zu Volksbüchern ausgestalteten, und von denen der fälschlich dem Knllisthcnes (Begleiter des Alexander) beigelegte, der sogenannte Pseudokallistheues, Z wahrscheinlich der älteste ist. Dieser wurde im Mittelaltcr von abend- und morgenländischcn Schriftstellern fleißig benutzt, und erinnere ich hinsichtlich des Abendlandes nur an das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht, eine deutsche Bearbeitung des französischen Gedichtes Alberichs von Besantzon. Wenn nun auch durch diese mittelalterlichen Dichtungen viele Wundergeschichten über Alexander, wie sie aus dem Morgenlande stammen, bekannt sein mögen, so mag es doch nicht des Interesses entbehren, über die Behandlung Alexanders in der orientalischen Literatur ') Hrsg. v. Karl Müller in seiner Ausgabe des Arrian, Varia 1846 .... selbst — und hier kommt vorzugsweise die persische und arabische in Betracht — Näheres zu vernehmen. Ich sage aber: in der orientalischen Literatur, nicht: in der orientalischen Volkssage; denn wiewohl die „Alexandergeschichten" Volksbücher geworden sind, so kann man doch nicht von einer Alexandersage im eigentlichen Sinne reden; denn dieselben waren und blieben immerhin nur literarische Produkte. Volks- thümliche Ueberlieferung fehlt Hiebei sowohl den orientalischen Historikern, wie den Dichtern; alles geht auf gelehrte Mittheilungen und eigene Erdichtungen hinaus. Demnach sollen im Folgenden einerseits die Bearbeiter der Alcxanderhistorie in Persien und Arabien und ihre Stellung zu derselben namhaft gemacht, andererseits der Inhalt derselben in ihren Hauptzügen skizzirt werden. I Ein Ueberblick über die Alcxanderliteratur bei den Persern und den Arabern läßt erkennen, daß bei diesen die Geschichte Alexanders und seine Person vorzugsweise in der Historiographie, bei jenen vorzugsweise in der Poesie ihre Darstellung fanden. Außerdem thut auch der Koran desselben Erwähnung. Vorbilder der arabischen Geschichtschreiber, wenigstens s der älteren, waren die altpersifchen, oder besser die sas- >, sanidischen. Diese hatten von Alexander dem Großen ^ nur Erinnerungen des Hasses und des Abscheues bewahrt, betrachteten ihn als blutdürstigen Eroberer, als Zerstörer ihres Reiches, als Vernichter ihrer heiligen Bücher und ihrer Cultusstätteu, und stellten ihn mit dem Teufelsfürsten Bewarasp und mit dem Urfeinde Irans, Frasjak, auf eine Stufe. So kommt es auch, daß wir aus Persien nur dürftige Spuren vormoslimischer historischer Aufzeichnungen über Alexander überkommen haben. Verbot doch den Priestern — denn diese sind vorzugsweise auch die Geschichtschreiber Aliperstens — der Nationalstolz. durch ausführliche Beschreibung von Alexanders Thaten ihre eigene Schmach zu erzählen, und wo in den priesterlichen Schriften und in den kurz vor dem Untergänge des sassanidischen Reiches gemachten historischen Aufzeichnungen Alexander Erwähnung findet, geschieht es in einem sehr bitteren Tone. Die ihm manchmal gegebene Bezeichnung „Römer" kennzeichnet die Abneigung der Historiker gegen ihn; denn dann ist er der Vertreter des dem Perserrciche feindlichen NLmerreichs. Trotz ihrer moslimischen Religion schrieben dann mit derselben Antipathie wie die Perser, aber mit mehr Ausführlichkeit und mit Herbeiziehung der in Kleinasien und Syrien verbreiteten „Geschichten" auch arabische Schriftsteller über Alexander in ihren Chroniken, welche Art der Geschichtschreibung besonders unter den Chalifen der Abbasidendynastie gepflegt wurde. In ihnen mischen sich sagenhafte, historische und geographische Elemente in buntem Durcheinander (die sogen. Hadithform)?) Diese Chronisten folgen in der Alexandergeschichte (wie in der übrigen Geschichte Irans) der persischen Ueberlieferung. Keiner ist jedoch vollständig. Die bedeutendsten hieher gehörigen sind: ') „Bei ihrer Leidenschaft für das Außerordentliche, Wunderbare, die sich in keiner geschichtlichen Darstellung verleugnet, ihrer blinden Verehrung der Fürsten, ihrem gänzlichen Mangel an der Gabe und dem Willen, die Ursachen der Ereignisse aufzusuchen, konnten die Orientalen keine Geschichtschreiber im höhern Sinne des Wortes haben." Cäsar Cantu, Allgemein« Weltgeschichte, nach der 7. Originalausgabe bearbeitet von Dr. Arühl. 6. Bd. S. 479. 302 Tabari (lebte 839—921), welcher in einer, bis zum Jahre 302 d. H. (— 914 n. Chr.) reichenden Weltchronik verschiedene Berichte über Alexander zusammenstellt, nicht ohne allerlei Widersprüche und Wiederholungen. Hauptquelle ist ihm hier Hischam Jbn Muhammed (gest. 820 ca.), einer der eifrigsten und gelehrtesten Logographen (bekannt durch seine Ueberlieferung und Bearbeitung der von Jbn Jshak sgest. 768) verfaßten Lebensgeschichte Mohammeds). Jakubi schrieb (um 680 oder 890) ein „Buch der Länder" °) und eine Geschichte^) bis zum Chalifat des Mutamid (869) mit schiitischer Tendenz. Abu Hanifa ad Dinavari (gest. 895/6), dessen „Buch der langen Geschichten" °) eines der frühesten uns erhaltenen größeren arabischen Geschichtswerke ist und die Omajadenzeit und die Geschichte der drei Abbasiden bis Al Mutassim in aphoristischer Weise behandelt. Jbn al Fakih al Hamadani (um 900), Verfasser eines geographisch-belletristischen Werkes. , Eutychius, auch unter seinem arabischen Namen Said Jbn Batrik bekannt, 934—950 melchitischer Patriarch von Alexandrien, gibt eine ziemlich ausführliche, sich größtentheils mit der der moslimischen Chronisten deckende Darstellung der Geschichte Alexanders?) Masudt (geb. um 900 zu Bagdad, gest. 957 zu Kairo). Eine Fundgrube für die Culturgeschichte des Orients sind seine muruäs „Goldene Wiesen" ?) (Aus- zug aus seinem umfassenderen Werke aestdar u1-26inan, „Nachrichten der Zeit"). Wo er von den griechischen Fürsten spricht, erzählt er Alexanders Abstammung und Thaten in Uebereinstimmung mit dem übrigen Oriente. Harns« von Jzfahan (gest. 987), Verfasser der universalhistorischen „Aussagen" oder „Geschichten" (Annalen) b), ausgezeichnet durch seine hervorragende Kenntniß von Perfiens Sagen, der streng historischen Anforderungen immerhin mehr entsprach als seine Vorgänger. (Mit ihm begann man bereits die hergebrachte Hadith- form der Darstellung aufzugeben.) Zu erwähnen sind noch von den jüngeren wos- limischen Chronisten: das persische Geschichtswerk Lluä- sostmil attavarioli (gsschr. 1126), auf Hamsa, Firdufi (s. unten) und einem unbekannten Alexanderbuche beruhend; Jakut (gest. 1229), von griechischer Abkunft, Verfasser zweier großer geographischer Wörterbücher ^), und der christliche Araber Jbn Amid (gest. 1273), der vielfach dem griechischen Romane folgt. Mit diesem griechischen Alexanderromane waren auch die Perser mit der Zeit bekannt geworden durch eine in der letzten Zeit der Sassanidenherrschaft geschehene Uebersetzung des Pseudo- kallisthenes in das Pehlewi (alte Sprache Westpersiens, aus persischen und semitischen Elementen gemischt), welche Pehlewi-Uebersetzung später in's Syrische übertragen wurde. (Fortsetzung folgt.) °) Hrsg. u. mit einer Einleitung versehen von de Goeje in der »Bibliotlieoa xeoxrapdorum arabieorum«. 6 Bde. Leyden 1870-1889. *) HrLg. v. HoutSma, 2 Bde., Leyden 1883. °) HrSg. v. Wladimir Girgaß, Leyden 1883. b) Besonders berühmt war er auch wegen seiner medizinischen Kenntnisse. — In arabischer Sprache schrieb er Annalen von Erschaffung der Welt bis zum Jahre 910 und eine Geschichte Siziliens von der Zeit der Sarazcnenlicrrschaft an. Arab. u. franz. brög. v. Barbier de Meynard u. Pavct de Courtaillc, Paris 1881—1865, 4 Bde. °) Lnualinm iibri X, arab. und latcin. von Goitwald, Leipzig 1844—48. Hrög. v. Wüstenseld, Leipzig 1866—70, 6 Bde. Recensionen und Notizen. k. Ein philologisches Unicum. Der ungarische Univcrsitätsprofcssor Sigmund Simonyi, Mitglied der ungarischen Akademie der Wissenschaften, ist der Verfasser eines dickleibigen (VIII -j- 456 S.), von der Akademie preisgekrönten Buches (gr. 8°), das in Budapest im Verlage der Franklin« Gcsellschast um theueren Preis (4 fl.) vor einigen Wochen erschienen ist und neben einem ungarischen Titel (Xsmok si maZ-z-ar 82 ülä 8 ok . . .) auch einen deutschen führt, den wir, um zu zeigen, was uns in dem Buche versprochen wird, ganz hersetzen; er heißt: „Deutsche und ungarische Redensarten, von der ungarischen Akademie der Wissenschaften mit dem Marczi- bäny-Prciö gekrönte Arbeit; ein Hilssbuch zum Uebersetzen auS dem Deutschen und zur Ergänzung der deutsch-ungarischen Wörterbücher, aus den besten ungarischen Quellen bearbeitet." Das Buch enthält eine Auslese von Phrasen, lexikalisch (nach dem deutschen Alphabet) geordnet, jedoch ganz planlos, auf's Geratbewohl gesammelt; oft fehlen unter einem Stichwort die alltäglichen Redensarten, sprichwörtliche Wendungen u. s. w., während seltene, zufällig und in gar nicht eigenartiger Verbindung vorkommende lang und breit angeführt werden. Die „Quellen" sind wirklich aus das denkbar bescheidenste Maß beschränkt. Doch, wir wollen lieber einen competcnten Kritiker vernehmen, Professor Arpad v. Török in Budapest, den'Verfasser der „Ungarischen Sprachforschungen" (Budapest 1883), welcher, der deutschen wie der ungarischen Sprache gleich vollkommen mächtig, daö erwähnte Bück in einer eigenen Broschüre (Budapest, Patria-Druckerei, 1896, 50 kr., 16 S. in 8°) bespricht, die den Titel führt „Ein preisgekröntes Unicum" und daS Motto „Wir brauchen die frische Luft der Kritik" (BiSmarck). Die Sprache, die da Török führt, ist wahrlich gar nicht fein, aber vollauf verdient; nur ein flüchtiger Blick in Simonyi's Machwerk genügt, um zu begreifen, daß in einem solchen Fall der Zorn dem Recensenten die Feder führen muß. Vor allem ist der Umfang des Buches, womit sich der Verfasser den Anschein der Gelehrsamkeit und Bclesenhcit geben will, durch ganz «»nöthige Wiederholungen erreicht worden, die des Lesers Geduld auf eine harte Probe stellen. Auf die zahlreichen Sprachschnitzer und Ungereimtheiten im ungarischen Text läßt sich der Recensent mit Rücksicht auf deutsche Leser gar nicht ein; dagegen führt er auf 10 Seiten eine stattliche Liste der greulichsten deutschen Sprachfehler au, die sich nach unserer Durchsicht noch ganz erheblich vermehren ließe, und beweist, daß der Verfasser des „preisgekrönten Unicum" nicht einmal die Elemente der deutschen Sprache versteht. Ein sauberes „Hilssbuch zum Ucber- setzen", in dem es von Fehlern nur so wimmelt! Nicht zu stark ist es, was v. Török am Schlüsse des Sündenregisters sagt: „Ich bin zu Ende. — Die preisgekrönte Arbeit hat sich, wie der Leser sieht, als ein Schund- und Schandweik ohne Gleichen entpuppt.-" Es läßt sich gar nicht bezweifeln: „das preisgekrönte Unicum ist ein unbrauchbares Sammelsurium; die darin in Menge vorkommenden, zum Theil geradezu fabelhaften Verstöße gegen die Rechtschreibung und die Sprachlehre stempeln dasselbe zu einem Machwerke, das nicht seines Gleichen hat." Empörend ist nur dabei der Gedanke, wie Manche durch ein solches Buch nicht nur um ihr gutes Geld betrogen, sondern auch wissenschaftlich irregeleitet werden; die Wißbegierde des strebenden Menschen ist denn doch zu achttmgs- würdig, um sich derartig mißhandeln lassen zu müssen. Was soll man aber von einer Akademie sagen, die ein solches „Sckmnd- und Schandwerk" mit einem Preise krönen konnte? Professor Török aber hat, der Wahrheit dienend, nur eine edle Tbat vollbracht, wenn er das Unglücks-Buch gebührend beleuchtet hat, denn auch das ist Pflicht und Verdienst der Kritik, solchen Erzeugnissen die Larve angemaßten Werthes erbarmungslos herunter zu reißen. Simonyi will auch ein „Wörterbuch" erscheinen lassen, wie er in der ungarischen Vorrede bemerkt. Auch daS wird sicherlich ein -Unicum 8ui xensri3« werden! Eine „Ungarische Grammatik" (Budapest 1879-80) besitzen wir bereits von ihm; ihr gebührt, sagt Arpad von Török mit Recht „das rare Verdienst, die so vernünftig gebaute, wie Krystall so durchsichtige, kunstvoll wie von einer Meisterhand gegliederte, bis in ihre kleinsten Bestandtheile so verständliche ungarische Sprache zur verworrensten, unbegreiflichsten, widersinnigsten, unnatürlichsten auf Gottes Erdboden gemacht zu haben!" Nun, d» haben wir trotz H. Schuchardt's Recension („Littcrar. Central« blatt 1895 Nr. 51) auch auf Simonyi's neue historisch-kritische Grammatik (Mristeg maxz-ar nzwlvtan türtsnslmi alapvll: I. Linear dang'tcm es rrlalrtan. 1896. 8°, pp. 734. ü. 6) gar kein rechtes Vcnrauen und wird dem großen „Sprachgelehrten" auch an dem »UsLieon Uu§uas üuuMteas asvl aukilluivris« (1891—93), das er gemeinsam mit Gabriel SzarvaS herausgegeben, wob! kein übergroßes Verdienst zukommen, sofern eS besser ist, als seine übrigen Leistungen. Die Millcnniumsfcicr der ungarischen Nation, welche Tausende nach der prächtigen Donanstadt Budapest ziebt, mag vielleicht auch manchem Deutschen, der sich dortselbst fremd und verlassen gefühlt, Veranlassung geben, sich mit der magyarischen Sprache vertrauter zu machen. Wehe, wenn ihm solche „Hilfsmittel" in die Hand gerathen! _ Die Verlobte. Jungen Mädchen, besonders den lieben Bräuten gewidmet von Emmy Giebrl. 2. vermehrte Auflage. Slultgart, Noth, 1896. 8°, VI, 101 S. drosch. M. 1,00; Damast, Eoldschn. M. 1,80. Die köstliche Gabe bedarf nicht erst vieler Worte zur Einführung. Der Name der rühmlichst bekannten Verfasserin bürgt für den ausgezeichneten Gehalt der feinfühligen Belehrungen und Zuspräche, welche in der wohlthuenden Sprache «irrer mütterlichen Freundin hier der Braut uns Herz gelegt Werden. Hoch hinaus. Eine sociale Erzählung von M. Lebmann. Rcgensburg, Pustet, 1895. 8°. VI, 188 S. M. 0,80. Es ist ein braves Büchlein, nur leider in einem gar lehrhasien, trockenen Ton geschrieben und ohne sesselnde Momente, so daß eS, was die „Mache" betrifft, mit manchen Produkten aus dem gegnerischen Lager einen Vergleich schwer verträgt. Die Didaktik wirkt zu aufdringlich. L-ie könnte sich aber einschmeicheln im Gewände einer esfectvollen, flotten Sprache und auf dem Boden einer bewegten und spannenden Handlung. Das verstehen die Gegner vielfach vorzüglich. A. Kaunengieser. Juden und Katholiken in Oesterreich-Ungarn. Aus dem Französischen. 8°-Format. 203 S. Trier, Verlag der Paulinus-Druckerei, 1896. Preis brosck. M. 2,50. Das Werk besieht aus zwei Hanpttbeilen, wovon jeder wieder in zwei Theile mit mehreren Kapiteln zergliedert ist Der erste Haupttheil schildert den Ursprung des Antisemitismus in Oesterreich und das Leben und Wirken des um die katbol. Sache in Oesterreich sehr verdienten Sebastian Brunner. Dann bespricht der Verfasser die Thätigkeit und das Verhalten der Juden und Ebristcn in Wien. Durch den Handel, die Industrie und Geldaristokratie bekamen erstere die Herrschaft über das Kapital und übten einen verderbenden Emfluß durch die sich zum größten Theil in ihren Händen befindende Presse und die Universität. Als Gründer, Beförderer und Werkzeuge des AntiklerikaliSmus sind alle antireligiöse Gesetze in Oesterreich ihnen zuzuschreiben. Dieß erregte die Abneigung des Volkes gegen sie um io mehr, als der Hof sich vor aller Augen auf ihre L-cite stellte, wodurch das Volk trotz seiner verschiedenen Siege bei den Wahlen keine Berücksichtigung fand. — Der 2. Hanpttbeil handelt über die Juden und die Kämpfe zur Einführung der Civilehe in Ungarn, sowie auch über das erste Culturkampfsjabr. Besonders anerkennend wird in dem Werke das Verhalten der meisten Bischöfe und hervorragender Laien geschildert, doch ebenso findet die Gleichgültigkeit und das Liebäugeln Einzelner mit der Regierung die verdient: Würdigung. Hält die jetzt in Oesterreich-Ungarn herrschende Stimmung noch länger an, so wird die Herrschaft der Juden bald der Auflösung entgegengehen. Dieß geht ganz besonders hervor aus den Schilderungen der letzten Begebenheiten in Wien, die in dem französischen Urtexte fehlen, jedoch in der Einleitung der Uebersetzung enthalten sind. Außerdem enthält die Einteilung die hervorragendsten Reden Luegers als Führer der Christlich- Socialen. Uebung der christlichen Vollkommenheit von Alvbons Nodriguez, Priester der Gesellschaft Jesu. Neu übersetzt von Christoph Kleyboldt, Priester der Diöceie Münster. 3 Bände. Fünfte Auflage. Mainz, Kirchbeim. gr. 8. (XVIII u. 1363 S.). M. 10.80, für 3 Bände gebd. M. 15.00. Der berühmte Theologe Suarez nennt den Verfasser obigen Werkes „einen großen Lehrer und Meister des geistlichen Lebens", und in der Gesellschaft Jesu besteht für die Novizen die Vorschrift, aus dem klassischen Buche des k. Nodrigucz täglich ihre geistliche Lesung zu wählen. Nach einer Erklärung des Bischofs v. Kette ler vom Jahre 1854 genießt dasselbe „bei allen Lehrern des geistlichen Lebens im Umfange der ganzen katholischen Kirche ein so unbestrittenes Ansehen und hat zur Förderung frommer, nach Vollkommenheit strebender Seelen schon so unaussprechlich Vstles geleistet, daß es einer Approbation durch einen einzelnen Bischof nicht mehr bedarf." Er begnügt sich daher, die Klchboldt'sche Ueüer- setzuna zu approbiren und „den Gebrauch dieses Werkes allen nach Heiligung ihrer Seelen verlangenden katholischen Christen, namentlich allen Priestern, angelegentlich zu empfehlen." Seitdem hat diese Uebersetzung durchschnittlich alle acht Jahre eine neue Auflage erlebt. Diese Thatsachen sprechen laut genug für die Bortrcfflichkeit des Werkes und der Kleybcldt'jchen Uebersetzung. 170 merkwürdige Geschichten von der Macht der Fürbitte des heiligen Joseph. Gesammelt und herausgegeben von Dr. Joseph Anton Keller, Pfarrer in Gottenbeim. Fünfte durchgesehene Auflage. 8. (XX u. 356 S.). Mainz, 1396, Kirchheim. Preis geheftet M- 2,40, gebd. M. 3,40. Dieses liebe Josephsbüchlein hat in 1l Jahren fünf starke Auflagen erlebt. Wenn irgend etwas die Andacht zum heiligen Joseph beleben kann, so ist es der Einfluß, den diese Geschichten ausüben. Die Andacht zum hl. Joseph ist ja so wunderbar in neuerer Zeit verbreitet und vertieft worden, daß eine besondere göttliche Fügung unverkennbar ist, und seine Ehre zu befördern, kann nur zur Ehre eines jeden Priesters und Christen gereichen. Mögen deßhalb die „170 Josephsgeschichten", die schon viel Gutes gestifter haben, auch in der vorliegenden neuen verbesserten Auflage recht viel gelesen und beherzigt werden. St. Joseph wird auch uns nicht vergessen, wenn wir seine Ebre zu befördern suchen. Fugger-Glött. k. Hermann Jos., 8. ist, Stimmungsbilder. Nach der Natur gezeichnet. (Kreuzfahrer- Lieder. Neue Folge.) 8. (XVII u. 131 S.) Mainz 1896, Franz Kirchheim. Geh. 2 M., gebd. 3 M. Eine in sich gefestigte Natur, die genau den Weg kennt, den sie zu gehen hat, aber in völliger Toleranz andere den ihren gehen läßt; ein über kleinliche Plagen erhabener Charakter spricht aus jedem Gedicht der kleinen Sammlung. Mit wahrem Genuß haben wir alle diese Gesänge in uns aufgenommen, deren Töne wie auS einem weltfernen umfriedeten Idyll zu uns hcrübertönen. Was der Dichter zu sagen hat, findet seinen vollen, niemals wirkungslosen Ausdruck; der Versbau ist so harmonisch, der Klang der Verse so wohllautend, daß wir bei einigen Gedichten der Versuchung nicht widerstehen konnten, sie laut vorzulesen- Ausgewählte Volkserzählungen von A. Kolping, weil. Domvikar, Gründer und Präses des katholischen Gesellcnvereins. Regensburg, Nationale Verlagöanstalt. 7 Bände. Preis 7 M. Kclping, der hochverdiente Volksschriftsteller, soll wieder aus der Ecke hervorgezogen, sollte wieder mehr gelesen werden! Nickt bloß die männliche und weibliche Jugend, anck die Erwachsenen, die Lehrer und Professoren, besonders die Geistlichen können aus ihm Nutzen ziehen. Kolping war ein Volksschriftsteller, und von ihm lernt man, wie man zum Volke spricht und zum Einzelnen aus dem Volke, wenn er mit einem Anliegen an uns herankommt. Da hat nun die Nationale Vcrlagsanstalt in NegenSburg eine 7 Bände umfassende billige Ausgabe veranstaltet; während die Originalausgabe von Kolpiug's Erzählungen 5 Bände zusammen 13,30 M. kostet, ist der Preis dieses neuen Unternehmens fast um die Hälfte billiger, broschirt 7 M.. elegant und dauerhaft gebunden 9,10 M., und verdient auch hinsichtlich des handlichen Formats und der sauberen Ausstattung (starkes gutes Papier und gefälliger Druck) allen Coucurrcnzausgabcn vorgezogen zu werden. Wir empfehle» diese Ausgabe dem Klerus und katholischen Bibliotheken angelegentlichst. Seit 1. September erscheint im Verlage des Herausgebers vr. G. A. Müller, Archäologen und L-chriftstellers (München, Khidlerstraße 12), ein neues Organ sür christliche Altcrthumsknndc unter dem Titel: „Jllustrirtes Central- blatt für die christliche Altert bnmskunde", welches den Zweck verfolgt, die Ergebnisse der Altcrthumsforscbung dem gebildeten Publikum, besonders dein bochw. Klerus, sowie allen sich für Altertbumskunde, namentlich die christliche, Jnrcrcssirendcn zur Kenntniß zu bringen. Und schon sind dem kaum begonnenen Werke aus maßgebenden Kreisen, n. a. seitens hcchwürdigster Herren Bischöfe, Anerkennungsschreiben zeige- 304 gangen, wie auch Unterstützungen in Form von Abonnements. Der Preis pro 15 Nummern jährlich — 5 Mark — dürfte gewiß die Anschaffung der Zeitschrift erleichtern. Möge deni Werke baldigst eine gröbere Leserschast vergönnt sein! — Die erste Nummer hat folgenden Inhalt: Wo ist daö Grab der heiligen Jungfrau Maria? — Frühchristliches von Achmim in Obcräghpten.— Altchristliche Spuren auf dein römischen Forum: Der Titusbogen in Rom und die Prophezeiung Christi. — Die Palmescl (mit zwei Abbildungen). — Eine Figur vom Münster in Strabbnrg (mit Abbildung). — Ausgrabungsberichte aus Palästina und Rom. — Zur Darstellung St. GcorgS (mit Abbildung). — Bücherschau. — Personalia. — Anzeigen.- Probenummern stehen den Interessenten gerne gratis zu Diensten! Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1896. Zehn Hefte M. 10.80 (oder zwei Bände L M. 5.40). — Frciburg im Brcisgan. Herder'sche VcrlagShandluug. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 7. HefteS: Das neue Bürgerliche Gesetzbuch des Deutschen Reiches und seine bürgerliche Eheschließung. (A. Lehmkuhl 8. 9.) — Hundert Jahre Polarforschung. I. (I. Schwarz 8. 9.) — Die Naturgesetze der culturellen Entwicklung und die VolkSwirthschast. II. (Schluß.) (H. Pesch 8. 9.) — Das Hexenwesen in Dänemark. II. ('s W. PleukerS 8. 9.) — Die Kircheubauten Englands im 11. und 12. Jahrhundert. I. (I. Braun 8. 9.) — Recensionen: Grupp, Culturgeschichte des Mittelaltcrs (St. Beissel 8. 9.); korst, Va kaenlts äo Misoloxsto äs karis ot soa vootsnrs(O. Pfülf 8. 9.); Jakobsen- Nolaud, Reise in die Inselwelt des BandameereS (I. Schwarz 8. 9.); Erwin, Bertran de Born (W. Kreiten 8. 9.) -- Em- pfchlcnswerthe Schriften. — Miöccllen: Das La- barum; Nietzsche'sche Geistesblitze; Die confiscirtcn Kirchengülcr in Italien. _ „Die Wahrheit." Herausgeber: Philipp Laicus. Erscheint monatlich 2 mal. AbonnementSpreis für den Band (12 Hefte) 4 M. Einzelpreis für das Heft 50 Pf. München, Verlag von Rudolf Abt, 1896. Inhalt deö Heftes 16: Die Generalversammlung der Katholiken.Deutschlands. Von Philipp Laicus. — Der christliche Communismuö in der Welt und in den Klöstern unter den letzten Merowingern und den Karolingern (600—911). Von Dr. Cigoi. — Oesterreichisch-sächsische Erinnerungen. Von Con- stautin Vcrax. — Der Kamps der Kirche für die Heiligkeit der Ehe, besonders für deren Unaufloölichkeit. Von L. Wassermann. — Die Kirchengerichte des neunzehnten Jahrhunderts. Von Dr. H. Rody. — Plaudereien. Von Herbipolcnsis. — Aus unserer Mappe. _ Heft 17 des Deutschen Hausschatzes enthält den Schluß des spannenden Romans von Melati von Java: DaS Dyberli-Geheimniß. Die Lösung des Confliktes, der sich gar bedrohlich zuzuspitzen schien, wird allgemein befriedigen. Die zweite Novelle betitelt sich: Die zerbrochene Vase, aus dem Holländischen deS C. Tcrburcb, und erzählt in wahrhaft ergreifender Weise die tragisch endende Geschichte eines jungen Ehepaares. Als dritter novellistischer Beitrag erscheint die vorzügliche Humoreske: Lambert Hendersons Mahlzeit, die wohl niemand ohne eine wohlthätige Erschütterung des Zwerchfelles lesen wird. So kommen die drei Novellen einer jeden Gcmüthsstimmung entgegen. Von den belehrenden Artikeln heben wir die folgenden besonders hervor. H. Kerner, dessen landschaftliche Schilderungen längst bekannt und geschätzt sind, beschreibt in sehr anziehender Weise seine Wanderungen durch die Dolomiten, reicher und schöner Bilderschmuck ergänzt die beredten Worte deö Verfassers. I. K. Lejcune, einer unserer geistreichsten Feuilletonisten, plaudert über daS sociale Drama Henrik Ibsens und orientirt in fesselnder Darstellung über die Weltanschauung des norwegischen Dichters. Flodatto gibt reizende Genrebilder aus dem Kleinleben der Natur, die er mit Unglückliche Zufälle und tragisches Ende betitelt hat. Die baheriscbe Landesausstellung, die augenblicklich die Augen Deutschlands aus sich zieht, findet eine eingehende Würdigung in Wort und Bild. Dr. A. Schmid lieferte den interessanten Artikel: Wie wirft man sein überschüssiges Fett ab, der allen Dicken hochwillkommen sein wird. An diese längeren Artikel reihen sich wie in jedem Heft zahlreiche kleine. Literarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. Hoberg, Professor an der Universität Frciburg i. Br. 22. Jabrg. 1896. 12 Nummern. M. 9. — Frciburg im Breisgau, Herder'sche Verlagshandlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 8: Neuere katholische Dichtungen, (von Heemstcde.) — Lloroati, IIn kalimpsosto ^.mdrosiauo eloi 8almi vsapli. (Euringcr.) — Beissel, Die Verehrung U. L. Frau in Deutschland während des Mittelalters. (Pieper.) — v. Heliert, Gregor XVI. und Pius IX. (Knöpfler.) — Iwsetrs, Va 8aints v^liso. (Funk.) — Lainvel, kos oontroseiw vibli- gues äss xreäicateurs. (Kepplcr.) — Braig, Vom Denken. (Bäumker.) — Rcicbling, Ausgewählte Pädagogische Schriften deö Desidcrius Eraömns. (Metzger.) — Kayser, Johannes Ludo- vicus Vives' pädagogische Schriften. (Metzger.) — Strack, Abriß deS Biblischen Aramäisch. (Fell.) — Marti, Kurzgefaßte Grammatik der Biblisch-Aramäischen Sprache rc. (Fell.) — Leckler. Nationale Wohnungsreform. (Brüll.) — Finke, Die kircheupolitischen und kirchlichen Verhältnisse zu Ende des Mittel- alterö nach der Darstellung K. Lamprcchts. (Wurm.) — vurrorvs, Mio Ilistorzr ok tüo koreigm volley ok öreat Lritain. (Zim- mcrmann.) — Jostes, Meister Eckhart und seine Jünger. (Schönbach.) — Wolff-Jung, Die Baudenkmäler in Frankfurt am Main. (Zingelcr.) — Heindl, Der heilige Berg Andcchs rc. (Schlecht.) — Schönbach, Walthcr von der Vogelweide. (Herter.) — Schindler, Jahrbuch der Leo-Gesellschaft für das Jahr 1896. (Helsert.) — Cardauns, Die Märchen Clemens Brentano's. (Hellinghaus.) — Herbert, Aphorismen. (Reinhardt.) — Nachrichten. — Büchertisch. Charitas. Zeitschrift für die Werke der Nächstenliebe im katholischen Deutschland. Unter Mitwirkung von Fachmännern herausgegeben vom Charitaö- Comito zu Frciburg i. Br. Erster Jahrg. 1896. Erscheint, 16 Seiten stark, je am 1. des Monats und kann durch die Post und den Buchhandel bezogen werden. AbonnememsprciS jährlich 3 Mark. — Frciburg i. Br- Herder'sche Verlagshandlung. Inhalt von Nr. 8: Der mittelalterliche Hospital-Orden des Heiligen Geistes. (I. Ursprung und Verbreitung deS Heilig- Geist-OrdenS.) — Männer und Frauen der Charitas. (9. Bischof Wilhelm Emmanuel Freiherr v. Kettstcr.) — Armuth und Charitas in Frankreich. — Deutsche Klöster der Genossenschaft Unserer Frau von der Liebe des guten Hirten. I. — Die erziehliche Aufgabe des St. Vinceuz-VcreinS. — Der Orden und die Genossenschaften der Barmherzigen Brüder. II. (3. Die OrdcnSprovinzen deutscher Zunge. — 4. Die Congrcgation der Barmherzigen Brüder.) — Eine prakuschc Einrichtung der Würzburger Vincenz-Conferenzen. — Der Centralverein der vamss ?rotsotrios8 in Toulouse. — Kleinere Mittheilungen. (Der Verein zur Erziehung und Pflege kaiboliichcr Idioten aus der Nheinprovinz. — Die Patronagen in Lüttich (Belgien). — Das sociale Wirken der katholischen Kirche in Oesterreich. — Katholische Trinker-Heilanstalten in Deutschland. — Die Verwendung der Röntgenstrahlen für die innere Medizin. — Frage» kästen, Zusendungen an die Redaction. Der Katholik. Zeitschrift für kathol. Wissenschaft und kirchliches Leben. Unter Mitwirkung der Professoren des Biscköfl. Seminars in Mainz und Bischof!. Lyceums in Eickstätt herausgegeben von Dr. Joh. Michael Raich in Mainz. Mainz. Verlag von Frz. Kirchheim. Inhalt des AugustbeftcS: Der Briefwechsel des Königs Abgar von Edcssa mit Jesus in Jerusalem oder die Abgarfrage. Von vr. Joseph Nirschl. — Der Consekrationsmoment in der hl. Messe. Von vr. Paul Schanz. — Die deutsche Rechtscinheit- Von vr. L. Bendix. — Das Kircbcnlexikon. — Literatur: Die Gabe des hl. Pfingstsestes. Von M. Meschler. — DieStndicn- ordnung der Gesellschaft Jesu. Von Bernhard Dnhr 8. 9. — Das Grab der hl. Jungfrau Maria. Von Or. Jos. Nirschl. — Die Orden und Congregationcn der katholischen Kirche. Von vr. Max Heimbucher. — GörreS. Von I. N. Sepp. — 45 Bcirachiungen über daö „Hohe Lied". Von Marie Anna Zaubzer. — 8. Lpiscoxoruw ot Rogmlarlum voerstum. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u, Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg. Nr. 39 25. §ept. 1896. * Die Streitfrage über die Giltigkeit der anglikanischen Ordinationen hat nunmehr (wie schon kurz erwähnt) eine apostolische Entscheidung gefunden, und zwar in negativem Sinne. Bei der Wichtigkeit dieser Entscheidung theilen wir den Wortlaut derselben, die sich der Form nach als päpstliche Bulle darstellt, nachfolgend in der Uebersetzung des Wiener „Vaterland" mit: Apostolisches Schreiben Seiner Heiligkeit Leo's XIII., durch die göttliche Vorsehung Papstes, über die anglicnnischen Grdinationen. Leo, Bischof, Diener der Diener Gottes. Zum immerwährenden Gedächtnisse. Keinen geringen Theil der Sorge und Liebe, vermöge welcher Wir „den großen Hirten der Schafe, unseren Herrn Jesus Christus" (Hebr. 13, 20) Unserem Amte gemäß, unter dem Antriebe seiner Gnade, nachzubilden und nachzuahmen Uns bestreben, widmen Wir der hochedlen englischen Nation. Insbesondere gibt Zeugniß von Unserer Zuneigung zu ihr das Schreiben, das Wir im vorigen Jahre eigens gerichtet haben „an die Engländer, die das Reich Christi in der Einheit des Glaubens suchen", in welchem Wir sowohl die einstige Verbindung dieses Volkes mit der Mutterkirche in Erinnerung brachten, als auch dessen glückliche Wiedervereinigung durch Weckung des Gebetseisers in den Gemüthern zu beschleunigen suchten. Und auch, als Wir vor nicht langer Zeit in einem allgemeinen Schreiben über die Einheit der Kirche ausführlich zu handeln erachteten, hatten Wir nicht an letzter Stelle England im Auge, indem Uns die Hoffnung schimmerte, es konnten Unsere Ausführungen sowohl den Katholiken Festigung, als auch den Dissidenten heilsame Erleuchtung bringen. Und man muß gestehen, daß Unser freimüthiges, durch keine menschliche Rücksicht veranlaßtes Auftreten von den Engländern wohlwollend aufgenommen worden ist, was deren edle Gesinnung wie die Heilsbegierde Vieler gleichermaßen bekundet. — Jetzt aber haben Wir in derselben Absicht beschlossen, Uns mit einer Angelegenheit von nicht geringerer Wichtigkeit zu befassen, die mit demselben Gegenstände und mit Unseren Wünschen in Zusammenhang steht. Da nämlich in England nach dessen Abfall vom Mittelpunkte der christlichen Einheit ein völlig neuer Ritus chet Ertheilung der Weihen unter König Eduard VI. amtlich eingeführt wurde, so ging längst die allgemeine Ansicht dahin, daß das wirkliche Sacrament der Weihe, wie Christus es eingesetzt, und gleichzeitig die hierarchische Nachfolge dadurch aufgehört habe, und die Acte und die beständige Disciplin der Kirche haben diese Ansicht mehr als einmal bestätigt. Doch in der neuesten Zeit und besonders in den letzten Jahren entstand eine kontroverse darüber, ob die nach dem Eduardianischen Ritus vollzogenen Ordinationen des Wesens und der Wirkungen eines Sacramentes theilhaft seien, indem nicht nur einige anglikanische Schriftsteller, sondern auch einige wenige katholische, besonders nicht- englische, sich in bejahendem Sinne oder doch zweifelnd aussprachen. Die Einen leitete Hiebei die Hoheit des christlichen Priesterthnms, die sie wünschen ließ, daß die Ihrigen dessen doppelter Gewalt über den Leib Christi nicht entbehrten; die Anderen bewog hiezu die Absicht, jenen die Rückkehr zur Einheit einigermaßen zu erleichtern; beide Theile aber scheinen überzeugt zu sein, es wäre nicht unzeitgemäß, in Anbetracht der so weit gediehenen diesbezüglichen Forschungen und der nun aufgefundenen und der Vergessenheit entrissenen literarischen Denkmäler, wenn die Angelegenheit durch Unsere Autorität neuerlich zur Behandlung käme. Wir aber, jene Rathschläge und Wünsche keineswegs hintansetzend und vornehmlich der Stimme der apostolischen Liebe folgend, erachteten, nichts unversucht zu lassen, was irgendwie beizutragen schien, Schaden von den Seelen abzuwenden oder deren Nutzen zu fördern. So ließen Wir Uns denn herbei, die Wiederaufnahme der Angelegenheit zu gestatten, auf daß durch Anwendung der größten Sorgfalt bei der abermaligen Untersuchung in Hinkunft auch jeder Schein eines Zweifels entfernt werde. Aus diesem Grunde beauftragten Wir mehrere durch Gelehrsamkeit hervorragende Männer, deren Meinungsverschiedenheiten in der Sache bekannt waren, die Gründe ihrer Ansicht schriftlich aufzuzeichnen; Wir beriefen sodann dieselben zu Uns und hießen sie, ihre Schriften einander mitzutheilen und alles noch weiter bezüglich des Gegenstandes Wissenswerthe zu erforschen und zu erwägen. Auch wurde von Uns dafür gesorgt, daß es ihnen freistand, die nöthigen Urkunden in den vatikanischen Archiven, soweit sie bekannt waren, einzusehen, soweit unbekannt, auszubeuten; ebenso sollten ihnen alle derartigen bei der „Suprema" genannten Kongregation*) verwahrten Acten und nicht minder die bis dahin von den Gelehrten beider Richtungen veröffentlichten Arbeiten zu Gebote stehen. Nachdem sie mit all diesen Hilfsmitteln ausgestattet waren, hießen Wir sie zu besonderen Conferenzen zusammentreten, deren zwölf gehalten wurden unter dem Vorsitze eines von Uns selbst bezeichneten Cardinals der heiligen römischen Kirche, wobei Jedem volle Redefreiheit gewährt war. Schließlich ließen Wir die Acten dieser Conferenzen sammt allen übrigen Documentcn Unseren ehrw. Brüdern, den Kardinälen der genannten Kongregation ausfolgen, deren jeder nach Erwägung der Angelegenheit und nach deren Verhandlung in Unserer Gegenwart seine Meinung zu sagen hatte. Nach Festsetzung dieses Verfahrens war es jedoch angezeigt, zur endgiltigen Beurtheilung der Angelegenheit nicht eher zu schreiten, als bis auf das Genaueste erforscht wäre, wie weit sie schon gediehen nach den Vorschriften des apostolischen Stuhles und nach der herrschend gewordenen Gewohnheit, deren Anfänge und Bedeutung zu untersuchen sicher von großer Wichtigkeit war. Darum wurden zunächst die vorzüglichsten Documente herangezogen, in denen Unsere Vorfahren auf Bitten der Königin Maria der Wiedervereinigung der englischen Kirche eine besondere Sorgfalt zuwandten. Julius III. bestimmte nämlich den durch vielfache Vorzüge ausgezeichneten Cardinal Neginald Pole, einen Engländer, als Legaten n lnters zu diesem Werke, „als seinen Engel des Friedens und der Liebe", und ertheilte ihm außerordentliche Vollmachten und Verhaltungsregeln (im Monat August 1553 mittelst der Bullen „8i nllo uvHnam tampors" und »kost vuotius Xolffs" und anderwärts), *) Die Inquisition, 306 die dann Paulus IV. bestätigte und näher erklärte. Um die richtige Bedeutung der erwähnten Documente festzustellen, muß rnan von dem grundlegenden Satze ausgehen, daß deren Bestimmung, keine abstracto, sondern eine durchaus mit dem bestimmten Zweck zusammenhängende und besondere war. Denn da die dem apostolischen Legaten von jenen Päpsten verliehenen Vollmachten nur England und den dortigen Zustand der Religion betrafen, so konnten sich auch die von denselben Päpsten demselben Legaten auf dessen Bitten ertheilten Ver- haltungsregeln keineswegs auf die Bezeichnung der Erfordernisse zur Giltigkeit der heiligen Weihen im Allgemeinen beziehen, sondern muhten speciell Vorsorge treffen bezüglich der Weihen in jenem Königreiche, je nach Er- forderniß der auseinandergesetzten Umstände. Dies geht auch, abgesehen von der Natur und Beschaffenheit jener Documente, daraus hervor, daß es doch seltsam gewesen wäre, über die Erfordernisse zum Weihefacrament einen Legaten gleichsam belehren zu wollen, noch dazu einen Mann, dessen Gelehrsamkeit auch auf dem Trienter Concil zn Tage getreten war. Wenn man dies festhält, wird unschwer klar, warum in dem am 8. März 1554 abgefaßten Schreiben Julius III. an den apostolischen Legaten zuerst eigens Erwähnung geschieht Derjenigen, die, „ordentlich und rechtmäßig geweiht", in ihren Weihen zu belassen seien, dann Derjenigen, die, „zu den heiligen Weihen nicht befördert", doch „wenn sie würdig und tauglich befunden würden, befördert werden" können. Denn es wird ausdrücklich und bestimmt eine doppelte Classe von Leuten unterschieden, die in der That verschieden war: einerseits Jene, die die heilige Weihe wirklich empfangen hatten, und zwar entweder vor dem Abfalle Heinrich's, oder wenn nachher und von häretischen oder schismatischen Ausspendern, so doch nach dem gewöhnlichen katholischen Ritus, andererseits die nach Eduard's Ordinate Geweihten, die darum zu den Weihen „befördert werden" konnten, weil sie eine ungiltige Weihe empfangen hatten. Daß dies die Absicht des Papstes gewesen, bestätigt in vortrefflicher Weise das Schreiben desselben Legaten vom 29. Jänner 1555, in welchem er feine Vollmachten auf den Bischof von Norwich überträgt. Weiter ist hauptsächlich zu beachten, was das erwähnte Schreiben Julius' III. enthält über den freien Gebrauch der päpstlichen Vollmachten auch zu Gunsten Derjenigen, denen die Weihe „minder ordnungsmäßig und nicht mit Beobachtung der gewöhnlichen Form der Kirche" ertheilt worden war; durch diese Ausdrucksweise wurden ohne Zweifel die nach dem Eduardianischen Ritus geweihten bezeichnet; denn außer dieser und der katholischen Form gab es damals keine in England. Dies wird noch klarer durch die Beachtung der Gesandtschaft, die das Königspaar Philipp und Maria auf Anrathen des Kardinals Pols im Monat Februar 1555 an den Papst schickte. Die königlichen Gesandten, drei „sehr hervorragende und mit jeglicher Tugend begabte" Männer, unter ihnen Thomas Thirlby, Bischof von Ely, hatten die Absicht, den Papst über den Zustand der Religion in jenem Königreiche des Näheren zu unterrichten und insbesondere ihn zu bitten, die Verfügungen und Leistungen des Legaten zur Versöhnung des Königreiches mit der Kirche zu genehmigen und zu bestätigen; zu diesem Zwecke wurden alle nöthigen schriftlichen Belege und die die Sache zunächst betreffenden Theile des neuen Ordinales mitgebracht. Paul IV. nun empfing die Gesandtschaft in glänzendster Weise und erließ nach „genauer Untersuchung" der Belege durch einige Cardinäle und „nach gepflogener reiflicher Erwägung" am 20. Juni desselben Jahres die Bulle „kraeolaru earismrrri". In dieser wird den Verfügungen Pole's volle Billigung und Bestätigung gewährt und über die Weihen also vorgeschrieben: . . . „Diejenigen, welche zu den kirchlichen Weihen . . . von einem anderen als einem ordnungs- nnd rechtmäßig geweihten Bischof befördert worden sind, sollen verhalten werden, diese Weihen . . . neuerdings zu empfangen." Welches aber solche „nicht ordnungs- und rechtmäßig geweihte Bischöfe" wären, hatten schon die erwähnten Documente und die zu diesem Zwecke vom Legaten angewendeten Documente genugsam angegeben: jene nämlich, die zum Episkopat, wie Andere zu den anderen Weihen, befördert worden waren, „ohne Beobachtung der gewöhnlichen Form und Intention der Kirche", wie der Legat selbst an den Bischof von Norwich schrieb. Das waren aber eben keine anderen, als die nach dem neuen Ritus geweihten, welch letztere die dazu bestimmten Cardinäle genau geprüft hatten. Auch darf eine zur Sache gehörende Stelle aus demselben Schreiben des Papstes nicht Übergängen werden, wo nebst anderen einer Dispens Bedürfenden Jene aufgezählt werden, welche „sowohl Weihen wie kirchliche Beneficien nichtigerweise und nur thatsächlich erlangt haben", denn Weihen „nichtigerweise" empfangen haben, ist so viel wie durch einen nichtigen und wirkungslosen Act, nämlich ungültig, wie die Bedeutung des Wortes und der Sprachgebrauch andeuten, besonders da von den Weihen dasselbe gesagt wird, was von den „kirchlichen Beneficien", die nach den bestimmten Anordnungen der heiligen Canones offenbar ungiltig, weil mit einem verungiltigenden Fehler behaftet, verliehen worden waren. Dazu kommt, daß, da Einige im Zweifel waren, welche Bischöfe wirklich im Sinne des Papstes für „ordnungs- und rechtmäßig geweiht" gehalten werden könnten, dieser nicht lange danach, am 30. Oktober, ein anderes Schreiben in Form eines Breve erließ, in welchem er sagt: „Indem Wir einen derartigen Zweifel beheben und für die Gewtssensruhe derjenigen, die während des Schismas zu den Weihen befördert worden waren, durch deutlicheren Ausdruck Unserer Absicht und Meinung als in Unserem obigen Schreiben entsprechend sorgen wollen, daß nur diejenigen Bischöfe und Erzbischöfe, die in der Form der Kirche geweiht worden, nicht ordnungs- und rechtmäßig geweiht genannt werden können." Hätte diese Erklärung nicht eigens die gegenwärtige englische Angelegenheit, das heißt das Eduardianische Ordinate, betroffen, so hätte der Papst durch sein neues Schreiben wahrlich genug gethan, um den „Zweifel zu beheben" oder „für die Gewissensruhe zu sorgen". Uebrigens hat auch der Legat die Actenstücke und Aufträge des apostolischen Stuhles nicht anders aufgefaßt und ihnen genau und gewissenhaft gehorcht, und dasselbe geschah seitens der Königin Maria und der Uebrigen, die sich mit ihr bemühten, die katholische Religion und deren Einrichtungen in den früheren Stand zu setzen. (Schluß folgt.) Zurechnungsfähigkeit und Strafrecht. (Schluß.) H. M Die Folgen der Anschauungen der Liszt'schen Schule auf die Wirksamkeit der Gesetze und Strafen find unabsehbar. Gesetz und Strafe beruhen nach denselben auf dem alleinigen Willen des Staates, die Leugnung 307 der Willensfreiheit schließt eine Vergeltung im Jenseits aus. Der Verbrecher sieht iw Staat nur eine ihm an physischer Macht überlegene Organisation. Er hat nur das eine Interesse, sich nicht „erwischen" zu lassen. Und wird er erwischt, so wird er sagen: „Der Mensch ist unbedingt unfrei; wie kann ich also gestraft werden. Nicht meine Schuld ist es, sondern die Schuld der Gesellschaft, meines natürlichen und socialen Milieu u. a." So müssen wir Cathrein vollkommen beistimmen, wenn er sagt: „Die neue criminalistische Schule untergräbt die Grundlagen der Gesellschaft." Daß ihre Tendenzen mit den Lehren des Christenthums im krassesten Widerspruch stehen, bedarf gar keiner weiteren Erörterung. Denn ist der Mensch nicht frei, konnte er auch nicht sündigen und brauchte auch keine Erlösung. Damit ist aber die Basis des Christenthums erschüttert. Schon dieser eine Grund genügte für uns, um diese Theorien von Anfang an abzulehnen. Allein es ist nicht der einzige, wie wir noch später des Näheren erörtern werden. Die hervorragenden Vertreter dieser Schule freilich, die wohlbestallten Herren Professoren an deutschen Universitäten, würden sich feierlichst dagegen verwahren, wollte man ihnen sagen, ihre Lehre erschüttere den Bestand von Staat und Gesellschaft und führe konsequenter Weise zu allen den Forderungen, welche die Socialisten schon vom heutigen Staat erheben, und damit zum Socialismus selbst. Wir brauchen aber zum Beweis für diese Behauptung bloß auf zwei Erscheinungen der jüngsten Zeit in der socialdemokratischen Presse hinzuweisen. Es ist dies einmal ein Leitartikel „Zurechnungsfähigkeit und Strafe" im „Vorwärts" vom 16. Juli l. Js. Nr. 164, sodann ein Aufsatz von dem italienischen Professor Enrico Ferri:,, kriminelle Anthropologie und Socialismus", jüngst erschienen in der „Neuen Zeit." Der Artikel des „Vorwärts" beginnt: „Die Entwicklung des Socialismus von Utopistischen ZukunftS- pläncn zur Wissenschaft beruht auf der Auffassung des individuellen Menschen und der menschlichen Gesellschaft als determinirt d. h. nothwendig bestimmt durch Ursachen und Wirkungen, wie die umgebende Natur. Alle Naturwisssnschaft ist begrifflich an dieses Gesetz gebunden, während die Theologie und die von ihr abhängigen oder ihr verwandten Moral- und Rechtsvorschriften den Menschen außerhalb des natürlichen Zusammenhangs stellen und seine Handlungen nicht auffassen als nothwendige Wirkungen gegebener Ursachen, sondern als Erscheinungen einer vermeintlichen Willensfreiheit oder sittlichen Freiheit, die demselben Menschen ermöglichen könnte unter denselben Umstünden nach Willkür verschiedenes, ja entgegengesetztes zu thun." Wir fragen, ist diese Wahl dem Menschen, natürlich dem geistig gesunden und reisen, wirklich nicht möglich? Dagegen spricht die Erfahrung eines jeden Menschen an sich selbst. Bei jeder wichtigen Handlung fragt man sich, soll ich so oder anders handeln, und dann treten alle möglichen Beweggründe für und gegen vor die Seele; .... aber ist die Entscheidung, die wir schließlich treffen, wirklich eine durch die Mehrzahl und Stärke der Beweggründe einer Richtung nothwendig bedingte? Und dies müßte doch nach den Deterministen der Fall sein. „Vicieo rnaliorn prolwyns, ciöteriorcr Laynor." Würden wir stets unbedingt den Beweggründen folgen, so würden wir niemals in den Conflikt, mit uns selbst kommen und niemals ein Schlechteres wählen, wo wir das Bessere erkennen. Ja, selbst wenn uns die Beweggründe zu einem Thun bewogen haben, steht es nicht noch im Augenblick der That frei, von der Ausführung abzustehen? Stets bleiben wir uns bewußt, daß wir eine Hand» lung thun oder lassen können, daß es in unserem freien Willen liegt, so oder anders zu handeln. Das ist eine unbestreitbare Erfahrungsthatsache. Darum geben wir dem „Vorwärts" recht, wenn er weiterfährt: „Von dieser Grundvorstellung hängt, wie der Begriff der Sünde als Auflehnung gegen Gottes Gebot, auch der Begriff der Strafthat ab als Auflehnung gegen die Rechtsnormen nebst den dazu gehörigen ewigen und zeitlichen Vergeltungsübeln, und die herrschende Theologie und JuriS' prudenz klammern sich noch heute daran fest." Theologie und Jurisprudenz werden stets daran festhalten und festhalten müssen; denn sie würden mit der Leugnung der Willensfreiheit ihre Grundlage aufgeben und sich selbst den Todesstoß versetzen. Wir wissen freilich, daß beide im „Zukunftsstaate" nicht mehr nöthig sein werden und daß es heute schon eine der wichtigsten Aufgaben der Socialdemokratie ist, ihr Ansehen zu untergraben und beim Volke zu erschüttern. Dagegen aber ist Verwahrung einzulegen, wenn der Vorwärts im obigen Zusammenhange behauptet, daß die erwähnte Grundvorstellung von allen großen Denkern, seitdem sich die Philosophie des Problems bewußt geworden ist, verworfen worden sei. Wir könnten dem Vorwärts mindestens ebensoviele und ebcnso- große Denker entgegenhalten, die diese Grundvorstellung mit aller Kraft vertheidigen. Doch es sollte hier nur auf den inneren geistigen Zusammenhang hingewiesen werden, der nach den angeführten Sätzen unleugbar zwischen den wissenschaftlichen Grundanschauungen des Socialismus und des liberalen deutschen Professorenthums besteht. Es ist zu interessant, zu verfolgen, wie beide auf den gleichen Wegen wandeln, so sehr sie sich immer wieder dagegen verwahren, daß zwischen ihnen eine geistige Verwandtschaft bestehe. Wir haben oben gesagt, die Theorien der sociologischen Schule gefährden den Bestand der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung. Auch Professor Enrico Ferri gibt uns hiefür in der „Neuen Zeit" die nöthigen Aufschlüsse: „Der Socialismus behauptet, daß das Verbrechen nur die Folge des Elends (des socialen Factors) ist. Die kriminelle Anthropologie vertheidigt die Ansicht, daß die Verbrecher Merkmale btopsychischer Abnormität — atavistischer und pathologischer Natur — ausweisen — und daß man sich ohne diese Abnormität ihr gesellschaftliches Thun nicht erklären kann. ... Beide Auffassungen entsprechen nicht in dieser äußerst einfachen Formulirung der vollen, äußerst complicirten Wirklichkeit der crimi- nellen Erscheinungen." Nach näherer Ausführung dieses Gedankens kommt Ferri zu der Definition: „Der Verbrechen ist nicht eine ausschließlich biologische Erscheinung, vielmehr die Resultante des Zusammenwirkens dreier verschiedener natürlicher Facioren: der körperlich-geistigen Beschaffenheit des Individuums, des natürlichen und des socialen Milieu." Auch der Eintheilung der Verbrecher in fünf Haupttypeu schließt sich Ferri an. Was jedoch den Gewohnheitsverbrecher anlangt, kommt er zu einer der v. LiSzt'schen entgegengesetzten Meinung. Der Gewohnheitsverbrecher ist ihm „offenbar fast ausschließlich das Producl des socialen Milieu". „In einer socialistischen Gesellschaftsordnung, in der nicht bloß das Elend beseitigt wkdsWdM Mch d^r uchdMe KaMjdy 308 Menschen unter einander um die Existenz, werden dir Gewohnheitsverbrecher zusammen mit den socialen Ungerechtigkeiten und den gesetzlichen Absurditäten verschwinden. Denn diese Absurditäten und Ungerechtigkeiten sind gegenwärtig mehr oder weniger in allen Ländern die unsichtbaren Quellen der genannten Verbrechen." v. Liszt sieht die Gewohnheitsverbrecher als gemeingefährliche Geisteskranke an, Ferri als Producte des socialen Milieu. Wer von beiden hat nun recht? „Das wesentliche Ergebniß der kriminellen Anthropologie," so sagt Ferri an einer andern Stelle, „nämlich, daß der Verbrecher eine anormale oder degenerirte Individualität ist, muß bezüglich des Charakters des Strafrechts einen entschiedenen Umschwung herbeiführen. Es muß aus einer gesellschaftlichen Funktion der Rache und der Unterdrückung zu einer Funktion bloßer socialer Vertheidigung werden." Auch v. Liszt verwirft den Charakter des heutigen Strafrechts. Der Vergeltnngsbegriff muß fallen, die Strafe ist nur ein Akt der Präventivpolizei, sie muß den Verbrecher hindern, die Strafgesetze von neuem zu verletzen. Für den Gewohnheitsverbrecher aber gibt es überhaupt keine Strafe, sondern nur Sicherheitsmaßregeln. Wir brauchen wohl keine weiteren Stellen mehr beizubringen, um den Standpunkt der beiden Schulen, der sociologischen und der socialistischen, zu illustriern. Die vorgeführten Stellen bieten hinlänglich Material, die Anschauungen beider zu vergleichen. Nur auf einen Unterschied dürfen wir noch hinweisen. Wenn der Verbrecher unfrei ist, wenn der Gewohnheitsverbrecher geisteskrank ist, wenn alle Verbrecher anormale oder degenerirte Individuen sind, ist es ein Unrecht, sie strafen zu wollen. Darum verlangen die Socialisten in logischer Consequenz der von ihnen verfochtenen Theorie Abschaffung der Strafe als Strafe, Schließung der Zuchthäuser und Gefängnisse und Verwahrungs- und Heilanstalten für alle Verbrecher. Das Gleiche müßte doch wohl auch v. Liszt zum mindesten für die „geisteskranken" Gewohnheitsverbrecher verlangen. Denn kann es ein größeres Unrecht geben, als einen Geisteskranken wie einen Verbrecher zu behandeln? Müßte nicht v. Liszt mit der ganzen Wucht seiner Autorität auftreten und für die Unglücklichen seine Stimme erheben, welchen ein so schweres Unrecht geschieht, für die Gewohnheitsverbrecher, die ihm als geisteskrank erscheinen? Ist nicht jede neue Verurtheilung eines rückfälligen Diebes, Räubers, Kupplers und anderen Gewohnheitsverbrechers ein niemals wieder gutzumachendes Unrecht, das der Staat und seine Beamten begehen und für das jene mitverantwortlich sind, welche trotz ihrer „besseren" Erkenntniß der Strafbarkeit der Verbrecher und trotz ihrer gewichtigen Stimme nicht alles aufbieten, um einen Umschwung in der Gesetzgebung beizuführen? Es ist eine eigenartige Entschuldigung, wenn v. Liszt die Lösung des Strafrechtsproblems nach seiner Ueberzeugung für heute und für absehbare Zeit noch nicht empfehlen will: „Die überlieferten und heute noch herrschenden ethischen Werthurtheile, denen eine vorsichtige Criminal- politik Rechnung tragen muß, auch wenn sie wissenschaftlich sie als Vorurtheile verwirft, verlangen eine Bestrafung, nicht bloß die Unschädlichmachung des Gewohnheitsverbrechers; sie verlangen strenge Sonderung des Zuchthauses von den Anstalten für gemeingefährliche unheilbare Geisteskranke." Also nur weil die heutigen ethischen Werthurtheile eine Bestrafung verlangen! Aber wird dadurch für jene, -tvMx W iW diese Gischt WerthMeile erWen wissen, aus dem Unrecht, das diese Werthnrtheile durch Bestrafung der Gewohnheitsverbrecher begehen, ein Recht? Ist es nicht unmoralisch und unsittlich, deswegen von seiner besseren Erkenntniß abzulassen und selbst an der Bethätigung des Unrechts mitzuwirken? Doch wir vergessen, auch „unmoralisch", „unsittlich" „Unrecht" sind Begriffe, die zu den überlieferten ethischen Werthurtheilen gehören, welche die Criminalpolitik wissenschaftlich als Vorurtheile verwirft! Damit können wir füglich unsere Betrachtungen schließen. Wir haben am Eingang die Worte v. Land- manns wiedergegeben und später behauptet, die Lehren des Determinismus und der von ihm ausgehenden sociologischen Schule seien geeignet, die Grundlagen der heutigen Gesellschaftsordnung zu erschüttern. Wir wollen nicht nochmals darauf eingehen, daß sie jedenfalls mit dem Christenthum im schärfsten Widerspruch stehen. Wir wollen zum Schlüsse nur noch einige Sätze aus dem andern Lager wiedergeben, wie sie in den beiden erwähnten Artikeln zu lesen sind. So schreibt der „Vorwärts", nachdem er in dem cilirten Artikel über Verurteilungen geisteskranker Personen zu Gefäugnißstrafen und deren irreuärztliche Behandlung gesprochen: „Der Entwicklungsprozeß" (bezüglich der Behandlung Geisteskranker) „ist vorbildlich für das Strafrecht, und mit jedem Fortschritt in der irrenärztlichen Erkenntniß, mit der unaufhaltsam vorrückenden Einengung der verbrecherischen Zurechnungsfühigkeit und der Strafmarter durch Anerkennung immer zahlreicherer geistiger Zwangszustände vollzieht sich im Schoße der bürgerlichen Gesellschaft selbst ein mächtiger Vorstoß gegen die Strafknechtschaft." Dann aber wird jene bekannte Stelle citirt, welche Heine 1831 über die damals aufkommenden Zellengefängnisse schrieb: „Diese Burgverließe des neuen Bürgerritterthums wird einst das Volk ebenso muthwillig niederreißen wie die Bastille. So furchtbar und düster dieselben von außen gewesen sein mögen, so waren sie doch gewiß nur ein heiterer Kiosk im Vergleich mit jenen kleinen schweigenden amerikanischen Hollen, die nur ein blödsinniger Pietist ersinnen und nur ein herzloser Krämer, der für sein Eigenthum zittert, billigen konnte." „Die Zeit naht heran", so fügt der Vorwärts diesen Worten bei, „in der sich seine Prophezeiung erfüllen wird." Ganz ähnlich lauten die Worte Ferri's. Anknüpfend an eine Bemerkung von Michelet: „Die Rechtspflege und die Naturwissenschaft muß in eins zusammenfallen, daß die Rechtspflege eine Heilkunde wird, welche sich auf die Ergebnisse der Psycho- und Physiologie stützt", fährt Ferri weiter: „Unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, ist es sinnfällig, daß die Ergebnisse der criminellenAnthropologie auf dem Gebiete der socialen Vertheidigung gegen Individuen, welche den Mitmenschen gefährlich sind, die Evolution der Gesellschaft zu einer socialistischen Ordnung der Dinge vorbereiten." An einer andern Stelle aber heißt es: „Ich habe immer gefunden, daß das Studium der criminellen Anthropologie ebenso wie das der biologischen und socialen Evolution eine treffliche Vorbereitung für das Erfassen der socialistischen Theorien für jeden bildet, der logisch zu Ende denken will, ohne sich auf halbem Wege durch persönliche Vorurtheile der wissenschaftlichen Orthodoxie oder Heterodoxie festhalten zu lassen." ^ Fassen wir nun dys Ergebniß dieser kritischen Be- 309 trachtung zusammen, so kommen wir zu dem Ergebniß: Die neue sociologische oder criminalpolitische Schule unter der Führung v. Liszt's geht von demselben Ausgangspunkte wie der Socialismus aus, nämlich von dem Determinismus. Ziel und Zweck beider ist eine vollständige oder wenigstens eine sehr weitgehende Subsumirung des Verbrechers unter die Geisteskranken, und nur praktische Erwägungen sind es, welche die erstere verhindern, die letzten Konsequenzen ihrer Lehren zu ziehen. Ihrer Idee nach aber und ihrem Kernpunkte nach sind sie beide geeignet, einen der wesentlichsten Grundpfeiler unserer heutigen Gesellschaftsordnung ins Wanken zu bringen, nämlich die Verantwortlichkeit des Menschen für sein sociales Thun, auf welcher allein sich die derzeitige Organisation des StaateS und der Gesellschaft vernunftgemäß gründen kann. Und aus diesem Ergebnisse erkennen wir nur allzu deutlich, wie berechtigt und treffend die einlcitungsweise wiedergesehenen Worte des Cultusministers gewesen sind. „Ein Wort über die Schriften von Heinrich Hluisjakob." (Schluß.) I?. 8t. Hansjakob wurde von seinem Vater, der Bäcker war, zuerst in der Backstube beschäftigt, allein sein Geist strebte nach Höherem, er wollte studiren. Hätte er geahnt, wie dornenvoll die Studienlaufbahn in der ersten Zeit ihm werden sollte, er wäre sicher beim Bäckerhandwerk geblieben. Das Dictum des alten Horaz: t)ui stallet oxtatara oarsa coatingsrs mstaw, Llulta rulit, t'eeitgae xaer, sullavit et aloit; ging buchstäblich an unserem guten Hansjakob in Erfüllung. Der Schullehrer, über das Talent seines früheren Schülers befragt, gab die lakonische Antwort: „Hansjakob ist zu dumm zum Studiren." Doch der Caplan sah tiefer und erbarmte sich des Knaben und gab ihm in Jahresfrist den Vorbereitungsunterricht zur Aufnahme in die tzuarta. Damals begann man noch nach der natürlichen Ordnung der Dinge die Gymnasialclassen zu zählen von xriuru bis ssxta, so daß haarig, also die vierte Classe war; jetzt zählt man, wenigstens in Preußen und Baden, und wohin sonst noch der Segen des preußischen Lichtes der Bildung gedrungen ist, vvH ssxta, anfangend zur xrima, beginnt mit der sechsten und hört auf mit der ersten Classe; wahrscheinlich um gleich von vorneherein eine Vorahnung der Verkehrtheiten moderner Pädagogik zu gewähren. Wie es bei der kurzen Vorbereitungszeit nicht anders möglich war, zeigte sich bald, daß unser Gymnasiast in allen Fächern, das Latein ausgenommen, weit hinter seinen Mitschülern zurück war. Dazu kam eine ganze Reihe von neuen Fächern, für Hansjakob lauter spanische Dörfer. Anstatt daß seine Professoren am Gymnasium in Rastatt den jungen Menschen bei seiner schweren Arbeitslast in richtig pädagogischer Weise aufgemuntert hätten, vexirten sie ihn in unerträglichster Art. Man muß die Schilderung der nun beginnenden Leidenszeit bei Hansjakob selber lesen, um zu sehen, wie manchen Lehrern auch die einfachsten Principien einer vernünftigen Pädagogik völlig abgehen. Schon in der ersten Woche sprach der Lehrer in der französischen Sprache über seinen Schüler das große Wort gelassen aus: „Geh' wieder heim, mit Dir ist's nichts," und fügte über den weinenden Knaben unter dem Hohngelächter seiner jüngeren und kleineren Mit« schüler das salomonische (?) Urtheil hinzu: „Geh' Du lieber in ein Kloster Und bet' 3000 kater noster. Du alter Haslacher, Du!" Noch schlimmer behandelte ihn ein anderer Professor' der ein wahrer Tyrann in der Schule war und durch seine Mißhandlung manchen Schüler verzweiflungsvoll von Schule und Studium Hinwegtrieb. „Wie ein Tar» tarenhänptling unter seine Feinde, so stürmte er jeweils in das Klassenzimmer, wo wir alle, sammt und sonders, ihn erwarteten, wie wenn er käme, um unser Todesurtheil zu fällen. Auf seine Stunden hatten wir eine Angst, als ob ein Henker käme, um uns zur Folterbank zu führen. Einer von uns, jetzt badischer Medicinal- rath, ein ebenso fleißiger, als begabter Schüler, bekam vor Acngsten jeweils das „Herzwasser" und mußte das Zimmer verlassen. Er erhielt deßhalb später den Cerevis- Namen ,Wässerle"' usw. usw. Hansjakob aber haßte er geradezu und malträtirte ihn auf jede Weise. Zu all diesem Elend in der Classe kam, um das Maß voll zu machen, noch ein namenloses Heimweh hinzu. „Von Schwierigkeiten aller Art umgeben, in ein förmliches Chaos ganz fremder Lehrgegenstände eingetaucht, von einzelnen Lehrern malträtirt, von anderen verspottet, von den Mitschülern verlacht, zu all dem von namenlosem Heimweh geplagt, erfuhr ich zum erstenmale jene Lage, wo die Menschenseele nur noch Einen Wunsch hat: nicht mehr zu cxistiren," schreibt Hansjakob in bitterer Erinnerung. Das Schlußresultat dieses Jahres lautete: „Rcpetiren", wozu der humane (!) Klassenlehrer für den niedergeschmetterten Knaben noch die höhnischen Worte hinzufügte: „Hansjakob, Du kannst das Studiren aufgeben, sonst mußt Du noch heirathen auf dem Lyceum, so alt wirst Du." Kein Unglück kommt allein; tiefstes Weh im Herzen, findet der Arme, in die Ferien heimgekehrt, seinen Vater auf den Tod krank. Die höchst traurigen Ferien werden in der Backstube verbracht, und Hansjakob wäre am liebsten ganz in derselben verblieben, wenn der Stolz es ihm erlaubt hätte. Unsere moderne Jugend greift in solch verzweifelter Lage zur Pistole oder ertränkt ihren Gram im Wasser. Daran dachte unser Gymnasiast nicht; sein von Natur aus ihm innewohnender Haslacher Humor entwickelte sich im Elend zum Galgenhumor. Hansjakob greift zum Bierglase. Er gründet in Rastatt mit Schicksalsgenossen einen Kneip-Verein, aber nicht zum Rückenguß und Wassertreten, und wenn sie am Morgen in der Classe geweint, am Abend suchen sie ihr Elend im Biergenuß und Cigarrendampf und bei fröhlichem Rundgesange zu vergessen. „Und des Weltalls Kummer und Sorgen, Die gingen an ihnen vorbei." Außer diesem Lethetrinken wurde unserem Schüler noch ein besserer Trost zu theil. Der Rector, ebenfalls ein strenger Lehrer, daher von seinen Schülern „Etzel" genannt, aber auch ein feiner classischer Philologe und tiefer Menschenkenner, durchschaute die geistige Befähigung HanSjakob's und wurde nun sein Beschützer. „Der Junge", äußerte er, „hat entschieden Talent, und wenn es auch erst später sich entwickelt." Er hatte richtig taxirt; von Jahr zu Jahr erwachte der Geist HanSjakob's mehr und mehr, und wir sehen ihn in den obersten Classen stets unter den ersten Schülern sitzen. 1859 ab» solvirte er das Gymnasium als dritter unter 15 M» itürienten, wurde bei der Schlußfeier öffentlich belobt und erhielt im Maturitütszeugniß die ehrende Anerkennung sehr guter, zu der Hoffnung auf besten Erfolg im akademischen Studium berechtigender Talente. Er führt das alles in seiner „Studienzeit" an zum Beweise dafür, wie verkehrt es sei, über einen Schüler nach den ersten Leistungen gleich den Stab zu brechen. Dieser Fingerzeig dürfte auch in der Gegenwart, besonders bei der Aufnahmsprüfung von Landkindern an das Gymnasium, etwas mehr berücksichtigt werden. Vor mir liegt der mittclfränkische Volksschullehrplan und zugleich eine Sammlung von „Prüfungsaufgaben, gegeben bei der Aufnahme in die erste Gymnasialclasse an den bayerischen Gymnasien" in der Zeit von 1882 bis 1894. Ein Schüler, der die 3. Classe der Volksschule mit Erfolg absolvirt hat, soll nach dem organischen Zusammenhange des Schulwesens in Bayern fähig sein, die Aufnahmsprüfung in die 1. Lateinclaffe zu bestehen. Wenn ich aber die oben ciiirten Prüfungsanfgaben mit den im Volksschullehrplan an die 3. Classe gestellten Anforderungen vergleiche, so springt in die Augen, daß kaum der allerbeste Schüler einer Stadtschule, wo jeder Lehrer nur einen Jahrgang unterrichtet, im Stande ist, ohne Privatunterricht den Anforderungen in Orthographie und Rechnen Genüge zu leisten. Ein Schüler der Landschule ist auch mit dem 10. und 11. Lebensjahr noch nicht fähig, ohne gründlichen Privatunterricht dieses Examen in die 1. Lateinclasse zu bestehen. Um nur Ein Beispiel anzuführen: Wie soll ein Kind mit neun Jahren im Stande sein, folgende Rechenaufgabe, die 1892 bei der Aufnahmsprüfung irgendwo gegeben wurde, zu verstehen und zu lösen: „Von welcher Zahl ist der 8. Theil um 7643 kleiner als 9630?« Der Erfolg solch rigoroser Anforderungen wird einfach der sein, daß die Kinder vom Lande vom Studium immer mehr abgeschreckt werden gegenüber den Kindern in Städten mit ihrem besseren Volksschulunterricht. Ob aber das ein Nutzen ist für Kirche und Staat, wenn die Gebildeten mehr und mehr aus dem Stadtvolk sich rekrutiren, das ist doch mehr als zweifelhaft. Tüchtigere körperliche und geistige Veranlagung findet sich sicher auf dem Lande, als in vielen städtischen Kreisen. Kehren wir zu Hansjakob zurück. Mit der geistigen Entwicklung hielt gleichen Stand die Entwicklung des „flotten Studenten". In der Fertigkeit im Trinken und Rauchen zählt er unter die ersten seiner Genossen, im „Caeco"-Spiele ist er gewandt, im „Kegeln" ausgezeichnet, im Turnen ein Meister, selbst im Rapier- und Floretsechtcn ist er geübt und auch des edlen Waidwerks kundig. Nur im Tanzen war er ein Stümper. Kein Wunder, daß seine Kameraden ihn als „forschen Burschen" zum Kneippräsidenten ernennen. Das Wort Gymnasialcorps Markomannia will ich nur nennen, um den Philologen, so einer etwa diese Zeilen liest, einen heiligen Schrecken vor dem „verkommenen" Hansjakob einzuflößen. Wenn jetzt eine solche Verbindung entdeckt wird, berichten alle Zeitungen davon, wie von einem staatsrettenden Ereigniss. Hansjakob berichtet darüber und besonders über die Mitglieder der Markomannia in Rastatt höchst interessante Dinge, die ich aber nicht verrathen will. Nur noch eine Frage mag berührt werden. Wie stand es mit der Religion der Gymnasiasten? „Die ersten Jünglingsjahre verwischten die formellen Begriffe des christlichen Glaubens ziemlich vollständig, so daß ich auf die Universität kam als Theologe, ohne mehr zu wissen, wieviele Sakramente und Gebote die Kirche habe," gesteht Hansjakob, wobei wir indessen den Verdacht nicht unterdrücken können, daß er hier zu sehr inS Schwarze gemalt hat; das Gebet aber hat er nie ganz unterlassen. Leider lag die Ursache dieser traurigen religiösen Unwissenheit hauptsächlich im erhaltenen Religionsunterricht. Das am Obcrgymnasium eingeführte Handbuch der Glaubenslehre von Stadlbaur war „durch seine namenlose Abstrusität, feine Unklarheit und wüstensand- ähnliche Oede geradezu angethan, die Religion zu ent» leiden". Der Neligionslehrer hatte weder „soviel Energie, das Machwerk aus der Schule zu verbannen, noch Geist genug, um Leben in die Kirchhofsöde zu bringen". Leider trifft ähnliches für spätere Zeiten auch noch zu. Die Lehrbuchfrage dürfte nach dem Urtheile hervorragender Katecheten durch dieNeltgionshandbücher für Gymnasien von Dr. Dreher, früher lange Jahre NeligionS- professor am Gymnasium in Sigmaringen, nunmehr Domherr in Freiburg in Baden und Vorstand der „Sapienz" zur akademischen Weiterbildung von Geistlichen Deutschlands, — zu einer glücklichen Lösung gebracht sein. Möchte nur auch für die Volksschule bald eine Katechismus-Verbesserung erfolgen, denn Hansjakob hat wohl nicht unrecht, wenn er den Deharbe'schen Katechismus als ein wahres Meisterstück entsetzlicher Trockenheit und Abstraktheit bezeichnet! Wie kam nun Hansjakob trotz dieser religiösen Verfassung dazu, Theologie zu studiren, denn als Theologen begegnen wir ihm wieder an der Universität in Freiburg und im dortigen erzbischöflichen Convicte? Die Gründe gibt nur seine Autobiographie an, sie sind durchaus keine entehrenden für ihn, insbesondere war alle Heuchelei ihm völlig fremd. Mit seltener Offenheit gestand er dem damaligen Convictsdircctor und späteren Erzbisthumsver- wcser Kübel seinen ganzen religiösen Zustand ein, der ihn für diese Offenheit mit seinem besonderen Vertrauen beehrte. Innere und äußere Versuchungen, die ihn vom Studium der Theologie wieder abwendig machen wollten, überwand er glücklich, bis endlich die Vorlesungen über Dogmatik die innere Freude am erwählten Berufsstudium in ihm weckten. Dies Geständniß hat in uns, da wir noch in den 80er Jahren bei demselben Professor Wörter Dcgmati? hörten, allerdings Staunen erregt, denn die Af zwei kurze akademische Semester mir in Summa kaum 7 — 8 Monaten beschränkten dogmatischen Vorlesungen in Freiburg hätten in uns derartigen Eindruck kaum hervorgerufen. Hiemit soll indessen dem früheren Lehrer kein Vorwurf gemacht sein, es mag ihm unangenehm genug sein, eine solch umfangreiche Disciplin bis auf den heutigen Tag in so engem Rahmen dociren zu müssen. Einen kleinen Seitenhieb Hansjakob's auf die scholastische Methode im Gegensatze zu Wörter's Methode der Tübinger Schule (Kühn) wird man ihm gerne nachsehen, wenn man weiß, daß in Freiburg absolut keine Gelegenheit war, die Scholastik kennen zu lernen. Wir gestehen gerne, daß die dogmatischen Vorlesungen des anerkannt hervorragenden Thomisten Professors und Dom- dekans Dr. Morgott in Eichstätt auf uns einen viel tieferen Eindruck machten, als die Dr. Wörter's. Aehn- lich ist auch die bei einem katholischen Geistlichen merkwürdige Erscheinung zu erklären, daß Hansjakob in philosophischen Fragen sich oft auf Schopenhauer beruft. Was ihn zu diesem Philosophen hinzog, ist offenbar dessen im Princip himmelweit verschiedener Pessimismus, der in Hansjakob verwandte Saiten erklingen ließ. Eine systematische Philosophie auf Grundlage der großen mittelalterlichen Aristoteliker, wie sie in Bayern jeder Theologe studirt, kennen zu lernen, hatte er auf der Universität so wenig Gelegenheit, als wir 23 Jahre spater. Was man aus der neueren Philosophie an der Universität hörte, blieb von uns unphilosophischen Hörern meist unverstanden, wohl zu unserm Glücke, denn wer weiß, welche Förderung (!) unser theologischer Beruf durch die moderne Philosophie erfahren hätte, wenn unser Geist in alle ihre Jrrgänge eingeführt worden wäre, ohne daß echt philosophische Schulung uns den Ausweg aus dem Labyrinthe gewiesen hätte. Im Herbste 1803 gelangte Hansjakob an das Ziel seiner Studien und erhielt im einsamen Priesterscminar der Diöcese Frciburg, in St. Peter auf dem Schwarz- wald, die hl. Weihen. Neben seinen theologischen Studien hatte er auf der Universität mit Eifer Philologie studirt, Mit so glücklichem Erfolge, daß er als Ncupriester schon im November 1863 das philologische Staats- und Professoratsexamen in Karlsruhe als 4. unter 12 Kandidaten, im lateinischen Stile der erste von den zwölfen, bestand. Das eine kurze Inhaltsübersicht über die fragliche Schrift Hansjakob's. Eine ganze Reihe heiterster Episoden aus dem Studentenleben beleben die Erzählung, bei passender Gelegenheit finden sich ernste pädagogische und philosophische Betrachtungen, sowie sehr beachtens- werthe Notizen für Seminarvorsiände eingewobeu usw. Außer den schon erwähnten eigenthümlichen Ansichten über scholastische Theologie und Philosophie kann besonders die geschilderte Entwickelung seines Kneip- genie's die negative Kritik herausfordern. Schneidige Temperenzler werden mit Abscheu sich davon abwenden, gestrenge Philister und Moralisten werden über derartige Reminiscenzen eines kath. Geistlichen kurzerhand den Stab brechen, wir selbst wollen urtheilen nach dem Worte: „Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein auf ihn." Keinen Stein aber erhebe, wer vom 12. Jahre an im Seminar aufgewachsen ist; wo keine Gelegenheit zum Gegentheil, soll man nicht so viel von Tugend reden. Keinen Stein werfe, wer noch als Pfarrer in der Dorfkneipe bei Bier und Spie! zu sitzen beliebt; Hansjakob hat in jugendlicher Begeisterung gehandelt, nach dem Studentenlied: „Laßt Bacchus und Gambrinus leben!" als Geistlicher aber hat er das Wirthshaus und seit vielen Jahren auch den Biergenuß ganz gemieden, das Rauchen hat er schon als Theologe aufgegeben. Vergessen wir dann nie die Ursache, die den Gymnasiasten zum Becher greifen ließ, und wir werden unsere Steine nach einer anderen Seite werfen. Bei alledem möchten wir aber das schöne Buch, dessen Lektüre uns ungemein angezogen hat, der Jugend an unseren Mittelschulen nicht in die Hände geben, denn — vitirnrrr in vetiturn; wenn das Verbotene im Glänze des glücklichsten studentischen Humors von einem kathol. Geistlichen geschildert wird, möchte das doppelt verführerisch wirken. Akademiker aber werden an dem strebsamen Universitätsstudenten Hansjakob ein schönes Beispiel treuer Pflichterfüllung vor Augen haben und zugleich wegen der echt deutschen „Burschikosttät", wie sie zuvor an ihm sich gezeigt, das Vorbild um so lieber gewinnen Und wir alte Philister werden ohne ollen Schaden, aber mit vielem Genuß und in angenehmster Erinnerung an manche „fidele" Stunde der schönen Univcrsitätsjahre die Reminiscenzen Hansjakob's lesen und ihm für dieselben dankbar fein, eingedenk des Wortes von Goethe: „Ich halte den, der seine eigene Biographie schreibt, für den höflichsten aller Menschen." Alexander der Große in der persischen und arabischen Literatur. Von G. G. (Fortsetzung.) Der erste Mohammedanische Schriftsteller, der die Alcxandersage (im uneigentlichen Sinne!) in seiner ganzen Ausführlichkeit behandelte, ist der Homer des Orients, Nbul Käser» Mansur, mehr bekannt unter seinem Beinamen Firdusi, d. i. der „Paradiesische". — Im Jahre 940 zu Schadab, einem Dorfe in Khorassan, geboren, begann er in seinem 36. Lebensjahre sein Schahname („Königsbuch", „Heldenbuch"), das Nationalepos von Iran, und zog die Aufmerksamkeit des Schah Mahmud I. aus der Dynastie der Gasanviden auf sich, von dessen Regierung an die Blütheperiode der persischen Literatur datirt. Proben von Firdufi's Heldengedicht entzückten den Schah, einen persischen Mäcenas, so, daß er den Dichter sofort mit der Ehrenstelle des „Dichter- königs", einer dem persischen Reiche eigenthümlichen, von eben diesem Mahmud eingeführten Hofcharge, auszeichnete und ihm für jedes Tausend Veit (Doppelverse) 1000 Gulden in Gold versprach. Diese erhielt aber Firdusi, so erzählt die Ueberlieferung, nach Beendigung seines 60,000 Doppelverse umfassenden Schahname in Silber statt in Gold ausbezahlt, infolge der Intriguen seiner Neider. In seinem Dichterstolze wies er das Angebotene zurück und entfloh in seine Heimath, wo er bald darauf starb, 1020. — „Hat Firdusi auch in dem Epos Jussuf und Suleika, welches er der die Geschichte Josephs und des Weibes Potiphars erzählenden 12. Sure nachbildete, dem Islam seinen Tribut dargebracht . . . ., so loderte doch mit un- geschwächter Kraft das Feuer des ParsiSmus in seiner Seele; in seiner Begeisterung für das sittliche Ideal des Zoroasterthums und für die heroische Vergangenheit seines Volkes war er ein glühender Ormuzdverehrer, und niemand war mehr geeignet, der epische Sänger Irans zu werden, als er." *°) Das Schahname") umfaßt die Zeit von dem persischen Alterthum bis znm Untergänge der Sassanidcn, d. i. bis zur Eroberung Perstens durch die Araber (636), also einen Zeitraum von ungefähr 2000 Jahren, und zerfällt in zwei Theile, von denen der zweite die in freier Dichtung sagenhaft ausgestattete Geschichte Alexanders desGroßen enthält. Ist es auch sicher, daß Firdusi für den älteren (ersten) Theil seines Werkes aus echt persischen Quellen geschöpft habe, so ist dieses doch für den jüngeren (zweiten) Theil desselben, somit auch für die Darstellung der Alexandersage, nicht unwahrscheinlich. Nach ihm finden in dem weltbezwingen- den Jskander (orientalische Benennung Alexanders) die uralten, rastlosen, auf Blutrache sich gründenden Bruder- r°) Dr- P. Norrcnberg, Allgemeine Geschichte der Literatur. Münster 1882. Bd. I. S. 56. ") Jn's Deutsche übertragen von A. F. v. Schock: „Helden* sagen des Firdusi", Berlin 1851, „Epische Dichtungen FirdusiS", cbd. 1855, 2 Bde., beide zusammen als „Heldensagen von Jir- dust", 3. Aufl.. Stutigart 1877, 3 Bde. 312 kämpfe der iranischen Mhthenhelben ihre Lösung. Davor ist Jskander dem Dichter, seiner Begeisterung für Alt- persien entsprechend, nur der rücksichtslose Eroberer und der Unterdrücker der vaterländischen Religion und Sitte.^) Im diametralen Gegensatze zu Firdusi steht sowohl in seiner ganzen Anschauungsweise, wie insonderheit in Bezug auf unsern Gegenstand der Meister der persischen Romantik, der hochberühmtc Nisami,''eigentlich Abu Mohammed Ben Jussuf Scheich Nisameddin, gest. 1180. Er hat mit den altiranischeu Traditionen und dem Par- fismus gänzlich gebrochen und huldigt voll und ganz dem arabisch-islamitisch-indischen Zeitgeiste, was besonders der zunächst auf religiösen Ueberlieferungen des Islams beruhende zweite Theil seines „Alexanderbuches" kundgibt, in welchem er im Gegensatze zum ersten Theile, wo er Alexander als Kriegshelden und Weisen besingt, deu Propheten Alexander schildert. Der Dichter rechnet es seinem Helden zum großen Verdienste an, daß er als Anhänger der „Religion Abrahams" die persischen Tempel zerstört, die Priesterschaft ausrottet und die heiligen Bücher und Feuerstätten vernichtet. Außer einem lyrischen Werke, einem Divan (Sammlung lyrischer Gedichte) von etwa 20,000 Versen, hinterließ er fünf unter dem Gesawmititel Pendsch-Kendsch, „die fünf Schätze", oder Chamsse, „Fünfer", bekannte Epopöen, die vornehmlich seinen Ruhm begründeten. Das zweite davon ist das schon erwähnte „Alexanderbnch", Jskandername, das im Oriente großen Ruf genießt. Es umfaßt alle vom Dichter auffindbaren Elemente der orientalischen Alexandersage und ist das einzige Werk Nisami's, in dem er ein wirkliches Heldengedicht schaffen wollte.^) Denn die übrigen bilden den Uebergang vom nationalen Heldenlied zur romantischen Epik.") Nachbildungen dieses Chamsse machten im 15. Jahrhundert Mewlana Dschami und Hatifi, welcher aber die schon ausgenützte Alexandersage durch ein Ttmurname ersetzte. Von den Dichtern ist noch zu erwähnen Moslicheddin Saadi (geb. 1175 f1184S^ zu Schiras, gest. 1263), berühmt als Didaktiker, namentlich als Verfasser des in lieblicher Abwechslung von Prosa und Poesie geschriebenen Gulistan, d. i. „Rosengarten" ^), und des rein poetischen Bostan, d. i. „Frucht-" oder „Lustgarten", zweier Musterbücher orientalischer Weisheits- und Sittenlehre?°) Im Gulistan geschieht auch Alexanders des Großen Erwähnung. Der Araber Sururi schrieb zu letzterem Werke einen Commentar"), in welchem er Saadi's An- ") Vergl. Dr. Fr. Spiegel „Die Alexandersage bei den Orientalen". Leipzig 1851. S. 13 ff. *') Ein äußeres Zeichen hicfür ist schon die Anwendung des Metrum Mutakarib, das zum versno beroieus geworden ist. ") Vergl. Dr. Wilhelm Bacher, Nizami's Leben und Werke und der zweite Theil dcS Nizami'schen AlexanderbncheS. Leipzig 1871. ") HrSg. mit Glossar v. Johnson, London 1877; deutsch von Ch. H. Graf, Leipzig 1816, und v. Nesselmaun. Berlin 1861. ") „Gulistan bildet neben dem Koran noch heutigen TagS die vornehmste Grundlage des persischen Unterrichts, dessen schlüpfrige Erzählungen und moralische Epigramme der persische Lehrer seinen Schülern mit dem Baculus auf die Fußsohlen einzublcicn pflegt." Norrenberg, a. a. O. S. 62. — Saadi'ö Ehasclcn beißen die Orientalen das „Salzfaß der Dichter". ") Einen Auszug dieses noch unedirtcn Commentars enthält „Caspari, Grammatik der arabischen Sprache", Leipzig 1866, im Anhange, woraus die später in Uebcrsctzung anzu- führcndcn Stellen entnommen sind. gaben über Alexander weiter ausführte, früheren Schriftstellern nacherzählend. Es erübrigt uns noch, den Koran anzuführen. Derselbe zählt Alexander unter den vormohammedanischen Prophetengestalten auf, deren Auftreten der arabische Ne- ligionsstifter zum Beweise dafür dienen läßt, daß Gott kein Zeitalter ohne Vertreter seiner Wahrheit gelassen habe?b) Nach ihm ist er ein Gottesheld, der auf seinen Zügen vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergänge auf Geheiß Allahs die sündigen Völker straft und zum Islam bekehrt. Diese Korangeschichte, welche in ausführlicher Weise nur den eisernen.Wallbau gegen die nordischen Barbarenvölker Gog und Magog erzählt (siehe unten), schmückten die Koranerklärer, welche zugleich Vermittler der Sunna (Tradition), d. i. der Aussprüche Mohammeds und der ältesten Jmame, waren, weiter aus, vielfach ebenso wie Mohammed selbst, einer syrischen Lesart des Alcxanderromans folgend. Der Umstand, daß im Koran Alexander der Große nicht mit seinem üblichen orientalischen Namen Jskander, sondern mit seinem Beinamen vsrr-I-HLrnairi, d. i. „Zweigehörnter", genannt ist, wozu noch das Mißbehagen mancher islamitischer Gelehrten an dieser Glorificirung eines heidnischen Königs kam, veranlaßte schon einige arabische Schriftsteller, die Identität dieses „Zweigehörnten" mit dem geschichtlichen Alexander zu leugnen, und sie trennten entweder den Welteroberer Alexander von Macedonien von dem Propheten Dsul-karnain, oder nahmen zwei Alexander an, von denen der zweite, der Prophet, auch den Beinamen Dsul-karnain führe. Es läßt sich ja wohl denken, daß Moslime, die aus wirklichen Geschichtswerken Näheres über Alexander den Großen vernommen hatten, in Zweifel gcriethen, ob denn wirklich der „Zweigehörnte" des Korans derselbe sei, wie jener macedonische Heide. Uebrigens gab es auch europäische Gelehrte, welche die Identität bestritten.^) Da es jetzt aber sicher ist, daß Mohammed die ganze im Koran enthaltene Erzählung auf mündlichem Wege ^°) aus christlich-syrischen Alexanderlegenden erhalten hat, wie noch andere „Heiligen"geschichten (z. B. die von den Siebenschläfern), und da gerade diese Erzählung in der syrischen Gestalt Jskander Dsul-karnain zum Helden hat, so kann man ohne Bedenken den „Zweigehörnten" des Korans mit dem Alexander der Geschichte, bezw. des Romans oder der Legende identificiren.^) (Fortsetzung folgt.) Literarisches. Schweizerische Literarische Monats - Rundschau. I. Jahrgang. Erscheint zu Anfang jeden Monats. Abonncmentsprcis 2 Mark. Verlag von Hans von Matt, Buchhandlung und Antiquariat in Staus, k. Dieses neue Unternehmen erfreut sich der Mitarbeit der gcsammten katholischen Gclehrtenwclt der deutschen Schweiz und besonders der jungen katholischen Hochschule zu Frciburg i. Schw. Der reiche gediegene Inhalt, die durchaus unabhängige Haltung, der frische, schneidige Ton, sowie der äußerst billige Preis dürften eine weitere Ausbreitung auch außerhalb der Schweiz gerechtfertigt und wüuschcuswcrth erscheinen lassen. Dr. Hubert Grimme, Mohammed, II. Theil. Münster i. W. 1695. S. 79. ") So Spiegel, a. a. O. S. 57 ff. 2 °) Nach der Ueberlieferung soll ja der Prophet bei seiner Handelsreise nach Syrien mit Christen in nähere Berührung gekommen sein, so mit dem Mönch Nestor oder Bahlra. der dem jungen Handelsmanne seine zukünftige Prophetcnwürde vorausgesagt habe. -') Vergl. Dr. Gramme, a. a. O. S. 33 u. 97. NLldcke, Beiträge zur Geschichte dcö Alcxanderromans. Wien 1890. S. 32. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. wl'. 40 2. Ott. 1896. * Die Streitfrage über die Giltigkeit der anglikanischen Ordinationeu. (Schluß.) Das apostolische Schreiben lautet weiter: Die von Uns angerufene Autorität Julius' III. und Paulus' IV. zeigt deutlich den Anfang jenes Verfahrens, das schon seit mehr als drei Jahrhunderten beständig beobachtet wurde, daß nämlich die Ordinationen nach Eduardianischem Ritus für null und nichtig gehalten wurden, und zu diesem Verfahren liefern in vollstem Maße Belege die Ordinationen, die, auch in der Stadt Rom, oft und bedingungslos nach katholischem Ritus wiederholt wurden. — Der Beobachtung dieses Verfahrens wohnt eine zweckentsprechende Bedeutung inne. Denn wenn irgendwie Zweifel übrig blieben, in welchem Sinne obige päpstliche Urkunden zu verstehen seien, so gilt mit Recht der Grundsatz: „Die Gewohnheit ist die beste Auslcgerin der Gesetze." Weil es aber in der Kirche stets als fest und sicher galt, daß das Sacrament der Weihe nicht wiederholt werden dürfe, so konnte es unter keiner Bedingung geschehen, daß der apostolische Stuhl eine solche Gewohnheit stillschweigend zuließ und duldete. Er hat sie aber nicht nur geduldet, sondern auch selbst gebilligt und gutgeheißen, sobald in dieser Angelegenheit eine besondere Thatsache zur Beurtheilung gelängte. Wir führen zwei solche Thatsachen an von den vielen, die zeitweise vor die Inquisition gebracht wurden, die eine aus dem Jahre 1684, einen französischen Calviner, die andere aus dem Jahre 1704, Johann Clemens Gordon betreffend, die beide ihre Weihen nach dem Eduardianischen Ritual empfangen hatten. Bei dem ersteren gaben nach genauer Untersuchung nicht wenige Consultoren ihre Antworten, die man Vota nennt, schriftlich, und alle übrigen stimmten mit ihnen „für die Ungültigkeit der Ordination"; nur mit Rücksicht auf die Frage der Opportunität erachteten die Cardinäle zu antworten: „Aufgeschoben." Doch wurden dieselben Acten wieder hervorgesucht und erwogen bet dem zweiten Factum; es wurden neue Vota der Consultoren eingeholt, hervorragende Doctoren der Sorbonne und in Douai befragt, und keine Mittel scharfsinniger Klugheit unversucht gelassen, um zu einer vollkommenen Erkenntniß der Sache zu gelangen. Und hier ist zu bemerken, daß, obwohl sowohl Gordon selbst, den der Fall betraf, als auch einige Consultoren unter den Gründen für die Nichtigkeit auch die angebliche Ordination Parker's angeführt hatten, doch dieser Grund, wie die durchaus glaubwürdigen Documeute bewiesen, ganz bei Seite gelassen und kein anderer Grund angegeben wurde, als der Mangel der Form und der Intention. Um über diese Form ein vollkommeneres und sichereres Urtheil zu gewinnen, wurde ein Exemplar des anglicanischen Ordinale herbeigeschafft und wurden mit diesem die verschiedenen Ordinationsformen der orientalischen und occidentalischen Riten verglichen. Dann entschied, nachdem die betreffenden Kardinäle ihr einstimmiges Votum abgegeben, Clemens XI. selbst am 17. April 1704: „Johannes Clemens Gordon werde vollständig und bedingungslos zu allen Weihen, auch den höheren und namentlich zum Presbytcrat, ordinirt und empfange, wofern er nicht gesinnt ist, früher das Sacrament der Firmung." Diese Entscheidung entnimmt, was wohl zu beachten ist, dem Mangel der Darreichung der Instrumente keinerlei Begründung; denn dann wäre wie gewöhnlich die Wiederholung der Ordination »sud coiräiticms" angeordnet worden. Noch mehr aber ist zu beachten, daß diese Entscheidung des Papstes alle anglicanischen Ordinationen im Allgemeinen betrifft. Denn obschon sie ein specielles Factum betrifft, so ist sie doch nicht aus einem speciellen Grunde hervorgegangen, sondern aus einem Fehler in der Form, mit welchem Fehler alle jene Ordinationen in gleicher Weise behaftet sind, so daß, so oft nachher in ähnlicher Angelegenheit zu entscheiden war, das Teeret Clemens' XI. zur Anwendung kam. In Anbetracht dessen sieht Jedermann, daß die in unserer Zeit wieder aufgetauchte Controverse durch das Urtheil des apostolischen Stuhles längst entschieden ist, und es mag aus nicht genügender Kenntniß der Docu- mente geschehen sein, daß mancher katholische Schriftsteller sich für befugt hielt, darüber frei zu discutiren. Weil Uns aber, wie Wir im Eingänge gesagt, nichts wichtiger und erwünschter ist, als den redlich gesinnten Menschen mit größter Nachsicht und Liebe nützen zu können, so haben Wir abermals die aews^.schsL Untersuchung d-s gnzlstü'usschm Ordinale, auf welches Alles ankommt, angeordnet. Beim Ritus der AuSspendung jedes Sacramentes unterscheidet man mit Recht den ccremonicllen und essentiellen Theil, welch letzteren man Materie und Form zu nennen pflegt. Alle wissen, daß die Sakramente des neuen Bundes als wahrnehmbare und die unsichtbare Gnade wirkende Zeichen sowohl die Gnad- bezeichnen müssen, die sie wirken, als auch diejenigen bewirken müssen, die sie bezeichnen. Obwohl diese Bezeichnung in dem ganzen wesentlichen Ritus, der Materie und der Form, vorhanden sein muß, so gehört sie doch hauptsächlich der Form an, da die Materie an und für sich der nicht determinirte Theil ist, der eben durch jene de- terminirt wird. Dies tritt beim Sacrament der Weihe noch mehr hervor, da dessen Materie, so weit sie hier in Betracht kommt, die Auslegung der Hände ist; diese aber bedeutet für sich nichts Bestimmtes und wird bei einigen Weihen ebenso angewendet wie bei der Firmung. — Nun aber bedeuten die Worte, die bis vor Kurzem von den Anglicanern für die eigenthümliche Form der Priesterweihe gehalten wurden, nämlich: „Empfang'den heiligen Geist", sicherlich keineswegs ausdrücklich die Weihe des Priesterthums oder seine Gnade und Gewalt, die hauptsächlich darin besteht, „den wahren Leib und das wahre Blut des Herrn zu consccriren" (Concil von Trient, 23. Sitz., „über das Sacr. der Weihe", Can. 1), in jenem Opfer, das nicht eine „bloße Erinnerung an das am Kreuze vollbrachte Opfer" (Concil von Trient, 22. Sitz., „über das Meßopfer", Can. 3) ist. Diese Form wurde zwar später durch die Worte vermehrt: „Zum Amte und Werke eines Priesters"; doch dies beweist nur, daß die Anglikaner selbst eingesehen haben, daß jene erste Form mangelhaft und untauglich gewesen. Könnte aber auch dieser Zusatz der Form eine rechtmäßige Bedeutung verleihen, so ist er zu spät eingeführt worden, erst ein Jahrhunder: nach Annahme der Eduardianischen Ordinale, als es nach Erlöschen der Hierarchie keine Weihe- gewalt mehr gab. Auch andere nenestens angezogene Gebete desselben Ordinales können die Sache nicht besser machen. Denn, um Anderes zu übergehen, waS jeptz 314 Gebete als ungenügend erweist, sei statt aller um der eine Grund angeführt, daß aus ihnen Alles entfernt ist, was ini katholischen Ritus so klar Würde und Amt des Priesterihums bezeichnet. Es kann also für das Sacra- ment eine Form nicht Passen und hinreichen, die gerade das verschweigt, was sie recht eigentlich ausdrücken sollte. Mit der bischöflichen Cvnsccration steht es ebenso. Denn nicht nur wurden der Formel „Empfang' den heiligen Geist" erst später die Worte „zum Amt und Werk eines Bischofs" hinzugefügt, sondern diese sind auch, wie Wir alsbald zeigen werden, anders zu beurtheilen, als im katholischen Ritus. Es nützt auch nichts, sich auf das Eingnngsgebet „Allmächtiger Gott" zu berufen, da aus diesem gleichfalls die Worte entfernt sind, welche das „oberste Pricsterthnm" aussprechen. ES ist hier nicht der Ort, zu erforschen, ob der Episkopat die Ergänzung des Priesterthums oder eine von diesem verschiedene Weihe sei, oder ob er, wie man sich ausdrückt, „sprungweise", nämlich einem Nichtpricster ertheilt, Geltung habe oder nicht. Aber jedenfalls gehört er nach der Einsetzung Christi dazu und ist das Priesterthum auf der obersten Stufe und wird darum bei den heiligen Vatern und in unserem Ritus das „oberste Priesterthum, der Inbegriff h-'liaen Dienstes" genannt. Daraus folgt, daß, weil das Weihesacramenr üüd daZ wahr? Priesterthum Christi aus dem anglikanischen Ritus gänzlich ausgemerzt ist und darum bei der bischöflichen Consecration nach diesem Ritus auf keine Weise ein Priesterthum verliehen wird, auch auf keine Weise ein Episkopat wirklich und giltig verliehen werden kann, uwsoweniger, weil es zu den ersten Obliegenheiten des Episkopats gehört, Priester zu weihen zum Dienste der heiligen Eucharistie und des heiligen Opfers. Zur richtigen und vollständigen Beurtheilüng^des anglicanischen Ordinate gelangt man aber, abgesehen von den obigen Bemerkungen über einzelne Abschnitte desselben, erst, wenn man wohl in Betracht zieht, unter welchen Umständen es zustande gekommen und eingeführt worden ist. Es wäre zu weitläufig und ist auch nicht nothwendig, auf die Einzelheiten einzugehen; denn die Geschichte jener Zeit sagt es laut genug, von welcher Gesinnung die Urheber des Ordinate gegen die katholische Kirche beseelt waren, wen sie sich aus den irrgläubigen Secten als Förderer herbeiriefen, worauf sie eS schließlich abgesehen hatten. Gar wohl wissend, welch enger Zusammenhang zwischen Glaube und Cultus, zwischen dem „Gesetze des Glaubens und dem Gesetze des Gebetes" besteht, verunstalteten sie die Liturgie unter dem Scheine der Wiederherstellung ihrer ursprünglichen Gestalt auf vielerlei Weise nach den Irrthümern der Neuerer. Darum kommt im ganzen Ordinate nicht nur keine ausdrückliche Erwähnung des Opfers der Consecration, des Priesterthums, der Gewalt zu consccriren und zu opfern vor, sondern eS wurden auch, wie wir oben angedeutet, alle derartigen Spuren, die in den nicht völlig verworfenen Gebeten des katholischen NituS übrig waren, absichtlich herausgenommen und entfernt. So ergibt sich von selbst Charakter und Geist des Ordinale. Da es nun ob dieses ihm ursprünglich anhaftenden Fehlers nie und nimmer zur Ertheilung der Weihen verwendbar war, so konnte es dies auch im Laufe der Zeit, weil es ja dasselbe blieb, nicht werden. Vergebens hat man sich bet Carl I. bemüht, durch Zusätze zum Ordinale etwas von Opfer und Priesterthum einzufügen; vergebens auch strengt sich neuester Zeit ein nicht sehr großer Theil der Anglicaner an, dem Ordinale einen gesunden und richtigen Sinn unterzulegen. Vergeblich, sagen Wir, waren und sind derartige Versuche, und zwar auch aus dem Grunde, weil, wenn auch einige Worte im englischen Ordinale, wie es heute vorliegt, zweideutig sind, sie doch nicht denselben Sinn haben können, wie im katholischen NituS. Denn ist einmal, wie wir gesehen, der NituS in einer Weise geändert, daß dadurch das Sacramcnt der Weihe geleugnet oder gefälscht wird und der Begriff der Con- secration und des Opfers gänzlich verschwindet, so wird bedeutungslos die Formel: „Empfang' den heiligen Geist", welcher Geist doch mit der Gnade des Sacramentes der Seele eingegossen wird; ebenso bedeutungslos sind dann die Worte: „zum Amt und Werk eines Priesters" oder „eines Bischofs" und ähnliche, die eben nur Worts sind ohne die Sache, die Christus eingesetzt hat. — Die Kraft dieses Beweises erkennen selbst die meisten Anglicaner und halten es in genauer Auslegung des Ordinale Denjenigen entgegen, die, dasselbe in neuer Weise inter- preiireud, in eitler Hoffnung den nach ihm ertheilten Weihen einen ihnen nicht zukommenden Werth und Kraft andichten. Durch dieselbe Beweisführung fällt auch die Behauptung Derjenigen zusammen, die da meinen, als rechtmäßige Form der Weihe könne daS Gebet genügen: „Allmächtiger Gott, Spender aller Güter", das im Eingänge der rituellen Handlung steht, das allerdings vielleicht genügen könnte in einem von der Kirche gebilligten katholischen Ritus. — Mit diesem Mangel in der Form hängt eben innig zusammen der Mangel in der Intention, die beim Sakramente ebenso nothwendig ist. Ueber die Absicht oder Meinung, soweit sie etwas Inneres ist, urtheilt die Kirche nicht, allein soweit sie sich nach außen kundgibt, muß sie darüber urtheilen. Wenn nun Jemand bei der Verwaltung und Ausspendung eines Sacramentes die gehörige Materie und Form ernst und ordnungsmäßig angewendet hat, so wird selbstverständlich angenommen, daß er dasselbe thun wollte, was die Kirche thut. Auf diesem Grundsätze beruht die Lehre, es sei auch das ein wahrhaftes Sakrament, welches von einem Häretiker oder Ungetauften, wenn nur nach katholischem Ritus, gespendet worden ist. Wird hingegen der Ritus geändert, in der offenkundigen Absicht, einen anderen, von der Kirche nicht angenommenen einzuführen und das zu verdrängen, was die Kirche thut, und was nach der Einsetzung Christi zum Wesen des Sacramentes gehört, dann ist klar, daß nicht nur die zum Sakramente erforderliche Intention fehlt, sondern daß eine dem Sacramente entgegengesetzte und widerstreitende Intention vorhanden ist. All dieses erwogen Wir lange und gründlich bet Uns und mit Unseren ehrw. Brudern, den Cardinülen der Inquisition, die Wir zu einer eigenen Sitzung in Unserer Gegenwart beriefen, auf Donnerstag den 16. Juli, Fest der seligsten Jungfrau vorn Berge Carmel, dieses Jahres. Dieselben erklärten einstimmig, die vorliegende Angelegenheit sei längst vorn apostolischen Stuhle vollkommen entschieden, durch die neuerdings angestellte Untersuchung fei es aber um so glänzender ins Licht getreten, mit welchem Anfwande von Gerechtigkeit und Weisheit derselbe die ganze Sache zu Ende geführt habe. Indessen hielten wir es für das Beste, die Entscheidung zu verschieben, um noch wehr zu erwägen, ob es angemessen und nützlich sei, dieselbe Sache nochmals durch Unsere Autorität zu entscheiden, und um eine reichlichere Fülle himmlischer Erleuchtung zu erflehen. — Indem Wir dann 315 in Betracht zogen, daß dieser Punkt der Disciplin, obwohl bereits dem Rechte gemäß entschieden, von Einigen aus was immer für einem Grunde zum Gegenstände einer Controverse gemacht worden, und daß daraus für nicht Wenige, die dort das Sacrament und die Wirkungen der Weihe zu finden glauben, wo sie keineswegs sind, gefährlicher Irrthum fließen könnte, haben Wir im Herrn erachtet, Unsere Entscheidung zu erlassen. Indem Wir daher allen Bestimmungen der Päpste, Unserer Vorgänger, in dieser Angelegenheit allseitig zustimmen und dieselben vollinhaltlich bestätigen und gewissermaßen durch Unsere Autorität erneuern, sprechen Wir auS eigenem Antriebe und in sicherer Kenntniß aus und erklären, daß die nach anglikanischem Ritus vorgenommenen Ordinationen ganz und gar vngiltig und nichtig gewesen sind und noch sind. Es blieb noch übrig, daß, wie Wir im Namen und ,n der Gesinnung des „großen Hirten" die ganz sichere Wahrheit in einer so wichtigen Sache aufzuzeigen unternommen haben, in demselben Namen und Geiste Uns an Jene wenden, welche die Wohlthaten der Weihen und der Hierarchie aufrichtig wünschen und anstreben. Bis jetzt vielleicht, obschon eifrig nach christlicher Tugend trachtend, gewissenhaft in der göttlichen Schrift forschend, ihre frommen Gebete verdoppelnd, zögerten sie doch unschlüssig und ängstlich bet der Stimme Christi, die sie längst in ihrenl Innersten ruft. Nun sehen sie wohl, wohin er sie in seiner Güte einladet, und wo er sie haben will. Wenn sie zu seiner einzigen Hürde zurückkehren, dann werden sie wahrhaft die gesuchten Wohlthaten und die daraus sich ergebenden Heilsmittel erlangen, zu deren Ausspenderin er die Kirche gemacht hat, gleichsam als beständige Hüterin und Verwalterin feiner Erlösung unter den Völkern. Dann werden sie wahrhaft „Wasser schöpfen in Freude aus den Quellen des Heilands", seinen wunderbaren Sacramenten, durch welche die gläubigen Seelen nach wahrhafter Nachlassuug ihrer Sünden in die Freundschaft Gottes wiederaufgenommen, mit dem Himmelsbrode genährt und gestärkt und mit den kräftigsten Hilfsmitteln zur Erlangung des ewigen Lebens versehen werden. Möge sie, wenn sie wahrhaft nach diesen Gütern dürsten, „der Gott des Friedens, der Gott alles Trostes" voll Güte ihrer theilhaftig wachen! — Unsere Mahnung und Unsere Wünsche gehen aber in größerem Maße Jene an, die in ihren Gemeinschaften als Neligionsdicner gelten. Mögen sie als Männer, die schon von amts- wegen durch Gelehrsamkeit und Ansehen hervorragen, denen gewiß die Ehre Gottes und das Heil der Seelen am Herzen liegt, vor Allem bereitwillig Gott, der sie ruft, folgen und gehorchen und so ein glänzendes Beispiel geben! Die Mutter Kirche wird sie sicherlich freudig aufnehmen und mit aller Güte und Fürsorge umfassen, da sie ja große Seelenkrast und Edelmuih durch herbe und harte Schwierigkeiten in ihren Schooß zurückgeführt hat. Es läßt sich nicht aussprechen, welches Lob eben ob ihrer Tugendkcaft ihrer wartet bei den Brüdern in der ganzen katholischen Welt, welche Hoffnung und welches Vertrauen einst vor Christus beim Gerichte, welcher Lohn in seinem himmlischen Reiche! Wir werden nicht ablassen, ihre Versöhnung mit der Kirche auf alle mögliche Weise zu fördern, denn an ihr können sich, was wir lcbbaft wünschen, sowohl Einzelne als ganze Stände und Classen ein nacb- ahmungswertheS Beispiel nehmen. Inzwischen bitten und beschwören Wir Alle um der Barmherzigkeit Gottes willen, daß sie den offenkundigen Lauf der göttlichen Wahrheit und Gnade in Treue zu fördern sich bestreben. Wir bestimmen, daß gegenwärtiges Schreiben und Alles, was darin enthalten ist, niemals ob des Fehler- der Subrcption oder Obreption oder wegen Mangel- Unserer Intention oder wegen irgend eines andere» Mangels bekämpft oder angestritten werden kann, sondern stets giltig und in Kraft bleibt und von Allen, was immer für eines Grades oder Ranges, unverletzlich gerichtlich und außergerichtlich beobachtet werden muß, und erklären für null und nichtig, was immer dagegen von irgend Jemandem, unter was immer für einer Autorität oder Vorwand, wissentlich oder unwissentlich unternommen werden wöge, ohne daß irgend etwas dagegen aufkommen soll. Wir wollen aber, daß den Exemplaren diese- Schreibens, auch den gedruckten, falls sie von einem Notar unterzeichnet und mit dem Siegel eines kirchlichen Würdenträgers versehen sind, derselbe Glaube beigcmessen werde, der der Kundgebung Unseres Willens beigcmessen würde, wenn gegenwärtiges Schreiben vorgewiesen würde. Gegeben zu Rom bei St. Peter, im Jahre der Menschwerdung des Herrn 1896, am 13. September, im neunzehnten Jahre Unseres Pontificats. A. Card. Bianchi, C. Card. de Ruggtero. Prodatarius. Vidimirt von der Curie aus. I. De Aguila Visconti. Ort des Bleisiegels. Regtstrirt im Secreiartat der Breven. I. Cugnoni. Alexander der Große in der persischen nnd arabischen Literatur. Von G. G. (Fortsetzung.) II. Es ist schon mehrfach erwähnt worden, daß Alexander der Große in der morgenländischen Literatur den Beinamen Dsul-karnain führe, d. i. Besitzer zweier Hörner, Zwci- gehörnter, Doppelgehörnter. Erörterungen darüber, woher diese sonderbare Benennung komme, finden sich in vielen arabischen Prosawerken und auch bei Nisami in der Einleitung zum zweiten Theile seines Jskandername. Eine Zusammenstellung der landläufigen Erklärungen jenes Namens, welche von den verschiedenen Bedeutungen des Wortes Wru abgeleitet sind, gibt auch der schon genannte Com- mentar des Sururi zu Saadi'S „Rosengarten" und sagt, die einzelnen Ansichten auf ihren Werth abschätzend: „Der Beiname Doppelgehörnter ist Alexander gegeben worden, weil er über die Welt auf ihren beiden Seiten geherrscht hat, d. i. über das Morgen- und das Abendland; oder weil er einst geträumt hatte, er ergreife die beiden am Morgen zuerst sichtbaren Sonnenstrahlen (aaruaiir discii-sobsEi); oder weil er Zwei Locken hatte und die Haarlocke auch gärn genannt wird; oder weil zu seinen Lebzeiten zwei Menschenalter aus starben — hingegen heißt es auch, er sei kurzlebig gewesen, was nicht wahr ist; oder weil ihm die äußere und die innere Wissenschaft gegeben war; oder weil er eindrang in daL Licht uns in die Finsterniß — aber der Gebrauch von inruaiir für die beiden Wissenschaften und für das Licht 316 und die Finsternis; ist eine unwahrscheinliche Uebertragung (Metapher); und was das betrifft, daß gesagt wird, (er heiße Dsul-karnain,) weil er über Persien und Nom (das römische Reich) geherrscht habe, so ist dies nicht zutreffend, denn er beherrschte das bewohnte Viertel. Ferner wird gesagt: weil er auf seinem Haupte gleichsam zwei Hörner hatte — doch haben wir dieses in den Büchern der Chronik nicht gefunden; ferner, weil er von edler Geburt sowohl väterlicher- wie mütterlicherseits gewesen sei — jedoch der Gebrauch von e Excursionen. Redner erörterte, wie im Unterrichte der hoheru schulen die Technik überall die ihr gebührende Berücksichtigung finden könne. Die physikalischen Lehrbücher geben in Bezug am die technische Anwendung der Physik viel zu wenig. Für die Lehrer fehlt es ganz an einem übersichtlichen Werke über dies: Anwendung, nur einzelne Sondergebietc der Physik sind in diesem Sinne bearbeitet. Dahingegen gibt es eine ganze Anzahl guter Lehrbücher der chemischen Technologie, die der Lehrer sehr wohl zu seiner eigenen Ausbildung benutzen kann. Vortragender ging nun auf die technischen Ausflüge ein, welche am Dcrotheen- städtischcn Realgymnasium zu Berlin regelmässig unternommen werden. Eine wesentliche Stütze dieser Ausflüge ist die Einrichtung, daß die betreffenden Stunden als Pflichtsiundcn gerechnet werden. Für die richtige Verwerthung der Ausflüge ist freilich ein Lehrer nöthig, der die betr. Jndnstriecn nicht nur theoretisch, sondern auch aus eigener Anschauung kennt. 24. Sept. Einen für das gcsammte Um'allvcrsichcnmgSwesen bedeutsamen Vertrag hielt SanüäiSrath vr. Thie in (Cottbus) in der Abtheilung ffir Unfallheilkunde über N ückenma rks-Er- krankiiiigcii nach Verletzungen. Es ist noch nicht lange her, daß man eigentlich nur eine einzige Nückenmarks-Erkrankung kannte, die Tabes oder RückenmarkSdarrc. Vortragender sprach 319 zunächst über Entstehung der Takes; er glaubt nicht, daß sie durch eine Verletzung allein hervorgerufen werden kann. Langsam sich entwickelnd und schleichend verlautend, kann sie Jahrzehnte laug dem Kranken wie dem Arzte verborgen bleiben, dann aber durch eine Verletzung, meist einen Kncchcnbruch der Glied- maßen, plötzlich zum Ausbruche kommen. Vortragender stellte verschiedene Kranke vor, an denen er seine Beobachtungen und Anschauungen erörterte. Der Unfall beschleunigt eben nur den Verlauf der längst vorhandenen Krankheit; er ist aber nicht ihre Ursache. Zum Glück für derartig Betroffene hat sich bei uns eine Auslegung des Unfallgesetzes eingebürgert, die schon die bioße durch den Unfall verursachte Verschlimmerung eines Vorhaurenen Leidens unter den Sckutz des Gesetzes stellt. In der an den reichhaltigen Vortrag sich knüpfenden Erörterung sprach vr. Bnm (Wien) über die Bedeutung der Initial-Behandlung für das Schicksal der Unfall-Verletzten. Auch dieser Redner ist durch seine Erfahrungen in den österreichischen Unsallgesetzen zu den Forderungen gelangt, welche die deutschen Aerzte schon wiederholt aufgestellt haben, nämlich: 1) Die Behandlung der Unfall-Verletzicn sollte vom Beginn an, d. h. unmittelbar nach dein Unfälle, in die Hände eines in der Unfallheilkunde geschickten und erfahrenen Arztes gelegt werden. 8) Zu diesem Zwecke sollte in allen, die Unfallversicherung der Arbeiter gesetzlich regelnden Staaren den für die Uniall-Rente aufkommenden Körperschaften die Möglichkeit gewahrt sein, jederzeit auf das Heilverfahren einzuwirken, bezw. es durch von ihnen bestimmte Aerzte vornehmen zu lassen. 3) Als dringend nothwendig ist zu bezeichnen, daß die inedicinischen Facultäten der Unfallheilkunde jene Beachtung zuwenden, welche der praktischen Bedeutung dieses Zweiges entspricht, und für den Unterricht und die Ausbildung der Studirendcu in der Untersuchung und Begutachtung, sowie in der Behandlung der Unfallverletzten Vorsorge treffen. ' Privai-Docillt Kaufmann (Zürich) sprach über Zug- und Druckkraft der Hand. Gr zeigt: einen DYnamo- nretcr, der den Druck oder Zug der Hand aus einen Zeiger überträgt, der auf einem Zifferblatte die ausgeübte Kraft sehr genau in Kilogrammen anzeigt. Simulanten verrathen sich sehr fbald durch einander widersprechende Zahlen, wenn der Versuch 'snehrfacb wiederholt wird, während man bei ehrlichen Kranken eine genaue Zahlenreihe über den etwa vorhandenen Verlust an motorischer Kraft erhält. Dabei hat sich die Thatsache herausgestellt, daß die Handarbeiter bei einmaligem Drucke eine geringere Kraftentwickelung zeigen, als Leute sogenannter besserer Stände. Die Druckkraft letzterer läßt aber sehr bald nach, während der Arbeiter größere Ausdauer zeigt. ' ' Dr. Schulze, leitender Arzt des Krankenhauses zu Duisburg, zeigte und erläuterte Schiencn-Apparate mit Extcnsivnö- Vorrichtung für Armbrüche. Dr. Dittmer (Hannover) behandelte in längerm Vortrage die Frage, ob es zur Zeit zweckmäßig sei, Arbciter-Nachweis- stätten für Rcconvalescenten einzurichten. Die Frage sei zu Verneinen, aber die Aerzte sollten bemüht sein, zur Verbreitung her Kenntniß der allgemeinen Arbciter-NachweiSstättcn, wie solche sich vorzüglich in Baden bewähren, unter Arbeitgebern und Arbeitern beizutragen. In einer gemeinschaftlichen Sitzung der Abtheilungen für Mathematik, Phhsik, Jnstrumentenkunde und für mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterricht fprachProf. Dr. Schwalbe Merlin) über die Vorbildung der Lehrer für Mathematik und Naturwissenschaft an den höheren Schulen den Forderungen der heutigen Zeit gegenüber. Anknüpfend an die englischen Naturforscher-Versammlungen, welche Fragen des Unterrichts und der Erziehung seit langen Jahren mit Sorgfalt erörtern, begründete Vortragender die Forderung, daß auch die deutschen Naturforscher-Versammlungen sich dieser Fragen mehr alö bisher annehmen möchten. Eine brennende derartige Frage sei die Vorbildung unserer Gymnasial- und Realscbul-Lchrer in Mathematik und Naturwissenschaft. Thatsächlich weise diese Vorbildung zahlreiche Lücken auf. Die Fertigkeit im Zeichnen und damit auch das Verständniß für Zeichnungen sei meist wenig entwickelt; einzelne Zweige der Mathematik, z. B. die darstellende Geometrie, finde man vernachlässigt, die Anschauung in zahlreichen wichtigen Zweigen der Naiurwissenschast mangelhaft. Die Universität viele eben zu wenig Gelegenheit zur Ausbildung in allcdcm. Wir litten noch immer unter der Einseitigkeit der vorwiegend sprachlichen Bildungstendenz, gegen die in England schon die Naturforscher-Versammlung zu Abcrdceu einen geharnischten Protest erlassen habe. Unsere Lehrer selbst haben den Uebelstand sehr wohl erkannt und auf ihrer Elbcrfelder Versammlung zur Erörterung gestellt. Direkter Holzmüller» der dortige Referent, Habs bemängelt, baß der mathematische Unterricht auf den böhern Schulen und Universitäten zu abstrakt, ohne Rücksicht auf die großartige Entwickelung der Technik, ge- bandhabt werde. DaS müsse geändert weroen: pflichtmäßige Vorlesungen in der darstellenden Geometrie an den Universitäten und Aufnahme dieses Gegenstandes in die Prüfungs- Ordming, Vorlesungen über Ingenieur-Mathematik an den technischen Hochschule», pflichtmäßige Vorlesungen über elementare Mathematik und Mechanik an jeder Universität. Vortragender selbst, der damals Corrcscrciit war, batte demgegenüber oavor gewarnt, die böhern Schulen zu Fachschulen werden zu lassen. Einivrcchcnde Forderungen, wie der Jngcnienrbcruf, könne ja schließlich jeder andere Beruf auch stelln,. Die Schule müsse eben die A l lgcm ein - B il düng sausta l t bleiben. Dem sehr beifällig aufgenommenen Vortrage folgte eine längere Eiörtcriing. in der vielfach »och über die Forderungen des Redners hinausgegangen, anderseits aber auch mitgetheilt wurde, daß manche Universitäten schon beginnen, sich obigen Forderungen anzubequemen. 25. Sept. Die zweite allgemeine Sitzung, mit welcher die Versammlung ihren officiellen Abschluß erreichte, begann heute früh 9 Uhr. Ihr voraus ging eine kurze GeschäftSsitzung. Zum Versammlungsorte für nächstes Jahr wurde Braunschweig gewählt; Vorsitzender wird Hosrath Pros. v. Lang (Wien), zweiter Vorsitzender Pros. Waldeyer (Berlin), dritter Pros. Neumayer (Hamburg). Der Kassenbericht stellte das Vermögen der Gesellschaft auf 74,000 M. fest; dazu kommt das der Gesellschaft zugefallene Trcnkel'schc Vermächtnis) von 94,000 M., über dessen Verwendung ein von Virchow vorgelegtes Statut die nöthigen Bestimmungen enthält. Geheimrath Waldeycr begründete einen Vorschlag, der dazu beitragen soll, dem Ueberhandnehmen vcr wissenschaftlichen Congresse zu steuern. Danach soll die Naturforscher-Versammlung nur alle zwei Jahre tagen, dafür aber müßten die naturwissenschaftlichen und mediciiüschen Sonder- Eongrcsse in den betreffenden Jahren wegfallen bezw. nur im Zusammenhange mit der Naturforscher-Versammlung alö deren Abtheilungen tagen. Der Vorschlag soll in Erwägung gezogen werden. In der allgemeinen Sitzung berichtet Pros. Dyck (München) über die Londoner Verhandlungen, betreffend den internationalen naturwissenschaftlichen Katalog. Die Noyal Society gibt ein Verzeichnis der sämmtlichen Veröffentlichungen aus naturwissenschaftlichem Gebiete heraus; der stetig wachsende Umfang dieser Arbeit hat sie nun veranlaßt, Schritte zu thun, um die Gelehrten der übrigen Culturstaaten zu der Arbeit mit heranzuziehen, und cS hat deßhalb vor Kurzem in Lonson eine Gelehrien-Coiifercnz stattgefunden. Die Beschlüsse dieser Confereuz gehen dahin, daß vom Jahre 1900 ab die gemeinsame Arbeit unternommen werden soll. Jedes Land sammelt die Erscheinungen des eigenen Gebietes, sendet sie, nach verabredetem Schema bearbeitet, nach London, und dort findet die Gcsammtbearbeitung statt. Sie erfolgt für englisches Geld und in einem von England zu erbauenden Hause, aber dafür in englischer Sprache. Der Katalog wird so eingerichtet, daß nicht nur jede einzelne Naiurwissenschast — Botanik, Mineralogie, Chemie, Astronomie usw. —, sondern selbst jeder einigermaßen sclbstständige Zweig der einzelnen Wissenschaften für sich im Buchhandel zu haben ist. Damit wird die umfänglichste Benutzung und weiteste Verbreitung deö Riesenwerkes möglich werde». Pros. Max Vcrworn (Jena) hielt einen Vortrag über Erregung und Lähmung, wobei er u. ci. auch aus die Hypnose zn sprechen kam, deren Verständniß durch das Studium der wechselnden Erregnngs- und Lähmungs-Znstände eine Förderung zu erhoffen habe. Charakteristisch für den hypnotischen Zustand ist einerseits das Fehlen der WillenS-Jmpulse, anderseits das Vorhandensein einer häufig übcrsehcncn, ziemlich starken tonischen Zusammcnziehung fast aller KörpermnSkeln, die dem hypnotisieren Thiere oder Menschen den Ausdruck der plötzlichen Erstarrung (Katalepsie) verleiht. Die bekannte Thatsache, daß starke Erregung einer Stell- deö Central-Ncrvensystems unter Umständen in gewissen Nachbargebietcn eine Hemmung erzeugt, ist besonders geeignet, über das Zustandekommen der Hypnose Licht zu verbreiten. Weiter sprach vr. Ernst Below (Berlin) über die praktischen Ziele der Tropcn-Hygicne, Ziele, die übrigens noch ziemlich unpraktisch aussehen und in dem phantastischen Prostete eines hygienischen Weltparlamcntcs ihren Schlußstein finden. 320 Gcheimrcith Pros. Carl Weigert (Frankfurt) verbreitete sich über neue Fragestellungen in der pathologischen Anatomie, ein Vertrag, dessen fachwissenscvastliche Feinheiten einer populären Berichterstattung noch ungünstiger sind, als die übrigen Vortrage des Congresses. Die Sitzung wurde alödann unter den üblichen Förmlichkeiten geschlossen, und damit hatte der csficielle Theil der 68. Naturforscher-Versammlung sein Ende erreicht. Recensionen nnd Notizen. Beissel Stepb. (s. I.), Die Verehrung U. L. Frau in Deutschland während des Mittelalterö. 8°, VI -s- 154 SS. Freiburg i. Br., Herder 1896. M. 2.00. s Die Verehrung der Gottesmutter ist so alt, wie die katholische Kirche, denn sie ist im Evangelium selbst begründet. Und wer etwa meinte, die Gegenwart leiste etwa in diesem Punkte gar zu Uebersckwängliches, der kaun durch einen Blick in vorliegendes kirchcn- Wie cultui geschichtlich sehr interessantes, auf genauestem Quellenstudium beruhendes Werk gründlich eines Besseren belehrt werden. Dem Geschmacke bleibt es immerhin aubeimgestcllt, einzelnen Aeußerungen und Neußerlickkeiten der mittelalterlichen Marienverehrnng den Beifall zu versagen, aber auch die moderne Art deö Cultus trägt Manches an sich, das gegen Ernst nnd Würde verstößt. Daß der mittelalterliche Mariencult auch manche zarte, ja unvergleichliche Blütbe der Poesie gezeitigt hat, ist allbekannt und bringt uns auch k. Beissel in gebührende Erinnerung. Das reich beigebrachte Quellen- material zeigt uns den deutschen Charakter von der schönen Eigenschaft der Gemüthstiefe. Die treffliche, historische Arbeit verdient von allen Gebildeten, vorab aber von dem Lesepöbel, der über Alles urtheilt, ohne es zu kennen, genauestens gewürdigt zu werden. _ Predigten und kurze Ansprachen von Dr. Johannes Katsckthaler, Wcihbischos von Salzburg. X. Bdch.t JesuS, unser Erlöser. Salzburg, Mittermüller. 2 M. Die nunmehr in 10 Bündchen erschienenen Predigten des hochwürdigsteu Herrn W.chbischofs von Salzburg sind wohl die gediegenste Leistung, welche seit dem Erscheinen deS Eber- hard'schen Werkes auf homiletischem Gebiete der Ocsfentlichkeit übergeben worden ist, und verdient darum die ganz besondere Beachtung des Seelsorgsklerus. DaS vorliegende 10. Bündchen behandelt in 8 Vortrügen, welche im Jahre 1895 im Dome zu Salzburg gehalten worden sind, die Fragen: Wovon hat JesuS uns erlöst? wodurch hat er uns erlöst? Daran reiht sich die Schilderung des übergroßen Reichthums der Erlösung, sowie die Darlegung der Bedingungen zur Theilnahme an der Erlösung. Der ganze Prcdigt-Cyclns findet seinen würdigen Abschluß in einer tiefergreifenden Betrachtung über Oelberg und Calvarienbcrg. Ein reiches Material ist hier geboten in einer lichtvollen, klaren Darstellung, welche die Anpassung auch für einfachere Verhältnisse leicht ermöglicht; das Ganze durchzieht zugleich ein so glaubcnsiunigcr, warmer Ton, der die Wirkung aus das Herz nicht Verfehlt. Jedenfalls ist das Studium solch eines einzelnen Bündchens der Katschthaler'scheu Sammlung für eine gediegene Fortbildung des Predigers ungleich wirksamer, als so mancher Jahrgang einer homiletischen Zeitschrift. Brüder, seid nüchtern und wachet! Zeitgemäße FrenndcSworte an reich und arm von k. Gratian von Linden, Orcl. 6ap. Paderborn, Schöniugh. oy. Der Alkoholmißbrauch ist der Krebsschaden, der am Wohlstände, an der Gesundheit, an der sittlichen nnd religiösen Lebenskraft des Volkes zehrt. Zu einem guten Theile wird darum die Lösung der socialen Frage auch die Aufgabe haben, das christl. Volk zur Mäßigkeit, Enthaltsamkeit und Sparsamkeit anzuleiten. Einen äußerst daukeuswertben Beitrag lüczu liefert das durch und durch praktische und Interesse weckende Schriftchen deS bereits rühmlich bekannten Verfassers. In ebenso ernsten als Wahren nnd überzeugenden Worten wird im ersten Theile die Uninüßigkeit als eine gefährliche Wunde unserer Zeit gekennzeichnet. Dem Urtheile deö göttlichen Wortes, der Kirchenlehrer und der Vernunft über die maßlose Genußsucht schließt sich die Lehre der Erfahrung aller Zeiten an; dieser letztere Abschnitt führt durch das bcigegcbcnc statistische Material eine so l>credte, überzeugende Sprache, daß ihr gegenüber jede Ausflucht unmöglich erscheint. Im zweiten Theile werden die Mittel gezeigt, durch welche die so verderbliche Leidenscb.ait Heilung finden kann. Von den unersetzbaren Mitteln ausgebend, welche - Migiiiw. Redacteur: der Glaube und die Gnadenmittel der Kirche bieten, nimmt der Verfasser Anlaß, über -Organisation, Zweck und Thätigkeit des deutschen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger Getränke Aufschlüsse zu geben und ungerechte An- femdung dieses Vereins zurückzuweisen. Den Schluß bildet eine Aufzählung von Getränken, welche nicht bloß dem Durst- gefühle Genüge leisten, sondern zugleich jenen Reiz ersetzen, der dem Trinker die Alkobolgetränke so unentbehrlich macht. Wir wünschen dieses Schriftchen in die Hände reckt vieler Leier. Ist es ja Pflicht eines jeden Standes, jeder Confeistou und jeden Geschlecktes, sich an der Bekämpfung dieses Lasters zu betbeiligcn. Insbesondere wird aber der priesterlicke Stand aus dem Schriftchen nicht nur reiche Anregung zu opferwilliger Liebe schöpfen, sondern auch erprobte Mittel darin finden, um an diesem großen und edlen Werke mit Erfolg mitzuarbeiten. HeilgerSJ., Die Gründung der afrikanischen Mission durch den ehrw. U. Lib ermann: Anweisungen und Belehrungen für seine Missionäre, nach seinen Briefen dargestellt. Paderborn, F. Schöningh, 1896. 8°, VIII u. 259 SS. M. 3,00. S k. Libermann, der Stifter der Congregation „vom bl. Geiste" ist eine äußerst sympathische, Wahl hast apostolische Priestergestalt. Briese geben stets einen tieferen, unverfälschteren Einblick in das Geistesleben eines Mannes, als etwa andere literariscke Arbeiten; da zeigt er sich im wahren Lichte und offenbart er sein Herz, um so mehr, wenn er nickt ahnt, daß die Nachwelt, was er geickrieben, einmal auch gedruckt lesen könnte. Libermann's Briefwechsel offenbart einen durchaus vornehmen, von heiligster Begeisterung durchglühten Charakter, dessen wohlthuende Innerlichkeit auch den Leser zu erwärmen im Stande ist. Heckgers gibt auS der Sammlung der Briefe eine Auswahl in deutscher Sprache; vorliegendes Buch bildet den dritten Band dieser Auswahl (Bd. 1 n. II erschien.::: 1893) und schildert die Bemühungen deö eifrigen Paters für die Misston in Afrika mit dessen eigenen Worten. Niemand wird diese Briefsammlunz aus der Hand legen, ohne erbaut und innerlich gebobcn zu sein. Ziele und Wesen der Freimaurerei. Eine Studie von Franz Ewald. Verlag von Rudolf Abt in München Preis 50 Pf. In den letzten Jabren, besonders seit dem Erscheinen der bedeutungsvollen Eucyklika Leo'S XIII., den Enthüllungen Taxils u. a., lenkten sich daS Augenmerk und daS Interesse der christlichen, katholischen Kreise in höherem und ausgedehnterem Maße auf die Freimaurerei. Eine ganze Anzahl, zum Theil dick- bändiger Werke erschien auf dem Büchermärkte. Auch die oben genannte Broschüre von Ewald verdient Beachtung und Verbreitung. In einer kurzen und übersichtlichen Darstellung und in effektvoller Schreibweise zeigt uns der Verfasser das Wesen und die Ziele der geheimen Großmacht auf socialem, politischem, sittlichem und religiösem Gebiete, Ziele, die im SatanSculte ihren deutlichsten und blaSphemischen Ausdruck finden. Alle die vielen Belege sind auS Zeitschriften und Werken der Freimaurerei, welche dem Verfasser in außerordentlich reichem Maße zur Verfügung zu stehen scheinen, entnommen; die Freimaurerei wird mit ihren eigenen Waffen bekämpft. Die kleine Schrift hat für alle Interesse, insbesondere aber für jene Glieder des Klerus nnd der Laienwelt, welchen die Zeit zum Studium größerer Werke über die Freimaurerei mangelt. Stimmen vom Berge Karin el. Monatsschrift für das katholische Volk. Herausgegeben von Fr. Scrapion a. S. Andrea Corsini. Graz, 1896. Verlag des Karmeliten- conventes. Inhalt deS soeben erschienenen Heftes: Maria, Himmelskönigin. (Gedicht.) — Die Bitte eines Missionärs. — Ist der Ausdruck: Der Mensch solle Gott die Ihm „gebührende" Ehre erweisen, vollkommen entsprechend nnd sachgemäß? — Mailand. Verein zum gnadenreichen Jesnkiudlciu von Prag. — Gottheit Christi. — Tirol. Herz-Jesu-Bund. — Die heilige Eommnuion. Sprüche nnd Beispiele. — Maipredigten. Das Präger Jesulein. — Bekehrungen. — Gebets-Erhörnngen. — Maria, Unsere Liebe Frau von Czeustochau oder Frevel nnd Strafe, Verehrung und Lohn. — Q-Lensnachrichten. — Der Dritte Orden. — Die heilige Theresia. — Protestantismus. — Die erste katholische Prozession in London. — Opfergaben. — Corrcspo ndcnz. — GebctS-Jntentioneu. _ Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag deö Nr. 41. 9. Mt. 1886. N Professor Dr. Anton Walter 7. * Am 1. Oktober starb zu Neichenhall, wo er vergeblich Gesundung gesucht, Herr Professor Dr. Walter von Landshut. Dem vortrefflichen Manne, dem auch dir Augsburger Postzeitung manchen schätzbaren litterarischen Beitrag zu danken hatte, widmet ein Freund in der „Landshuter Zeitung" folgenden ehrenden Nachruf: „I-udoreinns!" »Laßt uns arbeiten!" So klang es, mit großer Begeisterung gesprochen, vor zwei Jahren in Regensburg durch die weiten Hallen des Erhardihauses aus Anlaß der Generalversammlung des Cäcilienvereines. Zur Zeit heißer Arbeitstage wurden diese Worte der Aufforderung gesprochen von einem Manne, von einem Priester, dessen Leben mit den Schweißtropfen der Arbeit angefüllt war. Ein unfreundlicher Herbsttag hat dieses Leben nun ausgelöscht; der 1. Oktober hat uns den Mann der Arbeit, Herrn geistlichen Rath und Professor Dr. Anton Walter, in noch guten Jahren, im 52. Lebensjahre, hinweggenommen. Das in regster Thätigkeit sich entfaltende Priester- leben, die allgemeine, von allen Kreisen der hiesigen Bevölkerung gezollte Verehrung, die hohe Werthschätzung, die der Dahingeschiedene nicht bloß innerhalb der Erz» diöcese München - Freising, sondern auch außerhalb derselben, außerhalb der Grenzen Bayerns genossen, bestimmen, an seinem Sarge ein bescheidenes Stränßchen pietätsooller Erinnerung niederzulegen. Eine weite, in den Furchen reichgefegnete ArbeitS- strecke hat der Heimgegangene zurückgelegt, der Priester des Herrn, der edle Menschenfreund, der Diener des Heiligthums. „Der edle Menschenfreund", wie der Pädagog Bischof Dupanloup von Orleans schreibt, »ist der Priester, der verständig unterrichtet und weise erzieht". Professor Dr. Walter, der mehrere Jahre an der Lehrerbildungsanstalt in Freising und 14 Jahre am hiesigen Gymnasium wirkte, trug in sich den Geist und das Herz des edlen Menschenfreundes. Ausgestattet mit reichen GeisteSgaben, mit einem seltenen Wissen, mit einem hervorragenden Gedächtniß, war er im Stande, seinen wichtigen Beruf voll und ganz auszufüllen. Zeugniß von seiner Bildung liefert besonders die im Jahre 1893 edirte Schrift »Der Religionsunterricht an den humanistischen Gymnasien, Beitrag zur Didaktik und Methodik desselben", eine Schrift, die freilich auch manche Kritik hervorgerufen, die ihn jedoch nicht beleidigte, „aus der er zu lernen suchte". Großes Gewicht legte Dr. Walter auf den apologetischen Theil dcL Religionsunterrichtes in der Oberklasse; er suchte seinen Zweck zu erreichen durch besondere, aus dem Pensum herausgehobene, in einem „Hilfsbüchlein" niedergelegte Thesen. Durch die ihm ganz eigene Lchr- gabe wußte er auch seine Schüler sich eigen zu machen. Wie er nun auf den Verstand der Schüler einzuwirken suchte, so strebte er, in seiner Herzensgüte, sich denselben mitzutheilen und sie für ideale Bestrebungen empfänglich zu machen. Im „Trauner", einem populären Schriftchen, reicht er der studirenden Jugend eine Gabe, durch die er sie vor den sittlichen Verirrungen mit aller Wärme und Klugheit zu bewahren sucht. Durch den feinen Takt und das sprechende Wohlwollen, das sein Privatverkehr verrieth, wußte er so manchen Studirendeu von dem Abgrund zurückzuhalten. Das Ansehen, das er in seiner früheren Wirksamkeit als Präfect im erzbischöfl. Knabenseminnr in Freifing in hohem Grade besessen, steigerte sich beim Neligionslehrcr am Gymnasium zum autoritativen Einfluß. Kein Wunder, wenn im Lehrerrath das Wort des Neligionslehrers seine besondere Geltung gefunden, wenn der Ncctor und die Collegen das wohlwollende Wort des erfahrenen Lehrers zu würdigen wußten. Eine solche einflußreiche und verdienstvolle Thätigkeit auf dem Gebiete des Unterrichtes und der Erziehung blieb nun auch dem Blick des Oberhirten nicht verborgen. Es war hier eine allgemeine Kundgebung der Freude, als die Nachricht anlangte, daß »zum Christkind" Dr. Walter zum erzbischöfl. geistl. Rath ernannt worden. Ein reiches Arbeitsfeld bewältigte dieser Dienst des Menschenfreundes. Wie rege mochte sich nun die Arbeit im Dienste des Heiligthums gestalten! I)r. Walter stellte seine Feder, seine gesummte verfügbare Zeit in den Dienst des Heiligthums, der hl. Liturgie. Mir Recht konnte er einem Gratulanten bei seinem 25jährigen Pnesterjnbiläum. zurufen: „Gottlob, 25 Jahre konnte ich nngeschwücht meine Kräfte in den Dienst der Liturgie stellen!" Die Llnsiaa, snora, die hl. Musik, war die hl. Muse, die ihn entzückte, welcher er diente mit der ganzen Juteusivität seines Wirkens. Ein Benroner Benediktiner erkannte ihm den Namen eines liturgischen Schriftstellers zu. Der würdevolle, kirchliche Gesang, der sich innerhalb der von der Kirche gezogenen Grenzen bewegt, war das Ideal, für das er lebte. Mit großer Begeisterung vermochte er darum in seiner Studie über Gregor den Großen in den Historischpolitischen Blättern dem Begründer de§ Gregorianischen Gesanges einen würdigen Tribut zu zollen. Für dieses ideale Streben war es nun von großer Bedeutung, daß durch den Aufenthalt in LandShnt Dr. Walter mit dem Gründer und GeneralprüseS der Cäcilien- vereine deutscher Zunge, mit dem Canonicus Dr. Witt, in einen innigen Freundschaftsvcrkehr getreten. Der Wetteifer Beider in der Arbeit an dem gemeinsamen großen Ziel war gleichsam zu einem Unisono geworden, in welchem Dr. Witt sein I'orto, I)r. Walter mehr sein ?iano hervortreten ließ. Die Bedeutung und die Schöpfung des Meisters Witt ward von seinem Freunde in einer Biographie in einer geradezu classischen Weise gewürdigt. Abt Jldefons Schober von Sekkau nennt diese eine Mosaikarbeit. Zur Erreichung seines Zieles ist er in einen immer mehr sich erweiternden Kreis von Freunden, den Koryphäen der kirchlichen Musik, getreten. Einen theilnehmenden, innigen Freund nannte er I»r. Haberl, den verdienstvollen Director der RcgenSburger Musikschule und Forscher der Medicäa. Die Beuronischen Klöster mit ihren KunstschSpfungen zogen ihn mächtig an. k. Ambros Kienle, unerschöpflich in seiner Geschichte der Musik, muß dazu auch das Seinige beigetragen haben. Ein großes Verdienst erwarb sich I)r. Walter durch die Zusammenstellung des Jahresberichtes über die Thätigkeit des Cäcilicnvereins in dessen Jahrbuch. Nur sein großer Bienenfleiß, den die Liebe zur hl. Sache hervorgebracht, konnte das gehäufte Material beherrschen; sein klarer Kopf suchte stets eine interessante Uebersicht und nach Kräften ein objectives Urtheil zu verschaffen. In verschiedenen kirchenmusikalischen^ Zeitschriften 322 zeigte sich seine äußerst gewandte Feder. Es konnte darum nicht befremden, daß ihn die theologische Facultät der Universität Freiburg im Breisgau zum Doctor der Theologie erkoren in Anbetracht der Leistungen auf kirchen- musikalischcm liturgischem Gebiete. Und wie er eiferte mit seinem ganzen Können für den hl. Cult, so wirkte er für die Ehre der Kirche, die den hl. Cult auf's getreueste bewahrt. Wie war er doch so sehr erfreut, als sein ehemaliger Zögling, Beichtvater Modlmayr von Frauen- chicmsee, den von ihm componirten Festhymuus an die Kirche Christi zusandte; er lobte die jugendliche Kraft, die sich dem Preis der Kirche gewidmet. In lebhaftester Erinnerung ist noch jene Meisterrede (in der Jos. Thomann'schen Buchhandlung s. Z. im Druck erschienen), die er vor drei Jahren im Nathhaus- saale in Landshut aus Anlaß des 50jnhrigen Bischofsjubiläums dem Träger der Tiara gewidmet. Das allgemeine Urtheil rühmte die großartige Anlage und Begeisterung der Rede, die Eleganz und Kraft der Sprache. Und diese Liebe zur hl. Kirche, die aus allen seinen Kundgebungen gesprochen, war nicht gesucht, sie lag tief eingegraben in seinem Herzen. Fürwahr, ein solches Wirken war das Tagewerk im Weinberge des Herrn, die Arbeit beS Menschenfreundes, des Dieners im Heiligthum. Sollte es nun möglich sein, daß diese „unermüdctc Hand« so rasch im guten Manncs- alter ermüde? Zum allgemeinen Bedauern mußte man sehen, daß mitten im Sommer für diesen Mann der Arbeit es plötzlich Herbst geworden; das fahle Herbstlaub hat das Gepräge seinen Zügen verliehen. Der körperliche Verfall kam fast rapid; dazu gesellte sich auffallend zuletzt eine gewisse seelische Depression. Zum Schluß wollte er sich noch laben und Nutze finden in dem lieblichen Neichenhall, wo er ständig seine Ferienrnhe gesucht. Und er fand dieses Thal, um nach einem schweren Leidcns- lager für immer auszuruhen. Auf Wiedersehen! Ihm, dem edlen Menschenfreunde, dem begeisterten Diener des HeiliglhumS, sei mit dem letzten Gruß dieses Strüußchen geweiht. Ilave pia anima! Ueber die Entstehung, Anlage und Bedeutung der römischen Grenzmark in Deutschland. -o- Die römische Kaiscrzeit wird gewöhnlich als eine Epoche angesehen, in welcher die Schlechtigkeit der Sitten, die Liederlichkeit der Negenten und die Kraftlosigkeit des Volkes geradezu sprichwörtliche Bedeutung erlangten. Allein diese Annahme beruht nur zu oft auf einer allzu einseitigen, engherzigen Betrachtung der damaligen Verhältnisse. Freilich, wenn wir die tiefe Verkommenheit Noms, die gemeinen, schmachvollen Hof- und Palast- intriguen, die blutigen Handlungen eines „Cäsaren- wahnsinncs" als römische Geschichte erachten, dann wird die obige Anschauung allerdings gerechtfertigt. Aber „die Geschichte der Stadt Nom hat sich zu der der Welt des Mittelmeeres erweitert", sagt Mommsen treffend.*) Staat gleicht jetzt einem gewaltigen Baume, um dessen im Absterben begriffenen Hauptstamm mächtige Ncbentricbe rings emporstreben." Hier dürfte der Schlüssel liegen zu einer günstigeren Beurtheilung jener Zeit. Auch damals ist groß Gedachtes und weithin Wirkendes geschaffen worden. Doch wir haben es nicht im Innern des Reiches und in Nom, sondern in der „Peripherie" ?) zu suchen, nach welcher sich gleichsam der Glanz und die Herrlichkeit zu verschieben scheinen. Ja in den Provinzen mit ihren vielfach trefflichen, staatlich-culturellen Einrichtungen finden wir ein gutes Stück wirklicher Arbeit jener Epoche, das zu verachten uns die christliche Hochachtung vor dem Nächsten verbietet. Ein nicht unbedeutendes Objekt dieser Energie im Kaiserreiche, wenn ich so sagen darf, bildete unter anderem auch die Herstellung jener gewaltigen Grcnzanlagen, wie solche in Englands) an der untern Donau/) auch in Afrika und Aegypten entstanden sind. Dort nämlich, wo keine Meeresküste, kein mächtiger Strom, wie Donau, Rhein, Euphrat, Tigris, einen würdigen, sicheren NeichSabschlnß bildeten, baute sich der Römer entsprechende künstliche Demarkationslinien, die sogenannten „linrites", ein Wort, das sowohl die Grenze schlechthin, als auch den Grenzkörper, das Scheidungs- mittel bezeichnet. Als das ausgezeichnetste Werk der römischen Thätigkeit in dieser Beziehung aber gilt mit Recht „die römische Grenzmark" in Deutschland, oder der Innres Ii1ra6treo-ll?ra.nsrIr6nunu8, der heutzutage so vieles Interesse erregt, weßhalb wir den augenblicklichen Stand der Frage wohl auch einmal in diesen Blättern erörtern zu dürfen glauben. Was die Limesliteratur zunächst betrifft, so findet dieselbe bei den alten Schriftstellern nur sehr spärliche Quellen, so bei Tacitus, Spartianus, FrontinuS, gelangte aber besonders in dem letzten Jahrhundert durch gründliche Forschungen zu einer ausgezeichneten Entwicklung. Aus der Unmasse von Schriften über die Grenzmark wollen wir dem Folgenden zunächst j,ene von Büchner, Maier, v. Hundt, Platzer, Mutzel, James Iatcs, v. Co- hausen, Mommsen, Ohlenschlager und Marggraff, sowie die Limcsblätter und die Berichte der Neichslimescom- missioi/) zu Grunde legen. Suchen wir nun zunächst über die I. Zeitsrage einigermaßen klar zu werden, welche allerdings als der unsicherste Punkt der gesammten Limesforschung betrachtet werden dürfte. Schon Drusus, der bekanntlich im Jahre 15 vor Christus neben seinem Bruder Tiberins Rätien und Vindelizien (die nördliche, mittlere Alpenlandschaft nebst Südbaycrn) erobert hatte, dann in den Jahren 12 —9 vor Christus vier Felvzüge gegen das nördliche Germanien unternahm, scheint nach der Befestigung des linken Rhein- ufers durch Mainz (^loZuntiaeuin), Coblenz (6oir- sirrsntes), Köln (Oolouiu rVgri^pina), Kanten (Custia. vstsi-u) auch auf dem rechten Ufer in dem durch den kriegslustigen Stamm der Chattcn sehr gefährlichen Winkel ') Mommsen: Römische Geschichte. V. Bond: Einleitung. P HodriouSwoll zwischen Corlisle und Newcostle o» Thue, aus. einer Mauer mit vorliegendem Graben und Wolle beliebend; weiter nördlich davon zwischen GlaSgow und Edinburgh liegt ein zweiter von Antoninus Pius hergestellter Woll mit Groben. «) Der TrojanSwall in der Dobrudscha zwischen Tschcrna- wodo und dem schwarzen Meere. P Dieselbe besteht seit 1892 und hat ihren Sitz in Heidelberg. Die Ausführung der Pläne und Arbeiten geschieht durch zwei Dirigenten, denen die einzelnen Strcckencommissäre unterstehen. ') Mommsen: Römische Geschichte. V. Bond: Einleitung. 623 zwischen Rhein und Main eine bestimmte Sperrlinie angelegt zu haben. Wenigstens schreibt uns Tacitus?) daß GermanicuS auf seinem zweiten Zuge gegen die Chatten bereits auf den Trümmern einer von seinem Vater, also von Drusus, errichteten „Schutzwehr", „suxsr vsstigiis xiuesiäü xatsrni", weiterbaut, was sich mit dem oben Gesagten gut vereinen läßt. Inzwischen war auch die südliche Grenze bis an die Donau vorgeschoben worden. Tiberius setzte jedenfalls nach dem Tode seines Bruders diese Anlagen fort, welche wohl in einer Kette von hölzernen Signalstationen bestanden, hie und da verstärkt durch kleinere Castelle. Vielleicht sind viele der sogenannten Begleithügel am rheinischen Limes, welche auf Grund der sorgfältigen den definitiven Grenzabschluß zwischen Rhein and Main. Diese Thatsache wird uns besonders durch Frontinus gesichert, der als Zeitgenosse Domitians volles Vertrauen verdient und in seinem Werke 8trat6Ziriaticc>n I, III, 10 berichtet, daß Oussur vowrtianus ^uZustus eine Grenz- wehr 120 Meilen weit anlegte, um sich so von dem lästigen Guerrillakrieg der Germanen zu befreien, welche von ihren „Waldthälern" und Schlupfwinkeln aus die Römer beunruhigten?) Was ist dies anders als die Erbauung des Rhein« limes von Rheinbrohl aus durch den Taunus um die sogenannte Wetterau bis nach Großkrotzenburg? Sogar die Ausdehnung von 120 römischen Meilen, etwa 177 lrm, zeigt, wie Mommsen bemerkt, keine starke Differenz mit ^ ... > ^i.. > / Forschungen Jakobt's und Loeschke'S sich als ehemalige Holzthürme, als erste demonstrative Grenzlinie darstellten, in diese Zeit zu setzen, .. Nach der Schlacht im Teutoburger Walde (9 nach Christus) gingen für die Römer diese Punkte zwischen Rhein und Main jedenfalls eine Zeit lang verloren. Doch bald, besonders nach den allerdings zweifelhaften Siegen deS GermanicuS, scheinen die zähen Eroberer wieder festen Fuß gefaßt zu haben, vor allem in der unteren Mainebene, wozu wohl die Gegend von Wiesbaden (a^uas Lluttiaeao) mit ihren heißen Quellen und sonstigen Annehmlichkeiten vielfache Anregung gab. Nach dem Erlöschen des julischen Hauses war es namentlich der thatkräftige Vespasian, welcher die alten Grenzen nicht nur wieder herstellte, wo es noch nicht geschehen, sondern auch hinausschob. Sein Sohn Domitian bewerkstelligte schon im Jahre 83 nach Christus nach einem Feldzuge gegen die Chatten spaeitus Lnnnlss. I, 56. der wirklichen Länge dieser Linie, wie sie durch v. Co- hausen ermittelt wurde, ist aber „viel zu klein, um auf die Verbindungslinie von da bis nach Negensburg be« zogen werden zu können." ^) Für die endgültige und technisch vollkommene Vollendung dieser Anlage spricht noch besonders eine zweite Stelle des Frontinus, wo er davon spricht, daß Domitianus nach dem Chattenkriege im Lande der Ubier (?) Castelle mit Wällen anlegte?) - Schon früher war das sogenannte Dekumatenland (sZri äsouvautas), hauptsächlich das heutige Neckargebiet, an Rom gekommen, da bereits im Jahre 6 n. Chr. diese D -Iwpsrntor Oneonr Dow. Lngnstns, emn Osrmoni mors sno s snttibns st obseuris Intsdrio snbinüs iwpnZnarent, tutuw^ns rsg'rsssuw in proknnän silvarum bnberent, liwi- tibns per OXX willia, xossnnm netto non wntnvit tnntnw otntuw belli seil snbieoit äitioni snns bostes, guorum reknKin nnünvsrnt.» Drontin. 8trnteKwnt. I, III, 10. > °) Mommscn: Nöm. Geschichte. V. Bd. S. 136. v) >Omn in üuibns 6ubioinm (Dbiormn?) enstslln xoneret pro krnetibus toeoruw, gnns vnllo cowprsbenäedat. - Lrrnte^m. II, XI, 7. 324 Gegend von den Markomannen geräumt wurde und von „gallischen Abenteurern", wie sie Tacitus nennt, coloni- sirt worden war. Auch hier scheinen die Flavier, wahrscheinlich wiederum Domitian, eine bestimmte Grenzlinie geschaffen zu haben, vielleicht in der Mömling- oder Odenwaldlinie, welche von Wörth am Main ausging, ihre Fortsetzung in der Neckarlinie fand und aus Holzthürmen und kleineren Castellen bestand, ohne Wall und Graben. Selbstverständlich behielt man diese Linien noch bei, auch als der eigentliche Limes erbaut war, die Castelle wurden später verstärkt, die Holzthürme durch steinerne ersetzt, so daß oft diese Werke wegen ihrer solideren Bauart für späteren Datums gehalten werden, welche Annahme von Hettner, Dirigent der Neichslimcscommission, auf Grund der neuesten Untersuchungen widerlegt wird?") Mommsen führt Tacitus als Zeugen für diese Grenz- verschiebung an und meint hier die bekannte Stelle der Germania, in der unser römischer Gewährsmann bemerkt, daß die sogenannten deknmatischen Landstriche nach dem Baue eines Grenzwalles und nach Verschiebung der Posten linaits aoto xraasiäiis xronwtis Vorland des Reiches sinns imxsrii und Theil einer Provinz wurden.") Da die Germania, wie allgemein angenommen wird, im Jahre 98 n. Chr. vollendet wurde, so dürfte der Zeitpunkt für die obige Grenzverlegung kurz vor 98 wohl unter der Regierung des Domitian zu suchen sein. Was Tacitus eigentlich mit liraits aoto meint, dürfte nicht recht klar sein; denn wir haben hier nur an die Mömling-Neckarlinie zu denken, deren Stationen noch keine fortlaufende Verbindung durch Wall oder Graben besaßen; ebenso wenig kann hier von dem eigentlichen Limes, der sicher späteren Datums ist, die Rede sein. Vielleicht ließen sich einfach lirnits aoto und xras- siäiis xromotis als zwei analoge Begriffe fassen, durch welche diese Grenzregulirung deutlich zum Aus- drucke kommen soll. Höchstens könnte man noch an die jedenfalls nicht viel später erfolgte und aus einem einfachen Grübchen bestehende Grenzmarkirung denken. Doch ist der Abstand ein ziemlich bedeutender zwischen der älteren Castelllinie am Neckar und dem Grenzgräbchen, welches, wo es überhaupt noch auffindbar ist, meist in unmittelbarer Nähe des eigentlichen Pfahles oder Limes constatirt wurde. Wohl wurde auch hiemit bereits das an das Land der Hermunduren grenzende Gebiet nördlich von der Donau von Weltenburg über Gunzenhausen nach Lorch zum römischen Reiche gezogen, jedenfalls mit dem Baue der Straße begonnen, welche von Passau über Negens- burg, Eining, Jrnsing und weiter in das Dekumaten- land führt, insoweit Hiebei nicht alte keltische Wege benutzt werden konnten, und diese Route mit Befestigungen gedeckt. Ich möchte hier nur der Vermuthung Ohlen- schlagers beipflichten — der allerdings nur in sehr vorsichtiger Weise es nicht für unmöglich, ja sogar für wahrscheinlich hält, daß die Lagerkette Jrnsing, Kösching, Pfünz, Weißenburg, Theilenhofen, Hammerschmiede älteren Datums ist als das Grenzvallum oder die Tcufelsmauer — und diese Castelle als zunächst zu dieser Straße gehörig betrachten.^) ") Hettner: „Bericht über die Erforschung bcö Limes." Vertrag vorn 26. Sept. 1895. ") tHoriuania. 0. 29. Ohlenschlazer: „Die römische Grenzmark in Bayern." Seite 83. Wenigstens bestand diese Linie bereits unter Trojan nach einem in Weißenburg gefundenen Steine, der auf das Jahr 107 weist, auch beansprucht das Castell Weißenburg selbst auf Grund seiner mehr quadratischen (also älteren) Anlage ein höheres Alter, was auch von dem Archäologen Hettner angeführt wird, obwohl derselbe kurz vorher das gleichzeitige Entstehen der Teufelsmauer und der hinter ihr liegenden Lager verficht. Noch immer bestand außer der oben behandelten Strecke zwischen Rheinbrohl und Großkrotzenburg a. M der eigentliche Limes, die Mauer oder der Wall, nicht Wann dieses Werk zur Ausführung gelangte, dürfte nur sehr schwer zu beantworten sein, und bildet diese Frage wohl den wundesten Punkt in der ganzen Limes- forschung. Selbst Mommsen, der große Historiker, erlaubt sich hierüber kein entscheidendes Urtheil. Genanntes Problem wurde besonders verwickelt durch die Entdeckung des vorhin erwähnten sogenannten Grübchens, welches jetzt an vielen Orten stets in der Nähe des Limes aufgefunden wurde und nun hier der Uebersicht halber im Zusammenhange betrachtet werden möge. Schon Pfarrer Mayer besprach vor ungefähr 80 Jahren in seiner „Reise auf der Teufelsmauer" dieses Grübchen im Hienheimer Forste, und wurde dasselbe vom Rheins bis an die Donau zunächst durch die Herren Wolff, Soldan, Jakobi, dann von den meisten Herren Streckencommissüren constatirt. Die ersten und schönsten Resultate wurden im Taunus und in der Rheinprovinz erzielt, und besteht dort das Grübchen nach dem Berichte des Baumeisters Jakobi *b) in einer äußerlich unsichtbaren, etwa 20 römische Fuß von dem zeitlich jüngeren Limeswall abstehenden Vertiefung, die nach verschiedenen Arten ausgesteint und wieder zugeschüttet worden ist. Auf dem Boden des Grübchens liegen nämlich entweder in regelmäßigen Zwischenräumen größere Steine, oder die Steine liegen hart nebeneinander, oder endlich die ganze Vertiefung war mit Steinbrocken ausgefüllt. Nebenher finden sich noch die der römischen Grenzmarkirung eigenthümlichen Beimischungen, wie Scherben, Ziegel, Kieselsteine, Nägel, Holzkohle und Asche. Etwas anders verhält es sich mit dieser Erscheinung auf der Strecke zwischen Main und Donau. Auch hier wurde das Grübchen meistens gefunden, jedoch nicht als absichtlich verdeckt, sondern offen. Bei diesen Untersuchungen erfolgte nun zunächst durch Herrn Kohl die epochemachende Entdeckung von Pallisaden» reihen, eine Thatsache, welche auch bald von den Herren Dr. Eidam und Gutsbesitzer Winkclmann bestätigt werden konute. Es bestehen diese Pallisaden aus Baumstämmen von etwa 40 cnr Dicke, sind besonders an sumpfigen Stellen gut erhalten und mochten vielleicht 2—3 rn über den Boden hervorgeragt haben. Pfarrer Mayer hat also für seine Behaupmng eine glänzende Bestätigung gefunden, indem bereits er angenommen hatte, daß einst in dem Grübchen Pallisaden standen. Nur eine einzige Stelle wurde nachgewiesen in der Nähe von Gunzen- hausen, wo die Pfähle in einer eigenen, zweiten Vertiefung eingesetzt waren.") Aber Herr Hettner dürfte ") Limesblatt Nr. 7, S. 60. ") U-bngeiiS wurde in jener Gegend durch Herrn Dr. Eidam sogar eine dritte Rinne aufgedeckt in jüngster Zeit. 325 Recht haben, wenn er glaubt, daß eS sich hier lediglich um eine „lokale Correctnr" handele.^) Auch das müssen wir zugeben, daß nicht überall die Pallisaden zu finden sind, aber es werden dies doch mehr oder weniger Ausnahmen und wiederum dem Ermessen der betreffenden Beamten zuzuschreiben sein. Das Grübchen mit seinem Pfahlzaune scheint also, wie bereits Ohlenschlager meint, das Ueberbleibsel der ersten vorläufigen Abgrenzung zu sein;*°) der hölzerne und solide Zaun verlieh überdies den meisten Stellen eine gewisse Festigkeit gegenüber unbedeutenderen Annäherungsversuchen. Wann ist nun diese Grenzvermarkung in das Leben getreten, oder zunächst: ist sie mit einem Schlage und gleichzeitig entstanden? So sehr ich gewissermaßen vom idealen Standpunkte aus diese letztere Frage bejahen möchte, da ja erst durch eine solche im Zusammenhang geschaffene, kühn vom Rhein bis an die Donau führende Tracirung diese Vermarkung die gehörige Bedeutung bekommen und einzelne unterbrochene Strecken wenig Zweck besitzen konnten, so sprechen doch auch wichtige Gründe dafür, daß wenigstens das Grübchen zwischen Rhein und Main früher angelegt wurde, als jenes zwischen Main und Donau, einerseits weil die rheinischen Bauten fast insgesammt früheren Datums sind, andererseits weil sich das dortige Grübchen auch in seiner Anlage wesentlich von dem übrigen Theil unterscheidet. Was den eigentlichen Zeitpunkt der Entstehung betrifft, so dürfte nunmehr die Ansicht Mommsens") und Jakobi's nichtig geworden sein. Beide glaubten nämlich, das Grübchen und der Limes seien gleichzeitige Werke, und finden so die Erklärung zu welcher eigentlich nicht Grenze, sondern Grenz!örper, Abgrenzungsweg, bezeichnet, indem diese Straße nach ihrer Meinung durch die Versteinung oder Verpfählung auf der einen und durch den Limes auf der anderen Seite bestimmt war. An manchen Orten konnte sogar diese Einrichtung ganz gut bestanden haben. Allein wollte man diese Annahme für die Allgemeinheit gelten lassen, so wäre vor allem nothwendig, daß besagtes Grübchen stets parallel und in gleichem Abstände zu dem Walle oder der Mauer einher- liefe, waS aber bei weitem nicht der Fall ist. So wurde von Herrn Strcckcncommissär Gutsbesitzer Winkelmann nachgewiesen, daß z. B. bei Altdorf und Pfahldorf in Bayern die Grenzvermarkung sich sogar 7—10 in hinter der Teufclsmauer befindet. Auch bei Gunzenhausen wird das Grübchen mit seinen Pallisaden mehrfach von dem Pfahle geschnitten, ebenso in der Rheinproviuz. Die Grenzfurche, wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen darf, mit ihren Pfählen ist also sicher früheren Datums als die Limesmnuer und wurde bei Erbauung der letzteren meistens außer Dienst gestellt. Ich möchte bei dieser Frage auf die schon viel besprochene Stelle des Spartianus aufmerksam machen in seiner vita. Haclriaui (Leben Hadrians),^) worin er uns ") Heliner: „Bericht über die Erf. d. Limes." Vertrag vom 26. Sevt. 1895. Ohlenschlager: „Die römische Grenzmark in Bayern." ") Vergl. Hettner: „Bericht über die Cri. d. LimeS". und Mommsen: „Römische Geschichte", Bd. V, Cap. IV, S. 111 Anmerk. Lelins Lpartiimns: Vita. Haäriani, 6. 12: >ker ea tsmxora st alias kregusnter in plurimis weis in gnibus barbari von ünininibns seä liinitibns (livikluntnr stixitibus Wagnis in moäum mni-alis seyis innäatis, iaetis atgus eon- nsxis. barbaros sevaravir.« versichert, daß der Kaiser in jener Zeit (etwa 124 n. Chr. Geb.) in den meisten Gegenden, wo die Barbaren durch keine natürlichen Grenzen geschieden waren, dieselben dadurch abgegrenzt habe, daß er große Pfähle in den Boden treiben und sie unter sich verbinden ließ, so daß sie das Aussehen einer Mauerhecke hatten. Es stimmt merkwürdiger Weise diese Stelle mit den Resultaten der neuesten Forschungen aber auch auf das genaueste überein. Ließen wir aber dieses Werk erst von Hadrian geschehen, so müssen wir die Entstehungszeit des eigentlichen Limes ziemlich weit hinausschieben und dem Kaiser Trojan, der nach der gewöhnlichen, allerdings man darf sagen ganz unbegründeten Annahme als Erbauer der Strecke Miltenberg-Lorch oder sogar Lorch-Hienheim gilt, keinen Antheil an dieser Befestigung gewähren In der That dürfte die Behauptung, daß Trojan den Limes erbaute, geradezu aus der Luft gegriffen sein; auch das älteste Zeugniß, welches bei Oehringen gefunden wurde, stammt erst aus dem Jahre 169 n. Chr., da bereits Mark Aurel regierte. Mommsen will sogar Hadrian vom eigentlichen Baue des Walles ausgeschlossen wissen, findet es aber dem Berichte des Spartianus zufolge für wahrscheinlich, daß dieser Kaiser eine „künstliche Sperrung" ") angebracht habe durch Verhaue. Daß solche Verhaue wirklich bestanden, ist jetzt durch die oben besprochenen Pallisaden des Grenzgräbchens evident geworden. Wenn wir auch diese Anlage in ihrem ganzen Umfange nicht dem Hadrian zuschreiben wollen, so werden wir uns doch stets hüten müssen, die Entstehungszeit der Teufelsmauer oder des Pfahles zu frühe anzusetzen, da diesem Werke jedenfalls die oben beschriebene Grenzfurche mit abwechselnden Pfahlhecken voranging. Der einfachste Ausweg dürfte der sein, daß wir eine stetige, successive Entwicklung der ge- sammten römischen Grenzmark annehmen, abgesehen wiederum von der öfters erwähnten, bereits unter Domitian vollendeten Rhcinstrecke, und zwar so, daß zunächst von den Flaviern eine Castell- und Straßenlinie geschaffen wurde von Wörth am Maine den Neckar entlang bis an die Nems über Pföring an die Donau» der nachher eine endgültige Vermarkung der Grenze durch das bekannte Grübchen folgte, welches später oder auch an manchen Orten gleichzeitig stellenweise eine Art Befestigung aus Pallisaden erhielt, und daß dann schließlich wahrscheinlich noch unter Hadrian mit dem Baue der Mauer oder des Dammes begonnen ward, ein Werk, das jcdochosicherlich erst unter den späteren Kaisern seine Vervollkommnung und Vollendung fand. Durch diese stetige, langsame Entwicklung der römischen Grenzbefestigung, welche nicht daS Verdienst eines einzigen ist, sondern einer Reihe von Regenten, dürfte sich auch die Thatsache erklären lassen, daß die späteren römischen Geschichtsschreiber uns fast gar keine Nachricht bieten über diese Bauten in Deutschland. Hätte hier irgend ein Kaiser einmal einen ganz besonders großen Schritt gethan, so würden sich das die kaiserlichen „Hof- bistoriker", wenn ich so sagen darf, wie Gallican, Tre- bellius Pollio, FlaviuS Vopiskus, Lawpridtus und Cavitolinus, für ihr Hanvwerk nicht haben entgehen lassen, und Hütte z. B. Hadrianus den Limes gebaut. 'v) Mommien: „Römische Geschichte." V. Bd., Cap. 4, Seite 141. 326 so würde uns Spartianus die Geschichte lang und breit erzählen. Ich habe bei den letzteren Punkten, besonders bei der Besprechung des Grabens, absichtlich länger verweilt, weil gerade dieser Theil jetzt das Object der eifrigsten Untersuchungen ist. (Fortsetzung folgt.) Alexander der Große in der persischen und arabischen Literatur. Von G. G. (Schluß.) Um dieselben Zeit regierte im „Westen" (Spanien, Andalusien) eine weise Königin, QuidLfa (nach einigen NuMbe von Berdaa), welche schon viel von Alexander gehört hatte und sein Bildniß zu besitzen wünschte. Sie schickte einen Maler nach Aegypten, wo sich Alexander aufhielt, und ließ ihn heimlich Porträtiren. Inzwischen hatte aber auch Alexander von der Königin gehört und suchte sich ihr Land zu unterwerfen oder tributpflichtig zu machen. Da er dies durch friedliche Unterhandlungen nicht erreichen konnte, brach er selbst gegen Westen auf, erstürmte die Burg eines Vasallen der Königin Kidafa und erschlug ihn. Dann tauschte er in einem Divan seine Stellung mit der seines Vezirs, und der Vezir mußte, als Alexander verkleidet, den Schwiegersohn des erschlagenen Vasallen und feine Gemahlin, eine Tochter der Kidafa, zum Tode verurtheilen. Alexander aber bat um das Leben der Beiden, der verkappte Vezir schenkte ihnen das Leben und schickte sie mit Alexander als Gesandten an den Hof der Königin. Diese aber erkannte ihn, da sie im Besitze seines Bildnisses war, entdeckte jedoch ihr Geheimniß erst, als sie mit Alexander allein war, und nur ihm allein. Sie versprach ihm, das Geheimniß für sich zu behalten und ihn unversehrt zu seinem Heere zurückkehren zu lassen, falls er sie und ihre Unterthanen nicht weiter behelligte, und warnte ihn nur vor ihrem Sohne Tinos, der voll des bittersten Hasses gegen ihn sei, zumal als Eidam des ermordeten Für von Indien. In einer Versammlung der Großen des Reiches, in welcher der angebliche Gesandte die Forderungen seines Herrn auseinandersetzte, kam er mit Tinos in heftigen Wortwechsel, welcher beinahe zum blutigen ! Kampfe geführt hätte, wenn nicht der Gesandte dem , Tinos versprochen hätte, den Alexander selbst in seine ' Hände zu liefern. Nun wurde er zu seinem Heere zurück- geleiiet, und als TinoS, dort angekommen, den, Alexander in seine Gewalt zu bekommen hoffte, reichte ihm dieser die Hand mit dem Bedeuten, hiemit lege er die Hand Alexanders in die seiniae. Tinos ging verblüfft von dgnnen. Auf dem Meere zog er weiter, dem Untergänge der Sonne zu. An das Ende der Welt gelangt, fand er den warmen Quell, welcher aus dem Ocean hervorsprudelt § (vergl. Koran Sure 18, 84: „Als er den Miedergang der Sonne erreichte, fand er sie in einer warmen Quelle voll schwarzen Schlammes untergehen"). Mach dem Rathe der Weisen unterließ er das Befahren ^deS Oceans, weil sein Wasser schwer wie Quecksilber sei, ein Ungeheuer berge, dessen Blick jeden Menschen tödte, und an seiner Küste zahlreiche Steine seien, welche unwiderstehlich Lachen erregten und den Tod verursachten. Krotzdem ließ er eine Ladung solcher Steine von Leuten Mit verbundenen Augen holen und mitsammt einer Menge gelben Sandes, an Farbe und Entzündlichkeit gleich Schwefel, mitnehmen, womit er später in einer Oase eine Burg aufzuführen befahl, „welche schon viele Reisende vermöge der Wirkung des Steines und des Sandes ums Leben brachte". Auf seinen weiteren Zügen durch die Länder der Erde, auf welchen das Heer äußerst viel zu leiden hatte von Ungeheuern, Drachen, Schlangen, von Feuer und Schnee, in Wüsteneien und steinigen Gebirgen, gelangte Jskander zu den Schwarzen von Habesch, welche das Heer mit Steinen angriffen, zu den Weichfüßigen, welche dem Heere auf den Knien entgegenrutschten und es ebenfalls mit Steinen bewarfen, zu den Brahmanen und Gymnosophen Indiens, und zur Stadt der Frauen. Die letztere bestand aus unzähligen Straßen, in jeder derselben wohnten 1000 Jungfrauen; ein Mädchen, das sich verheirathen wollte, mußte auswandern. Weiterhin kam Jskander zu den Wundergärten von Jram. Sie waren mit goldenen Bäumen bepflanzt, welche goldene Früchte und Juwelen trugen, die Teiche wimmelten von Fischen von reinem Onyx. Mitten im Garten stand ein Palast von gleicher Pracht. Ohne das geringste von den Schätzen mitzunehmen, verließ Alexander daS Wunderland. (Gewöhnlich verlegt man Jram nach Afrika.) Auch die Quellen des Nils suchte Alexander auf. Sie liegen auf einem steilen, abschüssigen Berge, dessen Farbe grünem Glase gleicht und von dem der Nilstrom herabfließt. Da die hinaufgeschickten Leute nicht mehr zurückkamen, beauftragte Jskander einen Mann, ebenfalls den Gipfel des Berges zu besteigen, das Gesehene auf einen Zettel zu schreiben und denselben feinem, mit ihm bis zum Fuße des Berges gehenden und dort wartenden Sohne zuzuwerfen. Dieser kehrte ohne den Vater zurück, jedoch mit der gewünschten Beschreibung. Auf einem schmalen, schlüpfrigen Pfade gelangte man nämlich zur Spitze des geheimnißvollen Berges, auf welcher auf der einen Seite höllenschaurige Wüstenei, auf der andern paradiesische Gärten sich befanden, welche jeden Ankommenden durch ihre Zauberpracht bannten und ihm alle Lust zur Rückkehr nahmen. Ohne dem Heere etwas von der verlockenden Schilderung mitzutheilen, eilte Alexander weiter. Auf seinem Zuge durch den „Süden" fand er das Diamantenthal, das von einer Menge großer Diamanten erglänzte, aber auch voll von Schlangen war. Er ließ das zerstückelte Fleisch geschlachteter Schafe in das Thal hinabwerfen, die Diamanten blieben an dem Fleische haften, und Raubvögeln, welche die Stücke zusammenrafften, wurde die kostbare Beute abgejagt. Fast in allen orientalischen Gestalten der Alexanderhistorie (auch in den abendländischen) wird die Geschichte von der Reise Alexanders in das Reich der Finsterniß und zum Quell des Lebens berichtet, jedoch mit mancherlei Variationen. In dieses Land dringt nie ein Sonnenstrahl; wer von jener Quelle trinkt, bleibt unsterblich. Alexanders Begleiter und Führer dorthin ist der Prophet Chidr (Chifr). ^) Sururi's Kommentar zu Saadi'S Chidr ist eine bei den arabischen und persischen Schriftstellern viel genannte und verschieden gedeutete Erscheinung. Nach den einen ist er ein sagenhafter Feldherr eines alten persischen Herrschers, nach andern der Prophet Ellas, nach andern der „ewige Jude". Als solcher scheint er in folgender Erzählung gemeint zu sein, da er vorn Lebensquell trinkt und sich so unsterblich macht. (Vcrgl. Rückertö Gedicht: „Chidr, Gulistan erzählt die Reise folgendermaßen: „Als der Zweigehörnte der Finsterniß nahe gekommen war und trotz des Abrathens der ihn begleitenden Weisen beschlossen hatte, hineinzugehen, sprach er zu den Männern der Erkenntniß: Welche Lastthiere sehen am schärfsten? Sie antworteten: Die Pferde. — Welche Pferde sind am scharfsehendsten? Die dunkelbraunen Stuten, die noch nicht geworfen haben. — Da wühlte er von den dunkelbraunen Pferden 6000 dunkle Stutenfüllen aus, wählte ferner 6000 verständige und erfahrene Männer aus und stellte über je 1000 Mann einen Anführer aus der Zahl der Weisen. Aber den Chtdr stellte er über die 2000 Mann seines Vortrabs. Dann befahl er dem übrigen Theil des Heeres, sich zu lagern und Zelte aufzuschlagen, und sie thaten es. Und er verbot ihnen, sich zu trennen, bis er zurückkäme. Da sprach zu ihm Chidr: O König I siehe, wir werden in die Finsterniß hineingehen, aber einander nicht sehen können. Was sollen wir thun, wenn wir irre gehen? Da reichte ihm der Zweigehörnte eine rothe VenuSmuschel und sprach zu ihm: Wenn ihr fehlgehet, so wirf diese auf den Boden, und wenn sie, auf die Erde geworfen, laut ertönt, so gehet ihrem Tone nach. Nun zog Chidr inmitten seiner zwei Abtheilungen weiter, bis er zum Thale gelangte, in welchem die Quelle war, und als er etwas sehr süßes roch, kam ihm der Gedanke, daß die Quelle wohl in diesem Thale sein könnte. Daher warf er jene Muschel in's Thal hinab, und sie ertönte laut. Chidr stieg hinab und fand den Quell, und sah weißes Wasser, weißer als Milch und süßer als Honig und angenehmer an Geruch als Moschus. Er trank davon, wusch sich, bestieg sein Pferd und kehrte zurück zu seinen Gefährten. Jskander aber erreichte und fand das Thal nicht." Vielmehr irrte er rathloS in der Finsterniß umher, kam zu vier auf Säulen sitzenden Vögeln, mit denen er sich in verschiedene Klagcgespräche einließ. Eine unbekannte Stimme rief aus der Dunkelheit, daß es sowohl denjenigen, welcher von den am Wege liegenden Steinen welche mitnehme, später reuen würde, als auch denjenigen, der es unterlasse. Einige Soldaten nahmen solche Steine, andere nicht. Als sie aber aus der Finsterniß herausgekommen waren, zeigte es sich, daß die mitgenommenen Steine kostbare Edelsteine, Hyazinthen und Chrysolithen, waren. Da ergriff in der That alle Neue, diejenigen, welche zu wenig, und die, welche gar nichts mitgenommen hatten. Nirgends fehlt bei den mohammedanischen Autoren die Geschichte vom Baue des eisernen Walles, den Alexander in einem Bergthore zum Schutze gegen die Näuberstämmc Nordasiens errichtete, welche gewöhnlich unter den Namen Gog und Magog („Jadschudsch und Madschudsch") zusammengefaßt werden, und mag dies wohl darauf beruhen, daß auch der Koran dieselbe ausführlich erzählt. Sure 18, 93 ff. heißt es: „Dsulkaruain verfolgte seinen Weg weiter von Süden nach Norden, bis er zu den beiden Bergen kam, unter denen er ein Volk fand, das kaum verstand, was er sagte. Und sie sagten: O Dsulkarnain, in der That, Gog und Magog verwüsten das Land. Sollen wir dir Tribut zahlen unter der Bedingung, daß du einen Damm zwischen uns und ihnen erbauest? Er antwortete: Die Macht, mit der mich mein Herr versehen hat, ist besser als euer Tribut; aber helft mir kräftig und ich will einen festen der ewige Jude".) Dem persischen Dichter Nisami ist Chisr das, was dem klassischen Dichter die Muse, und die Dichtkunst Wird von ihm als Lebenswasser, dem Chisr vorsteht, dargestellt. Wall setzen zwischen euch und zwischen ihnen. Bringt mir Eisen in großen Stücken, bis es den Platz zwischen diesen beiden Bergen ausfüllt. Und er sagte zu den Arbeitern: Blast mit euern Blasbälgen, bis das Eisen roth wird wie Feuer. Und er sagte ferner: Bringt mir geschmolzenes Erz, damit ich es darauf gieße. Deßwegen, als dieser Wall vollendet war, konnten ihn Gog und Magog nicht ersteigen, noch auch durchgraben. Und er sagte: Dies ist eine Gnade meines Herrn, aber wenn die Weissagung meines Herrn erfüllt werden wird, dann wird er diesen Damm zu Staub machen. Die Vorher- sagung meines Herrn ist wahrhaftig." Die hier genannte Weissagung ist die, daß die Barmherzigkeit Gottes den erbauten Niegel bis zum Erscheinen des großen Gerichtstages stehen läßt. Firdust beschreibt Gog und Magog als zwei Ungeheuer, die in ihren eigenen Ohren schlafen. Nach andern sind es Türken, Skythen, Tataren oder Chinesen. Auch Tibet erobert Alexander und kommt von da nach China. Um den Fagfur von China zur Unterwerfung zu bewegen, erscheint er, wie vor Darms und der Königin Kidafa, als sein eigener Gesandter, indem er einen seiner Vczire, Namens Fitaus, seine Stelle einnehmen und Alexander sich nennen läßt, er selbst aber als Vezir Fitaus zum Könige geht. Nachdem er dem Fagfur daS Schicksal des Darius und des Für von Indien erzählt und die Macht Alexanders geschildert hat, erkennt dieser den Alexander als seinen Oberherrn an und bewilligt ihm einen jähilichen Tribut aus den Früchten des Landes. Auch schenkt er dem Alexander seine eigene Krone, kostbare Pelze, chinesische Seide, indische und chinesische Waffenrüstungen, Gold und Silber, Moschus und Samba. In China findet Alexander einen von Nymphen bewohnten See, welche die Nacht mit Singen und Spielen am Ufer zubringen.^) Nachdem Alexander alle Dinge vom Untergänge der Sonne bis zu ihrem Aufgange erreicht, alle Völker der Erde besucht, alle Länder sich unterworfen, zahlreiche, nach seinem Namen benannte Städte erbaut und an den äußersten Punkten seines Zuges als Wahrzeichen („Talisma") eherne Standbilder (Roß mit Reiter) mit der Inschrift „Ueber mich hinaus kann niemand kommen" errichtet hatte, erhielt er vom Himmel den Befehl, umzukehren, da er bald sterben würde. In den Berichten über die Zeit, den Ort und die näheren Umstünde seines Todes gehen die persischen und arabischen Schriftsteller sehr weit auseinander. Nach der allgemeinsten Ansicht aber starb er in Mesopotamien oder in Alexandrien. In letzterer Stadt wurde er in einem goldenen, mit Edelsteinen reich verzierten und mit Honig und Aloe ausgefüllten Sarge begraben. Wie schon erwähnt, läßt Nisami Alexander noch eine zweite Reise durch die Länder der Erde unternehmen, nämlich als Prophet. Nach der Rückkehr von der ersten Reise verbrachte Jskander die Zeit mit gelehrten Gesprächen und Lösung philosophischer Streitfragen mit den sieben Weisen an seinem Hose: Aristoteles, Hermes, Plato, Thales, Porphyrius, Sokrates, Apollonius von Tyana, und gelangte auf den Stufen der Erkenntniß bis zu den Grenzen menschlicher Einsicht. Eines Tages brachte ihm ein Engel vom Himmel die Botschaft, daß Allah ihn zum Propheten auserkoren '°) Nach Spiegel, a. a. O. S. 58. °°) Die Erzählung hat Aehnlichkeit mit Plinius VI, 97 und XXXI, 35. 328 habe, und daß er die Welt dem rechten Glauben erobern und überall Sittlichkeit und Gottesverehrung verbreiten solle. Zugleich wurden ihm himmlische Hilfsmittel, namentlich die Sprachengabe, verheißen. Außer mehreren selbst erdichteten Abenteuern erzählt Nisami sodann auch von anderen Autoren (für die erste und einzige Reise Alexanders) berichtete und im Vorstehenden genannte Erzählungen. Recensionen und Notizen. Die Jos. Kösel'sche Buchhandlung in Kcmpten beginnt soeben ein neues literarischeS Unternehmen, das in erster Linie Seitens des kath. Klerus die grösste Beachtung verdient, das aber auch der kathol. Laicnwett nicht warm genug cmpioblen werden kann. Von der rühmlichst bekannten „Bibliothek der Kirchenvater", Auswahl der vorzüglichsten parristischen Werke in deutscher Ucbcrsetzung, herausgegeben unter der Oberleitung von dem leider inzwischen verstorbenen Dr. Val. Thalhofe r, veranstaltet die Firma eine Neue Subscription in einer Band- Ausgabe, die cS Jedermann ermöglichen und erleichtern soll, dieses einzigartige patristischc Sammelwerk auf einfache und bequeme Weise anzuschaffen. Die kathol. Literatur wird wenige Unternehmungen ausweisen, welche an Umfang und Bedeutung der „Bibliothek der Kirchenvater" gleichkommen. Zwei päpstliche Anerkennungsschreiben, biscböfl. Empfehlungen des gesummten hochw. Episkopates von Deutschland, Oesterreich und der Schweiz und die gesammte kathol. Fachpresse haben aus den hohen Werth dieser altchristlichen Klassiker-Bibliothen hingewiesen. Auch in protestantischen Kreisen, wo ein derartiges Werk gänzlich sehlt, wird die „Bibliothek der Kirchenvater" entsprechend gewürdigt, und einzelne Schriften werden gerade von dieser Seite besonders bevorzugt. Seit Beginn der ersten Subscription sind nahezu dreißig Jahre verflossen, und es ist inzwischen eine ganz neue Generation herangewachsen. Die Verlagshandlung verdient daher volle Anerkennung, daß sie durch Eröffnung der Neuen Subscription auch den jüngeren Geistlichen Gelegenheit gibt, das Sammelwerk anzuschaffen, das in jeder theologischen Bibliothek zu finden sein soll. Naturgemäß bietet die Neue Subscription auf das abgeschlossen vorliegende Werk viele Vorzüge vor der ersten Subscription, wo daS Unternehmen erst begonnen und noch Niemand den genauen Umfang der Sammlung vorauSbestimmcn konnte. Die Neue Subscription erscheint in 80 Bänden, eine dankenSwerthe Neuerung, do dadurch ein viel rascherer Abschluß gesichert ist. Jede Woche soll ein Band ausgegeben werden, so daß die Subscribcnte nach etwa 1'/, Jahren im Besitze der ganzen Sammlung sein werden. Der Bezug des Werkes in kürzeren Terminen oder vollständig auf einmal steht selbstverständlich Jedem frei und gelten für letzteren Fall ermäßigte Preise. Die drei letzten Bände werden jedem Abonnenten gratis geliefert. Im Uebrigcn gibt über die Art und Weise der Subscription, über die Bezugsbedingungen rc. ein „kurzer Berichts (32 Seiten) sowie ein „ausführlicher Bericht" (112 Seiten) ausreichende Auskunft. Der erstere kann gratis, der letztere für den Preis von 20 Pf. durch jede Buchhandlung oder direkt von der Verlagsbuchhandlung bezogen werden. Als eine sehr angenehme Neuerung begrüßen wir es a-ch, daß nunmehr auch jeder einzelne Kirchenvater sowie jeder einzelne Band ohne Erhöhung des PreiseS apart abgegeben lv rd. Wer z. B. lediglich sich für die Schriften des heiligen Augustinus oder ChrhsostomuS rc. interessirt, kann nunmehr ohne Preiserhöhung die betreffenden Bände einzeln beziehen, Was namentlich allen Jenen willkommen sein wird, welchen rotz der jetzt gebotenen großen Erleichterungen doch noch die lnscbaffung des ganzen Sammelwerkes zu kostspielig ist. Wir schließen, indem wir nochmals die Verlagsbuchhandlung zu dem großartigen Unternehmen beglückwünschen und der Neuen Sub- scripiion die gleiche Verbreitung und Anerkennung wünschen, die erfreulicher Weise das Unternehmen schon von allem Anfange an gesunden hat. /S. Im 32. Jahresberichte des naturwissenschaftlichen Vereins für Schwaben und Neuburg (Augsburg 1898) findet sich eine höchst interessante gcogiiostische Arbeit: „Beiträge zur Kenntniß der tertiären und quartä reu Ablagerungen in Bayerisch-Schwabcn" von Fritz Nühl in Jssing, die namentlich in paläontologischer Beziehung in hohem Grade nicht nur die Aufmerksamkeit der bezüglichen Fachgelehrten, sondern auch der gebildeten Laien auf sich lenken wird. Der dem geistlichen Stande angehörende Herr Verfasser, der seit Jahrzehnten theils unter Leitung hervorragender Geologen und Paläontologen, theils allein seine diesbezüglichen Forschungen in dem ausgedehnten Gebiete von den Alpen bis zum Jura und von der Jller bis zum Ammersee mit unermüdlichem Eifer betreibt, hat die bei seinen geognostiscben Untersuchungen erhaltenen faunistischcn und floristischen Petrefaktenfunde sorgfältig gesammelt, bestimmt, nach den verschiedenen Profilen ausgeschieden geordnet in einer sehenswerthen Privatsammlung untergebracht und in der erwähnten Arbeit die geoznostischcn Gliederungen des Gebietes mit allen in denselben aufgefundenen Einschlüssen zu einem übersichtlichen Gesammtschichtcnbilde vereiniget. Die Arbeit behandelt in 10 Kapiteln: Den Flysch und die eingelagerten Nummulitenschichten. — DaS oligocäne Molassemccr, die bayerischen Pechkohlen und die Cyrenenscbichtcn. — Die untermiocäne, gelbgrane Blättermolassc, die Nngulosa- und Crepidostomakalke. — Das mittelmiocäne oder Ncogcnmeer. — Die brackischen Kirchbcrgerscbichten oder der Kirchbcrger Schlier. — Die graue Günzburgcr Molasse. — Die gelbe Molasse oder die oberen Ablagerungen des Obermiocäns. — Die pliocänen Ablagerungen. — Die Glacialablagcrungen. — Das Postglaciale. — In vorurteilsfreier Weise hat der Herr Verfasser durchweg die geognostische Beschaffenheit des durchforschten Gebietes aufgefaßt und die Ergebnisse der Untersuchung, gestützt auf ein reichliches Einschlußmaterial, in objectiver Form dargestellt. Bescheiden und gut motivirt vertritt er seine hier und dort von den bisher geltenden Anschauungen abweichende Meinung, be- nützt mit großer Gewandtheit und gründlicher Stoffbeherrschung die von bewährten Autoren in ihren bezüglichen Werken geschaffene Basis für den weiteren Ausbau der gcognosiiscben LagerungSvcrhältnisse unseres Alpenvorlandes, und hat damit einen hochachtbaren Beitrag zur Vervcllständigung der Geognosie unseres engeren Vaterlandes geliefert. DidioC., Die moderne Moral und ihre Grund- principien kritisch beleuchtet. 8°, VIII -j- 103 Seiten. Straß-burg, B. Herder, 1896. M. 2,00. s Die „Straßbnrger Theologischen Studien", herausgegeben von Alb. Ehrhard und Eug. Müller, haben sich in der katholischen Gclchrtenwelt einen guten Klang erworben durch die kritische, wissenschaftlich-nüchterne Haltung ihrer Beiträge. Mit vorliegendem Bündchen, das seinen Vorgängern in keiner Weise nachsteht, sind die „Studien" zum 3. Heft des II. Bandes gediehen. Im ersten Kapitel bespricht Didio das sittliche Problem in der gegenwärtigen Zeit, die das traurige Bild einer Auflösung aller sittlichen Begriffe darbietet. Der folgende Abschnitt macht den EudämoniSmus und Militarismus zum Gegenstand der Erörterung. Daran schließt sich ein Kapitel über den französischen Positivismus und den Darwinismus. Besonders interessant ist das vierte Kapitel, welches das Moralprincip des Culturfortschrittes behandelt. Nickt minder belehrend sind die beiden noch folgenden Abschnitte über Kants Ethik und den Pessimismus. Die letzten Zeilen der lesenswertben Schrift gehen auch mit der „deutschen Gesellschaft für ethische Cultur" ins Gericht und fällen ein Urtheil, dem jeder besonnen denkende Leser nur zustimmen kann. Theologisch-Praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. od. 80 S. gr. 8". Preis ganzjährig 5 Mk. Inhalt des 9. Heftes 1696: Die Hospize an den Alpenpässen. — Kloster VormbaS. — Ueber Predigten für Gebildete. — PastorcllcS von der Reise. — Competcnz bei Veränderungen von Kirchengemeinden. — Soll man in Predigten gegen die Mode eifern? — Kann ein offenkundiger Renegat und Todsündcr kirchlich getraut werden? — Der Klerus und die Jnteressenkämpfe auf dem Lande. — Die religiösen Standesvereine und ihre Bedeutung für die Gegenwart. — Mehr Beachtung der Armenscclsorge, besonders der verwahrlosten Kinder. — Beleidigungen von Seite der Pfarrkinder. — Wer ist verpflichtet, bczw. berechtigt, die Rogationsmesse zu lesen? — Be- achtenswerthe Kleinigkeiten. — Neueste Erlasse und Entscheidungen der römischen Congregationen. — Literarische Novi- tätenschau. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 42 16. Giri- 189k Miß Diana Vanczhan in ihrer wirklichen Gestalt.*) Der antt-freimaurerische Kongreß zu Trient hat namentlich durch einen seltsamen Zwischenfall Aussehen erregt. Während alle Besucher desselben vollkommen einig waren über den Satz, daß die Freimaurerei aus religiösen und politischen Gründen durchaus verwerflich und mit allen erlaubten Mitteln zu bekämpfen sei, erhob sich ein, von der einen Seite mit förmlicher Erbitterung geführter Streit über die Frage: Wie steht's mit „Miß Diana Vaughan"? Dieser Streit steht in engerm Zusammenhang mit Erörterungen, welche im August und September lebhaft die katholische Presse Deutschlands beschäftigten. Ein Mitglied der Gesellschaft Jesu, als ausgezeichneter Kenner der freimaurerischen Literatur bekannt, hatte nachdrücklich vor den „Enthüllungen" gewarnt, welche eine angebliche Miß Diana Baughan, ehemalige „Palla- distin" und „Luciferanerin", Verehrerin des „guten Gottes" Lucifer im Gegensatz zu dem „adonaistischen" Christengott, in französischen Büchern und Zeitschriften zum Besten gegeben hatte. Es war eine alte Geschichte, deren Anfänge mehrere Jahre zurückliegen und die in Frankreich schon viel Staub aufgewirbelt hatte. Man konnte sie in Deutschland ignoriren, so lange der Schwindel nicht die Grenze überschritt. Aber als ein pseudonymer Dr. Michael Germanus (angeblich ein Geistlicher in Wien, nach anderer Version in München) die französischen Publicationen — ohne irgendwie eine kritische Untersuchung oder Prüfung anzustellen! — zu einer deutschen Flugschrift verarbeitete (Die Geheimnisse der Hölle, oder: Miß Diana Vaughan, ihre Bedeutung und ihre Enthüllungen über die Freimaurerei, den Cultus und die Erscheinungen des Teufels in den palladistischen Triangeln), als Hr. Künzle, der in Feldkirch (Vorarlberg) wohnende geistliche General- Director des Eucharistischen Bundes, dieses Machwerk in Tausenden von Exemplaren drucken ließ und in seiner religiösen Monatsschrift „Pelikan" dafür Neclams machte, da hörte das Gewährenlassen auf. Es kann ernsten Katholiken nicht gleichgültig sein, ob in weitem Volkskreisen, und zwar unter geistlicher Autorität, der wahnwitzigste Aberglaube verbreitet wird, beispielsweise das von „Diana Vaughan" veröffentlichte „Document" des Teufels Bitrn, laut welchem die Freimaurerin Sophia Walter am 29. September 1896 in Jerusalem die Großmutter des Antichrist zur Welt bringen sollte — ein Ereigniß, über dessen Verlauf leider nichts Näheres bekannt geworden ist, vermuthlich, weil die Freimaurer dasselbe sorgfältig mit dem Schleier des tiefsten Geheimnisses umgeben haben. Jetzt lag die Gefahr der Volksvergiftung auch in Deutschland nahe — der Münchener Lourdes-Kalender für 1897 bringt schon einen naiven Artikel: „Die Palladistin Diana Vaughan durch eine Heilung in Lourdes bekehrt", und der Einspruch wurde zur strengen Pflicht. Die deutsche katholische Presse hat diese Pflicht mit vollster Einmüthigkeit erfüllt. Ausnahmslos hat sie die Vaughan'schen „Enthüllungen" als kolossale Mystifikation behandelt und ist dabei von deutsch-österreichischen Blättern kräftig unterstützt worden. Angesichts des Gesagten erscheint es kaum nöthig, daß wir die öffentlich gestellten Fragen („Wo ist die angebliche Miß Vaughan geboren? Sie wird doch in keinem wilden Lande zur Welt gekommen sein, wo es kein Civilstands-Negister gibt. Wer waren ihre Eltern? Diese kann man doch unbedenklich nennen. Und vor allem: Wo ist Miß Vaughan' zur katholischen Kirche übergetreten? Bor welchem Geistlichen hat sie ihre Irrthümer abgeschworen? Von welchem Geistlichen ist sie getauft worden? In welcher Kirche hat sie ihre erste hl. Kommunion empfangen?") noch einmal wiederholen. Bis heute ist von Seiten der Parteigänger der angeblichen Miß darauf keine irgendwie genügende Antwort gegeben worden; die Fragen werden auch niemals beantwortet werden, weil eben eine „Miß Diana Vaughan" nicht existirt. Deutsche Geistliche, Msgr. vr. Gratzfeld, der Vertreter des Herrn Cardinal-ErzbischofS von Köln, und Msgr. vr. Baum garten aus Nom, waren es auch, welche in Trient die Ehre des Katholicismus wahrten. Ihre Erkundigungen nach dem Geburtsschein der Miß, nach den näheren Umständen ihrer Bekehrung usw. wurden von einigen französischen Kongreßmitgliedern mit nichtssagenden Ausflüchten oder geradezu kindlichen „Beweisen" beantwortet — wir erinnern an die Visitenkarte, welche die Existenz der Miß beweisen sollte —, und mancher Anwesende, der als Gläubiger gekommen war, ist sehr nachdenklich fortgegangen. Der Kongreß als solcher schob die Sache unter den Tisch: er verwies die Frage an ein Comiiö. Diesem Comits Material zu bieten, ist der nächste Zweck der folgenden Zeilen. Mit dogmatischen Fragen werden dieselben sich in keiner Weise beschäftigen; es liegt nicht der mindeste Grund vor, der Entlarvung eines systematischen, auf Geldmacherei und Discreditirung des Katholicismus berechneten groben Schwindels einen so ernsten Hintergrund zu geben. Der Fehler bei der bisherigen Behandlung der Vanghan-Frage liegt hauptsächlich in dem Umstände, daß man die geheimnißvolle Persönlichkeit und ihre angeblichen Schriften zu sehr für sich behandelte. Betrachtet man sie im Zusammenhang mit ältern „anti-freimaurerischen" Schriften, so tritt sogar für den bescheiden veranlagten Kritiker die Thatsache der Fälschung zweifellos hervor. Den Schlüssel bietet vor allem dus Buch 1-6 älaß 1s au XIX. siöels, pa,r 1s äooteur Lutuills. (Oellioraraa st ürigust, kario DieLieferungs- Ausgabe dieses Werkes erschien während der Jahre 1893 und 1894. Die Buch-Ausgabe umfaßt zwei schwere Bände, jeder von fast 1000 Seiten, mit Hunderten von Bildern großentheils blödsinnigen Charakters. Vielleicht niemals sind an die menschliche Leichtgläubigkeit solche Zumuthungen gestellt worden. ES ist eine Sammlung von Teufels- und sonstigen Spukgeschichten, so phantastisch, vielseitig, in ihrer Art auch so originell, daß die Matadore der Hexen-Literatur des 17. Jahrhunderts beschämt davor die Segel streichen müssen. Ihre kümmerlichen Darstellungen, in denen sich Hexenritt, Blocksberg-Scenen, Stigma, gewürzt mit Ob- fcönitüten, bis zur Ermüdung und zum Ekel wiederholen, sind die reine Stümperei neben diesen „Erzählungen eines Zeugen", der überall dabei gewesen sein will und — das muß man ihm lassen — auch zu erzählen weiß. In die Empörung, welche die Lectüre erregen muß, mischt sich *) Aus der „Kölnischen Volkszeitung". 330 auch für den ernstesten Leser manchmal ein Lächeln, Man lese zum Beispiel „die curiose Geschichte Wladimir's" (II, 7 ff.), deren Held sich in dritter Ehe mit einer „Geistcrfrau" vermählt, die in einer tadlo-FiAoZus wohnt! Auf dem dazu gehörigen Bildchen sitzt der Getstertisch in Kranz und Schleier neben dem Bräutigam, und die Hochzecks-Gesellschaft stößt mit Sectgläsern an auf das Wohl des Brautpaares! An anderer Stelle (I, 619) erfahren wir, daß ein Geistertisch sich plötzlich „in ein häßliches Krokodil mit Flügeln verwandelte. Das Erstaunen stieg auf den Wipfel, als das Krokodil sich dem Clavicr näherte, es öffnete und eine Melodie mit den seltsamsten Noten spielte. Während des Spiels warf das Krokodil der Herrin des Hauses ausdrucksvolle Blicke zu, welche diese, wie man sich denken kann, in eine sehr peinliche Stimmung versetzten." (Genaue Nachbildungen dieser beiden Bilder werden wir in den nächsten Tagen zum Abdruck bringen.) Eine Perle in seiner Art ist auch das große Capitel (I, 481 sf.) „Die geheimen Werkstätten und das Laboratorium Gibraltars". Da erzählt „Or. Bataille" im flottesten Neportersttl, wie er sich in eigener Person in das Innere des Gibraltarfelsens begibt und dort die Höhlen besucht, in denen Menschen und Dämonen mit Wissen der englischen Regierung die Requisite des Satansdienstes und die exquisitesten Gifte fabriciren. Tubalcain begrüßt ihn in feierlicher Rede (S. 533), zuerst „in ausgezeichnetem Französisch", am Schluß aber spricht er — Volapük, die „kürzlich erfundene Sprache, welche von dem Otto LiooelöiHuö angenommen worden ist." Beim Abschied aber „überreichte mir der Dircctor des occultist- ischen Laboratoriums ein einfaches kleines Fläschchen, das kaum einige CentilitreS faßte; es enthielt einen Stoff, mit dem man in einer Zweimillionenstadt wie Paris eine mörderischere Cholera als die Hamburger von 1892 hervorrufen könnte. Andern Tags habe ich daS verfluchte Ding in's Meer geworfen." Diese und noch unzählige andere Sachen erzählt „Or. Bataille", ohne mit einer Wimper zu zucken, und der feierlichste Ernst durchweht auch seine Vorrede: Wie sein kranker Freund Carbuccia, von Reue über seine satanistische Vergangenheit ergriffen, ihm seine Sünden beichtet und ihn in den Stand setzt, sich in die geheimsten Logen einzuschlcichcn und als Augen- und Ohren-Zeuge „die lucifcrianische Freimaurerei" zu entlarven. Jetzt ist Carbuccia ein frommer Christ und lebt in tiefer Verborgenheit — seinen Aufenthaltsort darf der discrcte Dr. Bataille natürlich nicht verrathen, eben so wenig wie heute Herr Leo Taxi! verrathen darf, wo die unauffindbare Miß Vaughan vor der Rache der Freimaurer sich verbirgt. Man sollte es für unmöglich halten, daß vernünftige Leute auf ein solches Buch hereinfielen, und eine Reihe katholischer Blätter Frankreichs, so der Monde, die Vvrito und die Scmaine religiense von Cambrai haben es denn auch von Anfang an als „Roman, illustrirtes Feuilleton" usw. behandelt. Aber das tolle Buch hatte manche Eigenschaften, die nur zu sehr geeignet waren, harmlose Seelen auf den Leim zu führen. Es war glänzend geschrieben, verrieth die Kenntniß einer ausgedehnten Fachliteratur, flocht bekannte Wahrheit und neue Dichtung rasfinirt zu einem kaum entwirrbaren Knäuel zusammen — und triefte von Frömmigkeit. So wurde es möglich, daß die Macher sich auf eine Menge von Zustimmungserklärungeu auch aus geistlichen Kreisen Frankreichs berufen und eine Reclame des Verlegers das Urtheil des guten alten Canonicus Muskel citiren konnte: „Lebhaft und leidenschaftlich angegriffen, bleibt das Werk des Or. Bataille intact und geht triumphirend aus dem Widerspruch hervor. Es ist eine furchtbare, aber wahrhaftige Enthüllung des Cultus und der Werke Satans in der ganzen Welt in unserer Zeit" (Revue cath. de Coutances 29. März 1895). Wer ist nun „Dr. Bataille", dessen anonyme Autorität hinreichte, um weitern, auch gebildeten Kreisen Frankreichs den «nassesten Aberglauben mundgerecht zu machen und dem oder den Verfassern des Oiablo au 19. siöolo riesige Summen in die Tasche zu treiben? Einer von diesen Verfassern ist längst bekannt, wenn auch nicht allgemein. Im Vorwort führt sich „Or. Bataille" als Schiffsarzt der Messageries Maritimes ein, als welcher er 1880 die Bekanntschaft des reuigen Carbuccia gemacht haben will. Dieser Schiffsarzt — denn das ist er wirklich gewesen — ist Herr Or. Charles Hacks, ein Pariser Arzt, der kürzlich bei der Enthüllung ! der Schwindel-Affaire der „Seherin der Nue Paradis" in Paris oft erwähnt wurde. Die Revue Maxonnique hat den Namen genannt, das Londoner Tablct noch ganz kürzlich ebenfalls, und in Paris weiß es eine Menge Leute, auch der Abbe de Bcssonieö, der in Tricnt so eifrig als Kämpe der Diana Vaughan auftrat. Ernsthaft bestricken worden ist unseres Wissens seine Betheiligung niemals. Ist er ein Betrogener? Nein. Dafür ist er zu gcscheidt, und man braucht nur einige Seiten der zweifellos von ihm geschriebenen Einleitung gelesen zu haben, um den Gedanken fallen zu lassen. Gläubige Seelen aber machen wir zum Uebeifluß aufmerksam auf ein Buch, das eben derselbe Or. Hacks ganz kurz vor dem Erscheinen des Oialcks unter seinem wirklichen Namen geschrieben hat: (Marios Ilaolrs, Oe Oosto. (1892, I'aris. Narpon 8e Olammarion.) Man lese dort den Abschnitt Oo Oosto icköratihno, los roli§ions Mr lours Zostos (S. 111 ff.) mit seinen Ausfühumgen über die Person Christi und daS Christenthum — fast auf jeder Seite die rücksichtslose Sprache des erklärten Freidenkers ohne eine Spur von Glaubens-Ueberzengnng. Das ist derselbe Mann, der kurz darauf als Or. Bataille ein von Verbeugungen vor dem Papste und frommen Redewendungen überfließendes Buch mit der Beschreibung eröffnet, wie er einem reuigen Luciferianer die Laien- bcichte abnimmt und diese Beichte zum Ausgangspunkte nimmt, um in einem Roman ü lu JuleS Vcrne den „Lucifcriancrn" zum Besten der Kirche bis in ihre geheimsten Schlupfwinkel nachzuforschen! Wir sagen damit nicht, daß Or. Hacks das ganze Buch geschrieben hat, sind vielmehr vom Gegentheil überzeugt. Manche Partien sind ihm mehr oder minder sicher zuzuweisen, in denen der weitgereiste Mann, der Mcdi- ciner und Kenner des modernen spiritistischen Treibens zu Tage tritt. Andere Capitel verrathen schon durch den Stil eine andere Feder. Das Buch war ein C o m- pagniegrschüft, berechnet auf die menschliche Dummheit, ausgehend von dem Gedanken: Wir wollen doch einmal sehen, wieviel wir unsern lieben Landslenten vormachen können, ohne daß sie den Braten riechen; damit verdienen wir ein schönes Stück Geld, und wenn dabei möglichst viele xrotros hereinfallen, so ist das ein angenehmer Nebenerfolg. In Frankreich ist die Specu- lation leider in weitem Umfange geglückt. In Deutschland hat freilich unseres Wissens nur Or. Germanus. 331 der Theologe des Pelikan-Verlags, den ausgezeichneten Dr. Bataille mit gebührender Hochachtung citirt (Die Geheimnisse der Halle S. 14). Der Charakter des „Dr. Bataille" dürfte damit genügend aufgeklärt sein. Wir hätten uns nicht so lange mit seinem Buche beschäftigt, wäre er nicht der Erfinder der „Miß Diana Van ghan" oder mindestens der Arrangeur der ganzen mit ihr getriebenen Komödie, der Geschäftsführer der Barnumiade, die man mit ihre« Namen geschmückt hat. Auf das schärfste muß betont werden, daß „Dr. Bataille" diese Heldin schon im Sommer 1893, also lange Zeit vor ihrem angeblichen Austritt aus der Freimaurerei oder gar vor ihrer „Bekehrung", auf der Bühne erscheinen läßt: zum Theil dieselben Märchen, die der gläubige Dr. GermanuS aus ihren Memoiren citirt, kann man schon bei Bataille I. 709 ff. lesen, in einer Lieferung, die im Juli oder August 1893 erschien, ihre Einführung in den „Pal» ladismuS", daneben auch den geistreichen Schlachtbcricht ihres Specialteufels Asmodäns, bei einem Kampf zwischen Engeln und Teufeln habe er dem Löwen des hl. Markus den Schwanz abgehauen — Herr Dr. Bataille hat die Güte zu erklären, hier habe Asmodäus gelogen — und die schreckliche Geschichte vom Herrn Bordone, dem Asmodäus den Hals herumdreht, weil er gegen Diana in- triguirt; zu seinem Glück dreht ihm die gutmüthige Diana nach „20 oder 21 Tagen" den Kopf wieder richtig herum. Man beachte, daß einige Jahre später die „Memoiren Diana'S" den Bericht des Dr. Bataille im wesentlichen „bestätigt" haben, daß sie ihn noch 1896 in ihrem „Bs 33 ^ 6risxi" bestätigend citirt — damit weiß man eigentlich genug, wenigstens könnte man genug wissen. Im 2. Bande (II, 847) wird dann daS Thema Diana Vaughan weiter gesponnen, mit welcher „Dr. Bataille" „lange Unterhaltungen gehabt" hat. Es hat keinen Zweck, auf die ganze Kette wunderbarer Dinge einzugehen, die er von Diana Vaughan zu melden weiß. Die Hauptsache ist, daß er die „Luciferianerin" als eine im Herzensgrund ganz prächtige Dame schildert, die in ihrer „Blindheit" leider auf verkehrten Wegen wandelt. Ihre spätere „Bekehrung" wird offenbar systematisch vorbereitet. Namentlich wird hier (848) schon ihre „angemessene Bewunderung für Jeanne d'Arc" hervorgehoben, die später als Brücke für ihre „Bekehrung" herhalten muß. Auch sei erwähnt, daß ihre Todfeindin Sophia Wälder, die schon genannte „Urgroßmütter des Anti- ChristS", und der famose Teufel Bitru schon bei Bataille eine große Rolle spielen. Kurz, in seinen Umrissen erscheint bei Bataille schon der ganze Humbug, der später unter dem Namen „Miß Diana Vaughan" aufgeführt worden ist. Dasselbe Handwerk wurde betrieben in den beiden Monatsschriften, die „Dr. Bataille" zur Neclame für den Oialols au 19. siöols herausgab, im Lnllstill lnonsusl (1893) und in der Bsvus Neusuells (seit Anfang 1894), zu deren gegenwärtigen „Mitarbeiterinnen" bekanntlich auch „Diana Vaughan" gehört. Im Bulletin vo« Oktober 1893 wird ein (natürlich gefälschter) Brief von ihr veröffentlicht, in dem sie sich über ihr elendes Porträt im Vialols (I, 705) beklagt. Die erste Nummer der ksvns (im Titel ausdrücklich als 6owplsmsnt äs 1a publi- vation Bs Olaläs au 19. siövls bezeichnet) enthält einen ellenlangen Bericht des Ooinmavclsur I?isrrv Bantisr, zitirt aus dem Loks äs Itoms, über seine Zusammenkunft mit Diana in Paris, die ihm der liebenswürdige Dr. Bataille vermittelt. Ich kann das Citat nicht prüfen und muß es dahingestellt fein lassen, ob der ganze Bericht gefälscht ist, oder ob Dr. Bataille sich den Scherz gemacht hat, irgend ein Pariser Frauenzimmer diese Rolle der Diana Vaughan spielen zu lasten. So viel ist sicher, daß auch auS diese« Bericht wieder zum Greifen deutlich der übermüthige Humbug zu Tage tritt, der uns im Oiadls aus allen Ecken angrinst. Man lese nur ein paar Sätze aus der Schilderung des Dejeuners, mit dem Diana Hrn. Lautier erfreut: „Als man uns den Kaffee fervirt hatte, ließ Miß Vaughan Liqucur bringen; sie verlangte Fine Champagne und Chartreuse. Ein brmerkenS- werthes Detail: sie rührte diesen Liqucur nicht an und machte sich sogar den Spaß, ihn uns anzubieten, wie ein Kind, das eine kleine Bosheit begehen will; sie selbst aber trank ganz alten Cognac. Die Feindschaft gegen die Kirche, bis zur Enthaltung vo« Liqucur der Carthäuser getrieben, das ist bezeichnend! Wir merkten es und lachten. Da sagte die Luciferianerin: Ein adonaitischer Liquenr, das ist nichts für mich." AIs ich das laS, glaubte ich beinahe, „Ör. Bataille" lachen zu hören. Nachde« der oder die Fälscher die Probe darauf gemacht hatten, daß sie selbst für die ausgelassensten Tollheiten noch Gläubige fanden, glaubten sie sich natürlich alles gestatten zu dürfen. Im Bulletin vom April 1894 wird in Fettdruck mitgetheilt: Diana habe ihre Entlassung aus der Freimaurerei genommen, Documente von der größten Wichtigkeit würden jetzt bekannt werden. Der Nest ist bekannt: „Dr. Bataille" verschwand in der Versenkung, als neues Gestirn stieg auf „Miß Diana Vaughan", die „unabhängige Palladistin", die »Bekehrte", die „Heilige", wie ein geistlicher Landsmann des „Dr. Bataille" sie in Trient genannt hat, und schrieb „Enthüllungen", daß die Balken krachten. Sie gründet das Ballaäiuin rsAsnsrs als würdiges Seitenstück zum Bullstin und zur Ravus Llsususlle, sie beglückt letzteres mit ihrer Feder und zankt sich neuerdings dort in massiven Ausdrücken mit Domenico Margiotta über die Frage herum, ob sie existire oder nicht. Seit Juli v. I. hält sie die Welt mit ihren Memoiren zu« Besten, und die Krone des Ganzen bildet 1-s 33 türlsxl, beginnend mit dem Prachtsatz: „Die Zahl drei spielt im Leben Crispi's eine gewisse Rolle. Er ist Trigamist. Er ist in Italien der Mann des Dreibundes. Außerdem ist er schon zwei Mal gestorben und wird demgemäß ohne alle Frage zu« dritten Mal sterben", gipfelnd in dem „Document" von der Großmutter des Antichrists. Zur Ergänzung und „Bestätigung" dient noch ein ganzer Pack sonstiger ^anti- freimaurerischer" Literatur, der Bnoiksr äsmasqus von dem angeblichen bekehrten Freimaurer Doinel alias Jean Kostka alias Kostka de Borgia; der ^ntiwaaoii; 1a IHans-matzoiiQsris äsrnasHnss, die Bivista anti- rnassonioa; Domenico Margiotta usw. usw. Der eine mehr, der andere weniger, Betrogene oder Betrüger, weben sie alle mit an den Maschen des Netzes, welches ein Pariser Geschäfts-Consortium zuerst im viabls an 19. siösle der Leichtgläubigkeit nur zu weiter Kreise über den Kopf warf. Immer wieder muß ja betont werden, daß dieser zweifellos erdichtete Roman bereits alle Elemente der spätern „anti-freimaurerischen" Literatur enthält, die palladistischen Triangel, das Freimaurer-Papstthum, sowie die Geschichten von Pike und Lemmi nicht ausgeschlossen. Daß an dieser spätern Entwickelung vr. Hacks noch betheiligt ist, glaube ich nicht. Die Rsvus auii- 332 matzvimiqns meinte neulich, er habe sich zurückgezogen und das weitere der Madame Leo Taxil überlassen, die jetzt unter dem Namen Diana Vaughan schreibe. Ersteres wird richtig sein; mit dem zweiten thut die Revue der Madame Taxil wohl zu viel Ehre an. Sie mag etwas mitarbeiten, aber für gewöhnlich dürste „Miß Diana Vaughan" — Hosen tragen. Es ist wohl einer der kleinen Scherze des Dr. Bataille, wenn er (I, 720) mittheilt, „Frl. Vaughan trage gern Männerkleider" — das kann man ihm glauben. Man erkundige sich bei Hrn. Leo Taxil selbst, der in seinen früheren Bekenntnissen so anschaulich beschreibt, wie meisterlich er als Freimaurer zu fälschen verstand, der in der ersten Nummer der Revue Neneuelle so warm und herzlich für seinen „Freund" Dr. Bataille eintritt, der neulich in Trient als begeisterter Kämpe der unauffindbaren Miß auftrat und die Zweifler mit Schimpfereien und albernen „Beweisen" überschüttete, bei Leo Taxil, der die Mitglieder des Congresses so gemüthlich vor sich selbst warnte, da man eines bekehrten Freimaurers vor seinem seligen Ende niemals sicher sein könne. Die Parteigänger der Miß auf dem Trienier Con- greß zeigten sich ängstlich besorgt um das theuere Leben der schätzbaren Dame, die seit ihrer „Bekehrung" spurlos verschwunden ist, natürlich aus Angst vor den Freimaurern. Das stimmt schlecht zu ihrem kühnen, entschlossenen Charakter, wie ihn ihr Intimus vr. Bataille uns schildert. Was könnte ihr auch die Flucht vor den Freimaurern helfen? Der Rache ihres Leibteufcls As- modäus könnte sie doch nicht entgehen, der ihr ebenso gut den Hals herumdrehen kann, wie einst ihrem Widersacher Bordone. Es stimmt auch schlecht zu dem Helden- thum der Zwillingsbrüder Leo Taxil und Dr. Bataille, die sich bei all' ihren „Enthüllungen" keinen Pfifferling um Dolch und Gift gekümmert haben, nicht einmal um Tubalcain und den ersten Dircctor des luciferianischen Laboratoriums im Felsen Gibraltar. Sie haben's auch nicht nöthig. Wahrlich, wenn Bataille und Vaughan nicht schon da wären, die Freimaurer müßten sie erfinden, denn sie leisten ihnen mehr als ein halbes Dutzend Großoriente zusammengenommen. Man weiß unter diesen Umständen nicht, ob man lachen oder sich ärgern soll, wenn die Vaughanisten der katholischen Presse Deutschlands „Begünstigung der Freimaurerei" vorwerfen, weil sie von dem Verstände, welchen der liebe Gott den Menschen gab, bessern Gebrauch gemacht hat, als andere Leute. Jeder, der mitschreibt an dieser supsrstitiösen Literatur und mithilft an ihrer Verbreitung, jeder, der einen Finger rührt zur Vertheidigung jener findigen Pariser Literaten, welche den Aberglauben des 19. Jahrhunderts in Kassenscheine umsetzen, unterstützt bewußt oder unbewußt das freimaurerische Anti-Kirchenthum. Denn was ist die Wirkung dieses durch Betrüger von langer Hand vorbereiteten und durch Betrogene fortgesetzten Fcldzuges? Verbreitung von groben Lügen und Schwindeleien unter der Maske der Frömmigkeit; viele Katholiken, auch Geistliche, in Narrheiten verstrickt, während sie wahrlich ernstere Arbeit zu thun hätten; die Köpfe verwirrt; ehrwürdige Dinge, wie eucharistische Bewegung und geistliche Mystik, bis zur Unertrüglichkeit verquickt mit den abgeschmacktesten Münchhauseniaden; die Kirche lächerlich gemacht in einer Reihe ihrer Diener; der ernsthafte Kampf gegen die Freimaurerei behindert und compro- mittirt durch ein reguläres WindMhletigefecht — was kann ein waschechter Freimaurer mehr verlangen? Starke Worte, wird man vielleicht sagen, aber eS ist Zeit, daß sie gesprochen und beachtet werden, wenn die Kirche namentlich in Frankreich und Italien dem Schicksal entgehen soll, nicht nur nach außen compro- mittirt zu werden, sondern auch innerlich schweren Schaden zu leiden. Das Ende des 19. Jahrhunderts steht bei all' feiner „Aufklärung" unter dem Zeichen des Aberglaubens. In den verschiedensten Formen erhebt er sein Haupt, unter der Maske der Frömmigkeit wie unter dem Banner des FreidenkcrthumS, als kirchlich gefärbte Wundersucht oder kindische Prophezeiung wie als occultistischer Spuk. Bald muß der Herr Bischof von Regensburg verlogenen Kindern daS Handwerk legen, die das Volk durch „Erscheinungen" verführen, bald muß die weltliche Behörde sich um die fliegenden Erdapfel von Resau bekümmern; heute hält ein spiritistischer Club seine „Säancen", morgen muß der NeichS-Anzeiger vor dem neuesten Weltuntergangsgefasel warnen, und eben geht wieder in Berlin das Gerücht um, daß die „weiße Dame" im königlichen Schlosse spuke. Eine Fluth des Aberglaubens orängt heran, in letzter Zeit namentlich von jenseits der französischen Grenze, ein Aberglauben, kein Atom weniger albern und auf die Dauer auch gefährlich, wie die schlimmsten Orgien des Hexeuwahns im 17. Jahrhundert. In der Zurückdämmung dieser trüben Fluth von unserm Vaterlande darf man in erster Linie auf den deutschen Episkopat rechnen, denn „die Kirche ist die geschworene Feindin des Aberglaubens; und sie allein vermag ihn in wirksamer Weise zu' bekämpfen" (Bischof Simar, Der Aberglaube S. 52). Aber es ist hohe Zeit, denn auch in der deutschen VolkLliteratur religiöser Färbung — auch in Kalendern und Zeitschriften, wobei wir durchaus nicht bloß an den Pelikan denken — machen sich schon seit Jahren Erscheinungen bemerkbar, die zu denken geben. Die kirchlichen Autoritäten werden — das ist unsere Ueberzeugung — auf diesem Gebiete prüfen, warnen und nöthigensalls mit voller Entschiedenheit einschreiten, nach ihrem guten Recht und ihrer strengen Pflicht, in die That übersetzend die Worte, in welche vor 20 Jahren der jetzige hochw. Hr. Bischof von Pader- born die kirchlichen Grundsätze zusammenfaßte (Simar a. a. O. 55): „Die Kirche hat für jenes ganze Gebiet des Ueber- natürlichen ihren Gliedern als sichern Führer und untrüglichen Maßstab das apostolische Wort allzeit dargeboten: „Glaubet nicht jedem Geiste, sondern prüfet die Geister, ob sie aus Gott." (Joh. 4, 1). Sie verlangt nicht nur die strengste und gewissenhafteste Beweisführung für die Thatsächlichkett angeblicher übernatürlicher Vorkommnisse, sondern auch eine ebenso strenge, allen Ansprüchen der Vernunft und des Glaubens genügende Feststellung ihres übernatürlichen Charakters. Nur wenn diesen beiden Forderungen vollkommen genügt ist, gestartet sie den Gläubigen, dieselben als göttliche Thaten oder Zulassungen zu verehren, ohne sie jeooch zum Gegen- stanoe ihres allgemeinen und für alle ihre Glieder pflicht- mäßigen Glaubens zu erheben. Diese Grundsätze hat die Kirche immer geltend gemacht. Eben weil es sich bei dem Uebernatürlichen um außerordemliche Werke oder Zulassungen Gottes handelt, kann sie eS nicht 333 dulden, daß durch Leichtgläubigkeit, durch Selbsttäuschung oder Trug die Majestät Gottes und Seine Weltregierung verunehrt, oder ihr eigener Glaube an dieselbe, wenn auch nur scheinbar, in den Augen der ungläubigen Welt compromittirt werde." Propstei «nd Pfarrei Litzlohe.*) Es war ein Herzenswunsch des Frankfurter Historikers Fr. Böhmer, daß sich die katholische Geistlichkeit vor allem mit der Geschichte besassen möge, da ja in der Kenntniß der Vergangenheit die sicherste Waffe zur Vertheidigung gegen die böswilligen Angriffe der Gegenwart gegeben sei. Unter diesem Gesichtspunkte begrüßen wir jede Pfarr- geschichte als werthvollen Beitrag zu einer Diöcesan- geschichte, weil nur auf dem Untergründe der einzelnen Pfarreien eine vollständige Darstellung des kirchlichen Lebens in der Vorzeit erzielt werden kann. Pfarrer Lehmeier hat sich der dankenswerthen Mühe unterzogen, den Spuren der Entwicklung seiner Pfarrei Litzlohe bei Neumarkt in der Oberpfalz bis in die entlegenste Periode nachzugehen. Er erzählt uns, daß Litzlohe von 700 bis 1537 eine Propstei des Benediktinerstiftes St. Emmeran in Negensburg gewesen sei: gewiß ein anregendes Thema. Leider fließen die Quellen zur Erhärtung feiner Thesis sehr spärlich; wird ja doch Lucilinaha d. h. kleines Wasser erst im Jahre 1031 in einem Nenteuverzeichnisse von St. Emmeran genannt. Was der Verfasser über das Alter Litzlohe'S, das er bis in die Zeiten des heil. Nupertus Hinaufrücken möchte, vorbringt, geht über den Grad bloßer Vermuthung nicht hinaus. Daß der heil. Nupertus erst 696 nach Bayern gekommen sei, behaupten zwar Mabillon und Hansiz nebst zahlreichen neueren Forschern, wozu wir indessen Preger, der ein Lehrbuch der bayerischen Geschichte, und Vogel, der 1855 eine Hciligenlegende geschrieben hat, nicht zu rechnen vermögen; aber gegen diese chronologische Annahme spricht mit aller Entschiedenheit die sogen. Salzburger Ueberlieferung, welche sich stützt auf die erste authentische Lebensbeschreibung des Apostels der Bayern. (Anthaller, Geschichte der Rupertusfrage, S. 149; Seefried, Die eealasia, katana und das Zeitalter des heil. Nupertus, Beilage der Angsb. Postztg. 1892; Histor.-Pol. Blätter Bd. 109 S. 573.) Ebenso bcstritten ist das Zeitalter des heil. Emmeran selbst. (Kirchenlcxikon von Hergcn- röther-Kaulen IV, 450.) Mit höchster Wahrscheinlichkeit darf jedoch dem heil. Nupertus die Priorität zugesprochen werden; denn er kam zu einer Zeit nach Bayern, als Herzog Thcodo und seine Großen noch Heiden waren und erst durch die Predigt des eifrigen Glaubensboten für das Christenthum gewonnen wurden (Kleimayrn, Juvavia, Anhang II; Kcinz, inäiaulus ^rnouis p. 27). Die zeitgeschichtliche Einreihung Nuperts wird wesentlich erschwert durch die Unsicherheit der Geschlcchtsabfolge der agilolfingischen Herzoge (Niezler, Bayer. Geschickte I, 78). Demnach steht das Alter Litzlohe'S aus dem beiläufig angenommenen Jahre 700 auf sehr schwachen Füßen. Das; Litzlohe wenigstens rm 12, Jahrhunderte bis zum Jahre 1333 eine förmliche Propstei der reichbegabten Abtei St. Emmeran in Regensburg gewesen sei (S. 51), ist urkundlich sehr schwach belegt. Nur ein einziger *) Von Jakob Lehmeier, Kammcrer und Pfarrer. Druck der I. M. Lögl'scbcn Buchdrucker« in Neumarkt i. Q. 1896. M7 S. Preis 2 M. Name aus dem Jahre 1262 kann aufgeführt werden. Leider hat Lehmeier die Originalquellen Llonura. Doiou oder Mresaurus rwsoä. uoviss. von Pez nicht citirt; die Angaben der Bavaria oder auch Löwenthals sind oftmals nicht recht zuverlässig. Daß von 1333 an der jeweilige Pfarrer von Litzlohe, welcher dem Weltpriesterstande entnommen wurde, den Ehrentitel „Propst" (S. 8) geführt habe, klingt sehr unwahrscheinlich. Denn die Bezeichnung: Propst, xwaaiwsitus findet sich naturgemäß nur an Dom- oder Collegiatkirchen, wo mehrere Geistliche in gewisser Unterordnung angestellt waren. Die bloßen Ehrenbenennungen, wie Propst, Geistlicher Rath, bei Seelsorgsgeistlichen gehören erst der Etiquette einer späteren Periode an. Litzlohe verehrt seit unvordenklichen Zeiten den König Oswald von Nordhumbrien, welcher am 5. August 642 auf dem Maserfelde im Kampfe gegen Penda, den Fürsten der heidnischen Mercier, gefallen ist, als Kirchenpatron. Wenn man von den Pfarreien, welche dem hl. Martin von Tours, dem hl. Remigius von Reims usw. geweiht sind, auf fränkische Colonisation zurückschließt (Grupp, Culturgeschichte des Mittelalters I, 196), so deutet der Name Oswald sicherlich auf schottischen Ursprung hin. Beda berichtet nun in seiner englischen Kirchengeschichte (Iiistoria, seolesiustiaa Zentis ^nglorurn oä. Holäar lili. III, o. 3) ausdrücklich, daß Oswald, welcher in langjähriger Verbannung durch schottische Priester für die Lehre des Kreuzes war gewonnen worden, nach Antritt der Regierung über die Anglen Priester aus Schott- land sich erbeten habe, um dem Heidenthume den Todesstoß zu versetzen. Bei der bekannten Wanderlust der irisch-schottischen Mönchs (Grupp, t. o. I, 182) ist wohl anzunehmen, daß einzelne auf ihren Missionsreisen auch in die waldreiche Gegend von Litzlohe gekommen seien und zu Ehren ihres hochgefciertrn königlichen Märtyrers, dessen Beda nur mit den höchsten Lobeserhebungen, wie i-6x eliristiaiussimus (II, 5), gedenkt, ein Kirchlein erbaut haben. Der Name Oswalds war nicht bloß in England wohl geehrt, sondern sein Ruhm drang auch über das Meer nach Irland und Deutschland, erzählt schon Beda (1. o. III, 13).*) Wäre Litzlohe von Mönchen des Stiftes St. Emmeran zu Negensburg christianisirt worden, so hätten dieselben sicherlich ihren eigenen Patron auch zum Schutzhcrrn der Kirche in der neuen Besiedelung erwählt. Daß die irisch-schottischen Mönche dem Benediktiner- orden angehört haben, wie Lehmeier S. 3 und öfter behauptet, dürfte sich kaum festhalten lassen. Allerdings gab es seit der Entsendung des hl. Abtes Augustin durch Papst Gregor den Großen 596 Benediktiner in der Hcptarchie, aber die wanderlustigen Söhne Irlands und Schottlands befolgten als Priester und Mönche die Regel des hl. Patrick und des hl. Columba. Gerade gegen das ') Ueber Schottenspitäler in Frankreich spricht sich Kanon 40 der Synode von Meaux 846 sehr lobend aus und fordert deren Wiederherstellung (Hefele, Conciliengesch. IV. 115; Past.- Bl Eiwsiätt VIII, 90). Das S. 3 erwähnre Dorf mit einer Sr. Oswaidkircbe beiß! dermalen: Unrerickwaningen bei Wasscr- trndingen. Im Martyrologium von Ado wird Oswald noch nicht crwäbnt (eä. OeorAi, Hamas 1744 x. 379), dagegen bei Lebner: Mittclalterl. Kirchenfeste und Katendarien, oft, z. B. S. 82, 112, 135. 154,164; auch fehlt er im üamberger Missale aus dem Anfange des 11. Jahrh., das Sauerland im Hestor. Jahrh, der Görresgesellsch. Bd. VIII, 475—487 (1837) herausgegeben bar. Im Jahre 789 erhielt das Kloster Herford in Westfalen „des bl. Oöwclldi Heiligthnm". Kirchenlex. IX, 1145. Lt. ^UL. II, 83. öagtrende Leben der Schottenmönche war die Verpflichtung der Benediktinerregel gerichtet, immer im gleichen Kloster zu bleiben. (Grupp, I. o. I, 183; Kirchenlex. III, 673.) Wie aus Beda ersichtlich ist, unterschieden sich die irischschottischen Mönche und Priester außer Abweichungen in Tonsur und Kleidung hauptsächlich durch die Zeit der Osterfeier von den römischen Benediktinern (I. a. III, 25). Daß gerade Messer das Vaterland des hl. Bonifatius und des HI. Willibald gewesen sei, läßt sich weder aus den Briefen des Apostels der Deutschen, noch aus deu Aufzeichnungen des Mainzer Priesters Willibald, noch aus den Nachrichten der Nonne von Heidcnheim erweisen. Zu S. 21 sei bemerkt, die Nonnen von Engelthal befolgten nicht die Regel des hl. Dominikus, sondern jene des hl. Augustinus (Falckenstein, tlutic;. NoräA. II, 332; Suttner, Schematismus für das Jahr 1480 x. 87). Im Jahre 1537 vertauschte der Fürstabt Leonhard von St. Emmeran die Besitzungen in Litzlohe an den Pfalzgrafen Friedrich II., welcher auf den nahegelegenen Schlössern Heimburg und Deinschwang gerne verweilte, gegen die Hofmark Kager. Unter dem Scepter der Kurpfalz machte Litzlohe alle die religiösen Wandlungen der jeweiligen Herrscher durch, welche zwischen Lutherthum°) und Kalvinismus stets schwankten, bis endlich durch Maximilian von Bayern 1625 der katholische Gottesdienst wiederhergestellt wurde. Der dreißigjährige Krieg, der österreichische Erbfolgekrieg brachten unsägliches Elend über die Pfarrei. Die Angabe (S. 89), daß 1691 Weihbischof Adam Nieberlein von Eichstätt am Sonntag nach Jakobi die Liebfrauenkirche in dem Filialdorfe Trautmannshofen eingeweiht habe, ist unrichtig, da derselbe erst am 29. April 1708 zum Bischof consecrirt worden ist; vor ihm bekleidete Christoph Nink von Balderstein die Würde eines Suffraganbischofes (Strauß, Viri ingiAnes L^ststtsiwas p. 348). Einige gar zu kräftige Ausdrücke S. 74, 76 wären besser unterblieben; der Satz S. 92 vom Schutze des hl. Michael über den Markt Lauterhofen klingt wie Spott; auch haben sich vielfache Wiederholungen eingeschlichen, woran allerdings die Anlage des Werkes Mitursache ist. Unseres Er- achtens hätte die Darstellung der Profangeschichte sehr eingeschränkt werden sollen; denn gar viele Grafen und Herzoge, deren Namen und Hauptaktionen erwähnt werden, standen zu Litzlohe in einem sehr losen Verhältnisse. Erwärmt und gehoben wird der Leser durch die großartige Opferwilltgkeit der Kirchengemeinde Litzlohe, welche, 750 Seelen zählend, von 1877 bis 1896 die Summe von 10,987 M. zur Nestaurirung der Pfarrkirche durch freiwillige Beiträge aufgebracht, und durch den unverdrossenen Eifer des Herrn Expositus Färber, welcher behufs stilgerechter Erneuerung der Ftlial- und Wallfahrtskirche zu Trautmannshofen die hohe Summe von mehr als 25,000 M. zusammengetragen hat! Gewiß, eine solche Freigebigkeit der Geber und eine derartige selbstlose Hingabe des Sammlers verdienen alle Anerkennung. Wir schließen unsere Besprechung über Lehmeiers Buch mit dem Wunsche, daß der Pfarrgeschichte von Litzlohe bald andere nachfolgen mögen; denn gerade durch die Kenntniß der Vergangenheit wird in den Pfarr- angehörigen selbst die Liebe zur Mutterkirche geweckt und befördert. Schönfeld. Hirschmann. ') Ob Butzcr wirklich den Kindern der Obcrpfalz zu Gesichte gekommen sei und der Schreckruf: Der Außer kommt! (S. 63) daher datire, erscheint sehr fraglich (Kirchenlex. II» 16Z7). Die Jahresmappe der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst. Von I. P. Endlich ist die Jahresmappr, welche die Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst herausgibt, erschienen. Diese Verzögerung zwingt allein schon zu einem strengeren Maßstab; denn braucht gut Ding Weile, so hat es dieser Leistung an der Zeit gewiß nicht gefehlt. Die Mappe ist aber auch bereits die vierte ihrer Art und konnte deßhalb an den Erfahrungen ihrer Schwestern sich bilden. Ueberdies dient sie einer herrlichguten Fahne und muß sich in Anbetracht dessen auch eine strengere Kritik gefallen lassen. Für die christliche Kunst ist nur das Beste gut genug! Die heurige Mappe als Ganzes ist an Qualität und Quantität ein Fortschritt; i« Einzelnen kann man anderer Meinung sein. Zunächst soll diese Publikation der Welt künden, daß es noch christliche Kunst und Künstler gibt. ES ist ihr gelungen! Dann soll sie eben durch diese That künstlerisches Verständniß und damit Verlangen nach künstlerischer Arbeit wecken. Endlich will sie allen Freunden der hl. Kunst ein Dankeszeichen für ihre Theilnahme an den Bestrebungen der christlichen Künstler bieten — und eS ist ein edles, werthvolles Vergißmeinnicht geworden! Die Mappe umfaßt 12 Foliotafeln in Kupferdruck und Photothpie, 20 Abbildungen im Text nebst einem Geleitwort und Erläuterungen zu den Bildern und deren Meistern von Pfarrer Festing. Festing ist gewiß der geeignete Mentor auf dem Gebiete der christlichen Kunst und ein verdienter Vorkämpfer derselben; aber gerade deßhalb sind wir ihm ein wenig gram, daß er so karg war an wirklich einführenden und erläuternden Worten. Es handelt sich in einer derartigen Mappe, die von den Gegnern todtgeschwiegen und von den Leuten im eigenen Lager vielfach noch verkannt wird, doch vor Allem darum, daß immer wieder auf die Principien der heutigen christlichen Kunst hingewiesen und sie an den vorliegenden Bildern erläutert werden. Die beschreibenden Bildertexte L la Familienblätter, die meist nichts anderes sind, als eine schwerverdauliche Sauce über einen sonst guten Brocken, können die Ideen der Gesellschaft für christliche Kunst nicht gerade Vortheilhaft verbreiten. Es sollen diese Erläuterungen eine künstlerisch empfundene und ästhetisch sichere Erklärung des Gedankens und seiner Durchführung fein, wobei in vergleichender Weise auch auf die alte Kunst zurückgegriffen werden könnte. So hätten z. B. die Propheten von Samberger eine interessante Parallele mit den Aposteln von Albrecht Dürer zugelassen. Man hätte zeigen können, wie in beiden Fällen die monumentale Größe der dargestellten Persönlichkeiten im Gesichte con- centrirt erscheint, und wie alles Andere dagegen verschwindet. In keinem feiner Werke hat sich Dürer eine solche, fast übermenschliche Gewalt angethan, wie in der Behandlung des Gewändes dieser vier Gottgefandten. Gerade von diesem Punkte aus konnte dem Laien die tiefe Auffassung SambergerS klar gemacht werden, der sonst immer dunkel und schwer verständlich bleibt. Der in Kunstdingen weniger Unterrichtete wird sich an der Gewandung der Propheten stoßen; sie wird ihm zu nonchalant sein, so daß er darüber ganz die gewaltige Kraft 335 dieser Augen, die Beredsamkeit dieses Mundes, die Ausdauer solcher Stirnen übersehen zu müssen glaubt. Ja, es werden sicher auch Heuer wieder Stimmen laut gegen die Samberger'sche Kunst, die in der Mappe nur einen begeisterten Verherrlichet:, aber keinen Deuter gefunden hat. Die Bilder und Statuen der verschiedenen Stilarten hätten in ihrer Anpassung und Nachempfindung klarer gewacht werden sollen; bei Kolmsperger z. B. wäre eine passende Gelegenheit gewesen, dieses Künstlers vorzügliche Kenntniß des Barockstiles an den vorhandenen Beilagen zu erläutern. Die Notizen über die persönlichen Verhältnisse der Künstler interesfiren uns bei einem Dürer, Nasfael, Michelangelo u. dgl., nicht aber bei werdenden oder weniger originellen Künstlern; bei historischen, aber nicht bei mitlebenden Größen. Solange die christliche Kunst dieser Gesellschaft immer noch Mißdeutungen bei Zeitschriften, welche selber christliche Kunst pflegen, ausgesetzt ist, muß der Schriftsteller dieser Schaar wehr apologetisch und klärend wirken und das Lob der eigenen Leute, oft selbst berechtigtes, in den Hintergrund stellen. Hat doch die Zeitschrift von Schnüttgen über die Mappe des Vorjahres gesagt: „Die einzelnen Schöpfungen sind mehr beschrieben und verherrlicht, als kritisirt." Die allzu häufige Betonung des Monumentalen in den einzelnen Kunstwerken schien uns auch zu weit zu gehen; denn manchmal wird es wirklich schwer, diese Eigenschaft zu entdecken; anderseits möchten wir seit der Schrift Walter Crane's über das Dekorative in der Kunst gerade die christliche Kunst davon profitiren lassen. Nicht verschwiegen soll sein, daß der schwierig zu schreibende Text von einer warmen Begeisterung und gründlichen Kunstkenntniß zeigt; allein gerade deßhalb hätten wir mehr von diesen guten Sachen gewünscht. Was die Auswahl der Bilder betrifft, so können wir über diese nicht urtheilen, da wir ja die Art und Zahl der auszuwählenden Werke nicht kennen; jedenfalls aber hat die Jury in dem Vorliegenden gut gewählt. Es ist diesmal auch die metallische Kunst vertreten, welche bisher gefehlt. Der Altaraufsatz des Hauptaltares der Bcnnokirche in München nebst den Leuchtern und dem Mcßkreuz sind prächtige Werke der Meisterwcrkstätte von Rudolf Harrach. Gern verzichtet hätten wir dagegen auf den Altar-Entwurf von Schnell. Er enthält gar nichts Originelles und eröffnet die Gefahr, daß in Zukunft noch mehr von der gleichen Kunst in die Mappe aufgenommen werden soll. Die einzelnen Blätter sind gut reproduzirt; besonders hervorgehoben sei außer dem schon Genannten eine harmonische Ansicht der St. Bennokirche, die freilich auch von außen die schönsten Formen und die einladendste Ansicht zeigt. Am Inneren ließe sich Manches aussetzen, das zu einem praktischen und künstlerisch abgeklärten Gotteshaus fehlt. Der Marienaltar von Schmitt ist in seinem Haupttheil, der Madonna mit dem Kinde, vorzüglich; über die Wirkung der bemalten Reliefs kann man wohl verschiedener Meinung sein. Die Reliefs am Wilhelmsaltar hat Albertsdorfer streng im Geiste des Stiles geschaffen, uns dünkt: fast etwas zu streng. Wir möchten von dem trefflichen Künstler einmal Selbstständiges sehen. Das Schreinrelief zu einem Herz-Jesu-Altar von Buscher erinnert an gute spätgothische Muster; es ist von. eigenartiger Auffassung, in der Compofition fein gegliedert, beinahe zu ausgezirkelt, aber lebenswahr im Einzelnen. Die Statuen des hl. Bischofes Martin und hl. Jakobus d. Aelt. von Bradl sind ergreifend im Ausdruck und von einer meisterlichen Einfachheit der Durchführung; die Haltung zeichnet sehr zart das Ehrwürdige des Alters dieser Beiden, ohne an seine Gebrechlichkeit empfindlich zu mahnen. Von den Gemälden ist das auffälligste eine Madonna von Schuster-Woldan; diese Reproduktion, deren Original wir nicht kennen, muthct uns beinahe wie ein Feuerbach an, dessen Größe aber nicht in der Darstellung Mariens liegt. Schuster hat ein unleugbar bedeutendes Talent; will er es aber in den Dienst der christlichen Kunst stellen, so male er vorher eine gottvertrauende oder betende Mutter, eine gläubige Familie, und dann erst versuche er eS mit dem Ideal aller Mütter, mit Maria! Die übrigen Bildwerke vertreten bekanntere Namen und können, auch weil die Werke theilweise nicht mehr neu sind, Übergängen werden. Sinnig und mahnend schmückt den Einband der Mappe eine Abbildung der Loalasia, von Busch, allen Besuchern des Münchner Katholikentages gewiß noch in Erinnerung. Diese majestätische Frau mit dem feinen Zug des Schmerzes, sie ist ja die Verkörperung der ecalssia. railitans, hat auch die junge christliche Kunst unter ihren Schutz genommen und schon manchem Strebenden aus der begeisterungsfreudigen Künstlerschaar den Weihekuß gegeben. Sie hat die keimende Kunst in ihrem Dienst geschaut wie deren höchste Blüthe; sie gibt auch einem neuen Samen die Kraft und Blüthe des alten! Möchten Alle, deren Mittel es erlauben, und vor allem Jene, welche ihr hl. Beruf in das Gotteshaus an besondere Stelle gefetzt, dafür sorgen, daß die Wohnung des Herrn Zeuge der christlichen Kunst werde, nicht aber ihrer Surrogate! — Der Herr gibt uns auch nicht Steine statt Brod! Gerade die heurige Mappe zeigt, welch stattliche Schaar wahrhaft echter Künstler in christlichem Geiste wir besitzen. Gebt ihnen große Auftrüge, sorgt durch Beitritt in die Gesellschaft (Anmeldung bei Herder in München) für Hebung ihrer Mittel, und bald soll die katholische Welt erfahren, daß auch der Künstler wächst mit seinen höheren Zwecken. Necensionen und Notizen. Die göttliche Wahrheit des Christenthums. In 4 Büchern. 1. Buch: Gott uns Geist. II. Beweisführung. Von vr. Her in au Schell, Professor der Apologetik an der Universität Würzburg. 8", S. XII, 726. Paderborn 1896, Schöningh. Preis 9 M. A: Der zweite Theil des ersten Buches der SchclI'schen Apologie des Christentbnmö liegt hicmit vor. Der erste Theil beantwortet die erforderlichen Grundfragen, insbesondere über das Verhäüniß von Glauben und Wissen, Religion und Verminst, Erkenntniß und Willen, Kausatgesetz und Uriächlich- keit, Goltesbegriff und Gottesglanben, und zwar des Gottes, welcher ist die reinste und vollkommenste, weil selbstständigsie Pcrsönlichkeir. Die Beweisführung im einzelnen (II. Theil) gehl zuerst von den allgemeinen Eigenschaften der Dinge und des Wcltganzen aus und begründet so die kosmo- logische Gotleserkenntniß. Diese umreißt den Con- tingenzbeweis auS der Zufälligkeit der Welt, den Kau- salitäkSbewciS aus dem ursächlichen Wirken der Dinge, den Nom alogischen Beweis anS der Gesetzmäßigkeit der Well und den Theologischen auS deren Zielstrebigkeit. Deutlich ergibt sich aus jedem dieser Beweise die Persönlichkeit dcö überweltlichen Gottes. Die psychologische Gotteserkenntniß gründet sich auf die Vorzüge des Seelenlebens und des menschlichen Geistes, dessen Beweis die nothwendige 336 Grundlage bildet für die psychologischen GoiteSbcwelse. Die Innenwelt der Seele führt mit Sicherheit zur Annahm- Gottes als desjenigen Wesens, welches die allein hinreichende Ursache der geistigen Thätigkeiten und daS allein hinreichende Zielgut der geistigen Anlage ist. Vom bedingten Bewußtsein der menschlichen Seele schließt der Ideologische GotteSbcweis auf das absolute, sclbstbestimmtc, schöpferische Bewußtsein, auf Gott. Der Noetische GotteSbcweis geht auS von der Erkenntniß des menschlichen Geistes, welche durch Uebereinstimmung mit der thatsächlichen Wirklichkeit zur Wahrheit gelangt, und schließt von hier aus die unbedingte Erkenntniß der ewigen Wahrheit in Gott selber. Der Ethische Gottesbeweis schließt von der bedingten, heteronomen Sittlichkeit, wie sie sich im menschlichen Willen kundgibt, auf die absolute Freiheit und autonome Heiligkeit. Der Religiöse GotteSbcweis geht aus von dem Gegensatze zwischen Verdienst und Schicksal, zwischen Sittlichkeit und Seligkeit, welcher wirklich in der Welt besieht; von der Unfähigkeit des Menschen, daS Ideal der Gerechtigkeit durch den Ausgleich zwischen innerem Werth und äußerem Schicksal zu erfüllen, und schließt davon auf Gott als jene ewige Macht, welche in absoluter Gerechtigkeit daS Gute allenthalben würdigt, unterstützt und einstens in angemessener Seligkeit vollendet. Gelegentlich der einzelnen Gotlcsbeweise finden der Materialismus, Pantheismus, Pessimismus und ihre verschiedenen Unterarten eingehendste Widerlegung. Des weiteren rechtfertigt sich der Verfasser auch gegen den seinem GotteS- begriffe der Selb st Ursache katholischerseits gemachten Vor- wnrs des innern Widerspruchs und der pantheistijchen Entwicklung (S. 126—144). Der drcieinigc Gottcsbegrifs deS selbst- ursächlichen Geisteslebens ist ihm der vollkommene Erklärungsgrund der Welt und aller Gegensätze wahre Vwiöhnung: Leben, Licht, Liebe! Damit ist die unermeßliche Ewigkeit mit fruchtbarem Leben ausgefüllt; damit aber auch der Welt das strahlende Urbild der freien Arbeit und reinen Thätigkeit gezeigt, durch welche allein sie zu ihrer Vollendung und Beselignng emporsteigen kann. Arbeit und Liebe sind die zwei großen Ideale, von welchen die Lösung der socialen Frage zu allen Zeiten abhängt. Sind beide von göttlichem Adel, wie der drei- einige GottcSbegrisf bezeugt, so sind Arbeit und Liebe auch auf Erden der einzig mögliche Weg zu wahrem Leben, zu wahrer Seligkeit und Vollendung. Grundzüge der Metaphysik im Geiste deS heiligen Thomas von Aguin. Unter Zugrundelegung der Vorlesungen von Dr. M. Schneid, bischöfl. Lhcemns- rector in Eichstätt, herausgegeben von Dr. Jos. Sachs, Professor am kgl. Lyceum in Negensburg. Zweite, vermehrte und verbesserte Auflage, gr. 8, S. VIII, 253. Padcrborn 1896, Schöniugh. Preis 3 M. U Achnlich den Grundzügen der Apologetik und Dogmatik von Bautz liegen uns hier die Grundzüge der Metaphysik (Ontologie, Kosmologie. Anthropologie, Natürliche Theologie) vor, und zwar in zweiter, vermehrter und verbesserter Auflage. Die erste Auflage wurde als Manuscript gedruckt und diente als Vorlage bei philosophischen Repetitiouen. Bei der neuen Auflage wurde neben dem Zwecke einer Vorlage beim Unterrichte zugleich dem Privatgebrauch mehr Rechnung getragen. Der Herausgeber ist Schüler des sei. Regens Schneid und tritt ganz in dessen Fußstapfen, Darum versteht eS sich auch ganz von selbst, daß die Grundzüge wirklich im Geiste des hl. Thomas von Aguin gehalten sind. Pietätvoll werden sie dem Andenken Schneids gewidmet. Sie zeichnen sich durch Klarheit und UebersichtliLkeit aus und erfüllen durchaus den vorgesetzten Zweck. Was uns nicht gefallen will und was wir für eine neue Auflage geändert wünschten, ist zunächst der lang- athmige Titel, dann die Bezeichnung „Anthropologie" statt der althergebrachten „Psychologie"; abgesehen davon, daß man gewöhnlich Anthropologie als die naturwissenschaftliche Lehre vom Menschen faßt. Bei der metaphysischen Psychologie sollen die Vermögen und Thätigkeiten der Seele aus ihrem Wesen verstanden werden; deßhalb wäre dies voraus zu behandeln. In der Ontologie fehlen die Vollkommenheiten des SeinS: Einfachheit und^Zusammensetzung, Unendlichkeit und Endlichkeit, Nothwendigkeit und Contingenz, Unveränderlichkeit und Veränderlichkeit, Möglichkeit und Unmöglichkeit. Statt „Gleichung" (S. 20) hieße cS wobl besser „Gleichheit" oder „Gleichförmigkeit", statt „komplett" (S. 33, 73 und öfter) „komplet". Bei der grundlegenden Wichtigkeit der Unterscheidung von Wesen und Dasein in den endlichen Dingen wäre ein bündiger Hinweis auf die Unzuträglichkeit der gegen die Lehre des hl. Thomas (S. 16) gebrachten Einwände am Platze. Diese beruhen nämlich ausnahmslos auf einer Verwechslung der Begriffe „Wesen" und „Dasein", im letzten Grunde auf mangelhafter Analyse des Seinsbegrisses (vgl. Commer, System der Philosophie, 1. Buch, 3. Kap., 8 3, 12; Astiara, Ontoloxia, D II, 6.1, L. VI (12); lädorators, OntoloZia, 6.1, III, n. 16, I; Commer, Jahrbuch. Bd. II ff.). _ Hilfsbuch zum Unterrichte in der biblischen Geschichte. Für Seminaristen und Lehrer bearbeitet von C. Hoffmann, Seminar- und Neligionslchrer. Habel- sckwerdt, Franke's Buchhandlung. Preis brvsch. 2,40 M., geb. 2,80 M. 05. Vorstehendes HilfSbuch will den Lehrer resp. Katecheten in die Lage versetzen, bei seiner jedesmaligen Vorbereitung auf den Unterricht in der biblischen Geschichte in verhältnißmäßig kurzer Zeit sich alles das anzueignen, was sür schulgerechte Bc- banvlung einer biblischen Geschichte noibwendig ist, ohne etwas Wesentliches dabei zu übersehen. So sehr zu wünschen ist, daß der mnstergiltige Commentar zur hl. Geschichte von Knecht, oder das jüngst erschienene Handbuch von Dr. Beck sich in der Hand eines jeden Lehrers und Katccbetcn befinde, so bleibt doch außer Zweifel, daß im Sckiulleben Umstände eintreten können, welche die Lektionsverbercitnng n»b einem der erwähnten ausführlicheren Commentare erschweren oder unmöglich machen. Für solche Fälle wird unser Hilfsbuch unbedingt gute Dienste leisten. Dasselbe schließt sich zunächst an Schuster-Mey an, ist aber auch sür jede andere biblische Geschichte verwerthbar. Jede Lektion zerfällt in Vorbereitung, welche den Zusammenhang der Geschichte mit dem Vorausgehenden kurz vermittelt, Erzählung, wobei die Gliederungspuukte in Stich- worten gegeben werden, Erklärung dessen, was in sprachlicher und sachlicher Beziehung eines Aufschlusses bedarf, und Auslegung, welche die in der Geschichte enthaltenen Lehren darbietet mit Hinweisung aus den Deharbe'schen Katechismus; eine Nutzanwendung auf das christliche Leben, insbesondere auf das Leben der Kinder schließt die Lektion ab. Durch Ver- schiedenbeit des Drucks ist rasche Orientirnng über die Hauptpunkte sehr erleichtert. Unter der Einschränkung, daß durch dieses Hilfsbuch die bewährten umfangreicheren Kommentare keineswegs erseht werden wollen, kann dasselbe für den diesbezüglichen Unterricht in der Volks- und wohl auch in den unteren Stufen der Mittelschulen unbedingt empfohlen werden. Historisches I a h r b u ch der G ö r r es gesel ls ch aft. Kommissionsverlag von Herder u. Cie., München. XVII. Jahrgang. 3. Heft. Inhalt: Aufsätze: Mahr, Znr Geschichte der ältere» christlichen Kirche von Malta. Widcmann. Die Passauer Annalen. — Kleine Beiträge: Jansen, War das Herzog- thum Lothringen im M.-A. NeicbSleh» ? I 0 cichiins 0 hn, Zu Gregor Heimburg. v. Funk, Rcnchlins Aufenthalt im Kloster Denkcndorf. — Recensionen und Referate: Gothein, Jgnatius von Loyola und die Gegenreformation (Paulus). Reinhardt, Di- Correspondenz v. Als. n, Girol. Casati mit Leopold V. von Oesterreich (Pieper). LonIIot, I?o3prit pndl. u. Iss promisr. aunecs (Tbijm). Darmstädtcr, Das Neichsgut in der Lombardei (Meister). Neuere kirchen- rcchtliche Literatur (Gietl). — Zeitfchriftenschau. — Novitätenschau. — Nachrichten. Oauels Linus igiturl Licdersammlung sür Schüler höherer Lehranstalten von E. Kosteiff. 6- (VII. u. 151 S.) Mainz. Kirchheim. 1896. In Wachstuchband gebunden 1,20 Mark. Alle Herren, welche mit der Erziehung der kathol. Jugend zu thun haben, wissen, welche Menge von CommerS- und anderen Liederbüchern in die Hände ocr Schüler höherer Lehranstalten kommt, ihnen aber nur für Glaube und Sitte Gefahr bringt. Es wird deßhalb von allen Interessenten freudig begrüßt werden, hier eine Sammlung zu finden, die ohne Bedenken der stndirenden Jugend empfohlen werden kann. Jugendlichem Frohsinn und Heiterkeit ist bei der Zusammenstellung der 165 Lieder, die unter der Leitung des Rectors eines bischöflichen KnabenconvictS besorgt wurde, weitgehendste Rechnung getragen. Format und Einband des ansehnlichen, preiswürdigen Büchleins sind so eingerichtet, daß es zu gemeinschaftlichem AuS finge bequem mitgenommen werden kann. Für letzteren Zweck sind auch 14 religiöse Lieder beigefügt, die beim Besuch von hl. Orten gesungen werden können. H. von Haas L Erabherr in Augsburg. l Berantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts Heber die Entstehung, Anlage und Bedeutung der römischen Grenzmark in Deutschland. (Fortsetzung.) II. Anlage des Limes. -o- Nachdem wir nun so die verschiedenen Anlagen ihrer Aufeinanderfolge nach betrachtet haben, ist es angezeigt, dieselben d. h. vor allem den eigentlichen Limes nun auch in seinem Zuge und in seiner Beschaffenheit etwas näher kennen zu lernen. Die Teufelsmauer beginnt also unweit Hienheim an der Donau, überschreitet bei Kipfenberg die Altmühl, zieht unter einigen stumpfen Winkeln nach Gunzenhausen, durchquert nochmals das Altmühlthal, wendet sich dann nach Südwcsten, geht über die Sulzach, die Wörnitz, die Jagst und den Kocher, durch das Nemsthal bis nach Lorch. Hier stößt fast senkrecht an die bisherige Strecke, welche auch den Namen rötischer Limes trägt, der sogenannte obergermanische Grenzwall an, läuft schnurgerade etwa 92 stw weit bis nach dem Wallfahrtsorte Walldürn, von dort unter mehreren kantigen Biegungen nach Miltenberg am Maine. Früher, ja eS ist noch gar nicht so lange her, war man der Ansicht, daß der Wall bei Freudenberg über den Main und durch den Sprssart gehe. Allein von Miltenberg bis Großkrotzenburg bildet der Main selbst die Grenze, der Wall fehlt, und es finden sich aus der linken Stromseite nur Thürme und Castelle, welche meistens gegenüberliegende Thäler beherrschen, wie dieses die Ausgrabungen des Herrn Con- rady gnr Genüge bewiesen. Bei Großkrotzenburg, dem Fundorte einer Menge von römischen Alterthümern, stand eine steinerne römische Brücke über dem Maine. Wie eine große Bastion drängt sich nun auf der anderen Seite der Pfahl in das Land der Ehalten ein, um uach einem großen Bogen bei Nheinbrohl am Nheiue zu endigen. Mit Ausnahme der älteren Rhein- und Taunus- linie, welche dem VolkSstamme der Chatten gegenüber einen mehr feindseligen Charakter trügt und sich den Bodem^rhältnissen möglichst anpaßt, setzt die übrige Strecke kühn über Berge, Füsse und Schluchten, liebt gerade und kurze Linien, die nur in großen Abständen durch stumpfe Winkel unterbrochen werden. Der Pfahl rcpräsentirt sich gegenwärtig an den Stellen seiner besten Couservirung als niedriger, aber sehr breiter Erd- oder Steindamm. Der Graben ist größtentheils ausgefüllt. Die Cultur und der Ackerbau haben schlimm mit der Anlage gehaust, und dichter Wald war bis jetzt der beste Schutz. In Manchen Gegenden, besonders bei Thalübergängen, verliert sich jede Spur von ihm; doch sind dies meistens nur kleinere Strecken und fallen für die Gesammtforschung weniger in das Gewicht. Der ober-germanische Grenzschutz hat ungefähr eine Längs von 368 lew, der Attische von 174 kin. Was den Namen Teufelsmauer betrifft, so läßt sich dieser leicht in der naiven Anschauung des Landvolkes erklären, welches das ungeheure Wer? sich nicht aus natürlichen Kräften entstanden denken konnte. Für die Namen Pfohl, Pfahl, Pfahlhein, Pfahl- ranken gibt eS verschiedene Deutungen. So erblickt Morrmsen darin ein einfaches Lehnwort, das lateinische Vnllnm, v. Cohausen denkt an Grenzpfähle, Schlag- bäume an Durchgängen, wahrscheinlich um ja nicht Pfahl mit den fabelhaften Pallisaden in Zusammenhang zu bringen. Nachdem aber jetzt die vielgesuchten Holzreste glücklich an's Tageslicht befördert worden sind, dürfte der gewöhnlichen Erklärung auch nicht mehr viel im Wege stehen. Ich benutzte bisher meistens für den limes linötierm den Namen Teufelsmauer, für den übrigen Theil der Grenzmark die Bezeichnungen Wall oder Damm, da dies der Wirklichkeit mehr entspricht. Denn in der That besteht der obergermanische Limes zwischen Lorch und Nheinbrohl in einem Walle mit einem davorliegenden Graben, während wir auf der rätischen Strecke zwischen L o r ch und Hieritz e im eine Mauer vorfinden. Das Profil des obergermanischen Limes läßt sich in Folge der vielfachen Zerstörungen nur schwer bestimmen, doch dürfte man auf Grund der neuesten Untersuchungen eine Höhe von 2,50 bis 3 wr annehmen. Der Kamm des scheint ziemlich schmal gewesen zu sein und konnte folglich, wie vielfach behauptet ward, schwerlich Pallisaden getragen haben. Ebenso fehlte dem Walle eine Berme oder Wallgang. Die dem Nomer zugekehrte Seite war naturgemäß sanft ansteigend im Gegensatze zu der in'L Feindesland schauenden steileren Außenböfchung. Zum Baus ist nur Erde verwendet. Auf der germanischen Seite lief vor dem Walle ein Graben her, dessen Tiefe mit der Höhe des Dammes ungefähr convenireu mußte, da sicherlich das Material des letzteren aus dem ersteren geschöpft wurde. Mit diesem Graben dürfen wir jedoch nicht das obenerwähnte Grenzgräbchen mit seinen Pallisaden verwechseln, welches in einiger Entfernung meistens vor dem eigentlichen Wallgraben sich vorfindet. Den rätischen Grenzschutz dagegen von Lorch bis nach Hienheim bildete eine wirkliche Steinmauer, deren Höhe etwas über 2 in, und deren Breite ungefähr 1 m betrug. Diese Bauart war jedenfalls bedingt durch die felsige Zurabodenformatiou, in der besonders die Aus- hebung eines Grabens erheblich; Schwierigkeiten verursacht hätte. Wohl aber waren die überall sich vorfindenden und leicht verwendbaren Kalkstücke für eine Maueranlage geeignet. Die Mauer ist natürlich nach fast 1700 Jahren nur sehr schwer jetzt als solche noch zu erkennen (am besten noch in Württemberg bei Ell- wangen) und ist meist zu einem regellosen Stcindamme ! zusammengesunken. Schon Büchner hatte diese einstige Anlage richtig erkannt, wenn er sagt: „Daß sie (die Mauer) gemauert und die Steine mit einer Art von Mörtel Zn- sammengelittet waren, davon kann sich ein jeder, welcher diesen Grund untersucht, überzeugen," Dagegen vestreitcn Pfarrer Mayer und nach ihm der Engländer James Natcs^) die Existenz einer Mauer, vor allem einer gs- mörtelten, und nehmen nur einen etwas regelrecht aufgeschichteten Steindamm an. Allein spätere, genau: N rch- forschnngen, unter anderen auch durch Ohlerrschtager, "°) „Reise aus der Tcuselsiuaner" Z 22, 5 (R-g-» mrg 1St8). ") Jahrbuch des historischen Vereins für Schwaben unk» Neuburg. Jcchrg. XXIII. haben die Mauer erwiesen, welche vielfach sogar reichlich durch Mörtel verbunden war. Die wenigen Aenderungen von dieser allgemeinen Anlage sind durch die abweichenden lokalen Bodenverhältnisse leicht zu erklären. Von eigentlichen Eingängen oder Ausgängen hat man, abgesehen von Wnsserdurchlässen, bis jetzt nur einen einzigen in der Nähe von Dalkingen entdecken können, weil wohl gerade solche Stellen, wie auch Ohlenschlager sagt, „am frühesten und am meisten der Zerstörung preisgegeben waren". An Fluß- und Thalübergängen nahm man früher meistens Lücken im LimeS an. Allein in neuester Zeit wurde sowohl bei Gv.nzcnhavscn durch Herrn Dr. Eidam, sowie vor Kurzem bei Kipfenberg durch Herrn Gutsbesitzer Winkelmann eine Verpfählung entdeckt, welche an Stelle der Mauer durch das Thal geht. Auch Neste von hölzernen Stegen sowie gepflasterte Furten durch daS Flußbett sind bereits nachgewiesen.^) Längs der ganzen Anlage lief nach allgemeiner Annahme ein breiter, abgeholzter Streifen Landes, welcher freien Ausblick gewährte und einen heranschleichenden Feind leicht entdecken ließ. Thürme und Wachthäuser. In steter Begleitung des Pfahles, namentlich aber auf günstiger gelegenen, wichtigeren Punkten finden wir die sogenannten Wachtthürme, ^xeonta." „dni'Zi". Sie dürsten durchschnittlich 400 — 800 m, also auf Signalweite, von einander entfernt sein und waren in Näticn in die Mauer selbst eingebaut, wahrend wir sie sonst hinter dem Damme treffen. Von ihrer einstigen Gestalt läßt sich anßer dem meist rechteckigen Grundrisse nur Weniges bestimmt erkennen. Einigen Aufschluß dürften uns jedoch, wie bereits James Iates erwähnt, die Abbildungen ähnlicher Bauten auf der Trajanssäule in Nom geben. Es finden sich an diesem Monumente nämlich Thürme, welche mit den unsrigen in engster Beziehung stehen. Die eine Abtheilung zeigt zwei Stockwerke, um das obere läuft eine Gallerte, auf welcher eine brennende Fackel angebracht ist, die uns deutlich die Verwendung dieser Bauten zum Signaldienst erklärt. Die Bedachung ist pyramidenförmig, die Mauern bestehen aus Steinen, das Ganze ist von einer Verpfählung umgeben. Die anderen Gebäude sind einstöckig, sonst den vorigen ähnlich und charakterisiern sich besonders durch das Fehlen der Gallerie als gewöhnliche Wachthäuser. An solche Anlagen haben wir wohl bei unseren Limesthürmen zu denken. Der Raum mochte etwa für 2 — 3 Mann hinreichen, welche sich jedenfalls in der schon von Vegetius^) angegebenen Weise „bei Nacht durch Feuer, bei Tag durch Rauch" mit ihren Kameraden verständigten. Die Thürme besaßen, wie wir aus ihren Fundamenten schließen müssen, nur leichtes Mauerwcrk und eine bemeutsprechende, vielleicht 6—7 m betragende Höhe. Die Steiubauten scheinen in der ersten Zeit meistens durch hölzerne vertreten gewesen zu sein. In größeren Entfernungen, besonders an gefährlicheren Stellen des LimeS, zeigen sich öfters etwas stärkere Umwallungen, welche Ohlenschlager mit dem passenden Namen „Feldwachen" bezeichnet. -) Vergl. Marggraff: „Die römische Reichsgrenzc." ^) Vergl. Vegetiuö: -ve rs wiltrari.« 1, III. 0. ä. Die Castelle oder Lager. Den eigentlichen Stütz- und Haltepunkt des Limes bilden jedoch erst seine Castelle, besser gesagt castra, feste Plätze, welche das Land beherrschten und als Kasernen für die Truppen dienten. Von Lorch bis an den Rhein liegen die Grenzlager fast alle unmittelbar am Limes, während sie in Nätirn oft, wie Psünz und andere, ziemlich weit hinter der Mauer sich befinden. v. Cohausen^) hatte daher nicht ganz Unrecht, wenn er vor etwa 10 Jahren sagte, daß in Nätien die Lager überhaupt fehlen, wahrscheinlich „in Folge der schon in Tacitus erwähnten freundschaftlichen Beziehungen zu dem dortigen Grenzvolke der Hermunduren! In der That gehört meiner Ansicht nach die Castelllinie Jrnsing, Pföring, Kösching, Pfünz, Weißenburg usw. zunächst zu der in dieser Richtung führenden Straße. Lassen wir allerdings die Entstehung dieser Plätze mit der des Limes zusammenfallen, so wird die richtige Erklärung dieser Abstände Schwierigkeiten haben. Ohlenschlager führt zwei Gründe für diese Dislokation an, einmal weil das Terrain am eigentlichen Limesznge für die Anlage einer Straße und somit auch für Castelle ungünstig war, oder weil die dortigen Truppen auch an der Donau von Hienheim abwärts verwendet werden sollten. Doch findet es Ohlenschlager auch für nicht unmöglich, ja sogar für wahrscheinlich, „daß die Lagerkette hinter dem Vallum älter ist, als die künstliche Grenze, daß die Lager da aufgeschlagen wurden, wo die Verbindung günstig war, und daß bei späterer Feststellung und Anlage der Grenze die bereits vorhandenen Lager aufzugeben nicht für gut befunden wurde, weil die Verbindung am Limes schwierig und zu oft unterbrochen gewesen wäre". Diese letztere Annahme dürfte ganz besonderen Glauben verdienen, zumal sie, wie wir oben sahen, auch mit der Zeitfrage auf's beste harmonirt. Unter den im Ganzen etwa auf 60 sich belaufenden Limcscastellen möchte ich neben den bereits erwähnten nur noch auf die bekannteren hinweisen, wie Lorch, Murrhardt, Oehringen, Miltenberg, Trennfurt, Sroß- krotzenburg, Butzbach, Saalburg und Ntcdcrbiebcr. Der Römer unterschied zwischen eastra äinrnu: leichter gebauten Marsch-, Sommer- oder NebungSlagern und den castru Stativ», welche eine sorgfältigere Befestigung erhielten. Zur Anlage wühlte man günstig und höher gelegene Punkte, doch nicht wie der Raubritter im Mittclalter steile Felsenkuppen, was der römischen Kriegskunst widerspricht, die sich weniger in Defensive verhält. Dabei hatte man, wie uns der römische Militärschriftsicller Vegetins wiederholt berichtet, das zu beachten, daß eine nie »erstechende gesunde und nahe Quelle vorhanden sei, das; im Winter das Futter und das Holz nicht ausgehe, daß der Ort nicht Ueberschwemmnngen ausgesetzt sei und daß er nicht durch eine höher gelegene Umgebung beherrscht und gefährdet weröc?°) v. Cobanscn: „Der römische Erenzwall". Oblcnschlagcr: „Die römische Grenzmark in Bayern." Seite 82. 2 °) Oavenänm, ne per nestaiem, ant mordosa in proximo, ant snlndris aqna. sie longins: Iiiews ns pabrilatio äerit nrw lig'nnin ns sndtitis tsmpsstatibns enmpns soleat iunmtari . . . . uv ex snperioribns weis misse, ab bostibns in omn tela pervenient. Vegetlus: v. r. m. Itl 6. 8. 339 ^czüglich des Grundrisses einer solchen Verschanzung müssen wir uns vor dem bekannten Fehler in acht nehmen, nämlich nach eine« bestimmten Schema alles übrige zu beurtheilen. So sagt schon Vcgetius: „Den lokalen Verhältnissen entsprechend, wird man dem Lager entweder eine quadratische, runde, dreieckige oder längliche Form geben; doch hält man die (Lager) für schöner, deren Länge die Breite um ein Drittel übertrifft."^) Doch dürfen wir es mit den Theorien des Vege'-ius nicht zu ernst nehmen, andererseits sie aber auch rächt, wie es von Cohausen thut, für „nie befolgte Kathederweisheit" erachten. Droysen^) nimmt mit Recht an, daß in Rom allgemeine Normen, reglementarische Vorschriften über die Einrichtung eines Lagers erlassen waren, damit bei Beziehung desselben zur Vermeidung von Unordnung und Zeitverlust jeder sofort darin Bescheid wußte. Ein solches 6u8trum war gewöhnlich in rechteckiger Form angelegt, während ältere Bauten, wie z. B. Wiesbaden, mehr quadratische Umrisse zeigen. Die eigentlichen aa8tru 8tutivu waren alle mit einer Mauer umgeben, welcher auf der Innenseite eine starke Ervanschüttung vorliegt, der sogenannte Wallgang. Die Mauer war mit den für das Schleudern von Geschossen praktischen Zinnen versehen und ungefähr so hoch, daß ein Mann, der sich hinter der Zinne befand, vollkommene Deckung hatte. Die Höhe der Mauer, von der Grabenkrone an gerechnet, dürfte man nach neuesten Angaben und Forschungen im allgemeinen auf 3 m schützen?") Der Graben vor der Mauer entsprach ungefähr dieser Höhe und war oft noch durch einen zweiten verstärkt. Von einer Verpfählung hat man bis jetzt noch nichts entdecken können. An den Ein- und Ausgängen war natürlich keine Vertiefung vorhanden. Unter diesen vier Thoren lag die portu xiaatoi-ia, stets dem Feinde zugekehrt, ihr gegenüber die xortu äeouinuuu. Auf den Flanken des Rechteckes befanden sich die Prinzipalthore oder die xorba. prinvipalw ciextra. und die xortu xrincixulia 8int8tru. Diese beiden letzteren waren gewöhnlich durch einen mittleren Pfeiler in zwei Eingänge getheilt, dienten der Besatzung als Nnsfalls- wege und waren nicht gerade in der Mitte, sondern gewöhnlich mehr in der Nähe der portu pruatoria, angebracht. Alle Thore aber waren mit Thürmen bewehrt, die hinsichtlich ihrer Gestalt wohl den oben besprochenen Signalthürmen ähnelten. Oberhalb des Einganges prangte, wie vielfache Funde zeigen, oft eine Inschrift in den bekannten Majuskeln, großen Buchstaben, die aus Bronzeblech geschnitten und vergoldet waren. Auch die Castellecken waren durch Thürme befestigt und der besseren Vertheidigung halber stark abgerundet?*) Außerdem finden sich mitunter auch sonst in die Mauer eingebaute Thürme. Die zwei Seitenthore sind durch die via. xrinoixmiis Die Stelle beißt wörtlich: »Leo neoessitato loei vol gnackraka., vol rotuncka, vol trtg'oinr, vol oblonZa. eastra oou- sritues.kamen xnlobriora oreckuutnr, gnidus Ultra lakitnckispatinm tortia xars lonKituütuis aäckitur. -°) „Röm. Greazwall" S. 335. 2 °) „Die Polhbianische Lagerordnnng" S. 35. Castell Saalburg bei Homburg i. T. Bekanntlich kann eine scharfe Maucrccke nur unvollkommen durch Sckleudcru und Schießen gedeckt werden, bietet aber dem Feinde etnen um so günstigeren Angriffspunkt. oder Hauptstraße, die beiden anderen durch die via. xraa- toria mit einander verbunden. Rings um das Lager geht die via angularis. Man unterscheidet gewöhnlich zwischen einem Vorder-, Mittel- und Hinterlager. Der erste Theil war schon zu Polybius' Zeilen mit den Zelten und Lehmbüten des regulären Militärs besetzt, der mittlere enthält das ?raa- toriuni, das Bureau des Commandanten mit dem sa- calluw, dem Aufbewahrungsorte der Feldzeichen. Rechts davon (wenn wir die porta xraetoria als Ausgangspunkt nehmen) befand sich gewöhnlich das Quästorium, links das Forum, ein freier Platz für Versammlungen und Ansprachen. Hier war ferner meistens der Ort für die Wohnungen der Tribunen und sonstigen höheren Offiziere, für Magazine und Einrichtungen zu kriegerischen Uebungen, das Nücklager bot wohl auch einigen kleineren Abtheilungen Unterkunft und enthielt vornehmlich die Werkstätten, Brunnen, Bäder und heizbaren Räume. Die letzteren sind sehr interessant und einer genaueren Betrachtung würdig: Der Boden des betreffenden Zimmers, welcher aus Steinplatten besteht, ruht auf regelmäßig geordneten Säulchen oder Pfciler- chen; auch die Wände sind von Canälen oder Kacheln durchzogen. Sollte nun der Raum geheizt werden, so zündete man in einem eigenen, mit den Canälen in Verbindung stehenden Kämmerchen ein Kohlenseuer an, die heiße Luft strich durch die Pfeiler und Kacheln und erwärmte so rasch den umschlossenen Raum. Von diesen unterirdischen oder Hypokaustenheizungen sind jedoch die oft damit verwechselten Bäder (dalirsa.) zu unterscheiden, welche nur ein Kaltwasscrbecken und eine Schwitzkammer besaßen, dagegen schon aus technischen Gründen nicht mit Warmwasserbassins versehen werden konnten. Was den Rauminhalt der Castells betrifft, so mochte derselbe durchschnittlich im Mobilfalle für 500 Mann ausreichen, während natürlich für gewöhnlich die Besatzung viel geringer war. In Zahlen ausgedrückt, steigt die Größe der Ausdehnung von 6000 ) Röm. GesS. Bd. V, S. 143. Vita. Haäriaui 6. 11. °') Diese Ansicht wird besonders durch v. Cohausen stark Vertreten. by Büchner: Reise auf der Teufelsmauer. Z 22. versahen und ablösten. Diese letzteren endlich hatten ihre bestimmten Strecken zu begehen und zu überwachen. Einen solchen armen railss limitaneus (Grenzsoldat) haben wir uns etwa unter dem Helden des bekannten Scheffel-Liedes vorzustellen: „Ein Nömer stand in finstrer Nacht am deutschen Grenzwall Posten." Spürte nun dieser Wächter etwas Verdächtiges, so stellte er sich hoffentlich meist nicht so langweilig an wie der obige, „blies sein Horn" zur rechten Zeit, rief seine Wachtkameraden, gab seine Feuerstgnale, und „die Co- horte" aus dem nächsten Castell „erschien" dann wohl auch nicht zu spät „am Platze". Man sieht, „dem Andränge größerer Leermassen" konnte der Limes, wie Graf Hundt richtig bei der Beschreibung der Teufclsmauer bemerkt, „keinen bedeutenden Widerstand entgegenstellen". — „Wohl aber" kann man „aus den Resten eine Verthetdiguugslinie zum Schutze von Colonien erkennen, vollkommen ausreichend, mit ihrer Besatzungsmannschaft gegen den Uebermuth Einzelner und räuberische Anfälle kleinerer Wanderhorden Sicherheit zu gewähren."^) Bei größerer Gefahr jedoch war dadurch wenigstens einer unvorbereiteten Ueberrumplung vorgesorgt, und konnten sich die schwächeren Abtheilungen auf die stärkeren zurückziehen, bis man so gemeinsam den feindlichen Anprall auszuhalten im Stande war. Das Grenzmilitär rekruttrte sich meistens aus älteren, emeritirten römisch-germanischen Kriegern. Sie hatten Familie, trieben Ackerbau und besaßen als Lohn für ihren Dienst Ländereien vom Staate. Ueber die Zahl dieser Truppen lassen sich keine sicheren Angaben machen, v. Cohausen nimmt durchschnittlich für ein Castell 720, Mommsen gegen 500 Mann Besatzung an, dies jedoch in Kriegszeit oder noch besser im Belagerungsfalle. Für gewöhnlich brauchte wohl eine Garnison nur so stark zu sein, um die nöthigen Sicherheitswachen und Vorposten stellen zu können. Mommsen schätzt die rätische Grenzarmee im höchsten Falle auf 10,000 Mann,") der übrige Theil dürfte demnach nicht ganz zweimal so stark gewesen sein. Nicht eingerechnet sind jedoch dabei die Reservetruppen in den großen Standlagern innerhalb der Provinz, wie Regensburg, Faimingen, Augsburg, Straßburg, Mainz usw. Unter der Obhut der römischen Grenzmark blühte bald eine gewisse Cultur auf, aus den Castellnieder- lassungen erwuchsen kleine und große Städte, Handel und Verkehr nahmen einen mächtigen Aufschwung, die Herrlichkeit des Reiches schien fast in die Provinzen wandern zu wollen. Doch alles umsonst l Das Riesenwerk sollte keine lange Dauer besitzen. Das Nömerreich mit all seinen großartigen Leistungen diente nur dazu, dem Christenthums die Wege zu ebnen. Ein ungeschwächter jugend- kräftiger Stamm sollte über den Trümmern des morschen Baues neue Staaten gründen und die Lehren des Heiles empfangen. Bald ergriffen die Markomannen, welche etwa im heutigen Böhmen ihre Wohnsitze hatten, im Verein mit mehreren anderen Stämmen an der Donau die Offensive gegen Rom, durchbrachen die Grenzmark und drangen zweimal bis Aquilcja in Italien vor. Nur mit Auf- °°) Graf Hundt: Bericht über eine Begehung der Teufelsmauer. S. 15. ") Mommsen: Röm. Gesch. Bd. V, S. 143. (Anmerk.) 346 bietung aller seiner Kräfte vermochte Mark Aurel in drei Fcldzügen (von 166—175 und 178—180) diesen gewaltigen Anprall zurückzuweisen. Um diese Zeit gründen sich bereits die für das römische Reich so verhängnisvollen germanischen Völkervereine. Schon Caracalla kämpft gegen die Allcmannen, welche später, im Jahre 233, die Bollwerke nördlich von der Donau größtentheils zerstören und siegreich in Nütien einfallen. Alexander Severus, der aus Pcrsien herbeieilte, sowie sein Thronräuber Maximin können den Verlust nur theilweise wieder gut machen. Unter den Wirren der sogenannten Zeit der 30 Tyrannen ging sogar das Land links des Rheines verloren. Seit Ende des 3. Jahrhunderts bilden wiederum Rhein und Donau die Reichsgrenzen, und selbst der glückliche Feldzug des Kaisers Probus im Jahre 277 scheint wenig Erfolg gehabt zu haben. Nur Rätien, südlich von der Donau, hielt sich noch länger. Aber auch hier hatte sich „das ganze Leben und Treiben auf einige befestigte Orte concentrirt", welche endlich mit dem Sturze des römischen Kaisertums durch die Schaaren des Odoaker auch ihre Thore öffneten?') Schon bet den ersten Einfällen scheinen die Germanen mit den römischen Grenzbefestigungen ordentlich aufgeräumt zu haben, wie die überall reichlich entdeckten Aschen- und Kohlenreste z. B. uns zeigen; was sie aber nicht thaten, das brachte der Zahn der Zeit in 1600 Jahren zu Stande: der Landmann suchte den Lehmdamm abzutragen und anderweitig zu benutzen, man verflachte die umgestürzte Mauer zu einem Fahrwege, und aus den Steintrümmern der Thürme und Castelle baute man Straßen und ähnliche Anlagen! So ist es gekommen, daß in unserer Zeit die Arbeiten des Forschers oft mit vieler Mühe und mit nicht geringem Aufwande verknüpft sind. Mit Freude ist daher die Thatsache zu begrüßen, daß seit einigen Jahren vom Staate selbst dafür gesorgt wird, daß auch nicht die letzten Reste dieses gewaltigen Werkes spurlos von der Erde verschwinden. Rede des Herrn Pfarrers A. Schwarz in Ottenbach (Württemberg) gehqlten aus dem Ersten Internationalen Antiireimanrer-Congreß in Tricnt am 28. Sept. 1696. Euere Eminenz! Hochwürdigste Herren Bischöfe! Erlauchte Herren! Hochansehnliche Versammlung! Gestatten Sie auch einem Vertreter deutscher Zunge in dieser hehren Versammlung einige Worte über den hochwichtigen Gegenstand, zu dessen internationaler Berathung wir uns in dieser geschichtlich so berühmten Stadt vereinigt haben. Mit Rücksicht auf die eng bemessene Zeit lassen Sie mich gleich in weäias res eintreten und, wenn auch nicht ausschließlich, doch auptsächlicb das Ziel und Streben der deutschen Freimaurerei ,um Gegenstand meiner Ausführungen machen. Vergegenwärtigen wir uns vor allem die Thatsache, daß die Freimaurerei ein Weltbund und für die Menschheit das werden und sein will, was unsre Kirche auf Grund göttlicher Bestimmung ist, nämlich katholisch d. h. allgemein, die ganze Erde umspannend. Finde!, wohl der angesehenste, fruchtbarste und einer der gelehrtesten Logenschriftsteller Deutschlands, spricht diese Wahrheit an zahllosen Stellen, z. B. in seiner Schrift „Geist und Form der Freimaurerei", offen in den Worten aus: „Der Maurerbund soll ein Menschheitsbund sein, der sein einigendes Gezelt wölbt über die Verschiedenheit der Racen, ") Köstler: „Die Römer in Rätien". Artikelserie V in Heft 6 d. Jahrg. 1896 der Zeitschrift „Das Baycrland". Nationalitäten und Konfessionen." Und: „Dieser Bund der Bünde umsaßt die ganz- Menschheit." „Als Maurer sind wir nickt Deutsche, sondern Menschen; als Maurer sind wir nicht Staatsbürger, sondern Weltbürger." Ja, Findet nennt sogar die Freimaurerei in seinem Buch „Die mooerne Weltanschauung" wörtlich „den wahren, innerlichen und freien Katholicismus" gegenüber unserer hl. Kirche, die er als den falschen, aus äußere Auctorität gegründeten, mechanischen und cultnrwidrigen Katholicismus bezeichnet, der ein Zerrbild des Göttlichen sei." Also der von Christus gegründeten Weltkirche will die Loge eine andere gegenüber stellen, ihren freimaurcriscben Weltbund. Schon hier klingt somit etwas von dein Rufe durch: Hie Christus, hie Antichrist, hie katholische Kirche, hie Loge! Der Großmeister Bruder Settegast aber sagt: „Vollendet wird der Bau der Freimaurerei dann erst dastehen, wenn er den ganzen Erdkreis umspannt." Und: „Wir sahen . . . daß die Freimaurerei den Plan verfolgt, alle guten Menschen einem Weltreich unterzuordnen, in dem die Humanität als Herrscherin thront." Da legt sich wie von selbst die Frage nahe: Was soll nun aber das einigende Band, den geistigen Inhalt dieses neuen frei- maurerii'chcn Weltbundes ausmachen, zu welcher Religion wird er sich bekennen? zum Christenthum, als zu der geoffenbarten Religion, oder zur bloßen Vernunftrcligion, zu jener, die als Motto murmelt: „Wir glauben all' an einen Gott: Christ, Jud' und Heid' und Horrentott"? Damit stehen wir vor der wichtigen Frage: Wie stellt sich die Loge, die Freimaurerei zum Christenthum? Um diese ebenso objectiv als gründlich beantworten zu können, müssen wir nach jenem Worte suchen, das kurz und treffend den ganzen Bekenntniß- und Strebeinhalt der Loge zum Ausdruck bringt. Es ist das sreimaurcrische Schlag- und Stichwort „Humanität", ein Wort, das heutzutage auf so vielen Lippen sitzt. Von diesem Schlagwort wimmeln die Werke und Schriften der berufensten Vertreter des Bundes. So sagt Finde!: Das Ideal der Humanität theoretisch zu erzeugen und im Leben praktisch zu verwirklichen, ist unicre wahre und denkbar höchste Aufgabe. Wie oft spricht nicht Finde! von dieser Humanität! Wie oft redet nicht der als freimaurerisLer Schriftsteller und Logcnbeamtcr bekannte Professor und Geh. Regierungsrath Seitegast von ihr! So sagt letzterer z. B.: Die Loge ist eine Schule der Sittlichkeit und die Freimaurerei eine Gemeinschaft, welche die Humanität zur Herrscherin aus Erden einsetzen will. Was hat nun aber diese vielgenannte und vielgepriesene Humanität im Munde der Loge für eine Bedeutung? Diese sreimaurcrische Humanität bedeutet das „Reinmenschliche" unter Verläugnung alles Göttlichen im christlichen Sinne und im schneidigen Gegensatz zu demselben. Diese frcimaurerische Humanität macht die Menschheit unabhängig von Gott, löst sie los von jeder übernatürlichen Gewalt, stellt die Menschheit ganz auf sich selbst und trennt sie damit von jeder Offenbarung, von allem Christenthum. welch beide die Loge grundsätzlich verwirft. Also auf Grund ibreö HumanitätSprincipcs, ihres rein- menschlichen, alles Ucbernatllrliche und Göttliche im christlichen Sinne verwerfenden Standpunktes ist die Freimaurerei eine Läugnerin jeder Offenbarung Gottes, eine Vcrwerferin und Gegnerin des Christenthums. Diese schwerwiegende Beschuldigung muß bewiesen werden. Lassen wir diesen Beweis jene führen, welche theils als Mitglieder und Kenner der Loge, theils als ihre gefeierten Geschichtsschreiber und Schriftsteller das auj's genaueste wissen müssen. Ich will in dieser bedeutsamen Frage zunächst den angesehenen Freimaurer und im Studium des Logenwesens ergrauten Geschichtsschreiber, der als eine der ersten Auctoritg^n anerkannt ist, zum Wort kommen lassen. ES ist der bereits citirte Finde!. Er, der als das Orakel der deutschen Freimaurerei bezeichnet werden kann, spricht sich hierüber mit einer Grundsätzlichkeit und Offenheit aus, die deutlicher nicht sein könnte. In seiner „Modernen Weltanschauung" sagt er z. B.: An die Stelle der Offenbarung (Gottes) tritt die Vernunft und an Stelle der unfehlbaren Kirche oder Bibel das logische Denken. (S. 60.) Weiter: Das alte und das neue Testament sind für die moderne Weltanschauung, die Sittenlehre ausgenommen, überwundene Standpunkte, so gut wie die VedaS und der Koran. Er verwirft S. 49 die Erschaffung der Welt durch Gott, lehrt die Ewigkeit der Materie, er polemisirt gegen das Gebet im christlichen Lünne (S. 42, 43, 55), bezeichnet das Christenthum als ein menschliches Werk, verwirft den Sünden- fall, die Erbsünde, die Erlösung (57), nennt solch christliche Lehren Wahn und Irrthum und ruft, um seine ganze Feindseligkeit gegen jedes Christenthum zusammenzufassen, pathetisch aus: „Sagen wir es offen, meine Brüder, der Maurerbund sei keine christliche Union, kein Nblagcrnngsort sür die überwundene 347 theologische Phrase, sondern ein weltbürgerlickicS Institut, der Tempel der allgemeinen Menschenliebe und des freien Geistes." Sehen Sie hier ein gewaltiges Stück sreimaurcriscbcr, vielgepriesener Humanität. Ja, dieses sreimaurerische Humanitäts- princip mit seinem grundsätzlich christcnfeindlichen Charakter ist cS, das Finde! an einer andern Stell? ausrufen läßt: „Religiöse „Ketzerei" war somit von jeher der charakteristische Grundzug des Maurerthums. Auch in der heutigen Forni und Verfassung tritt es (das Maurertlmm), wenn auch unausgesprochen, den Prätensioncn der Kirche entgegen. Denn, fährt er fort, eine Anstalt (nämlich die Freimaurerei), welche daS Lichtsuchen gebietet, anerkennt keine göttlich geoffenbarte, für alle Zeiten feststehende Wahrheit." Diese Humanität ist eS. welche nicht nur Finde!, sondern die ganze Freimaurerei zur Gegnerin des Christenthums macht. Denn wie Finde! so denken und sage» alle wahren Freimaurer, alle, welche nicht bloß äußerlich mitthun, sondern den Geist der Loge erfaßt haben. Dieses Humanitätsprincip erklärt uns der deutsche Frciniaurer Gcttbold Salomon in seinen Stimmen aus Osten mit den Worten: „Eine christliche Freimaurerei wäre der entschiedenste Widerspruch, ein eckiger Zirkel, ein rundes Winkelmaß", erklärt uns der deutsche Freimaurer Stilting, der in der Freimaurerzeitung „Bauhütte" bekennt, daß die Logen seit ihrer Gründung die Trägerinnen und Verbreiterinnen des Naturalismus oder der sogenannten Vernunftreligion waren, also jener Religion, welche jede Offenbarung und damit den Höhepunkt aller Offenbarung, das Christenthum, verwirft, erklärt uns der deutsche Freimaurer Jochinus Müller, der in seinem Werke „Kirchenresorm" unheimlich offen eingesteht: „Ein freies, wahres Hcidcntbum steht unö näher, als ein engherziges Christenthum." Was unter diesem freimaurerischen Humanitätsprincip zu verstehen, wie sehr cS die gründliche Läug- nung alles Christlichen in sich begreift, daö lehrt uns die „Bauhütte", jene deutsche Freimaurcrzeitung, die sich „Organ sür die Gcsammtintercsstn der Freimaurerei" nennt, also gewiß alö Sprachrohr dcS freimaurerischen Geistes angesehen werden darf. Sie bringt ungescheut die Rede des Freimaurers Br.'. Schulze über die Unsterblichkeit und den Glauben. Darin heißt es: Unsere errungene Vervollkommnung lebt durch die geistige Nachlassenschast, durch die Kindererziehung oder das gute Lebens- bcispiel in unsern Mitmenschen, ja bei großen Menschen in künftigen Geschlechtern fort. Dies ist die, unserem Verstände erfaßbare, vernunftgemäß e Unsterblichkeit. Zur Erfüllung dieser Lebensaufgabe bedürfen wir weder der Versprechung himmlischer Freuden, noch der Drohung mit Höllenqualen, wir erkennen einfach in dieser Aufgabe unsere Pflicht. Nicht ein Wiedersehen im Jenseits soll uns trösten .Erst wenn wir unS von jedem Phantasiegcbilde frei machen, weroen wir unsere Lebcnsauigabc recht erkennen. Wäre uns zu ihrer Erfüllung etwas UebernatürlickeS nöthig, gewiß würde es uns von der allgütigen Natur (I) verliehen worden sein. Da uns aber von ihr der Blick über unser irdisches Dasein hinaus verschlossen wurde, so bleibt jedes Glaubensdogma, also auch das an die Unsterblichkeit, ein unnatürlicher Uebergriff, eine Anmaßung und Auflehnung gegen die Schöpfung, die uns alles Ucbernatürliche ... zu unserem Besten vorenthielt." — Gewiß ein unheimlicher und vielsagender Commcnlar zu dem Begriff freimaurerischer „Humanität", die ein Jenseits, die Unsterblichkeit der Seele, jedes Glaubcnsdogma, kurz „alles Uebernatürliche" rundweg verwirft. Gegenüber solchen offenen zahlreichen Geständnisse» einzelner Freimaurcrauctoritäten wie eines der ersten Freimaurcrorganc hilft alles Läugncn nichts, ist es sogar geradezu lächerlich, wenn der eine oder andere Freimaurer der niederen Grade noch von sein christlichen Wesen der Loge rührselig zu erzählen weiß. Den Geist und daö Wesen einer Partei erkennt und beurtheilt man mit Fug und Recht nach den Aeußerungen ihrer Anhänger, chrer Schriften und Organe. Das gilt und galt überall, muß also auch bei der Freimaurerei gelten — trotz ungeschickter Läugnungövcrsuche. Fügen wir, um alle diese Läugnungsversuchc unmöglich zu machen, ein Bekenntniß der Gesammtircimaurerci an, ein Bekenntniß eines Wcltfrcimanrcrcongresscs im Jahre 1869 zu Neapel. Nicht wcniaer als 700 Freimaurer, und zwar als Vertreter der Logen Europas. Nord- und Südamerikas, Asiens und Afrikas haben dieses Bekenntniß in der Forni eines Beschlusses abgelegt, der so recht zeigt, wohin das „Humanitäts- idcal" der Loge zielt, worin ihre vielgepriesene „Humanität" besteht. Dieser Beschluß lautet nach der „Dublin Rebielv" Juli 1884 S. 148 ff.: „Die Unterzeichneten, alö Abgeordnete der verschiedenen Nationen dercivilisirten Welt, proclamiren die Freiheit der Vernunft gegenüber der religiösen Auctorität; die Unabhängigkeit des Menschen gegenüber dem Despotismus von Kircke und Staat; die Freiheit der Erziehung gegenüber dem klerikalen Unterrichte, indem sie keine anderen Grundlagen für den menschlichen Glauben anerkenne» als die Wissenschaft; sie proclamiren die Frci- beit des Menschen und die Nothwendigkeit, alle officicllen Kirchen abzuschaffen; — das Weib muß von den Fesseln, womit es Kirche und Gesetzgebung bisher an der vollen Entwicklung gehindert haben, befreit werden; die Moral muß von jeder Dazwischenkunft der Religion vollständig unabhängig sein." In diesem radikalen Beschluß hat der Freimanrerwolf den Schafspelz gründlich abgeworfen und präscntirt sich als das, was er im innersten Grunde seines Wesens und Geistes immer ist, als haßerfüllt gegen jedes positive Christenthum, an dessen Stelle er die Vernunft, die Wissenschaft und die Unabhängigkeit der Moral von jeglicher Religion setzt, also jenes „Humanitäts- ideal" ausstellt, daS im satten Unglauben endet. Solch hochosficiellcn Aeußerungen gegenüber weiß man nur zu gut, was die Worte bedeuten sollen, welche das deutsche Freimaurerorgan „Die Bauhütte" 1879 S. 75 niederschrieb: Die Freimaurerei sei „das ursprüngliche, reine oder biblische Christenthum, das in den kirchlichen Satzungen verloren ging". Es mag ja sein, daß ein einzelner Freimaurer die eine oder andere christliche Wahrheit noch festhält, ja sogar ein gläubiger Christ sein will — die Freimaurerei als solche, in ihrem Princip, ist vollständig unchristlick, geborene Feindin jeder geoffenbarten Religion und alles Uebernatürlichen. Sie ist und will nach ihren eigenen Programmsägcn und oftmaligem Bckenntniß an die Stelle der Offenbarung die Vernunft, an die Stelle drS Glaubens die Wissenschaft und an die Stelle des christlichen MoralgcsctzcS die sogenannte „unabhängige Moral" setzen. Hicmit aber ist ihr Abfall vom Christenthum und dessen Verwerfung documenlirt. Die Freimaurerei bleibt aber auf Grund ihres Humanitätsprincipes, das eine unumschränkte Denk- und Gewissensfreiheit verkündet, bei der Läugnung des Uebernatürlichen und des Christenthumes nicht stehen, sondern schreitet in ihren ächten Vertretern weiter bis zur Läugnung eines persönlichen, über den Menschen als Richter und Vergeltcr stehenden GotteS. Die tiefer eingeweihten Freimaurer — ich meine also nicht jene, die bloß mitzablcn und milfestcn, sondern die fortgeschrittenen und maßgebenden derselben, und auf diese kommt es vor allem und hauptsächlich an, diese also bekennen sich zu jenem pauiheistisch- naturalistischcn Gottcsglanbcn, der unter Gott nichts anderes versieht, als die in der Welt wirkenden Naturkräftc, Naturgesetze, und erkennen und verehren im Menschen, als der Krone der Schöpfung, die höchste Erscheinung des Göttlichen. Ein solcher Gottesglaubc und GotteSbegriff kommt aber praktisch der Läugnung eines persönlichen Gottes, kommt dem Atheismus gleich. Um zu täuschen spricht die Loge ost vom Göttlichen, versteht aber darunter zumeist entweder einen Gott. der weder Schöpfer noch Richter ist, oder überhaupt nur die Naturkräste und den vergötterten Menschen, daö Reiumcnschlichc. Deßhalb protcstireu aufrichtige, cvnscqucntc Freimaurer gegen daö von der Loge viel gebrauchte und viel mißbrauchte Wort: ^Deltcn- baumeister und Allmächtiger Baumeister aller Welten. Finde! will. man soll den Weltenbaumcister einfach fallen lassen. Denn dieses „Symbol" sei als freimaurcrisches völlig unhaltbar. Die Anrufung des großen Baumeisters in den Logen habe nämlich fast durchweg die Bedeutung eincö Lückenbüßers. — Der Freimaurer Dr. Treut owSki, Mitglied der deutschen Loge, schreibt in der „Bauhütte" 1865 unbeanstandet: Ihr (der Freimaurerei) Weltenbaumcister ist und bleibt daS Wesen, welches man verstehen kann, wie man will — welches ebenso ein Christ, ein Jude, ein Muhamcdancr, ein Heide... ja sogar ein Atheist ...anerkennen niuß. Und die Freimaurcrzeitung von 1874 schreibt: Atheisten aus Grundsatz . . . können zugleich die ebrenwcrthcsten Menschen und die würdigsten Maurer sein. Noch offener predigen die französischen und italienischen Freimaurer den nackten Unglauben, welche, wie ;. B. das französische Logenblatt De proArös vom 6. Juli 1874, die Auffassung der christlichen Gorresidce geradezu als unsittlich bezeichnen. (Fortsetzung folgt.) 348 Recensionen nnd Notizen. Die Freundinnen und andere Erzählungen für junge Mädchen. Von Anna Benfoy-schuppe. Negcns- bnrg, Nationale VcrlagSanstalt. Preis gebd. 4 M., in Goldschn. 4 M. 50 Psg. Cordelia's Geheimniß. Novellen für junge Mädchen. Von Rcdeatis. RcgenSburg. Nationale Verlagsanstalt. Preis gebd. 4 M., in Goldschn. 4 M. 50 Pfg. n Ueber diese neue, elegant ausgestattete und von den beliebtesten modernen Erzählern verfaßte Collection illustrirter Jngendschriften äußert siL der k. k. Professor I. Repiifch in Wien folgendermaßen: Daß heutzutage das Viel lesen geradezu ein Bedürfniß ist, wird wohl von niemand ernstlich gcläugnet werden können; große Schichten des Volkes, die vor 30 und 40 Jahren nur, wie man zu sagen pflegt, alle heiligen Zeiten einmal — irgend ein Buch in die Hand nahmen, befassen sich jetzt gar eifrig mit der Lektüre, die einen zu ihrem größten Nutzen, die anderen zu ihrem größten Schaden, je nachdem die literarischcn Erzeugnisse, die der Zufall ihnen in die Hände spielt, in gutem, reinem, moralischem, oder in schlechtem, schmutzigem, irreligiösem Sinne geschrieben sind. Ist die gute Lektüre für die Menschheit ein Hauptansporn zu edlem Thun und Lassen, so ist die schlechte, die unmoralische, die nur auf die Sinnlichkeit berechnete, eines der ärgsten Gifte, die der armen, viclgeplagten, von so vielen Seiten betbörten Menschheit gereicht werden können. Zum Glück, Gott sei es gedankt, haben wir ausgezeichnete VerlagSfirmen genug, welche weit entfernt sind, das Böse, das Schlechte, das Unmoralische zu cultiviren- um es dann den Leuten unter verschiedenen mehr oder weniger „ziehenden" und verlockenden Titeln, oft um schweres Geld, aufzuhalsen; wir haben VerlagSsirmcn, die es 'sich znr besonderen Ehre anrechnen, dem Volke in seinen breitesten Schichten nur von echt religiösem, von echt moralischem Geiste durchwehte Lektüre zu bieten und es auf diese gar nicht genug zu lobende und anzuerkennende Art und Weise geistig und moralisch im wahrsten Sinne des Wortes zu heben und zu bilden. Und zu diesen hochehrcnwerthcn Firmen gehört auch die „Nationale VcrlagSanstalt" (früher G. I. Manz) in Regcnsburg, die soeben wieder eine Anzahl interessanter Werke herausgegeben hat, die man mit größter Beruhigung aus jeden Familicntisch legen, in jede gute Bibliothek aufnehmen und sowohl dem Alter, als auch der Jugend in die Hand geben kann. Praits äu äroit naturel Idsorigus st uxpligus par Danoroäs Lottrs, krokesssur anx Vasultss oattrolignes eis Lilie. Uario, Laross. Eine Recension mit der Aufstellung einer handgreiflichen „Wahrheit" beginnen, ist mißlich, und doch läßt es sich bei der Besprechung des vorliegenden Buches nickt wohl vermeiden. ES gibt eben derartige „Wahrheiten", die als solche, leider, lange noch nicht allgemein genug anerkannt und beachtet sind, und so müssen wir denn vor Allem den verderblichen Einfluß betonen, den Hugo Grotins auf die Behandlung des Naiurrechtcs ausgeübt hat. Besorgt über die in seiner Zeit immer heftiger werdenden Angriffe gegen das Christenthum, suchte er daß Recht vor Gefahren zu sichern, indem er es von seiner übernatürlichen Grundlage loslöste und es auf einer in der Natur des Menschen begründeten Basis neu aufrichtete. So gut die Absicht, so verhängnisvoll die Folgen. Man darf mit Recht sagen, daß der ganze moderne liberale Staatsbegrisf, und mit ihm der aus diesem entsprungene Socialismus, im Keime in dem Werke Grotius' enthalten sind. Stahl konnte mit voller Berechtigung GrotiuS als den „ersten und schon vollständigen Begründer einer Richtung, die in ihrer Folgerichtigkeit mit der Zerstörung der Sitte und des Rechts endet", bezeichnen. Was sich seit diesem AuSspruche Stahl's ereignet hat, muß auch den Kurzsichtigsten belehren. Liegt nun aber die Wurzel des Uebels in dem Brücke mit der christlichen Rechtsauffassung des MittclalterS, so mutz daS Heil in einem Wiederbeleben desselben zu suchen und zu finden sein. Und von diesem Gesichtspunkte vor Allem begrüßen wir mit Freude das Naturrecht Professor Rothe'S. Der vorliegende dritte Band behandelt das Familien- und Erbrecht mit besonderer Betonung der Er- ziehungösragen. während der 1893 erschienene zweite Band das Eherccht umfaßt. Wie immer zeigt sich Rothe als tiefblickender Philosoph, als scharfdcnkender Jurist und, was mehr ist, als «in achter, frommer, gläubiger Christ. Wir können diesem trefflichen Buche nur die weiteste Verbreitung wünschen, denn wenn unsere Gesellschaft gerettet werden soll, so mutz mit der un- heilschwercn Geistcsrichtnng gebrochen werden, die uns dem drohenden Verderben entgegenführt. Und Klarheit in die Geister zu bringen, dazu ist Nothe's Buch vortrefflich geeignet. Zum Schlüsse nur noch die Bemerkung, datz dieses elegant und fließend geschriebene Werk nicht zu den trockenen, nur für den Fachmann genießbaren Büchern gehört, sondern von jedem, der für die Bedürfnisse unserer Zeit Sinn und Verstänvniß hat, mit Vergnügen und Nutzen gelesen werden wird. Insbesondere wäre dasselbe den Herren Parlamentariern warm zu empfehlen: es sollte aber auch in keiner Redactions-Bibliothek fehlen. L. L. Ave Maria. Ein Waldkapellenstrauß von Gust. Adolf Müller. München, Seitz u. Schauer. 1896. kl. 8°. 64 S. M. 2. In einer Sammlung kurzer Lieder läßt der Dichter die Scclennoth eines wcltmüdcn Wanderers ausströmen vor dcnr gnadenreichen Bilde der Oonsolatrix aktlietoruw. Nur einige dieser Lieder haben was wirklich Ergreifendes. Im allgemeinen aber leiden sie an einer gewissen Einförmigkeit in Folge der steten Wiederkehr der Sclbsivorwürfe. sie gleichen sich zu sehr, und sowaS stumpft das Zutrauen und die Stimmung des il Lesers nach und nach ab. Das sind rein künstlerische Gebrechen, und zwar speciell nach unserem Empfinden. Wir sind indeß überzeugt, daß das Büchlein, zumal da es bei hochfeiner innerer und äußerer Ausstattung spottbillig genannt werden muß, ein beliebtes Geschcnkwerk werden wird. Der Katholik. Nedigirt von Joh. Mich. Naich, 12 Hefte, M. 12. Mainz, Kirchheim. Inhalt von 1896, Heft IX. September. Dr. Jos. Nirschl, Der Briefwechsel des KönigS Abgar von Edcssa mit Jesus in Jerusalem oder die Abgarfrage. — De Waal, Der Name Maria auf altchristlichen Inschriften. — l>r. N. Paulus, Die angebliche Lehre, Christus sei nur für die Erbsünde gestorben. — ?. Jos. Henninger 0. 8. L. — Dr. Seidcnbergcr, Ein hervorragender Gelehrter unserer Tage und sein neuestes Werk. — Literatur: OsorAso Oogmu, Luärs kerats, ?aul Labrs, Ls Vatioan, los kaxss st la Civilisation, lo Oonvsrnsiuenb äs I'Lxliss. -- L. ?. Lseanusd, Llontaiswdsrt. — Nikolaus Schleiniger, Grundzüge der Beredsamkeit. — Dr. Simon Widmann, vr. Joh. Bumüller's Lehrbuch der Weltgeschichte. — H.. XanusiiZisssr, ckuiks st Catliolignss sn Lartrieirs- HonAris. — Dr. H. Brück, Geschichte der katholischen Kirche in Deutschland im 19. Jahrhundert. — Schreiben des Hochw. Herrn Nuntius Petrus Franziskus Meglia an den Hochw. Herrn Erzbischof Paulus Melchers in Köln. — Dr. G. Natzinger, Lorch und Passau (Nachtrag). Litcrarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. 22. Jabrg. 1896. 12 Nummern. M. 9. — Freiburg im Breiszau, Hcrder'sche Verlagshandlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 9: Daschean, Armenische Texte zur Apostcllehre. (Vetter.) — Schall, Die Staatsverfassnng der Juden rc. (Ad. Schulte.) — Xabsr, Liavü llosopki Opera omnia. (Arens.) — Balbus, Das Verhältniß Justins des Märtyrers zu unsern synoptischen Evangelien. (Hoberg.) — 8olrrsvel, Listoirs äu ssmiuairo äs LruFss. (PlenkcrS.) — Stöckl, Lehrbuch der Apologetik. (Schanz.) — Atzberger, Geschichte der christlichen Eschatologie. (Röeler.) — Matthias, Praktische Pädagogik für höhere Lehranstalten. (Egen.) — Ziegler, Der deutsche Student am Ende des 19. Jahrhunderts. (Orterer.) — Muß-Arnolt, Assyrisch-englisch-deutsches Handwörterbuch. (Dornstettcr.) — Llsmoirss äu gchusral (st» äs 8ainti-OInrmans. (Al. Schulte.) — Wirz, Quellen znr Schweizer Geschichte. XVI. Bd. (Ebses.) — Aus den Briefen des Grafen Prokesch von Osten. (Franz.) — Schund, Cäremoniale für Priester, Leviten nnd Ministranten rc. (Ebner.) — Hilgers, Kleines Ablaßbuch. (Pruner.) — ä'rl.älismar, Xouvells säu- cation äs la ksmms äaus iss olasses eultivsss. (Kcppler.) — Spillmann, Die Sklaven des Sultans. (Seeber.) — Thamm, Am Herdfeucr. (Seeber.) — Börsch, Wieland, der Schmied. (Seber.) — Nachrichten. — Büchertisch. Verantw. Redacteur: Ad, Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 48 . 28. M. 1896. August Graf v. Platen. Zu seinem 100 jährigen Geburtstag (24. Oktober 1796 gewidmet von 2l. G. (Schluß.) Wenn wir Nückert mit seinen „Gaselen" über Platen stellen und stellen müssen, so steht Platen im Sonett obenan, sowohl was die Reinheit der Form, als die Vielseitigkeit und Tiefe des Inhalts betrifft. Martin Opitz war der erste, welcher diese Art von Dichtung in die deutsche Literatur einführte, Bürger und Schlegel haben sie vervollkommnet, auch Göthe hat sie, obwohl erst spät, gepflegt. Platen eröffnete seine Sonette mit dem Motto: „Was stets und aller Orten sich ewig jung erweist, Ist in gebiindncn Worten ein ungebnndner Geist." Und dieser „ungebundne Geist" tritt gar oft in diesen feinen Dichtungen uns entgegen, er fällt her über die geschwätzigen Krittler, über den Pöbel, den man fröhnen soll: „Weil meine Muse nicht reu wilden Trieben Der Menge stöhnt in diesen wirren Tagen. So bat sie früh gelernt dem Ruhm entsagen Und ist in ihrer Stille gern geblieben." Abstoßend wirkt auf den Leser das Selbstlob, Kit dem sich Platen bewuchert an mehreren Stellen, zum Beispiel: „Lustspiele sind und Märchen mir gelungen In einem Stil, den Keiner nberirvffen" — oder „Der ich der Ode zweiten Preis errungen." Der Inhalt dieser Lobsprüche ist einmal sehr zweifelhaft wahr, und wenn er wahr wäre, so gilt auch für den Dichter der alte Satz: Eigenlob riecht nicht gut! Sonette richtete Platen u. a. auch an Göthe, Nückert, Schlegel und an feinen Lehrer Schelling, woraus wir fol- gende,Zeilen entnehmen wollen: „Wie sah man uns an deinem Munde hangen Und lauschen Jeglichen auf seinem Sitze, Da deines Geistes ungeheure Blitze Wie Schlag aus Schlag in nnj're Seele drangen." Seine schönsten Sonette sind zusammengefaßt unter der Ueberschrift „Venedig"; dieselben sind, das ist nicht zu läugnen, tief poetisch. Kirchen und Paläste, die prächtige Natur ziehen vorüber am Auge des Lesers, nicht weniger eindringlich wird vorgeführt die entschwundene Herrlichkeit der Stadt Venedig. Die kunst- geschichtlichen Sonette nehmen unter den genannten wiederum den ersten Platz ein. Bevor wir mit dem eurriculuru vitas des Dichters fortfahren, wöge es gestattet sein, sofort an dieser Stelle noch kurz seine Oden und Hymnen zu betrachten, während wir Platen als Dramatiker dann an den Schluß setzen. Es ist hier nicht Raum gegeben zu einer Untersuchung, ob unsere Dichter die Berechtigung haben, das alte Metrum auf ihre Erzeugnisse anzuwenden; manche glaubten, nur mit letzterem gut operiren zu können, und diesen Glauben halten wir allerdings für verfehlt. Wenn früher viele Dichter sich das alte Metrum angeeignet haben, so ist dies mehr ihre Geschmaüsache gewesen, als die des lesenden Publikums im Allgemeinen, dies dürfte fast feststehen. Wenn es dem einen oder andern, so auch Platen, bei derartigen Musenkindcrn nicht darauf ankam, ob „ein Fuß zu klein war oder zu groß", so beweist dies, daß die deutsche Sprache eben sich in das „Metermaß" der lateinischen, griechischen rc. nicht einzwängen läßt oder nur mit Schmerzen, wie ein großer Fuß in einen zu kleinen Stiefel. Von den Oden Malens heben wir hervor die an „König Ludwig", worin er allerdings zeigt, daß ihm reiche Begabung für diese Strophen- gattung innewohnt; der edle König wird als begeisterter Kunstkenner und Unterstützer der ächten Kunst trefflich geschildert. Edel, freimüthig und von glühendem Patriotismus durchzogen ist die Ode an „Franz den Zweiten von Oesterreich". Er ruft darin aus: „Gib deinem Deutschland wieder ein deutsches Herz, dann wird es auch wieder frohlockend seinen alten Kaiser aufnehmen." Recht schön und edel gehalten ist auch die Ode „Florenz", nicht weniger die der „ewigen Roma" gewidmete. Die „Hymnen" unseres Dichters können wir seinen „Schwanengesang" nennen, sie gehören nämlich der letzten Periode seines jugendlichen Lebens an. Wenn Gödeke über dieselben sagt: „noch majestätischer als die Oden wüthen uns die Hymnen an, die uns große Bilder und Sprüche in einer Sprache vorführen, welche wie ein breiter prächtiger Strom an uns vorüberraufcht", wenn also Gödeke und auch andere die Hymnen als den Gipfel poetischer Vollendung bezeichnen, so ist eS doch fraglich, ob sie das wirklich sind. Es wird den Hymnen die täuschende Ähnlichkeit in der Nachbildung Pindars nachgerühmt, aber diese Nachbildung stoßt in der deutschen Sprache auf sehr große, man kann sagen auf unüberwindliche Schwierigkeiten, wie schon Horaz vor der Nach- eiferung Pindars gewarnt hat, von den deutschen Dichtern drhgleichen auch u. a. besonders Geibrl. Platens Hymnen enthalten mitunter sehr schwerfällige Metaphern, das Metrum ist oft erkünstelt, was der Dichter selbst fühlte. Damit darf nicht auf die Seite gestellt werden, daß manche Hymnen ächten poetischen Geist aushauchen, besonders diejenigen, welche der Natur, in erster Linie derjenigen Italiens gewidmet find, nicht zu vergessen diejenige auf den „Tod des Kaisers" und die im Jahre 1835 an die Bruder Frizzoni gerichtete. Schildern wir nun weiter in kurzen Zügen den oben abgebrochenen Lebcnslauf des Dichters! Im Jahre 1824 machte er eine Reise in die Schweiz und nach Venedig. Hier hielt es ihn so sehr zurück, daß er seinen Urlaub überschritt und hiefür später einige Wochen strengen Arrests in Nürnberg erhielt. In Italien war er am glücklichsten, wie er auch an Schwab schrieb: „In Italien gedenke ich mein Leben zu beschließen, und wenn ich mich dahin betteln müßte, denn nur dort hoffe ich meine Kunst zur Vollkommenheit zu bringen, wenn dieses Wort nicht ein Frevel ist. Aus der bildenden Kunst ziehe ich die größten Belehrungen." König Ludwig bewilligte Urlaub, von Cotta kam ein anständiges Honorar, und am 3. September 1826 ging's wieder von Erlangen aus nach Italien. Vor seiner Abreise nach Italien fang er: „O wohl mir, daß in ferne Regionen Ich flüchten darf, an einem fremden Strande Darf athmen unlcr gütigeren Zonen! Wo mir zerrissen sind die letzten Bande. Wo Hag und Undank edle Lücke lohnen Wie bin ich satt von meinem Vaterlands!" Zuerst weilte er in Florenz, dann in Nom, immer schaffend, immer thätig. Sein leidender Gesundheitszustand trieb ihn nach Neapel, wo es mit demselben wieder besser ging; „hier ist heilsame Luft, unwandelbarer Hinuml, ringsum ElysiuN" schrieb er au Schwab. Hier befreundete 350 «2 er sich mit August Kopisch aus BreSlau, der auch wegen seines leidenden Zustandes nach Neapel gekommen war; hier traf ihn auch die Kunde von dem Vorgehen seiner Gegner, besonders von Carl Jmmermann, und dies veranlaßte ihn zu dichterischen Gegendemonstrationen, die feinem körperlichen Zustande absolut nicht dienlich waren. Seit Ende des Jahres 1827 war Platen wieder in Nom und sollt« Anfang deS nächsten Jahres auf Veranlassung des Kronprinzen nach Berlin kommen und für das hohe Honorar von 2500 Thalern jährlich eine Zeitschrift über die Bühne herausgeben — Platen schlug den Antrag rundweg ab. Er durchzog Norditalien: „Kein Bleiben vergönnt des Geschicks Beschluß mir: Zwar freiwillig und doch ein Gezwungener muß ich, Muß dich wieder verlassen, Genua, blühende Stabil" Im Jahre 1828 wurde der Dichter durch die Gnade deS Königs Ludwig Mitglied der königlichen Akademie der Wissenschaften, wodurch er auch eine ziemlich unabhängige Existenz erhielt, — immerhin sehr zu begrüßen, obwohl seine physischen Bedürfnisse stets geringe waren. Von 1830—1832 finden wir Platen wieder in Neapel, wo er besonders historischen Studien oblag; im letztgenannten Jahre kehrte er nach Deutschland zurück — sein Vater war gestorben — und brachte den Winter still und einsam in München zu, ging ein Jahr darauf nach Venedig zurück, worauf er 1834 wieder nach Deutschland heimkehrte, um eS noch einmal, und zwar zum letztenmal, mit Italien zu vertauschen — Juni 1834, — wo er seinen Aufenthalt nach Gebrauch von Seebädern in Florenz nahm. Obwohl er bedeutend krank war und seine Freunde ihn kaum mehr kannten, dichtete er frischer denn je, wir können sagen nulla äis8 8M6 lineu! Die Furcht vor der Cholera trieb ihn im September 1835 nach Sicilien, wo er in Palermo sechs Wochen verweilte und Seebäder nahm. Am 24. Oktober, seinem 39sten Geburtstag, ging er nach SyrakuS, um dort den Winter über zu verweilen. Am 11. November schrieb er noch einen seine Gesundheit betreffenden hoffnungsvollen Brief an die Mutter, bald aber befiel ihn starkes Fieber; aus Furcht vor der Cholera griff er zu verkehrten Mitteln, und zwar ganz freiwillig, und am 5. Dezember Nachmittags 3 Uhr beschloß er sein jugendliches Leben. Unter überaus kleiner Begleitung wurde der Fremde in der Nähe der Stadt beerdigt ohne Sang und ohne Klang. ES bleibt unb noch übrig, ein paar Worte über die dramatischen Werke des Dichters beizufügen, und nehmen wir des Raumes halber nur einige wenige heraus. Betreffend die dramatischen Werke können des Dichters eigene Worte auf ihn angewendet werden: „viel zu früh bin ich in die Zeit mit Ton und Klang getreten". In einer seiner ersten dramatischen Dichtungen, „Der gläserne Pantoffel" (einer Verschmelzung der Märchen von Aschenbrödel und Dornröschen), schloß er sich der romantischen Schule an, wurde davon aber durch die Schicksalstragödien derselben bald ganz abwendig gemacht und machte schon in seinem Lustspiel „Der Schatz des Nhampsiuit" dagegen Front. Was hier aber nur gelegentlich hervortrat, wurde zur ausgeprägten Satire in seinen zwei dem Aristophanes nachgebildeten Komödien: „Die verhängniß- volle Gabel" und „Der romantische Oedipus". Das letztgenannte Lustspiel richtet sich gegen die Romantik überhaupt, während das erste nur einen Auswuchs versähen, wie er in den sogenannten Schicksalstragödicn rchräscntirt ist, züchtiget. Maien erkennt die Gehaltlosigkeit der herrschenden Richtung und sucht nach Abhilfe; dies thut er theils durch Verspottung der Verkehrtheiten, theils durch eigene Versuche. Aber er ist, dramatisch genommen, kein eigentlich schaffender Geist, er will Neues schaffen, er will eine neue Kunstperiode hervorrufen, er wendet all' seinen großen Fleiß auf. Etwas Neues auf dramatischem Gebiet, das zugleich ein Kunstwerk, schuf Platen nicht, der eigentlich schaffende Dichtergeist fehlte ihm hier, wenn er ihn auch noch so betonte. Selbst sein Drama „Die Liga von Cambray" ist, obwohl er es selbst als das beste erklärt, in der Charakterzeichnung etwas schwach. Platen war nicht im Stande, wie Fallerslebeu sagt, einen Charakter festzuhalten und durchzuführen Mochte er deßhalb in seiner „Grabschrift" auch rühmen dürfen: „Lustspiele sind and Märchen mir gelungen In einem Stil, den Keiner übertreffen," wir und auch er haben dadurch blutwenig gewonnen. Als literarische Curiosa liest man heute noch die zwei polemischen Komödien, die andern dramatischen Stücke sind verschwunden von der Bühne des Lebens. Und dann der so sehr unerquickliche Streit, der in Folge der Komödien mit Jmmermann und andern entstand, er hat zum Ruhm des Dichters nicht beigetragen — die eigentliche Bedeutung Platens und seiner Gegner lag auf anderem Gebiete, wie oben bemerkt, weßwcgen es auch wohl nicht nothwendig ist, weitere seiner dramatischen Werke in unsere Arbeit hereinzuziehen und in das richtige Licht zu setzen. Carl Gödeke sagt u. a. über Platen und seine Werke: „Der Dichter hat sowohl in seinen jugendlichen als späteren Werken ein ernstes Studium und eine große Würde des Charakters bewahrt; seine Poesien tragen zu allen Zeiten die Spur des unverdrossenen StrebenS nach Vollendung, das Gepräge innerer Lust und Heiterkeit. Die Stufe der Bildung und des Talentes, welche der Dichter, wo er auch immer als Mensch geirrt haben mag, einnimmt, ist nicht geringer und nicht niedriger, als irgend eine, auf welcher deutsche Kraft, Würde und Ehre stehen. Die Worte, welche der Derwisch in den Abbassiden von sich spricht, wenden wir als die kürzeste Bezeichnung des Platen'schen Bildungsganges auf den Dichter an: „Thätigkeit unter MensLen Liebt' ich cbimilS; aber mein Gedanke Wuchs in nur von Jahr zu Jabr, bis endlich Dieser Schatz allein mir ganz genügte." Jakob Grimm endlich sagt über Platens Sprache: „Es hat mir bei Lesung von Platens Gedichten beständig den angenehmsten Eindruck hinterlassen, zu sehen, wie er auf Reinheit und Frische des deutschen Ausdrucks sorgsam hält. Seine Reime sind fast ohne Tadel und stechen Vortheilhaft ab von der Freiheit und Nachlässigkeit, die sich Schiller, zum Theil auch Göthe zu Schulden kommen lassen. Denn selbst diese Autoritäten dürfen ein feines Ohr nicht bestechen, es bezeichnet vielmehr die laxe metrische Ausbildung ihrer Zeit, daß sie oft fehlerhaft gereimt und scandirt haben. Niickerts Sprache ist blühender und gezierter als Platens, aber nicht so rein, auch nicht so ergreifend. Dagegen scheint mir Platen hin und wieder an das Kalte und Marmorne zu streifen. Das Schicksal hat diesem edlen Dichter nicht vergönnt, seine Poesie mit einem großen Werke, wornach er rang und strebte, zu versiegeln, das würde Licht und Glanz auf seine frühere Laufbahn zurückgeworfen haben." Der ewige Jude. (Schluß.) Eine neue Gestalt, „Petrus", tritt im Folgenden auf. In orientalischem Haremsleben erhält der Antichrist die Botschaft, daß der gefangene Papst seines Urtheils harre. Mit großen Sprüchen tritt er dem Märtyrer entgegen: „Ich brauch' das Opfer nicht, ich will Gehorsam." »Zum Frieden kam ich nickt, ich bring' das Schwert." „Und wer mir widersteht, der wird zermalmt." „Ich bin die Wahrheit; mein ist die Gewalt." Würdig des Königs ist sein Kanzler, der abtrünnige Bischof — Oorruxtio oxtirai, passiw»! — Der zweite Petrus soll den Tod des ersten sterben: „An's Kreuz mit dem Verruchten l" Als schlimmste Strafe gibt Solar den Gefangenen in die Hände des Apostaten Teitan. Als Seber dichtete, gab's noch ein Nachbild des traurigen Clerikers weniger als heute — und doch wie psychologisch ist sein Kanzler! Das Urtheil des Königs entfacht neuerdings den Grimm Ahasvers, denn er glaubt entschieden mehr Anrecht auf den Papst zu haben, den er gefangen, als der weibische Bischof. Im achten Gesänge Die Gefangenen finden wir ein Bindeglied für das Folgende. Teitan führt den vom Pöbel verhöhnten Papst auS dem Palaste, da naht sich ihm der unglückliche Bräutigam Sara's und will ihm den Dolch in's Herz bohren. Umsonst! Nach berühmten Mustern trägt der Kanzler Schuppenpanzer, und der arme Jude wird von der Menge ermordet. DaS Gedränge benützen die Kreuzritter zur Befreiung deS Papstes. Neue Wuth Ahasvers über Teitan, der die kostbare Beute verliert! Mit dem falschen Kossof an der Spitze, der ja als „Verfolgter" die Katakomben kennen lernte, stürmt er dorthin und macht kostbaren Fang: Henoch und EliaS nebst 12 Kreuzrittern. Kossof geht hiebet zu Grunde. Als Blutzeugen erblicken wir nun die Gefangenen. Der Hauptplatz Jerusalems ist die Gerichts- stätte, und Scenen, wie sie die Mariyrerakten schildern, finden statt. „Drei Tage noch", ruft erst Ellas, dann Henoch dem neuen Antiochus zu, „drei Tage noch, dann wehe dir und denen, die dir folgen." Dann werden die zwei an's Kreuz geheftet, von wo aus sie die Martern der Mitgefangenen schauen müssen. Zuletzt verheißt der König für den kommenden Tag das Fest der Tempelweihe und mit infernalem Höhne die Ehrung des sieg- gekrönten Ahasver. Das von Propheten Daniel gewcissagte Unheil erreicht seinen Höhepunkt im Greuel der Verwüstung. Ahasver lebt noch immer im Wahne, der neue Prachtbau des Tempels soll Jehovah dienen, das Reich des Messias zur Herrschaft gelangen, der Akum soll der Fußschemel des Juden werden. Mit der irrsinnigen Tochter seines Freundes findet er sich zum Feste ein, königliche Ehren für sich und sein Volk zu holen und den Kanzler in den Schatten zu stellen. Solar heißt ihn zur Rechten sitzen, dann erhebt er sich unter lautlosem Schweigen der ungezählten Menge und spricht: „ES gibt nur einen Gott, und der bin ich." Auf hohem Altare steht sein Bild in düsterer Majestät, stolz aufgerichtet, feuerüberfluthet, und unheimlich klingt es von des Bildes Lippen: „Ich bin dein Gott, du sollst vor mir allein Anbetend knie'n, mir dienen und gehorchen." Schauerliche Enttäuschung Ahasvers, des zelotischm Juden! Besinnungslos vor Zorn schreit er den König an und wirft ihm falsches Spiel vor. Solar verlacht ihn höhnisch und straft ihn, der verwünscht, dies Elend schauen zu müssen, vermöge diabolischer Macht mit Blindheit der Augen. Der Kanzler aber beugt das Knie und ruft: „Gereckt ist dein Gericht, o Herr und Gott! So mögen alle Feinde deines Namens, Und die nur halb und lau dir dienen wollen, Die volle Schale deines Zornes trinken!" Elfter Gesang: Auf Irrwegen. Niedergeschmettert ziehen die getreuen Juden von der Tempelweihe in ihre Häuser; sie sehen sich derselben Verfolgung ausgesetzt wie die Christen. Sara irrt mit dem geblendeten Greise in's Gebirge und kommt zufällig in die Nähe des Bergschlosscs, wo sie einst Teitan aufnahm. Bei dessen Anblick erwacht mit erneuter Kraft der Wahn in ihr; laut aufjubelnd springt sie vom Felsen weit in'S Leere und zerschellt in der Liefe. Der führerlose Ahasver strauchelt und klemmt den Fuß zwischen Felsen, wo er verzweifelnd und Alles verfluchend lange liegt, bis ihn Christen finden und pflegen. Im zwölften Gesänge Der Kranke erfährt dek Blinde vom Papste, der nun sein Pfleger geworden, das Schicksal der Gott getreuen Juden: sie starben als Märtyrer oder sie flohen. Voll Sterbenssehnsucht versucht Ahasver alle Mittel, die Christen zum Morde seiner Person zu reizen — vergebens! Aber eine andere Wendung tritt ein: die unerschöpfliche Feindes- und Nächstenliebe des Papstes beginnt allmählig das Eis vom Herzen des Juden zu schmelzen, es folgt Die Umkehr. Im Traumgesichte der Nacht erscheint Christus dem Ahasver und gibt ihm das Augenlicht wieder, dem Papste aber erscheint zu gleicher Zeit Elias und zeigt ihm eine Höhle im Gebirge, wo einst der Prophet die Bundeslade verborgen. Zu ihr führt Petrus den Juden, und angesichts derselben tauft er ihn. „Im Kreise kniete» um die Bundcslade Die Kreuzesritter betend, froh erregt; In vielen Augen perlten helle Zähren." Dann nahm der Papst des Aaron Stab von dem hl. Schreine und gab ihn dem Getauften: „Sich', das Reis Durchgingt ein neues Leben, Zweige sprossen, Und zarte Blätter brechen schon hervor: Jetzt steht der Stab in Blüthe, süßer Dust Erfüllt die Kammer und das Herz der Männer." Das Erdbeben. Schon am dritten Tage stehen die Kreuze mit den gemordeten Patriarchen auf dem Markte zu Jerusalem; das Fallbeil arbeitet unaufhörlich an der Tödtung der Gott getreuen Juden, und eben naht wieder eine Schaar neuer Opfer, da plötzlich grollt unheimlicher Donner aus der Tiefe. Alle Schrecken eines Erdbebens treten ein, und eine Stimme von Oben ruft den todten Patriarchen zu: „Erwacht zum Leben, ihr getreuen Zeugen, Und steigt vom Kreuz der Schmach zu mir empor. Die Stunde meiner Rache naht heran!" Ahasver fühlt nun die Stunde gekommen, wo er wirklich der Führer seiner Brüder werden soll, wo er ihre nun erweichten Herzen dem wahren Messias zuwenden kann. Auf der Suche nach den Resten seines Volkes findet er auch Teitan, sterbend im Schutts begraben. Noch einmal faßt der alte Haß den ganzen Mann, da blickt er himmelan und beginnt „aus Schutt und Trümmern Den argen Feind mit letzter Kraft zu graben." 352 Doch vergeblich! Teitan stirbt den grausigen Tod des Verdammten. Die Handlung schreitet nun rasch dem Ende entgegen. Als Paulus zeigt sich im fünfzehnten Gesänge der bekehrte AhaZver. Im Gesteine einer uralten Wasserleitung verborgen findet er seine ehemaligen Glaubensgenossen, denen er sich als Christ vorstellt und Christum predigt. Mit ihnen zieht er auf den Marktplatz, und auch hier verkündigt er der gottlosen Menge die heilige Wahrheit. Die Massen theilen sich bereits, und Rufe erschallen: Hie Christus, hie Sotsr! Da pflanzt die Kunde sich von Mund zu Munde: „Der König kommt." Auch ihm tritt der neue Apostel kühn entgegen, und um der verblendeten Menge die Augen zu öffnen, fordert er vom Messias die Probe, gleich den zwei Gekreuzigten zum Himmel emporzusteigen. Sotär nimmt an; es kommt Das Gericht. Auf der Höhe des Oelberges thront der König in düstrer Majestät, umgeben von den Großen seines Reiches, in seiner Hand das goldgetriebene Scepter, ein dreifach Diadem auf seinem Haupt. Anbetend wirft der Großvezier sich nieder, aus goldnem Becken steigt der Duft des Weihrauchs! Unabsehbar um Sotsrs grünes Banner gesammelt dehnen sich zu seiner Linken die Schaaren, die seinen Namen auf der Stirne tragen. Zu seiner Rechten harrt in Angst und Zweifel um Ahasver gedrängt das Volk der Juden und hoffnungsfroh um's Kreuz geschaart das kleine Häuflein Christen. „Da hüllt der Berg sich ein in Qualm und Rauch .. i; Und sichtbar hebt Sctsr In Kraft des Dämons, der sein Herz besitzt, Vor aller Augen langsam sich zum Himmel." Der König siegt, ein Jubelschrei der Seinen antwortet, die Juden sind verwirrt, aber vertrauend hebt das Auge der Christen sich zum Kreuze und betet in heißem Flehen zu Gott. Mit ihnen betet Ahasver, ein zweiter Moses, die Hände hebend. Da kommt das Gericht Gottes — in grandiosen Strichen gemalt! Sotar stürzt und findet das Ende TeitanS, und mit ihm all die Seinen. Friede nennt sich der letzte Gesang. Wie ein Regenbogen nach dem Sturme lächelt er milde und tröstend und bringt uns Friedensbilder von apokalyptischer Schönheit. Vom Tempelberge leuchtet das Kreuz, die Buudcslade steht als Hochaltar der Erde und vor ihm der Papst, der das hl. Opfer feiert. Eine unsagbar erhabene Feier! Das Herz voll Seligkeit kniet auch AhaSver, das Haupt gesenkt, zum Fuße des Kreuzes! Der Papst segnet die Gemeinde, und Alle erheben sich, nur nicht Ahasver, der Alte. „Sein Herz ist still, der müde Pilger schläft, Und sel'gcr Friede ruht auf seinem Antlitz." — So schließt das Epos vom ewigen Juden. Wir haben hier nur auf die markantesten Vorzüge des Gedichtes aufmerksam gemacht, dürfen aber die Feder nicht niederlegen, ohne zu erwähnen die prächtigen Naturbilder, die Seber bietet. Fast jeder Gesang wird mit einem derartigen höchst originellen Kabinetsstücke eröffnet. Mit Fug und Recht glauben wir der Dichtung noch viele Auflagen prophezeien zu dürfen, denn sie ist eine von jenen, nach welchen man immer gerne wieder greift. Die glückliche Wahl des Sujets und die tiefe, noch glücklichere Auffassung desselben sichern dem Werke, dessen Ladenpreis nur 2 Mark beträgt, für lange Zeiten mehr als einen Achtungserfolg. Die kirchliche Union in England hat jetzt, wo der Papst die anglikanischen Weihen neuerdings für ungültig erklärte, nach der Seite der Gesammtheit selbstverständlich nicht mehr diejenigen Aussichten, von denen bis vor kurzem viele Anglicaner selbst nicht ungern sprachen. Diese Anglicaner haben sich in eine falsche Sicherheit gewiegt, indem sie einem übertriebenen Optimismus huldigten, und heute wollen sie nicht diesem, sondern dem HI. Stuhl die Schuld an ihrer Enttäuschung aufbürden. Selbst ein Organ, wie der Guardian, der Wortführer der sogenannten Sacer- dotal-Partet, die, wie schon ihr Name besagt, ein ganz besonders hohes Gewicht auf die „Kontinuität" der anglikanischen Weihen auch nach der Reformation legt, fällt aus der früher von ihm beobachteten sympathischen Rolle und gibt mit schlecht verhehlter Bitterkeit seinen Gefühlen Ausdruck. Das Blatt gibt wohl zu, daß eine ehrliche Anstrengung gemacht worden sei, bessere Beziehungen zwischen den beiden Kirchen herzustellen; wenn nun aber das Scheitern dieser Bemühungen Anlaß zu aufrichtigem Bedauern gebe, so ist das Blatt doch überzeugt, daß man auf seiner Seite in jeder Beziehung Recht habe, dankbar dafür zu sein, daß eben dieses Scheitern nicht von Angehörigen seiner Partei veranlaßt worden. „Unser Gewissen ist rein, und wir können das Endergebniß ruhigen Blutes ansehen." Das „sacerdotale" Blatt bezeichnet dann die päpstliche Entscheidung als ein Unrecht und gibt seiner Befriedigung darüber Ausdruck, daß die päpstliche Bulle wahrscheinlich eine von „ihren Urhebern" kaum vorausgesehene Wirkung haben werde, nämlich die, daß sie ein Band festern und aufrichtigern Zusammenhaltens zwischen den einzelnen Gliedern der Kirche herstelle, deren geistliche Diener die Bulle in ihrem Werthe herabsetze! Eine solche Erklärung ist eine offenkundige Unfreundlichkeit, die Proklamation des selbstgerechten Beharrens auf sich selbst und die Umkehr von der bisher betretenen Bahn des Entgegenkommens. Man darf aber wohl erwarten, daß diese Bahn bald wieder aufgesucht wird, wenn der Augenblick des ersten Affects vorüber ist, denn ein so lebhaftes Herzensbedürfniß nach Einigung, wie es so lange in der Sacerdotal-Partei bestand, läßt sich nun doch nicht so einfach vergewaltigen. Vom zielbewußten protestantischen Standpunkte aus behandelt das Blatt Rock die päpstliche Entscheidung. Dasselbe ist mit dem Papste völlig einig in der Sache, denn es hat unentwegt daran festgehalten, daß in der Reformation die Behörden der „Kirche Englands" über- legtester und entscheidender Weise mit Rom gebrochen, seine Lehre über Priesterthum und Episkopat verworfen und deßhalb auch nicht im entferntesten die Absicht gehabt, bei der Weihe das 8g,L6iclotiuru zu verleihen. Das ist selbstredend nicht die Auffassung der Church Times, des Hauptkirchenblatts der anglikanischen Hochkirche. Dieses hält nach wie vor an der Gültigkeit der anglikanischen Weihen fest und möchte auch heute noch (nachdem doch der Papst gesprochen) behaupten, daß viele katholische Geistliche dasselbe thäten, ein Verfahren, das sich nicht rechtfertigen läßt, aber doch auch eine gewisse erfreuliche Seite hat, indem es zeigt, welchen Werth man nach wie vor thatsächlich auf dieser Seite auf katholisches Urtheil legt. Ausdrücklich eingestehen mag man das ja nicht. Die Sacerdotal-Partei wird nach der Church Times jetzt einsehen, daß ihr Platz pflichtmüßig in der Kirche Englands sei. Die päpstliche Entscheidung werde Alois Probst. 353 nur Schaden thun, jedoch nicht der Kirche Englands, , sondern der Kirche Roms und der Sache der Wieder- ; Vereinigung. Und nun wendet die Church Times sich von der katholischen Kirche ab: wie der Apostel Paulus sich von den unfreundlichen Juden zu den Heiden wandte, will sie zu den orthodoxen Russen gehen — eine Drohung, an welcher mehr daS Gemüth als der Verstand Antheil hat. Denn ob man bei Pobedonoszeff in der Weihen- Angelegenheit jenes gewünschte Entgegenkommen finden, ob man überhaupt in England eine solche Annäherung populär machen könnte, ist sehr fraglich — ganz abgesehen von den gegenwärtigen Zeitläuften, wo England und Rußland möglichst scharfe politische Gegensätze darstellen und der Versuch einer Annäherung der beiden Staaiskirchen in ein gar schiefes Licht kommen müßte. Indem daS Daily Chroniclc behauptet, die letzte und endgültige Entscheidung des Papstes gebe nicht eigentlich die ursprüngliche Meinung Leo's XIII. wieder, sondern zeige, daß der Papst der Ansicht des englischen und irischen römisch-katholischen Klerus sich angeschlossen, so gibt das Blatt damit der Angelegenheit eine falsche, bedenkliche Beleuchtung. Schon früher ist von nichtkatholischer Seite gesagt worden, daß der englisch-irische Klerus in der Entscheidung einen „Triumph" sehe; ebenso unrichtig und unbedacht dazu — wie eS auf protestantischer Seite wohl berechnet war — bringen französische katholische Blätter eine sogenannte römische Correspondenz — dieselbe ist in der Kölnischen Volkszeitung schon hie und da charakterisirt worden —, in welcher die Behauptung ausgesprochen wird, der katholische Episkopat und die katholische Meinung Englands hätt« die päpstliche Entscheidung mit „tiefer Begeisterung" aufgenommen. Letztere wäre gax nicht am Platze gewesen und hätte, wenn sie überhaupt Thatsache gewesen, vor allem auf der soeben stattgehabten Jahres - Versammlung der katholischen Wahr- Hetts-Gesellschaft zu Hanley hervortreten müssen. Dort aber war man von Siegesgefühl weit entfernt und bekundete nur Mitgefühl, wie es auch die unvermeidliche Lage erheischt. Cardinal Vaughan behandelte auf genannter Versammlung die Weihenfrage und die päpstliche Entscheidung und brachte letztere durch Mittheilung eines hochinteressanten, neuen päpstlichen Documents unter einen neuen, bei den Herzenseigenschaften Leo's XIII. aber nicht ganz unerwarteten Gesichtspunkt. Der Cardinal ging aus von vier Haupteinwürfen, die von anglikanischer Seite gegen die Aufforderung Leo's XIII. zum Wiederanschluß an die katholische Kirche geltend gemacht werden. Sie wenden sich gegen die Suprematie des Papstes in der Kirche, welche die Anglicaner aus der Ausdehnung der bürgerlichen und zeitlichen Gewalt, welche die Päpste im kaiserlichen Rom erlangten, herleiten wollen. Diese Suprematie macht die in den Augen der Anglicaner hochwichtige „Entwickelungstheorie" unmöglich, die aber selbstverständlich auf dem Offenbarungsgebiete keine Geltung haben kann und darf, während der natürliche Fortschritt der Zeit allerdings eine naturgemäße Ausdehnung und Entwickelung der päpstlichen Suprematie in der Welt zur Folge haben mußte. Seltsam muihet an, den freiheitlichen Jnstinct der Engländer in einen Gegensatz zu der angeblich despotischen und willkürlichen Gewalt des Papstes, wie sie die Encyklica Lutis coAuiturn darstelle, gebracht zu sehen. Damit hängt denn auch der vierte Einwarf zusammen, daß man seine Seele keiner weltlichen Gewalt unterstellen solle, was unter dem Gesichtspunkte der Entstehung der englischen Reformation eine grausame Selbstverhöhnung in aller Form ist. Zur Weihenfrage selbst übergehend, erinnert Cardinal Vaughan daran, „einige unserer anglikanischen Freunde" hätten gesagt, ihnen so die apostolische Nachfolge und Gültigkeit der Weihen absprechen, heiße, soweit sie in Betracht kämen, der Einigung der Christenheit die Thüre verschließen. Der Cardinal schreibt solche Klage der augenblicklichen Erregung und Enttäuschung zu und betont, daß die Weihenfrage für die Wiedervereinigung gar keine Rolle spielen könne, wie daS ähnlich schon früher die Catholie Times ausgeführt hatte, indem sie die Frage als nebensächlich im Vergleich zu der Anerkennung der dem Papste in der Kirche zukommenden Stellung bezeichnete. Mit aller Einfachheit und Schärfe des Gedankens legt Cardinal Vaughan dann den unabhängigen Angli- canern die Entscheidung nahe, ob sie jetzt noch Vertrauen in ein sakramentales System setzen können, welches von der katholischen Kirche als nicht vorhanden bezeichnet worden, Vertrauen in die angebliche Transsubstantiation, in die Vergebung der Sünden durch die Beichte, welche in Wirklichkeit nicht existiren. Wie die absprechende päpstliche Entscheidung ein besonderes Gewicht erhält durch die aller Welt bekannte väterlich freundliche Gesinnung Leo's XIII. für alle Christen, katholische und nichtkaiholische, ist schon hervorgehoben worden. Ein neues, oben angedeutetes, päpstliches Document gibt erneute Kunde von dieser Gesinnung. Das Schreiben Leo's XIII. an Cardinal Vaughan — denn um ein solches handelt es sich — faßt die anglikanische Conversions-Frnge vom praktischen Standpunkte aus an und umgeht gleichzeitig in einfachster Weise die Gefahr des Vorwurfes von Proselytenmacherei, mit dem man ja auf protestantischer Seite nicht hinter dem Berge halten wird. Leo XIII. weist in seine« Schreiben auf die bedrängte Lage hin, in welche zur katholischen Kirche übergetretene anglikanische Clergymen oft gerathen. Nach ihrem Uebertritt gerathen sie vielfach unmittelbar in'S Elend, da sie für sich und ihre oft große Familie keiner Unterhalt finden. „Durch Geburt, Erziehung und Lebens weise sind sie auf solch' ungeheure Opfer nicht vorbereitet und wenn diese Entbehrungen sich noch zu dem Schmer gebrochener Freundschaften und gesellschaftlicher Ausstoßung gesellen, so braucht man nicht überrascht zu sein, wenn einzelne ihren Muth schwinden fühlen." Ein Uebertritt unter solch' drohenden Umständen wird vom Papste als ein Act deS Heroismus bezeichnet, vor dem Leute mit geringerer sittlicher Kraft zurückschrecken können bis zv einem Augenblick, wo es zu spät ist. Um nun denen, die den ernsten Schritt gethan oder zu thun gedenken, zu Hülfe zu kommen, macht Leo XIII. den englischen Bischöfen einen Vorschlag, der sich auf die glückliche Thatsache stützt, daß es unter den englischen Katholiken viele mit irdischen Gütern gesegnete und freigebige Männer und Frauen gibt; aber der Papst sagt ausdrücklich: „Unsere Absicht ist nicht, ihnen (den Con- vertiten) eine höhere oder auch nur gleiche Stellung wie die aufgegebene zu verschaffen, sie würden noch Entbehrungen auf sich zu nehmen haben." Aber wenigstens sollen die Betreffenden nach dem Wunsche des Papstes für die ersten Jahre der dringendsten Noth enthoben fein, bis es ihnen gelingt, sich selbstständig auf anständige Weise durchzuschlagen. Die englischen Bischöfe sind auf diese Anregung des 354 Papstes sofort eingegangen und haben zu ihrer Verwirklichung die nöthigen Maßregeln getroffen. Es wird sich in absehbarer Zeit ja auch nur um den Ueber- tritt Einzelner handeln; den Uebcrtritt in Massen bezeichnet Cardinal Vanghan selbst als „Traum". Denen, die von einer Propaganda überhaupt nichts wissen wollen und fragen, warum die Bischöfe sich nicht auf ihre Schäf- lein beschränken, antwortet Cardinal Vanghan mit dem den Kölner Katholiken wohlbekannten Worte: caritas vsi rir§6t no8, und fugt mit englischer Deutlichkeit hinzu: „Wir werden nicht ermüden, so lange es sich darum handelt, dem englischen Volke sein kostbares Erb- thcil zu sichern, das Erbthcil, um das es betrogen worden ist durch die Begehrlichkeit und den Ehrgeiz der Fürsten, die knechtische Gesinnung und Habsucht des Adels, und die Schwäche der Bischöfe jener Zeit." (Köln. Volksztg.) Rede des Herrn Pfarrers A. Schwarz in OttenLnch (Württemberg) gehalten aus dem Ersten JntcruationalenAutisreimaurer-Congreß in Triezn am 28. Sept. 1896. (Fortsetzung.) Aber das Humanitätsprincip der Loge hat folgenrthwcndig noch eine andere Seite. Es schließt nicht nur die Läugnung deS Christenthums und alles Ucbernatürlichen und in seinen Consequcnzen cincS persönlichen Gottes in sich, sondern folgerichtig auch die Läugnung deS Auctoritätspriucipes d. h. einer von Gott gesetzten und Gott verantwortlichen obrigkeitlichen Gewalt. Diese Läugnung des AucwritätspriucipeS versteht und ergibt sich aus dem freüuaurcriichen Humanitätsprincip von selbst. Denn, wird der persönliche Gott gcläugnct und der Mensch, das Reimncnschliche zum Göttlichen, zum Höchsten erhoben, dann ist auch nicht mebr Gott die Quelle und Richtschnur aller Gewalt und alles Rechtes, sondern der Mensch. Dann ist jede menschliche Gewalt losgelöst von einer Verantwortung gegen Gott und die obrigkeitliche Gewalt nur noch Organ deS menschlichen Willeno. des VolkswillcnS, der sich keinem Höheren, sondern nur sich selbst noch verantwortlich fühlt. L>o wird der Mensch sein eigener, höchster Herr. Damit ist aber der persönlichen Willkür, der völligen Anarchie in Familie und Staat Thür und Thor geöffnet. Die heutige Zeit, die für solche Lehren, für die Verwerfung der Auctorität, nur zu febr empfänglich ist, beweist das unheimlich. Aus dieser Bekämpfung deS Auctoritätspriucipes machen conscguent und offen denkende Freimaurer kein Geheimniß. Findel sagt mit Fontaues: „Jeder Freimaurer, der nicht mit geistiger Blindheit geschlagen ist, wird aus den fortgesetzten Angriffen auf unseren Bund und seine Einrichtungen unschwer herausfinden, worauf unsere ernste und ausdauernde Arbeit gerichtet sein muß, nlämlich auf die Zertrümmerung des kirchlichen Auctoritätspriucipes, wie es sich in der Erziehung und Schulung unseres Volkes zur Stunde noch geltend macht." (Finde!, Die moderne Weltanschauung und die Freimaurerei S. 150) Die „Bauhütte", das deutsche Frcimaurcrorgan, 1885 S. 138 schreibt: „Das Ende einer jeden Auctorität ist eben immer klerikal, da diese sich gar so leicht und gar so gern selbst als die Stellvertretung einer allerhöchsten Auctorität darstellt. (Hoffentlich.) Jeder Autoritätsglauben führt unausweichlich zum Klerikalen und unzertrennlich davon zum Ueber- sinnlicheu und Mystischen, zum Unwahren (II)." Diese Sätze sind so deutlich und bezeichnend, daß es fast überflüssig ist, der in ihren Aeußerungen viel zahmeren und vorsichtigeren deutschen Freimaurerei gegenüber noch diesbezügliche Enthüllungen der rücksichtsloser und radikaler redenden außerdcutschen Schurzfell- brüder anzuführen. Wir wollen aber zum Zweck der gründlicheren „Beleuchtung" des so vielgepriesenen Logeubuudes, dieser „L-tützc der Autorität" (I), doch noch dem italienischen Großmeister Pirro Aporti das Wort leihen. Der sprach in einer Rede zu Mailand 1886 (ctr. Hildebrand Gerber Die Freimaurerei S. 37 2. Anst.): „Die alte Gesellschaft hatte folgende Angeln, in denen sie sich drehte: Alta»- und Thron, Feudalität und väterliche Gewalt, und alle diese ihre Grundlagen faßten sich zusammen im AuctoritätSprincip. Mit einem Worte: mau diScutirte nickt, man gehorchte. Und dies ließ sich bei dem in knechtischem Sinne erhaltenen verdummten Volke, mit Hilfe einiger Prediger und einiger drohender Gendarmen, die man ihnen an die Seite gab, leicht erreichen. Die neueren wissenschaftlichen Erfindungen, von der Buckdruckerknnst bis auf das elektrische Lichts!!), haben diese Grundlagen erschüttert» wenn nicht gar zum Einsturz gekrackt. An Stelle des Ge- horchens ist man jetzt überall bestrebt, das selbstständige Denken zu setzen. „Entmannung" — das ist die einzige zutreffende Bezeichnung für die religiöse Erziehung, welche die männliche Kraft deS Denkens verkümmert und unterdrückt, um an deren Vlah die Eunuchenfäbigkcit deS Glaubens auszubilden. Diese fluchwürdige Kastriruug (Entmannung) des menschlichen Denkvermögens ist in der That, wenn nickt der Endzweck, so sicher, um wenig zu sagen, das nothwendige Ergebniß aller (kirchlich) organisirten Religionen. Letzteren die Erziehung des Menschen anvertrauen, kommt auf dasselbe hinaus, als ihr das entscheidendste Mittel in die Hand zu geben, um zu bewirken, daß der Mensch nicht denken lernt, um ihn zum Kadavergehorsam zu bringen." Pirro Aporti empfiehlt am Schlüsse feiner Rede als Haupt- Mittel, um das AuctoritätSprincip zu Fall zu bringen, die Verweltlichnng der Erziehung: „Gebet euren Kindern eine gründliche, kühne, bürgerliche, eine weltliche Erziehung. . . . Erziehet andere und erziehet euch selbst: das muß unser Schlachtruf gegen den KlcrikaliSmus sein." Wer diese Enthüllungen über die Stellung der Loge zur Auctorität vernommen, dem legt sich unwillkürlich die Frage nahe: Wie stellt sich aber die Löge — bei solcher Haltung gegenüber dem AuctoritätSprincip — zum Königthum, zur Monarchie? Die Antwort hierauf ist schon indirect enthalten in dem Bekenntniß der Freimaurerei zum HumauitätS- princip. Dieses fuhrt nämlich — folgerichtig durchgeführt — mit Nothwendigkeit zur Beseitigung der Monarchie und zur Einführung der Republik. Denn wenn man auf Grund vcr „Humanität" das Neinmenschliche zum Quellpunkt aller Gewalt und alles Rechtes macht, und wenn man damit jede, von Gott auf Menschen stellveriretenv übertragene Gewalt verwirft, für deren rechte und gerechte Ausübung der Mensch Gott Verantwortung schuldet, dann sind alle Menschen hinsichtlich ihrer politischen und bürgerlichen Stellung gleichberechtigt, soweit nicht hervorragende persönliche Beschaffenheit oder der Wille aller» der Volkswille, es anders bestimmt. Mit diesem Aufhören der Standes- und Nanguntersckiede aber fehlt dann vor allem dem Königthum von GoiteS Gnaden der Existenzgrund, und die Devise der französiscke» Revolution wird auch fotgenothwendig die Devise der Loge, wie es auch thatsächlich und erwciöbar der Fall ist. Nachstehende, hochbedeutsame Grundsätze, welche der wiederholt citirte Freimaurer Findel in folgenden, Antonio Franchi entlehnten Worten ausspricht, bekunden das sehr deutlich: „Es waren die Ideen der Freiheit und Gerechtigkeit, der Gleichheit und Brüderlichkeit, der Association und Solidarität unter allen Menschen, Ideen, welche in der That nach einem veredelten Volksbewußtsein zielten,... Ideen, deren Folge die Achtung der Menschenwürde . . . deren Schlußstein die Menschcnrcchte waren. Diese Gefühle und Grundsätze treu zu bewahren, sie zu verbreiten, sie von Geschlecht zu Geschleckt, von Land zu Land zu überliefern in Gestalt eines religiösen Cultus und Symbolismus, das war die Mission der Maurerei, die sie in dieser Periode erfüllt hat. . . Sie waren das Wort, und dieses ist in der französischen Revolution zu Fleisch geworden, und durch diese sind die maurerischeu Grundsätze das Bewußtsein der gebildeten Völker und daS Glauben sbekenntuiß jedes freien Menschen geworden." (Geschickte der Freimaurerei I. S. 159.) In seinem Ducke: Grundsätze der Freimaurerei S. 139 schreibt derselbe Finde! trotz aller sonst von deutschen Maurern beobachteten Zurückhaltung: „Auch hat noch niemand gesagt, daß der Cultus des Humanen im Geheimniß der Loge in keiner Weise gegen bestehende kirchliche und politische Verhältnisse gerichtet sei. ... So lange die Menschheit ihre Bestimmung noch nicht erreicht hat und nicht eine Hcerde unter einem Hirten (freimaurerische Universalrcpublik!) ist, muß die Freimaurerei mit innerer Nothwendigkeit gegen alles W esenswidrige (in ihrem Sinne natürlich verstanden), Unvernünftige, Schlechte, Unfreie und Unharmonische reagiren." Wie sehr überhaupt die Republik, näherbin Weltrepublik, das Ideal und Ziel der Loge ist. dem sie unverdrossen zusteuert, das beweisen die zahlreichen, unzweideutigsten Aussprüche der verschiedensten, angesehenen Freimaurer. hDieselben 355 sind gesammelt i» der Broschüre: Freimaurerei und Socialdemokratie, Süddeutsche Verlagshandlung fD. OckS), Stuttgart, Seite 99 —128.) Daß mit diesen republikanischen und socialistischen Ideen der Loge daS Königthum, die Monarchie, sich nicht mehr vereinigen läßt, ist naturnothwendigc Folge. Offene Freimaurer, welche die Maske der Eeheimthuerei längst abgeworfen, bekennen das so unumwunden, daß man aus dem Staunen nicht herauskommt, wenn man sehen muß, wie es Träger von Königskronen gibt, welche nach solchen Geständnissen der Loge noch ihre Sympathien bekunden. Geschieht das, weil den Herrschern systematisch alles verborgen gehalten wird, was ihnen die wahren Ziele der Loge zur Kenntniß brächte, oder geschieht es bereits aus Furcht vor dem alles beherrschenden, bis in die höchsten Regionen durchgesickertcn und Einfluß übenden Geiste der Loge? Doch hören wir diese anti- inouarchuchen, köuigsthumfcindlichen Geständnisse der Bruder im Schurzfell. Der bayerische Gesandte von Olry, längere Zeit Mitglied der Berncr Loge, sagt in seiner Selbstbiographie: „Die Logen bilden einen geheimen Staat im Staate, bestimmt, die Regierungen entweder zu beherrschen oder zu untergraben und durch Logenmitgliedcr zu ersetzen." — Der Großsecretär der österreichischen Großloge, Uuiversitätsprofessor Zllois Hoffmann, äußert sich in seiner „Aktcumäßigen Darstellung rc.": „Der Zweck des Freimaurcrbundes ist die Verwerfung aller Religion und Entthronung aller Monarchen." — Der von Freimaurern redigirte „Sieclc" mackt bei Betrachtung der gewaltsamen Hiuwcguahme Roms anno 1871 folgendes weittragende Gesländniß: „Weil in einer nahen oder fernen Zukunft alle Throne stürzen müssen, so muß in der pro- videutiellen Ordnung, wie unsere Gegner sagen würden, zuerst die Stütze für die übrigen Throne verschwinden. Darum rüttelt die. italienische Monarchie den hl. Stuhl um, auf welchem die übrigen Throne aufgerichtet sind. . . . Dieser Thron muß also unwiderruflich fallen, damit um die Reihe alle anderen fallen können, damit das System der vereinigten Staaten Europas unter republikanischer Fahne dem alten und abgelebten monarchischen Systeme folgen könne." Das höchst bedeutsame Memorandum des ehemaligen preußischen Ministers v. Haugwitz, gewesenen Provinzialgroßmcistcrs der Loge, an den Monarchcucougreß in Verona, dessen Enthüllungen die Kaiser Franz von Oesterreich und Nikolaus von Rußland gegen die Freimaurerei sebr bcdcnküch machten, sei bloß angezogen und noch bemerkt, daß es gerade die Nevolutions- pläne der Loge waren, welche den Minister zum AuStritt aus derselben bewogen. Dieses Memorandum eines preußischen Münsters und FrennanrcrS — dieses ernste: ab nnno roges intellig'ito, dürften die Herrscher und Fürsten der Erde sich immer wieder vor die Seele führen, namentlich in einer Zeit, welche um die Tbrouc so unheimlich mit Dynamitbomben spielt und gegen Regenten den verbrecherischen Mordstahl schleift. Da ist es wohl von Interesse, die neueste Aeußerung des ehemaligen sranzösischcn Gesandten beim hl. Stuhle, Marquis de Gabriac. zu vernehmen, die er jüngst im „Eorresponvent" gethan bat anläßlich der Worte, die Papst Leo XIII. unlängst über die Freimaurerei an die Fürsten und Völker richtete. Sie lauten: „Die strengen Worte Leo'S XIII. werden gerechtfertigt durch die täglichen Ereignisse. Ob die Freimaurerei wirklich die Mutter derAnarckie ist, daraufkommt es wenig an: aus jeden Fall aber in die Ver w andts chaft sebr nahe n n d n n l ä u g- bar. Die nämlichen Grundsätze, nur etwas verheimlicht unter einer weniger brutalen Form, wcrvcn nothwendigerwcisc die Völker zu den nämlichen Conscquenzcn führen. Die besten und mit der größten Bebarrlickkeit angewandten Gesetze zum Schutze der allgemeinen Sicherheit können auf die Dauer nichts ausrichten gegen die verrückte» Lehren dieser beiden Sekten, die auf den nämlichen nur allzu bekannten Satz hinauslaufen: „Weder Gott »och Meister!"" („Teutsche Reicks- zeitung", August 1894.) Fügen wir noch nachstehende, geradezu unheimliche Frci- maurcrbekenntnissc an: „Die Republik steh: über allen Königskronen, über allen Verfassungen; sie ist das Gesetz der Gesetze" (vbaino (I'union 1886 p. 107), und: „Ein wahrer Freimaurer kann nicht Monarchist sein; Freimaurer undMonarchi st sind ; ivci mit einander unverträgliche Dinge" (ÜIs- moramlnm du 8»pr. tloiw. clo kranee Nr. 97, 1887, okr. Hilv. Gerber: Die Freimaurerei p. 83). Sage man nicht: Ja das sind eben Aeußerungen der viel radic.stercn Freimaurer Italiens und Frankreichs, mit welchen die Deutschen in keiner näheren Beziehung stehen. Dem ist aber ganz entschieden entgegenzuhalten einmal, daß, wie gleich anfangs nachgewiesen wurde, die Freimaurerei ein ausgesprochener Welt- und Mcnschheitsbund ist, so daß eS schon in seinem Wesen liegt, die ganze Menschheit in seine „Brudcrkette" zu schließen, mit seinem Geiste zu erfüllen. Obwohl sodann die deutsche Freimaurerei — selbst in ihren eingewcihtcrcn Mitgliedern — aus naheliegenden Gründen einer viel größeren Zurückhaltung und viel größeren Mäßigung in ihren Ausdrücken sich befleißt, als die radicalen, revolutionären französischen, italienischen und belgischen Freimaurerbelden, so kann nicht gcläugnet werden, daß die deutsche Freimaurerei im Großen und Ganzen keinen wesentlich andern Geist hat, als die Freimaurerei eben- genannter Länder. Daö beweisen unläugbar und deutlich genug die fortdauernden, oft dickfreundschaftlicken Beziehungen zu denselben. So haben z. B. die drei großen Berliner Großlogen den Freimaurer-Großmeister und Revolutionär Lemmi zu ihrem FreundsckaftSbürgen beim Großoricnt in Rom erwählt, wohlverstanden jenen Lemmi, der sich selber rühmt, ein begeisterter „Nachahmer und Schüler Mazzini's und Garibaldi's, Gefährte und Freund der wenigen Theilnehmer an unseren großen Revolutionen" zu sein. Meine Herren, wenn ein solches Frenndschaftsverhältniß mit einem ausländischen Revolutionär ein katholischer Priester oder gar Ordenömann einginge, nicht wahr—welch einen Zeitungssturm, einen ZeitungSoikan würde das nicht entfesseln und welche Vorwürfe über Vaterlandsfeindschaft unserer Kirche würde es da nicht hageldicht regnen. Weil es aber Brüder im Schurzfell gethan, war's recht und gut und schwieg man darüber in eisigem Schweigen. Derselbe Großmeister und Revolutionär Lemmi schrieb, laut dem italienischen hochofficiellen Frcimaurerorgan „Nivista Massoneria", am 3. Mai 1889 an den Großorient von Frankreich: Die italienischen Freimaurer fordern, indem sie die Feier der französischen Revolution mit der Brunoseier verbinden, die französischen Brüder auf, alles Mißtrauen und alle Eifersucht aufzugeben, auf daß beide Völker nach Auötilgung jeder Spur politischen und religiösen Despotismus auf den Trümmern der alten Welt die ersehnte Aera der Brüderlichkeit, der Gleichheit, der Wissenschaft, der Freiheit und des Friedens vorbereiten und beschleunigen mögen." Bei diesem Giordauo Bruno-Fest mit seinem ausgeprägt ckristenfeindlichen und revolutionären Charakter war aber, wie Großmeister vr. Settegast in der Bauhütte 1889 mit Stolz hervorhob, die deutsche Freimaurerei ebenfalls vertreten. Endlich hat man noch nie von einem Protest, der schon aus Patriotismus bückst angezeigt gewesen wäre, also man hat noch nie von einem Protest deutscher Großlogen gelesen gegen die geradezu hochrevolutionären Bestrebungen des italienischen Großorients oder gar von einem Abbruch der Freundschaftsbeziehungen zu demselben in Folge dieser revolutionären Tendenzen. Hochanfchnliche Versammlung! Man wollte die deutschen Katholiken schon wiederholt als Feinde des Dreibundes hinstellen. Es wäre viel besser, anstatt dieser Unwahrheit daran zu denken, daß die italienische Freimaurerei eine geborene Feindin des Dreibundes ist, welch letzteren sie als unnatürliche Bastardallianz bezeichnet, an dessen stelle sie — ich citire wörtlich — „eine hl. Allianz freier Völker erstrebt, welche den drei Despoten im Norden (wie sich das officiclle schon citirte italienische Logcn- organ ausdrückt) das Gesetz der Freiheit und des Fortschritts zu dictircn bätte." Und mit einer solchen revolutionären Freimaurerei unterhalten deutsche Logen frenndschastliche Beziehungen und gelten dennoch als die Träger und Förderer der Ordnung und des monarchischen Gedankens und gcriren sich noch als solche. Nickt wenige Freimaurer der gewöhnlichen Art und der niederen Grabe werden biegegen Protest erbeben und mit gutem Gewissen versichern, von alledcm sei ihnen nichts bekannt. Aber gerade dieser ihr Protest bestätigt eben nur, daß sie vom eingeweihten Freimaurcrthum und dessen eigentlichem Geist und Wesen so gut wie nichts wissen und zu den Eß-, Spiel- und Formsrcimaurcrn gehören und die NaSgcsübrten sind, von denen selbst die Frcimaurerzeitung „Bauhütte" klagt und spottet, daß eS in Deutschland zwar viele „Logenbrüder", aber nur wenige wahre „Freimaurer" gebe. Die „Eß-, Spiel- und Form-Freimaurer" bilden, sagt dasselbe Logenblait, die große Mehrbeit („Bauhütte" 1991). Unter 3000 Suchenden seien keine 200 rechte Leute („Bauhütte" 1880). Diesen Vorwarf, für den wir der „Bauhütte" sehr dankbar sind, sollen sich jene Maurer zu Herzen nehmen, welche, vom wahren Wesen der Loge nichts wissend, gleich Zeter und Mcrdio schreien und mit „Verleumdung" um sich werfen, wenn an der Hand von Bekenntnissen eingeweihter Freimaurer die christenfcindlichen und staatSgefährlieben Tendenzen der höheren Logcngrade anö Tageslicht gebracht werden. Solchen muß man als den Mitgliedern der nicecreu (blauen) Freimaurerei (drei ersten Grade) immer wieder vor die Leele führen, was der Bruder der Loche,rade, der Amerikaner Pike, über die Freimaurerei des englischen Ritus sagt: „Die blaue Freimaurerei ist absolut lade und inhaltslos. . . . Die wirklich Eingeweihten können über solche Nassührung der (blauen Freimaurer-) Masse nur lächeln" (ekr. Gerber). (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Soeben beginnt bei I. Schweißer (Jos. Eichbichlcr) in München zu erscheinen: „Handbuch für die rechtsrheinischen bayerischen Gemeindebehörden und Gemeindcbürgcr von Rechtsanwalt Carl Pohl, rechtökund. Bürgermeister a. D. in München." Ein Fachmann, welche? Gelegenheit hatte, von dem Werke in seiner Entstehung nähere Einsicht zu nehmen, schreibt uns: Endlich einmal ein Hand- und Nachschlagcbuch für alle Fragen des bayer. Verfassungö- und VerwaltungSrechteS, welches sich weder in eine für die Praxis unbeherrschbare Breite verliert, noch auf bloßen CitatenhinweiS beschränkt. Das Pohl'sche Werk wird nicht bloß den Gemeindebehörden und Gcmeindcbürgern, sondern auch DistriktSpvlizeibehördcn und allen, die sich mit Verfassungs- und Vrrwaltnngssragcn zu befassen haben, ebenso willkommen sei» als gute Dienste leisten, da es nicht bloß den Wortlaut der Gesetze und VollzugSverordnungen usw. bringt, die für Gemeinde und Bürger wichtig, sondern auch eine kurze systematische Darstellung jeder Materie mit den einschlägigen Entschließungen, gcrichtlischcn und vcrwaltungSrcchtlichen Entscheidungen und der bezüglichen Literatur gibt. Die letzteren Citate beschränken sich nicht auf Angabe der Quelle, sondern führen je nach Bedarf das Wichtigste des Inhaltes in kurzen Sätzen oder bezeichnenden Schlagworten an. Das hat bisher in der Vcrwaltuugsliteratur gefehlt. Für denjenigen, welchem eS in der Praxis an Zeit mangelt, sich in breitspurigen Abhandlungen und auf der Zusammenlese nach viel verstreutem Materiale zu verlieren, und ebenso für den, welchem ein zureichendes Quelleumatcrial überhaupt nicht zugänglich, wird Pobl'S Handbuch, das alle Gebiete des Verfassungs- und Ver- waltungsrcchtö umfaßt, eine Bibliothek ersetzen. Die Sittlichkeit im Lichte der Darwinschen Entwicklungslehre. Von Prälat vr Wilh. Schneider, Dompropst und Professor der Theologie zu Paderborn. Schöningh, Paderborn 1895. L>. 200. M. 3.60. Während Kant — trotz der Annahme einer principiellen Selbstständigkeit der Ethik — wenigstens die Vollendung der Sittlichkeit in der Religion zugegeben hat, geht die moderne sogenannte unabhängige, rcligionö- und glaubenslose Moral viel weiter. Sie stellt sich wesentlich auf den Standpunkt der dar- winistiichen Dcscendcnzlchre, indem sie eine natürliche Entwicklung des MenschcnwescuS aus dem Thiere zu Grunde legt. Darnach ist oaS Gewissen nicht mehr die Stimme Gottes, sondern die stimme der bloß natürlichen Vernunft, insofern der Mensch sich allmählig entwickle und die Begriffe von nützlich und schädlich finde. Die Gebote, welche das Gewissen aufstellt, seien nicht Gebote einer höheren Autorität, sondern die Menschen haben sich selbst Gebote gegeben. Diese Lehre von der unabhängigen Moral hat bereits der Socialismus in die großen Massen geworfen und (durch Bcbel) oaS Axiom aufgestellt: „Sittlichkeit und Moral haben mit der Religion nichts zuthun", und die nach englifch-amcrikaniichem Muster auch in Deutschland gebildete und immer mehr sich verbreitende „Gesellschaft für ethische Cultur" verfolgt den ausgesprochenen Zweck, die Menschen unabhängig von Gott und Religion „sittlich zu heben". Gegen diese gewaltige Strömung der Zeit haben ka- tholischerscits Männer wie Stein, Weiß, Th. Meyer, V. Cathrciu, Gutbrrlet u. a. mit durchschlagenden Argumenten angekämpft. Mit Freuden begrüßen wir auch den Wasfcngang W. Schneiders, zumal er wie in der von ihm verfaßten VereinSschrift der Görres- gel'iLschaft „Allgemeinheit und Einheit des sittlichen Bewußtseins" (Bachem-Köln 1895, S. 122, M. 2,25), so in der vorliegenden schönen Monographie der Sache bis auf den tiefsten Grund nachgeht. In durchaus sachlicher und ruhiger Form weist er Darwins oberste Sittenrichtschnur („Die Wohlfahrt der Mcuschenganung") als völlig ungenügend nach. verweist die Ansicht (um nicht zu sagen die fixe Idee) von dem „angeblich vorsittlichen Menschen" mit Neckn in das Reich der Fabel, gibt eine gesunde Kritik über Darwins Muthmaßungen von der Entstehung und Entwicklung rer Sittlichkeit, unterzieht die LebcnSanschauungcn und LebeuSrezeln des Darwinschen Menschen einer objectiven Prüfung und geht mit den neuesten Scuutzrcdncrn und Vertheidigern der darwinistisckcn Sittenlebre (Gnsi. Jäger, Hugo Spitzer, H. E. Ziegler, H. Mnnstcrbcrg, H. Sctregast, G.v. Gizycki und Fr. Nietzsche) in gerechter Weise inö Gericht. In allseitiger und erschöpfender Weise und dazu in durchaus verständlicher Sprache hat Schneider den überaus zeitgemäßen Gegenstand behandelt, bezw. die Irrthümer der darwinistischen modernen Ethik widerlegt. Der Verfasser verdient in erster Linie den vollen Dank des Seelsvrgsllerus, weil er demselben ein so gediegenes und leicht vcrwerihbareö Material für die gegenwärtigen Zeitkämpse geboten hat. Auch der gebildete Laie wird sich an der vortrefflichen Monographie bestens orientircn. Sie sei deßhalb wärmstens empfohlen! Tübingen. H.. Li. Eine Orientrcise. geschildert von Heinrich Himmel» k. k. Major. Wocrl's Reisebibliothek, 3. Auflage, eleg. gebd. 3 M. —8. Der Verfasser ist ein weitgereister Mann und hat sich durch seine Neisebeschreibungcn schon seit langem einen bedeutenden Namen erworben. — 1884 bereiste er Aegypten, Palästina, die Türkei und Griechenland. Seine Neiseschilder- ungen erschienen damals einzeln im „Wiener Vaterland" und fanden eine so günstige Aufnahme, daß ein Separatabdrnck in einem eigenen Werke nöthig war. Dasselbe, i» einer Auflage von 10.000 Exemplaren, war aber bald vergriffen; der ersten Auflage folgte eine zweite, der zweiten nunmehr eine dritte. Diese uns vorliegende Auflage enthält nicht weniger als 104 Illustrationen, eine große Ansicht von Jerusalem und zwei Landkarten, die eine von der europäischen Türkei, die andere von Aegypten und Palästina. — Mit vieler Abwechslung schildert der Verfasser, ein guter Katholik, Land und Leute, Sitten und Gebräuche. Beim Lesen des BucheS fühlt man — und das hat der Verfasser in seiner Vorrede als Wunsch ausgedrückt — in Wahrheit „den beseligenden Zauber, dessen unerschöpfliche Quelle das goldene Morgenland, die Heimath unseres Glaubens ist". — Der billige Preis des Buches, 3 Mark, ist geradezu staunenswert!). Damit ist auch Minderbemittelten Gelegenheit zur Anschaffung desselben gegeben. Allen, die sich für den Orient interessiren, ist das Buch nur zu empfehlen, und dürfte selbes namentlich auf dem literarischen WcihnachtSmarkte einen großen Absatz finden. Lotteler ob la. gnostion ouvriers aveo nus introänetion kistorigns sur Is monvemsnt social eatdoiigus. Lar 12 äo Lirarck, äocteur cn clroit. Loruc, L. 4. W^ss, imxrimerir-öckitcur. * Dr. v. Girard hat die interessante Ausgabe, auS den verschiedenen Schriften Kettelers dessen System über die Arbeiterfrage zu construiren, sich gestellt und verbindet damit gleichzeitig die gewiß ancrkenncnöwertbe Arbeit, die wichtigeren Stellen der einschlägigen Werke Kettelers ins Französische zu übersetzen und so dem Nachbarvolke zugänglich zu machen. Auf 344 Druckseiten entledigt er sich dieser Aufgabe mit Geschick und bleibt seinem im Vorworte ausgesprochenen Vorsätze, nur Kettcler selbst sprechen zu lassen und sich jeder Kritik zu enthalten, sorgfältig treu. Das Buch ist besonders Jenen zu empfehlen, welche nicht die nöthige freie Zeit haben, um sämmtliche Werke Kettelers selbst zu studircn (im Buche sind deren 71 angeführt). Der Ladenpreis für das Buch ist 4 M. Erst! ommuni kanten - Unterricht. Den Kommunion- kinder» gewidmet von M. A. Berningcr, Pfarrer und Scbulinsp-ktor. Mit oberbirtlichcr Approbation. 12°, S. 64. Wnrzburg 1896, Göbel. Pr. geb. 25 Pf. H- Der Unterricht schließt sich genau an den Katechismus an und bringt eine möglichst vollständige, aber faßliche Unterweisung über das allerhciligste AltarSsakramcnt, zugleich auch eine Anleitung zu dessen eifriger und andächtiger Verehrung für das ganze künftige Leben. Verantw. Redacteur: Ad. HaaSin Augsburg. — Druck «.Verlag des Lir. Instituts von Haas cr Lege auswerfen, und wäre die Lege so patriotisch und monarchisch gesinnt, dann käme eS der Socialdemokratie sicherlich nicht tu den Sinn. für dieselbe eine Lanze zu brechen. Was aber die Stellungnahme deutscher und anderer Fürsten für die Loge betrifft, so lassen Sie mich kurz nur noch sagen, die Loge legte es daraus an, womöglich gekrönte Häupter in ihren Bund zu ziehen, obwohl, wie wir bereits aus Freimaurermund gekört: „Freimaurer und Monarchist zwei mit einauoer unverträgliche Dinge sind "und „die Repnblik über allen Königskronen steht und daS Gesetz der Gesetze ist". Durch dieses Herbeiziehen gekrönter Häupicr aber, die grundsätzlich niemals in die wahren Ziele der Loge eingeführt werden, beabsichtigt die Loge in kluger Berechnung allen und jeden Verdacht von ihren, der Kirche und dem monarchischen Staate gefährlichen Bestrebungen abzulenken und um so unschuldiger und gerechtfertigter dazustehen. Aber von dieser Ausnahme gekrönter Häupter in die Loge ist in letzterer Zeit die Freimaurerei mehr abgekommen. Die letzten gekrönten Hohenzollcrn, die ihr angehörten, waren Kaiser Wilhelm I. und sein Sohn Kaiser Friedrich III. Aber gerade Wilhelm I., Kaiser von Deutschland (1863 bis 1883), lochte nach seinem Eintritt in die Loge durch Uebernahme des Protektorats und Einführung vieler regierungstreuen Beamten einen Einfluß auf die Freimaurerei zu gewinnen, um letztere in ihrem staat-gesähiticken Charakter zu überwachen und desselben nach Kräften zu entkleiden. Darum dachte er sich die Loge als ein christliches Institut, wie seine in Solingen im Jahre 1853 gehaltene Rede bekundet, in welcher er sagte: „Die Freimaurerei ist ein auf Religiosität gegründetes, ein christliches Institut. Diese AnfsassungSweise spreche ich überall, in jedem maurerischen Kreise und heute auch hier aus, hoffend, daß die Bruder im Geiste deS Christenthums und somit auch im Geiste der Freimaurerei denken und handeln, leben und wirken und dadurch dem Institut den weitesten und segensreichsten Raum gewinnen helfen." In dieser Hinsicht ließ aber die Loge ihren „hochwürdigcn Protektor und allerdurchlauchtigstcn Bruder" reden, ohne dessen gutgemeinte Mahnungen sich zur Richtschnur zu nehmen. DaS verbot der Loge ihre principielle Gegnerschaft zum Christenthum durchaus, welche Gegnerschaft zum sehr fühlbaren Ausdruck kam in der Jnscenirung deS unseligen „Cnlturkampfes". Weil Kaiser Wilhelm aber dar srcimaurerische Humanitätsprincip in Religion und Politik nicht anerkannte und, des CulturkampieS später satt, dem Volke die Religion erhalten wissen wollte, begannen die ^grundsätzlichen" Freimaurer in ihm mehr und mehr einen lästigen „Hemmschuh" zu erblicken und die „christ- .iche Unterströmnng", welche Kaiser Wilhelm in die Loge zu bringen und in ihr zu fördern suchte, energisch zu bekämpfen (s. Baubütte 1879, 1883, 1885). Der Freimaurer Karl Schulz trat sogar in offener Rede anläßlich deS GcburtSsestcS des Kaisers (1883) dessen früher ausgesprochenen Wünschen entgegen in den scharf gemünzten Worten: „Glauben Sie ja nicht, der Freimaurerbund sei eine christliche Institution." Als solches Institut hatte nämlich Kaiser Wilhelm D als Kronprinz die Loge bezeichnet, wie wir oben vernommen. Nach dem Tode des Kaisers aber schrieben französische Logenbrüdcr, die immer offener und kühner sich gerircn als die zahmeren Schurzfell- brüder in Deutschland: „Wilhelm I. hat sich niemals durch ernstliche Erfüllung seiner maurerischen Pflichten ausgezeichnet, aber er dielt eS nichtsdestoweniger für Vortheil- haft, persönlich an der Spitze einer in der Welt so weitverbreiteten Institution zu bleiben." (Lullotin inaxonnigns Nr. 102 x. 131, otr. Gerber „Die Freimaurerei".) Kaiser Wilhelm II. (15. Juni 1888) ist der erste aus dem Hohenzollernhanse, welcher in die Freimaurerei sich nicht aufnehmen ließ, eine Thatsache, über welche die zahmen Logenbruder trauern, die grundsätzlichen aber sich freuen, weil sie damit einen Herzenswunsch erfüllt sehen — das Bcfrcitsein von hoher Protektion, durch welche die grundsätzlichen Logenbruder sich in ihrer eigentlichen Maurerarbeit eingeengt fühlen. Als daher mit Kaiser Friedrich III. „der letzte Protektor der Königlichen Kunst aus dem Hohenzollcrnstammc zur dunklen (Todes-) Kammer hinabging" (Banhütte 1888), von den osficicllen Berliner Logen aber eine Erneuerung dieses Protektorates angestrebt wurde, erhoben sich hiegegen ganz energisch die grundsätzlichen Freimaurer. „Es ist ja fraglich," schrieb die „Bauhütte", „ob die fürstlichen Protektorate überhaupt ein Segen sind. Wenn sie dem Einfluß von Intriguen ausgesetzt sind, bringen sie das Gegentheil von Segen, deßhalb wäre Klarheit über die jetzigen Verhältnisse sehr erwünscht: sie könnle vielleicht dazu sichren, daß die o-cbuincht mancher Kreise nach Protektoraten sich merklich abkühlen ließe uns wenigstens ein fester Stamm den Muto bekäme, auf eigene Beine sich zu stellen," welch' letzteres durch Scttegast und seine Anhänger uuumebr geschehen ist. Und au einer anderen bcmcrkcnSwerthe» Stelle sagt die „Bauhütte": „Im allgemeinen sprechen gewichtigere Gründe gegen die fürstlichen Protckwrate, als iür dieselben." Mit gcwobntcr Offenheit äußerte sich anläßlich des NichtbeitrittS Kaiser Wilhelms II. zur Loge das schon früher citirte Pariser Bulletin magonuigns (okr. Gerber „Die Freimaurerei") in den srbr deutlichen Worten: „Wir stauben, die deutschen Freimaurer können sich nur Glück dazu wünschen, daß Friedrich III. seinen Sohn nickt in den Bun» aufnehmen ließ, und sie müssen sich durch die Abneigung, welche letzterer gegen die Freimaurerei zu hegen scheint, sebr geeint füdlcn. Denn eS iü einem Herrscher, trotz all' seines guten Willens — er müßte denn abdanken — einfackhin unmöglich, die Grundsätze der Freimaurerei (die auch »ach Finde! in der französischen Revolution Fleisch annahmen) mit der ganz eigenthümlichen Meral der StaarSraison, diesem transscendenten Gesetze, in welchem die Fürsten zum voraus die Absolution von allen Verbrechen finden, zu vereinbaren. Friedrich III. wäre dies anck nicht gelungen trotz des Liberalismus, den man ihm nachsagte, trotz seines philosophischen (d. b. frei- uiaurerisch-vemokralischen) Geistes und seines wohlwollenden Charakters. Sein Sohn aber wäre dem Frciinanrerbnnde nie in anderer Absicht beigetretcn, alt um denselben zu knebeln oder von seiner Ausgabe abzudrängen." — Und an einer anderen Stelle schreibt dasselbe Blatt: „. . . Die Freimaurer werden sich nicht einschüchtern lassen. Weil der Kaiser (Wilhelm II.) sich nicht einweihen lassen will, werden sie das Volk einweihen und wenn das Kaiserreich sie verfolgt, werden sie zurNcpublikübergchen (okr. Gerber „Die Freimaurerei"). Als sodann am 13. Februar 1889 Prinz Friedrich Leopold „mit allerhöchster Genehmigung" der Log- beitrat, den osficicllen Brüdcrn zur Freude, den „grundsätzlichen" und fortgeschrittenen zum Leide, schrieb die >01>»ine cl'nnion«: „. . . Nach dem Vorstehenden wird man es begreiflich finden, daß wir uns enthalten, die Berliner Freimaurer zu der neuen Erwerbung, die sie gemacht haben, zu beglückwünschen. Wir halten dafür, daß sie in großer Kntmüthigkeit den Wolf in den Schafstall eingeführt haben." Dock genug und mebr als genug. Wollen Sie sich mit diesem so knapp als möglich gehaltenen Bild der Freimaurerei, das noch mn vieles und sehr interessantes erweitert werden könnte, begnügen. Sie haben nnn einigermaßen wenigstens einen Einblick in den tieferen Geist und dar wabre Wesen der Log- thun können an der Hand deS angehäuften Materials auS Frcimanrermund selbst. Sie haben sich einen Begriff zu bilden vermocht von jener vielgepriesenen Freimaurcrhnmanität. Diese Freimaurerhnmanität bekommt unter allen christlichen Konfessionen niemand empfindlicher und nachdrücklicher zu fühlen, als die katholische Kirche, gegen welche die Loge nach wiederholtem eigenen Geständniß vor allem die Wucht und Spitze ihres Angriffes und ihres Hasses kehrt. Im Namen dieser „Humanität", dieser „Naturrcligion", dieser „Rcin- mcnschlichkcit" fordert und strebt die Loge allüberall an, wo sie eS irgendwie vermag, die Lahmlegung der Kirche, die Unterbindung ihrer Lebensadern, die Entchristlichung der Massen. Im Namen dieser „Humanität", dieser principiellen Gegnerschaft gegen jedes Christenthum und vor allen, gegen die kath. Kirche schwärmte und schwärmt der Freimanrerbund für den Kulturkampf, trat und tritt er ein für die Civilche, erhob und erhebt er sich gegen die Orden, protestirt er gegen christliche Schulen, ist eines seiner höchsten Ideale die religionS- und konfessionslose Schule, die er, wo immer seine Macht ausreicht, mit allen Mitteln einführt, wie in Frankreich, Italien, Belgien uiw., bringt er Schulgesetze, wie das Zedlitz'sLe, welche der Kirche auch nur ein minimalstes Recht in der Schnlfrage einräumen wollen, zu Falle, beraubt er trotz Protest der Aerzte und medizinischer Aiiktoritäten sowohl wie der armen Kranken die Spitäler in Paris der Pflege durch barmherzige Schwestern. All diese Vergewaltigungen an den heiligsten Rechten aber verübt die Loge im Namen der — „Humanität", d. h. im Namen ihres grundsätzlichen AntichristcnthumS, ihres Hasses gegen alles Uebcrnatürliche. — Ja die Loge, die Freimaurerei ist das große, gewaltige Triebrad der heutigen Zeit im Kampfe gegen das Cbristcnthum im allgemeinen und im Kampfe auf Leben und Tod gegen die katholische Kirche im besondern, welch letztere die Loge unter allen Confeisionen als jenen Factor erklärt, der allein noch zu fürchten sei. In diesem Nicscnkampf des Frei- 363 maurer-WeltbnndeS gegen die katholische Weltkirche sucht die Loge alle möglichen Factorcn in ihren Dienst zu stellen, sich zu ihren Bundesgenossen zu machen: Literatur und Kunst. Theater und Presse, Gesetzgebung und Erziehung, öffentliche Meinung und Bildung. Angesichts dieser greifbaren Thatsachen ist cö nothwendig, ist cö hl. Pflicht, daß wir alle, die wir nicht zum Weltbund der Loge, sondern zum Gottesbau der katholischen Weltkirche gehören, uns enge und enger zusammenschaare» und Schulter an Schulter stehen wie eine festgehämmcrte Mauer, in der Hand jene Fahne, auf die wir uns cingeschworcn seit wir leben und auf der die Worte prangen: Orocto in unrein sanotam catdoli- oam ob axostolioam eedesiam. Und noch eines ist nothwendig. Wir muffen nämlich dem vorzüglich organisirten Gegner — der Freimaurerei — durch eine womöglich noch vorzüglicher organisirtc, internationale Gegenorganisation entgegentreten. Diese Gegcnorganisation aber sollte ihr Centrum iin katholischen Wcltccntrum, in der ewigen Koma haben und von dort aus über den ganzen katholischen Erdkreis ihre wohlgeordneten Fäden spannen, hinaus und hinein in die einzelnen Länder und Diöcejcn. Das gäbe System, Ordnung, Leben, Halt und Rückhalt. Durch eine solche Organisation werden wir den Sieg beschleunigen, der kraft göttlichen Wortes unserer heil. Kirche verheißen und verpfändet ist, über deren bräuilicher Stirne auch inmitten des augenblicklich tobenden Kampfes die Flammenworte prangen: Tu so kotrus, 6t super staue petrain aecliüeasto eoelosiam moaw, 6t xortas iukeri non prasvalestuut aclvorsns oaw. Recensionen nnd Notizen. kraueonia saera. Geschichte und Beschreibung des BiSthums Würzburg. Begonnen von Dr. I. B. Sta mming er, fortgesetzt von l)r. A. Amrhein, Pfarrer in Roßbrunn. DaS Kapitel Lcngfurt. 2. Abth. v. Herausgeber. Würzburg, Fr. X. Buckier'iche Verlagshandlung, 1696. S. 200—468 nebst Jnhalts-Vcrzcichniß. Preis M. 3,20. §. In rascher Aufeinanderfolge erschien die 2. Abtheilung für das Kapitel Lengfurt von der mit Freuden begrüßten Publikation der Geschichte des Bisthums Würzburg. Für alle, die ihre Heimath lieben und sich gerne mit geschichtlichen Studien befassen, wird dies Werk ein wabrcr Genuß sein. Mit Talent und Geschick, aber auch mit großer Ausdauer hat der Verfasser aus den besten Quellen unermüdlich zusammengetragen, aber auch klar, gründlich und bündig verwerthet, was von Interesse ist von den Kirchen, Pfarreien, Filialen, Schulen nnd sonstigen Verhältnissen der 14 Pzarrcicn des Dekanates Leugsurt. Topographie, Statistik, Orts- und Stiftungrgcschichte, Reckte und Pflichten werden eingehend behandelt. Ein sehr genaues Register erhöht den Werth des ganzen Bandes (1. und 2. Abth.). Es ist dies ein Werk, das in keiner Pfarrcibibliolbek fehlen darf und auch auf Kosten der Kirchcnstiftung beschafft werden kann. Die Fortsetzung des Werkes läßt nicht lange auf sich warten, da bereits für ein weiteres Capitel (Mcllrich- stadt) das Material schon bearbeitet ist. Die Frauen in der Heilkunde. Ein Beitrag zurFraucn- sragc von vr. msll. B. Langer. Wiesbaden, H. Lytzen- kirchen, 1894. 27 S. M. 0,60. In der zur Zeit so viel verhandelten Fraucnfrage spielt die „Acrzün", speciell die „Frauenärztin" eine wichtige Rolle. Unter der diesbezüglichen, enorm angewachsenen Literatur verdient das- vorliegend: Schristckeu Beachtung und Anerkennung wegen der klaren und sachlich ruhigen Behandlung seines Gegenstandes. Den ersten Grund, warum die Frau von dem Studium der Medicin und dem ärztlichen Berufe ausgeschlossen bleiben soll, sieht Langer in der Unzweckmäßigkeil der Zulassung schlechthin, denn der Bcrui ist zur Zeil übcriültt. Das medicinischc Studium sowie die spätere Praxis stellen 'vdann die größten Anforderungen an Nerven und physische Kraft. Diese Schwierigkeiten aber zu überwinden nnd dann in der Ausübung des Berlins wirklich und concnrrcnziähig neben dem Manne zu bestehen, könnte der weiblichen Natur mir m Ausnabmesällen gelingen. Ein kürzlich erschienener Detanaidberiebi der mcdicin- ischcn Facnltät in Genf über das Meoicmstndium ter dortigen Studciilinncn lautet denn auch für die Allgenieisbeir ganz außerordentlich imaünstig. Geeignete Erwerbszw-'ige für die Frauentbätigkeil erkennr der Verfasser mii Neet". m dem Berns der Krankenpflege, wo immer aroße Nachfrage na«> weiblichen Kräften herrscht, in oem dem ärztlichen Berns nahestehenden Hebammen stand, der sich leider noch mmer aus den untersten Ständen rckrntirt und dem „einige Procent Beimischung besseren socialen Blutes sehr noth thäte" (S. 24), sowie in der Heranziehung weiblicher Gehilfinnen sür den Apothekerberuf. Möchten die Vorkämpfer der Frauen- frage hier die Hebel ansetzen! Tübingen. L. Dulcamara. Harmlose und unmaßgebliche Gedanken über Gott nnd die Welt, Religion und Philosophie, Kunst lind Wissenschaft, Gesellschaft und Politik und vieles Andere, von Paul Garin. Ncgenslmrg, Wnnderlina, 1896. 8°. 325 S. Stellenweise eine sehr anlegende und fesselnde Lektüre. Allein vvr lauter Bemühen, ja etwas recht Geistreiches und AparteS zu sagen, sagr der vielbelcsene Plauderer nicht selten etwas recht Alltägliches und Affckiirtes. ES steht keine markante Individualität hinter diesen Ccw.serien, ihnen mangelt der sichere Boden einer einheitlichen, harmonischen Weltanschauung obne Schwanken. Darum meinen wir noch nicht, daß die „süß-bitteren" Gedanken unter die Schablone von Schlagwörtern L la. „Liberalismus", „Idealismus" passen sollten. Allein durch ein solches systemloses Ab und Auf und Hin und Her von „unmaßgeblichen" und ausgeklügelten Ideen und abgerissenen Naisonnements sich durchzulcsen, gewährt keinen ruhigen, künstlerischen Genuß und hinterläßt keinen conccntrirten Eindruck. Dazu kommt noch, daß diese „Gedanken" nicht immer ganz „harmlos" und unanfechtbar sind. Geschickte der Franziskaner in Bayern, nach gedruckten und eingedruckten Quellen bearbeitet von k. Parthenius Minges. München, Lenin er (Stahl suii.). Lcx.-8°. XV. 302 S. M. 5.00. Der Verfasser ist sichtlich vorn Streben nach Obj.ctivi- tät uns Aufrichtigkeit geleite:. Daö stattliche Material für seine Geschichte — 1. von der Ankunft der ersten Franziskaner in Bayern bis zur Einführung der ersten Reform; 2. von der ersten Reform bis zur zweiten Rciorm; von der zweiten Ncscrm bis zur Gegenwart — hat er mit lobenswertbestem Fleiße allerorts zusammengesucht, gewissenhaft und im ganzen stilistisch recht geschickt verarbeitet. Schade nur, daß die mittelalterliche Zeit gar so kurz abgethan wird! Und da hätte es gar viel zu sagen gegeben, so daß der hier zugewiesen: Raum entschieden nickt in dem gebührendeil Verhältniß steht zur Bedemmig und Größe seiner Zeit. Wer für diese Zeil in oem vorliegenden Buche eine gründliche und ausgiebige Belehrung sucht, wird nicht immer ganz befriedigt werden. Der Nachdruck der Darstellung lieg: mehr auf der Neuzeit, die sehr eingehend und interessant behandelt ist. Aus Einzelheiten des BuchcS einzugehen, speciell zu berichtigen, wo der Vcisasser öfter auf die primären Quellen hätte zurückgreiscn sollen, vazu ist hier nickt der Ort. Das thut auch keinen wesentlichen Eintrag den: Ge- sammtuntcruehmen, welches als ein verdienstliches und gelungenes bezeichnet werden muß. Verfasser hat dies sein historisches Erstlingswerk seinem ehemaligen Lektor, Magister nnd Provinziell gewidmet, dem Hochwürdizsten Herrn Bischof von Augsburg. Von der protestantischen Theologie zum katholischen Priestcrthum. Von einem Priester der Tiö- ccse Würzbura. Ersurt, Brodmaim, 1896. 56 Seiten. Preis 0.60 M. In der von Herrn Donicapittllar Dr. tBeol. Scltinann tu VreStau trefflich redigirteu katholischen Monatsschrift Cd omuss nimm erschien im Lause der letzlcn Monate eine Reihe von Aufsätzen, welche allseitige Beachtung landen und nun. zur Broschüre vereinigt, noch mehr Aufmerksamkeit erregen dürften. Der Verfasser ba: die Geschickte seiner inncren Kämpfe und äußeren Führungen dem öffentlichen Urtheil unterbreitet, einmal weil es nicht zu den gewöhnlichen Fällen gehört, daß gerade ein protestantischer Theologe den Weg zur katholischen Kircke findet, und dann in der richtigen Ueberzeugung, daß der Leser in diesem Lebensgange manches Lehrreiche und Erbauliche finden werde, das ihn mi: Freude erfüllt über die wundervollen Wege der Gnade, die dock alle, so verschieden sie sein mögen, zu dem eine» Ziele führen. Gerade in einer Zeit, in welcher die Pastoren des „Evangelischen BnndcS" die gehässige Kampsweile der wäteren Jabrzehnle des 16. Jahrhunderts wieder aufgenommen haben nnd das protestantische Volk zur Feindseligkeit gegen die katholischen Mitcbristen aufzureizen suchen, ist es sehr angemessen, daß ein evangelischer Theologe vssent/H 364 Zeugniß ablegt von seinen früheren Vorurtheilcn und Jrr- tbnmern und seinem jetzigen Glücke im Schooße der wahren Kirche. Solch; C»nv-!sionSschriften sollten noch häufiger verfaßt und im Volke verbreitet werden. Sie sind dem Nicht- katholiken Wegweiser zur Wahrheit, dem Katholiken Beweise für die Echtheit seines Glaubens. Dr. Max Oberdreyer. Die Cisterzienser-Abtei Klosterlaugheim mit den Wallfahrtsorten Vierzehnhciligen unk Marien Weiber mit drei Holzschnitten. Von Dr. I. Baier. Würzburg, Ansr. Göbel', 1896. 8^. 49 S. Preis 50 Pf. Unter geschickter und trefflicher Benutzung und Fassung der ziemlich ergiebigen Quellen ist dieses Büchlein entstanden, welches uns die berühmte Klosterabtei ObersrankcnS, Laugheim, und die vielbesuchten Wallfahrtskirchen Vierzehn-heiligen und Marienweiher in sehr interessanter Weise eingehend schildert. Tausende und Abertausende besuchen diese beiden so schön gelegenen Wallfahrtsorte jährlich; für sie wie für viele andere Geschichtssreundc, welche eine dem Volke verständliche Darstellung wünschen, ist dieses Büchlein ganz speciell geschrieben und dürfte den Wallfahrern wie den Besuchern und Bewohnern jener paradiesischen Gegend einerseits ein; gediegene Vorbereitung zum Besuche der freundlichen Gnadenorte abgeben, andcrscit- einc liebliche Erinnerung an den geschehenen Besuch, um durch Nachlesung da- aufgenommene Bild sich noch tiefer einzuprägen. ES ist Pflicht der Katholiken Ober- wie Unterfrankens, sich mit der Geschichte der genannten drei Gnadenorte dieser ihrer engeren Hcimath bekannt zu machen. Die Lektüre wird Jedem Freude bereiten. Ausstattung sehr nett; Preis außerordentlich billig. Ausgewählte Volkserzählungen von N. Kolping, weil. Domvikar, Gründer und Präses des katholischen G-sellcnvercinS. NegcnSbnrg, Nationale VerlagSanstalt. 8°. Band 4—7 (Schlußband). Preis des Bandes M. 1,— broschiert, M. 1,30 gebunden. WaS uns an den Kolping'schen Erzählungen am meisten gefällt, ist der Umstand, daß sie so recht aus dem täglichen Leben gegriffen und warm und volkSthümlich geschrieben sind, und ohne Bedenken der reiferen Jugend in die Hand gegeben werden können. Wir führen den Inhalt der einzelnen Bände nur kurz an: IV. Band: Peter, der Schmied. — Unterhaltungen über daö Familienleben (Vater Johannes). — Waller, der Porzellanhändler. — TomS (aus dem Leben eines Bildschnitzers). V. Band: WaS Gott thut, ist wohlgethan. — Kindersinn u.Goltcsscgen. — Paul Werner. - Ein Spielchen. VI. Band: Andres, der Nachtwächter. — Gebet, und eS wird Euch gegeben werden. — Belohnte Wohlthätigkeit. — Zwei Nachbarn. — Tod eines Bettlers. VII. Band: Hcimath und Fremde. — Schuld, Strafe und Versöhnung. — (Schlußband.) Untreue schlägt den eigenen Urheber. — Du sollst nicht stehlen. In diesen Erzählungen tritt uns der ganze Kolping entgegen; seine scharfe Beobachtung des Volkes und dessen Anschauungsweise, seine Hoch- schätzung des Volkes und dcS guten KcrnS, der in demselben steckt, der Verwüstungen, welche Unglaube und Sittcnlostgkeit. falsche Aufklärung und Eitelkeit im Leben des Menschen anrichten, des Glücks der einfachen Sitten mid der religiösen Gepflogenheiten. Eigenartig, aber stets fesselnd ist die Art und Weise, wie Kolping znm Volke redet. Wie könnte man also unserem Volke in Stadt und Land eine bessere Lektüre in die Hand geben, als diese Erzählungen! ES ist daher einfaches Pflichtbewußtsein, wenn wir diese Erzählungen auf daS wärmste empfehlen, und zwar nicht nur den Gcscllenvereinen, sondern auch allen braven Familien, nicht bloß im Nheinlande, dessen ländliche Verhältnisse in ihnen meist so packend geschildert sind, sondern auch in ganz Deutschland. Kurzgefaßte theoretisch-praktische Grammatik der lateinischen Kirchensprache. Zum Gebrauche für Lehrer-Seminarien, Klostcrschnlen, Choralschulcn u. dgl., sowie zum Selbstunterricht von Lcop. Math. El. Stoff, Dechant und kgl. Kreis schulinspector in Kassel, gr. 8°. (XII u. 266 S.) Mainz, 1696, Kirchheim. Preis geh. 2.50 M., gebd. 3 M, DaS Buch ist ganz auS der Praxis herausgewachsen. Der Verfasser hatte sich in einer rheinischen Choralschnle den Lehrstoff zurechtgelegt und nach den gemachten Erfahrungen stetig praktischer und methodischer gestaltet. Damals handelte es sich darum, die Schüler so auszubilden, daß sie den lateinischen Chsrtext verstehen und erklären konnicn. Die allgemeine Klage, daß ein brauchbares Handbuch zum Unterrichte in der lateinischen Kirchensprache nicht existire, führte den Verfasser zu dem Entschlüsse, diese Arbeit zu erweitern. I» 3 Theilen: Formenlehre, Syntax oder Satzlehre und Lcscübungen, löst der Verfasser seine Ausgabe cinf'S praktischste. Die Stoffliche Gram- marik beschränkt sich nicht auf eine lose Zusammenstellung der Eigenthümlichkeiten der Kirchensprache, sondern sie baut sich systematisch auf den: Boden der klassischen Sprache auf, so jedoch, daß jene Eigenthümlichkeiten als solche betont werden und der Schüler durch die UebungSstücke in den Geist und die Ausdrucksweise der kirchlichen Sprach: eingeführt wird. Kurze Anleitung zur Erlernung des „Vertrages". Verlag der „Neichspost", Wien, VIII, Strozzigassc 4l. 6. Dieses 22 Seiten umfassende Schriftchen (Preis 10 kr., franco per Post 12 kr.) dürste namentlich jüngeren Männern, die gute Redner werden wollen, ersprießliche Dienste leisten, da eS in gedrängter Kürze eine streng sachliche, von einem alten PraktikuS stammende Anleitung zur Erlernung des „Bortragcs" gibt. Die Broschüre behandeli zunächst die Hanvtcrfordernisse der guten Deklamation (Deutlichkeit, Mannigfaltigkeit, Lebhaftigkeit, Natürlichkeit), gibt allgemeine Winke für die Action (Haltung des Körpers, die Bewegung des Kopfes, der Arme und Hände, Micncnspiel) und geht dann näher aus die oft veniilirte Frage ein: ob eS besser sei, eine Rede wörtlich auswendig zu lernen und dann sie wortgetreu zu halten, oder bloß den Stoff fleißig zu überdenken und nur den Gedankengang der Rede und die berv»rrageudsten Stellen sich zu merken, dann aber ant dem Stegreis zu sprechen. Der Schluß lautet: Allen jungen Rednern ist dringend zu empfehlen, daß sie mehrere Jahre lang — mindesten» sechs Jahre — ihre Vortrage sowohl schriftlich vollständig aurarbeiten, als auch wörtlich auswendig lernen und vortrage». Diesen Ausführungen schließen sich Winke für -in leichtere- Memorircn, rür den Nedeentwurf (Disposition) rc. an. Wir können diese Schrift nur bestens empfehlen. Theologisch-praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. od. 80 S. gr. 3°. Preis ganzjährig 5 Mark. Verlag von Gg. Kleiter, Paffan. Inhalt des 11. Heftes 1896: St. Thiemo, Erz- bischos von Salzburg und Kreuzfahrer. — Kloster Vormbach. — Der Kampf der Kirche gegen die Freimaurerei. — Familien- oder Seminar-Erziehung? — Welche Mahnung soll in unseren Predigten am öftesten wiederkehren? — Einige Zweifel über Ablässe. — Der Klerus und der Lehrerstand. — WaS spricht der Oatsehismns roisaini, über die einzelnen Sakramente zum Katecheten? — Die Bittprozessioncu am MarkuS-Tage und den drei Tagen vor Christi Himmelfahrt. — Eingehende Belehrung über Mcßweinprcbcn. — BeachtenSwcrthe Kleinigkeiten. — Neueste Erlasse und Entscheidungen der römischen Kongregationen. — Erlasse der obersten Verwaltungsstellen und Ent- zchcidungen der obersten Gerichtshöfe. — Litcrarische Novi- tätenschan. Literarischer Hand weis er, begründet, herausgegeben und rcdigirt von Msgr. vr. Franz HülSkamP in Münster. 24 Nrn. L 2 Bogen Hochqnart für 4 M. p. Jahr. 1896. Nr. 12. Inhalt. Zum hundertsten Geburtstage AnnettenS von Droste-HülSüoff, I. Artikel (Arcns). — Weitere kritische Referate über VVIiite Listen/ oktbe ^Varkare ok Leioncs anst Theolog/(A. Zimmermann), Aich Heilige Familie von Nazarct und Steigenberger Früchte des PriesterthumS (Deppe), Nilner Lnel ok reliAious vontro- vers/, .4.1 lies 8t. Peter und -Illieg 8es ok 8t. Peter (BelleSheim), Gsny Jahrbücher der Jesuiten zu Schlettstadt und Rniach II. (Paulus), Bertram Bischöfe von HildcSheim (Grasn), Nnrxh/ Onr LIart/rs und Lee 1/ Oentenar/ Osledrations in Lla/nooth OolleZs (BelleSheim), Brosch Geschichte Englands IX. und Na via/ Listen/ ok tlis Ilnitsä Stetes Luv/ 1775—1893 (Zimmermann), Hofcle LourdeS- bncklcin, P. Eugen ins Präger Jesulein u. Kieffer Gnadcn- schätze der Messe (Deppe). — 24 Notizen über verschiedene Nova (HülSkamP). — Novitäten-Verzeichniß. Lcrantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg. Leo Taxil*) hat nun auch gesprochen! Ein voller Monat ist vergangen, seitdem man ihn auf dem antifreimaurerischen Congreß zu Trient wegen des Vaughan-Schwindels ins Verhör nahm; seitdem hat man ihm in allen europäischen Sprachen Dinge gesagt, die direct an seine „Ehre" gingen. Er aber schwieg. Jetzt endlich findet er sich bemüßigt, im Univers in einem vorn 28. Oktober datirten Schreiben sich zu vertheidigen. Umfang und Inhalt des Schreibens stehen in umgekehrtem Verhältniß. Wortreiche Versicherungen, daß jeder Pfennig, der bei den Schriften der „Miß Vaughan" verdient wird, Zu guten Zwecken verwendet werde, Polemik gegen ein englisches Buch und gegen das Freimaurerblatt „Alpina", allerhand beweislose Behauptungen, und zur Sache — im wesentlichen nichts. Hier aus dem endlosen Gerede diejenigen Sätze, die allenfalls in Betracht kommen könnten. Die Directorcn der guten Werke, welche von der unbedingten Uneigennützigkcit (der Miß Vaughon) Nutzen gezogen haben, werden darüber Zeugniß ablegen können bei der römischen Commission, welche der Tricnter Congreß eingesetzt hat, um sich über die dreifache Frage ihrer Existenz, der Aufrichtigkeit ihrer Bekehrung und der Anlhcntie der von ihr veröffentlichten Documentc auszusprechen. Die Freunde der Convertitin erwarten mit dem größten Vertrauen daö Urtheil der römischen Commission. Diese allein hat die Besugniß, über die Thatsachen zu urtheilen und sich auszusprechen; denn cö gibt bestimmte Zeugen, welche Zeugniß ablegen können und ablegen, welche aber, aus besondern Gründen, nicht in derLage sind, ihreNamen an dicOeffcnt- lichkeit kommen zu lassen(I). Sie werden dann sehr erstaunt sein zu erfahren, daß Miß Vaughan bereits mehrere Jabre vor der Zeit gesehen wurde und bekannt war, als ihr Name im „Teufel im 19. Jahrhundert" gedruckt wurde. (Folgt eine absolut gleichgültige Polemik gegen die kölnische Nolkszciiung und Lr. .'. Finde!.) „Geben wir der Sache auf den Grund," schreiben Sie über ihren gestrigen Artikel. Der Grund der ganzen gegenwärtigen Polemik ist iolgcnde Hypothese: Ich bin es, der alles organisirt hat und alles leitet, um mich herum eine Anzahl von Mitschuldigen und Betrogenen; der ganze Palladismus soll ein Erzeugnis meiner fruchtbaren Einbildungskraft sein; das Freimaurer-Papstthum Pike's und feiner Nachfolger ist lediglich eine Fabel; die Hoch-Freimaurerei oder der oberste Ritus, die geheimen Logen, in denen man den OccnltismuS treibt, wo man die Hostien profanirt, der Satans-Cult in den Triangeln, alles das existirt nicht. In England ist ein Buch von einem Herrn Whaire erschienen, der alles das behauptet. Sehr schön; aber wie entstand dieses Buch? Miß Vaughan hatte sich mit dem Erzbischof von Edinburgh in Beziehung gesetzt und die Schlupfwinkel der lucifcrianischen Rosenkrcnzer der Diöcese enthüllt; eine von Herrn Consiline, dem Advokaten des ErzbiSthums, geleitete Umersuchung hat festgestellt, vaß alles von der Convertitin Behauptete absolut genau war; der Haupt-Geheimtempcl lag zwei Schritte vom erzbischöflichen Palais. Der Erzbischoi von Edinburg hat Miß Vaugban seinen Segen geschickt. Andererseits waren die Roscnkrcuzer von England unv Schottland wüthend, was leicht zu begreifen ist. Das Buch Whaite's folgte sofort auf die Einhüllungen der angeblich erfundenen Ex-Frei- manrerin. Und wer ist Herr Whaite? Der englische Neber- setzcr des Rituals der hohen Magie, von Eliphas Levi, zum Gebrauch der Rosenkrcnzer von Großbritannien. Besonders in Erstaunen setzt mich der Umstand, daß die *) Wir reproduciren diese Ausführungen der „Köln. Volkszeitung". um unsre Leser über den Stand der Kontroverse auf dem Laufenden zu erhalten. Daß dem Leo Taxil mit dem größten Mißtrauen zu begegnen ist, unterliegt wohl keinem Zweifel. Andrerseits wäre eS sicher unrichtig, wenn man Alles a. priori als falsch verwerfen wollte, was über den OccultiSmus, PalladiSnius und sonstigen Geheimcult der Logen geschrieben worden ist. D. Red. unerhörten Erklärungen des Dr. HackS mit ihrer handgreiflich übertriebenen Anmerkung Ihnen nicht in einer ganz andern, als der von Ihnen beliebten, Richtung zu denken geben. Sie erblicken darin ganz einfach einen »Ilondlarel kaussuut oomxgAuio ä sog eompöros«. Vielleicht wird die römische Com- Mission darin etwas anderes finden, jedenfalls können Sie versichert sein, daß wir ihr erbauliche Dmge schicken werden. An diese zuständige Commission halten wir unS; sie wird prüfen, was man von den heutigen Erklärungen des Dr. HackS festhalten muß, und in welchem Umfang es festzuhalten ist- Die meisten alten Freunde kannten sein bedauerliches (d. h. absolut ungläubiges) Capitel über den -Costa llisratigue-, und er schien es damals zu bedauern (bekanntlich ist das Buch Cs Costo 1892 erschienen, unmittelbar bevor „vr. Bataille" den Unfug mit dem „Teufel im 19. Jahrhundert" begann), aber wir waren alle sehr erstaunt, durch den UniverS zu erfahren, — allerdings folgt der Uiuvers dabei der Kölnischen Volkszeitung und dem Nouvclliste du Nord — vr. Hacks sei allezeit „ein activer Freidenker" gewesen, er sei „Verfasser mehrerer Werke von ausgeprägtem Anti-KlerikalismuS". (Die Kölnische Vvlkszeitung hat ausschließlich von feinem Buch Vs Costo gesprochen, das an „ausgeprägtem Anti-KlerikaliSmns" nickts zu wünschen übrig läßt.) Der Nouvclliste du Nord hätte doch eine Freidenker-Gesellschaft nennen sollen, die meinen alten Freund zu ihren Mitgliedern zählte, und einige anti-klericale Werke, die ihn zum Verfasser oder wenigstens zum Mitarbeiter haben. Ich verkenne nicht den Ernst deS hauptsächlich gegen mich gerichteten Angriffs. Ich weiß, daß ein Konvertit bis zu seinem Tode verdächtigt werden kann. und die Kränkungen, mit denen Ihr Blatt mich überschüttet, erscheinen mir als eine Prüfung, die ich tausendfach durch meine traurige Vergangenheit verdient habe. Ich verlange nicht Ihre Achtung, wodl aber Ihre und Ihrer Leser Gebete; ich bedarf derselben sehr in dieser Prüfung. So Herr Taxil, unschuldig und fromm wie er ist. Wir haben seine Erklärung mehr als einmal gelesen, und sind enttäuscht. Wir hätten von dem mit allen Hunden gehetzten Manne mehr erwartet, als einen Schwall von Redensarten und unbewiesenen Behauptungen. Seine räthselhafte „Miß Vaughan" schwebt noch immer genau so in der Luft wie früher, an den höchst unbequemen Geständnissen seines Freundes Hacks drückt er sich leise vorbei, und dann schiebt er die ganze Geschichte auf die lange Bank der römischen Commission, die nach seinem Wunsch mit Zeugen arbeiten soll, deren Namen der Oeffentlichkeit verborgen bleiben. In seinen Bemerkungen zu der Taxil'schen Erklärung fragt Eugen Tavernier neugierig, wer denn eigentlich zu dieser Commission gehöre, fürchtet, sie werde zu einer gründlichen Prüfung der ganzen Vaughan - Literatur ein oder zwei Jahre nöthig haben, und verlangt von dem Mandatar (Leo Taxil) und dem Verleger (Pierrct) der Vaughan'schen Schriften genaue Rechnungslegung über die Verwendung der aus ihnen vereinnahmten Summen. Wir unserseits möchten schon heute einige Gründe vorbringen, weßhalb wir von den beweislosen Betheuernngen des Herrn Taxil kein Wort glauben. Wir werden dabei erheblich präciser sein als der wortreiche Vertheidiger der Miß, deren Geburt, Lebensumstände und Aufenthaltsort noch immer in tiefes Dunkel gehüllt sind. Vor seiner „Bekehrung" ist Herr Gabriel Jogand- Pagss alias Leo Taxil ein Fälscher von Beruf gewesen. Zeuge ist er selbst in den „Bekenntnissen eines ehemaligen Freidenkers" (wir citiren nach der deutschen Ausgabe, Freiburg und Paderborn 1888). Dort erzählt er u. a. folgende Stücklein, die in die achtziger Jahre (frühestens ganz kurz vorher) fallen. 1. Er veranstaltet eine neue Ausgabe der gefälschten „Werke des Pfarrers Meslier". erkennt die FällÄuna 366 bei der Correctur des ersten Bandes und hat trotzdem „die Lüge Voltaire's weiter ausgesponuen". (S. 182 bis 186.) 2. Zu dem infamen Schandroman 1^68 amours ssorstsv äs kis IX. hat er „wirklich die Idee geliefert, wenn ich ihn auch nicht selbst verfaßte. Wir unterschoben das Werk einem Geheimen Kämmerer Sr. Heiligkeit. Ich selbst schrieb einen Brief des angeblichen Kämmerers, welcher als Vorrede herauskam. Die Grundidee stammt von mir. Der ganze Schmutz der lügnerischen Anekdoten, welche der Verfasser ausspann, wurde von mir gesammelt und mitgetheilt" (189 ff.). Dieses saubere Compagnie-Geschäft, welches an die unter dem Namen Dr. Bataille vereinigten Compagnons deS viabls rm XIX. 81661s erinnert, spielt 1881. 3. Er erfand (202) eine apokryphe (päpstliche) Ex- comwunications-Bulle, die er aus Sterne's Trtstan Shandy abschrieb, es ist dieselbe schmutzige Fälschung, auf die noch vor einigen Jahren ein deutsches socialistisches Blatt hineinfiel. 4. Eine kolossale „Mystifikation" hat er sich gegenüber dem Pariser ultra-socialistischen Blatt „La Bataille" (nomsn st oinsu?) gestattet, für das er, als „einer der Privatsccretäre in der erzbischöflichen Kanzlei von Paris", „alle Intriguen enthüllte, welche im erzbischöflichen Palaste gesponnen werden". Der Streich gelang, und „auf dem Bureau des ,Anti-Clsrical' (den er redtgirte) lachte man sich jedesmal krumm, wenn ich wieder einen mit Jean Sierre gezeichneten Brief auf die Post gab" (203 ff.). Weitere „schamlose Mystificationen". die er mit andern ausheckte, zählt er S. 217 auf. Auch hier verfehlt er nicht beizufügen: „Man lachte sich buchstäblich krumm. Die Verfasser hatten die größte Freude darüber, daß sie dem Publikum solche Bären aufbanden, und sagten lachend: Nur zul Die menschliche Dummheit hat keine Grenzen." Der Verdacht liegt nahe, daß dieser selbe Taxil auch nach seiner „Bekehrung" Gelegenheiten fand und schuf, um sich wieder einmal „krumm zu lachen". Die Einzelheiten, mit denen er seine „Bekehrung" erzählt, sind nichts weniger als geeignet, eine innere Umwandlung dieses Fälschers von Profession glaubhaft zu machen. Sie soll erfolgt sein, während er — mit der Fälschung der Acten des Processes gegen Jeanne d'Arc beschäftigt war, urplötzlich, am 23. April 1885. Schleunigst am nächsten Morgen geht er beichten, bekommt aber wegen eines Reservatfalles nicht die Absolution, die ihm vielmehr erst Anfang September zu Theil wird. Erst am 23. Juli, also nach genau einem Vierteljahr, stellt er sich auf der Redaction des Univers als Bekehrter vor. In der Zwischenzeit reicht er (27. April) seine Entlassung als Sccretär der anti-klerikalen Liga ein, macht aber ganz andere Gründe geltend und erklärt sich bereit, „die laufenden Geschäfte, wie bisher, bis zu seiner Ersetzung zu erledigen", geht auch Ende Mai noch als Abgeordneter zum anti-klerikalen Congreß nach Rom l Trotz allem Geschwätz, mit welchem er diesen Schritt zu entschuldigen versucht, wird man das Erscheinen des reuigen Schäfleins in der römischen Wolfshöhle einigermaßen befremdlich finden (S. 298 ff.). Am 16. Mai 1885 veröffentlicht der reuige Leo Taxil einen Abschieds-Artikel in seiner „Nspubligue Auti- Clsricale" (S. 305), in welchem von seiner „Bekehrung" noch keine Rede ist. Wohl aber verwahrt er sich entrüstet gegen die Behauptung, er sei „pornographischer Schriftsteller, da man in keinem einzigen meiner Werke auch nur einen Satz unsittlichen Inhalts ausfindig machen könne". Da sagt der geistige Urheber der t1wonr8 8sorst63, der (S. 201) bekennt, er habe eine „Schandschrift" 1^63 Iüvrs8 Lsorsts äs8 Lsminuirss herausgegeben! Indessen haben wir diese vor 1885 liegenden Dinge nicht nöthig, um Leo Taxil als Pornographen zu bezeichnen. Vor uns liegt die zweite Auflage seines scheußlichen Buches I,u 6orruiition tin-äs-sisols, erschienen 1894, zu einer Zeit, als Diana Vaughan bereits durch „Or. Bataille" introductrt und die förmliche Jnscenirung des Vaughan-Schwindels in voller Vorbereitung war. Hier werden — natürlich ausschließlich zu streng „moralischen" Zwecken und mit einem großen Aufwand von sittlicher Entrüstung — die Geheimnisse der Pariser Bordelle im allgemeinen und der widernatürlichen Unzucht im besondern mit einer Sachkenntniß und einer liebevollen Vertiefung in den stinkenden Stoff geschildert, daß das Buch einen Ehrenplatz in der internationale« Abtritts - Literatur beanspruchen darf. Wenn der Ekel, welchen ein selbst flüchtiger Blick in diese Kloake hervorruft, überhaupt noch einer Steigerung fähig wäre, so würde dies der Umstand zu Wege bringen, daß Taxil sich in frommen Redensarten ergeht und nicht verfehlt, dem hl. Vater seine Verbeugung zu machen. Man kann der Brüsseler radicalen Reforme nur recht geben, wenn sie ihm neulich anläßlich seines Auftretens beim Trienter Congreß das Prädicat ertheilte: „Leo Taxil, dieser schlecht abgeputzte Freimaurer, welcher der infamste anti-klerikale Schriftsteller war und nach seiner ,Bekehrung' gewisse pornographische Ausgeburten in Weihwasser badete." Nebenbei bemerkt, verrathen auch die sogen. Memoiren der Miß Vaughan das Bestreben, durch Nuditätsscenen und obscöne Anspielungen die Oede der unsäglich kindischen „Enthüllungen" und des „frommen" Gefasels zu beleben. Der Unterschied ist freilich vorhanden, daß das „Weihwasser" hier stromweise fließt. Wer hiernach über die „Vertrauenswürdigkeit" Leo Taxil's noch nicht ganz aufgeklärt sein sollte, dem müssen die letzten Zweifel angesichts seines Verhältnisses zu „vr. Bataille" schwinden. Wir wissen nicht, ob es nach den Geständnissen des Du. Charles Hacks — wir wiederholen, daß wir diesen für eine Nebenperson bei der Fabrication des Oialils au XlX. sissis halten — noch einen halbwegs vernünftigen Menschen gibt, der an diese „Erzählungen eines Zeugen" glaubt. Mit unbedingter Sicherheit ist ja festgestellt, daß der erklärte Freigeist und fanatische Kirchenhasser Hacks an diesem Teufelsroman mitarbeitete, und daß er sich als „Dr. Bataille" feiern ließ. Die vortrefflichen Aufsätze, die in den letzten Tagen Eugen Tavernier im Pariser „Univcrs" der wettern Entlarvung des „I)r. Bataille" widmete, haben noch einige bezeichnende Einzelheiten beigebracht. „Am 5. Mai 1893 hielt I)r. Hacks im Saale der Socists Bibliographique einen Vortrag, in welchem er feine Reisen und seinen Forschungszug durch die teuflischen Riten schilderte. An diesem Abend bildeten Or. Hacks und Dr. Bataille nur eine einzige untheilbare Person. Und Dr. Hacks entwarf, unter dem Namen des Dr. Bataille, das ganze Programm der Enthüllungen, das sich während mehrerer Jahre entwickeln sollte" (UniverS, 27. Oktober 1896). Drei Tage später gräbt Tavernier (Univers von» 30. Oktober) die prächtige Annonce aus, die im Angnst 1894 aus einem der Liefsrungshcfte des Oiaffls prangte. 367 Herr Dr. HockS, „ehemaliger Arzt der Gesellschaft Nss- suZsries maritimes" — so führt sich bekanntlich auch „Dr. Bataille" im ersten Satz der Vorrede zum Oiadls ein — empfiehlt sich zu ärztlichen Konsultationen und bemerkt zum Schluß: „Besondere Preise und Bedingungen für die Herren Geistlichen sowie für die religiösen Kongregationen und Genossenschaften". Ein sehr frommer Mann, wie man sieht, und als solcher hat er sich auch in seiner Zeitschrift „Der Arzt der christlichen Familie" gegeben — schade, daß diese Frömmigkeit ihn nicht hinderte, sowohl vorher als nachher als Freigeist und Voltaireaner aufzutreten. Herr Hacks - Bataille, über den man jetzt wohl die Acten schließen kann, ist aber der Busenfreund — Leo Taxil's. Wer es nicht ohnehin wußte, kann es schwarz auf weiß in Nr. 1 der üevrm mansualls (Januar 1894) lesen, der zur Neclame für den Oiublo gegründeten, von „Dr. Bataille" geleiteten tollen Monatsschrift. Dort bricht Taxil (mit Namcnsunterschrift) in 14 enggedruckten Spalten eine Lanze für den wegen seines viabls angegriffenen vr. Bataille: „Ich konnte es nicht ablehnen, an der Seite meines Freundes zu kämpfen. Bataille ist ein alter Jugend-Kamerad von mir, dessen Ehrenhaftigkeit ich stets geliebt, dessen ritterlichen Charakter ich stets bewundert habe. Ueber ihn habe ich in meinen Bekenntnissen eines ehemaligen Freidenkers geschrieben" — folgt eine Erzählung, wie nobel während seiner Verbannung in Genf „sein Freund H., heute einer der bedeutendsten Aerzte von Marseille," sich gegen ihn benommen habe. Dann fügt er bei, dieser brave H., der später der weltberühmte Dr. Bataille geworden sei, habe immer versucht, ihn auf den rechten Weg zu bringen und habe nie an seiner Bekehrung verzweifelt! Weiter schildert er des Langen und Breiten, wie er von den Verlegern des Oialols gebeten worden sei, ein Auge auf die Veröffentlichung dieses Teufelsromans zu haben, wie er sich mit Bataille-Hacks besprochen und ihm weitere Informationen verschafft habe; er sei nicht Mitarbeiter im eigentlichen Sinne gewesen; eS habe „eine freundschaftliche Ueberwachung in theologischer Hinsicht und bezüglich der speciell freimaurerischen Thatsachen" stattgefunden; aber das Buch des Dr. Ba- taills sei dessen „absolut persönliches" Werk. Merkwürdig: Dr. Hacks hat bekanntlich 1896 die Ehre, Dr. Bataille zu sein, in den bestimmtesten Wendungen abgelehnt, während sein Freund Taxil 1894 das schnurgerade Gegentheil versichert hat. Es ist traurig, wenn zwei so intime Freunde in solcher Weise einander Lügen strafen. Die volle Complicität Taxil's mit vr. Hacks- Bataille, seine Mitverautwortlichkeir für den unter dem Namen Bataille verübten groben Schwindel ist damit zur Evidenz bewiesen. Zum Ucbcrfluß hat kürzlich Herr Pierre Lautier, der leichtgläubigsten und urtheilslosesten einer in dieser tollen Geschichte, ausgeplaudert, bei seiner famosen Zusammenkunft mit „Diana Vanghan" im Pariser Hotel Mirabeau, bei welcher der gefällige Dr. Bataille die Honneurs machte, sei auch Leo Taxil dabeigewesen! So Herr Lautier im Röster de Marie; ich finde das Citat, an dessen Richtigkeit ich zu zweifeln keinen Grund habe, im Mailänder Offervatore Cattolico vom 14./15. Oktober. Also bei dieser grotesken Komödie I)r. Bataille und Leo Taxil Arm in Arm! Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist. Ein Fälscher von Beruf, ein Pornograph, der Herzensfreund des entlarvten Dr. Bataille und Mitarbeiter a« Oiulilö, ist heute der Kämpe der unauffindbaren „Miß Vaughan". Einer der Verfasser oder Mitarbeiter des Buches, in dem die Miß zuerst an die Wand gemalt und ihr Auftreten systematisch vorbereitet wurde, hat jetzt die Kutte abgeworfen und steht wieder vor aller Welt da als der Freidenker, der er immer gewesen ist; aber sein „Jugendkamerad" Taxil pilgert nach Trient, schimpft und schwört, und vergißt dabei die Antwort auf die allereinfachsten Fragen, durch deren Beantwortung er die Existenz der Miß beweisen soll. Einem italienischen Erzbischof hat er, wie uns aus Rom mitgetheilt wird, „auf'S Crucifix" zugeschworen, die Sache sei richtig. Gelegentlich sitzt er auch in Trient mit Herrn Künzle beim Bier und fordert namens der durch die „Geheimnisse der Hölle" in ihren Autorrechten beeinträchtigten „Miß Vaughan" von ihm eine kleine Entschädigung von 20,000 Fcs. Nun, das ist nicht einmal soviel, als Herr Margiotta für die große Gunst verlangt hat, seine „Enthüllungen" in'S Deutsche übersetzen zu dürfen, nämlich 50,000 FcS. Den Verblendeten, die ihn in Trient mii einem Hoch begrüßten, hat er in seiner frivolen Manier eine Lection gegeben mit der bekannten Warnung, man möge mit dem Beifall bis zu seinem Tode warten. Wir sind — so schließt die Köln. Volksztg. ihre Ausführungen — so frei, diese Mahnung zu befolgen und bei unserer Meinung zu bleiben, daß Taxil in Trient gethan hat, was er so viele Jahre gepflegt und gethan: er hat gelogen, und heute lügt er weiter. * » * Leo Taxil weigert sich, wie vorauszusehen war, der Aufforderung des Univers Folge zu geben, den Nachweis für die nach seiner Angabe nur zu wohlthätigen Zwecken geschehene Verwendung der Honorare aus den „Enthüllungen" der „Miß Vaughan" zu liefern. Selbstredend! Seine eigenen Taschen werden schon nicht wider ihn zeugen. Wir würden uns höchstens gewundert haben, wenn er seine Behauptung irgendwie bewiesen hätte. In seiner neuesten Nummer übernimmt der Univers aus dem „Nouvelliste de Lyon" einen Bericht, in welchem von einer zweiten Zusammenkunft zweier Ungenannter mit der der „Miß Vaughan" die Rede ist. Die eine hat, wie bekannt, in Paris mit dem unglaublich leichtgläubigen Herrn Lautier stattgefunden, die zweite in Ville- franche. Das Lyoner Blatt glaubt nicht an die Existenz der Vaughan: Da wir den Geschäftsgeist derjenigen kennen, die sie patronisinen, kamen wir zu dem sehr natürlichen Schlosse, daß, wenn die Miß existirt hätte, ihre Barnums nicht verfehlt haben würden, sie bei Gelegenheit mit der dicken Trommel gegen gutes Eintrittsgeld zu zeigen. Wir kennen indeß Leute, deren Ungläubigkeit nicht von diesem Argument befriedigt wurde und welche Leo Taxil und seinen anonymen Cumpan, den Dr. Bataille, baten, die Pricsterin des Palladisninö sehen zu dürfen. Sie erhielten zur Antwort, daß sie dieselbe sehen würden. Die erste Scene dieser Komödie spielte in Paris, die zweite vor drei Monaten in Billefranche. Also zwei Persönlichkeiten, die wir nickt näher bezeichnen, deren Namen aber einige katholische Kollegen in Paris angeben könnten, sprachen den Wunsch aus, Diana Vaughan zu sehen. Da sie nickt in der Hauptstadt wohne, sagte Leo Taxil, müsse schon eine kleine Reise gemacht werden, und die Neugierigen waren damit einverstanden. Das Stelldichein wurde in Wllefranche nach Tag und Stunde festgesetzt. Warum gerade Villefrancke? Wer die Vergangenheit Leo Taxil's kennt, wird diese Frage leickt beantworten können. Also um die bestimmte Zeit warteten die beiden Ungläubigen in einem Gasthofszimmer zu Villcfranche auf die geheimnißvolle Lucifcrianerin. Die Tbüre öffnet sich, und zwei feingekleidete Damen treten ein. Die eine jung, hübsch, von fremdartiger Schönheit, die andere reifern Alters, ihre Hüterin. Nach der gegenseitigen Vorstellung plauderte man von Freimaurerei, PalladismuS, Alles ging anfangs wie am Schnürchen. Wenn auch nicht ganz klar, stimmten doch die Aeußerungen derjenigen, die sich Diana Daugban nannte, mit den Einhüllungen der Zcbnpfcnnips-Brofchürcn übcrein. Aber nach und nach gericth die Unterhaltung aus dem Geleise, die Rede nahm eine seltsame Form an, und der Accent, anfangs englisch, wurde Platt, während gleichzeitig die falsche Palladisti», offenbar müde von der eingelernten Lection und von der Rolle, die man sie spielen ließ, sich andern Gegenständen zuwandte, die, wenn auch an sich luciferianisch, doch nicht mehr dem Charakter entsprachen, den die Erfinder der Diana Vaughan verliehen hatten. Die beiden Persönlichkeiten saßen aber in der Falle und waren düpirt. Vollständig erbaut nahmen sie den nächsten Rückzug nach Paris. Die zwei .... Frauenspersonen aber kehrten wieder auf die Trottoirs von Lyon zurück, von wo sie gekommen waren. Mehr sagen wir nicht, um nicht einen unserer Pariser Kollegen zu berauben, der recht erbauliche Einzelheiten über die erstaunliche Myslification der Taxil und Consorten besitzt und dieselben sicherlich auch veröffentlichen will zur Erbauung allzu leichtgläubiger Seelen. * 4 - 4 - Leo Taxil hat neuerlich ein zweites langes Schreiben an den Univers gerichtet, welches hauptsächlich Anklagen gegen den Dr. Hacks enthält. Der Univers charakterisiert denjenigen Theil dieses Schreibens, welchen er nicht für nöthig hält abzudrucken, mit der Bemerkung, es sei Taxil's Art, jedesmal, wenn man ihn nach den Beweisen für eine Behauptung frage, mit zehn neuen Behauptungen zu kommen, deren jede beweisbednrftig sei. Leo Taxil beschuldigt den Dr. Hacks, sich für 100,000 Francs an die Freimaurer verkauft zu haben(l). Das ist, sagt der Univers, ein nettes Sümmchen. Bisher wußte man noch nicht, daß die Freimaurer so gut bezahlen. Vielleicht haben sie eine Anleihe bei der palla- distischen Kasse gemacht. In dem langen Schreiben Taxit's wird dann ausgeführt, daß Dr. Hacks keineswegs in irgend einem seiner Schreiben der neuesten Zeit sage, daß irgend eine der von ihm gebrachten „Enthüllungen" in 1,6 viabls falsch sei; dieses Werk enthalte denn auch keine Täuschung; ein großer Theil der darin enthaltenen wunderbaren Thatsachen sei von Abonnenten mitgetheilt und erhärtet; die von Dr. Hacks persönlich erzählten Thatsachen seien von Missionaren bestätigt. „Was einzig mit Gewißheit aus den Briefen des Or. Hacks hervorgeht, ist, daß er mit seinen alten Freunden bricht." Leo Taxil nennt die Erklärungen in diesen Briefen, zumal in seinem Schreiben an die Kölnische Volkszeitung, „unerwartet" und „von unerhörter Gottlosigkeit", nachdem „Hunderte von Priestern" diesen „Unglückseligen" als einen „ausgezeichneten Christen" gekannt hätten. Seine alten Freunde hätten nach seinen Erklärungen sich gefragt, ob er nicht plötzlich irre geworden sei. „Es wäre hundertmal besser, daß wir vor einem Wahnsimus-Anfalle (statt vor solchem Sturze) ständen". Dr. Hacks habe sich dem Freunde (für 100,000 Frcs.l) hingegeben, um „Spaltung unter den Vertheidigern der Kirche hervorzurufen, die onti-freimaurerische Bewegung zu stören, im Augenblicke, wo der Trienter Cougreß den Grund gelegt hat zur Organisation des Widerstandes". Die Miß Vaughan anlangend sagt Taxil, dieselbe werde der römischen Commission (die Namen der Mitglieder nennt Taxil noch immer nicht, nur nennt er den bekannten VorbereitungsAusschuß des Trienter Congresses (ihre Buchhändler- rechnungen vorlegen; auch werde die Entscheidung dieser Commission vor Jahresschluß erfolgen. Der Univers begleitet diese „Explicationen" Leo Taxil's mit spöttischen Bemerkungen. Dieselben zielten nur dahin, die Sachlage zu verwirren und Zeit zu gewinnen. Wir finden, daß Taxil nur sein Lügenhandwerk mit unverminderter Dreistigkeit fortsetzt, indem er jetzt sein Erstaunen und seinen Schmerz darüber kundgibt, daß sein „Busenfreund" Dr. HackS mit einem Mal wieder aufgehört habe, „guter Christ" zu sein. Niemand weiß besser, wie Leo Taxil, daß Ör. Hacks nie etwas anders war, als radicaler Freigeist und Voltaireauer, der nur als „Or. Bataille", d. h. als Mitverfasser des Uiaftls au XIX siöels bei leichtgläubigen französischen und italienischen Katholiken zeitweise als neues Kirchenlicht gegolten, diese Rolle, weil sie seinen Zwecken diente, sich hat gefallen lassen und heuchlerisch mitgespielt hat. Leo Taxil weiß das, wie gesagt, ganz genau, da er selbst hinter demselben Ofen gesessen hat, nur daß er versuchte, die Rolle als „Bekehrter" und Anti-Freimaurer noch etwas weiter zu spielen, während Dr. Hacks sich wieder so gibt, wie er immer war und insbesondere in seinem 1894 er» erschienenen Buche 1,6 6) BartelS a. a. O. 277. *) Bartels a. a. O. 414. „Die Entwicklungslehre, die Theorie der Vererbung und Dclastung, die Zurückversetzung des ganzen Menschen in die Natur, die Erklärung dcö Gewissens als eines Instinktes, als des Anpassungsvermögens für die Bedürfnisse der Gesellschaft und die Erhaltung der Art, nöthigten sich der Analyse auf und zwangen nicht nur die Gelehrten, sondern alle Denkenden, die vitale Frage der Willcnsunfreiheit auf ihren praktischen Werth zu prüfen." L. Bleu „er hasset a. a. O. 245. der Modephilosophen Hegel und Feuerbach. Und was diese beiden Denker für daS „Junge Deutschland" waren, was für die „Sturm- und Drangperiode" auf sittlichem Gebiete Rousseau und auf dichterische« Shakespeare bedeutete, das gilt unseren Modernen Friedrich Nietzsche, und ihr literarischer Messias ist an Stelle des großen Briten der kleine Skandinavier Henrik Ibsen. Soweit kann man zwischen den neuen und alten Idealen und Idolen die Parallele ziehen. ES wird nicht leicht eine moderne Literatur geben, ob germanische, ob romanische, ob slavische, welche es vermocht hätte gegen den „Realismus" sich auf die Dauer abzuschließen. Ihr Quellengebiet hat diese Getstes- ftrömung da, wo auch der JndustrialiLmuS sich zuerst entwickelte, in England; als „natürliche Schule" lenkte sie zum erstenmale die Aufmerksamkeit der abendländischen Welt auf das russische Schriftthum und bei den Franzosen bahnte ihr den Weg Flaubert mit seiner „Madame Bovary". Das Streben nach Näturwahrheit erstreckte sich auch auf die Form der Darstellung. Kein Mensch bedient sich im Uwgangsgespräche langer Perioden, und darum nahm der Realismus auch die Vernichtung all der schleppfüßigen Satzungeheuer in seine Kriegsartikel auf. Den Beginn der neuen Dichtung bezeichnet in Deutschland das Erscheinen der lyrischen Anthologie „Moderne Dichtercharaktere" (1885). Von Berlin aus bildete sich bald cine Kolonie in Leipzig, wo sie in dem Verleger Friedrich das hatte, was Cotta einst den Klassikern gewesen. Der bedeutendste der Leipziger „Jüngstdeutschen" war Herw. Conradt (1- 1890 in Würzburg), „der Typus eines Stürmers und Drängers, dem keine Entwicklung beschicken ist." §) Ueber München brach im Januar 1891 die literarische Sintflut herein mit Tosen und Wettern. Eine Arche wurde gebaut für die zur Rettung Erkorenen, sie hieß sich „Gesellschaft für modernes Leben". Der Schlesier O. I. Bier bäum sagt dem historischen und orientalischen Seminar Valet, ihm war mit einem Male die leuchtende Erkenntniß aufgegangen von seinem einzigen Berufe für die Jüngerschaft Apolls. L. Scharf aus der Nheinpfalz und H. v. Gumppenberg aus Niederbayern ließen ihre juristischen Collegienhefte verstauben; Scharf sang in der Fränkischen Weinstube seine „Lieder eines Menschen", wozu der alte Hüsar Detlev Freiherr v. Liliencron?) den Kammerton angab, daß alle verstorbenen Faune und Satyrn stöhnend sich dreimal in ihren Gräbern umdrehten, während Gumppenberg traumverloren umherwandelte und im begnadeten Seherthum orakelte von Gesichten, „Offenbarungen" und „Testamenten", die er als „5. Prophet" jeweils schauen durfte in der 4. Dimension?) Flugs hing nun der Ostpreuße M. Halbe seinen neuen Doktorhut an den Nagel. WaS scheert' ihn Reich und Kaiserprunk und der Streit Friedrichs II. mit den Päpsten seiner Zeit? °) Auch er, des Gottes voll, griff zur Leier. Er lockte mit ihren wohllautenden Klängen den lauschen- Bartels a. a. O. 42l. *) Geboren 1844 in Kiel. 1894 erschienen seine Adjutanten- ritte. Die Decadcnce zeigt sieb bei ihm als posirtcs Natur- burschentbum mit einer cynischcn Sinnlichkeit. Er veröffentlichte sie ernsthaft in den „Neuesten Nachrichten". Seine tolle GcistcSgeschichte hat er jüngst in dem Roman „Der 5. Prophet" (Berlin, Ver. f. d. Schriftthum) beschrieben. ") Den Titel „Friedrich II. und der päpstliche Stuhl bis zur Kaiscrkrönmig" führte seine Dissertation (Berlin 1888). den Nachbar vom Nheinc, M. Schwann. den große» Historiker des Bayerlandes, den furchtbaren Janssen- tödter, i°) aus seiner dumpfen Studierstube. Und dem wiederum schloß auf seinem KriegZpfade als grimmer Waffenbruder ein ungetreuer Sohn Aeskulaps sich an, O. Panizza, welcher wollte, daß man Pastor, dem Schiller JanssenS, »den Schädel einschlage",") und erst recht half, den Münchener Parnaß zu einem veri- tabeln Fladen breitzutreten. Und alle diese und andere stürmende Titanen zog an sein Herz M. G. Conrad,") der Dramatiker, Lyriker, Novellist, Romancier, Pädagoge, Kritiker, Politiker — und nunmehr auch Parlamentarier — und er schirmte die junge Brüt mit „Hüterfittichrn" als ihr mächtiger Genius und Hierophant, ihr anderer »Zarathustra". »Vollbesitz ist uns die Erde, sie genügt uns auch ohne den jenseitigen Anhang, den himmlischen Nachtisch", das war seine Loosung (s. »Klerikale Schilderhebung"). „Das edle, vollmenschliche Gleichgewicht kann erst dann gefunden werden, wenn daS Fleisch d. i. die sinnliche Seite der Menschennatur aus dem Schmutz und Schutts der übernatürlichen Wähudogmen hervorgezogen und wieder in die natürliche Würde eingesetzt wird" (s. »Flammen"). Große rothe Plakate an allen Ecken und Enden Münchens riefen für die Winterabende Alt- und Jungmünchen in die Jsarlusi zu den Andachtsstunden der neuen Gemeinde, welche den Cult ihres Propheten Nietzsche mit korhbantischen Lärm daselbst zu feiern pflegte. Und ebenso wiederholte sich in anderen Städten, wo nur immer ein winziges Kaffeehaus oder eine behagliche Weißbierstube war, dNS nämliche lustige Bild von den großen Zukünftigen.") Es war die Zeit. da jede Woche eine neue Zeitschrift aus irgend einem „Neuland" der Modernen auftauchte, bald grasgrün, bald blutroth gekleidet, immer aber berufen, dem deutschen Volke den ersehnten Befreier nach langen, bangen Nächten zu bringen. Die Originalitätsjagd war allen gemeinsam. Anders schreiben wollten sie als die TageSdichter, und sie erfanden eine Prosa, wie sie ein athemloser Mensch herausstößt, mit einem Aufwand von Gedankenstrichen und Punkten, die ihre Hauptwirkung im Wiederholen von Worten und Sahtheilen und in abgebrochenen Construciionen suchte. Gewisse, gelinde noch als burschikos zu bezeichnende Sprachtrivialitäten und ein unverkennbares Behagen an unfläthigen Ausdrücken wurden beliebt, geradeso wie bei den „Stürmern und Drängern" des 18. und den „Jungdeutschen" des 19. Jahrhunderts. Ueber alles Maß und Geschmack lobten die Leute einander, tauschten sie gegenseitig UnsierblichkeitSpatente und machten sie ihre Widersacher schlecht. Es schien, als sollte von den Geboten der Klassiker nichts mehr Anerkennung verdienen als die Worte OrestS in Göthe's Jphigenie (III, 1): Und lass' dir rathen, habe Die Sonne nicht zu lieb und nicht die Sterne; Komm', folge mir in's dunkle Reich hinab l" (Fortsetzung folgt.) '°) Er schrieb eine »großartige" Broschüre gegen Janssen. Seine bayer. Geschichte „Das neue Bayern", illustr., erschien in Lieserungenin der Süddeutschen Verlagsanstalt in Stuttgart. ") So drückte er sich in einer Kritik aus; ich glaube» es war in der „Gesellschaft". Seine nahen Beziehungen zum Staats- anwalt sind im übrigen bekannt. ") Geboren 1846 zu Gnodstadt in Franken; 1883 von Pariö zurückgekehrt, gründete er 1835 das Leibblatt des Sturmes und Dranges „Die Gesellschaft". ") Außer den älteren Dichtern E. v. Wildenbruch, W- Kirchbach, H. u. I. Hart und den oben schon genannten Dr. Albert Stöckl, Domr«pii»lar und Lyccal- Professor in Eichstätt?) IN Das kleine Pfarrdorf Möhren bei Treuchilingen gab im Mittelalter der Diöcese Eichstätt einen kraftvollen Bischof in der Person des Hildebrand von Mern 1261 bis 1279. Er nahm Theil an der 14. allgemeinen Synode, welche Papst Gregor X. im Jahre 1274 nach Lyon berufen hatte. Auch der hl. Thomas von Aquin war neben dem seraphischen Lehrmeister Bonaventura geladen, doch ereilte den Engel der Schule, wie die Nachwelt den Fürsten der Scholastiker mit Recht nannte, ein allzusrüher Tod auf dem Wege zu« Concile in Fossannova 1274. Um den Gründer und ersten Bischof seines Sprengels zu ehren, erbaute Hildebrand in Eichstätt im Anschlüsse an den Dom eine Grabkapelle, in welche er am 7. Juli 1269 in feierlicher Weise die Gebeine des hl. Willibald übertrug und späterhin zwei Präbenden für zwei Kapläne am St. Willibaldschore, wie die Grabkapelle benannt wurde, stiftete — 1276. Die Kanoniker, deren Zahl allmählig auf acht gestiegen war, sind der Säkularisation zu« Opfer gefallen, aber das imposante Bauwerk deS Westchores erinnert in verjüngter Fassung heute noch an den hochverdienten Htldebrand von Mern. Im 19. Jahrhunderte nun ist aus eben diesem Weltverlornen Dorfe als Sohn des dortigen Lehrers Stöckl ein Mann hervorgegangen, welcher den Faden philosophischer Forschung da wieder anknüpfen sollte, wo daS zweite Concil von Lyon ihn fallen gelassen, welcher die großen Summen des hl. Thomas dem Verständnisse einer durch Kant und Hegel, Schopenhauer und Hartwann irregeleiteten Welt wieder nahebringen sollte. War Albert Stöckl auch nicht Bischof von Eichstätt — für eine andere Diöcese war er einmal ernstlich in Aussicht genommen —, hat er auch kein Monumentalwerk auS Stein zu« ehrenden Gedächtnisse freudigen Schaffens aufgeführt, so hat er doch einen Wissensdom der solidesten Bauweise mit unsäglicher Mühe und unverdrossenem Eifer wieder ausgegraben aus dem berghohen Schutthaufen, den eine undankbare Nachwelt seit der Glaubensspaltung über dieses Meisterwerk philosophischen und theologischen Denkens des dreizehnten Jahrhunderts aufgethürmt hatte. Im Anschlüsse an den hl. Thomas ist Stöckl zum Restaurator einer principienfesten Philosophie geworden, wenn er auch in seinen zahlreichen Werken das historische Moment etwas vernachlässigte. Bei aller Anerkennung Münchnern waren dabei: K. Vleibtreu, der eine Programmschrift herausgab; A. Holz u. I. Schlaf, die Begründer deS extremen deutschen Naturalismus, die Revolutionäre K. Henckcll, M. R. v. Stern und I. H. Mackay (die 5 sind das, waö in der Malerei die Kohl-, Schweine- und Armclcnt-Maler sind); die beiden Juden K. Alberti (eigentlich Sittcnfeld) und H. Bahr, der die Bezeichnung „Die Moderne" (nach „Die Antike" gebildet) erfand und in seiner „Gut. Schule" ein Muster von Dekadcntenthum gab; der Schildcrer des Berliner (jnartier lutiu, O. E. Hartlcben; ferner: C. Flaischlen (der neue Pan-Nedacteur), G. Falke. W. Weigernd, G. Schaum- berg, I. Schaumberger, E. v. Wolzogen, O. Ernst, F. Dörmann, A. Sckinitzler. H. Tovote, K. Busse (geb. 1372), G. Hirschseld (geb. 1873). Von Frauen: N. Croissant-Rust; M. E. Delle Grazie; W- Jani- tschek; K. Schirmacker: B. v. Suttner; E.Noömcr (Frau Dr. Bernstein-München) u. And.. Mit Recht macht Bartels a. a. O- 461 aus das starke ostdeutsche bezw. ostelbische Contingetit unter den .Modernen" aufmerksam. *) Eine Lebensskizze, verfaßt von einem seiner Schüler. Mainz, Kirchbcim 1896 72 S. 372 blieb Stock! zeitlebens ein dcmüthiger Priester, ein. anspruchsloser Mann, der am Abende seines arbeitsamen Lebens all die Früchte seiner schriftstellerischen Thätigkeit jenem Hause hochherzig übergab, das sich zu einem zweiten, umfangreicheren Willibaldsstifte ausgestaltet hat — nämlich dem bischöflichen Dtöcesanseminare in Eichstütt. Zur Jahreswende des seligen Heimganges unseres Stockt hat nunmehr einer seiner zahlreichen Schüler einen frischen Kranz in Form einer kurzen Lebensbeschreibung auf sein Grab mit pietätsvoller Hand niedergelegt. Wir freuen uns, daß dem verdienten Gelehrten ein solch tüchtiger Biograph erstanden ist, der durchaus keinen Grund hatte, seinen Namen mit ziemlich durchsichtiger Anonymität zu verschleiern. Warum sollen denn nicht auch Pfarrer die literarische Arena beschielten? Mit einer Lebendigkeit, mit einer Frische, mit einer Wahrheitsliebe wird uns das Bild des verewigten Lehrers gezeichnet, daß wir am Schlüsse der fesselnden Lektüre gerne bekennen: Ja wahrlich, das ist Stockt, wie er leibte und lebte mit all seinen Vorzügen und Eigenthümlichkeiten, die ihn als Priester und Mensch zierten, die ihn als Professor und Gelehrten auszeichneten! Stöckl verstand es, die lebendige, vor Einseitigkeit und Pedcmtismus schützende Verbindung mit dem Volke aufrecht zu halten, er trat in Vereinen und Wahlversammlungen als Redner auf, schrieb neben streng wissenschaftlichen Werken klar durchdachte, principienfeste Leitartikel für Tagesblätter; trotz seiner Vorliebe für die akademische Lehrtätigkeit verschmähte er es nicht, mit liebevoller Hingabe in der Seelsorge als Prediger, als Beichtvater in Stadt und Land anszuhelfen; nach ernster Arbeit liebte er heiteren Frohsinn und schalkhaften Scherz; im Kreise von Mstbrüdcrn ahnte Niemand in Stöckl den Mann der Gelehrsamkeit. Nun ist er uns entrissen; aber sicherlich jeder Leser der angezeigten Lebenssktzze Stöckls wird sich an seinem Beispiele zu gleicher Berufstreue, zu ähnlicher unermüdlicher Thätigkeit angespornt und begeistert fühlen. Denn Stöckl glaubte nicht, daß durch nutzlose Klagen die Noth der Zeit gehoben werden könnte, sondern er arbeitete rastlos mit den Talenten, die Gott ihm anvertraut, um der christlichen Weltanschauung auf allen Gebieten eine Bahn zu brechen. Möge die junge Garde dem Rufe des verewigten Führers freudig Folge leisten! Ueber das Alter des babylonischen und des biblischen Sintflntberichtes. Von Joh. Bumüller, Stadt-Koplcm in Ncuburg a. D. Die verschiedenen Flutberichte, welche sich unter den Völkern finden, geben seit einer Reihe von Jahren Stoff zu wissenschaftlichen Untersuchungen über die Art der Flut und die Entstehungsweise dieser Berichte. Man ist dabei zu dem Resultat gekommen, daß Flutsagen zwar bei sehr vielen Völkern vorhanden sind, daß sie aber auch in weilen Gebieten gänzlich fehlen, so daß sich die Sintflut wahrscheinlich nicht auf alle Menschen, sondern nur auf einen Theil derselben erstreckt hat — eine Annahme, die noch durch verschiedene andere Gründe unterstützt wird. Auch ist kaum zu lnuguen, daß manche dieser Flutsagen aus biblischer Beeinflussung oder auf örtlichen Ereignissen gründen und mit Unrecht mit dem eigentlichen Sintflut- bericht in Verbindung gebracht worden sind. Dagegen offenbar zuweitgchend ist jene zur Zeit beliebte Ansicht, als wären alle Flutsagen auf einzelne örtliche Ereignisse, wie Durchbruch von Flüssen, Ecdbebenfluten, Sturmfluten, auf dem Festland sich vorfindende Versteinerungen von Mccrcsthieren zurückzuführen, so daß also den Flutsagen kein einzelnes historisches Ereigniß zu Grunde läge und sie eines wirklichen Zusammenhanges entbehrten. Diese Ansicht hat in neuerer Zeit in Franz v. Schwarz mit Recht einen Gegner gefunden, welcher in seinem Werke „Sintflut und Völkerwanderungen" unter anderem die Anficht begründet, daß die Sintflut eine große Katastrophe gewesen, auf welche die meisten Flutsagen zurückzuführen sind. Schwarz weist dabei auch darauf hin, daß, wenn einzelne örtliche Ereignisse im Stande wären, eine so allgemeine Sage hervorzurufen, vor allem Erdbebensagen hätten entstehen müssen, von welchen aber keine Spur vorhanden ist. Es ist nun für die positiv-christliche Anschauung und Bibelauslegung gewiß erfreulich, daß in weiteren — nicht bloß in theologischen — Kreisen die Auffassung der Sintflut als einer einen großen Theil des Menschengeschlechtes heimsuchenden Katastrophe anerkannt und so in den Flutbcrichten der Völker eine Bestätigung des biblischen Berichtes erblickt wird. Allein es wird jetzt versucht, den biblischen Bericht seiner Originalität zu entkleiden und die babylonische Flutsage als die älteste und ursprüngliche hinzustellen, aus welcher der biblische Bericht entlehnt wäre. Zweck und Konsequenz dieser Behauptung sind klar. So lesen wir z. B. im genannten Werke von Schwarz Seite 5: „. . . . ganz abgesehen davon, daß man in diesem Falle (nämlich bei der Ansicht von der Inspiration deS gesammten Inhaltes der Bibel) auch annehmen wüßte, daß auch die Keilinschriften vom heiligen Geiste diktirt worden seien, weil der biblische Bericht ganz offenbar nur eine Nachbildung des viel älteren keilinschriftlichen Sintflutberichtes ist. Allen aufgezählten Schwierigkeiten geht man aus dem Wege, wenn man, wie es wohl für jeden logisch Denkenden ausgemacht ist, annimmt, daß der biblische Bericht eben nichts weiter ist, als einer von den vielen über die Sintflut erhaltenen lokal gefärbten Sintflutberichten, dessen Einzelheiten ebenso wenig vernünftig zu erklären sind . . . ." Allein wie steht es denn mit dem Beweise für die Behauptung von der Priorität des babylonischen Berichtes. Andrer führt uns denselben in seinen „Flutsagen" S. 9 mit folgenden Worten an: „Eine Erzählung ist aus der andern geflossen. Nun ist durch das hohe Alter der babylonischen Erzählung, die mindestens schon 2000 Jahre v. Chr. schriftlich vorhanden war, eine Entlehnung von den Hebräern ausgeschlossen. Es bleibt also nur die Möglichkeit, baß die Hebräer die Sage schon bei ihrer Auswanderung von Ur in Chaldäa mitgenommen oder erst während des Exils in Babylon kennen gelernt haben." Ich glaube, es ist nicht schwer, die ganze Willkürlich- keit und unwissenschaftliche Oberflächlichkeit eines solchen „Beweises" darzuthun. Der Kern der beiden Berichte ist übereinstimmend. Damit ist aber nicht die einzige Möglichkeit gegeben, daß der babylonische Bericht direkt aus dem jüdischen — oder umgekehrt — hervorgegangen ist. Beide Flutsagen können ja auch von einem gemeinschaftlichen Punkte ausgegangen sein, und es fragt sich nur, welcher Bericht mit der wirklichen Thatsache der Flut übereinstimmt und welcher die ursprüngliche Form durch Ausschmückungen und Zuthaten erweitert hat. Der erstere ist dann identisch mit dem Originalbericht, der zweite aber in seiner sich jetzt darbietenden Form der 673 jüngere. Diese Frage kann nur durch eine kritische Vergleichung der beiden Berichte entschieden werden. Es mag ja sein, daß die schriftliche Fixirung des babylonischen Berichtes eine ältere ist, als diejenige des biblischem Uebrigcns ist nicht außer Acht zu lassen, daß die den Bericht enthaltenden Keilschrifttafeln erst aus dem siebenten Jahrhundert v. Chr. stammen. „Ihr Text jedoch ist zweifellos viel älter und rührt aus einer spätestens 2000 o. Chr. abgefaßten Urkunde her." (Andrer S. 3.) Die Beurtheilung dieses „zweifellos" muß ich genauen Kennern der babylonischen Literalur und Sprache überlassen und einstweilen die Richtigkeit desselben annehmen. Allein wenn auch der biblische Bericht erst viel später schriftlich fixirt wurde, so wäre es gewiß ein ganz unbegründetes Vorgehen, die Zeit der schriftlichen Fixirung mit der Entstehung des Berichtes zu identifiziern. Ich halte vielmehr, besonders auf Grund der scheinbar unmotivirten Wiederholungen im biblischen Berichte, die Annahme für berechtigt, daß derselbe aus zwei verschiedenen, einander ergänzenden, schon längst vorher im jüdischen Volke extstirenden mündlichen oder schriftlichen Flutbcrichten zusammengesetzt ist. Ist dies richtig, so beweist es, daß der biblische Bericht einen viel älteren Ursprung hat als die Zeit seiner jetzigen schriftlichen Formirung; aber auch im andern Falle ist dies möglich und wahrscheinlich. Ich möchte den biblischen Flutbericht in folgende Abschnitte theilen: I. Abschnitt, onx. VI, 5—8; hier wird beschrieben, wie Gott angesichts der Bosheit der „Menschen aus Erden" beschlossen, dieselben zu vernichten. Noe aber findet Gnade vor dem Herrn. II. Abschnitt, VI, 9—22; Geschlecht Nocs; Wiederholung der Thatsache, daß die Menschen verderbt sind; Beschluß Gottes, sie zu vernichten, welchen er Noe mittheilt mit dem Auftrage, eine Arche zu bauen und auch von den Thieren je ein Paar mit sich zu nehmen. III. Abschnitt, onp.-VII, 1—5; Aufforderung Gottes an Noe, in die Arche zu gehen; Wiederholung des Auftrags, daß von den Thieren je ein Paar mitgenommen werden soll, mit der näheren Bestimmung, daß von den reinen d. h. opferfähigen Thieren je sieben Paare aufzunehmen sind. IV. Abschnitt, von errp. VII, L an, mit Ausnahme von cap. VIII, 20—22; Noe geht in die Arche; zweimalige Erzählung, daß von den Thieren je ein Paar mit hineinging; Verlauf der Flut; Bund des Herrn mit Noe und seinen Nachkommen, welcher schon im II. Abschnitt in AuSsicht gestellt worden war. Woher nun die vielen Wiederholungen? Dieselben lassen sich wohl am besten so erklären: Der I. und III. Abschnitt gehören zusammen und sind Theile eines Flutberichtcs, in welchem Gott stets mit dem Namen Jahvc bezeichnet wird. Um aber über die Arche näheren Aufschluß zu geben, so ist der Theil einer zweiten jüdischen Ueberlieferung, welche die erste theilweise ergänzt, als II. Abschnitt eingeschoben worden, und zwar unverkürzt, so daß sich in ihm Wiederholungen auS dem I. Abschnitte und dann im III. solche aus dem II. finden. In dieser zweiten Ueberlieferung ist der Name für Gott Elohim. Von enp. VII, 6 an wird dann der Name Elohim gebraucht, mit Ausnahme von VII, 16, wo sich beide Namen neben einander finden, und VIII, 20—21. Es ist also hier vorwiegend der zweite.Bericht gebraucht und der erste nur zu kleineren Ergänzungen benützt. Auch einige Wiederholungen weisen auf den Gebrauch des ersten hin, wenn nicht der zweite selbst wieder aus verschiedenen israelitischen Volksüber- lieferungen zusammengesetzt ist. Von diesen beiden Ueberlieferungen war vielleicht die erste im Besitze der Priester, resp. der Acltesten des Volkes, denn sie benützt den präciseren und heiligeren Namen Jahve, der von den Juden so hoch gehalten wurde, daß sie ihn, wenigstens in späteren Zeiten, gar nicht aussprachen. Diese Ansicht wird dadurch unterstützt, daß allein im dritten Abschnitte, wo eben der Name Jahve gebraucht wird, von den reinen Thieren, d. h. von den Opferthicren, die Rede ist, daß ferner VIII, 20—21, wo wir wieder den Namen Jahve antreffen, gerade von dem Opfer nach der Sintflut berichtet wird. Der heilige Name Jahve und die Beziehungen zum Opfer lassen daraus schließen, daß diese Ueberlieferung sich unter den Priestern fortgeerbt bar. In der zweiten Ueberlieferung wird dagegen der allgemeinere Name für Gott, nämlich Elohim, benützt, und in ihm ist nur von den Thieren überhaupt, nicht von den Opfer- thieren die Rede, waS im Gegensatz zur ersten auf Volks- überlicferung hinweist. So ist wohl anzunehmen, daß MoseS im Allgemeinen die unter dem Volk selbst kur- sirenden Ueberlieferungen benützte, diese aber vielleicht corrigirt und jedenfalls ergänzt hat durch die unter den Priestern und Aeltcsten fortgeerbte Ueberlieferung. (Schluß folgt.) - Upsala, Schwedens erste Universitätsstadt?) Von Or. P. Wittmnn». Nach einer von zahlreichen Schriftstellern des früheren Mittelalters überlieferten, in Chroniken und Volksliedern noch fortlebenden Sage soll die Wiege der germanischen Stämme in Skandinavien gestanden haben und. deren strahlenförmige Verbreitung über das europäische Festland durch wachsende VolkSmeng: hervorgerufen sein. Beweiskräftig hiefür scheint nicht allein der Umstand, daß die Macht der schwedischen Ober-Könige in einer nördlichen Provinz (Upland) wurzelte, sondern daß auch der Odinscnlt hier seinen Hanpisitz, seinen bedeutendsten Tempel hatte. Würde eine Einwanderung von Süden nach Norden erfolgt sein, so wäre diese Erscheinung kaum zu erklären. Ein abschließendes Urtheil läßt sich freilich deßhalb noch immer nicht fällen. Nur soviel steht fest, daß die sog. „Upsvear" schon im grauen Alterthume die herrschende Stellung einnahmen, ihre Haupistadt Aros oder Upsala aber lange Residenz der Fürsten und der wichtigste Platz des ganzen Reiches gewesen ist. Sie wird schon im neunten Jahrhundert erwähnt. Erik der Heilige erlitt daselbst unter den Schwertern heidnischer Feinde den Martertod (1160). Mit der Würde des Bischofs von Upsala war seit 1164 der Primat verknüpft. St. Eriks Gebeine zogen Schaaren von Wallfahrern an. Das Kirchengut mehrte sich; Macht und Reichthum des Stiftes wuchsen Zusehends. Unter solchen Verhältnissen begann man (1260) nach dem Plane des Franzosen Vonneuil den Bau der ehrwürdigen Kathedrale, die zwar im Laufe der Jahr- *) Von Schriften, welche ich zu dieser Skizze bcizog, seien hier genannt: 1) -LvoriZos bistoria kenn äldsia i n! till virrer äoK'nr.r 6 Bde. (1877 sf.) — 2) Stysfc, -8bnne!innv!on nnäsr nnionstidsn.- (!880.) — 3) Schück, -Lvcwdb lilre-ra- tnichisr.m'ia. (1890.) Band I. — 4) Warbera, -8vonsl. !it- tkratmliistoiia i .-aminnnclrnA.« (1888.) — ö) A nner stcbt, -Upsala universiters liistorla.- (1877.) — 6) Aiiucrstcdt, -Upsala nuiversiteisblbliotoles lüswria.- (1894.) — 7) Witt- in an n, „Würzburger Bücher in der schweb. Ilniv.-Bidlielhek zu Upsala." (1891) — 8) WiHinann, f.Jiibrer d. Schweden." (1893.) 374 Hunderte mehrfache Schäden erlitt, in jüngster Zeit aber nach Zetterwalls Plänen einer durchgreifenden Reparatur unterzogen wurde. Mit ihren steil emporstrebenden Thürmen, den massigen Strebepfeilern und schlanken Fialen bietet der Dom ein überwältigendes Bild. Auch daS Innere wirkt machtvoll auf den Beschauer: hohe und weite Gewölbe auf Säulenbündeln von grauem Sandstein, ein imposanter Hauvtaltar, Grabchöre mit Denkmälern hervorragender Männer; in der Sakristei zahlreiche Ueberreste der katholischen Vergangenheit. Die Reliquien des hl. Erik ruhen in silbernem, kunstvollem Schreine. Schon im 14. Jahrhundert war mit dem Domcapitel eine Schule verbunden, an der auch Laien Unterricht erhalten konnten. Bald trat man dem Gedanken näher, dieselbe zu einer »Universität zu erweitern. Doch blieben bezügliche Synodalbeschlüsse trotz warmer Unterstützung von Seiten der Könige, namentlich Christoph des Bayern, zunächst erfolglos. Erst dem gelehrten und eifrigen Bischof Ulfffon gelang es, seinem Vaterland die angestrebte eigene Hochschule zu verschaffen. Die betreffende Bulle deS Papstes SixtuS IV. vom 28. Februar 1477 erhielt unterm 2. Juli dess. Js. Bestätigung des damaligen NeichsvorsteherS Sten Sture. Am 7. Oktober wurden die Vorlesungen „Gott zu Lob, der Christenheit und dem Schwedenvolt zur Freude" eröffnet. Als Professoren fungirten zunächst die Kanoniker des Stifts, darunter der als GeschichtSschreiber bekannte ErtcuS Olai (-s- 1486). Das Birgittinerkloster Wad- stena lieferte gleichfalls Lehrkräfte; unter ihnen zeichnete sich k. Petrus als gründlicher Kenner der Mathematik und Astronomie aus. Indeß fehlten der jungen Anstalt genügende Dotation und paffende Räumlichkeiten. Auch scheinen nur zwei Fakultäten, die theologische und juristische, vorhanden gewesen zu sein. Man liest deßhalb nirgends etwas von Doctorpromotionen. Die schwedischen Jünglinge pflegten vielmehr wie ehedem, so auch jetzt ihre Studien an auswärtige» Akademien (Paris, Köln, Prag rc.) zum Abschluß zu bringen. Mit Bischof Ulsssons Tod war der vorläufige Untergang seiner Schöpfung besiegelt, zumal die damals eindringende Häresie die Scholastik aufs bitterste bekämpfte, Gustav I. Was« aber kein Verständniß für die Wissenschaft hatte. Seinen Bedarf an weltlichen Räthen wie an Prädikanten lutherischer Gesinnung deckten Witteuberg, Rostock, Greifswald. Erst Erik XIV. interessirte sich wieder für Upsala. Er suchte die Fakultäten herzustellen und schuf neue Lehrstühle. Laurentius Petrus Gothus, von den Zeitgenossen als »iostauratvr eollaxsas aca- äsmiav" gepriesen, unterstützte ihn bet Ausführung des Werkes. Leider äußerten die unter Johann III. entbrannten liturgischen Streitigkeiten neuerdings sehr schädlichen Einfluß auf die Entwicklung der Hochschule. Unter den Professoren herrschte Zwist und Uneinigkeit; selbst die Hörer pflegten dabei Partei zu ergreifen. Endlich kam es sogar zu blutigen Schlägereien. * * * Mit Gustav II. Adolf begann für die Universität Upsala eine neue, bessere Zeit. In Erkenntniß der hohen Bedeutung echt nationaler Ausbildung drang er darauf, daß auch der schwedischen Sprache Aufmerksamkeit und Pflege gewidmet werde. Er war es ferner, der durch Ueberweisung zahlreicher Höfe, Mühlen und Sägewerke in Upland und Westmanland der Hochschule dir ihr bisher mangelnde reale Grundlage verlieh und durch Privilegicnertheilung jeder Art ihr neue Mitglieder zuführte. Zu den theologischen Lehrstühlen traten bald mehrere neue für andere Disciplinen. Die durch Skytte und Oxenstjerna (1626) ausgearbeiteten Konstitutionen ermöglichten ein reicheres, wissenschaftlicheres Leben. Von den achtzehn Professoren waren hinfort zwei Juristen, zwei Mediziner, drei Mathematiker; letztere hatten zugleich Geometrie, Architektur nebst Fortifikation zu dociren. Philologie und Theologie wurden getrennt; der Lehrer des Hebräischen mußte in den vorderasiatischen Sprachen unterrichten. Außerdem gab eS Katheder für Geschichte, Staatswissenschaft und Poesie. Als Attribut der Hochschule entstanden eine akademische Druckerei und Buchhandlung, bald auch (13. April 1620) die jetzt so berühmte Bibliothek. Die Bücherei des ehemaligen Domeapitels, sowie der trotz aller Stürme der „Reformation" noch vorhandene Nest ehemaliger Klosterbibliotheken bildeten den Grundstock. Bedeutenden Zuwachs erhielt die Sammlung durch schenkungsweise Zu- Wendung von Kriegsbeute. So überließ ihr Gustav II. Adolf die Impressa und Manuskripte deS Jesuiten- collegiums Braunsberg und (1631) die bischöflich würz- burgische Hof- und Universitätsbibliothek, welche bei Erstürmung des Marienberges den Schweden in die Hände gefallen war. Eine sehr bedeutende Mehrung — darunter den cväex urZentsus, das einzige Denkmal altgothischer Sprache — konnte die Anstalt (1669) dank der patriotischen Gesinnung des Grafen MagnuS Gabriel de la Gardie verzeichnen. Der einzige Mißstand, welcher die gedeihliche Entwicklung hemmte, war Raummangel. Um diesem einigermaßen abzuhelfen, verfügte das Konsistorium die Versteigerung einer beträchtlichen Zahl mittelalterlicher Handschriften. Dieser Akt brutaler Ignoranz verursachte leider unersetzlichen Schaden und läßt es erklärlich scheinen, weß- halb nur Codices des Birgittinerklosters Wadstena sich in größerer Zahl (326) erhalten haben, die übrigen Konvente dagegen ausnehmend schwach vertreten sind. Auf Befehl Karls XIV. Johann entstand (1819 bis 1841) das Gebäude, in welchem die Schätze der Bibliothek gegenwärtig untergebracht sind. Nüchtern in der äußeren Form, schließt dasselbe hohe weite Säle ein und gestattet in all seinen Partien der Luft und dem Licht freien Zutritt. Die innere Ausstattung ist zweckentsprechend, theil- weise — namentlich im Lesezimmer — comfortabel, ja elegant. Der Leiter der Anstalt, Dr. Claes Annerstedt, auch als Historiker bedeutend, wirkt mit aufopferndem Fleiß für Vergrößerung, Katalogifirung und Nutzbarmachung derselben; sie zählt nunmehr circa 300,000 Bände nebst 8000 Handschriften und wird an Umfang nur von einer schwedischen Bücherei, der Riksbibliotek zu Stockholm, übertreffen. Um auf die Universität als solche zurückzukommen, so mußte sich dieselbe lange mit dem alterihümlichen Skyt- teanum und unschönen Gustaviannm begnügen. Desto großartiger ist der in den Jahren 1881 bis 1887 nach Plänen H. T. HolmgrenS ausgeführte Neubau. Im Renaissancestil gehalten, hat er eine Länge von 40 Meter bei 18 Meter Tiefe. Die Höhe beträgt 30 Meter. Als Material verwandte man Sandsteine und bunte Ziegel; die Fensterpfeiler bestehen aus geschliffenem Granit. Die prächtige Eingangshalle erhält ihre Beleuchtung von oben. Die Fliesen find aus Schiefermosaik zusammengesetzt, Treppen und Säulen aus grünem Marmor gefertigt. 37L An Annexen besitzt die Hochschule ein Krankenhaus, chemisches Laboratorium, Observatorium, sowie einen ausgedehnten botanischen Garten mit musterhaften Gewächshäusern. Unter den Professoren, welche im Laufe der letzten drei Jahrhunderte in Upsala wirkten, haben einige Weltruf erlangt. So zeichneten sich Messenius (157S bis 1636) und Olof Rudbeck (1630—1702) durch ungewöhnliche Vielseitigkeit aus. Geifer (1783 —1847) nimmt als Geschichtsfchreiber seines Volkes, Scheele als Naturforscher eine geachtete Stelle ein. Doch weit werden diese Männer überragt von einem Geistesriesen, dessen Name keinem Gebildeten fremd ist, von Karl Linus (1707—1778), dem Vater der Botanik, dem Schöpfer einer völlig neuen empirischen Wissenschaft. Die 122 akademischen Lehrer der Gegenwart reihen sich ihren Vorgängern würdig an. Die Anzahl der Studirenden belauft sich auf 1500, darunter beiläufig 30 Damen, meist Hörerinnen der philosophischen und medicinischen Disciplinen. * Der schwedische Student unterscheidet sich wesentlich von seinem deutschen College» — die Leicht- lebigkeit ausgenommen. Er betreibt zwar Gymnastik mit Leidenschaft, lernt auch meist fechten; doch find Mensuren unbekannt. Die bunte Vielfarbigkeit deutscher Corporationen sucht man in Upsala vergebens. Jeder akademische Bürger trägt vielmehr die gleiche Mütze: weiß mit breitem, blauem Samwtband und der National- kokarde. Auch gibt eS weder Burschenschaften noch Corps. ES rührt dies daher, daß die neu Jmwatrikulirten gehalten sind, bei ihrer „Nation" d. h. jenem Theile der Studentenschaft einzuspringen, dem ihre Landsleute im engsten Sinne des Wortes angehören. Diese „Landsmannschaften" haben die Rechte juristischer Personen und können mit Legaten bedacht werden. Sie stehen unter Leitung und Aufsicht von Professoren, besitzen ihre eigenen Häuser und bisweilen namhaftes Vermögen. Das Kapital der Gesammtheit beträgt 523,000 Kronen. Baden, Rudern, Schlittschuhlaufen, Spielen und Trinken bilden ein Hauptvergnügen der Jünger der Wissenschaft, die hier weniger dem Btergenuß huldigen, aber desto stärker in Konsumtion von Wein und Spiritussen sind. Gesang ist allenthalben beliebt und geübt; die Nationen setzen ihren Stolz darein, sich bei musikalischen Productionen zu überbieten. In Bezug auf Lage und Natur ist Upsala weit stiefmütterlicher bedacht, als die meisten deutschen Universitätsstädte. Die Umgegend bietet wenig Reiz; ein flaches, monotones, nur hin und wieder von kleineren Waldparzellen unterbrochenes Acker- und WieSgelände, vom trägen Fyris durchströmt, der unterhalb der Stadt, die er in zwei Hälften theilt, schiffbar wird und seine gelben Gewässer dem Mälarbecken zuführt. Sein linkes Ufer ist erst seit einigen Decennien stärker besiedelt. Da sehen wir den Bahnhof, die Tonhalle, das Schauspielhaus; die oben erwähnten Monumentalbauten: Dom, Universität, Bibliothek, Wasaschloß, liegen auf Hügeln, welche dem rechten Ufer entlang sich ausdehnen. Hier sind auch die Vergnügungsplätze Odinslund, Karlspark und Strömparterren zu suchen, von denen namentlich der letztgenannte stark besucht wird. An lohnenden Ausflügen fehlt es nicht. Dampfboote vermitteln den Verkehr mit dem an Naturschönheiten so reichen Mälarsee und seinen Küstenplätzen; mittelst der Bahn läßt sich die Rrfidcnz in 1*/z Stunden erreichen. Die Civilbevölkerung Upsala'S dürfte 20,000 Seelen kaum übersteigen. Industrie und Gewerbe halten sich in engen Schranken, auch der Handel zeigt kein rechtes Leben. Die meisten Bürger sind eben auf Professoren und Studenten angewiesen. Die »alwg. wnter", diese Schöpfung deL katholischen Mittelalters, verleiht der Stadt noch heute ihr Gedeihen und Gepräge; ohne die Universität müßte sie verkümmern. Recensionen und Notizen. Jahrbuch für Philosophie und speculative Theologie. Herausgegeben von Professor vr. Ernst Comnrer in Breslau. Paderborn 1896. Schöningh. XI. Bd. 2. Heft. Inhalt: I. Die angebliche Mcumelhaftigkeit der aristotelstchen Gotteslehre. 1. Art. Von Rektor vr. Eugen Rolses. II. Des Kardinals P. PszmLny Physik. Von Kanonikus vr. M. Gloßner. III. Die Neu-Thomisten. (Fortsetzung.) Von k. Llsx. Itieol. Gundisalv Feldner. vrä. vrseä. IV. Die unbefleckte Empfängniß der Gottesmutter und der hl. Thomas. (Forts.) Von ?. Josephus a Leoniffa, 0. LI. Os.p- V. Zur Fixirung der Probabilis- musfragc. Von Professor I. L. Jansen, 0. 88. Iloä. VI. Die Grenzen der Staatsgewalt, mit besonderer Rücksicht auf das staatliche Strafrecht. (Forts.) Von Vr. jsr. Raymund Zastiera, Orä. krssä. VII. Die Grundprincipien des hl. Thomas von Aauin und der moderne Socialismus. (Forts.) 8. Die Kirche und die Freiheit. Von vr. C. M. Schneider. VIII. Der Herbartianismus und seine Vertheidigung durch O. Flügel. Eine Replik. Von vr. M. Gloßner. IX. 6 Litterarische Besprechungen u. s. w. 8. Ikomss st äoetrws prsemotionis pbMsss ssu rsspvnsio sä R. v. 8obnssmsnn 8. I. sliosgus äoetrinss sebolsv tbomietiess iwpugustorss ssetoro V.V. ^..Ll. vummsr- mot,b, Orä. krseä. cte. Vei. 8", pgg. IV, 759. vekensio Vootrivss 8. Iboioss Lg. äs prsemoticmv pbxsics ssu responsio sä R. k V. Urins 8. I. soetors k. V. LI. v online rmutd, 0. ?., 8. Ibeol. Llsx. et in Ooll. Vovsniensi sjusä. Oräinis 8tnä. lieg. Isr. 8°. xsx. VI, 43b. ätz Seit Erscheinen des berühmten päpstlichen Rundschreibens ,-Leterni vstris" vom 4. Aug. 1879 bemühen sich die Neu-Molinisten mit aller Gewalt, sich als die ge- treuesten Schüler des hl. Thomas von Äguin hinzustellen. Sie gehen sogar so weit, daß sie der Thomisten-Schule den Vorwurf machen, diese hätte in Bezug auf die Frage von der Mitwirkung Gottes auf die Thätiglest der Geschöpfe. besonders der freien, die Lehre des hl. Thomas ganz und gar verlassen, nur sie selber folgten darin allein der echten Lehre des Aqninaten. In vielerlei Zeitschriften, Broschüren und dgl. suchten sie dies nachzuweisen, und zwar derart, daß weniger genau unterrichtete Leser leicht rn die Irre geführt werden konnten. Unter diesen moli- nistischen Schriften nun sind die bedeutenderen ?. Schnee- mann's: „Oovtroversisrrnn äs äivinse grstiss tiberigus srbitrii concoräis initis st progressns", und I. Frins': „8. Ikaruse prssäeterminstionis pkvsicss sä omnew sotionsw erestsm sävsrssrius." Letzteres wurde, wie im Jahre 1894 in den Laacher Stimmen und in der Passauer Monatsschrift, noch jüngst in der Linzer Quartalschrift (Heft iv, S. 892 ff.) als ein hochbcdcntsames und für das Studium der behandelten Frage sehr maßgebendes bezeichnet und empfohlen, v. Frins schrieb fein Werk gegen k. Dummermutb, und zwar gegen dessen oben sub 1) angeführtes Werk, dasselbe zu entkräften. In diesem Werke hatte I. Tummermuth in eingehendster Weise die wahre Anschauung des hl. Thomas und der älteren wie neueren Thomisten in unserer Frage dargelegt und gründlich deren volle Uebereinstimmung nachgewiesen. Ein gewiß kompetenter Kritiker, Pros. Morgott in Eichstätt (früher selbst Molinist), spricht sich über dieses Werk im Literarischen Handweiser 1887 Nr. 424 f. eingehend aus und schließt mit folgenden Worten sein Referat: „v. Dummermuth's Werk überragt w eit alle anderen Schriften, welche seit dem Wiedcrcrwachen der tlwmistisch-molinistischen Kontroverse auf thomistischer Seite erschienen sind, und verdient vollauf in der speziellen Frage, welche es behandelt, den Ausführungen V. Schneemann's und seiner Meiuuugsfreundc gegenüber gehört zu werden. Der Verfasser verbindet mit einer gründlichen Kenntniß des h l. Thomas und seiner Schule eine sehr bedeutende spekulative Kraft und große dialektische Gewandtheit. Die Darstellung ist klar und frisch, die Sprache fließend und gewählt, die Polemik scharf und schlagend, aber durchweg objektiv und maßvoll — würdig des großen Meisters, dessen Erklärung und Vertheidigung sie gilt. Den bleibenden sachlichen Werth des Buches fassen wir in das empfehlende Urtheil der officiellen Ordenscensoren, das es an der Stirne trägt: ,,Vsram ac 8olidrun 8. Uromas ^uAvlici no8tri llraeceptorst doetrinam üdslitsr oxpro88am ndiqns rcperimus; atqno all vindicandam osuodom 8. voetoris 8cirolam a rocentiornm aKore88ionidu8 (opus) apprimo idonoum sudicavimas." Sechs volle Jahre nach Erscheinen dieses Dunnnermuth'schen Werkes, Anfang des Jahres 1893, ließ k. Frins sein oben genanntes Werk erscheinen als Vertheidigung Schneemann's, der im Jahre 1885 gestorben, gegen Dummer- muth. Die Darlegungen des Verfassers (Frins) werden vom Kritiker in der Linzer Quartalschrift angepriesen als ein hervorragender Beweis für seine umfassende Erudition und seinen großen Scharfsinn, der Inhalt des Buches als reich und durchaus solid, als nothwendiges Korrektiv des Dummermuth'schen (1) Werkes, als ein Werk ausgezeichnet durch Tiefe und Gründlichkeit in Erfassung der behandelten Frage, durch Reichhaltigkeit des erbrachten Matcriales und durch Scharfsinn und Gewandtheit in Führung der Polemik, in der vorwürfigen Frage von maßgebender Bedeutung und klassischem Werthe. Allerdings dürften wir der langen Zeit wegen, welche Frins zur Herstellung seiner Widerlegung brauchte, etwas recht Gediegenes erwarten. Aber wie wenig dies der Fall ist, zeigt die gebührende Beachtung, welche dem Buche seitens der Gegner geschenkt wurde. Gleich nach Erscheinen wurde die ganze Oberflächlichkeit des Buches, die Unkenntnis; des Verfassers mit der alten, aristotelisch- thomistischen Philosophie, seine vielen Textverdrehnngen u. Unwahrheiten in Darlegung der Lehre des hl. Thomas u. der Thomisten und dergleichen offen bloßgelcgt von der Revue Thomiste, sowie vom Commer'schen Jahrbuch (Artikel: ,Meu-Thomisten", welcher noch immer fortgesetzt wird). Nach kaum 2 Jahren gab i>. Dummermnth eingehende Antwort in dem sub 2) oben genannten und in Nr. 37 der Beilage kurz besprochenen Werke. Dasselbe zerfällt, wie das gegnerische Buch, in 7 8setiono8. Die 8oetio I a handelt von den Belobigungen, welche der Thomistenschule von den Päpsten zuerkannt wurden. Die Abschwächung und Entstellung derselben seitens der Gegner werden dabei trefflich beleuchtet. In der 8aetio II a wird der Frage- punkt auseinandergesetzt; insbesondere dabei sowohl die wahre (nicht unterschobene) Lehre der Thomisten dargelegt, wie die Meinung der unter sich durchaus uneinigen Moli- nisten. In der Leetio lila wird eingehendst gezeigt, daß der hl. Thomas an mehreren Stellen die praodotorminatio (xraemotio) plrz'eiea gelehrt, so 3. Bot. a 7; 1. g. 19, a. 3; g. 23, a. 1; q. 80, a 2; g. 83. a. I ad. 2 gt. 3; g. 105, a. 5; 1. 2. g. 10, a 4; 3 e 6. cp. 70, 88 — 94 incl.; 6omp. Ideolog. ep. 129; 3. ülal. a. 3; ü. Vor. a. 5, ad 1. dagegen die molinistische Meinung verworfen hat. Der Versass er geht dann dazu über, nachzuweisen, daß die Behauptung durchaus falsch sei, St. Thomas habe direkt (8eorio IVa) und indirekt (8sotio Va) die prasdotorminatio pilZ'mcades freien Willens geleugnet. Bei dieser Gelegenheit werden die von 9. Frins aus verschiedenen Stellen der Werke des Aquinaten vorgebrachten Zweifel gelöst, die gemachten Eimöürfe widerlegt, die falschen Auslegungen berichtigt. Leetio VI a bringt die Lehre der alten Thomistenschule in unserer Frage und den unzweideutigen Nachweis ihrer vollen Uebereinstimmung mit der Lehre der heutigen Thomisten. 8eotio VII a, behandelt Ursprung, Alter und Ursachen des Thomismus. Die immer wieder neu aufgetischte Fabel, Bannez sei der Erfinder der praomotio piiz-siea, und die neueren Thomisten müßten nur mehr Banncsiancr genannt werden, wird durch die Anssprüche i auch mancher alten Anhänger Molinas gründlich abge- > fertigt. Trotz aller phrasenhaften Anpreisungen des Frins'- schen Buches stehen wir nicht an, die Frage, ob St. Thomas die praemotio plrz-oioa gelehrt habe, von k. Dum- mermnth im bejahenden Sinne als unzweifelhaft gelöst zu betrachten. Mit vollem Rechte schreibt letzterer im Vorworte zu seiner Antwort auf V Frins: >liste st sicnti oportsd paoato st t.ranquillo animo oxpendi siugula qnas k. k. Vriii8 in 8>ro opsro oovK688it. Invsni autsm quasoumqns a ms in ro8po»8iono all V. 8o!insomann nllata suut, nou 8olmn 8olii1i88iinc> niti Inndamsuto, 8sd 6t Maxime eonürmari sx modo 8ingutari quo L. V Vrius dootrinam meam impuKiravst. Osinds in omnibns tsgtimonüs pogitivis 6t no^ntivi8, dirsotst st indirsotie a 11. katrs alleKatig, nso vorbulnm quidem doprslrsndi quod ZloliniZdia kavsat; contra, iinrnmsra ropsrii grins Zlolinistis pninm ndversantur. 8tnclluin msmn Isetori subsioio. Hand <1ubis meenw oonoludet, Dlro- mistns 6886, LMiuanos 8. lllromns disoipnloe, 6t vsros doetrinas TtnAslioi Ooctoris 8eetntors8, ut 608 8nnuni llontllioo8 vocant.; Llolinintas vsro 6886 mnnitsotos dootrinas 8. Mromne ndvor- snrios.- Das Urtheil der officiellen Ordenscensoren über diese Antwort lautet dahin; -Illud (opno) di»nnm plane z'udieavimue nr tzgiis urnndstnr, ntpots 8. Mromns eju8qus Lobolas doetriiias einosrs iokeren3, on8quas a persArinis rsoeu- tiorum qnorumdnm interprotationibu8 exrsAis vindieano.r — Professor Morgott sagt im oben bereits angeführten Heft IV der Linzer Quartalschrift S. 904: „Den seit Suarez oft erneuerten Versuch, den heil. Thomas zum Molinisten zu machen, halten mir, wie Molina selbst und seilte ersten Schüler: Kardinal Toletns, Percrius n. a., für ein vergebliches Bemühen." Sapienti ent! Der Odd-Fclloiv-Orden lind das Decret der Kongregation der Inquisition vom 20. August 1894. Von Hildebrand Gerber. 60 S. Preis 80 Pfg. Berlag der Germania, Berlin. Der Verfasser ist durch seine früheren Arbeiten „Sckwindlcr und Beschwindelte" und „Die Freimaurerei und die öffentliche Ordnung", sowie dadurch, daß er den ersten Anlaß gab zur Ansteckung des Margiotta-Vaughan-Sckwindcls, als gründlicher Kenner der Freimaurerei bei Feinden und Freunden derselben in den weitesten Kreisen bekannt. — In der obigen Schrift wird die Geschichte, Organisation und Statistik, Zweck, Bestrebungen und religiöser Standpunkt des Ood-Fcllow-OrdcnS auf Grund bester Quellen einer gründlichen objectiven Besprechung unterzogen. Auch die Tragweite der den Odd-Fellow-Orden betreffenden kirchlichen Bestimmungen wird erörtert. Neuere, auf Ammenmärchen beruhende, Angriffe französischer Antürcimaurcr aus den Orden werden zurückgewiesen. Die Schrift Gerbers überragt mit Hinsicht auf Genauigkeit und Reichhaltigkeit der in ihr gebotenen Aufschlüsse weit alle bisher herausgegebenen kleineren Schriften über denselben Gegenstand. Dieselbe kann daher nicht bloß den Katholiken, sondern auch Nicktkatholiken und selbst Freimaurern und Odo-Fellows aufs Angelegentlichste empfohlen werden. Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1896. Zehn Hefte M. 10.80 (oder zwei Bände s M. 5.40). — Freiburg im BreiSgau. Herdcr'sche Verlagshandlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 8. HeftcS: Die Einheit der Kirche nach dem päpstlichen Rundschreiben 8at.i8 ooßpntum vom 29. Juni 1896. (E. Lingcns 8. I.) — Die geistliche OrtSscbulaussicbt in Preußen. (V. Cathrcin 8. ck.) — Der Orden Unserer Lieben Frau von der Barmherzigkeit. I. (C. A. Kneller 8. ck.) — Hundert Jahre Polarforschnng. II. (I. Sckwarz 8.1.) — Die Kirchenbauten Englands im 11. und 12. Jahrhundert. II. (I. Braun 8. ,1.) — Recensionen: Probst, Die abendländische Messe (St. Beiffel 3.1.); Kots. Oonoilii 6ou8tanoivn8i8. I. Bd. Herausg. von Finke (O. Pfülf 8.1.); Schüch-Grimmich, Handbuch der Pastoral-Lheologic (A. Lehmkuhl 8. I.); Spillmann. Ein Opfer des Beichtgeheimnisses (W. Krcitcn 8. ll.). -- Em- psehlenSwertbe Schriften. — Misccllen: DieKrönungs- scicr des Winterkönigs; Eine heilsame Ernüchterung des Göthe- CultuS in England; Die neue Kolonie für Epileptische im Staate New-Aork; Von Antwerpen nach Rom im Jahre 1653. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Ar-. 49 21. Ul>v. 1896. Henrik Ibsen, Gerhart Hanptmann, Hermann Sud ermann im Zusammenhalte mit der „modernen" Poesie und Ethik. (Vortrug, gehalten im katholischen Kasino zu München.) (Fortsetzung.) — 2 . Die wenigsten von den „Modernen" waren von geklärtem Wesen, ihre Leidenschaften schäumten noch. Sie sahen, welche Erfolge der Großmeister des Naturalismus, E. Zola, ^) errang, dem die Welt nicht viel mehr als ein unendliches Spital ist, worüber er in seinen Experimental- und Dtrnenromanen — „Nana" hat jetzt die 100. Auflage — gewissermaßen ein Protokoll aufnimmt. Getreu dem Darwinismus und feiner Lehre von der Vererbung und von der thierischen Herkunft des Menscken, stellte Zola es sich zur Aufgabe, in einem Romancyklus von 20 Bänden die thierischen Gräßlichkeiten, die im Menschen schlummern, die Verbrechenvererbung in einer Familie zu enthüllen. Für ihn gibt es nicht gut und bös, sondern nur nützlich und schädlich; alle Erscheinungen der Verthierung führt er auf einen einzigen Instinkt, den erotischen Mord- oder Zer- storungsinstinkt, zurück. Das Weib ist für Zola eine verderbliche, elementare Naturmacht, die dem Manne die Energie aus dem Willen zieht. Nur in der Arbeit findet die sieche Menschheit ihr Heilmittel, so erlöst auch Dr. Pascal die Familie Nougon-Marqnardt aus ihrer Verthierung; strenge Arbeit ist das einzige Mittel znm neuen Leben. Als ob nicht schon oft die größten Schurken die unverdrossensten Arbeiter gewesen wären! Als ob die blutigsten Tyrannen und Despoten sich nicht durch eine unermüdliche Arbeitskraft auszeichnen könnten, wie z. B. Navoleon I.! Unsere Jungdeutschen verkannten von vornherein den Unterschied zwischen dem germanischen und gallischen Volksgemüthe, als sie die Poesie ausschickten auf die Forschungsreise in die dumpfen Niederungen des Einzelnen und der Gesellschaft, in die Gaffen und Baracken, zu Dirnen und Verbrechern. Dem Germanen fehlt im normalen Zustande der Gefallen am Nervenkitzel, nicht umsonst haben die Deutschen die Worte Decadence, Hautgout und „Frivolität" erst entlehnen müssen aus dem Französischen! Die Meisten der Jüngstdeutschen meinten aber am besten zu thun, wenn sie mit lüsternem Behagen allerlei schmutzige und perverse Instinkte behandelten, mit denen wohl Arzt und Strafrichter, die Literatur jedoch nichts zu schaffen hat, wenn sie mit brutaler Offenheit das mit den Thieren Gemeinsame im menschlichen Liebesleben als das Wesentliche betonten und fast als das der Dichtung ") Wie die Beil. z. Allg. Ztg. 1898 Nr. 257 meldet, hat der Irrenarzt E. Toulouse, Chef der Klinik an der mediz. Fakuliät in Paris, es unternommen, an E. Zola eine medizinisch-psychologische Untersuchung über das Verhältniß zwischen geistiger Supenorirät und Neuropathie anzustellen. Zola ist darnach ein wirklicher Neuropath, der an einem auffallenden Mangel von Gedächtniß und literarischem Spürsinn leidet: ein Bruchstück einer eigenen Kritik v. I. 1876 schrieb er Sarcey oder Lemaitre zu, eines seiner Jugcnd- gedickste hielt er zuerst für ein Werk Musscts, ein Fragment von Pascal schrieb er Voltaire oder Diderot und ein Fragment aus Moliöre s „Geizigem" dem — Abbs Prob oft zu!! „ES geht hieraus jedenfalls daS eine hervor, daß Zola's literar. Bildung sehr unvollständig gewesen ist, was man aus seinen Werken schon oft vermuthet hatte." allein Würdige hinstellten. Sie litten an ihrer Vergangenheit, sie waren Dekadenten, „Verfallzeitler", von denen W. Weigand eine so treffliche Schilderung gibt: „Die historische Kritik hatte ihren Glauben an die Ewigkeit jener Denkmäler, denen ganze Geschlechter gesteigerte Verehrung weihten, zerstört oder geschwächt; so ward der Einzelne allmählig geneigt, jene schillernden Ereignisse deS Tages, die seine eigenen Neigungen rechtfertigen und seine Leiden beschönigen, als Werke von Bedeutung anzusehen und anzupreisen. . . . Der Verfallzeitler versteht es, seine Willensschwäche auf die geistreichste Weise zu verhüllen; er versucht es nicht einmal zu wollen; er ist im höchsten Grade wählerisch in seinen Geistesgenüssen und genießt zuletzt nur solche Werke, die schon Erzeugnisse eines Ausnahmezustandes sind, einer herbstlich-reifen Weltanschauung, eines Blickes für die Scheidegrenze zwischen Füulniß und strotzender Gesundheit. Er liebt die Werke, in denen die mannigfaltigsten Säfte und Düfte vermengt sind, die das Nahe und Ferne verschmelzen; er liebt vor allem die Kontraste gewaltsamer Art. ... Es liegt etwas Teuflisches in seinem Verneinen des Schaffens, in seinem ironischen Einsamkeitsgefühl des Verbannten, der auf kein Verständniß hoffen kann, noch hoffen will." Und gerade diese Leute haben den berechtigten Kern, den für mancherlei die neue Bewegung zweifellos enthielt, gar bald in gründlichen Verruf gebracht. Bezeichnend ist, daß daS 1. Sammelbnch der Münchner Modernen 1891 unter dem Titel „Modernes Leben" eröffnet wurde mit Vierbaums künstlerisch und sittlich gleich ordinärer „Waschermadlhistorie" in Briefenl! So wallte denn auch zu München der Modernen streitbare Schaar auf und ab, „in Lebensfluthen, im Thatcnsturm". Mein Gott, was haben sie sich alles geträumt! Durch Vortragsabende, durch Errichtung einer freien Bühne, durch Sonderausstellung moderner Kunstwerke und Herausgabe einer Zeitschrift sollte der moderne Geist im Volke verbreitet werden. Und heute? Als einmal der Frühling über's Land kam, als der Englische Garten sein junges Grün anlegte und am Gasteig dir Amseln ihre Kehlen zu üben begannen, da sprach kein Mensch mehr von „Freier Bühne" und „Freier Ausstellung", einzig den „Modernen Musenalmanach" und ein windiges Kunst- und Literatmblatt hatte die abgelaufene Hochfluth am Strande in München angeschwemmt. Doch nein! Die „Freie Bühne" lebt jetzt erst auf im „Deutschen Theater" ^), das als Titelvignette seiner Textbücher bezeichnenderweise den Faun sich erkoren hat, die grinsende Verkörperung sinnlicher Nohheit und lüsterner Begehrlichkeit; die „Freie Ausstellung" wird gepflegt von der Secession, und dem Evangelium des modernen Geistes suchen in Wort und Bild Verbreitung zu verschaffen „Die Jugend" und der „Simplictssirnus". Und auch die Jerichomauern der Repertoires der k. Theater, sie sind gefallen vor den Posannenstößen der sie umdrängenden Schwarmgeister. Auf der Bühne kamen die Modernen zu Wort, ihre führenden Geister wurden daselbst seßhaft und literarische Tagesgötzen. Richard Wagner, der Erfinder des musikalischen Dramas, wollte den Deutschen eine nationale Tragödie in Aussicht stellen, ein zweiter Aeschylus. Allein er nber- >°) Man vergleich- nur die obige Zusammenstellung der „Mcdermn" mit den Nomen, die im Repertoire des Deutschen Theaters vertreten sindt 378 sah den Unterschied zwischen seiner eigenen Musik, deren himmelstürmenden, alles vergewaltigenden Tomnussen und dem schüchternen Lallen einer unentwickelten Kunst. Er übersah, daß die sinnliche Knust die geistige stets todt wacht und schon im einfachsten Liede eine herrliche Melodie die Blößen der Poesie zudeckt. Er war auch der erste, welcher in den Gedankenkreis der modernen Philosophie trat, in den Bann der Verherrlichung des Willens und der Heiligsprechung der Kraft. Unsere Gegenwart beschäftigt sich ungcmein viel mit Sittenlchre, mit dem Gebiete der Ethik. Eine eigene „Gesellschaft für ethische Cultur" hat sich gebildet. Die Fragen nach dem Werth, der Bestimmung, der Richtung des Lebens, den Gesetzen unserer Handlungen und Beziehungen, sie stehen im Vordergründe des heutigen philosophischen Denkens, beinahe jede Nummer der philosophischen Zeitschriften bringt eine einschlägige Abhandlung. „Säkularisation" ist da ebenfalls das Losungswort. Wie man der Kirche das irdische Vermögen genommen hat, so möchte man auch unser Denken und Empfinden dem Bereiche der Kirche entziehen, so möchte man Moral und Religion trennen. DaS Endziel aller Richtungen, mögen sie auf dem Grnndprincip des persönlichen Vortheils oder des allgemeinen Nutzens oder des universellen Fortschrittes beruhen, es ist die Befreiung von der religiösen Moral. Einmal, indem man die Weltanschauung des Realismus ins sittliche Leben übersetzt und glaubt, es genüge den Menschen naturellcment seinen Leidenschaften zu überessen und man werde die Sittlichkeit von selbst entstehen sehen. Dann aber auch, indem man die Sittlichkeit als solche überhaupt verwirft, weil sie schädlich seil AIs Hauptvertreter dieser Richtung kann der in Berlin 1856 verstorbene Philosoph Kaspar Schmidt mit dem Schriftstellernamcn Max Stirner gelten, dessen Lehre sich dahin zusammenfassen läßt: „Alles, was der Mensch denkt, begehrt und vollbringt, ist recht und gut. Absolute Freiheit ist das höchste Gesetz." Ueber den Standpunkt Stirners, wie ihn vor allem die Schrift ,Der Einzige und sein Eigenthum* markirt, ist noch hinausgegangen jener gottlose Evangelist der Freigeisterei, der Modephilosoph der Gegenwart, dem Literatur, Kunst und Theater zu opfern pflegen: Fr. Nietzsche.^) Er ist der Philosoph des Realismus und Naturalismus, er ist der Philosoph des auf seine Beute gerichteten Willens. In seinen vielgclesenen Schriften feiert er die „Herrenmoral", d. i. das Recht des Stärkeren auf rücksichtslose Ausbeutung der Schwachen. Der Staat ist nach ihm durch „ein Nudel prachtvoller, nach Beute frei schweifender, blonder Bestien" entstanden, welche „in der Unschuld des NaubthiergewissenS" die Schwachen unterjocht haben. Die Schwachen sind dazu da, daß sich ihrer die Herren scrupelloS Zu ihrem eigenen Wähle bedienen. Die Tugenden der Uebermcnschcn sind Stolz, Muth, Freude, Todesverachtung, Härte und Grausamkeit. Die Unterworfenen machen aus ihrer Noth eine Tugend, aus Kleinlichkeit, Acngstlichkeit und Feigheit machen sie Entsagung, Selbstzucht und Demuth. Diese „Sklavenmoral" wu.de vom Christenthum auf den Thron gehoben. Und seitdem krankt die Menschheit an tausend Moralgesetzen, das Individuum ist geknechtet durch Demuth und Liebe und Pflicht. DuS Christenthum ist weiter nichts als eine feige Ruche der jüdischen Sklavenfeelen an ihren heidnischen Herren, und der Tod Jesu von Nazareth ist der I. Popp bat in der „Beilage" Nr. 28 — 30 eine ünSfl'chtliche Sl-zze-von ihm gegeben. Köder, um über den Sinn der Pflichtmoral zu tauschen. Mit der Moral des Christenthums, mit dem Autoritätsglauben der Wissenschaft muß aufgeräumt werden: ungezügelte Freiheit des großen Individuums, des „Herrenmenschen" ist zu erstreben: das Endziel der Entwicklung ist nur das Ich, das alles nach feinem Willen aus sich heraus vollzieht. Und dieser Philosoph, dem es als unanständig gilt, Christ zu sein, er ist der Prophet, auf dessen Worte die Modernen schwören, er ist ihnen „der Prometheus, der das Feuerlicht einer neuen Weltanschauung vom Himmel geholt". Citate und Mottos aus seinen Werken, Ideen aus seinem Anschammgskceis begegnen uns auf Schritt und Tritt in dem Schriflthum der Jüngstdeutschen, und ihre Prosaisten widmen ihm Essay um Essay?') Nur noch Einer ist, der sich mit Nietzsches Autorität in der Ethik der Modernen messen kann. Und das ist ihr literarischer Messias selbst, Henrik Ibsen, geb. 1828 zu Skien in Norwegen. Im hohen Norden sind eine Reihe bemerkenswerther moderner Schriftsteller entstanden: sie alle haben uns viel zu sagen, und sie wandeln alle ihre besonderen Wege. Sie rühren weniger unser Herz, als sie unsern V rstand anregen. Sie sind weniger impulsive Dichter, über die eS kommt wie ein Flügelschlag, der sie empor- und mitreißt, als grübelnde Denker, welche sich abquälen an der Lösung der Menschen- und Lebensräthsel. Sie sind mehr interessant als eigentlich gesund, und sie erwärmen uns nicht so sehr als sie uns interessiren. Zumeist sind sie Atheisten. Der Glaube ist ihnen der abzuschüttelnde Staub; darin herrscht eine beklagenswerthe Uebereinstimmung zwischen ihnen, kein einzigez>geht einen andern Weg. Gemeinsam ist ihnen der Kamps gegen die Lüge, nur daß sie dabei auch den Glauben einbegreifen. Die Führer sind Björnstjerne Björnson und Henrik Auf den 15. ds. fiel der 52. Geburtstag des Philosophen, der, geistig umnachtet, gepflegt von seiner greisen Mutter, der Pastorswutwe Nietzscbe, in Naninburg lebt. Man berichtet über seinen Zustand: Halbe Tage lang sitzt er in seinem Lehnstuhl im Zimmer oder auf der mit wildem Wein dicht bewachsenen Veranda, den Blick unbeweglich nach einem Punkte gerichtet, unbekümmert um alles, was um ihn her vorgeht. Im vorigen Jahre noch machte er oft Spazierfahrten mit seiner Mutter, jetzt sind auch diese unmöglich geworden, und die vier Wände seines Zimmers sind seine Welt. Im großen und ganzen dauert dieser Zustand nun schon Jahre lang an, nur unterbrochen durch Augenblicke, die man auch noch nicht einmal „lichte" Augenblicke nennen darf. Fast immer war es die Musik, selbst in der primitivsten Form, die ihn aus seinem dumpfen Brüten riß. Charakteristisch in dieser Beziehung ist ein Vorfall, der sich vor etwa vier Jabren abspielte. Eines Abends im Dämmerschein war Nietzsche auS seiner Wohnung verschwunden, niemand wußte, wohin. Nach längerem Suchen fand man ihn zwei Häuser von seiner Wohnung entfernt auf der Straße sieben, wo er andächtig einem Arbciterquartett lauschte, das einem Geburtstag feiernden Kollegen ein Ständchen brachte. Willenlos ließ er sich dann von seiner besorgten Mutter nach Hanse führen. Es liegt etwas ungemein Rührendes und doch wieder eins herbe Schickialöironie darin, den äußerlich fast noch bleibend aussehenden kräftigen Mann von der Sorge einer Frau abhängig zu sehen, den Mann, der in dem Weib ein mindenverthigcS Wesen, eine Art von HauSthier erblickt! Dieser feindselige Zug gegen das Weib prägt sich ja in allen seinen Schritten aus, und als einmal seine Mutter, stolz auf den Nubm ihres Sohnes, ihn fragte, welches seiner Werke er ihr zur Lektüre empfehlen könnte, antwortete er abweisend: „Nichts, meine Mutter, meine Werke sind für ein anderes Publikum geschrieben; höchstens .Schopenhauer als Erzieher' kann ein Weib versieben". Acußerlich kräftig und fast blühend, wie gesagt, sieht Nietzsche auch heute noch aus, und doch empfindet der schwergeprüfte Mann zu Zeiten auch körperliche Schmerzen, die ihn laut auischrcien lassen; unzarte Naturen sagen; „Das Wetter ändert sich, der Prosissor schreit." 379 Ibsen. Beide sehen wie der Nüsse Tolstoj in der Sinneulust die Quelle socialer Entartung, ohne deßhalb aber mit diesem zu einem überspannten Urmenschendasein zurückzuschreiten. Bei beiden ist das Weib der that- kräfüge Theil, die Triebfeder zum neuen, veredelten Zustand, der Mann ist der feige Träger und Vertheidiger verrotteter Gesellschastsinstitutionen. Der Mann ist ihnen der Urheber aller Entartung,^nicht das Weib, wie das die Franzosen lehren. Ibsen hat als wahrer Dichter begonnen. Dann warf er den Idealismus von sich und brachte in nackter Prosa der Menschheit ganzen Jammer auf die Bühne. Mit Nachdruck führte er das naturwissenschaftliche Element des Darwinismus in die Bühnendichtung ein. Sein Standpunkt ist akkurat der, welchen der 1893 in Rom verstorbene Professor Jak. Moleschott einnahm, daß der Mensch einfach das Additionsexempel sei von Eltern und Amme, von Art und Zeit, Luft und Wetter, Schall und Licht, Kost und Kleidung. Ibsens Stücke sind fast alle sogenannte Thesen stücke, d. h. sie sind componirt, um gewisse sittliche Anschauungen des Dichters zur Erörterung zu bringen, sie umkleiden irgend ein ethisches Problem. Er denkt dabei an einen bestimmten, einzelnen Menschen und richtet an die Gesellschaft die Frage, inwieweit dieser einzelne Mensch fein persönliches sittliches Ideal in der Gesellschaft verwirklichen könne. Demgemäß ist seine sittliche Forderung: Selbstständigteitl Das führt dazu, daß in der Ehe — und mit der Ehe beschäftigen sich „Nora", „Die Gespenster", „Die Frau vom Meere", „Hedda Gabler", „Klein Eyolf" — nach Ibsen die Frau nicht zurückgehalten werden darf durch einen Zwang, sei es vom Gesetze, sei eS von der Gesellschaft, sondern daß sie die Freiheit haben soll, von Gatten und Kindern wegzulaufen, sobald sie ihre Eigenart bedroht glaubt. Gerade in diesem ersten Bezirk des MenschcnreicheS, in der Ehe, da untersucht Ibsen mit Vorliebe den Niedergang der modernen Gesellschaft. Und da klagt er die Männer härter an als die Frauen. Anzuerkennen ist immerhin, daß Ibsen die Ehe geistiger auffaßt als Luther, dem sie nur als „weltliche Han- tirung" gilt. Auch führt er uns keine Ehebruchsscenen vor, dergleichen ist in die Vorgeschichte gelegt. Gewiß zeigt es von einer ernsten Auffassung, wenn er fordert, daß die Erschließenden sich kein Wort über ihr Vorleben verhehlen sollen. Er hält ein unsittliches Vorleben des Mannes durchaus nicht für etwas Erlaubtes oder gar Selbstverständliches. Freilich, die christlichen Anschauungen von der Unlösbarkeit der Ehe, der Vergeltung Gottes u. dgl. sind ihm „Gespenster". Er ist zweifelsohne ein Freund der immerwährenden ehelichen Verbindung, eines cdeln Gedankenlebens. Ein Leben aber ohne Einvernehmen in der Ehe ist ein Leben der Unwahrheit, und die rückhaltlose Wahrh eit ist daS Centrum der Jbsen'schen Ethik, in ihr beruht die Erlösung der Menschheit, wie sie Zola in der Arbeit sucht. „Freiheit und Wahrheit", sagt Ibsen, „sind die Stützen der Gesellschaft!" Entsprechend der naturwissenschaftlichen Grundlage, m welcher Ibsens Weltanschauung wurzelt, sind seine Personen nicht bloß mit einer cowplicirten Vorgeschichte, sondern auch mit ererbten, angestammten Krankheiten belastet, die ihre Willensfreiheit aufheben und ihnen die sittliche Verantwortung für ihre Handlungen abnehmen. Besonders in den Dramen „Rosmersholm", den „Gespenstern", „Hedda Gabler", „Baumeister Solneß" hat man nicht selten das Gefühl, als befände man sich in einer Nervenheilanstalt. Eine Person erscheint bis in die Mitte des Stückes ganz vernünftig, plötzlich jedoch grinst uns aus allen ihren Zügen der blanke Wahnsinn an; auch die Gesunden schleichen zwischen ihnen umher in einer nervösen Gespanntheit, die jeden Augenblick überschnappen kann. Die Personen kämpfen nickt mehr gegen ihr Schicksal, sie lassen sich einfach zermalmen. In den „Gespenstern" brütet der Ton dumpfer Verzweiflung: Frau Alving kann thun was sie will, ihr Sohn wird zur bestimmten Zeit wahnsinnig. Um die öde Trostlosigkeit dieses Totaleindrnckes noch zu steigern, gibt Ibsen noch gewisse scenische Vorschriften, wie z. B. in den „Gespenstern", wo es heißt: „Durch die Glaswände unterscheidet man eine düstere Fjordlandschaf!, welche durch gleichförmigen Regen verschleiert erscheint". Diesen Regen läßt Ibsen durch 2 Akte andauern, um im 3. Akte der Nacht Platz zu machen. Notabene ist es kein lebenswarwer Lenzregen, sondern ein todkaltsr Novewberregen, unter dem Mensch und Natur erschauern. Es ist freilich nicht immer leicht, aus einer Dichtung gerade das herauszusuchen, was sich mit Sicherheit als Ansicht des Dichters bezeichnen läßt, und nicht vielmehr als subjective Aeußerung der jeweils redenden, vom Dichter rein psychologisch aufgefaßten Personen. Wenn man aber aus allen Stücken Ibsens das Facit zieht, so erkennt man, daß er die Fähigkeit, noch mit unver- grübelten, hoffnungsvollen Sinnen Menschen und Dinge aufzufassen, einfach verloren hat. Es ist, als gösse er allen seinen Personen das Blei seines Pessimismus in die Glieder, und gerade durch ihn ist die trübselige, verbitterte Weltanschauung des Darwinismus und Pessimismus in die moderne deutsche Literatur autoritativ hineingetragen worden. Auch die Gottesidee, wenn anders wir in Ibsens Gedicht „Brand" eine Art Glaubensbekenntniß überhaupt suchen dürfen, steht bei Ibsen mehr und mehr mit der Vererbungslheorie in Zusammenhang: Gott ist ihm einzig nur der Gott der unbeugsamen Vergeltung und Rache, der noch die Kindeskinder heimsucht. „Eins ford're ich nur als mein: Platz, um ganz ich selbst zu sein. Dies zu heischen, ist gesetzlich, Daß mein Selbst sei unverletzlich, — Ganz ich selbst? Doch wie verbellt sich's Zum Ererbten? Und wie stellt sich'S, Denk' ick deS Geschlechtes Sünden?" (Fortsetzung folgt.) Ueber das Alter des babylonische» und des biblischen Sintflutberichtes. Von Joh. Bumüller, Stadt-Kaplan in Nenburg a. D. (Schluß.) Ist nun diese Ansicht von der Zusammensetzung deS biblischen Flutbcrichtes richtig, so beweist dieses, daß die schriftliche Fixirung des Berichtes mit dessen Entstehung nicht zusammenfällt, daß er sich vielmehr aus Ueberlieferungen zusammensetzt, welche den babylonischen Bericht an Alter weit übertreffen können. Ob sie ihn aber an Alter wirklich übertreffen, das können wir vorerst nur durch kritische Vergleich,ing dieser Berichte eruiren. Es folgt daher eine Gegenüberstellung der Hauptpunkte ihres Inhaltes. Art der Ueberlieferung der Berichte. Nach der babylonischen Erzählung, welche einen Theil eines Heldenepos ausmacht, kommt Gisdubar, um von einer Krankheit zu genesen, an das Gestade des Todtenflusses zu seinem Ahnen Schamaschnapitschtim, mit dem Beinamen AdrahasiS oder Hasisadra. Der letztere erzählt dort dem ersteren die Flut als selbst erlebtes Ereigniß. Der babylonische Bericht beginnt also mit einem Poetisch- Mythologischen Abenteuer, während der biblische Bericht sich als rein historische Erklärung ohne allen poetischen Beisatz einführt. Dieser Unterschied zieht sich durch den ganzen Bericht hin und zeigt sich besonders in der poetischen Ausführung der Einzelheiten. Der biblische Bericht ist allerdings auch breit, aber seine Breite beruht auf der wiederholten Erzählung derselben Thatsachen, was eben auf die Zusammensetzung des Berichtes zurückzuführen ist. Wenn man aber von diesen dadurch bedingten Wiederholungen absieht, so ist der biblische Bericht eine schlichte historische Erzählung ohne poetische Ausschmückungen, während die babylonische Dichtung in poetischer Weise beschreibt,, wie dunkles Gewölk vom Grund des Himmels sich erhebt, in dessen Mitte der Sturmgott seine Donner sprechen läßt. ... „Die Götter des großen unterirdischen Wassers bringen gewaltige Fluten herauf, die Erde lassen sie erzittern, des Sturm- gotts Wogenschwall steigt bis zum Himmel, alles Licht ward verwandelt in Finsterniß. Die Göttin Jstar schreit wie eine Gebärende und ruft: „So ist denn alles in Schlamm verwandelt, wie ich cs den Göttern prophezeit. Ich aber gebäre meine Menschen nicht dazu, daß sie wie Fischbrut das Meer erfüllen." Da weinten die Götter mit ihr über die Geister des großen unterirdischen Wassers.Ich aber durchfuhr das Meer, laut klagend, daß die Stätten der Menschen in Schlamm verwandelt waren, wie Baumstämme trieben die Leichen umher. Eine Lücke hatte ich geöffnet, und als ich das Licht des Tages erblickte, da zuckte ich weinend zusammen . . . Aehnlich würde auch heute noch ein Dichter die Sintflut beschreiben, wenn er den biblischen Bericht in poetisches Gewand kleiden wollte. Der babylonische Bericht enthält nur mythisch-abenteuerliches Beiwerk mit poetischer Bearbeitung der Ereignisse, der biblische Bericht ist ohne solches Beiwerk, einfach, schlicht, rein historisch referireud. Deßhalb ist vom Standpunkte der Kritik aus der biblische Bericht der ältere und enthält die Originalschilderung der Flut, wahrend in der babylonischen Tradition im Laufe der Zeit Erweiterungen hinzugekommen sind. Diese Annahme allein entspricht den Grundsätzen der Kritik, von denen freilich manche meinen, sie dürften nur gegen die Bibel angewendet werden. Ort der Flut. Im biblischen Bericht ist der Schauplatz der Flut nicht näher bestimmt; es wird von ihr betroffen: ka-aäain da-ares, der da vernichtet werden soll mcuü xone dn-rräamati. Lros und aclamast sind nun 1) — Iiurnu8, 2) — aZsr, 3) — tarra, roZio. Wie nun tarra. im Lateinischen sowohl Erde als Land bezeichnet, so auch ere? und aäamnlr im Hebräischen. Es kann also übersetzt werden, daß der Mensch auf Erden vom Angesichts der Erde vertilgt werden soll oder aber die Bewohner des Landes, jenes Landes nämlich, welches von Noe bewohnt, aber nicht naher bezeichnet wird. Die letztere Uebersctznng ist wohl als die richtige anzusehen. Zn der jüdischen Tradition ist also die Erinnerung an den Namen des Landes verschwunden, was auf das hohe Alter der Tradition hinweist, zugleich aber auch auf die Unversehrtheit derselben, während bei der Miauen babylonischen Ortsbcstimmuiia ein Zusammenwerfen späterer Ereignisse mit dem Flutberichte zu vermuthen ist. Hier wird nämlich als Ort der Flut die Stadt Surippak am Euphrat angegeben. Dies ist ein sehr verdächtiger Umstand, besonders wenn wir noch hinzunehmen Die Art der Entstehung. Die Flut wird nach dem babylonischen Berichte zurückgeführt auf Wirbelwind, Ueberströmen der Kanäle , Donner, gewaltige Fluten, welche die Götter des großen, unterirdischen Wassers herausbringen, Erdbeben. Hier ist offenbar eine mit Wirbelwind, Gewitter, durch Stauung der Flüsse er- folgtes Ueberströmen derselben verbundene Erdbebenflut beschrieben, welche vom Meere herkam, die Euphrat- niederungen überschwemmte und die Stadt Surippak zerstörte. Hier liegt nichts näher als die Vermuthung, daß die Originalüberlieferung später mit lokalen Naturereignissen, also mit einer Erdbeben- oder Sturmflut, zusammengeworfen wurde, sei es nun, daß diese Verschmelzung allmählig geschehen, oder daß der babylonische Dichter einfach bekannte Erscheinungen bcnützt hat, um die Einzelheiten der Sintflut näherhin auszumalen. Diese Ansicht wird dadurch unterstützt, daß es im babylonischen Bericht zuerst heißt, daß am siebenten Tage sich die Flut legte und das Meer in sein Bett sich zurückzog. Dann aber wird berichtet, wie Hasisadra das Meer durchführt: „Ueber die Länder, jetzt ein furchtbares Meer, fuhr ich dahin, da tauchte Land 12 Maß hoch aus. Nach dem Lande Nizir steuerte das Schiff. Der Berg des Landes Nizir hielt das Schiff fest." Wie wollte aber Hasisadra über die mit Meer bedeckten Länder-fahren, nachdem das Meer bereits in sein Bett zurückgetreten und Sturm und Flut aufgehört hatten? Dieses Fahren über die mit Meer bedeckten Länder weist auf den ursprünglichen, mit dem biblischen Berichte identischen Kern der Erzählung hin, welcher zu der erst später herangezogenen, aus Erfahrung bekannten Sturmflut nicht mehr paßt. Die Annahme einer in Babylon erfolgten lokalen Färbung des ursprünglichen Berichtes gewinnt endlich noch dadurch an Berechtigung, daß Franz v. Schwarz in seinem Buch „Sintflut und Völkerwanderungen" — wie er wenigstens meint — den „unumstößlichen Beweis" liefert, daß die Katastrophe, welche den Simflutsagen zu Grunde liegt, gar nicht am Euphrat, sondern in Ccntralasien, und zwar in Turkcstan, stattgefunden. Mir wollen kein vorschnelles Uriheil über die Beweisführung von Schwarz abgeben, sondern die definitive Stellungnahme maßgebender Kreise abwarten. Soviel aber ist jedenfalls sicher, daß v. Schwarz gewichtige Gründe für seine Ansicht und damit gegen die Verlegung der Sintflut an den Euphrat angeführt und dadurch unserer obigen Beurtheilung des babylonischen Berichtes eine bedeutende Stütze gegeben hat. Dagegen ist der biblische Bericht über die Entstehung der Sintflut frei von jeder lokalen Färbung. Die Flut wird hier aus Regen und das Aufbrechen der Brunnen der großen Tiefe (Abgrund, Flut, Meer) zurückgeführt. Diese allgemeine und Lheilweise unbestimmte Angabe deutet darauf hin, daß jeder Versuch, die in Folge der langen Zeit abgeblaßte Erinnerung durch lokale Ereignisse auszufüllen und auszuschmücken, peinlichst vermieden wurde. Dies alles zeigt, daß wir im biblischen Berichte das Original zu erblicken haben, welches in der babylonischen Tradition durch spätere, an örtliche Ereignisse sich anknüpfende Zuthaten gefälscht worden ist. Betheiligung göttlicher Kräfte an der Flut. Nach dem biblischen Bericht beschließt Jahve, die Bewohner des Landes wegen ihrer Sündhaftigkeit durch eine Flut zu vernichten. Jahve verkündet aber Noe ob seiner Frömmigkeit die Flut vorher und gebietet ihm eine Arche zu bauen, in welcher er gerettet werden soll. Nach der Flut verläßt Noe die Arche, bringt Gott von den reinen Thieren ein Dankopfer dar, und Gott verspricht, daß er kein solches Strafgericht mehr senden werde; er schließt einen Bund mit Noe und seinen Nachkommen (der eben in diesem Versprechen besteht), und Noe wird der Stammvater vieler Völker. Hier fehlt also wieder jede phantastische Ausschmückung, und der einfache Gottesbegriff ist vorhanden. Nach dem babylonischen Berichte nun trieb die Götter zur Anrichtung einer Flut ihr Herz an. Die Götter beschlossen eine solche: ihr Vater Amu, ihr Berather Bei, ihr Führer Ennuzi. Der Gott Ea aber verkündet Hasisadra den Beschluß der Götter. „Sie wollen vertilgen den Samen des Lebens; darum erhalte du am Leben und bringe hinauf Samen des Lebens von jeglicher Art auf das Schiff, das du erbauen sollst." Nach der Flut bringt Hasisadra gleichfalls ein Opfer dar und errichtet einen Altar auf dem Gipse! des Berges. Die Götter erscheinen nun in Folge des Opfers und gerathen in Streit über die Sintflut und ihre Folgen. Bel ist aufgebracht und will keine Seele entkommen lassen; er will auch die Geretteten vernichten. Ea beschwichtigt ihn und verlangt, daß keine Sintflut mehr stattfinde. Bel gibt sich zufrieden und erhebt den frommen und weisen Hasisadra unter die Götter. Hier zeigt sich ganz deutlich die spätere De- gcnerirung des ursprünglichen, in der Bibel enthaltenen Berichtes. Der einheitliche Gottesbegriff hat sich hier aufgelöst in polytheistische Anschauungen, welche, ausgehend vom Begriffe einer höheren göttlichen Kraft, diese besonders mit Anlehnung an die Naturereignisse in die verschiedensten Kräfte zerlegen, jeder derselben einen besonderen Namen und zuletzt ein eigenes persönliches Wesen unterschieben: also im biblischen Berichte Original, im babylonischen eine spätere Entwicklungsform des Berichtes im Sinne polytheistischer Ausartung. Mit diesem polytheistischen Moment sehen wir iw babylonischen Bericht zugleich eine herabwürdigende Vermenschlichung des Gottesbegriffes verbunden. Indem Ea Hasisadra die Flut verkündet, ist bereits ein Gegensatz zwischen ihm und den andern Göttern construtrt, der dann auch zum Ausbruche kommt und in Streit ausartet beim Opfer nach der Flut, wobei Bel schließlich von Ea beschwichtigt wird. Daß Gott die Schlechten bestraft, einige Gerechte aber rettet und dann verspricht, nicht wieder eine solche Flut zu senden, ist der zu Grunde liegende, verborgene Kern dieser Schilderung. Allein der Begriff von einem gerechten und zugleich barmherzigen Gott, der sich in diesem Gedanken ansspücht, ist dem babylonischen Berichte unbekannt. Als er abgefaßt wurde, hatte sich unter diesem Volke der reine Gottesbegriff längst zersetzt. Man suchte Erklärung dafür, daß einige Menschen der Flut entrinnen konnten, obwohl die Götter selbst die Flut angerichtet, und man kann sie nur in einer auf der Vermenschlichung des göttlichen Wesens basirenden Zwietracht finden. Das moralische Element, welches in der Bibel »«verhüllt in den Vordergrund gestellt wird, taucht im babylonischen Berichte erst am Schlüsse deutlicher wieder auf, aber in einer Weise, welche gleichfalls auf tiefen Verfall der Religion hinweist: der fromme Hasisadra wird unter die Götter erhoben. Hieraus geht wieder die spätere Abfassung der uns vorliegenden Form des babylonischen Berichtes und die Priorität der noch den ursprünglichen, reinen Gottesbegriff enthaltenden biblischen Tradition klar hervor. Allerdings wird vielfach behauptet, daß sich der monotheistische Gottesbegriff erst aus dem polytheistischen herauS- entwickelt habe. Allein dieser willkürlichen Theorie steht die Thatsache gegenüber, daß die Zahl der Götter bei den Völkern nie abgenommen, sondern zugenommen hat, daß sich ferner unter all dem Wust polytheistischer Fabeln nicht selten eine mehr oder minder erblaßte Erinnerung an ein höchstes Wesen findet. Es kann auch nicht behauptet werden, die Juden hätten den babylonischen Bericht nach ihrem Gottesbegriffe umgemodelt. Eine solche Entlehnung aus fremden Mythologien ist bei ihnen ganz undenkbar und durch 5>in einziges Beispiel erweisbar. Denn keine Mythologie eines andern Volkes dürfte so sehr aller fremden Einflüsi- bar erscheinen, wie die Geschichte des jüdischen Volkes. Dann haben die Juden ihre heiligen Bücher anf's allersorgfältigste vor jeder Fälschung bewahrt. Wenn sie von Zeit zu Zeit etwas aus fremden Religionen herübergenommen haben, so haben sie dies nie mit ihrem Gottesbegriff in Vereinigung zu bringen gesucht, sondern entweder den Glauben an ihren Gott aufgegeben oder diesen nur äußerlich und formell weiter bestehen lassen, ohne aber das eine mit dem andern zu vermischen. Wenn wir all diese Momente zusammenfassen, so erscheint als die einzig berechtigte Annahme, daß der biblische Bericht der ältere und mit dem Originalbericht jedenfalls inhaltlich identisch ist, daß dagegen der babylonische zwar aus derselben Quelle hervorgegangen, aber während der polytheistischen Ausartung der babylonischen Religion in diesem Sinne verändert, nach örtlichen Ereignissen wie Sturmfluten umgestaltet und mit poetischen Schilderungen und Ausschmückungen versehen ist. Er ist daher in seiner vorliegenden Gestalt viel jünger als die dem mosaischen Berichte zu Grunde liegenden U bcr- lieferungen. Ob er direct aus den im biblischen Bericht enthaltenen Traditionen geschöpft oder ob beide aus ein und demselben Originalbericht hervorgegangen, läßt sich nicht entscheiden. Für die letztere Annahme liegt eis stichhaltiger Grund kaum vor. Vor Jahrhunderten. Von A. Zottmann. Was in längst vergang'ncn Jahren Großes ist gcschch'n, Heute noch wir gern erfahren Und im Geiste wiederseh'n. In einer Zeit, welche gar oft ganz unsinnige und nichtssagende Jubiläen feiert, ist es gewiß am Platze, diesen unzähligen kleinlichen Erinnerungen gegenüber, wirklich bemerkenswerthe Ereignisse aufzufrischen und nichr merkwürdige hundertjährjge Gedenktage von solchen Personen und Ereignissen ohne jegliche Notiznuhme vorübergehen zu lassen, welche wohl werth sind in unserem Geiste neu aufzuleben. Da unser gegenwärtiges Jahr 1896 eine so stattliche Anzahl derartiger Tage, wie wenige andere, auszuweisen hat, so sei es gestattet, die bedeutenderen derselben in Kürze vorzuführen. 96. Der erste sechSnndneunziger Jahrgang unserer Zeitrechnung versetzt uns zurück in den von Gold und Marmor erstrahlenden, großartigen Kaiserpalast der römischen Imperatoren auf dem Palatin zu Rom. Eben wüthet ! die zweite große Christenverfolgung, und Kaiser Domitian, welcher 14 Jahre lang das Christenthum geschont hatte, schändet nun sein letztes Ncgicrungsjahr auch mit dieser Grausamkeit?) Es ist jene Verfolgung, welcher der berühmte Mitkonsu! und Verwandte deß Kaisers Flavius Clemens und dessen Gattin Domitilla, wahrscheinlich auch deren Kinder, ferner die Soldaten Nneus und Achilleus u. And. zum Opfer fielen. Auch die Marter des hl. Evangelisten Johannes, daß er in einen Kessel siedenden Oeles getaucht und, als er unversehrt blieb, nach Pathmos verbannt wurde, fällt in dieselbe, ebenso die Berufung und Vernehmung der leiblichen Verwandten deS göttlichen Heilandes, worüber uns HegesippuS folgenden interessanten Bericht gibt:?) „Zu damaliger Zeit waren noch aus der Verwandtschaft des Herrn die Enkel des Judas übrig, welcher dem Fleische nach Verwandter Jesu genannt wurde. Diese gaben sie an, daß sie aus dem Geschlechte Davids seien. Ein Evokaius führte sie daher zum Kaiser Doruitian. Denn dieser fürchtete die Erscheinung Christi ebenso wie Herodes. Er fragte sie, ob sie von David abstammten, und sie bestätigten es. Hierauf fragte er sie, wie viele Besitzungen sie hätten und wie groß ihr Vermögen sei. Beide antworteten, sie besäßen nur 9000 Denare, und hievon gehöre jedem die Hälfte. Allein, sagten sie, auch dieß hätten sie nicht in baarem Gelde, sondern in dem Werthe eines Feldes, daS nur in 99 Hufen bestände. Davon bezahlten sie die Abgaben und nährten sich selbst mit ihrer Hände Arbeit. Hierauf zeigten sie ihm ihre Hände und bewiesen durch die harte Haut und durch die Schwülen, die von der beständigen Arbeit sich gebildet hatten, daß sie selbst arbeiten. Ueber Christus und sein Reich befragt, von welcher Art es sei, und wo und wann es erscheinen würde, gaben sie die Antwort, es sei kein weltliches und irdisches, sondern ein himmlisches und englisches das in der Vollendung der Zeit erscheinen werde, dann, wenn er in Herrlichkeit kommen würde, zu richten die Lebendigen und die Todten und einem Jeden nach seinen Werken zu vergelten. Auf dieses hin verurtheilte sie Domitian nicht, sondern verachtete sie als ganz geringe Leute. Er ließ sie daher frei und befahl auch, die Verfolgung gegen die Kirche einzustellen." Domitian hatte nach diesem Vorgänge nicht mehr lange zu leben. Obwohl er in seinem Argwohn und Mißtrauen so weit ging, daß er die Wände in seinem Palast mit spiegelndem Leuchtstein belegen ließ, so daß er immer wahrnehmen konnte, wer sich hinter seinem Rücken befand und was da vorging, so war es doch Verschwörern gelungen, an ihn heranzukommen und in einem unbewachten Augenblick, während er ein ihm vorgehaltenes und vorgeblich sehr wichtiges Schriftstück las, ihm den Dolch in den Unterleib zu stoßen. Personen des kaiserlichen Hofgesindes waren die Thäter, als An- stifterin des Mordes wird seine eigene Gemahlin Do- mitia Longina bezeichnet, welche für ihr Leben fürchtete. ES war der 18. September 96, als der grausame Tyrann in seinem Blute zusammenbrach. Leichenträger der niedrigsten Volksklassen schassten den Todten auf ärmlicher Bahre nach einer Villa, wo Phyllis, seine Amme, die sterblichen Neste verbrannte.?) Auf Befehl des Senates wurden die ihm zu Lebzeiten gesetzten Inschriften und Bildsäulen mit seinen Ehrentiteln vernichtet, und da er keine Kinder hinterließ, gab ihm der Senat st EusebiuS. KirchengcsK. III, eap. 17 u 18. st Bei EusebiuS I. o. oaz>. 2V. st Lal. Ncumont, Gcsch. der «Stadt Nom I, 428 f. einen Nachfolger in der Person des auch die Christen wieder duldenden, mild regierenden Kaisers Nerva, von 96—98. „Mit ihm, sagt TacituS, begann ein glückliches Jahrhundert, welches zwei bis dahin unvereinbare Dinge mit einander verband, Principal und Freiheit." Zugleich begann mit seiner Regierung die größte und glänzendste Zeit für die Stadt Nom?) 196 und 296. Hundert Jahre nach dem Tode DomitianS und der zweiten großen Christenverfolgung finden wir als Bischof von Rom und Oberhaupt der Kirche den hl. Viktor verzeichnet, in dessen Thätigkeit, wie Schwegler bemerkt, bereits „alle Faktoren des Papstthums beisammen sind"?) An seine Regierung knüpft sich der berühmt gewordene Streit °) über die Zeit der Osterfestfeier zwischen Occident und Orient. In ersterem feierte man Ostern am Sonntag, im Orient aber, vorzüglich in Kleinasien, wurde es immer am 16. Nisan begangen, gleichgültig ob derselbe auf einen Sonntag oder Wochentag fiel; auch bezüglich der Fasten herrschte verschiedene Praxis: die einen ließen sie bis zum Auferstchungsfeste dauern, die andern beendeten sie bereits mit dem Todestage Christi. Viktor war nun bestrebt, möglichste Einheit in diesem Punkt in der Kirche herzustellen, und hielt um 196 eine Synode st, in welcher festgesetzt wurde, „daß daS Geheimniß der Auferstehung Christi an keinem andern als am Sonntag gefeiert werden und daß erst an diesem Tage das Oster- fasten beendet sein solle." Damit hatte Viktor einen wichtigen Schritt zur Herstellung in der Einheit der kirchlichen Festfeier, speciell deS Hauptfestes gethan. Die meisten schlössen sich denn auch der römischen Praxis an, nur der kleinastatische Bischof Polykrntes von Ephesus Machte mit seinen Bischöfen, auf die Ueberlieferung der Apostel Philippus und Jakobus sich stützend, verschiedene Einwendungen, und der Streit zog sich noch etwas in die Länge, bis im Jahre 325 auf dem Concil zu Nicäa die occidcutalische Anordnung allgemein und endgültig vorgeschrieben wurde. Das Jahr 296 bringt den Tod und die Beisetzung in den Callixiuskatakomben des hl. Papstes Casus?) Die über ihn cxistirenden Nachrichten werden stark angezweifelt. Er soll aus Dalmatien gebürtig und Neffe oder Großneffe des Kaisers Diokletian gewesen sein. Auf dessen Veranlassung erlitt er auch am 22. April des genannten Jahres das Martyrium, weil er nämlich seine Nichte, die hl. Susann«, eine gottgeweihte Jungfrau, in dem Vorsatz bestärkt hatte, in die ihr von Diokletian angetragene Verchelichung mit Galerius Maximianus nicht einzuwilligen?) Sein Nachfolger war im nämlichen Jahre der hl. Marcellinus. Diokletian verfolgte aber nicht nur die rechtgläubigen Christen, sondern er war überhaupt bestrebt, die Einheit der heidnischen Religion in seinem weiten Reiche aufrecht zu erhalten, oder vielmehr wieder herzustellen. Deßhalb wendete er sich besonders auch gegen den gefährlichen Manichäismus, welcher als ein Versuch erscheint, den persischen Dualismus von zwei ewigen gleichgeordneten Grundwefen und ihren Reichen, dem Gott des Lichtes st Ebenda 441. st Bei Hergenrötber, KirLengescb. I. xaA. 301. st Vgl. EusebiuS, Kirckengcsch. V, cap. 26-28. st labe, ItsA. koiitik. iisx. 4. st Luinart, Lot» Llartzeruni (RcgcuSburg, Mauz 1659) xa§. 631. st Kirckenlexikon, 2. Aufl., II, xa§. 1683. 383 und dem Gott der Finsterniß, mit einem gnostiscki gefaßten Christenthum zu einer Volksccligion zu vereinigen. Im Jahre 296 erließ er gegen diese Sekte, welche viel Schändliches enthalte, die Unzucht der Perser einführe und Unruhen erzeuge, ein strenges Edikt, welches die Häupter sammt allen ihren Gütern zu verbrennen, ihre Anhänger zu enthaupten und deren Güter zu confisciren befahl. Trotz dieser Strenge richtete die Staatsgewalt nichts aus und vermehrten sich die Manichäer, bis die Kirche ungehindert auf den Kampfplatz treten konnte und mit ihrer siegreichen Macht auch diese Irrlehre überwand?") 396. Dieses Jahr erinnert uns an ein wichtiges Ereigniß im Leben eines großen Heiligen und in der Geschichte der Kirche. Paulinus von Nola deutet es an, wenn er an Augustin gelegentlich seiner Bischofswahl schreibt: „Der Herr hat in seiner Güte sein Volk heimgesucht ... um die Hoffart der Sünder, der Donatisten und Manichäer zu zerschmettern". Augustin war am 15. November 354 zu Tagaste im nördlichen Afrika geboren, war in seiner Jugend 9 Jahre lang dem Manichäismus verfallen, ein dessen Lehren entsprechendes unglückliches Leben führend. Aber sein nach Wahrheit forschender Geist, das Gebet, die Thränen und Mahnungen einer hl. Mutter und vor Allem die rufende und leitende Gnade Gottes brachten ihn wieder auf den rechten Weg. 387 empfing er vom großen Ambrosius die hl. Taufe und zeichnete sich nun in jeder Beziehung, durch Wissenschaft und Heiligkeit aus. Bald zum Priester geweiht, wurde er im Jahre 395 vom gleisen Valerius zum Coadjutor angenommen und nach dessen Tod, im Jahre 396, zu dessen Nachfolger als Bischof von Hippo gewählt. Die Bedeutung dieses Ereignisses zeichnet schön die Gräfin Hahn-Hahn mit folgenden Worten: „Das christliche Afrika stand auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung. Augustin war die geistige Sonne, die alle Keime zur Blüthe brachte; heilige Bischöfe lehnten sich an ihn, fromme Priester blickten zu ihm empor, blühende Klöster gediehen unter seiner Fürsorge; zahlreiche Concilien, deren Seele er war, entwickelten und bestimmten Lehrfragen und stellten Ordnung und Zucht in der Kirche fest. Der Manichäismus, der Do- natismus, der Pelagianismus, drei furchtbare Häresien, waren zu Boden geschmettert. Unvcrtilgbar ist der Same des Drachen, und in immer neuen Unformen bildet ein Lucifer sich aus. Aber das ist eben die wunderbare Macht der Kirche, daß sie eben auch immer wieder einen Erzengel Michael erzeugt, der den Lucifer überwindet. Augustin war der St. Michael seiner Zeit."") (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Das Leben der Aller seligsten Jungfrau Maria, dem kathol. Volke dargestellt von k. Rohn er 0. 8. L. Vcnziger u. Comp. in Einsiedeln, 1895. In schönem Leinwandcinband mit Goldprcssung und Nothschiütt. Preis M. 2.50. k. Die Verehrung der allcrseligsten Jungfrau Maria kann nicht groß genug, nicht zu verbreitet sein. Die „Helferin der Christen" muß in der That beständig angerufen werden, soll die unheilvolle Zeit, die Thron und Altar zu stürzen droht, *°) Hergenröther, Kirchengesch., 3. Aufl., I, xaZ. 211 ff. u. 414 f. ") Vgl. Einleitung Augustins Ausgewählten Schriften (Kempter Ausg.). bald ein Ende nehmen. Leo XIII. ruft deßhalb unaufhörlich der Christenheit zu: „Empfehlet euch dem Schutze Mariens, nehmet zu ihr euere Zuflucht." Mit dem greisen Papste vereinen sich die Stimmen der Bischöfe und Priester, um daS ganz- Volk zu größerer und innigerer Verehrung der himmlischen Mutter zu führen. Maria wird aber erst dann gebührend verehrt werden, wenn ihr heiligstes Leben, ihr Schatz von Tugenden, ihre unermeßliche Liebe zu den Menschen mehr bekannt ist. Dieser Aufgabe hat sich ?. Rohncr. der verdiente Schriftsteller, unterzogen. In vorliegendem Büchlein bietet er dem kathol. Volke eine Lebensbeschreibung der lieben Gottesmutter, von ihrem Eintrilte in die Welt bis zu ihrer Krönung im Himmel. Die Sprache ist lcichtfaßlich, die Beispiele vortrefflich qcwäblt, und sind insbesondere alle Vorbilder des alten Bundes berücksichtigt. Der Werth dieses Büchleins wird erhöht durch 28 ganzseitige Bilder von Joseph Nstter von Führich. Approbationen von vielen Kirchenfürsten garantiren für die Gediegenheit dieser Arbeit. — Möge das Büchlein in recht viele, viele Hände frommer Christen kommen, insbesondere aber unter den Mitgliedern der Jungfrauen-Kongregationen große Verbreitung finden, damit Maria, die Königin der Heiligen, immer mehr geliebt, erkannt und verehrt werde und durw ihre mächtige Fürsprache uns helfe in allen zeitlichen und geistlichen Anliegen! Vier Bücher von der Nachfolge Christi von Tboma» von Kempen. Bcnziger u. Comp., Einsiedeln, 1894. 480 Seiten in Leinwand gebunden, Nothschnitt u. Gold- titel. M. 1,50. k. Kaiser Friedrich trug bekanntlich die Nachfolge Christi stets bei sich, und kein Tag verging, ohne daß er wenigstens ein Capitel in ihr gelesen. Der wunderbare Jnbalt dieses goldenen Büchleins verdient mit vollem Rechte in den Händen aller Menschen zu sein. Gibt es doch keine Lebenslage, in der unS die Nachfolge Christi nicht Rath und Trost gewähren würde. Gebildete und Ungebildete, Reiche und Arme, Jung und Alt sollen sich mit dieser Perle der Literatur bekannt machen! — Die Ausgabe III mit großem Druck aus Benzigcr's rühmlichst bekanntem Verlag ist wegen ihrer schönen Ausstattung besonders empfehlcnSwerth. Für Leute mit schwachen Augen kennen wir keine geeignetere Ausgabe, zumal sie init einem schönen Stahlstich geziert ist und die nothwendigsten Gebete enthält. Der billige Preis wird zur weitesten Verbreitung gewiß viel beitragen, und machen mir insbesondere die Herren Geistlichen auf dieses Büchlein aufmerksam, indem es alten Leuten, die am Besuche der Predigt verhindert sind, einen Ersatz bietet durch das Verzeichniß der geeigneten Capitel für die einzelnen Sonn- und Festtage. Je mehr die schlechte Lcctüre auch auf dem Lande verbreitet wird, desto mehr müssen wir für Verbreitung guter Literatur sorgen, und ein besseres und geeigneteres Buch als die Nachfolge Christi wird um diesen billigen Preis nicht gefunden. München. Seine geschichtliche, örtliche und monumentale Entwicklung unter den WittclSbachcrn. Von vr. I. Weiß. kgl. Sccrctär am Geh. Staatsarchiv. Verlag von A. Brnckmann, München. * Diese niit 66 Illustrationen und einem Doppelstadtplan ausgestattete Monographie bietet eine vortreffliche historische Darstellung des Werdeganges unserer daher. Metropole. Prägnante Schilderung, geschickte Vertbcilnng des Stoffes und sichtlich liebevolle Hingabe au dessen Bearbeitung zeichnen dieses Städtebuch aus. Selbstverständlich nimmt darin die Geschichte der alten und neuen Monumentalbauten und deren Schilderung einen entsprechenden Raum in Anspruch. — Den praktischen Werth des Buches erhobt im Anhang ein „Führer" unter dem Titel: „Rundgang durch die Stadt". Allen Freunden unseres schönen München können wir dieses „Städiebild", das weit über vielen andern derartigen Werkchen steht, nur bestens empfehlen. Sanct Paulus, der Heidenapostel. Nach neuen Quellen und archäologischen Forschungen dargestellt von?. Phili- bert Sceböck, 0. 8. §r., Lektor der Theologie. Pader- born, Schöningh, 1897. VII, 240 S. L.V. Der unermüdliche Tiroler Schriftsteller ist soeben mit einem Buche an die Oeffenilichkeit getreten, welches sicherlich bei Vielen hohes Interesse erwecken wird. Der hochw. Herr Verfasser meint in seiner Bescheidenheit, auf den Beifall der Theo- logicprofessoren nicht rechnen zu können, und hittet nur um milde Beurtheilung und eventuelle Belehrung. Er denkt sich als Leserkreis „studirende Theologen, in der praktischen Seel- 384 sorge stehende Priester und wissenschaftlich gebildete Laien". DaS Werk ist die woblgereiite Frucht langjähriger Studien, wobei dein Verfasser sein Aufenthalt in der ewigen Stadt sehr zu statten kam. Daö in 25 Kapueln entworfene Lebensbild des großen Heldenapostels wird in jedem Leier die Liebe und Begeisterung für St. Paulus erhöhen. Möge das herrliche Buch recht Viele Käufer finden! Der beste und kürzeste Weg zur Vollkommenheit. Von 8 . Nieremberg, 8 . I. Auö dem Spanischen übersetzt von 8 . I. Jausen, 8 . .7. Freiburg i. Br., Herder'iche Verlagsbuchhandlung. Preis M. 2,2V, gcbd. M. 2,80. i- Die „aöcetische Bibliothek" hat durch vorliegendes Werk eine wcrthvolle Bereicherung erfahren. Der Verfasser (1590 bis 1658) nimmt unter den ErbauungSschriftstellern der Gesellschaft Jesu eine hervorragende Stelle ein. In seinem „Weg zur Vollkommenheit" bat er die tiefsten und praktischsten Wahrheiten der Philosophie und Theologie klar und anschaulich mit einer Menge von passenden Bildern und Vergleichen dargestellt. Die christliche Vollkommenheit mit ihren zahlreichen Mitteln wird darin ganz auf die Hingabe und Vereinigung mit dem göttlichen Willen zurückgeführt. Einen Beweis für die Gediegenheit des Inhaltes geben die zahlreichen Ausgaben und Uebcrsctzungen in vlämischer, italienischer, französischer und lateinischer Sprache. Aus dem Lateinischen wurde das Werk ins Deutsche übertragen. Möge darum daö Büchlein, wie in früherer Zeit so auch jetzt, für OrdenSgcnossenfchaften und alle, die nach Vollkommenheit streben, mit Gottes Gnade reichen Segen stiften! Amaranth. Von Oscar von Redwitz. 41. Auflage. 8 ° (XXIV u. 300 S.) Mainz 1896, Franz Kircbheun. Preis geh. M. 3,60. In Salon-Callicoband M. 5,60. * Zu der herannahenden Weihnachtszeit möchten wir als Geschenkgabe, namentlich für die jüngere weibliche Generation, das Redwitz'sche Erstlingswerk in empfehlende Erinnerung bringen, das in den 50er Jahren bekanntlich bahnbrechend für die christliche Poesie gewirkt hat und heute in 41. Auflage vorliegt. Es ist ja richtig, daß das Jugendwerk N dwch' Vielen ^ romantisch erscheint aber gegenüber der jetzigen bhperrealistischcn Literatur mit ihrem Hautgout schadet es wahrlich nicht, wenn auch zu einer so überaus lieblichen Dichtung wie die „Amaranth" gegriffen wird, die an Reiz der Form und Sinnigkeit des Inhaltes zu dem Besten gehört, was in diesem Genre geschaffen wurde. Redwitz hat in diesem romantischen Epos nämlich nicht nur eine Saite angeschlagen, die stets in aller Herzen tausendfachen W:derhall findet, er hat dies auch in einer Form gethan, welche, im Einzelnen untadel- hafr und von hinreißender Schönheit und Bilderfülle, im Ganzen die gewöhnliche epische Einförmigkeit durchbricht und im wohlbedachten Maße der Mannigfaltigkeit Ruhe- und Einheitspunkte genug findet, um nicht zu ermüden und nicht zu zerstückelt. Dabei sind wie gelöste Körner einer Perlenschnur durch die ganze Dichtung die Lieder ausgestreut, welche unstreitig zu dem Innigsten und Scelenvollsten gehören, was die an herrlichen Liedern so reiche deutsche Lyrik hervorgebracht hat. Ueber die Tendenz des Epos die durch und durch christlich ist, ist natürlich hier kein Wort mehr zu verlieren. Die katholische Welt. Jllustrirtes Familienblatt mit den Beilagen „Der Hausfreund" und „Für fleißige Hände". Jeden Monat erscheint ein 80 Seiten starkes Heft mit einer Knnstbeilage und ca. 35 Illustrationen zuni Preise von 40 Pfg. Verlag von A. Rfffarth, M.-Gladbach. Inhalt von Heft 1 deS neuen Jahrganges (1697): Prinz Max von Sachsen — Priester. Dcö Goldeö und her Liebe Glück. Eine Herzensgeschichte von L. Niderberger. Fra G. Angelico da Ficfole. Kunsthist. Skizze von I. Ming (mit 18 Illustrationen). Daö kostbarste Erbe. Erzählung von Nedeatis. Panzerschutz der Landbefestigung e n. Von M. Buckwald (mit 4 Illustrationen). Künstler und Verbrecher. Roman von Th. H. Lange. Der unsolide Mann. Skizze von Margarethe Mirbach. Frühlingsblumen im Winter. Von Max HeSdörffir (mit 10Illustrationen). „Wer?" Erzählung von Hermann Hirschfeld. Graz. Von G. Stroriedl (mit 8 Illustrationen). Die Rückkehr des Nordpolfahrers Nansen. Studien undMittheilungen aus dem Benediktiner« und Cist ercienser-Orden. XVII. Jahrgang 1896. Preis pr. Jahrg. (4 Hefte cä. 40 Bogen) M. 8 — 4 fl. Nur zu beziehen durch die Administration genanurek Zeitschrift im Stift Raigern bei Brunn (Oesterreich). Jnhalts-Vcrzeichniß des 3. Heftes 1896. Abhandlungen: Veith JIdefonö (0. 8 . 8 . Eniaus): Die Martyrologien der Griechen. (I.) Leistle, Dr. David (Dillingen): Wissenschaftliche und künstlerische Strebsamkeit im St. Magnusstifte zu Füssen. (V.) Vkilloms, 8 . Oabriol (0. 8 . 8 ., LküiAirsin): 8 elwlak Lenoäiotinao, sivo: vo Loientüs, opera Lonaelwrum Oräinio 8 . Boneäioti, anotns, sxenltis, propagatis ot oonsorvatis,- labil gnatuor a. l). Oäons Oambior wonaobo AktliK'oniensis lllonastorii Orclinis ssrwäem 8 . Lsneäieti. (III.) — Renz, G. A. (Regeusburg): Beiträge zur Geschichte der Schottenabtei St. Jacob und des Primates Weih St. Peter (0. 8 . 8 .) in Rcgensburg. (VII.) Schneider Ed. (Luxemburg): Johannes Bertels (0. 8 . 8 ), Abt von Münster und Eckternach. (Schluß.) Grillnberger, vr. Otto (0. tlisr., Wilhering): Kleinere Quellen und Forschungen zur Geschichte des Cistercienser-OrdenS- (IX. Schluß.) — Mittheilungen: Steiner, Berchtold 8 . ( 7 -0. 8 . 8 ., Emsicdeln): Historisch- kritische Untersuchung über den Verfasser deS „Geistlichen Kampfes". Halnsa, Teszelin 8 . (0. Oiot. v. Heiligcukreuz): Notiz über Langhcims 0. 6 ist. Oonköckoration nnd die - 8 otnla- des AbteS Michael von Bantz, 0. 8 . 8 . Wcikert, 0. Tbomas Ag. (0. 8 . 8 . von St. Meinrad, Am.): Meine Orientreise. (IV.) Breitschopf, Robert 8 . (0. 8 . 8 ., Altenburg): Eine Handschrift auö dem Bcncdiktinerinnen-Kloster zu Göttwech. M. K. (0. 6 ist.): Ueber ein dem bl. Bernard zugeschriebenes Gedicht. Halnsa, T. (0. 6 ist.): Eine Bulle Benedicts XIV. an Abt Robert von Hciligenkreuz wegen Errichtung einer Bruderschaft deS heiligen Kreuzes. — Neueste Benediktiner- und Cistercienser - Literatur. ( 8 XVII.) — Literarische Referate. — Literarische Notizen. — Ordcnsge- schichtliche Rundschau. — Nekrologe. — Beilage. Philosophisches Jahrbuch. Auf Veranlassung und mit Unterstützung der Görresgesellschaft hei ausgegeben von vr. Const. Gutberlct. Verlag der Fuldaer Akticn- Druckerei. IX. Jahrgang. 4. Heft. Inhalt: I. Abhandlungen. L. Schütz, Der Hyp- notismus (Fortsetzung). I. Uebinger, Die mathematischen Schriften des Nik. Cusanus (Fortsetzung). I. Bach, Zur Geschichte der Schätzung der lebenden Kräfte. I. Geyser, Die philosophischen Begriffe von Ruhe und Bewegung in der Körpcrwelt, entwickelt im Anschluß an die Versuche an der Alwood'fchen Fallmaschine. — II. Recensionen und Referate. Tb. Esser, 0. 8 ., Die Lehre des hl. Tbomas v. Aq. über die Möglichkeit einer anfangslosen Schöpfung, von B. Adlboch, 0. 8 . 8 . R. Wrzecionko, Das Wesen des Denkens, v. C. Gutbcrler. R. Weinmann, Die Lebre von den specifischen Sinncsenergien. von demselben. G. Martins, Beiträge zur Psychologie und Philosophie, von demselben. W Schneider, Das andere Leben, 4. Anfl., von demselben: — III. Zeitschriftenschau.IV. MiS- cellen und Nachrichten. Nekrolog über Albert Stöckl. CharitaS. Zeitschrift für die Werke der Nächstenliebe im katholischen Deutschland. Unter Mitwirkung von Fachmännern herausgegeben vom Charitas- Comitö zu Freiburg i. Dr. Erster Jahrg. 1896. Erscheint, 16 Seiten stark, je am 1. des Monats und kann durch die Post und den Buchhandel bezogen werden. Abonuementspreis jährlich 3 Mark. — Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshandlung. Inhalt von Nr. 10: Ein bischöfliches Wort über die christliche Charitas. — Die socialen Aufgaben der christlichen Cbaritas. I. — Zum Charitastage in Schwäbisch-Gmünd. — Bausteine zum internationalen katholischen Mädckenschntzverein. — Der Verein St. Marienhans zu Freiburg i. B. — Geisteskrankheit und Jrrenseelforge. — Die Anstalten der christlichen Wohlthätigkeit in Rom. II. — Die goldene Jubelfeier des St. Hedwig-KrankenhnuseS in Berlin. — Kleinere Mittheilungen. (Bettelei, Landstreicher« und Armenpflege. — Daö neue Heim für kaufmännische Gehilfinnen in Trier. — DaS Werk der Borromäerinnen in Nlcxandria.) — Fragekasten, Zusendungen an die Redaction. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Hi'» 50. Ein Apostel der Charitas. 6. — Am 12. November nahm die Gruft des Schlosses Louville bei Chartres die irdische Hülle eines Mannes auf, über dessen frühen Hingang das ganze katholische Frankreich trauert. Msgr. d'Hu Ist, Hausprülat S. H.» Tttular-Generalvikar der Pariser Erzdiöcese, Rector der Katholischen Universität in Paris, Abgeordneter des Wahlkreises Brest, ist am 6. dS. in der Vollkraft des Lebens einem heimtückischen Uebel erlegen. Die Tragweite dieses Ereignisses läßt sich am besten aus den Worten des Heiligen Vaters erschließen, der beim Eintreffen der Trauerbotschaft ausrief: „Das ist ein Verlust, ein großer Verlust für die Kirche in Frankreich!" Die katholische Presse Frankreichs und Italiens schildert denn auch in langen Spalten den Edelmann durch Geburt und That. Auch uns demschen Katholiken kann die Skizze des Lebens und der Wirksamkeit eines der bedeutendsten Priester des französische» Klerus nur zur Erbauung und Ermunterung dienen. Wir entnehmen die folgenden Angaben hauptsächlich den ausführlichen Berichten der Pariser „Croix". Maurice Le Sage d'Hauteroche d'Hulst war geboren am 10. Oktober 1841 zu Paris. Mütterlicherseits gehörte er zur erlauchten Familie Grimoard du Roure, einer der ältesten der Cevennen, die schon vor einem halben Jahrtausend der Kirche den heilig- mäßigen Papst Urban V. geschenkt hatte. Seine Mutter war es auch, die dem kleinen Maurice die erste Verehrung für den vorletzten Papst von Avignon einflößte, was auf die ganze Lebensthätigkeit des Grafen d'Hulst bestimmend wirkte. Von einem Hauslehrer in den Anfangsgründen unterrichtet, bezog Maurice das Gymnasium St.-Stanislas zu Paris, wo er im Alter von 18 Jahren die klassischen Studien und exakten Wissenschaften mit Auszeichnung absolvirte. Geburt, Vermögen und Geistesgaben ließen ihm nun jede Laufbahn offen. Er aber hatte längst den besten Theil erwählt und trat darum ohne Zaudern ins Priesterseminar von St.-Sulpice ein. Nachdem er dort fünf Jahre lang Philosophie und Theologie studirt hatte, begab er sich auf zwei weitere Jahre nach Nom, um seine theologischen und besonders kirchenrechtlichen Kenntnisse zu vervollkommnen. Als Doctor der Theologie und des kanonischen Rechtes kehrte er 1865 in seine Vaterstadt zurück. Zum Priester geweiht, wirkte er Jahre lang als Vikar der Pfarrei St.-Ambroise, welcher damals der jetzige Erzüischof von Reims, Cardinal Langönieux, vorstand. Es liegt diese Pfarrei in einer der dichtbevölkertsten Arbeitervorstädte. Dem jungen Priester lag nur mehr -das geistige wie leibliche Wohl der armen Arbeiter am Herzen; um ihr Elend zu mildern, scheute er kein Opfer. Der folgende Zug laßt uns feinen Eifer erkennen, >öen keine Schwierigkeit abschrecken konnte. Um die Mittel zur Gründung eines Arbeiterheims auszubringen, ging er sammeln wie ein Klosterbruder. Eine reiche Dame, deren Adresse er erhalten, empfing ihn kalt, gab ihm 20 Fr. und verabschiedete ihn mit den wenig liebenswürdigen Worten: „Vielleicht handle ich aber verkehrt. Ich kenne Sie ja nicht; zwar tragen Sie das geistliche Gewand, aber es gibt so viele, die sich verkleiden!" Der Vikar ließ sich durch solche Auftritte nicht entmnrhigen und hatte in wenigen Tagen die nothwendigen Gelder beisammen. Im Jahre 1868 gründete er in der Nue de la Folie-Möricourt eine theoretisch-praktische Industrieschule, deren Einrichtung er aus eigenen Mitteln be- stritt; mit der Schule war ein Internat verbunden, das er mit Abbß Courtade leitete. Ein ehemaliger Zögling erzählt darüber im Univers: „Wir beteten unsern Director au. Er war wie ein Vater gegen uns. Stets heitep, hatte er bei einem reichen Schatz von Wissen auch die Gabe, uns durch seine anmuthige und belehrende Erzählungsart für alles zu interessircn. In der Freizeit betheiligte er sich an unsern Spielen. Seine Mildthätigkeit aber war unerschöpflich. Unsere größte Freude war es, ihn begleiten zu dürfen, wenn er die Armen besuchte; da nahm er gewöhnlich unser zwei bis drei mit und beauftragte uns, in der Folge seine Schützlinge zu überwachen und ihn über ihre Lage auf dem Laufenden zu erhalten." Im Jahre 1870 sollten ihn seine Zöglinge und Schutzbefohlenen aus kurze Zeit tirilieren. Nach der Kriegserklärung folgte er als Feldgeistlicher dem Coips des Marschalls Mac-Mahon und zeigte seinen Opiermuth bei Beaumont-Mouzon, BazeilleS und Sedan, wo er in Gefangenschaft gcrieth. Es gelang ihm aber, nach Brüssel zu entkommen, von wo er alsbald nach Paris eilte, um während der Belagerung seine Schule in ein Lazareth umzuwandeln. Von Abbä Courtade und acht Waisenknaben — die übrigen Zöglinge waren entlassen — unterstützt, pflegte er Tag und Nacht die Verwundeten, indem er weder Mühe noch Geld sparte und sich nur hie und da auf dem bloßen Boden kurze Rast gönnte. Nicht genug; nochmals drängte es ihn hinaus aufs Schlachtfeld. Er begleitete die Mobilgarden bei ihren verzweifelten Ausfällen aus der Hauptstadt und providirte die Sterbenden im Kugelregen von Cham- Pigny. Während der Schreckenstage der Commune war er mit doppeltem Eifer in der Pfarrei St.-Ambroise thätig, die ein Hauptherd des Aufstands geworden war. Am 23. Mai 1871, am Vorabend der Erschießung des Erzbischofcs Darboy, wäre er mit Abbe Conrtade beinahe den Nationalgardisten in die Hände gefallen. Gerade noch rechtzeitig gewarnt, flohen die beiden Priester in bürgerlicher Kleidung in ein Nachbarhaus, wo sie sich fünf Tage lang verborgen hielten, bis der Einzug Mac- Mahons ihnen die Freiheit wiedergab. Auch nachdem die Ordnung in Paris wiederhergestellt war, entfaltete der Vikar von St.-Ambroise die edelste Mildthätigkeit zur Linderung des durch die vorausgegangenen Mißverhältnisse gesteigerten Elends. Inzwischen hatte der neue Oberhirte von Paris. Msgr. Guibert, sich den früheren Pfarrer von St.- Ambroise, M. Laugöuienx, zum Generalvikar erkoren. Dieser säumte nicht, den Erzbischof auf den heroischen Opfermut!) und die seltenen Talente seines ehemaligen Vikars aufmerksam zu machen. Der Prälat berief deu Abbü d'Hulst zu sich und übertrug ihm nach und nach die verschiedensten Aemter, bis er ihn 1876 zum Titular- Gcneralvikar und Archidiakon von St.-Denis ernannte. Das Jahr vorher hatten sich 30 Bischöfe um Cardinal Guibert geschaart, um die Katholische Uni- versität (Institut OntkoliHue) in Paris zu gründen, und der Liebling des Cardinals war mit der Organisation des großen Werkes und der Bestellung des Lehr- personals betraut worden. Dabei traten erst die hervorragenden Eigenschaften d'HuIst's ins rechte Licht, und als es sich um die Wahl des Nectors handelte, dachten mehrere Bischöfe an ihn, .obwohl er kaum 35 Jahre zählte. Doch Cardinal Guibert wollte sich noch nicht von ihm trennen, und erst 1880 durfte der Archidiako» von St.-Denis der Nachfolger Conil'S werden. „Der junge Nector" — so äußert sich Cardinal Richard in einem Rundschreiben an die Pariser Pfarrgeistlichkeit — „hatte wunderbar begriffen, was der Kirche in unserm Jahrhundert noth thut. Das Vatikanische Concil hatte in dem grundlegenden Dekrete vom Glauben und vom Verhältnisse der Vernunft zur Offenbarung klar die Nothwendigkeit wissenschaftlicher Arbeit in unserer Zeit dargelegt, aber auch die Grenzen festgesetzt, innerhalb deren diese Arbeit sich vollziehen soll, nicht um die Freiheit des Menschengeistes in Fesseln zn schlagen, sondern um auf die Klippen hinzuweisen, wo ihr Irrthum drohen und Ohnmacht. Niemand war besser als Msgr. d'Hulst auf dieses Werk vorbereitet. Er hatte eine edle Leidenschaft zu wissenschaftlicher Arbeit. Sein herrlicher und thätiger Geist war für alle menschlichen Erkenntnisse empfänglich, ja ich möchte sagen, er erfuhr die Verlockungen der Wissenschaft, die denjenigen, welchem der Gehorsam des Glaubens fehlt, weit von der Wahrheit abziehen. Diesen Glaubensgehorsam besaß Msgr. d'Hulst, und darin besteht sein Ruhm: Verstand und Glaube waren bei ihm in lauterster Harmonie." Als Nector dockte Msgr. d'Hulst zunächst Philosophie. Des Liberalismus verdächtigt, suchte er sich nicht in Lärmartikeln zu rechtfertigen, sondern packte seine Kollegienhefte zusammen und reiste nach Rom, wo man seine Erörterungen gebilligt haben muß: denn 1881 kehrte er als Hausprälar Sr. Heiligkeit nach Paris zurück. Mitten in seiner wissenschaftlichen Thätigkeit blieb Msgr. d'Hulst der Apostel der Armen; ihnen sollte sein großes Vermögen gehören. Er selbst lebte in äußerst dürftigen Verhältnissen; der geringste Vikar machte mehr Aufwand, so daß die zahlreichen Besucher, die ihn um Rath und Hilfe angingen, nicht genug über die Sclbstentäußerung eines der reichsten und hochadeligsten Priester Frankreichs staunen konnten. Msgr. d'Hulst war die Seele aller Vereine und Unternehmungen zu Gunsten der Armen; ihre geistliche Leitung insbesondere war seine süßeste Mühewaltung, und sein Beichtstuhl war fast ausschließlich von Angehörigen der niedrigsten Volks- klasscn umlagert. Auf wissenschaftlichem Gebiete pflegte er in den letzten Jahren hauptsächlich die christliche Apologetik. Seiner Initiative ist großentheils auch der Erfolg der beiden ersten Internationalen wissenschaftlichen Katholiken-Congressc zu Paris 1888 und 1891 zuzuschreiben; auch an den Vorarbeiten des dritten Kongresses zu Brüssel 1894 nahm er theil.*) Msgr. d'Hulst sollte auf einen höher» Leuchter gestellt werden. Im Jahre 1891 wurde er vom Cardinal- Erzbischof Richard zum Nachfolger des k. Monsabw auf *) Der vierte Internat,'on. wisscmch. Katholcken-Congretz findet bekanntlich 1897 vom 9. bis 13. Anglist zu Freiburg i. d. Schweiz statt. Ueber 700 Mitglieder aus allen Ländern sind bereits angemeldet. Man hofft besonders aus Deutschland rege Antheilnahme. der Kanzel von Notre-Dame bestimmt. Vielfach war man überrascht, als es hieß, der Nector des Institut Oatkoliquo werde die Fastenpredigten halten; man hielt ihn für einen trockenen Philosophen, seine Beredsamkeit für zu akademisch. Als aber Msgr. d'Hulst am ersten Fastensonntag 1891 die Kanzel bestieg, war der weite Dom so gedrängt voll, wie an den schönsten Tagen des k. Monsabrä. Seine einfache, bündige Ausdrucksweise war für apologetische Kanzelvorträge wie geschaffen. Am 6. März 1892 wurde der Conferencier von Notre-Dame an Stelle Msgr. Freppel's zum Abgeordneten von Brest gewählt. Schon am 26. März gewann er dem Parlament durch seine meisterhafte Rede von der FrejheiL dcrKirche Bewunderung ab. Auch für die Beibehaltung des religiösen Eides vor Gericht trat er mit apostolischem Freimuth ein. Seine parlamentarische Hauptthätigkeit bewegte sich jedoch auf dem Gebiete des Unterrichts, weil er wie kein andrer wußte, daß die Zukunft dem gehört, der die Schule hat. Bei allen Kämpfen bewahrte er sein angeborenes ritterliches Wesen; persönliche Angriffe verachtend, war er nur darauf bedacht, dem Rechte und der Wahrheit zum Siege zu verhelfen. Seine Kammerthätigkeit wurde denn auch am 7. ds. von dem radikalen Vorsitzenden Brisson äußerst rühmend hervorgehoben. So vielfach in Anspruch genommen, fand Msgr. d'Hulst noch inimer Zeit, über Askese, Philosophie und Apologetik zu schreiben; auch seine Predigten erschienen in mehreren Bänden. Zn diesem rastlosen Mühen schickte auch ihm der Herr ein Kreuz. Seit Jahren quälte ihn ein Nierenleiden, und vor wenigen Monaten erklärte er selbst einigen Freunden, daß seine Tage gezählt seien. Doch folgte er deren Rath und suchte Linderung in Biarritz. Ohne diese gefunden zu haben, kehrte er am 5. ds. nach Paris zurück. Das Leiden verschlimmerte sich mit rapider Schnelligkeit, und am 6. ds. empfing der Dulder die hl. Sterbsakra- mente; Cardinal Richard selbst spendete ihm die letzte Oelung. Am Abend desselben Tages gegen -11 Uhr hatte Msgr. d'Hulst ausgelitten. Aus seinem Testamente geht hervor, daß sein ungeheures Vermögen bereits in den Händen der Armen ist; nichts erübrigt mehr als das leere Schloß von Louvillc. Diese freiwillige Armuth sollte auch nach seinem Tode zum Ausdruck kommen; seinem Wunsche gemäß schmückte auch nicht ein Kranz die Bahre. Desto großartiger gestalteten sich aber am 10. ds. die für ihn in Notre-Dame abgehaltenen Obscquien; die Theilnahme von Klerus und Volk war eine ungeheure. Seine Leiche wurde, wie eingangs erwähnt, auf dem Stammschloß Louville beigesetzt. Beten auch wir für den Apostel der Armen und den Kämpen der hl. Kirche ein Ave, zu Gott flehend, er möge das katholische Frankreich durch Männer wie Msgr. d'Hulst recht bald den Händen der Ungläubigen entwinden. Henrik Ibsen, Gerhart Hauptmmin, Her.manu Sridermamr im Zusammenhalte mit der „modernen" Poesie und Ethik. (Vortrug, gehalten im katholischen Kasino zn Müuchcn.) (Forisetznng.) — 2 . Individualismus, Pessimismus und Darwinismus, sie lasten wie ein Alp auf einem 387 guten Theil der Modernen Literatur. Ein schriftstellerischer Wortführer der Modernen, Edg. Steig er stellte als Programm auf: „Die menschlich- Gesellschaft und ihre Verhältnisse müssen in ihrer ganzen Breite vorgeführt, die geheimen Fäden, die sich von Vater auf Sohn und Enkel fortspinnen, überall aufgedeckt, und jede besondere Eigenart des Individuums muß als gesetzmäßiges Produkt bekannter Faktoren nachgewiesen werden. Eine solche Analyse hat Ähnlichkeit Mit der Thätigkeit eines Anatomen; der Wahrheitstrieb, der hier den Künstler beseelt, darf vor keiner Häßlichkeit und Verworfenheit, auf die er stößt/zurückschrecken. Und so wenig wie der Chirurg bei einer lebensgefährlichen Operation, darf der realistische Sittenschilderer sich von Mitleid und menschlicher Theilnahme hinreißen lassen. Die Gesellschaft ist das anatomische Präparat, das er secirt. Er will nicht strafen und bessern, er will nur die Wahrheit sagen, ob sie nun luftig oder traurig, angenehm oder peinlich sei." Bei den „geheimen Fäden" denken aber unsre Mo- oernen nur an die schlechten Eigenschaften, an Laster und Krankheiten, während im Leben glänzende Eigenschaften, Tugend und Gesundheit sich mindestens ebenso häufig vererben. Zudem ist das Wie der Vererbung selbst der Wissenschaft bis zur Stunde noch eine tarrn ineoZnita. Ein Psychiater sagt: „Wir wissen kaum annähernd, wer vererbt, nur ungenau und durchaus unzulänglich, was alles vererbt, und nur zum allergeringsten Theile endlich, wie vererbt wird." Mit einer solchen Theorie ist nicht mehr der Held die Hauptsache, sondern seine Umgebung, sein „Milieu", dem er nicht entrinnen kann. Und die Handlung steht sich abgelöst durch die Stimmung. Nach der „modernen" Lehre von der erblichen Belastung wird Einer Verbrecher, so wie ein Anderer kurzsichtig oder hinkend wird. Die Tragik des Wollen? verwandelt sich also in eine Tragik des Werdens und Vergehens. An Stelle der Schuld tritt jetzt wieder die Schickung, das Verhängniß, und damit nähert die naturalistische Bühnendichtung sich dem antiken Schicksalsdrama, oder wie es in Schillers Prolog zum „Wallenstein" heißt: „Sie sieht den Menschen in dcö Lebens Drang Und wälzt die größ're Hälfte seiner Schuld Den unglückseligen Gestirnen zu." „Fürwahr, ,es ist der Weg des Todes, den wir treten", wenn es nicht mehr Freiheit, sondern Nothwendigkeit ist, die das sittliche Handeln bestimmt, wenn das Schicksal, das einst die Götter verhängten, in Gestalt eines starren Naturgesetzes wiederkehrt, an dem der menschliche Wille hilflos strandet." ^°) Diese von Ibsen durch „Der Kampf um die neue Dichtung" (1889) S. 15. Verf. leitet jetzt das socialdemokratische Unterhaltuiigsblatt „Die Neue Welt" und wurde aus dem letzten Parteitag in Gotha von Liebknecht lebhaft bekämpft. Er berief sich auf Gerh. Haupt- mann alS den größten lebenden deutschen Dichter. Mit einem Anflug von Idealismus verstieg sich Liebknecht sogar bis ins klassische Alterthum und führte den Vater Homer inS Treffen, der gewisse heikle Scenen sich hinter einer Wolke abspielen lasse, während unsere Naturalisten umgekehrt daraus aus sind, dem Gemeinen und Häßlichen den Schleier fortzuziehen. Liebknecht hält Gerh. Hauptmann keineswegs für den größten Dichter der Gegenwart. Er meint, die von den krassen Naturalisten vorgebrachten Dinge mögen wohl natürlich sein, sie seien aber auch zugleich unanständig. (Sountagöblatt der „Germania" 1896 Nr. 44.) '°) Sadger a. a. O. 143. 2 °) Blcnnerhasset a. a. O. 245 f. „Sind die Drahtpuppen eines Kindertheaters interessant und vermag es uns die Herrschaft des Bealstungsmotives in Deutschland eingebürgerte Richtung, der Zug zum Pathologischen, wurde besonders drastisch ausgebildet von dem 1862 zu Salzbrunn in Schlesien geborenen Gerhärt Hauptmann. „Noch 10 Jahre solcher Poesie, und der Weg zu den kurulischen Stühlen der Dichtkunst wie der Literatur- kritik führt durch die Hörsäle der Nerveupathologie." Hauptmann, aus pietistischer Umgebung stammend (vgl. Hanneles Himmelfahrt), hat nicht umsonst, nachdem er Zögling der Breslauer Kunstakademie gewesen war (vergl. College Crampton), Naturwissenschaften studirt in Jena, und zwar unter Häckel! In seinen Erstlingsdrnmen „Vor Sonnenaufgang" 1889 (1890 in 5. Austage), wo der alte Bauer, der Stammvater des Geschlechtes, nur im Zustande viehischer Besoffenheit auf der Bühne erscheint als vcrthiertes Scheusal, vor dessen unzüchtigen Griffen sich die eigene Tochter nur mit Gewalt retten kann, und 1890 im „Friedcnsfest" bewegt Hauptmann sich mit Vorliebe auf dem Grenzsaum, der zwischen dem Gebiete des Seelenkenners und dem des Irrenarztes liegt. „Nervenpathologie ist der eigentliche Grund- und Eckpfeiler aller Hauptmann'schen Dichtung. Nervenpathologie findet sich im Drama ebensowohl wie im Epos und in den beiden Novellen; Nerveupathologie endlich ist jenes Motiv, das in den allermeisten Schöpfungen die Haupt-, nur in den „Webern" und im „Biberpelz" eine Nebenrolle spielt. ... In „Vor Sonnenaufgang" ist außer dem Alkoholismus, dem mit Hclenens Ausnahme die ganze Familie Krause mit Haut und Haar verfallen ist, noch der stotternde Idiot Wilhelm Kahl zu nennen. ... In den „Einsamen Menschen" ist Dr. Johannes Vockerat der gut gezeichnete Typus eines Neurasthenikers der allererbärmlichsten Sorte. . . . Sein Weib, die blutarme Käthe, ist eine echte Hysterien von der duldenden Gattung, mit Lach- und Weinkrämpfen, nervösem Herzklopfen und Fühllosigkeit in ganzen großen Körperpartien. . . In den „Webern" kreist die Schnapsflasche, und zwar nicht immer am Wirthshaustische allein. . . . Von einem der Weber wird erzählt, daß er bereits wahnsinnig geworden und den ganzen Tag über splitternackt am Bache siehe. . . In „College Crampton" wäre außer dem allezeit trunkoollen Titelhelden noch Professor Kircheisen anzuführen, der ein' höchst erregbarer Neurastheniker ist mit der Parästhsste des Ameisenlaufens im ganzen Körper. Die Fieberträume des „Hannele" gehören in das Gebiet der Amentia, der akuten hallnei- natorischen Verworrenheit, während der alte Pleschke ein Kretin ist mit allen körperlichen Degenerationswalen eines solchen. Im „Biberpelz" schließlich präsentirt sich ein Amtsbote mit einer „alkoholisch gefärbten" Nase. . . . Das weitaus ergiebigste Material aber findet der Nervenpathologe in der Novelle „Der Apostel" und im „Friedenssest"? 2 ) Die stoffliche Verirrung eines solchen dichterischen Schaffens vermag nichts besser zu zu rühren, wenn eine derselben unvorsichtigerweise in der Flamme dort an der Rampe verbrennt, während die anderen, an ihren Metallsädchen hängend, ihre Luftsprünge fortsetzen? Und wird die Tragödie auf den Brettern, die die Welt bedeuten, nicht auch zum Puppenspicl? Welche Zufälle der Heredität haben denn im Geschlechte Lears zusammengewirkt, um Cordelia zu einer Schwester AutigoneS zu adeln, und sind nicht etwa Rcgan und Gonril viel mehr alö ihr sanftes Opfer zu beklagen, weil ihnen Drachenblut in die Adern geträufelt, wurde?" -1) Sadger a. a. O. 143. dH Sadger a. a. -O. 143. 388 kennzeichnen, als die Thatsache, daß an den Personen der Dichtungen Ibsens und Haupimanns thatsächlich ein praktischer Psychiater klinische Beobachtungen angestellt hat. Dr. I. Sadger in Wien ist es. Er sagte treffend bei einer Untersuchung von Ibsens „Rosmers- holm":^) „DaS ältere Drama zeichnete den gesunden Menschen, wie er dachte und empfand, das moderne in seinen Helden wenigstens nur den kranken, nur Menschen mit einem zerrütteten Nervensystem, nur Leute, die von ihren Eltern her erblich belastet sind, deren Väter an chronischem Alkoholismus, an Syphilis des Gehirns, an Rückcnmarksschwindsucht, an Schlagfluß und dergleichen schönen Dingen litten und starben. Der Held der älteren Dichtkunst ist in der Regel der gesunde, höchst entwickelte Vollmensch, der Mensch, den eine gütige Natur mit blendenden Geistesgabcn, mit warmen Tönen der Empfindung, mit erlauchten Gedanken und adeligen Gefühlen ausgestattet. Das Beste, Edelste, Tiefstempfundene, was der Poet durch harte Arbeit mühsam in der eigenen Seele großgcbildet, das übertrug er sorgsam auf die Lieblingsgestalten seiner Phantasie, die er noch obendrein gern auf die Sonnenhöhen des Lebens erhob. ... Ein Drama alten Stiles werthen und verstehen zu können, vermochte ein jeder, der auch nur ein ganz geringes Quantum von psychologischem Wissen in sich trug, ein jeder, der es noch nicht verlernt hatte, rein menschlich und naturgemäß zu empfinden. Aber für die Gefühls- verwirrungs- und Scclenzerrüttungspoeste des modernen naturalistischen Dramas sind eingehende Spccialstudien über Nerven- und Gehirnpathologie fast schon unerläßlich geworden. . . . Eine ganze Sekte germanischer Schriftsteller, die hervorragendsten Träger der „freien Bühne" in Berlin, wieGerhartHauptmann, KonradAlberti, Karl Bleibtreu, Holz und Schlaf s trittst Hnnntj, befaßte sich mit der dramatischen Ausbeutung des Alkoholismus. . . . Eine ganze Dichtergilde lebt von der chronischen Versoffenheit ihrer dramatischen Helden! Jeder Rausch wurde gewissenhaft verzeichnet, keine sexuelle Regung uns erspart, jede unzüchtige Bewegung ficht- und greifbar auf die Bühne gestellt." Hauptmann kennt nur passive Tragik, er hat nur Sinn für stimmungsvolle Situation, das „Milieu" ist für ihn was für andere der Held. Wie auf Helene in „Vor Sonnenaufgang", auf Wilhelm im „FriedenSfest" und auf Johannes in den „Einsamen Menschen" die Umgebung, wie auf „Die Weber" die Noth und die Fabrikanten, und auf „Hannele" der rohe Vater, so drücken in Haupt- manus letztem Stücke aus dem Bauernkrieg „Florian Geyer" die Ritter auf die Bauern des 16. Jahrhunderts. Und alle seine Helden haben einmal einen Augenblick lang ihre Sonne: Helene an Loth, Wilhelm an Jda, Johannes an Anna Mahr, die Weber in ihrem Aufstand, Hannele in ihren Fiebertränmen von der Seligkeit und die Bauern in ihrer Erhebung. Diese Sonne geht dann wieder unaufhaltsam unter, die Dunkelheit und der Jammer wird dichter und aufdringlicher als vorher, und der Schluß wirft uns aus allen Träumen brutal in das Armenhaus der Wirklichkeit, in das trostlose Elend zurück. Nirgends verkündet Hauptmann dieses Leitmotiv aller seiner Ethik, diesen verzweifelten Pessimismus in einem ergreifenderen und prägnanteren Sinnbilde als in „Hanneles Himmelfahrt". Das Stück ist eine tendenziöse Allegorie von Hauptmanns Lebensauffassung ») A. a. O. 162. und mit Nichten ein naives Kinderspiel. Es kann nur im Rahmen der gesummten Dramatik des Dichters thatsächlich verstanden werden. (Fortsetzung folgt.) Vor Jahrhunderten. ' Von A. Zottmann. (Fortsetzung.) 496. Hocherfreuten Herzens schrieb der Papst Anastasius II. zu Beginn seines Pontifikates an den Frankenkönig Chlodwig: „Wir preisen uns glücklich darüber, daß der Anfang (deines Lebens) im christlichen Glauben mit dem Anfang unserer bischöflichen Amtsführung in die gleiche Zeit zusammentraf. Es kann nämlich der Stuhl des hl. Petrus bei einem Ereiguiß von so großer Bedeutsamkeit nur mit Trost erfüllt werden, da er nunmehr sieht, wie die Fülle der Völker mit beschleunigtem Schritte zu ihm herankommt und im Umlaufe der Zeiten das Netz sich füllt, das derjenige, der zugleich Menschensischer und seliger Schlüsselträger des himmlischen Jerusalems ist, in die Tiefe zu werfen beauftragt worden. Wir wollen das deiner Er- lauchtheit ... zu wissen thun, damit du, wenn du von dem Jubel des Vaters hörst, im Guten wachsen, unsere Freude zur Vollendung bringen und meine Krone werden mögest, deine Mutter aber, die Kirche, frohlocken könne über den Fortschritt eines so großen Königs, den sie erst in den jüngsten Tagen für Gott geboren hat. Sei also, ruhmvoller und erlauchter Sohn, das Wohlgefallen der Mutter und werde ihr zur ehernen Säule! . . ." ^) Es ist die Freude des Vaters über die erstgebonw Tochter der Kirche, über die Bekehrung des Franken- reiches, begonnen durch den Uebertriit des Königs Chlodwig I. zum Christenthum im Jahre 496. Chlodwig hatte eine christliche Gemahlin, die heilige Königin Chlotilde. Dieser war es trotz liebevoller Aufmunterungen nicht gelungen, den Gemahl zur Bekehrung zu bringen. Da geschah es, daß er 496 bei Tolpiakum (Zülpich?) im Kampfe gegen die Alemannen mit seinen Franken in große Noth gerieth. Jetzt flehte er — ein zweiter Konstantin, wie ihn Gregor von Tours nennt — thränenden Auges zum Himmel und gelobte, Christ zu werden, wenn er siege. Chlodwig siegte und hielt sein Versprechen. Von Bischof Nemigius, den die hocherfreute Königin herbeigerufen hatte, ließ er sich im Glauben unterrichten, nachdem auch das Volk sich bereit erklärt hatte, dem unsterblichen Gott zu folgen, den Nemigius predige. Noch am Weihnachtsfeste des nämlichen Jahres fand die feierliche Taufe in der prächtig geschmückten Nheimser Kirche statt. „Beuge dein Haupt, stolzer Srcamber," sprach Nemigius, als der König zum Taufbecken hintrat, „verehre, was du bisher verfolgt hast, und verfolge, was du bisher angebetet hast." Als der Priester mit dem Salböl nicht durch die dichtgedrängte Volksmenge herankommen konnte, soll eine schneeweiße Taube das Oelfläschchen im Schnabel und ein Engel ein mit Lilien gesticktes Banner herbeigebracht haben. Dieses Fläschchen soll die berühmte Liuxulla Illiameiwis gewesen sein, aus welcher seit 1179 die französischen Könige die Salbung empfingen; Lilien aber wurden seitdem ihr Wappenzeichen. Gleichzeitig mit Chlodwig empfingen noch 8000 seiner Franken die Taufe. An dem rohen Sicamber gewann die Kirche einen muthvollen Vertheidiger von ge- '2) Briefe der Papste (Kemptner AnSg.) VII, 559—560. 389 waltiger geistiger und physischer Kraft, und sein Uebertritt zum Christenthum hatte die weittragendsten Folgen.") Ein anderer Gedenktag dieses Jahres ist der Tod des berühmten Papstes Gelasius I., welcher ein ruhmreiches Andenken an seine oberhirtliche Thätigkeit in der Geschichte hinterließ. Er trat den Anmaßungen der Griechen gegenüber, erließ viele wichtige Dekrete, schrieb gegen Pela- gianer, Nestorianer und Monophysitcn, kämpfte gegen Habsucht und eiferte für kirchliche Einfachheit, ordnete den Meßcanon (das bekannte Laoramantariuw Oalasianuin), „schrieb einen Commentar zu den paulinischen Briefen, dichtete Hymnen, hielt Synoden, lehrte und mahnte, strafte und ordnete und hinterließ so das Beispiel eines frommen, gelehrten, eifrigen und tüchtigen Papstes und Priesters".") 596. Hatte das Jahr 496 für Frankreich das in Betreff seiner künftigen Gestaltung und Entwicklung denkwürdigste Ereigniß gebracht, so sollte das Jahr 596 ein solches für England bringen.") Der größte Mann seines Jahrhunderts, Gregor der Große, hatte schon längst den Plan zur Bekehrung der heidnischen Angelsachsen gefaßt. Auf dem Sklavenmarkte am Forum hatte er einst bildschöne Jünglinge mit gelocktem Haar und prächtigem Körperwuchs ausgestellt gesehen und sich nach ihrer Heimath erkundigt. Als er erfuhr, daß es Angelsachsen seien, bedauerte er mit tiefstem Mitleid, daß sie noch in das Heidenthum verstrickt wären, und war in seinem heiligen Eifer sofort entschlossen, selbst Britannien aufzusuchen, um das Evangelium dort zu verkünden. Aber das römische Volk ließ den berühmten und geehrten Mann nicht ziehen. Papst geworden, wendete Gregor sein Augenmerk wieder diesem früheren Plane zu und hatte alsbald in seinem Nachfolger im Benediktinerkloster am Cölius, nämlich im hl. Abt Augustin, den richtigen Mann zur Verwirklichung seines Lieblingsplanes gefunden. ES war im Jahre 596, als Augustin und seine 30 Genossen in Noni vor dem Papste knieten, seinen Segen zu empfangen, und dann mit seiner Mission, ihr liebgewonnenes Heim verlassend, wilden Völkern entgcgeuzogen. Unterwegs wurde ihnen ungcmein bange gemacht, daß sie nichts ausrichten werden und nur Grausamkeiten entgegengehen. Da sie deßhalb wieder zurückkehren wollten, schrieb ihnen der Papst einen herrlichen Brief, sie ermahnend, nur auszuhalten und um Gotteslohn und mit Gottvertrauen das Unternehmen fortzusetzen, denn es sei besser, ein gutes Werk gar nicht anzufangen, als das begonnene nicht zu vollenden.") Durch diese väterlichen Ermahnungen wieder ermuthigt, setzten sie ihre Reise fort und gelangten im Jahre darauf (597) an die Küste Englands, sofort die Predigt des Evangeliums beginnend. Und ihre Mühe und ihr Gehorsam war von den schönsten, von wunderbaren Erfolgen begleitet: nicht Einzelne bekehrten sich, sondern hundert, Tausende, ja viele Tausende, ganze Völkerstämme auf einmal; in kurzer Zeit war Britannien dem Reiche der Kirche einverleibt.") 696. Den beiden eben angeführten hocherfreulichen Jnbi- ") Kirchcnlcxikon III, pag-. 101 ff. und Jaffü I. e, 53—60. 6Ir. ebenda V, 228, Hcrcieinöihcr I. o. I, 549. Bollaudislcii, Lla.ji VI, 373 ff. '°) Gregors AuSgcw. Schriften (Kcmptncr Ausgabe) II, xag-. 329. ") BcnediktuSstimmcn 1880 xa§. 377 ff. läumserinnerüngen müssen wir eine überaus traurige folgen lassen. Wir haben gesehen, wie zur Zeit des hl. Augustin. zu Ende des 4. und Anfang des 5. Jahrhunderts, das christliche Nordafrika in höchster Blüthe stand. Befaß es doch beim Tode dieses hl. Kirchenvaters in 6 Provinzen mehr als 600 christliche Bisthümer. Aber die hier im Jahre 428 auf Einladung des römischen Statthalters Bonifazius, welchen der hl. Augustin in einem seiner schönsten Briefe vergeblich davon abmahnte, eingefallenen Wandalen unter Geiserich richteten großes Unglück an, und die Katholiken wurden unterdrückt und verfolgt. Zwar machte der griechische Feldherr Belisar im 6. Jahrhundert dem Vandalcnreich ein Ende und konnte sich die Kirche wieder etwas erholen, aber im nächsten Jahrhundert erschien ein anderer, noch gefährlicherer Feind. Der Islam drang immer weiter und weiter in Afrika vor, im Jahre 696 wurde Carthago von. den Arabern eingenommen, und um die christliche Kirche war es in diesem Erdtheile geschehen: von der ganzen herrlichen Blüthe war nichts, von den vielen bischöflichen Stühlen war auf Jahrhunderte hinaus, ja fast bis auf unsere Zeit nicht ein einziger geblieben. Nur in einzelnen Kostenpunkten waren noch Spuren katholischer Religion.") 796. Dieses Jahr führt uns aus deutschen Boden, zum größten und ruhmreichsten deutschen Kaiser, Karl d. Gr. Er ist eben in den Krieg mit den Hunnen und Avarcn verwickelt, welcher im Jahre 796 seine Hauptentscheidung fand, indem der Chakan von seinen Unterthanen abgesetzt wurde, die Südslaven sich erhoben und Erich von Friaul in Verbindung mit dem Slavenfürsten Wonimir in das Land einfiel und nach heftigen Kämpfen das zwischen der Donau und Theiß gelegene Hauptbollwerk der Nation, den großen Ring, einnahmen, eine Vcrschanzung aus Baumstämmen und Mauerwerk. Die Schätze, die man hier fand, waren unermeßlich, so daß das Silber im ganzen Frankenreiche um ein Drittheil seines Werthes fiel.") Einhard berichtet von diesem Kriege Folgendes: ^") „Der größte von allen seitens des Königs geführten Kriegen (mit Ausnahme des Sachsenkrieges) folgte jenem slavischen, der nämlich gegen die Avaren und Hunnen, den er auch persönlich nachdrücklicher als die früheren und mit viel größeren Bütteln unternahm. . . Wie viele Schlachten darin geschlagen, wie viel Blut vergossen worden, davon gibt Kunde die völlige Entblößung Pannoniens von Einwohnern und die Verödung des Gebietes, in welchem die Residenz des Khans sich befand, so daß nicht einmal eine Spur mehr von menschlicher Ansicdlung dort zu finden ist. Der ganze hunnische Adel fand in diesem Kriege seinen Untergang, sein ganzer Ruhm sank dahin; alles baare Geld und die seit langer Zeit aufgehäuften Schätze wurden aus dem Lande geführt. Und andrerseits hat sich seit Menschengedenken gegen die Franken kein Kampf erhoben, durch den jene mehr bereichert und in ihren Machtmitteln verstärkt worden wären. Denn während sie bis dahin beinahe arm erschienen, fand man nun in der Residenz so viel Gold und Silber, wurde in den Schlachten so viele kostbare Beute davongetragen, daß man versucht wäre zu glauben: die Franken hätten den Hunnen mit Recht das abgenommen, was die Hunnen früher andern Völkern ungerechterwerse genommen." ") Kirchenlcx. I, 312 f. u. III. 218. Miß. Weltzesch. 3. A»fl. IV, x->§. 91. Lcöcn irarlö d. Er. 13. eazi. 300 Der grüße Kaiser fand für derartige reiche Schatze eine treffliche Verwendung, denn eben war — und damit kommen wir auf eine weitere für Deutschlands Kunstgeschichte sehr bemerkenswerthe Jubiläumserinnerung aus dem Jahre 790 — seine Hofkapelle in Aachen, der jetzt noch erhaltene älteste bedeutendere Kirchenbau auf deutschem Boden, vollendet?') Der berühmte Münster--) ist ein Centralbau, offenbar nach dem Vorbilde von S. Vitale in Ravenna. In der Umfassungsmauer ist er 10-, im Mittelbau Leckig angelegt mit Kuppel und zwei übereinander befindlichen, rings herumlaufenden Gallerten. Italienische Maler haben sie ausgeschmückt?") Von dem Glanz und dem in sie gelegten Reichthum erzählt wieder des Kaisers Biograph:^) „Die christliche Religion, mit der er von Kindheit auf erfüllt war, pflegte er mit hohem Ernst und mit der größten Frömmigkeit. Darum baute er die herrliche Kirche in Aachen und schmückte sie mit Gold und Silber und mit Leuchtern, sowie Gittern und Thüren aus festem Erz. Da er zu ihrem Bau Säulen und Marmor anderswo nicht beschaffen konnte, ließ er solche Dinge von Rom und Ravenna kommen. Unermüdlich besuchte er die Kirche . . und trug eifrig Sorge, daß Alles, was dort vorgenommen wurde, mit der größten Feierlichkeit geschah. . . An heiligen Gefäßen aus Gold und Silber, sowie an Priestergewändern ließ er hinreichenden Verrath anschaffen. . ." Endlich bringt dieses Jahr 796 noch die innige Verbindung Karls mit Papst Leo III., welch letzterer dem Kaiser die Schlüssel der Petersgruft schickte und ihn bat, Gesandte nach Rom zu beordern, um den Eid der Römer entgegenzunehmen?^) In Rom selbst ließ Leo III. ein prächtig geschmücktes Triklinium, einen Empfangsund Speisesaal für hohe Persönlichkeiten, vor allem wohl des Kaisers, Herrichten, in welchem das Verhältniß Karls als xatwioius der Kirche zum Papste zur Darstellung gebracht wurde. Wer heute in Rom über den Lateranplatz geht, bemerkt an der Seite der Kapelle der heiligen Stiege eine offene Hallennische, in welcher «an in Mosaik diese hochinteressanten und wichtigen Darstellungen sieht. Es ist eine getreue Copie dieser vor 1100 Jahren entstandenen Trikliniumsnische (Irieiiiüum I^6ouia,inrm)?°) (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Geschichte der bayerischen Birgittenklöster von G. Binder, Priester der Erzdiveese München - Freising. Preis ungcbd. 4 M. Verlag der I. I. Lentner'schen Buchhandlung (L. Stab! jnn.), München. 1. II. Ein Seelsorgspriester, ein Pfarrer der Erzdiöcese München-Freising, hat uns in dem angekündigten Werke die Frucht seiner langjährigen Studien vorgelegt. Wie sein erstes Werk: Geschickte der hl. Birgitta, so wird sicher auch dieses Werk mit Freude aufgenommen und mit Befriedigung gelesen werden. Eine Menge von Urkunden. Archivalien und Literalien ist in diesem Bücke zusammengestellt. Mühevoll mag die Arbeit gewesen sein, aber sie darf sich sehen lassen in der Literatur der Geschichte. Wie in einem Mosaikbilde sich Steinchen an Steinchcn reiht und keines fehlen darf, damit ein Kunstwerk 2') Im Laufe der Zeiten kamen allerdings verschiedene Anbauten dazu, bis das jetzige Münster entstand. 22 ) Vgl. den "Art. „Aachen" im Kirchen!. 1,1. Fäh läßt den Ban erst 790 begonnen werden; für jeden Fall ist er also ein Jubiläumskind. 22 ) Grundriß u. nähere Beschreibung siehe bei Fäh, Grundriß der Gesch. der bild. Künste per». 260. 2 ^) Einbard, I. o. 26 cp. 2") Jaffs, I. o. M». 216. 2 °) Beschreibung des TrikliniumS: Gsell-Fels, Nom u. die Camp. 3. Anst. !>!>§. 386 f. vollendet werde, so reiht sich-in dieser Geschickte der Birgiiten- klöster Jahr an Jahr und Ereignis; an Ereignis; in historischer Entwicklung, bis die ganze Geschichte des bat) rücken Birgitten- ÖrdenS meinem Entstehen, Blühcn und Vergehen sich vor unsern Augen entrollt. In Bayern bestanden drei Bwgitten- kiöiter: zu Gnadenberg in der Oberpfalz, zu Maihingcn in Schwaben und zu.Attvmüinter in Oberbayern. Die Spuren dieser Ordensniederlassuugen sind noch vorhanden, und der Konservator am bayerischen Nationalmnscnin in München, Herr Dr. Hager, hat die bcsondcrS'sür Architekten nno Kunstfreunde interessante Geschichte der Kloster;nine Gnadenberg in eingehender Weise als . Anhang znr Bindsr'ichen Geschichte beschrieben. Beim Lesen dieser OrdcnSschickjalc mutbet cS uns an, als ob längst vergangene Zeiten wieder ausS neue aufleben würden. Bayerische Fürsten aus dem Hause Wittelsbach aus dein Anfang des 15. Jahrhunderts als die Gründer des Klosters von Gnadenberg, dann Grafen von Oettingen und Wallerstein, Herren von Sandizcll, dann wieder reiche Patriziersainilicn von Nürnberg und Augsburg, wahrhaft beldenmüthig'e Äcbtissiimcn und gelehrte, fromme Mönche ziehen an unserm Geiste vorüber, und wir scheu sie, wie sie damals wirklich gelebt und gewirkt und gearbeitet haben. Der Verfasser schildert aber auch in interessanter Weise trübe Zeiten, die über die Klöster unv ihre Bewohner hingezogen sind: das Eindringen der neuen Lehre Luthers, die manche Mönche und Nonnen in sich einsogen und auch den gelehrten Oekolampadins veranlaßte, die stille Klosterzelle zu Nltomünster wieder zu verlassen, dann die Verwüstungen und Greuel der Klöster durch den 30jährigen Krieg, den Bauernkrieg, die spanischen und bayerischen Erbsolgekriege. Doch immer wieder erhoben sich die Kloster znr neuen Blüthe, bis die L-ä- kularisation am Anfange dieses Jahrhunderts ihren Untergang beschloß. Der Gnade eines WittelSbacher-Fürsten, König Ludwigs I., ist es zu verdanken, daß das alte Birgitlenkloster zu Altomünster, das einzige noch in Bayern, sich wieder re- generiren durfte, so daß bis zur Stunde dort fromm- Nonnen nach dem Geiste ihrer hl. OrdenSstisterin Birgitta leben und wirken dürfen; der männliche Zweig dieieS Ordens aber ist wohl aus immer aus Bayern verschwunden. Der historische Verein von Regensburg hat obiges Buch seinen Mitgliedern als Vereinsgabe pro 1896 gewidmet; das ist wohl auch der Grund, warum manche Partien desselben etwas kurz ausgefallen sind, es durfte eben die Arbeit nicht zu sehr ausgedehnt werden; das thut aber der Gediegenheit des Werkes keinen Eintrag. Alle Freunde vaterländischer Geschichte werden reichen Genuß darin finden. Die göttliche Wahrheit des Christenthums. In vier Bäckern von vr. Herman Schell, Professor der Apologetik an der Universität Würzbnrg- Erstes Buch: Gott und Geist. I. Grundfragen. 395 S. 8°. br. M. 5,00, geb. M. 6,00. Verlag von Find. Schöningh in Paderborn. Es ist freudig zu begrüßen, wenn katholische Gelehrte sich nicht nur darauf beschränken, der studircndcn Jugend in Lehrbüchern die philosophische Wissenschaft paragraphenmäßig vorzuschneiden, svndern auch die wichtigen principiellen Fragen der spekulativen Philosophie, welche gegenwärtig vielfach im Dienste des Pantheismus und Unglaubens steht, gründlich behandeln und für die Apologetik fruchtbar zu machen suchen. Zwar fehlt eS katbolischerscits nicht an philosophischen Werken, welche die Philosophie und Theologie der Vorzeit über diese wichtigen Probleme im Gewände der modernen Wissenschaft reproduciren, aber bei aller Verehrung für die große Vergangenheit muß cS gesagt werden, daß im Kämpfe mit der heutigen ungläubigen Wissenschaft durch das starre Festhalten an der alten ontolog- iscken Methode mit ihren formalen Distinktionc» und Snb- distinktionen nur der Gegensatz gesteigert wird. Der Verfasser des vorliegenden großangelegten Werkes hat bereits durch seine katholische Dogmatik gezeigt, daß er einer solchen Aufgabe vollauf gewachsen ist. Man kann in vielen Punkten anderer Ansicht sein und selbst an der ganzen Methode manches auszusetzen haben, aber man wird nicht bestreiken können, daß er in geistreicher und origineller Auffassung der schwierigen Gegenstände viele Theologen übertrifft. Seine streng wissenschaftliche Behandlung erschwert die Lektüre nicht wenig, aber er kann mit Recht erwidern, daß die strenge Wissenschaftlichkeit auch der Rücksicht auf einen weiteren Leserkreis nicht zum Opfer gebracht werden dürfe, weil sie ein unentbehrlicher Vorzug der apologetischen Darstellung sei. „Man muß sich nur unter der schützenden Hülle einer freien, ungezwungenen Darstellung dessen bewußt bleiben, daß die Schönheit niemals zum Ersatz der Stärke werden kann und darf, und daß die wahre Kraft nur in den 391 Gedanken, iiicbt in den Worten, auch nicht in der Anziehungskraft eines blühenden Lstils liegt." Der Inhalt des vorliegenden Bandes ist anS den Ueberickriften der iüuf Abhanvlungeu zu erkennen: Die Aufgabe der Apologetik und ibr wissenschaftliches Recht; Die Bedeutung deS GotteSbegrisfs iin Gottes- glaubeu; DaS Kausalgesctz und die seldinoirkliche Ursache; Das System der Eottcsbcwcise; Die Persönlichkeit GoiteS. Am wichtigsten sind die dritte und die fünfte Abhandlung, weil dieselben gegen die Haüpteiuwände der modernen Philosophie gerichtet sind. (schanz, Theol. Quartalschrift. 1896. Hest H) Ueber den Priest er stand. Vortrüge von Joh. Bapt. Lohma nn 8. R Mit kirchlicher Genehmigung. Padcr- born, 1896. Druck und Verlag der Juiifcrmann'schcn Buchhandlung (Albert Pape). 256 S- M. 2. Der durch seine ascctnchen Schriitcu,. besonders „die Betrachtungen auf alle Tage des Jahres für Priester und Laien" (in demselben Verlag bereits in 5. Aufl. erschienen), rühmlichst bekannte Verfasser übergibt hier seine in den Studienjahren 1870 bis 72 für die Marianiiche Sodalität der Akademiker zu Padcrborn, die alle Aspiranten des geistlichen Standes waren, gehaltenen Vortrüge rcvidirt und stellenweise erweitert der Ocffcutlichkeit. In 28 Nummern werden die erhabene Würde des PriestertbninS, speciell des Scelsorgeamtes, die priesterliche Heiligkeit hinsichtlich ihres Sinnes und ihrer Verpflichtung, die pflichtschuldige Heiligkeit des Ordinauden, die Berufung zum geistlichen Stande, die Gefahren des Priester- standeS sowie die vier niederen heiligen Weihen nebst ihrer Vorstufe. der Klerikaltonsur (speciell die Verpflichtung zum Tragen der Tonsur und der standesgemäßen Kleidung), unter steter Zugrundelegung der hl. Schrift und der kirchlichen Disciplinar- vorschrüten, namentlich der neueren und neuesten Zeit (Concilien von Baltimore, Prag, Gran, Köln, Utrecht), mit besonnener Ruhe und warmer Begeisterung für das priesterliche Amt behandelt. Das schöne Büchlein ist vor allem für die Candidaten des geistlichen Standes bestimmt, und wir wünschten nur. daß alle Zöglinge der Convictc und Seminarien dasselbe sich zum Gegenstand eingebender Lectüre und eindringlicher Be- herziguug wählten. Auch dem wirklichen Priester und Seelsorger kann es,»ur bestens empfohlen werden. Wir selbst hätten freilich gewünscht, vag neben „den Gefahren des Priester-standes" (S. 172—197) auch die großen Gnaden und Schutzmittel, die im geistlichen Stand als solchem gegeben sind, der studirendeu Jugend vorgeführt worden wären. Denn wie die Berufung zum geistlichen Staude in erster Linie ein Werk der göttlichen Gnade ist, so darf auch der Seelsorger in allen seinen Funktionen stets auf die Hilfe des „einzigen Hohenpriesters", des -pastor et episeopus a.nimarum< (1 Pctr. 2, 25. Vgl. 1 Petr. 5, 4. Hebr. 13, 20), mit unfehlbarein Vertrauen hoffen und bauen! D. L. L. Ein Opfer des Beichtgeheimnisses. Frei nach einer wabren Begebenheit erzählt von Joseph SPiIlmann, 8. ck. Frciburg i. Br., Hcrder'sckie Vcrlagshaudlg., 1896. 21. Das Ereigniß, welches der vorliegenden Erzählung zu Grunde liegt, hat sich in unseren Tagen zugetragen und wurde von der katholischen Presse vor einigen Jahren bekannt gemacht und erörtert. Da wir uns jener Mittheilungen der TagrS- blaltcr noch entsinnen, können wir constaijren, daß bei aller Freiheit der dichterischen Ausschmückung, welche der Autor sich vorbehielt, doch die hier vorgeführte Priesterliche Heldengestalt vollkommen der Wirklichkeit entspricht. Die Gewissenhaftigkeit des Beichtigers, welche hier zu einer dem AUtagsmenschen unverständlichen Treue und Subtilität gesteigert erscheint, ist keineswegs in zu grellen Farben dargestellt. Nein, in unserer Zeit —uns nicht allzuferne gerückt — iahen wir aus dem Schoße des Pricsterthums thatsächlich die Palme dcS BckeuncrS emporwachsen. Dieses Zeugniß, daß die Kirche ein Heldenthum an Charakteren erzeugt, wie keine andere Institution, hat ?. Svill- maiin der Welt neuerdings vor Augen gehalten. Er hat es in eine den weiteren Krciicn zugängliche Form gebracht, diese Form ausgestattet mit den Vorzügen einer plastischen, lebcnswarmen Schilderung innerer Vorgänge und der modernen, äußeren Parieiverhältiiisse — und hat den ganzen Zauber seines an- muthigen Stiles darüber ausgegasten. Die Erzählung biciet, abgrüben von ihrem Werth für die katholische Lesewelt, auch für Andersdenkende den Reiz einer auf öffentlichen Thatsachen beruhenden merkwürdigen Criimnal-Novellc. ?. Theophilus von Körte aus dem FranziSkaner- vrden. Ein Lebensbild von'!?. Arseniuö Dotzler. München, Schuh u. Camp. § DaS Lebensbild eines Reformators, aber eines bessern als es die kirchlichen Revolutionäre des 16. Jahrhunderts waren! V. TbeophiluS war ein OrdeuSmann, der ganz erfüllt war von dem Geiste deö hl. Frapziskus; er liebte die Armuth und Welt- eiitiaguiig, er weihte sich ganz seinem Gotte und dem Wohle stiiicr Mitmenschen. In diesem Sinne suchte er auch auf seine Mitbrüder einzuwirken und die ihm zugewiesenen Klöster zu resormireu. Die Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen halte, waren groß; aber das heroische Tugendbeispiel, das ergab, überwand dieselben. Der gute Same, den er ausstreute, fiel auf fruchtbares Erdreich und brachte huudertiältige Frucht. ?. Theophilus. ist im Januar heurigen JabreS von Papst Leo selig gesprochen worden. DaS von einem Ordensbruder desselben verfaßte Leben ist für das Volk bestimmt, dem entsprechend kurz angelegt und in einfacher, edier Sprache geschrieben. Blüthe u n d F r uckt. Erzählungen. — Herzenswünsche. Erzählungen, Von Rcdeatis. 2 Bände mit je 2 Abbildungen in Phorogravure. Regensburg, Nationale Ver- lagöaiistalt. gr. 8°. Preis brosL. ä M. 3,—; eleg. geb. ä, M. 4,— ; mit Goldschn. ä M. 4,50. 4. R. Rcdeatis, diese bereits in der ganzen gebildeten Welt allgemein bekannte und hochgeachtete Schriftstellerin, deren uncrmüdctcm, geistvollem Schassen daS Lestpnblikum in allen seinen Schichten schon so herrliche geistige Genüsse zn verdanken bat, überrascht uns abermals mit nicht weniger als zwei Bänden von Novellen; , der erste enthält: Blütbe und FruLt;— Schein und Sein (262 S.); der zweite: Herzenswünsche; Meine Geschichte; — Gertrud (263 S.), beide in schönem Großoeravsormat. Wir können diese zwei Bücher der berühmten Verfasserin dem deutschen Lesepnbliknm ausS wärmste und angelegentlichste zur Anschaffung anempfehlen. Es paßt diese Lectüre sowohl auf den Tisch des vornehmen Salons, als auch auf jenen der einfachen, bescheidenen Laudstube,- jeder Stand und jedes Alter wird diese Bücher wegen der in denselben vorkommenden überaus ergreifenden Situationen und rührend schönen Momente mit gespanntester Aufmerksamkeit lesen und gewiß vollends befriedigt wieder aus der Hans geben. Gern möchte der Gefertigte von den zwei Büchern, die man wohl mit Reckst als überaus zarte, als köstlich duftende Blüthen auf dem mächtigen Baume der deutschen Belletristik bezeichnen kaun, eine kurze Inhaltsangabe liefern, doch er müßte befürchten. dadurch das Interesse für dieselben abzuschwächen; gern überläßt er es daher den lieben Lesern und Leserinnen, sich an diesen herrlichen Lebensbildern voll und ganz zu erfreuen und durch deren weitere gütige Empfehlung i» den ihnen nahestehenden Kreiicn denselben noch recht viele gute Freunde zu gewinnen. Werke, wie die von Rcdeatis. sind eine Zierde jeder Bibliothek, ein Glück für jede Familie, sie sind Perlen in uiticrer schonen, stolzen, großartigen Literatur. Wir können daher nicht umhin, den herzlichen Wunsch auszulprcchen, es mö.tcn sich dafür auch recht viele Käufer finden, damit auf diese Art die Mühe und Arbeit der im Dienste der guten Sache, der wahren, echte» Bildung und Erziehung unseres Volkes, rastlos und Mit den größten Opfern thätigen VerlagS- firmn allgemein anerkannt und daiür wenigstens theilweise entschädigt und gelohnt erscheine. — Die Ausstattung der Bücher ist eine durchaus elegante, der Preis auffallend billig. Geschichten aus alter Zeit. (Meier Helmbrccht — Peter Buchwald, der Husit — Leben und Abenteuer des Sim- piiclus.) Für daS Volk und die reifere Jugend. Von Otto v, Schachtng. Mit 2 Bildern. Regensburg, Nationale Verlagsanstalt. gr. 8°. Preis broich. M. 3,—, eleg. gebd, M. 4,—. ll. R. Der Referent hält sich vollkommen überzeugt, daß dieics vornehm ausgestattete, durch und durch echt nationale und geistvoll geschriebene Werk in Kürze einen großen Leserkreis, namentlich in unserer, für Ideale begeisterten Jugend, sich erobern, daß es allgemeinen Beifall und uiigctheilte Anerkennung finden wird. Es ist diese Lectüre so reckt danach angethan, um den Leser stundenlang aufs augcucbmste zu unterhalte», ihn zu zerstreuen und zu erheitern; dieselbe ist ein echter Sorgenbrecher, denn wenn man in diese köstlichen Geschickten, Nitterkämpfe und Abenteuer sich vertieft, so wird man wenigstens aus einige Zeit über die Misvre und die Unannehmlichkeiten des Augenblicks glücklich hinweggetäuscht; mau hat da eine Zeit vorsieh, die einem völlig fremdartig erscheint in allen ihre» 392 Gewohnheiten, in ihren Bedürfnissen, in ihrer Beschäftigung Und in ihren Lebensamchaunngen, nnd hat man diese überaus spannenden nnd interessanten Situationen zuletzt glücklich hinter sich, so freut man sich unwillkürlich, dass dieics lauter teinpi passati sind und wir zu einer Zeit leben, in der nicht mehr das so gefürchtete „Reckt deö Stärkeren" die entscheidende Instanz bildet, sondern Reckt und Geictz sowohl den Starken als auch den Schwachen beschirmen und den geordneten Bestand der menschlichen Gesellschaft sickern. — DaS Buch verdient als Gelegenhcitsgcsckcnk ganz besonders für unsere liebe reifere Jugend die allgemeinste Verbreitung; eS ist so reckt geeignet, den biederen eckten deutschen Sinn zu Pflegen, zu kräftigen nnd zu erhalten. Baherntreue. Historische Erzählung aus dem 18. Jahrhundert. Für das Volk und die reifere Jugend von Otto v- Sckaching. Mit 2 Abbildungen in Photo- gravüren. NcgcnSbnrg. Nationale VcrlagSanstalt. gr. 8°. Preis brosch. M. 3,—; eleg. gebd. M. 4.—. r. Seit Hcrman von Sckmid in seinem „Jägerwirth von München oder die «Lendlinger Mordweihnackt" das in der Geschichte BaheruS so creignißsckwere Jahr 1705 znm Gegenstände belletristischer Darstellung gemacht hat, ist kein zweiter bayer. Schriftsteller demselben Sujet mit solcher Hingabe und solch lebhaftem patriotischen Empfinden gefolgt, wie Otto v. Sckaching in dem vorliegenden Bücke. Mit Reckt bemerkt der Verfasser in den einleitenden Worten, daß die Helden seiner Erzählung den gleichen Anspruch auf die Bewunderung der Nachwelt erheben dürfen wie ein Andreas Hofcr nnd die anderen Tiroler Frciheitshclden. In einer Zeit, die, wie die heutige, bald offen, bald geheim gegen Vaterland nnd Dynastie arbeitet, ist eS ein Verdienst, dem Volke nnd der Jugend ein Bück zu.geben, welches der Verherrlichung des Vaterlandes uns dem Rubine der Vorfahren gewidmet ist. Was der „Baherntreue" eine besondere Bedeutung verleiht, das ist die gewissenhafte Sorgfalt, womit die Thatsachen der Geschickte für den Gang der in drei Theile zerfallenden Erzählung herangezogen wurden. Wir sind sicher, daß das schöne Buch mit lebhaftem Beifalle aufgenommen wird. Nickt unerwähnt dürfen die prächtigen Abbildungen bleiben, welche von der Hand eines hervorragenden Münchener Künstlers gefertigt, zwei ergreifende Scenen aus der Erzählung schildern. Desfrcgger'scken Geist athmet geradezu das Bild: k. Haspicder vom Kloster Weyarn segnet dkd znm Kampfe ausziehenden Oberländer. Als „Weihnachtsgeschenk" wird Schachings „Bayerntrene" sicher vielen Herzen Freude bereiten. Die 43. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands bat folgenden Beschluß gesagt: „Die 43. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands bedauert, daß in katbol. Familien vielfach Bücher'und Zeitschriften Eingang finden, welche den Glauben und die gute Sitte gefährden; sie hält es für Gc- wissenSpflicht eines jeden Katholiken, diese schädliche Lectüre fernzuhalten . . , Im Sinne dieses Beschlusses ist ein Unternehmen des Verlages von F. W. Cordier in Heiligenstadt (EichSfcld) gehalten. ES nennt sich „Cordierö illustrirte Volköbibliolbek" und ist bestimmt, der Verbreitung jener oft so bedenklichen Hefte entgegenzuwirken, welche namentlich auch durch ihre äußere Ausstattung darauf berechnet sind, die Kauflust der heranwachsenden Jugend und des Volks zu erregen. ^ Die Ausstattung ist fesselnd, dabei geschmackvoll. Die im ersten Bündchen geborene Erzählung „Um eine Handbreit" ist von ergreifender Wirkung. Nicht bloß, daß die unseligen Folgen der Prozeßincht — überhaupt des nachbarlichen Streites — in einem erschütternden Bilde gezeichnet werden: daS rührende Wirken aufopfernder kindlicher Liebe bildet das versöhnende Gcgenbild. — DaS Unternehmen der „Cordier'scheu VolkS- bibliothck" cst jedenfalls sehr cmpfehlenSwerth. Der Preis Per Bündchen beträgt nur 50 Pf. „Kreuz und Schwert", Münster i. W. Inhalt des Oktoberhestes: AnS dem Innern Deutich-QstasrikaS. — Aus der Togo-Mission. — AnS der Benediktiner-Mission Lnkulcdi. — Aus der Mission der Vater vom hh. Herzen Jesu in Nen- Guinca. — Von Sansibar zum Kilimandscharo. (Fortsetzung.) -- Die Tochter des Sklavenhändlers von Sansibar. (Schluß.) — Gefahren im Missionsleben. — Kleine Nachrichten. — Ajrika- VereinS-Einnahmen. — Quittungen über die beim Herausgeber eingegangenen Gaben. — Sprachrohr. — Büchersckan. — Illustration: Elefanten im Uiwalm — Auf dem Umschlag: Aus Pins' IX. schweren Tagen. Historische Erzählung von A. de Lamothe. (Fortsetzung.) — (Halbjährlich 75 Psg., mit Porto 90 Pfg.) Weiß, vr. I. B. von, k. k. Hofrath, Weltgeschichte, dritte verbesserte Auflage. Lieferung 154—161. Graz und Leipzig 1896. Verlags-Bucbhandlnng „Styria". Preis der Lieferung 50 kr. — 85 Psg. Mit dem nun erschienenen Bande XX dieses epochalen Werkes treten wir in unser Jahrhundert ein. Dieser Band umfaßt zwar nur sechs Jahre (1800-1806), aber es ist eine politisch bäckst interessante, gewaltig erregte Zeit. Die Revolution bar ihren Bändiger gefunden und Frankreich, das in Folge der Revolution in einer unsäglichen Verwirrung war, durch Bonaparte eine neue Verfassung erhalten. Mit welch' schöpferischer Kraft und organuatorischem Talente Bonaparte dabei zu Werke ging und die Umgestaltung Frankreichs vollführte, kann nur Bewunderung erregen, und die Verwaltung die er schuf, besitzt Frankreich heute noch. Aber Napoleon fand und suchte nicht seine Befriedigung darin, die inneren Zustände Frankreichs zu ordnen; von einem Manne, dei- die Beweglichkeit selber war, konnte man keine Nnbe erwarten, ibn beherrschten zu sehr zwei Leidenschaften: Ruhm und Krieg. Wir sehen, wie er sich aufmacht, um die Welt zu erobern und umzugestalten, wie er alte Tbrone stürzt und Siez an Sieg über die gefürcbtetsten Heere deS Festlandes an seine Fabuen heftet. Vermöge seimr Macht ist er gewissermaßen der Herrscher von ganz Europa, selbst Rußland steht unter seinem Einfluß, nur das meerumgürtete England hält stolz sein Banner und setzt der drohenden Weltherrschaft zähen und wüthigen Widerstand entgegen. Achtzig lehrreiche Geschickten sür Erstcommuni- kanten sür die Zeit vor und nach der ersten heiligen Commnnion. Nach den besten Quellen von vr. J os. Anton Keller, Pfarrer in Gottcnheim. Vierte vermehrte Auflage. Mit einem Stahlstiche. 8°. (XVI u. 238 S.) Mainz, 1896, Franz Kirchheim. Preis geh. 1,50 M., gebd. 2 M. Im Erstcommunion - Unterricht machen solche Geschichten einen ganz besonders tiefen Eindruck, bei denen es sich nicht bloß um den Inhalt, sondern auck um Erwccknng frommer und andächtiger Gefühle handelt. Dazu leistet dieses bei Seelsorgern und Katecheten, Eltern und Kindern so beliebte, weitverbreitete Büchlein nicht nur bei der Vorbereitung der Kinder zur ersten heiligen Commnnion ausgezeichnete Dienste, sondern eS belebt auch nach der ersten heiligen Commnnion den Eifer zum öfteren und würdigen Empfang derselben und zur gewissenhaften Benutzung der auS dem hl. Meßopfer uns zufließenden Gnadenschätze. Das Hotel Niorres. Eine Erzählung frei nach dem Französischen des Ernst Capcndu von H. von Vcltheim. Zweite Auflage. Zwei Bände. 8°. (415 u. 449 S.) Mainz, 1897, Franz Kirckhcim. Preis geh. M. 6,—. In 2 eleganten Callicobänden M- 8,—. ES ist eine überaus dunkle spannende Geschichte, die sich allmählig vor dem Auge des Lesers entrollt und befriedigend auslöst. Die Erzählung spielt in der Zeit unmittelbar vor der französischen Ncvolntion und bietet eine iu's Einzelne gehende getreue Schilderung der damaligen Zustände. Ein besonderes Interesse gewinnt die Erzählung dadurch, daß eine Reibe Persönlichkeiten. die später in der Revolution und im Kaiserthum eine Rolle spielten, in ihren ursprünglichen ganz anders gearteten Verhältnissen dem Leser vorgetübrr werden. Daß keine L-ilbc darin vorkommt, welche irgendwie das sittliche Gefühl zti verletzen geeignet wäre, versteht sich eigentlich von selbst, dürste aber doch bei der heutigen sogenannten „realistischen" Tendenz unserer Nomanliteratur besonders hervorgehoben zu werden verdienen. IV. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag deö Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 61 5. §e;. 1898. Geschichte der katholischen Kirche in Dentsch- land im neunzehnten Jahrhundert. Von Dr. Heinrich Brück?) Den ersten Bänden dieses verdienstvollen Werkes, welche in den Jahren 1887 und 1889 erschienen und von der Kritik sehr günstig aufgenommen wurden, reiht sich der dritte Band ebenbürtig an. In diesem behandelt der gelehrte Verfasser, Domcapitular und Professor Or. Brück in Mainz, dessen ausgezeichnetes „Lehrbuch der Kirchengeschichte" bereits die 6. Auflage und Uebersetzungen ins Englische, Französische und Italienische erlebte, die Zeit vom Jahre 1848 bis 1870 in fünf Abschnitten; sie tragen die Aufschriften: „Bekämpfung des Staatskirchenthums, der Kampf des falschen Liberalismus gegen die Kirche, die katholische Wissenschaft, der Kampf um die Schule, der religiöse Aufschwung." Im Nevolutionsjahre 1848 bewährte sich, so führt der erste Abschnitt aus, der katholische Klerus als treue Stütze staatlicher Ordnung. Ein Lichtpunkt im Gewirre der Zeit ward die Würzburger Bischofsversammlung. Wurde überall Freiheit für Versammlungen, Presse und Rede verlangt und auch erzielt, so konnte diese Freiheit der konservativsten Gesellschaft nicht verweigert werden, und der bureaukratische Zwang mußte nachlassen. In der That wurden der Kirche in manchen Staaten Erleichterungen zu theil: so in Oesterreich und Bayern, in welchen katholischen Ländern es freilich niemals auf eine Vernichtung der Kirche, sondern nur auf allzu ausgedehnte Bevormundung abgesehen war. Im Kaiserstaate kam nach eingehenden Berathungen das Concordat zu Stande, gegen welches sogar die ungarischen Bischöfe aus Furcht, ihre Privilegien zu verlieren, in kurzsichtiger Weise Verwahrung einlegten. Auch protestantische Staaten waren in der ersten Angst zur Nachgiebigkeit bereit. In Preußen zeigte man sich äußerlich nachgiebig und streute Sand in die Augen geschichtsunkundiger und leichtgläubiger Katholiken, bis „das Dach gewölbt war über das gemeinsame Reich". Der Klerus erhielt eine freiere Stellung, aber Parität und gerechte Behandlung der Katholiken waren unbekannte Begriffe; man handelte nach dem Befehle Friedrichs II., der die Verordnung erlassen hatte, kein Katholik dürfe eine öffentliche Stellung erhalten, welche über 300 Thaler einbringe. Der allgemeine Dispositionsfonds des Königs und selbst katholische Stiftungen wurden zur Förderung des Protestantismus verwendet. Besondere Bedrückungen erfuhr nach kurzer Pause die katholische Kirche in Baden. Heldenmüthig kämpfte der greise Erzbischof von Vicari. Eins Verständigung suchte der preußische Bundestaggesandts von Bismarck, „von gleichem Hasse gegen Oesterreich wie gegen die katholische Kirche erfüllt" (S. 125), zu verhindern. Das brüske Auftreten des Freiherr«, dessen Politik seiner Zeit Prinz Wilhelm, der spätere Kaiser, mit „Politik eines Gymnasiasten" (Gerlach's Denkwürdigkeiten, II, 118) bezeichnete, setzt das Werk „Aus den Briefen des Grafen Prokesch von Osten" (Wien, 1896) in helle Beleuchtung. Auch in Nassau und Mecklenburg, wo der Konvertit Freiherr von der Kettenburg nicht einmal einen Hausgeistlichen halten durfte, war Bismarck der böse Dämon *) III. Band: Von der BischofSversammlung in Wnrzburg bis zum Anfang des sogen. Kulturkampfes 1870. Mainz, Kirch- heim, 1896- XIII u. 574 Seiten. 8 Mark. für die Katholiken. Gleiche Unduldsamkeit herrschte in Schleswig-Holstein und Braunschweig. Der zweite Abschnitt schildert in sehr dankensweriher Ausführlichkeit den Sturm wider das österreichische Concordat; einseitig wird es durch Kammer-Majoritäten gelöst, als der Protestant von Beust zum Unglücke der Habsburger-Monarchie seine frivole Rolle spielte. Auch die Conventionen des Papstes mit Württemberg und Baden fallen der protestantischen Intoleranz zum Opfer; äußerst wehmüthig berühren die Bedrückungen der Katholiken in letzterem Lande, das sich zum preußischen Vasallenstaate erniedrigt. Ein erfreuliches Bild bietet uns der dritte Abschnitt. Männer, -deren Namen noch in aller Munde, treten als Kämpen auf dem literarischen Felde auf. Reiche Blüthen guter und schöner Literatur sproßten am Baume der Kirche. Leider geriethen manche Gelehrte auf falsche Bahnen, so Döllinger, der schon im Streite zwischen dem Bischof von Speyer und der bayerischen Regierung um die Errichtung einer theologischen Fakultät in der rheinischen Bischofsstadt einen ungünstigen Einfluß ausübte, was jedoch Brück nicht erwähnt. Wieder trauriger gestalten sich für die Kirche die Kämpfe um die Schule, die im vierten Abschnitte dargestellt werden. Namentlich knirscht der ganze innere Mensch, wenn er das Benehmen der badischen Regierung liest; mit Hinterlist und Gewalt entzieht diese den Katholiken die heiligsten Rechte und protestantisirt katholisches Gut. Einen erhebenden Abschluß bildet der fünfte Abschnitt: er gibt ein farbenreiches Bild von dem überall und allseitig Früchte treibenden katholischen Leben. Alle diese Schilderungen beruhen auf fleißiger Benützung des überaus reichen Materials, namentlich der osficiellen Aktenstücke. Briefe und Memoiren geben öfters die leitenden Beweggründe der handelnden Personen. In glücklicher Weise ist Entsprechendes ausgewählt. Das Ganze klärt das richtige Urtheil des Theologen und die gewandte Anordnung des erfahrenen Historikers. Der Stil selbst ist fesselnd, ja häufig von dramatischer Lebendigkeit, indem wir Rede und Gegenrede vernehmen. Im Interesse einer Neuauflage möchte ich einige Versehen anmerken. Statt „Voralberg" (S. 214, 216, 336. 486) sollte es heißen „Vorarlberg". Auf S. 236 ist eine Stelle mitzver- ständlich: „Der Scbanplatz des unseligen Krieges vom Jahre 1866 war Deutschland und Italien. Er endete hier wie dort 'mir empfindlichen Niederlagen Oesterreichs." Es sollte „Verluste" lamen. Denn Custozza und Lissa sind leuchtende Punkte in der Kriegsgeschichte. S. 322 statt „Hetiinger (1890)" dafür „Hcttinger s-s 1890)". S. 325: „nach Verkündigung des Dogmas von der lehramttichcn Unfehlbarkeit des Papstes unterwarf sich Dieringer der Entscheidung der Kirche", genauer wäre es. wenn die Worte eingefügt würden: „nach einigem Zögern und Widerstreben". Platzmann war nickt Nector „der Kirche ölaria äst!' Huima", sondern deS Oampo sauto beim Vatikan. S- 451 (573): die adelige Familie schreckt sich „Stauffmberg", nicht „Stanfcnberg". S. 487 (489, 515): „Vincenz von Paulo"; dieser Heilige heitzt im Lateinischen allerdings r. P. Wittmann. 274 Seiten mit 4 Vollbildern und 12 Textillnstrationen. 2. Ausgabe. Müncken, I. Schweitzcr's Verlag (Jos. Eichbichler). Preis M. 2,50. I Wer interessirt sich nicht für die schone Schottenkönigin? In dem vorliegenden Buche wird unS nun eine auf dem Boden der neuesten Forschung stehende, objective, dabei populäre Biographie Maria Stuarts geboten. Die vom Reicksarchivrath Wittmann besorgte Uebcrsctznng ins Deutsche ist ein stilistisches Meisterwerk und macht die Lektüre dieses interessanten Buches z» einem wahren Genuß. Das Buch eignet sich als willkommenes Geschenk für jeden Gebildeten. Enchklica Leos XIII, über die Arbeiterfrage. Für oen Gebrauch des Arbeiters heransgcg. von I. Eckard, Präses des katbol. Arbeitervereines Stuttgart. Verlag „Deutsches Volksblatt" Stuttgart. S. 80. Preis hübsch brosch. 40 Pf. §. Ein herrliches Wcrkchen! Die Enchklica -Herum uo- varnm« ist hier in Abschnitte zerlegt, diese sind mit einer Ucber- sckrift und, wenn nöthig, mit einer Erklärung versehen. Wohl haben wir schon manche Ausgaben dieses Rundschreibens; aber ein besonderer Vortheil dieser Ausgabe scheint uns darin zu liegen, daß der Text der ganzen Enchklica enthalten ist und die einzelnen Abschnitte möglich klein sind. Mit einiger Belehrung ist es dem Arbeiter leicht, in den Geist der Enchklica cinzuvringln. Aber auch den Gebildeten können wir nicht dringend genug rathen, sich diesen „Katechismus der socialen Frage" anzuschaffen und zu studiren. Das Studium ist durch die Gliederung so erleichtert, daß man nicht ermüdet, wie es oft bei anderen Ausgaben ist. Ein Vorwort handelt über „die Pflicht, die Enchklica über die Arbeiterfrage zu popnlarisircn". Aus dem praktisch-socialen KnrS in Gmünd wurde das Wcrkchen von Seiten der hervorragendsten katholischen Sccialpoliiiker rühmend erwähnt. Man sieht an der ganzen Art der Abfassung, daß diese Schrift einem Bedürfniß entsprungen und aus der Prgxis eines Mannes hervorging; der schon Jahre lang in der Arbeiterbewegung steht. Darum: „Nimm und lies!" Bibel und Wissenschaft. Grundsätze und deren Anwendung aus die Probleme der biblischen Urgeschichte: Hexaümcron, S'.u'.fluth. Völkeriasel, Sprachverwirrung. Zugleich alS Antwort auf den Artikel: „Grundsätzliches zur karhol.' Schriftauslcgung" von Dr. Franz Kaulen im „Liierarischcn Haneweiscr" 1805, Nr. 4 u. 5. Von vr. Aemilian Schöpfer, Professor an der snrsi- bjschöfl. theolog Diöccsan-Lehranstalt in Brixen. Brixen, 1806. Verlag des Kalh.-pclit. PrcßvereineS. -I. Da vor zwei Jahren in diesen Blättern (Beilage zur Angdb. Postztg. 1804 Nr. 4 c-. 32) über die „Geschickte des alten Testaments" des Herrn Professors Schöpfer kurz berichtet wurde, sei lnemit auch auf das damit zusammenhängende neueste Werk desselben hingewiesen. Wie schon der Titel sagt, ist ooengeuauntc Schrift durch einen Artikel dcö Hru. Prälaten Kaulen veranlaßt und bezweckt, „zur Klärung der darin ausgeworfenen Controvcrsen einiges beezulragen". Nachdem iin 1. Theil der von Kaulen herausgehobene Streitpunkt festgestellt ist, werden in den folgenden Kapiteln die exegetischen Grundsätze an der Hand der päpstlichen Enchklica »?ro- v1(lLuti8LLiun°< entwickelt, sodann die Lehre der ist. Vater »ud Theologen, insbesondere des bl. Angusstn, sel. Albertus MagnnS, der HI, Bonaventura und Thomas v. Ag. und anderer 'angesehener Theologen und Exegesen weitläufiger dargestellt, auch das Dccrct des Tridcntiuuins über kathol. Schriftanölegunz näber beleuchtet. Ausführlich geht der Verfasser auch auf den Galilci-Lireit und seine Bedeutung für die Comroverie ein. — Der 2. Tbeil beschränkt sich im ullgemeinen uns den Nachweis, daß die ausgestellten Grundsätze, die bei den einzelnen Streit- viinkten (Hixamäöron usw.) angenommene Auslegung in jedem Falle erlauben, theilweise sogar fordern. Der Verfasser, „dessen kirchliche Treue und srommgläubige Gesinnung" auch seinem strengen Kritiker (Kaulen) „über jeden Zweifel erhöhen ist" verwahrt sich gegen den Vorwarf, als hätte er mit seiner freiere' Auffassung mancher Bibelstellen „den ersten Schritt zum Nationalismus gethan, gleichsam den Wegweiser dorthin aufgestellt". Er schließt mit den eines katholischen Excgctcn würdigen Worten: „Darum sollen alle, welche der Kirche als Schrisierllärer und. Apologeten zu dienen berufen sind, einig bleiben i» dein Vorsätze: unverbrüchlich festzuhalten an den Grundsätzen, welche die großen Lehrer der Vergangenheit und in Uebereinstimmung damit der bl. Vater Leo XIII. in seiner Enchklica -krovi- 1.) — Der Orden Unserer Lieben Frau von der Barmherzigkeit. II. (Sckluß.) (C. A. Kncller, 8. 7) — Hundert Jabre Polar- forichung. III. (Schluß.) (I. Schwarz, 8. ,7.) — Das Hcxen- wei'en in Dänemark. III. (j- W. Plcnkers, 8. 7.) — F. W. Helles „JesusMessias". (W. Kreiten, 8.7.) — Recensionen: öornelz?, Oursus 8orixtnrao Laeras I (A. Lehinkubl, 8. ,7.); Bertram. Die Bischöfe von HildeSheim (St. Bcissel, 8. 7.); Duhr, Die Studienorvnung der Gesellschaft Jesu (Bibliothek der katbol. Pädagogik, IX. Bd.). (O. Pfülf, 8. 7.); Nassen, Heinrich Heine's Familienleben (W. Kreiten, 8.7.). -- Em- pi c hlenswer lhe Schristen. —MiScellen: Der Orden der „Odd-Fellows"; Sagen auö dem Orient über daö Kleid des Herrn,- Zur Kalenderkunde wilder Völker. Literarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freibnrg i. Br. 22 Jahrg. 1896. 12 Nummern. M. 9. — Frciburg im Breisgau, Herder'sche Ver- lagsbandlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 11: Neuere Werke zur Geschichte dcS Sacramentars. (Plenkers.) — Seebcrg, Der Tod Christi rc. (Feiten.) — Xnabsuhausr, Dommsniarius in DvanAvIinra soeunäum Dnoam. (Schäfer.) — Pawlicki, Papst Honorius IV. (Baumgarten.) — Pinke, Lota Ooneilii Loustaneiensis. (Man- donnet.) — Fromme, Die spanische Nation und daö Kvnstaiizcr Concil. (Mandonnet.) — Gatrio, Die Abtei Murbach im Maß. (Müller.) — Hahn, Die Entstehung der Weltkörper. (Zauö.) — Willmaiin, Geschichte dcS Idealismus. (Braig.) — Huppert, Der LebcnSversickerungSvertraz. (Görres.) — Nirschl, Das Grab der heiligen Jungfrau Maria. (Bardcnhewcr.) — Nachrichten. — Büchertisch. Der Katholik. Nedigirt von Joh. Mich. Naich, 12 Hefte, M. 12. Mainz, Kirchheim. Inhalt von 1896, Heft XI. November. Carl Maria Kaufmann. Die Entwickelung und Bedeutung der Paxsormel nach den Scpulcral- inschriftcn. — Dr. Jos. Nirschl, Der Briefwechsel des Königs Abgar von Edessa mit Jesus in Jerusalem oder die Abgar- frage. — Dr. Höhler, Die Studienordnung der Gesellschaft Jesu. — F. Falk, Zur Biographie des Johannes von Lysura. — Literatur: Dr. tlwol. Adalbert Ebner, Quelle» und Forschungen zur Geschichte und Kunstgeschichte des. Llissals Ilowamnn im Mittclalker. Katholische Warte. Jllustr. Monatsschrift zur Unterhaltung und Belehrung. XII. Jahrg. Heft 6/7 ä 15 kr., 25 Pf. Jahresabonnement fl. 1.80 (M. 3.60). Verlag von A. Pustet in Salzburg. DaS 6. Heft, als Festheft dcS IV. allgem. österr. Katholikentages gedruckt, übertrifft in Bezug auf Inhalt und Ausstattung seine Vorgänger. An Erzählungen enthalten die zwei unS vorliegenden Hcfie: „Wie St. Andrei zu Salzburg entbalb der Brucken entstanden ist" von Hg. Meinbard, „Grandierö Sobn" von Herme Hirschfeld, „GroßmüiterchenS Mission" von Th. Singolt; ferner Gedichte von Ant. Pickler, Cbr. Nufscknaiter, Adolf Bekk. Jul. Pohl, H. Cornelius, Jos. Zimmcrmann rc. Außerdem finden wir Aufsätze von: Ludw. Heilmayr (Abcssinien), „Aus den, deutschen Rom" von H. v. Wörndlc. „Die EiS- nacktigall" von Friedrich Koch-Breuberg, „Erinnerungen an eine Romreise" von S. Haidacher. „Der Samson, ein Cultur- bild aus dem Salzb. Lungau" von G. Grubcr, „Marcus Sitticus" von Ludw. Heilmayr. „Cardinal Paul Melckers" von I. N. und „Redner des IV. allgem. österr. Katholikentages in Salzburg". Literatur, Kunst und Wissenschaft, Hauswesen, Buntes. Die „Kathol. Marie" sollte in keiner Familie fehlen. Mrantw. Nedücteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck ».Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. Nr. 1. Beilage ʒu Augsburger Poſtʒeitung. 8 Jan. 1897 Gedanken ʒur kommenden Melanchthonfeier. S. Am 16. Februar 1897 vollenden ſich 400 Jahre, daß in dem damals kurpfälʒiſchen Städtchen Bretten bei Bruchſal dem Waffenſchmiede und Rüſtmeiſter des Kurfürſten Philipp von der Pfalʒ, Georg Schwarʒerd, ein Söhnlein geſchenkt worden iſt, welches in der hl. Taufe den Namen Philipp erhalten hat. Der äußerſt ſtrebſame Jüngling beſuchte die Hochſchulen ʒu Heidelberg und Tübingen, wo er bereits 1514 mit der Magiſterwürde das Recht erhielt, in ſeiner Burſe Vorleſungen ʒu halten. Durch Reuchlins Vermittlung erhielt der junge Gelehrte, der ſeinen unmelodiſch klingenden Namen Schwarʒerd in den griechlſchen Melanchthon nach der Sitte der Humaniſten umänderte, 1518 den Lehrſtuhl der griechiſchen Sprache an der neu gegründeten Univerſität Wittenberg. Hier wurde er mit Luther bekannt und ſchloß ſich mit Begeiſterung deſſen religiöſen Neuerungen an. Obwohl Laie und ohne eigentliche theologiſche Durchbildung, wurde Melanchthon dennoch„der Wortführer ſeiner Partei, der officielle Anwalt des Proteſtantismus“(Döllinger, Reſormation I, 361). Von ihm ſtammt das erſte Glaubensbekenntniß der neuen Kirchenbildung, welches im Namen von ſieben Reichsfürſten und ʒwei Städten am 25. Juni 1530 dem Kaiſer Karl V. in doppelter Ausfertigung, lateiniſch und deutſch, überreicht worden iſt und als Confessio Kugustana ſpäterhin das wichtigſte ſymboliſche Buch der Lutherauer geworden iſt. Wir wollen hier nicht auf die alten Streitfragen über die Vorarbeiten ʒur Augsburger Bekenntnißſchrift, über Luthers Stellung ʒu derſelben, über Melanchthons ʒweideutige Abſichten und unehrenhafte Hintergedanken bei Abfaſſung deſelben ʒurückkommen, ſondern die Augustana, ſo wie ſie jetʒt vorliegt (die Originalexemplare ſind bis jetʒt noch nicht ermittelt), betrachten.(Müller, Die ſymboliſchen Bücher S. 33—70.) Die Augsburger Bekenntuißſchrift beſteht außer einer Vorrede und einem kurʒen Beſchluß aus 28 Artikeln, von welchen die erſten 21 Artikel den ganʒen Lehrbegriff, die 7 folgenden die „Mißbräuche und Menſchenſatʒungen“ darlegen. Die Vorrede bildet die Baſis, die Grundvorausſetʒung für das ganʒe Lehrſyſtem; dieſes ſollte nicht eine Urkunde der Treimmung, ſondern eine Formel der Einigung werden; aller Zwieſpalt in dem heiligen Glauben und in der chriſtlichen Religion ſollte abgethan und die Meinungen eines Jeden„ʒu einer einigen chriſtlichen Wahrheit gebracht werden“, ſo daß in Zukunft Alle in Einer chriſtlichen Kirche in Einheit und Eintracht leben ſollen, wie Alle unter Einem Chriſtus leben und ſtreiten. Sollte aber das Einigungswerk auf dem Reichstag nicht gelingen, ſo „erbieten gegen E. K. M. wir uns hiemit in aller Unterthänigkeit, erklären die Unterʒeichner der Bekenntnißſchrift, in berührtem Fall ferner auf ein ſolch gemein, frei, chriſtlich Concilium, darauf auf allen Reichstagen, ſo E. K. Majeſtät bei ihrer Regierung im Reich gehalten, durch Kurfürſten, Fürſten und Stände aus hohen und tapferen Bewegungen geſchloſſen, auch welches auch E. K. M. wir uns von wegen dieſer großwichtigſten Sachen in rechtlicher Weiſe und Form vorſchiener Zeit berufen und appellirt haben, der wir hiemit nachmals anhängig bleiben.“ Ohne Vorbehalt ſollte die Entſcheidung des Concils anerkannt und augenommen werden. Die erſten Artikel enthalten die Fundamentalwahrheiten über Gott, über die Erbſünde, über den Sohn Gottes. Dieſelben werden nicht erſt aus der Schrift bewieſen, ſondern nach den Ausſprüchen von Concilien und den Verwerfungsurtheilen gegen Häreſien, wie jene der Manichäer, Arianer, Eunomiauer uſw. waren, einfach als kirchliche Lehre angenommen und verkündet. Bei dem vierten Artikel über die Rechtfertigung fehlt bei den Worten: „daß wir Vergebung der Sünden bekommen und für Gott gerecht werden, aus Gnaden um Chriſtus willen durch den Glauben“, der eminent lutheriſche Zuſatʒ„allein“. Ueberhaupt, bemerkt Paſtor (Kirchenlexikon I. 1644), tritt in der Lehre von der Rechtfertigung wohl eine Abweichung von der katholiſchen Lehre hervor, aber man ſucht vergebens die lutheriſche Lehre vom alleinſeligmachenden Glauben, welche dem katholiſchen Dogma von dem durch die Liebe thätigen Glauben direkt gegenüberſteht. Auch die Nothwendigkeit guter Werke, um des göttlichen Gebotes willen, wird in Art. VI feſtgehalten. Die Lehre vom Primate des Papſtes iſt mit Stillſchweigen übergangen. Arlikel X lehrt über das Abendmahl des Herrn, daß „wahrer Leib und Blut Chriſti wahrhaftiglich unter der Geſtalt des Brods und Weins im Abendmahl gegenwärtig ſei und da ausgetheilt und genommen wird“. In dieſer urſprünglichen Faſſung iſt dem katholiſchen Dogma nicht ʒu nahe getreten. Die kirchlichen Gebräuche und Ceremonien ſind nach Art. XV inſoweit feſtʒuhalten, als ſie ohne Sünde beobachtet werden können und ʒur Ruhe und guten Ordnung in der Kirche beitragen, wie gewiſſe Tage, Feſte und Aehnliches. Vom freien Willen wird gelehrt, daß der Menſch etlichermaßen einen freien Willen hat, äußerlich ehrbar ʒu leben und ʒu wählen unter den Dingen, ſo die Vernunft begreift; aber ohne Gnade, Hilfe und Wirkung des hl. Geiſtes vermag der Menſch nicht Gott gefällig ʒu werden, Gott herʒlich ʒu fürchten, oder ʒu glauben, oder die angeborne böſe Luſt aus dem Herʒen ʒu werfen.(Art. XVII) Auch hier iſt Luthers Anſicht, daß der ſreie Wille ein inhaltsloser Name (res de solo titulo) ſei, preisgegeben; ja Art. XX beſchwert ſich ſogar gegen die Unterſtellung, als ob die Neugläubigen „gute Werke verbieten“. Gute Werke ſollen und müſſen nach Melanchthon geſchehen, nicht daß man darauf vertraue, Gnade damit ʒu verdienen, ſondern um Gottes willen und Gott ʒu Lob.“ Auch der Heiligendienſt wird nicht verworfen;„man ſoll nach Art. XXI der Heiligen gedenken, auf daß wir unſeren Glauben ſtärken“;„daß man Exempel nehme an ihren guten Werken, ein jeder nach ſeinem Beruf“. Freilich wird auch beigeſeꜩt:„Durch Schrift aber vermag man nicht beweiſen, daß man die Heiligen anrufen oder Hilfe bei ihnen ſuchen ſoll.“ Aus Römerbrief 15, 30; I. Theſſ. 5, 25; aus Jakobus 5, 14, Apoc.'5, 8 hätte Melanchthon das Unʒuläſſige ſeiner Behauptung erkennen können. Der lehrhafte der Augustana ſchließt dann mit den Worten: „Dies iſt faſt die Summe der Lehre, welche in unſerenKirchen ʒu rechtem chriſtlichem Unterrichte und Troſte der Gewiſſen, auch ʒur Beſſerung der Gläubigen geprediget und gelehret wird; wie wir denn unſer eigen Seel und Gewiſſen je nicht gerne wollen für Gott mit Mißbrauch göttlichen Namens oder Workes in die höchſte und größte Gefahr ſetʒen oder auf unſere Kinder und Nachkommen eine andere Lehre, denn ſo dem reinen göttlichen Wort und chriſtlicher Wahrheit, fällen 2 oder erben. So denn dieſelbige in heiliger Schrift klar gegründet, und daʒu nach gemeiner chriſtlicher, ja römiſcher Kirchen, ſoviel aus der Väter Schrift ʒu vermerken, nicht ʒuwider noch entgegen iſt, ſo achten wir auch, unſere Widerſacher können in obangeʒeigten Artikeln nicht uneinig mit uns ſein. Derhalben handeln diejenigen ganʒ unfreundlich, geſchwind und wider alle chriſtliche Einigkeit und Liebe, ſo die Unſern derhalben als Ketʒer abʒuſondern, ʒu verwerfen und ʒu meiden ihnen ſelbſt ohne einigen beſtändigen Grund göttlicher Gebot oder Schrift fürnehmen. Denn die Irrung und Zank iſt fürnehmlich über etlichen Traditionen und Mißbräuchen.“ Als ſolche betrachtet nun die Augustana im ʒweiten Theile (Art. XXII-XXVIII) das Verbot des Kelches für die Laienkommunion, die Eheloſigkeit der Prieſter, Mönchsgelübde, die Kauf- oder Winkelmeſſe, wobei jedoch die Verwahrung Melanchthons wohl beachtet ʒu werden verdient: „Man legt den Unſern mit Unrecht auf, daß fie die Meſſe ſollen abgethan haben. Denn das iſt öffentlich, daß die Meſſe, ohne Ruhm ʒu reden, bei uns mit größerer Andacht und Ernſt gehalten wird, denn bei den Widerſachern.... So iſt auch in den öffentlichen Ceremonien der Meſſe keine merkliche Aenderung geſchehen, denn daß an etlichen Orten deutſche Geſänge neben lateiniſchem Geſang geſungen werden.“ Hinſichtlich der Beichte bemerkt Melanchthon: „Die Beicht(conlessio) iſt durch die Prediger dieſes Theiles nicht abgethan. Denn dieſe Gewohnheit wird bei uns gehalten, das Sakrament nicht ʒu reichen denen, ſo nicht ʒuvor verhört und abſolvirt ſind.“ Freilich ſoll man auch in Niemand dringen, die Sünde namhaft ʒu erʒählen. Im Artikel über den Unterſchied der Speiſen wird gelehret, „daß ein jeglicher ſchuldig ſei, ſich mit leiblicher Uebung, als Faſten und ander Uebung, alſo ʒu halten, daß er nicht Urſach ʒu Sünden gebe, nicht, daß er mit ſolchen Werken Gnaden verdiene“. Beſonders wichtig iſt der Art. XXVIII: von der biſchöflichen Gewalt, von welcher Melanchthon lehrt, daß fie darin beſtehe, das Evangelium ʒu predigen, die Sünden ʒu vergeben und ʒu behalten (wie kann aber dieſes nach dem Maßſtabe der Gerechtigkeit geſchehen, wenn das Bekenntniß der einʒelnen Vergehungen fehlt?), die Sakramente ʒu ſpenden. „Darum ſoll man die ʒwei Regiment, das geiſtliche und weltliche, nicht in einander mengen.“ „Dieſergeſtalt unterſcheiden die Unſern beide Regiment und Gewalt⸗Amt und heißen ſie beide als die höchſte Gabe Gottes auf Erden in Ehren halten.“„Derhalben iſt das biſchöfliche Amt nach göttlichen Rechten: das Evangelium predigen, Sünd vergeben, Lehr urtheilen, und die Lehr, ſo dem Evangelio entgegen, verwerfen, und die Gottloſen, deren gottlos Weſen offenbar iſt, aus chriſtlicher Gemeine ausſchließen, ohne menſchliche Gewalt, ſondern allein durch Gottes Wort. Und diesfalls ſind die Pfarrleute und Kirchen ſchuldig (im lateiniſchen Texte ſteht ſogar noch dabei: de jure divino nach göttlichem Rechte), den Biſchöfen gehorſam ʒu ſein.“ Mit dieſen Beſtimmungen hat ſich die Augustana in offenen Widerſpruch ʒu Luthers Cäſaropapismus geſtellt, welcher den Fürſten und Magiſtraten alle geiſtliche Gewalt der Biſchöfe und des Papſtes übertragen wollte. Thatſächlich hat die lutheriſche Auffaſſung den Sieg über das von Melanchthon ſo ſehr betonte göttliche Recht der biſchöflichen Gewalt davongetragen. Im Beſchluß wird noch einmal betont, daß in der Lehre und in den Ceremonien bei uns nichts aufgenommen ſei gegen die Schrift und die katholiſche Kirche; denn es liegt offen ʒu Tage, daß wir mit allem Fleis verhüt haben, damit je keine neue und gottloſe Lehre ſich in unſern Kirchen einflechte, einreiße und überhandnehme“. Ueberblicken wir nun die Artikel der Angustana, ſo wie ſie aus Melanchthons Feder urſprünglich gefloſſen und dem Kaiſer Karl V. vorgeleſen worden ſind, welche ſpäterhin ſymboliſches Anſehen erlangt haben, und vergleichen wir damit den dermaligen Ʒuſtand des deutſchen Proteſtantismus, ſo müſſen wir geſtehen, daß von dieſem grundlegenden Glaubensbekenntniſſe ſehr wenig übrig geblieben iſt. Die Auktorität des Concils, welche die proteſtirenden Reichsſtände ſo oft angerufen haben, iſt mit Hohn und Spott übergoſſen worden, als endlich in Trient die Verhandlungen eröffnet wurden; es ſei hier nur an Luthers rohes Pamphlet erinnert:„Das Papſtthum vom Teufel geſtiftet“; der wichtige Artikel X über das heiligſte Sakrament des Altars wurde durch die Variata im Sinne Zwinglis verflüchtigt, die Meſſe iſt ganʒ beſeitiget, vonq der biſchöflichen Gewalt iſt nicht einmal der Name geblieben — der deutſche Proteſtantismus hat ſomit kein Recht, die dogmatiſche Continuität mit Melanchthons Glaubensbekenntniß ʒu feiern. Heute gilt mehr denn je ʒuvor das bekannte Wort des proteſtantiſchen Hiſtorikers Leo aus dem Jahre 1861:„Jedermann führt dieſe Confeſſion im Munde, und faſt kein Menſch kennt ſie; Niemand ſucht ſie in ihrem urſprünglichen Sinne ʒu faſſen. Man erklärt ſie ʒum Eckſtein des Proteſtantismus, man hat ihr ʒu Ehren große Feſte gefeiert, jährlich wird ſie in jeder proteſtantiſchen Schule geprieſen, und faſt kein Menſch weiß, was darinnen ſteht.“ Vielleicht dient das Jahr 1897, in welchem Melanchthons Name wohl mehr als gebührend verherrlichet werden wird, daʒu, daß ſich die deutſchen Proteſtanten mit der Augustana etwas eingehender beſchäftigen und ʒu der Ueberʒeugung gelangen, daß dieſelbe nicht eine Trennung von der Mutterkirche, ſondern eine Einigung herbeiführen ſollte. Melanchthon und mit ihm die Augustana wiſſen nichts von dem hochgerühmten Principe der freien Forſchung, ſondern ſie anerkennen die Entſcheidungen früherer Concilien, berufen ſich auf die Ueberlieferungen der Väter die Anſchauungen des canoniſchen Rechtes, unterſtellen die Laien der Führung der Biſchöfe, ſie appelliren an ein chriſtliches Concil, dem ſie ſich ohne Vorbehalt unterwerfen wollen. Im Morgenland, in England, bei allen getrennten Bekenntniſſen macht ſich ein mächtiges Sehnen und Streben nach Einheit mit der Mutterkirche bemerkbar; überall hat man das Empfinden, ohne Papſt gelange man in die öden Sandwüſten eines unbeſtändigen Rationalismus ohne Lebenskraft. Sollte in Deutſchland an der Hand der Augustana Melanchthons nicht auch der Gedanke einmal ʒum Durchbruche kommen: Genug des Haders und der Irrung! wir wollen das Gelöbniß unſerer Väter ʒur Wahrheit machen: ohne Vorbehalt den Entſcheidungen des oberſten kirchlichen Lehramtes uns unterwerfen!? Culturgeſchichtliche Bilder aus Bayern. A. Vom landesfürſtlichen Unterſtütʒungsweſen um die Wende des 16. Jahrhunderts. G. F. Um was alles die Landesfürſten vergangener Jahrhunderte von ihren Unterthanen bittlich 3 angegangen wurden, davon geben uns die HofkammerSeſſions-Protokolle die ergötʒlichſten Beiſpiele. Es herrſchte alleʒeit unter dem Bayernvolk ein gutmüthiger, biederer, man möchte ſagen, herʒlicher Ton, der geraden, aufrichtigen Sinnes die Unterthanen mit ihrem Landesvater verknüpfte. Die Bittgeſuche gingen alle von den äußeren Pfleggerichten durch die Hofkammer — nach heutigen Begriffen etwa das Finanʒminiſterium— an den Herʒog oder, abermals modern geſprochen, an das Cabinet und von da wieder den gleichen Weg ʒurück an die Pfleggerichte, die mit der Hofkammer direct verkehrten. Das war der Dienſtweg, der bei den geringfügigſten Bitten ſtrenge eingehalten wurde. Die Hofkammer ʒu München nun beſtand aus dem„Hofkammer-Präſidenten“ und einem Collegium von mehreren Räthen, die ʒuſammen in ihren täglichen„Seſſionen“, Sitʒungen, alle Ein- und Ausläufe ʒu prüfen und ʒu inſtruiren hatten. Nur bei ganʒ gewöhnlichen Almoſen-Spenden ſtand ʒwiſchen dem Landesfürſten und der Hofkammer noch der„Elemoſinarius“, der aber auch wieder ohne Anweiſung aus dem Cabinet oder aus der Hofkammer nichts verabreichen durfte. Die größeren Unterſtütʒungen beſorgte die„Hofʒahlſtube“— Gelegenheit ʒum Geben gab es hier und dort vollauf. Die neugeweihten Prieſter„beriefen“, wie der Ausdruck heißt, den Landesfürſten und ſeine Familie ʒur Primiʒ, die Laien — wer nur immer von ihnen mit dem Hofe in Verbindung ʒu ſtehen oder irgend einen Titel darauf ʒu haben glaubte — ʒur Hochʒeit. Dieſe Einladungen erfolgten mittelſt„Ladſchreibens“ und brachten den Jubilaren nach altem Herkommen ſtets ein je nach ihrer Stellung oder Verbindung größeres oder kleineres herʒogliches Geſchenk ein, das manchmal durch einen eigenen„Abgeordneten“ in der Perſon eines Beamten als herʒoglichen Vertreter überreicht wurde. Doch laſſen wir die Urkunden ſelbſt ſprechen. Im Jahre 1601, „beruft“ der Caſtner Waiʒenbeck ʒu Roſenheim den Herʒog Maximilian ʒu ſeines Sohnes „primitiae*“. Der Pfleger von dort bekam nun den Auftrag,„in Vertretung“ dem Gottesdienſte und der Mahlʒeit beiʒuwohnen und „dem jungen Prieſter 12 fl. ʒu verehren“, während 1576 dem Pfleger von Dietfurth ʒur Hochʒeitsfeier durch ſeinen Amtscollegen von Riedenburg „im höchſten Auftrag“ ein„Becher ʒu 82 fl.“ überreicht und „Beglückwünſchung“ ausgeſprochen wird — Eine noch höhere Verehrung ſcheint Albert V. für den „hochgelehrten Sixt Kepfer“ getragen ʒu haben, denn ʒu deſſen Tochter Hochʒeit, die am 4. Auguſt 1576 ʒu Freiſing „angeſtellt“ wurde, und woʒu„Kepfer“ Se. Durchlaucht „ſammt der durchlauchtigſten Fürſtin auch Son und Dochter berufen“, erhielt „der Hofmeiſter von Freiſing, Hans Sigmund von Seiboltſtorff“ Befehl,„in fürſtlichem Namen ſolcher Hochʒeit beiʒuwohnen und dem Breitvolk Grautpaar) beiverwahrt(mitgeſendet) vergullt Trinkgeſchirr in derſelben aller Namen neben gebührlicher Gratulation und Beglückwünſchung auch Anmeldung Ihrer fürſtlichen Durchlaucht gnädigen Willens ʒu verehren.“ Auch niederſtehende Perſonen „berufen“ den Herʒog ʒur Hochʒeit, der „Hofmetʒger“ ʒum Beiſpiel, der „Trabant“ „Ferdinandus“ geweſter Türk“, der „Gutſchi“ Hofkutſcher), der „reiſige Knecht im Marſtall, ungariſch Hans genaunt“ uſw. Ja dieſe Gepflogenheit griff ſo um ſich und wurde als ſo ſelbſtverſtändlich betrachtet, daß im Jahre 1577 ein „Gutſchi“ an die Hofkammer meldet, er habe auf ſeine Hochʒeit Se. Durchlaucht berufen, aben „keinen Beſcheid erhalten“, er bitte daher, ihn „mit Geld ʒu bedenken“. Indeſſen die Hofkammer mußte in dieſer Bitte eine gewiſſe Berechtigung erblicken, denn ſie wies dem Petenten wirklich 4 fl. an. Allein mit der Zeit kamen von auswärtigen Pfleggerichten ganʒ untergeordnete Organe, ʒ. B. der „Zohlgegenſchreiber“ von Reichenhall, der ſogar um einen eigenen „Geſandten“ ʒu ſeiner Hochʒeit bittet, ja „Ausländer“, „Nichtunterthanen“ mit ſolchen „Ladſchreiben“ an die Hofkammer, ſo daß hierin Einſchränkungen angeordnet wurden, da „dadurch Uncoſten immer mehr über Hand greifen“, ſagen unſere Protokolle. Es gab außerdem ja Ausgaben genug in dieſer Sparte, und wir möchten in chronologiſcher Reihenfolge einige Beiſpiele hiefür ausʒiehen, welche nach unſern heutigen Begriffen beſonders draſtiſch wirken dürften, und die uns auch culturgeſchichtlich einigen Einblick in die damalige Zeit und ihre Verhältniſſe geſtatten. Im Sommer 1576 kam Herʒog Erich von Braunſchweig „ʒu unſers gnädigen Herrn Herʒog Wilhelms vorſtehenter Kindts Tauf“ nach München. Herʒog Wilhelm war damals, wenn wir ſo ſagen dürfen, der Kronprinʒ“. Natürlich gab es bei dieſem Anlaſſe verſchiedene Feſtlichkeiten und Beluſtigungen, von denen wir übrigens glauben müſſen, daß man mitunter ſehr beſcheidene Anſprüche an ſie machte, da die „Turner Georg Parth und Hans Schröffl“ nach Abreiſe der fürſtlichen Gäſte bei der Hofkammer um ein „Trinkgeld“ bitten „für ihre Müh, die ſie mit Anplaſung der anitʒt allhie geweſten frembden Herrſchaften gehabt“. Dem Beʒahlungsmodus nach ſcheint aber ihre Muſik nicht allſeits befriedigt ʒu haben, denn ſie erhalten ʒwar 1fl., aber„aus Gnade“ Noch ſonderbarer für unſer Verſtändniß war im gleichen Jahre — 1576 — die Zumuthung des „Anſelm Stböckl“ an Se. Durchlaucht. Denn da ihm Leꜩtere in einer Erbſchaftsangelegenheit nach Tirol ʒu reiſen erlaubte, Stöckl aber auch ſeine „Hausfrau“ mitnehmen wollte, ſo bat er auch, ihm „aus dem fürſtlichen Fuhrſtall 2 Roß ſammt einem Pürſchwägel ʒu vergonnen“. Allein die Hofkammer nahm das Anſinnen gütig auf und entſchuldigt ſich quasi noch, es nicht, erfüllen ʒu können, „weil man die Roß und Wagen bei dem fürſtlichen Wageunſtall in jetʒt vorſtehenter Feldarbeit nit entratten — Stöckl ſcheint bei Hof angeſtellt geweſen ʒu ſein. Ebenfalls 1576 am 15. Oktober bittet der „Herr Kuchenmeiſter“ für den „Viſcherknecht Balthaſar“ ,„ſo man über Land braucht“, d. h. der dienſtlich verreifen ſoll, „ihm in Bedenkung, daß er auf fürgangner Rais in Sachſen ſein gewänntl abgeriſſen und er ſich auf vorſtehente Rais in ſchwarʒ ʒe kleiden nit vermöcht, anitʒt ein gnädig Claid ʒu verordnen“, weßhalb er „ Ellen Münchner Tuech“ aus der „fürſtlichen Schneiderei“ erhält,„dann er deſſen wohl wert ſei“, ſetʒte das Bittgeſuch am Schluſſe bei. Weniger beſcheiden mit ſeinen Forderungen ſcheint der „Pürenmeiſter Peter Peckh“ geweſen ʒu ſein, der, gleichfalls 1576, bittet „ʒu den empfangenen 100 fl. um noch eine mehrere Ergetʒlichkeit“, da er „von wegen ʒwaier Kunſtſtuck, ſo er Sr. Durchlaucht verſchiener (verfloſſener) Ʒeit gemacht und überantwort, 100 Cronen wohl verdient hätte“. Auch er erhält noch 25 fl.„Ergetʒlichkeit“ d. h. Trinkgeld. „Nicolaus Caesareus Mathewmaticus von Eyß 4 leben“ verehrt Sr. Durchlaucht einen „Callender oder Prathica, ſo er auf künfftig Jahr 1577 gemacht“ und „in Sr. Durchlaucht Namen in Druck ausgehn laſſen“, und erhält dafür „ein paar Gulden“. Eine beſondere Ausʒeichnung wurde anno 1577 dem „Sulʒiſchen Präceptor Hilarius Pirkhmair“ ʒu Theil, nämlich für ein Sr. Durchlaucht „verehrtes Exemplar eines durch ihn gemachten Püechls“ ein „Ehrpfenning des kleinen Formbs“, den der „Ʒahlmeiſter“ eigens machen laſſen mußte — alſo eine Art Ordensausʒeichnung. (Ehrpfennige ſind Goldſtücke oder Medaillen, die, bei beſonderen Anläſſen geprägt, nicht ſelten am Halſe getragen wurden.) Ebenfalls 1577 bittet der Abt von Weihenſtephan „demüetig“, ihm, da ihm „ein Wagenroß umgefallen, mit einem andern ſolchen ʒu willfahren“, ein Geſuch, das dem „Herrn Stallmeiſter“ ʒugeleitet wurde mit dem Anfügen, „er wiſſ dem Suplikanten nach Gelegenheit ʒu helfen“. Eine weitere Ausgabe ergab ſich für den „Taufpathen“. Herʒog Ferdinand hat „dreien Burgern“, von denen er jedem ein Kind „aus der Tauf gehebt“, a Gfl. „in die Kindlbett verehrt“. Um eine Unterſtütʒung anderer Art bittet im gleichen Jahre — 1577 — Adam Perg“, der „das Werk mit Druckung der Meßbüecher in Freiſinger Bisſsthum auf ihne genommen“ und deßhalb „einer großen Anʒahl von Pirment (Pergament) bedürftig ſei“, weßhalb man ihm „die Kalbfell, ſo beim fürſtlichen Hofmetʒger vorhanden, um ein recht geld vor Andern ablaſſen mög“, eine Bitte, die allerdings nicht erfüllt werden konnte, da die Kalbfelle ſchon „dem Hofſchuſter verſprochen“. Intereſſiren wird uns bei dieſem Bittgeſuche hauptſächlich die Thatſache, daß „Adam Perg“ eigentlich der „Ordinartiats-Buchdrucker vom Bisthum Freiſing“ war, wenn wir ſo ſagen dürfen. Kaiſer Maximilian II. ſtarb 1576, und in Folge deſſen trat Landestrauer ein. Es bitten daher 1577 „Georg Parth und andere Turner, weil ihnen des Todes des Kaiſers wegen vergangene Weihnachten das Plaſen abgeſchafft wurde“, um Unterſtüꜩung, allein diesmal ohne Erfolg, denn „man hab erfahren“, heißt es in der Begründung, daß die Pekenten „nichts weniger das Neu Jahr erſuecht und eingebracht“, übrigens wiſſe man auch bei der Cammer „um dies Abſchaffen“ nichts. 1577 im April erhält der „geweſte Mundkoch Georg Götſchl“ auf ſeine Bitte 10 fl. als eine „Padſteuer für ſeine Hausfrau nach St. Peters Prunnen“. Alſo ſcheint Petersbrunn bei Leutſtetten damals ſchon eines heilkräftigen Rufes ſich erfreut ʒu haben — mehr wie jeꜩt. Einen gewiſſen Einblick in das damalige Theaterweſen und in deſſen Regie geben uns folgende Bittgeſuche, ebenfalls von 1577 —, die wir ʒur größeren Verſtändlichkeit in ihrem vollen Urtexte hieher ſetʒen: „Hans Hagmeiſter, Schmiedgeſöll, ʒeigt an, als er ſich ʒu jüngſt allhie gehaltner Camedi für einen Haggenſchütʒen gebrauchen ließ, ſei ihme auf den erſten Schuß ohne ſeine Verwahrloſung das Rohr ʒu ſtucken ʒerſprungen, er ſei dadurch hart verletʒt, habe groß Schmerʒ erlitten, Arbeitgeld eingebüeßt und 4 fl. Arʒtlohn beʒahlen müßen, weshalb er um Unterſtütʒung bittet“,— und der 2. Fall:„Georg Aicher bittet wegen in der Camedi durch ein ungerechts Gſchoß, das ʒerſrungen, erlittener Verwundung und Beʒahlung von 2 fl. Arʒtlohn au den Barbier, um Unterſtütʒung.“ Auch für vergeſſene oder nicht geleiſtete Beʒahlungen in Gaſthäuſern oder Herbergen wurde der Herʒog um Reſtituirung der Schuld gebeten. „Kaſpar Rieſch, Gutſchi allhie“, gibt an, „er habe des Pflegers ʒu Tölʒ, wie derſelbe 1577 auf dem Scheibenſchießen allhie geweſt, 3 Gutſchen-Roß 9 Nächt mit Heu und Streu verſehn, dafür von 1 Roß die Nacht 8 kr. Stallmiet gebühre, alſo 1 fl. 21 kr. guet, aber noch nichts erhalten“. Es wäre ʒwar möglich, daß der Pfleger auf höhere Einladung in München anweſend, alſo gleichſam Gaſt des Herʒogs war, wie das ja öfters geſchah, und dann wäre das Bittgeſuch entſchuldbar; jedenfalls viel naiver aber erſchien noch jenes des „Kaſpar Helmerſch von Eſterwerk“, eines „Tuechknappen“, der am 22. Oktober 1577 bei der Hofkammer bittet, ihn „mit einem Trinkgeld ʒu bedenken von wegen daß er dies jetʒt verſchienen Sontag auf dem Sayll ab Sannt Petters Thurn über den Markt herabgefahrn“. — Da die Herren Kammerräthe, wie es ſcheint, dieſer ſeiltänʒeriſchen Produktion nicht angewohnt haben, ſo wurde auch das Geſuch abſchlägig beſchieden.— Zum nähern Verſtändniß möge hier angefügt werden, daß ein „Tuechknapp“, „Tuechknab“ ein„Jägerjunge“ iſt; „Tnech“ iſt Jagdʒeug. Vom letʒten, allerdings nicht ſehr ruhmreichen, Türkenkriege in Ungarn kamen auch mehrere Gefangene nach Deutſchland, und auch nach München. Sie waren in einem beklagenswerthen Zuſtand, und es ſcheint ſich ihrer Niemand ſo recht angenommen ʒu haben, ſo daß ſie von milden Gaben guter Leute lebten. Indeſſen, wo ſo freigebig für Bittende geſorgt wurde wie in München, war das eigentliche „Betteln“ verboten, weßhalb auch „die türkiſchen Gefangenen“ auf ihre Bitte keine Erlaubniß erhielten, „vor den Kirchen ſambeln ʒu dürfen“. — Das war 1582, und im gleichen Jahre vor Oſtern bittet „ein armer Prieſter“, ein Pathenkind des Herʒogs, um einen „langen prieſterlichen Rock auf die vorſtehent heilig Zeit“, eine Bitte, die auch gewährt wurde, die uns aber auch ʒeigt, wie nothwendig Benefiʒiums⸗Stiftungen u. dgl. waren. Wir können nicht mehr denken, wie die früheren Generationen dachten, weil wir in ganʒ anderer Umgebung und in ganʒ anderen Verhältniſſen wohnen, von denen wir vollſtändig beeinflußt ſind, und deßhalb können wir auch nicht mehr ganʒ und voll die Geſchichte verſtehen und beurtheilen, denn ſonſt könnten wir das Anſinnen jener 2 „Turner“ mit keinem Namen belegen, welche im Jahre 1582 die Hofkammer um ein „Trinkgeld“ baten für Uebergabe eines „Verʒeichniß, was geſtalt ſie geſtetrt ʒu Nachts ein Wunderʒeichen am Himmel geſehn“. Damals aber fand man gar nichts Auffälliges in dieſer Bitte, denn die Entdecker dieſes „Wunderʒeichens“ erhielten 1 fl. Trinkgeld. Das war im Märʒ, und im September desſelben Jahres, wohl ermuthigt durch das Gelingen, baten abermals 2 „Turner“ (vielleicht dieſelben) um ein Trinkgeld und erhielten auch 1 fl., weil ſie wieder „Verʒeichniß“ eines „Wunderʒeichens“ einreichten, das ſie „verſchienen Sambſtag Nachts am Himmel geſehn“. Um Schadenerſatʒ reichte der „Pierprew Chriſtoph Mair“ von München im Jahre 1588 ein Geſuch bei der Hofkammer ein, weil, als am Fronleichnamstag „das große Gſchütʒ, ſo gleich vor ſeinem Hopfengarten vor dem Sendlinger Thor geſtanden“, abgeſchoſſen wurde, „ihme nit allein das geprettert Thill Bretter 5 Ʒaun) mit den Stillen ʒerſprengt“, ſondern auch „Schaden an den Stangen“ gemacht wurde. Mair bittet alſo, daß das„Thiä“ wieder gemacht und der Garten „befriedigt“*) werde. Das „große Gſchütʒ“ hat ſich alſo gut bewährt, wenn man bei dieſer Gelegenheit hat etwa auch gleich Schießverſuche damit anſtellen wollen. Wir haben oben ſchon angedeutet, wie einfach es damals ſelbſt bei hoher Feſtesfreude herging, und auch von 1584 erʒählen uns unſere urkundlichen Literalien, wie „3 Stadtpfeifer und ein Organiſt“ eine „Erkenntlichkeit“ von 12 fl. erhalten, weil ſie „auf des Landgrafen ʒu Leuchtenberg Hochʒeit vom Sonntag bis Mittwoch in der Neubeſt (der alte Theil der jetʒigen Reſidenʒ ʒu München) mit ihren Inſtrumenten haben ʒu Tanʒ aufmachen müßen“, und wenn wir jetʒt bei Hofconcerten und Bällen die Hof- und Kammermuſiker in ihren ʒum Theil geſtickten, ſchmucken Uniformen oder auch bei andern Feſtgelegenheiten Hunderte von Muſikern in unſern Monſtre-Produktionen auftreten ſehen, ſo muthet es uns faſt heiter an, ʒu vernehmen, wie 1585 „die 3 Geiger im Küegäßl jüngſt vergangne Faſtnacht in der Neuveſt ʒu Tanʒ gemacht“ und dafür „ein paar Thaler“ erhielten. Wir haben nun aus den Hofkammer-Seſſions-Protokollen einen kleinen Zeitraum um die Wende des 16. Jahrhunderts ausgehoben, um an wenig Beiſpielen ʒu ʒeigen, wie mannigfaltig ſich das landesfürſtliche Unterſtütʒungsweſen damals geſtaltete, und um ein kleines culturhiſtoriſches Gemälde jener Zeit flüchtig ʒu entwerfen. Es erſchien uns gerade dieſe Periode hiefür intereſſant, weil ja die Wende des 16. in das 17. Jahrhundert recht eigentlich auch culturgeſchichtlhich den Wendepunkt einer älteren, gemüthlicheren und einer neueren, ſtrammeren Zeit unſeres engeren Vaterlandes bedeutet. Die Ueberfluthung der Hofkammer mit den unbedeutendſten Geſuchen, oft ganʒ naiver Art, trat allmählig in normale Ufer ʒurück; eine kriegeriſche Periode nahte heran, die ſchon voraus ihre Schatten warf: Rüſtungen wurden eingeleitet, Muſterungen ausgeſchrieben, Feſtungen wie Ingolſtadt und Schärding angelegt, und die Gelder mußten möglichſt ʒuſammengehalten und eingeſpart werden. Mit dem neuen Herrn kam auch, wie das ja meiſt der Fall iſt, ein neuer Geiſt, und — Maximilian ʒog die Zügel ſtraffer an. Du Bois⸗ Reymond †. Als den größten Phyſiologen Deutſchlands, gleichʒeitig als einen der glänʒendſten Schriftſteller und Redner pflegten die Zeitgenoſſen den am 26. Deʒember 1896 an Altersſchwäche verſtorbenen Profeſſor Du Bois⸗Reymond ʒu beʒeichnen. Der Verſtorbene verdiente ohne Zweifel dieſe Lobſprüche; aber er war mehr, als dieſe Würdigung beſagt — er war der einʒige moderne Naturphiloſoph, welcher, obgleich nicht auf dem Boden des Chriſtenthums ſtehend, doch eine ſeltene Objectivität des Denkens in ſeinen Forſchungen bewies. Ja, wir übertreiben nicht, wenn wir ihn den bedeutendſten deutſchen Naturphiloſophen überhaupt nennen; von ſeinen Mitbewerbern auf dieſem Gebiete iſt keiner ſo tief in die Bedeutung der großen Welträthſel eingedrungen. Freilich an der Grenʒe des Supranaturalismus hat auch ein ſo *) Der alte Ausdruck „frieden“,„erfrieden“ ,„befrieden “, „umfrieden“ heißt mit einem„Fried“ d. i. mit einem Ʒaun umgeben— Burgfried. glänʒender Geiſt wie Du Bois⸗Reymond unentſchloſſen Halt gemacht. Die Alternative: Gibt es eine außer weltliche Urſache für Stoff und Leben, gibt es einen Schöpfer? Oder iſt dies Alles durch Zufall entſtanden? ließ er offen mit ſeinem hiſtoriſch gewordenen „Ignoramus et ignorabimus“. Immerhin war dies eine Wort in unſerm naturwiſſenſchaftlichen Zeitalter ſchon einer That gleichʒuachten. Setʒte es ſich doch mit den tendenʒiöſeſten Vorkämpfern der Darwin'ſchen Lehre durch dieſe Reſignation in den denkbar ſchärfſten Gegenſatʒ. Das „Ignorabimus“, wie es auch gemeint ſei, iſt ein Schlag ins Geſicht für die hoffärtige Wiſſenſchaft der Zunftgelehrten. Dieſer Schlag iſt für die moderne Wiſſenſchaft um ſo empfind licher, als es einer der ihren iſt, der ihn geführt hat, ohne Rückſicht auf das ungeheure Aufſehen, das er damit erregen würde. Profeſſor Du Bois⸗Reymond (geboren 7. Mai 1818 ʒu Berlin) war anerkannt als die erſte Autorität auf dem Gebiete der Phyſiologie. Als Schüler von Johannes Müller ſchon befaßte er ſich hauptſächlich mit der Phiſiologie der Nerven. Seine erſte Arbeit behandelte „den ſogenannten Froſchſtrom und die elektromotoriſchen Fiſche“, die Doctor⸗Diſſertation unterfuchte die Kenntniß der Alten von den elektriſchen Fiſchen. Das Hauptwerk ſind die „Unterſuchungen über die thieriſche Elektricität“, welche in den Jahren 1848—1860 erſchienen. Du Bois⸗Reymonds Werke ʒeichnen ſich ſämmtlich aus durch eine bei den meiſten andern Fachgelehrten überaus ſeltene Einheitlichkeit der Weltanſchauung. Es iſt, wie geſagt, nicht die Weltanſchauung des Chriſtenthums, und der geiſtvolle Berliner Profeſſor iſt mit all ſeiner Naturphiloſophie nicht darüber hinausgekommen, daß das letʒte Ergebniß ſeiner Forſchungen ein neues Räthſel, eine Welt voller Widerſprüche war. Eben hierdurch iſt für uns der Verewigte ein claſſiſcher Zeuge geworden für die Unʒulänglichkeit der einſeitig-⸗empiriſchen Erkenntnißtheorie. Sein Scalpell iſt in alle Formen und Zuſtände des menſchlichen Körpers, in alle Details der Nervenmaſſe eingedrungen; ſein ſcharfer Verſtand hat die geringſte Eigenbewegung des Organismus, die letʒte Nevenʒuckung beobachtet. Aber er iſt nicht durchgedrungen ʒu der kleinſten Erkenntniß von dem Uebergang ʒwiſchen der bewegten Materie und dem Bewußtſein; die Kenntniß von der Menſchenſeele hat mit allen Mitteln der Naturwiſſenſchaft nicht errungen werden können. Reſignirt hat der große Gelehrte dies ſelbſt anerkannt in dem häufig citirten Vortrag, den er am 14. Auguſt 1892 vor der 45. Verſammlung deutſcher Naturforſcher und Aerʒte ʒu Leipʒig hielt: „Ueber die Grenʒen des Naturerkennens.“ In dieſem, ſpäter ʒuſammen mit den ſieben Welträthſeln (Leipʒig 1882) erſchienenen Vortrag, der die ganʒe moderne Wiſſenſchaft in Aufregung verſetʒte, ſagte Du Bois⸗Rehmond wörtlich: „Was aber die geiſtigen Vorgänge ſelber betrifft, ſo ʒeigk ſich, daß ſie bei aſtronomiſcher Kenntniß*) des Seelenorgans uns ganʒ ebenſo unbegreiflich wären, wie jetʒt. Im Beſitʒ dieſer Kenntniß ſtänden wir vor ihnen heute als vor einem völlig Unvermittelten. Die aſtronomiſche Kenntniß des Gehirns, die höchſte, die wir davon erlangen können, enthüllt uns darin nichts, als bewegte *) Unter aſtronomiſcher Kenntniß des Gehirns verſteht Du Bois⸗Reymond die Kenntniß der rein mechaniſchen Vorgänge, die Bewegung der einʒelnen Atome. 6 Materie. Durch keine ʒu erſinnende Anordnung oder Bewegung materieller Theilchen aber läßt ſich eine Brücke in das Reich des Bewußtſeins ſchlagen. Bewegung kann nur Bewegung erʒeugen oder in potentielle Energie ſich ʒurückverwandeln. Potentielle Energie kann nur Bewegung erʒeugen, ſtatiſches Gleichgewicht erhalten, Druck oder Zug üben. Die Summe der Energie bleibt aber ſtets dieſelbe. Mehr, als dies Geſetʒ beſtimmt, kann in der Körperwelt nicht geſchehen, auch nicht weniger; die mechaniſche Urſache geht rein auf in der mechaniſchen Wirkung. Die neben den materiellen Vorgängen im Gehirn einhergehenden geiſtigen Vorgänge entbehren alſo für unſern Verſtand des ʒureichenden Grundes. Sie ſtehen außerhalb des Cauſalgeſetʒes, und ſchon darum ſind ſie nicht ʒu verſtehen, ſo wenig, wie ein Mobile perpetuum es wäre. Aber auch ſonſt ſind ſie unbegreiflich.“ Der innere Widerſpruch dieſer Deduction liegt auf der Hand. Die ſeeliſchen Vorgänge entbehren des ʒureichenden Grundes nur vom Standpunkte der rein empiriſchen Erkenntniß aus. Sehe ich trotʒdem ſolche Vorgänge uünverkennbar in und vor mir, ſo folgt daraus für mich nicht, daß ſie keinen ʒureichenden Grund haben, ſondern daß ich dieſen Grund außerhalb des Erfahrungskreiſes der empiriſchen Erkenntniß ʒu ſuchen habe. Dieſes Zugeſtändniß an den Supranaturalismus hat auch ein Du Bois⸗Reymond nicht gemacht — lieber verwickelt er ſich in einen handgreiflichen Widerſpruch und erklärt reſignirt: Ignoramus! Die Entſtehung des Bewußtſeins überhaupt ringt ihm dasſelbe Geſtändniß ab. Dieſe Entſtehung iſt in der Kette der Erfahrung etwas Neues, Unerhörtes,„etwas wiederum, gleich dem Weſen von Materie und Kraft, und gleich der erſten Bewegung Unbegreifliches. Der in negativ unendlicher Zeit angeſponnene Faden des Verſtändniſſes ʒerreißt, und unſer Naturerkennen gelangt an eine Kluft, über die kein Steg, kein Fittig trägt: wir ſtehen an der anderen Grenʒe unſeres Witʒes. Dies neue Unbegreifliche iſt das Bewußtſein.“ Und nun kommt Du Bois ʒu ſeinem hiſtoriſch gewordenen Bekenntniß, „daß nicht allein bei dem heutigen Stand unſerer Kenntniß das Bewußtſein aus ſeinen materiellen Bedingungen nicht erklärbar iſt, was wohl ieder ʒugibt, ſondern daß es auch der Natur der Dinge nach aus dieſen Bedingungen nie erklärbar ſein wird. Die entgegengeſetʒte Meinung, daß nicht alle Hoffnung aufʒugeben ſei, das Bewußtſein aus ſeinen materiellen Bedingungen ʒu begreifen, daß dies vielmehr im Laufe der Jahrhunderte oder Jahrtauſende dem alsdann in ungeahnte Reiche der Erkenntniß vorgedrungenen Menſchengeiſte wohl gelingen könne: die iſt der ʒweite Irrthum, den ich in dieſem Vortrage bekämpfen will.“ Ignorabimus! Eine Fluth von Entgegnungen ergoß ſich gegen dieſe kühnen Behauptungen. Namentlich die extremen Darwinianer, welche aus Darwins Lehre die Affentheorie entwickelt hatten, fielen über den Berliner Profeſſor her. Aber widerlegt hat ihn keiner. Acht Jahre ſpäter konnte Du Bois⸗Rehmond in ſeinem ʒweiten claſſiſchen naturphiloſophiſchen Vortrage „Die ſieben Welträthſel“ mit überlegenem Humor die Hinfälligkeit der Widerlegungsverſuche darthun; die darin emhaltene Kritik der philoſophiſchen Durchſchnittskenntniſſe deutſcher Gelehrter iſt das Beißendſte, was es außer den Schopenhauer'ſchen Urtheilen gibt. Er warf den Philoſophen Verknöcherung und Einſeitigkeit vor, einen Mangel an Vorbegriffen naturwiſſenſchaftlicher Art uſw. Namentlich Häckel hat ſich im Kampfe gegen Du Bois⸗Reymond hervorgethan. Inʒwiſchen aber haben ſchon längſt Virchow und die meiſten übrigen Autoritäten die affentheoretiſchen Träume rückſichtslos ʒerſtört. Die Vorſehung benutʒt oft die Gegner der Kirche als ihre Werkʒeuge. Du Bois⸗Rehmond war ein ſolches. „Wo der Supranaturalismus anfängt, hört die Wiſſen ſchaft auf“, hat er wohl ſelbſt geſagt. Aber auf die Frage nach einem andern Ausweg hatte er, wie die ganʒe nichtchriſtliche Wiſſenſchaft, nur ein IIgnorabimus?“. (Germania.) Erwähnung verdient Du Bois⸗Reymonds Rede, die er im Jahre 1882 beim Antritt des Rectorates hielt über „Göthe und kein Ende“, worin er ſein Urtheil über die wiſſenſchaftlichen Beſtrebungen des Dichters vom Staundpunkt exacter Wiſſenſchaft, abgibt. Wenn man weiß, welche Abgötterei stets mit Göthe getrieben wurde und heute noch getrieben wird, wie man den ſelben nicht bloß als Dichter ʒu verherrlichen ſucht, wogegen ja Niemand etwas einwenden kann, ſondern auch, als Ethiker, als Philoſophen, als Natur forſcher uſw. guf den Schild hebt, ſo wird man das Vorgehen des berühmten Phyſiologen nur loben müſſen. Was ſagt nun Du Bois? Er wählte den „Fauſt“ und ſtellte allerlei Betrachtungen, an über „den Helden des modernen deutſchen Nationalgedichtes“. Beſonders den Worten Mephiſto's: Grau, theurer Freund, iſt alle Theorie, und, grün des Lebens goldner Baum“, ſetʒte der Rector ſcharf ʒu. Er ging von, der ſehr naheliegenden Anſicht aus, daß die Muſenſöhne auf dieſe Sentenʒ hin es gar leicht vorʒiehen könnten, dem ernſten Studium einen gelinden Füßtritt ʒu geben, auf dem goldenen Baume des Lebens herumʒuklettern oder unter demſelben müßig abʒuwarten, bis ihnen die Früchte deſelben in das geöffnete Maul, hineinfallen. Iſt es überhaupt nöthig“, ſagt Du Bois mit Recht, die Menſchen ʒu einem praktiſchen und genießenden Leben anʒuhalten? Der, unermeßlichen Mehrʒahl Sinn iſt ja ganʒ von ſelbſt auf nichts Anderes gerichtet. Von nichts Anderm erʒählen Geſchichte und Dichtung, nichts Anderes wird auf den Brettern vorgeführt, welche die Welt bedeuten. Warum ſoll dann auch der Bruchtheil, der gerne im Ewigen und Abſoluten weilt, in Staub und Getümmel des Marktes gelockt werden?“ Auch dem Ausſpruch Göthe's über die Natur; „Was ſie deinem Geiſt nicht offenbaxen mag, das ʒwingſt du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben“, tritt der Rector als einer hochmüthigen Herabfetʒung des theoretiſchen Studiums entgegen: Fauſt hat ſehr Unrecht mit ſeiner Klage. Richtig gebaute und gebrauchte Inſtrumente erweitern Kenntniß und Macht des Menſchen innerhalb der Grenʒen des Naturerkennens und ſind daʒu unentbehrlich; innerhalb dieſer Grenʒen läßt ſich die Natur ʒu manchem Zugeſtändniß bewegen, wenn auch etwas mehr daʒu, gehört, als Hebel und Schrauben. Wie proſaiſch es klinge: iſt es nicht minder war, daß Fauſt, ſtatt an Hof ʒu gehen, ungedecktes Papiergeld ausʒugeben und ʒu den Müttern in die vierte Dimenſion ʒu ſteigen beſſer gethan hätte, Gretchen ʒu ſein Kind ehrlich ʒu machen, und Elektriſirmaſchine und Luftpumpe ʒu erfinden, wofür wir ihm dann an Stelle des Magdeburger Bürgermeiſters gebührenden Dank wiſſen würden“. Die Farbenlehre Göthe's nennt, Du Bois:„die todtgeborne Spielerei eines autodidaktiſchen Dilettanten“, und bemerkt,„der Begriff der mechaniſchen Cauſalität war es, der Göthe gänʒlich abging“. Auch Gothe's botaniſch⸗morphologiſche Reſultate und die vielgeprieſene Erfindung des berühmten Knochens werden hart mitgenommen, und der Satʒ ausgeſprochen, daß die Biologie auch ohne Göthe auf dem heutigen Standpunkte angelangt wäre. Daß es dit der in Bauſch und Bogen⸗Verhimmelung ſämmtlicher Ausſprüche, Sähe, Anſchauungen und Theorien 7 Göthe's nicht mehr ſo glatt weitergehen kann, wie ſeit 40 Jahren, das iſt evident geworden Leute, wie der bekannte Heinrich Dünꜩer in Köln, werden ſchon auf vielen Seiten nicht mehr recht ernſt genommen. Hören wir, wie dieſer Göthe⸗Exeget die Rectoratsrede des Du Bois abʒufertigen ſich erkühnt: „Ueber die ſchale Schmährede von Du Bois⸗Reymond ein Wort ʒu verlieren, verlohnt ſich nicht der Mühe!“ Düntʒer imponirt damit wohl Niemandem! Eine kritiſche Ausgabe der Papſt-Urkunden bis Innocenʒ III. plant, wie ſchon kurʒ in den Zeitungen gemeldet wurde, die königl, Geſellſchaft der Wiſſenſchaften ʒu Göttingen. Näheres über den großartigen Plan wurde durch eine Rede bekannt, welche Prof. P. Kehr, wohl der Urheber dieſes Planes, am 7, November in der öffentlichen Sitʒung der genannten Geſellſchaft hielt. Es konnte kein Zweifel fein, daß eine Herausgabe ſämmtlicher Papſt⸗Urkunden in der abgeſteckten Zeit, guch für eine gelehrte Geſellſchaft als eine kaum ʒu bewältigende Arbeit angeſehen werden mußte. Denn das bekannte Werk Jaffé's, welches die Regeſten der Papſt⸗Urkunden bis 1198 ʒuſammenſtellt, weiſt in der ʒweiten, 1888 abgeſchloſſenen Ausgabe ſchon 17,900 Urkunden auf, woʒu nun noch die immer weiter neun aufgefundenen Urkunden hinʒukommen. So konnte es ſich nur um die Frage handeln, wie die Göttinger Geſellſchaft ihre Edition beſchränken will. Es wird ʒunächſt ausgeſchieden die große Maſſe der älteren Papſtbriefe, die nicht in ſelbſtſtändiger Ueberlieſerung auf uns gekommen ſind, ſondern dem Intereſſe der Kirchenhiſtoriker oder Canones⸗Sammler ihre Erhaltung verdanken. Ebenſo werden die Ueberreſte der älteren Regiſterſexien nicht in Betracht geʒogen. Die Regiſter ſind jene Sammlungen päpſtlicher Schriftſtücke, welche in der päpſtlichen Kanʒlei angelegt wurden, Was von den ältern Regiſtern in Ausʒügen und Bearbeitungen erhalten iſt, die Londoner und Cambridger Sammlung wie die Regiſter Gregors I. und Gregors VII. liegt uns ſchon in neuen Editionen vor. Von InnocenʒIII. ab (1198- 1216) beginnt die Reihe der erhaltenen ʒuſammenhängenden Regiſterbände, deren Erforſchung ſeit Exöffnung des vaticaniſchen Archivs ʒahlreiche Gelehrte ſich widmen. Dieſe Reihe der jüngeren Regiſterbäude begrenʒt den Editionsplan, der eben mit 1188 abſchließen ſoll. Den Inhalt der Editionen ſollen alſo diejenigen eigentlichen päpſtlichen Urkunden bis 1198 bilden, welche nicht in geſchloſſenen Sammlungen ſelbſtſtändiger Ueberlieferung erhalten ſind, ſondern die von Rom erlaſſen über das ganʒe Abendland ſich ʒerſtreuten. Was ſind nun aber Urkunden im Sinne der geplanten Edition? Als Urkunden kommen nach Kehr für den Editionsplan nur, diejenigen Schriftſtücke der römiſchen Kanʒlei in Betxacht, „die in irgend einer Weiſe in die rechtlichen Verhältniſſe desjenigen, für den ſie ausgeſtellt wurden, eingriffen oder einʒugreifen beſtimmt waren. Es ſind ʒugleich diejenigen, die weniger den Theologen, um ſo mehr aber den Hiſtoriker und Juriſten angehen, es ſind nicht die Briefe und Decrete des die Gläubigen belehrenden und die Canones interpretirenden Oberhauptes der Kirche, ſondern die Urkunden des die Kirche und die mittelalterliche Welt regierenden Papſtthums“. Die päpſtlichen Schreiben der erſten Jahrhunderte ſeien meiſt Briefe ohne die ſpecifiſchen Formen und Wirkungen der Urkunde. Denn ſo groß gauch das Anſehen des römiſchen Biſchofs ſchon in den erſten Jahrhunderten, und ſo allgemein der Glaube verbreitet war, daß er die apoſtoliſche Tradition und die authentiſche Lehre St. Peters, des Apoſtelfürſten, bewahre, noch war ſeine Autorität ʒwar eine eminent moraliſche, aber weit entfernt davon, eine rechtliche ʒu ſein.“ Die Unterſcheidung, welche Kehr machen will, iſt eine ſehr feine, und es iſt vorausʒuſehen, daß ihr von katholiſchen Kirchenrechtslehrern Widerſpruch entgegengeſetʒt werden wird. R. v. Scherer ſagt, im Kirchenlerikon IX², 1423 über die Papſtbriefe ausdrücklich:„Doch darf aus der Briefform der äpſtlichen Erlaſſe und deren vorwiegend paränetiſchem Ton nicht gefolgert werden, daß denſelben kein rechtlicher Charakter, keine juriſtiſche Verbindlichkeit innewohne.“ Kehr geſteht auch ʒu, daß es überaus ſchwierig ſein wird, „die Urkunden im ſtrengen Sinn“ von der großen Maſſe der päpſtlichen Schriftſtücke der ältern Zeit ʒu unterſcheiden. Als die erſten päpftlichen Urkunden im ſtrengen Sinne ſieht er jene bis in das vierte Jahrhundert ʒurückreichende Schreiben an, in denen die Biſchöfe von Theſſalonich und Arles ʒu päpftlichen Vicaren beſtellt werden. Sodann rechnet er daʒu die eigentlichen Privilegien, durch welche die Päpſte das Verhältniß einʒelner Klöſter ʒu ihren Ordinarien ʒuerſt beſtätigten, dann aber, auch von ſich aus regelten. In Beʒug auf ſolche Privilegien will er eine Ausnahme von der Nichtberücksichtigung der älteren Sammlungen und Regiſter machen; ſie ſollen aus dieſen Sammlungen heraus⸗ geʒogen werden. Mehr einleuchtend als die Abgrenʒung des Editionsſtoffes ſind die kritiſchen Grundſäꜩe, welche Kehr für die Herausgabe als maßgebend hinſtellt. Der erſte Grundſaꜩ iſt, daß man auf die Originale ʒurückgehe, wenn ſolche nicht vorhanden, auf die nächſte beſte Ueberlieferung. Die Durchführung dieſes Grundſatʒes hat aber große Schwierigkeiten, da das älteſte uns im Original erhaltene Papſt⸗Privileg vom Jahre 819 iſt, im 9. und 10. Jahrhundert überhaupt kaum 20 Origingle vorhanden ſind, erſt im 11. Jahrhundert, in welchem die päpſtliche Kanʒlei von dem wenig dauerhaften Papyrus ʒum Pergament überging, gegen 200 Originale vorliegen, deren Zahl im 12. Jahrhundert freiſich dann bedeutend überschritten wird. Die ʒweite Aufgabe iſt die Scheidung des Echten von dem Unechten nach den aus der Vergleichung der Urkunden entnommenen Kriterien. Es werden bei der Ausführung dieſer Aufgaben ganʒ außerordentliche Leiſtungen von der noch jungen hiſtoriſchen Hilfswiſſenſchaft der Diplomatik verlangt, aber mit Recht kann Kehr auch von den außergewöhnlichen Erfolgen ſprechen, die hier winken, und es ſcheint uns auch, daß Kehr, nach ſeinen bisherigen Arbeiten ʒu urtheilen, ganʒ die Perſönlichkeit iſt, um ein ſolches Unternehmen glücklich ʒu leiten, Wir können nur wünſchen, daß er allenthalben die Beihilfe und Unterſtüꜩung findet, die er ſich erbittet. Köln. Volksʒtg.) Chronik des Jahres 1896. (Nachdruck verboten.) Januar. 1. Aufſtand auf Formoſa; 1000 Rebellen greifen erfolglos Thei⸗ pe an. 1. Einbruch des engliſchen Flibuſtiers Dr. Jameſon in Transvaal; Schlacht bei Krügersdorf; die Engländer von den Boeren völlig geſchlagen; Dr. Jameſon gefangen genommen. 2. Die Hammerſtein⸗Affaire erſcheint in der Preſſe. 3. Glückwunſch⸗Telegramm des deutſchen Kaiſers an den Transvaal⸗Präſidenten Krüger wegen Abwehr des Jameſon'ſchen Einfalles. 6 Marſchall Martineʒ Campos gibt infolge ſeiner Mißerfolge auf Cuba ſeine Entlaſſung. 7. Aſſeſſor Wehlan wegen ſeiner Amtsführung als Reichsbeamter in Kamerun von der kaiſerlichen Disciplinarkammer in Potsdam ʒu 500 Mark Strafe verurtheilt. 8. Professor K. Röntgen in Würʒburg hat die X-Strahlen entdeckt. 9. Interpellation im bayeriſchen Abgeordnetenhauſe betr. die Vorfälle im Pſchorrbräu während der Sylveſternacht. 9. Wiedereröffnung des deutſchen Reichstages. 12. Peſtaloʒʒi⸗Feiern im Reiche. 15. Deutſcher Reichſtag: Antrag Hitʒe und Gen. betr. Arbeiterſchutʒ. 16. Deutſcher Reichſtag: Antrag Kanitʒ. 17. Deutſcher Reichſtag: Feierliche Einbringung des Entwurfes des bürgerlichen Geſetʒbuches durch den Reichskanʒler Fürſt Hohenlohe. 17. Dr. Jameſon und Genoſſen werden an England ʒur Beſtrafung ausgeliefert. 18. Allgemeine große Feier des 25jährigen Erinnerungstages der Neubegründung des deutſchen Reiches. 24. Das Fort Makalle von den Italienern geräumt; freier Abʒug der Garniſon mit Waſſen, Munition ꝛe. (Weiſt ſich ſpäter als Abʒug unter abeſſyniſcher Escorte aus.) 27. Audienʒ des Fürſten Ferdinand von Bulgarien beim Papſt;: dieſer verhält ſich ʒum Uebertritt des Prinʒen Boris ablehnend. 8 Februar. 1. Austritt des Hofpredigers Stöcker aus der conſervativen Partei. 1. Deutſcher Reichstag: Brauſewetter⸗Debatte. 1. Erſter Erfolg des ſpaniſchen Generals Weyler auf Cuba; die Aufſtändiſchen bei Santa Lucia geſchlagen. 3. Deutſcher Reichsſstag: Erſte Berathung des bürgerlichen Geſeꜩbuches. 5. Beginn des großen Lohnkampfes in der Confectionsbranche in Berlin. 8. Deutſcher Reichstag; Autrag Rückert und Gen, betr. Abänderung des Wahlgeſetzes für den deutſchen Reichstag abgenommen. 10. Großer Meteorfall in Madrid. 10. Deutſcher Reichſtag: Erſte Berathung der Gewerbeordnungs⸗Novelle. 11. Deutſcher Reichſtag: Berathung der Erklärung des Reichskanzlers zur Währungsfrage. 11. Große Niederlage des Kabinets Bourgeois im franzöſiſchen Senat bei der Eiſenbahnfrage und der Strafverfolgung Raynals. 11. Fürſt Ferdinand von Bulgarien vom türkiſchen Sultan officiell als Souverän von Bulgarien anerkannt. 14. Taufe des bulgariſchen Prinzen Boris in Sofia. 15. Die Wahlreform vor dem öſterreichiſchen Parlament. 15. Deutſcher Reichstag: Große Debatte betr. Soldatenmißhandlungen. 17. Eine Depeſche aus Irkutsk meldet die Rückkehr Nanſen's. 18. In der deutſchen Colonialgeſellſchaft wird Dr. Peters an Stelle des Prinzen Arenberg zum Vorſitzenden gewählt. 19. Der Ausſtand in der Confectionsbranche durch das Einigungsamt beigelegt. 25. Dr. Jameſon trifft in London ein und wird jubelnd empfangen. 28. Der Senat in Waſhington anerkennt mit großer Mehrheit Cuba als kriegführende Macht. März. 1. Schlacht bei Abba Carima (Adua); die Italiener unter General Baratieri werden von Menelik und den Abeſſyniern total geſchlagen und in wilder Flucht zerſtreut. Verluſt der Italiener ca. 8000 Mann und ſehr viel Kriegsmaterial; Heldentod des Generals Dabormida und Gallianos. 2. Das Repräſentantenhaus in Waſhington anerkennt ebenfalls mit erdrückender Mehrheit Cuba als kriegführende Macht. 2. Großer Empfang des Papſtes aus Anlaß ſeines Jahrestages der Thronbeſteigung, 3. Großes Gruben⸗Unglück auf der Kleophas⸗Grube bei Kattowitz; 109 Todte. 3. Ein Decret des Königs entbindet den General Baratieri von ſeinem Poſten als Gouverneur von Erythräa und ein Decret (vom 22. Februar) ernennt den General Baldiſſera zum Befehlshaber der italieniſchen Truppen in Afrika. 4. Die Demiſſion des Miniſteriums Criſpi vom König von Italien angenommen. 5. Stürmiſche Sitzung der römiſchen Deputirtenkammer. Große Inſulten gegen Criſpi und Bedrohung desſelben. Der römiſche Senat läßt Criſpi ebenfalls fallen. Krawalle in Mailand; Straßendemonſtrationen in Rom. 9. Neues italieniſches Kabinet Rudini. 11. Der lippiſche Landtag exklärt ſich gegen die Regentſchaſt des Prinzen Adolf. 13. Deutſcher Reichſstag: Kolonialdebatte; Erhebung furchtbarer Anklagen gegen Dr. Peters. Disciplinar⸗Unterſuchung gegen Dr. Peters eingeleitet; dieser legt den Vorſitz in der Kolonial-Geſellſchaft nieder. 16. Die franzöſiſche Deputirtenkammer genehmigt die Geſetzes⸗Vorlage betr. die Weltausſtellung. 21. 25jährige Jubelfeier des Reichstages. 22. Die italieniſche Deputirtenkammer bewilligt den Afrika⸗ Credit mit 217 gegen 122 Stimmen. 24. Das deutſche Kaiſerpaar in Genua ſehr gefeiert, 25. Im Lebaudy⸗Proceß funf Freiſprechungen, zwei Verurtheilungen. 26. Fürſt Ferdinand von Bulgarien vom kürkiſchen Sultan in Konſtantinopel in feierlicher Audienz empfangen. Recenſionen und Notizen. Hiſtoriſche Abhandlungen, herausgegeben von Dr. Th. Heigel und Dr. He Grauert. München, Lüneburg. IV. Heft: Das Ceremoniell der Kaiſerkrönungen von Otto I. bis Friedrich II. von Dr. phil. Anton Diemand. 1894. 150 Seiten. 8°. M. 5.—. V. Heft: Johann Heinrich v. Schüle und ſein Prozeß mit der Augsburger Weberzunft(1784 1785) von Dr. Armin Seidl. 18904. 60 Seiten. M. 240. VI. Heft: Der Friede von Füſſen(1745) von Dr. Georg Preuß. 1894. 128 Seiten. 8°. Die Ceremonien (Ordines) bei der Krönung der römiſchdeutſchen Kaiſer des früheren Mittelalters waren bereits von G. Waiß (Abhandlung der Göttinger Geſellſchaft der Wiſſenſchaften, Band 18) und J. Schwarzer (Forſch⸗ ungen zur deutſchen Geſchichte, Band 22) in eingehender Weiſe behandelt worden, Deßungeachtet iſt es A. Diemand in oben citirter Schrift, beſonders durch Vergleichung der Ordines der Kaiſerkrönung mit jenen der deutfſchen Königskrönung, gelungen, manche neue Geſichtspunkte zu gewinnen und ſeine Vorgänger verſchiedentlich zu berichtigen. Derſelbe ſtellt zunächſt die Ordines feſt, welche bei den einzelnen Kaiſerkrönungen in Anwendung kamen, wobei er drei Perioden in der Ausbildung des Ceremoniells conſtatiren kann. Die erſte reicht von Otto I. bis Heinrich V,, die zweite von Lothar III. bis Heinrich VI.; von ihr leitet die Krönung Otto's IV. zur dritten Entwicklungsphaſe (Friedrich II. und Heinrich VII.) über. Den zweiten Abſchnitt der Arbeit bildet die ſchon erwähnte Vergleichung der Kaiſerkrönung mit der Königskrönung. Im dritten Theile wird der Verlauf der Kaiferkrönung in den einzelnen Perioden der Entwicklung ihres Ceremoniells anſchaulich geſchildert, wobei neben den gedruckten und ungedruckten Ordines der Kaiſerkrönung auch die Nachrichten zeitgenöſſiſcher Schriftſteller, ſoweit ſie einer ſtrengen Kritik Stand hielten, die Quellen bilden. In einem Excurſe wird der vielumſtrittene Eid behandelt, den der deutſche König vor der Kaiſerkrönung dem Papſte zu leiſten hatte, und in der Beilage werden verſchiedene, bisher ungedruckte Ordines aus Handſchriften des 10. bis 14. Jahrhunderts zum erſten Male veröffentlicht. — Mit Benützung bisher unedirter Aeten des Augsburger Stadtarchivs und an der Hand überkommener Familienpapiere behandelt A. Seidl in erſchöpfender Weiſe den Streit des Neſtors der deutſchen Kattundrucker Heinrich von Schüle, mit der Augsburger Weberſchaft 1764—85). Die letztere ſah ſich durch die von Schüle betriebene En gros⸗Einfuhr oſtindiſcher Cottons in ihrer Exiſtenz bedroht und war deßhalb nach Kräften bemüht, dem rückſichtsloſen Groß⸗Induſtriellen das Handwerk zu legen. Der darüber entſtandene Prozeß ſpielte zumächſt vor dem Senate der ſchwäbiſchen Reichsſtadt und ſpäter vor dem kaiſerlichen Reichs⸗Hofrathe in Wien. Er erregte ob ſeiner wirthſchaftlichen Bedeutung weithin in deutſchen Landen berechtigtes Aufſehen. Bedeutete er doch für Augsburgs bedeutendſtes Gewerbe die wirthſchaftliche Revolution, welche dem Zunftweſen den Todesſtoß verſetzte und dem modernen Großbetriebe in Handel und Induſtrie die Wege bahnte. — Für die Monographie des G. Preuß über den Füſſener Frieden vom Jahre 1745, womit der Verſuch der bayeriſchen Wittelsbacher, dem Hauſe Habsburg die Führerrolle in Deutſchland dauernd zu entreißen, ein ſo klägliches Ende nahm lieferten neben den einſchlägigen bayeriſchen Staats⸗ und Privat⸗ Archiven das k. k. Geh, Haus⸗, Hof⸗ und Staatsarchiv und das k. k. Kriegsarchiv in Wien reichliches Quellenmaterial. Aufbauend auf, von Arneth's Meiſterwerk: „Maria Thereſia's erſte Regierungsjghre“ hat Preuß unter richtiger Würdigung der in München und Wien maßgebenden Verhältniſſe die beabſichtigte erſchöpfende Darſtellung des Verlaufes der Friedensverhandlungen geliefert. Der Schwerpunkt der Arbeit dürfte in dem Nachweiſe liegen, daß vor Allem die zweideutige Haltung des Grafen Seckendorff in der Kriegsführung und bei den Friedensverhandlungen ſchuld daran war, daß Bayern ſich zu dem wenig ehrenvollen Frieden bequemen mußte. Gl. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Inſtituts von Haas & Grabherr in Augsburg. 2 15. Jan. 1897. Ein sociales Wirken in der Stille der Familie. Monsiguor Joseph Weis, er Gründer und Vater der Marien-Anstalt in München und Warenberg. 3. 8. Die neuere Natnrwissenschaft kommt immer mehr zur vollen Erkenntniß des Princips der Einfach heit, welches ehedem Galilei mit so großem Erfolg verwerthet hat. Die großen Revolutionen der Erdoberfläche sind in unseren Tagen auf die einfachsten Erscheinungen, das Gesetz der Schwere und das Gesetz der Temperatur-veränderung, reducirt worden. Vielleicht kommt unsere Wissenschaft von den Revolutionen des socialen Körpers auch einmal zu dem Verständnisse dessen, was Euler das Princip der kleinsten Aktion in der Mathematik genannt hat, oder was bei Matthäus 13, 33 zu lesen ist: „Gleich ist das Reich Gottes dem Sauerteig, den ein Weib nimmt und in drei Maße Mehl mischt, bis das Ganze durchsäuert ist." Wer etwa während eines Menschenalters Gelegenheit hatte, das stille Wirken des am 13. November 1895 dahingegangenen Geistlichen Rathes Weis zu beobachten, dem wird es kaum schwer werden, zu sagen, daß dieses Gesetz der Einfachheit die Lebensmaxime des Mannes war, der in stiller Zurückgezogenheit bis in die letzten Tage seines Lebens eine geradezu erstaunenswerthe Arbeitskraft war in aller Stille, im Kreise der Seinen. Wenn wohl auch dem Fernestehenden schon die äußere Erscheinung, die imponirende Gestalt, welche ein nicht geringes Maß von Energie bekundete, mit welcher jedoch Güte und Milde gepaart waren, auffallen mußte: seiner Umgebung war er noch viel mehr, er war allen seinen Kindern gegenüber die Liebe selbst. Seinen Freunden war er der treueste Freund, liebenswürdig, Niemand verletzend, heiter nach harten: Tagewerk. Nicht selten war seine Unterhaltung voll Humor, kleinen Schwächen Anderer gegenüber besaß er die seltene Gabe liebenswürdiger Schalkhaftigkeit. Bis in die letzten Tage seines Lebens gab er täglich fünf bis sechs Stunden Unterricht, nicht etwa bloß in der Religion, sondern auch in andern Gegenständen. Er unterrichtete die Schwestern und Kinder in Gesang und Musik, in den Gegenständen der Haushaltung, ja oft in den gewöhnlichen täglichen Arbeiten. Dazu hatte er als geistlicher Leiter der Anstalt den täglichen Gottesdienst, die Spendnng der Sakramente, den Beichtstuhl für die Kinder und Schwestern zu versehen. Jeden Sonntag hielt er noch abwechslungsweise besondere Vortrüge. Dabei fand er aber noch hinlänglich Zeit, die Arbeit der Hand in vielseitigster Weise zu verbinden mit der Arbeit des Kopfes. Beide Arten wechselten gegenseitig ab, die Arbeit der Hand war für ihn Erholung. Schon die ausgedehnten Gärten in der Anstalt München gaben ihm volle Gelegenheit, seine Kenntnisse als Pomologe und Gärtner zu verwerthen. Er verstand es, die feinsten Obstarten und besten Gemüse zu produciren. Erst aber, als er das in der Nähe von München gelegene Gut Warenberg mit einem Komplex von nahezu dreihundert Tagwerken erworben hatte, also in dem letzten Decenuium seines Lebens —, ein Gut, das nebenbei fast gänzlich vernachlässigt, dessen Gebäude und Inventar in trostlosem Zustande waren, — da entfaltete sich die ganze vielseitige Thätigkeit des Mannes auch als Leiter eines Oekonomie-Anwesens. Ueber 500 Bäume hat er in dem Garten selbst gesetzt. Der Zweck der Erwerbung desselben war zunächst, sich für eine tägliche Tischgenossenschaft von etwa dreihundert Personen, Schwestern, Pensionären, Kindern — die täglich kommenden und gehenden Dienstmädchen nicht gerechnet — die nothwendigsten Nahrungsmittel, Brod, Milch, Fleisch, Gemüse, zu verschaffen. Dazu kam noch — die Absicht, in Warenberg eine Filiale der Maricnanstalt München zu errichten, nämlich eine Haushaltungsschule für die Töchter der Landwirthe. Dieselbe wurde errichtet und von etwa 50 Mädchen besucht, sobald die Gebäude in Stand gesetzt waren. Welche Erfahrungen, welche Enttäuschungen mußte der gute Vater Weis machen, bis er die Gebäude der Anstalt in München, wie sie jetzt sind, zu Stande brachte — welche Sorgen und Mühen kostete das! Kaum war der Neubau der Maricnanstalt München zu Ende, begann der Umbau und Neubau in dem neu erworbenen Warenberg. Dort mußten Pferde, Kühe, Ochsen, Wagen, Pflüge gekauft, die Wirthschaft neu or- ganisirt, die vernachlässigten Gründe verbessert werden. Schon jetzt ist das Gut als Muster-wirthschaft zu bezeichnen. Und heute ist in München und in Warenberg nur Eine Klage der leitenden Organe: nämlich die, daß sie keinen Platz mehr für so viele arme Kinder und Dienstmädchen haben, obwohl täglich sechzig bis siebzig der letzteren ihre Unterkunft und Nahrung im Hanse vorübergehend haben; darunter viele, die von der Heimath kaum ein Paar Strümpfe, ein Hemd, vielleicht einige Mark — als ganze Habe mitbringen. Solcher armer Geschöpfe, welche hier ein Heim gefunden seit Vater Weis die Anstalt gegründet, sind etwa 70,000. Wenn man bedenkt, welche Gefahren einem armen Landmädchen drohen, das unerfahren wenn nicht der Verführung, so doch der Ausbeutung, der Schädigung der Gesundheit der Seele und des Leibes entgegengeht: so wird die sociale Wirksamkeit der Anstalt nach dieses Seite hin vielleicht nicht zu gering taxirt werden. Wenn man dazu oft die ganz eigenartige Hilflosigkeit rechnet, die Nachwehen einer vernachlässigten häuslichen Erziehung, manchmal sogar eine Art naiver Wider- borstigkeit, welche in der unbedingt nothwendigen Hausordnung einen Eingriff in die persönliche Freiheit sieht, von schlimmeren Dingen nicht zu reden, welche die Vorsteherin sogar nöthigen, die Polizei in Anspruch zu nehmen: so wird mau die Arbeit und Geduld der Schwestern verstehen. Dieses tägliche Kommen und Gehen, Sichan- und -abmelden, sich den betreffenden Hausmüttern — doch um modern zu sprechen — den Damen vorstellen lassen usw., von Morgen früh bis spät Abend. Dazu in jüngster Zeit die nicht selten telephonischen und telegraphischen Anfragen; von der brieflichen Correspondenz gar nicht zu reden. All das verlangt ganz selten beanlagte Naturen, die nicht ermüden, nicht ungeduldig, nicht zaghaft werden, um diesen Dienst von Morgen früh bis spät Abends zu thun, und — freudig zu thun. Dazu kommt noch die Eigenart — oder manchmal Unart — der Herrschaften, welche Dienstmädchen suchen, die Anstalt für alles Mögliche und Unmögliche haftbar machen, nicht selten selbst' Unmögliches von den armen Geschöpfen verlangen. Selbstverständlich fehlt es da nicht au Enttäusch- 10 «stgen, an Klagen, an Vorwürfen von Seite der Damenwelt, nicht bloß gegen die empfohlenen Mädchen, sondern gegen die empfehlenden Schwestern, gegen die Anstalt selbst. Wenn wir nun erwägen, wie so manche moderne Damen alle möglichen guten Eigenschaften besitzen, nur die eine einer guten Hausfrau nicht — so können wir ungefähr ahnen, wie die leitenden Schwestern täglich einen eigenartigen Kampf um's Dasein führen. Und doch — leidenschaftliche Auftritte sind höchstens auf Seite der Damenwelt. Die Schwestern selbst sind dabei stets freundlich, artig, erwidern die oft ungegründeten Angriffe, reduciren die übertriebenen Anforderungen auf das Mögliche. Gewöhnlich genügen drei Schwestern, um die ganze Last des Bureau's zu versehen, die Bücher zu besorgen, die Korrespondenzen zu pfl gen. Im Hintergründe steht die leitende, liebevoll gebietende, immer gleiche, freundliche Schwester Sophie — die Oberin der ganzen Anstalt, die nur eine Klage hat, — nicht die Klage über Undank, Müdigkeit, Unverstand, Hochnäsigkeit — nein — die Klage, daß sie nicht mehr zu leisten vermag, daß der Raum der Anstalt zu klein ist für die sich stets steigernde große Nachfrage. Nach München kommen jährlich Tausende dienstsnchender Geschöpfe. All das vollzieht sich stille in dem Erdgeschoß der Anstalt. In den oberen Etagen sind die Arbeitsschulen, die Arbeitsstätten, in denen unter der Leitung gewiegter Kräfte, technisch vorzüglich gebildeter Schwestern, alle möglichen weiblichen Näharbeiten, von der gewöhnlichsten bis zur feinsten, ausgeführt werden. Hier lernen nicht bloß die der Anstalt angehörigen internen Mädchen, sondern ebenso externe so viel, daß sie ihren Lebensunterhalt zu verdienen vermögen. Und Jahre lang war von all dem der leitende, führende Geist der geistliche Vater Weis. Bei ihm fanden die Schwestern stets Rath und Hilfe. Wenn es Schwierigkeiten und Hindernisse gab — sie kamen zu ihm. Er fand, freilich oft nach harten Mühen, immer wieder einen Ausweg. Wie viele Mütter, wie viele Väter kamen zu ihm, oft ohne einen Pfennig Geld, und baten ihn, ihr Kind in die Anstalt aufzunehmen! Wie viele Waisenkinder haben hier Vater und Mutter gefunden! Und wie viele Demüthigungen mußte der Dahingegangene erfahren bei Solchen, welche kein Verständniß für sein Wirken, für seine Ideen hatten, deren Hilfe oder deren Wohlwollen und Geneigtheit aber die Anstalt nothwendig bedurfte. In späteren Zeiten äußerte er sich über manche seiner mißlungenen Versuche, über manche Enttäuschungen oft humoristisch. Als einmal zu unseren Füßen eine Ameise vergeblich ein Stückchen Holz bald von dieser, bald von jener Seite packte, bis es ihr endlich gelang, die große Last zu bewegen, lachte der treffliche Mann herzlich — er hatte einen scharfen Sinn für Naturbeobachtung — und sagte: Gerade so ist mir's auch oft gegangen. Er mußte, wie so mancher Andere, bei seinen vielseitigen Unternehmungen, Bauten, Käufen usw. die Erfahrung machen, daß er von den Geschäftsleuten übel berathen und ungeschickt bedient oder geschädigt wurde in manchen Dingen, die er, auf fremden Rath sich verlassend, ausführte. Wie kam ihm da die Vielseitigkeit seiner Kenntnisse, sein praktischer, schnell das Rechte findender Sinn, namentlich seine Meuschenkenntniß zu statten! Wie oft dankte er seinem Vater, der als Lehrer auf i>em Lande eine Art Factotum der Bildung für seine Kinder sein mußte, in seinen späteren Lebensjahren, indem er dessen Maxime billigte: man kann nie zu viel lernen! Fast volle 40 Jahre war der sei. Weis Führer und Leiter, Stecken und Stab der Marien-Anstalt. Der Gründungstag war der 12. Oktober 1856. Geboren ist Joseph Weis den 8. Januar 181? als Sohn des Lehrers Weis in Waldeck in der Oberpfalz, Diöcese Negensburg. Er absolvirte das Gymnasium in Bayreuth, das Lyceum in Amberg, wurde den 15. Juli 1843 vom Bischof Valentin von Niedel in Negensburg zum Priester geweiht, versah seine ersten Seelsorgsposten in Ober- viechtach, Weiden, Tirschenreuth, Pressath, Neustadt a. d. W.-N. Als im Jahre 1846 sein Vater gestorben war, mußte der junge Priester die Sorge für seine Mutter und sieben kleinere Gcschwisterte übernehmen. Im Jahre 1853 wurde er Prediger an der Heil. Geistkirche in München, diese versah er bis 1865. Außerdem wurde er Religionslehrer an der damaligen Kreis-Gewerbeschule, eine Stelle, die er 25 Jahre mit voller Aufopferung versah. Ferner wirkte er Jahre lang in gleicher Eigenschaft an der Schule des kathol. Gesellenvereins. Dazu kam noch eine angestrengte Thätigkeit als Privatlehrer, um die Mittel für die Seinigen zu erwerben. (Schluß folgt.) Zur Geld- und Kreditwirthschaft im 16 . Jahrhundert. Von Dr. Franz Schweyer. Man braucht kein Anhänger der sogen, materialistischen Geschichtsauffassung zu sein, wenn man behauptet, daß die ökonomischen Verhältnisse einer Zeit, einer Nation einen weitgehenden Einfluß auf die allgemeine Entwickelung, insbesondere auch auf die Gestaltung der politischen Verhältnisse, ausüben, und daß thatsächlich dieser Einfluß ein weit größerer ist, als gemeiniglich angenommen wird. Je mehr die Forschung aus dem Gebiete der Wirthschaftsgeschichte fortschreitet und uns über die Zustände einer früheren Wirthschaftsepoche aufklärt, je mehr wir wahrnehmen, daß hinter den Erscheinungen des politischen Lebens und den Ereignissen der Weltgeschichte als Triebfeder neben einer Reihe anderweitiger Faktoren insbesondere auch ökonomische Verhältnisse wirken, desto mehr wird die aufgestellte Behauptung allmählig zu einer unumstößlichen Thatsache, und desto mehr wird deßbalb die Wirthschaftsgeschichte au Ansehen und Bedeutung gewinnen. Neuerdings liegt ein Werk vor uns, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, die wirthschaftlicheu Vcrbältuisse einer vergangenen Zeit nach einer ganz bestimmten Richtung hin eingehend zu untersuchen, die Ergebnisse der Untersuchung längst als feststehend anerkannten Thatsachen der Geschichte gegenüberzustellen und gar vielfach eine Wechselbeziehung derart darzuthun, daß erstere als Ursache oder wenigstens Mitursache, letztere als Wirkung erscheinen müssen. Es ist das vor nicht langer Zeit erschienene Werk des I)r. Richard Ehrenberg über das Zeitalter der Fugger.') 0 Ehrenberg (Nich.), Das Zeitalter der Fugger. Geldkapital und Krcditverkehr im 16. Jahrhundert. Bd. 1: Die Geldmächte des 16. Jahrhunderts. Jena, Fischer. 1896. 8". M. 8. 11 Der Mensch mit seinem schwachen Erkenntuißver- m'ögen und seinem angeborenen Hang am Nächstliegenden, an der Gegenwart, hat nur zu rasch und zu leicht das Verständniß für frühere Verhältnisse verloren und ist nur zu sehr geneigt, die Vergangenheit mit dem Maßstabe der Gegenwart zu messen. Eine schwierige Aufgabe bleibt es darum für den Forscher, nicht bloß einzelne Thatsachen, sondern längst vergangene Zustände, nicht mehr gekannte Begriffe und Einrichtungen dem Verständnisse näher zu bringen. Je mehr es ihm dann gelingt, ein bereits zerrissenes Bild aus einzelnen Ueberresten wieder zu reconstrniren, in desto vollkommenerer Weise hat er seine Aufgabe erfüllt, und desto sicherer wird sein Werk auch verstanden und anerkannt werden. Der Verfasser hat nun mit staunenswerthem Eifer eine Fülle von Material, das zerstreut und oft nur wenig beachtet — weil in seinem Werthe nicht verstanden — in einzelnen Archiven sich vorfand, gesammelt, gesichtet und aus demselben ein stattliches Gebäude aufgeführt. Wenn wir trotzdem bedauern, daß einzelne Lücken in dem Ganzen sich finden, so liegt die Schuld an der unvollkommenen Ueberlieferung, nicht an der Person des Verfassers. Er hat ein vielseitiges Material der Vergessenheit, zum Theil auch dem Untergänge entrissen. Zu letzterer Annähme berechtigt wohl der Zustand, in dem er einzelnes Akten- matcrial vorfand. Dieser war vielfach ein solcher, daß man ersehen konnte, wie wenig Bedeutung bisher den ökonomischen Verhältnissen beigemessen wurde. Der Verfasser hat dem historischen Werthe des Materials zu der gebührenden Anerkennung verhelfen und sich damit ein großes Verdienst erworben. Wenn man das vorliegende Werk liest, so wird man unwillkürlich von dem Eindrucke festgenommen, als ob in den Ereignissen der Weltgeschichte, die wir theils als ein nationales Geschick bedauern, theils als ein Glück preisen, gar manchmal weniger die Wirkung idealer Momente, als vielmehr materieller Faktoren, insbesondere ökonomischer Verhältnisse, zu erblicken sei. Gar manche Ereignisse erscheinen in einem Bilde, das ebenso klar und verständlich zu uns spricht, als es andrerseits unerfreulich wirkt, je mehr man sich mit dem Zusammenhange der mitwirkenden wirthfchaftlichen Coöffizientcn vertraut macht. Demgegenüber darf man indessen die Art, die Anlage und den Zweck des Werkes nicht aus dem Auge verlieren. Man darf nicht vergessen, daß der Verfasser es sich zur Aufgabe gesetzt hat, gerade ökonomische Verhältnisse uns zu schildern, und daß deßhalb bei der dabei nothwendigen Betonung derselben die anderweitigen in der Geschichte wirkenden Ursachen einer besonderen Hervorhebung nicht bedurften und auch naturgemäß nicht finden konnten. So beurtheilt, ist das Werk nicht eine Stütze der materialistischen Geschichtsauffassung, wenn anderseits auch zu befürchten steht, daß dasselbe vielleicht als eine solche mißbraucht werden könnte, sondern vielmehr ein sprechender Beweis für die Nothwendigkeit und Dankbarkeit einer Verwendung und Verwerthung wirthschaftsgeschichtlichen Materials bei der Geschichtschreibung. Wenn wir auf eine kurze Schilderung des allgemeinen Inhalts des ersten Theiles des Werkes, welcher ein selbstständiges Ganzes bildet, eingehen sollen und dabei von den Details, die der Verfasser bei Schilderung der einzelnen Geldmächte vorführt, absehen, dieselben vielmehr als Bestätigung der allgemeinen Ergebnisse betrachten und nur einzelne selbstständige Bemerkungen hinzufügen, so entrollt sich uns folgendes Bild von der Geld- und Kreditwirthschaft des 16. Jahrhunderts. Die Zeit, in welche wir uns zu versetzen haben, ist eine Zeit- welche den Anfang einer neuen Epoche in der Geschichte nicht nur in politischer, sondern auch in wirth- schaftlicher Beziehung bedeutet. Um die Wende des 15. Jahrhunderts trifft eine Reihe von Ereignissen zusammen, die auch eine Umwälzung auf wirthschaftlichem Gebiete zur nothwendigen Folge haben mußten: wir erinnern nur an die Entdeckung Amerika's, an die des Seewegs nach Ostindien, an die vollkommene innere Umgestaltung des Heer- und Kriegswesens, an die Entdeckung scheinbar unerschöpflicher Schätze edlen Metalls in den Ländern der neuen Welt, welche eine allgemeine Preisrevolution im Gefolge hatte. Bisher hatte die Naturalwirthschaft die unumschränkte Herrschaft besessen, nunmehr beginnt die Zeit des allmähligen Eindringens der Geldwirthschaft. Zwar wurde dem Grundbesitze bereits früher durch das Aufblühen der Städte seine ausschließliche Bedeutung benommen, indem der bewegliche Besitz zu immer höherem Ansehen kam, allein die Herrschaft der Naturalwirthschaft war damit noch keineswegs gebrochen. Dieser Bruch wurde erst eingeleitet und weitergeführt mit dem Aufkommen der Geld- wirthschaft, mit der allmähligen Loslösung des Werthes von Grund und Boden und dessen Früchten, mit der Anerkennung einer selbstständigen Bedeutung des beweglichen Besitzes und des Geldkapitals. Der Landbesitz ist nunmehr nicht mehr die einzige Art des Vermögens, daher auch nicht mehr die einzige Art der Entlohnung von Diensten. Die alte Feudalverfassung muß einer neuen Organisation der Verwaltung weichen, die nicht mehr auf dem Besitze von Grund und Boden und der Erblichkeit des Amtes, sondern mehr und mehr auf persönlicher Tüchtigkeit des Beamten und freier Anstellung beruhte. Dazu kam nun die Entwickelung des Geldwesens. Enorme Quantitäten edlen Metalls wurden aus der neuen Welt nach Europa gebracht, und in Folge dessen erfuhr der Baargeldschatz eine ungeheure Steigerung. Der Geldwerth begann zu sinken, die Preise stiegen; die Macht des Geldes stieg indeß gleichfalls. Die wunderbare Kraft des Goldes fand immer mehr Bewunderung, und ein wahres Goldfieber bemächtigte sich der ganzen damaligen Welt. Es ist, als ob die ganze Entwickelung der Geschichte sich in Gegensätzen nach den Gesetzen deS Pendels bewegen sollte, so fiel man von einem Extrem ins andere; früher nur Grund und Boden, jetzt nur mehr Geld. Das Geld wird sprichwörtlich zum norvus rarum §sron6aruin, zu einer Macht. Was Wunder» wenn damals die ganze Politik sich in dem Bestreben erschöpfte, möglichst viel Geld ins Land zu bekommen, denn das bedeutete möglichst viel Macht. So hat diese Entwickelung ein eigenes wirthschaftliches System hervorgebracht, das sogenannte Merkantilsystem, dessen Haupicharatteristicuin in einer besonderen Werthschätz- ung des Handels und geradezu in einer Ueber- fchähung des Geldes beruht. Die Macht des Geldes trat in den Erfolgen nun zunächst in die Erscheinung im Kriegswesen. Wie bereits hervorgehoben wurde, hatte das Kriegswesen eine vollständige Aenderung erfahren. An die Stelle der bisherigen Heeresverfassung trat die Einrichtung der stehenden Heere, die einen ungeheuren Aufwand von Geld erforderten. Der Krieg stand im 16. Jahrhundert so zu sagen auf der Tagesordnung; denn nur 25 Jahre im 12 ganzen Jahrhundert werden gezählt, in denen nicht größere Kriegsoperationen stattfanden. Und in diesen Kriegen, unter denen die Karls V. gegen Franz I. von Frankreich eine besonders wichtige Rolle einnehmen, lag die Entscheidung vielfach geradezu in der Summe der verfügbaren Mittel. Mehr als einmal sehen wir Karl V. seinem Verderben nahe und noch zu rechter Zeit wird er immer wieder aus seiner Lage befreit. Und fragen wir: wodurch? so ist die Antwort: durch das Geld; durch Eröffnung eines neuen Kredites, womit er sich die nöthigen Truppen verschaffen konnte. Am deutlichsten kommt indeß die Macht des Geldes zum Ausdrnct bei der Kaiserwahl Karls V. Hier hat bekanntlich das Geld eine außerordentliche, um nicht zu sagen widerliche Rolle gespielt. Die Bedeutung Franz' I. in seiner Eigenschaft als Rivale bei der Kaiserwahl beruhte vorzugsweise in den reichen Geldmitteln, über die er verfügte; die Wahlfrage war geradezu eine Geldfrage; die Kurfürsten gaben ihre Stimme nur gegen enorme Zahlungsversprechen, für deren Erfüllung zugleich die beste Sicherheit geboten werden mußte. Die Wahl zum Kaiser kostete Karl V. nahezu 1,0 0 0,0 0 0 fl., eine ungeheure Summe, wenn man den damaligen Werth des Geldes im Auge behält. Ein weiterer Punkt, der ungeheure Geldmittel erforderte, war die allmählige Umwandlung des mittelalterlichen Feudalstaates in einen Beamten st aat. Das Mittelalter hatte nach der ganzen Natur seiner Wirth- fchaftsverfassung lediglich Grundeigenthnm als Zahlungsmittel für öffentliche wie für private Dienstleistungen gekannt; die Neuorganisation der Verwaltung machte ungeheure Geldmittel nothwendig. Dazu kam, daß die Staatsthätigkeit allmählig bedeutend an Umfang gewann und deßhalb auch das Geld- bedürfniß entsprechend zunahm. Wir finden somit, daß die ganze Entwickelung zu einer immer steigenden Bedeutung der Macht des Geldes führte uist> daß bereits in der Zeit, welche wir uns vorzustellen haben, das Geldbedürfniß der Fürsten einen hohen Grad erreicht hatte. Demgegenüber taucht von selbst die Frage auf, wie diesem Bedürfnisse genügt wurde? Um diese Frage gebührend würdigen zu können, muß man die ganze staatsrechtliche Stellung eines Fürsten dieser Zeit und dessen Finanz wirthschaft im Auge behalten; und uns möchte es dünken, als ob der Verfasser in dieser Beziehung die Stellung des Fürsten nicht scharf genug hervorgehoben, sondern etwas zu viel als bekannt vorausgesetzt hat. Durch die goldene Bulle (1356) war die Reichsgewalt den Kurfürsten ausgeliefert worden; letztere waren zu wirklichen Landesherren geworden. Damit ward die Stellung des Kaisers eine bedeutend andere, eine abhängige. Aber auch die Stellung der Landesherren war in dieser Zeit eine durch die Macht der Landstände sehr beschränkte; gerade in unsrer Zeit waren die Landstände zur Blüthe ihrer Bedeutung gekommen. Diese Macht der Landstände und die entsprechende Ohnmacht der Fürsten tritt gerade in der Finanz Wirth schuft derselben am deutlichsten zu Tage. Die Fiuanzwirthschaft des Staates fiel auch jetzt noch im wesentlichen zusammen mit der Fiuanzwirthschaft des Fürsten, er hatte eine beschränkte Zahl von Einnahmequellen, die Staatsthätigkeit und damit die Bedürfnisse wuchsen immer mehr. Nehmen wir außerdem estuzu, daß die Fürsten vielfach zudem noch außerordentlich schlecht wirthschafteten, so fehlt nichts mehr, um uns deren ständige Geldverlegenheit zu erklären. Die Einkünfte des Fürsten bestehen im wesentlichen in Grundgefällen, in den Erträgnissen der sogen. Regalien, der nutzbringenden Hoheitsrechte: eine Einnahme aus eigentlichen Steuern in unserm Sinne kannte das Mittelalter nicht, Der Fürst suchte deßhalb seine Einkünfte gegenüber den steigenden Bedürfnissen zunächst zu steigern durch eine rationelle Ausbeutung der ihm zustehenden Rechte; die Domänen werden verpachtet, der Bergbau erhält einen neuen Aufschwung. Allein diese legale Steigerung der Kammereinkünfte reichte nicht hin zur vollen Befriedigung des Geldbedürfnisses, und da stand der Fürst vor der Wahl: entweder von seinen Ständen gegen Verzicht auf die wichtigsten Rechte, gegen Einräumung der weitgehendsten Zugeständnisse Abgaben bewilligt zu erhalten, oder unabhängig von den Ständen außerordentliche Maßregeln zu ergreifen, insbesondere auch den Kredit in Anspruch zu nehmen. Die zweite Art der Befriedigung wurde vielfach vorgezogen und kam in verschiedener Weise zur Geltung. (Schluß folgt.) Neue hochwichtige Entdeckungen auf der zweiten Paliistinafahrt. Erwerbung Kapharnaums für das katholische Deutschland und des Johanniterspitals für Preußen von Professor Dr. Sepp.*) Dr. 8. L. Schon vor 50 Jahren hat der Verfasser des zu besprechenden Werkes seine erste Orieutreise unternommen und deren Resultate in dem „Pilgerbuch nach Palästina, Syrien und Aegypten" (2 Bde. 1863, 2. Aufl. mit 550 Illustrationen 1873 u. 1876) niedergelegt. 1874 hat er zum zweiten Male das hl. Land durchforscht und war seitdem bemüht, durch Forschen und Vergleichen die biblische Geographie und Topographie zu bereichern. Besonders lebhaft trat und tritt der Verfasser dafür ein, daß auch Deutschland im hl. Land Besitz erwerbe und von dem Nachlasse der Kreuzzüge soviel als möglich zu retten suche. Er hat vor allem auf den Muristan, das ehemalige Johanniterspital in Jerusalem, und auf Chirbet Minieh am See Genesareth hingewiesen und kann sich schmeicheln, daß seine Mahnungen williges Gebor fanden, indem der Muristan von den Protestanten, Chirbet Minieh von den Katholiken Deutschlands erworben wurde. Es ist das ein schöner Erfolg, dessen sich der energische Forscher rühmen kaun. Warum gerade Chirbet Minieh dem katholischen deutschen Palästinaverein so sehr an's Herz gelegt wurde, erklärt sich aus der von Professor Dr. Sepp mit aller Entschiedenheit vertretenen Ansicht, daß Chirbet Minieh mit Kapharnaum identisch sei. Dem Beweis für diese Behauptung ist ein ziemlicher Raum im vorliegenden Werke gewidmet. Bei der Wichtigkeit der Sache ist es wohl gestattet, näher darauf einzugehen. Sepp nimmt an, daß die Juden wegen der m Kapharnaum ansässigen Christen, welche in der Rabbinen- sprache: Nimm — Abtrünnige heißen, diese Stadt spott- weise Kaphar Miuim (richtiger wohl K. phar Miuim) genannt hätten. Sepp belegt zwar den Ausdruck Nimm — Christen, sowie die Thatsache, daß in Kapharnaum, *) Mit zwei Karten und zahlreichen Illustrationen. 2 Bände. (386 -s- 292.) München: Lit. Institut Dr. M. Huttler. 1896. Preis 12 M. > ) 13 > - > ) Christen wohnten; aber die Hauptsache, worauf es gerade ankommt, den Namen Kaphar Minim für Kapharuaum kann er nicht belegen. Seine Gleichung: Lupstnr Mstom — Xaximr Nimm — Lastr Ntoioli (so Berghaus 1835) — 6stirstet Niuiest ist zwar möglich, aber nicht erwiesen. In Kapitel 26 will Sepp aus der christlichen Tradition nachweisen, daß man zu Minieh das biblische Kapharuaum suchen müssen. Es ist höchst interessant, zu sehen, wie Quaresmius, Fröre Lisvin, Furrer (2vkV 1879), Sepp die Pilgerberichte für sich in Anspruch nehmen, wiewohl Quaresmius und Sepp für Minieh, Lkövin und Furrer für Tel Hum eintreten, die Ansichten also getheilt sind. Furrer hält den Beweis für erbracht, daß bis zu Anfang des 17. Jahrhunderts nie irgend ein Reisender oder Geograph Kapharuaum anderswo als zu Tel Hum gesucht habe. Liövin hält nur Tel Hum für die richtige Stelle, obwohl die erste Autorität seines Ordens, der gelehrte Guardian Quaresmius, dem er sonst fast überall folgt, in der Oesoriptio tsrras snnotas 1628 (II, 854) ganz formell schreibt: „An der Stelle von Kapharuaum sieht man viele Ruinen und einen elenden Khan (äiversorium). Derselbe liegt 6 Mil- lien (— 2 Stunden) vom Jordaneinflnß und heißt Menieh." Interessant ist ferner, daß Sepp und Lisvin folgende Stelle des Arkulf (670) für sich in Anspruch nehmen: „Kapharuaum liegt ohne Mauer auf engem Raum zwischen Berg und See beschränkt in die Länge am Meeresufer hin, hat den Berg gegen Norden, den See auf der Morgenseite und dehnt sich von West nach Ost aus." (Huas murura noir Kastens, anZustv intsr niontem et staZnuin eoarctata sxatio per illain mnritima.ro oram longo tramite proteuäitur, moniern äst aguilons plaZa, lacum vero äst australi Kastens, äst noeasn in ortum extevsa ZiriZitur. (^6amnanus 2, 25.) Dazu bemerkt Sepp I, 162: „Diese Schilderung paßt einzig für Chan Minieh." Die gegenwärtige Autorität der Väter des hl. Landes, der Pilgerführer Lisvin (stavinius) de Hamme, behauptet das Gleiche von Teil Hhoum. In seinem Oniäe-inäiaateur äss sanetuaires st Ilvux stistorigues 18. Durch Dekret wird der Kriegszustand in Erythräa (Afrika) für beendet erklärt. 19. Neue Dynamit-Explosion der Anarchisten in Barcelona. 24. Rechtsanwalt Dr. Friedman» von der Unterschlagung freigesprochen. 25. Großes feierliches Konsistorium beim Papste in Rom; 16 neue Bischöfe. 25. Berufung der kretensifchen National-Versammlung durch die Pforte; diplomatische Vorstellungen der europäischen Mächte bei der Türkei. 27. Angebliches Attentat auf den neuen Schah von Persien Musaffer-Eddin, der unverletzt bleibt. 27. Deutscher Reichstag: Zweite Lesung des bürgerlichen Gesetzbuches beendet. 28. Entlassung des Ministers von Berlepsch und Unter- staatssekretär Brefeld zum preußischen Handelsminister ernannt. 30. F. Schröder, Beamter der deutsch-ostasrikanischen Plantagengesellschaft, wegen zahlreicher Schandthaten aus Befehl des deutschen Gerichtes in Buschiri verhaftet. Recensionen nnd Notizen. Oivus Iboinas oommentsriuw in8srvisns ^.esäsmiw st I-^oaeis Lellolastieaw «ootautibus. H Unter obigem Titel erscheint in Piacenza, Italien, eine Zeitschrist, welche jetzt schon im 17. Jahre, ganz in Uebereinstimmung mit dem berühmten Päpstlichen Rundschreiben „^stsrul Uatris" vom 4. August 1879, mit allem Eifer die echte Lehre des hl. Thomas von Aquin zu verbreiten sucht. Alle 2 Monate erscheinen 2 Fascikel mit je 16 Seiten in Groß-Quart; 36 Fascikel bilden einen Band (3 Jahrgänge), welchem ein nach den einzelnen Materien geordnetes fortlaufendes Jnhalts-Verzeichniß. sowie ein genaues alphabetisches Sachregister beigegeben ist. Der jährliche Abonnementsprcis beträgt nur 4 Mark. Der Inhalt ist ein reichhaltiger und umfaßt: Oowwsn- taria, Opuseula, Ui88srtatic>ns8, UiblioKrapbias, Varia (Nekrologe, Zeitschriften u. dgl.), 8ebc>1as st -reaäsmias Tbowistloas. Unter den Ooinmsritaria sind besonders be- merkcnswerth der von Cardinal Rotelli äs Inoarnations (8. lAso!. 3. 9.1—26); der tlz-stsriis Öbristi (3. 9.27—59), äs Intsllibsrs 11 si (8. Uliil. v. Osnt. I, cpp. 44 sgg.); der zum Päpstlichen Rundschreiben: Os Lt.uäiis 8aeras Lcrip- turas. Von den Opnsoula heben wir hervor: das äs Uso Duo; äs ^ntüsntia LvanKslioram; äs bnwana persouali- tats; unter den Ui88srtatiou68: äs naturis inäiviänalibu8 guoaä - positum, sogns ro1ißsio8in8 tsnsts, gnoä nv8ti8 oniu Or- äiais vs8tri oon8titutiouibu8 äscrsti8gus oinnino von- rxrnsrs. Lx tbs8auro opsrum Lquinatis, in oinns8 rsrain parts8 pras8tanti88imo, 8tuäste iutsKrain äoetrinam sx- promsrs, msntsin sju8 vsram, Isgitiins sxeutisuäo äi- luciäsqus sxplieanäo, grolsrrs, apta inäs 8UKAsrits aä- juwsuta aä vovas serornin opinionss rslntanäa8 omnia- gus aä inorswsllta äi8oiplinaruw, st, gnoä capnt 68t, aä rsü^ionis prassiäla, in tain aeri sx bostibus oonüivtiono, xruäsnts8 oonvsrtits." Eine den Wünschen des Papstes, gemäß dessen eigenen Worten im erwähnten Handschreiben, ganz entsprechende philosophisch-theologische Zeitschrift verdient sicherlich weiteste Verbreitung. Mit dem 17. Jahrgange hat der 6. Band begonnen. Am leichtesten abonmrt man mittelst internationaler Postanweisung an folgende Adresse: lllla Oirsrions äsl Usrioäioo — Üivu8 chhvrnLS, UiaosnLS (Italia). „Die katholische Wahrheit" oder „Die theologische Summa des heil. Thomas von Aquin ; deutsch wiedergegeben von vr Ccslaus M. Schneider. Lex.-8. 12 Bände. M. 60.-. Hlbfrzbde. M. 82.-; auch bandweise zu beziehen. Bei Gelegenheit der bedeutenden Preisermäßigung machen wir auf das noch viel zu wenig beachtete Wer! aufmerksam. Der Titel bereits drückt die demselben zu Grunde liegende Absicht aus. Die katholische, d. h. allumfassende, Wahrheit soll vorgelegt werden; wie nämlich die Principien des hl. Thomas geeignet sind, alle Wissenszweige befruchtend zu durchdrängen und zu einem für die Samenkörner der geoffenbarten Wahrheit empfänglichen Boden zu machen; wie zudem diese Principien zu allen Zeiten heilbringend für das menschliche Wissen gewesen sind. sowohl ber den großen heidnischen Philosophen, wie bei den christlichen Vätern. Die Uebersetzung will zunächst das Verständniß der „Summa" erleichtern. Darum ist alles gelehrte Beiwerk weggelassen. Der Text des Aquinaten ist im einfachsten, verständlichsten Deutsch wiedergegeben, insbesondere auch die tsrmini tsl-Iwiei. Kein Wort deS Textes ist Übergängen; kein Bild und Gleichniß ausgelassen: sogar der Bericht über die Meinungen der alten Natur-Philosophen ist mit aufgenommen. Man lernt eben die Größe des Engels der Schule erst kennen, wenn man sein System als ein zusammenhängendes Ganzes nimmt: ist doch, wie er selber sagt, seine Summa eben nur eine euwms,, d. h. eine kurze Zusammenfassung der Philosophie und Theologie, und darum in derselben nichts überflüssig. Weit entfernt, daß die Uebersetzung den Leser vom Urtexte abzieht, führt sie ihn vielmehr zum Urtexte zurück, weil sie dessen Verständniß eröffnet. Denn ist es einmal gelungen, dem Texte ein fruchtreiches Verständniß abzugewinnen, so wird man auch um so eifriger diesen lateinischen Text lesen und die darin verborgenen Schätze heben. Von Untersuchung zu Untersuchung sind, zumal im ersten Theile, kürze Ueberleitunnen angebracht. In denselben wird gezeigt, wie der engelsgleiche Lehrer die wissenschaftliche Richtschnur einer gesunden Äscese bietet, und wie die Schriftstellen und Väter, gleichsam von selbst, sich um die Lehre des hl. Thomas schaaren, ihr von ihrem Lichte mitzutheilen. Dabei ist auch in vielen Fällen insbesondere betont, wie einzelne Ausdrücke des Textes, welche meist unbeachtet bleiben, entscheidende Wichtigkeit haben und sehr fruchtbar sind für das praktische Leben. Niemand wird es gereuen. St. Thomas in Allem zum Leitstern genommen zu haben. In ihm ist eine wahre Goldgrube für alle Theile der christlichen Lehre vorhanden; eine wahrhaft katholische, alles umfassende Lehre liegt da vor. Die Eintheilung der einzelnen Haupttheile, wie der Artikel, ist genau beibehalten. Nur in den ersten Artikeln wurde der leitende Gedanke und der vernunftgemäße Zusammenhang der Einwürfe untereinander in der llebertragung mit hervorgehoben. Dadurch soll der Leser angeleitet werden, auch in den anderen Artikeln den Zusammenhang der Gegengrüude herauszufinden. Wir sehen hier ganz deutlich, wie iin Laufe der Jahrhunderte die Irrthümer wohl ihr Kleid wechseln, nicht aber ihren Inhalt. Die Bemerkungen zwischen den einzelnen Untersuchungen weisen immer wieder darauf hin» daß der heil. Lehrer mit seiner Wissenschaft durchaus zeitgemäß ist, nnd daß Papst Leo XIII. stn höchsten Grade Recht hat, wenn er befiehlt, in den katholischen Schulen die Philosophie des hl. Thomas wieder zu Grunde zu legen. Es darf aber dann von der Lehre des Aquinaten nichts hinweggenommen, nicht der Vordersatz geleugnet und der Hintersatz behaiiptet werden; man Mich sie in ihrem Ganzen nehmen gerade so wie sie ist. Um nun in vorliegendem Werke ein volles theologisches Ganzes zu bieten und zugleich davon zu überzeugen, wie die philosophischen und theologischen Principien des hl. Thomas auch 16 für unsere Zeit nach jeder Seite hin passen, sind jene Lehrvunkte, welche die moderne Theologie eingehender oder als Theil für sich zu behandeln pflegt, in Ergänzungs- bänden auf die Principien und die Praxis des Agui- naten zurückgeführt; und zwar nach dem ersten Haupttheile die Quellen der katholischenWahrheit (looi tKeoloZiei), nach dem zweiten die unbefleckte Em- pfängniß der Gottesmutter, nach dem dritten das Verhältniß des Natürlichen zum Uebernatür- lichen; alles geschrieben in mehr populärer, zum Herzen sprechender Werfe, möglichst ohne allen gelehrten Apparat. Der Schluß- und Registerband dient zum Nachschlagen und bietet zugleich einen kurzen Abriß der Lehre des Aguinaten. Aus Liebe zu St. Thomas ist dies Werk hervorgegangen; möge es Liebe zu dieser hellleuch- tenden Verstandessonne verbreiten! Ohne Zweifel wendet sich dann diese Liebe zum Urheber der großen Gnadenaben, welche der Engel der Schule besessen, zu Gott ein Dreieinen. vortrefflich redigirte Zeitschrift Immergrün hat meinen vollen Beifall." Der Dichter Franz Eichert schreibt im „Volksblatt für Stadt und Land": „Diese Zeitschrift zeichnet sich durch große Billigkeit aus. Man glaube aber nicht, daß diesem billigen Preise auch ein magerer und minderwertiger Inhalt entspreche. Ganz im Gegentheil! Wir finden neben hübschem Äilderschmuck eine Reichhaltigkeit des Lesestoffes, die fast für jeden Geschmack, für jedes Alter etwas Passendes bringt. Dadurch rechtfertigt .Immergrün' seinen Ruf als ausgezeichnete und billige christliche Familienzeitschrift und wir schließen uns gerne den Empfehlungen an, mit welchen die christliche Presse die bisherigen Jahrgänge dieses verdienstvollen Unternehmens begleitete." Vaterland vom 22. Dezember 1893: „Das im christlichen Geiste geschriebene .Immergrün' steht, ivas den Inhalt und den billigen Preis betrifft, vielleicht einzig in Oesterreich da und berechtigt zu den besten Hoffnungen." „Der Liberalismus." Von U. Georg Freund 0. 88. R. Wien, Heinrich Kirsch. 10 kr. — 20 Pf., per Post 12 kr. — 25 Pf. Zu den vielfachen von unserem bekannten Kanzelredner Sr. Hochw. U. Rector Freund herausgegebenen herrlichen Schriften ist wieder ein neues Büchlein, betitelt „Der Liberalismus", hinzugekommen. In gewohnter treffender Weise schildert der Verfasser den Liberalismus als den Feind Gottes, der Religion, der Heiligkeit der Ehe, der Eltern, der Kinder, als auch des arbeitenden Volkes. — Von den schönen Gedanken, welche wie Perle an Perle sich reihen, sei es gestattet, einen, die brennendsten Zeitfragen berührend, herauszugreifen. Der Liberalismus, ein Feind des arbeitenden Volkes. Ihm ist der Arbeiter kein Ebenbild Gottes, nicht ein Mitbruder, der denselben Schöpfer und Erlöser und dasselbe Endziel hat wie Jener, der nicht nöthig hat, ini Schweiße seines Angesichtes das Brod zu verdienen. Er sagt dann genau dasselbe, was ein sehr bekannter Grieche des Alterthums sagte: „Der Handarbeiter verdient nicht den Namen eines Bürgers, es ist kein Unterschied zwischen ihm und einem Sklaven, er hat keinen Adel der Gesinnung. Der Arbeiter ist nur Kraft; wird als Kraft erworben, gebraucht, verbraucht weggeworfen. Die Arbeiter find nur Wesen geringerer Kategorie, dazu auserwählt, die glücklichen Schemeldienste für die hocherhabenen Capitalisten zu verrichten. Zur Zeit, wo der Liberalismus im Rausche des Glückes seine wilden Orgien feierte und Niemand ihn darin störte, weil die Regierungen liberal waren, die Volksvertretung und Alles, ia Alles, was Etwas sein wollte, liberal war, und wo das Volk künstlich gegen seine wahren Freunde gehetzt wurde, zu dieser Zeit war die Ausbeutung und Knechtung des Arbeiters unbegrenzt: längste Arbeitszeit, geringster Arbeitslohn, Frauenconcurrenz, Kinderarbeit, willkürliche Entlassung. Im Unglücke und im Alter hinausgeworfen auf die offene Straße. Kein Ruhe- und Feiertag. Wenn in neuer und neuester Zeit durch die Gesetzgebungen die Ausbeutungswillkür des liberalen Ca- pitalismus etwas eingeschränkt wurde und das Loos der Arbeiter etwas menschlicher sich gestaltete, so kommt das nur daher, weil mittlerweile der Liberalismus seine Omni- votenz verloren und wirkliche volksfreundliche Factoren seine Tyrannei gebrochen haben. — Unsere Leser werden mit Freude dieses neue kleine Werk begrüßen. Möge es, aus Liebe zum Volke geschrieben, die größte Verbreitung finden! Die Kunst gut zu leben! Vom hl. Bernardus. Für den allgemeinen Gebrauch bearbeitet und mit einem vollständigen Gebetbuche versehen von Bernard Schmitz, Landdechant und Pfarrer zu Glandorf. Preis geb. in Calico 1 M. „Wie man sich nicht mit Mehl beschäftigen kann," sagte die hl. Theresia, ,,ohne bestäubt zu werden, so kann man sich auch nicht mit dem Leiden Christi beschäftigen, ohne einigen Nutzen daraus zu ziehen. — Dieses Wort findet auch eine passende Anwendung auf die Beschäftigung mit den Werken der hl. Väter. In ganz besonderer Weise glauben wir dieses von der vorstehenden Schrift des hl. Bernardus, des Honigfließenden Lehrers, sagen zu können, einer Schrift, in welcher wir von einem Kirchenlehrer und einem der größten Heiligen aller Zeiten in seiner ganz unnachahmlichen, herzlichen und zugleich eindringlichen Schreibweise über alle Tilgenden unterrichtet werden, welche zum guten, christlichen Leben nothwendig find. Zu einer geistlichen Lesung ist vorstehende Schrift besonders geeignet: ja, es kann dieses Büchlein der hochgeschätzten Philothea des hl. Franz von Sales auch in Beziehung auf das praktische Leben ebenbürtig an die Seite gestellt werden. Historisch-politische Blätter. Jahrgang 1897. 119. Band. Erstes Heft. Inhalt: Wieder Neujahr im Orient. — Die Rettung der Familie durch Christus. Eine culturhistorische Weih- nachtsbetrachtung. — Der Einfluß der Geschichte auf den Volkscharakter. — Der Klosterwald. — Karl Graf von Montalembert in seiner Jugendzeit (1810—1836). — Ein neuer Lebensführer für Gebildete. * Von Janssen's Geschichte des deutschen Volkes (Verlag von Herder, Freiburg) ist zu Ende des abgelaufenen Jahres der IV. Band bereits in 15. und 16. verbesserter Auflage ausgegeben worden. Derselbe ist von Professor Dr. Pastor, dem Fortsetzer des monumentalen Werkes, durchgesehen und verbessert worden; er umfaßt die politisch-kirchliche Revolution seit dem sogen. Augs- burger Religionsfrieden vom Jahre 1555 bis zur Ver- künoung der Concordienformel im Jahre 1580 und ihre Bekämpfung währmd dieser Zeit. , Die Zeitschrift „Immergrün" bringt jährlich 576 Seiten Text und ca. 80 Bilder in 12 schön ausgestatteten Heften ä 48 Seiten (mit zweifärbigem Umschlag), Verlag von A. Opitz in Warnsdorf (Nordböhmen) und Wien (Vm., Strozzigasse 41). Preis per Jahr nur 2 M. 80 Pf. —, Welcher Beliebtheit diese im 8. Jahrgange stehende, .—-.^ ^ besten Anzeiger: heimische Familienzeitschrift sich erfreut, durften am besten nachfolgende Urtheile beleuchten: Literarischer Anzeiger: „Die Auswahl der Themata ist sehr sorgfältig, die Erzählungen sind interessant, sittlich rein und Herz und Gemüth veredelnd." Westung. Volksblatt: „Immergrün ist sehr interessant und nett." Der bestbekannte Schriftsteller I Hr. Fr. Franziszi (Dechant in Grafendorf) schreibt: „Die ' * Von dem „Sendschreiben eines katholischen an einen orthodoxen Theologen", Augsburg 1895, chtet an Herrn Alexios von Maltzew, Propst an Kirche der kaiserlich russischen Botschaft in """ gerichtet „ „ . der Kirche der kaiserlich russischen Botschaft in Berlin, ist eine französische Uebersetzung erschienen mit dem. Titel: ll. L. Röbw, Obanovins äs ksssau, 1,'LZIisö ortboäoxs Krüoo-rs8ss. Oontroverss ä'un tbvo- loZisn oatboligus romain svso uu tk6olo§isu ortboäoxs sobismotignö; trsäuit ps.r L. Ll. Ommsr. karis st Lrn- xsllss 1897. Das erwähnte Sendschreiben hat eine lesens- werthe Erwiderung gefunden in der Schrift: „Antwort auf das Sendschreiben eines katholischen rk." von A. v. Maltzew, Berlin 1896. Verantw. Redacteur r Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas -. 3. Wagt zur AngskuM Fößzmiiiig. Ein sociales Wirken in der Stille der Familie. Monsignor Joseph Weis, der Gründer und Vater der Marien-Anstalt in München und Warenberg. (Schluß.) tl. 8. I. Weis war ein hervorragendes Mitglied des St. Vkncentius-Vercins und namentlich den armen weiblichen Dienstboten, deren Loos oft in späteren Jahren der Arbeits-Unfähigkeit ein recht trauriges war, galt seine Fürsorge. Er faßte den Entschluß, eine Anstalt für arme Dienstboten zu gründen und gewann für diesen seinen Plan eine wirklich geeignete Kraft, welche die Leitung des Hauswesens übernahm und als Seniorin — so hieß man sie — in die Anstalt eintrat. Es war die Erzieherin in der Familie des Freiherr» von Pfetten, Fräulein Marie Lindemann. Eine Wohnung in der Karlsstraße — allerdings in der vierten Etage — wurde gemiethet und am 12. Oktober 1856 die Marien-Anstalt eröffnet. Vier ausgediente Dienstboten wurden unentgeltlich zur Verpflegung und zwei junge Mädchen zur Heranbildung zu Dienstmädchen, nebst drei stellenbedürftigen Dienstmädchen — also die drei Kategorien der heutigen Anstalt wurden aufgenommen. Schon im ersten Jahre war die Wohnung zu klein geworden. Es fand eine Uebersiedeluug in ein Haus an der Hundskugcl statt. Leider war es dem trefflichen Fräulein Lindemann nur zwei Jahre gegönnt, Leiterin der jungen Anstalt zu sein. Sie starb 1859, zu früh für die Anstalt, welche erst nach einem langen, vergeblichen Suchen eine taugliche, der früheren Seniorin ebenbürtige Hauswirthin erhielt. Der Versuch, die Barmherzigen Schwestern zur Leitung zu gewinnen, war nicht ausführbar. Herr Präses Weis mußte den ganzen Werth, die ganze Vielseitigkeit einer leitenden Kraft kennen lernen, eben auf dem Wege des Suchcus und des Mißlingend. Der Bitterkeiten waren es nicht wenige; der Gründer der Anstalt mußte eine harte Geduldprobe durchmachen. — Doch gerade hier war seine Stärke. Bange machen gilt nicht, sagte er. Da endlich fand sein scharfes Auge in der erst im Jahre 1864 eingetretenen jugendlichen Schwester Sophie die Kraft, die jetzt seit mehr als dreißig Jahren die Leitung der fort und fort wachsenden Anstalt übernehmen mußte, trotz ihres Widerstrebens. Eines setzte die neue vierundzwanzigjährige „Seniorin" doch durch — nämlich dies, daß ihr, wahrlich nicht der lieben weiblichen Eitelkeit wegen, der vornehme, etwas humanistisch angehauchte und für deutsche Mädchen so nicht recht verständliche Titel „Seniorin", abgesehen von der Ironie der Verhältnisse, mit dem der „Schwester" vertauscht wurde. Diesen Titel führt sie bei den Ihrigen, sagen wir ihren Untergebenen, heute noch, trotzdem dieselben ihr gegenüber die volle Superiorität der Oberin der gesammten Anstalten re- spcktircn. Nach außen wird selbstverständlich sie als solche angesehen. Der Präses hatte mit der Wahl derselben keinen Mißgriff gemacht. Die jugendliche Leiterin fand sich sehr bald in ihre wahrlich nicht beneideuswerthe Aufgabe hinein. Sie begegnete überall einer keineswegs freundlichen Mitschwester, nämlich der Armuth. Spärliche freiwillige Beiträge waren Alles, auf was gerechnet werden konnte. Auch hier waren die Armen eigentlich die reichsten Geber, wie das nicht selten anderwärts der Fall ist. Zwei Erfordernisse hatte die Oberin wohl von Hanse — als unentbehrliche Gottesgaben — für ihr Amt mitgebracht, eine zähe Geduld, welche durch die größten Widerwärtigkeiten und die täglich auf's neue wiederkehrenden Prüfungen nicht erlahmt, und eine ebenso unverrückt ih- Ziel verfolgende Ausdauer. Jetzt konnte der sel. Präses den Plan fassen und verwirklichen, geeignete jugendliche Kräfte für die Zwecke der Anstalt heranzuziehen, welche dann zu einer Genossenschaft vereinigt wurden. Aus einem größeren Kreise, einer Wallfahrerbruderschaft, wählte der kundige Mann weitere drei Schwestern, die er für die speciellen Anstaltszwecke erzog und in strenge Disciplin nahm. So begann der Grundstock der Genossenschaft allmählig zu wachsen, bis dieselbe zu einer Anzahl von fünfzig heranwuchs, von welchen fünf bereits verstorben sind. Im Jahre 1859 erhielt die Anstalt ein Legat von 30,000 Gulden. Damit wurde das kleine Häuschen nebst Garten an der Briennerstraße Nr. 28 erworben/ welches 16,000 Gulden kostete. Sofort wurde auf diesem Grunde mit dem Neubau eines für die dreifachen Zwecke geeigneten Hauses: a) Versorgung alter Dienstboten, k) Beherbergung dienstsucheuder Mädchen, c) Erziehung junger Mädchen zu Dienstboten, begonnen. Der durchweg praktische Neubau konnte schon am 12. Oktober 1860 bezogen werden. ^ Natürlich war das geräumige Haus leer. Jetzt begann innerhalb der Genossenschaft die Kraft zu wirken, welche die beste und siegreichste Ueberwinderin der Armuth ist, nämlich die organisirte Arbeit. Durch diese Organisation der weiblichen Arbeitskräfte, dadurch, daß der Präses die geeigneten leitenden Personen fand und an die rechte Stelle in den Arbeitsstätten, in Haus und Küche, in dem Garten, in der Leitung der Ockonomie u. s. w., stellte, dadurch überwand er die zahllosen im Wege stehenden Hindernisse. ^ Durch richtig organisirte Arbeit und Arbeitstheilung sollte all das erworben, verdient, erspart werden, was die zehrenden Kräfte, die alten Dienstboten und die zur Erziehung in der Anstalt befindlichen Kinder, täglich kosteten. Das, was in den alten Klöstern als die Maxime des ganzen Ordens galt: Gebet und Arbeit, das war für den sel. Präses das Lebenselement seiner Familie. Als der sel. Weis einmal zur Bestätigung seiner Stiftung bei dem damaligen Cultusminister von Lutz sich vorstellen mußte, versuchte derselbe den Präses etwas in die Enge zu bringen, indem er ihm barsch erwiderte: „Nun, da werden Sie halt wieder betteln müssen!" Darauf gab der keineswegs aus der Fassung gebrachte Präses die Antwort: „Excellenz, wir arbeiten, und betteln nicht." „Wir arbeiten!" das war sein Motto. In der Arbeit unterrichtete er seine Schwestern und seine Kinder. Zur treuen Pflichterfüllung, zu Fleiß, Ausdauer spornte er sie täglich an. Für die Arbeit sollten die Kinder der Anstalt erzogen werden. Sie sollten sich — was so nothwendig und namentlich bei dem Weibe unentbehrlich ist — in der frühen Jugend an die Pflicht der Arbeit und der Entsagung gewöhnetk. Nicht aber an jene sklavische Arbeit, welche uns so häufig aus den mürrischen erbitterten Gesichtern, den gelben ab- 18 geleLten Zügen selbst jugendlicher Arbeiter unserer Fabriken in den Städten entgegentritt, die als Fluch, und nur um den Hunger vom Leibe zu halten, geübt oder besser ertragen wird: nicht diese Arbeit aus Verzweiflung, nein, die freie Arbeit um Gotteswillcn, welche, selbst wenn sie Schweiß kostet und Entsagung fordert, freudig und friedlich geleistet wird und darum die Kräfte nicht verbraucht und den Körper nicht zerstört: die vernünftige und den Kräften angepaßte Arbeit forderte er, von dem Grundsätze ausgehend, daß die Gaben verschiedene sind und nicht Jeglicher für Jegliches geeignet ist. Daher ist dieser Arbeit um Gotteswillen die Gabe der Geduld und Freudigkeit beigemessen. Deßhalb unterscheiden sich diese Arbeiter von den anderen durch die Heiterkeit des Gemüthes, den freudigen ruhigen Blick, durch rothe Wangen und gesunde Glieder. Mit welchem stillen Vergnügen sah der Verstorbene an den Sommer-Abenden den Spielen der Kinder und Schwestern im Garten zu! Da und dort griff er selbst ein, ordnend, das Ganze des Spieles fördernd. Und wenn die Kinder sangen, sang er mit und gab den Grundton an. Trotzdem die Anstalt ein eigenes Heim hatte, gab es noch harte Arbeit und harte Kämpfe, den gesteigerten Ansprüchen zu genügen, die Schulden allmählig abzutragen. Und doch bald war das so trefflich gebaute Haus wieder viel zu klein. Der Präses sah sich genöthigt, das Nachbarhaus der Anstalt in der Dachauerstraße zu Erwerben, das Austaltsgebäude um einen Flügel zu verlängern und über das Ganze einen dritten Stock zu bauen. Um den gegenwärtigen Raum für 70 Zöglinge, 70 dienstthuende Mädchen und 54 alte Personen zu bekommen, mußte die Bausumme von 170,000 Mark ausgegeben werden. Und auch dieses stattliche Haus ist gegenwärtig den täglich sich steigernden Bedürfnissen, namentlich den vielen dienstsnchenden Mädchen gegenüber, für welche kein Platz mehr ist und die mit schwerem Herzen abgewiesen werden müssen, — also gegenüber großstädtischen Verhältnissen — zu klein. Ebenso ist die Filiale Warnbcrg, welche 1886 um 170,000 M. erworben und fast neu gebaut wurde, zu klein. Es ist dort bereits eine Ziegelei errichtet, um demnächst die Oekonomie- und dann die Wohngebäude zu erweitern. Die prächtige Hauskapelle in der Münchner Anstalt wurde 1884 den 15. November von dem sel. Erzbischof von Steichele eingeweiht, ebenso wie in Warnberg selbst das äußerst zierliche Hauskapellcheu, welches, wenn auch vernachlässigt, so doch intakt von den ik?. Jesuiten in trefflicher Stuck-Arbeit herrührt. In Warnberg ist seit 1888 eine Haushaltungsschule von etwa 50 Zöglingen eingerichtet, in welcher der sel. Weis bis zu seinem Hingang der leitende Genius war, Unterricht nicht bloß in der Religion, sondern in der Haushaltung ertheilte. Für diese Anstalt wurde von dem Seligen als Gehilfe der seit einer Reihe von Jahren für dieselbe thätige und befreundete Pfarrer Wunibald Britzl- mayr, der jetzige Präses, gewonnen. Nach langen vorbereitenden Arbeiten und der Beseitigung mancher Hindernisse gelang es dem Dahingegangenen die Sanktion der Statuten der Anstalt von Seiten der geistlichen und weltlichen Behörden zu er- Ltzlgen. Alles dessen, was er bis jetzt auf eigene Gefahr erworben, erarbeitet und erspart hatte, wollte er ledig werden, ihm persönlich sollte nichts mehr eigen sein — obwohl er all sein Mühen und Arbeiten, seine bart ersparten Pfennige der Anstalt geopfert hatte. Deßhalb errichtete er unter Aufsicht des Staates eine Stiftung. Für diese erbat er die landesherrliche Bestätigung. In dem Kriegsjahre 1870 nahm er verwundet* Soldaten in sein Haus auf und entsendete einig* Schwestern zur Pflege der Verwundeten nach Frankreich. Er wurde in Folge dessen mit dem Verdienstkreuze ausgezeichnet. Im Jahre 1878 wurde er zum kgl. geistl. Rathe ernannt und 1894 zum Geheimkämmerer Sr. Heiligkeit Papst Leo's Xlll. Am 15. Juli 1893 feierte er das Freudenfest für seine Anstalt, seine Schwestern, Kinder, Dienstboten, Freunde und die weitesten Kreise, nämlich das fünfzigjährige Priesterjubiläum. Zwei Jahre später, am 13. November 1895, nahm ihn der Herr zu sich. Während des Sommers 1895 begannen seine Kräfte sichtlich abzunehmen. Ein lästiger Husten wollte nicht mehr weichen. Die sonst so rüstige aufrechte Haltung machte der des Greisenalters Platz. Die Stimme war matter geworden. Die Schwestern und Freunde baten ihn, sich zurückzuziehen, sich zu schonen. Doch dafür fehlte dem Dahingegangenen jegliches Verständniß. Mitten in den Sorgen und Arbeiten für die Anstalt wurde er am 6. November von einem schweren Anfall überrascht. Es war noch Hoffnung, sein Leben für einige Zeit zu fristen. Am 13. November hauchte er die edle Seele aus. Wenige Tage zuvor, etwa Ende Oktober, überraschte Schreiber dieses den Seligen mitten in dem zahlreichen Geflügel des Hühnerhofes stehend, das ihn umringte, das er mit den Brosamen von seinem Mittagstische mit eigener Hand fütterte. Die zutraulichen Thiere nahmen ihm das Futter aus der Hand, eine schwarze Henne ließ sich's nicht nehmen, stets empor zu ihm zu flattern, um ja die erste zu sein. Erst nachdem ich, ohne bemerkt zu werden, bis auf zwei Schritt vor ihm stand und mit Geduld und Genuß an dem Spiele mich ergötzt hatte — grüßte ich den vielbeschäftigten ehrwürdigen Greis, der mit freundlichem Lächeln die Frage an mich stellte, ob er jetzt schließen müsse. In dieser Situation ist er von befreundeter Seite, ohne daß er es ahnte, photographirt: es ist ein herziges Bild, das die volle Liebenswürdigkeit des edlen Mannes auch gegen die Thierwelt darstellt. Stets hatte er, wenn er durch die Ställe ging, ein Stückchen Brod für dieses oder jenes Thier. So sehr er den Schaden als Oekonom zu würdigen verstand, den auf den Feldern ein zahlreicher Wildstand anrichtet, so war er nicht unglücklich, wenn namentlich in Winterszeit ein Dutzend Rehe auf seinen Feldern ätzten. Seit Jahren hatte er vor seinem Fenster einen Käfig mit Kanarieuvögeln, die ganz an ihn gewöhnt waren; die Tauben flogen auf ihn zu, wenn er vor die Hansthüre kam. Was wir an dem Dahingegangenen außer seiner Menschenfreundlichkeit und Opferwilligkeit bewundert haben, das war seine hohe pädagogische Befähigung. Mag ja in ihm vielleicht etwas von Vererbung von seinem Vater, der, soviel wir wissen, ein. Schulmeisteren des Wortes ursprünglicher, bester Bedeutung war, — mag es die Folge oer jahrelangen Uebung und Selbstcrziehung gewesen sein: — die Gabe, zuerst sich selbst und vaun auch Andere zu leiten, in allen Dingen Ordnung, Zucht ( und Frieden zu schaffen, besaß er in hohem Maße. Er j besaß die Gabe des ächten Pädagogen — daß ihm die Angehörigen von verschiedenen geistigen und physischen Anlagen, von verschiedenen Bildungsgraden frei und gerne gehorchten, weil sie in ihm Gerechtigkeit und Liebe harmonisch gemischt fanden. Daher die sämmtlichen Schwestern, Kinder und Pensionäre ihm eine Liebe entgegengebracht, die stärker ist als der Tod, die über das Grab hinüberreicht. Zur Geld- und Kreditwirthschaft im 16 . Jahrhundert. Von Dr. Franz Schweyer. (Schluß.) Für Kriegszwecke wurde vom Fürsten ein besonderer Kriegsschatz angesammelt, eine Maßregel, die jedoch nur vereinzelt vorkam; der Fürst griff viel häufiger zu anderen Mitteln, wie zu einer oft schwunghaft betriebenen Münzverschlechterung, Verkauf von Aemtern oder Veräußerung bezw. Verpfändung von Krongütern. Einen eigentlichen Staatskredit in unserm Sinne gab es noch nicht; der Kredit war vorzugsweise Realkredit oder Personalkredit der Person des Fürsten. Die Vorstellung von einer uns geläufigen ewigen Dauer des Staates und ein darauf basirender öffentlicher Kredit war noch unbekannt oder jedenfalls erst im Entstehen begriffen. Die Uebernahme der Schulden eines Fürsten durch seinen Nachfolger galt keineswegs als selbstverständlich, weßhalb häufig der präsnmtive Nachfolger bereits bei Aufnahme einer Schuld die persönliche Haftung übernehmen mußte. Fand der Fürst wirklich Kredit, so mußte er meist seine Einkünfte auf Jahre hinaus verpfänden und dazu meist hohe Zinsen entrichten. Eine andere Art der Geldbeschaffung fanden die Fürsten im Laufe der Zeit in der Zwang sän leihe. Dieses Mittel wurde hauptsächlich solchen Unterthanen gegenüber angewendet, welche auf den besondern Schutz des Fürsten angewiesen waren, besonders den Juden. Allein thatsächlich waren diese sogenannten Anlchen meist eine Art Steuer. Die Fürsten anticipirten Abgaben in der Art, daß sie wohlhabende Unterthanen Zwangen, ihnen gegen Ucberlassuug künftiger Abgaben, die willkürlich geschätzt wurden, den Betrag der letzteren vorzuschießen, ohne jedoch eine spezielle Anweisung auf diese zu ertheilen. Anders wurden die freiwilligen Anlchen seitens der Fürsten behandelt. Für diese wurden meist hohe Zinsen, welche die Fürsten erst recht zu Grunde richteten, ferner Sicherstellung durch Bürgschaft oder Pfand geboten. Diese Bürgschaft wurde entweder, wie bereits hervorgehoben, vom Thronfolger oder den Groß- wnrdenträgern des Fürsten, den Ständen oder angesehenen Städten geleistet. Ein gestelltes Pfand bestand in Faustpfand (Juwelen und sonstige Kostbarkeiten), regelmäßig jedoch in der Verpfändung bestimmter Einkünfte. Gerade diese Verpfändungen haben eine weitgehende Zersplitterung und Schwächung der fürstlichen Einkünfte zur Folge gehabt. Die Anleihen der Fürsten waren regelmäßig zunächst Anticipatiouen, also, modern ausgedrückt: schwebende Anleihen. Diese wirkten besonders verderblich, einestheils wegen der außerordentlich hohen Zinsen, andern- theils deßhalb, weil die Einkünfte immer wieder auf Jahre hinaus in einer Weise belastet wurden, welche deren Leistungsfähigkeit oft weit überstieg. Fundirte Anleihen im heutigen Sinne kamen damals bei den Fürsten noch nicht oder nur vereinzelt vor. Dagegen finden wir solche im 16. Jahrhundert schon ziemlich häufig bei den Städten in der Form von Nentenan leihen. Wie die Fürsten, fielen auch die Städte gegen Ende des Mittelalters immer steigender Verschuldung anheim. Diese hatte ihren Grund in den Kriegen, die auch die Städte um diese Zeit vielfach führen mußten, ferner in der Nothwendigkeit starker Befestigung, die auf die Umgestaltung der Kriegsführung durch Anwendung der Feuerwaffen zurückzuführen ist. Der Kredit der Städte war ein weit größerer, als der der Fürsten. Sie konnten ohne Mühe durch freiwillige Anleihen oder Nentenverkäufe die nöthigen Summen aufbringen. Es herrschte geradezu eine außerordentliche Neigung, das Geld bei Städten anzulegen, so zwar, daß diese ihrerseits wieder mit dem aufgenommenen Gelde Kredit gewährten und somit in gewissem Sinne Bankgeschäfte trieben. Bei den Städten hatte sich eben bereits die Anschauung von einer ewigen Dauer, die von dem Bestehen des jeweiligen Geschlechtes unabhängig ist, gebildet; die Städte genossen bereits einen öffentlichen Kredit im Gegensatz zu den Fürsten, deren Kredit vorzugsweise Personalkredit war. Dieser Umstand war von wesentlicher Bedeutung für die Ausgestaltung eines öffentlichen Kredites im modernen Sinne. Hiezu trug vor allem auch der Umstand bei, daß für die Schulden der Städte nach damaliger Nechtsanschauung nicht allein die Stadt, die Gemeinde, als juristische Person, sondern vielmehr daneben jeder einzelne Bürger mit seiner Person und seinem Vermögen solidarisch für die Gesammtheit verhaftet war. Hierin lag ein großes Sicherungsmittel für den Gläubiger, ein Umstand, der das Vertrauen in das Zahlenkönnen des Schuldners als unerläßliche Voraussetzung des Kredits in hohem Grade bestärkte. Von einer derartigen unbeschränkten Solidarhaft konnte bei den Fürsten keine Rede sein. Auch die ältesten städtischen Anleihen waren in der Regel Anticipatiouen bestimmter Einkünfte, mit der bessern Ausgestaltung des öffentlichen Kredits wurde aber die Form des Rentenverkaufs die normale Art der Verschuldung. Gerade dieser Schuldtypus, dessen Wesen in einer einmaligen Hingabe eines Kapitals besteht, wofür die Gegenleistung seitens des Schuldners eine regelmäßig wiederkehrende Leistung von ewiger Dauer bildet, wofern nicht der Schuldner es vorzieht, seine Schuld abzulösen, gerade diese Schuldform, bei welcher dem Gläubiger ein Kündiguugsrecht nicht zustand und deßhalb regelmäßig dessen Ansprüche auf eine lange Zeitdauer sich erstreckten, setzte bereits ein großes Vertrauen in eine ewige Dauer deS städtischen Gemeinwesens voraus. Am meisten entwickelt war das städtische Kreditwesen in den Städten Oberitaliens, in welchen die sogen, uaonvi eine hervorragende Rolle spielten. Das Wesen dieses Instituts ist sehr bestricken. Der Verfasser findet die Hauptwnrzel derselben im Steuerpacht- syftem und ist der Ansicht, daß in dieser Einrichtung die Keime mehrerer moderner Einrichtungen zn finden wären. Und in der That muß man zugeben, daß dieselben mit unsern Aktiengesellschaften, Syndikaten von Staatsgläubigcrn und den eigentlichen Staatsanleihen Manches gemein haben. Soviel ist gewiß, 20 dak es feste Organisationen waren, die sowohl den Städten die Befriedigung ihrer Gcldbedürfnisse als auch den Kapitalisten eine Anlage ihres Kapitals ermöglichten. Wir stehen nunmehr vor der Frage, wer in unsrer Zeit die nöthigen Kapitalien vermittelte und aufbrachte? Am frühesten war der K aufmannsstand in der Lage, größere Kapitalien zu vermitteln, da sie zu ihrem Geschäftsbetriebe meist über größere Summen verfügen mußten. Gewerbsmäßig haben sich zuerst die Juden mit dem Ausleihen von Geldkapitalien befaßt und sich dem Geldgeschäfte ganz gewidmet, nachdem sie allmählig in Oberdcutschland aus dem Waarenhandel verdrängt wurden. Mit der wettern Ausbildung des Handels, insbesondere auch mit der allmähligen Durchbrechung des kanonischen Zinsverbotes, die gerade in unsere Zeit fällt, wurden die Juden, für welche das Zinsverbot nicht galt, auch aus dieser Position mehr und mehr verdrängt. Die christlichen Kaufleute größeren Stils befaßten sich neben dem Waarenhandel mit dem Geldhandel. Sie nahmen auch Geld von Privaten auf und versahen so die Funktionen einer Bank. Zuerst kamen die Florentiner zu einer gewissen Berühmtheit, und ihre Glanzperiode im 15. Jahrhundert knüpft sich an den Namen der Medici. Im 16. Jahrhundert kamen die Frescoboldi, Gualterotti und Strozzi zu einem Weltruf. Gleichzeitig kamen die Genuesen empor; gegen Mitte des 16. Jahrhunderts in Deutschland insbesondere die Fugger, die Weiseru. a. Wir haben bereis oben die Gelegenheit gehabt, die Bedeutung der Fngger theilweise kennen zn lernen, welche wiederholt großen Einfluß auf die Ereignisse der Geschichte hatten. Sie waren das bedeutendste Haus, die bedeutendste Geldmacht der damaligen Zeit, die über enorme Kapitalien verfügte, theilweise mit ungeheuren Gewinn st en arbeitete und einen geradezu unbeschränkten Kredit in der ganzen Christenheit genoß. Der größte Vermögensstand der Fngger fällt in das Jahr 1546 und bezifferte sich auf 4,700,000 fl. mit einem Goldwerth von etwa 40,000,000 Mark, was einen heutigen Kaufwerth vom Vierfach cn hievon repräsentirt. Die Geschäftsgewinne, mit welchen die Fngger beispielsweise arbeiteten, schwankten in der Zeit von 1511-1653 zwischen 2'/z °/g - 54'/, °/o pro Jahr, woraus allein das Unbeständige des damaligen Geldgeschäftes hervorgeht. Dabei ist das Nifico bei den Geschäften mit den damaligen Fürsten zu bedenken, das einen hohen Zinsfuß bedingte. Aus allem erklärt sich auch der rasche Aufschwung und der oft ebenso rasche Untergang oder wenigstens Rückgang der damaligen Geldgeschäfte treibenden Kaufhäuser. Diese Kaufhäuser waren meist offene Handelsgesellschaften mit einem ausgeprägten familiären Charakter, Familiengemeinschaften. Die Leitung war aber regelmäßig eine einheitliche und deßhalb umsichtige, sichere und feste. Die drei das Geschäft betreibenden Söhne des alten Jakob Fugger, unter denen Jakob II. der bedeutendste war, vereinbarten beispielsweise auch, daß das Vermögen des Mannesstammes u n« g-etheilt bleiben solle und nur die Töchter mit Heiraths- gütern abgefunden werden sollen. Dieser Grundsatz wurde auch in der Blüthezeit festgehalten und dadurch die ganze Macht fest und geschlossen erhalten. Die großen Häuser hatten damals au den gewichtigsten Platzen ihre Filialen, Faktoreien genannt, deren Leitung unter einem Faktor mit großen Befugnissen stand. Als die bedeutendsten Plätze erscheinen um diese Zeit Antwerpen, Lyon, Lissabon u. And. Gerade diese Einrichtung von Faktoreien ist zugleich ein Beweis, daß auch damals das Kapital eine internationale Bedeutung hatte, sie ist gleichzeitig aber auch das wirksamste Mittel, diese Jnternationalität zu fördern und zu begünstigen. Der Wechsel war damals bereits ein gewöhnliches Mittel für Geldtransaktionen. Anfangs suchten die Geldmächte vielfach international und neutral zu bleiben bei Abschluß von Geldgeschäften mit Fürsten. Allein im Laufe der Zeit begann eine Nationalisirung des Großkapitals, d. h. die einzelnen Geldmächte ergriffen im politischen Kampfe der Nationen und Fürsten die Partei eines Theiles und stellten sich nicht bloß vorübergehend, sondern dauernd in dessen Dienst. So sind die Fugger von jeher auf Seiten der Habsburger gestanden, haben deren Geschicke getheilt und nicht selten auch bestimmt. Geraume Zeit waren die Geldmächte so mächtig, daß sie den Fürsten gegenüber das Uebergewicht hatten und letztere deßhalb in eine gewisse Abhängigkeit Miethen. Jedoch bald wurden die großen Häuser durch einseitigen und ausschließlichen Betrieb von Geldgeschäften ihrer eigentlichen kaufmännischen Aufgabe entfremdet, sie versäumten es, auf dem Gebiete des Handels und Gewerbes ihre Thätigkeit gehörig Zu entfalten. Dadurch zeigten sich alsbald die schädlichen Wirkungen derselben. So nützlich und unerläßlich nothwendig Kapital und Kredit für die Culturentwicklnng sind, indem sie eine unerläßliche Vorbedingung derselben bilden, so werden sie doch ungcmein schädliche Wirkungen üben können, wenn deren Inhaber ihre kulturelle Aufgabe außer Acht lassen und sich lediglich von einem weitgehenden Egoismus und einer daraus hervorgehenden Spekulationswuth leiten lassen. Als Steuerpächter und Staatsgläubiger begannen sie allmählig einzelne Völker zu bedrücken, als Kreditvermittler verwickelten sie vielfach kapitalrciche Völker in gefährliche Finanzkriseu, unter denen sie vielfach selbst zu Grunde gingen. Wir finden demnach, daß an der Schwelle des Ueberganges vom Mittelalter zur Neuzeit die wirthschaft- lichen Verhältnisse nothwendig zur Entstehung großer Geldmächte führen mußten, daß denselben wichtige wirthschaftliche Aufgaben zukamen, daß sie jedoch ihre Aufgabe schließlich einseitig in Finanzgeschäften suchten, wodurch die ganze Entwickelung einen bedeutenden Rückschlag erlitt; indeß ist dabei nicht außer Acht zu lassen, daß diese schädlichen Finanzgeschäfte vielfach doch nichts anderes waren als symptomatische Erscheinungen des Rückganges einer geordneten Erwerbsthätigkeit, für den Mangel einer genügenden gesunden Anlagegelegcnheit und Erwerbsmöglichkeit in der damaligen Zeit. Damit war auch das Schicksal derjenigen, die keine so zweifelhaften Finanzoperationen vornahmen, besiegelt; auch sie Miethen, wenn auch langsamer, so doch nicht, minder gründlich, ins Verderben. Wir fassen mit dem Verfasser die wirthschaftliche Bedeutung der Geldmächte des 16. Jahrhunderts dahin zusammen, „daß sie die Todtengräber des Mittelalters und die Fackelträger der Neuzeit waren, welche sie selbst aber nicht mehr erleben sollten; sie standen gleichsam Wache an der Pforte zu diesem neuen Zeitalter". 21 Neue hochwichtige Entdeckungen auf der zweiten Palästinafahrt. Erwerbung Kapharnaums für das katholische Deutschland und des Johanniterspitals für Preußen von Professor Dr. Sepp. (Fortsetzung.) Dr. 8. L. Eine hübsche Beigabe ist I, Kapitel 55, in welchem Sepp's Interview mit dem Hohenpriester Amram der Samariter erzählt wird. Echt orientalisch ist die Zurückhaltung des Kohen, der nur etwas wärmer wird bei der Erwähnung der Anstreitung des Garizim durch die Juden und beim Namen des Ozair — Esra. Sonst erfährt man mehr aus den Worten Sepp's, als aus den Bemerkungen des Kohen. Echt orientalisch ist der Schluß des Interview, welcher sich ganz kurz arabisch in die bekannten Worte zusammenfassen läßt: Bakschisch, Chaivadsche (ein Geschenk, Herr!). Es hat mich übrigens getröstet, daß Sepp auch nicht viel mehr herausgebracht hat, als ich bei meinen Fragen an Kopten, Syrer, Karaffen rc. Uebrigens sind seitdem die Samariter in der Cultur weiter fortgeschritten. Als ich vor 2 Jahren ihre Synagoge betrat, überreichte mir ein Knabe einen gedniäten Zettel, welcher in englischer Sprache, in ein paar Bibelsprüche eingewickelt, dieselbe Bitte enthielt, die vor 20 Jahren der Kohen Amram an Sepp stellte, nämlich die Bitte um fränkisches Geld. Im Verlauf dieses Gespräches erwähnt Sepp den Spottnamen, welchen die Samariter dem Tempel der Juden gaben. Statt wiciäasolr (Heiligthum) sagten sie: inrcktMoir — Mörser. Im vorliegenden Kapitel schreibt Sepp unrichtig inalcclosoll mit Daleth statt Thaw, übersetzt aber richtig mit Mörser; I, 18 dagegen schreibt er richtig wuktssolr mit Thaw, übersetzt aber irrthiimlich mit Aussatz. Derartige Flüchtigkeiten sind noch mehrere im Buche. Der Verfasser tritt mit den Samaritern dafür ein, daß der Garizim der Berg Moriah sei, also die Stätte, wo Abraham seinen Sohn opfern wollte. Dagegen wäre nichts einzuwenden» wenn die Beweise ftringenter wären. Ueber den 2. Theil, welcher von Jerusalem und Umgebung handelt, kann ich mich kürzer fassen. Zwar enthält derselbe Sepp's Ansichten über die Topographie des alten Jerusalem, welche von den übrigen Ansichten (es existiren ca. 20) in gar manchen Punkten abweicht. Aber da gerade jetzt die Ausgrabungen des Amerikaners Bliß am Ophcl die Jerusalemfrage in ein neues Stadium bringen, so will ich lieber die Veröffentlichung der Ergebnisse dieser Ausgrabungen abwarten, als mit den unzulänglichen Mitteln, mit denen bisher die Frage mehr verwirrt als gelöst wurde, operiren. Sepp verlegt das praotorrum kilnti in die Nähe des Jaffathorcs, da, wo gegenwärtig die evangelische Christuskirche steht (II, 64). Demnach ist die via llolorcwa, unecht. Soweit Sepp sich damit beschäftigt, darzuthun, daß die Burg Antonio niemals das prnsvorium Uilutu gewesen sei, soweit halte ich seine Gründe für stichhaltig. Dagegen möchte ich nicht mit Sepv dasselbe beim Jaffathor suchen, sondern mit Zanccchia (Im iUaiWtina, ll'oAgi I, 240 n. ff.) in der Nähe des Bab es Silsile (Kcttenthor) des Haraui, in dem jetzt Mchkeme genannten Gebäude. Diese Ansicht hat die Tradition der ersten 10 Jahrhunderte für sich, wie der gelehrte Dominikaner looo citatn, ausführlich nachweist. Allerdings sind dann die ersten acht Stationen der traditionellen Via ävlvrosn an falscher Stelle, aber mit Recht bemerkt Zanecchia: in oZui vwclcr il visitars äetto stamoni L somxrs una buona, e Icr äovolö pralioa cii xiotL, altm g, lioüi rrmars allg, uronts i tatti oüo aeoompagnarono la xasowns cisl äivin Roäentoro. Aber wie konnte die wahre Richtung und Lage des Kreuzweges in Vergessenheit kommen? Darauf gibt Sepp II, 95 eine ganz befriedigende Antwort: „Die via äolorosa, hat die Krcuzschleppung des Hcraklius für sich." Der Weg also, auf welchem Heraklius das hl. Kreuz im Triumph durch die Straßen Jerusalems zur hl. Grabkirche trug, hat die Erinnerung an die echte via äoloi' 08 a, auf welcher der Heiland in bitterer Leidens- stnnde das Marterholz zum Calvarienberge schleppte, verdrängt. Sepp tritt mit aller Energie für die Echtheit des hl. Grabes ein. Es wäre doch ein ganz absonderliches psychologisches und historisches Räthsel, wenn den Christen die Kenntniß des Grabes Christi abhanden gekommen wäre. Die Funde bei dem russischen Hospiz haben auch den Gelehrten Recht gegeben, welche für die Echtheit des Kalvaria und des hl. Grabes eingetreten sind. Sepp fordert Oesterreich auf, das CLnaculum, welche» der Kaiser schon im Frieden zu Carlowitz 1699 beanspruchte, zu reclamiren. Ob die Sache so leicht geht, als sich Sepp denkt, kann ich nicht entscheiden; aber jedenfalls wäre es ein Freudentag für die ganze Christenheit, wenn im Abendmahlsaale zum ersten Male nach langer Zeit wieder die hl. Geheimnisse gefeiert würden, ljuoä taxit Oens. Ein Lieblingsthema des Pros. Sepp ist die Hypothese, daß die Omarmoschee ein Bauwerk Justiuians, also christlichen Ursprungs, die Aksamoschee dagegen ein arabisches Werk (von Abd el Malik) sei. Die Franziskaner- Tradition dagegen hält die Omarmoschee für ein arabisches und die Aksamoschee für ein christliches Baudenkmal. Die literarische Fehde über diesen Gegenstand, au welcher sich Nieß und Gildenmeister gegen Sepp ausgesprochen haben, hat gezeigt, daß die Entscheidung aus architektonischem Gebiete liegt und daß die Pilger- und Reiseberichte, sowie die historischen Zeugen, welche beide Parteien vorbrachten, allein die Frage nicht lösen können. Der verdiente Jerusalemkenner und -Forscher Vaurath Schick hat neuerdings eine Schrift über dieses Problem herausgegeben. Leider ist mir dieselbe noch nicht zu Gesicht gekommen. Jedoch aus Anzeigen dieses Buches geht hervor, daß Schick der gleichen oder doch ähnlicher Ansicht ist, wie Sepp. Letzterer erwähnt auch eines Congreffes von Architekten, Ingenieuren und Kunstverständigen, welcher mit 29 gegen 2 Stimmen ihm beipflichtete. (11. 43.) Wo dieser Congreß stattfand und wann, ist nicht erwähnt. Auch die Emmnusfrage wird auf's Neue angestellten und Emmaus mit Kolouieh idcntificirt. Die Franziskaner halten Kubcbe, 60 — 70 Stadien nordwestlich von Jerusalem, Zanecchia, Schiffers und Andere Amwns-Nikopolis, 176 oder 160 Stadien von Jerusalein, für das evangelische Emmaus. Diese drei Orte haben alle etwas für sich, und jeder hat vor dein. andern einen besonderen Vorzug, so daß die Entscheidung schwer ist. Kubebe ist von Jerusalem etwas mehr als 60 Stadien (---- 11 Kilometer — 2 Stunden 45 Minuten), vom Jaffathor gerechnet, entfernt, stimmt also mit der Vulgata Luc. 24 übcrcin; außerdem besitzt es die Rinnen einer herrlichen dreischiffigcn Basilika, für deren Errichtung an diesem Punkt man keinen Grund 22 einsieht, wenn man nicht Emmaus hier finden will. Amwas- Nikopolis hat den Namen, den hl. Hicrcmymus und Eusebins für sich, sowie eine Anzahl CodiceS, wie die meisten armenischen Handschriften, die Peschito, die 6ollä. graeLU8 LanFörwLiius, illulllonsis, Oz'prus, Linuitious, welche 160 Stadien lesen. Doch die Entfernung von 160 bis 175 Stadien — 30—32^2 Kilometer ist für die Luc. 24 erzählte Begebenheit zu groß. Kolonieh hat den Vorzug der Nähe von nur 30 Stadien — 5'/g Kilometer — 1 Stunde 20 Minuten und einen Brunnen Bet Amüs. Eine Handschrift des Josephus schreibt nach Sepp 30 Stadien, ebenso hat Nufiuus; alle sonstigen Handschriften des Josephus haben 60 Stadien. Die Stadien waren aber nicht immer gleich groß, z. B. in Aegypten — 216 Meter, anderswo — 180, 182, 185 Meter. Die Tradition nehmen natürlich alle drei Ansichten für sich in Anspruch. Die Vulgata - Lescart 60 Stadien ist wohl die ursprüngliche, da nur eine solche Entfernung mit der evangelischen Geschichte im Einklang steht; die Nummer 1 scheint von denjenigen vorgesetzt worden zu sein, welche Nikopolis dem evangelischen Emmaus gleichsetzten, in Wirklichkeit aber ist Nikopolis von Jerusalem 176 und nicht 160 Stadien entfernt. Auch glaube ich, daß, gerade um den Leser vor einer Verwechselung mit Emmcms- Nikopolis zu warnen, der Evangelist oder ein früher Glossator die Entfernung beigesetzt hat, ein Vorgang, der ganz ungewöhnlich ist; hätte Lucas die Stadt Emmaus im Auge gehabt, so wäre ein solcher Zusatz unnöthig gewesen. Ich bin leider gezwungen, zu gestehen, daß ich weder für Kolonieh noch für Amwas-Nikopolis mich entscheiden kann, auch nachdem ich Scpp's Ausführungen gelesen habe; ich neige mich vielmehr der Ansicht zu, daß Kubebe sehr viel für sich hat. Wenn es sich auch nicht sicher als das evangelische Emmaus erweisen läßt, so haben die Franziskaner mindestens ebensoviele und ebenso gewichtige Gründe für sich, als die Anhänger von Amwas und Kolonieh. Daher ist Sepp durch nichts berechtigt, II, 248, den Franziskanern folgende Zeilen zu widmen: „Die Ordensväter in der hl. Stadt brauchen gerne das Wort: No o äa, tolle, nag, solarnonto äolla trallitiono! Wohlgesprochen, wenn man traäitio im Sinne von ,Verrath' an der Wahrheit nehmen darf." Es gibt ein deutsches Sprichwort, welches einem hier unwillkürlich aus der Feder fließt: „Mein Freund, Du hast unrecht, denn Du wirst grob!" — Uebrigens hege ich die feste Ueberzeugung, daß die Väter nicht no S sondern iron Z sprechen beziehungsweise schreiben, ferner daß keiner der so sehr von oben herunter behandelten italienischen Patres jemals tr> ikiono gedruckt hätte, sondern wie jedes Wörterbuch der italienischen Sprache ausweist: tralliriono mit 2 . Die Franziskaner haben jedenfalls ebensoviel Recht, ihre eigene Ansicht zu haben, wie jeder andere, der sich mit der hl. Geographie beschäftigt. Solange sie ihre Tradition mit Gründen belegen können, solange hat man kein Recht, ihnen den schwer wiegenden Vorwurf des Verrathes an der Wahrheit zu machen. Ich halte keineswegs jede und alle Tradition der Väter vom hl. Land für wissenschaftlich haltbar; aber daran habe ich keinen Zweifel, daß alle Traditionen optimg, 6äo empfangen und überliefert werden. Quaresmius, auf den sich die Hüter der Tradition fast immer berufen, wird selbst von Sepp I, 163 der „gewissenhafteste Mann unter den Vatern des hl. Landes" genannt und mit dem Prädikat „gelehrt" geehrt. Wenn die Patres gegen die wissenschaftlichen Forschungen vielleicht zu skeptisch sind, so ist das ihnen nicht so sehr zu verargen; denn die Franziskanertradition hat gar viele Hypothesen entstehen und vergehen sehen. Z. B. nach einem Brief des Missionärs und Palästinaforschers Don Gatt in Gaza scheinen die neuen Ausgrabungen am Ophel in Jerusalem die bisher so verpönte traditionelle Ansicht vom Sion zu bestätigen. — ^ Man bekämpfe also die Tradition, wo sie unhaltbar ist, mit wissenschaftlichen Waffen, aber werde nicht gleich nervös, wenn der Gegner auf seiner Meinung besteht, weil er gnte Gründe dafür zu haben glaubt. Die Franziskaner haben für das hl. Land mehr gethan, als alle europäischen Palüstinaforscher mit einander, sie haben oft ihr Leben eingesetzt, ihr Blut vergossen, um die heiligen Stätten zu vertheidigen; daher ist es undankbar und ungerecht, sie jetzt als guautitö noZIiZonbis zu behandeln. Damit will ich die Besprechung der geographischen Ausführungen Sepp's beschließen. Zu meinem Bedauern mußte ich fast immer erklären, daß mich die vorgebrachten Beweise nicht oder nicht ganz überzeugen konnten. Sepp's Methode krankt vor allem daran, daß er die Einwürfe seiner Gegner zu wenig ernst nimmt. Würde er sich der Mühe unterzogen haben, die Gründe der Gegner > eingehend zu prüfen und zu widerlegen, dann hätte er erkennen müssen, daß es auch seinen Gegnern mit dem Streben nach Wahrheit Ernst ist, und daß auch sie Gründe haben für ihre Meinung, und gar manches bittere und verbitternde Wort wäre ungeschrieben geblieben, und manche Hypothese wäre nicht aufgestellt worden. (Schluß folgt.) Die Ode Papst Leo's XIII. an Frankreich. ch Wie in Nr. 13 der Postzeltung („Aus der kathol. Welt. — Frankreich) bereits gemeldet wurde, bringen die französischen Blätter die Uebersetzung der von Leo XIII. zum 1400jährigen Chlodwig-Jubiläum gedichteten Ode. Das Poöm berührt mehrere große Ereignisse in Frankreichs Geschichte, z. B. Chlodwigs Bekehrung, die Pipinische Schenkung, die Krenzzüge, Jeanne d'Arc, die Reformation u. a. Der hl. Vater sandte die Ode an den Cardinal von Reims, welcher sie am heil. Christtage in seiner Kathedrale den Gläubigen verlas. > Soeben veröffentlicht das neueste Heft der Oivlltä eattolioa vom 16. Januar den Originaltext. Die Ueber- schrift lautet in Nachahmung der bekannten Stelle im Prologe zur 1 -ox Laliea: „Vivat Odristus gui äi- liAitk'rg.noos! Ob moworiain auspieatissiwi ovontus guum I'ranoornw natio praosnnto Oloäovoo ro^o ss Obristo acläixit, oäo." Was die historischen Anspielungen des Gedichtes betrifft, so kann man vom geschichtswissen- schaftlichen Standpunkte aus bisweilen anderer Meinung sein. Die Befürchtung, daß eine chauvinistische Ausnutzung der Ode durch unsere Nachbarn erfolgen wird, dürfte auch nicht unberechtigt erscheinen. Dazu verleitet schon das Wortspiel mit „^ranoi" rc. rc., obwohl der Papst z. B. in der 2. Strophe nicht ohne Absicht und angesichts seiner versatilen Sprachkunst gewiß nicht aus metrischem Zwang das Wort „loutonum" gewählt hat statt des näher liegenden, aber gerade sür Franzosen zweideutigen und darum leicht mißbräuchlichen ,,^Iaman- norum"! Das wirklich klassische Sprachgefühl und das jugendliche Gcistesfeuer des 87jährigen Papstes kann man ^ nur anstaunen. Es folgt hier der Text der Ode: „Oontinm oustos Osus est. Rspsnts Ltornit üwiZuss bumilssgus prowit: Llxitus roriim tonst atguo nutu lomporat asguo. Doutoniim pro 88 U 8 Olollovous arrnis, Ot 8U08 viciit tropicioo porioli, 23 I'srtur das voess iterssse, sä sstrs Rnmivs tenäens: . Oivs, gusm supplex sssxs mes eoniux l^unenpst ckssnm, mibi clsxtsr säsis; 81 iuvss xromxtus vslläusgne, totum Lle tibl äsäsm. » lilleo exeussns xsvor: seriores Dxeitai: virtus snimos; resur^it I'rsneus in xnKvsm; rait, et ernentos Oisiieit dostes. » Victor 1, voti Oloäovss eompos, 8ud inZo Obristi esxnt obllAstum Rone; ts Remis manet inkulsts Rronts ssesräos. Imäor? Da siZnis xositis sä srsm Ipse rex sacris rsnovstur unäis, Lt oodors omnis popnlnsgns äio llin^itnr smvs. » Roms ter kelix, caput o renstss Ltirpis bnmsnss, tns xsnäs rsKvs: Hsmgns vietriees tidi sxonts Isnros I'ran ei» äekert. I^s eolst mstt'em; tu» msior esse Oestist ustn: xotiors vits Liesest, se summa beneüäs Retro Llsrs keretur. II t midi lonßgim lidet intueri ^§msn deroum! Oomitor keroeis L'Äxet Xstolü, plus ille säen luris smstor, Remgue Romsnsm populsntis uttor Bis Per adruxtss metuenäus »Ipes Irrait, summogue Rstro volsntss >sserit indes. diaetus sämiror Lolxmis positss Vinäiees 8sneti lumuli pbalsnASs: Ns Rslsestims renovsts esmpis Rroslis tsnAUllt.') O novum robur eeledris xnellss Osstrs perrumpens iuimies! lurxem 6sUise elsäem repullt äosnns dlomine tret». 0 guot illustres snimss vsksuäs Lloustrs Lalvini äomuere, §sntem Rade tsm äirs xrodidere tortss 8eeptrsgus reZni! tzuo ksror! lemxus rsäit suspiestum llrises gno virtus suimis eslesest. Leee Remeusis^) eiet atgus säurZst Ooräs triumxbns. Eslliess xentss, iudsris vetusti die ciuiä odseuret rsäios, esvets: bleve suiknuäst malesusäus error LIsutidus umdrss. Vos reKst Odiistus, sidi guos reviuxit: Obsegui seetis xuässt probrosis; Oeeiäst livor, soeissgue in uunm Lo^ite vires. 8seels dis septsm eslor setuosss Rerstitit vitse, remrens perire: ') Anspielung auf die orientalischen Wirren unserer Tage. i -) Anspielung auf die neuerliche Konferenz in Reims. ! Lurrits sä Veslsm'): novus sestusdit Reetors kervor. Oissitis üoret msxis usgus terris Esllieum uomen: poprllis vel ipsis L.äsit eois, üäeigus sauetse Vots sveuuäet. I^ll Läs Ldristi prius: dse säempts Illl äiu kelix. 8tstit uuäs priseae 8umms laus Aeuti, msuet iuäs iuxis Öloria Osllos. d,eo xm. Chronik des Jahres 1896. (Nachdruck »erbotn,.) Juli. S. Wahlen in Belgien. Resultat: Kolossales Anwachsen der Socialdemokratie, vollständiges Ende der Liberalen; Stichwahl zwischen Katholiken und Socialisten. 10. Ministerkrise in Italien; Rudini mit Neubildung des Cabinets wieder betraut. 11. Fünfundzwanzigjähriges Jubiläum des Klangs von Sachsen als Generalfeldmarschall. 14. Reconstruirtes italienisches Ministerium Rudini; Pelloux Krieg, der Herzog von Sermoneta (Aeutzeres) nicht mehr Minister. 16. Die Drusen werden von Tahir Pascha bei Taleh entscheidend geschlagen. 20. Visconti Venosta zum italienischen Minister des Aeußern ernannt. 20. Zahlreiche Christenermordungen durch Muhamedaner auf Creta. 22. Die Pforte rüst in Folge der Vorstellungen den Botschafter Abdullah Pascha von Creta ab. 23. Demonstrationen in Lille gelegentlich der Anwesenheit der deutschen Socialisten. 23. Das deutsche Kanonenboot „Iltis" während eines Taifuns in den asiatischen Gewässern untergegangen; Capitain Braun, alle Officiere und die Mannschaften, bis auf 10 Gerettete, untergegangen. 28. Sämmtliche Angeklagte im Prozeß Jameson verur- theilt; Jameson 15 Monate Gefängniß. 28. Internationaler Socialisten-Congreß in London. 29. Straßcntumulte in Zürich gegen italienische Arbeiter. 30. F. Schröder wird vom kaiserlichen Gericht in Tanga zu 15 Jahren Zuchthaus vernrtheilt. Äugn st. 1. Eine Fluthwelle überschwemmt die Provinz Kiangu (China) und richtet großen Schaden an. 2. Fünftes deutsches Sängcrbundesfest in Stuttgart. 4. Der erste Zug der transsibirischen Eisenbahn in Tomsk eingetroffen. 7. Dritter internationaler Congreß für Psychologie in München. 15. Entlassung des Kriegsministers Brousart von Schellen- dorff bewilligt: Nachfolger Geuerallieutcnautv.Goßler. 17. Fridtjof Nansen kommt in Hammerfest an; große Ehrungen. 20. Nansens Schiff „Fram" in Skjervö angekommen. 22. Entdeckung einer Verschwörung auf den spanischen Philippinen. 23. Erklärung im Staats- und Reichsanzeiger, betr. den Willen des Kaisers, einen Gesetzentwurf zur Militär- Itrafprozeß-Orduung vorzulegen. 23. Deutscher Katholikentag in Dortmund. 24. Audröe beschließt, wegen ungünstigen Windes mit dem Ballon nicht aufzusteigen. 25. Sultan Hamed bin Thwain von Zanzibar stirbt; lein Onkel Said-Kalid ergreift widerrechtlich Besitz vom Thron. 26. Furchtbares Blutbad unter den Armeniern in Kon- stantinopel. Eine Anzahl Armenier sind in die Ottomanbank eingedrungen, erreichen aber nichts. 27. Kaiser Nikolai II. von Rußland als Gast des österreichischen Kaisers in Wie». °) „Iklnmeu allnens Homos, nbi rei cbristisnse spuck Vrsneos äeäieals snut initial September. 1. Die Engländer werfen den Aufstand in Zauzibar nieder und nehmen den Sultan Said-Kalid gefangen. I. Massenhafte Verschwörer-Verhaftungen m Konstantinopel. 4. Festliche Kaisertage in Breslan; das deutsche Kaiserpaar gefeiert. , ^ 5. Festliche Ankunft des russischen Zarcnpaares in Breslan. ^ S. Vierzigjähriges Regicrungs - Jubiläum des Groß- herzogs Friedrich von Baden. 5. Kaisertoaste auf dem Festessen (Galatafel) in Breslan. Der Kaiser von Rußland sagt: »äs puis vons assuror, Lirs, gas zs suis. avimä ä ss intzmss ssutimsnts tra- äitionsls gus votrs Llazesto." Wolff's Telegraphenbureau bringt die drei letzten Worte „gas man xdro". 7. Neue cretische Verfassung vorn Sultan bewilligt. 8. Das russische Kaiserpaar in Kiel. 9. Großartige Empfangsfeier Nansens und der Fram- Leute in Christiania. 13. Entdeckung einer geheimen Dynamit-Fabrik in Antwerpen: angebliches Komplott gegen das Leben des Zaren; Tunan, die geheimnißvolle Nr. 1 der Uube- sieglichen, Ehef der senischen Mordbande, in Bonlogne verhaftet. 14. 20 . Krawalle von Opalenitza (Posen). '. we Eirtdeckung einer Bombenhöhle in Konstantinopel. — Deftige Unruhen im Innern Armeniens. 20. Versaminlimg deutscher Naturforscher und Aerzte in Frankfurt a. M. 23. Deftige Ausfälle Gladstones gegen den türkischen Sultan wegen der armenischen Gräuel. 24. Bomhen-Ausstellnng der türk. Polizei; 242 Bomben. 26. Feierliche Eröffnung des eisernen Thores zu Orsova. Recensionen und Notizen. Der Campo Santo der Deutschen zu Rom. Geschichte der nationalen Stiftung, zum elfhnndert- iährigen Jubiläum ihrer Gründung durch Karl den Großen herausgegeben von Anton deWaal, Rector des Campo Santo. Freiburg i. Breisgau, Herder, 1896. * Ueber diese treffliche Schrift lesen wir im Augsb. Diöcesan-Amtsblatt: Wir betrachten es als Ehrensache, der Geschichte der Nationalstiftung der Deutschen in Rom an dieser Stelle einige Worte zu widmen. Unter der Führung eines hervorragenden Gefchichts- und Alterthumskenners, der sich während der 25 Jahre seiner Anstellung am Oampo santo äst Isässobi mit der Geschichte desselben beschäftigt hat, eine Wanderung durch die im Verlaufe von 11 Jahrhunderten sich abspielenden wechsel- vollen Schicksale der Nationalstiftung zu machen, ist ein geistiger Genuß. Viel des Erbebende!: von treuem Zusammenschluß der nach Rom, diesem ebenso einzigartigen als vielseitigen Anziehungspunkte der Geister, wandernden Laudsleute, von mannigfacher Bethätigung religiöser Gesinnung, von Achtung gebietenden Bestrebungen aus den Gebieten christlicher Charitas, echter Kunst und katholischer Wissenschaft, und das alles eingestellt in den großen Rahmen der ewigen Stadt und ihrer Geschichte: ein überaus abwechslungsreiches und wirkungsvolles, dabei — Dank der Darstellungsgabe des Verfassers — äußerst anschauliches Gemälde. Mit aufrichtiger Freude und berechtigtem Stolze aber muß jeden deutschen Leser die Thatsache erfüllen, daß die Nationalstiftung in der jüngsten Zeit durch Zuweisung neuer und höchst zeitgemäßer, in erster Linie wissenschaftlicher Aufgaben einen ungeahnten Aufschwung genommen hat und geehrt und geachtet dasteht, wie kaum in einer der vorangehenden Blütheperioden. Den derzeitigen rührigen Herrn Rector, dessen Name in der wissenschaftlichen Welt selbst einen guten Klang hat und dessen Umsicht und Liebenswürdigkeit nicht zuletzt der gegenwärtige blühende Stand des Campo Santo mit zu verdanken ist, möchten wir gebeten haben, den Ausdruck unserer freudigsten Theilnahme aus Anlaß dieser seltenen Säcularfeler entgegen zn nehmen. Die prophetischeJnspiratiou. Biblisch-patristischs Studie von Dr. Franz Lcituer, Subregens des Georgianischen Clerikal - Seminars in München. (Biblische Studien, hcrausg. von O.Äarden- hewer, I. Band, 4. u. 5. Heft.) Freiburg, Herder, 1896. 8°. IX, 195 S. 3 M. 60 Pf. v. Der Verfasser hat sich die Aufgabe gesetzt, den Einfluß begrifflich zu bestimmen, den Golt nach der Lehre der hl. Schrift und der Väter auf das Zustandekommen der Prophetie im weiteren Sinne des Wortes ausübt. Er zeigt in lichtvoller, überzeugender Darstellung, daß mrch für diese Form der (mündlichen) Verkündigung göttlicher Wahrheiten eine außerordentliche und übernatürliche Einwirkung Gottes nothwendig ist. in Folge deren sowohl der Inhalt der Prophetie rn Gott seinen Ursprung hat, als auch die Mittheilung der iuspirirten Gedanken auf göttlichen Antrieb und unter beständiger göttlicher Leitung geschieht. Mit den rationalistischen Versuchen, die Prophetie ohne göttliche Inspiration aus bloß natürlichen Airlagen und natürlichen Motiven zn erklären, zeigt L. sich bestens vertraut und legt in besonnener, ruhiger Kritik die Grundlosigkeit dieser Theorie dar. Anderseits tritt er auch der Annahme, die Inspiration bedeute die direkte Eingebung eines jeden Wortes, mit vollem Rechte entgegen und setzt auseinander, wie sich die Individualität des Propheten auch unter dem göttlichen Einflüsse in mannigfacher Richtung bethätigt. — L.'s sorgfältige und nach streng wissenschaftlicher Methode durchgeführte Arbeit reiht sich würdig den Werken an, die bislang in den „Biblischen Studien" erschienen sind, und bringt den ersten Band dieses vorzüglichen Organs trefflich zum Abschluß. „Katholischer Schulfreund" mit der Beilage „Der katholische Jüngling", Organ des Vereines zur Heranbildung katholischer Lehrer. Ganzjährig 12 Hefte zuni Preise von fl. 1.20 sanrnit Postzusenduug. Bestellungen sind zu richten an die Vereinscanzlei Marienheim in Strebersdors bei Wien. Soeben kommt uns das 1. Heft des 2. Jahrganges dieser eigenartigen, vortrefflich redigirten Monatsschrift zu. Der „Schulfreund" beginnt nrit dem herrlichen Gedichte Franz Eichert's: „In Jesu Namen"; dann beginnt der begeisterte Kauzelredner ?. Emanuet Martine!. Franciscaner-Ordenspriester in Wien, einen Artikelcyclus: „Die Hauptaufgabe der Schule in unserer Zeit". Im ersten Theile behandelt er die Frage: „Christenthum oder Atheismus ?" — Von den hervorragenden Pädagogen aus der Schulbrüderconaregation wird uns der Bruder Philipp und sein begeistertes Streben vorgeführt, daran reiht sich eine kurze Geschichte der katholischen Universität Frei- bura in der Schweiz, eine Schilderung des Lehrerseminars in Tisis, die Fortsetzung Vänas schöner Erzählung u. s. w. — „Der katholische Jüngling" beginnt mit einem Leitstern für die Jugend von einem wohlbekannten Jugendfreunde: ein Gedicht: „Des katholischen Jünglings Liebe zum göttlichen Kinde"; eine Lcbensgeschichte Joseph Wichners; eine Schilderung des großen Pariser Jüng- lingsvereines, gegründet von Vicomte de Melnn, eine Oricntreise vom Hof-Photographen Scolik und vieles Interessante und Lehrreiche der mannigfachsten Art. Wir empfehlen dringeudst die Unterstützung und weiteste Verbreitung der tüchtigen pädagogischen Schrift. Der Mensch und sein Engel. Ein Gebetbuch für katholische Christen von Alban Stolz. Mit Approbation des Hochwürdigsten Herrn Erzbischofs von Freiburg. Zehnte Auflage, mit farbigem Titelbild. Freiburg i. Vr., Herder'sche Verlagshaudlung. * Alban Stolz regt in der Form von Betrachtung und Gebet in seiner kräftigen Sprache den Katholiken an zu recht vertrauensvollem und wirksamem Gebete. Das Gebetbuch enthält neben den üblichen Audachtsübungen, Beicht- und Communiongebeten sieben Meßgebete und als Zilgabe die Vesperpsalmen, mehrere Litaneien und sonst bei kirchlichen Andachten übliche Hymnen und Gebete, zum Theil im lateinischen Original mit deutscher Uebersetzung. Die große Zahl der Auflägen und der Name Alban Stolz bilden die beste Empfehlung für das Gebetbüchlein. Preis geb. von 1 M. 15 Ps. bis 5 M. 60 Pf. Derantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck ».Verlag des Lit. Instituts von Haas LGrabherr in Augsburg. Die Weltanschauung im Sinne des hl. Thomas von Aquin. (Vortrag gehalten im akad. Görresvcrein in München.) 3. 6. Welcher Gegenstand läge dem forschenden menschlichen Geiste zugleich näher wie ferner als die Frage nach dem Wesen des Weltganzen, nach dem „ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht". Welch wunderbares Gebilde ist nicht das Weltall! Sehen wir nicht darin die physische und die moralische Natur oft im Frieden, oft aber auch im Streite liegen? Sehen wir nicht, wie in diesem Universum das Ewige den Hintergrund abgibt für das Vergängliche, wie Sterbliches die Schaubühne bildet für Unsterbliches? Sehen wir nicht, wie in der Welt die größte Willkür verbunden ist mit der größten Dienstbarkeit? Kurz, sehen wir nicht in dem All, das uns umgibt, die schreiendsten Dissonanzen, und sieht nicht unser Geist, der ein Geist der Ordnung ist, hinter ihnen im letzten Grunde doch die größten Konsonanzen? Wem sollte darum nicht das Verlangen kommen, hinter das Geheimniß dieses großen scheinbaren Irr- und kVirrgartens einen Blick zu thun? Diesen Blick thun, heißt aber eine Weltanschauung haben. Wenn wir eine Weltanschauung suchen, dann suchen wir die Principien, wo möglich das eine Princip, aus dem wir der gesammten Welt Entstehen, Bestehen und Vergehen einheitlich zu begreifen vermögen; dann suchen wir den einen Punkt, das eine Rom, zu dem alle die viel- vcrschlungeneu, weitverzweigten Pfade des Weltalls in letzter Linie nothwendig hinführen. Wer dieses Rom erreicht hat, der hat eine Weltanschauung gewonnen. Viele Forscher haben nach einer Weltanschauung gerungen; auf manchen Wegen hat mau sie zu erreichen versucht. Leider waren es unr zu oft Irrwege; leider mußte sich und muß sich noch heute von der Lippe des sterbenden Forschers nur zu oft das Bekenntniß los- ringcn: „DrZo arraviwus", „Also war es doch verkehrt". Doch nicht alle sind so unglücklich. Schon aus dem Dunkel des Heideuthums sehen wir in Sokrates, Plato und namentlich in den: großen Stagiriten, dem „Meister der Wissenden'") die Erkenntniß der Wahrheit aufdämmern. Doch erst in der Zeit, wo der „Oriens ex alte", der „Morgenstern in der Höhe" über der Welt aufgeht, steigt das Licht der Wahrheit zur Mittagshöhe empor. Da sehen wir die großen Kirchcnväter und namentlich den Niesengeist des heil. Angustinus Gottes unermeßlichen Weltendom in kühnen Linien geistig nachbauen und unserm staunenden Sinn begreiflich machen. Allein noch finden wir auch bei diesen Leuchten der Wissenschaft nicht den Weltendom als Ganzes wieder; nur den einen oder andern mächtigen Stein zum Bau des Ganzen hat ein jeder von ihnen Herbeigetragen. Den Ban selbst hat zum erstenmale und zugleich mit unübertroffener Meisterschaft der hl. Thomas von Aqniir vollendet. Dieser Aufgabe ist namentlich sein meisterhaftes Buch „Lumina contra gsutss" gewidmet. Indem ich mir darum vorgenommen habe, das Bild einer Weltanschauung wenigstens in einigen Umrissen vor Ihren Augen zu zeichnen, werde ich mich getreulich an das Vorbild dieses großen englischen Lehrers halten. Möge nun der Name des heil. Thomas von Aquin Ihr Vertrauen zu meinen Worten erwecken; denn wahrlich dieser Name hat in der Kirche *) „I! maostro äi color olle saune". (Dante, luk. IV. 131.) und unter den Gelehrten einen guten Klang; es ist der ersten und besten einer?) So werden Sie mir auch in einem gewissen Punkte um so lieber Ihre Nachsicht gewähren; wenn ich nämlich aus der Noth des Zeitmangels eine Tugend der Darstellung mache und nicht jeden Satz, den ich ansspreche, ausführlich beweise. Oefter kann ich die Beweise nur andeuten, öfter kann ich auch nur die Thatsachen erwähnen. Wollte ich anders handeln, so würde ich auch nur mit einem nothdürftigen Bilde einer Weltanschauung im Rahmen eines Vortrages unmöglich fertig. Und nun an's Werk! Um die Darstellung übersichtlicher zu machen, wollen wir die Welt zuerst in ihrem Anfange und Ursprünge, dann in ihrem Bestände und schließlich in ihrem Endziele und ihrer Vollendung betrachten. I. Wenn der Mensch an die Dinge der Welt, die ihn umgeben, an Sonne und Sterne, an die Steine, die Pflanzen und Thiere, wenn er schließlich an sich selbst die Frage richtet: Woher denn seid ihr?, so hört er laut und einstimmig die Antwort: „Nicht wir haben uns gemacht, sondern Er, der über uns steht, hat uns geschaffen." „Aon ipsi Hos, sock ipso kamt uv8". Diese Frage an die Welt ist ein tiefes Nachdenken über ihr Wesen und ihre Ursachen, und die Antwort der Welt ist die gewonnene sichere Erkenntniß, daß über all diesem Veränderlichen auch ein Wesen existiren müsse, welches selber nie verursacht aller Dinge letzte Ursache sei. Dieses eine unverursachte, unveränderliche Wesen uenuen wir Gott?) Und so müssen sich im großen Gemälde des Weltalls immer zwei charakteristische Linien zeigen von grundverschiedenem Aussehen. Die eine bildet das Centrum, die andere die Peripherie; die eine ist ewig, unveränderlich, alles Bestehenden letzte Ursache, die andere ist zeitlich, vergänglich und geschaffen; die eine heißt Gott oder Schöpfer, die andere Welt oder Schöpfung. Was nun für die Peripherie das Centrum, was die Sonne für die Sterne, was für das Menscheuherz seine größte Liebe ist, das ist Gott für das Weltall, Ansgang und Ende, Vorbild und Leiter, « und c», kurz Alles. Es kann daher eine wahre Weltanschauung nur in engster Verbindung der Welt mit Gott gewonnen werden. Wie gelangt nun aber unsere Vernunft einigermaßen zu einem Begriff des göttlichen Wesens? Nur auf dem einen Wege, daß sie von dem unverursachten Urheber aller Dinge alle jene Unvollkommenheiten entfernt, welche den geschaffenen Wesen eben darum anhaften, weil sie einem anderen Wesen ihr Dasein verdankend) Die höchste Ursache aller Dinge muß also zunächst rein durch eigene Kraft existiren. Um das aber zu können, muß sie jeder Unvollkommenheit baar, die reine Wirklichkeit selbst sein, aetus purus. -h nxneri; Diese existireude unendliche Vollkommenheit ist aber nothwendig -) „Olle sovra ZU aktri eoms aquika veka". (Dante.) °) Herrlich hat diesen Gedanken der hl. Angustinus ausgeführt; vgl. 8. ilus. 8okikoguia cap. XXXI. — ek. 8. Illnin. 8. e. Zentss, Üb. 1. eap. XIII; 8. III. I. gu. 2. 8. Illoin. 8. v. §. Ull. I oax. XIV „Dst entern via reinet tonts ntsnänin praeeixme in consiäerations cll- vinas snllstantiae" ek. rel.; ek. 8. III. I. gu. XII a. 12; et g. 13 a. 12. °) „Dsns est priinnrn ens et prima eausa.., non itzitnr ballet in 8S akignick potentiae ackinixtum". 8. e. kill. I. cap. 16; ok. rel.; — in bletapllxs. kill. 9 ksot. 8. absolut einfach"), d. h. ohne jede Theilung oder Teilbarkeit in ihrem Wesen. Ebenso ist sie ewig?), d. h. ohne Anfang und Ende ihrer Existenz; schließlich kann die existirende unendliche Vollkommenheit nur eine") sein und muß daher alles Bestehenden und mit ihr nicht Identischen letzte absolute Ursache sein. Alles, was demnach in der Welt besteht und nicht dieses unendliche Wesen, Gott selbst ist, war einmal nichts und hat in letzter Linie von Gott sein Dasein empfangen. So war also der Ursprung der Welt auf ihrer Seite das Nichts, auf Gottes Seite die schöpferische Allmacht. °) Für den Ursprung der Welt war aber noch mehr als die Allmacht Gottes thätig. Schon eben sagten wir, daß Gott die existirende reine Wirklichkeit selbst ist. Dieser Begriff schließt den Gedanken ein, daß die göttliche Wesenheit alle und jede irgend mögliche Vollkommenheit in einem einfachen, unendlichen, reinen Acte umschließt.'") Daraus folgt unmittelbar, daß alles, was irgendwie Dasein und Vollkommenheit haben kann, in Gottes unendlicher Wesenheit seinen Urtypus besitzt, den es in einer genau bestimmten Weise nachahmt.") Da nun die göttliche Wesenheit unendlich vollkommen ist, so kann sie von den Dingen in unendlich mannigfalt ger Weise nachgeahmt werden, aber von keinem geschaffenen Dinge so, daß nicht noch eine Kluft weiter als Plancten- fernen zwischen ihm und Gottes Unendlichkeit läge. Indem nun ein jedes Ding in seiner Weise Gott nachahmt, würden schließlich umsomehr Seiten der göttlichen Wesenheit wiedergespiegelt werden, je mannigfaltiger die Dinge im Einzelnen sind und je vollkommener sie sich zu einem einheitlichen Ganzen zusammenfügen. Darum führt uns der Ursprung der Welt auf Gottes unendliche Wesenheit als auf ihr Urvorbild zurück. Dieses unerreichbare Vorbild ahmt das Weltall schon in allen seinen Theilen, ein jedes Ding in seiner Weise nach, mehr aber noch in der Gesammtheit seiner Existenz in Raum und Zeit.'?) Zwischen der Wesenheit und Allmacht Gottes fehlen aber noch zwei verbindende Glieder, die göttliche Erkenntniß und der göttliche Wille. Gerade sie sind aber Ar unsere Auffassung des Anfanges und Bestandes der Welt von grundlegendster Bedeutung. Wie die göttliche Wesenheit die ganze Fülle des Seins in einem reinen Acte vereinigt, so erstrahlt sie von Ewigkeit als die unendliche Wahrheit dem mit ihr dem Sein nach identischen göttlichen Verstände. Als die reine absolute Wahrheit, die keines Zuwachses, sei es an Inhalt, sei es an Sicherheit des Wissens fähig ist. erkennt und begreift Gott in unendlich vollkommener Weise durch alle Ewigkeit sich selbst.'") Es muß ferner im göttlichen Verstaube von Ewigkeit her alle und jede nur irgend mögliche Wahrheit ohne irgend welche Beschränk- ") 8. 1b. I. yrr. 3 a. 3. ') 8. o. §. üb. I. esp. XV; 8. 1b. I. q. 10. ') 8. o. §. lib. I. eap. 42; 8. 1b. I. ga. 11. ') 8. e. Ub. II. e. 6—8; 15, 16. 8. 1b. 1 gu. 44—46. ") „Kalla cls xsrleetioaibus ssssucU xotsst clsssss ei, huoä 68t jxsuill 6SS6 sul)sist6ii3". 8. 1. 4 a. 2 aä 3; 8. e. Ub. I eax>. 28. ") „Rolls ornuirro esse polest evtis ratio, in gaolibet: xsrrsrs, guallbstvs catsKoria, guas lorraaUssiras von ennstet spseiali gaoäai» illiitationsipsiasKsss sabsistsatis" tlmil. Killot, Ks I)so u»o. Komas 1693 p. 130). 8. Ibour. L. s. A. Ub. I cap. 29; 8. II-. 1 y. 4. a. 3. ") 8. o. A. Ub. III eap. 20; Ub. II eap. 45. ) 8 . o. §. Ub. I cap. 44 — 48. 8. Ibor». 1. o. 10 a. 5 ; rt. 14 a. 1—4. ung ideelle Existenz haben. Gottes Verstand begreift nämlich nothwendig absolut vollkommen die göttliche Wesenheit. In dieser sind aber gleichsam zwei Seiten zu unterscheiden. Auf der einen Seite erglänzt Gottes Wesenheit in ihrer eigenen absoluten Vollkommenheit, auf der andern Seite aber steht sie auch da als das große Urbild, das in unendlich vielen Stufen der Vollkommenheit von andern Dingen nachgeahmt werden kann. Daher gehört es zur unbegrenzten Vollkommenheit der göttlichen Erkenntniß, daß sie die göttliche Wesenheit nicht nur in ihren eigenen Zügen durchschaut, sondern daß sie als zweiten Gegenstand in dieser Wesenheit und durch sie alle ihre möglichen Abbilder, d. h. die ganze mögliche Welt des Seienden, soweit und so groß sie ist, sowohl in jeder Einzelheit wie in allem möglichen Zusammenhange ohne jede Dunkelheit, Beimengung oder Ungewißheit mit absoluter Klarheit ewig durchdrängt.") Wäre das nicht der Fall, so hätte Gott nicht von Ewigkeit her die ganze Wahrheit gegenwärtig gehabt, wäre also wenigstens seinem Verstände nach nicht unendlich vollkommen. Alles also, was in der jetzigen Welt seinen Platz hat, jeder Vogel in den Lüften, jedes Blümlein am Grunde, jedes Menschenherz, das in einer Menschen- brüst schlägt, ja jede freie Regung, die in diesem Herzen wach wird,'") die ganze physische und moralische Welt vorn Anfange bis zum Ende der Zeiten, in allen ihren Verkettungen und Verzweigungen, in allen ihren Dissonanzen und Konsonanzen, dies alles stand mit absolutester Deutlichkeit und Gewißheit bis in die kleinsten Differenzen des Seins ewig vor dem Sonnenauge des göttlichen Verstandes. Aber auch dies ist nur ein kleiner Bruchtheil der unendlichen göttlichen Erkenntniß. Auch alle die andern unzähligen möglichen Welten, jedes Blatt, das in dieser Welt auch anderswohin oder anderswann hätte fallen können, jeder freie Willensentschluß, der statt zum Bösen zum Guten sich hätte hinwenden können, alles, was irgend möglich ist, erstrahlt ewig mit der Helligkeit der Mittagssonne vor dem Geistesauge Gottes.'") Versuchen wir es, diese Hoheit der göttlichen Erkenntniß uns einigermaßen klar zu machen. Zwar werden wir nie hinter ihr ganzes Geheimniß kommen — denn nicht unlsonst heißt es von Gott, daß er hinter den Wolken sein Zelt aufgeschlagen —; aber auch das Wenige, was wir so erkennen, genügt vollständig, um uns zu zeigen, daß die heutige Welt nicht blind und aufs Gerathewohk entstanden ist, sondern nach dem Plane längst vorher, bis in die kleinsten Einzelheiten, genau bestimmter göttlicher Ideen.") Was aber ein vernünftiges Wesen nach ") 8. o. K. lib. I eap. 54; 8.1b. 1 tz. 14 a. S; tz. l>. äs Vsr. g. 3 a. 2. „Heus esssrrtiar» «asm psrlsots eo- Anoseit. llncls eoZnosoit sarn ssoauclum oraasm raoäai», guo coK»oseibiIis est. 'lotest autsm eoxaosei von solar» sseuaäum guocl i» ss sst, sscl sseaaäaor guoä sst par- tioipabiUs ssounclar» aligueai raoclui» siirrilitaäillis s crsaturis sie." — l. g. 15 a. 2. ") „Kivirrus illtsllsctas eomxrsbsaäsnclo ärviirar» ss- ssatiar», so ipso spserrlatrrr onrass possibilss tsrariuosiraits- bilitatis ipsirrs. Kirre, Osi iatuitus, prirao gaiclsr» Isrtur i» essential» suam; clsiaäs vsro,tra»s esssrrtiar» visarn,i» orrrrria possibiUa st oruuss, gaotguot saut, moilos sillAalaritatis eorurn; Isrtur itagus irr oirrirsrri volurrtatsar ersabilsr», sseulltturrr grrocl sst base irr incliviclrro volantas, ab omni alia xossibili voluatats äistineta ste.". Lillot I. o. p. 203. ol. 8. e. K. llb. I eap. 40, 54, 67, 68 ; 8.1b. I. g. 14 a. 13; tz. K. cls vsr. 4. 2 a. 12. 8. 1b. 1. grr. 14 a. 12. ") 8. 0. A. lib. I. cax. 64; lib. II. eap. 24.. 8. 1b.' 1. 0. 15. 90 . vorher erkannter Idee ins Dasein ruft, das ist sein Kunstwerk. Darum ist denn das Weltall das wohlüberlegte Kunstwerk des ewigen Künstlers über den Sternen, das XÜ 70 -: x-rr' der Abglanz der unendlichen Schönheit selbst. (Fortsetzung folgt.) Neue hochwichtige Entdeckungen auf der zweiten Palästinafahrt. Erwerbung Kapharnaums für das katholische Deutschland und des Johanniterspttals für Preußen von Professor Dr. Sepp. (Schluß.) Ich wollte hier die Etymologien Sepps einer genauern Besprechung unterziehen; aber ich will lieber die Theologie Sepps beleuchten. Seine Vorrede schließt mit den Worten: „Dieses Buch enthüll zugleich neue Religionsstudien auf dem Boden Palästinas. Ich fange Theologie zu stndiren da an, wo gewöhnlich die Gottesgelehrten aufhören." Es fällt mir natürlich nicht ein, alle theologischen Exkurse Sepps zu referiren, nur die hauptsächlichsten sollen zur Sprache kommen. I, 59: „Die Sage von der Empfängniß durch ein Bad verlautet schon in der Zendrcligion, wonach eine reine Jungfrau im hl. See Kan^u den LebenSkcim Zoroasters zur Geburt des Weltheilandes Saosios aufgenommen. Hierouimus aäv. llovin. I, 35 meldet von der entsprechenden Menschwerdung Buddha's, aber Ephrcm der Syrer und Angustiu, von Späteren nicht zu reden, übertragen die wunderbare Lenreptio per aureiu unbeanstandet auf den Logos des Evangeliums, namentlich das Brevier der Maroniten." Sepp scheint also nicht zu wissen, daß dieser Ausdruck coueeptiv per unrein nur ein Tropus ist!!!! Das war eine Probe aus der Patrologie. 1. 363: „Aus solchen Beispielen mag man den Abstand des alten Testamentes von der Religion Christi erkennen! Und diese politische Rachgier muß Jehovah gutheißen und mit seinem Namen decken! Gleichwohl zürnt uns der sehr gelehrte, vom Mosaismus herüber- bekehrte Paul Cassel (ülsmun IX, XII, XV), daß wir nicht den Geist des alten Testaments (tatet) im neuen wiederfinden (patet). Wir erwidern: Hat nicht Jesus in der Bergpredigt der alttestameutlicheu Moral wider- sagt und die neue Doktrin der alten entgegengesetzt? Daß Rom die Bibel den Laien lieber voreuthält, verdient keinen Vorwurf. Die in der biblischen Geschichte vorgetragenen Wunder von Moses, Josna, Simson, Ellas und Elisa usw. sind Legenden und verwirren den Verstand und die Phantasie der Jugend, ja wenn wir vom Judaismus uns nicht völlig bekehren, sind wir keine Christen. Ist eS doch Esra, den die Samariter als el Ozair (wie oben Kap. 55) charakterisiren, welcher den ältesten Bibelkanon zusammenstellt und Sage und Dichtung nicht ausgeschieden hat." Das ist gnostische oder modern-antisemitische Theologie; aber das Tridentiuum lehrt anders. Sepp, der sich in der Vorrede noch einen Anfänger in der Theologie nennt, ist bereits II, 20 ein Meister der Gottesgclehrtheit geworden und verkündet feierlich Ilrbi ab Drill: „ll'u es ketrus! ,Drei Worte nenn' ich euch inhaltsschwer, sie gehen von Munde zu Munde, sie schreiben sich aus der Bibel her, man deutet sie falsch bis zur Stunde? Drei Worte sind es ferner, wodurch das Mißverständniß gehoben wird; es sollte Matth. 16,18 heißen: /roe oder ck -7 Nämlich auf das Bekenntniß des Simon bar Jona: Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! erwidert Jesus: ,Selig bist du, dein Fleisch und Blut haben dir dies nicht eingegeben, sondern mein Vater im Himmel, welcher zu mir spricht: Du bist der Fels, auf den ich meine Kirche baue, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen? Dies ist das richtige Bindeglied; denn gleich 5 Verse darauf kehrt sich der Herr zu Petrus mit den Worten: ,Hinweg von mir, Satan, du bist mir zu Aergerniß? In einem Athem kann nicht, der gegen die Hölle Stand hält, selber vielmehr zum Stein des Anstoßes werden und den Namen Satan verdienen, wie der Herr den Versucher in der Wüste gescholten. (Matth. IV, 10.) Unverkennbar steht das Wort des Herrn bildlich in Beziehung zum Tempelfels oder lapis kuuäameutalis, der nach der Idee der Schlußstein des Weltalls war und die Pforten des Abgrundes schloß, — die Theologen des neuen Bundes mögen sich das merken. Wie könnte Simon bar Jona der- Grundstein und daneben Christus der Eckstein heißen?" Soweit Sepp. Diese Worte Christi: „Selig bist du, Simon bar Jona, denn nicht Fleisch und Blut hat es dir geoffenbart, sondern mein Vater im Himmel; aber auch ich sage dir, daß dn bist Petrus, und anf diesen Felsen werde ich meine Kirche, bauen, und die Pforten der Hölle werden nichts vermögen wider sie", haben schon den älteren protestantischen Exegcten Beschwerden verursacht, sie haben daher „diesen Felsen" bald auf Christus selbst bezogen, bald als Glauben des Petrus oder als christliche Predigt gedeutet. Die neuere protestantische Exegese ist, wie Schegg (Matth. II, 355) schreibt, „von dieser unwürdigen Art polemischer Exegese in besonnene Bahnen zurückgekehrt". Sie anerkennt nach dem Vorgänge von Grotius jetzt übereinstimmend, daß „auf diesen Fels" zu Petrus gehöre und daß jede andere Art der Verbindung und Deutung sprach- und denkwidrig nur in Folge dogmatischer Befangenheit gemacht worden sei, z. B. Banm- garteu: „il-rp« (Fels) geht ohne Zweifel auf die Person des Petrus. Andere Erklärungen entstanden ans befangener Scheu vor einem Primat des Petrus überhaupt oder seinem angeblichen Nachfolger." Diese Charakteristik paßt noch viel mehr auf dte Prokrustcs-Exegese des Pros. Sepp. Er begnügt sich nicht hineinzulegen statt auszulegen, sondern er wirft ohne jeden ersichtlichen Grund als den dogmatischer Befangenheit (wozu ich auch die Scheu vor einem gewissen Dogma rechne) ös c-c->. X- 70 , ans dem Texte heraus und ersetzt es durch sroe Xs-sTl, und der Lehrprimat ist aus der Welt geschafft. Diese Methode ist sehr einfach, aber gewaltthätig. Sepp kann keinen Zeugen dafür aufbringen, daß jemals die 3 Sepp'schen Worte im Text gestanden. Gleich auf der nächsten Seite II, 21 führt er sogar einen Zeugen aus der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts an, welcher sogar das Gegentheil beweist, nämlich daß die Worte tu es petra eto. auf Simon gehen und nicht auf Christus. Sepp citirt nämlich unsere Stelle ans dem Diatessarou, welche nach ihm dort also lautet: Leatus es Liiuou. Lt portas iukeri ts neu viuovut. 1u es petra. Das te und tu kaun sich hier auf niemand andern als auf Simon beziehen. Wenn Sepp daran Anstoß nimmt, daß einige Verse später der Herr zu Petrus sagt: „Hinweg von mir. Satan, du bist nur zum Aergerniß", und deducirt: „In 30 Beifall, denn die Phrasen klingen, dramatisch nnd theatralisch betrachtet aber ist es keinen Kreuzer werth". Beweis für den alten wahren Satz: äs Zuotidus nou est, äia- putanäuin! Eine bessere Zeit wollte 1824 für den Dichter beginnen mit seinen Vorlesungen über Shakespeare'sche Stücke, der Vortragssaal wurde zu klein, aber seine Frau kränkelte und dies „nagte selbst an meinem Leben", und als sie am 28. Januar 1825 an Herzbeutelentzündung starb, war sein Schmerz, denn wir dürfen seinen eigenen Bekenntnissen Glauben schenken, ein sehr großer. Die beiden Kinder wurden in neue Pflege übergeben, der Vater selbst wurde Direktionssekretär, Theaterdichter und Regisseur mit einem Jahreseinkommen von 800 Thalern beim Königstätter Theater. Aber auch hier bald wieder Unzufriedenheit nach außen und innen, mit Gott, der Welt und sich selbst, so daß wir ihn bald in Paris sehen, Vorlesungen haltend und mit den Schöngeistern und Theaterdichtern der damaligen Zeit verkehrend u. a. mit Scribe, Boieldieu, Rossini rc. Im Jahre 1820 ging's zurück nach Deutschland, wo sich der Dichter besonders in Weimar aufhielt und dann wieder in sein „geliebtes" Berlin zurückkehrte und von dort nach Breslau und wieder uach Berlin, wo er gnasi Zeitungsredacteur wurde und als solcher manchen gewaltigen Strauß zu bestehen hatte, wie dies ja das Schicksal der Redacteure aller Zeiten war, ist und sein wird. Sein „vielseitiges" Talent mag aus seinen eigenen Worten hervorgehen: „ich redigirte, schrift- stcllerte, correspondirte, dichtete, schwärmte, rasete, sang, trank, liebte, lebte und las vor" — Herz, was willst du noch mehr? „Meine Posse Maberl als Robiuson° wurde ausgezischt und ausgepfiffcn", aber es ließ ihn kalt; er wollte Frankreich nachahmen, kam aber in Deutschland schlecht weg. Wohl aber mußte damals schon in allen Gesellschaften das „Mantellicd" ertönen: „Und wenn die letzte Kngel kommt. Jn's preußische Herz hinein!" In Weimar machte er die Bekanntschaft Börne's, kam auch mit Göthe zusammen, wurde aber durch das brutale Wesen seines Sohnes August sehr verletzt. Doch gestaltete sich das Verhältniß später recht gut, so daß „der Sohn des Vater mich (Holtei) selbst bei seinem Abschied andichtete". In Berlin wurde unseres Dichters Schauspiel „Leonore" mit sehr gutem Erfolg gegeben, der Dichter wurde gerufen und nachher von seinem Freunde Schwelle mit den Worten empfangen: „wie kann man ein solches Stück geschrieben haben und so ein Schafsgesicht dazu machen, wie du jetzt eben gemacht hast?" „Ich hielt dies für eine ungeheure Schmeichelei." Mit seinem „Faust" prosperirte er desgleichen, sein „Stern" leuchtete wiederum, und eine zweite Frau Julie „verschönerte mir zudem das Leben", natürlich tvar es wieder „eine vom Theater". Wieder kommen Intriguen und wieder rast- und friedloses Wandern zwischen Darmstadt, Weimar und Berlin. Dankbar ist er, wenn Julie auftreten darf: „Ja, noch im Tode will ich Euer denken! Den tiefsten Gram habt ihr zum Glück geweiht. Und wenn sie mich in kühlen Boden senken. Versinken nie darf meine Dankbarkeit." Er schrieb damals (gegen das Jahr 1833) seine „Erzählungen" und das Schauspiel „Der dumme Peter", das sich bis zum Tode Ludwig DevrientS auf dem Ne- pertorium erhielt. Sein „Trauerspiel in Berlin" fand ebenfalls Beifall und mag als Kritik die Aeußerung einer ! Dame angeführt sein, die lautete: „Es weint sich nlr» gends so gut, als in Ihren Stücken, und das .Trauerspiel in Berlin' geht noch über .Leonard." Auch sein „Lorbeerbaum und Bettelstab" fand Beifall, ja „ich selbst als Schauspieler" in Berlin, Hamburg und München, in welch' letzterer Stadt nach seinem Geständniß die Theaterverhältnisse damals mangelhaft waren. In München verkehrte er besonders auch mit Sophie Schröder und Charlotte Birch-Pfeifer. Wieder ging es — ewiges Wandern! — nach Berlin. In den folgenden Jahren wurden Brunn, Baden und Wien besucht und die Schauspiele „Der Leiermann" und „Shakespeare in der Heimath" gedichtet und aufgeführt. Bald finden wir Holtei als Theaterdirektor in Riga-, jetzt saß er trocken, gute Einnahmen, keine Sorgen, stets Beifall, recht gute Freunde, „die Suppe ist gut eingebrockt". Aber es fehlte eben, wie immer auf die Zeit die Zufriedenheit und das ruhige gute Leben behagte dem „Zugvogel" nicht, wieder ging er mit seiner Frau, durchzog Oesterreich, Schlesien, gastirte, recitirte, und nun mußte er die magere Suppe wieder ausbrocken, Meubel verkaufen, es war ihm zu wohl oder wollte er neue Lorbeeren holen, sie wurden ihm oft zu Theil, aber auf Kosten eines oft harten täglichen Brodes. Keine Ruh . bei Tag und Nacht, gleichsam unstät und flüchtig durchzog er wieder einige Jahre die Welt! 1845 und folgende Zeit finden wir ihn wieder in seiner Vaterstadt, er machte neue Schauspiele, schreibt „große und kleine" Artikel und singt Kunstreiterinnen an — welch' vielseitiges Talent! wie oft mißbraucht! Auch ein Aufenthalt als „Großvater" bei den lieben Seinen be- bereitete ihm nur kurze Freude, bald zog er wieder von bannen, er wurde öffentlicher Vorleser in Dresden, er begann eine neue „Knustreise", Fortsetzung in Magdeburg und Halberstadt, Göttingen, Hannover, nie zufrieden und Künstlers Loos so oft — nie bei Kasse. „Was ist denn all das Geschrei von der Kunst? Ein eitler Scheiu ein blauer Dunst, Ein täuschender Nebel, der bald verweht. So lang die Knnst nach Brode geht." In Bremen verdiente er sich durch Vorlesungen ein vorzügliches Brod und noch nie hatte „ich so viel Geld bei einander, als da ich aus Bremen reisete". Das Jahr 1848 läßt ihn kalt als Politiker, er machte begeisterte Prologe auf den achtzehnten Oktober, den Tag bei Leipzig, und fand Beifall, dann zog er wieder in der weiten Welt herum. In Wien erfreute er sich der Bekanntschaft und Freundschaft Grillparzers, den er in mehreren Gedichten besang. Ein Vers aus einen: derselben sei hier citirt: „Die Rosen hast du kühn gepflückt Aus dem Dorngenist finsterer Tage, Des göttlichen Greises Haupt geschmückt. Daß Er blühend die blühenden trage." Mit dem Jahre 1850 schließt Holtei seine Selbstbiographie, die 4 starke Bände faßt mit rund 3000 Seiten, so detaillirt, daß es oft langweilig ist, sie zu lesen trotz selbstverständlich vieles Interesse erregenden Details. Mit' ihr wollen auch wir schließen. — Der Dichter starb am 12. Februar 1880 in Breslau. Im Jahre 1870 sang der greise Dichter: „Er (Napoleon) wähnt es schlimm zu machen, Gott hat es gut gemacht!" Es steht fest, Holtei hat viel geleistet, fast zu viel. Wäre er nicht stets „fahrend" gewesen, seine Leistungen 31 wären entschieden viel größer und bedeutender. Doch wird er stets einen geachteten Namen in der deutschen Literatur einnehmen. In seinen hübschen Liederspielen hat er das französische Vaudeville in deutsche Form umgegossen. Seine „Berliner in Wien", „Der alte Feldherr" mit dem „Denkst du daran, mein tapfrer Lagienka?" und „Fordere Niemand, mein Schicksal zu hören I" feine Leonore mit dem berühmten Mantellied „Schier dreißig Jahre bist du alt," sind Gemeingut des deutschen Volkes geworden. In dem vielbändigen Romane: „Die Vagabunden" schildert er.seine eigenen Irrfahrten als Thcarer- direktor und Theaterdichter, daneben aber das ganze Künstlerprolctariat, „alles, was gauckelt und sich sehen läßt um Geld". Sehr gemüthvoll ist auch sein Roman „Christian Lammfell", nur etwas weinerlich und zu breit. Bedeutender aber als seine hochdeutschen Dichtungen sind feine „Schlesischen Gedichte", zu denen er durch Hebel angeregt wurde. Darin trifft er den Volkston auf das trefflichste und charakterisirt Land und Leute seines Schlesierlandes auf das treueste. Reise in Kleinasien, Sommer 1895. Forschungen zur Seldschukischen Kunst und Geographie des Landes von Friedrich Sarre.*) In den Monaten Juni und Juli unternahmen Dr. Sarre und Or. mach. Osborne eine Forschungsreise in das Gebiet der alten Provinzen Phrygien, Ly- kaonien und Pisidien, dem jetzigen Wilajet Koma (Jkonium) in Kleinasien. Der Hauptzweck der Reise war das Studium der frühtürkischen Architektur, besonders jener des seldschukischen Reiches von Jkonium. Daneben wurden antike und mittelalterliche Inschriften gesammelt und zahlreiche photographische Aufnahmen gemacht; eine besondere Sorgfalt wurde der topographischen Aufnahme des eingeschlagenen Weges gewidmet, so daß die Kartographie eine wesentliche Förderung erfuhr. Die Beobachtungen sind mit großer Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit gemacht. Jede Zeile zeugt von deutscher Akribie. Nur was selbst erfahren und gesehen wurde, fand Aufnahme. Am interessantesten ist das Kapitel V über die feldschukische Kunst (im Mittelaltcr). Weitere Kreise dürfte die Seite 66 citirte Hypothese Niegel's (Stilfragen S. 277 u. ff.) intcressiren, wonach die „Arabesken" aus dem abgelösten Zacken des byzantinischen Akanthns hervorgegangen sind. Sarre schließt sich dieser geistvollen Hypothese an. Der Leser wäre ihm gewiß sehr dankbar gewesen, wenn er diesen Entwicklungsgang durch Abbildungen veranschaulicht hätte. Das Urtheil Sarre's über die feldschukische Kunst ist folgendes (px. 70): „Die Formenwelt der seldschukischen Kunst.scheint uns ... auf dem Boden der hellenistischrömischen und byzantinischen Kunst entstanden zu sein. Von dem nahen Syrien aus, das zu jener Zeit noch hervorragende architektonische Denkmäler aller vorhergehenden Kunstepochen besaß und selbst unter kräftigen muhammedanischen Fürsten eine hohe Cultur hatte, wurden Baumeister und Künstler in die Hauptstadt des jungen '-) Mit 76 Lichtdrucktafeln, zahlreichen, von O. Geerke und G. Rehlender gezeichneten Text-Illustrationen nach den Original-Photographien und mit einer Karte von R. Kiepert nach den Nouten-Aufnahmen des Verfassers. Berlin, 1896. Geographische Verlagshandlung Dietrich Reimer. 210 Seiten. Preis gebunden 18 Mark, geheftet 16 Mark. emporblühenden Staates berufen, um sie ihrer Bedeutung entsprechend zu schmücken, während das gerade unter dem Eindringen der Mongolen zu Grunde gehende, hoch- cultivirte Persien hierher den schönsten Zweig seiner heimischen Kunstübung verpflanzte: die mosaikartige Bekleidung der Wände mit buntglasirten Ziegeln, das Fayence-Mosaik." Die überaus zahlreichen, meist ausgezeichnet gelungenen Abbildungen geben uns einen Einblick in jene hochentwickelte Kunst, von der bisher so wenig bekannt war. Wenigstens in weiteren Kreisen hatte man von dem Vorhandensein solcher Kunstwerke keine Ahnung. In der griechischen Kirche des heil. Stephanus auf der Insel Nis im Egherdir-See erwarb Sarre eine zinnerne Schüssel, welche fünfmal die Legende HII^III'IILU (Martin Luther) zu enthalten scheint. Der Verfasser schreibt hiezu: „Derartige Schüsseln sind im Verlauf des XVI. und XVII. Jahrhunderts in Messing oder Zinn von der' Beckenschlägern der großen mitteldeutschen Städte, vor Allem Nürnbergs und Augsburgs, in großer Menge angefertigt und theils als Taufschüsseln, als Waschschüsseln in den Sakristeien, als Collectenschüsseln oder zu häuslichem Gebrauch benützt worden." (S. 152.) Besondere Erwähnung verdient das Seite 153 abgebildete und xa§. 155 beschriebene Weihrauchgefäß aus derselben Kirche, welches romanische, gothische und arabische Formen ausweist. Daß sich in den griechischen und armenischen Kirchen von Jsparta alte Monstranzen (xaZ. 168) vorfinden, dürfte auf Verwechslung beruhen. Es wäre das ein liturgisches änaL Der Anhang enthält noch mehrere Kapitel, darunter eines über die auf der Reise gemachten praktischen Erfahrungen, eines über die gesammelten Stickereien, eines über Ablesungen am Schleuder-Thermometer. Den Schluß bildei ein guter Index und 76 meist gelungene Lichtdrucktafeln nach Originalaufuahmen; ferner ist eine sehr genaue Karte des Wilajets Konia nach den Nouten-Aufnahmen der beiden Reisenden beigegeben. Das Werk ist mit Liebe, Sorgfalt und großen Kenntnissen verfaßt und sehr hübsch ausgestattet. Es bietet demjenigen, der seine geographischen und kunsthistorischen Kenntnisse erweitern will, eine Fülle von Anregung und Belehrung, und die zahlreichen Bilder der in Frage kommenden Bauwerke reichliches Material zum Studium der seldschukischen Kunst im XIII. Jahrhundert. Auch das kann man aus dem Buche lernen, wie man auf Reisen wissenschaftliche Beobachtungen anstellt. Wer aber Abenteuer und Reise- plaudereien sucht, für den ist das Werk nicht geschrieben. Im Verhältniß zu dem Gebotenen, namentlich zu der Fülle von Abbildungen und Lichtdrucktafeln, ist der Preis ein mäßiger. Ottmarshausen 1897. Dr. 8. L. Chronik des Jahres 1896. (Nachdruck verbot«».) Oktober. 1. Gladstone hält eine fulminante Rede gegen die Unthaten in der Türkei und den Sultan. 2. Der Exsultan Said-Kalid von Zanzibar flüchtet sich vor den Engländern auf das deutsche Schiff „See- Adler". 5. Landung des Zaren in Cherbourg. 6. Der Zar und die Zarin in Paris. 9. Große Parade vor dem Zaren-Paare bei ChalüNs. n. Die Brüsewii; - Affaire in Karlsruhe: Mechaniker Siebmann vom Lieutenant v. Brüscwiü erstochen. 13. Socialdemokratischer Parteitag in Gotha. 15. Demission des Kolonialdircktors Kayser. 15. Schlug der bayer. Landes-Ausstcllung in Nürnberg. 15. Schluß der Berliner Gewerbe-Ausstellung. 18. Ermordung des Justizraths Levy in Berlin durch zwei junge Burschen. 18. Enthüllung des Kaiser Wilhelm-Denkmals auf dem Wittekindsberg (Porta Westfalica). — Enthüllung des Kaiser Wilhelm-Denkmals in Düsseldorf. — Enthüllung des Kaiserin Augusta-Denkmals in Coblenz. 19. Freiherr v. Nichthoscn zürn Colonialdirektor ernannt. 20. Begegnung des Zaren und Kaiser Wilhelms in Wiesbaden. 21. Uebertritt der Prinzeß von Montenegro zur römisch- katholischen Kirche. 22. Bismarcks Enthüllungen über das Zustandekommen des russisch-französischen Einvernehmens. 24. Vermählung des italienischen Kronprinzen mit der Prinzeß von Montenegro. 26. Unterzeichnung des Friedens zwischen Italien und Menelik von Äbcssynien. 27. Der Reichsauzciger zu den Bismarck'schen Enthüllungen. 29. Wahlsieg der liberalen Partei in Ungarn. 31. Nochmalige Antwort des Ncichsanzeigers auf Bismarcks weitere Artikel. November. 2. Abfertigung der Hamburger Nachrichten (Bismarck) durch den Rcichsanzeiger: Die Frage, von welchem Zeitpunkt an geheime diplomatische Vorgänge den Charakter von Staatsgeheimnissen verlieren, kann ausschließlich von leitenden Staatsmännern auf Grund ihrer Verantwortlichkeit und ihrer besonderen Kenntniß der politischen Lage entschieden werden. 3. Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten (Sieg Mac Kinlcy's). 7. Schröder in der Äernfungs-Jnstanz zu 5 Jahren Gefängniß vernrtheilt. 10. Deutscher Reichstag wiedcreröfsnet: Zweite Lesung der Jnstiznovellc. 11. Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen dem Papste und dem Negus Menelik betr. Frellaffung der italienischen Gefangenen. 16. Deutscher Reichstags Interpellation betr. das Verhältniß zu Rußland im Hinblick auf Bismarcks Ent- hülluiigen; der Reichskanzler und der Staatssekretär von Marschall erklären: unbedingte Geheimhaltung f. Z. beschlossen; das Vertrauen der Bundesgenossen hat durch die Enthüllungen nicht gelitten: die Beziehungen zu Rußland sind gute. 17. Deutscher Reichstag: Interpellation betr. des Duells und Falls Brüscwitz. 20. Ormanian zum armenischen Patriarchen gewählt. 21. Der französische Minister Hanotaux über die Beziehungen Frankreichs zu Rußland. 24. Großer Streik der Hafenarbeiter in Hamburg. 30. Oberst Liebert, im Begriff nach China abzureisen, wird zurückberufen uno zum Gouverneur von Ost- Afrika ernannt. Dezember. 2. Demission des rumänischen Cabinets Stourdza; Au- rclian mit der Neubildung des Cabinets betraut. 2. Prozeß Leckert-v. Lützow in Berlin. Kampf der politischen Polizei gegen das Auswärtige Amt. Das Auswärtige Amt glänzend gerechtfertigt. 9. Der kubanische Jnsurgentcnführer Maceo fällt im Kampfe gegen die Spanier. 9. Der Lloyddampfer „Salier" an der Nordküste Spaniens im Sturm zu Grunde gegangen; 276 Todte. 14. Empörung auf Mindanao gegen die spanische-Herrschaft. 14. Ausstand der Seeleute und Heizer in Glasgow. 15. Deutscher Reichstag: Scheitern der Justiz-Novelle. 21. Bemnn des Prozesses gegen die Mörder Stambulows in Sofia. 22. Die 10 geretteten Leute vom Iltis kommen in Hamburg an. 22. Der türkische Sultan erläßt General-Amnestie für die Armenier. 22. Abgang der ersten Gruppe italienischer Gefangener aus Abessynien nach Italien. 25. Graf Schnwalow von seinem Posteil als General- Gouvcrnenr von Warschau auf feinen Wunsch enthoben. 26. Der König von Serbien nimmt die Demission des Kabinets an. 26. Professor Du Bois-Reymond h. 28. Im Prozeß Stambulow Georgiew, einer der wirklichen Thäter, freigesprochen, Tufektschiew und Athow der Beihilfe für schuldig erachtet: jeder 3 Jahre Gefäuguiß. 30. Im Münchener Habercr-Prozeß werden 59 Angeklagte zu Strafen von 4 Monaten bis zu 2M Jahren verurtheilt. Recensionen und Notizen. Literarischer Handweiser, begründet, herausgegeben und rcdigirt von Msgr. Dr. Franz Hülskamp in Münster. 1896. Nr. 18 u. 19. Joseph Wilpert's „Ikraotio panis" (Ehrhard). — Weitere kritische Referate über Schmid Wirksamkeit des Bittgebetes (Deppe), 8abstti OoMpsuäium Ibsolotz-ias rooralis (Deppe), ^srtnz-8 PbsoloAia moralis (Prümmer), Baldns Verhältniß Justins des Märtyrers zu den synoptischen Evangelien (Blndau), 8. ^.lxlions. äs lsi Korio Oisssriatio äs prasäs8tinatious Obristi und Oarwina saora (Deppe), Hei osoonäo Osutsimrio äi 8. Nikons» (Bellesheim), Lstri äs Osoia Vita b. Okristiuas sä. kaulsou (A. Steffens), Osraräi äs I'raolisto Vitas k'ratrum Orä. Urasä. sä. Ksiobsrt (Fanlhaber), Eäriu I,ouis XIV. st ts 8t. 8isZs (Zimmermann), Esrarä rvbat VU8 tbs 6uu- polväsr iktot (Bellesheim), Lexis Stand der Währnngs- frage (F. Walter). — 41 Notizen über h Herm. Rolfus, viele kathol. Staildes- und Volkskalender für 1897 und einige andere Nova (Hülskamp). — Novitätenschan. Zeitschriften-Jnhalt. Literarifche Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freibnrg i. Br. Dreiundzwanzigster Jahrgang: 1897. 12 Nummern. M. 9.—. Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshandlung. Inhalt von Nr. 1 u. A.: lllwosllansa aus der Geschichte und Archäologie der christlichen Kunst. (Kraus.) — Heinrici, Der erste Brief an die Korinther. (Nisius.) — Oibsou, 8tuäia 8iuaitioa. Xr. V. Hpoor^püa 8inaitioa. (Bardenhewer.) — Kranich, Die Ascetik in ihrer dogmatischen Grundlage bei Basilius dein Großen. (Kihn.) — Lrauu8bsrAsr, Lsati Vstri Oanisii, 8ooistati8 losn, svwtulas st asta. (Künstle.) — Brück, Geschichte der katholischen Kirche im 19. Jahrhundert. (Peters.) — Watterich, Der Consecrationsmoment im hl. Abendmahl und seine Geschichte. (Schanz.) — Wasmann, Zur neueren Geschichte der Entwicklungslehre in Deutschland. (W. Schneider.) — Bendir, Die deutsche Rechtseinheit rc. Greifen.) — äs Oirarä, Lsttslsr ou la gusstiou ouvrisrs eto. (Franz.) — Hourri88on, Voltairs st Is VoltairiarÜEs. (v. Hertling.) — ltrans, Geschichte der christlichen Kunst. (Aldenkirchcn.) — Nachrichten. — Büchertisch. Katechetische Blätter. Zeitschrift für Religioslehrer. Zugleich Correspondenzblatt desCanisius-Katecheten- Vereines. Herausgegeben von Pfarrer Franz Walk zu Konzenberg, Post Burqau (Schwaben). Kemvten, Verlag der Jos. Kösel'schcn Buchhandlung. Preis pro Jahr 2 M. 40 Pf. Inhalt des 1. Heftes des 23. Bandes: Vom kleinen Katechismus zum großen. — Gedanken für eine Anrede am Kindheit-Jesu-Feste. — Ist im Religions-Unterrichte nur die erotematische Lehrform berechtigt? — Von heiligen Lippen. — Eine Antwort auf die „Katechismusfrage". — Literatur und Miscellen. — Correspondenz des Canisius- Katechctenvereins.' Verantw. Redacteur: Ad. Haaöin Augsburg. — Druck ».Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. wi'. 6 30. IlM. 1897. / > Stilla von Abenberg. Von Adam Hirsch mann. Gegen Ausgang des unheilvollen dreißigjährigen Krieges, der auch die Diöcese Eichstätt schwer belastete, waltete als Pfarrer in Schönfeld, welches damals zum Dekanate Monheim gehörte, Vitus Koch (1639—1647). Derselbe veröffentlichte 1641 ein gut geschriebenes, von solider ascetischer Schulung zeugendes Buch zur Verherrlichung und Nachfolge Mariens unter dem Titel: „Geistliches Mariaburg,') gedruckt zu Jngolstatt, wie es am Schlüsse heißt, in Verlegung Michaelis Strausen, Fürstl. Eychstättischen Richters, Castners und Forstmeisters, der zeit wohnhaft im Schloß Abenberg, welches die gottselige Jungfrau und Gräfin Stilla in ihren Lebzeiten selbst bewohnet." Dieses Werk widmete der Verfasser, welcher ehemals Beichtvater im Kloster Marienburg bei Abenberg, zwischen Spalt und Schwabach gelegen, gewesen war, der dortigen Priorin Christina; Datum Schönefeld, am Geburtstage der Jungfrau und Gottesmutter Maria 1641. Als Beleg für das erste Kapitel seiner „Geistlichen Marianischen Burg", worin die Frage behandelt wird, wie die Menschen dem Greuel der Sünde entfliehen sollen, bringt Koch im zweiten Kapitel (S. 4—13) das Leben der gottseligen Jungfrau und Gräfin Stilla, indem «r folgendermaßen berichtet: Man liefet in glaubwürdigen Historien, daß der wohlgeborne Herr Babo Graf zu Abensperg 32 Söhue und 8 Töchter beisammen im Leben gehabt, darunter einer Wolframns genannt; denselben begnadete Kaiser HeinricuS der heilige, als seinen Vetter mit der Graf- schaft Abensperg; allda zeuget er 3 Söhne als Othonem, Wolframum den anderen dieses Namens und Conradum, einen Bischof zu Salzburg. Wolframns der ander erzeuget Graf Zelchum; Graf Zelchus erzeuget mit Sophia, einer Gräfin von Hohen-Trichendingcn, 3 Kinder als Rapotonem, Conradum und die gottselige Stilla; dieselbe hatte, wie sie aufwuchs und ihr Vater und Mutter starben, zu Dienerinnen 3 edle Jungfrauen; die erste ward genannt Gewehra, die andere Widerbring, die dritte und jüngste Widerkumma; diese alle haben mit einander samt der gottseligen Stilla gar ein tugendsames heiliges Leben geführt. Die gottselige Stilla aber war in allen Tugenden sonderlich der Demuth und Barmherzigkeit vor den andern allen vortrefflich, hat sich allzeit mit Fleiß und großer Inbrunst geübet den Armen und Kranken zu dienen und ihnen das heilige Almosen mildiglich mitzutheilen; darum mäniglich zu ihr als einer Mutter gekommen und sie hat dieselben gespeiset, getränket, getröstet, ihrer gepfleget als eine Mutter ihrer Kinder, und wann sie ihren heiligen Segen über die Presthaften machte, so wurden sie gesund. Nun hatten ihre 2 Brüber ein Closter zu bauen willens auf einen Berg, so nicht ferne von ihrem Schloße lag, da dann jetziger Zeit das Closter Marienburg liegt; da konnte man kein Wasser haben und dünkte ihnen der Boden zu spröde zu einem Closter, sodaß sie ihr Vorhaben und guten Willen an einen anderen Orten hin- ') Sttttner, bibliotlisea ur. 423. Die Angabe Müllers (Die sel. Jungfrau Stilla, Gräfin von Abenberg: Regensburg, Habbel 1885 S. V), woruach das Buch von Vitus Koch nicht mehr zu existiren scheint, ist unrichtig. Denn ich benützte ein Exemplar zu dieser Arbeit. wendeten. Und als man nach Christi Geburt zählte 1182, mit kaiserlicher Hilfe, S. Ottonis des 9. Bischofes zu Bamberg, ihres Vetters, so ein geborner Graf von Andechs, so jetznndt der heilige Berg im oberen Bayern genannt, stifteten sie das herrliche Closter Heilsbrnnn Bernhardiner Ordens, wie dann diese beiden Stifter allda zu Heilsbrnnn samt ihren beiden Hausfrauen Mech- tildis und Sophia begraben liegen. Ihre Schwester aber die gottselige Stilla hatte stets die Begierde, eine Kirche auf dem vorgenannten Berge zu erbauen, so ein klein wenig dem Schloß gegenüber liegt, und fieng um dieselbe Jahreszeit an wie ihre Brüder mit Heilsbrunn und baute auf gedachtem Berge eine Kirche in der Ehr Gottes und des hl. Peter, Himmelfürsten und Zwölfboten. Sie war auch Willens, mit der Zeit ein Jnngfranencloster dahinzubauen. Aber unser Herr Gott forderte sie vom Leben ab; jedoch weissagte sie, daß inskünftig noch ein Closter allda werden sollte, wie denn jetziger Zeit ein Closter Marienburg besteht. Als die gottselige Stilla diese Kirche bauen ließ, geschah ein großes Wunderwerk; denn wenn zu Nacht die Werkleute ihren Lohn nehmen wollten, so griff sie in das Geld und gab einem jedem, soviel er verdient hatte; sie erhob auf einmal nicht mehr und nicht weniger als jedem von rechtswegen gebührte. Nachdem die Kirche gebauet und geweihet war, wallte die gottselige Stilla samt ihren Jungfrauen von dem Schloß aus alle Tage dorthin, und pflog ihrer Andacht und des Gebetes täglich mit großem Fleiße. Ließ auch zu dem Amte der hl. Messe einen Kelch machen. Einstmals stund sie auf der Mauer in ihrem Schloß und war sehr krank; da nahm sie ihre Handschuhe, warf sie in die Luft hinaus und sprach: wo man diese Handschuhe findet, dahin soll man mich begraben; also fand man dieselben in der Kirche, die sie selbst hatte bauen lassen und gerade an dem Orte, allda sie noch begraben liegt. Nachdem nun die gottselige Stilla in ihrem Schloß Abensperg?) verschieden, wollte man sie zu ihren Brüdern nach Heilsbrunn führen und daselbst begraben; da geschah ein großes Wnnderzeichen, indem man ihren Leichnam nirgendshin, wie sehr man sich bemühte, weder heben noch bringen konnte, zu einem Zeichen, daß sie nicht zu Heilsbrunn bei ihren Brüdern, sondern in der Kirche, die sie selbst erbaut hatte, begraben werden sollte: des Städtleins Abensperg, ihres lieben Vaterlandes, des ganzen löblichen Stifts Eychstätt und des Closters, so künftig dahin gebaut werden sollte, eine getreue Beschirmern! und Patronin für immer. Also setzte man Thierlein an einen Wagen und leget ihren hl. Leichnam darauf; da zogen sie denselben von dem Schloß aus ohne menschliche Hilfe und Leitung auf den Berg in ihr Gotteshaus; dahin begrub man Stilla an der Stätte, wo sie noch liegt, und machte über ihr Grab einen erhöhten Stein und ein hölzernes Gitter. Als aber ihre Heiligkeit immer mehr an den Tag kam und mäniglich erfuhr, was Gott für große Wunderzeichen wirke an denen, so zu ihrcin Grabe kommen, und in jenen Zeiten der h. Gundicarius Bischof zu Eychstätt war, und ihm die großen Wnnderzeichen am Grabe Stillas bekannt wurden, hat er erlaubt, einen Altar bei ihrem 2) Muß Abenberg bei Spalt verstanden werden. 34 Grabe in der Ehre der gottseligen Stilln zn bauen, welcher dann am nächsten Sonntag nach Pctri und Pauli, daran noch jährlich das Patrocininm gehalten werden soll, consckrirt und durch den Bischof mit besonderen Jndnl- genzen begnadet worden ist. Wie nun aber lang hernach das Kloster gcbauet und mit Klosterfrauen besetzt worden ist, schrieben die ersten Schwestern auf, was sie von wächsernen Bildern, Armen, Händen, Füssen, Augen und anderen unzähligen Sachen Lei ihrem Grabe gefunden, auch viele herumhängende Gemälde der vielfältigen Wunderwerke. Das Altarbild, ein Brustbild, soll der gottseligen Stilla an Gestalt und Aehnlichkeit nachgeschnitten sein. Obschon dieses Bild nunmehr etliche hundert Jahre alt, niemals erneuert worden ist, so bleibt es doch so frisch und schön, als wenn es vor wenigen Jahren gefaßt worden wäre. Da nun der hochw. Fürst und Herr, Herr Wilhelm von Reichenaw Bischof zn Aichstett, hochlöblicher Gedächtnis, auf das vielfältige Ansuchen vieler frommen Menschen um das Jahr 1452 ein Kloster zu dem St. Peters Gotteshaus zu bauen anfieng, und darauf mit frommen Closterjnngfrauen zum Anfang von Mariastein bei Aichstett, die waren lauter regulierte Chorfraucn S. Angnstini Ordens, besetzte, da kamen alle Tage viele froinme, andächtige Menschen, zum teil von weit entlegenen Orten, zu dem Grab der gottseligen Stilla. Schließlich bemerkt Mtns Koch: Dieses alles von Wort zu Wort ist genommen aus einer gar alten Schrift oder Tafel, so noch heutigen Tages zu sehen hängend bei .dem Grabe gemeldeter gottseligen Jungfrauen, welches ich weitläufiger erzählen wollte, teils weil es zu meinem Vorhaben dienlich ist, wegen des Titels Marienbnrg, teils weil aus diesem Exempel erscheint, wie gut und nützlich es sei, vom Greuel der Sünde oder von der Welt zu fliehen. (S. 13.) In kürzerer Fassung berichtet der eichstättische Generalvikar Vitus Priefcr, welcher Ende Juli 1601 das Kloster Marienburg bei Abenberg einer sehr eingehenden Prüfung unterzog, über die Stillalegendc folgendes: Als man nach unseres Seligmachers Geburt Eintausend einhundert Jahre zählte, war der wolgcborne Herr Zelchus der Reich Graf zu Amberg geuanut, ein Blutsfreund des hl. Kaisers Heinrich und Knmgundis. Dieser erzeugte mit seiner Gemahlin, einer Gräfin von Hohentrittingen, drei Kinder: Rabdonem, Conradum und die hl. Jungfrau Stillam. .4nno 1131 stifteten beide Brüder das Kloster Hailbrunn; damals fieng auch ihre Schwester diese Kirche zu bauen an, welche hernach der heilige bambergische Bischof Otto in der Ehre des hl. Petrus geweiht hat. Zur selbigen Zeit hat die hl. Stilla mit ihren drei Kammer-Jungfrauen Gewera (ursprünglich Gebera geschrieben), Widerkhuma und Wiederbringa Gott dem Allmächtigen auf Rat des hl. Otto ewige Jungfrauschaft gelobt, den Weihel (Schleier) von Otto empfangen. Sie hat täglich dieses Gotteshaus besucht, bis sie daselbst begraben wurde. Auf ihre Fürbitte hat Gott den Blinden das G:sicht, den Tauben die Rede gegeben und verschiedene Heilungen gewirkt. Auf diese Wuuderzeichcn hat Neimbotto diesen Altar zu Ehren Stillas anno 1290 geweiht; anno 1488 hat Bischof Wilhelm von Rcichenau das Kloster gebaut, 1588 wurde dasselbe neubcsctzt. In der Peterskapellc, berichtet Priefer ferner, beim linken Seitenaltare befindet sich Stillas Grab; auf dem Altare selbst erblickt mau ein Bild Stillas, das trotz des hohen Alters noch sehr schön ist, obwohl es bisher noch nicht renoviert worden ist. Auf der linken Seite hin, auch eine Tafel, welcher Priefer feine Mittheilungen ent' nahm. Diese rührte her von Wolfgaug Agrikola, Dekan in Spalt, wie deren Widmung bezeugt: In Ironors s. Ltiilao stociioat v. VVolkstavZug XArioola Lxalatinns 11. 1591: Zn Ehren Stillas von Wolfgang Agrikola von Spalt gewidmet 1591?) Dieser seeleueifrige Priester, welcher die Schulen zu Eichstätt, Amberg, Jngolstadt, Wien besucht hatte, hat sich um die Wiederbelebung des Frauenklosters in Marienburg sehr verdient gemacht und als Beichtvater für die aszetische Schulung der Ordens schwestern eifrig Sorge getragen, wie das Marienburger Nekrologium rühmend bezeugt: „welcher der fürnembste Ursacher dises unsers widerumb auffgerichteten Clostcrs, auch in die 13 Jar getrewer beichtvater und unzalparer grosser Guethäter gewesen ist."* *) Auf den Aufzeichnungen Agrikolas beruhen die Untersuchungen des Jngolstädter Jesuiten Jakob Greifer, welcher der Ehre Stillas ein Blatt in dem Leben der Eichstätter Diözesanheiligen widmete 1617 (Orstsori op. X, 828—829 ock. Uatisbon). Auf den Schultern Greifers stehen die Bollandisten (Xcta Lanotoruw msnss llulti IV, 656 — 663), welche über die Geschlechtsabfolge der Gründer von Heilsbronn einige Bedenken äußerten, ferner der Jesuit Math. Räder (Lavaria Lanota tom. II, 254—256), welcher Stilla von dem österreichischen Grafengeschlechte Stilla-Hefft ableiten zu können glaubte; dann der eichstättische Historiograph Heinrich von Falckenstein, °) ') Manuskript Priefers S. 237, 241 im bischöflichen Ordinariatsarchiv Eichstätt. *) Strauß, Viri iusiKues IFstott. p. 19. Ocmk. Luttnor, bidl. LMott. nr. 248; Suttner, Geschichte des bischöfl. Seminars in Eichstätt S. 14—15. Auf dem noch gut erhaltenen Chöre der Peterskirche zu Abenberg findet sich noch eine Art Grabkreuz von Wolfgaug Agrikola, welcher am 5. März 1601 in Abenberg gestorben ist, mit der Aufschrift „Lieben Kinder, bittet gott für mich. 1591." Agrikola verschaffte auch dem Kloster Marienburg ein hochgeehrtes Muttergottesbild aus Nürnberg. Um den in Nürnberg befindlichen und ihren Gelübden treu gebliebenen Nonnen der verschiedenen Klöster geistliche Hilfe zu bringen, begab er sich oft verkleidet nach Nürnberg. Er benützte diese Gelegenheiten, uin Reliquien, Bilder und Kirchengeräthe vor den Mißhandlungen des neuen Evangeliums zu retten Herzog Wilhelm V. von Bayern bediente sich Agrikola's um auch für sich Reliquien aus den Klöstern Nürnberg? zu erhalten. Unter andern brachte Agrikola für da? Kloster Marienburg, in einem Fuder Stroh versteckt, ein großes, schön geschnitztes Muttergottesbild, welches im Refektorium aufgestellt wurde. Seit der Säkularisation am Anfange des Jahrhunderts ist es verschwunden. (Past.- Bl. 1858, 190.) Noch uiigedruckt ist das älteste noch vorhandene Manuskript im Pfarrarchiv zu Abenberg, welches Schwester Monica Farcketin 1593 niedergeschrieben hat. Aus dem Jahre 1594 ist ebenfalls ein Manuskript vorhanden, sowie aus dem Jahre 1651, beide in Abenberg. st Ueber Falckenstein vergl. dessen posthumes Werk: Vollständige Geschichten des Herzogthnms und ehemaligen Königreichs Bayern (München 1763), wo in der Vorrede erzählt wird, daß der Verfasser am 4. Februar 1760 in Schwabach, 83 Jahre alt, gestorben ist. Er soll ein Schlesier von Geburt gewesen sein; er hatte am 6. Oktober 1677 das Licht der Welt erblickt. Nach dem Kirchen- lexikon Hergenröther-Kaulen war Falckenstein geb. 1682 (IV, 1212). In den Stcrberegistern der protest. Pfarrei Schwabach finden sich folgende Angaben: Falckenstein war geb. den 6. Okt. 1677 zu Darmstaot, starb am 2. Febr. 1760 in einem Alter von 82 Jahren 3 Mon. 27 Tagen. Beerdigt wurde er am 7. Februar des Nachts „mittelst einer Nacht-Prozeß-Leiche in der selbst erbauten Gruft". Die Standrede hielt Ärchidiakon Günther über Hebr. 13,14. Falckenstein verharrte in der katholischeil Religion bis an keinen Tod. Auf dem Todbette ließ er einen katholischen 35 welcher Stilla zu einer Tochter des Grafen Wolfram H. von Abenberg erhob, dabei aber Greiser selbst in seinen offenkundigen Fehlern nachschrieb, tvornach Bischof Wilhelm von Reichenau im Jahre 1382 das Kloster Marienburg errichtet haben soll (Lutignitates Xorässav. I, 52, Schwabach 1733), obwohl beide Historiker sonst ganz richtig anzugeben wußten, daß genannter Bischof erst 1464 den Stuhl des hl. Willibald bestiegen hat. (Kreis. 6a- talvA. episeox. LMeti. X, 870; k'alosteQstein, ^ntig. Xorckgav. I, 210.) Der Exjesuit Anton Crammer (Heiliges u. gottseliges Eichstädt 1780 S. 173 bis 184) und der Rebdorfer Angnstinermönch Maximilian Münch, welcher 1776—1783 Beichtvater in Marienburg war, vermochten über Stillas Leben keine neuen Resultate zu bieten. (Kurze Geschichte des Franenklosters Marienburg 1781.) H In unserm Jahrhunderte haben Asam, ehemals Stadtpfarrer in Abenberg (Snlzbacher Kalender für kath. Christen 1857 S. 96—.106), Snttner (Pastoralblatt des Bisthums Eichstätt 1856, S. 118 ff.), Jocham (Lavaria sanota II, S. 121—128) und Müller (Die sel. Jungfrau Stilla, Regensburg 1885) der Stillalegende ihre Aufmerksamkeit zugewendet und die abenbergische Geschlechtsabfolge Stillas festzuhalten versucht; ja Müller, der eifrigste Verfechter dieser Meinung, behauptet geradezu : „Die ganze Legende der seligen Stilla mit allen ihren Einzelheiten beruht auf eben dieser Voraussetzung." (1. o. p. V.) Unsere Aufgabe soll es nun sein, historisch-kritisch diese Voraussetzungen zu prüfen. (Fortsetzung folgt.) Stieve und Vetter. In den mittelalterlichen und nachtridentinischen katholischen Schulen wurde die bedingte Erlaubtheit des Tyrannenmordes sehr häufig behandelt; besonders rege und lebhaft wurde die Frage erörtert, als in Frankreich König Heinrich III. durch den Dominikaner Jacob Element 1598 ermordet, als König Heinrich IV. bei einer Fahrt durch Paris von Navaillac getödtet worden war. Unter den deutschen Jesuiten an der Wende des 16. Jahrhunderts stand der urderbe Conrad Vetter, als Schriftsteller sich gewöhnlich Conrad Andrae benennend, im Vordertreffen gegen die Angriffe Heilbrunner's und anderer neugläubiger Theologen. Hinsichtlich der Erlaubtheit des Tyrannen-Mordes nun soll Vetter nach der Darstellung Stieve's (Briefe und Acten zur Geschichte des 30 jährigen Krieges, V. Band. Die Politik Baherns 1591-1607, II. Hälfte S. 612) die Ansicht vertheidiget haben: Als Tyrann sei ein rechtmäßiger ketzerischer Fürst nur dann zu betrachten, wenn er die Katholiken verfolge; in diesem Falle sei auch der Geistlichen zu sich kommen, der ihm mit Conniveuz der Obrigkeit die Sakramente nach römischem Gebrauche, obwohl insgeheim, administrirte. Vergl. Strauß, viri in- sisai p. 106; Sax, Die Bischöfe und Neichsfürsten von Elchstadt S. 608. °) Gegen Münch veröffentlichte S. W. Oetter, Hochs, brandenburgischer Geschichtsschreiber, Leipzig 1783: Betrachtung über den Handschuh der Gräfin Stilla von Abenberg, welchen sie bei Erbauung der Peterskirche in die Höhe geworfen. Suttner, bidl. LMstt. nr. 1073. Das Archiv der Pfarrei Abenberg besitzt noch ein sehr schön geschriebenes Manuskript Mönchs, worin er die Arbeit Wilhelm Cupers bei den Bollandtsten über Stilla übersetzt und mit Noten versehen hat. Die Uebersetzung trägt die Jahrzahl 1778. Einzelne zu seiner Ermordung berechtigt; sonst dagegen dürfe man sich nicht gegen ihn auflehnen. Richard Krebs (Die politische Publicistik der Jesuiten und ihrer Gegner in den letzten Jahrzehnten vor Ausbruch des 30jährigen Krieges. Halle 1890. S. 29) schrieb getreulich nach, was Felix Stieve vorgesagt: „Daneben aber sprach er (Vetter) sogar dem Einzelnen das Recht zu, einen ketzerischen Fürsten zu tödten, falls dieser die Katholiken verfolge." Beide Schriftsteller berufen sich auf die gleiche Schrift Vetter's, deren langgezogener Titel vollständig lautet: „Puffer, das ist Zerschmetterungen deß Predicantischen Jesuwiderspiegels Philipp Heilbrunners mit lebendiger Beschreibung sein und seiner Znnfftgenossen Predicantischen Geistes, das ist Lugen-, Läster-, Lcrmen-, Auffrhur-, Mord- und Blntgirigen Geistes, gar ordentlich in 4 Püff abgetheylet, Deren I. Ist der verteutschte Appendix, aufs welchen der Heilbrnnner Lateinisch zn antworten, ihm selber nicht gctrawet. II. Ist eine auß- führliche Widerlegung aller Lügen und. Lästerungen, so in dem ersten Theyl seines Spiegels begriffen. III. Ist eine Zerschmeissung deß Spiegels in 164 Trümmer oder Scherben, das ist 164 öffentlicher und greifflicher Lugen, so in dem andern Theyl des Spiegels begriffen. IV. Ist der friedsame Luther, das ist deß Luthers und der Lutherischen Predicanten selbst eygne Zengnuß ihres fried- hässigen, anffrührischen und blutgirigen Geistes. Durch- N. Conradum Audreae rc. Jngolstadt in der Ederischen Truckerey durch Andream Angcrmeyr Unno LIVOI." Was lehrt nun Vetter in seinem „Puffer" über die Er- laubtheitdes Tyrannenmordes? „Die Theologi", sagt er S. 9,' „die Juristen und pstilosopüi rnoralas setzen dise Frag: Ob ein jede Privatperson dörffe einen Tyrannen umbringen? Sovil die Proposition oder Fürhalt diser Frag belangt, ist solcher weder lobens- noch scheudenswerth, sondern allein die ^ssortio und Aussag. Denn wenn die Frag: Ob man einen Tyrannen mit Recht und Fug möge umbringen, eine auffrührische Frag sein sollte, so muß fürwahr dise noch vielmehr auffrürisch sein: Ob man einen Unschuldigen oder ob mau die Sünder möge umbringen. Dann ja vil mehr Unschuldige und vil mehr Sünder seyn als Tyrannen. (S. 10—11.) Fragen macht kein Aufruhr, sondern das Predicantisch Jachtzen und Neinchtzen." Hierauf entwickelt Vetter die Anschauungen des Gregor von Valentin, des Cajetcm und des Soto (Seite 14—17) und zieht die Folgerung: Ein König, der tyrannisch regiert, aber im rechtmäßigen Besitze der Gewalt ist, darf nach St. Thomas von keiner Privatperson getödtet werden. Dann heißt es weiter: Die Frag: Ob eine Privatperson seinen oder eines anderen Herrn, den Er bei sich selbst für einen Tyrannen oder Ketzer hält, hinrichten möge, ist nicht der Jesuiten, sondern dein (Heilbrunner's) eigens schamloses Gedicht, so von dir als einem lutherischen Schalk und Betrüger den Jesuiten Angelogen und aufgelogen. Auf diese Frage aber antworte, wer da wölle, so ist gewiß, daß er mit trucknen Worte ein verneintliche Antwort geben würde. Dann es eine überaus schädliche Ketzerey wär, auf solche Frag ja sagen und recht heisscn: wäre auch dem Beschluß des Costenzcrs Concils zuwider.^ (S. 18.) Vetter lehrte somit das ') In der 16. Sitzung am 6. Juli 1415 verurtheilte das Concil zu Konstanz, ohne den Urheber, den Franziskaner Petit, zu nennen, den Satz: „Jeder Tyrann kann und muß erlaubter- und verdienstlicherweise von jedem, seiner Vasallen oder Untergebenen auch durch heimliche Nachstellung und fein ersonnene Schmeichelei getödtet werden, ohne Rücksicht auf einen geleisteten Eid oder einen ein» 36 gerade Gegentheil von dem, was ihm Stiebe und Krebs unterschieben. Beide Historiker haben offenbar die Auslassungen des schlagfertigen, zu Spott und Satire geneigten Jesuiten nicht gelesen; sonst wäre eine derartige Verdrehung der historischen Wahrheit unerklärlich. Jetzo aber, fährt Vetter gegen Heilbrunner fort, nenne du den Jesuiten, so du kannst, der diese Frage proponirt oder fürgehalten und auf solch fürgehaltene Frag den ja sprechenden Theyl dcfendirt und verfochten habe. Bell- armin (Os ioma.no ponkitioo Iit>. V oap. VII.) lehrt nicht, was man ihm unterschiebt.^) Dein gantz Fürnemen, schließt Vetter (S. 20), aber ist nichts anders als allein schänden und verleumbden, holippen und die Auflägen, so allbereit widerlegt und zu nichte gemacht, repetiren und widcrholen und solches mit unersättlichem Neid wider die Jesuiten, welcher einiger Ursache halber, da sonst gar nichts wär, du dich selbst für einen Heillosen und boshaftigen Menschen angibst und erklärst. (Vergleiche P^rannioiäium anotors ckaoodo Lslloro, 8. ll. LIo- vaoüii 1611. pax. 19—36.) Diese Ausführungen Vetter's erweisen die Anschuldigung Stieve's als völlig unzutreffend und mahnen überhaupt zur Vorsicht, wenn es sich um Vorwürfe gegen die Jesuiten handelt. Denn auch der belesenste Geschichtschreiber ist der Täuschung und dem Irrthume zugänglich. Schönfeld. Hirschmann. Franz Schubert. Zu seinem 10Ojähr. Geburtstag (31. Jan. 1797) von A. G. Zur Zeit sind alle Tagesblätter voll von Schubert- Feiern; alles, was singt und musicirt, will den größten Meister des deutschen Liedes bei der Wiederkehr seines hundertjährigen Geburtstages ehren, und zwar mit vollem Fug und Recht. So ist es auf der Welt: so lange das Genie lebt, kümmern sich oft wenige um dasselbe; wenn sein Körper verfault ist, dann sieht man ein, was der Verstorbene war. So erging es schon Hunderten, ganz und gar so Franz Schubert, den die Welt meist darben ließ. Freilich, er war auch ungemein bescheiden und demüthig — die Welt liebt Radau! Dann starb er auch früh, obwohl er sehr viel gearbeitet und geleistet, trotz seiner nicht vielen Lebensjahre; sein Leben verlief sodann ruhig, die Großen der Welt kümmerten sich nicht um ihn, gegangenen Vergleich und ohne daß man eine richterliche Sentenz oder den Auftrag eines Richters abzuwarten brauchte." 2) In der angezogenen Stelle ((vispntationss äs controvsrÄw dn'i8tiavks üäsi, Insolstaäii 1890 xa§. 1067) lehrt Bellarmin: „Den Christen ist es nicht erlaubt, einen ungläubigen oder häretischen König zu ertragen, wenn jener Versuche macht, die Unterthanen zu seiner Häresie oder zu seinem Unglauben herüberzuziehen; jedoch zu beurtheilen, ob der König zur Häresie verleite oder nicht, kommt dem Papste zu, dem die Sorge für die Religion übergeben ist: demnach ist es Sache des Papstes, zu entscheiden, ob der König abgesetzt werden solle oder nicht.. Wenn die Christen ehedem einen Nero, Diokletian, Julius Avostata, einen Valens nicht absetzten, so geschah dieses, weil den Christen die irdische Gewalt hiezu fehlte. Einen häretischen oder ungläubigen König ertragen, welcher das Volk zu seiner Secte verführt, heißt die Religion einer offenkundigen Gefahr aussetzen, wie die Kirchengeschichte in der Vergangenheit und in der Gegenwart beweist: UsAis aä sxsmplnm to1n8 eompouitur orbi8. Bellarmin spricht wohl von der Absetzbarkeit häretischer und ungläubiger Könige, aber nicht von dem Rechte, solche Fürsten zu morden. kannten ihn nicht, Gönner hatte er keine, suchte auch keine, Tag für Tag arbeitete er rastlos für sich, führte ein ungemein einfaches, man kann sagen kleinbürgerliches Dasein. Auch nach seinem Tode, der viel zu früh erfolgte, blieb er noch ziemlich lange unbekannt. Während heutzutage Biographien von Männern schon bei deren Lebzeiten erscheinen, weitschweifig und übertrieben gehalten, blieb Schubert lange still und unbekannt, und Dr. Kreißle war eigentlich der erste, welcher 1865 ihn und seine Werke aus der Vergessenheit zog, auf dessen Werk dann andere aufbauten. Mit seinen Werken war es mitunter gerade so; so wurde, um nur ein einziges Beispiel anzuführen, seine herrliche II-moU-Syinphonie aufgeführt zum erstenmale im Jahre 1865, volle 40 Jahre nach des genialen Meisters Tod, und doch entstand sie bereits im Jahre 1822. Welch ein Contrast mit der heutigen Zeit! Er führte ein Tagebuch, Schicksal desselben? Ein Autographen-Sammler verkaufte Blatt für Blatt an Liebhaber, ja es ist verbürgt, daß kleine Kompositionen von ihm, Lieder als Fleißzettcl vertheilt wurden. Wie viel, wie viel Schönes mag auf solche Weise verloren gegangen sein! Und nun zum Meister selbst und seinen Werken! Franz Peter Schubert wurde geboren am 31. Januar 1797 — nicht 1798, wie es öfters heißt — in einer Vorstadt der Kaiserstadt Wien. Seine Familie entstammte einem Bauerngeschlechte aus Oesterr.-Schlesien. Franzens Vater, ebenfalls Franz nach seinem Vornamen, hatte nicht weniger als vierzehn Kinder sein eigen zu nennen, von denen fünf am Leben blieben, und war Franz der jüngste Sohn. Der Vater war Lehrer an einer Pfarrschule Wiens, ohne eigentlichen Gehalt, da er nur freie Wohnung und Schulgeld bezog; das Einkommen betrug höchstens alles in allem genommen jährlich 400 Gulden österreichischer. Währung, dazu eine zahlreiche Familie und hiedurch materielle Sorgen. Nachdem die Mutter schon 1812 starb, ging der Vater eine zweite Ehe ein, der wiederum fünf Kinder entsproßten. Der Vater leitete selbst die musikalische Erziehung seiner Kinder, und wurde er bei der Erziehung der jüngsten durch die älteren unterstützt. Franz war, wie so viele der großen Componisten, ein musikalisches Wunderkind, der bald seine einfachen Lehrer überragte, wie auch der Pfarrei-Musiker Michael Hölzer, eine Auktorität zur damaligen Zeit, bald erklärte, er könne den Knaben nichts mehr lehren, so daß Franz vom achten bis zwölften Jahre ohne eigentliche regelrechte Unterweisung aufwuchs. Er sang einen prächtigen Sopran, spielte Violine, Bratsche, Klavier und bisweilen auch die Orgel beim Gottesdienst. Im Jahre 1808 kam der Knabe als Sänger in die kaiserliche Hofkapelle in Wien und erhielt dadurch zugleich einen Stiftsplatz im Stadtconvikt, wo er bis znm siebzehnten Jahre blieb. Es war diese Anstalt ein Gymnasium, worin aber neben den Sprachen rc. auch fleißig Musik stndirt und geübt wurde, und aus diese warf sich Franz mit Feuereifer und erhielt das Zeugniß, und zwar sehr bald, daß er in den Symphonien von Mozart» Haydn, Beethoven trotz seiner Jugend die Violine muster- giltig spiele. An modernen „lustigen" Symphonien der damaligen Zeit fand er absolut keinen Geschmack und bezeichnete sie offen als „fad" und wunderte sich, wie man solches Zeug überhaupt neben Haydn nur aufführen könne. Mozart's Ouvertüre zu der noWs äi Vigaro nannte er — der Knabe! — „die schönste auf der ganzen Welt", fügte aber alsbald bei, „fast hätte ich die Zauberflöte vergessen". Schon damals hat er viel com- 37 ponirt, Phantasien, eine kleine Oper, eine Messe, ja selbst- , Symphonien und Sonaten, und so muhte man jetzt auf das große Talent aufmerksam werden. Er wurde ! Schüler des ersten Direktors der Wiener Hofkapelle. Des Maestro Antonio Salieri, der ihn zuerst in den Kontrapunkt einführte. Dem Lehrer sang er einmal ein selbst componirtes Lied vor, das ersterer lobte, worauf ihn Franz treuherzig anschaute und ihn fragte: „Glauben Sie, daß aus mir etwas werden wird?" Als der Meister sagte, er sei jetzt schon viel, fügte der jugendliche Com- ponist bei: „wer vermag aber nach Beethoven etwas zu machen?" Er schrieb damals eine Messe, ein Salve Regina und begann die „natürliche Zanberoper": des Teufels Lustschloß in drei Akten von Kotzebue, welche er im Jahre 1814 beendete, zurückgekehrt aus dem Con- vikt in das väterliche Haus, wo er, um der Aushebung zum Militär zu entgehen als Lehrer in die Elementarschule seines Vaters eintrat und in dieser Stellung bis Ende des Jahres 1816 verblieb. Komponist — und Elementarlehrer bei den Anfaugsschülernl welch ein Kontrast! Und doch, er ermüdete. nicht, obwohl er manchmal nicht genug zu essen hatte, im Gegentheil, er componirte mehr denn je, so allein im zweiten Jahre seines Aufenthaltes zu Hause: eine Symphonie, zwei vollständige Messen, vier Sonaten, viele Klavierstücke, nicht weniger als gegen 140 Lieder, bei denen er gegen 50 Gedichte Göthe's zu Grunde legte. Eines seiner bekanntesten Lieder aus damaliger Zeit ist sein „Erlkönig". Spaun schrieb damals an Göthe, machte den Dichter auf den jugendlichen Komponisten aufmerksam, Göthe aber ertheilte eine Antwort — nicht. Spaun gab sich auch viel Mühe, Schuberts Werke, wenigstens die bedeutendern, in Druck zu bringen, umsonst, — die fünf Symphonien aus damaliger Zeit wurden erst 68 Jahre später, im Oktober 1885, publicirt. An der Musikschule zu Laibach in Krain war eine Lehrerstelle zur Bewerbung ausgeschrieben mit einem Gesammtgehalt von 500 Gulden. Schubert bewarb sich darum» sein Lehrer Salieri empfahl ihn mit folgendem gewiß ganz und gar kaltem Begleitschreiben: „lo Hui Lottooerito allerrnv, c^uanto nella, snppliea, ät 1'rano6860 Lostubert in rixuaräo al posto unwioals Zj Imdiana. sta, espoato." Schubert fiel mit seiner Bewerbung durch, Salieri hatte hinter seinen Rücken einen zweiten besser empfohlen, der die Stelle erhielt, sein Name war Jakob Schaust. Rührende Doppelzüngigkeit eines Lehrers! Unser Schubert blieb vorerst der arme Schulgehilfe. Ende des Jahres nahm ihn der bekannte Schober in sein Haus auf und bald machte er die Bekanntschaft des berühmten Tondichters und Sängers Michael Vogl, der ihm treu blieb bis zu seinem Tode. In welch ärmlichen, elenden Verhältnissen aber unser Komponist zu leben hatte, mag der einzige Umstand beweisen, daß er für sich nicht einmal die Miethe für ein Klavier erschwingen konnte. Buchstäblich bettelarmer reichbegabter großer Künstler! Man sollte annehmen, daß diese elende materielle Lage auch den Schwung des Geistes beeinträchtigt hätte, doch nein, Schubert arbeitete unverdrossen weiter, und erwähnen wir aus jener Zeit unter vielen Arbeiten nur folgende: Ouvertüren im italienischen Stil, Claviersonaten, sein „Gesang der Geister über den Wassern", Sonetten, geistliche Lieder» Walzer — erste Versuche —die sechste Sinfonie in 6, verschiedene Kantaten — ein Beweis, daß er stets arbeitete nach dem alten Satze: null» äiss 8wo linea, — ja sius ulla ÜI163. (Schluß folgt.) Die Weltanschauung im Sinne des hl. Thomas von Aqnin. (Vortrug gehalten im akad. Görresverein in Münchens (Fortsetzung.) st. 6. Nicht alle Welten, die in Gottes ewigem Verstände ideell existiren, haben auch reale Existenz gewonnen. Warum ist also gerade die jetzige Welt von Gott geschaffen worden? Die Antwort kann nur lauten: Weil Gott es frei gewollt hat?) Um diese Antwort recht zu verstehen, müssen wir uns vergegenwärtigen, daß Gott ohne jede wirkliche Welt unendlich vollkommen ist; denn sonst wäre Gott, um ganz Gott zu sein, von etwas abhängig, was außer ihm und darum unter ihm ist. Es war also Gottes freiester Wille, wenn er sich entschloß, überhaupt eine Welt zu schaffen. Ebe"so war es aber auch Gottes freiester Wille, daß er aus der unzähligen Zahl möglicher Welten gerade die jetzige erkor. Der Grund ist einfach der, daß absolut gesprochen Gott überhaupt nichts so Vollkommenes schaffen kann, daß er nicht auch noch Vollkommeneres hätte schaffen können, weil zwischen allem Geschaffenen und seiner Unendlichkeit immer noch ein unendlicher Abgrund liegt. Welch wichtige Folgen ergeben sich nun aber wieder aus diesem Ursprünge der Welt für unsere Weltanschauung! Was vom freien Willen eines Andern abhängt, ist, so« weit es davon abhängt, sein persönliches Eigenthum. Nun ist aber die Welt in ihrem innersten Sein, in allen Fugen ihres Gebäudes vom freien Willen Gottes abhängig. Die Welt ist also auch durch ihre Natur ganz und gar Gottes absolutes Eigenthum?) Alles, was demnach in der Welt einen Platz hat, muß nach den Kräften seiner Natur Gott dienstbar sein. Damit ist aber auch zugleich die Aufgabe dieses Dienstes gegeben. Wenn nämlich Gott alles nach dem Vorbild seiner unendlichen Vollkommenheit geschaffen hat, so ist es die Aufgabe jedes einzelnen Dinges in der Welt, sich nach Maßgabe seiner Kräfte Gottes unendlichem Vorbild ähnlichzumachen. Gottähnlichkeit istdarum das große Ziel der Welt in ihrer Gesammtheit, wie in jedem ihrer Theile?) Wir können vom Willen Gottes nicht scheiden, ohne dem schönen Gedanken der christlichen Philosophie Ausdruck verliehen zu haben, daß gerade die Liebe und Güte Gottes an der Wiege der Welt gestanden hat. Gott besitzt nämlich in sich selbst das höchste unendliche Gut, welches ohne alle Maßen vollkommen ist. Darum ist Gott auch durch den ganzen unbeweglichen Gang der Ewigkeiten in sich selbst unendlich glückselig, absolut sich selbst genügend und unfähig, nur irgendwie eine St'eiger- 0 8. e. A. I eap. 81, 82; mo namentlich betont wird. daß Gott zwar alles wissen, aber nicht auch alles wollen muß; vk. oap. 87; 8. viom. 1 g. 19 a. 5. lieber diese Fragen vgl. Oillol I. e. p. 226—239. „Onm äivina dovitas (Vollkommenheit) sit a oroLtvris xenitne inckspon- äens, st nillil oinnino ex eis aognirsre gueat, ssguitnr eviäentsr, Osniv voll» ueesssitsrs volle all» a. se" (p. 226). ?) Sehr schön 8. o. K. lib. III oap. 1. ") „Kds oinnes oreatas suvt guasllaw imnAives prinn aZentis, se. Oei.. psrksdio iinaZinis sst, ut rexraeLsntet snnm exvinxlar per siinilltuäineni all ipsnm..... 8nnt iAjturrssoinnsspropteräivinamsiinilitnäinsM oonsegnenäain sient propter nltiwnm ünew? — 8, o. §. Ud. III esp. 19. 38 nng seines unendlichen Glückes zu erfahrend) Wenn daher Gott sich frei entschlossen hat, der Schöpfung den Morgen der Geburt zu schenken, dann hat er es nicht aus Bedürfniß oder Eigennutz gethan, als hätte er etwa die Welt nöthig, um das zu haben, was ihm an seinem vollen Glücke noch fehlte. Nein, wer einem derartigen Gedanken Raum gäbe, würde die unendliche Vollkommenheit Gottes unerträglich erniedrigen. Findet doch schon der Psalmist gerade in der Unabhängigkeit Gottes von äußeren Gütern das Kennzeichen seiner Gottheit: „Daus msn8 es tu, guia bonorum moorum non sZ68". Nur ein Gedanke konnte Gott bewegen, die Welt aus dem Schlafe des Nichts, den sie in seinen ewigen Ideen schlief, wachzurufen, der Gedanke, daß nun auch andere Wesen existiren würden, die an seiner Herrlichkeit Antheil bekämen und so in ihrer Weise glücklich wären. Darum gibt der hl. Thomas Gott den schönen Titel' „Ip36 8o1u8 Maxims liboi'Llm"?) Gott allein ist wahrhaft freigebig, weil er in seiner unendlichen Güte nur darum schenkt, weil er schenken kann und dadurch andere glücklich macht. Darum will Gott von seiner Seite allen Dingen nur Gutes?) Alle Dinge sollen seine unendliche Herrlichkeit in sich nachbilden, indem sie die ihnen geschenkten Kräfte richtig gebrauchen, und sollen so dem einzig wahren Glück und Gut so nahe kommen, als es die Schranken ihrer Natur erlauben. Der Schöpfungsabsicht Gottes steht nun schließlich die Schöpfungsaufgabe der Welt correlativ gegenüber; beide sind so naturgemäß verbunden, wie die Helle mit dem Lichte. Wenn ein Leonardo da Vinci aus reinster Freude an seiner Kunst sein herrliches „Abendmahl" hinzauberte, wenn das Künstlergenie eines Michelangelo Wand und Decke der sixtinischen Kapelle mit den wundervollsten Fresken schmückte, und wir stehen nun vor diesen Gemälden, was haben wir dann vor uns? Ein Abbild des Riesengeistes dieser Künstler, einen immerwährenden Lobhymnus auf ihr Genie haben wir dann vor uns. Könnte es nun mit dem großen Kunstwerk des Welten- domes anders sein? Unmöglich; die Welt offenbart ja in allen Linien ihres Gebäudes Gottes unendliche Herrlichkeit, deren Spiegel und Abglanz sie ist. Das ist also der große Endzweck der Schöpfung, der mit ihrer Natur unauflöslich verbunden ist, daß sie Gottes Größe nach außen offenbare und so der äußeren Verherrlichung Gottes diene?) Die Sterne darum, die am Abend sich am dunklen Himmelszelt entzünden, sie sind ebensoviele Gottes- lämpchen, die im Weltendom brennen vor dem einen Allerheiligsten, der in seiner erhabenen Sonnenhöhe in ewiger Ruhe über ihnen thront und ohne Unterlaß in das ganze weite Universum Licht und Leben, Glück und Vollkommenheit ausstrahlt. Und so soll die ganze Schöpfung von Morgen bis Abend ein großer Jubelhymnus sein auf Gottes Pracht und Herrlichkeit; von Pol zu Pol soll immerfort das eine wunderbare Lied durch sie wieder klingen, von Mund zu Mund soll es schallen: Oüoria. in 6 XL 6 I 318 Leo! Ehre, Lob, Preis und Ruhm sei Gott H Sehr schön 8. 0 . §. Üb. I eap. 102. H „8ie j§itur O6U8 vult st ss st nlia; ssck ss ut Kllsm, atm vsro ut nä tiusm; tu Quantum oonäsost äivinarn bonitstein, stiam all» ipsaw partioipars". — 8. 1 b. I. 19 a. 2 ; 8. s. S. Ub. m cap. 19 ; 8. 1 d. 1 . 4. 44 s. 4 . 0. st aä 1 . °) „Dtosnäum, yuock Heus oinnis, sxistsntia runat. 8sck amor Osi sst iu tnnäens st orsans bonitntsin in rebu8." — (8. 1 b. 1. g. 20 -r. 2; 8. 0. §. Ub. III oap. 16 . ') 8. e. x. Ub. III osp. 1 , 17 , 16 . 8. 1 b. 1 . 4 .103 a. 2 . in der Höhe, der uns erdacht in seiner Weisheit, der uns gewollt in seiner Liebe, der uns geschaffen in seiner Allmacht. — Mit diesem schönen Gedanken wollen wir uns jetzt vom Ursprünge der Welt ihrem Bestände zuwenden. II. Wie das weiße Sonnenlicht durch das Prisma in * die schillernden Farben des Spektrums zerstreut wird, so ist auch die eine unendliche Vollkommenheit Gottes in dein blumenreichen Kranz der Weltdinge gleichsam in ein großes Spektrum der verschiedensten Theilvollkommenheiten ausgebreitet. Und wie das Spektrum nur als Ganzes das ganze Sonnenlicht wiedergibt, so bilden auch die verschiedenen Wcltdinge erst zusammen das ganze Abbild der göttlichen Vollkommenheit. Alan muß diesen Gedanken der christlichen Philosophie wohl unterscheiden von dem Gedanken des Pantheismus, dessen Spuren oberflächliche Forscher wohl schon iu der Scholastik zu finden glaubten?) Nach dem Pantheismus machen die verschiedenen Weltdinge zusammen Gott aus, sie sind Gott. So spricht Goethe: „In Lebensfluthen, in Thatensturm Wall' ich auf und ab, . Wehe hin und her! ' Geburt und Grab, Ein ewig Meer, Ein wechselnd Weben. Ein glühend Leben. So schaff' ich am sausenden Webstuhl der Zeit Und wirke der Gottheit lebendig Kleid." (Faust.) Aber in der Anschauung des hl. Thomas ist die Welt zwar das Abbild Gottes, allein in ihrem Sein und Wirken sind Gott und die Welt innerlich und grund- wesentlich von einander verschieden?) Der Begriff Gottes liegt darin, daß Gott die in sich selbst subsistirende, reine Wirklichkeit, das reine absolute Sein ist (aotns purns; ixsuw 6886 8us>8l8t6N8). Ein solches Wesen kaun nur eines sein und absolut keinem Wechsel unterliegen. Alles Andere, was noch existirt, kann nur eine beschränkte Vollkommenheit haben und kann namentlich nicht das reine subsistirende Sein selbst sein. Vielmehr muß in allen geschaffenen Dingen eine substantielle Zusammensetzung aus Wesenheit und Dasein, wie aus Potenz und Akt an- -> erkannt werden. Ebensowenig, wie nun etwas zu gleicher Zeit reiner und zusammengesetzter, d. h. nicht reiner Akt sein kann, ebensowenig können Gott und die Welt identisch sein?") Indem wir diesen Gedanken dem Pantheismus gegenüber scharf betonen, müssen wir auch gleich einem andern Irrthum, der namentlich in Frankreich die Geister verwirrte (Malebranche), nicht weniger energisch entgegentreten. Wenn das Feuer das Holz anzündet, die Rose ihren Duft aushaucht, der Mensch denkt und will, kürz wenn die Geschöpfe thätig sind, so ist dies — nach diesen Philosophen — nur Schein. Im Grunde ist es — so °) Z. B- BarthSlemy Haursau, Paris 1672/81; in dem Ausdruck: rss sinansnt 2 vso. H „tzmäam kriv 0 lis r 2 t i 0 n i b u s äuoti vossusrunt, vsuin S88S äs substantia euiuslibst rsi sto? — tz. O. äs vsr. g. 21 s. 4 ; 8. 0. §. lib. I 02p. 26 . 8. 1 b. 1 . g. 4 L. 8. ") „DZss rseixitur in aliguo ssounäuin moäum ipsius st iäso tsrwinÄtnr siout gunsUbst 2U2 torms, guas äs 8S communis 68t, st ssounäuw guoä rsoipitur in sligno, tsrininatur sä illuä: st kos inoäo 8olnm äivinum S88S non S8t tsrininatuin; guia non sst reosptnm in nliguo, guoä S8t äivisuin ab so? — 1. äsnt.Oist. 8 g. 2 a. 1; 8. e. A. Ub. I oam 21 — 29 ; 8. 1 b. 1. g. 3 a. 4 . > 39 erklären sie — immer ausschließlich und allein Gott, der z. B. bei Gelegenheit der Berührung von Feuer und Höh das Holz anzündet; kurz Gott allein vollzieht alle Thätigkeit, die scheinbar von den Geschöpfen ausgeht. Diesem verderblichen Irrthum gegenüber finden wir bereits vom hl. Thomas scharf betont, daß Gott aus der Ueberfülle seiner Güte heraus den Geschöpfen nicht nur ein wirkliches Dasein, sondern auch ein wirkliches Thätigsein verliehen habe.") Und damit die Geschöpfe diese Thätigkeit als eine wirklich eigene ausüben, hat Gott ihnen bestimmte innere Thätigkeitsprineipien gegeben, die dem Grade ihrer Existenz genau entsprechen.") Gerade diese innern Thätigkeitsprineipien machen das aus, was wir die Natur der Dinge zu nennen pflegen. So kommt es, daß die Vorgänge und Erscheinungen, die sich in der Schöpfung abspielen, im eigentlichen Sinne des Wortes natürliche Vorgänge sind, d. h. Vorgänge, die in der Natur der Dinge selbst ihren physischen Grund haben.") Schließlich ist die Lehre des hl. Thomas auch direkt einer Auffassung entgegengesetzt, die unter den neuern Physikern einen breiten Boden gewonnen hat. Secchi, der große Astronom, hat sie in einem eigenen Werke: „Die Einheit der Naturkräfte", mit vielem Scharfsinn zu vertheidigen gesucht. Seine Ansicht gipfelt etwa in folgenden Worten"): „So sind wir zur wahren Philosophie der Natur zurückgekommen, die schon von Galilei inangurirt war, daß nämlich in der Natur alles Bewegung und Stoff ist, oder eine einfache Modifikation desselben durch eine reine Umstellung der Theile oder der Art der Bewegung." Dem gegenüber gipfelt die Naturphilosophie des hl. Thomas von Aqnin ganz und gar in der Anschauung, daß die Substanzen Träger eigentlicher, innerer Qualitäten seien. Diese Qualitäten stehen in naturgemäßer Proportion znr Wesenheit des Subjektes und bilden die nächsten innern Principien, durch welche die Dinge ihre eigenthümliche Thätigkeit ausüben; ja es läßt sich selbst die örtliche Bewegung der Körper ohne die Zuhilfenahme innerer Qualitäten, der Beweg- Mgsimpulse, sachlich nicht erklären.") Wenn nun so alle Geschöpfe ein eigenes Dasein und Thätigsein haben, so haben sie es doch durchaus nicht alle in: selben Grade der Vollkommenheit.") Vielmehr ist die Schöpfung einer großen, lückenlosen Stufenleiter zu vergleichen, die, je höher sie kommt, um so enger wird und über sich Gottes Unendlichkeit hat. Da finden wir zu untcrst die ganze todte Welt des Seienden. Was sie thut, das thut sie getrieben und bestimmt von den innern Principien ihrer Natur. In dieser todten Welt herrscht das strenge Gesetz von Wirkung und Gegenwirkung, von der Beständigkeit der Materie, vom Austausch der Energien und der Unveränderlichkeit der in der Welt vorhandenen potentiellen und aktuellen Energiesnmme. Ueber dieser todten Welt aber baut sich die höhere Welt der lebenden Geschöpfe auf. Ihre Thätigkeit ist nicht --) 8. c. x. lib. m «Lp. 69. „8iont ab aZeuts (so. veo) eoukernntur elkevtm natnrali prioeixio, per guae snbsistit, ita prineipia, per yuae aliornni siteansa" (8. o. K. lid. III oap. 21.) 8. lllli. 1. g. 89 L. 1). ") 8. Vkom. in Lrist. Ullzn. lib. II Iset. 1; tz. O. äe pol. . III eap. 20, 22. mehr eine blos transeute, sondern auch eine immanente??) In der Pflanzenwelt dämmert diese Vollkommenheit gleichsam erst auf, indem der Aufbau des pflanzlichen Organismus durch rein mechanische Kräfte nicht mehr erklärt werden kann. Im Thierreich mit seinen sinnlichen Empfindungen und willkürlichen Bewegungen haben wir statt der Dämmerung bereits ein Morgenroth. Im Menschen mit dem geistigen Verstände und dem freien Willen ist das Morgenroth bereits zum Tageslicht geworden. Allein auch das geistige Erkennen des Menschen hängt noch wenigstens mittelbar von der sinnlichen, an die Schranken von Raum und Zeit gebundenen Wahrnehmung ab, und das freie Wollen des Menschen ist noch stark beeinflußt von den sinnlichen Regungen, so daß der Mensch selbst an seinem höchsten Gut öfter und öfter irre werden kann. Doch über dieser geistig-materiellen Welt des Menschen erhebt sich schließlich die Welt der reinen Geister, der Engel. In ihr steigt die Vollkommenheit der Schöpfung znr Mittagshöhe empor, von der es nur noch ein Herunter gibt. Erst die reinen Geister genießen ein geistiges Erkennen und ein rein geistiges, freies Wollen; was sie einmal als höchstes Gut sich erkoren haben, das halten sie unbeweglich fest. So haben denn die reinen Geister, die Gott auf der Stufenleiter der Schöpfung am nächsten stehen, auch am meisten Licht empfangen. Mit dieser Stufenleiter, auf der sich die Geschöpfe Gottes unendlicher Vollkommenheit nähern, geht durchaus die Stufenleiter parallel, mit der die Schöpfung zu Gottes absoluter Einfachheit und Einheit emporsteigt. Wenn nämlich auch alle Geschöpfe die Unvollkommeuheit gemeinsam haben, daß sie in ihrem Sein eine Verbindung von Wesenheit und Dasein darstellen, so ist die materielle Welt doch insofern noch weiter als die geistige Welt von der absoluten Einfachheit Gottes entfernt, als in ihr die Wesenheit selbst wieder ein Zusammengesetztes aus Materie und Form bildet.") In ähnlicher Weise bemerken wir in der Schöpfung ein allmähliches Aufsteigen znr Einheit Gottes. Auf der niedersten Stufe stehen jene Geschöpfe, bei denen wir zwischen Gattungen, Arten und Individuen zn trennen haben. So haben wir unter den materiellen Dingen die Gattungen der Mineralien, Pflanzen und Thiere. In jeder Gattung haben wir wieder Arten; so z. B. in der Gattung der Thiere die Fische, Böge! und Säugethiere. In jeder dieser Arten finden wir wieder Unterarten und darin schließlich Individuen. Beim Menschen ist aber die Einheit des Seins bereits stärker geworden. Es gibt nur noch eine Gattung Mensch, und die Artunterschiede, wie sie sich z. B. zwischen Vögeln und Fischen zeigen, sind verschwunden. Es sind nur noch Individuen derselben Gattung mit rein accidentiellen Unterschieden vorhanden. Bei den Engeln verschwindet schließlich nach der wohlbegrnndeten Meinung des hl. Thomas auch dieses noch. Bei den reinen Geistern ist jedes Individuum auch eine Gattung, eine Welt für sich, d. h. jedes Individuum enthält alle Vollkommenheit, deren seine Gattung fähig ist. Darüber gibt es nur noch eine höhere Vollkommenheit des Seins, die absolute Einheit Ouplex est rei operativ, „uns. gniäsm guse ia ipso operante mauet et est ipsina operantis per- t'eotivl, nt sentire, intelliAere et vells. ,4Iis> vero, gaas in exteriorsw rem tranÄt, «piae est perkeotio kaoti, giroü per ipsaur eoustituitur, ut ealet'aeere, ssoars st aeckillearv". — 8. o. Z-. IIP. II eap. 1. ") 8. e. §. lib. II eap. 64, 60, 61, 62. 40 Gottes.") So sehen wir also in der Schöpfung überall ein allmähliges stetiges Aufsteigen vom Unvollkommenen zum immer Vollkommiiern. Dabei verhalten sich die vollkommneren Wesen zu den unvollkommneren wie das Licht des Tages zum Lichte der Dämmerung und des Morgenroths. Wie nämlich das Licht des Tages alle Helligkeit, die in der Dämmerung und dem Morgenroth enthalten ist, auch enthält und noch eine neue, größere hinzufügt, so besitzt auch jede höhere Stufe der Schöpfung alle Vollkommenheit der untern und fügt eine neue Vollkommenheit hinzu?") Zum Schluß unserer Betrachtung des Weltalls in seinem Bestände können wir es darum mit etwas verändertem Gedanken wohl jenem System von Sphären vergleichen, von dem Cicero in seinem Traum des Scipio berichtet. Wenn wir uns um eine leuchtende Flamme, als um den gemeinsamen Mittelpunkt, eine Reihe von Kugeln gruppirt denken, so werden diese Kugeln, je weiter sie von der centralen Flamme abstehen, ebensosehr an Umfang zunehme^, wie an Helligkeit abnehmen. Aehn- lich haben wir in dem Weltall ein gemeinsames Centrum, Gott, von dem Licht, Leben und Vollkommenheit bis in die äußersten Grenzen des Universums ausstrahlt. Je weiter nun die Dinge von diesem Centrum entfernt sind, unsomehr wachsen sie an Zahl und Umfang, empfangen aber gleichzeitig umsoweniger Licht und Vollkommenheit. Doch wie zwar die näheren Kugeln mehr Helligkeit empfangen als die entfernteren, wie sie aber doch nicht alles Licht empfangen und wie so die ganze Kraft der centralen Flamme erst in allen beleuchteten Sphären zusammen ganz zur Geltung kommt, so sind auch im Weltganzen die Geschöpfe, welche Gott in der Ähnlichkeit näher stehen, vollkommener als jene, welche Gott in der Ähnlichkeit ferner stehen; und ist die ganze Gottähnlichkeit und damit die ganze Vollkommenheit der Schöpfung erst in der Welt als Ganzem zn finden. Darum heißt es auch mit tiefphilosophischem Sinn in der hl. Schrift, daß Gott am Ende jedes Schöpfungstages sah, daß sein Werk gut war, am Ende des letzten SchöpsungstageS aber, daß dieses ganze Werk sehr gut war. Und wahrlich! Das Weltall ist ein sehr gutes, ein vollendetes Kunstwerk, eine wohlgestimmte Leier, an der keine Saite stärker angespannt sein dürfte, ohne die Harmonie der Accorde zu mindern.^) In diesem Kunstwerk der Kunstwerke ist die bunteste Mannigfaltigkeit der Theile vereint mit der größten Einheit des Ganzen, das Vermeiden „M sie rslillguitur, guoä omnss LN»sIi Ld inviosm spsois ältkerunt sscuuäum maiorsm st miuorsm psr- Fseticmem kormarum simplieium ex maiori vsl minori axpropinguitats sä Oeum, gui sst Lotus purus st iiiünitas srkoetioms.... Osus vsro, gni sst in summopsr- sotiouis, oum uullo Lila eonvsnit nou solum iu spseis, ssä tu Asnsrs uso iu alio prasäieLto univoos." — tj. O. äs spir. orsuturis. c>. uu. s. 8. *°) Es ist aber zu berücksichtigen, daß die höheren Wesen die Vollkommenheiten der niederen theils kormalitsr, theils sminsutsr enthalten. Vgl. 8. 1I>. 1. g. 4 L. 2; g. 13 a. 3 sä 1. vk. Ll. Os Uaria ?kil. psrix.-sobol. Komas 1693. Vsl. III tr. 1. g. 3 L. 1; Lillot I. o. p. 81 s. „Universum, suppositis istis rsbus, non potsst ssss msllus proptsr äsosntissimum oräinsm kiis rsbus sttridutum a Osa, in guo bonum umvsrsi oonsistit; guoi'um si unum cäiguoä essst mslius, vorrumxsrotur proportio oräims: siout si un» oboräu plus äsbito intsnäsrstur, oorrumxsrstur citbaras msloäia. Kossst tLmsn Osus Llius rss ksoers vsl alias aääsrs istis rsbus faotis; st sssst aliuä Universum mslius." — 8. 9?ü. 1. a. 26 a. 6 aä 3. jedes plötzlichen Sprunges mit der Beständigkeit der einzelnen Glieder, die abseitigste Thätigkeit mit der größten Ordnung. Und warum dies? Weil alles ein Abbild der ewigen Ideen der göttlichen Weisheit ist. „Omiüa, in saxisntia runäasti." (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Wustmann Gust.. „Allerhand Sprachdumm- heiten". Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Läßlichen. Leipzig, Fr. W. Grunow, 1896. (II.) 12°. XII-st 410. 2 M. 50 Pf. UZ. k Wenn die Redensart vom „durchschlagenden Erfolg" je einmal am Platze ist, dann trifft sie gewiß bei diesem Buche zu. Ist doch der Titel des Werkes bereits zum geflügelten Worte geworden. Wer möchte sich gerne nachsagen lassen, daß er „Dummheiten" mache? Und dennoch wird sich jeder Leser oder Schriftsteller, der Wustmann's Buch einer aufmerksamen Durchsicht unterzieht, schuldbewußt solcher „Dummheiten" anklagen. Wir geben eben viel zu wenig in Wort und Schrift Obacht auf die Regeln unserer Muttersprache, sonst müßten wir uns auf Schritt und Tritt bei „Sprachdummheiten" ertappen und uns bestreben, die Sache besser zu machen. Den Nutzen soll das Buch haben, daß namentlich die Leute der Feder über der Hast des Ärbeitens die Sprachrichtigkeit nicht außer Acht lassen. Wustmann's Buch ist auch angefeindet worden, aber mit Unrecht. Freilich verwirft es manche Redewendung, die einfach im Laufe der Zeit der Sprachgebrauch sanctionirt hat, der eben ziemlich eigenmächtig und unbekümmert um Grammatik seinen Weg gebt. Im Ganzen aber wird man leider gestehen müssen, daß die Sorgsamkeit, rein und gut deutsch zu schreiben, seit den Tagen eines Lessing, Schiller, Göthe, Rückert in steter Abnahme begriffen ist und wir einer gänzlichen Nerlotterung unserer Sprache entgegensehen. Man behauptet vielfach, der Unterricht in den klassischen Sprachen verderbe den Stil; aber sehr mit Unrecht — denn fürs erste ist das Ergebniß klassischer Sprachstudien in der Gegenwart dermaßen erbärmlich, daß es qewiß keinen Einfluß auf die Muttersprache ausüben könnte, und dann lehrt die Geschichte, daß unsere Klassiker, die ein mustergiltiges Deutsch geschrieben, gerade einer Zeit angehören, die mit Ernst und Erfolg in griechischer und namentlich lateinischer Sprache schulte; und eben dieselben Meister unserer Sprache bekannten oftmals, dieser Schulung ihre Kunst zu verdanken. Die Ursache ist vielmehr überhaupt der Geist der Oberflächlichkeit und Geschmacksverrohung, der unsere Zeit auf allen Gebieten beherrscht, ein Geist, der zugleich seine Faulheit zu beschönigen sucht, indem er die Schuld sprachlicher Barbarei dem unbedeutenden, aber doch gern abgewälzten Betrieb der klassischen Sprachen aufzubürden sucht. — Wustmann gehört in die Hand eines jeden Gymnasiasten!! Charitas. Zeitschrift für die Werke der Nächstenliebe im katholischen Deutschland. Verlag von Herder. Freiburgi. Br. Erscheint, 16 Seiten stark, je am 1. des Monats. Abonnementspreis jährlich 3 M. Inhalt von Nr. 1 des II. Jahrgangs: Von den Kleinen Schwestern der Armen und ihren Greisen. — Das preußische Waisenrathsamt und die Bestrebungen zur Belebung der Amtsthätigkeit der Waisenräthe. — Praktische Winke über die Zwangserziehung verwahrloster Kinder. — Der St. Elisabethen-Verein in München. — Die Bestrebungen der Nichtkatholiken auf dem Gebiete des Mädchenschutzes. — Vincenzverein und Wohnungsfrage. — Kleinere Mittheilungen rc. rc. * (Das Cönaculum des hl. Abendmahles.) Zu der Bemerkung in dem Palästina-Artikel (Beilage 3), daß in dem Saale, wo der Heiland das Abendmahl feierte, seit so langen Jahren das hl. Meßopfer nicht mehr gefeiert wurde, wird uns mitgetheilt, daß thatsächlich vor einigen Jahren, allerdings rm Geheimen, an jener ehrwürdigen Stätte, die leider nicht in christlichen Händen ist, die hl. Geheimnisse gefeiert worden sind._ Verantw. Redacteur: Ad. HaaSin Augsburg. — Druck ».Verlag des Lit. Instituts von Laas L Erabherr in Augsburg. Santiago de Compostela im Jubeljahr 1897. 8. 6. Die drei hervorragendsten Wallfahrtsorte des katholischen Erdkreises sind Jerusalem mit dem Grabe des Erlösers, Rom mit dem Grabe der Apostelfürsteu Petrus und Paulus, Santiago de Compostela in Spanien mit dem Grabe des hl. Apostels Jakobns des Aelteren. Wie hoch die Päpste diese drei heiligsten Orte der Christenheit verehrten, geht schon daraus hervor, daß die Dispense vom Gelöbniß, einen dieser drei Wallfahrtsorte zu besuchen, seit dem Jahre 1478 dem hl. Stuhl vorbehalten ist. Zahllos sind die Schaaren frommer Waller, welche im Laufe der Jahrhunderte ihre Herzensanliegen zu den drei hochberühmten Gnadenstätten trugen, zahllos sind die geistigen und leiblichen Wohlthaten, die sie von da mit fortnahmen. Jedes dieser drei Heilig- thiimer hat im Sturm der Zeiten viele Bedrängnisse onrchgemacht, am meisten aber hat vielleicht durch die Ungunst der Zeitverhältnisse die spanische Gnadeustätte Santiago de Compostela zu leiden gehabt; jetzt ist es eine Stadt von 25,000 Einwohnern in der spanischen Provinz Galizien. Die Christenheit verehrt dortselbst das kirchlich beglaubigte Grab des hl. Apostels Jakobus des Aelteren, über dem sich seit acht Jahrhunderten eine herrliche romanische Kathedrale erhebt, deren schlanke Thürme hoch in den azurnen Aether streben und den sehnsüchtigen Pilger von weitem grüßen. Im Anfange der achtziger Jahre dieses Jahrhunderts wurden im Centrum der Absis der OapUIa inazior dieser Basilika die Gebeine des großen Apostels sowie seiner beiden Schüler Athanasius und Theodor glücklicher Weise wieder aufgefunden; eine päpstliche Bulle „Darm orvvi- xotona" vom 1. November 1884 bestätigte zur größten Freude aller Spanier und aller aufrichtigen Verehrer des großen Apostels Jakobus das Urtheil des damaligen Kardinal-Erzbischofes von Santiago," des Msgr. Don Paya y Nico, der für die Echtheit der kostbaren Ueber- reste eintrat. Die päpstliche Bulle sagt ausdrücklich: „Wir heißen gut und bestätigen mit sicherem Wissen, auf eigenen Antrieb und durch Unser Ansehen das Urtheil Unseres ehrwürdigen Bruders, des Kardinal-Erzbischofs von Santiago de Compostela, betreffs der Aechthcit der heiligen Leiber des Apostels Jakobns des Aelteren, sowie seiner hl. Schüler Athanasius und Theodor, und Wir bestimmen, daß dieses Urtheil für immerwährende Zeiten Kraft und Geltung haben solle." Außerdem verhängte dieselbe päpstliche Bulle die in blonderer Weise dem Papste vorbehaltene 8xeoiuw.uvi63.tio latno sevtevtias über alle diejenigen, welche es wagen sollten, in irgend einer Weise widerrechtlich sich die besagten hl. Reliquien oder auch nur Theile derselben anzueignen oder an einen anderen als den gegenwärtig für sie bestimmten Ort zu übertragen. Weiter fährt das päpstliche Schriftstück fort: „Wir thun kund und befehlen allen Unseren ehrwürdigen Brudern, den Patriarchen, Erzbischösen und Bischöfen, sowie den übrigen Prälaten der Kirche, daß sie feierlich und in der ihrem Ermessen anheimgestellten Form gegenwärtiges Schreiben in ihren Provinzen, Diözesen und Residenzstädten veröffentlichen, auf daß dieses glückliche Ereigniß allenthalben bekannt und von allen Gläubigen mit verdoppelter Frömmigkeit gefeiert werde, und damit man aufs neue und nach der Gewohnheit unserer Vorgänger Pilgerfahrten zu jenem heiligen Grabe unternehme." Hinsichtlich der Art und Weise, wie die Reliquien des hl. Apostels Jakobus nach Spanien gelangten, stellt sich die päpstliche Bulle vollständig auf den Boden der Ueberlieferung der spanischen Kirche; so heißt es: „Fortwährende und allgemeine Ueberlieferung, welche aus den apostolischen Zeiten stammt und durch die öffentlichen Erlasse unserer Vorgänger öfters bekräftigt worden ist, berichtet, daß der Leib des hl. Jakobns, nachdem der Apostel auf Geheiß des Herodcs den Tod des Blutzeugen erlitten hat, heimlich von seinen Schülern Athanasius und Theodor weggenommen wurde. In der lebhaften Besorgnis;, es möchten die Ueberreste des hl. Apostels, im Falle sie in die Gewalt der Juden kämen, vernichtet werden, brachten sie jene beiden in ein Fahrzeug, entführten sie so aus dem Land der Juden und erreichten nach glücklicher Fahrt Spanien, woselbst sie an der galizischen Küste landeten. In Spanien hatte ja der hl. Jakobus nach der Himmelfahrt Jesu Christi, wie eine ebenso alte als fromme Ueberlieferung berichtet, des apostolischen Amtes gewaltet." „Eine ebenso alte als fromme Ueberlieferung" nennt also der hl. Stuhl jenen Glauben der Spanier, daß in ihrem Lande dereinst der hl. Apostel Jakobns der Aeltere das Evangelium gepredigt habe. Wir wissen wohl, daß in dem mit Recht hochangesehenen Freiburger „Kirchen- lexikon" von Wetzer und Weite (II. Anst., Artikel „Compostela" Bd. III, S. 774 ff.) gegen die spanische Tradition Stellung genommen ist und der Kirchengeschichts- schreiber Natalis Alexander als jene Autorität angeführt wird, welche mit Gründlichkeit die Sage vom Aufenthalt des Apostels in Spanien widerlegt habe. Doch sehen wir uns durchaus nicht veranlaßt, dieser Autorität beizupflichten. Vielmehr gilt z. B. uns persönlich die Ansicht des geistvollen Münchener Exegeten Schegg, dessen Vorlesungen zu hören wir das Glück hatten, und der für die spanische Tradition inst wahrer Begeisterung eintrat, ein Urtheil, das uns um so schwerer wiegt, als Schegg ein kritisch scharfer, eher verneinender Geist war» der allen „Legenden" äußerst skeptisch gegenüberstand und uns manch andere licbgcwohnte Ansicht mit rauher Hand zerstörte. Daß spanische Gelehrte vollends modernen An- zweiflern gegenüber ihre Tradition von der Anwesenheit des hl. Apostels Jakobns in Spanien ebenso entschieden wie in früheren Zeiten aufrecht zu erhalten entschlossen sind, ist selbstverständlich. Vor uns liegt ein neueres, mit großer Beledenheit und Gelehrsamkeit verfaßtes Werk des Don Mariana Nougvs h Secall, betitelt: „Ilistorig, orrtivL x apologtztics, clo Is, VirZav 8u6stiL, Lenorn äsl 8ilar cls ZlaraZo?»"; der Verfasser verbreitet sich (S. 12 ff.) eingehend über die Anwesenheit des hl. Apostels Jakobus in Spanien und dessen apostolische Thätigkeit dortselbst und führt zu Gunsten der spanischen Tradition folgende Sätze an: 1. Die Tradition steht nicht im Widerspruch mit der Geschichte; 2. Die Tradition ist eine allgemeine und hat nie eine Unterbrechung erlitten; 3. Die Tradition hat für sich glaubwürdige und bis in die ersten Jahrhunderte zurückgehende Zeugnisse. Die Geschichte spricht nicht gegen die Tradition, im Gegentheil: Die Apostel hatten vom Herrn den Auftrag, das Evangelium in der ganzen Welt zn verkünden. Indem nun der hl. Apostel Jakobus nach Spanien kam, erfüllte er diesen Befehl, wie andere Apostel in anderen fernen Gegenden. Sein Martertod in Jerusalem fällt in die Zeit der zweiten Verfolgung der Apostel von Seite der Juden um das Jahr 44 n. Chr. Bis dahin war zu einer apostolischen Reise nach Spanien hinreichend Zeit. Für die Allgemeinheit der Tradition spricht, daß Hoch und Nieder, Reich und Arm, Fürst und Unterthan dieselbe gekannt haben; daß ferner Spanien ihn zu seinem Landespatron auserkoren hat. „Es mußte, sagt der portugiesische Schriftsteller Franz Maceda, ein sehr gewichtiger Grund vorliegen, der die Spanier veranlaßte, gerade diesen Heiligen allen andern vorzuziehen, und es konnte dies kein anderer Grund sein, als eben die Anwesenheit des Apostels in Spanien." Auch spricht zn Gunsten der spanischen Tradition, daß nicht bloß in Spanien, foitdern in der ganzen Christenheit dieselbe Ueberzeugung geherrscht hat. Als besondere Zeugen führt Mariana die Aussprüche des hl. Hieronymus, Hippolyt, Jsidor von Sevilla, Braulins (Bischof von Zaragoza), Julian (Bischof von Toledo im 7. Jahrhundert) und des Beda Vencrabilis (im Anfang des 8. Jahrhunderts) an. Auch das Martyrologium von Weissenburg im Elsaß ans deni Jahre 772, ferner die altspanische Liturgie und die von mehreren Päpsten bestätigten kirchlichen Officien von Toledo geben Zeugniß von der Tradition über das apostolische Wirken des hl. Jakobus in Spanien. Der berühmte Kritiker Don Juan'), Francisco Masdeu spricht sich in seiner „Roxans Romans? (R. III p. 204) über die Anwesenheit des Apostels in Spanien also aus: „Der hl. Apostel Jakobus der Aeltere war der erste Lehrer der Spanier, und es scheint, daß er während der kurzen Zeit seines Aufenthaltes in Spanien die heutige Provinz Galizien und einen kleinen Theil von Portugal besuchte und von da aus die Richtung nach Osten einschlagend über Leon und Altkastilien bis in die Mitte von Ara- gonieu vorgedrungen ist. Nachdem er dort zwei Jünger (Schüler) mit Fortsetzung seiner apostolischen Predigt betraut hatte, kehrte er mit sieben anderen Genossen nach Jerusalem zurück, wo Herodes um das Jahr 43 oder 44 unserer Zeitrechnung unter der Regierung des Kaisers Claudius ihm das Haupt abschlagen ließ.... Die Nachricht von der Predigt des hl. Jakobus des Äelteren in Spanien gründet sich in erster Linie auf Zeugnisse alter Schriftsteller, angefangen von Didymus von Älcxandrien (4. Jahrh.) bis ins Mittelalter. An diese Grundlage fügt sich die uralte Tradition, welche die spanischen Schriftsteller bezeugen." Läßt sich nun allerdings absolute Sicherheit nicht erreichen, so dürfte aus dem Gesagten doch hervorgehen, daß der Wahrscheinlichkeitsbeweis von hohem Werthe ist und es ganz ungerecht wäre, die uralte Ueberlieferung von der Thätigkeit des hl. Apostels Jakobus in Spanien ohne wciters in das Gebiet der Sage zu verweisen. Und wenn nun die hervorragendsten spanischen Schrift- ') Wir bitten die verehelichen Leser und namentlich Leserinnen dringend, die Worte der herrlichen spanischen Sprache nicht zu mißhandeln und etwa gar französisch ausznsprechen. Spanisches j lautet wie „ch" (rauh); II wie ,,lj"; n wie „nj" ; oll wie „tfch"; o vor o und i, sowie immer 2 wie „ds", sonst o wie „k"; 8 vor s und I wie weiches „ch", sonst wie „g"; gu wie „k"; §ü und gii wie „gw" und „kw": ll ist stumm; ^ ist alleinstehend „i", sonst konsonantisch. — Es ist zum Olirenzerrcipen die bekannte Mozart sehe Oper als französisch ausgesprochenen „Don Jouan zn hören! steller und kirchlichen Würdenträger die triftigsten Gründe für die Tradition anführen, ja wenn selbst der hl. Vater Papst Leo XIII. in einem officiellen Sendschreiben von einer „heiligen und uralten Ueberlieferung" spricht, so ist der, welcher diesem Glauben beipflichtet, zweifellos in der denkbar besten Gesellschaft, in Uebereinstimmung mit hoch erleuchteten Männern, deren Ueberzeugung auf festen Grund gebaut ist. Wie einfach und natürlich läßt sich hier Alles erklären im Vergleich etwa zur Tradition anderer Wallfahrtsorte oder Religuienschätze, die doch auch hoch verehrt werden, obgleich der historische Hintergrund äußerst unzuverlässig ist und die Ueberlieferung das Gepräge der Unwahrscheinlichkeit gar zu sehr auf der Stirne trägt. Da steht denn doch Santiago de Com» postela auf ganz anderem Boden, und wehren sich die Spanier unseres Erachtens mit vollem Recht gegen die Zweifel deutscher Kritik. In dem Jahrhunderte lang währenden Heldenkampf des spanischen Volkes gegen den verzehrenden Fanatismus und die Grausamkeit des Islam galt ihm der hl. Jakobus stets als Beschützer und Vorkämpfer im hl. Kriege und als Herold des Sieges. Nicht weniger als 38 sichtbare Erscheinungen des hl. Apostels in ebensovielen Schlachten gegen die Sarazenen zählt ein gelehrter Geschichtschreiber Spaniens auf. Die berühmteste unter diesen Visionen ist jene in der Schlacht bei Clavija im Jahre 844, die uns Mariana, der spanische Livius, berichtet, wie folgt: „Nachdem die Christen einen ganzen Tag erfolglos gegen die Ucbermacht der Sarazenen gestritten und bei hereinbrechender Nacht sich zurückgezogen hatten, erschien der Apostel dem Kömge Don Ramiro I. im Traume und feuerte ihn zur Fortsetzung des Kampfes am anderen Tage an, wozu er ihm feinen Beistand versprach. Die Unfrigen griffen Tags darauf mit frischem Muthe den Feind an und umzingelten ihn, mit lauter Stimme den Schlachtruf „Santiago gebrauchend, mit welchem seit jener Schlacht bis auf den heutigen Tag die spanischen Soldaten in den Kampf ziehen. Die durch die unerwartete Kühnheit der Uusrigen. die bereits für überwunden galten, in Verwirrung gerathenen Barbaren erfaßte ob der uns vom Himmel zu Theil gewordenen Hilfe ein solcher Schrecken, daß sie dem ungestümen Angriff der Christen nicht Stand .zu hallen vermochten. Der hl. Apostel Jakobus wurde, wie er dem Könige verheißen hat, während der Schlacht gesehen als Kämpfer auf weißem Rosse und mit weißem Banner, dessen Mitte ein rothes Kreuz zierte. Sein Anblick entflammte den Muth der Unsrigen anf's höchste, und die Barbaren, auf allen Seiten geschlagen, ergriffen die Flucht." „Darum wird feit jenen Heldcntagen in Spauien der hl. Apostel Jakobus nicht bloß als friedlicher Verkündet der Gottesbotschaft mit Stab und Pilgerhut abgebildet, sondern ebenso gern als Ritter, hoch zu Roß mit gezücktem Schwert in der erhobenen Rechten und dem Banner in der Linken, während drei bewaffnete Sarazenen sich unter den Hufen seines aufbäumenden Streitrosses krümmen. Diese Darstellung sah ich nicht bloß in der Wallfahrtskirche zu Compostela, sondern in den verschiedensten Kirchen des Landes. Hat sich auch die Kirche über die Echtheit jener Erscheinung des hl. Apostels nicht ausgesprochen, so ist es doch Thatsache, daß seit der Schlacht von Clavijo 844 das Vertrauen auf den Schutz des Apostels wahre Wunder der Tapferkeit in den spanischen Heeren gegen die Mauren wirkte. Dieser Glaube ist es, der die Spanier rettete, wenn sie unter dein Gebete „Hilf uns Gott und Du, seliger Jakobus" in die siegreiche Schlacht zogen; ans Dankbarkeit brachten sie dann jedesmal einen Theil der Siegesbente als Weihe- 43 gäbe dem Apostel feierlich in sein Heiligt!,um nach Santiago de Compostela. Treffend bemerkt ?. Pins Gams O. 8. L. in seiner „Kirchengeschichte Spaniens" über die providentielle Bedeutung dieses Apostels für das ritterliche spanische Volk: „Der l,l. Jakobns vollbrachte das ihm von Gott übertragene Avostolat über Spanien vom nennten Jahrhundert an und vom Himmel herab. Der Herr der Kirche hat das unter dem Drucke der Mauren seufzende und beinahe untergehende christliche Spanien, das er nicht untergehen lassen, sondern wunderbar erretten wollte, in die Hände des Apostels Jakobus geistiger Weise übergeben und durch die Fürbitte und die Vermittlung des Apostels Jakobus eine solche Fülle von geistlicher Kraft über das christliche Spanien ausgegasten, daß es aus den, sonst unmöglichen Kampf als Sieger hervorging und nach acht Jahrhunderten den Besitz des durch eine Schlacht von acht Tagen verlorenen Landes wieder erlangte von den Pyrenäen und dem Kap Finisterrä bis zum Kap Sän Vicente und Gibraltar. Diese Ehre und Auszeichnung eines Volkes, wie sie Spanien durch den Schutz eines hl. Jakobus erlangt hat, ist einzig dastehend in der Weltgeschichte. An ihr nehmen aber auch die übrigen Völker des Abendlandes Antheil, denn wäre Spanien ganz muhammedanisch geworden und geblieben, so wäre das in der Mitte liegende christliche Europa von Westen und von Osten umspannt und von den Jüngern des falschen Propheten wohl erdrückt worden." Das Gesagte mag hinreichen, um zu begreifen, daß von allen Seiten die spanischen Pilger zum Grabe des hl. Apostels und ihres Patrons, nach Santiago wallten. Die Geschichte bezeugt uns aber auch, daß dies nicht allein von den Bewohnern der iberischen Halbinsel geschah, sondern auch von den Christen aller Länder Europa's, ja selbst Asiens. (Fortsetzung folgt.) Franz Schubert. Zu seinem 10Ojähr. Geburtstag (31. Jan. 1797) von A. G. (Schluß.) Selbstverständlich können wir nicht alle seine un- gcmein vielen Kompositionen anführen, noch weniger die einzelnen einer weiteren Kritik unterziehen, da dies den uns zugewiesenen Raum weit überschreiten würde. Bemerkt sei, dqß er damals schon ein paar Hundert Lieder geschrieben hatte, sie wurden gesungen, aber nicht edixt, der arme Künstler, hatte hiezn keine Mittel,- und die Musikalienhändler hüteten sich vor einem „aufkeimenden Talente". Welch ein Contrast zur heutigen Zeit! Im Jahre 1820 wurde sein erstes Stück, das Singspiel „Die Zwillinge", in Wien gegeben; es erlebte mit Vogl sechs Aufführungen und verschwand dann für immer vom Repertoire; die „Zanberharfe" hatte das gleiche Schicksal, die Textbücher waren eben damals oft auch zu abgeschmackt, manchmal trivial, die Musik wurde von Kritikern als „artig" bezeichnet. Es entstand das Oratorium (von Schubert „Ostercautate" genannt) „Lazarns oder die Feier der Auferstehung", bestehend aus Arien und Ariosen, Chören und Recitativen. Ein Jahr darauf (1821) schössen endlich einige einflußreiche Gönner des Komponisten das Geld zusammen für die commissionsweise Herausgabe eines Werkes. Jetzt hätte der Komponist zugreifen sollen — man kaun sagen — müssen, aber er war zu gutmüthig, sicherte sich kein Verlagsrecht, die Verlagshändler waren knickerig, übervortheilten ihn, und Schubert blieb wiederum arm, wie er gewesen. Aus dieser Zeit stammt ein Bild von ihm: eine jugendliche trotz Armuth ziemlich volle Gestalt, geträufeltes Haar und dcßgteichen Backenbart, Brille, ernstes Gesicht, man kann sagen: das Bild eines ernsten jungen Schullchrers. Er genoß jetzt einen Ruf als Liedercomponist, erhielt Einladungen, war aber kein Freund von Gesellschaften, da er zu wortkarg, zu schüchtern war. Seine Oper „Alfonso und Estrella", die damals entstand, wurde nur einmal aufgeführt, und zwar geraume Zeit nach seinem — Tode, wie die meisten seiner Werke. Interessant ist die Begegnung Carl Maria v. Wcbcr's mit Schubert. Ersterer war Ende des Jahres 1823 bei Aufführung seiner Oper „Euryanthe" nach Wien gekommen. Schubert war auch in der Vorstellung, äußerte sich aber nicht gar günstig über die Oper, er stellte vielmehr den „Freischütz" weit über sie; „der Freischütz lvar so zart und innig, er bezauberte durch Lieblichkeit, in der Euryanthe aber ist wenig Gemüthlichkeit zu finden". Weber, dem dieses Urtheil alsbald hinterbracht wurde, sagte: „Der Lasse soll früher etwas lernen, bevor er mich beurtheilt." Schubert ging hierauf selbst zu Weber mit seiner Oper „Alfonso und Estrella", Weber aber war damals unversöhnlich und sagte zu Schubert: „Ich sage Ihnen, daß man die ersten Hunde und die ersten Opern ertränkt." Er hielt das genannte Werk als das erste Schubert's; zu bemerken ist aber, daß Weber sich später sehr anerkennend über Schubert's Werke anssprach. Eitelkeit diktirt eben oft zuerst zu schroff! Erwähnt sei aus jener Zeit des Meisters 8-nwU- Symphonie, die erst 40 Jahre nach seinem Tode, im Jahre 1865, zur Aufführung kam, allerdings seither eine große Runde machte. Sie dürfte der großen 6-6 ur- Symphonie des Meisters noch überlegen sein. Das Bild einer leidenden Seele — sein Bild — entrollt er in derselben. Er zeigt hier die Tiefe seines Geistes, den bewunderungswerthen Reichthum einer Natur, in der neben der ganzen Einfalt eines Kindes aus dem Volke auch -jene hervorragende Größe der Empfindung wohnte, die Beethovens Theil war. Er arbeitete unverdrossen weiter an Opern, die zurückgewiesen wurden oder einmal über die Bretter gingen, an Liedern und Kantaten, die er im Pult verschloß und die zum großen Theil verloren gingen. , Im Jahre 1826 wagte der schüchterne Meister, um die Stelle i eines Vicckapellulelsters in der kaiserlichen Hofkapelle aufzuhalten und fiel durch, Hoftheaterkapellmeister Josef Weigle siegte, Schubert kam gar nicht in Vorschlag beim Kaiser. Er aber nannte Weigle selbst „ganz würdig und tüchtig für diesen Posten, wcßhalb ich mich gern zufrieden gebe"! Es ivird von den Biographen betont, daß er wohl die Dirigentenstellc am Kärntnerthortheater erhalten hätte, allein er wollte Kürzungen und Vereinfachungen an einer Probcarbeit — obwohl er allgemein gebeten wurde bei den Proben, besonders auch von der Vertreterin der Hauptpartie Frl. Schechner — absolut nicht vornehmen, hier war er starr und eigensinnig, und mit der Anstellung hatte es nun sein Ende. In jener Zeit machte er eine Reise nach Graz mit und zu Freunden und war glückselig; die Zeit seines Lebens kam er einmal nach Ungarn, einmal nach Ober- österreich und nach Graz, und doch wäre er so gerne gereist, aber stets mangelte das nöthige Kleingeld. Aus damaliger Zeit sind von seinen Arbeiten zu erwähnen: „Der Hochzeitsbraten", „Der Schlachtgesang" von Klop- stock für Doppelchor, das „Ständchen" von Grillparzcr, eine italienische Kantate, die deutsche Messe rc., und vollendet- er die 0-Symphonie nebst Kompositionen für 44 Kammermusik. Seine Werke waren jetzt geschätzt, wurden mit Beifall aufgeführt, es fanden sich Berleger, welche zwar immer noch gering bezahlten, aber sie bezahlten doch, das Leben schien für den Meister rosiger zu werden; aber der Himmel wollte es anders; nach 9 tägiger Krankheit starb er in den Armen seines Bruders Ferdinand am 19. November 1828. Der betagte Vater hatte alsbald nach Beginn der Krankheit Sorge getragen, daß ihm die heil. Sakramente gespendet wurden. Ehrenvoll wurde er beerdigt und ruht ganz in der Nähe Beethovens, seines erhabenen Vorbildes, wie er es wünschte, wenn auch, wie berichtet wird, in Fieberphantasien. Bald erhob sich ein Grabmal über seinem Hügel. Freunde stifteten es aus dem Ertrag von Concerten mit seinen Compositionen; Franz Grillparzer verfaßte die Inschrift: Der Tod begrub hier einen reichen Besitz, Aber noch schönere Hoffnungen. Hier liegt Franz Schubert, geboren am 21. Jänner 1897, gestorben am 19. November 1828, 31 Jahre alt. Die zweite Linie wollte man Grillparzer übelnehmen, mit Unrecht, denn als Schubert starb, waren nicht einmal seine Lieder noch recht bekannt, und Grillparzer wollte sicher nur dem Gedanken Ausdruck geben, den wohl sehr viele bei dem Tode des jungen Tondichters hegten und wohl auch ungescheut anssprachen. Das ist das Leben des größten, genialsten Meisters des deutschen Liedes — kurz gefaßt, das Leben eines Künstlers, das still dahinfloß, gleichsam abseits der Straßen der großen Welt. Er hat gewiß auf allen Gebieten der Composition Vieles und mitunter Großes geleistet, sein eigentlichstes Gebiet aber war — das deutsche Lied; nicht weniger als sechshundert Lieder hat er geschrieben, von denen aber noch nicht alle veröffentlicht sind. Seine Nachfolger auf diesem Gebiete sind Mendelssohn und Robert Schumann, letztere^ sicher der genialste Nachfolger Schuberts. Die Jnstru- mentalwerke Schuberts fanden mitunter erst lange nach seinem Tode die richtige Anerkennung, seine Opern sind mitunter heute noch tarra inoognita, denn nur wenige kamen zur Aufführung, dcßgleichen Feine Messen. Erst die neueste Zeit hat den Werth des Tondichters und seiner Werke mehr gewürdigt; Frankreich ist dießbezüglich Deutschland vorangekommen. In Deutschland griffen zuerst in den reichen hinterlassenen Schatz des Meisters ein die großen Vereine seiner Vaterstadt Wien und das Concerthaus in Leipzig. Heute freilich kennt man Schubert in allen musikalischen Kreisen — lang' hat's gebraucht! — man kennt ihn, und er wird stets gelten als ein nngemein vielseitiger, origineller Tondichter, als eine Zierde, als ein Stolz Deutschlands! Stilla von Abenberg. Von Adam Hirschmann. (Fortsetzung.) Die erste und wichtigste Frage ist diese: Was berichten die glcichzcitlichen Quellen? Besitzen wir von Stilla irgend eine Lebcusgeschichte des 12. oder 13. Jahrhunderts? Wird ihr Name urkundlich beglaubiget durch irgend ein Aktenstück ihrer Zeit? Nicht im mindesten. Muck (Geschichte von Kloster Hcilsbroun, Nördliugcn 1879, I, 5) schreibt: „Einer abeuüergischen Grafeutochtcr Stilla geschieht weder im Heilsbronuer Archiv, noch in der Bibliothek, noch in der alten Registratur Erwähnung. Der Heilsbronuer Todtenrotcl kennt den Namen Stilla nicht." Die erste Nachricht hierüber verdanken wir dem eich- stättischen Visitator Johann Vogt, Kanonikus am St. Willibaldsstifte, welcher 1480 die einzelnen Pfarreien der Diöccse besuchte. Zu Abenberg bemerkt er: Oappslla 8t. katri extra, Fhenstsrg aci cznoin inaxiinns üeret conenrsno stominuin. aä sttam Ltiliani, si sclitionratnr odorns ant altare rekormaretnr. Die Kapelle des hl. Petrus befindet sich außerhalb der Stadt Abenberg, zu welcher sich ein sehr großer Zusammenfluß von Menschen entwickeln würde zur sel. Stilla, wenn ein Chor erbaut oder der Altar wieder hergestellt würde (Manuskript des bischöflichen Ordinariatsarchivs Eichstätt x. 99b). Vogt kennt somit den Cult der seligen Stilla, welcher bei Erbauung eines Chores in der Petcrskapelle oder bei Erneuerung des Altares (ob derselbe mit dem Bildnisse Stilla's versehen war, kann aus den angeführten Worten nicht mit Bestimmtheit erschlossen werden) größere Dimensionen annehmen würde, aber über die Abstammung, das Zeitalter derselben schweigt er vollständig. War ihm die abenbergische Ortsüberlieserung unbekannt oder schenkte er derselben keinen Glauben? Der bischöfliche Visitator kam im gleichen Jahre auch nach Wendelstein. In der Pfarrkirche daselbst ruhte auf vier Säulen ein Steinsarg, in Form einer Kapelle gearbeitet, mit der Umschrift: „Hye liegt begraben dye Hehlig FFraw Sanct Atzin styfterin diß gotzhauß. E. Z." Im Jahre 1447 war derselbe geöffnet worden, im Innern hatte sich ein kleiner Schrein aus Blei vorgefunden, welcher Reliquien enthielt. Dieselben zeigten sich unversehrt, aber Schrift und Siegel waren verschwunden. An der nahen Mauer hing ein Holzgemälde mit Darstellung der Wunder- zeichen der Heilige», über welche der Frühmessen von Wendelstein, Heinrich Hcrtele, dem Visitator aus Eichstätt nähere Aufklärungen gab. (Past.-Bl. .1860, 222; 1873, 83.) Aehnlich handelte Vogt gegenüber der Pfarrer Georg Faber von Holnstein bei Bcrching.') In der dortigen Pfarrkirche findet sich dermalen noch ein nicht sehr großer Stein an den Stufen des Nebcnaltares auf der Evangelienseite eingemauert, welcher in rohen Umrissen das Bild eines Heiligen darstellt, eine Art von Barett aus dem Haupte und in der rechten und in der linken Hand Brod > wecken haltend. Der Stein trägt in frühgotischer Schrift die zwei Worte: Lenins Ilaz-rnotus. Pfarrer Faber berichtete nun 1480 dem bischöflichen Visitator Vogt: In seiner Kirche befinde sich ein Grab» zu welchem fast täglich Menschen zuströmen, besonders zahlreich in der Osteroktav, und den dort bestatteten Rcinbottns verehren; sie spenden Weizen und erhalten dafür gebackencs Brod. (Past.-Bl. 1876, 93.) Mochte nun auch beim Besuche Vogts die Pfarrei Abenberg, aus welche dem Domkapitel zu Eichstätt das ') Götz (Gcogr.-Histor. Handbuch v. Bayern I, 744) schreibt über Holnstein: „Es gehörte ursprünglich der Prälatnr Plankstetten, der es von den Stiftern dieses Klosters, den Grafen von Hirschberg, zur Fundation geschenkt worden war, ward 1624 von Herzog Maximilian I. an den General Titln als Mannslehen vergabt und ging 1728 an des Kurfürsten Karl Albrecht und der Freiin von Jngelheim natürlichen Sohn Ludwig über, welcher, vom Vater als legitim anerkannt, am 4. Oktober 1728 den Titel eines Grasen von Holnstein („aus Bayern") erhielt und 1768 in den Neichsgrafenstand erhoben wurde, dessen Nachkommen noch das Schloß besitzen." Letztere Angabe ist nicht mehr der Wahrheit entsprechend. Denn das Schloßgnt wurde 1881 zu einer Krelincnanstalt angekauft (Past.-Bl. 1881, 73). 1 45 Präsentationsrccht zustand, nur mit einem Verweser Wolfgang Swenker, welcher zu Augsburg geweiht worden war, besetzt sein, so erwartet man doch, daß die Bürgerschaft mit den Kirchenpröpsten an der Spitze den Vertreter des Bischofes auf das besondere Heiligthnm der Stadt, das Grab Stilla's, aufmerksam gemacht und ihm soweit als möglich Aufschluß über die adelige Herkunft der Jungfrau aus dein ortseingesessenen Grafeu- geschlechte gegeben habe. Oder sollte Vogt es versäumt und vergessen haben, die gesammelten Notizen über Stilla's Vergangenheit der Nachwelt zu überliefern? Jedenfalls sind ein zerfallener Chor, ein ruinöser Altar schlechte Zeugen für einen frischen, lebendigen Cnlt Stilla's. Doch wir wollen das arZumsiitum s silsntio nicht allzusehr betonen. Räder glaubt das Schweigen der Historiographen des Mittelalters über Stilla durch die Annahme erklären zu können, daß die Namen der Frauenspersonen gewöhnlich Übergängen worden seien, falls sie nicht in den Ehestand traten. Aber eine hl. Waldburga, Thckla, Lioba usw. sind urkundlich genügend bezeugt, ohne daß sie nöthig hatten, durch Ehemänner ihre Namen der Nachwelt zu überliefern. In den Schanknngs- und Stiftungsnrkunden von Klöstern werden die Namen adeliger und nichtadeliger Klosterfrauen aufgeführt. So erscheinen z. B'. in den Kopialbüchern des Franenklosters St. Waldbnrg in Eichstätt die Namen: Jmma, Gisela, Berhteradis, Luichardis, Firidernni, Benedikta, Mach- tildis, Baselina, Jnta, Knnegnndis, zwischen 1035 bis 1200; gegen 1260 treten auf: Jrmengard, Gertrud, Irin, Agnes. (Sammclblatt des Histor. Vereins Eichstätt I, 38-39; IV, 18 ff.) Wärmn soll nun gerade der Name SMa allen Historikern vor 1480 entgangen sein? Haben sie vielleicht absichtlich die Trägerin dieses Namens totgeschwiegen ? Greiser leitet denselben her von Stille, Stillschweigen (8i1entmrin); Falckenstein bemerkt in gleicher Auffassung : Stilla kann etwa von dem deutschen Wort Stille seinen Ursprung haben und verweist auf die deutschen Francu- namen: Stillina und Stillimuot?) Müller (l. o. p. V) hält es für höchst wahrscheinlich, daß die in Frage stehende Grafcntochter von Abcnberg ursprünglich Hcdwig geheißen habe, jedoch später wegen ihrer Eingczogcnhcit und Sitisamkcit den Namen „Stilla" erhalten habe. Müller beruft sich für diese Annahme auf Pros. vr. Schund in Tübingen, welcher eine Geschichte der Grafen von Zolleru-Hohenberg (Stuttgart 1862, 2 Bde.) geschrieben hat. Aber hiegegcn ist zu betonen: Von der Möglichkeit einer derartigen Namensänderung, wie sie Schmid zugesteht, kann noch nicht auf die Wirklichkeit geschlossen werden, abgesehen von der Frage: warum und wann soll es gekommen sein, daß der eigentliche deutsche Name Hedwig mit dem latinisirten Stilla vertauscht und vergessen werden konnte? Wohin würde die Geschichtsforschung gerathen, wenn ohne sichere Belege Namen mit einander vermischt werden würden? Wenden wir uns nunmehr zu der Abstammung Stillas von den Grafen zu Abenberg. Nach Falckenstein XorclZav. I, 52) lvar Stilla eine Tochter des Grafen Wolfram II. von Aben- bcrg, welcher außer diesem Kinde noch zwei Söhne: Rapoto und Konrad, die späteren Gründer des Cister- cienser - Klosters Hcilsbronn, besaß. Suttner (Past.-Bl. 1856, 124) schloß sich dieser Anschauung an, während Greiseren Wolfram II. den Vater des Grafen Zelchus sah, welcher neben zwei Söhnen: Rapoto und Konrad, eine Tochter: Stilla, hinterließ. Hiegegcn stellte Seefried in seinem Werke; „Die Grafen von Abenberg, die Ahnen des preußischen Königshauses" (München 1869) Seite 41 folgenden Stamm» bäum auf: Wolfram I. (1045). Wolfram II. (1071—1108). Adalbert 4 1108 Otto v, Abenberg. _ 'Wolfram III. t o. 1148. Ottm Conrad, Domherr. - Rapoto, Otto Hedwig v. Vohburg. Erzbischof v. Salzburg. Graf v. Abenberg Bischof v.Bamberg. i ' , ch o.A130. -f 1139. Rapoto, Graf v. Abenberg, Hedwig, Reinhard, t 22. Mai 1172/73. verm. mit Bischof von Würzbnrg Poppo. -f 1183. Adalbert,' Eonrad I. Sungcnannte 4 c-. 1139. 1 Schwestern. ^ Conrad II., Stilla. Rapoto, Graf v. Abcnberg, Abt von Heilsbronn. Burggraf v. Nürnberg. -k v. 1191. In einer späteren Schrift: „Der definitive Ueber- gang der Bnrggrafschaft Nürnberg von den Grafen von Netz an die Grafen von Abenberg um 1177/78" (Augsburg 1895), berichtigte der Verfasser obige Stämmreihe, indem er Stilla's Gcfchlcchtsabfolge durch Konrad I. und Rapoto I. (o. 1122 bis 1127) von Wolfram II. (1071 bis 1108) ableitete. Gegen diese genealogischen Vermuthungen sprechen entschieden die Aufzeichnungen von Priefer und Koch, welche sich auf dieabenbergischenOrtsübcrlicfcrnngen stützen, wornach Stilla eine Tochter des Grafen Zelchus (auch Solchns, Zölch geschrieben) gewesen sei. Wer ist nun dieser Graf Zelchus? Die Geschichte kennt seinen Namen nicht. Suttner glaubte denselben von einer falschen Lesart in der später zu behandelnden Urkunde des Bischofes Bnrchard von Eichstätt: cwllulava in sufiurbio Ffieir- fivrgus a, pntrs Loleo inaom^stentor irmfiontam statt a xmtrs suo, loao inoowxstsuti inolicmtam" v) Orsts. X, 828; Kalelumstsm, ^.ntig. Xoi'üg'. I, 52. Förstemann, Althochdeutsches Namenbuch (1856) leitet S. 1123 Stilla her von still; nach Autele du lckmwtsisr: Z-vnascsnm saernm, Seite 1124 verzeichnet er: Stillimot, weiblicher Name aus dein 9. Jahrhundert, Stillamot und Stillimuot. Ueber deutsche Fraucnnamen im Mittelnltcr s. Weinhold, Die deutschen Frauen in dem Mittelalter, I, 9—28; Scherr, Geschichte der deutschen Frauenwelt, I, 201—207. Den Namen Stilla konnte ich weder im römischen Martyrologium (ecl. Karouing, Komas 1630) noch in jenen: Ados (sä. OeorZl, Komas 1744) noch bei Lechner, Mittclaltcrl. Kalendarien, noch bei Ebner. Quellen und Forschungen finden. Jnteresschalber sei aus Ebner S. 343 angeführt: 3. De,:. <1sp. 8. 8ols virK-. (!), sonst aber eon- t'sssar. Im martzn'ol. Hisronz-m. (Xvt. 88. msns. Xov. II, 57) wird genannt: VIII i(l. Llai: Ltlals. 46 (Pnst.-Bl. 1856, 126 ll. 1) herleite» zu dürfe». Zelchus kann aber auch nach demselben Forscher nur ei» Beiname des Grafen Wolfrain gewesen sei», oder es liegt eine Irrung des uiibekannten Kompilators jener Genealogie vor. Seefried dagegen schreibt: „Wir halte» die Bezeichnung Zelchus nicht so fast für eine» Beinamen, als vielmehr für eine ganz verkehrte Personifikation des älteren Grafen Konrad von Abenberg." (Die Grafen von Abenberg S. 25.) Zur Begründung dieses Satzes wird die Möglichkeit herangezogen, daß Kaiser Friedrich I., welcher im Jahre 1154 das Zollwescn im deutschen Reiche neu regelte, Konrad den älteren von Abenberg etwa znm Oberzollinspektor oder Generalzolladministrator in Nürnberg aufgestellt oder bestätigt habe. Wolfram von Eschen- bach nenne diese Zollbeamten: Av! unsre?) Indessen Seefried selbst schenkt seiner Combination wenig Vertrauen, und wir haben keine Veranlassung, ihr einen höheren Werth beizulegen. In der Biographie des Erzbischofes Kvnrad von Salzburg (1101 — 1147) wird berichtet, daß er bayerischem Blute entsprossen, der Bruder zweier sehr gefeierter Männer, nämlich der Grafen Otto und Wolfram, gewesen ist; der erstere starb kinderlos, während der andere den Grafen Rapoto von Abenberg, den Schutzvogt der Kirche von Bamberg, von der Schwester des Markgrafen Dictpold hinterließ. An einer anderen Stelle wird gesagt, daß Kourad Vatersbrudcr zweier Grafen von Abenberg, nämlich Otto's und Rapoto's, gewesen sci.ro) Letzterer erscheint als Zeuge eines Pfrüudetausches in Rcgensbnrg, vollzogen in Nürnberg 1140 (U. L. Xlll, 166). Als am 18. Oktober 1144 der Abt von Hcils- bronn Rabboto einen Zehntentausch mit Würzbnrg einging, leistete Graf Rapoto von Abenberg Zengschaft. (Lang, kgA. I, 199.) Derselbe hatte eine Schwester Namens Hedwig, welche wahrscheinlich an einen Grasen Poppo von Andcchs oder Henncbcrg vermählt war; denn sie erhielt mit ihrem Bruder Rapoto nach Urkunde von« °) Nach Scefried (l. o. p. 35) hatte Wolfram seinen Wohnsitz oder sein Hans auf Wildenberg, nun Wehlen- berg. Pfarrei AWnitrihr, zwischen Gnnzenhauseil und Esclwnbach. Im Parzival, gegen 1205 verfaßt (V. ,103, Ausgabe von Bartsch, Leipzig 1870), schildert der Säuger oie Gralsburg und vergleicht den, Schloßhof mit dem Anger zu Abenberg: In äis buro äse lciiens reit üt sins.n bot veit uncls breit, änieb sebimpk er nibt -rotesten was (ä» iitnont nl bnrr Kräons Aras cis was bnbnräisru vsrmiten) mit baniern selten übsrritsu also äse niiKsr 2 ' Absnbsre. -°) Llon. Oerm. 88. XI. 63 und 44. Ueber die Vita Konrads s. Wattenbach, Deutschlands Geschichtsgnellen II, 5, 269, der ihn „aus der vornehmen bairischcn Familie der Grafen von Abensberg" abstammen läßt. Im Kirchen- lexikon VII, 958) fehlt Konrad von Salzburg gänzlich. Sein Großvater war Babo, äs sasas lumbis sxisrunt triAintn, 6lih ot ooto tllias omnss ex libsris inatribns pro^oniti. Haas, ülonamenta Absnbsi'Ksnsi» (Erlangen 1656) S. 37 hält Babo für eine Abkürzung von Adalbert, welcher Markgraf in Kärnten war und Güter an der Donau und im Rangan besaß. Außer den Abenbergeru sind die Dornbcrge, Bestenberge, Trnhendinge, die Hirsch- berge. die Lenchtenbergc, die Heidecke Nachkommen Äabo's (l. e. p. 42). Seefried dagegen hält den kinderreichen Babo von Abensberg lediglich als eine Schöpfung Aventins und statuirt einen Grafen Pabo im Chiemgan, dessen in einer Bestatigungsurkunde des Kaisers Heinrich II. im I. 1021 gedacht wird. (Die Grafen von Abenberg S. 6—7.) ' 27. März 1152 von dem Bischöfe Eberhard von Würzbnrg für die Beste Nordcck bei Stadtstcinach, welche aus den: Erbe 'Hedwigs vom Grafen Poppo an den Bischof vergabt worden war, als Entschädigung 11 Talente, die jährlich aus den zwischen der Burg Abenberg und der Hofmark Cronach gelegenen Bisthnmsgütern bezahlt werden mußten. (Lang, Rs§. I, 207 ; iäem, NsZostg. oiieuli kMntsnsis, Beilage znm histor. Verein des Rezatkreises 1835 S. 52; Scefried, Die Grafen von Abenberg, S. 15.) (Fortsetzung folgt.) Die Weltanschauung im Sinne des hl. Thomas« von Aquin. (Vortrag gehalten im akad. Görresverein in München.) (Fortsetzung.) III. F. 6-, Eine Betrachtung des Ursprunges der Welt führte uns darauf, in der Schöpfung das Kunstwerk der ewigen Weisheit zu sehen, welches die Bestimmung in sich trägt, die innere Herrlichkeit Gottes nach außen z» offenbaren, wie das blaue Kindesange die Herrlichkeit der innern reinen Kindesseele wiederspiegelt. Dann belehrte uns ein nur flüchtiger Blick auf den Bestand der Welt über die wunderbar harmonischen Kreise, in denen die Schöpfung zu ihrem unendlichen Vorbild immer höher hinaufsteigt und so gleichsam in einem mystischen Sphären- gesang das 61orin in sxoslsis I)sc> Tag und Nacht anstimmt. Nnn bleibt uns noch die Aufgabe, in dem Bau unserer Weltanschauung den Schlußstein einzufügen. Noch müssen wir dem Streben der Schöpfung nach einem allgemeinen, letzten Ziele und ihrer Vollendung in der Erreichung desselben einige Worte widmen. Daß die Schöpfung naturgemäß als allgemeinen Endzweck die Verherrlichung Gottes habe, haben wir bereits erkannt. Ja Gott zu verherrlichen, ist das große Endziel der Schöpfung. Nnn kann aber diese Verherrlichung Gottes durch die Schöpfung nur darin bestehen, daß die Geschöpfe durch die Vollendung ihrer natürlichen Anlagen ihre relative Vollkommenheit erreichen, dadurch Gott nach Möglichkeit ähnlich werden und so nach außen kund thun, wie herrlich Gott fein muß, dessen Abbild sie sind. Darum folgt mit zwingender Nothwendigkeit, daß es " praktisch für die Geschöpfe auf eins hinauskommt, sich zu vervollkommnen und Gott zu verherrlichend) Durch den Endzweck der Verherrlichung Gottes ist den Geschöpfen nur der Weg gewiesen, auf dem sie allein ihre wahre Vollkommenheit erreichen können. Da nämlich Gott die unendliche Vollkommenheit selbst ist, so kann, was auf den Namen Vollkommenheit irgendwie Anspruch macht, dies nur insofern und in dem Grade thun, als es und in dem Grade wie es diesem unendlichen Urbilde ähnlich ist. Dieses Princip beherrscht die ganze Natur, es hat aber seine besondere Bedeutung für den Menschen. Des Menschen Endzweck kann kein anderer sein,') ') „.. Ib'imo aAsvii, gni sst iiZsvs fi. s. null» nwäo pstisusj tnntnm, nou sonvsnit NKSre proptsr nscjnwitioiisin n1ivnin8 iinis; seä intsnäit solnm 00 m in Union es 8 u n in ps 1 ks 0 ti 0 nsin, gn n s s 8 t sin 8 b 0 nitn 8. L t nnn gnnsgns 0 rsnturn intenäit 0 0 n 8 sgui 8 nnin psrkeotioii6ni,gunss8t8iinilitnäc>pvrtsotic>ni8 st bouitati8 äivinns. 8io si'KO äivinn bcmitn8 68t tinis i'si'mii oinnimn? — 8.1b. 1. g. 44 n. 4 0 . — 8. c. A. lib. 111 oap. 16—22. ") ot. 8. 1b. 1. 2. g. 1—5; 8. 0 . lib. 111 onp. 25; z. B.: „Operntio oninsübst isi est iiiii8 ein8:... Intelli§srs » - 47 als derjenige der ganzen Schöpfung. Auch der Mensch soll im Gebrauch seiner Kräfte sich Gott verähnlichen und so Gott verherrlichen und sich beseligen. Nun zeitigt die Natur des Menschen als ihre schönste Blüthe den geistigen Verstand und den freien Willen. Dem Verstände ist aber von Natur aus die Aufgabe gesetzt, das Wahre zu erkennen, und dem Willen, das Gute zu wollen. Wenn demnach die Erkenntniß der Wahrheit und das Erstreben des Guten die naturgemäße Vollendung des Menschen ist, so folgt nothwendig, daß die Erkenntniß der höchsten Wahrheit und das Erstreben des höchsten Gutes die naturgemäßeste und höchste Vollendung des Menschen ist. Die höchste Wahrheit und das höchste Gut ist aber unstreitig Gott und Gott allein. Gott zu erkennen und Gott als das höchste Gut über alles zu lieben, ist daher die höchste Vollendung und die heiligste Pflicht des Menschen. Indem aber der Mensch so aufwärts blickt zu Gott und sein Leben in vollste Harmonie nnt Gott zu bringen sucht?) wirkt er an seiner letzten Vollendung und seinem höchsten Glücke. Diese Vollendung ist dann endgiltig erreicht, wenn der Mensch dem Fallen und Steigen des Tageswogens, dem immerwährenden Wechsel entrückt nun unbeweglich mit der ganzen Kraft seines unsterblichen Geistesblickes in das unerschöpfliche Meer der göttlichen Wahrheit versenkt ist und mit der ganzen Liebeskraft, die seinen Willen zu erfüllen vermag, sich an das unendliche Gut anklammert und nun in einiger Sabbatruhe eine nie endende, .unaussprechliche Glückseligkeit in der göttlichen Umarmung genießt. Dann hat der Mensch alles erreicht, was er erreichen kann; sein Suchen nach Wahrheit, sein Streben nach Glück und Liebe sind ganz befriedigt; der Mensch hat seine Vollendung endgiltig gesundend) Der Mensch darf ruhen. Das gemeinsame Endziel schlingt ein festes, einheitliches Band um alle Kreise der Schöpfung. Mit dieser Gemeinsamkeit des Zieles ist aber die Gemeinsamkeit des Strebens nach demselben anf's innigste verknüpft. Die einzelnen Glieder sind zunächst für sich selbst da, daß sie im ordnungsgemäßen Gebrauch ihrer Kräfte sich selbst vervollkommnen. Dann sind die Theile aber weiter zum Besten des Ganzen da, proptsr bonnm eoininune. Hier herrscht das Princip, daß alles Unvollkommene dem jedesmal Vollkommeneren dienen muß, den Endzweck der Schöpfung zu erfüllen. Es liegt daher im Plane der göttlichen Weisheit, daß die unvernünftige Natur dem Menschen, und daß alles, was im Menschen ist, seinen höchsten Kräften, dem Verstände und dem freien Willen diene. Indem aber der Mensch selbst dem allgemeinem Endzweck der Natur Unterthan ist, kann besagter Dienst autem est proxria operativ substantia« intelleetualis..' tznoä iKitur «st xerkeetissimnm io bao opersticm«, koo «st nltimns ümis... «t sie, intslliAer« xerksctissimum intslliZivils, guock Osus «st, «st porkeotissimum in Zsiisrs buius opsrationis, gna« «st intsIIiZsrs. OoAvosoer« iZirnr Oeuin IlltsUiZencko «st Ultimos ünis ouinslidst intellectnalis substemtias." — st. dickst. Utbie. X. o. 10. Hierauf sind die Worte Daute's an Vergil anzuwenden : „Or va, cliv un sol volers s ä'amencku«: chn ilnea, tu siZnor« s tu masstro". — Int. 2. 138 t. — ek. 8. Mi. tz. v. ck« vor. g. 23 a. 7. 4) ck. 8. «. x. lib. III eax. 61—63; namentlich im eap. 63 zählt der hl. Thomas alle die verschiedenen Güter der Vollendung auf und schließt dann: „8ie iZitur patet, guock psr visionsm ckivinam vonseguuntur intöllsetuales substautias vsram kslieitatsm, in qua omnino U « si ck « rium eiui « tat u r st in gua est plena suüicientia vmnium bvnornm..." nur der Erfüllung dieses Endzweckes durch den Menschen gelten. So fassen denn die höheren Kreise der Schöpfung immer alle die Ehre zusammen, welche die niederen Gott darbieten können, und fügen die eigene hinzu. An der Spitze der sichtbaren Schöpfung steht dann der Mensch, in seinen unsterblichen Kräften des Verstandes und freien Willens alles andere weit überragend und beherrschend. Wie der Mensch nun so unmittelbar Gott allein dient, gibt er ihm die höchste Ehre und enipfängt das größte Glück in dieser sichtbaren Welt. Damit muß aber zugleich allesindcrWeltdemGlückedcs Menschen dienen; alles muß ihm dienen, daß er Gott verherrliche und sich beselige?) Dreifach ist dieser Dienst. Der erste und vornehmste Dienst ist der unmittelbare und direkte; so diente z. B. die Natur dem hl. Franziskus von Affisi unmittelbar zur Erkenntniß und zu wunderbarem Lobe ihres unendlich herrlichen Schöpfers?') Meistens ist aber dieser Dienst nur ein mittelbarer; so muß die unvernünftige Welt dem Menschen die Nahrung spenden, damit er leben und so Gott dienen kann. Immer aber muß dieser Dienst schließlich ein indirekter sein; indem nichts den Menschen hindern kann, daß er mit seinen höchsten Kräften Gott und seiner letzten Aufgabe angehöre.^ Darum schreibt der hl. Augustinus?) „Alles hast du unter die Füße des Menschen gestellt, damit der Mensch allein ganz nur dir Unterthan sei ... die äußeren Dinge has du nämlich alle für den Leib geschaffen; den Leib aber für die Seele, die Seele aber für dich, daß sie dir alle!» diene und dich allein liebe." Unter diesem Dienst der Dinge für die letzte Aufgabe des Menschen sind namentlich auch alle die privaten und socialen Einrichtungen begriffen, die von der freien Institution des Menschen selbst abhängen?) Jeder einzelne Mensch soll in einer seiner Natur entsprechenden und würdigen Weise dem Schöpfer dienen und an seiner eigenen wahren Vollendung arbeiten. Damit dies aber geschehen könne, ist vor allen Dingen die sociale Vereinigung nöthig. Diese aber muß eine dreifache sein, diejenige der Ehe'") und Familie, diejenige des Staates und diejenige der Kirche.") ") „8unt «lemsnta prvptsr eorpora mixt«,, das« vvro propter vivevti», in gnibns planta« suut propter snimalia, ammalia propter dominem, bowo euim «st ttvis totins Ksner-atioms? — ek. totum. 8. o. 8- lib. Hl oap. 22. 1. a. 47 rü 3. ,,8i ereatnrarmn bcmitas, pulobAtucko et suavitas sie auimos bominnm rcklicit, ipsius O«i Ions bcmitatis rivnlis bouitatum in sinZuIis orsaturis rsperti« ckiliZsntsr vomparatas, rmimos bomimrw intlammatos totaliter ack ss trabet." — 8. v. Z. lib. II oap. 2. 8. e. Z. üb. III cap. 77—79. °) 8. -Am. 8olil. e. XX in. „In rebus lnimanis ckioitnr «ss« alignick instum «x eo, gnock est reetnm seeuncknm reZulam rationis. Rationis autsm prima. reZnla «st lex naturae." — 8. lib. 1. 2. g. 98. a. 2. ") 8. rb. III g. 41. ") Es gibt nicht nur einen letzten Zweck des Menschen, sondern auch nähere und nächste Zwecke. Letztere sind zum Theil durch das Naturrccht gegeben, insofern die Natur des Menschen selbst auf sie hinweist: so verlangt das Naturrecht den Fortbestand des Menschengeschlechtes, und diesem Zwecke muß die Ehe und Familie dienen: dann fordert es den w ürdigeu Bestand des Menschengeschlechtes, der es allen ermöglicht, in Freiheit ihre natürlichen Kräfte zu entfalten und zu einer bürgerlichen Wohlfahrt zu gelangen; diesem Zweck hat der Staat zu dienen; schließlich muß das Menschengeschlecht auch direkt seiner höchsten Aufgabe dienen, und darin hat die Kirche ihren Ursprung. Es sotten daher die Ehe und der Staat zwar nicht direkt, aber doch indirekt der letzten Aufgabe des Menschen dienen, insofern sie nicht so geordnet werden Das Gebot der Ordnung bringt nn» wieder eine gegenseitige Beziehung dieser drei natürlichen menschlichen Bereinigungen mit sich. In jeder derselben mns; wieder eine Ordnung sein, die im nächsten Endzwecke der betreffenden Vereinigung Maß und Norm findet. In Unterordnung unter diese naturgemäßen Vereinigungen muß sich nun das private und individuelle Leben im Ausbau der natürlichen Kräfte des Menschen entwickeln. Alles dieses aber zusammen hat schließlich seinen letzten rechtlichen und vernünftigen Grund, sowie seine letzte Norm in der Endaufgabe des Menschen. Dieser End- aufgabe muß alles in der Welt dienen, direkt oder indirekt. So steht denn der Mensch gerade in dem, was ihn zum Menschen macht, auf der Spitze der sichtbaren Schöpfung; in seiner letzten Aufgabe eint und ordnet er die ganze unvernünftige und vernünftige, die ganze physische, rechtliche und sittliche Welt. Mit den Füßen berührt der Mensch die Welt unter sich, mit seinem Scheitel aber berührt er die Sterne, den ewigen Sonnen- thron Gottes. Nun dürfen wir den Satz aussprechen, daß die Welt ihr Ziel und ihre Vollendung im Glück des Menschen habe. Das Glück des Menschen ist es, was am sausenden Webstnhl der Zeiten gewoben wird. Hat der Mensch sein letztes Ziel erreicht, so hat auch die ganze Schöpfung ihren Endzweck, die Verherrlichung Gottes, in schönster Weise vollendet. Aber freilich, bis dieses Ziel erreicht ist, muß eine gewaltige Summe von Arbeit an diesem Webstnhl der Zeiten geleistet werden. Da ist es nun wieder Gott, der wachend und ordnend darüber steht. Gottes unendliche Weisheit sorgt, daß im großen Getriebe der Welt die einzelnen Fäden sich nicht verschlingen und heillos verknüpfen, daß die einzelnen Glieder der Weltmaschine nicht ihren Dienst versagen, daß sie richtig ineinandergreifen, kurz daß aus der unermeßlichen Vielfältigkeit des Strebens und Wcbens in Raum und Zeit ein einheitliches harmonisches Ganze erwachse.") Und so steht denn gleich der Sonne am Himmel die göttliche Vorsehung alles Seiende erhaltend"), bei allem Wirkenden mitwirkend"), alles Geschaffene leitend und vollendend über der Welt.") „Ueber dem Himmel wohnt" — schreibt Jos. v. Görres") — „die herrschende Gottesmachk; nicht von den Finsternissen der Tiefe umnachtet, ist vielmehr Licht c ihr eigenstes Wesen. Nicht blind und sich selber unverständlich ist sie daher in ihrem Wirken, sondern ihres Thuns sich bewußt handelt sie, selber frei, jegliche ethische Freiheit achtend. Und so steht diese ewige Geistersonne der Betrachtung über dem Weltall als die gebietende Mitte. Von allen Bahnen, in denen sich das natürliche Princip (die geschaffene Welt) bewegt, umkreist, in Licht gekleidet, in den Sterncnmantel gehüllt, lenkt sie als ewige Vorsehung den Lauf der Begebenheiten, die willigen Kräfte leitend, die wider- dttrfen, daß eine Befolgung dieser Ordnung der Beziehung des Menschen auf das letzte Ziel direkt entgegengesetzt sein würde. ") „Reoesoe est, ut Heus, gni est in ss uatursliter xsrtectus st omnibns entibus er sug potestste esse larZftur, omnium entmin rsctoi- erlstat; a unllo utigue ckireotus; nee est aliguicl, griocl ab eins reAlinins eronsetnr, siont nee est alignick, guock ob ich so esse non sortiatnr." — ß. c. §. Üb. II oap. I. ok. cax. 64. ") 8. o. ß'. lid. III cop. 6ö. 8. llb. I g. 104 a, I. 2. ") 8. o. §. Üb. III crm. 66-70. 8. 111. I q. 105 a. 5. ") 8. 1b. I. g. 103. Grundzüge einer Weltgeschichte S. 13. strebenden zwingend, und nur die geknechtete Natur im Zügel der Nothwendigkeit haltend und sie an unbeugsame Gesetze bindend." Das ist die göttliche Welt- regiernng. „Alles lenkt Gott, die ewige Gerechtigkeit, znm Ziele"; „nav ö-ru vu),uä", lesen wir beim großen Acschylus.") Aber im Alterthum war der Gedanke an die göttliche Vorsehung doch meistens verwandelt in das Schrcckensbild des Fatums. Die unerbittlichen Satzungen des Fatums haben die Schicksale des Menschen schon vor seiner Geburt entschieden; und der ohnmächtige Mensch muß auch beim besten Willen und Streben ins Verderben stürzen, wie jener unglückliche König Oedipus, wenn ihm dieses Loos von den Schicksalsparzen bestimmt ist. Darum konnte sich der gepreßten Brust des Heiden der Verzweiflungsruf entringen: „Vesiuv tnta, cleum sieoti spornre preonncko"; „Hoffe nicht, der Gottheit Spruch durch Beten zu beugen". In eine ganz andere, reinere Atmosphäre hat die christliche Philosophie das hehre Bild der göttlichen Vorsehung gerückt. Man könnte die göttliche Weltregiernng nicht ärger verkennen, als wenn man sich dächte, daß Gott durch das Auf- und Niederfluthen der Ereignisse das Weltenschiff, man verzeihe den Ausdruck, gleichsam in trotzigem Eigensinn mit rein mechanischem Zwang steuerte. Nein, das sei fern von Gott.") (Schluß folgt.) Literarisches. Frühvorträge über das Leiden Christi für je sechs Sonntage in der Fastenzeit auf neun Jahre, bearbeitet nach älteren Asceten von W. Loreuz, b. geistl. Rath, freires. Dechant und Pfarrer. Mit oberhirtl. Druckgenehmigung. Regens bürg, Pustet, 1897. IV. 319. 8. 2 M. Der hochw. Herr Verfasser dieser ,,Frühvorträge". früher Subregens des bischöflichen Klerrkalseminars zu Regensburg, dann etwa 25 Jahre Pfarrer, nun aber »durch Altersgebrechen unfähig geworden, an der aktiven Seelsorge ferner sich zu bethciligen", wollte „seinen Mit- brüdern besonders für die Fastenzeit in der Verkündigung des Wortes Gottes einige Beihilfe leisten" und hat darum diese Frühlehren, welche von ihm „zur Zeit des Culturkampfes in Deutschland" gehalten worden sind, dem Drucke übergeben (Vorw.). Dieselben sind wirklich nichts Gewöhnliches, sondern etwas recht Brauchbares und Gediegenes. Sie sind mit Sorgfalt ausgearbeitet, einfach und gut disponirt, durch packende Beispiele belebt und wahrhaft eindringlich und ergreifend. Als Frühvorträge sind sie nicht laug — 54 Vortrage auf 316 SS. 8° —, dürften aber auch zum Vortrage beim Hanptgottcsdienste ausreichen und können übrigens nach Bedürfniß leicht erweitert werden. Jene hochw. Herren Seelsorger, welche unter Leitung des Herrn Verfassers sich zum Priesterthum vorbereitet haben, werden diese „Frühvorträge" gewiß gerne als Andenken an ihren früheren hochverehrten Seminarsvorstand erwerben, zumal der Preis niedrig — 2 M. für 20 Druckbogen — und das Honorar „für seel- sorgliche Zwecke in der Diaspora" bestimmt ist. Möchte der ehrwürdige Priestergreis sich entschließen, ähnliche Vortrüge für das ganze Kirchenjahr herauszugeben; möchten nicht „Altersgebrechen" ihn daran verhindern und möchte ihm noch ein langes „otlum cum ckiKuitats" be- schieden sein! M. — r, Pfarrer. ") LZÄM. V. 782. ") Es ist vielmehr das Grundprincip der göttlichen Weltregierung, durchaus die Natur und Eigenart der Dinge zu wahren, so daß alles, was geschieht, gerade darum so geschieht, weil es die Natur der Dinge selbst mit sich bringt und bewirkt. ^ Gerantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. JnslituiS von Haas L Grabherr in Augsburg. Hl'. 7. Mge zur Aügskmger Weitung. ° E Stilla von Abenberg. Von Adam Hirsch mann. (Fortsetzung.) Dem Grafen Rapoto von Abenberg nud Schutzvogte der bambergischen Kirche hatte seine Gemahlin Mcchtild, die Tochter des Grafen Dedo von Wettin, eine reiche Erbschaft in Meißen, nämlich die Grafschaft Altenburg und Leisnig, eingebracht, welche 1157 an den Kaiser Friedrich um 500 Mark verkauft wurde. (Laug, Regelten des RezatkreiseS I. v. x>. 57.) Im folgenden Jahre 1158 erschien Rapoto, Graf von Abenberg, der Burg und der Kirche von Bamberg Schutzvogt und durch deren Vergabung Graf im Radeuzgau (eomes RutmnAuvionsis), auf dem Reichstage zu Bamberg vor Kaiser Friedrich I. und beklagte sich über die Schäden, welche ihm Bischof Gebhard von Würzburg im Umfange seiner Grafschaft zugefügt hatte. Daher übergab Friedrich dem Bischof Eberhard von Bamberg die Grafschaft Nadenzgan. Dieselbe umfaßte Herzogcnaurach, Langeuzenn, Höchstadt, Oberhochstadt, Dachsbach, Uhlfeld, Mühlhausen, Wachen- , rode. Zufolge Urkunde vom 14. Februar 1160, ausgefertigt von Kaiser Friedrich I. zu Pavia in einer Streitsache zwischen Eberhard, Bischof von Bamberg, und Gebhard, Bischof von Würzburg, war Rapoto „des Reiches getreuer Advokat der Burg Bamberg, deßgleichen durch Verleihung der Kirche von Bamberg Graf im Rangau." (Lang, Regesten des Rezatkreises Seite 59; Seefried, Grafen von Abenberg, S. 16—17; Bauer, Die Grafen des Nangaues im hist. Verein von Mittelfranken 1860 S. 37; Haas, Der Rangau, Erlangen 1853 S. 147.)") Im Jahre 1172 wird Graf Rapoto zum letzten Male als Urkundenzeuge aufgeführt, und nach seinem Ableben wird er 1176 als Vater der Aebtissin Bertha von Kitztugen genannt, welche einem jungen Swepherus (vielleicht einem Schweppermaun) zwei Grundstücke zu Firnbach bet Würzburg zum Geschenke macht. (Haas, 1. e. S. 151.) Nach der Abeuberger Tradition hatte Rapoto einen Bruder, Namens Kourad, welcher ihm Beihilfe leistete bei der Gründung des Klosters Heilsbronn. In den Nekrologien des genannten Klosters aus dem 13. und 14. Jahrhunderte, wie sie Dr. Kerler im 33. Jahresbericht des Historischen Vereins für Mittelfrankcn (1865) S. 124 ff. veröffentlicht hat, erscheint der Name Cunrad von Abenberg fünfmal, aber die Ausscheidung nach Sterbe- und Lebensjahren ist noch nicht gelungen. In der Urkunde vom 15. Februar 1163 erscheinen als Zeugen: Rapoto, Graf von Abenberg, und Cun- radns, sein Sohn, während im Jahre 1165 Cunrad und Friedrich mit ihrem Vater Rapoto Zengschast leisten. (Lang, RoZ. eiro. Ikermt. p>. 60, 63.) Nach der genealogischen Tabelle von Scefried in dem ") Haas (I. o. 102): „Zu den östlichen Marken des Rangaues gehörte die Münchcnaue mit der Herrschaft Abenberg. Diese umfaßte außer dem Städtchen und dein Schlosse Abenberg, mit dem dazu gehörigen, von einer abenbergischen Tochter, der nachmals z. Z. Bischofs Wilhelm vonEichstätt, heiligt?) gesprochenen Stilla, gestifteten Angnstinerinneu-Kloster Marieuburg, welches auf einem Hügel dicht (?) unterhalb der Burg lag, die Fischerei in der Rezat bei Mungeuau und zwei Fischteiche bei Ber- tholsdorf, dann zwei Weiher zu Steinbach und Bechhofen, sowie wohl auch das kleine Dörfchen Kleinabenbcrg und Losenau in der Pfarrei Abenberg." Werke: Die Grafen von Abenberg (1869), S. 41 war Courad der Jüngere, der zweite dieses Namens als Graf von Abenberg, als Burggraf von Nürnberg der erste, der Bruder Stillos, während der Bruder Rapoto zum Abte von Heilsbronn erhoben wurde. In der „berichtigten Stammreihe" (der definitive Uebergang 1895) wird diese Geschlechtszusammcngchörigkeit beibehalten, nur mit dem Unterschiede, daß die Abkunft von Wolfram II. hergeleitet wird und Rapoto nicht bloß zum I., III. und VI. Abte von Heilsbroun, sondern auch zum II. Abte von Ebrach 1164—1170 befördert wird. Daraus dürfte ersichtlich sein, welche Unsicherheit über die von der Tradition festgehaltenen Brüdcr Stilla's herrscht. Ihre Mutter wird als Gräfin Sophia von Hohen-Trichendingen bezeichnet. Darunter ist ohne Zweifel Hohentrüdingen ") in der Grafschaft Truhen« dingen im Sualafelde zu verstehen, deren Edle unter Kaiser Heinrich V. gegen 1113 zum ersten Male als Schntzvögte des hl. Sola d. i. des Klosters Solnhofen auftreten. (Englert, Geschichte der Grafen von Truhen- diugen, Würzburg 1886, S. 11 nr. 1.) Als Bischof Gebhard II. von Eichstätt am 1. November 1138 das von ihm und seinen zwei Brüden: erbaute Kloster Plank- stetten bei Bcilugries kirchlich einweihte und reichlicher dotirte, nahm aus dem Adel Friedrich von Truhendtugen als Zeuge die erste Stelle ein (Lefflad, Regesten der Bischöfe von Eichstätt nr. 221); aber eine Gräfin Sophia von Truhendingen, welche einen Grafen Zelchus von Abenberg geheirathet haben soll, läßt sich nicht nachweisen. (Vergl. die Stammtafel der Truhendingen bet Englert S. 158.)") Wohl das Hauptgewicht der Abeuberger Ueberlieferung über Stilln liegt in der Klostergründung zu Heilsbronn durch ihre beiden Bruder Rapoto und Kourad. Bei Hocker (Hailsbronuischer Antiquitäten - Schatz, Ouolzbach 1731, I, 55) findet sich ein sehr schönes De- dikatiousgemälde aus der Klosterkirche zu Heilsbronn. Bischof Otto mit sehr jugendlichen Zügen hält an der Vorderseite eine Krenzkirche in den Händen, während ein Ritter mit wallendem Barte den Schlußtheil trägt. Hinter dieser ernsten Gestalt steht ein Knappe, des Ritters Schwert haltend ; daran reiht sich eine Frau, die Hände zum Gebete gefaltet, an welche sich ein jugendlicher Ritter anschließt, dem gleichfalls eine Frau folgt, den D Im Jahre 836 erscheint Truhendingen als Irubt- muntiga. N. d. 88. XV, 334; im Pontifikale des Eich- stätter Bischofs Gundakar II. als Irubsmuotinssn. Ll. d. 88. VII, 243. ") Die Grafen von Truhendingen kamen von Rheinfranken, wo sie ein Allod, aus 16V- Mausen bestehend, in Sulzheim, 6 Mansen in Sicherhausen, 8 Mansen in Breunchweiler besaßen. Wahrscheinlich wurden sie, unbestimmt in welcher Zeit, 1050 ca., von Fulda mit der Advokatie über Solenhofen und Heidenheim und den damit verbundenen Pfründen betraut. (Englert l. o. pA. 140.) Die Grafen von Truhendingen scheinen ein üppiges Hofleben geführt zu haben, wenigstens macht Wolfram von Eschenbach bei der Schilderung der Hungers« noth in Pelrapeire eine Anspielung: Lieb verlor: dL selten mit dem msts cksr 2uber oder ckiu Kanne: ein IrnbendinAaer xbanns mit krapksn selten cka ersebrei: in was der selber dun sntawsi, (Parzival, herausg. von Bartsch IV. 160—164.) 50 Blick gesenkt, die rechte Hand auf die Brust gelegt, während die linke den Rosenkranz hält. Zur Erklärung des Bildes dienen folgende Bcrse: Hase «Ismus Ottousm calit st Oomitsm Kapotlmuem vessul kuuckavit, eomss bans oxibus eumulavit ljul eomss ^.dsndsrK i'uit, die presul guogus Lunrber§. vis.junZAs coiuttem ckouriunm Orwrat.juulorsm lilselrtilckiu soeia eausuu^nturgno 8oplria. vost L1. 0. Olirtsts tiiAinta cluos soeius ists ^.irnas knuckatur llaiisbruii, gut rlts voeatur, Vw^tnis rrtgus pie matris sub Ironors Claris rVe sairotl ckaeodi gui mchor vot 2sbs«1si Da voniam ennetis veus! die reguis tidi kuuetis. Scefried (Die Grafen von Abcnberg S. 12) gibt folgende metrische Ucbersetzung: Otto verehrt die Kirche, sie verehrte den Grafen Rapoto, Da sie der Bischof gebaut und der Graf mit Gütern beschenkt hat; Dieser ein Graf von Abenbcrg und jener auch Bischof von Bamberg. Ihnen magst du beizählen den Grafen Herrn Conrad den Jüngern, Mechtild rrnd im Verbände mit ihr die Gemahlin Sophia. Tausend einhundert und zwei und dreißig Jahre nach Christus Stiftete jener Genosse Heilsbrunn, das so recht genannt wird, Unter dem Titel der Jungfrau und gütigen Mutter- Maria Auch zur Ehre St. Jakobs, des älteren, des Zebedäus. Allen Gnade, o Gott! die hier in dir Ruhe gefunden. Es erhebt sich mm sofort die Frage, welchem Jahrhunderte gehört das geschilderte Dedikationsgemälde an? Stammt es aus der Griindnngszcit des Klosters oder ist es spätere Arbeit? Für letztere Annahme sprechen die Benennungen „Bamberg" und „Hailsbrunn"; beide gehören dem späteren Mittclalter an. Ueber letzteres bemerkt Mnck (I. e. I, 3): „Der Ort hieß bis gegen das Jahr 1400 nie anders als .Halsprun' oder,Halesprnncn'; erst später begegnet uns der Name ,Hailsbronn' und ,Ior>8 saintis'." Die Schreibart „Heilsbrun" zeigt daher, daß die in Frage stehende Inschrift nicht aus grauer Vorzeit stammt; sie wurde vielmehr erst 1471 zur Zeit des Abtes Wegcl gefertigt. (Mnck 1. o. I, 13, 178 .)' 4 ) Diese Tafel steht aber auch in Widerspruch mit der Stiftungsnrkunde des Klosters Heilsbronn, welche im Originale sich dermalen im k. Neichsarchiv zu München befindet. Darnach gründete Bischof Otto von Bamberg, ") Hocker (Hailsbr. Antig.-Schah 8uppl. I, 1): In einer vidimirten Kopie des Diplomes Kaisers Rnpert vorn Jahre 1403 kommt zum erstenmale „veilsprnn" vor; in zwei Schriften des Concils von Basel 1437 und 1430 hat es den Namen voirs salutis. In der Stiftungsurkunde von Kloster Heilsbronn 1132 wird Otto von Bamberg: Otto badsuder^susis seclosias sxisoopus genannt (ibick. Snppl. I, 59). Eberhard von Bamberg nennt sich in der Confirmativnsurkunde einer Klosterherberge daselbst 1154: Dberlraickns, dabeirdsrAeusis spiseopus (1. o. 8upx1. I, 77). Der Verfasser des Zeitbildes „Der Renner" schreibt am Schlüsse: vor cito?. vueli Ksticbtst link VJttao cl'selml 20 tnrstat Wol vierriA gar vor Labonborob 175, Icke?. Iluk von T'rieuborvb. - - . vi bor ?.1t un bi äsn tao-on Da IZWebok leupolck bisobot' uas vsbenboreb an cko was las O'aokto Loott'aeürs an ck'bullen. Leopold 1. von Grnndlach leitete die Diözese Bamberg von 1290-1303; ihm folgte der vom Papste ernannte Wuelfing von «sliibenberg 1304-1316, ein Dominikaner. Kirchenler. Hergcurüthcr-Kaulen 1, 1019. dessen Wiege höchst wahrscheinlich in Mistelbach bei Plein- feld gestanden (Mnck I. c. I, 5—6; Seesried, Die Familie des hl. Otto, 1891; Kirchcnlex. IX, 1175), das Cistercienserklostcr Halcsprnnnen, nachdem er das leheu- freie Gut von dem Grafen Adelbcrt, dessen Bruder Chnnrad und ihren drei Schwestern preiswürdig cr- ivorbcn und dem hl. Petrus in Bamberg durch die Hand Adelberos von Tagestcttcn geschenkt hatte: chuaproptor, heißt die entscheidende Stelle im Urtext, nuiversorum noticio patsro voluwus, eiuaiilsr nos (Otto, sunotus IiahsnbsrKsnsis SLcIesiae Aratia Ooi sxisooxus) prno- äium apuck Ilaiesprumreu üb ^.äsldorto oowiks st a kratro 8uo Otiuuraäo atc^ns a tridus sororidus suis ckiZno xrstio oomxaravimua ickeJia h. kstro in bgchenhorAsnsi seolesin, eui auotoro Oeo clossrvirnus, per 1NNNN3 ^äsllisronis clo I'nZsstotton ckoimvimuZ. Die Urkunde ist ausgefertiget zu Bamberg 1132 in der X. Jndiktion des Kaisers (!) Lothar (derselbe wurde jedoch erst am 4. Juni 1133 durch Papst Jnnocenz II. zum römischen Kaiser gekrönt), und als Zeugen erscheinen: Adelbero von Tagcstetten, Adclbrcht von Dahs- bach, Friedrich von Hergoltisbach, Heinrich, Eberhard, Megingoz von Otlohesdors, Otnant von Eskoowa, Ezzo von Burgelin, Uto von Wilehalmisdorf, Gernot und sein Sohn Rudolf von Pntendorf, Macelin und Bcrchtold von Hufen, Wolfram von Stctebach, Chnnrad von fllinsaze, Dietmar von Hohcnekke, Egono von Chrigenbrunnen. Von den Bambcrger Kanonikern unterschrieben: Egilbert, Dekan; Cunrad, anstos; Dietpcrt; Udalrich der Lange; Volmar; SefridJ^) Es entsteht nun die Frage: Welchem Geschlechte gehörten die Gutsvcrkänfer von Halcsprnnnen: die Grasen Adelbert, Chnnrad und ihre drei Schwestern, an? Waren sie dem gräflichen Hause der Abenberger entsprossen? Gemäß Urkunde vom 19. Mai 1108 übergab Graf Wolfram von Abenperc, Bogt der Kirche zu Bamberg, sein Gut Hovehcim dem hl. Georins (d. h. dem Domkapitel) zu Bamberg ") für sein und seiner Eltern Seelenheil unter der Bedingung, daß Gerhilt und ihr Sohn Adalbert, wenn er Kanoniker in Bamberg bleibt, es lebenslänglich besitzen und den Jahrtag des genannten Grafen fromm feiern sollen. Nach ihrem Ableben soll das Allodinm, über welches der Sohn Adalbert bei Lebzeiten Gerhilts keine Gewalt haben soll, in die Gewalt der Bambcrger Brüder übergehen. (Looshorn I. e. II, 65.) Ist nun der hier genannte bambergische Kanoniker Adalbert aus dem abenbergischen Geschlechte mit dem Grafen Adelbcrt der Hcilsbronner Stiftnngsurknnde identisch? Wir glauben nicht. Denn während Adalbert, Wolframs von Abenberg Sohn, ohne weitere Verwandtschaft aufgeführt wird, besitzt Adelbert, der Verkäufer des Herrschaftsgntes in Halesprnnucn, außer einem Bruder Chunrad noch drei Schwestern, welche Miteigenthumsrechts an diesem Prädinm ausweisen konnten. In der Heils- brouuer Gründungsurknnde selbst wird der Geschlechts- ") Hocker, I. 0 . suppl. I, 59: Muck, 1. 0 . I, 6; Loos- horn, Geschichte des Bisthums Bamberg II, 292; Lkcm. Osrm. 88. XV, 1151,1160; XII, 708; XX, 759,833,886,911. Unter Bischof Graf Bertholt» von Leiningen 1258 bis 1285 lösten die Kanoniker am Dome zu Bamberg, die „Georgen-Brüder" genannt, die vita Lammmus auf und wurden „Domherrn", welche den Chordienst hauptsächlich den zahlreichen Chorvikarcn überließen, während sie selbst aus Erhaltung und Mehrung ihrer Einkünfte und Rechte bedacht waren. Kirchenler. 1. 1918. bi migehörigkeit der Verkäufer nicht Erwähnung gethan: daher kaun die aufgeworfene Frage bei dem Mangel anderweitiger Beweisstellen nicht genügend gelöst werden. Haas (Der Nangau S. 109) hält den Grafen Adclbert, seinen Bruder Chnnrad nebst den drei Schwestern für Hohenloy-Braunccke, während Muck die fünf Grafen- gcschwister abenbcrgischcn Stammes erachtet (1. e. I, 1), indem Otto gerade durch das Verwandtschaftsverhältniß mit den Abenbergern veranlaßt worden sei, in Heilsbronn ein Kloster zu gründen. Dann aber erscheint es noch auffallender, warum der Geschlechtsabfolge der Verkäufer und der verwandtschaftlichen Beziehungen derselben in der Stiftungsurknnde nicht gedacht wird, dann ist es noch unerklärlicher, warum nicht einmal unter den Zeugen ein Abcnbergcr genannt wird. Falckcnstein, das Gewicht dieses Einwnrfes wohl fühlend, glaubte in die Heilsbronner Stiftungsurknnde an Stelle des Namens Adelbert jenen des Grafen Rapoto, dessen abcnbergische Geschlcchtszugehöriglcit außer Zweifel steht, einschicken zu dürfen (Autici. Koräguv. II, 352); allein mit Recht wies schon Hocker diese unkritische Will- kürlichkeit zurück, indem auf diese Weise die Original- doknmentcn-Authentic in merklicher Gefahr stünde (Hcils- bronner Antig.-Schatz, suxpl. I, 5). Es ist vielmehr sehr wahrscheinlich, daß der Verkäufer des Heilsbronner Gutes Graf im Ratenzgan gewesen ist; denn zufolge Urkunde vorn 5. April 1130 hat König Lothar in Bamberg auf Verwendung seiner Gemahlin Richiza und für die treuen Dienste der Kongregation des heil. Georg im Dorfe Staffclstein, das im Ratenzgan in der Grafschaft des Grafen Adelbert gelegen ist, einen Markt abzuhalten bestimmt. (Looshorn 1. o. II, 71.) (Fortsetzung folgt.) Santiago de Compostela im Jubeljahr 1897. (Fortsetzung.) II. O. Eine natürliche Folge dieser zahlreichen Pilgerfahrten zum Grabe des „dran Fpvstol", wie der Spanier mit Vorliebe sagt, war, daß die Päpste die dem Heiligen geweihte Kirche in Santiago mit Gnaden, Ablässen und Vorrechten in reichstem Maße ausstatteten. Eines der bedeutendsten dieser Privilegien ist das nffubilso äs! Uno Laut»«, der Jubclablaß des hl. Jahres. Nach der Bulle des Papstes Alexander III. (1159 - 1181), ausgefertigt am 25. Juni 1179 zu Vitcrbo, sind rröos snntos (heilige Jahre) solche, in welchen das Fest des hl. Jakobns (25. Juli) auf einen Sonntag füllt; während eines solchen Jahres können die Gläubigen, welche nach würdigem Empfange der heiligen Sakramente die Kirche des hl. Jakobns in Santiago de Compostela besuchen und dort nach der Meinung des hl. Vaters beten, einen vollkommenen Ablaß gewinnen. Diese päpstliche Bulle besteht noch in voller Geltung, und aus ihr ergibt sich, daß das gegenwärtige Jahr 1897 ein Jubeljahr ^no Konto" für Santiago de Com- postcla ist, denn im Verlaufe dieses Jahres fällt das Fest des hl. Apostels Jakobus des Aelteren auf einen Sonntag. — Der gegenwärtige Erzbischof von Santiago, Msgr. Joseph Maria Martin de Herrcra (geb. 26. August 1835 zu Aldua in der Diöccsc Salamanca), früher (bis 14. Februar 1889) Erzbischos von Santiago aus Cnba, erließ bereits am 8. Dezember 1896 einen Hirtenbriefs an seine Diöcsanen, worin er zu recht zahlreicher und eifriger Betheiligung an den Wallfahrten während dieses Gnadcnjahres auffordert. Am Tage nach Erlaß des erzbischöflichcn Schreibens sandte der Dekan und das Mctropolitankapitel von Santiago, urvordcnklichcr Gewohnheit folgend, an sämmtliche Prälaten Spaniens ein Einladungsschreiben zum Jubiläum des tliio sonto. Wir verdanken den Hirtenbrief der Güte des liebenswürdigen und gelehrten Don Candido Rios y Nial, der uns denselben mit der ausdrücklichen Bitte zugesandt hat, ihn verdeutscht unseren deutschen Landsleuten in einer katholischen Zeitung unsers Vaterlandes mitzutheilen, damit auch die deutschen Katholiken sich recht zahlreich an der Pilgerfahrt zum Grabe des „dran Axostol" bctheiligcn möchten. Mit Freuden willfahren wir der für uns so ehrenvollen Bitte des Herrn im fernen Spanien und erlauben unS dem Text des Hirtenbriefes zum besseren Verständniß für den deutschen Leser einige erläuternde Anmerkungen geschichtlichen Inhalts in Fußnoten beizufügen. Der genannte Hirtenbrief hat nun folgenden Wortlaut: Wir Dr. Joseph Martin de Herrera u de la Jglcsia, durch Gottes und des hl. apostolischen Stuhles Gnade Erzbischof von Santiago de Compostela, Großkaplan Seiner Majestät, ordentlicher Richter der kgl. Kapelle, des kgl. Hauses und Hofes, Großnotar des Königreichs Le»n, Großkrenzritter des kgl. Ordens Karls m., Senator des Königreiches sowie des Rathes Sr. Majestät u. s. w. u. s. w. an den ehrwürdigen Dekan und das Kapitel der hl. apostolischen Metropolitankirche von Santiago de Compostela, an den ehrwürdigen Abt und das Kapitel des Stiftes von Coruna, an unsere Erzpriester, Pfarrer und den übrigen Klerus, an die Ordenslente beiderlei Geschlechtes und an alle Gläubigen unserer Erzdiözese. l?ax Vobis — Friede sei mit euch. Nachdem Theodomir, Bischof von Jria-Flavia,*) auf ') Qarta pastoral äel Lxemo. 5 Rovmo. 8ss,or ^.rro- bispo äs LantiaZo äs Oomxostsl», cov motivo äs äubilso üsl Ttüo 8anto äs 1897. 8°, 32 pp. — 8»uti»§o, Imp. x Luv. äsl 8smiii»rio O. Osntr»! 1696. 2 ) Jria-Flavia, das heutige Padrän, an dem schiffbaren, in den Meerbusen von Ärrosa sich ergießenden Flusse Ulla in der spanischen Provinz Galizien gelegen, ist ein uralter christlicher Bischofssitz, der später nach Compostela verlegt wurde. Bei Jria-Flavia landete nach spanischer Tradition in wunderbarer Weise der Leib des Ist. Apostels Jakobus des Aelteren. Eine Frau, mit Namen Lupa, gestattete den Jüngern des Apostels, die hl. Ueber- reste des Meisters auf ihrem Besitzthum zu beerdigen. Später errichteten jene über der Grabstätte eine kleine Kapelle. Zwei der Schüler und Begleiter des Apostels, Athanasius und Theodor, blieben bei dem Heiligthum zurück, die anderen zogen zur Verkündigung des Evangeliums in andere Gegenden Spaniens. Nach ihrem Tode wurden die beiden Jünger zu den Seiten ihres Meisters bestattet. Die darauffolgenden unruhigen, kriegerischen Zeiten ließen das Heiligthum ganz in Vergessenheit gerathen, bis endlich ein wunderbares Ereigniß die Wiederauffindung desselben herbeiführte. Im Anfange des neunten Jahrhunderts stellte sich nämlich bei dem erwähnten Bischof Theodomir von Jria ein frommer Einsiedler Namens Pelagius (?swvo> ein und brachte die seltsame Botschaft, man könne auf dem nicht weit von seiner Klause gelegenen Berge Libre- Don jede Nacht himmlische Musik hören und ein geheim- uißvolles, den Sternen ähnliches Licht sehen. Auf diese Aussage hin begab sich Bischof Theodomir am 24. Juli 813 in den am Fuße des Lebre-Dou gelegenen Ort Sän Fix de Solovio, las dort die hl. Messe, bestieg darauf mit seinem Klerus und vielen« Volke den Berg, ließ das Gesträuch entfernen und Nachgrabungen anstellen. Da fand man eine Höhle mit zwei Bogcnwölbnngen, einem Altar und drei Gräbern, von denen das mittlere am größten war. Man öffnete letzteres und fand den Leib des hl. dem Sternfelde (6snwo äs la lstrolla) den verehrungs- würdigen Leib des hl. Apostels Jakobus entdeckt hatte, wuchs' die Andacht zu unserem Apostel in solch hohem Grase, daß die bescheidene, auf den Ruinen der ursprünglichen Kapelle erbaute Kirche, die stets den kostbaren Schatz hütete, sich in eine prächtige Kathedrale verwandelte und auf der Stelle des uralten Solovio die prächtige Stadt Compostela erstand. Gott. der in seilten Heiligen wunderbar ist. gefiel es, das Grab des ersten Blutzeugen aus der Schaar der Apostel und des ersten Verkünders des Evangeliums in Spanien dadurch zu verherrlichen, daß er Tausende von Pilgern aus allen Völkern, die von den auf Fürbitte des Heiligen den Spaniern erwiesenen Wohlthaten wußten uns herbeiströmten, zu demselben hinzog. Könige uns Fürsten, Hohe und Niedere, Reiche und Arme, Einheimische und Ausländer wanderten auf der alten Römerstraße nach Compostela. Die zahlreichen Pilger- schaaren und immer häufiger werdenden Wallfahrten hatten zur nothwendigen Folge die Erbauung von Pilgerhäusern uird Hospitälern an verschiedenen Punkten der Königreiche Castilien, Leon und Galizien. Ja, eine solche Bedeutung erlangten diese Pilgerzügc, daß man von allen Enden des ganzen christlichen Erdkreises zur Verehrung des berühmten Heiligthums und zur Erfüllung der in der fernen Hcimath aus Andacht und Vertrauen zum glorreichen Schutzherrn Spaniens gemachten Gelübde herbeieilte. — Noch nicht der vierte Theil eines Jahrhunderts war seit Wiederausfindung der Reliquien (813) verflossen, da berichtet bereits Walafried Estravon von den zahlreichen Pilgerfahrten nach Compostela und von dort geschehenen staunenswcrthen Wundern. Im Jahre 896 fand die Einweihung der vorn König Alphons III., dem Großen?) erbauten Basilika statt, wobei die hl. Ceremonien mit außerordentlicher Feierlichkeit in Anwesenheit des Königs selbst, der Königin (Dona Jimeua), der kgl. Prinzen, in Gegenwart von siebzehn Bischöfen, elf Grafen, aller Obrigkeiten und einer unermeßlichen, aus allen Nationen der Christenheit zusammengesetzten Volksmenge vollzogen winden. Im ersten Drittel des zehnten Jahrhunderts (915—928) sandte Papst Johann X. den Priester Zanelo zum Gnaden- orte, damit er Zeuge der zahllosen Menge von Pilgern am Grabe des Apostels und der auf dessen Fürbitte dort gewirkten Wunder sein könnte. Im Jahre 1040 kam nach Compostela als Pilger der griechische Bischof Stephan, der nach Verzicht auf seilt Apostels Jakvbus, sein vorn Rumpfe getrenntes Haupt und daneben einen Pilgcrstab. Ferner fand man eine Urkunde, welche die Echtheit des kostbaren Fundes bezeugte und angab, daß die beiden anderen Gräber den Begleitern des Apostels Athanasins und Theodor gehörten. Voll heiliger Freude warfen sich Bischof, Priester und Volk auf die Knie und dankten Gott. Theobomir ließ darauf die drei Gräber iviedcr verschließen und berichtete persönlich von der seltsamen Begebenheit dem damaligen König Alphons H. von Astnrien (791—842). Sofort begab sich der König selbst in Begleitung seines Öofes nach.dem Berge Libre-Don, bezeigte den Reliquien seine Verehrung, erbaute über denselben eine kleine Kirche und beschenkte das Hciligthnm außerdem mit sämmtlichem Lande auf drei Meilen im Umkreise. Auch dein damaligen Papste Leo III. (795—616) meldete Bischof Theodomir die wunderbare Wiederanffinduug des Leibes des hl. Apostels Jakobns. Der Papst machte die Nachricht den übrigen Bischöfen der Christenheit kund, und von da an datiern die Wallfahrten zum Grabe des Apostels. — Soweit die spanische Ueberlieferung. Recht glaubhaft klingt sie allerdings gerade nicht, namentlich im ersten Theil. . *) Alphons UI. König von Astnrien 866—910. Den Beinamen „des Großen" erhielt er wegen seiner Siege über die Mauren. Am Abend seines thätcnreichen Lebens wallte er noch einmal zum Grabe des hl. Jakobns. Von dort zurückgekehrt bat er seinen Sohn um ein Heer. um zum letztenmal gegen die Sarazenen ins Feld zu ziehen. Er wollte offenbar für den Glauben als Sieger sterben. Mit Zustimmung seines Sohnes zog Alphons an der Spitze seines Heeres noch einmal gegen die Mauren und erfocht, ohne rcdoch den ersehnten Heldentod zu finden, mehrere Siege. Im Jahre 910 starb er an einer Krankheit in Zamora. Vergl. Weiß, Weltgeschichte. (III. Anst.) B. V. S. 236. Bisthum den Rest seines Lebens dort zubrachte und in der Kirche des Apostels starb. Wegen der großeil Bedeutung der Wallfahrten und da die Basilika oes Königs Alphons III. die Pilger nicht mehr zu fassen vermochte, begann der Bischof Diego Pelaez im Jahre 1078 mit dem Baue der gegenwärtigen Basilika, die Don Diego Gelmire?) vollendete. Papst Urban II. erklärte im Jahre 1089 die Diözese von Compostela, deren Sitz hieher verlegt worden war?) für exempt von der Metropolitangerichtsbarkeit, und im Jahre 1102 gewährte Papst Paschalis II. dem Bischof Gelmirez den Gebrauch des Palliums. Am Ende des 11. und am Anfang des 12. Jahrhunderts ließ Santo Domingo aus Mitleid mit den vielen Beschwerlichkeiten und Mühsalen, welche die Pilger von Compostela zu erdulden hatten, auf jener Seite des Flusses Rioja, auf welcher heut zu Tage die Stadt gleichen Namens liegt, die Sümpfe austrocknen, den Fluß eindämmen, die Straße bahnen, ein geräumiges Pilgerhaus errichten und eine Kirche, die Kathedrale wurde und noch ist, erbauen. Im Jahre 1109 kam nach Compostela als Pilger der Erzbischof von Vienne aus der Dauphin« in Frankreich. Derselbe bestieg später unter dem Namen Calixtns II. den päpstlichen Stuhl und hat uns die Beschreibung jenes wundersamen Schauspiels, das jene Legionen von Pilgern aus allen christlichen Ländern in Santiago boten, hinterlassen. In diesem äußerst interessanten, eingehenden Berichte °) erzählt er uns unter anderem: „Man kann nicht umhin, mit staunender Freude das Schauspiel zu betrachten, welches die vor dem Grabe des hl. Jakobus wachenden Pilger bieten. Auf der einen Seite stellen sich die Deutschen auf, auf der anderen die Franzosen, etwas entfernter die Italiener, alle mit brennenden Kerzen in den Händen, so daß die ganze Kirche wie am hellen Tage vorn Sonnenlicht erleuchtet strahlt. Alle wachen und beten daselbst, singen und loben den Herrn. Die einen beweinen ihre Sünden, andere beten Psalmen; die verschiedensten Sprachen hört man dort, Laute und Lieder von Deutschen, Engländern, Griechen und allen übrigen Stämmen und Völkern aller Zonen. Keine Sprache, keine Mundart gibt es, deren Laut dort nicht wiederhabt. Die Nachtwachen werden unter Gebeten mit größtem Eifer gehalten; die einen gehen, die andern kommen, alle aber beten und spenden Opfergaben. Wer traurig hinzieht, geht fröhlich von bannen, es herrscht dort eine ununterbrochene Feier, ein fortwährendes Fest, das bei Tag wie bei Nacht nicht endet. Immerwährende Gesänge geben Zeugniß vom allgemeinen Jubel, von der himmlischen Fröhlichkeit und der Begeisterung der frommen Pilger zu Ehren des Herrn und feines hl. Apostels. Niemals schließen sich die Thore dieses Tempels beim Tage und bei der Nacht, deren Dunkel dem glänzenden Kerzenscheine weichen muß. Wir sehen da Arme und Reiche, tapfere Ritter, Kämpfer, die in den Krieg ziehen, Feldherren, Blinde und Lahme, Edelleute und Vornehme, Laien und Priester, die auf eigene Kosten, oder mit Hilfe von Almoien kommend, die einen zum Zeichen freiwilliger Buße mit Ketten beladen, die andern, wie die Griechen, Kreuze auf den Schultern tragend. Die einen theilen nach bestem Vermögen Gaben an die Armen aus, die andern bringen eigenhändig Eisen und Blei zum Ban des Tempels. Viele tragen Fnßfesseln und Handschellen, weil sie von diesen und aus den Gefängnissen der Gottlosen erlöst wurden; das sind die, welche Buße thun und ihre Sünden beweinen. Das ist Z Der Grundstein zu diesem majestätischen Tempel romanischen Stiles wurde am 11. Juli 1078 unter der Regierung des Königs Alphons VI. (1065—1109) gelegt. Gleich beim Beginn seiner Regierung gewährte dieser mächtige König, der wegen seiner vielen über die Mauren erfochtenen Siege und wegen der unter ihm in seinem Lande herrschenden Sicherheit den Beinamen „Schild und Leuchte Spaniens" erhielt, allen Santiago-Pilgern Zollfreiheit. Vgl. Weiß, a. a. O., B. V S. 246—247. ch Die Verlegung des Bischofssitzes von Jria-Flavia nach Compostela geschah also durch Papst Urban II. (1088—1099) im Interesse der Wallfahrt im Jahre 1089. Davon weicht allerdings L. Gams (8si-ies spisooporum pnA. 26) ab, der um das Jahr 843 schon einen gewissen Atanlf I. als ersten Bischof von Compostela anführt. H Vgl. I. N. lern. 8auebs/, 8antmZ'o, Isruealsv, Koma 1680. 53 der ausenvählte Stamm, das heilige Geschlecht, das Volk Gottes, die Blüthe der Nationen. Siehe, das ist die Stadt Compostela, die durch die Bitten, des seligen Jakobus geheiligte Stadt, das Heil der Heiligen, die Burg derer, die zu ihr kommen. O, welche Ehrfurcht, Ehre und Hochschätzunq verdient dieser himmlische Ort, an dem schon viele Tausende von Wundern geschehen, wo der heiligste Leib des großen Apostels aufbewahrt wird, der den Mensch gewordenen Gott zu sehen und zu berühren das Glück hatte." - Die Weltanschauung im Sinne des hl. Thomas von Aquin. (Vortrag gehalten im akad. Görresverein in München.) (Schluß.) Gott ist der oberste Meister des Werkes; aber er will nicht der alleinige sein. Gott hat andere Werk- leute sich zugesellt, um durch sie und in ihnen sein Reich zu erbauen. Diesen Werkleuten ani Gottesbau hat Gott alle Kräfte in die Hand gegeben, deren sie bedürfen?) Als diese Werkleute erscheinen in der Schöpfung zuerst die nothwendigen, an die ewigen Gesetze gebundenen Naturkräfte?) Getrieben von innerer Nothwendigkeit, kennen sie nur den einen Weg geradeaus. Darum thun sie, was Gott will; aber sie thun es ohne Verdienst, weil sie nicht anders können. So bauen sie das todte Reich, die Schaubühne für das lebendige Reich der freien Natur. Aber schon in diesem todten Reich herrscht nicht die Erstarrung durch eisernen Zwang; denn wenn auch die einzelnen Glieder und Kräfte nicht anders handeln können, als sie handeln, so kann das Ineinandergreifen aller Kräfte doch von Natur aus ein sehr mannigfaltiges sein. Da sehen wir nun, wie die göttliche Vorsehung diesem Ineinandergreifen feinen natürlichen Lauf läßt, der nothwendig auch Kollisionen und unvollendete Ausgestaltungen einzelner Glieder mit sich bringen muß?) Doch deutlicher wird dies in dem höheren lebenden Reich der freien Werkleute. Auch dieser freien Natur fehlt nicht jegliche Nöthigung. Aufgebaut auf der materiellen Natur, theilt sie deren Beschränktheit. Aber sie trägt die unsterbliche Seele in sich, die vom Zwang der Materie nicht berührt wird. Was bei der todten Natur Tribut der Nothwendigkeit ist, das soll bei ihr ein Geschenk der Freiheit sein. Die nöthigen Bedingungen dafür hat ihr Gott in reichem Maße gewährt, indem er ihr einheitliche innere Principien gegeben hat/) an denen ihr Denken und Wollen Maß und Halt findet, wie am ruhenden Pol die schwankende Magnetnadel. Die gleichen Grundprincipien der Erkenntniß sind lebendig im Verstand aller Menschen, und das gleiche Gesetz redet in aller Herzen; die eine Schöpfung mahnt Alle an den einen Schöpfer Aller, lind so gibt Gottes Vorsehung allen vernünftigen Wesen die Möglichkeit, daß sie ihre Aufgabe am Bau des Gottesreiches erkennen. Daß nun diese Aufgabe auch erfüllt werde, ist die Gottheit weise und liebevoll thätig. Wohl sehen nämlich alle vernünftigen Kreaturen ihre Aufgabe, Gott zu erkennen in Wahrheit und Gott zu dienen in Liebe, aber die Verwirklichung dieser Aufgabe hat Gottes unendliche Liebe ihrem eigenen freien Willen überlassen. So ist ') 8. o. §. lib. III oax. 69—77. Ueber das Fatum und den Sinn, in dem man von einem solchen mit Recht sprechen darf, vgl. 8. 1K. 1, g. I96; 8. v. Z. üb. III g. 93—SS. 2) 8. o. K. Üb. III oap: I, 24. 8. o. Z'. lib. III eap. 71, 72, 74. *) tz. O. cio vor. g. 11 a. 1 g. 22 a. 8; 8. 1k. 1., 2. g. 1(1 a. 1, 1. g. 62 a. 1. also der Wille des Menschen frei; was sein Herz sich erküren will, mag es gut oder böse sein, er mag es thun?) Aber freilich, Gottes Vorsehung kann nicht wollen, daß der Mensch sich zum Bösen wende; denn der Wille Gottes kennt und kann nur ein Ziel kennen, das Gute/) Aber indem Gott auf der andern Seite auch nicht knechten kann, was von Natur frei ist, indem er niemals sich selber widersprechen kann/) läßt er es geschehen, hindert er es nicht, daß der Mensch in dünkelhaftem Nebermuthe ihm die Treue bricht und ein Gebilde von Staub und Asche zu seinem Götzen wählt. Aber er läßt nur die Physische Freiheit zu, unmöglich die moralische Erlanbtheit. Dieser steht sein ewiges Gesetzt) hindernd gegenüber, damit so der Wille des Menschen wirklich frei sei und die Erreichung seiner ewigen Bestimmung dem Menschen nicht nur als Geschenk, sondern auch als wirkliches Verdienst anzurechnen sei.") Hier hört das bloße Zulassen auf, hier tritt der göttliche Wille ganz in Kraft. Gottes Wille ist es, daß der Mensch zur ewigen Vollendung gelange, und alle, die dorthin gelangen, kommen nur durch den Willen Gottes dorthin?") Indem aber so auf diesen Auserwählten ganz und voll der göttliche Wille ruht, sind sie auch der Grund, um derentwillen Gott das Böse zuläßt. Gott gestattet die Ausschweifung zum Bösen hin, weil er die freie Natur achtet") und weil er auch dieses zum Guten zu lenken weiß. So sind die Bösen zwar frei im Wollen, aber nicht im Vollbringen des Gcwolltcn. Auch was der Böse thut, muß dem Guten dienen. Und nicht nur das. Indem der sündige Wille sich zum Bösen entscheidet, lehnt er sich auf gegen die höchste Majestät und stützt sich auf sich selbst. Nimmermehr aber kann Gott solches dulden; Gott muß die ewige Ordnung vertheidigen gegen die Unordnung, das Gesetz gegen die Mißachtung; Gott muß sich Gehorsam verschaffen von seiner Kreatur. Und hat ihm das Geschöpf nicht frei gehorchen wollen, so muß es jetzt gehorchen seiner strengen Gerechtigkeit. Hat das Geschöpf nicht in Freiheit an Gottes Werke bauen wollen, so muß es jetzt mit Nothwendigkeit dasselbe fördern. Und so dient schließlich doch alles in der Welt den Zwecken Gottes, die da sind, alle glücklich zu machen, die eines guten Willens sind, und auch von allen denen, °) „Rososseset, guock Koma sit libori arbitrii er koo ipso, quoll rational^ ost." — 8. 1k. 1. g. 83 a. 1; g. 59 a. 3; 8. o. §. lib. II eap. 48. tz. v. cio vor. g. 22 a. 6; hier wird im besonderen ausgeführt, daß die Freiheit des Menschen eine dreifache sei. „Invonitar antom incto- terininntio volantatis rospoetn triam: se. rospoetn okisoti, rospoetn aetas, ot rospoetn orciinis tu tinsin." Dementsprechend pflegt man auch die Willensfreiheit zu dcfi- niren als „aetiva voluntatis inclotorminatio, nt voluntas possit vollo koo ant illuck, vollo ant von vollo, volle rects ant non roeto." °) 8. 1k. 1. g. 49; 8. v. K. lib. I vax. 95; „Nalum eulpao, yuocl privat oräinoin sä konmn ciivinnm- Dons unÜo inoclo vult." — 8. 1k. 1. g. 19 a. 9. ') 8. 1k. 1.

    . cks inalo g. 3 a. 1. -) 8. 1d. 1. 2. g. 93 s. 6. °) „ . . . gnia oroatnra rationalis soipsam inovot all Ltz'enckun per liboram arkltriuw, nncie sua avtiy kabot rationoin rnoriti."— 8.1k. 1., 2. 114a. 1; cp 21 s. 4. '") 8. 1k. 1. 23. ") „ ... lntor rationale!? naturas solns vous kokst liboram arbitrinw natarallter impoceabilo st eon- ürmatnm in Kono, ereatnrao voro koo inosso, impossibils 65t." — tz. 11. äo vor. g. 24 a. 1; 8. 1k. 1. g. «13 a. 1; 8. e. A. lib. Ill eap. 109. 54 die es nicht sein wollen, den Tribut einzufordern, den olle seiner Verherrlichung darbringen müssen?-) Und so vereinigen sich in der göttlichen Vorsehung scheinbar die größten Gegensätze.") Auf der einen Seite herrscht die größte Freiheit, hat es jeder Mensch in seiner Gewalt, sich selbst zu entscheiden znin Guten oder Bösen; auf der anderen Seite aber ist nichts in der Welt, kein Stanbkörnlein am Grunde und keine freie Regung in der Mcnschcnbrnst, ausgenommen von dem allmächtigen, ordnenden, göttlichen Arm. Alles geschieht genau so, wie es die Natur und Wesenheit der Dinge verlangt, und doch stand Alles, was geschieht, schon von Ewigkeit her unerschütterlich fest. Die Versöhnung dieser scheinbaren Gegensätze liegt aber in der Unergründlichkeit der göttlichen Weisheit. Indem nämlich die göttliche Weisheit von Ewigkeit her in der göttlichen Wesenheit alles und jedes Seiende in seiner ganzen individuellen Diffcrenzirung und allem möglichen Zusammenhange aufs genaueste erkannte, bezogen sich die ewigen göttlichen Dccrete, durch welche diese Welt ins Dasein gerufen wurde, nicht nur auf ihr Dasein, sondern auch aus die Art und Weise ihres Daseins. Was daher von Gott erkannt wurde, als frei abhängend von einer freien Ursache, wurde auch in dieser seiner inneren Unabhängigkeit durch den göttlichen Willen aus der bloßen Möglichkeit in die Wirklichkeit übertragen.") Alles geschieht genau so, als wäre Gottes Wille gar nicht dabei. Der göttliche Wille ändert an der inneren Natur der Welt, d. h. an der inneren Abhängigkeit der Wirkungen von ihren nächsten, sei es freien, sei es nothwendigen Ursachen, gar nichts.") Und so kommt es, daß die freien vernünftigen Geschöpfe über ihre letzte Vollendung in Wirklichkeit selbst entscheiden, sei es znin Verdienst des guten Willens, sei es zur Bestrafung des bösen Strebens. Und dennoch ist i n letzter Linie die Erreichung der ewigen Vollendung auch ein wahres Geschenk Gottes, damit sich so erfülle was geschrieben steht: „Ilt iroir Zloristur in sonspsotu vornini orains Lnro", daß keiner vor Gott sich rühmen könne, in der That! Wie die Verherrlichung Gottes der letzte ^weck der Schöpfung ist, und wie dieser Zweck im ewigen Heil der vernünftigen Kreatur seine höchste Blüthe treibt, '-) ,,Vx dos patst, guoä sltiori moäo äivinn xro- viäentw Anksrnnt konos guain irmlos; rnali snirn änm all auo oräins proviäsntias sxsnnt, nt so. I)ei volnntatsin von kaoiant, ill llliuill oräinsm ckilaknutur, ut so. äs ois üivina volnntas tiat; ssä Kolli guiäsw ack ntruingus sunt ill rsoto orällls proviäsntias." — tz. O. äs vsr. g. S a. 6. vk. 8. äs spir. st litt. p. 86. ") Ueber die göttliche Vorsehung vgl. 8. llk. I. g. 19, 22, 23, 24; 103—105. 8. o. Z. Üb. I oap. 72—88; u. Uk. Ill oap. 64—83; 89—100. H. I>. äs vsr. g. 5—7. 8sut. I. üist. 39 g. 1. Einen ganz ausgezeichneten Commentar zn den philosophischen Speculatiouen des hl. Thomas über diese Frage hat jüngst geschrieben: lnä. Lillot. ,,vs vso Ullo". Komas 1893. p. Ü» p. 173—300. ") „^.ä pioviäslltiaw älvillllm lloll psrtillst llllturaill llsrnlll oollllnmpsll.s, ssä ssrvars. vnäs omllia morst ssounäum eornm eonckitionsm; ita guoä sx causis nsosssarils per motionsm äivinaiu ssguuntnr ellsotns ex llsosssitats, sx oansis autsm eontiuKsntibns segnuntur stkeotus oolltill§sutes.— 8. lk. 1., 2. o. 10 a. 4; ok. 1. g. 19 a. 3. ^) »In soientia siinpliois intslÜKentias (so. lsi) viästnr ullumglloäglls nt oxorisns g, oansis nsosssariis vsl liksris, pro sno moäo noosssitatis vsl eolltinKöntias. ^.äiuuotio autsm volnlltatis voll mutat äiotum oräillsm st moäum oausarnm, ssä kaolt äumtaxat, ut sit iam aotn prasparatus iäem 1pss vausarum oräo, gui plins mirs possikiliter se lmkskst." — LiUot I. c. p. 2' so hat der göttliche Wille bei allem, was er in der Schöpfung sei es direkt will, sei es nur zuläßt, diese seine höchste Ehre und diese größte Vcseligung der Geschöpfe vor Augen. Alle Verhältnisse ordnet also Gott so zusammen, daß sie zum Heil der Auserwählten führen und diese darum Gott gegenüber ewig die Pflicht der Dankbarkeit in sich tragen.") Wenn aber einige nicht zu ihrem Ziele gelangen, dann können sie sich nicht über Gott beklagen, denn auch ihnen hat Gott die vollste äußere und innere Möglichkeit gegeben, anders zu wollen. Darum ist es ihre Schuld und nur ihre eigenste und wahrste Schuld, daß sie verloren gehen. So lange der Mensch lebt, steht ihm die göttliche Vorsehung bei, hilft ihm, befähigt ihn durchaus, sein ewiges Glück zu erarbeiten; möge er es nur wollen.") Alle darum, die wollen, können selig werden, und nichts in der Welt kann ihnen die Ewigkeit rauben. Mit diesem erhebenden Gedanken wollen wir nunmehr unsere Weltanschauung ausklingcn lassen, lieber dem Ursprung, dem Bestand und der Vollendung der Schöpfung sehen wir hehr und herrlich wie ein freundliches Dreigestirn die göttliche Allmacht, Weisheit und Liebe glänzen. Was die Weisheit ersonnen, das hat die Liebe gewollt, das hat die Allmacht geschaffen, lind nur des Geschöpfes Unverstand und Uebcrmuth hat es mit sich gebracht, daß auch die strafende göttliche Gerechtigkeit in ihre Rechte trat. Aber, indem alles, was von Gott ist, göttlich und darum hehr und heilig ist, so vermag auch das Böse in der Welt den Ehrenschild der Schöpfung nicht zu beflecken. Auch das Böse hat seine Stelle im Weltenplaue-, auch das Böse muß Gottes Zwecken dienen, seine Herrlichkeit offenbaren und die Auscrwählten in mannigfacher Weise zu ihrem Glücke führen. Niemand aber braucht böse sein; Alle können guten Willens sein und eingehen in die Sabbathruhe Gottes. Dann ist der Endzweck der Welt voll erfüllt; Gottes Ehre ist geoffenbart und das Heil der Schöpfung vollendet. Und so mündet die ganze Weltanschauung schließlich in das eine Princip aus, das einst Engelsmund der Welt verkündete: „VIoria, in sxsslsis vso; st In tsrru pnx lloininibus stoirus volrmtutis"; Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen, die eines guten Willens sind." Und nun erlauben Sie mir noch einige Worte zum Schlüsse. Es war ein großer Gedanke, würdig des genialen Geistes eines Joseph v. Görres, sich hinauszuheben über die engen Schranken der Hcimath, der einzelnen Länder, Völker und Staaten, und die ganze Weltgeschichte, soweit sie reichen mag durch die Länder und Zeiten, zu überschauen von der einen hohen Warte, der Geschichte des Reiches Gottes auf Erden. Und auch heute bleibt es immer noch eine große Aufgabe, die Geschichte des Weltalls in allen Räumen und Zeiten zusammenzufassen in dem einen Gedanken der Verwirklichung der Gottesidee, nach deren Vorbild die Welt geschaffen ist und deren Zwecke dieses Universum gekettet an das rollende Rad der Zeiten erfüllt bis es einmündet in die Ewigkeit. Eine Weltgeschichte in diesem Sinne wird zugleich sein die erhabenste Kunstgeschichte; denn sie wird sein die Geschichte des erhabensten Kunstwerkes, das nur aus der schaffenden Hand des ewigen Künstlers hervor- "1 »Ooroimnäo vsus insrita nostra, ooronat in nokis Z'rntnita üoua sua, nt von Kloristar oinnis oaro in von- spsotu eins.." — killst p. 244; ok. p. 289 k. 8. llii. 1. 23 rr. 5» ") (j. v. äs vsr. g. 23 a. 2; g. 14 a. 11 aä 1. gehen konnte. In diesem Kunstwerk der Kunstwerke hat das Vornbereilcnde, das Einzelne, das im Strome der Zeiten Alis- und Niedertanchende um seiner selbst willen keinen Platz mehr. Darin hat Alles nur noch Raum, insofern es ein Stcinchcn ist znm Ban des einen Welten- domes, des Spiegels von Gottes Pracht und Herrlichkeit. Dann verschwinden auch alle Kleinigkeiten, alle Unebenheiten, alle Verworrenheiten. Freilich wird es einem Sterblichen wohl kaum vergönnt sein, in diesem hohen Sinne die Weltgeschichte erschöpfend nachzudenken und das Nach- gcdachte dem zu bieten, der diesem hohen Flug zu folgen vermag. Erst, wenn unser Lebcnsschifflcin im .Hafen der Ewigkeit seine Anker geworfen, dann erst haben wir das Gestade des verheißenen Vaterlandes erreicht, von dem aus wir mit einem alles umspannenden Blick das weite Weltall tief unter uns überschauen können. Dann wird aber auch nicht mehr die vergängliche Sonne unsern Tag erhellen, sondern dann wird Gott selbst sein das lumon Zloriae, die ewige Geistersonne, die unsern Verstand mit wunderbarem Licht erfüllen und zur Aufnahme der ganzen Wahrheit befähigen wird. Dann wird das wahre goldene Zeitalter anheben. Dann werden sich alle Disharmonien, die sich jetzt dem äußeren Blick nie ganz verbergen werden, auflösen in Harmonien; dann werden alle Dissonanzen ausklingen in die wunderbarsten Konsonanzen; eine heilige BreuZu Ooi wird dann das ganze Weltall friedlich vereinen. Dann wird das Schöne werden zum Guten, und das Gute wird werde» zum Wahren, und das Wahre wird schließlich seinen ewigen Ruhcpunkt finden in dem „ll'.vokw äxö-7/rov", dem unbewegten Beweger des Alls. Diese Hoffnung auf die Ewigkeit möge uns Antrieb sein, daß wir schon jetzt, wo wir noch mitten in des Tages Irren und Wirren stehen, unsere Blicke hoch erheben, so hoch als unsre Kräfte uns nur zu tragen vermögen, um von möglichst hoher Warte aus das Getriebe der Welt unter uns zu überblicken und so immer größere Ruhe und immer heiligeren Gottcsfrieden in unser Herz aufzunehmen. Wahrlich! Das ist ein Ziel, groß wie die Unsterblichkeit und wohl werth des Schweißes der Edlen. Recensionen und Notizen. CossaLnigi, Die ersten Elemente der Wirth schaftslehre. Deutsch bearbeitet von Ed. Moormeister. 8". VI -st 161 i>p. Freiburg i. Br., Herder- 1896. (III.) M. 1.50. Die „kriini slomenti äi oeouomia soeials" des Lnigi Costa, Professors an der Universität zu Pavia, nehmen in der national ökonomischen Literatur Italiens einen ganz hervorragenden Platz ein. Das Buch erlebte in seiner Hennath mehrere Auflagen und erscheint auch in deutschem Gewände bereits zum dritten Mal. Es verdient auch einen Ehrenplatz in der Reihe der Werke socialpolitischen Inhaltes, welche die Hcrder'sche Verlagsbuchhandlung herausgegeben hat. Der erste Abschnitt des überaus klar geschriebenen Buches handelt von den Vor- begrisfen der Wirthschaftslehrc; dann folgen fünf Abschnitte über die Produktion der Güter, ferner über den Umlauf (Werth, Geld, Handel), die Vertheiln»» und Konsumption der Güter: den Schluß bildet ein Abschnitt über wirthschaftliche Vereinigungen, und der Anhang bietet einen Ueberblick über die Geschichte der Wirthschaftslehre mit einer Bibliographie. Das Buch ist zu bekannt und beliebt, als daß es noch einer besonderen Empfehlung bedurfte. * Am 18. Juni 1896 starb im Kloster Andechs der „gute Pater August in", wie ihn die Leute nannten, ein eifriger, würdiger Benediktiner-Priester und vorzüglicher Pädagoge. Pater Angnstin Glnns war 1833 in Roltwcil geboren nnd arbeitete nach seiner Priesterweihe in der Seelsorge längere Jahre in Württemberg, zuletzt als Kavlan in Jsny. Bon dort trat er 1868 bei St. Bonifaz in München ein und wurde bald nach seiner Profcß nach Andechs geschickt als Wallsahrtspriestcr und zur Versorgung der Pfarrei Erling. Schon im August 1871 aber wurde ihm die Leitung der St. Nikolausänstalt für verwahrloste Knaben in Andechs übertragen, und hier entfaltete er nun eine bewunderuswertlie Thätigkeit, bis der Herr ihn aus diesem Leben abberief. Eine von warmer Verehrung, aber auch voller Wahrheitstreue getragene, schlichte Schilderung des Lebensgaugcs und des Wirkens dieses ausgezeichneten Mannes liegt in einem Schrislchen vor, das Herr ?. Emmcran Heiudl. O. 8. II.. Wall- fahrtspricster in Andechs, unter dem Titel „U. Angnstin Glnns, O. 8. L., von Andechs. Ein Mönchsbild aus moderner Zeit" geschrieben hat. Es ist mit einem Bildniß des Verewigten ausgestattet und wird gewiß nicht blos bei den Freunden des Verstorbenen, sondern auch in weiteren Kreisen dankbar begrüßt werden. (Es ist bei Herrn ?. Emmeran Heiudl oder im Andechser Klosterladen um 20 Pfg. zu erhalten.) I-. „Das ist des Deutschen Vaterland!" Unter diesem Titel kam noch vor Schluß des Jahres 1896 eine illnstrirte Schilderung des deutschen Reiches zum Abschluß. Das Werk ist herausgegeben von Jos. Kürschner in 18 Lieferungen L 50 Pfg. nnd erschien im Verlag von Hermann Hillger in Berlin. Der Verfasser will denjenigen, welchen die Mittel zum Reisen fehlen, durch zahlreiche Illustrationen vor Ästigen führen, was unser Vaterland in Kunst und Natur bietet, solchen, welche von der Reise heimkehren, ein schönes Andenken bieten, andere anspornen, nicht in die weite Ferne zu schweifen, sondern au dem sich zu freuen, was so nahe liegt. 1273, mitunter vorzüglich ausgeführte Bilder zieren das Werk; auf 442 Seiten Text finden wir eine gedrängte, und was bei der Fülle des Materials wohl reicht anders sein kann, etivas dürftige Beschreibung der deutschen Gaue. Gerade deßhalb hätte nran erwarten können, daß die Bearbeiter der einzelnen Abschnitte sich einer unparteiischen Darstellung geschichtlicher Ereignisse befleißen würden; das ist jedoch leider nicht der Fall. Schon auf der ersten Seite vernehmen wir — für uns allerdings nichts Neues —, daß Dr. M. Luther der Vater des deutschen Kirchenliedes sei. Der Beschreibung des Sachseulandcs ist vorangestellt das Stadtbild von Wittcnbcrg. Wir wollen daraus dein Verfasser keinen Vorwurf machen; weniger gefällt uns die Randverzierung des Bildes mit dem in „mittelalterlicher Finsterniß" stehenden Krummstab und der hochhäugenden Laterne, die jedenfalls au das zweifelhafte Licht erinnern soll, das von Wittcnberg aus über deutsche Lande hiu- strahlte. Geradezu empörend aber ist es, was wir bei der Schilderung Magdeburgs lesen: „Der Fluch wird sich an den Namen Tilln heften. Eine blühende Stadt ward an einem Tage der Verwüstung preisgegeben. An 33,000 Einwohner ließ der kaiserliche Bluthund an diesem grauenvollen Tage abschlachten." Weiß denn der Verfasser noch nicht — er nennt sich August Trinius —, daß bereits auch von protestantischer Seite der Akt der Zerstörung als ein beabsichtigtes Werk der eigenen Bürger der Stadt oder der Schweden angesehen wird? Ranke bemerkt: „Sehr wahrscheinlich, daß zu dem Brande von Magdeburg von dem militärischen Befehlshaber und selbst von den entschiedenen Mitgliedern des Stadtrathes eine eventuelle Veranstaltung im voraus getroffen war. Es wäre ein früheres Moskau gewesen." Karl Wittig kommt nach Prüfung aller von katholischer nnd protestantischer Seite verfaßten Berichte von Augenzeugen zu dem Resultate, daß Tilly nicht mit der von vielen beliebten apodiktischen Gewißheit als Zerstörer der Stadt hingestellt werden könne; jedenfalls sei Tilst) „nicht der grausame Wütherich gewesen, als welcher er zwei Jahrhunderte hindurch in der Tradition gelebt". Dies nur einige Urtheile. Sollte aber der Verfasser wider besseres Wissen sich in der oben erwähnten Weise geäußert haben, dann protcstiren wir als Bayern und Katholiken, denen Tilly's Andenken heilig ist, gegen eine derartige boshafte Verleumdung. Der Herausgeber sagt am Schlüsse seines Prospektes: „Mit Gott auf den Weg". Da muß mau denn doch fragen: „Wie reimt sich dieser fromme Wunsch zusammen mit den: ersichtlichen Bestreben einzelner Mitarbeiter, die 56 Katholiken in ihren Gefühlen zu kränken und die geschichtliche Wahrheit mit Füßen zu treten? Möge bei einer etwaigen Neuauflage die Redaction bestrebt sein, alles Verletzende bei einem für das deutsche Volk bestimmten Werke ferne zu halten! Dann kann man das Buch als geeignet, Liebe und Begeisterung für das weitere Vaterland zu wecken, bestens empfehlen. „Die Jugend des heiligen Vaters!" Die frühesten Briefe des heiligen Vaters Leo XIII. an seine Familie sind soeben von M. Boyer d'Agen, einem Freunde Sigmund Peccis, des Neffen des Papstes, bei Manie in Paris herausgegeben worden. Die Briefe umfassen die Zeit von seinem Eintritte ins Jesuitencolleg in Viterbo 1819 bis zu seiner Ernennung zum päpstlichen Delegaten von Venevent 1837 nach seinem Austritte aus der Akademie der blobili Leelssiastiei (adeligen Geistlichen). Der bewnndcrnswertheste Zug an der ganzen Korrespondenz ist die erstaunliche Einheit der Ideen, welche sich .in ihm von Kindheit bis zur Besteigung des päpstlichen Thrones mit jenem Glänze entfalteten, wie sie seitdem die Bewunderung der Welt geworden sind. Das reich illustrirte Werk wird demnächst in deutscher Uebersetzung und unter dem Titel „Die Jugend des Papstes Leo XIII." in der Nationalen Verlagsanstalt in Regensburg erscheinen und gewiß auch von den deutschen Katholiken mit großem Interesse erwartet gelesen werden. Hammer Phil., Sieben Predigten über des Menschen Ziel und Ende und letzten Dinge. 8°. XII -t- 208 SS. Fulda, Aktien- druckerei 1696. (II.) s Obgleich es wirklich Luxus ist, diese Gattung von Litteratur, womit wir bereits überschwemmt sind, noch zu vermehren, wurden doch Hammer's Predigten vor drei Jahren , sehr wohlwollend von der Kritik aufgenommen. Sie sind in der That auch über den Dnrch- schnittswerth solcher Bücher hinausgehend; sie wirken auf das Gemüth, belehren und unterhalten durch die große Fülle geschichtlicher Anspielungen. Poetische Citate sind gar zu zahlreich; wozu taugt (S. 177) Goethe's „Kennst du das Land, wo die Citronen blühst:?"! Auch sollte man Angaben vermeiden, welche der historischen Kritik nicht Stand halten. Das Allerlei ist überhaupt etwas zu üppig, stört dre Einheit des Gedankens und macht die Sache für den Leser zu zerfahren. Im mündlichen Vortrag mag es besser wirken, als es sich liest. Daß die Predigten, als ste gehalten wurden, unterstützt durch die gewaltigen oratorischen Mittel des Redners und Verfassers, einen ungeheueren Beifall fanden, ist durch gleichzeitige Zeitungsberichte bestätigt. Festschrift zum 1100jährigen Jubiläum des deutschen Campo Santo in Rom. Herausgegeben von Dr. Stephan Ehses. Verlag von Herder-Freiburg. Preis 12 Mk. Der 1100 jährige Bestand des deutschen Campo Santo hat erfreulichen Anlaß gegeben zu der vortrefflichen wissenschaftlichen Edition, welche vorstehend angezeigt ist. Sie ist dem hochverdienten Rector Dr. de Waal gewidmet, der durch die Gründung eines Kollegiums am Campo Santo al Vaticcme bereits zahlreichen deutschen Theologen die Möglichkeit geschaffen hat, für ihre wissen- chastlichcn Arbeiten in Rom ein paffendes Heini zu finden, das ihnen zugleich eine stattliche Bibliothek und reiche Anregung durch persönlichen Verkehr bietet. Der Heraus- geber Or. Ehses, sowie die übrigen Mitarbeiter haben die Wohlthat dieser de Waal'schen Gründung genossen, und so war es ein recht sinniger Gedanke, das 1100 jährige -subilaum der Campo-Santo-Stiftnng auch durch eine Festschrift zu feiern, in welcher ältere und jüngere Gäste des Collegiums (theilweise auch dem Laienstand ungehörig) wissenschaftliche Arbeiten niederlegten. Es sind die HH. Mbers, Baumgarten, Ebner, Ehrhard, Ehses, Endres, Dübel. Glasschröder, Grisar, Hackenberg, Jelic, Kaufmann, Kirsch, Merkle, Miller, Pieper, Reichert, Sauer, Sauer- And, 'Röllecht, Schmid, Schnitzer, Schwarz, Stopper, llnkel, Wehofer. Die Arbeiten sind meist dem kirchen- historischen oder christlich-archäologischen Gebiete entnommen. Die Ausstattung des Werkes, dem auch 2 Tafeln und 12 Abbildungen im Text beigefügt sind, ist vorzüglich. Münchner anihropolVgische Gesellschaft. ' München. 29. Jan. Der Vorsitzende Professor Dr. I. Ranke eröffnet die Sitzung mit der Proklamirnng von drei neuen Mitgliedern. Er ersucht dann um Genehmigung zur nachträglichen Ernennung der Herren Dr. G. Näcke, -Oberarzt, Hubertusburg, und Lindenschmit (Sohn), Vorstand des römisch-german. Centralmuseums, Mainz, die bei den Ernennungen beim 25jähr. Jubiläum am 16. März 1898 leider übersehen worden sind. Hierauf legt er das neueste Werk des 81 jähr. Dr. F. Tappeiner in Meran „Der europäische Mensch und die Tiroler" vor. Tappeiner hat sich noch in seinem hohen Alter der Mühe unterzogen, in den verschiedenen Museen Deutschlands die Mongolenschädel zu untersuchen. Er kam zu dem Resultate, daß die breiten Tirolerschädel mit den breiten Schädeln der Mongolen gar nichts zu thun haben. Dr. I. Ranke ist erfreut, daß Tappeiner dieses Werk ihm gewidmet hat. Ferner drängt es ihn, mitzutheilen, daß sein Sohn Dr. Karl Ranke am Samstag den 30. Januar von seiner Expedition nach den Quellflüssen des Schingu in Brasilien, wem: auch blessirt (er hat das linke Auge verloren), in München wieder eintrifft. Das Wort erhält dann Hr. kgl. Bauamtmann Jnama von Sternegg-Lands- hut zu seinem Vortrag: „Bericht über die neuen Ausgrabungen des römischen Äbusina bei Einstig". Es sind bis jetzt 4 Gebäude außerhalb des Lagers ausgegrasten, theils Wohnhäuser, theils Badehäuser mit verhältnismäßig gut erhaltenen Heizungsanlagen (sog.Hypokaustenanlagen). Außerdem ist auch die Lage des Lagers mit einem schöngelegenen Prätorium festgestellt. Das Prätorium ist nicht ivie sonst in der Mitte, sondern an einer Ecke des Lagers. Es fanden sich Münzen bis in die Zeit Theo- dosius des Großen. An der Diskitssion betheiligten sich die Herren Thiersch, Oberhummer. Kurtwängler, Schmid. Hieran schloß sich der Vortrag des Herrn Hauptmanns L>. Arnold: .Kulturgeschichtliches aus dein römischen Bayern, insbesondere vorn Lxereitns Lastioiw". Bis Kaiser Hadrian bestand das rhätische Heer nurausHilfs- truppen, dann kam die DoZäo m Italic», die aus circa 3000 und 12,000 Mann Fußtruppen bestand, dazu kam noch der Landsturm und die Grenzmiliz. Das römische Heer diente auch friedlichen Zwecken. Es wurde verwendet bei Bauten jeder Art, bei den Bergwerken u. s. w. Redner schildert sodann die allmähliche Entstehung von Niederlassungen bei den festen Lagern. Anfangs bestand die I-sAio Italic» wohl größtentheils aus italischen Soldaten, allmählig aber bekamen die Rhäter das Uebergewicht, zu denen Soldaten aus allen Theilen des römischen Reiches kamen. An das römische Heer erinnert uns jetzt noch unser Straßennetz, wenigstens in seinen Hauptzügen, sowie bedeutende Städte und Dörfer, die aus den Ansiedlungen bei den Lagern hervorgegangen sind. Theilweise weisen oft nur noch die Namen in die Römerzeit zurück. Indem der Vorsitzende den beiden Vortragenden dankt, schließt er die Versammlung. * „Zur Warnung vor grober Täuschung" erhebt Hr. Dr. Hülskamp in Nr. 20 des ,,Liter. Hand- weisers Protest gegen die Reclame, welche die „Nationale Verlagsanstalt" zu Gunsten der 4. Auflage ihrer „Real- encyclopädie" in jüngster Zeit wieder mit einer verjährten Empfehlung macht, die Hr. Dr. Hülskamp vor 24 Jahren abgab, und die niemals der „neuesten vierten Auflage", sondern der damals vollendeten und für ihre Zeit recht guten dritten Auflage galt. Die „neueste Auflage" die übrigens auch schor: 7—17 Jahre alt ist, hat schon inr Jahre 1880 zu einer Auseinandersetzung zwischen Herrn Dr. Hülskamp und dem damaligen Besitzer der Firma Manz geführt und hat Dr. Hülskamp damals schon betont, daß durch eine viel zu weitgehende Benützung der alten Stereotyp-Platten die neue Auflage des Werkes nicht entfernt den Anforderungen der Gegenwart entspreche. Um so weniger läßt sich heute die Bezugnahme, der Verlagsanstalt auf eine Empfehlung vom 20. Juli 1873 (!)' rechtfertigen. Berantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Justituis von Haas L Grabherr in Augsburg. Nr. 8. Wage M Sügzüarger 13. Felir. 1897. Joseph Ruederer, der — erste bayerische Dichter. Von Gymnasiallehrer Coel. Schmid in München. In verschiedenen Dezember-Nummern der Beilage zur „Augsburger Postzeitung" sind tiefschauende Ausführungen über das Dreigestirn Jbsen-Sudermann-Haupt- manu erschienen. Ein Artikel der in Wien von Hermann Bahr herausgegebenen Zeitschrift „Die Zeit" (1897 Nr. 120) veranlaßt mich, als aufmerksamen Beobachter der „modernen" Erscheinungen, dazu eine Ergänzung nach anderer Richtung zu geben. Der besagte Artikel, der mich geradezu verblüffte, ist überschrieben: „Joseph Ruederer". Der Münchner Jos. Ruederer, allerdings, im vorhinein gesagt, ein nn- bezweifelbarcs lyrisch-dramatisches Talent, hat vor einigen Jahren einen Roman erscheinen lassen unter dein Titel „Ein Verrückter! Kampf und Ende eines Lehrers". Kurz darauf muß er auch das Bauernstück „Fahnenweihe" fertig gehabt Haben, mit dem er jedoch ziemlich lange Zeit vergeblich an allen Theatern anklopfte, bis dasselbe neulich in dem nengegründeteu Berliner „Theater des Westens" mit ziemlich durchschlagendem Erfolg aufgeführt wurde. Seitdem hat er auch schon wieder ein Novctlen- buch „Tragikomödie" erscheinen lassen, größtentheils Motive aus den bayerischen Bergen behandelnd. Der Artikel der „Zeit", Dr. Poppenberg-Bcrliu unterschrieben, bringt nun im Rahmen von dionysisch begeisterten, qualmigen Bcweihräucheruugeu auch folgende zwei lapidare Aufstellungen. Erstens soll Joseph Ruederer der Mann sein, der gleichsam Anzengruber, G. Keller — und Boeckliu zu intensiver Einheit sammeln und so, wohl recht bald, die langgesuchte hohe Tragikomödie, zu der ja auch unterdessen der Berliner moderne Gründer Schlaf einen wuchtigen Ansatz gemacht, liefern könnte. Fürs zweite soll er „tief in seiner eigenen Stammesart wurzeln und sie künstlerisch und wahr zur Erscheinung bringen"; und so soll denn auch „durch sein Werk mit eins das Bayernthum, kraftvoll anschaulich, litcrarisch in Erscheinung treten". Das erste bedeutet nach meiner Anschauung eine literarische Kurzsichtigkeit, dje alle Zeit- und Naturgesetze verkennt. Gegen das zweite kann nicht bestimmt und entrüstet genug protestirt werden. Und will man den zwischen den Zeilen zu lesenden Schluß aus diesen beiden Prämissen ziehen, daß allenfalls das Altbayernthnm berufen sein könnte, die große Tragikomödie der Zeit (oder wohl überhaupt?) zu liefern, so würde das, allem zu Trotz, erst recht heißen, Zeit und Bayernthum verkennen. Ein großes Verdienst haben, wie es auch Poppen- berg andeutet, Ruedcrer's Schöpfungen: er hat das andere Extrem zu der „Lampen- und Kulissenwelt" der Gang- hofer und Schmid und zu der noch unseligeren Schlier- seer Speculationsmache herausgetrieben. Da jedes bedeutende Resultat der Naturgesetze sowie des künstlerischen Schaffens aus dem Kämpfe zweier Extreme entspringen und denselben vermittelnd lösen muß, so könnte mit den „Werken" Ruedcrer's eine erste, grundlegende Vorbedingung gegeben sein, die zu wahr abgewogenen dramatischen Wesensbildern, wenigstens des bayerischen Oberlandes, führte. Hie verlogen tdcalisirende Combinirnng der bayerischen Vorlands- typcn einerseits (doch meistens an die nächste Vergangenheit anknüpfend) und specnlatioussüchtige Verhetzung eines hohl gewordenen Jndustriebauernthums andererseits, hie zäher, derber Grundschlamm eines in vielfachen Reibungen mit der nahen Hochcnlturwelt atomisirtcn, in sich verrohten oder verseuchten Volksthums. Aber auch diese neuen, vermittelnden Schöpfungen könnten als wahres Lebensprincip nur die Abwägung zwischen den beiden schlimmen Factoren haben. Gesunde Volkskunst, gar gesunde bajuvarische Volkskunst wird da kaum mehr zu schöpfen sein: je mehr man das wollte, umsomchr müßte man mit Suchen nach Motiven und Volksthum nach den noch vereinsamten, unentweihtcn Gegenden zwischen den Vorlandsmooren bis hinab zur mittleren Donau und den böhmisch-bayerischen Waldbergen gehen. Da wäre freilich für liebevoll eingehende Kenner noch Stoff genug für Volksdramatik zu finden. Aber auch hier muß der Gedanke an die hohe Tragikomödie himmelweit fernliegen. Vorher müßte dem bayerischen Volksstamm, der in seiner großen Entwicklung, trotz mancher epigrammatischen und kraftmimischen Leistung von heute, mit der großen mittelalterlichen Epopöe stecken geblieben ist, wenigstens die leiseste Ahnung von der tragischen Gewalt jener Epik wieder aufdämmern. Und da wiederum müßte natürlich vorher wenigstens ein Theil der Gebildeten, der zum Volk vermittelnd stände, einigermaßen begriffen haben. Wie soll man sonst eine die Tragik überwindende Tragikomödie von den Altbaycrn erwarten können? Jedermann sieht : wie die Prämisse, so bedeutet auch der Schluß einstweilen eine Absurdität. Es müßten vielleicht erschütternd, große, elementarische Dinge kommen, um das verschüttete und verträumte Bayernthum gar zu solchen literarischen Weiterentwicklungen aufrütteln zu können. Und vorher müßte der Durchschnitt unserer Gebildeten vor allein eine von der jetzigen wesentlich verschiedene Stellung zu Volk und Volksthum, zu Volksintercsse und geschichtlicher Anschauung einnehmen. Man braucht nur an das Schicksal der leider auch mit mancher Mache verbundenen historischen Aufführungen in Kraiburg (Ludwig der Bayer von Martin Greif) zu denken, um all das zunächst ins Fabelland der Träumerei verweisen zu müssen. Und doch soll ein Bayer, und zwar der Münchner Jos. Ruederer, der allerdings auch früher vielfach unter den Bauern gelebt haben soll, in Bälde berufen sein, gerade aus seiner bayerischen Eigenart heraus berufen sein, die höchsten Wünsche unserer sehr voreiligen Zeit erfüllen zu können. Eigentlich ein von Berlin aus ungewohntes, fast verblüffendes Kompliment für Bayern! Doch sehen wir zu, wie es sich des genaueren damit verhält! Nach meinen Informationen behandelt „Ein Verrückter" ein direkt lokales Motiv aus Farchant bei Gar- misch-Parteukirchen, wo sich Herr Ruederer mit Halbe, dem Dichter der „Jugend", zusammen viel aufhält. Die Fahnenweihe aber würde in einem benachbarten Markt, ebenfalls mit direkt lokalen Anspielungen und Motiven, spielen. Durch den Roman „Ein Verrückter" scheint sich Jos. Ruederer zu einem der Hochsitze der Münchner „Modernen", in deren Kreis er gewöhnlich verkehrt und bei deren einem Verein („Die Nebenregierung") er Vorsitzender ist, aufgeschwungen zu haben. Durch den sattsam bekannten Albert-München kam er in die Literatur. Mit der „Fahnenweihe" aber erlebte er nach eigenem Ausspruch eine ganze Komödie. Selbst Meßthaler scheint den Plan, die „Fahnenweihe" in seine Sammlung „Modernes Theater"' aufzunehmen, fallen gelassen zu haben, so un- 58 möglich mich manche andere Stücke seiner Sammlung sind. Sicher fignrirte das Stück nicht anf dem Repertoire- programm des „Deutschen Theaters" in München, in das doch selbst Panizza aufgenommen wurde. Sollte die „Fahnenweihe" selbst diese Leute geschreckt haben? Ich für meine Person wenigstens hörte, bevor ich das Stück noch selber kennen gelernt, von verschiedener, höchst freisinniger Seite Urtheile über dasselbe, die es überhaupt unmöglich erscheinen ließen, daß es zur Ausführung gelangen könne. Endlich erscholl, für den ersten Augenblick verblüffend, das Siegesgcschmcttcr von Berlin her: Jos. Rncderer war sogar mit einem Schlag znm ersten Saisonautor am Theater des Westens geworden. Und darauf die Dithyramben des Herrn Dr. Poppcnberg in der jndeugencigten, Decadence fördernden Wiener „Zeit", die aber auch für die moderne Wiener Bewegung entscheidend ist! „Ein Verrückter" und „Fahnenweihe" beruhen anf dem gemeinsamen Kunstprincip, ein winzig kleines Stück Erde und primitive Lcbenscultur in den Schmclzticgel zu nehmen, mit verschiedenen Reagentien zu vermischen, sodann das sonderbare Gebräu brodeln und seine Jchcultnr- triinme daraus aufsteigen zu lassen. In der ersten Schöpfung sind beide Parteien, sowohl der Lehrer als seine Widersacher, schuldig; in der „Fahnenweihe", anf deren Figuren man manchorts mit Fingern deuten können soll, gibt es erst recht keine Personen-Gestaltung, die einen Rest von Positivem, Lösendem hätte. Alles ist gleich, von dem kleinen, cholerisch vergrolltcn und verkümmerten Sub- alternbeamteii bis hinauf zu Pfarrer und Bürgermeister: und alles muß so sein. Nirgends hat jemand Recht oder bedeutet etwas wie ein charaktervoll in sich Geschlossenes, von positivem Wirken Beseeltes: und das muß so sein. Und zwar muß das alles so sein, weil Jos. Nuederer alle Qualitäten hat, in Bälde vom bayerischen Volksthum aus die große Tragikomödie liefern zu können: „Bergsteiger mit kühlem Blut, haarscharfer Sicherheit, überlegter Ruhe; ein wagmnthiger Werber um die Gefahr mit trotziger Zähigkeit und straffer Spannkraft; ein Mensch voll lebenden Gefühles, im Innersten erregt und aufgewühlt, durchschüttert im stillen Zimmer von den schwellenden Wogen der Meistersinger (Oper) oder den unendlich sich ergießenden und fließenden Melodicnwellen des Tristan, voll starker, heißer Herzcnsehrlichkcit und zähen Temperamentes, das nur mühsam sich im Zaum hält und mit starken Banernfäustcn auf den Tisch schlägt, daß die Zahmen und Verbindlichen zusammenfahren." So Poppenbcrg. krodaturn est! Nun haben wir's also! Ein Stück scheinbar primitiver Lokalgeschichte, nicht aus dem culturfremdcn, einsamen Norwegen, aus dem in die Natur versinkenden oder zu jäher, ungelöster Zwcifclfrage sich erhebenden Norwegen des Henrik Ibsen, sondern aus Farchant und nächster Umgebung» seit ziemlich langer Zeit vom großstädtischen, bald auch vom preußischen und jüdischen Touristen- und Sommcrsrischlerschlamm übcrwälzt: aber nach der Methode des Henrik Ibsen anf chronische Elemente und Reactionen geprüft, mit dem Schcidcwasscr des modernen Hochzwcifcls, der modernen Jnsichsclbsihcrrlichkcit übergössen. Tristan — Farchant sammt Umgebung — der „Moderne" Joseph Nuederer: und die hohe Tragikomödie aus echter, unverfälscht bayerischer Nationalität! Dazu noch etwas Poppcnberg: und die wirkliche Komödie ist fertig! Jede Reaction anf ein Extrem ist berechtigt, wird aber auch ihrerseits, soll sie wirtlich natürlich und gcsctz- entsprcchcnd sein, wieder ins Extrem fallen. Von diesem, aber auch nur von diesem abstrakten Standpunkt aus, der natürlich noch lange nicht auch eine Anerkennung verbissener Tendcnziösität in sich schließt, kann mau den Roman „Ein Verrückter" als verdienstliche That eines, wenn auch erst abzuklärenden, so doch zu berücksichtigenden Talentes gelten lassen. Das dramatische Wescnsbild „Fahnenweihe" aber als erster Versuch zu einer Tagikomödie ist lächerliche Uebcrhcbnng und brutale Mache. Gut, wenn der Verfasser, wie auch Poppcnberg andeutet, alle ausländischen Anlehnungen, mit Ausnahme der idealen Beziehungen Zu Anzengrnber, Keller und—Boccklin, ermangelt; in Herrn Ruedcrer's „kraftvoller Persönlichkeit" erlaube ich mir aber zunächst eine noch ungesundere Steigerung der ungesunden berlinisch- ostelbischcn Literatnrbcwcgung zu sehen, die in brutal voreiliger, alle tieferen Zeit- und Wcltgesctze mißkennender Weise mit allem Heiligen, mit allem Schauerlichen tändelt und am liebsten alle Sterne des Himmels auf einmal herabholen möchte — für das eigene RnhmeSdiadem als Schmuck. Auf jene Weise könnte man ja auch — ich weiß nicht, ob es nicht vielleicht schon geschehen ist — den „prometheischen Denker", den Pfälzer Lndw. Scharf, mit seiner stellenweise geradezu scheußlichen Dichtung als künftiges Ideal der alemannischen oder, wenn man will, der rheinfränkischen Jndividualitätscnltnr hinstellen. Thatsächlich haben Beide gemeinsam das von Pappen- berg so sehr, und zwar jedenfalls in lobender Absicht, Betonte: den leidenschaftlichen Haß gegen die „Pfaffen", der sich bei Nuederer dann in den späteren Schöpfungen in romanisch pikanter Auffassung zu wcltiibcrwiudender, humoristischer Ironie abgeklärt haben soll. Durch seinen heiß verbissenen Kampfruf gegen die „Pfaffen" ist ja in der letzten Zeit auch der fast verschollene Tiroler Gilm, manchmal sogar mit dem Prädikat eines zweiten Walther von der Vogelweide, so sehr in Mode und Verehrung gekommen. Den thatsächlichen Schlüssel zu den beiden großen Süddeutschen Scharf und Nuederer, die man sich dann dvrch Hans v. Gumppeubcrg und Conrad zu einem erhabenen Quadrat ergänzt denken mag, gibt der ebenfalls große Panizza (siehe seinen „Abschied an München") ir einem Aufsatz „Variota" der „Gesellschaft", des moderne? Centralorgans. Er preist darin die in der schöne» Literatur am konsequentesten von dem Dentsch-Amerikanei Wedckind gepflogene Art der Dichtung, die den alten englischen Clown in der Lyrik wieder erstehen läßt, den genialen Lyriker selbst zum Clown macht, der mit dem Heiligsten und Nothwendigsten gebrochen und nun hierüber unter barocken Bockspriingcn, das Gesicht mit leichen- blasser Schminkkreide verschmiert, seine trüben, lachreizendcn Späße macht. Man fängt in Berlin über Bayern auch litcrarisch sonderbar zu denken an. Hans von Gumppenbcrg ist schon in Berlin: hole und behalte man dort lieber auch noch den Jos. Nuederer! Wir haben, wenn auch einige Filialen der nordost- deutschen Decadence (siehe den Artikel Decadence von Bartcls in „Kunstwort" Jan. 97) in München und sonst einzeln verstreut, so doch gottlob noch kein national- bayerisches Verfallzeitlerthnm. Wenn sich auch manche Kruste und mancher Schleier über bayerisches und bajnvarisches Volksthum und Nationalgefühl gezogen, so braucht man noch lauge nicht zu erwarten, daß das immer so bleiben wird. Um zu verstehen, wie sich dann das erwachende Bayernthnm manifeststen könnte, lese man gefälligst wieder einmal die großen Auffassungen eines Goerrcs und Deutinger, die neulich erschienene „Dnlcamara" des Paul Garin (Regensburg, Wnnderling) und nicht minder den mitteldeutschen Protestanten Richl („Land und Leute") nach! Santiago de Cvmpostela im Jubeljahr 1897. (Fortsetzung.) Als Papst Calixtus II. im Jahre 1120 die hohe Bedeutung, welche Compostela durch die Wallfahrten gewonnen hatte, wahrnahm, erhob er die dortige Kathedrale zur Mctropolitaukirche als Erbin der Jurisdiction von Mörida. Derselbe Papst gewährte im Jahre 1122 das Jubiläum des heiligen Jahres, welches seine Nachfolger Engen III., Anastasius IV. und Alexander III. bestätigten. Die Bulle des letzteren ist am 25. Juni 1179 ausgefertigt. (Es folgt nun im Original der Wortlaut der Bulle.) Vom Jahre 1130 bis 1181 wurde für die Santiago- Pilger in Leon ein Kloster mit Hospiz zum hl. Markus errichtet.') So groß war der Ruf des Heiligthums des Apostels, daß selbst Könige es für eine hohe Ehre hielten, wenn ihre Leiber in dieser Kathedralkirche nach dem Erdenleben ruhen durften; und so gab z. B. der Bischof Peter Elias von Le6n das Geleite nach Santiago den irdischen Ueber- resten der Kaiserin °) Dona Berenguela, der Gemahlin des Königs Alphons VII., die ihr Grab in der Religuien- Kapelle hat. Da es der Wunsch des Erzbischofes Peter Raimund von Santiago war, da); die gottesdienstlichcn Verrichtungen in einer so berühmten Kirche mit möglichst großer Feierlichkeit stattfinden, so verordnete er, daß dem Ma- tutinum auf das Fest des hl. Apostels und auf den Tag der Uebertragung seiner Reliquien alle Aebte und Prioren der Stadt und Diöcese beiwohnen sollten. Im 13. Jahrhundert fand ein solcher Andrang von Pilgern aus allen Weltgegenden statt zum „glorreichsten unter den Gräbern der Heiligen aller Völker der Erde" (um mit dem hl. Bouaveiitura zu reden), daß die vierzehn Thore der Kathedrale Tag und Nacht von der Menge der aus- und einströmenden Pilger dicht versperrt waren. Aus dieser Zeit stammt ohne Zweifel der gegen Ende des '') Leön in Alttastilien gehört zu den durch Geschichte und Kunst gleich merkwürdigen alten Königsstädten Spaniens. Das Interessanteste und Schönste von Leön ist sein an Zierlichkeit und Leichtigkeit unübertroffener gothischer Dom („I-sön en KsntilsLg"). Die zweite Merkwürdigkeit dieser Stadt ist die alte Abteikirchc des hl. Jsidor von Sevilla (1636), dessen Gebeine dort rächen und der nächst Jimencs der gefeiertste Bischof Spaniens ist. In der gleichen Kirche sind die Grabstätten der Könige von Leon und Leün-Castilien. Der dritte Monumentalbau von Leon ist das im vorliegenden Hirtenbrief genannte Pilgerhospiz Sän Marcos. Es liegt am Ufer der Veresga und fesselt den Blick durch eine wunderschöne Fa?ade, deren Hauptschmuck in Stein gemeißelte, auf die Pilgerfahrt nach Santiago sich beziehende Muscheln sind. Neben Uclcs war Sän Marcos einer der Hauptsihe des berühmten Ritterordens von Santiago de Compostela, dessen ursprünglicher Zweck war, die Pilger, welche nach Com- postcla wallfahrteten, zu beherbergen und gegen die Angriffe der Sarazenen zu beschützen. Die Stürme der Revolution vertrieben die Santiago-Ritter aus ihrem viel- hundertjährigeu Besitzthum Sän Marcos. Im Jahre 1859, als wieder ruhigere Zeiten für die Kirche in Spanien anbrachen, durften Jesuiten das Gebäude beziehen, mußten es aber später (1868) wieder verlassen. Jetzt werden die Räume des prächtigen Baues theüweise als Provinzial- museum verwendet. ') Der durch seine glänzenden Siege über die Mauren zu großer Berühmtheit gelangte Alphons VII.. .König von Leon und Kastilien, berief im Jahre 1135 die Großen seines Reiches nach Leon und ließ sich hier — mit dem Königstitel nicht mehr zufrieden — zum Kaiser krönen. Jahrhunderts nachweisbare Gebrauch des großen Rauchfasses (Lotakuwsiro),") das den Zweck hatte, die durch so riesige Menschenansammlung verdorbene Luft des Tempels zu reinigen. In den alten Cvnstitutioneu der Kirche findet mau Beschlüsse, welche der Erzbischof Johann Arias (1231 bis 1266) und das Metropolitankapitel ini Anschluß an altehrwürdiges Herkommen hinsichtlich der Ncliquicnverehruug in Santiago faßten. Diese Beschlüsse gebe«; einen werteren Nachweis von der unermeßlichen Zahl der Pilger und von der Aufrechterhaltung der Ordnung am Altar des heil. Apostels. „Zu Fuß und mit dem Stab in der Hand rief die Altarwache und ein Kleriker die frommen Wallfahrer nach Nationen und in ihrer Muttersprache herbei. Darauf sammelten sich diese, um die Ablässe zu gewinnen, um das Presbyterium, und wurden zum Zeichen mit dem Stäbe") leicht an der Schulter berührt. Alsdann sprach ein Priester die Absolutionsformel, indem die Nationalgruppen der Reihe nach vorgerufen wurden; dann betete er zum Apostel gewendet:") „Nimm wohl auf. heiliger Jakobus, den Donner, den Donner des Gebetes." Nach Schluß des Morgenofficiums traten die Pilger an den Altar des Apostels, wo sie ihre Opfergaben niederlegten; darauf bezeigten sie der Kette, womit die Juden unsern hl. Patron gefesselt hatten, ihre Verehrung und gingen dann zu den übrigen Stationen. „Wenn die Krone des Apostels, besagt ein Artikel jener Satzungen, sich auf dem Altar befindet, dann treten die Deutschen vor, um ihre Gaben bei der Krone, dann bei der Kette und zuletzt beim Bau- Opferkasten zu entrichten." ... Am 21. April 1211 wurde der herrliche Tempel vom Erzbischof Peter Muniz eingeweiht. Auf Geheiß des Königs Ferdinand III. des Heiligen ") von Kastilien und Leon brachten im Jahre 1236 maurische Kriegsgefangene auf ihren Schultern in die Basilika nach Santiago dieselben Glocken, welche 239 Jahre vorher gefangene Christen auf Befehl Almanzors nach Cördoba auf ihren Schultern gebracht hatten. Die hl. Elisabeth, Königin von Portugal, machte zweimal (1325 und 1335) die Wallfahrt nach Compostela und ließ dort kostbare Geschenke zurück. — Im Jahre 1340 nahm Erzbischof Martin Ferdinand Gres an der Schlacht am Salado theil.") Seit jener Zeit brennen fortwährend °) An Festen ersten Ranges ist das Lotstumeiro noch heutigen Tags in der Basilika des hl. Jakobus in Gebrauch. Es wird mittels eines in der mächtigen Vierungs- kuppel zwischen dem Domherruchor und dem Presbyterium angebrachten Mechanismus geschwungen. Zu anderen Zeiten wird „der König der Rauchfässer" (sl rsv äs los iiwsiisarios) oder „das große, einzigartig in der Welt bestehende Rauchfaß" (e! Kran inoonsario, nnico en la oristianiäact), wie unser Führer es mit Stolz nannte, im Bibliotheksaal des Metropolitaukapitels aufbewahrt. Es gibt in der That kaum anderswo auf dem Erdkreis ein größeres Rauchfaß: bei einer Höhe von 1 m 45 om und eurem Durchmesser von 60 am beträgt sein Gewicht 60 IiKr. — Wenn uns das „große Rauchfaß" als überflüssige, unwürdige Spielerei erscheint, an der das kindliche Mittelalter keinen Airstoß genommen, so sei daran erinnert, daß auch die Aesthetik moderner Frömmigkeit Geschmacksverirrungen ausweist, die viel ärger sind, z. B. die Moustre- Monstranzen, die eine Spezialität eucharistischer Vereine sein sollen. ") Dies geschah von dem Altarwächter und vom Kleriker. ") Die Worte des Gebetes spielen offenbar aus Marc. 3, 17 an; dort wird erzählt, daß Christus der Herr den beiden Söhnen des Zebedäus, Jakobus und Johannes, den Beinamen «->«»--(>7x5 (— Donnersöhne) gegeben hat. — Die obige Anrufung lautet in der Mundart der Galizier (OalleKos): „Ls tom a atrom, 8an Otama! s, atrom cks labro!" ") Ferdinand der Heilige (1218—1252), ein vom spanischen Volk hochverehrter Fürst, war der Erbe von Eör- doba und Sevilla; seine Gebeine ruhen in silbernem Schreine im Dome zu Sevilla. ") Die große Schlacht führt ihren Namen nach dem Flüßchen Salado in Südaudalusien. Die Siegesbeute der Christen war so groß. daß der Geldeswerth daraufhin um ein Sechstel fiel. Drei Stunden im Umkreis soll die Erde 60 Tag und Nacht vier Kerzen am Hochaltar der Basilika von Compostela, und zwar auf Grund einer Stiftung des Königs Alphons XI., der den Sieg in jener Schlacht der Fürbitte des hl. Apostels zuschrieb. Nach dem Zeugnisse des Geschichtschreibers Gil Gon- Mez d'Avila waren im Jahre 1643 unter den Nationen, die nach Compostela pilgerten, vertreten: Spanier, Franzosen. Italiener, Deutsche, Engländer. Schotten, Jrländer, Polen, Russen, Slovenen, Ungarn, sowie auch asiatische Stämme. In der Sitzung vom 3. Dez. 1666 verordnete das Metro- politankapitel, daß in der „Kapelle des Königs von Frankreich" woselbst den Pilgern gewöhnlich die hl. Kommunion gereicht wird, stets zwei Fackeln brennen sollen, um das AÜerheiligste zu begleiten, wenn es, wie bei großem Pilgerandrang, z. B. im Jubeljahre, nöthig ist. die hl. Kommunion im Schiffe äs la Solsäaä oder gar aus dem Platze Quintana") zu spenden. Im „heiligen Jahre" 1766 ordnete das Kapitel die Ausstellung von Altären im Kreuzgange an, um den Priestern die Feier der hl. Messe und der hl. Kommunion reichlicher zu ermöglichen. Im Jahre 1794 schrieb der Dombaumeister Michael Ferro, der Zudrang der Pilger sei so groß, daß an Festtagen kaum zwei Ärittheile der Andächtigen in der Kirche Platz hätten, die Einheimischen ganz abgerechnet. In den letzten sechs Tagen des Dezembers vom Jahre 1875 wurden in der Kommnmonkapelle der Kathedrale über 30,000 Kommunionen ausgetheilt, meist nur an fremde Pilger, und die hl. Kommunion wurde noch Abends um 6 und 7 Uhr. ja noch später, enipfangen. Wir können nicht umhin, einige gefeierte Namen von Santiago-Pilgern anzuführen. An erster Stelle erwähnen wir den hl. Franz von AM, den hl. Dominikns, den hl. Vinzenz Ferreri. den hl. Thuribius von Mogrovejo, die hl. Elisabeth, Königin von Portugal, die hl. Brigitta. Auch der regierenden Fürsten verschiedener Länder wollen wir nicht vergessen: die meisten, um nicht zu sagen alle, Könige von Le6n und Castilien pilgerten nach Santiago, Ferdinand und Jsabella, Philipp der Schöne und Johanna die Wahnsinnige, Katharina von Arragonien, Kömgin von England"), Karl V., Philipp II.. Philipp III., Jsabella II.. Alphons XII., sowie endlich auch Ihre Majestät Dona Maria Christina, die Königin-Regentin des Reiches. Zum Besuche der Reliquien des hl. Apostels tarnen auch viele Fürsten aus Frankreich und England, aus Portugal und anderen Königreichen. Unmöglich ist es uns, alle durch Wissenschaft, Gelehrsamkeit, Tapferkeit und hervorragende Stellung ausgezeichneten Personen aufzuzählen, die nach Compostela pilgerten; nur zwei Heldm dürfen wir nicht übergehen, den Cid Campeador im II. Jahrhundert und den „großen Feldherrn" (Oran vapitLu) Gonzalo Fernande; de Cördoba im 16. Jahrhundert. Schon aus dieser flüchtigen Umschau begreift es sich leicht, wie die stete Zunahme der Andacht zum hl. Apostel in allen Theilen der Christenheit unzählige Pilger zum Besuche seiner hl. Reliquien herbeilockte, und ivie diese Wallfahrten den römischen Päpsten Veranlassung gaben. mit Leichen bedeckt gewesen sein. Als der damalige Papst Bcnedikt XII. vom siegreichen König Alphons XI. die Ehrengaben mit dem von ihm dereinst geweihten Banner erhielt, stimmte er begeistert den bekannten Kircheuhymnus -Vexilla rsAis proäsunt" an, und Tarisende stimmten ein. Den König aber verglich er beim feierlichen Dankgottesdienst mit David. Vgl. Weiß, a. a. O. VI, 537. ") Der an die Kathedrale anschließende Platz heißt tzuintaua äs Nusitos, denn er war in früheren Zeiten die zur Basilika gehörende Begräbnißstätte. Jede Großstadt könnte auf diesen herrlichen Platz, den schönsten von Santiago, stolz sein. In diesem Jahrhundert erhielt er auch den Beinamen „t)uiiitaim äs lo,-- Uitsrsrio8" zum Gedächtniß an das aus „Studenten" der Universität Santiago gegen die napolconischen Heere gebildete Freiwillchencorps. Katharina (6e.ta1iua) von Arragonien, die lungste Tochter Jsabella's und des Königs Ferdinand, ist in der l ef-hichte nicht wc-niger ob ihrer Tugenden, als auch wegen ihre traurigen Geschickes bekannt; sie war die Gemahlin des wohllüftigen Tyrannen Heinrich VIII. von England. im Jubiläum des hl. Jahres ein ganz einzigartiges Privilegium zu gewähren, das seinerseits wieder die Pilgerfahrten mächtig förderte und den Ruhm des „Jerusalem des Abendlandes" von Tag zu Tag erhöhte. Unseren Tagen war es vorbehalten, daß der glückliche Fund der Reliquien des hl. Apostels und feiner beiden Schüler Athanasius und Theodor der ruhmreichen Geschichte des Heiligthums und der Pilgerfahrten nach Compostela ein unvergängliches Wahrzeichen ausdrückte und neuerdings eine mächtige Anspornung bot, daß Gläubige aus der ganzen katholischen Welt mit erneutem Eifer zum Besuche des ruhmvollen Grabes und des kostbaren Schreines herbeieilen, der nunmehr die heiligen Ueberreste des erhabenen Patrons von Spanien in sich birgt. Eine besondere Cardinalscougregation hat die Echtheit der Reliquien erklärt, die un Centrum der Absis unserer Metropolitankirche nicht weit vom ursprünglichen Aufbewahrungsorte gefunden wurden. Der Heilige Vater Papst Leo XIII. hat sich nicht damit begnügt, das Dekret dieser Cardinalscougregation zu bestätigen, sondern er hat am 1. November 1884 eigens eine Bulle „Heus omuixotsns" erlassen, in der wir nicht nur einen Akt der vom Statthalter Christi geübten Vollgemalt verehren, sondern auch ein historisches Denkmal von unschätzbarem Werthe besitzen, da diese Bulle Alles- was sich auf die Geschichte des hl. Apostels und seiner Reliquien bezieht, zusammenfaßt, und somit die, welche unseren wahlberechtigten Ruhm gehässig verkleinern wollen, nothwendig zum Schweigen zwingt. In dieser päpstlichen Bulle geschieht bereits der ältesten Wallfahrten zum Grabe des hl. Apostels Erwähnung: „Seit Wiederherstellung der Ruhe (nach den Christenverfolgungen durch die römischen Kaiser) verbreitete sich die Kunde von der Uebertragung des Leibes des heiliger» Jakobus uuter den Spaniern, welche von besonderer Verehrung zu diesen! Apostel durchdrungen waren, und Schaaren Volkes fingen an, sein Grab zu besuchen mit einem Eifer und einer Frömmigkeit, fast ebenbürtig jener, von der jene erblühten, die in NoM das Grab der Apostel und die Ruhestätten der ersten hl. Blutzeugen besuchten. .... Zahlreiche Wunder verherrlichten das Grab des hl. Jaköbus, so daß nicht bloß aus der Nachbarschaft, sondern auch aus den fernsten Gegenden das Volk herbeiströmte, um in der Nähe der hl. Reliquien zu beten. Deßhalb unternahm König Alphons III., dem Beispiele seines Vorgängers (Alphons II.) folgend, den Ban einer größeren Kirche, wobei er jedoch das alte Grab unberührt ließ, und stattete den bald glücklich vollendeten Tempel mit königlicher Pracht aus.Gegen Ende des 10. Jahrhunderts fielen von neuen» die wilden Horden der Araber in Spanien ein und zerstörten viele Städte. Nach einem schrecklichen Blutbade unter den Bewohnern trugen sie die Verwüstung nach allen Seiten mit Feuer und Schwert. Almanzor, der die Verehrung des Grabes des hl. Apostels wohl kannte, faßte deßhalb den wohlberechneten Plan, dasselbe zu zerstören, in der Meinung, damit das stärkste Bollwerk Spaniens zu Lande zu überwinden, da Spanien all seine Hoffnung darauf gesetzt hätte. Er beauftragte daher den Führer feiner Horden, geraden Wegs auf Compostela loszugehen und die Stadt mit den» Tempel sowie alles auf den Cult des Apostels Bezügliche im Feuer zu vertilgen. Gott aber erstickte die verzehrenden Flammen gerade an der Schwelle des Presbytcriums und suchte Almanzor mit seinem Heere durch solche Plagen heim, daß er sich zum Rückzüge genöthigt sah und Alle, außer Almanzor selbst, eines unerwarteten Todes starben.--) Die im Umkreis des Heiligthums verstreute Asche blieb allein übrig zur Erinnerung an die Wildheit des Feindes, aber auch als Zeichen himmlischen Schutzes. Nachdem Spanien von diesem Uebel befreit war, ließ Bischof Diego Pelaez von Compostela auf den Ruinen des alten Tempels einen anderen, noch größeren erstehen, dessen Glanz und Herrlichkeit durch die ehrende Auszeichnung einer „Basilika" noch erhöht wurde unter den» Nachfolger jenes Bischofs, Diego Gelmirez. Die Hanptsorge dieses Kirchenfürsten war jedoch, die Echtheit der Reliquien gewissenhaft zu prüfen und das Grab durch Aufführung einer neuen -°) Nach Weiß (a. a. O. V. 222) geschah die Eroberung Santiago's und die Niederbrennnng des Tempels durch die Mauren im Jahre 994. 61 Mauer unnahbar zu machen. . . Unterdessen hatte sich der Ruf des spanischen Heiligthums allenthalben verbreitet, und so groß war der Zufluß der frommen Pilger, daß uian ihn mit Recht demjenigen zu den heiligen Orten in Palästina und den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus vergleichen konnte. Deßhalb behielten die römischen Bischöfe. Unsere Vorfahren, dem Heiligen Stuhle die Enthebung vom Gelübde der Wallfahrt nach Com- postela vor."") (Schluß folgt.) Stilln von Abenberg. Von Adam Hirsch mann. (Fortsetzung.) Betrachtet man ohne Voreingenommenheit den Stiftnngsbrief des Klosters Heilsbronn, so gewinnt man die Ueberzeugung, daß der hl. Otto von Bambcrg allein, ohne Unterstützung seitens einer adeligen Familie, die Kosten der Klostergründung getragen hat. Dieser Auffassung huldigten auch die Mönche in Heilsbronn, denn in einem Visitationsprotokolle des Jahres 1311, worin es sich um die Pflichtmessen für die Stifter von Ordens- niederlassungen handelt, wird ausdrücklich gesagt: Originalst antsm nostor tuväator beatus tüit Otto, Hui uo8tris von inckigst, soll noa snst orationidus inäigswus. Unser Hauptstifter ist der hl. Otto gewesen, der jedoch unserer Fürbitte nicht bedarf, sondern vielmehr wir haben die seinige nöthig.") (Hocker, Heilsbr. Antiq.-Schatz, supxl. I, 5.) Erst im 15. Jahrhundert griff die Ansicht Platz, daß der Graf Rapoto von Abenberg das Heilsbronner Cistercienserkloster gestiftet habe. Während im ältesten Kalendarium dieses Klosters zum 22. Mai bloß der Vormerk sich findet: Obiit Rapoto eovaeo: Todestag des Grafen Rapoto, fügte eine spätere Hand hinzu: äe Fbenborg, tnmlator nostsr: von Abenberg, unseres Stifters, wie auch das Jahrtagsver- zeichniß vom Jahre 1483 die Worte enthält: 22. Mai: Jahresgedächtniß des Grafen Rapoto von Abenberg, > unseres Stifters. (33. Jahresbericht des Histor. Vereins von Mittelst'. 1865, 126; Seefried, Die Grafen von Abenberg S. 13.) Daher schreibt denn auch Muck (I. o. I, 10): Irrigerweise wurde in späterer Zeit Graf Rapoto von Abenberg als Mitbegründer von Heilsbronn genannt. Rapoto stand damals der Klosterstiftung noch ferne, ja feindlich gegenüber, bis er, durch die Bischöfe von Würz- burg und Bamberg bewogen, dem neuen Kloster befreundet und dessen Wohlthäter wurde. Der Umstand, daß der erste Abt von Heilsbronn den gleichen Namen wie der Graf von Abenberg getragen hat, berechtigt noch nicht zu dem Schlüsse, daß entweder beide identisch feien oder wenigstens im Verwandtschaftsverhältnisse zu einander stehen. Hinsichtlich des ersten Punktes bemerkt schon Hocker: Wäre Graf Rapoto ein Abt und zudem der erste von Heilsbronn gewesen, so wäre sicherlich beim Eintrag des Namens in das Todtenregister dieser geistlichen Würde nicht vergessen worden, da doch 16 Aebte vorgemerkt seien, denen Jahrtage zu halten waren. (Heilsbr. Antig.-Schatz S. 71; suppl. I, 6.) Secfried legt sich die Sache so zurecht, daß er der Stilln von Abenberg zwei Brüder: Rapoto und Konrad, zuweist. ") Es geschah dies, wie Eingangs erwähnt, durch Papst Sirius II. im Jahre 1478. ") Otto von Bamberg, welcher am 30. Juni 1139 das Zeitliche segnete, wnrde schon durch Papst Klemens III. am 1. Mai 1189 heilig gesprochen. (6rets. X, 669.) Aber daß ersterer dreimal die abteiliche Würde in Heilsbronn und einmal in Ebrach bekleidet habe, ist der Stilla- Legende völlig fremd. Daher schließen wir uns der Meinung Mucks an (I. o. I, 42), welcher sagt: Der erste Abt Rapoto 1132 — 1157 wurde durch den Klosterstifter aus dem Mutterkloster Ebrach nach Heilsbronn berufen. Gleichzeitige Aufzeichnungen berichten nichts über seine Herkunft und seine sonstigen Lcbensvcrhältnisse. Was man in späteren Zeiten hierüber geschrieben, ist Legende, Sage oder geradezu unwahr. In der Meinung, das Kloster gewinne durch adelige Aebte an Glanz, stempelte man gleich den ersten Abt zu einem Grafen von Abenberg, ja man identifizirte ihn mit dem gleichnamigen Grafen Rapoto. In der Heilsbronner Stiftungsnrknnde werden neben den Grafen Adalbert und Chunrad auch drei Schwestern genannt, deren Namen indessen nicht angegeben werden. Nach der Abenberger Ueberlieferung jedoch haben die Brüder Rapoto und Konrad, die angeblichen Gründer von Heilsbronn, nur eine einzige Schwester besessen, welche den Namen Stilla getragen. Somit stehen sich auch hier Geschichte und Legende widerspruchsvoll gegenüber. Die drei ungenannten Schwestern bilden wohl die historische Grundlage für den Zug der Stilla-Sage, daß drei gleichgefinnte adelige Jungfrauen das Ehrengeleits der frommen Grafcntochter von Abenberg gebildet haben. Uebrigens findet sich die Legende von drei Schwestern oder drei Jungfrauen, welche durch wohlthätige Stiftungen sich den Dank der Nachwelt erworben haben» in der Diöcese Eichstätt an manchen Orten vor. So hängen in den Kirchen Preith (bei Eichstätt), Wiirmersdorf und Wachenzell die Bildnisse dreier Jungstauen, die ihren Wald den drei Gemeinden vermacht haben sollen. Drei Fräulein, angeblich von Spielberg (Pfarrei Gnotzheim), vermachten der dortigen Gemeinde den Wald, Beischlag geheißen. Die Gemeinde Lanterhofen will ihren Gemeindewald von den Fräulein des Schlosses Oberlauter-' Höfen erhalten haben, die Gemeinde Wintershofen (Pfarrei Berching) erzählt ebenfalls, ihr Communalacker sei ein Geschenk dreier Schwestern. Auch verschiedenartige Stiftungen an Kirchen verdanken drei Jungfrauen ihren Ursprung. So gaben in Greding drei Schwestern von Liebeneck ihren Wald auf dem Pfaffelsberg zur Gemeinde, damit zn gewissen Zeiten in der Kirche geläutet werde; in Mettendorf (Pfarrei Greding) hängen die Bildnisse dieser drei Jungfrauen iu der Kirche. Aehnlich lautet die Sage in Berngan und Möning, in dem nunmehr protestantischen Pfarrdorfe Langenaltheim, Bittelbrunn und Bergen bei Thalmässing. Es werden auch die Namen dieser drei Jungfrauen genannt: Adelheide, Chrimhilde, Kunignnde; so zu Preith, Wiirmersdorf und Wachenzell; anderswo heißen sie: Gwerbetta, Ainbetta, Villbetta, auch Gwerre, Anbei, Cubet.^) Vergleicht man damit die Namen der drei abenbergischen Jungfrauen: Gewcrra, Widerbringa und Widerkuma, welche die Gespielinnen Stilla's waren, so erkennt man sofort den legendären Charakter der aben- In der Kavelle des Schlosses Leutstetten befindet sich ein Bild mit der Darstellung der auch iu Schlchdorf verehrten Heiligen Eiubcth (an welche auch die nahe Einöde Eiubettl erinnert). Gerbet und F-ürbet. Götz, geo- graphisch-histor. Handbuch von Bayern 1, 358. In dem Verzeichnisse der Relignien des Klosters Heilsbronn findet sich eine vom Arme der hl. Genera (cko braekno s. övvsras). Hocker, Heilsbr. Antig.-Schatz 1, 61. 62 bergischcn Ueberlieferung. (Past.-Bl. des Bisth. Eichstätt 1856, 127). An der Hand der Heilsbronner Stiftnngsurknnde des Jahres 1132 haben wir gefunden, das; die aben- bergischcn Grafen Rapoto und Konrad vollständig un- bctheiligt waren, als Bischof Otto von Bambcrg das Cistercienserkloster Heilsbconn gründete und mit verschiedenen Liegenschaften und Gütern begabte. Die aben- bergische Ueberlieferung entbehrt somit jeglicher historischen Grundlage. Die Legende weiß nun ferner zu berichten, daß Stilln auf dem Hügel zu Abenberg, welcher dem Schlosse gegenüber lag, eine Kirche erbaut habc,^) welche in der Ehre des hl. Petrus vom hl. Otto eingeweiht worden sei; bei dieser Gelegenheit habe die Grafcntochter aus den Händen des Bamberger Bischofes den Schleier als Zeichen ständiger Jungfräulichkeit entgegengenommen; auch sei sie Willens gewesen, daselbst ein Klöstcrlein zu errichten; der Tod jedoch habe sie an der Ausführung dieses Planes gehindert. Wenn wir das kostbare Pontifikale des heiligmäszigen Bischofes Gnndakar II. von Eichstätt 1057 — 1075 aufschlagen, so finden wir in dem Berzeichnisse der von ihm geweihten Kirchen an 113. Stelle auch Abenberg benannt. (U. (I. 88. Vll, 247; Lefflad, Regesten S. 16-17.) Suttner glaubt diese Kirchweihe in das Jahr 1072 verlegen zu dürfen. (Past.-Bl. 1856, 148.) Nun aber wird znr Zeit des, Grafen Rapoto von Abenberg, des angeblichen Bruders unserer Stilla, in einer Gebiets- rcgelnng zwischen dem Kloster Hcilsbronn und dem Grafen, auch eine Kapelle des hl. Jakobus (cmxella, s. -laoobi in abinberoli) in Abenberg erwähnt. (II. Jahresbericht des Hist. Vereins ini Rezatkr-eis 1831, 28.) Welche Kirche ist nun älter? Welche wurde wahrscheinlich von Gnndakar II. schon eingeweiht? Die Kirchen, welche dem hl. Apostclfürsten Petrus geweiht sind, gehören gewöhnlich einer sehr weit hinaufreichenden Periode christlicher Banthätigkcit an. Die alten Dome von Köln, Trier, Metz, Toul und Verdnn waren ihm gewidmet. (Beissel, Die Verehrung der Heiligen und ihrer Reliquien in Deutschland bis znm Beginne des 13. Jahrhunderts S. 9 .)^) Als der hl. Bonifatins in Geismar die von den heidnischen Hessen hochverehrte Donnerciche mit wenigen Hieben zum Falle gebracht hatte, erbaute er aus dem Holze derselben eine Kirche, welche er in der Ehre des hl. Petrus weihte. (Vita, 8. Lorü- t'atii, auotoro Willibaldo sd. Nürnberger p. 42.) Auch zu Fritzlar widmete er dem Apostelfürsten ein Gotteshaus (l. o. x. 44). In der Diöcese Eichstätt waren die Benediktinerkloster Wülzbnrg oberhalb Weissen- burg^) und Kastl bei Amberg unter den Schutz des hl. Petrus gestellt. Ersteres verdankte dem Frankenkönige '9 Achnlich wie von Stilla wird auch von der hl. Kunignudis erzählt, daß sie ein Gefäß mit Geld angefüllt in die Mitte des zu erbauenden Domes zu Bamberg gestellt habe, woraus jeder Arbeiter den ihn treffenden Lohnantheil erheben konnte, aber nicht mehr, als er thatsächlich verdient hatte. (6rets. X, 554.) Ein ähnlicher Vorgang wird auch von dem Bischöfe Virgilius berichtet, welcher die verfallene Basilika des bl. Rnpertus in Salzburg wieder anferbaute. l?rop. tast. dioeo. L^ststt. znm 27. Nov. Ueber den Bischof Virgilius vergl. N. O. Lpx>. III, I, 336, 360. Der hl. Rnpertus erbaute eine Peterskirche zuxta laemn vocabulo Walarsse, Keiuz, indienlus ^unonis pag. 27. '0 Die Pfarrkirche in Weissenbnrg war dem heiligen Andreas gewidmet. Karl dem Großen gegen das Jahr 792 seinen Ursprung (h'alobenstoin, ^.nti^. blord§. III, 403), während letzteres durch den Grafen Friedrich II. im Jahre 1098 gegründet worden ist. 22 ) (IUebenskein 1. 0 . II, 327.) In einer Urkunde vom 6. Juni 1053 wird genannt: Waltebirieba. in pago blortücnvo, Waldkircheu bei Berching, im Volksmunde jedoch Petersbcrg geheißen, weil eben dieses Gotteshaus dem hl. Petrus geweiht war. Auch Dollnstein, das auf römischer Grundlage auferbaut ist, und 1007 von Kaiser Heinrich an das Kloster Bergen vergabt wurde, ehrt heute noch den Apostelfürsten als Kirchenpatron;.Bischof Gnndakar II. fand ihn Wohl schon als solchen vor bei der Einweihung der dortigen Kirche 1063.2--) Wenn wir nun in Betracht ziehen, daß sowohl Greiser als Koch in Abenberg durch Bischof Gundakar II. einen Altar zn Ehren Stilla's in der Peterskirche errichtet werden lassen, obwohl Stilla einer späteren Periode angehört, so mag darin eine dunkle Erinnerung ausgesprochen sein, daß eben dieser Bischof in Abenberg die Peterskirche eingeweiht habe. Wenn die heutige Pfarrkirche mit einem gothischen Presbyterium noch im 12. Jahrhundert eine Kapelle des hl. Jakobns genannt wird, so dürfte "sie wohl kaum Anspruch darauf erheben können, schon gegen 1072 eingeweiht worden zu sein. Mag die Sache auch nicht mit voller Klarheit entschieden werden können, aber darüber kann unter besonnenen Forschern kein Zweifel obwalten, daß der hl. Otto von Bamberg, dessen Dom auch dem Apostelfürsten gewidmet ist, die Peterskirche in Abenberg nicht eingeweiht habe. Denn kein Biograph dieses, streng kirchlichen Oberhirten meldet, daß derselbe in Abenberg, welches doch unbestritten zur Diöcese Eichstätt gehörte, soinit seiner eigenen Jurisdiktion entzogen war, eine Kirchenconsekration vorgenommen habe; keine einzige Urkunde ist bislang von den Verfechtern des Stillacultes beigebracht worden, aus welcher klipp und klar erschlossen werden könnte, daß Bambergs Bischof auf eichstättischem Gebiete eine Kirche eingeweiht habe.^) Otto's Persönlichkeit sowohl, sagt 2 --) In Kastl standen schon vor Erbauung der Klosterkirche drei Kapellen; die Kastler Reimchronik berichtet vom Grafen Ernest Vers 140—144: Und Kastelberch was für sich kamen» Mit zwelf Huben widemt er In der Zwelfpoten Er Ein Capellen daz ist war. Auch fünfzig Zehent gab er dar. Und Vers 335-338: Ein ieglich Burk besunder Hat gemaches ellew Wunder Drin Capell ftent noch hivt den Tae Darinne man Gotesdinstes pflac. Die Kastler Reimchronik, deren Verfasser. Herman Abt zu Kastl war von 1323—1356, zählt nur 790 Verse und ist abgedruckt mit historischen Erörterungen in Frey- bergs ges. Schriften 1828, II, 455—483; und bei Moritz, Stammreihe der Grafen von Sulzbach 1833, II, 103—158. 22) Past.-Bl. 1856, 147: Wolfram von Eschenbach gedenkt im Parzival der streitbaren Kauffrauen von Dollnstein, wenn er erzählt, daß die Amazone Antikonie an ihres Buhlen Gawan Seite so tapfer und mannhaft gestritten: clin biinvZ'inue riebe streit da rittsrlivbs d! Oavan si verliebe sebeiv dar ckiu kout'vip 20 l'nlenstsin an der vasnabt nie bau Asstriten: van si tnontrr von gampslsiten unde innent an not ir lip. VIII, 409. 2*) 6rets. X, 568 — 669: Vita s. Ottonis. Oonk. Zeitschrift für kathol. Theologie 1889 S. 62; H,et. 88. llul. I, 63 Watteubnch (Deutschlands Geschichtsgnellen 5. Anst. II, 165), wie die außergewöhnlichen Umstände seiner Mis- sionsrciscn nach Pommern und der glänzende Erfolg derselben, regten frühzeitig zn schriftlichen Aufzeichnungen über ihn an, denen der Reichthum des vorliegenden Stoffes mehr Inhalt und Werth verlieh, als der Mehrzahl anderer Legenden. Warum sollte denn gerade die bischöfliche Thätigkeit Otto's in Abenbcrg vergessen worden sein? Oder war vielleicht der Stuhl des heil. Willibald damals verwaist? Von 1125 — 1149 trug in Eichstätt Bischof Gebhard II. aus dem Hanse der Grafen von Hirschberg das Rationale: am 5. Okt. 1129 weihte er das Kloster Kastl ein (Lefflad, Regesten nr. 209 und ff.), im März 1131 huldigte er zu Lüttich mit etloa fünfzig anderen Bischöfen dem Papste Jnnozenz Ist, 1135 am 17. März wohnte er dem Fürstentage zn Bamberg bei, 1138 war er in den Maitagen abermals zu Bamberg, am Allerheiligentag des genannten Jahres weihte er das von ihm und seinen Brüdcrn Ernest und Hartwic gegründete Kloster Plankstetten ein; 1140 unterzeichnete er zn Nürnberg eine Urkunde des Königs Tonrad III. Angesichts dieser regen Thätigkeit Gebhards war doch für den vielbeschäftigten Pommernapostel gar keine Veranlassung geboten, von Bamberg, wo auch die Ankaufsurkunde von Heilsbronn 1132 ausgefertigt worden ist, nach Abenberg zu eilen, um zu Gunsten einer sagenhaften Grafentochter die Peterskirche einzuweihen und das Gelübde ewiger Jungfräulichkeit von Seite Stilla's entgegenzunehmen! Um in dieser Frage allen Täuschungen zn entgehen, wurden sowohl im kgl. Kreisarchive zu Nürnberg, als auch im kgl. allgemeinen Reichsarchive zn München Nachforschungen über Stilla und ihre Beziehungen zur Peterskirche angestellt, aber es konnte bei allem Entgegenkommen der Archivverwaltungen, wofür hier der gebührende Dank ausgesprochen sei, nicht das mindeste einschlägige Material vorgefunden werden."^) Was nun die beabsichtigte Klostergründnng Stilla's betrifft, so steht es außer Zweifel, daß im ersten Viertel des 12. Jahrhunderts zn Abenberg ein Kloster bestanden habe, allerdings nicht für Frauen, sondern für Männer. In einer Urkunde des Bischofes Gebhard II. gegen das Jahr 1132, wodurch die Dörfer Halesbrunnen, Obercndorf, Velsenberg, Witrammcsdorf und Pezemanns- dorf, welche nunmehr dem Kloster Heilsbronn zugehören, von dem Zehenten zur Eichstätter Kirche befreit werden, erscheint neben dem Abte Heinrich von Plankstetten als Zeuge: Ondalric, Abt von Abenberch. (Lefflad, Regesten nr. 215.) Wo ein Abt sich findet, kann doch wahrlich auch ein Kloster nicht fehlen. Die Existenz eines solchen in Abenbcrg erhellt ferner klar aus einer Gebietsrcgclnng 349-463. Am 25. Juli 1123 (nach Goß. 1. o. I. 732: 1125) weihte Otto die Klosterkirche zu Ensdorf in der Ehre des hl. Jakobus ein, aber mit Erlaubniß des Bischofes Kuno von Rcgensburg (Ried, ooä. äipl. 1,179 ur. OXOI). Bischof Herman I. von Bamberg 1065—1075 gründete daselbst aus eigenen Mitteln das Augnstincrstift St. Jakob des Zebedäiden, Otto der Heilige vollendete es. (Grctscr X, 508: Kirchenlexikon I, 1917.) -5) Die Klostergründnng zu Heilsbronn, welches zur Diverse Eichstätt gehörte, kann nicht als Instanz gegen obige Darlegung aufgerufen werden, da Otto auch in der Diocele Regcnsburg Klöster errichtete, deren Kirchen er nic»t als zuständiger Ordinarius, sondern nur mit Er- lanbmß des Tiöcesanbischofes oder in dessen Gegenwart conickrirtc. zwischen dem Grafen Rapoto und dem Kloster Hcils- bronn, worin es heißt: Den Wald und was immer mit eigenen Mühen die Mönche in Abenberg enltivirt haben, erhält vom Kloster Heilsbronn der Graf Rapoto als Entschädigung, mit Ausnahme eines halben Mansns, den die Kapelle des hl. Jnkobns in Abenberg zurückbehalten hat?°) Wer hat Wohl dieses Kloster gegründet? Antwort hierauf gibt uns eine Urkunde des Bischofes Bnrthard von Eichstätt, aus welcher wir auch die Auflösung der Niederlassung erfahren. (Fortsetzung folgt.) Recensionen nnd Notizen. Gehet zum hl. Anton ins! Gebet- und Erbanungs- büchlein von U. Arsenius Dotzler, O. 8. iA-. Zweite Auflage. Würzbnrg, Göbcl. Gcbd. in Ganz- (einwand. Rothschnitt 75 Pf. D Die erste, sehr starke Auflage war in k nrze r Zeit vergriffen. Das Büchlein hat also einem Bedürfnisse entsprochen. Die vielen Verehrer, welche St. Antonius wie anderwärts so auch in Deutschland hat, nahmen die Gabe aus der Hand des U. Dotzler mit Freuden entgegen. Die neue Auflage hat außer einigen kleinen Aenderungen im biographischen Theile durch ausführlichere Behandlung des „Äntoniusbrodcs" eine Erweiterung erfahren. Möge das Büchlein auch in seiner neuen Gestalt recht zahlreiche Abnehmer finden! Die sorgfältige, praktische Auswahl des Stoffes und die populäre Behandlung desselben empfehlen das Büchlein von selber. Nieszcn Jos. und Mcrtes Pet., Viktor Joseph De- wora, der Trier'sche Ovcrbcrg; Sein Leben, Wirken nnd feine Schriften. Trier, Löwenberg 1896. 8°, 296 SS. M. 3.60. -> Die beste nnd eindringlichste Empfehlung einer anf christlicher Grundlage beruhenden, gesunden Pädagogik ist ohne Zweifel das Leben und Wirken eines Mannes, der auf dieser Grundlage Großes hervorgebracht und reichen Nutzen gestiftet hat. Ein solcher Mann war der münster- länöische Priester Viktor Joseph Dcwora (1774—1837), welcher sein unermüdliches 'Arbeiten höchst segensreich in den Dienst der Jngendbildnng und Erziehung gestellt hat. Ein kerniger, christlicher Geist geht durch seine zahlreichen Schriften, die von Pädagogen nicht eifrig genug gelesen werden können. Wir sind den beiden Verfassern des Buches großen Dank schuldig, daß sie sich die Mühe nicht haben verdrießen lassen, alles Material gewissenhaft zu sammeln aus dem die anregende und lebensvolle Darstellung de Wirkens dieses katholischen Mnsterpädagvgen ersteht. Der erste Theil des Buches umfaßt außer dem Lebcnsabriß Deworas eine Uebersicht seiner gesammtcn Schriften. Der zweite Theil bringt Auszüge nnd Inhaltsangaben der be- 2 °) Oonoambinm intsr soelssiam Ualssbrnnsnsom st oomitsin 1 t. äs enrts no 8 tra Xstslsnäork. silvam st gnie- gniä propriis Isboribns sxeolnsrint wonaebi in abinbsrell rseopit a nobis U. somss pro rseompsnsations sxespto äimiäio man80, gnsm rstinnit eapslla 8 . .Inoobi in abin- dereb. II. Jahresbcr. des Histor. Vereins im Nezatkrcis 1831, 28. Diese Notiz gehört dem 12. Jahrh. an. Außerdem werden noch genannt: metslsnäork (Mettcndorf bei Grcding), tilsinbnrcb (Theilnberg), ixstsstsin (Hilpolk- stein?): intsr viiias änas rota et plmpbonbovsn (Roth und Pfaffenhofen bei Schwabach paK. 29: Urasäinm nostrmn in Ontslonbolon (Uttenhofen) smnnns ab ot- nanäo äs sebsnonevs oetotzinta äuabus niorois st ab »lüg gnibnsäain, viäsliost Itabotons äs tisrbaslr, anim- psrto st KIüs e.jns itiäsm, eonsilio vfnsäsw O. Stadt- pfarrer Fuchs von Spalt, ein um Eichstätts Diöcesan- geschichte hochverdienter Forscher, schreibt in Bezug auf obige Notiz im 25. Jahresbericht des Histor. Vereins in Mittelfranken 1857 Seite 14: Es ist Thatsache, daß die Mönche wirklich im Besitze zn Abenberg waren, allein sie vertauschten laut Urkunde, die aus dem Jahre 1151—1159 stammen soll, die abenbergischcn Güter wieder an den Grafen Rapoto. 64 deutendsten Werke desselben. Vollständig finden wir in dem Bande drei ausgezeichnete Schriften des großen Pädagogen über „die sittliche Erziehung der Kinder in den Elementarschulen" über „die zweckmäßigsten Strafen und Belohnungen" und über den „Lektionsplan des kgl. Schul- lchrer-Seminars zu St. Mattheis bei Trier". Es wäre nur zu wünschen, daß jene Lehrer, die über Pestalozzi und andere Götzen der Zeit so leicht in Verzückung gerathen, einen Blick in dieses Buch werfen, um zu erkennen, wie Gold und Flitter sich unterscheiden und wie unsere katholische pädagogische Literatur die beliebte Zurücksetzung ganz und gar nicht verdient. Charitas. Zeitschrift für die Werke der Nächstenliebe im katholischen Deutschland. Verlag von Herder, Freiburg i. Vr. Erscheint, 16 Seiten stark, je an: 1. des Monats. Äbounementspreis jährlich 3 M. Inhalt von Nr. 2 des II. Jahrgangs: Der Kapu- zinerpatcr Theodosius Florentini und die Barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuze zu Jngenbohl (Schweiz). I. — Das charitative Wirken der katholischen Kirche im Bisthum Münster. — Die Krippen-Anstalt in Augsburg links der Wertach. — Katholische Streiter im Kampf gegen die Unsittlich keit. I. — Der Mädchenschutz auf dem Charitas- tag zu Schwäbisch-Gmünd. — Kleinere Mittheilungen. — Katholische Mätzigkeitsblätter. (Beilage zur „Charitas".) Nr. 1: Ein Gclestswort für die „Mäßigkeitsblätter". — Die Alkoholfragc. — Fünf Fragen und Antworten über die Mäßlgkeitsbewegung. — Wie es einem geht, wenn man kein Vier mehr trinkt. — Katholische Mäßigkeitsschriften. U. s. w. — Österreichisches Literaturblatt, herausgegeben von der Leo-Gesellschaft in Wien, redigirt von vr. Franz S chnürer. (Administration: Wien. I-, Annagasse 9.) Inhalt der Nr. 3 u. A.: Rilkes N.. Lalsn- äarinin Manuals utrinsgus Leelssias orisntalis st oeci- äentalis. (vr. Aug. Rösler, Mautern in Stink.) (65.) — Poggel H., Der 2. und 3. Brief des hl. Apostels Johannes. (Theol.-Prof. vr. I. S ch i n d l e r, Leitmeritz.) (67.) — Seeböck Phil., St. Paulus, der Heidenapostel. (Theol.-Professor vr. A. Cigoi, Klagenfurt.) (69.) — Mahrenh oltz R.. Fvnelon, Erzbischof von Cambray. (k. L. Winter«, Braunau r. B.) (69.) — Spörr Bhd., Lebensbilder aus dem Serviten-Ordcn. IV. (Pros. vr. Alb. Hübl, Wien.) (69.) — Massow Julie v., Dorotheen- Körblein. (?- Gregor v. Holtum, Prag-Emaus.) (70.) — Gutberlet Const., Die Psychdlogie. (vr. Richard v. Kralik, Wien.) (70.) — Kehr ein L., Ueberhlick der Geschichte der Erziehung und des Unterrichtes, herausg. von Kayser und Schultz. (vr. C. Lud ewig, Preßburg.) (71.) — Haffner A., Das LitLb ss-8a. (vr. Rud. Geyer, Scriptor der Hofbibliothek, Wien.) (75.) — Sattler A., Die religiösen Anschauungen Wolfram's v. Eschenbach. (vr. C. Domanig, Custos am kunsthist. Hofmuseum, Wien.) (76.) — Kraus Frz., Höhlenkunde, (Univ.-Pros. vr. Ed. Richter, Graz.) (80.) — Rank Emil, Das Eisenbahntariswesen. (vr. Friedr. Frhr. zu Weichs - Glon, Innsbruck.) (81.) -- Ellis Hav., Mann und Weib. — Ders., Verbrecher und Verbrechen, (vr. HZ. Krticzka Frhr. v. Jaden, Wien.) (82.) U. s. w. Das Archiv für katholisches Kirchenrecht, das im Jahre 1857 von Ernst Freiherr« v. Moy de Sons gegründet und durch viele Jahre unter Friedrich H. Vering's Verdienstreicher Redaction fortgeführt wurde, ist nunmehr seit letztem Sommer in die Hände des Freiburger Kirchen- rechtslehrers vr. Franz Heiner, Rectors des Kollegium Savientiae, übergegangen. Mit Freuden stellen wir fest, daß dieses Organ, in dessen bis jetzt erschienenen 76 Bänden ein reiche Fülle gründlich bearbeiteten canonistischen Materials niedergelegt ist, mit dem neuen Jahrgang 1897 eine erhebliche und glückliche Umgestaltung erfahren hat. Ist auch das äußere Aussehen der Hefte, sowie das Programm, in welchem Förderung wissenschaftlicher Forschung und Pflege kirchenrechtlicher Praxis zum friedlichen Bunde sich einen, selbstverständlich auch die correcte kirchliche Haltung Zeitschrift dieselbe geblieben, so fällt doch gleich bei e Inhaltsangabe des ersten Heftes die systematische Uebersichtlichkeit des Dargebotenen angenehm auf. Während früher die Artikel in zwangloser Reihenfolge dem Leser vorlagen, erscheinen dieselben jetzt in fünf Abtheilungen gegliedert, wovon die erste die wissenschaftlichen Abhandlungen, die zweite und dritte die kirchlichen und staatlichen Aktenstücke und Entscheidungen, letztere in mehreren Unterabtheilungen, die vierte kleinere Mittheilungen und endlich die fünfte eine Uebersicht der kirchen- rechtlichen Literatur uns bietet. Gerade durch sorgfältige Behandlung der letzter» neuhinzugefügten Abtheilung, mit der zugleich eine Zeitschriftenschau und ein Verzeichnis; der in den letzten Jahren erschienenen kirchenrechtlichen Werke verbunden ist, wird sich die Redaction den Dank der Leser verdienen. Ueberraschend wirkt ferner die lange Reihe der auf canonistischen; Gebiete thätigen Männer, welche ihre Mitarbeit am Archiv neuerdings zugesagt haben. Nicht weniger als 81 Namen zählen wir, unter deren Trägern kaum ein hervorragender Vertreter des Kirchenrechtes aus Deutschland und Oesterreich fehlen dürfte. Wenn wir auch auf den reichen, für den Praktiker wie den Theoretiker gleich interessanten Inhalt der Zeitschrift hier nicht näher eingehen können, so verdient doch hervorgehoben zu werden, daß gleich zu Anfang zwei junge Kräfte (Stiegler und Rösch) mit wirklich gediegenen Arbeiten auf dem Plane erscheinen, was im Zusammenhalt mit der großen Reihe von Mitarbeitern auf einen intensivern Betrieb der canonistischen Wissenschaft in nächster Zukunft hoffen läßt. Wir bemerken noch, daß die Zeitschrift in; neuen Jahre zugleich Organ des katholischen Juristenvereins geworden ist, wodurch hoffentlich die Neubelebung des letzter;; befördert wird. Auch in der Erscheinungsweise hat die Zeitschrift eine Aenderung erfahren, indem statt der sechs Hefte jährlich nunmehr vier Quartalhefte mit einem Umfange von wenigstens 12 Druckbogen ausgegeben werden. Hierdurch wurde auch eine wesentliche Herabsetzung des Preises von 15 auf 10 Mark ermöglicht, was vielen, besonders den Geistlichen, den Bezug sicherlich erleichtern wird.. Freilich wurde zu dieser Preisminderung die Verlagshandluug von Franz Kirchheim in Mainz auch durch die Erwartung bewogen, daß nunmehr die Auflage der Zeitschrift sich wesentlich heben werde. Wir wollen diese Erwartung durch eine warme Empfehlung des Archivs in dieser Zeitung womöglich noch steigern. Bei den zahlreichen katholischen Zeitschriften anderer Wissenszweige wäre ja die Frage einer Verminderung, behufs Couccnlration der Kräfte und Schonung des Geldbeutels, vielleicht uicht unangebracht; beim Archiv für katholisches Kirchenrecht müssen wir sagen, seine Existenz ist einfach nothwendig und seine Unterstützung eine Pflicht der katholischen, kirchlichen und gelehrten Laienkreise, wenn anders wir uicht aus diesen; Wissensgebiet uns für bedeutungslos erklären wollen. Es ist doch wahrlich keine Ehre für uns Katholiken, wenn auf den; uns so e;gcnen Gebiete des Kirchenrechtes Andersgläubige die schwierigen und umfassenden Arbeiten uns liefern müssen, deren Leistung uns vor allem obliegen und gebühren sollte. Wie ganz anders standen die deutschen Katholiken da zu den Zeiten eines Engel, Pirhiug, Reiffenstnel, Leuren, Schmalzgrueber, Pichler usw., deren Namen jetzt freilich mehr im Auslande als in der deutschen Heimath genannt werden, wie der Herausgeber des Archivs in dem schönen Einleitungsworte mit Recht bemerkt. Um so mehr Dank gebührt dem neuen Redacteur, daß er die Last der Redactwn in uneigennütziger Weise übernommen und so das altbewährte Organ vor dem Eingehen bewahrt hat; Dank ferner sei dem Verlag von Fr. Kirchheim ausgesprochen, der so lange Jahre hindurch uicht unerhebliche Opfer für dasselbe gebracht hat. An uns Katholiken ist es nun, dafür zu sorgen, daß das einzige deutsche wissenschaftliche Organ für katholisches Kirchenrecht lebensfähig und lebensfroh erhalten werde, damit in demselben viele junge Gelehrte ihre Kräfte üben können durch Bearbeitung der verschiedenen kirchenrechtlichen Gebiete und Beantwortung der manchfachen canonistischen Fragen, von denen viele noch auf dogmatische wie rechtsgesch;chtliche Vertiefung harren. (Köln. Volksztg.) Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. A?. 8 L8. Fevr. 1897. Das Schulwesen der kgl. bayerischen Haupt- i'.nd Residenzstadt München?) Auf dem Gebiete der Schnlgcschichte, dieses Wort kn seinem weitesten Umfange genommen, niacht sich in den letzten Jahren erfreulicher Weise eine sehr rege und fruchtbare Thätigkeit geltend; auch die Erforschung und Darstellung des bayerischen Schulwesens haben gerade in jüngster Zeit rüstige und tüchtige Hände wieder aufgegriffen und ersprießlich gefördert. Der Wetteifer mit manchem unserer Nachbarländer, so mit Württemberg, läßt uns in Bälde manche bedeutsame Arbeit dieser Art erwarten. Die nach manche» Richtungen hin sehr rühmens- werthe „Geschichte des Bolksschnlweseus in der Oberpfalz" twn dem Rcgensburger Lehrer Holl weck, von den Anfängen bis zum Jahre 1810 herab, macht in jedem Leser den Wunsch rege, es möchten recht bald auch andere Kreise Bayerns und sonstige größere Gemeinwesen eine ähnliche zusammenfassende Behandlung des Bolksschnlweseus auszuweisen haben. Das große, nicht genug zu begrüßende Unternehmen Dr. Kchrbachs „Novuwmitn Dornaariiaa linsäai-opficm" und die damit verbundenen „Mittheilungen der Gesellschaft für deutsche Erziehnngs- und Schnl- geschichte" u. s. f. werden allmählich auch diese Seite des deutschen Schulwesens in den Kreis ihrer Qnellenforsch- lingen und historischen Darstellung hereinziehen, und die glücklicher Weise endlich auch in Bayern zu Stande gekommene „Gruppe" dieser Gesellschaft wird ihre Arbeiten bald auch auf diese hochwichtige und noch lange nicht genügend gewürdigte Seite des cnltiirelten Lebens vergangener Zeiten auszudehnen bestrebt sein. Was ein einziger Schnlordcn innerhalb unseres engeren bayerischen Vaterlandes im Laufe von zwei Jahrhunderten für das weibliche Unterrichts- und Erziehnngswesen gewirkt hat, lehrt uns die schöne und gehaltreiche Monographie Dr. Ludwig Mnggeuthalcrs „Der Schnlordcn der Salesianerinncn in Bayern von 1007 bis 1831" (Bam- berg 1895). Es kann nur schmerzlich beklagt werden, daß dieser treffliche und gewissenhafte Gelehrte und Lehrer, ein Mann von echt biederem und tüchtigem Wesen, so unerwartet rasch seinem edlen Wirken entrissen wurde; von ihm hätten wir noch manche äußerst schätzbare Gabe auf dem Gebiete der bayerischen Schul- geschichte erwarten können. — Oberlehrer Gebele in München hat mit dem vorliegenden Werkchcn, das im Auftrage des Ortsausschusses als Festgabe zur XIII. Hanptvcrsammsnng des Bayerischen Bolksschnllehrervereins im August vor. Js. herausgegeben wurde, den Versuch gemacht, das Münchener Schulwesen in seiner geschichtlichen Entwicklung und in seinem gegenwärtigen Bestände etwas eingebender vorzuführen. Es kann nicht verkannt werden, daß er für die Vergangenheit eine große Zahl zumeist im gemeindlichen Verwahr befindlicher Urkunden und Literalien sorgsam benützt hat — er theilt uns im Anhange des Buches auch einige derselben im Wortlaute mit —, doch ist die Darlegung über das ältere Schulwesen Münchens, von den Anfängen bis 1770, ziemlich dürftig. Eingehender wird die Darstellung für den Rest ch In seiner geschichtlichen Entwicklung und unter Berücksichtigung der älteren bäuerischen Schul,zustande aus archivalischcn Quellen dargestellt von Jos. Gebele, Oberlehrer. Mit 0 Abbildungen. München, 1M6. M. Kellerer's Hosbuchhaudlnng. 8». IV. 250, XXXll S. Preis M. 2,50. des 18. Jahrhunderts und die in demselben bethätigten „Ncformbcstrebungen" mit guten Seitenblicken auf da? benachbarte Gebiet der „realen" (Hanptbürger-) Schüttn. Bei den Ausführungen über den bekannten Schulrcformator Heinrich Braun (S. 41 ff.) hätte auf die neueste trefflich-: Arbeit über denselben von L. Wolfram hingewiesen werden sollen. Nach einem Kapitel „Die Umwälzung im Jahre 1801" wendet sich der Verfasser in längerer, zum Theile sehr detaillirter Ausführung „dem gegenwärtigen Stands des Münchener Schulwesens" zu, wobei die äußeren und inneren Verhältnisse desselben: Schulbezirke, Schnlhänser, Schnlbehörden, sowie Lehrpläne, Unterrichtsmittel, Stellung der Lehrer n. s. f., auch anhangsweise die männliche und weibliche Feiertags- und Fortbildungsschule nebst Central- zeichen- und Centralsingschnle zur Darstellung gelangen. Der großen und durchgreifenden Umgestaltung, welcher das Münchener Volksschulwescn mit dem Beginne der Siebzigerjahrc durch die neuen liberalen Stadthäupter und simultanen Schnlrcferentcn (Marschall, Nohmeder, Brannwart) unterzogen wurde, die mit der Zwangs- stmnltanisirnng derselben Hand in Hand ging, steht der Verfasser augenscheinlich sehr sympathisch gegenüber; er geizt nicht mit lobenden Beiwörtern für dieselben; daß es auch einmal um die Schule wohl verdiente Bürgermeister von konservativer Richtung, wie den unvergeßlichen Widder und Stcinsdorf, gegeben, würde man aus dem Büchlein nicht erfahren, und die Verdienste des edlen Priesters und milden Lehrerfreundes A. Meitinger, der auch mehrere Jahre hindurch bis zum Anbrnche der neuen Aera Stadtschulrcferent war, sind schon soweit in Vergessenheit gekommen, daß man nicht einmal mehr seinen Namen richtig wiedergeben kann (S. 186). Wer der Entwicklung der Dinge in jenen Jahren unmittelbar nahe stand, wie wir, weiß nur zu gut, daß auch damals durchaus nicht alles Gold war, was glänzte; gar manche Lehrer, die nach außen hin frohe Miene zeigten, seufzten im Innern unter dem Drucke der einzwängenden Schablone und des Polizciregiments des Mannes „mit dem marmornen Gesichte". Nebrigens soll nicht verkannt werden, das; diese letzten Abschnitte in Gebelc's Buch eine reiche Fülle interessanter und vcrlässiger Mittheilungen über ein Schulwesen enthalten, das schon nach seinem Umfange und seiner Organisation sowie nach den Aufwendungen, die für dasselbe gemacht werden, zu den bedeutsamsten in ganz Deutschland gehört. Die beigegebenen Pläne und Abbildungen von Münchener Schnlhünsern sind dankens- werlh, und die gcsammte Ausstattung des Buches verdient alle Anerkennung und entspricht durchaus der sorgsamen Bemühung, welche Gebele auf diese seine Arbeit verwendet hat: dafür wird ihm jeder Freund her „Schick- geschichte" Dank wissen. -ac;- k. Simon Nettenvacher, 0. 8. L., Oesterreichs Horaz. Während in Frankreich, England, Spanien die Literatur auf der Höhe der Entwickelung stand, mußte sich Deutschland mit dem Schwulste Lohcnsteins und der „Zucker- und Honigpoetcn" oder der nackten Nüchternheit der „Wasserpoeten" begnügen. Es war eine traurige Zeit. Noch waren die Wunden, welche die „fortgcsctzte Orgie der Bestialität", der 30jährige Krieg, dem Vaterlande geschlagen, nicht vernarbt, so drohten neue Feinde:. 68 ückens knnwi, nnlitiuk: votem, Zvttsrs inAoaii (U8pic.it omni» . . . novit laksstosgus retmntore Ltgus arosre proenl moonibaL impivs. In eiueiil herrlichen Bilde führt er uns den Bayern- löwen, Max Emnnuel, vor: 8>eat llvrcnnk leo 8»cvu8 tjnem Un»c8 ateox stimulat, kc-roell, 8tornit nrinentuin. laverat, vrusntv viripit vre . . . 8io ke>v8 'I'braees tu« ckextra rapit. Schon aus diesen dürftigen Proben ist leicht zn ersehen, das; wir ctz bei Ncttcnbachcr nicht mit einem gewandten Versedrcchslcr, sondern mit einem gottbegnadeten Dichter zn thun haben, der neben inniger Frömmigkeit Schärfe des Blicks, Menschenkenntnis; und glühenden Patriotismus besaß. Und wie Bälde gehört auch Reiten- bacher der deutschen Literaturgcschichte an trotz des fremde» Gewandes. vr. Eduard Stemplinger. Neceusroueu nnd Notizen. Wolfs Ioh. Ios.. Lesebuch für Fortbildungsschulen, zugleich ein Buch für die Familie und das Haus des Arbeiters und Handwerkers. 8", Xll -s- 466 SS. Frciburg, Herder 1896. M. 3,20; geb. M. 3.80. >. Die Herder'sche Verlagsbuchhandlung, welche ihre Erscheinungen nicht bloß auf die wissenschaftliche Fach- literatur ausdehnt, sondern auch ganz hervorragend gediegene Schulbücher bringt, bietet uns hier bei mäßigem Preise ein treffliches Lesebuch für Fortbildungsschulen, das ob seines reichen und abwechslungsvollen Inhaltes wohl bei keinem Leser Ueberdruß erregen wird. Selbstverständlich ist Alles vermieden, was Glaube und Sitten gefährden könnte oder für die Fugend unpassend wäre. Geschichtliche Aufsätze, Gedichte, geographische Darstellungen wechseln mit einer große» Anzahl belehrender Aufsätze aus dem Gebiete der Naturgeschichte in bunter Fülle ab. Im Ganzen haben wir 174 Lesestücke, denen noch Geschüftsaufsätze und Geschäftsbriefe, sowie ein Fremdwörter-Verzeichniß angehängt sind; 23 Abbildungen und 3 Kärtchen verschönern und beleben den Text. Für Abwechslung in sogenannter lateinischer und deutscher Schriftgattung ist Sorge getragen. Die Rechtschreibung steht auf dem jetzt geltenden, osficicllen Standpunkt, der aber freilich mit Anwendung großer Anfangsbuchstaben bei Hauptwörtern noch kein sehr vorgeschrittener nnd vernünftiger ist; es ivird noch lange dauern, bis die bei manchen philologischen 'Autoren allmählig sich mehr bahnbrechende Gepflogenheit durchgängig kleiner Buchstaben auch endlich einmal in der Schulorthographie Platz gewinnt. Wir begreifen, daß ein Schulbuch vorläufig noch nicht wagt, eine süße, aber grundlose Gewohnheit zn durchbrechen. Es besteht kein Zweifel, daß das tüchtige Lesebuch bald Freunde bei Lehrern und Schülern gewinnen wird. . krilmelam coe1o.8ts parvum je Majors tibro Onil. Xalmteni (s. -Ich exeerptnm st nsni ,javentniis titorurum stnckiosao aeeommockatum s Llatlli. -Himms (s. ,7.). 32° pp. XIV -s- 447. AI. 1.60 ti§. ItatiHbonas, IA. pn.8tet, 1806. § Ueber den Inhalt des allbeliebten Gebetbuches von U. Nakatcnns, das „Himmlische Palmgärtlein", braucht man kein Wort zn verlieren; es hat die Probe in den Händen von Tausenden bestanden. Niedlich und be- gucm ist die vorliegende, überaus billige Ausgabe mit abgekürztem Texstfür Studirendc. Wenn die liturgischen Bücher (lllissalv, Lreviarinm, Uituale) zum Gebrauch des Priesters mit Tonzeichen versehen sind, und die Erfahrung lehrt, daß es sehr nöthig ist, so wäre es um so weniger überflüssig, den Text eines Schülerbüchleins zu accentuiren, um die richtige Aussprache zu sichern. Bekanntlich sind ja die Erfolge des klassischen Sprachunterrichtes an unseren Gymnasien so schwach, daß man selbst noch aus dem accentnirten Text bei Alumnen, ja sogar bei älteren Geistlichen die gräulichsten Prosodicfehler hören muß. Die Ausstattung des Büchleins ist sehr gut; jeder Gymnasial-Religionslehrer sollte seinen Schülern ein solches Bündchen m die Hand geben. Praktisch nnd würdig sind besonders die Beicht- und Communion-An- dachtcn; alle süßliche Andächtelei, die den gebildeten Menschen so leicht zurückstößt, ist selbstverständlich vermieden. „Gemsencier", 2. Portion. (Alpin-Humoristisches in Wort und Bild von Dr. E. Baybcrger. Verlag von I. Kösel in Kempten.) -l- Es war eine glückliche Idee des Herausgebers, den seiner Zeit in Baumbach'S „Enzian" zum Ausdruck gebrachten Gedanken eines alpinen Hnmoristitüms wieder aufzugreifen. Daß er diese Idee auch glücklich durchgeführt bat, beweist die günstige Aufnahme dcS 1. Bündchens „Gemsencier", so daß schon nach kurzer Zeit die nun vor uns liegende 2. „Portion" folgen konnte. Der ganze Inhalt des Büchleins ist alpin, lind der bergfrische, echte, kernige Humor hält an von der erstell bis zur letzten Zeile, so daß die „Gemsencier" eine wirkliche Bereicherung der alpin-humoristischen Literatur bedeuten. Dem Leser ivird hier vieles geboten: zum Vortrug in geselligen Kreisen sich eignende humoristische Gedichte, kurze und längere Erzählungen aus dem Touristenleben, witzige Einfälle und kölnische Vorkommnisse, in ihrer Situation köstlich erdachte Bilder (es sind deren 43 in vorzüglicher Ausführung) und eine vornehme Ausstattung, die dem Verleger alle Ehre macht. — Dies alles zusammengenommen und der wirklich billige Preis, (brosch. 1 M. 20 Pf., gebd. 1 M. 60 Pf.) dürften auch dem 2. Bündchen eilte recht weite Verbreitung sichern. Hansjakob Hcinr., „Die Salpeterer". eine politisch- religiöse Sekte auf dem südöstlichen Schwarzwaid. 8°. IV -j- 100 Seiten. Frciburg i. Br., Herder 1896. (Itl.) Preis 1 M. 40 Pf. » Aus der Feder des als Schriftsteller mit Recht hochgeschätzten Verfassers stammt der Aufsatz über „Die Salpeterer" in Kanlen's „Kirchenlexikon". Es ist gewiß dankenswertb. denen, welche das große Werk nicht besitzen, eine neue erweiterte Sonderausgabe zu bieten, die in klarer und anregender Sprache eine kurze Geschichte jener trüben Zeiten vorführt, in denen jene Sektirer entstanden und der berüchtigte Herr von Weffenberg eine bedeutende Rolle spielt. Von beiden Seiten wurde damals gefehlt, wie fast immer; mit welcher Zähigkeit bedauernswertbe Sektirer bei ihrer Stellung verharren, dafür bieten die Salpeterer, wie ihre Geistesverwandten, die Manharter in Tirol, ein trauriges Beispiel. Wir freuen uns, daß daS Büchlein, welches 1867 in zweiter Auflage erschien, aber gänzlich vergriffen war, zum dritten Maie auf dem deutschen Büchermarkt erscheint; es verdient von Allen, die sich für Kirchengcschichte intercssiren, gelesen zn werden. Möchten solche, die es angeht, Belehrung daraus entnehmen, welch' milde und vorsichtige Behandlung die Volksschule beansprucht, nur Schäden zu verhüten, die. wenn einmal entstanden, mit größter Mühe nicht gut gemacht werden können. „Die Volksschnlfrage." Vortrag des Landgerichtsraths Dr. Kiene, Vicepräsident der württembergischen Abgeordnetenkammer, gehalten in der Versammlung katholischer Männer im Gessllenhanssaal zu Ravcns- burg am 17. Januar 1897. Navcnsburg 1897. Verlag von Hermann Kitz. Preis 40 Pfg. (10 Exemplare 3 Mark). ** Die Schulsrage, insbesondere die Volksschnlfrage ist eine der wichtigsten Zeitfragen, deren Lösung jedes Elternhaus, jede Gemeinde, den Staat und die Kirche gleich nahe berührt. Jedem, der sich für diese wichtige Frage inleressirt, können wir genanntes Werkchcn, das dieselbe nach allen Richtungen in erschöpfender Weise behandelt, würinstens empfehlen. Veranlw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg. Die Abteikirche zn Kastl. Kunstgeschichtliche Skizze von F. Mcrder. Es war vor einigen Jahren, da durchwanderte ich zum erstenmal das schöne Thal der Lanterach, um die altehrwürdige Klosterkirche der ehemaligen Benediktinerabtei Kastl zn besuchen. Dieser Besuch flößte mir dauerndes Interesse ein für dieses merkwürdige Baudenkmal: es ist wohl der bedeutendste frühmittelalterliche Kirchenbau, der in der Diöcese Eichstätt erhalten blieb. Es mag deswegen für weitere Kreise interessant sein, einige kunstgeschichtliche Notizen über die Peterskirche in Kastl zu erfahren. Eine Wanderung durch das Lauterachthal — es liegt zwischen Amberg und Nenmarkt i. d. Oberpf. — lohnt sich schon wegen der landschaftlichen Reize, die dieser stillen, weltfernen Gegend eigen sind, und die jeder Besucher anerkennen wird, sofern er nicht etwa sein Herz für ewig den Gletschern und Schueefeldcrn des Hochgebirgs verschrieben hat. Wir passiren das malerisch gelegene Dorf Pfaffen- hofen; zu Klosters Zeiten war es die Pfarrei von Kastl. Ueber dem Orte auf felsiger Höhe erhebt sich die Schwcppermannsburg. Sie ist halb Ruine: der ritterliche Held ruht in der Klosterkirche zu Kastl. In Pfaffen- hofen hat sich ein sog. Karner aus spätromanischer Zeit erhalten; wir dürfen an dieser etwas heruntergekommenen Kapelle nicht vorbeigehen, ohne sie besucht zn haben: nur wenige dieser mittelalterlichen Bauten sind in Bayern erhalten geblieben. Der Karner zu Pfaffenhofen ist ein doppelgeschossiger, in beiden Geschossen mit Kreuzgewölben versehener Bau: oben die Kapelle zur Feier des Gottesdienstes, unten der Raum für die Todtengebeine. Die Apsis der Kapelle trat als Erker aus der Ostwand hervor: doch ist leider nur der feinprofilirte Sockel erhalten, auf dem sie ruhte. Interessant ist auch ein an der Nordwand außen befindliches Erkerchen; es war ein Armenseelenlicht-Häuschen, bestimmt zur Aufnahme eines Lichtes, wie es im Mittelalter auf den Friedhöfcn gebräuchlich war. Wir wandern die Straße weiter. Kaum haben wir Pfaffenhofen verlassen, da macht das Thal eine scharfe Biegung, und das Ziel unserer Wanderung, Kastl, liegt vor uns. Das Bild äst überraschend: Auf der Höhe des Klosterberges erhebt sich die ehemalige Abtei mit ihren Befestigungen, Thürmen, malerischen Gebäuden; dazwischen prächtige Baumgrnppcn, und alles überragt der ausdrucksvolle Thurm der Klosterkirche. Die Patina ehrwürdigen Alterthums verleiht dem Bilde seinen eigenen Reiz. Um den Fuß des Klosterberges grnppirt sich der Markt Kastl: das Charaktervolle des obigen Bildes fehlt auch ihm nicht. Die Benediktinerabtei zu Kastl, besonders die Klosterkirche sind aber nicht bloß als landschaftliches Motiv für Künstler und Touristen interessant, sondern diese Kirche nimmt auch in der deutschen bezw. bayerischen Kunstgeschichte eine bedeutsame Stellung ein, und nur die Abgelegcnheit Kastls vom großen Verkehrsweg macht es erklärlich, wie vn. B. Niehl bemerkt, daß dieser merkwürdige Ort bisher in der Kunstgeschichte nicht diejenige Beachtung gefunden hat, die ihni gebührt. Wenn man heute die Nbtcikirche besucht, so findet man allerdings nicht mehr jenen Ban und jene innere Ausstattung, wie es zu den Zeiten war, wo ein Schwepper- maun in den ehrwürdigen Hallen der Peterskirche auf dem Klosterberge zn Kastl betete, oder lvie es Kaiser Ludwig der Bayer vorgefunden, als er am 8. Januar des Jahres 1323 in dem Kloster zn Kastl das Dankfcst feierte für den Sieg, den er bei Mühldorf über Friedrich den Schönen errungen hatte: die wechselvolle Zeit hat oft mit rauher Hand in diesen heiligen Räumen gcwirth- schaftet. Doch ist im wesentlichen der Bau so erhalten, wie ihn das Mittelaltcr geschaffen. Das Kloster Kastl ist eine Stiftung der Nachkommen des Herzogs Ernst II. von Schwaben: des Grafen Verengen: von Sulzbach, des Grafen Friedrich von Kastl und der Enkelin des Herzogs Ernst, der Gräfin Luitgard. Luitgards Bruder war Bischof Gebhard III. von Konstanz. Gebhard war ohne Zweifel bei der Kastler Kloster- gründung betheiligt. Die ersten Mönche, die das Kloster zu Kastl bevölkerten, kamen nämlich aus Petershausen bei Constanz. Ihr Abt hieß Theodorich. Die Veranlassung zu dieser Berufung ist jedenfalls bei Bischof Gebhard zu suchen. Die Gründung des Klosters beginnt mit dem Jahre 1098. 1103 schritt man zum Bau der Kirche, 1129 wurde sie geweiht. Die Peterskirche zu Kastl ist eine im Chor fünf- schiffige, im Langhaus dreischiffige romanische Pfeilerbasilika. Qnerschiff besitzt sie keines. Den fünf Schiffen des Chores eusprechen fünf Apsiden, von denen die Hauptapsis und die Apsiden der inneren Nebenschiffe in gleicher Linie liegen. Die Apsiden der äußeren Nebenschiffe dagegen sind in die Westwand der beiden Thürme eingelassen. Die Thürme befinden sich nämlich östlich neben den zwei vorderen Jochen der inneren Nebenschiffe: sind also den äußeren Nebenschiffe» östlich vorgelegt. Im Westen besaß die Basilika eine dreischiffige Vorhalle. Die Länge von St. Peter beträgt mit Einschluß der Vorhalle 65 m (im Lichten), die Breite der drei Schiffe 19 in. Die Höhe des Mittelschiffes ist im Chor 12 IN, im Schiff 15 na; die Nebenschiffe haben eine durchlaufende Höhe von 8 m. Betreten wir die Kirche durch die Vorhalle im Westen — sie wird Paradies genannt! In ihrer jetzigen Gestalt ist dieselbe ein Werk der Gothik, wahrscheinlich aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Das schöne Gewölbe entwickelt sich aus einem achtseitigen Ccntral- pfeiler, wie das Geästs eines Baumes. Jedenfalls waren symbolische Absichten bei dieser Anlage maßgebend; man mag an den Baum des Lebens in der Mitte des Paradieses gedacht haben. Die heutige Vorhalle nimmt den Raum ein, den ehemals das Mittelschiff des romanischen Vestibüls inne hatte; sie mißt 12 ra in der Länge und 8'/^ m in der Breite wie das Mittelschiff der Kirche. . Die ursprüngliche romanische Vorhalle war aber dreischiffig. Diese Thatsache ist außer allem Zweifel: an der Nord- und Südwand der jetzigen Vorhalle sieht mau uoch die drei Arcadenbögen, durch welche das ehemalige Mittelschiff mit den Seitenhallen in Verbindung stand, sowie Fragmente der tragenden Säulen. Die mittlere Halle des ehemaligen Vestibüls war überdies doppelgeschossig. Eine derartige Anlage ist, wenn ich nicht irre, in Bayern ein llnicum; verwandte Beispiele finden sich zu Limburg a. d. Hardt, am Dom zu Spcyer, zu Gurk in Kärnten. Zwei nischcuartige Oeffmmgen gewährten von dem Obergeschoß der Vorhalle den Einblick in die Kirche. Diese Nischen sind rnndbogig überwölbt und haben eine gedrückte Gestalt: ihre Höhe ist 1,6 w, die Breite 1,7 w. Zwischen beiden Nischen sieht man noch eine etwas verstümmelte Console mit Ansätzen von Gcw'ölb- rippcn. Es geht daraus hervor, daß dieser obere Raum gewölbt war, und Zwar scheint es ähnlich der Wölbung des Paradieses ein Centralgewölbe gewesen zn sein. Die Lage des eben erwähnten Gewölbeansatzes ist wenigstens nicht erklärbar, wenn man nicht ein Centralgewölbe annimmt. Eine andere Möglichkeit wäre nur noch die, daß dieses Obergeschoß zweischiffig gewölbt war, entsprechend den zwei Nischen, die den Einblick in die Kirche gewährten; vielleicht erhob sich über dem sehr kräftigen Achleckspfciler im Paradies ein Gewölbeträger für die obere Halle. Den Profilen der erwähnten Console nach zu schließen, geschah die Wölbung des Obergeschosses gleichzeitig mit der jetzt noch vorhandenen Wölbung des Paradieses. Ursprünglich scheinen demnach die beiden Geschosse mit flacher Decke versehen gewesen zu sein öderes war die ursprüngliche Wölbung schadhaft geworden. Wie der Zugang zu der oberen Halle vermittelt war, läßt sich ohne Nachgrabungen nicht bestimmt feststellen. Die mit der Kastler Anlage verwandten Cluniacenserbauten lassen vermuthen, daß im Westen zwei Treppenthürme angelegt waren. Es ist möglich, daß dieselben neben den beiden Seitenschiffen der Vorhalle standen wie zu Limburg a. d. Hardt, oder aber daß sie westlich den Seitenschiffen vorlagen, und dann ergab sich zwischen den beiden Treppenihürmen eine zweite, kleinere Vorhalle, durch die man in das Paradies eintrat: das in großem Maßstab ausgeführte Vorbild für letztere Gestaltung bot die gewaltige Klosterkirche zu Cluny. Diese in Deutschland verhältnißmäßig seltene Vor- hallenanlage, wie sie die Basilika zu Kastl besaß, hat zwar nicht den ästhetischen Reiz, wie er der herrlichen, krcnz- gangähnlichen Vorhalle zu Maria-Laach eigen ist, aber bei der Frage nach dem Baumeister, der die Kastler Kirche gebaut, ist sie von großer Bedeutung. Das Portal, das von der Vorhalle in die Kirche führte, ist nicht erhalten: die Kirche selber präscntirt sich dem Besucher in glücklichen Raumverhältnissen. Weite und Höhe verhalten sich im Mittelschiff des Chores wie 2:3, im Langhaus wie 2:1; desgleichen ist das Verhältniß der Höhen im Mittelschiff und in den Seitenschiffen wie 2 : 3, bczw. wie 2 :4. Die Kirche hat also nicht das Beengende, was mancher gewölbten romanischen Kirche, auch großen Domen eigen ist; doch fehlt ihr auch keineswegs ein Zug von dem schweren, trotzigen Eindruck, den so mancher Ban aus jener Zeit hervorruft. Einst muß es ein prächtiges Interniern: gewesen sein, als die Wandgemälde noch nicht übertüncht und die Glasgemülde noch nicht zertrümmert waren, und die mittelalterliche Kircheneinrichtung noch bestand, die, nach den überkommenen Nachrichten zn schließen, eine ganz malerische Disposition auswies. (Fortsetzung folgt.) Ueber Dp. Sefl)/s „Neue hochwichtige Entdeckungen auf der zweiten Pnlästinafghrt" gaben wir in Nr. 2, 3 und 4 der Beilage eine eingehende kritisch-literarische Anzeige, gegen welche Herr- Professor Dr. Scpp uns eine längere „Rechtfertigung" sendet. Er hofft damit „auch seinen jüngsten Widersacher auf seine Seite zn bringen". Wir stellen es diesenr anheim, zum Ende der Scpp'schen „Rechtfertigung" sich zu äußern, ob er bekehrt ist, müssen aber dann die Discussion hierüber in diesen Blättern für beendet erklären. I. Bekanntlich liegt ein Hauptdifferenzpunkt in der Frage über die Lage des biblischen Kapharnaum. Die italienischen Patres, welche Telum am Nordwestend des Sees Gennezarcth für 40,000 Francs angekauft und dort ein Hospiz gebaut haben, hielten und halten Telum für Kapharnaum. Diese Annahme läßt Dr. Scpp nicht gelten. Er will „aus der Natur und Geschichte, vor allem aus den Evangelien selbst, nachweisen, daß die Lage von Kapharnaum zu Telum oder Telhum eine Unmöglichkeit ist", und schreibt: „Als Graf Burkhard von Magdeburg, Guardian vorn Berge Sion, 1283 von der Bergstadt Safed Herabstieg, erreichte er den See bei Telonium. Ich habe 1874 mit meinem Sohn denselben Weg gemacht, und wir stießen zn Telum aus Ufer. Die Gleichung ist einfach: wie z. B. aus Posidonium mundartlich Pästum geworden ist, hat sich Telonium zu Telum abgekürzt. In den Diplomen der Kreuzritter heißt die Stätte noch l'kroloroum oder Mreoloirium. Der Name taucht erst in neuerer Zeit wieder auf, bei Burckhardt von Basel 1812 Tellhewu, bei Buckingham Talhown — diese Form paßt zu der Zollstatt des Matthäus (XI. 9.). Ich habe diese Stelle zuerst bestimmt; wenn aber unser Freund hier Kapharnaum vertritt, so macht er sich's leicht, indem er meine Hauptbcweise dagegen nicht anführt. Es gibt im ganzen Umkreise des Sees keine Ocrtlichkeit, die ungeschickter für einen Schiffplatz wäre, und das war doch der dreijährige Wohnsitz Christi. Telum (woraus die Araber zwei Worte: Dell — Hügel? und stura? machten) hat nicht einmal einen Läudplatz, geschweige Hafen, und es fällt selbst den Laien auf, daß die Bootsknechte ihre Fahrgäste auf den: Rücken hinaustragen müssen, wenn diese nicht vorziehen, ihr Gewand bis an die Hüfte aufzilschürzeu und hinauszuwaten. Soll Petrus den Herrn jedesmal auf dem Arm oder Rücken am Ufer abgesetzt haben? Kapharnaum lag in der Ebene Gen- nczareth, und zwar an einem Berge, Telum liegt anderthalb Stunden nördlich ganz flach. Und wenn Johannes die Entfernung von Bethsaida auf 25 bis 30 Stadien zur See angibt, so paßt hiezu einzig die Stadt am Nordende der gesegneten Ebene, aber nicht am Ende des Sees. Nach Telum brauchten die Jünger gar nicht zu Schiffe zu gehen, sondern kamen direkt von Bethsaida über die damalige Jordanbrücke in einer guten Stunde dahin. Ist denn aber mein Mesadieh auch gleich Bethsaida? Ich antworte: Ganz gewiß im otrrtus aoiwlruetus, wie Masphat gleich Safad, Cabatieh — Memcthat ist und Muslam zu Islam sich stellt. Vor zwei Jahrhunderten ist der grundgelehrte Orientalist Reland in den Irrthum verfallen, zwei Bethsaida anzunehmen, weil die Hcimath dreier Apostel: Philippns, Andreas und Petrus (Joh. 1, 44. 12, 21), in Galiläa gelegen. Aber auch Judas von Gamala heißt der Gnliläer. Jesus fuhr von Tibcrias nach der Einöde bei Bethsaida (Joh. 6, 1, Luk. 9, 10) und heißt von da seine Jünger nach Bethsaida vorcmsfahren (Mark. 6, 45. 63). Darauf kamen sie unter fürchterlichem Sturm nach Kaperuanm in der 71 Landschaft Gennezaret. Dies ist aber ein und dasselbe Bethsaida (Mark. 6, 22), das bald Dorf, bald Stadt heißt, weil erst der Vierfürst Philippus ihm den Stadtnamen beigelegt hatte. Mein Recensent will die Unterscheidung damit begründen, daß das eine den Beinamen Julias führte; aber die Herodier tauften so die Hälfte der Städte um, Bctharon in Livias, Megiddo in Legio, Kapharsaba in Antipatras u. s. w., ohne das; es ein zweites Betharon gab. Kurz: wir haben kein Bethsaida am Westnfer zu suchen. Der Seesturm bringt uns zur Ueberzeugung, daß Telmn nicht Kapbarnanms Lage bezeichnen kann, weil diese Küste den heftigsten Winden aus dem Hanron ausgesetzt ist. Auch die deutschen Pilger, welche man noch immer an der deutschen Station Chan Minieh vorüber da hinauf transporlirt, haben dies erfahren, und mancher rief, besorgt, aus der großen Schale trinken zu müssen: „Herr, rette uns, wir gehen zu Grunde!" Mein Kapharnanm zu Kefr Minieh dagegen hat einen einzigen, runden.Hafen als sichern Zufluchtsort für Schiffer und Wohnort für zahlreiche Fischer. Es empfiehlt sich wohl öfter, daß der Gelehrte das Beispiel des Sokrates nachahme, welcher sich gern auf den Dreistuhl des Schusters Simon setzte, um zu erfahren, ob der anstudirte Verstand bei der gesunden Vernunft Gnade finde. Nahum hätte wohl in Num, aber nie in Hnm sich wandeln können. Der jüdische Geschichtschreiber nennt es Kapharnome und den Fluß dabei Kapharnanm — Telhnm hat rechts und links auf Stunden weit kein anderes Wasser als das aus dem See. Dies meinte ich nnwiderlegltch ausgeführt zu haben, und doch bin ich heute der einzige, der das wahre einstige Kapharnanm vertritt. Während Tclum, oder mit arabischem Hiatus Tcl- hnm, erst in neuerer Zeit durch falsche Gelehrsamkeit zu so unverdienten Ehren gelangte, sprach für Minieh bis vor zwei Jahrhunderten die Tradition. Die Hanpt- antorität des Franzikaner-Ordcns, wofür ihn auch mein Censor und schwer zu überzeugender Kritiker anerkennt, der Guardian Quaresmins, schreibt in seiner I)686r1ptic> lerrns aanetno II, 854 1620: „Ich halte die alte Ueberlieferung sehr hoch, ich folge ihr, erkläre und vertheidige sie, die heiligen Orte bedürfen keines Lügen- schmnckes. Ich habe fast alle Bibclgelchrtcn und in der Geschichte der heiligen Stätten bewanderten Männer durchgesprochen" — und wie lautet die anderthalb Jahrtausende festgestellte Thatsache? „An der Stelle von Kapharnaum sieht man viele Rnincn und einen kümmerlichen Khan (ciivarsoriuin). Derselbe liegt sechs Million vom Jordaneinfluß und heißt Menieh." Schon wer die Stadt Christi (Matth. 9, 1) in anderthalbstiindiger Entfernung von der Ebene Gemiezaret sucht, hat die Bibel gegen sich. Wie kam aber die Stadt zu diesem Namen? Die Einen rathen durch arab. minkrü, der Hafen. Gildemeister in Bonn, der auch für Telhnm eingenommene, angeblich erste Arabolog, zieht einfach rniu.ss herbei, welches, vom koptischen abgeleitet, vom Nilstrande bis Hispanien Dorf bezeichnet. Also Kefr Minjeh wäre Dorfdörfel? Aber wir brauchen deßhalb so wenig wie vor dem Orientalisten Rcland die Waffen zu strecken. Die Araber selbst behandeln das Wort als ein fremdes. Der Beduine spricht nicht rainss sondern inairss, ja in Saladins Tagen hieß der Punkt irmuag'u und überragte selbst Tiberias an Bedeutung. Ist es doch das einstige Cinnereth! Meine Erklärung gibt sich aus dem Talmud und ist schon im Leben Christi tvie noch mehr im ersten Palästinawcrke beigebracht. Die Rabbinen von der Akademie zu Tiberias untersagten den Juden, nach Ka- pharnachum zu den Minim oder Ketzern zu gehen, wo sie sich heilen lassen konnten, aber leicht abtrünnig wurden. Minim bezeichnet die Renegaten oder Rekusantcn, es erhielt sich als Benennung für das Christendorf. Wir katholische Deutsche haben aus dem Streite über die wahre Lage Nutzen gezogen und seit 1887 durch den Ankauf von Tabiga (mit Tahal Kapharnaum, der sagenhaften Nilqnelle), von Khan und Chörbet Minieh den bedeutsamsten Strich am gepriesenen See, ein Terrain von 200 Morgen Landes, für 20,000 Franken erworben. Ich meinerseits stehe dem nun einzigen Verein für das gelobte Land in Aachen und Köln mit ebensoviel Mark gut, daß hier Kapharnanm gelegen, als das Besitzthum Franken gekostet hat. Ja soeben schreibt unser dortiger Vertreter mir von dem Anerbieten der in Gcldnoth befindlichen Araber von Name, noch so viel Hektar Landes für 18,000 Franken uns abzutreten, daß unsere deutsche Kolonie 600 Morgen des wasserreichsten und darum fruchtbarsten Landes am galiläischcn Meere umfaßte. Aber es hat Eile, damit nicht Russen und Franzosen uns zuvorkommen, oder noch eher die Juden, die überall ankaufen, unsere Nachbarn werden. Wir Deutschen gehen nur zu langweilig vor; mich erfaßt die Ungeduld! Der Schreiber dieser Zeilen hat schon auf der Generalversammlung der katholischen Vereine zu München 1861 im GlaSpalaste den Antrag gestellt und die nngetheilte Zustimmung der gewiß 7000 Theil- nehmer erhalten, am See Gennezareth eine deutsche Niederlassung zu begründen. Abt Haneberg, sel. Andenkens, wollte die Missionsvriester von Porto Farina bei Tunis deßhalb nach Tiberias ziehen, wo die Peterskirche mit unserem Zuthun neu eingerichtet wurde — aber die Eifersucht der Italiener vereitelte das Vorhaben. Der Neid verzehrt sie noch heute, und wir erhalten keine Zuschrift aus Palästina, ohne daß von neuen Anfechtungen die Rede ist. Ich bin darum wahrhaft erstaunt, daß mein gestrenger Recensent für den verlorenen Posten Telhnm eintritt, doch will ich ihm deßhalb nicht gram sein. Ich helfe auch unsern abgeneigten Nachbarn hinaus, indem ich ihre Station Lau lEatkeo in tslonio benenne und durch Christi Gegenwart geheiligt erkläre. Es wäre doch unverantwortlich und ist eine schwere Anklage gegen den Münchener Professor, wenn er den deutschen Episkopat und all die Genossen des Pnlästinavcreiues zu dem immer noch erweiterten Ankauf in und um Kefr Minieh veranlaßte, ohne seiner Sache. gewiß zu sein, soweit es überhaupt noch eine historische Gewißheit gibt. Verräth es nicht doch eine Voreingenommenheit für die seit letzter Zeit veränderte klösterliche Tradition und ihre Träger, wenn man einen Klosterbruder Liövin und den (inzwischen zu mir bekehrten) Pfarrer Furrcr von Zürich aus gleiche Linie mit Quaresmins und meiner Wenigkeit stellt, als ob die Vorgenannten nur auch über die litcrarischen Mittel verfügten, die Unsereinem zu Gebote stehen? Es ist möglich, meint unser Freund, das; Kapharnanm mit Kephar Minim und Minieh eine Gleichung bilde, aber erwiesen sei es nicht. Wir erwidern: Erwiesen ist jedenfalls und nach der Natur der Dinge unwidcrsprechlich, daß die Stadt Christi nicht in Telhnm gelegen haben kann, und wenn 72 nicht in Ehörbet Miilieh, dem Hafcnpunkte, wo lag es dann? Es hing doch nicht in der Luft! Einzig fehlt noch, daß man von Kefr Lam bei Dora am Mittelmeer» welches die Krcuzpilger auch für Kapharnanm nahmen, einen Einwurf gegen mein Kefr Minieh, das Christendorf ableite — wie taktvoll wäre dies, und welch papierne Erudition! Doch darum keine Feindschaft, im Gegentheil jedem strebsamen Doctor der Theologie freundlichst von mir die Hand gedrückt. Lichtmesse, 1897. Pros. Dr. Sepp. (Schluß folgt.) Stilln von Abenberg. Von Adam Hirsch mann. (Fortsetzung.) Besagter Urkunde zufolge hatte der Vater des Grafen Napoto von Abenberg in der Vorstadt dieses Ortes ein Klöstcrlei» gegründet, und zwar an einem unpassenden Platze; znr Sustentation waren auch die nothwendigen Güter bcigegeben worden. Da jedoch der erbberechtigte Sohn nicht um seine Einwilligung befragt worden war, so bestritt er vor dem bischöflichen Gerichte die Rechts- giltigkeit der Gütervergabung. Die aufgebrachten Zeugen bestätigten die Angaben Napoto's, so daß der Bischof, wenn auch nur nngcrne, ihm das Eigenthnmsrccht an den zu klösterlichen Zwecken bestimmten Gütern Zuerkennen mußte. Jedoch die Bischöfe von Wllrzburg und Bamberg bestimmten den Grafen Napoto, daß er jene Güter der Kirche in Hcilsbronn am Tage ihrer Ein- »veihnng zuwendete."') Gegen die Aechtheit dieser Urkunde konnte zunächst eingewendet werden, daß sich Bischof Burkhard nur üu- milis Provisor s. Dzwtettonsis eoolasiao nennt. Aber kann denn „Provisor" nicht identisch sein mit snpor- mtenciens? kann es nicht die genaue, wörtliche lateinische Wiedergabe des griechischen episoopns sein? Nannte sich doch auch Gebhard II. noch gegen das Jahr 1132: Provisor der Kirche Eichstätt (Lefflad, Regesten nr. 215), obwohl an eine interimistische Verwaltung der Diöcese gar nicht mehr gedacht werden konnte. Auch Sigfrid nannte sich mehrfach: äivina cooxsrants olsmentia wirbeln,rgonsis Irurnilis wivistsr (Euglert, Geschichte der Grafen von Truhendiugen, Regest nr. 135, wo indessen der Druckfehler äamentia stehen geblieben ist, nr. 142; cool. p. 142).°^) Auch die später erfolgte Einweihung der Hcilsbronner Kirche, welche von Fuchs gegen das Jahr 1150 hinanfgcrückt wird (25. Jahresbericht d. Histor. Vereins in Mittelst'. 1857, 17), spricht nicht gegen die Aechtheit der Urkunde, welche das Datum 1136 trägt. Denn die Jahreszahl 1136 zeigt, da sie sich für kein Fertignngsdatnm ausgibt, nach Snttncrs Meinung das Jahr an, in welchem Graf Napoto die Abenberger Klause mit ihren Gütern einzog und so den kirchlichen Besitz unterbrach. Um die Hotam sit iZitur uoiversis eeelesiae üdelillus, qoaUter eomes Ralllloto eelllckaio guandam in sullurllio Xlieulle/Kias a patrs suo loeo ineomxotouti mivns dis- ercts inelloataar eum prediis silli appeiideutillus in pras- seutia rroslrs et totiuL eeelesiae aostras iv possessiouem suas xroprietatis aollis reuitentibus et pro passe uostro deilluclentillus, ordin« judiciario olltinnit, eomprollans te^ Obus le^itiinis siue assensu suo rem psrpetratam irritam 0880 ckobero. Hocker, Heilsbr. Zlntia.-Schatz 8 upxl. I, 71. Lcsslad, Regesten in. 218. °) 1197 nennt sich Hartwig, welcher 1195—1223 die Di .iccse Eichstätt regierte, Listetensis eeelesiae minister, Lcsslad, Regesten ur. 327. (laut'. Hocker l. o. supxl. 1,72. spätere Restitution zu einer rostitntio in iviegrum rechtlich zu machen, wurde dann der Schenknngs- bczw. Einwilligungsakt des Grafen Rapoto auf 1136 zurückversetzt: aokum anno 1136 (Past.-Bl. 1862, 146). Untersuchen wir nun an der Hand dieser Urkunde die Skilla-Legende. Napoto's Vater (der Name wird in der Urkunde nicht genannt) hatte ein Klösterlein in susturbio tlksn- borZae looo inooinpokonli minus äisoreko einzurichten begonnen. Was bedeutet hier sulmrdium? In der klassischen Latiuität kommt dieses Wort nur einmal vor: 6io. stliil. XII, 10; Schellcr (latcin.-dentsches Lexikon 1788, III» 6648) übersetzt es: vielleicht Vorstadt; in der mittelalterlichen Sprache bedeutet es: die nächste Umgebung einer Stadt oder Umgebung, auch den unter einem Schlosse gelegenen Flecken (Past.-Bl. 1856, 125). Betrachtet man nnn die Lage von Abenberg, so kaun die an das Schloß sich anschmiegende Hänsergruppe vom Standpunkte der Burg aus sehr wohl mit sud- urlüum bezeichnet werden, wie denn auch Hocker es mit „Vorstadt" wiedergegeben hat. In dieser Auffassung werden wir bestärkt durch die weitere Angabe, daß das Klösterlein an einem ungeeigneten Platze mit wenig Verständniß angelegt worden sei. Die Bodenbeschaffenheit der nächsten Umgebung des Abenberger Schlosses, dessen Maucrwerke heute noch Ucberreste des früheren Mittelalters ausweisen, ist sehr steinig, steil ansteigend und in Folge dessen wasserarm. Wenn nun die späteren Aufzeichnungen zu berichten wissen, daß Stilla's Klosterüan hauptsächlich wegen der Sprödigleit des Bodens und wegen Mangels an Wasser aufgegeben worden sei, so treffen diese Umstände viel weniger bei dem tiefer gelegenen, von der Burg ungefähr 1 Kilometer entfernten Terrain der Petcrskirche, als bei jenem der Jakobskapelle zu. Hier konnte der nöthige Raum für ein Kloster und für ein Gotteshaus nur mit Ueberwindung großer Tcrrainschwierigkeiten gewonnen werden. Daß die Mönche in Abenberg sich wirklich bei der Jakobskapellc niedergelassen, letztere wohl auch erst gebaut haben, dürfte aus der oben berührten Gebietsrcgelung des Grafen Rapoto mit dem Kloster Heilsbroun erschlossen werden, wornach ein halber Mansns des von den Klosterlenten urbar gemachten Bodens bei der Kapelle des hl. Jakobus zu verbleiben hatte. Napoto's Vater hatte einige Güter dem Dienste Gottes bestimmt, wie die Urkunde besagt, aber nach deutschem Rechte konnten ohne Einwilligung des erbberechtigten Sohnes keine Familiengntcr veräußert werden: On der Erben gelop undc ohne echte Ding mag kein man fei eigen gut (altockium) vergeben. (Past.-Bl. 1856, 126.) Ueber dieses Recht äußert sich Wolfram von Eschcnbach in seinem Parzival mißmnthig: Lie pkeKeot's noll als wau's do ptlae sva lit und vmllisell Korillte lav. des xiliZ'st voll tintseller erde ein ort: das Nächst ir aus mioll Kellert. swer ie da ptlae der lande der Ksbot vvol ane sellands (dar ist ein warllelt swrder rvLu) das der aldsst llruoder solde llan s!os vatsr Kaoseu erbeteil. das vas der jauKeru aullsil das in der tät die pkillte llraoll als in ir vatsr lelleu verjaell. dL vor rvas es Zemeiue: sus llat's der alter eins. .... llüneLv, Kravsv, llersoZen 73 (ckL2 LLZ' iek iu für UNK6lOK6ll) ÜL 2 ckis ckä Iiuobe enterbst sint uns an ckas eltssts Lint, ist ein fremäiu Lsobs. (Bartsch. Parzival I, 117—141.) Auf Grund dieser „sonderbaren Einrichtung" forderte Rapoto nach seines Vaters Abscheiden die Güter zurück, zu deren Vergabung an ein Kloster er nicht um seine Einwilligung angegangen worden war. Er nimmt keine Rücksicht auf seine Schwester Stilla, zu deren Gunsten der Vater das Klösterlein gegründet hatte, sondern er beschreitet den Klageweg vor dem bischöflichen Gerichte, das hier wegen des religiösen Charakters der Kloster- güter zuständig ist. Bischof Burkhard sucht zwar den Willen des Vaters anstecht zu erhalten und die Existenz des Abenberger Klosters zu retten, allein angesichts der zeugschaftlichen Aussagen muß er die Berechtigung der Klage Rapoto's anerkennen und demselben das Eigenthumsrecht auf die in Frage stehenden Allodialgüter zusprechen. Bei der Einweihung der Kirche zu Heilsbronn bringt jedoch auf vielfältiges Zureden Rapoto es über sich, diese Güter dem Kloster der Cistercienser zu schenken. Anwesend waren hiebet außer dem consecrirenden Bischöfe von Eichstätt der Bischof von Würzbnrg und Bamberg nebst den Aebten Marquard von Fnlda, Adam von Ebrach, Rabboto von Heilsbronn, Wignand von Theres, Ortlieb von Neresheim, Adelbert von Ahansen und anderen Adeligen beiderlei Geschlechtes. Aber Niemand legt ein Wort für Rapoto's Schwester ein, ja sie wird in der Urkunde gar nicht genannt, obwohl der Bischof von Würzbnrg, Sigfrid, dem Hause der Grafen von Truhendingcn entstammte, dem auch Stilla's Mutter nach der legendären Voraussetzung angehörte; aber er achtet die verwandtschaftlichen Beziehungen zu Stilla so wenig, daß er für die Vergabung jener Güter, welche der Vater zur Gründung eines Klosters in Abenberg nach dem Herzenswünsche seiner einzigen Tochter bestimmt hatte, an Heilsbronn eintritt! Oder ist vielleicht Stilla im Jahre 1149 — 1150 nicht mehr unter den Lebenden ge- lvesen? Aber Rapoto's Schwester Hcdwig, mit welcher Stilla vielfach identisizirt wird, lebte noch 1152?") Vor ihrem Hinscheiden soll Stilla in die Zukunft geschaut und vorausgesagt haben, daß etwa nach 350 Jahren doch noch ein Kloster in Abenberg entstehen würde: sicherlich ein sehr unzureichender Trost nach einem Verlornen Prozesse! ") Mütter (I. o. S. 47) hält es für wahrscheinlich, daß Stilla um das Jahr 1160 gestorben sei. Damit fällt aber auch die Berechtigung des Satzes: „Doch ihr frühzeitiger Tod hinderte die Ausführung ihres heiligen Planes" (Müller t. o. S. 7), nämlich neben dem Pctcrskirchlein ein Nonnenkloster zu erbauen. Denn wenn schon im Jahre 1136 gelegentlich der Kircheneinmcihuug zu Abenberg Stilla aus der Hand des Bischofes Otto vom Bamberg den Schleier als Zeichen klösterlichen Lebens empfangen hat, wie Müller S. 6 zuversichtlich behauptet, so war doch von 1136—1160 für die Grafeutochter Zeit genug gegeben, ein Klösterlein bei der Pcterskirche zu erbauen. Dann aber erscheint es noch unerklärlicher, warum in der Urkunde des Bischofes Burkhard Stilla's Name gar nicht genannt wird, warum nicht einmal ihr naher Verwandter, Bischof Sigfrid von Würzbnrg, zu ihren Gunsten sich aus- sprach, sondern die bestrittenen Allodialgüter nach Heilsbronn vergabt werden ließ. Wenn Rapoto die väterlicherseits für ein Kloster bestimmten Güter doch herausgab, obwohl ihm das kirchliche Gericht das Eigenthumsrecht an denselben zuerkannte, so wäre es wohl dem menschlichen Kerzen entsprechender gewesen, wenn dieselben der eigenen Schwester überwiesen worden wären. Uebrigens währte es nicht solange, bis in Abenberg abermals eine Klostergründung versucht wurde. Bischof Reimboto von Eichstätt hatte durch Urkunde vom 7. März 1296 Stadt und Beste Abenberg um 4000 Pfd. Heller von dem Burggrafen Konrad dem Frommen und seiner Gemahlin Agnes von Nürnberg erkauft. (Nounmouta, Aollarurm II, 241 nr. 411.) Dorthin nun verlegte Reimboto das von dem Nürnberger Burggrafen am 22. Juli 1294 gegründete Stift von Säkular- klerikcrn zum hl. Nikolaus in Spalt?") (LIom Kolter. II, 224 nr. 391.) Zugleich gründete er am 11. Febr. 1297 bei dem neuen Stift „von werutlichen Chorherr», der angchaben ist zu Spalt und von gcsprcchens wegen gen Abenberg gelegt ward," der besseren Regierung wegen ein Propstamt, das der Magister Ulrich nur vorläufig ausgeübt hatte, und dotirtc dasselbe mit einer Pfründe zu Abenberg, durch Jnkorporiruug der Pfarrei Meuig (Möniug bei Freistadt), durch eine Pfründe zu Herrieden und durch eine Schankung von jährlich 10 Pfd. Heller, weiche der Bischof selbst bisher von Häusern und Bauern zu Altcuvelden bezogen hatte. (Lefflad, Regestcn nr. 791.) Am 7. Mai 1300 inkorporirte Bischof Mauegold von Würzbnrg die Kirche in Weiler bei Schwabach ganz dein Stifte bei der Kirche des hl. Jakobus in Abenberg; indessen schon am 19. August 1300 installirte Bischof Konrad das St. Nikolaistift wiederum in Spalt, wo es, 1619 mit dem älteren, seit 1037 bestehenden St. Emmerausstifte vereiniget, geblieben ist bis zur Klosteraufhebung am Anfange des 19. Jahrhunderts. (Non. 2oIIsr. II, 269 vr. 438; Lefflad, Regesten nr. 794.) "°) Nach Ried, oockox ebronoloKieo-ckipIomatious epis- seopatus Ratisbonensis (1816) I, 10 vr. 15, schenkte 810 Graf Ekkebcrt dem Bischöfe Ädalwin von Regensbnrg als Abt des Klosters St. Salvator Güter im Rangan, wo die Flüsse Piparodi zusammenfließen. Das Cönobmm 8. 8alvatoris lag im Sualafelde. I'avta gutem est, sagt der Schlußsatz der sehr umfangreichen Urkunde, anno ck. ine. 910 in ipso loeo, gv äieitur kixmrocki. Während Suttner (Past.-Bl. 1862. 136) mit Jänner, Geschichte der Bischöfe von Rcgcnsburg 1.154, das Kloster St. Salvator nach Spalt verlegt, glaubt Haas (Der Rangan S. 21,24) dasselbe in Rauhenzell bei Herrieden suchen zu müssen, wo allerdings bis 1808 eine gerne aufgesuchte St. Salvators- kapelle stand. In dem Güterverzeichnisse Arnolds wird die Verehrung des hl. Emmeran bewiesen durch die zahlreichen Güter, welche dem nach ihm benannten Kloster in Regensburg allenthalben zuerkannt wurden: g<1 orisntem provlnciae lluins ttunsetaeus optimo pisee vivickus (Mondsee, 831 nach Regensbnrg von Ludwig dem Deutschen und seiner Gemahlin Hcmma vergabt), nulle rsxsius eibus; all oeeillentein vero vinit'cr eespss 8pgtticus, e gno reZius potus. (21. O. 88. IV, 550.) Sollte in dem gegenwärtig durch Hopfcnbau berühmten Spalt früher Weinbau gepflegt worden sein? Jänner (I. v.) bezieht diese Stelle auf den Spalter Hopfen. 1272 belehnte Bischof .Leo von Regensbnrg die Burggrafen Friedrich und Konrad 'von Nürnberg mit Spalt und drei Theilen von Ornbau. (Ried I. o. I, 526.) Am 28. Juni 1295 verkaufte Konrad Spalt und Sandeskron an den Bischof Reimboto von Eichstätt um 1000 Pfd. Heller. (Lefflad vr. 764.) Nach Fuchs (25. Jahresbcr. des Hist. Vereins iu Mittelfrauken 1857 S. 19—20) wurde Spalt mit Sandskron (Nagelhof an der Rezat) erst 1297 von Reimboto erkauft und das Kollegiatstift von Abenberg nach Spalt zurückverlegt. Bergt. 2Ion. Toller. II, 245 nr. 414. Die banales Haies» brunnenses melden zum Jahre 1295: llurKKigvins junior (Oonrgllus) tres silios suos maueipat orllrni Dbeutoni- vorum vuin eustro in VirnspsrZ; lunckavit iurnWer canonias jnxtra eastrum ^benberA, translatas posteg in 8palto. Oestrmn vero et formn in 8pslt et esstrum in Lauser venllillit exiseopo Keimbotoni bFststtensi. (21. 6. 88. XXIV, 45.) 74 Von Bischof Reimboto berichtet Müller (I. o. p. 27), , daß er im Jahre 1290 einen Altar in der Ehre der hl. Stilla zu Abenberg errichtet habe, mit Berufung auf das Eichstätter Pastoralblatt (1856, 119), welches schreibt: -Diese Angabe hat eine Einwendung nicht zu befahren, indem aus Greiser gewiß ist, daß eine Angabe über die frühe Errichtung eines Altares vorhanden war, auch wenn dieser Geschichtsschrciüer in der Handschrift von 1594 den Namen Gnndekar II. gelesen hat, der im Jahre 1290 längst todt war. Der Nebdorfer Chorherr Maximilian Münch dagegen huldigte der Anschauung, daß schon Bischof Hartwig aus dem Hause der Grafen von Hirschberg (1195—1223) den Altar errichtet habe, weil nach der Legende noch 1594 ein portraitähnliches Bild Stilla's in der Pcterskirche vorhanden war, welches im Uuglücks- jahre 1675 durch Feuer vernichtet wurde. Dagegen ist zu bemerken, die ältesten Aufzeichnungen, denen Greiser und Koch gefolgt sind, ebenso die noch im Pfarrarchive zu Abenberg vorhandenen Ausschreibungen der Jahre 1593 und 1594, welche dermalen die ältesten Dokumente bilden, lassen durch Bischof Gundakar II., dessen Heiligkeit und Frömmigkeit besonders hervorgehoben wird/') die Peterskirche eingeweiht werden, wie wir schon oben angaben. Daß aber Bischof Hartwig. oder Reimboto einen Altar in der Ehre Stilla's erbaut haben, ist zwar vielfach behauptet, aber. noch niemals erwiesen worden. Weder das Pontifikale Gnudekars 11.^) noch die Eich- stätler Historiographen, wie Greiser (tom. X, 855, 857), Faläenstein (Jntiig. Xorci§. I, 141, 158—161), Lefflad (Regesten nr. 325—395 zu Hartwig, nr. 607—797 zu Reimboto), noch andere Urkunden gedenken dieses Um- standes. Da aber gleichzeitige Quellen und urkundliche Belege fehlen, so müssen wir die widersprechenden Angaben späterer Jahrhunderte als unhistorisch abweisen. Auch die Urkunde des Bischofes Burkhard steht zu Stilla in keinerlei Beziehung. Die Legende erzählt ferner, daß Stilla von der Höhe des Schlosses zu Abenberg ihren Handschuh in die Lüfte geworfen mit den Worten: „Wo man diesen findet, da will ich begraben werden." Wunderbar traf es sich, daß der Handschuh in der Peterskirche aufgefunden ward, gerade an der Stelle, wo Stilla späterhin begraben wurde. Aehuliche Ueberlieferungen finden sich zahlreich vor. Auf dem Schwanberger Hofe bei Kitziugcn soll der König Pipin Hof gehalten haben. Da geschah es eines ") Bei der Erhebung der Religuien Gundakars im Jahre 1309 durch Bischof Philipp von Natsamshausen floß aus den Gebeinen reichlich Oel, und feist noch bemerkt man am Grabsteine Gundakars besondere Oeffnungen für die Röhren, durch welche das Oel herausgeleitet wurde. (Past.-Bl. 1836, 135, 158.) Das Pontificale Gundekars widmet in seiner Fortsetzung dem Bischöfe Reimboto, welcher Los olori, äsous orbis, rsßnUa vow genannt wird, eine ziemlich ausführliche Biographie, erwähnt den Ankauf von Abenberg, Werdenfels und Spalt, schweigt aber vollständig über Stilla und ihren Altar. Wenn Sar (Die Bischöfe von Eichstätt S. 147) gleichwohl durch Reimboto einen Altar zu Ehren Stilla's im Jahre 1290 eingeweiht werden läßt, so ist er leider für seine Behauptung den urkundlichen Beweis schuldig geblieben. In der Goldbnlle des Königs Philipp zu Gunsten des Eichstätter Bischofes Hartwig über die Theilung der Kinder aus Heirathen zwischen erbeigenen Dienstleuten des Reiches oder des Königs einerseits und Dienstmannen der Eichstätter Kirche anderseits vom 14. September 1199 erscheint als Zeuge: Graf Heinrich von Abenberg. (Lefflgd, Regesten ur. 336.) Tages, daß ihn seine Tochter Hadeloga bat, ihr eil Stück Landes in der Gegend zu schenken, um ein Kloster zu bauen. Pipin erfüllte ihren Wunsch. Da zog Hadeloga ihren Handschuh aus, um dem Könige die Hand zum Danke zu reichen. So ergriff der Wind den Handschuh und führte ihn durch die Lüfte über den Main hinüber. An dem Ufer des Flusses weidete Kitz, ein Hirte des Königs, seine Heerde. Dieser hob den Handschuh auf und brachte ihn der Königstochter. Hadeloga erkannte dieses für einen Wink des Himmels, an der Stelle, wo der Handschuh niedergefallen war, ein Kloster zu bauen, wie solches denn geschehen im Jahre des Herrn 745. (Schöppner, Sagenbuch der Bayerischen Lande I, 226.) Albcrada, die Gemahlin des Markgrafen Hermann, eines Vohburgers oder eines Abenbergers, warf ihren Handschuh in die Luft und stiftete mit ihren Eigcngütern im Bauzgau das Benediktinerkloster Bauz zwischen 1058 und 1069. (Kirchenlex. I, 1967.) Von der hl. Kuni- guudis geht die Sage, daß sie drei Kirchen an jenen Stellen zu bauen sich vornahm, wo die drei Schleier gefunden würden, die sie vom hohen Söller des Schlosses zu Bamberg fliegen ließ. Als sie einst zum Altare ging, um das übliche Opfer zu entrichten, zog sie den Handschuh aus und warf ihn sorglos von sich. Ein Sonnenstrahl jedoch habe denselben getragen, bis die fromme Fürstin vom Altare zurückgekehrt sei. (Greifer X, 558; Schöppner, a. a. O. III, 98.) Im Gegenbilde zu diesem Handschuh- oder Schleier- werfen warf Graf Arnold von Scheyern, da seine Vettern ihr Erbgut einem Kloster schenkten, zornig seinen Handschuh in die Luft mit den Worten: „Seinen Antheil soll der Teufel haben"; der Handschuh verschwand und kam nicht wieder. (Past.-Bl. 1856, 126.)--») Aus diesen Sagen läßt sich erkennen, wie der Handschuh im deutschen Volksleben des Mittelalters als Rcchts- symbol der Uebertraguug einer Gewalt über Personen oder Sachen diente. Daher findet sich die Uebergabe eines Handschuhes als äußeres Dokument bei Verlobungen, bei Uebcrwcisnng von Besitzthum und bei Er- theilnug von Vollmacht. „Hut und Handschuh, sagt Grupp (Cnlturgcsch. des Mittelalters II, 117), wies auf eine Gewalt hin, welche über den Besitz hinausgeht. Der Handschuh bedeutet den Zwang und Bann, den der Grundherr über seine Leute ausübt." Wenn demnach Stilla ihren Handschuh nach der Peterskirche wirft, so soll damit gesagt sein, daß sie ihr Vermögen zu Gunsten dieser Kirche und des beabsichtigten Klosterbaues verwendet wissen wollte. (Fortsetzung folgt.) Santiago de Compostela im Jubeljahr 1897. (Schluß.) Indem nun unser Heiliger Vater Leo XIII. in derselben Bulle die Sentenz Sr. Eminenz des Cardinals Bei Schöppner (l. v. III» 331) wird die Sage etwas anders erzählt: Als Graf Arnold einst auf der Brücke zu Scheyern stand, entbrannte er in unsinniger Wuth, riß seinen Handschuh aus, warf ihn hoch in die Luft, indem er sprach: „Da, Teufel, nimm den Handschuh zum Unterpfand, daß ich mich selbst und meinen Antheil an Bayern Dir zum Eigenthums gebe!" Kaum hatte er die Worte aus den. Munde, als der Landschuh verschwand. Der Böse faßte aber auch den Pfandgeber beim Kopfe und führte ihn mit sich weg vor Vieler Allgen; nachdem er 75 » » Papä y Rico. sowie das Dekret der päpstlichen Special- conqrcgation bestätige und die Echtheit der neu aufgefundenen Reliquien des hl. Jakobns und seiner beiden Schüler aussprach, sagt er wörtlich: „Wir kündigen an und befehlen allen Unseren ehrwürdigen Vrüdern, den Patriarchen, Erzbischöfcn und Bischöfen, sowie den übrigen Prälaten der Kirche, daß sie feierlich und in der ihnen geeignet scheinenden Form gegenwärtiges Schreiben in ihren Provinzen, Bisthümern und Städten zn dem Zwecke veröffentlichen, daß dieses glückliche Ereigniß allenthalben bekannt und von allen Gläubigen mit verdoppelter Frömmigkeit gefeiert werde, sowie daß aufs neue nach der Gewohnheit Unserer Vorgänger Pigerfahrten zu jenem hl. Grabe unternommen werden. Und da die edle spanische Nation durch den wunderbaren Beistand des hl. Jakobus ihren katholischen Glauben unverfälscht bewahrt hat, und in der Absicht, es möge ihr der barmherzige Gott die Gnade verleihen, mitten in der Fluth von Irrthümern durch Fürsprache ihres himmlischen Schützers sich in der Heiligkeit der Religion ihrer Väter und in der Gluth der Frömmigkeit zu befestigen: so bewilligen Wir das ausgedehnte, von Unserem Vorgänger Alexander III. gegebene Privileg d. h. einen vollkommenen Jubelablaß in dem Jahre, in dem das Fest des hl. Jakobus (25. Juki) aus einen Sonntag fällt, auch für das nächste Jahr, in welchem die Auffindung und Erhebung des Leibes des hl. Apostels gefeiert wird; es seien die nämlichen Privilegien ertheilt, die in der Constitution des nämlichen höchsten Oberhauptes vorn 25. Juni 1179 enthalten sind." Unsere vielgeliebten Mitbrüder Unserer Provinz bitten Wir zärtlich, sie möchten in ihren Diöcesen zahlreiche Pilgerfahrten veranstalten, für dieselben die ihnen passend scheinende Gelegenheit auswählen und nach Belieben festsetzen. — Alle Unsere geliebten Diöcesanen ermähnen und beauftragen Wir dringend, im nächsten Jahre von neuem die bisher bewiesene lautere Andacht zu den: hl. Apostel zu zeigen, zur Gewinnung des Jubelablasses sich würdig vorzubereiten und den reichen Schatz geistiger Güter nach Derniögen sich zu Nutzen zu machen. Man vergesse nicht, wie leicht die Bedingungen sind, da die päpstliche Bulle nur den Empfang der hl. Sakramente der Buße und des Altars verlangt nebst dem Besuch der Basilika, in der man nach Meinung des Heiligen Vaters beten soll: man ist nicht etwa verpflichtet zn besonderen Fasten, zu Almosen oder anderweitigen Kirchenbesuchen, wie das für Gewinnung des Jubiläumsablasses im „heiligen Jahre" zu Rom vorgeschrieben ist. Wollten wir die Bedeutung der Wallfahrten nach Compostela besonders hervorheben, so bräuchten Wir nur auf die schwierigen Verhältnisse hinzuweisen, in welchen die Kirche Christi und ihr Statthalter sich befinden, der als Gefangener im Vatikan der Freiheit und Unabhängigkeit beraubt ist, die ihm nach göttlichem Rechte gebührt : ferner auf die traurige Lage Unseres Spanien, das sich gleichzeitig zur Führung zweier kostspieliger Kriege genöthigt sieht, um den Aufstand undankbarer Söhne und rebellischer Unterthanen zu unterdrücken, welche durch die Freimaurer gegen Thron und Altar aufgestachelt werden, jene Sekte, deren teuflische Arbeit von Uns, als Wir noch Erzbischof von Santiago auf Cnba waren, gezeichnet worden ist und die sich jetzt in ihrer ganzen abschreckenden Häßlichkeit auch den Blicken derjenigen nicht verbirgt, die Uns im Verdacht der Uebertreibung hatten. Und da die großen Opfer, die Spanien zur Aufrechterhaltung seiner gesetzlichen Rechte bringt, sowie die vaterländischen Kundgebungen, welche die ganze Nation veranstaltet» leider nicht hinreichen, um den Sieg und langer: ehnten Frieden zn erringen, so bleibt kein anderes Mittet übrig, als zum Herrn der Heerschaaren Zuflucht zu nehmen, der da waltet über die Reiche und nach seinem Gefallen Sieg verleiht, auf daß er durch die mächtige Fürsprache unserer lieben Frau von Pilar'") und unseres Apostels, des hl. Jakobus. uns die Wiederherstellung der vollständigen Ordnung, des ihm das Genick gebrochen, warf er den Leichnam in das Ried der Weiher zu Scheuern. Ueber das Alter dieses Klosters s. Götz I. o. I. 371. "h blneärs Sonors, ckel Uilar (Unsere liebe Frau von der Säule) zu Zaragoza, der alten Hauptstadt Arragoniens am Ebrostraude, zählt neben dem Montserrat zu den berühmtesten marianischen Gnadenortcn Spaniens. Vcrgl. den „Sendboten für katholische Vereine und Freunde der reinen Glaubens und der sicheren Ruhe in allen spanischen Gebieten gewähre. Wir erwarten von Unserem geliebten Diöcesanklerus» daß er im kommenden Jahre mit Eifer sich der Pilgerfahrten nach Compostela annehme, und verordnen, daß alle Pfarrer Unserer Erzdiöcese an mindestens zwei Festtagen beim Offertorium der Pfarrmesse dieses Unser Hirtenschreiben vorlesen und ihre Pfarrkinder zu entsprechender Vorbereitung für Gewinnung der Gnaden des vollkommenen Ablasses ermähnen sollen. Gegeben in Unserm crzbischöflichcn Palaste zu Sau- tiago de Compostela, unterzeichnet von Uns, versehen mit dem Siegel Unserer Würde, und gegengezeichnet von dem unterfertigten Kammer- und Regierungssekretär am Tage der unbefleckten Empfängniß der allerseligsten Jungfrau Maria, der Patronin Spaniens und feiner indischen Besitzungen, am 8. Dezember 1896. v Joseph, Erzbischof von Santiago de Compostela. Im Auftrag Sr. Eminenz, meines Herrn Ludwig Eugen del Blanco Alvarcz, Sekretär. * » » Bei der bekannten, durch Jahrhunderte erprobten Verehrung des spanischen Volkes zu seinem hl. Patron, dem Apostel Jakobus, wird in den spanischen Landen der Einladung des Erzbischofcs, zur Gewinnung des Jubel- ablasses Pilaerzüge zum Grabe des Apostels zu unternehmen, ohW Zweifel in großartigster Weise entsprochen werden. Hoffentlich bleibt die Einladung auch im Aus- land nicht wirkungslos. Ob wohl von Deutschland, speciell von München aus unter der bewährten Anordnung des hochw. Canonicus und päpstl. Geheimkämmerers, Msgr. Hermann Geiger, sich eine Pilgerkärawane zum Grabe des hl. Apostels in Bewegung setzen wird? Ohne Zweifel, sobald sich genügend Theilnehmer melden werden. Bereits viermal gingen von München aus Pilgerzüge Santiago, in den Jahren 1887, 1891, 1894, 1896. Daß deutschen Pilgern in Santiago, wie auch sonst überall in Spanien, die freundlichste Aufnahme zu Heil wird, davon können Alle mit dankbarer Rührung erzählen, die aus Erfahrung sprechen, so auch der Schreiber dieser Zeilen, welcher 1894 und 1896 die Karawane führte. In Santiago selbst, einer alten Universitätsstadt, leben zwei Professoren der Hochschule, welchen es die größte Freude bereitet, katholischen Pilgern aus Deutschland in jeder Weise gefällig zn sein. Der eine dieser Herren ist Don Jose Fernändez Sänchez, ein ebenso frommer tote gelehrter Mann, der den Lehrstnhl für Geschichte an der Universität innehat; derselbe gab vor einigen Jahren einen unübertrefflichen „Führer von Santiago und seiner Umgebung" (Onia cka LantmZo x mm wirocksciores) heraus, den er in echt spanischer Liebenswürdigkeit sämmtlichen Mitgliedern unserer Reisegesellschaft zum Andenken mit in die Hcimath gab. Ein anderer Freund der deutschen Pilger ist Don Candido Rios h Rial, ein Gelehrter mit großen Sprachkcnntnisscn, der besonders als Kenner der deutschen Sprache sich um die Pilgcrkarawane von 1896 die größten Verdienste erwarb. Seiner Güte verdanken wir auch, wie schon Eingangs erwähnt, die Zusendung des von uns übersetzten Hirtenbriefes. Es wird diesen Herrn, der sich der Deutschen so liebevoll erinnert und so hoch für sie intcressirt, gewiß freuen, zu vernehmen, daß aus seiner Veranlassung die Einladung des Oberhirten von Santiago zn Pilgerfahrten bei den Deutschen bekannt geworden und in einer bayerischen Kirche" 1896 Nr. 4, 5, 6, 7. Die Spanier führen den Gnadenort auf den hl. Apostel Jakobns selbst zurück! 76 Zeitung verbreitet worden ist. Daß endlich auch der Erzbischof von Santiago selbst die katholischen Pilger aus Deutschland in huldvollster Weise empfangen wird, geht nicht bloß aus dem Inhalte seines schönen Hirtenschreibens hervor, dafür bürgen auch die überaus freundlichen Worte, womit derselbe bisher die Mitglieder der Münchener Karawanen auszeichnete, sowie auch die Anordnungen, die er jedesmal treffen ließ, um den Pilgern mit zartester Rücksicht Führung und .Hilfe zukommen zu lassen, namentlich den Priestern, denen er die bei großem Andrang nicht immer leichte Möglichkeit bot, in der Krypta des hl. Apostels zu celcbrircn. Bei der letzten Pilgerfahrt, im Frühjahr 1896, beschenkte der hohe Kirchcufürst jeden der Priester unserer Gesellschaft mit einem von ihm selbst verfaßten Buche „Lraviarium pro meelitationd all usurn olsiiooruni". Wie sehr dieser für den hl. Apostel begeisterte Würdenträger deutsche Wallfahrtszüge zum Grabe des hl. Jakobus wünscht, das erhellt am deutlichsten aus L.u Worten eines Briefes, in dem er am 11. Mai 1891 die Ankunft von zehn Münchener Pilgern in Santiago dem Veranstalter der zweiten Karawane, Msgr. Geiger, anzeigte: „Möchte doch heute das Beispiel dieser zehn Pilger recht viele andere bestimmen, zur Kundgebung ihres katholischen Glaubens dieselbe Pilgerfahrt zu unteruWien, damit Europa auf die Fürbitte des Einen von Mr „Donnersöhnen" von seinen Irrthümern erlöst werde,'und damit das Licht des Evangeliums den ganzen Erdkreis erleuchte, auch jene, „welche in Finsterniß und Todesschatten sitzen". Zu jenen zehn Pilgern selbst aber äußerte er bei der Audienz: „Möge ein frommer Geist wieder deutsche Wallfahrten nach Santiago ins Leben rufen und jeder Priester mindestens zehn Laien mit sich bringen!" Welch herrliche Worte für jeden Verehrer des großen Apostels! Welch liebevolle Einladung aus solchem Munde zur Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela! Welche Freude wäre es für den hochwnrdigsten Kirchenfürsten von Santiago, wenn sich recht viele katholische Pilger aus Deutschland im ,,Mo sunto" am Grabe des „6man chpostol" einfinden würden! Wir Bayern besonders sollen eine Ehre darein setzen, zahlreiche Verehrer zur berühmten Gnadcnstätte Spaniens zu stellen. Vergessen wir nicht, was wir deni ritterlichen Volke Spaniens verdanken. Wenn diese Helden, vertrauend auf die Fürbitte des hl. Jakobus, nicht in blutigen Schlachten die wilden Sarazenen zurückgeworfen hätten, wenn der Halbmond den Sieg über das Kreuz errungen hätte und immer weiter vorgedrungen wäre, welch fürchterliches Schicksal deutscher Christen hätte wohl besonders in süddeutschen Gauen der Griffel der Klio verzeichnet! Grund genug, uns der Andacht des spanischen Heldenvolkes zu seinem himmlischen Beschützer von ganzem Herzen anzuschließen. Auch Deutsche, Bayern haben seiner Zeit in spanischen Diensten gefochten und ihr Blut für den Glauben im hl. Kriege vergossen. Freundschaftliche und verwandtschaftliche Beziehungen verknüpfen die Fürstenhäuser Spaniens und Bayerns von uralter Zeit bis zur Gegenwart. Unser allbcliebtcr Prinz Ludwig Ferdinand Maria, kgl. Hoheit, Sohn eines bayerischen Prinzen und einer spanischen Prinzessin, ist der Gemahl der edlen, für jede gute Bestrebung begeisterten spanischen Infantil! Maria de la Paz, und selbst auch ein Großwnrdenträger des hohen Ritterordens von Santiago. Gelpiß würde es das erlauchte Prinzeupaar nur mit Freuden vernehmen, wenn recht viele Bayern im „heiligen Jahr" als Santiagopilger am Grabe des Apostels beten würden für die Erhöhung der Kirche und die Erhaltung unseres geliebten, angestammten Herrscherhauses, das auch in düsteren Zeiten stets dein katholischen Glauben treu geblieben ist und dem Bayernvolk, dessen Königstrene sprichwörtlich ist, ein hehres Vorbild gegeben hat. Der katholische Glaube, die treue Anhänglichkeit an die Kirche Christi ist es ja, in dem wir uns eins fühlen mit dem Volk der Spanier, das unter seinen glaubcnsmuthigen Fürsten mit der Waffe in der Hand die heiligsten Güter vertheidigt hat. Wenn ehedem deutsche Pilger in Schaaren auf beschwerlichen Wegen, durch unsichere Gegenden, in mouatelaugen Märschen nach Santiago pilgerten, so dürfen wir uns heute bei den beschleunigten, sicher führenden, bequemen und einfachen Verkehrsmitteln doch nicht von jenen übertreffen lassen! Darum, wenn die Frühlingssonne bei uns das erste Pflanzenlcbcn weckt und die bevorzugtere iberische Halbinsel bereits in einen Zauber- garten verwandelt hat, dann aus nach Spanien, dem Land des Glaubens und des Edelsinnes! Dort erklingt die wohllautendste Sprache*") eines Calderon und Lope de Vega, dort streben die herrlichsten Baudenkmäler, die es gibt, in das Blau des Himmels, dort wohnt gläubige Begeisterung im Herzen eines Volkes, das sich den Idealismus durch vielfache Mißhandlung des Schicksals nicht rauben ließ?") Darum, auf nach Spanien! Auf nach Santiago! 8. 6t. LiLerarisches. „Freunde und Feinde der Arbeiter", oder „Christlichsocial" oder „Socialdemokratisch?" Von vier Freunden' der Wahrheit. Verlag von A. Opitz, Warnsdorf (Nordböhmen) und Wien (VIII, Strozzr- gasse 41). Preis pro Exemplar 10 Psg. (franco 15 Pf.), 50 Stück 5 M., 100 Stück 7 M. 60 Pf. ** Diese 56 Seiten starke Broschüre bildet ihrem Inhalte nach ein eingehendes Anfklärnngsmittel, besonders über das Wesen und den Inhalt der socialdemokratischen Theorien. Bestrebungen uiw Znknnftspläne, und verdient angesichts des billigen Preises die weiteste Verbreitung. ") Daß der Pilger, der die spanische Sprache versteht, doppelten Nutzen und Genuß hat. ist klar. Das Spanische ist leicht zu erlernen, besonders für den, der die Grundlage aller romanischen Sprachen versteht, das Lateinische. Die beste span. Grammatik ist von Schilling (Leipzig, Glöckner, M. 4,00: dazu Schlüssel M. 1,50), in gedrängter Zeit genügt auch die Grammatik in Hart- leben's (Wien-Leipzig) Sammlung „Kunst der Polyglotte" (M. 2 00 geb.). Die Umgangssprache hat viele eigenthümliche Redewendungen; Hilfsmittel sind das „Lollo äs Llaäriä" (Leipzig, Giegler, M. 2Ü0 geb.), der „spanische Sprachführer" (Berlin, Herbig, M. 1,30), der dem letztverstorbenen deutschen Kaiser Friedrich bei seiner span. Reise gute Dienste geleistet hat, sowie das praktische Büchlein „Span. Sprachführer" (Leipzig, Bibliogr. Institut, „Meyer's Sprachführer", M. 3,00 geb.), für die Reise am besten, weil kleinstes Format und alphabet. Anordnung; als Lektüre zu Hanse sehr werthvoll ist Schilling's „von LasiUo" (Leipzig, Glöckner, M. 2,00) in Dialogform. Das beste Wörterbuch ist von Tolhausen (Leipzig, Tauchnitz, 2 Bde., M. 20,00 gebd.), das billigste Taschenwörterbuch in der Reclam-Bibliothek Nr. 3201—5 (Leipzig, M. 1,00), ein anderes bei Steinitz in Berlin (M. 400). Es mögen sich einstweilen nur recht Viele schlüssig machen zur Pilgerfahrt nach Spanien. Näheres wird demnächst in der „Augsburger Postzeitung" bekannt gegeben über Anfang, Kosten usw. der Reise. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Socialistische Theorien des Alterthums. L Es scheint, als habe die Menschheit ganz wie das Individuum ihre Wachsficber zu bestehen. Unsre Generation muß in neue Verhältnisse hineinwachsen, welche durch gewaltige Veränderungen des wirthschaftlichen Lebens, durch die Fabriken und durch die Vereinfachungen des Verkehrs entstanden sind, und daß dieser Vorgang nicht ohne Gliederschmerzen verlaufen werde, haben kluge Köpfe längst vorausgesagt. Jedoch Hand in Hand damit gehen geistige Umwälzungen, welche man so gerne als nothwendige oder doch bedingte Begleiterscheinungen jener wirthschaftlichen Revolutionen auffaßt. Es soll nicht bestritten werden, daß Beziehungen dieser Art vorhanden sind, aber die Fäden gehen nicht nur herüber, sondern auch hinüber. Mag immer die Stärke der geistigen Stürme durch diesen und jenen äußeren Umstand gesteigert werden, so haben sie doch sicher ihre eigenen Ursachen und ihre eigenen Formen, welche den gedachten Einflüssen wenig verdanken. Das lehrt die Geschichte des menschlichen Geistes, welche gewisse Arten der Gedanken immer wieder an die Oberfläche geworfen zeigt, trotz aller sonstigen Verschiedenheiten, und gerade für die socialen Theorien läßt sich dies durch einen Blick in das sogenannte klassische Alterthum treffend nachweisen. Man kann dort nicht von Maschinen, verbesserter Technik und ähnlichen schönen Dingen reden, und der Kapitalismus jener Tage unterscheidet sich denn doch wesentlich in bedeutenden Stücken von dem Kapitalismus der Neuzeit. Wenn in Folgendem versucht wird, die antiken socialen Theorien kurz und faßlich ihrem Hauptinhalte nach darzustellen/) so darf sich derjenige, welcher das Alterthum genau kennt, außer etwa in Einzelheiten, welche sich bei der selbstständigen Durchforschung der geschichtlichen Akten herausstellen, nichts Neues erwarten, aber der größere Kreis der Leser wird doch manches finden, was ihm unbekannt war. Die Entwicklung der socialen Verhältnisse war vor dem Auftreten der socialistischen Theorien, um es mit wenigen Worten zu sagen, folgende: An der Wiege des griechischen Volkes stand nicht, wie französische Forscher (Viollet, Laveleye) glauben machen wollten, der Kommunismus in Betreff des Grundbesitzes, sondern der Besitz war, entsprechend der genti- licischen Verfassung, — das haben P. Guiraud^) und R. Pöhlmann unabhängig von einander gefunden — ursprünglich den Familien oder Sippen zu eigen, d. h. im Grunde genommen Privatbesitz. Die Bevölkerungs- znnahme und der Fortschritt der Cultur, Vermögens- theilnugen und Arbeitstheilnng, menschliche Leidenschaften und geistige Verschiedenheiten trugen ihr Theil dazu bei, daß Klassengegensätze, Feindseligkeit von Reich- ') Auf Grund der Werke von Zeller (Die Philosophie der Griechen). Pöhlmann, Geschichte d. antiken Kommunismus und Socialismus. München 1893, Fr. Susemihl. Anmerkung zur Politik des Aristoteles, K. Kautsky, Die Vorläufer des neueren Socialismus. Stuttgart 1894, Geschichte des Socialismus in Einzeldarstellungen, 1. Bd. 2) lli» proprlöts koueisrs su 6rLes zusgu'a la oon- gusts Romains. Paris 1893. Gekrönte Preisschrift. S. auch die Anzeige von Tlnnn s er in der Berliner Philolog. Woch enschrist 1895 S. 80. thnm und Armuth, auch unter den Angehörigen desselben Stammes sich ausbildeten. Bereits Solon hatte mit großen Mißständen in dieser Beziehung zu kämpfen. Es wird von einer all- gemciuen Schnldenherabsetzung oder gar, von einem vollständigen Schnldencrlaß (Seisachthcia) und von einer Einschränkung der Latifundien durch den großen Gesetzgeber Athens berichtet. Das sociale Band, welches in den alten Geschlechtsgenossenschaften wenigstens gruppenweise die Glieder des Staates enger aneinander schloß, wurde durch Solon gelockert, der zugleich an Stelle des Geburtsadels eiuen Geldadel setzte, indem er die Bevölkerung nach dem Vermögen abstufte, aber auch entsprechend belastete. Weiter noch ging in der Zerstörung der alten Gcschlechtsvcrbäude Kle isthcnes. So war den Individuen freie Bahn geschaffen, und die Eon- ccntration von Kapital und Grundbesitz, begünstigt durch die ausgedehnte Sklavenwirthschaft, mußte zur Ver- schärfnug der Gegensätze führen. Nähere Fühlung des Einzelnen mit dem Ganze» wurde noch aufrecht erhalten durch die sogen. Leitnrgien. Es ist dies eine Art Steuer, welche die Reichen neben der Ertragsstcner traf. Gewisse Staatsbedürfnisse und Staatsansgabcn wurden von reichen Privatpersonen gedeckt. Die wichtigste Leiturgie war die Instandhaltung eines Flottenschiffes nebst Vcrproviantirung und A»ö- löhnnng der Mannschaft, eine Leistung, zu welcher sich oft mehrere zusammeuthaten. Besonders in der Zeit des Demosthenes gelangte in Folge der Verarmung weiterer Kreise hier der genossenschaftliche Gedanke zum Ausdruck, inmitten der individualistischen Epoche. Aber die ganze Einrichtung war doch nicht socialistisch, da in diesem Falle Einzelne für den Staat aufkamen, nicht der Staat für den Einzelnen. Näher an das socialistische Ideal traten die Reformen der perikleischen Zeit heran, welche dem Ueber- gcwichte einzelner Persönlichkeiten Einhalt thun sollten. Die Theilnahme am Rechtsprechen, eine Funktion, welche nicht durch Beamte, sondern durch Männer aus dem Volke ausgeübt wurde, sowie das Erscheinen im Landtage (Volksversammlung), welches jedem Bürger zustand, wurde bezahlt, damit keiner einen Verlust an seinem Verdienste habe. Vor allem bezeichnend für die socialen Zustände der damaligen Zeit ist aber das Schauspielgeld, ein staatlich ausgeworfener Beitrag, welcher es auch dem Unbemittelten ermöglichte, das Theater und damit einen der vornehmsten antiken Gottesdienste zu besuchen. Die Zeit, in welcher zu diesen Maßnahmen gegriffen wurde, die des mächtigen Staatsmannes Pcrikles, war die Zeit eines Umschwungs, welcher die alten, noch einfacheren Sitten durch feinere, aus den asiatischen und Mischen Kolonien eingeführte Bildung und Ueppigkeit verdrängte. Damals zog die philosophische Schule der Sophisten, welche von auswärts kommend in Alt- griechenland ihre Wandervorträge hielten und es leicht hatten, durch ihre blendende Dialektik die wißbegierige Jugend zu berücken, alle Begriffe der Religion, dcS Rechtes, der Sitte und der Sittlichkeit in eine Zweifel« süchtige Diskussion und predigte die Berechtigung deS subjektiven, individuellen Beliebens. Eben ein Haupt dieser Schule, Protagvras, soll die Quelle zu Platons socialistischen Ideen geliefert haben. Selbstverständlich ist von einer tiefer gehenden Beein- flnssnng nicht die Rede; eine solche wäre bei der Verschiedenheit des philosophischen Standpunktes unmöglich gewesen. Aber eine abfällige Kritik der bestehenden gesellschaftlichen Lage in dem Sinne, daß sich in derselben das Recht des Stärkeren gegenüber dem Schwächeren wie im Thierreiche geltend mache, wie auch eine hypothetische Ausmalung eines ganz anders geordneten Gesellschnfts- wesens — etwa mit Frauenemancipation, Aufhebung der Ehe u. ä. — könnte den Sophisten immerhin schon zu- gemnthet werden. Die Sophisten sind aber, wie anerkannt ist, die ersten Ausbildner des Prosastiles in Attika; aus ihrer Zeit stammen die ersten Schriften zur Politik, so das Büchlein „vom Staate der Athener", welches fälschlich unter Renophons Flagge segelt, und einzelne jener Schriften tragen Keime des Socialismus in sich. Zwei solcher Schriftsteller sollen hier zugleich mit den eigentlichen Socialisten des Alterthums vorgeführt werden! (Fortsetzung folgt.) Die Abteikirche zu Kastl. Kunstgcschichtliche Skizze von F. Mader. (Fortsetzung.) Auffallend ist in der Kastler Stiftskirche der scharf ausgeprägte Unterschied zwischen dem für die Laien bestimmten Raum und dem Chor der Mönche. Von den neun Travöen des Gewölbes treffen fünf auf die Laienkirche, vier auf den Chor der Mönche. Auf je acht Pfeilern und zwei Wandpfeilern erheben sich Arkaden und Hochwand des Mittelschiffes. Von diesen acht Pfeilern find je drei Rnndpfeiler. vr. Nichl bemerkt, diese Rnndpfeiler gehörten der Gothik an; allein es findet sich an einen« dieser Rnndpfeiler die attische Basis mit Eckknollen, und dieser Umstand läßt keinen Zweifel zu, daß diese säulenähnlichen Pfeiler romanischen Ursprungs sind. Bekanntlich sind solche Rundpfeiler selten; die Schule, aus «oelcher der Baumeister der Kastler Klosterkirche hervorging, bevorzugte jedenfalls die Säule. Des schweren Gewölbes halber konnte aber in Kastl keine Säule verwendet werden, vielleicht hätte sich in der Gegend auch gar kein Säulenmaterial gefunden. Er suchte daher einen Ersatz in dem Rnndpfeiler, und schuf sich auf diese Weise die Möglichkeit des Stützen- wechsels. Auch ein gewisser Rhythmus im Wechsel von rechteckigen und runden Pfeilern ist vorhanden, wenn auch nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Zwei von den Nundpfeilern gehören zum Langhaus, einer zum Chor. Die Gesimse der Pfeiler wurden Zu der Zeit, wo die Jesuiten das Kloster besaßen, übermörtclt und nilt Renaissanceprofilen versehen. Die ursprüngliche Pro- filirung wird wohl eine einfache gewesen sein. Ueber den Arcaden erhebt sich die Hochwand des Mittelschiffes im Laienranme zur Höhe von 15 in; hoch oben befinden sich die Fenster; eine andere Belebung besitzt die Wand nicht. Die drei Schiffe der Laienkirche waren ursprünglich mit flachen Decken versehen. In« Anfang des 14. Jahrhunderts, wahrscheinlich unter dein Abte Herman, fand die gothische Wölbung der drei Schiffe statt. Die Schlußsteine und die Konsolen, auf denen Gurten und Rippen des Mittelschiffsgewölbes ruhen, sind mit mannigfaltiger ornamentaler und figürlicher Plastik geschmückt. Wenden tvir nunmehr unsere Schritte zu den« knnst- grschichtlich bedeutendsten Theil der Kastler Stiftskirche, zum Chor der Mönche. Ehedem war dieser Chor von der Laienkirche durch einen Lettner getrennt, vor welchen« ein Krenzaltar stand. Beide sind verschwunden; die Basilika hat dadurch an freier Entfaltung ihrer Räume gewonnen, allerdings auch ein malerisches Element eingebüßt. Dieser vordere Theil der Kirche wurde fünfschiffig erbaut und umfaßt in den drei mittleren Schiffen vier Gewölbejoche, in den äußeren Nebenschiffen aber deren nur zwei. Sämmtliche fünf Schiffe sind gewölbt und zwar verwendete man in den Seitenschiffen das in Deutschland zur Zeit der romanischen Kunst zumeist gebräuchliche Kreuzgewölbe, das Mittelschiff aber wurde mit einem Tonnengewölbe versehen. Dasselbe erstreckt sich, wie schon angegeben, über vier Joche und ist von Pfeiler zu Pfeiler durch starke Quergurten unterstützt und dadurch zugleich in vier Traväen gegliedert. Die Gurten ruhen auf Halbsänlen, die den Pfeilern vorgelegt sind, am Triumphbogen auf vorgelegtem Halbpfciler. Die Pfeiler sind also im Chor reicher ausgebildet tvie im Schiff, lvo sie nur einfach rechteckigen oder runden Durchschnitt aufweisen. Die Gratgewölbe der Seitenschiffe sind durch breite, vom Pfeiler zur Wand geführte Qnergnrtcn getrennt. Jedes der fünf Schiffe besitzt eine Apsis. Die Anlage der Seitenapsiden ist einfach; die Hauptapsis, die reicher ausgestaltet war, ist nicht in ursprünglichem Zustand erhalten. Im Jahre 1264 fiel nämlich der nördliche Thurm der Kirche ein und zerstörte die Apsis in ihrem oberen Theil. Auf dein stehen gebliebenen Unterbau errichtete man sofort wieder eine neue Apsis, aber mit gothischen Fenstern und einer gothisch constrniricn Halbknppel. Die Gcwölbetheile derselben sind in ein fächerartiges Rippensystem eingefügt. Die Apsis hat gleiche Höhe mit dein Tonnengewölbe des Mittelschiffes. Dr. Rieh! betrachtet diese Choranlage, wie sie .Kastl anfweist, „wohl als das älteste Beispiel der Wölbung von fünf Schiffen in Deutschland. . .. Kastl müsse daher bei der kritischen Behandlung der Frage nach der Einführung der gewölbten Basilika in Deutschland als besonders wichtiges Denkmal ins Auge gefaßt werden." Sicher gehört Kastl zu den frühesten gewölbten Basiliken in Deutschland; auch die Kirchenbanten in den Rheinlanden, wo man in der Kunstcntwicklung den anderen deutschen Gebieten immer vorauseilte, erschwingen sich erst mn die Zeit, wo die Klosterkirche zu Kastl gegründet wurde zum Gewölbebau. Ein Specificnin Kastls ist aber das Tonnengewölbe im Mittelschiff des Chores. Das Tonnengewölbe fand in der romanischen Epoche äußerst selten Anwendung in Deutschland; unter den vorhandenen scheint das zu Kastl das ausgedehnteste zu sein. Jedenfalls handelt es sich um eine kunstgeschichtlich merkwürdige Erscheinung, die auf eine eigene Bauschule schließen läßt. Den beiden äußeren Nebenschiffen sind östlich die Thürme vorgelegt: daher treffen auf diese Schiffe nur zwei Gewölbejoche. Das südliche ist leider — man weiß «licht wann — demolirt worden. Das nördliche ist durch eine Wand von« Chor abgeschlossen und dient gegenwärtig als Sakristei: die zugehörigen Apsiden sieht man noch an den Westwänden der beiden Thürme. Die Abteikirche zu Kastl besaß also einen fünf- schiffigen Chor. Es ergibt sich naturgemäß die Frage, ob vielleicht ursprünglich die ganze Basilika sünsschiffig erbaut worden war. Eine sichere Antwort wird man aber nur auf Grund von Nachgrabungen geben können. Gegenwärtig besitzt die Stiftskirche allerdings auch im Westen fünf Schiffe, aber nur in einer Ausdehnung von drei Gewölbejochen von der Westwcmd her gerechnet, wahrend, wie oben beschrieben wurde, fünf Joche auf die Laienkirche treffen. Diese äußeren Schiffe, oder nennen wir sie lieber Kapellen, sickd aber spätgothische Bauten aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Sie haben die Höhe der Seitenschiffe und sind mit schönen Stern- gewölben versehen. Die Anregung zu diesen Bauten mag allerdings die Tradition von einer ehemals füufschiffigen Anlage gegeben haben, oder sie mögen sogar auf den Fundamenten der romanischen Ncbenschiffe sich erheben. Es finden sich überdies mehrfache deutliche Spuren, daß diese westlichen Kapellen und die vorderen äußeren Neben- schiffe baulich verbunden waren; aber auf welche Weise, läßt sich vorläufig nicht mit Bestimmtheit annehmen. * «- * Von dem mittelalterlichen Kircheninventar ist sehr wenig erhalten geblieben. Ich will die Urheber der Zerstörung der Zeitfolgc nach sing irn et oäio namhaft machen. Den Anfang in der Demolirnng des Kircheniunern machte die zum Calvinismus übergetretene churfürstliche Regierung von Ambcrg. Durch Befehl vom 15. Januar des Jahres 1567 erhielt der damalige Verwalter des Klosters, das inzwischen durch die Reformation auf den Aussterbeetat war gesetzt worden, den strengsten Auftrag des Pfalzgrafcn Friedrich, „alles Götzenwerk, d. i. alle abgöttischen Bilder, Crucifix, Sakramentshäuschen, Altäre, Oelberg, und was dergleichen noch mehr von dem anti- christlichen Papstthum herkommt ... in und außer der Kirche . . . zum ehesten mit guter Bescheidenheit und ohne Tumult, auch, wo von nöthen, auf genügsame vorgehende christliche Erinnerung und Vermahuung .abthun, zerbrechen und zerschlagen und nicht mehr denn einen Altar..., darauf das hl. Abendmahl zu halten, bleiben lassen zu wollen . . . auch (sollen) die flachen Gcmähl (die Wandmalereien) allenthalben mit Weiß verstrichen tverden." Es ist möglich, daß dieser Befehl nur zum Theil ausgeführt wurde, die Bemerkung, es hätte die Dcstrnction der alten Kircheneinrichtnng mit „guter Bescheidenheit und ohne Tumult" und nöthigenfalls nach vorausgegangener Belehrung zu geschehen, läßt darauf schließen, daß das Volk der neuen Kirchenordnnug feindlich gegenüberstand. Das war der Anfang der Zerstörung, dann kamen die Schweden. Sie versäumte» nicht, ihre deutschen Lorbeeren auch in Kastl um einige Blätter zu bereichern; im .Heumonat des Jahres 1632 richteten sie in der Stiftskirche zu Kastl ihre obligaten Verwüstungen an. Im Jahre 1636 übernahmen die Jesuiten das Kloster und besaßen es bis 1673. Nachdem die Noth überwunden war, die der 30jährkge Krieg über die deutschen Gaue gebracht, gingen die Jesuiten an eine Restauration der Kirche im Sinne der damaligen Zeit; das bedeutete aber die Zerstörung dessen, was von der mittelalterlichen Kircheucinrichtung noch übrig geblieben war. Mit dem Jahre 1774 begann das Werk. Die Glasgemälde, die eine wahre Nacht in der Kirche hevorbrachten, wie der Jesuitcnchronist sich ausdrückt, wurden zerschlagen, der Krcnzaltar entfernt, der Kreuzgang theilweise eingcrisscn, fünf neue Altäre sammt .Kanzel in der Kirche aufgestellt. Diese Altäre haben sich mit Ausnahme des Hochaltars bis heute erhalten. Ihr Kunstwerth ist gering. Der jetzige Hochaltar stammt aus der Zeit, in welcher die Malteser das Kloster innc hatten, d. i. vom Jahre 1782 bis zur Aufhebung des Ordens im Jahre 1808. Er ist ein Werk des Empirestiles, mit Nococomotivcn vermischt, eine mittelmäßige Arbeit. Doch ist er mit gutem Naumverständniß in die Apsis eingefügt. Von den aus dem Mittelalter erhaltenen Details ist von Interesse das Grabmal der Prinzessin Anna, einer Tochter Ludwigs des Bayern. Sie starb als Kind von drei Jahren in Kastl und wurde daselbst begraben. Das Grabmal ist eine einfache, gothische Tumba, an den Seitenflächen mit Blcudmaßwerk verziert. Die Deckplatte zeigt nur ein verziertes Kreuz, kein Bildniß. Dieses Grabmal stand in Mitte der Kirche vor dem ehemaligen Kreuzaltar und gehört dem Beginn des 14. Jahrhunderts an. Der nämlichen Zeit theilt Sighart die schönen Statuen der drei Stifter zu, die neben dem Eingang zum Paradies stehen; sie haben die ursprüngliche Polychromirung bewahrt. Unter den erhaltenen Grabdenkmälern von Aebten und adeligen Personen, die sich hier bestatten ließen, finden sich verschiedene künstlerisch wcrthvolle Arbeiten. Drei dieser Monumente, die besten von allen, müssen einem Bildhauer zugeschrieben werden, der um die Zeit ihrer Entstehung in Eichstätt lebte und den dortigen Dom - und Kreuzgang mit hervorragenden plastischen Werken schmückte. Innere und äußere Gründe bezeugen die Kastler Denkmäler unbestreitbar als seine Werke. Wir wollen annehmen, daß der Eichstättcr Bildhauer Loy Hering der in Frage stehende Meister ist. Das eine der bezeichneten Denkmäler ist das Grab- mounment des Abtes Johannes Lang von Sulzbach, des 26. Abtes von Kastl. Er starb 1524. Es befindet sich an einem Pfeiler im sogenannten Eugclgarten. Der Abt ist mit dem Rationale der Eichstättcr Bischöfe bekleidet, ein Irrthum, der sicher auf einen Eichstättcr Meister hinweist. Die beiden andern Denkmäler sind Bestellungen des Abtes Johannes Menger von Abcnberg, des 29. Abtes von Kastl. Das eine stellt den Abt dar, kniend vordem Gekreuzigten, das andere vor der Madonna. Die Madonna ist eine Wiederholung oder möglicherweise das Urbild der auf dem Arzat'schen Denkmal im Mortuarium zu Eichstätt befindlichen Madonna. Johannes Menger starb im Jahre 1554. Schweppcrmauus Grabstein ist sehr einfach: Wappen und Inschrift in Contouren eingegraben. Die Malteser errichteten ihm ein Denkmal im Stile der Empirezeit: ein Sarkophag, oben eine Vase mit den zwei Eiern. (Schluß folgt.) Stilln von Abenberg. Von Adam Hirschmann. (Fortsetzung.) Stilln starb; ihr Leichnam sollte nach dem Familien- bcgräbnisse im Kloster Hcilsbronn überführt werden, aber derselbe konnte nicht von der Stelle gerückt werden. Da entschloß mon sich, an den Leichenwagen zwei Zngthiere anzuspannen und sie unbehindert ihre Wege gehen zu lassen. Siehe da! Diese unvernünftigen Thiere schlugen den Weg zur Peterskirche ein, so daß alles Volk erkannte, es sei Gottes Wille, daß Stilla daselbst ihre Ruhestätte finde. Aehnliche Vorgänge werden auch sonst berichtet. Als Bischof Otkar gegen das Jahr 870 die Reliquien der hl. Waldburga von Heidenheim am Hahnenkamm nach Eichstätt überführen ließ, blieben die Pferde, welche au den Wagen mit den ehrwürdigen Ueberresten gespannt waren, von selbst an der Pforte der hl. Kreuzkirche in Eichstätt stehen, woraus der Bischof folgerte, es wolle die Schwester des hl. Willibald hier ruhen, (kalcstsnstsin, ä,ntic;u. XoräZ. I, 72.) Die fromme Magd Radiana oder Radcgnndis auf Schloß Welleuburg bei Augsburg, welche in barmherziger Liebe den armen Siechen ihre eigenen Ersparnisse zutrug, sollte nach ihrem Ableben in dem Familienbegräbniß ihrer Herrschaft in Augsburg beigesetzt werden; allein das vorgespannte Zugvieh blieb bei dem Sicchenkobel stehen und konnte nicht weiter gebracht werden, worauf Radiana dahin begraben wurde. Später erhob sich daselbst die St. Rade- gundis-Kapelle. (Schöppner I. e. I, 51.) Als der hl. Sebaldus auf dem Sterbebette lag, da soll er befohlen haben, ihn nach seinem Tode auf einen Wagen zu legen, vier ungezähmte Ochsen vorzuspannen, und wo diese still stehen würden, den Körper zu begraben. Da nun die Ochsen zur St. Peterskapelle gekommen, sind sie daselbst stillgestanden, daher der Leichnam auch dahin bestattet worden ist. (Schöppner I. a. I, 132.) o«) Von Heinrich, einem Sohne des Grafen Babo von Abensberg, berichtet die Legende, daß er als Pilger verkleidet nach Eberzhansen gekommen sei und daselbst 40 Jahre hindurch in aller Demuth die Dienste eines gemeinen Vieh- hirten versehen habe. Darnach sei er in dem sogenannten heiligen Holz verschieden. Sein Vater habe alsdann einen Wagen mit einem Paar Ochsen geschickt, den Leichnam nach Abensberg überzuführen; allein die Ochsen kamen von dem Orte, wo Heinrich gestorben, nicht weiter als bis zur Kirche St. Peter in Eberzhansen; da mußte des Seligen Leichnam begraben werden. (Schöppner 1. o. III. 245.) Nach der Legende gehörte Stilln von Abenberg zur Verwandtschaft des kinderreichen Vabo von Abensberg; hier wie dort findet sich die Sage von einem Begräbnisse in der Peterskirche; beide Male konnten die Zug- thiere nicht dazu gebracht werden, den Leichnam anderswohin zu transportircn. Da dem hl. Heinrich von Eberzhansen die Priorität zukommt, so ist wohl die Annahme nicht ungercchtfertiget, daß die Ueberlieferung über Babo's Sohn von Abensberg nach Abenberg übertragen und mit der dortigen Grafentochter Stilln in Beziehung gebracht worden sei. Die Gründungsgeschichte des Klosters Bibnrg bei Abensberg dürfte für die Ausgestaltung der Stilla- Legende auch nicht ohne Einfluß geblieben sein. Im Jahre 1124 vertheilten die überlebenden Söhne des Heinrich von Bibnrg und Berthas, seiner Gemahlin, aus Jstrien, das väterliche Erbe in der Weise unter sich, daß Heinrich und Gebhard Hilpoltstein, Chunrad aber und Erbo (Aribo) mit Bcrtha, ihrer Schwester, Bibnrg erhielten. Schon im folgenden Jahre gründeten die letztgenannten drei Erben ein Doppelkloster für Männer und Die Filialkirche zu Biberbach, Pfarrei Plaukstetten bei BcilngrieZ, verehrt in der hl. GnnthildiZ eine fromme Magd, welche nach ihren! Hinscheiden durch ungesäumte Ochsen nach Suffcrsheim bei Wcissenbnrg geführt und daselbst begraben ward,- über ihrer Ruhestätte erhob sich ein Kirchlein. (Past.-Bl. 1655, 135.) Biberbach kam durch Schankung der Grafen Ludwig und Friedrich von Oettingen 43-0 an das Kloster Heilsbronn. cGöt> t. o. I. 743.) I Frauen, welche nach der Regel des hl. Bencdiktus lebten. Die Anregung zu dieser Klosterstiftung in Bibnrg war von dem hl. Otto von Bamberg ausgegangen, welcher dann auch am Feste der Apostel Simon und Juda 1133 zugleich mit dein Bischöfe von'Regensbnrg, Heinrich 1., Grafen von Wolfratshausen, einen! Verwandten der hochherzigen Gründer, die Weihe der Klosterkirche zu Bibnrg vornahm. Znm ersten Abt bestellte Otto den bisherigen Abt von Prüfening, Eberhard, einen Bruder der Stifter, welcher in Bamberg seine Studien gemacht, in Paris Philosophie gehört hatte. Nach seiner Rückkehr hatte er bei St. Michael in Bamberg das Ordenskleid genommen; von dort zog er auf Otto's Veranlassung in das nen- gcgründete Kloster Prüfening, bis er nach Bibnrg abberufen wurde. Als Erzbischof Konrad von Salzburg 1147 mit Tod abging, folgte ihm Eberhard von Bibnrg, sein Verwandter, aus dem Erzstnhl des hl. RupertuS nach; 1163 ereilte auch ihn der Tod. Bei seinem Wegzüge von dem Doppclkloster Bibnrg hatte er die Leitung desselben seinem Bruder Konrad übergeben, welcher 6^ Jahre an der Spitze desselben stand; schon 1153 segnete er das Zeitliche. Mit dem Kloster hatten die drei frommen Geschwisterte auch eine Herberge für arme und kranke Leute gestiftet, welche von den Nonnen verpflegt wurden. Bertha selbst nahm den Schleier und machte unter der Leitung ihres Bruders Eberhard große Fortschritte in der christlichen Vollkommenheit; besonders gerühmt ward ihre Liebe zu den Armen und ihre Barmherzigkeit gegen alle Nothleidenden. Am Feste des hl. Sixtus, den 6. August 1151 starb sie eines seligen Todes. In der Klosterkirche zu Bibnrg fand sie ihre letzte Ruhestätte; kommenden Geschlechtern verkündigte eine Tafel: „Im Jahre Christi des Erlösers 1151 ist verschieden die hl. Bcrtha, seligen Andenkens, die Stiftern! dieses Ortes." (drois. X, 593; Unnciius, mek-rostol. Lalmdnrst. II, 200, 202; Räder, Lnvnria, snneta I, 247; Götz I. o, I, 561.) Vergleichen wir Bertha's Leben mit der Legende über Stilla, so finden wir: beide besitzen zwei Bruder, welche sich durch Klostergrnndnug einen Namen erworben haben, allerdings mit dem Unterschiede, daß Bertha's Bruder: Konrad und Aribo, im Verein mit ihr ein müthig ihr Allodium Hingaben, während Stilla's Bruder Rapoto und Konrad, der beabsichtigten Niederlassung ii Abenberg feindlich gegenübcrtraten und an der Gründung von Heilsbronn historisch nnbetheiligt sind; Bcrtha stammte nachweisbar aus einer hohen Familie, welche der Kirche zu Salzburg zwei hervorragende Bischöfe: Konrad und Eberhard, schenkte; Stilla wird durch die Legende zur Tochter Wolframs von Abenberg erhoben, welcher nach glaubwürdigen Quellen der Bruder des schon oft genannten Erzbischofes Konrad von Salzburg gewesen ist; Bertha und Stilla stehen unter dem sittigenden Einfluß des hl. Otto von Bamberg, dadurch jedoch von einander unterschieden, daß Otto's Eingreifen in Bibnrg bei Gründung und Einweihung des Klosters historisch erwiesen werden kann, während für Otto's Thätigkeit in Abenberg jegliche Quelle versagt. Bertha's und Stilla's Leben fallen in ihren Hauptmomenten so eng zusammen, daß man in der beglaubigten Geschichte der ersteren unwillkürlich an die nachdichtende Sage der letzteren erinnert wird. Diese Annahme wird außerdem noch sehr begünstiget durch die Aufzeichnungen des Pfarrers Litns Koch von Schönfcld, welche wir eingangs mittheilten, woruach Stilla auf ihrem Schlosse zu „Abenspcrg" vcr- 81 schieden sei. Da Abenbcrg und Abcnsberg rännilich weit .von einander getrennt sind, so darf eine innere Beziehung der Stilla-Tradition zu dem nieder-bayerischen Abcnsberg wohl angenommen werden. In der Peterskirche zu Abcnberg befindet sich dermalen an der nördlichen Seite des Kirchenschiffcs ein Grab in Felsen gehauen, welcher nach Müller (I. v. p. 35) 77 bis 80 am unter dem Kirchenpflaster beginnt. Die Länge des Grabes mißt 218 ein und dessen Breite 77 om. Ungefähr 50 am tief ist der Felsen viereckig ausgehaucn. Sodann aber beginnt am Boden eine eigenthümliche Vertiefung, deren Umriß dem des menschlichen Leibes entspricht. Diese Vertiefung ist etwas über 2 in lang. Das Grab war früher geschlossen durch einen Stein, welcher in gleicher Höhe wie das Kirchenpflaster gelaufen sein muß, denn sonst wäre es unerklärlich, wie derselbe fast bis zur Unkenntlichkeit ausgetreten werden konnte. Der jetzt noch vorhandene Grabstein stellt wohl eine weibliche Person dar, welche in der rechten Hand eine Kirche mit Thurm trägt. Did Gesichtszüge sowie die Kopfbedeckung sind gänzlich verwischt, die linke Hand mit weit geöffnetem Aermel liegt auf der vorderen Taille; die Gewandung weist reichen Faltenwurf auf. Wem gehört nnn dieses hochinteressante Grabdenkmal? Welchem Jahrhunderte verdankt es seinen Ursprung? Kein Name, keine Jahreszahl gibt sichere Kunde auf diese Frage. Müller hält es, gestützt auf die Autorität des Direktors Essenwcin, dem man eine Photographie des Grabmales unterbreitete, für wahrscheinlich, daß dasselbe dem 13. oder 14. Jahrhunderte entstamme (I. a. pax. 37). Dagegen spricht jedoch die Kostümkunde. Wenigstens behauptet Wcinhold (Die deutschen Frauen II, 225): In dem 11. Jahrhundert trat im Anfang ein enger Schnitt des Kleides auf, welcher den Körperbau weit genauer erkennen ließ, als der bisherige taillenlose. Er erregte mich Anstoß und ward als leichtfertig und schamlos gerügt... Bezeichnend werden für das 11. Jahrhundert „die langen Hängeärmcl". „Die langen Oberärmel des Rockes, ebenso der tnrban- artige, mit seinen Zipfeln fliegende Schleier erhielten sich bis zum Ende des 12. Jahrhunderts." „Im 13. Jahrhundert verloren sich die weiten Aermel" (a. a. O. II, 227). Achnlich schreibt Grnpv (Cnlturgeschichte d. Mittelalters 11,86): „Charakteristisch für die höfische Zeit ist das Aufkommen der langen, faltenreichen Gewänder für Mann und Frau. Nachdem sie lauge Zeit mit der engen und kurzen Nationaltracht der Deutschen im Streite gelegen und als ausländisch und weichlich gegolten hatten, verhalf ihnen im 12. Jahrhundert die Bildung der höfischen Sitte zum Siege. So erscheinen denn Mann und Frau in gemalten oder gemeißelten Bildern in lange, bis auf die Füße reichende Röcke gehüllt. Eitle Frauen trugen bereits ein Mieder, schnürten das Hemd, ließen den Halsausschnitt des Rockes offen, wußten durch künstliche Gürtnng und Faltung die Körpcrformcn zur Geltung zu bringen, trugen lange Schleppen mit feiner Fältclung, umwanden ihre Haarlocken mit Gold- und Silbersädcn und scheitelten sie zu Schnpelu oder tranbeuartigeu Gehängen." Vergleichen wir mit diesen Schilderungen die Darstellung aus dem Grabmale der PctcrSkirchc zu Aben- bcrg, so dürfe» wir den Ursprung demselben in das 11. oder 12. Jahrhundert hiuanfdatircn, da sowohl durch das enganliegende Kleid des Oberkörpers die Brustsormeu sehr stark hervortreten, als auch die charakteristischen langen Hängeärmcl sich vorfinden.^) Die .Hauptfrage bewegt sich indessen um die Person, welche auf jenem Grabdenkmale dargestellt sein soll. Da derselben eine Kirche als Attribut bcigcgeben ist, so muß sie wohl mit der Stiftung eines Gotteshauses in enger Beziehung gestanden haben. Pleickhard Stumpf (Bayern II, 753) bezeichnet Sibylla, die Tochter des Grafen Wolfgang II. von Abenbcrg, als die Stisterin der Pctcrskapclle. Hicgegen ist zu bemerken, daß sich in der bisherigen Genealogie der Grafen von Abenbcrg der Name Wolfgang nicht findet. Oder sollte darunter Wolfram II. verstanden werden, welcher gegen 1071 — 1108 gelebt hat? Dann müßte aber auch der Nachweis erbracht werden, daß Wolfram II. eine Tochter Namens Sibylla besessen habe. Die abeubergische Ueberlieferung bringt den Grabstein in Verbindung mit der Grafentochter Stilla. Sollte vielleicht dieser Name mir eine vokksthümliche Verkürzung des Namens Sibylla sein? Wem: aber Stilla dem gräflichen Hause von Abenbcrg entsprossen ist, wie die Legende annimmt, dann erscheint es zum allcrmindcsten sehr auffallend, daß man ihren Leichnam nicht einmal in einen Sarg verschlossen zur Erde bestattet hat, sondern nach Sitte armer Leute nur in einfacher Umhüllung dem Grabe übergeben hat, wie Müller (S. 37) annimmt; freilich den Beweis für diese seltsame Behauptung ist er schuldig geblieben. Oder hat sich Rapoto's Abneigung gegen seine fromme Schwester auch noch über das Grab hinaus erstreckt, so daß er der Entschlafenen nicht einmal eine standesgemäße Beerdigung zukommen ließ? (Grupp, Cnlturgcsch. II, 107.) Aber wer hat dann Sorge getragen für Errichtung eines Grabdenkmals, das keineswegs die Spuren der Armuth an sich trägt? Müller glaubt den noch vorhandenen Grabstein nicht als den ursprünglichen ans der Zeit Stilla's, sondern als „Bestandtheil des zweiten Grabmales aus dem 13. oder 14. Jahrhunderte ansehen" zn dürfen (l. c. p. 37). Eine Erneuernng des Grabsteines schloß aber fast regelmäßig eine Erhebung der Ucberrcste einer Person, in sich, welche ob ihrer Tugenden vom Volke als hcilio verehrt und um Fürbitte angefleht wurde. Eine derartige Erhebung galt als Kanonisationsfeier, welche ihren äußeren Ausdruck in der Sitte fand, den Deckel des Stclusarges etwas über den Boden des Beisctzungsortes hervorragen zu assen, um das Grab des Heiligen kenntlich zu machen. Die Geschichte jedoch schweigt über die Erhebung der Gebeine Stilla's im 13. oder 14. Jahrhunderte. Das Grab selbst wurde nach Müllers Angaben (S. 42) 1689, 1630 und etwa 50 — 80 Jahre vorher geöffnet, lieber die erste und wichtigste Eröffnung fehlen alle Urkunden; von 1562 — 1587 stand das Kloster Maricnbnrg öde und verlassen. Der Visitator Vogt spricht 1480 nur von einem verfallenen Chöre und einem restaurakionSbedürftigen Altare in der Pcters- knpelle; Pfarrer Habcrstroh o«) „nd die Bürgerschaft von "0 In einer Pcrgamenthandschrift von Wolshards Lliraenla boatao VvoltgurKue aus dem 12. Jahrh, findet sich die Heilige dargestellt als die Fürstentochtcr aus England mit dem Königsdiadem geschmückt, im reichen Pracht- gewaude mit weiten Aermcln, welche durch die enge ärmellose Tunika an das faltenreiche llntergcwand gesteckt werden. Sammelblatt d. histor. Vereins Eichstätt VII, 116 (!893). '°) Im Jahre 1344 war Ludwig von Seckendorf Pfarrer in -Abcnberg (Mstr. des bisch. Ordinariatsarch. i Eichstätt). Abenberg stifteten im Jahre 1460 eine Frühmesse zu Ehren der allcrscligstcn Jungfrau; die Ablaßbriefe^) gehen über das Jahr 1488 nicht hinaus: alle diese Umstände sprechen gegen eine Erhebung der Reliquien Stilla's im 13. oder 14. Jahrhunderte und damit auch gegen die Neuschaffung eines zweiten Grabmales. (Schluß folgt.) I)i Sepp's „hochwichtige Entdeckungen auf der zweiten Palästinafahrt". (Schluß.) Im zweiten Theil seiner „Rechtfertigung" spricht Herr Professor Dr. Sepp über die Lage von Dalmanntha, Kann Galil, Ephrem und Emmans. Er schreibt: Wir sagen nicht zu viel: grundfalsch ist die Behauptung, daß „das ganze Mittclalter die Ruinen von Tclhnm als Reste der Stadt des Herrn verehrt hat". Man bringe nnS dafür Citate! Die Üeberbleibscl rühren noch dazu nicht von einer Kirche, sondern von dem Grabmal des berühmten Rabbi Tanchnma her, welcher da seine noch erhaltene Synagoge und Lehrschnle gründete, um der Ausbreitung des Christenthums von Kephar Minim aus den Riegel zu schieben. Diese Ruinen erweckten zuerst den Gedanken, das sei eine Reliquie von der' durch den Hauptmanu von Kapharnanm erbauten Synagoge. Jüngst hat die türkische Regierung ein Veto gegen Ausgrabungen eingelegt, welche doch schwerlich große Schätze zu Tage fördern würden. Dieß erregt natürlich neuen Zorn, der an uns Deutschen ausgeht. Wahrhaft naiv ist es, wenn ein Pilgerführcr, wie Livouius (Lievin), der nicht Deutsch versteht, jedenfalls vor deutscher Wissenschaft einen Horror hat, ja nicht einmal den Josephus zu kennen scheint, den Anssprnch wagt: Telhum (so. weit weg von der Ebene Gennczaret und einem denkbaren Flusse Kapharuaum) sei „die einzige Stätte, wo man letztere Stadt suchen könnte"! Das ist bald gesagt, verdient jedoch keine Beachtung. Wenn Markus 8, 10 berichtet, Jesus sei nach der zweiten Volksspeisung in der Gegend von Dalmanntha gelandet, so bildete dieses XL-scha-'-o-- bisher das „Kreuz der Exegeten", wie unser wackerer Censor erklärt. Um desto dankbarer sollte man sein, daß endlich der Ort erkundet ist. Wir haben schon vor mehr als einenE Menschenaffen den lokalen Accusativ von Dalmans zu lesen vorgeschlagen und dieses mit dem Bethmaus in Josephus' vita, identificirt, da val wie ") Bischof Wilhelm von Rcichenau gewährte am 27. Juni 1488 einen Ablaß von 40 Tagen, ebenso sein Weihbischof Jakob Raschauer sxise. mieromisusis am 4. April 1490; der apostolische Legat Kardinal Raymund am 4. Sept. 1501 und Bffchof Markus von Rhodi am 9. Nov. 1501 gewährten 40 und 50 Tage Abl. (Past.-Bl. 1855, 164; Priefers Aufzeichnungen). Nach Falckeustcin dloi-clAkn-. I, 256) starb Weihbischof Jakob Rasch- aucr (auch Rastauer) 1495 und, liegt in Pollenfeld, unweit Eichstätt, begraben. Nach einer Notiz in einem Akte über Abenberg (Mskr. d. bisch. Ordinariatsarchivs Eichstätt) wurde 1468 in Abenberg unter Pfarrer Christian Haberstroh die Kirche (wohl die St. Jakobskirche) gebaut. Nach Suttner (Schematismus von 1480 S. 57) war die Frühmeßstiftung in Abenberg nach der hl. Katharina benannt (vergl. dagegen Past.-Bl. 1858, 190) und stand der Bürgerschaft das Präsentationsrecht darüber zu, während nach Falckenstein (Hntig. dlorckK. II, 299) der Bischof das freie Collationsrecht übte. Cooperator war 1480 Konrad Mair aus der Diocese Eichstätt, geweiht zu Würzburg; Frühmesser war Paul Feuchtner, geweiht zu Augsburg. Lotff das Haus bezeichnet (Psalm 141, 3). Ich hatte hiefür in letzter Zeit sogar noch Hanebergs Zustimmung, der doch unser tüchtigster Hebräer war. „Heillose Verwirrung" entsteht dann, wenn man nach dem Pyrrhonischen Grundsätze verfährt: es läßt sich in allen Fragen genug für und etwas dagegen sagen. Damit ist auf jedes positive Resultat verzichtet. Ich fürchte, daß mein Kritiker diesem radikalen Skepticismus verfällt, denn es steht am Ende von allem nichts mehr fest! Positive Kritik habe ich nicht zu scheuen, man gieße mir nur nicht Scheidewasser über das Papier. Das habe ich zum Danke für diese meine Entdeckung. Josephus Flavius weilte in Beth Maus (der Deutsche übersetzt Bethmaun), während sein Gegner Johannes von Gischala die heißen Bäder von Chamat, südwärts von Tiberias, benlltzte. Maus, mit dem Artikel Ammans, bedeutet ebenfalls Bad. Ich habe in Ain Fulieh noch das Römerbad vorgefunden und auch gebraucht, und fand Arknlfs Aeußerung 570 am Platze: „Alan blickt von der Quelle gigeu Mittag auf Tiberias." Wie freudig überraschte mich aber die Legende bei Theo- dosiuS 540. „Von Tiberias bis zu den sieben Quellen sind fünf Millicn. Hier hat Christus die Apostel getauft." Der berühmte Abt Daniel von Kiew schreibt in der ältesten slavischen Urkunde 1113 zur Ergänzung von der kiseinL Jesu, Maria und der Apostel eine Werstc ("/^ Stunden) von Tiberias. Er nahm noch von der Mittheilung Akt, Jesus sei in die Grotte geflüchtet, woraus der süße Born fließe (noch heute Am el Bande genannt), als die Menge nach der Speiinng der 4000 ihn zum Könige erheben wollte. Die Araber nennen die Quelle sogar nach Jesus — Ain el Aissa. Paßt dies nicht zu Dalmanntha, und von alldem hat man bisher nichts gewußt. Wie mag nun mein grausamer Recensent (dem ich aber doch gut bin) moderne Skribenten für sich anführen, welche Heptapegon im Norden der Ebene Genuezaret suchen — jenes Siebenbruun, wo unter Karl dem Großen ein Klösterlein bestand! Wer kann noch mehr Argumente fordern, und doch bringe ich noch in Erwähnung, daß der Jude Carmoly hier das Dorf Ras el Amis vorfand, was Quellhanpt bezeichnet, und Amis geht eben auf Amaus zurück. Die Maxime wollen wir nicht gelten lassen: „Du sollst mich nicht überreden, auch wenn Du mich überzeugst." Ebenso wenig geht an, daß das Urtheil dahin laute: Hier erscheinen zehn Zeugen, die nicht unterrichtet sind, gegenüber dem Einen, der Alles gesehen und sorgfältig durchforscht hat, mithin — ist die Majorität gegen den Einen. Unser Freund übergeht Kann Galil, den Wunder- ort, der noch den alten Namen trägt und, an der direkten Straße von Aka nach Tiberias gelegen, mit dieser verödet ist. Ich habe die Stätte nach ein paar Jahrhunderten zum erstenmal wieder besucht und nur Pferche, umgeben von sonnetrockeneu Ziegelmauern, ohne ein lebendes Wesen vorgefunden. Auch Cannä, der Schlachtplatz Haunibals in Italien, ist zu einem Schafhofe hcrab- gesnnken. Der Bibelname rührt vom nahen Rohrgewässer Battof, einem Sumpfe, her, aus dem ich 1646 noch Schildkröten auflas. Alle Christglünbigen, vor, während und nach dem lateinischen Königreich Jerusalem, hielten an Kana in Galiläa fest, ja noch 1310 schreibt der Veuetiaucr Marino Sannto: „Von Nazaret zwei Leuka nach Sepphoris, von da dritthalb nach Ehana Galiläa. Herkömmlich macht man den Weg von Ptole- 83 > > mais fünf Lenkn ostwärts nach Chana Galiläa und von hier über Sepphoris nach Nazaret." Man kann nicht deutlicher schreiben. Ich habe den Muth, die Wahrheit zn bekennen. Erst vor wenig Lnstren lief man den Griechen nach, welche in Kefr Kanna am wasscrlosen Berghang einen Hochzeitsaal eingerichtet. Um den Pilgern den weiten Umweg zu ersparen, entdeckte man mit einmal das Haus des Bartholomäus und trieb Gelder zum Bau von Kirche und Hospiz ein. Von solchen topographischen Eigenmächtigkeiten war schon einmal in diesen Blättern die Rede. Doch mögen wir nach 50jähriger Ueberlegung behaupten, was wir wollen: es stößt auf Widerspruch. Zum erstenmal stelle ich Magdala Gadara, das palästinische Karlsbad, als Heimath der Magdalena auf, die gewiß eine reiche Dame war, da sie aus einem Alabastergefäß mit indischer Narde den Herrn salbte, auch die Gesellschaft Jesu mit ihrem Vermögen unterstützte. Luk. VIII, 3. Was ist dagegen das aus Mangel an Landeskunde angenommene Medschdel als ein Lause- nest, keine „Stadt"! Ein Arbciterheim in der Ebene Gennczaret, wovon die Kirche niemals Besitz genommen hat. „Man kaun darüber streiten, schreibt unser Censor, aber die Gründe für das eine oder andere sind ebenso wenig durchschlagend, wie die Identifikation von Ephrem in der Wüste (Joh. 11, 54), zwei Stunden südlich von Dschedar (Gadara). Damit will ich aber nicht behaupten, daß Medschdel als Heimath der Magdalena gesichert, oder Tayebeh bei Bethe! sicher Ephraim ist; ich behaupte nur, daß auch nach den Sepp'schen Aufstellungen diese Fragen nicht endgiltig entschieden sind." — Ja, streiten kann man über Alles, es kömmt nur aus das Jndicium au. Trete ich für Ophera bei Bethel ein, so erwidert der Gegner: aber dieses liegt ja in der fruchtbarsten Gegend, nicht in Wald und Wüste. Er hält sich aber oppositionell an letzteres, weil ich zuerst für Ephrem in Peräa mich ausspreche und für höchst unwahrscheinlich halte, daß Jesus, den die Juden steinigen und todten wollten, sich in der Nähe Jerusalems aufgehalten, zumal er auch später über den Jordan flüchtete. Nach gegnerischer Ansicht bliebe die Frage ewig unerledigt, da ich eben auf ein zweites Ephraim aufmerksam machte. Bei diesem Zickzack und Hin und Her wird der Nahmen der Geschichte Jesu immer ein anderer. Wir hatten in der Paulskirche ein Mitglied, Wcdekind, das zu jedem Paragraph der Berathung auf die Tribüne lief, und ein „Aber, meine Herren" sprach, und deßhalb den Titel Reichszweifler erhielt. Diese Methode sollte in der Theologie sich nicht einbürgern. Neue Skrupel entstehen über das neutestamentliche Emmaus. Ich erfinde nichts, sondern finde dasselbe in Veit el Amus zu Colonieh gegeben und halte mich um so entschiedener an letzteres, weil Josephns anführt, Titns habe mit 800 Veteranen i>n Dorfe Emmaus, 60 Stadien von Jerusalem, eine Colonie angelegt. Es steht dabei schon in der Vulgata oukteiium Lmmnno, heute Ca stnl, weil dieses zum Schutze der Colonie erfordert war. Und doch läßt bei dieser Ausstellung mich, wie bei Chörbet Minieh, auch der Pilgerführer von So ein und Benziger allein. Meinem skrupulösen Censor geht hier wieder Alles durcheinander. Vergebens verweise ich sogar aus den Talmud, wo das alttestament- liche Amosa (Josua XVIII, 26) mit der Erklärung übersetzt ist: „Mosa ist Colonia". Vergebens betont Lulas den Ort in der Entfernung von 60 Stadien (da die Nömerstraße den Berg umging) als zum Unterschied von der acht Stunden entfernten Stadt Ammaus. Abt Haueberg schrieb im April 1864 als Pilger aus Jerusalem: „Wo ich hinkomme, hier wie in Bethlehem, herrscht in den Klöstern Aufregung wegen Emmaus, das die einen nach wie vor in Kuböbe, die andern auf die Zwischenrcdc der Franzosen in den Ruinen der fernen Stadt EmauS suchen. Da kömmt mein unglücklicher Dr. Sepp mit einem neuen Emmaus in Colonieh, das schon gar keinen Glauben findet." — Ich halte aber als tapferer Deutscher gegen die Wälschen Stand, bis sie ihre Degen abgeben. Die Stadt liegt eine Tagrcise von Jerusalem ab. Ich kann hier nicht auf all die Beweise eingehen, die ich in meinem neuen Werke II S. 228—254 geliefert, daß die constante Tradition im Volke und bei den Mukari bis auf meine erste Palästiuareise für Castul Colonieh spricht. Der jüngst verewigte Dompriester Schiffers in Aachen trat mit heiligem Eifer für Ammaus Nikopolis, 176 Stadien von der hl. Stadt, ein und erließ sogar einen Aufruf zu Beiträgen, die dortige Kirchenrnine aufzubauen. Ich appellire dagegen an den gesunden Sinn eines Jeden, ob die beiden Emaus- jünger an Einem Tage oder Abend sechzehn Stunden zurückgelegt haben werden, um in der Nacht, nachdem der Tag sich schon in der Herberge geneigt, noch den versammelten Aposteln die Freudenbotschaft zu bringen. Ein Schnellläufer müßte die Probe hin und her machen. Doch, so überlegt der letztgenannte Pilger: Ist es denn ausgemacht, daß sie nicht zu Pferde zurückkehrten? — Schade, daß es damals uoch weder Schienenbahn noch Fahrrad gab, sonst wären sie selbst mit dieser Erfahrt von der Stadt Ammaus aus — nicht mehr rechtzeitig am Berge Sion eingetroffen! Lassen wir diese künstlichen Excnrse. Heute hat Kubllbe die meisten Vertheidiger, auch mein verehrlicher Recensent neigt dazu, wenn er gleich „nicht sicher" ist und wie allenthalben uns im Nebel stehen läßt. Ich hoffe ihn bei gutem Willen zu bekehren, wie kürzlich den Rektor der Wiener Hochschule und früher des österreichischen Pilgerhanses in Jerusalem, vr. Zschokke, der eigens eine Schrift gegen mich erließ, nun aber für meine Ansicht wirbt. In den Diplomen der Kreuzritter, wie ich nachwies, wird Cubeba ausdrücklich von Oastollum Lmwuu8 unterschieden, also kann es nicht derselbe Ort sein. Die „kleine Kuppel" über einer wenig ergiebigen Quelle liegt doppelt soweit von Jerusalem ab, ivie Castul Colonieh, dazu kömmt aber im nächsten Dorfe eine verfallene Kirche, wohl von den Johaiinitern erbaut; also wollte die Marquise Nikolah sich durch ein Grabmal im Neubau verewigen, natürlich weist man das Haus des Kleophas daneben. Nun appellire ich an den gesunden Menschenverstand. Gottfried von Bouillon marschirte mit dem Krenzheer von Lydda nach Nama (Ramie) und von da in Einem Tage bis zur Station Emmaus, wo die Bcthlehemiten um Hilfe flehten und Tankred hiuüberritt, um die Muhammedaner zn vertreiben, aber andern Morgens schon vor der hl. Stadt eintraf. Ich frage: macht man mit einer Armee ganz überflüssig einen Spaziergang auf dem Umweg von mehreren Stunden, kehrten die Kreuzritter von Nama wieder nach Lydda zurück, um, die Heerstraße verlassend, aus ungewissen Pfaden, namentlich von Knbbbe aus, wo man am hellen Tage sich nicht znrecht findet, endlich das ersehnte Ziel Zu erreichen? Und doch sollte dieser Klosterzwisi ein fiir die orientalischen Missionen bedenkliches Ereignis; herbeiführen. Der nach Wiedererrichtung des lateinischen Patriarchates unter Pins IX. dafür ernannte Gennese Valerga »erhing über die neue Kirche zn Knbbbe das Interdikt und sprach sich energisch gegen die beliebige Errichtung neuer Sanktuarien aus. Die um die Erhaltung der heiligen Stätten des gelobten Landes hochverdienten Vater des hl. Franz wandten sich nach Xra, 6c>e1i, und Rom gab ihnen Recht. Der hochw. Patriarch dachte mir 1867 bei seinem Besuche von Paris auf der Durchreise durch München die Ehre der Einladung zu einem Besuche zu und appellirte so an den bescheidenen Professor. Nachdem aber sein Nachfolger Bracco, welchem ich 1874 nahe trat, mit Tod abgegangen, hob man, um die Zwietracht mit den Ordens- väteru für immer zu beseitigen, das Patriarchat thatsächlich auf, indem ein würdiger Franziskaner mit dein Ehrcnamte bekleidet wurde, was wohl so fortgehen wird. Ich trage die Mitschuld und kann doch nicht dafür! Mein hochw. Recensent erscheint wahrlich nicht unparteiisch, indem er mir zum Vorwürfe macht: „Sepp's Methode krankt vor allem daran, daß er die Einwürfe seiner Gegner zu wenig ernst nimmt." Ich habe in un- bhängiger Stellung kein Interesse als die Wahrheit, es wäre mir ein Triumph, den weniger Unterrichteten bei- znspringen, die ich nicht eigentlich als Gegner betrachte; aber was mein Kritiker Gründe nennt, blase ich mit Einem Hauche in den Wind. Lichtmesse, 1897. Pros. Dr. Sepp. Verzeichnis; bei der Redaction eingegangener Schriften. Immergrün. Jllustrirte Monatsschrift zur Unterhaltung und Belehrung. Verlag von Ambr. Opitz in Warnsoorf (Nordböhmen). Preis per Jahrgang 3 M. Tabernakel-Wacht. (A. Laumaun'sche Buchhandlung in Dülmen, Westfalen. Jährlich 12 Hefte, Preis M. 2,40.) Das 1. Heit dieser neugegründcten Zeitschrift ist ziemlich umfang- und inhaltreich und zugleich recht gefällig ausgestattet. Dieverschiedenartigen Themata, welche dahin behandelt werden, sind mit praktischem Verständniß ausgewählt und entsprechen in angemessener Weise dem einheitlichen Zwecke, welchem sie dienen sollen, nämlich der Anbetung und Verherrlichung des allerheiligsten Sakramentes. Stimmen vom Berge Karin el. Monatsschrift für das katholische Volk. Graz 1697. Verlag des Karme- litcn-Conventes. Preis jährl. M. 2.36. Missionsblätter. Jllustrirte Zeitschrift für das kathol. Volk. Organ der St. Benediktus-Genossenschast für ausländische Missionen zu St. Ottilien. Die ..Missionsblätter", welche man bei der Expedition derselben in St. Ottilien, Post Türkenfeld. bestellt, kosten jährlich M. 1,50. Dieselben erscheinen Heuer im ersten Jahrgange und.verdanken ihr Entstehen dem Wunsche verschiedener Wohlthäter und Freunde der Genossenschaft, über deren Wirken genauere Nachrichten zu erhalten. Durch Herausgabe der „Missionsblätter" ist es möglich geworden, das im gleichen Verlage erscheinende „Heidenkind" ganz der Jugend zu widmen. Letztere Zeitschrift erscheint monatlich zweimal und kostet jährlich 1 M. „Kreuz und Schwert im Kampfe gegen Sklaverei und Heidenthum." — Inhalt des Febrnarhestes: 1. Mis- ftonstyätigkeit. — Koloniales: Die Missionen der Weißen Väter in den deutschen Schutzgebieten. Gründung einer neuen Mission. — Aus der Togo-Mission (Väter vom Göttlichen Wort). — Das Herz-Jesu-Missionshaus zu Hiltrup bei Münster i. W. — Kleine Nachrichten. — 2. Zur Belehrung und Unterhaltung: Blumen aus dem Garten der Missionsschwestern. — Etwas über die schwarzen Handwerker in Togo. — Aus Pins' IX. schweren Tagen u. s. w. — Verleger: W. Helmes, Münster i. W. Jährlich 1,80 M. portofrei. Die katholische Welt. illustrirtes Familienblatt mit den Beilagen „Der Hausfreund" und „Für fleißige Hände" (jährlich 12 reich illustrirte Hefte ü 40 Pfg.) Das soeben ausgegebene Heft 4 enthält folgende Theile: Ein Tag in Alcraudrien: Ausflug nach Kairo; von Alexandrien über Jaffa nach Jerusalem, mit 11 Illustrationen. Ge- sammtzahl der Illustrationen im Hefte: 41 und eine Kunstbeilage. Probehefte versendet die Verlagshandlung von A. Rifsarth in M.-Gladbach (Rheiul.). Die heilige Familie, Monatschrift für die christliche Familie, insbesondere für die Mitglieder des allgemeinen frommen Vereins der christlichen Familien zu Ehren der heiligen Familie von Nazareth, herausgegeben unter Mitwirkung mehrerer Welt- und Ordenspriester von Clemens Schlecht, Kraukenhauskurat. Jährlich 12 Hefte. 16—24 Seiten stark, mit Illustrationen. Preis 1 Mk. Verlag von vr. Franz Paul Datterer, Verlagsanstalt, Freising. Litcrarisches. * Ein neues Geschichtswerk, auf das wir hier vorläufig kurz aufmerksam machen möchten, ist jüngst vom Herder'schen Verlag (Freibura) und zwar zunächst der 1. Band ausgegeben worden. Dasselbe nennt sich „Geschichte des deutschen Volkes seit dem 13. Jahrhundert bis zum Ausgang des Mittelalters" und hat den Jnnsbrucker Professor der Kirchengerichte Dr. Einil Michael 3. (I. zum Verfasser. Das Werk erscheint in 6—7 Bänden in Format und Ausstattung von Janisens Geschichte und wird die deutsche Geschichte bis dorthin fortsetzen, wo Janssen begonnen hat. Der erste Band, über welchen wir ein Referat aus berufener Feder bringen werden, behandelt „die sociale Frage in Deutschland während des 13. Jahrhunderts und ihre Lösung"; der zweite Band wird die religiös-sittlichen Zustände, Erziehung und Unterricht, Wissenschaft und Mystik; der dritte Band die deutsche Kunst des 13. Jahrhunderts behandeln und in den nächsten Bänden die Darstellung sich der politischen Geschichte zuwenden. (Preis des 1. Bandes 5 M.; in Orig.-Einband M. 6,80.) (Wie uns die Verlagsfirma soeben mittheilt, war die Nachfrage nach dem Werke so stark, daß bereits wenige Wochen nach der Versendung des Bandes zu einem Neudruck geschritten werden mußte, welcher Mitte März als zweite, unveränderte Auflage in Lieferungen zu erscheinen beginnen wird.) * In Beilage Nr. 51 (1896) befand sich eine litterarische Anzeige von „48 Betrachtungen über das Hohe Lied von Maria Anna Zaubzer. In derselben hieß es u. A.: „Wenn die Verfasserin die S. 101 erwähnten Sitten belegen könnte, wären ihr die Ausleger des Hoben Liedes dankbar." Hiezu schreibt uns die Autorin der „Bettachtungen": Diesen Dank will ich mir herzlich gerne verdienen und glaube ich den genügenden Beleg zu liefern, indem ich auf folgendes Werk hinweise: „Die hl. Schrift des alten und neuen Testamentes nach der Vulgata mit steter Vergleichung des Grnndtextes, übersetzt und erläutert von Dr. Valentin Loch und vr. Wilhelm Reischl. Neue illustrirte Ausgabe, II- Band. Regensburg, 1885. Verlag von Manz. Seite 543. Anmerkung k." dort heißt es wörtlich: „Die ältere Leseart der Vulgata stimmt noch näher mit dem hebr. Texte: ,Der Geliebte langte durch das Thürgitter an den Riegel herein, entweder um den Versuch zu machen, ihn loszuknüpfen (1 zu Matth. 16,19) oder (nach V. 5) um denselben, wie es uraltes, noch im Morgenlands übliches Zeichen und Pfand treuer Liebe ist, mit Aroma zu salben'. Das also ist mein Beleg. Weiter schreibt uns die Verfasserin, daß sie sich eingehend orieutirt habe, wie sich die hl. Väter über das Hohe Lied aussprcchen, daher werde den Exegeten auch „das ofte Schütteln des hermeneutischen Hauptes erspart bleiben"; denn, wenn sie sich die Mühe nehmen wollen, nachzuschlagen, so werden sie da und dort wieder finden, was sie, die Verfasserin, in allerdings gekürzter einfacherer Form wieder gegeben habe. Was sie auf diesem Grunde weitergebaut, mäche keinerlei Ansprüche auf Exegese, sondern bewege sich im Reiche der Vergleiche. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Zum Erscheinen der zweiten Auflage von K. Krumbacher's „Geschichte der byzantinischen Literatur". Das Erscheinen der zweiten Auflage der „Geschichte der byzantinischen Literatur" von Professor Karl Krum- bacher*) darf als ein bedeutendes literarisches Ereigniß bezeichnet werden. Als vor sechs Jahren der Verfasser zum ersten Male die Wanderung durch die „unaussprechlichen" Jahrhunderte des byzantinischen Zeitalters unternahm und seine Wahrnehmungen in der ersten Auflage zusammenstellte, war er begleitet „von dem drückenden Gefühle der Unsicherheit und Besorgniß". Hatte es sich ihm ja sogar als Nothwendigkeit herausgestellt, das wissenschaftliche Recht des Gegenstandes, den er, ohne Vorgänger zu haben, zusammenfassend darstellte, gegenüber mannigfachen schiefen Auffassungen zu vertheidigen. Freilich, das Bewußtsein mußte auch damals schon sein Vertrauen erhöhen, daß es unrichtig war, wenn man ihm vorwarf, die Beschäftigung mit einer Zeit, wo ä-iö den Accusativ regiere, müsse „die reine Liebe zum Alterthum und die pädagogische Kraft" verkümmern lassen. Das stand doch felsenfest, daß der Werth der historischen Forschung nicht abhängig gemacht werden darf von der Beschaffenheit ihres Gegenstandes. Das Studium inhaltlich und formal hochstehender Literaturperioden ist nicht höher zu achten, als die Beschäftigung mit weniger glanzvollen Zeiten. Mit vollem Recht weist daher Krnmbacher derartige „ästhetische und pädagogische Rücksichten" bei Beurtheilung des Werthes oder Unwerthes historischen Schaffens zurück. Leider waren und sind diese Erwägungen noch nicht zum Gemeingut aller Gebildeten geworden. Und wenn auch in der Theorie gar viele dem Gesagten zustimmen, wenden sie in der Praxis doch ihre Blicke weg von dem dunklen Zeitalter des Byzantinismus, das ein ständiges Sinken der Civilisation und ein Ueberhandnehmen des schon durch das Wort „byzantinisch" charakterisirten Servilismus in Literatur und Gesinnung reprüscntire. Mit der ihm eigenen kraftvollen Sprache widerlegt Krnmbacher durch schlagende Beweise und Hinweise auf andere Culturepochen derartige Vorurtheile. Eine vielseitige Zustimmung zu seinen Ansichten darf Krnmbacher aber fchou dem Umstände entnehmen, daß er nach kaum einem Lustrum schon wieder an eine Neubearbeitung der byzantinischen Literatur-geschichte schreiten mußte. Aber auch die Art und Weise, wie die Neubearbeitung vor die Oeffentlichkeit trat, zeugt von dem großen Erfolgt seiner Bemühungen. Um mehr als das Doppelte ist der Umfang des Buches vermehrt. Fast jede Seite weist Früchte auf, die erst die letzten Jahre zur Reife gebracht haben. Vor allem werden aber die Theologen diese neue Auflage freudigst begrüßen, da die theologischen Schriftsteller in derselben eine gesonderte Behandlung gefunden haben, und zwar von Seite eines Fachmanns; Professor Albert Ehrhard hat diesen Abschnitt der byzantinischen Literatur bearbeitet. Auch der im Anhang gegebene „Abriß der byzantinischen Kaisergeschichte", den Professor H. Geiz er gefertigt hat, entsprach zu sehr einem dringend gefühlten Bedürfnisse, als *) Erschienen als IX. Band I. Abtheilung des „Handbuchs der klassischen Alterrhums-Wissenschafi". München 1897 daß er nicht mit der größten Dankbarkeit entgegengenommen würde. So ist denn durch dieses Handbuch unsere historische Wissenschaft um ein bedeutendes Hilfsmittel bereichert worden. In drei großen Abtheilungen (prosaische, poetische und vulgärgriechische Literatur) führen uns die Verfasser die einzelnen Schriftsteller nach Fächern (Theologie, Geschichtschreiber und Chronisten usw., Kirchen» Poesie, Profanpoesie) seit den Zeiten Justinians bis zur Auspflanzung des Halbmondes auf der Hagia Sophia (527—1453) vor Augen. Krumbacher datirt zwar in der neuen Auflage den Beginn des byzantinischen Zeitalters in die Zeit Konstantins, näherhin in das Jahr 324, und begründet diese Meinungsänderung eingehend. Aber der Anschluß an die Literaturgeschichte von Christ erforderte das Beginnen mit der Zeit Justinians. Die kurzen Charakteristiken der einzelnen Perioden und Schriftsteller, die trefflichen Literaturangaben, die beigefügte allgemeine Bibliographie, dazu die größtmögliche Correctheit und Wissenschaftlichkeit in Inhalt und Form, wofür schon die Verfasser bürgen, machen das Buch zu einer wohl- eingerichteten Rüstkammer, der alle Einzelforscher auf dem Gebiete der byzantinischen Literatur Material und Hilfsmittel entnehmen müssen. Mögen denn diese reichen Anregungen auch reichlich benutzt werden; möge diese zweite Auflage im Stande sein, recht viel Sinn und Freude für byzantinische Studien zu wecken! Hier bleibt freilich noch viel zu wünschen übrig. Noch im vergangenen Jahre, als das bayerische Parlament sich mit der Genehmigung der Mittel für Gründung eines byzantinischen Seminars an der Münchener Universität beschäftigte, war es dem Referenten der Kammer der Abgeordneten möglich gewesen, zur Begründung der Ablehnung dieses Antrags unter anderem auf die geringe Betheiligung an diesen Studien hinzuweisen. Dieser Thatsache gegenüber ist der Wunsch angebracht, daß eS dem Verfasser, der durch Herausgabe der byzantinischen Literaturgeschichte diese Studien so trefflich inaugurirt und durch Gründung und Redaktion der „byzantinischen Zeitschrift" ihnen ein Centralorgau ersten Ranges geschaffen und überdieß noch Zeit gefunden hat, in zahlreichen Einzelstudien mustergiltige Vorbilder zu bieten, noch recht lange beschieden sein möge, Wortführer in Sachen seines Wissenszweiges zu sein! Möge ihm insbesondere auch als akademischer Lehrer ein recht weites Arbeitsfeld zu theil werden! Eine Verbreitung und Verallgemeinerung der Kenntniß des byzantinischen Zeitalters über den Kreis der Fachgenossen hinaus kann ja nur dazu dienen, manche Fragen der Gegenwart mit reiferem Blicke zu betrachten. Dazu ist z. B. der Dualismus zu rechnen, der die gräco» slavische Welt so scharf scheidet von der gcrmano-roman- ischen. Vor allem aber werden auch die vom gegenwärtig regierenden Papste Leo XIII. so sehr betonten Unionsfragen durch Kenntniß der byzantinischen Literatur und Geschichte tiefer erfaßt und besser gelöst werden können. Rom, Jänner 1897. F. 8. Socialistische Theorien des Alterthums. (Fortsetzung.) 1. Der Staat des Phaleas. L Der erste, welcher sich niit dem socialen Problem befaßt zu haben scheint, ist Phaleas aus Chalkcdon. Wohl durch die vielen Unruhen veranlaßt welche die unr gleiche Vertyeilmig des Besitzes in den damals bestehenden Staaten zur Folge hatte, stellte er die Forderung auf, der Besitz der vollberechtigten Staatsangehörigen solle gleich groß sein; bei Gründung von neuen Städten sei die sofortige Einführung dieses Modus nicht schwierig, bei bereits bestehenden Verfassungen müsse man, wenn's auch hart ankomme, eine Gleichheit auf dem Wege herbeiführen, daß die Reichen ihren Töchtern Mitgift geben, aber selbst keine bekommen, und die Armen Mitgift wohl bekommen, aber keine geben. Neben der Besitzgleichheit wollte Phaleas auch Gleichheit der Erziehung für alle Bürgersöhne. Damit sei ein Heilmittel gegen Ungerechtigkeiten geschaffen. Auf die Fragen, wie hoch denn diese gleiche Besitzquote und welcher Art die gleiche Bildung sein solle, hat sich Phaleas nicht eingelassen. Dagegen wissen wir, daß er den Gewerbetreibenden das Staatsbürgerrecht entzogen und sie zu Dienern des Staates gemacht wissen wollte, daß er also die Industrie verstaatlichte, aber den Arbeitern das Eigenthum nahm. Wir haben da einen noch recht unvollkommenen Versuch vor uns, die sociale Lage wieder zu bessern. 2. Der Staat des Hippodamos von Milet. Dieser merkwürdige Mann, ein großer Baumeister, hatte sich durch seine Vorschläge für die regelmäßige Anlage von Städten und durch die Eintheiluug des wichtigen athenischen Hafens, des Piräus, bemerkbar gemacht. Seine Zeit (um 440 v. Chr. Geburt) fällt mit der des gewaltigen Staatsmannes Periklcs zusammen. Eine ächte Künstlernatur, unterschied er sich auch in seinem Auftreten von seiner Umgebung: er trug dichtes, lang Herabwallendes Haar und selbst im Sommer Winterkleidung. Sein hochfahrender Sinn strebte, ein Urtheil über die ganze Welteinrichtung zu gewinnen, und so war er der erste Privatmann, welcher sich über die Einrichtung eines Staates aussprach, der als der beste gelten könne. Sein Staat sollte 10,000 männliche Einwohner umfassen, welche drei Gruppen bilden würden: Handwerker, Bauern und Soldaten. Das Land sollte gleichfalls in drei Theile zerfallen, in heiliges Land für die Götter, in staatliches Land für die Soldaten und in Privatland für die Bauern. Nur drei Arten von Gesetzen solle es geben, nämlich gegen Gewaltthätigkeit, Sachbeschädigung und Mord. Als Appcllatiousiustauz stellte er ein Reichsgericht auf, welches aus wählbaren, greisen, erfahrenen Männern zusammengesetzt fein sollte. Ferner sollten die Männer, welche eine gemeinnützige Erfindung machen würden, staatlich geehrt und die Kinder der im Kriege Gefallenen auf Staatskosten unterhalten werden. Die Beamten dachte sich Hippodamos vom ganzen Volke, das heißt jenen drei Ständen gewählt; ihre Thätigkeit habe sich anf die Angelegenheiten des Staates, der Fremden und der Waisen zu richten. Diese Staatsidee ist augenscheinlich genauer ausgeführt als die des Phaleas. Aber sie leidet außer der aus Abgeschmackte streifende Vorliebe für die Dreizahl, welche der Baumeister vielleicht dem Studium pythagoreischer Lehren verdankt, an mehreren Unklarheiten. Die Handwerker scheinen keinen Antheil an Grund und Boden besessen zu haben. Das heilige Land und das Soldateu- land scheint commuuistisch verwaltet worden zu sein, und demnach kann auch das Privatlaud für die Bauern nicht in volle»! Sinne als vercrblichcs und vcrmehrbares Privatbank» betrachtet werdcn- Die Gewerbetreibenden hatten bei Hippodamos demnach eine ähnliche oder dieselbe Stellung wie bei Phaleas; von Besitz der vollberechtigten Bürger, zu denen wohl auch die Soldaten zu zählen waren, ist nichts mehr erwähnt. 3. Der Weiber st aat (389 v. Chr. Geburt). Der Lustspieldichter Aristophaues, welcher als witziger Gegner des Periklcs und des Sakrales den Standpunkt des Conscrvativismns in Religion und Politik vertrat, schildert in einem seiner tollsten Stücke, welches wir etwa „Weiberlandtag" betiteln würden, eine socialistische Verfassung, welche er von Weibern einrichten läßt. Er hat natürlich diesen Staat nicht mit dichterischer Phantasie frei erfunden, sondern verspottet dort eine ganz bestimmte Persönlichkeit, möglicher Weise einen der Sophisten, welche damals mit unerhörter Keckheit allem Herkömmlichen zu Leibe rückten, oder auch den nuten zu erwähnenden Antisthenes, der ursprünglich in die sophistische Schule ging. Das aristophanische Staatsbild besteht aus folgenden einzelnen Zügen: Alles soll glücklich sein. Hunger und Blöße, Schmähungen, Beutelschneiderei und Auspfändungen werden nicht mehr geduldet. Alles ist Gemeingut. Reiche und Arme gibt es nicht mehr. Alles muß an den Staat abgeliefert werden. Vom allgemeinen Vermögen werden die Einzelnen ernährt. Auch die Frauen sind Gemeingut. Die Kinder sollen jeden als ihren Vater betrachten, der etwa ein paar Jahrzehnte älter ist als sie. Rechtshändel gibt es nicht mehr. Prügelt einer in der Trunkenheit den andern, so wird dem Raufbold das Brod entzogen, welches er sonst bekommen hätte.. Die ganze Stadt wird ein Haus; die Gerichtshöfe und die Stadthallen werden in Gesellschaftssäle verwandelt, in welchen die Schmäuse und die Gelage stattfinden. Wenn der Dichter die Sache noch so ausmalt, die Männer hätten nichts zu thun als spazieren zu gehen und sich von den Frauen, welche dafür regieren, recht schön bedienen zu lassen, so ist klar, daß der schalkhafte Poet hier seine Scherze einstießen läßt. Wir sehen, bei Aristophaues liegt im Kleinen das Programm der Socialisten bereits fertig vor. 4. Der Staat der cynischen Schule. Nicht ohne Grund verknüpfen wir mit dem Ausdrucke „cyuisch" einen sonderbaren Begriff. Die griechische Philosophenschule, welche diesen Namen führte, hat sich, in diesem Punkte eine Tochter der Sophistik, wohl das Höchste in geistreicher Derbheit und Gemeinheit geleistet. Brutal cousequent und bar alles feineren Gefühles bildete sie ihre Sätze aus, in welchen zwar die Tugend in letzter Linie als Leitstern gepriesen, in Wahrheit aber ein Zerrbild dieses erhabenen und zugleich schönen Begriffes gegeben wurde. So ist es denn kein Wunder, wenn anf der Karte ihres Zukunfts- und Musterstaates so ziemlich alle Punkte verzeichnet sind, welche der aristophanische Weiberstaat feststellt, nebst einigen Zusätzen, welche auf denselben Weg deuten. Dies gilt schon von dem Gründer der Schule, dem Lehrling des Sakrales, Antisthenes (nach 400 v. Chr. Geburt), mehr aber noch von Diogenes (404 — 423 87 v. Chr. Geburt), den wir als überspannten Verehrer der Einfachheit und Natürlichkeit kennen. Ihr Grundgedanke war: Der wahrhaft Weise, der die Tugend voll besitzt und frei gebrauchen kann, werde alles recht und trefflich machen. Daher sei Ehe, Besitz und Rechtsschutz nnnöthig. Die gesellschaftliche Bedeutung des Gesetzes erkannte Diogenes zwar an, aber er verstand darunter wohl nur das sittliche Gesetz, welches alle speciellen Gesetze überflüssig macht. Einen Staat in unserm Sinne wollte er nicht. Er meinte, der einzig richtige Staat sei derjenige, welcher in der ganzen Welteinrichtung zu Tage trete. Die Gottesverehrung in Tempeln und die Abstinenz schätzte er nicht besonders hoch. Es sei kein Unrecht, aus einem Tempel etwas wegzunehmen oder jedes beliebige Thier zur Speise zu wählen; ja selbst der Genuß des Menschenfleisches sei nichts Ruchloses. Der Unterricht in Kunst und Wissenschaft war nach ihm ohne sittlichen Nutzen, wenn nicht schädlich. Als Tauschmittel empfahl er statt des Goldes oder Eisens das Knöchelgeld, welches den Spielmarken unserer Kinder entspricht — eine interessante Parallele zum Markengelde der jetzigen Socialisten. 5. Der Staat Platons (nach 380 v. Chr. Geburt)' Der geniale Schüler des Sakrales hat unstreitig das Großartigste gesagt, was je über die Eigenschaften des bestmöglichen Staates verkündet wurde. Er ist auch das Muster und Vorbild für alle die gewesen, welche uto- pistische Staatsgebilde schufen, von Thomas Morus und Campanella bis auf unsere Zeit. Nicht ohne Vorbereitung jedoch wie Athene aus dem Haupte des Zeus ist der Plan dem Geiste des Philosophen entsprungen. Die bisher dargestellten Verfassungsvorschläge haben mehr oder minder ihren Beitrag und ihre Anregung zu demselben geliefert, wie auch das praktische Vorbild der spartanischen Staatseinrichtung. Auffallend erinnert an Hippodamos die Eintheilung der Stände. In trefflicher Ausführung nämlich begründet Platon in seinem „Staate", dem Hauptwerke über Politik, den Gedanken, daß wie im gewöhnlichen Leben, so auch im Staatsleben eine Arbeitseintheilung eintreten müsse, je nach der Befähigung des Einzelnen. Und zwar müsse neben dem Nährstande der Gewerbetreibenden, Bauern und Arbeiter, welche in willigem Gehorsam die Tugend der Selbstbeherrschung zu üben hätten, ein besonderer Wehrstand stehen, die sogenannten „Wächter", deren Aufgabe die Vertretung der Tapferkeit zum Schutze des Staates sei, und alle diese sollten geleitet werden von dem Ehr- und Lehr stände, dessen Glieder philosophisch gebildet und mit der Tugend der Weisheit ausgerüstet sein müßten. Im Unterschiede aber von Hippodamos denkt sich Platon die drei Stände nicht numerisch gleich, sondern er hält nur wenige Bürger für würdig, dem Beamtenstande anzugehören. Auch die Besitz-, Weiber- und Kindergemeinschaft nimmt Platon in seine Theorie aus, die Besitzgemcinschaft jedoch nicht für den Nährstand und letztere mit Beschränkungen, die hier nicht näher besprochen werden können. Nur tvie gezwungen und nur nach und nach läßt er sich auf die Frage der Fraueugemeinschaft ein, so daß man auf die Vermuthung kommt, er habe diese Forderung zum ersten Male aufgestellt. Allein jene Behutsamkeit läßt sich ebenso gut aus der Vedenklichkeit des Themas erklären, dessen Erörterung damals nicht ganz gefahrlos sein mochte. Vor weiteren Couscquenzen scheut der- Philosoph nicht zurück: Die Frauen nehmen am Kriegsdienst und den Staatsgcschäftcn theil; geschlechtliche Verbindungen zwischen den allernächsten Verwandten sind nicht auf alle Fälle ausgeschlossen; die Kinder sind den Eltern gänzlich, vor allem in der Erziehung, zu nehmen, und es muß verhütet werden, daß etwa die Mütter ihre Kinder erkennen. Eine allgemein waltende Gesinnung brüderlicher Liebe und Freundschaft sieht Platon als Folge dieser Anordnung voraus, welche noch wirksamer gestaltet wird durch das Verlangen gemeinsamer Mahlzeiten. Die Gänge der platonischen Dialektik im einzelne» zu verfolgen und die speciellen Vorschriften mit den Begründungen wiederzugeben, müssen wir uns versagen. Nur schwer entzieht sich dem Banne der überredenden Darstellung, wer einmal in den platonischen „Staat" eingedrungen ist. (Fortsetzung folgt.) Die Abteikirche zu Kastl. Kunstgeschichtliche Skizze von F. Mader. (Schluß.) Nachdem wir die Stiftskirche im Innern genügend kennen gelernt, lade ich zur Betrachtung des Aeußeren ein. Da in den Jnnenräumen der ehrwürdigen Basilika nichts mehr zu „restauriren" war, die Malteser aber doch auch eine kunstgeschichtliche That vollbringen wollten, gedachten sie sich am Außenbau der Kirche zu verewigen. Das gelang ihnen auch. Sie überdeckten nämlich die drei Schiffe der Kirche mit einem großen Dach. Dieser barbarische Einfall hat das Aeußere der Kirche sehr geschädigt. Nur die Ostseite von St. Peter mit den drei Apsiden und dem Thurme bringt noch die ursprüngliche Gestalt zur Anschauung und zeigt, daß die Kirche auch nach außen hin in edlen Formen und Verhältnissen sich präsentirte und mit einer mäßigen, aber geschmackvollen Dekoration ausgestattet war. Da die HauptapsiS bei dem schon erwähnten Einsturz des nördlichen Thurmes in ihrem unteren Theile erhalten blieb sammt ihrer ursprünglichen dccorativen Ausstattung, so läßt sich mit großer Zuverlässigkeit die ehemalige Gestalt der Apsis nach außen feststellen. Sie war in fünf Felder getheilt, zwischen denen vier Halbsäulen emporwuchsen; oben müssen dieselbe» durch Rundbögen verbunden gewesen sein. Die Sockel der Halbsäulen sind zweimal als attische Basen behandelt, zweimal mit Thiermotiven geschmückt. Unter dem Dach- gesims war noch ein Ruudbogenfries angeordnet, wie auS den Resten sicher ist. Ob die Zahl der Fenster drei oder fünf betrug, läßt sich nicht angeben; beim Wiederaufbau der Apsis nach dem Thurmeinstnrz hat man deren fünf angebracht. Die nämliche decorative Anordnung, wie hier an der Hauptapsis von St. Peter zu Kastl, findet sich auch an der Apsis des Domes zu Gurk und zu Speyer, im letzteren Fall bereichert durch eine zierliche Säulengallerie. Die Seitenapsiden sind einfacher behandelt. Unter dem Dachgesims läuft ein Zahnschnittband und darunter ein Rundbogenfries mit zwei Ecklisenen. Der Thurm, das Wahrzeichen der Kastler Gegend, hat eine edle, stilvolle Gliederung. Die Fensterzahl steigt nach oben zu. Kräftige Gesimse scheiden die einzelnen Stockwerke. Die oberen drei Etaaen sind durch Rund- 88 bogenfriese belebt, wobei die Sockel der Bögen mehrfach als Thier- und Menschenköpfe gebildet sind. Im Uebrigen weisen die Außenwände der Kirche keinen Schmuck auf. An der Südseite befinden sich zwei Portale: ein romanisches in einfachen Formen und ein gothisches an der Bencdiktuskapelle. Letzteres ist zwar figurenlos, aber recht gefällig und beachtenswerth in der Anlage. Weitere dekorative Bestandtheile haben sich nur im Innern der Kirche und zwar an der Hauptapsis erhalten. Es sind zwei Dreiviertelsänlen, die einen die Apsis einnehmenden Wulst tragen. Einer dieser Säulen dient ein Fischlveib zum Sockel. Die Kapitäle und der Wulst sind mit zierlichen Ornamenten geschmückt. Diese Ausschmückung der Apsis innen und außen» sowie einige zerstreut umherliegende Details beweisen, daß St. Peter sich ehemals reichen Schmuckes in plastischer Arbeit erfreute: so gehört ein am Pfarrhof eingemauertes Kapitäl dem gereiftesten romanischen Stil an nnd zeigt vortrefflich stilisirtes Blattwerk mit Diamantbändern. Zwei andere Kapitäle befinden sich auf dem jetzigen Calvarienberg in der Nähe von Kastl. Noch möchte ich eines Weihwafferbeckens erwähnen, das aus romanischer Zeit sich erhalten hat: es ist eine Steinmetz- arbeit in Form einer aufgeblühten Rose, mit stilisirten Roscnblättern glücklich dccorirt. Nach allem zu schließen, muß St. Peter ein herrliches Baudenkmal gewesen sein, und man kann nur bedauern, daß soviel davon zu Grunde gehen mußte. Sogar im 18. Jahrhundert, das nicht viel archäologischen Sinn besaß, war man mit der Restauration der Jesuiten nicht einverstanden, weil sie alles beseitigten, was die vorausgegangenen Stürme noch nicht weggefegt hatten; bei der bischöflichen Visitation im Jahre 1720 ernteten sie kein Lob für ihre Restauration. * * * Ich hoffe, die ehrwürdige Abteikirche nunmehr genügend beschrieben zu haben; es erübrigt aber noch die Frage, welcher Baumeister wohl diese merkwürdige Basilika erbaut habe. Um die Zeit, wo die Klosterkirche zu Kastl gebaut wurde, waren die Kräfte zur Ausführung eines so stattlichen Gotteshauses in der Kastler Gegend ganz gewiß nicht vorhanden, und „da der Bau mit seinen Tonnen- und Kreuzgewölben eine technische Entwicklung zeigt, die, wie Rieh! bemerkt, weder in der Hauptstadt des Landes, in Regensburg, geschweige denn in der Diöcesanhauptstadt Eichstätt um jene Zeit ein Seitenstück findet," so muß man an eine auswärtige oder wenigstens auswärts gebildete Kraft denken. Die Ansicht Nichts, daß der leitende Baumeister der cluuiacensischen Schule angehörte, hat alles für sich. Das in Deutschland so äußerst seltene Tonnengewölbe, wie es sich in Kastl findet, weist ganz bestimmt auf Südfrankreich hin, wo das Tonnengewölbe während der romanischen Epoche bekanntlich sehr häufig zur Anwendung kam. Und wenn einmal französischer Einfluß feststeht, so kann man unr an Clnuy denken, von wo gerade zur Zeit, da Kastl gegründet wurde, die Reform des Bene- diktlnerordens ausging. Neben dem Tonnengewölbe weist auch die Vorhalle in Kastl auf Clinch hin. Die großartige Abtcikirche zu Clinch selbst besaß eine doppelte Vorhalle, deren eine doppelgcschossig war, und wo man tu Deutschland derartige Vorhallen an I romanischen Bauten findet, läßt sich immer der Einfluß Cluny's nachweisen, der in Dentschland durch Hirsau vermittelt wurde. Da nun Kastl auch eine solche Vorhalle besaß, so wird die Ansicht, daß ein mit Cluny direct oder indirect in Verbindung stehender Baumeister die Kastler Stiftskirche erbaut habe, wesentlich verstärkt. Zudem ist die Entstehungsgeschichte des Klosters dieser Annahme sehr günstig. Die ersten Mönche, die dasselbe bevölkerten, kamen, wie schon erwähnt wurde, aus Petershausen bei Constanz unter dem Abte Theodorich. Die Veranlassung zu dieser Berufung ist ohne Zweifel bei Bischof Gebhard von Constanz zu suchen, dessen Schwester Lnitgard das Kloster Kastl Mitbegründer hat. Bischof Gebhard war aber in Hirsau Mönch gewesen, ehe er Bischof wurde, und stand daher mit Cluny in naher Beziehung. Es ist deßhalb kaum anders zu denken, als daß die ersten Kastler Mönche auch der cluuiacensischen Reform angehörten — und daß der Baumeister der Kastler Klosterkirche aus der clunia- censischen Schule hervorgegangen war. So begreift es sich, wie zu einer Zeit, wo die Technik des Wölbens in Bayern noch kaum geübt wurde, in Kastl die Wölbung eines fünfschiffigen Chores mit Tonnengewölbe im Hauptschiff ausgeführt werden konnte, einem Gewölbesystem, das in der deutschen Kunstgeschichte eine ganz seltene Erscheinung bildet. r» * * Noch ein Wort über die Klostergebäude, die der Kirche östlich sich anschließen! Sie umfassen mehrere kunstgcschichtlich interessante Räume: vor allem den Kapitelsaal, wie er gewöhnlich genannt wird. Dieser flachgedeckte Raum gehört dem Beginn des 13. Jahrhunderts an. Darin steht ein portalartiges Monument, dessen Bestimmung die Archäologie immer noch nicht festgestellt hat. Die einen bezeichnen es als Altar, andere als Rückwand für den Abtsitz, wieder andere bringen es mit dem Doppelkloster in Zusammenhang, das in Kastl eine Zeit lang bestanden haben soll. Ein weiteres Denkmal des 13. Jahrhunderts innerhalb der Klostergebäude ist die sogenannte Stifterkapelle, die an den südlichen Thurm anstößt. Die vier Gewölbe- joche derselben werden durch einen Mittelpfeiler und entsprechende Wandpfeiler getragen. In ähnlicher Weise mag die Halle im Obergeschoß des Paradieses gewölbt gewesen sein. Auch der Speisesaal aus der Benediktinerzeit ist erhalten. Es ist eine stattliche gothische Halle von 23 m Länge, 8 in Breite und ungefähr 10 m Höhe. Ein Kreuzgewölbe zu fünf Jochen überspannt den Raum. Schlußsteine, Nippen und Consolen sind treffliche Steinmetzarbeiten der entwickeltsten Gothik. In diesem Saale ist noch ein seltenes Handwaschbecken aus gothischer Zeit erhalten. Es befindet sich nahe dem Eingang an der Westwand. Aus drei Löwenrachen ergoß sich das Wasser zum Gebrauch. Die Nische, in welcher der steinerne Wasserbehälter sich befindet, ist von einem kräftigen Wimperg überragt. Letzterer ist mit zwei Mönchsgcstalten (Kniestücke auf Wolken) belebt, von denen der eine einen Krug hält, bereit, von dem Wasser auszugießen, während der andere das Handtuch darreicht. Die Bemaluug dieser interessanten Scnlptur scheint die ursprüngliche zu sein. - 89 - » Niemand wird endlich den prächtigen Ausblick bewundern, den nian am Südabhang des Berges, an der dortigen Ringmauer stehend, genießt, ohne den reizenden Erker zu gewahren, der die Giebelwand des aus der Süd- front des Gebäudes herausspringenden Flügels schmückt. Der Erker ist ein Werk der Spätgothik; feines Blend- maßwerk belebt dessen Flächen. Ucberhaupt würde die Mappe eines Landschaftsmalers mit vielen landschaftlichen und architektonischen Skizzen bereichert sein, wenn er Abschied nähme vom Klosterberg zu Kastl mit seiner ehrwürdigen Basilika uud seinem burgähnlichen Kloster. Der Kunsthistoriker aber, und lver immer für monumentale Kunst sich interessirt, kann nicht scheiden von Kastl, ohne den sehnlichen Wunsch mit sich zu nehmen, es möchten doch Tage der Auferstehung konimen für das schöne Gotteshaus droben auf dem Klosterbcrge. Dieses in der bayerischen und deutschen Kunstgeschichte bedeutsame Baudenkmal wäre in der That einer stilgemäßen Restauration sehr würdig und sehr bedürftig. Wenn es mir gestattet ist, eine Anregung hier aus- zusprechen, so möchte ich hinweisen auf den oben angeführten churfürstlichen Befehl, die Malereien in der Kirche zu übertünchen. Die Basilika war also mit Malereien geschmückt, die unter der jetzigen öden Tünche verborgen sind. Ein Anhaltspunkt über das Alter, über Inhalt und Ausdehnung dieser monumentalen Bemalung gibt es allerdings nicht, möglicherweise könnte ein ganz singulärer Fund gemacht werden. War doch die Anlage des fünf- schiffigen Chores, das flächenreiche Tonnengewölbe zur Ausführung eines ganzen Gemäldecyklus sehr geeignet! Die Geschichte der Malerei hat für Bayern bis jetzt nichts derartiges zu verzeichnen. Jedenfalls wäre es der Mühe werth, wenn gelegentlich einer Neutnnchung oder Restauration die Gewölbeflächen in der genannten Beziehung untersucht würden. Möchte dieser Wunsch und diese Hoffnung sich reali- firen! Bereits werden zwischen dem Pfarramt und der k. Regierung Unterhandlungen über die Restauration der Kirche gepflogen. Es besteht somit die Hoffnung, daß dieses ehrwürdige Baudenkmal des Mittelalters Tage der Auferstehung erleben wird. Die große Glocke, die am 8. Januar des Jahres 1323 beim SiegcSfest Ludwigs des Bayern zum ersten Mal erklang, wird wohl in nicht gar ferner Zeit dieses frohe Ercigniß mit ihrer feierlichen Stimme in den Gauen der Oberpfalz verkünden!*) Stilla von Abenberg. Von Adam Hirschmann. (Schluß.) Nach diesen negativen Darlegungen wollen wir nunmehr den Versuch wagen, ein positives Resultat zu gewinnen. Zwei Momente sind uns in der Stillafrage sicher gegeben, nämlich die schriftliche Fixirnng der Tradition durch den Visitator Vogt 1480 und der Grabstein in der Peterskapelle zu Abenberg. Aus den Angaben Vogts, welcher von einem restan- rationsbedürftigcn Altare spricht, ergibt sich die Thatsache, *) Literatur: Dr. B. Riehl, Denkmale der frühmittelalterlichen Baukunst in Bauern. Brnner, Das Merkwürdigste von Kastl. 1830. Eichstätter Pastoraldlatt. X. und XI. Jahrgang. daß in früheren Jahrhunderten ein umfassender Cnlt Stilla's vorhanden war, welcher jedoch allinählig nachgelassen hatte. Denn wäre die Verehrung Stilla's erst kürzlich entstanden, ehe Vogt nach Abenberg kam, so wäre die Wallfahrt zur Peterskapelle eine viel lebendigere gewesen, und der bischöfliche Commissär hätte nicht nöthig gehabt, zur Hebung derselben die Mahnung zu geben, den Altar wiederum herzustellen und den Chor neu zu bauen. Der Grabstein, welcher dem 12. Jahrhunderte angehört, stellt eine weibliche Person dar, welche eine Kirche in der Hand trägt und welche in Ansehung ihrer faltenreichen, höfischen Gewandung hoher Abkunft gewesen sein muß. Das Attribut eines Gotteshauses, die Ruhestätte in der Peterskapelle lassen unzweideutig erkennen, daß die dargestellte Person die Stiftern: genannter Kirche gewesen sei. Ferner besagt das Grabmal, daß die Erbauerin jener Kapelle in Abenberg begütert gewesen sein müsse; denn sonst hätte sie wohl kaum eine Veranlassung gehabt, an dieser Stelle eine Kapelle zu errichten; außerdem hätte sie ihre letzte Ruhestätte anderswo gefunden. Das Bindeglied zwischen den Angaben Vogts und dem stummen Zeugnisse des Grabmales bildet die örtliche Ueberlieferung, welche den Namen „Stilla" an die Peterskapelle und an den Grabstein aus dem 12. Jahrhundert knüpft. Sind wir nun berechtiget, diese Tradition zurück- zutvcisen? Dürfen wir sie als völlig grundlos erklären und ihr jeglichen historischen Werth absprechen? Wir verkennen durchaus nicht die Schwere des Einwandest Warum schweigt Vogt 1480 vollständig über das Grabdenkmal Stilla's? Aber bei näherem Zusehen dürfte selbst Vogts kurzer Bericht nicht zu Ungnnsten des Grabsteines ausfallen. Warum betont denn der cichstättische Visitator, um die Wallfahrt neuznbcleben, so sehr die Nothwendigkeit der Restauration des Altares und die Erbauung des Chores an der Peterskapelle? Wohl deßwegen, weil gerade im Chöre die Stiften,, des Gotteshauses ihre letzte Ruhestätte gefunden, weil unter den Trümmern desselben deren Grabstein verborgen fein mochte. Der einfache Nam Stilla konnte sich bei aller Verdunkelung der sonstige» Lebensuinstände im Bewußtsein des Volkes ohne Schwierig keit fortcrhalten, mochte auch das eifrige Zuströmen zu ihrem Grabe längst aufgehört haben. Somit glauben lvir festgestellt zu haben: Stilla ist eine abcnbcrgische Lokalheilige des 12. Jahrhunderts von ") Vielleicht dürfte der Name Stilla mit „Sthala" in Beziehung gebracht werden, von welchem die Genealogie der Zöllen, in der Handschrift des Erasmus Sann von Freising spricht: Lurclurrärrs eonrss cke 2olr Keuuit guatnor Llios vt ckuas Lilas: Lurebarckum, Ltzevcmem, Ikrickerleunr et Ootli'rlcluw et watrem xaleutinl cko VurviK et alterara anam ckuxlt IVerr,Leins oomes. Lurebarckus ckuxit guauckam cle 8tl,ala et Kemrit ex eo Burebaräunr vt l?L'iÜ6rienm eowltes cke Hobeubureb. Oottkrläus eine bsrecke äeesssit. irrlcksrieus Zeuuit 1»rickerleuw vt ?erelr- tlrolckum. IZorebtolckus Kennet ülram, guae nnpslt eomiti äe Zaneto wonte. k'rickeriens Kvnnit l^läerleum pure- Kiavlnm ckv Xtiruberek. (Ll. 6. 8.8. XXIV, 78.) Weder Stalin (Wirtembergikche Geschichte II. 50). noch Riede! (Die Ahnherrn des preußischen Königshanses in: Abhandlungen der k. Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1854 S. l9—21) noch Schund (Geschichte der Grafen von Zollern-Hohenberg, Stuttgart 1862 v. I-XXXIX) geben irgend welche Notiz zu Sthala. Nach Schund lebte Burkard 11., welcher mit einer ungenannten Tochter des Hauses Sthala vermählt war. zwischen 1125—1150. 90 hoher Abkunft, welche als Stiften» der Petcrskapclle daselbst ihre Ruhestätte gefunden hat?") Alle übrigen Nachrichten und Angaben gehören nicht der Geschichte, sondern der Sage an, welche mit verschiedenen Zügen aus den Legenden anderer Personen das Leben Stilla's auszugestalten sich bcmüßiget gefunden hat. Wann und wo hat allenfalls der Name Stilla die legendäre Ausschmückung erfahren? Wir haben schon oben dargelegt, wie unter dem gelehrten^") Abte Petrus Wcgel die Grafen Rapoto und Konrad von Abenberg als die ursprünglichen Stifter des Klosters Heiltzbronu aufgefaßt und als solche bildlich verherrlicht worden sind. Damit dürfte wohl auch die Erweiterung der Stilla-Legeude iu Beziehung Zu bringen sein. Gerade am Ausgange des Mitteln tters erwachte unter dein günstigen Einflüsse der ueuentdeckten Bnchdruckerkunst ein eifriges Streben, die literarischen Schätze der Vergangenheit zu sammeln, die alten Urkunden und Chroniken allgemein zugänglich zu machen. Auch die Heiligenleben wurden in den Kreis der Forschung gezogen und ihr Leben gerne mit einem reichen Kranze von großen Wunderwerken umwoben. Schon unter den ältesten Inkunabeln finden sich Legendarien und einzelne Heiligenleben, zur Erbauung bestimmt. Hin und wieder bieten sie ein brauchbares Körnchen dar; im ganzen aber erscheinen die Legenden in solcher Weise überarbeitet, daß dcls triviale, allen gemeinsame, überhandgenommen hat, das geschichtliche oft ganz verschwunden oder doch verdunkelt ist. (Wattenbach, Deutschlands Geschichtsqnellen I, 5, 9.) In dem Cisterrieuserkloster Heilsbronn ließ der Abt Sebald 1498 — 1518, welcher sich als Thomist und Historiker einen geachteten Namen erworben hat/') einen eigenen Saal bauen zur Aufbewahrung der zahlreichen Pergamenthandschriften. Noch zu Hocker's Zeiten 1731 zählte die Bibliothek des 1540 eingezogenen Klosters Außer den schon genannten Lokalheiligen Acha- hildis (St. Atzin) von Wendelstein, Reymot von Holn- stein, Gunthildis von Biberbach kennt die Diöcese Eich- stätt noch den seligen Polio, der in dem nahe bei Eichstätt gelegenen Pfarrdorfe Pollenseld verehrt wurde. Wir besitzen nur eine einzige Nachricht über ihn aus der Feder des Rebdorfer Annalisten Kilian Leib, welcher zum Jahre 1524 bemerkt: Latsi in visino inonts ksrs omnvs iüsrs exRoeati, veram Ions O. 8olas oonksssoris in pk>Ko Lvsr- selivitiiAÜ st Ions bsati (nti »saut) kollonis in villa Lollsnkslck, guas losn inilliarii gpatio ab ^.iobstat sita sank, minims ästsosrunt. (Döllinger, Beiträge II, 587.) Förstemann, Althochdeutsches Namenbuch S. 274 leitet Pollo ab vorl Bol und weist aus Pertz (N. O. II, 62, Ratxsrti sa8,,s 8. Oalli), aus Neugart, Kausler, Meichel- beck das Vorkommen dieses Namens im 9. Jahrhundert nach. Im römischen Martyrologium kommt unterm 28. April ein Pollio in Pannonien vor. ") Auf seinem Grabsteine wird der am Tbomastage 1479 verstorbene Abt Petrus gerühmt: Omnibu8 in 8tuclii8 ckootn8 t'uit atgus cki8srtus Hio kbosbum ooluit ttsAa^ickssgus Osa«. Uovsat bis ounota rsksras guas TAsoloßfls, ?ruclsn8 in Iaoti8, olarna in orbs tuit. In der Rechnung von 1474 steht über ihn geschrieben: Ons. ?stru8 abbao 8. Ibsol. protss5or, rsxitannos 8säsoim st oon8truxit uovum ainbitum, ospitolium, üormitorium, inürinatoriuin, novam libsrarianu prastsr libros vsr suw emvto8, guos non oomputavi. Hocker. Heilsbr. Antigu.- Schatz I, 76. Petrus Wegel war von dem Rektor Johannes von Rysen 1431 an der Universität Heidelberg immatrikulirt worden. , ") Sebald Babenberger war am 9. April 1479 an der Universität Heidelberg immatrikulirt worden. zu Hcilsbroun über 600 Manuskripte des verschiedenartigsten Inhaltes (Hocker I. c. bibiiotb. prust. Z 13 st 17). Unter den handschriftlichen Heiligenleben finden sich vorgetragen die Biographien des hl. Othmar, des hl. Otto, des hl. Heinrich, das Sammelwerk: Blüthen der Heiligen (siores sunotorum) mit nahezu 200 Charakterzeichnungen, Reden auf die Leiden der Heiligen mit 40 Lebensgeschichten; es erscheint: Neues Passionale mit Reden auf 77 Heilige.") Auch das Leben der hl. Kunigundis, des hl. Erzbischofes Tiemo von Salzburg (vergl. Theol.-prakt. Monatsschrift 1896, 697 ff.), des hl. Willibald und anderer Persönlichkeiten des bonisatian- ischen Zeitalters war dem Sammeleifer der Mönche von Heilsbronn nicht entgangen (Hocker 1. v. dibl. 7 — 96). Von den ältesten hier einschlägigen Druckwerken besaßen sie: Viola. Lanotoruin, Straßburg 1487, 8sr- mon68 cls Lanotis von Jakob de Voragine 1484 (oonfl Kirchenlex. I, 183), ferner die Predigten des Dominikaners Johann Herolt über das Kirchenjahr und die Heiligen, erschienen zu Nürnberg, gekauft von dem Abte Johannes Wenk 1518 — 1529. Wenn nun die Söhne des hl. Bernhard in Heilsbronn sich mit solchem Eifer den Studien hingegeben haben, ist es da nicht höchst wahrscheinlich, daß sich die ersten Bewohner des Klosters Marienburg, welches im Jahre 1488 von der Bürgermeisterswittwe Katharina Habermayer von Weissenburg mit Hilfe einiger Jungfrauen aus dieser Stadt und aus Nürnberg gegründet worden war (Sax, Die Bischöfe und Reichsfürsten von Eichstätt I, 338), dorthin gewendet haben, um angesichts des Grabes einer seligen Stilla Aufschluß über die Lebensschicksale dieser Persönlichkeit zu erhalten? Diese Vermuthung wird noch gesteigert, wenn wir die Thatsache ins Auge fassen, daß der letzte katholische Abt des Klosters Heilsbronn, Johannes Schoppcr, als Humanist von Bru- schius hochgefeiert, im Jahre 1491 in Abenberg das Licht der Welt erblickt hat. Frühzeitig trat der reich- talentirte Jüngling in das benachbarte Cistercienserkloster ein, besuchte im April 1512 die Hochschule zu Heidelberg, dem gewöhnlichen Studienorte der Novizen von Heilsbronn (Sammelblatt des histor. Vereins Eichstätt II, 25 nach Töpke, Die Matrikel der Universität Heidelberg von 1386-1662, 2 Bde.), und fertigte als Prior 1524 ein theologisches Gutachten für den zwischen Katholicismus und Lutherthnm hin- und herschwankenden Markgrafen Kasimir in Ansbach. Am 6. September 1529 wurde Schopper von 19 wahlberechtigten Conventualen zum Abte von Heilsbronn gewählt. Auf die Bereicherung der Büchersammlung verwendete er jährlich 25 fl. (Hocker 1. o. I, 109; Strauß, Viri iusiAnsg p. 389). Da nun die abenbergischen Aufzeichnungen der Stilla- Legende nach Form und Inhalt aus Einer Quelle geflossen sind, da ferner das älteste Manuskript der Schwester Monika Farcketin aus dem Jahre 1593 die Jahreszahl 1502 enthält, in welchem die Gemeinde Trominetzheiin ") Diese Handschrift wurde nach der Schlußbemerkung abgeschrieben von Hermann von Noßstall, welcher zur Erklärung und Geschichte dieses Ortsnamens sich auf Aventin beruft. Letzterer vollendete 1521 seine Annalen: im November 1522 begann er die Verdeutschung derselben, Chronik betitelt (Riezler, Joh. Turmairs sämmtl. Werke I, XVill). Gerade Aventin bot (Chronik Buch VI o. 6, Riezler V, 315) die Geschichte der Jungfrau Bertha von Äiburg. Ueber seine papstfeindliche Stellung und seine zahlreichen Fälschungen s. Vrst8. VI, 124. 235-263; VII, 314; Riezler I, Xst. Hocker citirt I. o. bidl. p. 233 die Ausgabe der Chronik Aventins vom Jahre 1566. 91 an der Altmühl eine Kerze nach Abenberg verlobt wegen Befreiung von Kriegsuöthcn, so werden wir nicht fehlgehen, wenn wir annehmen, die Tradition über Stilla sei in der erweiterten Fassung in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts zum ersten Male schriftlich niedergelegt worden. Auch Müller (I. c. p. IV) hält die Handschrift des Jahres 1594 grösztcntheils für eine Abschrift einer 50 — 80 Jahre älteren Vorlage, die nicht mehr vorhanden ist. Die geschichtlichen Untersuchungen über die Grafen Rapoto und Konrad von Abenberg, wie sie in Heilsbronn gepflogen wurden und in dem oben berührten Gemälde Ausdruck gefunden haben, führten unschwer auch zu Stilla, die wegen ihrer Ruhestätte in der Peterskapelle zu Abenberg kurzwcg als Gräfin von Abenberg und als Schwester der angeblichen Stifter von Heilsbronn betrachtet werden konnte. Wohl nicht ohne Einfluß auf die Phantasie der ersten Oberin von Maricnburg, Katharina Habermayer, welche sich vorher in dem 1471 gegründeten Klösterlein Mariastein bei Eichstätt aufgehalten hatte, ist das Leben der Rcklusin Agnes Eeslingerin geblieben, welche an dem Reb- dorfer Chorhcrrn Hieronymus einen Biographen gefunden hat: „Das teglich brot von den Hastigen", Hagenan 1522. Der Exjesuit Anton Crammer gibt in seinem Buche „Heiliges und gottseliges Eichstädt 1780" folgenden Aus- zug: „Es war eine Matrone mit Namen Agnes Ees- lingerin, von ehrlichen Eltern im Schwabcnlande geboren,") die wundersame Dinge von dem hl. Altarssakramente empfangen hat. Oefters hat sie eine lange Reise unternommen, daß sie einer andächtig gelesenen hl. Messe konnte beiwohnen. Noch als Kind hat der Seelen- feind sie aus dem Mutterschooß herausgerissen und sie in den Donaufluß geworfen» aus welchem sie durch ihren Vater wundersam wieder herausgeholt wurde. Kaum etwas erwachsen, hat sie die Knaben zur Andacht aufgemuntert, und mit ihnen kleine Wallfahrten veranstaltet. Einmal gesellte sich Jesus in Gestalt eines holdseligen Knaben bei. Einmal in der Bittwoche, als sie der Prozession beiwohnte, hat ihr der böse Feind das ganze Kleid rückwärts zerschnitten, so daß sie den Bittgang zu verlassen gezwungen war, wie er ihr auch zu Hause ihre ganze Kleidung sammt vielen anderen Hausgcräthen ins Feuer geworfen. Wegen der fortwährenden Versuchungen verbarg sie sich auf dem Gottesacker unter den Todten- gebeinen; hatte aber auch bei der Nacht genug Licht zur Arbeit. Sie betete viel für die armen Seelen. Sie verschaffte große Hilfe den aussätzigen, bresthaften Kranken, denen sie mit dienstwilliger Arbeit Tag und Nacht bei- gcsprungcn. Sie hatte auch Erscheinungen der Mutter Gottes, der hl. Petronillci; sie wurde im Geiste, aber auch dem Leibe nach in andere Länder versetzt. Sie starb 1504 und wurde in der Klosterkirche zu Rebdorf, in dessen Nähe sie zuletzt gelebt hatte, beigesetzt." (Crammer S. 231 — 237, Greiser 10, 829; Viri insiZncw p. 188.) Angesichts des frommen Wunderglaubens mittelalterlicher Geschichtsschreibung darf man sich an derartigen unkritischen Ausgestaltungen vorgefundener Lokaluotizcn nicht stoßen; die wachsende Sage lehnte sich auch gerne an ältere Produkte historisch beglaubigter Personen an. So wurde z. B. das Lebensbild des hl. Sebaldus in Nürnberg an der Hand der Biographie Theobalds, welchen Papst Alexander II. (1061 — 1073) kauonisirt hatte, im 12. oder 13. Jahrhundert mit Wunderwerken der selt- ") Wohl ist damit das schwäbische Städtchen Ais- lingen bei Dillingen gemeint. , samsten Art ausgeschmückt. (Stammiuger, kstmneomn 8. I, 534.) Unter den Eichstätter Dwecsauheiligen taucht plötzlich die hl. Wunna, angeblich die Mutter des hl. Willibald,") auf. Wahrscheinlich hat der höchst unkritische Philipp von Natsamshausen, welcher aus dem Cistcrcicusertloster Barr im schönen Elsaß 1306 als Bischof nach Eichstätt berufen worden ist, diesen Namen in die Geschichte eingeführt. ((Iota 8.8. llnlii tom. II, 486.) Daß man aber im Mittclalter auch die unbegründetsten Sagen und Legenden mit stauneuswerther Leichtgläubigkeit hingenommen hat, beweist u. a. mehr als zur Genüge die Fabel von der Päpstin Johanna, welche durch die Chronik des Dominikaners Martin von Tropvau") (gestorben 1278) und des dem gleichen Orden ungehörigen Johannes von Mastly in Umlauf gesetzt worden ist. Trotz innerer Unmöglichkeit und augenscheinlicher Märchenhaftigkeit fand die Sache die gläubigste Aufnahme. Im Anfange des 15. Jahrhunderts fand die Päpstin unter den Papstbüsten im Dome zu Sieua eine Stelle, und sie behauptete den Platz zwei Jahrhunderte, bis sie endlich auf BegehrenKlemens' VIII. entfernt oder viclmehrin denPapst Zacharias verwandelt worden ist. Als auf dem Concil zn Konstanz Hns für seine Lehre sich auf das weibliche Papstthum berief, erfolgte von keiner Seite ein Widerspruch. (Döllinger, Die Papstfabeln des Mittelalters S. 1 — 45; Kirchenlcx. VI, 1519; Wattenbach, Deutschlands Gcschichtsqucllen II, 426.) Als Resultat unserer Untersuchung dürste sich somit ergeben haben, daß Stilla's Abstammung von dem Grafen Wolfram II. oder Zelchus von Abenberg, überhaupt ihre Zugehörigkeit zu diesem adeligen Hause nicht erwiesen werden kann, daß vielmehr die Legende, welche unter dem Einflüsse der Mönche von Heilsbroun erst gegen Anfang des 16. Jahrhunderts schriftlich niedergelegt worden ist, vielfach in offenem Widerspruch mit der Zeitgeschichte steht. Daher betrachten wir Stilla als eine abcnbergische Lokalheilige des 12. Jahrhunderts, deren hohe Abkunft durch ihren Grabstein, deren Name uns durch den Visitator Vogt 1480 verbürgt wird. Münchner anthropologische Gesellschaft. c>. München, den 26. Febr. Nach der Proklamirnng neuer Mitglieder ertheilte der Vorsitzende Herr Professor Dr. I. Ranke das Wort Herrn Grasen Zichy, k. n. k. österr.- ungar. Gesandten, zu seinem Vortrage: „Ueber Wicdcr- entwicklnng einer scheinbar verkümmerten Rasse von Hirschen." In den Park eines Nachbargntes in Ungarn waren in den 60cr Jahren Hirsche verbracht worden, die allmählich dcgcnerirten. Während eines strengen Winters brach ein Theil aus und kam in das Waldgebiet des Grafen, wo vorher keine Hirsche waren, und entwickelten sich inc Laufe eines Jahrzehntes zn wahren Pracht- ") Wenn Hans Halbem d. Aelt. den: ersten Bischöfe von Eichstätt,, den er überdies) in weltlicher Kleidung darstellt, zwei Pfeile in die Hand gibt, so folgte er sicherlich mehr der künstlerischen Laune als der historischen Wahrheit. Detzcl, Christi. Ikonographie II, 681. ") Die Klostcrbibliothek zn Heilsbronn besaß einen Pergamentcodex des Martinas Polonns über das Leben der Kaiser und Päpste, der sehr geschätzt war. Hocker I. e. bibliotb. p. 88. Ein sehr interessantes Beispiel, ivie der hl., Martin von Tours einen angeblichen Heiligen, an dessen Grab sogar ein Altar errichtet worden war, als Räuber, der ob feiner Schcncdthatcn hingerichtet worden, entlarvte, erzählt Sulpicius Sevcrus, Leben des hl. Martin e,. 11. Ueber die Sage der Pcterskcttcn, welche sich wunderbarer Weise vereinigt hätten, siehe Zeitschrift für kath. Theologie 1896. 116. exemplaren. Zuzug von den Karpathen ist nicht anzunehmen. Daß sie sich trotz der Inzucht so gut entwickeln, schreibt der Vortragende außer der Ernährung hauptsächlich der Bewegungsfreiheit zu. An der Diskussion über diese interessante Thatsache betheiligten sich der Vorsitzende, Gchcimrath v. Zittel, H. v. Ranke und der Vortragende. Hierauf sprach Hr. Pros. Selenka „über fossile Assen" (?itbs- vaittbropns eroetus Onbois). Ueber den Pithecanthropus ist an dieser Stelle im vergangenen Jahre von Kaplan Bumüller referirt morden. Es möge ergänzend nachgetragen sein. daß noch ein weiterer Backenzahn gefunden wurde und daß nach den in derselben Schicht vorkommenden fossilen Ucbcrresten der Fund wahrscheinlich der jüngern Tcrtiärperiode angehört. Die Fundgegenstände scheinen einem Individuum anzugehören. Auf Grund der Untersuchungen an den Objekten selbst bezw. an Gipsabgüssen neigen die meisten Gelehrten der Ansicht zu, daß man es mit einem großen gibbonartigen Anen zu thun habe. Auch der Vortragende spricht sich in diesem Sinne aus, nur glaubt er, daß das Schädelvoluinen besonders groß zu nennen se,. An den Vortrag schloß sich eine Diskussion an. Geheimrath v. Zittel ist für die Zusammengehörigkeit der 4 Funde und hält das Wesen ebenfalls für einen Affen. vr. Röse hält die Zähne ebenfalls für affen- ähnllch. Der Vorsitzende hebt hervor, daß die Angabe Dubais' über den Schädelinhalt wohl zu hoch gegriffen sei. Es spricht nichts an den Fundobjekten dafür, daß jenes Wesen irgend ein Merkmal besessen hätte, das bis jetzt als Unterscheidungsmerkmal des Menschen vom Affen nachgewiesen ist, z. B. die geknickte Schädelbasis, die cen- trale Lage des Hinterhauptsloches, im Verhältniß zu den Armen lange Beine usw. Mit dem Dank an die Vortragenden schloß die interessante Sitzung. Neceus-ouen und Notizen. ». Die Fasten - Literatur dieses Jahres bringt uns einige Neuheiten aus dem Verlag von Fr. Pustet in Regensburg, die sicherlich zu den besseren Erscheinungen dieser nur allzu üppig ins Kraut schießenden Gattung gezählt werden dürfen: Alph. Breiter behandelt ,,Das Leiden Christi: eine Tugendschule" in acht Fastenpredrgten. (VI -j- 144 SS. M. 1Ä.) Neues ist natürlich nicht zu sagen, doch ist der tausendmal schon behandelte Stoff gut gruppirt, sind die angezogenen Scyriftstellen wirklich namhaft gemacht und auch manche Stellen aus dem römischen Brevier passend angewendet. Das Jnhaltsverzeichniß gibt zugleich in angenehmer Weise die Disposition. In den Scenen aus der Leidensgeschichte des Herrn werden die Tugenden der Gottesliebe (Gebet,Opfermuth), der Nächstenliebe (Sanftmuth, Barmherzigkeit), der Selbstliebe (äußere uiid innere Abtödtung) erwogen; eine Einleitungspredigt stellt den Herrn als einen Aneiferer zum Tugendleben und eine Schlußpredigt stellt ihn als Urbild der tugendhaften Seele dar. Benützt ist auch das vortreffliche „Leben Jesu" von Meschler. — Ebenfalls acht Predigten über „Das glückliche Jenseits" bringt G. Dießel 0. 88. K. (SS. Vlll 175, M. 1,40), der auf homiletischem Gebiete kein Nculing ist, sondern fast alle Jahre eine Fastengabe liefert. Seine Sprache ist sehr ernst und eindringlich, die Disposition klar und logisch gegliedert. Die Themen der acht Vortrage sind: 1) Die Lehre des Glaubens über das glückliche Jenseits. 2) Die Bewohner des Himmels sind frei von allen Leiden. 3) Die Auserwählten führen im Jenseits ein Leben voller Freude. 4) Das Wesen der himmlischen Freude besteht in der innigen, unauflöslichen Verbindung mit Gott. 5) Die übrrgen Freuden des Himmels. 6) Die verschiedenen Wege, aus denen die Seligen ihr Ziel erreicht haben. 7) Die Wirkungen, welche die öftere Betrachtung des Himmels in uns hervorbringen soll. 8) Charfreitagspredigt: Was lehrt uns das Kreuz über das glückliche Jenseits? — Mart. Jäger hat sich als Gegenstand für sechs Fastenpredigten „Die gemischten Ehen" (SS. VI -s- 160, M. 1,40) ausgewählt, eine heikle Sache, denn die, welche es angeht, hören nicht gern davon; sicher ist auch noch niemals ein solcher, der nn Begriffe stand, eine gemischte Ehe einzugehen, durch irgendwelche Gründe der Religion oder der Vernunft von der gewalt- thätjgen sogen. „Liebe" abspenstig gemacht worden. Daß es gleichwohl Pflicht des Seelsorgers ist, den Willen der Kirche rund zu geben und vor Eingehung einer solchen Verbindung zu warnen, das läßt sich nicht bestreiten. Dieser Ausgabe wird das Buch in fachkundiger Weise gerecht : es dürfte den Gläubigen nicht weniger vortheil- haft sein, die ruhige und besonnene Auseinandersetzung zu lesen, wie sie selbe in Zweibrücken gehört haben, woselbst diese Predigten gehalten wurden. „In Nacht und Eis", von Fridtjof Nansen. 36Lieferungen L 50 Pfg. Verlag von F. A. Brockhaus in Leipzig. ** Der Leser des soeben erschienenen 5. Heftes des interessanten Werkes wird finden, daß die Situation zn Beginn der Fahrt für Nansen und seine Leute eine recht bedenkliche war. Sowohl im Karischen Meer, dem ^Eiskeller", als auch weiter ostwärts an der sibirischen Küste war Nansen nahe daran, mit der ,,Fram" im Eise stecken zu bleiben, dadurch mindestens ein Jahr zu verlieren oder der Expedition ein vorzeitiges Ende bereitet zu sehen. Weiter zeigt ein von dem berühmten Maler Sindrng nach einer Photographie Nansen's gezeichnetes Bild einer Walroßjagd. wie auch die Thierwelt dem Eindringen der Expedition in jene ungastlichen arktischen Regionen Widerstand zu leisten versuchte. Aber aus dem zweiten Vollbilds „Die Feier des Verfassungstages (17. Mai) in hohen Breiten" ersehen wir dann, daß die Framlente alle Än- fangsschwierigkeiten überwanden, auch in jenen höchsten Breiten den Humor nicht verloren und es sich nicht nehmen ließen, den Ehrentag des Vaterlandes in möglichst festlicher Weise zu feiern. Martin Jos. (8. ch), Leben des hochwürdigen PetrriS Johannes Beckx, Generals der Gesellschaft Jesu. Ravensburg, Dorn 1897. 8°, 200 Seiten. Das mit einem Titelporträt geschmückte, sehr elegant ausgestattete Buch ist eine freie Uebertragung einer in flämischer Sprache erschienenen Lebensbeschreibung (von A. M. Verstraeten 8 . ä.). Sie gibt ein treues und anschauliches Lebensbild eines von den Seinen, wie auch in weitesten Kreisen hochverehrten, vorzüglichen Mannes, des zweiundzwanzigsten Generals der Gesellschaft Jesu, des k. Petr. Joh. Beckx (1795—1887). Geboren zu Sichem in Brabant, trat er 1819 in die Gesellschaft Jesu und wirkte später 33 Jahre lang als Leiter und Vater dieses die ganze Erde umspannenden, vorzüglichsten aller religiösen Orden. Wer sich die religiös-wissenschaftliche Heranbildung eines Jesuiten in beliebter Weise als einen barbarischen, geistkuechtenden Drill, der aller Schrecken Inbegriff ist, vorstellt, der dürfte aus der Lektüre dieses Buches, das uns überaus erquickt hat, eine heilsame Enttäuschung erfahren. Durch einen 18 jährigen Aufenthalt in Wien und dadurch, daß sich deutsche Blätter zur Zeit der Jesuitenverfolgung viel und gehässig mit dem eifrigen ?. Beckx beschäftigten, ist er auch bei uns viel bekannt geworden; darum wird die interessant geschriebene Biographie ohne Zweifel auch in Deutschland und Oesterreich viele Freunde finden. * Auf das Philosophische Jahrbuch, welches auf Veranlassung und mit Unterstützung der Görres- gesellschast vr. Sonst. Gutberlet in Fulda herausgibt, möchten wir unsere Leser auch in diesem Jahre aufmerksam machen. Diese Zeitschrift empfiehlt sich ebensosehr durch die Gediegenheit ihrer Abhandlungen und die Mannigfaltigkeit ihrer oft sehr eingehenden Referate und Recensionen, wie durch ihre umfassende Zeitschristenschau. Das uns eben vorliegende 1. Heft des 10. Jahrganges enthält u. A. Aufsätze von E. Rolfes betr. „die kontroverse über die Möglichkeit einer anfangslosen Schöpfung", von I. Sträub „über die Gewißheit und Evidenz der Gottesbeweise" und den Schluß der Abhandlungen von M. Kohlhofer „zur Kontroverse über bewußte und unbewußte psychische Akte". Möge diese wichtige Zeitschrift wenigstens in die Leseeirkel noch mehr als bisher Aufnahme finden! Werantw. Redacteur: Ad, Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Briefe des Herrn von Harleß.*) München im Februar. Der bayerische Oberconsistorialpräsident v. Harleß, welcher s.Z. mit Andern der Todteugräber des Ministeriums Hohen lohe in Bayern war, hat aus den ersten Jahren seiner Thätigkeit als Leiter des bayerischen protestantischen Kirchenwescus mit Professor R. Wagner in Göttingen (1864) einen Briefwechsel geführt, welchen Professor Mirbt zu Marburg im 1. Heft des III. Bandes der „Beiträge zur bayerischen (protestantischen) Kirchen- geschichte" veröffentlichte. Es sind nur wenige Briefe, welche Mirbt der Oeffentlichkeit übergab, aber sie werfen ein scharfes Licht auf daS öffentliche Leben in Bayern und Deutschland. Was die politische Richtung des Oberconsistorial- präsidcnten v. Harleß anbelangt, so war er ein entschiedener Bayer und Gegner der damaligen preußischen Politik. Ueber die Resultate des Orientkrieges veröffentlichte Harleß eine anonyme Broschüre, betitelt: „Die orientalische Frage." Harleß schrieb darüber: „Im Nachbarlande kam die Polizei dahinter, als die Geschichte unter der Presse war. Bescheid: scheint ganz richtig, aber für Ihren Verlag nicht passend wegen Kollision mit der Ansicht der Landesregierung. Der Verleger erschrak und cedirte es an einen Buchhändler in London. Seit der Zeit ist die Voraussetzung eingetroffen: England isolirt, Preußen discreditirt, für Deutschland der rechte Augenblick verpaßt." Der Brief trug das Datum vom 19. Juni 1856. Am 11. Januar 1863 schrieb Harleß: „Was Du über die politische Stimmung in Franken gehört hast, wird im Ganzen richtig sein, obwohl ich nicht weiß, ob nicht die Wendung der Dinge in Preußen theil- weise zur Abkühlung gedient hat. Auch war in Bezug auf eine Controverse, den Handelsvertrag, gerade ein Nürnberger Kaufmann auf dem Handelstagc der tüchtigste Kritiker. Welches perfide Spiel Preußen gerade mit diesem Vertrage treibt, erhellt aus dem Umstand, daß man hier wohl weiß, wie wenig Frankreich darauf aus ist, etwa nur mit Preußen und ein paar Adjacenten diesen Vertrag einzugehen und aufrecht zu halten. Was ich gestern hörte, kann ich nicht verbürgen, aber klingt nicht unwahrscheinlich, daß die französische Regierung hier angeklopft hat, welche Vcrändermrgen am Vertrage etwa wünschenswerth und genehm feien. Mit der Sprengung des Zollvereins aber hat es vor der Hand noch seine guten Wege, und niemand führe schließlich schlimmer dabei als Preußen. Denn der Export Süddeutschlands nach Preußen kommt in keinen Vergleich mit dem Export Preußens in die süddeutschen Vereius- läuder. Von Herrn v. Kleist-Retzow habe ich eine briefliche politische Expektoration erhalten, aus welcher ich nur entnehme, was ich schon vorher wußte, daß der politische Horizont dieses Herrn eigentlich über den schwarz- weißen Grenzpfahl nicht hinausrcicht und daß sie voll der blindesten und tollsten Zuversicht auf die in ihren Augen erst jetzt wiedergewonnene Machtstellung Preußens sind. Dort, fürchte ich, wiederholt sich die Geschichte von den zwei Bären, die sich auffressen bis auf die zwei Schwänze. Denn es stoßen die extremsten Richtungen ohne gesunde Mitte auf einander. Und da beklagen sie sich noch, daß die süddeutschen konservativen nicht init den preußischen Hand in Hand gehen können oder wollen! Und nun noch die Pastoren, welche frischweg bereits das preußische Abgeordnetenhaus — das mir freilich auch kein Muster scheint — mit dem französischen Konvent vergleichen! Es ist zum Tollwerden." Im selben Briefe äußerte sich Harleß in folgender Weise über Onno Klopp und die geschichtliche Auffassung Tilly's: „Du erwähnst bei Gelegenheit des hannöverschen Vereins auch Onno Klopp's, den ich in Frankfurt persönlich kennen lernte. Es wäre mir nicht unwichtig zu erfahren, warum er bei Dir in üblem Kredit zu stehen scheint. Ist es um seiner historischen Schriften willen? Das kann ich mir nicht recht denken. Denn neben manchem Einseitigen ist auch Vieles richtig, wie ich denn, um nun subjectiv meine Stellung zu bezeichnen, weder zu den Verketzern Tilly's (wir haben ja gerade in den hiesigen Archiven die schlagendsten Dokumente für ihn) noch zu den Verehrern des alten Fritz gehöre. Kurz, ich vermuthe, daß Du andere Gründe hast, und möchte sie gern kennen lernen." Am 3. Januar 1863 schrieb Harleß: „Auf das trübselig politische Thema mag ich gar nicht kommen, so nahe es liegt. Nur bin ich in der verwunderlichen Lage, gestehen zu müssen, daß ich zur Zeit die Zustände in Bayern für die alleracceptabelsten halte. Wenn mir das auswärtige Diplomaten, und darunter der preußische sogar selbst sagen, muß etwas Wahres daran sein. Aber ob das in der Feuerprobe Bestand hat» ist eine andere Frage." Wenige Jahre zuvor hatte Harleß die bayerischen Verhältnisse sehr scharf, sogar schroff beurtheilt. So schrieb er am 12. Juli 1853: „Was mich persönlich am meisten bekümmert, ist die Sorge, daß Zwehl (der Kultusminister) es nicht mehr lauge aushält. Ich habe ihn wahrhaft achten und lieben gelernt. Aber er hat als Minister das Fegfeucr bei lebendigem Leibe durchzumachen. Wer auf den König Max II. Einfluß h at, weiß Niemand; heute Der, morgen Jener, der Regel nach allerdings Jene nicht, die amtlich Vertrauenspersonen sein sollten. Genug Gelegenheit gibt es wenigstens für jene Studien, die der alte Oxcnstierna (m tallm) seinem Sohne empfahl: ut viciaa8, hunin parvis viribns muuäu8 ragatur.... (Du weißt nicht, mit wie wenig Verstand die Welt regiert wird.) Harleß macht sich dann lustig über die gelehrten Schrullen am Hof des Königs Maximilian II., der zur Erwcckung preußischer Sympathien (der König war von lauter „Nordlichtern" umgeben) ein Wörterbuch in plattdeutscher Sprache herausgeben lassen wollte. Die norddeutschen Professoren, mit welchen König Max II. sich umgeben hatte, machten auf Harleß den unangenehmsten Eindruck. Der König hatte in der Residenz ein eigenes Zimmer Herrichten lassen, in welchem er mit den aus Preußen berufenen Professoren, den „Nordlichtern", die Abende zubrachte. Dort wurden auch die politischen und kirchlichen Fragen discutirt und die Richtung für deren Behandlung bestimmt. Kultusminister v. Zwehl, ein sonst gescheidter Mann, aber ohne Energie, war nur das ausführende Organ. Das Zimmer, in welchem das „Symposium" abgehalten wurde, trägt ') Aus der „Deutschen Reichszeituug". fr eimaurerische Embleme und verherrlicht die Weisen aller Zeiten, Christus mitinbegriffen. Es ist ja bekannt, daß König Maximilian als Kronprinz während seiner Studienzeit in Göttingen sich mit dem Gedanken trug, aus der katholischen Kirche auszutreten und Protestant zu werden. Professor Dahlmann warnte ihn! Harlest nahm sich einmal den Muth und warnte den König vor der Freimaurerei. Da kam er aber schön an. Härtest selbst berichtet darüber also: „Was ich Lummo über seine Bureaukratie und die Geheim- bündlcrei, in Lnc-oie Frei maurer ei gesagt, glaubt er mir nicht. Sie haben ihn freilich in nächster Nähe umgarnt. Auch wird der Werth jeder offenen Aussage damit ruinirt» daß man darüber wieder andere fragt, welche Grund genug haben, die Wahrhaftigkeit zu beftrcitcn. Danke Gott, daß Du nicht hier bist. Es ist eine schweinische Pest-Atmosphäre, reich an Gewitter- stoff, der seiner Zeit schwerlich befruchtend explodiren wird ..." Ueber seinen Freund, den Cultnsministcr Zwehl, und. über Löhcr urtheilt Harleß in einem Briefe vom 19. Februar 1858: . Zwehl kann Dich über die hiesigen Vorkommnisse freilich, nicht vollständig oricntiren. Theils kennt er sich auf unserem Boden nicht aus, theils kennt er seine eigene Stellung nicht. Er weist schwerlich, daß ihm bereits ein besonderer Spitzel zu seiner Bewachung gestellt ist. Was ihm fehlt, ist der Muth wahrer Energie. Aber möchte ein ehrlicher Mann sonst so sein, wie er wolle, bei diesem System argwöhnischer Spionage kommt Keiner auf. Man kann ja die unsichtbaren Sykophanten nicht vackcn. Die Folge ist eine allgemeine Demoralisation oder Despcration. Daß Zwehl in Bezug auf Sybel nicht bedenklich ist, nimmt mich Wunder. Was meine Meinung über Löhcr betrifft, so halte ich ihn für eine gute ehrliche Seele. Eine Widerstandskraft ist er nicht. Aber, wie gesagt, ich wüßte auch gar nicht, wo eine solche bei der hier herrschenden Corruption herkommen sollte.. Sie müßte nebenbei viel macchiavellist- ische Kunst besitzen..." Sehr interessant ist folgende Schilderung vom 20. April 1856 über die „Nordlichter": „. . . Der große Haufe sogenannter Notabilität e n hier ist in meinen Augen Janhagel, dem ich weder Verkehr noch Aeußerungen zu Theil werden lasse. Da sie sich darüber ärgern, geschieht es auch manchmal, daß sie Aeußerungen -erfinden. Die lügenhafte Frau v. S. z. B. erfindet oder colportirt Dergleichen um so lieber, da seit Jahren meine Frau allen Verkehr mit ihr abgebrochen hat. Aber gegen Zwehl (Cnltnsminister) und Wagner (Professor der Zoologie st 1861) habe ich mich geäußert. Und zwar mein aufrichtiges Bedauern, wenn Du hierher kommen solltest, obwohl Zwehl mir sagte, er wisse nichts über Absichten dieser Art. Die Gründe sind dieselben, welche Du in Deinem Briefe nennst. Es ist hier Alles so niederträchtig verfilzt, daß nur eine Krise lösen kann, bei welcher voraussichtlich die in bester Gesinnung Bethciligten am meisten leiden werden." Wie man sieht, kämen bei Harleß die Frauen der „Nordlichter" um kein Haar besser weg, als die Professoren selbst. Sie waren ihm „Janhagel". Professor Löher wollte für König Ludwig II. eine Insel entdecken und hatte Reisen unternommen, um ein absolutes Königreich ausfindig zu machen, das man unter Umständen gegen Bayern austauschen könne. Es hat Löher schon in viel früherer Zeit Anlaß zu verschiedenen Projekten gegeben. Harleß schreibt am 4. Mai 1854: „. . . Was Löher betrifft, so will ich Facta nennen. Die Quelle ist ganz sicher. Nur dafür will ich nicht einstehen, daß Löher der einzige Autor der zwei nachher auszuführenden Vorschläge ist. Der König hatte eine sehr bedeutende Summe zur Durchführung „genialer" wissenschaftlicher Forschungen in Aussicht gestellt. Rubrik: Projektenmacherei und wissenschaftfördernde Klystir spritze. Löher in Verbindung mit dem Symposium sollte Vorschläge machen. Die seinigcn, wurde mir erzählt, fielen so aus, daß selbst Liebig mit der Scheere kam. Genannt wurden mir zwei: Ernennung einer Commission, Reisezeit drei Jahre, fabelhafte Summe, Zweck: Erforschung der Wiege des Menschengeschlechts, nämlich Tibet. Oder „znr Erweckung norddeutscher Sympathien": Fertigung eines Wörterbuchs der plattdeutschen Sprache dabier in Btünchen. (Als ob Kosegartcn nicht existire.) Das sind die Facta. ..." Alle jene Bayern, welche von den Nordlichtern gefürchtet wurden, wurden verleumdet, ihre Schwächen ausgekundschaftet. Harleß selbst und der Minister v. Zwehl wurden der Spionage unterworfen. Am 11. Februar 1858 schreibt Harleß: „. . . Der Ansgang der Gencraisynoden hat meine Stellung hier um gar nichts gebessert. Jn's Angesicht sagt man mir alles mögliche Schmeichelhafte, aber eigentlich gelte ich erst jetzt für ein antänt varridla. Man hat eine Art Spitzel-Regime errichtet, von dem ich leider weist, obwohl ich es nicht wissen soll. Denn au Schwatz- haftigkcit übertrifft unsere Hauptstadt jeden Krähwinkel. Ich wäre schon längst losgebrochen, müßte ich nicht hiemit so und so viel Vertrauensmänner compromittiren." Ueber eine protestantische Conferenz u» Neichenbach berichtet Harleß am 24. Mai 1854: „Stahl konnte über Neichenbach nichts sagen, ohne ins Blaue zu reden. ... Klirsoth war es, welcher die Landeskirchen vor den Gefahren der sie stützenden Territorialgewalt warnte, und Huschte, welcher wider Mißachtung der lutherischen Landeskirchen und unberechtigten Bruch mit ihnen sich anssprach. Kurz: Es waren schöne Tage, in welchen manche Hoffnung neu auflebte, an welchen der bankerotte, theologische Diplomat und diplomatische Theologe Bunsen sich schwer geärgert hätte. Was würde er erst sagen, wenn er wüßte, das; mein geistreicher katholischer Pflegesohu erklärte, er wolle lieber in unserer lutherischen Kirche betteln gehen» als durch Vermittlung königlicher Huld eine Versorgung in der unirteu preußischen Kirche annehmen? Denn da, in der lutherischen Kirche, fühle und erkenne er die Stimmung der alten, echten Karholicität. — „Was die deutsche lutherische Kirche betrifft, so muß ich freilich empfinden, das; ich mit Sachsen nicht bloß große, persönliche (äußere) Vortheile, sondern auch Verbinduugs- fäden aufgab, die dort sicherer als anderswo Gott in meine Hände gelegt hatte. Doch zerrissen sind sie nicht. Ich habe nur gelernt, daß Gott zu seinem Werk nicht gerade diesen oder jenen Menschen braucht. Die in Sachsen eingeleiteten, unscheinbaren, liturgischen Konferenzen in Dresden bestehen noch. Gibt Gott Gedeihen, so werden sie in ihrer weiteren Entwicklung gewissen Leuten mehr zu schaffen machen, als der ganze Pomp des geräuschvollen evangelischen Kirchentages. Dies aber nur so lauge, als Gott uns in der Demuth erhält und uns 95 das Läuten mit den großen Glocken unleidlich macht. Die Resultate müssen wie über Nacht aufschießen und über den Köpfen zusammenschlagen. In unserer Zeit bringen es die Hennen vor lauter Gackern nicht zum Eierlegen. Das ist mir von je in der tiefsten Seele zuwider gewesen." Ueber philosophisch-theologische Fragen schrieb Hnrlcß am 31. Dezember 1858: „Dagegen habe ich pstilosopllica, in der letzten Zeit weniger beachtet. Was Dn über Lotze sagst, ist auch mir aufgefallen und hat mich abgeschreckt. Ritters christliche Philosophie habe ich leider noch nicht angesehen. Ein längerer Brief, den er vor einiger Zeit über religiöse und kirchliche Dinge an mich schrieb, hat mich nicht sehr erbaut. Von dem, was Bunsen empfiehlt, lese ich gar nichts. Das ist der größte Windbeutel. Vor einiger Zeit hat ihn Platsch in den gelehrten Anzeigen in Bezug auf seine ägyptischen Forschungen sehr ruhig, aber höchst gründlich bedient. Dagegen freut es mich, daß Du vor dem abscheulichen Buch aritis staut clous denselben Ekel hast, wie ich. Bei den sogenannten plülosoplliois fällt mir ein Kuriosum ein. Als ich in diesem Sommer gegen die Spiritualismen etwas für Hengstenberg schrieb, erhielt ich als Uomrarr^a äo I'autaur aus Paris von Huldenstnbbe sein Buch: öarituro äiraeta lies ssxrlts oder xuauiugtalojgia positive at exparimsntalo zugeschickt. Das ist doch eine seltsame Ironie von Zusammentreffen. Und kolossaleren Unsinn und Frevel als jetzt eine Elite der guten Gesellschaft in Paris treibt, kann man sich, Zeuge dieses Buches, kaum denken. Es gibt doch wirklich gegenwärtig einen wahren Hcxcnsnbbath von Literatur! Die Spiritnalistcn und Materialisten sind wie Leute, die auf den Köpfen stehen und mit den Beinen nach einander stoßen." Harleß war Altlutheraner und Gegner der preußischen Union. Er schrieb am 20. Mai 1856: „Hengstenberg ist nur so respektabel, daß ich allzeit mit seiner Stellung zur Union Geduld gehabt habe. Die Frage des Bleibens oder Ausscheidens ist nicht so leicht abgethan, als manchem scheint. Nur ruht dieser Unions-Alp wie ein Fluch auf jeder gesunden Entwicklung. Wer übrigens andere Zustände in Preußen kennt, gewahrt auch in Hengstenbergs früherem Auftreten gegen die Freimaurerei und in seinem neulichen aus Anlaß der unseligen Hinkeldey'schen Sache einen Muth, in welchem es ihm in Preußen so leicht keiner nachthnt." Ueber seinen Weggang aus Dresden bemerkte Harleß: „Die Meinung über die Gründe meines Weggangs aus Dresden, von der Dn mir schreibst, war auch mir schon früher zu Ohren gekommen. Sie lag nahe genug. Wie sollte denn auch, so wird man räsonuirt haben, ein vernünftiger Mensch ca. 4000 fl. Mehreinnahme in die Schanze schlagen, wenn er nicht an seiner Stellung de- sperirt? Zudem konnte man auch mich klagen gehört haben. Die Klage aber bezog sich zumeist auf Reorganisationspläne, welche heute noch vom Kultusministerium approbirt in Dresden liegen, aber am Widerspruch der anderen ministri in avanZoliois scheiterten. Zu allen andern Fragen konnte ich unter Beu st' sMitwirknng alles durchsetzen. Bei Falkenstcrn wäre es vielleicht zögerlicher gegangen. Aber die Majorität im Ministerium hatte ich auch da auf meiner Seite, und manches, das unter Falkcnstein verfügt wurde, stammt noch aus meiner Feder und früheren Collegialücschlüssen. Ich hatte über nichts zu klagen, als über einen Mangel an Energie und über Hintern«.sgesist-.-^r Streiche, zu welchen ein Rath, der Dämon des Ministeriums seit Decennien, verleitete." Ueber verschiedene theologische Leistungen und Auffassungen schrieb Hartes; am 3. Zammr 1862: „Ein anderer in Vilmars Zeitschrift über Custasc, M.stic und dergleichen hat mich insofern nicht erbaut, als ich Ziel und Absicht nicht recht verstehe. Ein lebendiger mch frischer Kopf ist es, ich fürchte nur, er strebt zu pur, von der Peripherie ins Centrum zu kommen. Dazu gestehe ich, vor den naturwissenschaftlich gelehrten Theologen einen kleinen Schrecken zu haben. Was hilft Litera'm- kenntniß ohne genaueste Kenntniß der Sacist selbst? :5s ist doch meistens ein Reden der Blinden von der Farbe, und sie tappen mit dem besten Willen im Finstern. So habe ich das dicke Buch von Kecrl nir t dnr.ugcvracbt und die zweite Auflage von Delitzsch's l>imim;cr Pi. a gie namentlich in seinen physiologischen Cuaten »inst ohne Selbstüberwindung verspeist. ... „. . . Woher die Nichtachtung der Wege Gottes in der Geschichte und die Tendenz zu tlle wo.-.ste'-stoaen aus dem sogenannten Schriftvriuzip heraus d. h. eigentlich entweder aus der abstrakt-individuellen Schriftauffassnng oder aus dem in eine codisizirte Rechtsnorm umgewandelten Lebenswort der Schritt heraus? Dies uns ähnliches aber hört man in der Jctzrzcit gerade als specifisch lutberisch preisen, was nicht mög ich wäre, wenn man nicht statt des Geistes des Propreren so und so oft nur den abgerissenen Zipfel seines Mantels in der Hand hatte. Und dabei geht theologische Rechthaberei und Animosität über alles Maß im Schwange. Zu diesem Herzenserguß b-n 'ch gmrmru.en, weil ich nicht sowobl, wie Da sagst, granbe, daß oas Lntherthum „erstarrt", als daß es, was die theologischen Stimmführer betrifft, s. v. v. aus dem Leim geht. Es fängt auch an, sich mit allen möglichen Elementen zu vergesellschaften und die babyloni-, -ä Sprachverwirrung zu vervollständigen. Dem ücn hoffe ich aber immer noch, daß die v,rt tjumlazi-, der Katzenjammer befällt und die schlcsische Katastrophe karrn oazn ein gut Theil beitragen." Ein anderes Mal äußerte Hmckeß auch seine unverhohlene Abneigung gegen alles Limholffche. So schrieb er am 31. Dezember 1858: „Auf Deinen Bericht über Agassiz freue iw rn'ch. Mir hat wohl gethan, daß sogar Bischofs d här den wissenschaftlichen Werth des Materialismus öffentlich anfocht. Man wird allmählich zufrieden, wenn die Leute nur wieder halb vernünftig werden. Deine briefliche Begegnung mit Monjignore de Luca (Niurüns in München, später Cardinal) hat mich üor'gens doch nebenbei inter- essirt. Schade, daß man sich nicht der Täuschung hingeben kann, als würden Katholiken auf die Länge gemeinschaftliche Feinde mit uns in ehrlichem Brrudes- genosscnkampf bekämpfen. Diesen Traum muß ich den Gerlach's und Nathusius' überlassen, wenn sie ihn überhaupt noch träumen. . . . „. . . Was Preußen betrifft, so könnte man, wenigstens in Bezug aus den Stand kirchlicher Fragen, im Reinen sein, wenn die Worte entschieden, welche man in der regentlichen Mantelpredigt (Rede des Prinzrcgentcn Wilhelm an das Ministerium am 8. November 1858) hat reden lassen. Seltsam genug hält 96 man sie aber in kundigen Kreisen für bloße Worte und bittet mich, nnr noch ein paar Monate zuzuwarten. Ich selbst bin nicht ganz dieser Ansicht. Auch 5zengsten- berg nicht, wie es scheint, obwohl ich nur einen Brief älteren Datums von ihm habe. Von Stahl weiß ich nichts. Ich meine allerdings, daß gegenwärtig der Teufel wieder einmal Gottes Hauskncchts- dienste thun und den Stall fegen muß, befürchte aber nebenbei die Geschichte von Göthc's Zauberlehrling und glaube, das; man sich bald wird nach „rettenden Tbatcn" umsehen müssen. Sonst erachte ich jedes Wetter, das über die „Kirchlichkeit" kommt, für Gewinn. Bei unserm verdammten DoctrinarismnS, der mit Theorien experimentirt, Dächer, Giebel und Schnörkel ansetzt, während die Grundmauern herzustellen wären, kann nur recht preislicher Druck und recht greifliches Elend helfen." Im selben Briefe schrieb Harleß über die sog. cou- scrvativen Theologen, welche die moderne Gesellschaft gegen den Socialismus retten wollen, folgende Sätze, welche auch im katholischen Lager heute vollste Beachtung verdienen: „Ja, lieber Freuiw, es geht abwärts, nach allen Seiten hin abwärts^ Es wird eine grausige Zeit kommen, und oft blutet mir beim Blick auf meine Kinder für sie das Herz. Die Theologen sind des Teufels mit ihren rücksichtslosen, widerspruchsvollen Theoremen. Sie sind in eine conservative Fortbildnerei hineingekommen, die den Destruktoren, ohne es zu wollen, in die Hände arbeitet. In einer Art unkcnschcr Znchtlosigkeit sorgen sie sich weniger um die Salbe für Gilcad, um den Trost an Kranken- und Sterbebetten, als um manumeuta Ibeolo^ion aoro pormmiora. Und werden doch nur Knallhütten daraus." Wie man sieht, führte Harleß nach allen Richtungen hin eine sehr energische Sprache. Recensionen nnd Notizen. Hofs in ann Jak., Die Verehrung und Anbetung des allcrheiligstcu Sakramentes des Altars geschichtlich dargestellt. 8". SS. X -j- 294. Kempten, I. Koset 1897. M. 3,00. s Der Verfasser beschenkt uns mit einem willkommenen Beitrag zur Geschichte der Liturgie, indem er die Entwickelung desjenigen Cultus vor Augen führt, der von jeher den innersten und tiefsten Kernpunkt der Gottes- verehrnng in der katholischen Kirche gebildet hat. Es soll mit diesem Lob dem Verfasser gewiß nicht vorgeworfen werden, daß er etwa im Grunde zur Einführung neuer „Andachten", womit wir ja schon hinreichend versehen sind, verführen wolle. Seine Ausgabe war eine rein historische und als solche verdient sie alle Anerkennung. In vier Abschnürn ist behandelt: Der Cultus des aller- heiligsten Sakramentes in den fünf ersten Jahrhunderten der Kirche; die Zeugnisse der alten Liturgien in Verbindung mit der Ueberlieferung der wichtigsten liturgischen Schriftsteller vom 6. bis 12. Jahrhundert; die Ausgestaltung des eucharistischen Cultus vom 12. Jahrhundert bis zur Reformation; die Anbetung des Sakramentes in der Neuzeit. Daß die Uebertreibungen und oft lächerlichen Geschmacklosigkeiten moderner Ändachtsformen nicht etwa einer tieferen Erkenntniß und innigeren Gottesliebe, sondern dem Trieb nach Aeußerlichkeit entspringen, wird jeder ernste Katholik mit Bedauern zugeben. Hier hätte der Verfasser seinem begeisterten „Rückblick" noch ein bitteres Kapitel „Ueber den Geschmack in der Frömmigkeit" anfügen tonnen, Der sel. ?. Petrus Canisius 8. ck., Apostel und Patron der katholischen Schulen Deutschlands. Ein Lebensbild zum 300jährigen Centeuarium feines Todestages von GeorgEvers, früh. lnth. Pastor. 8. 64 Seiten. SO Pfg, Osnabrück, Verlag von B. Wehberg. Viel zu wenig bekannt ist im Volke das Leben und außerordentlich segensreiche Wirken des ersten deutschen Jesuiten, dem nach dem Ausspruch eines spätern Augs- bnrgcr Bischofs es zu verdanken ist, „was an katholischem Glauben in Oesterreich und Bayern noch vorhanden," und der ein zweiter Apostel Deutschlands geworden ist. Wenn in evangelischen Kreisen jetzt Melanchthon als der „Lehrer Deutschlands" gefeiert wird, so sollte nnt noch viel mehr Recht dies bezüglich des sel. Canisius von den Katholiken geschehen. Das treffliche Schriftchen bildet eine doppelt willkommene Gabe anläßlich des in diesem Jahre wiederkehrenden 300jührigen Todestages und der stattfindenden Wallfahrten zum Grabe des Seligen. Raymund v. Fugacr, „Die moderne Literatur und ihre Gefahren". (Heft 12 der Frankfurter Broschüren. Jahrg. 1896; brosch. einzeln ü SO Pf.) U. Vorliegende praktische Broschüre ist vom Verfasser auf vielseitigen Wunsch herausgegeben worden, nachdem er über obiges Thema mit größtem Beifall aufgenommene Vortrage in Stuttgart und Mainz gehalten hat. In 10 Capiteln unterwirft der verehrte Autor, der unermiid- liche Kämpfer für unsere katholische Sache, die heutige Literatur einer sehr sachgemäßen Kritik. Die heutigen Produkte der materialistisch angehauchten Wissenschaft führt uns der Verfasser in lichtvoller Darstellung vor's Auge, indem er sowohl den Zweck, der in solchen Schriften verfolgt wird, wie auch die Wirkung solcher Erzeugnisse auf den Einzelnen, wie auf das ganze Volk klar legt. Die moderne Roman- und Novcllen-Literatur, die sogenannte „schöne Literatur", die dem Ehebruch, der freien Liebe, dem Selbstmord, dem Zweikampf huldigt, erfährt eine scharfe Kritik. In gut gewählten Beispielen zeigt der Autor, daß sie meist Grnndsatzlofigkeit, Gottentfremdung und den reinsten Unglauben predigt. Sehr gut sind die ferneren Ausführungen über die dramatische Literatur, über die Colportage-Romane, über die partei- und farblose Presse. Wie gefährlich diese werden kann. beweist die Thatsache, daß kein Leser auf längere Zeit im Stande ist, sich dem Einfluß solcher Literatur, den offenen oder versteckten Angriffen in solchen Blättern ganz zu verschließen. Mit beredten Worten fordert der verehrte Verfasser zum beständigen Kampf gegen diese Presse auf. Der Katholik unterstütze und fördere seine eigene, gut katholische Presse, die der anderen nicht im Geringsten nachsteht. In Anbetracht des niederen Preises und der guten Ausstattung dieser äußerst spannend geschriebenen Broschüre ist sie zur Anschaffung (in Schul-, Capitels- rc. Bibliotheken, wie auch als wertlwolle Perle für die eigene Bibliothek) wärmstcns zu empfehlen. Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie. Herausgegeben von Dr. Ernst Commer, Professor an der Universität Breslau. XI. Bd. 3. Heft. Paderborn 1397, Schöningh. Inhalt: 1. Kinder in Polizei- und Gcrichtsgefäng- nissen. Von Dr. .jur. Raymund Zastiera, o. IW-wä. in Wien. (Forts, folgt.) — II. Zur neuesten philosophischen Literatur. (Forts.) Von Kanonikus Dr. M. Gloßner in München. — III. Die angebliche Maugelbaftigkeit der aristotelischen Gottcslehre. (Schluß.) Von Rector Dr. Eugen Rolfes in Franweilcr. — IV Die Neu-Thomisten. (Forts.) Von 0- Llax. 'ptwol. Guudisalv Feldner, O. kriurcl. in Lemberg. — V. Zeitschriftenschan. " Eine ueue Zeitschrift. Mitte März wird die erste Nummer einer jährlich 12mal erscheinenden popnlär- uatnrwisseufchaftlichen Zeitschrift auf positivgläubiger, antidarwiuistischer Grundlage unter dem Titel „Natur und Glaube" zur Ausgabe gelangen. Herausgeber und Verleger ist der kgl. Lycealprofeffor Dsi. I. E. Weiß in Freising. Die erste Nummer dieser Zeitschrift wird in 6—8000 Eceiuvlareu versandt werden. N,.au!w. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. tt,'. 14. 13. My 1897. Wage zm Dgsklirger Zur „? 1 t 1 i 663 .NtIiroxu 8 srsotus"-Frage. Von Stadtkaplan Joh. Bu Müller in Neuburg a. D. Der Verfasser des Folgenden hat früher in den Spalten dieses Blattes (Jahrgang 1895, Nr. 33—35) einen kurzen Bericht veröffentlicht über eine neue Stammform des Menschengeschlechtes, den kitiiccaMdroMg «roctuo, einen „aufrechtgehenden Affenmenschen", welcher im Jahre 1891 in fossilem Zustande in Gestalt eines Schädeldaches, eines Oberschenkelknochens und eines — später noch eines zweiten — Backenzahnes aus der Insel Java das Licht der Welt erblickte. Dubais, Militärarzt in Niederländisch-Jndien, fungirte in jener wichtigen Stunde als Geburtshelfer, während Karl Vogt noch vor seinem Hinscheiden das hohe Glück zu Theil wurde, Gevatter stehen zu können. Vielleicht interessirt es den einen oder andern der verehrlichen Leser der Postzeitung, über He weiteren Lebensschicksale dieses schon so defekt zur Welt gekommenen Wesens etwas zu erfahren. Es war Anfangs zu erwarten, daß dem neugeborenen kirstoe- zntffroxns dasselbe Schicksal bevorstände, wie schon so nanchen seiner Vorgänger, welche, eine kurze Zeit lang 'm Mittelpunkte der Diskussion stehend, plötzlich von den naßgebenden Oootores aufgegeben und ohne Sang und Klang zu Grabe getragen wurden. Mein der junge kitstceautliropuv hat ein zäheres Leben; schon über zwei Jahre innren alle möglichen Doatoros auf der ganzen Welt an ihm herum: und trotzdem ist er noch am Leben. Genannte Vootoi-W werden nämlich über die Diagnose nicht einig: die einen wollen ihn zu einem ganz ordinären Affen stempeln, andere zu einem idioten- haften Menschen, die dritten zu einer wahrhaften Ueber- gangsform zwischen Affe und Mensch, also so ungefähr zum Ururgroßvater Adams — ganz genau ist der Stamm- baum noch nicht festgestellt — , die vierten endlich meinen, daß sich nach der Lage der Verhältnisse vorerst ein Urtheil überhaupt nicht abgeben lasse. Das einfachste wäre nun eigentlich diese letztere Ansicht zur unsern zu machen und hiemit vorliegenden Artikel zu schließen. Doch da es heutzutage einmal Mode ist, über jenes, worüber man am wenigsten Positives zu sagen weiß, am meisten Worte zu machen, so wollen wir, diesem Zuge der Zeit folgend, unter Herbeiziehung der hauptsächlichsten von fachmännischen Autoritäten abgegebenen Urtheile (vorzüglich mit Benutzung des Centralblattes für Anthropologie, herausgegeben von Or. Bnschan) unsern ?itstoLnnt1iropu8 orcotno nochmals einer gründlichen Besichtigung unterwerfen. Zuerst sollen die Haupteigenthümlichkeiten des Schädelfragmentes in besonderen Abtheilungen behandelt, oan» der Oberschenkelknochen und die Backenzähne noch mrz besprochen werden. L. Schädelfragment. 1. Die Chamäkephalie (Niedrigkeit) des Schädels, verbunden mit Abflachung der Stirne. Pros. William Turner führt im llourrr. ot uunv. g-uä pl>^8, Bd. 29 verschiedene Schädel an, welche dem Java-Schädel an geringer Höhe nahe stehen. Nach Dr. Martin (Globus, Bd. 67, 1895 M. 14) ist die Höhenentwickelung des Schädels und seine Wölbung in der Stirnrcgion eine viel beträchtlichere als beim 1ro^1oä^to8 und (Gibbon). Virchow dagegen, welcher den kitstccautstropua ercekna als eine riesenhaft entwickelte Gibbonart erklären möchte, zeigte anläßlich des Auftretens Dnbois' in der anthropologischen Gesellschaft in Berlin an der Abbildung des fossilen Schädeldaches und eines um das Doppelte -s- 10 oom vergrößerten Gibbon-Schädels die ähnliche Form derselben, besonders ihre gemeinsame hochgradige Chamäkephalie. Allein dies ist immerhin nur eine allgemeine Aehnlichkcit, die ihren wirklichen Grund z. B. in Mikrokephaler oder sonstiger Mißbildung u. dgl. haben kann. Auch ist der Java-Schädel nach Martin eben doch höher als ein Gibbon-Schädel. Mit dem gleichen Rechte könnte man auf Grund einer Abbildung der von Turner angeführten chamäkephalen Schädel auf die Zugehörigkeit zur Species Liomo schließen. Es wird sich daher aus der Chamäkephalie weder ein nrguiuoutum pro noch contra entnehmen lassen. Was speziell noch die abgeflachte Stirne betrifft, so ist nach Turner beim Java- Schädel das je nach hinten znrückgeneigte Stirnbein flach wie bei den Affen, während der Neanderthaler Schädel auf der Stirn gerundete Höcker trägt. Dies spricht für die H^lobatos-Theorie. Dem gegenüber aber findet sich wiederum in der Sammlung der Universität zu Edin- burg der Schädel einer Mikrokephalen Frau, bei welchem die Abflachung des Stirnbeins fast so groß ist wie beim Java-Schädel. 2. Schädelkapazität (Größe des Gehirns). Da nur ein Fragment des Schädels erhalten ist, kann die Kapazität natürlich nicht absolut sicher bestimmt werden. Den Rauminhalt oberhalb der Glabella-Jnion-Ebene schätzt Dnbois auf 575 coru. In diesem Falle würde der Inhalt des ganzen Schädels nach Virchow ungefähr 1000 com betragen. Die größten Schädel von Anthropoiden (i. o. der menschenähnlichen Affen: Gorilla, Schimpanse, Orang, wozu einige auch noch den Gibbon rechnen) fassen höchstens 600 coru. Wiewohl nun der gewöhnliche Inhalt des menschlichen Schädels ein 1000 com weit übersteigender ist — nach Topinard ist für den männlichen Europäer-Schädel das Mittel 1400 com —, so sind doch auch Kapazitäten wie die des Java-Schädels keine gar zu seltene Ausnahme. Jedenfalls ist nach unsern bisherigen Erfahrungen 1000 cova eine spezifisch menschliche Kapazität, welche das nur in seltenen Fällen erreichte Maximum der Anthropoiden um 400 ccra übertrifft. Turner hat bei 24 männlichen Anstralierschädeln als Minimum 1044 cciu erhalten. Von 12 weiblichen Anstralierschädeln hatten 5 eine Kapazität von 1100, 3 eine soche von nur 998—930. Virchow bestimmte, wie schon in meinem früheren Artikel erwähnt, bei den Wedda auf Ceylon einen sonst anscheinend normalen weiblichen Schädel zu nur 960, unter Reihengräberschädeln einen solchen zu 930 ccua. Welcker hat als Minimum bei der mitteldeutschen Bevölkerung einen normalen weiblichen Schädel von 1090 coru gefunden. Der Rauminhalt des Javaschädels ist also nach unserer bisherigen Erfahrung ein spezifisch menschlicher, und selbst Thomson, nach welchem das Schädeldach in allen (??) seinen Merkmalen asfcnähnlich ist, nimmt hiebet die große Kapazität aus. Wie soll sich nun ein solches Gehirn bei einem Affen erklären? Virchow sagte auf dem anthropologischen Congreß zu Speyer (im August 1896), daß man in der ricscnmäßigeu Entwickelung dieser Gibbonart, wofür er den ?itstooantdropu8 erectua hält, nicht eine höhere Mcnschenähnlichkeit erblicken darf, da gerade der Orang-Utan und der Gorilla uns gelehrt haben, daß, je riesemnüßiger sie sich entwickeln, sie um so mehr vom 98 Menschen sich entfernen, wie ja bekanntlich die größte Menschenähnliche bei den jungen, nicht bei den ausgewachsenen Exemplaren der Anthropoiden besteht. Dies scheint gerade gegen Virchows Theorie zu sprechen. Denn wenn wir es mit einem Anthropoiden zu thun haben, so sollten wir am Schädel nicht nur die spezifisch äffischen, den riesenmäßig entwickelten Anthropoiden eigenthümlichen Knochcnkämme, sondern auch einen Rauminhalt erwarten, der im Verhältniß zur Größe des Thieres und dem Menschen gegenüber ein spezifisch thierischer, nicht aber ein viel größerer als bisher bei Anthropoiden nachgewiesen, und ein den Inhalt mancher menschlichen Schädel erreichender, ja übertreffender ist. Eben, daß das letztere der Fall ist, spricht nach den von Virchow angeführten, an den Anthropoiden hinsichtlich Größeentwickelung und Menschen- ahnlichkeit gemachten Erfahrungen gegen Virchows Hz-Io- bates-Theorie. Aus ähnlichen Gründen können wir auch jenem Beweise für die Gibbon-Theorie, welcher sich aus die den Javaschädel und einen ums Doppelte -s- 10 om vergrößerten Gibbon-Schädel darstellende Zeichnung stützt, die Virchow anfertigen ließ, eine Bedeutung nicht beilegen. Auf dem Papier ist es allerdings sehr einfach, einen Gibbonschädel um das angegebene Maß proportional zu vergrößern; in Wirklichkeit dürfte aber eine solche Zeichnung ziemlich werthlos sein, da Hiebei vor allem die mechanischen Einflüsse, welche in der Natur eine solche Vergrößerung des Schädels begleiten würden, in ihren npthwendigen, den Schädel umgestaltenden Wirkungen gänzlich außer Acht gelassen worden sind. Hier sind vor allem die nach bisheriger Erfahrung mit riesenhafter Größcentwickelung verbundenen Knochenkämme zu nennen. )- 3. Abschnürung des Orbitaltheiles; Schläfenenge. Virchow hat aus dem Zoologencongreß in Leyden die Behauptung aufgestellt, daß bei den Affenschädelu und so auch beim Javaschädel die soliden Wülste um die Augenhöhlen durch eine tiefe Einschnürung in der Schläfen- gcgend von dem eigentlichen Gehirnschädel getrennt sind, und daß sich dadurch der Affenschädel von allen normalen Menschcnschädeln unterscheidet. Auch Nehring bezeugt diese Abschnürung, welche beim erwachsenen Affen um so deutlicher und energischer ausgeprägt ist, je kräftiger die Kaumuskeln (und dem entsprechend der Sagittalkamm) entwickelt sind. Allein, daß diese Einschnürung nicht ein allgemein gültiges, absolutes Unterscheidungsmerkmal ist, das beweist ein von Nehring in der „Naturwissenschaftlichen Wochenschrift" X, 46 beschriebener, aus den Samba- quis von Santos in Brasilien stammender Menschenschädel, welcher eine ganz ähnliche Abschnürung ausweist, wie der Javaschädel. Dies zeigt sich auch aus dem Index, den Virchow oben als Unterscheidungsmerkmal ausstellen wollte. Dieser Index ist das Verhältniß der kleinsten Stirnbreite zu der — 100 gesetzten größten Schüdelbreite. Beim Javaschädel ist dieser Index — 69,23, nach Virchow kleiner als bei ähnlichen Schädeln z. B. von zwei Australier- schädeln der eine 71,1, der andere 72,6; der Neander- thalschädel 76,3. Hierin soll sich nach Virchow der Asiencharakter des Javaschädels zeigen. Dem gegenüber verweist Dr. Mics-Köln auf einen Schädel vom Index 61,8, dessen Jnnenraum 1310 acw faßt; ferner erwähnt er einen Mikrokephalen Schädel mit dem Index 66,7. Der von Nehring beschriebene Sambaquischädel hat gleichfalls noch einen geringeren Index als der Javaschädel, nämlich 64,79. Bei einem Gorilla ist der nach Nehrings Angaben berechnete Index 68, bei einem Gorilla ? 69,38, Sehnn- pause A 69,79. Daraus geht hervor, daß es menschliche Schädel gibt, deren Index kleiner, ja bedeutend kleiner ist als derjenige der angeführten Anthropoiden, daß also dieser Index als Unterscheidungsmerkmal einen allgemein gültigen Werth nicht besitzt. Uebrigens sei noch erwähnt, daß Dubois betont, die temporale Breite am unversehrten Javaschädel müsse 94 betragen haben; dann wäre sein Index sogar 72,3. Diese Einschnürung läßt sich also keineswegs als Beweis für die Gibbon-Theorie verwerthen. Man kann sich diese temporale Enge sehr Wohl als Folge einer kräftigen (Einschnürung), aber doch nicht allzu kräftigen (Fehlen eines Sagittalkammcs) Entwickelung der Kaumnskulatnr vorstellen, ivas gewiß nichts Auffallendes bieten kann bei Völkern, welche auf tieferer Culturstufe stehen, besonders bei den versprengten Vorposten des über die Erde sich ausbreitenden Menschengeschlechtes — und zu diesen dürfen wir wohl die ehemaligen Besitzer des Sambaqni- und Javaschädels, wenn dies überhaupt ein menschlicher ist, rechnen —, welche in Verhältnissen lebten, die alle Kräfte zur Erwerbung der nothwendigen Nahrung in Anspruch nahmen. So gut als bei sehr stark verwilderten rohen Völkern bei ein- zelen Individuen in Folge stärkerer Entwickelung der Kaumuskulatur die Ansatzstellen derselben sich am Schädel affenähnlich deutlicher ausprägen, diese Dinaas tarnpo- ralso dann beiderseitig weiter hinanfrücken können (Ueber- gang zum anthropoiden Sagittalkamm; bei dem verkommensten Jndianerstamme, den Pah Uta, die extremste Annäherung 1 mw), ebenso ist denkbar und thatsächlich, daß durch stärkere Entwickelung dieser Muskeln in extremen Fällen eine affenähnliche Abschnürung des Orbitaltheiles entsteht. Auffallend erscheint dagegen beim Javaschädel, daß von den Innekw tomxoralas weder eine stärkere Entwickelung noch ein Hinanfrücken am Schädel bekannt ist. Man sollte erwarten, daß die länoa tam- xoralis als Muskelansatzstelle in erster Linie durch die stärkere Entwickelung des Muskels beeinflußt würde» wie nach Nehring auch bei den Affenschädeln die Abschnürung um so größer erscheint, je ausgeprägter die Knocheukämme entwickelt sind. Dies scheint auf eine unregelmäßige resp. pathologische Bildung des Schädels hinzuweisen, legt also den Gedanken an eine pathologische, vielleicht mit Mikrokephalie zusammenhängende „Schläfenenge" nahe. In jedem Falle darf selbstverständlich von einem einzigen Schädel nicht auf die Gestalt aller gleichaltrigen Schädel geschlossen werden. Hiemit kann also der Javaschädel wegen seiner Abschnürung nicht zu einem Affenschädel gestempelt werden; dies wäre ganz ähnlich, wie wenn man aus einem oben erwähnten Pah llta- Schädel wegen seiner Knochenleisten einen Affcnschädel machen wollte, denn beiden Erscheinungen liegt höchst wahrscheinlich dieselbe Ursache zu Grunde. 4. Sonstige Eigenschaften des Schädels. Die Aiigen- braucnbogen sind nach Dr. Martin beim Javaschädel schwächer ausgebildet, als beim Schimpanse. Ferner weist nach Mannvrier und Dr. Martin der Abstand der Schläfenlinie von der Ptcilnaht auf menschliche Eigenschaften hin. Die oft mächtigen Knocheukämme, die bei den ausgewachsenen menschenähnlichen Affen zu beobachten sind, fehlen, wie schon erwähnt. Ob die Schläfengcgcnd menschlich geformt sei, darüber besteht eine Eontroverse zwischen Virchow und Martin, welch letzterer die Frage bejaht. Auch Nehring weist darauf hin, „daß die Schläfenbeine des DitÜLcautnropuv, soweit sie erhalten sind, einen durchaus menschenähnlichen Bau zeigen und 99 von denjenigen der erwachsenen Affen durchaus abweichen". (Naturwissenschaftl. Wochenschrift X, 46.) Martin hatte näherhin behauptet, daß die Schläfenregion, welche hinter dem Jochfortsatze unterhalb der beginnenden Schläfenlinie liegt, beim Menschen und ähnlich beim Javaschädel eine ebene, fast senkrecht gerichtete Fläche bilde, beim H 5 I 0 - lmt63 und 'IroZloä^tss aber eine ganz charakteristische Couvexität zeige, was dann von Virchow bestritten wurde. „Demgegenüber weist Martin an einer Zeichnung, die Frontaldurchschnitte (am Schädel eines Schweizers, Australiers, des Neandertalers und eines Hzckobatoo) durch die von ihm bezeichnete Schädelpartie (direkt hinter dem kroo. 08813 krönt, senkrecht zur deutschen Horizontalebcne) darstellt, deutlich nach, daß die vordere Schläfenpartie beim Il^losiatW ein ganz anderes Relief zeigt, als beim Menschen, wie er auch früher behauptet hatte." Dieses wird zurückgeführt auf den verschiedenen Verlauf der Schläfeulinien, welche beim Javaschädel übrigens nicht ganz erhalten, sondern von Martin re- construirt worden sind. „Dabei stellt sich heraus, daß hier der Verlauf der Inntzao tsmxoral 68 von dem am LFIodutss gänzlich abweicht und eher dem am Menschen gleicht." (Centralblatt für Anthropologie I, 3.) (Schluß folgt.) Reliquien der hl. Birgitt» in Rom. Uebersetzt aus dem Schwedischen von Georg Binder, Priester der Erzdiöcese München-Freising. Während der Einsender der nachstehenden Ueber- setzung an der „Geschichte der bayerischen Birgittenklöster" arbeitete, welche nun in diesem Jahre in den „Verhandlungen des historischen Vereines für Oberpfalz und Regensburg'") erschienen ist, fand sich in einigen italienischen und deutschen Zeitungen eine Notiz, daß man in der Kirche SanLorenzo in Panisperna in Rom einige Reliquien der hl. Birgitta von Schweden gefunden haben soll. Diese in der Folge auch in schwedische Zeitungen übergegangene Neuigkeit veranlaßte den Herrn Reichsantiquar Hildebrand von Stockholm, daß er den schwedischen Gesandten am Quirinal in Rom, Excellenz Baron Carl von Bildt, um Aufschluß über den Vorfall ersuchte. Die Folge war, daß Herr Baron von Bildt diplomatisch genaue Nachforschungen über die Reliquien der hl. Birgitt« in Rom anstellte, deren Ergebniß er in einer Monographie niederlegte, welche den Titel trägt: „ 8 . LirZittas vollster i Korn". Die Monographie erschien 1893 in Stockholm in „Vitztsrlrets Hiotoria 0 . ^utiHultets llstg-äsmieiig nauirnckedlaä", zugleich aber auch als Separat-Abdruck in der Königl. Buchdruckerei zu Stockholm. Als im Jahre 1894 der bayerische Reichsgraf Carl Theodor von und zu Sandizell, dessen Ahne Wolfgang von Sandizell 1487—1525 Bruder im bayerischen Birgittenklöster Alto Münster war, in Rom mit dem schwedischen Gesandten zusammentraf und von dessen Forschungen erfahren hatte, übersandte er bald nach seiner Rückkehr nach Bayern dem Einsender dieses, von dessen Arbeiten über die hl. Bir- ') Auch als Separat-Abdruck erschienen und zu haben in der I. I. Lentner'schen Buchhandlung (E. Stahl fr.) in München. gitta und den Birgitten-Orden er Kenntniß Haffe, die genannte Broschüre und später die Ermächtigung zw Veröffentlichung derselben in Deutschland. Der Inhalt der Monographie folgt nun in getreuer Uebersetzung zugleich mit den Anmerkungen. Wir enthalten uns jeder Besprechung und fügen nur bei, daß Herr Baron von Bildt die im Eingänge aufgestellte Behauptung, daß die hl. Birgitt« sehr wahrscheinlich im Kloster der Clarissen bet Sän Lorenzo in Panisperna gestorben sei, auf Anregung des Unterfertigten nunmehr dahin richtig gestellt hat, daß sie nicht im Clarissenkloster, sondern in ihrer Wohnung an der Piazza Faruese gestorben sei, wie aus dem in der vatikanischen Bibliothek befindlichen Urocsoouo 6 a.- irolli^ationia 8 . LirAittas mit Evidenz hervorgehe. Der Zeuge MagnusPetri, Kaplan der Heiligen, habe in einem Berichte erklärt, daß er beim Tode der hl. Birgitt« gegenwärtig war, welcher stattgefunden habe „in äomo apuä Oampuur klare, üb» ipsa. Dort, am Blumenmarkte (Ouvapo cli kiori) ander Piazza Farnese ist heute noch die „Damno 8 . LirZittas" nebst der Kirche 8 . Lri- giäs, mit vielen Erinnerungen an die Heilige. * * „Birgitt«'s älteste Biographen haben nicht berichtet, in welchem Hause in Rom sie starb, und die Angaben darüber sind deßhalb strittig. Die eine der zwei Bullen, welche Papst Bonifaz IX. am 9. Oktober 1391 aus Anlaß ihrer Canonisation ausfertigte, und in welcher er gewisse Ablässe für diejenigen festsetzte, welche an den Festtagen der Heiligen die Kirche Sän Lorenzo in Panisperna besuchen, sagt nämlich, daß sie starb in dem bei dieser Kirche gelegenen Clarissenkloster. Damit stimmt auch die im Kloster bewahrte und bis auf den heutigen Tag fortlaufende Tradition Lberein. Aber anderseits beweisen die Inschriften in dem Hause an der Piazza Farnese, welches 1383 von einer römischen Dame, Francesca Papazuri, dem Kloster Wadstena geschenkt-wurde, und wo später das Hospital der hl. Birgit'.ta eingerichtet wurde, daß sie dort starb. Auch hierüber findet sich eine Tradition, und der Raum, wo sie starb, wird immerfort den Besuchern gezeigt. Ebenso kommt in den von der Aebtissin von Wadstena für das Hospital gegebenen „Constitutionen" die Meinung zum Ausdruck, die sich hierauf bezieht. Noch andere Beweise können für beide Ansichten angeführt werden, aber mir scheint es auf Grund der päpstlichen Bulle wahrscheinlich, daß sie im Clarissenkloster starb?) Eiuestheils ist dasselbe zur Zeit das älteste, anderntheils stimmt dies mit anderen Umständen übereilt, für welche innerhalb der Grenzen dieses Aufsatzes keine Rechenschaft gegeben werden kann. Sicher ist indeß, daß Birgitt« den 23. Juli 1373 starb, und daß ihr Leib nach ihrer eigenen Anordnung die folgende Nacht zur Panisperna-Kirche gebracht wurde, sei es nun, daß dies geschah von dem Hause an der Piazza Farnese aus oder von dem nahegelegenen Kloster, sowie daß ihr Leib die folgenden Tage unter großem Zulauf des Volkes feierlich ausgestellt wurde. Wunder konnten bei einer solchen Gelegenheit nicht fehlen, I Eme bestimmte Ansicht wage ich nicht auszu- sprechen bevor ich Gelegenheit habe. die in der k. Bibliothek aufbewahrte Handschrift „Uroosssus 6 anoin 2 g>tioius Lrixickas cks Lnseia" einzusehen, welche vielleicht die Losung der Frage geben kann. 100 aber es waren doch zwei unter den vielen, welche einiges Aufsehen erregt haben und für würdig erachtet wurden, in der Canonisations - Bulle Bonifaz IX. erwähnt zu werden. Das eine geschah au einer Wittwe Agnes von Contessa — ein in Rom im Mittelalter oft vorkommender Geschlechtsname —, welche von einer Halsgeschwulst befreit wurde, und das andere an einer Clarisfen-Nonne, Francesco, aus dem edlen Geschlechte Savelli, welche von einem langwierigen Magenleiden befreit wurde. — Den 27. Juli wurde ihr Leib in einen Holzschrein gelegt, welcher mit Tüchern bedeckt und von Birger Ulfson, dem Sohne der Verstorbenen, versiegelt wurde, sowie von Latinus Ursini, ihrem adeligen Freunde, und mehreren vornehmen römischen Herren, deren Namen nicht aufbewahrt sind?) Der Schrein wurde sodann in einen Marmor-Sarkophag gelegt, und dieser wurde in der Kirche aufgestellt hinter dem Gitter, an dem Platze, welchen Birgitt« selbst zu ihren Lebzeiten gewählt hatte. Ueber den Sarkophag sagt eine jüngst herausgegebene französische Arbeit über Birgitts) daß Stefana Savelli, eine Wohlthäterin des Klosters, ihn zu ihrer eigenen Bestattung machen ließ, aber ihn nun zu Gunsten Birgittas abtrat. Er ist jedoch eine heidnische Arbeit aus dem 4. Jahrhundert. Auf der Vorderseite ist er durch Säulen in fünf Felder getheilt, von welchen das mittlere zwei halbgeöffnete Thüren mit Medusen-Hänptern und Löwenrachen zeigt, während die anderen vier geschmückt sind mit beflügelten Figuren, welche die vier Jahreszeiten darstellen?) Was aber Stefana Savelli betrifft, kaun sie mit der Sache nicht das Geringste zu thun gehabt haben, denn sie lebte erst 200 Jahre später; aber es scheint mir wahrscheinlich, daß die Idee, einen antiken Sarg anzuwenden, ausgegangen ist von einer Dame aus dem Geschlechte Savelli, möglicherweise der obengenanntcn Francesca. Jene hatte ihre Grabcsstätte in dem stattlichen Grabmonumcnte, welches 100 Jahre früher in der Kirche Lra 6os!i für ihre Anverwandten errichtet wurde und bei welchem alte heidnische Sarkophage als Postament verwendet wurden. Die Beisetzung im Panisperna-Kloster war gleichwohl nur provisorisch, denn Birgitt« hatte in ihren letzten Tagen verordnet, daß ihre irdischen Ueber- restc nach Schweden gebracht werden, damit sie dort in der Klosterkirche ruhen. Ihre in Rom lebenden Kinder Birger und Katharina mit ihrem treuen Gefolge und den Beichtvätern, Prior Petrus von Alvastra und Magister Petrus, begannen nun bald über die Heimreise zu berathschlagen, aber einer ihrer nächsten Freunde, Alfonso von Jaen, war fernes in Avi- gnon, wohin er die .letzte Prophezeiung Birgittas an Gregor IX. gebracht hatte. Er war mit der Abgeschiedenen in ihren letzten Lebensjahren zu sehr befreundet, so daß es in Frage kommen konnte, ob man ihren Staub fortführen solle, bevor er zurückkam. In den ersten Wochen des September war er nun wieder °) IMoosssiis Oanonwatiouis, Ospositio NnAui Ustri super srt. XUIX. Loriptorss Herum Svsoiearum Llsckü Xevi lkl. 2. 224. 0 Oomlssss cks 8. Lira-itts cks Luöcks. Paris 4892, Seite 503, ch Diese Dccoraiion, welche das menschliche Leben versinubildet, kommt nicht selten an römischen Sarkophagen -'or. In alten Klosterhandschristen ist die Rede von einem Monument, welches geschmückt ist mit „ausgehauenen Ems.elsbitdcrii und anderen Arbeiten". Uroeesr-us vanoum. !. o. in Rom, und es wurde beschlossen, die Vorbereitungen zur weiten Leichenfahrt zu machen. Birgittas Haus- caplan Mag uns Petri bestellte erfahrene Leute und die nothwendigen Materialien zur Einbalsamirung, aber wenn man ihm und anderen Zeitgenossen glauben darf, war dies eine unnöthige Vorsichtsmaßregel. Als nämlich der Schrein geöffnet wurde, befand sich das Skelett trocken und rein im Todtenkleide. Alles war verwundert! Nur ein Theil ihres Gehirns fand sich, nach Katharinas Aussage, in der Hirnschale. Diejenigen, welche über eine Heilige schreiben, geben sich oft zufrieden, zu sagen: „Ralnta, reksro". Für mehr kritisch angelegte Leser kann es angenehm sein, zu wissen, daß solches durchaus nicht unmöglich ist. So lesen wir z. B. öfter, daß ein heiliger Leib einen Wohlgeruch ausströmte. Daß dies der Fall war mit Birgt ttens Ueberresten, hat Magnus Petri allerdings nicht als Beweismittel beim Canonisations-Proccß gebraucht, aber das kann ein Uebersehen gewesen sein. In dem von ihm gegründeten Birgittenkloster bei Florenz, wo er 1397 starb, wußte man längst besseren Bescheid, denn in der Biographie über Birgitta, welche dort ungefähr 1450 vom „Oonksssor gsnsralis" des Klosters, Werth old von Rom» geschrieben wurde, wird erzählt,') daß am Skelette an Stelle der Eingeweide eine schwarze Masse gefunden wurde, welche duftete wie Weihrauch oder Myrrhen?) Die Clarisser-Nonnen bei Sän Lorenzo in Panispernc?) drangen unterdeß darauf, daß sie einige Reliquien bei sich behalten konnten. Birgitta hatte dort manche Freundin, sie hatte oft in ihrer Kirche ihre Andacht verrichtet und hatte noch dazu an der Pforte mit den Bettlern das Almosen geholt, sie war Gast in der Klosterherberge, vielleicht starb sie auch dort, sie wollte sich wenigstens nicht ganz und gar im Tode von denjenigen trennen, mit welchen sie im Leben so innige Gemeinschaft hatte! So war es auch. Von dem Skelette, welches von den Trauernden nach Schweden geführt wurde, wurde ein Arm mit anderen Theilen abgetrennt, welcher seinen Platz in dem schon genannten Marmor-Sarkophag fand. Dieser wurde eingemauert an der Längsseite zur Rechten des Altars. ') lud. III Proosmium , gedruckt in Xota Lauetor Ost. IV, S. 524. „Was noch wunderbarer ist", fügt naiv der Verfasser hinzu. °) Diese Kirche ist eine der ältesten in Rom; sie wurde wahrscheinlich unter Konstantins Regierung auf dem Viminal erbaut, wo nach der Tradition der junge spanische Diakon Laurentius den Märtyrer-tod erlitt, ungefähr 260. Sie wurde zuerst genannt >>»ä Vimi- uri-Ism", dann „ill ll'ormosc?, und später, im 9.Jahrhundert „in kauispsrna", welchen Namen sie bis jetzt noch hat. Ueber dessen Bedeutung herrscht Ungewißheit. Einige leiten es her von „paus s psrua", da nämlich dort an die Armen an den Festtagen des hl. Laurentius Brod und Speck ausgetheilt wurde. Nach Anderen sollen beim Umbau der Kirche die Arbeiter mit einem wunderbaren Brode gespeist worden sein, welches die Engel jeden Morgen in einem nahegelegenen Hause niederlegten, das eine Wittwe mit Namen Per na bewohnte. Andere schließlich halten dafür, daß die Kirche aufgebaut wurde von einigen Mitgliedern des Geschlechtes Perpcrna oder Perpenna. Diese Ansicht scheint die größte Wahrscheinlichkeit zu haben. Ein Perperna Quadratus war Präfekt zur Zeit Conftantins und stand dem Bau der nahegelegenen Thermen des Kaisers vor. Grc- gorovius sagt (Geschichte der Stadt Rom l. 99), daß im Klostergarten ein Stuck Marmor gesunden worden fei mit der deutlichen Aufschrift „Uerpsrim?, was gewiß 101 Außer dem, was den Arm angeht, findet man in gleichzeitigen Handschriften oder den älteren Biographien nichts aufgezeichnet darüber, was für Theile es waren, die in der Panisperna-Kirche zurüciblieben. Die Canonisations-Bulle des Papstes Bonifaz IX. sagt blos, daß es einige waren, und in den Franziskaner- Annalen^) ist noch später angeführt, daß die Cla- risser-Nonnen „den linken Arm mit anderen Ueber- resten" behielten.") Erst im Jahre 1574 findet sich aufgezeichnet, daß es neun Reliquien waren, was übereinstimmt mit der nun dort befindlichen Anzahl (1 Arm, 1 Beckenbein, 3 Rippen und 4 Rückenbeine). Möglich, daß es ursprünglich mehrere waren, denn am Schlüsse des 15. Jahrhunderts fanden Verhandlungen statt, welche wahrscheinlich zur Folge hatten, daß ein oder das andere Neliquienstück über die Alpen geführt wurde. Im Jahre 1485 wurde nämlich die Grabesruhe gestört, wenn auch blos znr größeren Ehre der Heiligen. Herzog Georg von Bayern, welcher ein eifriger Gönner der Birgittiner war, hatte den Wolfgang Sandizeller") nach Rom geschickt, um von Papst Jnnocenz VIII. zu erwirken, daß das 1480 von den Benediktinerinnen verlassene, später so ruhmreiche Kloster Maria-Altomünster den Birgittinern übergeben werde. Im Zusammenhang damit sollte eine große Generalversammlung des Ordens zur Einigung der in den verschiedenen Ländern verschieden gehandhabten Regel im großen bayerischen Birgittenkloster Gnaden- berg") in der Oberpfalz gehalten werden. Während der Sandizeller zu diesem Zwecke sich in Rom aufhielt, ließ er für die hl. Birgitts die Kapelle bei Sän Lorenzo in Panisperna einrichten, welche noch ihren Namen trägt; es ist dies die zweite „s. lutoro svanAslii" (an der Evangelienseite), d. i. zur Rechten!?! des Hochaltars.") Bei dieser Gelegenheit wurde am 19. Juni 1485 in Gegenwart vieler Zeugen der Sarkophag geöffnet und am 21. desselben Monats wieder geschlossen und unter den Altar der Kapelle gestellt; der Altar wurde am nämlichen Tage von dem Bischöfe Petrus vonNisa feierlich eingeweiht. Das geht aus den beiden Protokollen hervor, welche darüber von dem apostolischen Notare, dem Kanonikus Ermengild Gade, errichtet wurden, welche besagen, daß damals mit den Birgitts-Reliquien zugleich zwei andere, sehr kostbare Reliquien mit hinein- kcin Zufall war. — Neben der Kirche wurde im 9. Jahrhundert ein Benediktiner-Kloster gebaut, welches jedoch im 12. Jahrhundert verlassen wurde, wahrscheinlich wegen Verfalls der Gebäude. Ungefähr 100 Jahre später kam Kloster und Kirche in Besitz der Clarisscr-Nonnen, welche dort wohnten bis 1877, als das Kloster von der Regierung eingezogen und in ein chemisches Institut umgewandelt wurde. ") Lukas Wadding, Xunales LLuorum ack 1318 n 43. ") Cons. Durante hat in seiner Auflage der Ncve- lationen. Rom 1628,11,5 29, ein Fragment einer alten Handschrift abgedruckt, welche im Birgitta-Hospital aufbewahrt wurde und worin der Arm der erhabenere Ueberrest genannt wird. "0 Er wird auch 2oleue8s genannt. Siehe Nettelbla, Nachricht von Birgittincr'KlösLern, Frankfurt 1764, Seite 81 und 88. ") Das war 1487. Zur Generalversammlung kam von Wadstena der Senior Clemens Petci, welcher das Wort führte, und Johannes Matthäi. S. Nettelbla !. e. ,,a latsre LvanZ'slii", nämlich wenn man am Altare sich umdreht und nach rückwärts sieht, also auf der rechten Seite. (Mittheilungen des Herrn Grafen von Sandizell 1895 an Binder.) gelegt wurden, nämlich ein Zahn des Evangelisten Lukas und ein Kinnladenbein des Apostels Philippus.") Aller Wahrscheinlichkeit nach nahm nun der Sandizeller einige Birgitta-Reliquieu mit, denn es ist kaum denkbar, daß er unter solchen Umständen sich nicht einige Andenken an die von ihm so hoch verehrte Heilige ausbednngen hätte, welche er dann dem Kloster Alto- münster übergab, wo er 1517 Mönch wurde und 1525 starb.") Ungefähr 100 Jahre später wurden große Baureparaturen in Sän Lorenzo nothwendig, und diese erstreckten sich auch auf die Birgitta-Kap clle. Während der Arbeiten, welche ungefähr 1574 stattfanden, scheint der Sarkophag geöffnet worden zu sein, und die innere Holzlade, welche zunächst die Reliquien einschloß, wurde weggenommen. Ein am 5. August 1574 von dem Beichtvater der Clarisser-Nonnen, Petrus Hispamus, mit den Franziskanerbrüdern Berna rdin Tiburtinus und Johannes Mariä aufgenommenes Protokoll'') besagt, daß für den Sarkophag eine andere Holzlade angefertigt wurde, welche nenn Reliquien der hl. Birgitts enthält, darunter ein Schulterblatt (acmxnla) sammt Rückenknochen und Rippen. Der Arm wird dabei nicht besonders genannt. Ein Schulterblatt findet man gleichwohl auch nicht. Was so benannt wurde, ist ein Beckenbein, welches später in allen Urkunden seinen unrichtigen Namen beibehielt. Das zeigt von wenig anatomischen Kenntnissen bei den kirchlichen Autoritäten, welche die Reliquien immer als Schulterblatt bezeichnen; aber gleichwohl kann man an der Echtheit der Reliquien nicht zweifeln. Es beweist dies blos, daß die guten Mönche, welche 1574 die Reliquien vor sich hatten, nicht hinreichend kundig waren, den Gebeinen den rechten Namen zu geben, und deren Nachfolger waren ebensowenig gründlich. Es war bei dieser Gelegenheit, daß eine Stefana Savelli, welche Novizin bei den Clarisser-Nonnen war, über den Altar, wie es in den Franziskaner-Annalen") heißt, eine elegante Kapelle ausführen ließ, womit wahrscheinlich ein Lettner gemeint ist, der nun über- ") Das Original dieser auf Pergament geschriebenen Handschriften wurde im großen Archive der Franziskaner auf Xra 6oeli aufbewahrt, welches nun nicht mehr cxistirt. Wie so manch andere Archive in Rom erlitt es zuerst große Verluste in den Revolutionsjahren 1798—99 - was übrig blieb, wurde nach 1870 vom italienischen Staate eingezogen, aber da über zwei Jahre verflossen zwischen der Kundmachung und der Bewerkstelligung der Confiscation, so wurde manches bei Seite geschafft. Die Claris- ser-Nonneu hatten jedoch Abschriften, und von diesen nahm wiederum solche der Beichtvater ?. Andreas di Rocca di Papa. Beim Umzug der Nonnen im Jahre 1877 in ihr neues Kloster au der Piazza Giovanni Lanza kamen deren Papiere in Unordnung, und die älteren Abschriften konnten nicht mehr gefunden werden. Auf eine Vorstellung hin lieh mir U. Andreas sodann die Abschriften, welche jedoch unbeglaubigt sind und nach Abschriften gefertigt, von denen man nicht weiß, ob sie beglaubigt waren.- aber da kein triftiger Grund vorhanden ist, eine Fälschung oder mala lickos anzunehmen, weder bezüglich der ersten noch der zweiten Hand, zweifle ich nicht, daß man auf deren Wahrheit bauen darf. ") Ein Verzeichnis darüber findet man, nach Nettelbla, bei Scheckh's Beschreibung vom Maria-Altomünster, Cap. 14, paZ-. 34. Es ist mir nicht gelungen, diese Arbeit in Rom anszutreiben. ") Hierüber gilt dasselbe, ivas im Vorhergehenden schon über das Protokoll des Hermencgild Gade gesagt wurde. '") Wadding, Lunalss Lliuorum!. o. baut ist. Der Hauptschmuck war eine große Freskomalerei, welche die hl. Birgitt» im Gebete zum Gekreuzigten vorstellt. (Schluß folgt.) Socialistische Theorien des Alterthums. (Fortsetzung.) 6. Der stoische Staat. st'. Inhaltlich noch merkwürdiger, wenngleich der Form nach nicht eben aumuthig, war ein im späteren Alterthum mit Befremden und Staunen betrachtetes Staatsideal, welches ein Schüler der oben genannten chnischen Schule am Ende seiner Lehrjahre entwarf. Es ist dies der „Staat" des nachmaligen Gründers der stoischen Philosophenschnle, des Zenon (um 300 v. Chr. Geburt), eines Halboricntalen. In der Absicht, gewisse Jnconsequenzen der platonischen Staatslehre aufzudecken und das rücksichtslos einfache Staatsidcal der Cyniker zu rechtfertigen, verstieg er sich zu einer Formnlirnng der chnischen Sätze, welche entschieden über das von jener Schule Gewagte hinausgeht. Keinerlei Schranke irgendwelcher Art sollte dem Verkehr der Geschlechter gesetzt sein, die Gleichstellnng von Mann und Weib sich nicht nur auf die Erziehung, sondern auch auf die Kleidung erstrecken und die Erziehung rein ethisch sein; die gewöhnlichen llnterrichts- gcgenstände seien werthlos. Tenipcl, Gerichtsgebände und Turnhallen, welche Platon noch geduldet hatte, seien vollständig überflüssig. Münzen bedürfe der Verkehr weder im Innern, noch nach außen. Denn der richtige Staat sei nicht an die engen Grenzen einzelner Städte und Gaue gebunden. Alle Menschen auf der Erde seien sich Landslente. Eine Lebensweise und eine Sitte solle herrschen in der Heerde, die auf gleicher Weide durch das gemeinsame sittliche Natur- und Weltgesetz genährt werde. Allerdings setzte Zenon dabei voraus, daß sämmtliche Staatsglieder Weise und Gerechte seien, unfähig der Sünde und der Leidenschaft. Denn nur Weise seien wahre Bürger, Freunde, Verwandte und freie Männer. Die Ingredienzien des platonischen socialistischen Gebräues, Frauenemancipation und Brüderlichkeit, sind hier mn drei weitere: Gleichheit, Freiheit und Kosmopolitis- mus (Internationale), vermehrt. Bei Zenon ist das antike Staatsideale, auf die äußerste Spitze getrieben, oder vielmehr in Wahrheit ist das gar kein Staat mehr. Das Individuum in seiner Sclbstherrlichkeit ist unmittelbar dem allgemeinen Gesetze der natürlichen Sittlichkeit Unterthan und bedarf der Vermittlung eines sichtbaren Staates und der besonderen Gesetze nicht mehr. Darin liegt denn auch der Grnndabstand des zenonischen Staates von dem Platons, welcher sich immer noch nicht von der Vorstellung des antiken Einstadtstaates hatte losreißen können und vom Staatszwang noch nachdrücklichen Gebrauch gemacht hatte, welcher das Eigenthum beim Nährstande noch bestehen ließ und das Eiscngeld nicht verschmäht zu haben scheint. Der Socialismus Platons hat sich bei Zenon zur Anarchie verartet. * » -P Wir schließen mit Zenon die Darstellung der antiken Staatstheorien socialistischer Färbung ab, da von da an eine Weiterentwicklung nicht mehr stattfinde* Von Bedeutung für die Würdigung der geschilderten Ansichten ist außer ihrem Inhalte noch die Frage, ob die alten Reformatoren der Gesellschaft ihre Vorschläge praktisch ernst gemeint haben oder ob sie selbst dieselben lediglich als logische Spekulationen ansahen. Darauf ist zu erwidern, daß all die Genannten ihre Sätze für durchführbar hielten, wenn auch nicht in der nächsten, so doch in fernerer Zukunft. Und begründet schien diese Hoffnung durch die Verhältnisse Sparta's, wo Analogien und Ausätze zur Frauen-, Kinder- und Besitzgemeiuschaft vorlagen. Wie Platon, so mag auch Zenon auf diesen Staat hingewiesen haben; denn zwei seiner Schüler schrieben über die lake- daimonische Verfassung. Der erstere war Persaios, der auch das Dogma des Meisters, daß der Weise der beste Feldherr sei, durch die That zu erhärten suchte — freilich mit schlechtem Erfolge! Der andre, Sphairos, setzte sich mit Kleomenes, einem genialen Könige des spartanischen Staates, in Verbindung, um die alte Verfassung, die im Laufe der Zeit Veränderungen erlitten hatte, dort wieder einzuführen, schwerlich ohne Beziehung auf die Theorien des Schulgrnnders. Die sociale Reform, die auch die Erziehung in sich begriff, wäre, nach einem auswärtigen Krieg, nach der Ermordung von vier hohen Beamten (Ephoreu) nnd der Verbannung von 80 Adeligen, thatsächlich vollendet gewesen, wenn nicht fremde Könige neue Verwicklungen und den Tod des Kleomenes herbeigeführt hätten. Der Schwierigkeiten freilich, welche die Einführung seines Staates mit sich brachte, war sich Platon wohl bewußt. Er verhehlt nicht, daß dieser Staat nur mit Gewalt zur Anerkennung zu bringen sei, wie er denn auch vor Todesstrafe, Kindesaussetzung und ähnlichen Mitteln nicht zurückschreckt. Auch eine stoische Stimme läßt sich dahin vernehmen, die Bilder der Schule würden wegen ihrer übergroßen Erhabenheit und Schönheit nur für Dichtungen und Träume gehalten; es sagte dies Chrysippos, der sich den richtigen Staat wenn auch nicht hypercynisch, so doch cynisch vorstellte, in einem Werke, welches über die sociale Wirksamkeit der Gerechtigkeit und deren politische Anwendung handelte. Zenon hat vielleicht feinen Staat auf eine Art Nobinsoninsel verlegt oder an Lagen gedacht, wie die, in welche Sindbad, der Seefahrer, kam; denn schon die Phantasie der Alten nahm seit Homeros gerne ihre Zuflucht zu Inseln (Pamhaia, Atlantis). Zur Beleuchtung der antiken Theorien muß aber — und das übersieht Kantsky» der socialistische Geschichtschreiber derselben, welcher übrigens auch die nachplaton- ischen Staatsideale allzu vornehm beiseite stellt — noch das eine betont werden, daß Platon im reiferen Alter sein Ideal gewaltig herabstimmte und in den Gesetzen Privateigenthum und Ehe zugab, sowie, daß auch Zenon in späteren Jahren seine Ansprüche gemäßigt zu haben scheint, indem er dem Weisen ein gewisses Vermögen zugestand, damit dieser, ohne zur Leidenschaft der Furcht, welche durch die Abhängigkeit erzeugt wird, Anregung zu erhalten, der Tugend nachleben könne. Wenn Zenon und seine treuesten Anhänger, trotzdem sie sonst ihre Maximen möglichst zur Richtschnur für's eigene Leben wählten, Geld von reicheren Schülern nahmen, so thaten sie dies, um ihren Studien leben zu können. Auch hielten sie sich selbst nicht für Weise und meinten, der vollkommene Weise sei ohnehin so selten wie der Vogel Greif. Die späteren Styiker haben, unter dem Eindrucke 103 der römischen Weltauffassung, wohl jenen Schwärmereien ganz Valct gesagt, und die Versuche der Nenphthagorecr und Nenplatoniker, Platons Grundsätze ins Werk zu setzen, können über engere Kreise nicht hinausgcdrnngen sein. So sehen wir denn, daß die alten Socialisten selbst oder ihre Getreuen den socialistischen Theorien ein kleines Mißtrauensvotum ausstellten. Um so mehr erhebt sich ganz natürlich die Frage, wie sich wohl das übrige gebildete Alterthum dazu verhielt. An Kritik hat es nicht gefehlt. Doch sei hier die Polemik späterer Philosophen gegen die stoische Lehre Übergängen, weil die von dieser Seite ausgehende Kritik im ganzen sich auf eine vielfach ungerechte Suche nach Widersprüchen in der stoischen Doktrin beschränkt. Es wird, um die Thatsache zu beweisen, daß auch das Alterthum jene Ansichten nicht widerspruchslos hingenommen hat, wohl genügen, zwei Männer zu hören, welche sachliche Einwendungen vorzubringen wußten. Der eine derselben entstammte demselben Lager, aus welchem Platon hervorging, den Reihen der athenischen Aristokratie. Aristophanes, der Komiker, hat den socialistischen Weiberstaat nur geschildert, um denselben an den Pranger zu stellen. Hatte er schon für luftschloßartige Unternehmungen den Namen „Wölkenkuckucksheim" erfunden, so suchte er in seinem „Weiberlandtag" die Lacher auf die Seite der Autisocialisten zu bringen, indem er den Weiberstaat drastisch an zwei einfachen Schwierigkeiten zu nichte werden läßt. Wie nämlich der Staat im Lustspiel zur Einführung gelangen soll, wird zunächst befohlen, alle Bürger sollten ihre gesammte Habe an Mehlsäcken, Betten, Wasserkrügen, Pomadetöpfen, Kochgeschirren und Dienstboten an den Fiskus ausliefern. Die meisten schleppen in der That, gehorsam dem Gesetze, eifrig alles aus dem Hause. Nur ein einziger verschmitzter Patron hintergeht den Staat und behält das Seine für sich, ist aber, sobald die Bürger- schaft zum Staatsschmause eingeladen wird, der allererste, der zum Festessen eilt, um, wie er sich ausdrückt, „auch sein Theil am Staatsbrei zu erwischen". Ist nun auch dieser Theil der aristophanischen Kritik auf die modernen Socialisten nicht ganz anwendbar, da letztere die Möbel und Geräthe nicht verstaatlichen wollen, so hat doch Aristophanes richtig erkannt, daß die einzelnen Naturen ungleich sind, daß beim allgemeinen Kladderadatsch das Fischen im Trüben nicht ausbleiben könne und daß der egoistische Mensch das Nehmen für seliger hält denn das Geben. Und ebenso nüchtern gedacht ist des Lnstspikldichters zweiter Eiuwnrf. Gleich in das Gesetz von der Fraucngemeinschaft läßt er, damit diese absolut sei, die nähere Vollzugs- beftimmuug aufnehmen: Aus daß nicht die häßlichen und alten Personen von der Vcrbindungscommunität ausgeschlossen würden, müsse sich jeder, der sich mit einer Zungen und Schönen verbinden wolle, zuvor mit allen häßlichen und alten Weibern einlassen, und entsprechend solle es seitens der Frauen geschehen. Das ist, um von der moralischen Qualität des Gesetzes abzusehen, natürlich schon an sich lächerlich. M adsnccknm aber wird das Gebot, dessen Zweck allgemeine Verbrüderung und Liebe im Staate ist, durch seine Folgen geführt: Ein Jüngling, der sein Mädchen liebt und bei der Schönen Gegenliebe findet, wird dem Mädchen von einer Megäre unter Berufung auf das Gcsctz streitig gemacht, und als die spitze Zunge der Jungen endlich doch die wüste Alte zum Rückzug zu bringen scheint, stürzen, von dem Lärm angelockt, zwei andere alte Basen herbei und zerren und reißen an dem armen Jüngling, bis die Junge das Nachsehen hat. So endet denn das Gesetz der allgemeinen Verwandtschaft und Eintracht in eine wilde Rauf- und Schimpfscene, welche der griechische Dichter mit antiker Unverblümtheit und Derbheit wiedergibt. Der traurige Ernst, welcher in diesem Theile des Lustspiels steckt, bedarf keiner näheren Ausdeutung. Viel eingehender als die aristophanische tonnte selbstverständlich eine ernsthafte Kritik ausfallen, die nicht an künstlerische Rücksichten gebunden war. Eine solche haben wir von Aristoteles, dem weitblickenden Schüler Platons. In politischer Beziehung darf er monarchisch gesinnt genannt werden. Sein Auftreten gegen den Lehrer ist jedoch nicht auf die Verschiedenheit der politischen Anschauungen, sondern auf den grundsätzlichen Widerspruch zurückzuführen, in welchem sich die Philosophie beider befand. Platon war Idealist, Aristoteles gemäßigter Empirist. Der Freund der Medizin und sorgsame Naturforscher, der besonnene Kopf und klare, schlichte Denker mußte zu einer wesentlich ander, >. Auffassung des socialen Wesens gelangen, als das poetische Genie Platon. Nicht von der philosophischen Spekulation ging er aus, sondern von einer historisch-kritischen Ucberschau über die thatsächlich verwirklichten Staatsverfassungen. Indem er jedoch auch in seinem Werke über die beste realisirbare Staatsform (nach 336 v. Chr. Geburt) seiner empiristisch vorgehenden Methode getreu die bedeutendsten seiner historischen und literarischen Vorbilder bespricht, wird er zu einer genauen Kritik derselben veranlaßt und gibt auf diesem Wege zugleich eine Kritik der socialistischen Ideen überhaupt. Was er an den Entwürfen des Phaleas und Hippo- damos auszusetzen findet, soll hier nicht wiederholt werden. Der Hauptsache nach vermißt er die Antwort auf die" Frage, wie denn sich die vorgeschlagenen Reformen im einzelnen ausführen und gegenüber etwaigen äußeren Schwierigkeiten festhalten ließen. Zum Theil sind ja die beiden eben erwähnten Männer auch durch die Kritik des platonischen Staates getroffen, und letztere verdient mit den Zügen, welche noch heute beachtenswert!) sind, gekennzeichnet zu werden. Dem Stagiriten gefällt dreierlei nicht an Platons Mnstcrstaat: die Kinder-, die allgemeine Frauen- und die Gütergemeinschaft. Er schickt dagegen eine Reihe von dialektischen und sachlichen Gründen ins Feld. (Schluß folgt.) Recensionen nnv Notizen. Emmerich, Der heilige Kilian. Historisch-kritisch dargestellt. Würzbnrg, Göbel, 1896. M. 1,50. D Der Verfasser har das Quellenmaterial in den Bibliotheken Deutschlands, Oesterreichs und der Schweiz persönlich eingesehen. Die wichtigsten Urkunden sind im ersten Theile der Monographie zum Abdrucke gelangt. Im zweiten Theile verbreitet sich Emmerich über die einzelnen Streitfragen. Die Kritik ist maßvoll, gründlich und praktisch-vernünftig. In überzeugender und, wie uns scheint, nnwid er leg sicher Weise wird die Grundfrage nach der primären und zuverlässigste!, Quelle entschieden: die Uaosio minor erweist sich nach der St. Gallener Handschrift als der ältere und glaubwürdigere Bericht. Die Zweifel, welche die protestantische Forschung an der Romreise Kilrans geäußert, waren leicht zu über- 104 winden. Schwieriger gestaltete sich die Feststellung des Todesjahres, als welches, wohl mit Recht, 689 angenommen wird. Die von einigen mittelalterlichen Schriftstellern vermuthete Mitschuld Gozberts an dem Martyrium Kilians wird als grundlose Conjcctur nachgewiesen. Im Uebrigen wird das Dunkel, welches über der Person des Herzogs und seiner Nachkommen schwebt, nicht leicht gelichtet werden, es müßte denn sein, daß neue Urkunden aufgefunden würden. Emmerichs Schrift ist ein werthvoller Beitrag zur Geschichte Frankens und ist in Folge dessen nicht bloß für die Diöcese Würzburg, sondern auch für die bayerische Geschichtsforschung von hohem Interesse. -r. „Kurze Geschichte des -Ordens von der Heimsuchung Mariens — genannt Salesianer- innen — in Bayern, von seiner ersten Niederlassung in München bis Heute", betitelt sich eine reich illustrirte, bei Pustet in Regensburg gedruckte Jubiläumsgabe, welche ein ehemaliger Zögling der allgeliebten „boims mdro", Maria Salesia Hammel, Oberin in Zangberg, zu ihrem SOjährigen Profeßjubiläum darbietet. Dem reizend ausgestatteten und fließend geschriebenen Büchlein, das wir allen ehemaligen Zöglingen der bayer. Salesianerinnen- klöster wärmstens empfehlen, entnehmen wir Folgendes: Der vom hl. Franz von Sales anno 1610 in Ännecy gegründete Orden ließ sich im Jahre 1667 in München nieder (erste Niederlassung in Deutschland) und bewohnte dort zuletzt das jetzige Damenstift — Amberg und Sulzbach, später säkularisirt, wurden von München aus gegründet. 1783 mußten die Schwestern ihr liebgewonnenes und so segensreich wirkendes Kloster in München verlassen und rnit Jndcrsdorf vertauschen. Daß sie hier in Jiwersdorf trotz aller Schwierigkeiten des Bleibens hatten, verdankten sie hauptsächlich dem thatkräftigen Eintreten der - Kurfürstin Karoline. Im Jahre 1831 siedelten die Schwestern '.nach Dietramszell über^ wo im Jahre 1837 die hochbetagte Oberin, Gräfin von Spreti, starb, die schon in Jndersdorf die Seele der ganzen Klostergemeinde war. Von hier aus wurde im Jahre 1838 Pielenhofen (früher ein Beruhardinerkloster) und anno 1845 Beuerberg (ehemaliges Augustinerkloster) gegründet. Von Beuerberg aus entstanden Niederlassungen in Thurnfeld (1859), in Moselweis (1863), ja sogar in Luxemburg und Böhmen. Pielenhofen sendete Schwestern 1857 nach Westphalen. Im Jahre 1862 endlich wurde das gegenwärtig weitLber die Grenzen Bayerns bekannte Kloster Zangberä gegründet. Das herrliche, auf luftiger Höhe liegende Schloß, welches das ganze Schlachtfeld von Ampfing beherrscht, ursprünglich sehr ruinös, wurde allmälig in besseren Zustand versetzt, mit Anbauten, auch mit einer eigenen, schönen Kirche versehen, mit Gärten und Parkanlagen geichmückt, so daß es nach Wjährigem Bestand nicht blos zu den schönst gelegenen, sondern auch zu den blühendsten Mädchen-Instituten Bayerns, ja Süddeutschlands, gehörte; zu letzterem trug nicht wenig bei der einheitliche Geist, der dieses Kloster seit seinem Bestehen beherrscht; Zangberg kennt bis heute nur eine bouvo wero, nur eine msro äöposss. Mögen diese beiden Damen noch recht lange wirken zur Ehre Gottes, zum Nutzen unserer weiblichen Jugend! — Leo Taxils Palladismus-Roman. Unter dieseni Titel ist soeben im Verlag der Germania (Berlin) der erste Theil eines Werkes von Hildebrand Gerber (?. H. Gruber 8. ll.) erschienen, in welchem der Verfasser es unternimmt, den Schwindel der ganzen Compagnie Dr. Bataille, Leo Taxil, Diana Vaughan, Margiotta usw. klarznlegen und in seinen Einzelheiten zusammenfassend zu verfolgen. Der erste (erschienene) Theil (180 S.) enthält das Vorwort, die orientirenden Vorbemerkungen, die Charakteristik Dr. Batailles, des Werkes I-s äiabls au XIX siäols und dessen Fortsetzung, der Rsvus msllSllsIIö. Der zweite Theil wird Domenico Margiotta und seine „Enthüllungen" in den Werken Xclriano I-smirn und I-s kallaäiswe, der d ritte Theil „Miß Diana Vaughan" und ihre „Enthüllungen" im „kallackium", in den ,,M- moiros ck'nno üx-l's.UguIists" und in „I-s 38: Orispl" behandeln. Jetzt, nach der glücklichen Entlarvung des Schwindels, und da die antifreimaurerische Bewegung in , Folge des Trienter Congresses in eine neue Phase einzu- i treten im Begriffe steht, ist der richtige Zeitpunkt gekommen, die ganze Angelegenheit in allen einschlägigen Punkten gründlich und actenmäßig aufzuklären. Dies geschieht in dem angekündigten neuen Werke. Hildebrand Gerber (H. Grnber 8. ,1.) war zur Lösung dieser Aufgabe besonders berufen. Hatte er doch den Feldzug der katholischen Presse, welcher nun mit der völligen Entlarvung der Schwindler geendet hat, (durch die Artikel voni 15. und 25. August der Köln. Volkszeitung und vom 22. August der Germania) eröffnet. Soweit aus Publicationen oder sonstigen öffentlichen Kundgebungen, auch von freimaurerischer Seite, bekannt geworden ist, dürfte sich unter den auf demselben Gebiete schriftstellerisch thätigen Katholiken und selbst Nicht-Katholiken Niemand finden, der ihm an Kenntniß der einschlägigen Literatur, namentlich auch der freimaurerischen, und an Sicherheit des Urtheils über die einschlägigen Thatsachen gleichkäme. (Preis des ersten Theiles: M. 1,60.) I^vu^s kisrrs, ^pbroäits: Llosurs aatiguss. All. illustres par D. Oalbst, 12° pp. 392. Uaris, Bors!, 1896. IÜ-. 3,80. ^ In letzterer Zeit hat kein anderes Buch in Frankreich einen so reißenden Absatz gefunden: in wenigen Wochen waren 70,000 Exemplare in 50 Austagen der gewöhnlichen Ausgabe verkauft; jetzt erschien der Roman auch in der OoUsotion Läouarä Ouillsams „Xxwpbös" mit Bildern: eine ungarische Uebersetzung von Göza Rüzsa (Pest, Sachs u. Pollak. st. 1,50), sowie eme deutsche (Pest, Grimm, st. 2,50) haben soeben die Presse verlassen. Warum verzeichnen wir diese Thatsachen? Nicht, weil das Buch einen Werth hätte, sondern nur, um zu beweisen, daß die Größe des Erfolges immer von der Größe der Schweinerei abhängt, in der die Literaten des modernen Frankreich mit einander wetteifern. Das Geschreibe des neuesten Schlammwälzers aus der Heerde Epikurs ist das zünftigste Bordell-Opus, das unter dem Vorwand, den „Cult der nackten Schönheit" im Gegensatz zum prüden Christenthum wieder mehr zu Ehren zu bringen, einfach die vollste sinnliche Ungebundenheit in der schamlosesten Weise predigt. Wenn es so fort geht, wird Zola bald zu den anständigsten Schriftstellern gehören. Daß die Bilder der illnstrirten Ausgabe, die jetzt an allen Schaufenstern Münchens prangt (und allerdings, was Schönheit des Druckes und der Ausstattung anlangt, höchste Eleganz zeigt, und eines besseren Inhaltes würdig wäre), an Unfläthigkeit dem Texte in nichts nachstehen, ist klar. Die Sittenpolizei, die oft viel harmlosere Dinge aufgreift, dürfte sich doch fragen, ob derartige literarische Novitäten nicht schon zur „Pornographie" gehören: wir wüßten nicht, wie man an Un- zweidentigkeit noch mehr leisten könnte. Doch genug davon! Nur eines noch: das ist die Literatur, die unsere „gebildete Welt" verschlingt und mit der sich die Verfasser mühelos den Geldsack füllen, während der wahre Liebling ernster Muse oft genug sich die Füße »lach einem Verleger vergeblich wund läuft und verhungert. Die katholischen Missionen. Illustrirte Monatschrift. Jahrgang 1897. 12 Nummern. Mk. 4,—. Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshandlnng. Inhalt von Nr. 3: Die Missionen der „Weißen Väter" in Deutsch-Ost-Afrika. — Tinos, die Perle der Cykladen. — Die Krisis im Maschonaland. — Nachrichten aus den Missionen: Asiatische Türkei (Lage in Armenien); Japan (Statistik): China (Fortschritte m der Ost-Mongolei); Philippinen (Mission auf Mindanao); Acgypten (Neue koptische Diöcese): Abessinien (DerFriede); West-Äfrika (Kamerun): Siio-Amerika (Süd-Patagonien); Oceanien (Neu-Pommern); Aus verschiedenen Missionen. — Beilage für die Jugend: Sidya, der treue Sohn. (Forts.) — Diese Nummer enthält 9 Illustrationen und eine Kartenskizze. Berichtigung. In dem Artikel „Stilla von Abenberg" ist in Beilage Nr. 12 statt „Agnes Ceslinger" zu lesen „Agnes Aislinger". Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. tti'. 15. Willige zm Dgskürger Weitung." März 1897. Zur „kMsoÄntkroxus 6i'6vtii8"-Frage. Bon Stadtkaplan Joh. Bumüller in Neuburga. D. (Schluß.) 8. Oberschenkelknochen. Die Abweichungen vom normalen Typus, welche dieser Oberschenkelknochen zeigt, sind schon in meinem anfangs erwähnten Artikel näher beschrieben worden. Wir können uns hier daher kurz fassen. Pros. Turner erklärt die Abweichungen als menschliche Abnormitäten, denen man in umfangreichen Skelcttsammlungen oft genug und leicht begegnen kann. Auch nach Manouvrier sind diese Abweichungen bei menschlichen Uanora, nachzuweisen. Martin ferner hat alle Unterschiede an dem Material der Züricher Sammlungen als beim Menschen vorhanden nachgewiesen. Nach Krause und Waldcyer ist dieses Stück gleichfalls menschlichen Ursprungs. Virchow dagegen weist auf die gestreckte Form des Diaphyse hin, wodurch er sich dem kainur des Gibbon nähere, welches er allerdings an Größe bedeutend übertreffe. Wegen dieser gestreckten Gestalt könnte es sich auch um eine riesige Gibbonart handeln. Nach Martin ist die sogenannte Torsion des Knochens d. h. der Winkel, welchen die Halsaxe mit der Drehaxe der Kondylen bildet, nach der Dnbois'schcn Abbildung der für den Europäer mittleren entsprechend. Beim H^Ioliar68 ozmäaerzstus ist ein solcher Winkel entweder gar nicht vorhanden oder wenigstens nur ganz gering. Nach Turner ist die Konvexität der poplitealen Fläche, auf die Dnbois soviel Gewicht legt, durch pathologische Knochenncnbildnngen entstanden. Nach ihm gehört der Knochen sicherlich keiner Gibbonart an. Nach Professor Thann läßt sich aus dem ganz menschlich gebildeten komnr schließen, daß der einstmalige glückliche Besitzer auf gestreckten Knieen gestanden. 6. Backenzähne. Turner bält den zuerst gefundenen Zahn für den eines großen Orang, Martin hält ihn für einen menschlichen. Nach Krause ist er ohne allen Zweifel ein Affen- baücnzahn. Virchow und Waldeyer geben vorerst kein Urtheil ab. Später hat Dnbois noch einen zweiten Backenzahn vorgelegt, der nachträglich in der Nähe des früheren gefunden wurde. Beide werden nun auf dem zoologischen Congreß zu Leyden von Virchow und andern Sachverständigen für Affenzähne gehalten. Nach I)r. Garson dagegen überschreitet die Größe des letzten Molars nicht die anderer menschlicher Molare (Australier). Nach Professor Thomson spricht nichts gegen die Möglichkeit, daß die Zähne menschlich seien. Nach Professor Thann sind die Zähne zwar sehr groß, die Wurzeln stark auseinander gespreizt, doch haben sie wesentlich den menschlichen Typus. Diese so widersprechenden, theilweise un- präcisen Urtheile zeigen, daß die anthropologische Wissenschaft in pnnccko „Vergleichende Anatomie der anthropoiden und menschlichen Zähne" noch nicht vollkommen gerüstet ist. - Die Ansichten der fachmännischen Autoritäten über den kittzsoantüropus srecwus gehen also, und zwar in direkt widersprechender Weise, auseinander. Daraus darf aber nicht geschlossen werden: ergo hat der Javaschädel beiderseitige Eigenschaften; ergo ist er eine wirkliche Uebergangsform zwischen Mensch und Affe. Eine solche Argumentation, wie sie auch von Dnbois in ähnlicher Weise verwerthet wurde, ist ein dialektisch-sophistischer Kniff. Denn die Meinungsverschiedenheiten gründen — abgesehen von dem nicht zu unterschätzenden Einfluß der grundsätzlichen Ansichten der Forscher über Entwickelung und deren Grenzen — vor allem darauf, daß unsere Erfahrung über die Abnormitäten des menschlichen Schädels und die Ursachen derselben und deren systematische Zusammenstellung und Bearbeitung noch eine lückenhafte ist, daß ferner die Neste des kitstooanistropus sehr dürftige sind; wäre der ganze Schädel vorhanden, so wäre die Frage zweifellos leicht zu lösen. Endlich darf immer wieder nicht vergessen werden, daß die Entfernung von 15 m, in welcher Schädeldach und kommr gefunden wurden, die Zusammengehörigkeit zwar nicht ausschlaggebend verneinen, aber ebensowenig beweisen, so wahrscheinlich sie auch sein mag. Auch die Zusammengehörigkeit der beiden Backenzähne unter sich und zum Schädel ist noch nicht über jeden Zweifel erhaben. Zum Schluß noch die Frage, welcher der obigen Ansichten der Vorzug zu geben ist. Stellen wir kurz die einzelnen Ergebnisse zusammen. Aus der Niedrigkeit des Schädels läßt sich weder für noch gegen die menschliche Eigenschaft des Schädels etwas Sicheres vorbringen. Die Abflachnng der Stirn und das Fehlen der Stirnhöcker erinnert sehr an einen Affenschädel, ist aber auch bei einem Mikrokephalen menschlichen Schädel nachgewiesen. Die Schädelkapazität ist eine entschieden menschliche und für einen Affen nach bisheriger Erfahrung um mindestcns 400 oom zu groß. Die Knochenkämme, welche bei einem so riesigen Affen kaum fehlen könnten, fehlen gänzlich. Die Abschnürnng des Orbitaltheilcs ist im allgemeinen äffisch, kommt aber nachgewiesener Maßen auch beim Menschen vor. Die Augenbrauenbogen sind schwächer ausgebildet als beim Schimpansen. Der Abstand der Schläfenlinie von der Pfeilnaht ist menschlich. Die oben 8ub L 4) näher bezeichnete Schläfengegend ist menschlich und nicht äffisch. In den Hauptmerkmalen, Kapazität und Knochen- kämme, ist also der Schädel entschieden menschlich, er besitzt aber auch Eigenschaften, welche an den Affenschädel erinnern und immerhin verdächtig sind. Da sich aber dieselben theils durch Mikrokephalie, theils durch eine niedriger und roher Cultnrform entsprechende Lebensweise erklären lassen, so läßt sich sagen: Der Schädel gehört höchst wahrscheinlich einem Mikrokephalen oder auf roher Culturstufe lebenden menschlichen Individuum an, ohne daß nach dem jetzigen Stand der Untersuchung die Auffassung als Gibbonschädel gänzlich außer Betracht, wenn auch außerhalb der Wahrscheinlichkeit liegt. Beim Oberschenkel gibt es noch viel weniger, wohl keinen einzigen stichhaltigen Grund, an der Zugehörigkeit zu einem menschlichen Skelett zu zweifeln (vergl. den erwähnten Artikel in der „Beilage zur Augsburger Postzeitung" 1895, 38—85). Bei den Zähnen besitzt die menschliche Zugehörigkeit gleichfalls sehr viel Wahr- scheinlicheit, obwohl gerade bei diesen bisher am wenigsten ein ausschlaggebender Beweis für oder gegen dieselbe erbracht worden ist. Daß die Anhänger des Ultradarwinismus unter diesen Umständen die Hoffnung nicht aufgeben wollen, der Uitiicwantiiropus oracwus möchte sich doch noch als wahre Uebergangsform vom Affen zum Menschen entpuppen, ist von ihrem Standpunkte aus er- 106 kkärlkch; dagegen ist ihre Behauptung, daß in demselben die ersehnte Uebergaugsform faktisch gefunden sei, als unbegründet und unwissenschaftlich zurückzuweisen, wie sich aus dem Obigen klar ergibt. Ob in der „üfttiioo rrntstroxug ersetmo"-Frage überhaupt je ein definitives Urtheil, das absolut über jeden Zweifel erhaben ist, gefällt werden kann, läßt sich mit Sicherheit nicht voraussehen. Vielleicht kommen auf Java noch mehrere zugehörige Mundstücke zu Tage. Werden die in Frage stehenden Skclettreste als menschliche aufgefaßt, so besteht allerdings die Schwierigkeit, daß wir es in diesem Falle vielleicht mit einem tertiären Menschen zu thun hätten, dessen Existenz zwar schon vielfach behauptet wurde, sich aber nie beweisen ließ. Allein erstens ist es nach Jäckel noch »verwiesen, ob der Fund dem jüngsten Tertiär oder dem ältesten Qnartär angehört. Dann steht auch die Frage noch offen, ob wohl auf Java, also circa 7—8" vorn Acgnator entfernt in maritimem Klima, die Eiszeit ganz zur gleichen. Zeit wie auf den nördlich gelegenen Continenten eingesetzt hat oder ob nicht der dortige Ausgang des Tertiär zeitlich zusammenfällt mit unserer ersten Epoche der Eiszeit resp. ob sich die tertiäre Fauna dort unter, günstigeren Bedingungen nicht länger erhalten hat. Im übrigen ist es kein Dogma, daß es einen tertiären Menschen unter allen Umständen nicht geben dürfe, wiewohl man in dieser Beziehung nach bisherigen Erfahrungen nicht vorsichtig genug sein kann. Sei dem allem, wie ihm wolle, eines rathen wir den verehrten Lesern der Pestzeitnng an. Lasse sich jeder noch zur rechten Zeit eine auf Erz eingcgrabene fachmännische und notariell beglaubigte Beurkundung darüber ausstellen, daß er wirklich und ohne Zweifel ein wirklicher und normaler Mensch ist und keine Uebergangs- form zum Geschlechte der Affen, darstellt. Lasse er sich diese Urkunde dann mit ins Grab geben, sonst könnte es ihm in einigen Jahrhunderten oder Jahrtausenden, wenn einmal ein glücklicher Forscher seine alten Knochen ans- gräbt, leicht passiren, daß er ebenso despektirlich behandelt wird, wie das „betrübte Beingcriist von schon so manchem alten Sünder" und wie neuesten? der kitstacoiikl'ri'pn« ereotiw selig — denn vor dem Fortschritte der Wissenschaft ist heutzutage nichts mehr sicher. Socialistische Theorien des Alierthnmö. (Schlich-.) tk. Platon habe, so meint Aristoteles, mit stimm Vorschlage offenbar die größtmögliche Einheit des Stau unbeabsichtigt. Wäre dieser Wunsch bcrcchr.'gt, so nw.Ve man, immer weitergeb..nd, den Staat tu eine Familie und schließlich die Familie in einen Einzelnen m r.. m: u in. Aber dann sei kein Staat mehr da. Auch sei dabei vorausgesetzt, daß alle Tbeile des Sl. ates von mein er Art seien. Alle zugleich tonnten nicht herrschen; ein abwechselndes Herrschen aber müßte nach Plmons eigenen Grundsätzen, die nicht wollten, daß Schuster und Zimmermann sich etwa gegenseitig in ihren Verrichtungen ablösten, schlechter sein, als die ständige Herrschaft eines Einzigen. Der Staat müsse gerade auf die Vielheit, auf die Menge eingerichtet sein. Platon habe als Ideal der Einbeit bezeichnet, daß alle Bürger zusammen dieselben Objekte „mein" und „nicht-mein" nennen könnten. Bei Weiber-, Kinder- und Gütergemeinschaft dürfe aber niemals ein Einzelner sagen: „Das ist mein Kind, mein Weib, mein Eigenthum," sondern nur alle vereint dürften sagen: „Das sind unsre Frauen, unsre Kinder, das ist unser Eigenthum". Sehr fein ist folgende Bemerkung des Aristoteles: Je mehr eine Sache vielen gemeinsam gehörte, desto weniger werde für dieselbe gesorgt. Jeder denke, ein anderer kümmere sich darum, gerade wie auch im Hauswesen eine zahlreiche Dienerschaft ihren Dienst oft schlechter versehe, als eine solche, die aus weniger Köpfen bestünde. Bei der Kindergemeinschaft bekomme zwar jeder Bürger an die tausend Söhne; diese gehören jedoch zu gleicher Zeit allen andern Bürgern, so daß der Einzelne bei etwa 500 Bürgern nur den öOOsten Theil des Interesses für die Kinder haben würde, welches er sonst für seine ihm allein eignenden Kinder aufwenden würde. Es sei fürwahr besser der natürliche Vetter zu jemand zu sein, als so ein Allerweltssohn. Ferner werde es trotz dem, was Platon dagegen vorschreibt, nicht zu vermeiden sein, daß manche Personen doch ihre wirklichen Brüder, Väter, Mütter und Kinder in Folge der Aehnlichkeit errathen. . Daher bestünde. — hier verwerthet Aristoteles seine Vorstudien — bei einigen Völkern Nordafrikas thatsächlich Wcibergemeinschaft, aber die Kinder würden nach der Aehnlichkeit unter die Bäte»- vertheilt. Und wenn sich Eltern und Kinder nicht erkennen, so würden Äißhandlnngcn, Todtschlag, Schimpfreden zwischen natürlichen Eltern und Kindern nicht leicht zu vermeiden sein, und dies sei unter allen Umständen verwerflicher, als wenn solches unter Leuten vorkäme, die sich ferner stünden. Die allgemeine Liebe und Zunngnng, welche durch die Kindergemeinschaft erreicht werden solle, werde nicht erzielt. Wenig Süßigkeit würde in viel Wasser gemischt werden, so daß man das Tröpfchen Liebe für alle Kinder nicht heransschmccke. Außer durch Dinge, welche man sein Eigen nenne, werde Sorgfalt und Liebe auch noch durch Dinge geweckt, auf die sich die Sehnsucht richten könne. Anf Rcichskinder ober verwende man j keine Sehnsucht. Und da das Gleiche von der Francn- t gcmeinschaft gelte, würde durch beide Einrichtungen nur ! das erreicht werden, daß die gegenseitige Liebe unter den ^ Menschen kälter werde. ! Von der Gütergemeinschaft im besondern lasse sich s stcstn: Wenn alle StaaGEmger für sich arbeiten müssen, ' w-'r-sen die Besstverhaltuisse schwierig. Denn nickn alle s g.. iest.ai, nicick alle arbeiten gleich viel; das führe zu j Uuzustieden'-eit bei denen, welche weniger genießen und i mepr arbeiten. Wieviel Unanncbmlichkeiten die Gemein- schaftlichstit im Gefolge habe, könne man bei Reisegesellschaften sehen, die sich über Kleinigkeiten und gewöhnliche Dinge am ersten in die Haare gerathen. Die Diener, welche in der Regel um uns seien, ärgerten uns mehr als andere, mit welchen wir seltener zu thun haben. Der Genuß einer Sache werde durch den Eigen- bcsitz derselben erhöht. Denn die Selbstliebe sei natürlich, unnatürlich nur die Selbstsucht, die sich selbst über Gebühr liebe. Ein hoher Reiz liege auch darin, mit seinem Eigenthnme den Verwandten» Freunden und Bekannten sich gefällig erweisen zu können; das falle beim Com- munismus weg. Ebenso seien zwei Tugenden bei Frauen- und Gütergemeinschaft nicht weiter möglich, die Enthaltsamkeit und 107 die Freigebigkeit, und die Tugend sei doch das Ziel des platonischen Staates. Wenn man sage, an den vielen Prozessen, an den Meineidsnntcrsnchungen, an den Kriechereien gegenüber den Reichen sei nur der Mangel der Vermögensgemein- schaft schuld, so sei das unrichtig. Die sittliche Verdorbenheit sei vielmehr die Ursache. Gerade Leute, welche ein Objekt gemeinsam besitzen und benutzen, kämen darüber leichter mit einander in Streit, als andre wegen ihres Privatcigenthums; wäre die Gütergemeinschaft nicht noch so selten, so würde sich das mit den Händen greifen lassen. Endlich sei es ungerecht, die Uebel aufzuzählen, von denen uns die Gütergemeinschaft befreien würde, von dem Schönen aber zu schweigen» dessen sie uns berauben würde. Denn der Mangel dieser Schönheit würde das Leben geradezu unerträglich machen. Einen Staat in einen förmlichen Einheitsstaat verwandeln, hieße ein schönes Mnsiksrück in ein monotones Ticktack umsetzen. Zum Schluß gibt Aristoteles noch seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß die versuchsweise praktische Einführung eines platonischen Mnsterstaates nur wieder Ein- tbeilungen und Absonderungen verschiedener Thätigkeitszweige zeitigen könne. Mit dieser Wiedergabe der aristotelischen Gründe gegen die größte socialistische Theorie des Alterthums möge unser Ueberblick abschließen! Der Vergleich mit den modernen socialistischen und anarchistischen Schriftstellern drängt sich mehr als einmal auf. Doch wir geben Kautsky darin Recht, daß die Geschichtschreibung fast eher die Pflicht hat, auf die bedeutenden Verschiedenheiten hinzuweisen, die zwischen antikem und modernem Socialismus bestehen. Zunächst ist der philosophische Standpunkt durchaus entgegengesetzt. Nicht von der Entwicklungstheorie gehen Ptaton und Zenon aus, sond rn von einer sehr idealen Vorstelln-g über die persönliche Würde des Menschen. In der Tugend wird das höchste Ziel und die erste Norm des staatl-ch.-n und gesellschaftlichen Lebens, in der sre.gcwolsten B .Nötigung derselben der Vorzug des ver- nnnstbcgab en Menscpen vor dem vernnnftlosen Thiere «rblic t. Ebu so d icken die alten Socialisten ganz anders als die lernen über. den Werth der Religion. Jenen iic Re igion nicht Privat-, sondern heilige Herzenssache für alle. Gotteslästerung belegt Platon mit schwerer Strafe und möchte am liebsten alle Dichter aus seinem Zuknn'"tsstnate verbannen, da diese falsche und niedrige Vorstelln: gen über die Götter zu verbreiten geeignet waren. Wenn Zenon aber keine Teinpck wollte, so fügte er als Panrheist bei, die Hand eines schlichten Handwerkers sei nicht im Stande, dem höchsten Wesen ein würdiges Heim zu bauen, das Kämmerlein des Herzens sei der geeignetere Ort zur Verehrung; und Gottes Gebot solle der Einzelne immer und allezeit befolgen. Die Erziehung hat nach beiden als erste Aufgabe die Heranbildung der Kinder zur Tugend und Gottesfurcht. Endlich sind auch die geschichtlichen Vorbedingungen wesentlich andere. Der moderne Socialismus knüpft au den alten an. Er ist kein natürliches, selbstgewordenes Produkt der mitwirkenden Faktoren; er hat etwas Künstliches in seiner Entstehung. Der antike geht, wie wir sahen, in seiner Entwicklung stnfenmäßig vorwärts. Die Thatsache des Christenthums hat eine vollkommen veränderte Lage auf allen Gebieten geschaffen und beherrscht selbst diejenigen, welche sich von ihm abwenden. Und die Erfahrung der Menschheit wie der Wissenschaft ist im Laufe der Zeit eine unendlich größere und tiefere geworden. Vergegenwärtigt man sich diese drei Punkte bei der Verglcichnng, so werden einerseits die Vorzüge des modernen Socialismus begreiflich und andererseits gewisse Eigenschaften desselben nicht eben im günstigsten Lichte erscheinen. So sind die heutigen Socialisten für die Lage d^ unteren Stände viel feinfühliger als Platon, der seinen Nährstand als Aristokrat ziemlich von oben herab anschaut und die Armen geringschätzig behandelt. Aber Platon hatte, wie Kautsky (S. 8) gut bemerkt, eben ein anderes Proletariat vor sich, als wir. Das alte Proletariat d. h. die besitzlosen Freien „lebten von der Gesellschaft, während der moderne Proletarier" doch auch „für die Gesellschaft lebt und arbeitet", und das Christenthum hat unsre Nerven für die Leiden der Nächsten sensibler gemacht. Sklaven im antiken Sinne, welche rechtlich nicht als Menschen betrachtet werden, sondern mit Leib und Leben als Waare der Willkür - des Herrn überantwortet sind, haben wir nicht mehr. Es wird nicht unrichtig sein, zu behaupten, daß dieser Umschwung dem Christenthum zu verdanken ist und daß das Christenthum fortwährend an der Beseitigung derartiger Zustände arbeitet. Aber man wird auch bezweifeln müssen, ob Platon, wenn er auf die große Masse der Sklaven, welche damals etwa drei- oder viermal so groß war als die übrige Bevölkerung, hätte Nist.ficht nehmen müssen, seine Znkunftspläne wirklich in dem Maße socialistisch gestaltet hätte, wie er es getban hat; denn er ist ja, wie gezeigt, kein vollkommener Socialist und will keine Verm iignng der Arbeitsgebiete. Eine weitere Schwierigkeit, durch welche wohl der heutige, nicht aber der platonische Socialstaat gefährdet wird, ist der große Umfang der jetzigen Staaten. Platon hatte es mit kleineren Städten zu thun, die ohnehin seit Alters sich an rapide Verfassungsänderungen gewöhnt haben konnten und zum Theile demokratisch oder zeitweise gar ochlokratisch regiert wurden. Jedenfalls wird sich bei solcher Verschiedenheit der zn Grunde liegenden Verhältnisse die"Autorität und das Vorbild Platons nicht zu Gunsten des socialistischen Gedankens verwerthen lassen. Mit Zenon verglichen, denkt der moderne Socialist gewiß viel praktischer; er hat aus Geschichte und Wissenschaft etwas gelernt. Aber Zenon geht doch nicht so weit, daß er Freiheit und Gleichheit aller Menschen mit dem Gedanken eines Staatszwangs für vereinbar hält; er läßt, um die Sklaven zu befreien, nm den Kosmopolitismus durchzuführen, um die Frau dem Manne gleichberechtigt zn machen» lieber jedes Staatsband fallen und setzt Religion und allgemeine Sittlichkeit und Tugend- liebe an die Stelle. Angesichts derartiger Unterschiede und angesichts der Thatsache, daß das Alterthum bei vielfach günstigeren Verhältnissen die socialistischen Ideen nicht verwirklichte, daß trotz dem Fortbestehen dieser Ideen die Jahrtausende denselben nicht zn einigermaßen dauerndem Leben verhalten, kann eine Beschäftigung mit den socialen Theorien des Alterthums nicht angethan sein, uns für die der Neuzeit zu erwärmen. Möge es dem Christenthum gelingen, dem, was gut und brauchbar ist am socialen SiamSgedmckeu, immer weitere Einführung in das öffentliche Leben zn verschaffen! Necensivueri lind Notizen. Moraltheologie. Von Dr. Fr. A. Göpfert, Professor au der Universität Würzburg. 1. Bö. Gr.8". S.XII, 512. Paderborn 1807, Schöningh. Preis: gebt». 5 M. 20 Pf., ungebd. 4 M. chj: Von den theologischen Lehr- und Handbüchern der „Wissenschaftlichen Handbibliothek" des rührigen Sch''mi»gb'sci>en Verlages in Paderborn, Westfalen, liegt je ich auch die „Moraltheologie" im ersten Bande vor. Sie stellt sny den bereits vorhandenen trefflichen Moralmerken würdig zur Seite. Des fleißigen Verfassers Bestreben ist es, neben theoretischer Bestimmtheit und Klarheit der Begriffe und Sähe auch deren praktische Anwendung auf die verschiedensten Verhältnisse möglichst eingehend zu zeigen. Der I. allgemeine Theil behandelt die allgemeinen Principien des sittlichen Handelns: und zwar: I. Buch: die von Gott gesetzten Bedingungen des sittlichen Handelns (Gesetz, Willensfreiheit, Gewissen); I. Buch: die freie Selbstbelhätigung des Menschen in ihren allgemeinen Beziehungen znr sittlichen Ordnung (sittlicher Charakter der Handlungen, Sünden und Tugenden im Allgemeinen). Der II. besondere Theil bringt die Verwirklichung des christlich-sittlichen Lebens. Das I. Buch bespricht die Tugenden und Pflichten des sittlichen Lebens zunächst in ihrer Richtung aus Gott (theologische Tugenden und Tugend der Religion nebst ihren Gegensätzen). Mit diesem I. Abschnitt schließt der vorliegende erste Band. Der Verfasser glaubt, der allgemeinen Moral eine größere Aufmerksamkeit zugewendet zu haben, als dies sonst zu geschehen pflegt, einmal, weil von einem richtigen Verständniß«: der allgemeinen Begriffe und Gesetze das Verständniß der besonderen Moral bedingt ist, und dann auch, weil erfahrungsgemäß das Studium der Ethik an den Universitäten stark vernachlässigt wird. Unseres Trachtens wäre dies durchaus gründlicher und zugleich wissenschaftlicher geschehen durch engen Anschluß an die IL IlLL der Sunnua Ibsol. des hl. Thomas von Aquin. Vor dessen System treten, wie Pruuer (Moraltheol. 2. Aufl. Eml. S. 12) treffend sagt, alle ihm vorhergehenden und nachfolgenden Bearbeitungen der Moral zurück, gleichwie der Glanz der Sterne erbleicht vor der alles überstrahlenden Sonne. Aus diesen engen Anschluß an St. Thomas auch in der Moral wiesen wiederholt nicht etwa blos die sogenannten Thomistcn hin, sondern mich Männer wie Scherben, Kleutgeu, die Herausgeber der „Civilta cattolica" zu ^lorenz. Dieser Anschluß entspricht auch durchaus dem Lunich und Willen der Päpste. Alexander VII. befahl eni Generalcapitel des Dominikanerordens im Jahre 1655, s solle allen Theologen des Ordens vorschreiben: ut uimis animnsa sxtrinssearmn probabililatuin suüraZsta vvitont otsanas^cnKolioiUraoooptorisäovtrinao in oinuibus, praosortiin in moralibus, nbi pros- sins llo salnts ot inllsinnitato anirnaruin »Altar, allbaorsro sataZant. Der hl. Alphons von Liguori selber rühmt sich in seinen Schriften öfter, der Leyre des Engels der Schule gefolgt zu sein St. Thomas bietet daher den sichern Schlüssel zum vollen Verständnisse der Lehre des hl. Alphons, freilich nicht mit abgerissenen Stellen, sondern mit seiner ganzen, zusammenhängenden und streng systematischen Lehre. Mit dieser w..,üen auch am schnellsten die Streitigkeiten über Pro- babilismus und Aegniprobabilismus beendet werden. Zu dem Eirde verweisen wir auf den Artikel: „Die Principien der Moraltheotogie nach St. Thomas von Aquin" in Commer's „Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie" (Paderborn, Schöningh) 4. und 5. Band; Schneider, Wissen Gottes (Regensburg, Manz) 4. Band S. 449 sf. 16. Cap.: Uebersetzung der Summa, 5. Band S. 280 ff. Der hl. Alphons von Liguori und die Moral- principien des hl. Thomas": 6. Bd. S. 554 ff. (Schluß): „Divus Iboinas", Vol. VI, 4ni. XVII, paA. 60 sqq., 129 sgg-i „Oö Oonaino 8z-stoinats 8t. Xlpbonsi Doolosiao vootoris". Schwerlich dürfte wohl die probabilistische Auffassung der Beziehung des Gesetzes zur Freiheit der Lehre des hl. Thomas, sowie der Anschauung des Heiligen Vaters Papst Leo's XIII., ausgedrückt in seinem Rundschreiben „Illbortas" vom 20. Juni 1838, entsprechen. Sie entspricht vielmehr in der Dogmatik der molinistischen Ansicht vom Verhältnisse der Gnade zur Freiheit. „I-onAoost a vvritato alionum", sagtPapstLeoXlll. a. O., „intorvonionts Doo minus esso liboros motus volnntarios: nain intim a in bvmino ot oum naturali xro- psnsiono oouArusns ost llivinas vis Aratiao, guia ab ipso ot aniini ot volnntatis nostras auotoro mannt, a guo ros omnos oonvoniontor naturao snao moventur. Immo Aratia llivina, nt monot iVnKslieus Ooetor, ob bano oausam quoll a naturao opiüos proüoisoitur, mirs nata atqus apta ost all tuenäas qaasquo naturas, oonsor- vanäosguo moros, vim, süleiontiain sinZularum." St. Thomas drückt seine diesbezügliche Lehre kurz und bündig und unwiderlcglich aus im 113. Kapitel des 3. Buches seiner Summa contra Oontilos (vgl. auch die folgenden Kapitel über das Gesetz). Siehe dazu Commer's Jahrbuch. X. Bd. S. 217 ff. VI. „Die Gnade im Allgemeinen : S. 337 ff. VII. „Die Gnade und die Freiheit". Zu bedauern ist die gar kurze Behandlung der Leidenschaften. St. Thomas bespricht dieselben eingehend Und wohl mir Recht; denn um die Leitung dieses sinnlichen Theiles dreht sich die ganze Moral. Kirchliches Ansehen genießen die hh. Väter und Kirchenlehrer und dürfte bei den neueren Autoren (siehe Einl. S. 5 ff.) wohl stark zu beanstanden sein; bei ihnen gilt nur wissenschaftliches Ansehen. Zu S. 48. 2. 4 ist zu bemerken, daß St. Thomas unter ,,1sx Humana« nicht die kirchlichen Gesetze begreift. Vom Kirchengesetz handelt er unter »lox Nova" I, II q. 106 sgo.; vgl. genanntes Jahrbuch, XI. Bd. S. 197 ff. VIII. „Die Kirche und die Freiheit" insbesondere S. 209 ff. 2. „Die Kirche und der freie Wille." Die gemachten Bemerkungen sollen nicht den Werth des Buches herabmindern, vielmehr zur Vervollkommnung desselben bei baldiger Neuauflage beitragen. Die angeführte Literatur vermag dies noch besser. Dem eifrigen Verfasser ist sicherlich mit rein sachlichen Bemerkungen mehr gedient als mit Lobeserhebungen u. dgl. Der soliden Verlagshandlung macht auch der vorliegende, stattliche Band alle Ehre. Theologisch-praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. oder 80 S. gr. 8°. Preis ganzjährig 5 Mk. In Commission der Buchhandlung Gg. Kleiter in Passau. Inhalt des 3. Heftes 1897: Bibel und Wissenschaft. — Leichenbeerdigung oder Leichenverbrennung? — Der letzte Babenberger und die Kirche von Passau. — Die Predigten der Charwoche. — Testament eines erfahrenen Seelsorgers. — Zeitgemäße Ausführungen zum Rundschreiben der 8. 0. Lpp. ot UsA. über die moderne Predigtweise. — Studentenseelsorge besonders während der Ferien. — Der Blumenschmuck des Friedhofes. — Aussegnung der unehelichen Kinder vom Haiy e aus. — Eine kleine Plauderei über pädagogische Conferenzen. — Zeitgemäße Leitung des Fainilienvereins. — Nutzungsrecht der Bäume des Schul- hausgartens. — Gemeindeumlagenpflicht der Geistlichen. U. s. w. Repertorium der Pädagogik. Organ für Erziehung, Unterricht und pädagogische Literatur. Herausgeg. und geleitet von Joh. Bapt. Schubert, Oberlehrer in Augsburg. Ulm, 1897. Druck und Verlag der I. Ebner'schcn Buchhandlung. Das 5. Heft des Jahrgangs 1897 enthält u. And.: Franz Schubert. Zum 100jährigen Geburtstage. Mit Bild- niß. Von Gg. Frd. Troppmann, Lehrer in Tirschenreuth (Oberpf.). — Pädagogische Rundreisen. Von F. Eumenes, phil. Privatlehrer in Berlin. — Wie läßt sich die Erziehung der weiblichen Jugend in den höheren Berufsklassen vom 15. bis zum 20. Lebensjahre am zweckmäßigsten gestalten ? Von Jos. Nißl, Lehrer in Klemberghofen (Oberbayern). — Die kindliche Phantasie und das Spiel. Von Pros. Dr. Sully; aus dem Englischen übertragen von Dr. I. Stimpfl, Lehrer am k. Schullehrerseminar in Bamberg. — Ueber das Verbot. Von vr. Frdr. Horn, Gymn.-Ober- I lehrer a. D. in Altona. U. s. w. Aerantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 16 ÜMK. lb Märr 1897. Beyschlag über Melanchthon. 8. Der 16. Februar 1897 hat eine ganze Fluth von Schriften über Philipp Melanchthon gebracht, die meistentheils jedoch sehr oberflächlich gehalten sind und über die Widersprüche in den symbolischen Büchern, sowie sie durch Melanchthon in dieselben hineingetragen worden sind, stillschweigend hinweggehen. Man lobt die Augustana von 1530, vergißt jedoch die Variata von 1540, und übersieht die „Wiederholung der Augsburger Konfession" von 1551, welche in fast allen wesentlichen Punkten im geraden Gegensatze zu dem ersten officiellen Glaubensbekenntnisse steht. Das protestantische Volk soll eben in fortwährender Täuschung über den wirklichen Gang der Glaubcnsspaltung gehalten werden. Zu den relativ besten Jubiläumsschriften gehört unstreitig die Arbeit des bekannten protestantischen Theologen Willibald Beyschlag von Halle, welcher mit den Altkatholiken so gerne sympathisirt, um gegen den Papst um so härter und bitterer loszufahren. Diesen Standpunkt verleugnet derselbe auch in seiner Festschrift: „Philipp Melanchthon und sein Antheil an der deutschen Reformation" (82 S.) nicht. Was wollte Melanchthon auf kirchlichem Gebiet^ erreichen? Beyschlag entwickelt Seite 46 diese Frage: „Als Gelehrter überhaupt dem Alterthum zugewandt, von allen Reformatoren am meisten in der Kirchengeschichte, in den Kirchenvatern zu Hause, flüchtete Melanchthon je länger je mehr hieher um guten Rath in den ungeheuren Fragen der Gegenwart. Der Rath, den er hier empfing, konnte nur ein der alten Kirche annähernder, versöhnlicher sein. War es doch kein Zweifel, daß die Ordnungen der katholischen Kirche, wenn auch in gröblicher Entstellung und hundertfältigem Mißbrauch, auf den Schöpfungen des christlichen Alterthums ruhten, und daß demnach, wie Luther es auch hinsichtlich des Gottesdienstes gehalten hatte, in der Kirchenordnnng nicht ein völlig Neues zu schaffen, vielmehr das Alte evangelisch zu reinigen und zu erneuern war. So entstand im Geiste Melanchthon's unter den Kampfesnöthen und Friedensversuchen der Zeit das Gedankenbild einer evangelisch-katholischen Kirche: auch seiner Augsburger Konfession*) mit ihrem möglichst schonenden und erhaltsamcn Charakter liegt es zu Grunde: und noch deutlicher hat er es gezeichnet in der „Wittenberger Reformation" von 1542, einer für den Reichstag bestimmten und von Luther nicht beanstandeten Denkschrift welche sich neben den Lehrfragen auch auf Gottesdienst und Kirchenordnung einläßt, unter anderem sich auch für die Firmelung oder Konfirmation als Anschluß des kirchlichen Jngendunterrichtes aüsspricht und die Erhaltung der bischöflichen Verfassung wenn die Bischöfe „evangelisch handeln wollten", in Aussicht nimmt. Der nachfolgende Geschichtsverlauf hat diese schonende, an den heutigen Altkatbolicismus gemahnende Reform als unausführbar erwiesen; die Selbstsucht des Papstthums (!) und der Rückhalt, den dasselbe in den romanischen Völkern besaß, waren zu groß." Ja Melanchthon wollte sogar laut Unterschrift der papstfeindlichen schmalkaldischen Artikel das Papstthum als menschliche Einrichtung zur Beaufsichtigung der Bischöfe bestehen lassen, wenn dasselbe in der abendländischen Christenheit das „Evangelium" (nach Luther's Auslegung) freigebe. Dazu bemerkt Beyschlag (S. 48): „Das war jedenfalls, wenn wir auch heute über das *) Wenn Beyschlag S. 40 die Augsburger Confession „das große Pamer der deutsch-evangelischen Kirche" nennt, „für dasFanderthalb Jahrhunderte hindurch Tausende Haus und Habe, ja Leib und Leben gelassen haben", so beweist er mit dieser Phrase nur, daß er kein Historiker von Fach sei, wie er selbst gesteht. unpraktische Phantasiebild eines evangelischen Papstthums lächeln mögen, ein in aller Weise hochherziger Gedanke." Melanchthon suchte auch die bischöfliche Gewalt selbst- ständig gegenüber den neugläubigen Landesherren zu erhalten. „In der That", sagt Beyschlag weiterhin, „evangelische Bischöfe konnte es geben auch ohne einen evangelischen Papst, wie das Beispiel Englands, Schwedens, anfangs auch Ostpreußens beweist, und die Erhaltung der bischöflichen Kirchengewalt innerhalb der deutschen Reformation hätte nicht nur den Sieg der letzteren in ganz Deutschland retten können, der hernach zu allermeist an den geistlichen Reichsständen scheiterte; sie hätte vielleicht auch die neue Kirche vor jener Beraubung und völligen Knechtung durch den Staat zu bewahren vermocht, welche unsere evangelisch-kirchliche Weiterentwicklung so sehr verkümmert hat. Was hat die anglikanische durch das Gesetz etablirte Kirche eines Heinrich VIII.> einer „jungfräulichen" (!?) Elisabeth durch Beibehaltung von Bischöfen gewonnen? Ist vielleicht die Hochkirche, weniger Staatsmaschine als die einzelnen lutherischen Landeskirchen Deutschlands? Ohne Papstthum ist eben die wahre von Christus gestiftete Kirche ein Unding, wie ein lebendiger, gesunder, menschlicher Organismus ohne Haupt nicht gedacht werden kann. Jedes lebendige .Ganze, sagt Döllinger (Kirche und Kirchen S. 25), fordert einen Mittel- und Einigungspunkt, ein Oberhaupt, welches die Theile zusammenhält: In der Natur und Architektonik der Kirche ist es begründet, daß dieser Mittelpunkt eine bestimmte Persönlichkeit, der gewählte Träger eines der Sache oder dem Bedürfnisse der Kirche entsprechenden Amtes sein muß. Die Geschichte aller von Rom getrennten Kirchen hat denn auch klar und offenkundig bewiesen, daß National- kirchen mit einem Patriarchen oder Primas an der Spitze von Bischöfen über kurz oder lang eine Bente der Staatsgewalt werden, daß der unheilvollste Byzantinismus die natürliche Folge der Verwerfung des päpstlichen Primates ist. Eine, alle Völker umspannende, im Dogma sich nicht widersprechende Kirche kann es ohne den Papst nicht geben. Beyschlag gesteht ja selbst zu, daß Luther's Tod die Reformation ihres Führers beraubte, daß Melanchthon „nach seiner ganzen Eigenart dieser Führerrolle" nicht genügen konnte, daß er vielmehr der „Märtyrer der Reformation" geworden sei. . „ „Und nicht nur, daß der lange zurückgehaltene Strom äußerer, politischer Heimsuchung sich über ihn (Melanchthon) ergießt — schlimmer ist, daß der innere Verfall der evangelischen Bewegung, ihre Entartung in Engherzigkeit und Derketzerungssucht an ihm in einem Maße von Undank offenbar wird. das auch nur betrachtend zu ermessen, allzu peinlich wäre, wenn nicht die Leidensgröße des Mannes, der bis aus Ende sich selbst getreu bleibt (?), uns ein Gegengewicht böte" (S. 59). ! In Augsburg hatte Melanchthon an ein freies, christliches Concil ohne Vorbehalt appellirt, noch auf dem Schmalkaldener Bundestage hatte er dessen Beschickung befürwortet, aber als zuTrient wirklich 1545 die Kirchen- versammlung eröffnet werden konnte, da erklärte derselbe Mann, daß die dort versammelten Väter „sich um die Kirche Christi nicht mehr bekümmerten als Homer's Cyklopen" (!) (S. 61). Ja in jener Schrift, welche auf kurfürstlich sächsischen Befehl abgefaßt wurde, um als Einignngsformel in Trient vorgelegt zu werden, in der sogen. Wiederholung der Augsburger Confession, stellte Melanchthon die Päpste auf gleiche Stufe mit den Sad- dncäern und Pharisäern, schob das Märschen aols. (allein) 110 in die Ncchtfcrtignngslehre ein: „Wir werden gerecht durch den Glauben allein", obwohl in der Augnstana von 1530 dieser Zusatz fehlte. Wie Beyschlag (S. 65) die sogen. Wiederholung „eine erneute Darlegung des evangelischen Bekenntnisses" zu nennen vermag, „die mit vorzüglicher Klarheit alles um die beiden Gesichtspunkte des Ncchtferti'gungsgcdankens und des Kirchcnbegriffes grnppirte, in welcher von Jnterims-Zu- geständnissen nichts zu spüren" war, ist uns unerfindlich. Denn die „Wiederholung der Augsburger Confession" steht ja in den wesentlichsten Punkten im geraden Gegensatze zur Bekenntnißschrift, welche 1530 dem Kaiser Karl V. war übergeben worden. Selten, sagt Pastor (Die kirchlichen Nennionsbestrebungen während der Regierung Karl V., S. 433), ist wohl in einem officiellen Glaubensbekenntniß eine Uutvahrheit mit frecherer Stirn behauptet worden, als in dieser sogen. „Wiederholung der Augsburger Confession". Das Verhalten Melan- chthons ist völlig unentschuldbar. Die „Falschheit" bei allen Ausgleichsverhandluugen auf religiösem Gebiete, sei es auf Neligionsgesprächen, sei es auf dem Concil zu Trient, lag nicht auf „papisttscher Seite", wie Beyschlag S. 45 behauptet, sondern gerade bei Melanchthon, der schon 1530 sehr unehrlich vorging, als er im Artikel XX der Augnstana sich auf den hl. Angustin berief, obwohl er sich der gegentheiligen Lehre des großen Bischofes von Hippo wohl bewußt war. wie er in einem Briefe an Johannes Brenz selber gestand. (DLllinger, Die Reformation I, 358; Janssen, Geschichte des deutschen Volkes, 12. Aufl. III, 171.) Darüber schweigt natürlich Beyschlag, betitelt dafür den schlagfertigen Disputator Eck aus Jngolstadt als „alten Klopffechter" (S. 45) und feiert die „Gewissensfreiheit", für welche in der alten Reichsverfassung kein Platz sich gefunden habe. Ja er sieht sogar in dem Speyerer Proteste „einen Minderheitsprotest für Gewissensfreiheit" (S. 31), obwohl gerade die der alten Kirche anhängende Mehrheit der Rcichsstände gefordert hatte, daß in den Territorien der neugläubigen Fürsten neben dem Fortbestehen des Geänderten die alte Religionsübung der Katholiken bis zur Entscheidung eines allgemeinen Concils wenigstens noch geduldet werden sollte. Gegen diese Duldung protestirte am 25. April 1529 die neugläubigc Mindcrbeit der Fürsten und Reichsstädte. In der Speyerer Protestation von 1519, sagt mit Recht Pastor (I. o. pug. 15), ward zum erstenmale das Princip: „Wessen das Land, dessen auch die Religion", das Princip der Unduldsamkeit, in officieller Form verkündet. Melanchthon, der selbst im Laufe der Jahre seine Anschauungen vielfach änderte, vorzüglich in der Lehre von der Freiheit des menschlichen Willens und hinsichtlich der wirklichen Gegenwart Jesu Christi im allerheiligsten Altarssakramente, war gegen abweichende Meinungen sehr unduldsam, am wenigsten konnte er die Katholiken ertragen. Wofür haben denn Fürsten und Städte, äußerteer, unsere wahre Lehre in Schutz genommen, wenn sie nicht in ihren Gebieten den falschen Gottesdienst abschaffen und nach Luther's Auslegung des 82. Psalmes gegen Ketzereien vorgehen wollen? (Paulus, Die Straßburger Reformatoren, Seite 5.) Schon in der Apologie der Augustana hatte Melanchthon den Heiligeudienst der Katholiken als „eine öffentliche heidnische Abgötterei" erklärt (Müller, Die symbolischen Bücher, S. 291). In einem Briefe an Schwenkfeld vom 16. Februar 1542 bemerkt er abermals: „Ich habe mit den groben iMs.tris, ^ den Papisten zu streiten genug" (Forschungen zur deutschen Geschichte XVI, 14). Ein besonderer Greuel war ihm die „Brodanbetung", d. h. der Glaube an das große Geheimniß der wirklichen Gegenwart Jesu Christi im allerheiligsten Altarssakramente. Der empfindlichste Punkt, an dem sich eine theologische Differenz zwischen Luther und Melanchthon herausbildete, sagt Beyschlag S. 51, war, der wundeste Lehr- punkt der Reformation überhaupt, die Abendmahlsfrage. Mährend Melanchthon im Anschlüsse an Luther 1530 in der Augustana die wirkliche Gegenwart des Leibes und Blutes des Herrn im Abendmahle lehrte und die rationalistische Auffassung Zwingli's verwarf (Art. X), huldigte er nach dem Marburger Gespräche der Lehre Calvin's, indem er „Leib und Blut" offenbar in keinem materiellen, sondern in einem geistigen Sinne nahm und demgemäß auch den Artikel X in der neu durchgesehenen und verbesserten Ausgabe des Augsburger Bekenntnisses von 1640 umgestaltete. Beyschlag bemerkt: Melanchthon sei durch diese Schriftauslegung „von allen Reformatoren dem biblischen Abendmahlsgedanken am nächsten" gekommen (S. 53). An einer anderen Stelle (S. 40) hat Beyschlag die Augustana von 1530 als das „classische Hauptsymbol unserer Kirche" gefeiert, in dessen „Fcsthnltung wir den Glauben unserer Väter noch heute als den unsern bekennen." sNun ist aber zwischen Artikel X der Bekenntniß- schrift von 1530 und jenem von 1540 fast ganz dasselbe Verhältniß wie zwischen katholischem Dogma und calviuischem Nationalismus; aber gleichwohl findet Beyschlag, der offenbar den Standpunkt Calvins theilt, in der Augustana von 1530 seinen Glauben identisch mit dem Glauben der Väter! Das ist doch die reinste Sophistin Zudem wurde die Schrifterkläruug Melan» chthon's, wenn auch ohne Nennung des Namens, in der Concordicnformel von Bergen (Art. VII, Müller, Seite 538—639) ausdrücklich verworfen, und diese Formel gehört auch zu den symbolischen Büchern der deutschen Lutheraner, wie Beyschlag S. 80 selbst gesteht: „Damit war", so fährt Beyschlag in seiner Betrachtung über die Concordienformel fort, „die deutsche Reformation endgiltig in zwei Parteikirchen zerrissen, die einander bald grimmiger haßten und befehdeten als den gemeinsamen Erbfeind und demselben dadurch zur Wieder- eroberung des verlorenen Gebietes die Thore öffneten. Getragen von habsburgischer Macht und jesuitischer List überzog die furchtbare Gegenreformation das evangelische Deutschland, indem Lutheraner und Reformirte einander im Stiche ließen, und wenn es auch nicht gelang, die Reformation ganz auszutilgen, so gelang es doch, ihr das halbe Deutschland zu entreißen und das ganze in einen Trümmerhaufen zu verwandeln." Demnach wäre der Widerstand gegen Gewalt uird Bedrückung eine Ungerechtigkeit, wäre die sittliche Erneuerung katholischer Länder durch die verschiedenen Ordensgenossenschaften der Anlaß zur Verwüstung Deutschlands geworden. Haben nicht lutherische und reformirte Fürsten in schamlosester Weise mit dem französischen Erbfeind sich verbunden, und Kaiser und Reich um Judaslöhne verrathen? Doch hören wir Beyschlag's Schlußwort: „Wenn heilte Melanchthon's verklärter Geist her- niederstiege und die geistigen Lager in seinem geuebten Deutschland durchwanderte, würde er weniger Ursache haben, sich um dasselbe abzusorgen als damals? Er fände auf der einen Seite einen Zeitgeist, der mit allem gebrochen, was ihm, dem durchgebitdetsten Denker des 16. Jahrhunderts, heilige und heilsame Wahrheit gewesen, nicht blos mit dem evangelischen Bekenntniß, sondern nnt 111 jedem Gottesglaubcn, eine nenheidnische Wissenschaft und Cultur, die von den Höhen der Gelehrsamkeit bis in die Arbeiterkreise hinabreichend selbst das letzte Gewisse, was es für den edleren Menschen gibt, die Unbcdingtheit des Sittengesetzes, naturalistisch zu zersetzen geschäftig ist. Und er fände auf der anderen Seite eine neue. furchtbare Machterhebung des Papstthums, das inzwischen den Gipfel der Selbstvergötterung und absoluten Gewissensbeherrschung erklommen, das unser Vaterland mit einem tödtlichen Netz von Aberglauben und Fanatisirung bereits halb umgarnt hat und alle Geistesfrüchte unserer Reformation auszurotten bemüht ist, während an den Orten, wo man sich einst im 16. Jahrhundert tapfer dafür einsetzte, unserem Volke das reine Evangelium zu bewahren (?). heute zumeist nur muthlose Beugung unter Nom zu gewahren ist." (S. 81.) Luther und Melauchthon unternahmen einen kühnen Sturmlanf gegen das Papstthum, das sie vom Teufel gestiftet wähnten, das sie für den leibhaftigen Antichrist in den schmalkaldischen Artikeln erklärten — aber was geschah? „Eine neue humanistische Bildung hat die alte Orthodoxie überflügelt, hat sich in ihrem Hauptstrom von Luther uud Melauchthon, oder wenigstens vom Besten, was sie vertreten haben, gleichmäßig abgewendet", gesteht Beyschlag selbst (S. 81). Wo sind demnach die Geistesfrüchte der Reformation? Eine neuheidnische Wissenschaft hat Platz gegriffen, aber das Papstthum ist nicht untergegangen, es lebt noch, ja es ist vielleicht geistig kräftiger und stärker denn je. Sollten denkende Menschen nicht daraus den Schluß ableiten: das Papstthum müsse Gottes Werk sein, da es bisher alle Stürme der Jahrhunderte glücilich überdauert hat? Als Melauchthon auf seinem Sterbebette lag, da wiederholte er oft die Worte des hohenpriesterlichen Gebetes: „Auf daß sie eins seien wie wir" (S. 80). In diesem Sinne, nach Wiedergewinnung kirchlicher Einheit unter der Führung Roms, theilen auch wir den Wunsch des Theologen von Halle: „Ach ja, es thäte noth, daß endlich wieder ein Strom melanchthonischen Geistes sich in die deutsch-evangelische Christenheit ergösse, der Glaube und Bildung, Wissenschaft und Frömmigkeit als die unzertrennlichen Schutzengel des deutschen Volksgeistes erkennte" (S. 82), damit endlich einmal aller Hader und alle Gehässigkeit unter Stammesbrudern aufhöre und das Echtheit des christlichen Glaubens gegen die Macht und List des Unglaubens gewahrt bleibe. Möchte Gott Gnade geben, daß diese Grundzüge melanchthonischen Geistes unter uns Heller aufleuchten l Znr Geschichte des Kreuzweges. ll. ?. 8. Kein Pilger in Jerusalem versäumt es, den Weg zu besuchen, den der Herr mit dem Kreuze beladen für unser Aller Heil gegangen ist. Dabei steht er ohne Zweifel mehr auf Liebe und Andacht, als auf genaue Kenntniß. Dennoch wird der Besucher sich auch zu jener um so mehr angeregt fühlen, wenn er überzeugt ist, daß er gerade da steht und wandelt, wo der .Herr gestanden ist und gewandelt hat. Wo aber war dieses? Schon der Jesuit Villalpaudi vor 300 Jahren (1596 — 1605) äußerte Zweifel an der Richtigkeit der Stellen, die man gewöhnlich als Stationen des Kreuzweges bezeichnet, und in neuerer Zeit sind der Zweifel immer mehr geworden sowohl bei Katholiken als Protestanten. Es ist daher der Mühe werth, der Sache auf den Grund zu sehen. Der Ausgangspunkt ist naturgemäß das Haus des PilatuS, in welchem Christus endgiltig gerichtet und vcr- urtheilt worden ist. Allein gerade dieses ist viel umstritten. Die hl. Schrift sagt es eben nicht, wo es gestanden. Indessen bietet sie im Zusammenhalt mit der Geschichte doch feste Anhaltspunkte. Die römischen Statthalter, wie Pilatus einer war, residirten durchgängig in den Palästen der vorausgehenden Herrscher, theils des Ansehens, theils der Zweckmäßigkeit halber. Herodes d. Gr. hinterließ in Jerusalem drei Paläste, welche Pilatus wählen konnte und die nur in Frage kommen. Der ältere von diesen ist der Palast der Hasmouüer, welche Herodes vom Throne verdrängt hatte. Er wohnte auch eine Zeit lang in demselben, doch fühlte er sich darin nicht heimisch, wohl in Erinnerung, wie er in dessen Besitz gelangt. Zudem bot er nicht Raum für eine Truppenmacht, welche zur Niederhaltung der fortwährend aufrührerischen Gelüste genügt hätte. Dieser Mangel mußte umsomehr bei dem Heiden Pilatus ins Gewicht fallen, dem die Juden noch feindseliger gegenüber standen, als dem Jdumäer. Es ist auch keine alte Nachricht vorhanden, daß Pilatus dort gewohnt hätte. Nur wollte man die Angabe des ältesten Pilgers von Bordeaux (333), daß das Richthaus „unten im Thäte" gewesen, auf diesen Palast deuten?) Allein er stand zwar unweit der Niederung, welche mau früher das Käsemacher-Thal, später zur arabischen Zeit erst das Wad nannte. Indeß im Thale stand er nicht, sondern an der Südwestseite dem Tempel gegenüber, so hoch wie der Tempelplatz selbst, so daß man von dort alle Vorgänge im Tempel beobachten konnte. Um dieses zu verhindern, führten die Juden sogar eine hohe Mauer dazwischen auf?) Nach dem Tode des Herodes d. Gr. gingen seine drei Paläste, nämlich der obeugcnannte, dann der im Nordwcsten und die Burg Antonio, in das kaiserliche Eigenthum über. Herodes Antipas war nur Vierfürst von Galtläa und Pcräa und hatte seine Residenzen in Tiberius und Machärus. Im Hasmonäcr-Palast hatte er nichts zu suchen. Wenn er um Ostern als Festpilger nach der hl. Stadt kam, mußte er wo anders absteigen. Die Tradition zeigte von jeher seine Wohnung am Bezctha in der Richtung des Herodcs-Thores, wo noch jetzt ein ansehnlicher, wohl saracenischer Bau steht. Er ist unzugänglich und daher das Innere unbekannt. Haus von Zimber (1483) wurde nicht eingelassen, „weil darin des Hauptmanns Dirnen sind". Der Bezctha war hoch, darum heißt es (Luk. 23, 7): Christus wurde hinaufgeführt. Agrippa I. vereinigte wieder die ganze Herrschaft seines Großvaters und konnte also im Hasmanäcr-Palast wohnen, scheint es jedoch nicht gethan zu haben. Sein Sohn Agrippa II. regierte wieder auswärts in Chalkis und später in Thileu von Galiläa uud Peräa; er wohnte aber dort, weil ihm die Obhut des Tempels und zu diesem Behufe die Wohnung eingeräumt war. Wie unsicher jedoch diese war, geht klar daraus hervor, daß er sammt seiner schwesterlichen Gemahlin Bcrcnike daraus vor seinen eigenen Landslenten flüchten mußte. Schon Herodes d. Gr. hatte diesen Palast verlassen und sich eine neue Burg von verschwenderischer Pracht an der Nordwestseite der Oberstadt gebaut, da, wo ehemals die Burg Davids gewesen, und damit ihm der nöthige militärische Schutz nicht fehle, errichtete er nicht weit davon drei starke Thürme, welche er nach seinem Bruder Phasael, seinem Sohne HippiknS und seiner ') Das neucstens auf dem russischen Platze aufgedeckte burgartige Gebäude kaun der Pilger nicht gemeint haben, weil es links, nicht rechts von seinem Wege war. 112 Gattin Marianne benannte. Ihm folgte in der Regierung der Statthalter PilatuS und konnte also dort wohnen. Mein es war dabei der große Mißstand, daß der Ort zu weit vom Tempel entfernt war, wo immer der Herd der Auflehnung gegen die römische Herrschaft glimmte. Der Landpfleger Sabinus wurde darin belagert, der letzte, Festus, mußte von dort flüchten, es wurde ihm aber der Weg verlegt, weil die Juden fürchteten, er möchte sich der Antonia, des Schlüssels zum Tempel, bemächtigen: ein deutlicher Beweis, wie unsicher der Vergnügnngspalast trotz der nahen Thürme war und der Schwerpunkt in der Antonia lag. Daß Pilatus dieses übersehen hätte, ist nirgends bezeugt, sondern Philo, welcher eine Gesandtschaft seiner Glaubensgenossen nach Nom führte, sonst aber in dem fernen Alexandria lebte, erzählt nur in seiner Apologie, daß derselbe an dem Palaste des Herodes, dem Hause der Statthalter, die Kaiserbilder aushängen ließ und deßwegen bei Tibcrius verklagt wurde. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß Pilatus die Juden in der eigenen Wohnung sollte sich auf den Hals gehetzt haben, ist auch gar nicht gesagt. Der Ort ist im Allgemeinen als Haus der Statthalter, jedoch nicht als seine Wohnung bezeichnet, weil er eben in dem östlichen wohnte. Später wollten die Römer die Bildsäule des Kaisers Caligüla im Tempel aufstellen, wo gewiß kein Landpfleger wohnte. Jener Palast ist längst spurlos verschwunden, ohne daß sich daran eine Tradition geknüpft hätte. Wohl aber heftete sich eine solche an ein Gebäude, das ungefähr einen halben Kilometer weiter oben und seit der Zerstörung Jerusalems außerhalb der Stadtmauer liegt, jetzt das armenische Kloster. Es ist dieses das Haus des Hohenpriesters Kaiphas. Dort war unweit der Mauer eine Kirche erbaut worden, welche der hl. Hieronymus (Reise der hl. Paula) Erlöserkirche» Theo- dosius (530), Breviariüs (540) und ein Jnnominatus Peterskirche (verschieden vom „Hahnschrei") nennen. Nachdem sie von den Persern (615) zerstört worden, wurde sie von den Christen wieder errichtet, doch in einem kleineren Umfange und näher der großen Sionskirche. Johannes v. W., Epiphanias und ein Ungenannter (Lnarrabio locvrum) im 12. Jahrhundert nennen sie jetzt Ditkoobrotrw; Theodorich v. W. ebenso und zugleich Erlöserkirche, welcher Name dann wieder gewöhnlich wurde (so M. Saundo 1310, Ludolf von Sudheim 1341, Zwinncr 1561). Durch alle Jahrhunderte zeigte man dort den Kerker, in dem der Herr in der Nacht gefangen gesessen, sowie den Ort, wo Petrus ihn vcrläugnete, vielfach auch die Säule, an der Christus geschlagen worden (Epiphanius, Theodorich, Bousquet, Saundo). Bei Kaiphas wurde nach den evangelischen Berichten Christus zuerst verhört und des Todes schuldig erklärt. Der Hohe Rath besaß ja eine große Gerichtsbarkeit, und nur die Vollstreckung eines Todesurtheils war ihm entzogen, wiewohl er mitunter auch über diese Schranke sich hinwegsetzte, wie wir es an der Hinrichtung des hl. Stephanus und Jakobus d. I. ersehen. Das Haus des Hohenpriesters wurde durch Zusammenberufung des Syn- cdrinms daher zu einem Richthaus, xraaboriuru, und wird auch so genannt (z. B. bei Innominabuo; 1,63 k6l6rinag68 (1231), 1,68 6b6miu68 6t k6l6rlUUA6g (1265), ?6l6rinaF68 6b kardouim (1280). Das eigentliche AmthanS im Umfange des Tempclbezirkes war zur Nachtzeit mit diesem geschlossen und deßhalb nicht zugänglich. Es ist demnach sehr erklärlich, daß später auf das Haus des Kaiphas auch das übertragen wurde, was in dein des Pilatus geschehen war. Theodorich von Wiirzburg sah dort einen Stein mit der Inschrift: Ists Iocu8 vocabur litflosbrotus 6b bio Dominno tuib suäioatrw, offenbar den nämlichen, der früher in der Antonia war. Das Verhör und das Urtheil war da und dort, und selbst die Geißelung konnte um so leichter auch dem Hause des Kaiphas zugeschrieben werden, als dieser mit dem Herrn höchst feindselig verfuhr und so seinen Bütteln ein schlimmes Beispiel gab, wie Pilatus den Soldaten. „Sie fingen an, ihn anzuspeien und mit Fäusten zu schlagen." (Mark. 14, 65.) Da ist kaum zu zweifeln, daß sie es in dem nächtlichen Kerker bis Anbruch des Tages noch ärger getrieben und auch Geißeln zur Hand genommen haben. Die Verwechslung der zwei Gerichtshänser geschah aber erst im 12 . Jahrhundert und dauerte nicht 100 Jahre. Ein Ungenannter (beiläufig 1145 ) unterschied noch die zwei praoboria, doch schon beide auf dem Sion: DU morickioin 6sb mono 8ioa, ubi 6aol6»ia toriuo8g, 8. Nariaa. D oimstro Irrbors illiuo 68b oaxstla, ubi tuib xraatorium 6b Obri 8 tU 3 suäieabuo. . . . Lxbra 6Lol68ig.ni 68b parva occlesig., ubi xraotorinm tuib, in huo Dorninua üaZellabrw, spinia oorona.tu8 atgu6 1 Uu 8 U 8 6b bin tuib ckonnw Ogixbg.6. Johannes von Wiirzburg ( 1147 ) kennt nur mehr eines: Dominuo ra- äuotu8 68b g.ä montoiu 8iou, ubi buno erab xrg.6- borium kiiabi, uuneuxabuiu Dibbo8brobu8. 08b6uciitur aub6M bockio Ioou8, ubi xruotoriuiu 6b burrm David tuorab. lu oockmu praotorio keinem bor uogavit. Diibs praatoriuiu iu looo Huoüam tig.Z6lIa.bu8, 8pin6g, ooroua punZibur; 6unä6in locuia ctssiZuab oapolla o.ut6 inasorom ecaiemam 8ivu (Oap. IX). Eugesippus Fratellus, Archidiakon von Antiochia ( 1150 ): Obrmruiu äuaunb in 8ion ack kilabi praeborium, ubi 6b kotrrm bor 6um nogavib, 6t 1uZi6N8 in cav6rnriiu, Zug.6 inoäo Zalli oanbu8 appsliabur vuIZ.aritsigus Oalilaoa. Llonbs 8ion flssuin oxprobriio atkliotuw, vorboribug 68.68UIN, cabonig b6nbuiu kilabi su88u in DoiZobba. N6vi äacknrunb. Hiemit stimmen Epiphanius ( 1170 ), Theodorich von Würzbnrg ( 1172 ), Phokas ( 1185 ) und eine Anzahl Ungenannter fast wörtlich überein?) Daraus erhellt auch, daß Epiphanius nicht in eine frühere Zeit gehört, wo auch die Gebäulichkeiten andere waren. Theodorich hat noch das Besondere, daß er das Hans des Pilatus eigens auf dem Wege zum Ostthore erwähnt. Eine Mittelstellung nehmen der angelsächsische Priester Säwulf gleich zu Anfang der fränkischen Eroberung ( 1202 — 1203 ) und ein griechischer Ungenannter ein. Ersterer nennt auf Sion die Abendmahls- und Hahnschrei-Kirche, schweigt aber bedeutsam von einem Richthaus. Ebenso schweigt der Grieche, obschon er den Kerker Christi und anderes nennt (^uioö rhv «7-av öoi!, ßreo« cguXll/.'g ro5 Xpwrob, «oroo PLN',2^« -roö Xpanoo, v 1:00 npLosiüroo Li.uLwv x«i. ivü Reliquien der hl. Birgitt« in Rom. Ueberscht aus dem Schwedischen von Georg Binder, Priester der Erzdiöcese München-Freising (Schluß.) Des Altares Ausstattung sowohl wie alle Verschönerungen scheinen nicht sehr hergehalten zu haben, °) Der letzte war der Magister Thetmar (1215), der nur 4 Tage in Jerusalem verweilte. 113 denn bei einer großen Visitation, welche am 11. März 1627 in der Kirche von dem Cardinalvikar vorgenommen wurde, wurde unter anderem vorgeschrieben^, daß der Birgitt«-Altar mit einer neuen Steinbekleidnng versehen werden und auf angemessene Weise ausgeschmückt und die von der Acbtissin angebrachten Inschriften weggenommen werden fallen. Was das für Inschriften waren, wird nicht aufgeführt. Der Visitationsbericht gibt überdies Kunde, daß die.Aebtissin, um die Aechtheit der Reliquien zu beweisen, ein altes Document vorwies, welches der Cardinal abschreiben und dem Protokolle einreihen ließ. Eine Jahrzahl und der Name des Verfassers ist gleichwohl nicht angezeigt. In demselben wird über Birgittas Reliquien Folgendes gesagt: „Unter dem Altare der hl. Birgitt« befindet sich in einer kleinen Lade von Cyprcssenholz ein Schulterblatt derselben Heiligen und andere Reliquien, sowie ein Zahn des hl. Lukas und ein Kinnbackenbein des hl. Philippus.« Ich nehme an, daß die Vorschrift ausgeführt wurde. Wenigstens fanden bald darauf einige Reparaturen statt, denn man findet aufgezeichnet, daß die Clarisfernonnen 1629, als Schwester Hippolita Cianti Aebtissin war, zu solchem Zwecke nicht weniger als 5400 Dukaten ausgaben. Das Altarbild der Stefana Savelli muß nnter- deß durch der Zeiten Zahn zerstört worden sein, denn es wurde 1757 durch ein Gemälde auf Leinwand ersetzt, welches Schwester Felice Teresa Luci durch den Maler Giuseppe Moutanari malen ließ. Dieses neue Gemälde, welches nach dem Muster des alten Freskogcmäldes ausgeführt war, stellt Birgitt« in der Tracht ihres Ordens vor, — welche sie jedoch niemals trug, ebensowenig wie eine andere Nouneutracht, — kuicend vor dem Gekreuzigten, welcher mit ihr zu sprechen schien. Dies hat Bezug auf die in Rom umgehende Sage, daß des Erlösers Bild am Crucifixe einmal zu Birgitta gesprochen haben soll, da sie im Gebete versenkt war. Als Kirche, wo das stattgefunden haben soll, werden zwei genannt, S. Loren zo in Damaso, bei welcher sie manche Jahre wohnte, und Sän Paolo tnori 1s oanra, wohin sie oft wallfahrtet«. Die letztere Kirche hat den Vortheil, daß sie das Crucifix ausweisen kann, eine große Holzschnitzerei, welche Arbeit einem Schüler Giotto's, Pietro Cavallini (gest. 1279),-o) zugeschrieben wird. Es stand früher beim Fenster am Hochaltare in dem großen Ouerschiff, aber es wurde unter Benedikt XIII. (1724—1730) in die Kapelle gebracht, welche Birgittens Namen trügt und wo ihre Statue noch im Jubeljahre 1650 stand. Ursprünglich wußte die Legende bloß zu berichten, daß das Christusbild sich zur Betenden wendete, aber das wuchs wahrscheinlich mit der Zeit. Später findet man nichts mehr über die Reliquien der hl. Birgitta bis zum Jahre 1818, da sie wiederum von ihrer Ruhestätte unter dem Altare weggenommen wurden. Der Arm wurde getrennt von den übrigen Ueberresten und in ein ganz kostbares Reliquiarinm von getriebenem Silber mit Vergoldungen gelegt, welche einen aufrecht stehenden Unterarm mit offener Hand vorstellen. Dasselbe geschah mit einem der Panisperna-Kirche gehörigen Arm des Märtyrers Felix, worauf die beiden ") Die ^.eta 8aorao Visitationis 8. U. Ilrdani VIII, pai'8 II befinden sich in der Vatik. Bibliothek. "ch Meolai, Lasilica ckl s. kaolo, eax>. VIII, xa§. 38. Silberarme im großen Neliquienfchrank der Sakristei aufbewahrt wurden. Znr Erhöhung der Ehre scheint auch der Zahn des hl. Lukas und das Kinnladeubein des hl. Philippns dahin gebracht worden zu fein, denn sie stehen nun dort, aber es wird nichts davon in den beiden Authentiken erwähnt, welche am 10. Juni 1818 von I'r. Josef Barth. Menochio, kraet'ocrtns Lacrarii Xxnstolioi, errichtet wurden. Die eine dieser Urkunden bestätigt die Aechtheit der in den Silberarmen verwahrten Reliquien, die andere zeigt an, daß die übrigen Reliquien am nämlichen Tage in einen Holzschrein gelegt wurden, welcher verschlossen und wieder in den Sarkophag gelegt wurde. Dieser wurde eingemauert und unter dem Altare durch einen kleinen Schirm von bemalten Brettern geborgen. Der Anlaß hiezn war wohl der, daß die Clarisscrnouucn, bei welchen das Interesse für Birgitta im Laufe der Zeiten erkaltet war, sich nicht Rath wußten, einen paffenden Schmuck für die Reliquien oder eine würdige Anordnung bezüglich des Altares zu beschaffen. Es war bequem und billig, den Sarg einzumauern und zu verbergen, weßhalb es auch beschwerlich wurde, die Reliquien zu zeigen. Für jene, welche die Hülfe der Heiligen bedurften, hatte man, wie wir gesehen haben, die anderen Theile zur Hand. Der Silberarm wurde am 17. Juni 1878 geöffnet und vom Arme Birgittas wurde ein Theil genommen, welcher an ein Birgitten - Kloster in Holland geschickt wurde, wie ein Gesuch hierüber sagt. Die neue Authcntika für das, was übrig blieb, wurde am nämlichen Tage vom Cardinal Monaco La Valetta ausgefertigt, aber die übrigen Dokumente in der Sache konnte der ehrwürdige Rektor der Panisperna-Kirche, k. Auaklet di Velletri, leider nicht finden.^) Daß die übrigen Reliquien kürzlich wieder zu Tage kamen, hat seinen besonderen Anlaß, zu dessen Erklärung eine kleine Abschweifung nothwendig ist. Das Hospital und die Kirche der hl. Birgitta an der Piazza Farnese hatte Leo XII. nach wechselndem Geschicke den Kanonikern von St. Maria in Trastcvcre geschenkt, welche das Haus nllmählig verfallen ließen. Im Jahre 1855 übernahm es eine französische Kongregation, die Väter vom hl. Kreuz, gegen eine jährliche Rente von 3000 Lire, und sodann wurde die Pflege des Hauses etwas besser. Die würdigen Vater ließen es von dem Franzosen Ed. Braudon mit mehreren Malereien ausschmücken, aber auf anderer Seite machten sie sich eines Wandalismus schuldig, indem sie nach Notrc Dame in Jndiana, .wohin in späterer Zeit die Oberleitung des Ordens verlegt wurde, das merkwürdige Bild bringen ließen, welches die Madonna darstellt, umgeben von vier Heiligen-Bildern, deren eines als das älteste Porträt Birgittas galt.^) Das ist dasselbe Bild, welches Hammerich 's und B r i n k m a u u 's Monographieu über die Heilige haben. Gewiß ist es sehr schwer, das Bild für ein Birgitta-Porträt anzusehen, aber eine andere von den dort vorgestellten Figuren ist jedenfalls ihre heilige Tochter Katharina, und es wäre gewiß der Mühe werth, das in mehrfacher Beziehung merkwürdige Bild zu untersuchen. Nun ist es in Jndiana und wurde restaurirt von einem Maler aus Chicago. Auch die Bilder müssen sich in Manches fügen! — Nach Amerika 2') Auch des Klosters Name ist nicht erwähnt. Wahr« scheinlich war es Marienbcmm. Mein, sondern Neden in Holland. Binder.) "ch Siehe Awroriche Dicksllrikt 1833, Seite 355—353. 114 kam auch ein größerer Stein mit Inschrift, um Gesellschaft zu leisten. Alles wurde gesammelt, um in einem großen Hof untergebracht zu werden. Ich erwähne dies, um darzulegen, daß es kein Verlust für diejenigen war, welche Werth setzten auf das alte ErimierungSzeimen, denn die Vater haben einige Monate später das Haus (mit großem Profit) au die Schwestern von der ewigen Anbetung des hl. Sakraments, einen Zweig des Carme- liter - Ordens, verkauft. Die Vorsteherin dieser Versammlung, Schwester Maria Hedwig,-^) hat mit riihmenswerthcm Eifer sich der Wiederherstellung des erinncrnugsrcichen Hauses angenommen, und sie hat auch gewünscht, daß zur Birgitta-Kirche auch einige Reliquien der Heiligen selbst kämen. Von den Franziskanern, welchen die Aufsicht über S. Lorenzo in Pauis- perna anvertraut war, war sie von dem Dasein der im Jabre 1818 eingemauerten Reliquien unterrichtet und erklärte sich bereit, den Altar ausstatten zu lassen, wenn ihrer Kirche einige Reliquien mitgetheilt würden. Dieser Vorschlag hatte um so weniger Schwierigkeit, da die Kirche 1892 für das bevorstehende Bischofsjnbiläuin Leo's XIII. gründlich restaurirt wurde. Nach dem vom Cardiual-Vikar Parocchi mitgetheilten Zustand wurde der Sarkophag wieder ans Licht gezogen und am 17. Dezember 1892 in Gegenwart der Bevollmächtigten des Kardinals, Msgr. Anselmi, Vorstehers der Ncliquiensamniluug des Vikariates, des Jesuitcu- patcrs Bonavenia, des Kirchenrcktors k. Anaklet di Velletri und des Klosterbeichtvaters ?. Andreas di Nocca di Papa, geöffnet. Der im Jahre 1818 niedergelegte Schrein und die von Msgr. Menochio damals ausgeführte Authentika wurden angetroffen, sowie die Versiegelung und die Reliquien, welche unbeschädigt waren; sie wurden zum Vikariat gebracht. Cardinal Parocchi veranstaltete dann eine Vertheilung derselben. Zwei Nückenkuochen wurden der Panisperna-Kirche zurückgegeben, in kleine Glasbeyältcr gesetzt und nun bei den Silberarmen in der Sakristei aufbewahrt. Das Beckcnbein, welches seine alte Bezeichnung „Schulterblatt" behielt, und ein Rückendem wurden der Schwester Maria Hedwig für die Birgitta-Kirche gegeben, und sie hat hicfür eine prächtige Lade von vergoldeter und ciselirter Bronze fertigen lassen. Das Gleiche geschah auf ihre Kosten für das eine Nippende in, welches bei den Clarissernonnen belassen wurde, welches Kloster nunmehr, nachdem es im Jahre 1877 Sän Lorenzo verlassen mußte, nach Santa Lucia Selci (Piazza Giovanni Lanza) verlegt wurde. Ein anderes Nippendem wurde dem Erzbischof von Ben event gegeben, welche Stadt Birgitta auf einer ihrer Pilgerfahrten besucht hatte. Das dritte Rippmbein und ein Rückenkuochen wurden für die Vikariatssammlimg behalten.'^) Der Sarkophag wurde sodann in der Birgitta- Kapelle wieder festgemaucrt, aber nicht mehr unter dem Altare, sondern an der Scheidewand gegen die zunächst liegende S. Franziskus-Kapelle und einen Meter über dem Boden. Unter dem Altare ruht an der Stelle der Leib der Martyrin Viktoria. Die Clarissernonnen bewahren auch andere Eriuner- °°) In der Welt bekannt als Gräfin Wielhorska. . ") Zu Sän Lorenzo in Panisperna wurde Se. Heiligkeit am 19. Februar 1843 zum Bischof geweiht, und dort feierte er als Papst im I. 1693 den 21.—23. Februar ein feierl. Irickuum zur Erinnerung daran. *°) Inxtanotsea pontikois. ungeu an Birgitta, nämlich einen Mantel von grobem Wollcnzeug, ein Unterkleid von grauem Stoff mit einem leichten Kopsüberwnrf von demselben Zeuge sammt einem Leibgürtel von starkem Hanf nach gewöhnlichen Kloster- modellen. Das Unterkleid ist 1,45 Meter auf der Rückseite, gemessen vom Ende des Halses herab, 30 Ceuti- meter zwischen den Armhalsnähten hinauf, 50 Ceutimeter zwischen denselben Nähten hinab; im Umfange hat es 2,68 Meter, die Länge der Arme ist 54 Centimeter, die Weite der Halsöffmmg 50 Centimeter. Das Kleidungsstück hat an der Brust wenig Oeffnung, so daß es sehr schwer gewesen sein muß, es abzulegen. Die Kapuze (Kopfüberwurf) mißt 30 Centimeter vom Scheitel bis zum Kinn; 12 Centimeter unter dem Kinn zur untersten Naht, 50 Centimeter vom Scheitel rund über das Haupt zum Nacken, 69 Centimeter vom Vorderes zum Nückenzipfel. Die Länge des Gürtels ist 2 Meter. Das muß auf eine große Franengcstalt hindeuten, i was der gewöhnlichen Angabe widerstreitet, daß Birgitta i klein war. Die Aechtheit des Gürtels und der Kopsbedeckung ist durch nichts bestätigt, als durch die Tradition des Klosters, nach welcher Birgitta dies auf ihrer Pilgerfahrt zum hl. Grabe im Jahre 1372 getragen hätte. Die Nothwendigkeit einer leichteren Bekleidung kaun es möglich erklären, daß sie zcitenweise ein kostbares Material von Seide trug. Sie bekleidete sich, wie die Zeitgenossen bezeugen, beständig mit dem gröbsten Tuche, und es wird ausdrücklich erwähnt, daß sie während 30 Jahren nicht einmal Leinen gebrauchte außer zum Kopftuche. Ein Mantel von Seide wird nämlich in der Sakristei der Panisperna-Kirche aufbewahrt, allein da er in einem mit grüner Seide verkleideten Pappenfntteral liegt, welches verglast und nicht zu öffnen war, so konnte ich denselben nicht messen, sondern mußte ihn durch die Glasöffnuug beschauen und kann sagen, daß er gewiß zum Gürtel und zur Kapuze gehört habe. Man sagte mir, daß erst wenige Tage verflossen sind, daß ein mit der hinfallenden Krankheit behafteter Mensch zur Kirche geführt wurde, wo ihm das Behältniß mit dem hl. Mangel auf's Haupt gelegt wurde. Auch die Kapuze wird häufig von den Kranken verlangt, denn sie hat den Ruf, daß sie Kopfschmerzen hinwcgnimmt.^) Die Nothwendigkeit, diese Sachen oft forttragen zu muffen und sie in den Händen der Besuchenden zu lassen, kann es erklären, daß kein die Aechtheit bekräftigendes Dokument gefunden werden kann; wenigstens sagen die Klosterbewohner so. Es ist möglich, daß eine Auihentlka innerhalb des Futterals sich findet. Größere Gewißheit hat man bezüglich des Mantels, welchen die Clarissen in Händen haben. Man zeigte mir im Kloster an der Piazza Giovanni Lanza eine mit Gold und Silber reich verzierte Kutte mit der Aufschrift: „Nantslio äi 8. Lri^icka, Vaäova," (Mantel der hl. Wittwe Birgitta), nebst einem von dem °°) Die Tradition bezüglich der fallenden Kranken kaun zurückgeführt werden auf eine Begebenheit in Birgitta's Leben, welche von Berthold von Rom erzählt wird (Lid. II, 0 S.P. 1, 85). Sie soll nämlich außerhalb der Kirche S. Pra- xedis, ganz nahe bei S. Lorenzo in Panisperna, eine nordische Frau gefunden haben, deren Name Dyovetur geschrieben wird, welche an dieser Krankheit litt. Mit Hilfe rhrcs Kaplans Magnus Petri führte sie die Kranke in ein Spital und nahm sie dann zu sich, wo Dyovetur durch ihr heiliges Gebet vollständig geheilt wurde. 115 Klosterbeichtvater ib'r. PietrodiVenaco ausgefertigten Dokumente, italienisch, daß er dabei war, „als der heilige Mantel der hl. Birgitt«, welcher im genannten Klarer als eine verehrungswürdige und heilige Reliquie aufbewahrt wurde, aus dem alten, zerrissenen und durch die Zeit zerstörten Futterale herausgenommen wurde in Gegenwart der edlen und ehrwürdigen Aebtissin Schwester Hortensie! Capisu echt mit all den übrigen ehrwüroigen Müttern und würdigen Schwestern, und daß er in eine mit Gold- und Silberarbeit und mit Borden verzierte Seidcnkutte, welche die hochwürdigen Frauen Schwester Maria Vittoria Vebri und Schwester Rosa Maria Ferrari für diesen Zweck fertigen ließen", hineingelegt wurde, was Alles am genannten Tage geschah. Das Dokument ist unterzeichnet außer von Pietro di Venaco auch von Schwester Hortensia Capisucchi und Schwester M. Vittoria Vebro^ und ist besiegelt mit dem Siegel der Panisperna- Kirche, St. Laurentius auf dem Roste. Durch die wohlwollende Bemühung der Aebtissin Schwester Teresa Margherita Farinetti wurde diese Kutte am 6. Mai 1893 in meiner Gegenwart ausgebreitet und der Mantel herausgenommen. Er war im Vierkant zusammengelegt, gebunden mit einem weißen Linnenband, dessen Enden versiegelt waren. Als das Band aufgemacht und der Mantel aufgewickelt war, fand man darin noch ein Exemplar der kurz vorher genannten Inschrift, das Wort für Wort, mit Ausnahme von ein paar unbedeutenden Varianten, mit dem erstgenannten Exemplar übereinstimmte. Der Mantel ist von grobem, schwarzbraunem Wollenstoff, wie die Franziskaner ihn tragen, fast ganz schwarz, ist geschnitten wie eine Nnndkappe ohne Aermel; wohl aber hat er die Armössnungen. Am Halse hat er einen kleinen Saum von Goldseide. Er wurde durch einen Knopf von Silberdraht mit einigen Gold- drähten zusammengehalten. Er ist 1,10 in lang; bis zum Boden hat er 2 w, am Halse 65 am?") Eine Reliquie der hl. Birgitt« wurde früher auch bei S. Agata in Trastevere, aufbewahrt. Ihr Name kommt nämlich in den Aufzeichnungen der Kirchcnreliquien bei Gelegenheit der großen Visitation Urban's VIII. vor, welche am 4. September 1628 stattfand?^) Die Kirche und das dazu gehörige Kloster gehörten damals den „katros Oon^rsAntioiris Lstriktiarine" (Vatern der christlichen Genossenschaft). Nun ist aber die Reliquie verschwunden, und es besteht keine Erinnerung daran. Schließlich mag noch beigefügt werden, daß die Birgittareliqnien, welche sich in den Kirchen S. Sil- vestro am Quirinal und S. Elemente finden, nicht von unserer Birgitts sind, sondern von jener aus dem statischen Stamme. Man erkennt sie aus dem Titel „VirAo et wnrt^r", während die officielle Benennung unserer Heiligen ist: „8. Lirgitta, Villua." 20) Der Name ist hier ganz anders geschrieben als im Texte. Das ist für jene Zeit nichts ungewöhnliches. 2 °) Die Aebtissin erlaubte mir, ein Stück abzunehmen. Ein Gefühl von Kirchenraub ließ mich zweifeln: auf erneute Aufforderung jedoch klippte ich, da der Mantel an den Enden sehr schlissig war, eine kleine Franse ab und erhielt darüber eine Authentika vom Beichtvater des Klosters. ") 8. Visit. -iereli. 8ser. Vatie. °°) Ihre Tochter Catharina hat den seltsam scheinenden Titel: »VirZo ab Viäna." DaS ist nun Alles, was über die Birgitts» Reliquien in Rom gefunden werden konnte. Es wäre wünschenswcrth, daß genauere Beweise gefunden würden; allein man kann schwerlich zu größerer Gewißheit kommen. Für alle Fälle sind nun die Reliquien beschrieben, welche Anspruch auf Acchtheit machen können. Leider kann bezüglich der Reliquien, welche ihren Ursprung von Wadsrena herleiten, nicht das Gleiche gesagt werden; aber das gehört nicht in den Nahmen dieses Aufsatzes. C. Bildt." * -» » Es obliegt uns nicht, der interessanten Arbeit irgend eine Ergänzung beizufügen. Allein einen Gedanken möchten wir gleichwohl aussprcchen: Die Arbeit zeugt von großer Liebe zur hl. Birgitta und gibt dieselbe Verehrung kund, wie sie die skandinavischen Völker ihrer großen Heiligen bis in die Zeit des Gustav Wasa entgegenbrachten. Und wie die hl. Birgitta zu ihren Lebzeiten den hohen Adel um sich versammelte und wie ihre Stiftung, das Kloster Wadstcna am Strande des Wcttersee's, die Edelsten der schwedischen Nation aufnahm, so vereinigen sich auch heute wiederum die Edelsten der schwedischen Nation im Lobe der nordischen Heiligen und ehren sie als eine Zierde ih- s Vaterlandes. So wurde 1891, in dem Jahre von L.c- gi'tta's Heiligsprechungsfeier, vom schwedischen Reichstage die Wiederherstellung der alten Klosterkirche zu Wadstena, des »lompium Oathockimlo, Lieg, Aas llolginlom", beschlossen und dieser Antrag unter Andern! auch damit begründet, daß Birgitta von allen Schweden aus dem Mittelaltcr die einzige Persönlichkeit von europäischem Rufe sei.ol) Möge an „St. Brittas" Verehrung der Anfang einer neuen Aera geknüpft sein! „Die Besessenheit mit besonderer Berücksichtigung der Lehre der hl. Väter." * In Nr. 65 der „Frankfurter Zeitung" wurde Herr Lycealrector Dr. Lcistle in Dilliugen wegen feiner unter obigem Titel schon im Jahre 1387 erschienenen Schrift angegriffen. Die Bosheit des Angriffes und das unredliche Spiel kennzeichnet sich dadurch, daß in der aus der Schrift (S. 25 ff.) ausgchobeuen Stelle über den Erscheinungsleib Satans, an welcher sich der Verfasser re- ferircnd verhält, die zumeist aus den Vatern und altchristlichen Kirchenschriftstellern geschöpften Citats womit jede der aufgeführten Erscheinungsweisen belegt ist, einfach weggelassen sind, so daß die ganze Darstellung beim Leser die Meinung hervorrufen muß, als ob der Verfasser alle diese Erscheinungsformen sich ausgesonnen habe, während er nur objectiv darlegt, was die genannten Schriftsteller hierüber geäußert haben. Bezeichnend ist ferner der Umstand, daß Stellen, in welchen der hl. Augnstin und der hl. Gregor d. Gr. im Texte (nicht bloß unter demselben wie die übrigen Citate) für diesen Punkt als Zeugen angeführt werden, weggelassen sind. Durch diese weggelassenen Stellen hätte doch der eine und andere besonnene Leser auf den Gedanken gebracht werden können, auch das übrige über die verschiedenen Erscheinungsformen Gesagte sei den Angaben der altchristlichen Kirchenschrist- steller entnommen und nicht Phantasie-Produkt des Verfassers. Das sollte nun durch Äusmerznng dieser Stellen hintertrieben werden. Dasselbe Verfahren wird eingehalten an jener Stelle, wo davon die Rede ist, in welcher Gestalt der böse Feind von besessenen Menschen infolge des Exorcismus gewichen sei (S. 43 f.). Die Citate, nach welchen der Verfasser berichtet, sind auch liier weggelassen, und es erscheint auf diese Weise die betreffende -Aeußerung als reines Hirngespinnst des Verfassers. Die „Frankfurter Zeitung" gestattet sich sogar das Wort „immer" einzu Binder, Die hl. Birgitta und ihr Klostervrdcn, München. Stahl sen., 1891. schieben, um den Eindruck bei den Lesern zu verstärken. Seine Stellung zu der Anschauung, welche in den von ihn, citirten Schriftstellern sich ausspricht, hat der Verfasser für den Leser an verschiedenen Stellen keiner Schrift angedeutet. Ucbcrhaupt darf nicht übersehen werden, daß die Schrift der Hauptsache nach eine systematische Zusammenstellung dessen sein soll, was über Besessenheit und einschlägige Fragen in der patristischen Literatur sich findet. Auch das Schlußwort in der bezeichneten Schrift hätte die „Frankfurter Zeitung" auf deir Gedanken bringen können, daß sie den Verfasser unverdienter Weise herabzuwürdigen sich mühe. Die in Rede stehende Schrift hat, wie wir bestimmt wissen, bei ihrem Erscheinenvon Männern, welche durch ihr theologisches Wissen und ihre Stellung hervorragend waren, und solche Fragen, wie sie in der genannten Schrift behandelt sind. nüchtern zu beurtheilen verstanden, volle Anerkennung gefunden. Es sei nur, um die noch lebenden zu übergehen, hingewiesen auf den hoch- seligen Bischof vr. Pankratius von Dinkel und den verstorbenen Eichstätter Dompropst und Professor Dr. Thal- hofer, dessen Brief an den Verfasser wir gelesen haben. Hingewieien sei ferner auf die seinerzeitigen anerkennenden Besprechungen der betr. Schrift in der „Jnnsbrucker theologischen Zeitschrift", in der „Beilage der Augsburger Postzeitung" und im „Augsburger Pastoralblatt". Diesen Männern und Zeitschriften lag aber auch ein anderes Elaborat vor, als die „Frankfurter Zeitung" ihrem Publikum, das prüsungslos das Dargebotene als baare Münze hinnehmen muß, vorzulegen beliebte. -— Was man sogar aus Sätzen der hl. Schritt machen und wie man die Lehre Christi als unchristlich lautend darstellen könnte, wenn man nach Art der „Frankfurter Zeitung" verfahren würde, sei an einem Beispiele gezeigt. Man könnte sagen mit Verschweigen des in der hl. Schrift enthaltenen Beisatzes: In der Bergpredigt (Matth. 5,43) lehrt der Herr: „Hassen sollst dü deinen Feind." — Uebrigens hat Professor Leistle in seiner Schrift auch noch andere Dinge behandelt, als nur die sinnlich wahr- lassung, die Besessenen des Neuen Testamentes, der segnende und heilende Einfluß des Christenthums kommen in seinem Programme znr Sprache, lauter Gegenstände, die nicht bloß für den katholischen, sondern auch den orthodoxen protestantischen Theologen von Interesse sein . können. Allerdings die von Christus abgewendete Welt, der Rationalismus, welcher Satan und seinen Einfluß Hinwegdisputiren will und die Leugnung dieses Feindes des Menschengeschlechtes (I. Petr. 5,8 f.) zu einem Postulat der Bildung macht, muß sich entsetzen, wenn man dieses düstere Phänomen der Geschichte zu behandeln wagt. Was die verdächtigende Bemerkung über die Lehr- thätigkeit des Rectors Leistle im Schlußsätze der „Frankfurter Zeitung" betrifft, so mag sich dieselbe beruhigen. Derselbe ist, wie das vor Jahresfrist in öffentlichen Blättern hervorgehoben wurde, ein hochgeschätzter Lehrer, der sich die Liebe und Verehrung seines Auditoriums während seiner 20jährigen akademischen Thätigkeit in hohem Grade zu erwerben wußte, so daß sie auch die Auslassungen der „Frankfurter Zeitung" nicht zu erschüttern vermögen, und seine Schüler können auch in den von ihm vorgetragenen Disciplinen sich mit denen jeder anderen theologischen Hochschule messen. Recensionen und Notizen. Baedeker K., Spanien und Portugal: Handbuch für Reifende. 8°. I-XXXII -ff 582 SS., 6 Karten, 31 Pläne, 11 Grundrisse. Leipzig, K. Baedeker, 1897. M. 16,— in Leinwandband. v Es war ein auffallender, schwer empfundener Mangel, daß in der Reihe der vorzüglichen Reisehandbücher von Baedeker gerade eines der herrlichsten Länoer, das an historischen Erinnerungen, an kunstvollen Prachtbauten wie an hervorragenden Naturschön- heiten überreiche Spanien, nicht vertreten war. Rathlos und vergeblich sah sich jeder Spanien-Reisende nach eurem Ersatz um, der diese Lücke ausfüllen konnte, denn der Reiseführer von Hartleben, der einzige, den es überhaupt gab, ist gar nicht zu gebrauchen. Das Erscheinen des oben genannten Buches wird daher allseitig mit großer und dankbarer Befriedigung willkommen geheißen werden und sicher den Muth und die Zahl derer rasch vermehren, die sich entschließen, die iberische Halbinsel zu durchqueren, wenn sie sich einem so verlässigen Führer anverrraut sehen. Die Einrichtung des Buches ist ganz dieselbe, wie sie sich bei den übrigen Baedeker-Führern bewährt hat, die ja einen Weltruf besitzen. Genauigkeit der Angaben und Nebersichtlichkeit der Anordnung lassen nichts zu wünschen übrig; es wird sicherlich keinen Spanien-Touristen geben, der nicht diesen „Baedeker" als unentbehrlichen Geleiter in der Hand hätte. Haberl Fr. K., Kirchenmusikalisches Jahrbuch für das Jahr 1897. Reqensbnrg, Fr. Pustet, 1897. 8°. IV -s- 141 -st 3 SS. M. 2,60. Zum zweiundzwanzigsten Male bringt ein alter, stets willkommener Freund seine Neujahrsgabe. Leider hat das diesmalige Jahrbuch den Tod eines ausgezeichneten Mitarbeiters, des Professors Dr. Anton Walter (k 1. Okt. 1896), zu beklagen, dessen im Vorwort rühmend gedacht wird. Es folgt dann an erster Stelle die Fortsetzung des im Jahrgang 1896 begonnenen „Oküeium hsbckoinaclas sanetas" (S. 29—72) von Ludovico da Vittoria, der bekanntlich an Cardinal Otto Truchseß von Augsburg einen Mäcenas hatte. Auf den musikalischen Beitrag folgen.Abhandlungen und Aufsätze historisch- kritischer Art, die von der staunenswerthen Belesenbeit und Gründlichkeit der Mitarbeiter Zeugniß ablegen. Recensionen über kirchenmusikalische Novitäten beschließen das Jahrbuch, das an Reichhaltigkeit des Inhaltes senren Vorgängern in keiner Weise nachsteht und sich damit sicher die alten Freunde erhalten und, wie wir hoffen, neue erobern wird. _ Der hl. Antonius in Toulon und das Brod der Arme n. Erzählung eines Augenzeugen von Stephan Jouve in Toulon. Autorisirte deutsche Ausgabe nach der 9. Auflage des französischen Originals von F. M. Laun, Kaplan in Stuttgart. 3. vermehrte Auflage. Mit einer Abbildung des Hinterstübchens in Toulon. Stuttgart, Jos. Roth'sehe Verlagshandlung. 250 Seiten Octavformat. Preis brofch. 2 M., schön gehd. 2 M. 60 Pf. Das Buch erzählt uns in ansprechender Form die Entstehung des in kurzer Zeit über die ganze Welt ausgebreiteten guten Werkes, welches unter dem Namen St. Anton iusbrod die Unterstützung der Armen zum Zweck hat. Wer nämlich den hl. Antonius in klemen oder großen, körperlichen oder geistigen Anliegen um seine Fürbitte anfleht, verspricht ihm gleichzeitig einen Beitrag, der ausschließlich zu Brod für Arme bestimmt ist. Besonders eingehend werden die vielen Gebetserhörungen geschildert, die in neuester Zeit auf Anrufung des ivunder- thätigen Heiligen in Toulon erfolgten. Das Buch ist besonders geeignet, das Vertrauen zum hl. Antonius mächtig zu wecken und das schöne Werk des Antoniusbrodes weiter zu verbreiten. Der hl. Antonius von Padua. Sein Leben und seine Herrlichkeiten. Von st. Maria-Antonius, Eapuclner-Missionär. Autorisirte Ausgabe nach dem Französischen von I. Müller, Pfarrer. 2. sehr vermehrte Auflage mit Titelbild. Mit bischöflicher Approbation. Stuttgart, Jos. Roth'sche Verlagshandlung. 200 S. kl. 8°. Preis 60 Pfg., hübsch gebd. 1 M. Dieses St. Autoniusbüchlein des hochw. st. Maria- Antonius ist eine besonders dankenswerthe Gabe. Der erste Theil schildert in gedrängter Form den Lebenslauf des Heiligen und die Verbreitung der Andacht zu ihm. Im zweiten Theil finden sich die schönsten Gebete zum hl. Antonius, die neundinstägige Andacht, das Respon- sorium u. s. w. Der dritte Theil enthält die gewöhnlichen täglichen Andachtsübungen. Mit Rücksicht auf seine volks- thümliche Sprache ist dies Büchlein, das dem Lieblingsheiligen des katholischen Volkes gewidmet ist, deßhalb auch für das katholische Volk besonders zu empfehlen. Verautw. Redacteur: Ad. Haas in Auasbura. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Die Inschrift von Hsi-Ail-Fn, ein altchristliches Denkmal in China. ^ Manchen Lesern dieses Blattes kommt der Name Hsi-An-Fn heute vielleicht zum ersten Btale unter die Äugen. Den Sinologen ist er geläufig, denn an denselben knüpft sich der Gelehrtenstreit über die Aechtheit des ältesten, uns erhaltenen christlichen Denkmals in China. Soweit wir von heute an auf die Geschichte des Christenthums in China in sicherer ununterbrochener Zeitfolge zurückschanm können, verdankt es seine Anfänge den Missionären aus der Gesellschaft Jesu, welche alsbald nach ihrer Gründung sich das große Land mit der eigenthümlichen, aber in seiner Art hochentwickelten Cultur als Missionsgebiet erwählte. Dort haben die Jesuiten in der That Wunderbares geleistet: in Zeiten der Verfolgung mit erstaunlichem Heldeumuth ihr Blut als Märtyrer vergossen, in Zeiten des Friedens mit der Predigt des Evangeliums die wissenschaftliche Forschung so erfolgreich vereinigt, daß wir fast Alles, was wir aus älterer Zeit auf siuologischem Gebiete besitzen, den Jesuiten verdanken. Bei dem Gedanken, daß unter dem zweiten Kaiser der gegenwärtig noch regierenden Tshiug-Dynastie, unter dem energischen K'ang-Hsi( 1662 — 1723) zwischen dem „Sohn des Himmels" und den gelehrten Ordensmännern ein friedlicher Austausch wissenschaftlichen Strebens und eine glückliche Eintracht herrschte, die in der Folgezeit leicht hätte dahin führen können, daß wir heute China ein christliches Reich nennen dürften, bei dem Gedanken — sagen wir — kann man den Unmüth nicht verbergen über den servilen und kurzsichtigen Papst Clemens XlV., der 1773 durch Aushebung des Jesuitenordens die kostbarsten, mit schweren Opfern errungenen Früchte, wie auch die schönsten Hoffnungen selbstloser Missiousthätigkeit mit einem Schläge zerstörte und es mitverschuldcte, daß nach und nach allerlei christliche Sekten (meist aus Amerika) in China Eingang fanden, deren sich so vielfach widersprechende Lehren dem denkenden Chinesen die christliche Religion nicht verlockend erscheinen lassen. Die Jesuitcn-Missionäre waren aber nicht die ersten, Welche christliche Lehren iu das „Reich der Mitte" (stoftunZ- Luv) gebracht haben. Als sie ihre Missionsthätigkeit begannen, fanden sie Spuren christlicher Ansiedelungen vor, die freilich schon Jahrhunderte vorher wieder vorn Schauplatz verschwunden waren. Die Legende, welche die Welt nach dem Tode des Herrn kurzer Hand unter die zwölf Apostel vertheilte, machte den hl. Thomas zum ersten Glaübensboten -) der Chinesen; er soll, nachdem er 'in Pcrsien und Indien gepredigt, auch nach China vorgedrungen sein. Ungefähr um dieselbe Zeit, da der Buddhismus in China Eingang fand (um 65 n. Chr.) soll der Sage nach ein chinesischer Fürst sich durch Gesandte, die er in die westlichen Länder ^ ) Unter K ang - Hst war bekanntlich P. Ferdinand Verbrest ( 8 . ck.) Director der kaiserlichen Sternwarte n Pei-Tshing (Peking). Der großmüthige Gönner der Wissen schaft auf dem Throne war selbst Gelehrter; sein „Wörter buch (Ws 2 s tien) hat klassisches Ansehen. — Vgl. Fries Geschichte Chinas nach chinesischen Quellen (Wien 1884) S. 270. st Vgl. Huc (langiahriger Missionär in China und Trbet) „I,s okristianism« «n OIuns, en Wortart« «t on wbidöt« (4 voll. waris 1857) w. I, p. I. schickte, christliche Lehrer erbeten haben, und im dritten Jahrhundert zählt Arnobins die „Serer" (— Chinesen?) zu jenen Völkern, die den christlichen Glauben angenommen haben. Diese Nachrichtens entbehren indeß der Begründung, und von da an verstummen sie gänzlich. Den Anstoß zur geschichtlich beglaubigten Besiedelung Chinas durch Christen gab der Nestorianismus. Die Lehre des Patriarchen Nestorius von Konstantinopel, daß in Christo auch zwei Personen (nicht bloß zwei Naturen) seien, sowie daß Maria nicht 8 - 016 x 0 ;, sondern nur Xo-.oioioxo; (also nur Meuschen-Gebärerin) sei, wurde von der Kirche auf dem III. allgemeinen Concil zu Ephesns 431 feierlich verworfen; vier Jahre später begann Theodosius die Anhänger der neuen Lehre mit großer Härte zu verfolgen, wodurch ihr Widerstand nicht gebrochen, sondern nur verstärkt und ihre Zahl vermehrt wurde. Den widerspenstigen Nestorianern wurde der Aufenthalt im ganzem Reiche unmöglich gemacht, und so griffen sie zum Wanderstaü. . In Schaaren zogen sie, den Spuren des Apostels Thomas folgend (Thomas-Christen), nach Syrien, Arabien, Persien, Indien, und endlich, bis nach China. Dort blieben sie, wie es scheint, vielfach unbclästigt, nahmen aber auch, von der Einheit der katholischen Kirche losgerissen, viele fremde, heidnische Bestandtheile (Feuer-Cultus) in ihr Christenthum auf. So lebten durch den harten Kampf um's Dasein einander genähert im Reiche der Mitte, wo die verdrängten Nestorianer das Ziel ihrer Wanderung fanden, die Bekenner Christi friedlich neben den Anhängern des Confncius (Knng- Tsze) und des Buddha (Fo) und erhielten sich dort auch sehr lange Zeit. Nachrichten von der Existenz der Thomas- Christen in China haben wir aus dem 8 . Jahrhundert;^) gegen Ende des 13. Jahrhunderts erwähnt Barhebräus einen christlichen Erzbischof in China (Osssmani, Libl. or. II, 255), De Sacy (Xoticws, XII, 277) beschreibt eine in China gefundene syrische Bibelhandschrift, und noch der große Venezianer Marco Polo fand in der Mongolei wie in China eine Menge Nestorianer, die das Syrische") sogar zur Bedeutuug einer Art von Gelehrtensprache in tartarischen Gegenden brachten. Das merkwürdigste Zeugniß aber von den weiten Wanderungen der Syrer und der Existenz christlicher Gemeinden in China ist die berühmte syro-chinesische Inschrift, die im Jahre 1625 bei dem Städtchen Hsi-An-Fn H in der Provinz Shan-Hst gefunden wurde. Dieser interessante Fund hat die ganze gelehrte Welt in Aufregung versetzt; wir finden kaum eine fachwissenschaftliche Zeitschrift, die diesem Gedenkstein und seiner Inschrift nicht ihre Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Bereits 11 Jahre nach der °) Vgl. Rohrbacher, Historie äs I'vgllss (Worts 1857) w. XXV, x. 69 u. ff. 8 Xövs, Mabllssomsnt st ckestruotion cks la Premiers ollrätientä sn 6kin«. I-onvain 1846. °) wen an, Histoirs gönörals st Systeme eomxarä ckss langn«!? sLmitiguss. (Worts 1663.) pag. 288. — Die mongolische Schrift hat (wie die chinesische) die Richtung von oben nach unten, sonst ist sie der syr. Estranghelo- schrift so ähnlich, daß Klaproth und Römusat an eine Entlehnung von den Nestorianern denken. y Vgl. Wla^kair, wir« eitles anck tovns ok Odin» (Hongkong 1879) M. 2620 ; 6160. — Wir schreiben nach hochchinesischer Aussprache (Peking-Dialekt): Hsi-An-Fu statt des gewöhnlichen: Si-Ngan-Fu, wie oben Pei-Tshing (Peking), K'ang-Hsi (Kang-Hi) usw. 118 Entdeckung spricht als einer der ersten über ihn der gelehrte Polyhistor des Jesuitenordens ?. Athanasius Kircher in seinem „l?roäromus ooptus sivo LLA^ptisaus" (1636) und ausführlicher in seiner „Odins, monumontis i 11 n 5 trs.ro." ') (Lmstsboäaini 1668), woselbst er eine von k. Boym gefertigte Uebersetzung der Inschrift gibt. Die Literatur b) über dies wichtige Denkmal ist seitdem zu einem ziemlichen Umfang angewachsen. Auch Abbildungen des Denkmals findet man in Jule's „Uarao kolo" (II, 22 ), sowie in Williamson's „ckonrno^s in HoLtd-Odins.", eine neuere Uebersetzung der Inschrift bei Huc (a. a. O. I, 52 — 68 ). Namhafte Orientalisten haben an der Entzifferung der Inschrift gearbeitet, aber auch die Aechtheit mit Leidenschaft bestritten oder verfochten. Seit P. Dabry v) schwieg endlich die Frage, da trat sie in ein neues Stadium durch die ostasiatische Reise des Grafen Adalbert Szßchenyi, eines Sohnes des großen ungarischen Patrioten Stephan Szbchenyi, der als Wohlthäter und Reformator des modernen Ungarn sein Denkmal auf dem Franz-Josephs-Platz (l'sreiuL-isürsak-tbi), dem imposantesten der herrlichen Landeshauptstadt Budapest, hat. Um, von schwerem Schicksalsschlag heimgesucht, nicht ganz in trübem Leide zu versinken, faßte Graf Böla Szöchcnyi den Entschluß, sich die Welt zu besehen. Im Jahre 1877 trat er seine ostasiatische Reise an, und heute nach zwanzig vollen Jahren erscheint in ungarischer Sprache der zweite Band seines großen Neisewerkes.") Ausgerüstet mit allen Mitteln, trotzend allen Schwierigkeiten ist der Graf ausgezogen und reichbeladen mit werthvollen Ergebnissen heimgekehrt. Hervorragende Männer der Wissenschaft haben die „oxolis. opiius." dieser Forschungsreise mit hingebendem Fleiße bearbeitet und durch ihre Beiträge ein auf der Höhe der Wissenschaft stehendes Werk zu stände gebracht, das dauernden Werth behalten wird und sowohl ihnen selbst als auch dem hoch- sinnigen Herausgeber zur höchsten Ehre gereicht. Die Aufgabe, für den zweiten Band die syro - chinesische Inschrift von Hst-An-Fn zu besprechen, fiel dem gelehrten Jesuitenpater, unserm bayerischen Landsmann I. Heller, damals Rector des Collegs in Preßburg (jetzt in Innsbruck), zu, der sich seines Auftrages auch glänzend entledigte. Graf Szßchenyi hat den berühmten Denkstein an Ort und Stelle gesehen und, nicht zufrieden mit den durch chinesische Bonzen den Reisenden gewöhnlich angebotenen Abklatschen, eigenhändig eine vollständige Sammlung der genauesten Abdrücke hergestellt. Geben wir das Wort einem Reisebegleiter des Grafen, dem damaligen Oberlieutenant Gustav Kreitner") (jetzt leider gestorben), ') Dies Werk enthält auch, was für Sanskritisten interessant ist, die ersten Devanägari-Typen in Europa. °) Zusammengestellt bei 6 oraler, Liblioillsoa sinios. (Laris 1878.) lll. I, xsK. 328—329 „kisrre cke Li-UAsn-l'ou". °) O ab r^, Os ostbolieisms en Obine an VIII. siede, sveo nne nonvelle trsckuviion cke l'insorixiion cke 8^-UAsn- t'ou. karis 1677. ") 82 ckeb ell^i Lölit ZrüI, Lolsiäesisi cktjänak tuckomäu^os ereckmsn^s 1877—80-bsn. Luckapost 1890—97 (Vol. I, II). Erst drei Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes im Original kam derselbe auch in deutscher Sprache heraus: „Die wissenschaftlichen Ergebnisse seiner Reise in Ostasien 1877—1880". Wien 1893. 2 ° 061,1V -j- 882 SS. mit 176 Abbild, u. 11 Tafeln, nebst Atlas von 32 geogr. u. geoloa. Karten. — Der zweite Band ist vorläufig nur ungarisch vorhanden, das ganze Werk ist auf drei Bände berechnet. ") Kreitner G ust., Im fernen Osten: Reisen des Grafen B 6 la Szöchemsi in Indien, Japan, China, Tibet, der uns erzählt: Im Januar 1879 erreicht Graf Szschenyi das Städtchen Hsi-An-Fu. Wir erkundigten uns bei dem Bonzen, ob wir nicht die nestorianische Gedenktafel besichtigen könnten. Er antwortete, die Tafel stehe ganz frei sichtbar in einem vor dem östlichen Thore der Stadt gelegenen, aber schon lang von den Muhamedanern verwüsteten Tempelgarten. Am folgenden Morgen erschien ein chinesischer Christ, um uns zum Denkmal zu führen. Etwa drei Lt (— 1,5 kw) von der Stadt entfernt kamen wir zu einem von einer Mauer umfaßten halb verfallenen Tempel. Der buddhistische Priester öffnete uns auf Verlangen die Pforte und führte uns gegen ein Trinkgeld zum Denkmal. Einen schon längst unbewachten Buddha-Tempel durchschreitend, gelangten wir zum bezeichneten Garten. Der Raum war öde und leer, zwischen tiefen Gräben Trümmer der einstigen Mauern und Grabniäler, deren hier früher an die Hunderte gewesen sein mochten. Nach längerem Suchen wies uns der Bonze das nestorianische Denkmal, das auf dem Trümmerfelde einen Ehrenplatz einnimmt und zwischen den wenigen noch anstecht stehenden Grabsteinen dem Beschauer durch seine Größe und durch den wohlerhaltenen Zustand imponirt. Der Führer erzählte, der Stein stehe seit 20 Jahren an demselben Platz. Graf Szöchenyi kaufte von unserm Begleiter einige Abklatsche des Denksteines, die man auch andern Reisenden anbietet, aber nur die Kreuzesfigur und den chinesischen Text der Vorderseite reproduziren. Der Graf aber wollte die Gelegenheit nicht unbenutzt lassen. Es war ihm vorzüglich um die syrischen Inschriften der Seitenflächen zu thun; mit der ihm eigenen Energie und unter Zuhilfenahme einiger schon längst vergessen geglaubter lithographischer Kenntnisse war er in kürzester Zeit im Besitze eines gelungenen, des bis jetzt besten, wissenschaftlich genauen Abklatsches des viel umstrittenen Denkmals. k. Heller hatte das Glück, vollständige und genaueste Abdrücke des Steindenkmales in die Hände zu bekommen, wie sie keinem andern Erklärer zur Verfügung standen. Dieser Vortheil berechtigte und ermuthigte ihn, das schon so viel besprochene, auch abgebildete und interpretirte Denkmal einer erneuten Untersuchung zu unterziehen, deren Ergebniß die Frage wohl zum endgiltigen Abschluß gebracht hat. Das Denkmal ruht auf einem Sockel, der die Form einer Schildkröte hat, ein sowohl bei Indern als auch bei Chinesen in der Kunst häufiges Motiv. Den Sockel abgerechnet, beträgt die Höhe des Denkmals 2,75 Meter, die Breite 95 und die Dicke 35 Centimeter. Das Material ist ein behauener Kalkstein-Monolith. Das vordere Feld, 2,35 Meter hoch, ist mit 1789 eingemeißelten chinesischen Schriftzeichen bedeckt; davon sind einige große späteren Ursprungs, dieselben verkünden die Anwesenheit eines chinesischen Würdenträgers, der sich damit auf dem Stein verewigen ließ, aber dadurch einige der ursprünglichen Zeichen austilgte. An den Seitenflächen befinden Birma 1877—80. Wien 1881. — Das Werk wird mit Recht geschätzt, doch S. 179 passirte ihm etwas menschliches: er hielt das englische Wort „olmir" (Sänfte) für chinesisch und schreibt isolier; „Sänfte" heißt chinesisch „isbiao"; die Deutschen in China gebrauchen in ihrem Kauderwälsch meist das englische Wort „olmir", daher die Verwechslung. (Vgl. Arendt. Nordchines. Umgangssprache. Berlin 1894. I, S. 17). — Im Atlas zum großen Reisewerk rühren die 17 geograph. Karten von Kreitner (Original-Aufnahmen) her, die 16 geologischen von Ludwig von Lüczy, der auch ein selbststäudiges Buch obinsi birockiüoin" (Budapest 1886) herausgab. 119 sich kurze Aufzeichnungen in syrischer Sprache, und zwar in Estraughcloschrift gezeichnet. Den Denkstein bekrönt eine interessante Sculptnr: über der Mitte der Aufschriftstafel ist ein Dreieck angebracht, von welchem, umgebe» von einem Kranz chinesischer Charaktere, das Zeichen der Erlösung hernnterleuchtet, das Kreuz, dessen Figur (9 ein lang und 6 ein breit) jedem, der auch nur eine Abbildung besteht, in der auffallenden Umgebung einen unvergeßlichen Eindruck machen muß und eine so geheinmiß- vollc Sprache von der Macht des Evangeliums aus dem stummen Steine redet. Des Kreuzes Enden sind lilien- förmig ausgezackt; zwei fabelhafte Thiergestalten halten darüber Wacht. Die gepanzerten Schlangenleiber über den eigenen Köpfen in einander schlingend, ruhen beide mit dem Rachen und einer Tatze auf dem Boden, während sie in den andern einander entgegengehaltenen Klauen eine von Flammen gekrönte Scheibe halten. Rechts und links davon reihen sich je drei mit den beschriebenen im gleichen Stil gehaltene Drachenfiguren an, die Rachen zu Boden gekehrt, die Schweife oben an diejenigen der beiden großen Figuren geschmiegt. Die Darstellung ist gewiß höchst merkwürdig, und dürfte in der ganzen Geschichte der Plastik wohl nichts Aehnliches aufzufinden sein. Jedenfalls ist das Werk nicht von chinesischer Künstlerhand, und das spricht zu Gunsten der Aechtheit. Vielleicht ist ma- layischer Knnsteinflnß anzunehmen. Die chinesische Inschrift gibt auch in ihren Wortzeichen syrische Eigennamen wieder, woraus man Schlüsse auf die chinesische Aussprache ziehen kann.'s) (Schluß folgt.) Zur Geschichte des Kreuzweges. (Fortsetzung.) ll. k. 8. Wie erklärt sich nun die Unsicherheit und Verwirrung jener Zeit? Ein Grund wurde bereits angegeben, es ist das Haus des Kaiphas, in dem Christus gerichtet und verurtheilt wurde, wie in dem des Pilatus. Einen besondern Anhaltspunkt gewährte dabei der hieher versetzte Stein, auf dem Christus gestanden, sowie die Geißelsänle, welche dort gezeigt wurde. In rnonts 8^on scwlasia 8a1vs,toris, yuns ollm tuit äonnis Laipllas. Ibi consuavit ostenäi xars oolunmas, aä czuam kuit uocius wans IiAatus at tiaZoliatus. bannt. III, 14, 8. Letzterer (1321) und Graf Solms (1496) sahen in der Grabkirche zwei solche Säulen, den Theil einer größeren und eine kleinere. Es sind also dem Anscheine nach zwei verschiedene anzunehmen: die eine aus dem Hause des Pilatus, die andere aus dem des Kaiphas. Nach der Zerstörung des erster» (Antonia) kam jene in die Sions- kirche, wo schon Hieronymus sie sah. Als die Mohammedaner vor der Ankunft der Kreuzfahrer dieselbe zerstörten, wurde auch die Geißelsäule zerschlagen. Ein Theil wurde von den Christen in die Grabkirche gerettet, wo sie bereits Säwulf (1103) fand, später Saundo, Zimber (1483), Graf Solms, Fürst Radzivil (1583), und wo sie sich noch befindet. Immer wird berichtet, daß sie aus dem Hause Pilati sei. Ein anderer Theil soll nach der Meinung des Saundo nach Konstantinopel, nach H. v. Zimmer nach Rom und Lyon gekommen sein. Die Der allbekannte Ehrentitel „Llar" (Herr) vor den Namen von Priestern oder Bischöfen ist interessanter Weise im chinesischen Text mit wiedergegeben, was wörtlich „erhabene Tugend" heißt und eigentlich die Wiedergabe des indischen Namens (— Hoch- würden) ist, den sich die buddhistischen Priester beilegten. zweite Säule wurde, wie früher erwähnt, in der Erlöser» kirche (Haus des Kaiphas) verehrt, wie schon der Pilger von Bordeaux (333) und AntoninuS (570) bezeugen,! und kam später theils in die Sionkirche (nach deren Wiederaufbau), theils in die Grabkirche und zuletzt nach Rom in die Kirche der hl. Praxedis. Die Erinnerung hastete aber an dem ursprünglichen Orte, und die angeführten Pilger Johannes v. W., Fratellus u. a. gaben dort nicht bloß den Platz der Geißelung und des nächtlichen Kerkers, sondern auch der Krönung und Verurtheilung durch Pilatus an. Uebrigens sind sie durchaus nicht vertrauenerweckende Berichterstatter, auch abgesehen von ihrer Verworrenheit. Johannes sah an vielen Orten Gemälde und Inschriften, welche auffallenderweise andere Zeitgenossen nicht erwähnen. Er verlegt den Ort des Abendmahls an die Nord-, PhokaS an die Südseite der Sionkirche; dieser setzt die Stelle, wo der hl. Geist herabkam, mitten gegen Osten, Epiphanias gegen Süden, während Arknlf, welcher um ein halbes Jahrtausend dem Geschehnisse näher war, sie genau in Nordost der Kirche seiner Zeit angibt. Durch die Gewaltthätigkeiten der Moslims, namentlich der fanatischen Aegypter und Seldschuken, war eben Alles ins Wanken gerathen, Manches ganz verrückt worden. Von großer Bedeutung war besonders der Umstand, daß der Platz der ehemaligen Burg Antonia wegen seiner einzigen Lage von den'Ungläubigen durchgängig zur Residenz erwählt wurde, wie denn noch bis vor Kurzem der Pascha in der Nähe wohnte und noch eine Kaserne dort ist. Schon dadurch wurden die Christen von dieser wichtigen Stätte verdrängt; noch mehr aber durch das Uebereinkommen, wonach ihnen von dem ägyptischen Chalifen Mnstanser Billah (1063) das Viertel um das hl. Grab zum alleinigen Wohnsitze angewiesen wurde. So mußten sich alle Heilgen Erinnerungen der Stadt auf einen engen Raum zusammendrängen und zum Theil ihren allen wahren Platz verlieren. Diesen Zustand fanden die Abendländer vor, als sie im Jahre 1099 das Land eroberten und die heiligen Stätten restaurirten. Die zwei Kirchen auf dem Sion waren zerstört, nur eine tiefe Höhle am Abhänge, des Berges geblieben, wo die Christen jetzt ihre PctcrsArche (statt der im Hause des Kaiphas) hatten und seine Buße dahin verlegten, daher Hahnschrei genannt oder Gallläa, weil der Herr dort sein Erscheinen in Galiläa verheißen haben soll. Nach der Eroberung wurde die große Marien- oder Abendmahlskirche am ehesten wieder aufgebaut, statt der früheren Peterskirche nur eine Kapelle errichten in deren Gegend mehrfach das Nichthaus des Pilatus »vermuthet wurde (ostsuciitur). Weil sie nahe der Sionyrche war, gerieth vereinzelt die Vermuthung in diese selbst hinein. Bei solchen Restaurationen waren Mißgriffe unvermeidlich, außer der Stadt, wie in Gcthsemane und Jutta, dem Schauplatze von Maria Heimsuchung, der erst seit jener Zeit und gerade von den genannten Beschreiben! vorzugsweise, doch dann allgemein nach Ain Karin verlegt wurde. Durfte ja kein Christ in Hebron, wo die Gräber der Patriarchen sind, und in der Umgegend wohnen. Die Christen aber wollten die Schauplätze der evangelischen Geschichte sehen und ehren. Es sind gewiß mehr als 40 Kreuzwege, welche in Deutschland allein dem Jerusalemer genau nach den Entfernungen nachgebildet wurden. Es kam vor, daß der eine oder andere Pilger, z. B. M. Kötzel von Nürnberg, der das Maß verloren, eigens nochmal hinreiste, um eS sich zu holen. Diese Wanderung der Tradition ist eine Wiederholung jener, welche zu Anfang der christlichen Zeit stattgehabt. 120 Im alten Testamente ist Sion und Tempelberg anf dem Osthügcl, wo der Herr wohnt und angebetet wird (Ps. 2,6; 9, 12; 73, 2; 86, 2 usw.), immer Eins, nur zuweilen wurde der Name auf die ganze Stadt angewendet, aber nie auf den Westhügel allein. Allmählig kam der Name außer Gebrauch, Fl. Josephus, welcher in seinen Alterthümern und dem Jüdischen Kriege die ausführlichste Quelle ist, gebraucht ihn gar nicht mehr. Nach der Zerstörung des Tempels griffen Juden und Christen wieder darauf zurück. Die Juden, weil sie einen Ersatz wünschten für den verlorenen Tempelbcrg. Lange durften sie in Jerusalem nicht wohnen und erst allgemach siedelten sie sich unvermerkt auf dem südlichen Theile des Wcsthügels au, der seit der Zerstörung außerhalb der Stadtmauer liegt, und klammerten sich an die Gräber Davids und Salomons, welche von da an dort als auf dem Sion gesucht wurden. Die Muhammedaner traten in das Erbe ein und betrachten das Grab Davids (Nebi Daud) als eines ihrer größten Heiligthümer. Die Christen erkannten in der Zerstörung die Erfüllung der Weissagung Christi und eine gerechte Strafe dafür, daß die Juden das Heil von sich gestoßen. Deßwegen ließen sie den Tempel in seinen Ruinen und erwählten gleichfalls den Westhügel zu ihrer Verehrung und Wohnung. Die Anserwählung war von den Juden anf die Christen übergegangen, das Heiligthum von dem alten Sion auf den neuen. Sowohl der Apostel Petrus (I., 2, 6) als der hl. Paulus (Nöm. 9, 33) erinnerten an die Weissagung des Propheten Jesaias (28, 16) „Siehe, ich setze in Sion einen Eckstein, einen auserlesenen, kostbaren; wer an ihn glaubt, wird nicht zu Schanden werden." Christus ist der Stein» den die Bauleute verworfen haben, der aber dann zum Eckstein geworden ist. (Matth. 21,42; Apostelgesch. 4, 11). In der Sionkirchc wurde demnach ein Stein gezeigt, den die Bauleute verworfen haben (Antoninus v. P.) Statt der vielen altteftamentlichen Opfer auf dem Osthügcl hat er Eines vollbracht, aber das höchste, auf Golgatha im Westen und zur Vervielfältigung und Aneignung der Früchte desselben hat er das immerwährende Opfer eingesetzt auf der Höhe des Westhügels. „Ihr seid hingetreten zum Berge Sion, zum himmlischen Jerusalem, zu des Neuen Testamentes Mittler Jesus" (Hebr. 12, 22). Zudem kam ebendort der hl. Geist auf die Apostel herab zur Fortsetzung des Werkes Christi. Für den Christen ist demnach der Westhügel mit vollstem Rechte der Sion und dieser Name soll ihm bleiben in Ewigkeit (Ps. 71, 19; Dan. 2, 44). Wie schon erwähnt hielt man nur kurze Zeit dafür, daß der Anfang des Leidensweges, das Nichthaus des Pilatus, aus dem Sion gewesen sei. Doch war diese Meinung auch damals nicht allgemein. Die Ossta. I'ransorum Hisrosol^iuaw sxpugnantiuin 6ap. 25 (ca. 1108) versichern: Rase intra nrdsva g, ticisliinm vsnsrantur: bluZsIIatio ckssu Oüristi at^us eoro- nntio st äsrisio st cstsra, guas pro nodis psrtnlit. Lsä non tasils usti tusrnnt nuno soAnosoi xossmit, eum eivitas ipsa totalitär postsa ässtruota athns äsleta 8it. Der Ausdruck intra urdsin schließt das Haus des Kaiphas aus, weil es außerhalb der Stadt lag. Wo intim nrbem tiagsllatio atgus sorouatio, demnach der Anfang war, besagt die ununterbrochene Ueberlieferung von den ältesten Zeiten bis heutzutage, welche zudem in der hl. Schrift und der Geschichte begründet ist. Die Hanptburg in Jerusalem war die Antonio an der Nordwestseite des Tempelplatzes, welche Herodes d. Gr. erbaut und zu Ehren seines Gönners Antonins benannt hatte. „Sie war auf einen Felsen erbaut, 50 Ellen hoch. Inwendig hatte sie den Umfang und die Pracht eines Königspalastes und zählte verschiedene Abtheilungen zu allerlei Zwecken: Wohnungen, Gallerien, Vorplätze, Bäder und geräumige Höfe, welche zur Unterbringung der Soldaten sich eigneten, so daß sie alle Bedürfnisse in sich schloß, einer Stadt, an Stil und Pracht aber einem Königsschlosse gleich. Wo sie mit den Tempelhallen in Verbindung stand, liefen links und rechts Treppen hinab, auf denen die Wachen herabfliegen. Denn regelmäßig lag darin eine starke römische Besatzung, um an den Festzcitcn das Volk im Auge zu behalten, daß es keinen Aufruhr gab." Joseph. Jüdischer Kr. V. Das war also der Platz, wie ihn die Römer für ihre Zwecke sich nicht günstiger wünschen konnten. Für sie war vor Allem der militärische Gesichtspunkt, die Beherrschung des Tempels, namentlich bei einem großen Zusammenströmen des Volkes zur Osterzeit, maßgebend. Nebenbei boten die weitläufigen Räumlichkeiten rückwärts alle Annehmlichkeiten einer prächtigen Wohnung. Selbst nachdem die Herrlichkeit zerstört war, erkannten die nachmaligen nurhammedanischen Herrscher die Vorzüge und wohnten dort. Es wäre unbegreiflich, wenn der kluge Pilatus in jener aufrührerischen Zeit, wo Barabbas kaum erst abgeurtheilt war, dort nicht gewohnt hätte gerade zur Osterzeit. Der Ort, wo Christus gerichtet wurde, wird vom hl. Johannes (19, 13) lütliostrotus und zwar Gabbatha d. i. Hochpflaster genannt. Ein Pflaster von großen viereckigen Platten wurde denn auch bei dem Ban des Klosters der Stonsschwestern, anstoßend an die ehemalige Burg, gefunden, ist jedoch kein Hochpflaster, sondern scheint als Hof gedient zu haben, wo das Volk vor dem Palaste sich versammelte. Dagegen findet sich im Hofe der jetzigen Kaserne, welche unzweifelhaft zur Antonia gehörte, ein solches altes, wirklich hochgelegenes Pflaster. Dort konnte Pilatus öffentlich Gericht halten und das ini Hofe unten versammelte Volk Alles sehen und hören?) Zur Lage stimmt auch der Lass fioino- Bogcu, das Stück einer Gallerie, von der aus Christus dem Volke vorgeführt wurde. Matthäus (27, 27) und Markus (15, 16) berichten übereinstimmend, daß nach der Geißelung, welche Pilatus selbst durch seine Soldaten hatte vollziehen lassen, die ganze Cohorte zur Dornen« krönung sich versammelte. In Jerusalem war aber vor dem jüdischen Kriege nur 1 Cohorte sammt 1 Fähnlein Reiter, und lag in der Antonia. Daß überhaupt eine geordnete Hcerschaar, bei Josephus nur eine Cohorte bedeute, erhellt daraus, daß der Höchstcoinmandirende ein Chiliarch, Befehlshaber über tausend, war. Unwider- leglich folgt daraus, daß Pilatus bei der Cohorte in der Antonia war. (Forts, folgt.) Christliche Kirnstintercssen. Kirchenrestaurirungen in Bayern. I. I'. b'. Als die nach außen vom Zahne der Zeit und im Innern nicht weniger durch den wechselnden Gc» °) Bei der Herodesburg in der Nähe der Citadelle wurde schon viel gegraben, jedoch kein solches Pflaster gefunden, wird auch in der Tradüion auf Sion nirgends erwähnt, sondern nur die darnach benannte Kirche. 121 schmack mitgenommene Frauenkirche kn Nürnberg von dem frühern Director des Germanischen Museums, Dr. Aug. Essenwein, so gründlich restaurirt wurde, daß man mit dein aufgewendeten Gelde ganz gut eine geräumigere Kirche hätte neu aufführen können, da war es doch ein Glück für das architektonische Schatzkästlein auf dem grünen Markte, daß es nicht gar viel an der plastischen wie malerischen Dekoration zu erneuern resp. zu ergänzen gab. Die Innenwände mit neuen alten Mustern und Teppichen von oben bis unten, wie beabsichtigt, zu bemalen, verhinderten die alten von Pros. Eberlein in Nürnberg entdeckten und dann auf Anordnung der Regierung aufgefrischten naiv aumuthigcn Wandbilder, die meist aus der Zeit der Erbauung der Kirche (1355 bis 1361) stammen. Diese wurden vom Director Essenwein in ihren Lücken ergänzt und vom Dekorationsmaler I. Looseu neu übermalt. Die großen Gruppen der scharf stilistisch bewegten Gestalten auf den zwei Streifcnbildern aus der Legende der hl. Ursula über dem Marienaltare, in den der Zeit eigenthümlichen feinen, gebrochenen Farben, machen vor andern einen feierlichen Eindruck. Die Scenen aus der Legende und dem Martyrium der Heiligen unter den Fenstern zeigen Gestalten von der Lieblichkeit und Anmuth derer aus der Kölner Schule. Auch Einzelfiguren, farbige Wcihckrenze nebst Todtenschilden sind über die Wände vertheilt. Den an der Nordwand des Chores befindlichen zwei größer» hl. Franengestalten von strengem Stil und schöner Zeichnung gegenüber macht der kolossale, von einer Mauer- lücke mitten entzwei geschnittene, neue St. Christoph mit seiner nicht gerade idealen Figur und seiner flachmaler- ifchen dekorativen Technik einen etwas kölnischen Eindruck. Von all den Wandmalereien im Innern der Kirche sind aber glücklicherweise die zwei etwas spätern, prachtvoll componirten und vollendet gezeichneten Gruppen an der Wcstwand unterhalb der Orgelempore — (nunmehr durch je einen Leinwandüberzug und Beichtstuhl verdeckt!) — von der Hand des Dekorationsmalers oder „Nestaurators" verschont geblieben. Von ihnen ist besonders die nördliche, die Madonna mit dem Kinde von Heiligen umgeben darstellend, noch gut und mit scharfen Contouren erhalten. Diese Perlen spütgothischcr Malerei von imponirender Gesammthaltnng und feinster Linienführung harren noch immer der verständnißvollen Renovation durch die sichere Hand eines durchgebildeten Künstlers. Die Säulen wurden mit den neuen, von Essenwein gezeichneten, spätgoihischcn Figuren der Apostel nnd der vier großen Kirchenvüter mit Spruchbändern durch Loosen bemalt. Den Fußboden ließ Ersterer in Mosaik mit denselben romanisch gehaltenen Darstellungen der vier Elemente, der Lebensalter (im Chöre: des fruchtbaren nnd unfruchtbaren Baumes und der Paradiesesströme) belegen, die er an der Decke des von ihn: rcstaurirten romanischen Domes zu Vrannschwcig hatte anbringen lassen. Wie der Fußboden nach der Auffassung der Alten als ein Sinnbild der Erde, so sollte das Deckengemälde als Sinnbild des Himmels erscheinen. Darum ließ Essenwein den obern Rand der Pfeilerkapitäle mit 48 neuen vergoldeten Engeln, mit Musikinstrumenten in den Händen, besetzen. Früher waren solche jedenfalls nicht vorhanden. Die neun Schlußsteine des dreithciligen gleichhühcn Hallcnschiffes mit Darstellungen des Marien- cnltes nnd eines Christnskopfcs erhielten ihre alte Be- malnng. Der neue, unter den Fenstern des Chores umlaufende Teppich ist mit den symbolischen Bildern der lauretanischen Litanei bedeckt. Wie die imponirenden, ächt statuarischen ältern Standbilder des Chores (Kaiser Karl IV. nebst Gemahlin Maria und die heiligen drei Könige), dann die über dem Gesimse mit ihren Leuchter» knieendcn lieblichen Engel, so wurden auch die wie jene Engel meist der Spätzeit des XV. Jahrhunderts angehörenden Scnlptnren des Schiffes — außer dem wundervollen Pergeusdörfer'schen Grabdenkmal von gedunkeltein grangelbem Stein an der Nordwand, das im starken Hochrelief unter einem reich durchbrochenen Spitzgiebel eine herrliche jungfräuliche Madonna mit einem kindlich lebhaften Jesuskinde zeigt, die von zwei Engeln gekrönt wird, während zwei andere ihren Mantel über die Schutz suchende Christenheit ausbreiten, ein Werk Adam Kraffts vom Jahre 1499 — sowie auch der ungewöhnlich reiche Bildschmuck des Innern der Vorhalle neu polychromst, sowie die Bilder der personificirten Tugenden Mariens und darüber der klugen und thörichten Jungfrauen an den Seltenwänden der Halle frisch aufgemalt. Am kräftigsten und verhältnißmäßig am brillantesten erscheint gerade die Polychromirnng dieser Vorhalle, des Paradieses, das bis dahin wie in schwarzer Nacht der Vergangenheit begraben lag und nun, gleichsam aus den dunkeln Schatten des Todes erstanden, den Eintretenden wieder mit dem seinen erhabenen Raum erhellenden neuen Gold- und Farbenglanze stimmungsvoll anmuthet. Diese concentrirte und erhebende malerische Wirkung, welche von den polychromsten Statuetten nnd Reliefbildern im Tym- panon der innern Eingangsthüre und den neuen, voin Schlußstein ausgehenden und zu den Gewölbekappen sich hinziehenden, theils figürlich symbolischen, theils ornamentalen Malereien ausgeht, wird vorherrschend erzielt durch den kräftigen Zusammenklang der drei dominirenden Farbcutöne. Es sind die Grundfarben Roth, Gold (Gelb) und Blau, welche nach dem Gesetze der Farben- vertheilung zum Ganzen sich genau ausgleichen lind nur durch wenig Grün in den Hohlkehlen, Fialenblenden, Sockclgründen und an den innern Flächen der Drapir- ungen abgelöst werden, unten jedoch in ein sattes Noth- braun der Wandsockel und oben am Gewölbe in eir nuancirtes Blau als Untergrund der symbolischen Ring- nnd Strnhlenkreise, der Cherubim, Seraphim unk Throne, übergehen. Für einen solchen spärlich beleuchteten Raum, wie unsere Vorhalle, ist eine so kräftige Polychromirnng in Glanzgold nnd den ungebrochenen Grundfarben, schon zur Erzielnug einer möglichst deutlichen Anschauung des Bildschmnckes, gewiß berechtigt, ja geboten. Für ein lichchellcs und zugleich so beschränktes Interieur würde die konsequente Bemalnng in den vollsaftigcn, ungemischten Farbentönen, wie sie mit dem Pinsel aus dein Farbcntopfe genommen werden, einem modernen Auge doch zu — beleidigend erscheinen; außer wenn sie in nicht zu langer Zeit durch Staub und Rauch zu dunkeln („pa- tiniren") Aussicht böte. Die drei Fenster des östlichen Chorabschlusses wurden von Essenwein in ihrem bildlichen Inhalte nach den wenigen noch vorhandenen Scheiben rcconstruirt (Pfingst- fest, Himmelfahrt Mariens, Hierarchie der Kirche rc.) — und nebst den andern von Glasmaler Klans in Nürn- berg ausgeführt. Sie bilden ein einheitliches Ganze in Zeichnung und Farbe nnd legen vor allem ein glänzendes Zeugniß ab von der gründlich ausgebildeten archäolog» 122 ischcn Kunst dcs Ersieren. Könnte sie doch selbst der Kenner nach Stil und Technik — bis anf die ja nicht ganz zn erreichende Tiefe der Leuchtkraft — fast für „echte" halten! Weniger einheitlich wirken die sehr verdunkelnden Fenster im Schiffe, in welchen die mit vielem Silberweiß durchsetzten weichfarbigcn alten Wappenbilder ergänzt wurden durch nicht ganz passende, in der Jnnsbruckcr Glasmalerei nach den Entwürfen des ch Pros. I. Klein in Wien hergestellte Krcnzwegstattonen, die mit ihren kribbeligen, schattenschmntzigen Bekrönungen, den schweren Tcppichanhängscln und den obern dnnkelgründigen rothen und blauen Scheiben es zu keiner rechten Harmonie kommen lassen. Sie machen auch die Kirche, die an sich schon durch die sie im Süden und Osten im geringen Abstände umgebenden Häuser verdunkelt wird, noch dunkler, so daß das Innere im Winter wie in Nacht gehüllt wird. Schon in spätgothischer Zeit hat man bei der Liebe, durch reichste Fenstcrbemalimg ein möglichst abgeschlossenes, stimmungsvolles Interieur zu schaffen, dadurch wieder das Innere nehr zu erhellen und ein klarer beleuchtendes Licht zu gewinnen gesucht, daß man die obere Hälfte der hohen Fenster mehr mit lichtem, durchsichtigerm weiß- und goldfarbigem Maß- und Rankenwcrk ausfüllte und sonst auch mehr das hellende Silberweiß verwendete. Damit die Beter in der Frauenkirche im Winter lesen können in ihren Gebetbüchern, wird nichts anderes übrig bleiben, als etwa die unterste und dritte Reihe der verdunkelnden Glastafeln zu entfernen und die andern herunterzurücken. Im Ganzen verfehlt aber die brillante Farben- harmonie der Glasgemälde des Chores im Verein mit der Leuchtkraft der alten Tafeln im Schiff, sowie die warme, von dem gebrochenen Lichte der farbcnsatten Fenstergläser mystisch gedämpfte Stimmung des ganzen, so reich dekorirtcn Interieurs nicht ihre unmittelbare, feierlich ansprechende Wirkung. Der durchgehende (durch Umbra und Ocker hergestellte) feine rehbraune Ton, der an der Decke um eine leichte Abstufung Heller erscheint und an den Säulen in ein zartes, ansprechendes Ockergelb übergeht, mag vielleicht Manchen im ersten Augenblicke eigenartig berühren, wird jedoch bald, durch die ihn belebenden Elemente, nämlich die dekorativen und bildlichen Malereien an den Wänden, Säulen und Profilen, harmonisch aufgelöst, immer angenehmer berühren und zu jener feierlichen Wirkung nicht unwesentlich beitragen. In die Detaklbetrachtung des Figürlichen, so der nicht stehen und gehen könnenden Apostel an den Säulen, darf man sich freilich nicht einlassen, um nicht sogleich an die Mache, die stets gcist- und seelenlose bloße Imitation, erinnert und — verstimmt zu werden. Die von dem Kölner Maler Kleinertz gefertigten innern Flügelbilder dcs Hochaltars — die auf der Rückseite sind ohne künstlerischen Werth! — zeigen dagegen, daß ein durchgebildeter Meister der Technik von naiv-gläubigem Gemüthe allenfalls im Stande ist, sich die Kunstsprache einer geschichtlich abgeschlossenen Periode anzueignen und in ihr annehmbare Bilder in besserer alter Form zu schaffen. In besserer alter Form. sagen wir, d. h. in Anlehnung an die bedeutenden' Künstler der Vergangenheit, an die wirklichen Altmeister, nicht an ihre Gesellen und Knechte, die ebenfalls nur in deren Hand Werks zeuge sich zu bewegen verstanden. Das allermeiste, was uns von der Kunst des Mittelalters erhalten blieb, dürfte aber gerade von der Hand der bloßen Gesellen der alten Kunstwerlstätterr herrühren. Leider sind nun gerade auch unsere Architekten vielfach schon zufrieden, wenn die für sie arbeitenden bildenden Künstler nur das rein Aenßere, die den alten Stil rein äußerlich charakterisirende ungefähre Haltung, Bewegung oder Linie in ihren Gebilden zu treffen wissen, wenn es diesen auch an der von innen heraus belebenden und bewegenden Kraft und damit an aller ergreifenden und überzeugenden Wirkung fehlt. So wollte auch Essenwein die Herstellung des neu zu ersetzenden plastischen Schmuckes an Figuren und Ornamenten lieber in einer improvisirten eigenen Bauhütte durch gewöhnliche Handwerker und Techniker anf dem Wege einer tastenden Imitation alter ruinöser Stücke, als durch die frei modelltrende Hand geschulter Bildhauer besorgen lassen. Die Folge davon konnte aber nur diese sein, daß nicht nur die Wasserspeier, Krabben, Kreuzblumen, Friese und andere ornamentale Stücke der Architektur, sondern auch das noch mehr in die Augen springende felbst- ständtge Figurenwerk bezüglich der Zeichnung, resp. Empfindung weit hinter dem Alten zurücksteht. — So sieht die unten am Nordwesteck der an herrlichem plastischem Bilderschmucke so reichen Hauptfa^ade stehende große Madonna aus wie eine zu einer unmöglichen „gothischen" Stellung gezwungene Puppe, der man aus einer modernen Garderobe einen altzugeschnittencn Ueberwnrf umgethan hat. Der unter der Draperie befindliche Körper ist kein von Leben und Schönheit putschender Organismus, sondern ein zu einer „Figur" zugehauener Steinklotz, und aus dem todten Antlitze schaut kein empfindender Geist. Nun hatte aber gerade in der Zeit des XIII. und XIV. Jahrhunderts die deutsche Bildnerei eine in diesem Umfange nicht mehr dagewesene Höhe sozusagen klassischer Ausbildung erreicht. In Nürnberg nehmen neben andern auch die Bildwerke der Frauenkirche von Schonhöfer bereits eine hohe Stufe der Knnstentwtcklnng ein und verbinden bet der zeitgemäßen Weichheit der Formenbildnng im Allgemeinen zugleich mit einer gewissen Großheit eine sehr liebenswürdige Anmuth der natürlichen Erscheinung; dabei behaupten jedoch gegen alle übrigen Erfahrung e n gerade hier die ganzen Figuren und ihre naturgemäße Bewegung einen entschiedenen Vorrang vor der mehr in allgemeinen Zügen gehaltenen Ausbildung der Köpfe. Man kann sagen, daß in der deutschen Bildnerei ein eigentlicher, zugleich volksthümlicher Bildnerstil, gleich weit entfernt von dem früher überwiegenden Einfluß der Baukunst, sowie dem spätern der Malerei, nie auf dieser reinen ungetrübten Höhe stand (couk. die Figuren am Schönen Brunnen!), „und unsre Bildhauer könnten hier ebensogut in die Schule gehen, wie bei den uns immer fremd bleibenden Griechen und Römern".*) Der Unterschied zwischen der schwerfälligen Mache des neuen und dem mit elegantem und leichtem Meißel gearbeiteten alten Figurenwerk dürfte auch dem ganz un- geschulten Auge auffallen. Recensionen nnd Notizen. Koch-Breuberg Friedr.: Siegfried der Träumer. Roman aus den letzten Jahrzehnten. Innsbruck, Waaner'sche Universitäts-Buchhandlung, 1897. gr.- 8° (303 S.) * Ueber diesen s. Z. bereits angezeigten Roman findet sich im „Oesterreich. Literaturblatt der Leo-Gesellschaft folgende Recension: „Der hohe sittliche und religiöse Ge- *) „Nürnbergs Kunstleben" .. R. v. Rettberg. S. 33. 123 halt des vorliegenden Romanes, verbunden mit einem reinen Idealismus, erheben ihn hoch über das Niveau des Mittelmäßigen. Was oft an natürlicher, lebenswahrer Ausführung einzelner Handlungen und in Schilderung mancher Charaktere fehlt, ersetzt Verfasser durch das Streben, den Werth der kathol. Religion als moralischen Halt für den Einzelnen lowohl. als auch in volkswirth- fchaftlicher Beziehung znm Bewußtsein zu bringen. In trefflichen Worten weist er nach, daß man auf die Verrohung der Massen nur einwirken könne, wenn man ihnen den Glauben an Gott gibt und ideelle Güter in il>re Seele legt. Der Verfasser hat seinem Werke die Form eines Romanes wohl deßhalb gegeben, auf daß es einen weiteren Leserkreis gewinne und der flute Same in viele Herzen gelegt werde; und schon aus diesem Grunde, spräche auch sonst nicht der ganze eigenartige und interessante Bau des Romanes dafür, ist dein Buche ein großer Erfolg zu wünschen." Hug, Die christliche Familie ,m Kampfe gegen feindliche Mächte. Vortrage über christliche Ehe und Erziehung. Dritte, vermehrte Auflage. 424 Seiten mit Stahlstich. Freiburg (Schweiz), Uni- versitäts-Äuchhandlung (B. Veith). Preis gebund. M. 3,20; in feinem Geschenksband M. 4,—. Daß ein ernstes Buch, welches die Gelüste und Leidenschaften der menschlichen Natur energisch bekämpft, innerhalb Jahresfrist in dritter Auflage erscheinen kann, ist wohl die beste Empfehlung für das Werk, und könnten wir iiiis mit diesem kurzen Hinweis begnügen. Da das Werk jedoch eine ebenso zeitgemäße und wichtige wie schwierig zu behandelnde Aufgabe mit großem Tact und eben solchem Freimut!) löst. und zwar in solcher Form und Sprache, daß der Hochgebildete das Buch mit großem Interesse liest, und der Mann aus dem Volke jeden Satz versteht, beiden aber beim Lesen wann wird und der Wille bewegt wird, möchten wir, wenn auch nur kurz, auf den reichen Inhalt naher eingehen! In 42 Vortrügen behandelt der Hochw. Verfasser ziemlich alle Fragen, welche ha _ . . .. . . _ „ . christliche Eheleute für sich und ihre Kinder zu wissen nothwendig haben. Ausgehend von der Mutter- und Vaterwürde wird zunächst der Weg zu einer glücklichen Ehe gezeigt, der sacramentale Charakter der Ehe dar- gethan und den Brautleuten vor Augen gehalten, wie sie die Ehe einzugehen haben; es folgen 10 Kapitel über die Erziehung, drei weitere über die Lectüre; Beruf und Standeswahl sind drei Vortrüge gewidmet: es werden noch einzelne specielle Pflichten gegen Gott und den Neben- menschen behandelt, um in zwei begeisterten, tief ergreifenden Vortragen über «Christliche Familie und Arbeiter" auszuklingen. Eine Lösung der socialen Frage in knappster Form, wenn nur die Lehren befolgt würden. Daneben werden in den einzelnen Vortrügen eine große Anzahl anderer wichtiger Punkte berührt und Fehler bekämpft, z. B. die Sucht nach neuen Andachten und Bruderschaften, die Ueberhandnahme von Vereinen, auch frommer und an und für sich lobens- werther, die wachsende Oberflächlichkeit usw. Ein wahres Volksbuch, dem wir den Eingang in alle katholischen Familien wünschen möchten: für den Hochw. Scelforg-Klerus eine reiche Quelle von Anregung und Stoff für Predigt und Katechese. — Ein treffliches Fest- und Brautgeschenk. L. 8. Das neue Universitätsgebäude zu Würzburg. dessen Baugeschichte und Einweihungsfeier, im Namen des Akademischen Senates veröffentlicht vom Rectorate der Universität Würzburg. Mit 1 Titelbild. 7Ab- bildnnflcn und Grundplänen. Würzburg, Druck der Königlichen Universitäts-Druckerei von H. Stürtz 1897. Preis 3 M. Die Festschrift zerfällt in 5 Theile. Der Baugeschichte der neuen Universität (1 — 23) folgt die Beschreibung der Eiuweihungsfeier (24—78): Abschied von der alten Universität, Einzug in die neue, Rede des Rectors Lenke, der einen interessanten historischen Ueberblick über die Entwickelung der Unterrichtslocale an den Universitäten gab. Rede des Cnltusministcrs. Bcglückwünschungen durch Abgesandte der Universitäten Erlangen und München, durch den Bürgermeister von Würzburg. Verkündigung der Ehrenpromotionen. Die ideenreiche Rede des neuen Rectors Schell. Daran reiht sich die Schilderung des Festmahls (79—99), des Festcommerses (100—119), beide mit einem überreichen Menü von Reden ausgestattet. Den Schluß bildet die Beschreibung (120—126) des neuen Universitätsgebäudes. Beigegeben sind in ivohlgelungener Ausführung als Titelblatt der Mittelbau der neuen Universität, im Texte eine Hofansicht des alten Universitäts« gebäudes mit dem Thurm der Neubaukirche, eine Totalansicht der neuen Universität, die Aula, Vorhalle und Vestibül, das Stiegenhans m der neuen Universität. Dazu kommen 4 Grundpläne. Die Redaction der Festschrift wird Herrn Pros. Dr. Henn e r verdankt. Das Ganze, vornehm ausgestattet, wird nicht bloß den Theilnehmern an der Festferer eine angenehme Erinnerung, sondern auch allen früheren Angehörigen der Würzburger Universität eine in vielfacher Hinsicht interessante Lectüre sein. Dr. F. Hoffmann, Die Verehrung und Anbetnng des allerheiligsten Sacramentes des Alk tars. Kempten 1997. Ll. L. Das Werkchen bietet für die Verehrung des höchsten Gutes der Kirche, des allerh. Sacramentes, eine Stütze durch die Darstellung ihrer Geschichte. Die Grundlage ist gegeben in der Erörterung der dogmatischen Lehre der Kirche, und so stellt der Verfasser zuerst die Frage: war eine Anbetung des Sakramentes nach dem Glauben der Kirche allezeit möglich, auch in den ersten Tagen des Christenthums? Er zeigt, daß diese Frage mit Ja! beantwortet werden müsse, und beivcist im Anschlüsse hieran, daß man auch die Konsequenzen aus der Lehre gezogen habe. Auf dieser sicheren Grundlage läßt der Verfasser die Entwickelung der einzelnen Formen des cncharistischen Cultus vor unsern Augen sich vollziehen, indem er die wichtigsten Zeugnisse der Schriftsteller und der Liturgien des Abend- und Morgenlandes erörtert. So erhalten wir ein lichtvolles Bild von dem Stand der eucharistischen Verehrung zu allen Zeiten in der Kirche und erkennen in dem Culte unserer Tage nur die volle Ausbildung des Früheren. Besondern Werth verleiht dem Buche, daß der wissenschaftliche Gegenstand in ansprechender, populärer Darstellung behandelt ist. Wir schließen uns der Empfehlung im Amtsblatts für München - Freisiug (1897 S. 164) an; dasselbe sagt: „Das Büchlein kann nicht bloß Studirenden der Theologie, sondern allen Gebildeten, die sich für religiöse Dinge interessiren, bestens einpfählen werden." Antiochus. Drama in 3 Akten von Hans Eschelbach. Kempten. Kösel, 1897. 8°. 196 S. Der Verfasser ist kein Ankömmling in der zeitgenössischen schönen Literatur. Dramatische Dichtungen, eine Sammlung eigener Poesien, Natur und Literaturbilder und Aehnliches liegt bereits vor, womit der Kölner Dichter allenthalben bei der Kritik zur Anerkenuung gelangt ist. Sein „Antiochns", auf einer dichterisch freien Behandlung des Makkabäerkampfes beruhend, verräth ersichtlich ein starkes Talent und tüchtiges Bühnenverständ niß, mag man auch hie und da noch auf einen gewissen Ueberschwaug der Diktion — die Metrik ist sehr gewandt gehandhabt — und eine Vorliebe für krasse Effekte stoßen. Bei einer mehr energischen Zusammenfassung der dramatischen Fäden und rhetorischen Zwiegespräche könnte das Stück an scenischer Wirksamkeit nur gewinnen. Die Sprache hat Mark und Schwung. Bühnentechnische Schwierigkeiten stellen sich nirgends ein. Daß es nicht recht zu einer Entwicklung der Charaktere kommt und die nothwendige Klimax in der Struktur der Gesammthand- luug etrvas unklar durchscheint, das liegt an dem ins Epische spielenden Stosse selbst. Bühnenfähig ist das Drama und eine kraftvolle Dichtung. — 2 . Antonius von Padua. Jllnstr. Zeitschrift für alle Verehrer des Heiligen, herausgegeben von Franziskaner-Patres der Provinz „Antonius von Padua". (Verlag der Jos. Hochueder'schen Buchhandlung sH. Wcitlj, Landshnt, Bauern.) 12 Monatshefte 1 M. 20 Pfg.; dircct durch die Post 1 M. 70 Psg. Diese Zeitschrift, deren vollständiger in. Jahrgang (1896) uns vorliegt, ist die erste, welche zur Verehrung dieses Heiligen ergchieneu ist. Dieselbe bringt in monatlichen Heften von je 32 Seiten gediegene, praktische Abhandlungen. Erzählungen und Gedichte für Geist und Herz. Für jeden Monat ist eine eigene Gebctsmeinnng angegeben, in einer besonderen Rubrik lassen die zahlreichen Verehrer dieses Heiligen ihre Danksagungen für die durch den hl. Antonins erhaltenen Gebetserhürungen veröffentlichen. Die Ausstattung ist schön und der Preis für den ganzen Jahrgang ein sehr mäßiger. Möge diese segensreiche Monatschrift bei Beginn des 4. Jahrganges allerorts Eingang finden!_ Die Stndienordnnng der Gesellschaft Jesu. Mit einer Einleitung von Bernhard Duhr 8. .7. gr. 8°. (VIII u. 280 S.) M. 3; geb. in Halb- franz M. 4,80. — Freiburg i. Breisg.; Herder'sche Verlagshandlung 1896. Gegenstand dieser Schrift ist die für die Geschichte des Unterrichts so wichtige Ratio stnctiornm der Jesuiten, welche zwei Jahrhunderte an den Gymnasien, Seminarien und Universitäten der katholischen Welt in Uebung und Geltung war und für manche das Gebiet des höhcrn Unterrichts betreffende Fragen auch heute noch den Weg zur Lösung zeigt oder diese selbst gibt. Der erste oder einleitende Theil handelt von deren Geschichte und Quellen und weiterhin von den in ihr zum Ausdruck gebrachten pädagogis chen und didaktischen Grundsä Heu, wobei mancherlei betreffs derselben verbreitete Irrthümer und herrschende Vorurtheile treffende Widerlegung finden. Der zweite Theil gibt in fließender Ueber- fetzung den Text derselben, und zwar sowohl den ursprünglichen als den veränderten, jedoch mit Meidung der Wiederholungen, recht übersichtlich. Ein Personen- und Sachregister krönt die vortreffliche Arbeit, für welche der Verfasser den Dank aller beän- svruchcn darf, die sich für das höhere Unterrichtswesen rnteressiren oder irgendwie bei demselben mitwirken. Grundzüge der Beredsamkeit mit einer Auswahl von Musterstellen aus der rednerischen Literatur der ältern und neuern Zeit. Von Nikolaus Schleiniger, Priester der Gesellschaft Jesu. Fünfte Auflage. Neu bearbeitet und erweitert von Karl Racke 8. 7. 8". (XVI u. 552 Seiten.) M. 3,80: geb. in Halbfranz M. 5,40. — Freiburg im Breisgäu; Herder'sche Verlagshaudlnng 1896. Die Neubearbeitung von Schleinigers „Grund- züge" in dieser, nach des Verfassers Heimgang von seinem Ordensgenossen ?- Racke besorgten Auflage ist eine allseitig gründliche, zweck-und sachgemäße: auch die Erweiterung durch Zusätze, besonders im Anhang durch Hinzufügung neuer Müst erstellen, eine beträchtliche. Den Schluß bildet ein ausführliches Wort- und Sachregister. Durch die geschickte Bearbeitung ist das Buch noch mehr als schon bisher geeignet, die Lust zum rhetorischen Studium anzuregen und dasselbe ebensowohl möglichst leicht als praktisch und erfolgreich zu machen. „Alte und Neue Welt." Jllustrirtes, katholisches Familienblatt. Verlag Äenziger n. Comp. in Einsiedeln. Preis eines Heftes großen Formats von 68 Seiten Umfang 50 Pfennige. — Das Märzheft, soeben erschienen, hat folgenden reichen, mannigfaltigen und interessanten Inhalt: „Unter dem Banner von Bogen." Historische Erzählung von Anton Schott. „Die Geschichte eines Hexenmeisters. Eine Waldgeschichte von Margarete Marie von Oertzen. „Niemals." Skizze von Leo van Hufen. „Das Heidehans." Eine altmodische Geschichte von Blak Geißler. „Das Bankdepot." Humoreske von Bruno Sparta. „Die Piloten des Luftmeercs." Von Hans Eiden. (12 Jllnstr.) „Der Todtengräber." Von Th. Bertholt). „Eine neue Gasglühlampe." Von Or. Max Wildermaun. (3 Jllnstr.) „Flüssige Luft." Von A. Dix. „Der letzte Ausbruch des Ararat." Von Horst Wolfram. „Der 'apostolische Dele- aat in Ostindien." Don einem Priester der Gesellschaft Jesu. (3 Jllustr.) „Rübenthaler." Von G. Vudinski. (2 Jllustr.) „Eine Fahrt auf englischen Eisenbahnen." Don Oi-, E. Ä. Heine. „Die Namen der Wochentage. Von H. Reif. „Die Pest und die Parsi in Bombay." Von K. M. (3 Jllustr.) „Das neue französische Feldgeschütz." Von M. Noda-Noda. (3 Jllnstr.) Hierzu kommen noch das reich illustrirte Allerlei, die stets anregende Beilage für Frauen und Kinder und die immer sehr aktuelle Rundschau. Ein solcher Inhalt dürfte für sich selber reden. Jede besondere Empfehlung scheint da überflüssig. Frühlingsreif. Eine sociale Tragikomödie in 5 Akten von Gottfried Lütter. Wcucheim, Ackermann. 1896. 8°. 134 S. G Eine Copie nach Sudermann und zwar eine schlechte. Nicht mehr werth als die Ebers-Copie: Timophyt. Erzählung aus dem alten Aegypten von Alfred Hennig. Ebenda. 1896. 8°. 82 S. Literarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Dreiundzwanzigster Jahrgang: 1897. 12 Nummern. M.9.—. Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshandlung. Inhalt von Nr. 3 u. A.: Neuere Predigtliteratur. (Kcppler.) — Zenner, Die Chorgesänge im Buche der Psalmen. (Hoberg.) — Poggcl, Der zweite und dritte Brief des Apostels Johannes. (Fetten.) — Hauviller, Ulrich von Clritty. (Wurm.) — RisrttnZ-, Da Rnssis st 1s 8aint-8i«AS. (Paulus.) — Hittmair. Die Lehre von der unbefleckten Empfängniß an der Universität Salzburg. (Schanz.) — Hontheim, Der logische Algorithmus. (Braig.) — Kaufmann, Elemente der Aristotelischen Ontologie. (Pfeifer.) — Becker, Die christliche Erziehung oder Pflichten der Eltern. (Prnner.) — Wolfs, Lesebuch für Fortbildungsschulen. (Ziegler.) — Baumann, Die zwölf Artikel der ober-schwäbischen Bauern von 1525. (Glasschrödcr.) U.s.w. — Nachrichten. — Büchertisch. Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1697. Zehn Hefte, M. 10.80 (oder zwei Bände ä M. 5.40). Freiburg i. Br., Herder'sche. Verlagshandluug. — Durch . die Post und den Buchhandel. Inhalt des 2. Heftes: Der Materialismus in Indien. I. (I. Dahlmann 8. .7.) — Lohnvertrag und gerechter Lohn. II. (H. Pesch 8. 7.) — Das Grab der Gottes- nnstter. (L. Fonck 8. 7.) — Livlands größter Herrmcister. II. (O. Pfülf 8.7.) — Zur Choralknnde. (Th. Schmid 8.7.) Recensionen: 1. Poggel, Der zweite und dritte Brief des Apostels Johannes, 2. Seeböck, Sankt Paulus, der Heidenapostel (I. Knabenbauer 8. 7.); .InuZmann, Tosspbi Rssslsr, guonäaw spisoopi s. IlippoFti, Insti- tutions« RatroloK-ias (C. A. Kneller 8. 7.); Heimbucher, Die Orden und Kongregationen der katholischen Kirche (O. Pfülf 8. 7.); Sociale und politische Zeitfragen. Heft 1: Pichler, Der Antrag Kanitz, Heft 2: Roeren. Das Gesetz zur Bekämpfung des unlautern Wettbewerbes (H. Pesch 8. 7.); Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst. Jahres- Ausgabe 1896 (St. Beisscl 8. 7.). — Empfehlenswert h e S ch r i f t e n. — M i s c e l l e n: Vom französischen Protestantismus: Herr v. Below über die. Duellfrage bei den heutigen und bei den alten Jesuiten. „Studien und Mittheilungen aus dem Benediktiner- und dem Cistercienser-Orden." Verlag des Stiftes Raigern (bei Brünu, Oesterreich). Preis per Jahrgang (4 Hefte ca. 48 Bogen) 8 M. — 4 Gulden. Das IV. Heft 1896 enthält u. a.: Wagner, Phil., Dr. (Berlin): Gillon le Muisi, Abt von St. Martin in Tournai. (I.) — Veith, Jldefons (0. 8. 8., Emaus): Die Martyrologien der Griechen. (II.) — Wittmann. Dr. Pins (München): Johannes Nibling, Prior in Ebrach (0. Ölst.), und seine Werke. (I.) — Willems, D. Gabriel (0. 8. 8. Afflighem): 8obo1as Lsuscliotiuas. (III.) — Dol- berg, Ludwig (Ribnitz): Die Cistercienser beim Mahle. Nenz, G. A. (München): Beiträge znr Geschichte der Schottenabtei St. Jacob und des Prwrates Weih St. Peter (O. 8. 8.) in Rcgeusburg. (VIII.) — Leistle, Dr. David (Dillingen): Wissenschaftliche und künstlerische Strebsam- keit im Magnusstifte zu Füssen. (VI.) — Ku ku la, Richard, Dr. (Wien): Römische Briefe der Mauriner aus dem Jahre 1699. — Weikert, D. Thomas Ag. (0. 8. 8 . von St. Meinrad, Am.): Meine Orientreise. (V.) — Förster, Remaclus (0. 8. 8. M.-Laach): Der Ehemiker und Me- diciner Basilius Valentin O. 8. 8. iVerantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druckn. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 31. Mir? 1897. Die Inschrift von Hsi-An-Frr, ein altchristlichLs Denkmal in China. (Schluß.) Der Inhalt der Aufschriften athmet ganz und gar christlichen Geist. Der Titel lautet in Uebersctzung: Gedenkstein der Ausbreitung der hell strahlenden Lehre des Großen Reinen im Reiche der Mitte sammt einem Hymnus verfaßt von Kiug-Tshing, einem Priester dieser Kirche." Der Text beginnt dann mit den Worten: „Siehe hier. den unnahbar Gerechten, den Unsichtbaren, der von Ewigkeit zu Ewigkeit währt; den wcitschauenden, vollkommenen Geist, dessen gcheimnißvolles Dasein kein Ende nimmt. Er nahm den ewig dauernden Stoff und schuf daS Weltall." Es folgen sodann die Namen der Herrscher Cbina's, unter denen dem Christenthum Ruhe und Gedeihen vergönnt war, nebst allerhand Lobsprüchen und Dankesworten. Eine gewisse schwungvolle Beredsamkeit, ein gläubig-christlicher Sinn läßt sich in diesem uralten Schriftwerk des Christenthums nicht verkennen. Die Schlußworte des oben erwähnten Hymnus lauten: „Des Gerechten Ursprung ist überall und nirgends, da ist seine Unergründlichkeit, seine Allmacht, mit der er Himmel und Erde geschaffen. Er hat sein Dasein getheilt und ist zur Erde nicdcrgestiegcu, um zu helfen und zu retten bis ans Ende der Zeiten. Da leuchtete der Tag auf, und die dunklen Schatten flohen, und Alles trägt die Zeichen seiner ewigen Wesenheit." Sind das nicht erhabene, wahrhaft christliche Worte? Die Unterschrift besagt: „Beiden Herrschern liegt des Handelns Wille und Gebot; wir Diener künden den Ruhm ihrer Thaten und haben dies Denkmal hier errichtet zum Unterpfand unseres Dankes für gewährtes Glück." So klingt die Inschrift aus im Dank eines demüthigen Christcuhcrzens für den Schutz dessen, was ihm das theuerste ist, mitten im heidnischen Lande, in der Verbannung. Die Entdecker des Denkmals, das im Jahre 1625 ausgegraben wurde, waren, wie ?. Heller nachweist, zwei Jesuiten, ?. Nikolaus Trigault und ?. Alvarez Semedo, die nach dreißigjährigem Forschen, wie L. Semedo sagt, „endlich das Glück hatten, ein Zeugniß dafür zu finden, daß das Christenthum in China schon vor Jahrhunderten geblüht hatte". Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Glaubcnöbotcn von der malabarischen Küste aus nach China gekommen sind, wofür die dort erhaltenen Kirchenbücher sprechen. Die Geschichte der Entdeckung des Steines im Jahre 1625 wird also berichtet: Bei Gelegenheit eines Neubaues im Städtchen Hsi-Au-Fn wurde der Denkstein bloßgelcgt. Man meldete dies dem Ortsvorsteher. Dieser brachte in seinem Aberglauben den Tod seines zärtlich geliebten Söhnchens, das er gerade um diese Zeit verlor, n Zusammenhang mit dem Funde des Steines, dessen yrische Schrlftzeichcn ihm räthselhaft und gcheimnißvoll erschienen. So ließ er das Denkmal sorgsam aufbewahren in eben dem buddhistischen Tempel, wo cS Graf Szschenyi antraf. Ja es gab sogar Zeiten, wo der merkwürdige Stein ganze Schaarcn von Wallfahrern anzog, die in ihm ein Zeichen göttlicher Fügungen und verborgener Kräfte sahen. Siegreich führt k. Heller den Nachweis für die Echtheit des Steines, die unter andern auch Gelehrte von hervorragendem Ruf, wie Frhr. von Nichthofcn, Panthicr,rs) St. Julien, Renan, Bikell, Nöldeke, Gut- schmid, Aule, Brctschneidcr, vertreten haben. Einer der entschiedensten Gegner der Echtheit, der namhafte Orientalist K. F. Nenmann, der vor etwa einem halben Jahrhundert die Sinologie an der Universität München repräsentirte, suchte in seiner Abhandlung „über die erdichtete Inschrift von SI-ngan-Fn" (Zeitschr. d. deutsch, morgen!. Gesellschaft IV, S. 23 u. ff.) den langwierigen Streit mit der Behauptung aus der Welt zu schaffen, es liege augenscheinlich nur eine plumpe Fälschung der Jesuiten vor, man solle die Sache endlich einmal abgethan sein lassen. Zunächst zweifelte Nenmann an der Echtheit, weil ihm die chinesischen Schriftlichen viel zu gut erhalten und viel zu modern schienen, um ihren Ursprung ins 6. bis 8. Jahrhundert znrückdatiren zu können; dann forderte er auch die Verwendung von Estranghelo-Schrist, deren sich die ThomaS-Christen bedienten. Nun aber sind die syrischen Inschriften des Denkmals gerade eben im Estranghelo geschrieben; sie waren den chinesischen Gelehrten, die sich mit dem Denkstein befaßten, fremd und blieben auch den Jesuiten lange unverständlich, bis der an der malabarischen Küste weilende k. Antonius Fernande; sich aufmachte, um den Denkstein in Augenschein zu nehmen, und in den fremden Zeichen syrische Estrangheloschrift erkannte. Die chinesischen Charaktere der Inschrift boten keine besondere Schwierigkeit und wurden längst von Chinesen entziffert; lächerlich ist der Einwand Neumanns, sie seien modern, denn er mußte von dem conservativen Sinn der Chinesen Kenntniß haben und wissen, daß sie im Laufe der Jahrhunderte ihre Schriftlichen in der That sehr wenig verändert haben. Und gerade diese minimalen Eigenthümlichkeiten des Schriftzuges, die selbst dem geübten Auge des europäischen Sinologen entgehen, sprechen für die Echtheit der Inschrift; der einheimische Gelehrte aber wird darin auf den ersten Blick die Kalligraphie der Tang-Dynastie (618 — 907) erkennen, unter deren Regierung (etwa um 780) mau die Entstehung des Denkmals ansetzt. Richtig ist, daß die chinesischen Zeichen so schön erhalten sind, daß man sie selbst in ziemlich verkleinerten Photographien gar klar und deutlich zu erkennen vermag. Auch haben die Chinesen selbst die Inschrift für echt gehalten, sonst hätten sie ihr gewiß nicht , die Ehre angethan, in ihren eigenen Jnschriftwerken davon zu sprechen, und hätten bei ihrem eminenten historischen Sinn mit Worten der Anzweifelung sicher nicht zurückgehalten. Ganz abgeschmackt aber ist es endlich, von einer Fälschung der Jesuiten zu reden. Was hätten diese doch für ein Interesse, welchen Zweck oder Vortheil davon haben sollen, ein Denkmal herzustellen oder zu fälschen, das ihnen gerade die Ehre nimmt, das Christenthum zuerst nach China gebracht zu haben, und ein Denkmal, das noch dazu nestorianischen Ursprungs ist? Eine Stelle des chinesischen Schriftstellers Ming-Tshou (11. Jahrh.), die von dem Monument spricht, hat nach Renan (a. a. O. S. 271) bereits Stanislaus Julien bekannt gemacht. Ein weiterer Grund für die Echtheit des Monumentes '2) Lautllier, vs I'autllenkieits äs k'wscription nsstorionns äs 8i-n§an-kon. t?aris 1887. — L'inseription szn-o-slliuoiss äs Si-nZ-au-kon. Laeis 1688. — Derselbe in der „Lsvuo äs k'orksnt" 1662, p. 318. Die Ausführungen dieses unermüdlichen Gelehrten sind zwar verdienstlich, doch noch gerade nicht überzeugend. Als Uebcrsetzcr ist er, wie sein College Fauche, der ANcrwelt-SanZkritüber» scher, leider nicht zuverlässig 126 Ist vielleicht ein Fund von altromischen Münzen (davon 13 aus der Zeit von 14—280 n. Chr.), der bei der Stadt Hsi-An-Fll gemacht wurde; davon machte ein hervorragender Sinologe, Pros. Dr. Fr. Hirth (zur Zeit in München, damals in Shaug-H'ai), im „North-China- Hcrald" Mittheilung.") Freilich bringt Hirth die Miinz- sunde mit kaufmännischen Beziehungen China's'") mit Alcxandrien und Syrien in Verbindung, aber für die Echtheit der berühmten ncstorianischcn Inschrift tritt derselbe Gelehrte, der fast drei Jahrzehnte in China gelebt hat und über umfassende litcratnr- und kulturgeschichtliche Kenntnisse verfügt, mit aller Entschiedenheit ein. Merkwürdig ist, daß sich nach den „Mittheilungen der Wiener gelehrten Gesellschaft für Anthropologie" auch im Gebiete von Scmirctschensk Ziemlich viele ncftorianische Denkmäler vorfinden. Auf die Aehickichkeit der Inschrift von Hsi-An-Fn mit der hebräisch-chinesischen'") von K'ai-Fong- Fu hat schon Renan hingewiesen. Wenn derselbe Forscher über unsere nestorianischc Inschrift behaupten wollte: „I/es odgeetiolls Zrnvas Hui out rouäu longsemps uck O'.o rmoau oricul: 11e8ec!re!iL8 into tlxckr cmciont incckiocvat rclaticm? tu olcl e.tuno,<-L rocorlls. tzluuiKlici 1S?N. Vgl. .loinnol o( ll>e. American oriental soctclr, AI, 401 (1800) n. IV. 411 (1804). Schaar Soldaten herbeigeeilt wäre und ihn ihren Händen entrissen hätte. Der Hauptmann führte ihn in die Burg und übergab ihn dem anwesenden Höchsten, dein Tribunen Lysias, weil der Landpfleger Felix abwesend war, nicht etwa in Jerusalem, sondern in Cäsarca; dorthin wurde denn auch Paulus geschickt. Einige Jahre darauf wurde bekanntlich die Stadt erobert und die Antonia zerstört» lag auch lange in Trümmern, wie der hl. Bischof Eyrillus (st 386) noch bezeugt: 1o 7rcX«ioo TcpA'.ickipcv'- vov Eat. 13» 39. In diesem Zustande fand sie der älteste Pilger von Bordeaux (333), dessen Bericht erhalten ist. Er schreibt: Ilt eas kora.3 murum clo 8icm, ermti aä portmm Dleapolitnnnm aIu8 miuuv xa88U3 numero I-. Qe äomo Laiirbas imgue ack pretorium Lilati numoro 0. Ibi oZt oce1e8ia, 8. Loxbiav. -luxta eam mi8Lus cst lloremias in laeum. A äomo kilnti U8ciuo aci xiscinam probatioam x1u8 minu3 numero 0. Da er von der Petcrskirche bis zum Hanse des Pilatns blos 100 Schritte zählt, so wollte man letzteres in der Hcrodi'anischen Königsbnrg anf Sion suchen, allein auch dahin ivären 400 Meter nnd wird dort niemals eine Sophicnkirche erwähnt, was hier zum ersten Male geschieht. Die hl. Sophia bedeutet die ewige Weisheit, den Sohn Gottes. Von nun an wird sie auch genannt von, Lraviarirm (540), Antoninns (570) und vom Patriarchen SophroninS noch vor dem Perscrei'nsall (615). Er singt in seinen den, Anacreon nachgebildeten Liedern 127 (XX): „Nachdem ich die Warte Elan verlasse», de» Stein, an ivelchcm mein Schöpfer gegeißelt worden, umfangen habe, möchte ich hinabsteigen zum Steine, auf dem der Fürst der Weisheit sein Urtheil gehört hat; möchte eintreten beim Schafteichc." Kenntlich genug deutet er die Gekßclsänle in der Pctcrskirche nnd den Stein, auf den Christus bet der Verurtheilung gestellt worden, in der Sophienlirche unweit des Schafteichc«, also im Hause des Pilatns an. Das ist denn auch entscheidend bei Theodojius. Auf seine Zahlenangabcn ist überhaupt kein Verlaß.^) Er rechnet z. B. von dem Grabe Christi bis zum Orte der Krcuzfinduug nnd zur Stelle der Kreuzigung je 15 Schritte, während Autouiuus das Dreifache angibt. Dagegen setzt er übereinstimmend mit den Andern das Haus des Pilatns in die Sophienlirche unweit dcS Schasiciches und des Jcremiaskerkers, welche im Norden des Dcmpclplatzes bei dem Kerker- und Schaf- thore gewiesen wurden, was auch wahrscheinlich ist. Fast gleichzeitig (540—50) lieferte ein Ungenannter eine kurze Beschreibung, daher Lrevmrnm genannt. Er erwähnt wie Andere die Kirche auf Sinn sammt der Geißclsänle, dann die Petersktrche im Hanse des Kaiphas. Ochiul« vnckis aet domum kilnti, ubi tradidit I)o- nrinnna üaZallatum IndaLM. Ildi 68t Lasiliea gromdig ob 68t Ibi eudictUnw, nsii exxoliavornnt oum 6t Lggeltntus 68t, 6t voentnr sgnota Lopliia. Bald darauf (570) besuchte Antoninus von P'iaceuza, genannt --lauter, die hl. Orte und erzählt, was er gesehen. In der Sionskirche (richtiger als 8im6oni8) erwähnt er wieder der Geißelsaule, ferner Dornenkrone, Lanze nnd Abendmahlskclch. Die Erlöser- oder Petcrs- tirche fuhrt er nicht an, wohl aber die Marienkirche unweit des hl. Grabes. Dann fährt er fort: Lt oravinnm in pratorio, üki amditus est Oümiuu3 et ravdo est Uasilie», 6. Lopliino nnto ruirms te-vipli Lalornonis. In ixsa lmsiliea, est eeäas, in szna uoäit?iiatuZ, ^narrdo Dorninnw. andivit. Auch sah er den Stein, auf den Christus gehoben wurde und auf dem seine Fuß- stapfen znrüllblicbeii, sowie ein schönes Bildniß der ganzen Figur Christi; in der Nähe der Jeremiasbrunnen. Der Fels, über welchem die Sachra-Moschee erbaut ist, zeigt wohl auch Fußspuren, ist jedoch 17 Meter lang und 13 Meter breit; liegt auch nicht „vor den Ruinen des Tempels", sondern dortselbst. Wer den Koran zum Beweise anführt, muß auch die Fabeln von dem nächtlichen Ritte, vom Borok u. dgl. annehmen. Die Sitte, daß Richter und Angeklagter je auf einem Steine sich befanden, kam wenigstens in Gricchcrüand vor (Gilde- meister). Gegen Ende des 7. Jahrhnnderls besuchte der französische Bischof Arcnlf das hl. Land, bald nach Beginn der Araücrhcrrschaft, nnd kam glücklich durch. Doch kurz vor der Ankunft in der Hcimaih erlitt er Schiffbrnch und wurde nach der Insel Jonas bei Irland verschlagen, wo er von dem dortigen Abt» Adamnan gastlich aufgenommen wurde. Dieser, dem er seine Reise erzählte, brachte sie zu Papier. Da der Reisende also nur nach dem Gedächtniß erzählte, auch nicht selbst schrieb, so sind seine Angaben nicht einwandfrei. Doch werden sie vielfach von Anderen bestätiget nnd sind wegen der Zeit sehr willkommen. Auf Sion beschreibt er die große Kirche und gibt selbst einen genauen Plan. Bon. der Erlöser- oder 0 Wenn die Reisenden ibre Berichte niederschrieben, hatten sie wohl die Lage der Orte, aber rächt mehr die Entfernungen genau !m Kopfe. Pctcrskirche schweigt er. Die Sophienlirche kommt mw in einem späteren Ansznge mit Zusätzen vor. Kaiser Karl d. Gr. schickte im Jahre 803 einige Priester nach Palästina, um sich über den Stand der christlichen Religion dort zu erkundigen. Von ihrem Berichte ist ein kurzer Auszug (Lomirwuroratorium ds cusis l)cä) erhalten, welcher wcrthvoll ist. Iri 8nr>ct» Livu, heißt es da, intor presid^teicm ot clerleos XVII, in 8. I?6tre>, ubi iyss ploravit, int er zmcLsizsieroZ st clerwog V, in pretorio V, in s. Nnria norm, gnuin In8tiniü.nu3 imxsrator ex8truxit XII, in 8». Nuria, ndi natn iuit in xrolmticm, inelusa.6 Leo SLLiL- tuo XXV. Da die Kirche im Hanse des Kaiphas Weber vom hl. Willibald (723—26), noch von Arcnlf vorher, noch vom Mönche Bernard nachher mehr erwähnt wird, während sie alle der Sionkirche gedenken, so bestand sie offenbar seit der Verheerung der Perser nicht mehr. Dafür war eine andere Pctcrskirche, wo er seinen Fehler beweinte, am Abhänge des Berges gegen Osten erbaut worden, welche Hahnschrci oder Galiläa genannt und in der Folge regelmäßig erwähnt wird. (Bernard, Johannes v. W., Engeflvpns,,'Wilhelm v. T., LaCitcz u. A.) Hier also waren 5 Geistliche nnd cbcnfovlcle iu xroiorio; was nur von der Sophicnkirchc verstanden werden kann, indem ein anderes damals nicht cxistirle. Nun kamen Zeiten, welche sich für die Christen immer trauriger gestalteten. Der Mönch Bernard der Welse (865) konnte noch reisen, doch wenig mehr berichten. Auf dem Sion nennt er drei Kirchen von Maria, Stcphanns und Pctri Hahnschrei, von einem Prätorium macht er nirgends Erwähnung. Nach ihm wurde Jerusalem gar das Ziel moslemischer Wallfahrten, statt Mekka, nnd demnach unnahbar. Als dieses aufhörte, athmeten die Christen für kurze Zeit auf. Da (964) machte Nltmann, der nachmalige hl. Bischof von Passan, in Begleitung der Bischöfe von Negcnsburg, Mainz nnd Vamberg und vieler Edlen eine Wallfahrt, von welchen sein Lebcusbeschreibcr (bei den Bollandisten August II) Einiges erzählt. Der Nebermnth der Ungläubigen war so groß, daß sie aus den Rücken de Pilger sprangen nnd mit Sporen daraus ritten, anderer unsagbarer Grauet zu geschweige«. Sie .konnten nur die Orte der Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt besuchen. Einzelheiten sind nicht angegeben. Bald darnach wurde die Hl. Grabkirche niedergerissen, doch später durch die Bemühungen des griechischen Kaisers Constantin M. wieder aufgebaut. Erst mit Eroberung der hl. Slade im Jahre 1099 wurde die Bahn wieder frei. Die Franken stürzten sich mit Ungestüm auf die hl. Orte, allein sie überstürzten sich vielfach, weil sie die einheimischen Ueberlieferungen nicht verstanden. Sie urtheilten' nur nach dem, was sie sahen, ohne die Vergangenheit zu befragen. Wo im Dränge der Zeilen ein Denkmal versetzt worden war, meinten sie, es sei immer so gewesen. Eine kluge Zurückhaltung beobachteten noch die (Isstg. Vrancorniu Iliorosolvmanr oxMgurmtinur, wie bereits angegeben worden. Dann aber begannen die Irrungen: die Führer sind theils solche, von denen man nicht viel mehr weiß als den Namen, bei den meisten kennt man selbst diesen nicht. Dabei stimmen sie vielfach so überein, daß ihre Abhängigkeit offenbar ist. Indeß ging die alte Fährte nicht verlöre!?, sondern blieb wohl im Ge- ! dächtuisse, wie glcichzeui'gc Berichte bezeugen, i Der russische Ärchimandrit Daniel besuchte um das Jahr 1115 das hl. Land und erhielt seine Kunde ohne 128 Zweifel von seinen Glaubensgenossen, den einheimischen griechischen Christen. Er schreibt: „Bon da (wo Helena das Kreuz des .Herrn fand) nahe ist ein Ort gegen Osten, der Prätorlum heißt, wo man den Soldaten Jesum überlieferte, und er ließ ihn geißeln und übergab ihn den Soldaten, daß sie ihn kreuzigten. Und cbendort ist das Stadtgcfänguiß, aus diesem führte der Engel den hl. Petrus heraus. Und von da wenig fortschreitend, kommt man an den Ort, wo Christus die Blutflüssige heilte?) Ebenda ist die Grube, wo der hl. Prophet Jcremias hineingeworfen wurde." Auf Siou fand er „den Hof des Kaiphas, wo Petrus Christum dreimal verläuguete. Im Osten von da ist eine sehr tiefe Höhle, wo Petrus weinte, und darüber ist eine Kirche auf den Namen des Apostels Petrus erbaut." (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Abriß der Geschichte der deutschen National- Literatur. Nach G. Brugier von C. M. Harms. 2. verb. Aufl. Freibnrg, Herder. 1897. gr. 8". X u. 233 S. 2.20 M., geb. 2.90 M. ^ In unserer bücherreickgm Zeit ist es eine sehr de- placirte Redensart, von klaffenden Lücken innerhalb der literarischen Welt zu sprechen, und doch gibt es Gebiete, auf denen für uns Katholiken noch lange nicht von einer Ueberproduktion geredet werden kann. Das gilt gleich von der Geschichte der Literatur. Brugier und Lindemann sind gewiß vorzügliche Werke, die allen Ansprüchen an ein Lehrbuch genügen, aber einen wirklichen Mangel haben wir an kleineren Leitfäden, die, in erster Linie für das Bedürfniß der Schule berechnet, Vollständigkeit des Inhalts und Gedrängtheit der Darstellung mit einander verbinden. Das vorliegende Buch ist somit einem wirklichen Bedürfniß entgegengekommen, und schon aus diesem Grunde ist es erklärlich, daß der im Jahre 1895 erschienenen ersten Auflage schon jetzt die zweite folgt, die mit Recht eine verbesserte genannt wird, da fast keine Seite ohne Aenderungen geblieben ist. — Das Buch ist nach Brugier bearbeitet, d. h. die Eintheilung in acht Perioden sowie die Umrisse der Biographien sind jenem altbewährten Literarhistoriker entnommen, sonst aber ist dasselbe mit größter Selbstständigkeit ausgearbeitet. Die Hauptstärkc des Buches beruht vor allem in den wohlgelungenen, trefflich abgerundeten Inhaltsangaben der bedeutenderen literarischen Produkte; eine Reihe derselben sind so warm und sorgfältig gehalten, dabei von einem so zarten und vcrständnißvollen Auffassungsvermögen eingegeben, daß sie wahre Kabinetsstücke darstellen: wir erinnern ;. Ä. nur an die Besprechung von Gudrnn (S. 22) und vom armen Heinrich (S. 26), von Hermann und Dorothea (S. 137) und Maria Stuart (S. 160). Dazu kommt noch weiterhin die sorgfältige Charakterisirung der Dichter, die mit Recht nicht bloß nach ihrer literarischen Thätigkeit, sondern auch nach ihrem Verhalten zur christlichen Moral und zum Osfenbarungsglauben behandelt werden. Wie Arrestant rst z. B. die Darstellung von Grillparzer (S. 260 g.) und von Adalbert Stifter (S. 255), oder der Gegensatz zwischen Carmen Sylvia (S. 268) und Luise Hensel (S. 267)! Daß die beiden Dichterfürsten besonders reich bedacht werden, versteht sich von selbst. Auf Schiller entölten 19, auf Goethe gar 28 Seiten. „Faust" erhält auf vier Seiten eine sehr ausführliche und ansprechende Darstellung; ob freilich die geistreiche Deutung des zweiten Theiles völlig alle Räthsel löst, wagen wir nicht zu behaupten, hat ja Goethe selbst es abgelehnt, das Chaos zu Mtwirren. — Der katholische Standpunkt ist mit Eiitschledenhelt gewahrt, trotzdem wird Licht und Schatten obrektiv vertheilt, man lese etwa mir nach, was über Luthers Bibelübersetzung (S. 49), über Laus Sachs (s. 51), über Fleming (S. 59), über Paul Gerhardt *) Diesen Ort erwähnt auch Säwnlf. (S. 60), über Gcibel (S. 220) über Gottfried Keller (S. 242) und über Ottilie Wildermuth (S. 270) gesagt wird. — Da wir nicht zweifeln, daß dem sehr brauchbaren Buche noch manche Ausfahrt beschieden sein dürfte, wollen wir gleich einige Desiderien anfügen. Alban Stolz, Chr. v. Schmid, Adolf Kolping, Drostc-Hülshoff scheinen uns, obgleich ja ihre Werke gewürdigt werden und letztere als die „größte aller deutschen Dichterinnen" gefeiert wird, noch immer zu kurz behandelt zu sein; Wilhelm Meinhold haben wir ungern vermißt, wogegen wir bei Christian Hebbcl (S. 248 ff.) eine Kürzung für angezeigt hielten. Die Dichter der neueren und neuesten Zeit sind allerdings bei der phänomenalen Produktivität, bei der Mannigfaltigkeit ihrer Richtungen wie Systemlosigkeit ihrer Anschauungen schwer in Kategorien einzutheilen, dennoch dürste cme noch prägnantere Gliederung der achten Periode (seit 1832) gelingen. Die katholischen Literaten sind mit einem Sternchen versehen, was nur zu begrüßen ist, bei k. Galt Morcll (S. 230) und wohl auch bei M. Herbert (S. 269) ist dasselbe zu ergänzen. — Ein warmer katholischer und patriotischer Geist weht uns aus dem Buche entgegen; sollte dies etwa ein Fehler sein, ihm die Pforten der Studienanstalt zu verschließen? Müssen da bloß dürre und magere Excerpten, kalte und trockne, dein Jndifsercn- tismns huldigende Leitfäden zur Benützung kommen? — Das Buch ist zugleich eine wahre Orientirnngs- und Warnungstafel, darum auch für die Sclbstbelchrung trefflich geeignet, um sich rasch und sicher über irgend eine literarischc Erscheinung zu orientircn, zumal es bis auf die neueste Gegenwart fortgeführt ist. Ein sorgfältig gearbeitetes Personen- und Sachregister enthält aus 11 dreispaltigen enggedruckten Seiten weit über 1500 Stichwörter. * Eine päpstliche Empfehlung. Der Heilige Vater- Papst Leo XIII. hat seit Beginn seines Pontificatcs den philosophischen Studien die regste Förderung an- gedeihen lassen und behält deren Entwicklung mit aller Sorgfalt im Auge. Davon zeugt auch in nicht geringem Maße das nachfolgende Schreiben Sr. Heiligkeit an den Herausgeber des im Verlage von Ferdinand Schöningh in Paderborn erscheinenden „Jahrbuches für Philosophie und spekulative Theologie", Herrn Pros. Dr. Commer in Brcslau, welches in der Uebersetzung lautet: „Papst Leo XIII. Geliebter Sohn, Gruß und apostolischen Segen! Nachdem Wir durch das Rundschreiben „ü,otorm katrls" dafür gesorgt haben, daß die philosophischen Wissenschaften wieder an diejenigen Quellen gewiesen werden, woraus sie in der Vergangenheit so viel Licht und Sicherheit geschöpft hatten, mußten Wir Uns beglückwünschen, daß katholische Männer überall sich wie ein Heer zusammenschnürten und in geziemendem Gehorsam gegen Unseren Willen es unternommen haben, sich mit den unsterblichen Schriften Thomas von Agnins unausgesetzt zu beschäftigen und sie durch ihre angestrengten Studien zu erklären. Daß auch Du, geliebter Sohn, schon Beweise Deiner Arbeit an der Lösung dieser Aufgabe geliefert hast, haben Wir vor vier Jahren erfahren, als Du Uns die ersten sechs Bände des von Dir und anderen talentvollen Männern herausgegebenen „Jahrbuchs für Philosophie und spekulative Theologie" überreichtest. Jetzt aber, da Du Uns mit vier weiteren Bänden desselben Jahrbuches beschenken wolltest, gefalle es Uns, Dich und Deine Genossen mit Lob für die erduldete Arbeitsmühe zu krönen. Während dieses Lob als verdiente B eloh nung gelten soll, so soll es zugleich ein Ansporn sein, daß Ihr von dem begonnenen Werke nicht ablasset, sondern daran arbeitet, die Irrthümer der falschen Philosophie zu besiegen, die Lehren des Aquinaten aber weiter zu verbreiten und in der ihnen gebührenden Ehre zu erhalten. Ein Beweis Unseres väterlichen Wohlwollens und ein Mittel zur Erlangung der göttlichen Gaben soll aber der apostolische Segen sein, welchen Wir Dir und Deinen übrigen Mitarbeitern in größter Liebe ertheilen. Gegeben zu Rom bei St. Peter am 22. Februar im Jahre 1897, dem zwanzigsten Unseres Pon- tifikates. Leo U. U. XIII." Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Nr. 19 Kilkge zm Aiigslimger Weitung.» Aprll 1897. Christliche Kmistinteressen. Kirchenrestaurirungen in Bayern. (Schluß.) IV In der Architektur bewährte Essenwein hier wie immer sein hohes, besonders auf malerische Wirkung ausgehendes Talent. In dieser Kunst war er der konsequente Meister von extremem Purismus und zugleich von reicher schöpferischer Phantasie, wie auch sein letztes Werk, der stilvolle Aus- und Anbau des alten Rathhauses, bezeugt. So ist auch die äußere wie innere Architektur „Unserer lieben Frauen Saales", wie Kaiser Karl IV. die Kirche benannte, von Essenwein sehr sauber und correct ausgebessert und ergänzt worden. Verweilen wir zunächst noch im Innern. Die in der kirchlichen Kunstwerkstätte von Stärk und Lengeufelder in Nürnberg nach Esscnweins Entwürfe sehr exakt ausgeführten Altäre sind von origineller Mannigfaltigkeit. Der Hochaltar zeigt die einfachste und glücklichste Lösung eines gothischen Sakraments- und Flügel- altars. In ihm erscheint die Versöhnung der unumgänglichen liturgischen Rücksichten mit den zu wahrenden architektonisch-künstlerischen Ansprüchen auf die möglichst befriedigende Weise praktisch erreicht. Das vordem sach- widrig auf die Seite verlegte Sakramentshaus ist hier wieder als dominirender Mittel- und Hauptbau auf den Altarstipes übertragen. Es hat die Gestalt eines schlanken, aber verhältnißmäßig mächtigen Thurmes. Das untere Geschoß bildet der Ciborienschrein mit frühgothischem Crucifix im Hochrelief auf der Thüre, und darüber die Exposition das zweite mit einem zweiflügeligen, email- gezicrtcn Portal. Ueber diesem Tabernakel steigt, auf das. feinste proportionirt, eine originelle Pyramide empor, die aus einem Viereck mit doppelten Wimbcrgen als Unterbau in ein Achteck mit einer zu einem Vierund- zwanzigeck sich ausbildenden Bekrönung übergeht. Letztere trägt schließlich den achtscitigeu Helm, der ungemein belebt wird durch zwei übcreinandergestcllte Vierecke, welche, durch Streben mit einander verbunden, oben mit zwei Kreuzblumen abschließen. Indem gegen diesen verhältniß- mäßig mächtig hervorragenden Mittelbau des „Sakramentshäuschens" die andern architektonischen und bildnerischen Details als geringere und nur dienende Glieder zurücktreten, tritt die Bedeutung des Sakrainents- altares dem Blicke sofort klar und deutlich entgegen. Die Seitentheile bildet je ein zurücktretender, an das Tabernakel sich anlehnender, von zwei Wimbergen geschützter Schrein mit den geschnitzten Hochrelief-Darstellungen der Geburt Jesu und der hl. 3 Könige. An die Schreine schließt dann noch je ein Flügel als Verschlußthüre derselben, dessen Doppclgiebelfeld mit Bildern aus dem Leben Mariens von der Hand des genannten Kölner Meisters versehen sind. Die beiden Hochreliefs in den Nebenschrcinen — der sonst übliche mittlere Hauptschrein ist hier, auf dem Sakramentsaltarare, mit Recht durch den Ciborienschrein, das Tabernakel, vollständig verdrängt — zeugen von der Anstrengung der genannten Bildhauer, den Intentionen des Architekten durch möglichst getreue Anlehnung an die Nürnberger frühgothische Plastik L In Portalfiguren der St. Loreuzkirche nachzukommen. Diese ihre Hingabe ließ Essenwcin den Versuch, den er auf unser Drängen mit akademisch gebildeten Künstlern gemacht hatte, nicht gereuen, sondern befriedigte ihn so sehr, daß er sich von nun an der Genannten bei allen Nestau- rationsarbeiten im Germanischen Museum bediente. (Wie Neichensperger wollte auch Essenwein bis dahin von akademisch gebildeten Künstlern nichts wissen l l) Den Aufsatz des nördlichen Nebenaltares bildet ein mittleres breites Bild mit zwei schmälern Flügelbildcrn, auf dessen breitem Nahmen sich zwischen einem doppelten reichornamentirten Kranze drei leicht durchbrochene Pyramiden mit drei alten Figuren und einem neuen schönen Crucifix in den Nischen erheben. Von den votn kgl. Couservator Pros. Häuser in München restaurirten Bildern sind besonders die Figuren der mittleren Kreuzignngs- gruppe und jene der Verkündigung voll Zartheit der Bewegung und Innigkeit des Gefühls sowie von Feinheit der Drapirung. Diese Bilder, die ursprünglich als Stiftung der v., Tucher'schen Familie den Hochaltar der Karthäuserkirche, später den der Frauenkirche zierten, waren wohl schon im 16. Jahrhundert von einem Maler, der den alten Stil zu treffen suchte, übermalt. Unter der Ucbermalung fanden sich bei der Restaurirung diese nun sichtbaren, von Häuser erneuerten Gestalten, die ganz andere sind als die vorigen, aufgemalten. Auf dem südlichen Nebenaltare steht unmittelbar über der Mensa eine lebensgroße Madonna aus der Zeit von 1480 von der Art des Veit Stoß. Sie ist noch von streng gothischem, aber großartigem Stil, zeigt eine natürlich freiere, wenn auch immerhin etwas manirierte Behandlung der Draperie, sowie Anmuth und Würde der Bewegung. Ueber ihr erhebt sich ein origineller säulengetragener Baldachin, auf dessen Zinnenkränze eine hohe, auf das feinste entwickelte Thurmpyramide energisch emporstrebt. Ohne Nebenglieder, schlank und leicht, bildet dieser Altaraufsatz einen originellen Gegensatz zu dem andern mehr in die Breite wirkenden Altare. Die Mensä erhielten Mosaikbekleidungeu von farbigem Marmor mit Medaillonbildern. Noch muß die Kreuzigungsgruppe am Triumphbogen, vom Bildhauer Ziegler in Nürnberg vortrefflich geschnitzt, erwähnt werden. Der Christus ist nach einem altgothischen Motiv im Germanischen Museum gebildet und wirkt schön in dem mehr ideal gehaltenen Körper, dagegen drastisch in dem vom goldenen Bart- und Lockcnkranze eingerahmten Haupte mit dem realistischer Weise weit geöffneten Munde. Die Madonna ist eine Copie nach der bekannten „allerschönsten Madounensigur des Mittclaltcrs" im Germanischen Museum, die Figur des hl. Johannes eigene Erfindung. Die meiste Arbeit und das meiste Geld kostete die Erneuerung der äußern Architektur. Das Schiff ist ein im Grundriß fast quadratischer, mehr breiter als langer, höchst einfacher Giebelbau. Das Innere stellt sich als eine durch vier schlanke Mundfäulen dreigetheilte Hallenkirche mit gleich hohen Kreuzgewölben dar. „Die ganze Anlage des Baues, sagt Esseuwein in seiner Festschrift zur Vollendung der Restauration, zeigt, daß der Kirche eine besondere Aufgabe zugetheilt war — (das Schiff ist ein Nachklang der alten Ccntralbauteu, und es sollte sicher ein kleiner Ban im Centrum derselben erbaut werden) — und es erscheint deßhalb wahrscheinlich, daß sie direkt als Aufbewahrungsort der Neichsheilig- thümer erbaut wurde, die in der Mitte ihre umfriedete Stelle finden und zu gewissen Zeiten vom Balköne dem Volke gezeigt werden sollten, was.auch mit der,Inschrift übereinstimmt, die bei der Restauration unter der Tünche gefunden wurde." Diese Inschrift befindet sich an der Wand zwischen Chor und Männerschiff unter dem großen rcstanrirten Bilde der Engelgrnppen, die Kreuze und Re- liqniengefäße tragen, in deren Mitte zwei, welche die hl. Lanze halten, die zu den Reliquien des Reiches gehörte. Sie sagt: in dieser Kirche ist daz wirdig heilitnm daz Kaiser Karl d. virt und der erbar rat dieser Kirchen geben hat Dasselbige all jar mit steige hie wizen zelon. (Am 11. April des Jahres 1361, als der Bau beendet war, wurden dem Versprechen des Kaisers gemäß die erst kürzlich aus Ungarn herbeigeholten Reichshciligthümcr vorn Balköne der Vorhalle dem Volke zum erstenmale gezeigt.) Die Nord- und Südseite haben nach außen ganz schmucklose, nur von je drei hohen Fenstern zwischen vier kräftigen Strebepfeilern durchbrochene Wände. Aus der flachen Ostwand tritt, der Chor als Fortsetzung des Mittelschiffes von fast gleicher Länge — ohne Nebcnschiffe — hervor, während diesem im Osten als Eingang eine Vor-, halle von quadratischer Grundlage vorgelagert ist.- Von ihren drei äußern Spitzbogenportalen ist das größere westliche durch einen in seinem Kerne etwas zurücktretenden Pfeiler wieder in zwei Spitzbogcnportale getheilt. Alle drei sind wie das innere Portal mit reichem Stein- bildcrschmnck geziert. Er stellt in Verbindung mit demjenigen des Innern der Halle sowie den übrigen Bildern und Bildnissen im Innern und am Acußern der Kirche gleichsam eine ganze, logisch zusammenhängende, ikono- graphische Summa dar, hier die in der Sprache der bildenden Kunst hingestellte Lehre der Kirche über die Verehrung der seligsten Jungfrau Maria. Diese Steinbilder sind von verschiedenem Werthe, zum Theil dekorativ, vorwiegend jedoch von gewandter Künstlerhand mit natürlicher Anmuth und Schönheit in Verbindung mit einer gewissen feierlichen Erhabenheit der Haltung und idealen Bildung der länglich ovalen Köpfe gemeißelt. Diese sammt- den übrigen Stcinsiguren der westlichen Schaufelte wurden vom Bildhauer Rottermund in Nürnberg zum Theil ausgebessert und die Lücken durch Neues ergänzt. Die Thüren mit den sie bedeckenden stili- sirtcn Beschlägen, die Rosetten über den Spitzbögen, das sckwne Tranbenguirlandengesims wurden erneuert und der Balkoii mit einer neuen Stcinbrüstnng aus durchbrochenen Wappen- und Maßwerkfüllniigen umgebe». Auch an dem mit terrassenförmig aufsteigendem Zinncnwerk und Fialen gekrönten Schiffgiebel erhielten die durch fünf Stockwerke wagerecht abgetheilten leeren Fcnsterbleudcn durchweg neue Statuetten. Ueber der Vorhalle, hinter der Balkongallerie zurücktretend, wurde noch im Jahre 1411 die St. Michaelskapelle mit dem „goldenen Thürmchen", dessen Name sich von der ehemaligen zinnvcrgoldcten zierlichen Spitze hinschreibt, erbaut. Letztere wurde vom Blitze zerstört. 1506 — 1509 wurde die Schlaguhr weggenommen und für eine neue mit beweglichen kupfernen Figuren (Männ- lcinlanfen) auf der Michaelskapelle ein Giebel errichtet. Diese' Uhr, von - Georg Heus; hergestellt, kostete nicht weniger als 532 Goldgnlden, für die damalige Zeit keine geringe Summe. In der Gicbclnische, oberhalb des mittlern der dreiseitig zu einander stehenden Fenster, thront heute noch unter einem prächtigen Stcinbaldachine die .mächtige Gestalt Kaiser Karls,1V., zur Seife stand ihm -früher der Herold. Jetzt umgeben ihn noch zwei Po- sannenbläser,, über denen noch Trommler und Pfeifer vertheilt sind. Aus dem.Hintergründe der Nische schreiten nun wieder, wie ehemals, auf bestimmte. Glockcnschläge der Uhr die sieben Churfürsten des hl. römischen Reiches deutscher Nation von der linken zur rechten Seite vordem Kaiser paradircnd vorüber. Der König von Böhmen hält den Reichsapfel, der Churfürst von der Pfalz einen . Schlüssel, der von Sachsen das Schwert, der von Branden- ^ bürg das Scepter. Sie gehören zu dem neu aufgestellten Uhrwerk. Alle jene Figuren waren von dem Kupferschmiede Sebastian Lindenast (f- 1522) in, Kupfer getrieben. Daß derselbe kein bloßer Handwerker heutigen Schlages, sondern in seinem Material ein vollendeter Künstler war, ersieht man aus den drei größern, noch erhaltenen,, von Bildhauer Tobias, Weis in Nürnberg , rcstaurirten Figuren des Kaisers und der Posauncnbläser, die von charakteristischer Zeichnung und Auffassung sind. In ihrer vorigen alten Glanzvergoldnng wirkten sie freilich noch kräftiger als jetzt nach ihrer Nenvergoldnng. Sie sind bereits ganz schwarz geworden und hätte nicht noch durch Bewerfung mit Asche ihre Patinirung beschleunigt zu werden brauchen! — Den Boden der Nische bildet ein gothisches Piedestal, an dessen Bogeirrande mit goldenen Buchstaben die Worte stehen: „OIL 1IK ist iin 1509 1^11 voldiaeüt." lieber dem Baldachine ist die große Scheibe. des , Zifferblattes mit einer goldenen Strahlensonne versehen, und über ihr zeigt eine schwarz- goldene Kugel den Wechsel des Mondlichtes an. Ueber dem Gicbelrande des Kapeklchens erheben sich noch Säulen, auf denen mnsicirende Engel stehen, und den Abschluß des schönen Vorbaues bildet ein eisernes, neu vergoldetes und bemaltes Thürmchen, in dem die, Armenscelenglocke hängt. Ein Theil des Manerwerkes, der Dachstnh! und seine Knpferbedecknng, der reiche Firstkamm und die Erker sind neu. Als Bekrönung des Ganzen strebt endlich auf der Höhe des Kirchengicbels, gleichsam aus. dessen Nischen- walde herauswachsend, der zierliche, in vier Stockwerke gegliederte Glockenthurm empor, der leider immer noch mit seiner alten Blechhanbe bedeckt ist. Wenn aber überhaupt in der Architektur, so ist jedenfalls in der Gothik ^ der Bckrönnngsabschlnß kein unwesentliches Moment. Ohne seine charakteristische Lösung gelangt der architektonische Gedanke nicht zum vollen Ausdruck. Dr. Essenwcin hätte . auch die erklärte Absicht, die dem architektonisch-künstlerischen Charakter des Ganzen Eintrag thuende Blechmntze durch eine leichte, schmuckvolle Pyramide zu ersetzen, wurde aber durch den noch immer herrschenden Einfluß kindlicher Alterthümelei daran verhindert. Bemerkt sei noch, daß die jetzige Sakristei an der Südseite zwischen Chor und Schiff, nachdem die alte im Jahre 1465 abgebrannt, mit der darüber befindlichen ehemaligen Schatzkammer errichtet wurde. Als Pendant zur südlichen baute Essenwcin noch eine nördliche Sakristei zwischen Chor und Franenschiff ein nnd ließ über ihr eine neue Orgel durch Orgelbauer Büttner in , Nürnberg aufstellen. Diese ergießt nun aus unsichtbaren Räumen durch die offen gelassenen Fenster an der nördlichen Chor- seite ihre Harmonien über die Häupter der andächtigen Gemeinde. Die Orgel stand bis. dahin im Michaels- chörlein. 1385, dann 1443 nnd wiederum 1498 waren solche errichtet worden. Die nun frei gewordene Michaels- kapelle läßt jetzt wieder das durch die farbensatten alten nnd neuen Glasbilder gebrochene Sonnenlicht ins Schiff der Kirche dringen. Der Brüstung der Empore (der 131 Kapelle) ist ein neues, ALtar-Erkerchen mit der allen Figur eines in einen St. Michael verwandelten St. Gabriel aufgesetzt. Bei verschiedenen. Restaurationen im XVI. und XVII. Jahrhundert war die Kirche nichts weniger als verschönt und mit Emporen versehen, worden, deren letzte durch Essenwcin glücklich entfernt wurde. Die. von diesem angelegte unterirdische Vorrichtung zum Heizen der Kirche dürfte sich wohl als unpraktisch erwiesen haben. Die hier gewürdigte so gründliche und im Ganzen gewiß wühlgelnngene und würdige Restauration wurde auf. Anregung und thatkräftiges Betreiben des damaligen Nürnberger Stadtpfarrers, jetzigen H. H., Domdekans Franz Kreppel in Bamberg, mit uneigennützigster Hingabe vom 1. Direktor Dr. A. Essenwein, der keinerlei Honorar für sein mühevolles Werk beanspruchte,, hauptsächlich mit den Mitteln aus dem Gewinne zweier staatlich bewilligter Landcslotterien (— etwa 500,000 M. —) bewerkstelligt. Die Stadt Nürnberg selbst leistete keinen Beitrag, obwohl es doch auch galt, der alten, archäologisch noch .immer merkwürdigsten, ehemals so reichen wie berühmten Kaufherrn- und freien Reichsstadt eines ihrer, schmnckvollsten Baumonnmentc zu erneuern, ja zu erhalten. Selbst , für die Benutzung. der alten und unbenutzten St. Kathartnenkirche mußte die kathol. Kirchen- verwaltung während. dcr Zeit der Erneuerung der Frauenkirche einen Pacht zahlen. Zur Geschichte des Kreuzweges. (Schlich.) 1. K. 8. Um 1180 wurde ein Plan von Jerusalem gefertigct, der zu Brüssel sich befindet und von Dr. Röhricht veröffentlicht worden ist. An der Gasse Josaphat, die nördlich vom Tempelplatze in das Thal gleichen Namens führt, ist ein Hans mit der Legende fiio iiagollatus ost äosus. Ernoul lieferte in seiner Oito?. äs lorusalom (1231) eine gär wcrthvolle Schilderung. X main äostro äo ruo äo .losalkäs avoit.s. inoustior, c'on apoloit lo Kapos. . . Iln poi avant, a maino sonostro äo oallo rua, ostoit 1i maisons Kilato. Oovant calla maison avoit un porto, par u on aloit al Romplo. Au der Straße gegen den Tempel zu, erwähnt er die Konto äolorouso, auf dem Sion u. A. auch 8. Kioro eu Oallioanto. Philipp Mousguet (1211) verfaßte auf Grund verschiedener Vorlagen eine weitläufige gereimte Beschreibung der hl. Stätten. la ports äs Hapls 8i ost li Krotores pilato. t8t 1a tu Hissn (Iris sugios vs ckuis priestres rouoijes. .. Ferner: Xprles cel liu, gni mout ost das, 8i ost lo Dlaissous Ln.vkas, 11 In coulnmbs sst st I'sstaos 11 Illesn Orls a simple kaeo. ... (V. 107S0—60.) Der Fortsetzer des Wilhelm von Tyrus (1261): X main äostro cio aolo Kuo clo losapfias avoit moustior, gus l'on apoloit lo Kapos . . .s. poli äo- vant eu aelo rua avoit esto la Liaison Kzäato. X main sanestro clovant cel maison avoit uuo porto . . au Komplo XXII. I,o Ofiomins ot lo Kolorinagos (1265): Illuo guo ost uuo clrapelo out Xostro 8siro kt'u zutZios ot Intus ot sso lku lo Krotoiro äs 6aipfias ot sss maisson (II, 12). ? Burkard von Sachsen (1238): Kunäc» in montom 8iou ropoiios äomum Oaipfiao, in gua luäaoi Ofiristo illusorunt ot looum, in guo ipsum roolusorunt us- c^uo mano. . . . Kxtra fia.no (portam zuüioiariam) kuit Oominus crucitixus, nain litfiostrotus, loous seilicot zuclieii, ost intra muros civitatis zuxta eam. Ricold clo filonto oruois, Orä. Kraoäio. (1300): Kroxo profiatioain piscinam invonimus cloinum lloroäis ot propo äomum Kilati, nfil viäimus litfiostrotuin ot looum, nfii kuit zuäicatus Oominus. Xsoonäontos por viam, por guam asoonäit Ofiristus fiasulaus sifii, iuvouimus looum, nfii äixit I'äliao äorusalom. Ifii ostonäuut looui» tramortioionis Oominas nostrao, onin seguorotur tllium portautom cruoom. Inäo ostonäit looum, nfii sufistitit 6kristus onin cruco ot kessus guiovit panlulnrn. Inäo por transvorsuin ost via, Akt; der Dichter wurde stürmisch herausgerufen, und nicht eher räumte nach Schluss der Vorstellung das Publikum die Theaterplätze, als bis der Kölner Dichter mehrmals vor die Rampe getreten war. In Bonn errang das bürgerliche Trauerspiel „Modern" auf den Brettern einen geradezu sensationellen Erfolg. Das Publikum beruhigte sich nach dein dritten und fünften Akte erst, als es den Dichter erscheinen sah und ihm den Lorbeer um die Stirne flechten durfte. Der Universitätsrektor Ganfinez in Bonn hat die Dichtung in's Französische übertragen.*) Um aber die Befähigung Eschclbach's zum voll- rvcrthigen Dramatiker, um sein starkes Talent zum kühnen Aufschwünge der dramatischen Kunst gebührend würdigen zu können, muß man sein kurz vor Weihnachten erschienenes Drama „Antiochus" lesen?) Der Historiker mag zwar den Kopf schütteln, - der Kunstfreund indeß hat seine helle Freude an Eschclbach's neuester Dichtung. Freilich, die Vertheilung der Rollen an sechzehn Männer und nur eine Frau wird uns etwas stutzig machen. „Hanna" findet sich gar so vereinsamt unter der zahlreichen Männerwelt. Bei dem reichen Stoffe nimmt sich die einzige Franenrolle eigenthümlich und seltsam aus. Durch dies stiefväterliche Verfahren möchte uns der Dichter fast als ein finsterer Misogyn vorkommen, als welchen wir ihn nun ganz und gar nicht kennen lernen werden, wenn. wir seinem süßen Liedcrmnnde. lauschen. Wenn für die tragenden Rollen gntbeanlagte Darsteller ins Feld rücken, wird das Schauspiel eine nachhaltige Wirkung erzielen. Die Entwicklung ist spannend, die Durchführung einheitlich, die dramatische Kraft durchschlagend. „Antiochus" ist entschieden bühnenreif, ist brettcrgerecht, und zwar nicht allein für Vereinsthcater, nein, „Antiochus" wäre. auf Ibsen, Hanptmann, Snder- maun, wie auf all' unsere „Modernen", ein kräftiger Tusch. Zudem hat „Autiochns" vielfach modernen Anfing, wenn er auch nicht im strengen Sinne der „Jüngsten" auf dein Parnasse gehalten ist.. Des Kölners neuestes Drama dem Publikum vorzuenthalten, wäre eine literarische Sünde, und nicht einmal eine leichte. Manch ergrauter Scheitel wird vor dieser Eschelbach'schen Dichtung huldigend sich neigen. . Andere Werke unseres Dichters sind „Lebende Bilder zu religiösen Festen",H „Leichte Vortrüge in Poesie und Prosa"?) Ein natnrsinniges Werk hat der dankbare Sohn dem Andenken des lieben Vaters zum Denkmal gesetzt: „Der Wald und seine Bewohner," von mehr als neunzig Zeitschriften des Ju- ') Universitäts-Prosessor Or. Litzmann aus Bonn, der bekannte Verfasser des Werkes „Das deutsche Drama in den literarischen Bewegungen der Gegenwart", schreibt über „Modern", an den Dichter: „Ich bin der Meinung, das; Sie ein entschiedenes dramatisches Talent haben. Die Hauptcharaktcre und die meisten Scenen sind mit erstaunlicher Leichtigkeit und Geschicklichkeit entworfen und durchgeführt. Die Führung des Dialogs bekundet auch Kenntniß von dem, was anf der Bühne wirkt. Ich habe den Eindruck, daß Sie im volksthümlich gehaltenen Schauspiel und Trauerspiel auf der Bühne gute Erfolge erringen werden." °) Verlag von Jos. Kösel, Kempten. Mit Portrait des Dichters. M- 1,60. Verlag v. Beruh. Kleine, Paderborn. M. 2 ') 2 Bde. Verlag ebenda, ü M. 1,20. und Auslandes, äußerst günstig, beurtheilt?) Ein andens* natnrdnftiges Buch ist „Naturbilder aus allen Zonen" 0) mit musterhaften Naturschilderuugen. Beide Werke sind illnstrirt und. darum der lieben deutschen Jugend doppelt zu empfehlen. Eine literarhistorische Studie sind „Die poetischen Bearbeitungen der Sage vorn ewigen Juden". Sie zeugt von vielseitigem tiefem Wissen anf den verschiedensten Gebieten der poetischen Literatur. Die Studie erschien 1896 in den letzten vier Nnmmern der „Dichterstimmen der Gegenwart", hernach auch im vermehrten Sonder- abdruck?") Die „Dichterstimmen" sind das poetische Organ für das katholische Deutschland, eine nach Form wie Inhalt zeitgemäße und kunstgerechte Zeitschrift, die Freude und Zier aller Freunde und Verehrer wahre Poesie. Diese höchst cmpfchlenswerthe Zeitschrift versieht Eschelbach reichlich mit Recensionen, im Lessing'schc» Farbcuton geschrieben, worin klipp und klar, scharf und wahr über die neuesten schönliterarischen Erscheinungen Kritik geübt wird. Soeben erscheint in der „Jllnstrirten Zeit" der erste Roman Eschel- bach's unter dem Titel „Künstler und Hcrrenkind". In Vorbereitung hat der Dichter „Kunterbunt", Erzählungen und Gedichte für Jung und Alt. Auch veranstaltet er zur Zeit eine voraussichtlich sehr reiche Sammlung von Gelegcnheitsdichtnngen aller Art, wozu schon wiederholt in den. „Dichierstimmen" an das poetische Deutschland die Einladung zur Mitarbeiterschaft erging. . (Fortsetzung folgt.) Die Thätigkeit der Leo-Gesellschaft im Jahre 1896. Wir haben wiederholt anf die segensvolle Thätigkeit der österreichischen Leo-Gesellschaft zür Pflege christlicher Wissenschaft hingewiesen, welche nunmehr das erste Quin- guennium ihres Bestandes zurückgelegt hat, und wollen heute einen speciellen Rückblick auf die Leistungen der Gesellschaft im Jahre 1896 werfen, aus dem nur die hervorragendsten Momente hervorgehoben sein sollen. Die Section für Literatur und Kunst hielt jeden Montag Abend im „Kaiscrhof" Besprechungen ab. Hiebei gelangten Referate über religiöse Malerei und die Mittel zur Hebung derselben, über ein Vruckner-Denkmal. über den Stand der Kirchenmusik, über die Ausgrabungeü in Carnuntum u. a. m. zur gründlichen Berathung. Die von dieser Section angeregte und von der Leo-Gesellschaft herauszugebende „allgemeine Bücherei", welche im Formate der Reclam'schen Universalbib.liothek schon in kürzester Zeit erscheinen soll, kann von weittragender Bedeutung sein/ da dieselbe ausgewählte classische Werke aller Völker und Zeiten enthalten ivird. Für die ersten 6 Hefte sind Abhandlungen von Calderon, Brentano, Stifter, Shakespeare und Sophokles in Aussicht genommen. — In der philosophisch-theologischen Section hat die Hauptarbeit die Aufstellung leitender Grundsätze für die Mitarbeiter am alttcstamentlichen Bibelcommentar anf Grund des Elaborates von Professor Dr. Beruh. Schäfer gebildet. — Die Section für Geschichtswissenschaften faßte den Beschluß, aus Original-Quellen Lebensbilder von Persönlichkeiten zu bearbeiten, die in der Geschichte unseres Vaterlandes hervorragende Bedeutung besitzen, woran sich hauptsächlich Professor Laurenz Pröll und Dr. Albert Starzer be- theiligten. —. In der Section. für Social- und Rechtswissenschaften. die für 1897 einen öffentlichen socialwissen- schastlichen Vortragseurs vorbereitet, hielt Dr. Wilhelm Freiherr v. Berger einen bedeutsamen Vortrag über die „Gewinnbetheilignng der Arbeiter". — Auch die christliche Knust fand die gebührende Würdigung und Pflege in der zu Ehren des unsterblichen Dichters Torguato Tasso veranstalteten Festseier, ivobei Hofschanspieler Jac. Schreiner ") Verlag von Adolf Rüssel, Münster i. W. M. 2. °) Ebenda. ' - ") Verlag v. Pek. Weber in Baden-Baden. M. 1. Tasso'sche Poesien zum Vertrag brachte. Die mehrmalige Aufführung des herrlichen Wcihnachtssestspieles. von vr. R. v. Krälik wird vielen Lesern noch in lebendiger Erinnerung fein, während die am 18. Dezember 1896 veranstaltete erste Aufführung des Oratoriums „Christus", von Franz Lffzt einen ehrenvollen Markstein in der Musikgeschichte Wiens verzeichnet. . — Die Leo-Gesellschaft hat 1896 folgende.Werke publicirt: 1) Das sociale Wirken der katholischen Kirche in der Diärese Gnrk (Körnten) von Dr. Alois Cigoi. 2) Fünf Hefte „Vortrüge und Abhandlungen", und zwar: a) Die Agrarfrage und das internationale Großkapital, von Dr. G. Rußland: b) Der Reichthum der katholischen Kirche, von Dr. Aug. Rösler; o) Das Cartellwesen vom Standpunkte der christlichen Wirthschaftsauffassnng: 6) Die neuesten Richtungen in der Malerei, von G. Neinhart; e) Die Armenpflege einer Großstadt vom Standpunkte der christlichen Armenpflege, von Dr. Richard Weißkirchner. 3) Paulinus H., Patriarch von Aqnileja. Ein Beitrag zur Kirchengeschichte Oesterreichs, von Dr. Carl Gianom. Die von Dr. v. Kralik redigirten .Mittheilungen" sollen einen permanenten Contact zwischen der Leo- Gesellschaft und ihren Mitgliedern herstellen und die letzteren über alle Arbeiten und Bestrebungen im Laufenden erhalten. Jnr Jahrgang 1896 des von Dr. Franz Schnürer geleitetetcn „Literaturblattes" befinden sich cor- recte Kritiken hervorragender Werke - aus allen Gebieten des/ menschlichen Wissens von bleibendem Werthe. — Das vom Generalsekretär der Gesellschaft, Dr. Franz Schindler, herausgegebene „Jahrbuch" pro 1897 enthält unter anderem interessante Abhandlungen von Professor Dr. Ferdinand Stentrup, Professor Dr. Lambert Fikula, Dr. Alfred Nagl, Dr. Frhrn. v. Wcichs-Glon und Dr. Thomas Wehoser. — Nicht unerwähnt sei die unter der Redaction des Pros. vr. Heinrich Swoboda stehende „Vierteljahrsschrift für christliche Kunst", deren erstes Heft nächstens erscheinen wird. Der Stand der Mitglieder hat 1896 einen erfreulichen Aufschwung genommen und ist gegenüber dem Vorjahre von 1444 auf 1650 gestiegen. Möchten doch alle glaubenstreuen Katholiken Oesterreichs nicht zögern. der. schon , so oft empfohlenen und von , Sr. Heiligkeit dem. Papste gesegneten Leo-Gesellschaft bei- zutreten, und das kleine Opfer von 5'Gulden pro Jahr, wofür ia die Mitglieder mehrere literärische Gaben empfangen, nicht scheuen — zumal mit einem Massenbeitritte der Leo-Gesellschaft auch Gelegenheit geboten wäre. den . an sie gestellten hohen Anforderungen voll und ganz zu entsprechen! Kai). Rath vr. Truxa. Recensionen und Notizen. T Göpfert's Moraltheologic — noch einmal. Der bekannte A-Recensent thomistischer Literatur in der Beilage der „Augsb. Postztg." befaßt sich in Nr. 15 mit der Moralthcologie des Würzburger Univcrsitäts- Prosefsors vr. Fr. A. Göpsert — nicht um das Werk „gründlich und zugleich wissenschaftlich" zu würdigen, auch nicht um es lediglich empfehlend anzuzeigen, sondern um zu verkünden, daß es nicht in allen Stücken echt nnd recht thomistisch sei. Daß Verfasser Göpfert's Buch nicht wissenschaftlich würdigt, nehmen wir ihm nicht übel. Uebel nehmen wir ihm aber die Ergüsse seines thomistischen Uebereifcrs, und das soll nun einmal offen und entschieden ausgesprochen werden, nicht aus Interesse für Göpfcrt, den wir leider persönlich noch gar nicht kennen, nicht als ob wir Gegner der thomistischen Sache wären und im hl. Thomas nicht auch die große Leuchte moralthcologifcher Wissenschaft verehrten, sondern lediglich um der guten thomistischen Sache willen, der nach unserer Ueberzeugung und Erfahrung der Herr A-Ncccnsent,'mag er's noch so gut meinen, keineswegs gcnützt hat. Offensichtlich hat der Recensent zur Waffnung für den Angriff einen Artikel im Commer'scheu Jahrbuch (4. u. 6. Bd.) über „die Principien der Moraltheologie nach St. Thomas" nachgelesen, und das getreue Echo all der Klagen über die gegenwärtige moraltheologische Wissenschaft, die dort um so lauter erhoben werden, je schlechter sie begründet find, läßt er heute uns hören. 1) Seines Erächtens hätte llr. Göpfcrt „durchaus gründlicher nnd zugleich wissenschaftlicher" der allgemeinen Moral seine größere Aufmerksamkeit zugewendet „durch engen Anschluß an die b> IDo der 8uwma tbsol. des hl. Thomas von Aguin". Wie er sich das vorstelle, sagt der Herr Recensent nicht — I-> 1V« hat 114 guasstioues auf 887 Seiten 8° (römischer Ausgabe), der allgemeine Theil in Göpfert's Lehrbuch umfaßt 276 Seiten; der Vorwurf thcilweise mangelnder Gründlichkeit und Wissenschaftlichkeit bedarf für den Herrn Recensenten keines weiteren Beweises, wenn sich der Autor nicht enge an den hl. Thomas angeschlossen hat. Als ob es schon ausgemachte Sache wäre, daß thomistischer Gehalt der einzige Werthmesser eines Buches sei, und daß selbst dann gründliches Studium des hl. Thomas und wissenschaftliches systematisches Verarbeiten seiner Resultate dem. Werke eines Autors noch. nicht die Prädikate „gründlich und wissenschaftlich" verdiene, sondern erst. vieles Exccrpiren und Combiniren von Thomas-Stellen mit einigem Commentircn und kräftigem Räsonnircn über jeden, der es- auch im Kleinsten, wagt, den hl. Thomas anders zu verstehen. Muster für die Touart wären natürlich die endlosen „Reu-Thomisten" - Artikel im Connncr- schen Jahrbuch, deren Echo auch schon, mehr als. einmal im Tone des Herrn A-Recensenten uns entgegenklang. 2) Einen zweiten großen Fehler in den Augen unseres Recensenten hat Göpfcrt begangen, weil er, ivic mit dankenswerter Offenheit und Entschiedenheit die Vorrede erklärt, in seinem Buche den wahren Probabilismus festgehalten mit allen seinen Folgerungen. Neuesten? steht es ja in gewissen Kreisen fest, der hl. Thomas müsse in der Moral als Gegner der Probabilistcn bezeichnet werden, wie . er Gegner der Molinisten ist in der Dogmatik. Darum „dürfte wohl schwerlich, die probabilistischc Auffassung der Beziehung des Gesetzes zur Freiheit der Lehre des hl. Thomas . . . . entsprechen. Sie entspricht vielmehr in der Dogmatik (Äo!) der molinistischen Ansicht vom Verhältnisse der Gnade zur Freiheit." Was die angeführte Stelle einer Eucyklica Lco's XIII. gegen den Probabilismus sagen soll, ist uns unfaßbar, und das gleiche müssen wir von dem angeführten ex. 113 s. o. Asm. m sagen. Um nicht zu lange zn werden, wollen wir nur noch eine Bemerkung des Recensenten hier namhaft machen, die nämlich, daß „St. Thomas unter !sx bunmna nicht die kirchlichen Gesetze begreife" und vom Kirchengesetz' handle unter „lex uova" I. II. gu. 106 sgg. Die betreffende guaosllo trägt nun die Ueberschrift: „äs IsKS svauZ'sliea, guas äioitux nova." Sollte es außer den evangelischen Grundgesetzen der Kirche keine anderer: Kirchengesetze geben, die wirklich lsZes bumanas sind? Der hl. Thomas folgert selbst deren Nothwendigkeit aus der geringen Zahl äußerer Verhältnisse und Acte, die der göttliche Stifter und Gesetzgeber der Kirche selbst schon durch das Gesetz des N. B. „lox nova" geregelt hat: ek. xu. 108, I n. 2. Nebenbei bemerkt, handelt Göpfcrt an der angeführter: Stelle nicht vom Kirchengesetz an sich. und der Ausdruck „lex bumsira" findet sich hier gar nicht, ebensowenig wie die „heiligen Väter und Kirchenlehrer an der citirten.Stelle S. 5 ff. der Ein!, erwähnt werden. Macht denn Göpsert reicht ebenda außer von den Gründe r: auch von der persönlichen Autorität und dem „kirchlichen Ansehen" der Lehrer das Gewicht ihrer Ansicht abhängig?^ Oder liegt vielleicht darin schor: ein Verbrechen, daß Göpsert meint, es. dürfe der Theologe die wissenschaftliche Prüfung fremder, wenn auch hoher, Auctorität sich nicht ersparen? Ob Herr Professor Göpsert durch die „rein sachlichen Bemerkungen" des Recensenten sich wird bestimmen lassen, sein Buch in der gewünschten Weise zn „vervollkommnen", wird die Zukunft lehren. Die österreichisch-ungarische Monarchie :n Wort und Bild. Wien. Alfred Hüldcr, k. k. Hos- und Univcrsitäts-Bnchhäudler. Heft 259—271. D Von den vorliegenden Heften behandeln zehn Mähren und.Schlesien, speciell die Architektur und Plastik, die Kunstindustrie, das volkswirthschaftliche Leben, und ist hier besonders Bergbau und Hüttenwesen in Mähren, sowie die Woll-Jndustrie, welche durch ihren großen Export in Tuch. und Shäwls, vorzüglich von Brünn aus betrieben, besonders hervorzuheben. - Hieran reiht sich die landschaftliche Schildernng, sowie die Geschichte nnd Volkskunde dieser beiden hochentwickelten Kronländer in populären und lebensvollen Abhandlungen. Wie bei den vorausgegangenen Banden, so sind auch diesem Bande zahlreiche, den Text illustrircnde Abbildungen beigegebcn, nnd find diese im xylographischen Institute der k. k. Hof- und Staatsdruckerei hergestellten Illustrationen sämmtlich als vorzüglich gelungen zu bezeichnen. Ueber Ungarn, 5. Band, liegen 3 Hefte vor, welche zwei größere Aufsätze über die urgeschichtlichen Denkmäler Ober-Ungarns von Nikolaus Kubingi und die Baudenkmäler Ober-Ungarns von I. Pasteiner enthalten. Abbildungen von Waffen und Schmu ckgegenstäuden aus Bronze, sowie von Fundgegenständen der Völkcrwanderungszeit vervollständigen den Text der ersten Abhandlung, wie zahlreiche Abbildungen von Kirchen und Profanbauten der zweiten Abhandlung beigcgcben sind. Paul Pfaff.Ges ehest und e. Zusammenstellung kirchlicher und staatsrechtlicher Verordnungen für die Geistlichkeit des Bisthums Rotteuburg. 8°, X Z- 489 S. Rottenburg a. N. Wilh. Bader. 1897. Gebd. 5 M.: ungebd. 3 M. 80 Pf. 8. Der Verfasser stellt seinem Bliche jenes Wort voran, das der HI. Bernhard, an Eugen III. schrieb: tzuotiäis xsrstrexuut Isxss, täglich erheben die Gesetze ihren Lärm (äs eous. I, 4). Das traf auch bei uns im Schwabenlande in den letzten 20 Jahren zu. Seit der Sammlung von A. Vogt (1876) ist aber kerne derartige Zusammenstellung von Gesetzen rc. mehr erfolgt. Während nun Vogt sein Brich nach Schlagworten einrichtete, ver> suchte Pfaff eine systematische Darstellung des in Württemberg geltenden Kirchenrechts, ähnlich der Sammlung von Georg Schmidt. Jedoch sind die Verordnungen nicht wörtlich wiedergegeben, wie bei Schmidt, sondern unter. Eitation in den Text verwoben. Pfaff handelt in acht Abschnitten von der Diöcesanverwaltnng, vom CleruZ, vom Pfründwesen, vom Schulwesen (104 S.), vom Armenwesen, hl. Zeiten und Vereine, von außerordentlicher Pastoration (Konversionen) und Begräbnißwesen, endlich vom Eherecht (110 S.). Das Stiftungswesen ist zur Zeit gesetzlich noch nicht völlig festgelegt, wird daher später in einem NachtragSbändchen behandelt werden. Ein vorzügliches, 30 Seiten starkes, alphabetisches Sachregister bildet den Schluß. Der Druck — von der Actien-Gesellschaft „Deutsches Volksblatt", Stuttgart — ist groß und scharf; durch bessere Gruppirung der Citate hätte Platz erspart werden können (z. B. Seite 63, 85, 132, 236). Das Werk repräsentirt sich als ein Produkt großen Fleißes und praktischer Veranlaguirg. Das beweisen die zahlreichen vergleichenden Citate und die Literaturangaben. Es ist daher für das Studium ganz geeignet. Nicht überall findet man auch so interessante Schlaglichter auf die württembergische Kirchengeschichte dieses Jahrhunderts, man möge z. Ä. nur auf manche Erlasse des katholischen Kirchenraths vor 1848 sein Augenmerk richten, oder auf die Rechte des Bischofs, oder auf das Capitel des Schulwesens. Von vielen dieser Erlasse muß man das Wort ebendesselben St. Bernhard gebrauchen: vss autsm von tam ls^ss güsiv litss saut, von vielen können wir sagen tusruvt. Da wir schon oft die Beobachtung machten, daß unsere bayerischen Amtsbrüder sich um unsere kirchen- politischen Einrichtungen in Württemberg interefsiren, so möge ihnen and allen furis sxxsrtss dieses — verhältniß- mäßig auch sehr billige — Werk aufs beste empfohlen sein. Die Thätigkeit und Stellung der Cardinäle bis Papst Bonifaz VM., histor.-canonist. untersucht und dargestellt von Dr. I. B. Sägmüller, Professor a. d. Universität Tübingen. Freiburg, Herder. 1896. 8°. M. 6. Eine auf genauer Kenntniß der historischen und juristischen Literarnr der Vergangenheit und Gegenwart fußende, dankenswerthe Geschichte des Cardinalates bis zum Jahre 1303, welche von keinem Historiker oder Kanonisten, der mit dem Mittelalter sich beschäftigt. Übergängen werden darf. Die handliche Benützung ist durch ein gutes Nainen- und Sachregister erleichtert. r. BaierleinJ., Oberpfälzische Geschichten Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt. 1896. 8". M. 4. — — DerChevalier deChamilly. Roman. Ebenda. 1696. 8». M. 4. Das erste Bündchen enthält 3 Erzählungen (Aus einer kleinen Stadt, Der Concipicnt, Der Vorsteher von Katzeureuth), in welchen mit liebevoller Hingabe das Ländlich-Sittliche des bayerisch-böhmischen Grenzstrichs in anmuthiger Gesprächigkeit und allem Häßlichen abholder Beobachtung dargestellt wird, nicht ohne einen gewissen stillen Humor. Das zweite behandelt in Form eines kulturhistorischen Romanes in gleicher Technik eine romantische Episode aus dem Leben der Lavallisre bezw. Ludwigs XIV. (Ein photographischer Himmelsatlas.) In Kurze wird in A. Hartleben's Verlag in Wien unter dem Titel „Atlas derHimmelskunde" ein astronomisches Prachtwerk erscheinen, wie ein ähnlich vornehm ausgestattetes und inhaltlich interessatens bisher nicht existirte. Das bemerkenswerthe Charakteristicum dieser Publication, welche A. v. Schweiger-Lerchenfeld zum Herausgeber (beziehungsweise Verfasser des mit 600 Abbildungen rllustrirten Textes) hat, beruht darauf, daß die Himmelskörper sich hier sozusagen in Selbstphotographien darbieten. Eine große Zahl von Sternwarten allen Länder hat das kostbare Material zu diesem Werke geliefert. Dasselbe ist auch deßhalb einzig in seiner Art, weil über 200 astronomische Instrumente und die meisten Sternwarten in vorzüglichen Abbildungen (nach Photographien) vorgeführt werden. Der photographische Himmelsatlas wird 135 kartographische -Objecte in meisterhafter Ausführung enthalten und ab April 1897 in 30 Lieferungen (L 60 kr. — 1 Mark) erscheinen. Die berühmtesten Astronomen, wie Flammarion, Holden, Weinet. Schiaparelli u. And. haben in schmeichelhaften Zuschriften ihre Freude über das gelungene Unternehmen dem Herausgeber und Verfasser übermittelt. Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik. Unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von Pros. vr. Fr. Umlauft. XIX. Jahrgang 1897. (A. Hartleben's Verlag in Wien, jährlich 12 Hefte, 85 Pf.) Das 6. Heft des XIX. Jahrganges enthält u. a.: Die Jungsraubahn. Von I. Wottitz, Ingenieur. Mit 1 Karte und 4 Illustrationen. — Der neue amerikanische Süden und die Entwickelung des amerikanischen Negers. Don vr. E. Witte. — Die Expedition des Marquis de Morös. Von vr. G. Tnilenius in Straßburg i. E. — Armenische Sprichwörter. Von Joh. M. Lankau in Dresden. — Die Kometen des Jahres 1896. Zum Capitel des Alpenföhns. — Steinkohlen in Niederländisch-Ost- Indien. Von H. Zander van. — Kartenbeilage: Die Situation der Jungfraubahn 1:150.000. Der Katholik Redigirtv.Joh.Mich.Naich. 12Hefte. M. 12 . Mainz, Kirchheim. Inhalt von 1897, Heft II. Februar: vr. Jos. Mausbach, Historisches und Apologetisches zur scholastischen Reuelehre. — Carl Maria Kaufmann, Die Inseln der Seligen. -- vr. Jos. Kolberg, Die Einführung der Reformation im Ordenslande Preußen. — vr. Jos. Rieber. Ueber Fluthsagen und deren Beziehung zu den semitischen Fluthberichtcn. — Friedrich Schneider, Jkonographisches. — Literatur: vr. Max Heimbncher, Die Orden und Congregationen der katholischen Kirche. — Anton de Maal, Der Campo Santo der Deutschen zu Rom. — vr. Anton Kirstein, Entwurf einer Aesthetik der Natur und Knust. — vr. C. Eberle, Grundeigenthum und Bauerschaft. — A. Rodriguez, Uebung der christlichen Vollkommenheit. — vr. Otto Zardetti, Westlich! oder durch den fernen Westen Nord-Amcrika's. — Miscellen: Johann Host von Romberg und Dionysius Nyckel. — Ueber die Schulfrage in Nordamerika. — Oeffeutliche Kirchenbuße in den re- formirten Ländern. * Zu der Anzeige in Nr. 17 über die Edition „Das neue Universitätsgebäude zu Würzburg rc. wird uns mitgetheilt, daß die Redaction dieser Festschrift das Werk des derzeitigen Herrn Rector Magnificus ist: von Herrn Professor vr. Henner stammt die Darstellung der Einweihungsfeier. Bergntw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck n. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. k<>'. 20 10. ApM 1897. M F Streifzüge dnrch die socialpolitische Literatur der Renaissance. Von Frz. Jos. Stroh meuer, Bencfiziat in Obcrstdorf. Unsere vorjährigen „Streifzüge durch die socialpolitische Literatur des Mittelaltcrs" ') haben zu dem Resultate geführt, daß die mittelalterliche Staats- und Gesellschaftswissenschaft ihren Höhepunkt und vollendetsten Ausdruck in dem hl. Thomas von Aquin erlangt hat. Diesem Gelehrten ist es gelungen, den lang ersehnten Ausgleich zwischen dem antiken und dem christlichen Element auf dem Gebiete der Politik zu Stande zu bringen. Wie er überhaupt den inneren Zusammenhang zwischen der Theologie, der Königin der Wissenschaft, und allen wissenschaftlichen Disziplinen und Systemen herzustellen wußte, so ist auch die specnlative Feinfühligkeit anzustaunen, mit der der hl. vootor an^oliaus Recht und Politik auf das Fundament der christlichen Ethik basirte, d. i. den höchsten Zwecken, der schließlichen Bestimmung des Menschen unterordnete. Es ist selbstverständlich, daß diese Herrschaft der christlichen Idee auf allen Gebieten des Lebens und der Wissenschaft sich auch in der Gestaltung der socialen Verhältnisse verkörpern mußte. Den hieraus nothwendig hervorgehenden Zustand hat eine spätere Zeit „Theokratie des MittelaltcrS" genannt?) Man darf aber diesen Ausdruck nicht mißverstehen. Es wäre tendenziöse Uebertreibung, darunter eine Theokratie im wahren und eigentlichen Sinne zu verstehen; denn eine solche hat historisch nur beim jüdischen Volke bestanden. Man will damit nur sagen, es sei die mittelalterliche Politik vielfach von der kirchlichen Machtsphäre umschlungen gewesen, es habe der katholisch-conservative Faktor das damalige europäische Gesellschaftslcbcn beherrscht. Zum letzten Male kam dieser theokratische Gedanke der mittelalterlichen Politik zum Ausdruck in der berühmten Bulle „(Iiuuu oanataiu« von Bonifacins VIII.^) Die Katastrophe von Konstantinopel (1453) hatte eine neue Aera eingeleitet. Mit dem neueren heidnischen Humanismus wurde ein fortwuchcrnder Gährungs- und Zcrsetzungsstoff in alle Gebiete des Lebens getragen. Die unermeßlichen Reichthümer und Kunst- und literarischen Schätze, die in Italien aus Asien und Afrika zusammenströmten, die neu entdeckte Straße nach den fabelhaften Gegenden Ostindiens, noch mehr die Entdeckung einer neuen Welt im Westen, endlich die Erfindung der Presse, die schon an sich eine ganze Umwälzung in sich schließt, gaben der neuen Bewegung einen mächtigen Aufschwung. Statt daß nun die neuen Ideen für einen konsequenten Fortbau der vom christlichen Geiste getragenen Cultur verwendet worden wären, stellte sich bald mit entsetzlicher Klarheit heraus, daß sie zu einer folgenschweren Reaktion gegen den bisherigen Jdcengang führten. Die neue Strömung kehrte bald eine sehr negative Tendenz, den Protest gegen die theokratische Ordnung des Mittelalters, hervor. Man bezeichnet diese stürmische Uebergangsperiode mit dem Namen „Renais- ') Beilage zur Augsb. Postztg. Nr. 15—17. 1896. °) Namentlich ist dies ein Lieblingsausdruck des Geh. Justizraths und Professors Stahl in seiner höchst interessanten „Geschichte der Rechtsphilosophie", aber auch in anderen Werken, z. B. „Protestantismus als politisches Princip" n. a. °) ok. Albertus, Socialpolitik der Kirche. S. 564. sance". In dieser Zeit hat sich nicht bloß das geistige Leben der abendländischen Völker von Grund aus umgestaltet, sondern auch die äußeren socialen Daseinsformen haben sich geändert, und ein neues Staats- und Gesellschaftsideal wurde aufgestellt. Diese Periode ist die Zeit der Wiedergeburt des antik-heidnischen Absolutismus. Es ist das die erste Frucht der humanistischen Studien einer- und des Ausscheidens des religiös-moralischen Gedankens aus dem Gesellschaftsleben, aus der Politik anderseits. Nothwendig lag aber hierin der Keim der Revolution. Denn aus diesem absolutistischen Princip mußte mit unerbittlicher Logik das entgegengesetzte Princip der Anarchie und Revolution folgen. Der Gedankenproceß war hier um so länger, als die revolutionäre und reaktionäre Idee nothwendig die ganze Gesellschaft von den leitenden Volksspitzen bis in die untersten Volksschichten durchsäuern mußte. Auch diese letztere Idee der Reaktion gegen das absolutistische Princip, die Idee des demokratischen Liberalismus, hat schon in der socialpolitischen Literatur der Renaissance Ausdruck gefunden. Wir können somit deutlich zwei Strömungen unterscheiden. Die eine wird vertreten durch jene Schriftsteller, die den dynastischen Absolutismus vertheidigen, die andere durch die Verfechter des demokratischen Gedankens. An die erstere Richtung knüpft sich der Name des Florentiner Diplomaten Nicolo Macchiavellt (1469 bis 1527). Dieser hatte, trotz seiner Schwärmerei für republikanische Freiheit in seinen Abhandlungen über die ersten 10 Bücher des Livius (äiooorsi sopra i primi äisai liliri cki Ickvio) und in seinen florentinischen Geschichten (äsl? iotoris tiorontine) H, in seinem berüchtigten Buche „II krinoixo" zuerst die absolute Souvcränetät der Politik theoretisch proclamirt und das unsittliche, verderbliche Princip des Interesses auf die Politik als die ausschließliche Norm und Richtschnur derselben übertragen. Mit Recht sagt Stahls von ihm: „Macchiavellt ist der Spinoza der Politik. Es ist dieselbe Emancipation von dem lebendigen Gott, die in der Philosophie zum Spiuozismus, in der Politik zum Macchiavcllismus mit Nothwendigkeit führt." Uebrigens ist sein Buch nur die traurige Signatur des sittlichen Zustandes seiner ZeitH und er somit nur der treue Kopist seiner Zeit. Was an vielen Höfen traurige Wirklichkeit gewesen, hat er theoretisch in ein System gebracht. Namentlich war der italienische Boden längst für dieses neue, durch die Renaissance entstandene Staatsund Gcsellschaftsideal vorbereitet. Schon Kaiser Friedrich II., „der erste moderne Mensch auf dem Thron", wie man ihn genannt hat, hat in seinem nntcritalienischen Reiche den andern Staaten der Halbinsel das Vorbild einer absoluten Herrschaft gegeben. Die Visconti in Mailand haben sodann im 14. und 15. Jahrhundert die neue Form am schärfsten ausgebildet. Und in der Folgezeit haben die französischen Könige seit Philipp IV. auf -) ok. Mattes im Kirchenlexikon, eilt. Anst. Band 6, S. 713. °) Zuerst veröffentlicht zu Rom 1531 —1532. Jn'S Deutsche übersetzt von Zieglcr, Karlsruhe 1832—1641. °) Gesch. der Rechtsphilosophie I. S. 339. ') Stöckl, Gesch. d. Philos. II. S. 54. °) vk. Burckhardt, Cultur der Reuaiffcw 3 fs. 138 dieses Erbe Anspruch erhoben. Ludwig XII. vertreibt die Sforza aus Mailand; Franz I. mns; aber die Stadt von neuem erobern durch den glänzenden Sieg bei Marignano (1515). Diese Berührung mit Italien lenkt den Strom der neuen klassischen Bildung nach Frankreich hinein, und die Zeit Franz' I. wird die Blüthczcit der französischen Renaissance. Aber auch hier tritt uns, wie in Italien, gleichzeitig mit der Aufnahme der neuen Bildung die neue, absolute Form des Staates entgegen. Der Absolutismus fand hier den günstigsten Boden: noch wirkte der Jammer der englischen Kriege nach und erzeugte den allgemeinen Wunsch nach einer starken, sicheren Centralgcwalt, und schon hatte ja auch Ludwig XI. die Vasallen niedergeworfen, der neuen Staatsform den Boden bereitend. Der Absolutismus fand hier ein großes, für seine Aufnahme anf's beste vorbereitetes Reich. Deßhalb hat er in Frankreich auch alle ihm entgegenlaufenden Strömungen siegreich überwunden und sich immer wieder durchgesetzt, und auch nirgends sonst so glänzende theoretische Vertheidiger gefunden, wie wir sehen werden. War also das absolutistische Regiernngssystem namentlich in Italien und Frankreich praktisch verwerthet worden, so hat ihm Macchiavclli theoretisch Ausdruck verliehen. Sein Buch hatte natürlich eine ganze Flnth von Gegenschriften zur Folge. Den Reihen eröffnet Ambra sins Catharinus mit einer Verdammnngsschrift: ^elo übrig a. estri8tia.no cletvLbanllig et ex estristia- nisino penitu3 reinovenäig," Rom 1532. Ihm folgen Gentillet 1576, k. Possevin 1502, Nibandcira 1603, k. Lncchestni 1607, Friedrich II. 1740 n. a?) Wir können diese ausschließlich polemischen Schriften füglich übergehen, da sie für den Gang der focialpolitischen Bewegung und für die Bildung bestimmter Rechts- und Staatstheoricu ohne positiven Werth waren. Eine größere Bedeutung in der focialpolitischen Literatur dieser Periode hat dagegen der berühmte englische Lordkanzlcr unter Heinrich VIII., Thomas Moore (1480 — 1535), erhalten. In ihm hat die demokratische Richtung die erste, wenn auch noch unklare und unbestimmte, Vertretung gefunden. Thomas Morus nahm sich das platonische Staats- idcal zum Muster, indem er gleichwie Plato einen Ideal- staat construirte in seinem Buche: „8 stastsr, viAorenr", der König ist durch nichts beschränkt: prinaep« logistuo solukno. Nur soll er seine Gewalt nicht mißbrauchen, ivagt Bndo zu mahnen. Ein Du Monlin vertheidigt mit Nachdruck die Unabhängigkeit des französischen Königs vom Papstthum") und überbietet alle absolutistischen Politiker in dem Satze: Im loi äs 8uccw88iou ckoit otro rcr^motoo yuauä mems ollo clomro lo trono ü un tou, aaut'la, ckooioiou oontrairs äo8 otats Aonörornix.") (Fortsetzung folgt.) Kircheulexikon, X. S. 031 f. Dieses Buch erschien in Paris 1517. '") Ranke, frauzös. Gesch. I. 370. - '°) Weilt, 1-S8 tbövrioL r-ur 1e ponvoir roz'al er» Vraiies. S. 26. 139 Hans Eschelbach's „Wildwnchs". Von I. B. F. (Fortsetzung.) Als ein echtes Genie, das keine Ruhe hat, sondern rastlos strebt, ist Eichelbach ein überaus fruchtbares und vielseitiges Talent. Er braucht nicht erst eine süße Rast abzuwarten, um die Muse sich hold zu machen. Die Worte eines Rnckert, des Krösus der Poesie, lassen auf ihn sich anwenden: „Was mir nicht gesungen ist. ist mir nicht gelebt; Und mehr als Blumen im Felde sprießen Lieder unter meiner Feder." Nicht rosten, nicht rasten mag Eschelbach's Feder; dafür hat er aber auch mit seinen dichterischen Werken und literarischen Erzeugnissen so viel Glück und Erfolg. Die Perle Eschelbach'scher Muse aber ist „Wild- wuchs",") Gedichte, seiner lieben Frau gewidmet im Maien 1893. Dieser Wunderblume deutscher Poesie die geziemenden „epitsiatn ornuntin" zu geben, dazu ermangeln die Worte — Thatsachen sollen darum reden. Das vornehm ausgestattete Buch, das auf feiner Decken- pressnng finnig die Allegorie des Titels „Wildwuchs" gibt, fand bei seinem ersten Erscheinen reißenden Absatz. Zweihundertnndfüiifundzwanzig Exemplare wurden schon in der ersten Woche abgesetzt, und kaum noch war ein Jahr vorüber, als der Dichter zur zweiten Auflage schreiten mußte. In den Lehrervereinen zu Elberfeld, Köln, Krefeld und an vielen andern Orten, in Bürger- gesellschaften und Unterrichtsanstalten wurden besondere Vortrage über „Wildwuchs" gehalten. Die Stimmen der Presse ohne Unterschied der Farbe sind im Lobe und in der Anerkennung für den Dichter einig, ja sie wetteifern mit einander. Einzelne Gedichte wurden oft, sehr oft componirt, viele auch illnstrirt. Kann einem Dichter noch ein glänzenderes Zeugnis; ausgestellt werden? Wir müssen diese allgemeine Begeisterung für den rheinländischen Sänger nur so höher anschlagen, als wir in einer überspannten, überfeinerten und gefühlsseligen Zeit leben, in einer Zeit, wo die Goldschnittsänger, die ihr kleines „Ach und Weht" zu zierlichen Reimen gepaart auf den Büchermarkt tragen, nach Hunderten zählen, in einer Zeit, wo man in den gebildeten literarischen Kreisen in bodenloser Verkehrtheit, sei es nun aus mangelhafter Kenntniß oder ästhetischer Befangenheit oder aber aus widerlicher Abgeschmacktheit, wo möglich alles, was katholische Färbung bekennt, als das verächtliche Aschenbrödel in die Ecke zu drücken bemüht ist, in einer Zeit endlich, wo die Ungerechtigkeit bei einer gewissen Presse im Schwange geht. Hans Eschelbach aber hat die wirren Stimmen übertönt und verstummen gemacht; sein Sang hat alle bczanbert. Prinz Emil zu Schönaich-Carolath, der berühmte Georg Ebers, protestantische Pfarrer gaben in herzlichen Briefen ihrer Begeisterung und Bewunderung für den Dichter unbefangenen Ausdruck. Aus allen Theilen Deutschlands und der Schweiz, aus Holland, Italien, Dänemark, Oesterreich, ja bis herüber vom Ocean gehen unserem Dichter aufrichtige Anerkennungsschreiben zu. Dieser glänzende Stern an Deutschlands Poeteuhimmel ist einer der Uusrigcu; Haus Eschelbach ist überzengungstrener Katholik. Wir nennen seinen Namen mit Stolz. Die Poesie ist unter dem rasselnden Räderkasten der Maschinen im Jahrhunderte der Erfindung ") Verlag v. Paul Neubner. Köln. Zweite Auflage, mit Portrait des Dichters. M. 3. und des Fortschrittes keineswegs angehört verhallt, ihr Glanz ist im erstickenden Qualm rauchender Fabrikschlöte ungetrübt geblieben. Wir haben nicht allein Dichter, die wir nur anlesen, nein, wir haben viele, die wir auch aus lesen. Eschelbach's „Wildwuchs" aber liest man nicht nur ein-, zwei- und dreimal, nein, so oft eine glückliche Stunde behagliche Muße bietet. Nur flüchtig können wir an dieser Stelle „Wildwuchs" durchblättern, nur vor- übereilend dürfen wir hier den Liedern „Am Weg- rande" und von den „FriedHofsrosen", den Balladen und Romanzen in den „Bildern" und den „Namenlosen Liedern" lauschen. ,Aür die Klänge meiner Seele Wabe Worte ich gefunden; Kleine Lieder sind's geworden. Die zusammen ich gebunden, Einen Kranz daraus zu flechten. Einen Gruß Euch froh zu senden, Echter Wilowuchs! Nehmt die Blumen Freundlich aus des Sängers Händen." In solch herzgewinnenden und wunderbar aumuthen- den, einfachen und natürlichen, aber immer poetischen Versen empfiehlt sich der Dichter durch seinen dichterischen Gruß „An den Leser" gleich von vornherein auf's beste. Frühlingsduftig, sangcsfroh und minuehold hebt er „Im Maien" an zu singen vom flatternden Schmetterling, von knospenden Bäumen, vom blühenden Flieder, und das „heimliche Kosen im Blätterschwall" und „was die Nachtigall sang", verräth ihm mit freudigem Klang, der Maien, der frohe Maien sei wieder gekommen. „Die Welt ist ein Herz und mein Herz ist die Welt!" so klingt es jugendheiter aus seiner Säugcrkchle; wenn die Rosen blühen, trägt er im Herzen „der Welten Welt: die erste allmächtige Liebe!" „An Kaiser Wilhelm II." ist eine feurige Hymne, getragen von glühender Liebe zum deutschen Vaterland und zur deutschen Kaiserkrone, dabei im volksthümlicheu Tone gehalten. Hcldenkühn bläst der Dichter die Fricdens- schalmei. Ihr Klang trägt die Seele des Deutschen im Schwünge der Begeisterung durch alle Wolken empor: „Den Frieden will ich!" Jubelnd klingt es wieder: Bringt Friedenspalmen ihm und Lorveerrciser! Und eine Mutter kniet am Kreuze nieder Und betet fromm: „Beschirme. Gott, den Kaiser!" In dem herrlichen Gedichte „An die Erzieher des Volkes" läßt der Dichter, der „kein Höfling und kein fader Schmeichler" ist, piano ein Register- der socialen Frage unserer Tage mitklingen. „Ostermorgen auf dem Fried Hofe" ist wehmüthig, aber erhebend und tönt zuletzt in einem jubilirenden „Halleluja!" aus. „Durch die Büsche, durch die Baume zog ein wundersames Klingen, Und der blaue Himmel lachte, und die Amsel hört' ich singen. Halleluja! Halleluja! klaug's und sang's aus tausend Kehlen) Eine Thräne wollte heimlich aus dem Auge sich mir stehlen. Halleluja! Halleluja! — Und die ernsten Kreuze winken. Osterjubel! Osterhoffen! Betend muß ich niedersinken." Ein Prachtjuwel herzeusfrischer, aber auch herziuniger Poesie ist „Mein Lied". Des Dichters rastlose Gedanken hatten goldene Zinnen in die rosigen Wolken der Zukunft hineiugcbaut, aber er muß sie zusammenbrechen sehen wie das tollkühne Bauwerk eines unklugen Meisters. Durch das Gemüth des Dichters zieht eS wie ein leiser Frühliugstraum. Wie kaun mau Lenz und Liebe mit 140 süßerem Wohllaut besingen! „Mein Lied" ist unter den Blumen, die der Dichter „Am Wegrande" gepflückt, die Lilie. Die Lilie ist keine heitere Blume. Ernst, melancholisch schaut sie darein. Wehmnthvoll sind des Liedes Weisen. „Mein Lied" ist kein erotisches Lied, das ist ein zartes Minnelied. Der wunderbar weiche Tonfall der Sprache macht das Lied leicht sangbar. Der Klangzauber der Musik hat „Mein Lied" umwobeu. Binnen dreier Jahre wurde dieses Eschclbach'sche Lied zwei- unddreißig Mal in verschiedene Musik gesetzt, zweiunddreißig Mal, der Verfasser weiß es aus erster und sicherster Quelle. Und heute schon könnte er den dreiunddreißigsten Componisten nennen, der dem Liede neue Töne weihen wird. Wenn der Maien wieder blüht, wird auch Eschelbach's seelenvolles Lied neu erschallen. Auch wurde das Gedicht mehrfach illustrirt. Treten wir nun aber im Geiste des Dichters an das Gedicht heran! Der Frühling ist im Thal und auf allen Höhen der Nheinlande erwacht. Der Mond ist stille aufgegangen. Die Tannenwipfel wiegen sich leicht im sauften Abendwind. Der Nachtigall klagend Lied ist verhallt, und in den Silberfluthen des alten Stromes rauscht es melodisch: In silbernem Mondlicht wallte der Rhein, Ein Posthorn klang in der Ferne, Wir sahen uns tief in die Augen hinein, Und leuchtend standen die Sterne. Da hast Du mir schluchzend Dein Lieben bekannt, — Wie hat es so süß mir geklungen! — Dann bin ich gefahren durch's blühende Land Und habe begeistert gesungen: „Tu strahlender Himmel, wie bist Du so tief. Du blühende Erde, wie wurdest Du weit, Dieweilen ich träumte, dieweilen ich schlief! — Gegrüßt, seio gegrüßt! Es ist Frühlingszeit!" Zwei Strophen folgen mit den letzten vier Versen als Refrain. Uebcr's Jahr kommt der Dichter wieder zur Frühlingszeit an den Rhein. „Da hingst Du am Arm eines Ändern." Wandernde Burschen ziehen vorbei, „Die haben-mein Lied gesungen," und er muß entsagen — entsagen. So singt nur ein frisches Mnseukind wie Hans Eschelbach es ist. Wie Ahnung eines Herzeusglückcs iiber- schleicht es uns, wenn wir an die beiden Liebenden am Nhcine denken: in einiger Entfernung sehen wir sie, halb im goldenen Abendroth, halb im webenden Dämmerlichte. Köstlich wie lauterer Rheinwein ist das Gedicht „Natürlich". Das ist der Sprnvggncll heiterer Dichtersreude, wie wir sie nur noch bei einem Wallher von der Vogelwcide gewohnt sind. Ein junges Dichter- leben, das wohl bisweilen zerfahren ist, für das aber die materiell gesinnte Mitwelt kein Verständniß hat, wird in Leid und Freud wortgetreu geschildert. Am Ende des Schuljahres erhalten des Dichters Mitschüler sämmtlich gute Zeugnisse: Mir machte man saure Gesichter . Und gab mir den schlechtesten Wisch von der Welt. Natürlich! Ich war ja ein Dichter! Die Studiengcnossen kommen in „Würden und Amt": Ich ward zu der ärmlichsten Stelle verdammt, Wo die Welt ist mit Brettern vernagelt. „Ein schlechtes Zeugniß, dazu ein Rebell!" So schrieben die klugen Bcrichter. Wahrhaftig, sie machten recht heiß mir die Höll'; Natürlich! Ich war ja ein Dichter! Es nahet die Zeit „mit dem eh'lichen Glück". Die andern haben eine reiche Braut heimgeführt: Arm waren wir Beide, ich und die Maid: Natürlich! ic>) war ja ein Dichter! So kommt der Dichter immer nur schlecht weg. Aber wenn der Todeseugcl mit seinen Fittichen rauscht und die Mitwelt ein unheimlich Grauen überkommt, da ist es unserm Dichter noch ganz wohl ums Herz, der Engel nimmt ihn mit hinüber inS himmlische Reich, und da fragt er mit froinmkindlichem Tone; „Bin werth ich, Herr Petrus, zu gehen durch's Thor! Wo sie glühen, die himmlischen Lichter?" „Natürlich!" jubeln die Engel im Chor, „Natürlich! Dn bist ja ein Dichter!" (Schluß folgt.) Die Waldenser und der Sektenstifter Petrus Waldns. (1- 16. April 1197.) 6. Geradezu fabelhaft groß ist die Literatur über die Waldenser, klein über Petrus Waldns. Besonders in der Mitte unseres Jahrhunderts entstanden Bücher über Bücher, hauptsächlich von «katholischer Seite, welche sich mit dieser Sekte und bcr alten und neuern Literatur über sie in tatum ot longum beschäftigten. Es muß aber sofort betont werden, daß auch, wie wir sehen werden, protestantische Theologen und Geschichts- fchreiber der Wahrheit Zeugniß gaben und Vorurtheile, Fälschungen :c. aufdeckten als das, was sie waren, als blauen Dunst und Nebel. Warum aber solch gewaltiges Wesen mit den Waldenscrn? Warum Aufstöberung aller nur irgendwie und irgendwo zu findenden alten Scharteken? hauptsächlich auf «katholischer Seite? Holzwarth beantwortet diese Frage in einer Abhandlung im Jahre 1854 in der Tübinger theologischen Quartalschrift kurz und bündig: „es hat sich klar und deutlich die Tendenz der ncu-waldcnsischen Ueberlieferung herausgestellt, um deretwillen man die katholischen Berichte des Mittelalters zu beseitigen sich bemühte. Mau wollte nicht nur Reformatoren vor der Reformation gewinnen, sondern man wollte auch den Einfluß der Reformation des XVI. Jahrhunderts auf die Waldenscrsckte verwischen, diese selbst als die Mutter der Reformation erscheinen lassen und so durch Aufstellung des apostolischen Alters der Sekte für die Lehre des Neformationszeitaltcrs den Beweis der Apostolizität gewinnen. Es hat sich auch hier die historische Wahrheit Bahn gebrochen (und tvir betonen, protestantische Geschichtsschreiber haben selbst, zu ihrer Ehre sei es gesagt, mitgewirkt), und bei den einen ist die gemüthliche Illusion zerstört und bei den andern der Betrug für alle Zeiten enthüllt worden. Aber es kann auch geschehen, wie Herzog meint, „daß die jetzigen Waldenser sich dadurch werden eines Besseren belehren lassen, das ist freilich kaum zu erwarten. Sie sind seit einiger Zeit mehr als je für ihre Behauptung vom hohen Alter ihrer Sekte und der reinen Lehre derselben eingenommen, seitdem sie die Erfahrung gemacht haben, daß jene Italiener, die sich vom Katholizismus abgestoßen fühlen, am liebsten sich an eine Religionsgesellschaft anschließen, die italienischen Ursprungs ist und denselben nicht von der Reformation des XVI. Jahrhunderts ableitet, sondern auf die ersten Jahrhunderte des Christenthums zurückführt." (Von einem derartigen Anschluß ist seitdem nichts Besonderes bekannt geworden.) Wir haben keine Zeit und es ist sicher auch kein Raum in nnscrcr Beilage, uns mit kritischen Betrachtungen und Ausführungen abzugeben über die brcikgc- schlagene Literatur betreffend das Alter ec. der Waldenser, 141 wir nehmen mit katholischen und akatholischcn Quellen an — Petrus Waldns ist der Stifter der Sekte der Waldenser nnd führen ihn selbst und die von ihm gegründete Sekte unsern Lesern kurz nnd bündig vor Äugen. Petrus Waldns — auch de Vaux, Waldo, Valdez genannt — war einer reichen Kaufmannsfamilie in Lyon entsprossen. Denselben wandelte die Lust an, die Evangelien, die er gern hörte, selbst und öfter zn lesen, und deßhalb ließ er sie für sich abschreiben und in die Landessprache übersetzen. Das Gleiche that er auch mit den Schriften der Vater und der Heiligen. Diese Bücher las er mit größtem Eifer und sehr oft uud durch sie veranlaßt, faßte er den Vorsatz, die Wege der Vollkommenheit zu beschielten. Er verkaufte alles, was er besaß, und gab es den Armen, denn er wollte arm den armen Aposteln nachfolgen. Auch soll der Tod eines Verwandten so großen Eindruck auf ihn gemacht haben, daß er dies that — ungefähr um das Jahr 1170 —. Diese reichen Almosenspenden gefielen selbstverständlich den Leuten ungemein, sie sammelten sich um ihn und er gewann einen ziemlichen Änhang, was seiner Eitelkeit schmeichelte, zumal er etwas beschränkten Geistes gewesen sein soll. Er wollte die apostolische Armuth in der Kirche einführen und zog mit seinen Anhängern durch Frankreich, um dieselbe zn predigen nnd von ihrer Nothwendigkeit zu überzeugen. Hierin liegen nun schon zwei große Irrthümer verborgen. Für's erste vergaß Waldns, daß die freiwillige Armuth kein Gebot Gottes, sondern nur ein evangelischer Rath ist, der nie und nimmer als Gebot für alle Christen aufgefaßt werden darf. Schon aus diesem Grunde war die Lehre des Waldus und seiner Anhänger verkehrt und der Gesellschaft schädlich. Wie ein hl. Franziskns, ein hl. Do- minikns segensreiche Orden stifteten, Hütten Petrus nnd seine Anhänger allem irdischen Besitz entsagen nnd zur freiwilligen Armuth sich verpflichten können; die Meinung aber, alle Christen müßten sich zn derselben verpflichten, war ein unausführbarer, wir möchten fagen ein einfältiger Gedanke. Es entsteht die zweite Frage: wer gab Waldns und feinen Anhängern das Recht, öffentlich als Prediger aufzutreten? Einfach: sie vindizirten sich hiezu das Recht selbst. Freilich wird hier von manchen eingewandt: die Prediger der katholischen Kirche haben zn jener Zeit ihre Pflicht als Prediger vielfach nicht erfüllt; so daß einige Synoden Klage führen darüber, allein, dies auch zugegeben, hatte der Waldenser Sektenstifter mit seinem Anhang absolut kein Recht, sich als Prediger der katholischen Kirche zu gcriren, denn die Predigt gehörte und gehört stets zn der mior-ia camoincm — sie sind also nur als freie Prädikanten anzusehen, und in diesem freien Prädi- kantcuwesen haben wir die eigentliche Stiftung des Petrus Waldus und zugleich das Eigenthümlich-Neue zn erkennen, was sich an das Auftreten desselben anschloß. Das Dekret des Papstes Lucius III. spricht deßwegen mit allem Recht von einer virxlicmtio pruoclieaiuli, das vierte Lateranconcil spricht dasselbe aus. und das Edikt des Königs Alphcms vom Jahre 1194 nennt diese iirae- riicatio tuEta. Bernhard und Alauns wenden sich desgleichen gegen die Waldenser, die es gewagt, ohne Auftrag der Prälaten nnd gegen ihren Befehl zn predigen. Waldns kehrte sich an nichts, nnd so kam er immer mehr auf die schiefe Ebene, wie später kurz gezeigt werden wird. Der alte Satz, den er für sich in Anspruch nahm: „man muß Gott mehr gehorchen, als den Menschen," klingt recht schön nnd angenehm, aber er vergaß dabei das zweite Wort: „wer die Kirche nicht hört, der sei dir lvie ein Heide und öffentlicher Sünder." Die Anhänger des Waldus, die sich allen Eigenthums bar gemacht hatten, wurden die „?anp>eres cla Im.gcirmo" genannt, „die Armen von Lyon", auch Sa- vonistcn, Hniniliaten, Saboticrs — nach den von ihnen gebrauchten groben Holzschuhen. Sie kamen auch nacl/ Oberitalien und nach Deutschland, wo sie 1212 am Rhein als „Winkeler" auftraten, deßgleichen wollten sie sich in Spanien niederlassen, was ihnen aber nicht gelang, sie wurden vielmehr als Feinde des Kreuzes Christi und als Feinde des Staates zugleich in Bälde vertrieben. Der Stifter der Sekte, Petrus Waldus selbst, durchzog Italien und starb in Böhmen im Jahre 1197. Er selbst war kell: eigentlicher Häretiker, erst seine Anhänger geriethen während des XVI. Jahrhunderts in dogmatische Irrthümer. Früher traten die Waldenser der Kirche mehr voni Standpunkt des praktischen Lebens entgegen. Ihr Lebenswandel wird selbst von ihren Gegnern gerühmt; sie waren prnnklos in Kleidung, mäßig, züchtig, fleißig in der Arbeit, ernst und aufrichtig in den Aussagen, allein der Hochmuth führte sie immer mehr abwärts, weg von der kirchlichen Lehre und zwar auch von der Dogmatik. Herzog, ein unverdächtiger Zeuge, hat in seinem vorzüglichen Quellenwerk (auch Dickhoff ist rühmlich zn erwähnen) nachgewiesen, daß die Waldenser des Mittel- alters sich in ihren Schriften sogar katholischer aussprachcn, als man nach den meisten Berichten der katholischen . Schriftsteller des Mittelalters erwarten sollte. Der gleiche Autor weist auch unwiderleglich nach, daß die Waldenser nicht älter sind, als Petrus Waldus. Er enthüllt hauptsächlich die vielen Fälschungen, welche man zur Zeit der Reformation an den Schriften der Waldenser vorgenommen hatte. Man wollte eben der eigentlichen lutherischen Lehre ein viel größeres Alter zuschreiben und beweisen, daß die Lehre der Reformatoren keine neue Lehre gewesen. Mit Rücksicht auf diese Fälschungen schreibt Herzog in seiner Vorrede zn seinem Werke „Die romanischen Waldenser": „Wohl mag es manchen Freund der Waldenser schmerzen, den Prozeß dieser Umwandlung zu verfolgen und besonders die Äktcn desselben vor das große Publikum gebracht zu sehen. Denn daß nicht bloß eine Art von optischer Täuschung, sondern auch frommer Betrug mitgewirkt, ist außer allem Zweifel. „Doch wir können nicht wider die Wahrheit, sondern für die Wahrheit." 2 Cor. 13, 8. Uebrigcns ist auf das kürzeste nnd bündigste nachzuweisen, daß die Grnndlchre des Petrus Waldus grundverschieden von der Lcbre Luthers nnd der Reformatoren war. Luther verwarf ja bekanntlich jeden nnd allen Werth der guten Werke und baute seine Nechtfcrtignngslchre auf den Glauben allein auf, Petrus Waldns aber nnd seine Anhänger stützten ihre NcchtfcrtignngSIehre besonders auf die guten Werke, sonst hätten sie doch nicht die freiwillige Armuth wählen können. Wir sagten oben, daß der Sektenstifter nnd die Seinen immer mehr auf die schiefe Ebene geriethen, immer weiter von der reinen Lehre der katholischen Kirche sich entfernten, was wir an einigen Beispielen noch nachweisen wollen. Während sich die Waldenser im Ansang nur gegen 142 das äußere Kirchcnihum mid den weltlichen Besitz gerichtet, sogar die Abgaben des Zehnten verpönt, vor allein innerhalb der katholischen Kirche eine sittlich-religiöse Reform zunächst bei der Geistlichkeit angestrebt, ging es später auch gewaltig dogmatisch abwärts. Sie anerkannten längere Zeit die ordentliche Vollmacht znr Absolution von den Sünden, sowie znr Consecration der hl. Encharistic. Nachdem ihnen aber von Seite der katholischen Geistlichkeit die Absolution und die Darreichung der hl. Commnnion verweigert wurde, bildeten sie die Theorie der Laienbcicht und die Consecration durch Laien vorerst für den Nothfall aus. Ueber die katholische Lehre vom Fegfeuer haben sie sich meistens schwankend geäußert und bezüglich der Heiligenverehrung nur die Anrufung ihrer Fürbitte zurückgewiesen. (Alzog.) Henrion sagt: „Ihr Hauptangriff ging gegen die sichtbare Kirche; sie sei angesteckt vom Bösen, der Papst das Haupt aller Irrthümer (Papst Sylvester — heißt es in den bekannten „Geschichtslügen" — sei auf Anstiften des Teufels der erste Erbauer der Kirche gewesen), die Prälaten Pharisäer, Schriftgelehrte, Mörder; kein Geistlicher solle Einkünfte haben. Alle Sakramente tadelten sie; das Abendmahl sei bloß gcbackenes Brod (ob dies nicht zu viel be- chauptet ist?), die Taufe nütze nichts, kein schlechter Priester könne lossprechen, die Ehe sei kein Sakrament; alle kirchlichen Gebräuche seien verwerflich. Es gibt kein 'Fegfeuer, man wird entweder selig oder verdammt; Opfer, Gebete, Almosen für die Verstorbenen nützen nichts. Wir sehen: viel hatten sie über Bord geworfen von den wichtigsten und trostreichsten Dogmen unserer hl. Kirche. In ihrer vollständigen oppositionellen Constitution bestanden die Waldenser, sagt Alzog, aus Vollkommenen und Unvollkommenen. Die gottesdienstlichcn Versammlungen hielten die aus Seniores, Presbytern und Diaconi bestehenden Vorsteher, welche noch bis zum XVI. Jahrhundert Cölibatäre waren, die hl. Schrift galt als die alleinige Glanbeusgnelle, ihre Erklärung verlangten sie buchstäblich. Die Waldenser verwarfen den Eid rundweg, desgleichen jede Tödtung durch die Obrigkeit, jeden Kriegsdienst, jede Lüge erklärten sie für eine Todsünde. In den Bergen der Dauphin» und in drei picmon- tesischcn Alpcnthälern erhielt sich die Sekte bis auf die Gegenwart, nachdem viele Gemeinden in Böhmen sich der hussitischen, in Frankreich sich der calvinischen Lehre angeschlossen hatten. Heute bewohnen noch ungefähr 20,000 Waldenser die drei Alpenthäler Val Martina, Val Angrona und Val Lneerua. Sie sind, wie der protestantische Kirchcnhistoriker Guericke schreibt, „ein reiner Lehrbegriff, sowie in patriarchalischein Sinne lang sichtlich vertäuet und ermattet". In neuester Zeit fanden sie besonders bei den Engländern viel Gunst, die ihnen 1848 in Turin eine herrliche Kirche erstellen ließen, welche 1853 auf pompöse Weise geweiht wurde, um ein Hort des Protestantismus in Italien zu werden. Das Bibelwerk der deutschen Jesuiten.*) . In einer früheren Nummer der „Germania" wurde eme Uebersetzung des Breves mitgetheilt, mit welchem Papst Leo XIII. das neue Bibelwcrk der deutschen Jesuiten ausgezeichnet hat. Es wird sicher dem Wunsche mancher Leser entsprechen, über dieses Werk einige genauere Angaben zu erhalten. Wie der Titel des Werkes „Oarsus 8cripturao 8aeras" *) Aus der „Germania". andeutet, soll dasselbe das ganze Gebiet der hl. Schrift umfassen und nach allen Seiten hin erläutern. Diesem allgemeinen Plane entsprechend, gehören die einzelnen Theile des Cursus drei verschiedenen Gruppen an. In der ersten Gruppe soll durch eine gute Handpolyglotte eine sorgfältige Ausgabe der heiligen Texte, zunächst des hebräischen, griechischen und lateinischen, geboten werden; zugleich sollen in den Anmerkungen diejenigen abweichenden Lesarten aller alten Uebersetzüngen, sowie einiger der wichtigsten Handschriften verzeichnet werden, welche den Sinn des Textes beeinflussen und deshalb für den Theologen und Exegcten von Bedeutung sind. Die zweite Abtheilung umfaßt das Gebiet, der Ein- leitungswissenschafteu. Zu ihr gehören zunächst die eigentlichen, historisch-kritischen Einleitungen in das alte und neue Testament: ferner die biblische Alterthumskunde, die in ihren verschiedenen Theilen in einzelnen Abhandlungen und in einem biblischen Nealwörterbuch zur Darstellung kommt; endlich die ktiiloloA-ia saera, die biblische Sprachwissenschaft, welche durch Grammatik und Wörterbuch des Hebräischen, des neutestamentlichen Griechisch u. a. im Cursus vertreten wird. Die dritte und größte Gruppe bringt dann in den Commentaren die Erklärung der ganzen hl. Schrift zum Abschluß. Jedes der geschichtlichen. Lehr- und prophetischen Bücher des alten und neuen Testamentes erhält seinen eigenen Commentar und ivird ausführlich im Zusammenhang erläutert. Der Plan dieses Bibelwerkes umfaßt demnach alles, was für das Studium der heiligen Bücher in Betracht kommen karrn. Zur Ausführung eines solchen Unternehmens konnte natürlich die Kraft eines Einzelnen und die Arbeit weniger Jahre nicht ausreichen. Es vereinigten sich dazu eine'Anzahl deutscher Jesuiten, zunächst V. Rudolf Cornetr), der nach einem dreijährigen Aufenthalte im Orient viele Jahre hindurch als Professor der Exegese im Kollegium zu Maria-Laach und später an der päpstlichen GregorianischenUniversität zu Rom gewirkt hatte, k. Joseph Knäbenbauer, ebenfalls langjähriger Professor der Exegese in Maria-Laach. Dittou-Hall (in England) und jetzt in Valkenburg (in Holland), und?. Franz von Hummelauer; eine Reihe anderer Mitglieder der deutschen Ordensproviuz widmeten ebenfalls dem Cursus ihre ganze Arbeitskraft. Die langjährige Lehrthätigkeit auf dem Gebiete der heiligen Schrift ermöglichte es den Herausgebern, in ver- hältuißmäßig kurzer Zeit schon einen großen Theil des Werkes zu vollenden. Nach kaum zwölf Jahren seit dein Erscheinen des ersten Bandes konnte der Heilige Vater in seinem Breve vom 14. Oktober v. I. schon dreiundzwanzig fertigen Bänden sein Lob und seine Anerkennung aus- sprechen. Außer der allgemeinen und besonderen Einleitung zum alten und neuen Testamente, die ?. Cornely in vier Bänden veröffentlichte und jetzt in zweiter Auflage herausgibt, ist bis jetzt ungefähr die Hälfte der Commentare erschienen. Es sind die Erklärungen der Genesis, des Buches der Richter und Ruth und der zwei ersten Bücher der Könige von V. v. Hummelauer; des Ecclesiastes und des Hohen Liedes von L. Gietmann, des Buches Job, der vier großen und zwölf kleinen Propheten und der drei ersten Evangelien von k. Knabenbauer; des Briefes an die Römer, des ersten und zweiten Briefes an die Ko- rinther und des Galatcrbriefes von ?. Cornely. Die noch fehlenden Theile sind in Vorbereitung, theilweise schon druckfertig, und werden nacheinander erscheinen. Ein schönes Bild von der Gediegenheit und dem außerordentlich reichen Inhalt dieser Bände gewinnt man bei der Durchsicht des letzterschienenen, der Erklärung des Römerbriefes von V. Cornely. Wenn irgend ein Buch der heiligen Schrift, so bietet sicher dieses Sendschreiben des Dölkerapostcls eine Menge von Schwierigkeiten, aber auch eine Fülle der herrlichsten Gedanken und Wahrheiten. So stellt, es dem Erklärer eine schwere Aufgabe. Cornely zeigt sich aber derselben vollkommen gewachsen und hat sie mit dem besten Erfolge gelöst. Sein Commeutar bietet nach einer kurzen, gediegenen Einleitung zunächst für jeden Abschnitt, der zur Besprechung kommt, den lateinischen und griechischen Text nach den besten Ausgaben: die sorgfältigen textkritischen Bemerkungen bringen die Varianten der verschiedenen Textzeugcn, soiveit dieselben für die Erklärung von Bedeutung sind. Dabei wird über den Werth der einander 143 gegenüberstehenden Lesarten ein kurzes Urtheil nebst seiner Begründung abgegeben. Der eigentlichen Erklärung liegt der Text der Lnlgata zu Grunde, den Bestinnuuugen der Kirche und insbesondere der letzten Encyklica Leo's XIII. über das Bibelstudium entsprechend. Doch kommt der griechische Urtext keineswegs zu kurz; vielmehr wird derselbe ganz den Worten des Heiligen Vaters gemäss überall zu Rathe gezogen, um den wahren Gedanken des Apostels stets richtig zu erfassen. Wo es nothwendig erscheint, wird dabei auf die Mangel und Unvollkommcnheiten des entsprechenden Ausdruckes in der Vnlgata hingewiesen. Dein richtigen Verständnis; des Sinnes dient aber nicht, bloß der Vergleich des Urtextes und der verschiedenen Lesarten: überall ist der Verfasser bestrebt, unter Benutzung aller exegetischen Hilfsmittel au der Hand der heiligen Vätcr und der größten Schrifterklärer aller Jahrhunderte den Gedantengaug des Apostels im Großen wie im Kleinen richtig zu erfassen. Nach der Darlegung des Zusammenhanges eines Abschnittes untereinander wird jedes Wort des Apostels erwogen und nach allen Seiten hin beleuchtet. Jedes Wort wird gewissermaßen im Lichte der Erklärungen der hl. Väter, namentlich der hl. Johannes Chrysostomns, Augustinus, Hicronymus und Thomas von Äquin, betrachtet und unter Vcrglcichung auch der neuesten katholischen wie nichtkatholischen Auslegungen. erörtert. Die von der Erklärung, des Verfassers abweichenden Deutungen werden dann, wo es nöthig erscheint, mit den Worten ihrer Urheber vorgeführt und widerlegt. Schließlich werden auch alle sonstigen an den Text sich knüpfenden Bemerkungen und Folgerungen noch hervorgehoben. Trotzdem leidet die Klarheit und Uebersichtlichkeit nicht unter dieser außerordentlich großen Reichhaltigkeit. Bei der einheitlichen und conscguent durchgeführten Methode des Verfassers findet man sich leicht zurecht; außerdem ist durch die verschiedenen Arten des Druckes für die leichte und klare Unterscheidung der Worte des Apostels, der eigentlichen Erklärung, der minder wichtige;; Zusätze und der Bemerkungen gesorgt. Die übrigen Theile des Cnrsus sind durch ähnliche Anordnung, Gediegenheit und Reichhaltigkeit ausgezeichnet. Stets wird, ganz in; Geiste der Encyklica des Heiligen Vaters, das Hauptgewicht darauf gelegt, au der Hand der Väter nnd Lehrer der Vorzeit zum richtigen Verständniß zu gelangen, ohne dabei die Gegenwart und die Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen Forschungen zu übersehen. So bietet der Cursus ein nützliches Hilfsmittel, die reichen Schätze kennen zu lernen, welche in den heiligen Büchern und in den Erklärungen der Väter verborgen sind. Er erschließt diese Schätze nicht bloß für den Ere- geten und Dogmatiker. sondern für jeden Freund der hl. Schrift; allen zeigt er bei; Weg, die unerschöpfliche;; Reichthümer des Buches der Bücher für sich und andere nutzbar zu machen. Möge die hohe Anerkennung, die ihn; der Heilige Vater gespendet hat, den; großen Bibclwcrke auch in Deutschland neue Freunde erwerben! Recensionen und Notizen. Vernünftiges Denken und katholischer Glaube. Erwägungen für die gebildete Welt von Christian Hold, Dekan und Pfarrer. Kcmpten, in; Verlag der Jos. Kösel'schen Buchhandlung, 1897. Vlll u. 294 Seiten. Der Verfasser vorstehender, soeben erschienener Schrift ist ein in weiten Kreisen allgemein beliebter, in theologischen und naturwissenschaftlichen Dingen bewaudter und gelehrter Blaun. Was vorstehende Schrift will, ist in; Titel enthalten, nämlich zeigen, daß der kathol. Glaube und vernünftiges Denken sich nicht gegenseitig ausschließen, wie gewisse Vorurthcile annehmen, sie will im Gegentheil zeigen, daß der kathol. Glan.be ein vernünftiges Denken zur Vorausictznng habe. Zu diesen; Zwecke werden in 16 Abhandlungen oder Vortrügen, welche fast alle nach Form nnd Inhalt von vollendeter Schönheit sind, die hauptsächlichsten Glanbenswahrheiten dargestellt. Es sind Erwägungen für die gebildete Welt, also nicht für die Gelehrten. Da haben wir keinen Mangel an vorzüglichen apologetischen Werken, wie von Hettingcr, Schanz, Voscn, Weiß :c. Auch für das einfache gläubige Volk ist gesorgt an schöne», erbaulichen Schriften dieser Art. Aber für die sogenannte gebildete Welt, d. h. diejenigen, welche nach Erziehung und Unterricht für geübteres Denken befähigt sind, aber doch gelehrte dickleibige Bücher über religiöse Fragen nicht zur Hand nehmen, anderseits aber dock durch die gewöhnliche einfache Darstellung nicht befriedigt werden, haben wir wohl großen Mangel- Hier liegt nun ein solches Buch vor, welches diese Lücke in vorzüglichen; Grade ausfüllt. Auch den geistlichen Herren dürfte diese Schrift willkommen nnd manchem ein Fingerzeig sein, wie man den sogen. Gebildeten und auch den weniger Aufgeklärten in seinen Vortrügen mit Erfolg entgegen zu kommen hat. Der Verfasser sagt ganz richtig in der Vorrede: „Mehr als je tritt heutzutage an den Katholiken die Pflicht heran, sich nnd anderen über sein Höchstes auf Erden, seinen Glauben, Rechenschaft zu geben. Diese Vortrüge wollen nichts anderes, als den; einen oder andern diese Rechenschaft erleichtern helfen." Für die hübsche Ausstattung dieser Schrift verdient die Verlagshandlung alles Lob. Domkapitnlar Winter. Gedenkblätter zu Ehren des hochwürdigen geistlichen Rathes Dr. Joseph Grimm, weiland Professor der neutestamentlichen Exegese an der Universität Würzburg. Zum ersten Jahrestag seines Todes gewidmet von vr. Herman Schell, derz. Rector der Universität Würzbnrg, und vr. Albert Ehr- hard, Professor an der Universität Würzbnrg. Zum Besten des Würzburger Bonifatinsvereines. Würzbnrg 1897. Göbel. Gr. 8°. S. 136. Preis M. 1,20. chf Weit treffender, als das wohlgelungcne Bildnis auf der ersten Seite, zeichnet Pros. Ehrhard das Lebensbild des Verewigten. Er steht da vor uns, wie er leibte und lebte, lehrte, dachte und empfand. Wir lernen ihn kennen in seiner Jugend und theologischen Ausbildung, als Professor der Theologie (Exegese), als Forscher nnd Schriftsteller; wir begleiten ihn im Geiste auf seinen Natur- und Kunststudicn gewidmeten Reisen; sein Charakter als Priester und Mensch lehrt uns ihn achten und schätzen. Ganz objektiv ist die Darstellung nnd doch voll Liebe und Wärme; zugleich ist uns ein zwar bescheidener, aber doch recht anerkennenswcrther Beitrag geboten znr theologischen Literaturgeschichte unseres Jahrhunderts. Den würdigen Schluß der Gedenkblätter bilden die Grundgedanken des messianischen Lebensplanes Jesu auf Grund der exegetischen Werke Grimms, als Trauer- gcdächtnißrede in der Universitätskirche zu Würzbnrg gehalten von Professor Schell. Allen Schülern und Freunden Grimms werden unsere Blätter ein schönes Andenken, allen gebildeten Lesern aber eine Geist nnd Herz erhebende Lektüre sein. Der Reingewinn ist zum Besten des Würzburger Bonifatiusvereins. Dr. Johann Anton Englmann's Handbuch des Bayerischen Volksschnlrechtes von vr. Ed. Stingl. Vierte verbesserte nnd vermehrte Auflagck 8. Im Schulanzeiger für Niedcrbayern ist folgende Ministcrial-Verordnung zu lesen: „Da das bezeichnete Buch eine höchst brauchbare systematische Darstellung sowohl der allgemein gütigen, wie auch der für die einzelnen Regierungsbezirke erlassenen Bestimmungen über das Volksschnlwesen Bayerns enthält, ist dessen Anschaffung für Schnlbehörden u. s. w. zu empfehlen. Zur Anschaffung aus Regiemitteln wird Ermächtigung ertheilt. vr. v- Landmann." Wahrlich ein schönes Zeugniß! Auch vr. v. Hanck hat in der „Bayerischen Gemeinde- zeitung" das Buch sehr lobend besprochen, wobei besonders „die klare Uebersicht" hervorgehoben wird. „Nach allen Richtungen findet man Aufschluß über sich ergebende Fragen, und ist die Antwort durch Genauigkeit des Sachregisters leichr zu finden." Tarn»; wird das Buch auch „ans's beste" empfohlen. Domkapitnlar vr. Schmitt, ebenfalls Fachmann anf dem Gebiete des Kirchenrechts, weiß als einen Hanptvorzng an diesen; Buche zu loben, „daß sich die 4. Auflage hinsichtlich der Darstellung jener Details, welche gerade in unserer Zeit brennend geworden sind, als eine Leistung darstellt, welche bisher von keiner Veröffentlichung erreicht ist. So sind die Gehalts- und Pcnsions- verhältnissc deS Lehrerpersonals und der Lehrerreliktcn nicht bloß in den einzelnen Kreisen, sondern auch in den 144 größeren Städten mit einer «machenden Sorgfalt dargestellt. wie sonst nirgends. Die Rechte nnd Pflichten, die sich durch die beständige Verbindung von niedern Kirchen- oiensten mit Schuldiensten nach verschiedenen Seiten hin ergeben, sind ganz dem bestehenden Rechte entsprechend zusammengestellt, so daß diese Darstellung als Grundlage aller weiteren Verhandlungen über diesen viel umstrittenen Punkt dienen kann. Ueber diesen Details geht aber der Herausgeber Rechtsfragen durchaus nicht aus dem Wege, wie der Hinweis auf 8 37 S. 100 über die Qualifikation der Katecheten darthut; nur sind solche Rechtsfragen ganz objektiv behandelt. Hervorzuheben ist ferner, daß alle Entscheidungen und Entschließungen der kompetenten Behörden seit dem Erscheinen der dritten Auflage eingefügt sind - dadurch erhält das Buch seine werthvollste Eigenschaft: die Verlässigkeit. Hat man das Buch in einer Frage zu Rathe gezogen, so weiß man, daß einem nichts von Bedeutung entgangen ist." Einen Gedanken können wir uns nicht versagen, hier wiederzugeben, den Dr. Schmitt seiner Recension hinzugefügt hat: Wir begrüßen es mit Befriedigung, daß gerade Geistliche, Dr. Englmann und Dr. Stingl, dieses nicht unschwicrige Gebiet mit solchem Glücke bearbeitet haben, daß mich erprobte Fachmänner ihnen die Anerkennung nicht versagen können. Tibesar B. L., Fr. W. Weber's „Dreizehnlinden". Eine literarische Studie. 8" pp. II 4- 152. Padcr- born. F. Schöningh. 1896. (II.) 1 M. 20 Pf. k Weber's herrliche Dichtung „Dreizehnlinden", die bis seht 71 Auflagen erlebt hat und trotz allen Widerstrebens auch ins Englische und Französische übertragen worden ist (ein Versuch ins Lateinische verlief im Sande), wird in vorliegendem anspruchslosen, aber mit großer Begeisterung geschriebenen Büchlein einer Besprechung unterzogen in der Art, wie dergleichen Meisterwerke der Literatur an unseren Mittelschulen behandelt werden. Zuerst kommt die Inhaltsangabe und Entwickelung der Handlung in übersichtlicher Analyse mit wörtlicher Anführung der bezeichnendsten Stellen: darauf folgen dann allgemeine Erörterungen zum Ganzen mit der Charakteristik der auftretenden Personen. Den Schluß bildet eine ästhetische Betrachtung über die Natur-poesie in „Dreizehnlinden" und über Cultur und Volksleben, ivie es dieses Gedicht widerspiegelt, sowie über Form und Darstellung. Für- Schüler, welche die Dichtung gelesen haben, ist das Buch eine willkommene Gabe zum besseren Verständniß und zur richtigeil Würdigung. ist mit diesem bei uns sehr beliebten Büchlein der „Kinderlegende" von Hattler wieder um ein Stück vermehrt worden. Zum Zwecke der Uebung werden auch Erwachsene sehr gern die leicht und gefällig geschriebenen Geschichtchen lesen, ehe sie der Sprache so weit mächtig sind, um größere und ernstere Bücher mit Nutzen vornehmen zu können. Eine andere Verwendung dürfte die spanische Ausgabe bei uns in Deutschland wohl auch kaum haben. Lru-in "Will., Os rslations iutsr auotoritatsw st lsZ-i- timam sooistatsin potiora inomsnta, ut all oaussm tavti ponäsris acouratius tractsnäaru excitentur optimales. LloAuntias, Rr. Lirobbsim, 1896. 8°, pp. 24. Ll. 0,40. 7 Uölivsata proviäsntiao äivinas circa bominss äis- positicmo autor äicsnäi raticms brsvi ao äiluoiäa äs rs- lations iuter autoritatsm st 1s§itimam socistatem »Asus eruäitoruin aoumiui clitüciilima guasgus nscnon iutrioata xroponit arA-umonta, e. Zr. guanäo potsstas civiiis pro IsAitima babsncka sit, mrm Principes rsZsnäi potsstatsm privat! suris titulo sibi vinäioars xossint, guibus ex oausis xrinoipatus tollatur, guantopsrs multituäo st numsrus contsmni guvat aliagus i<1 §snus. Librorum amatoribus xaKsUas Ouilislmi (rects pro: ^Villiaml) blruüni absgus äubio Z^ratas sinnt. Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums' Nürnberg, 1896. sZ Aus dem reichen Inhalte der vom Direktorium Herallsgegebenen und mit Abbildungen versehenen „Mittheilungen" heben wir hervor: A. Bauch: Ein vergessener Schüler Albrecht Dürers. (Gemeint ist G. Schlenck.) — F. Fuhse: Aus der Plakettensammlung des Germ. Nationalmuseums. — G. v. Besold: Der Meister der Nürnberger Madonna. (Constatirt Moniente zu Gunsten einer Autorschaft Peter Wischers.) — Th. H.: Das Ge- denkbuch des Georg Friedrich Besold, Pfarrers zu Wildenthierbach im Rothenburgischen. (Aus der Zeit des siebenjährigen Krieges.) — K. Schaefer: Albrecht Dürer und der Rahmen des Allerheiligenbildes. — Th. Hampe: Deutsche Pilgerfahrten nach Santiago de Compostella und das Reisetagebuch des Sebald Oertel (1521—22). — Außerdem ist zu erwähnen der von Th. Hampe veröffentlichte Katalog der Gcwebesammlung, illnstrirt, und die Chronik des Museums, der Zuwachs der Sammlungen u. s. w. Kabstti ^1. (s. (I.), Ooinpenäium tbsoIo§ias moralis a äo. k. Our^ (s. ck.) xrimo eonscriptum st äsinäs ab Antonio Balls rini (s. (I.) aänotaticmibus auctum, uuno vsro all broviorsm lormam sx- aratum. 6°, xp. XIV -s- 896. Ratisbonas, I'r. Bustst, 1897. (XIII.) N. 9,60 1i§. -7 Die Moraltheologie des Jesuiteupaters Gury hat trotz aller Mängel sozusagen die Bedeutung eines „Ztanäarä Look" in den Schulen erlangt. Besser als die Bearbeitung von Ballerini oder Dumas ist die vorliegende, vorzüglich ausgestattete Ausgabe von L. Sabetti, Professor in Woodstock; dieselbe bat es in wenigen Jahren zu 13 Auslagen gebracht, ein Beweis ihrer Brauchbarkeit, die besonders durch einen musterhaft gefertigten Index wesentlich erhöht wird. Daß der Verfasser auf amerikanische Verhältnisse besonders Rücksicht nimmt, thut der allgemeinen Verwendbarkeit des Buches keinen Eintrag. Die Anordnung des Stosses ist klar nnd übersichtlich, dre Sprache genau und knapp; überflüssige Auseinandersetzungen, dre nur theoretischen Werth haben könnten, sind vermieden und so der sonst nicht recht genießbare Gury m praktische nnd angenehm lesbare Form gebracht, so daß wir das Buch ohne Bedenken zu den besten Lehrbüchern der Moraltheologie rechnen dürfen. Ilattlor Rrano. (s. I.), Los ninos santos ü Is^enäas infantiles. Odra traänoiäa äsl alsmän por sl k. äsrönimo Rosas (s. I.). 12°, pp. VI -j- 278. Rribui'Ao äs Lris§. (Rsräsr) 1896. (II.) bl. 2,80 Asb. 7 Der treffliche Vorrath von vorzüglich ausgestatteten, correct gedrirckten Büchern in spa'.iischer Sprache, wie wir ihn im Verlag der Herder'schen Buchhandlung begrüßen. Nütter Arn., Altarblumen im Topf und ihre Spezialcultur. Regensburg, Fr. Pustet, 1696- (III.) 8°, XII-j-180 SS. M. 1,40. -> Gar mancher Pfarrer auf dem Lande ist ein eifriger Freund der „scisntia amabilis", und es überkömmt ihn das wohlige Gefühl behaglicher Selbstzufriedenheit, wenn die vorübergehenden Städter den Anbau seines kleinen Gärtchens bewundern. Rütter unterweist den Blumenfreund, wie er seine Liebhaberei in den Dienst der Kirche stellen kann. Und wer sich dies Büchlein, das auch mit 103 Abbildungen ausgestattet ist, fleißig zu Nutzen macht, kann leicht in den Ruf kommen, den Altar des Herrn mit den zarteil Kindern Floras in sinniger und reichlicher Weise zu schmücken. Rütters Handbücher erfreuen sich mit Recht einer großen Beliebtheit bei allen Geistlichen, die Blumen lieben — und wer gehörte nicht dazu? — und die auch die Möglichkeit haben, ihrer Cultur die nöthige Aufmerksamkeit zu widmen. * Zur österlichen Zeit empfiehlt sich für jeden Christen die Lektüre der 32 Seiten starken Broschüre „Das legte Mittel", welche in anschaulicher, ergreifender Form über die Reue, speciell über die „vollkommene Reue", andelt. Diese Abhandlung stammt aus der Feder des ekannten Missionärs L. W. Lerch und erschien bereits in 8. Auflage. Sie ist erhältlich von der Verlags-Buch- druckerei Ambras Opitz in Warnsdors und kostet franco 7 kr., 50 Stück franco sl. 2,50. Mit deren Zusendung wird man namentlich auch kranken und greisen Personen einen großen geistigen Dienst erweisen. Sie bildet zugleich eine , treffliche Vorbereitung auch für Katholiken für den pflicht- > mäßigen österlichen Sakramentsempfang. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg Leonhard Eitler. (Geb. 15. April 1707.) ^ Einer der fruchtbarsten Schriftsteller, welche die Geschichte der Wissenschaften kennt, einer der gliiütichsten Forscher und zugleich einer der vornehmsten Charaktere in der Gelehrtenwclt war Leonhard Enler. Die Menschheit vergißt in Undankbarkeit oft ihre größten Geisteshelden, während sie das bettelarme Geschreibe des seichtesten Nomanfabrikantcn hoch und heilig verehrt; und so ist in der „gebildeten Welt" der Name Eulers nicht sehr bekannt, selbst nicht Jenen, nullche ihr Bildnngsweg durchs Gymnasium geführt hat. Desto höher steht Leonhard Enler bei der kleinen Gemeinde der Mathematiker und Physiker; denn er ist der Schöpfer des modernen mathematischen Denkens. Diese Wissenschaft, welche den Geist in strengste Zucht nimmt, sträubt sich zu sehr gegen Popn- larisirung und ist, beschränkt auf einen engen Kreis von „Fachmännern", von den Anderen zu sehr gehaßt, als haß wir hier dem Leser, den vielleicht schon beim Namen „Mathematik" ein Grausen befällt, znmnthen wollten, in Einzelheiten mathematischer Natur einzutreten. Damit sei er verschont; aber dem großen Denker, der gerade vor 190 Jahren das Licht der Welt erblickte, ein kurzes Gedenkblatt zu weihen, können wir uns nicht versagen. Leonhard Enler wurde am 15. April 1707 zu Basel geboren. Ein Jahr nachher zog sein Vater Paul als Pastor in das nahe Dorf Riehen,, woselbst Leonhard die erste Jugend verlebte. Die einfachen Lcbcnsverhültnisse auf dem Lande legten in ihm frühzeitig den Grund zu dem offenen und hellen Sinn sowie zur schlichten und bescheidenen Einfachheit, die den Mann bis an sein Ende zierte; das „rsrum evAnosasra oaumas" trat schon in der Kindcssccle hervor. Im Hühnerhof seines Vaters machte der kleine Forscher seine ersten Naturbeobachtnngcn, und so fand man denn einst zum allgemeinen Gaudium ! das vierjährige Biiblein dort über einem großen Haufen Eier sitzend, und auf die Frage, was er denn da treibe, antwortete der künftige Akademiker allen Ernstes, er wolle Hühner ausbrüten. Den ersten Unterricht erhielt er von seinem Vater Paul; Leonhard zeigte besonders Liebe zur Mathematik, was der Vater, selbst ein tüchtiger Mathematiker, gerne sah, obgleich er den Sohn für das Studium der Theologie bestimmte und in Gedanken ihn schon als seinen Nachfolger in Riehen sah. Es sollte anders kommen. Leonhard bezog die Universität Basel und studirte in der That Theologie und daneben orientalische Sprachen. Ein Jüngling von so hervorragender Fassungsgabe und so unglaublichem Gedächtniß, fand er außerdem noch Zeit für die schwierigsten mathematischen Aufgaben, so daß er, erst 16 Jahre alt, die Aufmerksamkeit seines Lehrers Johann Bcrnouilli, des damals größten Mathematikers, erregte. Bald erhielt Enler von seinem Vater die Erlaubniß, sich ausschließlich der Mathematik widmen zu dürfen, erwarb die akademischen Grade und erhielt, obwohl nie aus Basel hinausgekommen und noch keines größeren Schiffes ansichtig geworden, bereits in seinem 19. Lebensjahre einen Preis, den die Pariser Akademie für die beste Arbeit über die Bcmastnng der Schiffe ausgesetzt hatte. Daniel und NicolanS Bcrnouilli, Eulers ') Vgl. Fuß Nie., Lobrede auf Leouh. Enler. Basel 1786. — Radio F., Lconbard Eulcr (Oesfeutl. Vortrüge, geh. in der Schweiz. Bd. VIII. H. 3). Basel 1831. ältere Freunde, die Söhne seines verehrten Lehrers, waren damals von der russischen Kaiserin Katharina I. an die neugegründete Petersburger Akademie gerufen worden. Von da schrieb Daniel Bcrnouilli an den 19jährigen Enler die ehrenvollen Worte: „Kommen Sie sobald als möglich nach Petersburg, und zeigen Sie der Akademie, daß, wie viel Gutes ich auch von Ihnen erzählte, ich noch lange nicht genug gesagt habe, denn ich behaupte, daß ich durch Ihre Berufung unserer Akademie einen weit größeren Dienst erweise, als Ihnen selbst." Enler nahm das Anerbieten freudig an, obwohl er in Petersburg Physiologie dociren sollte. Hatte er in den Naturwissenschaften schon bedeutende Kenntnisse erworben, so vervollständigte er sie jetzt durch eifriges Studium der Anatomie und Physiologie und verließ, erst 20 Jahre alt, sein Vaterland, und zwar für immer. In Petersburg angekommen, wurde Euler jedoch sofort zum Adjunkten der mathematischen Klasse ernannt und wirkte 6 Jahre an -der Seite Daniel Bernouilli's, der 1733 nach Basel zurückkehrte und 1782 starb. Beide Männer waren in innigster, selbstloser Freundschaft ohne jeden Schatten von Neid oder Eifersucht einander zugethan, was der umfangreiche, auch wissenschaftlich bedeutsame Briefwechsel bezeugt;^) es ist das unter Gelehrten wunder- seltcn, denn sie speien am liebsten Gift auf einander. Erst war Enler 26 Jahre alt und schon war seine Bedeutung für die Wissenschaft, die er als Nachfolger Bernouilli's lehrte, in der ganzen Gelehrtenwelt anerkannt. Eine astronomische Berechnung, welche die Akademie im Jahre 1735 verlangte und zu der die übrigen Mitglieder der Akademie mehrere Monate Zeit beanspruchten, löste Euler in drei Tagen. Doch zog die übermenschliche Anstrengung den: genialen Mathematiker eine gefährliche Krankheit zu, die mit dem Verluste des rechten Auges endete. Gleichwohl wurde Eulers Arbeitsgeist nicht vermindert, eher vermehrt. Die politischen Verhältnisse machten indeß dem freien Schweizer das Leben in Petersburg unerträglich, und so folgte Euler 1741 mit größter Freude einer Einladung Friedrichs II. an die 1700 gegründete Berliner Akademie der Wissenschaften, deren erster Präsident Leiblich war. Unter dem Soldatenregiment Friedrich Wilhelms I. konnte ein Verständniß für wissenschaftliche Bestrebungen nicht aufkommen, und so war auch die Akademie verfallen. Friedrich II. schaffte Wandel durch Berufung der hervorragendsten Gelehrten Europa's. Unter allen damals lebenden Mathematikern erschien der 34jährige Leonhard Euler als der würdigste, die glänzende Reihe von berühmten Namen zu eröffnen, und blieb 25 Jahre der bedeutendste Vertreter des auserlesenen Gelehrtcn- kreises. Im Jahre 1766 verließ Enler Berlin, nm, 60 Jahre alt, veranlaßt durch einige Meinungsverschiedenheiten der Akademie sowie durch die glänzenden Auer- bictungen der Kaiserin Katharina II., abermals nach Rußland zu ziehen. Kaum in Petersburg angekommen, befiel ihn eine heftige Krankheit, die ihm das Augenlicht gänzlich raubte. Dies Unglück, das kleinere Geister in muthlose Verzagtheit niedergebeugt und zur Rast und wohlbcgreif- lichen Unthätigkeit gezwungen hätte, schien Euler nur noch zu größerem Fleiß: anzuspornen. Getragen von ungewöhnlicher Kraft Sl>s Willens und Fähigkeit des Geistes, ') D-erielbe, ein Denkmal edler Seelen, ist von Nie. Fuß herausgegeben. unterstützt lediglich von dein Vorstellnngsveriiiögcn und einem allerdings fabelhaften Gedächtniß, schuf der nun gänzlich erblindete Greis in fieberhafter Thätigkeit die letzten 17 Jahre seines Lebens beinahe die Hälfte all seiner Werke. Kurze Zeit nach der Erblindung traf ihn ein weiterer harter Schicksalsschlag, indem sein Hans mitsammt seiner Bibliothek und mit werthvollen Handschriften eigener Werke ein Raub der Flammen wurde und er selbst mit genauer Noth dem Tode entging. Aber nichts vermochte den Muth des Gelehrten, der sich die Ruhe und Heiterkeit in allen Fällen bewahrte, zu beugen; unverdrossen kehrte er sich seinen wissenschaftlichen Arbeiten zu. Der Tod überraschte den großen Gelehrten am 18. September 1783 mitten in seiner Thätigkeit. Die Luftschifffahrt war damals eben eine neue Entdeckung, die Euler mit lebhaftestem Interesse verfolgte. Gerade hatte er eine schwierige Berechnung glücklich gelöst und besprach dieselbe mit einem seiner Freunde, da sank er zurück, die Feder entfiel seiner Hand, und Euler, einer der größten Mathematiker aller Zeiten, hatte aufgehört zu rechnen, d. h. zu leben. Euler war nicht bloß ein eminenter Gelehrter, sondern, was man nicht so häufig damit verbunden trifft» auch ein vorzüglicher Mensch, ein gerader, offener Charakter, ein zärtlicher, treubcsorgter Vater seiner zahlreichen Familie. Ungewöhnliche Herzensgute verband er mit einem unerschütterlichen Christenglauben und einer kindlichen Frömmigkeit. Ein rührendes Denkmal dessen hat sich Euler selbst in einer kleinen Schrift gesetzt, die den Titel führt: „Rettung der göttlichen Offenbarung gegen die Einwürfe der Freigeister." (Berlin 1747.)«) Was wir heute „allgemeine Bildung" nennen» besaß Euler in ungleich höherem Maße, als unsere modernen Fachmänner, die über ihren engen Kreis gewöhnlich keine Nasenlänge weit hinaussehen. Ja, Euler war ein Polyhistor. Das klassische Alterthum, Literatur und Geschichte kannte er gründlich, Naturwissenschaft und Medizin waren ihm wohlbekannte Gebiete, war er doch eigentlich, um Physiologie zu lehren, nach Petersburg berufen worden. Zur Erholung setzte er sich aus Klavier, aber auch da zeigte er sich als Mathematiker, der eben gewohnt war, jede Erscheinung mathematisch aufzufassen, und das Werk seiner Mußestunden war ein Werk* *) über die Theorie der Tonkunst. Seine Gedächtnißkraft war geradezu unglaublich: In einer schlaflosen Nacht berechnete Euler, schon 75 Jahre alt, die ersten 6 Potenzen der ersten 20 Zahlen und konnte dieselben mehrere Tage lang vorwärts und rückwärts hersagen. Im hohen Alter wußte er Virgils Aeneide ganz und gar auswendig, ja er konnte von jeder einzelnen Seite seiner in der Jugend benutzten Ausgabe den ersten und letzten Vers aufsagen. So war denn Euler ein Mathematiker, dem die glücklichste Natur- anlage in jedem Augenblicke die Gesammtheit seiner Kenntnisse zu Gebote stellte. Euler war keiner jener Lehrer, die dem Grundsatz huldigten: Professor zu werden sei zwar schwer, Professor zu sein aber leicht, und die, zufrieden mit einer kleinen Promotions- und Habilitationsschrift, auf diesen Lorbeeren ausruhen; nein, sein Dasein war ein Leben ununterbrochener Thätigkeit ') Vgl. Hagenbach K. N., Lconh. Euler als Apologet des Christenthums. Basel 1851. (Enthält auch den vollständigen Abdruck seiner kurzen, aber inhaltreichen Schrift.) *) leutawou novas tbsorias musioas ex certissimw daianonias xrineixiis sxxo«itas. kstropoli, 1739. Dazu noch ein Dutzend kleinere Abhandlungen. als Schriftsteller und als Lehrer, der von seinen Schülern schwärmerisch geliebt, bewundert und angebetet wurde. Enlers zahlreiche Schriften sind nicht etwa das Ergebniß einer compilatorischcn Schreibewnth, sondern sie sind in vieler Hinsicht von grundlegender oder epochemachender Bedeutung. Der Fnnktionenlehre hat er zwei Hauptwerkes gewidmet, seine Einleitung in die Analysis des Unendlichen und seine Anleitung zur Jnfinitesünal-Rech- nung. Heute nach 100 Jahren sind diese Werke noch die lesenswerthesten Lehrbücher der höhern Analysis, auf denen alle neuern fußen. Was knapve und klare Ausdrucksweise betrifft, so ist Enlers überaus anschauliche Darstellnngsweise Muster für alle Zeiten geworden. Hier hat Euler erst eine Kunst gelehrt, die wir bei seinen Vorgängern, Bernouilli nicht ausgenommen, vergebens suchen. Der Mathematiker nennt den Namen Enlers nur mit dem Gefühl staunender Bewunderung, aber auch der Physiker und Astronom verehrt ihn als Bahnbrecher. Die Theorie der Bewegung der Himmelskörper behandelt Euler in mehreren größeren Werken; er war der erste, der eine richtige Vorstellung vom Wesen der Wärme hatte; er hielt gegen Newtons Autorität, der einen Lichtstoff annahm, an der Ansicht fest, daß das Licht in der schwingenden Bewegung des Aethers seinen Grund hat; ihm (nicht Dolland) gebührt der Ruhm, die wichtige Erfindung achromatischer Linsencombinationen gemacht zu haben.«) Es ist unfaßbar, wie Euler, der auf rein mathematischem Gebiete wohl die bedeutendste Erscheinung aller Jahrhunderte ist, noch Zeit finden konnte, rein praktische Fragen mit Gründlichkeit zu behandeln. So verfaßte er ein umfangreiches Lehrbuch der Artillerie- wissenschaften mit einer vollständigen Theorie der Ballistik; die Schiffsbaukunde bereicherte er mit einer Reihe hochwichtiger Werke, die das größte Aufsehen erregten und in alle Sprachen Europa's übersetzt wurden.?) Dem größeren Publikum ist Enlers „Anleitung zur Algebra"«) am bekanntesten. Der Gelehrte, dessen Geist mit den schwierigsten Problemen der höheren Mathematik beschäftigt Ivar, verschmähte es indessen auch nicht, populäre Werke zu schreiben. Unter diesen haben die „Briefe an eine deutsche Prinzessin" °) Berühmtheit erlangt. Diese, 234 an der Zahl, sind gerichtet an eine Nichte Friedrichs II. und bilden die Fortsetzung mündlichen Unterrichtes, den Euler ertheilt hatte. Diese Briefe behandeln die wichtigsten Gegenstände der Mathematik, Physik und Philosophie °) Ivtroäuetio in avalz^in intinitoruw. Dauganvas 1749, 2 voll. — Ivstitutionss ealeuli äiK'srsntiali,?. Lsro- lini 1755, 2 voll. — Ivstitutionss calculi intsKralis. Dstro- poli 1768 — 70, 3 voll. — Vgl. auch äo1lz?, Da LulsA ineritis circa tunotiones oircularos. 1834. *) Ibenris, inotus Innas. Dero). 1753. — Tbsoria ino- tuum plaustarum st comstaraw. Dsrol. 1744. — Llsobauiea avaIMcs exposita. kstropoli 1736, 2 voll. — Dbooria mo- tus corpoi-um soliäorum. Rostoobii 1765. — Onastructio lsntiurn objectivaruw. Dstrop. 1762. — Dioptrie», ketrov. 1769—71, 3 voll. ') Neue Grundsätze der Artillerie. Berlin 1745. — Lvisntia navalis ssu tractatus äs cvnstrusuäis st üiri» Ksnäis navibus. ketropoli 1749, 2 voll. °) Zuerst Petersburg 1771 (2 Theile), dann in mehreren Ausgaben: zuletzt deutsch in Leipzig (Reclam's Univcrsal- bibliothek Nr. 1802—1805): eine hübsche Ausgabe, die erneuert zu werden verdient, ist die lateinische: LIsmsnta alAsbras ex Aalliea in lati'nam lin^nain vsrsa oum notis st aääitionibus (von Jesuiten besorgt). 8°. 2 voll. Veuotiis, ksWana, 1790. ") Zuerst französisch, Petersburg 1768—72; deutsch bearbeitet von Loh. Müller. (Stuttgart 1847, 3 Bde.) 147 kn überaus lichtvoller und liebenswürdiger Darstellung; man darf sie geradezu als Muster populärer Darlegung bezeichnen, und sie verdienten auch heute noch die größte Beachtung und weitere Verbreitung. In allen seinen Werken ist Euler ein Meister des Stiles. Das Studium seiner Schriften ist für den Anfänger wie für den Geübten gleich anregend und genußreich. Euler bediente sich fast ausschließlich der lateinischen Sprache, und er handhabte selbe mit großer Zierlichkeit und Gewandtheit. Der Meister würde gewiß sich schänlcn, deßhalb gelobt zu werden, so selbstverständlich war es ihm, daß des Gelehrten Muttersprache das Latein ist; heutzutage aber darf man diese Kunst schon hervorheben» da selbst Philologen nicht mehr Latein schreiben, geschweige Mathematiker, und erstere durch unverständige Pnristerei ihr redlich Theil dazu beitragen, einen Brauch, der ebenso nützlich wie ehrenvoll wäre, immer mehr zurückzudrängen. Die alberne Phrase, daß die lateinische Sprache dem Ausdruck modernen Denkens nicht gewachsen sei, hat Euler, wie später auch noch Gauß und Jacobi, ^) durch die Thatsache schlagend widerlegt. Möchte die gelehrte Welt daraus ein Beispiel nehmen zum Vortheil der Wissenschaft, die doch ein Weltgut ist und keine engherzigen nationalen Schrecken kennen soll! Die ungeheuere Fruchtbarkeit Enlers steht vielleicht kn der Geschichte aller Wissenschaften ohne Beispiel da. Euler hat sich mehrmals anheischig gemacht, so viele mathematische Arbeiten zu schreiben, daß dieselben noch 20 Jahre nach seinem Tode die Denkwürdigkeiten der Petersburger Akademie füllen konnten. Und er hat mehr gehalten, als er versprochen. Seine Arbeiten zierten noch 40 Jahre nach seinem Tode die Annalen jener gelehrten Gesellschaft, und als mau nach weiteren 20 Jahren bei einer Revision seiner Beiträge das Riesenvermächtniß endlich bewältigt zu haben glaubte, fanden sich doch noch über 50 angedruckte Abhandlungen, die man übersehen hatte. Ein vollständiges Verzeichnis der Arbeiten Enlers, das lediglich die Titel namhaft macht, ist selbst ein kleines Buch und weist über 800 wissenschaftliche Publikationen auf, viele allerdings kleinere Abhandlungen, viele aber auch Werke von mehreren dicken Bänden. Eine Gesammt- ausgabe der Werke Leonhard Enlers dürfte mehr als 40 stattliche Quartbände umfassen. Leider besitzen wir noch immer keine des unsterblichen Forschers würdige Gesammtausgabe seiner Arbeiten, während die Akademien zu Leipzig und Berlin die Werke anderer bedeutender Mathematiker, wie Graßmann, Steiner, Wcicrstraß, Kronecker, Gauß, Jacobi in vortrefflichen Sammelans- gaben veröffentlicht haben. An Leonhard Euler hat also die gelehrte Welt noch eine Ehrenschuld abzutragen. Zehn Jahre trennen uns noch von der 200jährigen Gedenkfeier des Geburtstages dieses größten Mathematikers. Möchte sich bis dahin ein reicher Mäcenas finden, der dein Unternehmen den finanziellen Bestand sichert. Einen Mann, der die wissenschaftliche Aufgabe zu leiten im Stande wäre, besitzen wir ja; es ist kein anderer, als unser deutscher Landsmann, der vortreffliche Mathematiker und Astronom Johann G. Hagen, Priester der Gesellschaft ") Dre beiden bedeutenden Mathematiker gebrauchten für ihre wichtigsten Arbeiten die lateinische Sprache, obgleich sie schon einer jüngeren Zeit angehören. Die gesammelten Werke des C. G. I. Jacobi (7 Bde., Berlin 1861—91) weisen 53 Arbeiten in lateinischer Sprache auf aus der Zeit 1825-51. Jesu, Direktor der Sternwarte in Georgetown, eine dem Meister Euler kongeniale Natur. Der gelehrte Jesuit") hat vor einigen Monaten eine wichtige und unerläßliche Vorarbeit für eine Gesammtausgabe von Enlers Werken herausgegeben, nämlich einen sehr sorgfältig gearbeiteten, bibliographisch genauen, vollständigen „Inclsx spornn» lisouarcii Lulsri« (8° px>. X -s- 80. Lsrvliai, vamss 1896, M. 2,00). — Der granitene Denkstein, den die Petersburger Akademie ihrem berühmtesten Mitgliede gesetzt, mag nach Jahrhunderten verfallen, die Inschrift verwittert sein, aber der Name Leonhard Euler wird als Wahrzeichen geistiger Größe leben, so lange es eine Cultur gibt, denn er selbst hat sich ein Denkmal gesetzt, erhabener als jedes Gebilde von Menschenhänden, seine unsterblichen Werke. Dürften wir des k. Hagen verdienstvolle Vorarbeit als ein gutes Augurium bezeichnen und möchten wir die gelehrten Vater der Gesellschaft Jesu, die ja sonst überall auf der Höhe der Wissenschaft stehen, auch an dieser Arbeit sehen! Des Dankes der Gelehrtenwelt wären sie sicher. Es wäre das geradezu eine Großthat, die den alten Ruhm dieses Ordens, die mathematischen Studien mit Erfolg zu Pflegen, in neuem Glänze erstrahlen ließe. laxit Oeus! Streifziige durch die socialpolitische Literatur der Renaissance. VonFrz.Jos. Strohmeyer, Benefiziatin Oberstdorf. (Fortsetzung.) Um die Mitte des 16. Jahrhunderts ist nicht nur bei den politischen Schriftstellern jeder Widerstand verstummt, auch die Masse des Volks steht dem absoluten Herrscherthum treu zur Seite. „Unvergleichlich loyal ist, hören wir 1547, dieses Volk, sein Wahlsprnch ist überfeinen Stadtthoren zu lesen: ua äisu, un roi, uns loi, uns toi."") Selbstverständlich hatte dieser Aufschwung der absoluten Monarchie, begleitet von einem Erstarken des Na- tionalgefühls, auch in der Dichtung dieser Zeit seinen Niederschlag hinterlassen. Wir dürfen zwar in diesen Zeiten nicht schon eine tiefere Auffassung und Begründung des Absolutismus in der Dichtung zu finden hoffen. Aber fast ausnahmslos stellen sich die Dichter entschlossen in den Dienst des aufstrebenden Königthums. Das absolute Königthum zog eben alle frischen Kräfte unwiderstehlich an sich; denn es war das Neue, es stellte den Fortschritt dar. Wir erinnern nur an die Dichter der burgundischen Schule, an Mcschinot, Jean le Maire u. a. Auch Element Marot (1505-1544) stand als nationaler Dichter im Dienste der französischen Politik. Neben ihm erblicken wir seinen Zeitgenossen Rabelais (1483—1553) auf der Seite der Anhänger eines absoluten Königthums. Wenn dieses aus seinem „6arZLntug. st kantaZruel" nicht ohne weiteres klar wird, so liegt k- Joh. Hagen (geb. zu Bregen; am 6. März 1847) veröffentlicht seit ein paar Jahren eine großartig angelegte „Synopsis der Hähern Mathematik" (Berlin, Dames), deren beide ersten Bände von seinen Fachgenossen mit außerordentlichem Beifall aufgenommen worden sind. Bekannter ist sein Name durch leine Betheiligung am vorjährigen Astronomencongreß zu Bamberg. Eben steht er im Begriffe, einen vollständigen Atlas der veränderlichen Sterne herauszugeben, den ersten dieser Art. welcher je in der wissenschaftlichen Welt erschienen ist. Marcks. „Gaspard v. Coligny" S. 133. 148 es eben daran, daß sein Interesse kein politisches, sondern „insbesondere ein Bildungsinteresse" ^ ist. Mit der Mitte des 16. Jahrhunderts beginnt dann die Wirksamkeit einer neuen literarischen Schule, der Plejade. So sehr sie sich auch in der Dichtkunst in Gegensatz zu Marot setzen mochte, in der Politik zeigte sich doch in beiden dieselbe Richtung, wie sie schon im Manifest der Plejade von Du Bellay angekündigt und charakterisier wird.") Der erste größere Vertreter einer Literatur, in der das politische und patriotische Element einen großen Theil des dargestellten Stoffes bildet, ist in jener Zeit Pierre de Ronsard (1525 — 1585). Er hat nicht bloß bis zum Auftreten Malherbe's einen beherrschenden Einfluß auf die französische Literatur ausgeübt, sondern war auch in seinen Dichtungen politisch, wie keiner seiner Zeitgenossen von der Plejade. Mau hat ihn darum schon den „Meister und das Vorbild des literarischen Patriotismus" 2 °) genannt. Unter den ersten Stücken, die er 1549 veröffentlichte, ist auch eine „Hymne auf Frankreich", und hier erklingt schon gewaltig der Grundton seiner Poesie: die glühende Liebe zu Vaterland und König. Nach dem Dichter des Nolandsliedes hat keiner glühender und wirkungsvoller die „äouss Trance" besungen, wie er. Wer das eigene Volk vom Stamme der Götter ableitete, es als Jupiters „raos legitime" ?') betrachtete, mußte ihm auch unter den Völkern der Erde die erste Stelle anweisen. Die große Mission seines Volkes (graucie vaticm) zur Weltherrschaft unterliegt schon bei ihm keinem Zweifel. Zur Befriedigung solcher weiischanenden, patriotischen Wünsche und Ideen denkt er sich an der Spitze Frankreichs einen großen, vollendeten Herrscher. Heinrich II. entsprach einigermaßen dem Ideale des Dichters, wie er besonders in den ersten 4 Büchern der Oden 22 ) zu erkennen gibt; aber die Sprache, die er Karl IX. gegenüber führt, findet auch Töne ernster Mahnung. 23) Uebrigens ist uns weniger wichtig, inwiefern die verherrlichten Herrscher die Worte des Dichters bewahrheiteten, als die Vorstellung, die der Dichter selbst sich von dem Ideale des Herrschers gebildet hatte, mochte er dabei auch den wirklich existirenden Königen manche Eigenschaft andichten. Ausführlichere Erörterungen über die Stellung des Königs, seine Erziehung, über die Zeitverhältuisse, Ansätze zu einer systematischen Entwicklung staatsrechtlicher Grundsätze finden wir in den „viseours".^) Hier haben wir sozusagen ein Compendium seiner Socialpolitik. Nach der hier zum Ausdruck kommenden Auffassung ist aber auch der absolute Herrscher den „natürlichen" Gesetzen, d. h. den Gesetzen der Moral, unterworfen. Tugend und Vernunft müssen die Leitsterne für sein Handeln sein. Die einzelnen Tugenden finden wir in dem Erziehungsplane für Karl IX.23) Unter den hier angeführten 17 ") Birsch-Hirschseld, Gesch. d. franz. Literat. seit Anfang des 16. Jahrh. Bd. I, S. 268. '°) Ausgabe der Werke Rouen 1592, Bl. I. 2 °) ek. Birsch-Hirschseld, ebdas. 2') Nach der Ausgabe von k. Blanchemain, Paris, 1887-1867, 7 Bde. V. L. S. 280 ff. 22) In der ersten Ode des 6. Buches verseht er den König sogar unter die Götter (Bd. II, 5. Buch. S. 299). 22) er. Sonnst« Divers, Bd. V, S. 305. -) °k. Bd. VII. 2«) „Institution xour l'aäolescencs cku kov Ires- Obrestisn tZbsrles IX. äs es noin," zum ersten Male ge« dyrAt ParjZ 1564. Tugenden ist ganz besonders charakteristisch die humanistische Forderung, daß der König in allen Wissenschaften und Künsten unterrichtet sein soll, in Mathematik, Geschichte, Rhetorik, Musik, sogar Physiognomik, damit er seine Unterthanen schon auf den ersten Blick erkenne und zu beurtheilen im Stande sei. 2«) Socialpolitisch weniger bedeutend ist Nousard's Ist'anoiaäs, deren 4 erste Bücher 20 Tage nach der Bartholomäusnacht (13. Septbr. 1572) erschienen. Die Stimme der Zeitgenossen und die Literatnrgeschichte haben dieses Werk, auf das die Blicke aller Franzosen seit langem mit Spannung gerichtet waren, in ihn« das langersehnte NationalepoS erhoffend, als mißlungen bezeichnet Für uns bleibt es aber immerhin ein weiteres Zeugniß tiefer patriotischer Gesinnung und der unerschütterlichen Ueberzeugung von der Hoheit des unumschränkten französischen Königthums. Daß überhaupt die Franzosen um die Mitte des 16. Jahrhunderts ein nationales EpoS verlangten, das ist charakteristisch und lehrt uns, wie sehr die Ideen von Vaterland und unumschränktem Königthum im Aufsteigen begriffen waren. Eine demokratische Richtung macht sich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, also gegen Ende der Lebenszeit Nousard's, geltend. Es erschienen damals die drei hauptsächlichsten gegen das absolute Herrscherthnm gerichteten Streitschriften des 16. Jahrhunderts. Diese drei oppositionellen Werke sind aber nur im Zusammen hang der Thatsachen zu verstehen. Die eine Thatsache ist die Pariser Bluthochzeit. Mit diesem Ereigniß tritt ja überhaupt das französische Königthum in eine neue, kritische Phase. Man scheut sich nicht, die Person des Königs selbst in die Diskussion hineinzuziehen und anzugreifen. Der Fürst wird nur als der erste Diener des Staats betrachtet und das Princip der Volkssouveränetät aufgestellt. Die andere Thatsache ist, daß die drei Schriften aus den Reihen der Protestanten hervorgegangen sind. Man könnte sie darum als den ersten literarischen Ausdruck des protestantischen Princips auf politischem Gebiete bezeichnen. Produkte des Augenblicks, bezeichnen die 3 Schriften deutlich eine der kritischsten Phasen der französischen Entwicklung, ohne aber für das folgende Jahrhundert wirksam sein zu können. Das bemerkenswertheste Buch dieser neuen Richtung ist die st'ra.n oo-6a11ia. des Franz Hotmann, lateinisch geschrieben 1573, ins Französische übersetzt 1574 von Simon Gonlard. Darmstetter und Hatzfeld^) vergleichen dieses Buch mit Rousseau's „Oontrat Loalal" und schreiben ihm für das 16. Jahrhundert eine ähnliche Wirkung zu, wie jenem Werke für das 18. Jahrhundert. Dagegen schließen wir uns der Ansicht Ranke's 23) an, daß ihm, wie den Lehren Hotmann's und seiner Genossen überhaupt, nur eine vorübergehende Bedeutung zukomme, daß es weniger als ein „Fortschritt der Ideen" als vielmehr als „eine Aufwallung des Moments" zu betrachten sei. Den Ausgangspunkt seiner Erörterungen stellt Hotmann in der „krasintiv" fest: „tzusraaäinoäum sor- pora, nosti'u. sxtorno uliyuo lotn luxata, sanrrri nisi msinstrm suuin HnistuLhus in loornn st rmturalsm ssäoin rsstitutis nou xossunt: ita rsmpuiilioam nostruin tnm cismguo sanatam iri eonüäiinus, eum --) ck. Bd. VII, S. 34. . ^ ^ 25) 1^6 seirüoniQ en 1^1'Liies, ?LN'1s 1693, S. 27. '°) Französ. Gesch. Bd. I. S. 380. 149 iv LNNM nntichnnm et tnnguanr unturnlein 8tkrtuM ärvino aii^uo dsnetieio restituotur." Wie wir sehen, vertritt Hotmann schon damals, wenn auch noch unklar und unbestimmt, den Standpunkt der sogenannten Naturstandshypothese, der den ursprünglichen Gesellschaftszustand als einen Zustand der Wildheit und Gesellschaftslosigkeit bezeichnet. Er sieht darum alles Heil für das Vaterland in dem Zurückgehen auf den Status guo antu, d. h. auf den ursprünglichen, natürlichen Zustand, und kommt in den 2? Kapiteln seines Buches zu folgenden Resultaten: 1. Die beste Regicrungsform ist diejenige, die die drei Formen des Staates (Monarchie, Aristokratie, Demokratie) vereinigt. Volk und König stehen ihrer Natur nach zu weit auseinander; deßhalb bedarf es eines einigenden Bandes, das Hotmann in der Aristokratie sieht. So entsteht aus den widerstrebenden Elementen ein einheitliches Staatsgebilde."") Dieses aus Cicero (äo rexudlica) entnommene Staatsideal sieht Hotmann in der Staatsform des alten Gallien verwirklicht; denn er sagt: „yueva ex tribus xernuxbis Mnerikus tsinxeratuiv Majores nostri in k'rsmeo- 6nIIia,o leZno eonstituenäo tenuorrmk." 2. An der Spitze dieses Staates steht der König. Aber Staat und König sind nicht dasselbe. Das ganze 19. Kapitel handelt über den Unterschied zwischen König und Staat. 3. Die höchste Entscheidung steht nicht dem König, sondern allein dem Volke zu. Denn das Volk ist frei, wie schon der Name der alten Franken andeutet. Aus freiem Willen haben sie sich ihre Könige gewählt, sich selbst zum Schutz und zum Schutz der Freiheit. (Cap. V, Seite 56.) 4. Das Volk gibt seinen Willen kund durch die öffentliche Volksversammlung. Bei ihren Entscheidungen lasse sie sich von jenem alten, goldenen Gesetze: „snlns xoxnli suprvma, lax esto", leiten (S. 138). Auf die Entscheidungen der Volksversammlung beziehe sich die Formel: „yuia tnlo est nostrum xlaoltum," welcher man jetzt den Sinn gegeben habe: „cnr toi est notro plaisir". (S. 184.) Die Volksversammlung, d. h. die Versammlung der Stände, entscheidet über Krieg und Frieden, über die Gesetze, die höchsten Ehren und Aemter, über das Erbgut der Söhne des verstorbenen Königs, über die Mitgift der königlichen Töchter und, wenn es nöthig ist, über die Entsetzung des Königs. 5. Der König ist absehbar. Er beweist dies aus verschiedenen Beispielen, u. a. ans dein Geschick des Merowingers Childerich (S. 84). Ein Vorrecht bei der Wahl in der öffentlichen Volksversammlung (prne- rogntivum in comitüs) hätten die Könige für ihre Söhne nur, wenn sie letztere gut erziehen und unterrichten lassen (Seite 92: „og, sxo.... nääuoti summnm in üliis üono IionesteHne instituenäis stuäium colloenront"). Wenn so Hotmann das Recht der Volksversammlung, nach freier Entscheidung sich den neuen König zu wählen, als das erstrebenswerthe Ideal aufstellt, so rechnet er doch genug mit den bestehenden Verhältnissen, um dem „Salischen Gesetz" das Zurechtbestehen zuzusprechen. 6. Das „Salische Gesetz" beziehe sich Zwar eigentlich nur auf das Privatrccht, es habe aber auch bezüglich der k'raiieisei Hotmavoi .^raneo-Oallia" kd'üucoiui-ti Spuck OeoiF l'iek^viit 1063. I'raelutio IZI. 7. °") bü'sneo-Lallia, ext. XII, S. 137 f. Thronfolge durch jahrhundertlange Gewohnheit Gesetzeskraft erlangt (S. 118). 7. Der König hat kein Recht an die Staatsdomäne, nur an sein Erbgut (S. 100). 8. Die Nationalversammlung hat heute dem Parlament von Paris Platz gemacht, womit die Herrschaft der Juristen (rognnva rnbularinm) begonnen hat (ok. ext. XXVII). Wenn auch die Iranoo Oailia. bald wieder vor den Theorien, die zur Befestigung des Absolutismus aufgestellt wurden, zurücktreten mußte, so hat sie doch in den Jahren ihres Erscheinens einen starken Einfluß auf die Zeitgenossen ausgeübt. Sie erschien ihnen bemerkens- werth vor allem wegen der Betonung der Volkssouvcräne- tät und der Stellung des Verfassers dem römischen Recht gegenüber. (Fortsetzung folgt.) Hans Eschelbach's „Wildwnchs". Von I. B. F. (Schluß.) Durch „Einst und Jetzt" geht der süße Hauch klagender Liebe; klassisch bewegt sich „Asträa". Ein märchenhaftes, traumverlornes Lied ist „Unerreichbar". Eine anmnthvollc Romanze in markigen Versklängen haben wir in dem Gedichte „Die Königin der Nacht". Aus „Wissenschaftliche Naturstudien" bricht wieder wie strahlendes Sonnenlicht wahrhaft goldncr Dichterhumor hervor. „Verklungen" zieht wie ein sehnendes Nachtigalllied durchs Herz. Der Dichter leiht der Klage und dem Schmerze seine Leier; doch Licht und Lebensfreude, die Quellen der Poesie, versiegen nie. In die lyrische Naturbeseligung mischt sich „holde Frühlingsandacht" wie in dem Gedichte „Das Christus bild im Frühling", wirkungsvoll wie Goethe's „Erlkönig". „Vor Allerseelen" ist eine tief ergreifende Erinnerung an eine vieltheure Todte. Während so viele von des Dichters Zunftgcnossen in ausgetretenen Geleisen sich bewegen, geht Eschclbach gern seine eigenen Wege. Wenn auch im „Wildwnchs" öfters eine alte Idee nur in neuer Form wiederkehrt, so weht doch überall die frische Luft der deutschen Gemüthswelt. Sich in verschwommenen, nebelhaften Vorstellungen und Gefühlsschwärmcreien zu verlieren, das ist nicht unseres Dichters Art. In all- weg huldigt er dem Grundsätze, wie Herbert ihn in ihren geistvollen „Aphorismen" aufstellt: „Ein zu weiches Herz haben ist fast so verderblich als keines haben." „Friedhofsrosen" sind Todtenblnmen: „Blumen auf das Grab meines Vaters" und „Immortellen auf Frcundesgräber" hat sie der Dichter genannt. Die „Koblenzer Volkszcitung" und die „Deutsche Reichs- zeitung" wollen darüber einig sein, daß sich in der ganzen deutschen Literatur leine Lieder finden, die sich den „Fricdhofsroscn" gleich stellen können. Auf dem stillen Fricdhofe ruht ein guter Vater, und junge Freunde, Frühlingsblüthen der Menschheit, deren reinen Schmelz nicht des Lebens frostiger Hauch trübte, liegen friedlich zwischen Blüthen und Blumen. Von den letzten Stunden seines treu besorgten Vaters spricht der Dichter aus tiefem Herzen: „Wer weiß, ob ich lebe noch morgen; Johannes! Nm eines bitt' Dich ich: Du mußt für die Mutter sorgen!" lind nun haben sie den Vater in die fühle Gruft gebettet; hier schlummert .r Auferstchungsmorgcn 150 entgegen, denn er weis;, daß „der große Frühling kommt". „Wer so wie Du gestritten, Wer so wie Du gelebt" gemahnt unwillkürlich an die Chor- lieder in der heitern Göttersprache der Griechen und ist auch wirklich als stimmungsvoller Trauerchor im „Antiochns" verwendet, nnd ist in zwei verschiedenen Kompositionen feierlich gehalten in 6-moII von C. Spiller und C. Roeder. Dr. Macke, der Dichter des Wüstensanges „Vom Nil zum Nebo" sagt: „Eschenbach zeigt sich als tief fühlender Lyriker, und auch dem Epischen in der Form der Ballade wird er gerecht." Im dritten Theile seines „Wildwuchs", „Bilder" überschrieben, bringt der Dichter schwungvolle Balladen und gemüthvolle Romanzen. „Barbarossa nnd Heinrich der Löwe" tönt voll Kraft und Mark: Denkst Dn noch an Chiavenna, wo ich schwur des Tags zu denken. Da Du wagtest. Deinen Kaiser zu verlassen und zu kränken? Denkst Du noch an Chiavenna. wo ich meinen Schwur gegeben? Heute ist mein Schwur erfüllet, heute mag der Löwe beben! Eine farbenprächtige Ballade ist „Kolumbus". Reichthum des Rhythmus, Freiheit und Anmuth der Bewegung sind die angenehmen Zuthaten eines geborenen Dichtergenies. Da ist Handlung, da ist Leben. Finstere Nacht brütet überm ewigen Ozean. Am Mastbaum lehnend, wacht sinnend Kolumbus. Der letzte Morgen, den ihm die meuternde Schiffsmannschaft noch gegeben zur Fahrt auf Leben und Tod, bricht au: „Grollend die donnernde Woge schäumt Und singt mir den Todesgesäug. Einmal nur möcht' ich, vom Aufruhr umtost. Glänzend die Küste sehn. Einmal, nur einmal, und dann getrost Sterben und untergehn!"- „Vauxchamp" ist heldeukühn. „Jm Lazareth" spricht die rührende Liebe des schwer verwundeten Kriegers zum Mütterleiu. Etwas unendlich tief Ergreifendes, ins Innerste des Herzens Erschütterndes ist „Fürs Geld". Es erinnert in seiner Idee an den veilchenduftigen Roman „Die Tochter des Kunstreiters". Im Cirkus wogt die Menge und staut steh das Publikum, daß die Bänke krachen. „Hufgestampf und Peitschenknallen" hört man jetzt: „Die Königin des bunten Festes Auf ihrem Hengst den Raum durchwettert. Ein Wagestück, ihr kühnstes, bestes! — Sie liegt an: Boden hiugeschmettert. Ein banger Schrei. — Mit holdem Lächeln Erhebt sie sich. — Ein stumm Verbeugen, Ein Jubelrufen, Kühlnngsfächeln; Sie schreitet fort, und rings herrscht Schweigen." Doch dort, wo sie vom Volke nicht mehr gesehen werden kann, „Da muß sie stumm zusammenbrechen: Ihr Blut entströmt in dunklen Bächen." Bis zu Thränen rührend, aber gleichwohl lebendig und wuchtig, ist die herrliche Ballade „Der Sklave"; man muß sie lesen, um solch üppige Poesie in vollen Zügen zu genießen. Die Rache des Edleu hat hier Eschelbach, der Liebling der rheinischen Muse, mit überwältigender Kunst gepriesen und verherrlicht; er hat mit Stoff und Sprache gerungen und ist Sieger über beide geblieben. Auch in den gewaltigen poetischen Stoff der deutschen Sage vom ewigen Juden, der seit Goethe von mehr denn vierzig Dichtern verwerthet wurde, hat Eschelbach in seinem „Ahasver" episch stolz gegriffen. Seelenvolle Lieder reiner Minne, Weisen mit dem Herzschlag keuscher Liebe sind Eschelbachs „Namenlose Lieder". Unnachahmlicher Reiz ist darüber ausgegasten. Schlichte Lieder sind's, aus jugendfroher Brust gesungen. Wie auch sollte die holde Frone, „des alten Liedes Licht", um mit Uhland zu reden, bei Eschelbach nicht gebührend zu Ehren kommen! Die „Namenlosen Lieder" sind Volkslieder, die nur wild in den Wäldern und auf den thau- igen Wiesen gedeihen. Ja, solch eines Liedleins brauchte sich wahrlich selbst der Liederkönig von Weimar nicht zu schämen; man dürfte darunter nur seinen Namen setzen — und das Liedlein wäre goethisch. „Kennst Du namenlose Gräber? Kennst Du namenlose Leiden? Namenlose Lieder sind wir. Eng verwandt den ersten beiden." Damit hat der Dichter den Gruudton seiner „Namenlosen Lieder" angegeben; aus ihnen tönt das ergreifende Klagen um verlorene Liebe: ,D. Vater, nimm mir alles. Nur meine Liebe nicht." Süßer Trost, felsenfeste Zuversicht und reine Himmels- frende geben seinem Sänge höhere Weihe. Wer ist denn die Eine, von der er singt: „Sie wußte nicht, was sie mir alles nahm! — O, mög' Dein Weg durch Blumenauen gehen! — Doch daß es kommen mußte, wie es kam. Verzeih' es mir. ich kann es nicht verstehen." Ist es ein schönes Kind, auf der weißen Stirne lichtes Haargelock, mit Wangen in Roseugluth und Augen veilchenblau? Es ist wohl jeder stillen Jungfrau erblüht, deren reines Herz im Lercheujubel seliger Hoffnung den sonnengoldeuen Tagen des Maien entgegenschlägt! So treuherzig und fromm, wie Eschelbach singt, das versteht Jedermann. Eines der wundervollsten aus den „Namenlosen Liedern" ist das herzliche: „Vom Mai bis Allerseelen Ist eine lange Zeit, Da kann in's Herz sich stehlen Gar manches tiefe Leid." Um aber die tiefinnigen Lieder „Zürnst Du mir noch?" oder „Im Maien war's" mit dem Dichter genießen zu können, möge man im geeigneten Sinne sich die sinnigen Worte eines andern Dichters zurecht legen, wenn dieser vom „Waldesrauschen" singt: „Doch wer dies Rauschen will versteh'». Der muß im Wald zu Zweien geh'n!" Denn ein holdes Menschenkind hat dem Trautgesellen die Leier gestimmt und ihm den reichen Liederborn gereicht: „Du bist durch meine Lieder geschritten In stiller Weihe .... Im Lenz und im Sturm und im Kampf nnd in Nacht... Mein Lieb, ich hab' Dich unsterblich gemacht!" Liebe Leserin! Freundlicher Leser! Das also ist Hans Eschelbach's „Wildwuchs", und nun kennst Du auch das „neue Dichtertalent am Rhein". Im Nahmen einer Skizze konnte der Verfasser nur einen Ausschnitt geben, mir etliche der schönsten Blumen wollte er zum Strauße winden. Wie oft mußte er die Wahrheit der Dichter- worte fühlen: „Wahl macht Qual". Gleichwohl haben wir nun ein überaus günstiges Gesammtbild von dem 151 jugendfrischen Dichter am Nheine gewonnen. „Der Dichtkunst, des Gesanges Preis ward ihm zu Theil," darüber sind wir einig. Seine Muse ist bekränzt mit dem ewigfrischen Immergrün der freudigsten Hoffnung auf ein beseligendes Jenseits nach diesem wechselvollen Erdcnwallen. Gott, Religion, Hcimath und Vaterland sind die uralten Tonangebcr Eschelbach'scher Dichtung. Jugendträume, erste Lieder, Lenz und Liebe, Sinnen und Minnen locken in die Zauberwildniß der Kölnischen Muse. Der Dichter des melodienreichen „Wild- wuchs" erscheint uns zuweilen wie ein drolliger Knabe, der im Lenzessonnenschein durch Busch und Hecken streift, eiu wildes Heckenröschen von den Dornen bricht, an seine Brust es steckt und daheim es sorgt und pflegt, der aber, wenn des Nachbars holdes Töchterleiu kommt und mit den tiefen Blauäuglein Wildröschen wohlgefällig betrachtet, es nicht über sich bringt, das Blümlein dem schönen Kinde vorzuenthalten, sondern flugs es nimmt und der Traut- gcspielin in die hellen Locken flicht. Eschelbachs Poesie erhebt über die Kleinlichkeiten des Alltaglebens, wie ein tiefgründiges Gebet weht ein christlicher Geist durch seine Lieder. Eschelbach ist durch die Tiefe seines Gemüths ein echter Sohn Deutschlands und durch die träumerische Gluth seiner Phantasie ein echter Knabe des sangesreichen Rhein. Wem hat der Dichter seine duftigen Weisen abgelauscht? „Alldeutschlands Völkerstimmen!" Wer hat sie ihm zugeraunt? „Wo sie wuchsen? Fragt die Drossel! Viele wuchsen wild am Raine. Wo sie wuchsen? Fragt die Eine! — Fragt sie nicht! Mit trübem Lächeln Würde stumm das Haupt sie neigen. Nur die blassen Sterne wiffen's. Und die Sterne — werden schweigen." Eschelbach ist in literarischen Kreisen und darüber hinaus rasch berühmt geworden. Zwar liefert uns Friedrich von Matthisson's literarische Laufbahn in auffallender Weise ein Beispiel, wie hohe Berühmtheit bisweilen binnen Kurzem der Geringschätzung weichen kann; allein das neue Dichtertalent am Rhein, dem die Muse an der Wiege Pathe gestanden, wird auch bei einer dankbaren Nachwelt jung bleiben. Mit dem liebenswürdigen Dichter sollten auch vornehmlich die jungen Geistlichen sich innig vertraut machen; der Sänger vom Rhein hat so viele seiner Dichtungen ja dem geselligen Vercinswcsen gewidmet. Die erste Würde nun, womit der junge Geistliche bekleidet wird, ist die Bürde eines Vereins-Präses. Als solcher hat er sich in den allermeisten Fällen bei festlichen und feierlichen Anlässen um ein Repertoire für das Vereinstheater umzusehen, das heutzutage selten fehlt. Wesentlich wird der vielbeschäftigte Präses seine Bürde erleichtern, und viele Verlegenheiten wird er sich ersparen können, wenn er den volksthümlichen Dichter Eschelbach kennt. Was er dichtet, ist volksthümlich, so drückt nur das Volk seine Gefühle aus. Beim Lesen seiner Werke hat mau die Empfindung, daß alles so sein müsse und gar nicht anders sein könne. Die Eschelbach'sche Muse gehört nicht zu jener Poesie, „Die Gelehrte nur gemacht und nie dabei aus Volk gedacht." Sie singt vom deutschen Volk, so wie es leibt und lebt, glaubt und liebt, freit und stirbt. Der edle Barde vom Rhein schreitet zu hohen Thaten befeuernd mit goldnem Saitcnspiel durch die Geschlechter — Eschelbach will die Menschheit beglücken: „Bei denen soll man mich nicht nennen. Die tändelnd nur zu Blumen traten; Im meinen Adern fühl' ich's brennen — O, gebt mir Thaten! Gebt mir Thaten!" Recensionen nnd Notizen. Dr. Franz Kampers, Mittelalterliche Sagen vom Paradiese und vom Holze des Kreuzes Christi in ihren vornehmsten Quellen und in ihren hervor ftechendsten Typen. vu Mit der Wahl dieses Themas für die erste Vereinsschrift des Jahres 1897 hat die Görresgcsellschaft unzweifelhaft einen glücklichen Wurf getroffen. Denn was steht dem gläubigen Christen näher als die Erweiterung seiner Kenntnisse über das so rasch Verlorne Glück unserer Stammeltern im Paradiese? Was bietet sür Verstand und Wille so reiche Anhaltspunkte als die Lehre vom Kreuze des Erlösers? Freilich, Dr. Kampers, der sich durch sein Buch über die Kaiserfagen des Mittelalters so vortheilhaft in die katholische Literatur eingeführt hat, behandelt diese grundlegenden Wahrheiten vom Falle nnd der Wiedererbebung des Menschen nicht vom theologischen Standpunkte aus, sondern er geht mit liebender Sorgfalt den mehr oder minder dunklen Spuren der sagenhaften Entwickelung jener Offenbarungsthatsachen in der vorchristlichen und in der mittelalterlichen Periode nach und führt die mannigfachen Gebilde einer überreichen Phantasie auf ihre einfachen und einheitlichen Urgedanken zurück. Gerade die bunte Welt der Sagen iin unerlöstcn Geschlechte über das Paradies und den Lebensbaum, über das erste Menschenpaar Adam und Eva u. f. w. ist ein mächtiger Beweis für die historische Glaubwürdigkeit der biblischen Angaben. Denn wie sollten derartige Gedanken dem sinnenden Menscheugeiste sich aufgedrängt haben, wenn alles nur Traum und Schaum? Wenn Adam nnd Christus, der Baum des Lebens im Paradiese und das Kreuzesholz auf Golgatha nicht historische Realitäten sind, wie konnte sich an diesen Namen ein so herrlicher blüthenrcicher Kranz von volksthümlichen Erweiterungen und kindlicher Einbildung emporranken? Wie hätten überhaupt einschlägige Sagen sich aus dem leeren Nichts emporheben können? Mit diesen und ähnlichen Gedanken haben wir das anregende, fein geschriebene Werk des eifrigen Mitarbeiters des Historischen Jahrbuches, Dr. Kampers, zur Seite gelegt, dessen Lektüre allen Gönnern und Mitgliedern der Görrcsgesellfchaft eben solchen Reiz nach des Tages Mühe gewähre, wie es auf uns ausgeübt hat. Handbuch des katholischen Pfründewesens, bearbeitet von L. H. Krick, Pfarrer. Passau. Verlag von Rnd. Abt. Preis 5 Mark 40 Pfg. " Vorstehend genanntes Buch ist der II. Band der vortrefflichen Handbibliothek für die pfarramtliche Geschäftsführung in Bayern, und liegt in dritter vielfach verbesserter und größtentheils umgearbeiten Auflage vor. Die Brauchbarkeit dieses Buches ist allseitig anerkannt und wird dasselbe in keiner Pfarrbibliotbek mehr zu entbehren sein. Es gibt durchwegs verläßige Aufschlüsse über die einschlägigen Materien, welche in 40 Paragraphen systematisch behandelt und in 4 Theile geschieden sind: I. Stiftung, Errichtung und Veränderung der Pfründen; II. Besetzung und Erledigung der Pfründen; Hl. Einkommen der Pfründenbesitzer; IV. Verwaltung des Pfründe- vermögens. In einem Anhang ist eine große Anzahl von Formnlaricn für StistungZbriefe, Eingaben, Fassionen, Rechtsgeschäfte n. s. w. beigegeben. Anleitung zur Berechnung der Jntercalar» fruchte der erledigten kathol. Pfründen, bearbeitet von L. A. Krick, Pfarrer. Pafsau, Verlag von Rnd. Abt. Preis M. 1,20. ? Die Berechnung der Jntcrcalarfrüchte macht bekanntlich nicht selten sehr viel Schwierigkeiten. Es wird daher mit Dank zu begrüßen fein, daß eine berufene Kraft, wie es der Verfasser obiger Broschüre ist, eine Anleitung gegeben hat. Etwas Aehnliches ist bisher im Buchhandel sucht vorhanden gewesen. Im I. Theil gibt der Verfasser eine Darstellung über Verwendung, Verwaltung und Berechnung der Jntercalarfrüchte und über einschlägige Com- petenzfragen und im II. Theil ein Muster einer derartigen Rechnungsführung und Nechnnngsstcllung. 152 Die Volksschnlfrage. Vortrag des Landgcrichtsraths vr. Kiene, Vicepräsident der württembergischcn Abgeordnetenkammer. Ravensbnrg, 1897. Verlag von Herm. Kitz. Preis 40 Pf., 10 Exempl. 3 M. * Der Kamps gegen das. Christenthum und gegen die Kirche als die Trägerin der göttlichen Autorität macht sich zur Zeit besonders auf dem Gebiete der Schule geltend. Hier offenbart sich der Streit zwischen Glaube und Unglaube immer deutlicher und deßhalb ist keilt anderer Kampf so schwer wie der Schnlkampf, keine Frage für das christliche Volk so wichtig als die Schnlfrage. Das kleine Werkchen vr. Kiene's, das die Frage nach allen Richtungen hin beleuchtet, kann jedem nur bestens empfohlen werden. Pichler, Domvicar, Dr., Mitglied des Deutschen Reichstages und der Bäuerischen Abgeordnetenkammer. Zur Agrarfrage der Gegenwart. Zwei Vortrüge, gehalten auf dem praktisch-socialen Kursus zu Schw.-Gmünd. Verlag der Germania, Berlin. Preis 35 Pf. Die Vortrüge des auf dem Gebiete der Agrarfrage hervorragend thätigen Parlamentariers wurden inGmünd mit größtem Beifall aufgenommen. Dieselben verbreiten sich in übersichtlicher, klarer Weise über die Ursachen der gegenwärtigen Nothlage lind die Mittel zur Abhilfe. — Der Verfasser ist bestrebt gewesen, in den beiden Vortrügen Aufklärungen zu geben, gleichzeitig aber auch Anregungen für die Privatthätigkelt und Anhaltspnnkte zur Würdigung der gesetzgeberischen Aufgaben zur Besserung des landwirthschaftlichen Nothstandes. — Jeder Interessent wird das Büchlein mit Nutzen lesen können. Von dem Werke: Christliche Schule der Weisheit von A. Kotte (Verlag der Jos. Kösel'scheu Buchhandlung in Kemptcn) gelangte die Schlußlieferung zur Ausgabe. Damit schließt ein drei stattliche Bände umfassendes Werk ab, welches namentlich seitens des Clerus zu hohem Grade Beachtung verdient. Das complete Werk, in 3 Bänden ü M. 5,60 erhältlich, enthält eine Sammlung von Aussprüchen und Erklärungen der Heiligen und vorzüglicher Geisteslehrer der katholischen Kirche über die verschiedensten Themata, z. B. Altarssakrament, Beicht, Ehre, Frömmigkeit u. s. w., in alphabetischer Reihenfolge. Diese Sammlung ist die Frucht einer durch volle 24 Jahre fortgesetzten, mühevollen Arbeit und bietet durch ihre Reichhaltigkeit und die sorgfältigste Auswahl des Stoffes für Prediger, Religionslehrer und Beichtvater ein so praktisches Hand- und Nachschlagebuch, wie uns kein ähnliches Werk bekannt ist. Weltenmorgen. Dramatisches Gedicht in drei Handlungen von Eduard HIatky. I. Im Himmel: Der Sturz der Engel. — II. Im Paradiese: Der Sünden- fall. Freiburg, Herder, 1896. 8". M. 1 u. 1.60. Eine schone Blüthe der religiösen Dichtung, tadellos in der Form. Inhaltlich spricht der II. Theil mehr zum Herzen, da er nicht so stark mit Dogmatik durchdrungen ist. Manches erinnert an Calderon. Auf den III. Theil, welcher das erste Opfer behandeln wird, darf man gespannt sein. — 2 . Theologisch-praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. oder 80 S. gr. 8°. Preis ganzjährig 5 Mk. In Commission der Buchhandlung Gg. Kleiter in Passau. Inhalt des 4. Heftes 1897: Die abessinischeKirche über den Primat. — Bibel und Wissenschaft. — Warum werden die Apostel in der hl. Schrift niemals saosrllotss genannt? — Unentgeltlichkeit der Verwaltungsorgane eines Raiffeisen-Vereins. — Die Feier der Regmemmesse nach den neuesten Dekreten der Ritencongregation. — Versicherung der kirchlichen Einrichtung gegen Brandschaden. — Ist Vernachlässigung der Preßschäden von Seite der Seelsorger Sünde? — Das heilige Feuer am Cbarsams- tage. — Zeitgemäße Ausführungen zum Rundschreiben der 8. V. tspp. s ks§. über die moderne Predigtweise. — Was ist private, und was ist öffentliche Aussetzung des Allerheiligsten? — Forstrechte der Pfründebesitzer und Ablösung derselben. — Was soll ich morgen predigen? — Verpflichtung des Gemeindeschreibers zur Besorgung der Schrcibgeschäste der Armenpflege. — Dir neuesten Aenderungen in den Rubriken des Breviers. — Aufkündigung von Hypothekdarlehen. — Ein Gradmesser für Seelsargs- tüchtigkeit. — Die Absolutionsgebcte an Concurstagen. — Beachtenswertste Kleinigkeiten. — Neueste Erlasse und Entscheidungen der römischen Kongregationen. — Erlasse der obersten Verwaltungsstellen und Entscheidungen der obersten Gerichtshöfe. — Literarische Novitätenschau. Der Katholik. Nedigirt v. Joh. Mich. Naich. 12 Hefte. M. 12. Mainz, Kirchheiru. Inhalt von 1897, Heft III. März: Oovstitntio apoeto- liea äs xrobibitiono st osvsura Itbioruw. — Aufruf zur Ueberwindung der religiösen Trennung. Von einem evangelischen Geistlichen. — Dr. Jos. Kolbcrg, Die Einführung der Reformation im Ordenslande Preußen. — Carl Maria Kaufmann, Die Legende der Aberkiosstele im Lichte ur- chriftlicher Eschatologie. — Dr. A. Bellesheim. Charles Cardinal Lavigerie, Erzbifchof von Karthago und Primas von Afrika (1825—1892). — vr. Englert, Der Zusammen- brnch der Entwickelungstheorie auf dem Gebiete der Gesellschaftslehre. — vr. Schanz , Segen und Konsekration. U. s. w. Literarische Rundschau für das katholische Deutsch» land. Herausgegeben von vr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Dreinnd- zivanzigster Jahrgang: 1897. 12 Nummern. M.9.—. Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshandlung. Inhalt von Nr. 4 u. A.: Die kath. Literatur Englands im Jahre 1896. (Bellesheim.) — Iloonadsr, Hou- vsllss stuctss sur in rostauratiou .juivs oprds I'oxil äs Babylons. (Nikel.) — Willrich, Juden und Griechen vor der makkabäischen Erhebung. (Bludau.) — Ehses, Festschrift znm elfhundertjübrigen Jubiläum des deutsche» Campo Santo in Rom. (Künstle.) — Llanssr, vossibilitas vrasmotionw vbzsioas Ibomistioas ste. (Commer.) — vuMinsrinntb, Osksrwio vootrinas 8. Ibowao ^.g. (Com- mer.) — VorsvLslll, vbiIo8oxbi,LS tüsorotisas Instita- tionos «to. (Braig.) — Bahlmann, Jesuiten-Dramen der niederrheinischen Ördensprovinz. (Nürnberger.) — Ehses- Meister, Nnntiaturbcrichte aus Deutschland. (Reinhardt.) — Nachrichten. — Büchertisch. Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1897. Zehn Hefte M. 10.80 (oder zwei Bände » M. 5.40). Freiburg i. Br., Herder'sche Vcrlagshandlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 3. Heftes u. A.: Erklärung. — Des hl. Ämbrosius Lied vom Morgenroth. (G. M. Dreves 8. I.) — Lohnvertrag und gerechter Lohn. III. (Heinrich Pesch 8. ll.) — Der Werth Afrikas. II. (Joseph Schwarz 8. I.) — Der Materialismus in Indien. II. (Schluß.) (Jos. Dahlmann 8. I.) — Zur Choralkunde. II. (Schluß.) (Theodor Schmid 8. I.) U. s. w. Katholische Warte. Von dieser durchweg gediegenen Fannlienzeitschrift liegt uns reich illustrirt Heft 10 und 11 vor. Die neuesten Hefte bringen Biographien von Franz Pendl und Vr. Moriz Brosig. An Erzählungen, Novellen und Skizzen rc. finden wir vertreten: M. Buol (Ein gutes Wort), Martha Friede (Aus dem Piemont), Redeatis (Roswitha, die Nonne vonGanders- heim), Sandhage (Lolo's Aufgabe), Friedr. Koch-Breuberq (St. Sebastian in Salzburg), Fr. Grimme (Die Abter Prüm), vr. A. von Rhein (Das ehemalige Jnzigkofener Frauenkloster). Außerdem bringen die Hefte poetische Beiträge von Marg. Mirbach, Joh. Schmiedercr, Als. M. Schwämme!, C. Schönfelder, Anton Pichler, Ferd. Pecka, Viktor Hardung, Jda v. Lißberg rc. Sehr viel des Nützlichen und Interessanten enthalten die Rubriken „Literatur, Kunst und Wissenschaft", „Hanswesen" und „Buntes". Wir können bei dieser Gelegenheit nicht unterlassen, diese Zeitschrift, die sich bereits sehr viele Freunde erworben hat, wiederholt als Familienblatt im besten Sinne des Wortes angelegentlichst zu empfehlen. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Der internationale wissenschaftliche Katholiken- Congreß. 8. L. Würzburg. 20. April. Der internationale wissenschaftliche Katholikencongreß, welcher sich alle drei Jahre versammelt, wird vom 16. bis 20. August d. Js. in Freiburg i. d. Schweiz tagen. Die zwei ersten fanden zn Paris (1888 und 1891), der dritte zu Brüssel (1894) statt. Für Paris waren 1600 und 2500 Mitglieder subscribirt, für Brüssel die stattliche Zahl von 2700 angemeldet, welche großentheils zur Versammlung selbst erschienen waren. Die in Druck gelegten wissenschaftlichen Arbeiten der zwei ersten Congresse umfassen zwei starke Octavbände, die des dritten Congresses 160 Mhandlungen in 9 Heften. Für den in Vorbereitung befindlichen vierten Congreß dieses Jahres hat sich eine Mehrung der wissenschaftlichen Arbeiten ergeben, indem deren bereits 200 angemeldet sind. Hingegen ist die Zahl der bis jetzt beigetretenen Mitglieder, welche 1100 beträgt, hinter den früheren Congressen zurückgeblieben. Voraussichtlich werden die Franzosen und Belgier, deren Zahl für Brüssel 1100 bezw. 600 betrug, in dieser großen Zahl nicht beitreten, einmal wegen der relativ weiten Entfernung, sodann wegen des Uebergangs auf deutsches Sprachgebiet, weil für die Verhandlungen und wissenschaftlichen Arbeiten nicht mehr ausschließlich die französische, sondern auch die deutsche und lateinische Sprache zu Grunde gelegt werden. Um so wünschens- werther ist eine stärkere Betheiligung der deutschen Katholiken, deren Gesammtsubscription bet den vorausgehenden zwei Congressen nur 19 und 150 betrug, da eine geringe Mitgliederzahl leicht die kostspielige Drucklegung der zahlreichen eingereichten Arbeiten gefährden könnte. Hoffentlich wird die bloße Anregung genügen, für den Congreß in Freiburg eine größere Mitgltederzahl auch aus unserer Diöecse zu gewinnen, da der Zweck erhaben ist und die Versammlung in Freiburg, am Grabe des vor 300 Jahren verstorbenen scl. Petrus Canisius, des siegreichen Verfechters des katholischen Glaubens in stnrm- bewegter Zeit, stattfindet. Der Beitrag ist ohnedies sehr gering und beträgt für die einzelnen Mitglieder, mögen sie persönlich erscheinen oder nicht, nur 10 Frcs. oder 8 Mk., wofür die gedruckten wissenschaftlichen Abhandlungen aus den verschiedensten Fächern unentgeltlich und portofrei übermittelt werden. Der Hochwürdigste Herr Bischof von Würzburg, welchem die Förderung der Wissenschaft Herzenssache ist, gehörte von Anfang an (seit 1888) zu den Gönnern der Versammlungen. In München war Freiherr v. Hcrtling jederzeit für die Betheiligung am Congresse thätig. Für Freiburg haben sich Diöcesaucomitos gebildet. Wüuschens- werth ist, daß sich nicht bloß aus dem Klerus der einzelnen Diöcesen, sondern auch aus der Laienwclt neue Mitglieder anmelden. Der Adel') und alle wissenschaftlich gebildeten Männer, denen die Bewahrung des von den Voreltern ererbten Glaubens und die Sache der Kirche am Herzen liegt, sollten unter der Zahl der Thcilnehmer nicht fehlen. ') Aus der Diärese Breslan waren für Brüssel (1894) als Mitglieder und Donatoren angemeldet: Fürst Blücher von Wahlstadt und die Grafen von Frankenberg, von Oppersdorf, voll Praschma, von Stillfried-Alcantara, von Strachwitz. Da der Ursprung und Zweck des Vereins noch zu wenig bekannt ist, soll hierüber ein kurzer Bericht folgen, indem wir für eine weitere Orientirnng über die wissenschaftlichen Katholikencongresse zu Paris und Brüssel auf die betreffenden Ausführungen von Professor Dr. Kihn im Mainzer „Katholik", Jahrgang 1891 und 1894, verweisen. Unser Jahrhundert hat das stolze Gebäude der modernen Wissenschaft aufgebaut, theils in der Meinung, theils in der zielbewußten Absicht, den christlichen Glaubenslehren die Grundlage zu entziehen. Aber zahlreiche Katholiken, namentlich hervorragende Apologeten, sind den Gegnern auf dieses Gebiet gefolgt, um die Lebensfähigkeit derselben durch wissenschaftliche Darlegung in Wort und Schrift zu zeigen. Solche Gelehrte, Theologen und Laien, wollten nicht mehr stumme Zeugen der Bestrebungen der Ungläubigen sein, welche das Monopol oder doch die Hegemonie der Wissenschaft beanspruchten. Allein die Anstrengungen einzelner Männer und ihre Schriften konnten die Concurreuz nicht ganz und voll bestehen. Eine viel größere Kraft liegt in den Vereinen und Associationen. Von diesem Gedanken ausgehend, hat eine Gruppe von eifrigen Vertheidigen: des Christenthums im Frühjahr 1885 zu Ronen die Organisation der wissenschaftlich gebildeten Katholiken in allen Ländern der Welt ins Auge gefaßt. Die Frage, in welcher Form sich diese Vereinigung vollziehen sollte, war ungemein schwer und drohte gleich im Anfang zur Uneinigkeit zu führen. Daher entschied man sich für einen Congreß, der nicht etwa nur Gelehrte (äss savantg) umfassen sollte, weil sich in diesem Falle viele wissenschaftlich gebildete Männer aus Bescheidenheit zurückgezogen hätten, sondern er sollte, wie Msgr. d'Hulst, Rektor der katholischen Universität zu Paris, ausführte, ein wissenschaftlicher sein und sich als solcher auf alle Zweige der menschlichen Erkenntniß erstrecken; er sollte katholisch sein, nicht als ob es eine specifisch katholische Wissenschaft gäbe, sondern weil nur Katholiken Mitglieder werden und wissenschaftliche Arbeiten einreichen sollten; endlich auch international, eben weil er katholisch wäre, und weil die Vertheidigung des Glaubens nicht die Aufgabe einer christlichen Nation mit Ausschluß der andern ist. Denn in der ganzen Welt gibt es bei aller politischen und socialen Zerklüftung doch nur zwei große Parteien, nämlich das Christenthum als Träger der geistigen und lebenspendenden Ideen auf der einen und den Atheismus mit seinen zerstörenden Folgen im Privat- und öffentlichen Leben auf der anderen Seite. Auf Grund solcher Erwägungen constituirte sich der OonZrös soioutiki^uo international äas Oatlwliguss. Der Congreß hat sich demgemäß zur Aufgabe gesetzt, die Gelehrten der ganzen katholischen West zu gemeinschaftlicher wissenschaftlichen Arbeit zu vereinigen, um die für das positive Christenthum thätigen Kräfte zu sammeln, durch das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit zu er- mnthigen, die neuen antichristlichen Hypothesen auf ihren Grund zu prüfen und den Vertheidigern der christlichen Religion geeignete Waffen in die Hand zu geben. Das Unternehmen, welches gleich bei seinem Entstehen in der Presse bekämpft wurde, fand die Gutheiße des Heiligen Vaters durch Breve vom 20. Mat 1887. Hier heißt es unter anderem: „Res suseext» vvbis est lionssta ^sr ss et aä uomsu vestruva ätz- eors,; vaclemgu« esse xvtcsb acl gormauam seienti- arnm äi§vitat6M non minus guam aä catliolicas siäci xracsiäium krugikcra.Vcstri okücii doo utiguc xutctis esse, aäiuinenta ciisoiplinarum vestrarum velnt arm» guaeclam ad es tuendam tkrcologiLs mruistrars." Der Papst billigte das ganze Programm, namentlich auch den Satz, daß Glaubenslehren und streng theologische Gegenstände ausgeschlossen sein sollten; denn die göttlichen Dinge seien zu hoch und zn heilig, als daß man sie mit Würde auf einem Kongreß behandeln könne. Auch fehle es manchen Mitgliedern an der nöthigen Autorität, und sollten dieselben sich auf ihrem eigenthümlichen Gebiete bewegen, in der Geschichte und Physik in der Philologie, Mathematik, Kritik :c. Zum ersten Male wurde demzufolge der Congreß vom 8. bis 13. April 1888 in Paris unter der Präsidentschaft des Msgr. Perraud, Bischofs von Antun, Mitglieds der französischen Akademie, abgehalten; der zweite fand ebenda vom 1. bis 6. April 1891 unter dem Vorsitz des gelehrten Bischofs Freppel von Angers, ehemaligen Professors an der Sorbonne, statt. Der dritte versammelte sich in Brüssel vom 9. bis 8. September 1894 unter dem Vorsitze des Cardinais Goossens von Mechcln. Theologen und Laien, Bischöfe und Priester» Männer der verschiedensten Berufszweige, Juristen, Aerzte, Advokaten, besonders Lehrer an Hochschulen, Gymnasien, Seminarien und wissenschaftlichen Instituten nahmen persönlich Theil; andere hatten als Mitglieder ihre Beiträge oder Abhandlungen eingesandt. Hatten die Deutschen auf dem ersten Congreß in Paris (1888) ganz gefehlt, so waren auf dem zweiten Congresse von den 19 subscribirten Mitgliedern aus dem deutschen Reiche (abgesehen von Elsaß- Lothringen) erschienen: die Universitätsprofessoren Dr. Freiherr von Hertling, Dr. Graucrt, Dr. Bach von München, Dr. Hüffer von Breslau, Dr. Kihn von Würz- burg, Dr. Koschwitz von Greifswald. In Brüssel aber waren von den 150 Mitgliedern anwesend: Dompropst Dr. Scheuffgen-Trier, Dompropst und päpstl. Hausprälat Dr. W. Schneider-Paderborn, Neichstagsabgeordneter Dr. Porsch-Breslau, die Professoren Dr. Grauert- München, Dr. von Funk-Tübingen, Dr. Kihn-Würzbnrg, Dr. Clemens Bäumker-Breslau, Pfarrer Dr. Wilhelm Bäumker-Rurich. Außer den Generalversammlungen^) fanden Sectionssitzungen statt, in denen ein großer Theil der Abhandlungen vorgetragen und im Ideenaustausch der Besprechung unterzogen wurde. Im Jahre 1891 gab es sieben, im Jahre 1894 acht Sectionen. In Freiburg hat das Organisationscomitc zehn Sectionen gebildet: 1. Religionswissenschaft; 2. Philosophie; 3. Rechtswissenschaft, Nationalökonomie und Socialwissenschaft; 4. Geschichtswissenschaft; 5. Philologie; 6. Mathematik, Physik und Naturwissenschaft; 7. Biologie; 8. Medizin; 9. Anthropologie; 10. Christliche Kunst. Zur Entgegennahme von Anmeldungen sind die Vorsitzenden der Diöcesancomitcs bereit, die wir hiemit in alphabetischer Reihenfolge angeben: Pros. Dr. Schlccht- Dillingen (für Augsburg), Pros. Dr. H. Weber-Bamberg, Pros. Dr. Bäumker-Breslau, Gcncralvikar Dr. Lüdtke- Pelplin (für Culm), Prälat Dompropst Dr. Pruncr-Eich- stätt, Pros. Dr. Dittrich - Braunsberg (für Ermeland), Se. Gnaden Dr. Knecht, Weihbischof - Freiburg i. Br. . I 2" VrMel hatten sämmtliche belgische Staats- Mllnster ihren Beitritt erklärt und erschienen auch bei den vstentuchen Versammlungen. (Stellvertreter Pros. Dr. Keppler), Domdcchant Pros. Dr. Braun-Fulda, Pros. Dr. I. Ernst-HildesHeim, Sc. Gnaden Dr. H. I. Schwitz, Weihbischof-Köln (Stellvertreter Kanonikus Dr. Hespers), Domcapitular Hilpisch- Limburg, Domcapitular Dr. Raich-Mainz, Chorherr und Regens O. Jeunhomme-Metz, Reichsrath Pros. Freiherr Dr. von Hertling-München, Pros. Dr. I. Pohle-Münster» Pros. Dr. Middendorf-Osnabrück, Prälat Dompropst Dr. Schneider-Paderborn, Pros. Dr. Pell-Passau, Pros. Dr. A. Weber-Regensburg, Pros. Dr. Schütz-Trier, Pros. Dr. von Funk-Tübingen (für Rottenburg a./N.), Dompropst Pfeiffer-Speyer, Regens Dr. Ott-Straßburg, Pros. Dr. Kihn-Würzburg. Da wohl sämmtliche Bischöfe Deutschlands ihren Beitritt zum Congreß in Freiburg erklärt und einige selbst das Ehrenpräsidium ihrer Diöcesancomitcs übernommen haben, läßt sich immerhin noch auf eine recht zahlreiche Betheiligung deutscher Katholiken am IV. Cou- gretz rechnen, b) Streifzüge durch die socialpolitifche Literatur der Renaissance. Von Frz. Jos. Strohmeyer, Benefiziat in Oberstdorf. (Fortsetzung.) Aus derselben Veranlassung und in demselben Geist wie die Dranoo-Oallia geschrieben, entstanden wahrscheinlich zwischen 1574 und 1576 die „Vindiciac contra t^ramuos des angeblichen Ltexdanus drmius Lrutns". Nachdem bis in die neueste Zeit Hubert Laugnet als Verfasser dieser Schrift angesehen worden ist, hat Losten sehr wahrscheinlich gemacht, daß ein Philipp du Plessis- Mornay Verfasser ist. Die Abhandlung setzt die Machtsphäre des Fürsten gegenüber der des Volkes durch Beantwortung von vier Fragen fest: 1. Frage: Sind die Unterthanen zum Gehorsam verpflichtet, wenn der Fürst Befehle gibt, die gegen das Gesetz Gottes verstoßen?^) Die Frage wird auf Grund der hl. Schrift verneint und die Verneinung aber auch allgemein-staatsrechtlich begründet. Von Anfang an besteht ein Vertrag zwischen Gott einer- und König und Volk anderseits. Letztere haben Gott Treue versprochen, das Volk ist an diesen Eid gebunden, auch wenn ihn der König vergißt. 2. Frage: Soll man dem Fürsten Widerstand leisten, wenn er das göttliche Gesetz verletzt und die Kirche Gottes „verheert" (aeclcsiam Dai vastanti, S. 43 st.)? Der Verfasser besaht die Frage, und begründet es biblisch und juristisch. — König und Volk haben Gott ihre Treue gemeinsam gelobt, sie sind also beide, eines sür das andere, verbindlich als „corrci pramirtandi". Beide können sich daher auch gegenseitig verklagen.^) Wer aber soll Widerstand leisten? Nicht die gesummte Volksmenge, zahllos an Häuptern und schwerfällig, sondern die map Stratos d. h. die vom Volke oder auf andere Weise eingesetzten öffentlichen Beamten, und die comitia d. h. die Ständeversammluiigen (S. 63). °) Die katholischen Zeitungen werden um Aufnahme des vorstehenden Artikels gebelen. °') Max Losten in den Sitzungsberichten der königl. baner. Akademie der Wissenschaften zu München 1867. I. Bd. S. 215 st. *") Ausgabe von 1660 S. 1 ff. ") ok. Treitzschke, Hubert Languet's Vinäioiao contra Izn'Liinos, Leipzig 1846, S. 62. 155 Erst wenn diese Führer dem Volke das Zeichen zum Aufstand geben, müssen die Einzelnen folgen. Ohne dieses Zeichen ist ihnen nur passiver Widerstand erlaubt. 3. Frage: Darf man und wie weit darf man dem Fürsten Widerstand leisten, wenn er den Staat bedrückt oder zu Grunde richtet? (S. 102 ff.) Die Erörterung dieser Frage bildet den umfangreichsten und bedeutendsten Theil des Werkes. Und am Schlüsse faßt er die Resultate seiner Ausführungen zusammen: „In summa, ut üuue tauäsm trastatum eousluäamus, priusipss oliZuutur a Oso, coustituuu- tur s, poxulo. 11t sinZuIi priusips iuksriorss suut, ita uuivsrsi, st pudliea lidri sex erschien 1578, in's Lateinische übersetzt 1586. Bluntschli, Geschichte d. neueren Staatswissensch. 1881, S. 32. 156 Wir müssen betonen, daß bei Bodin sich nichts findet von jenem Staatsvertrag, der bei den hugenotüschen Politikern die Grundlage der Beweisführung von der Souveränität des Volkes war. Wenn einmal von ihm gesprochen wird, so geschieht es in einem ganz anderen Sinne: das Volk hat dann durch Uebcrtragung aller Gewalt auf Einen für immer auf die Mitwirkung an der Lenkung des Staats verzichtet. Bodin's Ideal ist aber nicht diese ursprüngliche Art der Monarchie, sondern die Monarchie, an deren Spitze ein unumschränkter König steht. Diese Unumschränktheit versteht er indeß nicht im Sinne von Tyranncnhcrrschaft. Der König steht zwar über dem sogenannten positiven Gesetz, aber nicht über den natürlichen und göttlichen Gesetzen (II, 2, S. 305, II, 3, S. 312 und III, 2). Außerdem ist seine Gewalt beschränkt durch die Staatsgrundgesetze, z. B. das Salische Gesetz (I, 8, S. 139), ebenso durch die Staatsverträgc, die er mit anderen Souveränen und mit seinem Volke abschließt (I, 8, S. 135 f.). Die Verträge seiner Vorgänger bedürfen der Ratifikation der Stände, wenn er an sie gebunden sein soll. Auch über das Eigenthum der Einzelnen hat der legitime Monarch keine Gewalt (I, 8, S. 163), und ebensowenig ist er berechtigt, ohne Einwilligung der Unterthanen das Eigenthum zu besteuern.^) In diesen letzten Erörterungen liegen übrigens so starke Widersprüche zu dem, was vorher von den Befugnissen der Stände gesagt ist, daß Bodin's ganzes System der Einheitlichkeit entbehrt. Nachdem er I, 8, S. 140 ") den Ständen jede Macht abspricht, vindicirt er ihnen wenige Seiten später das Recht der Steuerbewilligung. Man hat versucht, diese und andere Widersprüche aus des Verfassers früherem politischen Leben und den Zeitverhältnissen zu erklären.") Noch auf der Ständeversammlung von Blois (1576) stellt er sich auf die Seite des dritten Standes, und später im Tumult des Bürgerkriegs wird er Vertheidiger der absoluten Gewalt und schreibt fein Werk im direkten Gegensatz zu den Publizisten« die die Volkserhebung zu rechtfertigen suchten. Trotz mehrerer Inkonsequenzen erscheint das besprochene Buch als das bedeutendste staatsrechtliche Werk des 16. Jahrhunderts. Rankes nennt es das „fleißigste, durchdachteste und am meisten anerkannte Werk, welches das Jahrhundert über diesen Gegenstand überhaupt hervorgebracht hat". (Schluß folgt.) Die Tagebücher Platerrs. Die hundertjährige Wiederkehr des Geburtstages von Platen erweckte eine Menge von Festartikeln in Zeitungen und Zeitschriften: die meisten derselben gaben sich den Anschein, als ob Platen im deutschen Volke unvergessen sei — eine fromme Lüge. Der Lyriker Platen ist verschollen; einige Balladen fristen in Schulbüchern und Anthologien ein kümmerliches Dasein, und von den dramatischen Arbeiten des gräflichen Dichters erhielten sich nur die litcrarischen Komödien in der Würdigung der zünftigen Literaturhistoriker. . . Das Säcularfest ist ") Man beachte bier die Anklänge an die Lbartig. Ickbertstls in England von 1215. ") -,nsgn6 vuim nllit ratio probabilis ackckuei potest, car su'ockiti prlnoixibus iinxereut aut pc>xnlar1bn8 comitiis ulla potesta« tribui ckobentN' ") Weill, cl'ds. S. 168 ff. Rarste, ebds. I. Bd. S. 380. verrauscht; Platen verschwindet wieder in der Versenkung. — Von all den Festschriften wird indeß ein Buch sicherlich dauernden Werth behalten: „Die Tagebücher des Grafen A. v. Platen, aus der Handschrift des Dichters herausgegeben von G. von Laub mann und L. von Schefflcr. 1. Band. Cotta 1896." Schon als 16jähriger Page begann Platen em Tagebuch zu führen, das er bis Zu seinem Ende fortsetzte. Als er 1834 nach Italien auf Nimnierwiederkehr abreiste, übergab er die 17 starken Manuskriptbände seiner Lebensanfzeichnungen dem befreundeten Arzte Pfenfer. Nach Platens Tode händigte Pfenfer im Einverständuiß mit der Gräfin Platen die Schatulle mit den Tagebüchern dem Jugendfreund des Dichters, Graf Fugger, zu der beabsichtigten Biographie Platens ein. Aber mitten in der Arbeit starb Fugger. Die Manuskripte kehrten in Pfeufers Hände zurück: erst nach 20 Jahren (1860) gab Pfenfer „Platens Tagebuch 1796 — 1825" heraus, eine Arbeit, die Scheffler mit Recht „die grausamste Verstümmelung des Originaltextes" nennt. Mit diesen beschnittenen Lebensaufzeichnungen war der Oeffentlichkeit nichts gedient: Platens Beurtheilung ward eine noch schiefere als zuvor. „Nur durch . . .den letzten Grad von Aufrichtigkeit kann eine Selbstbiographie interessant werden", erklärt Platen selbst: durch die unverkürzte Herausgabe der Tagebücher haben Lanbmann und Scheffler dem Dichter und der Literatnrgeschichte den größten Dienst erwiesen. „Wenn je etwas Ersprießliches aus meiner Feder floß, oder fließen wird, so sind's diese Diarien," gesteht Platen zu, „die immer einen gewissen Werth behalten, wenn sie auch von dem unbedeutendsten Menschen handeln, da sie aufrichtig sind und seine allmähliche Entwickelung deutlich entfalten. Vielleicht ist keines Menschen Leben ganz uninteressant. . . Ein Leben voll Thorheiten» wie das meine, ist überdies lehrreicher als jedes andere." — Daß Platen selbst hohen Werth auf diese Diarien legt, ersieht man schon daraus, daß er sie von Grund aus im August 1816 einer Revision unterzog. „Mit allen früheren Heften habe ich eine Reform beschlossen. Ich werde sie ganz umbilden, ihnen mehr die Form einer fortlaufenden Erzählung, als eines Diariums geben» und sonach besonders viel von dem wegschneiden, was späterhin ohne Folgen geblieben ist. Das Ganze wird in ungefähr 9—10 Bücher abgetheilt, und ich füge im 1. und 2. Buch noch etwas von meinen Kiuderjahren und denen, die ich im Kadettencorps und als Page verlebte, hinzu, so daß das Ganze zu einer vollständigen Biographie wird." Durch den häßlichen Angriff Heine's in den „Bädern von Lucca" hatte die scandalfrohc Welt ein männliches Gegenstück zur musoula Lrrpxsto erhalten: Platen war schon während seiner Universitätszeit in Würzburg 1819 ein derartiger Vorwurf cntgcgenge- schleudert worden: der Beleidigte legte zu seiner Rechtfertigung nur sein Tagebuch vor — auch heute zerstreut dasselbe alle Anschuldigungen. Zwar sind uns die häufigen Frcnndschastscrgnsse nicht selten widerlich, komisch: vergessen wir aber nicht jene Zeiten und die schwärmerische Anlage des jungen Platen zu berücksichtigen. Wer niemals vor der Wcibcsliebc cxaltirte Freundschaften gepflogen, der werfe den ersten Stein auf ihn. Der Dichter sucht selbst nach einer Erklärung seiner verkehrten Neigung. „Mein Herz fing au, das Bedürfniß inniger Mitgefühle zu empfinden. Ich wollte Liebe . . . Weiber sah ich 157 keine, als jene affektirte Klasse, die nach Hof kam. Sie konnten mich nicht anziehen. So mag es gekommen sein, daß meine erste wärmere Neigung einem Manne galt." Bei der Besprechung des Brandes'scheu Buches „Ueber die Weiber" sagt er offen: „Ich kann es mir nicht zum Vorwurf rechnen, das Ideal eines Menschen immer in meinem eigenen Geschlechte gesucht zu haben; und ich halte diese Neigung um so reiner, je mehr ich einsehe, wie wenig es die der Männer zu den Frauen ist, und wie sie am Ende doch nur auf Befriedigung der Sinne hinausläuft..„Niemals und auf keine Weise hat mir Federigo gemeinsinnliche Triebe erweckt. Aber wenn es bei anderen soweit mit mir kommen sollte! O dann verschlinge mich eher der Abgrund!" . . Im Gegentheil, Platen fühlt sich im Kreise der zügellosen Kameraden angeekelt. „Was die Zufriedenheit, die ich in mir fühle, zuweilen vergällt, ist die zügellose Unsittlichkeit, die ich um mich her sehe. Ich war, mit dem Dichter zu reden, in strenger Pflicht aufgewachsen, unbekannt mit der Welt, und glaube nun ein zweites Gomorrha zu finden. Alle Laster der Unzucht werden bei unserm Stande rühmend zur Schau getragen." Mit Perglas, seinem Jugendfreunde, bricht er den Verkehr ab, weil derselbe sinnlichen Genüssen fröhnt. Platen hatte sich mitten im Kriege ein gottes- fürchtiges Gemüth bewahrt: „Ich ... schwöre Gott Bestrebung nach Heiligung und Tugend, .eifriges Bestreben der Annäherung an ihn, Fleiß und Bernfstreue, Wahrheitsliebe und strenge Sitten, möge er, der himmlische Vater, mir reinen Glauben verleihen und seine Gnade!" — Einen zweiten Fehler, maßlose Dichter-Eitelkeit, verband man bisher schon mit dem bloßen Namen Platen. Die Tagebücher lehren uns das Gegentheil. „Wenn ich gewiß wüßte, daß ich keineswegs zum Dichter geboren ward, würde ich sogleich alle meine Versuche ins Feuer werfen, und weiß ich das nicht fast gewiß? Meine Gedichte gefallen mir selbst nicht, und das ist alles gesagt.„Vielleicht könnte noch etwas aus mir werden, wenn ich mir nicht vorgesetzt hätte, ein Dichter zu werden. Aber dazu werbe ich es nie bringen." . . . „Pont eo gno f'öcrio, vs sollt (zna äss rimos, äos imitations, äos tatnitös amouronsoo sa.v8 vnlour ni esxrlt. Präs raremerit z'z? rainai-tzuo nno xonsas xoetiyuo, cowmo nno ötoilo cle taiblo Ineur, gni xores los nnas." „Ich fürchte, daß ich weder Verstand, noch Geist, noch Talent, noch überhaupt irgend etwas besitze, das über die gemeinsten Menschen erhebt." „Der Entschluß, nichts mehr zu schreiben, und besonders keine Verse mehr, wird immer fester in mir. Ich gewinne dadurch Zeit und Zufriedenheit. Ein großer Dichter- würde ich ja doch nicht geworden sein, und ein mittelmäßiger zu werden, wer wollte diesen Ruhm haben?" Ist das noch der Dichter jener stolzen Grabschrift?? Platen ist überhaupt nicht gegen seine Fehler und Schwächen blind: treue Selbsterkenntnis; schützt ihn davor. „Ich bin stolz, empfindlich, launisch, ich, der ich mich in aller Menschen Stolz, Launen, Empfindungen schmiegen sollte, um nur gelitten zn werden." „Es widerstrebt meiner Natur, ich bin nicht für die Gesellschaft geschaffen. Wo andere sich unterhalten, verzehrt mich eine Langeweile. .. . Was soll aus mir werden, da ich alle Leute vor den Kopf stoße?".. . . „Vielleicht hält mancher meine Verschlossenheit, meine Neigung znr Einsamkeit für Egoismus. . . Sehnsucht nach Liebe erfüllt mein Innerstes. . ." PlatenS unglückliches Naturell ließ ihn auch nicht Freunde erwerben. In der Regel hielt ihn schon vor der ersten Annäherung der Gedanke zurück, dem Freunde „nichts sein zn können" „und endlich ein gewisser Eigensinn, der mir seit meiner Jugend . . . unzertrennlich anhängt und der allem entgegsnstrebt, was meinem Herzen angenehm ist, um sich gleichsam das Recht zu erkaufen, mißmnthig zu sein und zu klagen". Oft auch befriedigte der eine oder andere nicht seine hochgespanntem- Ansprüche. „Ich begegnete ihm . . . sehr kalt und launisch, weil er einige seichte Dinge sagte und mir manches nicht au ihm gefiel". . . Eigenthümlich zeigte er sich auch im Umgang mit Frauen. „Mit Frauen bin ich nur dann gesprächig, wenn ich der einzige Mann unter ihnen bin, vorausgesetzt, daß sie mir nicht ganz fremd sind." Die gelehrten Weiber waren ihm ein Greuel. „Ich für meinen Theil kann nun einmal den gelehrten Weibern nichts abgewinnen, obgleich sie gewöhnlich ihre Gelehrsamkeit in ein angenehmeres Gewand als die Männer zu hüllen wissen, und manche Anlagen sich bei ihnen besser ausbilden als bei uns. Es gibt viele Frauen von ausgebreiteten Kenntnissen, aber gewiß äußerst wenige von tiefen. Die schöne Weiblichkeit geht bei ihnen verloren, sie sind alle gewissermaßen Halb- männer." Im übrigen war er kein Ehefcind: „Ich schätze die Weiber, ich würde mich je eher, je lieber verhciratheu, wenn es mir nur vergönnt wäre.". . . Indeß der Hauptgrund seiner trüben Stimmung lag in dem verfehlten Berufe. Keineswegs wirkliche Neigung zum Soldatcnstaud, sondern rein äußerliche Gründe bestimmten ihn znr militärischen Laufbahn. „Die viele Muße, die Hoffnung, die Welt zu sehen, der Aufenthalt in der Hauptstadt, die mir außer vielen Vortheilen auch noch den einer großen Bibliothek darbietet, alles dies sind Dinge, die meine Neigung bestimmen, Offizier zu werden. Hierzu kommen noch die schlechten Aussichten beim Civil- stande, das mir verhaßte Leben auf Universitäten .... die Furcht vor Provinzstädten und manches andere." Aber schon die militärische Erziehung im Kadcttcuhaus war ihm verhaßt. „Es war uns, wie den Soldaten, Erlaubniß ertheilt, uns über ein Unrecht zu beklagen, aber erst, wenn wir dafür gebüßt hatten. Man wollte uns zeigen, daß die Gewalt herrsche, nicht die Vernunft." Mit der Zeit wurden ihm „die Paraden, die Wachen, der steife Dienst, die steifen Worte, die steife Kleidung zu einer unerträglichen Last: „Die Eigenheit und Individualität wird ohnehin beim Soldatenstande erstickt, und daher kömmt es, daß man auf sovicle gewöhnliche und gcistesnrme Menschen stößt. Sehr oft findet man auch in unserm Stande Leute, die mit imponirenden äußerlichen Eigenschaften ein gemüthloscs Wesen und Mangel an tieferer Bildung vereinigen." Uebcrdics fehlte ihm jeder militärische Geist, wie ihm sein Oberst öfters ins Gesicht schlenderte. So war ihm das Duell „ein rohes Spiel", „als wenn angegriffene Ehre durch Pistolen wieder hergestellt werden könnte". Der demokratische Zug damaliger Zeit hatte auch Platen stark ergriffen. „Wohl uns, daß wenigstens nnser Jahrhnndert mit dem Haß tyrannischer Willkür mehr als eines bezeichnet ist. . . . Die Besseren, die Aufgeklärten im Volke, diese sollten sich zn Schutz und Trutz verbinden. . . . Verschwörung ist das Wort, das uns helfen kann." Er haßt Bonaparte als „einen Verräther, einen Verbrecher, einen Eidbrüchigen, einen Henker der Völker", „den Tyrannen Europas, den Unterdrücker der deutschen Nation". Andcrntheils liebt er die Fürsten überhaupt nicht. Die Ernennung des Kronprinzen Ludwig (I.) zum 158 Oberst ist ihm „eine lächerliche Ceremonie". „Ein Kind, das man zum Obersten macht! Als wenn ein Kind jemals ein Oberst sein könnte! DaS ist einer jener unsinnigen Streiche, deren sich die Fürsten sovicle zu Schulden kommen lassen! Man könnte ja diesen Kindern andere Titel geben, die dem Staat nicht angehörten!.." Als einziges Mittel, der Gährnug, die nach Napoleons Sturz die Völker beherrscht, „eine wohlthätige und vor- theilhafte Richtung zu geben", dünkt ihm „eine repräsentative Verfassung". Mit beredten Worten tritt er für diese Zügelung der monarchischen Willkür ein. Ungern nimmt er Abschied vom Lande seines Ideals, der Schweiz, mit folgenden (bisher angedruckten) Versen: „Noch bin ich hier im Schoß des freien Volks; Doch schon erblickt' ich an den fernen Ufern Die Länder, wo das Königsscepter herrscht. Wo alle sich des Einen Willen fügen Und alles Glück liegt in dem Worte Gunst. Hier ist kein Vornehm, kein Gering, hier sieht Dem Bürger sich der Bürger gegenüber; Und keiner steht so hoch, daß er auf andre Mit stolzem Blick hinunterschanen rann. Und wem die Kraft gegeben ward von Gott, Dem ist kein Weg verschlossen, sie zu zeigen. Und jeder sucht die Stelle, die ihm ziemt. Freimüthig darf die Zunge sich bewegen. Nicht bei der Klugheit fragt sie sorglich an. Wenn sie die'Schätze der Gesinnung öffnet. Hier spendet niemand Gnaden aus als Gott, Und ewig dauert nur die Herrschaft Gottes... Bewegt ruft er beim Anblick der Tellskapelle ' i Vürglen aus: „Wo sind deine Tellskirchen, o Deutschland, wo sind deine Denkmale? ... Wo ist der Mann, denn du den Urheber des freien Standes nennen könntest?" . . . Es leuchtet ein, daß dieser Zwiespalt zwischen freisinniger Ueberzeugung und Drang nach Selbstständigkeit mit all der Rauheit, Eintönigkeit und Unterordnung eines Militär in Plateus Seele heftige Stürme erregen mußte. „Es koste, was es wolle; ich muß mein Schicksal ändern." . . . „Ewig kaun ich nicht in dieser Carriere bleiben. Soviel ist beschlossen," ruft er verzweifelt aus. Die abenteuerlichsten Pläne tauchten in ihm auf. „Ein Gedanke, der mich seit mehreren Tagen stark beschäftigt, ist die Sehnsucht nach — Amerika. . . . Ich habe nichts mehr in meinem Vaterlande zu erwarten, und mein Stand, den ich nicht abschütteln kann, widersteht mir. . . . Ich möchte so gerne mein Glück mir selbst bauen.... Ich muß meine jetzigen Verhältnisse bis auf den Namen abschwören, wenn ich frei sein soll" . . . Damit im Zusammenhang steht ein weiterer Plan. „Oft schon kam mir der Gedanke, ... an einen fremden Ort zu gehen, eines von den edleren Handwerken zu erlernen und so mein Leben stille hinzubringen und in Stille zu beschließen. . . . Sollte ich nicht Geschicklichkeit genug haben, ein Handwerk vollkommen zu erlernen? Und hab' ich das, dann bin ich einig mit mir selbst." ... In einer recht trüben Stunde überfielen ihn sogar Selbstmordgedanken. „Nur ein Mittel ist noch übrig, mich aus diesem Drang zu führen, . . — der Tod. Der Tod, sag' ich, sollte heißen, der Selbstmord. Noch schaudert mir vor dieseni Gedanken, der sich heute zuerst in nur gebildet. . . . Mag der Selbstmord die feigste Handlung auf Erden sein, ich gebe meinen guten Ruf verloren unter den Menschen; was liegt mir daran, wenn ich nicht mehr bin?" . . . Aus all dem Drang befreite ihn endlich der einzig richtige Entschluß, zu dem ihn seine fortgesetzten Studien in Sprachen und Literatur, seine ausgedehnten Entwürfe, sein augeborner Hang zum Lernen führen mußte, nämlich die Universität zu besuchen. — Mit diesem bedeutungsvollen Abschnitt in des Dichters Leben endet der 1. Band der Tagebücher, in denen der Historiker, Pädagog, Psychologe noch genug des Interessanten finden kann. München. vr. Ed. Stempltnger. Esters, Einige Kapitel aus dem Lebe» Philipp Melanchthons.*) H. 8. Auf katholischer Seite sind zu der vierten Säkularfeicr des Geburtstages von Philipp Melanchthon nur einzelne Schriften erschienen, welche naturgemäß mehr eine defensive Stellung einnehmen. Auch Georg Evers, der bekannte Lutherbiograph, hat einen kleinen Beitrag geliefert, der sich mit der Aufgabe befaßt, Melanchthon als Schulmann und Theologen zu zeichnen. Evers verkennt die schwachen Seiten des wetterwendischen Humanisten nicht, aber er bemüht sich, die Ehrlichkeit und Redlichkeit des offiziellen Verfechters des Protestantismus, mehr als historisch zulässig erscheint, zu vertheidigen. (Vergl. S. 60.) Doch weniger dieser Umstand als einzelne Raisonnements des Verfassers gegen das Papstthum drückten uns die Feder in die Hand. So sagt Evers S. 52: „Wenn Melanchthon in Clemens VII. „einen Antichrist" erblickt, so läßt sich das entschuldigen (!?); damit ist nicht gesagt, daß er mit Luther die Institution des Papstthums als die des Antichrists angesehen hätte." Diese Entschuldigung wird jedoch hinfällig durch den richtigen Satz S. 77: „Mochten die derzeitigen Päpste so schlecht und verweltlicht sein, wie sie wollten, das Papstthum war die geordnete kirchliche Obrigkeit." Hinsichtlich des Papstes Clemens VII. (1523 bis 1534)**) äußert sich Evers S. 52 weiterhin: „Was aber Clemens VII. betrifft, so wollte derselbe so wenig als Leo X. eine Reformation der Kirche; sein einziges Bestreben war seine irdische Machtstellung und das Interesse des Hauses Medici. Ich muß bei dem bleiben, was ich hierüber in meinem Luther (6, 106) geäußert habe. Will man gerecht und der Wahrheit gemäß urtheilen, so vergesse man nicht, daß in Rom alles käuflich war." Aber wenn Leo X. eine Reform der Kirche nicht gewollt hat, warum hat er denn sofort nach seiner Thronbesteigung das V. Lateranconcil seines Vorgängers im April 1513 fortgesetzt? Oder war ihm die Reformbulle Lupörnns äisxositionm aräitrio nur eitles Blendwerk für einige fromme Seelen? Hefele sagt über die Wirkungen des V. Lateranconcils: „Ueberhaupt konnte das Concil eben nur Gesetze geben, und es gab deren viele, sehr heilsame; auf seinen Bestimmungen über das Predigtamt und über das Verhältniß der Regulären zu den Bischöfen hat nachher das Concil von Trient weitergebaut; es fehlte aber überhaupt nicht an guten Kirchengesctzen, es fehlte an ihrer Beobachtung und am Vollzug. Die Dekrete unserer Synode stärkten die päpstliche Gewalt und hatten in vielen, zumal in den südlichen Ländern ihre heilsame Wirkung. Freilich vermochten sie die vorhandene revolutionäre Strömung nicht zu beseitigen, die ihre Früchte noch zeitigen sollte. Eine gewaltige Erschütterung mußte die Gemüther erst für eine sittliche Reform reifen machen." (Conciliengesch. 8, 733.) *) Regensburg, Nationale Verlagsanstalt 1697. 86 S *' ) Ueber die Politik dieses Papstes s. Ehses im Hist. Jahrb. der Görresgesellschaft 1W5 u. 1886. 159 Seite 65 findet sich folgende Ausführung: „Luther hat allerdings bezeugt, daß er den „Vorbehalt des Evau- gelii" zur Täuschung der Katholiken gebrauche. Er wollte Gleiches mit Gleichem vergelten, denn er sah auf katholischer Seite nichts als Täuscherei. Der Politik eines Clemens VII. und Paul III. wird auch wohl mir jene Art von Geschichtsdarsiellnug Ehrlichkeit und Treue zusprechen, die um jeden Preis alles, was von den Päpsten geschehen ist, vertheidigen zu müssen glaubt oder zu vertuschen, wegen der bekannten Empfindlichkeit gewisser Kreise. Wenn also die Protestircnden den Päpstlichen Unehrlichkeit vorwarfen, so hatten sie, was die Politik der Mediceer und Farnese betrifft, theilweise recht." Welch ein Widerspruch! Zuerst wird die Politik eines Clemens VII. und Paul III. der Unehrlichkeit sammt und sonders bezichtiget, im Nachsätze sodann wird nur eine theilweise Unehrlichkeit behauptet! Das ganze Echanffement über die beschönigende Darstellung der Papstgeschichte im Hinblick auf die Empfindlichkeit gewisser Kreise erscheint uns dunkel und gewaltsam herbeigezogen. Denn gerade Janssen, der einflußreichste Historiker der Jetztzeit, hat die verhängnihvolle Politik Clemens' VII. gebührend gezeichnet (Gesch. des deutschen Volkes III, 7, 12. Aufl.; An meine Kritiker S. 19; Ein zweites Wort S. 8); auch Hergenröther kam es nicht in den Sinn, den Nepotismus des Papstes Paul III. und überhaupt alle seine Schritte zu rechtfertigen (Kath. Kirche u. christl. Staat, abgekürzte Ausgabe S. 294); aber wenn selbst Leo X., Clemens VII. und Paul III. auf der Höhe eines Alexander III. oder eines Jnnocenz III. gestanden wären, hätte die kirchlich-sociale Empörung des 16. Jahrhunderts unterdrückt oder wenigstens in friedliche Babnen eingelenkt werden können? Wir glauben nicht. Oder war vielleicht Papst Pius IX. schuld an der Unbot- mäßigkeit der sogen. Altkatholikcn nach dem 18. Juli 1870? Auch ohne das Concil wäre der Krankheitsstoff des liberalen Katholicismus vom Leibe der Kirche ausgeschieden worden. Solche Hcilungsprozesse sind jedoch immer mit tiefgehenden Krisen verbunden. Welche Freiheit des Urtheils und der Darstellung, wenn die geschichtliche Wahrheit es erheischt, gerade katholischen Historikern ermöglichet ist, dafür liefert Pastors monumentales Werk über die Geschichte der Päpste seit Ausgang des Mittclaltcrs den schlagendsten Beweis. Welcher protestantische Forscher hat je so vornrtheilssrei über Luther sich ausgesprochen, wie der Katholik Pastor über Alexander VI.? Leo XI il., unter dessen Augen der große Schüler JausscnS gearbeitet hat, war weit entfernt, seinen Quellenstudien in den vatikanischen Archiven Einhalt zu gebieten. Wenn manchesmal kleinliche Geister glauben, der Kirche einen Dienst zu erweisen durch Verschleierung geschichtlicher Vorkommnisse im Leben der Päpste, der Bischöfe, der Priester, so zeigt ein solches Vorgehen wenig dogmatisches Verständnis; für das Wesen der Kirme. Denn gerade der Fortbestand derselben bei allen menschlichen Fehlern und Gebrechen in Haupt und Gliedern seit 18 Jahrhunderten ist für den denkenden Historiker der offenkundigste Erweis, daß die kmhol. Kirche nicht das Werk der Politik oder psäsfischer Verschmitztheit sei, sondern Gottes Werk. Wenn sich jedoch EverS S. 67 aus Janssen beruft, um die feindselige Stellung des Papstes'Paul III. gegen den Kaiser Karl V. und die Hinneigung des päpstlichen Stuhles zu den Protestanten zu erweisen, so hat er einen entscheidenden Zwischensatz des Frankfurter Historikers über- sehen. Wenigstens nach der mir vorliegenden 12. Aufl. Bd. III, S. 613 (bei Evers ist citirt III, 600, 601) lautet die fragliche Stelle folgendermaßen: „Der Papst war viel zu sehr auf die Erhöhung seiner Familie bedacht; seine Unzufriedenheit über die Dinge in Italien und die Führung des Krieges in Deutschland (1547) wurde so groß, daß er, wenn man den Berichten des französischen Gesandten Du Morticr trauen darf, über den Widerstand sich freute, den der Kaiser von Seite der Protestircnden fand, selbst sogar für eine Unterstützung der letzteren sich anssprach." Aber hätte Paul III. gar kein Verständniß für die Nothwendigkeit der kirchlichen Reform besessen, so hätte er wohl leichthin Gründe finden können, die Eröffnung des Concils zu Trient im Dezember 1545 zu vertagen. — Dogmatisch unzulässig erscheint S. 68 die Auslassung, daß die Lehre von der Wandlung im Abendmahle ver- hältnißmäßig jungen Datums sei, während bei den Alexandrinern sich der zwinglischen Lehre ähnliche Auffassungen finden. Denn das Concil von Trient spricht in klaren und unzweideutigen Worten die Ueberzeugung aller Jahrhunderte aus, daß Christus selbst dieses erhabene Geheimniß seiner wirklichen Gegenwart in den Gestalten von Brod und Wein beim letzten Abendmahle eingesetzt habe, als er seinen Aposteln seinen eigenen Leib und sein kostbares Blut darreichte. Mag auch der Name Transsubstantiation sich in den inspirirten Büchern nicht vorfinden, die Sache selbst ist in den Einsetznngs- worten klar gegeben (Loss. XIII, oax. 1, 4 orm. 1, 4). Recensionen und Notizen. Ausgewählte pädagogischeSchriften desDefi- der ins Erasmus. Herausgegeben von Dr. D. Neichling. Johannes Ludovikus Vives. pädagogische Schriften. Herausgegeben von Dr. Fr. Kapser. Freiburg. Herder 1896. XXXVI. 436. (Bibliothek der katholischen Pädagogik. VIII.) 5 M.; gebd. 6 M. 80 Pfg. Dieser inhaltreiche VIII. Band der Bibliothek für katholische Pädagogik bringt das Lebensbild und die bedeutsamsten pädagogischen Schriften der zwei hervorragendsten Geister und Bahnbrecher im Zeitalter des Humanismus: Erasmus und Vives. Gleich von vornherein sei es gesagt: Das ganze Werk ist eine nicht mehr zu übersehende Arbeit für die Werthschätzung der beiden Männer und in Bezug auf Vives geradezu die Abtragung einer Ehrenschuld. Es ist Thatsache, daß der Zauber der Person wie das Parteileben der Zeit gar oft das kritische Auge für die Bedeutung großer Männer trübt. Auch Erasmus und Vives weisen diese Erscheinung auf, allerdinas in sehr entgegengesetzter Richtung. Während vor Erasmus als dem „unsterblichen Genie", als dem „Licht der Welt" die Mit- und Rammelt lauge Zeit förmlich in Änderung niedersank, blieb Vives, obwohl er au wissenschaftlicher Erudition einem Erasmus nur wenig nachstand, an ! grundlegender Bedeutung aber für einen methodischen i Betrieb der Wissenschaften und für die Jndicnst- ! stellung des Unterrichtes zu den Aufgaben der ! Erziehung ihn zweifellos übertrifft, „bis in die letzten i Jahre hinein — speciell im katholischen Deutschland — j fast gänzlich unbekannt". Wir dürfen darum das Werk > einen Act der ausgleichenden Gerechtigkeit nennen. — s Was nun speciell die Schrift über Erasmus betrifft, so geht der Verfasser Schritt für Schritt dem unsteten Wanderleben des großen Gelehrten nach, wobei er Zug um Zug aus seinen Schriften fein Charakterbild aushebt. Er kommt dabei, vielfach gestützt auf Janssen 2. Band, zu einem Ergebniß, das der durch die Jahrhunderte traditionellen Anschauung freilich nur zum Theil entspricht: Erasmus ist „nichts weniger als ein großartig angelegter Charakter", „auf keinem Gebiet ein bahnbrechendes 160 Genie"; aber als ganz „ungewöhnliches Talent" vereinigt er in sich wie in einem Brennpunkt fast das ganze Wissen der damaligen Zeit. „was ihm für immer die erste Stelle in der Geschichte der Wiederbelebung der antiken Wissenschaften sichert". In pädagogischer Hinsicht beschränkt sich nach Neichling des Erasmus Ruhm ans das Sammeln aller diesbezüglichen „Leistungen der vorausgegangenen Zeiten", sowie aus die Keimbilbung zu den „wichtigsten Reformen der neueren Zeit in überraschender Vollständigkeit, während das „religiöse Moment sehr in den Hintergrund tritt oder doch vielfach in Aeußerlich- keiten verläuft". Mag dieses Urtheil auch, zumal im Hinblick auf die Jahrhunderte lange, übertriebene Ver- himmelung des Erasmus, etwas bitter klingen, es ist die reife Frucht gewissenhaften Studiums seiner Werke. Zur Erhärtung der ausgehobenen pädagogischen und didaktischen Anschauungen folgen dann in Uebersetzung die beiden Schriften: „Ueber die Nothwendigkeit einer frühzeitigen Unterweisung der Knaben" (Seite 45—101) und „Ueber die Methode oes Studiums" (S. 102—119). Die beiden Abhandlungen, besonders aber die letztere, verdienten wegen der zahlreichen allgemeinen und speciellen Bemerkungen eine Veröffentlichung und verdienen Beachtung auch noch in unseren Tagen. — Die einleitende Biographie und Charakteristik des Vives war zweifellos eine Arbeit angenehmerer Art als die über Erasmus. vr. Kayser fand in Vives einen durchaus edlen und ganzen Charakter, der seinem Leben und Handeln in all- weg seine innere Ueberzeugung aufprägte, so daß bei freiem Blick eine derartige Verkennung desselben nicht möglich gewesen wäre. Dementsprechend ist auch die Charakterzeichnung mit aller Liebe ausgeführt. Vives besaß einen universellen Geist, der ihn zu einer „der glänzendsten Erscheinungen in der Geschichte des menschlichen Geistes macht". Aber bei alle dem blieb Vives „ein treuer und demüthiger Sohn seiner Kirche", ein sprechender Beweis gegen die Behauptung, daß der Humanismus mit innerer Nothwendigkeit seine Anhänger in einen Gegensatz zur Kirche bringen mußte. Seine literarische Thätigkeit erstreckt sich auf fast alle Gebiete, und in seinem Hauptwerk „vs äisoixlinis" gibt er — also am Anfang des 16. Jahrhunderts! — eine förmliche Encyklopädie der Wissenschaften. Sein Hauptverdienst aber in diesem ivie in der Mehrzahl seiner übrigen Werke und die Hauptbedeutung seines Lebens übcrhaiipt liegt in einem bis dabin unbekannten, streng systematischen Aufbau der Didaktik und Pädagogik. Fast sämmtliche Principien der neuern Pädagogik, die man bisher immer späteren Jahrhunderten zugeschrieben hat, finden sich bei Vives und sind mit Verschweigung seines Namens von ihm entlehnt worden, vr. Kayser nennt ihn darum mit Recht „den Begründer der neueren Pädagogik". Dabei ist sein System nicht erii Erzeugniß bloßen Spekulrrens, sondern es ruht aus der festen Grundlage eigener Erfahrung und Beobachtung. — Von seinen pädagogischen Schriften hat Dr. Kayser übersetzt: 1) „Ueber den Unterricht in den Wissenschaften" (des oben genannten Hauptwerkes 2. Theil in 5 Büchern, S. 180—339); 2) „Ueber den Lebenswandel und die sittlichen Grundsätze des Gelehrten" (S. 340 bis 260), ein in seiner Art vielleicht einziges Schriftchen; 3) „Die Erziehung der christlichen Frau" (S. 361—414); 4) „Lehrpläne für das Studium der Knaben" (S. 415—426). Die Lectüre dieses Schriftstellers läßt sich mit keinen besseren Worten empfehlen, als sie Wychgram gebrauchte: er „sei des Studiums werth wie wenige". — Dem ganzen Werk ist eine kurze, aber treffliche, allgemeine Einleitung vorausgeschickt, die sich über den Unterrichtsbetrieb im Mittclalter, über das mittelalterliche Latein und über die Bestrebungen und Verdienste des älteren Humanismus verbreitet. Ein umfassendes Personen- und Sachregister (9 S.) vervollständigt die Verwendbarkeit des prächtigen Werkes. Durner. Der heilige Fidelis von Sia marin gen. Erstlingsmartyrer des Kapnzinerorbens und der vonsrsAatio äs propaA'anäs tiäs. Ein Lebens- und Zeitbild aus dem 16. und 17. Jahrh. Nach Quellen bearbeitet von 1?. Ferdinand della Scala. Mainz, Kirchheim. 8', 307 S.. 20 Bilder. M. 3. * Am 24. April, schreiben die Bollandisten, feiert man das Fest des hl. Fidelis von Sigmaringen aus dem Kapuzinerorden, der 1622 zu Seewis in Graubünden von den Häretikern, welche er zum wahren Glauben zurückzuführen suchte, ermordet ward. Nach Lucian von Mon- tavon, Angelus Maria von Rossi und manchen Andern hat es U. ?. Ferdinand della Scala unternommen, das Leben des glorreichen Märtyrers zn schreiben. Gleich in der Vorrede zeigt er sich als gut unterrichteten und gewissenhaften Biographen. „Der hl. Fidelis", sagt er, „gehört seinem Leben und Wirken nach der Geschichte an. Beobachten wir demgemäß in Allem, was ihn betrifft, das Verfahren der wahren Geschichtsschreiber und nehmen wir nicht, um den frommen Sinn der Gläubigen zu erbauen, Thatsachen an, welche zuverlässige Dokumente niemals berichtet haben." Es zeigt sich eine große Umsicht und Klugheit im Gebrauche, den der Verfasser von den fast unmittelbar nach dem Tode des Heiligen eingeleiteten Processen macht. Um den Leser von der Wirklichkeit eines Vorganges zu überzeugen, genügt nicht der Nachweis, daß er in den Proceßakten berichtet wird; es muß auch der Zeuge, welcher die Thatsache behauptet, sich durch sein Wissen und seine Wahrheitsliebe empfehlen. Das entgeht dem della Scala nicht, er weiß je nach dem Stoffe seirre Zeugen auszuwählen. Sollte es hier nicht am Platze sein, jenen Autoren, welche sich derartiger Dokumente bedienen, den Rath zn ertheilen, im Vorworte die Zeugen aufzuführen, welche sie im Verlauf der Arbeit zu citiren gedenken, indem sie für jeden von ihnen die Eigenschaft angeben, welche seinen Behauptungen mehr oder weniger Werth verleiht? So würde man den Leser an den Werth des Zeugnisses erinnern und ihm die Controlle erleichtern. So oft ihm dann im Texte oder in den Fußnoten der Name eines Zeugen begegnen würde, könnte er die Vorrede zu Rathe ziehen und unmittelbar ersehen, ob im vorliegenden Falle der Zeuge Glauben verdiene. Der neue Biograph des hl. Fidelis ist übrigens ebenso gilt unterrichtet, als er in der Verwerthung der Quellen behutsam ist. Die in seiner Vorrede befindliche Aufzählung der Aktenstücke, die er zu Rath gezogen, der Archive, die er erforscht, der Personen, bei denen er sich erkundiget hat, zeigt deutlich, daß er keilte Mühe gespart und alle Schritte gethan, um zu genauer Kenntniß der Thatsachen zu gelangen. (Im Anhang veröffentlicht ?. della Scala verschiedene. noch unedirte Aktenstücke, die wichtigsten sind einige Briefe und Predigten des Heiligen.) Auch die der storia postbuma gewidmeten Kapitel sind reich an Einzelheiten, oie Illustrationen, welche den Text zieren, sind gut gewählt und dem Stoffe selbst entnommen. Mit einem Wort. wir haben hier eine gute und solide hagiographische Arbeit, ^.ualscta Lollanäiana, tom. XV, p. 111 — 112, Brüssel 1696. Linzer theol.-praktische Quartalschrift. Jahrgang 1897. Expedition: Linz, Stifterstraße Nr. 7. Preis pr. Jahr 7 M. Inhalt des 2. Heftes: Ein neues Beispiel von mißglückten! Eifer. Von k. A. M. Weiß O. kr., Uni- versitäts-Profeffor in Freiburg (Schweiz). — Praktische Bemerkungen über Generalbeichten und deren Abnahme. Von vr. Jakob Schmitt, Domeapitular zu Freiburg (Brcisgau). Zweiter Artikel. — Die Muttergottes - Feste und ihre Verherrlichung durch die christliche Kunst. Von vr. Heinrich Samson, Vicar in Darfeld (Westfalen). — Die heiligen Gräber in der Charwoche. Von k. Georg Schober V. 8». R-, Consultor der heiligen Ritencongre- gation in Rom. — Die Berufung der allgemeinen Concilien deS Alterthums. Von Domeapitular vr. Mathias Höhler in Limburg a. d. Lahn. — Nachklänge zur Miß Vaughan-Frage. Von v. Hilarin Felder O. Lector s. tüsol., Freiburg (Schweiz). Zweiter Artikel. — „Christenthum und Nationalismus." Eine zeitgemäße Studie von k. Robert Äreitschopf 0. 8. L. -- Pastoral - Fragen und -Fälle: Feuerversicherung und Brandstiftung. Von v. Augnstin Lehm kühl 8. ck. in Exaeten (Holland). — Unbefugtes Geschenk einer Klosterfrau. Von k. Johann Sch wienbacher O. 88. U., Provincial in Wien. — Versprechen. Von Jakob Linden 3. in Blyenbeek (Holland) ,l. s. w. I - Verautiv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg tti-. 23 » 28. AM 1897. Christliche Kmrstiuteressen. Kirchenrestaurirungen in Bayern.*) H, I'. I'. Das Beispiel der glücklich durchgeführten Erneuerung der katholischen Frauenkirche in Nürnberg regte bald auch die Protestanten zur Betreibung der Ausbesserung der noch ruinösem altehrwürdigen St. Sebaldus- kirche dortselbst an. Die vor sieben Jahren begonnene Arbeit schreitet unter der Oberleitung des berühmten Gothikers Pros. Gg. Hauberrisser in München und der Ballführung des gründlich gebildeten und energievollen Architekten Jos. Schmitz in Nürnberg ihrer Vollendung entgegen. Und wenn die von Essenwein vollzogene Renovation der Frauenkirche im Ganzen als eine Achtung gebietende künstlerische Leistung anerkannt werden muß, so stellt sich auch die von Hauberrisser fast vollendete Erneuerung der Sebalduskirche, besonders in architektonischer Äeziehung, als ein mustergiltiges Nestaurattonswerk dar. Der Ostchor war der am meisten ruinöse von allen .äußern Bauthcilcn. Dieser wurde kurz nach Erbauung der Frauenkirche zwischen 1361—1377 dem ältern romanischen bezw. frühgothischen Schiffe, von der gleichen Länge mit diesem und seinem Westchor, angebaut. Er liegt aber mit dem Schiff nicht in einer geraden Achse, sondern biegt merkwürdiger Weise stark nach Norden ab. Zehn Pfeiler tragen die Kreuzgewölbe des Chores, der gleich einer eigenen dreischiffigcn Hallenkirche sich prä- fentirt. Während die Breite des Mittelschiffes im ältern Theile regelmäßig 23 Fuß und die Arkadenweite der Pfeiler etwa 17 Fuß beträgt, dehnt sich die Breite des Chormittclschiffcs durch Abweichung der nördlichen Pfeilerrcihe von 23 bis zu 28 Fuß aus, indessen der Abstand der Pfeiler von einander (Arkadenweite) sich mehr und mehr von 32 Fuß bis auf 21 Fuß im Chorabschlusse verringert. Um den offenen Chor des Mittelschiffes mit dreiseitigem Abschluß bildet der äußere mit seinen 14 Mauerpfeffer» einen Umgang mit den sieben Seiten des Scchzehnecks abschließend. Den Grund der nördlichen Abweichung wollen manche im Erdreich, andere in der Absicht des Baumeisters, bannt anzudeuten, daß Christus am Kreuze sein Haupt zur Rechten geneigt habe, finden. (?) Die Erweiterung gegen das Oktogon dürfte aber wohl Effekt- berechnung sein. Denn dadurch wird die Perspektive größer (während sie sonst sich verjüngt), und die Chor- halle» vom Schiffe aus gesehen, domiuirt. Die zwei ersten der Strebepfeiler sowohl an der Nord- wie Südseite verstärken sich zu den Seitenwänden je einer Portalvorhalle, die an der Grenze zwischen Chor und Langschiff in das Innere führen. Zu den interessantesten und prachtvollsten Stellen des äußern Baues zählt ohne Zweifel das nördliche von diesen, der Spätzeit des XIV. Jahrhunderts angehörende Portal, die „schöne Brautthüre", so genannt, weil unter ihr die Brautleute gesegnet wurden, bevor sie zur Trauung in die Kirche traten. In den rechtwinkeligen Rahmen des offenen Manerthores ist oben ein mit Krabben besetzter Spitzbogen und unter demselben ein Rundbogen gespannt, deren Zwischcnräume mit Maßwerk und durchbrochenen Rosetten filigranartig ausgefüllt sind, während S. Beilagen 17 u. 19. der Rundbogen noch unten mit einem Kamme reichverzierter Spitzbögen besetzt ist. An der äußern Seite des Portals stehen die schönen statuarischen Figuren einer Madonna und des hl. Sebald; an den innern Eiugangs- seiten Adam und Eva und über ihnen Christus im Brustbild. An den geschmackvoll gestellten Säulen der Laib- ungen lehnen beiderseits, auf zierlichen Sittlichen stehend, die Statuen der klugen und thörichten Jungfrauen. Diese Figuren, fern von allem Naturalismus und noch ganz auf idealer Grundlage ruhend, streben mehr nach Schönheit als nach Wahrheit. Der Ausdruck der fast gleichen Köpfe ist mir wie schwach skizzirt. Klugheit und Thorheit und in Folge davon stillselige und erhabene Ruhe der Haltung auf der einen, Neue und Betrübniß in der Bewegung auf der andern Seite: das ist die stille Predigt, die hier der Künstler den Brautleuten in unübertrefflich anmuthiger Weise hält. Er hält sich Hiebei strenge in der Grenze, welche die noch herrschende Obmacht der Architektur über die Sculptur ihm zieht. Nicht auf dem Verschiedenen, sondern aus dem Gleichmäßigen liegt hier der Nachdruck, wodurch das architektonische Interesse, das einer ruhigen Gesammtwirkung, befriedigt wird. Dabei weiß er in klassischer Manier die gleichen Formen seiner in feinster Nuance bewegten und eingebogenen schlanken Gestalten durch einen wieder ganz frühgothisch fließenden, uobeln Faltenwurf zu beleben. Diese, sowie die andern gleichzeitigen Bildnisse in Nürnberg verrathen einen Geschmack in der Bekleidung und Anordnung der Gewänder und Bildung der Formen, und zeigen besonders die langgezogenen, weichen und geschwungenen Falten einen Stil, welche, gewiß ursprünglich von der römischen Antike beeinflußt, mit der Entwicklung der Gothik von Frankreich durch Deutschland nach Italien zurückwanderten. Dieser Stil findet sich in diesen drei Ländern gleichzeitig. In Deutschland kann man seine Entwicklung an einer Reihe von Denkmalen — der Bam- berger, sächsischen und Kölnerschule, und unter deren Einfluß an den Domen zu Mainz, Negensburg, sowie besonders ausfallend in Nürnberg, außer bei unsern 10 Jungfrauen, an den sogen. Schonhofer'schen Figuren des schönen Brunnens*) und des Portales der Frauenkirche — studiren. Auch diese Brunnen-Statuen, die sich gleichsam mit der Architektur in den Ruhm der Vortrefflichkeit des Monumentes theilen, zeichnen sich durch schöne Linienführung, naturwahre Durchführung und gute portraitirende Charakteristik aus, sind aber nicht so meisterhaft ausgeführt wie die besseren alten Arbeiten der Sebalduskirche. Die jetzigen untern Hauptfiguren sind übrigens minderwerthige Copien! Das andere südliche Portal des Chores zeigt aus derselben Zeit die Darstellung der hl. drei Könige in vier Rundbildern und außen an der Mauer das Bilduiß eines Bischofs. Von den roh ausgeführten Reliefbildern an den Strebepfeilern zeigt der am ersten nördlichen dargestellte „Einzug Jesu in Jerusalem" ein feines künstlerisches Verständniß. Das Original des weniger guten Nachbildes befindet sich im Germanischen Museum. Der zwischen den zwei genannten Portalen sich bewegende Chorumgang gehört noch zu jenen durch den ') Nach neuern Forschungen wurde das Monument von Heinrich dem Balier von 138 b —96 ausgeführt. 162 Reichthum ihrer Formen und Ornamente sich auszeichnenden gothischen Baudcnkmalcn. Gleichwohl weist er auch schon deutliche Spuren des Verfalles der Gothik auf. Wie an den langweiligen Pfeilern im Innern der Mangel der Capitale und Gesimse auffällt, so springt hier am Aenßern das Zusammendrängen des plastischen Schmuckes in die Mitte der Mauern, resp. Streben, gegenüber der mehr nüchternen Behandlung der hoher» Theile in die Augen. Da Mauer und Strebepfeiler ohne Unterbrechung bis zum Dache hinaufreichen- so bekommt die Kirche in diesem ihrem östlichen Theile das Aussehen eines einschiffigen Baues. Mauer und Streben sind bis zur Fensterbrüstung schmucklos und bilden dadurch einen massiv-kräftig erscheinenden Unterbau. Ueber dem untern Hauptgesims beginnt der reiche plastische Schmuck der mittleren Mauerpartie. Er besteht au den Pfeilern vornehmlich aus nischenartigcu, von Säulen getragenen und Fialen gekrönten dekorativen Giebeln, die zur Aufnahme von Heiligenfiguren auf Postamenten und unter Baldachinen bestimmt sind. Diese Figuren waren fast sämmtlich n i ch t mehr vorhanden. Die hohen Fenster, die schon theilweise sischblasenartiges Maßwerk enthalten, verdrängen nicht vollständig das Manerwerk zwischen den Streben (wie z. B. bei der Lorenzksrche in Nürnberg) und über letzteres breitet sich bis zu °/z Höhe die reiche plastische Dekoration aus. Auf einem feinen Gesimse oberhalb dieses Fialenschmuckes erheben sich schlanke Säulchcn, welche den obern Theil der Fensterlaibung einrahmen und den mit Krabbenyrnament und Kreuzblume versehenen Wimperg tragen. Die den Abschluß bildende Gallerie, sowie jene vor und über derselben emporragenden Fenstergiebel (Wimperge) und Fialenpyramiden wurden schon im Jahre 1561 bei eintretender Banfälligkeit abgebrochen, so daß seitdem das Dach ohne jede Vermittlung der Mauer wie in plumper Weise aufgestülpt erschien. Diesem ruinösen Ostchor, der die größere Raumhälfte der ganzen Kirche umfaßt, galt der erste Angriff der Ernencrungsarbeiten. Den Fuß des Daches umgibt wieder eine neue Gallerie, schön und maßvoll in ihrem Verhältniß zum Ganzen. Und diese wie die wieder hergestellten hohen Wimperge und Fialenpyramiden bilden den neuen belebenden Bekrönnngsabschluß der Chormauer. Diese Schlußpyramiden der Pfeiler könnten vielleicht Manchem im Verhältniß zu der Masse der Pfeiler etwas winzig erscheinen. Die untern Phramidenauslänser sind bedeutend kräftiger. Doch diese Anlagen beruhen auf individueller Anschauung und weisen auch die bewunderten Bauten des Mittelalters in dieser Beziehung verschiedene Stil- und Geschmacksrichtungen der alten Baumeister auf. Während man in Straßbnrg dieselben zarten Auslänfe ^der Pyramiden sieht, zeigen andere Bauten die charakteristischen schlanken und hochstrcbenden Glieder der Gothik. — Die ganze Steindckoration, Wasserspeier, Krabben, Blumen und> andere Ornamente sind sauber und charakteristisch gearbeitet. Die etwa sechzig Statuen am Aenßern des Ostchores, aus Kalkstein gemeißelt, sind von dem tüchtigen und leistungsfähigen Bildhauer Lcistner, Lehrer an der Knnstgewerbeschnle in Nürnberg, gewandt und stilistisch gut modcllirt und ausgeführt. Sie sind nach dem vom ehemaligen alten Bildschmuck noch vorhandenen reichen Vorbildermatcrial unter Benutzung ganzer Stellungen, Gcwandparticn, Köpfe rc. im alten Charakter gearbeitet. Man sieht es denn auch den pei nlichen Nach ahmungen der alten Bildwerke gleich an, daß sie nur dekorativ wirken und „sich ganz der Architektur unterordnen" sollen. Von moderner Empfindung braucht, ja soll nichts vorhanden sein und hat die Herstellung des Neuen in der Absicht der reinen Täuschung stattgefunden. Und nun wird auch wohl mancher Betrachter die Figuren für alte halten, besonders da sie gleich gedunkelt sind. Dem Kenner wird aber der Unterschied nicht entgehen. Denn in Wirklichkeit stehen sie im Detail hinter den bessern alten Meisterarbeiten entschieden zurück. Man vermißt nicht nur jene feine weiche Modcllirnng und Kraft des Ausdrucks der Köpfe (bei solchen exponirten, auf sich selbst gestellten Statuen), sondern auch den zarten Zug der Draperie, jene sich so weich und leicht anschmiegende Gewandung, in welche die alten Meister mit so viel Empfindung den Körper ihrer Figuren zu kleiden wußten. Dann erscheinen diese vielen Statuen doch auch gar zu „einheitlich". Interessanter wäre jedenfalls der ganze Fignren- schmnck ausgefallen, wenn mehrere so gewandte Bildhauer, wie Leistner einer ist, die Modelle gefertigt hätten. Gerade bei der Sebaldnskirche, die so viele Stilrichtungen ausweist, wäre eine gewisse individuelle Verschiedenheit der massenhaften Sculptnren am Platze gewesen. So rührt auch, wie bei der Nürnberger Frauenkirche, so bei andern reicher ausgestatteten Fagaden, Portalen und Außenwänden der alten gothischen Kathedralen der plastische Bildschmnck in der Regel von mehreren, oft sogar in Auffassung und Technik sehr verschiedengearteten Meistern her. Daß die neue Bildnerei so monoton ausgefallen ist, dafür kann aber der beauftragte Künstler nicht. Das wäre jeden: Andern bei der Masse von Figuren, die ja vorgeschricbenermaßen nur dekorativ sein sollten, auch passtrt. Der reiche Figurenschmuck im Innern ist sehr vielseitig. Die Sculptnren vertreten mehrere Jahrhunderte, und eine ist schöner wie die andere. Keine ist verwittert, und alle sind noch gut erhalten. Es gibt darunter vorzügliche Statuen, die sehr nachahmnngswcrth sind. Diese hätten zur Richtschnur dienen sollen. , (Schluß folgt.) Streifzüge durch die socialpolitische Literatur der Renaissance. Von Frz. Jos. Stroh meyer, Benefiziat in Oberstdorf. (Schluß.) Mit Recht hat man Bodin als denjenigen bezeichnet, welcher zuerst im 16. Jahrhundert wieder den Anlauf unternommen hat, die christlichen Grundsätze auf socialem und politischem Gebiete zu vertreten, und ganz in seine Fußstapfen trat Gregor von Toulouse (1570 bis 1617) in seinem Werke „cks ropudlion iiöri 26". Aber, wie gesagt, die literarischen Produkte beider bedeuten nur einen Anlauf zum christlichen Princip: wir finden bei keinen: von beiden die nöthige Klarheit und Sicherheit und Konsequenz. Dagegen hat Giovanni Botero (1540 — 1617) wieder die goldene Mittelstraßc gefunden. Er ist wohl der einzige in dieser Periode, der wieder ganz auf die sittlich-religiöse Grundlage des positiven Christenthums zurückging und darum die richtigen Fundamente einer Gesellschaftsordnung gefunden hat; aber er wurde in dem Sturme nicht gehört. Berühmt ist er geworden durch sein Buch von der Ncgicrnngskunst (äells rnZivns äi 163 statv). Diese Schrift ist direkt gegen die macchiaveüistische Staatslehre gerichtet") und weist der Religion die ihr gebührende fundamentale Bedeutung im Staats- und Gesellschaftslebcn zu. Sie ist mit Geist, tiefer historischer Erudition und Weltteiintniß abgefaßt und will zeigen, wie das Nützliche nie vom Sittlichen getrennt werden und das Ungerechte nie nützlich sein kann. Weniger berühmt ist sein Werk: cie vitn xrinoixio oürimiani; dagegen wurde Botero einer der Gründer der statistischen Wissenschaften durch sein Werk von den Staatskräften der europäischen Reiche. In einem neuen Gewände tritt der absolutistische Gedanke hervor in der Satire Llanippös unmittelbar nach dem Einzug Heinrichs IV. in Paris 1594 erschienen. Diese Satire hat zum Gegenstand die Tagung der Generalstände von 1593, und es ist besonders die Rede des Vertreters des dritten Standes, die uns deutlich genug die politischen Ansichten des Verfassers, wahrscheinlich Pithon's, erkennen läßt. Hier quellen die Empfindungen so stark aus der Seele des Verfassers, daß sie die Form der Satire sprengen und uns die aufrichtigen Worte des Herzens vernehmen lasseim Wir vernehmen Worte feuriger Begeisterung für die absolute Monarchie und eines tiefen Nationalgesühls, das wir, mit solcher Energie vorgetragen, nur selten in der Literatur einer Zeit finden, der der Begriff der Nationalität noch nicht allzulange aufgegangen war. Indeß eine allgemeine Bedeutung hat die Satire nicht erlangt: sie ist nur ein Mittel gewesen zur moralischen Eroberung der öffentlichen Meinung für die Herrschaft Heinrichs IV., und diesen Zweck hat sie vollauf erreicht, indem sie mehr als das Schwert diesem König den Weg ebnete. Erwähnung verdient an dieser Stelle auch jener Mann, von dem Ranke") schreibt: „Den eigenthümlichen Inhalt seiner Gedichte aber schöpft er aus der Weltstcllung der emporkommenden Monarchie und den Handlungen Heinrich's IV." Es ist Frangois de Malherbe (1555 — 1627). Wenn wir ihm auch keine so hohe, selbstbewußte Auffassung seiner dichterischen Produktion zuschreiben, wie Ranke, so ist doch wichtig, daß ein Mann von seinem Einfluß sich so rückhaltslos zu den Grundsätzen der absoluten Monarchie bekennt und, was ihm nie abzusprechen ist, von tiefstem patriotischem Gefühle beseelt ist. In der Glorifizirung der Herrscher seines Landes übertrifft er fast noch den Ronsard; auch ist er wie dieser von der künftigen Weltherrschaft seines Volkes fest überzeugt. Ganz charakteristisch aber ist bei ihm die Jdentifizirung von Staat und Monarch.") So wären wir am Ende unserer „Streifzüge" angekommen. Wollen wir unsere Beobachtungen kurz re- gistriren, so müssen wir sagen: in der Renaissance-Periode macht sich das lebhafteste Bestreben geltend, auch auf dem Gebiete der Rechts- und Gesellschaftswissenschaft mit der christlich-conservativen Vergangenheit zu brechen. Plan versucht in dieser Zeit des Ucbergangs das Staatsrecht vollständig umzubilden, und zwar im Gegensatz zu der altchristlichen Rechtsanschauung und zu den altchristlichen socialen Principien, lind der Boden, auf dem man das neue Gesellschaftsidcal aufbauen will, ist ein ganz materialistischer. Aber die Konsequenzen, zu denen man getrieben wurde, stehen zu einander im Gegensatz. Dieser ") Walter. Naturrccht und Politik S. 539. 648. ") Ranke, ebdas. Bd. III S. 394. ") Band I. Nr. XIX V. 57. ct'. das spätere Wort: »llütai v'est mvi." Gegensatz läßt sich in den zwei Schlagwörtern ausdrücken' dynastischer Absolutismus und demokratischer Liberalismus. Aber bei der Gleichheit des principiellen Programms ist dieser Gegensatz nur ein äußerer, auf den Gegensatz der egoistischen Interessen gegründeter, kein innerer und principieller; denn beide extremen Richtungen involviren den Widerspruch gegen die christlich-conservative Idee. Indeß darf man nicht glauben, daß diese Zeit eine Ausnahme gemacht hätte von den Eigenthümlichkeiten der Uebergangszeiten. Das Charakteristicnm der Uebergangs- zeiten ist, daß sie nur ephemere Erscheinungen liefern, die bald wieder der Geschichte anheimfallen. Und so kommt auch die Periode der Renaissance nie über den Anlauf, den Versuch hinaus. Keines ihrer socialpolitischen Systeme ist in den Fluß einer geschichtlichen Entwicklung eingetreten, sie treiben nur wie Schaumblasen aus der allgemeinen Gährung der Geister hervor, um bald wieder zu verschwinden. Und was sie eine Zeit lang lebebensfähig an der Oberfläche erhielt, war das religiöse Ferment, das gerade damals zu einer radikalen Umgestaltung des kirchlichen Lebens trieb. Darum finden wir auch beide politische Richtungen dieser Periode unter einer religiösen Maske. Das „Wort Gottes" war das religiöse Schlagwort für die egoistische Erweiterung der Fürstenmacht; „evangelische Freiheit" war die Parole für die liberale Revolution von unten. Erst nachdem die. religiöse Aufregung sich gelegt, war auch dieses Schlagwort unbrauchbar geworden. Und jetzt war die Zeit gekommen, in der man mit der radikalen Umgestaltung der Rechts- und Gesellschaftstheorie Ernst machte. Die Parole hieß „Naturrecht". Schon Hugo Grotius, Bcllarmin, Suarez, Puffen- dorf, Thomasius haben auf diesem neuen Boden ihre politische Doktrin aufgebaut. Aber namentlich waren es Hobbes und Locke, die sich für berufen hielten, die philosophische Basis zu gründen für die in der Renaissance ausgestreuten Ideen. Und es ist eine merkwürdige Erscheinung, daß gerade zu einer Zeit, in welcher der Absolutismus in der französischen und englischen Politik seine conkrete, praktische Ausgestaltung erhielt, Ideen am Webstuhl der Zeit ausgebrütet werden konnten, die später eine so blutige Katastrophe heraufbeschworen haben. Hobbes und Locke waren diejenigen, welche die schon in der Renaissance deutlich genng erkennbare demokratische Strömung in ein konsequent ausgebautes, fertiges System brachten. Sie gehen beide von der Idee des Social- contraktes aus und nehmen demnach einen sogenannten Naturzustand an, formell ziehen sie aber die entgegengesetzten Konsequenzen. Hobbes huldigt dem monarchischen Absolutismus, Locke dem demokratischen Absolutismus. Zu diesem Gegensatz mochten die äußeren Verhältnisse beider Männer viel beigetragen haben: Hobbes war entschiedener Anhänger von König Karl II. von England und mochte in den religiös-politischen Wirren seiner Zeit eine eiserne Faust wünschen, die wieder Ordnung in das Chaos bringt; Locke dagegen ist in der republikanischen Gährung unter Karl I. aufgewachsen und war Anhänger der Parlamentspartei. Selbstverständlich hatte Locke's Auffassung mehr Chancen für sich, weil ein viel allgemeineres Interesse. So hat das Locke'sche sogenannte Naturrecht unter dem Einfluß der durch Baco von Verulam und Cartesius emancipirten Wissenschaft vorzugsweise dem demokratischen und rcvolntionär-repMkamschen Princip Bahn gebrachen. 164 Die geistige Nachkommenschaft Locke's waren Montesquieu und Rousseau.") Neceitsione» und Notizen. Schmid, u. Bernhard 0. 8. R.: Armand-Jean le Bonthillicr de Nancö. Abt und Reformator von La Trappe, in seinem Leben und Wirken dargestellt. Mit Erlaubniß der Klosteroberen und oberhirtlicher Druckgenehmigung. Regensburg 1897. Nationale Verlagsanstalt. 8°. Preis 3 M. 60 Pf. Der Bibliothekar des Bencdiktinerstiftes Scheuern, k. Bernhard Schmid, — ein in kathol.-theolog. Kreisen wohlgekanntcr literarischer Name von bestem Klänge — hat für uns gegenwärtige deutsche Leser die Lebensgeschichte des Abtes de Rancö so zu sagen erst unter der Bank hervorziehen müssen. Denn seit der 1844 zu Ulm herausgegebenen Uebertragung der Arbeit Chateaubriand's über den Reformator von La Trappe ist wohl nichts neues Nennenswcrthes über diese großartige Persönlichkeit bei uns erschienen. Und welche interessanten Seite,:- und Einblicke in das politische und religiöse Leben Frankreichs während des siebzehnten Jahrhunderts gewährt nicht die Durchforschung der umfassenden Thätigkeit des Stifters der Trappisten, dessen erste Lebensperiode sich zu Paris in unmittelbarem Contakt mit dem französischen Hofe abspielte! Der Vater de Rancö's ist Sekretär der Königin Marie von Medici, der Wittwe Heinrich's IV., die den kleinen Armand auf ihren Armen trug; zum Tanfpathen hatte dieser den Cardinal und Staatsmmister Richelieu erhalten. Der Verfasser führt uns in das Kloster Port Rojal, zu dem Hauptsitz des Jansenismus, welcher letztere zu Nutzen von Lesern aus der Laienwelt ein paar kräftige Schlaglichter vertragen hätte, geleitet dann nach La Trappe, wo de Nancö die Mönche in einen nahezu barbarischen Zustand versunken trifft. Alsbald beginnt die Schilderung der unter widrigsten Anfeindungen vor sich gehenden Reformirung des Cistercienser- ordens. Die in mehr als einer Hinsicht merkwürdige Person des Kardinals von Netz, eines der thätigsten Mitglieder der Fronde, wird da und dort berührt. Der Aufenthalt des Abtes de Rancö in Rom wird eingehend erörtert. Eine gewisse Vorliebe unseres Biographen für die strenge Observanz ist unverkennbar, kommt indeß dem Gegenstand des Buches in der Art zu gute, daß die historische Treue nicht darunter leidet. Ber der nun folgenden Schilderung der Weise, in welcher die Reform zu La Trappe durchgeführt wurde, wetlteifert der Autor in begeisterter Liebe für die höchsten Ziele des Ordenslcbens mit demjenigen, welchen seine Feder contcrseit. Die einzelnen Streitigkeiten beider Observanzen sind für Religiösen hochinteressant, für andere Leser bietet ihre anschauliche Auseinandersetzung zum mindesten einen neuen Beweis, daß die Geschichtsschreibung heute eine Domäne der Katholiken geworden ist. Die Kampfschriften zwischen dem gelehrten Mauriner Mabillon und de Rancö bezüglich der Pflege der Studien in den Klöstern finden ruhig abwägende Würdigung, die mit jener des Philosophen Leibnitz, des Universalgenie's der damaligen Zeit, übereinstimmt. So recht an die Herzkammern anpochend ist der Bericht von den letzten Schmerzenstagen des großen Abtes, der. gleich dem Laokoon in der berühmten Gruppe den Mund kaum zum Seufzen öffnend, jenes spätere Kaiserwort erfüllte: Lerne leiden, ohne zu klagen. Die Zeilen über das Hinscheiden des Vaters der Trappisten wird kein fühlender Mensch ohne innerste Rührung zu lesen vermögen. Die vorliegende Biographie gehört in jedes Männer- und Frauenkloster, sollte im Bücherregal des Weltgcistlichen gleichfalls nicht fehlen und wird auch alle Laien fesseln, die für Detailgeschichte, besonders wenn sie in solcher gefälligen Form, wie hier, geboten wird, Interesse hegen. Sre empfiehlt sich besonders auch als Geschenk für studirende Jünglinge. Der Preis ist in Anbetracht der hübschen Ausstattung des Werkes als ein niedriger zu bezeichnen. Dr. Joseph Her deck. ") Den näheren, inneren Zusammenhang entwickelt Meyer, Grunds, d. Rechts u. d. Sittlich!. S. 199 ff. Ecker Jak., Jmmanuel: Am großen Tag der Kommunion. Paderborn, F. Schöningh (1897). 8°. VII -si 800 SS. M. 3,00; geb. M. 8,20. s Ein treffliches Werk in zu Herzen dringender Sprache, Belehrungs-.Bctrachtungs- und Gebetbuch zugleich in höchst geschmackvoller Ausstattung. Der erste Theil (S. 1—121) gibt die dogmatische Grundlage in klarer, kurzer, aber wohl durchdachter Form mit gewissenhafter Angabe der Schrift- und Väterstellen. Der zweite, erbauende Theil mit acht Communionandachten ist bewährten Geisteslehrern, gott- erleuchteten Personen aus dem Ordensstande entnommen. Manches verdankt man der innigen Auffassung deutscher Mystiker. Das Titelbild, eine bekannte süßliche Darstellung französischen Geschmackes, wäre besser weggeblieben. Solche Absonderlichkeiten religiöser Aesthetik vertragen wir vielfach noch ganz vernünftige Deutsche nun einmal nicht. _ Memminger Anton. Der Talmud. 8°. 104 SS" Würzburg, Memminger 1897. (II.) M. 1,00. HH Die Schrift gibt ein Bild von der Entstehung und dem Inhalt des riesigen Werkes, welches die Jsraeliten als ihren durch Alter und Sitte geheiligten Rcchtscodex verehren. Nachdem durch die Urtheile von Münchener Gerichten die Verbreitung des sogenannten Talmud- Auszuges in Bayern verunmöglicht worden ist, lenkt sich die allgemeine Aufmerksamkeit erst recht auf den Talmud. Wer sich einigermaßen über dessen Bedeutung unterrichten will, ohne allzu tief in den Gegenstand eindringen zu wollen, kann in vorliegender Schrift die nöthigste Auskunft erholen. Besonderes Vertrauen aber können wir einem Verfasser nicht schenken, dessen Kenntniß christlicher Theologie so gering ist. daß er (S. 33) von der „talmud- ischen -Moraltheologie der Jesuiten" zu reden wagt. Allgemeine Kunstgeschichte vorn Standpunkt der Geschichte, Technik, Aesthetik von vr. ?. Albert Kühn, 0. 8. L. Im Jahre 1890 wurde vor: Venziger u. Comp. das obige Lieferungswerk angekündigt und zum Abonnement darauf eingeladen mit der Erklärung, das Manuskript sei bis auf die letzten Bogen abgeschlossen und das regelmäßige Erscheinen der Hefte im voraus gesichert. Die paar ersten Lieferungen trafen auch wirklich in nicht allzulangen Zwischenräumen ein. Aber seitdem herrscht die größte Unregelmäßigkeit und Verschleppung. Einmal blieb ein Heft sogar ein volles Jahr aus, und jetzt, nach Verlauf von beinahe sieben Jahren, sind wir glücklich im Besitz von 9 ganzen Lieferungen. Wenn das so fortgeht, werden wir den Abschluß des auf 28 Hefte berechneten Werkes mit Müh' und Noth vielleicht in weiteren 18 Jahren erleben, falls man nicht vorder die Geduld verliert und das Abonnement aufgibt. Nennt man dies sein Versprechen halten? Denn wenn das Manuskript abgeschlossen ist, liegt die Schuld an der Verschleppung doch offenbar nur an der Verlagshandlung. Diese könnte sich ein gutes Beispiel nehmen an Hinrichs in Leipzig, bei dem die vermehrte und umgearbeitete 4. Auflage von Overbecks zweibändiger Geschichte der griech. Plastik in unglaublich kurzer Zeit erschienen ist. Wenn der Verlag der Knhn'schen Kunstgeschichte zu einem schnelleren Tempo veranlaßt werden soll, wird es nothwendig sein, daß noch mehr Subskribenten gegen die unerträgliche Langsamkeit in Erfüllung seines Versprechens energisch protesüren. Or. Emin, Mehemed Esendi, Cultur und Humanität. Völkerpsychologische und politische Untersuchungen. 8°. II-i-168 SS. M.3,60. Würzburg. Stahcl 1397. Ein bei der gegenwärtigen Orientkrisis besonders beachteuswerthes Buch! An die höchsten Ideale der europäischen Culturmenschheit „Cultur und Humanität" legt der Verfasser dieses Buches die kritische Sonde. Das Ergebniß, zu dem er gelangt, entspricht zumeist nicht den modernen Anschauungen, verdient aber volle Beachtung. Besonders eingehend behandelt der Verfasser den Grundsatz der Gleichberechtigung der Menschen (ohne Unterschied der Rasse, Nationalität, Religion und Klasse), welcher niemals vollkommen durchführbar sei und — wenigstens zum großen Theil — allerorts ein todter Buchstabe bleiben müsse. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 24 Ieilsge M Ailgsömger Weiimg.» Mlli 1897. Hansen und der Hypnotismus. Von Charles Saint-Paul. Der Vorkämpfer und Wiedererwecker des Magnetismus und Hypnotismus, Karl Hansen, ist vor Kurzem in Mona gestorben. Seine letzten Lebensjahre haben sich für ihn zu einer schweren Leidenszeit gestaltet, da bet den vielen Verdächtigungen, die er erfuhr, und bei der oppositionellen .Haltung der Behörden gegen öffentliche hypnotische Schaustellungen ihm sein früheres Wirken unmöglich gemacht wurde und auch seine Körperkraft unter den drückenden Verhältnissen zu sinken begann. Es tvar ihm vor seinem Lebensende durch ein Lnngenleiden auch die letzte Möglichkeit des Erwerbes, Vortrüge über seine Wissensgebiete ohne die üblichen Experimente, noch genommen worden, so daß seine Gesinnungsgenossen einen Aufruf zu seiner und seiner Familie Unterstützung veröffentlicht haben. Anderseits hatte er noch die Anerkennung gefunden, daß in letzter Zeit die wissenschaftlichen Kreise Deutschlands zugestanden haben, daß er durch sein Auftreten den ersten Anstoß zu ernster Beschäftigung mit den hypnotischen Fragen gegeben, die Aufmerksamkeit dec Aerzte und Laien auf die bereits fast vergessenen Erscheinungen des Magnetismus und Hypnotismus gelenkt hat. Während des letzten Aufenthaltes Hansens in München im Jahre 1892 hatte ich Gelegenheit, diesen Mann, der so reiche Erfahrungen auf dem Gebiete der modernen Experimeutalpsychologie in allen Wcltgcgcnden gesammelt hat, näher kennen zu lernen und einen genauen Einblick in seine Erfahrungen zu gewinnen. Es war zu dieser Zeit auch bereits in Süddeutschland seine frühere Anfeindung als Schwindler und Charlatau der Anerkennung seiner umfassenden praktischen Thätigkeit auf dem neuen experimcntalpsychologischen Gebiete, das auch er nur mehr mit Vorsicht betreten wissen wollte, gewichen. Die veränderte Anschauung der gelehrten Kreise über die hypnotischen Experimente trat insbesondere auch in München zu Tage. Es hatten sich in dieser Stadt hervorragende Fachmänner, wie Or. mecl. ot pfiil. Gcrstcr, Or. Baron von Schrcnck-Notzing, I)r. Baron du Prel sowie die Gesellschaften für psychologische Forschung und wissenschaftliche Psychologie, dem theoretischen und praktischen Studium des Hypnotismus und der verwandten Gebiete gewidmet. Hansen hat nicht geglaubt, daß die Bewegung, die er durch seine populären Schaustellungen in Deutschland einzuleiten bestimmt war, sich in verhältnißmäßig kurzer Zeit so gewaltig ausbreiten würde. Er hatte selbst das Gefühl, daß die neuesten Forschungen der psychologischen und medizinischen Fachgelehrten den Hypnotismus und Magnetismus in einer von ihm nicht vorausgesehenen Weise erhellen. Deßhalb bemerkte er auch in seinen Vortrügen, daß er die psychologische Fortbildung und Erklärung andern überlassen müsse, während er selbst für sich nur das Verdienst in Anspruch nehme, in langen Jahren der Kämpfe und Anfeindungen unentwegt zur Anerkennung des Hypnotismus vorgearbeitet zu haben. Für weitere Kreise dürfte es von Interesse sein, einen Einblick in das Wirken Hansens und in die Ergebnisse seiner Forschung zu gewinnen, sowie speciell auch diese in ihrem Verhältnisse zu den sonstigen umfassenden hypnotischen Forschungen der Gegenwart beleuchtet zu sehen, und ich versuche deßhalb, in Kürze das mir hierüber zur Verfügung stehende Material im Folgenden zu verwerthen. Ehe ich in die Resultate der Beobachtungen Hausens näher eingehe, möchte ich seinen humoristischen Bericht über seine ersten hypnotischen Versuche und die Veranlassung seines ersten Auftretens in der Oeffeutlichkeit wiedergeben. Als er ein junger Mensch von etwa 15 Jahren war,') kam in seine Familie häufig ein Onkel, Justiz- rath Jakobsen, der hypnotische oder magnetische Versuche — damals unterschied man ja noch nicht genau zwischen Hypnotismus und Magnetismus, und der Experimentireude erzeugte den Schlafzustand durch das Streichverfahren der Magnetiscnre — machte und speciell auf ein Mädchen einzuwirken suchte, welches sehr leidend war und wirklich durch die magnetische Behandlung bald besser wurde. Der junge Hansen verfolgte nun diese magnetischen Experimente mit großem Interesse, und als der Onkel eines Tages ausblieb, beschloß er, selbst einmal den Hypnotiseur zn spielen. Es gelang vortrefflich; auch die Wiedererweckung des Mädchens machte keine Schwierigkeiten. „Papa", meinte der Junge, als sein Vater Abends nach Hause kam, „soeben machte ich Onkel das Magnetismen nach; frage nur Aunie, wie gut es ging!",. „So", sagte der entrüstete Vater, „Du hast magnetisirt! Dann kannst Dn auf Dein Zimmer gehen und oben bleiben, bis Du wieder gerufen wirst." Der junge Hansen wäre hierüber beinahe vor Schreck selbst in .Hypnose gerathen. Wußte er ja, was diese Worte zu bedeuten hatten. Mindestens 24 Stunden Stubenarrest! Schweigend und tiefbetcübt fügte er sich dem Befehle, innerlich gelobend, nie wieder zu experimcntircn. Doch derartige Gelübde werden oft gebrochen, und auch Hansen brach das seine, als er mit 19 Jahren auf die Akademie kam. Er fand daselbst einen Collcgen, von dem er wußte, daß er schon mehrmals magnetisirt worden war. Derselbe tvar sehr sug- gestibel und wurde deßhalb zum Opfer auserlestii, Bald darauf magnctisirte er schon vielfach zn Heilzwecken. Er ließ sogar die Patienten selbst im Schlafe die Heilmittel finden, ein Bestreben, das häufig,: wie er behauptet, mit Erfolg gekrönt werden soll. Bekanntlich haben auch Dr. Baron du Prel und Dr. Gerster ähnliche Experimente mit einem ihnen.befreundeten höheren Offizier, der im Feldzuge von 1870 schwer verwundet wurde und in Folge dessen sehr leidend war, angeblich mit Erfolg angestellt, du Prel berichtete hierüber in seiner Broschüre „Moderner Tempelschlaf" und in mehreren Zeitschriften.") ') Nach seiner Autobiographie (Zöllner, Wissenschaftl. Abhandlungen III. 556) wurde er in Odense in Dänemark im Jahre 1833 geboren. ") Wie Hansen behauptet, kam er durch eigene Erfahrung auf die Idee, das Suchen nach Heilmitteln in der Hypnose anzuordnen. Er hielt sich. ehe er seine großen Reuen machte, eine Zeit lang auf der Insel Aeroe bei Danemark auf. Daselbst lernte er eine Somnambule kennen, welche häufig, wie man sagte, hellsehend wurde und dann Heilmittel sowohl für sich wie für andere fand. Dieselbe soll nun einmal, als Hansen wegen einer Erkrankung sie besuchte, ihm den Rath ertheilt haben, einige Schritte von der Thüre des Gartens aus ins Feld hinaus zu gehen, wo .er dann ein Zwiebelgewächs finden werde, von dem er sich einen Trank bereiten und in bestimmten kleinen Dosen nehmen müsse. Anfangs will er über diesen Rath gelacht, spater aber gedacht haben, daß man es ja einmal versuchen köynte. woraus er aufs Feld ging. die. Hansen reiste nun später nach Australien und ex- periinentirte daselbst viel und mit großem Erfolge, — aber immer nur in Bekanntenkreisen. Da sollte er plötzlich zu öffentlichem Auftreten veranlaßt werden. Es geschah dies zu Ballarat in Australien. Daselbst leitete ein sehr schlauer Dankee das Theater. Derselbe hatte nun einmal Gelegenheit, die Versuche Hansens zu beobachten, und kam, da er ein Muster von „8martne88" war, hicdurch auf eine Idee, die er sogleich zu realisiren beschloß. Zu seinem Erstaunen erhielt Hansen eines Tages seinen Besuch und wurde gebeten» öffentlich gegen hohes Honorar als Magnetiseur aufzutreten. Der junge Hansen überlegte eine Weile und willigte dann ein. — Wider Erwarten erzielte er die größten Erfolge. Die „Hansensuggestion", welche durch die „smartneW" einesHankee in Australien hervorgerufen wurde, verpflanzte sich bald nach Europa, speciell nach England, wohin sich Hansen später begab. Dort wie in allen andern Ländern Europas, die er besuchte, fanden sich für seine Vorstellungen meist mehr Besucher, als die Säle fassen konnten. Nach und nach sammelte er seine Erfahrungen, allerdings nicht ohne vielfache Anfeindung und Opposition von Seite solcher, welchen die neuen Experimente nicht in ihr System paßten. Er wußte jedoch diesen, wie seinerzeit in Berlin, wo er den Aerzten und Vertretern der Presse durch gelungene Versuche an ihnen selbst bewies, daß Suggestion und Hypnose möglich wären, mit viel Humor und Umsicht entgegenzuwirken. Während seines Auftretens in Wien im Jahre 1880 hatte er vielen Angriffen zu begegnen. Mehrere Personen erklärten bei einer Vorstellung, daß seine „Medien" mit ihm im Einverständniß und bezahlt wären. Unter andern kam auch der Assistent der Chemie an der Technischen Hochschule, Heinrich Fischer, zu ihm auf die Bühne und rief, als Hansen ihm ohne Erfolg suggerirte, die Augen zu schließen: „Herr Professor! Sie sind ein Schwindler; bei der Probe habe ich nur auf Ihren Wunsch die Augen geschlossen, um Sie später entlarven zu können." Hierauf entstand im Theater eine so große Aufregung, daß die Vorstellung abgebrochen werden mußte, und Hansen stellte gegen Fischer Beleidigungsklage. Er setzte aber die Vorstellungen im Ringthcater noch einige Wochen fort, wobei es aber immer zu stürmischen Auftritten kam, da das Publikum theils für, theils gegen Hansen Partei ergriff. Wegen der Beleidigungsklage wurde ein großer Prozeß geführt, der mehrere Tage dauerte und in dem die Ge- richtSpsychiater Dr. Ferroni und I)r. Rüben sehr rcservirte ind skeptische Gutachten abgaben. Er endete mit Fischers Freisprechung, worauf Hansen nach Budapest ging, um dort noch größere Opposition zu finden. Es hatten aber anderseits bedeutende Gelehrte, die allerdings vom Materialismus nichts mehr wissen wollten, wie die Professoren Zöllner und Fechner, auch Geheimrath Professor Dr. Thicrsch, sich entschieden auf seine Seite gestellt und seine Rechtfertigung unternommen, ehe durch die endgültige Anerkennung des Hypnotismns durch die moderne Wissenschaft auch die endgültige Lösung der Frage, ob Hansen ein Schwindler sei, erfolgte. Das; man aber aus hygienischen und psychologischen Rücksichten seinen öffentlichen Experimenten entgegentrat, ist mit den Pflanze fand und sich ein Decoct davon machen ließ, das, wie er behauptet, seine Genesung herbeiführte. Hiedurch will er zu den Versuchen veranlaßt worden sein, auch andern auf ähnliche Weise zu helfen. Forschungen über die Gefahren der Hypnose in Zusammenhang zu bringen. Die Zahl seiner Experimente ist die höchste, die bisher von einem Hypnotiseur erreicht wurde. Hansen hypnotisirtc circa 35,000 Personen, während Vernhcim nur cira 20,000 Fälle beobachtet haben soll. Hansen unterscheidet drei Arten von Hypnose. Erstens nimmt er eine spontane Hypnose an, welche Wochen hindurch, aber auch nur einige Minuten lang dauern kann. Für sie kann man scheinbar keine äußere und innere Ursache finden. Eine solche muß aber doch vorhanden sein. Wie eine äußere z. B. bei der Kataplexie (Schrecklähmung) sich erweisen läßt, müssen bei näherer Nachforschung gewiß besonders innere psychologische Vorgänge sich als Veranlassung ergeben. Die zweite Art Hansens, die Autohypnose, d. h. diejenige, welche selbst hervorgerufen wird, kann vor allem durch anhaltende Gedankcnconcentration verursacht werden. Die natürlichen Somnambulen vieler Völker, z. B. die indischen Jagis (die übrigens die Hypnose auch durch Starrenlaffen in die Sonne oder in den Mond herbeiführen), sowie die mohammedanischen Fakire, sind hiefür Beispiele. Die dritte Art sodann, welcher Hansen einen eigenen Namen gab, ist die „inducirte" (eingeführte) Hypnose. Es ist diejenige, welche durch anhaltende Frcmdsuggestiou oder magnetische Einwirkung erzeugt wird. ^) (Fortsetzung folgt.) Christliche Knnstintereffen. Kirchenrcstaurirungen in Bayern.) (Schluß.) P. k. Es fehlt heutigen Tages freilich für kirchliche Kunstzwccke immer an den nothwendigen Geldmitteln. Am meisten soll aber stets an den Aufgaben für Werke der bildenden Kunst gespart werden. Daher greift man selten nach den ctivas theurern (oder auch nicht theurern) bessern Kräften, und wenn es geschieht» verlangt man nur dekorative Schnellarbeit, so daß der Architekt, wenn er auf solide Durchführung dringt, mit dem ausführenden Künstler ins Gedränge kommen muß. °) Ich lasse hier die genaue Unterscheidung der hyp- nosigenen Mittel folgen, die Gerster in der „Psychologie der Suggestion" vorgenommen hat. Er theilt sie folgendermaßen ein: I. Rein psychische Beeinflussung durch Real- und Verbalfuggestionen. II. Somalische Mittel, welche theils an sich die Hypnose erzeugen, theils die psychische Beeinflussung unterstützen. 1. Mittel, welche reizend, ermüdend, lähmend auf ein oder mehrere Sinnesorgane einwirken, und zwar auf a) den Gesichtssinn (Starrenlaffen mit oder ohne Objekt), b) den Gehörsinn (Metronom, Uhrticken, Rauschen, Tropsenfallen, eintöniges Vorlesen), e) den Geruchssinn (Chloroform, Aether, Moschus. Parfum), ä) den Geschmacksinn (Psefferminzzeltchcn)(?), e) den Hautgcfühlsinn (Streichen oder Reiben einer Hautpartie). 2. Mittel, welche die Funktion der Sinnesorgane von vornherein ablenken. (Verdunkelung des Zimmers, Schließen der Augen, schalldämpfende Vorrichtungen, Schließen der Gchörgänge mit Antiphoncn. 3. Mittel, welche toxisch eine für die Erhöhung der Sug- gestibilität (und damit für das Eintreten der Hypnose) günstige psychische Stimmung hervorrufen. (Alkohol, Narcoiiea in kleinen Dosen.) Principielle Gründe aber für rein typisch-dekorative Behandlung historischer Bildnisse, und seien es auch kirchlich-religiöse, wenn diese als Statuen und Standbilder gleichsam auf sich selbst gestellt und dem Auge so nahe gerückt sind, können wir keine entdecken, und zwar Weber in allgemein künstlerischer Hinsicht, noch im Hinblick auf die Aufgaben einer speciell zeitgemäßen kirchlichen Kunst. Daß sich das Bilduiß durch statuarische Geschlossenheit und stilvolle Zeichnung der Architektur anschließe, resp. unterordnen müsse, versteht sich von selbst. Als Kunstwerk hat es doch auch in sich selbst einen Zweck, und hat nicht einzig und allein rein äußerlichen ästhetischen Abstehlen, wie Belebung, Unterbrechung und Ab- rundung der Architektur, zu dienen. Es soll sich vielmehr auch an Geist und Gemüth des Beschauers wenden, um ihn durch die charakteristische Darstellung einer individuell ganz bestimmten geschichtlichen, d. i. wahrhaft lebensvollen, Persönlichkeit wenigstens einigermaßen Verständniß- und wirkungsvoll anzusprechen. Ferner hat es in unserer Zeit nicht mehr die vornchmliche Aufgabe, sich in rein symbolischer Absicht, als bloßes Wortzeichen oder kunstsprachlicher Begriff au unser Gedächtniß zu wenden, um uns zu erinnern, daß es einen St. Petrus und Paulus, einen hl. Laurentius, Sebaldns, Frauziskus gegeben, oder daß diese und jene religiöse Wahrheit als Dogma und Glanbensinhalt festzuhalten sei. Das alles lernt und liest heutigen Tages bereits das Kind in seinem Katechismus, biblischer Geschichte und seinem Gcbetbuche. Vollendet ist ferner die architektonische Erneuerung des nördlichen Schiffes der Kirche. Das in späterer Zeit eingefügte Pultdach wurde entfernt, die Fenster des Mittelschiffes sind dadurch freigelegt und wurde dem Seitenschiffe seine alte Gestalt mit der Maßwerkgallerie in einfachen schönen Motiven zurückgegeben. Fertig ist hier der neue Logenaufgang neben der Brautportalhalle. Es ist dies ein alter Einbau zwischen zwei Pfeilern mit zwei großen Fenstern, die mit Wimpergen bekrönt sind. Auch hier waren in späterer Zeit die obern Theile abgehauen und mit einem Pnltdache alle Schäden überbrückt worden. Dieses Dach ist nun glücklich entfernt und der Einbau in Conscqucnz mit dem klebrigen horizontal mit Maßwerk nnd Zinnengallerie abgeschlossen. Dieser kleine Ban trägt nun hier viel zur ganzen Stimmung bei, denn es ist alles so einheitlich und doch zugleich sehr mannigfaltig. Dieser äußere Aufgang an der Frauenseite führt in ein inneres nettes Chörlein. Dasselbe hat fünf einfache Wandflächen mit drei vergitterten Spitzbogenfcnstern, zierlicher Zinuenbekrönung und birncu- förmigem Dache. Nach unten wird es von einem reichen, mit Blnmenbändern umgürteten Korbe getragen, der auf einem Mauerknäuflein aufsitzt. Das nordwestliche Marienportal hatte vordem ebenfalls ein Pultdach, welches nun entfernt ist; es erhielt auch einen horizontalen Abschluß mit Maßwerkgallerie und macht nunmehr wieder einen intimen architektonischinteressanten Eindruck. Dieses Portal hieß eigentlich die „Anschreibthüre", weil an ihr die mit den Namen der Verstorbenen beschriebene Tafel aufgehängt wurde. Nach Rettberg wurde es zur Zeit des nördlichen Thurmbanes, um 1345, erneuert. Es ist durch ein guterhaltenes Spitzbogentympanon von hoher künstlerischer Feinheit ausgezeichnet, das oben die Darstellung der Krönung Mariens, darunter die ihres Todes und Begräbnisses darstellt. Es ist ein Bildwerk veredelter Gothik, spätestens vom ersten Anfange des XIV. Jahrhunderts, verständnißvoll com« ponirt, geschmeidig in der Behandlung der Form. Wie lebendig und poetisch fein empfunden ist nicht der Tod Mariens, wie dramatisch-effektvoll ihr Begräbniß dargestellt: Apostel tragen den Sarg, über ihnen schweben die Rauchfaß schwingenden Engel, und neben ihm stürzen die ungläubigen spottenden Juden zu Boden. Die Figuren der Verkündigung zu beiden Seiten sind aus derselben Zelt, ebenso die netten Sibyllen an den Kapitellen. Schon diesen ältern Arbeiten gegenüber stehen die neuen Sculp- turcn sehr ab. Die Südseite des alten Schiffes sammt Thürmen harrt noch der Ausbesserung. Der noch romanische Wcstchor (Löffelholz-Kapelle), zum Theil im XIV. Jahrhundert umgebaut, ist intakt. So gewährt denn die bereits vollendete und freigelegte Partie (Nord-, Ost- und halbe Südseite) des alt- ehrwürdigen und auch kunstgeschichtlich instrnctivcn christlichen Cultusbaues wieder den ächten architektonisch-originellen und malerischen Anblick zur Erhöhung des so historisch-stimmungsvollen Eindruckes der ganzen benachbarten Oertlichkeit. Diese erstreckt sich von der in feiner italienischer Renaissance sich prüscutireuden Langseite des Nathhauscs. zwischen Sebalduskirche und Morizkapclle (mit angehängtem „Bratwurstglöckle"), über den malerischen Albrecht-Dürer-Platz mit seinem ausdrucksvollen Standbilde des größten deutschen Malers (vom -st Pros. Rauch in Berlin), sowie dem Scbalder Pfarrhofe mit reizend gegliederten und reich gezierten Chörlein vom Jahre 1318. Als beachtenswerthestcs Kunstwerk des ganzen Aeußern der Sebalduskirche soll hier das am Ostchor hinter einem Eisengitter befindliche „Seünld Schreiers Begräbniß", eines edlen, durch manche Kunstfördernng verdienten „Kirchcnmeistcrs" (Vorstandes) Grabdenkmal, erwähnt werden. Dieses steinerne Hochbild mit etwa vier Fuß hohen Figuren hat eine Länge von 34 Fuß und Höhe von 9 Fuß, nnd wurde im Jahre 1492 2) vom Steinmetz Adam Krafft als eines seiner besten Werke ausgeführt. Das Bild auf dem Pfeiler rechts stellt die Krcuztragung, daneben links auf der Zwischenmauer die Kreuzigung Christi dar. Dann folgt die Grablegung, das künstlerisch werthvollste, weßhalb man das Ganze vielleicht mit diesem Namen gewöhnlich zu benennen pflegt. Es ist noch mit tieferer Empfindung und größerer dramatischer Kraft des Ausdrucks ausgestattet, als die Grablegung unter Krafft's weltberühmten „Stationen". — Joseph von Ariamathia und Nikodemus halten den Leichnam Jesu über dem Grabe, im Begriffe, ihn in dessen Tiefe zu betten; der wahrhaft rührende Schmerz der verlassenen Getreuen, von einigen mit erhabener Kraft bcmcistert, bricht in andern mit unaufhaltsamer Gewalt hervor, am leidenschaftlichsten in Magdalena, die mit gerungenen Händen am Fuße des Grabes uiedcr- kniet, am tiefsten in der hl. Mutter, die, in unnachahmlich inniger Auffassung in die Knie gesunken und ihren Arm unter den des Sohnes gelegt, mit erhobenem nnd zurückgebeugtem Haupte ihre Lippen auf die todcskalte Wange des geliebten Sohnes drückt. Auf dem linksseitigen Pfeiler sehen wir den aus dem Grabe steigenden Heiland von anmuthig edler Erhabenheit des Ausdrucks. Das Grabmal, wenn auch grauschwarz gedunkelt, ist sehr gut erhalten und zeigt Spuren früherer Polychromirung.' Das Relief über der südlichen „Schauthüre", das 2) Joh. Nendörsfer, Nachrichten von den Künstlern rc. in Nürnberg 1546 u. 1828. 168 jüngste Gericht darstellend, wurde, ebenfalls gewöhnlich dem Adam Krafft und zwar als sein erstes (bekanntes), zugeschrieben. Zu dieser Annahme, meint Professor Wanderer, -I führte wahrscheinlich die bestechende Zierlichkeit des stark an Manierirtheit streifenden Stückes. Mehr Aehnlichkeit hat es mit Veit Stoß'scher Art. Das folgende südwestliche Portal zeigt ebenfalls eine (ältere) Darstellung des jüngsten Gerichts, von besserer Abrundnng der Formen und sprechenderem Ausdruck als das am Lorenzportal, wenn es ihm auch sonst ähnlich ist. Christus, Maria, Johannes, die Engel und Abraham, mit den Seelen der Gerechten im Schoße, sind milde, anniuthige Gestalten; die Verzweiflung der Verdammten ist von naivem Effekt. Wohl aus etwas früherer Zeit stammen die beiden großen Figuren des hl. Petrus und St. Katharinas von schlanker Haltung und edler Bewegung. Einen durchaus neue», eigenartigen Charakter zeigt der mit einer gewissen idealisirendcn Naturalist!! behandelte, geradezu herkulische, überlebensgroße Crncifixus am Westchor. Er ist in Erz gegossen, wurde 1482 von den Brüdern Hans und Georg Stark gestiftet und brachte, im Laufe der Jahre dnnkelschwarz geworden, den Nürn- bcrgeru den Namen der „Hcrrgottsschwärzer" ein. Denn das Volk meinte, der früher vergoldete Christus sei in Kricgszcit schwarz angestrichen worden, um die Raublust der Soldateska abzulenken. Man kann es kaum begreifen, wie dieses auf dem genauesten Studium der Natur beruhende, durch die Wucht seiner realistisch mächtigen und zugleich klassisch vollrnndigcn Formen des energisch gestreckten Körpers sich hervorthuende Bildniß in die Zeit vor 1500 fallen soll. Lübkc möchte es gern auf jenen Eberhard Bischer zurückführen, der 1459 Meister wurde und 1488 starb, und vielleicht ein Bruder des ältern Hermann (Söhne des berühmten Erzgießers Peter Bischer) sei, und darin den Beweis eines realistischen Ucbcrgangsstadinms für die Vischer'sche Werkstatt noch vor den berühmten Grabmälern derselben erblicken. Ein Werk Hans Dcckcrs vom Jahre 1447 ist der steinerne St. Christoforns an der Ecke des südlichen Thurmes, der zwar etwas derb behandelt, aber gut,'durchgeführt ist. Als vorzügliche Arbeit aus der Krafft'schen Schule erweist sich das Relief im Bogenfelde desselben Thurmes, die Kreuzprobe der hl. Helena dastellend. lieber die reiche Ausstattung des Innern, deren allerprächtigstes Stück das Peter Vischer'sche Grabdenkmal des hl. Sebaldus ist, wird später einmal, wenn die Re- tzanrirnngsarbeiten abgeschlossen sein werden, berichtet. Das Richthaus des Pilatns am Hügel Sion. Von vr. Sepp. Aus Anlaß des Artikels „Zur Geschichte des Kreuzweges" (Beilage 16 ff.) sendet uns Herr Professor Dr. Sepp eine Entgegnung, in welcher er ausführt: Wir nehmen von dem Vorwürfe, den jetzt gütigen Leidensweg zuerst wissenschaftlich angefochten zu haben, Anlaß zur Rechtfertigung und überzeugenden Belehrung aller Leser, insbesondere des gelehrten Referenten in der „Postzeitnng" über den Kreuzweg. Gilt es doch, eine hochwichtige biblische Frage endgiltig erledigt zu wissen. Von Pilatns bezeugt Philo, der Zeitgenosse *) Wanderer. Adam Krasst und seine Sehnte. Nürnberg, Soldans Verlag. Christi, ausdrücklich (leZat. sei Onjnm pgF. 38), daß er in der Königsburg des Herodes Residenz hielt. Also die Finger davon! Der König baute, indem er den Asmonäer-Palast am Sion verließ, auf der Höhe der Oberstadt, wo frische Luft und Gärten mit springenden Brunnen, genährt vom Gihon oder Maccilla- teichc, ihn der schwülen, dumpfen Unterstadt vollends entrückten, sich ein neues Herrscherschloß im 13. Jahre seiner Regierung, 24 Jahre vor Christus. Herkömmlich nahmen die römischen Statthalter und Landpfleger von den Residenzen der verdrängten KLnigsgcschlechtcr Besitz; ivir erfahren dies auch aus Cicero's Rede gegen Verres II, 5.- Der Prätor in Sicilien hatte den Palast des Königs Hierome; dasselbe lvar der Fall in Syrien und Palästina. Im Prätorium des Herodes zu Cäsarea wird Paulus in Begleitung von 200 Legionären in Verwahrung gebracht und dann den Landpflegern Felix und Festus vorgeführt. Apostelgesch. XXIII, 35. Der Herodespalast am Burghügel Sion schloß einen prachtvollen Augnstus- und Agrippasaal ein; nach feinem Tode nahm -darin sofort der syrische Statthalter Sabinns Wohnung; , da aber die „Juden ihn angriffen, bestieg der Prokurator -die höchste Spitze der Davidsburg, den Thurm Phäsael, nm dem Straßenkampse zuzusehen, und als der Königspalast unhaltbar geworden, zog die Besatzung sich in die nahen drei noch heute stehenden Thürme" zurück. Der Civil-Gouverncur commandirte ja die Truppen nicht selber (Joscphus stall. II. 3, 1). Der „Stuhl des Landpflegers" kommt als be- ' stimmte Oertlichkcit schon bei Nchemias III, 7 vor. Er hieß Gabbatha oder stha-x und lvar von Stein mit Stufen sestgerammelt in den Boden, wie auch der Talmud Lstocla, aara. I, 7 meldet. Ihn bestieg Pilatns, wie sein späterer Nachfolger Florus, und setzte sich auf das Tribunal der Davidsburg oder heutigen Citadelle gegenüber, nach der Angabe des jüdischen Geschichtsschreibers stall. II. 14, 8. Von hier aus ließ Florus sogar Ritter geißeln und aus Kreuz schlagen. Die Gei Helling ssänle stand auf der Hauptwache am Forum oder Obermarkte, und kommt, in die Sionskirche versetzt, noch in den ältesten Pilgerschriftcn vor. , , Beini Beginn des jüdischen Krieges, 65 n. Chr., steckten die Kikarier den Palast des Agrippa und der Berenice in Brand, nämlich die alte Makkabäer» Burg, wo Christus vor dem Vicrfürsten Herodes, seinem Landesherr», stand, im weißen Kleide verspottet und mit Dornen gekrönt wurde. Aber die Königlichen flüchteten mit dem Hohenpriester Ananias in den „oberen Palast", ja Berenice brachte die Nacht auf der Wache» austoäin, zu und stand andern Morgens bloßfüßig vor dem Richterstuhl des Florus. Dieser beeilte sich, aus dem Königshof nach dem Castcll zn entkommen, fand aber die engen Gassen mit Barrikaden versperrt und mußte wieder zurück. Hier nahmen 1800 Personen ihre Zuflucht, so groß waren die Räume, abgesehen vom Hofgarten; indeß rückten Kohorten aus Cäsarea zum Entsetze heran. Bei der Eroberung Jerusalems setzten die Römer sich in den „königlichen Thürmen" fest und pflanzten ihre Batisten und Katapulte znin Ansturm gegen die Königsbnrg auf. Die Sturinwidder stießen die Mauern über den Haufen und demolirten den Prachtbau, daß kein Stein auf dem andern blieb (stell. VI. 7» 1. 8) und noch Cyrillns Onteost. 39 von der Wüstclegung des Nichlhanscs Pilati „durch die Macht des Gekreuzigten" spricht. Von dcr Antonio steht noch «in Thnrm mit Naudfttgenguadcrn aus ältester Zeit, sie wurde nicht untergraben. Unter Karl dem Grasten ist von einem Kirchlein am Platz des Prätorinms auf dem Sionhügcl die Rede, auch fanden die Kreuzritter sich wohl Anrechte und traten den Kreuzweg von da durch die nun tief in die Erde gesunkene „Gartenpforte" Gen noth, den heute fo genannten Pctersbogcn nach der heiligen Grabkirchc an, obwohl das Richthaus des PilatuS als eigentlicher Ausgangspunkt nicht mehr cxistirte. Wann und wie konnte aber die Tradition, sich nach der Tcmpclkaserne verirren, welche, obwohl wir den Sachverhalt schon seit 50 Jahren wiederholt klar gelegt, noch heute so lebhafte Vertheidiger findet. Dieser Wechsel der Ueberlieferung am Ende der Krenzzüge hängt mit der Verlegnng der Statthalterei zusammen. Die Burg Antonio wurde zum Serail erhoben, und der sogenannte Teich Bethesda davor hcistt hievon Wirket es Serail (nicht Israel!). Der kicas Iiomo - Bogen steht an.,der. Stelle der Pforte Benjamin, und die Gerichtsverhandlung gegen Jesus mutzte außerhalb der Stadtmauern stattgefunden haben, wo nicht unten auf dem Tcmpclplatze, wo auch das Pflaster Lithostratos hieß, wie in dcr Oberstadt vor dem Prätorium. Die Annahme scheint absurd, aber steht es besser mit.dem Vorgeben, der Stellvertreter des Kaisers, dcr gewöhnlich nur zur Ostcrzcit nach Jerusalem kam, habe nicht im königlichen Palastc auf Sio» mit seiner Gemahlin Wohnung genommen, sondern ihn das ganze Jahr über leer stehen lassen und sich in dcr am Paschafestc vollgepfropften Kaserne einquartiert, wo regelmäßig eine Eohorte lag, die aber auf das Fest durch Herbei-. ziehen des Hauptcorps von Cäsarea unter ihrem Chiliarcheu oder Oberst verstärkt ivurdc (Jos. ^.ntig. XVIII, 0, 1), um die der Stadtbcvölkcrnng gleichkommenden Pilger- massen in Ordnung zu halten. Mau denke: Pilatus' Gemahlin Claudia Pcrcula, aus deren Geschlechte der nächste Kaiser hervorging, soll mit den Marktfrauen und Soldatenweibern zusammengewohnt, den Wäscherinnen guten Morgen gesagt und den Geruch der Garküchen eingeathmet haben, statt im Lustgarten auf Sion Hof zu halten und die vornehmen Besuche in Empfang zu nehmen! Denn in der unruhigen Kaserne Antonia wurde nach Josephus offener Markt gehalten. Gegen diesen Thatbestand kommen alle späteren Pilgcrangabcn und die allmählichen Sanctuaricn an der sogenannten Via. ckolorcwu nicht auf, wo immerhin Kaiser Hcraklius, aber nicht Christus das Kreuz nach Golgatha geschleppt hat. Bewiesen ist nur, daß nicht zuerst die Franziskaner als Hüter des heiligen Grabes von der auf unbestreitbaren Urkunden beruhenden Ueberlieferung abgewichen sind, sondern schon Federn von Zeitgenossen der Zurück-Eroberung Jerusalems für den Islam durch Sultan Saladin. Der gewissenhafte Historiker hat Niemand zu lieb die Wahrheit zu verhehlen und durch Nichtbeachtung der den Gegenstand erledigenden Werke unwillkürlich die Leser irre zu führen. Damit genug, hoffentlich für immer! Toblerhat sich übrigens mit dcr Frage gar nicht befaßt. Die Vorbildung des Clerus zunächst in Bayern. 6 Die Studienordnung für die Gymnasien in Bayern hat unter den Ministerien Lutz, Müller und Landmann verschiedene, zum Theile ziemlich weittragende Abänderungen erfahren. Die bedeutendste Neuerung, welche tief in die Entwicklung des gesummten Bildnngswesens eingegriffen hat, war ohne Zweifel die Einführung einer Vorbereitungsklasse mit Latcinunterricht. Man bezeichnete diese Klasse, da sie zu unterft angefügt wurde und den bis dahin nothwendigen „Vornntcrricht" entbehrlich machen sollte, eine Zeit lang als „erste Latcinklasse", wozu noch vier weitere Lateinklassen kamen. Heutzutage bildet diese unterste Klasse die erste Klasse des Gmnnasiums, die „erste Gymuasialklasse", denn das bayerische Gymnasium setzt sich nicht mehr aus vier, beziehungsweise fünf Latciu- und vier Gymnasialklasscn zusammen, sondern aus nenn (Gymnasial-) Klassen — bis auf Weiteres. Im Grunde stand, wie manch andere Verordnung des Ministeriums Lutz, vielleicht auch diese „organisatorische Veränderung" des bayerischen Gymnasiums nicht ganz außer Zusammenhang mit dem „stillen Kulturkampf". Die „Höschen- Studenten", wie die Schüler dieser ersten Klasse nicht ganz unzutreffend genannt wurden, die „Erstgymnasiastcn". wie sie sich selbst im Bewußtsein ihrer socialen Stellung zuweilen nennen, sollten dem Einfluß des Geistlichen entzogen werden, der, auf dem Lande wenigstens, den Vorunterricht — meistens um Gotteslohn — ertheilt hat. Auch in anderer Beziehung wurde durch die Einführung einer Vorbcrcitungsklassc mit Lateinuutcrricht die Kirche getroffen. Der Klerus rekrutirte sich bis dahin zum größten Theil bekanntlich aus den Söhnen der Bauern, welche, von ihrem geistlichen Jnstructor tüchtig in den Anfangsgründeu der lateinischen Grammatik geschult, an das Gymnasium kamen und mit den aus den Stadtschulen hervorgegangen«» Knaben meist in erfolgreiche Concurrenz traten, ja diese oft weit überflügelten. Wurden nun letztere bereits in einer Vorbereitungsklasse von einem Fachlehrer, einen, Philologen unterrichtet, so konnten sie nicht nur den Kampf mit den ländlichen Elementen aufnehmen, sondern diese zum Theil auch aus dem Felde schlagen, denn es läßt sich nicht bestreiten, daß die städtischen Schulen infolge einer Reihe für sie günstiger Umstände (erste Lehrkräfte, geweckteres Schülermaterial. nur einklassige Schulen, entsprechende häusliche Nachhilfe) namentlich im Teutschen bessere Resultate erzielen können als die ländlichen. Das frühere Nebergewicht der Bauernknaben war durch die Einführung der Vorbcreitungs- klasse beseitigt; die Waage neigte sich sogar auf die Seite der städtischen Knaben infolge der größeren Fertigkeit in der deutschen Sprache, dcr man fortan erhöhte Bedeutung zumaß. Es ist anch kein Zweifel, daß so mancher Banernsobn, der sich für den geistlichen Stand berufen glaubte, infolge dieser Umstände sein Ziel nicht erreichte; er mußte, nachdem er vielleicht schon einen Theil dcr Stndienlaufbahn zurückgelegt hatte, den Humaniora Lebewohl sagen: das Deutsch, die eigene Muttersprache, oder vielmehr die Vor- bereitnngsklasse mit Lateinunterricht, hat es ihm angethan. Anderseits führte diese Vorbereitungsklassc den bayerischen Gymnasien riesige Mengen von Schülern zu. Geiviß ist das große Wachsthum der Gymnasien und Universitäten auch der Zunahme der Bevölkerung zuzuschreiben, aber doch nur zum geringen Theil. Bald waren die Lehrsäle zu klein, es wurden Vergrößerungen vorgenommen und mehrere neue Gymnasien errichtet, so zu Würzburg, Bam' bcrg und Regcusbnrg; in München entstanden sogar zwei neue Gymnasien. Es folgten Entschließungen, mit Strenge bei Aufnahme- und sonstigen Prüfungen zu verfahren; seitdem ist bei mehreren Gymnasien eine gewisse Stabilität, bei einigen sogar ein kleiner Rückgang, was die Schülerzahl betrifft, zu constatircn, während bei andern der Zugang sich gleichwohl noch steigerte. Aus den Gymnasien gingen soviele Abiturienten hervor, daß der Staat, um nicht ein gelehrtes Proletariat heranwachsen zu sehen, auch für dre Universitäten neue, strengere Prüsungs-Ord- nnngen schaffen mußte. Nur ein einziger Stand zog in dcr Folge aus der Einführung dcr ersten Lateinklassc Nutzen, jener Stand, den, diese Neuerung Verderben bringen sollte : der klerikale Stand. Die Bischöfe sorgten für Errichtung, beziehungsweise Vergrößerung von Kuabenseminaricn, wozu opferwillige Laien und Geistliche nach Kräften beisteuerten. Dank dcr trefflichen Leitung dieser Seminarien wandten sich allenthalben zahlreiche Studirende — und nun auch bei Weitem mehr als früher solche aus der Stadt — dem Studium dcr Theologie zu. Zwar ist uoch kein Ueberllnß 170 ^on Geistlichen vorhanden, in der Diocese Speyer macht sich ncnestens der Mangel an Priestern wieder stärker .leitend, m andern Diöccsen ist noch da und dort eine Coadjutorenstelle unbesetzt, auch wird in München und in Nürnberg, ferner auch in der Diaspora in Zukunft manch neuer Katecheten- und Scelsorgeposten zu besetzen sein; aber der ärgsten Noth ist wohl überall so ziemlich gesteuert, was schon daraus hervorgeht, das? man in jüngster Zeit ernstlich an die allgemeine Einführung eines vierten theologischen Curses gedacht hat, eine Frage, welche freilich auch eine nicht zu unterschätzende materielle Seite hat. Ehe die Einführung eines vierten theologischen Jahres allgemein angeordnet wird, dürfte es sich empfehlen, die Bedingungen, unter denen eine solche Neuerung nach Lage der Verhältnisse sich am zweckmäßigsten erweist, ja sich allein segcnsvoll gestalten kann. auch öffentlich zu erörtern. Jegliche Neuerung, welche an sich eine Verbesserung ist, kaun unter Umständen nicht erwartete schlimme Folgen haben. So muß auch dieses Falls mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß die allgemeine Einführung eines vierten theologischen Curses entweder nicht den gewünschten Erfolg in wissenschaftlicher und asketischer Hinsicht nach sich zieht, oder aber, was namentlich für kleine Diöcesen schwer ins Gewicht fällt, dem Zugang zum geistlichen Stande selbst nicht unerheblichen Abbruch thut. Eure gerechte, nach allen Seiten erschöpfende Würdigung dieser Frage dürste indeß unmöglich sein, ohne aus die ganze philosophische und theologische Vorbildung des Klerus wenigstens in der Hculptsache einzugehen, um daraus die nothwendigen Voraussetzungen für eine objective Beurtheilung jener Frage zu gewinnen und zugleich die Bedingungen für eine Möglichst ersprießliche Durchführung der Sache selbst abzuleiten. Daß eine gediegene theologische Bildung eine gründliche philosophische zur Voraussetzung hat, ist noch niemals bestricken worden. Wenn irgend eine Aussicht anf Erfolg vorhanden wäre, würde ich geradezu der Einführung eines zweiten philosophischen Jahres das Wort reden; nach der Studieuordnung der Gesellschaft Jesu geht dem vierjährigen theologischen Cursus sogar ein dreijähriger philosophischer voraus; so hoch wird seitens dieses Ordens die philosophische Bildung angeschlagen. In Bayern ist für den Candidaten der Theologie ein einjähriger philosophischer Cursus vorgeschrieben; wer Theologie studiren will, hat meines Wissens sowohl am Schlüsse des Winter- als des Sommer-Semester wenigstens in vier ordentlichen philosophischen Fächern ein Examen zu bestehen. Neben der Philosophie hat der Candidat noch Philologie und Geschichte, Physik, Chemie und Naturgeschichte zu hören. Es wäre gewiß zu beklagen, wenn eine einzige dieser Disciplinen aus dem Verzeichniß der Vorlesungen gestrichen würde, welche jeder Candidat der Philosophie zu besuchen hat; jede rst wichtig und interessant, und wer zu den Gebildeten zählen will, muß sich in all diesen Fächern, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, unterrichtet zeigen. Aber es ist nicht recht begreiflich, warum der Candidat in all diesen Fächern oder in fast allen auch eine Prüfung ablegen soll, eine Prüfung, nachdem er eine solche in Philologie und Mathematik, in Geschichte und Naturgeschichte schon am Gymnasium bestanden hat? Dazu kommt, daß den meisten Candidaten. soweit sie sich nicht mit Vorliebe für eines dieser nicht rein philosophischen Fächer interessiren, doch später einzelne dieser Disciplinen, besonders die Chemie, ziemlich fernliegen werden. Candidaten. welche Theologie nicht studiren, haben überhaupt kein Examen zu machen. Dies ist zu beklageii, sie sollten wenigstens in der Philosophie geprüft werden, welche für jeden Gebildeten von höchster Bedeutung ist. Um so mehr muß die Philosophie, welche die Basis für ein richtiges Verständniß der Theologie bildet, für den angehenden Candidaten der Theologie betont werden. In ihr muß die Stärke des Candidaten liegen, in ihr muß er zunächst (am besten schriftlich und nündtich) geprüft werden; die übrigen bisher vorgeschriebenen Examina aus den nicht streng philosophischen Disciplinen beschränke man wenigstens auf das eine oder rudere Fach, etwa in der Weise, daß der Candidat in zedem Semester, außer den rein philosophischen Examina, noch ein weiteres Examen aus einer anderen Disciplin, nn besten nach freier Wahl, zu bestehen hat. Welch eine Wichtigkeit hat für den Priester als Lehrer des Volkes und Richter desselben im „Richterstuhle Gottes" nicht schon die Logik, dieses Fundament der Philosophie und aller Wissenschaft, dieses Organon der Philosophie, wie Aristoteles sagt; welch eine Bedeutung sodann die Erkenntnißlehre, nicht zu reden vom wichtigsten Theile der Philosophie, der Metaphysik, welche sich auch mit dem erhabenen Gebiet der Gotteserkenntniß selbst befaßt! Nicht zu unterschätzen, namentlich für die heutigen Zeitbedürfnisie, ist auch die Ethik, die Social- und die Rechtsphilosophie, welche man, freilich (ivie mir scheint) nicht ganz zutreffend, die „praktische Philosophie" genannt hat. Soviel ist unbestritten, daß der Candidat der Theologie in all diesen Theilen der Philosophie einen gründlichen und gediegenen Unterricht erhalten muß, einen Unterricht, der jedem dieser Theile den ihm an sich gebührenden Raum zuweist. M. a. W., der Unterricht in der Philosophie darf nicht hauptsächlich oder ausschließlich eine Unterweisung etwa in der Logik sein, er muß vielmehr die meiste Zeit jenem Theile der Philosophie widmen und das Hauptgewicht auf jenen Theil legen, der den Mittel- und Höhepunkt der Philosophie bildet, die Metaphysik. Zum Vortrage der Philosophie wird der Lehrer mindestens 160 Stunden benöthigen, so daß etwa auf jede Woche des Wintersemesters fünf, des Sommersemesters sechs Stunden treffen würden. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Michelitsch Anton, Atomismus, Hylemorphismus uud Naturwissenschaft: Naturwissenschaftlich-philosophische Untersuchungen über das Wesen der Körper. 8°. VIII -st 104 Seiten. Graz, Selbstverlag 1897. Preis 1 M- 40 Pf. -> Unter allen Zweigen der Philosophie übt auf den denkenden Menschen keiner einen solch unwiderstehlichen Reiz aus, als die Naturphilosophie, welche die letzten und höchsten Gründe des physischen Daseins ergründen will und zur Genossin die Naturwissenschaft hat, unter deren Zauberbann das moderne wissenschaftliche Streben in hervorragender Weise sich äußert. Hat uns doch die jüngste Zeit auf dem Gebiete der Physik, die keine neuen Erscheinungen zu bieten schien, mit den weittragendsten, ganz neue Bahnen eröffnenden Entdeckungen überrascht. Leider hält die Vertiefung unserer Kenntniß e nicht gleichen Schritt mit der Erweiterung des Wissens. Die Frage nach dem Wesen der Körper und der physikalischen Grundbegriffe finden wir selbst in den besten Lehrbüchern der Physik und Chemie oberflächlich behandelt, oft genug widersprrchsvoll, für den logisch denkenden Leser ganz und gar unbefriedigend erörtert; es zeigt sich da eine Un- beholfenheit und Verworrenheit, daß wir gerne die ersten Blätter überschlagen. Anderseits bekunden die Lehrbücher der Philosophie vielfach allzuwenig Vertrautheit mit den Resultaten der Chemie und Physik, als daß man es den Vertretern dieser Wissenschaften zu hoch anrechnen dürfte, wenn sie in vornehmer Geringschätzung dem Philosophen das Recht mitzusprechen versagen. Eine glückliche Vereinigung philosophischer Durchbildung mit physikalischchemischen Kenntnissen hat den Verfasser obigen Buches in den Stand gesetzt, die uns bekannten Schriften ähnlichen Inhaltes von Schneid, Hertling n. s. w. bedeutend zu übertreffen. Die Frage nach der Konstitution der Körper, eine der interessantesten und schwierigsten, thut die moderne Naturwissenschaft im Sinn des Ätomismus ab; derselbe ist ein Beispiel, wie eine Hypothese, die zur Vereinfachung der Erklärung von Naturerscheinungen angenommen wurde, allgemach eine Theorie, ja sozusagen ein Dogma des Physikers werden konnte. Es kann in der That nicht geleugnet werden, daß die moderne Atomen- lehre etwas Blendendes und Bestechendes hat, so daß auch der Philosoph sie nicht lassen will und muthlos (wie Tongiorgi) ausruft: ,,^-etum S8t äs obimioa soioutia, si peripsiotieam tlisorirnn eseipsrs eoKamur". Anders Michelitsch. Er zeigt in überaus klarer und überzeugender Darlegung, daß die Chemie selbst trotz ihrer Atomenlehre gewisse unerklärliche Reste bestehen lassen mich, die dem tiefer Blickenden nicht entgehen, und daß gerade diese für den Hylemorphismus sprechen, für die Aristotelische Lehre von Materie und Form, die auch sonst nirgends den ge- 171 sicherten Ergebnissen der Naturwissenschaft widerspricht. In dem Sinne handelt der Verfasser, wohl ausgerüstet mit Einzelkenntnisscn in der Chemie, von der merkwürdigen Erscheinung der Allotropie der Körper (z. B. Ozon und Sauerstoff), die er lieber Allusie nennen möchte, ferner von der Jsomerie und Polymerie (z. B. Stärkemehl und Cellulose — Traubenzucker und Essigsäure), welche die Chemie auf atomistischer Grundlage durch den verzweifelten Ausweg der jeder experimentellen Basis entbehrenden Strukturformeln erklären will. Es folgt dann die Erörterung des bestimmten Volum- und Gewichtsverhältnisses. In all diesen Erscheinungen sieht der Verfasser Beweise für die wirkliche Wesensverändernng an den Körpern. Der zweite Theil enthält vorzüglich (Seite 47 — 62) die Begründung des Hylemorphismus, dessen Werth und Bedeutung für die Physik (Ausdehnung, Verdünnung, Verdichtung, Schwerkraft, Cohäsion, Adhäsion, Elasticität u. f. w.) un dritten Theil ausgeführt wird. Zum Schlüsse bringt der Verfasser noch eine geschichtliche Rundschau über die beiden Systeme des Atomismus und Hylemorphismus. Die Eintheilung der kurzen, aber inhaltreichen Schrift ist klar und übersichtlich, die Darlegung lückenlos und scharfsinnig. Daß der Verfasser auf diesem überaus schwierigen Gebiete das letzte Wort nicht gesprochen, ist selbstverständlich; daß aber sein „bescheidener Versuch" mit erfreulicher Conseyuenz durchgeführt ist, um die physikalischen und chemischen Erscheinungen im Sinne des Hylemorphismus zu erklären, wird der Leser mit Genugthuung wahrnehmen. Wir können dem Verfasser, der jüngst zum Professor der Apologetik an der Grazer Universität ernannt wurde, zu dieser höchst interessanten Schrift nur gratuliren, und wünschen, er möge fernen Versuch im Laufe der Zeit zu einem Lehrbuch der Naturphilosophie ausbauen, das die Ergebnisse der physikalischen Forschung eingehender, als bisher, berücksichtigt, um auch die Naturforscher mit der tiefen Auffassung der alten Philosophie zu befreunden, die mit der neuen Wissenschaft im vollen Einklang steht. Kaufmann C. M., Die Jcnseitshoffnungen der Griechen und Römer nach den Sepulcral-Jnschristen: Ein Beitrag zur monumentalen Eschatologie. 8°. IV -s- 85 SS. Freiburg i. Br., Herder, 1897. 2 M. 4 Der Verfasser betritt mit dieser dankenswcrthen Abhandlung ein neues Gebiet der klassischen Alterthums- wisscnschaft, das uns interessante Einblicke ins religiöse Leben der Griechen und Römer eröffnet. Das Ergebniß der Untersuchungen ist in folgenden Worten zusammengefaßt: „Die bei rein semitischen Völkern vergebens gesuchte Ueberzeugung, daß das Dasein des Menschen mit dem Tode nicht schlechthin aufhöre, liegt tief im griechischen Geiste befestigt. Kein Zweifeln und Wanken, sondern würdevolle und hoffnungsreiche Ergebung haben seine ältesten Epitaphien gelehrt. Sie begnügten sich damit, ihre Hoffnungen auf besseres Nachleben anzudeuten und im aufgeklärten nachperilleischen Zeitalter dein Jenseitsbilde einige scharf-charakteristische Striche beizufügen. Diese wohlthuende Sicherheit nimmt mit dem Untergänge der Selbstständigkeit der griechischen. Staaten ein Ende, und erst als die römischen Eroberer griechischen Geist, griechische Weisheit und Sitten in ihre Lande einführten, begann Trostlosigkeit und Zweifelsucht sich des epigraph- ifchen Formulars zu bemächtigen .... Die ganze Kaiser- zeit hindurch tritt rieben die krasseste Leugnung jeglichen Daseins nach dem Tode das heitere Bild einer „vita bsata" im Elysium." — Die Apologetik wie die vergleichende Neligionsgeschichte wird, wo sie vorn Unsterb- lichkeitsglauben der Völker handelt, diese wichtige Abhandlung nicht ignorircn dürfen. Loreuzelli Ben., kbilosopliiae tbsorelieas iustituiäoues seeunäum äoetrloam äi-istotslis st s. ll'llomao -X.guinatis. Ratisbonas, k'r. Unstet. 1896. (II.) 8°. 2 voll. pp. XXVIII -s- 330: XX -si 628. Ures. 14.50. V Dieses begueme, treffliche Lehrbuch der Philosophie, das sich auch durch seinen mäßigen Umfang vortheilhaft empfiehlt, hat zum Verfasser den gelehrten derzeitigen apostolischen Nuntius in München, welcher vormals Nector des böhmischen Collegs in Rom war und als solcher die Fähigkeiten wie dieBedürfuisse strebsamer junger Theologen praktisch kennen lernte. Das Buch zeigt ebenso eine hervorragende Gewandtheit der Darstellung, wie eine mit reicher Literatur-kenntniß verbundene sichere Beherrschung des Stoffes. Die Eintheüung hält sich an die herkömmliche und wohlbcwährte Ordnung. Die Logik und Nostik umfaßt sechs Abschnitte: von den Begriffen und Wortzeichen, vom Urtheil und Satz. vom Syllogismus u. s. w. Es folgt dann die allgemeine Metaphysik in drei Abschnitten. Daran schließt sich die Naturphilosophie, die Psychologie und specielle Metaphysik. Der Standpunkt ist streng thomistisch auch da, wo andere katholische Denker aus gewichtigen Gründen alte Theorien (Hylemorphismus) verlassen zu müssen glauben. Man braucht durchaus nicht mit allen Ansichten des Verfassers übereinzustimmen, um dennoch das Werk als eines der besten Handbücher loben und eindringlich empfehlen zu können. Normallehrplan für die württembergischcn Volksschulen. Mit Erläuterungen herausgegeben von P- Frick, Stadtpfarrer und Schul- inspektor, unter Mitwirkung von Oberlehrer I. Stärk und Lehrer A. Schneiderhan. Stuttgart. Jos. Roth. 1897. kl. 8°. vm -i- 287 S. Brosch. 2,80 M., geb. in schmiegsame Leinw. 3.20 M. X Der Verfasser schreibt im Vorwort: „Das Buch. das wir allen Schulmännern überhaupt, zunächst aber den Lehrern und Geistlichen beider Konfessionen Württembergs, nicht am wenigsten den Schulinspektoren, anbieten, stellt sich als eine Erläuterung der amtlich maßgebenden Vorschriften und als eine Verglcichung dieser amtlichen Winke mit den methodischen Grundsätzen eines gesunden Unterrichtsverfahrens und der christlichen Pädagogik dar." Diese Verglcichung bei jedem Fach macht das Bnch auch in anderen Ländern sehr brauchbar. Die Gegenüberstellung von Falschem und Richtigen, ist auch für Männer, die längst schon im Schuldienst stehen, und vielleicht gerade für solche, äußerst interessant und meistens auch überzeugend. Daß bei tüchtigem Studium dieses Buches, das oftmals einen viel rascheren und klareren Einblick in die richtige Methode gewährt, als dickleibige Didaktiken, viele Stunden im Unterricht, auch im Religionsunterricht, nicht verschwendet würden, steht uns fest. Für jedes Fach sind Winke für Abhaltung der Prüfungen gegeben, die verkehrte Art zu prüfen wird der nach des Verfassers Ansicht richtigen gegenübergestellt; die Vorschläge Fricks gerade in diesem Punkt finden indeß nicht allgemeine Anerkennung (z. B. „der Visitator bezeichne in der Prüfung in Religion dem Katecheten einen ganz bestimmten Stoff", oder was er vom „schülerhaften Abfragen" in der Christenlehre sagt u. ähnl.). Doch da kann ja jeder Schulinspektor seine eigene Methode befolgen; wenn wir vielleicht noch in diesem Jahrzehnt Kreisschulinspcktoren im Hauptamt erhalten, ivird es auch mit der Prüfungsmcthode wohl „strammer" werden. Das Buch ist auch sehr gut ausgestattet, Druck und Einband tadellos. Wir möchten es auch den Schulinspektoren, Geistlichen und Lehrern unseres Nachbarlandes empfehlen, denn der Geistliche imponirt heutigentags nicht mehr durch bloße Kenntniß der didaktischen Principien, sondern durch genaues und gründliches Wissen über deren Anwendung in den täglichen Schulfächern. Dazu bietet Fricks Buch ausgezeichnete Gelegenheit. Oer, ?. Sebastian«., Benediktiner der Benroner Cou- grcgation, Ein Tag im Kloster. Bilder aus dem Benediktinerlcbcu. Mit zahlreichen Illustrationen eines Beurouer Künstlers und oberhirtlicher Druckgenehmigung. Negensbnrg 1897, Nationale Vcr- iagsanstalt. 8. Preis 2 M. 80 Pf., in elegantem Origiualleinenbaud 4 M. Der Verfasser des Büchleins hat es sich zur Aufgäbe gemacht, in das Verständniß des monastischen, vorwiegend beschaulichen Klosterlebens einzuführen, dessen Bedeutung unserer mehr auf greifbar praktische Thätigkeit gerichteten Zeit fremder geworden ist. Die Anschaulichkeit, mit der uns der erfahrene Führer das Ideal einer Benediktiner- Abtei zeigt, indem er uns alle Räume einer solchen mit ihrem Leben und Treiben erschließt, dürfte weitere Kreise interesfiren und wird das Buch gewiß auch Ordensleuten zur Anregung und Erbauung dienen. Zahlreich eingefügte, von einem Künstler der Benroner Schule gezeichnete Illustrationen verleihen dem schönen Werkchen einen besonderen Werth lind stellen es mit in die erste Reihe der katholischen Geschenksliteratnr. Reidelbach, Dr. Hans, Die frommen Sagen und Legenden des Königreichs Bayern. Mit zahlreichen Illustrationen. Regcnsburg 1897. Nationale Verlagsanstalt. 8". Preis 3 M. Die Sage, welche wunderbare und seltsame Schicksale, abenteuerliche Begebenheiten von geschichtlichen Personen und merkwürdigen Orten berichtet, hat unendlich viel Anziehendes, insonderheit für die Jugend. Nicht minder ist die Legende, welche die segensreiche Wirksamkeit christlicher Helden vorführt, das jugendliche Herz zur Bewunderung und Nacheifernng anregt, geeignet, dem heranwachsenden Geschlecht zur Belehrung und Erbauung zu dienen. Darum dürfte vorliegendes Buch, welches unseres Wissens zum erstenmal eine Sammlung der schönen frommen Sagen und Legenden des Königreichs Bayern m Wort und Bild, für die Jugend mit Fleiß und Geschick zusammengestellt, bringt, sich allseitig einer freundlichen Aufnahme erfreuen und als speciell bayerisch-nationalcS opns in erster Linie von allen Schulbibliolheken Bayerns angeschafft werden._ Heckner, G., Praktisches Handbuch der kirchlichen Baukunst einschließlich der Malerei und Plastik. Zum Gebrauche des Klerus und der Bautechniker. Mit 186 in den Text gedruckten Abbildungen, gr. 8". (XVl und 424 S.) Dritte, gänzlich umgearbeitete und vielfach ergänzte Auflage. Freising, Verlagsanstalt und Druckerei Dr. Franz Paul Dattercr. Der hochw. Herr Verfasser, zuletzt Pfarrer in Nen- stift bei Freising, welcher kurz vor Vollendung des Druckes mit Tod abging, legte in der dritten Auflage all die Er- 'ahruugen nieder, welche zur Ergänzung und Bereicherung eines weithin verbreiteten Buches nothwendig erschienen. Die Grundsätze, welche den Herrn Verfasser leiteten, entsprechen den Vorschriften einer vom christlichen Geiste getragenen Aesthetik nicht bloß in Malerei und Plastik, sondern auch in der Architektur. Außer der Aesthetik kommen aber auch die Technik und bei Kirchenbauten die kirchlichen Vorschriften in Betracht. Das Buch soll allen jenen dienlich sein, welche in die Lage kommen, eine Kirche zn bauen oder restanriren zu müssen. Der praktisch gegliederte Inhalt wird durch 186 in den Text gedruckten Abbildungen unterstützt. Papier, Druck und Ausstattung sind vorzüglich, der Preis billig (M. 4.—). Das .Hochstift Freising, seine Domkirche und seine Bischöfe 720—1603. Geschichtliche Erinnerungen für das Volk in der Stadt und Diözese von Jgnaz Riedlc, em. Pfarrer in Freising.' 4 Bogen stark, mit dem Porträt der Hochw. Herren Erzbischöfe: Autonius II.. Lothar Anselm, Karl August und Grcgorins. Als Vorbild ist noch bei- gegcben das Innere des Domes zn Freising. Taschen- bnchformat. Freising, Verlagsanstalt u. Druckerei Vr. Franz Paül Datterer. Das Büchleni stellt das Wissenswerthe über das Hochnist Freising, seine Domkirche und über seine Bischöfe zusammen und bildet einen schätzenswertsten Beitrag zur Geschichte Freisings. Den» kleinen, aber inhaltsreiche»,. rller Beachtung werthen Schriftchen möchten wir die weiteste Verbreitung wünschen. Papier, Druck und Ausstattung sind vorzüglich, der Preis billigst. (60 Pf.) — Oesterreichisches Literaturblatt, herausgegeben von der Leo-Gesellschaft in Wie»,. redig»rt von vr. Franz S chnürer. (Adiiiinistration: Wien, I., Anna- gasse 9.) Inhalt der Nr. 7 n. N.: Zenner I. K., Die Chorgesänge in, Buche der Psalmen. (Ikniversitäts-Prof. vr. Bernhard Schäfer, Wie»,.) — Meyer Ed., Die Entstehung des Judentstums. (Theol.-Prof. Othm. Mussil, Brünn.) — Jlligens Ev., Geschichte der lübeckischcn Kirche 1530 bis 1896. (v. Jld. Vcith. Seckau.) - Jamar C. H- T., Maria, d»e Mutter Jesu. (Theol.- Prof. Jos. Schindler, Leitmeritz.) — Willy» an,, Otto. Pädagogische Vortrüge, (vr. Rud. .Hornich, Wien.) — Struck, W., Das Bündniß Wilhelms von Weimar mit Gustav Adolf. (Hofrath Onno Klopp, Wien.) — Stüve C., Annalss monastsrü 8l. Olsmsntis ia Ibiirs. (Kgl. bayer. Reichsarchivrath vr. P. Wittmann. München.) — Vymazal Fr.. Die Kunst, die bulgarische Sprache... zu erlernen. — Ad. Strausz u. Em. Dugovich, Bulgarische Grammatik, (vr. M. Murko, Prrvatdocent an der Universität Wien.) — Mühl brecht O., Die Bücherliebhaberei. (vr. Fr. Schnür er, Wien.) — Dippe O., Die fränkischen Trojanersagen. — Das Waltharilied, übersetzt vor» Hm. Althof. — Ebe Gust., Abriß der Kunstgeschichte des Alterthums. (Univ.-Prof. vr. W. A. Neumann, Wien.) — Becker Th.i Einführung in die Psychiatrie. (Primarins vr. Tst. Bogdan, Leiter der n.-ö. Landesirreuanstalt Lange»,lois.) — Winkt er B., Unterleibskrankheiten. U. s. w. Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie. Herausgegeben von vr. Ernst Commer, Professor an der Universität Breslau. XI. Bd. 4- Heft. Paderborn 1897, Schöningst. Inhalt: I- Alberto varbsri.?. vortrait. II. Päpstliches Handschrciben an den Heransgeber. III. Uittoras Apostolioae, guibus eonstitntiones Loeistatw 9ssu äs äoetrino 8. Ilioinas Agninatis proütsnäa oonürmaolnr. IV. Päpstlicher Erlaß, durch welchen jene Ordensregeln der Gesellschaft Jesu, in welchen die Lehre des hl. Thomas von Aguin vorgeschrieben .wurde, neu eingeschärft werden. Deutsch übers. von Pros. vr. v. Thomas Wehofer, Orä. vrasä. in Rom. V. Anordnungen des Papstes Leo XIII. über das Thomasstndium. Zum Apostolischen Schreiben JÄravissims Uos." Von demselben. VI. Albert Barberis. Eine biograpbisch-literarischc Skizze. Von Kanonikus vr. Michael Gloßner. VII. Probat»,listische Beweisführung. 2. Von Professor I. L. Jansen, O. 88. Rsä. in Holland. VIII. Kinder in Polizei- und Gerichtsgcfängnisscn. ForA Von vr. ?. Rayinitnd Fastiera, Orä. krasä. in Wien- Sti»nmen a»»s Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1897. Zehn Hefte M. 10.80 (oder zivei Bände ü M. 5.40). Freib»»rg i. Br., Herdersche Verlagshandlnng. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 4. Heftes: Die Sonnenflecke im Zusammenhang mit dem Copernicanischen Weltsystem. (A. Müller 8. .1., — Lolnrvcrtrag nnv gerechter Lohn. IV. (H. Pesch 8.9.) — Maria Novclla in Florenz. (M. Meschler 8.9.) — Livlands größter Öerrmcister. 111. (O. Pfülf 8.9.) — Des Allelnja Leben, Begräbniß und Sluferstehung. (C. Blume 8. 9.) Recensionen: 8a88S, Institntiones tbeoloKieas äs «aeramsntis Lools«ias (A. Lehmluhl 8. 9.): Vaosnt, vtiiäes ll'bsoloAiguss »nr ls« Ooustil atlons än vonoils äu Vatiean (Th. Graitderalh 8. 99: Valois, Vo Ikrones st Is Vranä 8ebi8ws. ä'Oooiäsin (F. Ehrle 8. 9.): Müller-Simonis, Von» Kaukasus zum persischen Meerbusen (I. Schwärz 8. 9.); 1. Börsch, Das Kreuz am Wege. 2. Kuno, Thomas Münzer (W. Kreiten 8.9.). — Empfeh lensiverthe Schriften. — Miscellen: Das Siveating-System in Englaitd: In» Lande des Bachschisch einst und jetzt: Kloster- und Ordensleben bei den englischen Ritnalisten. Deutsche Rnndscha»» für Geographie und Statistik. Unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben vor, Pros. vr. Fr. Umlauf t. . XIX. Jahrgang 1897. (A. Hartleben's Verlag in ' Wien, jährlich 12 Hefte, 85 Pf.) Das.7. Heft des XIX. Jahrganges enthält u. a.: Die Insel'Kreta. Von vr. Franz Ritter v. Le Monnier. Mit 1 Karte und 4 Abbildungen. — Die Jungfra,»bahrn Von I. Wottitz, Ingenieur. Mit 1 Abbildung. — Die Flora des Congostaates. Von E. Koll brunn er. — Skizzen aus Wladiwostok, Von G. Rom an off. — Ueber die Bewegung, der Oberflächen,nassen des Jupiters. — Groß-Berlin nach dem statistischen Jahrbuche von 1896. Die Handelsflotte Frankreichs. Die Bevölkerung des Königreiches SÜchsen. — Porträt: vr. E. A. Bielz und F. Tisserand. — Kleine Mittheilungen aus allen , Erdtheilen. — Kartenbeilage: Insel Kreta. Maßstab > 1 : 1 , 000 , 000 . Veranty). R.ehgeteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas K Grabherr in Augsburg. kip. 25 W, 8. Mai 1897. Hansen und der Hypnetisinns. Von Charles Saint-Paul. (Fortsetzung.) Hansen glaubt aus seinen Erfahrungen schließen zu dürfen, daß zur Herbeiführung der induzirten Hypnose zumeist eine vom Hypnotiseur auf die Versuchsperson wirkende Kraft, die „korcs nsurnzus", angenommen werden muß. Er behauptet, daß bei mindestens 300 Personen, die zu ihm auf die Bühne kamen, mit der festen Absicht, sich nicht hypnotisiern zu lassen, die also der Suggestion allen Widerstand entgegensetzten, es ihm gelungen sei, Hypnose und die Befolgung hypnotischer Suggestion zu erzielen, und daß also in diesen Fällen nur eine von ihm ausströmende Kraft, die „torosnsuricius", wie er sie nennt, thätig gewesen sein könne. Letztere Behauptung wird wohl dahin zu ergänzen sein, daß auch zugleich seine eigene große Willenskraft und Suggestiousgeschicklichkeit zur Erklärung in Betracht zu ziehen sind. Hausen vertritt seine Annahme insbesondere mich zur Aufklärung der Möglichkeit der Mentalsuggestion und Hypnotisirnng aus der Ferne. Dieselbe wird, wie er sagt, speciell dann vorgenommen werden können, wenn eine Versuchsperson schon mehrmals hypnotisirt worden ist. Sie schläft dann ein, sobald der Hypnotiselw seine Gedanken und seinen Willen auf sie concentrirt, ohne daß Mvor die Hypnose zu einer bestimmten Zeit verabredet Wurde, und wenn sie auch weit vom Hypnotiseur entfernt stst. Hansen sagte, daß ihm ähnliche Experimente häufig gelungen seien, jedoch stets nur mit großer Willensanstrengung. Bekanntlich glaubte man vor einigen Jahren noch nicht an die Möglichkeit dieser Phänomene und verhielt man sich speciell in Deutschland noch dieser Frage gegenüber negireud (gewisse psychologische Kreise, z. B. die Gesellschaft für wissenschaftliche Psychologie in München, in welcher Dr. du Prcl mit dem hypnotischen Medium Lina .einschlägige Versuche machte, ausgenommen), als man im Auslande, in Frankreich und England bereits affirmativ entschieden hatte. In London hatte speciell die „Losietx kor kosoaroü" sich durch ihre Forschungen hervorgethan. Sie veröffentlichte das umfassendste Material über dieses Gebiet, welches man in den Werken: „Gurncy, Telepathie: Eine Erwiderung auf die Kritik des Herrn Pros. W. Prcyer, Leipzig, Friedrich 1887", sowie „I'lmntnsnm ok tbs I-ivinZ. 11^ L. Omrnszc, ll. IV. 8. anä 8. I'oclmoro (lüüdnsr nnä 6o. lwnäon 1886), finden kann. Nunmehr haben sich bereits viele berühmte Gelehrte, z. B. Beaunis, Encausse, Liöbault, Lnys, Lom- broso, Ochorowicz, Richet, Wetterstrand, für die Möglichkeit der Hypuotisirung aus der Ferne mid der Mental- snggestion ausgesprochen?) ') Beaunis, Professor in Nancy, berichtet, daß ein junges Mädchen, welches leicht hypnvtisirbar war, aber nicht von selbst in Schlaf verfiel, mehrmals von ihm, ohne daß es den Versuch ahnte, von einem andern Zimmer aus, und zwar auch anf größere Entfernung, in Schlaf versetzt wurde. Dasselbe vermochte auch Lisgeois innerhalb 8 Minuten durch bloße Gedankencoucentration. — Pros. Richet behauptet ebenso, seine Versuchsperson aus der Ferne in Schlaf versetzt zu haben. Er befahl ihr, zu ihm zu kommen, und diese Willensübermittlung wirkte derart, daß mau sie in den Gängen seines Hauses im somnambulen Zustande fand, wobei sie die Absicht aus- Die Mentalsuggestion und Hypnotisirnng aus der Ferne ist aber keineswegs eine neue Entdeckung. Dies bewies Baron I)r. du Prcl in seiner Studie „Die psycho, magnetische Kraft", welche sich in seinem Buche „Die Ent, dcctung der Seele" (Leipzig, Günther) und in der Monats, schrift „Sphinx" (Oktober und November 1893) findet. Schon Mcsmer magnetisirte ohne directe Berührung, was, wie du Prel richtig bemerkt, ja auch eine Fcrn- wirkung ist, und seine Schüler beschäftigten sich mit der Frage, bis zu welcher Entfernung magnetisirt werden kann. Dieselbe ist jetzt noch ungelöst. Die Fachmänner, welche zuerst auf größere Entfernungen magnetisirten, sind Marquis Ehastenet de Puysögur (Llornoirsv, 186) und Liitzelburg (8ouvennx Lxtraits äu.journal ä'un M3ZN8N86ur, 62). Der Magnetiseur und Arzt Du Potet stellte im Jahre 1820 ähnliche Experimente an, für deren Beweiskraft eine größere Anzahl von Aerzten mit ihren Unterschriften eintrat, und im Jahre 1831 bestätigte sodann die von der Pariser Akademie eingesetzte Unter» suchungscommisston die Möglichkeit der Magnetisation und Hypnose ohne Berührung und auf größere Entfernung, (öuräiu st vudois, kistvirv Lvuäönniius fiu ranAnö- tismo auinaal, 439.) Hinsichtlich der Möglichkeit einer psychisch-magnetischen Verbindung und Einwirkung hat um die Mitte dieses Jahrhunderts speciell der bekannte Baron Reichcnbach in seinem Buche „Der sensitive Mensch" eine Fülle von Material zusammengestellt, durch welches er seine Lehre von der ausstrahlenden und verbindenden Kraft des „Od" zu stützen suchte. Andere, z. B. der englische Psychologe Mayo, sind dann gleichfalls mit der Vermuthung aufgetreten, daß zuweilen die Odkraft die dynamische Brücke ist, über welche die exoneurale geistige Thätigkeit nach sprach, zu ihm zu gehen. (Oeborovieri, äs !a suZAsstion. 417—419.) — Siehe auch: Experimentelle Studien auf dem Gebiete der Gedankenübertragung von Eh. Richet. Deutsch von Dr. Frhr. v. Schrenck-Notzing, 1891. Stuttgart, Gute. — Ochorowicz ließ eine Stunde durch das Loos bestimmen» in welcher eine Magnetisation aus 1—10 Kilometer Entfernung vorgenommen werden sollte. Der Magnetiseur wurde erst im letzten Augenblick davon in Kenntniß gesetzt, daß er das Experiment beginnen solle. Niemand sonst erhielt davon Nachricht: einige der Experimentatoren befanden sich im Hailse der Versuchsperson (jedoch nicht in ihrem Zimmer), mit den Erfolg sogleich feststellen zu können. Die Versuche gelangen zu großer Zufriedenheit. — Or. Dusart hppnotlsirte gleichfalls aus der Ferne; nach einiger Zeit konnte er durch den Vater seiner Patientin ersetzt werden. (Oebvrcnvier!, äs 1a snsssstioa. 131—44; 425—438; 417—419; Rsvus äs l'b^pvotisMS, II. M —209; 225 — 240.) — Schmidkunz bringt in seiner „Plychologie der Suggestion" ein an ihn gerichtetes Schreiben des schwedischen Arztes und Schriftstellers anf hypnotistischem Gebiete, Wetterstrand, vom 5. Dezember 1890, in welchem dieser unter anderm sagt: Es ist mir kein Zweifel mehr, daß es eine directe Uebertragnng der Gedanken eines Menschen auf einen andern Menschen gibt. Ich habe nämlich augenblicklich eine 33jährige Dame in Behandlung, die ununterbrochen drei Wochen hindurch geschlafen hat. Ich kann sie von meiner Wohnung aus mit einem festen Gedanken aus dem Schlafe erwecken und nachher einschläfern, ich kann sie die und die Bewegung ausführen lassen, und wenn ich sie dann frage, warum sie diese Bewegung ausführt, so antwortet sie immer: „Weil Du es willst." — Wie Wetterstrand weiter bemerkt, hat Livbanlt in Nancy ihm geschrieben, daß er beweisen könne, es gebe „uns kores vsnrigus ä'bommes ä bommos?. außen tritt. Wie Schmidümz ") bemerkt, ist in neuerer Zeit die bisher nicht anerkannte Odlehre Reichenbachs durch die Untersuchungen des Pros. Hertz näher gerückt worden, da dessen ermittelte elektrische Welleuwirkungen in ihren räumlichen Bestimmungen auffallend zahlenmäßig mit Neichenbachs Messungen der Odkräfte zusammenfallen. Sehr merkwürdige Forschungen über die magnetische Verbindungskraft haben in Paris Dr. Luys, Mitglied der französischen Akademie und Chef der Salpetriöre, sowie der bekannte Psychologe Oberst de NochaS, in Verbindung mit dem Chef des hypnotherapeutischen Laboratoriums der Charits, Dr. Gerald Encausse, gemacht. Nochas behauptet u. a., daß die „Od"kraft der magneti- sirten Versuchsperson von dem Experimentator auf gewisse Gegenstände, z. B. Wachs oder Wasser, später auf ein nach Art der alten Zauberer verfertigtes Wachsbild (!) übertragen wurde; wenn man nun diese berührte, so habe die Versuchsperson jede Berührung, wie wenn man auf sie selbst eingewirkt hätte, und zwar auch dann, wenn sie in einem andern Zimmer sich befand, empfunden. (Siehe: Os Itoesiss, K'Kxteriorisation eis In Lsnsi- dilita. Karls, Ostamuel, 1895. Kaolins, I/Knvoüto- mont. Karls, ibici., 1893.) In anderer Hinsicht ist mit Bezug auf magnetische Fernwirknng auch noch von Interesse das Werk: „Du transtort L äistancs L l'niäo äss conronnos nironntoos par Dr. Oornrä Lnonusso on coUadorntioil aveo 1o Dr. Knz-s. (Karls, 1893.)" Ich entnehme hieraus folgendes Beispiel: Einem Hypnotisirtcn wird ein magnetisirter Eisenreif auf den Kopf gesetzt, den vorher ein an Verfolgungswahn Leidender getragen hatte. Die Versuchsperson, die bis zu diesem Augenblicke ganz glücklich und vernünftig zu sein schien, wird nun Plötzlich traurig und ängstlich und schreit, sie werde verfolgt und gequält und könne nicht mehr entrinnen. Kaum ist aber der Eiscnreifen wieder abgenommen, so wird sie wieder vollkommen ruhig. (?) Wie vr. Lnys versichert, können solche Ideen in einem magnetischen Eisenring monatelang aufbewahrt werden. (?) Er behauptet ferner, daß er das Ningexperimeut in anderer Art bei seinen Kranken auch zu Heilzwecken mit gutem Erfolge benützte. Humoristisch fügt er bei, — was für Ehemänner von höchster Wichtigkeit ist, — daß man einem Weibe durch solche Experimente die Gefühle der Liebe und Anhänglichkeit einverleiben und diese trefflichen Eigenschaften von der ersten Frau auf die zweite übertragen könne. (I) Die Möglichkeit der magnetischen oder psychomagnet- ischen Uebertragnug durch einen Stoff, der mit dem Magnetismus einer Person, eines Thieres oder einer Pflanze geladen wird, ist in mesmerischen Kreisen übrigens bereits früher behauptet worden.") °) Psychologie der Suggestion, Stuttgart, Erike. °) Dr. Luys erwähnt übrigens noch einige ganz merkwürdige Fälle der Wirkung von Flüssigkeiten auf Hypnoti- sirte, die bei einiger Neigung zur Zweifelsucht unglaublich erscheinen dürften. Hier zwei Beispiele derselben: Einer Hypnotisirtcn wird eine sorgsam verschlossene Phiole mit Alkohol aufgelegt, und sehr bald zeigt sie alle Erscheinungen der Trunkenheit. Sie wird nun veranlaßt, einem hypnotisirtcn Manne die Hand zu reichen, und es wird mit einem Magnet von ihr zu letzterem hingestrichen. Da stellen sich auch bei diesem alle Anzeichen eines Rausches ein.(!) Einem Hypnotisirtcn wird ein versiegeltes Fläsch- «yen mit,Baldrian auf den Hals gesetzt, und sofort zeigt sich jn seinem Gesichte große Bestürzung. Er wirst sich In der erwähnten Studie du Prels wird nun die Frage nach der „Koroo nourlHus", der psychomagnetischen Kraft, mit der nach der Lösung des schwierigen Problems, inwiefern Suggestionismus, Hypuotismus und Magnetismus verwandt sind, verknüpft. Dasselbe ist von größerer Wichtigkeit, zumal auch Hansen es nicht genügend aufklären konnte. du Prel weist vorerst darauf hin» daß, wenn der Magnetismus in der That sich in Suggestion auflösen würde» d. h. wenn die Suggestion der einzige Wahrheitskern des Magnetismus wäre, nur solche Objecte magneti- sirt werden könnten, die für Suggestionen empfänglich sind, also bloß lebende Menschen, welche eine Vorstellung aufnehmen können und es wissen, daß ihnen eine Vorstellung eingepflanzt wird. Nun sei es aber Thatsache, daß nicht nur Schlafende magnetisirt werden können, sondern auch Thiere, Pflanzen und leblose Gegenstände. Von Suggestion könne dabei offenbar keine Rede sein, sondern es liege ein magnetisches Agens vor. Ferner findet er» daß schon zur erfolgreichen Suggestion selbst eine Kraft, offenbar identisch mit der des animalischen Magnetismus, nothwendig sei. Er schreibt: „Was ist Suggestion? Zunächst nichts anderes, als eine im Gehirn des Patienten erweckte Vorstellung. Als solche bleibt dieselbe offenbar auf das Gehirn beschränkt. Soll sie innerhalb des Organismus physiologisch wirken, z. B. zunächst den hypnotischen Schlaf erzeugen, so muß sie zu diesem Behufe erst eine Kraft auslösen, die nur wieder am Gezweige des Nervensystems sich fortpflanzen und die von der Suggestion bezeichneten Aenderungen herbeiführen kann. Die Vorstellung als solche ist also noch keine physiologische Dynamide, es bedarf noch einer von ihr ausgelösten Kraft, und diese Kraft ist eben identisch mit dem animalischen Magnetismus. Der Hypnotiseur, welcher den animalischen Magnetismus leugnet, leugnet also damit die Voraussetzung seines eigenen Systems. Hypnotismns und Magnetismus bilden kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl—Als auch. Der Magnetiseur benützt seine eigene Kraft und läßt sie auf den Patienten überströmen, der Hypnotiseur setzt die im Patienten selbst liegende, mit jener wesentlich identische Kraft in Bewegung. Die Suggestion ist also nur der Hebel für Automagnctisation." In seinen weiteren Erläuterungen bemerkt er sodann noch: „Man könnte sagen, daß in gewissen Fällen die mit Gedankenübertragung verbundene Suggestion das Resultat herbeiführe. Gewiß; aber die Gedankenübertragung kann doch nicht darin bestehen, daß der Gedanke als solcher die Wanderung durch den Raum antritt. Wir brauchen noch ein Vehikel, eine Kraft, und zwar eine im Agenten (Wirkenden) liegende, von seiner Psyche beeinflußbare Kraft, und damit stehen wir wieder vor dem Magnetismus. Daß diese fernwirkcnde Kraft mit der magnetischen identisch ist, zeigt sich in der Identität der Wirkung: der Patient wird eingeschläfert, und zwar tritt nicht der gewöhnliche Schlaf ein, sondern der magnetische, in welchem der Patient solche Fähigkeiten zeigt, die nur dem Somnambulismus angehören." (Fortsetzung folgt.) sodann auf den Boden, kriecht auf allen Vieren und beginnt zu kratzen, zu springen, zu pfauchen und zu miauen, indem er den Anwesenden im Zimmer folgtet?!), kurz, er glaubte, in eine Katze verwandelt zu sein. Nach der Hypnose konnte er sich aber an nichts mehr erinnern. 175 Beata Stilln, Gräfin von Abcnberg. Von I. N. Seefried. Aus dem erlauchten Hause der Grafen von Aben- berg im einstigen schwäbischen Sualafeldgau (jetzt Reg.- Bez. von Mittelfrankeu) glänzen am Himmel der Kirche des Bayerlandes zwei liebliche Sterne aus dem angeblich sehr finstern Mittelalter in die überaus helle Gegenwart herein: Konrad I., Erzbischof von Salzburg (1106 — 1147), und die gleichzeitige selige Gräfin Stilla von Abcnberg. Gegen die letztere ist neuerlich in diesen Blättern (5 — 12) Herr Pfarrer Hirschmann in Schönfeld aufgetreten. Derselbe stellt unter Aufwand eines großen kritischen Apparats Stilla's Abstammung von den Grafen von Abcnberg geradezu in Abrede und fordert sämmtliche Vertheidiger dieser Abstammung vor seinen historischkritischen Nichterstuhl. Ich halte mich nun nicht bloß für berechtigt, meine 1869 ausgesprochene Ansicht über die Gräfin Stilla gegen die negative Kritik Hirschmanns aufrecht zu erhalten, sondern hiezu um so mehr verpflichtet, weil der Gegner aus meinen Grafen von Abcnberg *) Sätze herausgenommen und verwendet hat, welche ich entweder sofort berichtigt oder später (1881) modifizirt habe, und aus meinem Buche aus dem Jahre 1869 Schlüsse zieht, die ich schon 1881 und 1890 nicht mehr anerkannte und 1896/9? noch weniger anerkennen kann. Ich erlaube mir deßhalb einige Behauptungen Hirschmanns bezüglich der Grafen von Abcnberg im Allgemeinen und der seligen Gräfin Stilla im Besonderen zu beleuchten, auf ihren Werth zu prüfen und, wo es geboten erscheint, auch zu berichtigen. I. Die Genealogie der Grafen von Abcnberg im Allgemeinen. Hirschmann hat 1897 Nr. VI, 45 der Postzeitnngs- Beilage den Stammbaum der Grafen von Abcnberg, wie ich ihn vor fast 30 Jahren aufgestellt und veröffentlicht habe, im Allgemeinen zwar richtig, jedoch nicht ganz genau reprodnzirt und dazu bemerkt, daß ich denselben im Jahre 1895 berichtigt habe. Warum ich diese Berichtigung vornehmen und die Reihenfolge in den bekannten zwei Linien umstellen mußte, das hat er verschwiegen und nur angeführt, daß ich Stilla's Geschlechtsabfolge durch Konrad I. und Napoto I. (ca. 1122-1127) von Wolfram II. (1071-1108) abgeleitet habe. Meine Untersuchungen, sagte ich ain 15. Februar 1894 (B. 24, 187)-), h^ten mich schon 1879/80 zu der Ueberzeugung geführt, daß Gräfin Gerhilde (die Gemahlin nicht Wolframs I., sondern Wolframs II., ch am 22. Juli nach 1108) die Mutter des Bamberger Domherrn Adalbert gewesen, welcher nicht schon 1108 oder bald darauf mit Tod abging, sondern damals noch in dem besten Lebensalter stand. War nun aber die von Hirschmann weggelassene Gerhilde die Gemahlin Wolframs II. und der Kanonikus Adalbert an der Kathedralkirche bei 8. Georg zu Bamberg beider Sohn, so konnte Wolfram II. ') Die Grafen von Abcnberg fürstl. baper.-welf. Abkunft die Ahnen des preußischen KönigZhanses und der Fürsten von Hohenzollern. München 1869. G. Franz'fche Buch- und Kunsthandlung (Ed. Lotzbeck). 2) Die Könige von Preußen und die Fürsten von Hohenzollern sind Abenberg-Zollern, nicht Zollern-Aben- berg. Separatabdruck. Augsburg bei Haas u. Grabherr 1894 S. 3. nicht mehr als Vater Otto's II., Wolframs III. und Erzbischofs Kourad I. von Salzburg bezeichnet werden. Die clarissiwi viri Otto (II.) und Wolfram (III.), des Erzbischofs Brüder, mußten schon aus diesem Grunde als Söhne Otto's I. erklärt und die Reihenfolge verändert und umgestellt werden, noch mehr aber im Hinblick darauf, daß Bischof Otto I. von Bamberg, der Pommeruapostel und Hauptgriinder des Cisterzienserklosters Heilsbronn (1132), und sein Bruder Friedrich nicht der hochgräflich abcnbcrgischcn Familie (wie man früher angenommen hatte), sondern den Edelherren von Mistelbach bei Pleinfeld, k. bayer. Bezirksamts Weißenburg a./S., angehört haben und von mir längst aus der Genealogie der Grafen von Abcnberg entfernt worden find. (Belege siehe Beilage 1894, 24. 187). 3) Nach dem gleichzeitigen Biographen des ErzbischofS Konrad I. von Salzburg war Napoto I., welcher urkundlich zwischen 1122—1127 öfter erscheint, kein Bruder Konrads, er muß deßhalb ein Sohn Wolframs II. und Bruder des Domherrn Adalbert gewesen sein, weil ein anderer Graf von Abcnberg, der sein Vater sein könnte, z. Z. weder mir bekannt ist, noch jemand Anderem bekannt sein dürfte.*) Wenn Wattenbach nach Hirschmann (6, 46 A. 10, in Deutschlands Geschichtsqnellen (II, 5, 269) den Erz- bischof Konrad „aus der vornehmen bairischen Familie der Grafen von Abensberg" abstammen läßt, so befindet er sich in dieser Beziehung noch immer in dem fast vierhnndertjährigen Irrthum, in welchen Hans Tnrmair von Abensberg uns hineingeführt hat?) „Der Patriarch der älteren bayerischen Geschichte hat in seinen Jahrbüchern, sagt Westenrieder?) sich keineswegs ftei von häßlichen Irrthümern, Lücken und Mißverständnissen gezeigt," was auch seine Biographen, die vvr. Theodor Wiedemann und Wilhelm Dittmar (1858 und 1862) zugestanden haben und jeder zugestehen muß, welcher die Werke dieses überaus belesenen und vielsammelnden Mannes und Meisters nicht bloß dem Namen nach kennt, sondern nachgelesen und nachgeprüft hat. Eines sehr argen Mißgriffes und Mißverständnisses hat sich derselbe aber mit seinen Babonen schuldig gemacht, wenn er den angeblichen Dynasten Babo II. von Abensberg und Rohr (Ror) für einen Sohn des Schiren- fürsteu Babo und Bruder Otto's I. aus dem Hause der Grafen von Scheyern, dann als Haushofmeister der hl. Kaiserin Knnigunde und als Burggrafen der Stadt Regensbnrg ausgegeben und schließlich mit den Grafen von Abensberg in eine Verbindung gebracht hat, welche geradezu als geschlechts- und geschichtswidrig bezeichnet werden muß. So soll der vielkinderreiche Babo den Grafen Wolfram von Abensberg (einen solchen hat es nie gegeben) neben 29 bezw. 31 Söhnen und 8 Töchtern 2) Separatabdruck 1. o. S. 5; insbesondere Familie des heiligen Otto und die Edelherren von Mistelbach im 54. Jahresberichte (1892) des historischen Vereins von Bamberg. ") Vita Olluvracki eap. 1. dl. E. 88. XI, paZ. 63. b) Unvales Loiorum (1524) PE. 314 vergl. mit VII, 829. Die neue Ausgabe von Dr. Riczler konnte ich nicht bcnützen. °) Beiträge znr vaterländischen Historie, Geographie rc. 9. Bd. S. 1—115. Denkschrift auf I. Nep. Meoerer mit dessen Brustbild. Westenrieders gesnmmelte Werke. Kempten bei Köiel. 15. Bd. S. 65 u. 66. erzeugt haben.?) Von Wolfram sollen Konrad I., Erz- bischof von Salzburg, Otto von Ambsperg und Wolfram von Abenberg entsprossen sein und von dem letzteren wieder Rapotho vom Ambsperg, der Vogt Bambergs, und Gebhard von Aüensberg abstammen. Sieht man sich dagegen die vita Olninrafii arofii- episcopi Lalisbnrgensis in den vorhandenen Ausgaben von Pez und Wattenbach sowie in der neuerlich von vr. Lindauer am k. Luitpoldsgymnasinm in der k. Hof- und Staatsbibliothek aufgefundenen Raitenhaslacher Handschrift des Cisterziensers Jo. Konrad Tachler aus dem Jahre 1612 etwas näher an, so resultirt aus der Erzählung des Erzbischofs und seines Biographen dasjenige durchaus nicht, was uns Aveutin daraus beweisen bezw. plausibel machen wollte. Die Nachrichten und Daten über den Urgroßvater des Erzbischofs mütterlicherseits, welcher auS mehreren (nach Avcntin zwei) Frauen dreißig (nach Aventin ut 6r,mu retort 32) Söhne und 8 Töchter erzielt hatte, will der vielgereiste Magister in Welten- burg und Salzburg aufgefunden und zusammengelesen haben; es kann auch nach dem Texte seiner Annalen kein Zweifel darüber bestehen, daß er eine der Salzburgcr Handschriften, wie sie Pez ^ und Wattenbach b) veröffentlicht haben, eingesehen und excerpirt oder vielleicht ganz abgeschrieben hat; allein das Phantasiegebilde, welches er über die Genealogie der Grafen von Abinberg und Babo, den mütterlichen Ahn und Urgroßvater des Erzbischofs, entworfen und zum Besten gegeben, hat man bisher in den Urkunden, in der vita Odunraäi selbst und in den Nekrologien von Weltenburg vergeblich und ohne allen Erfolg gesucht. Erzbischof Konrad I. von Salzburg leitete seine Abkunft von dem erlauchten Stamme der Fürsten des Bayerlandes her,") da er der Bruder Otto's und Wolframs, der überaus berühmten Männer und Grafen gewesen, von denen der eine ohne Kinder verstorben ist, der andere den Grasen Rapoto von Abinperch, den Vogt des Bisthnms Vamberg, von der Schwester des Markgrafen Diepold als Erben hinterlassen hat. Von Rapoto II. erscheint 1127 und 1129 urkundlich ein Graf Otto als Vogt der Kirche von Vamberg; ich habe deßhalb und wegen des Sprachgebrauches, dessen sich der Biograph des Erzbischofs mit alter und alter an einer andern Stelle bedient hat, angenommen, daß Wolfram III. ohne Kinder gestorben und Rapoto II., der Sohn Otto's II., die Erbschaft seines Vaters im Jahre 1130 angetreten hat. Mag nun Otto II. oder Wolfram III. der Vater Rapoto's II. gewesen sein, jedenfalls weiß die beglaubigte Geschichte nichts davon, daß Rapoto (II.) von Abinberg und Graf Gebhard von Abensberg Bruder gewesen, wie solches Aventin behauptet hat?') Otto II. war mit Hedwig, der Schwester des ?) Hinwies Loioi'nm (1554) I. o. A- 5 oben. IV oIt- ramo orli Oouraäus Primas, ^rollim^stes äuva- vsusis, Otto UmbsporK'OQsis, VVolkraiuus Xdu- Linus. iVd Ime nasenntur KapotIio LamderZas ourator st Osdliaräus ^bnsinus. *) WIiesLnr. aiiseäot. tom. II part. HI p. 219/20. °) lU. O. 88. XI, 62. '") Xx illnstri priiwipum Oavanas proviuoias stsm- matv oriKinsm clnxit. Vita Olmnraäi o. 1. Der Raitcn- haslachcr vita fehlt stsmmats, am Rande hat Tachler pro,»eiiis beiaescfit. ") Siehe A.'7. Markgrafen Diepold von Vohburg (nicht Banz), vermählt, und ihrer Ehe sind entsprossen Rapoto II. (1130—1172), Hedwig und Bischof Reinhard von Wnrzburg (1171-1194). Ich habe die urkundlichen und traditionellen Nachweise für alle diese Positionen in dem Manuskripte „Die Grafen von Abenberg rc. 1890" beigebracht,") kann sie aber, weil sie zuviel Raum in Anspruch nehmen, hier nicht wiederholen; es dürfte übrigens genügen, wenn ich auf die Grafen von Abenberg aus dem Jahre 1869 sowie auf die berichtigte Stammreihe dieser Grafen am Schlüsse verweise und dazu bemerke, daß der Name Reinhard in der noch immer arg vernachlässigten älteren Genealogie der Grasen von Vohbnrg vorkommt und wahrscheinlich von der Markgräfin Hedwig nach Abenberg übertragen worden ist. Diese urkundlichen und den besten Schriftqnellen entnommenen Nachweise nennt Hirschmann in wegwerfendem Tone „genealogische Vermuthungen" (1897, 6, 45) und erwartet wohl gar, daß ich meine schweren genealogischen Sünden renmüthig bekennen und nach den traditionellen Aufzeichnungen der Lokalforscher Priefer und Koch über die selige Stilln verbessern d. h. nach Skriptoren Correctur eintreten lassen solle, welche eigentlich nur Aventin und den jüngeren Spalatin (Wolfgang Bauer—Agricola von Spalt) ab-und nachgeschrieben haben. Kehren wir nicht zu Aventin und Spalatin dem jüngeru, sondern zu dem Biographen des Erzbischofs zurück, so muß als Mutter Konrads. Otto's II. und Wolframs III. eine ungenannte Burg- gräfin von Negcnsburg") schon deßwegen festgehalten werden, weil der Biograph als Sohn des Oheims der genannten Grafen d. h. als Mnttcr- bruderssohn derselben den Präfckten Otto senior von Regensburg und als Mutterschwestersohn den Grafen Heinrich von Lechsgemünd, den Vater jenes Heinrich, welcher 1170/76 (Abfassungszeit der Vita) noch am Leben war, bezeichnet hat. Burggraf Otto senior von Regensburg, Heinrich Graf von Lechsgemünd, der Stifter des Klosters Kaisersheim (Kaisheim), und die vorhin genannten Grafen von Abenberg waren demnach Geschwisterkinder und bildeten unter sich die nächste Anverwandtschaft. Wenn der Biograph des Erzbischofs, anknüpfend an diese edelste Blutsverwandtschaft, sodann noch davon gesprochen hat, daß der Erzbischof mütterlicherseits d. h. auf Seite seiner wiederholt betonten Cog nation auch einen Ahn (avuw) gehabt habe Namens Babo,") der zwar etwas niedriger gestellt, gleichwohl eine leuchtende und glänzende Nachkommenschaft gehabt habe, welche in Folge ihrer großen Anzahl nicht allein Bayern und Körnten, sondern auch Ost- und Rheinfranken in Besitz genommen, so kann hierunter nur der Urgroßvater des Erzbischofs mütterlicherseits, mithin nur ein Graf Babo von Nüdeuburg-Stcfaning-Abensberg ") Leider hat sich zur Herausgabe derselben noch kein LIaessuas oder Verleger finden lassen. ") Vita Oliunraäi eax. 1. krasksotus guogue Uatispoususis Otto 8enior ^vuuouli ejus kilius t'uit. Lsnrious guogus äs I-sodss- As mun äs, pater illius Usurioi, rpii aätiuo supsrsst, «x inatsrtsra ejus iispos sxtitit. Die Biographie wurde nach Riezler (Gesch. Bayerns 1,798) zwischen 1170 u. 1176 abgefaßt. ") Lvum Iiaduit Lada nein uomins, äs eujus Innidis exeermit triKiota ütü st ovto üliao, vuuies ex libsris inatridus Aenitas. Vita Olinuraäi. 177 oder vorn Lhiem- und Zeidlarugau verstunden werden.'°) Jener Grus Babo, von welchem der Erzbischof selbst erzählt, daß er 30 Söhne und 8 Töchter aus freien Frauen erzielte, gehört ohne Zweifel zu der landgräflichfn Familie der Rcgensburger Grafen, ob sich derselbe aber nach Abensberg *°) genannt hat, geht aus der Vita 6stun- raäi nicht hervor. Daß Lvus in der vita Odunracü mit „Ahn" oder „Urgroßvater" übersetzt werden muß, dürfte schon daraus zu entnehmen sein, daß als mütterlicher Großvater des Erzbischofs nur Burggraf Heinrich I. oder dessen Bruder Babo II. von Regensburg-Stefaning angenommen werden kann, die beide circa 1070 bereits gestorben waren, eine so zahlreiche Nachkommenschaft aber nicht gehabt haben, wie sie von dem Erzbischof behauptet worden ist. Dem verdienten Verfasser der bayerischen Geschichte, vr. Andreas Büchner, welcher von mehreren Con- cubinen Babo's gesprochen, und ^dem Herrn Ritter v. Lang,") welcher die Erzählung des Erzbischofs und seines Biographen für eine Fabel erklärt hat, bin ich mit einiger Ironie unter Bezugnahme auf die Germania des Tacitus, die Schilderung mittelalterlicher Frauen bei Wolfram von Eschenbach und einen saftigen Ansspruch unseres größten Juristen des vorigen Jahrhunderts, Kreittmayrs, entschieden entgegengetreten,") und habe ich hier nicht bloß alle namhafteren bayerischen Geschichtsforscher (Scholliner, Nagel, Koch-Stcrnfeld u. s. w.) auf meiner- Seite, sondern vor Allen und an erster Stelle den großen Erzbischof und dessen Biographen, welche an die uugemein zahlreiche Nachkommenschaft des markigen Recken nicht bloß geglaubt, sondern sie ausdrücklich bestätigt haben. Der Erzbischof sowohl wie sein Biograph (Gero Aucr?, der erste Abt von Naitcnhaslach?), beide haben zwischen den Agnaten und Cognaten des erlauchten Grafenhans es Abcnberg genau unterschieden, was Aventin und sein Gefolge leider nicht mehr gethan hat, so daß man über 3^/zhundert Jahre lang seinem Geleise folgend in der Irre umhergcwandelt ist und seine Pfade heute noch nicht ganz verlassen hat, weil man sich von seinem Baun- und Zauberkreise eben nicht mehr loslösen und befreien konnte oder es nicht wollte. Der Lokalpatriotismus hat unsern vielgcehrten und gepriesenen Geschichtschreiber von Abeusbcrg verleitet, zwischen Abenberg und Abensberg d. h. zwischen den nach diesen Orten genannten Grafen eine Geschlechtsgemeinschaft anzunehmen, die niemals bestanden hat. Man wird dagegen mit dem Erzbischof Konrad I. von Salzburg und dein Biographen desselben zwischen Agnaten und Cognaten der Grafen von Abcnberg wieder genau unterscheiden müssen. Geschieht dieses, dann werden sich die Contro- versen, welche Aventin veranlaßt hat, sofort beilegen lassen und keine weiteren Preisfragen mehr zu lösen sein. Loh. Ev. Ritter von Koch-Sternfeld, der letzte namhafte Vertheidiger der aventinischen Tradition, hat in seiner '°) Vergl. Grafen von Abenberg 1869 S. 3 ff. ") Der Eintrag im Kloster Weltenburg (beim Oz'elus des Jahres 1058) III Kon. Nnrtii (5. März) Lnbo Oomoo eum XXX tiliis et VII tlliabus und im Nekrologe des Klosters s. Lmmeram zn Regensburg II Xoims Llartii (6. März) nennt Abensberg nicht. ") Karl Heinrich von Lang über die Fabel von des Grafen Babo von Abensberg dreißig Söhnen. München 1813. ^) Grafen von Abenberg 1869 S. 4 n. 5. altgefeyerten Dynastie des Babo von Abensberg bemerkt: *") „Das älteste Manuskript des LioZraphug Eonracii I. araüiexmcopi hatte B. Pez zu Raiten- haslach aufgefunden. Das war auch die letzte Stiftung des Erzbischofs (1146) und seiner Stammgenosscn;" allein hiegegen ist zn bemerken, daß k. Bernhard Pez allerdings Wissenschaft davon gehabt hat, daß das Cistcr- zienserklostcr Naitcnhaslach bei Burghausen die vita Oon- rucii besitze, 20 ) daß jedoch seine Ausgabe einer Handschrift des Beucdiktinerklosters o. Peter in Salzburg entnommeu ist, hat er uns am angeführten Orte selbst bezeugt. Die sehr interessante neue, von Dr. Lindauer aufgefundene Naitcnhaslacher Handschrift der vita, Obunracki befindet sich in der kgl. Hof- und Staatsbibliothek in München in dem Ooä. M8?>) Lnnalcw Raittenlirwlg,- 0611818 M0llU8t6rii 6X cckartaeeo 6a.2ophxIaoio eruti a I?. flv. Ovnr. 'I'aclilvr anno ÄIO6XII Lara primn xriA. 15 — 39. Dieselbe ist sehr schön und zierlich in continuo und ohne Capiteleinthcilung geschrieben, mitunter, jedoch nicht sehr häufig, sind Correcturen daran von dem Abschreiber vorgenommen worden. Ich habe sie mit den Ausgaben von Pez und Wattcnbach genau verglichen und sehr viele Abweichungen und bessere Lesearten gefunden, weßhalb sie den früheren Ausgaben nach Salzburger Handschriften vorzuziehen sein dürfte. Die Veröffentlichung mit guter deutscher Uebersetzung, etwa in den monumentm Loicio, würde Vieles zur Klärung des wirklichen Sachverhaltes und Sicherstellung der Genealogien der Grafen von Abenberg und Lcchsgemünd, der Markgrafen von Vohburg und der Burggrafen von Ne- gensburg beizutragen vermögen. Die Ansicht Avcntins aber, welche Hansiz^ und unzählige Andere nachgeschrieben und weiterverbreitet haben, muß endlich aufgegeben werden, weil sie dem Biographen des Erzbischofs und der Wahrheit nicht entspricht. (Fortsetzung folgt.) Die Vorbildung des Klerus zunächst in Bayern. (Fortsetzung.) 6 Dem Studium der Philosophie muß ergänzend an die Seite treten das Studium der Geschichte der Philosophie, lind welch umfassendes Gebiet schließt nickt auch diese ein! Zwei große Perioden hat der Lehrer zu durchwandern, die eine beginnend im grauen Alterthum, die andere abschließend mit unseren Tagen. Was ist nicht alles zn sagen von Aristoteles und Plato allein, von diesen beiden größten Denkern der vorchristlichen Zeit, welche ihrerseits wieder die christlichen Philosophen beeinflußt haben! Aristoteles und Plato und ihre Schulen sind auf dem Wege des discursiven Denkens zu vielen Wahrheiten vorgedrungen, aber gerade auf dem Gebiete der höchsten Wahrheiten fehlt es auch bei ihnen nicht an mannigfachen und weitgehenden Irrthümern. Was ist nicht alles zu sagen von der Philosophie der Kirchen- väter, dieser Periode der Genesis der christlichen Philo- ") Regensburg 1857 bei Gg. Jos. Mauz S 6. Ich habe diese Notiz in meine Grafen von Abenberg 1869 S. 6 A. 15 hernbcrgenommcn. "") Pez hatte diese Nachricht der Netropolio Salis- burg'cmsis unseres Hund entnommen. Vergl. vissortatio isaM^iea, in tom. II. ^ueollot. blov., wo sich auch der interessante Brief des Abtes Emanuel vorn 6. Dezember 1719 findet. -') (lock. bav. 916. voll. lat. 1912. ") Oeiinania, «acra II, 202. 0 riKc> generis er Lrineipibns Leb^reusidns, gnibns Lollie snpor- snnt IVittelspaobii Rnvsrias lluees. H.bavus Oonralli knit, Labs Lelrznornm krinceps. Xvu« trillern Laba et Rorae llxnasts. . . . 178 ! ^ i ! k sophie! Was nicht alles zu sagen von den arabischen und den indischen Philosophen, von der Philosophie der scholastischen Zeit,, von einem Scotns Erigena, von Nomina- lisinus und Realismus, vorn hl. Anselm, von den Victor- incrn, von Alexander von Hales, von Albert d. Gr., von Perer dein Lombarden, vom hl. Thomas, der von Leo XIII. 'sts vmnnun princsxs ot maAistsr, als Fürst und Führer aller Lehrmeister der scholastischen Philosophie bezeichnet wurde, vom l/.. Bonaventura, von Duns Scotns, von den Tbünusten und oen Statisten, vom neueren Nominalisnius und der neueren Philosophie überhaupt! „Was halten Sie von Herbart?" soll die Frau eines bayerischen Regierungspräsidenten einen jungen Priester gefragt haben, der dem Präsidenten einen Besuch machte. Was halten Sie von Positivismus? was halten Sie vom idealistischen Akosmismns, vom Skepticismus, vom Sensualismus, vom Locke'schen Empirismus, vom neueren Ontologismus. vom Monismus, vom Rosminismus u.s. w., u.s.w.? Soviele Rainen, soviele irrige Systeme, aber sie beherrschen da und dort die Anschauungen weiter Kreise und beeinflussen selbst oie Gesetzgebung. Welch einen Einfluß die neuere Philosophie aus die Pädagogik zu gewinnen suchte und sucht, ;u bekannt. Sollen all diese Richtungen dein Priester unbekannt bleiben dürfen? Wenigstens in den Hanpt- zügen wird er sie kennen lernen müssen, so daß iin Lehr- programin für die Vorbildung des Klerus auch für die Geschichte der Philosophie mindestens zwei Wochenstunden in jedem Semester anzusetzen sind. Rechne ich sechs bis acht Wochenstunden für Philologie und Geschichte, fünf für Naturgeschichte und Chemie, so bleibt .. wie für Physik, sechs für. immerhin noch einige Zeit für facultative Fächer zugt ch mit der ischen Dis- auf ihren Resultaten fortbauen, welche Philosophie die Grundlage der übrigen theologis ciplinen bilden. Daß der Apologetik oder, wie sie meist genannt wird, der Generaldoamatik heutzutage eine besondere Bedeutung zukommt, braucht nicht näher ausgeführt zu werden. Sie ist geradezu von größter Wichtigkeit und iinifaßt zahlreiche und schwierige Materien. Sind die Candidaten der Theologie gründlich in der Philosophie unterwiesen, so dürste es für sie indeß unter gewöhnlichen Umstände!!, d. h. wenn der Lehrer mit der Thatsache rechnet, daß seine Schüler nur einen einjährigen philosophischen Cursns hinter sich haben, daß ferner die Speculationsgabe mr selten einem Jünger der Wissenschaft zu Theil wird. nicht besonders schmierig sein, den Vortragen zu folgen und den Gegenstand zu erfassen. Zudem sind mehrere wichtige, in die Apologetik und Dogmatik einschlägige Fragen, welche besonders die Schöpfung und die Bestand- theile der menschlichen Natur betreffen, theils in der Metaphysik, theils in der Naturgeschichte (Anthropologie) zur näheren Darstellung gekommen. Bei dieser Sachlage dürfte der einschlägige Stoff innerhalb eures Semesters bei fünf Wochenstunden zu bewältigen sein. Im nächsten Semester wird sich bei ebensovielen Wochenstunden die Lehre von der Kirche daran schließen, und an diese die specielle Dogmatik, für welche mindestens 200 Lectionen anzusetzen sind. Verfügt der Lehrer noch über eure längere Zeit, um so besser; hat er vielleicht für die specielle Dogmatik zwei Jahre zur Verfügung, so weiß er die Zeit auszufüllen etwa mit Disputationen oder mit dogmatischen Uebungen, etwa auch mit der Erklärung des viel zu wenig Literaturgeschichte, Astronomie, griechische und römische Alterthümer, Aesthetik, Landwirthschaftslehre rc., welche indeß nicht alljährlich zum Vortrage gelangen sollen, sondern so auf mehrere Jahre zu vertheilen sind. daß auch Candidaten der Theologie, wenn sie hiefür Interesse haben, diese Vorlesungen belegen und hören können. Insbesondere wäre auch zu empfehlen, daß die Candidaten über Archivlehre, über die Quellen der Geschichte, über die Geschichte der Diözese und ihrer Bischöfe orientirt, daß sie fernerhin angewiesen wurden, wie sie selbst später eine Pfarr- oder Localchronik anlegen oder fortführen sollen. Ebenso wäre es eine schöne und lohnende Aufgabe für einen Lehrer, die Candidaten in die Werke unserer christlichen lateinischen Dichter, der altchristlichen stowohl (Damasus, Pru- dentius :c.) als der späteren (Bälde rc.), in etwas wenigstens einzuführen, auf daß sie später zuweilen einen dieser Autoren zur Hand nehmen zur Belehrung, zur angenehmen Zerstreuung. Wenden wir uns den theologischen Fächern zu. so ist es zunächst die Apologetik und die Dogmatik, welche sichrem die Philosophie unmittelbar anschließen und leich mit gewürdigten Oompsnännn tbooloZia« des heil. Thomas von Aguin, das, so kurz es ist. doch ein relativ vollständiges theologisches System darstellt. Oder er wird die eine oder andere einschlägige Materie, unter Umständen auch eine theologische Controverse, vielleicht an der Hand eines Suarez, der SalmanticenseS re., eingehend erörtern. Jedenfalls ist beim Vortrage der speciellen Dogmatik eine Klippe zu vermeiden, wodurch der Unterricht zuweilen unnöthig ins Breite wächst, nämlich die Berührung mit der Moraltheologie und dem Kircheurecht, namentlich in Fragen, welche die Praxis betreffen, also insbesondere in tue Lehre von den Sakramenten einschlägig sind. Daß in dieser Beziehung auch der Lehrer für Moraltheologie, jener für Kircheurecht und jener für Pastoraltheologie oft allzusehr einander berühren, kann man aus den Lehrbüchern ersehen. Auf die Kirchen- geschichte- freilich wird der Dogmatiker oft ganz unvermeidlich verweisen und zur Erklärung einer These wenigstens in Kürze vortragen müssen, was der Kircheugeschichts- tehrer ausführlich darzustellen hat. Reihen wir an die Dogmatik die Exegese mit der Einleitungswissenschaft und den übrigen Hilfswissenschaften der Bibelforschung, so dürfte der Satz keinen Widerspruch finden: Je mehr in der hl. Schrift gelesen wird, desto besserest es. Manche wichtige Stellen der hl. Schrift werden auch in der Dogmatik, andere in der Moraltheologie erklärt. Zudem bildet die hl. Schrift jenes Buch, das der Priester das ganze Leben hindurch neben dem Brevier am öftesten zur Hand nehmen wird: bei der Schriftlesung, bei der Vorbereitung für die Predigt und die Katechese: jenes Buch, von dem es schon in den sogenannten Hippolytscanones heißt: „Am Morgen sehe die Sonne das Buch auf deinen Knieen!" Aber das Selbststudium wird in der Regel den mündlichen Vortrag des Lehrers nicht ersetzen. Zu eifriger und gründlicher Erforschung der hl. Schrift muß den katholischen Theologen auch das Beispiel der protestantischen Eregeten ermuntern, welche entsprechend der Bedeutung, welche der Protestantismus der Bibel zuweist, insbesondere auf dem Felde der Eregese gearbeitet haben und arbeiten. Da es unmöglich ist. die gesammte hl. Schrift mit den Schülern durchzunehmen, muß sich der Lehrer auf die Erklärung der wichtigsten Theile beschränken. Es dürfte sich empfehlen, drer Jahre hindurch bei vier Wochenstunden die eigentliche Bivellesung zu betreiben, etwa im Wintersemester die hl. Schrift des Alten, im Sommersemester die des Neuen Testamentes. Zu den wichtigsten Theilen, welche der Lehrer vortragen soll, sind zu rechnen: die Genesis» die Psalmen und die wichtigeren Partien aus den Propheten, ferner die hl. Evangelien, der Nömerbrief und der Hebräerbrief. Da innerhalb der angegebenen Zeit nicht alle vier Evangelien, sondern wohl nur eines zum Vortrage gelangen können, muß es dem Privatfleiße des Candidaten überlassen bleiben, auch die nicht vom Lehrer erklärten Evangelien an der Hand eines guten Commentars durchzunehmen, in jedem Jahr eines. Der Lehrer wird die Anleitung hiezu geben und beim Examen die Erfolge dieser „kursorischen Leetüre" controliren. Steht noch weitere Zeit zur Verfügung, ist der eine oder andere der kleinen Propheten, ferner die übrigen Briefe des hl. Paulus und der Jakobusbrief ins Auge zu fassen. Die Hilfswissenschaften der Eregese vertheilen sich also: im ersten Jahre bei drei Wochenstunden des Wintersemesters und zwei des Sommersemesters hebräische und chaldäische Sprache und Lectüre; im zweiten Jahre biblische Hermeneutik und Einleitung' im dritten Jahre im Wintersemester biblische Archäologie in drei Wochenstunden, so daß für das Sommersemester noch zwei Wochenstunden für die Eregese selbst übrig bleiben. Für die Moraltheologie sind, einen zweijährigen Cursns vorausgesetzt, vier Stunden im Winter- und fünf im Sommersemester anzusetzen, dazu im Wintersemester dreimal wöchentlich Kasuistik. Noch günstiger gestaltet sich die Eintheilung und der Unterricht selbst erfolgreicher, wenn zunächst die allgemeine Moraltheologie in einem Wintersemester zur Erledigung gebracht wird, und sodann dem Vortrage der speciellen Moraltheologie in drei weiteren Semestern die Kasuistik parallel zur Seite tritt, wöchentlich zweimal. Hat der Lehrer nicht so viele Stunden zur Verfügung, so muß er sich freilich auf das Wichtigste beschränken. Die Begründung der ethischen Principien ist ohnehin Aufgabe der Philosophie. Worauf 179 der Lehrer der Moraltheologie besonders achten soll, ist dieses, seinen Gegenstand zeitgemäß zu gestalten; er muß deßhalb auf die Gesellschaftswissenschaft gebührende Rücksicht nehmen und manche Fragen in den Kreis der Erörterung ziehen, welche selbst einem hl. Alphons noch nicht actuell waren, nunmehr aber tief in das sittliche Leben des Einzelnen wie der Gesellschaft einschneiden. Daß auch die praktischen Fälle wirklich das sein sollen, was das Wort „praktisch" besagt, braucht nicht besonders bemerkt zu werden: die Linzer „Theologisch-praktische Quartalschrist", welche eben in den fünfzigsten Jahrgang eingetreten ist, bietet ein wahres Arsenal lehrreicher praktischer Fälle. Was von der Moraltheologie gesagt wurde, gilt auch von einer weiteren theologischen Disciplin, dem Kirchen- recht, das gewöhnlich in einem einzigen Jahrescurse bei fünf bis sechs Wochenstunden erledigt wird. Der Lehrer soll auf diesen Gegenstand seiner hohen Wichtigkeit wegen allen Fleiß verwenden, soll den innern Zusammenhang zwischen den einzelnen Rechtssätzen und den Dogmen, die Wechselbeziehungen zwischen dem jus äivinnm und dem ZU8 buwanum der Kirche darlegen, soll auf die zahlreichen neueren kirchlichen Erlasse, auf die staatliche Gesetzgebung, nunmehr auch auf das neue bürgerliche Gesetzbuch gebührende Rücksicht nehmen, soll möglichst viele und gründliche kirchenrechtliche Uebungen mit fernen Schülern vornehmen, Disputationen über die jeweils vorgetragenen Materien abhalten und schriftliche Aufgaben hierüber stellen. In anderen Ländern wird auf Kirchenrecht meines Wissens viel mehr Zeit verwendet, und nach einer Privat- äußerung des Ministers Dr. Frhrn. v. Lutz zu schließen, wollte er noch mit den Bischöfen ins Benehmen treten, um eine neue Regelung der Behandlung des Kirchenrechts auf breiterer Basis in die Wege zu leiten, doch Krankheit und Tod vereitelten die Absicht des Ministers, der eine Berechtigung nicht abgesprochen werden kann. Wenn man bedenkt, welch breiten Raum die Behandlung des Eherechts allein einnehmen muß, welch eine praktische Bedeutung z. B. die Lehre vom Pfründewesen und von der kirchlichen Baupflicht hat, wie es zum richtigen Verständniß mancher Materien nothwendig ist. auch auf die geschichtliche Entiwcklnng des canonischen Rechts, des Eherechts u. s. w.. feMer auf das protestantische und orientalische Kirchenrcch? einzugehen, so dürfte auch ein zweijähriger Cursus mit mindestens vier Wochenstunden nicht zu hoch angeschlagen sein. Die Folianten eines Franziskaners Reisfenstuel, eines Jesuiten Schmalzgrueber und Pirhing, eines Benediktiners Böckhe u. s. w. sollen dem Kandidaten der Theorie nicht völlig unbekannt bleiben. Diese monumentalen Werke beweisen zugleich, eine welch hohe Wichtigkeit die frühere Zeit dieser Disciplin beigemessen hat, wie auch die älteren Compendien des Kirchenrechts im allgemeinen viel umfangreicher als die späteren sind. (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Logik- Als Lehrbuch dargestellt von Dr. Ernst Commerz o. ö. Pros. an der Kgl. Universität Breslau. Paderborn 1897. Schöningh. Gr. 8°. S. XIII. 345. Preis M. 5.—. chß Die aristotelische Logik liegt vor uns, kurz und übersichtlich dargestellt nach der conseguenten Entwickelung, welche ihr Albert der Große und Thomas von Aquin gegeben hatten. Nach den Grundsätzen dieser Erklärer der aristotelischen.Schriften sind die psychologischen und metaphysischen Fragen und somit auch die sogen. Erkenntniß- lehre von der Logik ausgeschlossen. Die beigebrachten Stellen (Kleindruck) sind meist den einschlägigen Werken des Aristoteles und der beiden genannten großen Erklärer entnommen. Sie begründen trefflich die knappen Textworte (Großdruck) und sind bestgecignet, den Leser in das Quellenstudium allmählich einzuführen- Das ausgedehnte Verzeichniß der mehrmals angeführten Werke, sowie die Literaturangaben an der Spitze der einzelnen Paragraphen und in den Anmerkungen sollenzu weiteremStudium anleiten und zugleich Fingerzeige für die Geschichte der aristotelischen Logik geben. Mit Umsicht findet sich auch die neuere kritische Forschung verwerthet. Als maßgebende Erklärer sind jedoch nur Vertreter derjenigen Schule gewählt, welche sich von nominalistischen Einflüssen ganz frei gehalten hat. Als Zeugen der stetigen Tradition sind vor allem solche ausgewählt, welche die Geschichte der logischen Streitfragen ausführlich behandeln. Den Uebergang vom Agninätcn auf seinen so bedeutenden Commentator Kaictan vermitteln Soncinas und Savonarola. Kaictans Lehre ist wieder vertreten durch seinen Schüler Javcllus, sowie durch Johannes a 8. 'lAomu und Giovi. Die Ansichten des Dominikus Soto sind wiederzufinden bei Masius, Sanchiez, Lcrma und Ortiz. Javellus, Masius Und Zanardus sind auch wegen ihrer Verdienste um die Erklärung der aristotelischen Texte besonders herangezogen worden. — Zum leichteren Verständniß der Logik gibt die Einleitung eine vorläufige Erklärung von Philosophie und Logik und beschreibt kurz die sogenannten Werkzeuge des logischen Denkens, sowie die zugehörige Methode. Der 1. Theil dann handelt vom Begriff. In 6 Kapiteln werden der Reihe nach auseinandergesetzt die Natur und Eintheilnng des Begriffes, das Wort, die Allgemeinbegriffe (Gedanken- ding, die logischen Gedankengebilde, das Allgemeine), die Prädikabilien (5 höchsten Allgcmeinbegriffe im allgemeinen und einzeln), die Kategorien (obersten Gattungsbegriffe der Dinge, xrakäicamenta — und deren Eigenschaften, die Nachkategorien, xoetpiaeäleamsuta). Der 2. Theil: vom Urtheil. Die 4 Kapitel erklären das Urtheil an sich (Natur. Arten und wesentliche Eigenschaft — logische Wahrheit), die logische Rede, die Aussage (insbesondere die Aussage des Allgemeinen, praeäieatio loAioa, attributio — Natur, Eintheiluug, Regeln), den Satz (Natur, Arten, Bestandtheile: Form, Materie, Quantität, Qualität, Modalität; Eigenschaften der Satztheile und des Satzganzen). Der 8. Theil: von der Folgerung. Die 8 Kapitel behandeln die Folgerung im allgemeinen (Natur, Arten, Gesetze), die beiden Hauptarten: Schluß (Principien, Natur, Theile, Arten) und Induktion (Natur, Gesetze) den beweisenden, apodiktischem Schluß (Principien, Natur, Arten), die nicht beweisenden Schlüsse (Wahrscheinlichkeitsund sophistischen Schluß), die Topik (Auffindung des Mittelbegrisfs, Quellen für Form und Stoff der Folgerung). als Wirkung des beweisenden Schlusses die Wissenschaft (Natur, Gegenstand, Zweck, Unterordnung, Eintheiluug), schließlich die Logik (Bedeutungen, Gegenstand, Natur, Zweck, Nothwendigkeit). — Der Verfasser, hinlänglich bekannt als Herausgeber des Jahrbuchs für Philosophie und spekulative Theologie, sowie durch gediegene philosophische Schriften (z. B. System der Philosophie, 4 Bündchen, 1683/86) bietet auch hier wieder eine gründliche Arbeit. Das Lehrbuch empfiehlt sich durch große Klarheit und Uebersichtlichkeit. Letztere wurde insbesondere dadurch erzielt, daß am Kopfe der einzelnen Absätze deren Inhalt durch markirten Schwarzdruck kurz bezeichnet und die Hauptbegriffe innerhalb des Textes- durch Sperrdruck hervorgehoben sind. Da ein Eingehen auf die älteren kontroversen und eine Auseinandersetzung mit den neueren Logikern über die Grenzen eines Lehr buchs hinausgeht, soll diese Aufgcwe in eigenem Werk'' gelöst werden. — Der Verfasser hält im Einklang mit den Anschauungen Papst Leo's XIII. eine getreue Darstellung der perivatctischen Ueberlieferung in der seit mehr als 600 Jahren bestehenden Schule für das beste Mittel, mit den Vertretern anderer Richtungen in der Philosophie eine Verständigung anzubahnen. Insofern ergänzt das Buch in philosophiegeschichtlicher Hinsicht eine Lücke und liefert zugleich einen anerkennenswerthen Beitrag zur Erkenntniß der fMIosoxüia persmris. Weiß, vi. B. von, k. k. Hofrath, Weltgeschichte, 3. verbesserte Auflage. Lieferung 162—169. Graz und Leipzig 1897. Verlagsbuchhandlung „Styria". Preis der Lieferung 50 kr. — 85 Pf. Der vorliegende Band 21 beginnt mit dem für Preußen unglücklichen Feldzuge von 1806 und reicht bis 1809, eines für die österreichische Armee ruhmvollen Jahres. . Eine Menge wichtiger Ereignisse liegt in diesem kurze» Zeitraume. Der Krieg, in den sich im Spätfahrc 1806 Preußen stürzte, war gerecht und geboten; es zog aber zu spät oder zu früh sein Schwert aus der Scheide und mußte gegen den allgewaltigen Napoleon unterliegen. Dann kämpft Spanien mit Macht und Erbitterung gegen die Einsetzung eines fremden Herrschers. Im Jahre 1809 versucht es Oesterreich, sich der drückenden lleber- macht zu erwehren, und wenn das Ziel auch noch nicht erreicht wurde, so bewies doch die zweitägige Riesen» i 180 Macht bei Aspern, daß der bisher Unbesiegte besiegt werden konnte. Die eingeflochtenen anziehenden Episoden über Generale wie Lannes, Moore, Marinont, La Romaira, Blücher, Gneisenan, Fürst Johann Liechtenstein, über Bolkshelden wie Andreas Hofer, Palafox rmd Schilt, über Geschichtschreiber wie Johannes von Müller und Qormayr, über einschlägige grosse Ereignisse wie den Aufstand in Schweden, die Fahrt der Engländer nach Kopenhagen, anschauliche Schilderungen von Ländern und Völkern, fesselnde Charakteristiken von Staatsmännern wie Stein, Jovellanos, Urguijo, Tallenrand, Caulaincourt, Schwarzenbcrg, Stadion und dem scharfblickenden Metternich, kurz von großen Männern und edlen Frauen, wie die Königin Louise von Preußen und die Kaiserin Ludovica von Oesterreich, machen diesen Band zu einer äußerst interessanten und spannenden Lectüre. Wir empfehlen dieses großartig angelegte Werk allen Freunden der Geschichte anfs neue. Instinkt und Intelligenz im Thierreich. Von Erich Wasmann 8. I. Verlag von Herder in Freiburg. M. 1,30. ? Diese Abhandlung bildet ein Ergänzungsheft zu den „Stimmen aus Maria-Laach" und bietet einen von umfassendem Wissen und scharfer Unterscheidung Zeugniß gebenden Beitrag zur vergleichenden Psychologie. Der Verfasser, der schon früher auf diesem Gebiete mehreres publizirt hat und in vorliegender Schrift vielfach den Einwendungen seiner Kritiker entgegentritt, behandelt ex pi !,t's88u die Begriffe Instinkt und Intelligenz, aus deren Bestimmung und Anwendung die wesentlichsten Differenz- punkte zwischen der älteren und neueren Tbierpsychologie sich ergeben. Die mit großer Klarheit und in vorzüglichem Stil geschriebene Studie Wasmanns wird sicher großem Interesse begegnen. _ Aus dem Tagebuch Kaiser Wilhelms I. Berlin, Verlag von Hugo Stemitz (Charlottenstraße 2). - Dieses Büchlein enthält eine Reihe von bemerkens- verthen Aufzeichnungen Kaiser Wilhelms. Er pflegte nämlich jeden Abend auf einem Blatt Papier Alles zusammenzufassen^ was ihm Wichtiges unter Tags vorgekommen, und diese Blätter mußten andern Tags säuberlich in Reinschrift auf ein Blatt mit dem vom Kaiser gewählten Wahlspruch copirt werden. Einige dieser Auszeichnungen, die sich als letztmilliges Vermächtniß cha- rakterisiren, hat der „Neichsanzeiger" im August 1838 publizirt. Das vorliegende Schriftchen bringt nun einige weitere Aufzeichnungen, die theilweise recht intimer Natur sind. Dabei verfolgt die Schrift eine zum Greifen erkennbare Tendenz: durch die mitgetheilten Aufzeichnungen Parallelen nahezulegen zwischen Wilhelm I. und Wilhelm II., zwischen dem alten und neuen Curs. Dabei fällt alles Licht auf den ersten Kaiser und Bismarck. Es waltet also große Einseitigkeit ob; aber interessant zu lesen ist das Schriftchen immerhin. Der geistliche Mai und geistliche Herbst. Ausgelegt auf das auswendige und inwendige bittere Leiden unseres .. Herrn... Zwei uralte, schöne, auserlesene Büchlein. . . Erneuert durch v. Frz. S. Hattler 8. I. Freiburg i. B., Herder 1897. 12", XII -s- 324. 1,80, geb. 2.50 M. s. Ein recht sinniges Betrachtuugsbüchlcin über die äußeren und inneren Leiden des Herrn, überall mit kern- bafter Nutzanwendung verbunden. Der Text des Büchleins stammt von zwei Verfassern, welche um die Wende des Mittelalters gelebt haben. Es eignet sich für innige chrrstusliebende Seelen, welchen ein Versenken in die Einzelheiten des leiblichen und seelischen Leidens des Herrn an der Hand von Bildern aus der Natur und allegorischen Gestalten keine allzu große Schwierigkeit bietet. Die äußerliche Eintheilung ist in der Weise durch- Zeführt, daß für jeden Tag des Monats Mai und für 35 Tage im Herbst je eine Betrachtung geboten wird. Sehr anerkennenswert!) ist der bildliche Schmuck, be- Das Maifest. Musikalisches Festspiel, gedichtet von G. Pirkl, für Soli, stimmigen Kinderchor und Pianoforte comp. von Ä. Maier. Op. 78. Aner- Donauwörth. Compl. 0,80 M., Stimmen apart 20 Pfg. v. Unter obigem Titel birgt sich ein religiöses Festspiel, eine Weihe jugendlicher Herzen an die Maien- Königin. Der duftige Hauch der Musik, der herzens- warme Ton der Liedertexte in Verbindung mit der Handlung — Bekränzung eines Muttergottesbildes und Fest- zug — werden zweifelsohne unverdorbenen Kinderseelen aufrichtige Freude und innere Erhebung bieten. Dabei ist alles mit den einfachsten Mitteln ausführbar und die Klavierbegleitung selbst von einem ganz mäßigen Spieler ohne besondere Schwierigkeit zu bewältigen. Wer Kindern zum Maimonat reine Freude bereiten will, dem sei das Festspiel angelegentlichst empfohlen. — Zwei stehen gebliebene Druckfehler aus S. 3 und 4 corrigiren sich leicht von selbst. _ Leichen- und Begräbnißpolizei. Von Lor. Aug. Grill, kgl. Bezirksamts-Assessor. Verlag von I. Schweißer (Eichbichler) in München. * Die in Bayern geltenden Bestimmungen in Bezug auf Leichen- und Begräbnißpolizei nebst Dienstanweisung für die Leichenschauer ist der Inhalt dieses Schristchens, das einem Bedürfniß praktisch abhilft, da eine derartige Zusammenstellung der geltenden Bestimmungen auf dem Gebiete der Leichen- und Begräbnißpolizei nicht vorhanden ist. Das Schriftchen wird allen aus diesem Gebiete wirkenden Personen gute Dienste leisten. Es ist gest ausgestattet und kostet nur 75 Pfg. Philosophisches Jahrbuch der Görresgesell» schaft. Verlag der Fuldaer Aktiendruckerei in Flllda. X. Jahrgang. Das II. Heft enthält u. And.: V. Frins 8. I., Zum Begriffe des Wunders. -- L. Sch ü tz, Der Hypnotismus (Forts.) — I. Uebinger, Die mathematischen Schriften des Nik. Cusanus (Schluß). — A. Lins meier 8. I., Inhalt der chemisch-physikalischen Atomhypothese. — Recensionen und Referate: N. Seeland, Gesundheit und Glück, von C. Gutberlet. — I. Hontheim 8.1., Der logische Algorithmus, von I. Pohle. — E. Wasmann 8. I., Zur neueren Geschichte der Entwickelungslehre in Deutschland, von X. Pfeifer. — Br. Petro- nievics. Der Ontologische Beweis für das Dasein des Absoluten, von C. Gutberlet. — I. Sachs, Grundzüge der Metaphysik, von F. Schmid. — I. Frantz, Das Lehrbuch der Metaphysik für Kaiser Joseph II-, von dems. — I. Thill, Die Eigenthumsfrage im klassischen Alterthum, v. V. Thielemann. — A. Kirstein. Entwurf einer Aesthetik der Natur und Kunst, von A. Pfeifer u. s. w. _ „Studien und Mittheilungen aus dem Benediktiner- und dem Cistcrcicnser-Ordcn." Verlag des Stiftes Raigern (bei Brünn, Oesterreich). Preis per Jahrgang (4 Hefte ca. 48 Bogen) 8 M. — 4 Gulden. Das I. Heft 1897 enthält u. a.: Plaine Bcda (0.8.8. Silos): vs initiia IiowitibiiS mirabilibu8guo per 8ooula inorswsutw 0ultu8 L. Llarias Vir§inis. Vi8gui8itto bisto- rioo-Iitnr§iea. (I.) — Veith, Jldefons (0. 8. L. Seckau): Die Martyrologien der Griechen. (III.) — Ponschab Bernard (0. 8. L. Metten): Das Pontificalbuch Gun- dacar II. und des sel. Utto von Metten. (I.) Willems, D. Gabriel (0. 8. L. Asflighem): 8ebolas Bsusüietiuas 8ivo: Os 8oisntÜ8, opsru Llovavboruw OrPnw 8. Lsve- äieti auetis, oxoulti8, propaxatis st oon8orvati8 ; Inbri guatuor a v. Oäons Ornnbisr, monaoüo /Aüi^eniöQsis Llona8terü Orckinis e.juMom 8. Lsnsäioti. (IV.) — Gaffer, k. Vincenz (0.8. L. Gries): Das ehemalige Benedictiner- stift Scharnitz-Jnnichen in Tirol. — Wagner, Phil., vr. (Berlin): Gillon le Muisi, Abt von St. Martin in Tournai. (II.) — Leistle, vr. David (Dillingen): Wissenschaftliche und künstlerische Strebsamkeit im St. Magnus- stifte zu Füssen. (VII.) — Wittmann, vr. PiuZ (München): Johannes Nibling, Prior in Ebrach (0. (!i?t.), und seine Werke. (II.) — Renz, G. A. (München): Beiträge stehend ,n 19 Vollbildern nach den überaus ansprechenden, ,. .. ...... ^ , innigen Zeichnungen von A. u. L. Seitz. Auch die übrige ! zur Geschichte der Schottenabtei St. Jacob und des Ausstattung ist des berühmten Verlages würdig. _Pr iorates Weih St. Peter (0. 8. K.) in Negensburg. (IX.) Sftrautiv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. - Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Nf. 2b. Mge W Allgsbmger Weitung. 13. Mal 1897. Hanse» und der Hypnotisums. Von Charles Saint-Paul. (Schluß.) Nach den bisherigen nothwendigen Klarlegungen wollen wir mmmehr die Aufstellungen Hansens weiter verfolgen. Auch Hansen hat, wie andere Forscher, eine höhere Entwicklung der Geisteskräfte in höheren Stadien der Hypnose beobachtet. Ein Beispiel hievon ist die gesteigerte Erinnerungsthätigkeit,') die Hypermnesie, wie sie im folgendem von Hansen berichteten Fall sich darstellt. Er hypnotisiere in Afrika einen englischen Offizier. Dieser sprach nun plötzlich in der Hypnose eine fremde Sprache. Es stellte sich heraus, daß es die wallisische war. Diese hatte er als Kind gelernt, später aber wieder vergessen, und erst im tieferen hypnotischen Schlafe kam sie ihm wieder in Erinnerung. Diese Beobachtungen veranlassen uns, der Forschungen zu gedenken, die Baron I)r. Carl du Prel in seiner Schrift „Das Sprechen in fremden Zungen" (Leipzig, Mutze) zusammengestellt hat. Er bringt in derselben eine große Reihe von Fällen aus dem Alterthume, dem Mittelalter und der Neuzeit, die sich sowohl auf das Verstehen fremder Sprachen, wie auf die eigentliche Sprachengabe — Glossolalie — beziehen. Hinsichtlich seiner Erklärungsversuche der Phänomene der christlichen Mystik ist zu bemerken, daß. da er die eigentliche Jn- spirationstheorke im christlichen Sinne verwirft, er sich selbst das Verständniß derselben erschwert und die berichteten Erscheinungen als Wirkungen des „transcendentalen Subjekts", d. h. der Fähigkeiten des „Unterbewußtseins", der uns im Wachzustände unbewußten psychischen Kräfte, erklärt. Eines der bisher am meisten bestrittenen Phänomene km höheren hypnotischen Stadium ist das Hellsehen, dessen Existenz Hansen energisch vertritt. Er erzählte in seinen Vortragen folgenden diesbezüglichen Fall. Er wurde einmal während einer Sitzung von zwei Brudern aufgefordert, seine Versuchsperson über ihre (der Brüder) Mutter zu fragen. Die Frau nannte nun eine Straße, in welcher die Mutter wohnen sollte, sagte, dieselbe sei unbedeutend erkrankt und werde einem der Brüder einen Brief in einer geschäftlichen Angelegenheit schreiben. Die Adresse erwies sich nun als falsch. Die Versuchsperson aber blieb bei ihrer Behauptung, es sei die richtige. Nach einigen Tagen erhielt einer der Brüder einen Brief von seiner Mutter in der besagten Angelegenheit, in welcher sie ihm auch mittheilte, sie sei umgezogen, und zwar in die Straße, welche die Hypnotisirte ') Ich erinnere hier noch an die bekannten Experimente Krafft-Ebings, die den Beweis liefern, daß in der Hypnose nicht nur durch Suggestion geschaffene Typen kindlicher und jugendlicher Persönlichkeiten festgehalten, sondern auch individuelle frühere Zustände, die potentiell im psychischen Grunde vorhanden sind, „frühere Jchpersönlichkeiten". wie Krafft-Ebing sich ausdrückt, hypnotisch wieder realisirt werden können. Die Erhöhung des Erinnerungsvermögens, die hiezu nothwendig ist. müßte nur unbedeutend erscheinen, wenn man die Behauptung indischer Bogis für glaubwürdig halten könnte, die sich sogar früherer „Inkarnationen" nnd aller Verhältnisse in denselben während der Sanyama — Zurückziehung, Autohypnose — erinnern zu können vorgeben. Hierüber Näheres in der Studie über Krafft-Ebings Experimente von Chastenct de Puysögur in der Monatsschrift „Sphinx" (August und September 1893). genannt hatte. In diesem Falle dürfte wohl kaum Gedankenübertragung anzunehmen sein. Uebrigens werden auch von andern Forschem gegenwärtig die Phänomene des Hellsehen) anerkannt. Die umfassendste Darstellung der diesbezüglichen Forschungen hat Baron Dr. du Prel in seinem Werke „Die Entdeckung der Seele" gegeben, auf das ich alle, die sich mehr für dieses Gebiet interessiren, verweisen muß. Eine der bedeutendsten Zusammenstellungen diesbezüglicher Beobachtungen in englischer Sprache hat Mme. Henry Sidgwick in den krooeoäings ok tsts Lvoiet^ kor kszicbioul kssearost veranstaltet; dieselbe wurde unter dem Titel „Lussi sur 1«, xrouvo äs Irr elrrirvvMULo" von Marcel Maugiu für die ^.nnalos äas Lcioncas ksxoüiguög (1891, p. 2V2, 268 und 1892, pg.x. 12 bis 47) übersetzt. In dieser Zeitschrift findet sich überhaupt eine Fülle von Material über diesen Gegenstand. Besonders bemerkenswerth ist noch das erhöhte Ne- generations - (HeilungS-)Bestrebcn des Organismus im Schlafzustande. Hansen konnte bekanntlich seinen Versuchspersonen kleine Wunden beibringen, die sich sofort schloffen, und die neueren Hypnotiseure machen häufig ähnliche Beobachtungen. Man wird hiedurch an die Erzählungen von den unverwundbaren indischen SanjasiS und Jogis sowie den mohammedanischen Fakiren (Aissawijas) erinnert, welche die erstaunlichsten Experimente in einer Art Autohypnose verrichten. Aehnlich wie erhöhtes Hellungsbestreben ist auch erhöhte organische Bildungsfähigkeit in der Hypnose zu constatiren. Hieher gehören die Berichte vorn hypnotischen „Stigma", die Hansen aus eigener Erfahrung bestätigte. Dieselben finden sich tu dem Beitrage des berühmten Psychologen F. W. H. Myers „Psto Lnbliminal Oonsoious- no8s" (das Unterbewußtsein) zu den krooseckings ok tds Looiotx tor ksxolrioal Rögsared in London (Februar 1892, Vol. VII, kurt. XX, ftaZ. 298 — 356) zusammengestellt; neuerdings hat auch Baron du Prel eine deutsche Schrift über das Stigma (Scparatabzug aus der Zeitschrift „Die Zukunft") herausgegeben. Ich hoffe, demnächst in einer Studie den Unterschied zwischen dem mystischen und hypnotischen Stigma genauer feststellen zu können. Ich habe nun noch von den Erfahrungen Hansens bezüglich der Suggestibilität oder Fähigkeit zur Hypnose bei den verschiedenen Völkern, die er besuchte, zu sprechen. Völker, die langsam im Denken und schwerfällig in den Bewegungen sind, können ebenso schwer hypnotisirt werden, als hochentwickelte Menschen, bei denen Wille und die Scelenkräfte überhaupt vorzüglich ausgebildet sind. Letztere sind eben mehr autosuggestibel, sie können selbst die Concentration wachrufen, aber nicht veranlaßt werden, auf fremde Befehle zu reagiren. Hansen versuchte hier in München, wie ich bei dieser Gelegenheit erwähnen möchte, im Beisein eines berühmten Arztes einen bekannten Philosophen zu therapeutischen Zwecken zu hypnotistren. Er wandte Suggestion und Magnetisation an, der Arzt gebrauchte überdies Narkose; der Gelehrte blieb aber trotzdem bei Bewußtsein, was Hansen zur Verzweiflung brachte. Die Proccntsätze desselben für die Suggestibilität dürften ergeben, daß im Allgemeinen die südlichen Völker snggestiblcr sind, als die nordischen, Zu Belgien (von den Vlamen) waren 5—8 fug- gestibel, (Wallonen 35—40 °/g), in Dänemark 20 Schweden 26 «/,»Norwegen 20 °/g, Norddeutschland 20 Süddentschland 30 «/„. Sachsen 35 «/„. Frankreich 35, in gewissen Theilen 80 «/,, England 31 «/§, Oesterreich- Ungarn 38 «/<>, Australien 30 °/,, in den Ländern am Südufer des Mittelmeeres 37 «/,, in Südafrika (wo nicht holländische Bevölkerung) 33 «/,. Diese Zahlen nun ergaben sich nur durch die Experimente auf öffentlicher Bühne. Diejenigen Forscher, welche unter günstigeren Verhältnissen Experimente anstellten, haben ganz andere Procentsätze für die Suggestibilität erwiesen. Nach den neuesten Zusammenstellungen kann man annnehmen, daß unter den richtigen Verhältnissen 94—97 «/„ der Menschen hypnotisch beeinflußt werden können. Schmidkunz-Gerster haben ihrem Werke (Psychologie der Suggestion) eine Tabelle über die Hypnotisirbarkeit des Menschen nach den Berichten von LiLbcault, Van Renterghem und Van Eeden, Sallis, Nonne» Forel, Wetterstrand, Ringier eingefügt, welche von großer Wichtigkeit ist. Bei den 97 «/<> Hyp- notistrbaren ist aber der Grad der Hypnose , eben ein sehr verschiedener. Der tiefste hypnotische . Schlaf, der Somnambulismus. ist etwa bei 16 — 18 «/, der Menschen zu erzielen. Man hat geglaubt, daß krankhafte Zustände der Nerven günstige Vorbedingungen für die Hypnose seien. Schon Hansen hat mit Neurasthenikern, >vie er bemerkt, nicht immer günstige Resultate erzielt. Nunmehr haben diesem Glauben auch mehrere andere Fachmänner opponirt, z. B. Wetterstrand. Geister unterscheidet zwei Arten von Hysterikern. Die Hysteriker I find psychonenrotisch veranlagt und besitzen eine außerordentliche Empfänglichkeit für Fremdsuggestionen.. Die Hysteriker II. dagegen sind psychopathisch mrd für Fremdsuggestionen fast ganz unzugänglich, dagegen äußerst autosuggestibel. Die Vernachlässigung dieser Unterschiede veranlaßte bisher die widersprechendsten Berichte über die Hypnotisirbarkeit der Hysteriker. Niemals sollte- wie Hansen betont, ein Unerfahrener es wagen, auf eigene Faust zu hypnotisieren, besonders nicht zu Heilzwecken. Die Berufenen zur Feststellung und Behandlung der Krankheit sind die Aerzte, und erst auf ihre Anordnung hin sollte auch ein erfahrener Hypnotiseur seiner Ansicht nach handeln. Wir werden durch die Warnung Hansens auf ein Kapitel aufmerksam gemacht, welches in neuester Zeit viel umstritten wurde, Es ist das von den Gefahren der Hypnose, die theils unterschätzt, theils von Aerzten, die nur in Folge ihrer Ungeschicklichkeit schlechte Erfahrungen gemacht haben, übertrieben werden?) Sämmtliche bedeutende Forschers sind der Ansicht, daß man als Hypnotiseur nicht genug Vorsicht bezüglich der Auswahl der Versuchsperson gebrauchen könne, und daß speciell Subjekte hysterischer Natur mit seelischer Ueberempfind- lichkeit (psychischer Hyperästhesie) möglichst fernzuhalten find?«) 7 Siehe die Zurückweisung neuerer Angriffe auf den Hypnotismus in der Schrift des Freiherr» Dr. v. Schrenck- Notzing: Der Hypnotismus im Münchener Krankenhause. Eine kritische Studie über die Gefahren der Suggeftiv- behandluna. Leipzig, Abel. 1894. «) Siehe die grundlegende Darstellung der Gefahren der Hypnose in dem empfehlenswerthen Buche des Dr. Schmidkunz: Der Hypnotismus. Stuttgart, Mohrmann. 1892. In einem vor kurzem erschienenen Druckhcft „vs I'expöiüuüutAtion ckaus 1'ötncls äe klrvpuotisnn? warnt -der Leiter des hypnothcrapischen Laboratoriums der Ferner wird darauf hingewiesen, wie nothwendig es ist, daß der Hypnotiseur die nöthige Klugheit auch in der Auswahl der Suggestionen anwendet. Er müsse sich ganz in die suggestive Individualität des Einzelnen hineindeuten können, zusehen, in welcher Eigenart jeder die Suggestion aufnimmt, vor allem aber nie das Matz der nöthigen Suggestionen überschreiten. Ueberdies müsse er im „Desuggestionireii", in der Zurücknahme der Sug gestion, deren Erfolg schwinden soll, sehr gewissenhaft sein. Moll hält sich darüber auf, „daß ein Desug. gestionircn überhaupt den meisten vollkommen unbekannt ist". (Moll, Der Hypnotismus p. 252.) Eine sehr ins Gewicht fallende Gefahr ist die immer mehr wachsende Disposition zur Hypnose und für suggestive Einflüsse aller Art; auch kaun der künstliche Somnambulismus, wie Winde (D. H. p, 63) bemerkt, schließlich zum Autosomnambulismus werden, der lange Zeit hindurch andauern kann. Ueberdies soll die Hypnose nach Anschauung mehrerer Forscher, unter andern auch Bernheims, die stärkste Ursache zur Entfaltung der Hysterie sein. Jedoch meint Geister: „Hysterie ist ein specifisches Produkt klinischer Hypnotisirerei." (Schmidkunz puZ. 177.)") Ferner bc- Eharitö. Gorard Encausse, entschieden vor den» häufigen Gebrauche derselben Versuchspersonen und besonders vor denen, welche, wie es ,ctzt besonders in Paris der Fall ist, sich als „suzst kz^uotjgns" für einige Francs verkaufen, indem sie sich dabei meist auf ihre frühere Verwendung zu Versuchen von Gelehrten berufen. Es könne bei Feststellung neuer hypnotischer Phänomene der Irrthum nicht vollständig ausgeschlossen werden, wenn immer nur dieselbe Versuchsperson geprüft iverde; bei Professions» medien sei überliculpt der Betrug viel eher annehmbar. ") Das dürfte auch der Inhalt der Schrift erweisen, welche vor kurzem Dr. Freiherr v. Schrenck-Notzing über die Experimente eines Assistenz-Arztes des Dr. von Ziemsfenim Münchener Krankenhause, Dr. Fr., herausgegeben hat. (Der Hypnotismus, im Münchener Krankenhause. Eine kritische Studie von Dr. Frhr. v. Schrenck- Notzing. Leipzig. Abel. 1894.) Letzterer hat. wie der Verfasser nachweist, die Erläuterungen der Nancyer Schule über den Hypnotismus, auf denen er fußen will, gar nicht verstanden. Er behauptete in dem Berichte über seine Erfahrungen oft gerade das Gegentheil von dem. was die Nancyer Experimentatoren sagen. Die Vorschriften der neueren Autoren, besonders Bernheims, scheint er gar nicht zu kennen, da er sie nicht befolgte. Ich will deßhalb einige der bezeichnendsten Stellen aus seinem Berichte, tue Dr. v. Schrenck aufführt, wiedergeben. ,,Bei einem Versuche,—es handelte sich um eine Kellnerin, der man ein Zahnleiden vertreiben wollte, — gelang die Hypnotisirung durch Einwirken arrf den Gehörsinn, 20 Minuten wurde das Ticken einer Uhr mit dem Gehör fixirt, ein anderes Mal hat Dr. Fr. eine Messingkugel 7- Stunde lang firiren lassen, obgleich von den rneisten Autoren auf die Schädlichkeit der Fixationshypnose im allgemeinen hingewiesen wird. Sodann ließ er den erhobenen linken Arm 7« Stunde lang in kataleptischer Stellung, obschon er über den Zustand des Nervensystems und über die individuelle Suggestibilität der Patientin durchaus nicht genügend orientirt war. Ehe er noch dazu kam, ihr irgend eine therapeutische Suggestion beizubringen, wachte die Patientin spontan auf und- klagte über Schmerlen in der linken Schulter und im linken Oberarm. Die nicht absuggerirten Zahnschmerzen waren erklärlicherweise geblieben. Es folgte eine unruhige Stacht, und in der folgenden Visite traten Krampfanfalle ein, die zunächst das Fascialisgebiet ergriffen und später die Arm-, Rumpf- und Beinmuskulatur, so daß schließlich die Bettstelle in zitternde Bewegung gerieft). Erst letzt erfuhr Dr. Fr., daß die Patientin schon 8 Tage vor dem Eintritt in die Anstalt Zuckungen gehabt habe. Anstatt nun wenigstens die Folgen des unvorsichtigen und von so üblen Nachwirkungen begleiteten Katalepsie-Experiments durch beruhigende Suggestion wieder auszugleichen, snggerirte vr. Fr. der Patientin den Eintritt eines neuen 189 M ! i hauptet man, daß die Hypnose allgemeine Nervosität erwecke. Moll glaubt aber, daß diese nur durch das Fixationsverfahren Braids herbeigeführt werde. Ebenso kann Geistesstörung nur dann eintreten, wenn gewisse Grenzen überschritten werden. Moll empfiehlt für alle Fälle kurz folgende drei Vorsichtsmaßregeln: möglichste Vermeidung andauernder Sinnesreize, möglichste Vermeidung aller psychisch erregenden Suggestionen, absolutes Desuggestionire» vor dem Erwecken. Im Allgemeinen ist darauf hinzuweisen, daß selbst Fachmänner, wie Minde (Ueber Hypnotismus, 1891, pag. 17), welche die Gefahren in allen Einzelheiten und Möglichkeiten besprechen und sogar als solche Tobsuchtsanfälle, Hcmichorea (kleiner Veitstanz), Konvulsionen, Katalepsie, Weinkrämpfe, Wahnsinn u. a. aufführen, schließlich wieder in gewisser Hinsicht beruhigen. So schreibt Minde (pag. 19): Die meisten der durch den Hypnotismus bedingten Gefahren für die Gesundheit sind — und das ist eine große Beruhigung für uns — von Laien durch die leichtsinnigsten Manipulationen und durch geradezu sinnlose Suggestionen hervorgerufen worden. Wendet man die Hypnose in vorsichtiger Weise an, läßt wie bei der Narkose die gehörigen Rücksichten gelten, führt nur, leichtere Grade herbei und dehnt den Schlaf, nicht übermäßig lang aus, so wird man wohl nie oder in den seltensten Fällen eine Unannehmlichkeit zu fürchten haben. Zn ähnlicher Weise soll auch die rechtliche Gefahr nur seltener in Betracht kommen. Es ist bekanntlich dieselbe in Processen der letzten Zeit, in denen Mißbrauch der Hypnose anzunehmen war, wie z. B. im Processe Czynski, eingehend erörtert worden. Von einzelnen Fachmännern, wie vonBonjean (karis, 1890) ist die Frage bejaht worden, ob durch Suggestion Handlungen verursacht werden können, welche dem ganzen Charakter des Individuums widersprechen. Ferner ist es in Betracht zu ziehen» wenn Schmidkunz darauf hinweist, daß eine Person bei fortgesetzter Hypnose immer empfänglicher für Eingebungen auch. im Wachzustände wird, — wieder eine Warnung vor Ausbildung von Berufs- hypnotikern. Was die sittliche Gefahr im allgemeinen anbelangt, so dürfte die von katholischer Seite gemachte Bemerkung, daß in der Hypnose eine nicht zu rechtfertigende Verzichtleistung auf die Freiheit und Selbstständigkeit der eigenen Persönlichkeit erfolgen kann, berücksichtigt Iverden.") Man wird aus ^ der erfolgten Darstellung ersehen Anfalles im wachen Zustande. In der That kehrte derselbe auch wieder. Statt besonderer Rücksichtnahme auf die Erregbarkeit des Nervensystems bei der Patientin, wandte vr. Fr. nunmehr Fixiren einer Messingkugel an. um von neuem Hypnose hervorzurufen, nachdem ein Hyp- notisirversuch am Tage zuvor wegen zu großer Erregung der Patientin erfolglos geblieben war. Nach dem Erwachen zeigte sich bei derselben Schwindelgefühl, Kopfweh, die Mcssingkugel tanzte vor ihren Augen, sobald sie dieselben schloß: außerdem hatte sie nachts noch einen Anfall." Auf sonstige Fehlgriffe des vr. Fr.: Erwcckuna von Hallucinationen rc.. worüber sich vr. v. Schrenck- Notzina äußert, will ich hier nicht weiter eingehen. ") Finlay 8. >7. meint in seinem Werke über Hypnotismus, ,,es erscheine als eine gänzlich ungerechtfertigte Verzichtleistung auf unsere eigene unabhängige Persönlichkeit. sich der Controlle über die eigenen Handlungen zn begeben, eine Zeit lang das vollständige Instrument des Willens oder der Laune eines andern zu werden: wir feien da nicht mehr länger die Herren unseres eigenen Thuns, wir könnten angeleitet werden, uns selbst und -andere zu schaden." haben, daß eine tiefere Erforschung des Hypnotismus von Seite der Gelehrtenkreise viele neue Thatsachen und Probleme zu Tage förderte. Einem Praktiker wie Hansen ist bei seinen Verhältnissen es nicht gegeben gewesen, derart einzudringen, und er war, wie schon angedeutet, nur dazu bestimmt, vorerst gewisse Kreise auf einzelne Punkte einer neuen Experimentalpsychologie aufmerksam zu machen, deren Werth darin bestehen könnte, bei weiteren Forschungen Mediciner und Psychologen von dem herrschenden Materialismus abzuwenden. Etwas über Geschichtsforschung. Eben, da ich diese Zeilen schreibe, liegt vor mir die wirklich prachtvoll illustrirte „Deutsche Geschichte" von L. St. Ich blättere ein lvcnlg im 2. Band derselben herum und finde unter anderen: auch das Facsimile eines Ablaßbriefes, welchem zum besseren Verständniß eine deutsche Uebcrsctzung beigedruckt ist. Ich kann es mir nicht versagen, diese Wiedergabe mit dem Originale zu vergleichen, und finde da zu meinem Erstaunen ganz sonderbare Dinge, welche zu interessant sind, als daß sie dem Leser vorenthalten werden könnten, zumal sie wieder einen Beweis für die Leichtgläubigkeit liefern dürften, welche unsere Gegner zuweilen von ihren Lesern fordern. — Der verehrte Leser möge meinen Ausführungen an der Hand des Originaltextes folgen, welcher (soweit er nämlich hier in Betracht kommt) wörtlich also lautet: 1. 6uur öanctissimuZ in Christo pater et äo- wivus noster äowinus blioolaus «tivinrr proviäentia, psps, V. . . . gratis cxmeessit ownidus iv Christo üäelibus ... «jni . . . proouratoribus vol rwntiis Lubstitutis pis eroZavsriut, ut Ccmkessorss . . per ixsos eligevcii oookessionibns eorum auäitis pro commissis etiam 8e6i axostolieue reservutis ex- cessibus... äsbitam absolutiouem iwponäere . . ae eis vsre povitevtibus st ecmkessis Iväulgentiam ae xlenariam remissioaem ,.. auekoritats apostolim» conoeäere valeavt. 2. Es folgt eine Formel für Gesunde: Alissreatur tui eto. Vowinus ooster ltosus Christus pro 8ua sairetissimL et xiissiina missrievräia te absolvat, st . . . auotoritate apostoliea vrisii evmmissa . . . LZo ts ubsolvo ab ovanious peoeatis tuis oontritis, vonkessis et oblitis u. s. w. vecnoa ab oirmibus xoeuis ecelesiastieis u. s. w. 3. Folgt eine Formel für Sterbende, durch welche nicht nur von allen Sünden, Reservatfällen u. f. w. (also wie beim Jubiläumsablaß), sondern auch von allen nicht nur den kirchlichen Sündenstrafen nach erfüllter Bedingung freigesprochen wird. Nr. 1 übersetzt der Verfasser folgendermaßen: ,,D« der heiligste in Christo Vater und Herr, unser Herr Nikolaus, durch die göttliche Vorsehung Papst, der fünfte . . . unentgeltlich allen in Christo Getreuen . . . gestattet hat, welche ... von den dazu eingesetzten Verwaltern oder Boten pflichtmäßig erbeten haben, daß . . . durch sie selbst zu ivählcnde Beichtväter, nach Vernehmung derer Glaubensbekenntnisse, für begangene auch dem apostolischen Stuhle vorbehalten«: Ausschreitungen ... schuldige Vergebung zu verhängen . . . und denen, die wahrhaft bereut und bekannt haben,.. . eine völlige Er- lassnng infolge apostolischer Machtvollkommenheit einzuräumen die Kraft hätten." Nr. 2 übersetzt der Verfasser, wie folgt: „Es möge sich deiner erbarmen n, s. w. Unser Herr Jesus Christus 184 durch seine heiligste und gütigste Barmherzigkeit möge dir vergeben, und . . kraft der mir Übertragenen . . Machtvollkommenheit spreche ich dich von allen deinen reuig gefühlten, begangenen und tn Vergessenheit gerathenen Sünden . . . nicht minder von allen . . . kirchlichen Strafen . . . frei u. s. w." Da nun der Verfasser offenbar beweisen will, wie in der katholischen Kirche Acußerlichkeiten die echte evangelische Bußgesimmng ersetzen können, so ist es am Platze, die obige Uebcrsetzung mit vorurtheilsfreiem Auge auf ihre Nichtigkeit zu prüfen lind dann zuzusehen, ob das Resultat unserer Untersuchung auf dem Boden des wahren Christenthums fuße. Einmal muß uns auffallen, daß der Verfasser „con- teksionibrm ooruiu rmclitis" mit „nach Vernehmung derer Glaubensbekenntnisse" übersetzte. Eher dürfte am Platze sein: „nach Anhörung ihrer Süudenbekenntnisse". Dafür sprechen 3 Umstände: 1. Zu tvas „Oonkessorss", wenn nicht zum Beichtehören? 2. Zu was „6onk688or«8 pvr ip 808 sliZenäi," eine Maßregel, durch welche offenbar das bet der Beicht oft natürliche Angst- oder 'Schamgefühl beseitigt werden soll? 3. Heißt das katholische Glaubensbckenntniß nie aoaiassio, sondern stets Sodann ist es noch sonderbarer, daß der Verfasser gerade in den beiden kleinen, also auch für den unachtsamen Leser in der Uebersetzung leicht verständlichen Formeln peceatia „conkezmZ" mit „conkeotis" verwechselt, also mit „begangene" statt „gebeichtete Sünden" übersetzt. Da mag allerdings mancher Leser des Wanderers Eile mit drohend geschwungener — Grammatik h'Minen und fragen, seit wann das Medium der Deponentia passive Bedeutung hat; allein einmal haben wir Küchenlatein vor uns, und gleich daneben steht in „oblitia" der gleiche Fall, und dann übersetzt der Verfasser selbst das gleiche Wort im langen Dekret richtig, was bereits angedeutet wurde. Woher kommt das? Während uns' also der Verfasser den „Ablaßhandel" so nialt, daß der glückliche Besitzer eines solchen Ablaßzettels nur bei deut „von ihm erwählten" „Beichtvater sein Glaubensbekenntniß beten durfte, um die tröstliche Gewißheit seiner Auscrwahlung zu besitzen, mußte derselbe, wie das Dekret ausdrücklich erklärt, seine Sünden bereuen und beichten und den festen Vorsatz haben, sich zu bessern, *) um der Gnade des Ablasses theilhaftig zu werden. Dürfte da der Verfasser jenes Werkes, wenn er auch die kirchliche Lehre vom Ablaß verwirft, nicht zugeben, daß sie sich auf etwas anderes gründet, als auf ein moralisches Faulenzerthum, wie er uns glaube» machen möchte? ll. Recensionen und Notizen. Das kirchliche Bücherverbot. Ein Commentar zur Constitution Leo's Xlll. „Oktieiorum so muusrum" vom 24. Januar 1897 von Dr. Jos. Holl weck, Pros. ant b. Lyceum in Eichstätt. Mainz. Kirch- heim (VI u. 63 S.) Preis 75 Pf. e. Die hier angezeigte, soeben erschienene Schrift kann jedem Leser der „Postzeitung", er sei Geistlicher oder Laie, aufs wärmste empfohlen werden: vielen dürfte sie unentbehrlich sein. Im engen Anschluß an die päpstliche Constitution über die verbotenen Bücher wird das nunmehr in dieser Sache geltende Recht kurz und übersichtlich dargestellt in 4 Abschnitten: Lektüre und Aufbewahrung. Herausgabe der Bücher, Verlag und Verbreitung, Censur. Die Einleitung bietet in einer Uebersicht die rechtsgeschicht- liche Entwicklung des Bücherverbotes, ein Anhang bietet den Text der neuen Constitution: das beigegebene Register steigert die praktische Brauchbarkeit des Büchleins. Theoretiker wie Praktiker werden viel Werthvolles in den zahlreichen Fußnoten finden. Zeitschrift des kathol. Universitätsvereines von Salzburg. Druck von A. Pustet in Salzburg. Preis pro Jahr 1 fl. Das U. Quartal-Heft 1897 enthält u. And.: Bericht über die XHl. Generalversammlung des Vereines am 17, Jänner 1897: Geschäftsbericht, Rechnungs-Abschluß. — Quartalsbericht. — Berichte von Pfarrgruppen. — Fünftes Verzeichniß der Subscribenten. — Spenden-Ausweise. — Litterarischer Anzeiger. — Aviso. — „Vuivsrsitas ea- tboliva'': Bedeutet die Gründung einer neuen Universität das Aufgeben der schon bestehenden? Apologie des Christenthums von vr. Fr. Hellinge r. 7. Aufl. Herausgea. von Dr. Eng. Müller. Vertag von Herder in Frewnrg. * Diese nerre Auflage, welche in 20 Liesg. (K M. I —) erscheint, ist nun bis zur 13. Lieferung gediehen. Letztere umfaßt die Vortrüge „Christus der Prophet", „Christus der König", „Die hl. Sakramente". Historisches Jahrbuch der Görresgesellschaft. Commissionsverlag von Herder u. Cie. in München. ^Jährlich 4 Hefte. zus. 12 M.) XVIII. Jahrgang. Inhalt: Diecamp. Das Zeitalter des ErzbtschofS Andreas von Cäsarea. — Sägmüller, Der Schatz Johanns XXII. — Grauert, Neue Dante-Forschungen. — Schnür er. Lamprechts deutsche Geschichte. — von Nostitz-Rieneck, Die Briefe Papst Leo's I. im Ooäsr Llouaosusis 14540. — I ostes, Meister Johannes Rellach, ein Bibelübersetzer des 15. Jahrhunderts. — Suoutkvr. Lpistulas iMpsi-Atoruw sto. Lars I. — Ders., Avellana- Studien (v. Nostitz-Rieneck). — Krumbacher, Geschichte der byzantin. Literatur. 2. Auflage. (Weyma n.) — Bericht über die Arbeiten des römischen Instituts der Görresgesellschaft für das Jahr 1695/96. — Bevorstehende Novitäten. — Preisaufgaben und Preisertheilungen nsm Theologisch-praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. oder 60 S. gr. 8°. Preis ganzjährig 5 Mk. In Commission der Buchhandlung Gg. Kleiter in Passau. Inhalt des 5. Heftes 1897: Aufruf zur Gründung eines Chäritas-Verbandes für das katholische Deutschland. — Oekolampadius im Birgittenkloster in Altomünster. — Bibel und Wissenschaft. (Forts.) — Die Anzeigepflicht im Sinne der Artikel 17 und 31 des bayerischen Armengesetzes. — Die Pfarragende. — Die Verwilderung der Jugend. — Äauernvereme und Seelsorgsvflichten. — Die Litauiae w^orss in kssto 9. Llaroi und die IntLniae miuores Roxatiomuu. — Die Besteuerung der Jahrtags: stiftungen. — Entgegnung. — Umlagen für Kirchenzweck in politischen Gemeinden. — Streiflichter auf die social« Lage. — Wie find ssiEatui bezüglich der heiligen Kommunion zu behandeln? — Die Applikation der Psarrmesse. — Die Verstümmelung des Credo auf unseren Kirchen- chören. — Fundationskapitalien für Gottesdrenststiftungen. — Feüersgefahr bei der Maiandacht. — Genuflexion während des Credo. — Ein Buch für den christlichen Familien« erein. — Feier der Neqmemmessen. — Neueste Erlasse und Entscheidungen der römischen Kongregationen. — Erlasse der obersten Verwaltungsstellen und Entscheidungen der obersten Gerichtshöfe. — Litterarische Novitätenschau. ') „äummockp taytuw sx coukckeutia rsmisLiouis.... xeceors uou pessumaut, alioguiu äiota eouosssio guoack xlsuariam remissiouöm in mortis artieulo st remissiv guosck poeeata sx eonkckontia ut xromittitur eommiLsa uuUius siut rodoris vol momsnti." Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. An. 27 M Kiigskmger I-ßzeiimg. ^»- E Sonntagsbuchstabe und Coufusilinsjahr. Von Al. St anal. Bmcficiat in Tuntenhausen. Im Feuilleton der „A. Postztg." vom 10. April lfd. Js. war zu lesen, wie auf Bemühungen des Pros. und Directors der Berliner Sternwarte W. Förster hin bezüglich einer Einschränkung der Beweglichkeit des Osterfestes Papst Leo XIII. schon vor mehreren Jahren den damaligen Director der Vatikanischen Sternwarte, I>. Denza, beauftragt habe, sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Diese Bereitwilligkeit des Heiligen Vaters setzt uns nicht im Geringsten in Erstaunen. Auch wir halten jetzt die Zeit für eine Beschränkung für gekommen. Aber das glauben wir schon jetzt bestimmt voraussagen zu können, das; die vorgeschlagene Woche vom 4.-11. April nicht als Osterwochc acceptirt werden wird, und zwar darum nicht, weil sie ganz willkürlich herausgegriffen wäre und absolut keine historische Berechtigung hat. Die einzig richtige Osterwochc ist jene vom 28. März bis 3. April, also eine Woche früher. Man beachte übrigens, wie Ostern im Jahre 1899 fallen wird. Da wird sich die Nicänische Osterregel von selbst aufheben. Sie wird nämlich nicht mehr angewendet sein. Man wird da die goldene Zahl 19 haben und die Epakte XVIII zählen, in Wirklichkeit wird sie aber XX sein, denn der Neumond wird im Jahre 1899 am 11. März eintreten, Vollmond aber wird am Samstag den 25. März sein. Weil nun das Frühlingsäquinoktinm in jenem Jahre noch am 20. März sein, 1900 aber auf Pen 21. März vorrücken und dann dort verbleiben wird, so ist offenbar jener Vollmond Imna xaseftalis, und sollte daher nach der Nicänischen Regel am 26. März Ostern gefeiert werden. Es wird aber erst am 2. April Ostersonntag sein, und das ganz mit Recht, denn am 26. März wäre Ostern verfrüht. Wir haben den Grund dieser Abweichung in der st'aliula pasoftalis zu suchen, die uns sagt, daß mit der I-itsra Vormnieaiis I- und der Epakte 18 Ostern am 2. April gefeiert wird, während es mit der richtigen Epakte 20 am 26. März sein würde. Man sieht, der Mond selbst protcstirt sozusagen gegen eine längere Fortdauer der Osterregel des Nicännms. Denn der 26. März des Jahres 785 II. 6. oder 34 der Lsra vuIZ. ist der Todestag des göttlichen Heilandes, folglich der 28. März der Tag seiner glorreichen Auferstehung, das erste christliche Ostern. Demnach sollte Ostern nie vor dem 28. März, sondern am Sonntage der dem 27. März folgenden Woche sein. Es ergibt sich das aber auch schon aus der Ostcr- regel des Concils von Nicäa von selbst. Der früheste Ostervollmond ist jener, der auf den 21. März fällt, und ist dieser Tag ein Sonntag, dann wird Ostern am nächstfolgenden Sonntage, also am 28. März, gefeiert. Läßt "man daher die Rücksicht auf den Mond bei Seite, so bleibt immer noch der erste Theil der Regel aufrecht und könnte nur dahin lauten: Ostern wird jedes Jahr gefeiert am 28. März, wenn eS ein Sonntag ist, oder am Sonntage der folgenden Woche. Damit wäre der Osterkreis auf eine Woche beschränkt und entspräche der historischen Wahrheit. Eine andere Frage ist: wie kam das Nicänum zur Aufstellung seines Ostercanons, oder wann war Ostern im Jahre des Concils? Es läge sehr nahe, nach den Erläuterungen des Oalsnäarinw. Ikoirrannm Ds aims st SM8 partilnm, nach der laftnla pasostaiis antigua rskormata sich zu richten, und man erhielte für das Concilsjahr nach bisheriger Rechnung den Svnntagsbnch- staben 6, die goldene Zahl 3 und die Epakte *, dem« nach Ostern am 18. April. Damit würde man aber der Wahrheit bös in's Gesicht schlagen. Es muß einleuchten, daß der in der l'adnla eingesetzte Epaktencyklus wohl nicht weiter zurückweichen kann, als bis dahin, da er eingeführt wurde, und das war im Jahre 153 der Aera Diokletians — 437 n. Chr. Er begann also erst über 100 Jahre nach dem Concil. Darum läßt sich mit dieser stlabula nichts Sicheres erniren. Wenn wir nun aber in Zweifel ziehen würden, ob wir das richtige Concilsjahr haben, und wenn wir sagen würden, die Beschlüsse des Concils von Nicäa datiren vom Jahre 326 nach Christus, so wissen wir, daß die ganze Gelehrtenwelt über nns herfallen und sagen wird: Es ist doch eine allgemeine und unbestrittene Thatsache, daß jenes Concil im Jahre 325 stattfand. Wir aber sagen: Nein, denn wir bestreiken es. Uns imponirt diese Allgemeinheit gar nicht. Von jenem Concil bis zur Einführung der christlichen Aera vergingen mehr als 200 Jahre. Man lebte damals in der diocletianischcn Aera» und wer bürgt nns dafür, daß das Concilsjahr dieser Aera richtig in die Lsra vul§. übertragen ist? Es ist das so wenig richtig als das allgemein angenommene Jahr 33 der Lora vnig. als Todesjahr Christi und als die Behauptung, Dionysius ExignuS habe das Jahr 754 II. 6. als erstes der christlichen Aera gerechnet. Wir machen uns anheischig, obige Frage genau und erschöpfend zu beantworten, indem wir sagen: Der bestehende Osterfest-Canon wurde vom Concil von Nicäa aufgestellt im Jahre 1078 II. 6. — 42 Lsrao Dioolotiani — 354 der attischen oder ncnäghptischen Aera ---- 326 Laras vui§. Neumond war in jenem Jahre am 11. März, Vollmond am 25.; Sonntag war am 20. und 27. dieses Monats, also Ostern am 27. März. Daher stammt wohl auch die Tradition, welche in den mittelalterlichen Kalendarien bis ins 13. Jahrhundert sich findet, und worin der Todestag des Herrn auf den 25. März, der Tag seiner Auferstehung aber auf den 27. dieses Monats angesetzt ist. Woher wir das Alles so bestimmt wissen? Wir verdanken unser Wisse», welches hinsichtlich der Zeitrechnung jetzt nngemein ausgedehnt, weitumfassend und sicher ist, zum Theile wirklich historischen Angaben, deren nicht sehr viele, aber hinreichend genügende sind. Hiezu rechnen wir: 1) den Beginn des Jnlianischen Kalenders im Jahre 708 II. 0., des Jahres 709 mit 1. März und einer Dauer von 365 Tagen, des Jahres 710 mit 1. Januar und seiner fortlaufenden Reihenfolge; ferner die bald darauf eintretende unrichtige Einschaltung mit einer zur Ausgleichung dienenden zwölfjährigen Periode ohne Schalttag. 2) Ist hieher zu rechnen die Existenz einer römischen Woche von acht Tagen mit einer neben ihr herlaufenden siebentägigen Woche mit Planctcnnamen, wobei äiss 8aturni — Samstag der erste (a) und clios Loiia (k) der zweite Wochentag ist. Die achttägige Woche ist von größter Wichtigkeit. 3) Ist historisch bekannt der Beginn der attischen Mr nenägyptischew Aera mit 29. August des Jahre« 724 II. 6., welcher die Aera Nabonassars vorausging mit lauter Jahren von 365 Tagen. 4) Wissen wir den Beginn der ^vrg. Oiooletiani am 29. August des Jahres 1036 II. 6. (284 ^oru vulx;.) für den alcxandriuischen und am 25. Dezember desselben Jahres für den lateinischen Kalender; ferner den Anfang eines lateinischen 84 jährigen Cyklus mit dem 12. Jahre dieser Aera. 5) Ebenso ist bekannt der Anfang der Zahlung eines jeden lateinischen Jahres mit 25. Dezember (statt 1. Januar) vom Beginne der dioklctian. Aera bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts nach christlicher Zeitrechnung. 6) Gibt nns Dionhsius Exignns genau an den Beginn des Mondcyklus 8. (Drillt mit 153 Oioelek. und seine Umwandlung des Jahres 248 dieser Aera in das Jahr 532 a, Mtivikaks voinini. 7) Endlich ist allgemein bekannt der Beginn des Gregorianischen Kalenders mit dem 15. Oktober 1582. Das ist Alles, was man Zu wissen braucht, aber es genügt vollständig. Alles. Uebrigc haben wir erforscht aus der Naturosscnbarung Gottes. Wir verstehen darunter die genaueste Anwendung der vom Schöpfer vorgeschriebenen Bewegnngsgcsctze jener Gestirne, die er nns ausgesprochener Weise zum Zeitmaße gegeben hat, wie solche sich darstellt in einer richtigen cyklischcn Jahresrcchnnng. Ja, ist den» das nicht auch bisher schon geschehen? Wir sagen: Nein. In allen Kalendern finden wir für das laufende Jahr 1897 als Cykluszahl für das Souuen- jahr angegeben die Zahl 2 und den Somiiagsbnchstaben 6. Womit soll die Cyklnszahl 2 begründet sein, da sich doch seit 1582 in jedem Säcnlum der Cyklus ändert? Der gegenwärtige Cyklus hat mit 1801 begonnen, und die richtige Cyklnszahl wäre daher 13. Aber abgesehen davon fragen wir: Seit wann läuft dieser Cyklus, dessen Zahl gegenwärtig 2 sein soll? Man sagt, Diouysins habe seinen 28 jährigen Sonntagsbnchstabcu-Cyklus im Jahre 9 vor Christus begonnen, also mit dem Schalt- jahrsbuchstabcn 61?. Darauf haben wir zu entgegnen: Dionysius Exignns ist wohl der Begründer der christlichen Aera, aber eine vorchristliche war ihm gänzlich unbekannt. Mit obiger Annahme fehlt man nicht weiter als um 449 Jahre. Der Erfinder des Sonntagsbuchstaben ist kein anderer als Cyrillus von Alexandrien, der im Jahre 156 vioclat. — 440 n. Chr. denselben für die lateinische Kirche zu dem Zwecke einführte, damit man nach beiden Kalendern gemeinschaftlich Ostern feiern konnte. Zn diesem Zwecke hatte er 3 Jahre vorher jenen Epaktcncyklns, der mit a. ii. 1, Igiaata VIII begann, gleichfalls „erfunden", d. h. um 2 höher angesetzt, als er für den römischen Kalender astronomisch richtig war. Doch darüber wollen wir nns hier nicht weiter verbreiten. Eine astronomisch - mathematisch richtige Cyklus- rechnung muß mit dem ersten Jahre einer Aera beginnen. Da nun das Jahr 156 keine neue Aera einleitete, so war der Sonntagsbnchstabe auch nicht für eine cyklische Jahrrcchnnng bestimmt, oblvohl er selbstverständlich alle 28 Jahre sich wiederholen mußte. Daraus ist aber auch leicht zu ermessen, daß mit einer solchen Cyklnsrcchmmg unmöglich Nichtiges gefunden werden kann. (Schluß folgt.) Beata Stilla, Gräfin von Abenberg.*) Von I. N. Seefried. (Fortsetzung.) II. Die Legende der seligen Gräfin Stilla von Abenbcrg im Besonderen. Die Legende der gottseligen Jungfrau und Gräfin Stilla, welche in ihren Lebzeiten das Schloß Abenbcrg bewohnt hat, erzählt Pfarrer Vitus Koch von Schönfeld 1641 nach Hirschmann (5, 33) in einer Weise, daß Jedermann sofort erkennt, daß es sich hier um keine reine Volks Überlieferung, sondern lediglich nm eine Compositivn aus Aventin und Agricola, mithin nm eine ge» lehrte humanistische Mache» nicht aber um eine einfache und ursprüngliche Volkstradition handelt und gehandelt hat. „Man liefet in glaubwürdigen Historien, heißt es da, daß der wohlgeborne Herr Babo Graf zn Abensperg 32 Söhne und 8 Töchter beisammen im Leben gehabt, darunter einer Wolframus genannt; denselben begnadete Kaiser Heinrikns der heilige als seinen Vetter mit der Grafschaft Abensperg; allda zeuget er 3 Söhne als Othonem, Wolfram» in den andern dieses Namens und Conradum, einen Bischof zu Salzburg. Wolframus der ander erzeuget Graf Zelchum; GrafZelchus erzeuget mit Sophia, einer Gräfin von Hohen - Truhen- dingen, 3 Kinder als Rapotonem, Conradum und die gottselige Stilla." Aus glaubwürdigen Historien, mit anderen Worten aus Aventin, hat Vitus Koch seinen Babo und dessen Nachkommenschaft bis Wolfram II. entnommen. Wolfram II. aber hatte, wie wir gesehen, urkundlich nicht einen Zelchus, sondern den Bamberger Domherrn Ad albert zum Sohne und wahrscheinlich auch Ratz oto I. aus seiner Gemahlin GerhildeJH Der angebliche Gras Zelchus ist entweder eine Erfindung Wolfgang Bauers (Agricolas) oder eines gelehrten Genealogen seiner Zeit gewesen und aus dem Lehenwesen insbesondere den Zöllen oder aus den Worten „L xutrs auo loeo inooinxotenti" in der Urkunde 1149/50, wie Snttner dafür gehalten, hcrübergenommen bczlo. gebildet wordenJH Zelchus (Zölch, Solchns) ist an sich kein Personenname, und läßt sich derselbe in der beglaubigten Genealogie der Grafen von Abenbcrg sonst nirgends mehr auffinden. Ich habe diesen Namen mit der Negulirung der Zölle unter Kaiser Friedrich dem Rothbart (1152 — 1190) zu erklären versucht,^) wurden *) Nach neuerer Mittheilung Dr. Lindauers ist in der kgl. Hof- und Staatsbibliothek eine l'/chundert Jahre ältere vita Okunracki »rebiaxweopi LatisburAsrisw im Buche der Grebnuß zu Raitenhaslach (Oock. Avrw. 1823) vorhanden, welche Tachler 1612 bloß abgeschrieben bat. Die beiden vitao sind bei ?. Bernhard Pez und Professor Wattenbach noch nicht benutzt worden. Aventin, welcher am 21. Septbr. 1517 in Raitenhaslach war, scheint keine derselben gekannt zu haben. Im Briefe, den 1719 Abt Emanuel an Beruh. Pez geschrieben, ist von beiden Lebensbeschreibungen die Rede. Sie stimmen am meisten mit der ältesten Salzburger Handschrift in dl. O. 88. XI, 63 überein. Nach meinem Manuskripte: „Die Grafen von Abenberg rc." 1890 u. Beilage der Angst». Postztg. 1894 Nr. 24. 187. ") Grasen von Abenberg 1869 S. 27. ") I. o. S. 25—27. Vielleicht haben die Stillalegenden 187 ja dock) gerade um 1869 herum heftige Kämpfe um das Zollparlament geführt. Der Oberzollinspektor und General- zolladministrator und die in scherzhafter Weise angeführten Zollnäre Wolframs von Eschenbach -°) sind doch nur ziemlich unschuldige und harmlose Vergleiche gewesen; wenn dagegen der gestrenge Kritiker von der Altmühl meint, (1897, 6, 46): „wir haben keine Veranlassung, dieser Combination einen höheren Werth beizulegen," weil der Autor selbst darauf wenig Vertrauen setzt, so mag man es ja um Pappenheim herum damit halten, wie mau will, die hübschen Bilder unseres Landsmannes auf Wildenbcrg"^) bei Altenmnhr, jetzt Wehlenberg, dem Scherz, Ironie und Satire im eminentesten Grade zn Gebote standen, bleiben auch dann noch zutreffend und für die Grafen von Abenberg besser verwendbar als die gefälschte Legende Stilla's gegen dieselben. Mit der herkömmlichen verbrauchten Phrase „Combination", „Wcrthlosigkeit" und dergleichen die Kinder des Scherzes und gesunden Humors umbringen zu wollen, ist stets mißlungen. Aventin ist für die Genealogie der Grafen von Abenberg keine gute Quelle, Graf Zelchns, der angebliche Vater der seligen Stilla, ist eine Erfindung des jüngeren Spalatinns (Bauers, Agricolas), am allerfchlimmsten aber waren die Gewährsmänner Hirschmauns, Koch und Priefcr, über die Geschlechtsfolge dieser Grafen und die Dedikationsverse der Cistcrzienser zu .Kloster Heilsbronn berathen. Hier muß ich vor Allem den Umstand rügen, daß f7, 50) die metrische Uebersetznng der Verse znm Wand- und Wcihcgemälde in der Klosterkirche zn Heilsbronu nach den Grafen von Abenberg 1869 S. 12 gegeben wurde und nicht bemerkt worden ist, daß statt „8oains" bei Falkenstein „loons" zu lesen sei, wonach ich Falkeustein und mich selbst schon damals berichtigt habe."«) Nach der Uebersetznng aus dem Jahre 1881, welche Hirsch- mann wahrscheinlich nicht gekannt hat, lauten die Verse 6 und 7 wie folgt:-") „Tausend einhundert, o Christ, und zwei und dreißig im Jahre Wurde gegründet das Stift Heilsbronu, das recht so genannt wird." Soviel zur Kenntnißnahme und künftigen Beachtung. Nach Hirschmann (8, 61) soll ich mir die Sache so zn Recht legen und zn Recht gelegt haben, daß ich der Stilla von Abenberg zwei Brüder Rapoto und Konrad zuweise. Eine solche Eigenmächtigkeit und Willkür ist mir völlig fremd. Ich urtheilte über Stilla's Bruder Konrad vom Anfange an wie folgt: Ist Stilla, verderber autieigamko einen Grafen Zockern als Vater Stilla's angenommen und aus diese Weise den Grafen Zelchus von Abenberg geschaffen. Gewiß ist, daß die Hohenzollernforscher z. V. Falkeustein Burggraf Kourad I. (1165 — 1191) für einen Grafen von Zollern ausgegeben haben. OrKeluso. X (531, 12) im Parcival, Ausgabe von Lachmann, Berlin 1854. 2') Vergl. meinen Aufsatz in der Beilage zur Allgem. Zeitung voni 8. Nov. 1866 Nr. 312. Wolframs Obilot (Gesang VII) soll ja von keiner der Franengestalten Göthe's erreicht sein. Dr. K. Simrocks Einleitung zn Varcival und Titurel. Stuttgart 1862, II. Bd. S. 511. -°) Grafen von Abenberg 1869 am Schlüsse Berichtigungen zu S. 12 u. 13. °") Augsb. Postztg. 1881 Beilage 73, 2. Beiträge zur Genealogie der Grafen von Abenberg und Burggrafen von Nürnberg des 12. u. 13. Jahrh. wie die Tradition will, eine Gräfin von Abenberg gewesen, so kann sie nur als Schwester Ounrnt juniorja aus der jünger», seit der Umstellung der Glieder älteren Linie, das heißt, nur als Kourad des jünger» Schwester aufgefaßt werden. „Nur Konrad der jüngere, schrieb ich 1869, war ein Bruder Stilla's, Na- poto von Abcnbcrg-Frensdorf bloß ihr Vetter.-"*) Diese Ansicht, welche ich auch jetzt noch festhalte, theilte schon vor l'/ghllndert Jahren das Cisterzienserklostcr Ebrach, die Mutter des Klosters Heilsbronn, wenn der ungenannte Autor (Abt Dr. Gnillelinns Soelncr) der brovis Mtitiu Nonasterii Iioataa Vir^. stlariao in ll'ran- oonin 1738/9 schreibt:"") „Der selige Rapoto von Heilsbronn wurde vom Abte Adam zn Ebrach um 1132 nach Heilsbronu zur Gründung des dortigen Cisterzienserklostcrs abgeordnet; er war ein Sprößling der in der Geschichte überaus gefeierten Familie Abenberg und Bruder Konrads, des Stifters dieses Klosters, und der hl. Stilla, einer Gräfin von Abenberg, welche im Angustlneriiinenklosier zn Marienbnrg begraben ist." Nicht ich handle eigenmächtig und willkürlich, sondern die Gewährsmänner der Hirschmann'schen Tradition haben die Genealogie der Grafen von Abenberg eigenmächtig gefälscht, wenn sie Rapoto, den Grafen und Laien, als Bruder Ounrnt junior: 8 nnd der seligen Stilla erklärt haben. Graf Rapoto (1130—1172) hatte allerdings einen Bruder nnd eine Schwester, allein der Bruder geistlichen Standes hieß nicht Konrad ,sun., sondern Reinhard, und ihre Schwester nicht Stilla, sondern Hcdwig. Mir ist Stilla nicht bloß die Schwester Oiiunrati .suniorw, sondern auch ffa)>otonis, des I.. III. und VI. Abts von Heilsbronu nnd zweiten Abts von Ebrach 1164—1170. Die Gründe dafür, daß der erste Abt von Heilsbronn ein Graf von Abenberg gewesen, habe ich schon in den Beilagen der „Angsbnrgcr Postzeitnng" 1881 Nr. 73, 3 des Weiteren ausgeführt, wohin ich der Kürze wegen verlvcise wie auf das eben angeführte Zeugniß aus Kloster Ebrach. Der von Agricola gefälschten Stillalcgendc ist allerdings die Abtswürde Napoto's in Heilsbronu nnd Ebrach völlig fremd, weil sie eben der ursprünglichen Stillalegende im Peterstirchlcin zu Marien- burg die aus Kloster .Heilsbronn herübergenommenen Verse unterschoben hat. Am Grabe der seligen Sulla waren vor nnd nach Spalatinns dem jünger» die Worte zn lesen:"') „Hier liegt begraben die heylige Jungfrau Stilla, die zweyer grasen Schwester ist gewesen von Abenberg und viel großer wundcrzcicheu gethan hat." Diese Nachricht, daß Stilla zweier Grafen Schwester von Abenberg gewesen, halte ich für die ursprüngliche und echte Ueberlieferung; im Volksmnnde mögen auch die, Namen der Grafen fortgelebt nnd gegen Ende des 16. / Jahrhunderts Veranlassung dazu gegeben haben, die' gleichnamigkn Grafen aus Kloster Heilshronn, die jedoch keine Brüder waren, herüberzunchmen nnd in -"*) Grafen von Abenberg S. 28. ") Vergl. den definitiven Uebergang der Burggraf-, schaff Nürnberg von den Grafen von Netz an die Ärafeik^ von Abenberg um 1177/78. Beilage zur Angsb. Postztg.s 1895 Nr. 12. 90 A. 14 (Separalabdrnck S. 8 u. 9 nebst' gcnealog. Tabelle.) ") Grafen von Abenberg 1869 S. 24 nnd Kalcndev für kath. Christen, Sulzbach 1857, S. 99, 188 die malte, echte und wahre Tradition fälschlicher Weise zu verflechten. > Nach der Ueberlieferung, Legende und Sage hat Stilla im Schlosse zn Abenberg gewohnt und die Peterskirche zu Marienburg (so wurde die Oert- lichkcit später genannt) gestiftet. Dieselbe war demnach reich und kann nach diesen Umständen zu schließen nur (wie die Legende will) eine Grafentochter oder die Tochter eines adeligen Castellans oder Burghüters (Burgvogts) von Abenberg gewesen fein, und wenn es wahr ist, daß sie zweier Grafen Schwester gewesen, so kann sie nur den ca. 1175 gestorbenen Abt von Heilsbronn beatmn kspotonem und Konrad juniorem, den ersten Burggrafen von Nürnberg abenbergischer Abkunft, den Gemahl der Erbburggräfin Sophia, eonn- tissa. in RaZirs, zu Brüdern gehabt haben, weil eine andere Möglichkeit chronologisch, genealogisch und traditionell ausgeschlossen erscheint. Geschichte und Legende würden sich in unserem Falle nur dann widersprechen, wenn man die Grafen Rapoto und Konrad junior im Weihegemälde zu Heilsbronn einerseits für Bruder unter sich, anderseits für Bruder Stilla's ausgeben wollte, wie dieses von Agricola in Spalt, Generalvikar Priefer in Eichstätt und Pfarrer Koch von Schönfcld geschehen ist. Den Grafen Adalbert und seinen Bruder Konrad (H. 7, 51), von welchen Bischof Otto I. von Bamberg Halesprunen erworben hat,^) halten wir mit Pfarrer Muck auch jetzt noch für Abkömmlinge der Grafen von Abenberg, ja noch mehr, Konrad der ältere ist uns z. Z. noch der Vater der seligen Stilla, und wir haben nichts gegen die Ueberlieferung zu erinnern, daß ihre Mutter eine Truhen dingen war. Das; Konrad .junior, der Bruder Stilla's, bei der Klosterstistnng zu Heilsbronn nicht betheiligt war, versieht sich der Chronologie zufolge sozusagen von selbst; daß aber Graf Adalbert und sein Bruder Konrad, der Vater Stilla's, und Graf Rapoto von Abenberg-Frens- dorf ebenfalls nicht betheiligt gewesen sein sollen, entspricht weder der Stiftnngsnrknnde voni 21. April 1132 noch den übrigen thatsächlichen Verhältnissen, wovon sich die Gegner Professor vr. Schmid in Tübingen ^") und Pfarrer Hirschmann in Schönfcld durch ein etwas genaueres Studium der Stiftuugsnrkunde leicht hätten überzeugen können. Betrachtet man nämlich den Stiftungsbrief ohne Voreingenommenheit (8, 61), jedoch mit der gebotenen nöthigen Umsicht, so wird man finden, daß in demselben nicht blos; der prciswürdige Ankauf des Gutes .Halesprunen beurkundet ist, sondern auch bezüglich der Advokatie über das Kloster von Bischof Otto 1. von Bamberg in feierlicher Weise Verfügung getroffen worden war. „Wir bestimmen, heißt es da, ^) dem Kloster speciell keinen Bogt, sondern bekräftigen feierlich, daß An die Grasen und Burggrafen von Netz in Nürnberg könnte man allenfalls denken, nicht an die Hohen- lohe oder ein anderes Geschlecht. (H. 7, 51.) Die Könige von Preußen sind Hohcnzollern rc. Tübingen 1888, III. Bd. S. 44 u. 242 A. 5. Hanlßbronnischer Antiqnitätcn-Schat; S. 58 und Supvl. Seite 59 von Hocker, dann ^ntigniiates Unrck- xe.viauLöL 1793 von Falkenstein tom. II. PNK. 352. „8ano -rclvoeatum Kickern Oosnobio unlknm spseialiter clentzrni-nns, soll Lckvooatnni aktnris bsati kotri priueixiajiseovkosias sin8clein Ociknobii äs- t'vosorkm ssse Lnuekmus." der Vogt des Altares des hl. Petrus in unserer Hauptkirche der Schirmer dieses Klosters sei." Nun waren aber die Grafen von Abenberg, seit wir sie unter diesem Namen kennen, ja schon vor 1071 die Vögte der Kathedralkirche von s. Maria, 8. Peter und 8. Georg in Bamberg, und seit dem 3. April 1130 war Graf Rapoto seinem Vater Otto II. (Wolfram III.?) in dieser Eigenschaft und Würde snccedirt, Graf Na- poto von Abenberg war demnach der oben angeführten bischöflichen Sanktion zufolge der stiftungs- mäßige Vogt der Cisterztenserabtei Heilsbronn vom ersten Tage ihres Bestandes angefangen bis an sein Lebensende (22. Mai 1172), und wurde dieses Vogteirecht von seinem Sohne Friedrich I. (senior) und wohl auch noch von seinem Enkel Friedrich II., dem jungen Helden von Abenberg im dritten Kreuzznge Kaiser Rothbarts (1189/90), bis gegen Ende dieses Jahrhunderts ausgeübt. Traditionsgeniäß war auch der erste Abt von s. Maria in Heilsbronn ein Graf von Abenberg, nämlich Rapoto, den das Mutterkloster Ebrach wohl auf Verlangen des Bischofs Otto I. dahin abgeordnet hattet) Daß übrigens auch abcnbergische Vasallen bei dem Stiftnngsakte zugegen und betheiligt waren, das beweisen die Namen der Zeugen Adalbero von Tage steten (Ober- und Mitteldachstetten) ^°) an erster Stelle und Dietmar von Hohenekke. Ein anderer Hohcnckke Namens Ramunch war als Ministeriale des Grafen Friedrich II. von Abenberg-Frens- dorf in der Urkunde von 1189 zum Geldempfange von dem Grafen an das Domkapitel von Bamberg delegirt, und bald nach 1200 erscheinen die Hohenekke im Dienste der Burggrafen von Nürnberg abenbergischer Abkunft. Die Grafen von Abenberg waren demnach bei der Klosterstistnng in Heilsbronn nicht ganz unbctheiligt (8, 62). Allerdings war Bischof Otto der Heilige von Bamberg der eigentliche Stifter, aber die Grafen Rapoto und Konrad junior von Abenberg haben sich durch sehr reichliche Vergabungen den Ehrentitel „Mitstifter des Klosters" sehr wohlverdient, welcher ihnen von den Cistcrzicnsermönchen auch nicht vorenthalten worden ist. Seitdem das Klösterlcin 8. Jakob in Abenberg (so heißt die Hanptkirche daselbst heute noch) durch die große Schanknng Napoto's 1149/50 mit Heilsbronn verbunden worden ist, hat die Klosterkirche Heilsbronn den combinirtcn Titel sanota Llaria und 8. Jakob angenommen und fortgeführt. Lefflad hat sich durch den urkundlichen Nachweis des Abtes Ondalric von Abenberg,^ welcher wegen der Verbindung der beiden Mannsklöster „Aben- berg und Heilsbronn" 1149/50 wohl keinen Nachfolger mehr gehabt hat, gewiß ein großes Verdienst erworben, wenn er aber (H. Nr. 8, 63) zum Jahre 1199 einen Grafen Heinrich von Abenberg kennen will. Nebergaug der Vurggrafschaft Nürnberg von den Grafen von Netz an die Grafen von Abenberg um 1177/78. Beil. z. Angst». Postztg. 1895 Nr. 12 u. Separat- abdruck A. 16. °°) Wie hier als Mittelsmann Bischof Otto's I. vo» Bamberg treten Adalbero und Konrad von Tagesteten zwischen 1132—1165 wiederholt neben den Grafen von Abenberg auf. Regelten der Bischöfe von Eichstätt Nr. 215. Die Urkunde ist sicher nicht 1192, sondern nach 1138 ausgestellt worden. (H. 8. 69.) 189 »- so wäre dieser Fund allerdings für meine Untersuchungen im höchsten Grade interessant; allein eS dürste hier bloß ein Schreibversehen oder eine Verwechslung vorliegen, weil in den Regesten der Grafen von Abenberg, welche ich im Laufe vieler Jahre gesammelt habe, dieser Name, der bei den Grafen von Abenberg nicht üblich war, fehlt und bei mir die Zeugen der Urkunde vom 14. September 1199 „k'riäsrious Lomes äs übender« und Hoivrious Lomss äs Ortsobsrs" heißen.^ Damit sind wir an der Grenze des uns zugemessenen Raumes angekommen. Wir hätten freilich noch Vieles zu sagen und zu beanstanden, allein ein guter Advokat pflegt in der Replik nicht Alles zu sagen, was er weiß, sondern Einiges noch für die Duplik zu reserviren; wir schließen deßhalb unsern Protest mit der entschiedenen Erklärung, daß wir die allerdings nicht durch Urkunden, wohl aber durch die übereinstimmende Ueberlieferung, Legende und Sage sehr wohl beglaubigte Abstammung der seligen Stilla von den Grafen von Abenberg nach wie vor ausrecht halten und mit Herrn Stadtpfarrer Müller in Eschenbach z. Z. noch fest davon überzeugt find, „daß die ganze Legende der Seligen mit allen ihren Einzelheiten auf dieser Abstammung beruht". ^) Der bloßen Negation können und wollen wir die selige Gräfin nicht aufopfern. Dieselbe ist wohl mit dem Gedanken umgegangen, neben dem in Abenberg bestehenden Männerkloster auch ein Frauenconvent zu errichten, das war ja damals säst allgemeine Uebung. Wenn es aber auch zur Frauenklosterstiftung nicht mehr gekommen ist, so lebte Stilla der Legende zufolge auf Schloß Abenberg wahrscheinlich doch nach der Regel des hk. Augustin, für deren Einführung im Erzstifte Salzburg Erzbischof Konrad I. von Abenberg Alles in Bewegung gesetzt hat.") Stilla war für die Armen, Kraulen und Bedrängten sozusagen eine barmherzige Schwester oder, wenn man das lieber hört, eine Diakonissin; zum lieben war sie da, nicht zum hassen. Ihr Glaube war ein in Liebe thätiger Glaube nach der Lehre der katholischen Kirche und des hl. Apostels Jakobns.") Im werkthätigen Christenthume suchte und fand Stilla die selige Vereinigung mit Gott, welcher die Liebe selbst ist. In der Liebe Gottes, nicht im Hasse, haben auch die hadernden Bruder Fcirefiß und Parcival die gesuchte und erwünschte Verständigung") wieder gefunden: „Treu' und Lieb' schied ihren Streit." (Schluß folgt.) I. v. Nr. 336, Hirschmann Nr. 10, 74; siehe dagegen Llon. Uvie. XXIX, 1. 488 — 490 und UeZ'. doic. l, 381 nach v. Lang. °°) Nicht einverstanden sind wir mit dem Titelbilde, den Wappen und einigen Besonderheiten des Verfassers des Gebetbuches „Die selige Jungfrau Stilla, Gräfin von Abenberg", Regensburg und Amberg, bei Habbel, 1885. ^) Vita Öbunrsäi LI. 6. 88. XI, cap. 12. Nach Leff- lad entstand unter Gebhard II. 1125—1149 in Abenberg auch ein Frauenkloster (durch s. Stilla.). ") Brief des Apostels eüp. 2, 14—26. ") Wolfram v. Eschenbachs Parcival XV. 748,10-12. Berichtigung. In der „Beilage zur Angsburger Postzeitung" Nr. 25 Seite 175 2. Spalte 6. Zeile von unten lies Abenberg statt Abensberg; S. 176 1 . Spalte 3. Zeile von oben Adensberg statt Abenberg; S. 176 1. Spalte Zeile 14 von unten von statt vor. Die Vorbildung des Klerus zunächst in Bayern. (Schluß.) s Für die Kirchengeschichte sind vier Semester mit fünf Wochenstunden anzusetzen, wozu noch zwei Stunden des ersten Semesters für Provädeutik der Kirchen- aeschichte kommen, ferner eine Wochenstunde durch vier Semester für das kirchenhistorische Seminar. Die Erfordernisse, welche an den Kirchenhistariker überhaupt zu stellen sind, gelten selbstverständlich auch für den Lehrer der Kirchengeschichte. Vor allen: eine gute Disposition. Sodann Unparteilichkeit oder Objectivität; die Darstellung muß auf die Quellen selbst zugehen, welche in richtiger Weise zu verwerthen sind; Hauptsachen dürfen nicht Übergängen. minder wichtige Begebenheiten nicht zu breit dargestellt werden, die Kirchengeschichte ist keine Cultur- geschichte. Sodann Gründlichkeit in dem Sinne, daß der Vortragende den ganzen Stoff versteht und durch- dringt, ferner die geschichtlichen Begebenheiten wie nach ihrem inneren Grunde so nach der sie beherrschenden höheren Idee und in ihrem ursächlichen Zusammenhang erkennt und darstellt, die Kirchengeschichte muß «pragmatisch" und „religiös" sein. Endlich lichtvolle und originelle Darstellung. Es dürste indeß zu weit gehen, zu sagen, auch das Studium der Kirchengerichte, wenn es aus Gründlichkeit und Nachhaltigkeit Anspruch machen wolle, müsse sich auf die Quellen stützen, so daß die Lehr- und Handbücher Hiebei nur als Hilfsmittel zu benutzen wären. Allerdings muß der Lehrer der Kirchengeschichte zuuchäst in der Einleitung und ausführlich m der Pro- pädeutik die wichtigsten Quellen der Kirchengeschichte besprechen, ferner stets auf die Quellen und deren Werth aufmerksam machen; deren Einsichtnahme indeß wird den Schülern in der Regel nur im klrchenhistorischen Seminar zu ermöglichen sein. Klippen, welche der Lehrer zu vermeiden hat, sind: die Kirchengeschichte. darf nicht Papstoder Heiligengeschichte sein; will der Lehrer seinen Schülern ein Hilfsmittel zum leichteren Studium der Kirchengeschichte an die Hand geben, so dienen hi^n synchronistische Tabellen am besten. Die Kirchengeschichte darf auch nicht altchristliche Literär- oder Resormationsgeschichte sein, es sollen vielmehr alle Abschnitte derselben, und zwar in gleichmäßiger Weise, zur Behandlung kommen, auch die neueste Kirchengeschichte nicht ausgenommen. Einen weiteren Jahrcscursus mit fünf bis sechs Stunden wöchentlich bildet die Pastoraltheologie, welche, wenn sie auch hauptsächlich praktische Anweisungen für die Ausübung des Seelsorgeramtes bietet, doch den wissenschaftlichen Charakter niemals verläugnen darf. Wichtige Theile dieser Disciplin bilden die Kaiechetik, die Homiletik und die Lehre von der Verwaltung des Buß- sakramentes, welche ihrer hohen Bedeutung halber gesondert zum Vortrage gelangen, so daß sie in den Vorlesungen iiber Pastoraltbeologie nur berührt zu werden brauchen, ^soweit dieses der Zusammenhang erfordert. Ueber Kütcchetik und Homiletik wäre vieles zu sagen; im ganzen wird wohl zu wenig Zeit auf diese beiden Disciplinen verwendet. Unsere Zeit stellt neue Anforderungen an den Katecheten und an den Prediger. Es dürfte die Ansicht kaum einem Widerspruch begegnen, daß der Katechet in der Erklärung der Glaubenslehre nicht nur manche apologetische Fragen erörtern, sondern auch auf die Unterschcibungslehren gebührende Rücksicht nehmen muß. Die immer zahlreicheren gemischten Ehen mit akatholischer Kindererziehung sind ja gewiß zum großen Theile aus dieMusliche Erziehung in religiöser Hinsicht zurückzuführen, aber es wäre zuviel, wenn auch nur eine einzige solche Ehe auf den Conto einer mangelhaften kate- chetischen Unterweisung zu setzen wäre. Es würde zu weit führen, all die Mittel, welche einer Förderung der homiletischen Ausbildung dienlich sind — ich rechne selbst das Auftreten auf der Bühne hieher (Schnldrama der Jesuiten) — hier aufzuzählen und zu erörtern. Daß in dieser Beziehung mehr denn bisher geschehen muß. wird ohnehin ziemlich allgemein zugestanden. Ich will mich auch nicht über den Werth der Leichenrede verbreiten, über welche schon genug geschrieben wurde, und weiß die Verlegenheiten und Schwierigkeiten wohl zu würdigen, welche, zumal in großen Städten, die Leichenrede dem Seelsorger bereitet: aber ich lasse mir die Meinung nicht nehmen daß, wo sie abgeschafft wurde, man sich eines Mittels beraubt hgi, an rechtem Ort ein rechtes Wort zu. sagen. L das; ma» dort. wo sie nicht besieht, eines oft nicht unwichtigen Mittels der Seelsorge entbehrt. Der protestantische Pastor hat in dieser Äezrehnng unläugbar etwas vor dem katholischen Priester voraus. Noch manch andere Disciplinen sind. soll die Vorbildung deS Klerikers eine allseitige sein. auf das Lehrprogramm der theologischen Unterrichtsanstalten zu setzen. Nicht zu reden von Rubricistik, von Psarrverwaltnng und geistlichem Gcschäftsstil. von theologischer Encyklo- pädie und Methodologie, von Patrologre und Lectüre einzelner Vätcrwerke. von Pädagogik und Geschichte derselben. Volksschulivesen und Volksschulrecht. von Armenrecht; auch die christliche Archäologie und die christliche Kunst, Kirchenmusik, ferner die sociale Frage, endlich die Dogmengeschichte und die Symbolik, sowie die Geschichte der Theologie werden je eher, desso besser auf das Ver- zeichniß wenigstens der facultativen Fächer gesetzt werden. In den Vorlesungen über sociale Frage können auch unsere neuen Gesetze aus dem socialen Gebiete zum Vortrage gelangen, vielleicht auch eine Einführung in das Wesen und die Leitung der nützlichen Naiffeisenvereiue damit verbunden werden, was schon deßhalb angezeigt ist, weil der Seelsorger oft um seinen Rath oder um Auskunft in diesbezüglichen Fragen gebeten wird, zuweilen auch die Gründung eines Raiffeiscnvereins oder einer ähnlichen Genossenschaft selbst in die Hand nehmen Muß. Nun ist ja gewiß nicht in Abrede zu stellen, daß es über all die aufgeführten Disciplinen eine Reihe trefflicher Handbücher gibt, in denen sich der Priester orientiern kann, aber am besten wird der Unterricht hierin doch durch einen Lehrer ertheilt, und schon der angehende Seelsorger muß einen gediegenen Fonds solcher Kenntnisse in die Praxis Hinausbringen, weil er am ersten Tage ihrer bedarf. Ist schon während des theologischen Studiums der Grund für all diese Kenntnisse gelegt worden und hat der Lehrer es verstanden, in den Kandidaten Liebe, vielleicht Begeisterung für die eine oder andere dieser Disciplinen zu erwecken, so kann und wird der junge Priester mit Freuden auf diesem Grunde sortbanen und in freien Stunden etwa einen Kirchenvater und scholastischen Theologen oder ein Werk über die christliche Kunst u. s. w. zur Hand nehmen und dadurch sich selbst, aber auch anderen, ja der Kirche selbst, Nutzen verschaffen. Auch in dieser Beziehung gilt: „Jung gewohnt, alt gethan." Die Kollegienhefte, beziehungsweise die Kompendien der Dogmatik, der Moraltheologw, des Kirchcnrechts rc. fleißig in die Hand zu nehmen, werden den jungen Priester das sogenannte Curaernmen. sodann die Pastoralconferenzen und insbesondere der Pfarrcon- curs nöthigen, wenn letzterer anders in der Weise vorgenommen wird. daß außer der hl. Schrift, den; Trideu- tinum und dem kanonischen RechtSbuch keine weitere Literatur benützt werden darf, und auch die feelsorgliche Praxis wird ihm oft genug Anlaß geben, sich über diese oder jene Frage wieder anfs neue zu orientiren. Daß sich der Priester aber darüber hinaus in der Theologie fortbildet, das muß der Lehrer durch oftmalige Anregung und Ermunterung sowie durch entsprechende Anleituirg fertig bringen. Namentlich wird zu diesem Behufe der Lehrer auf unsere vorzüglichen wissenschaftlich-theologischen, praktisch-theologischen und historischen Zeitschriften (Jnnsbrucker „Zeitschrift für katholische Theologie', „Stimmen aus Maria-Laach". Tübinger „Theologische Qnartalschrift", „Katholik": Passauer „Theologisch-praktische Monatschrift", Linzer „Theologisch-praktische Quartalschrift", „kastor bcmusJ „Der katholische Seelsorger"; „Historisch-politische Blätter". „Historisches Jahrbuch") aufmerksam machen. Ein höchst geeignetes Mittel zur Fortbildung des Priesters sowie ein jederzeit erwünschtes Nachschlagewerk bildet auch unser „Kirchen- lerikon", dessen Artikel selbst nach gegnerischen; Zeugnisse fast ausnahmslos auf der Höhe der wissenschaftlichen Forschung stehen. Zur Fortbildung in der Exegese dienen der große lateinische Kommentar zur gesummten heiligen Schrift, welchen mehrere deutsche Jesuiten herausgeben, sowie die in Freiburg erscheinenden „Biblischen Studien": zur Fortbildung in der Dogmatik die „Straßburger theo- logischen Studien": in der Kirchengeschichte die „Kirchen- geschichtlichcn Studien" von Knöpfler, SchrörsundSdralek, das „Archiv für Literatur- und Kirchengeschichte des Mittelalters", die im Auftrage und mit Unterstützung der Görresgesellschaft herausgegebenen „Quellen und Forschungen auf dein Gebiete der Geschichte": zur Fortbildung im Kirchenrecht das „Archiv für katholisches Kirchenrecht"; in der Philosophie das „Philosophische Jahrbuch" und Commer's „Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie"; in der Apologetik „Natur und Offenbarung"; in der christlichen Archäologie die „Römische Quartalschrift", welche auch zahlreiche kirchenhistorische Abhandlungen enthält' in der christlichen Kunst die „Zeitschrift für christliche Kunst". Ueber die literarischen Erscheinungen überhaupt und speciell in theologischem Betreffe werden den jungen Priester unsere beiden trefflichen Litera- tnrblätter „Literarische Rundschau" und „Literarischer Handweiser" auf dem Laufenden erhalten. Der Priester wird, je nach Bedarf und Neigung und soweit es der Etat gestattet, nicht nur selbst die eine oder andere der aufgeführten Zeitschriften halten; in jeder größeren Stadt sowie in jedem Landbezirke mögen sich aus den Geistlichen „Lesezirkel" bilden, unter deren Mitgliedern mehren der genannten Zeitschriften wöchentlich nach einer bestimmten Reihenfolge circuliren. Aus diesen Zeitschriften soll sich der Priester Excerpte machen, die ihn; nicht nur für Predigt und Katechese, sondern auch zu Vortrügen in Arbeiter- und Männeroercinen, wie sie allerorts bestehen sollen, geeignetes Material liefern. Worauf der Lehrer der Theologie noch weiter bei gegebener Gelegenheit aufmerksam machen soll, ist die „Görresgesellschaft zür Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland", ferner die „Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst" und der „Verein für christliche Kunst in München". , Ich habe oben eine. ganze Reihe theologischer Disciplinen namhaft gemacht, welche für die Vorbildung des Klerus entweder unumgänglich nothwendig oder wenigstens höchst nützlich sind. Die Unterweisung in denselben nimmt eine geraume Zeit in Anspruch. Rechnet man noch dazu die für eine gründliche ascctische Vorbildung erforderliche Zeit, ferner die liturgischen Uebungen, den Unterricht im Choralgesange, die kätechetifchen Uebungen in der Volksschule selbst, die Zeit, welche das Studium der vorgetragenen Disciplinen, die Vorbereitung auf die Examina u. ?. w. erfordert, so ergibt sich hieraus einerseits, daß drei theologische Jahre nicht ausreichend sind, um den ganzen Stoff zu bewältigen, daß es selbst innerhalb eines vierjährigen Kursus der weisesten Ausnutzung und Ver- theilung der Zeit bedarf, um all die aufgeführten Gegenstände zum Vortrage zu bringen; anderseits aber, daß an die Lehrer selbst, um die Vorbildung des Clerns möglichst allseitig und gedeihlich zu gestalten, hohe Anforderungen zu stellen sind. Jeder Lehrer wird noch die eine oder andere Disciplin als Nebenfach übernehmen müssen. Ein wesentlicher Gewinn an Zeit kann dadurch erzielt werden, daß jene Gegenstände, welche nur ein oder wenige Semester beanspruchen, auch nur alle vier Jahre, beziehungsweise, wo vorläufig nur ein dreijähriger Kursus besteht, nur alle drei Jahre zum Vortrage gelangen. Eine weitere Erleichterung bietet dem Lehrer das Institut der Privat- doccnten, denen freilich, damit sie tüchtig eingeschult werden, zuweilen auch das Hauptfach selbst Überträgen werden soll, für das sie sich vorbereitet haben, ferner das Institut der sogenannten Repetenten, welche innerhalb des Klerikal- seminars verschiedene der angeführten Disciplinen in geordneter Folge zum Vortrage bringen können. Was ich weiter betonen will, und ich glaube auch hiedurch nur der Sache zu dienen, ist dieses: die meisten Kandidaten kommen sichtlich übermüdet aus dem Seminar, und manch neugeweihter Geistlicher, der aus dem Priesterseminar getreten ist, um nunmehr einen Seelsorgeposten anzutreten, ist körperlich so herabgekommen, daß er alsbald, ohne eigentlich schon ein Emeritus zu sein, die Hilfe des Emeritenfonds in Anspruch nehmen muß. Nun zweifle ich nicht, daß in den Seminarien eine genügende und kräftige, gntbürgerliche Kost verabreicht wrrd (ferne sei jedes Experiment in dieser Beziehung!), und daß auch sonst nichts mangelt, was zum körperlichen Gedeihen des jungen, heranwachsenden Mannes dienlich ist: die Ueber- müdung bezw. die Krankheit ist vielmehr meistens einer geistigen Ueberanstrengung zuzuschreiben. Vielleicht kann diesem Mißstaude schon dadurch vorgebeugt werden, daß kür die Ablegung der vorgeschriebenen Examina dem Kandidaten ein größerer Spielraum offen steht, was die Zeit betrifft, innerhalb deren die Examina zu bestehen sind: ferner soll die Zahl der Examina in jedem Semester wenigstens auf die ordentlichen Vorlesungen beschränkt sein. Am Schlüsse des dritten theologischen Jahres ein 191 schriftliches und mündliches Examen über alle Hauptfächer (Dogmatik, Exegese, Moraltheologie, Kirchenrecht und Kirchengeschichte) abzuhalten, dürfte sich aus mehreren Gründen empfehlen. Das vierte theologische Jahr könnte dann ausschließlich für die Pastoraltheologie, für Nubri- cistik, für homiletische, katechetische und liturgische Uebungen, Pfarrverwaltung und das eine oder andere gerade im Turnus treffende untergeordnete Fach. ferner für die asketische Vorbildung auf das Priesteramt verwendet werden. . Mögen nun diese Vorschläge für eine Forderung der Vorbildung des Klerus allseits eine wohlwollende fachliche Würdigung finden! Ein viertes theologisches Jahr. dieses das Resultat, ist für die Ausbildung des Klerus nicht nur in hohem Grade wünschenswert!), sondern geradezu nothwendig. Eine Schädigung der Sache wäre indeß darin zu erblicken, wenn, statt neue zeitgemäße Fächer in das Lehrprogramm einzufügen, lediglich die bisherigen ins Angemessene ausgedehnt würden. Eine Vertiefung dieser, wo es nothwendig ist. und die Einführung neuer Disciplinen, deren Kenntniß für jeden Gebildeten und insbesondere den Priester wünschenswerth, ja nothwendig ist, das dürfte die erhabene und lohnende, freilich auch zuweilen nicht leicht durchzuführende Aufgabe unserer theologischen Bildungsanstalten sein. Münchner anthropologische Gesellschaft. In der Versammlung am 12. März sprach Herr Hofrath Dr. Martin, da er die der k. Staatssammlung geschenkten Waffen nicht mehr zur Demonstration bringen konnte, nur über den zweiten Theil des unter dem Titel „Demonstration von malayischen Waffen mit Besprechung psychopathischer Zustände bei den Malayen" angekündigten Themas. Im malayischen Archipel kommen bei den Eingeborenen psychopathische Zustände vor, die unter dem Namen Amok und Latak bekannt sind. Im ersteren Falle sucht der Erkrankte, mit einem Schwerte bewaffnet. Jedermann, der ihm in den Weg kommt, zu tödten oder zu verwunden. Die zweite Krankheit trifft meist Frauen über 30 Jahre; sie verlieren den Willen, machen alles nach, was sie sehen. An der anschließenden Diskussion bethciligten sich die Herren Paster, Kühn und Oberhummer. Hierauf legte Herr Pros. vr. Eugen Oberhummer neue ethnographische Karten vor von Mittel- europa, insbesondere über die Verbreitung der Deutschen in Europa, nämlich die große Karte von Nabert und den Atlas von Langhans. Vor der Tagesordnung der Versammlung vom 30. April wurden der Gesellschaft die gegenwärtig in München weilenden Singhalcsenzwerge von H. Hagenbeck vorgestellt. Die Truppe besteht aus sieben Personen: einem normalen Singhalesen, einer erwachsenen Zwergin und der normalen 7 jährigen Tochter der Beiden, sowie vier weiteren Zwergen. Theilweise zeigen die Zwerge den sogenannten rhachitischen Zwergentyvus, indem die Entwicklung der Extremitäten besonders stark zurückgeblieben ist, theilweise sind aber die Körperproportioneu ganz normal. Sie stammen von der Insel Ceylon und wurden von der berühmten Firma Hagenbeck für eine Rundreise in Europa engagirt. Ihre Stammesgenosscn sind stattliche Leute. Professor Ranke dankte Hrn. Hagen- bcck und Herrn Hammer, dem Director des Münchener Panoptikums, für die Vorführung der so interessanten Truppe. Hierauf theilte Herr Professor Kühn Einiges über die Geschichte und Abstammung der Singhalesen mit. Das Wort erhielt sodann Hr. Hauplmann a. D. E- Seylcr zu seinem Vortrage: „Die Verschanzungen am Gleissen- ihate — eine Vertheidigungsstellung des Drnsus im Jahre 15 v. Chr." Die etwas animirte Diskussion fand erst nach dem interessanten Vortrage des Herrn Dr. R. Mnch. Privatdocent an der k. k. Universität zu Wien, correip. Ehrenmitglied der Gesellschaft: „Die Anfänge des bayerisch-österreichischen Volksstammes", statt. Much spricht von den Bayern nicht im politischen, sondern ethnographischen Sinne. Woher stammen sie § Im 6. Jahrhundert bewohnten die Bajuwaren ein großes Gebiet. Sie grenzten im Süden an die Langobarden, welche bis Meran herauf reichten: im Westen reichten sie als Nachbarn der Schwaben bis an den Lech: die Nordgrenze bildeten wahrscheinlich Regen und Naab. Der Grenzfluß im Osten zwischen Bajuwaren und Avaren war die Gnus. Die Abstammung der Bajuwaren von den Markoinanen nimmt Much als sichergestellt an. Bis zum 5. Jahrhundert saßen die Markomancn in Böhmen. Für die germanische Besiedlung sprechen verschiedene Orts- und Flußnamcn, so stammt z. B. Moldau von dem altgcrmanischen ^Valv agug, — Waldbach. Die Vorfahren der Markomancn in Böhmen waren die keltischen Bojer, die zur Zeit Cäsars auf der Wanderung in neue Gebiete begriffen waren. Da die Markoinanen erst um 8 v. Chr. Böhmen besiedelten, war Böhmen 50 Jahre fast unbewohnt. Vorher saßen die Markomancn zwischen Rhein, Main (nur südlich) und Donau, daher auch ihr Name — Männer der Mark, ähnlich wie der Schwarzwald „silva Llareiuna" hieß. Ihre Vorgänger in dieser Gebend waren die Hclvetier, welche identisch sind mit den Teutonen und den ?'»- des Strabo. In den Jahren 110—150 v. Chr. zogen die Hclvetier mit den Cimbern südlich, damals sind dann die Markomancn in das verlassene Land eingezogen. Die Markoinanen gehören zu dem großen Volksstamme der Sucven. Während sie aber im westlichen Gebiete eine untergeordnete Rolle spielten, haben sie im Osten (Böhmen) die Führung übernommen. Der bayerische Volksstamm existirt als selbstständiger Stamm seit 2000 Jahren, er läßt sich historisch weiter zurück verfolgen als irgend ein anderer germanischer Stamm. An der Diskussion über dieses Thema betheiligten sich Professor Oberhummer und Landgerichtsrath Vierling. Im Laufe derselben führte Mnch aus, daß der Name Bayern von dem Worte Daj.j-nvurzi d. h. Bewohner eines Landes, das früher von den Bajj — Bojj besiedelt war, stammen muß. Bei der Vorstands- wahl wurden gewählt als Vorsitzender Pros. Dr. I. Ranke, als dessen Stellvertreter Pros. Rückert, als Schriftführer vr. Mollier, als dessen Stellvertreter Dr. Birkner, als Kassier Oberlehrer Weismann. Recensionen nnd Notizen. Bilder-Atlas zur Geographie von Europa mit beschreibendem Text von vr. Alüis Geistbeck und 233 Holzschnitten nach Photographien und Zeichnungen. Leipzig und Wien, Bibliograhisches Jn- ^ stitut. Im natürlichen Zusammenhang mit den Naturwissenschaften hat auch die Geographie in unserer Zeit ungeheure Fortschritte gemacht. Und aus wie leichte und anschauliche Weise schon die studierende Jugend in die Länder- und Völkerkunde eingeführt wird, davon zeugt der geographische Unterricht besonders an unseren realistischen Mittelschulen. An Landkarten, Wandtafeln rc. stehen da Hilfsmittel zu Gebote, von denen wir auf unseren Schulbänken vor zwei Decennien noch keine Ahnung hatten. Was ist uns überhaupt in dieser Beziehung geboten worden? Wenig, fast nichts. Die Erde blieb uns eine ksrra iueoKuita. Daher denn auch vielfach das geringe Interesse an der Natur, daher die große Unkenntnis) rn geographischen Dingen, welche so manche von der Studienanstalt mitgenommen haben. — Als ein neues Hilfsmittel nun, sich und andere geographisch zu bilden, begrüßen wir mit ganzer Freude das vorliegende Werk von vr. Alois Geistbeck, der als Geograph nnd Forscher ja rühmlichst bekannt ist. Nicht auf den alten, längst ausgetretenen Wegen, sondern auf Pfaden, welche neue und weite Gesichtspunkte eröffnen, führt er uns in die verschiedenen Länder Europas. Er redet ganz die Sprache dcr Natur, uud naturgetreu sind auch die herrlichen Illustrationen. Das Werk ist sowohl für geographische Fachleute als gebildete Zeitgenossen geschrieben. Darm» gehört es in die Hand aller, welche überhaupt einen Sinn haben für den Continent, den sie bewohnen. Durch den geringen Preis von 2 Mk. 25 Psg. wird dieses auch leicht ermöglicht. — In einer weiteren Serie ist uns eine ähnliche Beschreibung der übrigen Erdtheile in Aussicht gestellt. Glück auf zu dem Unternehmen! Max Äisle. Jahrbuch der Naturwissenschaften 1896—1897 12. Jahrg. Herausgegeben von vr. Max Wildermann. Verlag von Herder, Frciburg. Preis 6 M. * Dieses Werk, dessen 12. Jahrgang in einem stattlichen. Band von 560 Seiten (incl. Register) vorliegt, hat sich längst Anerkennung in weitesten Kreisen verschafft Es bietet aus der Feder berufenster Mitarbeiter in klaren 192 Darstellungen, die durch eine Reihe von Illustrationen unterstützt werden, ein umfassendes Bild der Fortschritte auf dem weiten Gebiete der Naturwissenschaften (Astronomie, Physik, Chemie, Mineralogie und Geologie, Medicin und Physiologie, Länderkunde rc.). Es würde zu weit führen, nur die interessantesten Abhandlungen anzuführen. Erwähnt mögen nur sein die Abschnitte über die Wahrnehmung des Achtes, Kinematograph, den heutigen Stand unseres Wisiens von den Röntgenstrahlen, Erforschung der höheren Schichten unserer Atmosphäre, Serumtherapie u. s. w. . 1) Die wahre Kirche Jesu Christi. Sechs Fasten- vorträge von Pfarrer H. Hansjakob. 2. Austage. Herder. Freiburg 1897. Preis 1 M. SO Pf. 2) Meßopfer. Beicht und Communion. Sechs Vortrüge, gehalten in der Fastenzeit 1891. 2. Allst. Herder. Freiburg 1697. Preis 1 M. 30 Pf. v. Eine 2. Auflage in dem verhältnißmäßig kurzen Zeitraum von 5—6 Jahren ist für ein Predigtiverk von vornherein ein empfehlendes Zeugniß. Und in der That kann auch die Kritik vorliegende Cyklen mit gutem Gewissen empfehlen. Was ivir da zu hören bekommen, sind nicht äußerlich schön gedrechselte, inhaltlich aber leere Phrasen, nicht kühn aufgestellte Behauptungen ohne die Stütze von Beweisen, nicht endlos moralisirende Ergüsse ohne die unentbehrliche Unterlage dogmatischer Wahrheit: hier sind die Worte nur die körperliche Erscheinungsform tiefer und umfassender Gedanken, und die Anwendungen sind die mit zwingender Kraft sich ergebenden und mit-, feinfühliger Beziehung auf die Zeitbedürfnisse gezogenen^ Consegnenzen großer, entwickelter Wahrheiten.' Die Sprache ist im Einklang mit der poetischen Veranlagung des Verfassers immer schön und edel, voller Mark und voller Herzenswärme, ohne aber dabei jemals ins Weichliche zu verfallen. Geeigneten Ortes weiß Hausjakob auch die Affekte des menschlichen Herzens zu wecken und zu einer gewaltigen Höhe zu steigern, wie z. B. im Schlußwort seiner Predigten über das Meßopfer. — Alles in Allem werden diese Predigten jedem lernbegierigen jungen Prediger wc, der Fülle des Beweismaterials, wegen der Logik der Beweisführung und wegen der angegebenen sprachlichen Vorzüge hochwillkommen sein, wie sie auch für gebildete Laien eine vorzügliche apologetische und ascetische Lektüre bilden. Charitas. Zeitschrift für die Werke der Nächstenliebe im katholischen Deutschland. Verlag von Herder, Freiburg r. Br. Erscheint, 16 Seiten stark, je am 1. des Monats. Abonnementspreis jährlich 3 M. Inhalt von Nr. 5 des II. Jahrgangs: Valls äi Lompsji. — Eine Fabrikküche. — Wesen und Aufgaben der freiwilligen und der Zwaugs-Armenpflege, mit besonderer Rücksicht auf größere Städte. II. (Schluß.) — Ein beachtenswerther Vorschlag zur Lösung der socialen Frage. — Kleinere Mittheilungen. (Behütet die Kinder vor Alkoholgenuß. — Zum katholischen Mädchenschutz im Auslande. — „Katholische Krankenpflege." — Exercitien für Ladnerinnen und Dienstmädchen. — Wie in München die Papiersammlung organisirt wurde. — Organisation der Armenpflege in Mainz. — Kathol. Volksbibliothek von Seyfried (München). — Charitas-Verband für das katholische Deutschland. — Fragekasten, Zusendungen an die Redaction. — Katholische Mäßigkeitsblatter. (Beilage zur „Charitas".) Nr. 2: Der Kapuzinerpater Mathew, der Mäßigkeitsapostel Irlands. — Medicin- isches pro und oontl-a Alkohol. — Arbeiterschuh und Alkoholismus. „Zum Schutze der Missionen" lautete die Pa- role^welche die Regierung ausgegeben hatte, um die für die Marine geforderten Kreuzer durchzudrücken. In diejern Momente mußten auf einmal unsere Missionen herhalten: es half aber nichts. Nie erfahren wir sonst etwas vom grünen Tische arrs über die Thätigkeit unserer Missionäre, Ipecrell unserer katholischen Ordensleute. Darüber zu berichten, ist Aufgabe des Afrikavereinsorgans „Gott will es! , von den: Heft 3 und 4 des neuen Jahrganges uns vorliegen. Die Berichte und Aufsätze sindffehr interessant, lind können «vir unsern Abonnenten den Rath geben, sich die interessante Zeitschrift, die jährlich nur zivei Mark kostet, zu halten. Jeden Monat erscheint eil, 32 Seiten starkes, illustrirtes Heft, und nimmt sowohl die Post unter Nr. 2957 als auch jede Buchhandlung Bestellungen entgegen. Probehefte versendet die Verlagshandlung A. Rif- sarth in M.-Gladbach (Rheinl.) gratis! Literarischer Hand weiser, begründet, herausgegeben und redigirt von Msgr. Dr. Franz Hülskarnp in Münster. 24 Nrn. ä 2 Bogen Hochquart für M. 4 pr. Jahr. 1896. Nr. 24. Kritische Referate über Poggel 2. u. 3. Johannesbrief (Blndau), "I or Haar Ooininsn- tarius in lüttsras enez'cl. 8. OonKr. Lpp. supor saera ?rasckieations (Deppe), Schuen Katcchismllspredigten, Wolfgarten Gelegenheitsreden und Meindl Neue Fastenpredigten (Deppe), Stumpf Tafeln zurGesch. der Philosophie (Stölzle), Oobbott-Oasgust krotestant Rskorination in Lnalanä anet llrslanck u. 8 almon Lneiont Irisb Obureb (Bellesheim). Coloma Lappalien (Keiter), Bertram Hildesheims Domgruft (Graön). Runge Alte Lieder-Handschriften von Colmar und Donaueschingen (Bäumker). — 9Notizen über verschiedene Nova (Hüls- kamp). — Zeitschriften-Jnhalt. — Novitäten- Verzeichniß. Miscelle. * Von der Leo-Gesellschaft wird ein neues großes Unternehmen geplant, welches den Gesammttitcl „Apologetische Studien" führen soll. In einem Aufruf zur Mitarbeit vou Msgr. vr. Äug. Fischer-Cotbrie heißt es u. a.: „Unsere Zeit ist die Zeit der Apologie des Christenthums, wie kerne andere, ausgenommen die ersten Jahrhunderte, vor Constantin. Wir haben nicht mehr nur einzelne Glaubenswahrheiten zu vertheidige» gegen Jrrlehrer, die sonst Christen sein wollen; wir haben es nrit einer ganzen Cultur zu thun, die sich in bewußtem, vollständigem Gegensatze zum Christenthum befindet, die dem Gottesglauben des Christenthums die absolute Menschheitsreligion des Materialismus und Pantheismus entgegenstellt und auf widerchristlicher Grundlage ein vollständiges System theoretischer Wissenschaft und praktischer Lebensführung construirt. Der 8umma tbeoloZios der Kirche hat man eine 8umma oontra voum entgegengestellt, und Tausende und Abertausende der maßgebenden Gesellschaftskreise gehören zu ihren Anhängern. Philosophie, Naturwissenschaften, Geschichte. Literatur, Kunst, Politik, Pädagogik — alles trachtet man vom Christenthum zu emancipiren und ohne Christenthum oder gegen das Christenthum zu bearbeiten. Auf allen Gebieten menschlichen Wissens wird das Christenthum angegriffen oder, was beinahe noch schlimmer ist, ignorirt: auf allen Gebieten soll es seine Vertheidigung finden. An der Lösung dieser Riesenaufgabe der christlichen Wissenschaft unserer Tage wünscht auch die Leo-Gesellschaft theilzunehmen und wendet sich diesbezüglich an alle wissenschaftlich thätigen Freunde der christlichen Wahrheit lind Cultur mit dem Plane der Apologetischen Studien. Das Unternehmen soll in zwangloser Reihenfolge Einzelstudien bringen, welche besonders wichtige Punkte der im weitesten Sinne verstandenen katholischen Apologetik in gediegen wissenschaftlicher Form für weitere akademisch gebildete Kreise besprechen sollen. Von dem strengen Maßstab wissenschaftlicher Originalität soll nur in den Fällen abgegangen werden, in welchen es sich um besonders actuelle Fragen handelt, deren neuere knappe Besprechung ein praktisches Bedürfniß der gebildeten katholischen Leserwelt ist. Die Hefte sollen zwanglos im Umfange von je vier bis sechs Bogen erscheinen. Je 6 Hefte sollen einen Band bilden. Das Unternehmen will kerne Concurrenz zu den schon bestehenden bilden. Es will sich von den Ergänzungsheften zu den Stimmen aus Maria-Laach, den Straßburger theologischen Studien und den Frankfurter zeitgemäßen Broschüren durch viel engere Begrenzung seines Gebietes und auch durch den Umfang der einzelnen Studien unterscheiden, der ja im Vergleich zu den zwei erstern als kleiner und zu den letztern als größer gedacht ist. Ebenso sollen sich unsere Studien in wenigstens zum großen Theile andern: Arbeitsgebiete bewegen als die Biblischen Studien." Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. M. IS M°> ISS7. das Jahr 52 Wochen und I Tag hat, fo muß Immer SoimtagsSllchstabe und Confusionsjahr. Von Al. Stangl, Beneficiat in Tuntenhausen. (Schluß,) Der Sonntagsbuchstabe ist gewiß sehr wichtig und schätzcnswerth für den Historiker; für den Mathematiker aber, der bei cyklischer Jahrrechnung nur zu fragen hat, mit welchem Wochentage das Jahr beginnt, ist er unbrauchbar. Dazu kommt noch die Frage: Der wievielte Wochentag ist der Sonntag? Sonderbare Frage! Das weiß doch alle Welt. Es ist der erste Wochentag — Wenn mir das ein Aegypter sagt: Oonooäo; sagt es mir aber Einer, der dem Gregorianischen Kalender folgt: Ne§o. Bei den Römern war der zweite Wochentag Dies Lolis genannt. Dieser fiel bei Anfang der attischen Aera, da die Aegypter unter römische Oberhoheit kamen, mit dem ersten Wochentage derselben zusammen, und sie benannten ihre Wochentage mit römischen Namen: b — L — ä. 8oli8 v — d — ä. I-ullas ä — o — ä. Nartls s — ä — <1. Llervurii k — 8 — ck. ckovis 8 — k — ä. Vensris s — 8 — ck. 8aturni d — o — ck. Lolis. Da die Aegypter keine 8 Wochentage hatten, mußte sich an das römische Z statt sofort a anreihen. Von den Alexandrinern stammt also die noch jetzt bekannte Benennung der Wochentage, nicht von den Römern unmittelbar. Im ersten Jahre der Lara. Dioelotiam standen die Wochentage in folgender Weise: Römisch 8 7 alttestamentl. ägyptisch 29. Aug. k k 8 1. chotb k 30. „ 8 S 1 2. . 8 31. „da § 3. „ Da machte man nun die Entdeckung, daß die Apostel nicht mehr den Sabbath, sondern den ersten Wochentag als Dies Dominion gefeiert hatten. In Wirklichkeit war aber dieser Tag ein Sabbath. Die erste Woche im September dieses Jahres stellt sich also wie folgt: Römisch 8 7 alttest. ägyptisch 1. Sept. ab — s, — 4. ll°otd d — Montag 2. „ d o — b — 5. „ v — Dienstag 3. „ ock —v— 6. „ ä — Mittwoch 4. „ ck « — ä -- 7. „ 8 —Donnerstag 5. „ 8 k — e — 8. k — Freitag 6. „ k A - k — 9. „ 8 —Samstag 7. „ 8 a —8—10. „ a — Sonntag So lief die Woche während der ganzen Dauer der Märtyrerära. Es ist leicht begreiflich, daß in drei verschiedenen Kalendern die Wochentage b, a und g auf Einen Tag zusammentreffen können, in Einem Kalender kann es natürlich nur Ein Tag sein, außer im altrömischen bei einer acht- und siebentägigen Woche. Wir wollen aber gerne zugeben, daß man auch in der christlichen Aera, nachdem dieselbe längst vom alexandrinischen Kalender losgeschält war, noch immer den Sonntag für den ersten Wochentag nehmen konnte, so lange man nämlich das Jahr mit 25. Dezember anfing, und das war bis 1701. Man hatte da immer die letzte Dczemberwoche als erste Jahreswoche. Weil am 31. Dezember derselbe Wochentag sein, wie am 1. Januar. Nehmen wir nun an, ein Jahr habe am 1. Januar Sonntag, dann ist auch der 31. Dezember ein Sonntag, und der Sonntagsbuchstabe dieses Jahres ist H.. Nun sehen wir: l. dsbä. 6^ol. I. ksbck. o^ol. 6. meus.!. ckom. ourr. Lxaot. 6. msns. i. ckom. vurr. Lpaot. 28 Dec. d s 26 29 Vlrojav 8 d « 26 o d 28 30 s o 29 27 a 0 24 I l^'bi b ä 28 28 s S 23 2 o 8 27 29 k s 22 3 cl k 26 30 s k 21 4 e 8 28 81 » b 20 8 f L 24 1 lkan. L * 6 s d 23 2 b d 29 7 s v 22 3 v v 28 8 b S 21 4 a ä 27 9 o 8 20 6 8 8 26 10 Ä k 19 6 k k 28 11 S 8 18 7 s s 24 12 k 17 Weil das Jahr bereits mit 25. Dezember gewechselt hat, gilt der Sonntagsbuchstabe der ersten gezählten Jahreswoche noch für das vorausgegangene Jahr, und erst von der zweiten Jahreswoche an gilt er für das laufende und ist g. In Verbindung mit dem ägyptischen Kalender kann man den Sonntag für H nehmen. Im lateinischen Kalender allein und mit Beginn des Jahres am 1. Januar kann dieser Tag nur 6 — Sabbathsonntag — Dominion, sein. Auch hieraus läßt sich wieder leicht erkennen, wie brauchbar der Sonntagsbuchstabe zu einer gemeinschaftlichen Osterfeier nach beiden Kalendern ist, wie ungeeignet und irreführend aber für eine astronomisch-cyklische Jahresrechnung. Zu einer richtigen Cyklusrcchnung ist ferners nothwendig, daß der geführte Cykus auch zum Mindesten mit jenem Jahre anfängt, mit welchem der Kalender beginnt. Den Cyklus, welchen man gegenwärtig führt, läßt man beginnen mit 9 v. Chr.; also den nächst früheren 37 und den Kalender selbst 45 v. Chr.; beide daher in einer gar nicht historischen, sondern erdichteten Aera. 45 v. Chr. ist gleich dem Jahre 709 II. 0., und wir haben den Anfang des Kalenders und des Cyklus 709 11. 0. — 45 v. Chr. 21 ob 710 — 44 22 s, 711 — 43 23 8 712 --- 42 24 k 713 — 41 25 eck 714 - 40 26 v 715 - 39 27 b 716 - 38 28 s 717 — 37 1 etc. 8 k Demnach hat Sosigenes, der Mathematiker des Julius Cäsar, den Kalender mit einem Schaltjahre begonnen und noch dazu mit der Cykluszahl 21. Aber das erste Jahr dieses Kalenders war ja überhaupt noch ein abnormes, ein Jahr von 445 Tagen, das „Confusionsjahr". Ja, mit diesem Jahre ist die größte Verwirrung in die ganze Zeitrechnung gekommen, denn man hat sich damit, man möge mir den Ausdruck verzeihen, einen wissenschaftlichen Popanz zurecht gemacht. Machen wir diesem schrecklichen Wauwau ein- für allemal ein Ende. Das Jahr 710 ist das erste eigent- 194 lich julianische Jahr mit den noch jetzt bestehenden Monaten. Diesem Jahre ging 709 mit 365 Tagen voraus, welches freilich mit 1. März begann und theilwcise noch Monate von ganz anderer Dauer hatte. Allein, weil ts ein Jahr von 365 Tagen ist, so hindert uns nichts, daß wir diesem Jahre die gleichen Monate zu Grunde legen» wie sie 710 hatte, und also auch 709 mit 1. jnli- anischen Januar beginnen lassen. Ebenso machen wir es im Jahre 708, indem wir mit den 80 Tagen vorn 81. Dezember ab zurückgehen, und damit kommen wir zum 13. Oktober und sagen: Julius Cäsar begann seinen Kalender mit dem 13. julianischen Oktober 708 II. 6. Dieser 13. Oktober als Beginn des julianischen Kalenders ist der wichtigste Tag in der ganzen Zeitrechnung. Denn mit diesem Tage ist der Anfang des Kalenders fest eingereiht in das Gefiigc der julianischen Monatstage, und es läßt sich jetzt auf die leichteste Weise cyklisch sowohl vorwärts als rückwärts rechnen. Nun kommt aber erst noch die Hauptsache. Wir haben in unserer Schrift „Die Wcltära" die vorhin beanstandeten Fehler vermieden, indem wir nur mit Jahresbuchstaben rechneten und sowohl Sonnen- als Mondcyklus mit 709 und der Cyklnszahl 1 begannen. Es >var uns eben hauptsächlich darum zu thun, Gebnrts- nnd Todesjahr des Erlösers herauszubringen und das ist uns auch vollständig gelungen, denn die betreffenden Jahre 750 und 785 II. 6. stehen unbestreitbar fest. Gleichwohl haben auch wir noch einen gewaltigen Fehler begangen, weßhalb neben sehr vielem Richtigen sich noch manches Unklare und theilwcise auch Unrichtige in unserer Schrift findet. Unser Verfahren wäre recht gewesen, wenn mit dem julianischen Kalender auch eine ^ors, luliana eingeführt worden wäre, wie später eine ^ora Dioolotiani. Wir habe» zwar diese Aera cyklisch durchgeführt, aber sie ist eben keine historische, wenn auch nicht eine erdichtete, wie die vorchristliche Aera. Ganz anders wird die Sache, wenn man den Cyklus in der römischen Aera selbst sucht, was ja vom 13. Oktober 708 ab ganz leicht ist. Für die Woche von acht Tagen erhält man nach Division mit 32 die Cykluszahl 5 zum Jahre 709, für die siebentägige Woche aber 9. Auch der Mondcyklus darf nicht bei 709 mit a. n. 1 beginnen, sondern mit Epacte * vom 1. julianischen Januar des Jahres 1 II. 6. ab erhält man nach rein eyklischer Rechnung für das achte Jahrhundert der römischen Aera die Epacte 26 zur goldenen Zahl 1, und da eine Division mit 19 für 709 die Zahl 6 zum Neste hat, so bekommt man nachstehenden Cyklus: ». u. Dpaet» 704 1 26 705 2 7 706 3 18 707 4 29 708 5 10 709 6 2L 710 7 2 u. s. f. Somit ist klar ersichtlich, wie man nach richtiger Cyklusrechnung für 709 ganz genau jene Epakte erhält, wie sie sich vom Neumonde des 13. julianischen Oktober 708 ab für das Jahr 709 ergibt. Zn unserem größten Bedauern können wir hier in diesen Blättern nicht auf eine nähere Darlegung der Nichtigkeit dieser Rechnung eingehen, da wir zn viele Tabellen zur Anwendung bringen müßten. Das aber sagen wir: Man wird mit dieser Cyklusrechnnng so überraschend Vieles finden, was man aus Mangel an den nöthigen Aufzeichnungen auf rein historischem Wege niemals würde herausbringen können, daß sich die ganze folgende Zeit auf's Klarste erkennen läßt. Wir haben uns zwar von Anfang an auf den Standpunkt gestellt, daß der Schöpfer des Universums, der als solcher ja die Zeit mitgeschaffen, auch die oberste Führung und Leitung der Zeitrechnung niemals, wie man zu sagen pflegt, aus der Hand gegeben hat. Aber das haben wir nicht geahnt, daß sich bei richtiger Cyklusrechnung in getreuer Anwendung der Bewegungsgesetze jener Gestirne, die er den Menschen zum Zeitmaße gegeben, diese seine Oberleitung der Zeitrechnung so klar und deutlich erkennen lasse. Und wenn einmal die historische Zeit, beginnend mit der römischen und nabonassarischen Aera, welche gleichzeitig sind und sich gegenseitig unterstützen und einander anshelfen, klar gelegt sein wird, dann wird sich auch Niemand mehr wundern, tvenn auf solche Weise auch zurück bis znm ersten Tage des Beginnes der Schöpfung die Zeit genau berechnet werden kann. Benta Stilln, Gräfin von Abenberg. Von I. N. Secfried. (Schluß.) Nur ein paar Worte noch über die Resultate der Hirschmann'schcn Kritik. III. Das negative und positive Resultat der Kritik Hirschmanns. Den Cistcrziensermönchen von Heilsbronn kann die falsche Anschauung nicht aufgehalst und überbürdet werden, als seien der Laicngraf Rapoto (1130—1172) und Konrad junior jemals Bruder und der erstere insbesondere Stilla's Bruder gewesen, wie solches der jünger- Spalatin und seine Nachempfinder Vitns Priefer und Vitns Koch später behauptet und fälschlich in die Stilla- Legende hineingetragen haben. Beide Grafen gehören nicht einmal derselben Linie an, da Rapoto sicher der Linie Abenberg-Frensdorf, ckominus 6onrat junior dagegen wahrscheinlich der älteren Linie Abenberg - Zollern zugezählt werden darf. Nur der letztere und der erste» dritte und sechste Abt Rapoto von Heilsbronn können» wie wir wiederholt ausgeführt, als Brüder Stilla's in Betracht kommen. Hirschmann hätte allerdings die Zugehörigkeit Stilla's zur gräflichen Familie Abenberg beanstanden können, allein in diesem Falle hätte er beweisen müssen, daß sie einer anderen adeligen Familie angehört hat. Diesen Beweis hat er nicht erbracht, ja er hat es sogar unterlassen, auf jene merkwürdige Nachricht aufmerksam zu machen, welche sich aus der Geschichte von Marienburg schon bei Falkenstein (1733) findet und im Auszuge lautet, wie folgt:") „Zur Zeit des markgräflichen Krieges war Kloster Marienburg (bei Abenberg) wieder ganz abgegangen und über 30 Jahre öd gestanden bis endlich Bischof Martin (von Schanmberg) dasselbe 1588 wiederum mit Klosterfrauen aus Mariastcin besetzte und das Kloster Marien- bnrg wieder herstellte. . . . Unter anderen haben auch Nordgauische Alterthümer, aufgesucht im Bisthnm Eichstätt. Frankfurt und Leipzig. 1733. II. Thl. S. 377 Ü u. i95 vier Schwestern, geborne von Hirnheim (Hürn- heim), die letzten von dieser Familie, so zwar verheiratet, aber damals Wittwen gewesen, bcnamentlich Agnes Lahingerin, Maria von Wellwarth, Barbara von Bcrnhausen, Maria von Wildau, als an- geborne Blutsfreundinne 8t. Ltillaa,") zu besserer Unterhaltung des Klosters, ihr mildes Almosen und Beysteuer dazu gegeben." Falkenstein, der zuerst in Diensten der Fürstbischöfe von Eichstätt, dann der Markgrafen von Ansbach und Bayrenth gestanden, hat diese Nachricht wohl nicht erfunden oder wie man zu sagen pflegt aus dem kleinen Finger gesogen, es bedarf dieselbe deßhalb schon um ihres Autors willen, insbesondere aber deßwegen einer neuen gründlichen Untersuchung, weil vor einigen Jahren Redacteur Plaß in Donanwörth der edlen Familie von Hürnheim auf dem Al buche (bei Schmähingen, kgl. bayer. Bezirksamts Nördlingen) die Ehre zu Theil werden ließ, Otto den Heiligen, Bischof von Bamberg, den Klosterstifter nnd Apostel der Pommern, zu den Ihrigen zählen zu dürfen.") Wären hiernach die Hürnheim mit den Edclherren von Mistelbach, dem hl. Otto und der seligen Stilla von Abenbcrg wirklich blutsverwandt oder auch nur verschwel g e r t gewesen, wie denn nach der Legende Sttlla' s Mutter eine Truhendiugen und nach Falkenstein") eine Gotthild von Truhendiugen circa 1140 die Gemahlin Rudolfs von Hirnheim gewesen sein soll, so würde sich nicht bloß die Einweihung der Peterskirche bei Abenberg, sondern auch die Verschleierung Stilla's durch den blutsverwandten Bischof von selbst erklären. Hiernach hätte der vielbeschäftigte (8. 63) Pommernapostel allerdings Ursache und Veranlassung genug gehabt, etwa 1136 zu Gunsten Stilla's nach Abenberg zu eilen, die Peterskirche einzuweihen und das Gelübde ewiger Jungfräulichkeit von Seite Stilla's entgegen zu nehmen. Weder unter besonnenen noch unbesonnenen Forschern (8, 62) könnte in diesem Falle ein Zweifel darüber bestehen, daß Bischof Otto I. von Bamberg, selbstverständlich mit Genehmigung des Ordinarius zu Eichstätt, die Peterskirche zu Marienburg wirklich eingeweiht hat, obwohl Hirschmann im k. Kreisarchive zu Nürnberg und im k. allgemeinen Reichsarchive zu München hievon keine Spur mehr zu entdecken vermochte. Sollte ein Beweis nachträglich darüber noch beigebracht werden können, daß Stilla eine geborne Hürnheim oder Mistelbach oder etwa die Tochter eines der abenbergischen Burgmänner gewesen, Z. B. Swigcrs äs ubirndsicd, welcher circa 1136 und 1155 als Zeuge erscheint, oder eines der fünf Konrade cke Lbankarcch, in welchen ich fchon 1869 Bnrgmänner ") Das Lexikon von Franken (9. Band. Ulm 1801) nennt sie nach der Kloster-Chronik: Agnes von Lochinger, Anna von Wöllwarth. Maria von Melden und Barbara von Bernhausen. Vergl. Stadtpfarrer Asam von Abenberg im Sulzbacher Kalender für kath. Christen. 1857, S. 192 ") Beilage zur Augsb. Postztg. von: 18. März 1890 Nr. 16. ") I. o. A. S. 91. Englert kennt freilich Gotrhilde von Truhendingcn nicht, allein in varba magistri darf man nach Hnintus Horatins Illaoons niemals schwören. Ueber die Hürnheim vergleiche Dekan Bauer von Künzclsau. Hist. Vcr. von Schwaben 29. u. 30. Jahresbericht. auf Schloß Abenberg vermuthete/') so würde ich keinen Augenblick anstehen, Stilla aus der Stammreihe der Grafen von Abenberg zu entfernen, wie ich den hl. Otto und seinen Bruder Friedrich sammt deren Eltern Otto und Adelheid längst daraus entfernt habe; solange ein solcher Beweis nicht geliefert werden kann, lasse ich Stilla aus der wohlbeglaubigten und gutgcgliederten Reihenfolge der Grafen von Abenberg durch bloße Negation nicht herausnehmen. Der Versuch, den Hirschmann machte, seinem Gegen stände nicht bloß ein negatives, sondern auch ein positives Resultat abzugewinnen, muß ebenfalls als mißlungen bezeichnet werden. Etwas positiv Neues hat er ja im Allgemeinen nicht beizubringen vermocht, denn nach altherkömmlicher Annahme und Ueberlieferung lebte Stilla im Schlosse zu Abenberg als Wohlthäterin ihrer nächsten Umgebung, ließ sich in der von ihr gestifteten Peterskirche zu Marienburg bei Abenberg, nicht in Hcilsbronn, begraben") und wurde daselbst von dem Volke als selige Dienerin Gottes und Gutthäteriu der Menschen in allen leiblichen Werken der Barmherzigkeit hoch verehrt. Auch die Kirche von Eichstätt ehrte die jungfräuliche Stilla schon frühzeitig dadurch, daß sie entweder schon unter Bischof Hartwig (1195 —1223)") oder Reimbotto von Mailenhart°°) (1279—1297) ihre Reliquien erheben ließ (H. 10, 74) und damit ihre Verehrung zugestanden und gutgeheißen hat. Bischof Wilhelm von Reichenau (1464—1496) errichtete sodann 1488 bei der Peterskapelle zu Abenberg das Augustinerinnen - Kloster Marienburg.. welches nach dessen zeitweiligem Abgang Bischof Martin von Schaumberg 1588 wiederhergestellt hat/') Marienburg ist zwar den Stürmen der Säcularisation am Anfange unseres Jahrhunderts ebenfalls erlegen, Scilla's Angedenken und Verehrung ist aber auch damit nicht unterbrochen und weggenommen worden, vielmehr hat am 23. Februar laufenden Jahres Franz Leopold Freiherr von Leonrod, welcher seit 1867 den Stuhl des hl. Willibald einnimmt, officiell ausgesprochen: „daß die Dienerin Gottes Stilla von Abenberg seit unvordenklichen Zeiten und ununterbrochen bis auf den heutigen Tag öffentlich verehrt worden ist." Wenn Hirschmann am Schlüsse seiner positiven Ausführungen die Hypothese ausstellt, Stilla möge die Gemahlin Burkardslll. Grafen von Zollern gewesen sein (12, 89 A. 38), so will ich dagegen nur bemerken, daß ich der Ansicht, Stilla fei als Stammmutter der Zolleru-Hohenberg aufzufassen, bricff ") Grafen von Abenberg 1869 S. 19 A. 57d. —- Von der Gräfin Stilla von Abenberg wissen wir durch die Tradition mehr als von den Gemahlinnen der Grafen, einer Gerhilde, Sophia, Hedwig und Mechtilde und den gebornen Gräfinnen von Abenberg, den 2 Hedwig und der Gräfin Bcrtha durch Urkunden. Stilla ist der Rose vergleichbar unter den holden, frommen, fürstlichen Frauen der Abenberg. ") Nicht vor 1149/50 ist Stilla gestorben. Nach Falkenstein soll sie 1158. nach Andern 1160 das Zeitliche gesegnet haben. ") Dessen Schwester Sophia wahrscheinlich mit Burggraf Konrad II. von Nürnberg circa 1200 — 1230 vermählt war. °°) Welchem Burggraf Konrad IV. der Fromme Schloß Abenberg mehr verschenkt als verkauft hat. Urkunde vorn 7. März 1296. «) Falkei,stein I. o. (A. 43) S. 377 N. 196 lkch^) entschiedenen Widerspruch entgegengestellt habe. Hirschmanns .Hypothese ist schon deßwegen unmöglich, weil die Tradition nur eine Jungfrau, keine Wittwe Stilla von Abenberg kennt, die Legende sohtn wesentlich umgedeutet werden müßte, wenn Stilla Bnrkards III. Gemahlin geworden wäre. Stilla ist eben nicht Stahla; das letztere läßt sich etwa noch mit „Stahleck" oder „Schaln-Burghansen" erklären, mit Stilla niemals. Ebenso unhaltbar wie die neue Hypothese Hirschmanns muß die längst widerlegte Behauptung der Hohen- zolleruforscher erklärt werden, als sei Friedrich II. Burggraf von Nürnberg durch Vermählung einer abenberg- ischen Erbtochtcr in den Besitz von Schloß Abenberg gekommen und sei dieses mütterlicherseits als das Stammschloß des berühmten Hohenzollern-Hauses zu betrachten. Gerade umgekehrt hat sich die Sache in Wirklichkeit verhalten. Der springende Punkt in der uralten heiklen Streitfrage „Abenberg-Zollcrn oder Zollern-Abenberg" ist der ckominno 6unrnt junior, welcher in dem Weihe- gemälde zu Kloster Heilsbronn den Schild der Grafen von Abenberg mit der rechten Hand hochträgt, während die linke Hand ruhig das Schwert umfaßt hält. Dieser Konrad junior, Graf von Abenberg, und das Geschichtsbild, welches einen Zeitraum von 80 bezw. 100 Jahren umfaßt, keineswegs den Moment der Klosterstiftung 1132 zur Darstellung gebracht hat,^) widerlegen alle Theorien, welche die Hohen- zollernforscher seit fast 400 Jahren auf die Bahn gebracht haben, auf einmal und mit einem Schlage. Dieser Konrad junior oder Konrad, Rapoto's Sohn, ist durch Verehelichung mit der Gräfin Sophie in II u Z/. e> circa 1177/8 Burggraf von Nürnberg geworden. Er hatte zwei Söhne: Burggraf Friedrich I. und Burggraf Konrad II. Von Friedrich I., wahrscheinlich vermählt mit einer Gräfin Zollern, stammen in der älteren Linie, re- präsentirt durch Burggraf Konrad III. (comos in 2olro) die Markgrafen und Churfürsten von Brandenburg ab und die Könige von Preußen, welche seit 18. Januar 1871 die deutsche Kaiserkrone tragen. Die jüngere Linie der Burggrafen von Nürnberg abenbergischer Abkunft hatte von der Mutter Hohe »zollern überkommen und in Friedrich II. mit dem Löwen den Neu begrün der des noch blühenden Hanfes Abenberg-Zolleru erhalten. — Die Ascendenten der Grafen von Abenberg anlangend,^) verweise ich auf die Grafen von Vergilb ei m im 54. Berichte des Historischen Vereins von Bambcrg (1892) Beilage II, 3. Brief vom 10. Februar 1696. Hirschmann möchte Sthala in der Handschrift des Erasmus Sayn von Freising mit Stilla in Verbindung bringen. Ll. 6. 88. XXIV, 78. Es wird dieses Falkenstein und andern Hohcnzoller- forschern noch immer nachgeschrieben. , ") Das Wandgemälde in der Kirche zu Heilsbronn bringt den Stifter und die Donatoren des Klosters und der Kirche zur Anschauung. Stillfried, Alterthümer und Kunstdenkmale des erlauchten Hauses Hohenzollern. Stutt- gart und Tübingen, 1838, ko>., und Snlzhacher Kalender für kathol. Christen 1871 S. 79. Die Grafen von Abenberg sind zwar fürstl. bayer.- wclstscher Abkunft, können und dürfen aber mit dem regierenden Königshause der Luitpoldinger in Bayern nicht so verbunden werden, wie es Äventin und nach ihm Andere versucht haben. r- n sr or» s" DZ, 8 LI '2 D L « G .2 K 'L N S S i-iD L 'S " ar» ^ »L L ZZO 8^2 K- 8" «^2 »» r-rr-. ^ . » 6c- »2Z ö ^ ^ -i- 6 « 8^ ^ a!, Z > 01 8? . Z « LsA ^ Z s ÄkÄ 6^ SS dZ - 8Z.Z L § ^ 6/2 o o V ^ § N ^ s « s rr» a «"Zs« . V a R «-1-2 6 « 2 o . o ^ 6-2 ^ Ä § ^ ^ ^ ^ 2 ^ ^68 »- G ZU« -i"Z München an Maria Verkündigung (25. März) 1897. IW. In der Berichtigung Nr. 27 S. 189 lies vor statt von. Recensionen und Notizen. Heft 11 des „Deutschen Hausschahes" bringr zunächst die Fortsetzung von Karl Mays Reiseerzählung Im Reiche des silbernen Löwen, die die Gewandtheit und Geistesgegenwart des berühmten Reisenden im hellsten Lichte zeigt. L. v. Neideggs Roman: Nicht vergebens, wird zu Ende geführt; der Hausschatz hat damit seinen Lesern einen Roman geboten, der an Gedankentiefe und spannender Handlung sich den besten Werken der katholischen Unterhaltungsliteratur gleichstellt. Von den belehrenden Aufsätzen heben wir die folgenden hervor. Karl Hafter behandelt in: Woher kommen die Steine, die „vom Himmel" fallen? die Frage nach der Herkunft der Meteoriten. Fl. Werr schildert in Das älteste Tagblatt, wie im alten Rom das Zeitungswesen beschaffen war. Dr. A. Heine entwirft ein ungemein fesselndes Bild von dem einzig dastehenden Leben und Treiben In der City in London. Dr. Dreibach beschäftigt sich mit den drei Frühlingsboten unter den Vögeln. Postdirektor Bruns würdigt die großen Verdienste des verstorbenen Generalpostmeisters von Stephan. Daran reihen sich. wie in jedem Hefte, eine Menge kleinerer Mittheilungen, die jedem Leser etwas Interessantes bringen. Der Bilderschmuck ist wieder sorgsam ausgewählt und sehr geschmackvoll. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. i^>'° 89 22. Mai 1897. Der KimneUten - Orden in den bayerischen Stammlanden. I. Die Karmeliten, welche ihren Ursprung auf den Propheten Mas am Carmel in Palästina und die von ihm begründete Einsiedler-Genossenschaft zurückführen, blieben Jahrhunderte hindurch auf den Carmel und das hl. Land beschränkt, bis die zunehmenden Bedrückungen seitens der Ungläubigen um das Jahr 1240 sie zwangen, sich im Abendlande um Niederlassungen umzusehen. Sie zogen nach Chpern, Sicilien, Frankreich und England und wurden überall auf's beste aufgenommen, waren sie doch aus der Zeit der Kreuzzüge nicht mehr unbekannt. Schon 1245 konnte zu Aylesford in der Grafschaft Kent ein Generalcapitel gehalten werden — das erste, welches im Abendlande stattfand, wobei nach dem Tode des bisherigen Ordensgcnerales Alarms der Engländer Simon Stock zu dessen Nachfolger gewählt wurde. Von Paris aus, wo ihnen 1260 Johannes Prior von St. Eligius ein Haus anwies, verpflanzte sich der Orden auch nach Deutschland. Köln wurde der erste deutsche Ordenssitz. In Bahcrn war Regens bürg am frühesten zu einer Niederlassung derselbe» gekommen. Im Jahre 1319 hatte Papst Johannes XXII. an die Bischöfe von Salzburg, Regensburg und Passau ein Schreiben gerichtet, den vielfach bedrängten Karmeliten beiziistehen. Ob nun erst in Folge dieses Schreibens, das allgemein gehalten war, Regensbnrg zu einer Niederlassung der „weißen Mönche" kam, wie man sie ihrer weißen Mäntel wegen nannte, welche sie über den braunen Habit trugen, im Gegensatze zu den Augustinern und Benediktinern und Minoriten rc., oder schon früher, ist nicht erwiesen. Erst in einem Protektorium Kaiser Ludwigs des Bayers vom 21. März 1330 wird das Negcnsbnrger Haus des Ordens der seligsten Jungfran vom Berge Carmel genannt. In demselben Jahre empfahl auch Bischof Nikolaus auf einer Diözesansynodc die Karmeliten dem Klerus seiner Diözese. Ihr Aufenthalt in Regensbnrg war jedoch von kurzer Dauer. Ihr Wohnsitz bei St. Oswald litt sehr durch das Hochwasser der Donau, und auch andere Umstände mögen ihnen den Aufenthalt ^verleidet haben. Herzog Albrecht von Bayern, welcher zii Straubing 1856 sich eine neue Residenz (gegenwärtig Kaserne) gebaut hatte und vielleicht um ihre bedrängte Lage wußte, lud sie ein, nach Straubing überzusiedeln, und wies ihnen einen Platz zur Niederlassung an. Papst Nrban V. bestätigte die Stiftung unterm 6. April 1367 auf Bitten des Pro- vinziales Heinrich. Der Bürger und Lehenspropst des zu Straubing begüterten Augsbnrger Domstiftes, Albert Stcinhanff, schenkte den Brudern zum Klosterbau sein Haus nebst Hofraum, weßwegen er auch gewissermaßen als Mitstifter betrachtet werden kaun. Im Jahre 1371, als die Brüder gerade am Kloster bauten, kam Albert selbst nach Straubing, bestätigte durch Urkunde vom 22. Januar 1371 die gemachte Schenkung, verlieh ihnen das Anrecht auf alle Immunitäten und Freiheiten, deren ihr Orden anderswo genießt, auch in seinem Lande. Zugleich gewährte er ihnen die Freiheit, in Niedcrbayern sammeln zu dürfen. 1374 stiftete Herzog Albert mit seiner Gemahlin Margaretha in seiner Hofburgcapclle eine ewige Messe und eine Schloßcaplanet, welche doppelte Stiftung er 1386 an das Kloster überwies. In der Folge erfreute sich diese Stiftung Alberts I. der Gunst verschiedener Sprossen des Wittelsbacher- Hauses; Herzog Albert III., Wilhelm V., Maximilian I. und Ferdinand Maria nahmen sie in ihren besonderen Schutz. Bayerns Herzog Albert III. ließ die Gebeine der unglücklichen Agnes Bernauer aus ihrem ursprünglichen Grabe in der Capelle auf dem St. Petersfriedhofe in die von ihr selbst in ihrer Lebenszeit auserwählte Grabstätte bei den Karmeliten in der St. Nikolaus- Seitencapelle bringen, allein bei dem Umbau der Klosterkirche verschwand diese Capelle sammt dem Grabsteine. Hingegen hat sich das steinerne Hochgrab Herzog Alberts II. (-j- 1397) auch in der neuen Kirche erhalten. Bei der Säkularisation der Klöster in Bayern t. I. 1803 wurde das Karmelitenkloster zu Straubing als Centralkloster dieses Ordens erklärt und das Abensberger Kloster damit vereiniget. Peter Heitzer, geboren zu Straubing 6. April 1777, der Jüngste im ganzen Convente, ein Mann von vielseitiger Bildung, wurde 1815 zum Prior gewählt. Seinem Eifer verdankte das Kloster, daß es der Zerstörung entging und daß König Ludwig I. die Erlaubniß seines Fortbestandes gab. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß gerade zur Zeit der Klosteraufhebung (1603) ein Mitglied dieses Ordens, k. Wcndelin Zink, gebürtig von Mougolding bei Eglofs- heim, in Abensberg einstiger Mitnovize des späteren Priors Peter Heitzer, von der Propaganda in Rom auf den Missionsposten zu Stralsund bestimmt wurde, in welcher Stellung er 37 Jahre lang wirkte, bis er am 29. Mai 1840 einem Schlagflnsse erlag. Kaum daß das Kloster neuverjüngt aus dem Säculari- satioussturme hervorgegangen, wurde das Ordensreis auch schon nach Amerika verpflanzt, k. Cyrill Knall, geboren zn Schellmberg, Diözese Regensburg, 8. Oktober 1813, und am 3. Juli 1838 zum Priester geweiht, seit 1850 Profeß des Karmeliten - Ordens in Straubing, kam am 8. Juni 1864 nach Amerika, begründete 1868 in Cumber- land, Erzdiözese Baltimore, eine Missionsstelle, welche in der Folge die Kapuziner übernahmen. Er wurde sodann 1882 Prior des Klosters Leaveuworth in Kansas und wirkt gegenwärtig als Pfarrvorstand an der St. Bouifaz- kirche in der Stadt Scipio, Diözese Leaveuworth, an der Seite von drei Mitbrüdern, während drei andere in der Stadt Pittsburgh thätig sind. In Straubing versehen die Karmeliten auch die Seelsorge am nahen Wallfahrtsorte Soßau. Wahrscheinlich von Straubing aus erhielt das Karmelitenkloster zu Abensberg seine ersten Bewohner. Gründer desselben ist Graf Johannes. Am 27. März 1389 übergab derselbe den Karmelitenbrüderu eine Hofstätte sammt Baumgarten als Bauplatz, sowie einige Einkünfte, und empfahl die Stiftung seinen Geschlechts-An- gehörigen. Bereits am 7. September 1391 ratihabirte Bischof Johann I. von Regensburg die Bulle des Papstes Bonifaz IX., worin ihnen die kirchliche Erlaubniß für die Niederlassung gegeben ward. Im gleichen Jahre bestätigten auch die Herzöge von Bayern die klösterliche Siedelung. 1485 betrauerten die Klosterbrüder in ihrer herrlichen dreischiffigen Kirche den Tod des letzten Abcus- 198 berger Grafen Nikolaus, welchen Herzog Christophs Kämpe Seitz Frauenbcrger bei Freistng am 28. Februar meuchlings niedergestreckt, dafür, daß er zur Gefangennahme des Herzogs seinerzeit mitgeholfen. Seine Grab- capclle sowie der gothische Kreuzgang mit seinen Denksteinen erregt noch heute tünstgeschichtliches Interesse. Mit dem Kloster ivar auch eine Schule verbunden, und hier legte der am 14. Juli 1477 geborene Johann Thnrmaier, Bayerns berühmter Geschichtsschreiber, die Anfangsgründc seines Wissens. Die Klöster Abensberg und Straubing gehörten der ältern Regel vom Berge Carmel an, welcher in der Folge, besonders seit Papst Eugen IV., große Milderungen zugestanden waren. Durch die hl. Theresia (st1582) und den hl. Johannes vom Kreuze (st 1591) wurde die ursprüngliche Regel in ihrer ganzen Strenge wiederhergestellt, und der neue Aufschwung, den der Carmel-Orden nahm, kam auch Bayern zu Gute. Im Jahre 1620 begann der Krieg Oesterreichs und Bayerns gegen das protestantisch resp. calvinisch gewordene Böhmen, das der sogenannte „Winterkönig" Churfürst Friedrich von der Pfalz in Besitz genommen hatte. Maximilian I., Herzog und nachmaliger Churfürst von Bayern, hatte sich im Jahre 1619 von Papst Paul V. den wegen seines hl. Lebenswandels berühmten Barfüßer- Karmeliten - Ordensgcneral k. Dominikus a Jesu zur glücklichen Führung des böhmischen Krieges erbeten. Dieser mit seinem Geschlechtsnamen Domingo Ruzzola, geboren zu Calatajud in Aragonien am 16. Mai 1559, hatte in Spanien und Italien überaus segensreich gewirkt, als er 60 Jahre alt aus Gehorsam gegen das kirchliche Oberhaupt nach Bayern reiste. Jin Oktober 1620 zog Dominikus a Jesu mit Maximilian von Schärding aus nach Böhmen und erschien, Alles begeisternd, auf einem Schimmel reitend, mit einem Crnzisix in der Hand und das zu Strakowitz gefundene Bild der Geburt Christi, an dem die Calvinisten den Figuren Jesu und Maria die Augen ausgekratzt hatten, auf der Brust, mitten unter den Streitern in der Schlacht am weißen Berge bei Prag (8. Novbr. 1620), wo Maximilian I. den vollkommensten Sieg an eben dem Sonntage, da es im Evangelium heißt: „Data Oaosari, gnoä Osovaris," gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, über Böhmen gewann. In dankbarer Erkenntniß der großen Hilfe, welche durch das Gebet und das mnthige Eingreifen des heilig- mäßigen Mannes Bayern und Oesterreich zu Theil geworden, wetteiferten die Fürsten beider Länder, die Dankesschuld dem Orden abzutragen, welchem Dominikus a Jesu angehörte. Sowohl in Wien in der Leopoldstadt, als auch in Prag erhoben sich auf Veranlassung Kaiser Ferdinands Niederlassungen der rcformirten Barfüßer- Karmeliten. In München kam eine solche Ansiedlung erst im Jahre 1629 nach dem Friedensschluß von Lübeck zu Staude. Am 1. November trafen aus dem Kloster an der Kleiuscite zu Prag die ersten zwei Karmeliten, k. Felizian a S. Bartholomäo und ?. Dominikus a S. Nicolao, sowie zwei Laicnbrüder ein. In dem herzoglich Wilhelminischen Palaste, der sogenannten Herzog Maxburg, wurde ihnen eine Jnterimswohnung angewiesen und ihnen das nahe gelegene St. Nikolanskirchlein für gottcsdienst- liche Funktionen eingeräumt. Doch dauerte es bis zum Jahre 1650, bis die Karmeliten zu einem Klostcrbau schreiten konnten. Nachdem ihnen Churfürst Maximilian zwei kleine Häuser sammt Hofräumen, 8 Stefften Wasser rc. am Ecke der St. Nikolauskirche und des Churfürsten Bruder Herzog Albert VI. den Anbau an seinem Palaste und den östlich gelegenen Garten an der Maxbnrg geschenkt, so daß das ganze Quadrat, wie wir es jetzt sehen, den Karmeliten gehörte, wurde mit dem Abbruch des St. Nicolauskirchleins begonnen und Kirche und Kloster von Grund aus neu aufgeführt. Churfürst Max I. starb unerwartet am 27. September 1651, und da dessen Sohn Ferdinand Maria noch nicht großjährig war, verzögerte sich der Bau um einige Jahre. Endlich legte der Oheim desselben am 3. Mai 1654 den Grundstein zum Kloster und Churfürst Ferdinand Maria zur Kirche am Magdalenentage 22. Juli 1657. So hatten nun die Barfüßer-Karmeliten in München einen festen Wohn» sitz gefunden, und 142 Jahre lang sollten sie im Genusse desselben verbleiben. Bis zum Jahre 1729 befand sich hier auch das Provinzial-Noviziat, in welchem Jahre es nach Schongau verlegt wurde. Im 17. Jahrhunderte wollten auch die „beschuhten Karmeliten", welche in Altbayern nur in Straubing und Abensberg bestanden, in München ein Kloster begründen, ein Project, das sie noch einmal im Jahre 1780 aufgriffen, wo sie das Baron Hörwarth-Hans auf dem jetzigen Promenadeplatze ankauften und bereits 2 Patres in demselben wohnten; allein ihre Sache hatte hier kein Gedeihen, während die »»beschuhten Karineliten bei den Münchnern alles Vertrauen genossen. Im Jahre 1802 brach der Säcularisationssturm auch über dieses Kloster herein. Unter dem Prior k. Thomas a S. Bernardo standen 31 Patres und 4 Fratres; sie wurden, soweit sie nicht dem Weltklerus sich einreihen ließen, in das Franziskaner-Kloster zu Straubing zum Absterben versetzt, die Klostergebände aber für Studienzwecke in Anspruch genommen und das sogenannte alte Gymnasium und Lyceum in dieselben verlegt. Die herrliche Kirche wurde durch Baudirektor Niklas von Schedl und Banrath Vorherr „entklöstcrt", die schöne Fcnzade ihrer Statuen und Inschriften beraubt, das Innere pnritanisirt, die Klostergruft, in welcher auch der bayerische Geschichtsschreiber und chnrfürstliche Kanzler Johann Adlzreiter (st 1662) seine Ruhestätte gefunden, in rohester Weise entleert. Dreizehn schöne Gemälde, welche die Klostergründung und Wunderthaten des gottseligen Dominikus a Jesu darstellten und einst die Klostcrräume schmückten, wanderten in die Schleißhcimcr Gallcrie und kamen erst im verflossenen Jahre 1895 wieder nach München zurück — aber nicht, wie zu erwarten stand, in ihr ursprüngliches Heim, in das nunmehrige kgl. Erziehungsinstitutsgebäude, sondern in die neue Tanbstummen-Anstalt durch die Bemühungen ihres vortrefflichen Leiters. (Fortsetzung folgt.) Vergessene Audechser. F. Jauncr hat in seiner vortrefflichen Geschichte der Bischöfe von Negensburg Band I Seite 425 ff. die Vermuthung ausgesprochen, daß Bischof Gebhard I. von Negensburg (reg. 995 — 1023) der Familie der Audechser angehört habe. In der That lohnt es sich, seine Argumentation näher zu betrachten. Sie ist in Kurzem folgende: Bischof Gebhard I. hatte nach Thicimar V, 16 einen Bruder Namens Otto, der Ende 1002 durch seine 199 Flucht am Passe Ongara im Brcntathale die Niederlage einer deutschen Heeresabtheilung unter Herzog Otto von Körnten verschuldete (siehe Giesebrecht, Geschichte der deutschen Kaiserzeit, 5. Anst. II. Bd. S. 31). Dieser Otto darf nicht mit dem von Thietmar als Theilnehmer an demselben Zuge erwähnten gleichnamigen Sohn') des fränkischen Grafen Hcribert (Bruders des Herzogs Konrad von Schwaben, gestorben 997) verwechselt werden, dessen Bruder Gebhard bereits im Jahre 1016 starb (siehe Thietmar VII, 34, der sein Vetter war) und darum mit dem Bischof Gebhard nicht identisch sein kaun. Vielmehr deutet alles, was wir sonst von ihm und Bischof Gebhard wissen, auf bayerische Abstammung hin. Im Nekrologium von Thierhaupten wird Bischof Gebhard neben seinem Bruder Rapoto als zweiter Gründer dieses Klosters bezeichnet.2) Aus einer anderen Urkunde, die leider nicht ihrem Wortlaut nach bekannt ist, erhellt, daß er mit eben diesem Rapoto das Kloster Prül bei Regensburg im Jahre 997 neu fnndirte/) Die Namen Otto, Gebhard, Rapoto sind aber gerade in der Familie der Andechser hergebracht. Dazu kommt, daß Bischof Gebhard erweislich Erbgut in Tirol und zwar im Nork- thal besaß, wo die Andechser reich begütert waren. Nach einer Urkunde nämlich, die zwischen 1006 und 1023 anzusetzen ist (s. Meichelbeck Ihn. 1170), tradierte Bischof Gebhard dem Bischof Egilbert von Freising (reg. 1006 bis 1040) zum Besten der Kanoniker dieses Stiftes alles- was er inro üoroäiturlo im Orte Uogian (Layen südlich von Klausen) besaß, unter der Bedingung, daß ihm sowohl IwZian als die umliegenden Ortschaften karxiun (Barbian), Lutsis (Tschutsch), lioreo (Tiers), Aldiun (Albions), Bunurois (Tanirz), Bsevis (Tschöfas), l'susis (Tschötsch), 8eZ63 (Seis) und ein Wald im Grödner- thale (der sogenannte Pontifeserwald, benannt nach den Bischöfen von Freising) mit allen Nutzungen, wie sie von Graf Otto seligen Angedenkens den obengenanten Kanonikern übergeben worden wareiU), zum lebensläng- ') Dieser ist der bei Thietmar V, 21 (zum I. 1003) erwähnte Bruder der Gerberga, der Gattin des Markgrafen Heinrich von Schweinfnrt, der v. O. II, 98 (975), 208 (979), 284 (982); v. O. III, 334 (999), 361 (1000); 21. 8. 28 a S. 304(1002), 390(1008). 458 (1016), wie sein Bruder Gebhard - s. 21. 8. 28 a S. 427 (1010) - als Graf im fränkischen Grabfeld (und in der Wetteran) bezeichnet wird. Sein Vater Heribert war Graf im Kinziggau, s. v. O. II, 128 (976). Der 21. 8. 31a S. 294 (1019) erwähnte Graf Otto im Engcrisgan ist Otto von Hammerstein, den Thietmar VIII, 5 ebenfalls seinen Vetter nennt, er ist also wohl eine und dieselbe Person mit dem obigen. Sein Sohn Udo starb im Jahre 1034 (s. ^nnal. Tllläss- keim. zu diesem Jahr), seine Tochter hieß Hicila; s. 21. 8. 28 a S. 510 (1024). ") S. 21. <4, UsoroloK. Oorm. I, 38 u. 39. b) S. Mausoleum (Ratisbona monastiea) Slusg. 1752 S. 236; vgl. Lxoorpta HUabsnsia z. I. 998 (21. O. 8er. IV, 36), Lvn. Oarstsnsss, ^ämuutouseo, 8. Uuclbsrti 8sUsbui-K6N868 z. I. 1003 (21. 6. 8er. IX, 567, 574, 772). <) S. Meichelbeck Ib n. 1153 (vor 6. Mai 1006 dem Todestag des Bischofs Gottschalk von Freising), wo außer den genannten Orten auch noch Vkkirieba (Aufkirchen bei Erding) und Lxarmr68lni8a (Ebertshausen bei Brück a. d. A.). ferner Höfe im Stubaithale (intor alpoo aä 8tn,,sw) und am Terrenterberg im Pusterthale (in monto Torsnto) und ein Weinberg bei Bozen genannt werden. Eine weitere Aufzeichnung in Freising (s. Obb. Archiv Äd. 34 S. 302 f. Nr. 151) führt noch Höfe in valls Vintulla (Ober- und Nieder-Vintl im Pusterthal am 'Ausgang des Pfunders- thals) an. Zum Ersatz hicfür wurde Otto vom Stifte Freising die enrris (lorollisdaeit (Gerolsbach im Landgerichte Schrobcnhansen) aus Lebenszeit zum Nutzgeuuß überlassen. lichen Nießbrauch überlassen würden. Erst »ach seinem Tode sollte das Ganze an die Frcisingcr Kirche zurückfallen. Hieraus dürfen wir wohl schließen, das; Bischof Gebhard gewisse in naher Verwandtschaft begründete Ansprüche auf diese ehemaligen Besitzungen Otto's hatte, oder mit anderen Worten: Jener Graf Otto seligen Angedenkens war eben kein anderer als der (vor dem Jahre 1023 verstorbene) Bruder des Bischofs Gebhard, der vielleicht gerade wegen seiner schimpflichen Flucht und nicht so sehr wegen begangenen Jncests (unerlaubter Ehe), wie es in einem Diplome König Heinrichs III. (Neubnrg a. D. 10. Dez. 1055F) heißt, noch vor 1006 (s. Anmerk. 4) dem Strafgerichte verfiel. Näheres über ihn erfahren wir aus Brixencr Dokumenten, in welchen er als Graf im Norithal und Pusterthal (und Untcr- innthal) aufgeführt wird/) Neben ihm tritt in denselben Gauen ein Graf Rapoto auf,') in welchem wir wohl den oben erwähnten zweiten Brnder deS Bischofs Gebhard zu suchen haben, wie deßgleichen in jenem Rapoto, der durch Nichterspruch seiner Besitzung Ufchiricha in der Grafschaft Arnolds von Diessen verlustig ging/) Hatte etwa auch er an jener schmählichen Flucht theilgeuoinmen? Vermuthlich gehört auch der nodilis üoiao Ilatpot mit dem. Beinamen Tassilo hicher, der dem Kloster Tcgernsee unter Abt Bereugar (1008 — 1017) alles, was er väterlicherseits als Erbe in den beiden Dörfern (Kirch-) Stockach und (Ober-) Haching (zwei anerkannt andechsischcu Besitzungen) inne hatte, überwachte/) Zwar fochten Ekkehard und Jakob als nächste Erben diese Verfügung an, doch ließen sie sich durch Zureden bestimmen, gegen eine Entschädigungssumme von 5 Talenten von ihren Allsprüchen zurückzutreten, wie die Grafen Friedrich, °) S. 21.8.29a S. 123. Hier wird er (wohl irrthüm- lich) als Markgraf bezeichnet; vgl. S. Riezler in Forschungen z. d. G. Bd. 18 S. 532 f., der an Otto von Scheuern denkt. Aber der 21.8. 28» S. 451 u. 13 S. 352 in Urkunden aus dem Jahre 1014 und 1040 als Graf im Kelsgau aufgeführte Otto ist, wie schon Oefele in Sybel's histor. Zeitschrift Bd. 43 Jhrg. 1880 S. 136 bemerkt hat, kein anderer als der bekannte Otto von Schweinfurt, vgl. 21. 8. 23» S. 361 (1007), wo für in l>» 8'0 llorsvun offenbar in poxo XortMv oder Xortgsw zu lesen ist (es handelt sich um Holzheim im Nordgau, südlich von Burg- lengenfeld). Der 21. 8. 15 S. 160 z. I. 1036 als Graf im Donaugau bezeichnete Otto ist ein Sohn des Burggrafen Ruvert von Regensburg, der im Jahre 1060 Bischof von Regensburg wurde (gest. 1089). °) S. Resch, Ann. 8abion. II S. 650 f. ooä. äiplom. 8rix. sub. 8 . Alvnino (reg. 976—1006) n. 11 (zw. 982 u. 987), 13, 25, 47. 51. 71 (zw. 1002 u. 1006). ') S. Resch a. a. O. n. 15, 47. 67. 68. 69 (hier wird auch ein Sohn Rapoto's, Namens Konrad. erwähnt, der aber vor ihm starb). Schon unter Bischof Wisunt (gest. 956) ist Rapoto an erster Stelle Zeuge, als Irininlint (seine Mutter?) alles was sie in Vsi'AL im Öuosigan (in x»8o bno8i) in Bauern hatte, an das Bisthum Säben schenkt; desgleichen bei der Erneuerung dieser Schenkung unter B., Richpert (vor 962) s. Resch a. a. O. S. 457 f. Eben diesem Bischof (gest. 976) übergab Rapoto zum Besten der Kanoniker in Brixen zwei Huben in Tülls (— Tils oberhalb Brixeu) aus seiner väterlichen Erbschaft s. Resch a. a. O. S. 522 f. Vgl. auch den oomss Uatpoto in v. O. II, 165 und v. 0. III, 1. Jener Rapoto, der in einem Diplome Ludwigs des Kindes 21. 6. 28» S. 125 (901), s. Mühlbachcr, 8eA. Xarol n. 1945. als Graf im Norithal erscheint, war wohl sein Großvater. «) S. 21. 8. 28» S. 464 f. Am 28. April 1017 schenkte. K. Heinrich II. dieses confiscirte Gut an das Bisthum Bambcrg. ^ ^ ^0f.: vgl. Meichelbeck Id v. 1182b und o. Obb. Archiv B. 34 S. 309 Nr. 176. 200 Meginhart,'") Razo (— Rapoto),") lauter Andcchser, bezeugten. Trifft diese Combination zu, so dürften Otto, Geb- hard, Rapoto als Bruder des Grafen Arnold von Liessen anzusehen sein. B. Scpp. Alte Glasmalereien am Bodensee und seiner Umgebung. v. Wir haben unter obigem Titel vor einigen Jahren über alte Glasmalereien berichtet (vergl. „Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensce's und seiner Umgebung", 20. Heft, Lindau 1891, S. 52 ff., und „Archiv für christliche Kunst", Stuttgart 1891, Nr. 8 S. 74 ff.), Welche sich im ehemaligen Kloster Höfen bei Friedrichshafen, jetzigem Sommer - Nesidenzschloß des Königs von Württemberg, in der benachbarten Kirche von Eriskirch am Bodensee und in der Frauenkirche zu Ravensburg befinden. Unterdessen ist uns in letzter Zeit eine weitere Sammlung bekannt geworden, welche sozusagen neu entdeckt und zugänglich geworden ist und die hier zum erstenmale weiteren Kreisen in eingehenderer Weise pnblik gemacht werden soll. Es ist die Collection alter Glasgemälde — über 50 Stück —, welche sich in dem dem Grafen Douglas gehörigen Schlosse Langenstein, eine Stunde von der Eisenbahnstation Nenziugen bei Stockach (Baden), befinden. Die Scheiben sind hochinteressant nicht allein wegen ihrer Schönheit, sondern auch wegen ihrer Technik und ihrer Herkunft. Um gleich bezüglich ihrer Provenienz das Nöthige zu sagen, ist es schon kunstgeschichtlich von hohem Interesse, constatiren zu können, daß es meistens Kirchenfenster waren, welche einstens in der Karthänser-Kirche zu Klein-Basel standen, das bekanntlich bis 1802 zum Bisthnm Konstanz gehörte und welche von elsässtschen, Baseler und Breisgauer Adelsfamilien gestiftet worden sind. Als die Bilderstürmer in Basel 4527—29 diese Kirche protestantisch machten nnd die Altäre herausschafften, haben die genannten Adelsfamilien und Stifter diese Fenster aus der Kirche herausgenommen Ünd sie nach der hochberühmten Benediktiner-Abtei St. Blasten im Schwarzwald transportiern lassen. Dort wurden sie wieder als Kirchenfenster eingesetzt und aber, stm paffend verwendet werden zu können, an den Rändern gestutzt, während die Figuren selbst bis auf einzelne .Scheiben vollständig intakt geblieben sind. Später kamen sie auch wieder aus dieser Kirche heraus und wurden, jedenfalls seit 1698, auf dem Speicher des St. Blasianer Gymnasiums aufbewahrt. Dort wurden von Studenten des Gymnasiums vielfach ihre Namen in die schwarz- schattirten Theile der Figuren und Umrahmungen, allerdings ganz klein und für die Ferne unsichtbar, einge- ' - - Ein Meginhart wird in Brixener Urkunden unter Bischof Album als Vogt des Stiftes Brixen aufgeführt, f. Resch a. a. O. v. 83 und 36; vgl. v. 47, 48, 58. Er ist wohl identisch mit jenem Meginhard von Giltichingen, der im I. 1011 ein von Graf Ernst und dessen Gattin Adelheid an Kl. Tegernsee geschenktes Gut m iprentas l-- LrenS südl. von Sterzing) für sich beanspruchte, s. Ll. V. 6 S. 9 f. Oefele, Gesch. d. Gr. v. Andechs S. 12 u. 4; vgl. Obb. Archiv Bd. 34 Nr. 69. 102, 121, 181. V Vergl. Ueorolos. s. Luäb. Salisd. zum 18. Juni (dl. T Aoerol. Sonn. U, 1. 144, XIV Kai. (ckul.) Ratxoto ob.: Roorol. vissssnss zum 19. Juni (a. a. 0.1.20) lal.) Rsrs oow. ob. cmj osuobiuw in V7orcks k: Oefele. Gj" ' d. Gr. v, Andechs S. 12 v. 3; kritzelt. Die älteste dieser Einkritzeluugen trägt die Jahreszahl 1698. Nach der Aufhebung der Benediktiner-Abtei St. Blasien 1807 kamen die Glasgemälde nach Schloß Langenstein, blieben aber hier unbeachtet bis in die neueste Zeit in einem Gelasse stehen. Wir wollen die Scheiben in der Reihenfolge besprechen, wie sie zusammengehören, und es lassen sich dann fünf Serien unterscheiden. 1. Die erste Serie hat zur Darstellung die Kreuzigung Christi, ein sogenanntes Misericordienbild und eine mator äolorosa. Die Kreuzigungsgruppe ist in drei Abtheilungen gegeben: das Mittelfenster enthält Christus am Kreuz, dessen Fuß von der hl. Magdalena umfaßt wird, die wehklagend zum sterbenden Heiland hinaufschaut. Als weitere Persönlichkeit in dieser unmittelbaren Nähe des Kreuzes sehen wir die zwei Kriegsknechte, von denen der eine, Longinus, die rechte Seite des Herrn öffnet, der andere, Stephaton, ihm den mit Essig gefüllten Schwamm reicht. Oberhalb des Kreuzes lesen wir die Inschrift: Hoäis meouin eris in xaraäiso. Die beiden Seiten- theile zeigen die zwei Schacher, deren Kreuze etwas niedriger und ll'-förmig gestaltet sind; sie sind nicht wie Christus an das Kreuz angenagelt, sondern ihre gewaltsam verrenkten Glieder sind mit Stricken angebunden nnd zwar in der Weise, daß die Querbalken zwischen dem Rücken und den Händen hindurchgehen. Der rechte Schächer wendet flehentlich sein Angesicht dem Heilande zu und ruft, wie die große, von seinen: Haupte ausgehende Vandrolle besagt, die Worte aus: memonto naei Vviuins 8i vanaris in koZnuin 7'num. Unten steht, aufblickend zu ihrem sterbenden Sohne, die heilige Jungfrau mit Johannes, der selbst in tiefster Betrübniß doch in zartester Weise für ihre aufrechte Stellung besorgt ist. Das Fenster zur linken Seite des Herrn hat den verzweifelnden Schächer, der seinen Blick vom Erlöser abwendet, den Typus der verstockten Sünder; er ruft eben die Worte aus: si tu es Lllristus salvn uos et ts. Unten sieht man den heidnischen Hauptmann in ritterlicher Rüstung zu Pferd, der betheuernd ausruft: Vers Äius cisi ernt iste, während auf dem Boden sitzend oder knieend eine Gruppe von Kriegsknechten um den Rock des Herrn würfelt. Die zweite Darstellung dieser Serie zeigt einen sogenannten Schmerzensmann oder, wie das Sujet auch genannt wird, ein Misericordien- oder Erbärmde- bild. Das Mittelalter hat nämlich, außerdem daß es den Heiland in den verschiedensten Phasen seines Leidens abgebildet hat, noch ein Bild erfunden, in welchem wie in einem Compendium die gesammte Passions- und Todesgeschichte des Heilandes gleichsam noch einmal zusammengefaßt nnd in einem Bilde dargestellt wird. Wir könnten es das Porträt des leidenden Heilandes nennen. Dieses Porträt kehrt in verschiedenen Variationen wieder und war besonders im Mittelalter, aber auch noch bis in .die neuere Zeit beliebt. Das Bild ist dem Laas doiuo! in mehrfacher Hinsicht ähnlich, aber nicht mit ihm zu verwechseln. Man sieht auf ihm Christus mit den Wundmalen, entweder im Mantel frei oder am Fuße des Kreuzes oder in halber Figur im Grabe stehend, die Hände übereinander gelegt oder auf seine Seitenwnnde zeigend, umgeben von den Marterwerkzeugen. Hier sehen wir ihn mit ausgebreiteten Armen vor dem Kreuze stehend, an dessen Querbalken die Eeißclwerkzenge hängen. Er trägt die Dornenkrone, und in seinem Angesichtc erkennen 201 wir den freiwillig leidenden, vollständig Gott ergebenen Heiland, eine Auffassung von hohem, erhabenem Ernste. Das Gegenstück von diesem Bilde ist eine runter äoIvEL, die, ein Schwert in ihrem Herzen und die Hände kreuzweise gefaltet, dasteht, freiwillig theilnehmend an dem göttlichen Opfer, eine Anffassungsweise, die so sehr der Würde und Standhaftigkeit der hl. Jungfrau entspricht. Der Schmerz, der ihre Seele dnrchdringt, ist auch in ihrem Angesichts mit unsagbarer Erhabenheit und Größe gegeben. Dem Bilde ist der Vers Jacoponc da Todi's beigegeben: Ltnbnt runter ttolorosn etc. Unten kniet in meisterhaft gezeichnetem Porträt der Donator, vor ihm der Buchstabe mit drei Sternen. Was die technische Ausführung dieser und mich der drei folgenden Serien der Glasgemälde anlangt, so gehört diese noch ganz der zweiten Periode der Glasmalerei an und finden wir auch nur die Errungenschaften dieser Periode, das Knnstgelb und das Ausschleifen des sogenannten Ueberfangglases, angewendet, obgleich, wie wir sehen werden, die Fenster schon dem ersten Viertel des 16. Jahrhunderts angehören. Diese zweite Periode der Glasmalerei wurde nämlich durch zwei wichtige Erfindungen eingeleitet, welche ungefähr gleichzeitig um die Mitte des 14. Jahrhunderts gemacht wurden und die einen großen Umschwung in der Glasmalerei, zwar nicht plötzlich und auf einmal an allen Orten, aber doch nach und nach überall bewirkten. Während man bisher als einzige Schmelzsarbe, d. h. als eine Farbe, die man auf Glas aufmalen und mit demselben unzertrennlich und unzerstörbar durch Einbrennen vereinigen konnte, nur das Schwazloth kannte, so erscheint jetzt neben diesem das sogenannte Knnstgelb (Silbergelb), eine gelbe Malfarbe, aus Schwefelsilber bestehend, welche man ebenfalls auf den Gläsern durch Einbrennen befestigen konnte. Es hatte dieses Kunstgelb zudem noch die Eigenschaft, daß es die einzige Malsarbe ist, die, auf weißes Glas aufgetragen, dieses zwar gelb färbt, aber vollkommen durchsichtig läßt, so daß die Brillanz des alten Kathedralglascs nicht verloren geht. Eine weitere Erfindung dieser Periode war sodann das Aus- schleifen des sogenannten Ueberfangglases. In den Fenstern aller Perioden ist nämlich, wie auch heute noch, das rothe Glas Ueberfangglas d. h. weißes Glas mit einem aufgeschmolzenen Häntcheu rother Glasmasse. Man nahm nämlich zuerst weißes Glas auf die Pfeife, tauchte dieses in den Tiegel mit der geschmolzenen, roth gefärbten Glasmasse und blies dann eine Scheibe, in späterer Zeit einen Cylinder, der auf dem Streckherde zu einer Tafel ausgestreckt wurde. Die gefärbte Masse geht mit, d. h. sie breitet sich gleichmäßig über die weiße, dickere Glastafel aus, und man hat jetzt eine Scheibe, welche durchaus die bezügliche Farbe zu haben scheint, in der That aber nur mit einem dünnen Ueberzug der Farben bekleidet, „überfangen" ist. Diese Operation mußte deßhalb vorgenommen werden, weil eine weiße Scheibe in ihrer ganzen Stärke roth zu färben zu schwierig ist: das einzubringende Metalloxyd, in geringem Verhältniß zugesetzt, hat nämlich die Eigenthümlichkeit, sich einer gleichmäßigen Vertheilung in der Glasmasse zu widersetzen. Das Ausschleifen des rothen Ueberfangglases geschah nun dadurch, daß auf der roth überfangenen Scheibe das farbige, rothe Häntchen stellenweise weggenommen wurde, was bewirkte, daß auf rothem Grunde eine weiße Stelle, sei es eine Zeichnung u. dgl., erschien. Von diesen beiden Erfindungen, dem Silbcrgelb und der Technik des Ausschleifens, ist nun gerade bei unsern Scheiben auf Schloß Langenstcin ein so merkwürdiger Gebrauch gemacht worden, daß man bezüglich der Technik hier wohl die höchste Stufe der Vollendung erreicht sieht. Nur allein durch diese beiden technischen Mittel nämlich brachte der Glasmaler eine solch vollendete Modellirung der Figuren, solche Niiancirnngen und scheinbaren Reichthum in der Farbe hervor, wie man sie sonst nur an der späteren Kabinetsglasmalerci, die mit Emailfarben aller Art zu arbeiten im Stande war, oder an Gemälden auf Leinwand gewohnt ist. Und doch ist noch keine weitere Schmelzsarbe angewendet als das Silbergelb, während alle andern Farben aus in der Fritte gefärbten Gläsern hergestellt sind. Dazu kommt die weitere Merkwürdigkeit in der Technik dieser Fenster, daß, obgleich nur in der Masse gefärbte oder überfangene Hüttengläser angewendet sind, wir doch Scheiben in so großen Tafeln finden, wie sie der Glasmacher auch des spätern Mittelalters noch nicht herzustellen vermochte. Kurz, wir haben in technischer Beziehung wohl fast ein Unicum in der Kunst der Glasmalerei hier: die noch mosaikartige Behandlung der zweiten Periode der Glasmalerei bringt hier Einzelbilder und ganze Compositionen mit allen Niiancirnngen der Farbe, mit möglichster Natnrwahrheit und vollem Realismus in allen Formen hervor. Nun aber drängt sich die Frage auf: wo sind wohl diese Kunstwerke ausgeführt worden, und wer mag wohl der Meister sein, der die Kartons zu diesen Fenstern gezeichnet hat? Im Mittelstücke der Kreuzigungsgruppe lesen wir in einer später unten eingefügten Inschrift die Worte: „Lerubnräo Lotestcümo ab. Eartbusins xntr» Ouiieliuus VVoIkgauZrw et 6ournclu3 Zerrunuo t'ratrr ao Lerubaräus Lotrsteiiuus zuris utriusyus äootor patruo das x>in8 iruagiues nvitne Aeuti8 uobilitntie mZuuiu et nriun xosuit. äuuo 1563." Das Fenster war ursprünglich von Johann von Botzheim, Domherrn in Augsburg, für die Hanskapelle im Botzheimer Hof zu Konstanz gestiftet. Nach dem Abfalle von Konstanz kam es nach St. Blasien und wurde laut obiger Inschrift von 1563 von den Botzheimer Erben dem Kloster geschenkt. Wir werden also die Glasmalereianstalt wohl auch in der Nähe des schwäbischen Meeres, etwa im Kloster Salem, vielleicht in St. Blasien selbst, zu suchen haben. Bezüglich der künstlerischen Darstellung der drei besprochenen Bilder läßt sich nur das eine als gewiß und sicher hinstellen, daß derjenige, der diese Compositionen entworfen und gezeichnet hat, ein Künstler von ganz bedeutendem Range sein muß. Die Krenzigungsgruppe ist ein großartig herrlicher Entwurf; klar, symmetrisch zeigt das erhabene Drama neben einem edlen Realismus eine große religiöse Vertiefung in den Gegenstand. Wenn man die Tongebung, besonders in der Carnation der einzelnen Figuren, die Darstellung der Kriegsknechte und die ganze Anffassungsweise des Hauptbildes der Passion mit den diesbezüglichen Darstellungen von Holbein dem Aeltern vergleicht, wie sie die betreffenden Bilder und Zeichnungen in Augsburg, Basel und an andern Orten zeigen, so würde es für uns keine Ueberraschung sein, wenn diese Vermuthung früher oder später einmal durch eine litcrarische oder zeichnerische Notiz zur Gewißheit ! würde. (Schluß folgt.) 202 Nedei vr.Sepp's „Neue hochwichtige Entdeckungen auf der zweiten Palästinafahrt". Professor Dr. Sepp hat in Beilage 10 und 11 auf meine Besprechung seines Buches replicirt. Da die verehr!. Redaction es mir freigestellt hat, darauf zu erwidern, so will ich von dieser Erlaubniß auch Gebrauch machen. In Beilage 10 vertheidigt Sepp aufs Neue seine Gleichung Mnrieh — Kapharnaum. Wesentlich Neues bringt er nicht bei. All' das stand bereits in seinem Buche zu lesen, der Wiederabdruck der alten Gründe hat mich nicht mehr überzeugen können, als die erste Lectüre. Die Frage, wo Kapharnaum zu suchen sei, ist noch immer nicht entschieden und kann mit dem vorhandenen Material auch nicht sicher entschieden werden. Den Stand der Frage, die Gründe pro und contra Minieh und Tellhum hat bereits 1878 Dr. Philipp Schaff, Professor in New-Uork. in der Zeitschrift des deutschen Palästina-Vereins (WDV) paß-. 216 u. ff. ganz objectiv dargelegt, und 1879 hat Furrer- Zürich in derselben Zeitschrift paff. 63 n. ff. dieselbe Frage in den: für Tellhum günstigen Smne behandelt. Ich empfehle jedem, der sich für die vorwürfige Frage interessirt, das Studium dieser beiden Abhandlungen, er wird dann mit mir zu der Ueberzeugung gelangen, daß die Lage Kapharnaums noch nicht kritisch sicher bestimmt werden kann, daß aber Tellhum mehr Wahrscheinlichkeit für sich hat, als Minieh. Diese meine Ueberzeugung ist auch durch die in Beilage 10 aufgeführten Gründe nicht ins Wanken gekommen, ja ein Grund, welchen Sepp gegen Tellhum erwähnt, scheint sogar für Tellhum zu sprechen. Sepp schreibt Seite 71 triumphirend: «Ich helfe auch unsern abgeneigten Nachbarn (so. den Franziskanern) hinaus, indem ich ihre Station 8sn LIattso in tslovio benenne und durch Christi Gegenwart geheiligt erkläre". Sepp sucht also zu Tellhum (das er, nebenbei bemerkt, fälschlich Telum schreibt, wohl infolge eines Hörfehlers) die Zollstätte des hl. Matthäus, Kapharnaum aber circa 1 Stunde südlicher. Wer aber das 9. Kapitel des Evangelisten Matthäus liest, gewinnt den Eindruck, als ob die Zollstätte des Matthäus vor den Thoren Kapharnaums gewesen wäre. Schegg, Feiten (im Kirchcnlexikon), Kaulen, Cornely und wahrscheinlich noch viele andere, deren Werte ich nicht zur Hand habe, bezeichnen Kapharnanm als die Wohustätte des Matthäus. Cornely 8. >1. schreibt in seiner kistorios, st oritica intioäuotio in utriusgus ll'sstamsnti lidros «serös volumsn III psK. 16: ^.uts vooationsm suam Nsttbasum Oapbar- naum bsbitasss, mstz-na oum vsri similituckins sx vooatiouis nsrrations oouiioimus; psrslz-tioum snim, cks ouins sanstions immsäists autes ssrwo sst, in oppiäo Ospbsr- nanm esse sauatum, clisertis vsrbis trsclit Llsrous st von obsours insinuat Llsttbasus. Lrat sutsm Oapbarnaum emxorium von lAnobils, guock, guum all insrs Oenssarstb in knibus blspbtbsli st 2sbu1on in via, gnas Osmaseo sä LIsäiterrsnsum cluxit, situm esset, inter suos inoolas publiosnos uou paueos viästur kabuisse. Daraus scheint doch hervorzugehen, daß diejenigen nicht weit abirren von der Wahrheit, welche die Zollstatt hei Kapharnaum und umgekehrt suchen; daher beweist dieses Argument Sepp's so ziemlich das Gegentheil von den«, was Sepp damit beweisen will. Das nächste Argument gegen 1°. — L. lautet: „Es gibt im ganzen Umkreis des Sees keine Oertlichkeit. die ungeschickter für einen Schiffptatz wäre, und das war doch der dreijährige Wohnsitz Christi. Telum .... hat nicht einmal einen Landeplatz, geschweige Hafen, und es fällt selbst den Laien auf, daß die Bootsknechte ihre Fahr- gäste auf dem Rücken hinaustragen müssen, wenn diese nicht vorziehen ihr Gewand bis an die Huste aufzuschürzen und binauszuwaten." Aus Johannes 21, 7 wissen wir, daß man damals mcht so wasserscheu war, wie Sepp es voraussetzt. Denn Petrus war nackt im Schiffe; als er vernahm, der Herr sei es, zog er seine Tunika an und warf sich angekleidet ins Meer. Petrus hatte also keine Angst vor dem Naßwerden seiner Kleider, er wußte eben aus Erfahrung, daß die Sonne am See Gencsareth genügend Wärme entwickele, um ein nasses Gewand in kurzer Zeit zu trocknen. Es ist doch als ein. falscher Schluß anzusehen, wenn man aus dem jetzigen Zustand Telllmms auf dessen Zustand vor bald 2000 Jahren schließt. Wenn auch jetzt die Landung unbequem ist, so folgt daraus nicht, daß es zur Zeit Christi ebenso gewesen ist; damals herrschten die Römer, denen Hafenanlagen nicht unbekannt waren, und nicht die Türken. Welcher Hafen im ganzen mittelländischen Meere ist weniger zum Landen geeignet als der sogenannte Hafen von Jaffa? Und doch ist Jaffa der Hafenplatz für Jerusalem. Auch die Annahme einer Zollstätte am See schließt doch die Annahme eines Landungsplatzes fast mit Nothwendigkeit ein. Weiteres Argument gegen Tellhum ist nach Sepp die Angabe der Bibel, daß Kapharnaum 25—30 Stadien (1 Stunde 15 Min. bis 1H, Stunden) von Bethsaida entfernt gewesen sei. An der angezogenen Stelle (Job. 6,19) rst jedoch der tsrmiuus a gno und der tsrmiuus aä gusm nicht so klar als Sepp es darstellt. Hicbei ist ein Fehler Sepp's zu berichten. Tellhum liegt nicht 1h, Stunden nördlich von Minieh, sondern höchstens 1 Stunde. Ferner wird der Scesturm ms Feld geführt. Tellhum sei den Winden zu sehr ausgesetzt. Wenn aber dort zur Römerzeit eine künstliche Hafenaulage bestanden hat (man braucht nicht gerade an den molo von Portsaid zu denken), dann waren die Stürme nicht zu fürchten. Wenn man übrigens die Fischerboote aus den Ufersand zog und sie erst vor dem Gebrauch in das Wasser zurückbrachte, dann war kein Hafen nöthig und die Schiffe waren trotzdem außer Gefahr. Tellhum habe Stunden weit rechts und links kein Wasser, als das aus dem See, daher könne es nicht Kapharnaum sein, da Josephus bei Kepharnome einen Fluß Kapharnaum erwähnt. Richtig ist vielmehr, daß 2 Kilo- meker südlich von Tellhum Am et Tabra der Kapharnaum des Josephus, in den See mündet. Diese Entfernung war vielleicht ursprünglich noch geringer. Wie sich in Tiberias das Stadtbild nach Norden verschob, so kann das Gleiche bei Tellhum der Fall gewesen sein. Livvin III, 141 macht übrigens daraus aufmerksam, daß die Quelle Ain Akab nur 5 Minuten von Beitin, dem alten Bethe!, aber von Kefr Akab zivei Lienes entfernt sei. Da eben von Josephus Flavius die Rede war. so sei gleich hier auf eine Stelle in seiner Vita sei. üsbsr tz 72 Nr. 403 u. ff. hingewiesen. Hier erzählt Josephus von seiner siegreichen Schlacht gegen Agrippa am Jordan bei Bethsaida. Durch einen Sturz vorn Pferde verletzte er sich die Handwurzel und wurde nach Kepharnome gebracht und erst in der Nacht nach Tarichäa geschafft. Demnach muß Kapharnaum der Jordanmündung sehr nahe liegen; denn man schafft einen Verwundeten in der Regel in das nächste Asyl. Da die Feinde in die Flucht geschlagen waren, so brauchte man auf seine Sicherheit- nicht bedacht sein und konnte das nächste Dorf gewählt werden, und dieses ist Tellhnm und nicht Minieh. Was die Tradition betrifft, welche nach Sepp bis vor 200 Jahren für Minieh gesprochen hat, so kann ich auf das bereits in meiner ersten Besprechung Gesagte verweisen. Doch sei auf Eines hingewiesen. Ungefähr 30 Jahre, nachdem Quarcsmius sich für Minieh entschieden, berichtet ein französischer Reisender (Voz-sKs äs Oslilss bei Noroff in Dslsrinoxs äs Daniel p. 107), daß die beim Chan Minieh lebenden Araber Tellhum als Kapharnaum bezeichnet haben. Auch die jüdische Tradition, welche die Gräber des Propheten Nahum und des Rabbi Tanchum nach Tellhum verlegt, begünstigt letzteres gegen Minieh. Es bleibt uns noch der verhältnißmäßig gewichtigste Eiuwurf Sepp's zu besprechen über. Kategorisch schreibt Sepp: „Schon wer die Stadt Christi (Matth. 9, 1) in anderthalbstündiger (?) Entfernung von der Ebene Gennezaret sucht, hat die Bibel gegen sich". Dieser Ein- wurf läßt sich noch am ehesten hören. Aber bei näherer Betrachtung ist er nicht so entscheidend als die Minieh- Anhänger glauben. Was Professor Schaff (2V?V 1878 S. 217 u. ff.) darüber geschrieben hat. ist heute noch giltig: „Die Vertheidiger von Chan Minje behaupten nun zuversichtlich, daß Kapernanm zur Ebene Genezareth gehört habe.während Teil Hnm weiter nördlich liegt. Allein das ist nirgends ausdrücklich gesagt, sondern nur ein Schluß aus dem Umstände, daß Jesus uach dem Speisewunder, das unweit voni nordöstlichen Ufer des Sees stattfand, nach dem synoptischen Bericht (Mt. 14, 34; Mk. 6, 53) in Genezareth. nach dem genaueren (?) Johanni'schen Bericht (Joh. 6. 17. 24.59) in Kapernanm landete. Diese beiden Berichte sind allerdings am ein 203 fachsten durch die Annahme zu verneinen, daß Kapernaum in jener Ebene lag. Auf der anderen Seite aber erfahren wir. daß das Volk von Kapernaum vor dem Speisewunder schneller zu Fuß an das entgegengesetzte Ufer gelaugte, als Jesus mit seinen Jüngern zu Schiffe (Mark. 6, 33). Das ist viel leichter begreiflich, wenn der nähere Tell Hüm der Ausgangspunkt war, als wenn man denselben nach dem mehr (?) als 1 Stunde weiter entfernten Chan Minje verlegt. Vielleicht lassen sich die verschiedenen Berichte der Evangelien durch die Annahme vereinigen, daß Jesns am Morgen nach dem Wunder zunächst in Genezareth landete (nach Matthäus und Markus) und dann. sei es zu Land oder zu Wasser, nach Kapernaum reiste und in der dortigen Synagoge die geistige Bedeutung des Speisewunders erklärte (Joh. 6. 59). Der Bericht des Markus (6, 56) deutet an, daß Jesus auf dem Wege nach Kapernaum durch mehrere Orte in der Ebene Genezareth passirte." Also auch dieser Beweis hält nicht, was er verspricht. Ich habe alle Gründe, welche Scpp in seiner Replik pro Minieh und contra Tellhum anführte, durchgesprochen und komme wieder zu keinem anderen Resultate als: Auch nach Sepp's Deduktionen ist die Frage über die Lage Kavharnaums eine offene. Keiner seiner Beweisgründe entscheidet die Frage: man muß sich gedulden, bis weiteres Material zur Lösung derselben aufgefunden wird. Was die Identifikation von Dalmanutha, Ephrem, Magdala, Emmaus rc. anlangt, so habe ich das Nöthige schon in meiner ersten Besprechung erwähnt, und haben mich die Gegenbemerkungen Sepp's nicht überzeugen können, daß jetzt diese Orte sicher identifizirt seien. Was Ephrem betrifft, so wird soeben im Aprilhefte der „Revus bibligus iutsrnatioimlc" (Paris, Lecoffre) eine Mosaikkarte Palästinas aus der Zeit Justinians, welche von den Griechen im letzten Herbst bei ihrem Kirchenbau in Madaba entdeckt wurde, von den Dominikanern veröffentlicht. Diese Karte weist nun Ephrem bei Jerusalem und hat die Legende: xv(>,or. Demnach spricht eine sehr frühe Tradition unzweideutig gegen Sepp. Leider ist der Theil der Mosaikkarte, welcher Galiläa darstellte, bis aus minimale Bruchstücke zerstört. Niko- polis ist angegeben, der Name Emmaus dagegen findet sich nirgends. Soll das vielleicht andeuten, daß der Künstler Emmaus — Nikopolis setzte. Kana Galil ist nach Sepp das biblische Kana. Der Ort heißt jetzt Chirbet Kana oder auch KanLt el DscheUl und wurde zur Zeit der Kreuzzüge für Kana gehalten. Der gelehrte Dominikaner Zanecchm, dem man keine Voreingenommenheit für die Franziskaner-Tradition vorwerfen kann, schreibt in I-g. Dalcstina ck'oM, Roms 1896 II, 168: „Es ist jedoch die Meinung der modernen Pa- lästinologen sehr wahrscheinlich, welche das 6alilaoas mit Kefr Kenna identificiren; denn die alten Pilqerberichte verzeichnen bei der Erwähnung des Cana, wo Jesus sein erstes Wunder wirkte, Entfernungen und Umstände, welche weder zu Kana im Stamme Ascher noch zu Chirbet Kana, sondern nur zu Kefr Kenna passen." Demzufolge verdankt also das Sanktuarium zu Kefr Kenna solideren Gründen seine Entstehung als dem, „um den Pilgern den weiten Umweg zu ersparen". Sepp bezeichnet irriger Weise den Bergabhang, an welchem Kefr Kenna liegt, als wasserlos. In Wirklichkeit besitzt der fragliche Ort eine gute Quelle, welche zahlreichen Obstbäumen die nöthige Bewässerung liefert. Somit wäre ich am Ende meiner Erwiderung. Es handelte sich darum, zu untersuchen, ob Sepp's Gründe für seine Behauptungen stichhaltig sind und ob seine Ansicht, verschiedene geographische Fragen cndgiltig gelöst zu haben, richtig ist. Ich glaube genügend dargethan zu haben, daß die Punkte, welche ich in meiner ersten Besprechung als kritisch unsicher bezeichnet habe, auch nach der Entgegnung Sepp's an kritischer Sicherheit nicht gewonnen haben. Das .jurars in verba maxistri hat man mir auf den Universitäten, welche ich besticht habe, gründlich ans- gctrieben und dafür den Grundsatz aller Wissenschaft eingeprägt: Ikmicus midi Illgta, moZ'is amica vsritas. Ottmarshansen, am Osterdinstag 1897. Dr. Scb. Euriugcr, Pfarrer. Recensionen und Notizen. Raymund v. Fuggcr, „Die christliche Familie*. VIII, 50 Seiten, 30 Pf. brosch. Südd. Verlags« anstalt (Dan. Ochs) Stuttgart. U. Ein für unsere Zeit sehr bedeutsames Thema wird hier dem Leser in formvollendeter Darstellung vorgeführt. Eingangs nennt Verfasser die Familie eine Grundlage der religiösen und socialen Ordnung, von deren Blüthe und Zerrüttung die Blüthe und der Verfall der Kirche und der Staaten abhängt. Verfasser gibt dann einen historischen Rückblick über das Familienleben bei den alten Römern und Griechen, verbreitet sich alsdann über die moralische und rechtliche Stellung der Frau bei den alten heidnischen Deutschen, bei den Chinesen, Japanern, Türken. Russen rc. Ueberall bietet sich uns. mit einziger Ausnahme unserer deutschen Vorfahren, ein trostloses Bild der Zerrüttung des Familienlebens dar: Der Mann ist Tyrann, die Frau Sklavin, das Kind eine Waare. Nicht viel besser sind die beiden modernen Familiensysteme, das socialistische und das liberale. Nach der Lehre des „Evangelisten" Bebe! tritt im Zukunftsstaat an die Stelle der Ehe die „freie Liebe": die Kinder aber werden vollständiges Eigenthum des Staates u. s. w. Der andere große Hauvtfeind der Familie ist der Liberalismus, und leider hat das liberale Familiensystem durch das Gesetz über die obligatorische Civilehe die staatliche Sanktion erhalten, der gegenüber der kirchliche Standpunkt entschieden zu wahren ist. Der Liberalismus raubt den Eltern ihr unveräußerliches Recht auf die konfessionelle Schulerziehung der Kinder durch den Ruf nach Aufhebung der geistlichen Schulaufsicht. All das widerspricht dem Ideal der christlichen Familie. Das einzige wahre Ideal derselben ist die hl. Familie von Nazareth, deren Grundlagen Christus wieder geheiligt und verklärt hat. Die christliche Familie hat sowohl äußere wie innere Feinde. Verfasser versteht es, den Familienvater im Kamps gegen diese, namentlich gegen Genuß- und Vergnügungssucht, zu ermuntern und zu begeistern. Das alles wird uns in gewandter, herrlicher Sprache vor Augen geführt. Vorliegende tiefgreifende, überaus praktische Broschüre sollte in keinem katholischen Hause fehlen. In Anbetracht des überaus billigen Preises eignet sie sich ganz besonders zur Massenverbreitung. Banr o. Dopt. (o. cap.), ^rxumonts, contra oriontalom ecols8iam o.snsgus szwockieam cnez-elicmn anni ND600X0V. 8" pv. VI -s- 100. Ooniponts, Hauch 1697. ü. 1. s Die getrennten Orientalen zur Einheit der kathol. Kirche zurückzuführen, ist bekanntlich eine Herzensangelegenheit des greisen Papstes Leo XIII. und eine seiner kühnsten» freilich allzu optimistischen Hoffnungen. Seine Eucyklica wurde in griechischen Blättern mit giftigenr Spotte beantwortet und für die Union schwärmen nur diejenigen Orientalen, die sich davon Besserung in socialer und politischer Hinsicht versprechen, um später, wie die Geschichte lehrt, wieder abzufallen. Auch der schismatische Patriarch von Konstantinopel erwiderte auf das päpstliche Rundschreiben mit einer Encyklica, die hier zum Ausgangspunkt für die Erörterung der konfessionellen Unter- scheiduugslebren genommen ist, über welche im Abendland bei uns Katholiken leider eine ganz merkwürdige Unwissenheit herrscht; daß selbst katholische Zeitungen mit der selbst gemachten, nirgends officiellen Bezeichnung „griechisch-katholisch" nichts anzufangen wissen und sie bald für die Schismatiker (die sich selbst Orthodoxe nennen), bald für die (uuirten) Katholiken des griechischen Ritus gebrauchen, sei nebenbei erwähnt. Das Buch ist sozusagen eine Symbolik der griechisch-orthodoxen (schisma- tischen) Kirche und insofern dogmatisch wie historisch sehr dankenswerth. als wir über den Gegenstand keine reiche Literatur haben. Auch ist der Verfasser ein verläfsiger Führer, da er als Lektor der Theologie am apost. oricntal. Lehrinstitute in Budjah (bei Smyrna) selbst auf dem Kampfplatz steht. Er bekämpft die „orthodore" Lehre mit ihren eigenen Waffen, denn in thurmhohcn Widersprüchen haben die Griechen von je her Unnachahmliches geleistet. Mit Geschick werden die haltlosen und oft mich unehrlichen Angriffe der Griechen auf die katholische Lehre zurückgewiesen. Die Quellen, aus denen geschöpft ist, sind griechische Schriftsteller alter und neuer Zeit: die wörtlich 204 citirten Stellen sind auch in lateinischer Uebersetzung beigefügt. Für Solche, die mit Orientalen im persönlichen Verkehr stehen, hat das Buch auch einen nicht zu verkennenden praktischen Nutzen. Was wir bei allen ähnlichen Schriften vermissen, ist die freimüthige Anerkennung dessen, was die Griechen vor uns voraushaben: es betrifft das freilich nur Unwesentliches, an dem aber der Mensch gerade mit der größten Zähigkeit hängt; es sind einzelne Punkts der Disciplin, Eigenheiten des Ritus, worin die Geschichte den Griechen den Vorzug des Ernstes, des ehrwürdigen Alters und eines wohlthuenden Con- servatrsmus zugestehen muß, während Nieniand leugnen wird, daß in der römischen Kirche der kleinlichen erfinderischen Modesucht und der Gründungswuth zu viel Spielraum gelassen ist, ein Unistand, der den draußen Stehenden den Eintritt in unser Haus nicht einladend macht. Hagemann Ge., Psychologie: Leitfaden für akademische Vorlesungen. 8°, VIII -s- 210 SS. Freiburg im Breisgau. Herder 1897 (VI.) M. 2.80. -x Durch Hagemann's Lehrbücher macht der mmehende akademische Bürger, namentlich der künftige Theologe, seine erste Bekanntschaft mit der Philosophie. Sie verdienen in der That die Beliebtheit, deren sie sich in weite» Kreisen erfreuen, vollauf. Ohne tiefer einzudringen, als es die Zwecke der Schule fordern, wozu sie geschrieben sind, geben sie in einfacher, verständlicher Darstellung die Lehren der philosophischen Disciplinen, mit gesundem, sicherem Takte das Wahre vom Falschen, das Sichere vom Zweifelhaften scheidend. Unter den deutsch geschriebenen philosophischen Elementarbüchern verdienen die von Hage- maun den Vorzug vor vielen andern, namentlich vor den vielgebrauchten von Alb. Stöckl, der zum Trost der Wissenschaft seine allzu geschäftige Feder endlich weggelegt. Hagemann's Psychologie liegt nun bereits in sechster Auflage vor; Plan und Inhalt ist der gleiche geblieben, wie in den früheren Ausgaben. Ein Cyklus von Zeitpredigten zu Ehren der „Mutter von der immerwährenden Hilfe" von ?. Frz. Tav. Franz 0. 8s. U. Münster, Verlag der Alfonsus-Druckerei. Preis 1 M. 50 Pf. ' Wie der Verfasser in der Vorrede sagt, soll dieser Cyklus von Predigten „ein Blatt seiir in dem Kranz von Schriften, die fromme Schriftsteller der hehren Gottesmutter unter dem Titel „Unsere liebe Frau von der immerwährenden Hilfe" im Laufe der letzten drei Jahrzehnte gewunden haben". Bei der Herausgabe war der Gedanke maßgebend, eincstheils den Seelsorgern passenden Stoff zur Anfertigung vonPredig- ten über die seligste Jungfrau, insbesondere über sie als Mutter von der immerwährenden Hilfe, zu liefern: dann aber auch allen Marienverehrern „eine Lektüre zu überreichen, welche die Liebe und das Vertrauen zu Maria beleben und die Nachahmung ihres Lebens und ihrer Tugenden im richtigen Geleise erhalten soll". Diesen Zwecken hat der Verfasser mit wahrer Begeisterung nachgestrebt und sie in befriedigendster Weise erreicht. Das Strand- und Badeleben an der belgischen Küste ist nicht nur wegen der reizvollen Naturschauspiele, sondern auch ivegen des großen internationalen Treibens der Badegäste von schier unversieglichem Interesse. Unter diesem Gesichtspunkt wird der Aufsatz im neuesten Hefte (Mai) von „Alte und Neue Welt" sicher mit Freude begrüßt werden. Cüppers, der durch seine Dichtungen und Romane ja hinlänglich bekannt ist, erweist sich hier als ein trefflicher Schilderer und Plauderer. Prächtige Illustrationen schmücken den Text und machen diesen Aufsatz zum hervorstechendsten dieses illustrativ auch sonst ganz vorzüglichen Heftes. Dasselbe enthält drei größere Erzählungen, wovon Mariquita von Alinda Jakoby einen interessanten Fortgang verspricht. Fesselnd durch die Handlung ist die historische Erzählung aus der französischen Revolution: „Das Geheimniß auf Schloß Meudon" von A. Keßler, von großer Eigenart die wunderliebliche Novelle „Frühling" von A. Brauer, illustrirt von Th. Brauer. Nächst dem erstgenannten Aufsatz enthält das gleiche Heft u. a. noch eine sehr werthvolle, gediegene Abhandlung über „Das Volksthümliche der Sprache in Hebels Schatz- kästlein" von I. P. Mauel. die Fortsetzung des hochaktuellen historischen Aufsatzes „Aus Griechenlands schweren Tagen" von P. Friedrich, einen reich illustr. Artikel über denBauder höchsten deutschenBrücke bei Müngsten, ein Lebensbild des hl. Ambrosius von Mailand anläßlich des fünfzehnhundertsten Todestages von vr. ?. Th. Äoffart O. 8. L. und schließlich eine Betrachtung über „DieBedeutunng des Lichtes in der Pflanzenwelt". Von vr. Siebe!. Die Frauen- beilage und die zeitgeschichtliche Rundschau sind in diesem Hefte besonders reich, das überhaupt durch seine geschmackvolle Ausstattung und hübschen Bilder eines der schönsten im Jahrgang ist. _ Atlas der Himmels künde auf Grundlage der cöle- stischen Photographie, 62 Kartenblätter (mit 135 Einzeldarstellungen) und 62 Foliobogen Text mit ca. 500 Abbildungen. Mit besonderer Unterstützung hervorragender Astronomen, sowie seitens zahlreicher Sternwarten und optisch-mechanischer Werkstätten. Von A. v. Schweiger-Lerchenseld. In 30 Lieferungen zum Preise von 60 Kr. — 1 Mark — 1 Fr. 35 Cts. ----- 60 Kop. (A. Hartlebens Verlag in Wien). Ein astronomisches Prachtwerk wie dieses hatte der Buchhandel bisher nicht zu verzeichnen.. Die erste uns vorliegende Lieferung zeigt, was auch auf diesem Gebiete geleistet werden kann, wenn unermüdlicher Eifer ein ganzes Heer von Hilfsarbeitern in Bewegung setzt. Zum erstenmale entrollt uns die Himmelsphotographie m ihrem ganzen Umfange all das Ueberraschende und Bedeutende, das sie in relativ kurzer Zeit geschaffen. Die vielen prächtigen Text-Abbildungen, Instrumente aller Art, große uiid kleine Himmelsphotographien, verbunden mit dem stattlichen Format und dem reichen, fließend und anregend geschriebenen Text, vereinigen sich hier zu einem Werke von ebenso reichem Inhalt als vornehmer Erscheinung. Es genügt zu erwähnen, daß das ganze Werk auf Kunstdruckpapier gedruckt ist. Die unmittelbare Antheilnahme vieler hervorragender Astronomen und Sternwarten an diesem Prachtwerks bietet die Bürgschaft, daß hier etwas Außergewöhnliches geboten wird. Unter solchen Umständen kann der Erfolg nicht ausbleiben. Das Werk ist in jeder Beziehung einzig in seiner Art. Der Katholik. Ncdigirtv.Joh.Mich.Raich. 12Hefte. M. 12. Mainz, Kirchheim. Inhalt von 1897, Heft IV. April: vr. Englert. Der Zusammenbrach der Entwickelungstheorie auf dem Gebiete der Gesellschaftslehre. — Aufruf zur Ueberwindung der religiösen Trennung. Von einem evangelischen Geistlichen. — vr. Jos. Kolberg, Die Einführung der Reformation im Ordenslande Preußen. — vr. A. Bei lesh ei m. Charles Cardinal Lavigerie, Erzbischof von Karthago und Primas von Afrika (1825-1892). U. s. w. Liter arische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von vr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Dreiundzwanzigster Jahrgang: 1897. 12 Nummern. M.9.—. Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshandlung. Inhalt von Nr. 5 u. Ä.: Die kath. Literatur Englands im Jahre 1896. Schluß. (Bellesheim.) — Lettner» Die prophetische Inspiration. (Dausch.) — Bollert, Tabellen zur neutestamentlichen Zeitgeschichte. (Kirsch.) — Sägmüller, Die Thätigkeit und Stellung der Cardiuäle bis Papst Bonifaz VIII. (Wurm.) — viat, V'^po1o»ötiguo äs l'abbö äs LroAÜö. (Bach.) — viat, ^.bdö äs VroAlio: Rsligion st vrittgus. (Bach.) — LliZnov, Vss Orisiuss äs I» 8oolastigus st LuZuss äs 8aivt-V1otor. (Gietl.) — Heinrich-Gutberlet, Dogmatische Theologie. (Atzberger,) — Rolfes, Die substantiale Form und der Begriff der Seele bei Aristoteles. (Offner.) — Commer, Logik. (Gloßner.) — Wundt, Grundriß der Psychologie. (Brmg.) — Simonsfeld. Neue Beiträge zum päpstl. Urkundenwesen. (Baumgarten.) — Hüffer, Der Äastatter Gesandtenmord. (Albert.) — Nachrichten. — Büchertisch. Derantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. lk'. 30 27. Mal 1897. 2 Alts Glasmalereien am Bodensee und seiner Umgebung. (Schluß.) 2. Zur zweiten Serie gehören eine Madonna Mkt dem Kinde und die Heiligen Wolfgang und Christophorns. Die heilige Jungfrau mit dem Kinde, das die Rechte segnend erhebt und in der Linken die Weltkugel trägt, hat blaues Ober- und rothes Nntergewand und hält in der Linken das Scepter. Sie ist von einer Strahlenglorie umgeben und zeigt wie überhaupt eine schöice Gestalt, so besonders ein wunderschönes Köpfchen. Die Zeichnung ist hochfein und die ganze Auffassung des Gegenstandes eine ideale, hochfeierliche. Um die ganze Figur läuft ein Spruchband mit dem Vers: 8is prs- oibn8 piaorrta mor8 ea8tis8ima> virgo, ultima, guum voniet zuäioig tilg, äiso. Oben sieht man miuiatur- artig fein gezeichnet die allegorische Darstellung von „Maria Verkündigung": Die heilige Jungfrau ist sitzend dargestellt, und ein Einhorn flüchtet sich in ihren Schoß; ein stehender Engel bläst auf einem Jagdhorn und führt zwei Hunde mit sich. Diese vorzüglich erhaltene Tafel mit der hl. Jungfrau, 75 na hoch und 50 ein breit, ist ein Kabinetsstück ersten Ranges, wohl das Juwel der ganzen hochinteressanten Sammlung. Der heilige Wolfgau g mit rothem Pluviale und grüner Dalmatika hält in der Rechten das Modell einer Kirche und in der Linken den Hirtenstab sammt einen! Beil, seinem Attribute. Links unten sieht man die Inschrift: NorancI von braun, und rechts nuten kommt der Donator mit dem Spruchband über sich: Lrmotug ^VoIf§cmAa8 ora pro uobig. Der heilige Chri stoph orus, mit einem gewaltigen Stock in den Händen, durchschreitet ein Gewässer und trägt das Christus- kind auf seiner linken Schulter, das die Weltkugel hält. Der Heilige zeigt einen sehr guten, porträtartig gezeichneten Kopf, und ist die ganze Gestalt vollständig erhalten mit Ausnahme von einem eingesehen Armstück. Was die glasmalerische Technik dieser drei vorzüglichen Stücke anlangt, so ist sie im Allgemeinen die gleiche, wie die der vorigen Serie, nur finden wir hier, besonders in dem Madonnenbilde, eine noch feinere Verwendung des Silbergelbs. Nur allein mit dieser Schmelzfarbe, mit einem leichten, in der Fritte hergestellten Blau und mit dem Schwarzloth weiß der Glasmaler bei der Scheibe mit dein hl. Wolfgang einen landschaftlichen Hintergrund mit Fluß, Bäumen, Häusern usw. herzustellen, wie mau ihn lebhafter auf Leinwand nicht geben kann. Eine hier einzigartig technische Erscheinung gegenüber allen andern Figuren bildet die glasmalerische Behandlung des llntergewandeS oder Turnicrrockes beim hl. Christophorns: man sieht hier außer gelben, durch Silbergelb hergestellten Streifen auch solche von rother und blauer Farbe, welche hier eigenthümlicher Weise durch Schmelzfarben aufgetragen sind, was namentlich bezüglich des Roth merkwürdig ist, das man auch später, bei der sogenannten Kabinetsglasmalerei, sonst überall nur als Ueberfangglas angewendet findet. Diese drei Scheiben sind, wie die oben angegebene Inschrift zeigt, von dem reichen Baseler Patrizier Von Brunn in die Karthanse nach Klcin-Basel gestiftet und kamen ebenfalls 1527—29 nach St. Blasien. Daß auch sie hier waren, ergibt die, wenn auch kiinsterisch allerdings mindcrwerthige, aber doch interessante Ergänzung unter der Darstellung der hl. Jungfrau; hier sehen wir nämlich das Wappen von St. Blasien, und zwar das des Abtes Benedikt II. — einen weißen Hirsch auf blauem Felde —, unter welchem also die Ergänzung stattfand. 3. Die folgenden drei Fenster, wieder eine Ma« donna mit dem Kinde und die Heiligen Johannes den Täufer und Margarethe! darstellend, gehören ebenfalls zusammen, und sie scheine» mir, lvie aus der gleichen Glasmalerciausialt wie die Bilder der vorigen Serie, so auch vom gleichen Kartonzeichner zu stammen. Das Mittelfenster zeigt die hl. Jungfrau von einer großen Aureole umgeben, wie sie auf dem linken Arme das Kind und in der rechten Hand ein Scepter hält. Mit einer eigenthümlich genrehaften Lebhaftigkeit ist baS Christuskind dargestellt, indem es nicht, wie in der vorigen Darstellung, die Rechte segnend erhebt, sondern von der Mutter hinweg seinen Kopf rückwärts wendet und in die Welt hinausschant. Das Köpfchen der Madonna ist porträtartig, fast kindlich jugendlich. Unten steht die Inschrift: ^olicmncw JViämann äootor — Ickrrrxrat Lpilmenin. 1528. Das rechte Seitenstück zeigt den hl. Johannes den Täufer, der ein härenes, gclbcS Gewand trägt und in der Linken das Lamm Gottes auf einem Buche hält, auf das er mit der Rechten hinweist. Unten sieht man das Porträt des Stifter?, von dem das Spruchband ausgeht: ora pia. pro nodia vierZo (virgo) maria, und welcher einen Rosenkranz in den Händen hält. Das Porträt ist ganz meisterhaft vollendet. DaS linke Stück hat die Namenspatronin der Stifteriu, die hl. Margaretha, zur Darstellung, die in rothen Mantel und weißes Untergewand gekleidet ist. Ihr Köpfchen ist von wunderbarer Zartheit. Die Heilige führt mit der Linken den Drachen und hält zugleich eine Palme, in der Rechten hat sie ein Stabkreuz. Zu ihren Fußen kniet die Stiftern: sammt ihrer Tochter; erstere, ebenfalls ein vorzügliches Porträt, hält einen gewaltigen Rosenkranz in Händen und gibt zugleich den Ausdruck einer echt frommen, biedern deutschen Hausfrau. Ein Spruchband, das von ihr ausgeht, sagt: ivonm tilinm tnum monstra no5l3 propitium. Was die Provenienz dieser drei letzteren Scheiben anlangt, so geben hierüber die Inschriften hinlängliche Auskunft. Johann Widinanu war Dr. .snrm und St. Blasischer Obervogt und hatte die Schwester des Abtes von St. Blasien, Margaretha Spielmann von Frei bürg, zur Frau. Die Scheiben blieben bis zum Jahre 1820 in St. Blasien, wo sie dann der Großhcrzog Ludwig für seine Privatsammlung von dem Juden Seligman», später bayerischen Baron von Eichthal, kaufte. Dieser Jude Seligmann hatte nämlich im Jahre 1808 das ganze Kloster St. Blasien von der badischen Staatsregiernng gekauft und in eine Gewehrfabrik umgewandelt. Die Kirchenfenster zu verkaufen, hatte aber der badische Staat nicht das Recht, weil sich die Säcnlarisatiou nur auf die Temporalien bezog, nicht aber auf kirchliche Gegenstände. Doch darnach hat damals weder der badische Staat noch der Jude Eichthal-Seligmaun etwas gefragt. Wir haben schon oben beiuerlt, daß die Kartons zu den Scheiben dieser und der vorigen Serie wohl um 206 zweifelhaft von einem und demselben Meister herrühren. 'Aber wer mag dieser Meister sein? Urkundliche, schriftliche Beweise haben wir nicht, auch findet sich kein Monogramm auf einer der Scheiben, das auf den Glasmaler oder den Zeichner der Kartons deuten könnte. Kenner sollen sich, wie wir hören, schon dahin geäußert haben, daß einige der Glasgcmälde „der Holbcin'schen Kunst sich außerordentlich nähern". Es wäre bei den Scheiben der beiden letzten Serien jedenfalls an Hol- Lein den Jüngern zu denken. Allerdings, wenn man die Holbein in Augsburg und das Holbein-Muscum in Basel mit seinen Stichen und Zeichnungen studirt hat, und wenn man auch das Wvllmaun'sche Werk über diesen Meister zu Rathe gezogen und sie mit den betreffenden Glasgemälden der Graf Douglas'schen Sammlung verglichen hat, so können vielleicht auch andere, wie wir, zu dem Resultate kommen, daß wir hier Glasgemälde nach Kartons von Holbein dem Jüngern vor uns haben. Mau fragt sich hier wie von selbst: welch' anderer Meister, auf den Zeit und Ort zunächst hinweisen, mag solche Werke der Kunst,. namentlich auch solch' ausgezeichnete Porträts, geschaffen haben, als ein Holbein der Jüngere? 4. In die Karthäuser-Kirche zu Klein-Basel wurden außer von den oben bezeichneten Stiftern auch noch von andern Wohlthätern, und zwar, wie es scheint, von ziemlich zahlreichen Adelsfamilien vom Elsaß, von Basel und Vrcisgau, gemalte Fenster gestiftet. Neben den schon angeführten Familien Botzheim, Von Brunn, Spielmann sind auch die von Wangen, Schnewlin, Bollschweil» Professor Hieronymus Waldung (Neffe des Malers Baldung- Grien), Carl V. usw. vertreten. Die Stifter waren alle Ehegatten, und finden wir daher je einen männlichen Heiligen und eine weibliche Heilige; einzelne heilige Frauengcstaltcn sind leider zu Grunde gegangen, doch finden wir noch 14 Figuren fast vollständig erhalten, die wir als zusammengehörig zur vierten Serie zählen können. Es sind folgende 1,2 am hohe Einzelgestalten: Der hl. Jacobus in der Gewandung und Aus' rüstung eines Pilgers von Compostclla; er trägt in der Rechten die Muschel, in der Linken den Pilgerstab und zeigt rothes Ober- und violettes Untergewand, eine fast derb realistische Gestalt. Der hl. Hieronymus trägt den Cardinalshut und in ist rothes Obergewand gekleidet, welches mit flott gezeichneten Dessins versehen ist. Er hält die Tatzen des an ihm hinaufspringcndcn Löwen. Die hl. Helena, die Mutter Konstantins d. Gr., hält ein großes Kreuz umfaßt und ist mit violettem Gewände bekleidet. Als Kaiserin mit einer Krone auf dem Haupte ist sie zugleich mit einem Kopftuch oder Schleier abgebildet, aber in so vollendeter Meisterschaft, daß man die hl. Elisabeth von Holbein in der Münchner Pinakothek zu sehen glaubt. Die hl. Jungfrau und Martyrin Ursula erscheint in fürstlicher Tracht mit weißem Mantel und rothein Untergewande und mit der Krone auf dem Haupte. Sie trägt als Attribut drei Pfeile in der Hand. (An diesem Bilde sind, wie nian besonders an dem Halse der Figur sieht, früher Versuche der Reinigung mit Flußspat vorgenommen worden.) Nun folgen die Stifter und Patrone des Karthäuser- vrdcns St. Bruno und St. Hugo, beide in weißem Karthänserhabit und beide herrliche Gestalten voll Krafr und Leben. Der hl. Bruno trägt in der Linken den Llbtsstab, in der Rechten hält er ein Buch, vor sich hat er sieben Sterne. Diese beziehen sich auf die Erscheinung, welche der Bischof Hugo gehabt, wornach der Allmächtige sich in einer wüsten, unweit Greuoble gelegenen Gegend einen Tempel baute, und wobei er sieben Sterne erblickte, welche ihm dahin das Geleite gaben. Hugo erkannte in den sieben Sternen die sieben Einsiedler, in dem neugebauten Tempel den neuen Orden, den sich Gott zu seiner Ehre erkoren. Der heilige Hugo mit rother Mitra, worein hochfeine Dessins gezeichnet sind, hält in der Rechten den Abtsstab, in der Linken einen Kelch, in welchem man das Christnskind mit gefalteten Händen und in Halbfigur sieht. Er hat als Attribut einen Schwan» auf seine Liebe zur Einsamkeit hindeutend, da er öfter die Jnful ablegen wollte, um in der Einsamkeit ein beschauliches Leben führen zu können. Als 8orvi matrio äolorosus hatten die Karthäuser auch den Looo stoiiro und die matsr ckolorosu als Patrone, daher wir auch diese beiden Figuren in unserer Serie finden. Christus mit rothem Mantel, die Dornenkrone auf dem Haupte und die Hände gebunden, hält die grüne Marterpalme. Der Ausdruck des Schmerzes und die Ergebung im Angesichtc des Heilandes ist trotz der realistischen Darstellung von erhabener Auffassung. Das Gleiche gilt von der Gestalt der hl. Jungfrau, die in blaues Ober- und violettes ttntergewand gekleidet ist und, das Schwert in der Brust, die Hände gefaltet hält. Der hl. Gebhard hat als Attribut bloß ein Buch in der Linken und den Hirtcnstab in der Rechten. Daß wir hier den hl. Bischof Gebhard vor uns haben, zeigt das unten angebrachte große Konstanzer Wapven. Der hl. Georg als Ritter in Rüstung und mit einer Fahne zeigt offenbar das Porträt eines Schweizer Ritters, worauf besonders auch die Kopfbedeckung hinweist. Unten das Wappen Kaiser Carls V. Der hl. Ludwig trägt einen violetten Mantel aus Hermelin, in der Linken das Scepter und in der Rechten den Stab mit der schwörenden Hand. Der hl. Johannes der Täufer, mit härenem Untergewand nnd rothem Mantel darüber, hat in der Linken das Lamm mit der Fahne, über das er segnend seine Rechte erhebt; er zeigt einen ausgezeichnet charakteristischen Kopf. Die hl. Elisabeth mit der Krone auf dem Haupte trägt violettes Ober- und gelbes Untergewaud; sie theilt mit der Rechten Brod aus und hält in der Linken einen Krug und noch weitere Brode im Arm. Ihr herrlich schönes Köpfchen, wohl der idealste von allen, ist von einem Kopftuch mit wunderbar vollendeter Draperie umgeben. Die hl. Barbara trägt ebenfalls ein violettes Obergewand und hat unten ihre Attribute, den Thurm und Kelch, neben sich. Das Wappen ist das der Schnäbelin, die dem Breisganer Adel angehörten. Außer diesen ganzen Figuren sind noch einzelne sehr gnt modellirte Köpfe erhalten, und zwar von den Heiligen: Nikolaus, Kilian, Thomas (Kopf und Hände), Ulrich, Petrus und Paulus. Die technische Seite dieser vierten Serie anlangend, haben wir auch hier noch die zweite Periode der Glasmalerei vor uns: wir finden als Malfarbe nur das Silbcrgelb und das rothe Ueberfangglas, und nur die Negation der Farbe, das Schwarzloth, zur Zeichnung verwendet, sonst aber ist vollständig auf die Palette aller farbigen Flüsse verzichtet. Das Ueberfangglas versteht der Glasmaler au beliebigen Stellen wegzuätzen und den 2M weißen Grund mit Silbergelb auszufüllen; in dieser Weise sind z. B. die sieben Sterne beim hl. Bruno hergestellt. Auffallend schön in der Brillanz seiner Farbe und in seiner Stärke ist auch das Glasmaterial, das hier verwendet ist; man beobachtet die ausgedehnteste Anwendung der Kontraste warmer und kalter Töne; die brillantesten Goldgelbs wechseln mit feurigem Rubin nud üppigem Saftgrün. Wie der Glasmaler auch mit großen Flächen von Silberweiß trefflich umzugehen versteht, zeigen besonders die beiden Karthäuser-Heiligen Bruno und Hugo, die fast nur allein aus den großen, weißen Autikgläseru herausgezeichnet sind und doch noch ganz die alte Kraft der Modellirnng haben. Hier sollten unsere modernen Glasmaler lernen, wie man auch bei reicher Anwendung von Silberweiß (das zugleich die Kirchen hell ließe!) eine herrliche harmonische Wirkung zu erzielen vermag, ohne, wo immer ein weißes Glas zur Verwendung kommt, gleich auch die schmutzige Patina künstlich anzubringen. Welche Belehrung könnten in dieser und anderer Beziehung diese Glasgemälde für die heutige Traktirung dieser Kunst geben, wenn sie an einem öffentlichen Orte, etwa in einem staatlichen oder sonstigen öffentlichen Museum, stehen würden! Fragt man bei dieser Serie nach dem Kartonzeichner, so ist jedem sofort klar, daß es nicht der gleiche ist, wie der bei den zwei vorhergehenden Serien. Doch eines verkünden diese Figuren uuwiderleglich klar: es muß nach Dürer und Holbein der tüchtigste Zeichner gewesen sein, den Deutschland damals besaß. Das war aber Hans Baldung-Grien (geb. zu Gmünd 1476, -j- zu Straßburg 1545). Man sieht zwar, daß er sich in unsern Figuren denen anschließt, welche neue Richtungen einschlagen, aber doch als ein origineller und energischer Künstlercharakter vor uns steht. Dürer war wohl derjenige Künstler, dein er, was von Kraft und energischem Leben in seinen Zeichnungen sich findet, am meisten verdankt. 5. Die fünfte Serie besteht aus sog. Schweizer- scheiben (Kabinetsglasmalerei), von denen folgende nur erwähnt seien: Scheibe mit St. Blasius von St. Blasien. 1616. Rundscheibe mit St. Andreas und St. Elisabeth. 1611. Unten halten zwei Engel einen Schild mit Inschrift. Wappenscheibe, aus verschiedenen Theilen zusammengesetzt. Mitra vom Kloster Allerheiligen in Schaffhansen. Abtscheibe vom Kloster Mnri, feine Technik, gut erhalten. St. Martin und St. Beuedikt. Abtscheibe von Mnri von 1579, feine Ornamentik. Scheibe vom Stift St. Ursen zu Solothurn von 1581; die schönste und wertyvollste, ganz gut erhalten. Scheibe von St. Blasien von 1579. St. Christina-Ravensbnrg. Detzel. Der Karmeliten - Orden in den bayerischen Stammlanden. (Fortsetzung.) III. Fl Schon bei seiner Reise nach Bayern (1620) hatte Dominikns a Jesu, als er In» abwärts fuhr und bet Audorf vorüber kam, prophetisch vorausverkündct, daß in dieser Gegend ein Kloster seines Ordens dereinst entstehen würde. Es war das nachmalige Reksach. Damals befand sich dort die Hofinark Urfahrn im Besitze des Geschlechtes der Hofer. Durch Heirath gelangte dieselbe 1660 an die Zeilhofen, 1680 an die Reisach und schließlich 1721 durch Kauf an den chnrfürstlichen bayerischen Kammerrath Johann Georg von Messcrer, der um 1727 hier ein neues Schloß mit einer schönen Capclle errichtete. Bald darauf ging er daran, auch den Kanne? litenmönchen auf seinem Hofmarksgrunde eine Niederlassung einzuräumen, und berief zu diesem Zwecke sechs Karmelitenpatres ans München, welche am 14. Oktober 1731 eintrafen und als einstweilige Wohnung das sogenannte alte Schlößl zn Urfahrn bezogen. Gleichzeitig wurde ihnen die nenerrichtete Schloßcapelle znr Abhaltung ihrer kirchlichen Funktionen übergeben. Am 2. September 1732 legte Decan Dinzenhofer von Aibling den Grundstein zu Kloster und Kirche, die aber erst 1747 durch den Maurermeister Philipp Müller aus Hausstatt größtentheils auf Kosten des Stifters lind mit bedeutenden Beiträgen der Klöster Augsburg, München und Ncgensburg vollendet wurden. Der Wcihbischof von Freising, Johann Ferdinand Pödigheim, weihte sodann am 15. Oktober 1747 die Klosterkirche zu Ehren der hl. Theresia und des hl. Johannes vom Kreuze feierlich ein. Leider erlebte der Stifter diesen Frendentag nicht mehr, er war bereits am 17. Februar 1738 zu Kelheim gestorben und in der Gruft der Schloßcapelle zu Urfahrn beigesetzt worden. Im Säcularisatkonsjahre 1802 wurde Neisach als Centralkloster für die nnbeschuhten Karmeliten der übrigen aufgehobenen Klöster ansersehen. 1611 lebten unter dem Prior k. Thcresius Reiß nur mehr vier Patres, zuletzt war nur mehr ein Laienbruder übrig. In Folge eines Rcskriptes König Ludwigs I. vom 26. Januar 1835 wurde Reisach wieder hergestellt und den Franziskanern aus München übergeben, die es aber schon 1836 wieder verließen. Auf Veranlassung des Posthalters Licmayer von Fischbach erhielten 1836 die Karmeliten des Renererklosters in Würzburg die Erlaubniß, Reisach wieder zu besiedeln. Doch blieben die Klostergebäude sammt der ansehnlichen Bibliothek Eigenthum des Staates und wurde den Karmeliten die gänzliche Unterhaltung derselben aufgebürdet. Seit 1851 ist Reisach zu einem Priorats- und Noviziats Konvent erhoben. In diesem Kloster erhielt am 14. Oktober 1858 k. Burghart Bauerschubert aus Arnstein in Unterfranken die Priesterweihe, welcher dann 1863-1871 und 1872-1875 in der ostlndischen Mission segensreich wirkte und 1884 im Karmelitenkloster zn Würzburg znr ewigen Ruhe einging. IV. Nach Vertreibung der Schweden aus Regensburg, welches damals noch freie Reichsstadt war, berief Kaiser Ferdinand II. Karmeliten-Patres dorthin; sie trafen 1635 ein und bezogen als Wohnung das Johannitercommeuden» gebände bei St. Leonard. 1640 suchten sie ein großes Halls auf dem St.' Jäkobsplatze beim damaligen Zeughause zur Erbauung ihres Klosters zu kaufen, allein der Stadtrath wußte es, zu hintertreiben. Sie kauften nun vom Bischöfe der^ Bamberger Hof und den Freisinger Hof sowie das dazwischen' liegende Gasthaus, welches einem gewissen Alkofer gehörte,! und schritten zum Baue. Kaiser Ferdinand III. und seine Gemahlin Maria legten während des Reichstages am 12. Oktober 1641 selbst den Grundstein und steuerten 208 nebst ihrem Sohne, dem römischen König Ferdinand IV., dem König von Spanien, dem Churfürsten Maximilian I. von Bayern sammt seiner Gemahlin und den geistlichen Churfürsten ansehnliche Summen znm Baue und zur Dotation des Klosters bei. Im Jahre 1660 war der Bau des Klosters vollendet und wurde der Grundstein zur Kirche gelegt. Noch 1678 wurde am Kirchthurme gebaut. Auch für die innere Ktrcheneinrichtnng kam das Kaiserhaus auf. Kaiser Leopold I. spendete 1691 einen prachtvollen Marmoraltar, welcher 14,500 fl. kostete. Anfangs lebten die Karmelitcn vom Almosen, bis 1. I. 1758 ein Religiöse ?. Udalricns a St. Trinitatc, aus Coblenz gebürtig, ein Apotheker von Profession, eine eigene Art von Melissengeist erfand, der seiner vortrefflichen Eigenschaften wegen in wenigen Jahren solchen Absatz fand, daß nicht nur das Kloster in Negensburg seine Bedürfnisse aus der Einnahme von dem Verkaufe desselben bestreitcn, sondern auch andere ärmere Karme- litenklöster in Bayern unterstützen konnte. Als Regensburg 1803 an den Fürst-Primas Karl Freiherrn von Dalbcrg gelangte, kam der Fortbestand des Klosters nicht in Frage. Schlimmer gestaltete sich jedoch für dasselbe die bayerische Besitzergreifung; 1810 wurde das Kloster aufgelöst, die Kirche profanirt, der kostspielige Altar nach Schärding verhandelt und in den leeren Räumen eine Gütcrhalle eingerichtet; im vorder» Theile des Klosters blieb das „königliche Melissengeist-Institut", »vährend der rückwärtige Theil der Gebäude als Frohnfeste verwendet wurde. Die Patres wurden in das Ccntralklostcr zu Straubing verseht, nachdem die Franziskaner aus ihrem Eigenthum entfernt worden waren. Nur der Prior und ein Frater durften in Negensburg als Leiter des königlichen Melissengeist-Institutes zurückbleiben. Auch hier war es Bayerns König Ludwig I., dessen Devise „Gerecht und beharrlich" lautete, welcher 1836 den Karmeliter!-Orden wieder in sein Eigenthum einwies. Das Karmelitenkloster zu Negensburg besitzt als Erinnerung aus früherer Zeit ein interessantes Porträt eines Ordensbruders: des Titularbischofes von Ger- manicum, Fr. Franz v. Sales, zugenannt von der schmerzhaften Mnttcrgottes. Derselbe, in der Welt genannt: Eustach Fcderl, geboren zu München den 13. September 1732, war im Alter von 20 Jahren zu Schongau in dem Karmelitenorden getreten, wurde 1762 nach Malabar in Vorder-Jndien geschickt, woselbst er während 10 Jahre eine äußerst segensreiche Thätigkeit entfaltete. Papst Clemens XIV. berief ihn 1772 in Missions- Angelegcnheiten nach Rom und ernannte ihn am 8. Juli 1774 zum Bischöfe von Germanicum und zum apostolischen Vikar für ganz Malabar. Nachdem er zu Paris am 20. November 1774 die bischöfliche Weihe erhalten, begab er sich an seinen Bestimmungsort und opferte daselbst seine ganze Sorgfalt der ihm anvertrauten Heerde. Wiederholte Verfolgungen nöthigten ihn, Malabar für immer zu verlassen. Er beschloß, den Rest seiner Tage in Frieden am Wiegensitze seines Ordens, am Berge Carmel, zu verleben, aber ein Schiffbrnch, den er im persischen Meerbusen unweit Bassora erlitt, brachte ihn um all das Seinige. In größter Dürftigkeit schied er zu Aecon am Fuße des Berges Carmel aus dem Leben am 25. September 1778. k. Franz war ein Mann von hoher Tugend und ausgebreiteten Kenntnissen. Er sprach außer seiner Muttersprache und der itMgjscheu und französischen Sprache noch fertig englisch, spanisch, portugiesisch und malabarisch. In letzter Sprache verwahrt die Propaganda in Rom noch einige Handschriften von ihm. ?. Franz war nicht der Einzige, der aus der bayerischen Karmelitenprovinz dem Missionswcsen sich widmete. Das einstige Hauptkloster zu München kann sich, ähnlich wie das benachbarte Jesuitencolleg, einer großen Anzahl Ordensmitglieder rühmen, welche ihr Leben in den verschiedensten auswärtigen Missionen beschlossen. (Der Sulzbacher Kalender für kathol. Christen vom Jahre 1891, Seite 130, zählt mehrere derselben auf.) Auch in neuester Zeit ist ein Ordensmitglied in der ostindischen Mission erfolgreich thätig: k. Bonifaz Kurz aus Schöffau bet Wcilheim, seit 1883 dem apostolischen Vicariat von Virapolis zugetheilt. V. Wild und unheilvoll brauste der Sturm des sogenannten Kulturkampfes über die nördlichen Gaue des neu erstandenen deutschen Reiches. Pochenden Herzens hatten die Töchter der hl. Theresia in den drei Carmel- Wstern von Aachen, Ncuß und Köln dem Toben des entfesselten Elementes gelauscht; mit tiefem Wehe sahen sie ihre. Klausur sich öffnen und sich hinausgescheucht in die finstere Wetternacht. Das gastliche Holland bot ihnen eine Zufluchtsstätte; in Mästricht, Rocrmond und Echt erstanden neue Carmclklöster. Mit Bangen sahen die bayerischen Karmelitenkloster der Zukunft entgegen und trafen die nöthigen Vorsichtsmaßregeln. Auch für sie bot das kleine Holland noch Raum genug zu einer Niederlassung. 1875 wurde zu Geleen zwischen Mästricht und Roermond ein Hans erworben und am Herz Jesufeste 1876 von 4 Religiösen (2 Priestern, 1 Chorist und 1 Laienbruder) bezogen: es war klein und arm genug, aber für den Anfang hochwillkommen. Drei Jahre vergingen, ohne daß sich an dein kleinen Hospize etwas verändert hätte. Aber die zunehmende Anzahl der Religiösen nöthigte, an eine Erweiterung zu denken. Am 12. Juli 1879 wurde feierlich der Grundstein zu einem neuen Klostergebände gelegt, das nach 4 Monaten fertig dastand und am 12. November seiner Bestimmung übergeben werden konnte. Nun ging es auch an den Bau einer größeren Kapelle; am Osterdinstag 1880 wurde die alte Kapelle abgebrochen, und nach etwa 7 Monaten stand eine neue an deren Stelle. Der Hochwürdigste Bischof von Roermond, ein 85jähriger Greis, nahm selbst die Einweihung derselben am 15. November vor. Während an diesem Tage in Bayern das schönste Wetter war, tobte in Geleen ein Sturm, daß man glaubte, es wären alle bösen Geister los; trotz alldem nahm die Einweihung ihren besten Verlauf. Durch Erlaß des Hochwürdigsten Bischofes vom 18. Mai 1881 wurde der Convent mit päpstlicher Vollmacht kanonisch errichtet und dadurch die eigentliche Stiftung znm Abschlüsse gebracht. In der Folgezeit waren freilich noch manche Zubauten nöthig, aber das Werk gedieh, und im Jahre 1888 konnte demselben durch Erhebung des bisherigen Vicariatcs zu einem Primate die Krone aufgesetzt werden. Die jüngste Niederlassung der unbeschnhteu Karmelitcn befindet sich in der Nähe Schwandorfs. Schwan- dorf, 12 Stunden nordwärts von Negensburg entfernt, seit Beginn der sechziger Jahre auch ein Knotenpunkt der Eisenbahnen, welche den regen Verkehr zwischen München und Egcr sowie Nürnberg-Fnrth vermitteln, wird eine Viertelstunde ostwärts von einem nach allen Seiten hin freistehenden Bcrglcgcl überragt, zu dessen Fuße eine 209 herrliche Lindenallee führt. Derselbe trägt eine 1679 zu Ehren des hl. Erzengels Michael erbaute Wallfahrtskirche in Kreuzcsform. In dem Gebäude nebenan verfahrn seit 1680 bis zum Jahre 1803 Kapnzinerordens- priester die Seelsorge bei den Wallfahrern. Nach deren Entfernung drohte der blühenden Wallfahrt völlige Verwahrlosung, hätte nicht einer jener Ordensmänner in treuer Anhänglichkeit an die Stätte stillen Friedens, k. Cassiodor Zenger, 1- 1830 als Benefiziat in Pars- dorf, ein Benefizinm dorthin gestiftet. Seit Jahren war schon das Bestreben der Bürger Schwandorfs, am geliebten Krenzbcrge wieder Ordensleute schaffen und walten zu sehen. Der 10. April des Jahres 1889 sollte endlich die Erfüllung des frommen Wunsches so Vieler bringen. Am bezeichneten Tage erschien in Begleitung von 6 Patres Karmeliter: und 2 Fratern der Provinzial derselben von Negensburg her, um von dem einstmaligen Klostergebäude, dem spätern Benefiziatenhause, Namens seines Ordens Besitz zu ergreifen. Es war eine erhebende Feier und die Betheiligung des Volkes, das seiner Freude in Festfchmuck, Triumphbögen und Böllersalven Ausdruck gab, eine riesige. Noch an demselben Tage kehrte sodann der hochw. Provinzial mit seinen Begleitern nach Regensburg zurück: zwei Patres und zwei Laienbrüdcr zurücklassend, welche seitdem mit ganzer Hingabe sich das Gedeihen der Wallfahrt angelegen sein lassen. (Schluß folgt.) Das „Leben des Cardinals Manning"*) von E. S. Pure eil ist aus Anlaß der Broschüre von Nector Dr. H. Schell in der „Postzeitung" nun schon wiederholt Gegenstand der Debatte und Controverse geworden. Cardinal Mauning war ein großer Mann und wird als solcher stets in ehrenvollem Ansehen bleiben. Aber es wäre falsch und würde dem Gebote der Wahrheit widersprechen, wenn man sein Lebensbild nur in lauter Licht gezeichnet darstellen wollte. Er hatte auch Seiten, die uns nicht gefallen können, und es ist, wie wir aus absolut unanfechtbarer Quelle erfahren haben, eine Thatsache, daß er den Jesuiten, aber auch anderen Orden z. B. den Benediktinern nicht geneigt war. Man wird sich aber wohl hüten müssen, das Urtheil oder wenn man will Vorurtheil Maunings, das anf englischen Verhältnissen basirte, zu verallgemeinern und es etwa anf deutsche Verhältnisse zu übertragen. Das vorausgeschickt, reprodnciren wir die Kritik, welche die Purcell'lchc Biographie Maunings von streng fachwissen- schaftlichem Standpunkt aus im 1. .Heft 1897 des „Historischen Jahrbuches der Görresgesell- fchaft" S. 201 — 204 gefunden hat. (Einige Sätze daraus wurden bereits in der „Postzeituug" Nr. 112 mitgetheilt.) Es heißt daselbst: Vorliegende Biographie wurde in maßgebenden Kreisen als ein epochemachendes Werk begrüßt, das über die katholische Kirche Englands im allgemeinen und über die kirchliche Wirksamkeit des Cardinals Mauning mehr Licht verbreitet habe, als irgend ein anderes Werk. Selbst die zahlreichen Angreifer in der „Dublin Review", in „Month" und „Tadlet" mußten das zugestehen und haben in ihren Aussetzungen meist nur Nebensächliches bemängeln können. Nach einigen Kritikern, die in Purcells Buch unrein Zerrbild sehen können, sollte man meinen, Purcell habe immer und überall die Schattenseiten seines Helden her- > ") „Inte vk Oarckinal Llnuninx, .4rc:1:b:slrop ok IVest- ! Mivster." I-mickon, Llaennllrm. 1808. XIX, 702; IX, 882 S. : 8b. 40. - vorgchoben und den Briefen und Tagebüchern des Kardinals eine schiefe und falsche Deutung unterschoben, nm denselben in den Augen seiner Leser herabzusetzen. Ein solches Urtheil befremdet umsomehr, als Purcell an verschiedenen Stellen seiner Bewunderung des Cardinals beredten Ausdruck gibt. Richtig ist nur dies, daß Purcell in seinen: Bestreben, den Gegnern Mannings gerecht zu werden, einige Ausdrücke desselben zu stark betont. Die Unzufriedenheit mancher katholischen Kritiker erklärt sich leicht. Sie hatten ein populäres Leben erwartet, eine Schilderung der großartigen Leistungen und der seltenen Tugendendes Cardinals —ein Heiligen leben, indem nur die Lichtseite:: hervortreten sollten. Purcell hat diesen Kritikern einen Stnch durch die Rechnung gemacht und ein vollständiges Lebensbild des Cardinals gegeben, in den: die Mißerfolge sowohl als die Erfolge, dre Fehler sowohl als die Tugenden erwähnt sind. Neben dem übernatürlichen Element erscheint auch das rein natürliche, wir sehen, wie Mannina all die Schwierigkeiten niederkämpft, wie er sich allmählich läutert und vervollkommnet, in welchem Grabe das Uebcrnatürliche n; sein Leben hineinragt und nachgerade bestimmenden Einfluß auf ihn übt. Hätte Purcell nur die erbaulichen Züge mitgcthcckt und alle Thatsachen unterdrückt, die nur den berechnenden Politiker zeigen, so hätte er die Bücherwelt mit einen: neuen Zerrbild bereichert und uns das Bild eines christlichen Helden vorenthalten, der anf steilen Pfaden sich mühsam emporarbeitete. Ende gut, alles gut. Der Geschichtschreiber verweilt nicht bei den Irrthümern und Irrwegen, sondern bei den: Licht, das erreicht worden, ist, und denkt mcht geringer von dem Helden, der die Schwierigkeiten überwindet, als von dem Sieger, der fast ohne Kampf den Sicgespreis erhält. Cardinal Manning war eine große Persönlichkeit, ein von Gott erwähltes Rüstzeug, den: es vorbehalten war. die katholische Kirche Englands aus dem Zustand der Jsolirung, in dem sie sich seit dem Falle des Hauses Stnart befand, herauszureißen, die Katholiken mit dein Leben, Denken und Fühlen der englischen Nation bekannt zu macken, gewisse Methoden, welche sich unter den Sekten Englands bewährt hatten, auch bei semcn Rcligionsgcnossen einzubürgern. Manning war ein großes Organisationstalent, ein eifriger Philanthrop, ein tiefernster Geistesmann, der die, welche ihm nahestanden, zu einem höheren geistlichen Leben anzuleiten suchte, aber ihn: fehlten das umfassende Wissen, die Innerlichkeit und die Geistestieft Newmans. Manning zeigt weit größere Verwandtschaft mit Pnsen als mit Ncwman. Gle:ch Pnsen war er durchaus praktisch, gleich Pnsen hatte er den direkten Vortheil des Anglikanismus nnd später des Katholizismus im Auge, gleich Pnscy suchte er in der anglikanischen Kirche zu bleiben; aber ungleich Pnsen überwand er seine Anhänglichkeit an den Anglikanismus und bekannte sich znn katholischen Glauben. Manning war eine praktisch ver anlagte Natur, ein Mann der That, der auch unter we: günstigeren Umständen kaun: ein Gelehrter oder Einsiedle' geworden wäre. Umfassende Gelehrsamkeit, Frische nnh Originalität der Gedanken suchen wir bei Manning vergebens, dagegen bietet derselbe eine klare, verständige Darlegung der Ideen, welche in den leitenden Kreisen herrschen. Die religiösen Schriften Maunings sind minder- werthig, dagegen sind die politischen Schriften sehr ansprechend nnd lehrreich. Purcell hat gut daran gethan, daß er die literarische Wirksamkeit des Cardinals nur kurz behandelt und den Leser nicht durch Analysen von Schriften, die wohl jetzt schon vergessen sind, ermüdet hat. Manche Schriften Mannings wurden in England und im Ausland nur gelesen, ivcil sie den Namen des Vorkämpfers für die Rechte des heil. Stuhles auf der Stirne trugen. Manning hat als Erzdiakon, als Priester, als Erzbischos und Cardinal viel gepredigt und die Predigten, die er als Protestant herausgab, sorgfältig gefeilt, aber ein Redner von Gottes Gnaden wie Newman war er durchaus nicht. Er verdankt gerade wie Pnsen den Einfluß, den seine Predigten übten, der Macht seiner Persönlichkeit, seiner imposanten Erscheinung, seinen: Feuereifer, dem Streben, allen alles zu werden. Blinde Bewunderer haben den Cardinal als großen Theologen, Socialpolitikcr, Prediger. Asketen gefeiert, obgleich derselbe auf keinen: dieser Gebiete etwas Selbstständigcs geleistet nnd überall auf fremde» Schulter:: steht. Was den: Cardinal an: meisten abging und ihn vor- 210 Mich auf sicher KcuutnMe. ge führte, ivar der Mangel gcschicht- -erade diesen Mangel hat Purcell nicht konnte. Alls den Orden find die größten Vertheidiger des hl. Stuhles, die bedeutendsten Reformatoren und Wiederhersteller von Kirchenzucht und Ordnung hervorgegangen. Wenn einige Acste an diesem großen Baume der Orden verdorrten oder nur Blätter und Blüthen trieben, so zeigten sich doch immer neue Neste, welche die herrlichsten Früchte trugen. Manning erkannte diese Wahrheit und stichle das Sittenverderbniß in der Kirche aus das schlechte Beispiel der Orden zurückzuführen. Dieser historische Irrthum legte bei Manning den Grund zur Abneigung gegen die religiösen Orden, namentlich den der Jesuiten- Purcell hat das Verhältniß Mannings zu den englischen Jesuiten eingehend behandelt und hervorgehoben, daß der Cardinal sich in seiner Abneigung gegen den berühmten Orden keineswegs von kleinlichen Motiven, z. B. Neid, Eifersucht, Rachsucht, bestimmen ließ, daß er mit Jesuiten wie ?. Marris durch Bande der innigsten Freundschaft verbunden war. Purcell hätte mehr betonen müssen, daß die Feindschaft gegen die Jesuiten in gewissen gelehrten Kreisen sehr groß war, daß Manning, ohne es zu merken, sich von diesen Kreisen gegen die Jesuiten einnehmen ließ. W. Kanonikus Tierney, zum Theil Lingard und Lord Acton zählten zu diesen Gegnern. Manning betrachtete es als eine Hauptaufgabe seines Lebens, die Oblaten des hl. Karl in England einzuführen und für dieselben einen Wirkungskreis zu schaffen. In dem guten Glauben, daß die Congregationen ohne einige Gelübde berufen seien, die katholische Welt zu reformiren und geistig zu heben, leistete er denselben alten möglichen Vorschub, während er die alten Orden wie die Benediktiner von London ferne zu halten oder wie die Jesuiten lahmzulegen suchte. Auf Einzelheiten braucht hier nicht eingegangen zu werden. Der Geschichtschreiber vermag beiden Parteien, dem Cardinal sowohl als den ^esuiten, gerecht zu werden. Trotz seines Einflusses »nute Manning die englischen Katholiken nicht mit sich reißen und den Jesuiten entfremden, von denen man eine Wiederbelebung und Hebung der Studien erwartete. Mannings Abneigung gegen den Oratorianer Newman, den späteren Cardinal, hatte einen ganz anderen Grund. Manning hatte seinen ehemaligen Meister und Führer im Verdacht, derselbe sei nicht streng orthodox und für eine einflußreiche Stellung ungeeignet. Man kann es nur bedauern, daß Cardinal Manning ein so vorschnelles Urtheil fällte und sich durch die Thatsachen nicht eines Besseren belehren ließ. Die Schuld trifft indeß vorzüglich Dr. Ward, der trotz seiner persönlicheil Liebenswürdigkeit recht ungerecht werden konnte. Manning erkannte später, daß er Newman nicht verstanden, daß sein Verdacht unbegründet war, und suchte seine gegen Newman gerichteten Handlungen in Vergessenheit zu bringen. Er konnte dies um so leichter, da er selbst zur Zeit, als sich beide große Männer am schroffstell entgegenstanden, voll den Gefühlen persönlicher Verehrung gegen Newman erfüllt war. Für den vielbeschäftigten, hohe Ziele anstrebenden Cardinal Manning war ein Entgegenkommen viel leichter, als für den feinfühligen Cardinal Newman, der die ihm zugefügten Kränkungen, welche Manning leicht hätte verhindern können, tief fühlte. Bei dem großen Gegensatz der Charaktere hätten Conflikte mit Newman kaum vermieden werden können, auch wenn Manning sich größere Zurückhaltung auferlegt hätte. Manning und Newman hatten eine grundverschiedene Auffassung von den Pflichten der Freundschaft. Ersterer glaubte sich berechtigt, die falschen Grundsätze eines Freundes mit Heftigkeit und einer gewissen Bitterkeit zu bekämpfen, letzterer vermied ängstlich alle persönlichen Behaiwtung daß Manning späterhin zu behaupten wagte, daß seine innige Freundschaft und Zuneigung für Gladstone während nisse zu denken oder frühere Stimmungen sich ins Gedächtniß zurückzurufen: sie übertragen darum die Gefühle, die sie augenblicklich beseelen, auf die Vergangenheit- Manche Aeußerungen des Cardinals, die katholischen und protestantischen Lesern Anstoß gegeben, erklären sich ganz von selbst. Der Cardinal urtheilte über Personen und Verhältnisse, über die Mittel zum Ziele nicht immer in derselben Weise, drang gleich anderen Sterblichen nicht sofort zur vollen Klarheit vor. Wer wollte ihm kleine Inkonsequenzen und Widersprüche zum Vorwurf machen oder ihn gar der Unaufrichtigkeit zeihen, weil er in Briefen, die aus derselben Zeit datiren, die Gründe für und gegen die Apostoüzität der anglikanischen Kirche entwickelt. Auf die großen Resultate der Wirksamkeit des Cardinals einzugehen, ist hier nicht der Ort, einige seiner Mißerfolge und dre Ursachen derselben müssen jedoch kurz erwähnt werden. Manning war ein geborener Herrscher, der sich und seinen Ansichten schon frühe Geltung verschaffte und Widerspruch nicht duldete. Seine Erfolge als Organisator und Führer großer Bewegungen erhöhten naturgemäß sein Selbstbewußtsein. Gleich so vielen Kraftnaturen anerkannte Manning die Berechtigung eines Widerstandes gegen seine Pläne nicht und traute sich Fähigkeiten zu, die er nicht besaß. Ohne Verletzung der Pietät gegen den großen Todten kann man behaupten, daß dem Cardinal die für Förderung und Hebung der höheren Studien nöthigen Eigenschaften fehlten, die tiefere Einsicht in die Aufgabe der katholischen Wissenschaft und die für die Pflege der Wissenschaft nöthige Geduld. Der Plan, eine katholische Universität in London zu gründen, schlug fehl, einmal weil Manning zu eigenmächtig verfuhr. dann weil er in der Ernennung Capels zum Präsi. denten die möglichst schlechte Wahl traf, endlich weil dir Elemente abgestoßen wurden, die sich am ehesten als lebenskräftig erwiesen hätten. Purcell hat die Artikel Miparts nicht zn Rathe gezogen, die manches interessante Detail bieten. Die englischen Katholiken trugen sich schon bald, nachdem die religiösen Beschränkungen aufgehoben wurden, welche Nicht-Anglikaner von der Universität ausschlössen, mit dem Gedanken, ein Kollege in Oxford zu gründen, und zwar unter der Leitung Newmans. Mannmg that alles, was in seinen Kräften stand, um die Errichtung dieses Kollegs zu hintertreiben und entfremdete sich dadurch manche Mitglieder der Aristokratie. Man kann es nur bedauern, daß der Cardinal sich den weisen Rathschlägen von katholischen Freunden weniger zugänglich zeigte und zu sehr auf sein eigenes Urtheil vertraute, denn er hätte in diesem Falle noch weit größeres leisten können. Trotz seiner strengen Rechtgläubigkeit ging Manning in seinen Zugeständnissen an die Anglikaner und die übrigen englischen Sekten weiter als Newman und andere. Durch Anerkennung des christlichen Elementes in den Sekten wollte er den religiösen Frieden anbahnen und alle zum gemeinsamen Kämpfe gegen den Materialismus und Unglauben begeistern. Diese milde Versöhnlichkeit erwarbkManning manche Freunde unter den Dffsenters. Etwas größeres Wohlwollen gegen die englischen Katholiken, die nicht in allem wie der Cardinal dachten, hätte den Frieden und die Eintracht unter den Katholiken nur erhöhen können. Purcells Buch ist eine Biographie im großen Stil — eine reiche Fundgrube für den Forscher, einer der werthvollsten Beiträge zur Kirchengeschichte des 19. Jahrhunderts. Der 2. Band des Werkes gewährt hochinteressante Aufschlüsse über Vorgänge auf dem vatikanischen Concil und zeigt uns, wie Manning in seinem Bemühen, die Definition der Jnfallibilität des päpstlichen Lehramtes durchzusetzen, nicht zuletzt auch durch den englischen Gesandten beim päpstlichen Stuhl Sir Odo Russell, später als Lord Ampchill Botschafter in Berlin, unterstützt wurde. Nach den: Tode Cardinal Antonelli's wünschte Manning die Ernennung eines großen Cardinalstaatssekretärs. Der Gang der päpstlichen Politik in den letzten Jahren Pius' IX. entsprach nicht immer seinen Auffassungen. Ueber das Conclave des Jahres 1878, aus welchem Leo XIII. hervorging. bringt Purcells Buch werthvolle Mittheilungen. Unter dem neuen Papste trat der früher überragende Einfluß Mannings in Bezug auf die englische Politik des päpstlichen Stuhles mehr zurück. Die Auffassung der übrigen englischen Bischöfe kam stärker zur Geltung. Die Verhältnisse brachten es mit sich. daß der hochbetagte Cardinal unter Leo XIII. weit seltener als in früheren Jahren die Fahrt all limiua «postolormn antrat. Ein popu- 211 läres Bild des Kirchensürsten, welches alle die interessanten Details zusammenfaßt und die Thaten eines bei manchen Mangeln wahrhaft großen Mannes schildert, bietet Purcells Biographie dem Leser nicht. Em solches Leben muß erst noch geschrieben werden. * » Nach dieser fachwissenschaftlichen Besprechung über Purcell's Biographie ist es wohl auch geboten, eine der englischen Stimmen zu vernehmen, welche sich abfällig über Purcell's Biographie geäußert haben. Wir wählen hiefür die Auslassung des Nachfolgers und langjährigen vertrauten Freundes Manuing's, des jetzigen Cardinal- Erzbischofes Vaughan, dessen Legitimation nicht wohl bestritten werden kann. In seiner Erwiderung auf die am Tage seiner Inthronisation (8. Mai 1892) ihm überreichten Adressen der Geistlichen und der Laienschaft hat sich der jetzige Cardinal-Erzbischof von Westminster — früher Bischof von Salford — über sein Verhältniß zu seinem Vorgänger unter Anderem also geäußert: „Vierzig Jahre lang genoß ich den Vorzug, auf vertrautestem und freundschaftlichstem Fuße mit ihm zu stehen, zwanzig Jahre als College im Episkopat. Unter dem Drucke des Verlustes, den wir erlitten, gereicht mir die Erinnerung an das, was ich ihm verdanke, zu besonderem Trost. Nach meinen lieben Eltern verdanke ich Keinem so viel, wie ihm, weit mehr als Worte oder Thaten vergelten könnten: die hohen Ideale meines Lebens, die er pflegte, das Vorbild priesterlicher Tugend, die vollständige Hingabe seiner Person an die Errettung der Seelen, den ausnehmenden Takt und die Nachsicht, die er gegenüber meinen Schwächen an den Tag legte. Und während der letzten zwanzig Jahre haben wir als Mitglieder des Episkopats im innigsten Verhältniß gestanden. Alle Fragen wurden mit jener wecken Duldsamkeit besprochen, die ihm in so hohem Grade eigen war. Durch Liebe und Ueberzeugung waren wir miteinander verbunden." Cardinal Vaughan hat nun in der Februar- Nummer des „Nineteenth Century" 1896 über Purcell's Buch: „Das Leben des Cardinals Manning" eine energische Kritik und Erklärung veröffentlicht, der wir folgende Stellen entnehmen: „Die Publication dieses „„Lebens"" ist nahezu ein Verbrechen. Eine Anzahl von Briefen, welche das Ansehen lebender oder verstorbener Personen berühren, wird da auf die Gasse geworfen, zum Äerger, zum Schmerz und zur Entrüstung Verwandter und zahlloser Freunde. Diese Briefe waren niemals geschrieben, niemals aufbewahrt, um eines Tages veröffentlicht zu werden. Es ist unmöglich, die Mehrzahl derselben zu lesen und sie richtig zu verstehen, solange nicht zugleich die näheren Umstände veröffentlicht sind, die sie verständlich machen und die jetzt vergessen sind. Es ist Schlinnn er es als eure bloße Indiskretion, Briefe zu veröffentlichen, welche zwischen intimen Freunden gewechselt worden sind. worin diese ihre Gedanken und Wünsche in Angelegenheiten delicatester Natur einander mittheilen, besonders wenn man bedenkt, daß diese Briefe entstanden unter der Eingebung des Augenblickes und nur auf die augenblicklichen Verhältnisse berechnet waren, und niemals geschrieben worden sind in der Annahme, daß sie jemals vor die Augen des Publikums kommen. Wenn jede intime Privat-Correspondenz unter solcher Voraussetzung geführt werden muß, daß der einmal geschriebene Bries kurz darauf nach den vier Himmelsrichtungen hinausgeaeben werden wird, dann freilich haben wir gegen die in Rede stehende Biographie nichts zu sagen; aber würde eine solche Aenderung unserer Sitten nicht jeden vertrauten, freundschaftlichen Verkehr vernichten und ihn zu einer trockenen, pedantischen Sprache nöthigen? Cardinal Manning hat einmal, als von seinem Tagebuche die Rede war, zu einem Freunde gesagt: „Sie sind der Einzige, der diese Zeilen gelesen hat!" — Nach solcher Aeußerung wird mich Niemand glauben machen, daß dieser große Prälat gewollt habe. Laß das nämliche Tagebuch vollständig in vier Jahren nach seinem Tode den: Drucke uud dem Büchermärkte übergeben werden solle. Was er geschrieben, ist zu intim, zu secret, zu persönlich. Was kann es denn nützen, der Oeffentlichkeit diese psychologischen Analysen mitzutheilen, wo die Seele sich selbst erforscht und anklagt! Man sagt da zu viel oder zu wenig; die Wahrheit der Memoiren ist nicht absolut, sondern relativ: der Sinn derselben entzieht sich der Nengierde des großen Publikums. Man kann nicht daran zweifeln, daß der Cardinal gewollt habe, daß sein von ihm selbst sorgfältig revidirtes Tagebuch seinem Biographen zur Einsicht übergeben werde. Dieser sollte aus der Lectür« desselben sich eine sichere Richtschnur für sein Urtheil bilden: er sollte dadurch in den Stand gesetzt werden, ir das Innere jenes Mannes einen Einblick zu thun, dessen öffentliches Leben er zunächst zu zeichnen hatte. Aber daß er gewollt habe, es sollten, sobald er seinen Fuß aus das Gestade der Ewigkeit gesetzt haben werde, diese Docu- mente miteinander, seine geistigen Kämpfe, ferne Bekenntnisse. seine Kritiken, seine persönlichen Eindrücke, seine Urtheile über Personen und noch nicht völlig abgeschlossene administrative Acte. seine Bemerkungen über wirkliche oder vermeintliche Fehler Anderer, oder über die delikatesten Streitfragen, hinter ihm in das stürmische Meer zurückgeschleudert werden, das er soeben durchführen, das ist einfach undenkbar. Und doch ist eben das nunmehr geschehen, als ob der große Cardinal gewollt hätte, daß die Stunde seines Eingangs in die Ruhe das Signal werden sollte, den Frieden der Brüder zu stören, Wunden wieder aufzureißen, die zu heilen er selbst so bemüht gewesen. Er hätte, davon bin ich überzeugt, lieber die rechte Hand sich abhauen lassen, ja er hätte lieber sterben wollen, als jene Documente veröffentlicht zu sehen, welche jetzt in den zwei Bänden seiner Biographie der Oeffentlichkeit preisgegeben sind. Je mehr er sich seinem Ende näherte, desto vorsichtiger und ängstlicher wurde er in der Vermeidung alles dessen, was Jemand hätte kränken können. „Ich hoffe, daß keines meiner Worte, die ich gesprochen oder geschrieben, nach meinem Tode irgend Jemand Nachtheil bringen werde" — dieser Ausspruch des Cardinals hätte als Devise an die Spitze seiner Biographie gesetzt werden sollen, wenn der Verfasser den Gedanken und die Intentionen seines Helden, ruck Sorgfalt hätte rcspektiren wollen. Es ist mir nicht leicht, vom ersten Baude zu reden; was den zweiten anbelangt, so ist es meine Pflicht, zu sagen, daß ich in dem dort gezeichneten Bilde Manuing's keine Aehnlich- keit mit dem Manne finde, mit dem ich 40 Jahre hindurch in ständiger Verbindung stand. Da finde ich die langweilige Aufzählung von peinlichen Episoden, von Differenzen, wie sie zwischen ehrlichen und selbst heiligen Personen vorkommen können, wie sie vorgekommen sind seit den apostolischen Zeiten und vorkommen werden bis zum Ende der Welt. und das alles in einer Ausführlichkeit, als ob es den wesentlichen Inhalt des Buches bilden sollte, aber von einer schönen und wohlthuenden Schilderung seines Charakters, von dem Glänze und der Schönheit seines geistigen und pastorellcn Lebens finde ich k a um eine Spur. Da und dort sind einige Stellen, wo der Held des Buches richtig gewürdigt wird, aber sie sind kein Ersatz für die lieblosen und ungerechten Beurtheilungen des sogenannten „guten Freundes". In seiner Unfähigkeit, dieses schöne Leben zu verstehen, bis zu seiner Höhe sich zu erheben, dessen leitende Fäden zu erfassen. hat der Biograph nichts anderes als ein Pamphlet zu Stande gebracht. Ein schweres Unrecht ist gegen das Andenken des Todten begangen worden, und die ihn Ueberlebenden, noch tiefbctrübt über seinen Verlust, sind schmerzlich berührt von diesen Ungerechtigkeiten. Bei aller Anerkennung der guten Absichten und Bemühungen des Herrn Purcelt muß ich doch sagen, daß es mir unmöglich ist. in der Biographie, die er pnbli- cirt hat. ein wahres und authentisches Bild des großen Car- diuals zu erkennen. Es bleibt nur die Hoffnung, den Tag zu erleben, an dem eine mit Gerechtigkeit und Unparteilichkeit geschriebene Biographie Manuing's erscheinen wird, geeignet, so vielen verletzten Seelen, welchen Purcell's Buch eine so peinliche Ueberraschnng bereitet hat, einigen Trost zu bringen." 212 Stilla von Abeuberg. Herr I. N. Seefried hat meinen Untersuchungen über Stilla von Abenberg seine Aufmerksamkeit zugewendet und des Resultat seiner Kritik in die Worte zusammengefaßt: „Der Versuch, den Hirschmann «'.achte, seinem Gegenstände nicht blos ein negatives, sondern auch ein positives Remltat abzugewinnen, muß ebenfalls als mißlungen bezeichnet werden". Dagegen gestatte ich mir die Frage: Welche Quellen- belege hat denn Scefried der abcnbcrgischen Ge' Gar keine, wie er sel! , . hält sich nur an die „übereinstimmende Ueberlieferung, Legende und Sage", läßt aber völlig außer Acht, daß die crsie sichere Nachricht über Stilla aus dem Jahre 1180 über deren Genealogie vollständig schweigt. Solange daher nicht weiteres urkundliches Material zu Tage gefördert ivird, erachte ich die Abstammung Stilla's aus denr Grafenacschlechte von Abenberg für historisch uu- erwiesen. Wenn Seefried von liebgewonnenen Anschauungen nicht abgehen will und subjektives Meinen höher setzt, als objektive Darlegung, so sollen seine Kreise durchaus nicht gestört werden. Auch dre positiven Resultate meiner Untersuchung sind nach Seefried als mißlungen zu bezeichnen. Welche Gründe hat denn der Kritiker aufgeführt, um zu erweisen, daß der Lokalheiligcn von Abenberg der Name Stilla nicht zukomme? daß der Grabstein in der Peterskirche zu Abenbera nicht dem 12. Jahrhunderte angehöre? daß Stilla in Abenberg begütert gewesen? daß sie hohem Geschlechte entsprossen sei? Mit keiner Feile hat Seefried auch nur den Versuch ewagt, meine Darlegungen und Antworten auf diese Prozedur heißt der Rest — Schweigen. Ueber den Werth oder Unwerth der Zollernhypothese Seefrieds habe ich keine Veranlassung, mich hier näher auszulasten, sondern verweise auf Fr. Stein, Geschichte Frankens (Schweinfurt 1885) I, 232, 272, II, 345 u. 444. Schönfeld. Ad. Hirschmann. Wir glauben die selige Stilla hiemit ruhen lassen und die Debatte schließen zu dürfen. Ä. Red. Recensionen nnd Notizen. Ull. Der Literarische Handweiser hat endlich mit der Ausgabe der Nr. 662 vom 8. Mai 1897 den 35. Jahrgang 1896 geschlossen. Derselbe krankte schon seit mehreren Jahren an der Unregelmäßigkeit des Erscheinens, so daß im neuen Kalenderjahre die ersten drei, vier Monate noch dem alten Jahrgange zugetheilt werden mußten. Diese Verschleppung, welche auf vielfache Erkrankung des verdienstvollen Herausgebers Dr. Fr. Hüls- kamp zurückgeführt wird, war natürlich für die Abonnenten nicht angenehm. Um nun diesen Mißverhältnissen eine Ende zu machen, hat sich Hülskamp entschlossen. Umfang und Preis für den 36. Jahrgang, aber nur für diesen, dahin abzuändern, daß statt der bisherigen 24 nur 18 Nummern arrsgegeben werden, und daß der Preis von 4 Mark auf 3 Mark herabgesetzt wird. Ob dieser Ausweg seinen Zweck erreichen wird, wollen wir nicht untersuchen. Aber soviel ist gewiß, daß der Literarische Handweiser an Ansehen nicht gewinnen wird. In früheren Jahren war derselbe sehr gut redigirt und bot frisch geschriebene Recensionen. Aber in den letzten Jahren kehren hauptsächlich zwei Mitarbeiter wieder, welche gewisse Wissenszweige in kritische Erbpacht genommen zu haben scheinen: Bernard Dcppe für Ascese. Homiletik, auch vielfach für Dogmatik, und Alfons Bellesheim in Stachen für Kirchengeschichte nnd Kirchenrecht. Der letztere Name begegnet dem Literaturfreunde auch sonst noch sehr häufig im „Katholik",in den „Historisch-politischen Blättern" und anderswo. Schon gar oft hat sich gewiß mancher Leser gedacht und gefragt: Wie mag es doch Äellesheim anstellen, alle diese Recensionsexemplare, deren Umfang manchesmal sehr bedeutend ist. durchzuarbeiten und Aus- j züge zu liefern? Daß die Kritik bei dieser Vielgeschäftig- ' keit nicht tief gehen kann, liegt auf flacher zoand. Recensionen aber, welche bloß auf Vorwort und Register allenfalls Bezug nehmen, dienen nur zur Täuschung und Irreführung. Hülskamp sagt zwar, daß dem Literarischen Handweiser „mehr als 100 der geachtetsten Mitarbeiter aus allen deutschen Gauen" zur Seite stehen, allein diese Unterstützung scheint mehr aus platonischem Wohlwollen, als auf realer Basis zu berathen. Soll daher der Literarische Handweifer seine frühere Bedeutung wiede" erlangen, dann ist eine Blutanffrischung unbedingt neu., wendig. Deklamationsbuch. Eine Sammlung von Gedichten ernsten und heitern Inhalts für Gesellen- und andere Vereine, herausgegeben von Joh. P. Profittlich, kgl. Seminar-Oberlehrer, 4. Auflage. Preis gebd. in Leinw. M. 1. Pattlinus-Druckerei, Trier. Dieses handliche Büchlein enthält eine Anzahl recht passender nnd zum Vortrug geeigneter Gedichte ernsten und launigen Inhalts, unter denen auch verschiedene Mundarten vertreten sind. Die vierte Auslage ist noch durch einen Anhang vaterländischer Gedichte vermehrt worden. Beionders den katholischen Gcsellcn- vereinen und deren Mitgliedern können wir das wohlfeile Werkchen auf's Wärmste empfehlen, und bemerken wir noch, daß dasselbe dem Herrn Generalpräses Schäffer vom Verfasser gewidmet ist und dieser einige wohlwollende Worte als Empfehlung zugefügt hat. Die Eroberung der 5. Curie war neben der Wahrung des Besitzstandes das Hauptbestreben aller Parteien des österreichischen Reichsrathes anläßlich der eben vollzogenen Wahlen. Inwiefern dies denselben gelungen, zeigt uns klar und deutlich „G. Freytag's Reichsrathswahlkarte aller 6 Curien von Oesterreich 1897", die eben, pünktlich wie immer, bei G. Frcy- tag und Berndt, Wien VII/I, Schottenfeldgaste 64, erschienen ist, diesmal noch durch eine interessante Tafel des bekannten Statistikers Pros. A. L. Hickmann: „Der österreichische Reichsrath, seine Parteien und Wahtver- hältnisse", bereichert. In diesem, ihrem neuesten, sorgfältig und sauber gearbeiteten Verlagswerke bietet dre durch ihre Musterleistungen auf kartographischen: Gebiete rühmlichst bekannte Verlagshandlung u. A.: Sämmtliche Wahlkreise aller 5 Curien, colorirt nach der Gesinnung und bedruckt mit den Namen ihrer Vertreter. Ein genaues Verzeichnis) der Abgeordneten mit, Angabe der Partei-Angehörigkeit. Grnppirung des österr. Reichsrathes nach politischen und nationaler» Parteien von 1873—1897. Die Verthciluna der Abgeordneten-Mandate auf die einzelnen Kronlander. Einen Vergleich der directen und indirekten Steuerleistung der eirrzelnen Kronländer im Ganzen, sowie deßgleichen auf der: Kopf der Bevölkerung. Diese Menge rnteressanter und für jeden Wähler und Zeitnngsleser sehr wichtigen Darstellungen, deutlich, leicht verständlich für Jedermann, ist auf G. Freytag's Reichsrathswahlkarte aller 5 Curien von Oesterreich 1897 enthalten! Mehr kann man wohl für 1 fl. ö. W. — soviel kostet die Karte — nicht verlangen! Wir empfehlen jedem, sich für das politische Leben der Gegenwart interessirenden Leser die Anschaffung der ausgezeichneten Karte. Erklärung. In der literarischen Anzeige von, Hagemanns Leitfaden der Psychologie in Beil. Nr. 29 ist eure Bemerkung über den vereinigten Professor Dr. Stöckl enthalten, welche zu unserm lebhaften Bedauern im Dränge der Geschäfte dem Rothstift entgangen ist. Mag man über die wissenschaftliche Richtung Stöckls urtheilen wie immer, so ist doch in hohem Grade anzuerkennen, daß der Verewigte sein ganzes Leben in strenger Arbeit dem Unterrichte der Jugend, der Restaurirung der christlichen Philosophie im Geiste des Aguinaten, dem Kampfe gegen die antichristlichen modernen Ideen gewidmet hat. Wir können daher nur unser aufrichtiges Bedauern anssprechen, daß jene persönlich gefärbte Bemerkung zum Abdrrrck gelangt ist. D. Red.! Serantiv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. ttn. 31 2. Juni 1897. Der Katholicismus als Princip des Fortschritts. Von Pros. Dr. L. Haas. Den vielseitigen Widerspruch, welchen die nunmehr in zweiter AuflageI erschienene Broschüre des derzeitigen Rektors der Universität Würzburg Dr. Schell erfahren hat, sucht eine Zuschrift aus Unterfranken in Nr. 111 S. 5 der „Angsburger Postzeitung" dadurch zu erklären, daß „von taufenden von Lesern und Hörern (?) kaum einige hundert, vielleicht noch weniger diese Schrift recht verstanden haben". Eine sonderbare Rechtfertigung, und ein noch sonderbareres Kompliment für den Autor der Schrift! Ich hasse die Oberflächlichkeit und liebe die Tiefe; aber die Tiefe ist nutzlos ohne entsprechende Klarheit. Was nützen die tiefsten und richtigsten Gedanken, wenn sie nicht faßlich dargestellt werden? Was ist für ein Nutzen gestiftet, wenn der Lehrer bloß für sich in die Tiefe steigen kann, wenn er die heraufgeholten Schätze nicht richtig an den Mann zu bringen weiß? Da stiftet rr doch nur Verwirrung. Mit der Grundanschauung und der Grund- endenz der Schrift bin ich ganz einverstanden. Daß >ie Wahrheit katholisch im eminenten Sinne ist, ist eine selbstverständliche Anschauung. Daß die Wahrheit frei im edelsten Sinne ist; daß sie und damit die wahre Wissenschaft in der wahren Freiheit am besten gedeiht; daß der katholische Lchrgehalt die wahrhaft freie und gründliche Forschung nicht zn fürchten braucht, sie vielmehr herausfordern kann, darf und muß; das; die wahre echte Wissenschaft besser im harmonischen Zusammenwirken als im diskordauten Streiten gedeiht (der Streit ist freilich nicht ganz zn umgehen, aber er soll ein freundschaftlicher sein); daß die Katholiken mit allen Kräften zusammenstehen sollen, um die wahre und somit kathol. Wissenschaft aus die gebührende Höhe zu heben, ihr eine nicht bloß angesehene, sondern herrschende und einflußreiche Stellung zu erringen; daß es mit dem bloßen Zurückgehen auf Vergangenes nicht gethan, sondern ein Weiterbanen erforderlich ist u. s. w. — das sind Gedanken, die in jedem gebildeten Katholiken lebendig lind wirksam sein und daher der Aussprache und Betonung nicht erst bedürfen sollten. Zu bedauern ist es daher, wenn sie in einer Form und unter Beimischungen ausgesprochen und Mittel zu ihrer Verwirklichung vorgeschlagen werden, welche den ernstesten Widerspruch ohne iveiters herausfordern. Dadurch wird nicht das erstrebte Ziel, sondern eher das Gegentheil erreicht. Or. Schell redet zunächst von der auch sonst in letzter Zeit vielfach besprochenen wissenschaftlichen Jnferiorität der Katholiken, besonders in Deutschland. Den Grund findet er mit Recht nicht im Glaubensund Antoritütsprincip selbst. Wenn er aber S. 7 sagt, „daß der Zweck, des Glaubens eine übernatürliche Denkthütigkeit ist, daß der Zweck der Autorität eine übernatürliche Selbständigkeit ist", so wird er sofort mißverständlich und unklar. Er meint offenbar reine übernatürliche Denkthütigkeit im eigentlichen Sinne, sondern eine Denkthütigkeit über Neber- natürliches, welche noch dazu durch übernatürliche Einwirkung geläutert und in diesem Sinne erhöht ist. Er redet ja S. 9 davon, daß eine „Verzichtletstung auf . ') Während des Niederschreiben? dieses Aufsatzes erschien die dritte, die auch bereits vergriffen ist. D. Red. die eigene Geistesbethätiguug in den höchsten und wichtigsten Dingen" nicht verlangt werden kann, weil sie zur geistigen Jnferiorität führt. Er tritt wiederholt (z. B. S. 17, 21) der allzuschroffen Sondcruug von Natur und Uebernatur entgegen. Reicht aber zum Erfassen des Uebernatürlichen, soweit dies überhaupt möglich ist, die natürliche Denkthütigkeit nicht aus, ist dazu eine übernatürliche erfordert, dann ist nicht nur eine unüberbrückbare Kluft zwischen Natur und Uebernatur gesetzt, sondern sind auch viele Forderungen Dr. Schells unberechtigt, weil widersinnig. Bei der Besprechung der wissenschaftlichen Jnferiorität der Katholiken sind die theologische und die profane Wissenschaft nicht hinreichend aus einander gehalten. Die Jnferiorität in letzterer ist offenliegend. Von ersterer läßt sich dies doch nicht ohne Wetters behaupten. Or. Schell müßte sich ja selbst einschließen in eine solche Behauptung. Dabei rechne ich zur deutschen theologischen Wissenschaft ohne Bedenken auch das, was die deutschen Jesuiten geleistet haben. Denn wenn Or. Schell auch viel von der Bedeutung und Aufgabe des germanischen Geistes und zwar mit gutem Rechte redet, so hat er doch vergessen, das charakteristische,, unterscheidende Merkmal desselben genau anzugeben. Es müßte denn Gründlichkeit sein; diese aber kann sicher nicht von vorne- hcrcin und allgemein den deutschen Jesuiten abgesprochen werden. Der protestantischen theologischen Wissenschaft — die profane kann hier nicht herbeigezogen werden — überhaupt den Protestanten gegenüber verlangt Or. Schell Betonung des Gemeinsamen, Erstrcbung des Commn- nionismnS (nach dem Vorgang Cardinal Ncwmanns), S. 12. Sehr gut! Nur hat er nicht angegeben, wie denn dieser Commnntouismns erstrebt werden kann. Die Verhältnisse in England sind ändere als die uusrigeu. Von den orthodoxen Protestanten trennt uns das Bekenntniß; betonen wir auch das Gemeinsame noch so sehr: einmal kommen Grenzlinien, über die sich keine Verbindung herstellen läßt. Von der modernen protestantischen theologischen Wissenschaft trennt uns zuletzt doch alles. Sie ist auf einem Standpunkt angekommen, den der Katholik ohne gänzliche Verleugnung seines Namens und Wesens niemals einnehmen kann. Während der katholische Forscher niemals seiner Entscheidung unterwerfen darf und kann, was Bekenntniß ist oder nicht, sondern sich nur innerhalb des Bekenntnisses, aber da allerdings mit voller wissenschaftlichen Freiheit bewegen kann — die Apologetik hat, allgemein gesprochen, die Thatsachen zu erhärten, welche den Inhalt des Bekenntnisses als einen gottgegebcnen erweisen —, macht der protestantische Forscher das Bekenntniß selbst vom Resultat seines Forschen? abhängig. Gibt nun, wie es thatsächlich geschieht, der Protestant sein Bekenntniß, die historische Begründung desselben, vollständig preis (vergl. S. 87), hält aber am Glauben fest, weil derselbe einen im Gefühle sich manifestirenden, für das Leben werth- und bedeutungsvollen Inhalt hat (Werthurtheil), ist er also in der Wissenschaft ungläubig, im Lebe» gläubig, so ist das jedenfalls auch nach der Anschauung Or. Schells ein Standpunkt, der jede Gemeinschaft, jede Anknüpfung, auch die wissenschaftliche, unmöglich macht. > Seite 15. 16 gibt Or. Schell selbst zu, daß dek ' Eommimionismus von protestantischer Seite nicht nur. 214 nicht gepflegt wird, sondern eher das gerade Gegentheil. Ich stimme ihm vollständig darin bei, daß wir dies ohne «Verleugnung der katholischen Principien nicht nachahmen können. Der von unserer Seite einseitig und krampfhaft betonte Coinmuniouismus führt aber nicht nur zu nichts, er kommt auch in Gefahr, für Schwäche gehalten zu werden. Hier hilft nur Stärkung und Kräftigung der katholischen Wissenschaft und des katholischen Lebens nach allen Seiten. Dabei ergibt sich die Anerkennung der Wahrheit, wo immer sie sich findet, von selbst. Dr. Schell hat vollkommen recht, das; „jeder Fortschritt des Wissens ein neuer Gesichtspunkt für das rechte Verständniß der Offenbarung wird". Dies begründet er aber durch den geradezu unverständlichen Satz: „,Gott ist Licht, und Finsternisse sind gar keine in ihm': nichts, was nicht Logos wäre, was nicht die Vernunft erhellen und befriedigen könnte — kein dunkler, unlöslicher Rest"! Nehme ich hier „Vernunft" (es kann doch nur die menschliche Vernunft verstanden sein) als Subjekt, so wird „erhellen" dem „nichts" gegenüber sehr bedenklich, und „befriedigen" geradezu unverständlich; nehme ich es als Objekt, so wird der Sinn von erhellen platt, und fehlt das Subjekt zu „unlöslich". Für wen soll in Gott !bi» unlöslicher Rest sein? Aus mancherlei Anschauungen in katholischen Kreisen heraus, bei deren Schilderung (S. 17. 18) Dr. Schell selbst den von ihm (S. 12. 13. 14) gerügten Fehler der Uebertreibung und Einseitigkeit nicht ganz zu vermeiden weiß, wird die wissenschaftliche Jnferiorität der Katholiken davon hergeleitet, daß „die Kandidaten der Theologie soviel als möglich in weltabgeschiedenen Scmiuar- lchraustalten (Sind die Universitäten keine Lehranstalten? Der Vers.) von den weltlichen Fakultäten getrennt und von den Universitäten fast ausnahmslos ferngehalten werden". Hier liegt eine Uebertreibung insofern vor, als es keinem Kandidaten, der die hinreichenden Mittel hat, irgendwo benommen ist, auf seine Kosten an irgend einer Universität Theologie zu stndiren, wenn nicht besondere Gründe entgegenstehen. Ist er sittlich und wissenschaftlich qnalisiclrt, weist ihn später sicher kein Bischof zurück. Es ist kein Kandidat, weder an einem Lyceum noch an einer Universität, gezwungen, zum Erwerb seiner theoretischen theologischen Bildung in ein Seminar zu treten. Ferner hätte ich von vr. Schell ein offeneres Visir gewünscht. Da er „die Mischung der studentischen Gesellschaftskreise mit einer entsprechenden Änzahl Theologen" im Auge hat, so richten sich seine Bemängelungen in letzter Beziehung gegen die Seminar- erziehung des Klerus überhaupt. Die katholischen Stndcntencorporationcn genügen nicht, „um die Riescn- aufgabe zu erfüllen, in weltlich-studentischer (vom Verfasser unterstrichen) Weise den katholischen Gedanken in der Studentenschaft nicht bloß zu verkörpern, sondern mehr und mehr zur Geltung zu bringen". „Unter dem ständigen und mächtigen Einfluß von Kollegien, welche gewiß zumeist aus ganz anderen Anschauungen stammen", reicht der gute Wille und die grundsätzliche Gesinnung der jungen Juristen, Mediciner u. s. w. in den katholischen Studentencorporationen zur Erfüllung dieser Aufgabe nicht aus. Das ist jedenfalls kein besonderes Kompliment für diesen Theil der katholischen Studentenschaft. Es soll eine Armee von theologischen, rcligionsphilosophischen, apologetischen und katholischen (eigenthümliche Einthcilnng!) Gedanken erforderlich sein, wie sie nur durch eine ent- /prccbendc -stahl von TheMaen aus den verschiedensten deutschen Gebieten mobil gemacht werden können (S. 19). — Also auf der Zahl liegt das Hauptgewicht! Die Theologen sollen wohl in den Versammlungen theologische Gespräche führen! Die katholischen Theologiekandidaten sollen weiterhin die anderen katholischen Studenten stützen! Da aber für sie selbst die Gefahr des Umfalls nicht ausgeschlossen ist, da sie, anstatt die anderen in einer gewissen Höhe zu halten, selbst zu diesen herabsinkcn können, so brauchen sie auch eine Stütze. Worin diese besteht, deutet Dr. Schell S. 20 au: In der theologischen Bildung. Leider hat sich, wie die Erfahrung lehrt, die Bildung, auch die theologische, nicht immer als hinreichendes Schutzmittel gegen wissenschaftliche und sittliche Verirrnng bewährt. Und besteht denn die wahre theologische Bildung ausschließlich in der theologisch-wissenschaftlichen? Zudem verlieren die katholischen Studeutcnkorporatiouen durch eine große Anzahl von Theologen an ihrer idealen Bedeutung, da die katholische Gesinnung katholischer Theologen doch etwas selbstverständliches ist. „Man will und hofft mit.Recht, daß die 6 bezlv. 7 theologischen Fakultäten an den 20 deutschen Universitäten das Ansehen und die Bedeutung der katholischen Theologie für den Gesammtorgauismus des Universitätswesens und der Wissenschaft überhaupt wahren und mehren"! Dazu ist die jetzige Faknltätssrequcnz unzureichend! Hat denn die Zahl wirklich einen so großen Einfluß? Zur Wahrung und Mehrung der katholischen Theologie haben in den letzten Jahren die Fakultäten an den übrigen Lehranstalten redlich das ihrige beigetragen. Sie brauchen den Vergleich keineswegs zu scheuen, um so weniger, als die betreffenden Professoren ein geringeres Maaß der Zeit für sich haben als die Universitäts- professoren, da an den Lyceen z. B. jedes Fach nnr mit einer Kraft besetzt ist, während an den Universitäten die meisten Fächer getheilt sind. Heutzutage kommt es weniger auf den Ort an, wo die Wissenschaft gepflegt wird, als daß sie gepflegt wird. Freilich wäre das einfachste Mittel, den Univcrsitätsfaknltäten diese Pflege möglichst ausschließlich zu übertragen, die Aufhebung aller theologischen Fakultäten außerhalb der Universitäten. Durch sie wird ja der (freie) Zuzug zu den theologischen Fakultäten (Dr. Schell scheint solche außerhalb der Universitäten nicht zu kennen oder wenigstens nicht anzuerkennen) grundsätzlich unterbunden, und damit ist die Jnferiorität der katholischen Wissenschaft „sofort gegeben, zugestanden und gewollt"! Das ist natürlich etwas, was man Dr. Schell anss Wort glauben muß. einen Beweis erbringt er nicht. Diese Jnferiorität erklärt sich auch aus der auf derselben Seite (20) von Dr. Schell ohne jeden Versuch einer Begründung kurzweg behaupteten „Mediocritv sein in aristisch er Systematik". Beigefügt ist noch die verdächtigende Bemerkung, man könnte, wenn man den Stimmungen, wie sie in den (in allen?) katholischen Kreisen künstlich genährt werden, auf den Grund geht, eher sagen, jedes Streben nach Förderung der Theologie, das über das Maß und die Mediocritü seminaristischer Systematik hinausgeht, bringe die Gefahr der Verdächtigung mit sich. — Also tiefere Ausbildung bieten nnr die theologischen Fakultäten der Universitäten! Liegt diese etwa der seminaristischen Systematik gegenüber in der Systcmlosigkeit? Hat weiterhin die Erfahrung — diese allein ist hier maßgebend — den Beweis geliefert, daß die an Universitäten gebildeten 215 Theologen den an den Lyceen und sonstigen theologischen Lehranstalten gebildeten an Tiefe der Kenntnisse überlegen sind? Wir haben ja in Bayern Diöcesen, wo sie in der Praxis nebeneinander wirken. — Viele Professoren sind von den Lyceen an die Universitäten übergegangen. Lehrten diese etwa an den Lyceen weniger tief als an den Universitäten? Ist in sie beim Uebcr- tritt an die Universität sofort der Geist der Tiefe gefahren? Ist vielleicht gar der Geist der Tiefe an den Universitäten erst neueren Datums? Eigenthümlich mnthct es an, wenn es Seite 20 als ein für das Ansehen der katholischen Theologie und des von ihr im Gebiet der Wissenschaft vertretenen Offcnbarungsglaubcns bedenklicherer (als das äußere Miß- verhältniß der Zahl) Umstand bezeichnet wird, daß es ihr unmöglich gemacht ist, für gesteigerte wissenschaftliche Anstrengungen und hervorragende Leistungen jene isdeale Anerkennung zu erringen, welche in der größeren Anziehungskraft auf die stndirenden Kreise liegt. Trotz des verschleiernden Ausdrucks tritt hier das subjektive, persönliche Moment zu deutlich hervor. Die wissenschaftlichen Anstrengungen macht nicht die Theologie, sondern der Theologe, ihm eignen die hervorragenden Leistungen und die Anerkennung. Die ideale Anerkennung in vorstehender Gestalt ist zudem nicht immer frei von einem sehr realen Beigeschmack. Seite 21 findet sich der Satz: „Oder glaubt man etwa, die weltlichen Fakultäten hielten die Lchrseminaricrr. sowie die Lyceen für wissenschaftlich sich und auch den theologischen Universitätsfakultäten gleich- oder nahestehende Hochschulen"? Dr. Schell steht hiebet nach allem auf der Seite der weltlichen Fakultäten. — Nun ob sie für gleich- oder nahestehend gehalten werden, darauf kommt es zuletzt nicht an, wenn sie es nur in der That sind. Und daß sie es find und bleiben, dafür lasse man getrost sie se lber sorgen. Die Praxis wird hier mit ihrer unerbittlichen Logik entscheiden. Ucbrkgens theilen in dieser Beziehung die theologischen Fakultäten an den Lycceu nur das Schicksal derjenigen an den Universitäten. Oder glaubt Dr. Schell wirklich, daß unter den heutigen Verhältnissen in der That die theologischen Fakultäten an den Universitäten den weltlichen von deren Vertretern wissenschaftlich gleichgestellt werden? Ich glaube, er braucht nicht weit zu gehen, um gegentheilige Bestrebungen zu finden. Der Verband der theologischen Fakultäten mit den übrigen wird heutzutage leider als ein lediglich äußerer betrachtet. Nach dem Standpunkt der modernen Wissenschaft ist das gar nicht anders möglich. Zur Erläuterung sei es gestattet, hier etwas in die Tiefe zu gehen. Nach christlicher Anschauung gibt es eine Natur und eine Uebernatur. Beide haben in letzter Instanz einen und denselben Grund, ein Widerspruch zwischen beiden ist unmöglich, freilich auch eine „vollkommene Gleichung". Beide sind Gegenstand der Wissenschaft, insoweit sie mit dem Menschen in Beziehung treten, also etwas Gegebenes für ihn sind. In den natürlichen oder weltlichen Wissenschaften ist der forschende Geist an das in der Gesammtnatnr Gegebene gebunden und durch dasselbe gebunden, in der Theologie an das und durch das in der übernatürlichen Offenbarung Gegebene, weil diese der Weg ist, auf welchem die Ucbcr- uatur in Beziehung mit dem Menschen tritt. Auf Grund des Urverhältnisscs zwischen Natur und tlcber- natnr ist einerseits vis zu einen! gewissen Grade ein denkendes Aufsteigen von der Natur znr Uebernatur möglich, anderseits wirft die übernatürliche Offenbarung auf vieles Natürliche ein klareres Licht. Wissenschaftlich steht also die Theologie in ihrem Gebiete der weltlichen Wissenschaft völlig gleich, ist in demselben gerade so sclbstständig, gerade so frei, wie diese in dem ihrigen. Ja beide Gebiete sind begrenzt, das der Natur ebenso, wie das für uns gegebene der Uebernatur. Ueber das begrenzte Weltall (metaphysisch unbegrenzt wird es kanni Jemand nennen) kommt der Naturforscher unter keinen Umständen hinaus, tvenn er bei der Wahrheit und damit bei der Wissenschaft bleibt. Als Wissenschaft steht also die Theologie in keiner Weise den übrigen Wissenschaften nach und gehört dem Urverhältniß entsprechend in den Gesammtorganismns der Wissenschaften überhaupt hinein, also auch in den Gesammtorganismus der Vertretung derselben. Nun uegirt aber die moderne Wissenschaft nicht blos die Existenz des Ueber natürlichen, sondern großenthcils auch die des Uebersinnl ichen. Wenigstens läßt sie einen wissenschaftlichen Beweis dafür nicht gelten. Daß es auch für das thatsächliche Vorhandensein der Natur keinen Beweis für den gibt, der seinen Sinnen nicht glauben will und das, was diese ihm sagen, wcgintcrpretirt und wegphilosophtrt, ist dabei freilich vergessen. Conscquenterweise wird aber von einer solchen Anschauung aus der Theologie der eigentliche wissenschaftliche Charakter abgesprochen und dieselbe nur npthgcdrungcn an den Universitäten geduldet. Was nach dieser Anschauung von der Theologie noch etwa übrig bleibt, Religionsphilosophie, Religionsgcschichte, vergleichende Religionswissenschaft und dergleichen, gehört eigentlich in die philosophische Fakultät. Eine Stärkung der theologischen Fakultäten an den Universitäten ist daher nicht nur sehr wünschenswert!)« sondern in gewissem Sinne sogar Bedürfniß. Der von Dr. Schell eingeschlagene Weg führt nicht zum Ziele. Connivenzen irgend welcher Art gelten eher als Schwäche. Ich glaube, die größte Stärkung finden diese Fakultäten, wenn sie möglichst innige Fühlung mit dem Leben suchen, vr. Schell wird mir entgegnen, daß er das ja gerade wolle. Ich bin auch von seinem guten Willen vollständig überzeugt. Aber seine Anschauungen führen zu einer Monopolisirung, und damit auch zur Jsoltruug der Theologie. Er kämpft gegen eine Art Jesuitenring r er sollte daher nicht einen anderen Ring intcudircn. Damit sündigt auch er gegen die katholische Wissenschaft, der in meinen Augen nichts Schlimmeres widerfahren könnte, als eine Art Monopolisirung nach gewissen Mustern. Die Stellung der katholischen Theologiefakultäten zum Leben ist doch eine ganz andere, als die der übrigen Fakultäten. Das darf bei aller Betonung der völligen Gleichberechtigung nie vergessen werden. Daß die Scheu des Geistlichen vor dem Weltliche», die theoretische Loslösung des Ueberuatürlichen vom Natürlichen unberechtigt ist, darin stimme ich mit Dr. Schell vollkommen aus dem einfachen Grunde übercin, weil das Uebernatürliche nur mittels des Natürlichen erreicht werden kaun, weil es auf Erden Geistliches ohne Weltliches überhaupt nicht gibt, weil niemand geistlich sein kaun, er sei denn zuvor und zugleich auch weltlich, weil in einen, Menschen, der kein natürliches Leben hat, sicher auch kein übernatürliches entsteht. Es hat es noch niemand soweit gebracht, von der Luft zu leben, und selbst diese ist etwas sehr Natürliches. Daß diese Loslösn»» 216 aber eine Nachwirkung der statistischen und nominalist- ischcn Ncligkonsauffassung ist, scheint mir etwas weit hergeholt. In der jüngeren Vergangenheit sind doch die thomistlschen und realistischen Anschauungen so ziemlich allgemein herrschend gewesen. Ich sehe darin einfach eine unverständige Verkchrung der Negirung des Weltlichen und Natürlichen als Selbstzweck in eine Negirung desselben schlechthin. Da diese widernatürlich und also undurchführbar ist, so macht sich das Gegentheil in der Wirklichkeit naturgemäß von selbst geltend. Daß aber solche verkehrte Anschauungen die religiöse Durchdringung des Weltlichen hindern, darin hat Dr. Schell nur zu sehr recht. Um noch einen von Dr. Schell vorübergehend gestreiften Punkt zu erledigen: Abstrakt ist es freilich richtig, daß die naturwissenschaftliche oder realistische Bildung an sich nicht minder geeignet ist, die Gymnasialschule für den Idealismus zu werden, wie die altsprachlich-humanistische Gymnasialbildung. Die Natur- wissenschaft hat jedenfalls gerade so gut eine ideale Seite, wie die sog. Humaniora recht banausisch betrieben werden können. Wer aber auf diesem Gebiete einige Erfahrung hat, der wird mit mir sagen, daß es eine wichtige Aufgabe der nächsten Zukunft ist, zwischen beiden Richtungen den echt goldenen Mittelweg zu finden, nicht zuletzt im Interesse der Theologie. Die Einleitung in den Abschnitt „Freiheit des Denkens und kirchliche Autorität" möchte fast den Gedanken nahe legen, als halte Dr. Schell einen foliden, geordneten Studicnbetricb mit der Freiheit des Denkens und Forschend unvereinbar, erblicke darin eine Art Knechtung des Geistes. Als ob damit sich nicht eine Propaganda des Gedankens verbinden ließe! Als ob ein geregelter Studicngang mit Mechanismus und Bevormundung gleichbedeutend wäre! Als ob die Fakultäten an den Universitäten in den einzelnen Fächern nicht auch einen geregelten Gang einhielten! Die moderne Wissenschaft verdankt zudem ihre wirksame Propaganda nicht der akademischen Lehr- und Lernfreiheit, sondern einer ganz anderen Freiheit, die sie im Gefolge hat — der Verabsolntirung des Menschen, besonders in wissenschaftlicher Beziehung, mit ihren unausbleiblichen Folgen. Was Dr. Schell unter Freiheit des Denkens versteht (S. 24. 28), bleibt freilich ein Ideal, ist aber darum nicht minder selbstverständlich wie vieles andere, das trotzdem auch Ideal bleibt — nämlich die Freiheit von allen Vorurtheilen. Diese Begriffsbestimmung, so sehr sie weiter ausgeführt wird, hätte ich doch lieber nicht gelesen. Dr. Schell betont wiederholt, die Universität habe ihre Candidaten auch das Denken zu lehren; da hätte es ihm doch bestallen sollen, daß ein negativer Begriff leer und nichtssagend ist. Die Freiheit des Denkens soll doch überall die gleiche sein. Auf Grund seines Begriffes aber ist eine Gleichheit nicht herzustellen, einmal weil er negativ ist, und zweitens weil zwar der Begriff „Vorurthcil" in sich feststeht, die Anwendung desselben aber eine überaus unsichere und mannigfaltige ist. Was ist nicht alles Bor- urtheil für die moderne Wissenschaft! Dr. Schell sagt zwar S. 25: „Das gründliche Denken ist das freie Denken"; aber die Erklärung ist wieder negativ, und dabei findet sich der sonderbare Satz: „Weder falsche Annahmen noch außer acht gelassene Thatsachen stellen dgs Urth eil bestimmen". Wie außer ach: gelassene Thatsachen ein Urtheil bestimmen sollen, ist mir nicht klar. Ich weiß freilich recht gut, was Dr. Schell sagen will: Man darf nicht absichtlich Thatsachen unerforscht lassen oder erforschte übergehen. Aber das ist kein Denken mehr, weil Willkür. Wer glaubt zudem nicht gründlich zu denken, und worin besteht das Kriterium für ein solches Denken? Die moderne Wissenschaft versteht unter Freiheit des Denkens nicht die Freiheit von Vorurtheilen. Mit diesen hat sie ja nach ihrer Anschauung gründlichst aufgeräumt, und wo sich etwa noch eines bemerklich macht, wird es schleunigst und gründlichst abgethan, vor allem das vermeintliche Vorurthcil, daß es noch eine andere Autorität gibt als die Wissenschaft selbst. Die Freiheit deS Denkens und der Wissenschaft im modernen Sinne besteht in der Forderung, daß nur die Wissenschaft selbst ihre Resultate zu beurtheilen, zu bestätigen oder zu verwerfen hat, und keine Autorität, sei sie weltlich oder geistlich. Die echte Wissenschaft — man braucht sie nicht frei zu nennen — kommt freilich niemals zu falschen Resultaten. Aber wenn heutzutage jemand von einer Voraussetzung aus zu irgend welchen Resultaten gelangt, so soll keine Autorität befugt sein, Resultate und Voraussetzung zu verurteilen, sondern nur die Wissenschaft (vgl. das Citat aus dem Deutschen Protestantenblatt S. 29). Eine solche Freiheit kann der Katholik niemals für sich in Anspruch nehmen, ebenso nicht jene Freiheit, die in einer behaupteten Voraussetzungslosigkeit besteht, welche freilich in Wirklichkeit einer willkürlichen Annahme in der Regel so ähnlich sieht wie ein Ei dem andern. S. ist die Freiheit in der Wissenschaft (im Denken gibt es keine Freiheit) und die Willensfreiheit nicht gehörig auseinander gehalten. Es ist falsch, daß nur die allseitig erfaßte Wahrheit und Güte die Vernunft und den Willen ohne weitcrs gefangen zu nehmen und jedes Widerstreben innerlich zu überwinden vermag. Dies gilt nur für den Willen; dieser ist nur durch die volle Erkenntniß, z. B. des Zieles, gebunden. Die Wahrheit aber muß denkend anerkannt werden, soweit sie eben erfaßt werden kann»' selbst wenn dies nur in einem geringen Maße der Fall ist. Im Denken selbst gibt es keine Willkür, sondern unbedingte Gesetze, deren Ueberschreitnng das Denken in das Gegentheil verkehrt, was beim Willen nicht der Fall ist. Daß es zur Freiheit des Denkens gehört, alle möglichen Richtungen zu prüfen, alle möglichen Erklärungen zu versuchen, ist gar nicht richtig: dies gehört zum Denken selbst oder besser zur Vollständigkeit, zur Schärfe und Tiefe desselben. Der ist kein Denker, sondern verfährt willkürlich, der alle Möglichkeiten entweder nicht finden kann oder nicht erwägen mag. Bei der Besprechung mancher Vorurlheile (S. 28) hätte ich bei dem Vorurthcil, die Erde sei der ruhende Mittelpunkt der Welt, den Beisatz: „zumal wenn man an die Offenbarung und Menschwerdung Gottes auf Erden glaubte" gerne vermißt. Es mag ja sein, daß subjektiv dieser Glaube jenes Vorurthcil verstärkt, aber die Ausdrucksweise legt den Gedanken nahe, als ob derselbe an sich dieses Vorurthcil zu befördern geeignet sei. Auf die Auseinandersetzung mit dem Teutschen Protestanrcnblatt S. 29 ff. einzugehen, liegt keilt Grund vor. Mit derselben kann man im ganzen vollkommen einverstanden sein. Nur einige Sätze nöthigen mich zu richtigstellenden Bemerkungen. In dem Satze S. 34: „Die katholische Theologie, wenigstens an den deutschen Universitäten, hat keinen Grund dazu gegeben, zu sagen, sie setze in philosophischer, historischer oder exegetischer Ergrnndnng der Wahrheit irgendwo eine Schranke ihrer Forschung", hätte ich die Worte: philosophisch, historisch und exegetisch unterstrichen gewünscht, weil dadurch der Satz jeder möglichen Mißdeutung entrückt wäre. Die Worte: „wenigstens an den deutschen Universitäten" wären besser weggeblieben, weil darin eine ungerechtfertigte Verdächtigung anderer Kreise liegt. Welche Kreise trifft sie? Richtig ist ferner, daß sich die Theologie nicht blos mit der wissenschaftlichen Rechtfertigung der Kirchenlehre, sondern mit dem tieferen Eindringen in die ewige Wahrheit zu befassen hat (S. 34). Die Kirchenlehre soll ja wissenschaftlich, denkend erfaßt werden. Bedenklich aber ist der Satz: „Die Vernunft ist es ja, mit der sie (die Theologie) zu verhandeln hat: und darum darf kein unlösbarer Rest in der wissenschaftlichen Rechnung bleiben." Ich sehe nicht ein, >vaS es mit der Vernunft zu verhandeln gibt. Diese ist ja doch blos Organ und Mittel zur Erforschung und Erkenntniß der Wahrheit! Es wäre doch sonderbar, wenn wir mit dem Mittel zur Erkenntniß, das uns Gott gegeben, erst verhandeln müßten. Zudem müßte, da nicht das Abstraktum Theologie mit der Vernunft verhandeln kann, diese zuletzt selber mit sich verhandeln. — In der „wissenschaftlichen Rechnung", d. h. soweit eben die Wissenschaft reichen kann, darf freilich kein unlösbarer Rest angenommen werden. Wo aber sind ihre Grenzen? Wie steht es mit den eigentlichen Gehcimnißlehren? Um jede Mißverständlichkeit auszuschließen, hätte doch irgendwie angedeutet werden sollen, daß eben die wissenschaftliche Rechnung eine begrenzte, bedingte ist. S. 35 ist es als ein Grundsatz des Glaubens hingestellt, daß eine „vollkommene Gleichung" sei zwischen Wahrheit und Offenbarung. Wird der Ausdruck „vollkommene Gleichung" wörtlich genommen, dann ist mir von einem solchen Grundsatz nichts bekannt, er müßte denn in dem platten Sinne zn verstehen sein, daß aller Offenbarungsinhalt wahr ist. Ist er in dem Sinne genommen, daß zwischen Wahrheit und Offenbarung — beide sind ja Wahrheiten — nicht nur kein Widerspruch, sondern in letzter Instanz Uebereinstimmung — diese ist aber keine Gleichung — stattfinden müsse, dann ist mir dieser Grundsatz selbstverständlich. Bestünde eine vollkommene Gleichung zwischen Wahrheit und Offenbarung, so müßte eine solche auch zwischen Natur und Uebernatnr bestehen. Das wird aber Niemand behaupten. Darin hat Dr. Schell freilich vollkommen recht, daß das Vordringen zn den tiefsten Gründen und zu der genauesten Bestimmung des Thatsächlichen auf Seiten der Offenbarung einerseits wie der natürlichen Erkenntniß anderseits zugleich die beste und einzig mögliche Vertheidigung der Offenbarnngswahrhciien ist; denn der letzte nnd tiefste Grund ist beiderseits einer und derselbe. Wir stehen aber vor zwei verschiedene» Gebieten seiner Wirksamkeit. Der Grund ist ja ein freier; wäre er ein nothwendiger, dann ließe sich allenfalls von einer vollkommenen Gleichung reden. Eine Schranke für die Freiheit der Theologie anerkennt auch Dr. Schell — die ernstlich sie Verantwortlichkeit der Kirche gegenüber (S. 38). Leider wird er auch da sofort doppelsinnig: „Die Verantwortlichkeit ist allerdings eine Schranke der Freiheit, aber eine innere Schranke: denn Freiheit und Verantwortlichkeit stehen und fallen miteinander." Hier wird Dr. Schell einerseits seinem Freiheitsbegriff untreu — im Freisein von Vorurteilen gibt es keine Schranke —, anderseits kann die innere Schranke eine doppelte sein: Eine Schranke i m Gegenstand der Forschung und eine solche in der Person des Forschers. Erstere ist völlig unbedenklich und selbstverständlich. Nun nimmt aber Dr. Schell offenbar die innere Schranke im zweiten Sinn: Der Forscher darf soweit gehen, als er es verantworten kann. Die Frage ist: Vor wem? Wenn vor der Kirche, dann ist die Schranke eine äußere; wenn vor seinem eigenen wissenschaftlichen Gewissen, dann ist die Schranke zwar eine innere, aber zugleich dem Subjektivismus Thür nnd Thor geöffnet. Das wissenschaftliche Gewissen ist ein sehr unbestimmtes und unbestimmbares Ding, von sehr verschiedener Enge und Weite. Virchow's wissenschaftliches Gewissen ist z. B. jedenfalls viel zarter und ernster als das Häckel's. Auf S. 41. 42. 43 und auch späterhin finden sich so treffliche Bedanken ausgesprochen, daß ich sie mit ivahrer Freude gelesen habe und mit dem Wunsche, die übrigen Partien des Schriftchens möchten diesen gleichen. In dem Abschnitt „Conservatismus und Fortschritt" findet sich S. 46 eine Bemerkung von „dem immer höher steigenden Standpunkte der vorwärtscilcnden Zeit", die darauf hindeuten könnte, daß Dr. Schell in etwas dem sog. Progressismus huldige. S. 54 ist aber diese Annahme eingeschränkt durch den Satz: „Darum ist ein ständiger Wechsel zwischen konservativen und fortschrittlichen Geistesrichtnngen in ihrer Herrschaft über die große Masse der maßgebenden Volkskreise, ähnlich wie Ebbe und Muth, ja wie Perioden des Stillstandes mit solchen des Fortschritts in der Entwicklungsgeschichte der Schöpfung abwechseln." Den Satz S. 47: „Jede Erweiterung des Wissens bedeutet zugleich eine Vertiefung und Läuterung desselben" möchte ich nicht ohne weiters unterschreiben. Um ihm einen richtigen Sinn abzugewinnen, muß „Erweiterung des Wissens" in einer ganz bestimmten Bedeutung (Erschließung eines neuen Gebietes oder wenigstens eines neuen Gesichtspunktes) genommen werden. Mit Recht verweist Dr. Schell darauf, daß die Wissenschaft, mag sie welcher Art auch immer sein, der Hypothesen nicht entbehren kann (S. 47). Sie kann dies nicht schon aus dem einfachen Grunde, weil sie alle Möglichkeiten zu erwägen nnd alle Erklärungsversuche anzuwenden nnd zu beurtheilen hat. Hypothesen finden sich daher in jeder Wissenschaft, auch in der Theologie. Was sind denn der Angnstinismus, Thomismus, Molinismns, Probabi- lismus u. s. w. wissenschaftlich betrachtet anders als Hypothesen? Freilich sollen die Hypothesen als solche bezeichnet und nicht als ausgemachte, alleinige Wahrheft hingestellt werden. „Die Wissenschaft ist ihrer innersten Natur zufolge eine fortschrittliche Macht" (S. 47). Dies ist voll anzuerkennen, weniger aber die Begründung dadurch, daß der Gedanke selber der geborene Kritiker ist nnd nur durch Unterscheidung bethätigt werden kann. Wo bleibt das Erfassen dessen, was unterschieden werden soll? Ist die Gedankenarbeit lediglich die des Unterscheidens, Auf- lösens, wo bleibt dann ein Sicheres in der Wissenschaft? 218 Es mag HIemlt im Zusammenhang stehen, daß Dr. Schell S. 53 von der wahrhaft konservativen Wissenschaft ein „Aufbauen" verlangt. Ich hätte den Ausdruck „Weitcr- baueu" lieber gelesen, obwohl auch zum Aufbau ein Sicheres und Bleibendes nothwendig ist. Man kann weder auf Flugsand noch mit bloßem Flugsand bauen. Vollständig mißglückt ist S. 48 und S. 52 die Darstellung des Verhältnisses Christi zu dem damaligen Pharisäismus und Sadducätsmus, überhaupt zum Alten Bunde, gegenüber der Frage, ob manche geschichtlich herausgebildeten Formen der Gegenwart festzuhalten oder zu ändern sind. Die Formen des Alten Bundes hatten ja nach göttlicher Bestimmung ihr Ende erreicht; Christus war gesandt, diese Bestimmung zu vollziehen. Wer kann in der Gegenwart eine solche Sendung für sich in Anspruch nehmen? Ist alles überlebt, was der Einzelne dafür hält? Warum hier nicht der Entwicklung, dem Gange der Zeit vertrauen? Diese Fragen kann man ganz gut stellen, ohne einem falschen Konservatismus z» verfallen. Sehr auffallend war es mir, daß S. 52 sogar der Begriff „Unsterblichkeit" nicht richtig gefaßt ist. „Unsterblichkeit ist darum des Geistes Lebensform: unsterblich ist indeß nicht die Daseinsform des Starren, sondern des unerschöpflichen Wachsthums." Wie steht es da mit der Unsterblichkeit nach diesem Leben? („Wie der Baum fällt, so bleibt er liegen.") Die Konsequenzen aus dem angegebenen Unsterblichkeitsbegriff führen soweit, daß ich ein Eingehen in dieselben unterlassen muß. Was Dr. Schell über das Ideal des Katholicismus sagt, kann man ganz gut unterschreiben. Die Bezeichnung „Longobardensproß Thomas von Aquin" (S. 56) ist geschmacklos. Der starke Ausdruck: „als ob man es für das höchste Kriterium der Kirchltchkeit hielte: Oreäo guia ubsuränw" hätte durch Abwesenheit dem Schriftcheu nicht geschadet. Die Uebersetzung von Omars Spiritus lauäet vowiaum, ks. 150 mit: „Auch jeder Nationalgeist lobpreise den Herrn"! ist wenig geistreich, da ja ein solcher Geist für sich nicht existirt. Die Anführungen Or.Schcll's von Cardinal Manning übergehe ich, da sie als geschichtlich nur nebenbei zur Sache gehören und etwas Unrichtiges dadurch nicht richtig wird, weil es noch ein zweiter sagt. Auch übergehe ich, was Hiebei über die Jesuiten gesagt ist. Diese werden sich wohl selbst rühren; sie sind auch allein im Stande, eine richtige und vollständige Darstellung des Sachverhaltes zu liefen:. Uebergehen kann ich aber nicht, weil es auch mir Herzenssache ist, daß der Clerus der Gegenwart in seinen Predigten weniger auf Schönheit und Gefälligkeit, als auf wissenschaftliche Tiefe und Gründlichkeit in möglichst populärer und verständlicher Form (auch den Gebildeten gegenüber) sein Augenmerk richten soll. Die Schönheit und Gefälligkeit der Predigten ergibt sich dann von selbst. Aus dem Nachwort hebe ich nur eine Stelle (S. 90) hervor: „Man ziehe sich nicht von den Universitäten zurück, um die Theologie und die Theologen in Seminarien möglichst weltfremd und untüchtig für das Apostolat in der Welt, besonders in der gebildeten Welt, zu machen"! Mit der Weltfremdheit in den Seminarien hat es noch gute Wege, ebenso mit der Untüchtigkeit. Man strebe doch kein Monopol an, und lasse auch andere ihre Schuldigkeit thun! Gründliche Bildung läßt sich auch außerhalb der Universitäten vermitteln, und wo diese vorhanden ist, ergibt sich die Weltklngheit bei etwas gesundem Menschenverstand von selbst. Uebrigens sehe man sich in Städten um wie Nürnberg, Fürth, Erlangen, Ansbach, Bayrcuth u. s. w. Dort wirkt ein Clerus, der durch- gehends an einem Lyceum und in einem Seminar gebildet ist. Ueber Weltfremdheit und Untüchtigkeit desselben für das Apostolat in der Welt, besonders in der gebildeten Welt, habe ich noch keine Klage gehört, obwohl dieser Mangel am ersten an solchen Orten sich geltend machen müßte. Einen Erfolg wünsche ich der Schrift Dr. Schell's aus ganzem und vollem Herzen. Möge sie den Anlaß geben zur etnmüthigen und allseitigen Hebung und Förderung der katholischen Wissenschaft! Dabei wird Jedermann gerne den theologischen Fakultäten an der Universität eine ehrenvolle Prärogative zuerkennen, wenn sie verdient ist. Jeder, auch der entfernteste Versuch einer Monopolisirung der katholischen Wissenschaft ist aber mit aller Kraft zu bekämpfen, weil er dem Wesen dieser Wissenschaft zuwider ist. In den weltlichen Fakultäten ergibt sich vielfach ein gewisses Monopol von selbst, weil nur ihnen die ausreichenden Mittel zur wissenschaftlichen Forschung zu Gebote stehen. Die katholische Wissenschaft hat auch in dieser Beziehung einen Vorzug der Freiheit, der ihr für alle Zeiten gewahrt bleiben soll. Zum Schlüsse kann ich es mir nicht versagen, daraus zu verweisen, daß der Jubel über die Schrift von liberaler und protestantischer Seite rein unverständlich ist. Der Titel schon hatte nach dieser Seite hin doch etwas stlchig machen sollen. Wenn der Katholicismus das Princip des Fortschritts ist, wie steht es dann mit allein, was mit ihm in Widerspruch steht? Man hat wieder einmal vor lauter Bäumen den Wald nicht gesehen! Zur Geschichte des Kreuzweges. (Letztes Wort.) kV k. 8. Es war vorauszusehen, daß der um die Palästinaforschung vielverdiente Professor Dr. Sepp auf die Ausführungen zur Geschichte des Kreuzweges replrciren und seine Ansicht, daß die Wohnung des Pilatus zur Zeit Christi auf dem Sion gewesen sei, vertheidigen würde. Doch vollgiltige Beweise hat er nicht vorgebracht, und widerlegt hat er auch nichts: vornehme Machtsprüche können dafür nicht gelten. Was es mit dem Zeugnisse des Philo für eine Be- wandtniß habe. ist bereits angegeben. Es steht kein Wort darin, daß PilatuS in dem Palaste des Herodes gewohnt oder immer gewohnt habe. Er erzählt nur, daß Pilatus an „der Königsburg des Herodes" und wiederum am „Hause der Statthalterei" goldene Schilde aufhängen ließ. Aber gerade das. was man vor Allem erwartete: „an seiner Wohnung", fehlt bezeichnender Weise. Er wollte eben nur den Juden seine Macht und seinen Trotz zeigen. Dieses erhellt auch daraus, daß er später sogar ein Standbild im Heiligthum des Tempels aufstellen wollte. Aber das „Haus der Statthalter"? Nun das war die Königsburg ja wirklich, weil dieselben dort zu wohnen pflegten, wenn sie nach Jerusalem kamen. Doch stand ihnen noch eine andere sichere und prächtige Wohnung zur Verfügung, die Burg Autonia. Auch diese hatte Herodes gebaut, und was der baute, war immer königlich, vr. Sepp nennt sie verächtlich Tempelkaserne. Sie diente aber nicht blos zum Schutze des Tempels, sondern der ganzen Stadt, weßhalb sie eine dreifache Wache hatte. Bezüglich der innern Einrichtung nennt sie Fl. Josephus einen Königspalast, Herodes selbst hatte darin gewohnt, der nachmalige Kaiser Titus während der Belagerung, später die islamitischen Herrscher mit ihrem Harem. Der Königspalast des Salomo mit seinen vielen Frauen und Helden war auch nicht größer. Es ist wirklich seltsam, daß der Herr Professor die kriegerischen Römer in einem zum Aufruhr geneigten Lande für so zimperlich hält und selbst 219 die Frau Proele für sich ins Feld führt. Soldaten lagen allerdings auch dort, und zwar ziemlich viele; aber es war auch Platz genug für sie da in einer besonderen Abtheilung. mehr als in der alten Davidsbura. da die Räumlichkeiten einer ganzen Stadt glichen. Dazu hatte sie den Vorzug einer so großen Festigkeit, daß die Römer sie gar nicht anzugreifen wagten, sondern lieber ungemein schwierige Dämme durch den Teich errichteten und neben der Burg durch die Mauer des Tempelplatzes eindrangen. Warum sollte Pilatus, der gewaltthätige und rücksichtslose Mann, einen so einladenden Vortheil nicht erkannt und benutzt haben? Warum so engherzig sein und ihm blos eine einzige Wohnung zu lassen? Herrscher haben auch sonst mehrere Wohnungen und wählen sie. Kaiphas hatte außer seinem Hause auf dem Sion seine Amtswohnung im Nathhause. Pilatus war nicht so unklug wie Sabinus oder gar Festus, der sich auf die Antonia retten wollte, aber nicht konnte. Gegen ihn wagten auch die Juden keinen Aufruhr (nur Galiläer, Parteigänger des Herodcs, versuchten einen Putsch, der aber kläglich mißlang), sondern ergriffen das Mittel der Anklage beim Kaiser. Die Civilvcrwaltung bei den Juden war damals dem Hohenpriester und seinem Beirathe überlassen. Den Oberbefehl über das Militär aber gab kein Statthalter aus der Hand. Aus den Evangelien geht unzweideutig hervor, daß er die ganze Cohorte zur Verfügung hatte und zur Geißelung sofort verwendete. Ebenso hatte er vorher die Galiläer im Tempel niederhauen lassen, was zur bekannten Feindschaft mit Herodes führte. Gerade von diesem Oberbefehl, welcher Ünterbefehlshaber natürlich nicht aus-, sondern einschließt, rührt der Name Prätorium her, an den sich dann der Begriff „Richthaus" knüpfte. Jener Name eignet eigentlich mir dem Stand- gnartier, und das war die Antonia. Dahin also (in xras- torium) führte man den göttlichen Heiland (Joh. 18, 28). Uebrigcns ließen es sich die Statthalter nicht nehmen, zu richten, wo sie wollten; Pilatus richtete einmal in der Rennbahn. (Jos. II. 9.) Das ist das Prätorium, welches nach dem heiligen Cyrillns zerstört wurde. Warum denn nicht? Berichtet ja auch Fl. Josephus, daß die Antonia geschleift wurde, und Christus der Herr sagte, daß kein Stein auf dem andern bleiben werde. vr. Scpp will jetzt glauben machen, daß das Serail in der ehemaligen Burg dcii Anlaß gab, die Wohnung des Pilatus dort zu suchen. Es ist schon viel, daß er die Beschuldigung gegen die Franziskaner nicht mehr aufrecht erhält. Allein die Tradition für die Antonia bestand schon Jahrhunderte lang vor den Muhamedanern. Der Kaiser Heraklius (628) fing auch seine Krenztragung dort an. Den nahen Teich habe ich keineswegs Israel, sondern Jsrain genannt, wiewobl Banrath Schick, der 60 Jahre lang schon in Jerusalem wohnt, und Andere ihn so nennen. Es ist auch nicht einzusehen, warum die Türken das aus dem Persischen entlehnte und noch gebrauchte Wort Serai (Konstantinopel) sollten in Jsrain verwandelt haben. Labe auch mit keinem Worte gesagt, daß Pilatus den Palast des Herodes das ganze Jahr habe leer stehen lassen?) Habe kein Wort gesagt, daß auf dem Sion auch ein Lithostrotns gewesen sei, sondern gerade das Gegentheil. Ob der Leoo Homo - Bogen von der Antonia oder dem Triumphbogen des Hadrian herrührt, ist nicht mehr auszumachen, ledenfalls zeugt er von der Tradition in jener Gegend. Diese lag zwar außerhalb der zweiten Mauer, aber in der stark bevölkerten Neustadt, welche später von Ngrippa auch noch mit einer Mauer umfangen wurde?*) „Tobler hat sich mit der Frage gar nicht besaßt." Dieses erweckt den Schein, als wenn meine Angabe erfunden wäre. Mit der Streitfrage hat er sich freilich nicht befaßt, dafür habe ich ihn anch nicht angezogen, wohl aber mit der Topographie des Kreuzweges, wie nicht leicht ein zweiter; in seiner Topographie von Jerusalem Band I Seite 220—267. Die angeführte Aeußerung steht S. 26-1. Dinge, welche der Gegner nicht behauptet hat, lassen sich ") Es wäre zuviel zu behaupten, daß Pilatus niemals im Westen Wohnung genommen; aber noch viel mehr, daß er nie, besonders in kritischen Zeiten, die Antonia benutzt habe. I Das Thor Benjamin war eher auf der Nord- vstscite. leicht widerlegen. Noch bequemer ist es, ex outbeär» Jeden mit dem unfehlbaren Anathem zu belege», der das Gegentheil behauptet. Recensionen nnd Notizen. Geschichte der Weltliteratur von Alex. Baum- gartn er. 8. ?. Frciburg. Herder. 1897. 8°. Bd. I. Lieferung 1 u. 2. L 1 M. 20 Pfg. 8 Dieses Werk will in allgemein verständlicher, anziehender Form eine ausführlichere Darstellung der gestimmten Weltliteratur geben, als sie, wegen engerer Begrenzung des Raumes, bisher von ähnlichen Werten geboten werden konnte. Es ist auf 6 Bände berechnet: I. die Literatur Westasiens nnd der Nilländer; II. die Literaturen Indiens und Ostasiens; III. die griechische und lateinische Literatur des klassischen Alterthums und der späteren Zeiten; IV. die Literatur der romanischen Völker: V. die Literaturen der nordgermanischen und slavischen Völker; VI. die deutsche Literatur. Während diese Hauptgruppirung vorzüglich der sprachlichen, nationalen und religiösen Zusammengehörigkeit der verschiedenen Literaturen Rechnung trägt, wird die weitere Gliederung auch die zeitliche Aufeinanderfolge und den gegenseitigen Einfluß derselben in Betracht ziehen. Poetische Proben sollen die Darstellung beleben, und genaue Literaturnachweise werden es dem Leser ermöglichen, sich in der Specialliteratnr der einzelnen Gebiete zurechtzufinden. Dem religiösen Moment, als dem tiefgreifendsten im Geistesleben der Völker, ist die ihm gebührende Stelle gewahrt. Die zwei ersten Bände, welche die sämmtlichen Literaturen des Orients umfassen und kür sich schon einigermaßen ein selbstständiges Ganze bilden, liegen im Manuskript druckfertig vor und werden noch im Lause dieses Jahres erscheinen. Für die anderen Bünde sind bereits ausgedehnte Vorarbeiten vorhanden, so daß dieselben im Laufe der nächsten Jahre werden nachfolgen können. Jeder der Bände bildet ein für sich abgeschlossenes Ganze und wird auch einzeln käuflich sein. Der erste Band wird in circa 7 Lieferungen von durchschnittlich 5 Bogen zum Preise von 1 M. 20 Pfg. pro Lieferung ausgegeben. Der Name des Autors erweckt wie kaum ein anderer Vertrauen, denn der Verfasser hat Proben seines Wissens und Könnens in den mannigfachsten Einzelstudien bereits gegeben. Das Werk verfolgt zwar im allgemeinen das gleiche Ziel mit der Literaturgeschichte von Norrenbcrg-Macke. Allein Grundlage und Rahmen sind, wie die vorliegenden zwei Lieferungen erkennen lassen, viel breiter und weiter. Die Darstellung folgt der Methode Janssen's. Wenn der 1. Band abgeschlossen ist, werden wir ausführlicher darauf zurückkommen; für heute möchten wir die Aufmerksamkeit des Leserkreises der „A. Postzeitung" auf das monumentale Unternehmen hinlenken nnd die Anschaffung desselben aufs Wärmste empfehlen! . Dr. L. (Zur Canisins-Feier.) Unter den zahlreichen Festschrifen zum 300jährigen Gedächtnisse des sel. Petrus Canisius nimmt das von Präses I. B. Mehl er in Regensburg im Selbstverläge herausgegebene handliche Büchlein (136 Seiten Kl.-Oktav) eine der ersten Stellen ein. Namentlich den bayerischenKatholiken ist diese volksthümlich gefaßte, von edler Begeisterung getragene und zum Herzen gehende Schrift des rühmlich bekannten Verfassers auf's allerwärmste zu empfehlen. Mit besonderer Liebe nnd Ausführlichkeit schildert Mehlcr das segensreiche Wirken des großen Jesuiten in Bauern und seine Verdienste um die Erhaltung des kathol. Glaubens in großen Theilen des heutigen Königreiches Bauern, in Oesterreich und der Schweiz. Der sel. Petrus Canisius war nach den Wirren der Reformation in Wahrheit der Apostel Deutschlands. Der Rhein und der Main hörten seine Stimme, und die Berge Tirols vernahmen seine Worte; Böhmen sah ihn auf der Kanzel, Schwaben widerhallte von seinem Lobe. Das schöne Bauerland blieb durch ihn und seine Ordcnsgcnossen der katholischen Kirche treu; in Oesterreich und der Schweiz streute er reichlichen Samen aus. — Wien und Prag, München nnd Jngolstadt, Altölting, Landshnt, Straubing, "Augsburg und Dillingen, Rcgcnsburg und Würzbnrg; Worms. Freiburg im Brcisgan. Trier, Köln. Mainz. Straßbnrg, 220 Osnabrück, Innsbruck rc. rc. sahen ihn in ihren Kirchen und vernahmen seine begeisterten Worte. Die Marianischen Congregationen in München, Landsberg, Augsburg, Regensburg. Altötttng, Bamberg, Würzburg: Passau. Speyer, Elchstätt, Neuburg a. D.. Mindelheim, Anibera, Vurghausen. Stranbing. Landshut rc. verdankten dem sei. Canisius ihre Entstehung. Ueber den Katechismus des Seligen urtheilte Fürstbischof Cardinal Johann Theodor von Regensburg und Freising: „Wenn Bayern rrne kein anderer Stamm mit unwandelbarer Treue an der römischen Kirche festhält, so hat es dieses dem Katechismus von Canisius zu danken, der hierdurch, wie durch sein apostolisches Wirken, Ober- und Niedcrbayern und die obere Pfalz der Kirche gerettet hat." Mchler sagt in der Vorrede mit Recht, es sei eine Ehrensache für die Katholiken. diesen deutschen Glaubenshelden kennen zu lernen, der unserer Zeit so nahe gelebt hat. durch dieselben Straßen gewandelt ist, die wir betreten, in denselben Lebensverhältnissen und unter denselben Schwierigkeiten, denen auch so viele aus uns ausgesetzt sind. für den heiligen Glauben gearbeitet bat. Was wir an dem Mehler'schen Canisius-Büchlein loben, ist vor allem die übersichtliche Eintheilung des Stoffes, die fließende, leichtverständliche und doch gründliche und erschöpfende Darstellung. Die Ausstattung des Werkchens ist würdig und gediegen. Sieben Abbildungen beleben den Text. Als Aiihang ist ein sehr melodiöses Canisiuslied beigefügt, die Composition eines unserer besten Kirchen - Musiker, des Regensburger Stiftskapellmeisters Halter. Im Paradies. Tagcbuchblättcr von H. Hansjakob. Heidelberg, Weiß. 1897. M. 3,60. Hansjakob ist verdientermaßen zu großer Popularität gelangt. Es gibt kein Buch von ihm, welches dem Leser nicht irgend einen Genuß, nicht irgend eine Anregung böte, und man kann es aufrichtig begrüßen, daß von den ausgewählten Schriften des Freibüraer kathol. Stadtpfarrers, welcher wie sein Landsmann Alb. Stolz eine Individualität repräsentirt, die Verlagshandlung eine „Volksausgabe" veranstaltet. Das vorliegende Buch enthält tagebuchartige Reflexionen und Schilderungen aus dem Sommer 1896, da Hansjakob sich in feinern Tusknlum, seinem „Paradies" zu Hofstetten aufhielt. Die Stimmung ist überwiegend elegisch, weltmüde, aber sie langweilt den Leser nie und erzeugt keinen Ueberdrnß. Dafür hat die Darstellung zuviel künstlerischen Reiz und ist der Reichthum an edeln Gedanken zu groß. Der Freimut!), mit dem die begegnenden Personen alle mit Namen und Qualitäten angeführt werden, mag etwas befremdlich erscheinen. Wieland M., Das Cistercienserkloster Schönau im Bisthum Würzburg. 8°. 20 S. Bregenz, I. N. Teutsch, 1897. s Die kleine Monographie, Sonderabdruck aus der „Cistercienser-Chronik" (9. Jahrgang) bietet einen ganz interessanten Beitrag zur Ordens- und Lokalgeschichte. Das Kloster, das uns der Verfasser auch im Bilde vorführt, lag am linken Ufer der fränkischen Saale und war eine Gründung des Friedrich von Heßlar, die Clemens 111. am 25. Mai 1190 bestätigte. In den schweren Zeiten der Reformation und ihrer Folgen hat der stille, weltentlegene Sitz manche Stürme durchgemacht. Die kürze Arbeit erfreut uns durch peinliche, quellenmäßige Genauigkeit der Angaben. Abicht, Kurze Formenlehre der russischen Sprache. 8°. 72 SS. Leipzig u. Wien, R. Gerhard. 1897. M. 1,80. Je mehr die politischen Verhältnisse Anlaß geben, dem ungeheuern Slavenreich des Ostens ein aufmerksames Auge zu schenken, desto gebieterischer tritt auch die Forderung auf, russische Sprache und Literatur, vor kurzer Zeit noch so viel wie unbekannt, zu studiren. So sind in jüngster Zeit ziemlich viele Lehrbücher des Russischen, gute und noch mehr schlechte, herausgekommen. Die sog. praktischen Grammatiken oder Eintrichterungsbücher haben durchweg ein wunderbares Geschick, Zusammengehöriges auseinander zu reißen, um ja nicht systematisch (was man mit pedantisch verwechselt) zu werden. Nichts aber ist in Wirklichkeit unpraktischer und denkenden Menschen, die Ordnung und Gesetzmäßigkeit in allen Erscheinungen erkennen wollen, lästiger. Diesen nun hat der Verfasser obigen Buches einen großen Dienst erwiesen, indem er die russische Formenlehre m vorzüglicher, streng systematischer Anordnung so vollständig darstellt, wie sie selbst in den umfangreichsten „praktischen" Lehrbüchern vergebens gesucht wird. Während diese sich mit Aufzählung von Aeußerlichkeiten begnügen, geht Abicht stets auf die Entstehung der Formen zurück. Einige Jnconseguenzen und Unebenheiten der Orthographie sind uns ausgefallen, so S. 5 „LerkeLti" und unterhalb gleich „ksrtsoti", oder S. 23 „vakiü" (statt „vneat"). Die Ausstattung des kleinen, aber inhaltsreichen Buches verdient alles Lob und macht der Verlagsbuchhandlung, welche die russisä-e Literatur besonders pflegt, alle Ehre. Das Buch bildet das erste Heft eines Sammelwerkes „Hauptschwierigkeiten der russischen Sprache". Dies el G. (o. «s. U.), Die Arbeit betrachtet im Lichte des Glaubens: Ein Beitrag zur Lösung der socialen Frage. 8°. IV -i- 303 SS. M. 2,00; geb. 2,60. Regensburg, Fr. Pustet, 1897 (Ü.). -r. Nachdem die moderne Zeit von dem jungen Seelsorger immer gebieterischer die Beschäftigung mit der socialen Frage erfordert, ist es mit Dank zu begrüßen, wenn erfahrene und bewährte Schriftsteller dem Neuling verlässige Richtpunkte bieten. Die Frage über den Werth der Arbeit im Lichte christlicher Anschauung ist für alle weiteren Erörterungen von grundlegender Bedeutung; sie wird iin vorliegenden Buche mit Klarheit und eingehender Sachkenntnis; behandelt. Der erste Abschnitt handelt in acht Paragraphen von der Arbeit vor und nach dem Sündenfall (einst Lust, jetzt Pflicht), von den Mühen und dem Fluch der Arbeit als Sündenstrafe und den Gründen dieser Art von Strafe. Der zweite Abschnitt führt uns in die Geschichte ein und spricht von der Arbeit vor Christus (eine Schande bei den Heiden) und im Christenthum, wo sie durch Christus selbst geadelt und gesegnet, von der.Kirche geschützt und gepflegt wurde. Der dritte Abschnitt handelt von der Arbeit, wie sie im modernen Leben des Neuheidenthnms, losgelöst von jeder höheren Weihe und der Anerkennung übernatürlicher Beweggründe und Pflichten, beurtheilt wird. Das Schlußwort mahnt angesichts der trostlosen Lage des modernen Arbeitslcbens zur Rückkehr zum praktischen Christenthum. Das Buch. dem wir besonders eine treffliche Verwendung von Stellen ans der hl. Schrift nachrühmen, eignet sich gilt als Lesebuch in Arbeitervereinen und wird sowohl den Leitern solcher, wie auch Predigern willkommene Anhaltspunkte zu Vortrügen bieten. — Oesterreichisches Literatnrblatt, herausgegeben von der Leo-Gesellschaft in Wien, redigirt von Dr. Franz S ch n ü r e r. (Administration: Wien, I-, Amra- gasse 9.) Nr. 9 enthält u. A.: Baur I. (Studiendirektor Msgr. vr. A. Fischer - Colbrie. Wien.) — Blaß F., Grammatik des nentestamentlichen Griechisch. (Theol.-Prof.vr.Jos. Schindler,Leitmerrtz.) — Groot I. V. de, Leo XIII. und der hl. Thomas von Aquino. (vr. v. Gr. Pöck, Heiligenkreuz.) — Englert W. Ph., Arbeitergeistliche. (Spir.-Dir. vr. C. Weiß. Wien.) — Strauß D. F., Ausgewählte Briefe. (Hd.)— Güttler C., Psychologie und Philosophie, (vr. Nich. v. Kralik, Wien.) — Michael Emil, Geschichte des des deutschen Volkes seit dem 13. Jahrh, bis zum Ausgangs des M.-A. I. (A. K.) — Daviosohn Rob., Geschichte von Florenz. I. (vr. HZ. Ferd. Helmolt, Leipzig.) — Ders., Forschungen zur älteren Geschichte von Florenz. (Ders.) — Mur ko M.. Deutsche Einflüsse auf die Anfänge der slav. Romantik. I. (Jos. Frbr. v. Helfer t, Wien.) — Conversations-Lexikon: Ärockhaus-Meyer. IV Geschichte. I. (v.) u. s. w. Verantw. Redakteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 32. Beilage zm Dgsömger Weitung. s. Illllk 1897. Luis Coloma's „Lappalien".*) Dem Volke an wahr und frisch gezeichneten Bildern zu zeigen, was Wahrheit, was Lüge, was Tugend, was Laster, was wirkliches Glück, was Unglück sei — das schwebt als ideales Ziel wohl jedem katholischen Romanschreiber vor, der sich seiner Verantwortung bewußt ist. Wer sich für eine gedeihliche Entwickelung dieser Sparte unserer Publicistik interessirt — und das wird wohl jeder, dem die ungeheure Bedeutung einer guten Unter- haltnngsliteratur kein Geheimniß ist —, der wird an den „Lappalien" seine helle Freude haben. Zahllose Klippen hat der zu meiden, der mit allem Ernste dem gekennzeichneten hohen Ziele zustrebt. Manche lassen sich abschrecken, sie bleiben am friedlichen Strande und begnügen sich damit, ihrem Leserkreise eine sogen, anständige Unterhaltung zu bieten. Wir wollen sie nicht tadeln, solange sie nicht diese Strandidylls als Weltmeerscenen gelten lassen möchten, m. a. W. wer den Leser blos angenehm unterhalten will, der sage es auch klipp und klar, daß es sich nur um eine amüsante Spielerei handelt. Tritt der Erzähler aber auf als Lehrer und Erzieher, als Uihrer und Warner, so gedenke er seiner heiligen Pflicht: die Wahrheit, die volle Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen. Sie mag oft bitter schmecken — gut, er kleide sie in eine süße Schale, so wird sie accepiirt. Dieses Princip, nur Wahrheit, oft tief beschämende Wahrheit zu bieten, aber in einer Form, die sie dem verwöhntesten Gaumen schmackhaft macht, hat Coloma mit beivundernswerther Consequeuz festgehalten. Coloma ist Priester der Gesellschaft Jesu. Eine Zeit lang sah er das vornehme Madrid um seine Kanzel versammelt; er sagte indeß den hohen Herren und Damen die Wahrheit mit solcher Aufrichtigkeit, daß er bald wieder entfernt wurde. Coloma war nicht der Mann, der sich in gekränktes Schweigen gehüllt hätte; er besteigt kurz entschlossen eine andere Kanzel, von der herab seine Bußpredigt nur um so lauter und durchdringender ertönt. „Wie in früheren Zeiten der Mönch auf öffentlichem Platze einen Tisch bestieg und von da aus den Indifferenten, die nicht ins Gotteshaus kamen, in der kräftigen Sprache jener Zeit kräftige und handgreifliche Wahrheiten sagte, so errichte ich meine Kanzel auf den Blättern eines Romanes. Und von da aus predige ich zu denen, die mich niemals anhören würden, wenn ich zu ihnen anders spräche. Ich sage ihnen in ihrer eigenen Sprache Wahrheiten, die unter den Gewölben einer Kirche sich niemals in ähnlich wirksamer Weise vorbringen ließen" (p>. XIII). Im gesellschaftlichen Leben darf keine andere Moral gelten, als jene, in welcher auch der Einzelne die Norm seines Denkens und Handelns zu erkennen hat: die Moral der 10 Gebote, des Christenthums; jeder Versuch, diese Nothwendigkeit zu umgehen, ist ein Angriff auf die Gesellschaft selbst: — dies das Thema, welches Coloma bis in seine kleinsten Nüancen durchführt, dessen unanfechtbare Wahrheit er handgreiflich beweist. Wie Donnerschläge tönt sein quott ernt äovaorwtranäum, so oft er ein Glied dieses Beweises, eine seiner mit allem modernen Raffinement ausgestatteten Episoden, wahre psychologische Kabinetstückchen, znm Abschlüsse bringt. ) Autorisirte Uebersetzung von Ernst Berg. Berlin vgl'.viL der Romanwelt. Preis 3 M. Es ist die Madrider Aristokratie, welche ihm seine Charakterfiguren bieten muß: entschieden eine glückliche Wahl. Denn was beleuchtet Heller die Abscheulichkeit des Grundsatzes, der für das gesellschaftliche und öffentliche Leben eine andere Moralwährung beansprucht, als die „hausbackne" christliche Moral —, was beleuchtet, sag« ich, die Verabscheunngswürdigkeit dieses so verbreiteten Grundsatzes beller, als der grelle Gegensatz zwischen blendenden aristokratischen Formen und bodenloser Gemeinheit in ein und derselben Persönlichkeit? Erstere, die bestrickenden Formen, sind schuld, besser Anlaß, daß man die letztere tolerirt, entschuldigt, ignorirt, ihr die Salons, die öffentlichen Aemter nicht verschließt. Coloma malt dieses elegante Exterieur in seinem ganzen zauberischen Glänze, aber er malt es in Farben, die uns seinen wahren Charakter sofort erkennen lassen: schillernde, an sich wcrthlose Lappen sind es, hinter denen schmutzige Verworfenheit, mitleiderregeude Thorheit sich verbirgt. Mit so unbarmherziger Rücksichtslosigkeit geißelt Coloma die Thorheiten und Laster der Aristokratie, daß er den Vorwurf hören mußte, er habe sich eines Pamphlets, einer politischen Schmähschrift schuldig gemacht, er „verläumde den edelsten und besten Theil des spanischen Volkes" rc. Coloma verwahrt sich dagegen: „Ich will . . ausdrücklich versichern, daß ich in dieser Erzählung nicht Porträts zeichne, sondern sociale Typen zu schaffen suche. Denn dieses ist nicht etwa eine boshafte Schmähschrift, sondern ein Buch mit hohen moralischen Zwecken" 522 Aum.). Aber auch seinen „socialen Typen" kann ein unparteiischer Leser keinerlei tendenziöse Schwarzfärbung nachweisen. „Madrid ist kein Sumpf. Du und ich und noch viele andere anständige Frauen gehören zu Madrid, und wir stehen, Gott sei Dank, in keinem Sumpfe" — es ist die Marquise von Villasis, die edelste Charaktergestalt des Romans, welcher Coloma diese Worte in den Mund legt, dieselbe, an welche sich auch die versöhnende Lösung des Coufliktcs anknüpft, — „aber es gibt in Madrid einen Sumpf, das ist keine Frage, einen sehr tiefen Sumpf. Doch wer es ernstlich will, kann ihn umgehen... Das Unglück ist nur, daß dieser Sumpf aus kölnischem Wasser zu bestehen scheint; er macht sich von weitem vortrefflich, und nicht viele können seinem verführerischen Dufte widerstehen" (pag. 399 f.). Er stellt also die Gesellschaft keineswegs als hoffnungslos verdorben hin, wie unsere Zuknnftsstaatler es so gerne thun; er bezeichnet aber unverblümt die ergiebigste Quelle ihres Verderbens, die Toleranz gegen das Laster, diese unbegreifliche thörichte Nachsicht, mit welcher die sogenannte gute Gesellschaft so leicht sittlich bankerotten Elementen ihre Kreise öffnet, wenn ihnen nur Parfüm und Glaces und eine gehörige Portion Unverfrorenheit zur Verfügung stehen; mit seichten Phrasen kommt man da au den gröbsten Verirrungen vorbei, deren officielle Sanktion gleichbedeutend wäre mit dem Ruin der Ehe, der Familie, der Gesellschaft. Solche „Pequeüeces", Bagatellen, Lappalien, sind eben keine Lappalien! Coloma liefert auch den handgreiflichen Beweis, daß ein katholischer Erzähler durchaus nicht genöthigt ist, jede Aeußerung spezifisch katholisch-religiösen Lebens ängstlich zu übergehen. Es gehört das im Gegentheil znm nothwendigen Inventar einer HnltmWldernilL. die ein ka/ 222 tholisches Volksleben zum Hintergrund hat, sonst ist das Bild nicht wahr und nicht vollständig. Das Gesagte läßt erkennen, an welchen Leserkreis der Verfasser hauptsächlich sich wendet. Wer aus freier Wahl oder unter dem Drucke der Verhältnisse sich viel auf dem Parquet zu bewegen hat, und namentlich wem die Erziehung oder Leitung solcher Persönlichkeiten anvertraut ist, soll das Buch nicht ungelesen lassen, soll es studiren. Für solche scheint es in erster Linie geschrieben zu sein. Doch kein Gebildeter, in welcher Stellung er auch lebt, wird das Werk ohne großen Nutzen lesen, sei's auch nur, um am Schlüsse mit dem Verfasser sich eins zu wissen in dem schönen Bekenntnisse: „Ueber das Liebcs- werk, das im Almosengeben besteht, stelle ich dasjenige, das die menschlichen Schwächen zu begreifen und zu heben sucht" (xag. XV). Irr. Hie Christus! Hie Buddha! Religionsgeschichtliche Studie. 6. 8. In verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften ist vor einiger Zeit mehrfach kurz darauf hingewiesen worden, wie der Buddhacult im christlichen Europa immer wettere Kreise zu ziehen beginne, und wie man schon nicht mehr zurückscheue, öffentlich zur Nachahmung Buddha's aufzufordern. Es sind bereits nicht mehr vereinzelte Stimmen, welche dem wahren Licht der Welt das Irrlicht des Buddhismus anpreisend gegenüberstellen. Ja, es sind bereits auch in Deutschland Stimmen laut geworden, welche den Buddhismus als die wahre Religion der Zukunft anpreisen und als „gelehrter Forschungen" Resultate verkünden, daß die christliche Religion nur eine, nicht einmal sonderlich gelungene, Copie des „herrlichen Originals" des Buddhismus sei. Zum Beweis für ihre Behauptung werden gewisse Einrichtungen, Gebräuche, Regeln und Vorschriften angeführt, welche dem Buddhismus wie dem Christenthum gleicherweise eigenthümlich seien. Es ist aber doch einleuchtend, daß man von einer engen Verwandtschaft zweier Religionen nicht reden kann wegen einiger äußerlicher Aehnlichkeiten, die in letzter Linie schließlich allen Religionen gemein sind, da sie ihren tiefsten Grund in der „von Natur aus christlichen" Menschenseele haben. Nimmt man aber eben die wesentlichen Forderungen der einzelnen Religionen, speciell des Christenthums und des Buddhismus» zur Forschung näher her, so tritt deutlich der himmelweite Unterschieb zwischen beiden hervor. Eine nur kurze Ver- glelchung beider Religionen hinsichtlich ihrer Geschichte, ihrer Glaubens- und Sittenlehre und ihrer sittlichen Ergötze wird darthun, wie Christus in seiner hl. Religion ist das wahre Licht der Welt, während dagegen Buddha's Werk kaum mehr den Namen einer Religion verdient. Werfen Nstr zuerst einen vergleichenden Blick auf die Geschichte Buddha's und Christi, sowie ihrer Religionen. Ueber Buddha's Leben haben wir so dürftige Nach- richte», daß schon die Behauptung aufgestellt wurde, Buddha habe überhaupt gar nie existirt. Schon daraus läßt sich ermessen, daß wohl viele Züge aus seinem Leben» so wie sie von buddhistischen Schriftstellern uns überliefert werden, in's Reich der Fabel zu verweisen and als nachträgliche Ergänzungen nach dem Leben Christi aszssehen sind. Buddha, so berichten uns die Schrift- steLer, dessen ursprünglicher Name Siddharta war, stammte M> dem Geschlechte Sakya und ward geboren in der Svbt KapilavM. Seine. Geburt, heißt es, sei durch wunderbare Ereignisse angekündigt worden. Seine Mutter sei eine unversehrte Jungfrau mit Namen Maja aus königlichem Geschlechte gewesen. Am achten Tage nach seiner Geburt sei dem Knäblein der Name Siddharta gegeben worden. Der Knabe habe schon im zarten Alter seine Lehrer weit an Weisheit übertreffen. Gar viele wunderbare Züge aus Buddha's Kindheit werden uns überliefert, ähnlich denen, welche wir in den sogenannten apokryphen Evangelien über den Jesusknaben finden. In seinem 29. Lebensjahre, so heißt es in seinen Lebensbeschreibungen weiter, floh Siddharta in die Wüste, woselbst er siegreich verschiedene Versuchungen überwand. Sechs Jahre hernach nahm er die Würde und den Namen Buddha an, sammelte Schüler um sich, verkündete öffentlich seine Lehre und bekräftigte sie durch viele Wunder. Er starb mit großem Gleichmuth, beseelt von der frohen Zuversicht, daß seine Lehre alle Hindernisse überwinden werde. Als sein Todesjahr wird von den einen das'Jahr 543, von andern 477 genannt. In dieser Schilderung von Buddha's Leben finden wir manche Züge, die eine gewisse Nehnlichkrit mit Ereignissen aus dem Leben Jesu ausweisen, wie z. B. die Vorbereitung auf die öffentliche Thätigkeit in der Wüste, die siegreiche Ueberwindung der Versuchungen u. And. Allein diese Aehnlichkeiten lassen sich leicht aus den allen orientalischen Völkern gemeinschaftlichen Anschauungen und Gebräuchen erklären und sind zudem, wie oben schon hervorgehoben, rein äußerliche. Mögen zwischen Christi und Buddha's Lebensbeschreibung auch noch so viele Aehnlichkeiten bestehen, ein gewaltiger unausgleichbarer Unterschied zwischen beiden Relkgionsstiftern besteht und wird bestehen für alle Zeiten: Buddha, wenngleich als ein Held in der Tugend von seinen Anhängern gepriesen, erhält von ihnen in seinem Leben niemals den Namen, den Christus von den Seinen in Wahrheit bekommt, den Namen Gott. Das ist eine unüberbrückbare Kluft zwischen beider Leben. Was die Geschichte beider Religionen anbelangt, so läßt sich unschwer die Unrichtigkeit der Behauptung erweisen, das Christenthum habe seine erhabenen Anschauungen und Lehren dem Buddhismus entnommen. Ist es ja doch erwiesen, daß der Buddhismus niemals die Grenzen des römischen Weltreiches überschritten, innerhalb deren das Christenthum seinen Anfang und seine erste Ausdehnung nahm. In Wirklichkeit stellen auch alle Gelehrten, welche sich mit dem Studium orientalischer Sitten und Gebräuche besassen, einen Einfluß des Buddhismus auf das Christenthum ganz entschieden in Abrede. Ebenso sehr wie in ihrer Geschichte weichen auch beide Religionen in ihrer Lehre von einander ab. Beginnen wir bei dieser Darstellung mit der Glaubenslehre. Was lehren hier die beiden Religionen über die wichtigsten Fragen, nämlich über Gott, über die Seele und über das Ziel des Menschen? Der Fundamcntalsatz unserer christlichen Glaubenslehre lautet für uns Christen: Der Mensch ist von Gott dazu geschaffen, daß er ihm diene und dadurch die ewige Seligkeit erlange. Was lehrt nun in dieser Beziehung das „Licht Asiens"? Buddha hat vor allem gar keine klaren und bestimmten Anschauungen über die Existenz Gottes. Das ist die Ansicht aller Buddha- Forscher. So sagt Max Müller: „Es ist nicht zu leugnen, daß Buddha keine Kenntniß von Gott gehabt habe." Diese Uukeuutniß Buddha's und seiner Lehre über Gottes Dasein rührt wahrscheinlich daher, daß Buddha gar nie 223 ernstlich sich mit dieser wichtigsten aller Fragen befaßt hat. Er begnügte sich mit dem Ausspruch, der Mensch hänge in keiner Weise von Gott ab. Das ist Bnddha's ganze Gotteslehre! Wie hier, so ist aber Buddha auch mit allen anderen höheren übernatürlichen Wahrheiten, die dem Christen in seiner Religion in so reicher Fülle geboten werden, gleich fertig, indem er einfach erklärt, solche vermöge der Mensch nicht zu fassen, darum brauche er auch keine solchen zu wissen. Fürwahr, viel verlangt Buddha vom Menschen! Er soll nach einem letzten und höchsten Ziele streben, ohne ein solches überhaupt nur zu kennen! An Stelle eines lebendigen allgütigeu und allheiligen Gottes, der unser letztes Ziel und Ende ist, setzt Buddha eine todte und finstere Leere. Nichtsdestoweniger ist Buddha „das Licht Asiens" k Gehen wir Wetter und über zur Schöpfungslehre beider Religionen! Wie einfach, groß und erhaben ist hier die Lehre der christlichen Religion, die enthalten ist in dem ersten Artikel des Glaubensbekenntnisses: „Ich glcnlbe an Gott Vater, den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde". Was lehrt nun Buddha dieser Wahrheit gegenüber? Er erkennt als Schöpfer der Welt den blinden Zufall. Wie die Atomisten lehrt er, die Welt sei aus unendlich vielen feinsten Theilchen der Luft gebildet und falle am Ende der Zeiten wieder in das Nichts zurück. Dieser kalte und leere Atomksmus unterscheidet sich von der erhabenen Lehre des Christenthums ebensoviel wie der Tag von der Nacht. Nächst diesem Problem beschäftigt den Menschengeist keines so sehr wie das über seine Seele. Hier sagt uns unsere hl. Religion, daß der Mensch eine unsterbliche, von Gott ihm gegebene Seele besitzt. Was lehrt dagegen Buddha? Auch hier scheut „das Licht Asiens" ein näheres Eingehen auf die Frage, ja er verbietet sogar seinen Schülern, sich damit zu befassen. In seinem Buche „Sutta Nigata" lehrt er einfach, nach dem Tode bleibe vom Menschen nichts als der Name übrig. So verwirft also der Buddhismus ein unsterbliches bewußtes Lebens- princkp des Menschen und setzt sich damit in einen direkten Gegensatz zur christlichen Religion. Gründlich lernen wir Bnddha's Licht als ein Irrlicht kennen, wenn wir unsere Untersuchung ausdehnen auf die Frage: Welches ist für die Schüler Christi und welches ist für Bnddha's Anhänger das höchste Gut und Endziel alles Strebens? Auf diese Frage gibt uns der Christenglaube die hehre Antwort: Das höchste Gut und letzte Ziel des Menschen ist die ewige Seligkeit, und diese wird dadurch erreicht, daß die Seele mit Gott in seiner Anschauung und Liebe vollständig und unzertrennlich vereinigt wird. So Christus! Wie Buddha? Letzterer kennt, wie wir gesehen, weder einen persönlichen Gott, noch hat er klare und richtige Anschauungen von der Menschenscele, also kann er auch keine Seligkeit, wie das Christenthum sie verheißt, kennen. Das Gut und der Lohn, denn Buddha seinen Gläubigen für ein gut vollbrachtes Leben in Aussicht stellt, ist eine ewige Ruhe, das „Nirwana". Da mag man nun entgegenhalten: Sehnt denn nicht auch der Christ nach der Unruhe dieses Lebens sich nach nimmer endender Ruhe, und betet nicht die Kirche um ewige Ruhe für die Abgestorbenen. Gewiß, aber diese Ruhe nach dem Tode ist für den Christen eine Ruhe in Christus, in Gott und in dessen Anschauung und Liebe, eine Ruhe in un- geschwächter Lebensfrische. Keine solche RlM. gewährt Bnddha's Nirwana. Worin besteht denn nun eigentlich dieses Nirwana? In erster Linie wird mit diesem Wort ein Erlöschen des Lichtes bezeichnet. Ist nun aber das Nirwana eine vollständige Vernichtung des Lebens? Ist es die Vernichtung jeglicher Existenz? Einige Lobredner Bnddha's suchten das schon zu leugnen. Doch vergebens! Denn Buddha selbst sagt uns, was das Nirwana ist, mit folgenden Worten: „Wie die von gewaltigem Wind bewegte Flamme schließlich erlöscht und dann nicht mehr cxistirt, so erlischt auch jeder weise Mann, seines Namens und seiner Gestalt entledigt, und ist dann als nicht mehr existirend anzusehen." Darin besteht nach Buddha das hohe Gut des Nirwana. Aber wie gelangt denn der Mensch zu diesem höchsten Glücke? Das beste Mittel, es zu erreichen, besteht nach Bnddha's Lehre in der beständigen Meditation, weil man durch sie zur vollkommenen Seelenruhe gelangt. Beachten wir hier wieder den diametralen Gegensatz zwischen Buddhismus und Christenthum! Der Christ erwirbt sein ewiges Heil durch Eifer in guten Werken, denn das erhabene Ziel seines Lebens und Strebens ist eine möglichste Verähnlichung mit Gott. Gott aber ist das vollendete Leben und Wirken, daher ist auch für den Christen Arbeit und Wirksamkeit der Weg zur Vollkommenheit. Für Buddha's Schüler ist das höchste Ziel des Lebens jenes Nirwana, das aber gerade im Mangel jeder Thätigkeit und jeden Lebens besteht; daher muß auch der wahre Buddhist, will er sein Ziel erreichen, jede Arbeit meiden. Zum gleichen Resultate gelangt Buddha durch folgende Schlußfolgerung: Alle Gemüthserregungen sind zu bekämpfen und zu unterdrücken, denn sie sind die Ursachen des menschlichen Elends. Es erhalten aber jene Erregungen Nahrung durch Arbeit und Anstrengung, daher ist diese vollständig zu meiden. An deren Stelle setzt Buddha träge und leere Meditation, die nicht wie die christliche Contemplation Früchte für das Leben zu bringen vermag. Ein wahrer Sohn und Nachfolger Buddha's arbeitet niemals, sondern er gibt sich immer und überall, wo es ihm möglich ist, der Meditation hin. Die Meditation ist aber nach Buddha's Begriff die vollkommenste, bei der die Verschiedenheit zwischen dem Meditirenden und dem betrachteten Gegenstand aufgehoben wird. Damit ist dann der Zustand der vollkommensten Weisheit erreicht. Das ist das Nirwana auf Erden. Da nun aber solchem Meditiren nur die Weisen sich widmen können, so steht auch diesen nur der Zugang zum Nirwana offen. Den Kindern und denen, die ihnen gleichen, sind Buddha's Arme verschlossen. Welch' diametraler Gegensatz wieder zur Lehre Christi, der den unvergleichlich schönen Ausspruch gethan: Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein, so werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen! Bei wem ist nun Licht und Leben? Bei Christus oder bei Buddha? Wer das nicht sieht, ist mehr als blind. Nesümiren wir kurz Bnddha's Glaubenslehre l Buddha kennt keinen persönlichen Gott, keine unsterbliche Seele, keine andere Seligkeit, als Untergang und Vernichtung. Und dennoch gibt es Leute, und sie nennen sich noch Weise, die den Buddhismus dem Christenthum vorziehen. Das können eben nur die, denen Christi Lehre eine unerträgliche Last geworden, nicht zum wenigsten wegen deren Sittcngesetze. (Schluß folgt.) 224 Der Kimneliten - Orden in den bayerischen Stammlanden. (Schluß.) VI. Den ersten Gedanken, auch den weiblichen Ordenszweig vom Berge Carmel in Bayern einzuführen, faßte die Churfürstin Maria Anna, Gemahlin des Churfürsten Maximilian I. Es waren deßhalb bereits im Jahre 1657 Unterhandlungen mit dem Fürstbischöfe Albrecht Sigismund und dem Proviuziale der Carmeliten in Gang, doch zerschlug sich die Sache. Ihr Sohn, Herzog Maximilian, welcher mit Mauritia Phcbronia, einer geb. Herzogin von Bouillon und Auvergne, vermählt war, griff den Plan neuerdings auf. Diese Herzogin hätte zwei Schwestern, welche in Paris im Karmclitenorden lebten und war selbst Mitglied des drittes Ordens, somit dem Carmel von Herzen zugethan. Das herzogliche Paar bestimmte seine Villa Laufzorn bei München zu einer solchen Niederlassung, wurde aber an der Verwirklichung .seiner Lieblingsidee durch den Tod verhindert. (Herzog Maximilian -j- 20. März 1705, Mauritia Phebronia 2. Juni 1706.) In ihrem Testamente hatten sie noch 60,000 fl., liegend auf der Herrschaft Angelberg in Schwaben, hiefiir bestimmt. Mittlerweile war auch einer in München lebenden einfachen Jungfrau, Namens Anna Maria Lindmaier, welche sich des größten Ansehens bei Hoch und Nieder erfreute, der Wunsch gekommen, ein Karmelitcnkloster ins Leben zu rufen; zu diesem Zwecke hatte sie bereits 1710 das gräflich Arco'sche Hans neben dem Altomünster-Hans erworben, so daß das Projekt nunmehr greifbarere Gestalt gewann. Indeß fehlte es nicht an Gegnern, und reichte der Münchner Stadtrath am 4. Dezeinber 1710 bei Kaiser Joseph I. (es war die Zeit, wo München unter österreichischer Occnpation sich befand) eine langgedchnte Vorstellung ein. Der ver- wittweten Kaiserin Eleonora war es zu danken, daß die Vorstellung wirkungslos blieb und der kaiserliche Administrator, Graf Carl von Löwenstein, den Auftrag erhielt, sich nicht nur der Karmelitinnen anzunehmen, sondern auch den Stiftungsfonds des Herzogs Max Philipp auszufolgen, was mit Urkunde vom 1. August 1711 geschah. Am 16. September 1711 langten die 4 ersten Ordensschwestern aus Prag in München an und wurden in feierlicher Weise empfangen. Niemand war mehr darüber erfreut, als Anna Maria Lindmaier, welche ihre Bemühungen mit fast wunderbarem Erfolge gekrönt sah. Nachdem sie noch alle ihre zeitlichen Geschäfte in Ordnung gebracht, trat sie selbst ani 22. Mai 1712 in das neu erstandene provisorische Kloster und widmete demselben auch fernerhin ihre Dienste. Nachdem Churfürst Maximilian Emannel von Luxemburg aus am 12. August 1711 die Bewilligung zum Baue eines neuen Gebäudes gegeben und. am 27. August auch der Consens des Fürstbischofes von Freising eingetroffen war, fand am 23. Oktober die Grundsteinlegung in Stellvertretung des Fürstbischofes durch den Abt Plazidns von Ettal statt. Den Grundstein selbst legte die Gräfin von Löwcnstcin. Das ganze Kloster baute der Karmelit k. Domiuicus a St. Euphrosyna. Um die Baukosten zu bestrciteu, wurde mit Erlaubniß des Kaisers Karl VI. im Jahre 1712 alles Tafel- und Silbergcräth aus dem Nachlasse der Herzogin Mauritia Phebronia zu Geld gemacht. Am 8. Oktober 1714 konnten die Karmelitinnen den Neubau beziehen. Zwei Tage vor der Grundsteinlegung zniu Klosterbane war die Grundsteinlegung zur Kirche erfolgt, welche nach den Plänen Viscardi's gebaut werden sollte. Dieselbe kam aus eigenthümliche Weise zu Stande: die drei bayerischen Stände hatten 1704 gelobt, wenn Gott der Bedrängniß, in welcher sich damals München und das bayerische Land in Folge der österreichischen Occupation befand, abhelfen würde, eine Kirche zu Ehren der heiligsten Dreifaltigkeit zu bauen: Gott fügte es, daß dieselbe neben dem Klostergebäude zu stehen kam und gleichsam einen würdigen Schlußstein des ganzen Unternehmens bildete. Sie sollte auch die Stiftung selbst überdauern. Im Jahre 1802 mußten die Nonnen ihr Kloster räumen, das sofort in ein churfürstliches Pfand- und Leihhaus umgewandelt wurde. Ja nicht einmal die in der Gruft liegenden zweinndvierzig Leichen der verstorbenen Nonnen durften verbleiben: mit barbarischer Nohheit wurden dieselben Nachts auf den allgemeindn Friedhof verbracht und vergraben. — Niemand weiß wohin. — Auch der Leichnam der um die Einführung der Carmelitinnen in Bayern so hochverdienten Anna Maria Lindmaier (f- 6. Dez. 1726), welcher mit Wnnderzeichen leuchtete, fand in den Augen der Klosterstürmer keine Gnade. - 'Als Stiftsdccan Darchinger am 20. Januar 1803 in der Klostergruft sich einfand, um gegen die Pro- fanirung derselben zu Protestiren, fand er sie schon theil- weise geleert und das bischöfliche Amtssiegel, welches im Jahre 1784 im Auftrage des Fürstbischofes Johann Theodor sein Vorgänger Stiftsdechant Ottinger am Grabe der Seligen angelegt, weggerissen. Das Einzige, ivas er noch retten konnte, war das ebenfalls mit dem fürst- bischöflichen Siegel versehene Gefäß mit Blut von der Verlebten, welches die Oberin bei ihrem Abzüge nach Neubnrg an der Donau mit sich nahm. Während ein Theil des zu einem Leihhause herabgewürdigten Klostergebäudes in der Rochnsstraße unverändert bis jetzt erhalten blieb, wurde der Hanptstock in der Pfandhausstraße Nr. 7, obwohl im besten baulichen Zustande, auf Betreiben des bekannten Bürgermeisters Erhardt 1877 gänzlich niedergerissen, an seiner Stelle ein großes dreistöckiges Miethgebäude ausgeführt, in welchem gegenwärtig eine Weinrestanration sowie ein Verkaufsladen für Lnxusgegenstände (Knnstgcwerbc-Ans- stellung) untergebracht sind. Als Centralkloster für die Karmelitinnen von München und Nenburg an der Donau wurde das ebenfalls aufgehobene Cistercienserklofter Pielenhofen, 3 Stunden von Regcnsburg, bestimmt. Dort nimmt eine gemeinschaftliche Grabstätte nun jene auf, welche rohe Gewalt aus ihrem Heim vertrieben. Zwei Marmorplatten erhalten der Nachwelt die Namen der 29 Opfer des damalige» Cultnrkampfes. VII. Pfalzgraf Wolfgang Philipp von Neubnrg war im Jahre 1613 zur katholischen Religion übergetreten und hatte sich mit der Schwester Maximilians I. von Bayern vermählt. Von gleichem Glaubenseifer wie dieser beseelt, trachtete er in seinen Landen die katholische Religion wieder in Aufnahme zu bringen und berief zu diesem Zwecke Jesuiten nach Nenburg und Düsseldorf. Außerdem fanden auch andere Ordensgenossenschaften an ihm einen großen Gönner, darunter die Karmelitinnen von Antwerpen, denen er in Düsseldorf 1643 zu einer Niederlassung verhalf. Sein Sohn und Nachfolger Philipp Wilhelm, welcher 1653 — 1685 in Nenburg residi'rte, in welch letzterem Jahre er den pfälzischen Chnrstuhl bestieg, wandelte in denselben Bahnen wie sein Vater; er errichtete in Neubnrg den Franziskanern ein Kloster und ließ von Düsseldorf Karinelitinnen in eben diese Stadt kommen (1661). Es kamen ihrer 6 Schwestern, sämmtliche, die Priorin mit inbegriffsn, vornehmer englischer Abstammung. Da nämlich König Heinrich VIII. von England die Kloster in seinem Lande sämmtlich aufgehoben hatte, so waren Jene, die den Ordensberuf in sich fühlten, genöthiget, außer Landes zu gehen. So kam es, daß die Karmelitinnenklöster in Düsseldorf und Neubnrg von Antwerpen aus deren viele auszuweisen hatten. Die erste Priorin des neugegründeten Klosters, M. Magdalena, vom hl. Joseph zubenannt, aus dem uralten Adelsgeschlechte der Bedingfelds, war zuerst 11 Jahre Subpriorin im Düsseldorfer Convent. ehe sie nach Neubnrg berufen wurde, eine Frau von heiligmäßigem Wandel; sie scheint auch mit prophetischem Geiste begabt gewesen zu sein, da sie dem Fürsten Philipp Wilhelm wiederholt ans Herz legte, auf sein achtes Kind, den kleinen Prinzen Alexander Sigismund (geb. 1663), sorgfältig zu achten, mit der Versicherung, daß derselbe einst'Bischof von Augsburg, sonnt ihr geistlicher Oberer werde, was auch !n der Folge eintraf. M. Magdalena starb, 64 Jahre alt, den 16. März 1684 im 48. Jahre ihrer Profeß. Die Subpriorin Anastasia von Jesu, eine geborene Gräfin von Weckmann, starb am 10. Dez. 1669 im 35. Jahre ihres Alters und im 19. der Profeß. Beide hatten ihre Gelübde im Kloster in Antwerpen abgelegt. Luzia vom hl. Jgnatius aus dem adeligen Geschlechte der Splinter von Gent in Brabant, starb im 56. Jahre ihres Alters, im 36. ihrer Profeß, den 26. November 1691. Diese drei vorzüglich waren es, die durch den Geruch der Heiligkeit den Ruf des Klosters auf lange Zeit hinaus begründeten und heute noch bei den Einwohnern Neubürgs nicht vergessen sind. Bei der Säcularisation am Ansauge dieses Jahrhunderts wurde das schöne und große Kloster gleich sovielen anderen Stätten der Gottseligkeit aufgehoben, die Klostergruft wurde geräumt, die drei Leichen der soeben Genannten, welche man unversehrt fand, nebst denen ihrer Mitschwestern in den allgemeinen Friedhof St. Georg überbrückst, die Gebäulichkeiten abgebrochen und der gewonnene Platz zu Neubauten verkauft. Anfangs hatte es noch den Anschein, als ob das Kloster erhalten bleiben sollte, da man auch die Karme- litinnen von München in demselben untergebracht; aber bereits am 23. August 1804 wurde den Schwestern eröffnet, daß sie stimmlich nach Pielenhofen überzusiedeln hätten, womit das Todesnrtheil über Kloster Neubnrg gefällt war. VIII. Hatten die beiden Fürsten von Pfalz-Neubnrg sich durch Gründung zweier Karmelitinnenklöster verdient gemacht, so erwarb sich eine andere Linie des wittelsbach- ischen Stammes nicht weniger Verdienste um diesen ehrwürdigen Orden. Im herzoglichen Schlosse zu Sulzbach residirte (1632 — 1708) Pfalzgraf Christian Anglist, welcher im Jahre 1656 zur katholischen Kirche zurückgekehrt war. Zwei Gräfinnen Snlzbachs hatten einst die mächtigsten Throne der Welt bestiegen: Bertha, auch Irene genannt, wurde Kaiserin in Konstantinopcl (1145), während ihre Schwester Gertrud als Gemahlin Kaiser Konrads im Abendlande herrschte. Der erlauchten Tochter des Pfalz- grafen Christian Namens^tmalia schwebte ein höheres Ziel als ein irdischer Kaiserthron vor Augen: 1683 trat sie zu Köln a. Rh. in das dortige Kloster zu Maria Lorcto und brachte sich somit selbst dem Herrn znm Opfer. Ihr Bruder Theodor Enstach, welcher seinem Vater in der Regierung folgte, war mit Maria Eleonora, einer Landgräfin von Hessen-Rheinfcls vermählt. Nenn Kinder (vier Prinzen und fünf Prinzessinnen) beglückten diese Ehe. Noch lebt im Volksmnude die Sage von „Eleonora's Traume" fort: Kurz vor ihrem plötzlich erfolgten Hinscheiden soll sie eine Vision gehabt und freudig staunend ein- über das anderemal ausgerufen haben: „Ich sehe den Stamm der Pfalzgrafen, und unter demselben einen herrlich glänzen vor allen übrigen — höher denn alle!" Von ihren Töchtern trat die älteste, Amalia Angnste, bewogen und angeeifert durch das Beispiel ihrer erlauchten Tante, 1714 zu Köln in das Karmelitinnenklostcr, in welchem sie unter dem Namen M. Eleonora Theresia a S. Cruce als Subpriorin am 18. Jänner 1762 selig verschied. Ihre Schwester Franziska Christina nahm 1733 im Karmclitiimenklostcr zu Düsseldorf den Schleier und starb, nachdem sie als Priorin wiederholt dasselbe geleitet, 1776. Gerne wäre auch die dritte Tochter Eleonora's, Ernestine, in zarter Jugend dem Beispiele ibrer beiden Schwestern gefolgt, aber. ihrem edlen Vorhaben stellten sich Hindernisse über Hindernisse, in den Weg. In kindlichem Gehorsame zu ihren Eltern reichte sie dem Grafen Wilhelm dem Jüngeren zu Hessen- Rhcinsels die Hand znm ehelichen Bunde. Die Ehe blieb kinderlos, und als ihr Gemahl am 25. März 1731 starb, erwachte in ihr von Neuem die Sehnsucht nach dci» Ordenslebcn. Nachdem sie vergeblich zuerst in Köln, dann in Neubnrg an der Donau um Aufnahme in den Karmclttcn- Orden nachgesucht, wurde ihren inständigen Bitten an letzterem Orte nachgegeben und dieselbe am 31. Oktober, am Feste des heiligen Wolfgang, 1747 eingekleidet. Um den damaligen Churfürsten von der Pfalz, Karl Theodor, zu ehren, wurde der hohen Caudidatin der Name Maria Theodor« beigelegt. Als „Schwester Theodor«" begann dieselbe nun mit einem Eifer und Ernste ihre neue Laufbahn, daß ihr Name bald von Allen nur mit Hochachtung und Ehrfurcht ausgesprochen wurde. Nach zehn Jahren gelegentlich einer Oberin-Wahl fiel dieselbe auf sie, und das Ncnbnrger Kloster hatte dies nicht zu bereuen. Wie sie den Schwestern mit Hellem Tugendbcispiele voran- leuchtete, so war sie auch für das zeitliche Emporkommen des Klosters bedacht, und kam ihr das Wohlwollen ihrer hohen Verwandten dabei zu Gute. So war es Churfürst Karl Theodor, der den gelegentlich eines Brandes zerstörten Glockcnthnrm wieder herstellen ließ, während ihre Schwester, eine Fürst-Aebtissin von Thor», durch Spcndung einer beträchtlichen Geldsumme ihren Lieblings- wnnsch verwirklichte, nämlich der unbefleckten Gottesmutter im Klostergartcn eine Kapelle zu errichten, damit die Schwestern bei ihren Rckreationen ab und zu der Hoch- gebcnedcitcn ihren Huldignngsgrnß darbringen könnten. Achtnndsiebzig Jahre war „Mutter Atari« Theodor«" alt, als der Augenblick kam, daß sie ihre Seele in die Hände des Schöpfers zurückgeben sollte. Kurz vor ihrem Tode (14. April 1775) hatte sie noch ihr geliebtes Kloster der Huld Karl Theodors empfohlen. „Unterstützen Euer Durchlaucht auch nach meinem Tode dieses HanS, in Ansehen meiner, und erinnern Sie sich, r lieb mir diese Gemeinde gewesen, zu der Zeit, als ich unter ihr gewohnt, sowie daß meine Gebeine uo«) allda 226 ruhen.- Ihr Wunsch, auch nach dem Tode unter ihren Schwestern zu ruhen, fand nur kurze Zeit Gewähr. Bei Zerstörung des Neuburger Klosters 1807 wurde ihre Leiche in einem eichenen Sarge um Mitternacht in die Fürstengruft der Hofkirche zu Neubnrg übertragen: dort harrt dies edle Reis aus wittelsbachischem Stamme, eine Zierde des Berges Carmel, noch heute der ewigen Urstände. IX. Geraume Zeit hatte es gedauert, bis aus den Ruinen, welche der Klostersturm Anfang dieses Jahrhunderts in Bayern schuf, neues Leben erwuchs. Aber während der männliche Orden vom Berge Carmel so glücklich war, wenigstens drei seiner einstmaligen Niederlassungen in den altbayerischen Stammlanden (Regensbnrg, Reisach, Straubing) zu retten, blieb dem weiblichen Orden dieses Glück versagt. Wiederholt hatten in den letzten Jahrzehnte» bayerische Landeskinder in den benachbarten österreichischen Karmelitiunen - Couventen, zu Graz, Baumgarten und Meyerling bei Wien, um Aufnahme nachgesucht und sie auch erhalten. Was lag näher als der Gedanke, den bayerischen Orbcuscandidatiunen in ihrem eigenen Lande eine Heimstätte zu erwerben. Zum Glücke fand sich eine solche in dem einsam, aber herrlich gelegenen Wallfahrtsorte Auf- kirchen am Starnbergersee. Daselbst hatten einst die Augustiner von München 1688 ein Hospitium errichtet und bis zum Jahre 1803 die Seelsorge bet der Kirche versehen. Nach ihrem Abzüge verfielen die Klosterräumlichkeiten immer mehr, da nichts mehr darauf verwendet ivurde, und eine Veräußerung derselben behufs Erbauung eines neuen Pfarrgebändes war zur dringenden Nothwendigkeit geworden. Ein wackerer Münchener Bürger erhielt davon Kunde, und mit seltenem Opfermuthe ging er daran, dieselben an sich zu bringen und es so den Karmelitlmleu, bei welchen sich eine Tochter von ihm befand, zu ermöglichen, endlich in Bayern wieder Fuß zu fasten. Nachdem mit großem Kostenaufwande die nothwendigsten Reparaturen und Auswechslungen vorgenommen waren, konnten am 18. September 1896 die hiezu bestimmten Klosterfrauen von Meyerling bei Wien ihren Einzug halten. Es waren ihrer sieben. Die Ankömmlinge waren geführt von einem Karmelitenpater (Lukas) und von einer hochadeligen Meyerltnger Schwester, der verwittweten Gräfin EsterhLzy von Galantha (gebornen Fürstin Lobkowitz), Mutter des ungarischen Katholikenführers Nikolaus Moriz Esterhäzy, deren Tochter Bertha mit dem Fürsten Emil Oettingen-Spielberg, einem eifrigen glaubenstreuen Katholiken, in München verehelicht ist. Zugleich war auch die ehrwürdige Oberin von Meyerling, Maria Euphrasia, mitgekommen, um die nothwendigsten Anordnungen zur Einrichtung des neuen Carmels vorzunehmen. Diese beiden kehrten sodann wieder nach Meyerling zurück, so daß der neu begründete Conveut, zur Zeit aus fünf Mitgliedern besteht. Die neue Ansiedelung ist zu einem Carmel nicht nur ihrer gesunden und herrlichen Lage wegen, sondern auch zufolge der Stille und des hl. Friedens, der an diesein vom Verkehre abseits gelegenen Wallfahrtsorte waltet, zu einem beschaulichen Leben, wie es die strenge Ordensregel vorschreibt, geschaffen, wie kaum eine andere, und entschädigt mehr als hinreichend den Verlust so manches früheren Klosters in volkreicher Stadt. Mehr als Zufall scheint es auch zu sein, daß die neue Niederlassung in nächster Nähe des einstigen Lieblingssitzes des verstorbenen Königs Ludwig II. sich befindet, woselbst er auch seinen traurigen Tod gefunden. Wiederholt waren wittelsbachische Fürsten in nahen Beziehungen zum Karmeliten-Orden gestanden, von der Zeit an Herzog Albcrts II., Churfürst Maximilians I., bis herab zu Karl Theodor, und hatten bayerische Prinzessinnen es als ihr größtes Glück geschätzt, dem Karmeliten-Orden anzugehören. Durch die neue Stiftung soll das Band, welches Wittelsbach und Carmel verknüpfte, ueugefestiget und dadurch dem Hanse und Lande Bayern eine Quelle reichen Segens werden. Duplik und Schlußwort über Kapharnaums Lage Die Aufmerksamkeit, welche mein liebenswürdiger Gegner meinen vieliährigen Palästina-Forschungen widmet, erfährt eine Tragweite, wovon er sich schwerlich eine Vorstellung macht. Die Artikel kommen natürlich den Vorständen und Mitgliedern des katholischen Vereins für das heilige Land zu Köln-Aachen in die Hand. von wem immer eingesandt, und machen diese stutzig — ich würde sonst nicht mehr darauf antworten. Es handelt sich eben jetzt um die Erweiterung unsererdentschen Kolonie am West»fer des Sees Gennezaret durch den Ankauf von 400 Morgen Landes, welche die Drusen von Name aus momentaner Geldnoth uns anbieten. Kommt derselbe nicht zu stände, so drohen Juden, Russen und wer sonst noch uns zuvorzukommen, eine unangenehme Nachbarschaft! Und gerade gilt es das Weichbild von Minieh, der Stadt Christi und der Christen, für welche ich bald nicht mehr allein eintrete, denn ich habe in Palästina nicht bloß die Mönche vom Berge Carmel, die deutschen Franziskaner, überhaupt die Deutschen, aus meiner Seite, welchen ich auch am Berge Sion zwei Vortrage hielt. Ich erwarte den, der mich aus dem Sattel hebt, wo ich so fest sitze, daß ich von Anfang die Erklärung abgab, wenn Chörbet Minieh mit dem dazu gehörigen Chan nicht Kapharnaum sei, so wolle ich ebensoviel an Mark bezahlen, als dafür Franken erlegt wurden. Ich verpflichte mich immer von neuem, möge mein gegnerischer Freund dem Beispiele folgen, und ebenso für Tel- hum sich opfern. Es gilt jetzt den geweihten Landstrich zu erobern, wovon der Heiland bei Markus 1,38 spricht: „Auf! laßt uns in die benachbarten Flecken gehen, daß rch da predige, denn dazu bin ich gekommen." Leider macht die protestantische Kritik, welcher man zum Vorwürfe macht, daß sie Advokatenkünste anwendet und vor lauter Negation zu keinem positiven Ergebnisse gelangt, mehr lind mehr auch bei uns Propaganda. Das könnte ich auch, wenn ich den festen Boden verlassen wollte, ich will so ein Kunststück probiren. Auf dem Oelberg liegt bekanntlich el Azarieh mit mächtigen Ruinen aus der Kreuzritterzeit. damals hieß es l,ararimu. Weit gefehlt, sage ich, daß wir dieses länger für das Dorf des Lazarus halten diirfen: man trenne vom heutigen Lazarieh den Anfangsbuchstaben als arabischen Artikel, so bleibt Azarieh. Dieß ist aber Azal, wovon unter andern der Prophet Zacharias XIV. 4 f. spricht: „Des Herrn Füße werden stehen auf dem Oelberg gegen Morgen von Jerusalem, und der Oelberg wird sich mitten entzwei spalten von Ansgang gegen Niedergang. Das Thal zwischen den Bergen wird nahe hinreichen an Azal, und ihr werdet fliehen wie vor Zeiten beim Erdbeben unter König Mas." Der Name wiederholt sich I Chron. VIII, 38. IX. 44. Rcsch und Lamed wechseln so oft, wie Ezech. XIX, 7 bei Alma- nutha, womit man Dalmanutha vergleichen wollte. Dem Alabarchon von Alexandria steht Arabarch gegenüber, und Bethgibrin lautet ebenso Gibetin, die Heldenstadt Eleuthero- polis u.s.w. Versuche unser Freund mit seiner hyper- kritischen Methode mich zu widerlegen, wenn ich so Bethanien von seiner jetzigen Stelle am Oelberg verschwinden lasse, ja mich noch dazu auf Lukas XIX, 29 stütze, wo er Jesum von Jericho nach Bethphage und Bethanien am Oelberg gelangen läßt. und XXIV, 15 schreibt: „Er führte die Elfe hinaus nach Bethanien und fuhr gen Himmel." Da aber nach der Apostelgeschichte I. 12 die Entfernung von Jerusalem nun einen Sabbatwcg betrug, so müßte Bethamen nicht ,m Hintergründe, sondern anf der Bergspitze zwischen Beth- phage und der hl. Stadt gelegen haben? So argumentirt man einem orientalischen Schriftsteller gegenüber nicht. Es ist gegebenen Falls große Verantwortung mit so widersprechenden Artikeln verbunden. Monelia brauchte einst das Motto: Do voutum «st nt owni» tut» tiinsa-ruus, gui» oNuet» pervertors inulti woliuutur. So meint mancher, man kann nicht sicher genug gehen, und tadelt an allem, wie der Schuster am Bilde des Apelles. In der Paulskirche brachte ein lang verewigtes Mitglied, Wedekind, bei jeder Berathung seine Bedenken auf die Tribüne und erntete dafür den Titel Reichszweifel.r. Doch genug! Ich meine, mein gelehrter Gegner solle die Aufmerksamkeit würdigen, die ich im heiligen Interesse an der Sache ihm widme, und von seinem Prirrhonismus abstehen. Durch die falschen Ortsbestimmungen ist das ganze Leben Jesu zerrüttet worden! Um die wahre Lage all der durch Christi Gegenwart geheiligten Stätten sicher zu erforschen, habe ich zweimal Palästina bereist und vor- und nachher die zugängigen Schriften in allen Sprachen durchgenommen, auch die Pilgerschristen nicht übersehen, um ja die Tradition festzustellen. Die Hauptfrage dreht sich um Kavharnaum, und ich kann nicht dulden, daß man die seit fünfzig Jahren verfochten« Position mir länger streitig macht. Eigentlich müßte die Christenheit sich schämen, wenn sie die Stätte der mehrjährigen Wirksamkeit Christi ganz aus den Äugen verlor. Soll ich nochmal auf den Guardian vom Berge Sion, Queresmius. verweisen, welcher 1620 darauf besteht: „Ich halte die alte Ueberlieferug sehr in Ehren und habe fast alle Bibelgelehrten und in der Geschichte der heiligen Stätten bewanderten Männer durchgesprochen. An der Stelle von Kavharnaum liegt ein Chan. und zivar sechs Millien vom Jordaneinfluß, und heißt arabisch Menieh." Seine Rathgeber konnten auf den Venetianer Sanuto sich berufen, welcher genau drei Jahrhunderte früher Kaphar- nanm zwei Stunden von der Jordanmündung in den See Gennezaret ansetzt. Es ist doch nicht gleich- giltig, wohin man unsere Pilger führt. Mein Freund diskreditirt mein „Jerusalem und das heilige Land" und die „Hochwichtigen Entdeckungen auf der zweiten Palästinafahrt." und belehret mich. die Zollstatt des Matthäus sei gleich „vor den Mauern Ka- pharnaums" gelegen. Wie konnte aber Markus II. 18 dann schreiben: „Jesus ging von Kapharuaum hinaus, dem Meere entlang und kam nach Er braucht dabei dasselbe Wort, wie VII, 31 e'L-zSlü»- bei der Auswanderung nach Tyrus. Der Name bestand fort, Baluze kennt das zur Festung Saphet (1238) gehörige Oa-sale aä tbeloneum, der Guardian Burchard (1283) stößt abwärts vom Berge Saphet am Seeufer auf telovium, der Missionär Ricold nennt die Station -Ibootovinm: wohin ist sie gekommen? Pococke trifft 1738 an derselben Stelle in mundartlicher Form Telhewa für Telhum, wie aus Kydonia — Kandia. aus Posidonium — Pästum ward. Es ist Ein Wort, der Araber faßte aber das ihm unverständliche Tel für Teil — Hügel auf nnd mußte die zweite isolirte Sylbe mit dem Spiritus lenis oder asxsr beginnen; also entstand Tellchum. Das weiß jeder, der arabisch versteht, und nun mußte Chum der Ueberrest von Kapharnachum sein (?), obwohl Matthäus IV, 13 dieses an die Grenze von Zabulon und Nephtali verlegt, die weit südlicher vorlief. Mein Gegner hat ebenso das Evangelium gegen sich, wenn Johannes VI, 19 die Entfernung von Bethfaida (Mesadieh) zn 25 bis 30 Stadien angibt. Die Synoptiker nennen dafür die Ebene Gennezaret. Mein strenger Kritiker ist schnell fertig und läßt die Apostel erst in der Ebene landen, dann aber mit dem Herrn nach Telhum zurückgehe«. Dieß ist, mit Verlaub, als ob jemand von Beruried nach Seeshaupt verlangt, aber deßhalb nach Arnbach fährt und nun zurückgeht. Zu Fuß kam das Volk auch schneller dahin, urtheilt mein Widersacher, wozu schifften sie dann beim Seesturm sich ein? Noch mehr! Josephus erreicht über die obere Jordan- brücke Kapharnome und den Fluß Kapharua u m. Wie rennt sich das mit Telhum zusammen? Der Fluß liegt ja eine halbe Stunde südlicher, wie konnte er davon sprechen? auch wird aus Nome oder Raum nie Chum. es müßte Telnum beißen. Doch kommt es immer besser. Mac Gregor nennt (llüo Hob Koi 1874 pE 312) Tellhoom statio male tiäa variuis — wegen der regenden Stürme aus dem Hanran. Schadet nichts, meint mein Censor, man zog dann die Schiffe auf den Sand und brauchte keinen Hafen; allem man konnte auch einen Molo bauen! — Davon müßte sich doch heute noch eine Spur finden, und warum sollten die Schiffer und Fischer nicht der: vor Augen liegeudeunatürlichen Hafen von Minieh als steten Landungsplatz und Zufluchtsort benützt haben? All die nur gemachten Einwände sind künstlich! Ein Mtbayer, Lorenz Hartinger, schildert die Erlebnisse auf seiner Pilgerfahrt 1883 S. 218 gerade zu Telhum: „Da der See Untiefen hat. so liefen unsere Fahrzeuge auf den Strand. Bei dem Tiefgang der Barken konnte nicht jeder, der nicht Stiesel trug, ans Land waten. Die Boötsknechte sprangen in den See nnd trugen die Unbebilflichen, insbesondere die Damen, nach Art, wie man kleine Kinder auf den Armen trägt, ans Land." — Was sagt unser gelehrter Doktor dazu? Man höre! „Damals war man nicht so wasserscheu, wie Sepp es voraussetzt. Petrus war Joh. 21, 7 nackt im Schiffe ; als der Herr kam. warf er sich angekleidet ins Meer. Er wußte eben aus Erfahrung, daß die Sonne am See Gennesareth genügend Wärme entwickelte, um ein nasses Gewand in kurzer Zeit zu trocknen." Das riecht nach der Studirlampe! Woher soll noch neues Material kommen, um die ,,offene Frage" über Telhum und Minieh zu lösen? Weil rch nicht mehr daraus zurückkommen will, berühre ich noch kurz die andern angefochtenen neutestamentlichen Stätten. Kana Galil nennt der Syrer den Ort des ersten Wunders (Joh. II, 1). wie die Stätte noch heute heißt und früher 4 Stunden nördlich von Nazareth bestimmt wurde. Ich habe nach Jahrhunderten als der erste Europäer 1846 es wieder aufgesucht; aber wie die Kara- wanenstraße von Telhum her. ist auch die Station verödet. Cana bedeutet im Hebräischen wie Latein die Rohrstadt, gelegen am Sumpfe Battof, woraus ich Schildkröten aufhob. Der Widerspruch ersinnt heute: es ist Kefr Kenna; man läuft den Griechen nach nnd verbraucht die meist aus der Tasche armer Leute für das hl. Land gesammelten Gelder zum Anbau eines Sanktuariums (?) in dem jüngst erst entdeckten Hanse des Bartolo- mäus von Kana. Mein Einwand: weder Name noch örtliche Lage passen bei Kenna, will illusorisch gemacht werden durch den Witz. es sei doch eine Quelle in dem Bergdorf! Da die Juden ein Manifest gegen Jesus erließen, ihn zu tödten, machte er sich von Jerusalem fort „in eine Gegend nahe der Wüste, in eine Stadt Ephrem* (Joh. XI, 63 f.). Ich suche diese Wüste in der Dekapolis zu Ephraim im Walde (ckearim, -. „Wichtig für Jedermann!" heißt es ober der Titelüberschrift, die dann noch weiter erklärt wird: „Wesentliche Mithilfe der sogenannten willkürlichen Muskeln zur Entstehung des geistigen Lebens lind dessen Wirkung auf Gesundheit, Stärke, Gestalt, Schönheit und Lebensdauer. Wir gestehen freilich, schon lange keine so sonderbare Zchrift in der Hand gehabt zu haben. Die Wechsel- virkung zwischen Leib und Seele ist von jeher anerkannt «orden; manche scharfsinnige Bemerkung müssen wir dem Verfasser danken, aber im Ganzen geht er doch zu weit, wenn er der Muskelthätigkeit sozusagen eine Nniversal- bedeutung zuschiebt und wenn er sich zu so ungeheuerlichen Sätzen versteigt, wie: „Unser Geist entsteht und wirkt unter geheimer Mitarbeit der sogenannten willkürlichen Muskeln. Richtige Geistesthätigkeit erzeugt körperliche Gesundheit, Kraft, Schönheit. Geistesfrische, langes Leben mit den edelsten Freuden. Alle Krankheiten lassen sich auf geistige Ursachen zurückführen. Bringt ein Mensch starke willkürliche Muskeln (namentlich am Halse) zur , Welt, so besitzt er Anlage zu starkem Gefühl, kräftigem ' Willen, großer Intelligenz und lebendigem Gemüth. Derartige Proben, die sich noch vielfach vermehren ließen, überheben uns der Mähe einer Beurtheilung, und überlassen wir es dem Leser, sollte er etwa Lust haben, ins geheimuißvolle Dunkel dieser neuen Psycho-Physiologie einzudringen, in der die Schatten der alten Phrenologen bedenklich herumgeistern. Chable Flor., Die Wunder Jesu in ihrem inneren Zusammenhange betrachtet. 8°, XII -s- 106 SS. Freiburg im Br., Herder, 1897. Preis M. 2.00. Vorliegende Monographie, die Promotionsschrift eines jungen, leider inzwischen verstorbenen Gelehrten, bildet einen Bestandtheil (II. Bd.. 4. Heft) der gediegenen „Straßburger theologischen Studien". Nachdem die kecken Leugner der Wunder Jesu mit ihren geradezu unverständigen Angriffen neuen Feinden, den Vertretern mystisch-physiologischer Umdeutnng (Suggestion rc.) Platz gemacht haben, ist es jedenfalls kein überflüssiges Unternehmen, die Wunder des Herrn einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen. Dies geschieht in befriedigender Weise in vorliegender Schrift. In fünf Kapiteln handelt sie mit Berücksichtigung der neuesten Einwendungen von der Wunderthätigkeit Jesu im Allgemeinen, von dem wunderbaren LiebeSwerre Jesu, von den Wundern zur positiven Gründung des messianischen Gottesreiches und zur Ueberwindung des Satans (Teufelsanstreibung und Todtenerwecküng) und von den wunderbaren Realweissag- ungen Jesu. Ein chronologisches Verzeichniß der Wunder Jesu beschließt die lesenswerthe, interessante Abhandlung. Musterbeispiele für das Briefschrciben für Werktags-, Sonntags- und Fortbildungsschulen. Von Hauptlehrer Fink in Haigerloch. Verlag der H. Christian'schen Verlagsbuchhandlung in Horb (Württemberg). Preis 40 Pf. * Ueber dieses Büchlein schreibt ein hohenzollern'scher Schulmann: Wir machen hiermit auf genannte Frucht langjähriger Schulpraxis die Lehrer und ihre Vorgesetzten ganz besonders aufmerksam. Es sind im ganzen 104 Briefe m vollständiger Ausarbeitung, von religiös-sittlichem Geiste durchweht. Die Themata sind allen Fächern der Volksschule entnommen nnd den Zeitbedürfnissen entsprechend ausgewählt. Die Form der Darstellung erinnert an den unübertroffenen Volksschriftsteller Alb an Stolz. Es ist erfreulich, daß in einer Zeit, in der so viele Schul- schriften seit 20 Jahren vom „grünen Tische" aus auf den Büchermarkt gebracht wurden, ein erfahrener Volks schullehrer zur Feder gegriffen hat. Möge sein Erstlingswerk seitens der Schulmänner und Schulfreunde die wohlverdiente Beachtung lind Verbreitung finden. Lli ssa s pro ä s tu n v ti 8 sx misssli romano cksprowptas: aoesäit ritU8 adsolutionis pro ässmicdis 6x rituali st pontiüoali roivLno. 2°, pp. II -s- 52. Ratis- bonae, UuL'tst, 1897. (IV.) S Xova üase mizsalis äotunotormn eckitio irmAlns t>pis msMiZgue notarum ivusiosrum korinis exousa oanäem oruatus oxtsri vitiäateiu, toxtnnm rsetituäinsm pras 56 kort, gnas in oinnibus osloberriinas tz-poKrapbias Uu8tstiana6 Itbris IiturZiois lsuckaro conLusviwus. lW aliuck aäcksnäum 68t, gnam ut, gno saepins eckitioues bujus Ksv6ri8 procioavt, eo majori ctiliK-ontia ao bplenllore ro» voZnitae axparoant. Krieg, Max., Die Ueberarbeitung der platon» ischen „Gesetze" durch Philipp von Opus. 8». 40 SS. Freiburg i. Br.. Herder 1696. M. 1L0. Die „Gesetze" sind das letzte Werk des greisen Plato gewesen. An ihrer Echtheit wird jetzt nicht mehr gezweifelt, ein interessantes Problem der Literaturgeschichte ist es aber. zu erörtern, wie sich der von Plato's Schüler Philipp von Opus überlieferte Text zu des Meisters, eigenen, ursprünglichen Meinungsäußerungen verhält. Das geschieht hier nach Vorgang vieler anderer Philologen in klärender, lichtvoller Darstellung. 5 Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Perlgg des Ljt. Instituts von Haas 8- Grabkerr in Augsburg. tti-. 33 12. Juni 1897. Karl Meichelbeck, 0. 8. 8. Ein bayerischer Geschichtschreiber. „Der Aufwand für ein Denkmal ist ganz überflüssig; unser Andenken wird ohne dieses sich erhalten, wenn wir es durch unser Leben verdient haben," sagt der alte Frontin. Und mag die raschlebige Zeit manchmal auch in der Verhimmelung von Tagcsg'ötzen verdienter Männer der Vorzeit vergessen, gleichwie eifrige Spürer aus Schutt und Asche die Meisterwerke früherer Zeiten hervorgraben, so fehlt es auch niemals an pietätvollen Nachkommen, die vergessene Verdienste der undankbaren Nachwelt aüf's neue vorrücken und ihnen ein Denkmal nere perermirm errichten. — Einen solchen Act der Pietät vollzog bei dem 138. Stiftungstage der bayer. Akademie (27. März 1897) Franz Ludwig Baumann, der das Leben und Schaffen eines bayer. Benediktiners, ?. Carolns Meichelbeck, gestützt auf die Originalhandschriftemdes- selben (in der kgl. Staatsbibliothek), mit anerkennens- werther Hingabe und Unparteilichkeit beleuchtete — werth, der breiteren Oeffentlichkeit bekannt zn werden. Karl Meichelbeck, als Sohn eines armen Seilers in Oberdorf, dem -schwäbischen Markte unweit der Wertach, am 29. Mai 1669 geboren, besuchte in München die Schulen. 1687 trat er ins Kloster Benediktbeuern ein und erhielt nach philosophischen und theologischen Studien zu Augsburg 1694 die hl. Weihe. Daß der junge Ordensmann in hohem Ansehen stand, beweist, daß er schon 1696 zum Leiter der reichen Klosterbibliothek bestimmt wurde. Das Jahr darauf wurde ihm vonl Präses der bayer. Benediktinercougregation, Bernhard von Tegernsee, der Äehrstuhl für kansnisches Recht angeboten. Bescheiden lehnte k. Carolns ab: „8eä cpÜ8 6ßo erava, uk aeesxts.reill, gut iuri oivili irunyulrin kni aciiiibitntz?" — Indeß nahm er im selben Jahre die Professur an dem neugegründeten Lyceum in Freising an, wovon ihn die Kongregation 1701 abberief, da sie ihm an der eigenen Lehranstalt in Nott a. Din die Professur für Philosophie und Theologie übertrug. 1708 wurde er von der Kongregation zum Archivar und- Chronisten, vom eigenen Kloster zum Archivar ernannt. Diese Thätigkeit lag so recht eigentlich im Sinne Meichel- becks. Mit unermüdlichem Eifer ordnete er im Kloster das gänzlich vcrinuhlässiMArchiv, so daß es Pez 1717 scitÜ88im6 orciivntnin vorfand. Hier legte er zugleich den Grund für seine ausgezeichneten Quellcnkenutnisse.; hier begann er die Knnaiee, Äs er aus der Chronistcü- sphäre heraushob, indem.er mit prächtigem Geschick die- Geschichte seiner und frühere^ Zeit. mitverwok5 - 1709 lud ihn Fürstbischof Franz von Freising,v selber ein Freund von Geschichtsforschung und ein leideü- schaftlicher J»schristensainne dieses Werkes nicht mehr —: erst 1751 ließ es tzohenauer, MAchelbecks langjähriger Schüler und Mitarbeiter, veMentlicheu, als er Äbt von Benediktbeuern wurde. Am 2. April 173S starb Meichelbeck: ein halbes Jahr zuvor hatte er schon geschrieben: „äobenius owir68 inertem yuotiäie imkere ante oonios 8N8peetam: ego poti88imum, cpü innr rrd armis plurikrm suua Lukieetua äelic^uiio et ckekilitatidug '»cckpüm'öt m6rmita,tiiius 8tomLeiri, <^ui pinree oiboo, -nomirurtiiL pmcös omneö, olern ei c^uick^niä aosto eonÄitzir; ^erütum^eioit, 8 ä 6llixloz-a.r pour attoinäro notrs bat, tous soat bous, pourvu aa'tls röussisssat." Diesen Satz möchten wir denn doch bis zum strengsten Nachweis seiner Authenticität für eine vielleicht von Rosen oder Taxi! herrührende Fälschung halten. Daß die Freimaurerei den Grundsatz: „Der Zweck heiligt die Mittel," welchen sie den Jesuiten unterschiebt, thatsächlich selbst oft befolgt hat und heute noch befolgt, steht allerdings außer allein Zweifel. Daß sie ihn aber in obiger Form aussprcche, ist höchst unwahrscheinlich. der Wohlthätigkeit u. s. w. geleistet wurde, auch ohne Logen und Logcngrnndsätze hätte geleistet werden können und ivohl noch besser geleistet worden wäre (S. 71 f.). Die Freimaurerei als solche hat nur zersetzend gewirkt selbst in der Literatur (S. 139 ff.). Man wende nicht ein, daß die im Vorstehenden gekennzeichneten Mißstände die deutsche Freimaurerei nicht betreffen. Die Mehrheit der deutschen Logen huldigt allerdings einer in kirchlicher und politischer Hinsicht gemäßigteren Richtung, als die heutige ungarisch-österreichische, aber bei der gegenseitigen Verbrüderung der Freimaurer-Verbände der verschiedenen Länder kann die Wechselwirkung nicht ausbleiben. Die deutschen Großlogen unterstützen die Umtriebe ausländischer Großlogen thatsächlich durch die Verbrüderung, in welcher sie zu ihnen entweder unmittelbar oder, wie z. B. zum französischen Großorient, mittelbar, d. h. mittelst des italicn ischen, griechischen, ungarischen usw. Großoricnts, stehen. Auf einen frappanten Fall haben wir schon wiederholt hingewiesen. Der erklärte Revolutionär Br.'. Adr. Lemmi fungirt schon feit dem 8. Oktober 1883 als Freundschaftsbürge, also erwählter freimaurcrischer Vertrauensmann der drei 5) — seit 1895 wenigstens noch von zwei — preußischen Großlogen (National-Mntterloge und Noyal Iork).H Mit der ungarischen Symbolischen Großloge stehen die preußischen Großlogen zwar augenblicklich nicht in unmittelbarem Verkehr, aber die Ursache ist nur die Gereiztheit über die Anerkennung, welche die ungarische Grobloge dem von den altprenßischen perhorrcscirten nengegründeten Settegast - Verbände') zu Theil werden ließ. Wenn die deutschen und altpreußischen Großlogen wirklich darauf halten, nicht als geheime politische und kirchliche Umtriebe anzettelnde und fördernde geheime Secte betrachtet zu werden, so müßten sie zum mindesten alle Verbindungen nicht nur mit auswärtigen Verbänden, die selbst dergleichen Umtriebe anzetteln, also z. B. mit der ungarischen, belgischen, italienischen Freimaurerei, sondern auch mit allen Verbänden abbrechen, die wieder zu solchen wesentlich politischen und antikirch- lichcn freimaurerischen Geheim-Vcrbänden freundschaftliche Beziehungen unterhalten. Sie müßten auch selbst darauf verzichten, das öffentliche Leben irgendwie beeinflussen und ihre Mitglieder in einflußreiche Stellungen bringen zu wollen. Sie müßten endlich, um den durch die Geschichte der Freimaurerei wohlbegründeten Verdacht von sich abzuwälzen, auf ihre mit Recht beargwöhnte Gcheimthnerei vollständig verzichten. So lange das nicht geschieht, muß auch die deutsche Freimaurerei trotz des Protectorats als eine Anomalie im Staatsleben, als eine schwere, ärgerliche Unordnung bezeichnet werden. Recensionen und Notizen. „Dichterstiinmen der Gegeuwa r t." Poetisches Organ für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Leo Tepe van Heemstede. Verlag von Peter Weber in Baden-Baden. Jährlich 12 Hefte. Mit 12 Knnstbeilagen (Porträts und Biographien zeitgenössischer Dichter und Dichterinnen). Preis halbjährlich 2 M. 25 Pfg. ll. L. bß Eine allerliebste Liedergabe brachte der Monat Mai mit dem Maiheft der „Dichterstimmen der °) Gerber, Freimaurerei und öffentliche Ordnung S. 138 s. °) Br. C. van Dalcus Kalender für Freimaurer für 1897, S. 231. Z Vgl. Grubcr, Freimaurerei u. öffentliche Ordnung. 236 Gegenwart". Wie aus nie versiegendem Quickborn quillt da Sang um Saug und Lied um Lied. Die „junge Älpeulerche" aus dem heiligen Land Tirol jubilirt friih- liugsheiter in „Wanderweisen": es ist der Landsmanu des wohlbekannten Dichters vom „Ewigen Juden": Anton Müller oder Brnder Willram, wie sich der Dichter nennt. Die Kunstbeilage der „Dichterstimmen" bringt sein Bild, das viel Geist und Talent athmet, in gelungenem Lichtdruck. Eine kurze literarische Skizze stellt uns den jugendlichen Dichter vor. Seine „Wanderweisen", womit er den Sängerreigen der „Dichterstimmen" diesmal eröffnet, tönen frisch und hell wie Alpenquell. Erprobte Sänger und Sängerinnen, denen man immer wieder gerne lauscht, folgen: der katholische Klopstock Dr. F. W. Helle, die edlen Westfalinnen Ferdinande Freiin von Brackel, Antonie Jungst und Margarethe Mirbach, Hefele aus Stuttgart. Fromm und innig klingt es von Maiandacht in den Gedichten: „Mariens Maienlied", „Die geistliche Rose". „Ave Maria". „Die Abendglocke". .An Maria". Auch Jugenddrang und Maienlnst ertönt: „Im Frühling!", „Kinderzeit", Bescheidenes Glück", An mein Lieb". Echte Goldkörner sind Jseke's „Splitter und Pfeile". „Maiandacht in der Natur" ist ein weiheduftiges Gebet, ein poesievoller Hymnus in Prosa an die Maienkönigin. „Alte und neue Bücher", „Mosaik" und „Literarische Tafel" eröffnen dem Freunde schöngeistiger Wissenschaft eine ergiebige Fundgrube literarischer Schätze. Unter andern: kommt darin die erfreuliche Kunde, Hans Eschelbach's „Wildwnchs", dem vor etlichen Wochen die Beilage der „Angsb. Postztg." einen eigenen Aufsatz widmete, werde noch in diesem Jahre seine dritte Auflage erleben.*) Die Glanznummer des Maiheftcs der „Dichter- stimmen" aber bildet Effer's Skizze „Hexentanz". Das ist ein tieffinniges und wiederum traumseliges, in glühenden Farben entworfenes Seelengcmälde von eines Künstlers Jugendliebe, die er vor zahlreicher Zuhörer- menge aus den Saiten seiner Violine wieder erklingen lässt. Die Skizze ist von überwältigender dramatischer Lebendigkeit. Wie geglättet und silberhell ist der schmelzende Ton der Sprache! Bei all dem großartigen Wortgebilde und der Kühnheit der Wortstellung ist die Sprache doch einfach, sie ist schwungvoll und blumenreich, und dennoch vermöchte man kaum ein einziges Sätzchen in schlichterer Weise wiederzugeben. Mit fast verschwenderischer Fülle hat die süße Suada der Linzer Dichterin ihren Liebreiz ausgeschüttet. Der „Hexentanz" mit seiner deutschen Gemüthstiefe und das „Alhambra- märchen" **) mit seiner Südlandsgluth wiegen dickbändige Salonromane unserer gefeiertsten Jüngstdentschen auf. Aehnlicher poetischer Zauber ist auch stets auf die übrigen Monatshefte der .^Dichterstimmen" reichlich ausgegasten. Dichterpersönlichkesten treten uns da entgegen, anmuthig und lieblich wie die zarte Birke im grünen Laubwald, ernst und erhaben wie die schlanke Edeltanne im deutschen Hochwald, markig und kräftig wie die wettererprobte deutsche Berbeseiche. Wer darum seelenheitere Ruhe, poetische Schönheit und Anmuth ungetrübt genießen will, verschaffe sich ungesäumt die „Dichterstimmen der Gegenwart". Sie sind ra spottbillig. Und sage mir Jemand, welche poetische Zeitschrift geht über die „Drchterstimmen" ? Etwa das „Deutsche Dichterheim" mit seinem poetischen Allerlei? Nein, die „Dichterstimmen" sind edler und gediegener. Also abonnire darauf, gib lieber darum die „Jugend" aus. Die kecke Müilchnerin berauscht dich mit betäubendem und stäubendem Mohngeruch; ,,das Mädchen aus der Fremde" bezaubert dich mst vollem erquickendem Rosenduft. Hittmair Rud., Die Lehre von der unbefleckten Em- pfänaniß an der Universität Salzburg. 8°. VI -s- 240 SS. Linz a/D., Ebenhöch, 1896. Preis 5 M. -» Daß es sich hier um das Dogma der unbefleckten Emvfängniß der allerseligsten Gottesmutter Maria handelt, ist leicht zu errathen, sollte aber doch auch auf dem Titel richtig angeführt sein, sonst laufen wir noch Gefahr, die „Lehre von der Menschwerdung" oder die *) 1. Auflage 1893, 2. Auflage 1896. ') Erschien in Heft I und II der „Dichterstimmen". „Lehre von den sieben Gaben" an der Universität Salzburg zu lesen. Das Buch versetzt uns in die Blüthezeit der ehemaligen, 1622 gegründeten Universität Salzburg, die man ja gegenwärtig (nach der Aufhebung 1610) wieder herzustellen sucht. Der Verfasser führt uns ein interessantes Stück aus der Gclehrtengeschichte dieser einst durch tüchtige Lehrer berühmten Hochschule vor Augen. Als Vertheidiger der Lehre, die später zum Dogma erklärt wurde, treffen wir damals vorzüglich die Professoren U. Äugustin Neding, 1?. Benedikt Pettschacher, die Gebrüder Mezger, den berühmtesten aller Lehrer der Universität, Cvlestin Ssondrati, der in seinen: Hauptwerk sogar den Aquinaten für die Lehre von der unbefleckten Empfängnis; Mariens (allerdings mit Unrecht) in Anspruch nunmt, ferner U. Ludwig Babenstubcr und Cölestin Mayr. Auch :n späteren Zecken, als Aufklärerei und Freimaurerthum ihren Einfluß geltend machten, traten namhafte Universitätslehrer für die erwähnte Lehre auf. Es gewährt ein eigenartiges Vergnügen, die Beweise jener mit der heil. Schrift innig vertrauten Prediger zu lesen, wie sie ihre Ansicht durch symbolische Spielereien und maßlos kleinliche Allegorie zu stützen suchten. Die sonderbarsten Umdeutungen aus Worten des Hohenliedes mußten herhalten, in Verlegenheit war man nie, und mehr als einmal treffen wir einen „neuen Einfall, der dem verschränkten Gehirn des Predigers gleich einer Kürbisstaude entsprang. wie einst Pallas dem Hcnrpte des Zeus", so wie in der S. 53 angeführten geschmacklosen Predigt „Oaloous Llarias msnsura maßMtuäinis chus". Doch, urtheilen wir nicht zu strenge über eine Zeit, die nicht von unserm heutigen kritischen Standpunkt aus angesehen sein will, um nicht ungerecht beurtheilt zu werden. Das Werk des Verfassers wird sicher mit großen: Interesse in theologischen streifen aufgenommen werden. Jungmann, Bern., Institutiones tüeoloKiao ävAmatioas sxeoialis: llckaotatus cke Vsrbo inearnato. 8". pp. 408. Rrckisbonas, ö'r. Unstet, 1897 (V.). Preis 3 M. 69 Pfg. s Die in fließenden:, schönen: Latein geschriebenen theologischen Traktate des leider zu früh verstorbenen Löwener Professors Jungmann sind mit Recht die Lieblinge der Studwenden. Sie geben die katholische Lehre nach den bewährten Meistern der Wissenschaft wieder» ohne mit üppigem Citatenballast den Leser aufzuhalten und den Raum zu verschwenden: so steht in dem kleinen Bündchen mehr Inhalt, als in manch dickleibiger Dog- matik, die mehr Bibliographie, als Lehrbuch ist. Es ist also kein Wunder, daß der Abschnitt „vs vsrbo inoarnato", nun schon zum fünften Male erscheint, sachlich unverändert, an Schönheit und Corrcctheit der Ausstattung mit jeder neuen Auflage besser. Das Buch ist zu bekannt und sein Lob von autoritativer Seite (Lota 8. 8oäis, kaso. 74) zu klar verkündet, als daß es nöthig wäre, dasselbe eingehender zu besprechen. Literarischer Handweiser, begründet, herausgegeben und redigirt von Msgr. Dr. Franz Hülskamp in Münster. 18 Nrn. L 2 Bogen Hochquart für M. 3 pr. Jahr. 1897. Nr. 1. Krumbacher's byzantinische Literaturgeschichte (Orterer). — Weitere kritische Referate über H. v. Noit Bibelkenntniß u. Bibellesen (A. Zimmermann), K. Llüllor DkooIoKlu moralis sä. VII (Deppe), N. Kaufmann Elemente der aristotelischen Ontologie (Seb. Huber), M. Baumgartner Philosophie des Alanus de Jnsulis (Stölzle), 6arä. Lloran Ilistorx ok tbs Oatbolio Obnrob in ^ustralasia (Bellesheim), Eberle Grundzüge der Sociologie (F. Walter), Redeatis Blüte und Frucht, Redeatis Herzenswünsche und Benfey- Schuppe Die Freundinnen (Kecker), Hertkens Reliquien der Sandalen Jesu in Prüm (Gla).— 14 Notizen über verschiedene Nova (Hülskamp). — Novitäten- Verzeichniß. Veraistw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck». Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Ni-. 34 r » nklgk zur AiigMger IoßzMg. 19. Juni 1897. Hans Holbein der Jüngere. Ein Gedenkblatt zu dessen 400jährigem Gebnrtstagsjubiläum von A. Zottmann. „Alles zeugt dafür: Hans Holbein der Jüngere war ein künstlerisches Genie von einer Allseitig- keit, wie Wenige vor und nach ihm aufgestanden." (I. Sighart, Gesch. d. bild. Künste im Königr. Bayern ps. 599.) Die alte, glänzende Reichsstadt Augsburg barg um die Mitte des 15. Jahrhunderts eine ganze Reihe be- mcrkenswerther Künstler innerhalb ihrer Mauern, denen aber allen der Vorrang abgelaufen wurde von den beiden Malerfamilien Burkmaier und Holbein. Vorzüglich letztere hat in ihrem Gliede Hans Holbein dem Jüngern einen Meister hervorgebracht, der mit Dürer auf der Höhe deutscher Kunst steht, einen Maler, dessen Werke auch neben denen eines Raffael noch zu »«getheilter Bewunderung hinreißen, und der immer zu den ersten Künstlern aller Zeiten und Länder gezählt werden wird. Ihm sollen die folgenden Zeilen zu seinem 400- jährigen Geburtstagsjubiläum gewidmet sein,') und sind die werthen Leser gewiß damit einverstanden, daß die „Augsburger Postzeitung" dem Gedenkblatt für ihren weltberühmten Landsmann ihre Spalten öffnet. Im Hause „zum Dippold" war die Wohnung Gnrkmaier's und auch, wenigstens für längere Zeit, des alten Hans Holbein, wcßhalb man hieher die im Jahre 1497 erfolgte Geburt des jüngeren Hans Holbein verlegt.?) Letzterer hatte noch zwei Brüder, Ambros und Bruno, und alle drei wurden vom Vater, der selbst ein geachteter Künstler war, zur Malerei erzogen. Selbst- ständig hat hier während des Augsburger Aufenthaltes der junge Künstler keinesfalls gearbeitet, wenigstens ist nach der neuesten Holbeinforschung nichts erhalten, was ihm allein zuzuschreiben wäre;") seine Thätigkeit wird ganz in der Beihilfe zu den Werken des Vaters aufgegangen sein. Aber es läßt sich leicht denken, daß es ein so frühreifes und umfassendes Künstlertalent, wie es dem jungen Hans Holbein beschicken war, mächtig drängte, nicht mehr nach den Principien und Vorschriften Anderer ') Benützte Literatur: A. Woltmann, Holbein und feine Zeit (2 Bände. Leipzig 1866); Ed. H,s-Heusler. Die neuesten Forschungen über H. Holbein des Jüngeren Geburt rc. (in Beiträge zur Geschichte Basels VIII. Bd. ps. 347 ff.): Reber, Geschichte der Malerei v. Anf. des 14. Jahrh. (München 1894 PA. 255—261): A. Bayers- dorffer, Der Holbeinstreit (München 1872); R. 8. ^Vornuiu, soms s-oeount ot tlrs lils anä ^vorlc8 ok 8. klolboiv (London 1864); Ed. Hies, Einige Gedanken über oie Lehr- und Wanderjahre Hans Holbein des Jüngeren (im Jahrb. der k. preuß. Kunstsammlung XII. Bd. pZ. 59 ff.); C. v. Lützow. Holbeins Madonna des Bürgermeisters Meyer (Separatbeil. zur Chronik der vervielf. Künste, Wien 1888, Nr. 1); Springer. Handbuch der Kunstaesch. 1896, IV, px. 112—124; Franz, Geschichte der Malerei, 8, 897 ff. u. A. 2) Wie bei andern großen Männern, war man über Zeit und Ort unseres Künstlers lange Zeit nicht einig. Er sollte in Basel, im pfälzischen Grünstadt oder in Augsburg geboren fein. Nach dem jetzigen Stand der Kunstgeschichte aber ist er zweifelsohne zu Augsburg 1497 geboren. ') Die verschiedenen Arbeiten, welche Woltmann aus dieser Periode ihm zuschreibt, gehören mehr dem Vater, dem ältern Holbein. an. zu arbeiten, sondern auf eigene Füße sich zn stellen und ganz Selbstständiges der Welt zu bieten. Das erklärt uns, warum Hans so frühzeitig dem Vaterhaus Lebewohl sagte und nach Basel in der Schweiz sich begab, wo damals der Bücherdruck und die Bücherillustration i» hoher Blüthe waren und einem strebsamen Künstler reiche Gelegenheit zur Ausübung seiner Kunst bieten mußten. Bereits vom Jahre 1515, also von seinem 18. Lebensjahre an kann Holbeins Aufenthalt in dieser Stadt nachgewiesen werden. Da er aber erst 1519 in Basel zünftig wird, so muß man, wie Ed. His calculirt, annehmen, daß er während der ersten Jahre bei einem ander« Meister lernte und arbeitete, und dieser dürfte der auS Augsburg stammende Hans Herbster gewesen sein, „indem aus mehreren Zeugnissen hervorgeht, daß beide Bruder Holbein zu demselben in näherer Beziehung standen, wie z. B. Hans i. I. 1516 dessen Bildniß malte. . . . Auch war Herbster damals der angesehenste Maler in Basel." Aus dieser Zeit stammen von Holbein neben dem angeführten Porträt Herbsters noch fünf große auf Leinwand gemalte Passionsbilder, der lange Zeit verborgene und erst 1871 von Professor Vögelin in verwahrlostem Zustand wieder aufgefundene sogen. Holbeintisch mit Darstellungen des von einem Affen ausgeraubten Krämers und des traurigen St. Niemand, auf den alle Schuld geschoben wird; ferner das Doppelbildniß des Bürgermeisters Jakob Mayer und seiner Ehefrau, damr 62 Federzeichnungen zu der Schrift des Erasmus „Lob der Narrheit" — scherzhafte kleine Zeichnungen von verschiedenem Werth, „aber meist reich erfunden und mit so genialer Freiheit der Hand ausgeführt, daß man gern der Versicherung glaubt, Erasmus selbst habe sich daran ergötzt"; außerdem ein Schulmeister - Aushäugschild mit entsprechenden Scenen; Adam und Eva, zwei Bilder mit häßlichen Köpfen, die eher einen Rückschritt als Fortschritt bezeichnen, Und endlich eine reizende Federzeichnung auf dunkelgrau grundirtem Papier mit weißen Lichtern, welche die sitzende jugendliche Madonna darstellt, wie sie dem Kinde behilflich ist, die ersten Schritte zn »rächen. Im Allgemeinen offenbart sich schon in diesen Jugend- werken ein scharfes Auffassen der thatsächlichen Verhältnisse, ein stark hervortretender Realismus ohne viel ideale Erhebung, theilweise auch ein gewisser Uebermuth und volksthümliche Derbheit. Im Jahre 1517 verließ unser Künstler Basel und taucht bald darauf in Luzern auf, wo er das HauS des Schultheißen Jakob von Hertenstein innen und außen mit Wandgemälden versieht; außen mit Ornamenten, Wappenschildern und Scenen aus der altgriechischen und römischen Sage und Geschichte, innen mit den heiligen 14 Nothhelfern, der Stifterfamilie, dem Jungbrunnen. Die Gemälde sind leider zu Grunde gegangen und nur flüchtige, unzureichende Abzeichnungen davon erhalten. Ein gewisser Herr Knörr, der größte Banquier Luzerns, hatte das großartige Kunstverständniß (??), daß er das bis 1824 wohl erhaltene Hertensteinische Haus niederreißen und damit eines der bedeutendsten Werke von einem der größten Maler aller Zeiten zerstören ließ. Obwohl Carel van Mander, der älteste Biograph Holbeins, ausdrücklich bemerkt „Nooit reisde H. Holbein naar Italic" (Niemals reiste H. Holbein nach Italien), so sind sich jetzt die Kunsthistoriker doch darüber einig, daß sich verschiedene Werke des Meisters nnr erklären 238 lassen, wenn man annimmt, er habe Italien gesehen, und setzen deßhalb in diese Zeit von Luzern aus eine Reise Holbeins in die Lombardei, da seine Gemälde vorzüglich lombardischen Einfluß verrathen. „Zeugen doch dafür, sagt Ed. His, nicht allein manche Merkmale in seinen Werken von 1519 an, welche in ihren ornamentalen und architektonischen Beiwerken auf Kenntniß der lombardischen Renaissance schließen lassen, sondern auch manche seiner Gesichtsformcn verrathen seine Hinneigung zu deni eigenthümlich leonardesken Tyypus. . In Luzern „wird erwähl von den Wundern jenseits der Alpen gehört haben. Wie konnte er bei der Nähe dem Drang widerstehen, einen Blick hineinzuthun? Hat man doch in mehreren seiner Zeichnungen Anklänge an den malerischen und wildschauerlichen Weg, der dahin führt, erkennen wollen." . .. „Es scheint mir nicht unwahrscheinlich, daß Holbein bereits im Jahre 1517 . . diese Wanderung unternahm." Nach Base! kam Holbein jedenfalls wieder im Jahre 1519, weil aus diesem Jahre das Porträt des gelehrten Bouifazius Amerlach, späteren Basler Nechtsprofessors, eines Freundes des Künstlers, stammt. Im Juli 1520 wurde Holbein Bürger von Basel und empfing im darauf- solgenden September auch das Zunftrecht zum Himmel. Somit ist er ein richtiger Basler geworden, und alsbald trägt ihm auch der Rath der Stadt auf, das Rathhaus auszumalen. Das betreffende, von His-Heusler im Basler Archiv entdeckte Dokument vom Jahre 1521 trägt folgenden Wortlaut: „Holbein, Moler. Ze wissen, daz Meister Hannsen Holbein dem Moler von minen Heren, den Bnwheren vnd lonheren in namen eins Rats, den sal yff dem Richthuß ze malen verdingt ist nach lutt zweyer verding Zedlen deßhalb gemacht vnnd gibt man im für solich sin Arbeitt Hundert vnnd XX gülden. . ." Weiter folgt die Mittheilung, wann die einzelnen Raten dieser Summe ausgetheilt wurden. Die Gemälde, welche in längerer Unterbrechung vollendet wurden und Thaten uneigennütziger Vaterlandsliebe, strenger, selbstloser Gerechtigkeit oder Warnungen vor Tyrannei und despotischem Uebermuth vor Augen führten und wohl das Hauptwerk des Meisters bildeten» find leider nur mehr in Skizzen und Zeichnungen vorhanden. „Aber auch in dieser Gestalt, sagt Springer, erscheinen sie für die Beurtheilung der Künstlernatur Holbeins überaus lehrreich. Sie offenbaren ein tiefes Eindringen in das Wesen des Ereignisses, ein scharfes Erfassen des Kernhaften in Stimmung und Charakteren, eine Begeisterung für das Historische, wie sie in gleichem Maße bei. keinem seiner Kunstgenossen beobachtet wird. Holbein schreckt vor dem Herben und selbst Häßlichen nicht zurück, wenn es ihm für die Wahrheit der Schilderung dienlich erscheint." Und der allerdings gern im Superlativ redende Woltmann meint bezüglich derselben: „Der Maler steht auf der Höhe der geschichtlichen Auffassung, und das Ganze bietet überhaupt das größte Beispiel ächter Historienmalerei, welches je vorgekommen ist in der deutschen Kunst," und wir dürfen „uns nicht scheuen, sie neben dem Größten zu nennen, was die Kunst überhaupt kennt. . Mit einer andern, lebensvollen Wandmalerei, die auch nur mehr in einer Durchzeichnung vorhanden ist, versah der Künstler das nach einem der Bilder benannte „Haus zum Tanz". Den Hauptgegenstand bildet ein Bauerntanz: „ein Fensterchen über der Hausthür schneidet in einen Streifen ein. Daraus ist ein Tisch gemacht, auf welchem Bier- krug und Becher stehen und gegen den die beiden Musikanten sich lehne». Mit -dem Dudelsack spielen sie auf. Zu dieser Musik dreht sich Alt und Jung, lauter derbe, kurze, kräftige Gestalten in stürmischer Bewegung. Das jubelt und tummelt und jagt sich, weiß sich vor Neber- muth gar nicht zu lassen. Die Hüte der Burschen, die Haare der Mädchen sind mit Blumen bekränzt. Im lustigen Neigen fehlt auch der Narr mit der Schellenkappe nicht; er trägt sie Einer für Alle. An ein paar Stellen wird der Scherz etwas ausgelassener, als man es heutzutage passend fände auf offener Straße." Auch Aufträge zu Tafelbildern stellten sich ein. So erhielt sich die Folge von acht Passionsbildern und eine dazu gehörige Predella, Christus im Grabe, von 1521. Auf diese gemalten Passionsscenen folgen 10 vielleicht als Entwürfe für Glasmalerei gedachte derartige Motive in Tuschzeichnung, beginnend mit Christus vor Kaiphas. Gegen frühere Arbeiten ist hier die Formbehandlung größer und freier, der Naturalismus schonungsloser. Er versucht darin, sagt Woltmann, „seinen Geist und seine Richtung allein walten zu lassen, alle kirchliche Ueberlieferung, alle Gewöhnung von sich zu weisen und die Leidensgeschichte des Herrn zu behandeln nicht im kirchlichen, sondern im historischen Geiste. . . Erbauungsbilder zu geben, das kommt ihm jetzt nicht mehr in den Sinn; es sind Gesch ich tsbilder. Das rein Menschliche ist herausgegriffen, dies allein trägt, motivirt und bestimmt Alles, was vorgeht. Hier sind lauter menschliche Leidenschaften, menschliche Thaten, menschliche Charaktere, und die Thaten sind aus den Leidenschaften, die Leidenschaften aus den Charakteren herausentwickelt. . ." Besonders derb und abstoßend realistisch ist das oben erwähnte Staffelbild: Christus im Grab. „Es ist nichts Anderes und will nichts Anderes sein, als das Abbild eines gewaltsam Getödteten, so wahr, wie nur möglich, und so gräßlich, wie hier die Wahrheit sein muß(?), vor uns hingestellt... Hingestreckt auf ein weißes Tuch in einem grünen Steinsarg liegt die erstarrte Gestalt. Der Kopf, gegen hinten zurückgesunken, mit hinabfallendem Haar und starren, halb geöffneten Augen, hager, mit stark vortretenden Backenknochen, ist in der Bildung höchst gewöhnlich; von jedem Christustypus ist abgesehen, auch die Züge sind ganz aus der Natur genommen. Alle Schrecken des Todes sprechen aus diesem grün angelaufenen Gesicht, diesen verwesenden Händen und Füßen, diesen Wundenmalen, den blutigen Löchern, die man tief in die Glieder sich einbohren sieht. Entsetzlich dürr ist der Körper ; desto mehr fällt die treffliche Behandlung der Muskeln usw. in die Augen...." Daraus sehen wir zur Genüge, daß Holbein mit der gläubig-idealen Richtung des Mittelaltes ziemlich gebrochen und zum guten Theil auf dem Boden der für idealen Schwung wenig Verständniß zeigenden Renaissance steht. Das beweisen mehr oder weniger auch seine andern in dieser Zeit entstandenen Bilder, wie der zweiflügelige Altar im Don: zu Freibnrg mit Geburt Christi und Anbetung der Könige, Flügelbilder in Karlsruhe mit St. Ursula und Georg, die Madonna von Solothurn. ^ein derb realistisches Werk ohne lieferen Inhalt", u. A. (Schluß folgt.) Kirchemestllttrirttngen in Bayern. III. Angsbnrger Domportale. Der aus dem XI. Jahrhundert stammende Kern des Augsburgcr Domes ist eine doppclchörige, romanische 239 Pfcilerbasilika mit schmalem westlichem Querschiff und Altarrund. Dieselbe wurde im Jahre 1321 in eine» gothischen Gewölbeban mit verdoppelten Seitenschiffen umgewandelt. Die Ostpartie wurde zwischen 1356 und 1431 und später abermals bis zum Jahre 1484 völlig erneuert, so daß von ihren ursprünglichen Verhältnissen nichts Sicheres mehr bestimmt werden kann. Sie bildet einen Chorumgang mit Kapellenkranz und zwei Prachtportalen. Diese ganze ruinenartig erscheinende östliche Chorpartie verdiente wohl nach dem Vorgänge der Kirchen- rcstanratiouen in Nürnberg eine stilgerechte Erneuerung. Ain schreiendsten drängte sich aber allen durch jenes nördliche und südliche Portal (zwischen Ostchor und Schiff), als die beiden Hanpteingänge, in die Kirche Tretenden das Bedürfniß der gründlichen Ausbesserung des Figurcn- schmnckes sammt der Architektur eben dieser alten Pracht- portale auf. Am nördlichen stehen die ältern, aus der Zeit der ersten Umwandlung des BaueS stammenden Figuren. Die zwei gekrönten hl. Frauen auf der rechten Seite, mit den etwas rundlichen Köpfen und dem stereotypen Lächeln, zeigen in ihren reichfaltigen, oben eng anliegenden, von den Hüften in weichen Falten lang Herabwallenden Gewändern noch den Stil des Xlll. Jahrhunderts. Aus etwas späterer Zeit stammen die zwei linksseitig stehenden Statuen: des hl. Bischofs Ulrich mit dem Fisch, dessen Kopf mit dem gelockten Bart, sowie der stark gebogenen Körperhaltung schon spätgothisch manierirt ist; sodann die fast ebenso alt erscheinende St. Magdalena mit dem zierlichen Gewände des entwickelten Stiles vom XIV. Jahrhundert. Bereits dem XV. Sä- culnm wird die reich gewandete Madonna mit den schon porträtartigen Zügen des etwas breiten Antlitzes angehören, die in statuarisch-hoheitsvoller Haltung am Mittelpfeiler steht. Gut erhalten sind die Nelicfbilder des Spitzbogen- thmpauons. Auf drei einfachen Gesimsen stehen die Figuren derselben in dürftiger Anordnung und cou- ventioneller Haltung mit etwas großen Köpfen, gedrehten Bärten und zierlichem Faltenwürfe ältern Stiles, der sich aber durch schönen leichten Linienfluß und einheitliche Durchbildung auszeichnet, in Zwischenräumen nebeneinander, die Verkündigung, Geburt Jesu, Anbetung der drei Weisen, Mariä Tod und Krönung darstellend. Der obere Rand des Portalbogens ist, statt mit den gewöhnlichen Krabben, in humoristischer Weise mit sich beißenden Löwen besetzt. Ueber dem Portale erhebt sich eine zweite flache Fa§adennische, die, von einem hohen Bogen mit geschweifter Spitze umrahmt, noch weitere Bildnißgruppen enthält: zwei sitzende Könige sammt weiblichen Figuren mit Spruchbändern; darüber wieder die thronende Himmelskönigin zwischen zwei weiter» weiblichen Gestalten (Si- byllcn?). Diese meist dekorativen Figuren mit schon sehr abgestumpften und abgewaschencn Formen, sammt der verstümmelten und abgebrochenen Architektur, fordern nicht weniger als das Südportal zur Erneuerung und zum neuen stilgerechten Ausbau heraus! Der aus der Spätzeit des XIV. Jahrhunderts stammende Fignrenschmuck des Südportals ist bereits — leider so unglücklich erneuert, daß es besser ganz unterblieben wäre. Den Mittelpunkt der Thorskulpturen bildet, wie fast immer in jener Zeit, die Himmelskönigin mit dem göttlichen Kinde. Sie erscheint in würdevoller königlicher Haltung, von imposanter, fast üppiger Gestalt, mit einem weich- und reichfaltigen Gewände angethan. Das Antlitz des mächtigen Kopfes zeigt regelmäßige Züge von vornehm-freundlicher Gelassenheit, ist aber vom Wetter schon stark abgewaschen, so daß es wie das der meisten übrigen größer« Figuren mehr nur noch wie skizzirt aussieht. Die andern sie umgebenden Gestalten der Apostel und Heiligen an den Scitenwänden und Strebepfeilern zeigen den gleichen, theils schön entwickelten, theils mehr handwerksmäßig und schwerfällig gehaudhabten Stil. Ganz links vom Beschauer steht eine Madonna, die als Patronin der Christenheit deren Vertreter in je einer beiderseits herabgehenden breiten: Falte ihres Mantels birgt, mit einem feinen, sehr unmuthigen Jdealkopf und nobler Haltung; neben ihr eine ebenfalls schöne Statue der hl. Elisabeth. Auch die Madonna der Verkündigung auf der andern Seite ist eine vorzügliche Arbeit. Die besten dieser größern Figuren, besonders dke zwei erstgenannten Madonnen, verdienten dem National- oder Maximiliansmuseum übergeben und so dem baldigen völligen Ruine entrissen zu werden. Natürlich müßten sie durch möglichst ebenbürtige Copien von fähiger Künstlerhand ergänzt werden. Geben doch die bereits genannten Exemplare, neben andern in jenem Angsburger Museum aufbewahrten, den sichtbaren Beweis von der hohen künstlerischen Entwicklung der alten schwäbischen Bildneret, deren Schule zu Augsburg neben der Bamberger. sächsischen und Nürnberger Schule zu den bedeutendsten im deutschen Mittelalter zählt. Wie man aber jenen meist künstlerisch vorzüglichen, zum Theil in ihrer Art hochvollendeten Gebilden altdeutscher Plastik am Ende des XIX. Jahrhunderts zur Unzierde eines altehrwürdigen Domes eine solche Gesellschaft verkommener Gestalten, wie den dickköpfigen St. Christophorns, die unübertrefflich plumpe Heilige mit der Lilie und andere verklärte Freunde Gottes darstellen sollende Figuren, wie bereits die sechs neuen an den Chorstreben neben dem Portale aufgestellten, anzureihen vermochte, ist uns schier unbegreiflich. Das heißt denn doch den Spott und das Hohngelächter geradezu herausfordern, die um so begründeter sind, als diese ziemlich großen Figuren in ihrem neuen leuchtenden Kalksteiukleide ihre ganze unwürdige Unschöne auch dem weniger Scharfsichtigen recht augenscheinlich bloßstellen. Wo sind denn die Originale (?), nach denen diese ganz und gar unverstandenen und stümperhaften Gestalten mit ihren Grimassen und wulstigen Draperien fabricirt wurden? Der Steinmetz oder Bildhauer wollte offenbar mit seinen unmöglichen Motiven, die gegen seinen Willen einen modernen Zug verrathen, etwas Alterthümliches schaffen, konnte es aber nicht fertig bringen. Wir sind nun einmal aus der Zeit heraus, da der Steinmetz, Architekt, Bildhauer und Künstler identische Personen waren, und werden auch, trotz aller Versuche der Alterthümler und ihrer Freunde unter den Architekten mit improvisirten Bauhütten und Selbstzüchtung von „selbstständigen Meistern" aus bloßen Handwerkern und Technikern, so bald nicht wieder in jene Zeit zurückkommen. Dazu fehlen alle Vorbedingungen. Und ein Künstler läßt sich nicht so im Handumdrehen erzeugen. — Daß das nicht so geht, ist ja freilich zu bedauern, schon wegen der etwas geringern Löhne, mit welchen die Handwerk-Künstler für ihr Kunstwerk sich bescheiden würden'.? Die Darstellung des letzten Gerichtes, ebenfalls aus 240 der Spätzelt des XIV. Jahrhunderts, wurde auch in ihren kleinern Figuren, die unter einem Spitzbogen mit reichem Maßwerk oberhalb des Portales an der Mauer aufgestellt waren, erneuert. Besonders die in der Mitte fitzende plumpe Gestalt des Richters, sodann die für- bittenden Heiligen und Engel zeigen so ziemlich dasselbe handwerksmäßige Gepräge wie die vorigen und haben nicht den künstlerischen Zug der ältern, wenn auch oft mehr dekorativ behandelten Sculpturen, wenn sie auch — außer der größern Christusfigur — aus der weitern Ferne das Auge weniger beleidigen als jene großen Seitenfiguren. Im Tympanon der Thüre ist noch das Leben der seligsten Jungfrau Maria in eng aneinandergereihten Reliefgruppen (aus der ersten Hälfte des XIV. Jahrhunderts) von lebendiger Bewegung dargestellt, während die Archivolten mit den sitzenden Figuren von Propheten vnd Königen ausgefüllt sind. * » So gehören auch die Augsburger Domportale zn den noch vorhandenen Resten jener steinernen Bildergallerten, die schon den Eintretenden auf den noch größern Reichthum an echten Knnstschöpfungen im Innern der Kirchen vorbereiteten und uns heute noch von der hohen und vielseitigen Kunstfertigkeit der alten Meister und der tief gegründeten Knnstfreudigkeit des mittelalterlichen christlichen Volkes erzählen. Diese, zum Theil fast übermäßig reichen und mannigfaltigen Summen ikonograph- ischen und religiös-historischen Figurenschmnckes an den Portalen, Fanden und im Jnnem der Kathedralen» welche in der Zeit vom XIII. bis zum XV. Jahrhundert in Frankreich und Deutschland wie anderswo entstanden, führen uns auf die unübertroffene Höhe christlicher Kunstblüthe, die in ihrer ersten Periode wohl den Gipfelpunkt kirchlich-idealer Form, wie an ihrem Abschluß um die Wende des XV. Säcnlums die Vollendung meisterlicher Technik im Verein mit lebensvoller seelischer Durchdringung erreichte. Pietät und historischer Sinn fordern Schutz und Schonung, resp. verständnißvolle Jntakthaltung jener sprechenden monumentalen Dokumente des christlich-idealen Geistes, der die germanische Nation zu ihrem ewigen Ruhme Jahrhunderte lang durchdrang. Denn nachdem dieser Geist aus den Kirchen und Klöstern in die breiten Schichten des Volkes gedrungen und in der deutschen Volksseele als dem unverbrauchten, noch urkräftigen Fruchtboden Wurzel geschlagen hatte, da strebten auch bald in dem wolkenlosen Glänze der siegreichen, die Wälder lichtenden und die Sümpfe austrocknenden Sonne des Christenthums alle die naturwüchsigen religiös- poetischen Keime des deutschen Gemüthes aus helle Tageslicht und entwickelten die schönsten und duftigsten Blüthen sowie die gesündesten und geschmackvollsten Früchte, die je auf dem Boden der Poesie und Kunst gezeitigt wurden. Die bürgerlichen Meister traten auf den Plan, um den mönchischen Künstlern beizuspringen, ja sie nach und nach ganz abzulösen. Vollzog sich doch mit diesem Auftreten bald ein solcher Fortschritt in der immer reichern und vielseitiger» Ausgestaltung der christlichen Kunst, daß der Mönch und Kleriker schon in Folge seines specifisch geistlichen, kirchlich beschränkten Berufes dem bürgerlichen Meister auf seinen vordringenden Künstlergängen durch Welt und Natur nicht mehr zu folgen Im Stande war. Die Architektur erhielt durch die Gothik ihre ideell wie technisch kühnste Ausgestaltung und wurde mit reichstem dekorativem wie figürlichem Schmucke ausgestattet. Wenn auch als schmückendes Moment der Architektur untergeordnet, entwickelten sich die Werke der bildenden Knust, in Folge des sich stetig klärenden Verständnisses und der sich steigernden volkstümlichen Begeisterung, gerade in Absicht ihrer Bestimmung zu einem immer würdigern Schmucke als in sich selbst vollendete und auch für sich allein schon selbstständige, bedeutungsvolle Kunstwerke, die heute noch die Bewunderung und Nachahmungslust hervorragender Künstler erregen. Am frühesten und zugleich am großartigsten tritt uns dieser christlich-germanische Stil im nördlichen Frankreich entgegen. Die lebensvollen kräftigen Gestalten mit ihren freien und kühnen Bewegungen, ihrer reichen, mannigfaltig drapirten Gewandung zeigen nichts mehr von der Befangenheit der Haltung und der rein mönchisch-ascetischen Innerlichkeit des Ausdrucks jener des XII. Jahrhunderts. Der Künstler richtet nun kühn und freudig den Blick auf das ganze reiche Leben mit seinen bunt wechselnden Gestalten und Erscheinungen. Ja mit dem ihm angebornen unverwüstlichen Naturgefühl durchstreift er Wald und Feld, um sein Auge an des Lenzes Laub- und Blumenpracht zu erfreuen und durch den klaren prüfenden Anblick sich zu deren freier künstlerischer Nachbildung zum reichern Schmucke seiner Werke zu befähigen. Dem naturalistischen formen- und farbenreichen Blüthenschmuck, direkt den heimischen Fluren entlehnt, niuß das streng stilisirte, vom antiken AkanthuS abgeleitete Blattwerk der romanischen Zeit weichen, während die luftig aufstrebenden Gewölbe von den schlanken, eichenlaubgeschmückten Säulenbnndeln, wie von ebenso vielen Waldbaumstämmen, an Stelle der steinmassigen Pfeiler getragen werden. So wurde in dem versteinerten Hymnus des mittelalterlichen Tempels die christliche Idee des Reiches Gottes, auf Erden, das da die weite Welt, Geist und Natur, Religiöses und Profanes umschließt und unter die klärende und segnende Beleuchtung der Sonne der Wahrheit und Gnade bringt, in der ergreifenden Sprache des technisch vollendetsten und künstlerisch zier- und bedeutungsvollsten MonumeutalwerkeS der ahnenden Seele vermittelt. Und heute noch hat diese monumentale Kunstsprache der gothischen Kathedralen, wo sie noch intakt dastehen, auch für den modernen Menschen, sofern er noch von dem echten christlich-idealen Geiste erfüllt ist, nichts von ihrer alten Kraft und Eindringlichkeit verloren. Abgesehen von der Bedeutung jener Kathedralen als vornehmlich«! Cnltstätten, fordert schon die allgemeine Rücksicht auf die Gegenwart wie auf die deutsche Vergangenheit, daß diese altehrwürdigen Zeugen und monumentalen Deuter des innern tiefgehaltigen Geisteslebens unseres Volkes, die zugleich die schönsten Denkmäler seines nationalen Aufschwunges und seiner politischen Macht und Größe darstellen, durch sorgfältige Schonung und würdige, ebenbürtige Instandhaltung in Ehren gehalten werden. Wenn jährlich Tausende aus Staatsmitteln für oft fragwürdige Tagesleistungen der jeweilig „Modernen" zur prahlerischen Ueberfüllnng von Residenz- oder großstädtischen Gallerien, weniger zur umfassenden und unparteiischen geschichtlichen Beleuchtung der Kunst der Gegenwart, ausgegeben werden, dann ist es unverzeihlich, daß man da, wo es sich um Erhaltung oder Erneuerung von alten Domen oder anderen kunstgeschichtlich merkwürdigen 241 Bauwerken und ihres Bilderschmnckes handelt, auf einmal das Princip der Sparsamkeit zur Geltung bringen will. Oder tragen hier wieder Architekten, Conservatoren und Archäologen als Kunstkenner und Vertrauensmänner die Hauptschuld an dem Unglück der Domportalernenerung? Von Ersteren kann man es am wenigsten begreifen, daß sie, selbst Künstler, die Schmuckstücke romanischer und gothischer Bauten meist nicht genug „alt und echt" — in Wirklichkeit „wüst und schlecht" — bekommen können und sich deßhalb mit kunstlosen Handwerkern und bloßen Technikern begnügen. Zur Hebung der christlichen bildenden Kunst trägt man leider in ihren Reihen im Allgemeinen am allerwenigsten bei. Möge nun aber das Nordportal vor dem Unglücke der Erneuerung durch dieselben Künstlerhände, welche sein Pendant erneuerten, verschont bleiben! Möchte dagegen bald die gründliche, echt künstlerische Wiederinstandsetzung des Aeußern des ganzen Ostchores mitsammt seinen Portalen in Angriff genommen werden! F. Festing. Wo in Niederösterreich ist das Hauptkloster beati Lovsriui und die römische Flottenstation I'aviana zu suchen? Von I. N. Seefried. Nicht leicht sind die Ansichten der Gelehrten über Irgend eine merkwürdige Oertlichkeit so sehr getheilt, wie über die Lage des Hauptklosters des sehr einflußreichen, frommen christlichen Lehrers und Abtes Severin im Norikum nach dem Tode des Hunnenkönigs Attila. Und doch hat schon im Jahre 511 n. Chr. Eugippius, der Schüler und Biograph des seligen Dieners Gottes, ein ganz zuverlässiges und bestimmtes Zeugniß dafür abgegeben, daß Severin seine Hauptniederlassung vor den Mauern der Römerstadt k'aviunis (butiurüs, kasti- Lnio), welche 100 Millien und darüber von Loiotro (Loioäuruw, Jnnstadt - Passau) entfernt war, sich ausersehen hatte, weßhalb ein Streit über die Lage dieser festen Stadt und Severins altes, großes Kloster daselbst niemals hätte entstehen und aufkommen sollen. Aber welche Musterkarte von Hypothesen und Vermuthungen haben die Gelehrten seit Bischof Otto I. von Freising aus dem Hause der Babenberger bis auf Mommsen und Jung herab nicht schon aufgestellt. Ein Autor widerspricht dem andern, und der Haupt- beweis dafür, daß die richtige Fundstelle und Fundstätte für Stadt und Kloster heute noch nicht entdeckt ist, kann in der schlagendsten Weise darin gefunden werden, daß sich noch keine der vielen Hypothesen allgemeiner Anerkennung zu erstellen hatte. Wo lag nun aber das 100 Millien und darüber von Jnnstadt-Passau flußabwärts au der Donau situirte k'avia.nis des Eugippius, so hatte mau schon vor 700 Jahren gefragt und von Bischof Otto I. von Freising, welcher Wien* *) hicfür ausgegeben hat, eine unrichtige Antwort erhalten; so fragen wir auch heute noch, und die Gelehrten antworten uns: 1. in Langeuleben bei Tulln (Immstsesius), 2. zwischen Melk und Schönbüchel (Tillemont), 3. zu Großpöchlarn (Mannert und Forbiger), 4. an der Enusmündnng (Eichhorn), 5. in Treismaner (Asbach), 6. in Mautern (Huber, Kremier u. Andere), 7. zwischen Mauer an der Url und Jps an der Donau (Mommsen), 8. in Jps (Jung). Wien und acht andere Städte und Orte Nieder- Lsterreichs haben sich demnach bisher um die Ehre gestritten, circa 452—482 n. Chr. Severins altes, großes Kloster außerhalb ihrer Mauern gehabt und den seligen Diener Gottes beherbergt zu haben. Forscht man jedoch etwas tiefer nach der Begründung dieser hypothetischen Annahmen und Angaben, so ergibt sich, daß zufolge der genauen Berechnung des Eugippius alle Orte ausgeschlossen werden müssen, welche weniger als 100 oder mehr als 105—110 mills xassus von Paffau entfernt liegen, sohin alle Donaustädte oberhalb des Marktes Wallsee und unterhalb der Stadt Jps in Niederösterreich. I. Identität von kavis-nis und kaviana des Eugippius mit der Flottenstation I'ukiuvs in der Reichsnotiz circa 400 n. Chr. k's.vianis, welches bei Eugippius sap. 3 und 4 eine Stadt (eivitas)/) sonst nur eine Beste (oxxiäuw cap. 40, 42 und 44 in 6ns) genannt wird, war ohne Zweifel eine bedeutende Niederlassung der Römer an der Donau. Ist sie ja doch identisch gewesen mit der Flottenstation kakiana, in der dlotitia cliZmtatuin utrirmgus Im- xsrii, nach welcher ein Präfekt der Liburnarier der ersten norischen Legion um 400 n. Chr. daselbst in Garnison b) stand. Hier lüg demnach eine Abtheilung von Soldaten, welche dazu bestimmt waren, das Römerreich nicht bloß zu Land, sondern auch zu Wasser, d. h. auf dem Grenzstrome, zN vertheidigen. Hier befehligte noch in den Tagen Severins der Tribun (Oberst) Mamertin/) welcher allerdings nur mehr sehr wenige Mannschaft unter sich hatte, deßungeachtet aber die räuberischen Feinde zwei Millien von lsaviavis an der 'l'iountia (Isigaotia,, am Tiefenbach?) in die Flucht schlug, ihnen die Waffen wegnahm und was nicht entfloh in Gefangenschaft brachte. Die Identität von Kalmus, und kÄviavig und die hohe Bedeutung dieser Stadt als Garnisonsplatz noch im 4. und 5. Jahrhundert ist bisher nicht bestritten worden und wegen der häufigen Verwechslung der Buchstaben st, v und t durch die mittelalterlichen Abschreiber älterer Werke des Alterthums allgemein zugestanden. Wenn trotzdem in einer offenbar jüngeren Kapitelüberschrift des Eugippius aus I'uvianis eine sivitutula, ein kleines Städtchen, gemacht und der oivitus in cax. 3 und 4 der vita st. Lsvsrini kurzweg unterschoben werden will, so haben wir Gründe genug, hie- gegen mit aller Entschiedenheit zu Protestiren. Schon der Umstand, daß die Ueberschrift des dritten Kapitels in doppelter Fassung vorhanden ist und jene des Ooäsx L-ateranus bei Kerschbaumer °) dem *) Ll. O. 88. 370 . . Visuis, guoä olim a komarus inbabitLtum, Laviavig ckievbatur. Diese falsche Anschauung, Wien hieß Viuckoboua, ist erst seit Friedrich Blumberger in Göttweih aufgegeben. Archiv für österr. Geschichtsguellen. Wien 1849 III. Bd. S. 355-366. '0 Lockern teinpors eivitaism uomius Laviauis saeva t'awss opprssserat. . . Vergl. die Kapitelüberschrift Anm. 5 und eo-p. 4 ivoussterium bauä provu! » eivitats eoustrusret. *) Lraelsotus Le^ionis . . Liduruariorurn Lrimoruin Rorioorum Lakiauae. Böcking Ist 98-103. ') Vita. b. 8everini nach Eugippius eap. 4; Leveriuus vero Namertinum xereontatus v8t, tuuv tri« du nun» etc. °) Vita 8. 8everiui Schaffhausen 1862 x»s. XV. O« 242 Kapitelinhalte besser entspricht, als die Überschrift, welche Knüll °) ans der Turiner Handschrift in seine Ausgabe aufgenommen hat, liefert den Beweis, daß die erstere Ueberschrift sachgemäßer und getreuer, mithin der Ausdruck „oivitas" der Bezeichnung „oivitatuia" für I'a- vianis vorzuziehen ist. Woher hat man denn in Co- lnmbans Kloster Lobio oder in Turin gewußt oder in Erfahrung gebracht, daß kavianis zur Zeit des Eugippius nur eine oivitatula, ein kleines Städtchen, nicht eine oivitas, ein großer Stadt- und Verwaltungsbezirk, im Sinne der Zeit des Eugippius, gewesen? Nach Jung hat zwar jedes mit Mauern umgebene Nest n a ch Diokletian munioipium, oivitas, oastollum, oppiäum und nrbs geheißen?) allein ob wir dieses allgemeine und Alles sozusagen über einen Kamm scheerende Urtheil in jedem besonderen Falle unbedingt unterschreiben dürfen, steht denn doch noch sehr in Frage. An einer andern Stelle sagt derselbe Autor b): „ka- vianas, in byzantinischer Zeit eine bedeutende Militär- und Flöttillenstation, hat man mit Paphos auf Cypern in Verbindung bringen wollen usw." MNg hat hier die Bedeutung der Stadt laviana in doppelter Hinsicht zugestanden, und wir müssen nach der Darstellung des Eugippius daran festhalten, daß die noch uncntdeckte Stadt und Beste in Niederösterreich eine ver- hältnißmäßig sehr bedeutende gewesen sein muß. Als Scverin circa 474/5 von Loiotro (Beiderwies neben Jnnstadt-Passan) nach llavianis zurückkehre» wollte, baten ihn die Bürger derJunstadt flehentlich, er möge ihnen nach seiner Rückkehr nach I'a- viana beim Rugenkönige Handelsfreiheit erwirken. Hier ist nun vor Allem wohl zu beachten, daß die Texte der Handschriften in oap. 22 sehr weit auseinander gehen. So haben nach der sehr schönen und alten s. Em- meramer Ausgabe des Eugippius, welche wir dem um die bayerische Geschichte hochverdienten Augsburger Patricier Markus Weiser verdanken?) die Bürger der Junstadt den seligen Mann inständig gebeten, er möge nach I'aviana zurückkehren (und) ihnen (vom) Rugenkönige die Erlanb- oivitate opxrsss» käme et mulisro oeonltante kru- menta st äe aäventn navium. Ebenso Hermann Sanppe ülou. Oerm. llistorios. Berlin 1877 xaK. 4. °) Vita 8. 8everini nach Pius Knüll, Wien 1886 pa^. 7. tznock baditatoribus oinitatulas kauianis cli» käme laborantibus miro moäo cksns ssus orations subveuerit. 0 Römer und Romanen. Innsbruck 1877 S. 150. °) I. o. S. 85. Die oivitas mird nicht kavianas, sonoren kaviana (as) geheißen haben. Das von Eugippius fast ausschließlich gebrauchte kaviauis ist der Vocativ von oastra kaviana. Ob man bei der Leseart kabianis an das alte. berühmte Römergeschlecht der Fabier oder an die milites I'adiani Komas des Oornslius Xspos (Ipkioratss oap. 1) denken darf, steht dahin. Zu kabianis des Textes bei 8urius und Ivaruus hat schon Weiser die Bemerkung gemacht: tzusm ckitkersntiam tanti nou aestimem, not um g nippe L et V vioissim vom- wutari. Opera omnia 1682 p. 667. °) I. Ausgabe Augsburg 1595; II. Nürnberg 1682. In der letzteren heißt es: intsrsa beatmn virum eivss oppicki memorati snpplioitsr aäiernnt, ut per^oret aä kauianam, kuAorum prinoipem, meroanäi eis liosntiam postularst (p. 681 e. XXII der Opera omnia). Gerade so liest die älteste Münchener Handschrift (Fragment) in oap. 22, Oock. bav. 44, Oock. lat. 1044, bei Sanppe mit O bezeichnet. Vcrgl. LLirchengeschichte Deutschlands von Dr. I. Friedrich. Baniberg 1867. S. 433. niß erwirken, Handel treiben zu dürfen. Hält man die Ortsbezeichnung aä ^avianam fest, so müssen alle einheimischen älteren Texte als defekt und die italienischen jüngeren Interpretationen mit aä b'odanum und aä I'sdansm als Fälschungen erklärt werden. Daß der Emmeramer Codex defekt war bezw. ans einem schon defekten Codex abgeschrieben hat, sieht auch ein Nichtphilologe auf den ersten Blick ein, weil den Prädikaten psrgsrst und postularst die Verbindungspartikel st oder Hus mangelt. Die Handschrift aus dem Lateran suchte nach Kerschbanmer "y diesem Mangel dadurch abzuhelfen, daß sie statt por§srot „xorZsns aä Fadian am" schrieb, RuZorum prinvipsm aber stehen ließ, da doch postulars niit aliyuiä ab aliqno construirt wird, mithin a HuZorum prinoips hätte gesagt werden sollen. Die Melker Handschrift und die italienischen Abschreiber, welche die fehlerhafte Construktion bemerkten, machten frischweg aus kaviana einen Personennamen kadanus, kodanss und I'sdanus, erklärten Kugorum prinoipsm als Apposition, welche neuere Jnterpretatoren schulgemäß zwischen zwei ' Komma stellten, und der neue Rugenkönig labanus und I'sdanss war fertig, den schon Kerschbaumer und nach ihm Sanppe für b'ava und I'sva ausgegeben haben, ohne Welsers zu gedenken, welcher ihnen dieses Kunststück schon vor 300 Jahren vorgemacht hatte.") Der Buchstabe i, sagt Kerschbanmer,'^) ist bei aä I'akianam des 6oäsx I-atsransnsis ausradirt und unter k'adiana (kadana) vielleicht die nämliche Persönlichkeit zu verstehen, welche sonst mit bava und I'sva bezeichnet worden ist. Sehr fein hat sich I. Heinrich v. Falkenstein um seinen lateinischen Text (nach Pez in Melk) herumgedrückt, wenn er „ab psrZsrst aä ksdanum kugorum prinoipsm sto." verdolmetscht niit"): „Severin möge nach k'abiana sich begeben und allda bei dem Könige der Rugier anhalten um Freiheit dorthin zu handeln." Wir sehen, die Lesarten sind sehr verschieden und ist vielleicht keine der Abschriften richtig genommen und hinterlegt worden, weil wir wohl annehmen dürfen, daß im Originale des Eugippius ursprünglich in oap. 22 nur die Ortsbezeichnung I'avianam oder aä kavianam vorgekommen ist, etwa analog wie in oap. XXXI aä I-auriaoum.") Der ursprüngliche Text dürfte demnach wahrscheinlich gelautet haben: „Intsrsa bsatum virum oivss oppiäi memorati '") I. o. (A. 5) o. XXII p. 47. Oock. ist. Llonaoeusis 12104 aus «. Veit in Prül bei Regensburg hat: „at per- Aerst ack kavians ru^oram prinoips meroanäigus eis liosntiam postnlarst." Ebenso Oim. 18512/2. Nach prinoips ist mit rother Tinte ein Punkt und bei meroancki über dem i ein g (roth) d. h. gus angebracht worden. (Textcorrecturen der Benediktiner.) ") Zu der Stelle „acl kavianam kuKorsm prin- oipsm" hat derselbe die Aufforderung: Ksstitus kaväm kuAornm! Opera omnia p. 671. '-) I. o. A. 7. Vergl. Sauppe S. 19, welcher ver^ens ack ksbansm gibt, die verschiedenen Lesarten anführt und die Bemerkung hat: vickstur ksnam sivs ksbam soridsnckum esse. K n ö l l hat ebenfalls kebanem angenommen, Weiser und die Münchener Handschriften, welche aä kaui- anam haben, werden ignorirt. ") Geschichte des Herzogthnms Bauern I, 102. Dr. Sebastian Brunner in Wien hat den Rngierfürsten ebenfalls kedanus (o. 23), 1)r. Rodenberg in Berlin k'eba genannt (oap. 22). ") Vergl. Sanppe Oapitula XXXI pa». 6. Xnöll 1. o. p. 10. (jaomoäo kevas, reZi kuAorum, aä I-au- riaonm oum exsreitu voutsutt ooonrrortt. 243 (i. e. Lstavini) suxxlioitsr säisrunt, ut psi-Zons Pavisnam (sä Paviansm) u Kugorum xrinoips mor- osuäi 6i8 licentiain xostulsröt"; oder „ut xergorst Pavisusw (sä Psvisnsm) «t a RuZorum xrin- oixo sto." Nicht der Name des Rugenfürsten war den Bürgern und Kaufleuten von Passau-Jnnstadt die Hauptsache, sondern die benöthigte und nachgesuchte Handelsfreiheit. Sie standen mit Pavians wahrscheinlich schon früher in Handelsverbindung und wollten, nachdem die Stadt dem Rugenkönige tributpflichtig") geworden war, dieselbe nunmehr erneuern bezw. wieder erlangen. In oap. 8, 31 und auch sonst") wird in der vita kissti Lovsrini dem Rugenkönige Poletstons der Beiname Psva (Pava) gegeben, weßhalb es fast den Anschein gewinnt, es sei in csp. 22 statt der Ortsbe- zeichnung Pavianana oder aä Pavisnain unter Berücksichtigung des Beinamens Pg-va und Psvs. der Name Psbanus und Psbsnss erst später geschaffen und in die jüngeren Texte aufgenommen worden. Weiser hat in feiner Genealogie der Rugenkönige (Oxvrs. o innig. 1682 pa§. 674) von Polstsus gesagt: c^ni 6t Psvs, sivs Pöbsnns. Möge sich die Sache übrigens wie immer verhalten haben, soviel ist gewiß, das; die älteste Handschrift, welche in der kgl. Hof- und Staatsbibliothek in München aufbewahrt und von Nniv.-Professor Dr. Friedrich in seiner Eugippius-Ausgabe benutzt worden ist, mit Weiser und Kerschbaumer und den andern Münchener Handschriften aä Pavianarn liest und darunter wohl nur der Ort bezw. die Stadt gleichen Namens verstanden werden kann. — Allein wenn auch die Identität der Ortsbezeichnungen Pgvisnis und Pavians bei Eugippius und Psfisna in der Reichsnotiz feststeht und anerkannt ist, so läßt sich doch die wirkliche Lage von Pavians (ich nur dann beiläufig näher bestimmen, wenn wir die römischen Jtinerarien zu Hilfe nehmen und vergleichen, da nur das vergleichende Studium, wie anderwärts so auch hier, zu einem annehmbaren Resultate führen und uns die Stelle zeigen kann, wo wir die oivitas Pavians. suchen müssen. Severin, sagt Eugippius, bestieg zu Loiotro (Loioclurum) ein Schiff und fuhr die Donau hinab nach seinem alten Kloster, welches das größte von allen war und hundert und mehr Meilen entfernt neben den Mauern von Pavianis lag. (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Geschichte des Liwultansum reliZionis «xsr- eit'ium im vormaligen HerzogthumSulz- b a ch. Von Georg Neckermann, Cooperator in Frontenhäuscn. Regensburg 1897. Habbel. 157 Seiten. L.. H. Ganz eigenthümliche Verhältnisse finden sich in etwa 30 Kirchen des ehemaligen Herzogthnms Sulz- bach, indem dieselben sowohl den Katholiken als auch den Protestanten zur Feier ihrer Gottesdienste znr Verfügung stehen. Dieser sonderbare Zustand, von weltlichen Fürsten ohne M itwirkung der Bischöfe von Regensburg und Eich- ") ill' oxpiclw sib! (k'svas) tributariis atgns vi- emis (ex guibus nuuiu erst Paviauis) cap. 31 u. 42. '°) Vergl. eap. 40, 42 u. 44. .") eap. 22 ack avtigunm itagns et ornnibus mafus mouastsrium suum, inxta Muro8opxicki Pavtanis, guock esntnm st Ultra millibu8 äderst, Danudii, nsviKstiono cks8osnüit snsviastioindv8 ckssoencksdat OIw. 12104 st 18512/2). stätt, in deren Sprengel das sulzbachische Gebiet lag. herbeigeführt, bericht auf dem sog. Kölner Vergleich vom 22. Februar 1652. Es ist nun gewiß von hohem Interesse der Entwickelung dieses Kölner Vergleiches nachzugehen und die Gestaltung der Dinge darzulegen. Darum begrüßen wir die Arbeit des Herrn Cooperators Necker- mann mit Freuden; ist ja doch auf katholischer Seite dieses Gebiet noch sehr wenig in Untersuchung genommen worden. Im Jahre 1542 war in Ncuburg und Sulzbach durch den tiefverschuldeten Ottbeinrich die neue Kirchen- ordnung eingeführt worden. In Folge der Konversion des Herzogs Wolfgang Wilhelm 1613 zur katholischen Religion wurde jedoch im Neuburgischen das fus rst'ormsnili zur Anwendung gebracht und der kath. Gottesdienst wieder hergestellt. In Sulzbach regierte unter neubnrg. Oberherrschaft Wolfgangs Bruder August, welcher sich jedoch der Durchführung der Rekatholisirung widersetzte. Sein Sohn Christian August führte 1632 den Kampf um die Erhaltung des Lutherthums fort. Als Landesherr war Wolfgang Wilhelm formell völlig berechtigt, wie auch Sperl (Geschichte der Gegenreformation 1,36) ausdrücklich anerkennt, auf Grund des Augsburger Religionsfriedens den evangelischen Glauben in den Aemtern seiner Brüder zu unterdrücken. Auch der westfälische Friede, welcher das Normaljahr 1624 statuirte, bot den Protestanten keine Handhabe zur rechtlichen Weigerung, das fus rskormsncki anzuerkennen, ebensowenig führten dieNürnberger Friedens- Exekutions-Verhandlungen 1650 und 1651 eine Einigung herbei. Herzog Wolfaang Wilhelm war indessen nicht abgeneigt. ein interimistisches Simultaneum anzuerkennen. Hinter dem Rücken des Vaters schloß nun der Erbprinz Philipp Wilhelm mit seinem Vetter Christian August den Kölner Vergleich, welcher für die Lebensdauer der beiden Fürsten das Simultaneum festsetzte. Am 16. Jan. 1656 trat der Herzog Christian August von Sulzbach selbst zur katholischen Kirche über, aber merkwürdiger Weise ist das Simultaneum bis au f den heutigen Tag beibehalten worden. Wenn wir an der Arbeit Neckermanns, welcher die einschlägigen Archivälien im Reichsarchiv zu München und im Kreisarchiv zu Nürnberg fleißig benützt hat, etwas auszusetzen haben, so ist es der Umstand, daß er der Vorgeschichte des Kölner Vergleichs in Abschnitt I, S. 7—36 zuviel Aufmerksamkeit geschenkt, den Wirkungen desselben dagegen zu wenig Beachtung gewidmet hat. Neckermann schildert die historische und rechtliche Seite der Einführung des Simultaneums, aber nach dem Titel des Werkes hätte man auch die weitere Entwickelung der kirchlichen Verhältnisse, die Streitigkeiten und Beschwerden der beiden berechtigten Confessionen erwartet. In dieser Beziehung bietet Theodor Lauter eine interessante Ergänzung in Kolde's „Beiträgen zur bayerischen Kirchen- geschichte II. Band (1886) S. 8—25". Zu der Erzählung Neckermanns' S. 27 von der bekannten Ohrfeige in Düsseldorf wäre zu vergleichen Räß, Die Convertiten IV. 224. Auch das Citat S. 19 aus Döllinger ist nicht ganz richtig; es muß heißen I, 148. Diese Bemerkungen sollen jedoch der Airerkennung für den Fleiß und die Klarheit m der Darstellung keinen Abbruch thun. Denn für einen Seel- sorgspriester ist es sehr schwer, die erforderlichen Materialien zu historischen Arbeiten zu gewinnen. Kirstein Ant., Entwurf einer Aesthetik der Natur und Kunst. 8°. vm -si 324 SS. Preis 4 M. 80 Pst Paderborn, F. Schöningh. 1896. -> Die mit großem Beifall aufgenommene „wissenschaftliche Handbibliothek" des Verlegers, welche ganz bedeutende literarische Leistungen ausweist, bringt außer theologischen Lehrbüchern auch Arbeiten aus anderen Zweigen gelehrter Forschung: diese Aesthetik bildet dett vierten Band der dritten Reihe und orientirt den Jünger der Wissenschaft, ohne tiefer einzudringen, in genügender Weise über einen Gegenstand, der eigentlich vom „Geschmack" abhängt und darum, dem Sprichwort ganz entgegen, so viel umstritten ist. Der Verfasser thut gut daran, die Grundsätze für die Beurtheilung der Schönheit in Natur und Kunst mehr historisch referirend zu beleuchten, denn in einer solchen Sache ist Absprechen wie Zustimmen gleich gefährlich, Sicherheit wird sich in vielen Punkten überhaupt nicht erreichen lassen. Die einschlägige Literatur ist in ausreichender Meüge lind mit verständiger Auswahl benützt und dem weitere Aufklärung Suchenden mitgetheilt 244 Der erste Theil des Werkes handelt von den nothwendigen Voraussetzungen, den verschiedenen Abstufungen und Gegensätzen der Schönheit im Allgemeinen, der zweite Theil bringt die Naturschönheit zur Darstellung, der dritte umfangreiche Theil beschäftigt sich mit der Schönheit der menschlichen Kunstwerke im Allgemeinen und Besonderen (Architektur, Plastik, Malerei, Dichtkunst, Musik). Das Buch hat uns viel Genuß und Anregung geboten, auch ist es in fließendem Stil geschrieben. Wir wünschen ihm eine Aufnahme, die den Verfasser ermuthigt, dieser Skizze bald eine ausführliche, kritische Aesthetik folgen zu lassen, was ja laut Vorwort sein Wunsch und Plan ist. Unsere Liebe Frau von Lourdes. Von H. Lasserre. Aus dem Französischen übersetzt von M. Hoffmann. Verlag von Herder in Freiburg. Preis 8 M. I Lasserre's Geschichte der Erscheinung von Lourdes hat bekanntlich ungemein dazu beigetragen, den internationalen Ruf des berühmten französischen Wallfahrtsortes zu verbreiten. Sie ist noch heute die bedeutsamste Schrift über die Entstehung des Cultus der „Madonna von Lourdes". zu welcher seit Jahren Schaaren von frommen Betern aus allen Weltgegenden gezogen kommen. Die Uebersetzung von Lasserre's Buch durch M. Hoffmann ist sehr gelungen, und die mit einer hübschen Abbildung der prächtigen Votivkirche von Lourdes versehene Ausstattung des Buches tadellos. Die deutsche Uebersetzuug liegt bereits in 7. Auflage vor. Erinnerungen eines Jerusalem-Pilgers. Von Pfarrer Gerh. Lücken in Vechta. Verlag von A. Rlffarth, München-Gladbach. Preis 1 M. 50 Pfg. * An Schilderungen einer Palästinafahrt fehlt es zwar nicht. Doch darf auch die vorliegende Schrift Beachtung beanspruchen, da sie gut geschrieben ist und manches Detail enthält, welches das Interesse des Lesers erregt. Auch ist die 242 Seiten umfassende Schrift mit sehr hübschem, reichlichem Bilderschmuck ausgestattet, und kommt der Ertrag einem Geselleuhospiz zu Gute. Der Verfasser machte die Pilgerfahrt im Jahre 1896 als Mitglied der Pilger- gesellschaft. welche vom Deutschen Palästina-Verein in- scenirt wurde und sich mit einer großen Anzahl Italiener vereinigte. Ehrenpräsident des ganzen Pilgerzuges war Monsignor Graselli, Erzbischos von Colossi und Präfekt der Collegien der Propaganda in Rom, eigentlicher Leiter der geistliche Herr Vicim aus Saluzzo. Die ganze Reise dauerte ab und nach Köln vom 19. April bis 7. Juni. Molitor, W., Die Blume von Sicilien. Dramatische Legende in fünf Akten. Zweite Auflage. Mainz, Franz Kirchheim. N. 152 S. Preis 2 M. Unter dem Titel „Die Blume von Sicilien" besingt der feinfühlige Dichter Molitor den jugendlichen Märtyrer Vitus, dessen Fest die Kirche am 15. Juni feiert. Mit Spannung verfolgt der Leser den in tadellosen Versen geschilderten Kampf zwischen heidnischem und christlichem Denken und Handeln. Da nur männliche Personen in dem Fünfakter auftreten, eignet sich das Stück ganz besonders für Jünglingsvereme zur Aufführung auf der Bühne. Theologisch-praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. oder 80 S. gr. 8". Preis ganzjährig 5 Mk. In Commission der Buchhandlung Gg. Kleiter in Paffau. Inhalt des 6. Heftes 1897: Die Entstehung und Bedeutung der Bodenzinse.—Oekolampadius im Birgitten- kloster in Ältomünster. — Bibel und Wissenschaft. (Schluß.) — Pastorelles von der Reise. — Die Volksexercitien nach Ständen, Alters- und Berufsklassen. — Verehelichung ausländischer. insbesondere österreichischer Staatsangehöriger in Bayern. — Kirchliche Entscheidung bezüglich des Oonuna llosnnsum. — Eigenthumsrecht und Ersatzanspruch bezüglich nachgepflanzter Bäume im Pfarrgarten. — Einschreiten gegen Concubinat der Eisenbahnbauarbeiter. — Das Uora- tölspkors. — Böller oder Donnermaschine? — Bierführen an Sonn- nnd Festtagen. — Katechismusstreit. — Schulunterricht äs matrimvllio. — Die Unterscheidungslehren m der Schule. — Persönlicher Charakter und die Äuk- torität des Priesters. — Neueste Erlasse und Entscheidungen der römischen Kongregationen. — Erlasse der obersten Verwaltungsstellen und Entscheidungen der obersten Gerichtshöfe. — Literarische Novitätenschau. Literarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Dreiundzwanzigster Jahrgang: 1897. 12 Nummern. M.9.—. Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshandlung. Inhalt von Nr. 6: Literatur über die Vereinigung der Kirchen. — Schulte, Der Brief an die Römer. (Barden- hewer.) — Rauschen, Jahrbücher der christlichen Kirche unter dem Kaiser Theodosius dem Großen. (Funk.) — Albert, Die Geschichte der Predigt in Deutschland bis Luther. (Keppler.) — Fischer, Geschichte der neuern Philosophie. (Braig.) — Melzer, Die Unsterblichkeit auf Grund der Schöpfungslehre. (Bach.) — Zimmermann, Die Universitäten in den Ver. Staaten Amerikas. (Ratzinger.) — Delitzsch, Assyrisches Handwörterbuch. (Nikel.) — Iahn, Stbawaihi's Buch über die Grammatik. (Hoberg.) — Streitberg, Sammlung von Elementarbüchern altgermanischer Dialekte. (Jostes.) — Michael, Geschichte des deutschen Kolkes. I. Band. (Zimmermann.) — Kampcrs. Die deutsche Kaiseridee in Prophetie und Sage. (Schulte.) — Ibirria, Haxolvcm III. »vant I'Lwpirs. (Reinhardt.) — Freybe, Faust und Parcival. (Kampers.) — Paul, Deutsches Wörterbuch. (Hellinghans.) — Gaedertz, Aus Fritz Reuters jungen und alten Tagen. (Hellinghaus.) — Gaedertz, Aus Fritz Reuters jungen und alten Tagen. Zweite Folge. (Hellinghaus.) — Schell, Der.Katholicismus als Princip des Fortschritts. (Franz.) —v.Weech, Romfahrten. (Pastor.) — Llarei Viavoul VitakorpüMl. (Künstle.) — Nachrichten. — Büchertisch. Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1897. Zehn Hefte M. 10.80 (oder zwei Bände ü M. 5.40). Freiburg i. Br.. Herder'sche Äerlagshandlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 5. Heftes: Der Werth Afrikas. 111. (Schluß.) (I. Schwarz 8. 9.) — Lohnvertrag und gerechter Lohn. V. (Schluß.) (H. Pesch 8. 9.) — Die neueste Messung der Gravitationsconstante durch k. Karl Braun 8.4. (L. Dressel 8. 9.) — Livlands größter Herrmeifter. IV. (Schluß.) (O. Pfülf 8. I.) — Der Sänger von Kyrenaika. (G. M. Dreves 8. 9.) Recensionen: Osuvrss äs 8aint Ill-sugois äs 8alss, loms III—VIII (L. Schmitt 8. ll.); OttiKsr, llAsoloAi» kunäamsntaUs (F. X. Wernz 3. I.); Michael, Geschichte des deutschen Volkes feit dem dreizehnten Jahrhundert bis zum Äusgang des Mittelalters (O. Pfülf 8. I.); Ehses, Festschrift zum elfhundertjährigen Jubiläum deS deutschen Campo Santa in Rom (I. Braun 8.I.); ksuss, Oarrnins 8oera 8. ^Ipbonsi Llarias äs Illsorio (W. Kreiten 8. ll.). — Emvfehlenswerthe Schriften. — Mis- cellen: Die Russen in Palästina; Zum Briefe des Negus Menelik au Leo XIII.; Die Auswanderung aus dem einigen Italien 1876—1895. Historisches Jahrbuch der Görresgesellschaf't. Commissionsverlag von Herder u. Cie. in München- (Jährlich 4 Hefte. zus. 12 M.) XVIII. Jahrgang. 2. Heft. Inhalt: Kopp, Petrus Paulus Vergerius der Aeltere I. Weiß, Der Streit über den Ursprung des Siebenjährigen Krieges I. v. Schmid, Der geistige Entwicklungsgang Johann Adam Möhlers I. — Weyman. ^imlscta IV. R e i ch e r t, Acht ungedruckte Dominikaner- briefe aus dem 13. Jahrhundert. Eubel, Zu Nieolaus Minorita. — Recensionen und Referate: Vene- tianische Depeschen vom Kaiserhofe. Band 3. Bearb. von Turba. (Schwarz.) Nunttaturberichte aus Deutschland nebst ergänzenden Aktenstücken. Abthlg. 3, Bd. 2. bearb. von Hansen, und dasselbe Bd.3, bearb. v. Schell haß. (Schwarz.) Wagner. Einführung in die gregorianischen Melodien. (Kornmüller.) — Zeitschristenschau.— Novitätenschau. — Nachrichten: F. A. v. Kraus, Ueber die Neubegründung einer deutschen Dante-Gesell- schüft. U. s. w. SergfltV. Uedacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. n,-. 35 W Allgsmirger FüjizmUg. 26. Juni 1897. » Zur jüngst erschienenen Schrift Nector Or. Schells. Wenn irgendwo strengste Gerechtigkeit, edelste Wahrheitsliebe, leidenschaftsloseste Nnhe und sorgfältigste Vorsicht und Umsicht nothwendig sind, so sind sie es im Kreise der Vertreter der Kirche, wenn es gilt, wichtige Fragen des kirchlichen Lebens und Wirkens zu besprechen, vorhandene Uebelstände zu beurtheilen und ihre Ursachen zu erforschen, die Mittel zur Abhilfe anzugeben und überhaupt Grundsätze und Wegweiser aufzustellen, nach denen sich die Thätigkeit der Kirche und die Arbeit der Katholiken richten muß, um unter den gegebenen Zeitverhältnissen die Aufgaben des Reiches Gottes auf Erden am vollkommensten zu verwirklichen. Und es ist kaum unnütz, zu den bezeichneten Forderungen noch diese hinzuzufügen, daß die Erörterungen und daraus entstehenden Kämpfe der Meinungen immer von den zwei großen Gedanken beherrscht sein müssen: dem der gegenseitigen Liebe und Achtung, 'und dem des gemeinsamen Zieles, welches besteht in dem Blühen der Kirche Christi, der wir alle als untrennbare Glieder Eines Leibes angehören. In diesem Geiste müssen die Fragen behandelt werden, welche Gegenstand der Schrift des derzeitigen Rectors der Universität Würzbnrg, vr. Herm. Schell, über den „Katholicismus als Princip des Fortschritts" sind, und welche ohne Zweifel sehr tief in das kirchliche Leben eingreifen. Was müssen wir thun, damit der Katholicismus in Deutschland gegenüber dem Protestantismus jene geistige Macht, zu der er innerlich fähig ist, immer auch äußerlich entfalte; damit er, wie es seine göttliche Aufgabe erfordert, sich die gebildeten Kreise des Volkes bewahre; damit die katholische Wissenschaft und Bildung jenen siegreichen Fortschritt vollziehe, zu dem sie in ihren ewig fruchtbaren Principien die volle Kraft besitzt; damit das kirchliche Leben innerlich und äußerlich fortgebildet werde und dadurch der fortschreitenden Zeit gewachsen bleibe; damit der wirkliche, concrete Zustand des Katholicismus dem von Gott gegebenen Ideale des einen wahren Christenthums menschenmöglich nahekomme? — das sind offenbar sehr wichtige, vielleicht Lebensfragen für die katholische Kirche in Deutschland. So dankbar man nun aus diesen Gründen demjenigen hätte sein müssen, der zur rechten Zeit auf die Wichtigkeit dieser Gedanken hinwies und sie nach Form und Inhalt glücklich besprach, so sehr ist es zu bedauern, daß die Schrift des hochgeachteten Mannes wegen Jn- opportunität ihres Erscheinens und ihrer Form und nicht geringer Mängel ihres Inhaltes bei den Katholiken Deutschlands jene Aufnahme nicht finden konnte, welche »ie Sache, der sie gewidmet ist, verdient hätte. Inopportun ist das Erscheinen der Schrift gewesen, weil sie nach den Worten der Einleitung moti- virt erschien durch die Enthüllung des Taxil'schen Betruges, und weil sie zu einer Zeit allgemeine Desidcrien öffentlich geltend macht, wo dergleichen, mit Ausnahme des numerischen Zurückbleibens der Katholiken in dem Besitze der Hoch- und Mittelschulbildung, gar nicht fühlbar sind, und die fühlbaren Ucbelstände nur partikulären Charakter haben. Inopportun oder unglücklich gewählt ist die Form der Schrift dadurch, daß in ihr sehr verschiedenartige Wünsche in gleicher Form behandelt und Dinge, die vor ganz verschiedene, getrennte Fora gehören, gleichmäßig dem großen, gemischten Publikum vorgelegt werden. Ein Theil des Inhalts ist derart, daß die gegebenen Anregungen nur bei dem deutschen Episkopate ihren Ori finden könnten, da nur diesem die Entscheidung der betreffenden Fragen, z. B. über die geeignetste Weise der Heranbildung des Klerus, und die Ausführung der angedeuteten Vorschläge zusteht. Ein anderer Theil der Anregungen betrifft die Pflege der Wissenschaft in kathol. Kreisen und hätte in der Vereinigung der kathol. Gelehrten Deutschlands vorgebracht werden müssen. Ein dritter Theil ist pastoreller Natur und oft so heikler Art, daß er nur in einer solchen Form ohne Anstoß hingenommen werden könnte, in welcher er in erster Linie oder fast ausschließlich dem Klerus dargeboten würde. Ein anderer Theil ist Polemik gegen protestantische Gegner und deßhalb schwer vereinbar mit den zuvor bezeichneten Elementen der Schrift. Erst ein fünfter Theil enthält Anregungen für das katholische Publikum und die Presse, und nur dieser paßte in eine dem ganzen Publikum vorgelegte Broschüre. Aus diesen Gründen fand sich vielleicht der größte Theil der katholischen Leser, so sehr er die Schrift unter anderen Umständen freudig begrüßt hätte, peinlich davon berührt. Der Inhalt besteht aus zwei verschiedenartigen Elementen: er umfaßt einerseits den Hinweis auf vorhandene Uebelstände, welche das Gedeihen des Katholicismus hemmen, andererseits Grundsätze und Winke, welche der Beseitigung dieser Hindernisse und dem Fortschritt des Katholicismus dienen sollen. Mit Absicht halten wir diese beiden Elemente der Schrift Dr. Schells nachdrücklich auseinander, denn nicht leicht wird man eine Schrift finden, wo sich so sehr die Mahnung aufdrängt: Hui bena äistiuZuit, bong äoost — bans zuckiaat. So dankbar jeder besonnene Katholik die Winke und Mahnungen begrüßen wird, die hier für verschiedene Gebiete des katholischen Wirkens gegeben werden, so bedauerlich ist andererseits die Entstellung des Bildes, welches vom Katholicismus Deutschlands entworfen wird. 1. Schell geht aus von der wissenschaftlichen „Jn- feriorität" der Katholiken Deutschlands. Für die Thatsache, welche er damit bezeichnen will, ist nun aber das Wort „Jnferiorität" ganz und gar unglücklich gewählt. Es läßt Jeden, der es liest, an ein qualitatives Zurückstehen in der Wissenschaft, bezw. in der höheren Bildung denken (statt „geistiger Jnferiorität" in der 1. Auflage sagt Schell in der 3. Auflage „wissenschaftliche"). Derart liegt aber die Thatsache nicht: sie besteht in einem numerischen Zurückstehen der Katholiken gegenüber den Nichtkatholiken in dem Antheil au der Wissenschaft und an dem Besuche der Hoch- und Mittelschulen. Die Bezeichnung Schells ist also irreführend, den Andersgläubigen gegenüber compromittircnd, für die Katholiken beleidigend. Doch jene Thatsache besteht. Was aber die Erklärung derselben, die Gründe, worauf sie zurückgeführt werden muß, betrifft, so hat Freiherr v. Hertling dieselben in seiner Rede zu Konstanz auf der Versammlung der Görresgesellschaft auf Grund reiflicher Ueberlegung und feiner Beobachtung in sehr befriedigender, wahrheitsgemäßer Weise dargestellt. Demgegenüber erscheint das, was Rector Dr. Schell beibringt» nicht so glücklich. 246 Als einen Grund für jene Thatsache gibt er an, daß „auf katholischer Seite" — nicht in Folge der Principien des Katholicismus, sondern in Folge fehlerhaften Verfahrens seiner Vertreter — „die religiöse Inanspruchnahme der eigenen Vernunft und Persönlichkeit allzusehr zurückgedrängt, auf einfach bereitwillige Hinnahme und gehorsame Ausführung herabgesetzt werde," daß sich in Folge dessen gerade die Gebildeten, die größeres Bedürfniß nach Selbstständigkeit und Sclbstbethätlgung auch in Sachen der Religion haben, im Katholicismus minder befriedigt fühlen sollen. Aber könnte dies — zugegeben, daß es wahr wäre — die Thatsache des numerischen Zurückbleibens der Katholiken im Antheil an der höheren Bildung auch nur zu einem Theile erklären? Nein. Läßt denn der katholische Beamte, der katholische Gelehrte, der katholische Offizier etwa deßhalb, weil er sich in der katholischen Religion nicht ganz befriedigt fühlt» seine Söhne nicht studiren? Es ließe sich gewiß nachweisen, daß diese Kreise dort, wo sie die Gelegenheit haben, ihre Söhne in ebenso großer Zahl an die Mittel- und Hochschulen senden, wie ihre nichtkatholischen Standesgenosfen. Oder gelingt etwa den Söhnen gebildeter Katholiken deßhalb das Studium weniger, und finden sie nach der Vollendung desselben deßhalb keine so gute Carriere, weil ihre Persönlichkeit in dem religiösen Leben weniger in Anspruch genommen wird? Jedermann sieht, wie absurd solche Aufstellungen wären. Das einzige Wahre im Satze Schells ist dies, daß unter der gemachten Voraussetzung viele gebildete Katholiken ihrer Religion nicht mit Liebe anhangen, wenig oder nichts für sie wirken und ihre Interessen in den höheren Kreisen nicht vertreten, ja ihr leicht untren werden würden. Das Letztere ist nun allerdings auch Thatsache, und zwar eine viel schmerzlichere als das numerische Zurückstehen im Antheil an der höheren Bildung. Aber dies sind zwei sehr verschiedenartige Thatsachen, die auch aus verschiedenen Gründen zu erklären sind. Wenn die Gebildeten nicht jene Befriedigung in der katholischen Religion fänden, welche ihrem Streben nach geistiger Selbstbethätigung entsprechen würde, so würde das allerdings ein Erkläruugsgrund für die Thatsache sein, daß so viele gebildete Katholiken dem katholischen Glauben und Leben entfremdet oder doch lau und gleich- giltig in der Vertheidigung ihrer Religion werden. Aber vor Allem stellen wir die Frage: Reichen denn die übrigen thatsächlichen Faktoren der Vergangenheit und Gegenwart nicht aus, um die bedauerliche Thatsache des Lau- und Untreuwerdens vieler gebildeten Katholiken bis auf einen verschwindend kleinen Rest zu erklären? Die niederziehende Schwerkraft der menschlichen Neigungen, der Stolz und die Liebe zur Ungebundenheit im Innern der Herzen; der Umsturz des Jahres 1848, der den ganzen Zeitgeist in ein Bett lenkte, das von Frömmigkeit und Ehrfurcht stetig hinwegführt; die äußeren Erfolge des Protestantismus, der Staatsgewalt und der profanen Wissenschaften seit vier Dezennien; der Kampf der deutschen und österreichischen Neichsregierung und der deutschen Landesregierungen gegen die katholische Lehre und die katholischen Sitten; die principielle Berufung von Nichtkatholiken oder nicht entschiedenen Katholiken an die Hochschulen, die Begünstigung dieser Kategorien in den Beamten- und Professorenstellen; der Principal der anti- katholischen Zeitungen und die Ueberfülle der antikathol- ischen Literatur überhaupt — und wir haben hier nicht Alles aufgezählt — mußte das nicht Alles die gebildeten Katholiken hinüber locken, treiben, ziehen, drängen? Doch wir gestehen zu, daß auch Fehler der Katholiken zu dieser Erscheinung beigetragen haben; Fehler, die sie zum Theile selbst längst bemerkt haben, die zum Theil auch minder beachtet worden sind, die wir aber alle nach Kräften bekämpfen müssen. Da wären gewiß alle Katholiken Herrn Rector lir. Schell dankbar für Aufdeckung aller Hemmnisse und für weise Rathschläge zu ihrer Beseitigung. Aber gerade hier ist's, wo wir das Bild, welches Schell von dem gegenwärtigen Zustand und Wirken des Katholicismus in Deutschland entwirft, nicht zutreffend finden können. 2. Als einen Hauptfehler bezeichnet Schell die unter der geistigen Führung des Jesuitenordens vor sich gegangene antiprotestantische Entwicklung der Theologie und des privaten Cultus; doch unterscheidet Schell selbst die geistige Führung des Jesuitenordens als ein besonderes Hinderniß für das Gedeihen des Katholicismus von der „antiprotestantischen Entwicklung"; so daß es passend ist, beide Klagen getrennt zu besprechen. Antiprotestantische Entwicklung! Volles Recht hak Schell, wenn er betont, daß dieselbe vermieden werden muß, und Winke gibt, die vor derartigen Fehlgriffen warnen. Indem man gegen einen Irrthum kämpft, kann es einem begegnen, daß man unvermerkt ins andere Extrem verfällt und so die Mitte, in der die Wahrheit liegt, verläßt. So ist es im Kampf gegen den Nestorianis- mus jenen ergangen, welche die Union der Naturen vertheidigten, und darob in das Extrem des Monophysitismus fielen; so sind unbesonnene Bestreiter des Pelagianismus in den Irrthum der Prädestinatianer verfallen. So könnte es auch einem katholischen Theologen ergehen, daß er im unbesonnenen Kampfe gegen die Lola-Loriptura-Lehre der Protestanten in das Extrem der Loln-Draäitio-Lehre fiele; daß er in der Vertheidigung der positiven und objectiven Glaubensnorm gegen den Subjektivismus der protestantischen Lehre die subjektive Betheiligung der Vernunft am Zustandekommen und an der Bewahrung des Offenbarungsglanbens übersähe; daß er, die Stellung der Heiligen Gottes in der Gnadenordnung vertheidigend, ihre Bedeutung im Erlösungsplane übertriebe; so könnte es auch in der Praxis geschehen, daß mancher Bischof, Orden, Priester, Gläubige, um die falsche protestantische Handlungsweise, in der Vernachlässigung der Heiligen Gottes, in der Trennung von Rom, im übertriebenen Nationalismus und Nationalismus, sicher zu vermeiden, in der entgegengesetzten Richtung mehr thun würde, als gut und heilsam ist. Und Jedermann wird den loben, der znr rechten Zeit vor solchen Fehlgriffen warnt und daran erinnert» daß die Wahrheit, wie auch die rechte Praxis, nur in der Mitte liegen kann, daß jedes Extrem in Sachen der Lehre Irrthum, in Sachen des Lebens gefährlich ist, letzteres mit jenen Beschränkungen verstanden, die sich aus der Natur der Sache sowie aus den Umständen ergeben. Aber wie und wo sind denn jene und ähnliche Fehlgriffe begangen worden? Schell spricht von einer antiprotestantischen Entwicklung der Theologie und des Privat- cultus als wie von einer Thatsache. Was soll das sein? wo ist das zu finden? Welcher Theologe hat denn jemals „wenigstens verhüllt die praktische Folgerung gezogen, daß es für den Katholiken gar keiner persönlichen Gewissens- prüfnng der Dinge bedürfe, auf die er sein ewiges Heil stellen soll, daß ihm der unfehlbare Papst diese Sorge 247 von vornherein abnehme" ? Wo hat denn Schell die Neigung unter Katholiken gefunden, im Protestantismus „überall gleich Satauismus zu wittern" und Alles tm jenseitigen Lager zu verschlechtern? Wir geben zu, daß es, wie überall, so auch unter uns Katholiken Männer gibt von minder tiefer Auffassung, minder starker Urtheilskraft, minder weitem Gesichtskreis, minder feinem Gefühl, minder scharfer Unterscheidungsgabe, nicht genügendem Sinn für strenge Wahrheit und peinliche Gerechtigkeit ; — daß daher öfters in der Publizistik, oder mich privatim, in dem Urtheil über protestantische Gesinnungen und Handlungen, sowie in der Polemik Fehler begangen werden, die unterbleiben sollten. Möchten sie vermieden werden! Aber sind denn das allgemeine Calamitäten, herrschende Richtungen, als welche sie dadurch hingestellt werden, daß eine öffentliche Broschüre ihre Stimme gegen sie erhebt? Muß denn nicht vielmehr überall, wo die Confessionen gemischt sind, die Milde, ja oft die Nachgiebigkeit der Katholiken anerkannt und bewundert werden? Wie oft finden sich denn in katholischen Büchern, Reden und Predigten Entstellungen des protestantischen Glaubens, Herabsetzungen des Lebens der Andersgläubigen? Wo „sinken wir denn von der Höhe des Christenthums im Geiste und in der Wahrheit zur Jnferiorltät französirender Andachts- und Auffassungsweisen herab"? Solche allgemeine Anklagen haben immer den Charakter von Entstellung, wenn sie nicht speciell begründet werden. Soll etwa die Wallfahrt nach Lourdes, oder die Herz-Jesu-Andacht, oder die Herz-Maria- Bruderschaft gemeint sein? Dann begründe Herr Schell den Vorwurf, daß in diesen Uebungen das wahre und geistige Christenthum nicht vorhanden sei, daß dieselben keinen allgemeinen christlichen Inhalt haben, sondern ein Produkt französischer Schwäche und Ueber- schwenglichkeit seien. Und wenn sich an ihnen, obwohl sie wahres Christenthum sind, Zuthaten französischer Manier zeigen, die entweder überhaupt nicht lobenswerth, oder zwar an sich gut, aber für uns Deutsche unpassend sind, so zeige er, wie wir dieselben von dem guten Kern zu trennen haben! Ueberhaupt — so berechtigt Schells Forderung ist, daß jedes Volk seine (und zwar guten) Eigenthümlichkeiten in der christlichen Religion entfalten soll —, so wird doch auch, wie der Einzelne von seinem Ncbenmenschen, jedes christliche Volk vom andern etwas Gutes lernen und annehmen können, ohne dadurch seine Eigenart zu verderben. Leisten daher die Franzosen hier oder dort etwas Gutes im Christenthum, so thun wir doch nur gut, es zu gebrauchen. 3. Wir sind hiemit zu der Klage Schells über die allzu große Pflege des „Romanismus" unter den Katholiken germanischer Nationalität gekommen. „Nomanis- mus" im Sinne Schells hat — wir bemerken dies ausdrücklich — mit Rom nichts zu thun; es bezeichnet die Denk-, Fühl- und Handlungsweise der Völker romanischer Nationalität. Schell wirft uns deutschen Katholiken „unselbstständige Nachahmung fremden Wesens" vor. Und worin findet er diese, abgesehen von den schon besprochenen Andachtsformen? Das Hauptsymptom des „gewaltigen Einflusses, den der romanische Geist auf die religiöse Vorstellungswelt der Katholiken und des Klerus zu üben vermag", findet Schell in der „ungeheueren Verbreitung und Verehrung der Leo Taxil-, Margiotta- und Vaughan'schen Enthüllungen". Der Romanismus also, dessen blinde Nachahmung den deutschen Katholiken vorgeworfen wird, besteht in der Leichtgläubigkeit, in der Neigung zum Seltsamen, Llbenteuerltchen, in dem „Verzicht auf den Gebrauch innerer Kriterien", in der Empfänglichkeit für „derb sinnliche" Erscheinungen des Ueber- natürlichen! Man erlasse es uns, hier auf Worte zu erwidern, die nie hätten fallen sollen. Nur die eine Ueber- legung empfehlen wir anzustellen: Wieviele Katholiken Deutschlands, selbst Kleriker, haben die Bücher Taxils und Vaughans gelesen? Etwa 1 von 1000 im Ganzen, und 1 von 10 im Klerus? Nein. Wieviele von denen, die sie lasen, haben sie geglaubt? Taxils erste Schriften vielleicht die meisten — aber von welchen Nichtkatholiken wurden sie nicht geglaubt? Und die Schreibereien der Vaughan hat von den deutschen katholischen Lesern kaum 1 Proc. ohne Mißtrauen betrachtet. Schreiber dieses urtheilt hier nach seiner eigenen Umgebung, nach den Aeußerungen in den Zeitschriften und nach den Resultaten des Trienter Congresses. Was hat die 6ivIItL oattolios, und die römische Commission in der Vaughanfrage mit den deutschen Katholiken zu thun? Die erstere liest und kennt man bet uns sehr wenig, und den Entscheid der letzteren konnte man bei uns allgemein sehr kräftig beurtheilen hören. Aber an Herrn Rector Schell haben wir noch einige Fragen. Er hatte jedenfalls schon längst aus „inneren Kriterien* die Falschheit jener Machwerke Taxils erkannt, er sah ihre Verbreitung in Deutschland, er mußte die ärgerlichen Folgen voraussehen. Warum hat er denn nicht, zuerst im engeren Kreise, dann in den theologischen und literarischen Zeitschriften, seine Stimme dagegen erhoben ? Dort wäre sein Ruf, seine Warnung am Platze gewesen, jetzt ist sein nachfolgender Tadel wenig dankens- werth. Und welches ist denn jene Schule, welche „den inneren Kriterien nicht den gebührenden Werth beimißt, sondern alle Wahrheit nur auf Autorität stellt", unter deren Einfluß das katholische Deutschland schon zu lange steht, und deren Wirkung „Jnferiorltät im selbstständigen Vernunftgebrauche" ist? Ist diese Schule vorhanden und ist sie gefährlich, wohlan, so muß sie bekämpft werden, aber wir können nur einen Gegner bekämpfen, den wir sehen! 4. Wir kommen zu der au sich berechtigten Mahnung, daß sich die deutschen Katholiken der natürlichen Mittel des Gedeihens, als da sind politischer Einfluß, „weltliche Wissenschaft, Culturfortschritt, Entwicklung der volks- wirthschastlichen und industriellen Kräfte", nachdrücklich und eifrig bedienen und sich ihrer in keiner Weise einschlagen sollen. Man kann hierin Herrn Rector Schell nur beistimmen, mit dem Zugeständuiß, daß wir es hierin vielfach bald aus Aengstlichkeit, bald aus Sorglosigkeit an dem fehlen lassen, was nothwendig wäre. Schell hätte freilich anführen können, daß dies Verhalten der Katholiken seine historischen Gründe hat, welche diesen Rückstand in milderem Lichte erscheinen lassen. Umsomehr ist es zu beklagen, wenn Dr. Schell auch in dieser Beziehung das Verhalten der Katholiken falsch darstellt. Was soll das heißen, wenn Schell Andeutungen gibt, als ob „die Anschauung immer mehr Einfluß gewinne» daß das Gebet seinen Hauptwerth von den damit verknüpften Ablässen habe". Im Namen der Wahrheit frage ich Herrn Rector Schell, wo er denn eine Spur von einer Anschauung, welche den moralischen Werth des Gebetes nach den Ablässen mißt, gefunden hat, und wie er es wagen kann, hierin eine allgemeine Verdächtigung ans- zusprechen? Und wenn er dabei die Thatsache meint, 248 daß Christen, die von der Wahrheit der jenseitigen zeitlichen Strafen durchdrungen sind, Gebete mit Ablässen gerne gebrauchen, welchen Tadel hat er gegen sie? Was er sonst von der religiösen Wcrthschätzung der systematischen Forderung der Mitmenschen sagt, ist als Mahnung sehr beherzigenswerth; sofern es aber Tadel verkehrter Auffassung und Handlungsweise sein soll, erregt es den Schein, als habe Schell die katholische Bewegung der letzten Jahre nicht genügend berücksichtigt. Dr. Otto Sickenbcrger, Docent im erzbisch. Klerikalseminar in Freifing. (Schluß folgt.) Hans Holbein der Jüngere. Ein Gedenkblatt zu dessen 400jahrigem Geburtstagsjubiläum von A. Zottmann. (Fortsetzung.) In einem Werke aber» dem berühmtesten von allen, die aus seiner Hand existiren, weiß er sich höher zu erheben und uns doch auch eine gewisse ideale Befriedigung abzugewinnen, nämlich in der weltbekannten Madonna des Bürgermeisters Meyer. Freilich ist dasselbe kein Kölner Dombild an jungfräulich erhabener Hoheit und überirdischer Würde, in welchem die Madonna die Huldigung der Großen entgegennimmt, auch keine Six- tina, welche aus himmlischen Regionen herschwebend uns ihr höchstes Gut, das göttliche Kind, entgegenbringt, sondern es ist eine mitten unter ihren Schützlingen stehende liebreiche Mutter von mehr irdischer Anmuth und Hoheit, aber ein Bild, das nicht abstößt und kalt läßt, sondern geeignet ist, zu tiefer Andacht zu stimmen. Die gekrönte Gottesmutter steht aufrecht in einer muschelförmig überdeckten Nische und hält das nackte, die linke Hand wie zum Segnen ausstreckende Jesukind. Ihr mattgrüner Mantel breitet sich hinter der zu beiden Seiten knieendcn Stiftergruppe aus und fällt links vom Beschauer ein wenig auf die Schulter des mit innigem Vertrauen zu Maria aufblickenden, in kniender Stellung befindlichen Bürgermeisters herab; vor ihm kniet ein halberwachsener Sohn, welcher sich um den jüngsten Sprößling annimmt; rechts vom Beschauer knien des Stifters beide Frauen und seine Tochter. Auf dem Fußboden ist ein prächtiger Teppich. Mit großer Wärme schildert Woltmann die Madonna und die Stiftergruppe: „Kein Gefühl aber lebt stärker in ihr, als das völlige Sichselbstvergessen, das Ganz- ufgehen in dem Kinde, das sie trägt. Nur um den Segen des fleischgewordenen Gottessohnes zu bringen, ist sie da, sie ist nur da, indem sie und damit sie das Kind trägt. Mit beiden Händen hält sie es, sie, die bescheidene Magd des Herrn, die sich kaum werth hält des köstlichen Gutes, das in ihren Armen ruht. Mutter und Kind sind wie eine Gestalt, erfüllen eine Funktion. Dies segnet, und sie trägt; nicht die Geberin, nur die Bringerin der Gnade kann sie sein und will sie sein. Völlig ergriffen aber vom Bewußtsein dieser Gnade kniet der treue Bürgermeister mit den Seinen. Mutter (?), Weib und Kindern, Lebenden und Heimgegangenen, unter ihr . . . Ernste Stimmung der Andacht breitet sich über sie Alle, und Jedes nimmt nach seiner Art Theil am Gebet. . . . Demüthig wagt von ihnen Keines aufzuschauen und der Hi'mmelserschcinnng Aug'in Auge zu begegnen; aber die volle, innerste Gewißheit der Gemeinschaft mit dem Heiligen durchdrängt sie alle und hält sie verbunden, und von der Hand des göttlichen Kindes, die mild über sie ausgebreitet ist, strömt auf sie nieder sein Segenswunsch: Friede sei mit euch!" Das Bild hat eine ganze Literatur ins Leben gerufen, einmal behufs der näheren Erklärung und sodann wegen des Streites, welches von den zwei existirenden, ob das in der Dresdener Gallerie oder das in Darmstadt das eigentliche Original sei. Am einfachsten erklärt sich das Gemälde als Votivbild des Bürgermeisters Meyer» welcher im Gegensatz zu einer starken Partei der Stadt Basel am alten, katholischen Glauben unentwegt festhielt, und mit diesem herrlichen Bilde auch diesem unerschütterlichen Glauben Ausdruck verliehen wissen wollte. Bezüglich des berührten, viel Staub aufwirbelnden Streites betreffs der Originalität sei nur Folgendes hervorgehoben: Bis in die zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts war eigentlich nur das Dresdener Bild bekannt, aber auch weltberühmt. Anno 1822 nun wurde das jetzige Darmstädter für den Prinzen Wilhelm von Preußen erworben, blieb aber unbeachtet, bis 1830 der Kunsthistoriker Hirth es als Original dem Dresdener gleichstellte. Franz Kugler (1845) nahm schon dessen Priorität an und glaubte, daß es ganz von Holbein sei, während er vermuthete, daß beim Dresdener zwar von Holbein die Hauptsache, aber doch Einiges von Gehilfen gearbeitet sei. Aehnlich Waagen und Woltmann. Erst 1867 erklärte der Engländer Wornum das Dresdener Bild für eine Copie eines späteren Meisters, und die Holbein-Ausstellung 1871 in Dresden, wo beide Bilder nebeneinander verglichen werden konnten, bestätigte voll und ganz dieses Resultat. Seit der Zeit hat Darmstadt den Ruhm, Holbeins Original, eines der größten Meisterwerke der Welt zu besitzen, während Dresden damit sich begnügen muß, eine allerdings vortreffliche, durch die Hand eines Niederländer Meisters im 17. Jahrhundert hergestellte Copie dieser Perle deutscher Kunst sein Eigen zu nennen. Was Holbein in dieser Zeit noch Beachtenswerthes geleistet, das sind sein eigenes Porträt, verschiedene Porträts des Erasmns, des berühmten Buchdruckers Febronins, des Melanchthon, der Offenburgcrin, und dann verschiedene Holzschnittzeichnnngen zu Nandverzicrungen und Illustrationen von Büchern. Aber die eindringende Reformation war für Künstler wenig günstig, die Nachfrage nach Bildern und Aufträge für Künstler wurden immer weniger, ja es war ganz verpönt, überhaupt Bilder malen zu lassen. Kein Wunder, daß der inzwischen mit einer gewissen, nach dem Porträt häßlich wie die Nacht erscheinenden Gerberswittwe verheirathete Meister sich nach einem günstigeren Arbeitsfeld umsah. Sein Gönner, der gelehrte Humanist Erasmns, welcher sich damals in Basel aufhielt und überallhin Verbindungen hatte, half ihn, ein solches finden. Derselbe wendete sich an seinen Freund, den berühmten und edlen Kanzler Thomas Morus in England, schickte ihm sein von Holbein gefertigtes Porträt und empfahl den Künstler. Vom 18. Dezember 1525 ist folgende Antwort des Kanzlers: „Dein Maler, liebster Erasmus» ist ein wunderbarer , Künstler; dennoch fürchte ich, daß ihm England nicht so fruchtbar und gewinnbringend vorkommen wird, als er gehofft. Daß er es indeß nicht ganz unfruchtbar finde, dafür will ich mein Möglichstes thun." Im Herbst 1526 verläßt daraufhin Holbein Weib und Kind und findet in England bei Thomas 249 Morus die gastlichste Aufnahme und auch sogleich Beschäftigung, indem dem Künstler die Herstellung vieler Porträts der angesehensten Persönlichkeiten, des Morus selbst, dann dessen ganzer Familie, des Erzbischofs War- ham von Canterbury, des kgl. Stallmeisters Sir Henry Guildford, des k. Astronomen Nikolaus Kratzer n. A., übertragen wird. Auf diese Weise verdient sich Holbcin ein gut Stück Geld und kehrt im Sommer 1529 nach Basel zurück, wo er die Rathhausbilder, vollendet und einige andere Arbeiten, vielleicht auch seinen berühmten Todtcn- tanz, gefertigt. Der letztere ist der auf verschiedenen Holzschnittblättcrn zum Ausdruck gebrachte Gedanke, daß Alles der Macht des Todes unterliegen müsse, das; kein Stand, keine Weisheit, keine Lage sich sicher wähnen dürfe. „Holbcin hat diesen Gedanken, der schon früher in einzelnen Figuren in Kreuzgängcn und Kirchhofkapellen Ausdruck gefunden, mit neuem Geiste und mit sprudelndem Humor darzustellen gewußt. Er liebte dieses Thema so sehr, daß er es nicht bloß in einer Folge von Blättern (ursprünglich 41), sondern auch als Alphabet und für eine Dolchscheide zür Ausführung brachte." (Schluß folgt.) Wo in Niederösteneich ist das Hauptkloster bsati Lövei'iniund dierömische Flottenstationk'avikliig. zu suchen? Von I. N. Seefried. -(Schluß.) II. Nähere Bestimmung der Lage von Pavian» und Pavu Poliois unterhalb Lorch an der Donau. Für die Streitfrage, wo an der Donau Paviauis (Locativ) oder Pavian» gelegen, muß der Donaustrom uud die Entfcrnungsangabe des Eugippius mit 100 Mil- 'ien und darüber von Jnnstadt-Passau als entscheidend festgehalten werden. Da nun, sagt Mommsen,") nach dem Jtinerare Antonins von Jnnstadt-Passau bis I-aou Poliois 101 N. P. gezählt werden, so folgt mit Nothwendigkeit, daß beiläufig hier (in Imon Poliers) Paüana müsse gelegen gewesen sein, und nicht zufällig scheint es uns, daß wir bisher mit Sicherheit bloß aus der Ortschaft Mauer (bei Ocling) Ziegel der ersten »arischen Legion besitzen, deren Prüftet die Rcichsnotiz in Paüanis (Paüana) ansetzt. Ziehen wir mit Mommsen das Itinorariura Lo- lovini Hugusti aus den Tagen Konstantins d. Großen zu Rathe, so sind die Entfernungen der einzelnen Stationen auf der via rnilitaris voll Caou (Pooo) Poliois bis Loioäurum und umgekehrt angegeben, wie folgt: Oaeu (Paso) Psliois > XX . Pauriaoo ! XVI Ovilavis j XXVII ckoviaoo ! xvm Ltanaso ! XX (Ausgabe vonG. Parthey und M. Pinder, Berlin, 1848, MK. 115; Wesseling 248 u. 249.) 01 (101) w. x. m. Boiockurum. Loioäuro I XX Ltauaoo I XVIII lloviaoo > XXVII Ovilavis I XVI Iiauriaoo I XX 01 ( 101 ) Imoum Psliois. '°) 0. I. 0. (Oorp. Inserixt. lat.) III, 2 pa§. 687 Berlin 1673. Hiernach war Loioclnrnm von I^aon Poliois und umgekehrt dieses von jenem fast ebensoweit entlegen wie lloiotro nach Eugippius von Paviauis, weil contuin milia passuum und darüber (st ultra) sich mit 101 inillo passus entweder vollständig decken oder nur um ein paar inillo passus diffcriren, wenn das ot ultra bei Paviauis 1 — 4 inillo passus, mithin die ganze Entfernung von Iloiotro bis Paviauis zwischen 102 — 105 m. p. bctrageil hat. Im ersteren Falle würden die Städte und festen Plätze I-aou (Pooo) Poliois und Paviauis (Paviaua) auf der Donanstraße des Jtinerars in gleicher Entfernung von Jnnstadt-Passau in Eins zusammengehen, und wir müßten annehmen dieselben seien identisch gewesen und hätten etwa nur im Laufe der Zeiten ihre Namen gewechselt; allein dieser Annahme widerspricht positiv und ganz entschieden das Staatshandbuch des römischen Reiches, die Xotitia eli- ßuitakulu utriusyus luiperii, eine officielle Quelle, welche beide Städte zu gleicher Zeit namentlich und genau von einander unterschieden aufgeführt hat, wenn sie in P.aou Psliois Pyuitos Lagitarii (berittene Bogenschützen), ZU Pa6a.ua> aber den oben angegebenen Commandanten der Libnrnarierabthcilung der I. »arischen Legion garni- soniren läßt.") Beide Städte waren demnach nicht identisch, und muß deßhalb Paliaua (Pauiauis) einige Millien unterhalb Imou Poliois aufgesucht werden. Die Lage von I-aou Poliois ist für die nähere Be stimmung von Paviaua sozusagen präjudiciell. Wenn wir nun wissen, daß nach Antonins Jtinerar") Paon Poliois XX ruillo Passus unterhalb der damaligen Bischofsstadt I-auriaouw (jetzt noch Lorch an; Ausfluß der Lorach in die Donau) situirt war, so weist uns diese Entfernungsangabe auf einen Punkt der Donanstraße, welcher sich zwischen den Märkten Wallsee und Ar- dagger auffinden nnd als Imon Poliois nachweisen lassen muß. Bekannt ist ja längst, daß die bezeichneten Märkte, insbesondere Wallsce, Fuudgcgenstände aus der römischen und vorrömischcn Zeit besitzen, weßhalb die meisten Gelehrten und Alterthumsforscher mit Simlcr, Cluver, Muchar, Neichardt, Kenner, Hormayr und Sam wer dafür eingetreten sind, daß man lstaou Poliois in Wallsee (Wahlcnsce — Nömersee) zu suchen habe, während Mannert und Lapie wegen des Meilenmaßcs nach Ardaggcr (aräuus aggor) herabgerückt sind. Wer, wie ich selbst, Gelegenheit gehabt hat, die fruchtbare nnd gesegnete Mulde zwischen Wallsee und Ardaggcr nach einem Hoch Wasser durchfahren und vom Kranze des hohen Schloßthurms zu Wallsee überschauen zu können, der wird keinen Augenblick daran Zweifeln, daß wir den P-aons und Iroons^) Poliois zwischen Wallsee und Ardaggcr zu suchen haben. Ich verweise in dieser Beziehung auf eine interessante Stelle bei Dr. Kenner,^) welche lantct: „Wahrscheinlich hat S. Anm. 3 oben. °°) Itivsrai'ium Untouini XuZusti nach G. Parthey und M. Pinder, Berlin 1848, pa§. 110 u. 115, Wess. 234 u. 248. "') Geschichte von Wallsee von Dr. Karl Samwer. Wien (Jasper) 1889. — -Ob man bei Poliers an den römischen Feldherrn Lsxtili us Pslix (Tacitus 70 nach Chr. III. H. 5) oder an einen andern römischen Glücksritter denken darf. mögen unsere Philologen entscheiden. -°) Ooeli heißt im Keltisch eil See, wahrscheinlich ist Imons aus Imens jedoch nur verschrieben worden. ^) Die Römcrorte Mischen der Traun und dem Jnn. Sitzungsbcr. der k. k. Akademie der Wisf. 91. Bd. (1878) S. 579. 250 »uch in der Mitte zwischen Wallsee und Ar- »acker ein Castell bestanden; noch heute existirt wrt (zu Albetsberg) der Name Solfeter und Salfeter ). t. sg.lva.6 törrs-s, die Bezeichnung von Ca sielen, c^uoä ineolos salvos ab üostiuln inouroiombus ^rassturout." Ich selbst habe in Gesellschaft des hochw. Herrn Abtes Adalbert Dungl von Göttlveih, Propstes vr. Kersch- «aumer von Krems und eines Wiener Advokaten unter Führung des Herrn. Pfarrers von Sindelburg-Wallsee, Ltefan Heimberger, am 19. August 1896 eine römische Niederlassung mit Wall und Graben bei Sommerau, 2 Kilometer unterhalb Wallsees, begangen und Anzeichen »er ursprünglich römischen Herkunft der Anlage gefunden. Auch Herr Lehrer Hans Perndl von Wallsee schließt aus neueren Funden an Ort und Stelle, daß in Sommerau ganz zweifellos ein Römerbau bestanden habe. (Brief vom 7. Januar 189? mit Planskizze.) Erwägt man nun, daß die Römer stratze von .Lorch über die Höhen der Silva ämssi (Ennswald) an Ärdagger vorüber und von dort an die Url herab und sodann nach Jps geführt haben soll, so wird man mit uns gerne darin übereinstimmen, daß der hl. Severin, als er von Lorch weg auf der nämlichen Straße dem Nngenkönige Feletheus während der ganzen Nacht entgegeneilte und denselben am 20. Meilensteine frühmorgens angetroffen hat,^) sich mit dem Könige vor den Thoren von Laou kvliois d. h. in der Nähe von Salfeter oder Ärdagger befand. Damit dürfte übereinstimmen, wenn in einem früheren Briefe Vts Herrn Lehrers Perndl gesagt ist: „Von der einstigen Römerwarte zu Ärdagger führte eine Straße nach Amstetten zum Limss, eine aä poutsw Isss und eine zur Warte nach Wallsee." Mommsen hat vergleichsweise die Donaustraße Antonins auch noch von der Erlas (Urlaps) herauf über Laou (Iwco) I'eliois nach Lorch in den Bereich seiner Untersuchungen gezogen und die Donaustraße des Jtinerars neben der alteren Binnen lands- straße der Peutingertafel in nachstehender Weise aufgeführt:^) Antonin Peutingertafel ^rlavs kreist« »8 I XXV v. 248. XXVI p. 234 , VIII Z I-rum (looo) k'elivis ack voutv Isss j XX p. 248, XX p. 234 ! XXIII, S XXXXV m. p. XXXXVI m. p. 1« I,LUi-1seuw. I XIH XXXXIIIIw.p. Vlaborieiavum. Daraus ergibt sich, daß Laou I'eliois von der Erlaf (Großpöchlarn) 10 oder 10^ Stunden (V willo Passus ---- 2 Stunden) entfernt war, mithin nach der Karte zu schließen, ebenfalls nach Ärdagger oder Stephans- hart zu stehen käme, daß dagegen kavis.NL gar nicht an der Straße Antonins lag, weil diese bedeutende Garni- fonsstadt sonst hätte genannt werden müssen. Ferner ) LuKixpius CLP. 31. Oui (rs§i) tota noots ksstinsus in viossimo ab urbs miliario matntinus ooourrit. Auch Welsers Emmeramer Ausgabe hat matutiuus I. o. x. 686. I/aeu hat demnach ebenso zu den oppickis I'elotbeo trrbutariis atous vioinis gehört wie 1'g.viana. . s- A. 18 oben. Die Peutingertafel hat ursprünglich wohl ^rslats statt Lrelals geschrieben, wie AAsm (Etsch) statt Lkssia, weil die Buchstaben t und k sich sehr gleichen und deßhalb vielfach verwechselt worden sind.^ ergibt sich hieraus, daß die Staatsstraße Antonins k'a- vig.ua> im Wink! von Neustadl umging und von I-L6U l?oliois dkrect an die Station xoutoiu Isss (Jpsbrücke) herabführte. So ist es gekommen, daß kavianL, welches an der Donau unterhalb Stephanshart-Ardagger liegen muß, auf den Militärstraßenverzeichnissen der Peutingertafel und Antonins nicht erscheint. In der labulg, keutioZsrang. konnten die Donaustädte 1-a.ou k'oliois und I'aviLns. keine Aufnahme finden, weil uns in derselben zwischen der Kolonie Wels (Ovilis.) und der Station Jpsbrücke (uä xonto lass) nur die Jnnerlaudsstationen LIg.horioig.oo und Ltegio hinterlegt und überliefert sind. Lladorioisco ist, wie wir später zeigen werden, nicht identisch mit Lunrinoo, welches als Straßenknotenpnnkt erst unter Konstantin größere Bedeutung gewonnen hat, und Llsgio dürfte in Oeling bei Mauern wiedergefunden sein, in deren Nähe Mommsen I-aou k'oliois und kaviana nur vermuthete?^ Man kann diePeutingerkarte oder, wie sie Dr. Miller genannt, die Weltkarte des Ca stör ins allerdings zum Vergleiche ebenfalls heranziehen und etwa schließen, wie folgt: Kommt man in XXXI ruills PL88US (ki.r6lg.ts oder Lrslaks VIII, g.ä ponts lass XXIII — 31) von der Erlaf an die Jps und Url bis nach LIsAo, so gelangt man von demselben Urlaxs (ilroluts) in XXV oder XXVI m. p. über Jpsbrücke^) (hier theilte sich wahrscheinlich die Heerstraße) auf dem Wege Antonins an die Donau herauf bis zu den Höhen von Ärdagger und Stephanshart, wo I-uou ksliois, wie wir gesehen haben, gesucht werden muß. Man ist demnach, um zu richtigen Resultaten zu gelangen, gezwungen, drei Wege und Wegsricht- ungen zu unterscheiden. 1. Den Wasserweg, welchen Severin 474/75 von Loiotro nach k's.viLnis und s. Rupert 60 Jahre später (534/5) von Negens- burg (katisboug.) nach Lorch (IiLuroaouw) eingeschlagen hat. 2. Die Militärstraße Antonins, welche von Loiioäuro bis Laloatuln an der Donau Kaiser Antonin (Caracalla) 213 x». 0. zu bauen angefangen^) und Dtoclettan erst vollendet hat. 3. Die ältere Milttärstr^ße der Peu- tingertafel, welcher die Donaustraße von Loiioäurum bis zur Jpsbrücke vollständig mangelt. Der Umstand, daß man sich über die Wege und Wegsrichtungen*s) der Hilfsquellen nicht ganz klar geworden, und die Thatsache, daß I?avig.na ") Nur diese Vermuthung liegt in Mommsens Argumentation, was Saupve und Knüll hätten beachten sollen. Vergl. die letzte Uebersichtskarte bei Mommsen (0.1.1«. m. 2), woselbst links der Donau bis gegen Jps hinab eingezeichnet ist. Die Straße der Tafel und des Antoninischen Jtinerars hatten wahrscheinlich nur die Strecke Urtapas (Xrolats) aä pouts Isss — VIII m. p. gemeinsam. In Jpsbrücke trennten sich die Wege und gelangte dre labul» in XXIII m. p. — 9'/z Std. nach LlbZio (Oeling). Antonin aber in XVII oder XVIII m. p. (6 -s- 17 - 25 und 8 -ch 18 — 26) d. h. in 6'/z oder in 6'/s Stunden nach I^seu I'slieis bei Ärdagger. *°) Vergl. meine Abhandlung über den Meilenstein von Loiioäaro Saloatmn (Passmr-Engelhartszell). Mskpt. °°) Die Straße der T'abnla ksutin^. führt von Jpsbrücke über Me§io (Oeling) und Llaborioiaeo dircct nach Wels (OvUia) und in einer Abzweigung etwa von der oberen Lorach die Enns herab nach blarinianio (an der untern Enns). 251 und Laeu Lsliois schon 509 oder 511 unserer Zeitrechnung von Grund aus zerstört waren,°°) hat die Auffindung derselben bisher unmöglich gemacht, wir dürfen jedoch hoffen, daß es den Bemühungen unserer lieben Freunde in Oesterreich nunmehr gelingen wird, volles Licht hierüber zu verbreiten. Sind Eugipps und unsere Berechnungen über die einstige Lage von Lavianis und Laviaua richtig, dann muß sich auch burgum, welches bald l, bald V vulls passus davon entfernt gewesen sein soll?*) etwa in der Burg, welche im Jahre 370 Lorcherhilfstruppen in Jps errichtet haben, oder in Kolmizberg bei Ardagger, welches die Römer ohne Zweifel wegen seiner dominirenden Höhe mit einer Hochwarte (Burg) versehen hatten, oder in den Burgruinen am Schwall, Wirbel und Strudel wieder auffinden lassen, Lä vineas mag in Weinzierl bei Wieselburg und der Bach Oiountia (Ugantia) entweder im Tiefenbach oder in den Diffenbächen wieder erkannt werden; die Residenz der Rugenkönige wird man im Schloße zu Grein (Greinburg) vis-a-vis von Laviaua zn suchen haben. (Nonasterii parteilos oüstante Vavudto von xotnit Lriäorious traus- kerrs 61m. 12104 pa§. 89 oap. 45; in 61m. 18512/2 von Tegernsee ist in oap. 45 pag. 78 r. abstaute dem Worte vanubio überschrieben.) Dem Gesagten zufolge wird es wohl einem Jeden klar geworden sein, daß sich von den Hypothesen, welche die Gelehrten bisher für Laviana auf die Bahn gebracht haben, keine einzige halten läßt, weil jede derselben den bestimmten Angaben des Eugippius/*) der Neichsnotiz und den Militärstraßenverzeichnissen der Römer widerspricht. Laviava kann nur an einer gefährlichen Stelle des Donaustromes angesetzt werden, weil die Liburnarierabtheilungen des römischen Heeres an solchen Verwendung gefunden haben. Eine sehr gefährliche, ja die gefährlichste Stelle an der Donau hat sich aber vor den Felsensprengungen des Jahres 1791 in der Nähe von Grein befunden, und hier waren deßhalb die Barken der Liburnarier von Nöthen und die Flotillenanstalten in der civitas Laviava von den Römern getroffen, wofür eine gediegene Lokalforschung bald die erforderlichen Nachweise liefern wird. Ich gebe übrigens gerne zu, daß erprobte Forscher auf dem Gebiete der Alterthumskunde in Oesterreich be- achtenswerthe Gründe dafür beigebracht haben, daß Laviauis in Mautern» Krems gegenüber, schon aufgefunden sei,**) allein überzeugend sind 2 °) Vita b. 8ov. o. 40 in Kue. ") Kerschbaumer, Saupve und Knüll lesen uvo a kabiauis üistsos milliario. Weiser hat: guin- ue a I'avianiL äistans inilliarits. Derselbe liest ier abweichend von den neuen Hyperkritikern Sauppe und Knüll: „gnoä kurzum onxiäum appsltatur ab aevolis". JstbeiburAuiumitMommsen an Jps selbst zu denken 6. I. I-. III, 687 u. 688) und die dortige Burg, dann wird Weiser m jeder Beziehung Recht behalten. La§ipxin8 Vita b. Lev. cax. 4; Weiser 1. o. p. 640. ") Vielleicht ist sogar die von Eugippius in eax. 4 gebrauchte Stelle aus der hl. Schrift (Matth. V. 14, 15) ,,ueo in monte xosita civitas xossit abseovcli" eine Anspielung auf die Höhenlage von b'aviauis (oastra b'aviana) oder wenigstens des dortigen Klosters. b°) So auch Dr. Kenner folgend die schöne Jubiläums- Ausgabe „Aus Alt-Krems", herausgegeben vom städtischen Museum Krems 1895 S. 4 u. 5. Vergl. hiezu I'avianis von Dr. Friedrich Kenner (Bericht des Alterthumsvereius zu Wien Bd. 19 S. 49 sf.). diese Gründe nicht, und die Angaben Eugipps und seiner Gewährsmänner, eines Luoillus aus Latavis und Uaroianus aus 6ueuI1is (Kuchel bei Salzburg), welche beide Aebte und Nachfolger Se- verins und mit Eugippius norische Eingeborene gewesen sind, vermögen sie nicht zu erschüttern. Die vita beati Lavermi hat für die Geschichte überhaupt und für diejenige Bayerns und Oesterreichs insbesondere unschätzbaren Werth, das Verständniß derselben läßt aber trotz der vielen Bearbeitungen aus alter und neuerer Zeit, ja gerade wegen der neuesten Verarbeitungen noch sehr Vieles zu wünschen übrig. Man hat Severin den Apostel der Noriker genannt. Er war dieses jedoch nicht, und weder er selbst noch sein Biograph haben Anspruch hierauf erhoben?*' Severin war der Vorläufer des hl. Nupert, des wirklichen Apostels der heidnischen Ba karrn aus Laras (al. bo^as beim Kosmographen von Ravenna nach Pinder und Parthey, Berlin 1860 pa§. 213, 7), welche zur nämlichen Zeit, da Eugippius das Oommomoratorium seines Lehrers schrieb, nach Norikum und dem zweiten Nätien unter dem Thüriugerfürsten Hermanfried zurückgewandert waren (509/11 p. 6.). Sehr erwünscht wäre es allerdings gewesen, wenn das Uamoratorium oder 6ommemoratorium nicht bloß von dem Ordensmanne Eugippius, sondern auch von einem Laien^) bearbeitet und abgefaßt worden wäre; wir dürfen übrigens dankbar dafür sein, daß uns wenigstens der Severin des Eugippius (wenn auch vielfach inter- polirt und gefälscht) ^) erhalten blieb. Hiernach war der theuere Gottesmann ein höchst einflußreicher, gelehrter Missionär, ein Prediger der socialen Gerechtigkeit und der christlichen Nächstenliebe, insbesondere aber ein asketischer scharfer Vertheidiger und treuer Bekenner der katholischen Weltanschauung gegenüber dem alten Heiden- thume und dem Arianismus der gothischen Völkerfamilie, ja derselbe ist gerade in unseren Tagen wieder der größten Beachtung deßwegen werth, weil sich das moderne Hcidenthum, der Arianismus in verhüllter Gestalt, ein theilweise verkehrter Socialismus und die Genußsucht unter den Gebildeten immer breiter zn machen strebt und die Gesellschaft Zuständen entgegenzutreiben scheint, wie in den Tagen Severins und der Völkerwanderung. Ich habe eine neue Ansicht über des allgemein verehrten Gottcsmannes Hauptkloster zu Laviana deßhalb vorgetragen, weil die Gelehrten dasselbe wie einen Spielball an der Donau hin und her geworfen haben und weil ich über die zahlreichen Fälschungen, welche in allen Jahrhunderten an der vita bsati Lovorini vorgenommen und verübt worden sind, neue Enthüllungen in Aussicht stellen kann. Berichtigung. In Beilage Nr. 34 S. 241 drittletzte Zeile von untcv ist statt Krenner Kenner zn lesen. ^) Norikum war lange vor Severins Ankunft ein vollständig bekehrtes Glied der kath. Kirche. ^) Wie es ursprünglich beabsichtigt war. Vergl. Vpistola DuZixxü aä kaskasiuin Oiaconum. °°) Wir werden oft Gelegenheit haben» auf das gelammt e H a n d s ch r i s t c n m a t e r i a l zurückzukommen. 252 Recensionen und Notizen. Geschichte des deutschen Volkes. Von I. Janssen. v. Band. Herder. Freiburg. Preis 6 M. * Der Erfolg dieses Werkes spiegelt sich in der Thätliche wider, daß von dem II. Band längst durch die Verlagsfirma die 17. und 18. Auflage edirt wurde. Dieselbe wurde von Professor Dr. Luow. Pastor besorgt. Die 16. Auflage des Ü. Bandes war ein unveränderter Abdruck der 15. Auflage gewesen, welche 1889 erschien. Seitdem hat die historische Forschung gerade für die Periode, welche im II. Bande zur Darstellung gelangt, sehr viele und tüchtige Arbeiten zu Tage gefördert, welche ,u Betracht zu ziehen waren und eine große Anzahl von Zusätzen und Aenderungen, zum Theile sogar einschneidende Aenderungen, für die neue Auflage nöthig machten. Der l. Band. der bekanntlich die deutsche Geschichte vom Beginn der politisch-kirchlichen Revolution bis zum Ausgang oer socialen Revolution von 1525 behandelt, ist hiemit, wie Pastor mit Recht annehmen darf, auf die Höhe des dermaligcn Standes der historischen Wissenschaft gebracht. Von den bekannten grünen Heften der Flugschriften- sammlung zur „Wehr und Lehr", Preis ä 10 Pfg., Verlag der Germania. Berlin, liegen folgende neuen Nummern vor: Nr. 109. Wer hat Recht? Aphorismen in Briefform über die größten Fragen unserer Zeit, von dem bekannten dänischen Couvertiten, früheren evangelischen Pfarrer M. C.Jensen. Nr. 110/111. Adolf Kolpiug's sociale Thätigkeit, von Domvicar Wenzel. Mitglied des deutschen Reichstages. Nr. 112/113. Die Kirchen der Evangelien und die evangelischen Kirchen. Nr. 114. Zum 25jährigen Jubiläum des Culturkampfes, von L. von Hammer stein 8. 9. Die letztere Nummer, welche eine übersichtliche Darstellung des unseligen Culturkampfes bietet, verdient besondere Beachtung und Verbreitung in allen katholischen Kreisen. Guöranger, Dom Prosper, Abt von Solesmes, Die heilige Vorfastenzeit (8sptuaKesimg,). Autorisirte Uebersetzung. Zweite durchgesehene Auflage. (Das Kirchenjahr Band IV.) Mitbischöfl. Approbation. Mainz, Franz Kirchheim. 8° (VUl u. 420 S.) Preis M. 4.20. Das vorliegende Werk, dessen in 2. Anfl. erschienener Band die hl. Vorfastenzeit behandelt, verfolgt die segensreiche Idee, die Liturgie der katholischen Kirche nicht nur den Priestern, sondern allen Christen zum Zwecke des tieferen Eindringens und eingehenderen Verständnisses derselben darzulegen und dieselben anzuleiten, sie betend und betrachtend mitzufeiern. Dieser seiner erhabenen Aufgabe wird das Werk durch genaueste Darstellung der einschlägigen Materien und gründlichste Vollständigkeit in deren Behandlung in jeder Beziehung gerecht. ÜVilmsrs buil. (8. I.), Da rsli§ious rsvslata librl gniugus. 8" pp. IV -f- 667. Ratisboims, Vr. kustst 1897. LI. 6,00. S Hov Opus »rAUMsulornni ubsrtats prasesllsns uutori äobsmus zum änäum uoto eiäsm, gui prius §sr- luuiüoo ssrivons prasolaras „RcliAioius odristiauas iu- stitntiones" Dlonastsrii iu bnsstpbalia zum pluriss sclitus seripssrut. Vs-tino nnns iäiomats eonsvrixtnm volumsu sruäitos sppsllat Isetorss, gui äiesnäi Asusris lsporsm av äilueiäaw äisssrsnäi taeilitatsm absgus äudio luu- äabunt. ilutorsm von minus rsoentiorss quam vstustiores äivinas revslationis opxng'iwtorss in äisputanäi arouum provoosrs psouliars oxoris sst msritum. I,ib. I. »Kit: äs roliAions st rsvslatious §ensratim spsotata; 11b. II. äs roliKionis skristiauas per rsli§ionsm rsvslatam pras- vium prasparations; üb. III. äs reliZionis ebristianas veritutv äsmonstruta sx sz'usäsm per ipsum Obristnm Osi ülium institutions; lib. IV. äs rsIIZIoms obristianas veritsts äsmonstrutu sx szusäsm in orbsm proZrsssu; üb. V. äs rsIiKionis obristiauas, guatsuus in oatbolloa oovlösiu sxsrostur, intsArituts motivis orsäibilitutis äs- wonstrutu. LivAuIi volumiuis libri, gui in summa 140 propositiouss sxbibsnt, eupitulis sudäiviäuntur; iaäsx alpbabstious aeeursts eouksetus soneluäit oxus perutilg aptissimis s. soripturus loois nseuon s. szmoäorum s listig ubsrtim uäoruutuM, vsl in tuutu operum axoloKstievrum oopiu minims supsrttuum. kuststianum t^xo§rupbium boe opus omni gua pur vst äigmituts eonäseorasss vix äioi opus sst. _ Linzer theol.-praktische Quartalschrift. Jahrgang 1897. Expedition: Linz, Stifterstraße Nr. 7. Preis pr. Jahr 7 M. Das 3. Heft des Jahrgangs 1897 enthält u. And.: Der selige Petrus Canisius und die deutsche Welt- und Ordensgeistlichkeit seiner Zeit. (Zu seinem Centenarium sj- 21. Dezember 1597s.) Von vr. Otto Brauusberger 8. I. in Exaeten (Holland). — Die kommende Universal- Religionsdemokratie. Von v. Albert M. Weiß 0. vr., Universitäts-Professor in Freiburg (Schweiz). — Behandlung der Gewohnheits- und Gelegenheits-Sünder. Von Augustin Lehm kühl 8. I., Professor in Exaeten (Holland). (I. Artikel.) — Die Muttergottcs - Feste und ihre Verherrlichung durch die christliche Kunst. Von vr. Heinr. Samson, Vicar in Darfeld (Westfalen). — Die heiligen Gräber in der Charwoche. Von v. Georg Schober o. 88 . K., Consultor der heiligen Ritencongregatron in Rom. (Schlußartikel.) — Paftoral-Fragen und -Fälle: 1) Hypnotisiren als Heil-Verfahren. Von Pros. Augustin Lehm kühl 8. I. in Exaeten (Holland). 2) Verleitung zu materieller Abgötterei und Consecration einer nicht auf den: Altarsteiu befindlichen Hostie. Von Pros. Josef Aertnys 0. ss. L. in Mitten (Holland). 3) Restitutionsfall bezüglich eines Differenzial-Svieles. Von Wilhelm Stentrup 8. I. in Valkenburg (Holland). 4) Verkauf um den höchsten Preis. Von Johann Sch wienbach er O. ss. R. in Wien. 5) Das Radfahren der Frauen vom Standpunkt der Moral. Von Pros. Josef Weiß in St. Florian. — Literatur. _ Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik. Unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von Pros. Dr. Fr. Um lauft. XIX. Jahrgang 1897. (A. Hartlcben's Verlag in Wien, jährlich 12 Hefte, 85 Pf.) Das 9. Heft des XIX. Jahrganges enthält u. a.: Der zwölfte deutsche Geographentag in Jena. Von A. Oppel in Bremen. — Aus Umbrien. Von Octavie v. Kodolitfch. (Mit 3 Illustrationen.) — Was ist ein Ge- birg? Von August Neu der. (Schluß.) — Astronomische und physikalische Geographie. Hat Sirius seine Farbe gewechselt? Das Wandern der Dünen. — Politische Geographie und Statistik. Die Staaten der Balkanhalbinsel. Die Bewegung der Volkszahl in China. — Berühmte Geographen, Naturforscher und Reisende. Mit 1 Porträt: Camille Flammarion. — Geographische Nekrologie. Todesfälle. Mit 1 Porträt: Heinrich von Stephan.— Kleine Mittheilungen aus allen Erdtheilen. — Geographische uird verwandte Vereine. — Vom Büchertisch. (Mit 2 Illustrationen.) — Kartenbeilage: Karte der Balkanhalbinsel und der angrenzen Gebiete. Maßstab 1:1,600,000. Heft 13 des Deutschen Hausschatzes bringt den zahlreichen Verehrern von Karl May eine große und willkommene Ueberraschung, nämlich eine Komposition seines Liedes: Ave Maria, durch den Dichter selbst und zwar für Männerchor. Die Reifeerzählung von Karl May's: Im Reiche des silbernen Löwen wird fortgesetzt, während der Seeroman Schiffbruch, dxr das Interesse der Leser durch viele Hefte fesselte, zu Ende geführt wird. Sodann beginnt das Heft einen neuen Roman: Durchgegangen von Flodatto. der uns in einer sehr spannenden Handlung m die graue Vorzeit zurückführt. Von vr. F. Kampers, dem bekannten katholischen Historiker, bringt das Heft eine sehr interessante Skizze: Das Leben betitelt. Von den belehrenden Artikeln erwähnen wir: I. Odenthal, Reise zur Großen Chartreuse. vr.O.Warnatsch. Neues aus unserem Sonnensystem. I. Dackweiler. Nutzen und Schaden des Igels. vr. Wilhelm Roßmann beschreibt die Centralanlagen in unseren Bahnhöfen, von denen die meisten so wenig wissen. Die Illustrationen. 26 an der Zahl. sind sehr geschmackvoll ausgewählt. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas St Grabherr in Augsburg, yn. 36. M AIIgSWlgkl l M M Die St. Michaels-Hofkirche in München. Eine Studie zur 3. Säcularfeier der Einweihung der Kirche vom 27.-29. Juni 1897. Von I. M. Förster. Da in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts Bayern in Gefahr stand, vom heiligen katholischen Glauben abzufallen, erbat sich der für Erhaltung desselben eifernde Herzog Wilhelm IV. vom Papst Paul III. drei gelehrte Theologen, zunächst für die Universität, welche sich damals in Jngolstadt befand, wo die von Luther veranlaßte Glanbensneuerung bereits Eingang und Anhänger gefunden hatte. Der Papst übertrug dieses Geschäft dem Cardinal Alexander Farncsius, welcher mit dem Stifter des Ordens von der Gesellschaft Jesu, dem (später heilig gesprochenen) Jgnatius von Loyola, sich dahin einigte, den bereits von dem im Jahre 1541 zn WormS abgehaltenen „Religions- gespräche" (mit den Protestanten) in Deutschlands katholischen Kreisen bestens bekannten Claudius Jaius aus- Savoyen, ferner den Spanier Alfvns Salmeron und den Niederländer Peter de Hondt — als Verfasser eines Katechismus unter seinem latinisirten Namen Cauisius') noch heute berühmt — an den Herzog abzusenden. Die genannten drei Jesuiten trafen am 13. November 1549 in Jngolstadt ein und eröffneten alsbald ihre Vorlesungen über Theologie. Die Professoren Jaius und Salmeron aber wurden bereits im folgenden Jahre zur Anfrechthaltnng des katholischen Glaubens anderswohin berufen und durch den Holländer Nikolaus Gardanns (für Theologie) und. Peter Schorichins (für Philosophie und klassische Sprachen) ersetzt, während Canisins zum Nector der Hochschule erwählt wurde. — Vorher aber traf die Jesuiten noch ein harter Schlag, indem Herzog Wilhelm IV., welcher die Absicht hatte, ihnen durch den Van eines Kollegiums (nebst Kirche) einen festen Sitz im Lande zu begründen, und zu diesem Zweüe nicht nur die päpstliche Genehmigung zur Erhebung einer Declination von den geistlichen Gütern erwirkt, sondern auch durch den Exekutor Btoritz van Hütten, Fürstbischof zu Eichstätt, bereits 20,000 Goldgulden eingebracht hatte, am 6. März 1550 mit Tod abging. Hiednrch schien das Werk gefährdet, umsoinchr, als auch die Laienprofessorcn in Jngolstadt auf die zu rascher Beliebtheit gelangten Jesuiten mißgünstig waren, weßhalb Letztere, dem Auftrage ihrer Oberen folgend, die nun ungastliche Stadt verließen, indem sich Canisins zunächst nach Augsburg zu dem dortigen Cardinal-Fürstbischof ') Der selige Peter van Hondt oder Canisins, wie er seinen Namen latinisirte, war am 8. Mai 1521 zn Nym- wcgen geboren, trat 1544 in die Gesellschaft Jesu und ward 1546 Priester. Rasch nach einander lehrte er auf oen Hochschulen zu Köln, Jngolstadt und Wien. war als Volksmissionär thätig, wohnte als Theologe des Cardinal- bischofs zu Augsburg, Otto von Truchseß, dem Concil von Trient bei, war Hofrath des Kaisers, Domprediger zu Augsburg und Wien, verwaltete die Erzdiöcese Wien. das Ordensprovmzialat in Deutschland wirkte zur Erhaltung des katholischen Glaubens in Oesterreich, Bayern, Schwaben, Böhmen, Elsaß und der Schweiz, verschmähte den ihm angebotenen Bischofsstab wie den Cardinals- purpnr und starb an den Folgen eines Schlaganfalles am 21. Dezember 1597. — Papst Pins IX. versetzte ihn am 24. Juni 1864 unter die Zahl der Seligen. Otto (von Truchseß) begab, dann aber seinen beiden Gefährten, welche Kaiser Ferdinand nach Oesterreich berufet» hatte, folgte. Aber der Mangel glaubensfester Lehrer machte sich in kürzester Zeit wie auf der Hochschule, so namentlich im Lande geltend, in welches die protestantischen Prädi- canten nicht ohne Erfolg einzudringen versuchten, weßhalb es Herzog Albrecht V. als eine Nothwendigkeit erkannte, denselben einen festen Damm entgegenzusetzen, wofür er die Jesuiten am geeignetsten fand. Zu diesem Zwecke beschloß er nicht nur die Wicder- berufung der Jesuiten, sonder« er faßte auch den Bau eines Colleginms in Jngolstadt fest in's Auge und trat deßhalb mit dem Stifter und ersten General der Jesuiten in Verbindung, au welchen er zum Abschlüsse eines Vertrages sogar seinen Geheimsetretür Johann Schweiker absandte. Der hl. Jgnatius, über die geneigte Gesinnung des Herzogs hocherfreut, ordnete seinerseits als seinen Bevollmächtigten den (seligen) k. Canisins, welchen er gleichzeitig zum Pxovinzial von Oberdeujschland, Böhmen und Oesterreich ernannte, au den Herzog ab, welcher Mit demselben verhandelte. Am 7. Dezember 1555 wurde ein aus 15 Artikeln bestehender Vertrag abgeschlossen, welcher die Errichtung eines Kollegiums in Jngolstadt, dessen Unterhalt und die Berufung von Lehrern und anderen Angehörigen der Gesellschaft Jesu betraf und in dessen Vollzug am 7. Juli 1556 sechs Priester und zwölf sogen. Minister in Jngolstadt eintrafen. — Allein da sich mit den andern Lehrern der übrigen Fakultäten, namentlich den Philosophen und Philologen, abermals Differenzen ergaben, genehmigte Herzog Albert V. den von dem inzwischen an Stelle des wieder nach Wien berufenen k. Canisins getretenen Provinzial Paul Hoffäus gemachten Vorschlag, die theologische Fakultät in Jngolstadt zn belassen, den philosophischen Kurs mit dem Pädagogium aber nach München zu versetzen, wo die Jesuiten am 21. November 1559 eintrafen; es waren dies: Nikolaus Lanojus als Rector, Theodor Peltanns und Dominikns Mengin als Professoren und Martin Stewart für die kirchlichen Funktionen. — Dieselben erhielten ihre Wohnung in dem Gartentheile des Klosters der Lk. Augustiner und in deren Kirche auch einen Altar angewiesen, um auf demselben zu eclcbnren. — In dem nahen, uralten Kirch- lein „St. Nikolaus auf dem Haberfeld" ?) ertheilten sie ') Das älteste München, vor Heinrich dem Löwen „Altheim" genannt, besaß schon einen reichen Kranz von Gotteshäusern: im Osten die Wieskapelle, daneben eine Nikolanstapelle. später der „Congreaationssaal" genannt, im Süden die Jakobskapelle, an welche nm 1222 das ältere Franziskaner- (Anger-) Kloster angebaut wurde, die Basilika zu Altheim (jetzt Haus Nr. 19 am Althcimcr- ecc), die St. Johanniskapelle (südlich der sehe»».) Augustiner- kirche), die Marienkirche (jetzt 11. L. Frauen ehrwürdigen Dom) und eine Kapelle „St. Nikolaus im Haberfeld", gegenüber der Johanniskapelle. also aus der Stelle der letzigen St. Michaelskirche. Anfangs ein armes, unbedeutendes Kirchlein, welchem 1309 der Meßner und seine Ehefrau ihr Häuschen vermachten, wurde dasselbe später zn erner ziemlich bedeutenden Kirche erweitert, welche fünf Altäre besaß. (Die Erweiterung der Kirche dürste auf Kosten der Stadt erfolgt sein, weil im Jähre 1447 Papst Nikolaus v. der Stadt das Patronat über die Kirche verlieh, welches aber in der Folge, unbekannt wie, auf die Herzoge überging.) — Der Hochaltar war dem hl. Nikolaus geweiht und sollte nach der den Abbruch der St. Nikolai- , (und der ihr benachbarten, dem Kloster Schäftlarn ge- l hörigen, 1585 ebenfalls abgebrochenen St. Michaels»! 254 der Jugend Unterricht, zunächst in der Religion, bald aber auch in anderen Fächern, und versammelten bald an 300 Schüler um sich, weschalb der Herzog auch ein Gymnasiums gründete, das zu Ostern 1560 in Gegenwart des Herzogs, der herzoglichen Familie, der Beamten und Bürger in feierlicher Weise zunächst mit vier Klassen eröffnet wurde, denen sich nach Vollendung des Gebäudes die weiteren Klaffen anschlössen. Fast gleichzeitig kamen auf erneutes Ansuchen des Herzogs weitere 10 Jesuiten nach München, unter welchen sich k. Theodorich de Hondt, ein Stiefbruder des oben mehr genannten k. Petrus Canisius, befand, welcher als Rector des Kollegiums fun- girte und im Jahre 1561 gleich seinem Mitbruder Th. Pcltan vom Herzoge zum Büchercensor ernannt wurde. Da sich jedoch die Zahl der Jesuiten, namentlich in Folge der 1574 erfolgten Errichtung des Seminars, °) fortwährend mehrte, erwies sich das gemeinschaftliche Leben zweier Ordenscorporationen, von denen die eine sich mehr der Beschaulichkeit, die andere aber hauptsächlich der Lehrtätigkeit widmete, als mißlich, umsomehr als unter Leitung der Jesuiten im Jahre 1577 die alsbald taufende von Mitgliedern zählende „Marianische Kongregation"«) entstand. Es dachte darum schon Herzog Albert V., ihnen auch in München ein Kollegium nebst Kirche zu erbauen — aber einerseits bildeten die politischen Vcr- Kapelle erlaubenden Urkunde des Bischofs Ernst von Freising am 3. Febr. 1585 an Stelle des Hochaltars in der neu zu erbauenden Kirche eine Erinnerungssäule errichtet werden. Bei dem Abbrüche der Nikolauskapelle, welcher nicht vor dem Frühjahre 1585 erfolgt sein kann. wurden die Altäre in verschiedenen Kirchen vertheilt: so kam der Hochaltar in eine Seitenkavelle der (neuen) St. Michaels- krrche, ein Seitenaltar der heiligen 14 Nothhelfer nach Weng bei Kranzberg, der Andreasaltar in die hiesige Frauenkirche, die Paramente aber zu den Augustinern. — Vor der Nikolauskirche wurde der alljährliche Nikolausmarkt — aus welchem sich die jetzige Christkindldult entwickelte — abgehalten, aber 9. Mai 1597 wegen zu befürchtender Störung des Gottesdienstes rc. rc. aufgehoben. — Eine zweite (bezw. im Stadtbezirke dritte) Nikolauskirche stand etwas nördlich von der eben beschriebenen, welche Herzog Wilhelm V. nach Niederlegung der „Ni- kolauskirche im Haberfeld" neben dem zu einer Einsiedelei eingerichteten Garten der (jetzigen) Herzog Maxburg erbaute, 1629 den eben berufenen Karmeliten angewiesen und gegen das Jahr 1660 abgebrochen wurde. °) Das jetzige Wilhelmsgymnasium. *) Damals umfaßte der Lehrplan, da bereits in den Stadtschulen Latein gelehrt wurde, nur 6 Klassen, welche folgende Namen führten: 1) Ruäimonta; 2) Orammattca; 3) 8zmtaxis rninor; 4) L^ntaxi's mojor; 5) Humaniora (oder koe5iL); 6) Kbetorica, °) Das dem heil. Gregor dem Großen gewidmete Seminar, darum auch Oomus 8. OroKorii genannt, befand sich da, wo jetzt die Stnlberger'schen Häuser Nr. L1 und 22 an der Neuhanserstraße sind, und ging in die Hcrzogspital- (damals Nöhrensbäcker-) Straße zurück. °) Die Marianische Kongregation theilte sich alsbald m mehrere Zweige: 1597 erfolgte die Trennung in die größere (lateinische) und kleinere (deutsche), von welch' letzterer sich 1610 wieder die deutsche Marianische Kongregation der Herren und Bürger absonderte, die 1709 die Graf Lerchcufeld-Häuser in der Ncuhauscr- straße erkaufte und zum „Bürger-(Bet-)Saale" umbaute, der 1710 consecrirt wurde. — Im Jähre 1635 entstand die wg. „mittlere" Marianische Kongregation speciell für Gymnasiasten, während die „kleinere" für jüngere Leute aller Art bestimmt ward und sich in der Folge zur „Kongregation der Lchrjungen" umbildete, welche später in die Damenstiftskirche verlegt wurde und ein klägliches Dasein ferstet, obwohl auch die 1643 gegründete „Kongregation der ledigen Mannspersonen" mit ihr vereinigt wurde und 'M als „Kongregation der Juugherrn" den Namen lieh. hältnisse, andrerseits sein am 24. Oktober 1579 eingetretener Tod unüberwindliche Hindernisse. Dagegen blieb es seinem Sohne und Nachfolger, dem Herzog Wilhelm V., überlassen, diese Frage in würdigster Weise zu lösen. Dieser hatte die Jesuiten schon in frühester Jugend als die treuen Rathgeber seines Vaters kennen und bei seiner am 22. Februar 1568 stattgehabten Vermählung') mit der Prinzessin Renata von Lothringen auch lieben gelernt, weßhalb er ihnen, namentlich weil der Zndrang zum Orden so stark war, daß der General Lainez schon 1569 einen eigenen Novizenmeister hieher schicken mußte anfänglich Kloster und Kirche der Augustiner überlassen diesen aber ein von ihm am Neudeck in der Vorstadt Au neu erbautes Kloster ") zuweisen wollte. Letztere aber waren nicht geneigt, diesen Tausch einzugehen, sondern nahmen sogar die Intervention des Papstes (Gregor XIII.) in Anspruch, welcher dem Herzog bei Strafe des Kirchenbanns gebot, die Augustiner an ihrem alten Sitze zu belassen, worauf derselbe beschloß, den Jesuiten in München ein eigenes Kollegium mit Kirchk zu erbauen. Doch stieß die Durchführung dieses Beschlusses aus verschiedene Schwierigkeiten, deren hauptsächlichste der Mangel an Geld und an einem geeigneten Bauplatz waren. Letzterer fand sich in dem, dem Kloster Schäft- larn gehörigen Gute Konradshof °), in dessen nächster Nähe die oben erwähnte St. Nikolauskapelle und einige kleine Häuser standen, welche für den auszuführenden Bau um 6650 fl. erkauft und nebst der einen Nikolauskapelle und den Ockonomiegebäuden bis zum Herbste 1582 abgebrochen wurden, wobei der Herzog durch Brief an die Bürgermeister vom 12. August den bisherigen Besitzern zur Erzieluug eines geringeren Verkaufspreises erlaubte, „die Ocfen, und was denselben anhängig, Fenster, Fenstcrstöck, gefälzte Thüren und Thürgerichte- Schloß, eingemauerte Kästl, saubere Thüren und Dielen rc. rc." mitzunehmen.'") Bereits vorher waren Pläne und Kostenvoranschläge") gefertigt worden. — Die Grnndanlage des Planes dürfte wohl auf den damaligen Rector des Münchener Kollegiums, k. Otto Eisenreich, zurückzuführen sein, dessen Idee der ') Zur Verherrlichung der VermühlungZfeier führte» die Jesuiten die Tragödie „Samson" von ihrem Mitglieds Andreas Fabricius auf, in welcher die Heiligkeit der Ehe und die Unzulässigkeit einer solchen mit Andersgläubigen zum Ausdrucke kommt. °) Dasselbe kam indeß erst 1628 zur Ausführung; es wurden nämlich in das 1622—23 erbaute Kloster bei der St. Karl Borromäuskirche zuerst Basilianer berufen, welche jedoch nicht entsprachen, worauf im folgenden Jahre Paulaner berufen wurden, deren Konvent schon 1799 aufgelöst, das Kloster 1800—1801 als Feldspital benützt und 1807 in ein Strafarbeits- (jetzt Zucht-) Haus umgewandelt wurde. °) Das Gilt „Konradshof" basirte auf einer Schankung vom Jahre 782, auf Grund deren ein religiöser Mann Namens Apolt und sein Sohn ihren Besitz in Sendlina und Schwabing dem Kloster Schäftlarn schenkten. — Noch im 17. Jahrhundert entzifferte dieser Besitz an nahezu 150 Tagwerk (ca. 54 da). ^ ^ „ >°) Bei Gmelin: „Die St. Michaelskirche in München Seite 5. ") Der Kostcnvoranschlag des damaligen ?. Rcctors des Kollegiums lautete auf 30,000 fl., setzte aber bereits „aushülse mit Steinen" voraus; später sprach man gar bloß von 20,900 fl., während der Bau der Kirche allem 143,000, jener des Kollegiums 57.000 fl. erforderte. (Gmelin a. a. O. S. 6, 21. 41, 42. 43.) AngSburger Architekt Wendel Dietrich und der Maler und Baumeister Friedrich Sustris theils als Plan auf dem Papiere, theils als Modell ausführten. Als Maurermeister fnngirte in der ersten Baupcriode bis 1590 der Münchener Bürger Wolfgang Müller"), während den Ausbau der Kirche unter der speciellen Aufsicht des Architekten Sustris ein Andreas Gnndelfinger zu Ende führte. Nachdem der Herbst des Jahres 1582 zur Aus- hebung der Baugrube für die Kirche, für welche der Herzog in frommer Erinnerung an seinen Geburtstag, den 29. September 1518, den hl. Erzengel Michael als Patron bestimmte, verwendet worden war, begann im folgenden Jahre der Bau selbst und ward am 18. April 1583 die feierliche Grundsteinlegung zur Kirche vorgenommen, wobei der päpstliche Legat Felickan in Gegenwart dreier anderer päpstlicher Legaten: des Bon- homius am Kaiserhofe, des Malaspina in den Niederlanden und des Ninguarda am Münchener Hofe, die kirchlichen Ceremonien vollführte. Herzog Wilhelm fügte den aus Marmor gerichteten Grundstein tn Gegenwart feiner Gemahlin, feiner Mutter, der Herzogin-Wittwe Jakobäa (von Baden), seiner jugendlichen Söhne Maximilian und Philipp, seines Bruders Ferdinand, umgeben von Adeligen, Beamten und Bürgern, und legte in denselben die von dem Maler Jakob Delle ausgeführte Urkunde und eine goldene Schaumünze, deren Avers fein Brustbild zeigte, während der Revers folgende Inschrift trug: vso vptimo maximo, matri blarias ao 8. bliestasli LrestanZsIc, saarum. Knus kuwanas 8alutl8 1583 äis 18. Aprilis, dregorio XIII. kou- tifios Llax., Ruäolpstv Lsounäo Rom. Imp. av Rs- vsrsnciiss. Dom. Relioiano ^postolioaa Lsäis Huutio osrsmoniis opsranls, duilislmüs stnzus Hvmiuis tzuintus, Osi gratia Comss Lalatinus Rstoni, utrius- ^us Lavarias öux primum stuno ttmäamsuti lapiäsm xo3uit, ckum in tiae sua blstropoli Nonasbio 8osis- bati llssu in lwuorsur Lanoti Niofiaslis omuiumgus 8anotorum aausa LoliZivnis astsrnuva sibi postsris- tzuo blonumsutuw pousrst. ^) — Nach Beendigung »->) Die laug umstrittene Frage hinsichtlich des Baumeisters der Kirche ist nunmehr längst eudgiltig zu Gunsten des Augsburger Kunstfchreiners Wendel Dietrich entschieden, der in den Hofzahlamtsrechnungen schon von 1587 als Baumeister mit 300 fl. (jährl.) Gehalt figurirt. Früher war die Frage strittig und wurden außer dem architekturverständigen Maler Friedrich Sustris genannt: Albrecht Octavian. Jakob Menzinger, Oeckhel und Valiento. Daß die Jesuiten selbst bauknndige Leute unter sich hatten und deren Meinungen nicht ohne Einfluß auf Dietrich blieben, ist selbstverständlich. Von Dietrich stammen der Hochaltar und die Gypsumrahm- ungen des Gewölbes. Nach dem Einstürze des Thurmes scheint auch Dietrich in Ungnade gefallen zu sein. denn es wurde Sustris mit der Anfertigung eines neuen Planes betraut. — Wolfgang Müller, der lange Zeit als Baumeister galt auf Grund der Inschrift eines noch heute in der Sakristei befindlichen Bildes, lautend: „1585 hat Wolfgang Müller, ein Steinmetz, seines Alters 48 Jahr, die Kirche und das Kollegium erbauet". war nur Palier und hatte als solcher — von verschiedenen Gratifikationen abgesehen — einen Wochenlohn von anfänglich 2 fl., später von 2 fl. 30 kr. (die Maurer und Zimmerleute einen Taglohn von 15 kr., die Mörtelrührer und Taglöhner von 6—7 kr., die Buben von 4—5 kr.). Diese nach jeder Richtung hin falsche Bezeichnung Müllers als Baumeister verursachte sogar die Aufstellung seiner Büste in der Ruhmeshalle! '°) Zu deutsch: Dem allgütigen, allmächtigen Gott, der bl. Mutter Maria und dem hl. Erzengel Michael geweiht. Im Jahre 1583 am 18. April, als Gregor XIII. Papst und Rudolf II. Römischer Kaiser war. legte Wilder kirchliche» Feier gab der Herzog den Theilnehmeru an derselben ein Mahl im Collegium (bei den Augustinern), wobei die Schüler des Gymnasiums zur Feier des Tages ein Schauspiel aufführten, während den betheilkgten Arbeitern Bier gespendet wurde. Nun schritt der Kirchenbau stetig voran, und rasch erhoben sich die Hauptmauern. — Da das Collegium direct an die Kirche angebaut werden sollte, wurde zu ersterem am 10. Januar 1585 der Grundstein gelegt, wobei der herzogliche Rath Ludwig Müller als Stellvertreter des Herzogs erschien und der Gencralvtkar Ludwig (Schrenck von Notzing) des Fürstbischofs Ernst zu Freising *°) die Episkopalfunktionen besorgte. Hiebei wurden goldene und silberne, mit den Brustbildern der bayerischen Fürsten geschmückte Schaumünzen, dann eine silberne und eine vergoldete (kupferne) Platte in den Grund gelegt. Die silberne Platte hatte folgende Inschrift: 1113. Omilislwus V. v. 6. Ooms8 kalat. Rsts. Iltriusg. Lavarias Lux st Renata Lotstar. ejus eovzunx stoo 8ovistatl8 Issu tomplum st LoIlsZium pro sua in Oatfiolieam Religiösem st Oräivsm illum pietats a innäamsntig sxstrux. ao äotar. Kuno 8al. ttura. 1585 .") — Auf der Kupferplatte standen die Namen der damals im (Münchener) Collegium befindlichen Jeslüten. (Fortsetzung folgt.) Zur jüngst erschienenen Schrift Nector Dr. Schellv. (Schlich.) Mit der ungerechtfertigten „Scheu vor dem Weltlichen" bringt ferner Rector Schell es in Zusammenhang, daß „die Candidaten der Theologie so viel als möglich in weltabgeschiedenen Seminar-Lehranstalten von den weltlichen Facultäten getremst und von den Universitäten fast ausnahmslos ferngehalten werden". Da haben freilich unsere Seminaristen gelächelt, über die „weltabgeschiedenen" Seminarien. Was ist denn Wahres an dieser Darstellung Schells? In Bayern z. B. sind zwei Seminarien am Orte einer Universität, das der Diöcese Wllrzburg in dieser Stadt, und das herzoglich bayerische Georgianum, das insbesondere von Candidaten aus den Diöcesen München und Augsburg besucht wird, tn München. Die übrigen Seminarien sind in den „weltabgeschiedenen" Städten Regensburg, Bamberg, Dillingen, Passau, Eich- stätt, Freising, und ihre Inwohner besuchen die ebenso „weltabgeschiedenen" theologisch-philosophischen Hochschulen jener Städte. Es ist nun klar, daß man die Candidaten Helm V., voir- Gottes Gnaden Psalzgraf bei Rhein. Herzog von Ober- und Nicderbayern. diesen ersten und Grundstein. wobei der hochwürdigste Herr Felicianus, des Apostolischen Stuhles Nuntius, die hl. Ceremonien vollführte, um in seiner Hauptstadt München der Gesellschaft Jesu zu Ehren des hl. Michael und aller Heiligen aus Religion für sich und seine Nachfolger ein ewiges Denkmal zu errichten." ") Bischof Ernst zu Freisinn, geb. 17. Dez. 1554 als jüngster Sohn des Herzogs Albert V., wurde in Folge Resignation des Bischofs Moritz (von Sandizell) schon im Jahre 1567 postulirter Bischof zu Freising. 1573 solcher zu Hildesheim, 1581 auch zu Lüttich und 1583 Erzbischof und Kurfürst zu Köln und starb 17. Febr. 1612 auf der Rückreise von Nürnberg nach Köln, wo er im Dome beim Altare der hl. drei Könige begraben ist. ") 188. Wilhelm V. v. G. G. Pfalzgraf rc. rc. und Renata von Lothringen, seine Gemahlin, haben Kirche und Collegium der Gesellschaft Jesu aus Liebe zur Religion und jenem Orden von Grund aus erbaut und begabt im Jahre des Heiles 1535. 256 vou den Universitäten nicht fernhält um der Universitäten willen, sondern um der Seminarien willen; nicht um sie der Universität zu entziehen, sondern um ihnen im Seminar die geistliche Heranbildung zum pricsterlichen Leben zu geben; wäre es möglich, so viele Seminarien in den zwei Universitätsstädten zu unterhalten als die 8 Diöcesen Bayerns bedürfen, so hätte man kein Bedürfniß nach Lyzeen. Schell erhebt hier sehr unbegründete Vorwürfe gegen die deutschen Bischöfe und Ordinariate. Wenn dieselben ihre Theologen „fast ausnahmslos von den Universitäten fernhalten", woher kommt es dann, daß z. B. das Gcorgianum in München immer gefüllt ist? Treten die Candidaten dort mit oder ohne Erlaubniß ihres Bischofs ein? Woher kommt es dann, daß an den theologischen Fakultäten in München und Würzburg z. B. außer den Seminaristen noch je 40—60 Studenten sind? Und glaubt nicht Herr Rector Schell selbst, daß das Gcorgianum, wenn es statt 90 etwa 180 Theologen beherbergen könnte, dennoch immer vollbesetzt wäre? Schreiber dieses weiß Candidaten, welche ihre Theologie am Lyzeum vollenden wollten und von Vorgesetzten an die Universität gesandt wurden. Uebrigens weiß man nicht, was Dr, Schell eigentlich an den Seminarien tadeln will: daß sie sind, oder daß sie nicht in den Universitätsstädten sind? Tadelt er die Trennung der Theologen voni Studenten- und weltlichen Verkehr durch die Aufnahme in Seminarien überhaupt, oder tadelt er die Trennung der Seminarien selbst von den Universitäten? Uns scheint, er tadle Beides. Aber, dies vorausgesetzt, ist zu fragen: hält Professor Schell die Zurückgezogenheit der Theologen für nothwendig zur geistlichen Heranbildung? Hat das Tridentinum nicht gerade deßhalb die Seminarien vorgeschrieben? Und hält die Kirche jetzt die Seminarien nicht aus den nämlichen Motiven fest, aus denen das Concil sie vorgeschrieben hat? Wir dürfen ja von der Vorschrift des Concils gar nicht abgehen, so lange nicht die allgemeine Kirche diese Vorschrift aufhebt! Und nicht etwa, weil wir fürchten, die Candidaten könnten am Glauben Schiffbruch leiden, entziehen wir sie der „Welt", sondern weil wir überzeugt sind, daß sie sich in der „Welt" jene sittliche nnd priesterliche Bildung nicht aneignen können, die ihr Beruf erfordert. Wir wissen sehr wohl, daß freie Gedanken nnd Anwandlungen an den Mauern des Seminars nicht zurückprallen. Wenn sich Schell auf Hettingers Schrift über „Deutsche Universitäten nnd französische Seminarien" beruft, so muß er doch bedenken, welch wesentlicher Unterschied zwischen deutschen und französischen Seminarien besteht. Ich erlaube mir, denselben durch einen kurzen Zug anzudeuten. Als uns im Seminar zu München eine Beschreibung des Lebens in einem französischen Seminar vorgelesen ward (in der Biographie von Albert Hetsch), war der Eindruck auf uns großentheils der, daß wir sagten: „Dort hätten wir's alle nicht ausgehalten." Wenn aber Nector Schell nicht die Seminarien an sich, sondern die Thatsache bedauert, daß deren Mehrzahl nicht au Univcrsitätsorten ist, so übertreibt er einerseits die Bedeutung des Verkehrs der Theologen mit den Studenten der anderen Fakultäten; andererseits aber verdächtigt er die Lyzeen bezw. Semiuarlchrkräfte einer wissenschaftlichen Jnferiorität, die er nicht begründet. Seine Worte von der „Mediocrita seminaristischer Systematik" sind schon, wie viele andere Aeußerungen Schells, von Pxof. vr. Haas in der Beilage zur „Augsb. Postztg." richtig beleuchtet worden. Wir fügen nur hinzu: Entweder beweise Herr Rector Schell diese „Medio- critö" der Seminarien, oder er nehme die Beleidigung, die er in die Welt geschleudert, zurück! Die Vertreter der Seminarien haben das Recht zu dieser Forderung. 8. Wir kommen auf die heiklen Anklagen Schells gegen den „Ring" der streng-kirchlichen Theologen, bezw. Schriftsteller und Gelehrten überhaupt. Man muß vielleicht Herrn Rector zugestehen, daß es manchen von uns ergeht, wie den Pharisäern, welche, um ja das Gesetz sicher zu hüten, einen Zaun um das Gesetz machten; daß sie in ähnlicher Weise, um ja nicht in irrthümliche Lehren und unkirchliche Gesinnungen zu gerathen, hyper- kirchlich, um so zu sagen, in Lehre und Denkweise werden, darum mißtrauisch sind gegen Alles, was ihnen dem Anßerkirchlichen näher zu stehen scheint, daher geneigt, manches als häretisch oder unkirchlich oder bedenklich hinzustellen, was dies in der That nicht ist. Wir gestehen auch, daß sich manchmal katholische Schriftsteller, minder im Stande, ihre Thesen sachlich innerlich zu begründen, allzuviel und für oft zweifelhafte Dinge auf die kirchliche Auktorität berufen, ja zuweilen in der Hitze des Streites sich zu Verdächtigung des Glaubens und der Gesinnung des katholischen Gegners hinreißen lassen. Wir gestehen auch, daß die katholischen Schriftsteller, fortwährend bedrängt durch die Schmähungen und Verleumdungen der Gegner gegen alles Katholische, zuweilen in der Vertheidigung und im Lobe desselben des Guten zu viel thun; daß sie in der Absicht, Gesinnungsgenossen zu ermuntern und zu empfehlen, manchmal zu viel loben und zu wenig kritisiren; wird man doch des ewigen Kampfes herzlich müde, den man mit den Nichtkatholiken zu führen hat, mit Lüge, Entstellung und Haß, so daß man sich gerne der Polemik und Kritik gegen Leute aus den eigenen Reihen einschlägt. Wir schließen uns vollständig der Warnung Schells vor derartigen Fehlern an; wenige Fehler erscheinen uns so gehässig und schlimm in ihren Folgen, als Engherzigkeit und Mißtrauen und Verdächtigung gegen Glaubens-, Gesinnungs- und Standesgenossen; übertriebenes Lob aber und Mangel an Kritik unter uns ist ein Schaden für die katholische Wissenschaft. Aber welche Thatsachen berechtigen Herrn Schell, von einem „Ring" der kirchlichen Theologen zusprechen? Ist etwa ihm dergleichen widerfahren? Ist seine Dogmatik, wenn auch scharf, nicht dennoch überall maßvoll uild rein sachlich recensirt worden? Es ist rwtorisch, daß die katholische Gelehrtenwelt überhaupt, wie speciell die katholische Theologie und Philosophie, eine Vielheit von Nuancen in Lehre und Richtung umfaßt. So muß es selbstverständlich sein. Die Nüancen betreffen theils die theoretische, theils die praktische Seite der Lebens- und Weltauffassung. Hier erhebt nun Schell den Vorwarf der Einseitigkeit gegen eine Gruppe, eine Richtung von Theologen, welche völlig an der altüberlieferten Theologie und Philosophie festhalten, von den modernen Gelehrten aber nur soviel annehmen wollen, als ehrenhalber unvermeidlich ist. Er meint im Besonderen, wie es scheint, jene Aristoteliker bezw. Thomisten, welche sich gegen moderne Richtungen ablehnend verhalten. Wir wollen davon absehen, daß Herr Nector Schell die Behandlung, welche Thomas von Aguin der Theologie augedeihen ließ, ganz irreführend eine „formal-juristische" nennt, daß er die Aristotelik 12 Jahrhunderte laug um ihre Anerkennung in den katholischen Schulen kämpfen läßt» was historisch völlig unrichtig ist. Aber darin ist ihm beizn- 257 stimmen, daß die katholische Wissenschaft auch die moderne Philosophie nicht rundweg ablehnen darf. Dies wäre gegen ihre Natur als Sucherin der Wahrheit, gegen ihre Aufgabe als Lehrerin der Klugheit, und gegen ihre Eigenschaft als katholische Wissenschaft; es wäre auch gewiß gar nicht thomistisch. Der wahre Weise nimmt das Wahre, wo er es findet, der Kluge verschmäht auch das Kleine in der Wahrheit nicht, der Katholik kommt Anderen mit Liebe, nicht mit Stolz entgegen; Thomas von Aquin hat es nicht verschmäht, von Griechen» Arabern und Juden zu lernen. Der Heilige Vater Leo XIII. hat uns, hat den Katholiken, welche Theologie und Philosophie lernen oder lehren, befohlen, den hl. Thomas von Aquin vor Allem zum Lehrmeister und Vorbild zu wählen. Aber er hat uns, was selbstverständlich ist, weder das Studium anderer großer Meister der Wissenschaft vor und nach Thomas, noch den Gebrauch dessen verboten, was in der modernen Philosophie Wahres und Nützliches zu finden ist. Und solches ist darin zu finden, wenn anders es wahr ist, daß kein Mensch in allen > Dingen irrt, daß jede Hauptrichtung des Denkens und Forschens uns die Dinge von einer äscheren, neuen Seite ansehen und erkennen läßt. Man muß auch hier die rechte Mitte wahren zwischen Verachtung des Alten und Ablehnung des Neuen, zwischen principiellem Traditionalisinus und eitler Neuerungssucht. Aber gewiß ist jene Strömung des exklusiven Festhaltcns am Alten in Deutschland weder so stark noch so verbreitet, wie Schells .Darstellung meinen lassen könnte. 6. Sehr weit über das Maß gehen die Worte vr. Schells, so oft er auf die „geistige Hegemonie des Ordensklerus gegenüber dem Weltklerus" und die daraus dem letzteren drohende Gefahr „der geistigen Unfähigkeit, Unselbstständigkeit und Knechtung" zu sprechen kommt. Die meisten katholischen Leser haben solches sicherlich mit der größten Verwunderung gelesen, an die Stirne gefühlt und sich gefragt: Wo habe ich dergleichen je beobachtet? Schell beruft sich auf Manning; warum nicht auf eigene Erfahrung, auf die allgemeine Erfahrung? Es ist möglich, daß der katholische Weltklerus Englands zu Manuings Zeit einigermaßen zur Selbstthätigkeit erwachen mutzte, weil er in anderen Verhältnissen war; aber es ist auch möglich, daß Manning sich getäuscht hat. Aber man beobachte doch die Dinge, wie sie für den deutschen Klerus liegen. Wie weit gibt sich denn dieser der geistigen Leitung der Orden, des Capuciner-, Franziskaner-, Benediktiner-, Jesuiten - Ordens hin? Findet Schell das, was er so nennt, in dem Aufsuchen der geistlichen Exercitien bei Ordensmünuern? in der Berufung von Ordensvätern für die Exercitien in Priesterseminarien? zur Abhaltung von Volksmissionen? in dem Gebrauch von wissenschaftlichen Werken, die von Ordensmännern verfaßt sind? Soll darin die geistige Hegemonie bestehend Da scheint doch Schell Gespenster gesehen zu haben. In Mannings Ausführungen, denen sich Schell anschließt, liegt der Fehler einer principiellen Gegenüberstellung von Welt- und Ordensklerns. Der Fehler liegt darin, daß Manning das Mißberständniß einstießen Läßt, als komme das Priesterthum dem Weltklcrus insbesondere zu. In der That nehmen beide Stände in gleicher Weise am Priesierthnme theil. Wenn man Weltpricster und Ordensmann verglichen und ersteren der Würde nach dem letzteren, den letzteren in Bezug auf den Lebens- paud dem ersteren vorgesetzt hat, so kann man bestreiken, daß die Vergleichnng glücklich gewesen; auf leinen Fall hat der Wcltklerus es verschuldet, daß Gnry sagt ^ Üts,tu8 vaaorclotrrlw, liaot rliAnitats praestantissimris 8it, rations kamen poiksotionio vita religioniv lonAS ceäit. Gnry fehlt dadurch, daß er vitao religionis und 8acmräotirmr in gleicher Weise als 8taku8 nebeneinanderstellt. Dies ist unrichtig. Man kann dem 8tatus reli^ionm nur den 8trr.tu8 saooulario, und andererseits den Priester dem Nichtpricster vergleichend gegenüberstellen; ersteres ist ein Vergleich der religiösen Lebensart, letzteres ein Vergleich der Wirksamkeit im Reiche Christi. Wenn dann nicht erst Gnry, sondern schon Theologen des Mittelaltcrs lehrten, daß zwischen 8trrkn8 reliZionm und 8Mouinri8 ein Unterschied in der Vollkommenheit der Lebensart bestehe, der selbst dadurch nicht aufgehoben wird, daß ein vir aaeoniarip zugleich das Priesterthum besitzt, so sind das grundsätzliche Ansichten, welche von dem faktischen Verhalten des Wcltklerus ganz unabhängig sind. Wenn aber Manning-Schell die Theilnahme am Priesterthume so darstellen, als habe der Ordensklerus das Priesterthum des Geistes und der persönlichen Vollkommenheit am sich gerissen, dagegen der Wcltklerus sich mit dem Priesterthttm der Sakramente und der amtlichen Regierung zufrieden erklärt, so ist das eine maßlose Uebertreibung der Thatsache, daß der Ordensmann infolge seiner völligen Entsagung, seiner Regel und Ascesc in der Regel persönlich vollkommener leben und darum in der Christenheit besonderes Ansehen genießen, dem Weltpricster aber als Vorbild dienen wird. Das wünscht Niemand von uns zu ändern» es sei denn dadurch, daß wir Weltpriester auch ohne völlige Entsagung, ohne Regel und Gelübde uns eines möglichst vollkommenen Lebens befleißen. Unter den Orden bezeichnen Manning-Schell besonders den der Jesuiten als eine Gefahr für die geistige Höhe des Weltklerus! Und wodurch soll er dies sein? Schell spricht von exklusiver Intoleranz der Ordensmitglieder, mit der sie alles verdächtigen, was nicht mit der jesuitischen Theologie übereinstimmt! Was soll man hierauf sagen? Daß bei den Jesuiten viel weniger als bei anderen Orden von einer Ordenstheologie die Rede sein kann, daß gerade dieser Orden der individuellen Pflege der Wissenschaft den weitesten Spielraum laßt, daß gerade in ihm die profanen Wissenschaften sehr umfangreiche Pflege finden; daß Jeder, der sich über den Vorwurf Schells bezüglich der deutschen Jesuiten vergewissern will, die Abhandlungen und Recensionen ihrer beiden Zeitschriften „Stimmen von Maria-Laach" und „Junsbrucker theologische Zeitschrift" von Jahrgang zu Jahrgang prüfen möge; daß wir nie bemerkten, es seien Werke von Jesuiten ihrerseits in der Welt marktschreierisch oder anmaßlich verkündet, Werke anderen Ursprungs herabgesetzt worden. 7. Im Anschluß an Manning zählt Schell e8 in Iwnclon. . ." (und ein großes Pestilenz-Sterben herrschte in London). Wir können diese Skizze passend abschließen mit den zusammenfassenden, im Ganzen genommen treffenden Worten Sigharts: „Hans Holbein war eine kräftige, frische, lebensfrohe Schwabennatnr, wie schon sein Bild zeigt. . '. . Er lebte mit den gebildetsten und gelehrtesten Männern der Zeit in freundschaftlichem Verkehr, wie Erasinntz, Amorbach, Frobenins und Thomas Morns, muß also auf höherer Stufe der Geistesbildung gestanden haben. Schon dadurch unterscheidet er sich wesentlich von den beschränkteren Handwerksmeistern der früheren Zeit. Auch ist seine Universalität in der Knnstiibung zu bewundern. Er malt in Oel, Fresko und in Leimfarben, macht Miniaturen, Kupferstiche und Holzschnitte, er schafft Heiligeugestalten und Scenen der Bibel, Genrebilder, humoristisch-satirische Bilder, Thatsachen der römischen und griechischen Geschichte, allegorisch-symbolische Gemälde und endlich Porträts mit gleicher Virtuosität. Er war es, der deutschen Ernst und deutsche Wahrheit mit italienischer Formenschönheit zu verbinden gewußt hat, er huldigte den Grazien der Renaissance und blieb doch frei und deutsch, während die Nachfolger bald zu Sklaven der Fremde herabsankeu." Necensionen und Notizen. -s- Die St. Michaels - Hofkirche, nächst der Frauenkirche Münchens monumentalstes altes Banwerk und von Lübke als „die gewaltigste kirchliche Schöpfung der deutschen Renaissance" gepriesen, hat zur Feier ihres in den Tagen vom 27.-29. Jum stattfindenden dreihnndertjährigen Jubiläums aus der Hand des kgl. Hofpriesters und Subdiakons Adalbert Schulz ein würdiges. Angebinde erhalten, eine 133 S. starke und vom Verlage I. I. Lentner (E. Stahl jun.) gediegen und geschmackvoll ausgestattete, illustrirte Festschrift. Seine kgl. Hoheit der Prinzregent geruhte die Widmung des Buches anzunehmen, welches die Geschichte und Beschreibung des durch frommen und kunstbegeisterten Sinn eines edelen Wittelsbacher-Fürstcn gestifteten Gotteshauses weiteren Kreisen zugänglich machen will. In Ergänzung zu Gmelins 1890 als 16. Band der Bäuerischen Bibliothek erschienener Monographie legt Schulz den Nachdruck auf die Darstellung des kirchlichen Lebens. Bezüglich der Bangeschichte sucht er mit annehmbaren Gründen in Friedrich Sustris den Baumeister der Kirche, nicht in Wendel Dietrich, dem Angsbnrgcr Kunstschreiner, hauptsächlich wegen des unverkennbaren Einflusses italienischer Renaissance. Ausführlich verweilt Schulz ,bei der Beschreibung des verlorenen Kirchenschaßes bei dem Abschnitte über die Kirchenmusik, welche ja bis heute in St. Michael eine hervorragende Pstcgestätte gefunden hat. Die Geschichte der Kirche ist chronikalisch erzählt und sehr detaillirt von 1583 bis 1897. Ueber die Disposition der ganzen Schrift (Baugcschichte und Beschreibung der Kirche: das kirchliche Leben bezw. Gottes- dienstordnnng, Bruderschaften und Kirchenmusik: Chronik der Kirche: Anhang: die Sargiuschriften der Fürstengruft; Quellennachweise) rann man wohl anderer Meinung sein als der Verfasser: speciell wird man es nicht angenehm empfinden, daß die Quellennachweise oder Anmerkungen: sämmtlich erst am Schluß des Buches aufgereiht sind, so daß man bei der Lektüre des Textes immer hin- und Herblättern muß, lind ebenso hätten naturgemäßer die Sargiuschriften in dem vorhandenen Abschnitt „Die Fürstengrnft" untergebracht werden sollen. Allein das sind nur äußerliche Bemängelungen, die Solidität der populär-wissenschaftlichen, auf urkundlichem und handschriftlichem Quellenboden vielerorts beruhenden Schrift wird dadurch nicht geschmälert, und alle Verehrer des herrlichen Tempels, welchen einst die Dichter als achtes Weltwunder priesen, sollten sich diese treffliche Jubiläumsgabe zu eigen machen! Messer, Dr. August, Lehrer am Großherzogl. Gymnasium zu Gießen. Die Reform des Schulwesens im Kurfürstenthum Mains unter Emmerich Joseph (1763—1774). Nach unge- druckten amtlichen Akten dargestellt, gr. 8". (XII und 173 Seiten.) Preis M. 2,50. Mainz, Franz Kirchheim. Die Reform des gesammten Schulwesens von der Dorfschule bis zur Universität, die unter Emmerich Joseph im Kurfürstenthum Mainz angebahnt wurde, wird hier aus reichfließenden handschriftlichen Quellen dargestellt. Diese Reformen haben weit über die Grenzen des Mainzer Knrstaates hinaus gewirkt und beanspruchten daher für die Geschichte des Unterrichts eine mehr als lokal- historische Bedeutung. Ueberdies sind manche der hier auftauchenden Fragen von aktuellem Interesse, z. B. Hebung des Lehrerstandes und ihrer Ausbildung, Herstellung einer Einheitsschule in Verbindung mit der Zurückdrängung der klassischen Sprachen, der Kampf um den Einfluß auf die Schule zwischen den staatlichen und kirchlichen Behörden sowie zwischen der christlichen Tradition und den Forderungen der neuen Aufklärung rc. Auch das Schulsystem der Jesuiten wird sins ira et stuckio erörtert. Eerantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. ein. 37 7 '" o zm Sligskurgel Weitung. 3. Mt 1897. Aus Zeitwinkel und Perspektive. Von Cölest. Schmid. Man könnte die verschiedensten Signataren unserer schillernden Zeit aufstellen. Soll ich es von« humanistischen Standpunkt aus thun, so möchte ich die Hauptsignatur sehen in der götzenähnlichen Allmächtigkeit Goethes einerseits, in der vollständigen Versandung der Homerforschung andererseits. Vielleicht würden manchem diese zwei Erscheinungen keinen genügenden innerlichen Zusammenhang zu haben scheinen. Ich für meine Person möchte dieselben geradezu in das Verhältniß von Ursache und Wirkung zu einander stellen. Während sich für Dante und Sheakspeare trotz manchem und trotz allem doch nur erst die Bibliothekfächer von auserlesenen Naturen und wohl auch von manchen Specialliebhabern zu füllen beginnen, wächst der Dichter- Geheimrath als allgegenwärtige Macht, fast möchte ich sagen in den Dimensionen eines altmexikanischen Götzen, in den weiten Kreis der modernen Bildung herein. Und an ihn klammert sich thatsächlich immer mehr, fast wie .an einen rettenden Balken, unsere gesammte literarische 'und zwar nicht nur die durchschnittliche Talentkultur, sondern auch vielfach die prätensiöse Originalität und Genialität unserer Hochmodernen oder wenn man will Hochdekadence von den zärtlichen und überzärtltchen Priestern der wahren Symbolisten bis zu den Männern mit socialistischen Allüren oder socialem Ernst, die eben nur leider in der „olympischen Aristokratcnnatur" Goethes vielfach nicht mehr das finden können, was sie doch wohl so gerne finden würden. Je mehr wir uns dem Ende des Jahrhunderts genähert haben, je mehr ist Goethe zu einer Art Ueber- und Allmensch geworden. Einzelne sind es ja schon länger, die zweifelnd und fragend aufschauen oder auch gar besorgt werden, als wenn sie schlimme Witterung hätten. Aber so etwas auch am Ende gar öffentlich und mit Ernst ausznsprechcn, darüber schwebt noch immer das heiligste Anathem von Priestern und Gemeinde. Und der schwäbische Professor Weitbrecht, der da neulich in seiner Schrift „Diesseits von Weimar" meinte, Goethe hätte das jenseits Weimar auch bleiben lassen können, um sich selbst und der germanischen Poesie nicht abtrünnig zu werden, ist eben ein temperamentsvoll polternder Schwabe. Einer freilich hat es gewagt und durfte es wagen, bei aller Verehrung für den Altmeister ein scharfes, vorwitziges Schlagwort von nicht ganz hochheiligem Klang in die Dithyramben zu schleudern. Aber er braucht ja in Deutschland nicht bekannt zu sein — und kann es auch zunächst vor lauter Nietzsche und Düring nicht sein. Und doch meine ich keinen Geringeren als den nord- amerikanischen Philosophen Emerson, augenblicklich vielleicht der einzige, dessen Werke die Kräfte der wild und zügellos gewordenen absoluten Vernunft- und Naturphilosophie einigermaßen lösen und positiv einheitlich re- orgauisiren könnten. Schon allein seine „Repräsentanten des Menschentums" geben eine prächtige Geschichte der philosophischen und künstlerischen Hochkultur: und dies ist die einzige mögliche und unumgänglich nothwendige Basis einer einheitlich sammelnden und positiv lösenden Philosophie der Zukunft. Und eben da nun hat Emerson unter den Repräsentanten des großen MenschenthumS nicht allenfalls Goethe als Typus des Dichters aufgestellt, sondern Sheakspeare, während er bald darauf von dem Dichterforscher von Weimar den Typus des genialisch großen Schriftstellers aufzeigt. Ich möchte nun durchaus nicht sagen, daß ich ln Sheakspeare den höchsten Typus des Dichters erkennen würde. Dante kann sich mit ihm streiten, Homer, in richtiger Weise erkannt, seinerzeit noch vor ihn treten. Aber Goethe als Typus des genialischen Schriftstellers: dies befreiende Schlagwort allein ist ein untilgbares Verdienst des großen, auf Ausgleichungen sinnenden Nordamerikaners, der in nicht gar zu langer Zeit wohl auch doch für uns vor der Thüre steht. Das 19. Jahrhundert trotz manchem und trotz allem, am durchgreifendsten gerade seit dem Eintreten der entscheidenden Wende, eine Aera der in die Breite» gewiß auch in die Tiefe und Höhe wachsenden Schrift- stellcrei und Goethe als sein sich immer monströser herauswachsendes Idol: das läßt gar manches scheinbar Unentwirrbare durchschauen. Und nun ist gar auch noch einer der Hochmodernen gekommen und hat in einer kleinen Schrift, die von den sichersten Recensenten und Literatnrprotcktoren anscheinend mit verlegenen Augen gelesen und mit schwankendem Griffel kritisirt wird, in dem Essay „Goethe am AuSgang des Jahrhunderts", das alles, was der Jesuit Baumgartner vorbereitet, was ich manchmal bei dem immer noch totgeschwiegenen Paul Garin zwischen den Zeilen lesen zu müssen glaubte, mit Worten bestätigt und herausgesagt, die wie einzelne Rosen in einer Stachelhecke anmnthen. Goethe nach der Anschauung des Verfassers, des Herrn Servaes, Idol des ausgehenden Jahrhunderts und zugleich Asyl und Palladium der flachsten, seichtesten Bildungsmittelmäßig- keit: und dazu ist Servaes selbst einer der glühendsten Verehrer Goethes, der mit fast Boecklin'schcn Farben die seligen Jnselgefilde weit draußen im blauen Ozean zu schildern weiß, wo die durch Schopenhauer und Richard Wagner zerschlagene menschliche Glückseligkeitsharmonie, wie sie sich zum letzten Mal in Gothischer Dichtkunst und in Gothischem Menschentum gezeigt hat, vielleicht für lange, vielleicht für immer verschwunden sein soll. Emerson sieht in Sheakspeare den Dichter x. Z. Auch Servaes scheint da hinauskommen zu wollen, allerdings nur in einer weite Perspektiven eröffnenden Andeutung. Er betrachtet Goethe als die letzte glückliche Synthese im Kampfe des großen Mcnschenthums mit dem Dämonischen, in welchem Kampfe er auch mit Recht den springenden und zugleich wundesten Punkt der unendlichen Goethe-Forschung und den eigentlichen Schlüssel zur Lösung des Räthsels erblickt. Und nachdem er dann als typische Gegenkämpfer des 19. Jahrhunderts van Beethoven, Kleist, Schopenhauer und Nietzsche aufgeführt, in denen die von Goethe in sich selbst überwundene Wcrtherei in größerer Form Ivieder aufgelebt sei, um immer mehr in das Jahrhundert als Wahrzeichen hineinzuwachsen, meint er dann, eine weitere, noch höhere Synthese bedeute Sheakspeare. Diese Synthese müßte nach den Ausführungen von Servaes folgerichtig gemeint sein von den sich paralysirenden Er- scheinnngsthpen der Weltbespiegelnng und der Selbst- enthüllung des Lebens für die Kunst und des Sterbens. 262 für die Kunst, der harmonischen Vollendung und des. tragischen.Heroismus. Den Schlüssel zu dem Geheimnis; dieser Synthese gibt Scrvacs nicht mehr: ich möchte ihn darin sehen, daß bei dem nordgermanischen, vielleicht einzig germanischen Genie Sheakspeare das als lösender Mittelpunkt in den Kraftkreis tritt, ivas bei Goethe nur in seinen besten Jngcndjahren leise anklingt, um bald von weltfremd antikem Sinnen und von der Resignation der That abgelöst zu werden: in dem großen tragischen Humor. Wenn bei Emerson dem Amerikaner der Erklärungsgrund dafür, warum er nicht über Sheakspeare hinausgekommen ist, vorläufig am besten in der angelsächsischen Eigenart und Nationalitätsabgeschlossenheit gefunden werden kann, die auch den tumultuarischen Urhomeriker Wood (Ueber das Originalgenie des Homer 1789) beherrscht und ebenso den bedeutendsten englischen Homerikcr der Jetztzeit, Jebb (Einführung in den Homer), nicht aus dem Bannkreis der Vergleichung zwischen dem Ur- fänger und national-angelsächsischer Poesie hat herauskommen lassen: so ist dies bei dem mitten in der modernen Literaturbewegnng stehenden Servaes wohl noch leichter erklärlich, da er sich ja, als Nichthomeriker, auf die Resultate der Homerforschnng verlassen mußte. Nebrigens ist ebenso richtig als bezeichnend, daß Emerson als Typus des Philosophen den Platon aufstellt. Wollte Gott, man wurde, mit oder trotz dem neu- platonischen Kantianer und Spiritisten Karl du Prel, allmählich auch thatsächlich immer mehr vom Standpunkt und mit den Mitteln des fiammeugleich zum Himmel zurücklohenden Platon als nsit denen des großen Stagiriten, der trotz Metaphysik und Ethik doch ewig irdische Bausteine wägt und richtet, fassen und betreiben! Aber Platon war auch der einzige, der sich dessen untersing und unterfangen durste, die festgefügte große Welt des Homer für die Menschen aus den Angeln heben zu wollen: und wenn man richtig zusieht, ist Platon das, was er geworden ist und vielleicht für die Zukunft erst recht werden kann, geworden, indem er nicht mehr Homer sein konnte. Und so rückt nui^ Emerson allerdings bis vor die Thore des homerischen Tempels heran, um dessen Portale sich seit Platon für die Menschen aller Zeiten schreckende Drachen mit bezauberndem und verwirrendem, niit verheißendem und vernichtendem Sphinggenblick winden. Warum auch der wirklich große Philosoph Emerson die Thore nicht hat durchschreiten können? Warum er von Homer, dem thatsächlich größten Dichter aller Zeiten, schweigt? Ich weiß es nicht. Wohl aber denke ich mir, daß er es gethan und nicht gethan, weil er eine dem Platon vielleicht kongeniale Natur war, und weil für uns vielleicht erst die Zeit kommt, den Platon zu erreichen: noch nicht den Homer. Vielleicht auch, weil der ganze angelsächsische Stamm, vielleicht auch der ganze deutsche Norden, nicht dazu berufen ist, bald oder einst den Homer zu fassen und als neuen, endgiltigcn Wegweiser in die reinen Gänge der arischen Zeitgeschichte zu stellen: ihn, den höchsten Seher der Dinge — und den ersten arischen Besieger sowohl des.drückenden Elementeglaubens als der grübelnd niederziehenden Spekulation des semitischen Orients. Es wäre ungerecht und sinnlos, dem deutschen Norden seine Verdienste um die Homerforschnng, die Zierde und den Stolz der deutschen Gelehrsamkeit und der deutschen Kritik, abzusprechen. Der deutsche Norden hat nicht nur die glühendsten, kritiklosesten Schwärmer für Homer gehabt: von Nitzsch bis zu Herm. Grimm und Knötcl: er hat auch die konsequentesten Analytiker und Evolutioustheoretiker, von G. A. Wolf bis Hermann und Lachmann, auszuweisen, die mit glühendem Temperament die einzig mögliche Erklärung alles Genialischen und Genialen, die evolutionistisch-genetische, aufgestellt und verfochten haben, er hat auch einen Wilamowitz auszuweisen, der über die nur halb poetisch-sachliche Kritik von Christ und Cauer hinaus den Satz aufgestellt hat, die Homerforschnng muß durch Wolf und Lachmann über diese beiden hinaus, und zunächst muß die Philologie überhaupt, soll sie für die Zukunft noch Lcbensberechtigung haben, direkt Kunst werden. Dieses schöne und große Wort des onsimt tsrridls der Philologen ist aber ein ebenso uugehörter oder un- geglaubter Kassandraruf geblieben, wie die optimistischen Erwartungen und Hoffnungen, die Simrock unmittelbar vor dem deutsch-französischen Krieg» in seiner 3. Ausgabe der germanischen Mythologie, von dem Wiederaufleben deutschen VolksbcwußtseinS und. deutscher Volkspoesie gemeint hat aussprcchen zu können, in der Zeitenwende spurlos verhallt und verschwunden sind. Ueber das deutsche Volksthnm. und über . die deutsche Poesie hat es sich seit jener Wende hcrcingcwälzt wie trübende, stickende Schlammflnthen, aus deuen man erst jetzt allmählich wie aus schweren Alfenträumen nufzuathmen und auszuschauen beginnt. Die Homersorschung aber verbreitert sich je länger, je mehr in das ausgesuchteste Spccialistenthum oder in enthusiastische Kritiklosigkeit hinein. Seit Wilamowitz jenen Ruf erhoben, hat sich nur ein Nachhall hören lassen: und das war in dem Buche Caucrs, in dem wenigstens manches redlich eingestanden und aufgedeckt und in ernster Weise auf höhere Homerkritik hingewiesen wird. Seitdem sind aber auch die Bücher von H. Grimm, Knötcl und Erhard erschienen. Von ihnen nimmt der gefeierte H. Grimm den Standpunkt des homerlcseuden Webers aus dem 18. Jahrhundert, von dem er in der Vorrede mit launiger Beziehung auf sich selber spricht, auch thatsächlich ein. Erhard hat den Homer ini Gegentheil wieder einmal in Splitter und Scherben sogenannter poetischer Volkstradition zerdrückt, so daß eigentlich die ganze Homergeschichte, um die sich nun schon ganze Reihen von Generationen der alten und der neuen Zeiten mit hohem, sittlichem Ernst bemüht haben, zu einer schönen heroischen Staffage für die, immerhin auch zopfige, Gclehrtcn- commission des Athener Tyrannen Peisistratos werden würde. Knötel aber wiederum bewegt sich auf den blauesten Gewässern eines künstlerische Kritik und sich selbst preisgebenden Enthusiasmus, der nicht nur überall in Jlias und Odyssee wirklich homerische Kunst zu sehen vermag, sondern auch das persönliche Leben des Homer mit breitester, schönster Romanmänier in das Ungefähr eines Variötä- und Sängcrgesellschaftsdirectors mit durchaus offenen und durchsichtigen Lebensverhältnisscn ver- aoandelt. Und über all das hinweg fluthen die öden» flachen Schlammuferwellen eines zünftigen Specialisten- thums, das sich allerdings gerne exakte Forschung und philologische Akribie benennt. Eine bedeutungsvolle Zeit- signatur! (Fortsetzung folgt.) 263 Die St. Michaels-Hofkirche in München. Eine Studie zur 3. Säcularfeier der Einweihung der Kirche vom 27.—29. Juni 1697. Von J. M. Förster. (Fortsetzung.) Dci der Bau der Kirche seit 1583 mit geringen Unterbrechungen fortgeführt worden war, konnte man darauf rechnen, dieselbe schon 1589 zu weihen. Und wirklich war im September genannten Jahres der Bau ") so weit vorgeschritten, daß die Weihe auf den 21. Oktober festgesetzt werden konnte, der Herzog bereits Einladungen hinausschickte und sogar Auftrag gab, die Küche gut zu versorgen. Da ward auf einmal — aus welchem Grunde, ist unerfindlich — die Feier verschoben, und noch ehe der Sommer des Jahres 1590 herangekommen war, trat ein Ereigniß ein, welches für den Kirchenbau die tiefgehendsten Folgen nach sich zog?'-') Schon Ende April machte man nämlich die Wahrnehmung, das; sich der Thurm bedenklich zur Seite neige, weßhalb der Herzog bereits am 2. Mai 1590 eine Commission zur Untersuchung etwaiger Fährlichkeiten berief, welche auch am 7. Mai zusammentrat, aber mit ihrem Gutachten, wie mit verschiedenen Anordnungen auf theil- weises Abtragen des Thurmes, Ausfüllen des unteren Theiles, Stützen der gefährdeten Theile rc. rc. zu spät kam, denn ani 10. Mai 1590 Abends 2 °) stürzte der Thurm ein, glücklicherweise ohne ein Menschenleben zu gefährden. Die eingeleitete Untersuchung bürdete dem Maurermeister Müller die Hauptschuld auf, „der zu wenig (nach)sah und ein nnfleißiger Mann war", weß- halb ihn der Herzog bei Wasser und Brod acht Tage lang im „Fronhaus" einsperren und dann in den Falkenthurm 2') schaffen ließ. Der Einsturz des Thurmes führte natürlich zunächst eine große Stockung im Fortgange des Baues herbei, da, wenn auch weder das Gewölbe noch der Dachstuhl, so doch der damalige Chor der Kirche Schaden genommen hatte und der völlige Abbruch des Thnrmrestes, sowie die Hinwcgränmung des Schuttes nahezu zwei Monate beanspruchte. Der Herzog, welcher in dem Zwischenfalle eine Fügung Gottes erblickte, „weil die Kirche für die Majestät des hl. Michael zu klein sei," beauftragte nunmehr den Hofmaler und Architekten Friedrich Snstris, „zur Verlängerung der Kirchen oder Langhaus und des neuen Chores zu machen," zu welchem Zwecke die „alte Schule" 22 ) abgebrochen werden mußte. — Gleichwohl führte der Herzog sein Vorhaben, die Kirche baldmöglichst ihrem Zwecke zu übergeben, durch, indem dieselbe, nachdem in ihr sechs Altäre aufgestellt und das Langhaus gegen Nordosten, wo der verlängerte Chor angefügt werden sollte, durch eine Fehlmauer abgeschlossen worden war, am 29. Sept. 1590 von dem Freisinger Weihbischof Bartholomäns Scholl benedicirt wurde. In der Kirche standen folgende (provisorische) Altare: Die Kirche erstreckte sich damals nicht weiter, als bis zu den heutigen Chorstnsen, wobei das östliche Oluer- schiff gleichzeitig die Basis für den Thurm bildete. '°) Vgl. Gmelin a. a. O. S. 22. Nach anderen Berichten erfolgte der Einsturz Vormittags 8 Uhr. Der Falkenthurm war daS damalige Criminal- gefängniß, und ist die Falkenthnrmstraße, wo er stand, nach ihm benannt. '0 Das ist das oben erwähnte Gymnasium des hl. Erzengels Michael, vom englischen Gruße, der hl. Apostel Petrus und Paulus, sowie Andreas, der hl. Magdalena und der hl. Ursula. Am Tage vor der Bencdiction der Kirche weihte Wcihbischof Bartholomäns die bereits im Jahre 1585 von Herzog Ferdinand gestifteten vier Glocken,^) deren eherner Mund das Volk zu der seltenen Feier rief. Zu derselben hatten sich eingefundcn: der Stifter der Kirche und seine Gemahlin, Erbprinz Max und dessen Bruder Philipp, erwählter Bischof von Regensbnrg, deren Schwester Maria Anna, des Herzogs Bruder Ferdinand, außerdem der Hofstaat und viel Volks aus allen Ständen, das die prächtige Ausstattung der noch nicht einmal vollendeten Kirche bewunderte: denn Herzog Wilhelm selbst hatte einen vom Goldarbeiter Hans Schleich zu München aus Gold gebildeten Erzengel Michael, köstlich mit Diamanten und Rubinen besetzt, geschenkt, seine Gemahlin Renata zwei silberne Crucifixe und sechs silberne Armleuchter (von dem AngSburgcr Silberarbeiter Andrä Amstctt), der Erbprinz Maximilian einen goldenen, mit Perlen besetzten Kelch des Nürnberger Goldarbeiters Mathias Stiber und der herzogl. Kämmerer und Rath Hortensius von Tyriach ein silbernes Crucifix mit vergoldetem Postament und Kreuzesstamm, nebst zwei silbernen und ver- 2 °) Dieselben scheinen auch im früheren Thurm ziemlich tief gehangen zu sein. Die größte Glocke, in der Mitte von zwei anderen hängend, ist dem hl. Michael geweiht, mit dessen Bildniß aus der einen und jenem des herzoglichen Stifters, das sich auch auf den drei andern wiederholt, geziert. Ober dem bayerischen Wappen befindet sich der rechts und links von anbetenden Engeln umgebene Namenszug Christi, unter dem Bilde des hl. Michael die Inschrift: 8t. Uiobaslis 1833, unter jenem des Herzogs steht: Dorck. D. (1. II. Dav. I). 1583. Den obern Kranz nimmt die Inschrift ein: In oouspsotu an- Zelornw psallam tibi, aäorabo ack sanotum templuin turnn. Im untern Kranze steht: Dum osi-usrst llosnnss saermn U.vstorium Uiokaolis ^rokanA'elus tuba osoinit. (Im Angesichte der Engel will ich Dich lobpreisen und in Deinem hl. Tempel anbeten. — Während Johannes das hl. Geheimniß schaute, blies der Erzengel Michael auf der Posaune.) — Eine deutsche Inschrift besagt: In Gottes Haus gib ich ein lieblich Getön — Hans Frey von Kempten goß mich allste so schön. — Wiegt die Michaelsgtocke 56 Ctr., so ist die Frauenalocke um 25 Ctr. geringer: dieselbe trägt das Bild der Muttergottes mit dein Jesukinde, darunter steht: 8. Naria. ora pro nobis 1585. Im obern Kranze steht: Hvs Us»ino Ooelorum, Domino rlnAslornm, 8olv6 liackix sanota; im untern: 8alvs RsZIna, Unter Uiserieorckme, Vita, Dulosäo et 8ps8 nostra salve. (Gegrüßt seist Du, Himmelskönigin, der Engel Herrscherin, Heil Dir, hl. Wurzel — Sei gegrüßt, 0 Königin. Mutter der Barmherzigkeit, unser Leben, unsere Süßigkeit und Hoffnung, sei gegrüßt. — Der deutsche Vers läutet: Zu Gottes Lob bat mich hie gössen — Hans Frei von Kempten unverdrossen. — Die dritte Glocke ist die Apostel- glocke (18 Ctr.) mit den Bildern der Apostelfürsten Petrus und Paulus, darunter: Orats pro nobis. 1585. Im obern Kranze steht: In omnom tsrram exivit soims eormn et in tlnes orbis terrae vorba eormn; im unteren: Detrus Lpostolus et kaulus ckoetor Oentium ckoouerunt lsAoin tuam. (In alle Welt ging ihre Sprache und bis an die Grenzen oes Erdballs ihre Worte: — Der Apostel Petrus und der Völkerlehrer Paulus verkündeten dein Gesetz.) — Teutsch: Auf meinen Klang kommt All' herbei — Und preiset Gott mit Meister Hansen Frey. — Die 4. Glocke (9 Ctr.) „Fg'nus Doi" zeigt Christum am Kreuze, darunter die Wdrte: 8alvo nos 1585. Oberer Kranz: Iloo siAmnn Orneis vrit in Ooslo; unten: Dielte in nationibus UoAllavit a 8i»',m Oraeis Dons. (Dieses Zeichen des Kreuzes wird am Himmel stehen: lehret unter den Völkern: es herrschte Gott vom Kreuze herab.) — Deutsch: Hans Frey nahm ! Sleast Metall — Und macht aus mir einen eng- ' tischen Schall. 264 goldeten Kelchen mit Emailbildern. ^) — Außerdem gab der Herzog eine von dem Münchener Silberarbeiter Heinrich Wagner vortrefflich gearbeitete silberne Ampel, nebst einer von dem Seidensticker Joh. Menzinger verfertigten, dazu gehörigen seidenen Quasten und von eben diesem Menzinger gestickte Tapeten für den Chor, auf welchen die sieben Fußfälle Christi abgebildet waren. Nach erfolgter Benediction der Kirche hielt der Wcihbischof das Hochamt, wobei der Provinziell Ferdinand Alber 8. ll. die Predigt hielt. — Nach Beendigung der kirchlichen Feierlichkeiten gab der Herzog in dem Kollegium, dessen Bau bereits soweit vorgeschritten war, daß ein Theil von den Jesuiten bewohnt werden konnte,^) eine Tafel, zu welcher alle geistlichen und weltlichen Würdenträger beigezogen wurden. Nach derselben dankte der Jesuit David Gaßner in wohlgesetzter Rede dem durchlauchtigsten Stifter für die erwiesene höchste Gnade, worauf der Herzog feierlich versicherte, daß er während seines ganzen ferneren Lebens am Tage des hl. Michael dem Gottesdienste in dieser Kirche beiwohnen werde. Am folgenden Tage ertheilte der Wcihbischof in der Kirche den Kindern (wie auch mehreren Erwachsenen) das hl. Sakrament der Firmung und wohnte mit der herzoglichem Familie nnd den übrigen Fcstgästen einem von den Studenten gegebenen, von dem Professor Edmund Cam- piaims 8. ll. verfaßten geistlichen Schauspiele: „Die Bekehrung des hl. Angustin", bei. Schon im Jahre 1589 hatte der Herzog seinen Nöthen den Auftrag gegeben, darüber nachzusinnen, wie man von den geistlichen Gefallen ein jährliches Einkommen für die Jesuiten herausbekommen könne. In der Folge verschaffte er ihnen eine Jahresreveune von 5000 fl., sowie das Landgut Tanfkirchen und (zum Unterhalte der Kirche) die Zehenten von Aindling und Edenhausen, nebst einigen sogen. Kammergütern (sowie 1595 das bisherige Beuediktinerstift EberSberg). — Am 19. Januar 1592 gab der Herzog die Kirche dem Kollegium nebst allen Geräthschaftcn und Einrichtungen für ewige Zeiten zu eigen. Im Jahre 1593 brachten die Prinzen Max und Philipp von Rom, wohin sie unter Obhut ihres Oheims, des Herzogs Ferdinand, nnd in Begleitung mehrerer Jesuiten eine Wallfahrt veranstaltet hatten, die Gebeine der hl. Märtyrer Cyrus» Johannes, Satnrninus und Euphebins mit, welche auf den Altären der Kirche ihre Stätte finden sollten und, nachdem sie einige Zeit in der St. Stcphanskapelle auf dem (äußeren) Freithofe deponirt gewesen, am 13. August 1593 in feierlichem Zuge eingeholt wurden. ) Der Kirchenschatz, welcher theils durch Umschmelz- ung, theils durch die Brandschatzung von 1632 verloren gmg, theils bei der Ordensaufhebung zerstreut wurde, umfaßte 500 Einzelreliguien von 266 Heiligen und 12 hl. Orten, zn deren Aufbewahrung 17 Tabernakel, 31 Kissen, 24 Kästchen und Schreine, 34 Monstranzen und Osten- sorlen und 12 Crucifixe dienten. (Ginelin, S. 72.) Dazu kamen auch in späteren Zeiten weitere werthvolle Geschenke (z. B. 1665 von der Kurfürstin-Wittwe Maria Anna eine auf 16,000 st. s150,000 M.s bewerthcte Mon- stranze), welche der Exjesuit und „der chnrf. Hofkirche Propst bei dem hl. Erzengel Michael" Anton Crammer S. 95—128 der Schrift „Glorivürdigstc Vortrcfflichkeiten, Groß- und Wohlthaten des hl. Erzengels Michael" genau auszahlt. An Gold machte der Schah (nach Hübncr. Beschreibung von München I. 235) 37 Pfund, an Silber 62 Ctr. (?) aus. ^ "s) Vollständig bewohnbar wurde das Kollegium Mt 1ÜSb. Allgemach nun näherte sich der Bau der Kirche seiner Vollendung, namentlich durch den Bau der heil. Kreuzkapelle und der unter derselben befindlichen Gruft der Jesuiten,2«) welche beide der Weihbischof Scholl von Frcisiilg Ende Juli 1596 einweihte. Das Jahr 1597 endlich krönte die Wünsche des frommen Herzogs; zwei Feste, von ihm lange er sehnt, sollten in diesem Jahre gefeiert werden: die Erhebung seines zweiten, am 22. September 1576 gebornen, für den geistlichen Stand bestimmten nnd schon im 3. Lebensjahre zum Bischof von Negens- burg postulirten Sohnes Philipp zum Cardinal der heiligen römischen Kirche, welcher auch am 2. Febr. 1597 in der St. Michaelskirche unter großen Feierlichkeiten den Purpur erhielt; das zweite Fest war die feierliche Einweihung dieser Kirche, für welche der Herzog den 6. Juli 1597 bestimmte. Mit vieler Mühe war die Kirche vollendet worden. Der Ruf von ihrer Pracht ging weit in alle Lande, wie sie denn heute noch als das „bedeutendste Bauwerk des älteren München" bezeichnet wird. Zwar ist die ganze Kirche bei Mangel von edlerem Material in Bausteinen und Verputz ausgeführt und „mangelt der östlichen Langseite für die constructiven Bedingungen eine entsprechende künstlerische Lösung, so daß einerseits die mächtigen Flächen in todter Felder« Umrahmung ihre einzige Gliederung finden, anderseits die tabernakelartig zwischen die Streben gesetzten Kapellcn- absiden der Scitenaltäre als häßliche Cylinderstücke sich unvermittelt geltend machen," ^) — dafür aber „entschädigt das Innere mit dem gewaltigen Tonnengewölbe für das Acnßcre". „In ihrer jetzigen Grundrißanlage zeigt die Kirche ein einschiffiges, fast 20 m weites Langhaus mit drei Paaren von Seitentäpellcn, an die sich ein Querhaus anschließt, dessen Arme der Tiefe der Seitenkapellen entsprechen. Hinter dem Chorbogen (von 12,8 m Weite) folgt erst ein um die Chorstufen erhöhter Vorchor von genau quadratischem Grundriß, unter welchem die Fürstengruft^), und dann die aus dem halben '") Die unter der hl. Kreuzkapelle befindliche und bis unter die Kirche sich erstreckende Gruft wurde mit ersterer Ende Juli 1696 von Wcihbischof Barthol. Scholl, nachdem derselbe im Kollegium 3 Tage laug Exercitien gemacht hatte, benedicirt. ") Rebcr, „Bantechnischcr Führer durch München" S. 40 bczio. 107. Das Tonnengewölbe ist einschließlich des inner:.. Verputzes bei einer Spannweite von über 20 m nur 23'/. om stark. — Da auch die gesammten Maßverhältnisse interessiren dürften, seien sie hier gegeben: Länge des Schiffes 83 m. Breite des Schiffes 33,25, des -Querhauses 41,3, Scheitelhöhe 25 m, Tiefe der Kapellen 5 m. Mauerdicke 1,876, Entfernung der Außeumauern von einander im Querschnitt 35 m. — Von der Kirche geht bekanntlich die Sage, man habe die Festigkeit des Gewölbes durch einen Kanonenschuß prüfen wollen, aber ehe derselbe gelöst worden, habe sich der Baumeister geflüchtet (nach einer andern Lesart vom Thurme gestürzt, weßhalb dieser »»ausgebaut geblieben!). -°) Die schon 1589 angelegte Fürstengruft bildet em Viereck, zn welchem man auf 2 breiten, durch am Fußboden angebrachte Gitter (u. Gasflammen) beleuchteten Stiegen neben den Altären der HHl. Jgnatius und Franz Lavcr gelangen kann. Die beiden Gitterthürcn, welche die Gruft unten verschließen, stellen das baner. Wappen vor. An der Grnndwand der Gruft befindet sich ein einfacher Altar, an dessen Evangclicnseite der Sarkophag des unglücklichen Königs Ludwig II. steht, während sich außerhalb des Altargitters an der Epistelseite jener 265 Zchneck entwickelte Absis. — Durch kleine Treppen gelangt man links des Vorchores in die Sakristei, rechts auf einen Vorplatz, der direkt ins Freie, links dagegen in die hl. Krenzkapelle führt. — Ueber der Sakristei befindet sich ein Oratorium mit Altar; durch die daran- stoßenden Räume gelangt man in den Knppelraum der hl. Krenzkapelle und auf einer umlaufenden Galerie in das früher herzogliche, jetzt königliche Oratorium. — Die über den Seitenkapellen hinlaufenden Emporen, die von geringerer Tiefe als jene sind, erreicht man durch die beiden an der Hauptfaxade liegenden Wendeltreppen. Vor den beiden ersten Seitenaltären ist der Zugang zur Fürstengruft." Die nach innen gezogenen Streben find durch Cannelirung und Bekrönung mit (vergoldeten) Kapitalen zu Mastern umgestaltet, wodurch der sonst massive Ban zierlicher erscheint. An den Wänden sind in Lebensgröße aus Gips geformte Engel angebracht, welche die Leidenswerkzeuge tragen, während den Chor ähnliche Statuen, 22 an der Zahl, die Propheten, Apostel und Evangelisten darstellend, beleben. Die Zahl der Altäre^) betrug (ausschließlich jenes in der hl. Kreuzkapelle) acht: der Hochaltar, der Kreuzaltar (an den Chorstufen), dann (mit der Epistelseite beginnend): der hl. Dreifaltigkeitsaltar (jetzt mit dem Vorsatzbilde des hl. Johann Regis, in dessen Rahmen sich 360 Reliquien befinden; außerhalb des Altargitters ist der berühmte Ascete Jercmias Drexel 8. öl. begraben); die östliche Reihe der Altarkapellen mit dem Petcr-Paul- Altar (anf welchem der Schrein mit den Leibern der HH. Cosmas und Damian, welcher sich bis 1819 auf dem hl. Kreuzaltar befand), den« Sebaftiansaltar (mit dem Bilde nnd Reliquien des hl. Stanislaus Kostka und der Gruft der 1618 st Gräfin Eleonore Jsabella Gräfin von Oettingeu), dem Ursula-Altar (mit dem Bilde des hl. Joseph); Evangeliumseite (ebenfalls bei den Chorstufen beginnend): der Namen Jesu-Altar (mit einem Bilde des hl. Johann^ Borgias, dessen Nahmen 10 Reliquien einschließt, vor dem Altare das Grab des 1641 -j- Landshuter Chorherrn Wolfgang von Asch); westliche Altarkapcllen: U. L. Frauen (jetzt Maria-Haar-Kapelle, mit der Gruft der 1702 st- Hofdame Apollonia de Beau- val), der Andreas-Altar (mit Bild und Reliquien des hl. Aloysius und der Gruft des 1604 -st Erzbischofs von Zara und Pröpsten zu Altötting, Minutius de Miuutiis), des Prinzen Adalbert befindet. Dem Altare gegenüber riehen in einfachen Zinnsärgen: 1. die Herzogin Renata (st 1602). 2. Herzog Wilhem V. (-j- 1626), 3. Prinz Ferdinand (st 1630). 4. die Kurfürstin Elisabeth (st 1635), 5. Kurfürst Max I. (st 1651), 6. Kurfürstin Maria Anna (st 1665), 7. Herzog Max Philipp (st 1705), 8. seine Gemahlin Manrrtia Febronia (st 1706), 9. Prinzessin Theresia Benedikta (st 1743), 10. Prinzessin Theresia Emanncla (st 1743), 11. Pfalzaräsin Emannela Augusta von Sulzbach (st 1726), 12. ihr Gemahl Joseph Karl (st 1729). 13. deren Kinder: Karl Franz (st 1724), 14. Karl Philipp (st 1725). 15. Elisabeth Auguste. Gemahlin des Kurfürsten Karl Theodor (st 1794), 16. Prinz Friedrich Michael von Birken- feld-Zweibrücken, Stammvater der königl. Linie (st 1767), dessen Söhne: 17. Clemens August (st 1750) und 18. Karl August (st 1793), 19. Pfalzgraf Johann Friedrich (st 1632); die Särge 15—18 wurden aus Heidelberg, bezw. Mannheim hieher überführt. — 20. Eugen Napoleon, Herzog von Lenchtenberg, st 1824 ; 21. dessen Tochter Carolme Clotilde Eugenie, st 1816 und 22. seine Gemahlin Auguste Amalie (st 1851). — Ferner sind hier in einem Gefäße anch beigesetzt Herz, Gehirn und Eingeweide des Herzogs Albrecht VI., des Leuchtcnbergers, dessen sterbliche Hülle üt der Gnadenkapclle zu Altötting ruht. °°) Vor 150 Jahren zählte die Kirche mit der hl. der Magdalenen-Altar (mit Bild und Ne quien des hl. Johann von Neponink). Ober dem Kreuzaltare, in der Mitte des Chores, stand die imposante, nun im östlichen Querhause befindliche Kreuzigungsgrnppe ol) (Christus am Kreuze, dessen unterer Theil die durch die Salbcnbüchse kenntliche hl. Magdalena umfaßt), auf hohem quadratischem Postament, dessen Seiten Inschriften tragen; die an der Vorderseite lautet: LaotLntiu8 fieots §6nu lignumgus eruoio vonornftils aäorn; rechts: Ouiliolmus V. Oomos kni. Lfteni Dtri. Luvar. Oux Lunckator oft. In. uft loournutiono Vorfti HM6XXVI. mon. Loftrnarii ckio VII; links: Lanutu Lothar, et Luvar. Luoissu Leren. Oniliel. V. Ooogunx ei Lunäutrix Oft. Ln. L. LIV6II. äis XXIII. Llaii; hinten: tllexuncier k. k. et IViur. circa Hv. OOXXI. ox. k. tl^num sule eonexsrsuin popnlis beneäioirmm ut eu onnoti uepersi sanet-i- tiosntnr, c;uoä et cunotis sueerckotiftus lucienäuw wuncluinus?^) Hinter der Kreuzigungsgruppe, in der Mitte de? Chores, befand sich das Mausoleum des Herzogs Wilhelm V.: ein lebensgroßer Engel mit Flügeln richtete die Hände gegen ein großes Weihwasserbecken aus schwarzem Marmor derart, daß er dasselbe zu halten schien; vor der Schale befand sich ein schönes Gitter aus Bronze und Schmicdeisen, welches die in den Boden eingelassene bronzene Grabplatte des Herzogs umgab. Diese hat folgende Inschrift: ^Oovamissu mea xavosoo et ante ts ornftoseo; änna veuoris znäicg-re, noii me conclemnare."^) Die Inschrift nimmt mehr als die Hälfte der Platte ein, deren unterer Theil von zwei über Kreuz gestürzten Fackeln ausgefüllt wird, in deren Winkeln sich Todtenkopf nnd Stundenglas befinden. Krcuzigungsgruppe, Engel, Gitter und Tafel wurden 1819 in das rechte Querhaus versetzt, die Grabplatte hinter dem nun im Gitter stehenden Engel in entsprechender Höhe angebracht, und bildet nunmehr die Kreuzkapelle 13 Altäre: den Hoch-^ hl. Kreuz- (auch Altar der HHl. Cosmas und Damian), St. Jgnatius-, Namen- Jesu-Altar (auf welchem die Jesuiten 1607 die erste Krippe errichteten), Mariä-Vcrkündigungs- (auch Maria-Haar-), St. Andreas-, hl. Maria Magdalena-, hl. Franz Xaver-, hl. Dreifaltigkeits-, hl. Peter und Paul-, St. Sebastian-, hl. Ursula- und den Altar der Krenzkapelle. Jetzt beträgt die Zahl der Altäre in der Kirche nur mehr 11. von welchen der Mariä-Vcrkündignngs-Altar auch den Namen „Maria-Haar-Kapelle" führt, weil an der dort aufbewahrten Marienbüste soviele Haare der hl. Maria aufbewahrt sind. daß ans ihnen in lesbarer Weise der Name „Maria" hergestellt werden konnte. Der Name „Haar- Kapelle" wird — wiewohl irrthümlich — manchmal auch auf die an Reliquien sehr reiche Krenzkapelle angewandt, weil in derselben das härene Bußgewand aufbewahrt ist, welches Herzog Wilhelm V. trug. "), Aller Wahrscheinlichkeit nach hat Peter Candid die Zeichnung entworfen. Hanns Reich! die Figuren mo- dellirt nnd Hanns Krumpper sie gegossen. ^) Zu deutsch (nach Lactantius): Beuge das Knie und bete den ehrwürdigen Kreuzcsstamm an! — Wilhelm V. rc. rc.. der Stifter (dieser Kirche). starb i. I. nach der Fleischwerdnng des Wortes 1626 am 7. Februar. — Renata rc. rc., des durchlauchtigsten Wilhelm V. Gemahlin und Mitstifterin, starb i. 1.1602 am 23. Mai. — Mit Weihwasser segnen wir die Völker, damit sie, mit demselben besprengt, geheiligt werden, was wir allen Priestern befehlen. ^) Dieser Engel wurde von verschiedenen Historikern für die Figur der hl. Cäcilia erklärt, welche auf der Orgel (!) gestanden haben sollte! Zu deutsch; Ich traure über meine Sünden una errothe vor Dir; verdamme mich nicht, wenn Dn als Richter kommst. 266 Kreuztguugsgrnppe das Gegenstück zn dem im westlichen Seitenschiffe befindlichen Mausoleum des Herzogs Engen von Lcnchtenberg. (Schluß folgt.) Die ehemalige Franziskaner-Kirche znr aller- heiligsten Dreifaltigkeit in München. Es gereicht den Söhnen des hl. Franziskns znr Ehre, daß die Habsburger sie in unmittelbarer Nähe ihres Schlosses in Innsbruck mit der Hofkirche zum hl. Kreuze ansiedelten und ebenso die Wittclsbacher ihnen zwischen dem 1253 angelegten alten Hofe und. der neuen Beste ein großes Terrain überwiesen, auf dem alsdann Kloster und Kirche zur allcrheiligsten Dreifaltigkeit errichtet wurden, wo sie stets Freud und Leid in dankbarer Treue mit dem Fürstenhause theilten. Auf dem außerhalb der Münchener Stadtumwallung befindlichen Terrain hatte die Familie von Haßlang bereits im Jahre 1227 das Begräbnißrecht erlangt und sich hier eine Kapelle erbaut. In Verbindung mit dieser der heiligen Agnes geweihten Kapelle wurde Kloster und Kirche der Franziskaner im letzten Viertel des XIII. Jahrhunderts derart zur Ausführung gebracht, daß die Klosterkirche in der heiligen Linie von West nach Ost ihre südliche Langseite der Stadt zukehrte, während die Conventsbauten sich auf der Nordseite gegen die neNe Beste hin erhoben. Hierbei ließen sich die Franziskaner immer von der Oertlichkeit leiten, und so kommt es, daß man auch in Köln am Rhein Krcnzgang und Convent an der Nordseite der schönen, Sanct Maria, Franziskns und Antonius geweihten Minoritenkirche errichtete, während man sowohl bei Santa Croce in Florenz wie Sanct Martin zu Freiburg im Breisgau die Klosterbauten im Süden der Kirche findet. Die neu erbaute Münchener Franziskaner-Kirche wurde im Jahre 1294 durch den Freisinger Bischof Einicho, Grafen von Moosburg, in Gegenwart des regierenden Herzogs Ludwig des Strengen und der Prinzen Rudolf sowie des siebenjährigen Ludwig, nachmaligen Kaisers, feierlich consccrirt; leider haben uns hierbei die Urkunden den Titelheiligen verschwiegen. Im Jahre 1311 fand eine Fcuersbrnnst statt, der angerichtete Schaden wurde vom damaligen k. Guardian Friedrich Chorburg alsbald wieder gehoben. Schlimmer erging es Kloster und Kirche beim großen Münchener Stadtbrande 1327, denn erst am Sonntage Jubilate des Jahres 1375 weihte der Franziskaner Albert, Bischof von Salona, Weihbischof zu Freising, die wieder hergestellte Kirche zu Ehren der allerheiligsten Dreifaltigkeit, der seligsten Jungfrau Maria, der zwölf Apostel sowie der Heiligen Franziskns und Antonius von Padna. Schon 1327 hatte Kaiser Ludwig der Bayer nach seiner Krönung zu Mailand das in Holz geschnitzte Brustbild des heil. Antonius von Padna nebst einer Reliquie vom Arme dieses Heiligen nach München gebracht, was zur Errichtung einer besonderen Kapelle an der Süd-, also der Stadtseite des Gotteshauses der Franziskaner geführt hat. Diese St. Antonius- Reliquie war Veranlassung dem Kloster den Namen des hl. Antonius von Padua zu verleihen. Da aber urkundlich keine spätere Consekration der Hanptkirche bekannt?) so haben wir mit vollem Rechte die 1375 erfolgte mit St. Trinitatis xrimo looo als feststehend an- ) Gütige Mittheilung des derzeitigen Historiographen vom Münchener Franziskanerkloster zu St. Anna, Herrn k..Parthein'tts Minges. zunehmen. Die Franziskaner haben außer der Münchener Kirche znr allerheiligsten Dreifaltigkeit noch ebensolche in Trier an der Mosel als gothische Hallenkirche mit einem Chöre von fünf Seiten des Zehneckes, in Colmar im Elsaß sowie zn Danzig in Westprenßcn gehabt, auch nannten so ihr Gotteshaus die von 1340—1782 bestandenen Franziskanerinnen in Säckingen a. Rh. Ucbcrliefert ist uns ferner, daß der Kircheuban im Jahre 1380 sei vollendet gewesen, daß 1618—1620 und 1723 große Ncstauratious-Arbeiten stattgefunden haben. Nach der Säkularisation ward im Jahre 1802 das Franziskaner-Kloster sammt Kirche und Kapellen vom Hutmacher Giglbergcr und Kammmacher Duisberg käuflich erworben und znr Demolirung bestimmt, was denn auch alsbald znr Ausführung gebracht worden ist. Unseres Wissens wurde bei dieser Zerstörung einzig nur der zwifchen 1480—1500 von Hans Olmendorf ausgeführte Hochaltar mit dem Hanptbilde der Kreuzigung gerettet, welcher sich jetzt im Münchener Königlichen National- Musenm befindet, ferner ein aus Tegernseer rothem Marmor bei Gelegenheit der von 1618 — 1620 ausgeführten Restauration hergestelltes Portal, das heute dem Hause Nr. 55 der Sendlinger - Straße als EinfahrtsThor dient. Für die bauanalytlsche Beurtheilung der ehemaligen Franziskanerkirche znr allerheiligsten Dreifaltigkeit ist das im National-Musenm befindliche Modell des Bildhauers Jacob Sandtner vom Jahre 1572 von hohem Werthe, ebenso die Aufnahmen des Theologen Stimmelmeyer, Benefickaten der Hofkapelle zn St. Lanrentius, vom Ende des XVIII. Jahrhunderts, endlich auch die vom Maler I. M. Qnaglio dem Jüngeren angefertigten Zeichnungen, welche Carl Albert Regnet in seinem „München in guter Zeit" auf Blatt 17, 18 u. 19 im Jahre 1879 herausgegeben hat. Das Gotteshaus war hiernach im Lang- häuse eine dreischiffige Basilika, woran sich ein mit drei Seiten des Achteckes geschlossener Chor fügte; dieser hatte in gleicher Höhe mit dem Mittelschiffe seinen Dachkranz, und auch der First des Satteldaches lief voni Westfrontgiebel ununterbrochen bis znr Chorabwalmnng horizontal durch, in der Mitte über dem Manerwerke des Triumphbogens erhob sich, wie ehedem bei der Hofkapclle St. Lanrentius, ein steinernes Sattelreiter-Thürmchen, das die wenigen Kirchenglocken aufzunehmen bestimmt war. Während die drei Schiffe des Langhauses mit flachen Holzbalkendccken versehen waren, hatte ursprünglich der einschiffige Chor seine Steindecke in Form von Kreuzgewölben auf Hansteinrippen, somit eine Constrnktion gleich jener der St. Lanrentius-Kapelle im alten Hofe Münchens, welche wir in Nr. 41 der Beilage zur Angs- burger Postzeitung am 4. Oktober 1895 näher beschrieben haben. Die Jnnsbrncker Franziskaner-Kirche zum heil. Kreuze besitzt eine westliche offene Haupt-Portal-Vorhalle auf zwei freistehenden Säulen, ganz das gleiche schöne Baumotiv zeichnete die Münchener Klosterkirche Vortheilhaft aus. Ihr Langhaus hatte beiderseits sieben, also zusammen 14 Freistützen, ganz ebenso war es ehedem bet der Franziskaner-Kirche zn St. Georg in Eßlingen, die leider mnthwillig im Jahre 1840 bis auf den Chor zerstört worden ist. Desselben Ordens Basilika St. Sal- vator in Negensbnrg besitzt nur 12 freistehende Rundsäulen im Langhansc, in München waren viereckige mit Backsteinen ausgemauerte Pfeiler mit vier Pilastervorlagen, somit eine Constrnktion, die sich bis aus den heutigen Tag in Jngolstadt bei der Garnisonskirche erhalten hat, 267 welches Gotteshaus Franziskaner zn Ehren der Himmelfahrt Mariens Ende des XIII. Jahrhunderts erbaut hatten. St. Salvator hat einen Chor von vier oblongen Jochen, und hiezu kommt noch der aus fünf Seiten des regelmäßigen Achteckes gebildete Chorschluß; den ganz gleichen Grundriß zeigte das Münchener Banwerk, nur scheinen, nach Ausweis der Zeichnungen von Qnaglio, die Chorgewölbe eine spätere Umänderung erfahren zu haben. In dem 1294 geweihten ersten Kirchenbau haben wir unbedingt, wie in St. Salvator Negensburgs, einfache Kreuzgewölbe anzusprechen, und erst beim zweiten, auf den alten Fundamenten und Umfassungsmauern hergestellten, 1375 geweihten Baue wurden Netzgewölbc mit Rippen aus gebranntem Thone gewählt. Haben doch auch. der Westban von St. Jacob am Angers und die symmetrisch zweischifsige St. Nicolaus-Kapette des ehemaligen Dcchantcihofes zu St. Peter in München ihre bis aus den heutigen Tag wohlerhaltenen Netzgewvlbe, beides Konstruktionen, welche im Anschlüsse an die 1375 consecrirte Franziskaner - Kirche zur allerheiligsten Dreifaltigkeit entstanden sind. Der einschiffige, feuersicher gewölbte Chor der Klosterkirche war durch hochragende dreitheilige Stab- und Maßwerksfenster reichlich beleuchtet, was der zahlreiche, in holzgcschnitzten Chorstühlcn versammelte Cvnvent erforderte; ihn schloß am Triumphbogen ein auf freistehenden Stützen gewölbter, mit oberer Empore versehener Lettner ab; dieser dürfte außer der seitlich aufgestellten Orgel im Mittel den der allerheiligsten Dreifaltigkeit geweihten Altar besessen haben, wie solches auch beim ehemaligen Lettner der Collegiatstiftskirche zu St. Katharina in Oppenheim, a. Rh. der Fall war. Lettner waren bei den Franziskaner-Kirchen üblich, denn außer dem in München sehen wir solche in Santa Maria Glorios« dei Frari zu Venedig, zu Salzwedel im ehemaligen Erzbisthnm Magdeburg, zu Danzig bei St. Trinitatis, zu Innsbruck bei Hcilig-Krcuz und zn Eß- lingen bei St. Georg. Gerade der letztere Lettner ist in Anlage und Ausführung dem zn München bestandenen gleich gewesen und seine erst 1840 erfolgte Zerstörung recht zu beklagen. Wir haben in dem 1375 geweihten Gotteshause keinen völligen Neubau, sondern eben nur ein restaurirtes Werk anzusprechen, was die auf der Epistelseitc dem südlichen Seitenschiffe angebaute Kapelle des heiligen Au- tonius von Padna beweist. Der fromme Kaiser Ludwig der Bayer hatte aus Italien das Brustbild und die Reliquie des Heiligen den seinem Hanse nahestehenden treu ergebenen Minoriten-Brndern 1327 mitgebracht, und diese würden sicher bei einem völligen Ncubaue der ganzen Kirche die St. Antonius-Kapelle nicht als Anbau, sondern als einen wesentlichen Theil des Banprogammes behandelt haben. So hat man es bei der Mntterkirche des Ordens Sän Francesco in Assist, so hat mau es iin Santo zu Padna gehalten, und zweifelsohne würde man in München ganz ebenso gehandelt haben, wenn nicht die nach dem Stadtbrande noch vorhandenen Banreste zur Pietät geradezu gezwungen hätten. In Sandtncrs Stadtmodell erscheinen bei der St. Antonius- Kapelle mehrere äußere Strebepfeiler, woraus hervorgeht, daß dieselbe im Inneren ein feuersicheres Steingewölbe 2) Siehe „St. Jakob am Anger in München" von Frz. Jac. Schmitt in Nr. l38 der „Beilage zur Allgem. Leitung" vom 23. Juni 1997. gehabt?) und wenn man einen der Bankünstler Kaiser Ludwigs des Bayern hicfür annehmen darf, so hätten wir volle Ursache, den 1802 erfolgten Untergang ebenso zu beklagen, wie den der Lanreutius-Hofkapclle im Jahre 1814. Aus der Betrachtung von den unter Kaiser Ludwigs des Bayern Regierung entstandenen Bauwerken, wie der Marien-Abtcikirche in Ettal (siehe unseren Aussatz der „Allgemeinen Zeitung" Nr. 352, Beilagenummer 294 vom 20. Dez. 1895) und der Heiliggeist-Kirche in München (siehe unseren Aufsatz in Nr. 37 der Beilage zur „Angsburger Postzeitnng" vom 11. September 1896), geht hervor, daß dieser Fürst nur Künstler mit großem Talente in Thätigkeit setzte, welche auf der Höhe der Zeit standen. Auf Sandtncrs Modell von 1572 bemerken wir am südlichen Seitenschiffe der Franziskaner-Kirche noch einen weiteren Kapetten-Anbau, eS ist die Grablege der Grafen von Hegnenberg mit dem im Jahre 1557 der heiligen Anna errichteten Altare, auch hierbei wurde noch der gothische Baustil beibehalten. An der Nordseite lagen die Sakristei, der Kreuzgaug und alle zum Kloster des heiligen Antonius gehörigen Gebäulichkeiten mit ihren Höfen; auch mehrere Kapellen, so die der hl. Agnes mit der Grablege der Familie von Haslang, so die zum heiligen Kreuze der Familie von Schwarzenberg und so die nächst der Klostcrpforte erreichtete achteckige des Grafen von Kurz. Wie in Santa Croce die angesehenen Florentiner ihre Beisetzung suchten, wie bei der Sanct Magdalena geweihten Franziskauerkirche (an der Stelle befindet sich heute die Leolo . llcmnnig Liero» solxmitani krovinoia Luvaris, auotus 68t beiwöoüs, ckouis so privileZüs oumulatus. Oxtivav xriveipi ao xatrono msranti Zrati anirni mouumonturn orcko eyuitosguö univörsi v. N. L. anno UVOdibl-VI L saora institutionö IV.") — Doch dauerte dieses Großpriorat nicht lange, denn obwohl im Jahre 179? der russische Kaiser Paul gleichfalls ein Großpriorat errichtet, welches 1798 mit Genehmigung des Kurfürsten Karl Theodor dem bayerischen aggregirt wurde, hob Kurfürst Max IV. Joseph dasselbe 1799 provisorisch, 1808 aber definitiv auf. Ein in der Geschichte der St. Michaelskirche hochwichtiger Tag war der 29. April 1782, an welchem sie *°) Zu deutsch: „Den, Kurfürsten Karl Theodor, dem edlen und glücklichen Vater des Vaterlandes, durch dessen Freigebigkeit und Gnade der Orden vom hl. Johannes von Jerusalem um die bayerische Provinz vermehrt und mit Wohlthaten, Geschenken und Privilegien überhäuft wurde, dem besten Fürsten und verdienten Förderer haben dankbaren Sinnes der Orden und alle Ritter dieses Monument errichtet im Jahre 1786, nach der Institution des yl. Ordens im 4. Jahre." 272 den Besuch des cbc» hier weilenden Papstes Pins VI. erhielt, der ihren kühnen Bau bewunderte und erklärte, daß sie auch in Noin eine der schönsten Kirchen wäre. (Schluß folat.) Das Staatslexikon der Görres-Gesellschaft?) Der fünfte und letzte Band des Staatslexikons liegt nnnmehr im Drucke vor, so daß es unsern Lesern gewiß willkommen sein wird. beim Abschlüsse dieses hervor- wissenschaftlichen Unternehmens über die Ge- e und die ragenden. . . _ ... schichte und die Bedeutung desselben eingehend unterrichtet zu werden. Was zunächst die Entstehung des Staatslexikons anlangt. so wurde die Abfassung eines solchen alsbald nach Gründung der Görres-Gesellschaft als eine der wichtig- sten der in Angriff zu nehmenden Arbeiten in's Auge gefaßt. Schon die zweite General-Versammlung (zu Munster) nahm nach einem Vortrag von Rcchtsamvalt Jul. Bachern die Nothwendigkeit und Bedeutung eines solchen Unternehmens und von Professor Dr. Freiherr» von Hertling über die Möglichkeit und den Modus der Ausführung am 29. August 1977 einstimmig den Antrag des Vcrwaltungsansschusses an: „Die Section für Rechts- und Socialwiffenschaft der Görres-Gesellschaft wolle die Jnangriffnalnne der Vorarbeiten zur Herausgabe eines den katholischen Principien entsprechenden Staatslexikons beschließen und mit der Ausführung den Verwaltungsausschuß unter Mitwirkung des Vorstandes der Sektion für Rechts- und Socialwiffenschaft beauftragen." Ein der Generalversammlung zu Köln (1878) vorgelegtes kurzes Programm bezeichnete als leitende Gesichtspunkte: Gegenüber den bestehenden Staatslexicis werde das Staatslcxikon der Görres-Gesellschaft „vorwiegend einen corrigirenden und rectificirenden Charakter anzunehmen haben, indem es vor Allem den modernen Irrthümern in Staats- und Kirchenrecht. in Naturrecht, Politik und Gesellschaftswissenschaft entgegentritt". Dementsprechend werde „das Hauptgewicht auf die Erörterung der fundamentalen Begriffe von Religion und Moral. Recht und Gesetz, natürlichem und positivem Recht, von Staat und Kirche, Familie und Eigenthum zu legen sein". Mit strenger Wahrung des katholischen Standpunktes sei sorgfältiges Eingehen auf die besondern Bedürfnisse der modernen Gesellschaft unter genauer Würdigung der jedesmal einschlagenden thatsächlichen Verhältnisse zu verbinden. Die sämmtlichen Artikel seien den strengen Anforderungen der heutigen Wissenschaft gemäß zu bearbeiten. Auf der Generalversammlung zu Fulda (1830) wurde Las von Professor Dr. v. Hertling verfaßte ftfftematische Programm angenommen. Auch die weiter» Vorarbeiten für das Unternehmen lagen in der Hand des vorgenannten Gelehrten. Unter der Redaction des Eustos an der Universitätsbibliothek zu Würzburg, vr. Bruder, erschien dann Ende 1897 das erste Heft und Ende 1889 der erste Band. Im Frühjahr 1896 wurde vr. Bruder seiner Aufgabe durch den Tod entrissen, nachdem von ihm die vier ersten Bände und die beiden ersten Hefte des fünften Bandes fertig gestellt waren. Die Redaction des fünften Bandes ist dann binnen Jahresfrist von Rechtsanwalt Jul. Bachern zu Ende geführt worden. Das Staatslexikon ist das Produkt des Zusammen Wirkens unserer ersten katholischen Kräfte auf öffentlich- rechtlichem Gebiete. Unter den Mitarbeitern finden wir die Führer unserer Centrumspartei, wie die anerkanntesten Vertreter der Wissenschaft auf katholischer Seite. Von Professor vr. Frhrn. v. Hertling stammen beispielsweise die Artikel über Absolutismus, Freiheit, Gleichheit, Monarchie, Politik, von Professor vr. Hitze der Aufsatz über die Arbeiterfrage, vom Kammergerichtsrath vr. Spähn die Ausführungen über Enteignung. Geh. Ober-Justizrath vr. Rintelen behandelte die Schwurgerichte. Landgerichtsrath v. Stromb eck die Eisenbahnen, Freiherr v. Huene das Heerwesen, den Staatshaushalt und die ,*) Verlag von Herder in Freiburg. 46 Hefte (5 Bde.). Preis 69 M., geb. in Orig.-Halbfranzbd. 81 M. Steuern, Landesrath a. D. Fritzen die Polizei, Rechtsanwalt vr. Karl Bachern den Culturkampf und die Maigesetzgebung, Domcapitnlar vr. Schad ler das Handwerk, Landrichter Gröber den Begriff des Kaisertbums. Von dem zeitigen Reichstagspräsidentcn Frhrn. v. Buol rühren die principiellen Auseinandersetzungen über Intervention und Nichtintervention her. Von Gelehrten sind ebensowohl Historiker, wie Philosophen und Moralisten vertreten, da ja die staatlichen Verhältnisse aus der geschichtlichen Entwickelung heraus das beste Verständniß finden, in den philosophischen Systemen aller Zeiten die größte Rolle spielen und an den positiven Geboten der Moral ihren unverrückbaren Maßstab finden sollen. Zehn Jahre sind seit dem Erscheinen des ersten Heftes in's Land gegangen, eine verhältnißmäßig lange Zeit, so daß manche Angaben, besonders statistischer Art, die naturgemäß an vielen Stellen citirt werden müssen, also zum Theil bereits veraltet find. Im Ganzen genommen ist aber das Werk wohl gelungen, ein würdiges Seitenstück zu dem „Kirchenlexikon von Wetzcr und Welke", welches im nämlichen Verlage erschienen ist. Eine Ehrenpflicht aller Katholiken, welche im öffentlichen Leben stehen und über die nöthigen Mittel verfügen, wird es sein, das nunmehr abgeschlossene Monnmentalwerk ihrer Bibliothek einzuverleiben. Airs der anderen Seite wird es nun hoffentlich auch bald möglich sein, an der Hand des Staatslexikons das lange ersehnte „politische ABC- Buch für Centrumsleute" herzustellen, damit die mit weniger Glücksgütern gesegneten Anhänger unserer Partei sich rasch und zuverlässig über die Fragen des öffentlichen Lebens orientiren können. (Aus der wissenschaftlichen Beilage der „Germania".) Recensionen und Notizen. Die Gesellschaft. Populäre Abhandlungen von v. Gg. Freund 0. 8s. R. Verlag der Alfonsus-Buch- handlung in Münster (Westfalen). ; Es sind zwar im Ganzen und Großen keinerlei neue Gedanken, welche v. Freund uns in diesem Büchlein bietet: aber trotzdem haben wir mit großer Befriedigung diese Abhandlungen gelesen. Das heilige Feuer lebendiger Ueberzeugung, die Frische der Sprache und Kraft des Vortrages machen sie zu einer fesselnden Lektüre, die, wie schon der Titel sagt, eben keine gelehrte Vortrage, sondern populäre Belehrungen und Mahnungen geben will. Die Abhandlungen erstrecken sich auf folgende Themata: Die katholische Kirche (ein begeisterter Pane- gyrikus), der Staat (als gesettschaftl. Gebilde und in seinen Beziehungen znr Religion), Familie und Ehe, der Mann (im häuslichen und öffentlichen Leben), das „Weib" (als Gattin, Mutter, Hausfrau), die Jugend (Bescheidenheit. Pietät, Unschuld), das Gebet, die Arbeit. Eine Fülle prächtig vorgetragener Gedanken — wie herzgewinnend ist namentlich die Abhandlung über das Gebet! — zeichnen diese populären Erörterungen aus, und wünschen wir daher, sicher mit Recht, dem Büchlein recht große Verbreitung und seinem Inhalt volle Beherzigung. MuirW., Die Abfassung des Deuteronomiums. Ins Deutsche übertragen von D. I. Metzger. 8". 32 SS. Leipzig, E. Ungleich. 1896. M. 0.50. s Die biblischen Wissenschaften werden nirgends so ausgedehnt, aber auch so gründlich gepflegt, wie in England. Das kleine Werk von Muir tritt für die Echtheit des Deuteronomium ein, was uns Katholiken freilich ganz selbstverständlich dünkt; wir dürfen aber nicht vergessen, daß die deutsche protestantische Bibelkritik ganz entgegengesetzter Ansicht ist. Und so freuen wir uns dankbar der einfachen, nüchternen Worte eines englischen Protestanten, der uns seine Ansicht über das Deuteronomium vorlegt und dabei zu verstehen gibt, daß die sogen. Bibelkritik die hl. Bücher in einer Weise beurtheilt, wie man sie mcht gegen den Koran, ja gegen kein Buch der Welt anzuwenden gewagt hat. Veraiilw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. tti-. 39. 10. Juli 1897. * ^ 0> vf ^ ^5 r> ^/sv r) E s Aus Zeitwinkel und Perspektive. Von Cölest. Schmid. (Fortsehrrng.) Wer aus der laugen „Homerforschung" thatsächlich bis jetzt rühmlichen Nutzen gezogen und wirkliche, greifbare Ehrenrettung geerntet hat: das ist bezeichnenderweise statt des göttlichen Sängers der große alexan- driuische Universitäts-Schulmeistcr Aristarch. Wie noch der Schatten des gefallenen Achill den Griechen erfolgreich gegen die Troer kämpfen half, so hat Aristarch, kann man fast sagen, sogar einen unserer modernsten und echtesten Universitätsphilologen gemacht — eben weil dieser, manchmal mit mehr Geschrei als Geist, die Homer- forschnng zur aristarchischen Ehrenrettung umzustempeln gewußt hat. Und doch hatte dieser Philologe, dessen Blüte in das Ende der 70er und dann in die 80 er Jahre fällt, für seine Zeit einen nicht so ganz unrichtigen Instinkt. Wer allenfalls auf den Gedanken kommen sollte, die Blütezeit des modernen, liberalen ProfessorentumS, hauptsächlich philologischer Richtung, zu vergleichen mit der Blütezeit des wissenschaftlichen Alcxandrinertums, wie sie im 3. Jahrhundert vor Christus einsetzte, der könnte da die schönsten Parallelen finden und schließlich entdecken, daß auch die scheinbar originalste Zeit, wenn man genauer zusieht, doch nur eine vermehrte Auflage von irgend etwas schon einmal Dagewesenem bedeutet. Nur daß jenes hochgelehrte Alexaudrincrthum, dessen wahre Verdienste durchaus nicht geschmälert werden sollen, denn doch wenigstens bedeutend temperamentvoller und offener war, als unser heutiges: fast könnte man zu dem hinkenden Vergleich mit Jsar und Würm versucht sein. War es doch, trotz aller neuläudischen Kultur, wie sie Wilamowitz so treffend gezeichnet hat, wenigstens mit einem vollen Tropfen echt griechischen Oeles gesalbt. Aber auch um so glatter und selbstherrlicher glaubte man die so durch und durch intime Homerfrage aus der Zeit heraus anfassen zu dürfen, nnd wenn wir, die Götter seien gelobt, einen rechten und echten Wildcnbruch haben, so genierte man sich damals auch nicht, aus dem Homer so eine Art ptolemäischen Wildenbruch machen zu wollen: auch nicht davor, gelegentlich daraufhin, wenn es nicht klappen wollte, Verse umzusetzen oder auch, wie es Zeuodot noch viel skrupelloser als Aristarch that, die berühmte und gepriesene Athetcse anzuwenden: d. h. Vers oder Verse einfach für unecht zu erklären. Und das war das große und berühmte Gesetz der Analogie! Ich kenne in der inneren Weltgeschichte keine größere Ironie und Komödie, als wenn in den sogen. Schotten, den aus encyklopädischen Sammlungen der Philosophenschulen, hauptsächlich der Stoa, redigierten und dann immer wieder mit neuen Zuthaten versehenen Schul- erläuterungen zu Homer, auch so ziemlich die ganze Etiquette des ausgeprägten alexandrinischen Hoflebens als Kriterium an die alten homerischen Nationalgesänge angelegt wird, um sie je nachdem rühmlich bestätigt zu finden oder auch dem alten, blinden Sänger aus der achäischen Urzeit den entsprechenden Tadel nicht zu ersparen. Daß man nicht doch auch schon bei uns, wenigstens in dem slavistischen Nordosten, trotz aller schlagenden Paralellcn, auf so etwas gekommen ist? Nun da fehlt es, abgesehen von Anderem, doch am Temperament: und dann an aller lebendigen Verbindung mit Homer selber. Homer ist tot, konnte Milamoivitz meinen, nur die Homerforschuug ist modern und vielleicht sogar populär. Unterdessen scheint übrigens auch die Homerforschung nicht nur ganz unpopulär, sondern auch unmodern geworden zu sein. Nirgends vielleicht kann man den Entwicklungsgang der deutschen Gelehrsamkeit in so interessanter, intensiver Beleuchtung verfolgen, als gerade hier. Als man am Ende des 18. Jahrhunderts, durch Rousseau angeregt, durch die Engländer, vor allem Wood, aufgerufen, auch tu Deutschland die Homerforschung aufgriff, da war noch heißblütiges Leben darin. Es waren aber auch Dichter wie Goethe nnd Schiller, dichterische Naturen wie Wiuckel- mann, Herder nnd vielleicht insgeheim sogar Wolf, die im Vordergrund standen. Der letztere griff, an dem antiquirten Zünftler Heyne vorüber, als der einzige deutsche Philologe ein: für die Homerscholicn ebenso wie für die Homerkritik. Sein Räsonncment war glänzend, aber hitzig »erstürmt und lief in zwei große, eigentlich seitab liegende, Aenßerlichkeiten aus, die allerdings seitdem zäh auf dem Plan geblieben sind: das Alter der Schrift und die Frage vom rhapsodischen Vortrag. In den Schotten aber bannte er alles, was über den Horizont philologischer Akribie damals hinausging und auch jetzt noch hinausgeht, alles unmittelbar Suchende, alles philosophisch und künstlerisch zu fassen Suchende mit dem ebenfalls bis heute noch ungezählte Male nachgclallten Anathem: oomnia armAOgiea ot allaZorioa. Gewiß: die drei Schottensammlungen nnd L in Venedig, st in Oxford), in ihrem Kern auf gemeinsame Urquellen zurückgehend, enthalten nicht nur interessante Zeitrcflexe aus der alexandrinischen Gelehrsamkeit und aus ptole- mäischem Hofleben, sondern bieten neben sehr viel Guten« auch ein geradezu monströses Beispiel dafür, in welcher Weise sich eine alte sinkende Kultur in ihrem Niedergänge an die traumhaft schön und kräftig gewordene Jugendzeit anklammert und an deren kräftigste oder auch kräftigsten Vertreter — wie an einen rettenden Balken, der vor dein Ertrinken retten soll. So wird denn auch der verschollene alte Sänger aus der Wende der Zeit, da sich im Kreise des ägäischen Meeres Europa mit Asien um die künftige Herrschaft stritt, nicht nur zum allverehrten idealen Uebermenschcu, sondern auch zum Allmenscheu der gesainten griechischen Kultur: vom hieratischen Tempelvers der ältesten Zeit bis herab zu dem blasierten, sportssüchtigen und doch wieder manchmal in den tiefsten Herzensgedanken hochreaktionären Spät- hellenismus. Als wenn ungefähr, um abermals einen stark hinkenden Vergleich zu gebrauchen, das heutige Parks sich iin Rolandslied wieder finden und dessen gewaltsam aus dem Dunkel gezerrtem Säuger einen Tempel errichten wollte: als dem ersten Heros der französischen Nation. Solche Ideen liegen freilich den Franzosen himmelweit ab — nebenbei doch immerhin ein Zeichen, daß dieselben trotz aller Reaktion wenigstens wirklich und ehrlich modern, nicht in wahnwitzigen Hallucinationen befangen sind. Wohl aber haben wir Deutsche so manches» was uns eigentlich als recht temperamentlos unmodern erscheinen lassen könnte. Doch dafür sind auch, kann man sagen, die Deutschen, das Volk der Mitte, die ideale Nation x. L., nicht da, gottlob nicht berufen. Gewiß. 1 Aber dafür beweisen sie mit ihren« immer dringlicheren 274 Sichanklammern an Goethe, mit der wachsenden Verätzung des „Dichtcrgcnies" Goethe, daß sie auch ihren wirklichen Beruf zu vergessen im Begriffe sind. Und das ist der: dem hochmodernen, sich überstürzenden Zeitdrängen das nützliche und notwendige Gegengewicht in der entsprechend reaktionären Selbstbesinnung zu stellen, in den grellenden Dythyramben-Tänzen einer gewalt- thätigen Jnsichselbstherrlichkeit einerseits und eines charakterlosen Kosmopolitismus andererseits umsomehr nach den alten unvergänglichen Idealbildern aus dem Wandel der Zeiten zu suchen und die Resultate aus diesem tief innerlich gesammelten Sichselbstbesinnen als neue Wegweiser und Leuchttürme in die noch dunklen Zeitläufte hinanszustellen. Je elementarer und zügelloser das Suchen und Tasten nach der Zukunft im Zeitwandel auftritt, mit je tieferen und kräftigeren Mitteln die Zeit nach neuen, souveränen Entwicklungen strebt: um so weiter» universeller ausholend mutz die ideale Reaktion, um so grandioser müssen die Idealbilder sein, die da noch wirksam sein können sollen! Damit wäre ich ungefähr wieder zum Anfang zurückgekommen. Gewiß: Shakespeare, eines der ewig giltigen ErdengenieS, hat ernsteste oder auch temperamentvoll hitzigste (vgl. den Shakespeare-Bacon-Streit) Pflege und Erforschung gefunden. Dante, das Genie des in feiner Universalität aufblühenden Nomanismus (Cervantes ist die Genialität des ideal sinkenden Romanismus), hat längst eine ernste» andächtige Gemeinde von Forschern und Genießenden um sich gesammelt. Aber es sind eben nur, soweit sich nicht doch manch kleinliche Eitelkeit oder gar Charlatanerie eingeschlichen hat, nur stille, weltverlorene Zirkel. Goethe aber ist und wird thatsächlich immer mehr der herrschende Olympier, der dichterische Gnade verleiht, Befähigungsnachweise vertheilt: und vielleicht in den nächsten Zeiten noch mehr privilegiertes Monopol haben wird. Die christlich-germanische Romantik aber ist versandet: und mit ihr die innerlich verwandte Homerforschung, zu der Wolf so glühende Anregung, die bewußten oder unbewußten Halbromantiker Hermann und Lachmann so schöne Anfänge gegeben hatten. Wilamowitz aber ist nochimmer eine angewunderte und mehr gescheute als geliebte und beachtete Kassandra. Und, soweit wir heute wirklich Romantik haben, wie bei Knötel und bei dem Indogermanisten Elard Meyer, der am liebsten die ganze Jlias in ein indogermanisches mythologisches Handbuch auflösen möchte, ist es brutales Pleiuair oder groteske Nacht- und Nebelromantik. Und doch müssen wir, um die Zukunft, wenigstens zunächst die Ideale der Zukunft, zu finden, gerade da hinaus, gerade in jene Landschaft zurück, die uns einstweilen der goethische Hain mit dahinter sich anstürmender Pagode versperrt: müssen wir trotz Goethe über Shakespeare und Dante zurück zu dem Griechen Homeros, dem Vielgeprüften, Vielgeliebten und Vielmißhandelten. Wenn Shakespeare die oben angegebene Synthese darstellt, so gibt Dante ein Weltbild, dessen tragende Säule, mit Ausscheiden des tragischen Humors, das sowohl der goethischen Synthese als dem großen Shakespeare fremde und dabei mit der Phantasie wunderbar vermählte christliche Ethos bildet. Homer aber vereinigt die goethische Synthese mit dem tragischen Humor Shakespears sowohl als mit einem vielfach christlich anklingenden, jedenfalls erhabenen Ethos: und steht sonach immer noch auf der höchsten Stufe der Kunst! Daß dieser Rückschlag trotz alles Trachtens und Sinnens noch lange nicht oder wenigstens bei Weitem noch nicht in der entsprechenden Weise eingetreten und im Uebrigen vielleicht sehr schwierig ist, können uns unter Anderem auch gerade die weit voraus- und rückschauenden Genialitäten Shakespeare und Goethe selbst zeigen. Denn, wenn bei Dante von einer Anknüpfung an Homer selbstverständlich keine Rede sein kann, so konnte und hat Shakespeare wenigstens auf die troische Sage, Goethe aber direkt auf die wiedererweckten homerischen Dichtungen zurückgeschlagen. Was aber Shakespeare in einzelnen seiner Historien aus der troischen Sage bietet, das gehört nicht gerade zu den besseren Auswüchsen derselben: und Goethe ist es da, wo er sich mit Homer direkt in Verbindung zu setzen suchte, fast ergangen wie dem ungeschickten Zauberlehrling. Wenn er je Fiasko gemacht hat, so hat er Fiasko gemacht mit der Fortsetzung der mit einer Achilleis verwechselten Jlias und mit dem Versuch zu der Dramatisirung der Nausikaa-Märe aus der Odyssee! Uebrigens kein Wunder: unsere große, kosmopolitisch ideal fühlende Musik hat auch bis jetzt, soweit sie Aehnliches gewagt hat, noch viel mehr daneben gefühlt. Das haben, wenigstens für die Jlias, die „Trojaner in Karthago" von Berlioz bewiesen und scheint auch die Dilogie: Achill-Klytaimestra des neuen Dresdener Heros Bungert beweisen zu wollen. Der geniale Tragöde Kleist gar, eine der Leuchten vöni beginnenden Jahrhundert, hat in seiner „Penthesilea" auch von der Achillsage ein fast abschreckendes Zerrbild geboten. Da sind wir mit Hebbels „Nibelungen" und mit verschiedenen der R. Wagncr'schen Mnsikdramen doch immerhin noch bedeutend weiter ins Germanische znrückgedrnngen. Wann diese beiden indes endlich einmal auch ernst und wahrhaft auf unsere Talent-Cultur wirken oder gar zu Rückahnnngen des deutschen VoWbewnßtscins führen werden und können, ist eine andere Frage, die, glaube ich, vielfach noch zu sehr optimistisch angeschaut wird. In der wiedererweckten Honierfrage selber aber schwankte Goethe, so rühmlich er vortrat, samt Schiller wie Pinien im Sturm. Doch für eine wahre altgriechische Reaktion fehlt es vor Allem von Seiten des Volkes und der Gebildeten vorläufig noch an allen Bedingungen. Nur in den höchsten, vielfach Volks- und auch bildnngsgetrennten (ich meine die Durchschnittsbildung) Regionen, wo man aus kräftig ringender Individualität heraus zu ahnen, sowohl die Vergangenheit als aus ihr die Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Zukunft zu ahnen begonnen hat, vollziehen sich in aller Stille manche Vorbedingungen für künftige heilsame Einflüsse aus der Vergangenheit. Und manches, was man vielfach noch als gar nicht oder nur halb verstandene Modesache und Tändelei oder auch, von modernen Alfgespenstern geschreckt, betreibt, könnte, richtig gefaßt und entwickelt, dazu führen, auch einmal breitere, gesündere Fundamente für die notwendigen Entwicklungsgänge zu finden. Und fast glaube ich, daß es einstmals zwei durchaus extreme Erscheinungen sein könnten: das elementare Volkserwachen, das durch die socialistische Massenentwiülnng und -Organisation immer mehr herausgetrieben wird, und die hohe Jndividnalitäts- knltnr, die durch Verseichinng der Dnrchschnittsbildnng immer tiefer und zugleich mehr verbreitet werden muß, die den Hemmstein jeder größeren Entwicklung, unsere breite, verflachte Durchschnittsbildnng, entweder zerreiben oder die notwendigen, guten Elemente assimilierend in sich aufnehmen und so zu den neuen Entwicklungen mit- sortreißcn würden. Thatsächlich liegt hier eine Ent- 275 scheidung: und durch das Säkular-Genie Bismarck ist ja, wo sie noch nicht am Ruder war, überall die bildungs- tüchtige Mittelmäßigkeit ans Ruder gekommen: so hat es neulich erst Paul Garin, trotzdem ein Würdiger Bis- marcks, in seinen „Dulcamara" gesagt: und Goethe ist znm Idol und zum Palladium der bildungstüchtigen Mittelmäßigkeit geworden: so sagt es jetzt auch der modern denkende Scrvaesi (Schluß folgt.) Die St. Michaels-Hofkirche in München. Eine Studie zur 3. Säcnlarfeier der Einweihung der Kirche vom 27.—29. Juni 1697. Von I. M. Förster. (Schluß.) Kurze Beschreibung der Jubilciums-Feierlich- keiten von 169??°) Zur würdigen Begehung hatte man schon früher den Anfang gemacht durch Restaurirung der Kirche» ihrer Kapellen und des Kollegiums: Erneuerung der Orgel, Vergrößerung einzelner Fenster, Neu-Anfertigung von acht Altären, „deren zween auß köstlichem Marmel, sechs miß Stuckador, dem Marmor ähnlich seynd." — An den Wänden des Collegiums und Gymnasiums waren drei „Ehrenbögen" errichtet, und zwar der erste, dem Herzog Wilhelm und dessen durchlauchtigster Nachkommenschaft gewidmet, von der Gesellschaft Jesu, der zweite und dritte, mit gleicher Widmung, theils von neun Bruderschaften, theils von der studirenden Jugend aufgestellt. Für die Dauer des Jubiläums hatte Se. Heiligkeit Papst Jnnocenz XII. einen vollkommenen Ablaß verliehen. Die Feier selbst wurde am Vorabende, Samstag den 6. Juli, durch einstündiges Geläute mit allen Glocken eingeleitet, worauf der Regensburger Wcihbischof und Bischof von Laodicea i. p. i. Albrecht Ernst Graf von Wartenberg die Vesper hielt; nachdem er vorher das Allerheiligste in einer Monstranz, „so wegen puren Gold, häuffigen Kleynodien vnd Edlgestainen allein einen Schatz machet", zur Anbetung ausgesetzt hatte. Am Sonntag den ?. Juli wurden früh halb 5 Uhr mit dem ersten Glockenschlage von den beiden Thürmen der (damaligen) Haupt- und Stifts- (jetzt Metropolitan-) Kirche U. L. Frau zwölf kleine Stücke gelöst, denen alsdann 24 schwere Stücke auf den Wällen beim Neuhauser- thor antworteten. Um halb 8 Uhr hielt obengenanuter Bischof Wartenberg das Hochamt, „bey welchem sich ein unzählbares Volck sehen lassen, nit allein von der Statt München, sonder auch auß dem übrigen Bayrland, Saltzburg, Oesterreich, Tyrol vnnd Schwaben": während des Hochamts hielt Abt Balduin des Cistercienserklostcrs Fürstenfeld die (erste) Predigt, wie auch Nachmittags in pontiüoalibua die Vesper. Zur Anbetung des den ganzen Tag über ausgesetzten Allerheiligsten hatten die verschiedenen Bruderschaften, die studireude Jugend und andere fromme Vereinigungen der Stadt die Stunden unter sich vertheilt und zog „zu jeder Stund ein andere Schaar der Bettenden mit vorgetragenen heiligen Creutz vndt Wappen - Schildten in dem vorderen Kirchen Chor aufs". Die für diesen Tag projectirte Procession mußte wegen Negenwettcrs auf den Dinstag verschoben werden. °°) Vergl. darüber: „Erstes Jubeljahr oder hundertjähriger Wcltgang von dem hochlöblichen LolloZüo der Gesellschaft Jesu im Jahre 1697". S. 265-281. Die Litanei um 8 Uhr Abends dagegen wurde im Freie» abgehalten und das Allerheiligste auf dem Ehrenbogen vor dem Gymnasium ausgesetzt. Am Montag riefen, wie an den folgenden Tages, die Glocken schon um halb 5 Uhr früh zur Fortsetzung des Festes. Um halb 8 Uhr hielt Abt Balduin von Fürstenfeld das Hochamt, während desselben k. Leopold Gramiller Augustinerordens (in München) die Predigt. Um 1 Uhr begann die „Comödi: der hl. Erzengel Michael, der Erzfeldherr, der gegen Gottlosigkeit, Götzendienst und Ketzerei kämpfenden Kirche", welche an 5 Stunden dauerte. Am Dinstag hielt das Hochamt Abt Eliland von Benediktbcuren, die Predigt k. Amadeus Hamilton aus dem Theatinerorden: um halb 11 Uhr wurden im Hofe des größeren Gymnasiums 72 alte Männer ausgespeist, von denen nach dem Essen, „bey dem ihnen einer auß unfern katribuo auffgewartet", jeder 1 Gulden rh. auf die Hand bekam. Um halb 3 Uhr hielt Abt Eli.'and die Vesper, nach derselben fand feierliche Procession statt. Dieselbe war anfänglich nur für den Umkreis der Kirche und des Collegiums beschränkt gedacht, nahm aber wegen des überaus großen Antheils, den Klerus und Volk an der Jubelfeier nahmen, und namentlich auf besondere» Wunsch des Kurfürsten und Erzbischofs von Köln Josef Clemens (Bruders des Kurfürsten Max Emauuel) ihren Weg durch die Hauptstraßen der Stadt, in welcher „die ehrsame Burgerschafft in dem Gewöhr (Spalier) stunde, vnd, da man bey der Kirchen 8. Mcllaelis widerumb angelangt vnnd das Ambrosianische Lobgesang angestimmet, mit dreymahligem 8alvo ein annehmlich brummende Glück- wünschuug abgelegt. Auff den Musquetten-Gruß folgten 12 klainere von bayden vnser lieben Frauen Thürmen vnd viervndzwaiutzig große Stuck ab den umbligeuden Wällen bey der Neuhauser Pforten." Abends 8 Uhr war auf dem Gymnasiumsplatz, wie alle Tage während der Festoctave, gesungene Litanei. Am Mittwoch hielt Abt Bernhard von Tegerusee das Pontifikalamt, k. Paschalius Stozinger Franziskaner- ordens die Predigt. Um 11 Uhr wurden 72 arme Frauen ausgespeist und je mit 1 st. beschenkt. Um halb 3 Uhr war Vesper, nach derselben theophorische Procession der Congregationen der Herren und Bürger, der Junggesellen und der Lehrjuugen, wobei Abt Bernard das Allerheiligste trug. Das Pontifikalamt am Donnerstag celebrirte Mt Quiriu von Andechs, die Festpredigt hielt k. Claudius vom hl. Joses Carmeliterordens; am Freitag celebrirte Abt Cölestin von Kloster Scheyern, während k. Naphael Giuding Kapuzinerordens predigte. An diesem Tage fand die „Hauptcomödi" statt, welche fast 6 Stunden dauerte, weil an deren Ende die Preisevertheiluug an die studirende Jugend stattfand. — Am Samstag celebrirte der Propst Valerins von Polling das Hochamt und predigte k. Johann Pleyer Paulanerordeus. Am Sonntag den 14. Juli erfolgte der feierliche Schluß der Festoctave, wobei die Beichtstühle schon von halb 5 Uhr an belagert waren. Das Pontifikalamt hielt der iufulirte Propst von U. L. Frau, Josef Max Emauuel Neichsfreiherr von Ow, die Predigt k. Ferdinand Schöu- wetter 8. 3., „der Kirchen 8. Mastaalis Orlliimri Prediger". Nach der von genanntem Propste gehaltenen Vesper war öffentliche Procession, bei welcher die hochadelige Nitterbruderschaft St. Georg (welche erst vor. JS. in der Hof- und CollegiatsiiMirche St. CajetaL. ihr 276 400jähriges Jubiläum gehalten), die kurfürstl. Erzbruderschaft der Abgestorbenen im Alten Hof (jetzt Allerseelenbruderschaft, ebenfalls bei St. Cajetan) und die drei Studentencongregationen das Allerheiligste geleiteten. Nach dem Einzüge in der Michaelskirche war 1?6 Donna, an dessen Ende „die kleinern Stuck von den unser lieben Frauen Thürmen vnnd daraufs 24 von den Wällen ge- löset wurden". — Am Montag und Erchtag wurde die „Com'ödt" noch zweimal aufgeführt und wohnte der letzten Aufführung auch der Kurprinz an. Während der Festoctave empfingen allein in der St. Michaelskirche 24,000 Personen die hl. Communion und wurden über 1200 hl. Messen gelesen. » Die heurige dreihundertjährige Jubelfeier bewegte sich in bescheideneren Grenzen, umsomehr, als die Jesuiten, welche damals die freundlichen Hausherren waren, infolge der bekannten Verhältnisse nicht einmal als Gäste erscheinen konnten. Das Jubiläum nahm die Tage vom 27. mit 29. Juni in Anspruch. » » » DieHeilthümer und der (frühere)Kirchenschatz der Michaelskirche. Der Reichthum der Michaelskirche an Reliquien war außerordentlich groß: ihre Zahl betrug über 500 Einzelstücke von zusammen 266 Heiligen und heiligen Orten, zu deren Aufbewahrung 17 Tabernakel, 31 Schädelkisfen, 24 Reliqmenkästchen, 34 Monstranzen und Osteusorien, sowie 12 Crucifixe dienten. Die hauptsächlichsten dieser Reliquien sind: ein großer und einige kleine Kreuzpartikel: ein großer Dorn von der Krone Christi mit Blutstropfen, etwas von den Kleidern, dem Schleier und den Haaren der hl. Maria; letztere, welche Bischof Benno von Osnabrück aus Jerusalem gebracht hatte, schenkte der spätere Besitzer. Albrecht Ernst Graf von Wartenberg, Dompropst zu Köln und Weihbischof von Regensburg. ,.J. 1678 an den damaligen Rector des Collegiums, Wilhelm Gumppen- berg; je 2 Partikel der beiden Apostelfürsten; ein Zahn des hl. Jgnatius und ein Stückchen Fleisch vom Leibe des hl. Franz Xaver, an den Büsten der Heiligen auf deren Altären; endlich fast die ganzen Leiber der hl. Märtyrer Cosmas und Damian. Die Leiber hatte Erzbischof Ädaldag von Bremen 965 von einer Romfahrt dorthinge- bracht, wo sie jahrhundertelang in gebührender Weise verehrt wurden. Als aber die Reformation dort eindrang, wurden sie sammt dem kunstvollen Schranke, der sie umschloß (und aus dem Jahre 1400 stammte) in einer Truhe in einen finstern Winkel des Domes gesteckt, wo mau ihrer ganz vergaß. Kurfürst Max I. aber erinnerte sich ihrer, bewarb sich um sie, erhielt sie von deni Verwahrer der Reliquien in Norddeutschland, dem Bischof Franz Wilhelm zu Osnabrück, Münster. Werden nud Regens- bnrg, und ließ sie, nachdem ihre Echtheit coustatirt worden war. nach München verbringen, wo sie im Frühjahre 1649 ankamen. Hier erfolgte nun die Vereinigung der heiligen Leiber mit den Häuptern, welche Kaiser Heinrich II. bei seiner Krönung von Papst Benedikt VIII. zum Geschenke erhalten und seinerseits wieder der Domkirche zu Bam- bcrg geschenkt hatte. Als nun der dortige Bischof Johann Gottfried von seinen protestantischen Unterthanen stark bedrängt wurde, brachte ihm Herzog Wilhelm V. Schutz und Hilfe, und zum Tanke hiefür verehrte ihm der Bischof die Häupter der Heiligen Cosmas und Damian, welche nun 1649 mit den Leibern wieder vereint wurden. Am 26. September 1649 wurden die sorgfältig geordneten Reliquien in ihrem kunstvollen Schreine aus der Residenz- (jcht alten) Kapelle in die Kirche des (jetzt dcmolirten, au, dein jetzigen Maximiliansplatze befindlich gewesene'.:) KapuzinertEsters verbracht, wo die ehrm. Vater die Nacht über Ehrenwache hielten. Am Eediichtnisstage der Heiligen feinst erfolgte dann in feierlicher Weife die Ucbertragung ch'.cr Reliquien in die Michaelskirche, wo sie auf den hl. Kren a!wr ni'-dexgcse.ck wurden und ausgesetzt blieben bis WW.JMe 1V19 . m welchem Jahre derselbe, welcher sich unten an den Chorstufen befunden hatte, entfernt wurde, was die Transserirnng der Reliquien auf den Peter- Paul-Altar — der oft irrthümlich auch Cosmas-Damian- Altar genannt wird — zur Folge hatte. Was den eigentlichen Kirchenschatz betrifft, der theils bei Aufhebung der Jesuiten, hauptsächlich aber zu Anfang dieses Jahrhunderts — in die Münze wanderte, so kann man sich daraus einen Begriff machen, daß zur Zeit der Säcularisation derselbe auf nicht weniger als 37 Pfund reines Gold und 62 Centner Silber geschätzt wurde, der Edelsteine und anderer Kostbarkeiten unge rechnet. Galt doch die Monstranze. welche die Kurfürstw Maria Anna im Jahre 1665 in die Kirche stiftete, wegen «puren Goldes, häufiger Kleinodien und Edelgesteine allein für einen Schatz" und wurde damals auf 16,000 fl. (mindestens 150,000 Mark) bewerthet. Ein Verzeichniß der Kirchengerätbe aus dem Anfange des 17. Jahrhunderts zählt an Silber 26 Kelche mit Patenen, 30 Kännchen, 7 Platten und Schüsseln. 5 Hostienbüchsen, 44 Leuchter, 2 Crucifixe, 5 Rauchfässer rc. rc. auf. — Dazu kamen dann die Geschenke im 17. und 18. Jahrhundert, die kostbaren, von den Landesherren, ihren Gemahlinnen und Verwandten. Adeligen und reichen Bürgern gestifteten kunstreichen und werthvollen Ornate, so daß die Diöcesan- beschreibung von 1738 «von dem ungeheuren Schatze der Kirche an Gold nnd Silber und dem großen Werthe der in reichlichem Maße (adunäanter) vorhandenen werth- vollen Statuen. Paramente" u. A. spricht. Die ehemalige Stiftskirche zum heiligen Geist und die LibliotLsea Platina in Heidelberg. Von Frz. Jac. Schmitt. Architekt in München. Die heute noch bestehende Kirche zum heiligen Geist in Heidelberg ist mit der ursprünglichen Bestimmung errichtet, die Universitäts-Bibliothek aufzunehmen, und dürfte dadurch wohl das älteste der Aufstellung einer öffentlichen Bibliothek gewidmete Bauwerk in Deutschland bilden. Wohl reichen die Kloster-Bibliotheken sehr weit in unserer Zeitrechnung zurück, doch waren diese eben keine öffentlichen» und dadurch fiel auch für die Mönche die Nothwendigkeit weg, eigens dafür bestimmte Bauten herzustellen. Im Jahre 1239 geschieht die erste urkundliche Erwähnung der Kirche zum heiligen Geist in Heidelberg beim nahen Cisterzienser-Kloster zu Sauet Maria ii> Schönau; damals war sie noch eine Tochterkirche der Heidelberger St. Peters-Pfarrkirche. Höchst wahrscheinlich ifi es, daß die Heidelberger erste Heiliggeist-Kirche in Verbindung mit einem Hospitale stand, wie dies für Mainz seit 1145, Bingen seit 1167, Pfnlleiidorf in Baden seit 1220, Oppenheim am Rhein seit 1280, Villingcn im Schwarzwalde seit 1280, Frankfurt am Main, Pforzheim in Baden, Freiburg im Breisgau, Waldshnt am Rhein, sowie München nnd Landshut an der Jsar urkundlich feststeht. Zu Ende des 12. Jahrhunderts stiftete Guido von Montpellier einen klösterlichen Convent für Männer und Frauen unter der Regel des heiligen Alignstiims, zur Pflege der Kranken nnd zur Ehre des heiligen Geistes. Papst Jnnocenz III. bestätigte nicht nur 1198 diese Stiftung, sondern ließ auch in Rom die Kirche und Gebäude bei Santa Maria in Sassia zu einem solchen Hospitale einrichten und berief dahin den Stifter und dessen Bruder von Montpellier. Diese Art Hospitäler verbreitete sich bald in Deutschland, das zu Rom blieb aber das Mutterhaus. In diesen Hospitälern war nicht allein für die leibliche, sondern auch für die Seelenpflege gesorgt, indem mit diesen Anstalten Kapellen und selbst Kirchen, deren Altäre von einer entsprechenden Zahl von Geistlichen versorgt wurden, verbunden waren. Sehr wohl 277 möglich ist es daher, daß die erste Heiliggeist-Kirche in Heidelberg, nebst zugehörigem Hospital, bereits durch den ersten Pfalzgrafen bei Rhein, Konrad von Hohenstanfen (1155 — 1195), den Bruder Kaiser Friedrichs I., der auf der Stelle des jetzigen alten Schlosses seine Burg hatte, erbaut worden ist. Im Jahre 1386, zur Zeit Kaiser Karls IV., ward unter Pfalzgraf und Kurfürst Ruprecht I. (1353—1390) die Universität in Heidelberg gestiftet, und es fand die kirchliche Eröffnungsfeier am 18. Oktober in der vormaligen Heiliggeist-Kirche durch den Magister und Doctor der Theologie Reginaldus, Cisterzieusermönch aus der Abtei Alva im Bisthum Lüttich, statt. Die unter Anrufung des göttlichen Segens eröffnete Hochschule erfreute sich während der trefflichen Leitung ihres ersten Rectors» Magister und Dr. tüaol. Marsilins ab Jnghem, bald eines solchen Zulaufes, daß man schon nach wenigen Jahren mehr als 500 Studenten zählte. Die Stiftungsurkunde von 1386 ertheilte auch den Buchhändlern, Bücherabschreibern, Pergamentbereitem und Illuminatoren große Freiheiten und nahm sie mit in die Privilegien der Universität auf. Kurfürst Ruprecht II. (1390—1398), der Neffe Ruprechts I., ließ 1390 die Juden vertreiben, welche durch Wucher den Haß der Bevölkerung anf sich geladen hatten, schenkte ihre Häuser der Universität, ihre Schule wurde zu einem Auditorium gemacht und ihre zum Theil sehr kostbaren orientalischen Codices der Universität gleichfalls als Eigenthum übergeben. Pfalzgraf Rnpprecht III. kam 1398 zur kurfürstlichen Regierung (von 1400—1410 war er deutscher Kaiser); alsbald faßte er den Entschluß, zum Besten der neugegründeten Hochschule ein Collegiatstift in der bestehenden Kirche zum heiligen Geiste zu errichten, und auf seinen Antrag willigte Papst Bonifacius IX. ein, daß im Jahre 1399 zu diesem Zwecke zwölf ansehnliche Pfründen von den Stiften zu Worms, Speyer, Neuhausen bei Worms, Mosbach und Wimpfen im Thale genommen und der Heiliggeist-Stiftskirche einverleibt wurden. Der genannte Papst hob auch durch eine besondere Bulle die bisherige Verbindung der Heiliggeist-Kirche mit der Heidelberger Sanct Peters-Pfarrkirche auf und erlaubte, daß von den 16 Präbeneu, womit der Kurfürst Ruprecht I. von der Pfalz das von ihm errichtete Collegiatstift zu Sanct Aegidius in Neustadt an der Haardt versehen, noch vier genommen und damit die Einkünfte des neuen Stiftes zum heiligen Geiste gebessert würden. Ruprecht III. starb 1410, sein Nachfolger in der Kur, Ludwig III., führte des Vaters Lieblingsidee voller Pietät weiter und war im Jahre 1413 mit der Einrichtung des Stiftes fertig, was er durch eine feierlich erlassene Urkunde bekannt machte. Der Kurfürst ernannte dazu von den Mitgliedern der Universität 12 Canouiken und ebensoviele Vicarien; davon wurden den ersteren ob- genannte Pfründen und letzteren die Einkünfte besonderer Altäre ertheilt. Nunmehr sprach man nur noch vom Königlichen Stifte, znr Ehre seines fürstlichen Gründers, Ruprechts von der Pfalz, welchen man auch mit seiner Gemahlin Elisabeth, Bnrggräfin von Nürnberg, im Chöre des Kirchen-Neubaues beisetzte. Leider ist von dem Sandstein-Denkmal nur der Deckel mit den beiden Figuren im Hochrelief erhalten und heute im Chorumgange der Heiliggeist-Kirche eingemauert. Die historischen Nachrichten über diesen Neubau sind leider überaus spärlich, und dadurch ergibt sich die nothwendige Folge, aus dem Baudenkmale selbst, dessen Geschichte zu entziffern. Im jetzt existircnden Kircheuban zum heiligen Geist ist von dem älteren Baue nichts mehr erhalten; doch läßt sich annehmen, daß dies eine kleine romanische Kirche vom Ende des 12. Jahrhunderts gewesen sein mag, welche mit der Benediktiner-Klosterkirche zu St. Michael auf dem nahen Heiligcnberge wohl die dreischiffige Basilikenform dürfte gemein gehabt haben. Der im Stile der Gothik erfolgte Neubau der Heidelberger Heiliggeist-Kirche steht in baulichem Zusammenhange niit der ehemaligen Liebfrauen-Stiftskirche in Worms und mit der ehemaligen St. Aegidien-Stiftskirche in Neustadt an der Haardt. Die Dompröpste von Worms waren gleichsam eo ipso Kanzler der Universität „Rupertina" in Heidelberg; so hat denn bereits 1396, also 10 Jahre nach Gründung der Universität, Conrad von Gelnhausen, Dompropst zu Worms, seine Bibliothek der Hochschule vermacht. Schon im Jahre 1298 wurde an der Liebfrauen-Kirche zu Worms ein Collegiatstift gegründet; eine Inschrift im nördlichen Seitenschiffe gibt 1468 als das Jahr der Weihe an, doch bezieht sich dies offenbar auf die gänzliche Vollendung der heute noch existirenden dreischiffigen, kreuzförmigen, gewölbten Basilika, der zwei mit Hausteinhelmen versehenen Westthürme und vorgelegter, nach drei Seiten offener, gewölbter Vorhalle, des dreischiffigen Chores nebst Chorumganges. Dieser Wormser Liebfranen-Chor hat genau dieselbe Grundriß«' form, wie die Heiliggeist-Kirche in Heidelberg, einen a/g geschlossenen Umgang um den ^ geschlossenen inneren Chorranm. Wohl sind uns historische Daten überliefert, wonach der alljährliche Zusammenfluß von Wallfahrenden so zugenommen habe, daß die Wormser Bürgerschaft und namentlich die Zünfte 1467 beschlossen hätten, eine noch größere Kirche beim Liebfraueu-Stifte zu erbauen; doch darf man wohl annehmen, daß sich dies nur auf Langhaus und Querschiff bezogen hat, nicht aber auch auf den Chor, der sicherlich bald nach der 1298 erfolgten Errichtung des Collegiat-Stiftes seine heute noch vorhandene Disposition erhalten haben wird. So erklärt es sich denn auch sehr leicht, daß der Wormser Dom- propst, welcher zugleich Propst beiin dortigen Liebfrauen- Stiste war, als Kanzler der Universität Heidelberg dem Kurfürsten von der Pfalz für den Neubau der eben gegründeten Collegiat-Stiftskirche zum heiligen Geiste die in Worms bereits existirende Anlage, welche sich bewährt hatte, zur Nachahmung empfahl. Da das Collegiatstift zu St. Aegidien in Neustadt a. d. Haardt bereits 1354 gegründet wurde, so fand hier die Bauthätigkeit für die Stiftskirche früher als in Heidelberg statt, und dies beweisen denn auch die Bau- formen beider Anlagen. Neustadt lieferte die Baumotive für die Behandlung der Architektur; das Langhaus ist hier als dreischiffige, gewölbte Sänlen-Bastlika angelegt, die Kapitäle haben runde Form, wie in der Liebftauen- Kirche zu Trier, doch fehlt der hier angebrachte Blättcr- kranz, so daß nur glatte Plättchcn mit Nnndstäbchcn und Hohlkehlen abwechseln. Ganz die gleichen ornament- losen Kapitälkämpfer, wie St. Aegidien in Neustadt, zeigt der Chor der Heiliggeist-Kirche zu Heidelberg bei der Gestaltung in Hallenform. Der Chor der Wormser Liebfrauen-Kirche hatte die Basilikenform erhalten, der über gleichem Grundrisse errichtete Chor der .Heidelberger Heiliggeist-Kirche hat die Hallenform, und zwar um deßwillen, weil das Langhaus behufs Aufnahme der Uni- versitäts-Bibliothck drei gleich hohe Schiffe mit eingebauten gewölbten Emporen erhalten mußte. Wie die Ausführung beweist, ist dies Bauprogramm ursprünglich 278 aufgestellt und auch ganz logisch und consequent zur Durchführung gekommen. Hatte man aber ein Langhaus mit drei gleich hohen Kirchenschiffen unter einem gemeinsamen Satteldache, so konnte man unmöglich, beim Fehlen eines Querschiffes, den Chor anders wie als Hallenkirche bilden. Wenn man das Innere der Heidelberger Hciliggeist-Kirche besichtigt, so erscheint uns das Langhaus mit drei Schiffen von gleicher Breite, was nur geschah, um den auf den zwei Emporen angelegten Bibliothek-Räumen eine möglichst große Grundfläche zu bieten. Da aber der Gottesdienst des Collegiat-Stiftes ein derart gewonnenes schmales Mittelschiff als unzweckmäßig nicht gebrauchen konnte, so hat man vom Triumphbogen an das Hauptschiff deS Chores entsprechend verbreitert, dort hat es 6 Meter und hier 8 Meter 50 Centi- meter zur lichten Weite. Ein unten viereckiger Thurm von der Mittelschiffbreite schließt das Langhaus nach Westen ab; ehedem spannte sich eine äußere, auf zierlichen Hausteinrippen gewölbte Vorhalle zwischen den zwei westlichen Thurmstreben ein und bildete vor dem Hauptortale der Kirche eine offene Laube nach Art der- euigen, welche wir heute noch an St. Sobald in Nürnberg als sogenannte Brautthür bewundern. Auch an oer Nordseite war eine ähnliche offene Laube vor einem der Seitenportale, angelegt; die Ansätze der Sandstein- rippen des Gewölbes sind an den betreffenden zwei Strebepfeilern heute noch zu sehen, das Portal selbst ist aber verschwunden, wie denn jetzt das ganze Bauwerk kein einziges Portal gothischen Stiles mehr besitzt; die heutigen gehören sämmtlich einer späteren Zeit an und sind in schlicht klassischen Formen hergestellt. (Schluß folgt.) Die Bildung der Theologen. -s- Aus Bayern. Professor Dr. Schell spricht sich an mehreren Stellen seiner vielgenannten Broschüre wegwerfend über die Seminarien und Lyceen aus, nimmt die Wissenschaftlichkeit und Gründlichkeit des Unterrichts für die theologischen Universitätsfacultäten allein in Anspruch und sieht offenbar die an solchen „weltabgeschiedenen" Anstalten gebildeten Theologen als solche zweiten und dritten Ranges an. Die „Mediocrits seminaristischer Systematik", von welcher S. 20 die Rede ist, kann wohl nicht anders verstanden werden. Seite 24 wird von Theologen gesprochen, die sich in „soliden Lehrseminarien ihre correcte Glaubenswissenschaft nach ganz bewährten Lehrbüchern und approbirten Collegheften tüchtig einprägen müssen". Auch sonst wird mit einer sehr vernehmlichen Anspielung von einer „herrschenden Schultheologie, von bestgemeinter Ascese" gesprochen (S. 52) und werden die Seminarien mit „geistiger Genügsamkeit" in Verbindung gebracht (S. 73). Die Universitäten allein sind erfüllt mit dem germanischen Nationalgeist gegenüber „der romanischen Rlchtmm, welche seit Jahrzehnten in der Anreola echtester Kirchlichkeit unserem deutschen Klerus vom Seminar aus empfohlen und gepriesen wird". „Glaubt man etwa, die weltlichen Fakultäten hielten die Lehrseminarien sowie die Lyceen für wissenschaftlich sich und auch den Uni- versitätsfacultäten gleich- oderuahestehende (!) Hochschulen Z" ' ; (Seite 21.) i Schell schreibt für Deutsche und über deutsche i Verhältnisse. Wir wissen wohl, daß die Auffassung z. B. ) französischer Bischöfe über die theologische Bildung des ^ Klerus nicht alleweg auf der Höhe sichi, obwohl auch hier bei uns sehr gerne dort beobachtete Uebelstände verallgemeinert werden; aber wir glauben, es sei für die deutschen Bischöfe, welche mit so vielen Opfern und Sorgen sich Seminarien eingerichtet haben und dieselben von Jahr zu Jahr nach Möglichkeit zu heben und zu vervollkommnen sich bemühen, der Vorwurf unberechtigt» sie wollten ihren Klerus in „geistiger Genügsamkeit" absichtlich erhalten. Schell nenne doch Namen oder Thatsachen! Es ist ja richtig, daß diese Anstalten (Seminarien und Lyceen) Mängel haben, aber die theologischen Universitätsfacultäten haben sie auch. Schell sieht die Splitter im Auge Anderer — er möge nur die Balken im eigenen Auge nicht übersehen, sonst müßten ihn Andere darauf aufmerksam machen. Es kommen von den Universitäten Theologen an die Lyceen und Seminarien, und von diesen solche an die Universitäten. Es werden von ihnen Vergleiche gemacht über die hier und dort gehörten Collegien, und diese fallen nicht immer zu Un- gunsten der „abgeschiedenen" Anstalten aus. Seminarund Universitätstheologen machen vielerorts gemeinsam dieselben Prüfungen — können die Ersteren nicht concurriren, oder sind sie immer die letzten? Schell docirt an einer bayerischen Universität und sieht auch mit mitleidigem Blick auf die bayerischen Lyceen herab. Es darf jedoch sehr bezweifelt werden, ob Schell je sich davon überzeugt hat, welcher StudienLetrieb dort herrscht, denn sonst könnte er wohl nicht das Monopol der Wissenschaftlichkeit und der „tieferen Ausbildung" für die theologischen Universitätsfacultäten allein in Anspruch nehmen. Wir wollen im Nachfolgenden hiervon eine Skizze geben und weisen noch besonders auf die philosophischen und naturwissenschaftlichen Fächer hiu, bemerken auch, daß vor ein paar Jahren Schell's Naine ' auf dem Neclamezettel für naturwissenschaftliche Exkurse eines Dilettanten stand, dessen Leistungen uns in Fachkreisen nur compromittiren konnten. Der Theologe eines Lyceums macht folgenden Bildungsgang: I. Philosophischer Curs. 1 . Philosophie (Logik, Noötik, allgemeine Metaphysik, Naturphilosophie, Psychologie, Theodicee) in wöchentlich 8 Stunden. 2. Experimentalphysik in wöchentlich 6 Stunden. 3. Chemie (anorganische) wöchentlich 4 Stunden. (I. Sem.) 4. Botanik wöchentlich 4 Stunden. (II. Sem.) 5. Profangeschichte wöchentlich 4 Stunden. 6. Philologie (Lectüre eines heidnischen oder christlichen Klassikers) wöchentlich 2 Stunden. I. Theologischer Curs. 1. Dogmatik wöchentlich 6 Stunden. 2. Kirchengeschichte wöchentlich 3 Stunden. 3. Biblische Hermeneutik wöchentl. 2 Stunden. (I.Sem.) 4. Biblische Archäologie wöchentl. 2 Stunden. (II. Sem.) 5. Hebräisch (Grammatik u. Lectüre) wöchentl. 2 Stund. 6. Geschichte der Philosophie wöchentlich 2 Stunden. 7. Moral- und Socialphilosophie wöchentl. 2 Stunden. 8. Geologie wöchentlich 3 Stunden. (II. Sem.) 9. Zoologie und physische Anthropologie wöchentlich 3 Stunden. (I. Sein.) 10. Kunstgeschichte wöchentlich 2 Stunde». 11. Patrologie wöchentlich 2 Stunden. II. Theologischer Curs. 1 . Dogmatik wöchentlich 6 Stunden > 279 2. Moraltheologie wöchentlich 4 Stunden. 3. Kirchenrecht wöchentlich 4 Stunden. 4. Kirchengerichte wöchentlich 3 Stunden. 5. Exegese wöchentlich 3 Stunden. 6. Einleitung in's Alte Testament wöchentl. 2 Stunden. (I. Sem.) 7. Litnrgik wöchentlich 2 Stunden. 8. Homiletik (Theorie) wöchentlich 2 Stunden. III. Theologischer Kurs. 1. Dogmatik wöchentlich 6 Stunden. 2. Moraltheologie wöchentlich 4 Stunden. 3. Kirchenrecht wöchentlich 4 Stunden. 4. Exegese wöchentlich 3 Stunden. 5. Einleitung in's Neue Testament wöchentlich 2 Stunden. (I. Sem.) 6. Litnrgik wöchentlich 2 Stunden. 7. Pädagogik wöchentlich 1 Stunde. 8. Pastoraltheologie wöchentlich 6 Stunden. (II. Sem.) 9. Homiletik (Uebungen) wöchentlich 1 Stunde. IV. Theologischer Curs. 1. Dogmatik wöchentlich 6 Stunden. 2. Pastoraltheologie wöchentlich 6 Stunden. 3. Katechet!! wöchentlich 2 Stunden. 4. Rubrizistik wöchentlich 2 Stunden. Facultativ für sämmtliche Curse ist die Thomas- lectüre, wöchentlich 1 bis 2 Stunden. Alle anderen Fächer sind obligatorisch, und es muß aus denselben in jedem Semester ein Examen, das nicht bloß zum Schein abgenommen wird, bestanden werden. Der Collegien- besuch ist strenge vorgeschrieben und ist der regelmäßigste. Hoffentlich wird dies und das Examen in den Augen Schells nicht eben ein Mangel sein. Da die Ferien kürzer sind gegenüber den Universitäten, steht ein Monat mehr Zeit jährlich zur Verfügung. Sämmtliche Fächer werden von Professoren gelesen, welche die akademischen Grade sich erworben haben. Sie lesen auch alle nach eigenen Heften oder nach von ihnen verfaßten Lehrbüchern. Wir haben hier den Studiengang- eines bestimmten bayerischen Lyceums skizzivt. Es bestehen unter den verschiedenen Lyceen Abweichungen, aber sie sind untergeordneter Natur. Die obige Skizze kann als Typus des Studiengangs an den bayerischen theologischen Fachschulen bezeichnet werden. Es wird gut sein, wenn weitere Kreise — wir bitten die katholische Presse darum, die obige Skizze unverkürzt weiter zu verbreiten — Kenntniß erhalten von diesen Dingen. Man darf sich damit vor aller Welt sehen lassen. Die Anklagen Schells richten sich gegen die Seminarien und Lyceen als solche, sie treffen auch die Kirche, welche die Errichtung dieser Anstalten bis auf den heutigen Tag vorschreibt und die Bischöfe beim Amtsantritt unter Eid dazu verpflichtet, sie zu erhalten. Diese Lyceen haben Resultate erzielt, die hinter jenen der Universitäts-Facul- täten nicht zurückstehen; sie brauchen sich also auch nicht vor aller Welt als Winkelanstalten, an denen ein armseliger Unterricht von theologischen Fachhandwerkern betrieben wird, hinstellen zu lassen. Es ist von ihnen noch kein Angriff erfolgt gegen die theologischen Facultäten, sie dürfen also auch bitten, von jener Seite in Ruhe gelassen zu werden. Mit den Lyceen und Seminarien ist auch der an ihnen gebildete Klerus, als wäre er wissenschaftlich zweiter oder dritter Qualität, herabgewürdigt. Herr Professor Schell möge angeben, an welcher deutschen Universität der Theologe eine intensivere und eine allseitigere Ausbildung erhält. Sein specielles Fach (Apologetik) fehlt ja in obiger Skizze, aber er weiß auch, daß, wo Philosophie, Dogmatik und Natnrwissenschaft gründlich docirt und studirt werden, die Apologetik wegfallen kann. Dafür ist aber im obigen Plan gesorgt. Ob Schell seine Anklagen zurücknehmen will, wissen wir nicht. Aber der Ueberzeugung sind wir, daß weder der Jurist, noch der Mediciner sagen kann, er habe für seinen Beruf an der Universität eine tüchtigere und allseitigere Bildung empfangen, als der Theologe am Lyceum oder Seminar. Es ist nicht die Aufgabe der Seminarien, gelehrte Fachtheologen zu bilden, sondern die, eine solide Ausbildung zu geben für den Beruf und eine sichere und feste Grundlage für spätere theologische Weiterbildung. Können die theologischen Facultäten Anderes leisten? Sie haben auch Anfänger vor sich und müssen ihnen die Elemente vermitteln, sehr häufig sogar in kürzerer Zeit und unter manch anderen ungünstigeren Verhältnissen. Ob die weltlichen Facultäten die Lyceen als sich und den theologischen Universitäts-Facultäten gleich- oder nahestehend ansehen wollen oder nicht, kann gleichgültig sein. Auf eine objective Würdigung der Dinge verzichten sie, wenn sie es nicht thun. Wenn Schell auf deren allerdings übliches Herabsehen Gewicht legt, so können wir ihm verrathen, daß sie auch vielfach die theologischen Facultäten nicht als ebenbürtig betrachten, sondern als ein häßliches Anhängsel, das sie abschütteln werden, sobald sie Aussicht auf Erfolg haben. Wir wünschen das keineswegs. Unser eine Wunsch wäre der, daß die theologischen Facultäten nicht durch die Lage der Verhältnisse gezwungen wären, die theologischen Elemente zu tradiren, sondern daß sie die Seminarien und Lyceen nach oben hin ergänzen würden, so daß der an diesen elementar gründlich Gebildete und ascetisch Gereifte sich dort zum gelehrten Fachtheologen unter tüchtiger Leitung und Schulung weiterbilden könnte. Das ist gegenwärtig nicht der Fall zu unserem lebhaften Bedauern. Hier wie dort wird derselbe Stoff gelehrt, hier wie dort von guten oder schlechten Professoren. Schell wird nicht leugnen, daß es auch an den Universitäten solche gibt. Ersprießlicher wäre es sicher gewesen, wie dies jüngst irgendwo bemerkt wurde, wenn Schell die wissenschaftlichen Kräfte der theologischen Facultäten, Lyceen und Seminarien zu gemeinsanier, ernster wissenschaftlicher Arbeit aufgerufen hätte, daniit Vorkommnisse, wie wir sie jüngst erleben mußten, nicht wieder eintreten. Zu vervollkommnen und zu verbessern gibt's überall. Auch die weltlichen Facultäten müssen dies aus ihrer eigenen Erfahrung bestätigen — wenn sie aufrichtig sein wollen. Die hochmüthige Selbstgenügsamkeit können wir ihnen andernfalls überlassen. ueecenslonen uns Notizen. Katechismus und Leben. Von bisch, geistl. Rath Reger. 4. Auflage. Verlag von Fr. Pustet in Regensburg. Preis geb. 2 u. 3 M. " Die neue (4.) Auflage dieses Erbauungsbuches ist mit so vielen Vermehrungen und Verbesserungen erschienen, daß es nun als ein „vollständiges Gebet-, Lehr- und Betrachtungsbuch" mit Recht sich bezeichnen darf. Die Veranlassung zur Abfassung eines Katechismus-Gebetbuches war, wie schon im Vorwort zur 2. Auflage angegeben wurde, die Wahrnehmung, daß gar viele Christen den Religionsunterricht, den sie m der Schule genossen, in kurzer Zeit so ziemlich wieder vergessen, weil sie eben nach ihrer, Schulentlassung einen Katechismus kaum mehr zur Hand nehmen und wenig daran denken, die Lehren ,280 I > i. r. desselben in ihrem Leben in Ausführn»« zu bringen, woher dann die «rosse Unwissenheit vieler m religiösen Dingen und ihr oft so unchristliches Leben trotz alles früheren Unterrichtes und so vieler Belehrungen und Ermahnungen kommt. Diesem Uebel abzuhelfen ist allerdings auch von andern Seiten vielfach schon versucht worden.' z. B. durch Herausgabe von mitunter trefflich geschriebenen und ausgestatteten „christlichen Haus- und Familienbüchern", welche die Glaubens-. Sitten- und Gnadcnlchre des Christenthums stistematisch erklären, (s die Glaubens- und Sitteulehre der kathol. Kirche von Dr. H. Rolfus und Fr. I. Brändle u. A.). Aber eines- theils sind diese Bischer meist zu theuer, um in Masse unter das Volk zu dringen, anderseits auch zu voluminös, als daß sie zum bequemen Handgebrauch dienen könnten. Hiezu aber dürfte eil» Katechismus -Gebetbuch sich eignen. Ein Gebetbuch wird ja überhaupt lieber und leichter benüht. und wenn in einem solchen, wie es hier im „Katechismus und Leben" geschieht, die Lehren des Katechismus (meist in dessen nämlichen Worten) m Form von Gebeten. Belehrungen und Erwägungen enthalten sind und wiederholt werden, und Hiebei gezeigt wird. wie . ud zu welchen Zeiten und Gelegenheiten sie im Leben i geübt werden können und sollen, so ist dadurch gewiß r t mehr des Guten zu erzielen. üas pro üot'uuetis aä oommocliorem eeelesiarum U8um ex missali romano ckeoumptae. L.ovsckit rittw absolutiovis pro äskuuatiz ex rituali st pontiüoali ronmno. 4° mi. pp. II -s- 48. Ratisdonse, I?r. kustst, 1896 (III). Ll. 4,20 Ii§. s. Das „Nissals äskunotorum" init Singnoten, ge- uauest nach allen Regeln der Rubriken hergestellt, beweist. wie alle andern Veröffentlichungen der berühmten Verlagsfirma, von neuem, mit welch peinlicher Sorgfalt in stets zunehmender Vervollkommnung dafür gesorgt wird, daß die liturgischen Texte der Kirche uns in muster- giltigen Ausgaben geboten werden. Gewisse Unebenheiten der Orthographie (zu häufige Verwendung großer Anfangsbuchstaben bei Hauptwörtern) sind Dinge, die wir dem Verlage nicht zum Vorwurf machen können, solange von autoritativer Seite alter Gewohnheit zu Liebe eine vernünftigere Handhabung nicht gestattet wird. Der nebenbei bemerkt in allen Brevier- und Missale-Ausgaben (auch bei Pustet) konsequent falsch betonte Genetiv ,,»Iteriu8" (statt „alterlus", ebenso wie „solliio, unlv8") von „alter" kommt in diesen Texten zufällig nicht vor: die Beibehaltung des durch die Sprachwissenschaft wohl begründeten Buchstaben „j" können wir nur billigen. Es ist lediglich eine „Mode-Caprice", ihn überall durch „1" zu ersetzen: so wird es aber jetzt in allen Schulen gemacht, ja auch in den neueren päpstlichen Aktenstücken (wenigstens im Druck). Der Christ im Weltleben und seine kleinen Unvoll- kommenheiten. Herausgegeben von Tilman Pesch, 8. (4. Auflage). Verlag von I. P. Bachern in Köln. ; Ein wahrhaft köstliches Büchlein, das von einer tiefen Kenntniß der Menscheuseele zeugt und eine treffliche Anleitung zur möglichsten Vollkommenheit katholischer Christen im Weltlebcn gibt. Der Verfasser des Büchleins ist der Franzose A. Bandon, ins Deutsche übersetzt und für Deutsche bearbeitet hat es der Tilman Pesch, ohne der Eigenartigleit des Originals im Wesentlichen Abbruch zu thun. Der Umstand, daß binnen eines Halbjahres schon wieder eine neue Auflage nöthig wurde, spricht allein schon für den Werth des Werkchens, das wir in den Händen aller gläubigen Katholiken, namentlich aber der Gebildeten, zu sehen wünschten. Es würde zu weit führen, auf den Inhalt genauer hier einzugehen. Nur eine Probe, die ahnen läßt, wie sehr der Verfasser aus dem Vollen des Lebens schöpft! Unter den kleinen, in ihrer Entwicklung und Folge aber doch recht häufig sehr bedeutungsvollen „Uuvollkommenheiten" behandelt der Autor „die Kleinlichkeit" und schreibt u. A.: „Wird nicht die kleinste Meinungsverschiedenheit, selbst über unbedeutende Dinge, Veranlassung zu übler Laune, zu Ver- druß zu Zank und Zwist zwischen Mann und Frau? Und doch handelt es sich in den «leisten Fällen um weiter nichts als um einen Zeitvertreib, den der eine gern hätte, der andere aber nicht mag: um einen Spaziergang, der mehr oder weniger nach dem Geschmack des einen oder anderen Theiles ist: um eine Ansicht bei Erziehung der Kinder oder bei der Behandlung der Dienstboten: um die Stunde der Mahlzeit: um eine an sich ganz gleichgiltige Aufstellung der Zimmergerathe" rc. Vortrefflich sind die Abhandlungen über „Die Anhänglichkeit an das liebe Ich", die „Tafelsreuden", die „Empfindlichkeit", die „Ueblen Launen", die „Jnconscquenz". „Oberflächliche Frömmigkeit" u. s. w. Volle, leZe! „DieWeisheit auf derGasse". Neue Sprichwörter- Sammlung. Herausgegeben von Heinrich Leineweber. Verlag von Fd. Schöningh in Paderborn. ; Der Reichthum der deutschen Sprache an Sprüch- wörtern ist eine bekannte Thatsache; man ist aber doch überrascht von diesem Reichthum, wenn man ihn schwarz auf weiß in einem solchen Umfang vor sich hat, wie es in dem oben angezeigten Buche der Fall ist. Der Herausgeber will, wie er schreibt, in diesem Werkchen dazu beitragen. daß die Sprichwörter immer mehr bekannt und gewürdigt werden (I. Theil) und dazu verhelfen, daß die landläufigsten sprichwörtlichen Redensarten und Wendungen (deren er nicht weniger als 315 behandelt) richtig aufgefaßt und mit Verständniß gebraucht werden. In beiden Beziehungen scheint uns seine Behandlung des Stoffes durchaus zweckentsprechend zu sein. Auch verdient die systematische Anordnung des Stoffes ebensoviel Lob als die Erklärungen, mit denen er eine große Anzahl von Sprichwörtern und sprichwörtlichen Redensarten versehen hat. Das Werkchen dürfte sich zur Anschaffung besonders auch für die studirende Jugend empfehlen. Die Herrlichkeiten der göttlichen Gnaden. Von Professor Dr. Scheeben. 6. Auflage. Verlag von Herder. Freiburg. Preis 2 M. 80 Pfg. I Die Grundlage dieses Buches, das nunmehr in 6. Auflage vorliegt, bilden des spanischen (aus Deutschland stammenden) Jesuiten Nierenberg Abhandlungen „cke prstio üiasstiwakili cklvinas Arstis-e", deren Original im Jahre 1890 in Madrid wieder zum Druck gelangt ist. Um dem Mangel eines populär dogmatischen oder asketischen Werkes, das ex prokeoou ausführlich und gründlich von den'Herrlichkeiten der Gnaden handelte, m der religiösen Literatur abzuhelfen, verfaßte — anlehnend an das Werk k. Nierenbergs, aber zum weitaus größten Theil ganz selbstständm — Scheeben das oben angezeigte Buch, dessen 5. und 6. Auflage nach Scheebens Tod der bekannte Dominikaner Albert M. Weiß besorgte. Die neueste (6.) Auflage stellt sich als eine Neubearbeitung dar. bei welcher der Herausgeber hauptsächlich den Zweck verfolgte, die geistreichen, aber manchmal dunkel gefaßten Gedanken vr. Scheebens in volles Licht zu rücken, überschwängliche, mystische Ausdrücke, die eine irrige Auslegung nahelegten, zu rektisiziren und den Stil des Ganzen auf die Höhe des Inhaltes zu bringen. Das Brich ist allen ernsten, auf höherer Stufe des religiösen Lebens stehenden katholischen Christen bestens zu empfehlen. tiVsbsr, 6 6 orKV., MLAwtsr okori eoolsoias oatbeärLlt» NvAllutinae, Äanuals oantuo soolssiaotiv« iuxta ritum 8. Romauss Lools8iae. Lickitio 8eeuuäg. Oum approbatious. 8". 9 Bogen. Preis gebunden in Callrco Mk. 1.—. Mainz. Franz Kirchheim. Der Zweck dieses außerordentlich handlichen Auszuges aus dem römischen Graduale ist: die Einführung des lateinischen Choralgesanges beim Hochamte zu erleichtern. Alle Feiertage und privilegirten Sonntage und fast das ganze Oommuvo Lauotornm sind berücksichtigt. In Fußnoten sind alle lateinischen Texte in's Deutsche übersetzt. Der Notendruck ist exakt ausgeführt. Endlich ist das Handbuch mit kurzen Anweisungen über die Ausführung der hier gebotenen Gesänge und mit einer übersichtlichen Inhaltsangabe versehen. Vcrantw. Redacteur : Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. ki>'. 40 14. Itlli 1897. Wage M Aligsßmgkl Kaspar Aquila, Pfarrer von Jeugen, und Bischof Christoph von Augsburg. Das; auch in der protestantischen Geschichtschreibung der mittelalterliche Hang zur Legendcnbildung nachwirkte, ist eine hinlänglich bekannte Thatsache. Nicht erst dies zu beweisen oder auch nur die Beweise hiefür durch einen neuen Beleg zu vermehren, sondern lediglich zur Steuer der Wahrheit soll im Folgenden der „Fall Aquila" einer kritischen Würdigung unterzogen werden. Ueber Kaspar Adler, oder, wie er sich mit latini- sirtcm Namen nannte, Aquila, welcher i. I. 1560 als Superintendent zu Saalfeld in Thüringen starb, nachdem er der Sache des Protestantismus durch Unterstützung Luthers in der Bibelübersetzung, durch zahlreiche Schriften und durch mannhaftes Auftreten gegen das Interim wesentliche Dienste erwiesen hatte, sind mehrere Monographien geschrieben worden. Dem Umfange nach die bedeutendste und durch Heranziehung reichen Quellen- materials die gehaltvollste ist die von Christian Schlegel verfaßte Lebensbeschreibung, betitelt: „Ausführlicher Bericht von dem Leben und Tod Caspar! ^uilae", Leipzig und Frankfurt 1737. Diese Biographie dient bis heute als vorzüglichste Quelle für die Aquila-Artikel in den großen Sammelwerken. Allein die Arbeit Schlegels läßt vielfach die nöthige Kritik der Quellen vermissen. Da nun seither außer Joh. Voigt (Briefwechsel der berühmtesten Gelehrten mit Herzog Albrecht von Preußen, S. 18—40) kaum jemand neues Quellenmaterial, in größerem Umfang über Aquila beigebracht hat, so erklärt es sich leicht, daß die Darstellung Schlegels bisher in keinem wesentlichen Punkte als kritiklos erwiesen worden ist, wenn sie auch neuestens, wie die vielen Fragezeichen in der Abhandlung Kawerau's (3. Aufl. der Nealencykl. f. prot. Theol.) beweisen, als sehr revisionsbedürftig anerkannt wurde. Im Folgenden beschäftigen uns nur die Beziehungen Aquila's zum Bisthnm Augsburg und zu Bischof Christoph von Stadion bis zum Jahre 1523, insbesondere das Vorgehen des Bischofs gegen Aquila wegen Häresie. Aquila war einer angesehenen Augsburgcr Bürgersfamilie entsprossen und wandte sich dem geistlichen Staude zu. Angeblich i. I. 1516 erhielt er von Bischof Heinrich von Lichtenau die Pfarrei Jengen. Daß ihm Franz von. Sickiugen hiezn verholfen habe (Plitt in Herzogs Ncalenc. 1. Auflage), ist nicht nachweisbar. Was den Zeitpunkt seiner Anstellung in Jeugen betrifft, so ist sicher, daß er im Mai 1517 dort in; Amte war; denn eine von seinem Sohne David aufgezeichnete kalendarische Notiz, an deren Glaubwürdigkeit zu zweifeln kein Grund vorliegt, läßt ihm am 20. Mai 1517 zu Jengen einen Sohn geboren werden (Schlegel 68 A. 61). Daß mau ihn auf Grund dieses Ereignisses „die Ehre der Clero- gamic" allen übrigen, Luther anhängenden Priestern „streitig machen" lasse (Schlegel 66), ist in keiner Weise angängig, da die Voraussetzungen einer auch nur subjektiv rechtmäßigen ehelichen Verbindung für die in Frage stehende Zeit völlig mangeln. Hier ist noch ein anderer Irrthum festzustellen. Schon der Lokalhistoriker Liebe, auf den wir noch zurückzukommen haben, spricht in seiner LalkelcloArapkia von der Pfarrpfründe Zeugen als einem perpingue sacer- äotium (Schlegel 65 Anm. 56); Schlegel macht aus dem dermalen 370 Einwohner zählenden Dorfe ein „Stäbtgcu" (auch Kawcrau: „die gute Pfarrei Zeugen"). Die Absicht ist ja sehr klar; allein die Sache verhält sich doch wesentlich anders. Es ist zwar gewiß, daß die Pfarrpfründe Jengen zu den einträglichen Pfründen zählte» bevor deren Einkünfte dem bischöflichen Stuhle einverleibt wurden, was i. I. 1454 geschah; daher finden wir auch in einem auf ältere Vorlagen zurückgehenden, nach dem Ertrage der Pfründen klassifizirten Verzeichnis; der Pfarreien des Landkapitels Kaufbeuren v. Jahre 1510 die Pfarrei Zeugen unter den maioros aufgeführt. Aber zu jener Zeit, als Aquila die Pfründe erhielt, waren die diesbezüglichen Verhältnisse in Folge der erwähnten Jncorporation völlig verändert. Die vorwiegend im Großzehnt bestehenden Einkünfte der Pfarrei flössen zur bischöflichen Hofkammer, welche daraus dem als vioarius perpstuus angestellten Seelsorger eine Competenz reichte. Die früheste Aufzeichnung über diese Competenz stammt aus dem Jahre 1623. Für unsern Zweck können wir uns sehr wohl an diese Aufzeichnung halten; denn keincn- falls war die Comvetenz i. I. 1520 höher als hundert Jahre später; vielmehr ist nach anderwärts zu machenden Beobachtungen das Gegentheil in hohem Grade wahrscheinlich. Im Jahre 1623 nun wurde das Gcsammt- cinkommen der Pfarrpfründe Zeugen im Durchschnitt auf 270 Gulden jährlich gcwcrthct. Zur Vergleich;;»» steht eine Reihe von Einkünfteschätzuugcn umliegender Pfarreien aus demselben Jahre zur Verfügung. Die niedrigste Schätzung schwankt zwischen 150 und 200 fl. Eine gute Pfarrei jedoch, wie es z. B. damals — vor der Einverleibung in die bischöfliche Kammer — das benachbarte Aufkirch noch war, wurde auf jährlich 900 fl. geschätzt. Zeugen erhob sich demnach zu Anfang des 16. Jahrhunderts kaum über das Niveau einer geringen Pfründe, konnte jedenfalls nicht einmal den mittelguten Pfarrpfründe» beigezählt, geschweige denn ein porpinZue saeerciotium genannt werden. Seine Pfarrei hätte sonach Aquila kaum die Mittel zur Fortsetzung seiner Studien verschafft. Wenn er gleichwohl sich um die Wende des Jahres 1520 in Witten- berg aufhalten und dort am 24. Januar 1521 den Magistergrad erwerben konnte, so hatte er dies der freigebigen Unterstützung des im nahegelegenen Emmenhausen begüterten und sehr frühzeitig für Luther sich iuteressirenden Augsburgcr Patriciers Hans Houold zu verdanken. Die allgemeine Annahme geht dahin, daß dieser zweite Besuch der Universität Witteuberg — schon 1513 war Aquila daselbst immatrikulirt (Kawerau) — nach der Gefangenschaft im Thurm zu Dilliugen und nach Entsetzung vom Pfarramts zn Zeugen einzureihen sei. Schlegel, der Urheber dieser Chronologie, mochte bet solcher Anordnung der Daten von der stillschweigenden Voraussetzung ausgegangen sein, daß Aquila durch das Pfarramt am Besuch der Universität behindert worden wäre. Wie wenig eine solche Voraussetzung zutreffend ist, weiß jeder Kenner damaliger Mißstände auf scelsorg- lichein Gebiete. Im Gegentheile erweisen die Sicgelamts- rcchnnngen im Ordinariatsarchiv bis zur Evidenz, daß Aquila noch Ende 1521 zu Zeugen im Amte war; sie führen nämlich unter den Rückständen für 1521 unter andern; auf: Caspar LcUer, Investitur; all perpetuaw vioariam iu ckeuZo, teuetur aclliuo, d. h. er hatte die Jnstitntionskosten noch nicht bezahlt (nach 5 Jahren!); 282 rr war also sicher seiner Pfründe Ende 1521 noch nicht entsetzt. Demnach kaun der Zusammenstoß zwischen Aquila und der bischöflichen Behörde vor 1522 nicht stattgefunden haben. Derselbe wird aber auch nicht später anzusetzen sein. Freilich nennt sich Aquila in zwei im Sommer 1523 gehaltenen und durch Druck veröffentlichten Predigten noch „Pfarrer zu Jhengen"; allein das erklärt sich hinlänglich als eine zu dem Charakter des Mannes sehr wohl stimmende Mißachtung der bischöflichen Anfügung seiner Absetzung. Dazu kommt, daß Bischof Christoph gerade im Sommer 1522 gegen mehrere neugläubige Priester seines Bisthums einschritt. Und mit Aquila hatte er in der That bis dahin Nachsicht genug geübt. Uebrigens bezeichnet dieser selbst das Jahr 1522 als das seiner Gefangensetzung (Schlegel 81). Nun erzählt die Legende, Aquila fei „auf einem Karren gefänglich nach Dillingen" gebracht und „daselbst in ein hartes, unsauberes und tiefes Gefängniß gelegt worden, worin er den ganzen Winter hindurch, über ein halbes Jahr, habe liegen müssen, ohne einen warmen Bissen oder eine Suppe zu bekommen" (Schlegel 74 f.; genau so auch Jocher im Gelchrtenlexikon und Zapf, Christoph von Stadion l6. Allg. d. Biogr.: „unterirdisches Gefängniß; viel Jammer und Elend"; Plitt: „hartes Gefängniß"). Ehe wir zur kritischen Würdigung dieses stimmungsvollen Bildes übergehen, müssen wir noch daran erinnern, daß das Mittelaltcr gegen die Gefangenen, welche sich in Untersuchungshaft befanden, ganz allgemein roh und nach unsern Begriffen grausam vorging. Sofern also obige Schilderung des Gefängnisses den Schein besonders heftiger und mit besonderer Standhaftigkeit ertragener Verfolgungen um des Glaubens willen erwecken soll, ist dieselbe tendenziös gefärbt. Alles oben Erzählte konnte jedem Untcrsuchnngsgefangencn in jener Zeit zustoßen, gleichviel weßhalb er in Untersuchung gezogen war. Was an der Schilderung gewiß als richtig angenommen werden darf, ist die zwangsweise Ueberführung nach Dillingen. Denn nach dem ganzen Charakter Aqnila's ist es zuin vorhinein zu erwarten, daß er einer bischöflichen Vorladung nicht Folge leistete und deßhalb zwangsweise nach Dillingen verbracht werden mußte. Aber doch wohl kaum auf einem Karren. Auf solch entehrende Weise wurden gemeine Verbrecher an den Sitz des Gerichtshofes verbracht, wie man sich aus der Chronik Clcm. Senders (Chroniken d. deutschen Städte 23, 160) überzeugen kann. Thatsache ist ferner Aqnila's Haft in Dillingcn. Eine solche mutz schon um der Untersuchung willen angenommen werden. Zudem spricht er selbst davon, daß er im Thurm zu Dillingen gelegen sei (Schlegel 81). Die Angabe über die Haftdauer dürfte eine Uebertreibung sein, wie sich noch zeigen wird. Die Möglichkeit, daß die Haft in den Winter 1522/23 fiel, ist nicht auszuschließen. Ganz ablehnend müssen wir uns aber weiterhin verhalten hinsichtlich der Schilderung, wie die Haft ihr rühmliches Ende fand. Darüber weiß Schlegel (S. 75 f.) folgendes zu berichten: Es hätten sich unterschiedliche Patricier in Augsburg beim Kaiser für Aquila verwendet; dieser habe seine Schwester Maria (Jsabella) nach Dillingen geschickt (I). Der Bischof habe sie da mit allen Ehren empfangen, sie aber habe sich geweigert, vom Wagen abzusteigen, bis er ihr nicht eine Bitte gewähren wolle; nach erhaltener Zusage habe sie Aquila freigebeten, „worauf zwar der Bischof in etwas gestntzet und sich entfärbet hätte, denn er bereits beschlossen gehabt, den tlguilum des andern Tages hinrichten (i) zu lassen, solches jedannoch ihr als einer sehr großen Dame pur ironour nicht abschlagen können". Für diese Mittheilungen bezieht sich Schlegel aus „unterschiedliche geschriebene Nachrichten"; aus den Citaten ergibt sich näherhin, daß hiefür frühester Gewährsmann Silvester Liebe ist» ein geborner Saalfelder, Bürgermeister zn Naumbnrg, in seiner nur handschriftlich vorhandenen, im Jahre 1625, also 65 Jahre nach Aqnila's Tode, verfaßten 8a.1k6läoZrLxftia., derselbe» welcher auch in einer Anwandlung von lokalpatriotischer Schwäche für seinen Helden aus der Pfarrpfründe Zeugen ein parpinZua sacorckotiuin gemacht hat. Zwar berichtet Liebe noch nichts von einer Verwendung Augs- bnrgischer Patricier beim Kaiser — dieser Zug der Legende geht auf andere handschriftliche Nachrichten zurück, deren Glaubwürdigkeit dadurch eine bedenkliche Beleuchtung erhält, daß einige von ihnen die selbst von Schlegel abgewiesene Märe enthalten, der Bischof habe den hartnäckigen Pfarrer in einen großen Fenermörser laden und über die Mauer hinausschießen lassen wollen —, aber die Erzählung von dem im äußersten Moment erfolgenden rettenden Eingreifen der Schwester des Kaisers mit all den oben erwähnten Umständen geht auf diese trübe Quelle zurück (Schlegel 76 Anm. n.). Soviel ich übersehen kann, ist der Bericht Liebe's in dem Punkte, daß der Bischof Aquila habe hinrichten lassen wollen, ganz allgemein preisgegeben. Nirgends in den Darstellungen aus neuerer Zeit, wenn wir vom Freiburger Kirchenlcxikon 1. Anst. (10, 326) absehen, wurde dieser, mit dem sonstigen Auftreten und dem Charakter Stadions ganz unvereinbaren Absicht Erwähnung gethan. Dagegen halten auch die Neueren unbedenklich an der Verwendung der Schwester des Kaisers fest; Kaweran ist der erste, der auch hier durch ein Fragezeichen Bedenke» erhebt. Und mit Recht, wenn nämlich ein Brief des Ritters Hans von der Planttz an Kurfürst Friedrich von Sachsen vom 28. Februar 1523 auf den Fall Aquila zu beziehen ist. Durch eine Anfrage des mit Herausgabe des Briefwechsels zwischen dem Ritter und dem Kurfürsten beschäftigten Herrn vr. Virek in Weimar habe ich von dem Briefe Kenntniß erhalten, und der genannte Gelehrte gestattete nur in entgegenkommendster Weise, von seiner Mittheilung, Gebrauch zn machen. Planitz schreibt: „Eyn brister ym stift Angspnrgk hat auch das ewangelium geprediget und also, das es dem bischoff nicht gefallen. Darnmb der prister ist ange- nomen (— gefänglich eingezogen) worden; hat man ym zn seyner erledigung eynen urfrid oder eydt vorgehalten. . . . Als nun der arm brister auf den morgen hett den eydt thun sollen, yst er den abent zuvor darvon kamen, sich under die grasten von Ottyngen gewant, die »einen sich seyn an und dem bischoff ist nicht woll darbey." Daß hier von einem von Erfolg begleiteten Flucht- ausbruch die Rede ist, bedarf nicht erst des Beweises. Verschiedene Umstände legen die Beziehung dieses Berichtes auf Aquila nahe. Vor allem paßt derselbe außer auf Aquila auf keinen jener Priester, von welchen bisher bekannt geworden ist, daß Bischof Christoph im Jahre 1522 oder Anfang 1523 wegen Häresieverdachtes gegen sie einschritt. Es kommen hier in Betracht Kaspar Haslach, Prediger in Dillingcn, welcher jedoch den verlangten Eld leistete; ferner die Prediger Speiser und Frosch in Augsburg, bei welchen sich aber das Domkapitel einem Einschreiten des Bischofs mit Erfolg widersetzte. Nur von Aqnila wissen wir, daß er gesanglich eingezogen wurde und zu einem Widerruf wohl nie wäre zn bestimmen gewesen. Dazu kommt, daß wir Aqnila alsbald nach der Dillinger Affaire in Beziehungen zu Knrsachsen finden. Noch im Sommer 1523 ließ er eine Predigt zu Zwickau in Druck gehen; im folgenden Jahre aber lehrte er an der Universität Wittenberg Hebräisch und versah sehr wahrscheinlich zugleich das Amt eines Predigers in der Schloßkirche daselbst (Schlegel 146). Sodann findet gerade in einem unrühmlichen Ende der Haft, wie es in der widerrechtlichen Entfernung durch Flucht gegeben war, das Bedürfniß und Bestreben nach Verherrlichung dieser Haftbefreiung seine Erklärung. Endlich — und das ist charakteristisch für Legenden- bildungen — ist in dem Berichte des Ritters und in dem Berichte Liebe's ein gemeinsamer Zug enthalten, welcher für die Beziehung des erstgenannten Berichtes auf Aqnila spricht, nämlich die Erledigung aus der Haft im letzten Moment — dort am Vorabend vor der Äbschwörnng, hier am Vorabend vor der Hinrichtung. Wenn nun, wie es als in hohem, Grade'wahr-, scheinlich bezeichnet werden mutz, Hans von der Planitz in seinem Briefe von Aquila spricht, so ist es klar, daß dessen Haft in Dillingen lediglich eine Untersuchungshaft war, welche wohl kaum ein halbes Jahr lang und darüber gedauert hat, und daß das Ende derselben nicht durch die an sich unwahrscheinliche hohe Intervention, sondern durch Flucht herbeigeführt wurde. Selbstredend wurde Aquila nach diesen Vorgängen seiner Pfarrei kanonisch entsetzt. Später, als Aquila bei Gelegenheit des Augsbnrger Reichstages 1530 mit Bischof Christoph zusammentraf und diesem nicht mehr als unbotmäßiger Diöcesanpriester, sondern als Superintendent von Saalfeld gegenüberstand, erfuhr er von Seite des Bischofs eine ehrenvolle Aufnahme. Freilich hatte sich unterdessen auch Christoph von Stadion selbst innerlich dem Protestantismus mehr genähert. vr. A. Schröder, Domvikar. Die ehemalige Stiftskirche zum heiligen Geist uud die Lib1iotd66L kg-lLtina in Heidelberg. Von Frz. Jac. Schrnitt, Architekt in München. (Schluß.) Zwei steinerne Wendeltreppen sind für die nördliche und südliche Bibliothek-Empore ausgebaut und waren sowohl von außen als auch vom Innern der Kirche zugänglich. Die zwei Emporen sind in einer Höhe von 11 Metern über dem heutigen Kirchenfnßboden angelegt; in solcher Höhe würde man keine derartige bauliche Anlage gemacht haben, wenn es sich für die Besucher um Assistenz bei dem im Chöre stattfindenden Gottesdienst gehandelt hätte. Für die Bibliothekzwecke aber war es geradezu ein großer Vortheil, möglichst abgeschieden und ungestört von den im unteren Theile der Kirche vor sich gehenden Funktionen zu bleiben. Die unteren mit Kreuzgewölben aus Sandsteinrippcn überdeckten Seitenschiffe haben ihre für sich abgeschlossenen, mehrtheiligen, gothischen Stab- und Maßwerksfenstcr, und ebenso entsprechen den zwei oberen Emporen ganz gleiche Fenster, welche sich über besonderen Kaffgesimscn erheben. Hätte man cS mit einer nachträglichen Bcnianlagc zu thun, so würden die Fenster der Höhe nach ungethcilt von unten bis oben durchlaufen, wie es auch wirklich beim Chöre der Heilig- geist-Kirche zur Ausführung gekommen ist. Seitlich vom Westthurme hat sich bis zum heutigen Tage ein ebenfalls gewölbtes Bibliothekzimmer erhalten, das einen schlichten Kamin enthält; hier haben wir also den heizbaren Stndir- ranni für die kalten Tage des Jahres. Bei der 1886 gelegentlich der 500jährigen Univcrsitätsfeier stattgehabten Restauration der Heiliggeist-Kirche durch den Gr. Bad. Baurath Hermann Behage! in Heidelberg wurden an den achteckigen Pfeilern der zwei Emporen, gegen das Mittelschiff, noch die Spuren ehemaliger Verglasnug gefunden. Möglich, daß diese sich an einen aus gothischem Stab- und Maßwerk anschließenden Einbau fügte, ivie solches an vielen mittelalterlichen Kreuzgängen heute noch beobachtet werden kann. Auch Neste kleinerer Kunstgegenstände in Terrakotta fanden sich bei der in Rede stehenden Restauration, und Baurath Behaget nahm wohl mit Recht an, daß diese Decorationswerke zur Ausschmückung der Bibliothekräume gedient hätten. Das zweite Joch vom Langschiff besitzt ein einfaches' Sterngewölbe, und es tragen die Rippen einen kreisrunden Steinkranz, dessen Oeffnung offenbar dazu diente, um mit Hilfe einer im Äachraum aufgestellten Winde alle Bücher und Bi'blioihetschätzc bequem zur Höhe der Emporen zu ziehen, welchem Zwecke die mit voller Spindel schmal angelegten Wendeltreppen nicht genügen konnten. So hatte denn das Ende des vierzehnten und der Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts eine Bibliothek, welche vierhundert Quadratmeter Grundfläche bot, in durchgehends feuersicher gewölbten Räumen mit den Formen der gothischen Architektur in zweckentsprechender Weise angelegt und durch die große Höhenlage auch möglichst gegen etwa beabpchtigte widerrechtliche Beraubung geschützt, wozu außerdem die Verbindung mit dem Gotteshause durch die diesem naturgemäß gezollte Verehrung das Weitere beitrug. Die Pergament-Codices oder Quartanten lagen auf langen Pulten, jeder mit einer Kette angeschlossen, welche an den Enden der Pulte mit Schlössern, versehen war. Die zwölf Chorherren hatten die Schlüssel, jeder einen und immer zwei in ein Schloß passend. Kurfürst Ludwig III. (1410—1436) vermachte im Jahre der Erfindung der Bnchdruckerkunst feine aus 152 Bänden bestehende Privaibibliothek dem Stifte; schon 1421 ward das Vermächtniß aufgerichtet, „damit alle Stiftspersonen Ivie auch Schüler und Meister des neuen Studiums dieselben brauchen mögen" n. s. w. Diese Bücher sollten aber Niemand in's Haus gegeben werden, mit alleiniger Ausnahme der fürstlichen Personen, und auch diesen unreinen Monat. Anfänglich waren es mir fünf Pulte, später wurden es acht, und mit dem Vermächtnisse des vr. Andreas Port von Brambach mit 28 Büchern kam ein weiterer Pult hinzu, und kurz nach der Reformationszeit wuchs die Bibliothek zn einer sehr bedeutenden Büchermasse an. Der in der Heiliggeist-Kirche beigesetzte Hulderich von Fnggcr-Kirchbcrg hinterließ der Universität als Vermächtniß seine ganze, sehr kostbare Bibliothek, die außer den gedruckten Büchern über tausend Handschriften enthielt. Die 150 Bücher, welche Ludwig III. dem Stifte vermacht hatte, waren nur gelehrte, meist lateinische Werke; die kostbaren, von ihm und seinen Vorfahren zusammengebrachten . deutschen Handschriften hatte er auf dem 28L Heidelberger Schlosse behalte». Seine Nachfolger Kurfürst Philipp, dann Ludwig V. (1508 — 1544) und Friedrich II. (1544 — 1556) theilten diese edle und kostspielige Liebhaberei, wie später auch Otto Heinrich (1556 bis 1559). In Italien liest Kurfürst Philipp durch den gelehrten Agricola (1485 -j) Handschriften griechischer und römischer Autoren ankaufen und einverleibte dem Stifte auch die Bibliothek des Pfalzgrafcu Johann (1486 f) von der Mosbacher Linie, gewesenen Dompropsts zu Augsburg, sowie die von Agricola vermachte Prtvat- bibliothck. Der Wormscr Bischof und kurfürstliche Kämmerer Dalberg half treulich die Schätze mehren, besonders geschah dies durch die Büchcrsammlnng der uralten Abtei Lorsch. Kurfürst Ludwig V. sammelte vornehmlich medicinische Bücher, Friedrich II. liebte wieder besonders Werke deutscher Dichtkunst, daneben wurde in Frankreich, Italien und Griechenland Neues angekauft. Schon war die Sammlung der Palatiua so bedeiltend angewachsen, daß Friedrich II. eigens dafür den runden Bibliotheks-Thurm auf dem Schlosse errichten ließ. Nun kam Otto Heinrich, welcher den edlen Hang seiner Vorfahren theilte; auf seinen Reisen im Oriente hatte sich der nachmalige Kurfürst sehr werthvolle Werke gesammelt, deren Derzeichniß noch erhalten ist. Als Otto Heinrich im Jahre 1556 die Regierung antrat, brauchte er den in der Nähe des von ihm errichteten Schloßtheiles bestehenden Bibliotheks-Thurm für seine Nechnungskammer und ließ die gesammte Libliotsiooa krüatiua zu der fürstlichen Stifts-Bibliothck in dieHeiliggeist-Kirche bringen, freilich nur aä interim, bis er auf dem Jettenbühl einen bequemen Neubau aufgeführt haben würde, welchen der ettvas wohlbeleibte Regent leicht in seinem Wagen erreichen konnte. Allein der Tod rief schon im Jahre 1559 Otto Heinrich ab, ehe der Neubau auch nur begonnen war, nie kam derselbe zur Ausführung, und so blieb die Lidliotlioou Lalatina in der Heiliggeist-Kirche bis zur Zeit geborgen, wo sie nach Rom wandern mußte. (Siehe Geschichte der Bildung, Beraubung und Vernichtung der alten Heidelberger Büchersammluugen von Hofrath Friedrich Willen zu Heidelberg» 1817.) Unter Kurfürst Otto Heinrich wurde in der Stiftskirche zum heiligen Geiste der protestantische Gottesdienst eingeführt, entfernt wurden die Altäre, Bildwerke und Gemälde, wodurch denn natürlich das Stift den größten Theil seiner Einkünfte verlor, weil in Folge dieser Veränderung die von Papst Bouifacius IX. damit vereinigten Präbcndeu zu Worms, Speyer, Neustadt, Nenhausen und Wimpfen im Thale von den Kirchen stiften, welche dieselben zu entrichten hatten, entweder ganz zurückbehalten oder aber nur zwangsweise und spärlich bezahlt wurden. Die noch übrigen drei Präbenden überließ Otto Heinrich im Jahre 1557 der hohen Schule zu Heidelberg, die alleren Gefalle der Stiftskirche zum heiligen Geiste wurden ^er geistlichen Güter-Verwaltnng übergeben und so das ganz Collegiat-Stift völlig aufgehoben. Nach der Schlacht bei Wimpfen ain 6. Mai 1622 und der Eroberung .Heidelbergs durch die Bayern unter Tilly, im September 1622, wurde die Heiliggeist-Kirche sammt allen anderen .Kirchen der ganzen Pfalz, bei der Wiedereinführung des katholischen Glaubens von 1622 — 1632, dem protestantischen Gottesdienst entzogen und dabei die ganze überaus wcrthvolle Bibliothek nach Rom verschenkt. — Der päpstliche Legat Leo Alacci ließ dieselbe in 184 Kisten von 100 Manlthieren über die Alpen und in den Vatican verbringen, von wo im Jahre 1815 Einiges, so namentlich 890 Handschriften, Heidelberg zurückgegeben wurden. Bald nach der Wegführung der berühmten Büchersamm- lung hielt Professor Dr. Schmidt eine Predigt in Heidelberg, welche 1640 in Straßburg im Drucke erschienen ist. Klagend ruft der Professor, welcher die Verschleppung selbst mit angesehen hatte, in jener Predigt aus: „So ist sie denn dahin» die weltberühmte Bibliothek, welche einst ini obern Theile der Kirche zum heiligen Geiste stand." Hierdurch haben wir eines Zeitgenossen authentische Bestätigung über den Aufstellungsort der Libliotllooa kalatina, auf den Emporen über den gewölbten Seitenschiffen des Langhauses der Heiliggeist-Kirche. Man beklagt es, daß Herzog Maximilian von Bayern eine so großartige, werthvolle Sammlung an Urban VIII. verschenkte und diese Deutschland für alle Zeiten entführt wurde, um fortan den Glanz und Reichthum der vatikanischen Bibliothek erhöhen zu helfen: was für Deutschland ein Verlust schien, das war für die Sammlung als solche ein Glück. Ohne Frage wäre sie bei der Zerstörung der Stadt Heidelberg durch die französischen Mordbrenner in Asche verwandelt worden. In Heidelberg blieben nach dem Unglückstage, dem 23. Mai 1693, nur einige wenige Häuser und die Heiliggeist-Kirche übrig; auch sie war im Innern verwüstet, der schieferbedeckte hölzerne Helm des Glockenthnrmes und alle Dachungeu der Kirche abgebrannt, nicht einmal die Gräber der vierzehn im Chöre beigesetzten Kurfürsten waren von Melac's Horden verschont worden. Nach den durch Baurath Behage! gemachten Untersuchungen sind die heutigen Gewölbe des Chores der Heiliggeist-Kirche nicht die ursprünglichen, woraus wir auf deren Einsturz in Folgt der Verwüstung vom Jahre 1693 schließen dürfen; bei der Erneuerung wurden sonderbarer Weise die Kämpfer der Rippengewölbe des Chorumgangcs in die Kämpfer- Höhe der da befindlichen Maßwerks-Fenstcr gerückt, und es liegen diese nun hier weit über einen Meter höher, als bei den freistehenden Säulen. Die Gewölbe des dreischiffigen Langhauses einschließlich der beiden Biblio- theks-EmPoren sind noch die ursprünglichen, was durch die sknlptirten Gewölbe-Schlußsteine bewiesen wird. An Stelle des ehemaligen Satteldaches, welches sich noch bet alten Darstellungen in Heidelberger Stadtansichten vor 1693 zeigt, erhielt die Heiliggeist-Kirche nun ein Mansardendach und das Achtort des Glockenthurmes ein zopfiges Schieferdach. Zu allen Unbilden, welche der Kirche zum heiligen Geiste im Laufe der Jahrhunderte zugefügt wurden, gehört auch die 1705 erfolgte Errichtung einer Scheidemauer zwischen Chor und Langhaus, um zwei verschiedenen Religions-Genosseu- schaften die Vornahme des Gottesdienstes getrennt zu ermöglichen. Im Jahre 1886 bei der fünfhundertjährigen Jubelfeier der Heidelberger Universität, dem Zeitpunkte der letzten Restauration der Kirche zum heiligen Geiste, wo der feierliche Festakt darin abgehalten werden sollte, konnte mit freiwilliger Zustimmung der verschiedenen christlichen Konfessionen die entstellende Mauer niedergelegt werden, und es vermochte nun das ehrwürdige Gotteshaus die große Zahl der aus Fern und Nah erschienenen Festtheiluchmer aufzunehmen. Peranlw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druckn. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 8 ,-. 41 . 16- Juli 1897. Alts der Hinterlassenschaft des Lxsreitug Hätieus. Von Hugo Arnold. (Nach Vortragen in der Anthropologischen Gesellschaft und im Historischen Verein von Oberbayern zu München.) In der gegenwärtigen Zeit ist der „Militarismus" ein politisches Schlagwort geworden; man klagt darüber, das; er unsere ganze Zeit beherrsche und ihr seinen Stempel aufpräge. Spätere Geschlechter, deren Gunst und Haß nicht mehr vom Standpunkte der Parteien beeinflußt sind, werden darüber ruhiger urtheilen, als die eigenen Zeitgenossen, und mehr als die Kosten und die Lasten des Militarismus werden ihnen vor Augen stehen die ganz außerordentlichen Leistungen unseres Heeres in Frieden und Krieg, als Träger einer erhabenen kulturellen Mission für die Erziehung des Volkes (in diesem Punkte wird wohl auch die Zukunft andrer Meinung sein. D. R.), als Pfeiler und Schirmer der staatlichen Ordnung, als das scharfe Werkzeug der Politik, als Schild und Hort des köstlichsten Gutes, des Weltfriedens. Von diesen Gedanken geleitet, bitte ich Sie, Ihre Blicke rückwärts zu lenken, in eine feruentlegene Zeit, da der „Militarismus" ebenfalls schwer auf unser engeres Heimathland drückte, da die römischen Adler ihre Fittige darüber breiteten. Damals gehörte ganz Südbayern, nämlich die Kreise Ober- und Niederbayern fast total, der Kreis Schwaben insgesammt und außerdem ansehnliche Striche von Mittelfranken, zur Provinz Rätien. Dieselbe besaß eine außerordentliche militärische Wichtigkeit für das römische Reich, denn Rätien diente seinem Herzen, Italien, zum Schilde; eS lag wie ein Glacis vor dein mächtigen Alpenwalle, und durch dasselbe hindurch führten die Einbruchsstraßen der germanischen Völker zu den lockenden hesperischen Gefilden. Dem entsprechend war die ganze Verwaltung der Provinz, waren ihre sämmtlichen Einrichtungen vom militärischen Gesichtspunkte aus getroffen und den militärischen Forderungen anbequemt. Ihre Belegung mit Truppen ist niemals gering zu nennen, wiewohl sie im Laufe der vier Jahrhunderte römischer Herrschaft je nach den Zeitverhältnissen auch dem Wechsel unterworfen war. Diese Truppen garni- souirtcn, mit Ausnahme einer Besatzung zu Augsburg uiü) kleineren Detachements an einigen Etappenplätzen, ausschließlich an der Nordgrenze Rätiens gegen die Germanen. Ein derartiger Sachverhalt entsprach einem römischen Grundsätze, welcher theils auf Motiven der inneren Politik, theils auf der Nothwendigkeit beruhte, den Grenzsaum des Imperiums von den Gestaden der sturmgepeitschten Nordsee bis zum glühenden Wüstensand der Sahara und den schwülen Enphratniederungen gegen die „Barbaren" zu schützen. Nun standen aber die Marksteine dieser Mischen Nordgrcnze nicht für alle Zeiten unverrückbar fest. Unmittelbar nach der Eroberung des Landes durch Drusus und Tiberius im Jahre 15 v. Chr. bildete der Wassergraben der Donau die Grenze; kürze Zeit darauf erfolgte aus militärischen Rücksichten ihre Vorschiebung über den Strom hinüber, und vom Ausgange des ersten bis zum Ende des dritten Jahrhunderts christlicher Zeitrechnung läuft die Grenze von Passau (La.ta.vi8) die Donau herauf bis Haderflcck oberhalb Kelheim, dann von da längs der Teufelsmauer bis an die Württembergischen Greuzsäulen bei Möuchsroth unweit Dinkelsbühl und auf dem Boden unseres Nachbarkönigrciches bis zum Nordabfall der Alb. Als die Alamauuen mit dem Ausgangs des 8. Jahrhunderts den Greuzwall durchbrachen, das Dekumateulaud in Besitz nahmen und bis zum Bodcnsee vordrangen, wichen die römischen Truppen wieder hinter die Donau zurück, und in den letzten 120 Jahren der römischen Herrschaft hielten sie die Wacht an der Nordgrenze abermals dem Laufe des Stromes von der Jnn- bis zur Jllermündung entlang, wie in der ersten Periode, indessen im Westen ihre Posten an der Jllcrlinie standen. Abgesehen von der Blüthczeit der römischen Herrschaft stehen also die Grenzsäulen Rätiens acgcn das germanische Ausland nur auf bayerischem Boden, und ich will deßhalb mit meiner Schilderung über die weißblauen Pfähle nur dann hinüberstreifen, wenn es das Gesammtbild oder eine kleine Zeichnung der Einzelheiten erheischt. Nach der Provinz hießen die Besatznugstruppen kixaraitug Lätiorw, wofür wir am besten die Ueber- setzung „Rätisches Armeekorps" gebrauchen. Dieser Name findet sich aus Inschriften und auf Münzen, die zu Ehren des Kaisers Hadrian (117—138 n. Chr.) mit Angabe der von ihm inspicirten Truppenkörper geschlagen wurden. So anziehend die Betrachtung der Organisation des rät- ischen Armeecorps oder der von ihm gespielte» kriegerischen Rolle auch wäre, muß ich hier doch darauf einzugehen verzichten. Ich will nur erwähnen, daß die Stärke desselben bis zum Markomauueukriege (166—180 n. Chr.) ungefähr 9000 Kombattanten betrug. Damals bestand es nur aus Truppen zweiter Klasse, Hilfstruppcn (anxilia). In Folge dieses Krieges wurde nun aber auch eine Abtheilung der römischen Kerntruppen, eine Legion, die IwZio III Italien, nach Rätien verlegt, und zwar in den Hauptwaffenplatz der Provinz, Castro, LeZma (d. i. Rcgensburg). Dafür wurden einige Abtheilungen Hilfstruppcn zurückgezogen, so daß die Be- satzuugsstärke ungefähr die gleiche blieb. Um die Wende des 3. zum 4. Jahrhundert hat das Mische Armeccorps eine vollständige Umwälzung erfahren und besitzt eine Stärke von 3000 Reitern und 10 — 12000 Mann Infanterie; eine Ziffer, die für sich allein schon verkündet, daß die Kriegsläufte der Völkerwanderung angebrochen sind. Außer diesen Truppen des stehenden Heeres hatten noch die verschiedenen Städte Mnnicipalmilizen, betreffs deren wir vermuthen dürfen, daß ihre Organisation in allen oivitatao, d. h. in allen sclbststäudigen städtischen Verwaltungsbezirken, bestand, in Rätien also in Brcgenz, Kcmpteu, Epfach und Augsburg, ebenso wie Rätien selbst eine reguläre Proviuzialmiliz besaß. Hierüber meldet uus z. B. Tacitus, daß die ganze jugendliche Bevölkerung Rätiens abexerciert war, sowie über iloriauw, daß dessen Landesaufgcbot im Kampfe der Throuprätcndeuteu Otho und Vitellius zur Besetzung der Wcstgrenze der Provinz am Jnn verwendet wurde. Es sind das Einrichtungen, welche ungefähr den modernen entsprechen, der Landsturm wenigstens dem uusrigen, die städtischen Milizen aber nicht etwa unserer selig entschlafenen Bürgerwchr, sondern der goicia modile und Aareio s-'Oentair« des zweiien französischen Kaiserreichs. Kaiser Alexander Scvcrus (222—235) endlich begann mit der Errichtung einer besonderen Grenzniiliz; das waren die militzss oewlMam, Unütnusi und 286 rixg-riensös, die an der Teufelsinnuer und an der Donau fest angesiedelten, ackerbauenden Soldaten, denen es nicht nur oblag, den limoo zu vertheidigen, sondern auch die Grenzländer zu bebauen. Die Leute erhielten Ackergnt angewiesen, das sich von: Vater aus den Sohn vererbte, wenn der letztere wieder Soldat wurde, das aber niemals verkauft werden oder in Privathände übergehen durfte, also bei Nichterfüllung dieser Bedingungen oder bei Kinderlosigkeit des Nutznießers wieder dem Staate anheimfiel. Diese Besitzungen waren demnach förmliche Lehen. Man hat die limitanoi mit unseren Bahnwärtern verglichen. Aber noch zutreffender wäre der Vergleich dieser Institution mit der ehemaligen, dem ungarischen Ausgleich zum Opfer gefallenen Einrichtung der österreichischen Militärgrenze gewesen, insofcrne wenigstens, als der Dienst in Betracht kommt. Hinter dem starken Schilde des Heeres gediehen in Nätien die Segnungen des Friedens zu hoher Blüthe, denn nicht ununterbrochen „hing unser Herrgott den Kriegsmantel herunter". Das ganze Land wurde ro. manisirt, und dies geschah zu einem nicht geringen Theile durch die directe Einwirkung seiner Besatzung. Dieselbe äußert sich in zweifacher Weise: erstens durch die Leistungen des Heeres für das öffentliche Leben, und zweitens durch die Nachwirkungen, welche die eigenartigen Hceres- einrichtungen besonders auf die Bevölkerungsverhältnisse ausübten. Nicht bloß Schwert und Lanze trug nämlich der römische Soldat unter seinen Feldzeichen hinaus in die Lande des Imperiums, er brachte auch Axt, Meißel und Kelle mit sich, und ihm folgte der Pflug und das Saumthier des Händlers. Seine Arme wurden nicht bloß für rein militärischen Dienst in Anspruch genommen, sondern recht vielfach auch für friedliche Zwecke. Lag letzterer Anordnung zwar allerdings und selbstverständlich vor Allem die Förderung militärischer Interessen zu Grunde, so brachte es doch der Gang der Dinge mit sich, daß der Soldat in Ausführung der ihm zugewiesenen Werke znm Träger cnltureller Mission wurde; im Dienste des großen Staates war er der Pionier höherer Gesittung, just so wie die Truppen der europäischen Mächte in den Colonien als Träger ihrer heimathlichen Cultur zu gelten berechtigt sind. In erster Reihe nahm in der Garnison der Dienst den Mann in Anspruch. Allein diese Beschäftigung konnte bei der langen Dienstzeit der Soldaten (20 Jahre in der Legion und 25 Jahre in den Anxiliartrnppen) wegen ihrer Eintönigkeit und Einförmigkeit nur erschlaffend und abspannend auf den Geist der Mannschaften einwirken, die Neigung zu Excessen fördern und die Disciplin schädigen. Zn dieser Beziehung darf ich wohl an die schlimmen Seiten erinnern, welche unserem früheren Einsteherwesen neben seinen gewiß auch vorhanden gewesenen guten anklebten, und ich darf den Umstand streifen, daß vor mehreren Jahren bei der Erörterung der Frage der drei- oder zweijährigen Dienstzeit der dritte unter der Fahne stehende Jahrgang allgemein als jener bezeichnet wurde, bei welchem die meisten Verfehlungen gegen die Disciplin zur Ahndung kamen. In kluger Anwendung des Sprichwortes „variatio Lolaotat" wurde der römische Soldat daher auch zu anderen, nicht streng militärischen Arbeiten herangezogen. Hieher gehören vor Allem die militärischen Bauten, die Befestigungen an den Grenzen, worunter für uns zunächst der rätische liwss, die Tenfclsmaner, mit seinen Castellen in Betracht kommt; den gewaltigen Greuzwalk haben die Soldaten des hixoroitua Ikaatiouo über Thal und Höhen geführt. Selbstverständlich erforderte die Einrichtung und Instandhaltung der Waffenplätze im Lande eine fortdauernde Thätigkeit der Besatzung. Die Festungswerke, die militärischen Gebäude, die Kasernen wurden von den Soldaten selbst unter Leitung von militärischen Ingenieuren hergestellt und das Material von ihnen selbst beschafft. Neberall wo Ziegel zu den Bauten verwendet wurden, findet man daher noch die Stempel der Truppenteile, welche sie verfertigten. Nicht minder wichtig als die Befestigungen waren die Straßen, die Zügel am Zauiuzeuge der römischen Herrschaft, denen in jenen Zeiten die gleiche strategische Bedeutung innewohnte, wie in der Gegenwart den Eisenbahnen. Wiewohl wir für Nätien des urkundlichen Nachweises über den Antheil seiner Besatzung an den Straßenbauten entbehren, so ist derselbe doch schon aus dem Grunde vollständig gesichert, weil für den Entwurf des hochentwickelten rätischen Straßennetzes einzig strategische Grundsätze maßgebend waren, während bei den modernen Straßen und Eisenbahnen nur zu häufig Kirchthurm- interessen den Ausschlag gaben. Das römische Straßennetz blieb auch für das ganze Mittelalter von höchster Bedeutung. Denn da unsere biederen Vorfahren, die Alainannen und Bajuwaren» sowie in den Nheinlanden die Franken, der Kunst des Straßenbaues unkundig oder in ihrer Bärenhäutigkeit unlustig waren, so bewegte sich der ganze Verkehr jener Jahrhunderte auf den alten Nömerstraßen fort oder neben denselben her, wenn der ursprüngliche Straßenkörper durch den starken Gebrauch und die Unterlassung von Ausbesserungen zur unpassirbaren Ruine geworden war. Zeuge dessen sind die mittelalterlichen Salzstraßen, die entweder mit den römischen Heerwegen zusammenfallen oder ihrem Zuge folgen. Auch die ersten Ansiedelungen der germanischen Einwanderer schließen sich den römischen Straßen an, und nicht minder die Etappen der Glaubens- boten, welche die Lehre des Heils verkündeten; denn wir finden unsere ältesten Niederlassungen, insbesondere die Ortschaften auf —iug und im Schwabenlaude auf —ingen, sowie die heidnischen Friedhöfe mit den Neihengräber- bestattungen, ferner die christlichen Gotteshäuser mit den in die älteste Zeit zurückreichenden Patronen, endlich die als Missionsstationen gekennzeichneten Ortsnamen auf —zcll und —miinster (in Münchens unmittelbarer Nähe z. B. die Einöde Zell bei Schöngeising sd. i. acl ^rndraj und das Dorf Zcll bei Schästtarn), sämmtlich in sehr großer Anzahl entlang den Römerstraßen oder unweit derselben. Auch die Bewegungen der mittelalterlichen Heereszüge vollzogen sich auf den von den Nömern gebahnten Pfaden. Die Heere des fränkischen Maiordomus Pipin und des Bayernherzogs Odilo begegneten sich im Jahre 743 an der Nömerstraße von Augsburg nach Salzburg in einer heute noch durch Schanzenrcste erkennbaren Stellung auf den Uferhöhen der Paar zwischen Mering und Friedberg; als Karl der Große im Jahre 787 von drei Seiten her den Herzog Thasstlo angriff, nahte das eine Heer unter König Pipin im Süden auf der Via, Olanciia von Trient gegen Bozen; die Hnnptarmee unter Karl selbst rückte auf den vom Rheins nach Augsburg führenden Straßen heran, und der anstrasische Heerbann nebst dein Aufgebot der Thüringer und Sachsen marschirte auf der großen Limes-straße der Pcntinger-Tafel an die 287 Donau und nahm bck Pföring Stellung, um hier über den Strom zu setzen, also unweit jener Stelle, wo die eben genannte Limesstraße zwischen dem Doppelbrückenkopfe der Castelle Gruselig, (d. i. Jrnsing) und Ldusina (d. i. Eining) die Donau überschreitet. Ein klarer sprechendes Exempel für die fortdauernde Benützung der Nömerstraßeu kaun wohl kaum gefunden werden. Eben die letztgenannte Straße figurirt aber auch in unserem gefeierten Heldenliede von der Nibelungen Noth und insbesondere wird Beringen genannt, d. i. derselbe Ort wie Pföring, bet dem nur eine dialektische Verdichtung des Anfangsbuchstabens erscheint; der Name ist der gleiche, wie jener unseres Münchener Vorortes Föhring an der Jsar, wo bekanntermaßen ebenfalls eine Römerstraße, jene von Augsburg nach Salzburg, den Fluß überquert. Weder an dem einen, noch an dem andern Platze wird die römische Brücke erhalten geblieben sein, aber die Ueberfahrt über das Gewässer war es, denn das besagt der Ortsname, welcher „bei den Nachkommen des Fergen" bedeutet. Als Königin Kriemhilde mit ihren Getreuen zu den Hennen fuhr, so wird im 21. Abenteuer erzählt, und als „sie kamen nach Beringen, der Donau nah, geritten", da nahmen ihre Brüder Giselher und Gernot dort von ihr Abschied; die Braut König Etzel's aber zog auf der Donannferstraße der Peutinger-Tafel hinab durch Bayerland über Plattliug, Passau und weiter gen Osten. Auch die deutschen Kaiser benutzten auf ihren Nom- fahrten und italienischen Kriegen die Römerstraßen. Dafür haben wir aus Münchens Nachbarschaft ein urkundliches Zeugniß, indem Kaiser Heinrich der Heilige auf seinem dritten italienischen Zuge in Jnning am 16. November 1021 Quartier nahm; in einem Orte, der einen Büchsenschuß abseits von der Römerstraße Parten- kirchen-Schöngeising liegt. Auch der hl. Emeram schlug bei seiner Flucht eine Römerstraße ein; er wurde bei Grub nächst l 8 uni 80 L (d. i. bei Helfendorf) von seinen Verfolgern ereilt, und sein Leichnam wurde dann auf der Römerstraße über Feldkirchen nach Föhring zur Einschiffung an die Jsar gebracht. Es ist daher erklärlich, daß unser modernes Straßennetz in sehr vielen seiner Linien und Maschen auf den altüberkommenen römischen basirt; ja viele unserer heutigen Straßen, und zwar gerade der Hauptstraßen, liegen direct auf dem römischen Straßenkörper. Die Entwicklung und Ausgestaltung der deutschen Ansiedlungen brachte dann freilich viele Verschiebungen und Aenderungen hervor, weßhalb das vergleichende Studium der alten und jetzigen Verkehrswege höchst anziehende Ergebnisse liefert. Bei dem römischen Donauübergang nächstManching (d. i. Vallatulv) haben sich z. B. sämmtliche den Strom überquerenden Straßen nach Jngolstadt gewendet, und wie die Verlegung eines solchen Vcrkehrspuuktes wirkt, das sehen wir im Osten vor den Thoren Münchens. Dort draußen auf der weiten Hochebene ziehen von Salzburg, beziehungsweise Braunan, her bekanntlich zwei römische Heerstraßen gegen Augsburg, die an der oft genannten, oberhalb Grünwald gelegenen Schanze (d. i. LrLtünnniuw) und bei dem soeben erwähnten Dorfe Föhring die Jsar überschreiten. Seitdem aber Herzog Heinrich der Löwe die Brücke bei Föhring, sowie die bischöflich Freisiug'sche Burg daselbst zerstört und dafür bei München in Mitte zwischen den beiden römischen Flnßübergängen eine neue Brücke erbaut hat, gibt es für Handel und Verkehr nur mehr den einen Jsarübergang bei München, und auf diesen biegen nun die Wege von den uralten Röin.'straßen ab, und zwar von der südlichen bei Helfendorf (d. i. Isumsoa) über Hcchenkirchen, Perlach, Rammersdorf, von der nördlichen dagegen bei Feldkirchen über Riem und Zamdorf. (Fortsetzung folgt.) Cnltnrgeschichtliche Bilder aus Bayern. L. Die Gerichtsverhandlungen beim kurfürstlichen Pfleggericht Neichenhall vom Jahre 1685-1799. I?. Wohl selten werden wir Urkunden') in die Hand bekommen, die uns in ununterbrochenem Zusammenhange lange Zeitperioden hindurch das Thun und Treiben längst verschwundener Generationen und die culturgcschicht- lichen Zustände ihrer Zeit so lebhaft vor Augen führen, als gerade die „Gerichtsprotokolle" vergangener Jahrhunderte, wie solche noch in großer Anzahl in den Archiven hinterlegt sind. Es werden uns darin die Menschen jener Zeit so plastisch gezeichnet und so ungeschminkt vorgestellt, wie das vielleicht sogar durch ein umfangreiches Gcschichtswerk nicht bewirkt werden kann, denn gerade so, wie es hier geschrieben steht, haben sie gelebt, gewirkt, gefühlt; dieselben Worte haben sie im Munde geführt, dieselben Leiden und Freuden durch- geumcht, vom selben Rechtsgefühl waren sie getragen, von denselben religiösen Ideen durchdrungen. — Kurz, diese Urkunden sind eine unerschöpfliche Quelle für Beobachtung und Studium ferner Culturzustände und geben uns ein scharf gezeichnetes Charakterbild der damaligen biderben Menschen und des Geistes ihrer Zeit. Es ist daher vielleicht auch für einen größeren Leserkreis nicht uninteressant, einen abgeschlossenen Theil dieser „Protokolle", wenn auch nur flüchtig, zu durchblättern, da dieselben nicht etwa bloß lokale Bedeutung haben und in ihrer Gesammtheit erst ein culturhistorisches Bild unseres Vaterlandes gewährten, sondern vielmehr schon jeder einzelne abgeschlossene Theil eines Gerichts- bczirkes uns alsbald mitten in das damalige Volksleben unserer Vorvordern hineinführt. Wir nehmen zu diesem Behufe die „Gerichtsund Verhörs - Protokolle des kurfürstlichen Pfleggerichts Reichenhall und der Hofmark Carlstain" zur Hand, welche uns in 70 Folianten mehr als hundert Jahre hindurch die regelmäßigen Verhöre und Gerichtsverhandlungen von dort erzählen und so einen tiefen Einblick iu jene ferne Zeit gestatten. Die damalige Strafprozeßordnung fußte auf dem bayerischen Landrecht von 1616, das jedoch „die Malcfiz- ordnung der Peinlichen Halsgerichtsordnung" von Karl V. subsidiär noch beibehielt, welch letztere hinwiederum auch der eoäex zur. dav. ariminalis von 1751 u. ff. nicht aufhob, so daß in der Periode, von der wir hier sprechen wollen, noch die Torturen zu Recht bestanden, wenn sie auch sehr selten mehr angewendet wurden. Der Pfleg- gerichtsjurisdiktion von Neichenhall nun zuständig waren alle „Gerichtsunterthaneu" mit Ausnahme der „Bürger" und der „Verburgerten" der Stadt Neichenhall selbst, denn diese waren nach altem Privilegium und Herkommen strafrechtlich dem „Bürgermeister" und dem „Rath ') Urkunden im juristischen Sinn als Schriftstücke überhaupt, denn im rein technisch-archivalischen Sinn ist der Begrrff „Urkunde" lediglich an eine bestimmte äußere Form des Schriftstückes geknüpft. 288 der Stadt" unterstellt. Für das Salinenpcrsonal hatte die Vorstandschast des „Salzmairamts" die Jurisdiktion; da aber diese Vorstandschaft aus dem jeweiligen Pfleger und dem technischen Direktor, wenn wir so sagen dürfen, dem „Salzmair" bestand, so blieb natürlich Letzterem nur die disciplinäre Gewalt, während die strafrechtlichen Fälle auch dieser Branche zum Pfleggericht ressortirtcn. 1575 wurde dann zwischen Herzog Albrecht und dem Propst von St. Zeno ein Vertrag geschlossen, wornach die bedeutenderen Straffälle, besonders die „Blut- runsthändel", der Hofmark Froschham mit Jnzell (St. Zeno) ebenfalls vor das Pfleggericht Reichenhall verwiesen werden sollten; und da die niedere Gerichtsbarkeit der Hofmark Karlstein schon bald nach 1564 (siehe Beiträge zur Geschichte des Schlosses Karlstcin Oberbayr. Archiv Band 47 S. 209 u. ff.) mit der des Pfleg- gerichts Neichenhall zusammengelegt, während im Jahre 1606 dem neuen Käufer von Marzoll Christoph Lasser die dortige Gerichtsbarkeit auch vorenthalten wurdet, so lag nnn fast die gesammte Gerichtsbarkeit in unserer Periode in den Händen des Neichenhall'schen Pflegers?) Indessen ist hier mir von der mittleren Gerichtsbarkeit über Vergehen undUebertretungendie Rede, denn die höhere Gerichtsbarkeit, das Malefizgericht, die Criminalfälle oder Vicedomwändcl waren dem Vice- dom zuständig oder später, nachdem der Schwerpunkt der Gesammtrcgicrnng auf die Finanz gelegt wurde, dem Nentm elfter^) und in letzter Instanz dem Hofrath zu München als oberster Justizbehörde, und zwar so, daß entweder der Nentmeister selbst auf dem „rentmeister- lichen Umritt", d. h. seiner jährlichen Inspektionsreise, die Criminalfälle abwandelte und in sein „Unirittsprotokoll" aufnahm, oder daß wohl auch der Pflegers die Voruntersuchung solcher Fälle führte und den Akt hierüber höheren Orts zur Verbescheidnng vorlegte. Uebrigens wird die juristische Frage über die Zuständigkeit der einzelnen Gerichte früherer Zeit bei der allgemeinen Ver- quicknng von Civil- und Strafprozeß und von Verbrechens-, Vergehens- und Uebertretungs-Fällen, bei dem unsichern Ineinandergreifen der verschiedenen Ressorts, bei den vielen Organisationen im Laufe der Zeit, bei den mannigfaltigsten Privilegien, die allenthalben bestanden, bei der großen Ungleichheit der Competenzen der einzelnen Gerichte eine überaus schwierige sein und mutz einer fachmännischen Feder überlassen werden. Wir betrachten hier lediglich die cultnrhistorische Seite dieser Gcrichtsprotokolle und werden hierin ein vielgestaltetes Bild aufgerollt finden. — Im Allgemeinen aber dürfen wir, soweit wir eine ferne Zeit beurtheilen und mit der Gegenwart vergleichen können, — aber dies ist ja eben die Schwierigkeit des Gcschichtsverständnisscs — wohl vorausschicken, daß, nach unsern heutigen Anschauungen bemessen und °) Später erhielt Lasser dieselbe wieder gegen eine gewisse Geldentschädignng. °) Nur für die Bergwerksarbeiter am Rauschberg und Stanscn rc. bestand eine Zeit lang ein eigenes „Pcrg- werchäaericht" mit selbststcindigcr Jurisdiktion. ') Bauern war in 4 Rentämter oder Regierungsbezirke ei'.w.etheilt, nämlich München, Burghansen, Lands- hnt und Straubing, an deren Spitze je ein Rcntmcister, Regierungspräsident, stand. Reichenhall gehörte zum Rentamt München, welch letzteres auch das „Rentamt Oberlands" hieß, während die drei andern „Rentämter Unterlands" genannt wurden. °) Wir sprechen hier nur von Rcichcnhatt, denn andere Gerichte hatten nur einen Richter (Landgerichte), andere neben dem Pfleger auch einen Richter, andere einen Pfleger mit dem „Blntbann" u. s. w. u. f. w. nach den uns hier vorliegenden Gerichtsprotokollen zu urtheilen, die damalige Welt wohl sittlich ernster war als die gegenwärtige und, man möchte es kaum glauben, weit feinfühliger wie heute; bei Ausdrücken z. B. wie „Unwahrheit", „Stall", „Strumpf" u. dgl. setzen diese Gerichtsprotokolle immer ein „salva venia? oder „ro- vormrclo" voraus. Schlagen wir nun unsere Urkunden auf, so sehen wir schon an den Ueberschriften, daß der Pfleger alle ein bis zwei Monate im Beisein des Gerichtsschreibers als Protokollführers und bedient vom Amtmann (Gerichtsdiener) im „Wegschloß" Grnttenstein ein „Verhör" d. h. eine Gerichtssitzung anberaumte für den Bezirk Reichenhall und eine ebensolche gesonderte für die Hofmark Karlstein, für die letztere allerdings öfters resnltatlos — „1698" z. B. ist im ersten, zweiten und dritten Verhör d. i. am 24. Januar» 7. März und 9. Mai „in der chnrfürstlichen Hofmark Carlstain vor Gericht zu clagen und abzuwandeln Vorgefühlen Niüil". Fast humoristisch nun wandelt es uns an und doch wieder so bieder und ehrlich, wenn wir den Tenor dieser Verhandlungen lesen oder auch die Betreffe derselben durchblättern. Wie oben angegeben, beginnen sie im Jahre 1685, und am 5. „Jenner" fand die erste Gerichtssitzung statt, und der erste Fall, der zur Verhandlung kam, berührte „Simon Gstöttncr", weil er seine „Herbergs Inwohnerin Margarctha Schreinerin" eines „ungleich gestrickten rovei'cmäo Strumpfs halber mit Handstraicheu überfahren und sie ein plabs" (blau) „Aug bekhommen". Gstöttner erhält deßhalb Verweis und 1 L Pf?) Strafe, die „Schreinerin" aber» weil sie hicbei „sacramcntiert" und „Gott gelestert", wird „2 Stund in die Geign geschlagen und Andern zum Abscheich auf den offenen Platz gestählt". Mit dem Reat der Gotteslästerung nahm man es überhaupt damals sehr genau und streng, und wir werden hiefür einige Beispiele aus unseren Gerichtsprotokollen zum Beweise des Gesagten anführen können, aber auch bei Besprechung anderer Vergehen, z. B. „nächtliche Ruhestörung", werden wir jedesmal die Wahrnehmung machen, daß, wenn ein Excedent hiebet „ein Sakramcn- tieren ausgestossen", dies auch jedesmal mit eigenem Verweise geahndet oder die Strafe im Hinblick eben darauf erhöht wurde; ein gläubig religiöser Zug war icner Zeit entschieden eigen. Bei einer Verhandlung wegen Fluchens bezeugt 1. Zeuge, daß der Beklagte das Wort „Sacra- ment" nicht ausgesprochen, sondern nur „Sacrame —", während der 2. Zeuge angibt, er habe nur „Tausend Sacra—", das weitere aber nicht gehört, weßhalb die Angelegenheit „dermahlen ausgestöhlt" bleibt, d. h. nicht spruchreif war. R. Lst mußte 3 N Pf. bezahlen und überdies 3 Stunden lang „in der Schandfaulln öffentlich vorgestellt" werden, weil er in Folge eines „gehebten Gerciffs mit schelten und sacramcnticren Gott dergestalt gelestert, daß es nit wohl ausgesprochen werden kann" und daß „die Zeugen es nit erläutern werden"; ein Dicnstinccht hat „wegen ettichmale Laern: und Gatts Lesternng auf offener Gassen in gehübten Rausch" diesen Frevel „im Ambthanß mit Wasser und Prot über Nacht gebüßt" und wurde noch dazu „anderntags, damit sich andere seines Gleichen darob zu spiegeln haben, in die «) 1 N - 8 Leb (.ä) (Schilling) - 240 Pf. - ! Leb — 30 Pf. (dl.) - 1 fl. - 7 --- 210 dl.; 1 kr. (Kreuzer) — pf. — 7 bl. (Better), 1 dl. — 2 h!., ooch variirt der Werth der Münzen in verschiedenen Zeiten und Orten. 289 Schaudsanllu gestöllt 3 Stund" — der Betreff hiczu heißt: „Gottslcstrungsstraff"; — ein Anderer, der sich „ins Praune Pier etwas bezöcht gemacht, anf der Gaffen 2mal sacramentiert und dadurch Gott ge- lestert hat", erhält neben dem Verweis, „künftig sein Maull besser besser im Zanmb gehalten", „2 Stund öffentlich Schandsaulln mit den Eißen" d. h. mit Hand- oder Fuß-Schellen; 1698 beschwert sich der „Pfarrmösner wegen gegen das Gottshaus verübten Frävels" über einige „ledige Dienstpuebcn", weil sie „in den Kirchen Thnrn bei St. Nicolaus mit Steinen hinauf und denen droben gestandenen Pueben Ausgeworfen", weßhalb sie trotz Vorgebens, daß die Andern zuerst hcrabgeworse« und sie „in kainer bösen Mainung nur etlich Mirs gethan", 1 Tag im Amthans Zu verbringen hatten mit dem Anfügen: „sich Hinfür dergleichen Rauppereyn bei Vermeidung öffentlicher Schandstraf zu enthalten"; — zweien Burschen, die beim Moserwirth in Fager unterm Kartenspiel „ein thruckhenes Gerenff verübt" (trocken, wobei kein Blut floß), wurde neben der gewöhnlichen Strafe hiefür noch eigens ein gerichtlicher Verweis ertheilt, weil sie „solche Ungebühr in der hl. Fastenzeit verbracht"; „wegen in der Kirche schwetzen und lachen", heißt ein hicher gehöriger Betreff, „34 kr. 1 hl."; — eine Magd, welche „in Wortstreitt anf der Gassen sacramentiert", erhielt „deswegen zur Straff öffentliche Umbfihrnng in der Geign in der Statt auf der Gassen." Dies nur einige wenige Beispiele, wie, trotz einzelner Vergehen gegen dieselbe, die Gottesverehrung hochgehalten wurde und ein streng religiöser Sinn die damalige Zeit noch allgemein dnrchdrang. Aber auch die Ehre unter den Menschen, die Autorität sollte in allen ihren Formen und Abstufungen und in allen Lebeusver- hültuissen ausrecht erhalten werden. Es ist ein besonderes Zeichen jener Zeit, — und zwar, wie wir vermeinen, ein gutes — und bezeigt ein großes Verständniß für die gesunde Entwicklung des kulturellen Fortschrittes jeden Gemeinwesens, daß der Gehorsam der Untergebenen gegen ihre Vorgesetzten obrigkeitlich verlangt und selbst der Familie und der Zunft zur Erhaltung ihrer Existenz der Arm der richterlichen Gewalt geliehen wurde, um Eltern und Meister in ihrem Ansehen gegen ungehorsame Kinder und Genossen — kurzum jedes Gemeinwesen in seinem Bestände zu schützen und zu erhalten. Die Kluft zwischen der von Gott gesetzten und gewallten Obrigkeit und ihren Untergebenen sollte nicht ausgefüllt» sondern weise überbrückt werden, wie überhaupt anf ein geordnetes, geregeltes Gemeinwesen von Gericht aus energisch eingewirkt werden wollte. Es wurde deßhalb auch dem Juuungswescn aller Vorschub geleistet und die Einhaltung der bestehenden Haudwerks- statuten eifersüchtigst bewacht, ein Oberaufsichtsrccht hiefür in Anspruch genommen. , Doppelt strafbar war natürlich eine Auflehnung gegen die Staatsgewalt, eine Mißachtung jeder Amts- oder öffentlichen Ncspckts-Person — Autorität das Princip jeden Zusammenlebens! „Gegen seiner Mutter den gebichrcuten Gehorsam nit zu erzeigen", heißt ein Betreff über eine Gerichtsverhandlung von 1748, wornach der Sohn einer Wittwe auf Letzterer Beschwerde hin, das; er ihr den schuldigen Gehorsam nicht erweise, Abends vorn Hause wegbleibe und von ihr kein „audt: und gcwahrnng" annehmen will, gerichtlichen Verweis erhält mit dem Auftrag, seiner Mutter „in allem" den Gehorsam zu erweisen. Der Ungehorsame erhält für diesmal ein Tag mit Wasser und Brod im Amtshaus „mit dem annexo", das; künftig schwerere Strafe erfolge; — wegen Thätlichkeit gegen einen Meister erhält ein Handwerksmann durch gerichtlichen Ausspruch anno 1700 eine höhere Strafe, als sonst üblich, weil er „für einen Maistcr mehrcru Respekt zu brauchen"; und andere hieher gehörige Betreffe heißen: „ainen Maistcr den ihm gebührenten raspsot nit bezeigen"; — „wider den Nenntmcistcr zu Bnrghansen das Maull auslähren"; — „gegen eiucu churfürstlichen Herr Lentenant ungebührliche Wort ausziehen"; — „einem Amtskuecht, wie er auf nächtlicher Pass war» die Thür nit aufmachen"; „ainen in Dienstverrichtung mit Schmechworten und Vöpplcreyen überfahren", — lauter Autoritätsverletzungen, denen wir noch den etwas complicirtercn Fall „Ruepp-Hnudsdorfer" beifügen können: Hundsdorfcr nämlich, der nicht nur „Bürger" und „Schucllniaistcr", sondern auch „dermal (1720) bestölter Thorspörrer beim obern Thor" (jetzt Tirolerthor) war, wurde von zwei „Pfleggerichtsunterthanen", als er sie Nachts zum Thore hinausließ und um ihre Namen fragte, „hundsfottischer Schuelmaister" injurirt, weßwegen die Beklagten, weil Kläger „in Ausübung seines Dienstes" beschimpft wurde, auch eine doppelt strenge Strafe erhielten. Auflehnungen gegen obrigkeitliche Befehle, sogen. „Ungehorsam- straffen" führen unsere Urkunden viele an, z. B. „zur Stellung ordentlicher Klag 2 mal ungehorsam ausbleiben" — 34 kr. 2 hl.; „die Vormundschaft nicht übernehmen wollen" — Verweis und 30 kr. 2 hl. Strafe. Mehr dergleichen Fälle kommen, wie es die Umstände von selbst mitbringen, in Kriegszeiten vor: z. B. hatten zur Zeit des spanischen Erbfolgekriegcs 1703 „4 ledige" wegen „erzeigter Widersetzlichkeit", indem sie sich „auf der Trauusteiuischen Ausmusterung zu erscheinen geweigert", L 1 T Pfg. — 4 fl. 34 kr. 2 hl. zu bezahlen, obwohl die Armee an ihnen nicht viel verloren haben dürfte, denn sie brachten keine andere Entschuldigung ihres Fernbleibens vor, als „daß sie Ihnen aus Forcht nit hinaus- . getraut"; — mehrere Bauern haben zur selben Zeit „für einen durchmarschierentcn kayscrl. Stuckhanptmann ihre vom Gericht anbefohlenen ,16 Roß nit Hergeben", mit der Motivirnug, daß sie „für dergleichen Fälle nie ein Geld erhalten haben", gleichwohl sie 12 fl. 35 kr. Strafe für anderweitig bestellte Zugpferde „mit Androhung scharffcu Einsperrcus im Wiederholungsfall" zu bezahlen haben; — „erzeigte Widersetzlichkeit", heißt ein anderer Betreff, „gegen Schauzgebcy in Obern Weiß- bach". — Auch einzelne Soldaten, wenn sie in Garnison zu Neicheuhall lagen, wurden als Respektspersonen betrachtet und deren Beschimpfung gerichtlich geahndet: eine Dienstmagd, die die Chcvanlegcrs, welche 1788 anf „Cordon-Commando" zu Neicheuhall lagen, mit „Schlänge!", „Spitzbueüen" und „Calfakters" beschimpfte, erhielt sogar eine körperliche Züchtigung; — „ainen Ehevanleger ainen grienen Schlänkl geschmechet" — heißt ein anderer Betreff. (Fortsetzung folgt.) Aus Zeitwinkel und Perspektive. Von Cölest. Schmid. (Schluß.) Daß man vor dem Postulat der Kraft der Massen und der noch schlummernden, aber des Wiedcrcrwachcus 290 und vielleicht der Reorganisation fähigen Volkskraft bereits die Augen zu offnen begonnen hat» zeigt vor Allem die Ausbreitung des Volkshochschulwcsens und der Volkstracht erhaltenden und Volksthümer sammelnden Vereine. Mag man über Wesen und Werth dieser Erscheinungen streiten: die Anerkennung des Postulates von der Bedeutung der organisirten Masse und der clementarischen Volkspotcnz bleibt. Anderseits weisen in den Kreisen wahrer Jndividualitätsknltnr manche Radien von den verschiedensten Richtungen nach den Kreiscentren: und sogar manche wieder von diesen Centren nach dem Centrum der Centren. Denn wie unsere kosmologischen Anschauungen die erste Stufe der Vollendung erreicht haben, seit man angefangen hat die Ccntralsonne zu suchen, so muff etwas Aehnlichcs schon nach allen Naturgesetzen auch für unsere historischen Anschauungen im großen Stil eintreten. Bereits beginnt sich die Erkenntniß auszubauen, daß das lebensvolle 18. Jahrhundert, ebenso wie es in seiner centrifngalcn Kraft nach dem 19. Jahrhundert rmd vielleicht noch darüber hinaus weist, in feiner centripetalen Kernkraft sich eng an die Renaissance anschließt. Nicht mit Unrecht hat eine Abhandlung in der Beilage der „Allg. Ztg.« (April 1897) in dem Ende des 18. Jahrhunderts das letzte Ausströmen der großen Renaissancebewegung gesehen. Diese Erkenntniß wird nach meinen Begriffen vollendet sein, wie man erkannt haben wird, daß in Goethe diese centripetale Kraft über die centrifugale seiner Jugendzeit seit Weimar und vor allem seit Italien dauernd gesiegt hat, um den Altmeister zum letzten harmonischen Gebilde der Barock-Renaissance zu machen: und zwar mit allen Stärken und Schwächen dieser Knl- tnr-Bewegnng: und zugleich im Zeichen des Niederganges, mit manchen Ahnungen der eigenen Ungelöstheit. Auf der Wende von Renaissance und christlichem Mittelalter steht Shakespeare. Daß dieses christliche Mittelalter trotz Allein und trotz Manchem einen gewaltigen mitteleuropäischen Sieg des Nomanismns bedeutet: diese Erkenntniß bricht sich in der ernsteren Forschung immer mehr Bahn. Die höchste ideale Macht des Romauismus ist erreicht mit Dante: und von da laufen die Hauptfäden trotz Vergil und Aristoteles hinüber zu Platon. Platon aber ist der kongeniale, spätgeborene Widersacher des Homer. Dieser Homer aber ist allerdings nicht der gefeierte aber ebenso unmögliche Dichter von Jlias und Odyssee, sondern nur der Urheber der Achill - Patroklos - Hektor - Dichtung in der Jlias: einer Dichtung von nur ungefähr 5000 Versen, die aber an Grandiosität, Tiefe und Einfachheit alle Literatur der Zeiten lveit hinter sich läßt und ihren Polarpnnkt nur aus einer erschreckenden Complicirthcit der Bedingungen und aus ebenso erschreckenden Nothwendigkeiten und Weltgeschickslagen heraus finden kann. Die Beweise für diese vielleicht kühnen Behauptungen muß ich für zwei größere, fertigliegende, vielleicht demnächst herauszugebende Arbeiten ersparen. Homer ist nicht objektiver Volksdichter, sondern für seine Zeit denkbar größter Kunstdichter, der in seinen 5000 Versen den Griechen vor allem die Keime der Religion und der Philosophie, sodann aller Dichtungsarten thatsächlich gegeben: der, man kann fast sagen, das hellenische Volksthum erst geschaffen hat. Aus dem von ihm Gegebenen mußte sich das griechische Volksthum in fortwährendem Entwicklungskampf Herausringen: zugleich «ber mußte es die gegebene hohe Volkskultnrmöglichkeit mit seiner eigenen erdgcborenen Kraft vereinen und ausgleichen. Die erste Heransholung dieser erdgcborenen Volkskraft, aber durch das Sonnlicht des längst verstorbenen blinden Schersängers aus dem Boden herausgelockt, bedeutet, während die nachhomerische Jlias ein Labyrinth von kämpfcnden Tendenzen: vor allem genialische, talentvolle wie talentlose Erhebungen gegen das ort- und zeitlose Genie Homers enthält, erst der Kern der Odyssee. Manche andere rütteln daran, aber erst Platon zerschlägt den schönen Kreis: und das Helleuenthnm zerplatzt zu dem kraft- und anschauungsreichen, aber auch mehr und mehr in sich zerrissenen und zum Orientalismns zurückkehrenden Hellenismus. Das erste Hauptmoment in dieser wichtigen Bewegung bedeutet das Heroon von Gjölbasch-Thrysa (Kunsthist. Mus. in Wien) mit seinen über 100 Meter langen Fries- resp. Doppelfries - Darstellungen. Das Zweite Hauptmoment bedeuten die Schollen, die in ihren Anschauungs-Irrgänger: in ihren zwischen plattestem Rationalismus, ödester Blasirtheit und sensibelstem Mysticismus schwankenden Grundströmungen vielfach so frappante Parallelen zu der jetzigen Zeitsignatnr liefern. Vergebens stellte sich dieser Flutströmung die neuländische, natur- und Volksfremde Wissenschaft von Alexandrten entgegen. Die Bewegung geht weiter, um in ihrem dritten Hauptmoment, dem Nenplaronismus, für immer unterzusinken oder in's Christliche zu verschwimmen oder auch bewußt sich zu retten. Da, wo das Lateilierthnm in die Bewegung eintritt, ist es auch bereits natur- und volksfremd, sogar -feindlich. Das römische Schwert und die römische Logik aber hatten dieselbe hineinzutragen in die Länder des Keltenthums, später auch in die Tiefen des germanischen Waldes und des ungebrochenen germanischen Volkstums. Die erste Krystallisierung in diesem Proceß ist zu sehen in dem karolingischen Knltnrkreis, die zweite in dem Ausbau des Nomanismns ins Mittelalter — auch in das altfränkische Mittelalter hinein: sich stützend auf den romanisch-keltischen Sagenkreis, auf die romanische Universitäts- und Gelehrsamkeitsbewegnng und auf den idealen Einfluß der vorherrschend romanischen Kreuzzugsbewegungen. Die Wende des 12. Jahrhunderts, natürlich im weiter» und weitesten Sinn, ist eine hochbedeutsame, fast erhabene. Die Scholastik ist im Ausbau begriffen, Dante tritt auf — auch die deutsche Bildung und deutsche Literatur ist trotz manchem Anschein eine stark überwiegend lateinisch-romanische. Aber schon hat die Lohe germanisch- heidnischen Denkens und Fnhlcns, die zum letztenmale, wenn auch aus dem Christenthum heraus und mit etwas Christenthum, in den altfränkisch-baivarischen Nibelungen und in dem sächsisch-romanischen, aber auch in Bajuvarien entstandenen Gndrnnlied aufschlug, gleichsam ein Früh- morgenroth für neue Entwicklungen bedeutet. Die politischen Staufer kommen, die deutsche Mystik setzt mächtig ein: und während Wolfram von Eschenbach noch versöhnend und ausgleichend auf der Wende steht, ruft Walter von der Vogelweide als lyrischer Pionier mächtig in die neuen Zeiten hinein. In schauernden Wehen beginnt eine rückläufige Bewegung: der beginnende Befreiungskampf des Germaneuthnms. Seine gothischen Dome stellt das sich elementar ! heransringende Germanenthum als mächtige Symbole an I den neuen Weg; bis zu den Anfängen einer deutschen I Malerei vermag es vorzudringen. Aber es ist ihm ein neuer, innerer Feind erwachsen: der mittelalterliche Kosmopolitismus, wie man ihn im germanischen Sinn wohl am besten an Oswald von Wolkenstcin studieren kann. Und die gothischen Dome sind, ein bedeutungsvolles Wahrzeichen, am bedeutungsvollsten bei der Münchener Liebfrancnkirche, unausgebaut geblieben: und da aus der Erkenntniß der gefährlichen, verwirrten Zeitgänge heraus hätte ein neuer, mächtiger Aufschwung kommen sollen und können, da tritt mit der beginnenden Reformation, zunächst nur indirekt und im Tieferen liegend: durch deren Verbindung mit dem einstweilen übermächtigen Humanismus (das Griechische war damals noch akademisches Spiel oder zünftige Spezialisation) ein absoluter Rückschlag zum Latinismus ein. Und diese Bewegung dringt denn auch trotz mancher Hemmung, zu einem modernen Romanismus sich ausbauend, heran bis vor die Thore der neuen Zeit, unter deren Wölbung Männer wie Lessing, Winkelmann und Herder standen. I. I. Rousseau aber that den großen Ruf in die neue Zeit hinein. In einer Bewegung, wie sie noch nie gesehen worden war, die höchstens zünftige Pedanten mit dem engen und gar nicht immer und überall zutreffenden Schlagwort Romantik abgethan glauben können, schlug der Umsturz zur germanischen Bewegung zurück an die fernsten Gestade echten, unverfälschten Germanen- und HellenenthumS. Aber die „Romantik" brach mit den nationalen Enttäuschungen, welche die heilige Alliance sammt dem Be- stcheubleiben des Napoleonischen Mittel- und Westeuropa mit sich brachte, in sich zusammen. Um die Wende der 40er Jahre brach auch der politische Germanismus prinzipiell zusammen: und seit der 70er Wende wurde der Germanismus auch sozial in Trümmer geschlagen. Das ist gleichsam die Wellenbewegung des 19. Jahrhunderts. Man konnte in der letzten Zeit Schriftsteller der verschiedensten Art sagen hören, daß alles Gesunden der nächsten Zukunft von dem Gesunden der socialen Zustände abhänge. Gewiß. Aber es wäre so ziemlich blinder Optimismus, dies Gesunden ohne Katastrophen sehen zu wollen: was hinwiederum jedoch für wirklich Gebildete, vor allem für wirklich gebildete Germanen nichts weniger als Quietismus in sich schließen darf. Vielleicht kommt dann die Bewegung des 19. Jahrhunderts im nächsten rückläufig vom Sozialen zum Politischen und vom Politischen zum Nationalen: und wenn irgend welche gute Aussichten möglich sein sollen, müssen unterdessen, je elementarer die Eruptiousbewegnngen verlaufen sind und verlaufen mußten, um so sicherer, klarer, wirklich idealer die reaktionären Bewegungen gewesen sein: zurück zu den ewig gütigen Typen, Gesetzen und Idealen des Mcnschenthums. Vielleicht wird sich auch an jede jener vordrängenden Bewegungen eine immer stärkere germanische Untcrström- ung und zugleich mit dieser eine, über Nomanismus und Latinismus hinweg, zu dem weltgeschichtlichen und tief innerlich verwandten Griechenthum zurückschlagend knüpfen. Und vielleicht wird sich so einmal zeigen, daß wir an all den Stationen des ringenden Germanismus mit erweitertem, vertieftem, kampfgeläutcrtcm Anschauen und Sinnen wieder vornberkommen: und daß dann auch einmal die große Zeit da sein wird, welche die große Brücke direkt von dem im Kampf und an den idealen Vorbildern seiner Jugendzeit geläuterten und ansgerciftcn Germancuthum zurück bis Zu den tragenden.Säulen des Hellenenthums schlagen kann: zu einer Verbindung des Hcllencnthums und Germanenthums, die sich in dem wahr und voll erkannten Christenthum gefunden hätten. Man sieht, es hat noch weite Wege: und die Bewegungen in Natur und Geschichte werden sich auch temperamentvollen Schriftstellern und Dichtcrsehern zuliebe nicht überstürzen. Dafür aber darf jeder wahrhaft Gebildete, darf vor allem jeder auch nur in etwas wahrhaft germanisch Gebildete heutzutage diese Leuchten an den beiden Polarpunkten der inneren Weltgeschichte nicht aus den Augen verlieren; muß jeder Sinn und Hand zum Wiedererkennen des alten Hellenenthums, zur Sicherung und Wiederbelebung des germanischen Volksthums leihen. Und um so eindringlicher, um so mehr in selbst- verloren idealer Arbeit muß das geschehen, je mch: gegenwärtig und für die nächste Zukunft Gefahr besteht, daß es dem griechischen wie dem deutschen Volksthum immer mehr so gehen könnte wie den Jnsignien des hohen Kirchenfürsten, wenn sie der blöd oder grobernst dreinschauende Ministrant vom Altar wegträgt. Daß schwere Arbeit zu verrichten sein wird, ist für jeden Kenner unserer Zeit selbstverständlich: das hat auch, wenigstens für das Germanische, der unlängst in der „Allgem. Ztg." (Beilage 100, 1897) von F. v. d. Lehen erschienene Artikel dargethan. Mit Recht ist in demselben in den Vordergrund gestellt worden, wie auch wieder in dem Handbuch der germanischen Mythologie des noch sehr jungen, verdienstvollen W. Golther die Gefahr der modernen, temperament- und feuerlosen, nüchternen und skeptischen Gelehrsamkeit sich deutlich und gerade an einem der Besten gezeigt hat. Also auf! Oder soll man die Hände in den Schoß legen oder als unsteter, ironisch lächelnder Pilatus ewig fragen: Was ist Wahrheit? Oder soll man gar mit Richard Wagner, dem unglücklichen, aber ja nicht zu verkennenden, wirklich heroischen Vorkämpfer für das Germanenthum, sagen: es gibt kein deutsches Volk mehr; wer noch daran glaubt, ist ein Narr? Dann können wir auch getrost allen weltinncrlichen Humanismus — und vor allem auch unsere humanistischen Schulen, die es allerdings erst richtig und ganz werden müßten, begraben. Andrerseits wäre es auch gewiß der Mühe werth und nicht weniger nothwendig, wieder einmal mit dem Ernst und der Unbeirrtheit, deren das Suchen nach der Wahrheit bedarf, die Sonde anzulegen und zu fragen: was ist denn eigentlich echtes Griechenthum? Ist es vielleicht gar der Alexandrinismus oder gar der latinisirte Hellenismus oder dessen Verbindung mit der direkt östlichen Spekulation? Was ist das, was man jetzt so vielfach, auch in so ernsten Schriften und Artikeln, wie die Schcll'sche Programmschrift und der Artikel des Kunstwart (1. Heft, Mai 1897: „Zur deutschen Volkskunst") sind, als Alles stützendes Schlagwort gebraucht, aber auch vollständig unerörtert gelassen findet: das deutsche Volk? Sollte die Blüthe desselben gar am Ende in unserem Uuivcrsitäts-Akadcmismus zu suchen sein? Sollte sein Kern und seine Kraft, wie es manchmal fast scheinen möchte, in dem Berliner Ostelbierthum und in den nicht unorientalischen „Vereinen zur Erhaltung des Deutschthums im Ausland" gesehen werden müssen? Leider wäre heute das ^ouvoanb eoiisnles" keineswegs mehr am Platz. Um so mehr wird jeder, dem es mit germanisch- christlichem und wcltgeschichtsknndigem Humanismus Ernst ist, verpflichtet sein, sich auf den verlassenen Posten zu stellen. Daraus könnte dann einmal der große Rcalis- 292 inns werden, der werth und würdig wäre, daß ihm der vielgenannte und vielmißbrauchte Humanismus weichen würde. Dann würde auch die des großen und wahren Germanismus unwürdige Vergötznng Goethes überwunden sein: und der große christliche Weltkreis, mit echtem Dentschthnm und echtem Griechenthnm als Brennpunkten, mit dem Christenthum als Sonne, würde offen- licgen und viele schwere Räthsel lösen. Recensionen und Notizen. Richter P.. Die Benediktinerabtei Maria- Laach, ein geschichtlicher Rückblick auf acht Jahrhunderte (1093—1693). 8°, 93 S. Hamburg, Verlagsanstalt A.-G., 1896. M. i,oo. ' s. Dieser kurze Abriß einer Klostergeschichte bildet einen Bestandtheil der „Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vortrüge" von Virchow und Holtzendorff- Wattenbach (Neue Folge: eilfte Serre, Heft 244/55). Wer kennt nicht die „Stimmen aus Maria-Laach", die von den deutschen Jesuiten herausgegebene, vornehmste katholische wissenschaftliche Zeitschrift Deutschlands? Sie verdanken ihren Namen dem Kloster Maria-Laach (aä Dseum) bei Andernach am Rhein. Längst bevor die Jesuiten (1862) die Räume bezogen, um dort eine rege wissenschaftliche Wirksamkeit zu entfalten, war die Stätte durch Bene- Rktinermönche zu einem friedlichen Cultursitz gemacht worden, in dessen stillen Mauern manches Gelehrten- lebcn geblüht und dahingewelkt hat. Der Verfasser schöpft aus handschriftlichen Quellen, die noch in reichem Maße vorhanden sind. Das Kloster, das jetzt (seit 1893) wieder von Benediktinern aus der Beuroner Congregation bewohnt wird. wurde von Mönchen desselben Ordens bereits achthundert Jahre früher (1093) besiedelt und bis zu seiner Aufhebung (1802) bewohnt. Richter gibt uns ein belebtes, anschauliches Bild der geistigen Bestrebungen, welche das altehrwürdige Kloster zu einem Edelsitz deutscher Cultur machen. Besonders interessant und ganz neu den Quellen entnommen schildert er (S. 60—80) die an Kämpfen nicht arme Humaniftenzeit, die ja auch im Convent zu Maria- Laach einen Widerhall gefunden hat. Möge das Büchlein allen ein lieber Vorbote werden zu der demnächst erscheinenden, mit Begierde von uns erwarteten Arbeit desselben Verfassers über die „Schriftsteller des Benediktiner- klosters Maria-Laach"; der Verfasser wird damit sicher die Geschichte der monastischen Literatur um ein wichtiges Stück bereichern. JörgensenJohannes, Lebenslüge und Lebenswahrheit. Aus dem Dänischen überseht. Mainz, Franz Kirchheim. Kl. 8°. (IV u. 74 S.) In eleganter Ausstattung M. —.80; in elegantem Originaleinband M. 1,50. Der Verfasser, wohl der talentvollste und bedeutendste der jüngeren dänischen Dichter, der im vorigen Jahr in den Schoß der katholischen Kirche zurückgekehrt ist, bietet in dieser Schrift in fesselnder Sprache interessante Stimmungsbilder, welche ein Helles Streiflicht auf die Vorgänge in seinem Innern werfen, die sich in den Tagen seiner Conversion vollzogen. Er weist das in blasirtem Skepticismus gesprochene Wort Jbsen's, daß „das Glück nur möglich ''i durch die Lebens lüge", entschieden zurück und zeigt, daß nicht der von ihm früher in den Bahnen des Darwinismus und Individualismus vertretene Unglaube der Weg zu Wahrheit und Glück sein kann, daß nicht eitler Weltsinn und überhebende Selbstvergötterung zum Heile führen kann, sondern einzig und allein echte Selbstverleugnung im Sinne wahrer christkatholischer Lcoeiisauffassung. Peters, k. F., 6. 83. U., Der verlorene Sohn. Fastenbetrachtungen. Mit kirchlicher Approbation. 8°. (XIII u. 152 S.) geh. M. 1.-. geb. M. 1,60. Mainz, Franz Kirchheim. In die ebenso einfache als schöne Parabel vom Verlornen Sohn hat der Heiland eine der taktvollsten Wahr- 1 heiten des Christenthums eingekleidet. Die einzelnen aus dem Leben gegriffenen Vorgänge dieser Parabel werden in dieser Schrift von einem kundigen Seelenführcr in 17 Episoden mit Liebe und Verständniß ausgeführt. Ein nützliches Büchlein für Jedermann, insbesondere für die reifere Jugend. Bougaud. Msgr. Emil, Bischof von Laval. Die Kirche Jesu Chri st i. Autorisirte deutsche Ausgabe von Philipp Prinz von Arenbera, päpstl. Gehcimkämmerer und Domcapitnlar in Eich- stätt. (Christenthum und Gegenwart. Bd. IV.) Mit bischöfl. Approbation, gr. 8°. (XIII u. 470 S.) Preis M. 4.50. gebd. M. 5.60. Mainz. Franz Kirchheim. „Die Kirche Jesu Christi", der vierte Band des Werkes „Christenthum und Gegenwart", gilt als Glanzpunkt dieses apologetischen Werkes des Bischofs von Laval. Der Verfasser bewegt sich nicht auf herkömmlichen Geleisen, seine Schrift -zeichnet sich aus durch volle Beherrschung und durchsichtige Dertheilung des Stoffes, Neuheit der Gedanken und oratorischen Schwung. Nicht wenige Kapitel in diesem Werke, welche die aktuellsten Fragen behandeln, wird man vergebens in andern Apologetiken suchen. Die Schrift bietet daher reiches Material für apologetische Vortrüge über Leben und Fortschritt der Kirche, Unfehlbarkeit. Papstthum, die moderne Gesellschaft rc. Die Uebersetzung des Prinzen Philipp von Aren- berg verdient alles Lob. Peters, k. F., v. 88. R,.. Das Leiden Christi. Eine Hochschule christlicher Tugend und Vollkommenheit. Mit kirchlicher Approbation. Volksausgabe der 1891 bis 1896 erschienenen 3 Bündchen: Der Oelgarten Gethfemane. 8°. (XII und 296 S.) Der Richterstuhl. 8". (XII u.374S.) Die Schädelstätte. 8". (XII und 232 S.) in einem Band gebunden M. 4,—. gebd. M. 5,—. Mainz, Franz Kirchheim. Diese Hochschule der Tugend, aus drei Bündchen bestehend, umfaßt drei Hauptstationcn: 1) Der Garten Gethsemani. 2) Der Richterstuhl. Jesus vor dem jüdischen Hohen Rathe und dem heidnischen Richter Pilatus. 3) Die Schädelstätte oder Golgatha. Der Leidensgang des Erlösers zur Schädelstätte und seine Kreuzigung. Die Schriften der Heiligen Thomas von Aquin, Bonaventura und Älphons v. Liguori sind diesem Werke zu Grunde gelegt. Es zeichnet sich vor anderen ähnlichen Abhandlungen dadurch aus, daß bei jedem der 47 Abschnitte die praktische Anwendung auf das Leben des Christen, die Uebung der entsprechenden Tugend nicht bloß kurz angedeutet, sondern ausführlich behandelt wird. Das Werk ist in erster Linie für geistliche Lesungen bestimmt, bietet aber auch reichen Stoff für geistliche Vortrüge. Mit dem außerordentlich reichen Inhalt von 14 größeren, zum Theil illustrirten und der doppelten Zahl kleinerer Beiträge ist soeben das Juliheft von „Alte und Neue Welt" auf unsern Redaktionstisch gelangt. Auch angesichts dieses Heftes darf man sagen, baß „Alte und Neue Welt" das im Anfang des Jahrgangs gegebene Versprechen großer Reichhaltigkeit und aktuellen und fesselnden Inhalts bis heute vollauf eingelöst hat. Die Erzählung „Mari- quita" von Alinda Jacoby wird, sicher zur Befriedigung aller Leser, in harmonischer Weise abgeschlossen. Eine neue Erzählung „Nach Amerika" von F. Ä. Bürke nimmt ihren Anfang und fesselt schon gleich im Beginn durch die packenden Auswandererscenen in einem kleinen Dorfe. Von den Aufsätzen erwähnen wir vier reich illustrirte: „Adrianopel" von Dukas Theodassos, „Sumpfbilder aus dem Donaudelta" von E. v. Dombrowski, „Die große Heiligsprechungsfeier in St. Peter" von Dr. ?. Gregor Koch. Verantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck». Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Ni'° 4Z. Eine Zeit des Uebergangs in Sitten und Gebräuchen bildet das letzte Drittel des neunzehnten Jahrhunderts. Wohl ist jede Zeit eine Nebergangszeit, wohl sind die menschlichen Einrichtungen einer fortwährenden Veränderung unterworfen, wohl ist das Leben der Völker ein steter Szencnwcchsel auf offener Schaubühne; allein wenn wir einem oder mehreren Jahrzehnten den Titel einer „Uebcrgangszeit" in hervorstechender Weise aufdrücken, so verstehen wir darunter eine culturgcschicht- liche Epoche, welche große und außergewöhnliche Veränderungen aus ihrem Schoße gebiert, welche neue Ideen, neue Sitten und neue Institutionen hervorruft und hic- dnrch eine neue Ordnung der Dinge erzeugt. Eine solche Zeit des Ucbcrganges war das humanistische und das Neformationszeitaltcr, eine solche Zeit des Uebergangs war die französische Revolution, in einer solchen Zeit des Uebergangs befinden wir uns selbst an der nahen Wende des Jahrhunderts. Die Ausbeutung der Natnrkrcifte, deren zwei Hauptergebnisse die Maschine und das hochentwickelte Verkehrswesen bilden, hat mit. der Unterstützung des modernen Kapitalismus gewaltige und gewaltsame Veränderungen hervorgerufen und wird fort neue Veränderungen erzeugen. Die Veränderungen, welche Maschine, Verkehr und Kapital auf wirthschaftlichem Gebiete, im Erwerbsleben und in der gewerblichen Technik hervorgerufen, sind bereits wiederholt Gegenstand geistreicher Erörterungen und Untersuchungen gewesen. Wir wollen hier die Veränderungen, welche diese modernen Cnltnrfaktorcn und andere moderne Mächte in den Sitten und Gebräuchen des Volkes hervorgebracht, einer mehrseitigen Betrachtung — soweit das in einem kurzen Aufsätze möglich ist — unterwerfen. Wenn wir Hiebei den Bauernstand vorzugsweise zum Objekte unserer Schilderung machen, so hat das seinen berechtigten Grund: Die Veränderung der Lebensweise, ihrer Innen- und Außenseite, hat sich in den Städten zum Theil schon früher, znm Theil nicht so auffallend vollzogen wie auf dem ehemals abgeschiedenen Lande. Dazu sind Sitte und Laudesbrauch bei dem Bauern, gleich dem in rauher Luft befindlichen Felsen, schärfer und markanter ausgeprägt, als beim abgeschliffenen, in der verweichlichenden Luft der geschützten Straße und des Salons sich bewegenden Städter; daher auch die Veränderungen im Bauernstande, wenn sie nach langem Widerstände einmal kommen, ticfcrgehcndcr und auffallender. Diese Veränderung, diese Nebergangszeit zeigt sich nicht zuletzt in dem allmählichen Untergänge der mündlichen Tradition und des überlieferten Volksliedes, in der Abnahme der Volkstrachten und Volksgcbräuche und in dem gleichzeitigen Verschwinden vieler religiöser Gebräuche und religiöser Lcbcusgewohuheitcu. Das Leben wird papieren, einförmig, gcmüthslos und äußerlich uukirchlich. I. Die Tradition, der Sinn für lokalgcschichtliche Erinnerungen, für die Werke und Thaten der Ahnen, für örtliche Sagen und Berichte geht allmählich im Volke unter. Mögen auch in den letzten Jahren einzelne Gebildete sich in dankenswertster Weise bemühen, die lokal- 2 geschichtlichen Notizen und Legenden zu sammeln und zu ! retten, das täuscht nicht über die Thatsache hinweg, das; S der Sinn für heimathliche Ueberlieferung im Landvolke ! und im landstädtischen Kleinbürgerthnm mehr und mehr erlischt. Der Bauer las ehemals nichts oder nicht viel. Gebetbuch, Goffinc, Heiligculegcnde und Kalender bildeten nur zu oft seinen ganzen Büchcrvorrath. Der Bauer S schöpft Wissen und Erfahrung nicht aus todten Büchern ! und rasch hinwelkenden Zeitungen, sondern aus Natur i und Leben. Die Natur ist das große Lehrbuch, in dem » er mit „seinen Augen" liest, der Fleck Erde, auf dem er S geboren, das Gcschichtswerk, dessen Inhalt nicht die Blühe ! eines Forschers geschaffen, sondern die mündliche Erzählung und Erinnerung, pietätvoll erhalten und fort- i vererbt vom Ahn auf den Enkel, von Geschlecht zu ! Geschlecht. 8 Mancher alte Bauernhof bildete mit seinen Be- ! wohnern einen stolzen Edelsitz, in dem. Familienchronik i und Urkunden durch den mündlich erhaltenen Stamm- l baunr und die mündlich erhaltene Lokalgeschichte ersetzt ! wurden. ? So war der Sinn für Hcimathsgcschichten und Hcimathssagen ehemals im mittleren und niederen Volke fast überall lebendig, zum mindesten in viel höherem Grade verbreitet, als in der heutigen Gesellschaft. H Diese Erfahrung wird jeder bestätigen, der in dieser Hinsicht alte und junge Leute ausforscht. Die Stätte, wo diese lokalgeschichtlichen Erinnerungen gepflegt und erhalten wurden, war nicht das Gasthaus oder der Markt des Lebens, nicht Sammelwerk und Zeitschrift, sondern der »väterliche Herd oder die Ofenccke der Wohnstube. S So war der Herd meines Elternhauses noch in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts der Mittel- und Sammelpunkt, an dem die Erinnerungen und Angelegenheiten einer ganzen Dorfbevölkerung besprochen und berathen und traditionell erhalten wurden. Beim Dämmer- ! lichte des Kienspancs saßen dort die Insassen des Hauses ! und ein Kreis befreundeter Nachbarn: Da wurden cr- ! zählt die Wunder alter Tage, die alten und neuen Gel-schichten-und die Sagen der Umgegend, da wurden ausgetauscht die Erfahrungen eines langen Lebens, Erfahrungen aus friedlichen Tagen und aus Zeiten schwerer Noth, aus Krieg und Krankheit; und in diese Berichte hinein erklang manches heimathliche Lied, manche hcimath- i liche, mündlich überlieferte und mündlich verbreitete Melodie. In späteren Zeiten, als an die Stelle des Kicn- spanes die Ocllampc trat, war die Wohnstube der Ort abendlicher Zusammenkunft, und ich erinnere mich aus meinen Kuabenjahren noch lebhaft an manche originelle Bauerugestalt, die nach dem Abendessen auf der Bank am mächtigen Kachelofen saß und, während Mutter und Magd an dem heute verschwundenen Spinnrad saßen, mit meinem Vater über Gegenwärtiges und Vergangenes sprach. ll'ainpj pnssnti. Es ist anders geworden, und ein neues und nüchternes Geschlecht bewohnt die von den Vätern ererbten Räume. Der Schienenverkehr und die ') Die Socialdemokratie, welche jede geschichtliche Erfahrung ignorirt, der NationalliberallsmuS. dessen geschichtlicher Rückblick mit dem Jahre 1870 begrenzt ist, beweisen u. a., wie der Sinn für Geschichte im Volks vielfach geschwunden ist. 294 ihn begleitenden Touristen- und Händlerschivärme haben sich bis in die abgelegenste Landschaft und die unbekannteste Gebirgseinöde Bahn gebrochen, der aller Originalität abholde „Cnltnrtcnfcl" begann seine abschleifende Arbeit; Geist und Lebcnsgewohnhcit, gesetzlich und nicht gesetzliche Einrichtungen haben sich verändert. Nicht mehr am häuslichen Herde, sondern im Gasthause und in der Kneipe, welch letztere durch die liberale Gesetzgebung der siebziger Jahre eine unheilvolle Vermehrung erfahren, werden die freien Abende verbracht; aber nicht in der Pflege von tzeimathssage und Heimathssang, sondern in Trunk und Spiel und nicht selten in Streit und Naufhändeln. Den mündlichen Bericht ersetzt das im nächsten Städtchen gedruckte Lokalblatt, die Neugierde befriedigt das in der Kaserne und in der Großstadt Erlebte. Der Bauer ist unter dem Einflüsse der modernen nivcllirenden Mächte und unter dem Drucke der wirth- schaftlichen Noth nüchterner und realistischer geworden; Vieh- und Fruchtpreise, Handel und Politik interessiern ihn heute mehr als alte Erinnerungen und väterliche Ueberlieferungen. Und so erstirbt die lokale und heimathliche Tradition und mit ihr nur zu oft die Achtung vor Alter und Erfahrung. Das gesellschaftliche und gesellige und das Berufsleben wird leer und nüchtern, herz- und gemüthslos. Mit Sage und Tradition versiegt der Born der Poesie im Volke. Unser Volk als solches bringt kein sinniges, allgemein verbreitetes und allgemein Anklang findendes Lied mehr zu Stande; kein Lied vor allem mehr, das große und erhebende Zeitereignisse in dichterische Formen und Worte zu kleiden weiß, welche in aller Herzen Widerhall finden und die als echtes Volkslied von Mund zu Mund fortklingen und von den Vätcrn den Söhnen überliefert werden. Das Kriegsjahr 1870/71 hat kein einziges hervorragendes Lied — „Die Wacht am Rhein" ist alten Datums — hervorgebracht, man müßte gerade das anwidernde und unwahre Lied Kreuzlers, „Eins 1870", als eine hervorragende dichterische Leistung qualifizircn. Welch herrliche Lieder entstanden dagegen nach den Napoleonischcn und den Befreiungskriegen, mit welcher Begeisterung sang das ganze Volk diese der Volksempfindung entsprechenden Verse! Eine nicht geringe Zahl jener Lieder wird noch ihren Werth behaupten, wenn die preußisch-deutsche Poesie der siebziger Jahre längst der Vergessenheit verfallen ist. Das Volk äußert seine Empfindungen nicht in sentimentalen Wortergüssen, nicht in Romcmphrascn und in ergreifendem Micnenspiel; es legt seine Empfindungen hinein und singt sie hinaus in eigenen oder als Eigenthum adaptirten Liedern. Heute singt das Volk seine eigenen Gesänge und Melodien nicht mehr; es singt Gedanken und Empfindungen fremder Lieder hinaus, fremde Worte in fremden Tonen; es beginnt gemüthslos^) wie die Zeit des Dampfes und Verkehres Zn werden. °) In der Heimath dcZ Verfassers ist es innerhalb der jüngeren Generation gänzlich in Vergessenheit gerathen, daß das Land noch vor 90 Jahre fürsterzbischvf- licheS salzbnrgisches Gebiet war. ") O>'. F-r. Kirchner schreibt in seiner Schrift „Ueber Gcmüthsbilduug": „Beherrscht durch fast fieberhasteS Streben nach Erwerb und nach einen', zur Geminnnüg desselben bald verwerthbaren Wissen, sind unsere Zeitgenossen einem einseitigen Intellektualismus verfallen, d. h. Kenntnisse werden höher geschätzt als Charartcr- Mit Volkslied und Volkssage ging auch mancher im Volke verbreitete Aberglaube verloren. Das wäre ja an und für sich ein erfreuliches Ergebniß des modernen Cultnrfortschrittes, wenn nicht mit dein Aberglauben auch manches Stück Glauben, der Glaube au Geistiges und Uebersinnliches, untergegangen, wenn an Stelle des alten, oft durch einen Hauch der Poesie verklärten Aberglaubens nicht häufig ein moderner Wunder- und Schwindelglaube getreten wäre. Der „cultivirte" und liberal „aufgeklärte" Bauer spottet über den Aber- und Ammenglanben seiner Väter, um sich vielleicht in der nächsten Stadt ein Traumbuch zu kaufen und die hohlsten Phrasen und die lügenhaftesten Behauptungen feines liberalen Leibblättchens andächtig, als Zcitevangclinm, cinznsangeu. „Wenn ich zu wählen hätte", schreibt H. Hansjakob, „zwischen dem Aberglauben, wie er noch im Volke lebt, und zwischen dein Unglauben, den unsere Materialisten predigen, ich würde den ersteren vorziehen. Der Abcr- gläubige glaubt doch noch an Geheimnisse, an Ueber- uatürliches, und steht dem echten Glauben weit näher; der Aberglaube ist nur eine Vcrirrnng des Glaubens, der Unglaube aber ist die kalte, hoffnungslose Lengming alles Ucbcrsinnlichcn."') II. Wie die Sagen und Lieder des Volkes, geht auch Kleidung und Brauch desselben unter. Die Trachten verschwinden, die lokalen Gebräuche werden aufgegeben oder verändert und nüchtern und seelenlos gemacht. Der Unterschied der Stände, der Unterschied vornehmlich von Stadt- und Landbewohner äußerte sich ehemals und äußert sich in einzelnen, vom Verkehre mehr abgeschlossenen Gegenden heute noch in der Kleidung, in der dem einzelnen Stande oder dem einzelnen Bezirke eigenthümlichen Tracht. Die bunten und originellen Volkstrachten waren ein Ergebniß der territorialen Verschiedenheit, der Mannigfaltigkeit und des Reichthums des alten Volkslebens, ein Ergebniß der Anhänglichkeit an Heimath und Vätcrbrnuch und ein Zeichen des Stolzes auf den Stand, dem man angehörte; die aus selbst- gefertigtem Stoffe hergestellte Tracht bildete gleichsam die farbenbnute und gediegene Außenseite eines bilder- und farbenreichen, auf solidem Grunde sich bewegenden Lebens. Das schönste und reichste Volksleben entfaltete das Mittclalter, und darum sind auch die mittelalterlichen Trachten so farbcnbnnt, so originell und so reich. Doch das Leben ist allmählich einförmiger geworden und damit auch die Tracht oder die Kleidung. Die französische Revolution und ihr „Gleichheitsprincip" wirkten auch auf die Trachten ein. Während bereits vor der französischen Revolution der deutsche Adel eifrigst fran- , zösische Kleidung Und Sitte copirt, begann nach der Revolution auch das Biirgerthum die französische Mode nachzuäffen. Der Bauernstand hielt sich bis über die Mitte unseres Jahrhunderts wie in Sitte so auch in Kleidung ziemlich conservativ, bis der Einfluß der Mode auch das abgeschlossene Land ergriff. Das sich rasch entwickelnde Verkehrswesen, die moderne Freizügigkeit und der Zug des Landvolkes in die Stadt thaten ihr mög- . eigenschaften, logische Schlüsse für sicherer gehalten als die Erfahrungen des Herzens. Mit einem Wort: Es fehlt unserer Zeit am Gemüth, wenigstens tritt es nicht mehr auf die Art und Weise in Erscheinung wie früher." H. HauZjarob „Wilde Kirschen" S. 298. 295 llchsies, um städtische Formen und städtische Kleidung auch auf dem Lande zu verbreiten, lind als nach dem Jahre 1870 der Militarismus im ganzen Reiche üppig ins Kraut schoß, als die Bauernsöhne stärker als vorher Großstadt und Kaserne bevölkerten, da machte sich das Streben nach „Uniformirnng", d. i. gleichheitlicher städtisch- moderner Kleidung, im Volke immer mehr.geltend. Ein altcrcrbtes Kleidungsstück, ein Stück Tracht schwand nach dem anderen, und in vielen Gegenden Deutschlands unterscheidet sich heute der Bauer äußerlich nicht mehr von dem Skädter. Der Unterschied von Stadt- und Landbevölkerung ist verwischt,, ja Bauern- gestalten — in Frack und Cylinder sind heute bei festlichen Anlässen keine außergewöhnliche Erscheinung mehr. Gleichförmig und einförmig wie das Leben ist auch die Kleidung geworden. Man hat in letzten Jahren, so im Schwarzwald und im bayerischen Hochgebirge, „Vereine znr Erhaltung der Volkstrachten" ins Leben gerufen. So lobenswert!) dieses Vorgehen auch ist, so wird es doch den gänzlichen Untergang der Banerutrachten nicht aufhalten, sondern nur verzögern. Das Verschwinden der Trachten ist einmal ein nothwendiges Ergebniß der modernen Cultur, und ihrem alles nivellirendcn Strome können einige wenige Bezirke und Vereine auf die Dauer nicht widerstehen. Dazu kommt noch, daß die Stoffe dieser -künstlich erhaltenen „echten" Trachten meist moderne Fabrikwaare sind und auf sie der alte Spruch keine Anwendung findet: Selbst gesponnen, selbst gemacht Ist die schönste Bauerntracht. Unsere Enkel werden die letzten Trachten nicht mehr im Volke, sondern in Werken über Costüme und Trachten und in Landesmnscen zu suchen haben. (Schluß folgt.) Aus der Hinterlassenschaft des Lxsi'oikus RLstieus. Von Hugo Arnold. (Nach Vortrügen in der Anthropologischen Gesellschaft und im Historischen Verein von Oberbayern zu München.) (Fortsetzung.) Indessen arbeiteten die Truppen nicht allein für militärische Zwecke, sondern sie wurden auch von den Kaisern wie von den Statthaltern zu den verschiedensten Dienstleistungen verwendet, unter andern betrieben sie auch den Bergbau, obwohl diese Thätigkeit juristisch als Strafe galt. Eine Spur der Verwendung von Mannschaften des rätischen Armeecorps zum berg- und hüttenmännischen Betriebe haben wir übrigens auch im Castell zu Pfünz (d. i. Vatonianis) gefunden. Dort wurde ein Tempel des Jupiter Dolicheuus aufgedeckt. Dieser Gott (ursprünglich der syrische Gott Bal) war der Patron der Soldaten nicht minder, wie der Bergleute, was 2 Inschriften bezeugen, beide mit dem Texte: stovl Oxkiuro Naxiuro .,uk>1 kerruru iwsoitur" (d. h. Jupiter, dem Besten und Größten, „von dem das Eisen erzeugt wird"). Da nun auf der Hochfläche des fränkischen Jura und im Altmühlthale der Betrieb von Eisenwerken, Hochöfen und Erzgruben in die älteste Vergangenheit hinauf- und bis in die Gegenwart herabreicht, so liegt der Schluß sehr nahe, daß der Cult des Jupiter Dolicheuus zu Pfünz mit der hüttenmännischen Beschäftigung der Garnison im Zusammenhang stehe. Festigten somit die Truppen durch ihre friedliche Thätigkeit die Herrschaft des Nömerreichcs in den Provinzen, so machten sie sich mit ihr des Weiteren an jedem, selbst dem kleinsten Stationsorte nach römischer Sitte heimisch und brachten auf diese Weise die römische Lebensart der eingeboruen Bevölkerung vor Augen, welche dann dem von ihren Herren gebotenen Vorbilde bald folgte und die Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten ihres Com- forts sich zu eigen machte, soweit es ihre Mittel erlaubten und sie das Bedürfniß dafür empfanden. Ganz bedeutende Hebel zur Nomanisirung der Grenz» Provinzen bildeten ferner die persönlichen, ich möchte fast sagen, die intim-häuslichen Verhältnisse des einzelnen Mannes, „Verhältnisse" im Sinne der populären Redensart. Bekanntlich bezeichnet diese damit den kleinen Krieg und Frieden zarter Beziehungen zwischen den beiden Geschlechtern, welche der Gründung eines eigenen Herdes und einer Familie vorauszugehen Pflegen. Letztere aber war dem Soldaten, welcher römischer Bürger war, in gesetzlicher Weise nicht möglich, so lange er unter der Fahne stand. Da die Legionen nun bis in die ersten Jahrhunderte der Kaiserzeit hinein sich ausschließlich aus römischen Bürgern rekrutirten, so konnte der Legionär erst nach der Entlassung aus dem Dienste eine rechtlich gütige Ehe, ein.srwtunr naakiiiuouiuM, schließen. Indessen wenn den Legionären auch das Hcirathen verboten war, so konnte sich doch nicht ein jeder solcher Enthaltsamkeit rühmen, wie weiland Feldmarschall Graf Tilly, der von sich bekanntlich zu sagen vermochte, daß er weder ein Weib noch ein Glas Wein berührt habe. . Denn wie uns bereits die Ueberlieferungen der antiken Mythologie zeigen, hegen Mars und Venus seit unfürdenklichen Zeiten unwiderstehliche Leidenschaft für einander, ein Verhältniß, das bekanntermaßen (manch zärtlicher Vater setzt dazu „leider!") aus den Greueln der Heidenzeit sich noch auf die Töchter unserer Gegenwart mit zeitgemäßer Modification in der Vorliebe für das zwiefärbige Tuch vererbt hat. Der Hang zum „menschlichen Rühren" ist eben in den Herzen der rauhen Krieger nicht so leicht Zu ertödten, und in Ermanglung „feinerer Gegenstände" erkoren sich die Soldaten daher als Object ihrer galanten Huldigungen die Hetären (msretrioos), welche sich an die Fersen der Truppen hefteten und deren Entfernung weder unter der Republik noch unter den Kaisern gelang. Besser als die Legionäre waren die Soldaten der Auxiliartruppcn, der von den Unterthanen gestellten Kontingente, daran. Diese Hilfsvölker rangirten neben den Legionen in der Werthschätzung als Truppen zweiter Güte, hauptsächlich deßwegen, weil sie das römische Bürgerrecht nicht besaßen. Doch dieser juristische Mangel gewährte ihren Mannschaften den Vortheil, daß sie in ihren Garnisonen Frauen pcregrinen Standes (d. h. ohne die rechtliche Eigenschaft römischer Bürgerinnen) fanden, und eine Zeit lang scheint ihnen die Ehe mit solchen Weibern gestattet gewesen zu sein. Dafür liefern die drei Militärdiplome aus Nätien, von Weißenburg, Einstig und Rcgensburg, den Beweis. Von Septimius Sevcrus an durften auch die Leute der Anxiliartrnppen nicht mehr hcirathen, wohl aber wurde ihnen gleich den Legionären gestattet, eine concustiim, oder wie der technische Ausdruck lautet, eine locmrla, zu haben und mit ihr außerhalb der Kaserne zu wohnen; nur zum Dienste hatten sie sich in der Kaserne eiuzufinden. Im 4. Jahrhunderte sind diese Verhältnisse wieder geändert, und es bedurfte 296 bloß einer besonderen Erlaubniß, um die Fron in der Garnison bei sich zn haben. Diesen Verbindungen entsprossen natürlich Kinder, die „Lagerkindcr", die hinsichtlich ihrer rechtlichen Beziehungen einer eigenen tristns zugewiesen wurden, wenn sie der Hnusi-Ehe eines Legionärs und eines einheimischen Mädchens entstammten. Den Kindern solcher Mädchen, die keinen Vater finden konnten, wurde als Hcimath ebenso wie den Kindern der Pcrcgrinen das Lager zugewiesen, sie hießen „sx sustris". Da die meisten Soldatenbnbcn in der Regel wieder Soldaten wurden, so spannen die Fäden der Verwandtschaft von: Lager zu den Lagcrstädtcn, (sansstas) sich immer weiter fort zwischen den Veteranen, die sich zurückgezogen hatten, und ihren Söhnen, die noch dienten, den Großmüttern, Tanten u. s. w., so daß bereits damals das Wort des ersten Jägers in „Wallenstcins Lager" zur Geltung kam: „Nun, nun, das muß der Kaiser ernähren, die Armee sich immer muß neu gebären." Wo wohnte und lebte nun der römische Soldat? Er hatte eine zweifache Heimath. Im Dienst ist dieselbe das Lager, außer Dienst die Lagerstadt» die sunustus, die wir soeben erwähnt haben. Die streng römische Disciplin gestattete nämlich keinen Civilpcrsonen und am wenigsten den Weibern den Aufenthalt innerhalb der Lager und Festungen. All der Troß, der einer jeden Truppe auf dem Fuße folgt und der znr Befriedigung ihrer Bedürfnisse so unentbehrlich ist, daß er sogar mutuins mniunäis und soweit er die Verkehrshindernisse zu überwinden vermag, unsern modernen Heeren sich aiischließt: all der Troß der Marketender, Händler und Lieferanten, der Gaukler und der Dirnen, der zahlreichen Bedienten n. s. w. durfte die Festungsthore nicht überschreiten, war vielmehr auf eine Oertlichkeit außerhalb des Lagers und der Castclle verwiesen, die aus disciplinaren. Gründen in einiger Entfernung davon lag. Anfänglich mochten diese Leute nur in Hütten und Baracken wohnen, später nahmen ihre Niederlassungen mehr und mehr einen stabilen Charnier an und wurden ounustus genannt, ein volksthiimlicher Ausdruck, der seit dem 4. Jahrhundert auch in der populären Literatur gebraucht wird, z. B. beim hl. Angnstin. Im italienischen „snnova," ist das Wort noch erhalten, und als uns Deutsche so anheimelnde „Kneipe", aber nicht als Kneippkur, ist es auch in unseren eigenen Sprachhanshalt übergegangen. Im Lause der Zeiten nahmen diese An- fiedlungen allmälig den Charakter stadtartigcr Flecken an. Die Kaufleute thaten sich zu Gilden zusammen; zn diesen Gilden gesellten sich die Veteranen, die in 20- und 2ü- jährigcr Dienstzeit bei den Lagern eine neue Heimath gesunden hatten und mit denselben durch die Macht der Gewohnheit, der gemeinsamen Erinnerungen und nicht zuletzt auch durch Fmnilienbande verwachsen waren, so daß sie bei ihrer Bcabschiednng keine Lust mehr hatten, ihren Wohnsitz in eine unbekannte Wcltgegend zn verlegen, sondern sich dort niederließen, wo sie die besten Tage ihres Lebens verlebt hatten. Rout sornrno ests^ nous, möchte ich sagen: wie viele von unsern alten Knasterbärten, die nicht der eine oder ander Grund in's Pensionistcu-Eldvrado der Residenzstadt München verlockt, bleiben in der lievgewordenen Garnisonsstadt sitzen, um bort nco.n der alten vertrauten Truppe die letzten Tage en verölen! Ursprünglich wurden diesen Lagcransiedelungen auf Grund der militärischen Disciplin keine municipale Autonomie gewährt, sie unterstanden vielmehr der Jnris- diction des Lagercommandanten. Mein die Macht der Verhältnisse wuchs über die Theorie hinaus und die Regierung sah sich schon im 2. Jahrhundert veranlaßt, ihnen Rechnung zn tragen. Kaiser Hadrian verlieh zuerst an die ounustus der 3 großen Lager an der mittleren Donau Curnuutnrn (d. i. Petroncll bei Dentsch-Altcn- bnrg), ^«pniusuin (Alt-Ofen), Viruinnsiurn (bei Kvstolac in Serbien) das Stadtrecht. Unter den folgenden Kaisern bis auf Diokletian wurde die gleiche Begünstigung allen übrigen großen Lagerstädten zn Theil, und aus ihnen erwuchsen am Rheine wie an der Donau, in Spanien wie in Britannien und Siebenbürgen die großen Städte, die heute noch den Ruhm und Stolz des betreffenden Landes bilden: ^rgsntorutuui (Straßbnrg), NoZun- iiucnun (Mainz), Colcmia. ^Zrixxiua, (Köln), rlc^uin- onrn (Ofen), Vinäostonu (Wien), Imuriueuin (Lorch), Castro. Regina (Regcnsbnrg). Castro Regina ist zwar hinsichtlich der städtischen Entwicklung hinter den meisten andern Lcgionslagcrn zurückgeblieben, und bei den dort bisher vorgenommenen Ausgrabungen sind gar keine Jnschriftdenkmale zum Vorschein gekommen, welche ein Zeugniß für seinen städtischen Charakter ablegen könnten. Gleichwohl ist die Civilstadt im Westen der Festung in einer sehr beträchtlichen Ausdehnung nachgewiesen worden. Canastas sind übrigens bei jedem römischen Castclle Nütiens bloßgelegt, wo mau überhaupt Untersuchungen anstellte: bei Fastningen (Romans), Vstvnianis (Pfünz), Ririoianis (Weißenburg), ^stusina (Einstig); ich weiß dieselben ferner noch bei Csrrnaniso (Kösching), Colsuso (Pföring), Colio Llouto (Kcllmünz), Onntia (Giinzbnrg), ferner an dem großen Castclle bei Aislingen, dessen römischer Name sich für uns noch vorläufig in Dunkel hüllt, auch bei Drnishcim (wahrscheinlich Ornsoinagus). Diese „Canastas" warm die Pflanzstätten, die Soldaten die Träger der römischen Cultur und der mit der Zeit vollständig durchgeführten Nomanisirung unserer Lande. Der Dienst im Heere eines mächtigen Staates wirkt zu allen Zeiten schon durch die Macht der Ideen und den Druck der Massen assimilircnd auf fremde, unter den Truppen befindliche Elemente ein; letztere verlieren von selbst nach und nach ihre Stammeseigenthümlichkeiten und bequemen sich mehr und mehr der Nationalität des herrschenden Volkes an. Diesen Prozeß sehen wir in der Vergangenheit und in der Gegenwart sich überall vollziehen. Der einstmalige Fortschritt des Franzosenthums in den Deutschland geraubten Provinzen Elsaß und Lothringen beruhte zu einem großen Theile auf der Um- prägnug der zahlreich unter der Fahne gestandenen Soldaten, Preußen verdankt die Verschmelzung seiner polnischen, der am Nhcine gelegenen und der im Jahre 1866 erworbenen Landcstheile nicht zum letzten der allgemeinen Wehrpflicht, und in Oesterreich hat der Gebrauch des deutschen Idioms als Armcesprache in dem auf deutscher Grundlage organisirtcn Heere eine Germanisirnng, wenigstens in gewissem Maße, nach sich gezogen, weßhalb das eifrigste Bestreben der verschiedenen dortigen interessanten Volksstämmc, die sich dadurch genirt fühlen, gegenwärtig dahin zielt, dieselbe zn brechen. Spielen sich solche Vorgänge noch in der Gegenwart ab, in welcher doch bei weitem kein so großer Unterschied hinsichtlich der Cnliurstnfe der breiten Voltsmassen zwischen den einzelnen Nationalitäten obwaltet, so ist die Vorstellung davon nicht gar so schwierig, wie einst im Römer- S97 reiche die Umwandlung des einzelnen peregrinen Mannes > zum Römer sich vollzog. Die Hoheit, Größe und Macht dcS die Welt beherrschenden Imperiums offenbarte sich ihm täglich bis zu den kleinsten Erscheinungen herab, so daß unwillkürlich seine Brust in stolzem Hochgefühle schwellen mußte, selbst ein Glied in dem großartigen Triebwerke des gewaltigen Organismus zu sein; hiemit war er im Geiste bereits znm Römer geworden, weßhalb die Umformung seines Wesens mit Naschheit sich vollzog. Wie hätte es auch anders sein können s Als ein junger Mann wurde der Rekrut einem Nahmen einverleibt» der völlig römischen Zuschnitt trug, die Dicnstsprache war Latein, die Offiziere waren Jtaler oder gaben sich wenigstens als solche aus, alle Augen waren auf Nom und den Kaiser gerichtet, an die Feldzeichen knüpfte sich die treu gehegte Ueberlieferung der stolzesten Erinnerungen, ynd nach Vollendung der Dienstpflicht winkte als höchste Belohnung die Adclung vermittels des römischen Bürgerrechts: das waren Anreiznngcn zur Genüge, um den Mann innerlich und äußerlich zum Römer noch eher werden zn lassen, als bis ihn nach 25jähriger Dienst- zeit das Gesetz auch formell dazu stempelte. Uebrigens war die Niederlassung der Veteranen bei den erwaims nicht die Regel, so lange der Regierung Ländereicn zur Verfügung standen; denn so lauge als diese vorhanden waren, wurden die mit Abschied Entlassenen auf Staatsboden angesiedelt, nicht immer znm Vergnügen der als Culturdünger Lenützten Soldaten. So klagen z. B. die pannonischen Soldaten im Jahre 14 > u. Chr.: si czuis tot enorm vita, supsimverik, tralri, mistne ciivoi'sns in terras, usii xor nomen a-Zroruin !irlitzin68 paluclnni et ineulta, nrontium aeeipiank XWcnn einer nach so viel Schicksalsläuften sein Leben davongetragen hat, so soll er sich noch in beliebige 'Länder verschleppen lassen, wo man unter dem Titel von Ackerland nasse Sümpfe und wüste Berge erhält). Derlei Landgüter hießen „kunäi" und nahmen von den Besitzern die Namen an: krmäus Gornalianns, tluralianrrs u. s. w. Der Name eines in Bayern in der Armee und im Civilstaatsdienste viel verbreiteten Geschlechtes, der Freiherren v. Andrian, gehört auch hiehcr; er führt auf einen solchen „kunärm" im Etschthale zurück, der nach der Besetzung Tirols durch die Bajuwaren in die Hände eines deutschen Besitzers übergegangen sein mag. Auch im räüschcn Flachland sind gewiß viele solche Landgüter an Veteranen verliehen worden. Vor Allem mutz dies unmittelbar nach der Eroberung Räticns und Windelicicns geschehen sein, denn zur Sicherung der römischen Herrschaft wurde damals die gcsammte streitbare Jugend der eben unterworfenen kriegerischen und wilden Völkerschaften aus dem Lande geführt und nur eine solche Zahl von Einwohnern zurückgelassen, die der Bestellung der Felder genügte, aber nicht der Empörung fähig war. Der Geschichtschreiber Vellejns Patercnlns liefert uns ein Zeugniß dafür, indem er die Soldaten dem Tiberins zurufen läßt: „ego a. to in Vinäaliom cioinrtrm suiu" (ich bin von dir in Viudclicien begabt worden). Vielleicht gehörten die Gebäude der römischen villaw, die ich unweit der großen Heerstraße von Verona über Partcn- kirchen-Murnau-Pähl-Schöugeising nach Augsburg bei Wilzhofen, Machtlsing, Erling und Noderried ansgrub, ebenso die schöne, leider nicht in ihrem ganzen Umfange von mir bloßgclcgte villa. bei Haltcnbcrg am Lcch ebenfalls zu solchen „tuncti", mit denen viclnarbigc, Wetterund schlachtcngrane Veteranen bestehen worden waren. Wenn man nun alle Verhältnisse in Erwägung zieht, insbesondere den Umstand, daß in der Provinz Rätien als Grenzland das militärische Element stets ein gewisses Uebergcwicht behauptete, so mutz man zu dem Schlüsse kommen, daß dem Heere ein ganz bedeutender Antheil an der Nomanisirung der Bevölkerung zukam. Der Stock und Kern des Volksthnms war freilich keltisch geblieben, aber alle Formen des Lebens erhielten römische Gestalt und römischen Anstrich. Als die römische Herrschaft nach 400jähriger Dauer ihrem Ende zuging, waren denn auch die Räter, wie ihre Nachbarn, die Noriker, soweit wir sehen könne», vollständig romanisirt. Die Stempel der römischen Töpferei in Westcrndorf bei Rosenheim (auf dem Boden von Zorw Oeni) zeigen noch keltische neben römischen Töpscrnamen. In den Stein- inschriften der spateren Kaiscrzcit aber finden sich fast nur römische Namen, und ausschließlich solche tragen die im Leben Scverin's genannten Bewohner der Donaugegend, sowie die Personen, die in unserer einzigen Urkunde aus römischer Zeit auftrete», aus einem in vico t?oim1vn M» E K „viZtiriAUO." . Noch bcmerkeuswerther wird dieses Verhältniß dadurch, daß sich unter den 9 typischen Germanen des 2. und 3. Jahrhunderts nur 3 Männer gegen 5 Weiber und I Kind befanden, während im 4. Jahrhundert, in welchem in allen römischen Truppentheilen zahlreiche Germanen dienten, 10 Männer und nur 3 Weiber getroffen wurden. Da die Soldaten keine gesonderten Fricdhöfe besahen, sondern gemeinsam mit der Civilbcvölkcrung bestattet wurden, so spricht die mit den Jahrhunderten zunehmende Zahl der Germanenschädel aus den Regcnsburger Be- gräbnißplätzen ganz entschiede» dafür, daß auch unter der Garnison von Castra Regina Soldaten germanischer Abkunft in sich stets steigernder Menge dicntcir. Ich habe bereits hervorgehoben, daß unser modernes Chaussceunctz zum größten Theile auf der Basis der von den römischen Soldaten ausgeführten Straßeuzüge beruht, und zwar auf weiten Strecken im buchstäblichen Sinne des Wortes; außerdem ist uns noch ein anderes directcs Erbe aus der Hinterlassenschaft des rätischcn Armeccorps geblieben. (Schluß folgt.) Eine Zeit des Uebergangs in Sitten nnd Gebräuchen. (Schluß.) Wie die Volkstrachten verschwinden, so gehen unter oder verändern sich die Volksgebräuchc. Mau liest heute in todten Büchern von angeblich noch bestehenden Volksgebräuchc», die in Wirklichkeit längst verschwunden oder entstellt sind; entstellt durch den realistischen und nüchternen Geist der Zeit, durch den immer mehr materiell werdenden Sinn des Volkes, der in dem fieberhaften Streben nach dem Mammon seinen bezeichnendsten Ausdruck findet und welcher selbst die ehrwürdigsten Volksgebräuche zu Einnahmequellen umgestaltet. Das Volk wußte ehemals den einfachsten Vorgang des Lebens in seiner Art ideal zu gestalten, ihn mit eigenartigen Zeichen zu verbinden, mit religiösen oder profanen Formen zu umkleiden. Je wichtiger und bedeutungsvoller diese wiederkehrenden Vorgänge, desto höher die sie umgebende Weihe, der sie begleitende originelle Brauch. Die menschliche .Handlung ward verschönt, die Natur geistig belebt, die Erinnerung verklärt, das Geistige in sinnlichen und ansprechenden Formen Jung und Alt vorgeführt. Die meisten dieser Gebräuche waren religiöse Akte, und wir werden sie im dritten Abschnitte dieses Aussatzes etwas naher berühren. Die Volksgebräuchc waren und find nach Land, Voltsstamm und Volkscharaktcr verschieden, und es würde zu weit führen, hier auf dieselben einzeln einzugehen. Diese Gebräuche — im weitesten Sinne — äußerten sich bei den verschiedensten Festen, bei Beginn nnd Schluß der Ernte, bei Taufe, .Hochzeit und Todesfall, in Kirche und Wohnung, in der Wcrkstättc und in der Oeffeutlich- keit u. s. w. Einzelne derselben datiren sich bis in das früheste Gcrmauenthum zurück, andere haben ihren Ursprung im Mittelalter oder in einer noch späteren Zeit. In deutschen bezw. süddeutschen Gauen, welche durch die Reformation, den dreißigjährigen Krieg und spätere Umwälzungen weniger berührt wurden, wurden noch in den fünfziger und sechziger Jahren unseres Jahrhunderts Gebräuche gehütet und geübt, die man als eine unverfälschte Ueberlieferung des christlichen Mittclaltcrs bezeichnen konnte. Von da ab und besonders mit Beginn der siebziger Jahre begann der Umschwung in Sitten und Gebräuchen auch in vorgenannten Gegenden immer stärker hervorzutreten. Die Asche des Industrie- schlotes und des Dampfrosses, der Nebel der Städte und der Staub der Touristcnwelt legte sich über die Bräuche und Lebensgcwohuhciten des Landvolkes. Der Väter Brauch und Sitte verschwinden, und an ihre Stelle treten städtische Manieren und Soldaten- spielc; ein neuer Geist und neue Lebensgcwohuhciten ringen mit den alten um den Sieg. — Manchen harmlosen und finnigen Volksgcbrauch hat, wie u. n. auch Hansjakob an mehreren Stellen seiner verdienstvollen Volksstudicn berührt, unsere liebe Bureaukratie als „störenden Unfug" beseitigt. Manche Beamte bekümmern sich nun einmal um viele Dinge, denen sie besser ihre zarte Sorge nicht zuwenden würden, um dafür auf andere und wichtigere Aufgaben ihren „Scharfblick" zu werfen. Wie im Bauernstände, hat sich auch im Bürger- bczw. Handwerkcrstande, nach Beseitigung der letzten Reste des alten Zunftwesens, vieles verändert; mancher mit Stand und Arbeit verknüpfte Brauch ist mit anderen Standcsgcbräuchen der Vergessenheit verfallen. Vergessen und versunken ist Stolz, Ehre und Ansehen des Handwerksmeisters. Der Meister hatte cS ehemals nicht nöthig, mit Kollegen zu concurriren und um Arbeit zv betteln und zu bitten, die Kunden kamen freiwillig zn ihm. Und wenn ein solcher Kunde ein fertiges Stück abholte und in blanker Silbcrmünze bezahlte, dann bedankte in vielen Landbczirkcn nicht der Meister sich über die Bezahlung, sondern der Kunde sich über die gelieferte Arbeit. Handwerker, Kaufmann und Bauer rechneten damals nicht nur mathematisch, sondern auch menschlich; sie bezweckten mit ihrer Arbeit und ihrer Lieferung nicht nur einen persönlichen Nutzen, sondern auch einen gesellschaftlichen Dienst. Der Bauer verkaufte in einzelnen Gegenden Getreide an einen dasselbe bcnöthigendcn Nachbarn oder an einen Bedürftigen billiger als an den Händler, er forderte für geliehenes Geld vom ersteren keine Zinsen u. s. w. Es war das alles ein Ausfluß des Lola lprincipcs, der Bevorzugung der Standcs- und Gangcnosscn und der am Orte und in der Gemeinde Bedürftigen. Ein Zeichen der Solidität des alten Nrbeits- und Erwerbslebens war auch, daß die Lohuauszahlnng für Dienstboten und Gesellen nach sehr langen Terminen erfolgte, auf dem Lande oft erst nach einem Jahre, ohn: baß dieselben diesen Modus der Bezahlung unbillig fanden?) (Außer diesem Geldlohnc wurden von Knechten und Mägden noch eine Anzahl Kleidungsstücke und Schuh- werk ausbeduugen.) Heute haben auch die Bauernknechte Wocheulohn, der nicht selten am Sonntag in der nächsten Dorfschcuke verjubelt wird. III. Wie die Volksgcbräuche, sind viele religiöse Gebräuche und religiöse Lebensgewohnheiten in den Wogen unserer rasch dahineilenden Zeit verschwunden. Verschwunden vor allein ist jener warme religiöse Geist, der alle Verhältnisse und Einrichtungen des Lebens verklärte und durchgeistigte. Die Religion soll sich nicht bloß hinter den ernsten Mauern des Gotteshauses und den verschwiegenen Wänden des „stillen Kämmerleins" äußern, sie soll alle Lebensverhültnisse dnrchdringen; ihre Grundsätze und Lehren sollen das Fundament aller menschlichen Thätigkeit, vom Throne bis znr Arbeiterhütte, sein. So war es im christlichen Mittelalter, und so wird es in allen wahrhaft christlichen Zeiten sein. Die Religion war die Trägerin und die Fahrerin des Staatslebens und der Politik, des gesellschaftlichen und des wirthschaftlichen Lebens. Infolge dessen gab es ehemals keine strenge Grenze zwischen kirchlicher und politischer Gemeinde, zwischen (religiöser) Bruderschaft und genossenschaftlicher Vereinigung: politische Gemeinde und Kirchengemeinde deckten sich territorial, die Handwerks- zünfte waren Brnderschaften wie die rein kirchlichen. Die Schule war nicht mit der politischen, sondern mit der Kirchengemeinde verbunden, sie war nicht Staats- oder Gemcindeanstalt, sondern Pfarr schule. U. s. w. Ueber alle diese christlich fnudamentirtcn Einrichtungen, über alle menschlichen Beziehungen ergoß sich der Sonnenglanz religiöser Weihe und religiöser Gebräuche. Das ganze Denken des Volkes war von religiösen Anschauungen, von echt kirchlichem Geiste durchdrungen. Und so schlugen selbst die übersprudelnden Wellen des Volkshumors in die ernstesten kirchlichen Feste und Ceremonien hinein, aber nicht um zu stören und zu verletzen, sondern um sich kirchlich und in kirchlicher Form zu zeigen und um zu beweisen, daß der Katholizismus nicht bloß eine ernste, sondern auch eine sehr heitere Seite hat; ja daß gerade die katholische Kirche es war, welche das ganze Volksleben mit seinem farbenreichen Gefolge, mit seinen Lustbarkeiten und Spielen großzog?) Ein großer Theil der religiösen Gebräuche und der Formen des religiösen Lebens ist auf dem Lande noch pietätvoll erhalten; dagegen hat sich in den Städten und in einzelnen Jndnstriebczirken ein desto größerer und rapider Umschwung vollzogen. Die alte und eng geschlossene Kirchengemeinde besteht dort nicht mehr und darum auch nicht die äußere Form des religiösen Lebens und der in dieser Gemeinde einst geübte religiöse Brauch. Die Gläubigen betreten dort das Gotteshaus nicht mehr als eng zusammengehörende Pfarrkinder, sondern als ein religiös gesinntes Publikum, das jede Fühlung unter sich verloren hat. Man besucht den Prediger, welcher der subjectivcm. Anschauung und Neigung am besten entspricht, gleichwie man den genialsten und beliebtesten Schauspieler oder Sänger aufsucht. Ein großer Proccnt- H In Südbauern und einigen Theilen Oesterreichs war das Fest Maria Lichtmeß der übliche jährliche Zahlungstermin. °) W. de Porta ..Geistlicher Humor" S. 133. satz der Großstädter weiß überhaupt nicht, welcher Pfarrei der Stadt er angehört, und hat Mühe, bei Taufen, Trauungen oder Todesfällen die richtige Adresse zu finden. Mit dem Untergänge der geschlossenen Kirchengemeinde, mit dem Verschwinden der örtlichen religiösen Gebräuche sind auch viele religiöse Lebensgcwohu- heiten und fromme Uebungen des Volkes zu Grabe getragen worden. Und gerade in den letzten Jahren machen wir die betrübende Erfahrung, wie das moderne Leben und die modernen Mächte die selbstverständlichste und ehrwürdigste religiöse Lebensgewohnheit nicht mehr schonen und selbst die heiligsten kirchlichen Verpflichtungen antasten. Wie wenig wird außerhalb der Kirche die Heiligung der Feste und Festzeiten geübt, wie wenig die kirchlichen Fasten geböte respektirt k Veranstaltet man doch bereits Festessen zu Ehren katholischer Landesfürsien an — Freitagen. In wie wenig Herzen wohnt ein richtiges und lebendig sich äußerndes Verständniß für das Kirchenjahr! Die Heiligung des Sa mstagabendcs und die Bedeutung dieser der Mutter des Herrn geweihten Stunden scheint bei der Stadtbevölkerung kaum mehr zu existircn; ja gerade dieser Abend wird vielfach am meisten durch Kneipen, Spiel und Tanz entweiht, denn man kann sich ja am Sonntag gründlich von den durchgemachten Strapazen erholen.. Wir haben es schon erlebt, daß ein katholisch sich nennender Verein eine Tanznnterhaltung auf einen — Samstagabend verlegte. Wie der Samstagabend werden die sogenannten ersten Feiertage, d. i. der erste Tag des hl. Weih- nachts-. Öfter- und Psingstfestcs, allmählich völlig pro- fanirt. Während es früher Sitte war, an diesen Tagen das Gasthaus zu meiden, keine geräuschvollen weltlichen Vergnügungen zu veranstalten und im gegebenen Falle denselben nicht beizuwohnen, ist heute an diesen hohen- Fcsttagen das Gasthaus wie sonst gefüllt, und man genirt sich nicht mehr im geringsten, fidele Concerte, ja sogar Bälle abzuhalten. Besonders gern wird an diesen hochfestlichen Tagen der modernen Ncisewnth, meist unter Vernachlässigung des Gottesdienstes, gefröhnt. — In ähnlicher Weise verlieren auch die kirchlichen Fest- und Bußzeiten in der Oeffentlichkeit ihren Einfluß. Wir haben z. B. noch niemals in den uns znr Verfügung stehenden Lokal- und Tagcsblättern so viele Concertanzeigen gelesen wie in der vorjährigen und gegenwärtigen heiligen Fastenzeit. Der letzte Hauch religiöser Empfindung und der Respektirung altehrwürdiger kirchlicher Einrichtungen entschwindet so aus dem öffentlichen Leben. Wie das öffentliche Leben, hat auch das städtische Familienleben eine wachsende Einbuße religiöser Formen zu verzeichnen. Besonders die schönen und sinnigen Hausandachten verschwinden mehr und mehr, gleich dem religiösen Hausrathe, der in ein wahrhaft christliches HauS gehört. Am grellsten tritt der Umschwung religiöser Anschauungen hervor, wenn man die persönliche Meinung und die Bethätigung unserer Gesellschaft in Bezug auf öffentliches Bekenntniß des Glaubens und auf religiöse Dienstleistungen betrachtet. Was früher als Ehre galt, das gilt heute als Schande! ES gilt als Schande oder Erniedrigung, bei Prozessionen Kerze, Kreuz oder Fahne zu tragen, und es gilt znm mindesten als mittelalterliche Zurückgcbliebcnheit, sich am Fronleichnamstage am Triumphzuge des .Herrn oder gar bei Wallfahrten zu betheiligen. Bei Turner-, Sänger- und 308 Kriegcrfestc» im buutcstcu Aufputze und nicht selten in betrunkenem Zustande mitzumarschircn und den sancren Verdienst einer Woche der Familie zu entziehen, ist natürlich etwas ganz anderes. So ist unser geselliges und öffentliches Leben ein durch und durch unkirchliches geworden; an Stelle des christlichen Ideales ist ein neues und anderes, das nationale Ideal getreten. Dieses neue resp. modernheidnische „Ideal" erfährt bereits in der Volksschule eifrigste Pflege, an Stelle des beseitigten alt- und neu- tcstamcntlichcn Lesebuches sind vielfach „ncudeutsche", d. i. vorn preußisch-deutschen Geiste durchtränkte Erzählungen und Geschichtsbilder getreten. Und außer der Schule und draußen im Volke sorgen die Herren Reserveoffiziere und die Militär- und Kriegcrvercine zur Genüge für die Verbreitung des neuen „Ideals". — — Schule und Kaserne, Industrie und Verkehr, Gesetze und Einrichtungen, sie alle arbeiten, freiwillig oder mit Naturnothwcndigkeit, an der Umänderung und Beseitigung von christlichen Lebensformen und christlichem Väterbrauche. Und es ist für den katholischen Süden ein . schlechter Trost, daß sich dort, während die alten Branche fallen, allmählich einige dem überwiegend protestantischen Norden entsprungene Familicngcbräuchc einzubürgern beginnen; wir erinnern an die Feier des Geburtstages bezw. dessen Bevorzugung gegenüber dem Mmensfcste; wir erinnern an die Verbreitung, welche der Christbaum') auch in den ihm früher verschlossenen katholischen Provinzen gewinnt. Daß das christliche Leben der modernen Zeit gegenüber dem der alten Tage auch manche erfreuliche Lichtseite zeigt, daß ehemals manches mechanisch geübt wurde, was heute aus innerer Ueberzeugung gethan wird, das und anderes hervorzuheben ist hier nicht unsere Aufgabe. Wir wollten hier zeigen den begonnenen Umschwung im Lolksgeiste, in Kleidung und Sitte, in profanen und religiösen Gebräuchen; wir wollten in einem fragmentarischen Bilde andeuten, daß unsere Zeit zu den gcmüthvollcn und ruhig dahinfließenden alten Tagen in Hellem Coutraste steht, daß unser Leben immer mehr ins 'Materielle und Militärische, ins Aeußcrlichc und Nüchterne geht, und daß die Menschheit es nicht mehr liebt, sich in die gchcimnißvollen Tiefen der eigenen und der äußeren Natur und in die Räthsel der Geschichte zn versenken. Eine Zeit des Ucbergauges für das Volk, eine Zeit des Unterganges für Lcmdcssitte und Landssbrauch! Die alten Formen versinken in den verflachenden Wogen des rasch hereinbrechenden Modernismus, in dem fieberhaften Ringen und Hasten des Tages. Das christliche Volksleben nach seiner kirchlichen und anheimelnden Seite hin, das Leben in Familie nnd Gesellschaft, welches bis über die Mitte unseres Jahrhunderts, besonders in katholischen Bezirken, manches heilige Erbe aus vergangenen Zeiten herübergerettet hat, dieses von dem Duft religiöser Weihe übcrgosscne Leben, es geht unter in den großen Kämpfen nnd Fragen, in der nnrnhevollen Bewegung und dem hochentwickelten Verkehre der neuen Zeit. Die mit Dampseseile vorwärts drängende moderne Zeit hat nicht Muße, bei den Festen des Herdes und Altares, bei den religiösen ') Ueber „Christbaum oder Krippe?" siehe Dr. S- Brunncr, Moher? Wohin?" I. Bd., S. 51, nnd HanI- jakob, „Aus meiner Jugendzeit", S. INI. Feiern in Haus und Natur, bei Hcimath, Wiege und Grab sinnend stehen zn bleiben. Neue Gedanken beherrschen das Volk, neue Lebcns- gewohnhcitcn beginnen sich zu bilden, neue Formen und Gestalten steigen empor. Eine neue und flüchtige Zeit, die Zeit des Dampfes nnd der Elektrizität, ist angebrochen. Kaiserslautern. F. Norikns. Culturgeschichtliche Bilder aus Bayern. L. Die Gerichtsverhandlungen beim kurfürstlichen Pfleggericht Rcichenhall vom Jahre 1685-1799. (Fortsetzung.) Die Gewerbeordnung wurde auf's Strengste gchandhabt. — Ordnung, ein gewisses allgemeines Gefühl für Recht und Gerechtigkeit ist jener Zeit durchaus nicht abzusprechen; die bestehenden Existenzen sollten erhalten bleiben — onrmr euiguo —; Sentimentalität, Humanität im modernen Sinn, sowie das Princip der freien Con- currcnz kannte man nicht — vielleicht znm Vortheil einer gewissen Wohlhabenheit jener Zeitperiode. Der Meister konnte nur diejenigen Arbeiten verfertigen und feilbieten, wozu speciell die „Gerechtsame" auf seinem Hause lag, damit die Einzelnen genügendes Aus- und Fortkommen fänden: ein Schneider von Karlstein wird von seinen 2 Mitcollegen verklagt, „die Kauf- arbeit: als fuhrkitl, Hosen, Strimpf, lcibln und haud- schnch, so anders dem Schnciderhandwerk ungehöriges zu machen und damit zu handeln und ihnen dadurch Eintrag zu thun", worauf der Betreffende das gerichtliche Attest zugestellt erhielt, daß sonst kein „ Eichmeister" als die beiden Kläger derlei machen dürfe; das Aufnahme-Attest eines andern Schneiders von Karlstein anno 1699 verlangt, daß er „in allhicsiger Stadt (Rcichenhall) außer der chnrf. Offizier (Saliucnbcamtc) und was man ihm sonst in seine Wohnung hinaus und wieder hineintragt, weiter nichts arbeite, noch den Stallmeistern beschwerlich fallen solle." Der „Bürger und Pcck" Werspachcr beschwert sich über den Ober- und Scebachmüllcr, weil sie sich „unfncgsam anmaßen", dem' alten Herkommen zuwider „Kreizcrröckl zn pachcn" (Röckl, sogen. Laib! aus Naggenmchl), da sie doch bei ihren „Pachstciten" nur „Groschen- nnd Sechscrlaib" backen dürften. Der richterliche Entscheid spricht nun, da auch Zeugen bestätigen, daß diese „Krcizerröctl" nur „bei Haus" verkauft wurden und das „sogen. Protwübcrl nie kein anderes als Hallerbroth zum Verkauf herumgetragen", den „Gayiuüllcrn" nach churf. Polizeiorduung 4. Buch 8. tät. 9. uri. das Recht zu, „Rockcuprod zn pachcn" und „bei Haus" zu verkaufen, aber nicht in die Stadt zu bringen. Ja geradezu gezwungen wurde das Publikum nur bei Meistern des Pflcggcrichtsbezirkcs seine Bestellungen und Arbeiten machen zu lassen: der Glaser- meister von Rcichenhall. verklagt 1788 einen Bauer von Weißbach, das; er „nicht allein seine neuen Fenster bei ausländischen Glasern machen lasse", sondern noch dazu „andere Nachbarn aufhetze", ihre Glaser-arbeiten beim Glaser von Anger verfertigen zu lassen, wofür der. Angeklagte „wegen dieses brotschmcllcrutcn Unternehmens" gerichtlichen Verweis erhält und Strafe von 3 ßl dl. '-) Hallerbrod ist Brod aus Neichenhall. Rcichenhall heißt bei der Landbevölkerung noch heute „Halt". 309 Die Kurpfuscherei, welche diesem Kapitel beigefügt werden mutz, war selbstverständlich auch verboten. Georg Antoni Dopfer, Haus Michl Hubcr und Joseph Holl „sämmtlich vcrbnrgcrte Bader allste" klagen 1721 gegen den „rovclo. Waseniueister", weil er „ganz unbefucgt" sich angemaßt, „unterschiedliche Patienten anzunehmen und zu kurieren", weshalb Beklagter die Weisung bekommt, „sich der Laren und des Mcdizinircns hinfürdcrs zu enthalten", — scheint also auch seinen Mitmenschen von seinen Wascnilicistcr-Medizincn applizirt zu haben; 1701 aber klagt wegen Bcrufsbecinträchtignng der „Stattmcdicus, Ordinari Stattphysikus" vr. Franz Köstlcr selbst und mit ihm Shlvcst Pächler, Balthasar Naffler und Franz Dietrich, „die 3 Pader und Bürger" — gegen den damaligen Ueberreiter") und Visitierer Hans Ferst und seine „Ehcwirthin",. dclin diese „unterstehen sich, allerhand Gebrechen zu kurieren" und dadurch den Klägern „an ihrer Kunst und gelernten Handwerk Eintrag zu erzeigen", weßhalb sie bitten, daß wegen ihres „ohnedies schlecht Habenten Einkommens" dies nicht mehr geduldet werde. Acrgerlich, wie er gemacht wurde, gestand zwar der kicberreiter, daß er mit seiner Ehewirthin „cmriara", konnte aber die Bcmcrknng nicht unterdrücken, „sie curioian auch solche, welche bei den Klägern gleichsam nicht cmrirt werden »lögen" (können). Wohl mag das hohe Gericht heimlich gelächelt haben, öffentlich aber theilte es die Entrüstung der Kläger und verbok auch diese Euren unter der Androhung, die Sache im Wiederholungsfälle „nach München zu berichten", denn Beklagter sei als ein „Visitator" und nicht als ein „Arzt" angestellt, heißt der Entbeschcid, durch das kurieren aber „unterlasse er pflichtvergessen das churfürstl. Interesse" und „suche mit dergleichen Stimplcrchen nur seinen Privat Nutzen". Concessionen für neue Wirthschaften wurden sehr ungern und nur selten ertheilt aus Rücksicht für die bereits bestehenden und selbst der „Bcyzollncr von Ncu- weg" in dieser hochromantischen Lage — jetzt schlechtweg Manthänsl genannt — konnte im Jahre 1714 nicht durchsetzen, fremden Durchreisenden die Betrachtung der herrlichen Gegend und die Einladung zur Ruhe durch Imbiß und einen frischen Truuk Bieres noch angenehmer zu machen, obwohl er Bier eingelegt hatte, das aber nur „für die Arbeiter und Wcgmacher und für die alle Wochen dahin kommenden Herrn Zollbeamten" verzapfen durfte. Andere sollten sich nicht bei ihm laben dürfen. Aber so ab und zu ließ sich doch ein durstiger Kumpan nicht kurz wcgwciseu, besonders wenn er an dem Hnngtischcheu vor dem Hanse die Wcgmacher bei frischem Trnnke sitzen sah oder die Herren Zollbeamten in heiterer Gesellschaft. Dann mochte aber auch der „Bcyzollncr" nicht so hartherzig fein, denn 1717 wird er verklagt, daß er „alle Wochen 2 — 3 Eimer Bier verschleiße", weßhalb er I.T dl. Strafe zu bezahlen hatte und es ihm abermals unter Androhung höherer Strafe verboten wird. Ja noch 1788 erging an den „Wcgmcistcr von Ncutveg" aus Grund einer von den Wirthen der Nachbarschaft eingereichten abermaligen Klage wegen „Gewerbschmiillerung" der specisicirtc gerichtliche Auftrag, nur die bei „Holz Trift-, Wcgbcschäftigtcu oder Beamten und bei Unglücks- sällcu, Lahn re. oder einen von der Nacht übcrfallencu Fremden" beherbergen und für deren Pferde Futter ab- ") Ueberreiter, nach Schmeller der unmittelbare Aufseher, der einen Straßen-, Flur-, Forst- oder Jagdbezirk Überresten gebe» zu dürfen, außerdem aber sei ihm „alles Gastgcbeu, Auskochen, Pfcrdceinstcllen, Futtcrabgebeu" verboten; selbst wenn Gäste oder churf. Beamte bei „Waldrcisen" Spiel- leute mitbringen, sei das „aufmachen lassen" untersagt, wie auch Scheibenschießen bei ihm nur dann statthaben dürsten, wenn mit den umliegenden Wirthen vorher ein Ucbcrcinkommcn getroffen ist. — Für die Schönheiten der Natur hatte man überhaupt damals noch sehr wenig Verständniß und Geschmack. Tanz- und Concertmusik durfte ebenfalls nicht „unbefugter Weise" abgehalten werden, nnd daß der eine oder andere Gastgeber darin sich keine Ueberschreitnugen zu schulden kommen ließe, dafür sorgten seine Kollegen. Der Moserwirth in Fager wird 1704 verklagt, daß bei ihm „durch einquartierte Schallmcycr als Soldaten" unbefugter Weise „aufgemacht" nnd dazu getanzt werde nnd „auch andere Spicllcutc" öfters sich dort einfändcn; nnd 1705 abermals, daß nicht „durch rechte Spiellent" (also auch unter diesen keine Concurrcnz!), sondern „durch Anfgeigcn des Müllncr Gcörgcn in Seebach zum Tanz aufgemacht wirb". Moser gibt zwar an, er habe, als „die Schnchknccht" (Schnhmachcrgenoffeuschaft) bei ihm gezecht, nichts gewußt, daß sie heimlich um den „schlechten Geiger" in Scebach geschickt, und habe das „Aufmachen" nicht lange geduldet; erhält aber doch gcrichllichcn Verweis, was die Musik des „Müllncr Gcörgcn" eigentlich gar nicht werth war, denn die Protokolle sagen selbst, wie „die Schuchknccht unter seinen schlechten Geigen auf blossen 2 Saithcn zu tanzen angefangen". Aber nicht nur jedes Gemeinwesen — der Staat die Gemeinde, die Familie, die Zunft, die Genossenschaft rc. — sollte geschützt werden gegen schädliche Einflüsse von Außen und Innen, auch auf den Einzelnen wollte man einwirken, um ihn vor Verderben zu bewahren, vor Untergang zu schützen, seine zerrütteten Verhältnisse wieder zu rangiren: Äl. dst „hat man öfters verwiesen", heißt es im Tenor einer Verhandlung vom Jahre 1712, sich „des übermäßigen Sauffens" zu enthalten, weil er aber „mit exzessivem Fressen nnd Sauffen fortgefahren", wird er 2 Tage mit Wasser nnd Brod im Amtshaus bestraft „mit dem cxpresseu Auftrag", daß, wenn er nochmals „sich dieß kein Gewährung sein laßt", man ihn nicht nur „allhie in den Wirthshäusern öffentlich proclamieren", sondern auch „gestalten Dingen nach", gam „ins Zuchthaus München liffern" lassen werde, „woruach er sich zu richten waiß"; und 1740 wurde ein „Gaü- schustcrmeistcr" wegen seines „uneinigen Hausens Mt seinem Ehwcib" und „seines beständigen Sauffens" vor Gericht citirt, wo mau ihm aus Herz legt, „das Wirthshaus zu nieiden und dem Handwerk, sowie der Haus- wirthschast besser nachzukommen", eine Ermahnung, die allerdings auch gleich „1 Tag mit Wasser und Prot im AmbtShautz" zur Folge hatte. — Beide Ideen also, die Abschrecknngs- und die Vesscrnugsthcoric, durchdrängen die damaligen richterlichen Erkenntnisse. Die strengsten Strafen- und damit die größte Verachtung aller Vergehen, die wir in diesen Eerichtsproto- kollcn vorfinden, wurden gegen die „Lcichtförtigkcit" d. i. das Kapitel der unehelichen Kinder ausgesprochen. Die Protokolle selbst nennen diesen Fall, so oft er vorkommt, stets ein „Verkröchen", und je nachdem es ein „erstmaliges" oder „öftcrmaligs Verkröchen", war auch die Strafe milder oder höher, immer aber sehr empfindlich gegenüber den Strafen anderer Verbrechen oder-Vergehen, während eine besondere Verachtung noch dadurch 310 ausgedrückt wurde, das; gerade bei diesen Fällen und nur bei diesen die männliche Partei stets nur per Er titulirt wird oder auch per „Kerl", die weibliche aber per Sie. Der männliche Theil wurde fast immer höher bestraft wie der weibliche und das Strafgeld, das hieraus einging — sogen. „Ehebruchsstraffen", wurden zur Ausbauung des Thurmes der St. Egidinskirche verwendet. Die geringste Büste hicfür war 2 fl. 17 kr. 2 hl. nebst Freiheitsstrafen — „Fenknust im Ambtshanß bei Wasser und Prot", „Fenknust des Rentamts" —, oder Schandstrafen — „Geige und Schandsaull" —, oder Gerichtsvcrweisnng, Nentamtsverwcisung und Landesver- tveisnng. Ja sogar Ehclcnte wurden, wenn zu Tage trat, dast sie „vor der priestcrlichen Oopulation" sich mit „Leichtfertigkeit" vergangen, zwar der öffentlichen Schandstrafen „in ürvorem inntrinlonii" begeben, aber mit Frciheits- und Geldstrafe» noch belegt; so erhielt ein Ehemann aus diesem Grunde im Jahre 1689 acht und seine Frau fünf Tage mit Wasser und Brod im Amtshanse und dazu jedes noch 2 A Pf. — 4 fl. 14 kr. 2 hl. Geldstrafe, und im Jahre 1700 eine Frau bei der gleichen Veranlassung außer der gewöhnlichen Freiheits- und Geldstrafe noch eigens 1 S Pf. „um daß sie als ein Junk- fran an ihren Hochzcittag geprangt", d. h. einen Kranz getragen hat. Eine weitere Fürsorge für das Wohl des Ein' zelncu — dies Mal für seine Geldbörse — betraf die „Haltung zu hoher Hochzeiten". Es war nämlich jedem Stand eine Norm gegeben, eine Grenze gesetzt, wie viele Gäste er zu seinem Hochzcitsmcchle laden dürfe, worüber hinaus sowohl der Bräutigam wie der Wirth, in dessen Hause das Hochzeitsmahl gehalten wurde, für jede Person „zu viel" eine Geldstrafe zu bezahlen hatte, nur der fröhliche Gast „zu viel" hatte keinen Nachtheil davon, denn er hat, wie ein Zeuge sagt, dem Bräutigam „mit frciden das Mal einnehmen und vollcndten helfen". Die betreffenden Vorschriften hierüber sind sehr alt, denn 1576 schon werden die „Mandate" wegen zu großer „Hochzeiten" und „Kindlmahl" wieder eingeschärft, aber die Unterthanen schienen einen Stolz darein zu setzen, große Hochzeiten zu geben. Die beiden Schweiger hatten eine ausgedehnte Verwandtschaft und hatte jeder von ihnen, so bestätigt das Verh'örs- protokoll, „dessen Hochzeit nmb 3 Persohnen zu groß gehalten" und deswegen „Straff erlegt" auf jede Person 15 kr., „so hat man dem Würth Hans Pürchel bei deine solch Hochzeiten gehalten wurden zur Straff gezogen aus jede Persohn auch 15 kr." 1722 hielt der „churf. Salz- mayr Amts Trannsteinische Prnnnwartter zu Fager" ") seine Hochzeit um 10 Personen zu groß, „somit beede dahcro" (der Bräutigam und der Wirth zum Kaltl) „sammt ernstlichen Verweis bestrafst worden von jeder Person 30 kr. — 5 fl." Die Polizei — und wir haben im Laufe dieser Abhandlungen schon öfters Andeutungen gegeben — wurde überhaupt strenge gehandhabt, Reellität, Solidität und Ehrlichkeit von Allen gegen Alle gefordert, sogenannten „Polizei-Straffen" begegnen wir sehr oft in den Gcrichtsprotokollcn. Schon die Strafe im Allgemeinen „wegen Vorgeben einer 8. V. Unwahrheit" ist bezeichnend und war besonders für die Viktnalienpolizei, die übrigens strenge gehandhabt wurde, von großem Einfluß aus den . ") Die Bediensteten der sogen. „Brunnlcitung" (Soole- leitnng) Reichenhall-Traunstein standen unter dem Salz- mairamt Traunstein. thatsächlichen Werth der Kaufsobjekte: ein Bauer „sucht" im Jahre 1746 „dir obrigkeitliche Hand", wie der Ausdruck heißt, weil er eine Kälberkuh, die in der That nur 8 fl. werth war, um 23 fl. kaufte, da sie „der Verkäufer zu viel gelobt". — Auch bei Ncbervortheilungen im Pferdskanf konnte man gerichtliche Hilfe in Anspruch nehmen: ein Salz-Karuer kauft um 95 fl. „ein groß liechtpranne Stuckten", die aber „nit Kaufmanns Guck" gewesen, da sie „reyzig" (rotzig) war; westhalb der Kläger auf Gutachten des „rosto Wasenmeistcr" und eines zweiten Sachverständige», der sich „mit lauter Noß- nnd andere Vich-Churen erhält", eine „gerechtfertigte" Attcstaiion erhielt, um sich derselben gegen den Verkäufer „in allweg zu bedienen", — denn der sachverständige Wasenmeistcr depouirte, daß dem Pferde die „halb Lungl schon ausgeruuncn". Eine hieher gehörige Verhandlung über „nnbe» fuegtes Bischen" berichtet uns die nicht uninteressante Thatsache, daß zu Anfang des vorigen Jahrhunderts hie zu Lande der Biber noch keine Seltenheit war, denn 1712 bringt der „Vorstcr"") von Rnhpolding beim Pfleggericht Neichenhall zur Anzeige, daß „Fischpächter zum andermall einen Biber mit einem Fischnetz gefangen", wobei die Pächter allerdings bcma, tiäo gehandelt haben mochten, denn sie wußten nicht, sagen sie, „dast der Biber zur Jägerei gehöre", während nun das Pfleggericht dahin entschied, daß „künftig kein Fischer mehr keinen Biber fangen" dürfe. Soviel uns bekannt, ist die Streitfrage in unserer Zeit wieder neuerdings aufgeworfen worden. Man hatte dann ein Hauptaugenmerk gerichtet aus Verleitgabe guter, reingchaltener und preiswerther Vik- tualien: schon 1706 wird ein Händler verklagt „wegen 2 reäv. abgethaner Küe, welchen der Magen abge- pronncn," die dann aber dennoch „ins Haus, somit zur Speis gebracht" wurden; 1793 verklagen ferners drei „auf Cordon" zu Melkest liegende Knirassiere den dortigen Wirth Franz Eder wegen „schlechter Bierverleitnug", aber Eder erklärt, daß der Knirassiere „Unwohlsein" nicht von dem schlechten, sondern von dem vielen Biere herrühre, das sie getrunken, westhalb er den gerichtlichen Auftrag erhielt, „nie mehr so übermäßig Bier einem Dienstmann zu geben", denn die Wackeren vertilgten „auf einem Sitz 40 Maß", wie cS heißt. Dort also war noch tiefster Friede! In weiterer Verfolgung dieser polizeilichen Fürsorge für das Publikum finden wir dann verschiedene in regelmäßigen Zwischeuräumen wiederkehrende Visitationen angeordnet, welche es uugemein genau nehmen, so die „Mühlvisitationcn". 1685 wird bei einer „Mühl- beschan" ein Müller um 1 fl. 8 kr. 4 hl. bestraft, weil „ein kleins Löchl im Pcitlsäckl erfundten und wegen nit juster Schaidewage"; „2 schmöühent: oder taigige Peitl- kasten gesandten", wurden bei einer andern Beschau; und „wegen vor der Will mangelnten Fnßwisch und Spirm- geweb in der Mühl" heißt ein hieher gehöriger Betreff; 1698 wurden „Millvisitationen" vorgenommen am 17. Juli und am 10. Oktober durch den „Millgrafcn" und den „Amtmann" (Gerichtsdiener). Wetters finden wir die Feuerpolizei streng ge- ''0 Die Reviere um Neichenhall gehörten damals zum Forstamte Rnhpolding, dessen Vorstand den Titel „Förster" führte, wahrend die Vorstände der dem Forstamt unterstellten Reviere „Forstknechte" hießen, z. B. der „Forstknecht von Karlstein. t 311 übt, Feuer beschau findet fast ebenso oft statt, als sich die „Na uchfang st raffen" wiederholen: 169!) findet die F-cuerbeschan in einem Hanse „einen ziemlich unsauber» Nauchfaug" und in der Stube „die Span zu nachet beim Ofen"; „wegen priinnens wordenen Ranch- fang" hatte ein Pflcggcrichtsunterthan 1 K dl. zn bezahlen, und ein Anderer 4 ß dl., weil die „Dcixprigel ober den Herd" und die „Span anfin Ofen" lagen; „Tobacthpfclsfen mit Tobackranchcn im Maul habcnt im Traidstadl" - 17 kr. Strafe. (Schluß folgt.) Historische Commission bei der kgl. bayerischen Akademie der Wissenschaften. (Bericht des Sekretariats.) München im Juli 1897. Die 38. Plcnarverfamm- lnng der historischen Commission hat am 11. und 12. Juni stattgefunden. Der nach dem Tod des Wirklichen Geheimen Raths von Snbel von der Commission in der vorigen Plcnarversammlung gewählte und von S. K. H. dem Prinz-Regenten ernannte Vorstand der Commission, der Wirkliche Geheime Rath von Arncth Excellenz aus Wien, leitete die Verhandlungen. Seit der letzten Plcnarversammlung im Mai 1896 find folgende Publikationen durch die Commission erfolgt: 1. Allgemeine deutsche Biographie. Band XI-I, Lieferung 2—6. Band XI-II, Lieferung 1—3. 2. Chroniken der deutschen Städte. Band XXV, Band V der schwäbischen Städte: Augsburg. 3. Die Recesse und andere Akten der Hansetage 1256-1430. Band VIII. (Schlußband.) Die Hansc-Necessc, welche einst von der Commission auf Lappenbcrgs Vorschlag in erster Reihe unter ihre Unternehmungen aufgenommen worden waren, sind damit von Dr. Koppmann, den nach Juughans' frühem Tod noch Lappcnberg im Jahre 1865 zum Herausgeber bestimmt hatte, zum glücklichen Ende gebracht morden. Auch die Chroniken der deutschen Städte, unter der Leitung des Geheimen Raths von Hegel, nähern sich dem Abschluß. Als 26. Band soll ein zweiter Band der Magdeburger Chroniken erscheinen, für welchen der Bearbeiter. Stadtarchivar Dr. Äittmar in Magdeburg, das Manuskript bereits im Laufe der nächsten Wochen einzuliefern versprochen hat. Der erste Band, Band 7 der ganzen Reihe, hatte die Magdeburger Schöffcuchronik, bearbeitet von Janike, gebracht. Für den zweiten Band ist die hochdeutsche Fortsetzung dieser Chronik bis 1566 und die Chronik des Georg Blitz 1467—1551 bestimmt. Als vorläufiger Schluß des ganzen Unternehmens, nämlich als Band 27, ist ein zweiter Band der Lübecker Chroniken in Aussicht genommen, welchen Dr. Koppmann, sobald er die nöthige Muße gewinnt, bearbeiten will. Voll den Jahrbüchern des deutschen Reichs unter Friedrich II. wird in der allernächsten Zeit der zweite Band veröffentlicht werden, der die Jahre 1228—1233. im Manuskript vom Geheimen Hofrath Winkclmann hinterlassen, umfaßt. Auf eine Fortsetzung lind Vollendung dieser Arbeit ist eine bestimmte Aussicht noch nicht vorhanden. Für die Jahrbücher des Reichs unter Otto II. und Otto 111- ist Dr. Uhlirz mit der Bearbeitung des gesammelten Stoffs, für die Zeit Friedrichs I. Dr. Simoüs- scld noch mit der Sammlung des Stoffes beschäftigt, Professor Mc»er von Knonan arbeitet unausgesetzt am dritten Band der Jahrbücher des Reichs unter Heinrich IV. und Heinrich V. Betreffend die Geschichte der Wissenschaften in Deutschland ist das für dieses Jahr erhoffte Erscheinen der Geschichte der Geologie und Paläontologie von dem Geheimen Rath von Zittel auf das nächste Jahr verschoben worden, weil die Schwierigkeit der Bewältigung der für die Geschichte des 19. Jahrhunderts vorliegenden Literatur sich als allzngroß erwies. Die Mlgemeine deutsche Biographie, unter der Leitung des Freiherr» von Liliencrou lind des Geheimen Raths Wegele, ist in diesem Jahr in außerordentlicher > Weile in ihrem Fortgang ausgehalten worden, zuerst ' durch den Tod voll Sybcls, der den Artikel „Kaiser Wilhelm I." übernommen hatte, dann durch den Eintritt des neuen Autors. Professors Erich MarckS in Leipzig, zuletzt durch das Zusammentreffen der Ausarbeitung dieses "Artikels mit der Centcnarfeier und der durch dieselbe hervorgerufenen zahlreichen Literatur. Die Rcichstagsakteu der älteren Serie stehen am 10. und II. Band. Es hat sich die Zweckmäßigkeit einer Theilung der Kaiscrzeit Sigmunds (Mitte 1433 bis Ende 1437) in zivei Bände herausgestellt. Der 11. Band soll bis zur Mitte des Jahres 1435 reichen. Die Drucklegung ist von Dr. Veckmann bis zum 43. Bogen geführt worden. Das Erscheinen des Bandes kann für den Herbst dieses Jahres in Aussicht gestellt werden. Der Druck des 12. Bandes soll dann sofort sich anschließen. Während des Jahres hat vr. Beckmauu kleine Lücken des Materials sowohl aus Münchener, ivie aus den von Baris, Basel, Nördlingcn, Köln eingesandten Archivalien, sodann durch eine kurze Reise nach Nürnberg ausgefüllt. Der Stand der Arbeiten für den 10. Band ist welliger befriedigend. Doch darf erwartet werden, daß mit dem Druck desselben begonnen werden kann, sobald der Druck des II. Bandes beendigt sein wird. Dr. Herre hat sich entschließen müssen, seine eingehenden lind außerordentlich lange Zeit in Anspruch nehmenden Forschungen über die Vorgeschichte dcS Romzugs Sigmunds nicht, wie beabsichtigt war, in die Einleitung des Bandes aufzunehmen, sondern in einer besonderen Abhandlung zu veröffentlichen und in der Einleitung nur kurz deren Ergebniß mitzutheilen. Die Akten zur Vorgeschichte des Romznges können nicht nach Reichstagen geordnet werden; sie erscheinen vielmehr in zwei Abtheilungen: I. Nomzugs-Ver- handlungen vom Herbst 1427 bis zum Sommer 1128. 2. Verhandlungen von 1431 bis zum Allsbruch dcS Kaisers von Feldkirch nach Mailand. Für reichlich 400 selbst- stäudige Nummern ist die Tcxtrcceusion fast abgeschlossen; kleine Nachträge werden theils brieflich, theils aus einer Reise nach Wien zu erledigen sein. Auch das Material zu den Anmerkungen ist zum größeren Theil bereits gesichtet. Eine nicht unwesentliche Schwierigkeit für die Schlnßredaction des Bandes, die große Zahl undatirter Stücke, die sich auf die Concilsfragc beziehen, konnte durch Benutzung eines inzwischen pnblicirten Pariser Codex (Protokoll Bruncts) in der Hauptsache gehoben werden. Benutzt wurden im ablausenden Jahre besonders das Münchener Reichsarchiv, Handschriften aus den Bibliotheken voll Paris, München, Knes an der Mosel, Heidelberg und Dresden, und Akten aus dem Nürnberger Kreisarchiv. Anfragen in den römische» Archiven und Bibliotheken wurden in dankenswcrther Weise durchs Dr. Schcllhaß in Rom erledigt. Für die Neichstagsaktcn der Reformationszeit sind die Arbeiten wie bisher von Dr. Wrcde mit Unterstützung von Dr. Beruays fortgeführt worden. Das Material für den dritten Band ist vervollständigt worden aus Akten von Köln, Nürnberg, Frankfurt, Karlsruhe und Würzburg: einige bisher noch zurückgestellte Stücke, wie die große Äcschwcrdeschrift der Grafen und Herren vom Ende 1522, wurden abgeschrieben; aus dein Mainzer Erz- kauzler-Archiv in Wien wurden Abschriften erbeten und geliefert. Hiermit ist dieser Theil der Arbeit für den dritten Band vollendet. Daneben ist bereits ein großer Theil des Manuskripts fertig gestellt: die Akten des Ncgnuents-Reichstags zu Nürnberg vom Frühling 1522 und von dem zweiten Nürnberger Reichstag die Verhandlungen über die Religionssache, die Gravamiua, die Verhandlungen der Stände mit den Städten, die Zollordnung und zum größten Theil die Verhandlungen mit der Ritterschaft: zusammen etwa die kleinere Hälfte des Bandes. Im nächsten Jahr soll das Manuskript ganz oder bis auf einen geringen Rest vollendet sein und dann mit dem Druck des dritten Bandes begonnen werden. Von der im vorigen Jahre beabsichtigten Collation- iruug der vorliegenden Abschriften der Berichte des Chnr- sächsischen Reichstagsgesandtcu Hans von der Planitz mit den Originalen im Weimarer Archiv konnte abgcsepen werden, da diese Planitz-Bcrichtc von der Kgl. Sächsischen Commission für Geschichte selbststäudig und vollständig veröffentlicht werden sollen. Die Neichstagsaktcn werden sich deßhalb auf kurze Auszüge beschränken können, und diese Entlastung wird es möglich machen, mit dem dritten S12 Band bis Zinn Beginn des dritten Nürnberger Reichstags zu gelangen. Die ältere Bayerische Abtheilung der Wittelsbachcr- Corrcspondenzen unter Leitung des Professors Lassen wird demnächst zum Abschluß kommen. Von den durch Dr. Goeh bearbeiteten „Beiträgen zur Geschichte Herzog Albrechts V. und des Landsberger Bundes" sind 48 Bogen gedruckt, die bis zum Ende des Jahres 1570 reichen. Nur noch 10 bis 12 Bogen sind zu drucken. Die ältere Pfälzische Abtheilung der Wittelsbacher Korrespondenzen konnte auch in diesem Jahr keinen Fortgang gewinnen, da der Herausgeber, Professor v. Bezold, von der Vollendung der Briefe des Pfalzgrafen Johann Casimir neuerdings durch seine Berufung an dre Universität Bonn abgehalten wurde. Derselbe hofft nun, in den nächsten Ferien die bisher aufgeschobene Forschungsreise nach Kopenhagen ausführen zu können. Die Arbeiten der jüngeren Bayerischen und Pfälzischen Abtheilung der Wittelsbachcr-Correspondenzen unter Leitung des Professors Stieve waren in gleicher Weise wie früher in erfreulicher Entwicklung begriffen. Nur war Professor Stieve selber, durch die nämlrchen Gründe wie im vorhergehenden Jahr, au der gewohnten Mitarbeit gehindert: er wird voraussichtlich erst im Frühling 1893 an die Herausgabe des 7. Bands der Briese und Akten gehen können. Dr. Chroust war zunächst mit einer Nachlese in den Münchener Archiven beschäftigt. Im Staatsarchiv fand er. Dank den hilfreichen Bemühungen des Gehcimsekretärs Herrn Dr. Werner, Pfalz-Ncubnrger Akten, die über den Streit um die Churpsälzer Administration (1610—1614) sowie über den Jülicher Streit werthvolle Aufschlüsse gewährten, und bayerische Akten von großer Bedeutung für die Geschichte des Passaner Kriegsvolks und den Streit Herzog Maximilians mit Erzbischof Wolf Dietrich von Salzburg. In der Absicht, für die Lücken in den Münchener Churpfälzischcn Unionsakten eine Ergänzung zu finden, reiste vr. Chroust im Oktober 1896 nach Stuttgart, wo die Württcmbergischen Unionsakten sich fanden, die, soweit sie den Jahren 1011 bis 1613 angehören, nach München gesandt und dort ausgearbeitet wurden. In Karlsruhe fanden sich Pfalz-Neuburgische Akten über den Administratiousstreit mit Chnrvfalz und über das Rcichs- vicariat von 1612, die ebenfalls nach München geschickt wurden. In Innsbruck gewährten die Akten über Erzherzog Maximilians bekannte lebhafte Thätigkeit im Hausstreit und in der Snccessionsfrage so reiche Ausbeute, daß der Forscher sich zunächst auf das Jahr 1611 beschränken mußte. Leider ist der auf die Kaiserwahl bezügliche „Successionsfascikel" spurlos verschwunden. Die Ostcrfericn widmete Dr. Chroust in Wien hauptsächlich dem Finanzarchiv, dessen überaus umfangreiche Akten neben einer Menge werthvoller Nachrichten über Persönlichkeiten ein Bild von der Finanzgebahrnng des Hofes, der Zerrüttung des Geldwesens und von dem Verhältniß der beiden Neichspfennigämter zur Hofkammer gewährten. Der Güte des Direktors des Kriegsarchivs, des Feldmarschall - Lieutenants von Weher, wurden Abschriften von wichtigen Akten über die Schulden des Kaisers und die Leistungen der Reichsstände zum Türkenkrieg verdankt. Die Commission hat nicht versäumt, Sr. Excellenz den schuldigen ehrerbietigen Dank auszusprechen. Die Hofzahlamtsrechnungeu fanden sich auf der Hofbibliothek. Im begonnenen Jahr hat vr. Chroust vor, außer einem Rest der Akten des Münchener Staatsarchivs, die schon früher in Arbeit genommenen Ansbacher Akten des Berliner Staatsarchivs auszuarbeiten, dann an die Papiere Christians von Anhalt in Zcrbst und die Chursächsischen Akte» zu gehen. Wenn die Jnnsbrncker Akten nicht verschickt werden, so muß er einen zweiten Besuch dort machen. Alsdann wird, nach Durchsicht der Stadtarchive von Ulm und Nürnberg, der Stoss für den ersten von ihm herauszugebenden Band, der die Jahre 1611 und 1612 umfassen soll, vollständig vorliegen. vr. Mayr - Deisinger arbeitete im Herbst 6 Wochen in Wien. Dort sah er im Geheimen Staatsarchiv die sogenannte „Große Correspoudenz" durch, die außer dem Briefwechsel verschiedener Beamten und insbesondere des Kardinals Dietrichstein auch den Rest eines sehr regen Briefwechsels zwischen dem Herzog Maximilian und dem kaiserlichen Botschafter zu Madrid, Khevenhüller, 1618 bis 1620, enthält. Ferner sehte er die Bearbeitung der schon 1895 in Angriff genommenen Serie „Bohemica" fort, die unter anderm werthvolle Gutachten von Reichs- Hofräthen über die Maßnahmen des Kaisers gegen Friedrich V. von der Pfalz und vertrauliche Berichte über die Zustünde in Prag und Böhmen lieferte. Er mußte abbrechen, nm die ebenfalls schon 1895 begonnene Durchsicht der „Hofkammer-Aktcn" im Finanzarchiv abzuschließen, die für die Jahre 1618—1620 ein ebenso klägliches Bild von dem kaiserlichen Finanz-Elend ergaben, wie für die von vr. Chroust bearbeitete Zeit. In München beendete vr. Mayr die Bearbeitung der Dresdener Archivalien. Im Staatsarchive stellte auch ihm die Sorgfalt des Herrn GeheimsekretärS vr. Werner viele unbenutzte Fascikel zu Gebote: darunter befand sich ein Theil der so lang vergeblich gesuchten Akten, die nach der Eroberung Heidelbergs nach München gebracht wurden, dann die Verhandlungen, die im Juni 1620 zu Ulm mit den Unirten gepflogen wurden, der Briefwechsel Herzog Maximilians mit Buguoy aus der Zeit des böhmischen Feldzugs, ein umfangreiche» Briefwechsel Maximilians mit Erzherzog Albrecht und eine Menge Uuionsakten. Im neuen Jähr wird vr. Mayr nochmals nach Wien reisen und auch das Jnnsbrncker Archiv besuchen müssen. Er hofft die Stoffsammlung im Laufe des Jahres abschließen zu tonnen. vr. Altmann hat seine auf die bayerische Politik der Jahre 1627—1630 gerichteten Studien fortgesetzt. Einen Theil der Ergebnisse will er in einer Abhandlung über das Verhältniß Maximilians zu Wallcnstein veröffentlichen. vr. Hopfen ist gegenwärtig in Italien, um in Florenz und Rom zu arbeiten, und wird dann nach München und Wien gehen. Im Laufe des Jahres ist noch ein anderer Arbeiter, Herr Alois Müller, in ein ähnliches Verhältniß wie die beiden Genannten zur Commission getreten und wird unter gefälliger Anleitung des vr. Chroust sich zunächst mit den Akten des Jülicher Streits vom Jahre 1614 b» schäftigeu. _ Recensionen nnd Notizen. Lejo XIII. und der hl. Thomas von Aguin. Von k. LlaK. ,1. V. <1 s 6 rc> o t, 0. vrascl., Professor der thomistischen Philosophie an der Universität Amsterdam. Antorisirte Uebersehung von vr. B. I. Fuß. Mit bifchösl. Druckgenehmigung. Negensburg 1897. Nationale Vcrlagsanstalt. 8", S. 67. Das päpstliche Rundschreiben „^.Storni Uatrio" verherrlichte den Englischen Lehrer als eine Lebcnsguelle für Kirche nnd Gesellschaft, für Kunst und Wissenschaft. Die dadurch hervorgerufene thömistische Bewegung zog immer weitere Kreise. Zu noch besserem Verständniß des päpstlichen Winkes und so zn noch zahlreicherer und entschiedenerer Heeresfolge des Agninatcn will unser Schrift- chen beitragen. Dazu wird der wahre Sinn nnd die Bedeutung der thomistischen Bewegung erklärt und die Haupteinwände widerlegt. Welches ist das Streben des Papstes — wie entspricht St. Thomas diesem Streben, wenn wir sein Ansehen in der katholischen Kirche, — die Beziehung zwischen seiner Lehre und dem „modernen Denken", — seinen Einfluß auf die Wiederbelebung der christlichen Gesellschaft betrachten? Diese Fragen werden in wissenschaftlich-populärer Sprache eingehend beantwortet. Die ganze Darstellung durchweht der Hauch edler Begeisterung, wohl geeignet, auch die Leser zu begeistern für das erhabene Endziel des päpstlichen Erlasses, durch die wahre Weisheit und die glänzenden Tugenden des Agniuaten die irrende und sittlich verarmte Welt für die göttliche Weisheit und Liebe wiederzugewinnen. Dem trefflichen Original entspricht die treffliche Uebersehung. Nur hätten wir die vielen fremdsprachigen Citate im Texte selbst in gewandter deutscher Uebersehung, deren Originaltext aber als Anmerkungen gewünscht, wie es bei den lateinischen Citaten auch fast durchweg geschehen ist. Dem ausgezeichneten Schriftchen selbst wünschen wir weiteste Verbreitung. Vera ntw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druckn. Verlag des Lit. Instituts von Haas LGrabherrin Augsburg. l kür. 45° 7. Aug. 1897. 8 - Em Urtheil über derr Protestantismus. ll. 8. Zu dem hochgelehrten, bis jetzt auf zwei stattliche Bände gedichenen Werke des Präger Universitüts- professors Dr. Otto Willmann „Geschichte des Idealismus" (Braunschweig, Bicweg u. Sohn, 1896) finden wir Band II, 574 ein Urtheil über die „evangelische" Kirche, das wir der Oeffentlichkeit unterbreiten möchten. Der Gelehrte schreibt dort im Anschluß an die „Verdienste" des „Reformators" Wycleff um die Philosophie: Der Protestantismus kehrt auf allen Gebieten seine Spitze gegen die Mittelglieder. Er will auf der Bibel fußen, aber er verwirft die Autorität der Kirche, welche insofern vermittelnd zwischen den einzelnen Gläubigen und der Schrift steht, als sie die Glanbcnssubstanz auf Grund dieser fixirt und mit der lebendigen Tradition umkleidet; er will am Christenglauben festhalten, aber nennt alles, was aus diesem organisch im geschichtlichen Leben der Kirche erwachsen ist, hinzngekommenes Menschenwerk; er sucht in der gläubigen Gesinnung die christliche Vollkommenheit, verwirft aber die Werke und die mit ihnen zusammenhängende äußere Gestalt, welche sich jene Gesinnung gegeben hat und welche die Vermittelung ihrer immer neuen Erzeugung bildet; er will die apostolische Christengemeinde erneuern, indem er die historischen Vermittelungen überspringt, durch welche die Gegenwart mit der Vergangenheit zusammenhängt; er will die christliche Gemeinde, aber er schreckt davor zurück, ihr Princip als Gesetz zu fassen; er fordert die Nachfolge Christi, aber er verwirft die Vorbilder des Wandels, welche uns die Heiligen, diese lebendigen Früchte der Erlösung, vorzeichnen; seine Theologie ist wesentlich Schrifterklärnng, aber es ist ihr verwehrt, autoritative Erklärungen aufzustellen; sie geht auf den Offenbarnngsgehalt der Schrift aus, aber sie läßt deren Weisheitsgehalt, der das Bindeglied zwischen ihr und der Theologie-bildet, ungenutzt. Mit dieser Verwerfung der Mittelglieder ist aber eine Abwendung von der idealen Grund- anschauung gegeben; die Begriffe des Gesetzes, des Vorbildes, der organischen Ausweichung sind, wenn sie auf dem Gebiete des Glaubens preisgegeben werden, auch für die Speculation verloren. Man pflegt nun zwar Luther einen Idealisten zu nennen, weil er eine unsichtbare Kirche an Stelle der sichtbaren gesetzt und den Realismus der Werkheiligkeit bekämpft habe; aber es ist nicht jede Ansicht Idealismus, welche die Wirklichkeit überfliegt und das Innere dem Aeußern gegenüber stellt. Die ideale Weltanschauung beruht darauf, daß, wie ihr Name es sagt, die Welt ideal angeschaut wird, also im Sichtbaren das Unsichtbare erkannt, in der Auswirkung das Gedankliche verfolgt, das Außen durchsichtig gemacht wird für das Innen. Der Idealismus überfliegt aber nicht das Reale und snbjectivirt nicht das Aenßere, sondern läßt sich durch die Dinge zum Jntellegiblen in ihnen und über ihnen leiten und kann darum ebensogut Realismus heißen. Der aus der Weisheit der Schrift erwachsene Idealismus kennt die Gefahren jenes Ueber- fliegens und dieses Subjektivirens, die zu monistischen und nominalistischen Ansichten führen müssen. Nur bei ihm sind die idealen Principien, als bei ihrem berufenen Hüter, hinterlegt. Von einem andern Gesichtspunkte aus schreibt Will- mann später (y. 633) weiter: Die mannigfachste Forderung erhielt die nomlnalist- ische Gesellschaftsauffassung durch den Protestantismus. Zwar drängten die theologischen Fragen, welche die Glanbensnenernng in den Vordergrund stellte, das politische und sociale Interesse zurück, aber der Umsturz der alten Ordnung machte es unerläßlich, auf Principien für eine neue Bedacht zu nehmen. Von Luther selbst sagt Erdmann („Grundriß der Philosophie"): „Der mystische Zug in seinem Wesen läßt ihn oft diese Fragen, als den äußern Menschen betreffend, in einer Weise behandeln, die es erklärlich machte, daß der wcltverachtende Jacob Böhme so vieles ihm entlehnen konnte, und wieder läßt der tiefe Respekt vor der von Gott eingesetzten Obrigkeit ihn Aeußerungen thun, welche Staatsvergöttcrer mit Freuden citirt haben; dies ist einmal das Loos in sich reicher Naturen, die nicht Eines sind, sondern viel." Der Widerspruch liegt nun nicht in dem Ueberreichthnm der Naturen, sondern in der Sache: der Abfall von der Kirche war ein Akt des Individualismus, der sich über jede menschliche Gemeinschaft hinaussetzte, dagegen der Kampf mit der Kirche machte die Bundesgenosscnschaft des ihr entfremdeten Staates nöthig; ein und dieselbe That war die Quelle der Staatsvcrachtnug und der Staatsvergötternng. Mit der Zerstörung des christlichen Rechtes mußten alle Rechtsbegriffe ins Schwanken kommen. Wie die Neuerer stenerlos auf den Wogen der Zeit trieben, zeigt Melanchthon: „Er stellte 1523 den Grundsatz auf, daß der Fürst seine Gewalt vom Volke habe, und daß er gegen den Willen seiner Landschaft nichts unternehmen dürfe; freilich im Angesichte der Schrecknisse des Bauernkrieges neigte er sich wieder mehr zur Theorie von dem unbedingten Gehorsam gegen die Obrigkeit, gab aber diese später wieder auf, durch bittere Erfahrungen über die Nichtigkeit der Behauptung von der fürstlichen Uutrüglichkeit zur Genüge aufgeklärt." (Kaltenborn, Die Vorläufer des H. Grotius, 1848, p. 216.) Von den beiden Grundformen, in denen die Glaubcns- neuerung im XVI. Jahrhundert auftritt, bringt der Calvinismus mehr das individualistische Element zur Geltung, während das Lutherthum und der ihm nahestehende Anglikanismns mehr das Staatskirchenthnm entwickelt. Die Theorie vom „Gesellschaftsvertrag" (Rousseau) ist calvinistischcn Ursprungs, der „Lcviathan" (Hobbes) ein Erzeugniß der andern Denkweise, beides Hauptleistnngen der nominalistischen Gesellschaftslehre dieser Richtung. Das Materialprincip des Protestantismus, dke Lehre, daß der Glaube allein selig macht, verweist die Werke, das Gesetz, die Lebensordnung in die Sphäre des rein Aeußerlichen; es löst den innern Zusammenhang von Religion und Sittlichkeit und schneidet der Socialethik den Nerv durch. Mit der Leugnnng des Gesetzes Christi und der Kirche schwindet auch das Verständniß für die Vollendung des alttestamentlichen Gesetzes durch das Evangelium; bei dieser saxuratio Isgis ob evauAetü bleibt als Basis des Rechts der Dekalog allein übrig; die Gesellschaftslehre wird angewiesen, ihre Principien aus der Vorhalle und den Außenwerken des Glaubens zu entnehmen. — Nicht minder tief schneidet das Formal Princip des Protestantismus ein: die Lehre von der Sufficienz der Schrift und die Verwerfung der Tradition. Mit der letzteren fällt zugleich die Geschichte der Kirche uud das christliche Ethos: die 314 Ethik verliert damit ihre organische Geschlossenheit. „Ihr Inhalt besteht nun bloß aus Geboten über die isolirten Handlungen der Einzelnen." (Stahl, Geschichte der Rechtsphilosophie III. Anst. p. 123.) Die Verkeunnng des organischen Charakters der Kirche sührt zu jenem Eifern gegen das „Menschcn- wcrk" in ihr, und unvermeidlich wird daunt auch das „Menschenwerk" außer ihr, die positive Gesetzgebung, herabgesetzt. Bei Luthers Lehre, daß der Mensch ganz und gar verderbt ist, toius irmlus, müssen ja auch seine Schöpfungen für nichtsnutzig gelten; bei seiner Behauptung von der Unfreiheit des Willens, sorvum arbitrium, müssen die Gebilde der sittlichen Welt zum Range von Naturprodukten Herabsinken. Walther von der Vogelweide. . Her >Valtber von äsr VvAsUvsiäe, swer äos verMe^s äer tuet mir Isirls. (Herr Walther von der Vogelweide — wer deß vergäße, der that' nur leide.) Hug v. Trimberg. sl. Lein. „Walther von der Vogelweide mutz als Klassiker deutscher Poesie gelten. Erst. Goethe hat die Weise wieder gefunden, in der einst Walther gesungen hatte, und über die Fluth der Zeiten spannt sich die Brücke von dem einen zum andern, von dem größten deutschen Lyriker der neuen Zeit zu dem größten der alten, der auch, wer immer noch kommen möge» einer der ersten Dichter unseres Volkes bleiben wird." Mit diesen Worten charakterisirt A. Schönbach in seinem vortrefflichen Büchlein „Walther von der Vogelweide" (Dresden 1890, 2. Auflage 1896) diesen Dichterstern erster Größe für alle Zeiten. „Er M der einzige deutsche Dichter des Mittelalters, der uns an sich heranzieht und über die Jahrhunderte weg zu uns spricht, dessen Leid und Freude wir mit ihm durchleben, der uns mitreißt in seiner Begeisterung und die Kraft seines hochbeschwingten Idealismus auch in unsere Herzen flößt." Diesen Mann, dessen Lieder der niederen Minne, den schönsten Ausdruck der Empfindung, dessen die Sprache damals fähig war, der Gegenwart, unseren Lesern etwas näher zu rücken, ist der Zweck nachstehender Zeilen; wir folgen bei unseren Ausführungen neben dem oben angegebenen Werke demjenigen von Hermann Paul „Die Gedichte Walthers von der Vogelweide" (2. Anst. 1895), Willmanns „Walther von der Vogelweide" (2. Anfl. 1883) und Fässer „Walther von der.Vogelweide" (1885). Der „Aufklärung" war das Mittelalter der . tiefe, düstere Abgrund, in welchem sich die Cultur des klassischen Alterthums bei ihrem Sturze begraben hatte, und aus welchem die Menschheit nur mühsam wieder zum Lichte emporklomm. „Mittelalterlich" und „albern, unwissend, beschränkt", das sind für den Sprachgebrauch der Aufklärung gleichbedeutende Wörter; wenngleich irgend eine Thorheit ganz jung und neu war, so wurde sie als mittelalterlich abgestempelt und in der Raritätenkammer des Aberwitzes im „Mittelalter" aufbewahrt. Auch dein modernen Urtheil über das Mittelaltcr fehlt es, trotz der fast vollständigen Erschöpfung der Quellen, durchaus an Klärung. Dem großen Publikum der Gebildeten ist es noch immer die finstere Zeit des Faustrechts, der Fcndal- gewglt, der Ketzergerichte und neuerdings der Judenverfolgungen. Weiter pflegt man im allgemeinen wenig von ihm zn wissen. Hat es doch vor etlichen Jahren ein Nector der ersten deutschen Universität über sich gebracht, in feierlicher Rede zn behaupten, das christliche Mittelalter sei „die Zeit tiefer Erniedrigung der Menschheit". Wahrlich, es gedeihen manche Früchte einer reichen Geistesthätigkeit und methodischer Forschung, aber auch erstaunlicher Bornirtheit im Schatten der akademischen Hallen! In manchen Lehrbüchern der Weltgeschichte wimmelt es von Angriffen auf das abergläubische Mittclalter; dieses ist aber für sie eine Empfehlung.. Einzelne Forscher streben selbst in den germanischen Studien darnach, das geistige Vermögen der Deutschen alter Zeit möglichst niedrig einzuschätzen, wie es zn ihrer Vorstellung von der Barbarei dieser Epoche sich schickt. Dabei hilft noch ein anderes: sehr viele deutsche Protestanten mit Durch- schnittsbildnng, überzeugt von der geistigen Jnferioritüt ihrer katholischen Zeitgenossen, können sich diese, sofern sie gläubig sind, nur als Dummköpfe vorstellen oder als unehrliche Heuchler, verkappte Freidenker und Atheisten. Das beeinflußt dann auch ihre Ansicht von einer Zeit» welche vor der Kirchenspaltung, liegt: das Mittelalter, entbehrte des Protestantismus, es kann nicht anders als stumpfsinnig und blöde gewesen sein. Das Wesen der Menschen des Mittclalters kaun nur aus dem Mittelalter selbst verstanden werden. Das Geistesleben in jener Zeit aber war ganz und gar von der Religion durchdrungen und geleitet; sie umschloß nicht nur das Wissen von Gott, das Verhältniß zwischen Gott und den Menschen, der Pflichten der Menschen gegen einander, es wurde auch alle Kenntniß von der Welt überhaupt durch die Religion vermittelt; das Wissen über die Dinge der Welt war im Grunde nur ein Wissen von Gott und feinem Werke; das Universum war von Gott erfüllt, und darum war die Religion der Athem des mittelalterlichen Lebens. Zn diesem Urtheil kommt Schönbach. Es ist dieses nicht neu; denn andere, wie Maser und Franz Pfeiffer, haben einen ähnlichen Standpunkt für das Studium mittelalterlicher Literatur gefordert. Letzterem ist auch „der tiefste Gründ, in dem die Poesie des Mittclalters wurzelt und aus dem sie ihre beste Nahrung gesogen hat, der religiöse Glaube und die Gottbegcisteruug. Wer bis zu diesem Grunde nicht vorzudringen sucht, der erfaßt das Mittelalter und seinen Geist nur halb und kaum das". Diese leitenden Gesichtspunkte hat.zuerst und in. herrlicher Weise thatsächlich und praktisch Schönbach an unserem größten Lyriker der älteren Periode durchgeführt. Wie ganz anders steht jetzt Walther da! Während andere ihn als einen Vorläufer Luthers und als Vorkämpfer protestantischen Geistes darstellen, weist. Schönbach auf überzeugende Weise nach, daß Walther von der Vogel- weide. ein Christ in vollem und ganzem Sinne seiner Zeit lvar. Obwohl der brave Schulmeister von Bambcrg, Hug von Trimberg, des Logelweiders Lieder und vornehmlich seine Sprüche mit einem so dankbaren Gemüthe zu würdigen verstand, daß er das Lob des Dichters in die um ihrer Schlichtheit wegen schönen Verse aus- sprach, die wir an die Spitze unserer Abhandlung stellten, so würde er doch lange Zeit vergessen. Mit dem 15. Jahrhundert schwindet seine Spur» mit dem ganzen geistigen Leben des Mittclalters ist für die Geschlechter der Renaissance, des Humanismus und der Reformation auch Walther versunken. Wenn auch im 17. und 18. Jahrhundert hin und wieder der Versuch gemacht wurde, die altdeutsche Literatur zn erwecken und damit Walther von der Vogel- weide von neuem vortreten zn lassen, so war der Erfolg jedesmal nur ein sehr geringer; denn die Zeit war dafür noch nicht reif, andere Aufgaben lagen näher und waren dringender. Erst die Romantik, die Nachbliithe unserer neuen klassischen Dichtung, hat zur Zeit der Knechtschaft und Zerrüttung des Vaterlandes das Herz zu stärken gesucht durch die Aufhellung des deutschen Mittelalters. Die deutsche Philologie entstand, und seither haben die bedeutendsten Forscher in dieser Wissenschaft ihre Aufmerksamkeit von Wallher nicht mehr gelassen. Einer der edelsten deutschen Dichter, der letzte große Sänger der Romantik, der bedeutendste Kenner zugleich des altdeutschen Minnegesanges, Ludwig Nhland, hat 1822 zuerst das Leben und Wirken Walthers von der Vogelweide beschrieben, ein Bild entworfen, das wohl in einzelnen Zügen die historische Kritik nicht entbehren kann, aber in seiner Gesammtheit durchaus lebenswahr und in anziehender Wärme geschrieben ist. Als Uhlands frische, mit poetischem Zauber ausgestattete Schrift die Gestalt des- großen Minnesängers an das Licht zog, erwachte ein allgemeines und lebhaftes Interesse sowohl für die Person als' für die Dichtungen des beinahe sagenhaft gewordenen Walther. Namhafte Forscher, wie V. v. Hagen, M. Riegcr, R. Menzel, W. Willmanns rc. rc., bemühten sich mit großem Eifer die Lcbensumstände des Dichters zu erforschen. Man veranstaltete sorgfältige Ausgaben seiner Gedichte und übersetzte sie ins Hochdeutsche. Die Lieder Walthers sind wie die der übrigen Minnesänger in der Regel zuerst einzeln oder in kleinen Gruppen von gleicher Strophenform und Melodie (mittelh. äon oder wkso) verbreitet, einerseits durch mündliche Ueberlieferung, anderseits durch Aufzeichnung aus einzelne Blätter, die neben dem Text auch die Melodie zu enthalten pflegten. Es haben sich dann Sammler gefunden, welche eine Anzahl von Liedern theils des gleichen, theils verschiedener Verfasser in ein Liederbuch vereinigten. Aus diesen Liederbüchern endlich sind gegen Ende des 13. und im 14. Jahrhundert größere Sammlungen entstanden. Von diesen sind uns mehrere erhalten, während die Einzel- aufzeichnungen und die kleineren Liederbücher verloren gegangen sind, und bilden nun die Hanptquellen für unsere Kenntniß Walthers wie der übrigen Minnesänger. Die drei wichtigsten sind die Heidelberger Handschrift, die Weingartner, jetzt Stuttgarter, die Pariser, auch als Manessische bezeichnet, jetzt in Heidelberg. Die erste kritische Ausgabe von Walthers Gedichten erschien im Jahre 1827 von K. Lach mann, die Grundlage für alle späteren Ausgaben und noch immer die einzige, die den vollständigsten kritischen Apparat bietet. Eine vollständige Ilebersetzung hat zuerst Simrock geliefert (1833); sie ist bis jetzt auch die beste, denn er hat bei der Ueber- tragung ins Neuhochdeutsche den Dichtungen Walthers die Zartheit wie die Kraft auch in der neuen Form zu erhalten verstanden. Andere Uebersctzungen sind die von Koch (1848), Weiske (1852), Pannicr (1876); die von Ad. Schröter (1881) bietet manche Gedichte, namentlich Minnelieder, in ansprechenderer Gestalt als Simrock, verwischt aber in hohem Grade die Eigenthümlichkeit des Originals. Das Schwierigste bezüglich unseres Dichterheros ist die Feststellung der Lebensnmstände desselben. Die einzigen Quellen, aus denen man schöpfen kann, sind die Andeutungen in seinen Gedichten. Nur wenige zerstreute Aeußerungen von Zeitgenossen stehen uns noch zu Gebote, ein unzureichendes Material, um bestimmte Behauptungen über sein Schicksal aufzustellen, dagegen ein weites Feld für uferlose Combinationen. Und an solchen hat es nicht gefehlt; der Ort seiner Geburt ist so ziemlich allen süddeutschen Stämmen zugedacht worden. Ließen sich solche Dinge durch Volksabstimmung entscheiden und finge mau heute damit in Tirol an, so bliebe kein Zweifel, daß Walthers Vaterhaus der Vogclweidehos im Layener Ried gewesen sei. unweit der schnellfliehendcn Eisak, am südlichen Abfalle der Brennerstraße, in einer der schönsten Gegenden Südtirols. Allein bewiesen kann dieses nicht werden; es ist dieses eben eine Vermuthung. Wenn unter den möglichen Gebnrtslanden Walthers heute in der öffentlichen Meinung Tirol die erste Stelle einnimmt, so verdankt es dies nur dem Eifer und der Betriebsamkeit seiner Vertreter (namentlich I. Zingcrle's), aber keineswegs der besseren Beschaffenheit der Gründe; von einem Beweise kann überhaupt nicht die Rede sein. Alle Schlüsse, die man für Tirol vorgebracht hat, hängen völlig in der Luft, alle historischen Erörterungen verdichten sich nirgends zu etwas Greifbarem. Nicht ein einziger Aufenthalt Walthers in Tirol ist nachgewiesen. Wenn auch Niederösterreich noch den besten Anspruch hat, als die Heimath des Dichters angesehen zu werden, so wird doch kein Verständiger den Tirolern ihre Freude an Walther von der Vogelwcide, dessen Jdcalgcstalt von Meister Heinrich Natter aus dem Johannisplatz zu Bozen aufgerichtet wurde, mißgönnen wollen. Niemand hat mehr dazu gethan, das Andenken Walthers aufzufrischen und den Sinn der Gegenwart dafür wach zn halten, als die Tiroler. Und ist dem Standbilde eines anderen Dichters eine schönere Stätte beschert, als demjenigen Walthers auf dem Markte der malerischen Kaufherrnstadt, bei ihren Rebcngehängen und Frnchtkörben, im Nahmen der wundervollen Berge, unter dem blauen Himmel, umweht von der weichen, warnten Luft? Wenn lvir so eingestehen müssen, daß wir über die Heimath des Dichters nichts wissen, so sind wir etwas besser über die Zeit seiner Geburt unterrichtet. Nach Angaben, die der Dichter in einem seiner späteren Lieder macht, kann er nicht lange vor 1170 geboren sein (1168) und muß etwa in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre sein poetisches Lebenswerk begonnen haben. Walther stammte aus einem ritterbnrtigen Geschlechte. Das beweist der ihm übereinstimmend von seinen Zeitgenossen und den jüngeren ihm der Zeit nach noch nicht zu fern stehenden Dichtern und Handschrifteuschreibern beigelegte Titel der. Daß er auch wirklich die Ritterwürde erworben hat, ist an sich nach der Sitte der Zeit wahrscheinlich. So sicher Walther der Sprosse eines edlen Geschlechtes war, so gewiß ist er auch arm gewesen. Er war auf die Gnade anderer angewiesen. Sein Bildungsgang wird der gewöhnliche eines Ritters gewesen sein. Es ist nicht wahrscheinlich, daß er schnlmäßig in der Gelehrsamkeit seiner Zeit unterrichtet ist. Einem jungen Manne von seiner Abkunft und seinen Verhältnissen standen damals nicht allzuviele Wege offen. Am nächsten lag es, in den Dienst eines größeren Herrn zu treten, mit dessen Geschick das eigene zn verflechten, seine Fehden zn schlagen und sein Brod zn essen. Wir wissen nicht, welche Lebenspläne Walther hegte; aber es scheint, daß der Ruf von dem Glänze und der Herrlichkeit des Hofes der Babenberger bis in seine entlegene Heimath gedrungen war und er durch irgend eine Verbindung nach Wien an den Hof Herzog Leopolds V. gekommen, wahr- 316 scheinlich als Beiläufer eines vornehmen Herrn oder in § dem Edelgesinde des Herzogs selbst. Hier halte er, wie Walther selbst sagt, Gelegenheit, die höfische Sangesknnst, das „Singen und Sagen", zu erlernen. Eine ganze Schaar von Dichtern hatte die Huld des edelgesinnten Babenbergers hergezogen, welche in kunstvollen Gesängen, in ernsten und heiteren Weisen wetteiferten; sie alle pflegten den höfischen Minnegesang als eine Kunst, welche der geselligen Unterhaltung diente: da ist ein Herr Dietmar von Aist aus Oberösterreich, da ist die prachtvolle ritterliche Erscheinung des Kaiser Rothbart vertrauten Freundes, Friedrich von Hausen, der Niederländer Heinrich von Veldeke, der Bayer Albrecht von Johannsdorf, die glänzende Gestalt des schwungvollen und leidenschaftlichen Thüringers Heinrich von Morungen. Unter all diesen ist einer für Oesterreich besonders wichtig geworden, Herr Neinmar, den man den Alten nennt, um ihn von dem späteren Sprnchdichter Neinmar von Zweier zu sondern. Er entstammte einem edlen Geschlechte, wahrscheinlich aus Hagenau im Elsaß, wie einige rühmende Verse zu schließen gestatten, welche sein Landsmann Gottfried von Straßburg ihm, „der Leitefrau der deutschen Nachtigallen", nachruft. Er wird um 1160 geboren sein und muß schon um 1180 eine Stellung am Wiener Hofe bei Herzog Leopold V. gewonnen haben. Neinmar war ein welcher und feiner Mensch, von seltener Zartheit und Reinheit des Gemüthes. Takt und Geschmack, der Sinn für die Zierlichkeit der Form gehörten zu seiner ursprünglichen Begabung, sowohl im Spiel der Gedanken als im Bau des Verses und den Verschlingnngen der Reime. Mögen sich auch die jugendlichen Lieder Neinmars nicht mit der Feinheit, Glätte und Liebenswürdigkeit der späteren vergleichen lassen, sie rühmen doch bereits den Meister der Sprache und des Wohllautes, den klugen Herzenskündiger, der die Lust des Liebesschmerzes tiefer erforscht hat als sonst einer unter den deutschen Minnesängern. Dieser Mann war der Lehrer Walthcrs von der Vogelwcide; an einen förmlichen Unterricht werden wir allerdings nicht zu denken haben. Wir haben von Walther keine Lieder aus einer Zeit erhalten, die vor seiner Bekanntschaft mit der Poesie Nernmars läge. In den ältesten Stücken bereits schlägt der Einfluß des Lehrers mächtig durch, und es ist nicht uninteressant, daß vielleicht das erste der uns bewahrten Gedichte Walthers über die Dürftigkeit und Oede der Welt klagt. Das sind nur leere Formeln, die da zusammengetragen wurden, die Erfahrung fehlt, Mißmuth spricht aus dem Jüngling, weil die Welt ihm keinen Raum gönnt, seine Bemühungen, emporzukommen, sind erfolglos, überall steht ihm seine Acrmlichkeit im Wege. Auch die nächstfolgenden Gedichte entbehren der Frische des wirklichen Lebens; es ist angelernt, schmeckt nach der Schule und ist gemacht. Bald aber tritt ein frischerer Ton in seinen Liedern zu Tage, so in dem Liede: Lumer undo dinier bsids sink Zuotss Mannes tröst, der tröste« Zert. In munter springenden Daktylen rühmt Walther den rothen Mund der Frau, welche ihm freundlich lächelnd begegnet ist: „IVol inieli der stunde, das toll sie erkunde, diu mir den lix und den inuot Kat bst^vnnZen." (Fortsetzung folgt.) Aus der Hinterlassenschaft des Lxsrollus kaslieus. Von Hugo Arnold. (Nach Vortrügen in der Anthropologischen Gesellschaft und im Historischen Verein von Obcrbayern zu Münchens (Schluß.) Aus den römischen Festungen und den vor ihren Thoren gelegenen Lagerstädtcn (eanaliae) sind eine stattliche Reihe bedeutender Städte und ansehnlicher Ortschaften erwachsen. Eine beträchtliche Anzahl der Castelle und der Lagerstädte ist freilich in den Stürmen der Völkerwanderung völlig vernichtet worden und derart verschollen, daß wir ihre Lage vorläufig nicht bestimmen können, und zwar am Limes, an der Teuselsmauer: Lextemzaoi, l-osocUen; an der Donaulinie: Venaxa- moänro, karra-äuno (vielleicht Aislingcn?), I'ebianis, Rips, krimu, kinianis, ^ugustanis; an der Jller- linie: Vimnnin, Oassilinenra. Für zwei erst in jüngster Zeit am Limes ausgegrabene Castelle bei Dambach und bei Nuffenhofen kennen wir die Namen nicht, wenn wir sie nicht mit den soeben erwähnten I^osoäieg, und Zextemzaoi belegen dürfen. Etwas interessanter gestaltet sich die Sache bet folgenden Ortschaften, bei denen zwar die römischen Namen ebenfalls zu Verlust gegangen sind, Lei denen aber ihrer Lage wegen anzunehmen ist, daß sie ihren Ursprung auf die Lagerstädte zurückführen oder mit diesen wenigstens in Zusammenhang stehen, nämlich am Limes: Gunzenhausen (ein kleines namenloses Castell), Gnotzheim (bei Neäiams), Thcilenhofen (leimneo), Lirieiains (Wcißenbnrg), Psünz(Vetovig,nis), Kösching (6ermar>ieo), Oeleuso (Pföring); an der Donau: komone (Faimingcn), Lsrvioäuro (Straubing) und vielleicht auch das Dorf Manching (Vallato). Stärker treten jene Ortschaften hervor, welche ihre römischen Namen bis in unsere Tage erhalten haben, wenn auch in einer durch die Zunge der Jahrhunderte abgeschliffenen und verballhornten Form. Das sind am Limesanfang die beiden Donaubrückenköpfe Jrnsing (^rnssna) und Einstig (^stusina), an der oberen Donau: Druishestn (Orusomagus), an der untern Donau: .Künzing (Huintnnis), am Jun: Beidcrwicse (Lojoäuro), an der Jller: Onmstoärmo (Kempten), OAio oder Oälius moiig (Kellmünz). Und das meiste Interesse rufen wohl jene drei Donaustädte hervor, die nicht aus Lagerstädtcn entstanden, sondern in die ehemaligen römischen Bollwerke selbst eingebaut sind: Günz- burg (duntin), Onstrn Hsginn (Ncgensburg) und Ln- tnvis (Passan). Zu ihnen tritt noch Augsburg, das aus der glänzenden Hauptstadt Nätiens, Lugnsia. Vinäeli- eornm, sich zu seiner heutigen Blüthe entwickelt hat. Wie vielfach in anderer Weise, sobald sonstige historische Quellen versagen, dienen uns diese Ortsnamen nach der positiven wie nach der negativen Seite hin als Führer. Wenn bei den Orten der letztgenannten Kategorie sich der römische Name erhalten hat, der mcistentheils selbst wiederum aus vorrömischer, aus keltischer Wurzel entsprossen ist, so liegt darin doch sichtlich ein sprechender Beweis dafür, daß an diesen Stätten, ungeachtet aller durch die Einfälle und Verheerungen der Germanen verursachten Bevölkerungsmindernngen, ein constanter Stock von Romanen seine Existenz gerettet hat. Romanen sind dauernd hier oder in der nächsten Umgebung wohnen geblieben, haben die Ortsnamen ebenso fortgepflanzt wie die gleichfalls romcmisirten keltischen Flnßnamen und sie 317 den Deutschen überliefert. Und der Sachlage nach können diese Romanen keine anderen Leute gewesen sein, als die Nachkommen der Insassen der «anadno, der Lagerstädte, deren Einwohnerschaft ihre Ahnherren und Vater, ihre Onkel und Vettern in den Soldaten der Besatzungen zu suchen und die während der stürmischen Kriegsläuste sich hinter die Mauern der Castelle geflüchtet und schließlich dort ihre Hütten aufgeschlagen hat. Die armen Teufel sind von den einwandernden Germanen auch keineswegs mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden, denn das frühzeitige Auftauchen christlicher Gemeinden in Augsburg, Kempten und Künzing kann nur auf diese Romanen zurückgeführt werden; in Kempten kommen außerdem noch im 12. Jahrhunderte Leute mit romanischen Personennamen vor, und zu Negensburg trägt die Wahlen- (d. i. Maischen-) Gasse an der Westfront des einstigen Castells vielleicht nicht von den mittelalterlichen lombardischen Kaufleuten, sondern von dem fortlebenden Reste der Romanen ihren Namen. Unter solchen Umständen ist gewiß auch ein Niederschlag der romanischen Bevölkerung unter den Germanen geblieben und sicher begegnen uns dessen Spuren unter der schwarzhaarigen, dunkeläugigen, brünetten Menschenschichte, welche die Aufmerksamkeit der anthropologischen Forscher von jeher so stark auf sich gezogen hat. Ursprünglich stammten ja weitaus die meisten römischen Soldaten, sowohl der Legionäre wie der Auxiliaren, aus südlichen Ländern oder aus Nationen, denen dunkle Haut- und Haarfarbe heutzutage noch als besonderes Kennzeichen eigen ist, und die Vererbung der dunklen Koloratur liegt bei der Zähigkeit dieser Schattirung in der Natur der Dinge. Ich habe seiner Zeit Jahre hindurch zu Negensburg in Garnison gestanden, und wenn ich an den liebreizenden, schwarzbezopftcn und schwarz- kirschäugigen schönen Töchtern ethnologische und ästhetische Studien anstellte — in allen Züchten und Ehren natürlich, wofür ich mich auf das Zeugniß des Stadtvaters Herrn von Stobäus berufen kann, — da ist mir gar oft Leim Anblick des Mandelschnittes der Angen, des Gesichtsovals und der Färbung von Haut und Haar das Dichterwort durch den Kopf gefahren: Wo sich das Strenge mit dem Zarten. Wo Starkes sich und Mildes paarten. Da gibt es einen guten Klang — und wenn die Herzen dieser Schönen wärmer für das zwiefärbige Tuch schlugen, so fand ich, daß die Wahlverwandtschaft im Blute liege, weil ihre Urahnen sicherlich auch den Fahnen folgten — im rätischen Armeecorps. Ich kann nicht schließen, ohne im besonderen noch der Wirkung zu gedenken, welche das römische Heer an den Grenzen, also auch das Heer in Rätien, in ewiger Dauer auf die Germanenwelt und damit auf die Gestaltung der gesummten Weltgeschichte ausübte. Als die Germanen auf die Römer stießen, waren sie in einer fortschreitenden Verschiebung, im Zuge nach Westen begriffen und trieben die im Herzen Deutschlands sitzenden Kelten vor sich her. Das Entgegentreten des römischen Heeres gebot ihnen Halt, vor dem mächtigen Grenzwall mit seinen dräuenden Festungen, an den bollwerkbehnteten Ufern des Rheins und der Donau stauten sich die mit Kind und Kegel wandernden germanischen Völkerzüge, sie wurden gezwungen, aus einem halben Nomadenleben schweifender Hirten und Jäger zu fester Ansiedlung und damit zum Ackerbau überzugehen; sie verwandelten sich ül ansässige Bauern, die ihre Heerden weideten und hinterm Pfluge gingen. Dadurch wurde der Boden zu sicherer Cultur auch bei ihnen gelegt. Gleichzeitig veranlaßte aber der gewaltige Druck des Nömerthums, daß die vielen kleinen Stämme und Völkchen sich zu gemeinsamem Handeln enger zusammenschlössen und die Grundlage bildeten für die mächtigen Vereinigungen, aus denen die großen Stammesverbände der Alamanen, Franken, Thüringer und Bayern erwuchsen. Im Kampfe des Schwertes und des Pfluges gegen die Römer wurde das deutsche Volksthum geboren, in harten Nöthen erwachte das nationale Bewußtsein, unter ihren neuen Namen griffen die Stämme handelnd und thätig in die Geschichte ein. Als neue politische Einheiten wurden sie den Römern gefährlich und fingen an, die Grenzen dauernd zu überschreiten, als Vorkämpfer die Franken und Alamanncn voran. An der Bildung des deutschen Volksthums, an der Entstehung unserer Nation hat somit seinen vollgemessenen Theil gehabt der am Limes und an der Donau auf der Wacht stehende Lxeroiius Rnatious. Culturgeschilhtliche Bilder aus Bayern. L. Die Gerichtsverhandlungen beim kurfürstlichen Pfleggericht Reichenhall vom Jahre 1685-1799. (Schluß.) 6i. b'. Ein besonders wachsames Auge hielt man, um in der Polizeiordnung fortzufahren, aus die Fremden- polizei; alle im Gerichtsbezirk sich aufhaltenden Personen waren controlirt, alle Fremden mußten dem Pfleg- > gcricht gemeldet werden. Ein Bauer zu Fager wird 1717 ^ mit 1 Tag Amtshaus und Androhung noch größerer Strafe belegt, weil er, ohne daß er dies der Obrigkeit angezeigt, „einen fremden Pechler beherbergt", und 1722 erhielt ein anderer Bauer 1 T dl. Strafe „wegen Be- herberung fremder Leut". 1744 hatte unter dem Betreff „mießiges herumgchn in hiesiger Statt" der Rath der Stadt beim Pfleggericht Beschwerde geführt über eine Frauensperson, die, obwohl vor 5 Wochen „wegen mießigen Aufenthalts" stadtverwiesen und jenes Mal dem Amtmann, als er sie im Gerichtsauftrag „auf dem Platz carbätscheu wollte", entsprungen war, nun gleichwohl wieder hier sei. Sie erhält wiederum „15 Oardütsasi-Ltraieir", kam jedoch zum dritten Mal in die Stadt, was ihr „90 Eardätsoü-Ltra.ivlr's eintrug; wegen „mießigen herum- schlenzens in der Statt" erhält eine andere Person eine Schandstrafe. Die Polizeistunde mußte pünktlich eingehalten werden, und beim Ueberschreiten derselben wurden die Gäste und der Wirth bestraft. „Spates Zöchcn" wurde mit 1 Tag Wasser und Brod im Amtshans geahndet. Die Thore der Stadt wurden zu einer bestimmten Stnnde geschlossen, und ohne Controle und Namensangabe konnte Niemand mehr hinaus- noch hinciugelangen. Nach 11 Uhr Nachts durfte sich überhaupt Niemand mehr in den Straßen sehen lassen. Wer nach dieser Stunde noch angetroffen wurde, ohne einen triftigen Grund angeben zu können, hatte 1 Tag bei Wasser und Brod im Amtshaus zu verbringen; Frauenspersonen jedoch, die nach 11 Uhr auf der Gasse sich herumtrieben, mußten 1 Stunde laug „in der Geign auf dem Platz" stehen. — „Aus ihre Töchter uit genugsam Aufsicht haben", brachte einem Elternpaare 24 Stunden Arrest bei Wasser und Brod. 318 Diese strengen, ja manchmal rigorosen Polizeiverordnungen aber machten auch viele uralte Volkssitten und -Gebräuche verschwinden, welche im Laufe oer Jahrhunderte allerdings ausgeartet haben mochten, aber doch meist auf einem ethischen Grunde basirt waren, oer zwar wieder in der Folge seine Bedeutung verlor. „3 ledige Pauernknecht haben sich unterfangen", heißt es in einem Verhör von 1788, „am hl. 3 König Abent sein vermumten Pertteulaussen "h zu obliegen", wcßhalb ihnen die „nachdrucksamfte Gewährung gemacht" und Jedem 4 ß dl. Strafe diktirt wurde. Ebenso war „das Wcynachtschießen" durch General-Mandat vom 1. Dezember 1770 verboten, weßhalb ein Bauer, der 1793 wieder „Weynachtschießen ausgeübt", mit 34 kr. 1 dl. bestraft wurde. Um nun auch über die Gerichtskosten ein paar Worte zu sägen, so finden wir, daß für die gewöhnlichen Fälle — wenigstens in der 2. Hälfte unserer Periode — 1 fl. 10 kr. „Abschiedgeld" zu bezahlen war, das die Beamten uud Amtsdiener beanspruchen konnten, und außerdem noch, wenn ein solcher ausgesprochen wurde, ein Straff atz in Geld, der gewöhnlich „aä oassuva xauportatis" abgeliefert wurde, es, müßten denn für besondere Fälle auch besondere Verwendungen getroffen gewesen sein, z. B. die „Ehebrnchstraffgelder" zur Ansbauuug des St. Egidien-Thnrmcs, wie wir oben schon gehört. Daß die „Gerichtsnnterthanen" bei ihrem eigenen, zuständigen Gerichte eine viel mildere Beurtheilung fanden, wie die sogenannten „Ausländer", d. h. diese Letzteren eine viel höhere Strafe zu gewärtigen hatten, als die Erstcrn, das ist eine Thatsache, auch auf jener hohen Idee begründet, die man damals für jedes Gemeinwesen und für jede feste Zusammengehörigkeit trug, wobei auch an den Tag trat, welch mächtigen Rückhalt man au dem Heimathsrechte besaß und welch Vortheilhaften Schutz der heimathliche Boden gewährte, eine Thatsache, die gewiß nicht wenig beitrug zur Stärkung der Heimaths- und Vaterlandsliebe, denn nirgends erging es Einem besser wie dort. Ein „Ausländer", der laut Gerichtsverhör von 1698 seine Schwägerin beschimpfte, die zu Neichenhall lebte, mußte, weil sich gerade dortselbst aufhaltend und also von diesem Gerichte abgewandelt, 5 T dl. Gerichtswandel erlegen und außerdem, „weil ein Ausländer", 6 Reichsthaler Strafe — einen enorm hohen Satz! Was nun die gewöhnlichen Gepflogenheiten der Einwohnerschaft Neichenhalls in dieser Periode betrifft, so ergibt sich aus den Urkunden vor Allem eine große Einfachheit ihrer Lebensweise. Die Familie war ihr Hort und ihr liebster Aufenthalt. Der Familien- *°) Perttenlaufen. — Wenn wir bei Hübner (Beschreibung des Erzstistes und Neichsfürstenthnms Salzburg 1796) lesen, daß im Pinzgau in den Rauchnächten bei 100—300 Bursche am hellen Tage in den vossirlichsten Masken, mit Kuhglocken und knallenden Peitschen versehen, umherziehen, und daß man dieses „Berchtenlaufen" oder den „Berchtentanz" nennt, so dürfen wir wohl vermuthen, daß es lnebei an Unfug, Rügen und Beleidigungen nicht fehlte, und Gewährsmänner sind der Meinung, daß dieser Gebrauch aus altersgrauer Zeit herübergenommen ist, wo die Frau Bercht. allerdings die „Glänzende", später auch als „Unholdm erschien, um faule Mägde und ungehorsame Kinder zu strafen — also wäre das „Berchtenlaufen" eine Art Rügegcricht, dem etwa das sogen. „Saberfeld- treiben entstammen könnte (siehe Bavaria I, Schmeller's ^ayer. Wörterbuch, Hübner u. A.). vaicr, der den größten Respekt genoß, schaltete und waltete als ein Patriarch in seinem Hanse, versammelte Frau und Kinder, sowie Gesellen und Lehrlinge an seinem Tische nnd hielt streng auf Zucht und Ordnung der Seinen in und außer dem Hanse. Sonn- und Feiertags durfte Niemand versäumen, den Gottesdienst zu besuchen, und nach dem nachmittägigen Kirchenbesuch begab sich daS Familienhaupt zur feiertäglichen Erholung nicht selten in ein nahegelegenes Bräuhans, deren es damals nicht wenige gab, oder, wenn es weit ging nnd die Jahreszeit schön war, etwa mit Kind und Kegel znr klösterlichen „Hoftafcrne nach Froschham" (jetzt Hofwirth in St. Zeno), wo noch das reine Klosterbier von den Augustinern herüber verzapft wurde, oder gar zum „Kaltl" und „Moser" nach Fager, Wirthshäuser, die sich einer besondern Beliebtheit erfreuten. Der Hausvater war eifrigst besorgt für das geistige und leibliche Wohl der Deinigen, die aber auch an ihm, als einem „Bürger", einen bedeutenden Rückhalt bei jeder Gelegenheit hatten. Wir mächen deßhalb vielfach die Bemerkung, daß „Ehehalten" lange Jahre hindurch, ja nicht selten bis zu ihrem Lebensende im gleichen Hause dienten, obwohl die Lohnverhältnisse nach unsern Begriffen schlecht, waren. Um eine Durchschnittszahl z. B. 1696 zu nehmen, so können wir folgende Lohnsätze annehmen: ein Hausknecht (Knecht) erhielt jährlich 8—12 fl., eine Köchin 5—6 fl., eine „Viechdirn" 4—5 fl., ein „Dicnstmensch" 2—3 fl., ein „Kindsmenfch" durchschnittlich 4 fl., ein „Knchlmensch" 3—5 fl., ein „Preuknecht" wöchentlich 20 kr., ein Geselle wöchentlich 10—24 kr., ein erster Mühljung brachte es sogar auf 50 kr. per Woche. 1717 hatte ein Dienstknecht 13 fl. Lohn im Jahre, das „Drangeld" war 2 fl., für eine Schicht bei Nacht erhielt er 15 kr. Also sehr bescheidene Lohnverhältnisse, und doch waren die Leute zufrieden, denn sie hatten im Hanse ihres Brodherrn eine zweite Heimath gefunden. Eine andere Heimath aber war dem jungen Arbeiter seine „Zunft", deren mehrere sich häufig auch zu „Bruderschaften" zusammenschlössen — auch hier Halt und Stütze, auch hier Beistand mit Rath und That, aber auch hier Autorität und Gehorsam. Trotz einer strengen Disciplin aber und einer sorgsamen Beaufsichtigung auf allen Lebenswegen sollte man doch des Vergnügens nicht entbehren nnd wollte man vorab die Jugend heiter wissen. Scheibenschießen, Kegel- und Kartenspiel waren damals gebräuchlich wie heute, und Tanzmusik in der Stadt nnd Umgebung gab eS ab und zu, wovon wir besonders als eine Specialität den sogen. „Weit- wiesentanz" erwähnen, eine uralte Tanzmusikgerecht- same, welche jährlich zwischen „Kaltl" und „Moferwirth" abwechselte und wohl noch auf die alte Schloßherrlichkeit von Karlstein zurückreichte, wozu die Weitwiese früher stets gehörte. — Musik wurde viel geübt, und die „Thurner" waren die Hauptrepräsentanten derselben. Die „Thurnergesellen" (Thurn — Thurm), Thurmbläser, standen unterm „Thurnermeister" (Thürmer- meister) und hatten in früheren Zeiten vom Thurme 1 herab mit einem Horn Zeichen zu geben und zugleich Thuruuvächtcr vorzustellen, später waren sie dann überhaupt die Stadtmusiker ex oltisio. Aber auch die Kirchenmusik stand in unserer Periode im Flor, wobei allerdings wieder die „Thurner" besonders mitwirkten, aber es gab damals außerdem auch einen eigenen „Chorregcnt" und einen „Organisten". Für die Tanz- und improvisirte Wirthshausmusik war man gewöhnlich auf ein paar Geiger oder Pfeifer auf der „Schwegcl" (das erste Stadium der Klarinette) angewiesen. — Merkwürdiger Weise ist niemals die Rede und gar kein Anhaltspunkt gegeben in dieser ganzen Periode von hundert Jahren — über Volkslieder oder überhaupt nur über den Gesang. Dürfen wir daher annehmen, daß man dortselbst das sogen. „Ansingen" durch Trutz- und Spottliedcr, wie dies heute im Gebirge üblich, nicht übte? Denn bei der damaligen Empfindlichkeit gegen Beleidigungen wäre vielleicht in den Verhandlungen während dieser 100 Jahre doch irgend einmal davon die Rede. Das Wirthshausleben war ungefähr in derselben Weise ausgebildet wie heute, nur mag gesagt werden, daß es in früherer Zeit mehr „Weinschenken" gab wie heute, in denen besonders „Oetsch"- und „Oster"- Wein zu haben war (Oster-Wein — österreichischer Wein), denn die Zeit des „Bayerweins", wo man wie in so vielen altbayerischen Orten auch in Non Weinberge unterhielt, war längst vorüber, ohne daß Jemand sich darnach wieder zurückgesehnt hätte. Die Schuld erhältnisse waren durchaus nicht ungenügende, denn es gab damals in Ncichcnhall einen lateinischen und zwei deutsche „Schnclhaltcr", denen sich dann noch ein dritter anschloß, während auch der „Kaplan am Salzbrnnn" die Kinder der „Offiziers" (d. i. der Salinenbeamtcn) und der „Salz Aerzt Leute" zu unterrichten und besonders ihnen „Katechismnsstnndcn" zu geben hatte — es gehörte dies zu seiner Dienstobliegcn- heit. — Als Beweis von der damaligen Bildung möchte angeführt werden, daß im Jahre 1721 noch der Ober- schreiber beim Gericht, der Kammerdiener des Prälaten von St. Zeno, der Chorrcgent von Reichenhall und ein Student in einem Gasthause einen lateinischen Disput hatten, der sogar zu einer Gerichtsverhandlung führte. Auch Kuust und Kunstgcwerbe waren in Neichcn- hall nicht fremd; 1696 bezahlt laut Steuerbüchern „der Bildhauer Hans Schwaiger von Neichenhall" seine Steuer, und ebenfalls zu Ende des 17. Jahrhunderts begegnen uns dortselbst Joseph Plaimb und Martin Peck, die Maler, und 1733 baute Andreas Mitterreither von Neichenhall die Orgel in der Salinenkapclle dortselbst. Verschiedene Techniker und technische Institute (Kunstschlosscrci) waren durch die Saline von selbst bedingt. Die Verkehrsmittel waren für die damalige Zeit genügende; gute Straßen führten nach allen Richtungen hin und Neichenhall selbst hatte eine Poststation mit einem „Postmeister" schon seit Ausgang des 16. Jahrhunderts. So sehen wir denn in diesen „Vcrhörsprotokollcn" em nicht unerfreuliches Bild eines Gemeinwesens damaliger Zeit entrollt und eines ganzen Gcrichtsbezirkes, dessen „Unterthanen", recht und schlecht, wie sie eben waren, im großen Ganzen, wenn auch natürlich mit Fehlern behaftet, doch ehrlich, bidcrb und gottesfürchtig vor uns erscheinen. Neceusioneri und Notizen. * Der durch eine Reihe streng wissenschaftlicher Forschungen und Arbeiten rühmlich bekannte Franziskaner- Pater H. Anton Hammerschmid, Lector der Philosophie und Theologie in Tölz, hat jüngst ein höchst gediegenes botanisches Werkchen herausgegeben, welchem aus Fachkreisen sofort die wärmste Anerkennung zu theil wurde. So äußert sich darüber der kgl. Ncallebrer für Chemie und Naturwissenschaften, Sr. Christ. Kestler, irr nachfolgender Weise: „Mit der soeben iin Hochnedcr'schen Verlag zu Landshut erschienenen „Excursions - Flora für Tölz und Umgebung, Walchensec, Kochel- see, Tegernsee, Schliersee und die angrenzenden bayer. Alpen" von Ant. Lammerschmid liegt ein nicht nur dem Fachmann durch seine gründliche und gewissenhafte Durchführung stnpouircndes, sondern auch dem Touristen und Laien wegen seiner Uebersichtlich- keit, Genauigkeit, leichten Faßlichkeit und Handlichkeit hochwillkommenes Werkchen vor uns. Der Verfasser hat mit unermüdlichem Fleiße und zäher Ausdauer seit Jahren die Standorte der Pflanzen in der erwähnten Gegend erforscht, und sind Belegexemplare hiefür in Herbarien niedergelegt. Man hat also hier das Produkt ehrlicher Arbeit vor sich. Die Standorte der einzelnen Pflanzen sind in dem Büchlein in genauester Weise angeführt. Die Bestimmungstabellen zeichnen sich durch große Klarheit und Einfachheit aus und sind auf ihre Brauchbarkeit erprobt. Unter anderem ist die dem Anfänger so unangenehme Bestimmung der Pflanzen nach den Früchten fast ganz vermieden, ebenso ist die Nomenklatur höchst einfach, und ist außerdem dem Werkchen noch ein erklärendes Verzeichniß der botanischen Begriffe beigefügt. Auch eine Tabelle zur Bestimmung der ÄäuMe und Sträucher nach dem Laube, sowie eme solche für diejenigen Pflanzen, welche selten blühen oder deren Blüthen sehr klein und schwer erkennbar sind, fehlen nicht. Die in kleinerem Druck vorgenommene, in den Floren meist schmerzlich vermißte Aufführung der häufigeren Zierpflanzen erhöht den Werth des Buches. Kurz und gnt, das Büchlein ist jedenfalls eines der besten seiner Art und ist jedem Naturfreund, der in die Berge wandert und der „schönen Wissenschaft" nicht abgeneigt ist, um so mehr aufs wärmste zu empfehlen, als es auch für andere alpine Gegenden brauchbar erscheint und sich auch für den Anfäimcr und den Dilettanten wegen der schon geschilderten Vorzüge zum Bestimmen der Pflanzen in ganz hervorragender Weise eignet. Möge diese neue Flora der Wissenschaft recht viele neue Freunde zuführen, möge sie insbesondere auch in Fachkreisen die Beachtung finden, die das Werk in vollem Maße verdient." — Ein anderer hervorragender Botaniker, Hr. Dr. H. in M., schreibt uns über die „Flora" Hammerschmids u. a.: „Was mir besonderes Vergnügen macht, ist. daß die Arbeit wirklich aus den Händen eines Berufenen hervorgegangen ist und allerseits auf der Höhe der derzeitigen siistcmatischen Forschung steht. Daß die fleißige und gewissenhafte Arbeit auch von fachmännischer Seite günstig beurtheilt werden wird, bezweifle ich keinen Augenblick." — Der Preis des fein ausgestatteten und. sehr handlichen Werkcheus beträgt sinn 3 M. Die geistige. Bewegung im Anschluß an die Thoinas - Eucuklika Leo 's XIII. vorn 4. August 1879. Von Dr. ü. Thomas M. Wehofcr o. krasä. Professor am Oolleuüun äivi llbonmo äs Urbo in Rom. Wien 1897, Leo-Gesellschaft. 8°, 20 SS. K Der Vortrag bildet eine der Abhandlungen aus dem Jahrbuch der Leo-Gesellschaft. In kurzen Zügen verbreitet er sich sicher Ziel und Beweggründe und praktische Durchführung der Ncnbclebung der thomistischen Philosophie, wie solche das päpstliche Rundschreiben angibt. Darauf werden die schönen Erfolge der päpstlichen Mahnung vorgeführt, zunächst in Rom und im übrigen Italien, dann in Spamcn, Frankreich, Belgien, Holland. Großbritannien, Amerika, Deutschland und Oesterreich-. Ungarn. Als um die thomistische Bewegung besonders' verdiente Männer lernen wir kennen 1?. Libcratore 8. .7.. Cardinal Zigliara O. Urasä., Cardinal Gonzalez O.Urasä., U. Dummermnth O. Urasä., das Dreiblatt Morgott- Schueid-Stöckl, Commer, Ccslaus M. Schneider. Kiß. 320 I>. Grimnnch 0.8.8. n. a. Ehrend ist auch der iRilmoplüa IiLoousis und des Onrsus püiloso^üillus der deutschen Jesuiteiwatres gedacht. Als für die thonnstische Beweg- ung bemühte Zeitschriften sind erwähnt Divers lüomus, üovuo Iliomists, Rsvus uöo-sebolastigus, das Commer'sche Jahrbuch u. a. Manches ist bereits geschehen; aber sehr vieles bleibt noch zu thun. Darum ladet der Verfasser mit marinen Worten ein, thatkräftig beizutragen zum grossen Werke der Ncubelebung der thomistischen Philosophie. So will es auch unser Heiliger Vater, Papst Leo XIII. Das Schriftchen ist wohl geeignet, einschlägige schiefe Urtheile zu berichtigen und Vorurtheile zu zerstreuen. Philosophisches Jahrbuch der G örresgesell- schaft. Verlag der Fuldaer Mtiendruckerei in Fulda. X. Jahrgang. Das IU. Heft enthält u. And.: B. Adlhoch 0. 8. D., Der Gottesbeweis des hl. Anselm. (Forts.) — L. Schütz, Der Hypnotismus. (Schluß.) — I. Sträub, Gewißheit und Evidenz der Gottcsbeweisc. (Schluß.) — A. Lins- meier 8. I., Inhalt der chemisch-physikalischen Atomhypothese. — H. Gomperz, Zur Psychologie der logischen Grnndthatsachen, von AI. von Schmid. — M. Wentfcher, Ueber physische und psychische Kausalität und das Princip des psycho-physischen Parallelismus, von P. Schanz. — E. Melzer, Die Unsterblichkeit auf Grundlage der Schöpfungslehre, von demselben. — I. Kleekamm, Die menschliche Seele, von dems elben.— A. Michelitsch, Atomismus, Hylemorphismus und Natur-wissenschaft, von C. Forch. — A. Otten, Der Grundgedanke der Cartesianischeu Philosophie, von C. Ludewig 8. I. — Dr. Albert Stöckl, Domeapitular und Lycealprofcssor in Eichstätt, von C. Gutberlet.— V. Grimmig) 0.8.U., Lehrhuch der theoretischen Philosophie, von I. D- Schmitt. — Zur Kriteriumsfrage, von C. Th. Jsenkrahe. — Zeitschriftenschan. — Miscellen und Nachrichten: Zur physiologischen Gefühlstheorie. Ueber den Lichtsinn augenloser Thiere. Abhängigkeit der Farbe und Zeichnung der Raupen von der UnMbung. Die menschliche Schwimmhaut als pithe- koides Merkmal? Zur Frage über die Vsrerbbarkeit. Literarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Dreiundzwanzigster Jahrgang: 1897. 12 Nummern. M. 9.—. Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshaudlung. Inhalt von Nr. 7 u. a.: Ooruelz-, Oommsutm-ius tu 8. Uauli opistolas I. (Schäfer.) — Gatt, Die Hügel von Jerusalem. (Rückert.) — Nsroati, Llirueula b. 1?io- spori. (Euringer.) — Luuclrillart, Du Kranes oln-stisvvs äau8 I'Ui8toirs. (Hauviller.) — Bertram, Die Bischöfe von Hildesheim. (Ebner.) — Gsny, Die Jahrbücher der Jesuiten zu Schlettstadt und Nufach. I. u. II. Bd. (Müller.) — Schund, Die Wirksamkeit des Bittgebetes. (Rösler.) — Schmid, Die Sacramentalicn der kathol. Kirche. (Rösler.) — DkrsusborAsr, Dibri liturKioi bibliotbsvao ^postolieas Vstioauas manusoi-iM. (Franz.) — Otten, Der Grundgedanke der Cartesianischeu Philosophie. (Kappes.) — Heinemann, Das sogenannte Katharinenbuch vom Jahre 1877. (Orterer.) — Grimme, Grundlinien der hebrärschen Akzent- und Vokallehre. (Dornstetter.) — Dr. Johannes Bumüllers Lehrbuch der Weltgeschichte. Bearb. von Dr. Widmann. UI. Theil. (Hauthaler.) u. s. w. — Nachrichten. — Büchertisch. _ „Studien und Mittheilungen aus dem Benediktiner- und dem Cistercienser-Orden." Verlag des Stiftes Raigern (bei Brünn, Oesterreich). Preis per Jahrgang (4 Hefte ca. 48 Bogen) 8 M. — 4 Gulden. Das II. Heft 1897 enthält u. a.: Veith, Jldefons (0. 8. L. Scckau): Die Martyrologien der Griechen. (VI.) — Weikert, Dr. Thomas Ag. (0. 8. L. v. St. Mein- rad. Am.): Meine Orientrcise. (VI.) — Pauschal) Ber- nard (0. 8. L. Metten): Das Pontificalbuch Gundacar II. und des sei. Utto von Metten. (Schluß.) — Willems, D. Gabriel (O. 8. ü. Afflighem): 8obolas Lsnoäiotiuas sivs: Do soientüs, opora Llonaoborum Orclluis 8. Lsus- Üioti auotis, oxoultis, propuAutis ot ooussr vatis; Dibri « guatuor a D. Ocions Oambior, monaobo ^.tüiAsnieusis « UovustoriiOräiuis chusclsm 8. Bsnoäloti. (V.) — Wagne». Phil., vr. (Berlin): Gillon le Muisi, Abt von St. Martin in Tournai. (III.) — Renz, G. Ä. (München): Beiträge zur Geschichte der Schottenabtei St. Jacob und des Primates Weih St. Peter (0. 8. L.) in Negensburg. (Schluß.) — Plaine Beda (0. 8. D. Silos): ds iuitiis bomiiidus mirubiiibusgus xsr soeula inoromsutis Oultus D. Lluriuo VirZiins. Disguisitio bistorioo-IiturZioa. (II.) — Leistle, Dr. David (Dillingen): Wissenschaftliche und künstlerische Strebsamkeit im St. Magnusstifte zu Füssen. (VIII.) — Wittmann, Du Pins (München): Johannes Nibling, Prior in Ebrach (0. Oist.), und seine Werke. (III.) — Grillnberger, Dr. -Otto (Orä. Ölst. Wilhering): Kleinere Quellen und Forschungen zur Geschichte des Eist.-Ordens. (XI.) — Daniels, Augustin (O. 8. L. Maria-Laach): St. Thomas von Äguin als Lehrmeister derPhilosophie. — Bollenrücher,I. (Tarnen, Schweiz) -j- Leo Fischer, O. 8. L., Eine Blume aus dem Kloster- garten. (Ü.) — Neueste Benediktiner- und Cister- cienser-Literatnr. — Literarische Referate. — Literarische Notizen. — Ordensgeschichtliche Rundschau u. s. w. _ Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik. Unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von Pros. Dr. Fr. Umlauft. XIX. Jahrgang 1897. (Ä. Hartleben's Verlag in Wien, lährlich 12 Hefte, L 88 Pf.) Das 11. Heft des XIX. Jahrganges enthält u. a.: Die Bahn auf den Wiener Schneeberg. Von Friedriche Umlauft. (Mit 3 Illustrationen.) — Fortschritte der geographischen Forschungen und Reisen im Jahre 1896.' 2. Amerika. Von IM I. M. Jüttner. — Die Insel Kreta. Von Dr. Franz Ritter v. Le Monnier. — Das chilenische Magallanesterritorium mit Punta Arcnas und das Feuerland. Von I. Greger. — Mondphotographie. (Mit einer Tafel.) Leuchtende Nachtwolken. — Karten-- beilage: Mondphotographien. Novellenstranß von Clara Maria Thiele betitelt sich ein elegant ausgestattetes Werkchen, das soeben im Verlag der Fuldaer Aktrendruckerei-Fulda zum billigen Preise von 1,50 Mark erschienen ist. Es enthält sieben anmuthige Erzählungen, die, nach einem Handschreiben des hochw. Herrn Bischofs von Kulm. der „Erguß tief religiöser Gefühle eines in Gottesliebe erglühenden Herzens" sind. In einem weiteren der Verfasserin (einer in Weißensee bei Berlin thätigen katholischen Lehrerin) zugegangenen Handschreiben Sr. Eminenz des hochw. Herrn Kardinals Kopp finden sich die empfehlenden Worte: „Möge Ihre Arbeit in den Herzen der Jugend die Gesinnungen und Grundsätze fördern und befestigen, denen Sie in Ihren Erzählungen Ausdruck geliehen haben!" — Diesen: Wunsche schließen auch wir uns gerne an. Das hübsche, für Jung und Alt passende Geschenk» werkchen ist in reder Buchhandlung zu hahen. Rosenkranz-Büchlein, enthaltend Gebete und Andachtsübungen für alle Verehrer der hl. Rosenkranzkömgin. Münster i. W. Verlag der Alphonsus» Buchhandlung. Preis geb. 60 Pf. n. Der hl. Rosenkranz ist eine Ändachtsübung zur lieben Muttergottes. Unser Heiliger Vater Leo hat durch eigene Rundschreiben die Christen aufgefordert, doch eifrig den hl. Rosenkranz zu beten. Es wird deßhalb jedeni Katholiken angenehm sein, einiges über den hl. Rosenkranz zu hören, was er in diesem Büchlein, das noch sehr schöne Beicht-, Kommunion- und Meßgebete enthält, rv ausgezeichneter Weise fin det. Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie. Herausgegeben von Dr. Ernst Commer, Professor an der Universität Breslau. XII. Bd. 1. Heft. Paderborn 1897, Schöningh. Inhalt: I. Zur neuesten philosophischen Literatur. (Forts.) Von Kanonikus Dr. Mich. Gloßner. H. Die „richtige Mitte" in der mittelalterlichen kontroverse über die unbefleckte Empfängnis). Beleuchtet von II Jos. a Leon. 0. L1. Oap. III. Kinder in Polizei- und Gerrchtsgefäng- nissen. (Schluß.) Von Dr. zur. Raym. Zastiera, Orch' Draoä. IV. Literarische Besprechungen. V. Zeitschriften» schau u. s. w. Berantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit.Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. wt>. 46. Anlöge W Sirgsßmger WMüilg."»« Wie ist das Osterfest zu verlege»? Voll I. V. Ach ah. Die Frage bezüglich einer Einschränkung der Beweglichkeit des Osterfestes wurde schon in früherer Zeit mehrfach berührst ohne daß man indes; näher auf die Sache eingegangen isst und dies wohl hauptsächlich deßhalb, weil eine Losung dieser Frage ohne jede Aussicht auf Verwirklichung zu sein schien. Wenn jedoch in gegenwärtiger Zeit diese Frage neuerdings angeregt und geprüft wird, so ist dem eine wesentlich höhere Bedeutung beizumesseu, weil nunmehr verschiedene Faktoren der Sache günstig stehen. Das bevorstehende Säknlarjahr 19 00 bietet einmal einen sehr günstigen Zeitpunkt für die thatsächliche Einführung der geplanten Neuerung. Ebenso kommt die für jenes Jahr in Aussicht genommene Einführung des Gregorianischen Kalenders seitens der Russen der Sache wohl zu statten. Und ivas sodann am meisten ins Gewicht fällst ist man jetzt auch von Seite des päpstlichen Stuhles der Frage näher getreten und hat eine eingehende Prüfung derselben eingeleitet. Die Vortheile, welche eine zweckmäßige Lösung der Osterfragc zur Folge hätte, sind sowohl in kirchlicher als bürgerlicher Beziehung nicht unbedeutend und ioerden auch allseitig als solche anerkannt. Wir halten für nnnöthig, auf dieselben näher einzugehen, weil sie ohnedies jedem Kundigen klar vor Augen liegen. Zudem geht der Zweck dieser unserer Abhandlung dahin, zunächst einen Weg zu zeigen, auf welchem in einfacher, natürlicher Weise mit Berücksichtigung des christlichen Charakters der zu behandelnden Sache das angestrebte Ziel erreicht werden könne. Wir brauchen dabei kaum zu bemerken, daß unsere Ausführungen dem Urtheile kompetenter Kreise keineswegs vorgreifen wollen. Um die Frage der Festlegung des Osterfestes richtig würdigen zu können, ist es vor allem nothwendig, daß wir uns klar werden über die Bedeutung der heute geltenden Bestimmungen der Osterfcicr und deren geschichtliche Grundlage, sowie über die Principien, nach denen eine Festlegung des Osterfestes zu geschehen hat. Für die heutige Praxis, die Zeit des Osterfestes zu bestimmen, ist maßgebend die Bestimmung des allgemeinen Concils von Nicäa (325), wonach Ostern jedesmal am Sonntag nach dem ersten Vollmond, welcher auf das Frühlings ägninoktinm (21. März) folgt, zn feiern ist. Demgemäß kann Ostern innerhalb der Zeit vom 22. März bis 25. April auf 35 verschiedene Tage fallen. Denselben zeitlichen Spielraum von 35 Tagen haben auch alle Zeiten und Feste, die dem Osterfestkreise angehören oder demselben sich anschließen. Diese große Bcweglichkeit der kirchlichen Festzeiten bietet zwar einerseits eine mannigfache Abwechslung, aber anderseits verursacht sie auch wieder mancherlei Unregelmäßigkeiten und Kollisionen von Festen. Aber auch auf die derzeitigen bürgerlichen Verhältnisse ist sie nicht ohne fühlbaren störenden nnd nachtheiligcn Einfluß. Ja, gerade darin dürfte vielleicht ein Hanptmoment liegen, das eine Festlegung des Osterfestes wünschenswert!) macht. Es fragt sich nun, ob und in wie weit das Nicännm eine solche Aenderung seiner Bestimmung zuläßt. Da das ni- cänische Oster-Dekret nicht einen dogmatischen, sondern einen rein präceptiven Charakter hat, so kann diese Vorschrift jederzeit von der zuständigen kirchlichen Behörde wieder aufgehoben ioerden. Das nicänische Dekret hatte zunächst den Zweck, den ehemals ansge- brochenen Öfterstreit zu schlichten nnd eine einheitliche Ostcrfeicr unter den Christen herbeizuführen. Es wurde zwar einerseits an dem traditionellen jüdischen Gesetze des Öfter Vollmondes im allgemeinen festgehalten, aber anderseits bestimmt, daß Ostern nicht mehr am Tage des Vollmondes selbst, sondern immer am nächstfolgenden Sonntage gefeiert werden soll, so daß das jüdische nnd das christliche Osterfest nie auf den gleichen Tag zusammenfallen könnten. Dadurch nun, daß das Nicännm ein Zusammentreffen des jüdischen nnd des christlichen Osterfestes zn verhindern suchte, ist schon angedeutet, daß man die Gemeinschaft mit den Juden bezüglich der Osterfcter nnd das Festhalten an jüdischen Ceremonie,!-Gesetzen ausgeschlossen wissen wollte, daß somit die Beibehaltung des jüdischen Ostervollmondes keine wesentliche, sondern nur höchstens eine konventionelle Bedeutung für die christliche Ostcrfeier hat. Daraus erklärt sich von selbst, daß nach dem Nicännm ein Abweichen von den jüdischen Ritualvorschriftcn bezüglich der Zeit der Öfter - fcier nicht bloß möglich, sondern vielmehr con- venirend ist. Nachdem wir jetzt nicht mehr nach Mondmonaten, sondern nach Sonnenmonaten rechnen, hat überdies für uns der Ostervollmoud jede Bedeutung verloren, nnd zudem ist es keineswegs schade, wenn wir den großen Ballast der complicirten. vielen unverständlichen, sog. EPakten- oder Monds- Berechnnng znr Bestimmung unserer christlichen Fest- zeiten preisgeben. Dasselbe mag füglich auch vom Frühltngsägninoktin m gelten. Durch die nicänische Zeitbestimmung des Osterfestes werden, wie bereits erwähnt, auch die modernen bürgerlichen Verhältnisse vielfach beeinträchtigt. Daran ist aber nicht das Nicännm schuld, sondern andere Umstände, die im Laufe der Zeit eingetreten. Die Juden hatten in dieser Beziehung wesentlich günstigere Verhältnisse, nnd namentlich scheint ihnen das Mondjahr gute Dienste geleistet zn haben. Denn von ihnen wurde bei Bestimmung des Osterfestes hauptsächlich anf das bürgerliche Leben und insbesondere anf die bevorstehende Ernte Rücksicht genommen, deren Beginn für die Bestimmung des Frühlings monats nnd des Osteril, o „des maßgebend war. Die Juden feierten nämlich ihr Osterfest stets am 14. Nisan, d. h. am 14. Tage des Frühlingsmonats, ohne Rücksicht darauf, welcher Wochentag es immer sei. Das jüdische Osterfest war demnach insofern schon ein fixes, immobiles Fest. Als beweglich erscheint es nur insofern, als der Frühlingsmonat bald früher, bald später begann, je nachdem der Neumond einfiel, da die Juden, wie schon erwähnt, nach Mondmonaten rechneten. Der Frühling s- nenmond, mit welchem der Monat Nisan begann, bildete zugleich den Frühlingsanfang, der jedoch nicht identisch ist mit unserem Frühlingsäqni- noktinm. Da das Osterfest zn Beginn der Ernte zu feiern war, wohl damit die Ernte nicht durch die Osterfcicr nnd die Osterfeicr nicht durch die Ernte gehindert wurde, so wurde der Frühlingsnenmond immer so gewählt, daß der Frühlingsanfang mit dem Beginn 322 der Ernte möglichst zusammenfiel. Zu diesem Zwecke besah man gegen Ende des 12. Mondmonats die Felder^ um zn erkennen, ob bis znr Mitte des nächsten Monats die Gerste reif werde» möge, so daß man am Osterfeste, welches am 14. Tage des neuen Monats zn feiern war, mit Opferung der ersten Garbe die Ernte eröffnen konnte. War die Reife weit genug vorgeschritten, so wurde mit dem nächsten Neumonde der Frühlingsmonat Nisan begonnen; war dagegen die Reife noch zurückgeblieben, dann wurde das alte Jahr noch um einen (13.) Monat verlängert und erst mit dem darauffolgenden Neumonde der Frühlingsmonat und das neue Jahr begonnen. Der Frühlingsanfang der Juden war also ein ganz unsicherer, schwankender Zeitpunkt und für die Bestimmung des Osterfestes nur insofern maßgebend, als er gleichbedeutend war mit dem gleichzeitigen Beginn der Ernte, von dem eigentlich die Osterfeier abhängig war. Diese jüdische Praxis der Osterfeier gibt uns zweierlei zn bedenken: einmal, das; jene alttesta- mentlichen Verhältnisse und damit auch die Zeitberech- nungcn nach Mondlanf und Frühlingsanfang unseren christlichen und modernen, kirchlichen und bürgerlichen Verhältnissen in keiner Weise mehr entsprechen, daß also auch der aus dem Jndenthum, herübergenommene Theil unserer Festrcchnnug einer Reform bedürftig äst. Ferner zeigt uns die. jüdische Osterfeier, daß auch bei Festsetzung des christlichen Osterfestes eine Berücksichtigung der bürgerlichen Verhältnisse nach Möglichkeit geboten erscheint, die aber hauptsächlich durch eine zweckmäßige Einschränkung ^>er Beweglichkeit des Osterfestes bethätigt würde. Aus der Betrachtung des gegenwärtigen Standes der Zeitbestimmung des Osterfestes und seiner historischen Grundlage und Entwicklung müssen wir znr Erkenntniß gelangt sein, daß ein Abweichen von der bisherigen Praxis der christlichen Festrechumig im Sinne einer Beschränkung der allzngroßcn Beweglichkeit des Osterfcstkreiscs nicht mir zulässig, sondern auch zeitgemäß und somit wohl gerathen sei. Die weitere Frage ist nun die: Nach welchen Principien hat die neue Ostcrzeitbestimmung zu geschehen S Bei Lösung dieser Frage ist zunächst darauf zu achten, daß dem Osterfeste ein solcher Platz angewiesen werde, der es möglich macht, daß eine Concurrenz kirchlicher Festtage möglichst vermieden werde. Es wird also Ostern nicht zn früh und nicht zu spät, sondern am besten etwa in der Mitte des gegenwärtigen zeitlichen Spielraums anzusetzen sein, d. i. in der ersten Hälfte des Monats April. Dadurch wird verhindert, abgesehen voll etwaigen rein bürgerlichen Vortheilen, daß einerseits die Feste des hl. I oscph und Mariä Verkündigung mit dcrOster- feicr (Charwoche) und anderseits die Feste des heil. Johannes des Täufers und der hl. Apostel Petrus und Paulus mit der Fronleichnamsfeicr in Concurrenz treten, und daß auch die Marknspxo- cession mit der Feier der Ostcrwoche in Kollision kommt. Die Festsetzung des Osterfestes wird aber gleichwohl nicht in der Weise geschehen können, daß es auf ein bestimmtes Datum fixirt wird, wie das beim Weih- nnchtsfestc der Fall ist. Im Gegensatze zn dem jüdischen Osterfeste, das immer am 14. Nisan gefeiert wurde, ohne Rücksicht auf den einfallenden Wochentag, hat nämlich das nicänische Concil entschieden, daß das christliche Osterfest jedesmal an einem Sonntag zu feiern sei. Von dieser Entscheidung kann wohl nicht abgegangen werden, da sie eine specifisch christliche Einrichtung betrifft, ähnlich wie bezüglich der Feier des Sonntags statt des Sabbaths. Wird aber das Osterfest stets am Sonntag gefeiert, so ist eine Fixirung auf einen bestimmten Monatstag nicht möglich, weil die Wochentage nicht immer auf dasselbe Mouatsdatum fallen. Es ist aber auch eine solche Fixirung auf ein bestimmtes Datum gar nicht nothwendig, ja sie wäre nicht einmal gut. Denn sie würde dem Osterfeste und den davon abhängigen Festen jede Beweglichkeit und damit dem Kirchenjahre jede Abwechslung benehmen, was weder schön noch gut wäre. Die angestrebte Festlegung des Osterfestes bedeutet also nicht eine direkte Fixirung desselben auf ein bestimmtes Datum, sondern nur eine Beschränkung der Beweglichkeit auf 7 Monatstage, mit denen der Reihe nach cyklnswcise der Ostcrsonntag zusammenfallen kann. Die Ursache, welche die übermäßige Beweglichkeit der kirchlichen Feste bewirkt, ist, daß- deren Zeitbestimmung von dem Monde abhängig gemacht ist. Der erste Frühlings Vollmond, nach welchem das Osterfest zn feiern ist, kann vom 21. März bis 18. April auf 28 verschiedene Tage fallen. Und da vom Tage des Vollmondes bis znm nächstfolgenden Sonntag allenfalls auch noch ein Zeitraum bis zn 7 Tagen verstreichen kann, so ergibt sich ein zeitlicher Spielraum der beweglichen Feste von 3 5 Tagen oder 5 Wochen. Um diese öwvchcniliche Mobilität auf 1 Woche zn beschränken, muß das Abhängigkeitsverhältnis; der Feste vorn Blonde aufgehoben und die kanarische Fest- rechnung fallen gelassen werden. Statt dessen muß ein anderer zeitlicher Anhaltspunkt gewählt werden, von dem aus eine günstige, zweckentsprechende Zeitbestimmung des'Osterfestes ermöglicht wird. Es sind nun allerdings schon Vorschläge in dieser Richtung gemacht worden. Dieselben suchen aber meist auf willkürlich gewähltem Wege in mehr mechanischer Weise ohne tiefere, innere Begründung ihren Zweck zu erreichen. Von den mir bekannt gewordenen Vorschlägen geht der eine dahin, das Osterfest aus den 3. Sonntag nach dem Frühlingsanfang zn verlegen. Der Zweck würde dadurch allerdings erreicht; denn Ostern fiele dann stets in die Zeit vom 4. bis 10. April incl. Allein diesem Vorschlage möchte ich entgegenhalten, daß einmal die Annahme des 3. Sonntags nach den: Frühlingsanfang ziemlich willkürlich gewählt ist ohne Rücksicht auf andere bedeutsame Momente. ' Außerdem ist noch die Frage offen, ob unter Frühlingsanfang der nicänische (21. März) oder der astronomische zn verstehen ist. Das astronomische Frühlingsäqninoktium würde sich schon deßhalb nicht eignen als zeitlicher Änhaltspnnkt, weil dasselbe veränderlich und die Bestimmung desselben wieder von einer complicirten, astronomischen Berechnung abhängig ist. Aber auch der nicänische Frühlingsanfang ist kein passender Zeitpunkt für die Bestimmung des christlichen Osterfestes. Nachdem wir einmal'die jüdische Nechnungswcise bezüglich des Frühlings Vollmond es haben fallen lassen, hat auch der Frühlingsanfang keine weitere wesentliche Bedeutung mehr, und wird derselbe gleich dem Blonde am besten gänzlich aus der christlichen Fcstrcchnnng gestrichen. Dadurch, wird dann auch jener naturalistischen Richtung, welche das Osterfest gerne als ein Frühlings- oder Anferstehnngsfcst 326 der iviedcrerwacheilde» Natur betrachten möchte, einigermaßen der Baden in's Schwanken gebracht, indem zwischen dem Frühlingsanfang und dem Osterfeste kein äußerer Zusammenhang mehr besteht. (Schluß folgt.) Generalversammlung der Leo-Gesellschaft. Der Empfangsabend in Klagenfurt am 26. Juli verlief glänzend. Se. Excellenz Graf Hoyos begrüßte märmstens die Erschienenen. Prälat Schindler antwortete und constatirte, daß das erwähnte Bangen des Local- comitös und Präsidiums gehoben, der Erfolg des Tages gesichert sei. Namens der Wiener sprach, begeistert aufgenommen, der Abgeordnete Weißkirchner, und besonders schwungvoll auch Professor Dr. Haun, Mitglied des Ge- fchichtsvereines, hervorhebend, daß Alle, welche die Wahrheit suchen, die nur eine ist und sein kann (Lebhafter Beifall) zusammengehören. Professor Dr. Neumann aus Wien erwiderte mit herzlichen Wünschen auf das Gedeihen aller wissenschaftlichen Vereine Klagenfurts. Kaiserlicher Rath Dr. Truxa toastirte auf die Damen. Professor Dr. Keck begrüßte die Generalversammlung Namens der floveuischen Leo-Gesellschaft, welche bereits 200 Mitglieder zählt. Alle Völker mögen vereint katholische Wissenschaft betreiben. Eine Regimentscapelle concertirte. Nach einer Pontificalmesse, die vom hochw- Herrn Fürstbischof Dr. Kahn am 27. Juli gelesen wurde, hielt Vormittags die.Philosophisch-theologische Sec- tion im Sitzungssaale des Landhauses eine Sitzung. Professor Dr. Cigoi hielt einen Vertrag über den Apostel Paulus und wies nach, daß die Apostelgeschichte in genauer Uebereinstimmung stehe mit den zeitgenössischen Profanschriftstcllern. Professor Dr. Müller empfahl, bei dem katcchetischen Unterricht in den Mittelschulen derlei Uebereinstimmungen und innere Gründe für die Authenticität der Kirche heranzuziehen, als für die Jugend besonders anziehend. Professor Swoboda zeigte Gyps- abgüsic von den ältesten Darstellungen der Apostelfürsten, abgenommen von einer vatikanischen Bronzeplatte aus dem zweiten Jahrhundert und einem Reliquiar aus Pola (früher Aguileja), welche Porträttrcue ausweisen, während die Darstellungen aus der Rcnaissancczeit nicht authentisch sind. Den zweiten Vortrag hielt Professor Heg gen 8. ,1. über „Das aristotelisch-thomistischc Moralprincip und dessen neueste Gegner". Nicht das eigene Wohl oder das Wohl des Nächsten sei das letzte Ziel der Sittlichkeit, sondern Gott. Mit dieser Anerkennung erst lösen sich die Probleine der Moral. Der bloßen ethischen Culturanschauung gelingt dies nicht, der kategorische Imperativ Kant's ist nicht die zureichende Grundlage der Moral. Redner kennzeichnete die unabhängige Moral der neueren Philosophie bis zu Hartmann, welcher , in widerlicher Weise gegen die „Pfaffenmoral" hetzt. Auf diesem Wege werde die Hebung und Erhaltung der Sittlichkeit nicht gelingen. Die katholische Wissenschaft müsse den wahrhaften Fortschritt auch in der Ethik anstreben und hier Triumphe feiern, wie solche gefeiert wurden in der Bibelforschung, in der Bekämpfung des Materialismus, in Vertheidigung der Gottheit Christi, in der Geschichtsforschung und Socialpolitik. Der eingeschaltete, sehr anregende Vortrag des Professors Dr. Nößler: „Ueber die Aufgaben der Theologie in der Gegenwart" nöthigte die Rechts- und Social- Section, nur den angekündigten Vortrag des Professors Dr. Joseph Bieder lack „Ueber die Strafrechtstheorie" zuzulassen, welcher sich über die Besscrungs- und Ab- schreckungszwcckc der gerichtlichen Strafe und über den Charakter derselben — ein Mittel für Verwirklichung des Staatswohles — verbreitete. Prälat Schindler verwies auf die Wichtigkeit, Ordnung zu bringen in das Chaos der strafrechtlichen Theorie: nur auf dem Wege, welchen der Vortragende angegeben, sei dies möglich. Baron Mandorff's vorbereitete Abhandlung „Ueber die Sonntagsruhe und deren gesetzliche Regelung" wird im Jahrbuche der Leo-Gesellschaft, gleichwie die obigen Vortrüge, veröffentlicht werden. Nächmittags sprach in der Section für Literatur und Kunst der k. k. Cvnservator Dechant Grösser von Guttaring über die dortigen Kunstdeukmäler als Spiegelbild der kuustgeschichtlichen Entwicklung im Kleinen. Redner gab ein anschauliches Bild derselben in seinem Forschungsgebiete von der Römerzeit und Ehriftianisirnugs- epoche an durch die verschiedenen Epochen des Mittel- alters bis in die neuere und neueste Zeit. Die liebevollen Detailschilderungen des kunstfreundlichen Seelsorgers weckten lebhaftes Interesse. Der Vortrag des Dr. Richard v. Kralik „Ueber Entstehung und Tendenz des sophokleischen Ocdipns auf Kolonos" mußte wegen vorgerückter Zeit entfallen. Auf allgemeines Verlangen sprach jedoch Dr. v. Kralik kurz über die Grundgedanken des beabsichtigten Vortrages, die eigenthümlich conservative Parteitendenz des altgriechischen Theaters in jener Zeit einer oligarchischen Verschwörung und die darauffolgenden politischen Processe. Redner- schloß die leider sehr abgekürzten Ausführungen mit dem Hinweise auf die Bestrebungen der Leo-Gesellschaft für die Verchristlichnng des Theaters. Professor Dr. Alois Hart! aus Ried in Oberösterreich empfahl die Förderung der Herausgabe der kirchcn- musikalischen Werke Joh. Ev. Habert's; Dr. Klinisch (Klagenfurt) bat um mittelbare Unterstützung der Bücherbruderschaft in Klagenfurt durch die Leo-Gesellschaft und die anwesenden Schriftsteller. Diese Anregung wurde beifälligst angenommen, und der Vorsitzende sagt die gegenseitige Einvernahme in dieser Sache bereitwillig zu. Der ersten der vorgenannten Sectioncn präsidirtc Prälat Schindler, der zweiten . Abg. Dr. Weis- kirchner, der dritten Professor Dr. Gitlbauer. Letzterer ermunterte besonders zur Mitarbeit an der Literatur- und Kunstsection unter Hinweis auf deren bisherige Thätigkeit, insbesondere die Aufführung der Auto in Wien und ncucstens die Bücherei, welche die Leo-Gesellschaft veranstaltet. Die Theilnchmerlisten wiesen 70 bis 80 Besucher aus. Der Ausflug aus dem Wörthersee in der zu der Rundfahrt gemietheten kleinen Dampfbarcasse „Loretto" war vom Wetter sehr begünstigt. Nach der Pontisical-Neguiemmesse sprach am 28. Juli in der Sitzung der Section für Geschichtswisse n- schaften der Archivar Dr. Albert Starzer über die Organisation der innerösterreichischcn Ländcrvcrwaltnug nach der Theilung vom Jahre 1564 und die seitherigen Wandlungen bald im Sinne des Centralismus, bald der ständischen Autonomie. Professor Dr. Hann regte au, die Leo-Gesellschaft solle die Alterthumsforschung in Kärnten fördern: erbittet Se. Excellenz den Vorsitzenden Frhrn. v. Hclfcrt als Präsident der Ceutralcommission für Erhaltung der Kunst- und historischen Denkmale, unter Anderem auch dahin Einfluß zu nehmen, es möge bei Bestallung der philologischen Lehrstellen der hiesigen Mittelschulen auf Persönlichkeiten Bedacht genommen werden, welche in Ferialcursen auf Staatskosten etwa für Schulung eines guten Nachwuchses für historische Forschung wirken könnten. Frhr. v. Helfert dankte für die sehr fruchtbare Anregung, er werde im Sinne derselben Einfluß zu nehmen versuchen, in seiner doppelten Eigenschaft als Präsident der Central - Commission und der Leo- Gesellschaft. Dr. Alfred Schnerich lenkte in einem anziehenden Vortrage die Aufmerksamkeit der morgigen Ausflügler nach Gurk auf die dortigen Werke der Renaissance. Es folgte die geschlossene Generalversammlung. In der geschlossenen Generalversammlung erstattete Prälat Schindler den Geschäftsbericht und verwies auf die Veröffentlichung desselben und der Rechnungen im Jahrbuch. Es sind bei 1700 Mitglieder, wovon 509 in Wien, während die übrigen sich auf die Kronländer vertheilen: 12 sind in Rom, einzelne auch im weiteren Auslande, sogar in Amerika -und Japan. Der Berichterstatter hob die Wichtigkeit der Diöcesancomitös und des Literaturblattes hervor. Professor Gitlbauer empfiehlt nochmals die neueste Unternehmung der Gesellschaft, die Büchereien. Die Herausgabe von Lehrbüchern (Erziehungskunde, philosophische Propädeutik und andere) ist gleichfalls in Angriff genommen. — An der Discussion betheiligten sich Msgr. Nagl, Professor Dr. Hammer, Realschnlkatechet Hnber. Professor Neu m ann. Professor Swoboda, 324 Professor Hartl und Fürstbischof Dr. Kabn. DaS Werk über das sociale Wirken der Kirche ist bis zum dritten Bande gediehen. Prälat Schindler begrüßt auch die selbststäudige Gründung der slovemschcu Leo-Gesellschaft in Laibach mit aufrichtigster. Sympathie. Se. Excellenz Baron Helfcrt bemerkt dazu, das; eine ähnliche Schöpfung für die Katholiken czcchischer Zunge ebenso zu begrüßen märe. Die Wahl des OrteS der nächsten Generalversammlung wird. da Olmütz und Bndweis abgelehnt haben, dem Directorimn überlassen. Ueber Antrag des Professors Dr. Gitlbauer wurde das Directorimn beauftragt. die Schaffung eines Organs zur Veröffentlichung von Abhandlungen der Mitglieder in Erwägung zu ziehen. Nach Beantwortung einer Interpellation des Dr. Waitz aus Brixen über die Veranstaltung von socialen Cursor wurde durch den kaiserlichen Rath Dr. Trura der Dank dem Vorsitzenden und den Mitgliedern des Direktoriums abgestattet und die Generalversammlung nach dritthalb- stündiger Dauer geschloffen. DieFestvers amin lung im dichtgefüllten, geschmackvoll deeorirtcn Wappensaal des Landhauses war unter Anderen besucht von den hochiv. Herren Fürstbischöfen von Gurt und von Lavant, von Hofrath von Kozaryn in Stellvertretung Sr. Excellenz des Landesprästdenten, vorn Landeshauptmann Grafen Zeno Goeß. von Sr. Durchlaucht dem Fürsten Heinrich Rosenbcrg. GM. von Birst, von den Ministerresidenten Baron Reger rrnd von Pilat, voirr Bürgermeister der Landeshauptstadt Julius Neuner, von Sr. Ercellenz dem Grafen Honos. vorn Obmann des Localconritös Msgr. Nagl aus Rom, von Cvnte Veith, Hofrath Schwab, HandelSkaimnerpräsidentenvonHillinger, Berghauptmann Gleich und zahlreichen angesehenen Persönlichkeiten. vielfach mit ihren Damen. Am Präsidcntentische waren Se. Excellenz Baron Helfcrt und Generalsecretär Prälat Schindler und zunächst Se. Excellenz Graf Brandts. Landeshauptmann von Tirol und Präsident des Tiroler ZwcigvereineS, Mid die Directionsmitglieder. Nach der mächtig wirkenden Festhriliine. gedichtet und verlont von Dr. Richard von Kralik, sprach nach den einleitenden Worten des Vorsitzenden der hochw. Herr Fürstbischof Dr. Kahn über die erhabenen wissenschaftlichen Aufgaben der herzlichst zu begrüßenden Leo-Gesellschaft, über welche er den Segen des Himmels herabsiehst. Es folgte sodann der Bericht über die VereiirZtbätig- kcit durch den Generalsecretär Prälat Schindler: er gedachte der Zunahme der Mitglieder, zu welchen fünf Angehörige des allerhöchsten Kaiserhauses zu zählen sind (Lebhafter Beifall), rrnd der diesjährigen Leistungen besonders auf dem Gebiete der Literatur und Kunst. Das reiche Bild dieser fruchtbaren Thätigkeit in Schrift und Wort wurde mit allgemeinem Interesse aufgenommen und die Schlußworte über das dein Lande zu erhaltende christliche Gepräge und die cultnrgeschichlliche Aufgabe, zu welcher auch die Leo-Gesellschaft ihre Beiträge liefern wolle, weckte lebhaften Beifall. Die Gesellschaft wuchs im Jahre 1897 auf 1730 Mitglieder und Thcilnehmer: darunter befinden sich 11 Mitglieder des allerh. Kaiserhauses. Spenden liefen rn diesem Jahre u. A. ein: vom k. k. Unterrichtsministerium für die Herausgabe der „Quellen und Forschungen zur Geschichte und Literatur Oesterreichs und seiner Kron- länder" im Betrage von 400 fl., für das Oesterreichische Literaturblatt 300 fl.. vom hochiv. Fürsterzbischos Dr. Kohn von Olmütz zur Unterstützung junger Gelehrter für wissenschaftliche Reisen 300 fl., von Prälat Dr. Franz in Gmiiirden 200 fl.. von einer Dame in Wien 500 fl. Der Vermögoisstand belauft sich auf 22,500 fl. Die Leistungen auf dem Gebiete der Wissenschaft und Literatur in diesem Jahre sind besonders folgende: Das „Jahrbuch der Leo-Gesellschaft" mit wissenschaftlichen Abhandlungen von Wehofer, Weichs-Glon, Stentrup. Fil- kuka. Hirn; das „Sociale Wirken der katb. Kirche in der Diöccse Seckan" von Stradner: die „altdeutschen Passionsspiele aus Tirol" von Wackcruell; der 5. Jahrgang des „Oesterr. Literatnrblatt" von Schnürer; „Armenpflege einer Großstadt" von Weißkirchner: „Die Gegenreformation in Bruck a. d. Leitha" von Pröll; das Lehrbuch der Erzieh,lngskunde" von Grinnnich; die „Allgem. Bücherei*. (> Hefte mit Werken von Caldcron, Annette von Droste- Hülsdoff, Stifter, Hvrtt, Shakespeare, Sophokles: dazu kommt eine große Reihe von Werken, die in Vorbereitung stehen, u. A. ein großes itkustr. Prachtwerk „Die kathol. Kirche unserer Zeit in Wort und Bild" und „Apologetische Studien". Außerdem wurden zahlreiche Vortrüge über wissenschaftliche und litcrarische Gegenstände gehalten, darunter namentlich eine Reihe socialwiffenichafllicher von Bcrger, Schmiedland, Klopp, Kienböck. Gorski. Auf dem Gebiete der Kirnst ragen besonders hervor, die Aufführung des Brncker Requiems in der Kirche „Am Hof" durch JiilinS Böhm, des Oratoriums „Christus" von Liszt im Mnsikvereinssaal durch die Chöre des Schnbertbuudcs und der Wiener Singakademie unter Leitung Fcrd. Lowe's: des Calderon'schen Autos „Das große Weltthcastr" im Nrcadeuhofe des Wiener Rcsth- hauses. — Gewiß ein herrliches Bild segensreichen Schaffens! Der meisterhafte Vortrag des Festredners, Professors Dr. Hann, kennzeichnest die vollste Blüthe der christlichen Kunst in Körnten, welche trotz der Verwirrungen des Investitur-streites Berg und Thal mit Hunderten von Denkmalen übersäet hatte. Redner machst Fremde wie Einheimische auf den Reichthum an Schützen aufmerksam, an welchen so Viele achtlos vorübergehen. Seine Schlußworte über den in den KunstschätzcU ausgedrückten Geist des christlich-germanischen Zeitalters wurden von stürmischem. begeistertem Beifall begleitet. In den Schlußworten gab der Vorsitzende auch bekamst, daß der erste Mcepräsident, der hochw. Armee- bischof Belopotoczk», durch die Taufhandlung im allerhöchsten Kaiserhanse diesmal ferne gehalten, seine herzlichsten Grüße telegraphisch entsendet habe. Der Vorsitzende schloß: „DaS Wort hat sich verwirklicht: .Die Generalversammlung der Lep-Gesellschaft gestaltet sich zu einem vollen Erfolge'". „Vastrld." Recensionen und Notizen. Der selige Petrus Canisius, eindeutscherGlanbeus- held. Zunl 300jährigeu Gedächtnisse seines Todes. Nach den besten Quellen bearbeitet von Präses I. B. Mehler. Mit oberhirtlichcr Druckgenehmigung. 6. Verb. Anst. 12. 136 S. Preis 40 Pf. Bereits in 6. Auflage erschien soeben aus der gewandten Feder Mehlers das Lebensbild des scl. Canisius, welches in seiner volksthümlicheu Weise wie kein anderes zur Verbreitung unter das katholische Volk geeignet erscheint. Gerade uns Bcmern steht der selige Canisius. der Glaubensretter Deutschlands, hauptsächlich unseres engeren Vaterlandes Bauern, besonders nahe. Der Verfasser weist anf die Verdienste des Seligen für Bayern ausführlich hin, der ja auch die Liebe und Verehrung der Bcmernfürsten genoß. Die ganze Schrift ist von einem patriotisch-bayerischen Geiste durchweht, was sie uns besonders empfehlenswert!) macht. Sie hat auch allseits die gebührende Anerkennung gefunden. So erhielt der Verfasser Anerkennungsschreiben aus der Gehcimkanzlci Sr. Kgl. Hoheit des Prinzregenten Lnitpold, des Prinzen Ludwig und der Prinzessin Arnulf, ferner von Sr. Eminenz Cardinal Dr. Stcinhuber. von dem Präsidenten der Regierung in Freibnrg (Schweiz), den hochw. Bischöfen von Cichstütt und Wnrzbnrg n. s. f. Gesänge und Andachtsübnngen zu Ehren des seligen Petrus Canisius. componirtvonM. Haller. Als Anhang zu vorstehendem Canisius - Küchlein. Mit oberhrrtlicher Druckgenehmigung. 32 Seiten. Einzeln 10 Pf., das Dutzend 90 Pf., specielle Orgetbegleitung 40 Pf. Im Selbstverläge des Herausgebers (Präses Mehler) und durch alle Buchhandlungen. Diese sechs deutschen Lieder in Noten, componirt von dem berühmten Meister M. Haller (eines von M. Mauer), ein-, zwei- und vierstimmig, für das Volk und Vereine, werden zur Verschönerung der kirchlichen und weltlichen Canisius-Jubilänmsfeiern wesentlich beitragen. Veraistw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabtiere in Augsburg. Zum hundertjährigen Todestage des Oi'.Benedikt Stattler. Ein Gedenkblatt von Pros. Dr. Silbernagl. Ain 21. Angnst 1797 starb zu München der Ex- jesuit und chnrfürstliche geistliche Rath Dr. Benedikt Stattler, ein Mann, der sich durch eine ausgezeichnete, auf viele Fächer der Wissenschaften und die Angelegenheiten seiner Zeit verbreitete Thätigkeit nicht bloß unter den Katholiken, sondern auch unter den Protestanten Deutschlands einen berühmten Namen gemacht hat. Geboren am 30. Jänner 1728 zu Kötzting im bayerischen Walde, lernte er die Anfangsgründe der lateinischen Sprache im Benediktinerkloster Niederaltaich und wurde dann in das Seminar zum hl. Gregor in München zum Dienste der Kirchenmusik aufgenommen, obschon seine ganze Musilkimst nur im Paukenschlagen bestand. Nachdem er am dortigen Gymnasium die niederen Schulen durchgemacht hatte, trat er am 13. September 1745 in das Jesuitencolleg zu Landsberg ein und hörte nach bestandenem zweijährigen Noviziate drei Jahre philosophische, eine Jahr mathematische und vier Jahre theologische Vorlesungen an der Universität Jngolstadt. Hierauf lehrte er als Magister drei Jahre lang die Grammatik zu Straubing und Lnudshnt und ein Jahr die Poesie zu Neuburg a. D. Im Jahre 1759 erhielt er die Priesterweihe, und im Jahre 1763 legte er die Ordeusprofeß ab. Air der Universität zu Innsbruck wurde er im Jahre 1764 zum Doktor der Philosophie promovirt und bekam das Lehramt der Physik; im folgenden Jahre lehrte er Logik und Metaphysik und 1766 abermals Physik, und es erschienen von ihm LlivorsIoAiss ob UetallurZisö xrinoipis xllxmos in zwei Theilen und LlinarsloZis sxoeislis, für welche Werke die Kaiserin Maria Theresia ihn mit einer Denkmünze beschenkte. Im Jahre 1769 erhielt er die theologische Doktorwürde und zugleich das Lehramt der Dogmatik. Als Lehrer der Theologie verfaßte er im Jahre 1770 seine »Doinonstrstio 6vsn§6lias", eine Apologie, in welcher er die Nothwendigkeit, Möglichkeit und Wirklichkeit der göttlichen Offenbarung zu zeigen suchte, und in demselben Jahre kam er als Professor der Dogmatik an die Universität Jngolstadt, wo er eine große literarische Thätigkeit entfaltete. Er gab in den Jahren 1769 bis 1772 zu Augsburg ein die ganze Philosophie umfassendes Werk heraus unter dem Titel „Lllilosopstis uislstoüo scüairtiis propris explsnsts" in acht Theilen, in welchen die Logik, Ontologie (Metaphysik), Kosmologie, Psychologie, natürliche Theologie, allgemeine und besondere Physik behandelt werden. Die Akademie der Wissenschaften in München hatte für das Jahr 1771 die Preisfrage gestellt: Da das in einem Gefäße stillstehende Wasser nicht allzeit wagerecht, sondern nach Verschiedenheit der Umstände zuweilen erhaben, zuweilen aber hohl steht, so fragt es sich, durch was für Kräfte diese Abweichung von den Gesetzen der Hydrostatik hervorgebracht werde? Stattler löste dieselbe und erhielt einen Preis von 25 Dukaten, wurde auch im Jahre 1773 als Mitglied in die Akademie aufgenommen. Er hatte sich in die Leibnitz-Wolfische Philosophie hineingearbeitet und dieselbe in mehreren Punkten vervollkommt oder vielmehr seinen eigenen Ideen angepaßt. Eine gründliche Metaphysik hielt er für eine Hauptstütze aller natürlichen und geoffenbarten Religion, und so war er bestrebt nach den Regeln seiner Logik und mathematischen Methodenlchre und nach den in seiner Metaphysik festgesetzten Begriffen und Hauptgrundsätzen die Dogmatik und Moral zu bearbeiten. Er brach also gründlich mit der bisherigen scholastischen Methode in der Theologie. Im Jahre 1772 verfaßte er eine Ltliios offristisns univorsalis, im Jahre 1775 die dogmatischen Werke vomoustrslio os- tlwlics und Iwoi tffeoIoAioi, und vom Jahre 1776 bis zum Jahre 1779 gab er seine Dflaologis Christians, tffoorotios in sechs Traktaten heraus. Die letzteren drei Werke erschienen schon 1781 in zweiter Auflage. Im Jahre 1780 richtete er eine apistols xsrsenatios an vr. Karl Friedrich Bahrdt in Berlin, als dieser sein Glaubensbekenntniß an den Kaiser geschickt hatte, und bearbeitete die vom Stolpischen Institute zu Leiden gegebene Preisfrage „Da vslors Zensus oonrmunis vs- turss tsnHusm nriteris voritstis". Welches Ansehen Stattler genoß, sehen wir daraus, daß ihn der Bischof von Speyer im Jahre 1776 wiederholt einlud, das Amt eines bischöflichen Seminarregcns und Pfarrers zu Bruchsal und eines kirchlichen Referendars zu übernehmen. Stattler lehnte jedoch ab, weil er kurz vorher vom Fürstbischof von Eichstätt zum Prokanzler der Universität ernannt worden war und vom Churfürsten Max Joseph die Pfarrei St. Moritz in Jngolstadt erhalten hatte. Diese Bevorzugung erweckte ihm viele Neider und Gegner, und zugleich begannen jetzt die Angriffe auf seine Theologie. Der Baccalaureus der Theologie Max Jgnaz Herzog polemisirte in seiner Doktordissertatiou, die 1780 zu Mainz erschien, gegen die Lehre Stattlers bezüglich des Subjectes der kirchlichen Unfehlbarkeit, worauf ihm Stattler eine freundliche Antwort gab. Aber ein viel stärkerer Gegner erwuchs ihm in dem Benediktiner Wolfgang Frölich, Lehrer des Kirchen- rechtes im Kloster St. Emmeram zu Regensburg. Dieser kritisirte in seiner Rsüoxio zu der Osuronslrsliv es- tstolios und den Dooi tstsoloZiei Stattlers strenge dessen Lehrmethode und zeigte ihm die Irrthümer, welcher sich Stattler in Bezug auf das Geheimniß der Erlösung, die Wirkung der Sakramente, die kirchliche Unfehlbarkeit, den Papst und die Kirche schuldig gemacht hatte. Stattlers Vertheidigung und die Entgegnungen seiner Schüler Sailer und Neuhauscr waren sehr schwach. Frölich zog hierauf 54 Sätze aus den dogmatischen Schriften Stattlers aus und schickte sie zur Prüfung nach Rom. Die Jndex- congregation unterwarf nun die vonaoustratio oststvlios und die I-oei tstaologiai Stattlers der Censur, und durch Dekret vom 10. Juli 1780 wurde die Demonstrstio csklivlios auf den Index gesetzt. Da aber diese Schrift vom Ordinariat Eichstätt approbirt worden war, so sus- pcndirte man einstweilen dessen Publication, um zu sehen, wie sich der Bischof zu demselben stellen werde.' Der Sekretär der Jndexcongregation, der Dominikaner Mainacht, theilte durch Schreiben vom 9. September 1780 dem Fürstbischöfe Naymund von Eichstätt das Urtheil der Jndexcongregation mit und bemerkte, daß mau es nicht für nöthig befunden habe, den Verfasser zu hören. Am 6. Oktober 1780 schrieb der Bischof an die Jndexcongregation und drückte seinen Schmerz darüber aus, daß durch die Verdammung eines von seinem Ordinariate approbirteu Werkes ihm eine große Schande vor den 326 deutschen Bischöfen, Fürsten und Gelehrten, ja vor dein ganzen Volke bereitet werde; Stattlcr hätte es bei seinem gelehrten Rufe schon verdient, daß er nach der ConstitntionBenc- vikts XIV. „Lolliaita. ao provicku" gehört worden wäre. Darum bitte er nun die Kongregation, und die gleiche Bitte stellte der Fürstbischof an Papst Pins VI. in einem Schreiben vorn 8. Oktober 1780. Der Sekretär Mainacht, welcher, als Fürstbischof Raymnnd in Nom Theologie stndirte, dessen Repetitor und mit ihm befreundet war, schrieb einen Privatbricf, worin er den Bischof bei ihrer alten Freundschaft ermähnte, sich von jeder Theilnahme an dieser Sache zurückzuziehen, da er die Vernrtheilung dieses Buches nicht hindern könne. Der Bischof schrieb ihm zurück, in seiner Bischofsstadt fei ein Dominikanerkloster, dem er bisher viel Gutes erwiesen habe; er werde sich von unn an gegen dasselbe so verhalten, wie Mainacht in dieser Sache gegen seinen alten Freund. Auf diese Schreiben hin ruhte die Sache bis zum Tode des Fürstbischofes.') Im Jahre 1781 war Stattler Rektor der Universität, und im September desselben Jahres wurden die Welt- priester und Exjesuiteu des Lehramtes enthoben, da die säknlarisirten Jcsuitengüter zur Errichtung einer bayerischen Zunge des Malteser-Ritterordens verwendet wurden. Die entlassenen Professoren erhielten entweder eine Pension von 240 fl. oder kirchliche Benefizien, und ihre Lehr- stühle kamen an die bayerische Beuediktiner-Congregation. Stattlcr bekam die Stadtpfarrei Kemnath in der Oberpfalz. Aus Anlaß des Mendelssohn'schen Jerusalems, worin für volle Glaubens- und Religionsfreiheit eingetreten wird, veröffentlichte Stattler sein „Wahres Jerusalem oder über religiöse Macht und Toleranz in jedem und besonders im katholischen Christenthnme". In dieser Schrift, welche 1787 mit bischöflicher Approbation zu Augsburg erschien, ist interessant, wie sich Stattler über die Ketzerei äußert. Ein Ketzer ist nach ihm der, welcher bei wirklich guter Kenntniß der göttlichen Autorität der Kirche doch einen Irrthum Wider den katholischen Glauben mit Hartnäckigkeit behauptet; wer aber von der göttlichen Autorität der Kirche keine gewisse Kenntniß hat, kann kein Ketzer sein. Auch eine wie immer grobe Unwissenheit entweder über die Autorität der Kirche oder über ihre wirkliche Lehre entschuldigt von der Ketzerei. Wer in Unwissenheit über die göttliche Autorität der Kirche und in rein materiellen Irrthümern von Jugend an auferzogen worden ist, mit der Zeit aber durch höheres Licht wie immer erleuchtet die göttliche Autorität der Kirche und seine Irrthümer als solche zu erkennen anfängt, jedoch aus menschlicher Furcht den katholischen Glauben öffentlich anzunehmen sich nicht getraut, ja wider die Ueberzeugung seines Herzens sich äußerlich noch ferner zur irrigen Religion bekennt, ist doch deßwegen im eigentlichen Verstände kein Ketzer, weil keine Hartnäckigkeit in Behauptung des Irrthums bei solchem Gemüthszustande angenommen werden kann. Die heutigen Protestanten bleiben also, auch nachdem sie erwachsen sind, immer im Besitze des in der hl. Taufe erhaltenen Rechtes zu aller geistlichen Gemeinschaft an allen geistlichen Gütern der katholischen Kirche, welche zu bcnützen sie bei Fortdauer ihres Jrr- ') Die Erzäblung Schlichtegroll's (Nekrolog auf das Jahr 1797, S. 180) und Anderer, daß Stattler, nachdem er das Urtheil der Judcrcongregatiou erfahren, mit Extrapost nach Nom geeilt sei und dem Sekretär Mamachi einen Besuch gemacht habe, in Folge dessen die Publication des Dekretes unterblieben fei, ist durchaus unwahr. thums doch noch fähig sind, und nur von der Gemeinschaft jener geistlichen Güter der Kirche sind sie ausgeschlossen, welche sie entweder aus irrigen Vornrtheilen selbst nur für unächte Güter halten, oder welche sie, wenn mau sie ihnen überließe, nur zur Verletzung der Rechte der katholischen Kirche mißbrauchen würden. Wenn daher ein katholischer Landesfürst Wissenschaft hat, daß. in seinen katholischen Staaten viele verborgene, ihrer Religion hartnäckig anhangende und nur äußerlich sich verstellende Protestanten vorhanden sind, welche übrigens dein Staate als nützliche Bürger wirklich dienen, so handelt er klug und recht, wenn er diesen eine öffentliche Uebung der protestantischen Religion mit der Bedingniß gestattet, daß sie sich aller Pro'selytenmacherei und aller Verführung katholischer Mitbürger enthalten. Und Stattler verweist hier auf das Beispiel des Kaisers Joseph II. (Schluß folgt.) Lippert — ein Auti-Jmissen. *) X. 6. „Um das Werk der evangelischen Kirchen- reformation zu verunglimpfen, hat der katholische Ge- schichtsschrciber Janssen in seiner Geschichte des deutschen Volkes kein Land durch Verleumdung so sehr zu Boden getreten, als die einst 100 Jahre lang bis auf den letzten Plann evangelisch gewesene Oberpfalz." Mit diesen Worten beginnt das neueste Werk gegen Janssen l Lippert will beweisen, daß die Oberpfalz 100 Jahre lang bis auf den letzten Mann evangelisch gewesen sei, und außerdem beabsichtiget er „die Schmähungen Janssens gegen unsere evangelischen Vorfahren und Fürsten in ihre Grenzen zurückzuweisen" oder wie er sich einige Zeilen später ausdrückt: „Janssens Geschichtslügen zu widerlegen." Untersuchen wir nun in aller Kürze die erste Thesis: Ist die Oberpfalz einst 100 Jahre laug bis auf den letzten Mann evangelisch gewesen? Lippert beschäftiget sich vor allem mit der Nothwendigkeit der Reformation. Daß eine Verbesserung der Sitten, daß eine Abschaffung vieler tief eingewurzelter Mißbrauche, daß insbesondere der geistliche Stand einer durchgreifenden Umgestaltung bedürftig war, haben nicht erst Luther und Hütten ausgesprochen, sondern schon auf den Synoden von Konstanz und Basel war die Parole einer Reform an Haupt und Gliedern ausgegeben worden. Aber wer hat denn diese Reform der Sitten am meisten behindert? Im Jahre 1489 ist ein Büchlein erschienen mit dem Titel: lös misoria, eurntoruna seu plsburorum, Von der Nothlagc der Pfarrer, welches späterhin als xuroalirm ctuockeuario ponäsrs pressus herausgegeben worden ist. In diesem „Nothschrei" werden neun böse Geister aufgeführt, welche den Pfarrer drücken; da werden genannt die Kircheupflcger, die Patronatsherren und auch die Gemeinden. Ja gerade die Patronatsherreu, die adeligen Raubritter, erniedrigten den geistlichen Stand am meisten; der Priester mußte als „Meßpfaff" ihnen in alleweg zu Diensten stehen. Daß auf den Burgen der Ritter, in den Schlössern der verarmten Landadcligen und an den Höfen der Fürsten nicht immer die strengsten Sitten herrschten, daß Liederlichkeit, Ehebruch und Trunken- ch Die Reformation in Kirche, Sitte und Schule der Ober-pfalz (Kur-pfalz) 1520—1620. Ein Auti-Jausseu aus den königlichen Archiven erholt von Friedrich Lippert, kgl. Pfarrer- in Amberg. Rothen- burg o/Tbr. Peter'sche Buchdruckerei. 1897. 234 Seiten. 327 heil sehr im Schwange waren, dafür stehen Belegstellen mehr als erforderlich zur Verfügung.') Die Gemeinden waren in Folge der fortwährenden Fehden und Nanb- ziige verarmt, und das schlechte Beispiel der höheren Stände war auch an den Bürgern und Bauern nicht spurlos vorübergegangen. Konnten ans einem verarmten und sitttlich verwahrlosten Volke Priester hervorgehen, welche der hehren Aufgabe ihres Berufes stets gewachsen gewesen wäre»?-) Wo erhielt der heranwachsende Klerus seine wissenschaftliche, seine ascetische Ausbildung? Die Bursen an den Hochschulen waren längst vergessen, Seminarien im heutigen Sinne kannte man nicht; der jüngere Humanismus mit seiner Vorliebe für heidnische Lcbensauschannng war nicht der Nährboden eines sitten- reincn Klerus. Die Bischofsstühle, die Domkapitel waren Versorgnngsanstalten fürstlicher und adeliger Kinder und Herren geworden. Wer trug die Schuld an dieser unberechtigten, unkatholischen Exklusive? Vielleicht Rom? Schon durch die Landesordnnng Georgs des Reichen vom Jahre 1491 war im Herzogthum Bayern das landesherrliche Placet eingeführt worden: „ainich preves bullen oder anderes in unsern: Land on unserer willen und wizzen anzeschlagen oder zu verkünden" war verboten. Von der Bewegung, welcher der Augustinermönch Martin Luther seinen Namen lieh, erwartete das gewöhnliche Volk allseitige Besserung seiner Verhältnisse auf breitester demokratischer Grundlage: Abschaffung der Frohnden und Zehnten, allgemeines Jagd- und Fischereirecht, Anstellung der Pfarrer durch die Gemeinde. Hatte ja doch Luther selbst das Princip des allgemeinen Priester- thumes unter die Massen geworfen, spielte er doch bis 1525 mit Vorliebe den Anwalt der Unterdrückten. Wie das Volk diese demokratischen Anschauungen zu verarbeiten verstand, erhellt klar aus dem „Fürhalten des Dorfmeisters zu Wendelstein an den neuangchenden Pfarr- ') Vergl. Hösler, „Die Aera der Bastarden am Schlüsse des Mittelalters". Prag 1891. Daß übrigens „in allen Klöstern und Pfarreien der Oberpfalz das Concnbinat zu finden war", hat Lippert (S. 4) nicht erwiesen. Was die angebliche Aeußerung des Kardinals Campcggi 1524 über das Concubinenwcscn betrifft, so ist Slcidanus ein nicht einwandfreier Antor. Uebrigens konnte zum Jahre 1524 eine derartige Aeußerung Campeggi's weder in den lateinischen Commentarien (Ivan. Aoicloni Os statu rsliZiovis st rsipublioas Osrolo V Oasssrs donunentarli LlI)1>V, p. 88) noch in der deutschen Nebersetzung (Joh. Sleidani Warhafrige Beschreibung aller Händel so sich in Glauben Sachen und Weltlichen Regiment unter Karl V. zugetragen. Frankfurt a/.M. M. D. Lix (1559) Seite xlv) entdeckt werden. Die von Lippert benützte Ausgabe Frankfurt 1785 I 240 stand uns leider nicht zur Verfügung. Das Citat aus dem Tridentinnm konnte ich weder Lass. XXIV ean. 9, noch bei derselben Sitzung cls rekorinntions co.p. 8, noch Lsss. XXV äs rskorin. sap. 14 auffinden. *) In dem Gutachten der Geistlichkeit des Kapitels Neumarkt vom 16. Oktober 1524 wird bemerkt: Die Stadtgeiftlichen könnten gegen die Bürger, der Landklerus gegen Vögte und Pfleger eine Reihe von Beschwerden vorbringen: sie wollten indessen hicvon nichts weiter reden. (Past.-Blatt des Visth. Eichstätt 1870, 19.) Diese Gutachten beweisen außerdem, daß „die wissenschaftliche Unfähigkeit des Klerus nicht so groß war, wie der Am- berger Rath sagte, daß der katholische Klerus „keine fünf Emwohner" von der Liebe zu Luther abhalten konnte" (Lippert S. 3). Die Städte Amberg und Neumarkt standen unter dem Banne der Reichsstadt Nürnberg, deren Haupt- bestreben war. die bischöfliche Jurisdiktion abzuschütteln. Schrieb ja doch Pirkheimer: „Den Reichsstädten erscheint der Türken Joch leichter als jenes der Bischöfe". (Past.-Bl. 1869, 178.) ' Herrn" an: Mittwoch nach Gallt Anno 1524. (Niederer, Nachrichten znr Kirchen-, Gelehrten- und Büchergeschichte. Altdorf 1763, Bd. !I, 333-346.) Demgemäß soll der Pfarrer nur der Diener der Gemeinde sein: „nicht Du hast uns zu gebieten, sondern wir haben Dir zu gebieten, und deßhalb befehlen wir Dir, uns das lautere, klare Evangelium vorzusagen. Opfer, Seelgeräth fallen in Zukunft weg, das Widdum soll dein Pfarrer genügen. Hat derselbe Klagen gegen die Gemeinde, so soll er Niemanden nach Eichstätt citiren, sondern an die mark- gräslichc Herrschaft; ebenso wird es die Dorfgemeinde halten." Aehnliche Ideen spukten auch vielfach in den Köpfen der Oberpfälzer. Da war es nun vor allein Aufgabe der Bischöfe, ihre Hecrden zu belehren, ihre Geistlichen vor der Hinneigung zu dem Lnthcrthnm zu warnen. Aber die Fürsten traten hindernd und hemmend entgegen: sie befürchteten Abbruch an ihren landesherrlichen Gerechtsamen. So schreibt Lippert S. 18: „Als der Administrator des Bisthums Negensbnrg diese Beschlüsse des Konvents von Negensbnrg an alle seine Geistlichen hinansgeben wollte, erhielt der Bischof von der oberpfälzischen Regierung dazu mit Rechts?!) das pluoet nicht, und Friedrich befürwortete bei seinem Bruder deren Jnhibirnng." Unter solchen Umständen darf es nicht Wunder nehmen, wenn die „positiven Resultate der Ncgensbnrger Reformation recht magere waren". Als der Bischof von Eichstätt, Moriz von Hütten, im Oktober 1548 den Klerus seiner Diöcese zu einer Synode znsammenberief, da fragten die Nenmarktcr Geistlichen am 14. November bei der Regierung an, ob sie dieser Einladung Folge leisten sollten. Die Regierung antwortete ganz lax, wie selbst Lippert (S. 40 A. 4) sagt: „Daß einer oder zwei Geistliche, das wir doch zu ihrem Gefallen stellen, die Synode besuchen und hören lassen, was daselbst gehandelt wird; wo alsdann ihr^s Gewissens etwas beschwert, würden Ellas Hanschild und Kaplan Georg Priesinger wohl Weg wissen." Ja die Regierung scheute sich nicht, in einer Erklärung vom 11. April 1539 (Lippert S. 29) den Bischof von Regensbnrg über die Neichnng der hl. Kommunion unter zweierlei Gestalt durch den Prediger Hügel in Amberg geradezu anzulügen — erst der Politik wurde Hügel seitens der weltlichen Gewalt geopfert! In Augsburg hatten die protestircnden Stände bei Ueberreichnng ihres Bekenntnisses 1530 an ein „gemein, frei, christlich Concilium" appellirt und gefordert, daß der Kaiser den Papst zur Abhaltung eines „solch Gcncral- concilinms" veranlassen möchte (Müller, die symbolischen Bücher S. 37); als endlich Paul III. am 2. Juni 1536 das Ausschreiben zu der allgemeinen Kirchenversammlnng, welche im Mai des kommenden Jahres zu Mantua zusammentreten sollte, ergehen ließ und auch zu den neu- glänbigcn Fürsten den Legaten Petrus van der Borst, Bischof von Acqui, mit Einladungsschreiben abschickte, da war es nach Lippert Seite 21 „den Protestanten Ehrensache, ein solches Concil nicht zu beschicken, und sie gaben die Hoffnung aus eine päpstliche Reformation auf". Worin diese Reformation bestehen sollte, erhellt unzweideutig aus den schmalkaldischen Artikeln, der Antwort Luthers und seiner theologischen Freunde auf die päpstliche Einladung zum Concil. Nicht um die Lehre, nicht um die neuen Dogmen war es den pro- testirenden Fürsten zu thun, sondern um die Oberhcrr» 328 schaft über die Kirchen ihres Landes. Wer soll oberster Richter in Glaubenssachen sein: der Papst oder die weltlichen Territorialherren? Das war der Kernpunkt der ganzen Bewegung. Um die Spaltung zu erhalten, erklärte man in Schmalkalden den Papst als den leibhaftigen Antichrist. „So wenig wir den Teufel selbs für einen Herr oder Gott anbeten können, so wenig können wir auch seinen Apostel, den Bapst oder Endechrist, in seinem Regiment zum Haupt oder Herrn leiden. Denn Lügen und Mord, Leib und Seele zu verderben ewiglich, das ist sein bäpstlich Regiment eigentlich." (Pastor, Die kirchlichen Reunionsbestrebungen, S. 100.) (Fortsetzung folgt.) Wie ist das Osterfest zu verlegen? Von I. B. Ach atz. (Schluß.) Ein anderer Vorschlag sieht, wie vom Frühlingsvollmonde, so auch vom Frühlingsanfänge — gänzlich ab und geht dahin, daß Ostern am 2. Sonntag im April zu feiern fei. Darnach fiele Ostern stets in die Zeit vom 8. bis 14. April incl. Dieser Vorschlag ist in einer Hinsicht noch annehmbarer als der vorhergehende, weil er nämlich vom jüdisch-astronomischen System ganz absieht. In anderer Hinsicht ist aber mich dieser Vorschlag auf einer sehr willkürlich gewählten, völlig bedeutungslosen Grundlage aufgebaut. Durch diesen Modus würde nicht bloß das Osterfest, sondern das ganze Kirchenjahr eine Einbuße an seinem idealen Charakter erleiden. Aber gleichwohl verdienen die beiden vorerwähnten Vorschläge mit Rücksicht auf den angestrebten Zweck dennoch volle Anerkennung. Um jedoch eine befriedigende Lösung der Osterfrage herbeizuführen, sollte ein allenfallsiger Vorschlag nach Möglichkeit und-dem kirchlichen Charakter des Osterfestes entsprechend mehr im Kirchenjahre selbst als im bürgerlichen Jahre einen Stutzpunkt finden, damit so die sinnvolle Bedeutung des Kirchenjahres immer klarer zu Tage trete. Ich will es deßhalb versuchen, unter dem erwähnten Gesichtspunkte einen Vorschlag zu machen, der hauptsächlich das Kirchenjahr und die christliche Zeitrechnung zur Grundlage hat, und der deßhalb die christliche Idee der kirchlichen Festzeiten nicht unbedeutend heben dürfte. Sollte mit diesem Vorschlage auch weiter nichts erreicht sein, als daß er neue Gedanken und Gesichtspunkte für eine möglichst befriedigende Lösung der Osterfrage in Anregung gebracht habe, so ist er immerhin ein Beitrag zur Klärung der Sache. Zunächst sei also darauf hingewiesen, daß das Osterfest und der ganze bewegliche Osterfestkreis ein wesentlicher Bestandtheil des Kirchenjahres ist. Das Kirchenjahr ist aber seiner Bedeutung nach nichts anderes als eine Darstellung, Vergegenwärtignng, Erneuerung des Erlösnngswsrkcs, der ganzen Erlösnngsgeschichte. Jni Laufe des Kirchenjahres schauen und durchleben wir im Geiste und in der Erinnerung alle die verschiedenen Zeiten und denkwürdigen Ereignisse unserer Heilsgcschichte, angefangen von den ersten Menschen im Paradiese, die Verheißung und Ankunft des Erlösers (Advent), dessen Geburt und verborgenes Leben (Weihnachten), dessen öffentliches Wirken, Leiden und Sterben (Fastenzeit), seine Auferstehung und Himmelfahrt (Osterzeit), die Sendung des hl. Geistes, die Stiftung, Ausbreitung und Wirksamkeit der Kirche bis zum Ende der Zeiten (Pfingsten und Sonntage nach Pfingsten). Alle diese Zeiten und Ereignisse werden in der geschichtlichen Darstellung nach der allgemein üblichen christlichen Zeitrechnung bestimmt mit Rücksicht auf das Geburtsjahr des Welterlösers, indem angeben wird, im wievielten Jahre vor oder nach Christi Gebnrt sie stattgefunden. Die Geburt Christi bildet also gleichsam den Mittelpunkt, von dem aus alle geschichtlichen Ereignisse zeitlich fixirt und berechnet werden. Und dazu ist das Geburtsfest des Herrn durchaus geeignet. Denn einmal ist es ein feststehender, unveränderlicher, allgemein anerkannter Zeitpunkt, der 25. Dezember, der nicht von weitläufigen wissenschaftlichen, astronomischen Berechnungen abhängig ist. Ferner bildet das Geburtsfest Christi die Grundlage, gleichsam das Fundament, auf das alle übrigen Feste des ganzen Kirchenjahres gegründet sind. Die Advent sonnt age werden ohnehin schon mit Rücksicht auf das Weihnachtsfest gerechnet. Die Beweglichkeit des ersten Adventsonntages zeigt uns schon die Art und Weise der Beweglichkeit des Osterfestes und der übrigen beweglichen Feste. Eine weitere bedeutsame Folge wird die sein, daß der Weihn achtsfestkr eis und Osterfestkreis, die bisher in einem losen Verhältnisse zu einander standen, auch einen äußeren, harmonischen Zusammenhang erhalten. Gerade dieser Umstand zeigt uns auch den Weg, auf dein unser Vorschlag seinen eigentlichen Zweck erreicht. Indem wir nämlich das Osterfest nach dem Weihnachtsfeste bestimmen, müssen wir nicht bloß diese Festtage im Einzelnen ins Auge fassen, sondern vielmehr die ganze Festzeit, d. h. den Weihnachts- und Osterfestkreis je als ein einheitliches Ganzes, berücksichtigen. Die Nachfeier des Geburtsfestes Christi dauert 40 Tage; es schließt somit die Weihnachtszeit oder der Weihnachtsfestkreis ab mit dem 40. Tage nach Weihnachten, d. i. am 2. Februar, dem Feste Mariä Lichtmeß (kurifioat. L. dl. V. sau kraesantat. vooailli). Dies ist wieder ein ganz fixer, vom Ge- bnrtsseste des Herrn zeitlich abhängiger Tag, der überdies sowohl in kirchlicher als bürgerlicher Beziehung eine nicht unbedeutende Rolle spielt. Der Lichtmeßtag bildet also den ganz bestimmten Abschluß des Weihnachtsfestkreises und mit Rücksicht auf sein Festgeheimniß (Aufopferung des Herrn im Tempel) zugleich den Uebergangspnnkt zum Osterfestkreis. Der Osterfest kreis, d. i. die Vorfeier zum Osterfeste, beginnt stets mit dem Sonntage Loxtua- Zasimas oder dem 9. Sonntage vor Ostern. Der Sonntag 8op>tua§68ima.6 ist nach den heutigen Verhältnissen denselben Schwankungen unterworfen, wie das Osterfest selbst. Derselbe kann vom 18. Januar bis 21. Februar einschl. auf 35 verschiedene Tage fallen, so daß der Anfang des Osterfestkreises einmal noch mit dem Weihnachtsfestkreise zusammenfallen, ein anderes Mal dagegen weit von demselben sich entfernen kann. Dieses lofe, nnzusammcnhängende Verhältniß der beiden großen Festkreise bildet gewissermaßen einen Mangel, eine Lücke im einheitlichen Charakter des Kirchenjahres, abgesehen von der unnatürlichen Occnrrenz des Weih- nachtsfcstkreises und der Septnagesimalzeit. Dieser Defekt wird aber auf sehr einfache Weise dadurch beseitigt, daß man an den Weihnachtsfestkreis stets den Osterfestkreis direkt anschließen läßt, indem man bestimmt, daß der Sonntag nach Lichtmeß jedesmal die Dominion LoxtunAeoinirrs sein solle. Durch diese Bestimmung würden nicht nur manche Unebenheiten beseitigt, sondern auch eine Menge positiver Vortheile erzielt. Namentlich wäre dadurch die Frage einer Beschränkung der Beweglichkeit des Osterfestes in der allereinfachsten, natürlichsten, zweckmäßigsten und idealsten Weise gelöst. Durch diese Bestimmung wäre erreicht, daß LoptnaZosimas immer in die Zeit vom 3. bis 9. Februar incl. und somit Ostern, welches stets am 10. Sonntag nach Lichtmeß zu feiern wäre, in die Zeit vom 7. bis 13. April incl. fallen würde. Nur in einem Schaltjahr wäre auch der Fall denkbar, daß Ostern schon auf den 6. April treffe. Der eigentliche Hauptzweck, Ostern auf die erste Hälfte des April zu verlegen und in seiner Beweglichkeit angemessen einzuschränken, ist durch diesen Vorschlag vollends erreicht, und zwar hält die Mobilitätszeit vom 7. bis 13. April die Mitte zwischen den beiden obengenannten Vorschlägen. Jnsoferne aber auch die Ausgestaltung des Kirchenjahres und die Anwendung der christlichen Zeitrechnung in Betracht kommen, ist die Gcbnrtszeit Christi gewiß ein viel vorzüglicherer, würdigerer Ausgangspunkt für die Zeitbestimmung unserer kirchlichen Feste, als der jüdisch-astronomische Frühlingsanfang oder der in einem zweifelhaften Rufe stehende 1. April. Die naturalistische Auffassung des Osterfestes wird ganz entschieden zurückgedrängt durch das christliche Princip der neuen Festrechnung. Auf die einzelnen bc- merkenswerthen Vortheile, die eine Lösung der Oster- frage gemäß unserem Vorschlage zur Folge haben würde, wollen wir nicht weiter eingehen, sondern dieselben dem forschenden Blicke und der Beurtheilung der geehrten Leser überlassen. Nur auf eines sei noch kurz hingewiesen. Wenn manche Kreise die Befürchtung hegen, daß eine solche Neuerung unmöglich sei, weil sie eine große Umwälzung herbeiführen würde, so ist diese Befürchtung ganz und gar unbegründet. Denn was das bürgerliche Leben betrifft, so wird diese Neuerung allgemein als eine vor- theilhafte Reform gewünscht und begrüßt. In kirchlicher Beziehung bleibt so ziemlich alles beim alten. Es braucht deßhalb nicht ein einziges liturgisches Bück nothwendig abgeändert zu werden. Immerhin mag es ja wünschenswerth sein, daß bei Neuauflagen kleine Veränderungen vorgenommen und namentlich im Breviere die überflüssig gewordenen Feste aus den betreffenden Theilen weggelassen werden. Bezüglich der Einführung einer solchen Neuerung geht unsere Ansicht dahin, daß, insofern« die Ost er fei er in erster Linie eine kirchliche Angelegenheit und in zweiter Linie wohl auch für das bürgerliche Leben von Bedeutung ist, zunächst die kompetente kirchliche Behörde zur Berathung der Sache berufen ist, um mit den maßgebenden staatlichen Behörden eine Verständigung herbeizuführen. Eine Verständigung ist nothwendig, insoferne auch andere christliche Neli- gionsgesellschaften in Betracht kommen. Zur besseren Orientirnng lassen wir noch eine Tabelle oder übersichtliche Darstellung der beweglichen Feste folgen, wie sie die anf Grundlage des Geb u r t s- festes Christi reformirte christliche Festrechnnng bedingen würde. ladellg. kssstorum rnodillum rsesutior rsLorm^g.. 3. Fcbr. 16. Mai, 26. Mai 6. Juni. 7. April. 27. Nov. 1. Juni. Walther von der Vogelweide. (Fortsetzung.) fl. Lastn. Trotz der bitteren Erfahrung, daß die Welt den reichen Thoren dem armen Klugen vorzieht, strebt er weiter und höher; Walther wendet sich dem feineren Frauendienste zu mit dem schönen Liede Minne- gesangs Frühling und wächst sichtlich mit feiner Aufgabe. Voller und reicher ist dieses und die folgenden Dichtungen gegen vorher. Aber trotz des Glückes, das ihm die Minne bringt, fehlt es nicht an trüben Stunden; Lügner und Verleumder treten zwischen ihn und seine Herrin. Er faßt sich rcsignirt, und er will sich aufmachen und es anderwärts versuchen. Zuvor aber rechnet er in dem Gedicht „lest cvil nn teilen, e lest var" mit denen ab, welche ihm seinen Frühling verdorben haben: Nun will ich theilen, eh' ich zieh'. Mein fahrend Gut und festes Land, daß niemand streite, außer die, so ich als Erben hab' erkannt. Mein Unglück will ich jenen lassen, die gerne neiden, gerne hassen, dazu mein angebor'nes Leid; den Kummer soll der Lügner erben; der Liebe ungestümes Werben sei treulos Liebenden geweiht; Euch Frauen aber will ich schenken der Liebe schmerzliches Gedenken. Bis hierher reicht der erste Abschnitt in dem Sängerleben Walthers von der Vogclweidc. Es sind vielversprechende Anfänge, die die Jugendlust und -Kraft des Dichters ahnen lassen. Wenn man das Vorbild aus denselben noch herausahnt, so löst er sich doch sichtlich vom Zauber des Meisters und bricht mit jugendlichem Muthe sich Bahn. Aus dem Jüngling wird der Alaun,. 330 welcher sich mit festem Schritt in die Welt hinauswagt, um sein Leben zu erstreiten und den Platz sich zu erwerben, den das Können, das er in sich fühlt, ihm in der Ferne zeigt. Um welche Zeit Walthcr als fahrender Sänger vom Wiener Hof ausgezogen ist, wissen wir nicht. Auch die Umstände können wir bloß ahnen. Denkbar wäre es, daß Neinmar dazu beigetragen hat, zu welchem Walthcr in ein feindseliges Verhältniß getreten war. Man schließt dieses eins den Klagestrophcn, welche er dem in Palästina verstorbenen Herzog Leopold V. widmete. Als der erste unter den ritterlichen Dichtern treibt er jetzt das Gewerbe eines fahrenden Spielmanns durch die deutschen Lande und darüber hinaus mehr denn zwanzig Jahre. Die Flüsse Seine und Mnr (in Steiermark), Po und Trabe bezeichnet er als Grenzen, innerhalb deren er das Leben der Menschen beobachtet habe. Wir sind jedoch außer Stande, die ganzen Wanderungen des Dichters im einzelnen zu verfolgen; dazu reichen die mannigfachen An- haltspnnkte doch nicht aus, die uns durch seine Gedichte geboten werden. Die darin enthaltenen Andeutungen sind vielfach zn unbestimmt und für uns nicht mehr verständlich. Doch wie haben wir uns Walthcr als fahrenden Mann zn denken? Zn Pferd zog er als Ritter von einem Ort zum andern. Die Höfe adeliger Herren, der Grafen, Bischöfe und Fürsten waren die großen Stationen seines Zuges. Während er in den kleinen Herbergen, in Dörfern und Weilern, ein Gast war, der für Unterkunft und Zehrung bezahlte wie jeder andere, war für ihn an den Höfen nicht nur beides frei, sondern dem Sänger wurde nach kürzerem Aufenthalte ein Geschenk zn Theil, etwa Geld, Stoffe, Schmuck, ein Pferd. Gefiel seine Knust und auch seine Persönlichkeit dem Herrn, so behielt er ihn länger, nahm ihn vielleicht sogar unter seinen Hofstaat, in sein „Gesinde" auf. Wenn man dem Sänger und Edelmann auch im ganzen gewiß mit Achtung begegnete, so gab es doch ebenso gewiß auch Widerwärtigkeiten, welche ihm durch Concnrrenten und Streber bereitet wurden. Musik und Gesang, Vortrüge von Liedern, erwartete man von ihm. Sein Instrument führte der Sänger mit sich, entweder die Fiedel nebst Bogen, die, mit einem Tuch umhüllt, beim Reiten an den Sattel geschnallt oder wie der Sack eines heutigen Touristen über den Rücken gehängt wurde; vielleicht hatte er auch eine kleine Harfe, welche der Sänger auf das Knie stellte und gegen die Brust stemmte. Ort und Zeit des Vortrags war wohl Winters und Sommers verschieden: in einem der großen Bnrgzimmer nach dem Mahle oder des Abends, wenn das Feuer in dein mächtigen Kamin loderte. Während des Sommers aber bot der Banmgarten oder der Hof in der Burg, vielleicht auch eine der steinernen Lauben, wie sie sich am Oberstock alter Schlösser manchmal hinziehen, den passenden freien Raum. Waren die Hörer im Halbkreis versammelt, die vornehmsten auf erhöhten Sitzen in der Mitte, dann hub der Sänger an. Es läßt sich vermuthen, das; er zuerst ein Vorspiel auf seinem Instrument zum Besten gegeben haben wird. In welcher Art jedoch der eigentliche Vortrug der Lieder stattfand, darüber besitzen wir keine genaueren Mittheilungen, auch die überlieferten Bildwerke nützen uns nichts. Doch soviel ist wahrscheinlich: entweder begleitete der Sänger sein Lied selbst auf einer kleinen Knieharfe (liet blasen nennt das Ncidhart) oder er wurde von einem Genossen auf der Fiedel begleitet. Walthcr nennt einmal seinen Knappen Dietrich, der ihm wohl die nöthige Hilfe geleistet hat. Ulrich von Lichtcnstein und später der Graf Hugo von Montfort sangen auf dieselbe Weife mit Unterstützung eines Begleiters. Walther hat die Weifen zn seinen Liedern und Sprüchen selbst componirt, wie denn auch alle angesehenen ritterlichen Minnesänger vor und nach ihm gethan haben. Ja, Walther ist gerade seiner Melodien wegen berühmt gewesen. Gottfried von Straßburg widmet ihm gerade deßwegen hohes Lob; er preist die kunstvolle Harmonie und die anmnthigen Tongänge seines musikalischen Vortrages und erhebt ihn darum über alle Zeitgenossen. Reininar und Walther hatten nach Gottfrieds Zeugniß vor allein das Verdienst, den weltlichen Gesang künstlerisch ausgebildet zn haben. Manches Lied Walthers singt sich fast von selbst, man fühlt nicht bloß den Rhythmus, sondern auch die Intervalle der Melodie. Zn nicht weniger als 101 solcher Kompositionen sind uns die Texte erhalten, darunter umfangreiche und schwierige Nummern. Nur ein großes durchcomponirtes Stück ist dabei, der Leich, die übrigen haben bloß je eine Weise für mehrere Strophen. Außer seiner eigenen Poesie hat Walther sicherlich noch die Minnelieder anderer Herren, aber auch sonstige beliebte Stücke, z. B. die volkstümlichen Dichtungen aus der Heldensage, seinen Zuhörern vorgetragen. Auf seinen Sängerfahrten hat Walther von der Vogelweide die rechte Meisterschaft in dem höfischen Sauge gewonnen, wodurch er selbst znr Höhe emporgehoben wurde. Er zieht alle Register der Kunst, um die Liebe zu einer schönen vornehmen Frau zu besingen. Ich darf dir nur in's Antlitz schauen, so ist mir schon, als fälst fürwahr den Himmel selbst, den dunkelblauen, in Sommernächten rein und klar. Zwei Sterne, mir ein Gottessegen, sie lächeln mich so freundlich an — O Herrin, komme mir entgegen, daß ich mich darin spiegeln kann; und bin ich noch so alt und krank, ich werde jung durch deinen Dank! Und deine Wangen erst, o sprich, Gott selbst hat sie gemalt, mein Kind. so weiß und roth und miuniglich, wie Lilien und Rosen sind! Es ist doch, Herrin, keine Sünde, daß ich dich schöner als das Blau des Himmels und die Sterne finde? — Doch stille, Mund! Die beste Frau, sie sieht dich bald von oben an, denn zu viel Lob entehrt den Mann. Ein andermal singt er in tiefer Empfindung: O wie gut bist du und rein, meine Seele ist dir offen; o laß ab und schone mein, die du mich in s Herz getroffen! Lieb und lieber? Nein, du bist nur das Liebste, das ich kenne; wenn ich deinen Namen nenne, alles Leid verschwunden ist. Noch gehobener ist die Stimmung des Sängers in den vollklingenden Versen des Gedichtes: Wenn die Blumen aus dem Gras sich drängen, als ob sie lachten ge'n den Glanz der Sonne, im holden Mai und in der Morgenfrühe, da gleicht auf Erden nichts mehr dieser Wonne. Man glaubt sich schon im halben Himmelreich. Und dennoch sah ich einst, ich sage euch, was meinen Augen wohler noch gethan und noch thun würde, fälst iclsts wieder an. 331 ,Ihr zweifelt wohl? Nun denn, das ist ein Weib, ein junges, schönes, hochgebornes Weib: das mit dein Kranz im aufgcbnnd'ucn Haar, geschmückt mit festlich wallendem Gewand, voll Zucht einhergcht in der Frauen Schaar. Ein holdes Lächeln sitzt auf ihrem Munde, verstohlen blickt sie manchmal in die Runde und wirft in manches Herz der Liebe Brand. Wie uicter Sternen steht sie, eine Sonne — o armer Mai! wo bleibt da deine Wonne? All deine Blumen las; ich gerne steh'n und will nur sie in ihrer Schönheit seh'n. Ihr neigt das Haupt und lächelt? Nun wohlan! Mit Blüthen ist bestreut die grüne Bahn, und unter Nachtigallentönen zieht siegreich ein der königliche Mai. O blickt auf ihn, doch schaut auch auf die schönen und keuschen Frauen mit holden Wangen! Wem glüht da nicht die Seele vor Verlangen, und wer aus euch fühlt sich von Fesseln frei? Ihr heißt mich wählen: Frühling oder Frauen! Bei Gott, da gibt's kein überlanges Schauen: März müßt ihr sein, Herr Mai, der wolkenbleiche, bevor ich je von meiner Herrin weiche! Walther kann hier mit den besten Dichtern der Gegenwart um die Paline ringen. Er zeigt da die Verwegenheit des Dichters, der seiner Mittel und ihrer Wirkung vollkommen sicher ist; er fühlt sich seinem Publikum überlegen, er leitet zu dem Genusse, welchen er selbst vorbereitet hat. Das Kunstmittel, die Hörer persönlich in das Interesse zu ziehen, hat Walther allein ausgebildet. Es wäre uns ein Leichtes, noch eine große Anzahl Dichtungen unseres Meisters anzuführen, nm das vollauf zn bestätigen, was Willmanns in seine»; bedeutenden Werke über „Walther von der Nogelweide" (2. Auflage 1883) über den Stil des Dichters sagt: „Nicht weniger als durch die Mannigfaltigkeit des Stoffes zeichnet Walthers Kunst sich durch einen erfrischenden Wechsel der Stimmung aus. Freude und Schmerz, ruhiger Ernst, treffender Spott, sittliche Entrüstung, streitbare Kampflust, kecker liebcrmuth, heiterer Scherz, frohes Behagen, Sehnsucht, Unwillen, Wehmnth und Humor: alle Stimmen des menschlichen Herzens klingen uns aus seinen; Liede entgegen, nud so rein und lieblich, so kräftig und ergreifend, daß man ihnen gerne lauscht. Der Reichthum des Stoffes und die Mannigfaltigkeit der Auffassung verbinden sich bei unserm Dichter mit einer Kunst der Darstellung, welche ihm, obschou er nicht überall auf derselben Höhe steht, unter allen Dichtern des Mittclalters den ersten Platz sichert. Die Aufgabe des vortragenden Künstlers, die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zn fesseln und zu befriedigen, ist für den Säuger schwerer zu lösen als für den Erzähler. Und doch verfehlt Walthers Kunst nicht die Wirkung; sie ist lebendig für die Empfindung, klar für den Verstand, anschaulich für die Phantasie; sie erfreut in; einzelnen und im ganzen." Unter dem Zauber seines Wortes beleben sich die Abstraktionen, gewinnt das heimlichste Gefühl lebendigen und packenden Ausdruck. Allein auch der Dichter hatte von dieser Periode seines Schaffens einen großen Gewinn. Seine Erfahrungen wurden ein bleibender Gewinn für sein Leben; sie machten ihn ernster und tiefer, aber sie rüsteten ihn auch zu den Aufgaben, die seiner harrten und zu deren Lösung das deutsche Reich und Volk sein Leben und seine Kunst für sich forderten. Bis zum Ende seines Wiener Aufenthalts blieb Walther unberührt von den politischen Ereignissen/ wenn wir uns darüber auch klar sind, daß die große und herrliche Zeit Barbarossas und seines Nachfolgers einen tiefen Eindruck auf sein warmes Dichter herz hervorrief. Das änderte sich jäh, als Kaisci Heinrich VI., Barbarossa's harter Sohn, der „Haimnc der Erde", wie die Zeitgenosse!; ihn nannten, am 28 September 1197 zn Messina schnell dahinstarb. Mitten au? den kühnsten Plänen und weitgrcifcndstcn Entwürfen riß ihn der Tod. Mit eherner Faust hatte er Italien zu Boden gerungen, in Deutschland die Furcht als Hüterin von Gesetz und Recht aufgestellt, überall die Scheu vor dem kaiserlichen Namen erweckt und wach erhalten. Nun bemächtigte sich eine ungeheure Verwirrung aller Gemüther; der Machtbau Heinrichs brach sofort in sich zusammen; denn während das ungeheuere Reich mit seinen vielen widerstrebenden Elementen eines kräftigen Manncs- ariues bedurft hätte, hinterließ er als Thronerben ein dreijähriges Kind. Von einem Ncichsverweser wollten die Fürsten nichts wissen, und ein neuer König sollte gewählt werden. Die Fürsten vermochten sich nicht zn einigen. Gcgenkönige wurden gekürt, und wie eine schwere Gewitterwolke hingen die Greuel des Bürgerkrieges an dem finstern Horizont und über der schwülen Luft. Hie Wels! Hie Waiblingcn! hieß es. Die hohenstansische Partei wählte den Bruder Heinrichs VI., den Schwaben- herzog Philipp, während die Gegenpartei Otto von Braunschwcig zum König wählte. (Fortsetzung folgt.) Recensionen nud Notizen. Sepp I., Ansiedelung kricgsgefangcncr Slaven oder Sklaven in Altbayern und ihre letzten Spuren. München, M. Poeßl. 1896. Gr. 8". 78 Seiten mit Bildniß. Preis 2 Mark. Wenn der Verfasser in seiner Vorrede den Nebcr- griffcn des lilerarischei; Panslavismns entgegentreten will, so scheint er beinahe im weiteren Verlauf seiner Darstellung selbst diesen Ansprüchen zn weit entgegen zu kommen bei der Aufspürung von Zwangsansiedlung der slavischen Nachbarn im Gebiete des bajuwarischen Volksstammes. Es darf bei einer Reihe von Ortsnamen die versuchte Herleitung aus den; Slavischen füglich bezweifelt werden. So insbesondere bei Scharnitz, das zwar ;n der Endung an slavischen Ursprung erinnern konnte, jedenfalls aber nicht mit dem slavischen tseborn^ — schwarz zusammenhängt, da wohl ein Umlaut in o, nicht aber in s. denkbar ist und ebensowenig ein Abschleifen des charakteristischen slavischen tseb in «ob. Ebenso dürfte es sich mit einer Reihe von Ortsnamen, insbesondere des Winingen an der Mosel, und der Ableitung der Flußbezeichnung Loisach verhalten. Damit soll indeß nicht gesagt sein, daß für die meisten der von; Verfasser mit wahrem Bienenfleiß« zusammengesuchten Ortsbezeichnungen nicht ein slavischer Zusammenhang bestehe und auf Beimengung anderer Volkseleuiente hinwerfe. Letztere tritt auch in einer Reihe von Familiennamen zn Tage und widerlegt damit, daß die fremde Beimischung aus- sterbe, ein Umstand, der nur vorgetäuscht wird durch Namensänderung, wie wir den gleichen Umstand zu Un- gunsten des Deutsche!; bei unseren slavischen Nachbarn ii; Polen und Böhmen sowie in Ungarn beobachten können, wo deutsche Namen durch slavische Endungen oder direkte Ucbersetzung ins Frcmdnationale ihren Träger stempeln. Dagegen berührt es angenehm, mit dein Verfasser den Spuren zu folgen, die die gewaltige Eypausivkraft des bäuerischen Volksstammes donauabwärts bekunden, wo in heißem Kampfe Schritt vor Schritt im Laufe der Jahrhunderte deutsche Kultur und Sprache verbreitet wurde, welch letztere jedoch leider an einzelnen Strecken daselbst zurückzuweichen beginnt. Allerdings ist auch der Beweis nicht erbracht von; Verfasser, daß um Verona u. s. w. deutsche Sprache allerorten im Volksmunde war, und dürfte es sich mehr um isolirte Sprachinseln und ,im übrigen um ein Verhältniß wie in den baltischen Ostsee- landen gehandelt haben, wo die herrschenden Klassen die Deutschen bildeten. Anders wäre ein so radikales Ver- 332 schwinden des Deutschen aus Jstrien, Kram und Trient nicht zn erklären. Auch kann man sich freuen, in dem Werkchen hervorgehoben zu sehen, welch großen Antheil an diesem Culturwerke unsere bayerischen Klöster hatten, die das mit den Waffen gewonnene Land erst der Cultur erschlossen, wenn gleich, wie der Verfasser mit Recht hervorhebt, die Slaven durchaus nicht auf einer niederen Cultur standen. Insbesondere wird man auf Freising stolz sein, das seine Besitzungen in Oberkrain bis zur Säkularisation inne hatte und deutsches Wesen dort verbreitete, welches jetzt dort wieder ini Schwinden ist. So darf das Werkchen als interessante Studie bezeichnet werden, umso mehr in diesem Zeitpunkte, wo die bayerischdeutsche Ostmark erhebliche sprachliche Verluste erleidet. Möge sie als Weckruf dienen für die schlummernden Kräfte des Volksstammes! Dr. Gaill. Jahrbücher der christlichen Kirche unter dem Kaiser Theodosius dem Großen. Versuch einer Erneuerung der ^.uvalss Lee1ssia>8tiei des Baronius für die Jahre 378—395 von Gerhard Rauschen, Doctor der Theologie und Philosophie, Ober- und Rcligionslehrer am kgl. Gymnasium zu Bonn. gr. 8°. (XVllI u. 610 S.) Freibnrg, Herder, 1897. Preis 12 Mark. r. Ein großes Unternehmen ist es, das sich der Verfasser gestellt hat — nichts Geringeres strcbi er an, als eine kritische Neubearbeitung der kirchlichen Annalen des Baronius für die Jahre 373—395. In diese Jahre fällt die Regierung jenes Mannes, dem es beschieden war, das weltbewegende Ringen um Leben oder Tod, wie es das Christenthum mit täglich wachsendem Erfolge mit dem Heidenthum aufgenommen hatte, zu Gunsten des Christengottes dauernd zu beendigen, zugleich aber auch die junge Kirche durch Niederwerfung der die erhabensten Geheimnisse des Christenthums und damit dieses selbst gefährdenden Lehren der Arianer und Pneumato- mchchen innerlich zu stärken und zu kräftigen; diese Jahre umspannen zugleich die klassische Zeit der großen Kirchenväter, in welcher das kirchliche Leben so lebendig pulsirte und in einer Fülle von Synoden. Gesetzen und Schriftwerken seinen Ausdruck fand. Im Unterschied von Baronius und Tillemont ordnet Rauschen das Quellenmaterial wie die Forschungsergebnisse für jedes einzelne Jahr nach folgenden Gesichtspunkten: Kaiser, höhere römische Beamte, Religionsgesetze, Cultnrgesetze, Concilien, Kirchenväter, hervorragende Bischöfe und Mönche, Häretiker und Heiden. Hieran reihen sich nicht weniger als 26 Excurse über wichtige Fragen der christlichen Literatur-, Kirchen- und Prosangeschichte, endlich als Anhang zwei Untersuchungen über die schriftstellerische Thätigkeit des Ambr osius vor und nach der Regierungszeit des Theodosius I. und des Johannes Chry- sostomus vor seinem öffentlichen Auftreten als Prediger zu Antiochia. Das Buch ist mit voller Beherrschung des Quellenmaterials wie der einschlägigen Literatur, mit emsiger Sorgfalt und peinlicher Genauigkeit gearbeitet, bietet eine Fülle neuer Ergebnisse und Berichtigungen für die Kirchen- wie Reichsgeschichte und verdient vollauf das reichliche Lob, das ihm von berufenster Seite zu Theil wurde. Wir können dem Verfasser unsere ganz besondere Anerkennung nicht versagen, daß er trotz der vielen Arbeit, die das so Verantwortungsreiche Amt des Religionslehrers an einer Mittelschule auferlegt, noch Zeit, Lust und Kraft erübrigt hat, sich einer so mühevollen wissenschaftlichen Aufgabe zu unterziehen und sie so befriedigend zu lösen, und würden es freudigst begrüßen, wenn nicht bloß er selbst seine Forschungen fortsetzen, sondern mit seiner Thatkraft auch andere zu ähnlichem Eifer anregen und ermuntern könnte! Jos. Raph. Kröll, Jmmortellenkränze und Epheuranken. Grabreden». Allerseelenpredigten. Mit bischöflicher Genehmigung. Paderborn, Esser. I, 1895. II, 1896. 319 und 183 Seiten, zusammen 4 M. 80 Pfg. O Stadtpfarrer Kröll in Lanchheim, Diöcese Rotten- burg, gibt uns hier aus der reichen Fülle einer bald 40jährigen Seelsorge eine Sammlung von 91 Grabreden („Jmmortellenkränze" I. Bd.) und von 24Aller- scelenpredigten („Epheuranken" II. Band). Die 91 Grabreden sind in 4 Klassen eingetheilt. Es sind Trauer-Ansprachen über eine große religiöse Wahrheit oder über die Stände (Priester, Bauer, Handwerker, Arzt rc.) oder über die Zeit des Kirchenjahrs oder über den betreffenden Namenspatron. Hier kann jeder Homilet lernen, wie mau am Grabe mit Nutzen predigen kann und soll: der große Grundgedanke wirkt durch sich selbst, die speciellen Umstände des einzelnen Falles und die lobenswertheu Charakter-Eigenschaften des Verstorbenen werden kurz und sehr geschickt an passender Stelle ein- geflochten. Texte, Themata, Eintheilungen, klarer Ausbau und übersichtliche Durchführung — alles verdient Anerkennung, vor allem auch hier wieder die schöne, edle, volksthümliche Form, die liebliche Kraft und salbungsvolle Milde, welche über allen Predigten liegt. Am Grabe eines Selbstmörders, eines im Streite Getödteten, eines Verstockten zu reden, ist immer eine schwere Aufgabe. Wie man sie lösen soll, kann man von Kröll lernen. — Die 24 Allerseelen-Predigten sind ebenso zu loben, nach Inhalt und Form. „Todtenklagen, Todtentrost, Todtenleben", so betitelt der Verfasser selbst deren drei Klassen. Beispiele aus Kirchengeschichte und Legende sind wiederum reichlich am passenden Orte eingestreut nebst ergreifenden Erzählungen aus dem Leben. Das gibt den Predigten Krölls überhaupt einen eigenen Reiz und besonderen Werth. Wie beliebt sind nicht Erzählungen bei den Zuhörern in Stadt und Land! Das haftet oft tief und lange. — Zum Schluß möge der Wunsch ausgesprochen sein: Um schnell sich zu orientiren über das. was in einem mehrbändigen Predigtwerk sich findet, ist für den Seelsorgepriester ein alphabetisches Register unentbehrlich. Wie oft drängt die Zeit! Für eine Predigt oder zu' einer Leichenrede sollte man Tex,t und Thema haben. Wie froh ist man da, wenn man em Heftlein von 16 Druckseiten hat, in welchen: man durch einen einzigen Blick überschauen kann, welche und wie viele gute Vorbilder und welche erprobte Muster mau für den vorliegenden Fall in der um gutes Geld gekauften Predigtsammlung besitzt, und wo die oft in mehreren Bänden zerstreuten Themata über einen und denselben Gegenstand stehen. Oder man will schnell ein Beispiel, das man bei Kröll schon gelesen hat, wieder nachschlagen: wie schnell orientiren da Stichworte wie „Arche, Rosenkranz, Maria. Lichtmeß, Ostern" rc., während man sonst vielleicht vergebens alle einzelnen Bände durchblättert. Ein kurzes alphabetisches Register und eine Uebersicht aller Themata würde den Kanzelreden Krölls noch mehr Beliebtheit und leichte Verwendbarkeit verschaffen, als sie bisher schon besitzen. Haßl Guido, Kaplan: „Machen die Kirchenwände den Christen?" Ein Büchlein fürs Volk zur Lehr und Wehr. Dorn'schcr Verlag. Ravensbnrg. VIII, 105 Seiten. In ansprechender Dialogform behandelt obiges Schrift- chen mit seinem vielleicht nicht gerade glücklich gewählten Titel eine Frage, die umschrieben lautet: „Genügt die rein innere, die sogen. „Herzensreligion", oder muß sich die Religion auch sichtbar kundgeben in Wort und That, muß zur Religion auch eine Consession treten?" In seinen überaus logischen Ausführungen legt der Verfasser die Unhaltbarkeit und Verderblichkeit des Jndifferentismus, der modernen religösen Anschauungen dar. Auf höchst populäre Weise wird die Frage: „Was ist,Religion'?" beantwortet. Das trostlose Brld, das uns von der „rein innern, konfessionslosen Religion" entworfen wird, muß völlig als aus dem praktischen Leben entnommen erkannt werden. Der sattsam bekannte Ausspruch: „Religion ist Privatsache", wird auf Grund gut gewählter Citate aus demokratischen und socialdemokratischen Schriften als das gekennzeichnet, was er ist. Im letzten Kapitel wird der katholischen Männerwelt mit eindringlichen Worten das ans Herz gelegt, was in religiöser und politischer Hinsicht ihre Pflicht ist. Möge das vortreffliche Büchlein, das sich nach Inhalt und Ausstattung (Preis 35 Pfg.) den Werken des bekannten Volksschriftstellers Dekans Wetzel würdig anreiht, die verdiente Beachtung und entsprechende Verbreitung finden! v. Fugger. Verantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsbura. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Zum hundertjährigen Todestage des Or.Benedikt Stattler. Ein Gcdenkblatt von Pros. vr. Silbernaal. . (Schluß.) Während des Druckes der erwähnten Schrift kam ihm der siebente Band der Reisebeschreibung des Buchhändlers Nikolai von Berlin in die Hand, worin die Protestanten gewarnt werden, sich von der jetzigen Toleranz der Jesuiten, wie eines Sailer oder Stattler, nicht täuschen zu lassen. Sogleich schrieb Stattler an denselben einen Nachtrag zu seinem wahren Jerusalem, in welchem er sagte, daß er den ganzen Inbegriff seiner hier weitläufig geäußerten Toleranz schon in seiner Demonstrativ oarliolioa ausgekramt habe. und im Z 78 seiner Dom tkooloZioi den Satz drucken ließ, daß auch gelehrte Protestanten unschuldig irren und folglich auch noch mit ihm in den Himmel kommen könnten. Schließlich bemerkt Stattler: Die Zerstreuung hat den Jesuiten sonder allem Zweifel mehr von Wcltkcnntniß beigebracht, hat sie mehr zum Selbstdcnken angeregt,' hat sie in näheren Umgang und Bekanntschaft mit manchen rechtschaffenen und liebenswürdigen protestantischen Gelehrten gebracht, und ganz gewiß würden die künftigen Jesuiten in vielen Stücken mäßiger denken und handeln, wenn sie wieder vereinigt würden, als es die vorigen gethan haben, während Nikolai meinte, daß sie im Sinne hätten, nach nnd nach Weltbeherrscher zu werden. Da die Kant'sche Philosophie bei vielen katholischen Gelehrten und Geistlichen Anklang fand, so verfaßte Stattler im Jahre 1788 einen Anti-Kant in drei Bänden, in welchen er alle Theile der Kant'schen Kritik der Vcr- nnnft der Ordnung nach widerlegt und zugleich einen kurzen Entwurf einer wirklich allgemeinen Metaphysik und eine Skizze seiner Logik gibt, nnd in einem Anhange zu diesem Werke, der auch als eigener Band erschien, beschäftigte sich Stattler mit einer Widerlegung der Kant'schen Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, weil dieselbe ebeiiso eine Umwnhlnng aller Gründe einer statthaften und kraftvollen Moral sei, wie dessen Kritik der Vernunft eine Zerstörung aller Logik, Metaphysik und Religion. Stattler legte hierauf seine Pfarrer nieder und begab sich nach München, wo er Mitglied des geistlichen Raths- und des Censnr-Colleginms mit einem Salär von 300 fl. wurde. Durch seinen Anti-Kant aber ward er in eine heftige literarische Fehde verwickelt. D. Matern Reuß, Professor der Logik, Metaphysik und praktischen Philosophie zu Würzbnrg, der die Hanpttheile des Systems von Kant's Kritik der Vernunft lateinisch unter dem Titel nDoZioa, umvorsalis et Lnal^kioa, kaoultsckis coZnosoonäi xurns" herausgab, warf dem Anti-Kant vor, daß er den großen Kant nicht verstehen könne. Stattler schrieb im Jahre 1791 gegen ihn einen kurzen Entwurf der unausstehlichen Ungereimtheiten der Kant'schen Philosophie sammt dem Seichtdenkcn so mancher gutmüthigen Hochschätzer derselben. In einer kleinen Schrift unter dem Titel „Der Anti-Kant im Kurzen" widerlegte Stattler die vom kgl. Hofprediger und Professor der Mathematik zu Königsberg, Johann Schulz, im ersten Theile seiner Prüfung vertheidigten entscheidenden Hauptsätze der Kant'schen Kritik der reinen Vernunft. Gegen zwei Schriften: 1) Abhandlung über die Unmöglichkeit eines Beweises vom Dasein Gottes aus bloßer Vernunft (Nürnberg 1791) und 2) Versuch, die harten Urtheile über die Kant'sche Philosophie zu mildern durch Darstellung des Grundrisses derselben mit Kant'scher Terminologie, ihrer Geschichte, der verfänglichen Einwendungen, dagegen sammt ihren Auflösungen und vornehmsten Lehrsätze derselben ohne Kant's Schnlsprache von Joseph Weber, Professor der Philosophie an der Universität zu Dillingen, schrieb Stattler zur Widerlegung: Meine noch immer feste Ueberzeugung von dem vollen Ungrunde der Kant'schen Philosophie nnd von dem aus ihrer Aufnahme in christliche Schulen unfehlbar entstehenden äußersten Schaden für Moral nnd Religion gegen zwei neue Vertheidiger ihrer Gründlichkeit und Unschuld. Stattler war ein unversöhnlicher Gegner der Kant'schen Philosophie. Er bewirkte als Ccnsurrath ein geheimes Verbot an die Buchhändler in München die Kant'schen Schriften zu verlegen und zu verkaufen und hielt sogar die Approbation der zweiten Auslage von Sailer's Vernunft-lehre für Menschen, wie sie sind, ein ganzes Jahr zurück, weil er darin Kant'sche Ideen witterte. Auch andere Themata, welche in der Literatur damals behandelt wurden, ließ Stattler nicht aus den Augen. So verfaßte er im Jahre 1791 einen Plan zn der allein möglichen Vereinigung im Glauben der Protestanten mit der katholischen Kirche und den Grenzen dieser Möglichkeit, worin er unverhohlen die in der katholischen Kirche bestehenden Mängel aufdeckt nnd sich insbesondere mit dem Benediktiner-Pater Beda Mayr zu hl. Kreuz in Donanwörth beschäftigt, welcher in seinem dritten Theile der Vertheidigung der natürlichen, christlichen nnd katholischen Religion einen neuen Vorschlag zur Vereinigung der Protestanten mit der katholischen Kirche gemacht hatte. Hier spricht sich Stattler bezüglich des Cölibates gegen ?. Beda dahin aus, daß es in der katholischen Kirche nie zur Aufhebung des Cölibates, sondern viel eher dazu kommen werde, den ganzen Seelsorgsklerns in einen regulären Körper wieder zu versammeln und zur ganzen evangelischen Vollkommenheit zn verbinden, weil nur auf diese Weise für das Seelenheil genügend gesorgt werden könne. Denn nur zwei Orden billigt Stattler, einen der regulären mit der Seelsorge und Schule bcladencn Priester und einen für die religiösen Laien, welche die Handarbeit nach Gebrauch der ersten Mönche, zum Theil aber auch die deutschen Schulen sammt dein Kirchendicnste wieder ergreifen. Unauflösliche Gelübde sollen nirgends vor einem schon ziemlich reifen Alter abgelegt werden. Stattler wollte also die katholische Kirche ähnlich wie die Gesellschaft Jesu organisiren?) Im August 1792 übergab Stattler zwei vom bischöft lichen Ordinariate Eichstätt approbirte Vcrtheidignngs- schriften Wider die Angriffe, die seine Demonstrativ ca- tftolioa. erfahren hatte, dem Nuntius in München mit der Bitte, sie nach Rom zu schicken, wo im Jahre 1791 auch sein Gegner, der Benediktiner-Pater Wolfgang Ausführlich hierüber handelte er in einer von ihm anonym zu Ulm im Jahre 1791 herausgegebenen Schrift „Wahre und allein hinreichende Reformationsart des katholischen gesummten Priesterstandes nach der ursprünglichen Idee seines göttlichen Stifters von einem thätigen Freunde der reinen Wahrheit und des allgemeinen Besten." Frölich, angekommen war. Das gab nun Veranlassung, die Verhandlungen über die bereits von der Jndex-Con- gregation censurirte Dginvnstrntiv ontbolioa wieder aufzunehmen, zumal auch der Gönner Stattlers, Fürstbischof Naymund Anton von Strcffold, gestorben war. Im Februar 1793 wurde nun dem Stattlcr durch den Sekretär des apostolischen Nuntius mündlich mitgetheilt, daß seine Verurteilung zu Atom vorbereitet und vom Papste bestätigt sei, wenn er nicht durch Widerruf zuvorkommen wolle, worauf Stattlcr erwiderte, daß, solange zu Nom so verkehrt mit ihm verfahren würde, er nichts widerrufen werde. Der Sekretär entgcgncte, daß Stattlcr voni Nuntius werde gerufen werden, wenn derselbe vom Podagra genesen. Da aber mehrere Wochen vergingen, ohne daß eine Berufung stattfand, so begab sich Stattlcr selbst zum Nuntius und übergab dem Sekretär desselben ein offenes Schreiben an den Papst und eines an die Jndcx-Eoiigrcgcitiou. Im ersteren versprach er, sich mit innerer Zustimmung dem Urtheile des Papstes zu unterwerfen, wenn dieser irgend eine seiner Lehre entgegengesetzte Thesis zum Dogma erkläre, im andern beschwert er sich über die Art und Weise, wie mit ihm verfahren werde. Ende Dezember schickte der erste Minister des kurfürstlichen Hofes einen Abgesandten zu Stattlcr, der ihm bedeuten sollte, daß ihm zu Nom eine Verurtheilnng wegen mehrerer Häresien bevorstehe und die Sentenz baldigst pnblicirt werde, infolge dessen der Kurfürst genöthigt würde, ihn mit Infamie aus dem geistlichen Rathe und dem Ccnsnr-Colleginm zu entfernen, man möchte ihm darum rathen, um die Entlassung aus beiden Stellen zu bitten. Diesem Winke folgte Stattlcr sogleich, aber die römische Sentenz erwartete er fast drei Monate. Von diesem Vorfalle gab er auch dem jetzigen Bischöfe von Eichsiätt, Grafen Joseph von Stnbenberg, sowie seinem Ordinarius, dem Bischöfe von Freising, Nachricht. Der Erstere schrieb sofort an den apostolischen Nuntius, er möchte die Verkündigung des Urtheils über das von seinem Vorgänger apprvbirte Buch verschieben, bis eine neue Entscheidung von Rom gekommen wäre, und richtete einen langen Brief über diese Sache nach Nom. Auch der Bischof von Freising schickte eine von einem Schüler Stattlers verfaßte Apologie an den päpstlichen Stuhl. Stattlcr selbst richtete am 11. Jänner 1795 eine weitläufige Apologie an den Papst, worin er seine wissenschaftliche Thätigkeit besonders hervorhebt, sich auch gegen die Vorwürfe, welche ihm bezüglich einiger theologischen Lehren gemacht werden, vertheidigt und um die Gunst bittet, welche Papst Benedikt XIV. in der Bulle cita, no xroviäa," den Schriftstellern von Ruf gewährt hat. Am 18. März 1795 schickte Stattlcr eine ausführliche Erklärung über zwei Behauptungen, welche, wie er meinte, zunächst die römische Censur seines Buches hervorgerufen haben, an die Jndex-Congregation. Er schrieb nämlich dem Papste keine unmittelbare Jurisdiktion über die Untergebenen der Bischöfe zu und verlangte für die päpstlichen Gesetze, die bloß zum Nutzen und nicht zum Seelenheils abzielen, den Consens der Bischöfe. Diese beiden Behauptungen suchte er als mit dem Evangelium und der Tradition übereinstimmend darzulegen. Auf das Schreiben, welches der Bischof von Eichstätt am 1. April wegen der Publication des gegen Stattlcr erlassenen Dekretes an den Papst gerichtet hatte, antwortete dieser dem Bischöfe am 9. Mai 1795» daß das Dekret nicht eher veröffentlicht werden sollte, als bis, er das päpstliche Schreiben erhalten, woraus er das Verlangen des Papstes ersehe. Diesem Schreiben seien einige Blätter beigefügt, welche mehrere aus dem Buche „vs- inoiwtrntici cmtüolioa." ausgezogene Sätze enthalten, die Stattlcr einfach widerrufen solle. Was die andern der Prüfung unterstellten Werke des Verfassers, die loci tüsoloZioi, DüooloZia, cüristiana, tlisorstion und spistoln Mi-aenötioa, an Dr. Bahrdt betreffe, so sei dieselbe noch nicht beendigt, und wenn darin der gesunden Lehre widersprechende Sätze enthalten feien, so werden sie gleichfalls dem Bischöfe zugeschickt werden, damit sie Stattlcr widerrufe. Daraus möge der Bischof ersehen, in welcher Achtung er bei ihm stehe. Der Bischof theilte hierauf dem Stattlcr die beigelegten Sätze mit und dieser suchte nun in einer langen Erklärung vom 7. Juni dieselben zu vertheidigen und nahm nur weniges zurück. Stattlers Erklärungen schickte der Bischof am 11. Juli an den Papst, welchen sie nicht befriedigen konnten, und so schrieb Papst Pins VI. am 23. Jänner 1796 dem Bischof, daß, wenn Stattlcr nicht innerhalb drei Monate sein Buch ganz und absolut verwerfe,das Dekret pnblicirt werden solle. Der Bischof möge ja nicht fürchten, daß ihn oder seinen Vorgänger deßhalb ein Vorwurf treffe, da es hinlänglich bekannt sei, daß das, was hier verworfen werde, aus ihrer Duelle nicht geflossen. Dieses Schreiben des Papstes wurde dem Stattlcr voni Bischöfe am 21. Februar mitgetheilt und Stattlcr richtete am 25. März ein ausführliches Schreiben an den Papst, worin er sich besonders über die beiden Behauptungen, daß der Papst eine ordentliche unmittelbare Jnrisdiction über die den Bischöfen unterworfenen Gläubigen nicht ausüben könne, und daß die mit dem bischöflichen Amte verbundene Jnrisdiction die Bischöfe unmittelbar von Gott selber haben und nicht erst vom Papste erhalten, verbreitete. Und nun, sagt Stattlcr, soll er ein Werk, das in 2000 Exemplaren abgesetzt und zweimal schon in Compcndienforin von einem ausgezeichneten Theologen herausgegeben wurde, das von vielen Theologen, Professoren und Lektoren in den Schulen gebraucht werde, das von tüchtigen bischöflichen Censoren approbirt wurde, worin mit Ausnahme eines Franziskaners und Benediktiners andere deutsche Theologen nichts irrtümliches gefunden haben, einfach und absolut verwerfen/) Dazu konnte sich Sattler nicht entschließen. Schon am Schlüsse der beigelegten Sätze hieß es: Unzählbar beinahe sind die Sätze, welche in diesem Buche der Censur würdig sind. Das ganze Werk hinkt an jedem Fuße, so daß nacht nur einige Säge, sondern das ganze System des Widerrufes bedarf. Es ist merkwürdig, wie sich Stattlcr in den allerdings etwas gemäßigten Gallikanismns hineingearbeitet hatte. Seine Demonstrativ eatboliea sollte noch eine dritte Abtheilung erhalten, welche aber das Imprimatur nicht erhielt. Sie ist handschriftlich einem Eremplar der von Sailer in Compendiensorm 1777 herausgegebenen Demonstrativ svanAsIiea an der Münchner Universitätsbibliothek beigefügt. Diese Lootio III handelt: Ds ax- tissimo nexn sveistatis soelssiatieas ebristianas onm soeistats vivili st statu politiov. Stattlcr statuirt hier eine wesentliche Differenz zwischen der kirchlichen und weltlichen Gewalt, beschränkt die erstere nur auf das Spirituelle, und erklärt die weltliche Gewalt in ihrer Sphäre für ganz unabhängig von der kirchlichen. Er behauptet, durch kein Kirchengesetz kann der weltliche Fürst gehindert werden, das anzuordnen oder zu verbieten, was er für die Bürger seines Staates für heilsam oder schädlich hält. Da die Ehe auch eine staatliche Institution ist, so schreibt Stattlcr auch der weltlichen Gewalt das Recht 335 und so wurde das Dekret vom 10. Juli 1780 in das Jndexdekret vom 11. Jänner 1796, worin noch vier Werke von anderen Autoren verworfen wurden, aufgenommen, dasselbe am 29. April vom Papste bestätigt und am 23. Mai in Nom pnblicirt. Durch ein Dekret vom 10. Juli 1797 wurden dann die I^ool tkieologioi, die ItiooloZta, ehristinvo, ttmorstiou und die erwähnte Lxistokn xarasnotioa Stattlers und zugleich die authentischen Aktenstücke wegen dem zu Nom theils betriebenen, theils abzuwenden getrachtcten Verdammnngs- urtheil über das Stattler'sche Buch Oarnoimtrntio err- tüoltoa, die Stattler anonym 1796 im Drucke herausgab, auf den Index gesetzt. Einem weiteren Vorgehen gegen Stattler bezüglich der Unterwerfung unter die Entscheidungen der Jndexcongrcgation machte der bald darauf in Folge eines Schlagflnsses eingetretene Tod Stattlers ein Ende. Lippert — ein Anti-Jansscu. (Fortsetzung.) L. II. Eine merkwürdige Erklärung gibt Lippert S. 20 für das Erscheinen der Wiedertäufer, welche 1533 bis 1535 vereinzelt in der OLerpfalz sich zeigten: „Ihr Entstehen war bei der ganz verknöchert gewordenen römischen Kirche in falschem Subjektivismus zu suchen, sowie im Widerwillen gegen den verdorbenen Klerus." Männer, welche mitten in der religiösen Bewegung ihrer Zeit gestanden haben, wie Professor Fr. Naphylus, sind der Anschauung gewesen, die Wiedertäufer seien aus Luthers Lehre hervorgegangen; denn Luther hatte ja behauptet, es sei besser, daß man die Taufe an jungen Kindern unterlasse, denn daß man sie ohne ihren Glauben taufe. (Vcrgl. Näß, Die Konvertiten I, 355.) Wie konnte denn Luther aus der hl. Schrift allein die Kindertanfe und deren Nothwendigkeit erhärten? Er stützte sich hier auf die Tradition, die er sonst verwarf. Thomas Münzer hatte die Conseqncnz auf seiner Seite, wenn er nur Erwachsene taufte. Im Jahre 1538 baten die acht Bezirksstädte Am- bcrg, Ncnmarkt, Chain, Weiden, Nabbnrg, Nennbnrg, Anerbach und Kemnath den Kurfürsten Ludwig V., der selbst katholisch blieb, um Aufstellung lutherischer Prediger und der Fürst gab unter gewissen Verwahrungen seine Zustimmung. Der 8. Oktober 1538 wird von Lippert S. 23 als der Geburtstag der evangelischen Reformation der Obcrpfalz gefeiert, indem nach der Resignation des katholischen Pfarrers Joh. Mvdler Wolfgang Straßcr als erster evangelischer Pfarrer an der unteren Gemeinde in Amberg aufgestellt wurde. Doch in Amberg lebte auch noch der „streng katholisch gebliebene Franziskancrguardian Koch und der katholische Pfarrer Helbling, welcher seine Rechte gegenüber dem neuernngssüchtigen Rathe der Stadt vertheidigte, bis er 1553 starb. (Lippert S. 42.) Zu einer völlig evangelischen Kirchenordnnng konnten die Amberger und Obcrpfälzcr erst unter Ottheinrich übergehen. Dieser Fürst, nach Lippert S. 43 „der Liebling des Volkes", erließ am 16. April 1556 ein Mandat „zur Abstellung des Papstthums nach heiliger Schrift und Angsburger Confession und führte damit erst die volle Reformation in der Obcrpfalz ein". (Lippert S. 43.) Zur Charakterzeichnung Ottheinrichs sei nach den Annalen des Priors zu, trennende Ehehindernisse zu statuiren, wie er denn überhaupt bei dem Verhältnisse zwischen Kirche und Staat ganz dem GMkaner Fleury folgt. Kilicm Leib von Nebdorf bemerkt, daß er in Folge seiner Bauten und seiner Verschwendung (um nichts schlimmeres zn sagen) eine Schuldenlast von einer Million Gulden seinem Ländchen an der Donau aufgeladen hatte. Den Nürnbergern verpfändete er die Aemter Hilpoltstein, Heideck und Allersücrg, welche 1542 in die neuen Besitzungen lutherische Prediger schickten; den Augsbnrgern verkaufte er seine Geschütze; schließlich verschacherte er auf Anrathen seines Finanzministcrs Gabriel Arnold aus Rain seinen und seiner Unterthanen Glauben, um sich aus aufgehobenen Klöstern seiner Schulden zu erwehren. (Döllinger, Beiträge znr politischen, kirchlichen und Cultur- geschichte der letzten sechs Jahrhunderte II, 608, 609. Winter, Geschichte der Schicksale der evangelischen Lehre in und durch Bayern II, 107.) Wie angesichts des gewaltsamen Vorgehens Ott- heinrichs Lippert S. 60 sagen kann: „Der gediegenen Predigt allein hatte die Reformation den Siegcszng zn verdanken; sie hatte keine andere (?!) Gewalt als die der Ueberzeugung durch die Predigt" ist historisch unbegreiflich?) Warum sind denn die katholischen Pfarrer, wenn auch mit Pension, wie Lippert S. 44 angibt, abgeschafft worden? Warum sind die Klöster eingezogen worden? Uebrigcns dauerte Ottheinrichs Herrschaft in der Ober- pfalz nur bis zum Jahre 1559. Ihm folgte Friedrich III. (1559 — 1576), welcher katholisch erzogen worden war, auf Betreiben seiner Gemahlin Maria, einer Tochter des Markgrafen Kasimir von Brandenburg-Knlmbach znr lutherischen Lehre übergetreten war, bis sie schließlich beide 1557 den Calvinismus annahmen. Nicht ohne Interesse liest man bei Lippert S. 84 den Unterschied zwischen Calvinismus und Lnthcrthum. „Der Romane dringt mit unerbittlicher Dialektik in die Dinge ein, der Deutsche betrachtet sie mit Verstand, Gemüth und Gewissen. . . . Calvins „iimtitutionas" sind die logischste Dogmatik; der Heidelberger Katechismus ist ein Denk- werk, das die halbe protestantische Welt erobert... Mochte der Nhcinpfälzer, dem Romanen mehr nahe und verwandt, sich immerhin eine calvinische Reformation gefallen lassen, der Oberpfälzer, ein Gebirgsländer, sah in dem sinnigen Luther seinen Mann und blieb bis zum Untergänge der evangelischen Kirche der Oberpfalz bis in die Knochen lutherisch, wenn auch vier Kurfürsten an ihm leider Gottes ihren doktrinären Calvinismus versuchten." Friedrich III. handelte nach demselben Grundsätze, als er die Lehre Calvins einführte, den Ottheinrich befolgt hatte, als er den katholischen Gottesdienst abschaffte: Wessen das Land, dessen die Religion. Aber Lippert mißt beide nach einem verschiedenen Maßstabe: für Ott- heinrichs Vorgehen hat er kein Wort des Tadels, dagegen erscheint ihm Friedrich III. „als Fürst über dem beschränkten Untcrthancnverstand" (S. 85), „als Absott Vergl. die Angaben der Klosterfrauen von Bergen bei Neuburg, denen Ottheinrich durch den Hofprediger Adam Bartlme, Meister Matches Vetter, Dechant zn Neuburg, Christoph Arnold, obersten Secretari, solange zusetzen ließ, bis 25 es vorgezogen, ihr friedliches Heim zu verlassen, um Unterkunft in Mariastein zu suchen. Bei ihrem Abzüge gab man denen, welche 3—400 sl. eingebracht hatten, 30 oder 20 sl., etlicher: gar nichts, nur die Aebtissin Eupheinia Pirkheimer erhielt 1200 sl. (wob! wegen ihrer Beziehung zn Nürnberg) Past.-Äl. 1860. 125 ff. Den Klosterfrauen in Gnadenberg, welche ihres Gewissens halber das Kloster verlassen wollten, wurden nur 15 fl. und ihr Gerüche ausgeworfen: 30. April 1553 (Binder, Gesch. der bayer. Brigittenklöster S. 99). 336 Intist, der in Neligionssachcn allein zu befehlen hätte" (S. 87, 122) als „eigensinniger Fürst" (S. 116). „Im Jahre 1574 erfvlgte die längst verlangte Gcncralvisitation. Sie war aber weniger eine Kirchen- visitation als ein Mittel zur Einführung detz Calvinismus" (Lippcrt S. 115). Nur in Anibcrg, Nabbnrg und Weisscnohe gelangte die neue Kirchenorduung zur Einführung. In den Adelspfarreicn, 35 an der Zahl, dem Gebiete der Königin Dorothea und dem Gemcinschafts- gebiete Parkstcin konnte die Visitation nicht ausgeführt werden. Von den Adelspfarreien waren viele noch ganz katholisch. (Lippcrt S. 72.)^) Friedrich III. starb am 26. Oktober 1576, „ohne jemals die Herzen und die Freiheit seines oberpfälzischen Volkes verstanden zu haben". (S. 122.) Ihm folgte sein lutherisch gesinnter Sohn Ludwig VI. (1576—1583). „Unter ihm, sagt Lippcrt (S. 123), durfte die geängstete lutherische Volksseele wieder froh aufathmen; unter ihm war die schönste Periode der evangelischen Oberpfalz: — deutsch und lutherisch sein, war Ludwig VI. und seinen Oberpfälzern ein und dasselbe." Freilich nach Lippcrt war auch unter dem calvinischen Rcgimente „das Volk sammt seinen Pfarrern ,crzlntherisckst geblieben, es hielt Zwinglianismns und Calvinismus nur für eine Sek- tircrci und Ketzerei, von der man sich fern zu halten hätte." (S. 123.) Für den Historiker dürfte es doch sehr schwer zn bestimmen fein, in wie weit der Calvinismus Friedrichs III. bloß an der Oberfläche haftete. Ludwig VI. starb am 12. Oktober 1583; sein Nachfolger Casimir „durfte leider nur allzusehr nach dem Grundsätze handeln: cuiju3 rsgicg osns roligio. Trotzdem er, wie sein Vater, Friedrich III., die Gewissensfreiheit betonte, ward er ein Gewisseustyrann und ging rücksichtslos vor". (S. 142.) „Die Pfarrstellen wurden mit calvinischen oder möglichst abgeschwächt lutherischen Geistlichen hcsetzt, was aber durchaus nicht zur Folge hatte, daß das Volk auch nur irgendwie calvinisch geworden wäre." (S. 156.) Einen Beweis für diese Behauptung bringt Lippcrt nicht bei; das Volk mußte ja bei dem fortwährenden Wechsel jegliche positive Ueberzeugung verlieren; der Jndiffcrcntismns war Wohl die naturgemäße Folge solcher Gewisscnskucchtuug seitens der Fürsten. Auch unter Friedrich IV., welcher 1592 selbst- ständig die Regierung übernahm, dauerte die Besetzung der Stellen mit Calvinistcn fort; ein lutherisches Kirchen- rcgiment ward nicht gewährt, indem es Pflicht der Unterthanen sei, in der Religion der Obrigkeit zu folgen. (Lippcrt S. 174.) War dem Volke das lutherische Regiment genommen, sagt Lippcrt S. 185, so hielt es doch fest an der lutherischen Lehre; mit den ZZ 10 und 12 des Nenmarkter Landtagsabschiedcs von: 12. März 1598 ließ sich immer noch durchkommen, und machten faktisch viele Geistliche noch vor dem calvinischen Kirchcnrath ein lutherisches Examen, wenn auch mit Zurückhaltung betreffs der Ubiqnität. Wenn Lippcrt glaubt, hiemit für das Lnthcrthnm eine ruhmreiche Eroberung gemacht zu haben, so wollen D 1669 war,zn Salzburg den Bischöfen befohlen worden, jährlich die Diöccsen zn visitiren; 1573 mußte der Bischof von Regensbnrg constatiren, daß noch keine einzige Visitation gehalten worden fei. So gibt Lippcrt S. 66 an; S. 224 Anm. 3 berichtet er jedoch, daß schon 1558 eine katholische Visitation im Regensburgischen vorgenommen worden sei. wir die Freude an den halb calvinischen, halb lutherischen Predigern nicht rauben. Friedrich V. war erst 14 Jahre alt, als sein Vater 1610 starb. Ueber die Vormundschaft stritten sich der „gut calvinische" Johann II. von Zweibrücken und der „streng lutherische" Philipp Ludwig von Neuburg. Der Streit vor den Gerichten zog sich bis über vier Jahre, bis über die Volljährigkeit Friedrichs V. hinaus, und di» gequälte Oberpfalz war „um ihre gut lutherische Hoffnung durch die miserable Rechtspflege jener Tage ärmer geworden." (Lippcrt S. 186.) Friedrich V. beließ das Neligionswesen im bisherigen Zustande. 1619 nahm er die Königskrone Böhmens an, am 8. November 1620 verlor er die Schlacht am weißen Berge bei Prag und damit alle seine Länder. Die Oberpfalz kan: an Bayern, welches von dem gas retorumuäi Gebrauch machend, die katholische Religion wieder herstellte. Daß somit die Oberpfalz 100 Jahre lang bis auf den letzten Mann evangelisch gewesen sei, hat Lippcrt nicht erwiesen. Die lutherische Kirchenorduung Ottheinrichs gelangte erst 1556 zur Einführung, konnte sich nur unter Ludwig VI. (1576 — 1583) ungehindert entfalten, indem Friedrich III. (1559 — 1576), Friedrich IV. und Friedrich V. dem Calvinismus huldigten und demselben auch in der Oberpfalz. amtliche Geltung verschafften. Unsere zweite Frage bewegt sich dahin: Hat Lippen „Janffens Geschichtslügen widerlegt"? Wohl zur Entschuldigung oder vielmehr zur Herabwürdigung des Frankfurter Historikers fügt Lippcrt in der Einleitung bei: „Janssen, welchen die Katholiken für den größten Geschichtsschreiber der Neuzeit halten — hat nicht einmal seine Schmähungen selbst aus den Quellen erforscht, er hat sie aus einer älteren Schmähschrift: „Geschichte der Reformation in der Oberpfalz, Augsburg 1847, von Dr. Wittmann" einfach und kritiklos abgeschrieben." Die Aufhebung des Klosters Waldsaffen gibt Lippcrt die erste Gelegenheit, eine Geschichtslüge Janffens zu entlarven. S. 45 lesen wir: „Trotzdem wagt es Janssen Bd. III, zmZ'. 39 feiner „Geschichte d. deutsch. Volkes" hier, rein aus der Luft gegriffen, die schmutzigste Ee- schichtslüge gegen die Reformatoren zu schlendern, die je geschlendert worden ist. Er sagt: . „Ottheinrich, welcher in seinem hastigen Eifer für Verbreitung und Festigung der neuen Lehre vor keiner Gewaltthat zurückbcbte, wenn die gewöhnlichen Mittel sich als unwirksam zeigten, und aller Verbindlichkeit gegen das Reich und dessen Oberhaupt sich für entäußert hielt, verbot den Gottesdienst, nahn: die Kircheuornate weg, bestellte lutherische Prädikantcn, und, um die Mönche zur Annahme der Nenlehre zn verleiten, wurden gemeine Weiber zu ihnen in die Zelle gesperrt." „Diese niederträchtige Verleumdung gegen den Stammvater des bayerischen Königshanscs hat der kgl. Sekretär des kgl. Neichsarchivs und außerordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Dr. Wittmann, in seiner „Geschichte der Reformation der Oberpfalz" (Augsburg 1847, Mg-. 20) dem kritiklosen Janssen zur gefälligen Verwendung rein vorgelogen." Also perorirt mit sichtlich patriotischer Entrüstung der königl. Pfarrer von Amberg gegen Wittmann und Janssen?) °) Das Eitat Lipperts: Janssen Bd. III, pag. 39 kann nach der mir vorliegenden 12. Anst. (Frcibnrg 1883) nicht 337 Aber wie der kinderlose Ottheinrich, wit welchem die ältere Kurlinie, von Ludwig III. begründet, 1559 erloschen ist, der „Stcmnnvciter des bayerischen Königshauses" genannt werden kann, ist für jeden besonnenen Historiker unbegreiflich. Ueber den „feinfühlenden" Ottheinrich wollen wir kein Wort verlieren; denn aus den Angaben Wittmanns kann nicht stringent erschlossen werden, daß auf direkten Befehl des Kurfürsten hin Weiber in die Zellen der Mönche gesperrt worden seien; die Aufhebungsconimissäre haben ja auch 1802 bei der Säcülarisation ihre Befugnisse oftmals überschritten. Lippert sucht auch den Nachweis zu liefern, wie Diese „Lüge" entstanden sei. In den amtlichen Anf- hebnngsprotokollen findet sich kein Anhaltspunkt zu diesem Borgange; in der Ordensgcschichte des P. Sartorins (Prag 1700) steht die allgemeine Bemerkung: aärnissi viri Isvainaegns proiniLons in reliZivsa elamstra.. Männer und Weiber wurden ohne Unterschied in die klösterliche Klausur zugelassen. Aehnlich heißt es im Snmmarium, aus welchem Sartorins geschöpft hat. Woher hat nun Wittmann seine Nachricht genommen? Hat er sie frei erfunden? Lippert gesteht selbst zu, „daß das Aktenmaterial oft zu lückenhaft sei für eine ausreichende Schilderung der kirchlichen Zustande". Daß Wittmann seine Auszüge aus Urkunden nicht mit genauer! Quellennachweisen und Fundorten versehen hat, ist sicherlich ein Mangel seiner Darstellung; allein daraus folgt noch nicht, daß er „rein gelogen" habe. In der „Politik Bayerns 1591 - 1607" II. Bd. S. 591 Anm. 1 bemerkt Felix Stiebe zum Ncligions- gcspräch von Ncgensbnrg 1601, daß er die von Wolf (Geschichte Maximilians I. und seiner Zeit, München 1807 I. Bd. S. 440 ff.) benutzten Akten nicht gefunden habe; Schreiber dieser Zeilen dagegen erhielt vorn kgl. Reichs- arch.iv München die daselbst hinterlegten, von Wolf bemühten, von Stiebe nicht gefundenen Urkunden und Briese zur Durcharbeitung im Januar 1897 ausgehändigt. So ist es nicht ausgeschlossen, daß die von Wittmann seiner Zeit excerpirten Akten neuerdings wieder aufgefunden werden können; jedenfalls aber zieren weise Mäßigung und abwägende Ruhe einen Historiker bester als derartige Ergüsse eines Deklamators: „Woher kommen die Weiber, die gemeinen Weiber, die von der Regierung geschickten Weiber? Die Weiber, welche die Reformation befördern mußten?! °) Am Ende haben wir die Reformation noch dem Untcrrock zu verdanken!" (S. 47.) Die Aufhebung des Brigittenklosters Gnadcnbcrg im November 1556 haben nach Lippert S. 53 Wittmann und Jansscn (IV, 40) als Beispiel „unerhörter Härte" hingestellt. Bei Jansscn heißt es nach der 12. Auflage richtig sein; Bd. III, x. 39 bespricht Janssen den Reichstag zn Spcyer 1526; es muß heißen Bd. IV, xa§. 39, 12. Aufl. 1885. °) Hat Lippert vergessen, was er S. 19 „von der edlen Urgula in Dietsnrt gesagt? Warum haben die neu- gläubigen Fürsten so sehr auf Verheirathung ihrer Prediger gedrungen? Vielleicht bloß nur das Concubinat zn beseitigen? Vor allen Dingen, sagt uns Lippert S. 75, gab es nach der Einführung der Kirchenordnung von Ottheinrich „kein Concubinat mehr, sondern eine evangelische Ehe und ein gesegnetes evangelisches Pfarrhaus". Aber gerade durch diese „evangelische Ehe" waren auch die aus katholischer Zeit stammenden Geistlichen in die Unmöglichkeit verseht, ihre Verbindung mit dem Protestantismus zu lösen. Vgl. Past.-Bl. d. Bisth. Eichstätt 1868, 123 ff. „Auch gegen die oft hochbctagten Klosterfrauen begann ein erbarmungsloses Verfahren, zum Exempel in Gnaden- berg." Welches Recht hatte denn die Commission, gebildet aus dem Prädikanten Ketzmann, den Landrichtern von Sazenhofen und von Fcilitzsch, Gelübde zu lösen, die Meßfeier zu verbieten? Keine der Nonnen wollte das Kloster verlassen; „aber diese Rechtfcrtignngsschrift ist vielmehr ein Beweis ächter deutscher Treue in den alten Frauenherzen und wahrer Heimathsliebe, als ein Hängen arn Papstthum." (S. 55.) Lippert muß wirklich ein Gedankenleser sein! Janssen gibt an, daß der Beichtvater des Klosters, ein kranker Greis, sofort in harter Winterkälte dasselbe habe verlassen müssen. Lippert nennt das „schwindeln". Er selbst weiß zu berichten, daß der Beichtvater nach einigen Tagen, als die Commission abgereist war, 25. Nov. 1556, zweispännig mit Hab und Gut des Klosters frech davongefahren sei und sich nach Eichstätt begeben habe. Allein nach anderen Angaben ist ?. Hieronymns von Segen, das war der Name des Beichtvaters, bis 1560 noch in Gnadcnbcrg verblieben/) wenn auch der katholische Gottesdienst verboten war und der lutherische. Pfarrer Erasmns .Händel von Sindclbach den Klosterfrauen das lautere Wort Gottes verkündete. Für die Haltung der Anfhebungscommissäre spricht die Thatsache, daß der Prediger Ketzmann aus dem Sakra- mentshänschen zn Gnadenüerg die consecrirtcn Hostien entfernte, und sie dem lutherischen Pfarrer in Sindclbach zur Verwendung zustellte; die HI. Oelc wurden ebenfalls mitgenommen! (Schluß folgt.) Walther von der Vogelweide. (Fortsetzung.) st. Lobn. Zn dieser Zeit trat Walther von der Vogclweide auf den Plan und redete über das Geschick des Reiches in feinen Sprüchen, zuerst an den Höfen der Fürsten und von diesen aus zum deutschen Volke. Walther war ein Oestcrreichcr oder hat wenigstens lange und oft am österreichischen Hofe gelebt; Leopold, der Nachfolger Friedrichs des Katholischen, wurde im Jahre 1198 Allein- herr der österreichischen Lande und war ein treuer Anhänger der Stanfer. Das mag auch Walther beeinflußt haben, daß . er sofort als Partcimann für Philipp auftrat. Ohne Schwierigkeit erhielt Walther bei Philipp Zutritt und gütige Aufnahme, ja er wurde geradezu unter das Hofgesinde Philipps aufgenommen. Mit Trauer aber blickte unser Dichter auf Wien zurück, wo der heitere, sangessrohe und milde Herzog Friedrich dem harten und der Kunst wenig freundlich gesinnten Leopold den Platz räumte. Der Hof des Staufcnkaiscrs war ein ausgezeichneter Platz, um einen Ueberblick der Lage Deutschlands zn gewinnen. Zwei große politische Mächte mit weiten Jntcressenkreisen standen jetzt gegen einander: in Süddentschland das stanfische Königthum mit seinem durchaus aristokratischen Anhange, im Norden die Welsen, deren Hauptstütze die Stadt Köln mit ihrem großen cng- I Past.-Bl. d. BiZth. Eichstätt 1870, 210. G. Binder (Gesch. der bayer. Brigittcnklöstcr S. 98) schreibt: Nach zwei Jahren (1558) starb die ehrwürdige Äebtissm Ursula Breunin. Sie schließt würdig die Reihe der Aebtissinnen von Gnadenbcrg, denn ihre Nachfolgerin durfte sich nnr- mehr Verwalterin nennen. Es war. ein edles, reiches Kämpferleben. Hieronymns von Segen harrte als eifriger , Glaubenskämpser noch zwei Jahre ermunternd und stärkend I bei den Nonnen aus, bis er endlich vertrieben wurde. lischen Handel war. Ein Gefühl der Niedergeschlagenheit und Trauer über die verworrenen Zustände des Reiches bemächtigte sich aller, und Walthcr verlieh dieser Stimmung trefflich Ausdruck in seinem berühmten Gedichte: Ich saß auf einem Steine und kreuzte Bein mit Beine, darauf der Ellenbogen stand: es schmiegte sich in eine Hand das Kinn und eine Wange. So sann ich tief und lange wohl über Welt und Leben nach, und kein Gedanke wurde wach, wie man drei Dinge würbe, doch keines nicht verdürbe. Ich meine Ehre und Gewinn, die sich befehden mit hartem Sinn, dann Gottes Gnade, im Vergleich zu ihnen Werthes überreich. Die wollt ich gern in einen: Schrein. Vergeblich, ach! Es kann nicht sein, daß je Gewinn und Gotteshnld und weltlich Ehre ohne Schuld im Herzen sich verbinden. Kein Pfad ist zu ergründen, der dahin führt. Im Hinterhalt Untreue lauert und Gewalt, verwundet Recht und Frieden. Und kranken die hienieden, stehn Ehre, Gut und Gottesscgen des Schuhes bar auf allen Wegen. In einem andern Gedichte wendet sich der Sänger an den „süßen jungen Mann", wie er Philipp in seinen Liedern nennt, selbst, indem er znm Deutschen Reiche spricht: „Die kleinen Fürsten verderben dein Glück; Herrn Philipp setz' die Krone auf, die andern weise du zurück!" Der Wunsch des Dichters ging nicht sofort in Erfüllung; dein: während der nächsten Jahre schwankte das Kriegsglück. Am schlimmsten war die Lage Philipps im Jahre 1203. Walther erkennt die Ursachen der Wendung zum Ueblen und theilt sie in drei Sprüchen dem Könige mit. Dem Sänger geht die Lage des Reiches zu Herzen, er klagt, es sehe so schlimm aus, als wenn das Ende der Welt schon vor der Thüre stünde. Walther sieht ganz klar, welche Macht besonders der staufischen Sache schadet, und er versäumt nicht, sie offen zu nennen; es war Papst Jnnocenz III., der im Januar 1198, erst 37 Jahre alt, den römischen Stuhl bestiegen hatte. Diesem gelang es, die beiden Thronbewerber zum Verzicht zu bewegen, worauf er die Entscheidung in die eigene Hand nahm und Otto anerkannte. Zugleich setzte er auch alle schon bewährten Mittel der kirchlichen Gewalt für die Sache der Welsen in Bewegung, wodurch sich die Erbitterung des Kampfes noch steigerte. In einer Art Vision sprach Walther, all das Unheil überschauend, voll tiefen Schmerzes: Mit meinen Augen sah ich klar, was aller Welt Geheimniß war, so daß ich merkt' an jedem Ort der Menschen Handeln und ihr Wort. . . Das war ein Noth ob aller Noth, Denn Leib und Seelen lagen todt. . . Mit dieser Strophe beginnt eine ganze Reihe von Dichtungen, welche alle Handlungen des Papstes und der Geistlichkeit mit grimmigem Höhne übergießen und mit eiserner Conseguenz den strengsten staufischen Standpunkt vertreten; Walthers feuriger Geist war eben ganz erfüllt von der großartigen Kaiseridee der Staufen und von: unbedingten Glauben an die Rcchtmäßigkeit seiner Fürsten. Bis znm Jahre 1204, in welchen: die große Wendung eintrat, die Philipp znm Herrn von Deutschland machte, I finden wir Walthers Verbindung mit dem König Philipp in seinen Sprüchen bezeugt. Walther war nun in die Dienste des Landgrafen Hermann von Thüringen getreten, aber nicht dauernd, er schweifte im Süden umher. Da ergriff ihn, während all der Wirrnisse, all des Schwankens der Geschicke, die Sehnsucht nach der theuren Heimath. In jener Zeit starb Ncinmar, des Herzogs Sänger, und Walther feiert in zwei tief empfundenen Sprüchen das Andenken des Meisters, vielleicht belebt von der stillen und nicht unbescheidenen Hoffnung, daß für ihn nun eine bessere Stätte in Wien sich werde finden lassen. „Ach, daß Weisheit, frohe Jugend, des Mannes Schönheit, seine Tugend, doch niemand erbt, wenn ihm der Leib erstirbt! Jetzt klagt wohl manch' erfahrener Mann, der den Verlust ermessen kann, welch' feine Kunst, Reinmar, mit dir verdirbt..." Aus der Zeit, in welcher Walther wieder nach Oesterreich zurückgekehrt ist, haben wir in den neuerdings aufgefundenen Rciserechnungen Wolfgers von Ellenbrechis- kirchen, Bischofs von Passnu, seit 1204 Patriarchen von Aguilcja, eine Urkunde, die sich 1874 im Stadtarchive zu Cividale fand. Nach derselben erhielt Walther von der Vogelweide, offenbar nach einen: Vortrage, im November 1203 fünf Solidi zur Anschaffung eines Pelz- kleides. Am Hofe zu Wien trat Walther zuerst als Gaben Heischender auf, die er denn auch in reichend Maße erhielt; denn er rühmt den Wiener Hof, den Reichthum, der bei den Festen dort sich ausbreitet: Silber wird geschenkt, als ob man es auf der Straße fände, Rosse, als wenn sie Lämmer wären. In diesen frohen Tagen war es wohl auch, wo Walther das herrliche Preislied auf Deutschland sang, das einen Höhepunkt seiner höfischen Kunst bezeichnet und mehr als ein anderes seiner Gedichte dazu beitrug, seinen Namen in allen Gauen des Reiches bekannt zu machen. Noch heute ergreifen uns die vollen Harmonien dieser Verse, begeistert uns die Vaterlandsliebe des Dichters und macht unser Herz höher schlagen. „Reich an Ländern ist die Erde, deren beste ich geschaut: doch vor ihnen ist das werthe Vaterland nur lieb und traut. Seht auf mich mit tiefstem Höhne kündet je des Athems Hauch, daß ich liebe fremden Brauch: Deutscher Zucht gebührt die Krone! Züchtig ist der deutsche Mann, deutsche Frau'n wie Engel rein, und wer anders sprechen kann, der muß wohl von Sinnen sein. Heilige Minne, hohes Streben und rief innerstes Gemüth nur aus deutscher Erde blüht: möcht' ich lauge auf ihr leben." Das ist der Meister des Deutschen Liedes, welcher sich losgemacht von Tradition und Kunstnbung, erfahren und von: Schicksal geprüft, gehoben von edelstem Stolze aus Deutschland, als dessen Bürger er sich fühlt. Geleiten wir unsern Walther nun an den Sängerhof des Landgrafen Hermann von Thüringen, nach Eisenach. Hier war die Wartburg ein Mittelpunkt für Kunst und Poesie. Und mochte auch unter den Schaaren von Fahrenden, welche die Freigebigkeit des Landgrafen ^ anzog, manch ein schlechter Mann und elender Gaukler sein, so befanden sich doch auch die besten Dichter dabei, 339 > welche Deutschland in jener Blüthczeit seiner Literatur besaß. Es gab in Thüringen selbst eine Gruppe adeliger Minnesänger, an deren Spitze Herr Hug von Salza und in ihrer Mitte der herrliche Heinrich von Morungcn stand. Am Hofe des Landgrafen vollendete Heinrich von Veldeke, der größte deutsche Dichter des Mittelalters, sein Werk, Wolfram von Eschenbach, trug die 16 Bücher feines Epos ,Parzival" vor, wie sie entstanden, Herbart von Fritzlar Gearbeitete für seinen Fürsten das „Lied von Troja", Mrecht von Halbcrstadt dichtete auf der Jcchabnrg Ovids Metamorphosen in deutsche Verse um, u. a. Wenn Walther auch das erstemal am Hofe von Thüringen nicht sofort nach feinem Werthe erkannt wurde — zu groß war der Zulauf fahrender Sänger —, so gelang es ihm einige Zeit später doch so gut, daß er sich schon „des milden Landgrafen Ingesinde" nennen darf, dessen Freigebigkeit stets gleich bleibe. Er schließt mit dem schönen Bilde: „Wer Heuer spendend prahlt, und wieder karg wird übsrs Jahr, dem grünt und dorrt sein Lob wie Somincrklee. Thüringens Blume leuchtet aus dem Wintcrschnee, sein Ruhm blüht fort und fort und jetzt wie da es jung noch war." Walther hat hier viele Anregungen erhalten, namentlich durch die gewaltige Persönlichkeit Wolframs, der ungefähr 1220 starb.' Wir finden die Einwirkung dieses großen Geistes in Walthers Bildern und Gleichnissen, in seinem Ernste, feiner gefestigten Sittlichkeit, aber auch in seinem Humor, in seiner volkstümlich heiteren Weise und Schalkhaftigkeit, nicht minder jedoch in seiner Humanität und in der stärker hervortretenden religiösen Gesinnung. Der große Dichter Wolfrain hingegen empfing von feinem österreichischen Sangesgenossen unmittelbare Frische und ausdauernde Jugendlichkeit als Ansporn zur Fortsetzung und Vollendung seines unsterblichen Werkes. Unterdessen war in der politischen Lage eine plötzliche Aenderung eingetreten. Ein finsteres Geschick traf das Haus der Staufen und warf es von dem erreichten Ziele zurück, stürzte das Reich in Verwirrung; an: 21. Juni 1208 wurde Philipp in der Pfalz zu Bamberg durch Otto von Wittelsbach ermordet. DaS ganze deutsche Volk, ja die Welt schüttelte ein Entsetzen ob der ungeheuren Frevelthat. Wie Walther das Furchtbare aufgenommen, wie er sich davon ergriffen fühlte, wissen wir nicht, denn sein diesbezügliches Gedicht ist, wie so manches andere von ihm, nicht aus uns gekommen. Während allüberall im Reiche Klagen erschollen über den plötzlichen Tod des Königs Philipp, stieg der Stern der Welsen rasch wieder empor. Da er der einzige Thronbewerber und schon gekrönt war, die Gunst des Papstes sich ihm wieder zuneigte, so wandten alle Fürsten sich dem noch kurz vorher gedcmüthigtcn Otto zu, der dieser Gunst der Umstände die unbestrittene Gewalt als deutscher König und bald die Kaiserkrone (1209) verdankte. Nicht lauge jedoch dauerte das friedliche Verhältniß. Otto hielt sein dem Papste durch die feierlichsten Eide bekräftigtes Versprechen bezüglich der Gebiete Mittelitaliens nicht. Verblendet von der Idee der Weltherrschaft und beeinflußt von der Tradition feiner Stellung brach Otto 1210 in Unteritalien ein, worauf Junocenz am 18. November den Bann über ihn aussprach und die deutschen Fürsten zum Abfall von ihm reizte. Eine Fürstcnvcrsammlung zu Nürnberg beschloß im September 1211 die Erhebung Friedrichs von Sicilicn zum deutschen Könige. Otto's Rückkehr brachte die Aufrührer zunächst rasch wieder zur Unterwerfung; aber als Friedrich, der an ihn ergangenen Aufforderung folgend, im September 1212 in Deutschland erschien, fiel ihm rasch ein großer Theil der Fürsten zu. Am 5. 'Dezember wurde er zu Frankfurt gewählt und am 9. Dezember zu Mainz gekrönt. Der Krieg entbrannte von neuem und währte zwei Jahre; Otto's Glück jedoch nahm stätig ab, und am 27. Juli 1214 war mit der großen Niederlage Otto's IV. gegen Philipp August von Frankreich bei Bouviucs die deutsche Krone für ihn verloren, für Friedrich gesichert. Walther vertritt in dem Kampfe der beiden Parteien energisch die Sache des Kaisers gegen den Papst. In seiner Erregung schlenderte er seine kecksten Sprüche gegen den Papst. Zwar macht er zuvörderst die Gesinnung der Fürsten verantwortlich in dem trefflichen Spruch: „Von Frankreichs Seine bis hin nach Steicrmark zur Mnr, vom Po zur Travc kenn' ich aller Menschen Spur; die meisten kümmcrts' nicht, wie ihnen zukommt ihr Gewinn. Thät ich wie sie, dann lebe wohl, geh' schlafen Edelsinn! Geld war willkommen stets, jedoch es ging die Ehr' dein Gelde doch voran; jetzt ist das Geld so hehr, daß es selbst zu den Frauen vor der Ehre geht und mit den Fürsten bei Königen sich beräth. Wie schlecht das römische Reich um Geldes willen steht! Du bist nicht gut, o Geld, an Schande hängst du dich zu sehr!" Dann aber sondert Walther den Papst von den übrigen Herrschaften der Welt aus und greift ihn für sich an mit einem solch tödlichen Haß, so intensiver Glnth und geharnischter Entrüstung, daß dadurch alles frühere weit überboten wurde. Es gehört wohl zu dem Stärksten, was im Kampfe zwischen Kirche und Staat je gesagt wurde, wenn Walther den Papst wegen des Wechsels in seinen Ansichten über Otto mit Namen benennt, wie sie in L. 33, 11 vorkommen. Nicht bloß dieses; gegen den ganzen Klerus richtet der Sänger seine scharfen Anklagen. Am bekanntesten sind die zwei Sprüche Walthers, in denen er dem großen Papst vorwirft, er vertuende die Almosen, welche zu dem von ihm im Jahre 1213 ausgeschriebenen Krcuzzugc beigesteuert wurden, für sich. — In all diesen Strophen weiß Walther die Menschen bei ihren schwächsten Seiten zu fassen, und eben darum wirkten die Sprüche so einschneidend. Man hat ja ganz richtig gesagt: Walther übertreibt ins Ungcmessene, er mußte die guten Absichten des Papstes kennen, mußte wissen, wie Junocenz sich bemüht hatte, die zweckmäßige Verwendung der gesammelten Gelder zu sichern, er verführt also mit Bewußtsein ungerecht. Aber man muß eben bedenken, daß Walther Politiker und Partcimaun ist. Walther war hier so ungerecht, wie später Martin Luther. Auch dieser hat im Dienste seiner Sache den Fehler gemacht, die Sache des Gegners als durchaus schlecht zu betrachten. Aus der Einseitigkeit entspringt die Leidenschaft, und wem die Leidenschaft recht ist, der sollte die Einseitigkeit nicht tadeln. Viele mißbilligten das Vorgehen des Dichters durchaus und beklagten es tief, daß er Tausende bcthört und dem Papste Unrecht gethan habe. In unserer Zeit werden diese Sprüche Walthers, namentlich vom modernen Liberalismus, oft genug als klassische Zeugen für Meinungen angerufen, mit denen er nie etwas zu schaffen hatte. Begreiflicherweise kümmert sich ein moderner Parteimann nicht um die geschichtlichen Bedingungen jener alten Kämpfe zwischen Kaiser und Papst; er müßte ja sonst einsehen, daß die alten und die neuen Proportionen dieser Mächte sich aus Verhältnissen ganz verschiedener und unter sich unvergleichbarer Art zusammensetzen. Auch Walthers Sprüche dürfen nicht als Beweis dafür an- 340 geführt werden, er sei kein nberzengnngstreuer Christ, das heißt Katholik, gewesen. In jenen Jahrzehnten ist es von den Deutschen kaun: als Sünde betrachtet worden, den weltlichen, auf das Regiment der Staaten bezüglichen Maßregeln des Papstes zn widerstehen. Wäre es Sünde gewesen, dann hätte sich fast jeder der damaligen Fürsten und Bischöfe, überhaupt der Herren, welche an politischen Dingen betheiligt waren, mindestens in: Leben einmal derselben schuldig gemacht. Sehr selten war es, daß ein Kirchcnfürst sein Gewissen z. B. durch Aufnahme des gebannten Königs beschwert fühlte. Weiche Gemüther, wie der Bischof Gardolf von Halbcrstadt, mußten freilich unter dem Zwiespalt ihrer Pflichten gegen .Kaiser und Papst unsäglich leiden. (Fortsetzung folgt.) Recensionen nnd Notizen. Los. Raph. Kröll, Kreuzdorn und Siousroseu. Kanzelreden für die Fastenzeit. 666 SS. M. 5. Kempten, Kofel. O „Lasst» Lomim blostrt Issu Obristist — sseunäum savots, Lvanxslia, das ist wiederum: das nie zu erschöpfende große Thema all dieser 60 Fastenpredigten. Auch dieser Band enthält viel mehr, als sein TitA eigentlich verspricht. Welch herrliche Fasteneyklen lanen sich daraus eutnehmcu: Der schmerzhafte Rosenkranz; im nächsten Jahr etwa: Die sieben Worte; im dritten: Die bekannten Typen (Judas, Petrus, Pilatns, Herodes, Maria, Jesus). Druck und Correctur sind, wie wir dies bei Kroll gewohnt sind, tadellos: höchst selten ist ein Schreib- oder Druckfehler stehe:: geblieben. Aber, wie gesagt: Viel mehr liegt hier Predigt-Material fürs ganze Kirchenjahr, als der T:tel verspricht, so findet sich eine herrliche Vaterunser- Auslegung, eine Herz-Jesu-Predigt, sodann eine durch prachtvolle Originalität ausgezeichnete Erstcommnnion- rede auf den Weißen Sonntag (Nr. 49): „Liebe Kinder! Ihr seid Schwabenkinder, Württembergerkinder! Also: Furchtlos und treu erscheinet heut' vor eurem Heiland: 1) dankend! 2) bekennend! 3) gelobend! 4) betend!" Darum muß ich den Wunsch wiederholen: Möge der reiche Stoff bald in einen: Separathcftlein auf die Sonn- und Festtage vertheilt und in einem alphabethischen Register leicht zugänglich gemacht werden? Wie hat der h L. Pins Gams O. 8. 8. einmal gesagt? „Ein alphabetischer Index ist die Noblesse des Autors gegen seine Leser." Er hatte recht. In unsern: Fall können wir noch beifügen: „und erst der Schlüssel zur vollen Werthschätzung und Hebung des gediegenen homiletischen Goldes, das in den Schachten der Kröll'schen Predigtbände liegt." LsssivaL., Oarminum libri novsm. 6", pp. VIII-st 320. Lridurxi Hslv., Iz'poxr. catb. 1894. Lr. 6,00. Llaxnitieus die tomus s tz-poxrapbis, splsuäiäs sxornatus posmats, contivst latinn ob sximiam ao psr- politam äiesnäi artsw sninmis bincubns äixva. lAitorsm zamäuckum ooxvoseiwus vatsn: l^uminis aKatn ivsiKni- tum, posssos xsvio kautuw; saopius in osrtawins soeis- tatis latinss chmstsloäamsnsi palwain mann vietriei äs- xortavit. bluno guas supsrioridus anvis ab illo ssorsam säita sunt earmina, saäsm in uvnm volumsv eollsots, st aoonratiors lima smsnäata antor proponit Isetori sls- xantia, suavitats, vi a« moliitis linAnas latinas tanta virtuts traotatas xaviso. Vsl olassieis, ut üienntnr, soriptoribus tali» posmata von ssssnt äsäseori; ntlnam maxis äivulxarsntur, Isxsrsntur, asstimarsntur. D.rsn- msuta oarminum äs variis rsbus äisssrnnt, ut titnli äs- monsteant: Lidzäla, 7näas lllaobabasus. 8usanna, Lstbsr, 7uäitbu, Lobiss zunioris psrsxrinatio, LIisrisr aä tXdra- Imm sxistola, Urania, Oilia, Llusa, Via ksrrata, tlkrieaua ssrvitus, 8atiras aä.juvsnsm, in mnllsrss swaneipatas, Luliess ste. Opus oonolnäit oäa aä snmmnm pontiüosm, gni st ipss spistolav: soripsit aä autorsm toini paxivis praoviam. Omnibus latinas livxuas amatoribus — raris natantibus — volumsn enixs eommsnäamus. Baläü st Larbisvii tomporibus sruäitionsm sanam av soliäam Maxis oolsntibus Iksssivas oarmina ubigus kuisssnt lsotas st lauäatas; nune paueos invsniunt gui xrato animo st apprstations, gua xar sst, lsxant. blorum numsrus ut »äauxsrstur, basees soripsimus. Heft 16 des Dcutschen Hauss chatzes beginnt eine außerordentlich spannende Novelle: Z:v:fchen Ja und Nein von F. v. Lindenburg. Der historische Roman von Flodatto: Durchgerungen, der, wie wir hören, mit so großem Beifall aufgenommen wird, eilt seinem Höhepunkte zu. Von demselben talentvollen Verfasser bringt das Heft die prächtige militärische Humoreske Richtige Wege. Von den belehrenden Artikeln darf die Plauderei über militärische Titel von Dr.H. Graevell besondere Beachtung beanspruchen. Professor Dr. B. Schäfer, bekanntluh einer der besten Kenner des hl. Landes, schildert Palästinas Thierwelt einst und jetzt und liefert so ein wertlwolles kulturhistorisches Material. Präses I. B. Mehler entwirft ein inhaltreiches Charakterbild des fel. Petrus Canisius, dessen Gedenktag allmählich heranrückt. Den zahlreichen Freunden von Karl May dürfte eine neue Composition des Ave Maria! von I. Schildknecht besondere Freude machen. Daneben laufen wiederum zahlreiche kleine Notizen, die für jeden Leser etwas Interessantes bringen. An künstlerisch hochstehenden Illustrationen ist dieses Heft besonders reich. Stimmen aus Maria-Laach. .Katholische Blätter. Jahrgang 1897. Zehn Hefte M. 10.80 (oder zwei Bände ä M. 5.40). Freibnrg i. Br., Herder'sche Verlagshandlung. -- Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 6. Heftes: Flavius Joscpbus über Jesus Christus. I. (C. Ä. Knellex 8. .7.) - Der Buddhismus und die vergleichende Religionswissenschaft. I. (I. Dahlmann 8. .7.) — Triumph der Kälte. (L. Dressel 8. .7.) — Concurrenz im Welthandel. (I. Schwarz 8. ,7.) — Friedrich Wasmann, Künstler und Convertit. 1- (O. Pfülf 8. .7.) Recensionen: Obauvin, 7,'Ivsxiration äss äivinss Leriturss (I. Knabenbauer 8. 7.): Eisenhoser, Procopius von Gaza (I. Stiglmayr 8.7.); Kappen, Clenwns August, Erzbischof von Köln (O. Pfülf 8.7.); Geikie-Harper-Walter, Bildergrüße aus dein hl. Lande (L. Fonk 8. 7.); Happe, Stimmungen nnd Gestalten (W. streiten 8. 7,). —- Empfehlenswertste Schriften. — Miscellen: Kritisches über die Hirtenbriefe des hl. Paulus; Die künftige Hauptstadt Brasiliens. Litterarischer Handweiser, begründet, herausgegeben nnd redigirt von Msgr. Dr. Franz Hülskamp in Münster. 18 Nrn. ä 2 Bogen Hochquart für M. 3 pr. Jahr. 1897. Nr. 4 u. 5. Die Geschichte der altchristlichen Kunst von F. . 4 . Kraus (Ehrhard). — Weitere, kritische Referate über Marty Was ist Philosophie (Stölzle), Kurth Sainte Elotilde und Hatzfeld St. Augustin (Zimmermann), V/allsbaw Ivtroäuotion to tbs bistorz- ok tbs Oburob ok Dnxlauä (Bellesheini), Gaduel Exercitienbüchlein für Priester und Bernard Handbüchlein für Priester in Sachen des III. Ordens (Deppe), Ecker Theophila, Freund Früchte des Geistes, Chambaud-Cstarrier Eu- charistische Betrachtungen, Schieler Bedenk es wohl, Ott Die heiligen Nothhelfer, Scheer Rosenkranzbüchlein und Kaulen Ewige Anbetung (Deppe), Wildermann Jahrbuch der Naturwissenschaften für 1896/97 (Plaßmann), Wacker Deutsches Lesebuch f. kath. höhere Mädchenschulen (E. Brockmann). — 12 Notizen über verschiedene Nova (Hülskamp). — Lections- katalog der Universität zu Frei bürg (Schweiz) für das Wintersemester 1897/98. — Novit äten - Verzeichnis. Verantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L CNbherr in Augsburg. §il', 49 M 25. Aug. 1897. l Lippert — ein Anti-Janfsen. (Schluß.) Nach Lippert sind die fürstlichen Mandate, wornach alle Schimpf- und Schmähreden auf der Kanzel verboten waren, in der Oberpfalz eingehalten worden. „Die Visitationsprotokolle von 1557 — 1620 beweisen, daß die Verfehlungen gegen dieses Mandat äußerst selten und in grober Weise niemals vorkamen. Mögen doch Wittmann- Jaussen ihre gemeinen Vorwürfe beweisen." (S. 61.) Nun, Janssen hat über diesen Punkt gar nichts gesagt. Wer aber die Literatur jener traurigen Periode nur einigermaßen kennt, weiß, mit welchen Liebenswürdigkeiten sich damals die hadernden Parteien, Katholiken, Lutheraner, Calvinisten, überhäuft haben. Auf dem Neligionsgespräche zn Negeusburg 1601 wurde der Papst der Antichrist genannt; als htegegen der anwesende Maximilian von Bayern Protest einlegte, erklärte Hunnius: man müsse jedes Ding beim rechten Namen benennen, zumal in Glaubenssachen; in unseren Kirchen sei dies keine Schmähung, den Papst als Antichrist zu bezeichnen. (Lotn «olloo;. üutisbonoimis 1601. Nonuobü 1602 144.) Nach den schmalkaldifchen Artikeln hatte Hunnius nicht zu viel behauptet. Ueber das Resultat der ersten Kirchenvisitation in der evangelischen Kirche der Oberpsalz (15. Febr. bis 15. April 1557) gibt Lippert folgende Glosse: „Man kann sich denken, wie Wittmann (pa-x. 25)-Janssen (IV, xa,A. 41) aus diesem Gcneralbericht einen Strick drehten, die Reformation zu geißeln. Aber abgesehen davon, daß jede Visitation nicht Lobhudeleien, sondern Aufdeckung der Fehler bringen wird, muß die ganze „Hcidcnschaft, Unwissenheit und Unmoralität," über welche die Visitatoren klagten, als eine böse Erbschaft aus katholischer Zeit betrachtet werden." (S. 72.) Ferner bemerkt Lippert (S. 73): „Da außerdem erwiesen, daß dreiviertel der Geistlichen aus dem Papstthum stammten und es unmöglich war, diese Leute zu ersetzen, wie der Generalbericht nachweist, so hat Janssen damit nur seine eigene Schande aufgedeckt, wenn er diese Visitationsresultate verhöhnt, die immerhin, im Gegen- halte zu jenen, welche Sngenheim und Knöpfler um diese Zeit von „katholischen" Ländern veröffentlicht haben, goldene zu nennen sind." Wenn die Oberpfälzcr wirklich ein solches Verlangen nach dem Evangelium sowie einem biblischen Christenthum bekundeten, wie Lippert S. 2 angibt, so ist es unfaßbar, wie 1557 sich derartige beklagenswerthe Zustände finden konnten. Janssen hat die Visitations- resultate nicht verhöhnt, sondern nur die „unerfreulichen Berichte aus der Oberpfalz" mitgetheilt, wie sie die Visitatoren in ihrer Hauptrclation niedergelegt hatten. Bezüglich der Pfarrer von 1557 sagt uns Lippert (S. 73), daß auf den circa 200 Pfarrstellen der Oberpfalz (mit Schulstellen 350) die römischen Geistlichen zum größten Theil unter Annahme der neuen Kirchenordnung fortgelebt haben. Von 119 Geistlichen ist ausdrücklich gesagt, daß sie Priester (88) und Mönche (31) waren. Von 25 Geistlichen ist nicht festzustellen, ob sie früher Priester waren. Nur von 43 Geistlichen läßt sich cou- statireu, daß sie evangelisch geprüft und ordinirt waren. Neben dieser Reihe von 115 tauglichen Geistlichen und solchen, die noch ganz papistisch waren, sind 28 erwähnt, die später durch bessere ersetzt werden sollten. 12 Geistliche, die tveder in äootring, noch woribim entsprachen, wurden sofort abgeschafft, davon waren nur fünf Unwürdige, die anderen mit ihrer Unwissenheit waren ein Erbe des Papstthums. (Lippert S. 76.) Wenn es Ott- heinrich wirklich um die dogmatische und moralische Wiedergeburt der Oberpfalz zu thun geivescn wäre, so hätte er Mittel und Wege ausfindig machen sollen, um das geringe Einkommen der Pfarrstellen, welche mit unwissenden Personen besetzt waren, zu erhöhen. Freilich belehrt Lippert seine Leser (S. 72): „Zu einem vollen Ersatz der alten katholischen Geistlichkeit fehlte es an Geld und Leuten — und Uubarmherzigleit. Man mußte doch dem Evangelium Zeit lassen, sich einzuwurzeln. Die Reformation ist noch gar nicht da (aber nach Lippert beginnt sie schon 1520!) und soll schon alle harten, Jahrhunderte alten Volksschäden geheilt haben; das ist doch zn viel verlangt." Aehnlich S. 70 Anm. 2: „Ein Volk wird in einem Jahre nicht anders, und die Reformation war (1557) erst im Anfang." Ueber das Einkommen der Pfarrer von 1557 bemerkt Lippert: „Die Reformation sorgte streng dafür, daß die Pfarrer ausreichend zu leben hatten. Von 140 Stellen, die ich nachrechnete, trugen 9 keine 25 st., 55 blieben unter 50 fl., 56 unter 100 st., und nur 20 erreichten den Betrag oder mehr von 100 fl., eine Summe, wie sie allerdings zum reichlichen Auskommen einer Familie nothwendig gewesen loäre. Oft besserten die Fürsten mit Holz oder Zulagen die Pfarrer, aber natürlich konnten sie nicht erreichen, was Rom versäumt hatte." Dieser Ausfall ist lächerlich, denn Rom hat auch die Jahrtagstiftungcn, die Klöster nicht für den fürstlichen Säckel eingezogen! Aber, belehrt uns Lippert fernerhin (S. 77), daß dadurch die Sache so weit gekommen, daß Wittmann und Janssen behaupten können, die Pfarrer verfertigten „Schuhe und Brautkleider", machten „Barbiere, Hoch- zcitlader, Leichenbitter" und „spielten znm Tanz auf" — das ist von Grund aus erlogen. Hätte doch Anti-Jansscn angegeben, wo diese „von Grund aus erlogene" Stelle bei dem Verfasser der Geschichte des deutschen Volkes zu finden wäre; trotz eifrigen Nachschlagens konnte ich sie nicht ausfindig machen.°) Von den lutherischen Predigern unter Ludwig VI. dem Milden (1576-1583) sagt Lippert S. 133: „Dazu hatten die Geistlichen wenigstens den Vortheil der Armuth. Die Stellen waren schlecht, die Pfarrer °) S. 190 Anm. 2 bespricht Lippert diesen Punkt noch einmal. Die Nachricht bei Löwenthal und Wittmann, daß der Pfarrer von Siegenhofen oder Deiningen Dorfbader war, die Brautschuhe machte u. s. w., hält er für „einen schlechten Witz und bisher unbewiesene Wahrheit." „Der ganze Passus bei Janssen ist Schwindel." Mit welcher Oberflächlichkeit Lippert gegen Janssen vorgeht, zeigt seine Bemerkung zu Bd. IV. S. 330: „Janssen hat die Sache wieder so gegeben, als wenn der „Rath" zur „That" geworden unv nun auch wirklich „alle Bilder" öffentlich verbrannt worden wären." (Lippert S. 90 Anm. 2.) An fraglicher Stelle berichtet Janssen. daß auf dem Landtag zu Amberg 1566 „bezüglich der in den lutherischen Kirchen der Oberpfalz noch vorhandenen Altäre und Bilder" der Theologe Olevian vorgeschlagen habe: „Die Abgötterei müsse weg. gleichviel mit Axt und Feuer: es wäre gut, wenn die Götzen öffentlich verbrannt würden. Daß dieser Vorschlag ausgeführt worden wäre, davon findet sich bei Janssen keine Andeutung! 342 verhcirathct, und der Fürst gewährte selten eine Verbesserung; Noth und Arbeit (auch aus dem Felde) mögen wohl in den meisten Pfarrhäusern zu finden gewesen sein." ^Wozn also dieses Echauffcment gegen Wittmann und Lausten? Mit Pharisäcrmine (wohl Pharisäermiene zu lesen) weist Jausten (Bd. IV, xag. 41), da er doch die Verbreitung des Concnbinats unter dem katholischen Klerus kennen mußte, auf die Klagen der VIsitatoren über „Unzucht" hin. Dieser Vorwurf Lippcrts (S. 83) ist ganz unzutreffend, da Jausten einfach in ruhigem Tone erzählt, was die Visitatoren berichten, ohne sich in ein apologetisches Verfahren einzulassen. Eigenartig ist Lippcrts Logik angesichts der Klagen aus dem Munde der calvinischen Visitatoren unter Friedrich III. (1559 — 1576): „Ihr Bericht verdient keine Beachtung und wir müssen es uns verbitten, daß Wittmann-Jansten es zum Maßstab des ganzen kirchlichen Zustandes nehmen wollen" (S. 120). Auch die Schilderungen der Zustände in den Gemeinden (1583 bis 1620) gefallen Lippert nicht; darum sind ihm die Klagen der Calvinisten „natürlich übertrieben" (S. 201 A.4)?) Einen Beweis für diese Annahme bringt Lippert jedoch nicht bei; die Schattenseiten der lutherischen Zustände werden von ihm entschuldiget (S. 137). Die fortwährenden Aenderungen zwischen lutherischen und calvin- ischcn Katechismen haben das Volk ganz verwirrt gemacht, so daß ganz unpassende Antworten herauskamen. „Das ist doch zu erwägen, ehe man das Maul aufreißt, wie Jausten, über die Ignoranz jener Zeit. Es war keine Zeit der Ignoranz, sondern der großartigsten Schul- fuchserei, die je ein Stamm durchgemacht hat, wie jene evangelische ganze Zeit über lauter theologischer Disputation gar nicht die papistische politische Macht heranrücken sah" (S. 199). Ueber die Wendung: „Jausten als Maulaufreißer" sparen wir bester die Tinte. Ueber Janssens Unwissenheit, „der die Zustände der Oberpfalz nur aus den Verleumdungen Wittmanns kenne" (Lippert S. 204 A. 3), macht sich der feinfühlende Anti- Jansscn lustig, wenn er schreibt (S. 197 A. 1): „Holl- weck, Jansscn-Wittmann (pag. 108) hätten bester über die eigene Ignoranz gespottet, wenn sie von einem Monatsverhör mit 158 Wissenden bei 4000 Einwohnern (Ambergs) sprechen." Bei Jansten konnte ich keine Bezugnahme auf diesen Bericht finden, den Hollweck (Geschichte des Volksschulwesens in der Oberpfalz, Negcns- burg 1895 S. 49) in das Jahr 1600 verlegt, während er nach Lippert dem Jahre 1602 angehört. Mit welcher Leichtfertigkeit Lippert arbeitet, erhellt unzweideutig aus der Bemerkung zu der Schulordnung Otthcinrichs aus dem Jahre 1556: „Hollweck (Geschichte des Oberpf. Schulwesens 1895) weiß nichts von dieser Hochbcdcutsamen Schulordnung Otthcinrichs nnd ihrer Durchführung in der Obcrpfalz." (S. 224 A. 1.) °) S.209 sagt dagegen Lippert: „Man darf nur nicht wie Wittmann-Janssen einzelne von calvinischen Kirchcn- rätlien verfaßte Berichte, in welchen sie die Nnmoralität absichtlich gerade so übertrieben hinstellten, als oben mit Unrecht die Unwissenheit des Volkes, um eben ihr cal- vinischcs Licht leuchten zu lassen, als Maßstab für das ganze Land gelten lassen. Es ist nicht nachweisbar, daß die Oberpfalz in besondere Widerlichkeit in dieser calvin- jschcn Periode (1583—1620) hinabgesunken sei; — wer war mehr für Kirchcnzucht als Calvin?" Nun aber verbreitet sich Hollweck, Lehrer in Regens- bnrg, S. 44 seines Buches ziemlich ausführlich über die Schulordnung des Jahres 1556, und S. 177—182 in der zweiten Beilage findet sich ein Auszug aus dem Visi- tationsprotokolle des Jahres 1557, soweit es die Schulen betrifft. Dieses alles hat Lippert übersehen! Ein solches Verfahren richtet sich selbst. Aus den bisherigen Darlegungen dürfte sich ergeben haben, daß Lippert der Nachweis nicht gelungen ist, die Oberpfalz für die Periode von 1520—1620 als Zu- gehör der evangelischen Confession beanspruchen zu können, noch auch Janssens „Geschichtslügen" widerlegt zu haben. Zu einem Anti-Jansten fehlen dem Pfarrer von Amberg, der auf streng lutherischem Standpunkte steht, die Ruhe und Sachlichkeit des Kritikers und des Forschers. Schönfeld. Ad. Hirschmann. Walther vo» der Vogelweide. (Fortsetzung.) ü. Lastn. Uebrigms haben wir ganz klare und unumstößliche Zeugnisse über Walthcrs Gläubigkeit, nämlich seine religiösen Gedichte. Unter diesen nimmt der berühmte „Leich" die erste Stelle ein. Es ist dieses ein überaus kunstvoll, symmetrisch, in schwierigen Strophen gebautes, durchcvmponirtes Stück. Es ist eine Darstellung wichtiger, obschon nicht aller wichtigen Glaubensthatsachen nnd Glaubenslehren, geordnet in der Weise eines Gebets, zum großen Theile beinahe, als wenn die Gedankenfolge des Vaterunsers dabei vorgeschwebt hätte. Das Gedicht beginnt mit dem Bekenntniß der Trinität, deren Personen wie im Symbolum des hl. Athanasius erörtert werden. Nun bittet er Gott um seine starke Hilfe im Kampfe gegen den Teufel und die Sünde, durch welche wir von Gott entfernt wurden. Dann geht er über zum Preise der jungfräulichen Gottesmutter, der Königin des Himmels, und bittet sie, daß sie für uns bitte und uns Trost vom Himmel sende. Nur die Reue kann das sündenwunde Herz heilen; Gott möge sie uns senden durch seinen heiligen Geist, der die wahre Reue gibt. Wir bedürfen des rechten Glaubens, aber auch der rechten Werke, zu beiden möge uns Gott verhelfen. Darauf wird Maria, die Rose ohne Dorn, die auf Erden nnd im Himmel von allen Zungen Gepriesene, um ihre Vermittlung bei Gott angerufen. Wenn ihr Gebet vor dem Ursprung der Barmherzigkeit erklingt, dann dürfen wir hoffen, daß die Schuld erleichtert werde mit welcher wir uns belastet haben. Das Bad unserer Reinigung wird die Rene sein, welche außer Gott und Maria niemand zu spenden vermag. — Es ist übrigens ganz unmöglich, von der reinen Poesie, von der lauteren Frömmigkeit dieses Stückes durch einen Auszug die richtige Vorstellung zu geben. In einem anderen Gedichte preist Walther die Macht Gottes, von der er den tiefsten Eindruck empfangen. Dann wieder bekennt er seine Sündhaftigkeit, lehrt, wie gefahrvoll der Weg znm Himmel ist. Wie die rechte Liebe sich bethätigt, zeigt der Dichter in dem schönen Spruch: „Wer ohne Furcht, o Herr und Gott, will sprechen deine zehn Gebot' nnd bricht sie doch, dem fehlt die rechte Minne. Es ruft dich „Vater" früh und spät gar mancher; der als Bruder mich verschmäht, der spricht die schönen Worte dann mit schwachem Sinne. Wir alle sind aus gleichem Talg gegossen; es nährt uns Speise, die, sobald wir sie genossen, verliert, den sie zuvor besaß, den Werth. Wer 343 weiß den Herrn vom Knecht zu unterscheiden, Hut er sie lebend noch so gut gekonnt, wenn er nichts als die nackten Knochen fand, das Fleisch von Würmern völlig war verzehrt? Nur Einem dienen alle: Christen, Jnden, Heiden, ihm, der die Welt erschuf und sie ernährt." — Seine beiden Lieder für die Kreuzfahrer sind aus tief gcwurzelter, frommer Empfindung hervorgegangen, die er nicht ergreifender hätte anssprcchen können, wenn er selbst mitgezogen wäre ins hl. Land. Wir könnten noch manche Perle von Walthcrs religiösen Gesängen anführen. Doch die angeführten mögen genügen, um daraus zu ersehen, daß unser Sänger ein Christ im ganzen und vollen Sinne seiner Zeit war. Walther hatte für feine Dienste um die Sache Kaiser Otto's geringen Lohn geerntet. Er mahnt den Kaiser, daß er in seiner Bcdrängniß doch des armen Gastes nicht vergesse. Doch es war vergebens; auch Walther wandte sich mit vielen anderen beim Erbleichen von Otto's Stern dem jungen Sprossen des Hanfes der Staufer zu, in dessen Hut er das Reich sicherer geborgen wußte, als bei dem rauhen und kargen, unfreundlichen und freundloscn Welsen. — Mögen die Gründe, die Walther bewogen haben, zu dem sogen. Pfaffenkönig Friedrich überzugehen, noch so triftige gewesen sein, so dürfte es auch dem begeistertsten Verehrer des Sängers denn doch schwer werden, ihn von einer Verleugnung der Principien und von Jnteressenpolitik freizusprechen. Es ist zu bedauern, daß das politische Verhalten des Dichters einen Schatten auf das leuchtende Bild wirft, welches wir von ihm als Sänger, Menschen und Christen besitzen. Der junge Staufer nahm den großen Sänger mit königlicher Huld auf; er erkannte eben die Macht, welche er durch den leidenschaftlichen Dichter im Kampfe gegen Rom erhalten hatte. Walther bekennt selbst, daß er noch durch nichts eine Belohnung von dem „besten" Herrn, wie er Friedrich nennt, verdient habe. Er erhielt nämlich von: Könige dreißig Mark Einkünfte, aber wahrscheinlich von einem entlegenen Gut im Besitze Otto's oder eines seiner Anhänger; jedenfalls war der Zins nicht einzutreiben, und so bleibt dem Dichter von dein großen Erträgniß nichts als der Name, worüber er nur spottet. Soviel wir wissen, ist Walther jetzt nicht am Hofe Friedrichs geblieben, sondern sein unruhiger Geist hat ihn abermals und zwar durch längere Zeit in einem nn- stäten Leben nmhergeführt. Während der vorhergehenden bösen Zeit war dein Sänger das schönste Licbesglück aufgeblüht. Walther lernt nämlich, durch eigene Entwicklung, vielleicht auch durch den Verkehr mit Wolfram dahin gebracht und der schlichten, natürlichen Neigung sich zuwendend, ein hübsches Mädchen in einem von Wien unfcrncn Dorfe kennen. Diesem widmet er nun seine besten Minneliedcr; der Königin Minne will er sein Leben weihen. Dazu bedarf er auch des Glückes, und darüber spricht er in einem hübschen Spruch: „Fortuna theilet ringsum ihre Spenden; mir aber kehrt sie ihren Rücken zu, sie läßt mich ohne Gnade fort mit leeren Hände». Noch weiß ich nicht, was ich ihr deßhalb thu'. Sie wendet sich ungern zu mir: lauf' ich um sie herum, stets bleib' ich hinter ihr. Sie nimmt sich gar nicht Zeit, mich anznsch'n. Ach, möchten doch die Angen ihr im Nacken steh'», dann mußt' es wider ihren 'Wunsch gcschch'n." Die Krone aller Dichtungen WaltherS ist jenes Lied, in welchem er schildert, wie das zur Wahrheit geworden, was er so oftmals geträumt: Unter der Linden an der Heide, wo ich mit meiner Liebsten saß, da mögt ihr finden wie wir beide die Blnmen brachen und das Gras; vor dem Wald in einen: Thal — Tandaradci! herrlich sang die Nachtigall! Ich kam gegangen zu der Aue. und mein Liebster war schon dort; da ward ich empfangen, heilige Frane, daß ich bin selig immerfort. Ob er mich wohl oft geküßt? Tandaradei! Seht, wie roth der Mund mir ist! Mit dem Gedichte „Unter der Linde" hat das Liebesverhältniß äußerlich und innerlich seinen Höhepunkt erreicht. Darnach kann nichts mehr kommen, und deßhalb dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir aus Walthers Liedern darüber auch nichts mehr erfahren. Daß ihm, als er schon die Vierzig überschritten hatte, das süßeste Licbesglück erblühte, wird niemand unwahrscheinlich finden, ebenso wenig, daß es nicht allzu lange währte. Allein die Entsagung fällt ihm nicht sehr schwer, wie wir aus dem Lied, in welchem er Frau Minne den Dienst kündigt, vernehmen: „Liebe, die hat eine Art, wollte sie doch die vermeiden, besser schien sie mir. Mancher bliebe dann bewahrt vor der Liebe Schmerz und Leiden; übel schickt sich's ihr. Es sind ihr viernnd- zwanzig Jahre viel lieber, als ihr vierzig sind, und sie stellt sich böse an, sieht sie irgend graue Haare." „Liebs, hatte mir's zu gnt, während sie sich Kämpfer wählt, setz' ich mich hierher. Weitaus hab' ich frischem Muth/, als noch mancher Springinsfeld. Was will sie von mir mehr? Ich dien' ihr sonst, wie ich's vermag. Sie laufe ihren sechscn nach, von mir gewinnt sie in der Woche nur den sieb'nten Tag." Walthern lag jetzt anderes am Herzen. Am heimischen Hofe war während seiner Gastfahrten eine neue Knust aufgekommen. Es war die höfische Dorfpoesie, als deren Führer und hauptsächlichster Träger der bayerische - Ritter Neid hart von Reuenthal am Wiener Hof auftrat. Neidhart war jünger als Walther, vielleicht ebenso um zehn Jahre, wie Walter Ncinmarn nachstand. Er stand am Wiener Hofe in hoher Gunst und war namentlich bei Herzog Friedrich II., dem Streitbaren, dem letzten Babenberger, sehr beliebt. Neidhart hat zuerst die höfische Kunst des Minncgcsangs erlernt, wcß- wcgen er Ncinmar und Walther kennt; letztere!» ahmt er nach, thut es jedoch in einer Weise, daß er dabei sclbst- srändig bleibt. Als vorwärtsstrcbender Künstler in der Realistik gerätst er bald in scharfen Gegensatz zu Walthern, dem Vertreter der klassischen Richtung. Walther erhob scharfen und entschiedenen Protest gegen diese Bancrn- pocsie, Neidhart nahm den Handschuh auf, varodirte Walthers Prcislicd und andere seiner besten Stücke, nnk so sind die beiden Männer anseinandcrgekommen. Auf seinen Wanderfahrten hat Walther als Gast an manchem Hofe geweilt, nicht immer als beliebter, denn seine Haltung gegen Papst und Geistlichkeit mag ihm manchen üblen Willkomm zugezogen haben, so z. B., 344 in dem Benediktincrstifte Tcgernsee in Oberbahcrn. Er rächt sich mit einem Spruche, in welchem er ärgerlich den Abt als „Mönch" bezeichnet: „Man sagt' mir stets von Tcgernsee, wie dort ein gastlich Hans in Ehren steh', drnm wandt' ich mich dahin mehr als 'ne Meile von der Straße. Ich bin ein sonderbarer Alaun, daß ich mir selbst so wenig kann vertrau'» und mich so sehr auf and'rer Wort verlasse. Ich schelte niemand, doch will ich, bei Gott, sie meiden. Dort trank ich Wasser und so nasser mußt' ich von des Mönches Tische scheiden." Sogar bis nach Kärntcn hinunter kam der Sänger. Im Jahre 1219 befand sich Walther wieder bei Herzog Leopold dem Glorreichen von Oesterreich. Es war in demselben Jahre, in welchem der Herzog von dem Kreuz- zuge (1217 —1219) heimkehrte, welcher mit der Eroberung Damiettcs glücklich beendigt war. Vorher hatte der Herzog für die Fahrt das Geld zusammengespart, jetzt wurde er freigebig, auch gegen unsern Dichter. Allein das Ende seines Aufenthaltes ist, daß der Herzog ihn in den Wald schickt — etwa wie heute „dahin, wo der Pfeffer wächst". Es war eben schwer, mit diesem Säuger zu verkehren, der ein hochbcschwingtcs, aber auch sehr empfindliches und erregbares Gemüth hatte. Besser kam er mit dem Grafen Dicther II. von Katzeuelubogen aus. Diesen preist er zuerst mit stolzen Warten als freigebigen Herrn, »vorauf ihm der Graf einen Ring mit einem kostbaren Diamant schenkt; nun folgt eine Strophe des Säugers, in welcher er den Spender einen der schönsten Ritter nennt. Inzwischen waren die großen politischen Pläne Friedrichs gereift, der jetzt nicht mehr durch die Rücksicht auf seinen ehemaligen Vormund und Beschützer, Papst Juuocenz, gebunden war, und dessen diplomatische Kunst, seinen Scharfblick und seine Herrscher-stellung er nicht mehr zu scheuen brauchte. Zur Durchführung seiner Absichten zog er die bewährte Hilfe des volksthümlichen Säugers heran. Walther wird nun von den Plänen des Kaisers unterrichtet und bemüht sich, dieselben durch den Einfluß seiner Poesie zu fördern. Früher war es ein freiwilliges Anerbieten von Fall zu Fall, er stellte seinen Saug in den Dienst des Reiches; nunmehr ist er als politischer Agent zu betrachten, der tu ein festes Dieustverhältuiß tritt. Dein entspricht der Lohn des Säugers: ein eigenes Heim. Nachdem er in einem Spruch die öffentliche Meinung dafür zu gewinnen sucht, den Sohn des Kaisers, den jungen Heinrich, zum deutschen Könige zu wählen, was ja auf dem Frankfurter Hoftage, 17. April 1220, gelang, bittet er den König in rührenden Worten um eine Heimstätte: „Ihr, Vogt von Rom, Apulieus Fürst, laßt Euch erbarmen, und laßt mich nicht, trotz reicher Kunst, also verarmen! Gern möcht' ich, könnt es sein, am eigenen Herd erwärmen." Als Heinrich zum Könige gewählt und am 22. November von Papst Hvuorius III. zum Kaiser gekrönt war, da vergißt er auch nicht des Sängers. Walther erhielt ein Lehen in der Gegend von Würzburg, wahrscheinlich mit Rücksicht auf seine Verwendbarkeit im Reichsdienste. Da nun sein langjähriger Wunsch erfüllt ist, bricht er in stürmischen Jubel und begeisterten Dank an seinen königlichen Herrn aus: „Ich hab' »nein Lehn, hör's alle Welt, ich hab' mein Lehn. Nun fürcht' ich nicht den harten Frost an meinen Zehen und brauch' bei kargen Herrn nicht mehr zu flehen. Der edle, milde König hat mich so berathest, daß ich im Sommer kühl und warm im Winter wohne." Daß Walther hier übertreibt, ist ganz begreiflich und liegt im Zwecke des Spruches; man darf den Sänger sich nicht als einen Landstreicher neuesten Datums vorstellen. Friedrich fand die wesentlichen Grundlagen seiner Macht in seinen italienischen Besitzungen, vornehmlich in Sicilien. Dort fühlte er sich auch zu Hause; denn er war überhaupt kein Deutscher, sondern ein Italiener nach Geburt, Sprache, Erziehung und allen Anlagen seines reichen Geistes. Seine gesammte Persönlichkeit ist un- dcutsch, nur die Tradition, welche auf seine Politik einwirkt, ist staufisch. Aber die Politik seiner Vorfahren, der früheren Hohenstanfen, war bei allen Fehlern eine offene und ehrliche, freilich oft sehr gewaltthätige gewesen, „allein Friedrich wußte seine Weltherrschaftspläne, seinen tiefen Haß gegen den päpstlichen Stuhl mit raffinirter Schlauheit unter der Maske der Heuchelei zu verbergen. Er schwur Jnnocenz die feierlichsten Eide, machte seinem Nachfolger die weitgehendsten Versprechungen, ohne auch nur im entferntesten an deren Erfüllung zu denken. An« meisten lag dein frommen Papste Honorius der allgemeine Kreuzzug am Herzen, den Friedrich bekanntlich wiederholt aufs feierlichste versprochen hatten Allein mit allerlei Vorwänden wußte er sich stets seiner Verpflichtung zu entziehen. Ein Zng nach Italien zum Ausbau seiner Macht daselbst war ihm wichtiger. Während seiner Abwesenheit in Italien übergab er die Reichsregentschaft einer Commission aus großen staufischen Reichsministerialen, an deren Spitze der heiligmäßige Erzbischof Engelbrecht von Köln sich befand. Das war ein kluger, energischer, zuweilen sogar rücksichtsloser Mann, der die Ordnung vortrefflich zu erhalten, den habgierigen und gewaltthätige»« Adel zn bändigen wußte. Man nannte ihn wohl darum den „Fürstenmeister". Freilich machte er sich unter der Ritterschaft dadurch tvenig Freunde. Mit diesem mächtigen und bedeutenden Manne war Walther von der Vogelweide nahe verbunden und mahnt ihn in sekneu, dieser sichern Stütze des staufischen Regiments gewidmeten Sprüchen, sich nicht um die Drohungen der Feiglinge zu kümmern, welche ihn befeinden; er habe das nicht nöthig: er, der treue Königspfleger, des Kaisers Ehreuhort, der beste Kanzler, der Kämmerer der hl. drei Könige und der elftausend Jungfrauen, d. h. der kostbaren Reliquien im Dorne zu Köln. Daß Walther der Erzieher des jungen, sittlich verwahrlosten Königs Heinrich war, liegt von der Wahrheit wohl sehr weit ab. In kurzer Zeit darnach wurde Erzbischof Engelbrecht am 8. Nov. 1225 von seinem Verwandten, dein Grafen Friedrich von Altena-Jsenburg, ermordet. Allgemein war die Bestürzung und Entrüstung des Volkes über die Frevel- that. Walther widmet dem Lobe des Verstorbenen einen besonderen Spruch, der sich hauptsächlich wider den Verbrecher kehrt: er kann keine Marter finden, welche die Unthat sühnen würde, und hofft, der Mörder werde lebend von der Hölle verschlungen werden. Bei dem schrecklichen Ende, welches der Graf von Jsenburg am nächsten Jahrestag von Engclbrechts Tod zu Köln fand, ist ein Theil der von Walther genannten Strafe an ihm vollzogen worden. (Schluß folgt.) Verantiv. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg- ö!r. 50. 28. Aug. 1897. Gibt es eine katholische Wissenschaft? Rede des Freiherr» v. Hertling auf dem Freibnrger Wissenschaft!. Katholiken-Congreß am 17. August 1897.*) In der zweiten allgemeinen Sitzung des vor drei Jahren in Brüssel abgehaltenen Kongresses kam ein Vor- trag von Msgr. d'Hnlst znr Verlesung, dessen Jdeen- reichthum und überzeugende 5klarheit allgemeine Verwunderung hervorriefen. Der Verfasser war selbst nicht anwesend; durch eine äußere Abhaltung am Erscheinen verhindert, mußte er sich einer befreundeten Stimme bedienen. Heute ist auch das nicht mehr möglich. Voll tiefen Schmerzes erinnern wir uns, daß der Mann, der recht eigentlich als der Vater der internationalen wissenschaftlichen Katholiken-Congrcsse bezeichnet werden muß, nicht mehr unter den Lebenden weilt und es uns nicht mehr vergönnt ist, uns an der Würde seiner Erscheinung, der vornehmen Eleganz seiner Rede und der Tiefe seiner Gedanken zu erheben. Wenn ich es unternehme, in wenigen kurzen Worten die Erwägungen zusammenzufassen, aus denen unsere Eongressc hervorgegangen sind und denen sie ihre Berechtigung entnehmen, so durfte dies nicht geschehen, ohne daß ich dabei ausdrücklich an jenen Brüsseler Vortrug von Msgr. d'Hnlst erinnerte, welcher für alle Zeiten die Bedeutung eines Programmes besitzen wird. Unsere Kongresse sind Katholiken-Kongresse. Ihre Theilnehmer bekennen sich als Glieder der römisch-katholischen Kirche. In allem, was den Glauben angeht, unterwerfen sie sich dein unfehlbaren kirchlichen Lehramte. Der enge Anschluß an die Autorität der Kirche fand seinen Ausdruck in dem Schreiben, welches die Organi- sations-Commission sogleich beim Beginne ihrer Thätigkeit an Se. H. Papst Leo XIII. gerichtet hat. Er tritt nicht minder deutlich in dem Umstände hervor, daß ein Mitglied des Episkopats, der Hochw. Herr Bischof von Lausanne und Genf, die Güte gehabt hat, den Ehren- vorsitz zn übernehmen. Er fand seinen Wiederhall in den Kundgebungen der Aufmunterung und Sympathie seitens hervorragender Kirchenfürsten der verschiedensten Länder, von denen wir gestern Kenntniß genommen haben und denen ich heute noch die des Hochw. Bischofs von Padcrborn hinzufügen kann. Unsere Kongress« sind weiterhin wissenschaftliche Kongresse. Philosophie und Geschichte, orientalische und klassische Philologie, Rechtswissenschaft und National-Oekono- mie, Mathematik und die Natnrwisscnschaft in ihrem weitesten Umfange werden die Gegenstände zu den viertägigen Vortrügen und Discnssionen bieten. Ausschließlich die Regeln der strengen, reinen Wissenschaft sollen für diese Verhandlungen Zielpunkt und Methode liefern. Denn der Grund, auf dem wir stehen, und das Princip, dem wir folgen, ist die Ueberzeugung, daß es keinen Widerspruch gebe zwischen Glauben und Wissen, zwischen dem Inhalte der Offenbarung, den die Kirche uns vorstellt, und den gesicherten Ergebnissen, welche menschliche Forschung zu gewinnen im Stande ist. Es gibt keine zweifache Wahrheit. Was der Glaube uns lehrt, was die Vernunft erkennt, es stammt zuletzt aus dergleichen Quelle, aus der einen, allumfassenden göttlichen Wahrheit. "I Nach der Köln. Volksztg. Kann man darum von einer katholischen Wissen» schaff reden? Die Frage läßt sich nicht mit einem kurzen Ja oder Nein beantworten. Gewiß, die Wissenschaft strebt nach Erkenntniß der Wahrheit, und da die Wahrheit nur eine ist und mir eine sein kaun, so gibt es auch, von den höchsten Gesichtspunkten aus betrachtet, nur eine und dieselbe Wissenschaft für Katholiken und Andersgläubige, für Juden und Heiden. Aber nicht in allen einzelnen wissenschaftlichen Disciplinen ist dieses Ideal wirklich erreicht, schon darum nicht, weil der Charakter derselben ein verschiedener ist, weil nicht alle das gleiche Maß wissenschaftlicher Gewißheit besitzen und über den gleichen Umfang völlig gesicherter Ergebnisse verfügen. Vollkommen verwirklicht ist es von der Mathematik. Von jeher war sie Muster und Vorbild stringenter Beweisführung und unerschütterlicher, dem Wechsel der Meinungen entrückter Gewißheit. Es gibt darum auch keine katholische Mathematik im Unterschiede von der protestantischen, sondern nur eine für alle gültige und alle gleichmäßig zwingende mathematische Wissenschaft. Ganz ebenso sollte es in der Natnrforschnng sein, oder vielmehr es ist in eben dein Maße wirklich so, in welchem diese sich der Mathematik annähert und in ihre Erklärungen den mathematischen Calcnl einführt. In die Physik, in die Chemie spielt die Verschiedenheit des religiösen Standpunktes nicht hinein. Für sie handelt es sich einzig darum, die Erscheinungen der unbelebten Natur aus den Gesetzen der Bewegung und der Wirksamkeit stofflicher Elemente herzuleiten, auf Grund der gegebenen und als constant vorausgesetzten Natur-Ordnung. Die Frage nach dem Ursprünge und der Bedeutung dieser Natnr- Ordnnng überlassen beide Wissenschaften der Philosophie. Mit den Hülfsmitteln der sogen, cxactcn Forschung, so virtuos sie dieselben zn handhaben wissen, läßt sich darüber nichts ausmachen; für die erfolgreiche Bethätigung innerhalb ihres eigenste» Gebietes kommt darauf nichts an. Nicht ebenso steht es mit der Wissenschaft von der lebenden Natur. Daß die Erscheinungen dieser letztem auf eine Mechanik kleinster Thcilchen zurückzuführen seien, ist eine Forderung, von deren Erfüllung wir noch weit entfernt sind. Vieles ist hier noch unserer Erkenntniß verborgen, und vor allem: in den Thatsachen tritt uns hier ein Problem entgegen, welches einer exacten Erklärung aus mechanischen Principien nicht fähig ist. Wohl schließen Aufbau und Lebensgang der Organismen physikalische und chemische Processe ein, aber die einzelnen neben und nach einander verlaufenden dienen der Verwirklichung eines ursprünglichen und vorgreifenden Zweckes. Sie sind einem höher» Gesetze unterworfen, welches die sämmtlichen in der Richtung der räumlichen Ausgestaltung wie des zeitlichen Ablaufes nach einem feststehenden Plane ordnet. Das Zustandekommen des Individuums in seiner charaktcrisirten Beschaffenheit und die Erhaltung der Art bezeugen die Herrschaft dieses Gesetzes; die Mittel, durch die es sich zur Geltung bringt, sind uns unbekannt. Noch ist es keinem gelungen, durch eine nach eigenem Ermessen unternommene Combination physikalischer und chemischer Factoren einen Keim ärmlichsten Lebens hervorzubringen. Und eine zweite und für alle Zeiten nnübersteigliche Schranke stellt sich der mechanischen Natnrerklärnng in den psychischen Thatsachen entgegen. Es gibt keinen Weg, der mit verständlicher 346 Klarheit von den Schwingungen materieller Theile zu Empfindung, Gedanke, Selbstbewußtsein hinüberführst. Die Wissenschaft muß diese Grenzen anerkennen. Sie kaun, was die Erscheinungen der lebenden Natur angeht, das Thatsächliche reinlich umschreiben und genau feststellen; in cxacter Weise erklären aber kann sie nur, was dem Experiment und der mathematischen Berechnung zugänglich ist. Der Mensch aber möchte mehr wissen. Die Constatirungcn des Thatsächlichen und die wissenschaftlich sichergestellten Ergebnisse ergänzen wir darum .durch mehr oder minder glaubhafte Vorstellungen, durch die wir uns deutlich zu machen suchen, wie etwa darüber hinaus das Zustandekommen der Dinge und der Verlauf der Begebenheiten sich denken lasse. Die Geschichte der Wissenschaften kennt Hypothesen als Vorstufen fest begründeter Lehrsätze, und sie kann ihrer im Interesse der fortschreitenden Erkenntniß nicht entbehren. Sie weist andere auf, die nie zu beglaubigten Theorien werden können und doch oft genug damit verwechselt oder fälschlich dafür ausgegeben werden. Von diesen letzter« spreche ich hier. Sie bezeichnen die Stellen, an denen die Individualität des Forschers, feine angewöhnte Denkweise, seine Interessen und Neigungen, seine gesummte Weltanschauung, sein religiöser oder irreligiöser Standpunkt sich geltend machen. Um zn verstehen, was ich meine, braucht man nnr an die sogenannte Entwickelungslehre zu erinnern, die, wie bekannt, die biologische Forschung der Gegenwart im weitesten Umfange beherrscht. Mit ihrer Hülfe soll der Zweck, der sich der mechanischen Erklärung nicht fügen will, dadurch aus der lebenden Natur beseitigt werden, daß das, tvas sich uns heute als zweckmäßig aufdrängt, als nothwendiges Ergebniß eines in der Vergangenheit liegenden rein mechanischen Processes begriffen wird. Daß eine solche Auffassung schlechthin und unter allen Gesichtspunkten verwerflich ist, behaupte ich nicht, nur muß man sie als das geben und nehmen, tvas sie allein ist, eine hypothetische Ausstellung, welche gar niemals zu einer wissenschaftlich feststehenden Theorie erhoben werden kann. Denn auf einen derartigen, in der Vergangenheit liegenden Proceß läßt sich nnr mit größerer oder geringerer Zuversicht zurücksckstießen; daß er wirklich stattgefunden habe, dafür ist ein zwingender Beweis nicht zu erbringen. Weit entfernt, daß die Entwickelungslehre, wie fälschlich behauptet wird, die endgültige Bestätigung der materialistischen Weltansicht brächte, ist es im Gegentheil nur materialistisches Vorurtheil, tvas ihre Aufnahme unter die sichergestellten Lehrsätze der Wissenschaft beansprucht. Der katholische Forscher, der sich diesem Vor- urtheile nicht beugt, der insbesondere die Anwendung der Entwickelungslehre auf die vermeintliche thierische Abstammung des Menschen verwirft, wahrt nicht nnr das Neckst feiner entgegengesetzten christlichen Weltansicht, er wahrt zugleich die strenge Ehre der Wissenschaft, welche nnr das als vollgültigen Lehrsatz ausspricht, was sie mit ihren Mitteln zuverlässig beweisen kann. Es gibt keine gläubige und keine ungläubige Natur- wissenschaft, so lange dabei nur an jenen Theil theoretischer Naturbetrachtung gedacht wird, für welchen ausschließlich die strengen Normen dr exacten Forschung maßgebend sind. Rechnet man aber dazu auch die mancherlei unbewiesenen und unbeweisbaren Vorstellungen, durch welche da und dort die Lücken vollwichtiger Er» kcnntniß ausgefüllt zu werden pflegen, so ist die Anmaßung zurückzuweisen, welche hier nur materialistischer > Denkweise Bürgerrecht verstatten will, und wir verlangen für uns das Recht, die Naiur in dem hellen Lichte zu betrachten, das über sie aus dem christlichen Glauben strömt. Auch eine konfessionelle Philosophie sollte es nicht geben, sondern nnr eine einzige philosophische Wissenschaft, welche mit der einen wahren Religion in vollem Einklänge stände. Und doch sprechen wir von einer katholischen Philosophie und werden in absehbarer Zeit von einer solchen sprechen müssen. Und dabei denke ich in diesem Zusammenhange nicht einmal an die in engerem Sinne mit diesem Namen bezeichnete, an die traditionelle Philosophie unserer Schulen von Boethins und Alcnin her, durch Albert und Thomas und die Scholastiker der spätern Jahrhunderte hindurch bis auf die Gegenwart. Die Eigenart der Philosophie bringt es mit sich, daß mit der Individualität des Forschers auch sei» religiöser Standpunkt — wenn er einen solchen besitzt — weit stärker zur Geltung kommen wird, als dies in der Naturwisseuschaft der Fall ist, und das Ereclo ut iutelliAain auch den natürlichen Wahrheiten gegenüber seine Wirkung übt. Nicht daß es gestattet wäre, Glaubenssätze mit philosophischen Argumenten zu vermischen und die Konsequenzen eines Dogmas zur Stütze einer philosophischen Lehrmcinuug zu verwerthen. Auch für die Philosophie, so lange sie Wissenschaft bleiben will, darf kein anderer Maßstab Gültigkeit beanspruchen, als der von dem strengsten wissenschaftlichen Verfahren dic- tirtc. Und doch ist es selbstverständlich, daß wir katholische Philosophen festhält«»» an dem Dasein des persönlichen Gottes, an der Gcistigkcit und Unsterblichkeit der Seele, an der Freiheit des Willens und dem Bestände eines allvcrbindlichen Sittcngcsetzes. Des wissenschaftlichen Charakters aber würden wir nur dann verlustig gehen, wenn wir diese großen Wahrheiten, die uns freilich vor allem am Herzen liegen, mit andern Gründen beweisen wollten, als mit denen, die wir aus Vernunft und Erfahrung schöpfen und die sich vor dem Richter- stuhle der Logik auszuweisen im Stande sind. Wenn wir uns somit zur Metaphysik bekennen, welche seit hundert Jahren als falsche Scheinwisscnschast gcbrandmarkt oder als Bcgriffsdichtung verspottet zn werden pflegt, so tröstet uns der Umstand, daß allen skeptischen Einwendungen zum Trotz der menschliche Geist es nicht lassen kann, nach einer Antwort auf die Frage nach den letzten Gründen der Dinge zu suchen. Noch ein kurzes Wort über die Geschichte. Sie zeigt uns gleichsam ein doppeltes Antlitz. Nach der einen Seite die Sammlung des Materials, die Erforschung der Quellen, die kritische Würdigung der Berichterstatter zur Feststellung der Thatsachen. Hier muß der Forscher sich aufs ängstlichste hüten, seinem Fühlen und Meinen, seiner Sympathie und Antipathie den kleinsten Raum zn verstatten. Die Erkenntniß dessen, was wirklich geschehen ist, muß das einzige Ziel seines Strebens bilden, und zur Erreichung desselben können ihm allein die strengen Regeln wissenschaftlichen Verfahrens behülflich sein. Hier ist vollkommenste Objektivität nach innen sittliche Pflicht, nach außen das Unterpfand der Glaubwürdigkeit. Aber in der Geschi chts-Erzählu ng, in der Zusammenfassung der einzelnen und für sich auch vereinzelten Thatsachen, in dem Anfsnchcii der Gründe, in der Würdigung der Personen und Ereignisse, da liegt es anders. Nur im Geiste des Forschers gewinnen die Thatsachen einer todten Vergangenheit Licht und Zusammenhang. 347 So schließt die Gcschichts-Erzählnng von vorn herein ein subjectives Element ein, das sich nur schwer, wenn überhaupt elimlniren läßt. Hierzu bedürfte es in jeden: Falle der Bekanntschaft mit allen äußern Umständen und allen inneren Motiven einer geschichtlichen Begebenheit. Nnr zugleich mit abschließender Gewißheit ließe sich vollkommene Objectivität der Darstellung gewinnen, aber weitaus in den meisten Fällen müssen wir uns mit größerer oder geringerer Wahrscheinlichkeit begnügen und bleibt unser Wissen Stückwerk. lind auch der denkbar höchste Grad historischer Gewißheit in Bezug auf die Erklärung einer Begebenheit würde noch nicht völlige Objectivität in ihrer Beurtheilung mit sich führen. Die Würdigung der Person und Ereignisse wird je nach dem Standpunkte des Forschers sehr verschieden ausfallen, so lange dieselben noch irgend einen Zusammenhang mit dem Leben der Gegenwart besitzen und den Interessen, die es beherrschen. Wenn also der katholische Historiker bei jener Würdigung den Maßstab anlegt, den er seinem katholischen Bekenntnisse entnimmt, so thut er nicht etwa nnr, was er nicht lassen kann, sondern er macht von seinem guten Rechte Gebrauch, vorausgesetzt, daß er in der Feststellung des Thatsächlichen sich rein und ausschließlich von dem Streben nach Erkenntniß der Wahrheit leiten laßt. Gibt es also eine katholische Wissenschaft? Die kurzen Erwägungen haben gezeigt, in welchem Sinne die Frage zn bejahen ist. Unter katholischer Wissenschaft verstehen wir die Wissenschaft katholischer Gelehrten, welche in allen rein wissenschaftlichen Fragen keine andern Regeln kennen, als die des allgemeinen wissenschaftlichen Verfahrens, welche aber überall da, wo unbeschadet dieser Regeln der Standpunkt des Forschers seinen Ausdruck finden darf oder finden muß, ungeschent die Fahne ihrer aus übernatürlichem Grunde stammenden Glaubens-Ueberzeugnng aufpflanzen, fest durchdrungen von dem Satze, daß zwischen Glauben und Wissen kein Widerspruch möglich ist, so lange der Glaube wirklicher, auf göttlicher Offenbarung ruhender Glaube, und das Wissen wirkliches, vor keiner kritischen Prüfung zurückschreckendes, aber auch keiner grundlosen Behauptung Raum verstattendes Wissen ist. Cardinal Otto Truchseß von Waldburg, Bischof von Augsburg (1543—1573). Von vr. Thomas Specht.*) Wie bekannt, soll in Dillingen ein Bischofsdenkmal errichtet werden. Unter den Repräsentanten der Bischöfe von Augsburg wird dabei auch der Cardinalbischof Otto Truchseß von Waldburg, der Gründer der Universität Dillingen, sich befinden. Schon dieser Umstand läßt es wünschcnswerth erscheinen, das Leben oes genannten Bischofs den Freunden der Denkmalssache zu schildern. Dazu kommt, daß Otto eine der kraftvollsten Gestalten auf dem bischöflichen Stuhle des hl. Ulrich tvar und nicht bloß innerhalb seines Bisthums, sondern weit darüber hinaus eine nicht unbedeutende Thätigkeit entfaltete. Demgemäß schrieben die „Historischpolitischen Blätter" (B. 110 S. 781 f.): „Zn den ausgezeichneten Geistern, welche sich sowohl um ihr Vaterland, als besonders um die allgemeine Kirche, vor allem aber um die eigene Diöcese die größten und bleibendsten Verdienste erworben haben, gehört vorzugsweise der ') Nach einem im Histor. Vereine zu Dillingen gehaltenen Vortrage. Cardinal Otto Truchseß von Waldburg. Er glänzte au dem dunkeln Himmel des 16. Jahrhunderts als Stern erster Größe." Es ist freilich fraglich, ob der letztere Satz allgemeine Anerkennung finden wird. Man kann in der That darüber streiten, ob Otto wirklich als Stern erster Größe zu bezeichnen ist. Allein soviel ist gewiß, und darin stimmen sicherlich alle nbere'in, daß er zu jenen nicht allzu zahlreichen Männern des 16. Jahrhunderts gehört, welchen Geburt, Stellung, Eharakter, Tugend und Wirksamkeit einen bevorzugten Platz in der Geschichte einräumen. Es ist nur zu bedauern, daß Otto noch keinen Biographen gefunden hat. Bausteine zu einem biographischen Denkmal sind im Laufe der Zeit allerdings gesammelt werden. Gerade hierüber möchte ich, bevor ich auf das Leben und Wirken unseres Kardinals eingehe, einiges im voraus bemerken. An erster Stelle nenne ich die Pappenheim'sche Chronik der Truchsessen von Waldburg, deren erster Theil zu Memmingen 1773 und deren zweiter Theil zu Kemptcn 1785 gedruckt wurde. Matthäus von Pappcn- heim war Domherr in Augsburg und verfaßte sein Manuskript in der ersten Hellste des 16. Jahrhunderts. Mit Zusätzen und Ergänzungen wurde es in den genannten Jahren herausgegeben. Neuesten? ist derselbe Gegenstand behandelt worden von Dr. Vochezer: Geschichte des fürstlichen Hauses Waldburg in Schwaben. Bis jetzt ist aber nur der erste Band erschienen (1888), der noch nicht bis zur Zeit Otto's reicht. Sehr eingehend wird Cardinal Otto behandelt von Braun in seiner Geschichte der Bischöfe von Augsburg (B. 3 S. 358 — 520). Braun schöpfte mehrfach aus der Pappenheim'schcn Chronik, aber auch noch aus vielen andern gedruckten und angedruckten Quellen, besonders aus dem bischöflichen Archiv. Aus neuerer und neuester Zeit sind zn erwähnen die unsern Cardinal behandelnden kleineren Artikel im Kirchenlexikon (1. Anst.), in der „Allgemeinen deutschen Biographie" (B. 24), in den „Historisch-politischen Blättern" (B. 110 S. 781 ff.). Im Histor. Jahrbuch veröffentlichte Duhr 8. ll. zwei Artikel: Zur Biographie des Kardinals Otto Truchseß (B. 7 S. 177 ff.) und: Reformbestrebungen des Cardinals Otto Truchseß von Waldburg (S. 369 ff.). Sehr wichtig für die Geschichte Otto's sind seine Briefe. Er schrieb der damaligen Sitte und seiner eigenen persönlichen Neigung folgend Tausende von Briefen entweder selbst oder durch seine Secretäre. Allein seine Korrespondenz ist bisher nur zum Theil aufgefunden und veröffentlicht worden. In den „Beiträgen zur Geschichte des Bisthums Augsburg" gab vr. Wimmer, Scriptor der kgl. Universitäts-Bibliothek zu München, vor 40 Jahren einen Theil heraus unter dem Titel: Vertraulicher Briefwechsel des Cardinals Otto Truchseß von Waldburg, Bischofs von Augsburg, mit Albrecht V., .Herzog von Bayern, 1568 — 1573. (Ist auch separat erschienen.) Den Briefwechsel Otto's mit Albrecht V. aus den Jahren 1560 — 1569 veröffentlichte Bander, Vorstand des kgl. Archiv-ConservatoriumS in Nürnberg, im „Archiv für die Geschichte des Bisthums Augsburg" (B. 2 S. 123 ff.). Alle diese Briefe sind deutsch abgefaßt. Strichele schickt den: von Baader mitgetheilten Briefwechsel folgende Bemerkung voraus: „Die Briefe Otto's aus jenen Jahren sind von höchstem Interesse und für die Zeitgeschichte von größter Wichtig- keit. Sie entrollen ein lebhaftes Bild aller Vorkomm- lüsse, zeugen von stauuenswerther Thätigkeit des Cardinals für die katholische Kirche und das deutsche Vaterland, und bekunden seinen Einfluß auf Papst, Kaiser und Fürsten. Die Ansichten und Urtheile der Correspondenten, namentlich Otto's, über religiöse und politische Zeitfragen veroffenbaren ebenso warme Vaterlandsliebe, als sie einen Schatz politischer Weisheit enthalten, wie sie auch durch die Erfahrung meistens als die richtigen sich bewährten" (S. 124). Wimincr aber bemerkt: „Dieser (Otto) schrieb, und zwar ausnahmslos „rund wie es ihm nius Herz ist", meist gleichsam mit Leib und Seele, den unmittelbaren Eindrücken des Augenblicks hingegeben, und fast in jeder Zeile seiner Briefe spiegelt sich wieder sein heißes, leicht erregbares, cholerisches Temperament" (S. 19). Im vorigen Jahrhundert hat unter andern eine große Anzahl von Briefen (etwa 100) veröffentlicht der berühmte Latinist Lagomarfini 8. öl. in den von ihm herausgegebenen Briefen des Ginlio Poggiano. Dieselben sind an die verschiedensten Persönlichkeiten gerichtet und von höchstem Werthe. (Vgl. Histor. Jahrbuch B. 7 S. 187.) Poggiano, gleichfalls ein ausgezeichneter Latinist, stand längere Zeit in den Diensten des Cardinals Otto. Er war wegen der vielen Briefe, die er für den Cardinal zu schreiben hatte, sehr ungehalten (Histor. Jahrb. B. 7 S. 187), und das war wohl ein Hauptgrund, warum er nicht länger bei Otto aushielt. Die Briefe au den Cardinal Hos ins, Bischof von Ermcland, aus den Jahren 1560—1561 gab neuestens gesondert und mit Anmerkungen heraus Pros. Weber in Negensbnrg/') und zwar aus einem bisher noch nicht benutzten Codex im bischöflichen Archiv zu Augsburg. Auch von Trüffel hat eine Anzahl von Briesen Otto's oder an Otto veröffentlicht, besonders im 1. und 2. Bande der „Briefe und Akten znr Geschichte des 16. Jahrhunderts". Ich habe im ganzen 11 gezählt, sie sind theils ausziiglich, theils wörtlich wiedergegeben. Die Adressaten sind Kaiser Karl V., Kurfürst Moriz von Sachsen, Kurfürst Friedrich von der Pfalz, Eck und andere. Der Inhalt der Briefe bezieht sich großentheils auf die religiöse Bewegung und den schmalkaldischen Krieg. Auch andere haben gelegentlich Briefe Otto's bekannt gegeben, wie Dnhr in dem angeführten Artikel zeigt. Es ist indeß kein Zweifel, daß noch eine ganze Reihe von Briefen Otto's im Staub der Archive ruht. Erst wenn die Corrcspondcnz vollständig veröffentlicht ist, wird es möglich sein, eine nach allen Seiten hin erschöpfende Biographie zu schreiben. Jw der That sollen sich zwei Forscher, Giefel-Stnttgart und Schwarz-Berlin, Mit der Herausgabe der Corrcspondenz befassen. Nach diesen etwas trockenen, aber immerhin nicht uninteressanten Vorbemerkungen gehe ich zur Darstellung des Lebens und Wirkens unseres Cardinals über. Natürlich beschränke ich mich auf das Wichtigste. „Zumaßen", um mit der Pappenhcim'scheu Chronik zu reden, „wenn man alles mit seinen Umständen beschreiben wollte, hiezu ein eigenes Buch erfordert würde" (I, 104). . Otto entstammte dem oberschwäbischen, früher reichs- unmittclbarcn, in der Nähe von Navensbnrg ansässigen Geschlechte der Wald bürg, dessen Ursprung ins 12. Jahrhundert hinaufführt. Er wurde geboren auf dem Schlosse Scheer bei Sigmaringen den 26. Febr. 1514 *) Icktsras » Pruebsssso ack Ao8ium cmnis 1560 st i 1561 äatas . , . eälckit . , . X, IVaber. Ilatisbonas 1892. > als der Sühn Wilhelms des Acltcren und seiner Gemahlin Sibylla, einer geborenen Gräfin von Sonnenberg. Otto, welcher schon in der frühesten Jugend Neigung zum geistlichen Stand verrieth, wurde von seinen Eltern zum Studium bestimmt. Wir treffen ihn im Alter von 10 Jahren an der Akademie zu Tübingen. Es währte nicht lange, da bekam er, noch unmündig, durch den Einfluß seines Vaters, die Einkünfte der Pfarrkirche zu Tachcnhansen bei Nürtingen in Württemberg (Histor. Jahrb. B. 7 S. 179) und ein Kanonikat in Speher. Damals herrschte eben die Sitte oder Unsitte, daß die nachgeborcncn Söhne von Adeligen durch Zuweisung von Pfründen und beziehungsweise deren Einkünften versorgt wurden. Otto begab sich nun auf die Hohe Schule zu Dole in Burgund, wo er sich hauptsächlich mit der Erlernung des Französischen beschäftigte. Von Frankreich ging er nach Italien und studirte an den Universitäten zu Padua, Pavia und Bologna. In Pavia wurde er zum Rcctor gewählt. Die oberitalicnischen Universitäten nahmen bekanntlich bei ihrer demokratischen Organisation den Rector aus der Zahl der Schüler. Das Nectorat brachte ihm zwar viel Ehre, nahm aber seine finanziellen Mittel sehr in Anspruch. Die Zimmer'schc Chronik sagt, er sei dabei „etliche tausend Gulden ohne geworden" (Histor. Jahrb. B. 7 S. 179). In Bologna hörte er die Vorlesungen des gelehrten Hugo Boncampagni, welcher später unter dem Namen Gregor XIII. Papst wurde. Zn seinen Mitschülern Zählte er angesehene Männer, unter anderen Alexander Farnesius, Christoph Madruccius, Stanislans Hosins, welche später mit dem römischen Purpur geschmückt wurden. In Bologna wurde er mit dem höchsten akademischen Grade, dem Doktorate, ausgezeichnet. Da Otto entschlossen war, sich dem geistlichen Stande zu widmen, so verzichtete er schon im Jahre 1552 zu Gunsten seiner Brüder auf alle väterlichen lind Familicn- gütcr. Zehn Jahre daraus bestimmte ihm sein Vater ein jährliches Leibgeding von 600 Gulden, dessen er sich aber zu Lebzeiten des Vaters begab. Einem Manne von der Abstammung und Befähigung Otto's konnte es an Beförderung nicht fehlen. Karl V., welcher die Treue und Anhänglichkeit der Waldburg an den Kaiser, das Reich und das Haus Oesterreich Wohl würdigte, ernannte Otto 1541 zu seinem Rath und Vertrauten und ertheilte ihm die mit dieser Würde verbundenen Rechte und Privilegien. Im gleichen Jahre oder im Jahre darauf wurde Otto in das Dom- capitel zu Augsburg ausgenommen, nachdem er vorher auch Dekan der Domkirche in Trient geworden war. Um diese Zeit reiste Otto nach Nom, wo er durch seine Geistesgabcn und sein gesetztes Auftreten das Vertrauen des Papstes Paul III. gewann, der ihn zu seinem Kämmerer ernannte und in einer wichtigen Angelegenheit als Jnternuntins an den König von Polen, Sigmnnd, schickte. Auf dem Rückwege kam ihm ein päpstlicher Kämmerer entgegen, welcher ihm den Auftrag des Papstes vermittelte, als Abgesandter zu dem von dem römischen Könige Ferdinand auf das Jahr 1543 ausgeschriebenen Reichstag nach Nürnberg sich zu begeben und die Ankündigung des in Trient abzuhaltenden Concils dorthin zu überbringen. Während des Reichstags zu Nürnberg, den 14. April 1543, starb der Bischof von Augsburg, Christoph Stadion. Otto mußte nun als Domherr von Augsburg znr Wahl eines neuen Bischofs abreisen. Die Wahl fand in Dillingcn statt, wo das Domcapitel um jene Zeit, aus Augsburg vom dortigen Rathe vertrieben, sich aufhielt. Auf Empfehlung Ferdinands und anderer hoher Persönlichkeiten wie der bayerischen Herzöge Wilhelm und Ludwig, des in Nürnberg anwesenden Cardinals Granvella wurde Otto, obwohl im Domcapitel sich einige sehr würdige Männer befanden, zum Bischof gewählt. Dies geschah am 10. Mai 1543, und bereits am 1. Juni wurde die Wahl von Paul III. bestätigt. Der Papst dispensirte den neuen Bischof wegen mangelnden Alters (er war noch nicht 30 Jahre alt) und ertheilte ihm zugleich die Erlaubniß, die bisher innegehabten Benefizien zu behalten. Dieselben sind bereits genannt worden. Dazu kamen später noch andere. So wurde Otto 1553 Propst des Stiftes Ellwaugen und 1558 Propst zu Freising. Als Otto zum Bischof gewählt wurde, war er noch nicht Priester, sondern bloß Diakon. Er ließ sich nun alsbald zum Priester und dann znm Bischof weihen, was ihm in Anbetracht der damaligen Gewohnheiten als Beweis seiner streng kirchlichen Gesinnung ausgelegt wurde. Die Consecration fand in Dillingen unter großer Feierlichkeit statt. Otto, der schon bisher verschiedene Würden besaß, wie wir gesehen, wurde als Bischof von Papst und Kaiser noch weiter ausgezeichnet. Vom Papste wurde er auf Benennung des römischen Königs im Jahre 1544 zum Cardinal ernannt. Wenn die „Allgemeine deutsche Biographie" (B. 24 S. 635) bemerkt, daß man zu dieser Erhebung einstweilen die direkte Veranlassung nicht einzusehen vermöge, so scheint dies doch nicht richtig zu sein, denn Otto hatte eben kurz vorher eine zwischen dem päpstlichen Stuhle und dem kaiserlichen Hofe entstandene Zwistigkeit glücklich beigelegt (Chronik I, 105; Braun III, 368). Ein anderer Papst, Pins IV., übertrug ihm später den Vorsitz bei der geistlichen Jnquisirion und ernannte ihn durch eine Bulle vom 5. Juli 1560 znm löFatns a lators in der Angsburgischen Kirche und in den Besitzungen der Trnchsesse von Waldbnrg, womit unter andcrm das Recht verbunden war, gewisse päpstliche Nescrvatrechte auszuüben. — Nicht weniger ward Otto vom Kaiser und seinem Bruder geehrt. Karl V. ernannte ihn zu seinem Rath, und der römische König Ferdinand machte ihn znm Protektor der deutschen Nation in Rom. Ein anderer Kaiser, Maximilian II., betraute ihn 1563 bei seiner Rückreise aus Italien mit dem ehrenvollen Auftrage, seine zwei Söhne, die Erzherzoge Rudolf nnd Ernst, auf ihrer Reise nach Spanien zu begleiten nnd dem König Philipp II. vorzustellen. (Fortsetzung folgt.) Walther von der Vogelweide. (Schleiß.) 3. Lastn. Dies war der letzte leidenschaftliche AuSbrnch des Dichtcrfeners. Mit dem Alter war der Kampfesmuth gewichen, die Leidenschaften waren milder geworden. Eine einzige große nnd erhabene Idee erfüllte ihn in den letzten Lebensjahren, und rastlos ist er bemüht, das Scinigc zur Ausführung beizutragen: zur Befreiung des heiligen Landes aus den Händen der Ungläubigen. Er dichtete eines seiner schönsten Lieder als Aufforderung zur Kreuzfahrt, die er selbst nicht mehr wagen durfte. Das Unheil war jedoch nicht aufzuhalten. Der Kaiser schiffte sich wirklich am 8. September 1227 mit dein Landgrafen Ludwig von Thüringen in Brindisi ein, kehrte aber, nach dem Tode des letzteren, angeblich selbst schwer krank, nach drei Tagen wieder zurück. Papst Gregor IX., der inzwischen auf Honorius gefolgt war, erklärte die Krankheit als Verstellung nnd verhängte am 29. Scpt. 1227 den Bann über Friedrich. Den siegreichen Feldzng, den der gebannte Kaiser im folgenden Jahre nun mit Ernst unternahm, hat Walther nicht mehr erlebt. Andere Sorgen forderten den Sänger für sich: der junge König Heinrich begann in seiner hochmüthigen Weise die Re- gicrungsgeschäfte zu leiten, da richtet Walther einen scharfen Spruch wider ihn, nennt ihn ein selbstgcwachscnes Kind, das krumm geworden sei, da man es nicht habe gerade biegen können. Zn groß sei er leider schon für die Ruthe, zn klein für das Schwert. Er möge ruhig bleiben nnd schlafen. Endlich prophezeit er ihm ein übles Ende. So sehen wir Walther bis in seine letzten Tage für das Interesse des deutschen Reiches thätig. In seinen letzten Jahren dichtete Walther manchen kunstvollen Spruch voll Weltkenntniß nnd Lebensweisheit; manche können auch dazu dienen, der Persönlichkeit Walthcrs etwas näher zu kommen. Ein Mahngcdicht hebt an: Niemand könne mit Ruthen allein den Kindern Zucht beibringe»; auf ein feines Gemüth wirke schon ein Wort des Tadels wie ein Schlag. — Der Weise gäbe eher sein Leben, Hab nnd Gut verloren, als daß er auf Gottes Huld und Ehre verzichtete. — Wer sich mäßig hält, dem fällt alles Gute zn. Es schickt sich nicht für einen ehrbaren Mann, daß ihm die Zunge vom Weine hinke. Viele Sprüche Walthcrs zielen auf die Vertheidigung seines eigenen Ichs ab, was sich leicht begreift; denn die Zeitgenossen waren keineswegs bereitwillig, den Dichter in ihm anzuerkennen nnd auszuzeichnen; er mußte sich seine Stellung erst machen, mußte sich als Künstler legitimsten und beweisen, daß er nicht wegwerfend beurtheilt werden dürfe, daß er nicht ein fahrender Mann sei wie die Gaukler, Ncifspringcr und Possenreißer. Sodann erklärt sich mancher seiner Sprüche, wie oben schon angeführt, aus seiner Reizbarkeit, wodurch ihm schnell ein scharfes und verletzendes Wort auf die Lippen trat, das dann nicht wieder zurückgenommen werden konnte. Im übrigen war Walther Sanguiniker nnd in seinen späteren Jahren das, was wir „nervös" nennen. Von diesen Voraussetzungen erweisen sich etliche Sprüche Walthcrs wcrthvoll. Frauen mag man schön nennen, für Männer ist das abgeschmackt nnd unpassend. Kühn, offen mit Herz und Hand, fest soll er sein, diese drei Dinge schicken sich Wohl zusammen. Das gilt jedoch »nr für den innern Menschen, den man prüfen muß, denn es wäre unwürdig, auf das Aenßere hin zn urtheilen. Mancher Mohr mag ein weißes Herz haben. Des Mannes Sinn muß fest sein wie ein Stein, schlicht nnd gleichmäßig wie ein geglätteter Stab aus einem Stück. Wer sich hochmüthig über estum treuen Freund erhebt und ihn gering schätzt, den Fremden hingegen ehrt und vorzieht, der wird es erfahren, daß auch er von einem Höheren verletzt wird, daß die Bnsenfreundschaft sich löst, sobald Gut nnd Ehre auf dem Spiele stehen. Alle sind über das Sprichwort einig, daß ein sicherer Freund nnd ein tüchtiges Schwert erst die Noth kennen lehre. Ein großes Wunder habe ich gesehen; lebte es im Meere, dann hielte man es für ein fabelhaftes Thier; meine Freude ist darüber erschrocken, mein Schmerz erwacht: das ist ein schlechter Mann. Er beißt, ohne zuvor geknurrt zu haben. Seine beiden Zungen blasen aus einem Rachen kalt und warm. Ein giftiger Stachel liegt in seinem Lachen versteckt, und 3R> uns dem wolkenlosen Himmel seiner Heiterkeit fällt ein scharfer vernichtender Hagel. Das ist ein schlechter Mensch, welchem Stande er auch angehöre, der freiwillig betrügt und seinen Herrn lügen lehrt. Solche Leute verderben uns auch die wahrhaft Edlen. Allzu viele Herzen sind wie Gaukler, die behend trügen und täuschen. Wir klagen immer, daß die Alten sterben und starben; besser wäre es, darüber zn jammern, daß jetzt Treue, Zucht und Ehre todt sind. Die Menschen lassen Erben zurück, diese drei jedoch haben keine Kinder. Uebel ergeht es dem Manne, der hohe Verwandte, aber keine Freunde besitzt. Fester ist Freundschaft als Sippschaft. Verwandtschaft ist eine Ehre, die einem von selbst zuwächst, Freunde muß man sich verdienen: deßhalb kann ein Verwandter uns ganz gut unterstützen, ein Freund aber besser. Gewinnt man einen sicheren, zuverlässigen Freund, den muß man werth halten. Man muß sich nicht wohlfeil machen. Wollt Ihr Euch bereit finden lassen ohne rechten Lohn, dann büßt Jhr's an Eurem Heile. Es erniedrigt Euch selbst, wenn Ihr mit schlechtem Danke bezahlt werdet. Eure Ehre mindert sich, und überdies habt Ihr den Schinerz, daß Ihr eine Zeit lang schmähliche Hoffnung nährt. Damit prägt Walther den köstlichen Satz ein, daß Arbeit ohne Lohn unsittlich ist. Und mit dem schönen Spruche sei geschlossen: Wer erschlägt Löwen und Niese» und überwindet alle, die mit ihm kämpfen? Das ist der, welcher cS versteht, sich selbst zn bezwingen, und der seinen wilden Leib in feste Zucht fügt. Abgcborgte Selbstbeherrschung, die nur vor den Leuten gewahrt wird, die rann wohl vor Fremden erschimmern, aber ihr Glanz ist nnstät und schwindet bald. In all diesen Sprüchen steckt Walther sich selbst und seiner Zeit ein Ideal männlicher Festigkeit, welches für ihn den obersten Zielpunkt seines Strebens bildet, das er aber trotz alles Ningens nicht ganz zu erreichen vermag. Glücklich, wem ein wohlwollendes Geschick das ruhige Gleichmaß in die Seele legte, den sicheren Compaß in allen Fährlichkeiten des Daseins! Weniger glücklich, aber gewiß nicht weniger riihmenswerth, der nicht nur dem Schiasal, sondern auch dem eigenen heißen Blut den Gewinn seines Lebens, die Arbeit und die Ehre, welche Walther immer mit Gottes Huld verbindet, abringen muß. Dieser kämpft den härteren Kampf, und ihm gebührt der höhere Loh». Den erntet sicher auch Walther von der Vogelweide. Walther blieb thätig bis zu seinem Ende; die Freude des Schaffens hat ihn nicht verlassen. Sie quoll immer von neuem aus dem Gefühle innerer Befriedigung, mit welcher er auf seine Lebensarbeit zurückblicken durfte. Es gibt kein rühmenswertheres Leben als Ncchtthun bis zum Ende. Mit stiller Gefaßtheit sieht er dem Ende seiner Tage entgegen; sein Hanptwnnsch ist der, daß seine Seele Heil erfahren möge. „So lange ich in der Welt lebte, habe ich viele Menschen froh gemacht, Männer und Frauen. Hätt' ich nur dabei mich selbst zu retten gewußt! Aber, lobe ich des Leibes Minne, so schadet das der Seele. Sie sagt mir dann, ich lüge oder rede irre. Nur der wahren, der himmlischen Liebe spricht sie Dauer zn und rühmt, wie gut sie sei und unvergänglich. Darum, Leib, laß jene Minne, welche ja auch Dich verlaßt, und halte Dich an die ewige Liebe!" I» einer Allegorie, welche den Teufel als Inhaber eines Wirthshauses darstellt, in welchem die reizende Frau Welt als Schenk- mädchen die Gäste festzuhalten sucht, nimmt der Dichter Abschied von den Freuden des Lebens: Frau Welt, Ihr müßt dem Wirthe sagen, das; ich ihn ganz bezahlt schon habe — die große Schuld ist abgetragen — daß er mich aus dem Schuldbrief schabe. Wer ihn zum Gläubiger hat, dem macht es Sorgen. Eh' ich ihm lange schuldig wär', wollt' ich bei einem Juden borgen. Er schweigt bis auf den letzten Tag: dann fordert er ein Pfand von dem, der sich zn lösen nicht vermag. Nach dem Jahre 1228 erfahren wir nichts mehr von Walther. Wir dürfen demnach nicht zweifeln, daß er das schwere Siechthun!, dessen er in seinem letzten Gedicht gedenkt, nicht überstanden hat und noch 1228 gestorben ist. Er hat somit ein Alter von ungefähr 60 Jahren erreicht, was man ein hohes Alter nennen darf, wenn man die durchschnittlich geringere Lebensdauer in jener Zeit und Walther's aufreibende Thätigkeit in Betracht zieht. Wo unser Sänger starb, wissen wir nicht, ebenso ist uns nichts Bestimmtes über seine Grabstätte mitgetheilt. Nach Angaben, die zwar der Zeit seines Todes schon einigermaßen fern stehen, aber doch ziemlich glaubwürdig sind, ist er Zn Würzbnrg im Krenzgang des Neumünsters unter einer stattlichen Linde begraben. Der Grabstein trug eine Inschrift, welche, aus dem Latein ins Deutsche übersetzt, folgendermaßen lautet: „Der Du die Vogel so gut, o Walther, zu weiden verstandest, Blüthe des Wohllauts einst, der Minerva Mund, Du entschwandest! Daß nun der himmlische Kranz Dir Redlichem werde bcschieden. Spreche doch, wer dies liest: Gott gönn' ihm den ewigen Frieden!" Eine handschriftliche Chronik erzählt eine liebliche Sage, welche sich an das Grab des Dichters knüpft. Nach einer Bestimmung seines Testamentes nämlich sollten täglich auf seinem Grabsteine die Vogel mit Weizen- körnern gefüttert und mit Wasser versorgt werden; daher habe er in den Stein, unter dem er begraben liege, vier Löcher machen lassen. Noch im 17. Jahrhundert, so erzählt man, ist eine Störung der Singvögcl auf der Linde an Walthers Grab durch den Tod des Frevlers alsogleich gerächt worden. Als die Nachtigall in Würzbnrg verstummte, da ging ein allgemeines und schmerzliches Klagen durch die Schaar der deutschen Dichter: das waren Stimmen tief empfundenen Schmerzes, die sich zum Theil in der rührendsten Weise Luft machten. Vor allem geschah dieses durch Gottfried von Straßbnrg. „Wer", so fragt er in seinem Tristan, nachdem er den Tod Ncinmars beklagt hak, „soll jetzt die liebe Schaar der Nachtigallen anführen und das Gesinde weisen? Ich denke wohl, daß ich sie finde, die das Banner tragen wird, ihre Meisterin, die von der Vogelweide. Hei, wie hier über die Heide ihre hellen Töne klingen! Wie viel Wunderbares bringt sie hervor, wie kunstvoll setzt sie ihre Melodien in Musik, wie trefflich weiß sie ihre Tonarten zn wechseln in ihren Minneliedern! Die soll Kämmerin sein am Hofe der Minne, soll die andern leiten und wird es vortrefflich, denn sie versteht, wo sie die Melodien für den Minnegesang suchen muß. Sie und ihre Genossinnen werden durch ihre herrlichen Lieder die sehnsuchtsvolle Traurigkeit der Minne in Freude nmschaffen." Walther wird also hier als der erste lebende Sänger hingestellt, wiewohl ausschließlich auf seinen Minnegesang Rücksicht genommen wird. Ulrich von Singenberg, Walthers Schüler, hat ihm folgenden Nachruf gewidmet: „Unser äü! Scmgcsmeister, den man einst von der Vogclweide nannte, ist jetzt znr letzten Fahrt ausgezogen, die keinem von uns erspart bleibt. Was hilft's ihm nun, daß er alles in der Welt erfahren hatte? Trotzdem ist sein hoher Sinn schwach geworden. Wir wünschen ihm nm seines süßen Sanges willen, da jetzt doch seine Weltfrcude entschwunden ist, daß jenseits der liebe Vater ihn gnädig unter seinen Schutz nehme." Mit andern verstorbenen Dichtern zusammen wird er gepriesen von dem Marner und von Ncinmar von Brcnnenberg, die ihn ausdrücklich als ihren Meister bezeichnen, von Rubin, Hermann dem Damen, Hugo von Trimberg (vergl. das Motto!). Franenlob nennt ihn mit Neimnar und Wolfram. Er gehört nach der Sage auch zu den Sängern, die am Wartburgkrieg theilnahme». Sein Name lebt in der Tradition der Meistersänger fort. Wenn auch nach Jahrhunderten der Name dieses größten lyrischen Dichters des Mittclaltcrs, des Vermittlers zwischen Rittcrdichtnng und Spielmannsdichtung, dieses wahrhaft deutschen, patriotischen und echt katholischen Dichters vergessen wurde und sein Bild im Dunkel der Aufklärung verschwand, so hat die Gegenwart ihn, gleich andern ruhmbedeckten Sängern, dem Banne der Vergessenheit entrissen. Es sei nus noch gestattet, zum Schlüsse das schöne Gedicht, in welchem F. A. Muth Walthers von der Vogclweide Bcgräbniß so rührend schildert, anzuführen: Nun ist er stumm, der süße Mund Deß von der Vogeliveide, Der uns gesungen vorn Waldesgrund, Von Blumen auf der Heide. Der süß wie Nachtigallen schlug. Wie Lerchen in der Frühe, Der sich geschwungen wie Adlerflug In sonnige Himmclsglühe. Die Frauen, die er rein besang, Als gab' es einzig rechte, Sie gehen mit den letzten Gang, Und Ritter von edlem Geschlechte. Da kamen die Böget herangeschwirrt. Die Lerchen und Nachtigallen; Ei, wic's von süßen Sängern wirrt In des Münsters Bogenhallen! Sie singen und klingen und wcrdcn's nicht müd', Die Sänger aus Wald und Heide; Es ist der ewigen Minne Lied Deß von der Vogclweide. Und als sie ihn gelegt ins Grab, Die Vögcl die Gruft umfangen, Darein vom Müusterthurm herab Gar hell die Glocken klangen. Nicht ist er stumm, der süße Mund Deß von der Vogclweide, Der uns gesungen von: Waldesgrund, Vom Lindeugrün der Heide. Möge bald in Erfüllung gehen, daß, wie Schönbach wünscht, die Verse der schönsten Lieder und Sprüche dieses wahren Repräsentanten jener goldenen Zeit in der Geschichte der Poesie, wo die innige und kindliche Begeisterung für die hohen Ideale des Christenthums noch nicht dem Dienste des Pluto und der Venus weichen mußte, uns von den Lippen fließen wie den Italienern die Terzinen Dante's und die Stanzen der Gcrnsalcmme Liberata! Recensionen und Notizen. F. P.Funk, Kirchengeschichtliche Abhandlungen und Untersuchungen. Erster Band. Pader- born, Schöniugh, 1897. VI-st 510 S. 8 Mk. ? Man mag über Funk denken wie man will, man mag vielleicht seinen Ansichten nicht bloß über rciukritische, sondern auch , über culturhistorischc und kirchenpolilische Fragen aus diesem oder jenem Grunde wenig Sympathie entgegenbringen, das Prädikat, auf das es schließlich einem Kritiker und Historiker in erster Linie aukoinmt, werden ihm ohne Zweifel auch seine objectiv urtheilenden Gegner nicht verweigern wollen: strenge Liebe zur Wahrheit. Durch sie und durch seine auf wissenschaftlicher Höhe stehende Methode bat der Tübinger Kircheuhistoriker sich selbst und der katholischen Wissenschaft alle Ehre gemacht. Das muß auch gesagt werden von seiner neuesten Publikation, die wir hier zur Anzeige bringen wollen. Wie schon der Titel besagt, enthält dieser Band kein einheitliches Thema, sondern eine Reihe von Abhandlungen, die größtentbcils schon in mannigfachen Zeitschriften, wie Histor.-pol. Äl., Histor. Jahrbuch, Tüb. Theol. Quartalschrift, erschienen sind, und die der Herr Verfasser nun in verbesserter und vermehrter Gestalt gesammelt ausgibt. Er thut das, wie er in der Vorrede sagt, cincstheils, weil „bei der Bedeutung, welche die Abhandlungen für die Wissenschaft haben, indem sie altherkömmliche Irrthümer berichtigen oder neue Irrthümer in wichtigen Fragen abwehren", eine solche Neubearbeitung angezeigt schien, an- derntheils, .um seinen Schülern eine Ergänzung seines „Lehrbuchs der Kirchengcschichte" an die Hand zu geben und zugleich sie zu ähnlichen Versuchen anzuleiten. Zu letzterem Zwecke sind Funks Abhandlungen trefflich geeignet, denn sowohl für Privatstudium als für Arbeiten in historischen Seminarien sind sie mit ihrer klaren, einfachen, scharfsinnigen und nüchternen Beweisführung und Exegese vielfach vorbildliche Muster-leistungen. Was nüherhin den Inhalt des Bandes betrifft, so ist sein Gebiet vorzüglich die sog. innere Kirchengcschichte besonders die des Alterthums, die kirchliche Verfassung, der Cultus, die Disciplin und Literatur. Die Literatur wird noch mehr zu ihrem Recht kommen im zweiten Bande, der über Patristik handeln soll. Von einzelnen Thematen erwähnen wir: der Primat der römischen Kirche nach Jgnatius und Jrenäus (bekanntlich die ersten patristischen Zeugen für den Primat); die Bischofswahl im christlichen Alterthum und im Ansang des Mittelalters (Betheiligung des Volkes, der niederen und höheren Geistlichkeit): die Berufung der ökumenischen Synoden des Alterthums «eine viel discutirte, durch dogmatische Voreingenommenheit oft verwirrte Frage, die Funk auf Grund eingehender Untersuchungen sS. 39—89 und 498—508) dahin beantwortet: Die Synoden wurden vom Kaiser berufen, die Verhandlungen von: Kaiser geordnet, und der Kaiser gab den Beschlüssen seine Bestätigung. Die Giltigkcit der Beschlüsse dachte man nicht abhängig von einer Bestätigung des Papstes). Dann kommen mehrere Artikel über Kirchen- disciplin: Cölibat und Priesterebe im christlichen Alterthum: zur altchristlichen Bnßdisciplin; die Bußstaticmcn im christlichen Alterthum (Ursprung, Verbreitung und Ende der Einrichtung): die Katcchumcnatsklassen des christlichen Alterthums (es gab gar keine derartige Klaffen); die Entwicklung des Osterfastcns: die Abendmahlsele- mcntc bei Justin (gegen Harnack, der Brod und Wasser als cucharistischc Elemente bei Justin nachweisen zu können glaubte); der Connnunionritns (culturbistorisch sehr interessant); der Canon 36 von Elvira („Illaenit xioturii« in eeelsÄs. non esse ckebsrs, ns gnocl solitur st aüoralnr in paristibns üepinKictnr"); die Entstehung der heutigen Tansform n. a. Von hohem Interesse sind auch die Ausführungen Funks „Zur Geschichte der altbrilischenKirche"; sie zeigen an der Hand einer Polemik gegen Ebrard nicht bloß, welche Zerrbilder protestantische Voreingenommenheit zu Stande bringt, sondern geben uns ein anziehendes Bild aus der kirchlichen Vergangenheit Englands. Das sind nur einige Andeutungen über den reichen Inhalt des Buches, dessen Werth sorgfältige Ausstattung und ein treffliches Register erhöhen. Möge es fleißig studiert werden, und möge der Verfasser muthig weiterarbeiten! Die Jugend des Papstes Leo XIII. gemäß dessen bis jetzt unveröffentlichten Briefen von Boycr d'Agen. Aus dem Französischen übersetzt und bearbeitet von Dr. Ceslans M. Schneider, gr. 8°. S. XVI, 444. Mit 55 Text-Illustrationen und 6 Heliogravüren. Preis: Eleganter Originalbnnd 12 Mark. Der von der Tagespreise und Zeitschriften bereits 352 rühmlich besprochene und warm empfohlene Prachtband kam leider erst vor kurzem in unsere Hände; daher die unliebe Verzögerung. Die Vorrede des dentschen Bearbeiters bringt eine treffliche Abhandlung über Leo XIII. und seine Zeit. Der Besuch im Geburtsorte Leo's bietet gleichsam als Präludium die oompositio looi. Daran schlichen sich die 3 Theile des Buches. Der erste Theil macht uns näher bekannt mit der Familiengeschichte der Pecci, insbesondere auch mit den Eltern des Papstes und seiner damaligen Umgebung. So wird das Verständniß des Briefwechsels vorbereitet. Dieser selbst bildet den zweiten, den Haupttheil. An der Hand der eigenen Briefe können wir den Entwicklungsgang des großen Papstes von frühester Zeit au verfolgen. Leo selber stellt sich vor, wie er sich in den Studienjahren ausbildete, steine Zwischenbemerkungen unterbrechen die Briefe. Sie beginnen im Alter von 7 Jahren und enden mit der Ernennung zürn Dclegaten von Benevent im Alter von noch nicht 28 Jahren. In aller Reinheit wirken sie auf den Geist und bilden eine lebendige Charakteristik dieser Lebensjahre des Papstes. Was etwa im Zusammenhange der Briefe noch dunkel und unklar geblieben sein könnte, das erhellt voll und klar der dritte Theil mit den drei Kapiteln : „Der Traum einer Mutter," „Die Denkwürdigkeiten eines Obersten," „Rückkehr nach Carvineto". Aus den Jugendeindrücken verstehen wir so recht die planmäßige, großartige Wirksamkeit Leo's zum wahren Wohle der Völker. Das immer wieder von ihm uachdrncksam empfohlene hl. Rosenkranzgebet lernte er im trauten Familienkreise schätzen und lieben. Da lernte er auch kennen das unschätzbare Glück einer echt christlichen Familie; darum „der Verein der hl. Familie" eine seiner Lieblingsideen. Das in frühester Jugend liebgewonnene, innige, patriarchalische Verhältniß zwischen den armen Bewohnern, den Bauern und Hirten, und der Gutsherrschaft lehrte ihn den Weg zur Versöhnung der verschiedenen Interessen, wie er so klar im berühmten Arbeiter-Rundschreiben gezeigt wird. Seine geradezu stannenswcrthe Verehrung des hl. Thomas von Aguin reicht zurück bis ins kindlichste Alter. Deshalb sieht es der Heilige Vater als eine von Gott ihm zugewiesene Aufgabe an, den Agninaten als Heilmittel gegen die Verwirrungen unserer Zeit entschieden und mit aller ihm verliehenen Autorität auf den Leuchter zu stellen. Das schöne Buch verdient alle Anerkennung. _ Heiner Franz, Katholisches Kirchenrecht. 1. Band. Die Berfassung der Kirche. 2. Auflage. Pader- born, Ferdinand Schöningh. 1897. 8". XII und 395 SS. Brosch. 8.60 M. -r. Die erste Auflage dieses Werkes erschien 1893, und es ist ein erfreulicher Beweis seiner Brauchbarkeit, daß, obwohl doch an Lehrbüchern, und zwar an tüchtigen Lehrbüchern des Kirchenrechts kein Mangel ist, sobald schon eine zweite Auflage nöthig wurde. Diese weist .gegenüber der ersten zahlreiche Verbesserungen und eine Erweiterung um 4 Seiten auf. Die Vorzüge, welche wir schon der ersten Auflage nachrühmen konnten: gemäßigtes Urtheil, wie es namentlich in der Streitfrage über die Natur der Concordate, über das Verhältniß von Kirche und Staat u. a. wohlthuend hervortritt, Uebersichtlichkeit und Klarheit der Darstellung sind in verstärktem Maße auch der zweiten eigen und lassen das Werk insbesondere für Anfänger, überhaupt zur Einführung in das Studium des Kirchenrechts, als empfehlenswert!) erscheinen. Funk F. lk., Kirchengeschichtliche Abhandlungen und Untersuchungen. 1. Band. Paderborn, Ferdinand Schöningh. 1897. 8°. VI und 516 SS. Broschirt -r. Der gefeierte Tübinger Gelehrte bietet uns hier eine Sammlung der von ihm über wichtigere Fragen der Kirchengeschichte veröffentlichen Aufsätze, deren Veranstaltn»,g umsomehr als gerechtfertigt erscheinen dürfte, als sie in verschiedenen Zeitschriften zerstreut uud daher mitunter schwer zu erreichen, zudem durchwegs neu überarbeitet und vom Verfasser als Ergänzung seines etwas knapp gehaltenen Lehrbuchs der Kirchengeschichte gedacht sind. Die Arbeiten bewegen sich hauptsächlich auf dem Gebiete der inneren Kirchengeschichte, der kirchlichen Verfassung, des Kultus, der Disciplin und Literatur. Ganz besondere Beachtung verdienen die Abhandlungen über die Berufung der ökumenischen Synoden des Alterthums, über die päpstliche Bestätigung der ersten acht allgemeinen Synoden, über Cölibat und Priester-Ehe, worin Funk seine früheren Ausführungen gegen die von verschiedener Seite laut gewordenen Bedenken mit, wie uns dünken will, durchaus überlegenen Gründen aufrecht erhält. Außer ihnen mögen hervorgehoben werden die Untersuchungen über die Bußdisciplin, Bußstationcn, Katechu- menatsklassen des christlichen Alterthums, über den Primat der römischen Kirche nach Jgnatius und Jrenäus, die Bischofswahl im christlichen Alterthum und im Anfange des Mittclalters, die Entwicklung des Osterfastens, die Abendmahls-Elemcnte bei Justin, der Communionritns, die Bulle Unam s-motsm. Funk ist als ein durchaus gründlicher und nüchterner Gelehrter und Forscher in weitesten und zwar nicht bloß katholischen Kreisen zu sehr bekannt und anerkannt, als daß seine Arbeiten einer weiteren Empfehlung bedürften. U. Johann Maria Meister, 0. 88. R., „Maria, Heil der .Kranken." Münster, Alphonsius- Bnchhandlung. 1897. Geb. 1 M. Böhmen ist ein an natürlichen, wundervollen Heilquellen, wie Marien-, Karlsbad, Teplitz, sehr reiches Land, aber auch mit vielen übernatürlichen Gnaden- qnellcn gesegnet. Eine der letzten, die dort entsprang, ist der Gnadcnort Philippsdorf in Nordböhmen. Der hochw. Verfasser wirkte längere Zeit an diesem Gnaden- orte und da bekam er die Anregung, den Titel des Gnadenbildes: „Maria, Heil der Kranken", zu einem recht tüchtigen, Erbauungs-, Belehrungs- und Gebetbuch für weitere Kreise zu verwerthen. Der Leib- und Scelen- kranken gibt es in dieser trostlosen Zeit ja nachgerade mehr als genug! — Das Büchlein mit der Liebe und Sachkenntnis) des frommen Ordensmannes und Missionärs geschrieben, bietet eine Fülle mitunter recht praktischer Recepte für die Kranken beider Kategorien. Das recht elegant ausgestattete Lehr- und Gebetbuch wird besonders den Tausenden von Wallfahrern nach Maria Philippsdorf, aber auch allen Leib- und Seelenkranken allüberall herzlich willkommen sein. Vsz'ion Xm., Imxioou ooptieum: Xccockaut auotsris ox epüomericki ssp^ptisos Lsiolinsvbi sxsrpto. (8io!) 4" pp. XXVIII -st 470 -st 20. Lorolück, Oalvsrz? 1890. U. 36,00. X. IcknKua eoptiea pauoos babot intor amatoros rorum orisvtalieum eultorss, otMmvn a IbsoloKw 8i»ltom nogus- quam oovismnsväs est, cum praotsr vstsrom saori oo- ckiois vorsionom littsratura coptios novickck obristiava von psuoa ooickinsst opsra ckiKua, quas loZÄntur. IckvAus ooxtieas 8tuckiosis erst oalaircktLw, quock unioum loxieon IVz-roicki pras8tavtissimum ss kickt raritato, ut spuck Iidrsrio8 aiitiquario8 von iukrs 70 kraiww vouals pro- «titseit. Itaqno opv8 valcko äs.ckcksratum cksnuo ockitum sst, uov quickem uovis tvpis exousum, «eck mocko vbsmo- tzqckeo roprockuotum; sliqua solummocko vovabuls in suetario rsosntor assumpta, uovis iwqns elsKsutlssimis koruck« manckatü, oontiuentur. Liter arische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Dreiundzwanzigster Jahrgang: 1897. 12 Nummern. M. 9.—. Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshandlung. Inhalt von Nr. 8 u. a.: Zur Kunst des Mittelalters. (F. Schneider.) — Bartmann, St. Paulus und St. Jacobus über die Rechtfertigung. (Gla.) — Eisen- hofer, Procopius von Gaza. (Sickenberger.) — Schell, Die göttliche Wahrheit des Christenthums. Erstes Buch. (Koch.) — ?68ob, kraelsetiouss ckoAmstieao. (Atzberger.) — Kirstein, Entwurf einer Aesthetik der Natur und Kunst. (Gutberlet.) — Nikcl, Herodot und die Keilschriftforschuug. (Dornstetter.) — v. Schulze-Gaevernitz, Carlyle. (Walther.1 — Pfeilschifter, Der -Ostgothenkönig Theoderich der Große und die katholische Kirche. (Albers.) — Schell-Ehrhard, Gedenkblätter zu Ehren des hochwürdigen Geistlichen Rathes Dr. Joseph Grimm. (Krieg.) — Rndolphi, Zur Kirchenpolitik Preußens. (Franz.) — Nachrichten. — Büchertisch. Verantm. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. wr. 61 . 3. Kept. 1897. Dillingen. Von Hugo Arnold. Durch ein weites Thal wälzt die Donau ihre Wellen von Westen nach Osten; die Kunst der Wasserüanmeister hat den wilden Strom bezwungen und seinen Fluthen zwischen festen Dämmen eine gemessene Bahn gewiesen. Aber die vielgewundencn Altwasser auf beiden Seiten des Strombettes und das ausgedehnte Nied am Gestade bis zu dem Höhenzuge des rechten Ufers bezeugen, daß einstmals die Gewässer in ungehemmtem Laufe sich je nach Laune und Lust den Weg wählten und das Thal erfüllten. Das mag freilich in eine sehr weit entfernte Zeit zurückreichen; denn die Grabhügel, die drüben im Ried, südwestlich vom Kathariuenhof, geöffnet wurden, gehören der sogenannten La Töne-Pcriode an, d. h. sie sind, wenn man die archäologische Bezeichnung in die landläufige Ziffernsprache übersetzt, beiläufig über zwei Jahrtausende alt. Zur Zeit ihrer Wölbung muß jedoch der Boden bereits nicht mehr den: Spiele der Fluthen preisgegeben gewesen sein. Den unmittelbaren Saum beider Ufer bilden buschige Anen mit üppigem Baumwuchs, und nordwärts streicht das leichtg'ewellte Hochufer heran, hinter dem, stufenweise anschwellend, die wald- bedeckten Ausläufer der schwäbischen Alb, des Juragebirges, sich erheben, indessen das südliche Gestade drüben aus dein Ried mit steilem Abhänge, wie in einem Rucke, sich erhebt und tafelartig sich gegen Süden dehnt. Es sind keine imponirenden oder sofort in Entzücken versetzenden lieblichen Reize, welche die Landschaft des oberen Donauthales schmücken; aber sie tragen einen ernsten Charakter, ich möchte sagen, einen großen Zug, der in den Linien und in dem Aufbau der Höhen liegt und durch die Schatten der Wälder auf den Knppen des Hintergrundes sein Gepräge erhält. Freundlichen, heiteren Anstrich dagegen verleihen dem Bilde die zahlreichen Ortschaften, deren Kirchthürme und blinkende Gehöfte aus dem Grün ihrer Gärten hervorlugcn und dem Wanderer vermelden, daß hier ein kräftiges, betriebsames und fleißiges Geschlecht haust, die Nachkommen der alten Alamannen, welche die schönen Gaue einst den Römern abnahmen. Zwar „reine Schwaben" (wie der hochgc- feierte Geschichtsforscher Erzbischof von Steichele sagt) sind es nicht, die hier sitzen; denn die gedrungene Statur der Bauern, denen du begegnest, das schwarze Haar und das dunkle Auge, das zahlreichen drallen schelmischen Schönen gar reizend steht, — diese Formen und Farben sagen dir, daß hier ein starker Niederschlag der alten keltischen, stark mit manchen andern fremden Volks-Ele- rncnten des weiten Römcrreiches gemengten Ureinwohner sitzen geblieben ist, mit dem sich die zugewanderten Schwaben- Alamanncn vermischten. Die keltische Zunge klingt dir auch aus den Flnßnamen der Gegend entgegen: Donau, Glött, Egau und Brenz, und sie bestätigen, was aller Orten zutrifft, daß die Namen der Gewässer fort und fort die Erinnerung an Völker tragen, welche längst verschwunden sind. Denn die breiten Laute der Sprache, die an unser Ohr schlügt, sind ächt schwäbisch, und ächt schwäbisch wiederum sind die Namen der Orte, die in ganz besonders abzeichnender Gestalt auf — ingen, auf diese spezielle schwäbische Form, endigen: Gnndel- fingesi, Launigen, Bechingep, Faimiugeu, Wittislingen, Mödingen, Finningen, Schabringen, Offingcn, Gund« remmingen, Dürrlauingen, Aisllngen, Weisingen u. s. w. schließen im engen Umkreise weniger Stunden Dillingen ein. Die Wurzel aller dieser Namen ist ein Personenname und die Endung —ingen ist patrouymisch, wie die Gelehrten es bezeichnen, d. h. sie deutet auf einen Ahnherrn zurück, auf einen Stammvater, der sich einst bei der Besitznahme des Landes an den betreffenden Stätten niederließ, nach dem sich die Sippe nannte. In die moderne Sprache übersetzt würde „—ingen" daher lauten „zu oder bei den Nachkommen des N. N." Dillingen heißt daher: „bei den Nachkommen deS Thilo oder Dilli", in niederdeutscher Form Tilly, — ein Name, der für Bayern durch den Feldherrn des Kurfürsten Max I. und der Liga unvergeßlich geivorden ist. Urkundlich wird VUIinZs. zum ersten Male im Jahre 973 unserer Zeitrechnung genannt. Doch reichen die menschlichen Niederlassungen an dieser Stätte in weit ältere Zeiten zurück. Unwillkürlich gedenkt man zuerst der Römer. Aber römische Spuren hat man in Dillingen selbst noch nicht gefunden (auch die Burg ist kein römisches Bauwerk, worauf wir noch zurückkommen werden), obwohl die linksusrige Donaustraße der Römer von Faimiugen her durch die Vorstadt von Laniugen, nördlich von Hausen vorüber, am Südrande von Donaualtheim hin und nördlich an Schretzheim vorüber läuft und ich jenen Wegezug für römisch halten möchte, der aus dem Thale der Glött vom rechten Donauuser kommt, das Ried schneidet und auf dem linken Donauufer von Donanaltheim au der Kapelle (Punkt 436 auf dem Blatte des topographischen Atlas) vorbei nach Obcrfinningen und weiter nach Norden verläuft; er bildet auf dem ganzen genannten Zuge eine schnurgerade Linie, was ein Hauptkennzeichen für Römer-straßen ist, solange sie nicht Gelände und Gefälle zu Abweichungen zwingen. Im Weichbild von Dillingen ist er allerdings an der Oberfläche nicht mehr zu erkennen. Auch vor der Kapuziner- kirche wurde erst in jüngster Zeit bei Gelegenheit von Kanalisirungsarbeiten ein Stück Straße bloßgelcgt, dem wahrscheinlich römischer Ursprung zuzuerkennen ist. Die ältesten Funde, die ältesten Spuren menschlichen Aufenthaltes bei Dillingen liefert aber das manche Räthsel bietende ausgedehnte Gräberfeld am Ziegclstadcl auf der Flur unmittelbar vor der westlichen Front der Stadt Dillingen. Hier hatte zuerst das kaiserliche und darauf das französisch-bayerische Heer im unheilvollen Jahre 1704 ein verschanztes Lager angelegt, und die Gräben desselben durchschneiden das alte Grabfeld. Es enthält in Reihen angelegte trichterförmige, in den Lehm eingebettete Gruben, und die aus denselben erhobenen Thongefäße werden in die sogenannte ältere „Bronzezeit" versetzt, sind also vor beiläufig drei Jahrtausenden verfertigt worden. Hier scheint die Besiedelung viele Jahrhunderte durch fortgedauert zu haben, bis sich um die Grafeuburg nach und nach eine neue Niederlassung bildete und Alt-Dilliugen immer mehr an Bedeutung verlor. Zwei Jahrtausende liegen demnach dazwischen, bis auf Dillingen das Licht beglaubigter urkundlicher Geschichte fällt. Damals besteht hier eine Burg auf der Stätte des jetzigen Schlosses, sie ist im Besitze eines mächtigen Grafengeschlechtes, welches wohl von alter Zeit her die Grafschaft im Brenzgan, sowie im angrenzenden Albgau i verwaltete und in den jetzigen bayerischen Bezirksämtern 354 -Donauwörth und Dillingen und in den württembergischen Oberämtern Neresheim, Heidenhcim, Ulm und Aalen angesessen war. Die Stammburg scheint Wittislingen gewesen zu sein, denn dort sind die Eltern des hl. Ulrich bestattet, und es ist kein gewagter Schluß, wenn man die Felscngrüfte bei Wittislingen, denen die prachtvollen, jetzt eine Zierde des Münchener Natioilalmuscums bildenden Schnmctsachcn aus dein 7. oder 8. Jahrhundert entstammen, für die Begräbnißstätten von Ahnen des Dil- lingcr Grafenhauses hält. Die ältesten uns bekannten Stammcltcrn sind Hupald (gestorben 909 oder 910), der als Seliger verehrt wurde, und seine Gattin Dictbirg, eine Schwester des Herzogs Bürthart I. von Schwaben. Bon ihren Kindern sind hervorzuheben: Graf Dietpald, welcher in der Ungarn- schlacht auf dem Lechfcldc (10. August 955) den Heldentod fand, der hl. Ulrich — der größte unter den Bischöfen Augsburgs (923—973), rastlos und thatkräftig in Ausübung des bischöflichen Amtes, ein pricsterlicher Held bei Abwehr der Ungarn-Horden vor seiner Stadt, welt- verläugnend wie ein Mönch in seiner Klosterzelle, ein frommer Beter am Altare Gottes, eine Zier und Leuchte seiner Zeit und seiner Kirche - , ferner die Tochter Lust-, garde, die Gattin eines oberschwäbischen Grafen Pcier und Mutter von drei Söhnen: Rcginbald, welcher in der gleichen Schlacht mit seinem Oheim fiel, - Adalbero, der Liebling und Coadjntor seines Oheims, des hl. Ulrich, und Mangold, der durch seine Tochter Bcrtha der Urgroßvater des.vortrefflichen Geschichtschreibers Hermanns des Lahmen, Grafen von Beringen und Mönches in der Reichen»!!, wurde. Hierauf legt sich Dunkelheit über die Geschichte des Hauses, und man weiß auch nicht mit Sicherheit, ob demselben wirklich die zwei Brüder und Bischöfe von Konstanz Warmann (1026 bis 1034) und Eberhard (1034 bis 1046) beigezählt werden dürfen, wie es gewöhnlich geschieht. Erst von 1070 an treten wieder Persönlichkeiten auf, die ihm mit Bestimmtheit angehören: Pfalzgraf Mangold, Hupald (-f 1074) und dessen Sohn Graf Hartmann I. Der Letztere erbte durch seine Mutter die Grafschaft im alten Fliuagan und durch seine Gemahlin Adelheid den reichen Besitz des Winterthur'schen Hauses, eines Zweiges von dem uralten, vornehmen und reichbegüterten Geschlechte der Udalrichinger. Als ein erbitterter Gegner Kaiser Heinrichs IV. stand er in dessen' Kampf mit dem Gegcniönige Rudolf von Schwaben auf der Seite des letzteren, gründete mit seiner Gemahlin nnd seinen Söhnen (darunter Ulrich, in der Folge Bischof von Konstanz, 1111 —1127) im Jahre 1095 das später zu hoher Blüthe gedieheuc Kloster Neresheim und starb als Mönch dortselbst 1121. Sein Ur-Urenkel Hartmann IV., der Sohn Adalberts III. und einer Tochter Heilika des ersten wittclsbachischen Herzogs Otto von Bayern, wurde der Ncnbegrüuder, des Klosters Söflingcn nnd befand sich im Besitze des Marschallamtes des Herzogthnms Schwaben als staufischen Lehens. Außer mehreren Töchtern überlebte ihn nur ein Sohn, Graf 'Hartmann V., welcher den geistlichen Stand erwählt hatte und 1249 — 1286 als Nachfolger seines großen Ahnen, des hl. Ulrich, auf dein bischöflichen Stuhle von Augsburg saß. Beim Tode Hartmanns IV- (1258) fielen die. vom Reiche oder vom schwäbischen. Herzogthnme zu Lehen gehenden Rechte des.Hauses zurück, so. daß Konradin mit dem genannten Marschallamte, der Grafschaft im Flinagau und der dazu gehörigen Vogtci über Ulm den Grafen Ulrich von Württemberg belehnte; manches Erbe kam an die Schiviegersöhne des Grafen Hartmann IV.,'so das Grafenamt im Albgau an das helfensteinische Haus; den Rest des einst so reichen Besitzes übergab Graf Hartmann V. seiner bischöflichen Kirche. Zu diesen Gütern gehörten insbesondere Burg und Stadt Dillingen, die Kirchen-Patronate, Vogteien und alles Eigenthum zwischen der Donau und der Nics-Halde, zwischen den Dörfern Laugenan bei Uln- nnd Blindheim, der ganze Dienstadel (mit Ausnahme von 6 Ministerialen nnd den Eigenlenten zu Ulm, die er erst bei seincml Tode an dieselbe Kirche schenkte), alle Bauern und Eigenlcutc. Einiges scheint auch Herzog Ludwig von Bayern an sich gezogen zu haben. So war die alte, reiche Grafschaft Dillingen zertheilt und zerbröckelt worden; ihr Kern jedoch, Stadt und Burg Dillingen mit dem altchrwürdigen Wittislingen, wuchs nnd gedieh unter der Pflege der Bischöfe von Augsburg und blieb ein theueres Kleinod des fürstlichen Hochstiftes, so lange dieses selbst bestand. (Fortsetzung folgt.) Cardinal Otto Trmhscß von Waldbnrg, Bischof von Augsburg (1543—1573). Bon vi-. Thomas Specht. (Fortsetzung.) Doch durch Aufzählung dieser Ehrungen sind wir bereits in eine spätere Periode des Lebens Otto's eingetreten. Wenden wir uns wieder zurück. Als Otto Bischof von Augsburg geworden war, hatte die Lehre Luthers wie im übrigen Deutschland, so auch im Bisthnin Augsburg nnd in dieser Stadt selbst große Fortschritte gemacht. Otto hing mit ganzer Seele an der alten katholischen Religion nnd trat im innigen Bnnde mit dem Kaiser und den bayerischen Herzögen für dieselbe ein. An den wiederholten Versuchen, die religiöse Einheit in Deutschland wieder herzustellen, nahm er den regsten Antheil. Den Reichstagen und anderen Versammlungen, welche Karl V. zur gütlichen Ausgleichung der beiden Hauptpartcicn veranstaltete, wohnte er nicht bloß persönlich an, sondern versah dabei mehrmals die Stelle eines kaiserlichen Commissärs. Ich komme damit zur kirchlich-politischen Thätigkeit Otto's. Im allgemeinen ist dieselbe in dem eben Gesagten bereits gekennzeichnet. Doch gehen wir auf das einzelne genauer ein. Drei Jahre, nachdem Otto die bischöfliche Würbe angenommen hatte, entstand der schmalkaldische. Krieg (1546), in welchem sich Otto auf Seite des Kaisers und seiner Partei stellte, während die Stadt Augsburg selbst, die schon 1537 die Ausübung der. katholischen Religion innerhalb ihrer Mauern verboten nnd die gesammte Geistlichkeit, mit dem Bischof an der Spitze, zur Auswanderung gezwungen hatte, sich den Gegnern des Kaisers anschloß. Otto stellte einen Hänfen von 200 gerüsteten Pferden nnd 4 Fähnlein Landsknechte. Nach dem glücklichen Aus- gang des Krieges für die kaiserliche nnd katholische Partei kehrte Otto mit seinem Domcapitel von Dittingen wieder nach Augsburg zurück. Auch die Geistlichkeit zog wieder ein. Nunmehr konnte auch der katholische Gottesdienst nach lOjähriger Unterbrechung wieder gefeiert werden. So freundlich sich bisher das Verhältniß Otto's zu. Karl V. gezeigt, hatte, so trat doch. bald eine gewisse Verstimmung ein. Denn die vom Kaiser znr Versöhnung der Protestanten eingeschlagene Vermittlnngspolitik fand bei Otto, der überall ganze Arbeit gethan wissen wollte, 355 keinen Beifall. So war er kein Freund des auf dem Reichstag zu Augsburg 1548 erlassenen Interims, d. i. der Vorordnung, wie es bis zur Entscheidung des allgemeinen Concils in den streitigen Religionsangelegenheiten gehalten werden sollte. Otto widerstrebte es von Haus aus, daß der Kaiser in kirchlich-religiösen Dingen Bestimmungen traf. Da er indeß die kaiserliche Forderung nicht gut ablehnen konnte und das Interim immerhin gewisse Vortheile bot, so ließ er es, wenn auch in modifizirter Fassung, in seiner Diöcese verkünden. So sollte der Kelch nur gestattet werden nach Abgabe einer Erklärung vor einem katholischen Priester, daß Christus auch unter einer Gestalt ganz gegenwärtig sei und darum das Sakrament auch unter einer Gestalt giltig empfangen werden könne. (Vgl. Allg. deutsche Biographie B. 24 S. 636.) Schwere Leiden kamen über Otto und das Hochstift Augsburg 1552 durch die Truppen des Kurfürsten Moriz von Sachsen, der aus einem Freunde ein Feind des Kaisers wurde und gegen Süddentschland marschirte. Otto begab sich von Dillingen, wo er sich eben aufhielt, nach Innsbruck zum Kaiser und dann nach Salzburg. Von hier eilte er nach Rom, „wo er seinen Unterhalt als Cardinal zu haben hoffte," wie er selbst in einem von Druffel (II, 513) mitgetheilten Briefe an den Kurfürsten Friedrich von der Pfalz bemerkt. Diese Hoffnung hat ihn in der That nicht getäuscht. Er fand große Unterstützung namentlich an dem Cardinal Pole. Dieser, so schreibt Otto später an seinen Vater von Dillingen aus, habe ihm durch seinen Hofmeister und Kaplan einen Sack mit 1000 Goldkronen auf den Tisch geschüttelt und versichert, er wolle ihm dieselbe Summe jährlich geben, so lange er (Otto) von Land und Leuten vertrieben sei (Hist. Jahrb. B. 7 S. 194). Nach Abschluß des Passaner Vertrages, der noch im August desselben Jahres erfolgte, konnte übrigens Otto wieder in sein Stift zurückkehren. Eine sehr prononcirte Stellung nahm Otto 1555 auf dem Reichstage zu Augsburg ein. Auf diesem sollten — gemäß der im Passaner Vertrag getroffenen Vereinbarung — endlich einmal die religiösen Angelegenheiten beglichen werden. Als man in den vorbereitenden Versammlungen schließlich sich dahin geeinigt hatte, daß, wenn auch in der Religion selbst keine Vergleichung zu stände kommen sollte, zwischen den getrennten Confessionen — nämlich der katholischen und der Augsburger Konfession, die Calvinisten wurden bekanntlich in den Angs- burger Religionsfrieden nicht eingeschlossen — wenigstens eine rechtlich-politische Einheit fortbestehen sollte, da erhob sich als entschiedener Gegner dieses Beschlusses der Cardinal- bischof Otto von Augsburg. Er erklärte keinem Abkommen zustimmen zu können, welches die Spaltung der Nation in zwei getrennte confessionelle Lager zu verewigen drohte. Er wollte immer noch die Hoffnung nicht ausgeben, daß durch ein allgemeines Concil die religiöse Einheit noch hergestellt werden könnte (Janssen, Geschichte des deutschen Volkes B. 3 S. 724). Am 23. Dezember reichte Otto bei den Ständen einen förmlichen Protest ein. Er wartete indeß den Ausgang der Angelegenheit nicht ab, sondern reiste, da während der gepflogenen Debatten Papst Julius III. gestorben war, nach Rom zur Papstwayl. Es ist begreiflich, daß das Verhalten Otto's gegenüber der Vermittlungspolitik des Kaisers und seines Bruders Ferdinand, sowie der ihnen beistimmenden Fürsten, wie diese Politik im Interim und im Religions- fricden zum Ausdruck kam, auf Seite der Gegner übel aufgenommen wurde. Diese üble Stimmung verdichtete sich in allerlei Gerüchten, wie z. B. daß Otto zwischen Papst und Kaiser ein Bündnis; unterhandle, durch welches der Rcligionsfriede umgestoßen und ein neuer Krieg wider die protestantischen Stände angezettelt werden sollte. Diese Gerüchte fanden um so leichter Verbreitung, als Otto von Deutschland abwesend war. Er hatte sich, wie wir eben vernommen, nach Rom begeben. Bei seiner Ankunft daselbst fand er übrigens den päpstlichen Stuhl von Mar- cell II. bereits wieder besetzt. Da jedoch dieser Papst schon nach einigen Wochen das Zeitliche segnete, so wohnte Otto der Wahl seines Nachfolgers, Pauls IV., bet und gab Hiebei nach dem Berichte Pallavicino's (Ilwt. 6ono. , Iriä. 1. 13 c. 11 Z 2) durch sein großes Ansehen den Aüsschlag. Auch nach der Wahl blieb er noch längere Zeit in Rom, da sich der neue Papst seiner Einsicht und seines Rathes bedienen wollte (Braun B. 3 S. 437). Erst im Jahre 1556 kehrte er in die Heimath zurück. Eine seiner ersten Thaten war, daß er zur Widerlegung ^ der in seiner Abwesenheit entstandenen Gerüchte eine Apologie im Drucke erscheinen ließ. Dieselbe ist mit" edlem Freimuth abgefaßt und macht offenbar den Eindruck, daß ihm Unrecht widerfahren ist (Braun B. 3 S. 440 ff.). Einige Jahre später hatte sich Otto wieder gegen eine höchst verletzende Verleumdung zu vertheidigen. Es handelte sich um die Absendung einer Gesandtschaft an den König Heinrich II. von Frankreich, um von ihm die Zurückgabe der dem Reiche entrissenen Bisthümer Metz, Toul und Verdun zu erwirken. Als Gesandte waren aus- ersehen Cardinal Otto und der Herzog Christoph von Württemberg. Letzterer weigerte sich aber, mit Otto zu reisen. Es wurde nämlich von einer höchst angesehenen Persönlichkeit, einem französischen Cardinal, dem Herzog durch einen Brief die Meinung beigebracht, er würde, da er ein entschiedener Lutheraner sei, auf Anrathen Otto's und mit dem Einverständnisse des Papstes vergiftet werden. Die Unwahrheit eines solchen Planes kam dadurch klar zu Tage, daß später der Verleumder selbst seine Verleumdung zugestand und Otto um Verzeihung bat. Es wäre noch manches über die kirchlich-politische Thätigkeit Otto's in der späteren Zeit seines Lebens zu sagen. Nur folgendes sei noch erwähnt. Otto betheiligte sich 1566 an dem Reichstag zu Augsburg unter Maximilian II. und unterstützte dabei aus's kräftigste und standhafteste den päpstlichen Legaten Commendone. Dreimal nahm er theil an der Wahl eines neuen Papstes, nämlich Pius' IV. (1559), Pins' V. (1566) und Gregors XIII. (1572), seines ehemaligen Lehres in Bologna. Nach der Wahl Pius' IV. verweilte er zwei Jahre in Rom, während welcher Zeit er von dieser Stadt für sich wie für das Truchseß'sche Geschlecht das römische Bürgerrecht erhielt. Mit den Herzögen von Bayern, besonders mit Albrecht V., stand Otto in freundschaftlichem Verhältniß und genoß deren volles Vertrauen. Von Albrecht wurde er bei allen wichtigeren Familienfesten, Taufen und Trauungen, beigezogen; er vertrat bei mehreren Kindern desselben Pathen- stelle. Im öffentlichen Leben ging beider Männer Streben auf die Erhaltung der alten Religion. In der Wahl der Mittel stimmten sie freilich nicht immer mit einander überein. Das hatte seinen Grund wohl hauptsächlich in der Verschiedenheit der Charaktere. Albrecht V. glaubte das Ziel durch Milde und weitestes Entgegenkommen zu^ 356 erreichen. Otto war vermöge seiner Naturanlage und seiner streng kirchlichen Gesinnung ein Gegner dieser schüchternen, zaghaften Politik. Er gab auch seiner Unzufriedenheit über die von den höchsten Spitzen der weltlichen Gewalt hinsichtlich der religiösen Angelegenheit eingeschlagenen Wege brieflich wiederholt Ausdruck. Er meinte, durch fortwährendes „Constituiren, Conniviren, Lavircn und Temporisiren" sei nichts zu erreichen (Wimmer a. a. O. S. 88; vgl. Baader S. 173, 177). Ich muß nun von der eigentlich kirchlichen oder, um es genauer auszudrücken, von der re- formatorischen Thätigkeit Otto's sprechen. Car- dinalbischof Otto war ein Reformator im wahren Sinne des Wortes. Die Uebel, an welchen die Kirche des 16. Jahrhunderts krankte, waren ihm wohl bekannt, und mit der ganzen Kraft seines energischen Charakters suchte er an deren Heilung zu arbeiten. Nicht das katholische Dogma, die katholische Lehre, sondern das kirchliche Leben, die kirchliche Disciplin sollte reformirt werden. Darauf war sein Wirken gerichtet. Ich rechne dazu seine Stellung zum Concil von Trient und seine Bemühung zur Hebung der Kirchenzucht in der eigenen Diöcese. Otto hielt die Abhaltung eines allgemeinen Concils zur Beilegung der religiösen Wirren und zur Verbesserung des kirchlichen Lebens für dringend nothwendig. Als dann das wirklich zu stände gekommene Concil 1552 wegen der von Moriz von Sachsen demselben drohenden Gefahr suspendirt werden mußte, trat Otto schriftlich und mündlich immer wieder für die Fortsetzung desselben ein. An den Herzog Albrecht V. von Bayern schrieb er im Jahre 1560: „Zu stillung aller schwebender gefahr ist he kain sicherer oder gewisser rsivoäium dann das Oovoilinrv" (Archiv für die Geschichte des Bisthums Augsburg B. 2 S. 166). In diesem Sinne wirkte er durch den Herzog auch auf den Kaiser ein (Baader S. 169 ff. 185). Dieser hatte nämlich ebenso wie sein Bruder Ferdinand große Bedenken gegen die Wiederaufnahme des Concils. Sie meinten, es würden dadurch die Gemüther der Protestanten, welche durch mehrere ihrer Stände ein entschiedenes Eintreten gegen die Wiedereröffnung des Concils verlangten (Janssen a. a. O. B. 4 S. 145), nur auf's neue aufgeregt, und es könnte die Sache der Religion und des Vaterlandes Schaden leiden. In dieser Beziehung schrieb Otto an Herzog Albrecht:- „Es ist nn- bezwcifelt, daß Ihre Majestät die Sache gut meine, aber es ist nicht ein klein Mitleid mit Ihrer Majestät zu haben, daß sie die Religionssachen mehr auf menschliche Klugheit denn göttliche Fürsehnng setzen und hoffen, durch Zögern und Conniviren viel zu gewinnen, so doch das Gegentheil unvermeidlich daraus entstehen möchte". Ein anderes Mal sagt er: „?rc>vicionclo ot von inr- pikor covvivovcio 8tahiIiovckiro 8vvt ros" (Baader S. 88). So eifrig indeß Otto mich für das Concil von Trient eintrat, so wohnte er demselben doch nicht an. Der Kirchcngeschichischrciber Flenry behauptet zwar das Gegentheil, aber das ist ohne Zweifel ein Irrthum (vgl. Chronik ll, 91). Otto sandte übrigens gleich zum Beginn des in Trient eröffneten Concils den Domcapitnlar Andreas Rhein und seinen Theologen Claudius Jains (I,o ckaz-) und bestellte zum Prokurator bei demselben den Franz Piccolomini, Bischof Montnlcinensis (Braun B. 3 S. 377). Warum Otto an dem Concil nicht persönlich thcil- .'.ahm, scheint mir noch nicht vollständig klar gelegt zu sein. In einem Briefe an Kaiser Karl vom Jahre 1551 sagt er, sein Gesundheitszustand und Stiftsgeschäfte hinderten ihn an der Theilnahme; überdies habe ihn der Papst wissen lassen, daß er ihn zur rechten Zeit berufen würde, was aber bis damals nicht geschehen sei (Druffel I, 801). Diese Gründe mögen für den damaligen Moment und für die erste Periode des Concils überhaupt (1545—1552) zutreffend gewesen sein. Warum sich aber Otto nicht zu dem im Jahre 1562 wieder eröffneten Concil begeben, dafür haben wir keine sicheren Nachrichten, wohl aber Vermuthungen, die sich aus der damaligen Zeitlage ergeben. Es ist nämlich Thatsache, daß die Bischöfe, welche zugleich Reichsfürsten waren, aus Furcht vor den protestantischen Ständen nicht in eigener Person auf dem Concil zu erscheinen wagten. Die Erzbischöfe von Trier, Salzburg und Mainz erklärten ausdrücklich: Würden sie ihre Diöcesen verlassen, so könne leicht der Untergang derselben erfolgen (Janssen IV, 145). Ob nun Otto von den gleichen Motiven sich leiten ließ, kann man vermuthen, aber es ist nicht eigentlich zu beweisen. Vielleicht haben die nicht unbedeutenden Geldverlegenheiten, in welchen Otto, wie wir noch sehen werden, sich befand, auch mit eingewirkt. Denn als Reichsfürst konnte er nicht so einfach auftreten, wie irgend ein anderer Bischof. (Schluß folgt.) Grundlegende Gesichtspunkte für Beurtheilung der Währungsfrage. Von vr. Schw. Die Währungssrage, wie sie seit geraumer Zeit in den verschiedensten Ländern in Fluß gekommen ist, gehört bis zur Stunde zn denjenigen Fragen, welche fortwährend das Interesse der Allgemeinheit beschäftigen, über welche jedoch eine Einigung nicht zu Stande zu kommen scheint. Immer mehrt sich die Zahl der Broschüren und Abhandlungen, welche die Frage von diesem oder jenem Standpunkte aus behandeln, ohne daß im wesentlichen viel Neues zn Tage gefördert würde. Zwei Parteien stehen sich gegenüber, die sich energisch befehden, und die Argumente sowohl der einen wie der andern Anschauung sind im wesentlichen immer die gleichen, so daß neue Bearbeitungen, abgesehen allenfalls von einer Verwerthung neuen statistischen Materials, eigentlich nur eine Beitrittserklärung zn der einen oder andern Richtung bedeuten, da die beiderseitigen Grundsätze und Argumente sozusagen bereits als codificirt erscheinen. Wenn man nun diesen Kampf der Anschauungen, der zugleich ein Jntcressenkampf ist, von außen betrachtet, so drängt sich dem ruhigen, vornrthcilsfreien Beobachter unwillkürlich der Gedanke auf, wie so es denn kommt, daß eine Frage, die doch keine politische, sondern zum großen Theile eine wissenschaftliche Frage ist, trotz der eifrigsten und der scharfsinnigsten Behandlung doch um keinen Schritt ihrer Lösung näher gebracht wird. Es will uns fast scheinen, als ob der Grund darin zn erblicken sei, daß das. Währungsproblem geradezu in seinem eigensten Wesen verkannt, mehr und mehr zu einer Parteifrage gestempelt wurde. Daher ist es nur zn begreiflich, daß vielfach mehr mit Leidenschaft als mit Sachgründen vorgegangen wird. Dadurch, daß man die Währungssrage in den Dienst einer sonst guten Sache zu stellen versucht, wird ihre Bedeutung, wenn nicht überschätzt, so doch einseitig beurtheilt und dadurch ein an sich schwieriges Problem durch einseitige Verquickung mit heterogenen Elementen erst recht verdunkelt. Als politisches Schlagwort wird die Frage unter die Massen geschleudert und damit um so mehr Aufsehen und Beifall erregt, je weniger sie von der Allgemeinheit verstanden wird. Die vielen bereits vorhandenen Abhandlungen sind nur zum geringsten Theile geeignet, dem gemeinen Verständnisse einige Klarheit über unsre Frage zu verschaffen, da dieselben sich entweder von vornherein nur an speciell geschulte Kreise wenden oder zwar der Allgemeinheit dienen wollen, trotzdem jedoch häufig mit ziemlich weitgehenden Vorkenntnissen des Lesers rechnen, die derselbe aber meistens doch nicht besitzt. Man mag nun allerdings einwenden, die Währungsfrage sei überhaupt eine Frage, die gewissermaßen nur von Fachleuten behandelt werden könne und dürfe und deren Verständniß deßhalb niemals zum Gemeingute aller werden könne. Diesem Einwände kann eine gewisse Berechtigung vielleicht auf den ersten Blick nicht abgesprochen werden. Allein, sei dem wie ihm wolle, soviel ist feststehend, daß unsre Frage ganz sicherlich das Interesse Aller berührt und daß sie insbesondere thatsächlich nicht bloß innerhalb beschränkter Personenkreise behandelt wird, sondern auch vor der Allgemeinheit mehr und mehr angezogen, in öffentlichen Versammlungen diskutirt und in das Programm wenn nicht gerade ganzer Parteien, so doch gewisser Richtungen und Vereinigungen aufgenommen wird. Unter diesen Umständen hat die Allgemeinheit auch ein Recht darauf, daß sie über eine Frage, für oder gegen welche sie sich vielleicht über kurz oder lang entscheiden soll, entsprechend belehrt und aufgeklärt werde. Es ist dies um so nothwendiger, als gerade die Behandlung unseres Problems eine Reihe von Vorkenntnissen und grundlegenden Gesichtspunkten voraussetzt, die unbedingt zum Verständnisse des Ganzen nöthig erscheinen. Ich will daher im Folgenden keineswegs in den Kampf der Parteien hinabsteigen, sondern lediglich versuchen, in voraussetzungsloser, gemeinverständlicher Weise eine Reihe einzelner Begriffe und Gesichtspunkte hervorzuheben, von welchen jeder, gleichviel welchen Standpunkt er einnehmen will, ausgehen muß und über die im Allgemeinen auch eine gewisse Uebereinstimmung herrscht. Es ist nun einleuchtend, daß in erster Linie der Begriff der Währung näher bestimmt und beschrieben werden muß. Mit dem Begriffe der Währung hängt ein anderer auf das engste zusammen, so zwar, daß man das Wesen der Währung nicht verstehen kann, ohne zugleich das Wesen desselben zu kennen, der Begriff des Geldes. Die beiden Begriffe werden im gewöhnlichen Leben nur zu häufig durcheinandergebracht; sie müssen jedoch strenge auseinander gehalten werden, da hievon bereits ein guter Theil des Verständnisses der ganzen Frage abhängt. Wenn wir von Geld sprechen, so sind wir gewohnt, darunter Geldstücke, gemünztes Geld, also Münzen aus Edelmetall geprägt, zu verstehen. Hierin liegt bereits , ein großer Irrthum. Unter Geld hat man vielmehr im allgemeinen nichts anders zu verstehen, als ein wirth- schaftliches Gut, das bestimmte Aufgaben im Verkehrs- lebeu zu erfüllen hat. Ueber die Beschaffenheit dieses Gutes ist dabei noch gar nichts gesagt. Es kann vielmehr eigentlich begrifflich jedes Gut als Geld dienen, soferne nur der Verkehr oder ein Machtausspruch ihm wirksam die Funktionen des Geldes überträgt. Bei dem Begriffe des Geldes darf mau daher noch an gar kein wirkliches Gut, an gar keinen bestimmten Stoff, sondern lediglich an die Summe der dem Gelde zugedachten Aufgaben denken. Erst die Bestimmung desjenigen Stoffes, welchem im einzelnen Falle die Funktionen des Geldes zukommen sollen, führt zum Begriffe der Währung. Unter Währung versteht man daher, zum Unterschiede vom Gelde, einen ganz bestimmten concreten Stoff als Grundlage des Geldes, des Münzwesens. Daher ist z. B. bei der Goldwährung das Gold als Stoff betrachtet, ohne Rücksicht auf eine bestimmte Form und Größe, Träger der Geldfunktion. Dadurch, daß dem Golde eine gewisse Aufgabe im Verkehre übertragen wird, wird es zum Gelde. Der Begriff der Währung setzt also den Begriff des Geldes voraus; jedoch nicht umgekehrt; denn man kann recht wohl über das Wesen des Geldes Reflexionen anstellen, ohne dabei einen bestimmten Stoff der Körperwelt im Auge zu haben. Welches sind nun die Aufgaben, welche das Geld im Verkehrsleben erfüllen muß und die deßhalb das Wesen des Geldes ausmachen? Diese Funksionen sind im einzelnen folgende: 1. Das Geld ist allgemeines Tauschmittel, d. h. eine Waare, gegen welche man jederzeit andere Waaren eintauschen kann, also ein Gut, welches jederzeit von jedem angenommen wird. 2. Das Geld ist allgemeiner Werthmaßstab, d. h. ein Gut, an welchem der Werth der übrigen Güter gemessen wird, in welchem der Werth der übrigen Güter ziffermäßig festgestellt und ausgedrückt wird. 3. Das Geld ist allgemeines Zahlungsmittel, d. h. ein Gut, durch dessen Hingabe mau sich in gesetzlicher Weise von seinen gesetzlichen oder vertragsmäßigen ökonomischen Verpflichtungen befreien kann. 4. Das Geld ist allgemeines Werthanfbewahrungsmittel, d. h. ein Gut, welches dazu dient, Werthe dauernd zu erhalten und von der Gegenwart auf die Zukunft zu übertragen. Diese vier Aufgaben werden dem Gelde gemeiniglich zugeschrieben, und es gehört zum Wesen des Geldes das gleichzeitige Zusammentreffen sämmtlicher vier Funktionen. Fehlt die eine oder andere Aufgabe in einem gegebenen Falle, so spricht man nicht mehr von Geld, sonder» Geldsnrrogat. Es liegt nun auf der Hand, daß nicht alle Güter in gleichem Maße geeignet sind, als Träger der genannten Funktionen angesehen zu werden. Aufgabe der Währungspolitik ist es vielmehr, denjenigen Stoff auszuwählen, welcher in hervorragendster Weise die aufgestellten Aufgaben zu erfüllen vermag. Dies führt nun dazu, daß thatsächlich eine Reihe von Gütern, ja die meisten Güter, zwar nicht als begrifflich unfähig, wohl aber als thatsächlich weniger geeignet und deßhalb nicht verwendbar angesehen werden müssen, als Geldstoff zu dienen. Die meisten haben thatsächlich auch niemals als Geldstoff gedient, andere sind im Laufe der Zeit ganz oder znm Theile untauglich geworden. Jeder weiß, daß in den frühesten Zeiten der Durchschnittswerts) eines Stückes Vieh als Geldeinheit diente, worauf der Zusammenhang der Wörter xomm und xeounia hindeutet. Desgleichen ist bekannt, daß es heute noch Völker gibt, welche Muscheln oder Schmnckgegenstände als Geld benutzen. Wenn von alledcm in unserem modernen Ver- 358 kehrsleben auch keine Rede mehr sein kann, so ist diese Thatsache doch in so fern von Bedeutung, als sie uns zeigt, daß die Edelmetalle keineswegs und ausschließlich zum Geldstoffe sozusagen prädestinirt sind. Der heutzutage bestehende, fast ausschließliche Gebrauch von Edelmetallen als Träger der Geldsanktion beruht vielmehr auf dem besondern Maße und der besondern Art, in welcher sie die Funktionen des Geldes zu erfüllen vermögen, die sie hiezu derart qualifiziren, daß thatsächlich sie allein in Betracht kommen. Es zeigt sich dies am deutlichsten, wenn wir kurz die Anforderungen ins Auge fassen, welche wir heutzutage an einen Träger der Geldidce zu stellen gewohnt sind bezw. im Interesse des Verkehrs stellen müssen. Alle diese Anforderungen stellen sich dar als ein unmittelbarer oder mittelbarer Ausfluß der im einzelnen bereits hervorgehobenen Aufgaben des Geldes sowie des Verkehrsbedürfnisses, welches eine möglichst vollkommene Verwirklichung der einzelnen Ausgaben dringend verlangt. Im einzelnen ist Folgendes von Bedeutung. ' Der Geldstoff muß selbst Werth haben, d. h. um einer selbst willen geschätzt und begehrt sein., Dieses Postulat ergibt sich einerseits aus dem Wesen des Gutes als Mittel zur Bedürfnißbefriedigung, andererseits aus der Eigenschaft des Geldes, allgemeiner Werthinaßstab zu sein. Wie soll an einem Gegenstände der Werth . eines andern Gegenstandes gemessen werden, wenn dieser , erstere selbst keinen Werth besitzt? Daraus ergibt sich ^ von selbst die Unrichtigkeit der Anschauung, welche meint, der Staat hätte es in der Hand, jederzeit die Geldmittel durch Ausgabe von Noten beliebig zu vermehren. Der Staat kann keine Werthe schaffen, sondern nur vorhandene Werthe anerkennen, beglaubigen. Und würde er sich beikommcn lassen, etwas als Werth zu bezeichnen, was in Wirklichkeit nicht Werth ist, der Verkehr ließe sich hiedurch nicht beirren, er würde die so in Umlauf gesetzten Mittel alsbald durch ein entsprechendes Disagio brandmarken und den usurpirten Werth wieder benehmen. Damit soll jedoch nicht gesagt sein, daß nicht der Staat innerhalb der Grenzen seiner Creditfähigkeit unterwerthiges Geld oder Zeichengeld auf einem höhern Werthe durch Verleihung eines Zwangskurses erhalten kann. Näheres . hierüber soll an späterer Stelle hervorgehoben werden. Der Geldstoff muß im Verhältniß zu den zu bewältigenden Umsätzen und deren Werth ein Gut sein, das selbst hohen Werth bei bequem zu handhabendem Volumen besitzt. Sind die Umsätze im allgemeinen gering, so genügt ein geringerwerthiger Stoff; sobald jedoch mit Zunahme des Reichthums und des Verkehrs die TranSaction von Werthen gleichfalls wächst, bedarf der Verkehr eines entsprechend höherwerthigen Stoffes. Hierauf beruht ohne Zweifel die Thatsache des all- mähligen Ueberganges der Culturländer von der Silberwährung zur Goldwährung. Es ist gewiß kein Zufall, sondern eine eklatante Bestätigung des eben Gesagten, daß England mit seinem ausgedehnten Handelsverkehr zuerst zur Goldwährung überging und bis zur Stunde unentwegt an ihr festhält. Wir verlangen ferner von einem guten Geldstoffe, daß er Dauerhaftigkeit, chemische und mechanische Widerstandsfähigkeit besitze, daß er in hohem Maße theilbar sei, und zwar so, daß der einzelne Theil einen seinem Antheil am Ganzen entsprechenden Werth besitze. Ersteres Erfordernd erscheint als ein naturgemäßer Ausfluß der Werthaufbewahrungsfunktion, letzteres als ein Gebot des Verkehrs, welcher für die kleinsten wie für große Umsätze eine entsprechende Münze verlangt. Neben diesen mehr natürlichen Eigenschaften ist daS Wichtigste wirthschaftliche Erforderniß die Werthbeständigkeit des Geldstoffes. Ein Stoff kann, um von anderem abzusehen, nur dann geeignet sein, Werthe der Gegenwart der Zukunft zu übermitteln, wenn der Werth dieses Stoffes selbst möglichst beständig, constant ist. Jede Schwankung des Werthes des Geldes bringt Unsicherheit in den Verkehr und hat Speculationen mit all den schlimmen Wirkungen znr Folge. Die Zahl der Merkmale eines guten Geldstoffes könnte wohl noch vermehrt werden, indeß mag es'mit Hervorhebung dieser wenigen, die immerhin die wichtigsten sind, sein Bewenden haben. Sie genügen, um erkennen zu lassen, daß die Eigenschaften eines guten Geldstoffes am besten bei den Edelmetallen und hier wieder bet Gold und Silber ausgeprägt sind. Hierin ist die Herrschaft dieser beiden Metalle als Währnngsgrundlage begründet. Indeß schon ist auch ein Kampf dieser beiden Metalle um die Vorherrschaft entbrannt, und es ist kein Zweifel, daß das Gold vor dem Silber manches voraus hat. Das Gold ist chemisch widerstandsfähiger als das Silber, es oxydirt nicht, Gold besitzt ein höheres spezifisches Gewicht und im Verhältnisse zu einem gleichen Volumen Silber einen bedeutend höheren Werth; dazu kommt, daß das Gold in seinem Werthe heutzutage geringeren Schwankungen unterworfen ist, als das Silber. Im Mittelaltcr verhielt sich der Werth eines Quantums Silbers zu einem gleichen Quantum Gold etwa wie 1:11,z5>: bereits zu Anfang des 18. Jahrhunderts hatte sich das Verhältniß zu Nngnnsten des Silbers in 1: 15^ geändert. Seit dieser Zeit bis etwa 1870 ist der Werth ziemlich stabil geblieben und zeigte nur geringe Abweichungen von der sogen, klassischen Werthrelation 1:15'/z. Seit 1870 ist der Werth des Silbers rapid gesunken, und heute hat sich das Verhältniß bereits in 1:30 und noch ungünstiger gestaltet. Seit etwa 20 Jahren hat also das Silber die Hälfte seines Werthes verloren. Es ist dies gewiß keine erfreuliche Erscheinung; der Grund derselben muß hier ununtersucht bleiben, da hierüber bereits die Meinungen auseinandergehen, eine Erörterung derselben deßhalb dazu führen müßte, zu dem Streite der Parteien Stellung zu nehmen. Es mag die Bemerkung genügen, daß die Gegner der bestehenden Währnngsverhältnisse diese Wcrthveränderung des Silbers nicht Silberentwerthung, sondern Goldvertheuerung nennen. Thatsache ist jedenfalls, daß das Werthverhältniß in der angegebenen Weise etwa sich geändert hat und daß hieraus der Schluß gezogen werden muß, daß in rein technischer Beziehung das Silber dem Golde bezüglich seiner Befähigung, Träger der Geldfunktion zu sein, nachsteht, da gerade unsere Zeit mit kolossalen Umsatzziffern rechnet und demgemäß eine hochwerthige Geldgrnndlage verlangt. Die Thatsachen der Gegenwart, insbesondere die unleugbare größere Beliebtheit des Goldes im Verkehre, stehen damit in vollem Einklänge. Das Ausgeführte mag genügen, um über das Wesen des Geldes und den Begriff der Währung zu einer klaren Vorstellung zu gelangen. (Fortsetzung folgt.) 359 Mittelalterlicher Burgenbau gegenüber römischer Befestigung in Deutschland. Von Gg. Hock. , Vor Kurzem ging durch diese Blätter ein Artikel über „Die Entstehung, Anlage und Bedeutung der römischen Grenzmark in Deutschland"?) Wie bereits angedeutet, sei im Anschlüsse daran nunmehr auch jener unzähligen Wehrbaüten gedacht, welche uns erinnern an das sturmbewegte, jugcndkrüftige, frühmittelalterliche Deutschland, ich meine die deutschen Ritterburgen. Liegt es doch auf der Hand, daß zwei Epochen, die sich unmittelbar nacheinander und dazu noch auf demselben Boden entwickelten, gerne gegenübergestellt werden, daß aber auch andererseits die Denkmäler derselben, und hier wieder vor allem die der Baukunst, bezüglich ihrer genaueren Unterscheidung gewisse Schwierigkeiten bieten. In der That hat sich ob dieser letzten Frage auch in unserem Falle bereits manch heißer Kampf entsponnen, und die Untersuchungen über römische Befestigungsanlagen und mittelalterlichen Burgenbau nehmen zur Zeit in der deutschen Alterthumsforschung einen ganz hervorragenden Platz« ein. Meine Zeilen sollen daher im Besonderen diesem Punkte gewidmet sein. Von der einschlägigen Literatur zunächst möge der Satz gelte», daß sie sehr mannigfach und verschieden ist, sowohl dem Werthe als der Auffassung nach. Zu den bekannteren und wichtigeren Autoren gehören neben Mone, Mutzel und andern besonders Krieg v. Hochfelden, Esscn- ivcin, v. Cohansen, v. Nähers, sowie in neuester Zeit Otto Piper durch ein umfassendes Werk?) das im vollsten Sinne des Wortes eine „wissenschaftliche Grundlage" ist, wenngleich es in einer nie ermüdenden Polemik oft etwas bedenklich weit geht und sich ch „selbst Mauern errichtet, um sie nachher wieder umzulegen"?) Vor allem wird es nöthig sein, in unserm Falle ein etwas bestimmtes Bild zu gewinnen von den beiden Befcstignngsartcn, die sich charakterisiern in zwei Grundformen, nämlich in dein römischen Lager und in der frühmittelalterlichen Ritterburg. Das Hiebei in Frage kommende Land sei, wie bereits gesagt, Deutschland und insbesondere das alte Deknmatenland mit Vindelicien und dem nördlichen Rätien. Was das römische cnstrum betrifft, so wurde dasselbe in dem oben erwähnten Artikel eingehend besprochen; des Zusammenhangs und der Vollständigkeit halber seien nur noch einmal folgende Hauptpunkte angeführt: 1) die rechteckige, manchmal auch quadratische Grundform neben wenigen Ausnahmen, welche wahrscheinlich in Nom durch allgemeine Normen und Vorschriften von vornherein festgesetzt wär; 2) die vier Thore mit ihren Vertheibigungs- thürmen und die regelmäßigen Lagerstraßcn; 3) die Verbindung zwischen den einzelnen Castcllen, dem Limes und der Provinz bedurfte offenbar noch weiterer Anlagen, der ') Siehe Nr. 41, 43. 44 der Beilage znr Augsbnrger Postzeitung. . -) Burgenknnde von O. Piper. München 1895. °) v. Oechelhänser im Repertorium für Kunstwissenschaft XIX, 3. , Außerdem wurden benutzt: Cori, „Bau und Einrichtung der deutschen Burg": Kugler. „Führer durch die Altmühlglp": Schober, „Führer durch den Spessart": Hotter, „Das Bezirksamt Elchstätt"; James Yates, Abhandlung ini Jahrb. des histor. Vereins f. Schwaben und Neuburg, Jayrg. XXIII-, Marggraff, „Die römische Rcichsgrenze in Germanien und ihre Bauten." sogenannten oxooulas oder burgi — kleinere Thürme oder Wachthäuser, deren Höhe kaum über 6 — 7 m hinausging, und die uns wahrscheinlich in den bekannten Skulpturen der Trajanssänle angedeutet sind?) In diesem Stile, wenn der Ausdruck erlaubt ist, waren ausschließlich die römischen Befestigungen angelegt, deren Ruinen uns jetzt zwischen dem Rhein und den nördlichen Alpen begegnen. Sie gehören in jene Zeit, in welcher die Römer noch einen festen Stand in Germanien hatten. Als jedoch nach Bildung der Völkervercine der schlaffgewordene römische Krieger dem jugendkräftigeu Germanen weichen und allmählich das Deknmatenland aufgeben mußte, da änderte sich auch theilweise die römische Taktik, es entstanden besonders unter Kaiser Valentiniaii °) südlich von der Donan und links vorn Rheine eine Reihe von Wehrbaüten, die von der obigen Castralform dnrch- aüs verschieden sind und, wie Ohlenschlager?) sich ausdrückt, „einer Zeit angehören, wo die Römer nicht mehr im Vertrauen auf die Kraft und Kriegstüchtigkeit ihrer Truppen an Ausdehnung ihrer Macht dachten, sondern wo sie sich begnügen mußten, den Besitz durch starke Mauern vor Ucberfall zu schützen". Diese Art von Vertheidigungsanlagen gehört jedoch nicht mehr in den Rahmen unserer Betrachtung, und wir wollen von dem römischen Lager sogleich auf die mittelalterliche Bnrganlage übergehen. Was zunächst den Namen Burg betrifft, so wird man ihn wohl als ein altes Gemeingut aller /indogermanischen Stämme betrachten müssen; es kommt in allen möglichen Variationen vor als -.^ 70 «:, durgrw, hur, ffnrug, horougü, borgo, jurrc und iiourg, was ungefähr immer „eine bergende, schätzende Stelle" bezeichnet. Man unterscheidet in althergebrachter Weise gewöhnlich zwischen Höhenbnrgen und Wasserburgen. Die letzteren liegen natürlich in der Ebene, womöglich auf einem kleinen inselartigen Terrain. Gewöhnlich erhoben sie sich an starken Ausbieguugen von Flüssen oder aus Landzungen, indem auf der vierten Seite ein künstlicher nasser Graben das Hinderniß bildete. Eine Ringmauer oder wenigstens ein Pallisadcnzaun umschloß das eigentliche Gebäude, das sich meist durch starke flankirende Eckthürme auszeichnet. Beispiele dieser Art finden sich viel-« fach in der norddeutschen Tiefebene, recht charakteristisch dafür dürften auch sein Gelnhausen an der Kinzig, erbaut von Kaiser Barbarossa, sowie die beiden Odenwald- burgen Erwach und Fnrstenan. Die HLHenbnrg, welche ungleich häufiger vorkommt und daher ganz, besonders der Gegenstand unserer Betrachtung werden wird, muß nach den Worten Pipers b) wenigstens ein bewohnbares wehrhaftes Gebäude und eine Ringmauer enthalten?) Es ist klar, daß uns eine so primitive Anlage, selten entgegentritt. Die Burg besteht meistens aus verschiedenen °) Näh. f. bei Piper „Burgenknnde" S. 64 oder bei v. Cohansen „Der röm. Grenzwall" S. 343 sowie in meinem früheren Artikel Nr. 43 S. 338. , ") Näheres s. bei Nnnniaiws LIaresII. XXVIII, 2. -) Ohlenschlager, Wcstd. Zcitschr. S. 14 (1892). °) Piper, Hnrgenkundc. S. 4. °) Einen solchen „kleinen wehrhaften WohnbaN" haben wir Uns gewöhnlich unter dem Ausdrucke Burg stall vorzustellen (Cori S. 159). allerdings wird Bnrgstall auch , in anderem Sinne gebraucht, so für Burgplatz, für eine I in Trümmern liegende Burg und sogar für „Walllrone". Theilen, welche alle durch die Ringmauer oder auch durch ein entsprechendes Gelände in ein einziges „Vertheidigungssystem" zusammen geordnet sind: Die Vor bürg, auch Vorhof genannt, liegt, wie schon der Name angibt, vor der Hanptburg, und zwar auf der Angriffscite, welche natürlich identisch ist mit jeden: leicht zu erstürmenden, sanften Thalabhange. Die Vorburg ist in vielen Fällen eine für sich abgeschlossene Anlage mit Thor und Zugbrücke, einer oder mehreren Ringmauern, die oft bastioncnartig gegen das Thal vorspringen. Innerhalb dieses Raumes finden sich die Stallungen (daher auch „Viehhof") sowie die Wohnungen der dienstbaren Besatzung, der Reisigen und Knappen. Eine zweite Zugbrücke führt uns dann in die Hanptburg. Häufig zeigt sich das Thorhaus mit allen möglichen Vertheidignngs - Einrichtungen, vorspringenden Thürmen, Füllgütern, Gnß- und Pechnasen, versehen. Der meist langgestreckte, hallenartige Thorbau mündet in den Burghof, um welchen sich als Mittelpunkt die übrigen Gebäude ringsherum gruppiren. Stoßen diese letzteren nicht unmittelbar an die Ringmauer, so entsteht dadurch ein gassenartigcr Raum, der sogenannte Zwinger oder Zwingolf, eine Bezeichnung, die übrigens auch von dem tiefen Bnrggraben, von „dicken" Thürmen, manchmal auch von der Vorburg, selbst von dem Franengcmach gebraucht wurde. Die Ringmauer trug an der Innenseite einen meist balkenartigcn Wehrgaug, auf dem die Vertheidiger standen und zwischen den Zinnen hindurch den anstürmenden Feind bekämpften. Uebrigens finden wir bei günstigen Tcrrainverhält- nissen die Ringmauer oder „Ziugel" einfach durch die Front der Gebäude vertreten. Auf der Angriffsseite, besonders wenn sie von einem nahegelegenen höheren Punkte beherrscht wird, erhebt sich am Neckar und am Rhein eine querstehende, ausnehmend hohe und breite, oben mit einer Plattform versehene Mauer, die sogenannte Schild mauer (oder der hohe Mantel), welche eine gefährliche Beschießung von der Ucberhöhung aus unmöglich machte. , Eine ähnliche Anlage ist der fast nie fehlende Berchfrit (Belfrit, Thurm- Torn), der gewöhnlich an der gefährlichsten Stelle der Burg feinen Platz hat. Der Zugang zu ihn: ist oberirdisch und wird vermittelt durch eine Leiter oder durch einen leichten Holzsteg. Auch das Dach scheint vielfach nur provisorisch gewesen zu sein, so daß man es gegebenen Falles abnehmen und eine für die Vertheidigung geeignete Plattform schaffen konnte. Das eigentliche Wohngebäude der Burgherrnfamilie ist der Palas, gewöhnlich ein stattlicher zweistöckiger Bau mit dem Rittersaale im oberen Stocke, der besonders zu Empfängen und festlichen Gelegenheiten be- nützt wurde. Hier befindet sich ferner die sogenannte Kemenate, die wir etwa als Familicnzimmer, vielleicht noch besser als das Franengcmach betrachten dürfen. In größeren Anlagen, z. B. auf der Wartburg in Thüringen, finden sich gewöhnlich noch die Dürnitz (ein eigenes Gesindehans), Vorrathshäuser, die Kapelle, das Brunnenhaus, ! Remisen u. s. iv. i Es wäre jedenfalls zu weitläufig und überdies dem obigen Thema wenig förderlich, auf all die weiteren I kleineren Einrichtungen, auf die Zinnen, Schieße scharten, Gußlöcher,Pechnasen, Kragsteine rc. einzugehen, welche fast jeder deutschen Ritterburg eigenthümlich sind. Schon diese kleine Gegenüberstellung möchte etwa den Anschein erwecken, nls ob ein Vergleich und ein Annäherungsversuch zwischen römischer Befestigung und deutschem Burgenban gar nicht möglich sei. Doch ist immerhin zu bedenken, daß die beiden obigen Bilder nur Normalanlagen sind, die sich höchst selten rein vorfinden, während Einzelheiten und Spezialitäten sich oft so gestalten, daß gewisse Aehnlichkeiten zu Tage treten, die auf den ersten Blick frappiren können. In der That war man noch vor nicht langer Zeit, ja man ist noch heutzutage und selbst in gebildeten Kreisen vielfach der Ansicht, daß der deutsche Burgenban nnt wenigen Ausnahmen sich einfach auf römische Baute" zurückführen lasse. Das deutsche Volk, welches in seiner bekannten Vorliebe für Fremdes, Alterthümliches, Seltsames nur gar zu gerne ein „altes Römergeschloß" oder einen „Heiden- thnrm" vor sich sah, aber auch der für Rom schwärmende Gelehrte, welcher sich oft bemühte, manchem unschuldigen mittelalterlichen Gemäuer die römische Toga anzulegen, ob sie nun dem deutschen Michel passen wollte oder nicht, diese beiden haben das Ihrige zu jener weitverbreiteten Anschauung beigetragen. Es hat sich sogar eine kleine Literatur darüber ausgebildet, besonders in den Namen Mone/°) Mntzel und Krieg von Hochfelden. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Die katholischen Missionen. Jllustrirte Monat- schrift. Jahrgang 1897. 12 Nummern. Mk. 4,—. Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshandlung. Inhalt von Nr. 11 u. 12: Die sechsundzwanzig japanischen Blutzeugen vom 5. Februar 1597. — Tibet nnd seine Missionäre. (Schluß.) — Die Wahrheit über Madagascar. (Schluß.) — Der wirthschastliche Betrieb in den Reductionen von Paraguay. (Schluß.) — Nachrichten aus den Missionen: Türkei (Thätigkeit der Assumptionisten: Die Lazaristen in Konstantinopel): Griechenland (Larissa); Palästina (Die Lage): Syrien (Hebung des Klerus); China (Die Mission in der Mandschurei ; Der russische Nachbar); Vorderindien (Erdbeben): Ceylon (Anuradbapura): Südafrika (Transvaal): Nordamerika (Die Mädchenschule in Rosebnd); Brasilien (Die religiösen Verhältnisse); Ecuador (Greuel in Niobomba): Aus verschiedenen Missionen. — Miscellen. — Beilage für die Jugend: Sidya. der treue Sohn. (Schluß.) — Diese Doppelnummer enthält ein Titelbild und 19 Illustrationen. _ Osbarbockoa. (8. 9.), Dxainsn aä U8um olsri in Aratiam prasoipus Zaesrckotnin saora sxsroitia obsuntinm, RseoAnovit st auxit 9 os. 8oünsiäor (s. 9.). 12° pp. VIII -j- 310. Ratwbonas, k'r. kustst 1897. (VI.) N. 2,80 ÜK. S. Oslsdsrriinus so psrntilw Iibsllu8 omnibus saosr- ckotibua vommockain, insmoriam valcks ackznvantsm mann- äuotionein examinis oonseisntias tarn Asnoralio guaw xartisularw. Utiqns prs8bzcksrornm guilibot nitickmn 11- bollum, gusmvis guanäoqns aovU8atorsm, in sxsroitiis nsonon in votiäiano U8U oarum asotiinabit oomitsm st inonitorein. Hova sckitio sam xras 8S tsrt sIsAantiain, gna t^poKraxbiam Luststianain inckiso masfis inaAwqus xroüosrs novünuo. '") Mone, Urgeschichte des badischen Landes, 1845; Mutzel, „Die röm. Wartthürme besonders in Bayern" 1850; Krieg von Hochfelden, Geschichte der Militär- architektur in Deutschland von der Römerherrschaft bis zu den Kreuzzügen, 1859. Verarstrv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. An. 52. Grundlegende Gesichtspunkte für Bemtheilung der Währungsfrage. Von Dr. S ch w. (Fortsetzung.) Von wem wird nun das Metall bestimmt, das als Grundlage der Währung eines Landes dienen soll? Die Antwort hierauf kann wohl nur dahin lauten, baß der Staat allein berufen ist, diese Bestimmung vorzunehmen. Der Staat übt allenthalben dieses Recht unter dem Namen Münzhoheit aus. Es fällt hierunter aber auch das Recht und die Pflicht, alle im Interesse des Verkehrs zur Regelung des Münzwcscns erforderlichen Anordnungen zu erlassen, Gewicht und Feinheit der Mjiuzen zu bestimmen, die Sicherheit des Geldverkehrs zu garantireu. Wie hoch allenthalben das Rechtsgut der Verkehrssicherheit angeschlagen wird, ersehen wir an dem Schutze, den der Staat durch Ahndung von Verletzungen dieses Nechtsgutes gewährt. Es sind allenthalben auch bei uns in Deutschland geradezu drakonische Strafen auf die Miinzverbrechen gesetzt (otr. R.-Str.-G.-B. ZZ 146 ff.). In Deutschland steht die Münzhoheit gemäß Art. 4 Z. 3 der Reichsvcrfassung dem Reiche, nicht den Einzelstaaten zu, wohl aber ist die Münzausprägung einzelnen Staaten überlassen. Die Thätigkeit des Staates bei Ausprägung des Geldes ist lediglich ein Akt der Beurkundung, der Beglaubigung. Der Staat kann, wie bereits ausgeführt wurde, keine Werthe schaffen, sondern er drückt durch die Ausprägung jedem einzelnen Geldstücke lediglich eine Urkunde auf, in welcher die Garantie für ein gewisses Gewicht und gewissen Feingehalt der Münze zum Ausdrucke kommen soll. Hiednrch allein unterscheidet sich das Geld von jeder beliebigen Waare. Die vom Staate ausgestellte Urkunde hat rechtliche Bedeutung nur innerhalb der Grenzen des seiner Hoheit unterliegenden Gebietes. Sobald die Münze die Landesgrenze überschreitet, ist sie Waare wie jede andere Waare auch; deren Werth wird einzig nach dem Gehalte, Gewichte, wie der jeder andern Waare, bemessen; durch die staatliche Beglaubigung wird höchstens die ausdrückliche Prüfung des Feingehaltes und des Gewichtes erspart, im übrigen ist das Geldstück für den internationalen Verkehr nicht mehr wie ein uuge- formtes Stück Gold oder Silber von gleichem Gewichte und Feingehalt. Nun ergibt sich von selbst, daß, sobald eine Münze im Zulande nicht genau das Gewicht und den Feingehalt besitzt, den ihr Nominalwerth angibt — dies ist bei gewissen Münzen stets der Fall — der Besitzer Lei Verwendung außerhalb der Grenzen seines Landes nach dem Obigen einen Verlust erleiden muß» da der internationale Verkehr nicht auf den aufgeprägten Nominalwert!, sieht, sondern das Geldstück als Waare behandelt. Diese Betrachtung führt zu einer wichtigen Unterscheidung der verschiedenen Arten von Geld. In jeden, Währnngssystem unterscheidet man sogen. Währungsgeld, d. h. solches Geld, welches aus dem Währungsmetall hergestellt wird, und sogen. Zeichengeld, welches aus andern, Metalle geprägt wird. DasWahrnngs- geld ist stets vollwerthiges Geld, das Zeichengeld ist unterwerthig ausgeprägt, d. h. der Nominalwert!, entspricht nicht dem Metallwerth. Die Bollwcrthigkeit des Währungsgeldes wird durch die freie Privatprägnug gesichert. Bei 'edem Währnngssysteme hat nämlich jeder Private zwar 8. §ept. 18S7 nicht das Recht, selbst Währungsgeld herzustellen, wohl aber das Recht, in unbeschränkter Weise von, Staate gegen eine kleine Entschädigung (Schlagschatz; bei uns 3 Mark für 1 Pfd. Gold) die Ausprägung von Währungsmetall zu verlangen. Dadurch allein wird es möglich gemacht, daß der Mctallwcrth und der Nominalwcrth des Währungsgeldes immer übereinstimmt. Man unterscheidet ferner Courantgcld und Scheidemünze. Diese Unterscheidung fällt mit der vorigen keineswegs völlig zusammen. Unter Courantgcld ist jenes Geld zu verstehen, das bis zu jedem beliebigen Betrage» also in unbeschränkter Weise, gesetzliches Zahlungsmittel ist, während diese Eigenschaft bei der Scheidemünze, eben weil sie unterwerthig ist, nur eine sehr beschränkte ist. Unser eigenes Währnngssystem bietet ein treffliches Beispiel, diese Unterschiede zu illustriern. Goldgcld ist bei uns Währungsgeld, zugleich naturgemäß Courantgelb. Die Dreimarkstücke sind noch eine Remimszenz an die Silberwährung. Sie sind nicht Währungsgeld, wohl aber Courantgcld, d. h. sie müssen bis zu jedem beliebigen Betrage in Zahlung genommen werben. Alle übrigen Silbermünzen, sodann die Nickel- und Kupfermünzen sind Scheiden,Unzen. Währungsgeld ist also stets vollwerthiges Geld, der Werth desselben ist stets unzertrennlich mit dem Werthe des Metalles verknüpft. Scheidemünze ist bewußt unter- werthig ausgeprägtes Geld, also je nach dem Grade seiner Untcrwerthigkeit mehr oder weniger sogen. Credit- geld, Zeichengeld. Wenn ich ein Zwauzlgmarkstück eiuschmelze, so bekomme ich auch für die hiednrch gewonnene Goldmasse 20 Mark, es wird höchstens ein ganz kleiner, nach Pfennigen zu berechnender Abzug gemacht. Wenn ich aber ein silbernes Fünfmarkstück eiuschmelze, so bekomme ich für das so gewonnene Silber nur etwa 2,50 Mark; das Fünfmarkstück ist also um die Hälfte seines Werthes unterwerthig. Währungsgeld kaun daher ohne Verlust von der Geldform in die Barrenform übergeführt werden, und es wird diese Manipulation auch oft genug vorgenommen. Währungsgeld kann desgleichen ohne Verlust exporttrt und im internationalen Verkehr als Zahlungsmittel verwendet werden. Ganz anders ist es beim Zeichengcld, bei der Scheidemünze. Hier wäre derselbe Vorgang mit bedeutenden, Verluste verbunden. Es ist kein Zweifel, daß das Nebeneinanderbestehen verschiedeuwerthigcn Geldes gewisse Gefahren in sich birgt, und trotzdem ist dasselbe bis zu einem gewissen Betrage geradezu ein Bedürfniß. Eine Gefahr liegt einmal in der sogenannten echten Nachprägung. Es liegt auf der Hand, daß bei der Thatsache, daß unsre Silbermünzen zur Hälfte unterwerthig sind, jemand, der Barrensilber ankauft und daraus Münzen von demselben Gehalte herstellt wie die echten, von, Staate geprägten, einen Gewinn von 100 °/g machen muß. Die Gefahr wird allerdings wieder bedeutend gemindert dadurch, daß die Herstellung unserer Münzen Maschinen von großer Genauigkeit und bedeutendem Kapitalaufwandc erfordert, weßhalb nur ein größerer Betrieb rentireu könnte. Dieser bliebe aber wieder nicht leicht verborgen. Eine weitere Gefahr liegt darin, daß Zahlungen nur in schlechtem statt in vollwerthigem Gelde geschehen. Diese Thatsache ist unter dem Nennen des Gresham'schcn Gesetzes bekannt. Schlechtes Geld vertreibt gutes Geld. Es ist dieses Gesetz äußerst wichtig und spielt bei der Frage der Durchführbarkeit des Biincmllismns eine außerordentliche Rolle. Wenn schlechtes und gutes Geld in einem Lande nebeneinander bestehen, so wird das schlechte im Zulande verwendet; denn hier wird es znm vollen Werthe in Zahlung genommen. Das gute, das vollwerthige Geld fließt ins Ausland, da es lediglich im internationalen Verkehr zur vollen Geltung kommt. Diese Wirkungen könnten unter Umständen auch eintreten in einem Lande, das zwar nur ein Währungsgeld besitzt, daneben aber eine große Anzahl Scheidemünzen. Diese Wirkung wird dadurch vermieden, daß Scheidemünzen nur in beschränkter Menge ausgegeben werden; von einer privaten Präge- sreiheit ist dabei keine Rede. Ferner wird ihnen die Eigenschaft, gesetzliches Zahlungsmittel zu sein, nur in ganz beschränkter Weise beigelegt. Endlich wird dafür gesorgt, daß jederzeit dafür vollwerthiges Geld ohne Abzug umgetauscht werden kann. Durch diese Behandlung der kleinen Münzen werden dieselbe,! im Verkehr erhalten und sowohl vor den, Einschmelzen als dem Export bewahrt, andrerseits doch keine Gefahr für den soliden Geldverkehr geschaffen. Dieselben Cautclen müssen bei Ausgabe von Papiergeld beobachtet werden. All' die eben aufgezählten Thatsachen nehmen wir nur wahr im internationalen Verkehr, in, Zulande treten diese Thatsachen nur infolge der Wechselbeziehungen zum Aus- lande hervor. Es ist daher eine der wichtigsten Aufgaben der Währungspolitik, vollwerthiges, im internationalen Verkehre beliebtes Geld zu besitzen. Die Währnngsfrage ist keine nationale, sondern eine internationale Frage, und ihre Bedeutung und Schwierigkeit tritt erst dann hervor, wenn die Beziehungen der Länder untereinander, insbesondere solcher mit verschiedenen Währnngssystemcn, in Betracht gezogen werden. Zuvor ist es jedoch nothwendig die wichtigsten Währnngssystemc kennen zu lernen. Man unterscheidet sogenannte metallische Währnngs- systcme und Papicrwährilngssysteme. Letztere sollen hier nicht weiter in Betracht kommen. Die metallischen Währnngssystemc zerfallen wieder in monometallistische Systeme (Goldwährung, Silber- währung, hinkende Währung), bei denen lediglich ein Metall die Grundlage des Geldverkehrs bildet, und in das System der Doppelwährung, bei welchem der Geld- verkehr auf einer gleichzeitigen Verwendung zweier Metalle zum Währungsgelde (Gold und Silber) beruht. I. Die Silber Währung: Bei der reinen Silber- währung ist der Werth des Geldes mit dem Werthe des Silbers verknüpft. Währnngsgeld ist lediglich das Silbergeld. Es erfordert also mindestens eine Silbcrmünze. Wesentlich ist die Frcigcbnng der Silbcrmünze für Privat- prägung, jeder kann also verlangen für Barrensilber Silbergeld ausgeprägt zu erhalten. Die Silbermünze ist unbeschränkt gesetzliches Zahlungsmittel. Neben den Silbermünzen können auch Goldmünzen vorkommen. Allein diese sind nicht Währnngsgeld, sondern lediglich Handelsniünzc. Zhr Verhältniß zum Währnngsgeld ist nicht festgelegt. Ihr Werth, in Silber ausgedrückt, bestimmt sich lediglich nach Angebot und Nachfrage. II. Die Goldwährung: Goldgeld ist Währnugs- gcld. Freie Privatprägnng hat man nur für Gold. Der Werth des Geldes hängt lediglich vom Werthe des Goldes ab. Daneben finden sich Silbermnnzcn. Diese werden jedoch unlerwcrthig ausgeprägt und dienen lediglich Scheiden,ünzzweckeu. III. Die hinkende Goldwährung. Dieses System gilt bei uns in Deutschland. Währnngsgeld ist lediglich das Goldgeld. Das Gold bestimmt den Werth des Geldes. Freie Privatprägnng ist lediglich für Gold zugelassen. Daneben finden sich silberne Münzen als Scheidemünzen; außerdem haben wir aber noch eine Silbermünze, die weder Währungsgeld noch Scheidemünze, sondern lediglich Courantmünze ist. Es sind dies unsere Dreimarkstücke (Thaler). Sie sind noch ein Ueber- rest aus der Zeit der Silberwährung. Ihre Prägung ist eingestellt. Sie wurden seinerzeit zu dem Verhältnis; 1:15'/z ausgeprägt, sind daher wie die Scheidemünzen stark unterwerthig. Die Folgen des Gresham'schcn Ge» setzeS werden vermieden nicht durch Beschränkung der Zahlungsfähigkeit, wohl aber durch Beschränkung des umlaufenden Betrages. Die Einziehung der Thalerstücke wäre gegenwärtig für Deutschland mit großem Verluste verbunden. IV. Die Doppelwährung: Gold und Silber sind in gleicher Weise Währungsmetall. Währungsgeld wird aus Gold und Silber hergestellt. Was das wichtigste ist: freie Privatprägung ist für Gold und Silber zugelassen. Dabei ist zwischen Gold und Silber ein gesetzliches Werthverhältniß festgesetzt. Das ist nothwendig, weil beide Metalle als Zahlungsmittel verwendet werden sollen. Beispielsweise wird also durch das Gesetz bestimmt, daß 1 Pfd. Gold den gleichen Werth haben soll wie 15*/z Pfd. oder 20 Pfd. Silber. Hierin liegt ein Moment, welches für Beurtheilung des Bimetallisnws von wesentlicher Bedeutung ist. (Fortsetzung folgt.) Dillingen. Von Hugo Arnold. (Fortsetzung.) Ein Seitenzweig des Geschlechtes, welcher mit alt dillingischcn Gütern im Brcuzthale und auf der Rauher Alb ausgestattet war, bekleidete in der zweiten Hälft des 11. und um die Mitte des 12. Jahrhunderts da- Pfalzgrafcnamt des Herzogthums Schwaben. Mit Pfalz gras Adalbert (1125 — 1148) und dessen Bruder Walte (Bischof von Augsburg 1138—1154), die im Bereit mit zwei andern Brüden, das Kloster Anhäufen grün beten, scheint dieser Zweig der Familie erloschen zu sein worauf sein Besitz meist an die Hanpttinie des Hauses die pfalzgräfliche Würde aber an die Grafen von Tübinger kam. — Auf die in der heutigen Schweiz gelegenen Be sitzungen des Hauses, die wie eben erwähnt Graf Hart mann I. ererbt hatte, wurde eine eigene Linie desselben abgetheilt, die sich, urkundlich nachweisbar erst nach der Mitte des 12. Jahrhunderts, Grafen von Kiburg nannte. Sie zahlt Heitwig, die Mutter Kaiser Rudolfs von Habs- bnrg, Zu ihren Gliedern und erlosch im Mannesstamm um dieselbe Zeit, wie der Hauptzweig der Dillinger, im Jahre 1264. Ihre Besitzungen fielen an Kaiser Rudolf, noch hent zu Tage führen die Kaiser von Oesterreich den Titel der Grafen von Kiburg und bedienen sich die Habsburgischen Prinzen aus Reisen gerne desselben im Jncognito. Als eine weitere Linie des Hauses hat man lange die Herren von Werde, d. i. Donauwörth, betrachtet, bei denen, wie bei den Dillingern der Name Mangold 363 1 » » » 4 heimisch war. Allein diese bilden ein eigenes, vornehmes Geschlecht hohen Adels, ohne den Grafentitel zu führen, wie Erzbischof v. Steichele nachgewiesen hat. Mit der alten Grafenburg hebt die Geschichte der modernen Stadt Dillingen an. Als eastcrllurir OilinZa, wird sie zum ersten Male im Jahre 973 genannt, da der hl. Ulrich seinen Neffen Richwin, den Sohn seines Bruders Dietpald, dort besucht und sein anderer Neffe Adalbero, der Sohn seiner Schwester Lnitgarde, dort stirbt. Noch in der Gegenwart ist sie das interessanteste Bauwerk der Stadt, sowohl in rein geschichtlicher, als in archäologischer Hinsicht, und insbesondere auch wegen des Nmstandes. weil sie die Wiege, der Kern geworden ist, woraus sich die gegenwärtige Stadt entwickelt hat, denn das eigentliche alte Dillingcn lag ungefähr eine halbe Stunde von der Burg, eine Viertelstunde vom obern Stadtthor weiter gegen Westen; wahrscheinlich war es nur ein Weiler von wenigen Häusern, der den Namen Ober-Dillingen trug. Mit dem hohen geschichtlichen Alter der Ansiedlnng an diesem Platze stimmt auch überein, daß hier, auf dem Bergvorsprunge unterhalb der sogen, „oberen Quelle" eine dem hl. Martinas geweihte Kirche stand, welche durch ihren von fränkischen Glaubensboten inS Schwabenland verpflanzten Patron schon auf ihre Gründung zu sehr frühen Zeiten hinweist. Dieses Gotteshaus war auch die ursprüngliche Pfarrkirche von Dillingen, bis gegen Ende des 13. Jahrhunderts der Pfarr- sitz in die Stadt selbst verlegt und die St. Peterskirche zur Pfarrkirche erhoben wurde. Jetzt und seit langem ist der Ort völlig von der Erde verschwunden, ohne daß wir von den Umständen oder der Zeit seines Abganges etwas wissen; wahrscheinlich ist es dort gegangen, wie bei vielen andern vor den Thoren einer Stadt gelegenen kleineren Ansiedlnngen, deren Bewohner ihre alten Heimstätten verließen, um hinter den festen städtischen Mauern Schutz zu finden. Wenn es übrigens gestattet ist, eine Vermuthung zu wagen, so mochte ich an diesen Platz jene knüpfen, das; das schwäbische Oberdillingcn der Nachfolger der prähistorischen Niederlassung sei, deren Gräberfeld nuten am Ziegelstadel entdeckt wurde, wie oben berichtet worden ist. An den Armen des rauschenden Stromes, deren Rinnsale heute noch die „Kleine Donau" und die verschiedenen Altwasser bezeichnen, wurde die Burg erbaut, doppelt fest durch ihre Situation an dem mnnüerschreit- baren Gewässer und durch ihre bauliche Anlage. Ich möchte nicht mit aller Bestimmtheit behaupten, das; die imponirenden Reste der alten Mauern und Thürme, die wir heute noch anstaunen, schon der allerältesteu Burg angehören, das; schon das Auge des Streiters gegen die Ungarn, des hl. Ulrich, vertrauensvoll aus ihnen geweilt hat, denn das Material, aus denen sie aufgeführt sind, die bei den Archäologen verschiedener Umstände wegen berühmt und berüchtigt gewordenen sogenannten „Bossen"- „Buckel"- oder „Kropf"-2uadcrn, geben keine sicheren Anhaltspunkte für die zeitliche Bestimmung der wuchtigen Bauwerke, denen sie jahrhundertelange Dauer verleihen. Den eben angeführten Namen tragen Quadcrstücke, die nur an den Fugen bearbeitet, an der Außenseite aber roh gelassen sind oder doch eine rauhe Fläche zeigen; häufig läuft längs der Fugen au den Außenseiten ein schmaler Rand, der sogenannte Randschlag. Diese Bossen- oder Buckclquader sind ein wahres Kreuz für die Archäologen geworden, ein Zankapfel, der zu den heftigsten Fehde» Veranlassung gegeben hat, und ich nehme mir die Freiheit, hier eine kurze Betrachtung über sie einzuschalten, weil der mittels Feder und Blcilettern geführte grimmige Streit auch um die Mauern der Dilliuger Burg getobt hat, wenn er sie auch nicht mit Blut röthcte wie einst die todesmuthigen Bestürmer. Es handelt sich nämlich um zwei Dinge bei ihnen, erstens um den Zweck der über die Fugen und den Randschlag vortretenden Bossen oder Buckel, und zweitens über die Väter oder Erzeuger dieser technischen Vorkehrung und hiemit um die Zeit ihrer Entstehung. Behufs Erklärung des Zweckes griff man zu ziemlich gezwungen klingenden Auskünften, indem man meinte die Buckel sollten das Anlegen von Sturmleitern erschweren, bezw. verhindern, oder sie sollten den Mauern gegen den Stoß der Angriffsmaschinen, der „Widder", und gegen die zerstörenden Einflüsse der atmosphärischen Niederschlüge größere Festigkeit verleihen, während eine ganz einfache und von Hause aus nahe liegende Erläuterung für die Belassung der natürlichen Bruchfläche in der Arbeitsersparniß des Steinmetzen liegt, ferner in dem Umstände, daß das Behauen der Vorderfläche technisch nicht nöthig war; vielleicht hat auch die trutzigere Erscheinung eines derartigen Mauerwerkes das Gefallen der streitbaren Baumeister jener wildbewegten Zeiten erregt. In Betreff der Herkunft unserer Quadern schrieb man die Vaterschaft in jenen Jahrzehnten, da die Alter- thumskunde noch in den Kinderschuhen wissenschaftlicher Forschung stak und für alles Große und Schöne keine andern Urheber zu finden vermochte, als die welt- beherrschenden Römer, selbstverständlich ebenfalls diesen zu, bis sich auch in dieser Beziehung der Wind drehte und — bei den Forschern wenigstens — die entgegengesetzte Anschauung durchdraug, indem man nunmehr behauptete, die Buckelqnadern stammten bestimmt nur von den Händen mittelalterlicher Steinmetzen her mrd bildeten somit ein ganz zuverlässiges Kriterium gegen den römischen Ursprung der Bauwerke, an denen sie sich finden. Das trifft nun allerdings bei den allermeisten, hier in Frage kommenden Mauern und Thürmen zu, aber doch nicht bei sämmtlichen Bauwerken, denn man hat bei unzweifelhaft römischen Ruinen auf deutschem Boden, z. B. an der kortu praetoris. des römischen Castclls zu Regensburg, an den Uebcrbleibscln der römischen Castelle zu Oberscheidenthal in Baden und zu Miltcnberg, am sogen. „Hcidenthurm" in Lindau, Buckelquadern mit und ohne Randschlag entdeckt. Man darf sich also recht sehr davor hüten, das Kind mit dem Bade auszuschütten, und muß bei Buckelqnaderbauten alle Kennzeichen untersuchen, welche für die Bestimmung des Baues maßgebend sein können. Derlei sind denn in der Regel für den Kenner zur Genüge vorhanden, um ein sicheres Urtheil zu fällen und nicht den Fleck neben das Loch zu setzen, wie der Bleister Zwirn sagt. Des Raumes wegen muß ich ihre Erwähnung au dieser Stelle unterlassen, weil ich sonst zuviel Theorie über römische und mittelalterliche Architektur, namentlich auch über Burgcubau, entwickeln müßte. Hinsichtlich der Bnckelquadern au den Mauern und Thürmen deutscher Städte und Burgen läßt sich also — kurz gesagt — stets annehmen, daß sie aus dem Mittelalter stammen, bis nicht ihr römischer Ursprung anderweitig bewiesen wird. Sehr schwierig läßt sich die Frage nach ihrem Alter beantworten. Sie kommen nämlich fast ausschließlich im südlichen und westlichen Deutschland und bei Burgen m 364 -er Regel an dem Hauptthurme vor, an dem sogenannten Bergfried, aber auch in den Manern und Thürmen von Städten, Z. B. in Mühldorf am Jim und in Ncichenhall. Die Entstehung der Mehrzahl dieser Vnrgcnbanten nun ist in das 12. und 13. Jahrhundert zu setzen, wiewohl einzelne auch in das 11. Säcnlum, vielleicht noch weiter zurückreichen mögen; in absteigender Stufe kommt Buckel- quadermauerwerk noch im 15. Jahrhundert vor, z. B. an der Nürnberger Stadtnmfassnng. Die Zeitspanne, welche die Anwendung der Bnckelquadern umfaßt, ist demnach sehr weit, und eine Altersbestimmung nach diesem Mauerwerk allein zu treffen, bereitet große Schwierigkeiten, soferne nicht andere Anhaltspnnkte zu Hilfe kommen. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Weis; Hugo, Judas Makkabäus: Ein Lebensbild aus den letzten großen Tagen des israelitischen Voltes. 8°, VIII -j- 122 SS. Freiburg i. Br., Herder 1897. M. 2.00. s. Der Verfasser hat sich die Aufgabe gestellt, einzelne Partien der biblischen Theologie in besonderer Darstellung zu behandeln. So beschenkte er nns bereits mit einer Monographie über „David und seine Zeit" (Münster 1880) sowie über „Moses und sein Volk" (Freiburg 1886) und „die Bergpredigt Christi" (Freiburg 1893); diesem Werk reiht sich das vorliegende neue würdig an; es führt uns. in eine große Zeit zurück, die wir ob des Hcldenmutbes' und der Glaubenstreue anstaunen müssen. Nachdem die Makkabäischen Brüder auch durch das römische Brevier geehrt werden, eine Auszeichnung, die für Heilige des alten Bundes selten ist. wird die mit Gründlichkeit und Genauigkeit abgefaßte Schrift gewiß allen willkommen sein, die sich einmal näher über die Geschichte jener Zeit orientiren wollen. Leo Taril's Palladismus-Roman oder die Enthüllungen „Dr. Bataille's", „Margiotta's" und „Miß Vanghans" über Freimaurerei und Satänis- mus, kritisch beleuchtet von Hildebrand Gerber. (Pater H. Gruber 8. 3.) Zweiter Theil: Do- menico Margiotta und seine „Enthüllungen" über „Palladismus" und Freimaurerei. 263 S. 2,50 M. Verlag der Germania, Berlin. Die beste Antwort auf jüngste Angriffe in der Presse und im preußischen Abgeordnetenhaus«: gegen die Intelligenz der gläubigen Katholiken ist der soeben erschienene zweite Theil des Werkes Leo Taxil's Patladis- m ns - Ro m a n von k. H. Gruber 8. 3. So geht zunächst ausAiesem zweiten, wie schon and dem ersten Theile zur Evidenz hervor, daß, entgegen den „schmähsüchtigen" Darstellungen in der Presse und im preußischen Landtag, im katholischen Lager die nöthige Intelligenz wohl und reichlich vorhanden war, um den Schwindel völlig zu durchschauen. Xovnm lestamontum: Oraooum tsxtum reooKnovit, latinnm äesoi'ipsit, ntrnmgus cwnotaticmibns eritieis illnstravit Llivb. Hetrio nauer (c>. 0.). 6°, 1. I. (LvanH'olium) xp. I-XIV -ff 340. LI. 3,20. Oeuiponto, ckiibr, 'tVaKlisriaira 1890. Hpuck aoatboliooruni exsZ'otas saorao soripturso «tnckium oritivum in touto ilors viZ-st, ut nos all aliuck loosre xossimus, guoin istoruin assickua oxera lanäare atgns Zrato annncr uti üs, guas nobis praebontur, onnr ipsi t'si's nibil baboamu8. ^.vAtorunr iwpriinis säitiones biblioao 1ain oloxantia gnain orisi äiliKentor aäbidita praooellunt. Llaxiio omn Aauckio clionnus nnuo cksniguo in bao rs Zravi etiain o oostn oatbolloorcnn tiori initiuin, gui papas gnickem onoz'elieas littsraa ounnnis eikorunt lauckibns, sock oxsrancll arenain prot6stantibn8 toro totain conceäunt. 8ans tsuapns oral, nt tbooloZäs nostris alia in mannn trackorotnr novi tsstamonti eckitio, ao illa Lsitlunazwri anni 1847, gurun ackbuo invenimus. IIov» base vonnnvcka ao niticko oxonsa oäitio a p. Niobasli Hot-ionauor parata sanain m««nu8oriptoruni ae ec1ition«mc orisin soguitur. Opsrum aäbibitorum inäsx oclitioni praoit, in guo stiarn — mirmn! — IsAiinus istain Hüla- üampii „inanuckuotiouem littorariam", oxus tanti ponckoris ao vatoris; risurn tenoatis ainioi! Lckitio baso novi tö-rta- insnti Araseo-latina tribus toinulis eoinxtsbitnr. Theologisch-praktische Monatsschrift. Monat- lich erscheint 1 Hcst in der Stärke von 5 Bg. oder 80 S. gr. 8°. Preis ganzjährig 5 Mk. In Commission der Buchhandlung Gg. Kleiter in Passau. Inhalt des 9. Heftes 1897: Die Predigtweise des Verthold von Regensburg. — Die Verdienste des seligen Petrus Canisius um die Kirche. (Schluß.) — Der Klerus und die Tagespresse. — Pastorelles von der Reise. (Neue Folge.) — Was kann und soll der Seelsorger thun, um der zunehmenden Verarmung des Volkes entgegenzuarbeiten? (Schluß.) — Müssen die Jntestaterben ern formloses Testament anerkennen. — Die Behandlung der Männer in der Seelsorge. — Ist die sogen. Josephsehe gültig und ein wirkliches Sakrament? — Ein instruktiver Provisurgang. — Winke für den Convertitenunterricht. — Beachtenswerthe Kleinigkeiten. — Neueste Erlasse und Entscheidungen der römischen Congregationen. — Literarische Novitätenschau. Liter arische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von vr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Dreiund- zwanzigster Jahrgang: 1897. 12 Nummern. M. 9. —. Freiburg i. Br. Herder'sche Vcrlagshandlung. Inhalt von Nr. 9: Neue hymnologische Untersuchungen von Clemens Blume 8. 3. und Guido M. Drcves 8.3. (Weyman.) — Scheyrer, Das Auferstehungsdogma in der vornicänischen Zeit. (Dörbolt.) — Huck. Dogmenhistorischer Beitrag zur Geschichte der Waldenser. (Paulus.) — Zöckler, Askese und Möuchthnm. (Albers.) — Rehmke, Grundriß der Geschichte der Philosophie. (Braig.) — loparslli ä'/^egstio-IAobot, Oe l'oriAino (tu pouvoir. (Helmcr.) — v. Schönberg, Handbuch der Politischen Oekonomie. (Walter.) — Oalanck, lAs Vitrmock- basutras ok Lauäbe.z ana, Iliranz'aüosiv, 6autoina. (Hardy.) — Joachim, Die Politik des letzten Hochmeisters in Preußen, Albrecht von Brandenburg. (Kolberg.) — Hürbin, Peter von Andlau. (Albert.) — v. Lettow - Vordeck, Geschichte des Krieges von 1866 in Deutschland. — Rieoi, Antonio HIIoKri cla OorroZto. (Weizsäcker.) — Günthcr-Gcigcs, Unser lieben Frauen Münster zu Freiburg i. Br. (Keppler.) — Hattler, Der geistliche Mai und geistliche Herbst. (Falk.) — Bisle, Zeugnisse aus der Natur. (Weber.) — Wildermann, Jahrbuch der Naturwissenschaften 1896 — 1897. (Weinschenk.) — Nachrichten. — Büchertisch. Historisches Jahrbuch der Görresgesellschaft. Kommissionsverlag von Herder u. Cie. in München. (Jährlich 4 Hefte, zus. 12 M.) XVIII. Jahrgang. 3. Heft. Inhalt: Aufsähe. Kopp, Petrus Paulus Ver- gerius der Aeltere II. v. Schmid. Der geistige Entwicklungsgang Joh. Adam Möhlers II. — Kleine Beiträge. Weyman, Nachtrag zu Hist. Jahrb. XVIII, 357 f. Weyman. Paulmus von Nola, ein Zeuge für die theophorische „pompa" vor der Messe? Diekarnp. Die Biographie des Erzbischofs Andreas von Cäsarea im Ooäsx Ftbous 129 (S. Pauti 2). Ra hing er. Die Passauer Annalen. Eubel, Vom Zaubereicmwesen anfangs des 14. Jahrhunderts. Sauer land, Ergänzungen zu dem von k. K. Eubel und Or. L. Schmilz gelieferten Jtinerar Johannes XXIII. Kneller, Wann erschien zum ersten Mal der große Katechismus des sel. Petrus Canisius? — Recensionen und Referate, krossntti, RoZösta Honorii l?apas III, vol. 2 (Baumgarten). Lrow, Lullarium liaiootonss, vol. 1 und 2 (Bau m- garten). Hottbast, Dibliotüooa bi8torioa meäü rcsvi, Bd. 1 u. 2 (Meier). — Zeitschrifteuschau. — Novitätenschau. — Nachrichten. Nerantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 1 ^. 53 . 11. Krpt. 1897. Katholicismus und Wissenschaft. (Stenogramm der Rede des Frhrn. v. Hertling auf dem Deutschen Katholikentag in Landshut.) (Redner wird von der Versammlung mit stürmischem Beifall begrüßt.) Gelobt sei Jesus Christus! (Vers.: In Ewigkeit. Amen.) Excellenz, Hochwürdigster Herr Bischof, hochverehrte Versammlung! Der sehr verehrte Herr I. Präsident hat in seiner Eröffnungsrede ein Programm der Generalversammlung entwickelt, er hat die verschiedenen Themata berührt, die hier zur Verhandlung kommen sollen, und so hat er den nachfolgenden Rednern im Grunde nur die Aufgabe zugewiesen, diese einzelnen Themata, sei es weiter auszuführen, sei es auch nur ergänzende Bemerkungen zu dem von ihm bereits Gesagten hinzuzufügen. Dies gilt im großen auch von mir, dem die Rednercommission das Thema „Katholicismus und Wissenschaft" zugewiesen hat. Indem ich mich zur Erörterung dieses Themas anschicke, darf ich zunächst noch ein Wort von dem auch bereits von dein Herrn Präsidenten erwähnten internationalen katholischen Gelehrtencongreß in Freiburg sagen, nicht etwa nur darum, weil ich selbst diesem Eongresse beigewohnt habe, sondern ausdrücklich deßhalb, weil die Erwähnung dieses Coimresses die beste Illustration meines Themas abgibt. Nahem 700 Männer waren in Freiburg erschienen. (Bravo!) Franzosen und Engländer. Polen und Italiener, Spanier, Amerikaner und Deutsche. Man sah die Tvpen der verschiedensten Nationalitäten, man hörte die Laute ihrer Sprachen, und auch die Gegenstände der Berathungen waren außerordentlich verschieden. Denn der internationale Congreß war ein wissenschaftlicher Congreß, und zwar handelte er von der Wissenschaft im weitesten Sinne. Da sprach man von Mathematik, Physik und Kunstwissenschaft, von Philologie und Nationalökonomie, und von allen anderen Gebieten menschlichen Wissens. Und nun, meine Herren, werden Sie fragen, was war denn in dieser ungeheuren Verschiedenheit der Nationalitäten, bei diesem weiten Auseinandergehen wissenschaftlicher Interessen, was war denn der Einheitspunkt, was war das Band, das alle diese verschiedenen Elemente verknüpfte? Dieser Einheitspunkt, dieses vereinigende Band, es war die gemeinsame Unterwerfung unter die kirchliche Autorität. (Bravo!) Es war die gemeinsame Absicht, Zeugniß dafür abzulegen, daß zwischen Glauben und Wissen, zwischen dem Inhalt der göttlichen Offenbarung und dem sichergestellten Ergebniß menschlichen Wissens niemals ein Widerspruch bestehen kann. (Bravo!) So hat denn jener Congreß in der That unser Thema illustrirt, er hat uns gezeigt, daß auch in der Gegenwart eine Harmonie zwischen Katholicismus und Wissenschaft besteht. Ich sage absichtlich: in der Gegenwart: denn daß diese Harmonie m der Vergangenheit bestand, darüber ist kein Streit. Auch unsere Gegner müssen zugestehen, daß es im Mittelalter eine katholische Wissenschaft gab. Wer wollte die große Cultur-mission der Kirche m den früheren Jahrhunderten leugnen? Wer es leugnen wollte, dem werden die Blätter der Geschichte, die (stoßen Denkmäler der vergangenen Jahrhunderte entgegenstehen. Die Glaubens- doten, die den barbarischen Völkern das Evangelium verkündeten, sie waren zu gleicher Zeit die Lehrer aller Bildung und Gesittung, sie waren es, die unseren! Vaterlandc die Wälder ausrodeten und die Sümpfe austrockneten, sie waren es, die in ihren Klöstern die Jugend unserer Vorfahren mit allen Wissenschaften bekannt machten. Und nicht nur das. die fleißigen Mönche der vergangenen Jahrhunderte, sie waren es anch, die in unermüdlicher Thätigkeit die Schätze der antiken Wissenschaften dem späteren Geschlechte übermittelten. Als daher die Renaissance so hochmüthig auf das Mittelalter herabblickte,, als sie sich berauschte von dem Glänze der antiken Wissenschaften, als sie schwelgte in dem Genusse der römisch- griechischen Redner und Dichter, da vergaß sie, daß es die mühevolle Arbeit der Mönche gewesen war, denen sie allein diese Schätze verdankte. Und nicht nur als erziehende Macht, nicht nur im Sinne der Erhaltung der alten Wissenschaften war die Kirche thätig, sondern sie erzeugte auch selbstständig eine eigene Wissenschaft. AnS den Klosterschulen, aus den Schulen der Kathedralen gingen die großen Hochschulen des Mittelalters hervor; zahllose wißbegierige Jünglinge schaarten sich um sie, und wie in den alten Zeiten zn Alexandrien eine Schule christlicher Wissenschaft stand, wo die christliche Wissenschaft die antiken Lehren in sich aufnahm, um sie im Sinne des Christenthums zu verwerthen, so geschah es neuerdings, im Mittelalter. Alles, was bis dahin die geistige Kraft zu Tage gefördert hatte, was die antiken Denker erforscht hatten, was unsere Vätcr in erleuchtetem Sinne hinzugefügt hatten, was die ganze Weisheit der Araber hinzugesetzt hatte, das Alles vereinigten in den großen Centren der katholischen Wissenschaft die großen Heroen des Mittel- alters. und es entstanden jene Lehrgebäude, die uns heute anmuthen, wie die großen gothischen Dome. Und es entstanden jene unsterblichen Sonnen eines Albertus Magnus, Thomas von Äguin. (Bravo!) Und so sage ich, darüber kann kein Streit bestehen, daß es in den vergangenen Jahrhunderten ein harmonisches Verhältniß zwischen .Katholicismus und Wissenschaft gab. Aber nun behaupten unsere Gegner, daß das mit der neuen Zeit anders geworden sei; sie leugnen nicht, daß die Kirche im Mittelnlter die Lehrmcisterin der Völker gewesen sei, aber sie behaupten, daß die mündig gewordenen Völker der Lehrmeisterin nicht mehr bedürfen, daß die Wissenschaft, die vom 16. Jahrhundert an beginnende, ihren Siegeslauf über die Erde vollzogen hat; und sie fügen hinzu, daß daS doch eigentlich erst die wahre und ächte Wissenschaft sei, daß diese Wissenschaft mit dem Katholicismus sich nicht vertrage. Gerade am Anfange, sagt mau uns, besteht schon der große Conslikt der alten aristotelischen und ptolemäischen Weltanschauung mit den Lehren eines Kopernikus, Galilei, Newton. Die.Alten meinten, daß unsere Erde im Mittelpunkt der Welt stehe, daß sich darum wie krystallene Sphären die Gestirne bewegen, daß das ganze Gebäude eingeschlossen sei vom Fixsternhimmel, und daß dann jenseits des Fixsternhimmels das Paradies beginne. Die Entdeckungen der Männer der Neuzeit haben nun dieses Gebäude zerschlagen; die Erde ist nicht im Mittelpunkte der Welt, sie ist ein kleiner Planet, der um die Sonne kreist, und die Sonne selbst ist nicht der Mittelpunkt des Alls. Noch vor wenigen Jabren hat David Strauß daS höhnende Wort gesprochen, daß durch die Entdeckungen des Kopernikus, Galilei und Newton an den persönlichen Gott die Wohnnngsnoth herangekommen sei. So dachte damals im 16. Jahrhundert und später gar mancher/ sie glaubten, daß mit der mittelalterlichen Weltanschauung das Christenthum müsse begraben sein, daß man mnr Aristoteles und Ptolemäus anch den Glauben an den persönlichen Gott habe aufgeben müssen, Heilte lächelt jeder ernste Blaun über solche Thorheit ; was macht es aus, daß , unsere Erde nicht mehr der Mittelpunkt des Weltalls ist, was macht es aus. daß wir nicht mehr mit Aristoteles und Ptolemäus jenseits des Fixsternhimmels das Paradies vermuthen? Nur um so unermeßlicher dehnt sich für uns das Weltall aus, nur um so größer wird für uns das Zeugniß für die Macht des Schöpfers. (Lebhafter Beifall.) Man sagt uns weiter, das war nur der Anfang; im 16. Jahrhundert da begann ja erst die Naturwiffenschaft ihre ersten tastenden Versuche. Seitdem haben sie sich befestigt, seitdem sind sie die Wissenschaft geworden, und diese Wissenschaft hat euren Glauben besiegt. Denn, die Naturwissenschaft leitet uns an, in allem, was uns in der Natur umgibt, nur die Erzeugnisse eines nothwendig verlaufenden mechanischen Geschehnisses zu erblicken. Das erste und letzte, das ist der Stoff und die Bewegung. Aus nranfünglichen Elementen, die mit bestimmten Kräften begabt waren, die nach bestimmten Gesetzen thätig waren, hat sich Alles und Jedes entwickelt. Alles, was heute ist, das Weltall mit seinen Planeten und Sonnen und jedes kleine Gesträuch am Wege, Alles unterliegt der Nothwendigkeit der Naturgesetze, und darum ist kein Platz mehr für den schöpferischen Gott, darum ist kein Raum mehr für die Welterhaltung, darum ist noch viel weniger Platz sür das Wunder. So behauptet nicht die Wissenschaft, sondern der vulgäre Materialismus. 366 der sich mit falscher Wissenschaft brüstet. (Lebhaftes Bravo!) Eine Zeit kann hat dieser Materialismus vielleicht Schule gemacht. Heute darf man kühn sagen, daß es keinen ernsthaften Gelehrten gibt. der auf materialistische Doktrinen noch irgend einen Werth legen wird. (Beifall.) Denn. wenn alles so ausgemacht wäre, wie die mechanische Natnrcrklärnng es uns zeigen möchte, so blieben nach wie vor die großen Fragen, die sie nicht lösen kann. Woher der Anfang der Weltbewegung, wie kam es, daß zum erstenmale jene materiellen Elemente sich in bestimmter Weise zusammenfanden, so daß gerade diese Bewegung, die wir kennen, entstehen mußte? Und was ist es. was den Naturgesetzen ihre Macht gibt? Ihr redet wohl von Naturgesetzen und doch bedeutet das Naturgesetz im Grunde nichts Anderes, als das; die Ereignisse regelmäßig in gleichförmigen Gestalten ac;chehen. Aber warum es so geschieht, welches die Macht ist. die den Ursachen in der Natur bestimmte Wirkungen ein- für allemal vorgezeichnet hat, das hat noch keine mechanische Naturerklärung zu sagen vermocht. Da liegen die großen Fragen, die uns immer wieder zur Anerkennung hinführen: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Und auch die nach dem englischen Naturforscher benannte weitberühmte Hypothese, die sogenannte Darwinsche Entwicklungslehre, hat darin gar nichts geändert. Kein größeres Vorurtheil, kein Zeichen geringeren wissenschaftlichen Lcrstehens, als wenn behauptet wird, mit dem Darwinismus sei die materialistische Weltansicht besiegelt. Die Entwicklungslehre sagt uns, daß die heute vorhandene Thier- und Pflanzenwelt nur das Ergebniß eines in der Vergangenheit liegenden, Jahrtausende durchlaufenden Processes sei, daß, was uns heute mit dem Scheine wunderbarer Zweckmäßigkeit täuscht, nur das nothwendige Ergebniß eines früheren langen mechanischen Processes sei. Nicht Gott, sagt man uns, hat die Dinge, die Pflanzen, Thiere so ausgerüstet, wie sie sind, damit sie ihr Leben bethätigen können, sondern unter den unzählig vielen Pflanzen und Thieren, die die vergangenen Jahrtausende erzeugt, sind nur diejenigen übrig geblieben, die sich unter den bestehenden Bedingungen erhalten konnten, und bannt glaubt man den Zweck aus der Natur beseitigt zu haben, damit glaubt man thörichter Weise die zweckschaffende, schöpferische göttliche Kraft beseitigt zuhaben. Keine größere Thorheit! Denn wenn es wahr wäre, was nicht bewiesen ist und gar niemals bewiesen werden kann, wenn es wahr wäre. daß in der Vergangenheit jener Entwicklnngsproceß stattgefunden hätte, so fragen wir immer wieder, woher der Anfang. Es bleibt die eine große Frage, woher das erste Lebendige, woher der erste Keiln kümmerlichen Lebens, aus dem dann die folgenden Jahrhunderte den ganzen Zauber der heutigen Natur entwickeln konnten? (Beifall.) Noch vor welligen Tagen hat ein hervorragender Vertreter der Wissenschaft, der in keiner Weise auf unserem Standpunkt steht, dieser Wahrheit Zeugniß gegeben. Virchow hat jüngst aiisdrücklich gesagt, der Darwinismus kann den Ursprung des Lebens nicht erklären. (Hört! hört!) Alles Lebendige setzt ein Lebendiges voraus. (Beifall.) Das erste Lebendige, fügen wir hinzu, es ging aus Gottes schöpferischer Hand hervor. (Beifall.) Und das Zweite, die zweite große Thorheit des Darwinismus ist, zu behaupten, daß diese Entwicklungsreihe continuirlich hingeführt hat bis zum Menschen. Nein, meine Herren, wenn es wahr wäre, was der Darwinismus behauptet, wenn jener Entwicklungsproceß des organischen Lebens stattgefunden hätte, so hätte er nicht bis zum Menschen hingeführt, sondern eine neue schöpferische Ursache hätte den Menschen als ein von allen Dingen durchaus verschiedenes Geschöpf in das Dasein gesetzt. Demi keine Aehnlichlcit der körperlichen Organisation, keine Erzählung aus der angeblichen Urgeschichte kann uns darüber hinwegtäuschen, daß den Menschen voin höchstorganisirtcn Thiere eine nnübcrfchrcitbare Kluft trennt. (Beifall.) Also, meine verehrten Herren, wenn die Naturwissenschaften nur wirkliche Wissenschaften bleiben, wenn sie nur das als gesichertes Ergebniß hinstellen, was wirklich gesichert ist, wenn sie nur das als wirkliche wissenschaftliche Theorie verkündet, was sie mit ihren Mitteln beweisen können, so ist kein Widerstreit zwischen unserer gläubigen Ueberzeugung und ihren Ergebnissen. (Bravo!) Der ganze Siegeslauf der Naturwissenschaften, den wir dankbar, den wir gerne anerkennen, hat also nur im Gegentheil dazu geführt, die grundsätzlich stets festgehaltene Harmonie zwischen Katholicismus und Wissenschaft neuerdings zu bethätigen. Es gibt keinen Gegensatz. (Lebhafter Bestall.) Nun aber, verehrte Herren, sagt man wohl, es möge mit den Naturwissenschaften stehen, wie es will. sie mögen denen, die da wollen, es überlassen, daß sie jenseits der sichtbaren und greifbaren Welt, der Dinge, die wir mit den Mitteln unserer exakten Forschung feststellen, noch irgend etwas Unerkennbares, einen Gott oder immer etwas suchen; aber mit dem alten historischen Christenthum, dünnt ist es doch zu Ende, denn es ist die Geschichte, die hier den Nachweis gebracht hat. Und so verändert man den Angriffspunkt. Nicht die Naturwiffenschaft, sondern die Geschichte soll es fein, die dem Katholicismus den Garaus zu machen berufen fei. Jedoch ist das nicht neu. Schon die alten Vertreter des Protestantismus der früheren Jahrhunderte glaubten, auf dem Wege der geschichtlichen Kritik der katholischen Kirche beikommen zu können, schon sie glaubten, erweisen zu können, daß das Meiste von den katholischen Ueberlieferungen unbegründet fei, daß Betrug und Täuschung zum sogenannten System der katholischen Kirche geführt hat. Dann haben ein Jahrhundert später die englischen Deisten den Gedanken aufgenommen, aber sie find nicht bei der katholischen Kirche stehen geblieben, sondern sie haben das gleiche Argument gegen alles positive Christenthum gekehrt und wollten nur bloßen Natnrstoff übrig lassen, indem sie behaupten, alles Uebrige sei im Laufe der Geschichte durch willkürliche Zuthaten hinzugekommen. Endlich haben wir es ja noch in unseren Tagen erlebt, mit welchem Eifer, welcher Energie, fast möchte ich sagen, Fanatismus die kritische Geschichtsforschung alle Mittel anwandte, um unsere Ueberlieferungen zu untergrabe!;. Und, meine Herren, was war das Ergebniß? Das Ergebniß war, daß alle die großen Ueberlieferungen, die mit der Lehre der Offenbarung in engem Zusammenhang stehen, nur als unerschütterlich feststehende Thatsachen erwiesen wurden. Zwei hervorragende protestantische Gelehrte haben in neuerer Zeit Aussprüche gethan, die überaus beherzigens- werth nach dieser Richtung sind. Das Ergebniß unserer historischen Untersuchung bestätigt weit mehr die katholische als die protestantische Auffassung. (Hott!) Und der andere hat gesagt: Das Ergebniß unserer auf die ältesten christlichen Urkunden gerichteten Untersuchungen ist viel mehr in; Sinn einer Wiederherstellung der alten Tradition als einer Untergrabung derselben. Lassen Sie mich diese beiden Zeugnisse noch durch eine persönliche Reminiszenz ergänzen! Bekanntlich hat seit der Mitte dieses Jahrhunderts die Erforschung des christlichen Alterthums einen ungeheuren Aufschwung genommen. Unter der Aegide des längst in Gott ruhenden großen Papstes Pins IX. hat namentlich die Katakomben- forschnng in Rom zu den größten, staunenswerthesten Resultaten geführt. Man hat dort die Spuren der ersten Christen mit den Händen greifen können, man hat dokumentarisch ihre Art des Lebens, ihre Einrichtungen, ihre Verfassung, kurz all' das nachweisen können, was vollkommen der katholischen Ueberlieferung entsprach. Nun bin ich selbst als junger Mensch vor 30 Jahren in den Katakomben gewesen, und hatte das Glück, geführt zu sein von dem verstorbenen Giovanni Battista de Nossi. Ich war der einzige Katholik, alle anderen waren Protestanten, zumeist protestantische junge Gelehrte, und ich war Zeuge des Eindrucks, den der Besuch der Katakomben und die Erklärung de Rossi's auf diese Zuhörer machte. Ick habe die Unterredung mitangehört. die sie auf ihrem Nachhauseweg führte;;, ich habe mit eigenen Ohren gehört, wie einer unter ihnen sprach: „Nach dem, was wir heute gesehen und gehört haben, kann unsere protestantische Austastung von der katholischen Ueberlieferung nicht mehr festgehalten werden. (Bravo!) Und so sage ich — ich muß mich ja auf die wenigen Bemerkungen beschränken —: So wenig wie die Natnr- wiffenschast kann die Geschichte irgend etwas feststelle;;, was mit den Lehren des Katholicismus im Widerspruch wäre. So sehr wie die Naturwissenschaft, so sehr wird auch die Geschichte immer wieder bestätigen, daß zwischen den beiden Quellen der Erlcnntniß ein Widerspruch nicht möglich ist. Aber, meine Herren, wenn das nun so ist, wenn kein Widerspruch zwischen Glauben und Wissen besteht, wenn das vorurtheckslose freie Forschen auf dem weiten Gebiete des Wissens nicht von (staubiger Ueberzeugung abführen kann, wenn es im Gegentheil dazu hinführen muß, wie kommt es dann, daß uns doch immer der Vorwurf gemacht wird. ein solcher Widerspruch bestände, und ein Katholik könne kein würdiger Vertreter der Wissenschaft sein? Was diese Frage betrifft, so bat unser sehr verehrter Herr Präsident schon einen Theil der Antwort vorweggenommen. Es ist leider nicht zu leugnen, daß wir an diesem uns immer wieder gemachten Vorwarf zu einem großen Theil mit Schuld sind. Denn, meine Herren, es genügt nicht, daß wir nur im Grundsatz behaupten, es bestehe kein Widerspruch zwischen Wissenschaft und Glaube, sondern es kommt darauf an, diesen Grundsatz auch im einzelnen jederzeit zur That werden zu lassen (Sehr richtig!), und ich kann dem sehr verehrten Herrn Präsidenten nicht Unrecht geben, daran haben wir es bisher wohl etwas zu sehr fehlen lassen. Nun brauchen Sie nicht zu fürchten, daß ich ein Klagelied über katholische „Jnferiorität" anstimmen werde. (Lebhafter Beifall.) Ich habe das Wort bisher nie ausgesprochen, und ich protestire gegen das Wort. Wer nnterlebt hat, was zumal das katholische Deutschland in den letzten 30 Fuhren geleistet hat, wer diese Masse politischer Arbeit und politischer Intelligenz mitangeseheu hat, wird über den Vorwurf der Jnferiorität Nur lächeln. (Sehr wahr!) Aber das, meine Herren, ist begründet, daß wir gilt thun werden, die Superiorität, die wir auf politischem Gebiet glänzend bekunden können und bekundet haben, auch auf wissenschaftlichem Gebiete zu bekunden. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Ich bin weit entfernt davon, die Wissenschaft überschätzen zu wollen, aber, meine Herren, ich kann wohl sagen, daß. wer sich überhaupt ernsthaft mit Wissenschaft beschäftigt, mehr und mehr von dieser Ueberschätzung abgeführt wird. Ich darf wohl sagen, daß wirkliche Beschäftigung mit der Wissenschaft nicht anmaßend, sondern bescheiden macht, (Sehr wahr!), daß, wer sich ernstlich mit Wissenschaft zu befassen hat, sich gar sehr der Grenzen alles menschlichen Wissens und gar sehr der Grenzen seines eigenen Könnens bewußt wird. Anmaßend macht nicht die Wissenschaft, anmaßend macht die Halbbildung (Bravo!), die mit erborgten Brocken der Wissenschaft prunkt und auf die Massen zu wirken sucht. (Allgemeiner lebhafter Beisall.) Was speciell den katholischen Gelehrten betrifft, so habe ich mir immer seine Aufgabe so gedacht, in dem Trinmphzng des lebendigen Gottes über die Erde als Fackelträger zu dienen. (Lebhaftes Bravo!) Aber auf der andern Seite freilich dürfen wir die Wissenschaft nicht unterschätzen, und da gilt doch zunächst, daß wir alle die Pflicht der Arbeit haben. Wohl sind wir ia, da wir durch Gottes Gnade Kinder der katholischen Kirche sind, im Besitze der übernatürlichen Wahrheit, wohl wissen schon unsere Kinder über die größten Fragen des Lebens mit einer Sicherheit und Klarheit Bescheid zu geben, um die sie mancher Weise beneiden möchte. Aber vergessen wir über dem glücklichen Besitz des übernatürlichen Glaubens nicht die Nothwendigkeit wissenschaftlicher Erkenntniß. (Lebhafter Beifall.) Wenn das zu allen Zeiten nothwendig war, so ist es besonders in der Gegenwart nöthig. Die Alten rühmten die Wiffcnschastlichkeit, daß sie den Menschen für sich allein glücklich zu machen im Stande sei, daß die Wissenschaft den Beruf l-abe, als rein theoretische Beschäftigung den Geist zu befähigen. Heute hat die Wissenschaft eme ganz andere Stellung, heute greift die Wissenschaft auf allen Punkten mächtig ins Leben hinein, heute sehen wir uns überall von Triumphen der Wissenschaft umgeben. Wenn es heute keine Grenzen mehr gibt, wenn alle Entfernungen ausgeglichen sind, wenn es kein Hinderniß mehr gibt, nicht das Meer und nicht die Berge und nicht die Eisberge, wenn alles die menschliche Kunst zu überschreiten im Stande ist, so ist es menschliche Wissenschaft gewesen, die die Wege bahnt, die die Formeln ausrechnet, die die Möglichkeit, dieses oder jenes Problem technisch auszuführen, zuerst theoretisch feststellte, und von diesem engen Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Technik, zwischen theoretischer Erkenntniß und Gütern der Cultur, von ihm ist ja heute unsere ganze Welt erfüllt. Jedermann weiß das. Jedermann preist die Wissenschaft vor allem, weil sie die Cultur so mächtig gefördert bat. Und nun sage ich, wir dürfen diese Güter doch nicht als Bettler von fremder Hand nehmen, wir müssen uns doch selbst an ihrem Erwerbe bckheiligen, wir müssen selbst mitwirken, um gleichfalls zu entdecken lind zu erfinden auf allen Gebieten, wie die Andersgläubigen es gethan haben, und namentlich, meine Herren, wenn unsere stndirende Jugend, die von Begeisterung für die Wissenschaft und ihre Macht erfüllt ist, in der Geschichte der Wissenschaft und der großen Errungenschaften des menschlichen Geistes immer nur die Namen Andersgläubiger findet, und nur hie und da einen katholischen Gelehrten, so ist die Versuchung sehr nahe für solche jugendliche und noch schwankende Geister, an die Jnferiorität des Katholicismus zu glauben. Diese Gefahr müssen wir beseitigen; wir werden sie wirksam beseitigen, wenn wir auf allen Gebieten menschlichen Wissens hervorragende Gelehrte besitzen. Das in der That ist nur der Wunsch, der mich von ganzem Herzen erfüllt. Ich stehe seit 30 Jahren in der Gelehrtencarriöre drinnen, meine Herren, es ist vielfach ein einsamer Weg gewesen: von den ersten Jahren an habe ich mich darnach gesehnt, daß diese Einsamkeit überwunden werde und eine große Zahl gleichstrebender Männer sich um mich schaaren möchte. Gott sei Dank, manches ist besser geworden, aber doch noch nicht viel. und wir sind immer noch die vereinzelten, man könnte sagen, die weißen Raben. So ist es die große Aufgabe des katholischen Deutschlands, diesem Uebelstande abzuhelfen, und mit unserem verehrten Herrn Präsidenten rufe ich auch unsere diesjährige Generalversammlung an, uns dazu zu verhelfen. Nicht jeder kann ja selbstverständlich ein Gelehrter sein, nicht jeder hat den Beruf, nicht jeder die Zeit, nicht jeder die materiellen Mittel, aber was wir von Ihnen Allen, ivas wir vom ganzen katholischen Deutschland anstreben, das ist die richtigeWerthschätzung wissenschaftlicher ' Äethätignng. (Lebhafter Beifall.) Weil der Weg eines katholischen Gelehrten vielfach ein einsamer ist, darum ersehnt er nichts mehr, als das Verständniß und die Sympathien seiner Glaubensgenossen, darum wünscht er vor Allem, daß in seinen Kreisen, in den Kreisen der Katholiken volles Verständniß für die Mission des Mannes auch der reinen Wissenschaft sei, und ganz besonders richte ich meinen Appell an alle die, denen die Erziehung der Jugend obliegt. Die Jugend ist ja so leicht für Ideale zu begeistern, die stndirende Jugend blickt voll Bewunderung anf die Größen der Wissenschaft bin, in talentvollen Jüngern der Wissenschaft ist es nicht schwer, das Interesse zu erwecken und die Neigung, selbstthätig anf dem Gebiete der Wissenschaft mitzuarbeiten. Stärken Sie dieseNeignng, begeistern Sie diese junaeHerzen und steigern Sie die Ideale wissenschaftlicher Bethätigung, indem Sie als ihre große Aufgabe hinstellen, diese wissenschaftliche Bethätigung in dem Sinne und Geiste der Kirche vorzunehmen. (Beifall.) Und nun zum Schlüsse denn auch noch ein Wort an die katholischen Gelehrten. Nicht daß ich sie aufzufordern hätte, mehr ivie bisher ihren Dienst der großen Sache zu widmen. Es ist ein anderer Wunsch, den ich ausspreche. Wir sind nur wenige in Deutschland, unsere Zahl ist immer noch verschwindend klein gegenüber der Zahl der anderen, und darum müssen wir vor allem zusammenhalten (lebhafter Beifall), und bannn können wir vor allem nichts weniger vertragen, als gegenseitiges Mißtrauen und gegenseitige Verdächtigung. Die Neigungen mögen verschieden sein, die wissenschaftlichen Gewohnheiten mögen verschieden sein, die speciellen Interessen mögen auscinandergeben. aber der Geist muß derselbe sein, der Geist ernstesten Strebens nach Wahrheit* und der Geist der katholischen Liebe. (Stürmischer Beifall und nicht enden wollender Jubel und Händeklatschen.) Dillingen. Von Hugo Arnold. (Fortsetzung.) Was nun das gegenwärtige Schloß zu Dilliugen betrifft, so ist vor allem davon keine Rede, daß die alten Buckelquadermaueru römisches Bauwerk und hier ein römisches Castell gewesen sei, wie man bis vor kurzer Zeit allgemein geglaubt hat. Den Zauber dieser Fabel 368 hat Herr v. Strichele vernichtet, indem er darauf hinwies, das; sich keine der aus den römischen Quellen bekannten Nömerstättcn nach Dillingen verlegen läßt, das jedenfalls ein bedeutender Römerort gewesen sein müßte, und daß kein Nömerdenkmal, keine Statne, keine Inschrift, nicht einmal eine römische Münze bisher zu Dillingen gefunden wurde. (Der Straßenstrccke im Weichbilde DillingenS, die möglicherweise römisch ist, wurde oben gedacht.) Die Burg gestört vielmehr sicherlich dem frühen Mittelaltcr an. Indessen erscheint es mir nicht so ganz zweifellos, wie Herrn v. Steichcle, daß die gegenwärtig noch vorhandenen Bnckelgnadcrmnnern von dem ältesten ursprünglichen Ban des Schlosses, aus dem 10. Jahrhunderte oder gar aus noch früherer Zeit, herrühren; ich wäre vielmehr geneigt, sie in das 12., frühestens in das 11. Jahrhundert zu versetzen. Ich habe jedoch diese Mauern nicht untersucht, sondern nur betrachtet, und vielleicht unterzieht sich Herr I)r. Piper, der Verfasser des ausgezeichneten Werkes über „Bnrgenknnde" und zugleich der beste Kenner der Burgen und aller mit ihnen zusammenhängenden Dinge, einmal der Mühe, den Resten der Burg eine gründliche Untersuchung zu widmen, zumal ihm ihr Vorhandensein bis vor kurzem ganz entgangen war. Wenn er dann das Ergebniß seiner Forschung dem rührigen Historischen Verein zu Dillingen zur Veröffentlichung in dessen Jahresberichten überlassen will, so wird er nicht bloß diesem Vereine und der Stadt für die Lokalgeschichte, sondern auch der Wissenschaft einen großen Dienst erweisen. Das „Schloß", wie die Burg seit langem genannt wird, ist ein unregelmäßiges, in seiner quadratischen Grundaulagc verschobenes Gebäude von ungleichen Flügel- längen, das in seiner gegenwärtigen Gestalt das Gepräge verschiedener Ban-Perioden au sich trägt. Auf allen vier Seiten zeigt der Unterbau bis zur Höhe von 7 oder 8 Meter die ungeheuer dicke Mauer aus Buckel- quadern, ebenso bis zur Höhe von 26 Meter in 50 Schichten das Viereck des außerordentlich starken und festen Thurmes, des sogenannten Hofthurmcs, an der nordwestlichen Ecke; eine hohe und nngemcin dicke Mauer, gleichfalls aus Bnckclqnadcrn mit Zwischeufüllnng, umschloß nördlich vom Schlosse die Ziigchörungcn desselben oder die alte Stadt, die somit die sogenannte „Vorbnrg" bildete. Bedeutende Neste dieser Umfassungsmauer sind noch sichtbar am Pfarrhofe, am großen Kloster, an der Pfarrkirche und am kleinen Kloster, und unter der Erde liegen sie im Hofe des Hofbränhanses und im Schloßgarten. Außer dem bereits genannten Thurme beschirmten niedrigere, runde Thürme die übrigen Ecken; als Haupt- eingang diente wahrscheinlich das an der Westseite noch bestehende, durch Rundbogen und Pfeiler sich als uralt kennzeichnende Portal, über weichein an der Außenseite ein köstliches Steinbild der hl. Jungfrau Maria mit dein Kinde steht. Auf einem dem Andenken des Bischofs Hartmnnn, der Burg und Stadt Tillingcn der bischöflichen Kirche zu Augsburg schenkte, und seines Vaters gewidmeten Monumente, das vielleicht vom Bischof Friedrich von Zollcrn errichtet worden und jetzt an der östlichen Innenwand des Hofes eingemauert ist, befindet sich eine Abbildung der Burg, wie sie noch im 15. Jahrhunderte gestaltet war; sie zeigt die Westseite mit dem Portale, rechts davon steht ein runder, die Burg überragender Thurm, links ein viereckiger, der jetzige Hofthnrm, hinter ihm wieder ein runder Thurm; sämmtliche Thürme verlaufen in niedrige Helme. Von der Zeit an, da die Bischöfe ihren ständigen Aufenthalt zu Dillingen nahmen, geschahen vielfache Veränderungen an der Burg, insbesondere wurden auf den massiven Buckelquader-Unterbau Stockwerke aufgesetzt, einzelne Bautheile wurden abgebrochen, andere umgebaut, so daß das Schloß genügende Räume für den Hofhält und im Aeußeren jene Gestalt gewann, in welcher wir es heute noch vor uns sehen. Es war jetzt nicht mehr Festung, sondern Palast. Drei Jahrhunderte hindurch diente es den Bischöfen als Residenz und blieb nach dem Anfalle des Bisthums Augsburg an Bayern auch für den Dienst des königlichen Hofes vorbehalten, bis es im Jahre 1832 dem Staatsärare überlassen und zu Kanzlei- stuben für die in Dillingcn befindlichen königlichen Aemter oder. zu Wohnungen für die Beamten umgewandelt wurde: ein Schicksal, das so vielen einst glänzenden Dynastensitzen und Schlössern widerfuhr, wiewohl es immer noch besser sich gestaltet als die Verwendung zu Kasernen für das reisige Kriegsvvlk oder zu Kerkern für grau mon- tirte Büßer. . Eine groß« archäologische und baugeschichtliche Merkwürdigkeit bildet- ferner der unterirdische Gang, der sich. von der Umfassungsmauer des Schloßgartens, gegenüber der südwestlichen Schloßecke, unter dem Garten von Süd nach Nord in das Innere des Schlosses auf eine Strecke von etwa 60 Meter hinzieht; dann scheint er abwärts zu laufen. Weiteres Vordringen ist wegen Verschüttung nicht möglich. Die Wölbung des Ganges ist im Rundbogen aus Backsteinen ausgeführt, ungefähr in der Mitte zeigt sich enger zusammentretend ein runder Bogen, und der Bogen am äußeren Ende ist gothisch geformt. Die Höhe und die Breite dieses Ganges betragen fast 5 Meter. Neben demselben läuft zu beiden Seiten ein niedriger, rnndgewölbter Seitengang; er ist durch viereckige Pfeiler aus Back- und Bruchsteinen, zwischen denen wieder Rundbögen gesprengt sind, mit dem Hauptgange verbunden, so daß mau beim Anblicke des Ganzen an die Form von dreischiffigen romanischen Kirchen erinnert wird. Der östliche Seitengang ist sammt den Zwischenwölbungen der Pfeiler nunmehr vollständig mit Mauerwerk ausgefüllt, dcßgleichen fast alle Zwischengewölbe der Pfeiler zur Linken, der Nebengang auf dieser Seite hat sich aber thcilwerse erhalten. Ueberhaupt wurde an diesem Bauwerke vielfach gebaut, gebessert und gestützt. Herrn von Strichele stimme ich darin bei, wenn er die Entstehung des Ganges als gleichzeitig mit dem Schlosse annimmt; allein da ich die Erbauung des letzteren, soweit es die Neste der alten Burg enthält, nicht wie er in das 9. oder 10. Jahrhundert, sondern erst in das 12. anzn-, fetzen geneigt bin, so rücke ich auch die Anlage des Ganges um so viel herunter. Die Sage von dem Vorhandensein derlei unterirdischer Gänge haftet fast an jeder alten Burg, und bei einer ziemlich bedeutenden Anzahl wurden auch wirklich dergleichen entdeckt, indessen meistens nnr solche von minderen Ausmaßen in Bezug auf Höhe und Breite; in der Regel wird ihnen eine bedeutende Längenerstreckung zugeschrieben, bis zu einer andern Burg in der Nachbarschaft. Das wirkliche Verhältniß läßt sich gegenwärtig jedoch nirgends feststellen, da die Gänge meistens verschüttet oder eingestürzt sind und nur auf kurze Strecken begangen werden können. Letzteres ist auch bei der Burg Stein an der Atz, nördlich von Traunstein, dem Sitze des fabelhaften Raubritters Heinz von Stein, der Fall. Dort sind eine Reihe von Gemächern in den Nagelstnh- 369 felsen eingehauen, und von ihnen laufen zwei unterirdische Gänge aus, von einer solchen Höhe, daß ein Mann bequem aufrecht gehen kann, und von einer Breite, die meiner Erinnerung nach mehr als 3 Meter beträgt. Die gangbare Länge mag sich auf ein Paarhundert Schritte bemessen, die Ueberlieferung weiß aber, daß sie einst bis zu den Burgen von Tengling und Trostberg führten, also auf Entfernungen von 10, bezw. 5 Kilo- meter. — Da das Kapitel der unterirdischen Gänge zu den interessantesten der Burgenkunde gehört und gerade hierüber noch sehr wenig exakte Forschungen vorliegen, würde der Historische Verein von Dillingen sich ein ansehnliches Verdienst erwerben, wenn er dort bei der Burg in die Tiefe steigen, messen, zeichnen, graben und die Ergebnisse zu Tage bringen würde, welche die Grubenlampe — eine Laterne thut es übrigens auch — beleuchtet hat. Wir können vom Schlosse nicht scheiden, ohne den „heiligen Thurm" des Cardinals Otto (Truchseß von Waldburg, Bischof 1543 — 1573) und die Schloßkapelle betrachtet zu haben. Den alten Rundthnrm an der Südweftecke wandelte der fromme Kirchenfürst zu einem religiösen, mit den kostbarsten Kunstschätzen geschmückten Heiligthum um, die 5 Stockwerke waren zu Oratorien, Aufbewahrungsräumen für Kirchengeräthe und Reliquien kmd einer Kapelle eingerichtet. Von der alten Herrlichkeit ist keine Spur mehr vorhanden, und der obere Theil des Thurmes ist jetzt abgetragen. Auch die dem heiligen Evangelisten Johannes geweihte Kapelle ist profanirt, hat indessen insoferne ein glückliches Loos gezogen, da sie seit mehreren Jahren dem Historischen Vereine als Museum eingeräumt worden ist, nachdem sie zuletzt als Magazin des königlichen Bauamtes gedient hatte. Obwohl dieser Verein noch nicht lange besteht und nur über bescheidene Mittel verfügt, hat er durch seine Rührigkeit, Thätigkeit und Umsicht und unter der Leitung vortrefflicher Vorstände — des verewigten Lyccalprofcssors Daisenberger, des Gymnasialprofessors Dr. Englert, des Lycealprofcssors Dr. Schlecht — sowie Dank dem sachkundigen, unermüdlichen Wirken des bisherigen, Konservators Professor Harbaner es verstanden, Alterthümer aus der Umgebung von Dillingen zu einer Sammlrmg zu vereinigen, die in Bezug auf prähistorische und römische Gegenstände und im Hinblicke aus die kurze Zeit seit ihrer, Gründung wohl von keiner anderen derartigen, Lokaleinrichtung übcrrroffen wird; allerdings trug die rühmenswerthe Opscrwilligkeit einzelner Personen wesentlich zur Mehrung der antiquarischen Schätze bei. Ein Gutsbesitzer im nahen Dorfe Aislingen überließ z. B. gleich bei Gründung des Vereins demselben die Frucht und das Ergebniß jahrelanger Mühen, nämlich nicht weniger als 16 große Kisten römischer Alterthümer, welche aus dem umfangreichen Römcrcastcll bei diesem Dorfe (vielleicht Da-rroärmum) und aus der vor dessen Wällen auf dem Zi'cgclfclde gelegenen bürgerlichen Niederlassung herrühren. Außer diesen sehr zahlreichen Funden von Aislingen, ist die Nömcrzeit noch vertreten durch viele Funde vou Faimingcn (wo der wackere Lehrer Scheller unermüdlich an der Aufdeckung des Castells Uouwua arbeitet); recht, viel Dinge von wissenschaftlichem Werthe lieferten ferner die Ausgrabungen des Vereins im Grab- felde an, Zicgeistadcl, (ältere Bronzezeit), an den Hügelgräbern, im Donauried, bei Aislingen, Zöschingen, dlick- lingen (Bronze-, Hallstatt- und La Töne-Zeit) und den alamannischen Neihengräbern bei Gnndelsingcn, Wittis- lingen und Schretzheim, bei welch letzterem Orte bis jetzt bereits 189 Neihengräber, theilweise mit einem außerordentlich reichen Bestattnngsinventar, geöffnet wurden; hier hat sich aaoä. vaoä. vat. Kirchmann hervorragende Verdienste erworben. Im Rahmen dieses Aufsatzes ist es nicht möglich, auch nur einzelne Gegenstände durch Benennung hervorzuheben; ich kann bloß sagen, daß der Verein inib begründetem Stolze auf seine Leistungen blicken kann, die außerordentlich Vieles zur Aufklärung der Geschichte des oberen Donauthales und damit der Geschichte unseres Vaterlandes beitragen. Nicht in letzter Linie ist ferner auch die Sorgfalt zu erwähnen, die er den alten Funden zuwendet; alle Gegenstände, welche einer Reinigung oder Nestaurirnng bedürfen, schickt er an das Römisch-Germanische Centralmuseum in Mainz, um sie, von L. Lindenschmit's kundiger Hand in besten Stand versetzt, als wirkliche und höchst werthvolle Zierden in seiner Schatzkammer der Wissenschaft und der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Endlich müssen wir nochmals auf den oben bereits erwähnten Hofthurm zu sprechen kommen. Derselbe ist als der Hauptthurm der Burg, als der sogen. Bergfried, zu betrachten. Zur größeren Hälfte besteht er aus Bnckelquader-Mauerwerk, wie bereits erwähnt wurde; über diesem Unterbau ließ Bischof Marquard von Berg einen Achteckaufsatz aufführen, der 3 Glocken in sich faßt und mit einer kupferbedeckten Kuppel schließt. Die Ge- sammthöhe des Thurmes beträgt 175 alte daher. Fuß; hoch überragt er alle Gebäude, gibt der Silhouette der Stadt ein Charakteristikum und ist weit im Donauthale sichtbar. (Fortsetzung folgt.) Grundlegende Gesichtspunkte für Beurtheilung der Wührungsfrage. Von Dr. Schw. (Fortsetzung.) Die Schwankungen des Geldwerthes bei dein einen und andern System sind bestimmt durch die Schwankungen des jeweils der Währung zu Grunde liegenden Metalls; bei der Papierwährung fehlt ein solcher Anhaltspunkt; die Schwankungen sind daher möglicherweise rapiden Aenderungen unterworfen. Wie bereits betont wurde, ist die Währuugsfrage nicht so fast eine nationale, als vielmehr eine internationale Frage. Handel und Verkehr ist heute nicht mehr ein localer, auch nicht bloß nationaler, sondern ein internationaler, ein Weltverkehr. Für diesen Verkehr wäre es von der größten Bedeutung, wenn die einzelnen Staaten, welche miteinander in Handelsbeziehungen stehen, die gleiche Grundlage des Geldwesens besäßen. Thatsächlich ist dies jedoch nicht der Fall. Wir haben in der Wirklichkeit nicht bloß mit einer Verschiedenheit der Eiutheilnug innerhalb gleicher Währungssysteine, sondern auch mit ganz verschiedenen Währungssystemcn zu rechnen. Insbesondere letzterer Umstand übt äußerst einschneidende Wirkungen auf den Verkehr aus, die-sich in den sogen. Valntaschwauknngcn ausdrücken. Unter Valuta versteht- man den Werth des Geldes eines Staates ausgedrückt im Gelde eines andern Staates. Won Valuta spricht man daher lediglich im internationalen Verkehre. Die Gleichung des Edelmetall- werthes zweier Währuugsmnuzcu verschiedener Länder.. 370 ausgedrückt in Einheiten einer der beiden verglichenen Münzen, nennt man Parität. Länder, welche beide die Goldwährung oder beide die Silberwährnng haben, besitzen einen nnverändcrlichcn Gleichungspunkt, eine sogen, feste Parität. Z. B. Deutschland und Frankreich haben gegenwärtig Goldwährung; in beiden Staaten ist also der Werth des Geldes mit dein Werthe des Goldes verknüpft. Der Werth des Goldes ist aber in beiden Ländern derselbe, da er durch den Weltmarkt bestimmt wird. Der verschiedene Werth der deutschen und französischen Goldmünzen beruht daher lediglich aus der Verschiedenheit der Eintheilnng. Nach dem deutschen Münz- gesctze werden aus einem Kilogramm Feingold 2790 M. geprägt, nach dem französischen Gesetze aus 1 Gold von Feinheit 3100 Franken ausgebracht. Daraus ergibt sich, das; Frankreich aus 1 stss .Feingold 3100 X '°/g — Franken gewinnt. Sonach sind 2790 Mark ---- rrooo^ Franken (denn beide enthalten 1 Ic§ Feingold), und hieraus folgt, daß 100 Franken jederzeit — 81 Mark sind. Wer also 100 Franken in Gold eiuschmelzen lind in Mark ausprägen läßt, bekommt genau 81 Mark. Er verliert nur den Betrag der Prägekosten oder tvas an der Münze allenfalls durch Abnutzung verloren gegangen ist. Bei Ländern mit gleicher Währung ist deßhalb lediglich eine Rechnnugsoperativ» vorzunehmen; eine weitere Schwierigkeit oder gar eine 'Gefahr für den Verkehr besteht nicht. ^ Ganz anders verhält sich die Sache bei Ländern mit verschiedener Währung; wenn also beispielsweise das eine Land Goldwährung, das andere Silberwährung besitzt. Im Goldwährungslande folgt der Werth des Geldes dem des Goldes, im Silberwährnngsland dem des Silbers. Hier fehlt der feste Gleichnngspunkt. Man kann lediglich ausrechnen, wieviel aus einem Pfunde Gold in dem einen Lande und wieviel aus einem Pfund Silber im andern Lande ausgeprägt wird. In welchem Verhältniß jedoch Gold zum Silber steht, das bestimmt sich jeweils nach dem Weltmarkt. Wir haben hier also keine feste, sondern eine schwankende Parität. Mit jeder Veränderung der Wcrthrclntiou zwischen Gold und Silber ändert sich demnach auch der Werth der Valuten zwischen den Gold- und Silberländcrn. Diese Valutaschwanknngen bringen es mit sich, daß der Handel zwischen Ländern mit verschiedener Währung auf einer schwankenden Basis beruht, er ist stets zugleich mit einer Speculation verbunden, da keiner der Contraheuten bei Abschluß des Geschäftes weiß, wieviel er bei Erfüllung im heimischen Gelde ausgedrückt bekommt. Dadurch ist der Handel zwischen solchen Ländern, weil mit einem gewissen Risico verbunden, schon wegen der Währuugsverschiedenheit erschwert. Noch viel mehr ist der Verkehr mit Ländern mit Papierwährung mit Gefahr verbunden, da Hiebei jede feste Grundlage mangelt. Das Barometer, an welchem die Valntaschwank- nngcn wahrgenommen werden können, bilden die Wechselkurse. Der Ausgleich der gegenseitigen Zahlungsverpflichtungen im internationalen Verkehr geschieht nicht in Geld, sondern in Waaren. Das Mittel, durch welches dieser Ausgleich der Transactioncn bethätigt wird, ist der Wechsel, welcher an die Stelle von Baargeldsendnngen zwei inländische Zahlungen treten läßt. Hicdurch wird eine Reihe wirthschaftlicher Vortheile erzielt, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann. Lediglich ein Mehr der Verpflichtungen des einen Staates gegenüber dem andern Staate muß in Geld ergänzt werden. Während in dem Falle, daß die gegenseitigen Verpflichtungen sich ungefähr das Gleichgewicht halten, der Wechselkurs zwischen Ländern mit gleicher Währung der Parität entspricht, bei Schwankungen zwischen Gold- und Silberländcrn den Schwankungen der Wcrthrelation folgt, kommt dann, wenn die Verpflichtungen zweier Staaten sich nicht ausgleichen, ein weiteres Moment hiezu, das den Preis der Wechsel beeinflußt. Anf Seite des Staates nämlich, der mehr Verpflichtungen zu er-, füllen hat, entsteht eine erhöhte Nachfrage nach Wechseln jenes Landes, dem er sie zu erfüllen hat. Hicdurch wird nach den Gesetzen der Preisbewegung eine Abweichung von: Parikurs hervorgerufen, die aber eine ganz bestimmte Grenze nach oben und nuten besitzt. Die oberste Grenze, bis zu welcher der Kurs steigt, ist bestimmt durch die Kosten der Baargeldsendnug, der Umwechselung, allenfalls der Umprägnng und des Zinsverlnstes; sobald nämlich der Preis des Wechsels so hoch über Pari gestiegen ist, als die oben erwähnten Aufwendungen ausmachen, wird ein weiteres Steigen dadurch verhindert, daß nunmehr nicht mehr Wechsel, sondern Baargelder ins Ausland geschickt werden. Diese obere Grenze nennt man den obern Goldpnnkt. In ähnlicher Weife geht es dann, wenn ein Land an das andere ein Mehr von Forderungen hat. In diesem Falle ergibt sich im ersten Lande ein Mehrangebot von Wechseln auf das andere Land. Der Preis dieser Wechsel fällt daher unter Pari. Sobald aber diese Differenz so groß wird, daß es für den Gläubiger rentabel wird, statt eines Wechsels Baargeld aus dem Auslande zu beziehen, ist die unterste Grenze oder der untere Gold- punkt erreicht. Die beiden Goldpunkte sind gleichwett vom Parikurse entfernt. Der ausländische Wechselverkehr wird naturgemäß durch die Banken vermittelt. Ist dieser Wechselverkehr und damit der Handel schon zwischen Ländern mit gleicher Währung einigermaßen complicirt, so kommt vollends in den Verkehr zwischen Ländern mit verschiedener Währung, insbesondere in den Verkehr mit Ländern mit sinkender Valuta ein derart spekulatives Moment, daß dadurch die schwierigsten Krisen heraufbeschworen werden können. Aus dem Dargestellten geht bereits zur Klarheit hervor, welch' große Bedeutung die WährungSfrage für das ganze Erwerbs- und Wirthschaftsleben besitzt. Der Einfluß dieser Frage wird als ein noch bedeutenderer erachtet werben, wenn wir noch Folgendes berücksichtigen: Es ist eine weitverbreitete, aber nichtsdestoweniger irrige Anschauung, daß der Werth des Geldes etwas Unveränderliches ist. Man ist eben gewohnt, das Geld als die feste Elle zu betrachten, an welcher alles gemessen wird. Allein das Geld ist ein Gut und unterliegt der Preisbestimmung, wie jedes wirthschaftliche Gut, d. h. es ist in seinem Werthe veränderlich. Sobald eine Waare im Preise steigt oder sinkt, pflegt man die Ursache dieser Erscheinung auf Seite der Waare zu suchen, während doch die gleiche Veränderung dadurch hervorgerufen werden kann, daß das Maß, an welchem der Wechsel der Erscheinung gemessen wurde, in der entgegengesetzten Richtung sich verändert hat. So gut wie aus dem gleichen Quantum eines Stoffes mehr oder weniger Einheiten gemacht werden können, je nachdem diese Einheit selbst kleiner oder größer gewählt wird, ebenso wird 371 der Werth einer Waare auch dann steigen oder fallen, wenn der Werth des Geldes gefallen oder gestiegen ist, auf Seite der Waare selbst aber ein werthveränderndes Moment nicht gegeben ist. Wie ist nun dieser Irrthum bezüglich der Wcrthconstanz des Geldes zu erklären? Wenn >vir auf einem beweglichen Gegenstände uns befinden, also die Bewegung dieses Gegenstandes mitmachen, wenn wir also beispielsweise auf einem in Bewegung sich befindenden Schiffe weilen, so nehmen wir die Bewegung nur wahr, wenn wir einen festen, ruhende» oder anders bewegten Punkt außerhalb des Schiffes ins Auge fassen, nicht wenn wir unseren Gesichtskreis auf das Schiff allein beschränken. Oder wenn wir uns in einem Eisenbahuznge befinden, der sich allmühlig in Bewegung setzt, so glauben wir nur zu häufig, ein daneben stillestehender Zug bewege sich, während der Zug, in dem wir sitzen, fülle stehe. Trotzdem aber befindet sich das Schiff, der Zug, in dem wir uns befinden, in Bewegung; nur die Wahrnehmung dieser thatsächlichen Bewegung ist erschwert. Ganz ähnlich verhält es sich mit den für das Wirthschaftslcbcn so wichtigen Gcld- werthändernngcn. Nehmen wir unsere Goldwährung an. Hier ist der Werth des Geldes unzertrennlich mit dem Werthe des Goldes verknüpft. Das Geld macht die Veränderungen des Werthes des Goldes mit. Das Gold hat scheinbar immer einen festen Preis, das Kilo Gold kostet immer 2790 Mark. Allein dies heißt nichts anderes, als daß aus 1 ÜA Gold stets 2790 Mark geprägt werden und 1 Mark immer der 2790. Theil eines Kilo Goldes ist. lieber den Werth des Goldes ist damit gar nichts gesagt. Dieser kann nicht an unserm Gelde gemessen werden; denn das hieße Gold mit sich selbst messen. Den Werth des Goldes, die Kaufkraft des Geldes nehmen wir erst wahr, wenn wir denselben mit dem eines andern Gutes vergleichen, dessen Werth wir allerdings dann momentan als ruhend ansetzen müssen. Allein auch der Werth dieses Gutes ist thatsächlich im Flusse; es gibt überhaupt kein Gut, das unabänderlichen Werth besitzt, daher fehlt es geradezu an einem absolut sicheren Maßstab. Hieraus ergibt sich, wie schwer es ist, die Gcldwcrthverändernngen tvahrzunehincn. Die Schwierigkeit der Feststellung ändert jedoch nichts an ihrer Existenz. Wie kann man nun trotzdem eine Beobachtung dieser Aenderung in den Erscheinungen ermöglichen? Man hat insbesondere drei Mittel, durch deren gleichzeitige Anwendung, bezw. drei Einzelerscheinungen, durch deren gleichzeitiges Zusammentreffen man mit einer gewissen Sicherheit auf die Aenderungen des Geldwerthcs schließen kann, nämlich die Höhe der Waarenprcise, des Arbeitslohnes und des Discontsatzes. (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Altfränkische Bilder mit erläuterndem Text von Dr. Theodor Henner. Herausgegeben und gedruckt in der kgl. Universitätsdruckercl von H. Stürtz in Würzburg, 1897 (mit einem Kalender für das Jahr 1897). A1VL. Es mag als ein Anachronismus erscheinen, einen Kalender für das Jahr 1897 anzuzeigen, nachdem schon mehr als die Hälfte des Jahres in das Meer der Ewigkeit hinabgesunken ist. Doch dieses Kalendarinm gehört nicht zu jenen Tages- und Monatsanzeigern, die mit der fortschreitenden Zeit immer mehr von ihrem Werthe verlieren und am Ende des Jahres in daZ Feuer geworfen werden: durch die innige Beziehung, in welche die fliehende Zeit mit den bleibenden Denkmälern der Kunst gebracht wurde, sind diese Blätter selbst vor der Gefahr des Unterganges wirksam bewahrt. Es ist in Wirklichkeit ein sinniger Gedanke, der nun zum drittenmal verwirklicht wird. diese Verbindung von Gegenwart nnd Vergangenheit, dieser täglich vorgeführte Eontrast zwischen der wirren Flucht der Erscheinungen und der majestätischen Ruhe. in welcher die Denkmäler früherer Jahrhunderte daran erinnern, daß nicht alles vergänglich ist, sondern das bestehen bleibt, rvas in den Dienst irgend einer hohen, unvergänglichen Idee gestellt wurde, zugleich aber eindringlich und ernst daran mahnen, daß auch wir unseren Vatern gleich die flüchtige Zeit zur Schaffung unvergänglicher Werke benähe». Wer m dieser edlen Weise einen neuen Ansporn gibt zu tüchtigem Thun. verdient den Daist der Besten, lind darum ist es noch ehrenvoller für die Nachkommen der alten Franken, als für deil Leiter dieses Unternehmens selbst, daß die Initiative des um Frankens historische und künstlerische Vergangenheit so hochverdienten Universitäts-Profeffors Dr. Heun er in den weitesten Kreisen seines engeren Vaterlandes ein so entgegenkommendes Verständniß fand. Das Titelblatt dieses 3. Jahrganges ist womöglich noch glänzender ausgestattet als früher; das ganze Heft aber reiht sich den früheren in Allen, auf das würdevollste all. In bunter Reihenfolge ziehen diesmal vornehmlich kleinere fränkische Städte und selbst Dörfer, Steinbach bei Lohr, Miltenberg, Wertheim, Karlstadt, Arnstein, die ehemalige Abtei Oberzell, sodann die großen Metropolen Würzburg und Bamberg, nicht zuletzt Aschaffenburg. unsere Auf» merksamkeit auf sich, und Stadt, Städtchen und Dorf. alle spenden das eine oder andere Denkmal aus der größeren oder geringeren Fülle ihrer Kunstschätze, verschieden an Werth, mannigfaltig in ihrer künstlerischen Erscheinung, bald der jüngsten Kunstperiode des 18. Jahr-', lmnderts «»gehörig, bald weit hinausragend in die frühere Reihe der Jahrhunderte, alle Zweige der Kunst darstellend; von der würdigen Architektur des 11. Jahrhunderts bis zu dem prunkhaften Palaststil des 18., von dem ernsten Grabdenkmal bis zu den Musengruppen des Hofgartens in Veitshöchhcim, die am Mangel des Ernstes nichts zu wünschen übrig lassen, von den kirchlichen Gerüchen bis zu den Erzeugnissen der frciesten profanen Kunst. Alle aber verdienen Beachtung und verständuiß- volle Würdigung, denn alle sind Zeugen des Strebcns nach dem Ideal wahrer Kunstthätigkeit, alle sprechen von der historischen Bedeutung der fränkischen Lande, alle singen, jedes nach seiner Weise, das Lob Frankens. Als Interpret fränkischer Geschichte und fränkischer Kunst begleitet dei, Wanderer der liebenswürdige »Hwtorlvus ttonnsr uostor", der jedes Denkmal in seinen historischen Rahmen hineinzustellen, jedem den in ihm liegenden Zauber zu entlocken weiß. Mag darum auch der Herbst mit großen Schritten hcraneilen und des müden Wanderers Schritte zurücklenken an die Stätte seiner täglichen Arbeit, — auf den Höhen, die der Kunst geweiht sind, gibt es keinen Hcrbstnebel noch Winterfrost, sondern lauter Sonnenschein. Möge jeder, der diese Bilder mit sinnigem Auge betrachtet, diesen Sonnenstrahl hineinleuchten lassen m das tägliche Getriebe seiner Lebensthätigkeit, möge er sich begeistern für die wahren Ideale des Lebens und seine Strophe hinzufügen dem großen Gesänge, den Geschichte und Kunst, Vergangenheit und Gegenwart, Mensch und Menschheit. Jahr und Jahrhunderte demjenigen zu singen bestimmt sind, von dessen unendlicher Schönheitsfülle die menschliche Kunst ein Abbild zu sein und eine 'Ahnung zu geben bestimmt ist! Meringer Rud., Indogermanische Sprachwissenschaft. 12". 136 SS. Leipzig, G. I- Göschen 1897. Preis 80 Pfg. gebunden. ^ „Brugmann in der Westentasche" könnte man dieses treffliche Büchlein nennen, wollte man es mit dem Namen des Meisters der neueren indogermanischen Sprachwissenschaft bezeichnen; enthält es doch in nnoo, übersichtlich geordnet. die gesicherten Ergebnisse indogermanischer Sprachvergleichung in einer wohlverständlicheu nnd doch streng wissenschaftlichen Darstellung. Es betritt damit das 59. Bündchen der gediegenen „Sammlung Göschen" ein Wissensgebiet, das. auf die engsten Fachkreise beschränkt, der Popularifirung nicht geringe Schwierigkeiten entgegen» 372 fetzt. Der Verfasser, ein namhafter Sprachforscher, hat ferne Aufgabe in musterhafter Weise gelöst. Es ist erstaunlich, wie reichhaltig dieses kleine Büchlein ist, welche Fülle von Beispielen das Kapitel „Die Lautlehre der indogermanischen Grundsprache" bietet. Meringer gibt uns einen zuverlässigen Führer für den ersten Gang in ein hochinteressantes Gebiet, das, durch den Scharfsinn hervorragender Linguisten erst in neuerer Zeit erschlossen, doch schon eine große Ausdehnung und Vertiefung gewonnen hat und mit Riesenschritten täglich zunimmt, mag es auch noch viele Räthsel bergen. Der Einblick in den Wunderbau indogermanischer Sprachverzweigung fördert in dem denkenden Leser immer mehr die Einsicht, daß »richt Willkür, sondern Gesetzmäßigkeit im Leben der Sprache herrscht. Ist die Sprachwissenschaft auch weit entfernt, alle Sprachen (nach dem biblischen Bericht) auf eine einzige Ursprache zurückführen zu können, und wird sie dies Ziel wyhl auch nie erreichen, so kann sie doch gegen die Möglichkeit einer Ursprache (vgl. S. 42) keine wissenschaftlichen Gründe geltend machen: im Gegentheil, die Forschung zieht die Kreise der Sprachverwandtschaft immer weiter: ist die junge Wissenschaft jetzt schon im Stande, die große Zahl indogermanischer Sprachen auf einen ur- indogermanischen Stamm in sicher erschlossenen Formen zurückzuführen, so darf man ihr auch nicht die Fähigkeit absprechen, in Zukunft einmal Svrachstämme zu vergleichen, die jetzt noch für unverwandt gelten: Versuche dazu haben wir bereits. Vorzüglich ist die Ausstattung des Büchleins: man fragt sich, wie es bei der den Druck erschwerenden und vertheuernden. Mit Hilfe der vielen diakritischen Zeichen wissenschaftlich durchgeführten Umschrift möglich ist, ein solches Buch, das sich feiner Natur nach an keinen großen Leserkreis wendet, um M Pfennige -zu bieten! Gymnasialschüler dürften sich beglückwünschen, eil» so handliches und vortreffliches Büchlein zu besitzen, das ihnen Anleitung gibt, dre sprachlichen Studien der Schule, die dem Kreise des indogermanischen Stammes zugchören, mit mehr Sinn und Verstand zu betreiben, als es gewöhnlich geschieht. Leider haben freilich auch sogenannte „Philologen" sehr oft keine blasse Ahnung von Sprachgeschichte und Sprachvergleichung. Hecker Osk., Die italienische Umgangssprache in siiste- matischer Anordnung und mit Äussprachehilfen. 8°. XII -st 312 SS. Braunschweig, G. Wettermann, 1897. Preis 4 Mk. geb. r Nach dem Vorbild der ausgezeichneten „deutsch- französischen Phraseologie" von Bernh. Schwitz (Berlin, Langenscheidt. 11. Aufl. 1895. VIII -j- 180 SS. Preis 8 Mk. gebd.), nur eingehender und umfangreicher, ist vorliegendes Buch bearbeitet worden. Es hat vor den zahlreichen ähnlichen Arbeiten ganz erhebliche Vorzüge und bringt einen überaus reichen Schatz wirklicher Umgangssprache, alltäglicher und doch in Lehr- und Wörterbüchern so oft vergeblich gesuchter Redewendungen in übersichtlicher Anordnung. Jede Seite des Buches, welches das reinste Toskanisch in seiner vollen Mannigfaltigkeit und l-bendigen Schönheit widerspiegelt, gibt Zeugniß vom jahrelangen, redlichen Bemühen des Verfassers, eine wirklich viel beklagte Lücke in den Lehrmitteln des Italienischen auszufüllen. Größte Sorgfalt ist auf die Aussprachebezeichnung verwendet worden, welche die üblichen Handbücher fast durchgehends vernachlässigen; so sind die offenen und geschlossenen v und o (an denen sich der Ausländer in Italien sofort verräth), sowie die harten und weichen s und durch eigene Zeichen unterschieden, auch der Wortton ist genau bezeichnet. Man kann dem werthvollen Buche nur ein uneingeschränktes Lob spenden; es ird dem lernbegierigen Leser ein mächtiger Ansporn sein. sich in der schönsten aller modernen Sprachen immer mehr zu vervollkommnen. Friese C., Die Rückenmarkskrankheiten und ihre Behandlung. 8°, 72 SS. Berlin, Hugo Steinig 1897 (II). M. 1.50. Das vorliegende Buch. zu dessen Erscheinen eine neue Behandlungsmethode der Rückcnmarksleiden die äußere Veranlassung geboten hat, ist in der neuen Auflage vom Verfasser so ausgedehnt und erweitert worden, daß es vollständig ein Bild der verschiedenen hieher- gehörenden Erkrankungsformen bietet, ihr Wesen und ihren Verlauf erörtert, und neben der neuen auch die alten Behandlungsmethoden schildert und einer eingehenden Kritik ihres Werthes, ihrer Bedeutung und ihrer Erfolge unterwirft. Der Leser, der Belehrung sticht, findet in der Abhandlung alles, was ihn interessiren kann, und zwar in einer Darstellung, die an das Verständniß des Äaienpublikums keine besonderen Anforderungen stellt. Ganz besonders muß das Buch den Leidenden selbst empfohlen werden, weil sie hier sich schnell, bequem und ausgiebig über das orientiren können, was irgend eine Heilmethode zu leisten vermag, und auf welchem Wege sie am raschesten zu einer definitiven Heilung oder gegebenenfalls zu einer wesentlichen Besserung chrer Beschwerden und ihres Leidens gelangen. Gihr Nik., Das heilige Meßopfer dogmatisch, liturgisch und ascetisch erklärt. 8». XVI -st 734 SS. Frei- burg i. Br., Herder. 1897. (VI.) Preis 7 Mk. » Zum sechsten Male erscheint Gibr's klassisches Werk über das Meßopfer, ein Beweis für den Werth und das Ansehen, das es unter dem Klerus genießt. Man kann in der That dieses herrliche Buch, eine reiche Quelle der Belehrung und Betrachtung, immer wieder von neuem lesen, ohne dessen überdrüssig zu werden. Das Werk gehört zum unentbehrlichen Rüstzeug auch bescheidener theologischer Bibliotheken, lind findet, wie die starken Auflagen zeigen, meistens wohl auch darin den verdienten Ehrenplatz. Möchte man nur auch allenthalben den Nutzen daraus ziehen, dem erhabenen Opfer, das es behandelt, seine Bedeutung im Mittelpunkt alles Cultus zu wahren, damit dieselbe nicht durch die Unmasse der „beliebten" Volksaudachten in den Hintergrund gerathe! Gruber, Pater H., 8. 3., Aberglaube und Unglaube bei den Anhängern des lutherischen bezw. reformirtcn Bekenntnisses. Einige Glossen zur kirchen-politischen Ausschlachtung des Vaughan- Schwindels durch den Superintendenten Gallwitz. 45 Seiten. Preis 50 Pfg. Verlag der Germania, Berlin. Unter diesenr Titel liegt nun aus der Feder des in der letzten Zeit vielgenannten k. Gruber 8. 3. ebenfalls ein höchst schätzenswertster Beitrag vor. Man sieht es denr Verfasser an, daß er nur mit Widerstreben in wissenschaftlichen Kreisen längst bekannte Dinge von Neuem behandelt. deren ausführliche Darlegung natürlich obendrein vielen Protestanten nicht einmal angenehm sein wird. Allein er wurde dazu durch die Haltung der protestantischen Presse und insbesondere eines evangelischen Superintendenten, des Herrn Gallwitz in Sigmaringen, da einige allgemein gehaltene schonende Hinweise und Richtigstellungen hartnäckig ignorirt wurden, förmlich gezwungen. Die Abfertigung, welche insbesondere Herrn Gallwitz zu Theil wird, »st zwar scharf, aber in vollem Maße ver- dient. Jeder billig denkende Leser wird die Schrift mit vielem Genuß und mit reicher Belehrung zur Kenntniß nehmen. Namentlich sei auch auf den Abschnitt derselben verwiesen, in welchem die erstaunlichsten Dinge über früheren und zeitgenössischen Aberglauben bei Anhängern des reförmirten Bekenntnisses mitgetheilt werden. __ Erinnerungen aus schwerer Zeit. Zugleich ein Beitrag zur Entwickelung der Schulfrage in Preußen von Theodor Palatiuus. Münster i. Wests. Verlag der Älphonsus-Buchhandlung. Preis 40 Pf. Das auf dem Boden gewissenhaftesten Studiums des einschlägigen Quellenmaterials beruhende Werkchen führt uns ein Stück Eulturkampfgeschichte. und zwar eines der allerbeklagenswerthesten, in überaus fesselnder Darstellungsweise vor Augen. Die Entchristlichung der Schule, wie sie vom Fürsten Bismarck in rücksichtslosester Weise eingeleitet wurde, zeitigt bereits heutigen Tages die traurigsten Früchte, und heute ebenso wie vor 20 Jahren besteht die Hauptaufgabe aller auf christlich-conservativem Boden stehenden Politiker in dem Kampf um die Zurück- eroberung der Schule für das Christenthum. Wer in diesen» Kampfe sich bethätigen will — und Niemand sollte sich davon ausschließen — dem wird die vorliegende Broschüre eine Fülle schätzenswerthen Materials bieten. Nerantw Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Die Aussprüche Jesu von Behnesa. Im vergangenen Winter nahncen die Engländer Grenfell und Hunt im Auftrage des Egypt Exploration Fund bei dem Dörfchen Behnesa, das am Rande der libyschen Wüste auf den Ruinen des alten Oxyrhynchus, der Hauptstadt des 19. NomoL des alten Aegypten, liegt, Ausgrabungen in größerm Stile vor. Die Ausbeute übertraf alle Erwartungen. Man fand 150 meist com- plete Papyrusrollen und 280 Kistchcn Papyrus-Fragmente. Die erster» gingen in das Eigenthum der ägyptischen Regierung über. Sie sollen durch den Egypt Exploration Fund publieirt werden. Die letztem sind nach England gebracht. Ueber sie werden schon jetzt einige interessante Einzelheiten bekannt. Die betreffenden Handschriften sind, mit geringen koptischen, lateinischen und arabischen Ausnahmen, griechisch geschrieben und entstammen der Zeit vom 1. bis 8. oder 9. nachchristlichen Jahrhundert. Es befinden sich darunter Fragmente des Evangeliums nach Matthäus aus einer Handschrift des 3. Jahrhunderts, und vor allem ein Blatt aus einer Sammlung von Aussprüchen Jesu, welches noch mehr als jene das Interesse der Theologen wecken wird. Aus dem Gebiete der klassischen Literatur finden sich Theile uralter Handschriften des Homer und Aristophanes, des Thukydides und Demosthenes, wahrscheinlich auch der Sappho. Historisch von Bedeutung ist ein Theil eines chronologischen Werkes, die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. G. enthaltend. Als erste Veröffentlichung aus dem Funde liegt seit einigen Tagen das erwähnte Fragment einer Sammlung von Aussprüchen Jesu vor. (LoZis, lleau, ok Our 4>orci, äiseovoroä anä eäitsä bzc L. k. Orankell anä tl. 8. Hunt, I-onäon 1897.) Das Fragment bildete ein Blatt eines Buches im Format von fünf zu drei Zoll. Es trägt die Zahl elf in griechischen Buchstaben. Nach der Darlegung der Herausgeber wurde es wahrscheinlich um das Jahr 200, sicher aber zwischen 150 und 300 n. Chr. Geburt geschrieben. Da das Blatt gelitten hat, ist nur ein Theil des Inhaltes lesbar, nämlich sechs von acht Aussprüchen, zwei allerdings auch nur zum Theil. Der kurze Text lautet in wörtlicher Uebersetzung aus dem Griechischen: „.... 1. und dann magst du sehen, den Splitter in dem Auge deines Bruders herauszuziehen. 2. Jesus sagt: Wenn ihr der Welt nicht entsaget (wörtlich ,fastest), so werdet ihr das Reich Gottes nicht finden; und wenn ihr den Sabbat nicht haltet, so werdet ihr den Vater nicht sehen. 3. Jesus sagt: Ich stand mitten in der Welt und erschien ihnen im Fleische, aber ich fand alle trunken und fand keinen, der dürstete, unter ihnen, und meine Seele ist betrübt über die Menschenkinder, weil sie blind sind in ihrem Herzen.... 5. Jesus sagt: Wo immer.... einer allein ist, bin ich bei ihm. Hebe einen Stein auf, so wirst du mich finden, spalte einen Baum, so bin ich da. 6. Jesus sagt: Kein Prophet ist angenehm in seiner Vaterstadt, und kein Arzt vollbringt Heilungen bei denen, die ihn kennen. 7. Jesus sagt: Eine Stadt, die auf der Spitze eines hohen Berges erbaut und gegründet ist, kann weder fallen noch verborgen bleiben." Das vierte und das achte Logion sind nicht mehr lesbar. Der erste dieser Aussprache stimmt genau mit Luc. 8, 42; der 6. in seiner ersten Hälfte mit Luc. 4, 24, während die zweite Hälfte neu ist; der siebente, dem Inhalte nach, mit Matth. 5, 14. Ganz neu sind dagegen der zweite, dritte und fünfte Ausspruch. Auch unter den seither bekannten nichtcanonischen Herren-Worten finden sie sich nicht. Unser Fragment wird sicherlich sogleich der Gegenstand eingehender Detailforschnng werden. Diese wird es hoffentlich klar stellen, ob wir es in dem Werke, dem daS Fragment entstammt, mit einer auf Grund der canon- ischcn Evangelien und anderer verloren gegangener Quelle» unternommenen Sammlung von Aussprüchen Christi aus der Urzeit des Christenthums zu thun haben, oder mit einer selbstständigen Schrift. (Köln, Volksztg.) Cardinal Otto Trmhscß von Waldbnrg, Bischof von Augsburg (1543—1573). Von Dr. Thomas Specht. (Schluß.) Die Reformation in seiner Diöcese oder, wie wüt vielleicht besser sagen, die katholische Restauration wurde von Otto mit allem Eifer betrieben. Es ist nicht mit Unrecht gesagt worden, daß Otto für die Diöcese Augsburg war, was Karl Borromäns für Mailand gewesen. Als er das bischöfliche Amt antrat, fand er die Diöcese in einem traurigen Zustande. In Augsburg und in einem guten Theile des weiten Sprengels war die neue Lehre eingedrungen und hatte bereits festen Fuß gefaßt. Viele Gemeinden waren ihrer Kirchen und ihres Vermögens beraubt, die kirchliche Disciplin erschlafft, der Klerus zum Theil vertrieben, zum Theil abgefallen, und dem noch vorhandenen Klerus fehlte es vielfach an dem nöthigen Wissen und der standesgemäßen Tugend und Frömmigkeit. Auch in den Klöstern war die Zucht gesunken. Daß es unter solchen Verhältnissen im Volke und in den höheren Ständen auch nicht gut aussah, läßt sich denken. Die Mittel, deren sich Otto zur Erhaltung und bezw. Wiedereinführung des katholischen Glaubens und zur Verbesserung der Kirchenzncht bediente, waren Visitationen, die Abhaltung von Synoden, die Durchführung der Re- formdekrete des Concils von Trient, die Heranbildung eines tüchtigen Klerus u. a. m. Die Visitationen hatten den Zweck, über den Zustand der Diöcese in religiöser und sittlicher Beziehung Kenntniß zu erlangen und die Beseitigung der entdeckten Mißstände entweder sofort zu bewerkstelligen oder doch vorzubereiten. Die erste Synode hielt Otto noch in dem Jahre ab, in welchem er Bischof wurde, woraus hervorgeht, mit welchem Eifer er in der That das Reformationswerk betrieb. Er versammelte sich 1543 mit seinem Klerus zu Dillingen. Es wurden dabei vornehmlich die Statuten früherer Synoden erneuert, aber auch einige andere, den Zeitumständen entsprechende erlassen. Zum zweiten Male versammelte Otto seine Diöcesan- geistltchkeit um sich im Jahre 1548, wiederum zu Dillingen. Es erschienen Acbte, Pröpste, Decane und Kämmerer in großer Zahl. Am ersten Tage der Synode zogen die Mitglieder um 7 Uhr in feierlicher Procession in die Pfarrkirche, wo der Cardinal selbst die Messe äs Lpiritu sanoto celebrirte. Hierauf begab man sich ins Schloß, in dessen oberen Saale die Berathungen ge« 374 'pflogen wurden. Es wurden heilsame Bestimmungen getroffen in Betreff des Welt- und Ordensklerus, der Spendung der Sakramente u. s. w. Eine Commission nahm auch die Beschwerden der Geistlichen und Laien entgegen. Otto, der fromme und demüthige Bischof, forderte, es solle ein Ausschuß von Shnodalzeugen seine eigenen Sitten prüfen und ihm im Namen der Synode heilsame Ermahnungen geben. Darauf wurde ihm geantwortet, man habe keinen weiteren Wunsch, als daß er die aufgestellten Statuten streng gewissenhaft durchführe und gleichsam als lebendiges Gesetz (vvlut lex aiürnnta) allen ein gutes Beispiel gebe (Braun B. 3 S. 403). Eine dritte Synode fand statt 1567, gleichfalls in Dillingen. „Der Zweck derselben war, nach den Dekreten des Concils von Tricnt den Klerus und das Volk zu resormiren, die Mangel und Mißbrauche zu heben, und was zur Erhaltung und Belebung des Glaubens und der Sitten dienlich wäre, zu verordnen" (Braun S. 469, 470). Wie in seiner Diöcese, so suchte Otto auch in seinem Stifte Ellwangen die Reform im Geiste und nach den Vorschriften der Kirche durchzuführen. Uebrigens vergaß Otto bei seinem Rcformations- werke sich selbst keineswegs. Wir haben bereits gesehen, welche Forderung er an die Synode von 1548 hinsichtlich seiner Person stellte. Ich führe noch Folgendes an. Die geistlichen Uebungen des hl. Jgnatins, die als ein vorzügliches Mittel zur Förderung eines wahrhaft geistlichen Lebens anzusehen sind, empfahl er nicht bloß anderen, sondern machte sie als einer der ersten deutschen Prälaten auch selbst mit, das eine Mal 1542 bei dem seligen k. Faber, ein anderes Mal unter dem k. Le Iah, und zwar im Kloster zu Ottobenren (Hist. Jahrb. B. 7 S. 388, 389). Die Reform des sittlichen Lebens suchte Otto auch in den höheren Ständen der Gesellschaft durchzuführen. Besonders war er bestrebt, dem Laster der Trunkenheit entgegen zu wirken, welches im 16. Jahrhundert gerade unter dem Adel, vorn untersten bis zum obersten, auch an den fürstlichen Höfen weit verbreitet war und vielen einen frühzeitigen Tod brachte. Um diesem Laster und seinen schlimmen Folgen zu steuern, errichtete er zwei Jahre nach seiner bischöflichen Erhebung, 1545, mit 42 Grafen und Freiherren zur Abschaffung des üblen Zu- trinkens eine Verbindung unter dem Titel „Johannesgesellschaft", deren Mitglieder als Abzeichen ein silbernes St. Johannesbild trugen. Wer die Statuten übertrat, mußte sich selbst anzeigen und das Bild zurückstellen. Der Erfolg scheint ein guter gewesen zu sein. Wenigstens dankt Abt Gerwick von Weingarten dem Cardinal für die Aufnahme in die Gesellschaft mit dem Bemerken, hätte die Einrichtung schon vor 30 Jahren bestanden, so würde es jetzt mit seinem armen Kopf und Magen besser stehen, denn es leider wirklich steht (Hist. Jahrb. B. 7 S. 192). Als ein geeignetes Mittel zur Verbesserung des kirchlichen Lebens betrachtete Otto die Einführung des Ordens der Gesellschaft Jesu, deren Seeleneifer nild Reinheit er in Rom keimen gelernt hatte. Es gelang ihm zwar noch nicht, dem Orden in Augsburg eine klösterliche Niederlassung zu bereiten, aber er hatte doch die Freude, in jener Stadt einzelne Mitglieder zu sehen. Dazu gehörte der selige Petrus Canisins und Le Jay. Canisins wirkte als Domprediger auf der Kanzel und gls Seelsorger mehrere Jahre ungcmein segensreich. Ihm ist, soweit die menschlichen Mittel in Betracht; kommen, die Zurückführung eines großen Theiles der' Augsburger Bevölkerung zum katholischen Glauben vornehmlich zuzuschreiben.* Le Jay stand als gelehrter Theolog unserm Bischof zur Seite, wie er denn auch von ihm als Concilsthcologe nach Trient geschickt wurde. Gegen Canisins bewies Otto stets eine hohe, man möchte sagen unbegrenzte Verehrung. Selbst die scharfen Mahnungen, welche Canisins an Otto wegen seiner oftmaligen und langdauernden Abwesenheit von seiner Diöcese und der daraus entstehenden Nachtheile richten zu müssen glaubte, konnte diese Verehrung nicht mindern, >va3 gewiß beiden zur höchsten Zierde gereicht. Ein Hauptmittel der Reform erblickte Otto endlich in der Heranbildung eines seeleneifrigen, gebildeten und frommen Klerus. Zu diesem Zwecke gedachte der weitschauende Mann eine Anstalt ins Leben zu rufen, in welcher der Klerus der Zukunft die nöthige wissenschaftliche und moralisch-ascetische Bildung erhalten sollte. Zn diesem Zwecke gründete er 1549 in Dillingen eine Schule, welche sowohl unser heutiges Gymnasium als auch die philosophische und theologische Fakultät in sich schloß. Zugleich errichtete er daselbst ein Internat, nämlich das Seminar oder Convict zum hl. Hierouhmus. Die Anstalt wurde auf Bitten Otto's von Papst Julius III. 1551 zum Range einer Universität erhoben und mit den entsprechenden Privilegien ausgestattet. Im Jahre 1564 übergab Otto die Universität und das Kollegium (Seminar) dem Orden der Jesuiten zur Leitung. Durch die Gründung dieser Lehr- und Erziehungsanstalt hat Otto nicht bloß für seine Diöcese, sondern für ganz Süddentschland am meisten zur Erhaltung und Belebung des katholischen Glaubens und zur Heranbildung eines tüchtigen Welt- und Ordcnsklerns und damit zur Reform des kirchlichen Lebens gewirkt. Ich komme nun dazu, das Lebensende unseres Kardinals zn schildern. Im Jahre 1569 begab sich Otto wiederum nach Rom — zum siebenten Male. Die Gründe der Abreise waren pecnniärer Natur. Dieser Umstand veranlaßt mich, vorerst noch einiges über die Finanzen Otto's zu bemerken. Als derselbe Bischof von Augsburg geworden war, gerieth er mehr und mehr in Geldverlegenheiten. Die Ursachen waren verschiedene. Fürs erste litt das Hochstift und Otto persönlich sehr schwer durch zivei Kriege, den schmalkaldischen und den durch den Kurfürsten Moriz hervorgerufenen Krieg. Sodann pflegten die Neichsfürsten der damaligen Zeit großen Aufwand zn machen, und bei Otto kam noch die persönliche Neigung zu Repräsentation hinzu. So war derselbe auf dem Reichstage zu Augsburg 1547/48 von einem aus 50 Personen bestehenden Gefolge, Grafen, Baronen, Edlen, Juristen und Theologen, umgeben. (Vgl. Chronik II, 88; Hist. Jahrb. B. 7 S. 88.) Ein anderer Fall. Im Anfang des Jahres 1568 begab sich der Cardinal von Augsburg mit einem großen Staat von mehr als 100 Pferden nach München, um der Hochzeit des Herzogs Wilhelm mit der Prinzessin Renata von Lothringen beizuwohnen. Uebcrhanpt verschlangen die vielen Reisen, die Otto unternahm, sei es zu den Reichstagen oder nach Rom oder anderswohin, viel Geld. Des weiteren zeichnete sich Otto durch eine großartige Freigebigkeit aus und war auch nicht frei von gewissen Liebhabereien, die ihn theuer zn stehen kamen. Ein großer Freund der Musik, hielt er in Rom Anfang der 60er Jahre eine eigene Kapelle für Kirchenmusik und wahrscheinlich auch 375 für Privatzwecke, welche er erst 1665 in Deutschland beurlaubte. Das tägliche Opfer wurde von ihm nie ohne Musik dargebracht: sinnig Zensris s^nipstonias oon- ssntu (Hist. Jahrb. B. 7 S. 186). Die größten Ansprüche aber stellte an ihn die (Ärichtung und Unterhaltung der Universität Dillingen. Es mußten in der oberen Stadt Bauplätze erworben, Häuser angekauft, abgerissen oder adaptirt oder auch neu gebaut, die ganze Anstalt mit den nöthigen Einrichtungen versehen, der Unterhalt der Professoren und Zöglinge bestricken werden u. s. w. Dazu wurde von ihm die Summe von 100,000 Gulden aufgewendet. Die Sache gestaltete sich für ihn um so schwieriger, als das Domcapitel vorerst der Uliiversitätsgründuug sehr kühl gegenüberstand und sich zu einer finanziellen Unterstützung nicht geneigt zeigte. Zu den Ausgaben Otto's für Bauten muß auch die Wiederherstellung und Ausmalung seiner Titularkirche in Rom (St. Sabina), die Restauration der fürstlichen Residenzen zu Dillingcn und Ellwangcn, die Wiederherstellung mehrerer Schlösser in feinen: Bisthum u. a. in. gerechnet werden (vgl. Chronik II, 17; Steichele, Das Bisthnm Augsburg III, 63). Ueberhanpt war Otto ein großer Bauliebhaber. In der Mitte der 50er Jahre scheinen die Schulden zu einer großen Höhe angewachsen zu sein, so daß das unzufriedene Domcapitel sogar mit dem Plane umging, den Bischof abzusetzen. In dem hiewegen 1555 zu Staude gekommenen Vergleich, der 27 Punkte enthält, wurde festgesetzt, daß Otto als regierender Bischof zwar die Administration des Stiftes Augsburg im Geistlichen, sowie die Regierung und Verwaltung der Justiz in: Weltlichen behalten, daß hingegen der größte Theil der Finanz- verwaltung der Oberaufsicht des Domcapitels unterstellt und so eine regelrechte Schuldentilgung ermöglicht werden sollte (Braun B. 3 S. 496 f.). Die Geldverlegenheiten, um das auch zu erwähnen, erklären das Streben Otto's nach neuen Benefizien. Im Jahre 1569 reiste Otto, wie schon erwähnt, nach Rom, um seinen Gläubigern zu entgehen und Ersparnisse zu machen. Letzteres war ihm dort leichter möglich als in der Hcimath. In Rom verweilte er bis zu seinem Tode. Im Jahre 1573, also nach vierjährigem Aufenthalte, schickte sich Otto an, nach Augsburg zurückzukehren, um mit den von ihm selbst und seinen Beamten gemachten Ersparnissen seine Gläubiger zu befriedigen. Da fiel er plötzlich in eine tödtliche Krankheit, welcher er am 2. April erlag. Gregor XIII. richtete an das Dom- capitel in Augsburg ein Beileidschreiben (Histor. Jahrb. B. 7 S. 207). Ueber die näheren Umstände des Todes Otto's wird uns nichts berichtet. Von dein Verlaufe seiner Krankheit in ihrem ersten Stadium erstattete er regelmäßig Bericht au Herzog Albrecht. Darnach litt er an einem Mageuübel, welches er nach dem Urtheile der Aerzte sich dadurch zugezogen hatte, daß er im Sommer in Eis gekühlten Wein trank. Dazu kam dann noch ein Steinleiden, dieselbe Krankheit, die auch Herzog Albrecht hatte. Otto scheint viel gelitten zu haben. Eine Mittheilung an Albrecht schließt mit den Worten: katcksntia, ich leid's mit Geduld (Wimmer S. 132). Die Ueberreste Otto's wurden in der deutschen Nationalkirche L. Ll. äs amina. beigesetzt, dem Papste Hadrian VI. gegenüber, dem letzten Papste deutscher Abkunft. 40 Jahre nachher, 1613, wurden seine Gebeine von Johann Gottfried, Bischof von Bamberg, Gesandter des Kaisers Mathias, nach Augsburg, im Jahre darauf, 1614, nach Dillingen gebracht, wo sie tn der akademischen oder Jesnitenkirche neben dem Altare des hl. Hieronymus ihre Ruhe fanden. Bischof Sigmuud Franz, ließ im Jahre 1657 seinem erlauchten Vorgänger ein Monument setzen mit einer lateinischen Inschrift. Die Trauer um den Cardinal war namentlich in Dillingen eine große. Das Diarium der Akademie sagt, Otto sei gestorben zum großen Schmerze aller Guten (inagno donorum oinniurn äolors). Die Akademie hielt zwei Tranergottcsdienstc, am 17. April und 2. Mai. Das erste Mal wurde eine, das zweite Mal zwei Trauerreden gehalten. In der Folge hielt die Akademie alljährlich am Todestage ihres Stifters einen Gedächtniß- gottesdienst. Zum Schlüsse möchte ich noch eine allgemeine Charakteristik Otto's geben. Ich will das weniger mit meinen eigenen Worten als mit den Worten und Urtheilen derjenigen thun, welche als Zeitgenossen unsern Cardinal gekannt oder mit seinem Leben und seiner Wirksamkeit eingehend sich beschäftigt haben. Es wird sich dabei Gelegenheit bieten, einiges kurz zu berühren, was im bisher Gesagten keine Erwähnung gefunden.hat. Die Pappenheim'schc Chronik (I, 116) und der Verfasser der Geschichte der Bischöfe von Augsburg, Placidus Braun (III, 515), stimmen darin überein, Cardinal Otto sei ohne Widerrede eine der größten Zierden der katholischen Kirche und des Reiches gewesen, welchen er unter mehreren Päpsten und drei Kaisern mit Aufopferung von Hab und Gut und seines eigenen Lebens von Jugend auf bis an sein Ende treu gedient, wcßhalb er von jedermann in und außer dem Reiche, sogar von seinen Feinden, hochgeschätzt, von den römischen Kaisern aber, den Erzherzogen von Oesterreich und den Herzogen von Bayern durch ausgezeichnete Gnaden und Vertrauen geehrt worden sei. Selbst in Italien, Spanien, Frankreich und den Niederlanden sei sein Name, seiner Tugenden und Talente wegen, mit Achtung genannt worden. Braun und Dnhr führen eine Reihe von Zeugnissen über Otto an, die von Zeitgenossen stammen. Es sind berühmte Männer, solche, die in Kirche und Staat oder in der gelehrten Welt sich einen Namen gemacht haben. In diesen ehrenden Zeugnissen wird an Otto gerühmt sein großer Eifer für die Religion, seine Klugheit und Weisheit in der Regierung seines Bisthums und in der Ausführung der ihm von den höchsten Persönlichkeiten übertragenen Geschäfte, seine Liebe zu den Wissenschaften und seine Hochschätzimg der Freunde der Wissenschaft und der Gelehrten, sein wohlthätiger Sinn und seine Freigebigkeit in der Unterstützung Hilfsbedürftiger oder in der Förderung gemeinnütziger Einrichtungen, seine Frömmigkeit, Demuth, Herablassung und Sittenreiuheit (vgl. dazu Hist. Jahrb. B. 7 S. 207). Das glänzendste Zeugniß hat unserm Cardinal Herzog Albrecht V. von Bayern iu, einem Schreiben an Papst Pins V. ausgestellt. Er,' schildert ihn darin als Bischof und Staatsmann und hebt§ seine Anhänglichkeit an Papst und Kaiser, seine Verdienste' um das Reich, die Kirche und besonders sein eigenes Bisthum, sowie seine persönlichen Tugenden und Vorzüge in den ehrendsten Ausdrücken hervor. Namentlich gedenkt er der Verdienste, die sich der Cardinal durch die Gründung der Universität Dillingen weit über die Grenzen seines Bisthums hinaus erworben hat. Daß an Otto nicht alles vollkommen war, wer wollte das bestrickten? Gleichwohl war er ein bedeutender Mann. Dieses Lob kann ihm die Nachwelt so wenig verweigern, als es ihm die Mitwelt in den edelsten Männern vorenthalten hat. Darum dürfte auch von ihm das Wort des Dichters gelten: „Wer den Besten seiner Zeit genug gethan, der hat gelebt für alle Zeiten." Dillingen. Von Hugo Arnold. (Fortsetzung.) lieber die sonstigen Gebäude der Stadt ist vom geschichtlichen oder künstlerischen Standpunkte aus wenig zu sagen, denn sie bieten nicht viel Hervorragendes. Wo sich die Architektur über das Niveau nüchterner Einfachheit und Schmucklosigkeit erhebt, zeigt sie an Kirchen wie an Privathäusern, namentlich an den zahlreichen Häusern und Palästen der ehemaligen Würdenträger des bischöflichen Hofes, den Stempel der Spätrenaissance oder des Barock, der für die weltlichen und geistlichen Residenzen Süddeutschlands ein kennzeichnendes Merkmal bildet. Am besten hat mir noch der im französischen Seignenrialstil des vorigen Jahrhunderts gebaute Pfarrhof gefallen, wenngleich die Phhsiognomie eines Herrschastsschlosses für den Sitz des Scelenhirten nicht paßt und die würdigen Pfarr- herren bitterlich über die Kostspieligkeit ihrer Wohnung Nagen. Die Pfarrkirche zu St. Peter stammt in ihrer jetzigen Gestalt aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts und ist ein einfacher, freundlicher Bau; ihr gothischer Thurm hat sich einen achteckigen Aufbau mit wälscher Kuppel gefallen lassen müssen. Die ehemalige Jesuiten-, jetzt Studicnkirche ist ein großer, schöner Ban mit reicher Zier an Deckengemälden, Stnkko und Goldglanz im Geschmacke des vorigen Jahrhunderts. Zu nennen sind ferner: das Hospital, welches vom Grafen Hartmann IV. und seinem Sohne Hartmann V., dem Bischöfe von Augsburg, 1257 gestiftet wurde und im Laufe der Zeiten ein beträchtliches Vermögen erwarb; das Kapuzinerkloster, das nach der Säkularisation 1803 zum Central-Kloster für die übrigen aufgelösten Kapuziner- Convente aus Schwaben und Bayern bestimmt worden war; das Frauenkloster von der dritten Regel des heil. Franziskus, genannt das „große" Kloster, welches seine Stiftung ebenfalls auf die Grafen Hartmann IV. und V. zurückführt und von welchem aus eine ganze Reihe von Filial-Klöstern und Klösterlein in Süddeutschland gegründet wurde, sämmtliche für Unterricht und Erziehung. Von Frauen des Ordens wird auch die in vorzüglichem Rufe stehende, von Lyccalprofessor Loh. Ev. Wagner gegründete Lehr- und Erziehungsanstalt, sowie die Kreis- erziehungsanstalt für taubstumme Mädchen geleitet. In einem stattlichen Renaissancebaue hat das kgl. Lyceum, die Bildungsanstalt für die jungen Priester der Diöcese Augsburg, seinen Sitz. Dasselbe ist der Nachfolger einer Hochschule, die sich Jahrhunderte hindurch seines hohen Ansehens erstellte und zu wiederholten Malen «ine beträchtliche Blüthe erreichte. Ihre Wiege stand im ^Benediktinerstifte Ottobeuren, wo Abt Leonhard Wider Mann 1543 eine öffentliche Lehranstalt für morgenländische ^Sprachen und mit Unterstützung des Fürstabtes von Kempten ^tllü> der Aebte der schwäbischen Benediktinerklöster Ochsen- -Hausen, Zwiefalten, Weingarten, Elchingen, Donauwörth, Wiblingen eine förmliche Akademie errichtete, deren Studten- plan nicht nur die niederen Vorbereitungsklassen, sondern auch die höheren Wissenschaften und Künste, Naturkunde m»d die gesammte Theologie umfaßte. Bet der Ungunst ^» Zeit en Konnte sich diese Ans talt nu r 2'/» Jahre in Ottobeuren halten, wanderte dann 1545 nach Elchingen aus, mußte sich jedoch 1*/z Jahre später in Folge des schmalkaldischen Krieges und der Einäscherung der Klostergebäude auflösen. Glücklicher Weise erstand sie bald s wieder in größerem Maßstabe, indem der Cardinalbischof .Otto das Gymnasium des Stiftes Elchingen 1549 nach ' Dillingen verlegte und hier noch ein geistliches Seminar, das Collegium des hl. Hieronymus, gründete, das Papst Julius III. durch einen jährlichen Beitrag von 2250 Dukaten unterstützte; die übrigen Fonds wurden durch den Cardinal und aus den Einkünften einiger verödeter Klöster beschafft. Auf Bitten des Kardinals erhob der Papst die Anstalt zur Universität; aber kaum war die betreffende päpstliche Bulle eingetroffen (1552), als der Ueberfall des Kurfürsten Moriz von Sachsen eine bedenkliche Störung herbeiführte. Lehrer und Schüler flüchteten sich nach Jngolstadt und Landshut und von da nach Salzburg und Friesach. Erst 1554 konnte, nachdem auch die kaiserliche Bestätigung der päpstlichen Privilegien erfolgt war, die feierliche Eröffnung der Universität stattfinden, wobei aber innerhalb derselben das Collegium des heil. Hieronymus als eigentliches Seminar fortbestehen blieb. 1657 ließ der Cardinal ein neues Univerfitäisgebäude mit Aula erbauen, eben das heutige Lyceum. Da der häufige Wechsel der Lehrer dem Unterrichte nicht förderlich war, berief er die Jesuiten, welche trotz des kurzen Bestehens ihres Ordens bereits einen ganz außerordentlichen Aufschwung genommen hatten. Im Herbste 1563 traf der berühmte Ordcnsprovinzial Peter Canisius mit 20 Patres ein, und im August 1564 wurde die Universität und das Collegium des heil. Hieronymus den Jesuiten förmlich übergeben. Rasch mehrte sich der Zudrang von Studenten, deren Zahl sich durchschnittlich auf 4 — 600 belief, und mit Vorliebe schickten der Adel und die Klöster Oberdeutschlauds ihre Söhne und Novizen in das Col- legium, das den Namen Convict nach dem Zusammenleben der weltlichen und geistlichen Zöglinge erhielt. Zum Unterhalte von 25 Alumnen überwies Papst Gregor XIII. monatlich 100 Goldscudi. Es gab somit Fluwvi xou- tikoii und tzxisvvxalW, dann Oonviotoras röliZiosi und saecularas; die vom Collegium unterstützten armen Stadtstudenten aber hießen kauxeres 8. Ilierovxmj oder OUarn. Durch den Tod des Kardinals (1573) wäre der Bestand der Universität fast in Frage gestellt gewesen, wenn nicht seine Nachfolger ihr ebenfalls reichliche Unterstützung gewährt hätten. Unter ihnen darf Heinrich V. von Kuöringen (1598 — 1646) als ihr zweiter Gründer betrachtet werden. Dieser, einer der größten Staatsund Finanzmänner aus dem Stuhle des hl. Ulrich, vermochte den Widerstand zu brechen, welchen das Domcapitel bisher theils offen, theils latent gegen die Ueber- gabe der Universität und ihre Leitung durch die Söhne des hl. Jgnatius Loyola geleistet hatte, indem er dasselbe vermochte, die vom Cardinal Otto gemachten Schenkungen zu bestätigen, den weiteren Bestand der Anstalten zu gewährleisten und die gesammte Leitung nebst der Besetzung der Lehrstühle vollkommen den Jesuiten zu überlassen. Damals erreichte die Universität ihren blühendsten Stand. Sie zählte zwischen 6—700 Studenten, das Convict des hl. Hieronymus 120—150 Zöglinge, und die Hochschule zu Dillingcn war neben der Jngolstädter Universität das süddeutsche Hauptbollwerk des katholischen Glaubens gegen den Protestantismus. 377 War ihr Lehrplan zwar hauptsächlich auf das Studium der Theologie zugeschnitten, so wurde er doch noch durch Errichtung von zwei Lehrkanzeln für Rechtswissenschaft erweitert (1625 und 1629), als bereits die Flammen des dreißigjährigen Krieges loderten. Bald griffen diese auch nach Süddeutschland herüber, und die Universität hatte darunter ebenso zu leiden wie Stadt und Land. Die Jesuiten geriethen mehrmals in Gefangenschaft und wurden wegen eines angeblichen Schatzes von einer Million hart bedrängt, bis sich die Schweden mit einer Brandschatzung von 1600 spanischen Dukaten begnügten, für die ein protestantischer Bürger Augsburgs Bürgschaft leistete. Nachdem die Zeiten ruhiger geworden, bestand die Universität noch anderthalb Jahrhunderte, ohne jedoch die frühere Bedeutung wieder erreichen zu können, bis sie nach Aushebung des Jesuitenordens unter der unmittelbaren Aussicht des Domcapitels dem Weltklerus übergeben wurde, eine Vermehrung der Lehrkräfte (es wirkten an ihr u. a. Sailer, Weber, Zimmer) und einen erneuten Aufschwung erfuhr. Lange dauerte derselbe allerdings nicht, weil nach der Besitznahme des Bisthums Augsburg durch Bayern die Universität 1803 in das heute noch bestehende Lyceum umgewandelt wurde. Wenn wir einen Blick auf die Geschichte der Stadt werfen, so sehen wir, daß dieselbe auf das innigste mit dem Herrschaftssitze, mit Burg und Schloß verwoben und verknüpft ist. Sie entstand aus den Ansiedlungen der kleinen Leute, welche ihre Interessen vor den Mauerring der Burg führten, in der nämlichen Weise, wofür wir Beispiele aus den ältesten Zeiten und aus den modernen Tagen besitzen: die bürgerlichen Niederlassungen (eurmlme) vor den Thoren der römischen Castelle und die Stadtviertel der Umgebung der Kasernen. Wie sich in diesen all' der kunterbunte Troß und die mannigfachen Anhängsel, die sich nun einmal von der Truppe nicht trennen lassen, sammelt und wohnhaft macht, so zogen auch in der Periode des Ritterthums die Bedürfnisse eines dynastischen Hofhalts und seines Gefolges Weiber und Kinder, Händler, Handwerker und Wirthe herbei, und aus deren Hütten und Baracken erwuchs die heutige Stadt. Sie mag bereits beim Ausgange der Grafen einen beträchtlichen Umfang erreicht haben, wie die bereits geschilderten ältesten Ringmauern beweisen; später dehnte sie sich selbstverständlich noch weiter aus, als die Bischöfe hier ihren Aufenthalt nahmen. Anfänglich theilten sie ihn noch zwischen ihrer alten Pfalz zu Augsburg und dem jetzigen Schlosse. Doch als die Zustände in der immer blühender und mächtiger sich entwickelnden Reichsstadt für die Bischöfe mehr und mehr unbehaglich sich gestalteten, weil das Selbstgefühl der aufstrebenden Bürgerschaft sich mit den Ansprüchen der geistlichen Fürsten nicht vertrug und sich in Augsburg dieselben Erscheinungen wiederholten, wie in anderen Städten, über welche die dort wohnenden Bischöfe nicht als Landesherren geboten, als die Zerwürfnisse in den Feindseligkeiten der Stadt gegen den Bischof Anselm von Nenniugen im 15. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichten, als im folgenden Säculum die Religionskämpfe begannen und schließlich die Reichsstadt sich völlig der Reformation zuwandte, da zogen die Bischöfe vor, die Stadt Augsburg möglichst zu meiden, und verlegten ihre ständige Residenz in das Schloß an der Donau. (Schluß folgt.) Mittelalterlicher Bnrgenbau gegenüber römischer Befestigung in Deutschland. Von Gg. Hock. (Fortsetzung.) In dem erwähnten Streite, der übrigens jetzt so ziemlich mit der Niederlage der „Romanisten"") geendet hat, dürfte es neben der bereits besprochenen allgemeinen Anlage sich hauptsächlich um drei Punkte handeln, die bei genauerer Betrachtung manchen Aufschluß zu geben vermögen: das ist der Zweck, die Oertlichkeit und die Manertechnik. Beginnen wir mit dem Zwecke: Die Castelle in Deutschland, speciell im Dekumatenlande, sind weitaus zum größten Theile Grenzcastelle und meist in unmittelbarer Nähe des Limes. Sie und alle übrigen römischen Anlagen hatten also zunächst den Zweck, die kleineren Feldwachen ") sowie die Thurmwächtcr an der Grenze auszustellen und abzulösen, den Verkehr zu regeln, v. Cohausen geht sogar soweit, daß er sie nur „Zollerhebungsstellcn" nennt. Ich für meine Person möchte in ihnen vielfach den Typus einfacher Garnisonen erblicken, die darauf eingerichtet waren, den Truppen Wohnung und Unterkunft zu bieten, zugleich aber auch vor einer plötzlichen Neber- rumplung hinlänglichen Schutz gewährten. Anders mußte der Zweck der Ritterburg sein. Sie konnte zwar auch in vereinzelten Fällen die Aufgabe haben, eine Stelle zu überwachen, aber ihre Hauptbestimmung ist nach Piper: „der mittelalterliche befestigte Einzelwohnsitz eines Grundherrn." ") Der Burgherr ist auf sich selbst angewiesen, mit einem kleinen Häuflein seiner Knechte muß er zusehen, toie er sich halten kann gegen die wilden Schwärme der Ungarn, gegen seine Nachbarn, ja, wenn ihn die Ritter- tugenden nicht gerade sonderlich schmücken, sogar gegen seinen Landesherrn und später besonders gegen die Städter. Bei den römischen Schntzbauten findet sich wenig Analoges. Die letzteren ordnen sich alle zusammen zu einem wohl organisirten Ganzen. Kein Theil ist auf sich allein angewiesen. Die Posten auf den Thürmen signalisiren in kurzer Zeit eine weite Linie, das bedrohte Castell kann sicher auf den Beistand seiner Nachbarn rechnen, das Defensiv - Verhältniß braucht bei den römischen Bauten schon aus diesem Grunde nicht so sehr betont zn sein, der Römer hat keine hohen Schildmancrn» Bastionen oder Berchfrite nöthig, hinter denen er sich verstecken könnte. Ein Graben mit einer dahinter liegenden mäßigen Mauer genügte, um den ersten Anprall des Feindes zu hemmen, dann bildeten die römischen Soldaten hinter der Brustwehr die beste lebendige Mauer. Der Zweck der Ritterburg, eine Blokade lauge auszuhalten und womöglich zu überstehen, bedingte noch eine Anlage, welche sich mit der römischen Castraksorm in unseren Gegenden gar nicht vereinbaren läßt. Es ist dies die Einrichtung, welche es dem Vertheidiger ermöglicht, daß er sich im Laufe der Belagerung auf immer engere, kleinere, aber um so festere Punkte ") Bezeichnung Pipers für die Monc-Krieg'sche Schule: ") S. Nr. 43 dieses Blattes. ") v. Cohausen: Der röm. Grcnzwalt S. 348. ") Piper: Bmgenkunde S. 3. 378 zurückziehen kann, während er dem Feinde die Außcn- wcrke nach und nach überläßt. Das sehen wir vor allem in den Vorburgen und Zwingern beabsichtigt. Cohausen") hält zwar den Zwinger für ein vorbereitetes Kampffeld, welches den Vortheil gewährte, „dem dort schon eingedrungenen Angreifer mit bewaffneter Hand in die Flanken zu fallen". Dieser doch etwas zn idealen Ansicht gegenüber bemerkt Piper mit Recht: „In der Regel werden doch die Vertheidiger vorgezogen haben, von gesichertem höheren Standorte aus die Eingedrungenen mit Schuß und Wurf zu bekämpfen, anstatt selbst in den engen Zwinger zu einem Kampfe mit bewaffneter Hand hinabzusteigen." In einem etwas ähnlichen Sinn spricht sich auch Essenwein aus, wenn er als „Hauptzweck dieser Anlage (den Umstand) erachtet, daß der Belagerer nicht so leicht mit Sturmb'öcken oder Nollthürmen an die eigentliche Mauer gelangen konnte, sondern schon an der niedrigeren äußeren Mauer Halt machen mußte". Der Umstand, daß die „Hintere" oder „Hauptmauer höher" war, hatte noch den weiteren Vortheil, „daß den herannahenden Feind zwei Reihen Bogenschützen hinter- und übereinander empfangen konnten".^ Nach dem Falle dieser Vorwerke war jedoch die eigentliche Hauptburg selbst noch gegliedert. War einmal die Ringmauer mit ihrem Wehrgange erstiegen, so bildete oft der „wehrhafte Palas" ein sicheres rakuginm, und wenn die Noth am höchsten stieg, so war endlich der mächtige, hohe Berchfrit noch da, welcher nach Wegnahme der Leiter zu seinem hochgelegenen Eingänge oder nach Abbruch des leichten Steges, der ihn mit dem Palas verband, geradezu unüberwindlich war. Ja, die einzelnen Stockwerke, welche gewöhnlich durch starke Gewölbe getrennt waren, konnten wiederum einzeln vertheidigt werden. Der Zweck einer successiv sich enger schließenden und zurückweichenden Vertheidigung war dein römischen Lager absolut fremd. Trotzdem haben es die Romanisten versucht, auch den Castellen einen sogen, „inneren Abschnitt" beizulegen und wehrhafte Gebäude innerhalb derselben nachzuweisen. Schon Vegetius") soll nach Krieg und seinen Anhängern diesen „inneren Abschnitt" als praktisch befürwortet und empfohlen haben, was jedoch nur auf einer falschen Interpretation dieses Schriftstellers beruht; denn da, wo Vegetius die Belagerten darauf hinweist, wenn der Feind bereits eingedrungen sei, die stärkeren und höheren Orte, Gebäude und Thürme besetzt zu halten, von da aus den Angreifer mit Geschossen zu überschütten und ihm einen sehr gefährlichen Straßenkampf zu liefern, ist jedenfalls eine größere Anlage, eine Stadt gemeint; dafür sprechen ja ganz deutlich die Ausdrücke: „hui in- vasarint oivitatam" und „ox>xickg.ni". Die Beispiele, welche man trotzdem für die Gegenansicht zn erbringen suchte, gründen sich meist auf dem Irrthume, daß man einen mittelalterlichen Bau für römisch hält oder auf wirklich römischen Fundamenten eine natürlich nie dagewesene Anlage reconstruiren will. So findet sich die bekannte Feste Steinsberg in Baden noch jetzt in vielen Kunstgeschichten als Typus ") v. Cohausen: Alterthümer im Rheinland S. 89. '°) Piper: Burgenkunde S. 12. ") Handbuch der Architektur: II. Theil 4. Band. v. Essenwein, 1. Heft S. 192. Vegetius 4,25. einer „Ritterburg römischen Ursprunges" abgebildet, und den Glauben, daß ihr Berchfrit sowie das eigenartige polygonale, doppelt und dreifach angelegte Zwingerwerk auf die Römer zurückzuführen sei, konnte man immer noch nicht ganz aus der Welt schaffen, obwohl schon Dekan Wilhelm: und der Engländer James Aales bereits vor vierzig Jahren davon überzeugt waren, daß die Burg ein Werk des Mittelalters sei.") Von Thürmen oder anderen Bollwerken, welche nach Krieg und Monc") „frei in der Mitte" eines Lagers standen, hat man bis jetzt noch keine Spur entdecken können. So wird z. B. der viereckige, aus der Rückseite des Saalburg-Prätoriums hervorspringende Bau, welchen man noch heute als „Thurm" deutet, viel richtiger durch Cohausen als vornehmster Theil des römischen Hauses, als VS0U3 bezeichnet, 2') indem ja überhaupt die ganze Anlage des Prätoriums nach den Worten v. Cohausens „dem normalen römischen Hause, wie wir es namentlich im Hause des Pausa in Pompeji dargestellt finden, selbst in den Maßen gleicht.") Der total verschiedene Zweck der Castralanlage und die Unmöglichkeit ihrer Verquickuug mit der alten Burg zeigt sich endlich in den beiden Seiteuthoreu des Castells, welche doch offenbar der Besatzung dienten, im geeigneten Momente einen Ausfall zu machen und den Feind aus dem Felde zu schlagen, denn „darin, sagt mit Recht Marggraff, gipfelt die römische Verthcidigungstaktik".") Wenn man auch heutzutage nicht mehr so leicht eine ganze Bnrg auf römischer Grundlage entstanden sehen will, so muß doch vielfach wenigstens der Berchfrit noch römisch sein. Er ist, wenn alles andere nichts mehr hilft, eine „alte römische Warte", die mit so und so viel anderen corrcsponditte. Wir haben besonders in Süddeutschland eine Menge von Beispielen am Nheine, im Odenwald, am Maine, am Neckar und an der Altmühl. Dem Besucher von Nassenfels, Altmannstein, Arnsberg, Kipfenberg, Hirschberg u. s. w. verkünden noch heute in Stein gehauene Inschriften, daß diese Thürme „wahrscheinlich aus dem 2. Jahrhundert nach Christus stammen", der sonst geistreiche und vortreffliche Führer durch die „Altmühlalp" von Kugler läßt fast von jeder Burg und Höhe einen solchen „unverwüstlichen" Nömerbau mit stolzer Majestät und Würde in das Thal blicken und macht sich geradezu lustig über „einen Engländer", der vor einigen Jahren behauptet habe, diese Thürme seien erst im Anfange des Mittelalters errichtet worden. Es ist hier jedenfalls James Aates gemeint, der wohl zuerst (bereits im Jahre 1857) mit echt britischer Kaltblütigkeit seinen Gegnern das Wort an den Kopf zu schleudern wagte, er für seine Person halte „eher eine chinesische Pagode für römisch, als einen solchen Thurm".^) Die Anlage und Gestalt dieser Bauwerke, ebenso im Gegensatz dazu die der notorisch römischen Wartthürme haben wir bereits oben kennen gelernt. Ohne allen Zweifel haben auch die Römer Warten angelegt, und ") Nach den neuesten Untersuchungen fällt die Bauzeit des ältesten Theiles etwa in das Ende des 12. oder den Anfang des 13. Jahrhunderts. 20 ) Mone: „Urgesch. des badischen Landes" S. 188. ") v. Cohausen: „Röm. Grenzwall" S. 112. ") v. Cohausen: „Röm. Grenzwall" S. 342. '°) Marggraff: „Die römische Reichsgrenze in Germanien." ") Abhandlung im Jahrbuch des histor. Vereins für Schwaben und Neubnrg. Jahrg. XXm. 379 zwar nicht nur am Limes, sondern auch an den Straßen .und in der Richtung gegen das Innere der Provinz zu. Aber dies waren doch offenbar keine solchen Bollwerke wie unsere Berchfrite. Die Wächter waren ja hinlänglich gedeckt durch die großen Lager mit den Grenztruppen, welche sich alle noch vor ihnen befanden, und wichen einmal diese Cohorten zurück, so wäre es sicherlich Thorheit gewesen, wenn die einzelnen Wächter in ihren Thürmen noch hätten Widerstand leisten wollen. (Fortsetzung folgt.) Grundlegende Gesichtspunkte für Beurtheilung der Währnngsfrage. Von Dr. Schw. (Schluß.) Wenn der Preis einer Waare sich ändert, so weiß man nicht, ob der Grund dieser Veränderung auf Seiten des Geldes oder der Waare oder beider zugleich liegt. Wenn wir jedoch die Beobachtung machen, daß eine große Anzahl von Waaren oder alle die wichtigsten Waaren ungefähr nach der gleichen Richtung und im gleichen Maße ihren Preis verändern, so werden wir berechtigt sein, anzunehmen, daß der Werth des Geldes sich geändert habe, wenn wir nicht beobachten, daß eine die Produktionsbedingungen aller in Betracht gezogenen Waaren beeinflussende Thatsache vorhanden ist, wenn wir auf Seite der Waaren keine Aenderung im Angebot und den übrigen preisbestimmenden Faktoren zn erkennen vermögen. Umgekehrt werden wir zur Erklärung der Preisänderung keineswegs die Geldwerthänderungen dann heranziehen, wenn wir auf Seiten der Waaren und deren Produktionsbedingungen so wichtige Veränderungen wahrnehmen, welche uns die Preisverschiebnng erklärlich machen. Ein Rückschluß auf den Geldwerth ist also nur dann gestattet, wenn die Preisbewegung eine ganz allgemeine und gleichmäßige ist und allenfallsige Ausnahmen und Abweichungen wieder in specifischen Ursachen ihre Erklärung finden. Insbesondere muß auch der Preis der Arbeit, der Nutzung der Arbeitskraft, also der Arbeitslohn mit in die Beobachtung eingezogen werden. Auch die Arbeitskraft ist nach unserer heutigen Wirthschaftsorganisation eine Waare, weßhalb die eben gemachten Ausführungen auch für sie Geltung besitzen. Allein sie hat ihre besondern Eigenthümlichkeiten, die eine getrennte Behandlung rechtfertigen. Die Arbeitslöhne haben nämlich eine gewisse Beharrungstendenz; sie bleiben oft noch eine Zeit lang auf der gleichen Höhe, wenn schon die weitgehendsten Veränderungen in den Produktionsbedingungen eines Zweiges oder des ganzen Erwerbslebens eingetreten sind. Macht nun der Arbeitslohn die Bewegung der Waaren- preise, wenn auch sozusagen in einem gewissen Abstand, mit, so kann ein Schluß auf den Geldwerth gemacht werden, während ein solcher Schluß ohne weiteres ungerechtfertigt erscheint, wenn der Arbeitslohn die Bewegung nicht mitmacht oder gar in einer andern Richtung sich bewegt. Um Beobachtungen anzustellen, hat man eine Reihe der wichtigsten Waaren ausgewählt, deren Preis in einem gegebenen Zeitpunkte gleich 100 gesetzt und darnach die Veränderungen berechnet. Auf diese Weise ist man zu sogen. Indexziffern gekommen, welche für die Frage der Geldwerthveränderungen immerhin eine große Bedeutung besitzen, hier aber nicht weiter in Betracht gezogen werden können. Das größte Ansehen haben die sogen. Sanerbeck'schen Ziffern, ferner die Soetbeer'schen Zahlen und insbesondere die Indexziffern der englischen Wochenschrift „blocmoinist? erlangt. Die dritte Erkenntnißguelle für die Geldwerth- veränderungen bilden die Discontobewcgnngcn. Auch beim Gelde wird der Preis durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Da nun sozusagen beim Kaufe einer Geldsumme (Aufnahme eines Darlehens, Wechseldiscontirnng ic.) zunächst den Leistnngsgegenstand auf beiden Vertragsseiten die gleiche Geldsumme bildet, tritt der Werth des Geldes insbesondere in der Höhe des Zinsfußes, des Discont- satzes in die Erscheinung. Die Wechseldiscontirnng insbesondere ist eine der vor- nehmlichsten Thätigkeiten der Banken. Diese haben überhaupt den Verkehr mit dem nöthigen Gelde zu speisen. Tritt ein Geldmangel ein, steigt also die Nachfrage nach Geld, so toird die Bank, um den nöthigen Baarvorrath zur Deckung der Noten zu bewahren, die Discontirnng von Wechseln durch Erhöhung des Discontsatzes erschweren. So zeigt also auch das Steigen und Fallen des Discontsatzes ein Steigen und Fallen des Geld- werthes an. Gerade die Frage der Geldwerthänderung spielt im Währungsstreite eine besondere Rolle. Mit Rücksicht hierauf und insbesondere auch mit Rücksicht auf die hohe Bedeutung dieser Aenderung auf das ganze Wirthschaftsleben halten wir es für unerläßlich, noch kurz die Wirkungen der Geldwerthverändernng, sowohl der Gcldent- werthung wie der Geldwerthsteigernng, kennen zn lerne». Beide sind in gleicher Weise von den unseligsten Wirkungen. Durch die Geldentwerthung erfahren alle diejenigen Personen, welche gleichmäßige, auf längere Zeit im vorhinein festgesetzte Bezüge genießen, erheblichen Nachtheil. Die Gehälter und Pensionen verlieren an Werth, der Werth aller Forderungen sinkt, insbesondere auch der Arbeitslohn, der sich nur langsam den geänderten Verhältnissen anpaßt. Die Lebenshaltung der arbeitenden Klasse muß dadurch gedrückt werden. Die Waarcnpreise steigen, der Werth der eingekauften Rohstoffe wächst während der Verarbeitung, der Unternehmergewinn steigt, jedoch zum großen Theile auf Kosten des Arbeitslohnes. Geldentwerthung ist immer zugleich die Folge von Geld- überfluß. Darnach sucht das Geld gierig nach Anlage, die sicheren Papiere steigen, der Zinsertrag schwindet; man sucht Ergänzung für den Ausfall in unsichern Werthen, welche einen höhern Zinsfuß versprechen. Es wird durch diese Nachfrage nach Anlage ein scheinbarer Aufschwung erzielt, es erfolgen Nengründungen, Ucber- produktion, und schließlich platzt die Blase. Das Jahr 1873 bietet uns ein treffliches, wenn auch trauriges Beispiel. In entgegengesetzter Richtung bewegen sich die Wirkungen der Geldwerthverthenernng; sie sind aber um nichts erfreulicher. Die Schulden werden drückender; denn der Schuldner muß in theurerem Gelde das heimbezahlen, was er in billigerem Gelde erhalten hat. Die festen Bezüge gewinnen an Werth. Die Waarcnpreise sinken; der Unternehmergewinn wird vermindert. Der Arbeitslohn bleibt noch eine Zeit lang derselbe. Er repräscntirt bei gleicher Summe einen höhern Werth. Wir haben einen allmähligcn allgemeinen wirthschaftlichcn Niedergang, dessen Endergebniß im ganzen dasselbe ist, wie das der Geld- entwcrthung. Diese unerfreulichen Folgen lassen es neuerdings als wichtiges Postulat erscheinen, daß der Geldstoff ein 380 Stoff von möglichster Constauz des Werthes sein soll. Wenn auch vorübergehende Aenderungen des Werthes des Währungsmetalls auch nnr von vorübergehender Bedeutung sind, so bringen sie doch mehr oder weniger erhebliche Störunge u hervor, die wenn möglich vermieden werden müssen. Damit erwächst für die Währungspolitik die wichtige Aufgabe, Aenderungen des Geldwerthes mit allen Mitteln zu verhindern oder wenigstens auf ein Minimum zu reduciren. Diese Ausführungen, wie sie im Vorstehenden gemacht wurden, mögen genügen, um in die brennendsten Punkte der Währuugsfrage einigen Einblick zu bekommen. Sie werden nicht hinreichen, ein volles Verständniß der Frage zu ermöglichen, insbesondere deßhalb nicht, weil zum eigentlichen Währungsstreite nicht Stellung genommen werden wollte. Immerhin aber sind die Gesichtspunkte betont, auf welche es hauptsächlich ankommt und über welche man sich deßhalb vor allem Klarheit verschaffen muß. Insbesondere soll nochmals auf die Bedeutung der Valutaschwankungcn und der Geldwerthveränderung hingewiesen werden. Gerade von der letzter» hängt wesentlich die Stellungnahme zur ganzen Frage ab. Während die Goldwährnngsauhängcr davon ausgehen, daß das Gold im wesentlichen seinen Werth unverändert erhalten habe und das Silber im Preise gesunken sei, suchen die Gegner unseres Währnngssystems darzuthun, daß nicht eine Silber- entwerthung, sondern eine Goldvertheuerung eingetreten sei, welche für eine Reihe bestehender wirthschaftlicher Mtßstände verantwortlich zu machen sei. Ob das eine oder das andere zutrifft, mag hier unentschieden bleiben. Wenn die vorstehenden Zeilen Einiges zum Verständniß der allgemeinen Fragen beigetragen, insbesondere das Interesse für die Währungsfrage in diesem oder jenem vielleicht neu geweckt oder angeregt haben, so ist der beabsichtigte Zweck vollkommen erreicht. Ein tieferes Eindringen in die Frage selbst hängt von einem auf den allgemeinen Voraussetzungen, wie sie hier gegeben werden sollten, fußenden tieferen Studium ab, wozu htemit ein neuer Impuls gegeben sein möchte. Recensionen und Notizen. I. Krieg, Zacharias Werner. Episches Gedicht. '^N^rkorn'sche Buchhandlung, Fulda. 1897. Brosch.' ; Vor 'etwa Jahresfrist ist des Verfassers „Ratis- bonne" erschienen, dem in einer stattlichen Reihe von Recensionen reichliches Lob gespendet wurde. Dadurch mochte er sich ermuthigt fühlen, mit einem neuen poetischen Geistesprodukt vor die Oeffentlichkeit zu treten. Er hat sich dieses Mal als Vorwurf die Bekehrnngsgeschichte des Zacharias Werner gewählt, damit aber eine Ausgabe übernommen, welche der Schwierigkeiten manche bot. Schwer war es, das Vorleben des Helden mit geschichtlicher Treue zu schildern und der sittlichen Mangel desselben zu gedenken, ohne das Gemüth des katholischen Volkes, in welchem der Verfasser zunächst seine Leser sucht, das er zu belehren, zu erbauen und zu unterhalten sucht, irgendwie zu verletzen. Schwer war es. die nicht immer wohl genießbaren geistigen Erzeugnisse Werners durchzuarbeiten und ihren zuchalt ui die Darstellung zu verweben. Beides dürfte ihm recht wohl gelungen sein. Noch mehr als bei „Ratis- bonne" Nr? Dichter es hier vermocht, ein Werk zu schallen, bis zuletzt den Leser in Spannung hält. Das Wert bedienet Werner von der Freimaurerloge zu Königsberg nach Warschau, dann an das Sterbebett der Mutter, weiter auf seinen Irrfahrten nach Berlin, Köln, Frank- lurt und Weimar (zu Goethe), dann nach der Schweiz und nach Italien. Wir lernen den Inhalt der Werke des unstat umherirrenden Mannes kennen, der schließlich in Rom durch seine Bekehrung zum Katholicismus die überall vergebens gesuchte Herzensruhe findet. Nun strebt er einem höheren Ziele entgegen. Zu Rom macht er seine theologischen Studien, in Äschasseuburg vollendet er seine Ausbildung für den geistlichen Stand und wird von Dalberg in die Reihen der Priester aufgenommen. Jetzt beginnt er zu Wien gemeinsam mit ?- Hoffbaur ein seeleneifriges Wirken. Sein Plan, in den Nedemptoristen-Orden einzutreten, scheitert an seiner schwachen Gesundheit. Verfolgt und angefeindet von seinen ehemaligen Freunden, nachdem er gesühnt, was er gefehlt, stirbt er. — Indessen ist es dem Teufel gelungen, sich einen Ersah zu verschaffen. Ein ungläubiger Priester, Raphael Bock, mit dem Werner zu Königsberg befreundet geworden ivar, fällt in die Schlingen der Sinnlichkeit, und von Gewissensqualen gefoltert. setzt er selbst seinem Leben ein Ende. dkors zusti — Llors pooeatoris: mit diesen ergreifenden Gesängen schließt das Gedicht. — Wir hoffen und wünschen, baß die edle Absicht des Verfassers, dem katholischen Volke zu nützen, dadurch verwirklicht wird, daß recht viele sich m den Besitz des Werkes setzen und dasselbe lesen. Reiß C., Die Naturheilmethode bei Magen» und Darmkrankheiten. 8", 71 SS. Berlin, Steinitz, 1897. (II.) M. 1,00. Das vorliegende Buch über die Natur-Heilmethode bei Verdauungsstörungen war ein zeitgemäßes und hat eine Lücke in der populär-medizinischen Literatur ausgefüllt. Die neue Auflage weist wesentliche Ergänzungen und Bereicherungen aus. Sie gibt ein abgeschlossenes Bild der hierher gehörigen Erkrankungsformen und schildert auf das eingehendste und genaueste die Technik, die Wirkungsweise und die Erfolge aller derjenigen Maßnahmen, welche bei der Naturheilbehandlung der Magen- und Darmkrankheiten in Betracht kommen. Dabei ist das Blich auf jeder Seite gemeinverständlich im vollen Sinne des Wortes; die Darstellung ist lichtvoll und klar. der Stil gut lesbar. Allen Leidenden, die mit Verdauungsstörungen behaftet sind, allen denen, die Hilfe, Rath und Belehrung suchen, kann das Buch mit gutem Gewissen empfohlen werden. _ Schmid Andr., Oasremonmle für Priester, Leviten und Ministranten zu den gewöhnlichen liturgischen Diensten. 8°, XVI -st 560 SS. mit 60 Figuren. Kempten, I. Kösel, 1897. (II.) M. 3,00. A. Der Hauptvorzug dieses Buches, das erst vor Jahresfrist zum ersten Mal erschien und unzweifelhaft noch viele Auflagen erleben wird. besteht darin, daß es. ohne an wissenschaftlicher, quellenmäßiger Genauigkeit etwas vermissen zu lassen, überaus praktisch ist und den mit dem Gegenstand ganz und gar vertrauten Kenner auf jeder Seite verräth. Auf die Rubricistik werfen sich manche Theologiecandidaten mit besonderer Vorliebe, ja mit Uebereifer; sie finden in dem Buche reichlich Befriedigung ihrer Wißbegierde und können auch nach dem Seminar, wenn sie einmal erfahren haben, daß man „draußen" nicht viel auf dergleichen Sachen gibt, sondern die größte Willkür herrscht, nachlesen, wie die gottes- dienstlichsn Verrichtungen mit Ernst und Würde geschehen könnten. Vor allem aber dürfte ältlichen Pfarr- herren das Buch eine werthvolle Lektüre bieten. Die Ausstattung ist bei billigem Preis vorzüglich, die Abbildungen sind von kunsthistorifchem Interesse. Einzelne sprachliche Unebenheiten haben wir bemerkt. So z. B. sagt man richtig das (nicht der) Tabernakel: so schreibt man richtig nicht easrsmouia, sondern osrimoui» (vasri- movis),* ähnlich wie querimorü», alimoma, sauetimouia u. s. w. -Das Wort (von der Wz. Kar „machen" abgeleitet, wie Oeres, creo'und viele andere) heißt „Verrichtung". Vergl. Vanicek, Etym. W.-B. d. lat. Spr. (Lpz. 1881) S. 52. Tabernakel-Wacht. Monatsblätter zum Preise des allerheiligsten Altars-Sacraments. Unter Mitwirkung von Mitgliedern des eucharistischen Priester-Vereins herausgegeben von Joseph Blum, Pfarrer. 1. Jahrgang. Jährlich 12 Hefte. Preis M. 2.40. Dülmen t. W. A. laumamr'sche Buchhandlung, Verleger des hl. Apostol. Stuhles. Lerantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck». VerlagdeZLit. Instituts von Haas L Grahherr in Augsburg. tti-. 55 22. Kepi. 1897. « l Dillingen. Von Hugo Arnold. (Schluß.) Schon tn den ersten Jahrzehnten des 14 . Jahrhunderts ist die eigentliche Stadt ebenfalls von schirmenden Mauern umfangen und ist die Rede von Vorstädten; in der ersten Hälfte des nämlichen Jahrhunderts hat sie sich bedeutend nach Westen erweitert und entsteht ein neuer Stadttheil, die Neustadt, gleichfalls mit Mauern umschlossen. Unter Bischof Friedrich von Zollern wurde dann auch die Vorstadt, der östliche Stadttheil, mit einem Mauerung, Thoren und Thürmen gefestet und mit der Stadt vereint (1498). Leben und Verkehr förderten Jahrmärkte, in deren Genuß sich Dillingen bereits im Anfange des 14. Jahrhunderts befand; im Jahre 1356 errichtete Bischof Marquart mit Bewilligung des Kaisers Karl IV. in Dillingen eine Münze. Kaiser Sigmund Verlieh 1431 dem Bürgermeister und Rathe der Stadt das Recht des Halsgerichts über landschädliche Leute. Derlei Einrichtungen und Gerechtsame hoben das Gedeihen und den Wandel der Stadt. Vollends erfüllte sich das Wort „Unterm Krummstabe ist gut wohnen", als mit der Verlegung der bischöflichen Residenz hieher auch das weltliche Regiment des bekanntlich ein stattliches Fürstcnthum vorstellenden Hochstifts nach Dillingen kam, der Hofstaat und die weltlichen Behörden sich hier con- centrirten und auch der Klerus der Diöcese sich zn Synoden hier versammelte, während in Augsburg uur der Generalvikar seinen Sitz behielt, der von da aus das Bisthum in geistlichen Dingen verwaltete, in allen wichtigen Fällen die Verfügung des Bischofs einholend. Hierin trat auch keine wesentliche Aenderung ein, nachdem im vorigen Jahrhuuderie die Bischöfe wieder öfter und auf längere Zeit die Pfalz in Augsburg bezogen; Dillingeu blieb der Sitz der weltlichen Regierung und der höchsten Behörden des Hochstiftcs und bildete wegen der Universität, der Seminarien und Schulen den Brennpunkt für das geistige Leben des Bisthumssprengels. Eine völlige Umwälzung dieser Verhältnisse brachte der Ncgeusburger Reichsdeputationshauptschluß, der in Folge des Friedens von Lnucville den Kurfürsten von Pfalz-Bayern u. a. mit dem Gebiete des Fürstbisthnms Augsburg entschädigte; schon am 1. Dezember 1802 nahm der knrpfalz-bayerische Civilcommissär Gras von Lcrchenfeld Besitz von der Stadt, über die fortan wie über die seit dem Erlöschen der Hohenstaufen bereits unter Wittelsbachischem Scepter stehenden Nachbarorte im Städtckranz an der Donau Gundelfingen, Laningen, Höch- städt die weißblauen Fahnen flattern sollten. Freilich traf der Schlag hart: das Schloß hörte auf, die Residenz eines Reichsfürsten zu sein, und lag öde, aus der Universität wurde ein Lyceum, aus dem Regierungssitze eines ansehnlichen Fürstenthums eine einfache Landstadt der Provinz Schwaben; der Adel, die geistlichen und weltlichen Beamten verließen die Stadt, und an Stelle der zahlreichen dirigircnden Behörden trat ein einfaches Landgericht. Doch auch dieser Schlag wurde überwunden, wie mancher andere, unter dem in Kricgszeiteu die Stadt schwer zu leiden hatte. Ein warnendes Beispiel, welchen Schaden es bringt, sich gegen die Unbill des Krieges nicht vorsorglich zu rüsten, mußte Dillingen im Schmal- kaldcner Kriege erleben. Seine frühmittelalterliche Befestigung hatten die das Militärwesen vernachlässigenden geistlichen Fürsten nicht dem Fortschritte der Fortifikations- kunst gemäß verbessert, weßhalb es kam, daß die Stadt ihre Thore öffnen mußte, als der Feldoberst der Schmal- kaldcner, Schcrtlin von Burtenbach, am 23. Juli 1546 vor ihren Mauern erschien. Die Bürgerschaft mußte sich verpflichten, drei Monate lang nicht wider die Schmal- kaldencr zu dienen; das Eigenthum des Bischofs, darunter 10 Falkonets, eignete sich der Bund an; Stadt und Umgebung kamen unter württembergisches Sequester; ein Theil der gefangenen Knechte wurde zur Ergänzung des Stadtfähuleius nach Augsburg geschickt. Auch im 30jährigen Kriege fiel Dtlliugcn — im März 1682 — ohne Gegenwehr in die Hände der Schweden und wurde mit einer bedeutenden Brandschatzung belegt, für deren nicht rasch genug erfolgende Bezahlung vier Jesuitenpatres als Geiseln nach Augsburg geschleppt wurden. Nach der Schlacht bei Nördltngen kamen die Kroaten nach Dillingen, plünderten und raubten, ärger noch als die Schweden. In allen Kriegen der folgenden Epochen erfuhr Dilliugen durch Truppendurchznge und Einquartierungen schwere Bedrückungen, das Donauthal ist ja der natürliche Paß für alle Hecresbewegungen aus Osten nach Westen und in umgekehrter Richtung. Während des Rheinfeldzuges 1688 zog der französische Brigadier Marquis de Feuquiöres nach seinem Einbrüche in das südliche Franken brennend und brandschatzend über Nörd- liugen, Dillingcn, Lauingen vor Ulm. Während der ersten Jahre des spanischen Erbfolgekrieges wurde Dillingcn bald vom Feinde, bald vom Freunde heimgesucht. Am 9. Oktober 1702 besetzte es der kaiserliche Feldmarschalllieutenant Graf Palffy, ließ von da aus seine Husaren raubend und plündernd bis Ulm und weit nach Süden streifen, insbesondere die Verbindung zu Wasser mit Jugolstadt unterbrechen, bis der bayerische Oberst Costa nach 8 Tagen die Stadt wegnahm. Ende Juni des folgenden Jahres wurde die Stellung zwischen Lauingen und Dillingen ein Operationspunkt für die französische Armee. Der Marschall Villars bezog hier mit seinem Heere ein verschanztes Lager, das sich mit seinen Flügeln an die genannten, durch ihren Mauerring festen Städte lehnte und seinen Rücken gegen die Donau kehrte; es war in der Front durch den Zwergbach und durch starke Netranchements geschützt. Von hier aus beherrschte Villars den Strom und suchte die Kaiserlichen am Uebcrschreiten der Donau und an der Besetzung Augsburgs zu verhindern. Vor seiner Stellung traf am 3. Juli der kaiserliche Gcuerallieutcnaut (wir würden jetzt sagen „Generalissimus") Markgraf Ludwig von Baden ein und verlegte seine Armee ihr gegenüber in eine ebenfalls stark verschanzte Position auf den Höhen zwischen Haunsheim und Wittislingen. In beobachtender Haltung lagen sich beide Heere hier sieben Wochen gegenüber, wobei die Franzosen durch VerpflegSschwierigkeiten und den Ausbruch von Krankheiten schwer litten. Da der Markgraf den Angriff auf die französische Stellung für unausführbar hielt, ließ er einen Theil seiner Streit-' kräfte unter dem General Stymm bei Haunsheim stehen und marschirte mit dem Gros auf Augsburg ab, um Villars aus seiner Stellung wegzumanövriren (21. August). Am 31. August kam Kurfürst Max Emanuel und setzte seine 382 Truppen ebenfalls auf Augsburg in Bewegung, wohin ihm Villars am 2. September folgte, gegen Styrum den General d'Usson zurücklassend. Die Unternehmung der Verbündeten auf Augsburg scheiterte, dagegen führten ihre weiteren Operationen gegen Styrum zu dessen schwerer Niederlage bei Höchstädt (20. September). Das nämliche Lager bezogen Kurfürst Max Emanuel und die französische Reiterei unter Marsin im nächsten Jahre vor der Schlacht am Schellcnberge (2. Juli), wo sie sich während des Anmarsches des Prinzen Eugen und des Herzogs von Marlborough gegen den auf dein Schellen- berg isolirt stehenden General Grafen Arco in völliger Ruhe verhielten, so daß die Alliirten dort einen glänzenden Sieg errangen, worauf die Erstgenannten die Stellung bei Dillingen räumten. Das Schloß zu Dillingen selbst hielt vom September 1703 bis nach der Schelleuberger Schlacht der französische Lieutenant de Jaliguier mit einer kleinen Abtheilung besetzt. Nach der erwähnten Affaire erschien der kaiserliche Generalwachtmeister Graf Fngger mit drei Cavallerie- Regimentern vor der Stadt, ließ seine Reiter absitzen und die Stadt über eine vorgefundene Bresche stürmen, worauf sich die bayerische Besatzung in das Schloß zurückzog. Am 8. Juli verlangte sie gegen freien Abzug zu capituliren, was abgeschlagen wurde. Am 15. ergab sie sich auf energische Sturmandrohuug an den kaiserlichen Oberstlieutenant Böhme und wurde nach Nördliugen abgeführt. Hierauf wurden die Bauern der Umgebung aufgeboten, um die Verschanzungen des Lagers einzuebnen. Noch war die Rolle Dilliugens in diesem Kriege nicht zu Ende. Abermals bezogen die Bayern und die Franzosen dortselbst ein Lager auf den wohlbekannten Feldern, von wo aus sie zur zweiten Schlacht bei Höchstädt abrückten, und nach der Katastrophe (13. August 1704) flüchteten die Trümmer ihrer geschlagenen Heere eben dahin und nach Lauingen zurück. Prinz Eugen und Marlborough aber folgten auf dem Fuße nach und besetzten am nächsten Tage Dillingen, wo sie große Beute machten, namentlich an Geschütz und gefangenen Offizieren. Auch während der französischen Revolntions- und der Napoleonischen Kriege erfuhr Dillingen viel Ungemach durch Durchmärsche und Einquartierungen. Im Jahre 1796 nach der unentschiedenen Schlacht bei Neresheim überschritt ein Theil der österreichischen Armee, vor Moreau ausweichend, am 13. August bei Dillingen die Donau und zog sich auf dem rechten Ufer des Stromes nach Neuburg und Jngolstadt, um dort abermals über die Donau zu setzen und sich nach dem genialen Plane des Erzherzogs Karl auf die Armee Jourdans zu werfen, unterdessen Moreau nur zögernd folgte und erst am 19. August bei Lauingen, Dillingen und Höchstädt die Donau überschritt und dem Erzherzoge freie Hand gegen Jourdan ließ. Während Moreau durch Schwaben und Bayern bis an die Jsar vorrückte, kam es in Dillingen zu einem Aufstand gegen die dort verbliebenen Franzosen, wobei die wüthigen Dilliuger allerdings ihre Stadt und ihre Haut in große Gefahr brachten. Zum Schutze gegen die Nachzügler hatte Moreau eine Sauvegarde zurückgelassen. Am 4. September traf eine Schaar rother Husaren ein, welche einquartiert werden mußte und mit ihren Pferden in den Stall des Hospitals verwiesen wurde. Wegen der übertriebenen Anmaßungen der Franzosen entstanden mit dem Pachter, der die Oekonomiegütcr des Spitals in Verwaltung hatte, Streitigkeiten, wobei die Husaren ihre Säbel zogen, der Pächter zu einem tüchtigen Prügel griff und eine Rauferei sich entspann. Anstatt nach der Mannschaft der Sauvegarde zu rufen, zog nun ein Spitalinsasse die Sturmglocke. Es war Sonntag. Die Dillinger Bürger saßen großentheils in den Schenken und disputirtcn eifrig über die Rohheiten, Ausschweifungen und Räubereien, welche sich die Franzosen bei ihrem Durchmärsche hatten zu Schulden kommen lassen; die Gespräche und das Bier hatten die Köpfe stark erhitzt. Beim Schalle der Sturmglocke wurden die Stadtthore gesperrt, eine große Menschenmasse bewaffnete sich eiligst mit allen erdenklichen Mordinstrumenten und strömte vor dem Spitale zusammen. Einzelne Franzosen drangen durch das Gewühl. „Schlagt die Hunde todt! schlagt sie todt!" brüllten viele Stimmen aus der erregten Menge, und das Gemetzel begann, mehrere Feinde fielen unter den Streichen. Die Sauvegarde eilte herbei, an ihrer Spitze ein Rittmeister, der bisher wegen seines würdigen Betragens von den Einwohnern hoch geschätzt worden war. Vergeblich suchte er die Wüthenden zu beruhigen; er wurde vom Pferde gerissen und, ungeachtet er mit gefalteten Händen um das Leben flehte, erbarmungslos erschlagen. Gleiches Schicksal widerfuhr einem Artillerieoffizier mit grauen Haaren. Die Franzosen hatten sich in ihre Quartiere geflüchtet, und schon machte die Menge sich daran, sie in den Häusern aufzusuchen, da nahte Oberstlieutenant v. Naglovich (damals noch in bischöflich augsburgischen Diensten, gestorben als königlich bayerischer General der Infanterie und Chef des Generalquartiermeisterstabes) mit der Garnison (der Bischof war neutral geblieben), er entwaffnete die Wüthenden, nahm die Franzosen unter seinen Schutz und wurde dadurch zum Retter der Stadt. Denn nach einigen Stunden kamen einige Hundert Franzosen rachedürstend aus Wittislingen hcreingesprengt, sie forderten Genugthuung für den an ihren Kameraden begangenen Mord und wollten brennen und plündern. Mit Mühe gelang es ihren Offizieren, sie zu besänftigen und wieder aus der Stadt zu entfernen. Die Rädelsführer bei der Affaire wurden eingezogen und in Criminal- Nntersuchuug genommen. — Trotzdem der Ausbruch ver- zweifluugsvoller Wuth erklärlich ist, hätte er fast verderbliche Folgen für die Stadt nach sich aexogei , denn die Theiluehmer waren dem Kriegsrcchte verfallen, und die Franzosen hätten sicherlich blutige Rache genommen, wenn inzwischen nicht Erzherzog Karl durch die über Jourdan bei Amberg und Würzburg erfochtenen Siege auch Moreau zum Rückzüge veranlaßt hätte. Als die Armee des letzteren sich gegen die Donau zog, verließen die noch in Dillingen befindlichen Franzosen die Stadt und brannten die Brücke hinter sich ab. Dieser Umstand kam der Stadt zu statten, indem sich bald darauf 3- bis 4000 Mann der Donau näherten, aber nunmehr den Strom nicht zu passiren vermochten. Bald darauf traf die Vorhut der Kaiserlichen ein, befreite die Gefangenen aus ihren Kerkern und erlöste die bangen Dillinger von ihren Besorgnissen. Im Feldzuge des Jahres 1800, am 19. Juni, kam es bei Dillingen zu einem ernsten Zusammenstoße. Nachdem die Oesterreicher das rechte Donauufer geräumt hatten, setzten ihnen die Franzosen dahin nach. Die Generale Gyulay und Sztarray suchten dem bei Grem- heim über die Donau gegangenen rechten Flügel des französischen Heeres zwischen .Höchstädt und Dillingen entgegenzutreten, wurden aber von General Lecourbe umgangen und nntcr großen Verlusten auf Gundelfingen und über die Brenz zurückgeworfen. Starke Durchmärsche verursachten im Jahre 1805 die Operationen Napoleons zur Umzingelung des unter Feldzeugmeister Mack zwischen Memmingen und Ulm stehenden österreichischen Heeres. Die französischen Corps setzten damals vom linken auf das rechte Donauufer über, jene von Murat und Launes bei Donauwörth und Dillingen, und am 8. Oktober schlug Murat bei Wertingen den österreichischen General Auffenberg nach hartnäckigem Widerstände. Aus deni Kriegsjahre 1796 ist noch einer wenig bekannten, interessanten Episode zu gedenken. Der Erbe des französischen Thrones, der Graf von Provence, König Ludwig XVIII., irrte damals als Flüchtling umher und suchte ein sicheres Asyl auf dem Gebiete des Bischofs von Augsburg und Kurfürsten von Trier, des sächsischen Prinzen Clemens Wenzeslaus, dessen Vater ein Bruder seiner Mutter war. Er wandte sich nach Dillingen, wo es von Emigranten wimmelte und wo auch fein Bruder, der Gras von Artois (später König Karl X.), bereits weilte. Am 19. Juli traf er dort ein und stieg in dem heute noch bestehenden Gasthofe zum „Goldenen Stern" ab, ohne sich den Behörden zu erkennen zu geben. Den ganzen Nachmittag über arbeitete er. Abends 10 Uhr begab er sich mit einem Herrn seines Gefolges an das Fenster. Eine Viertelstunde stand er dort: da krachte plötzlich aus dem Hausflur eines gegenüberliegenden Hauses ein Schuß. Die Kugel traf den Prinzen dicht am Scheitel, schlug in die Mauer und siel dann ricochettirend auf den Boden. Das Gefolge eilte herbei, Diener legten dem blutüberströmten Prinzen /den ersten Verband an, die rasch gerufenen Aerzte konnten feststellen, daß nur die Schädeldecke leicht gestreift und keine Gefahr vorhanden sei. Man schob die Schuld des Attentates auf Jakobiner, welche dem Prinzen von Landau aus durch den damaligen Convent nachgeschickt worden seien; allein die sofort eingeleitete Untersuchung blieb ohne jedes Ergebniß, und das Dunkel, das über dem Thäter ruht, wurde nie gelichtet, der räthselhafte Schleier dieses Mordanschlages uie gelüftet. Unter der weisen Regierung der bayerischen Könige sind alle Wunden verharscht, alle Schäden ausgeglichen, und Dilliugen erfreut sich durch die Betriebsamkeit seiner Bürger eines soliden Wohlstandes, wenn es auch nicht mehr im Glänze einer fürstlichen Residenz prunkt. Reges Leben herrscht auf seinen saubern Straßen und Gassen, die staatlichen Gebäude, das weithin sichtbare Schloß niit seinen hochragenden Mauerfronten und Thürmen, die breite Hauptstraße, die schmucken bis zur Donaubrücke sich dehnenden Parkanlagen mit dem imposanten Denkmale zu Ehren der im großen Kriege 1870/71 Gefallenen gewähren einen freundlichen Eindruck. Und wie jeder Stadt ein besonderes Kennzeichen eignet, so schwebt über dem einstigen Bischofssitze noch der Hauch von Weihrauchduft, und die schwarzen Gewänder der zahlreichen Kleriker und Pricstercandidaten verleihen dem auf den Straßen verkehrenden Publikum einen geistlichen Anstrich; doch plötzlich schmettern helle Trompetenklänge, Rosse wiehern, Eisen klirren, wcißblaue Fähnlein wehen, die Taxis-Chevaulcgers kehren vom Uebungsritte heim — in die eintönige Koloratur des Bürger-kleides geben Schwarz und Grün, Soutane und Waffenrock den farbigen Einschlag! Mittelalterlicher Burgenbau gegenüber römischer Befestigung in Deutschland. Von Gg. Hock. (Fortsetzung.) Die römischen spsoulav und ünrgi konnten nur den Zweck des Signaldienstes haben und außerdem den Wächtern Unterkunft bieten. Der Berchfrit, wie wir ihn jetzt noch vor uns sehen, vertrat wohl auch eine Warte, sein Hauptzweck jedoch lag in der Vertheidigung. Er diente offenbar als „Reduit", welches in gefährlicher Zeit die Schätze und Kleinodien barg und im Augenblicke der höchsten Noth den letzten Zufluchtsort des Belagerten bildete. Für diese den römischen Wartthürmen jedenfalls entgegengesetzte Bestimmung spricht die ganze Anlage, wie wir sie oben gesehen haben, der mächtige Ban, der meist hoch angelegte Eingang und endlich die unleugbaren geschichtlichen Urkunden. Daß sich etwa gar ganze Truppeuabtheilimgcn hinter solchen Monopyrgien verborgen hätten, ist wegen des beschränkten Raumes und der Schwierigkeit der Vcrpro- viantiruug absolut undenkbar, würde auch völlig gegen die damalige Taktik der Römer verstoßen, welche sich nach den Worten James Uates' „lieber mittels Erhörten und Legionen vertheidigen, die zusammen marschirteu und fvchten und sich höchstens in Lagern oder Städten leicht verschanzten".^) Wären den Römern solche Thürme nöthig gewesen, so hätten sie dieselben doch ohne Zweifel am ersten in der Nähe des Limes selbst anlegen müssen, weil hier die gefährlichsten Posten waren. Aber auf der ganzen Limesstrecke finden sich überall nur die Fundamente von ver- hältnißmäßig ganz leichten Bauwerken, ähnlich wie sie die Abbildungen der Trajaussäuleu uns zeigen. Beispiele sowohl für römische als mitte'altcrliche Wartthürme, und zwar in unmittelbarster Nähe, bieten sich besonders charakteristisch im östlichen Odenwalds. Dort läuft bekanntlich von Wörth am Maine bis gegen den Neckar hin eine durch vielfache Ausgrabungen fast bis ins genaueste nachgewiesene Castcll- und Thurmlinie. Die Mauern zeigen oft wegen der Nähe der Sandstein- formation eine sonst seltene feine Technik, aber kein Thurm besaß eine besondere Stärke oder Höhe, vielleicht 8—10 in, wie sich Wohl aus den schwachen Fundamenten schließen läßt. Im Gegensatze dazu winken allenthalben aus der Nachbarschaft die mächtigen Bcrchfrite der Odcn- waldburgen, die kolossalen Thürme von Otzberg, Breu- berg, Erbach. Gewöhnlich werden von den Romanisten, wenn wir sie so nennen dürfen, außer der eigentlichen Mauertcchuik, von welcher erst später die Rede sein soll, noch zwei Hauptgründe in das Treffen geführt, um diese Thürme von den Römern abstammen zu lassen. Das ist vor allem das eigenthümliche Correspondenzverhältniß, in welchem sich die meisten Thürme unter einander befinden sollen, und das der Beweis dafür sei, daß sie einst als römische Signallinie fuugirten. Für das erste nun ist es mit diesem Correspondenzverhältniß gar nicht so ernst zu nehmen. Marggraff sagt zum Beispiel ganz treffend: „Vermerken wir alle die vermeintlichen Römerthürme innerhalb der Mischen Provinz in einer Karte, so haben Abhandlung im Jahrbuch des histor. Vereins für Schwaben und Neuburg. Jahrg. XXIII. 384 wir keinerlei Zusammenhang derselben mit den einstigen militärischen Linien der Römer, ja gerade auf Haupt- rontcn fehlen Thürme gänzlich."^ Wenn man aber trotzdem nicht selten bemerkt, daß einzelne dieser Bauten sich miteinander verständigen konnten, so möchte ich fragen, warum denn die adeligen Herren des Mittelaltcrs nicht auch das Bedürfniß haben konnten, einander Zeichen und Signale zu geben. Es wäre doch ein wenig naiv, anzunehmen, daß auf jeder Burg ein Raubritter hauste, der wie ein Geier von seinem Felsen hernieder schaute und jedem Nachbar die Zähne wies. Das Nanbritterthum war immerhin bloß eine Ausartung; für gewöhnlich werden sich benachbarte adelige Familien friedlich gegenübergestanden sein und in Zeiten der Bedrängniß einander geholfen haben; kurz und gut, der Berchfrit konnte auch im Mittelalter seinen Zweck als Meldethurm erfüllt haben. So wurden noch gegen das Ende des 15. Jahrhunderts (1492) von der kurmainzischen Regierung auf weithin sichtbaren Höhen Wartthürme erbaut, um die Gegend zu überwachen „und in Fällen der Noth die Bewohner auf räuberische Einfälle aufmerksam zu machen. Zu diesem Zwecke hatten die Orte der Umgegend die Verbindlichkeit, einen ständigen Wachtposten dort zu unterhalten"?') An zweiter Stelle pflegt man gerne zu sagen, baß der Berchfrit oder angebliche Nömerthnrm offenbar früheren Datum? sei, was ja schon durch seine besondere Festigkeit und Anlage gegenüber den übrigen Theilen der Burg gezeigt werde. Das muß man zugeben, der große Thurm ist meistens älter als die Burg selbst, denn er ist auch der nothwendigste Theil; aus eben dem Grunde musste er aber hinwiederum im Gegensatze zu den Ncbenbauteu ganz besonders stark und dauerhaft errichtet werden. So hat denn der Berchfrit auch oft alle Stürme glücklich überstanden, während um ihn alles andere in Trümmer sank, man hat diä^-urg vielfach vergessen und kennt nur noch den gewaltigen Thurm; unter vielen anderen möchte ich hier nur an den Rabenthurm der ehemaligen Schwabsbnrg bei Nicrstcin (a. Rh.) oder an den Schcnkcnthnrm vom einstigen Schenkcnschlosse unweit Wnrzbnrg erinnern. Wohl mancher arme Ritter wird sich zunächst mit einem solchen „Torn" begnügt haben, der höchstens noch von einem Graben und einer Ringmauer geschützt wurdet) So ist zum Beispiel der bekannte angebliche Römcrthurm tu Nasscnfcls bei Ncnbnrg (a. d. D.) urkundlich nachgewiesen aus dem 12. Jahrhundert. Bereits im Jahre 1108 cxistirt nach Hotter "ch ein Arnold von Nassensels. Die Anlage wurde bald vergrößert und hatte bereits f°) Marggraff: „Die römische Reichsgrenze in Germamen und ihre Bauten" S. 44. D Vgl. Schober: „Führer durch den Spessart, Kahl- grnnd und das Maiuthal" S. 82. °°) In neuerer Zeit glaubt man mit Recht, daß die dcutiche Burg auf die sogenannte inota zurückzuführen sei. Mau versteht darunter einen kleinen, entweder künstlich aufgeschütteten oder abgeplatteten Hügel, umgeben von einem Palissadenzauue und einem Graben. In der Mitte stand ein thurmartiger Bari, anfangs nur aus Holz, später aus Stein. Bergt. Essenivcin S. 45, der diese motas sogar von den alten Wallburgen oder Wallkronen herleiten will. „Das Bezirksamt Eichstätt" S. 40. Verantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. 1247 durch deu Grafen Gcbhardt V. von Hirschberg eine Belagerung auszustehen. Nachdem der Eichstätter Bischof Conrad II. das Bnrghutrccht im Jahre 1297 verworfen, baute er das „cmstelluiu" um, und Friedrich IV. legte ein neues Haus sowie den Zwinger an. Das dürfte ein kleines Beispiel sein, wie die meiste» deutschen Burgen allmählich entstanden sind. Die Thatsache müssen wir jedoch schließlich zugestehen, daß wohl hie und da auf den Trümmern einer römischen Anlage, besonders aber unter Benützung des alten Materials, ein späteres Monpyrghinm sich erhob, oder daß ein römischer Thurm, wie es in einigen Fällen constatirt ist, durch eine Umniantclung und Erhöhung verstärkt und so zum Berchfrite tauglich gemacht werden konnte. Aus dem Zwecke und der Bestimmung der römischen und mittelalterlichen Befestigung erklärt sich auch meistens die „Ocrtlichkeit", welche in beiden Fällen verwendet wurde, und ihre auffallende Verschiedenheit. Ueber die Auswahl des Castelltcrrains finden sich schon genaue Angaben bei Vegetius und Hyginus. Der letztere unterscheidet hauptsächlich vier Stufen in seiner Schrift „äs muuitiouo eastrorum". Der beste Lagerplatz ist nach ihm der allmählich von der Ebene ansteigende, den zweiten Rang haben die in der Ebene liegenden, den dritten die auf einem Hügel befindlichen, den vierten die auf einem Berge erbauten Castelle — Sätze, welche wir bei dem Bnrgenbau wohl kaum vertreten finden. Der Hauptgrund dürfte aber immer wieder der fein, daß sich die Römer wenigstens noch in der besseren Zeit stets die Offensive vorbehielten und von der Defensive nur zeitweilig Gebrauch machten. Das Hauptbedürfniß einer Burg dagegen war nach einem mittelalterlichen Ausdrucke ein „sturmfreier Platz"?") Wenn man auch selten ein ganz unzugängliches „Felsennest" haben konnte, wie wir es uns gerne unter den romantischen Namen „Falkenstein", „Drachenfels" oder „Geiersburg" vorstellen mögen, so suchte man doch eine Stelle, welche auf drei oder wenigstens zwei Seiten „Schutz gegen Angriffe und die größte Vertheidigungsfähigkeit" bot. An zweiter Stelle wohl und nicht an erster, wie Essenwein meint, wird die „Nothwendigkeit maßgebend" gewesen sein, „den Punkt zu besetzen, weil er die Gegend beherrsche"?') (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Gobincau, Die Renaissance: Historische Scenen. Deutsch von Ludw. Schemann. 12°, 516 SS. Leipzig, Ph. Rcclam. 1897 (Univ.-Bibl. 3511—15). M. 1.00. 7- Wirklich prächtige Bilder aus der Culturgeschichte einer Zeit, die an Glanz in Künsten und Wissenschaften ebenso bedeutend ist, wie an bodenloser Gemeinheit der Gesinnung und Lascivität des Lebens. Bekannte Gestalten wie Savonarola, Michelangelo, Alexander VI., Lucrezia, Machiavelli, Julius II., Raphael, Bembo, Frundsberg, Karl V. und andere Größen der Zeit werden uns hier in lebhafter Darstellung, die sich in die Form des Dialogs kleidet, vor Augen geführt. Jeder Freund der Geschichte wird die geistreichen Essays des Grafen Gobineau mit großem Interesse lesen. °°) S. Piper: „Burgenkunde" S. 7. D Esfenwein: „Kriegsbaukunst" S. 42. Druck n. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. kin. 66 25. Sept. 1897. Das Cönaculum. Von K. Oberländer. Jerusalem liegt auf sechs Hügeln, von denen einer sich von Süd nach Ost erhebt und der Sion ist. Er ist zum großen Theil bebaut und macht so die Weissagung des Jeremias und Michäas wahr: „Sion wird wie ein Feld gepflügt" (26, 18; 3, 12). Er ist ohne Zweisel der geheimnißvollste, heiligste und berühmteste Berg der Welt, da sich auf ihm die lieblichsten Erinnerungen des alten und neuen Testamentes zusammenfinden; mit Recht ist er daher das Capitolium oder der Parnaß Israels genannt worden. Er hieß anfangs Zebus, von den Jebusitern, welche ihn zuerst bewohnten und die Akropolis oder Festung Sion erbaut hatten, welche David eroberte. Er erbaute dort aus Cedernholz, welches ihm Hiram, König von Tyrus, gesandt hatte, einen Palast, befestigte die Burg noch mehr und nannte sie Stadt Davids (2 Könige 7,6; 1 Paralip. 11, 4—7). Auf diesen Berg verbrachte David die Bundcslade (2 Könige 6, 12; 1 Paralip. 15). In dem von David erbauten Königspalaste wohnten auch Salomo und die anderen Nachfolger (3 Könige, 7). Dort waren die Königsgräber (1 Könige 2, 10), und wir wissen, daß dasjenige von David noch in den ersten Zeiten des Christenthums vorhanden war. Nach Josephns hatte Salomon dort große Schätze niedergelegt, wovon der Hohepriester Hyrkauus 132 v. Chr. eines erbrach und ihm 3000 Talente Goldes entnahm. Der hl. Petrus weist (Apostelgeschichte 2, 29) darauf hin mit den Worten: „Sein (Davids) Grab ist bei uns bis aus den heutigen Tag.", Aus dem Briefe des hl. Paula und Enstachium an Marcella sehen wir, daß man an ihm wie an anderen heiligen Stätten seine Andacht verrichtete. Dort sehen wir noch immer die von Salomo so gepriesenen Ccdern wachsen (Eccl. 24, 47), wie man noch den unteren Theil des Thurmes Davids sieht. Dort hatte Herodes der Große seinen Palast mit den drei Thürmen Hippikus, Phasael und Mariamne, von welchem Josephns so Wunderbares orzählt. Seine größte Berühmtheit aber verdankt der Berg dem, was sich im neuen Testament von ihm findet. Auf dem Sion war der Palast der Hohenpriester Annas und Kaiphas, wo Jesus vom Synedrium gerichtet wurde; da war das Cönaculum, der Saal, in welchem der Heiland das letzte Osterlamm mit seinen Aposteln aß und das heiligste Altarssakrament einsetzte. Hier erschien er am Tage seiner Auferstehung und acht Tage später den Aposteln, hier kam über sie der heilige Geist am Pfingst- feste herab, hier als auf einem neuen Sinai wurde das neue Gesetz feierlich verkündet oder vielmehr dem alten die Ergänzung und Vollendung gegeben und so die Weissagung Jsaias' (2, 3) erfüllt: „von Sion wird das Gesetz ausgehen". Hier endlich nahm die Kirche Jesu Christi ihren feierlichen und öffentlichen Anfang; von ihm hatte Jsaias (46, 13) gesagt: „ich will in Sion Heil wirken," nämlich in der Kirche, die hier entstand; von ihm sagt David (Ps. 86, 2): „es leite der Herr die Thore Sions über alle Hütten Jakobs"; von ihm sagt Johannes (Apok. 14, 1): „ich sah, und siehe, ein Lamm stand auf dem Berge Sion und mit ihm 144,000, die seinen Namen und seines Vaters Namen auf ihren Stirnen geschrieben hatten". Rufen wir uns, um die Bedeutung des Cönaculum recht zu würdigen, das ins Gedächtniß, was das Evangelium sagt: „Gehet in die Stadt zu einem und saget zu ihm: Der Meister spricht: meine Zeit ist nahe, wo ist mein Speisezimmer, in dem ich das Osterlamm mit meinen Jüngern essen kann? Und er wird euch einen großen, mit Polstern versehenen Speisesaal zeigen, daselbst richtet für uns zu!" Nach der Tradition gehörte das Haus dem Joseph von Arimathäa. Das Cönaculum wurde schon zu Zeiten der Apostel in eine Kirche umgewandelt, welche der hl. Jakobus, der erste Bischof von Jerusalem, die Mutter aller Kirchen nennt. Der hl. Epiphanias erzählt, daß auf dem Berge Sion neben andern Gebäuden „die kleine christliche Kirche, die an dem Orte stund, wohin die Jünger nach der Himmelfahrt des Heilandes vom Oelberg aus sich zurückzogen, indem sie in das Cönaculum hinaufgingen," von den Ruinen der Belagerung durch Titus übrig geblieben sei. Unmittelbar nach der Zeit der hl. Helena gedenkt der hl. Cyrillus dieser Kirche und nennt sie ooolooiL Lpootoloruiu, eoelosia, 8uporior. Von ihr spricht der hl. Hieronymus und sagt, daß die Säule, an welcher Jesus gegeißelt wurde, dort sei, um die Säulenhalle zu stützen; von ihr sprechen Beda, Wilhelm von Tyrus, Johannes Damascenus und andere. Als die Kreuzfahrer Jerusalem einnahmen, waren von der Kirche des Cönaculums nur noch wenige Ruinen übrig, sie bauten sie in derselben Gestalt, wie die alte gewesen war, wieder auf, es ward ein Augnstinerstift angebaut, und die Mönche blieben dort bis 1187, wo das lateinische Kaiserthum aufhörte und auch die Kirche des Cönaculums zerstört ward. Bald wurde dort ein großes Kloster gebaut» das von syrischen Mönchen bewohnt wurde, bis 1219 sich der hl. Franziskus mit seinen minderen Brüdern niederließ, welche anfangs in einem armseligen Quartier wohnten und dann im Jahre 1239 in derselben Abtei, welche ihnen Melek es-Saleh Jsmael, Sultan von DamascuS, dessen Bruder ein Freund des hl. Franziskus war, überlassen hatte. Die gegenwärtige Kirche wurde von den Franziskanern im Spitzbogenstile im 14. Jahrhundert auf Kosten von Sancia, der Königin von Sizilien, neu erbaut. Allein die Kirche ist heutzutage keine christliche mehr, sondern eine Moschee. Gegen Ende des Jahres 1551 wurde sie mit den anliegenden Gebäuden den Franziskanern entrissen und den türkischen Derwischen übergeben und erhielt den Namen Naby Darnd oder Prophet David, weil die Türken glauben, es sei hier das Grab Davids. Zum Cönaculum führt links von der Thorhalle eine Treppe von zwanzig Stufen hinauf. Es ist ein zwei- schiffiger Obersaal, 20 Meter lang und 9,15 Meter breit, dessen Spitzbogengewölbe von acht Wandsänlen und zwei in der Mitte freistehenden Säulen getragen werden, welche den Saal in zwei Hälften theilen; er ist von drei in der südlichen Wand angebrachten Fenstern beleuchtet. An derselben Wand ist das Mihrab oder die Gebetsrichtung nach Mekka angebracht, bezw. die ehemalige Kapelle der Geistes- ausgießung. Rechts von dieser Kapelle zeigt man den Ort, wo der Apostel Thomas seinen Finger in die Wunden des Herrn legte, und wieder rechts von diesem die Kapelle, in welcher nach der Tradition der heilige Johannes das hl. Meßopfer in Gegenwart der seligsten Jungfrau feierte. Kehrt man in den Abendmahlssaal 386 ' zurück und nähert man sich der Thüre, so sieht man eine Treppe, welche in einen unteren Saal hinabführt, wo nach der Ueberlieferung die Fußwaschung der Apostel stattfand; allein man darf nicht hinunter steigen, weil da ein Harem, die Wohnung der türkischen Frauen, ist. Heute noch führt der Guardian der Franziskaner im heiligen Lande zur Erinnerung an den einstigen Besitz den Titel „Guardian vom Berge Sion". Am Pfingstfeste dürfen die Katholiken das hl. Meßopfer um theures Geld darbringen; früher durften sie auch jedes Jahr die Fußwaschung dort halten. Möge die auf der Katholikenversaminlung in Landshut kürzlich von der Reife unseres Kaisers ins heilige Land erhoffte Rückgabe des Cönacnlnm an die Katholiken glücklich erfolgen! Gaetauo Donizetti. Zu seinem hundertsten Geburtstag geschildert von A. G. (25. Septbr. 1797). Wer kennt sie nicht, die „Regimentstochtcr", die graziöse Oper mit der schneidigen, „feschen" Marie, mit dem schlichten und natürlichen Antonio, welche heute noch eine Lieblingsoper des kunstsinnigen Publikums ist und über die Bretter der alten und neuen Welt heute noch geht, wie bei ihrem Entstehen? Hätte der Componist Donizetti nur dies «ine Werk verfaßt und uns hinterlassen, schon dieses einen wegen wäre er würdig, daß sein Andenken bei der Wiederkehr seines hundertsten Geburtstages aufgefrischt würde. Er hat aber weit — weit mehr gearbeitet und hinterlassen, fast zu viel, er ist entschieden einer der vorzüglichsten und tonangebenden italienischen Komponisten der neuesten Zeit, der neben Rossini und Belliui lauge Zeit an der Spitze aller Opernproduetion stand — sein Leben gestaltete sich zudem so bewegt und mannigfaltig, daß sein Andenken auch nach dieser Beziehung wachzuhalten sich lohnt. Gaetauo Donizetti wurde geboren am 25. Septbr. 1797 zu Bergamo und erhielt den ersten musikalischen Unterricht an dem dortigen Lyceum. Der erste Lehrer des sehr talentvollen und gelehrigen Schülers war der berühmte Componist Simon Mahr, der ihn zu weiterer Ausbildung, nachdem ihn auch Salari und Gonzales unterrichtet hatten, nach Bologna schickte und ihn dorten besonders dein Pater Matte! und Pilotti, welch letzterer Kontrapunkt dozirte, angelegentlichst empfahl. Drei Jahre war er in der strengen Schule dieser Meister und nützte seine Zeit auf das gewissenhafteste aus. Schon damals im Alter von siebzehn bis zwanzig Jahren schrieb er Ouvertüren für Orchester, Cantatcn und Kammermusik. Im Jahre 1816 kehrte er in seine Vaterstadt zurück mit dein Entschluß, sich der kirchlichen Tonkunst zu widmen, er fand aber bei diesem Entschluß einen starken Gegner an seinem eigenen Vater, der ein Feind der musikalischen Laufbahn seines Sohnes war und aus Gaetauo entweder einen Advokaten oder einen Maler — reimt, sich wohl nicht gut zusammen — machen wollte. Zu beiden Plänen seines Paters konnte der Sohn nicht Ja sagen, und er entrann dem Dilemma dadurch, daß er Soldat wurde, als Freiwilliger in ein österreichisches Regiment eintrat und mit demselben nach Oberitalieu zog, wo er in Venedig statiouirt wurde. Schon auf der Reise dorthin studirte er verschiedene Opernbühuen und schloß mit verschiedenen Künstlern Freundschaften. Bald guittirte er den Militärdienst, um ganz sich auf die Musik zu werfen» und alsbald ließ er seine erste Oper „Enrico" von Stapel, welche, auf einem kleinen Theater in Venedig aufgeführt, als Erstlingswerk immerhin einen Achtungserfolg errang. Bald folgten weitere Opern für Mantua, Mailand und Neapel, für welch letztere Stadt er die meisten seiner italienischen Opern schrieb. Aus dieser Zeit ist hervorzuheben seine „Anna Bolena", ein Werk von großer Schönheit. Zwei Sterne leuchteten damals am Opernhimmel Italiens und Frankreichs, Rossini und Bellini, ersterer durch seinen „Barbier von Sevilla", letzterer durch feine „Norma" und die „Puritaner". Der „Barbier" ist entschieden eine echte Perle der italienischen Opera Buffa voll leichtbeschwingter Grazie und sprudelnder heiterer Laune, voll graziös einschmeichelnder Melodien. Die „Norma" von Bellini enthält dergleichen ohne Zweifel recht viel Schönes und wahrhaft Bedeutendes, aber auch viel Triviales. Kaum sollte man es glauben, daß der gleiche Maestro, der das große Recitativ der „Norma" und das darauffolgende „oasta ckivu,", der das „Fluch den Römern" und das letzte Finale geschaffen, daß der gleiche Meister Dinge schreiben konnte, wie die meisten Arien und Enscmbleschlüssc, welche der gewöhnlichen Gassenmusik Concnrrenz machen. Diesen genannten Meistern wollte Donizetti nachfolgen, wollte sich mit ihnen — besser gesagt — messen. Den „Puritanern" wollte er den „Marina Falicro" entgegensetzen, der Versuch mißlang. Doch ging es sehr bald besser, einerseits ging Bellini mit Tod ab, anderseits that Donizetti in Neapel mit seiner „Lucia von Lammermoor" einen vorzüglichen Griff, das herrliche Werk wurde in ganz Italien begrüßt, der Componist sehr gefeiert. In und mit diesem Werk hat der Meister einen so vollen Griff in die Tiefen menschlicher Liebes- und Leidensfähigkeit gethan und die Musik zu einem so beredten Dolmetsch der stärksten Seelenempfindungen gemacht, daß man dem prächtigen Werk nur mit dem Empfinden eines Genusses lauschen kann. Sein Ruhm war begründet, seine Existenz nicht minder. Er war jetzt nach Rossiui's Verstummen und Bellini's Tod der gefeierte Liebling seiner Landsleute geworden, der Autokrat der italienischen Opcrnbühne; die Theater nicht nur Jtulieus, sondern auch Frankreichs und Deutschlands brachten seine Werke und erbaten sich neue Partituren. Im Jahre 1834 wurde er zum Kapellmeister und Lehrer der Komposition am k. Konservatorium zu Neapel ernannt, bald darauf znm Professor des Contra- punkts und stellvertretenden Direktor, und nach dem Tode Zingarelli's im Jahre 1838 znm wirklichen Direktor, trotzdem nngemein gegen ihn intriguirt wurde. Aber schon ein Jähr darauf legte er alle diese Aemter nieder, um vorerst nach Paris zu gehen und von da an überhaupt ziemlich ruhe- und rastlos umherznwaudeln. In Paris hatte er mit seinen Opern theils Glück, theils mitunter großes „Pech", er schrieb eben zu viel, allzu viel, und das war auch für den gewiß genialen Meister ungesund. Seine „Regimentstochter" wurde der Liebling aller Theater Europa's, seine „Favoritin" erzielte speciell in Paris einen Erfolg, wie ihn kaum selbst ein französischer Componist je errungen hatte. Dieser Erfolg stachelte den Komponisten an, er arbeitete wenigstens eine Zeit lang wieder mit größerer Sorgfalt, erfaßte das dramatische Element schärfer und verwandte deßhalb auf die Recitative eine höhere deklamatorische Kraft. Im Jahre 1842 finden wir den Meister in der österreichischen Hauptstadt, wo er neben Orden und Auszeichnungen auch den Titel eines k. k. HofkapellmeistcrS und Kammercomponisten mit einem Gehalt von dreitausend Gulden erhielt. Seine Opern, die er hier componirtc, gefielen sehr, besonders „Linda di Chainouy" mit ihrer sehr eleganten Instrumentation, nicht weniger gefielen auch die kirchlichen Compositionen aus damaliger Zeit, besonders ein „Miserere" und ein „Ave Maria". Drei Jahre später ist er wieder in Paris zu treffen und schrieb dorten seinen „Don Sebastians" und für Neapel seine „Caterina Cornaro"; beide Opern fanden an den Plätzen, für welche sie geschrieben wurden, anfangs gar keine gute Aufnahme, so zwar, daß er nach der Aufführung der erster» zu einem Freunde sagte: „von LobnZtion ins tue": später errangen sie gute Erfolge. Letztgenannte Oper ist zugleich die letzte der 64 Opern, die Donizetti schrieb. Allzngroße Anstrengung, ununterbrochenes Schaffen, mitunter ungeregeltes Leben führten in Paris unerwartet eine Geisteskrankheit herbei, der Meister wurde irrsinnig, stumpfsinnig, seine Arbeitshand war gelähmt, die Kunst der besten Aerzte versagte. Hiezu Gehirnerweichung, Schwinden des Gedächtnisses, Abnahme der Sprache; Donizetti vegetirte nur noch in Paris, in Nizza, in einer Irrenanstalt. Ein klein wenig hoffte man noch vom Aufenthalt in seiner Heimath; auch in Bergamo, wohin ihn treue Liebe der nächsten Anverwandten brachte, blieb der Geist verschleiert, obwohl die Körperkräfte etwas zunahmen, und am 8. April 1848 starb der Meister eines ruhigen Todes. Viel, fast zu viel hat er der Mit- und Nachwelt hinterlassen, viel, sehr viel Schönes und Gediegenes auf dem Gebiete der geistlichen und weltlichen Musik. Hätte er nicht so fieberhaft schnell gearbeitet, er wäre wohl älter als 50 Jahre geworden und hätte noch Gediegeneres hinterlassen, aber z. B. in drei Stunden oft die Partitur zu einem großen Werke schreiben, das ist für Geist und Körper wohl aufreibend, für die Kunst wohl auch oft zu schnell. Donizetti ist mit Mercadaute der letzte der dramatischen Komponisten der italienischen Schule. Mehrere seiner Werke werden sicher noch recht lange sein Genie der Welt verkünden, daS Genie eines Mannes, der sich an große Vorbilder anlehnte und doch wieder originell für sich war, eines Mannes, der gern lernte und aber auch die größte Freude hatte, Talente selbst wieder zu lehren und heranzubilden, eines Mannes, von dem ein Zeitgenosse sagte: „groß war er als Künstler und als Mann". Ein paar Worte noch über die geplanten Jnbiläums- feierlichkeiteu, besonders in Italien, speciell Bergamo. In erster Linie werden seine Hauptwerke aufgeführt, jedenfalls wird dießbeznglich in jeder großen Stadt sein Name gefeiert werden, ein Denkmal wird ihm errichtet, eine Ausstellung von Erinnerungen an ihn wird in Bergamo veranstaltet. Ein recht interessantes Stück in derselben wird das Klavier des Meisters sein, von dem er u. a. an einen Schwager schrieb: „um keinen Preis darf es verkauft werden, ich habe seinen Klang in meinen Ohren, dort murmeln Anna, Marin, Faustn, Lucia, laß es leben, so lange ich lebe! Es hörte meine Freudenrufe, es sah meine Thränen, meine Enttäuschungen, meine Ehren" u. s. w. Solche Worte beweisen sicher: Donizetti hat nicht nur, wie jeder Künstler es wohl erfahren hat, erfährt und erfahren wird, Lorbeeren geerntet, sondern er mußte auch erfahren, daß auf dem Künstlerweg auch Dornen gedeihen. Mittelalterlicher Brirgenbau gegenüber römischer Befestigung in Deutschland. Von Gg. Hock. (Schluß.) Von den Castelleu des Dekümatenlandes Rätiens und Vindeliciens ist bekannt, daß sie vor allem die Durchlässe des Limes sowie die Straßen zu decken hatten, höchstens auf die Nähe von Wasser und genügendem Futter Rücksicht nahmen, sonst aber selten dem Gebäude sich anzupassen suchte», günstige Lage oder Aussicht oft förmlich verschmähten; Abweichungen lassen sich meistens auS ganz besonderen Terrainverhältiiissen erklären. So gehört das Castell bei Pfünz an der Altmühl, welches ungefähr 40 m über dem Flusse liegt, zu den seltensten Ausnahmen. Mit Recht glaubt Herr Limescommissär Winkelmann aus Grund von Untersuchungen behaupten zu können, daß sich bereits ein früheres Castell weiter unten am Ufer befand, dann aber wahrscheinlich wegen Ueberschwemmungsgcfahr auf die Höhe verlegt wurde. Zu allen Castelleu führten Straßen, in der Regel gut unterhalten. Der Zugang zur Ritterburg mußte so schwierig als möglich sein, und dem Gegner mußten schon beim Ausstiege vielfache Hindernisse sich entgegenstellen. Diese unumstößlichen Thatsachen erregten schon frühzeitig Bedenken gegen die Ansicht, daß die deutsche Burg sich von Römerwerken herleite, und wir können im allgemeinen uns jetzt an die Worte von Cohansen halten: „Wer auf einer schön gelegenen Bcrgspitze, weil sie ihm gefällt, eine römische Befestigung sucht, kennt eben die römischen Castelle nicht, und was dem entgegen behauptet worden ist von Mone und Krieg und allen, die ihnen nachgetreten sind, sind nur hübsche Phantasien."^) Im Gegensatz zu der Höheuburg steht die bereits erwähnte Nieder- oder Wasserburg. Als ihr charakteristisches Merkmal möchte ich die nassen Gräben betrachten, welche an römischen Anlagen fehlen. Ein Beispiel in verkleinertem Maßstabe dürfte sich etwa in Nieshofen bei Eichstätt finden. Dortselbst steht außerhalb deS Dorfes, hart an der Altmühl, ein als „Hunger-" oder „Römerthnrin" weithin bekannter Steinkoloß. Bei einer genaueren Betrachtung des Terrains bemerkt mau ganz deutlich die Spuren eines halbmondförmigen Grabens, welcher durch seine zwei Arme mit dem Flusse in Verbindung stand. Innerhalb dieses Grabens, der jedenfalls »och durch Wall, Mauer oder Zaun verstärkt war, zeigen sich die Fundamente von verschiedenen Bauwerken, welche den Thurm von drei Seiten umgaben. Hier haben wir offenbar den ehemaligen befestigten Wohnsitz eines mittelalterlichen Grundherrn vor uns. In der That erscheint nach den Regesteu der Bischöfe von Eichstätt schon im Jahre 1283 ein Konrad von Rngshoscn oder Nieshofen als Besitzer dieser Feste. Auch hier ist also die Annahme einer Erbauung durch Römerhand völlig ans der Luft gegriffen. Es bleibt uns nur mehr noch ein kleiner Vergleich übrig zwischen römischer und mittelalterlicher Mauertechnik. Gerade diese soll nach Krieg und seinen Freunden einen wichtigen Anhaltspnnkt in unserer Frage bieten. Auch der Römer unterschied zwischen Ziegel-, Stein- und gemischten Mauern. Das römische Ziegelwerk trägt nach Uebereinstimmung vieler Fachleute wirklich charakteristische Merkmale an sich. Abgesehen davon, daß nicht ") v. Cohansen: „Der röm. Grenzwatt" S. 335. 388 selten der Lcgionsstempel den einzelnen Stücken aufgeprägt ist, zeichnen sich dieselben meistens durch Dauerhaftigkeit, reines Material und eine eigenthümlich dunkel- rothe Färbung aus. Die Eimnanerniig der Ziegel sowie anderer Gestcius- artcn finden wir bei alten Bauten des öfteren in schräggestellten Lagen bethätigt, und zwar bald in der Mauer, bald auf den Außenflächen, so daß diese Art wegen ihrer Aehnlich- keit mit Fischgräten „Häringsgrätenbau" oder auch „vxus spioatum" „ährenförmig" genannt wurde (von sxiaa. — Aehre). Ueber den Zweck des vxus oxioatum hat man sich schon mehrfach gestritten. Das „statistische Motiv", welches auch Piper geltend zu machen sucht, dürfte wenig begründet sein, und es scheint die Ansicht die richtigere zu sein, daß man hier eine „technische Spielerei"^) vor sich habe. Einen Aufschluß über die betreffende Bauzeit kann diese Technik kaum gewähren; sie ist bereits von den Römern ausgeübt worden, kam nach Cori gegen „Ende des zehnten Jahrhunderts an den nördlichen Abhängen der Alpen zuerst vor" und ist höchstens ein Kennzeichen von frühmittelalterlichen Burgen. Zu größeren Schwierigkeiten besonders in der Unterscheidung führte der eigentliche Steinverband, namentlich das Quadermauerwerk mit Füllwerk, das schon von den Griechen ausgebildet worden war, von Vitrnv als LftTrXexro; „das Verbundene" bezeichnet wird, weil längere Bindsteine durch die ganze Mauer hindurchlicfen. Die Römer vereinfachten es etwas und gaben ihm eine Gestalt, deren Beschreibung uns von Vitrnv gegeben^) und von Mutzel folgendermaßen übersetzt ist: „Die Unsrigen verwenden auf die Stirnmanern allen Fleiß, indem sie senkrechte Schichten übereinander legen, und füllen den Zwischenraum mit getrennt liegenden Stücken von Steinen und mit Mörtel. So entstehen bei dieser Bauart drei Krusten: die zwei der Stirnwände und eine mittlere, die der Gußmauer." ^) Nach außen sind die Steine entweder glatt gemeißelt, es ist dies das eigentliche Quaderwerk, oder, wie in vielen Fällen, ist die rohe Bruchfläche hie und da mit einigen Correctnren beibehalten; so entsteht die bekannte ,iu8tioa>°, auch Buckelquader, Bosfenquader oder Kropfsteine genannt. Gewöhnlich findet sich an den Kanten ein mehrere Ccntimetcr breiter „Nandschlag", eine glatt gemeißelte Borde, welche bekanntlich das erste und nächste Ziel des Steinmetzen bei der Arbeit ist. Obwohl wir nun aus dem Alterthume von der rustiou eigentlich gar nichts erfahren, so ist sie doch mit dem obigen Verbände als identisch aufgefaßt worden und ist in den Augen der Romanisten das Charakteristikum eines römischen Bauwerkes. Krieg von Hochfelden sagt rundweg: „Römisch ist die Rustika mit oder ohne glatten, glcichbreiten Naud- beschlag, aber mit glattgemeitzelten Borden au den genau ^) Siehe Piper: „Burgenkunde" S. 112. ") S. „Repertorium für Kunstwissenschaft" S. 197, 1896. XIX, 3. Cori: „Bau und Entwicklung der deutschen Burgen im Mittelalter" S. 21. ") Die Stelle lautet: „Xostri srsctos eboros loeanteg Ironttdus sorviunt et in wsclio karciuut kraetjs se- psratim eum mstsria eaemsatis. Ita tres snseitantur in es strnetur» erustas: ckuas kronttuin st uns msäia tartnras." ^."-Mutzel: „Die römischen Wartthürme in Bayern." senkrechten Kanten des Baues;" ^) man kam schließlich soweit in dieser Manie, daß, wo überall ein Bosfenquader sich fand, auch ein römischer Bau vorhanden sein mußte. Nun ist die Rustika und das „Füllwerk" allerdings von den Römern vielfach angewendet, besonders in Italien, aber auch bei uns; man denke nur an die xortg, pi-us- toria in Regcnsburg. Allein die obige Ansicht Kriegs hat sich längst als unhaltbar erwiesen. Es zeigen eine Menge mittelalterlicher Burgen, selbst solche, über deren Bauzeit wir gar keinen Zweifel haben können, genau dieselbe Anlage, wie die besten italischen Bossagen. Es wird, um nur ein drastisches Beispiel anzuführen, niemand den Burgthurm von Nürnberg für römisch halten, ein Ort, den doch kaum die Römer betreten, ganz sicher aber nicht befestigt haben. Cori3°) und Mutzel") wollen zwar noch einen Unterschied wissen zwischen römischen und mittelalterlichen Kropfsteinen, indem die letzteren „durchweg die Spur des Meißels" zeigten. Allein wenn Mutzel (unter anderem) die Kanalschleusen zu Riedenburg oder die neue Donaubrücke zu Donauwörth als Beispiele anführt, so beweist das nicht mehr, als daß man in späterer oder besser in neuester Zeit mehr Sorgfalt auf diese Construktion verwendet, um dem Ganzen nicht einen allzu rohen Anstrich zu geben. Cohauscn behauptet in dieser Frage sicher nicht zu viel, wenn er meint: „Kurz, die meisten deutschen Neichs- burgen sind mit Füllwerk und Rustika gebaut."") Auch das Mittelalter wird die Vorzüge der Bossen- quader haben würdigen können, welche das Emporschieben von Leitern verhinderten, und an denen die Niederschlüge nur die hervorragenden Steintheile treffen können, um dann an diesen wie an den Wetternasen eines gothischen Baues hcrnnterzugleiten, ohne die Fngenvcrbindnngen zu ^berühren und zu schädigen". Ucbrigcns gibt die Rustika, wie Esscnwcin^ sagt, der Erscheinung der Bauwerke eine gewisse Kraft, die entschieden dem Charakter der Kriegsbaukunst entspricht, sie verkündeten gleichsam nach den Worten Nähers die „physische Urkraft des Deutschen, und ein solch massiger Bau war wohl geeignet, die Macht und das Ansehen des Burgherrn zur Schau zu tragen".") Schauen wir zum Schlüsse noch einmal aus das Gesagte zurück, so läßt sich das Ganze kurz recapitnliren in dem Resultate, zu welchem Piper in dieser Frage gekommen ist, und dessen Ansicht ungefähr in Folgendem besteht:") „Die älteren, bei der ersten Occupation unseres Landes von den Römern angelegten Castclle" ziehen gewöhnlich so wenig Vortheil aus dem Gebäude, daß ihre Lage „zumal für Höhenburgcn nicht geeignet erscheint", — Gegensätze, welche vor allem in dem Offcnsivverhält- nisse des Römers und dem Dcfensivverhältnisse des Burgherrn ihren Grund haben. Die Schildmauern, Zwinger, Vorburgen kommen bei den Einstellen nicht, höchstens bei späteren, mehr außerdeutschen Befestigungen vor. Die regelmäßige Gestalt des Lagers, seine „Dnrch- schueidung" von zwei Straßen „ist den Burganlageu *°) „Geschichte der Militärarchitektur" S. 132. Cori: „Bau und Einrichtung der deutschen Burgen" S. 22. ") Mutzest: „Die römischen Wartthürme besonders in Bayern" S. 10. ") v. Cohauscn: „Der römische Grenzivall". ") Esscnwcin: „Kriegsbaukunst" S. 53. ") v. Näher: „Die deutsche Burg" S. 15. ") Vcrgl. Piper: „Burgenkunde" S. 114 u. 115. fremd", welche sich meistens in unregelmäßigen Umrissen genau dem Terrain anpaßten. Was die Besetzung von militärisch günstig gelegenen Punkten anbelangt, so beobachteten die Römer eine den späteren Zeiten fremde Taktik. Auch die Römer haben Wartthürme errichtet, welche aber viel geringere Maße ausweisen, als die mittelalterlichen Berchfrite. Bei der Aehnlichkeit des römischen und mittelalterlichen Mauerbanes kann die Mauertechnik nur in seltenen Fällen „römischen Ursprung" wahrscheinlich machen; Bnckelquader mit Randschlag insbesondere finden sich im Mittelalter so häufig, daß dadurch jeder Schluß auf römischen Ursprung vernichtet wird. So haben wir uns vielleicht im Geiste ein kleines Bild entworfen von jenen imposanten, oft Bewunderung und Achtung verdienenden Wehrbantcn unserer Vorgänger. Ich sage: im Geiste, denn die Gegenwart bietet uns ver- hältnißmäßig wenig Wirklichkeit. Längst sind die römischen Legionen und Kohorten aus Deutschland gewichen, Franken, Alemannen, Gothen und Sachsen setzten den zerstörenden Fuß auf die Anlagen ihrer Unterdrücker, die Kastelle und Thürme sanken in Schutt und Asche, der Zahn der Zeit vollbrachte das Uebrige, und über vielen denkwürdigen Stätten geht jetzt der Pflug des Landmannes. Aber auch der tapfere Ritter konnte sich auf seiner Burg nicht halten. Mit der Erfindung des Pulvers mußte eine andere Befestignngsart in Anwendung kommen, unsere heutigen Bomben und Granaten würden mit Leichtigkeit die einst unüberwindlichen Mauern in Trümmer legen. Diejenigen Burgen, welche durch die zerstörende Macht des Krieges noch nicht gefallen waren, wurden meist ihrem Schicksal überlassen, später vielleicht des Steinmatcrials wegen mit Bedacht verwüstet oder um ein Spottgeld „aus Abbruch verkauft". Selten ist der Fall, daß liebevolle, noch seltener, daß verständige Hände die Mittel nicht scheuten, um ein solches Denkmal unserer Zeit zu erhalten. Traurig-ernst blicken die Ruinen so vieler Burgen hernieder in das Tha; noch trotzt vielleicht der mächtige Bcrchfrit, doch Stein um Stein löst sich los, die moderne Welt kennt meistens kein Erbarmen, bald kommt auch für ihn der Tag, wo er Einsturzes halber abgetragen werden muß, und der letzte Rest der einst so stolzen Feste ist verschwunden. Die Bedeutung der christlichen Kunst gegenüber dem Naturalismus und Jndiffereutismus. (Stenogramm der Rede des Lycealprofcfforsvr. Schlecht- D i l li n gen, gehalten auf dem Katholikentag in Landshut.) Ew. Excellenz Hochivttrdigster Herr Erzbischof! Hochansehnliche Versammlung! Es wird schwer, auf die außerordentlich kernigen und sachkundigen Worte meines Herrn Vorredners Sie setzt auf ein ganz anderes Gebiet zu führen. Allein ich gebe Ihnen das Versprechen, möglichst praktisch und auch. so gut ich es vermag, möglichst kurz mich zu fassen. Wie Sie wissen, ist es eine löbliche Gepflogenheit unserer Generalversammlungen, mit denselben eine Aus-- stellung christlicher Kunstgcgenstände zu verbinden und in der Regel auch einige Worte über die Bedeutung der christlichen Kirnst zu sprechen. Ist sie doch die edelste Tochter der Kirche! die vornehmste Dienerin unserer heiligen Religion! Seit vier Jahren ist nun darüber auf unseren Generalversammlungen nicht mehr gesprochen worden, und ich glaube, daß es gerade auf dieser Generalversammlung passend ist, die im schönen Bayerlande tagt. wo einstmals ein hochsinniger König eine neue Aera der Kunst geschaffen hat. (Beifall!) einer hohen, hehren und heiligen Kunst, die selbst da heilig war. wo sie profane Werke hervorbrachte. Nun gehen ja allerdings in unseren Tagen die Auffassungen über Kunst bedeutend auseinander, und vor kurzem erst hat Se. Excellenz der Herr Cultnsminister von Bayern treffend bemerkt, daß in den letzten Jahrzehnten der Kunstbegriff selber ins Schwanken gerathen sei. Wenn also irgendwie und irgendwo, so gilt auf diesem Gebiete meines Erachtens der Grundsatz: im Nothwendigen Einheit, im Zweifelhaften Freiheit, in Allem brüderliche Liebe. (Beifall.) Bei der großen Ausdehnung dieses Gebietes bin ich dem Lokalcomitö sehr dankbar, daß es vorsorglich gewisse Grenzen abgesteckt und mir die Aufgabe zugewiesen hat. die Bedeutung der christlichen Kunst ins Auge zu fassen gegenüber dem Naturalismus und Jn- differentismus. Darin, meine Herren, erkenne ich auch in der That die zwei schlimmsten Feinde, welche sich einer wahren, von: Geiste des Christenthums erfüllten Kunst in den Weg stellen. Auf der einen Seite hören wir die Künstler klagen über die Theilnahmslosigkeit des Publikums, womit sie zu kämpfen haben, selbst dann, wenn sie noch so sehr von ernstem Willen beseelt sind, ihre Talente der heiligen Kunst zu widmen, eine Theilnahmslosigkeit, die sich gerade in diesem Falle und für unsere christlichen Künstler am schlimmsten geltend macht, werk der Schaden ein doppelter ist; auf der einen Seite werden sie von den Fachgenossen als Nazarener, Heiligenmaler, Herrgottschnitzer, und wie die liebenswürdigen Titel sonst noch heißen, über die Achsel angesehen, und auf der andern Seite laufen sie Gefahr, ihre Werke unverkauft in ihrem Atelier für immer aufzubewahren. Das ist der Jn- differentismus des Publikums. Airs der anderen Seite dagegen ertönt der Vorwurf, es sei heutzutage in die Kunst ein Geist eingedrungen, der gebrochen habe mit den großen Traditionen, der fast feindlich gegenüberstehe der Lehre der Kirche, der Werke schaffe, die vielleicht technisch gnt, realistisch wahr, von einem tüchtigen Studium der Natur zeugen mögen, die jedoch des christlichen Gehaltes ganz und gar entbehren, das ist die Klage über den Naturalismus der Künstler, zu der ich mich zuerst wende. Meine Herren, ist dieser Vorwurf berechtigt? Wenn wir unsere Museen und Ausstellungen durchwandern, wenn wir unsere Kunstschriften, unsere illnstrirten Blätter durchgehen, wenn wir die Art und Weise betrachten, wie heutzutage an den meisten Akademien Kunst gelehrt und gelernt wird, so muß ich darauf antworten: „Leider ja". Die Kunst unserer Tage hat unter dem Druck des modernen Geistes, so scheint es, den hohen Flug nach den Sternen, der ihr angeboren war. verlernt und vergessen, und ihr Auge den Niederungen dieser Erde zugewandt, unbekümmert darum, daß sie dabei in Sümpfe geräth, in deren Schlinggewächsen sie sich verstrickt und in deren trüben Fluthen sie zu Grunde zu gehen droht. Es ist das eine Tendenz, meine Herren, die sich allerdings zunächst bei unserer profanen Kunst geltend macht, allein es ist doch nicht zu leugnen, daß auch die religiöse Kunst bis zu einem gewissen Grade von ihr beeinflußt wird, namentlich dann, wenn einer jener Künstler, die in der Mythologie besser Bescheid wissen als in der Hciligen- geschichte, sich aus den: Olymp, wo sie sich natürlich am liebsten in Tamengesellschaft bewegen, in den christlichen Himmel verirrt und sich daran macht, anstatt einer Ariadne, Psyche, Bacchantin, die Mutter des Herrn oder einen Engel oder gar Christus den Herrn selbst uns vor Augen führt. Meine Herren, ich weiß recht wohl, daß es ohne gründliches Studium der Natur kein gediegenes Kunstwerk geben kann. Die Kunst hat nun einmal die Aufgabe, das Schöne in sinnfälligen Gebilden darzustellen, und wo tritt uns diese Form der Kunst anders entgegen, wenn nicht in den Werken der Natur, die nach unserer festen Ueberzeugung allerdings nicht das Spiel eines blinden Zufalls, sondern aus Gottes Hand hervorgegangen rst, ein Abglanz seiner Schönheit und ein Abbild seiner unendlichen Vollkommenheit, eine Offenbarung aus einer andern Welt, die uns ein immerwährendes „8NI-SUM corcks," zuruft! Meine Herren, der Künstler muß diese Natur studiren, auch dann, wenn er Uebernatürliches, Geistiges und Himmlisches uns erzählen und vorführen will. Denn die Sprache, in der er zu uns spricht, sind Farbe und Licht, wie es draußen schillert und fluthet, sind die Dinge, die uns umgeben, die Lebewesen, der Mikrokosmos. der Mensch. Und, meine Herren, ohne gründliches Naturstudium gibt es kein gründliches Kunstwerk. 390 und die Zeiten, die ihre Annen verschlossen gegenüber der Natur, die bestimmte Schablonen hatten, nach denen jede Linie zu führen, jede Farbe aufzutragen war, die ein Bild immer wieder vom andern copirtcu, das sind die traurigsten Zeiten für die Kunstgeschichte. Dieser Weg wäre der Untergang der wahren Kunst. Deßwegen will ich unserer modernen Kunst gerne das Zugeständnis; machen, daß fie auf diesem Wege des Studiums der Natur in gewisser Beziehung zu einer hohen Vollendung gediehen ist, z. B. auf dem Gebiete der Landschaftsmalern, des Porträts, in gewissen Zweigen der Skulptur; aber zugleich liegt daB» eine große Gefahr für den Künstler, namentlich dann, wenn es sich um höhere Probleme handelt, wenn er klebersinnliches, Ewiges, Göttliches darstellen soll. Da droht dann die Idee, die doch die Seele des Kunstwerkes sein muß, und für welche die sinnliche und körperliche Form nur das Kleid bildet, zu verkümmern und der Gewalt des Körperlichen zu erliegen. Es gehört ein starker Sinn und eine geübte Meisterschaft dazu, um über das Stoffliche Herr zu werden, so daß es in Harmonie der Idee sich anschließt und unterordnet. Dieser Kampf ist besonders deßwegen schwer, weil auf unseren Akademien und in unseren Lehrbüchern der Aesthetik ein Sah Geltung hat, auf den fast alle unsere Künstler eiugeschworen zu sein scheinen, und der da lautet: „Die höchste Schönheit ist die des unbekleideten menschlichen Körpers." Ja, wenn wir diesen Satz einmal zugeben, meine Herren, dann allerdings gibt es keinen höheren Vorwnrs für die Künstler, als diesen menschlichen Leib immer wieder zu studireu, zu malen und zu meißeln. Und so geschieht es auch heutzutage. Es ist in unseren Tagen leider Gottes so weit gekommen, daß gar manche Menschen sich unter Kunstwerk nichts anderes denken können als eine Nndität, und künstlerische Schönheit für manchen identisch geworden zu sein scheint mit Schamlosigkeit. In unseren Ausstellungen, in unseren Kunsthandlungen begegnen uns immer wieder deßwegen diese vollständig unbekleideten Buben und Mägdlein, diese ganz toiletteloscn Frauen und Fräuleins, diese Burschen und Männer, gezeichnet, gemalt, geschnitzt, oder in Gold >ind Silber getrieben, oder auch in gemeinem Thon und Gyps geknetet, in allen möglichen und unmöglichen Situationen; stehend, sitzend, liegend, kauernd, schwimmend, fliegend; es ist immer dasselbe, niag im Katalog stehen: Nymphe, Eva oder Psyche, nur daß gar oft nicht sehr viel Psychisches daran zu sehen ist. (Heiterkeit.) Gewöhnliche Menschenkinder können sich nun diese Erscheinung kaum erklären, selbst mit dem Princip des Realismus und Naturalismus kommt man da nicht mehr zurecht, weil ja doch die Leute so ganz costümlos nicht spazieren zu gehen pflegen. Allein der Künstler gibt uns Aufschluß, indem er sagt: Das ist eben die enthüllte höchste Schönheit, die Schönheit des menschlichen Leibes! Und wenn wir daran zu zweifeln wagen, so ruft er uns zu: „Ist denn nicht der Mensch die Krone der Schöpfung? Findet sich irgendwo in der Natur ein vollkommeneres Organismus, feinere Linien, schönere Verhältnisse, mehr Harmonie und Rhythmus als am Leibe des Menschen?" Das geben wir zu, aber der Satz ist dennoch falsch. Meine Herren, diese Aesthetikcr und Künstler könnte jedes Christenlehr- kind wohl zu Schanden machen, wenn es ihnen sagen würde : Mehr als der Leib ist die Seele, sie ist das Göttliche im Menschen, sie prägt ihm jene höhere geistige Schönheit auf, durch welche er alle anderen körperlichen Wesen überragt, durch sie wird der Mensch zum Ebenbilde Gottes. Und darum gibt es eine Schönheit, die Höher ist als die leibliche, die körperliche Schönheit, das ist die sittliche, die geistige, die ewige Schönheit. (Bravo!) und noch ein zweites könnte dieses Kind dem Künstler und dem Aesthetikcr sagen, nämlich ein Wörtlein von der Erbsünde, durch welche der menschliche Leib ein Object des ungeordneten Begehrens geworden ist, ein Wörtlein von dem Schamgefühl, das Gott dem Menschen zum Schutz gegen diese Begierde gegeben hat, und dem auch der Künstler unterworfen ist, selbst wenn er es leugnet. (Bravo!) Sie fragen mich, verehrte Herren, was hat das Alles zu thun mit der christlichen Kunst? Sehr viel. Eine solche Kunst ist eben unchristlich in ihrem Princip, weil sie über die Gesetze der Zucht und Schamhaftigkeit sich hinwegsetzt. Eine Kunst, welche auf diesem Boden emporgewachsen ist, ist nicht im Stande, wirklich Religiöses zu schaffen, die wird nie hinauskommen über Vertreibungen aus dem Paradies, badende Susannen, büßende Magdalenen und aus Kreuz gebundene oder geschlagene weibliche Heilige. Meine Herren, diese Sache ist ivohl der Mühe werth, daß man uns darum kümmern. Dieser derbe Naturalismus wirkt geraden! zerstörend aus den religiösen Glauben, er verletzt uns in unseren heiligsten Gefühlen, indem er das, was wir gewohnt sind, im Schimmer erhabener Heiligkeit und höchster Würde zu sehen, in den Staub der Straße herunterzieht. Meine Herren, wir müssen uns dagegen verwahren, daß man uns die nächstbeste Modellsteherin als die Mutter des Herrn vorführt (Bravo!), daß wir uns irgend einen von der Straße aufgelesenen Vagabunden als Apostel prä- sentirt (Bravo!), daß man Christus den Herrn uns darstellt wie einen Hingerichteten, elenden Verbrecher, denn er ist und bleibt unser Gott und Herr, anbetungswürdig, auch wenn er am Kreuze hängt oder im Grabe ruht. (Bravo!) Wir haben aber auch ein Recht, zu protestiren gegen den Naturalismus auf dem profanen Kunstgebiete. Ich bin nicht der Ansicht, daß unsere Kunstausstellungen Bildungsanstalten seien für die unreife Jugend, daß man Kinder hineinführen soll, wie es leider geschieht, aber sie gehören nun einmal zu unseren Cultureinrichtungen, der Staat gibt große Summen für diese Zwecke, und deßwegen, meine ich, sollte es möglich sein, daß ein christlicher Familienvater mit seiner Gattin, seinen erwachsenen Töchtern und seinen Studenten sie ohne Aergerniß besuchen könnte. (Sehr wahr!) Wiederholt wurde in den gesetzgebenden Körperschaften, sowohl im Reiche, als auch in den Einzelstaaten, hingewiesen auf den in den Schaufenstern der Kunsthandlungen sich breitmachenden Naturalismus, und es ist anch Abhilfe geworden. Die Polizei trägt Sorge, daß da, wo allzustarke Auswüchse sich zeigen, solche beseitigt werden; das verdient gewiß unseren Dank. Aber was nützt diese Maßregel, wenn man alle diese Dinge zu den öffentlichen Ausstellungen zuläßt, wo man sie schön beisammen findet und mit Muße betrachten kann und betrachten muß, so aufdringlich treten diese Sachen einem in den Weg. (Sehr richtig!) (Schluß folgt.) Recensionen »nd Notizen. Papst Leo XIII. und die hl. Beredsamkeit. Erläuterungen zu dem auf päpstlichen Befehl von der 8. 0. Lxp. st Rs». erlassenen Rundschreiben an die Bischöfe Italiens und die Ordensoberen über die hl. Beredsamkeit, mit einer ausführlicheren Nutzanwendung für unsere Verhältnisse. Von Dr. Leopold Ackermann. Priester der Diöcese Würzburg. Mit kirchlicher Approbation. München. Verlag von Rudolf Abt. 1897. (88 Seiten.) 0. L. So betitelt sich ein kleines Schriftchen, vom Verfasser, der uns bereits mit einem Beitrag zur Homiletik, nämlich mit einer Arbeit über „Die Beredsamkeit des hl. Joh. Chrysostomus" erfreut hat, „dem seligen Petrus Canisius, dem zweiten Apostel Deutschlands, zum 300- jährigen Gedächtnisse seines Todes als kleine Jubiläums- gabe in dankbarer Verehrung geweiht". Nach einem einleitenden Vorwort über die Wichtigkeit des Predigtamtes auch für unsere Zeiten werden uns zuerst die fragliche Encyklica selber im lateinischen Texte sowie mehrere darauf bezügliche und deren Verständniß erleichternde Aktenstücke mitgetheilt; hieran schließen sich recht instruktive Erläuterungen zur Encyklica. zuerst über die Person des Predigers, dann über die Eigenschaften der Predigt und dann über die in dem betreffenden Rundschreiben erlassenen Verfügungen. In sehr geschickter und interessanter Weise sind zu diesem Commeutar die Ausführungen des gefeierten Apostels von Andalusien, Juan de Avila, verwerthet, wobei nur zu wünschen wäre, daß die betreffenden Auslassungen auch mit praktischen Beispielen aus den Predigten Avila's belegt wären. Von besonderem Interesse ist der 3. Abschnitt, welcher zum Theil schon im diesjährigen Jahrgang der „Passauer Monatsschrift" veröffentlicht wurde: „Ausführliche Nutzanwendung für unsere Verhältnisse, insbesondere die Darlegungen des Verfassers über die thematische Unterweis- ungs-Predigt, die „eigentliche Rede" und den sogenannten „Avis". Recht beherzigenswert!) sind auch die Bemerkungen Seite 79 f. und 87 f. — über die Mittel, das Volk zur fleißigeren Anhörung der Predigt zu bringen —, sowie die Seite 84 und 85 („Rück- und Ausblick") gegebenen Anregungen zur Hebung der so wichtigen geistlichen Beredsamkeit. Möchte doch das Büchlein recht viele Leser finden; keiner wird es, ohne großen Nutzen daraus geschöpft zu haben, aus der Hand legen! — Druckfehler, die bei einer Neuauflage zu entfernen wären, finden sich, abgesehen von einigen Jnterpuuktionsfehlern, Seite 8 Zeile 14 von unten »xlaäsatis." statt nplaoeutia", Seite 11 Zeile 10 von unten „bariut" statt „bauriat", Seite 15 Zeile 7 „diesen" statt „diese", Seite 17 Zeile 11 von oben „ein" statt „eine". Seite 23 Zeile 19 von oben „Ändalusions" statt „Andalusiens", ib. Zeile 26 „Seneke" statt „Seneka", Seite 24 Zeile 15 von oben zweimal „ihren" statt „Ihren", Seite 30 Zeile 19 von unten „Schleininger" statt „Schleimger. Sprachlich hart ist der Satzbau Seite 13 Zeile 16 von rucken, der Ausdruck „ich kann mich nicht verwinden", für „kaun ich mir nicht versagen". Sachlich möchte ich noch zu Anm. 4 aä Seite 14 bemerken, daß Hettinger in seinen „Aphorismen" die lateinischen Schrift- texte vertheidigt. Baumann Fr. L-, Der bayerische Geschichtsschreiber Karl Meichelbeck (1669—1734); Festrede, gehalten in der öffentlichen Sitzung der kgl. bayer. Akademie der Wissenschaften zu München, zur Feier ihres 133. Stistungstages am 27. März 1897. München, Verlag der k. b. Akademie (G. Franz), 1897. 4°, 54 Seiten. Preis 1 M. 50 Pfg. -> Es ist mit Freuden zu begrüßen, daß in dieser akademischen Rede das Andenken eines Mannes der drohenden Vergessenheit entrissen wurde, den wir Bayern mit Stolz zu den unsrigcn zählen dürfen: es ist der berühmte Verfasser der „Listoris, ^risivZ-snÄs", ein Mitglied der Benediktbeurer Kongregation, des um die historische Wissenschaft hochverdienten Benediktinerordens. Nach einer Zeit des Verfalles, bedingt durch die schrecklichen Heimsuchungen, die der 30jährige Krieg über Bayern gebracht hatte, trat Meichelbeck auf historischem Gebiete als Stern erster Größe auf, ihn; gebührt das Verdienst, im südlichen Deutschland das erste Geschichtswerk verfaßt zu haben, das den Anforderungen der Kritik Stand hält; dasselbe machte (1. Band 1724) seinen Namen in ganz Europa mit Recht berühmt. Nur in Freising. das m der Historiographie doch eine so große Vergangenheit hatte, wußte allein der Fürstbischof den Mann zu schätzen, nicht aber die Herren des Capitels. Ueberhaupt hatte Meichelbeck gerade genug zu kämpfen gegen Anfeindungen, Verdächtigung und Stumpfsinn im eigenen Lager. Daß Meichelbeck auch ein Schalk sein konnte, zeigt ein Vorfall, den Baumann (S. 45) aus Meichelbeck's Schriften mittheilt: Die Kanoniker von St. Andreas in Freising wollten ihren Gründer, den Bischof Ellenhard, zu einem „Heiligen" machen und öffneten 1723 sein Grab, um etwa Anzeichen der Heiligkeit zu entdecken, von der nun Meichelbeck ganz und gar nicht überzeugt war: da öffnete unser Historiker heimlich ein Büchschcu mit scharfriechendem Balsam, und die Kanoniker sogen mit Entzücken den paradiesischen „Wohlgeruch der Heiligkeit" ein, bis ihnen Meichelbeck hohnlachend das Balsamgefäß vor die Nase hielt und der Freude ein jähes Ende bereitete. Meichelbeck war von einer staunenswertsten Arbeitskraft; seine Hauptwerke schrieb er lateinisch, und sein Latein ist einfach, klar und elegant, so daß man wirklich mit Genuß seine Schriften in die Hand nimmt, die sich leicht und angenehm lesen. Weiteres wollen wir über Meichelbeck aus Baumanu's verdienstvoller Rede, die überall in unserem Vaterlande Interesse wecken wird. nicht anführen, nachdem die „Post- zeitung" bereits in Beilage Nr. 33 ausführlicher über Meichelbeck gehandelt hat. VIachos Ang., viotionnairo Aroc-tranoais. 8". XIV -j- 1000 pp. ^töünss, LakollariM 1897. 1?r. 25.—. v Für die heutige hochgriechische Sprache der Bücher und Zeitungen reicht ein altgriechisches gutes Wörterbuch zur Noth aus; sobald es sich aber um das gesprochene Griechisch (und auch die Gebildeten gebrauchen dre Volkssprache) oder um vulgäre Texte handelt, da versagen selbst die wenigen neugriechischen Wörterbücher, die wir haben, nue Contopulos oder Legrand. Obiges Werk ist, wenn gleich nicht absolut lückenlos, doch weitaus das beste und ausführlichste dieser Gattung; es enthält nicht nur etwa einen doppelt so großen Wortschatz, wie die erwähnten anderen, sondern namentlich eine ausgedehnte Phraseologie der Schrift- und Umgangssprache, woran es die bisherigen Lexika fast gänzlich fehlen ließen. Die Ausstattung ist sehr gut, die Anordnung und Ausarbeitung zufriedenstellend; solang man noch nichts Vollkommenes hat, muß man auch für das relativ Beste dankbar sein, mögen ihm auch noch Mangel anhaften. Grammatische Angaben (z. B. über Genetivbildung u. s. w.), so wie wir es bei unsern klassischen Wörterbüchern gewohnt sind, wären erwünscht;, es scheinen aber alle derartigen Handbücher mehr für den Griechen berechnet, der eine fremde Sprache lernt, als für den, der nach dem Griechischen forscht. Es wäre jedoch leicht, beide Theile vollkommen zu befriedigen; vielleicht geschieht es bei einer zweiten Auflage oder deutschen Bearbeitung. Zur Beschaffung des Werkes bedient man sich am besten der Buchhandlung von M. Spirgatis in Leipzig, die auch sonst für Lieferung griechischer Bücher empfohlen sei. Hertkeus I., Die Reliquien von den Sandalen Jesu Christi in Prüm. Pilgerbüchlein nebst Andachten und Gebeten. 12°. 72 Seiten. Prüm, I. Schuth, 1896. Preis 25 Pfg. s In der kleinen Eifelstadt Prüm waren im vorigen Jahre (vom 11. bis 25. Oktober) die angeblichen Sandalen der Herrn zur Verehrung ausgestellt und von überaus zahlreichen Wallfahrtszügen aus Nah und Fern besucht. Das veranlaßte vorliegende Schrift, welche der frommen Sage bis auf den Frankenkönig Pipin nachgeht, der die Sandalen von Papst Zacharias zum Geschenk erhalten haben soll. Die Echtheit läßt sich nicht darthun, da so späte Quellen keine Beweiskraft haben, und frühere Quellen, die von Werth wären, eben nicht angeführt werden können. Solche Literatur-Erzeugnisse beweisen nur zu deutlich, wie berechtigt Schell's Klagen über die „exquisiten Culte" der modernen Frömmigkeit sind. Angesichts derartiger Andachtsformen fragt man sich unwillkürlich, ob der Glaube an die sakramentale Gegenwart des Herrn in allen unseren Pfarrkirchen in den Gläubigen unseres Jahrhunderts so schwach ist, daß neben ihn: ganz zweifelhafte Reliquien einen solchen Anziehungspunkt bilden können. Die Verantwortung jener, die solche Tendenzen unterstützen, obwohl sie der: Trieb des Volkes auf gesündere Bahnen lenken könnten, ist keine kleine. Petraris K., Taschenwörterbuch der neugriechischen und deutschen Sprache. 16° 2 voll. 430 und 554 Seiten. Preis 6 Mark. Leipzig, Otto Holtze, 1897. k Dieses billige, hübsch ausgestattete und reichhaltige Wörterbuch wird gewiß von allen Freunden der neugriechischen Sprache mit umso größerer Freude willkommen geheißen werden, als ein derartiges, unentbehrliches Hilfsmittel auf dem deutschen Büchermarkt bisher gänzlich fehlte, denn das im gleichen Verlag früher (1841, zuletzt 1881) erschienene Wörterbuch von Theodor Kind ist vollständig werthlos und von Fehlern, sowie willkürlich gebildeten Wörtern wimmelnd (vgl. darüber Jeanarakis, Neugriech. Gramm. S. V), und die neueren brauchbaren Lexika von Contopulos, Legrand, Vlachos sind in französischer Sprache abgefaßt oder enthalten, wie das treffliche von Jeanarakis, nur den deutsch-griechischen Theil. Der Verfasser, ein Grieche, dem wir bereits eine ganz tüchtige neugriechische Grammatik (Heidelberg. Groos, 1895) verdanken, gibt uns Gewähr dafür, daß wir in vorliegendem Buch keine selbst erfundenen Vokabeln (wie bei Kind), sondern den echt griechischen Sprachschatz der modernen Sprache in ziemlicher Vollständigkeit haben, und zwar enthält das Buch neben der Schriftsprache auch die (mit Stern bezeichneten) Wörter der Umgangssprache, deren sich in Griechenland auch der Gebildete bedient und die der Reisende kennen muß. Wir können das Buch nur empfehlen. v. Steichele-Schröder, Das Bisthum Augsburg historisch und statistisch beschrieben. 44. Heft. Augsburg, Schmid, 1897. -s. Während die beiden vorausgehenden Hefte wahrscheinlich für manchen Abonnenten ein wahres Aergerniß 392 gebildet haben mögen, namentlich wenn nicht beachtet wurde, daß sie nicht nur die für die wissenschaftliche Benützung des groben Werkes unentbehrlichen Register enthalten, sondern daß das 43. Heft auch bereits ein gut Tbeil Text zum Kapitel Kaufbeuren bietet, wird hoffentlich das neu erschienene Heft wieder alle Abonnenten mit dem ganzen mühseligen Unternehmen aufs beste aussöhnen. Denn gerade das gegenwärtige Heft ist wieder besonders geeignet, die Vorzüge der Fortsetzung der Äisthumsbeschreibung: umfassende Benützung des einschlägigen archivalischen und lrterarischen Materials, eine erquickende übersichtliche Darstellung der verschiedenen Verhältnisse in den einzelnen Pfarreien, z. B. des Ortsadels, des Grnndeigenthums, der Gerichtsbarkeit rc., ins beste Licht zu setzen. Manches Detail, man braucht nur zu erinnern an das Hereinspielen des Protestantismus m die Geschichte einzelner Pfarreien, verleiht dem Hefte ein über lokale Grenzen weit hinausreichcndes, allgemeines Interesse. Behandelt sind die Pfarreien Dösingen. Emmenhausen und Bronnen, Euris- hofen und Schwäbishofen, Ober- und Unter- Germar in gen. Guten berg.Hirschzell, Ho nsolgen und Jen gen. Don dem alten Ursin (Jrsee) lernen wir noch einen Theil der Geschichte seines ehemals bedeutenden Adelsgeschlechtes, der Freiherren. Grafen und späteren Markgrafen von Ursin-Nonsbcrg, kennen. — Möge der Augsburger Diöcesanklerus seiner herrlichen Visthums- hcschreibung ein stets wachsendes Interesse entgegenbringen! Dss XibslunAsn: Doöms traäuit äs l'allsmanä par L. äs Davsls^s. Dä. Llxsvir in 16" 2 voll. vp. IV -s- 260; 236. Daris, D. I'Iammarion, 189S. l?r. 7. rsl. k. Das Nibelungenlied ist das einzige große Epos der Völker Europa's seit dem Abschluß der alten Geschichte. Mit Recht bemerkt Schopenhauer, es sei geradezu eine Blasphemie, dasselbe etwa mit Homers Jlias und Odyssee zu vergleichen, so roh und ungeschlacht ist das deutsche Werk. gleichwohl aber verlohnt es sich der Mühe, es kennen zu lernen, zumal für den Deutschen. Es ist nicht bloß ins Neuhochdeutsche übertragen worden (so von Simrock und ganz und gar schlecht, unerträglich ungeschickt von Jordan), sondern es ist auch in fremde Sprachen übersetzt worden, und da nimmt es sich seltsam genug aus. so vorzüglich ins Ungarische von Karl Szasz und ebenso meisterhaft in italienische Verse von Jtalo Pizzi (Milano, Hoepli). Vor uns liegt nun auch eine wortgetreue französische Prosaübersetzung, die an sich keinen höheren künstlerischen Werth hat, sondern nur den Inhalt dem französischen Leser vermitteln will, und dieser Zweck wird auch erreicht. Die schmucken Bündchen, zur „Ool- Isoticm äes spopäss nationalss" gehörend, sind mit echt französischer Eleganz ausgestattet und in vorzüglichem, dem Auge wohlthuendem Drucke ausgeführt. Um eine Probe zu geben, setzen wir die Anfangszeilen, die im Original jeder gebildete Deutsche im Gedächtniß hat, her. „Des suoisnuss traäitious N0U8 rapportsut äes iusrvsills8 st nou8 parlsnt äs äöbors äi^nes äs louauZss, ä'sxploits auäavisux, äs ktztss joxsusss, äs plsurs st äs Aömisss- wsnts. Naiutsuant vous xouvsr sntsnärs rsäirs l'bistoirs insrvsillsu8s äs ess Husrrisrs valsursuss". Man sieht aus der langathmigen Wiedergabe: die Sprache des modernen Salons ist deutlich, die Poesie aber ist ihr freilich gründlich ausgetrieben. sondern mrch das irdische Dasein ihrer Kinder erträglicher zu gestalten. Der erste Abschnitt bespricht das religiöse «heiligende) Leben unter Einwirkung der Kirche, wie es sich äußert in der regelmäßigen Seelsorge, in frommen Vereinen, Bündnissen, Bruderschaften, Missionen, Andachten: der zweite Abschnitt gibt ein Bild der erziehlichen Thätigkeit der Kirche in theologischen Lehranstalten, Diöcesan-Knabenseminarien, Schulen, Asylen für Blinde und Taubstumme, Stiftungen zu Schulzwecken, sowie in der katholischen Presse. Der dritte Abschnitt behandelt Die kirchliche Armenpflege, der vierte die Krankenpflege durch Ordenscongregationen; der fünfte Abschnitt führt uns ein in jene Veranstaltungen, die die Kirche zur Hilfeleistung in besonderen Bedürfnissen einzelner Klassen getroffen hat, und dazu gehören katholische Bauern-, Arbeiter- und Haudwerkervereine, die in gegenwärtiger Zeit von eminenter Bedeutung sind. Der sechste Abschnitt erörtert im Besonderen das sociale Wirken der fünf steir- ischen Stifte: Seckau, Rein, St. Lambrecht, Vorau, Ad- mont. Genaue Tabellen, welche eine statistische Uebersicht über die socialen Anstalten in jeder einzelnen Pfarrei bringen, sowie ein ausführliches Jnhaltsverzeichniß erhöhen den Werth des Buches, den man erst dann zu schätzen weiß, wenn man erwägt, wie mühsam, welche Opfer an Zeit und Geduld erheischend eine derartige Arbeit ist. Die Gewissenhaftigkeit und der Bienenfleiß des Verfassers verdient alles Lob. Etwaige Lücken und Mängel, die bei einem solchen Werke unvermeidlich sind, zu verbessern und zu ergänzen, sind zunächst diejenigen berufen, die ihren priesterlichen Wirkungskreis in der Diöcese Seckau haben und den Dank des Verfassers für jede berichtigende Zuschrift erwarten dürfen. ÜSASv llo. O. (8. ä.), Inäsx vxsrum Dsoumäi Lrcksri. 8" pp. VIII -st 80. Lsroliui, §sl. I,. Domes, 1896. Ll. 2,00. jU. Virorum äs rs matbsmatiea dsns msritorum (Llauss, llaoobi, Orassmaim, Ltsinsr, Dssss, )Vsisrstrass, Xronsoüsr sto.) opsra omnia eoUscta possiäsmus ab aeaäsmiis säita. Ljus aulsm, gui sst omuium ksrs matbsmatieorüm priuesps ao maxistsr, svlsbsrrimi aäamavtini Dsonaräi Lulsri opsra sruäitions nsonou inAsnii aeumius prasolara aäbue ässiäsramus ints§r» in unam ssrism sollsota so novitsr säita, quamvis stiam nuuo tsmporis Dulsri soripta m»Koo soisntias pro^rsssu von abstaute onm summa utüitats non minus a tironibus guum a sorutatoribus psrlsZautur. Xuuo saltsm babsmus sura st stuäio rsv. 6. UnAsu (s soo. llesu), gui sst DeorKio- politaui obssrvatorii in l4msriea äirsetor, viri in rsbus matbsmatiois optims vsrsati (ok. sjusäsm „Lzmopsiu subU- mioris matbsssos" Rsrol. 1891—94, I. D) inäiesm ooin- plstum omnium Dulsri librorum ao äisssrtatiouum, säi- tionis opsrum Lulsri vsrs äiZuam prolusiousm, sx gus, quanta tüsrit Lulsri assiäua iuäsksssa amxla iuäustris, racils äiZnosvi potsst: Ultra 800 snumsrantur Lulsri Opera st opuseula. blau msäiooris sssst DaZenü Aloris, si kavsnts aliguo LIasosuats xost boo prasambulum säitionsm opsrum Dulsri aZKreäi atgus aäjuvantibus aliis viris kslieitsr xsrüosrö possst. Lpsramus! Der Marienbote. Jllustrirte Monatsschrift für Marienkinder und Töchter katholischer Familien. Verlag von Carl Aug. Seyfried u. Comp., Wiünchen. Preis des Jahrgangs (12 Hefte) 1,80 M. Stradner Al„ Das sociale Wirken der katholischen Kirche in Oesterreich. II. Band. Diöcese Seckau. 8°. X-st 264 Seiten. Wien. Mayer L Co., 1897. Preis 2 fl. 60 kr. s Unter den Schriften, die im Auftrage der Leo- gesellschaft in Oesterreich herausgegeben worden sind. ragen die Bände, welche das „Sociale Wirken der katholischen ; Kirche in Oesterreich" quellenmäßig behandeln, an sich und namentlich in Rücksicht auf unsere Zeitbedürfnisse v durch besonderes Interesse, das sie erregen, hervor. Der Kz vorliegende II. Band befaßt sich mit der Diöcese Seckau L; und zeigt, wie die Kirche immer und überall mit thätiger M Hand eingegriffen hat, nicht nur um ihre Gläubigen nach- P drücklich aus den zu weisen, der über den Sternen thront. Stern der Jugend. Jllustrirte Zeitschrist zur Bildung von Geist und Herz. Jährlich 26 Hefte. Preis . 4 M. Verlag der Buchhandlung L. Auer in Donauwörth. Im gleichen Verlag erscheinen „Lourdesrosen". Monatszeitschrift, Prers halbjährlich 80 Pf. „Nothbürga". erscheint alle 14 Tage, Preis halbjährlich 50 Pf. „Ra- phael", jllustrirte Zeitschrift für die reifere Jugend und das Volk, jährlich 52 Nummern, Preis Halbjährlich 1L5M. Monika", Zeitschrift für katholische Mütter und Haus- clich 52 Nummern, Preis mit der Gratis- sährl frauen. ^.. ..— .- , ^ beilage „Schutzengel" halbjährlich I Mark. „Knerpp- blätter". Alle 14 Tage eine Nummer. Preis halbjährlich 1,25 M. „Katholische Schulzeitung". Jährlich 52 Nummern. Preis halbjährlich 2 M. Mrantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas H Grabherr in Augsburg. öl,-. 57, 8. M. 1897. Der moderne Darwinismus und seine Gegner.*) Von Dr. O. Sp. Woher das erste Menschenpaar? — Diese hochwichtige Frage findet in den verschiedenen Zeiten von den verschiedenen Gelehrten verschiedene Beantwortung. Viele wollen den Menschen zunächst aus den niedrigeren Organismen entstanden wissen, also aus dem Thiere; andere halten fest an einem ursprünglichen, bereits in der Bibel berichteten, speciellen Schöpferakte bezüglich des Menschen. Dies die sich gegenüberstehenden modernen Hanpt- theorien! Ihnen gelte unsere Betrachtung! Wollen wir untersuchen, worauf sich erstere Ansicht gründet, so haben wir die moderne „Entwicklungslehre" (Evoiutions- und Descendenztheorie) einer näheren Würdigung zu unterziehen. Zuerst ihre geschichtliche Entwicklung! Als die ersten Vertreter dieser wissenschaftlichen Richtung erscheinen wohl zunächst Bnffon und der ältere Geoffroy, mehr Aufsehen erregte schon Lamarck mit seiner 2 ocüoAi" — „Aus dem Eie alles Leben". , Ja Darwin selbst schreibt im Jahre 1870: „Was auch die Zukunft noch enthüllen mag, die Wissenschaft auf ihrem gegenwärtigen Standpunkt begünstigt nicht die Meinung, daß lebende Wesen jetzt aus organischer Materie neu entstehen." Erfolglos sind bisher alle Bemühungen der Natur- ^ forscher, einer Urzeugung auf die Spur zu kommen. In dieser Hinsicht macht Bischofs ein ihn als Forscher nur ehrendes Zugeständniß: „Bei unseren Forschungen nach dem Anfang der Dinge kommen wir immer wieder auf ein letztes Glied, über das wir nicht hinaus können. Wie die ersten organischen Wesen auf die Erde gekommen sind, ist uns ebenso unbekannt, wie der Uranfang der Dinge überhaupt." Gerade die Vernunft also fordert, wenn man sie aufrichtig sein läßt, den Schöpfer. ,j Was den allmähligen, fast unmerklichen Uebergang der einen Art organischen Lebens in die andere betrifft, so findet für's erste diese Uebergangslehre keine Stütze durch die aus den Schichten der Erdrinde zu Tage geförderten Reste organischen Lebens. Im „Archiv der Geologie" finden wir die Arten und Gattungen scharf 394 begrenzt nebeneinander. Und „wo wir ein und dieselbe Species sowohl in historischer Zeit (Mumienthiere) oder in geologischer bis vor die Eiszeit, ja Muscheln selbst bis in die „oligocäue" Zeit verfolgen können, den Specicscharaktcr finde» wir unverändert und nur in ganz bestimmten Graden schwankend". Diesen Mangel der von seiner Theorie unbedingt geforderten Ucbcrgangsforincn fühlte auch Darwin recht wohl, nicht aber seine weniger „feinfühlenden" Schüler. Wenn er aber meinte, gerade die Uebergangsformen könnten durch Zufälligkeiten geologischer Prozesse zu Grunde gegangen sein, so ist dies nach dem Zeugnisse von Geologen eine Annahme von immenser Unwahrscheinlich- keit. Ebenso ist die vielfach gehegte Hoffnung unbegründet, man werde die Ilebergänge schon noch finden. Wenn auch nur Bruchstücke jedes geologischen Terrains bekannt sind, so besitzt man doch solche Brnchtheile auf allen Contincntcn und Inseln der Erde, und es wäre ein höchst launenhaftes Spiel des Zufalles, wenn die bekannten Fragmente gar überall fertige Speciesformen und gar nirgends werdende oder Uebergangsformen aufbewahrt hätten. Jenen „Hoffnnngsseligcn" gegenüber ist nur die Präcision des Spatens zu bedauern, der, so oft sie ihn ansetzen und umwenden, ihnen stets ein gleiches, vernichtendes Urtheil spricht. Paläontologie, Geschichte, Erfahrung stehen also gegen diese „Theoretiker". Wie bereits angedeutet, haben sich Darwin und- noch mehr seine Anhänger auf ungeheure Zeiträume berufen, welche ihr System ermöglichen sollen. Jenen „Zeitmillionärcn" halten wir aber nur entgegen, ihre Forderungen sind höchst willkürlich und nicht auf cxpcrimcntcller Basis fnndirt; denn die neuesten Ergebnisse der Physik, wonach seit Uranfang des organischen Lebens auf der Erde kaum mehr als hundert Millionen Jahre verflossen wären, widersprechen der Annahme so ungeheurer Zeiträume. Das Urtheil Kant's, „die Evolutionstheorie sei- ein gewagtes Abenteuer der Vernunft," ist auch das nnsrige. Weit eher ist anzunehmen, der „Schöpfer" habe eine Zahl Urtypen organischer Wesen ins Leben gerufen und ihnen die Kraft der Wcitcrzengnng gegeben. Und nun zur Stammbanmsfrage! Zu stützen suchte man diese Hypothese bezüglich der Abstammung des Menschen von einer Affenart mit dem Hinweis anst eine angeblich ganz außerordentliche Uebereinstimmung des menschlichen Körpers und seiner Entwicklung mit der körperlichen Organisation meuschcn- iihnlichcr Affen. Dagegen führen wir nur an die Worte I. Nanke's: „Wir brauche!» nicht zu bcstrciten, daß höher stehende Wirbelthicre und der Mensch mit Organen leben und sich bewegen, die einander ähnlich sind. Wir geben zu, baß ein neues, im Thierreich unerhörtes Organ beim Menschen nicht auftritt und daß im letzteren alle wesentlichen im Thicrreich vertheilten Organe und Einrichtungen vereinigt erscheinen." So Ranke. Ucbrigcus legt die Thatsache, daß Mensch und Thier aus derselben chemischen Materie, aus der Mutter Erde sich zusammensetzen, von vornherein klar, daß Mensch und Thier die gewöhnlichen niederen Lebensbedürfnisse und die Physische Lebensart gemeinsam haben.müssen. Aber berechtigt diese Thatsache schon znm Schlüsse, daß der Mensch einfach aus einer anthropoidischen Thierform hervorging? Ist die altehrwürdige Lehre von der Erschaffung des Menschen durch Gott, ist ein specieller Schöpfungsakt wirklich durch unumstößliche Resultate exakter Forschungen znm Märchen gestempelt? Das ist die Frage! Für die rein „Wissenschaftlichen" existirt dieselbe freilich nicht. Es gehört ja heutzutage zur „wahren" Wissenschaft die unbedingte Lengnnng des Schöpfers, und erst sie macht den, der wissenschaftlich so viel wie gar nichts leistet, in gewissen Kreisen zum „geistreichen, auf der Höhe der Zeit stehenden, aufgeklärten Mann". Es wird sich aber zeigen, daß die Lehre von der Abstammung des Menschen vom Affen nichts weniger als bewiesen ist. Voraus schicken wir das Urtheil Darwins, daß zwischen dem Menschen und den Anthropoiden „eine große Unterbrechung in der organischen Stnfenrcihe bestehe, die von keiner ausgestorbenen oder lebenden Species überbrückt werden könne". Und nun znr Vergleichnng selbst! Der hagere, behaarte, faßförmige Affenlcib ohne Gesäß, die bis an die Kniegelenke herabreichcndcn Arme, die kurzen, wadenlosen Beine desselben, der bei vielen Arten vorkommende Schwanz .und nun vor allem der scheußliche, fratzcnartige Thierschädel, der in seiner gewöhnlichen Lage. nach vorne überhängt und zur Erde starrt, das ranhthicrartige Gebiß, die fast fehlenden Lippen, die plattgedrückte Nase, die boshaft blickenden, tief liegenden Augen, die hervorstehenden Augenwnlsten, die gänzlich fehlende Stirne: all diese Merkmale müssen als gegensätzlich znm Körperbau des Menschen aufgefaßt werden. Und während der Mensch „mit erhobenem Auge den Blick zu den Sternen richtet, ist dem Affen der aufrechte Gang nicht eigen". Seine Hinterfüße, oder eigentlich besser gesagt, seine Hinterhand befähigt ihn nicht zum aufrechten Gang. Fehlen bei- ihr ja doch, wie bereits erwähnt, die Waden und die zum aufrechten Gang erforderlichen Sohlen. Auch ist das schmale Becken absolut nicht geeignet, beim aufrechten Gang den schweren Körper nur unvollkommen zu tragen, und wie Brehm sagt, ist es dem Affen nur möglich, mit eingeknickten Knien mühsam dahinznwanken. Außerordentlich treffend ist bezüglich dieses Punktes die Aeußerung I. Rankc's: „Die Anthropoiden werden in Beziehung auf den aufrechten Gang vom ,Tanzbärc>st weit übertrofsen," — für einen findigen Darwinisten vielleicht ein Anhaltspnnkt, den Menschen sür's XX. Jahr> hundert vom „Tanzbären" abstammen zu lassen. Wie bereits angedeutet, ist der GcsammtcindrNck „menschenähnlicher" Affen im Gegensatze zum „Ebenbildc Gottes" der des Thierischen, oder, wie O. Hermes sich ausdrückt über den „Stammvater" Orang-Utan, gibt alles an diesem Thiere demselben so etwas Diabolisches, daß die kühnste Phantasie Mühe hätte, sich ein größeres Scheusal vorzustellen. Auch wir schließen uns gerne diesem Urtheil au bei dem uns znr Zeit gebotenen Anblick von den 300 Orailg-Utan-Schädclii, welche durch die Güte des Herrn Professors Dr. Selenka dem anthropologischen Seminar „München" , zur Verfügung gestellt sind. Sehr bezeichnend für den Bau des Schädels ist der sogenannte Eampcr'sche Gesichtswinkel. Während derselbe beim Menschen zwischen 70" und 85" schwankt, sinkt er beim erwachsenen Schimpanse aus 35°, beim Orang-Utan auf 30° herab. Eine Vergleichnng der Gchirnmasscn begründet, ebenfalls einen nicht zu hebenden und mit allem Darwinismus und Lamarclismus nie zu vermittelnden Unterschied zwischen Menschen und Affen. I. Rauke hat den Jnnenraum von 100 männlichen Schädeln in Altbayern auf durchschnittlich 1503 oain berechnet, bei weiblichen auf 1335 ccm. Nach Tropinard ist der mittlere Inhalt der europäischen Schädel 1410 ccm. Und nun znm Affen! Schon der Anblick des Schädels selbst zeigt uns einen ungleich kleineren Gchirnranm, und denken wir uns das Gesicht, das fast nur durch ein riesiges Gebitz gebildet wird, weg, so bleibt uns ein Köpfchen, wie das eines neugeborenen Kindes, mist seine Kapacität ist berechnet auf ein Mittel von 498 oom beim männlichen Gorilla, für Weibchen auf 458 ccm. Eine von uns. selbst vorgenommene Untersuchung an dem größten Oraug-Utan-Schädel, stammend von einem männlichen..Exemplar, aus Berantau, und an einem ver- hältnißmäßig kleinen menschlichen Kopf ergab folgende Resultate: für den Affcnschädel fanden sich 440 ccm, für den Kopf des Menschen 1343 ccm; wir haben mithin nicht weniger als 903 ccm Capacitätsuntcrschied; für den größten uns bei unsern Untersuchungen untergekommenen Kopf fanden sich 1719 ccm, mithin ein Unterschied von nicht weniger als 1279 ccm! Bilde und arbeite also Natur und überbrücke solche Differenzen'. Gerland hat recht, wenn er behauptet, daß ein menschliches Gehirn von so mächtiger Größe aus einem äffischen nicht entstehen konnte. Wir selbst aber sagen: „Auf Grund dieser Differenzen liegt der Schluß weit näher, der Affe stamme vom Menschen, als jener des modernen Darwinismus, der Mensch stamme vom Affen." Selbst Pros. Schaaff- hauscn, ein eifriger Verfechter der Desceudenzlehre, erklärt: „Der wesentlichste Unterschied zwischen Mensch und Thier liegt in der Größe des Gehirns." Wir könnten nun noch betonen die Verschiedenheit der inneren Gehirnstrnktur, die Lage des Schädels, die Verschiedenheit der Dornfortsätze, die verschiedene Stellung des Ohres, die Platyknemie u. a. m. Wir glauben jedoch, daß das bereits angeführte Material genügen wird, um ein Urtheil über die Berechtigung oder Nichtberechtigung des modernen Darwinismus zu ermöglichen. Unser persönliches Urtheil geht dahin: Der moderne Darwinismus ist eine wissenschaftlich erscheinen wollende Modethorheit, welcher besonders die Atheisten huldigen, um ungestraft vom Gewissen Atheisten fein zu können. — Mögen sie stolz auf ihren Stammbanm sein! Martin Greifs religiöse Lyrik. Ich all dem tollen Getriebe der jungen, jüngeren und jüngsten Dichterschnlen ist mit wenigen andern seinen ruhigen Weg seitab gegangen unser engerer Landsmann Martin Greif. Und die einen klatschten den aufprasselnden Rakctengeistern überschwenglich Beifall und träumten schon, zumeist in gegenseitiger Selbstbeweihräucherung, von einem Neuland der Poesie — die andern wandten sich, angeekelt von dem widerlichen Tamtam- schlagen der Gegenwart, ab und versenkten sich mit desto hingehenderem Eifer wieder in die alten, junggebliebenen Geister der großen Epochen. Und nur ganz wenige verfolgten den Lauf der Gegenwart mit Besonnenheit und schieden die Spreu vom Weizen —: so kam es, daß ein Bayers- dorfcr, Bodenstedt, Meißner den „unbekannten" Greif auf den Schild hoben, daß Victor Hehn begeistert ausrief: „Jetzt ersehe ich, daß ich eiu Genie ersten Ranges, dessen Werke noch die Bewunderung künftiger Jahrhunderte finden werden, verkannt oder übersehen habe." Da wurde es denn allmählich so manchem Professor auf seinem Unfchlbarkcitsgcstühle bang, und es kam jenes famose „Vertrauliche Rundschreiben" zu stände, in dein der Literaturbonze W. Scherer seine Freunde zur Unterdrückung des, „aufdringlichen Martiu-Greis-Cultus" aufrief — der wichtigste Beleg, für das literarische Cliqucn- nnwcsen unserer Tage. Und nun suchte man den litcrar- ischen Einsiedler entweder lächerlich zu machen oder todtzn schweigen — und warum? Wir finden nur einen Grund: Greif huldigt nicht dem materialistischen Zeitgeist; er macht in seiner Poesie der jüdisch-liberalen Richtung keine Zugeständnisse; er folgt nicht der reltgton- nnd sittcnzersetzenden Schaar der Jungen —: er ist ein positiv gläubiger Christ, der auch mit seinem Glauben nicht hinter den Bergen hält. Das zeigt er uns in seiner ganzen Dichtung, besonders in seiner re» ligiöseu Lyrik. Die deutsche Literatur besitzt allerdings religiöse Gedichte genug, auch von ganz Ungläubigen. Aber wenn dieselben nur einer künstlich erzeugten Stimmung entspringen, lassen sie kalt wie jede nüchterne Reflexion. Greif ist wahrhaft religiös: kein Wunder; bittere Er-! fahrungen hatten ihn gar früh zu einem ernsten, stillen ^ Denker geschaffen; zu dem kommt sein angebornes, sin-^ ntges, in sich gekehrtes Wesen: im Wechsel der flüchtigen Erscheinungen, in der Einsamkeit der Wälder, der Wild- niß der Berge, im Umlauf der Gezeiten lernte er bald zu dem die Blicke lenken, der alles lenkt und leitet. Dem Wirken der Natur spürt Greif mit wundersamer Fein- fühligkcit nach: das zitternde Laub, die einsame Föhre,/ das dunstige Moor — Blühen und Welken, alles erweckt in ihm die alten Gefühle der Menschheit: aber sie erscheinen uns durch ihn in immer neuen, tiefsinnigen Gedankenreihen. Aber nicht in verschwommenem Pantheismus betet er die Mutter Natur an, sondern zu ihm schaut er auf, der da schuf „der Ordnungen Sinn". Mit weniger Rhetorik als Klopstock, mit der seelischen Begeisterung des Psalmistcn lobpreist er den Herrn, der da „nahet in Gewittern". (S. 67.)') „Wer wohl ruft mir im Gewittersturm? Seine Stimme kenn' ich, — Nicht erbeb' ich vor ihr. Er ist's, der mein Schicksal lenkt, Der den Lebenshauch mir gab Und mir setzt die Todesstunde. Ihm vertrauen will ich, wie immer. So auch jetzund. Da mit berstendem Krach Fährt ein prasselnder Blitz hernieder. Jählings neben mir Schlägt er ins bange Gehölze. Taumelnd steh' ich da. Doch im nächsten Augenblick schon Knie' gefaßt ich. Stammelnd, Deiner Allmacht. Vater, Kindliche Laute." Mit gleichem Schwung, mit den Tönen eines Jesaias besingt unser Dichter Gott als Lenker der Schlachten im' „Lobgesang auf den Sieg von Sedan". (S. 293.) „Kämen sie zahllos wie die Wogen des Meeres. Ihre Rosse zerstampften alle Halme des Feldes, Ihre Gespanne tränken die Fluth aus den Bächen, Es ständen auf die Krieger dreier Samen, ') Gesammelte Werke, Leipz., Amelangs Vcrl. 1695. 396 Und sie hätten alle Völker zu Bestärken» Und alle Erdenkönige zu Freunden: Sämmtlich seien sie wider uns; Dennoch hälfe sie nichts ihr Prahlen: — Der Herr streitet wider sie. Mit einem Hauch seines Mundes Verweht er sie Hin auf immer. Ich will sie werfen, spricht der Herr, Ich will sie strafen, spricht der Gerechte. Und er recket seinen Arm, Hält an seinen Odem ein wenig — Vernichtet liegen am Boden die Feinde." „Der Herr redet: Hört, ihr Völker allumher! Ich will nicht, das; einer kriege mit Muthwill' Und trachte nach des andern Land und Eigen!" Gott zu Ehren will er wirken: so gelobt er, als er seinen Soldatenbernf verlaßt, unschlüssig wegen der Zukunft (S. 42): „O Herz, vom Schlummer anferwacht. Wie willst dn's weiter führen? Hier oben in des Parkes Pracht Die Hirsche nach dnrchäster Nacht Im Grase kaum sich rühren. Doch unten im bewohnten Thal Hörst du Gepoch erschallen Von harter Arbeit allzumal. So triff denn du auch deine Wahl, — Doch lass' sie Gott gefallen!" Ihm ist gewiß, daß das Leben nicht auf Rosen bettet: aber er ergibt sich nicht dem feigen Pessimismus oder verzweifelndem Skepticismus, sondern vertraut und hofft auf den alten Gott (S. 156): „Der Gott, der Sonnen kreisen läßt Und hält den Halm im Sturme fest, Dir nah', doch nie zu schauen. Er wird nicht immer betten dich. Doch aus der Noth erretten dich. Du darfst ihm wohl vertrauen." Und als er sich nun endgiltig dem Berufe des Dichters ganz hingibt, da tastet er nicht nach dem Geschmacke der Zeit, feilscht um die Gunst der Mode, sondern ruft zu Gott vm Weihe und Kraft der Wahrheit. Aber Greif wendet sich nicht bloß in einzelnen Gedichten an Gott: seine Lyrik ist durchwoben mit gläubigen Stoffen; Ostern, Pfingsten, Weihnachten erwecken in ihm fromme Gedanken; wir können kein Kirchenlied neuerer Zeit, das Greifs „Ncujahrsgesang" (S. 154) an Einfachheit und Innigkeit gleichkäme. „Preis dem Starken in der Höhe, Der aus sich da§ Schicksal lenkt. Alles Glück und alles Wehe Gnädig uns voraus bedenkt. Er bestimmt das Maß der Zeiten. Und er ordnet Fahr für Fahr, Was die Monde vorbereiten. Macht er keinem offenbar. Nnhmgewaltig herrscht er morgen, ^ Wie er Heine hochgeoent. Nichts besteht, daS ihm verborgen,. Und kein Werk hat ihn gereut." ... Anstatt ferner in süßlichstnnlichcn Strophen aber- taiistndmal die „ferne" Geliebte zu apostrophiern oder ras Elend der Gasse und Hütte in den sattesten Miß- ! färben breit auszumalen, liebt es Greif, die religiösen Worstelluügcn, Bräuche und Sagen des Volkes dichterisch »s verlcmicheii. So singt er von der Martcrnng der! hl. Barbara, dem Pilatusthurm, von dem Knaben, der vor einem Bildstöcklein mit Jesus und Maria Tollkirschen opfert: ^Du magst den Willen haben. Wenn sie auch giftig sind; Die Herzen, nicht die Gaben Sieht an das Jesuskind" — und so noch genug. Wollten wir den religiösen Dichter in seinen Dramen verfolgen, würden wir noch genug der schönsten und zartesten Stellen hersetzen müssen. Greif ist eben auch hier der offene, rückhaltlose Mann, der auch der Bühne keine Concessionen macht. Daher verfolgt ihn auch auf diesem Gebiete Mißachtung und Uebergehnng. Wir führen nur noch das schöne Gebet der Agnes Bern au er aus dem gleichnamigen Trauerspiel (1894) als Probe an: „Ich grüße dich, Maria, dich, du Magd des Herrn, O Mutter voller Gnaden! Du gleichst im Thau dem Morgenstern, Wann Thränen mich beladen. Ich grüße dich herzinniglich, Maria, dort, ich grüße dich! Ich grüße dich, Maria, dich zu jeder Zei'. Du seligste der Frauen! Du scheuchest allen Kummer weit, Drumm will ich dir vertrauen. Ich grüße dich, Maria, dich, wo ich auch bin. Äü Königin der Milde! Ich weiß, mein Ruf dringt zu dir hin, Knie' ich vor deinem Bilde." „Greif hat als Lyriker von den jetzt in Deutschland schaffenden die kräftigste, die einzige an Genialität reichende Begabung", gesteht Aveuarius, einer der ehrlichsten und feinsinnigsten Kritiker unserer Tage, unumwunden zu. Es ist an uns, einen solchen Dichter allen Aufgeklärten und Modernen zum Trotz zu hegen und zu fördern. vr. St. Die deutsch-französischen Allianzen im 18. und 19. Jahrhundert.*) Lange bevor Rußland, heute noch ein Zwitlcrstaat aus Asien und Europa, sein starres Chineseiithnm zu mildern begann, erregte sein rapides Wachsthum und seine conseqncnte Politik die Besorgniß der Nachbarstaaten. Kaiser Maximilian I. schrieb an den deutschen Ordensministcr: „Die Integrität Lilihaucns ist nothwendig zum Wohle Europas; die Größe Rußlands ist eine Gefahr." Z Achnlich äußerte sich Herzog Alba in einem Schreiben am 18. Juli 1571 an den Reichstag zu Frankfurt. Aber erst mit der Kaiserin Katharina II. nnzüchtigcii Angedenkens, deren despotischer Herrscher- glanz sich an Lcichenfackeln entzündete, erst mit ihr, der Henkern; Polens, entstand die akute russische Gefahr für den europäischen Westen. Die Nachfolger Peters des Großen, zumeist schwächliche, im Geiste finsteren Kal- mückcnthnms befangene Regenten, verhüllter die Barbarei und trostlose Unwissenheit ihres Volkes dem Auslande gegenüber in einem Schleier echt orientalischen Dünkels und stolzer Jsolirnng. Katharina II., dieser zweite Band von Messalina und Locnsta, der römischen Massenmörderin, dieses Weib ohne Weiblichkeit, diese Christin ohne Christenthum, die wohl auch, wenn sie die orthodoxe russische Geistlichkeit düpiren wollte, barfuß von Moskau nach *) Nachdruck verboten. ') Brückner „Enrop. Rußland". 397 Troltza wallfahrtete, war die erste, welche kühn Europa in die Schranken forderte. Um Polen zu vernichten» spielte sie mit Oesterreich und Preußen die Rolle der Schlange im Paradies. Der verbotene Unglücksapfel war Polen, das bemitleidenswertheste aller modernen Länder, und Friedrich II., der Held von so vielen Schlachten, spielte die Rolle des lüsternen Weibes und besiegelte damit das Schicksal Polens, eine That, an deren Folgen heute Europa vielleicht unheilbar krankt. Die einzige bedeutende Macht, die gegen diese frevelhafte Politik „der drei Geier des Nordens" Widerspruch erhob, war — Frankreich. Der Staatsmann Duc de Choi- seul — ein zweiter Hannibal — suchte selbst Schweden und die Türkei gegen Rußland aufzustacheln, wie er auch Holland, wo Katharina II. die meisten Anlchen aufnahm, zu boykottircn suchte. Diesen lobenswiirdigen Bestrebungen secundirte die polenfreundliche Fraktion der 'ranzösischen Philvsophcnschnle: Noussean und Mably, während Voltaire, dessen geradezu pathologischer Geiz von seiner Charakterlosigkeit noch bedeutend übertroffen wurde, von Rußland durch Geld gewonnen war, von Diderot und den armseligen deutschen Duodezschriftstellcrn Hippel, Schlözer und Biisching zu schweigen. Der französische Hof selbst gab das Schauspiel kläglicher Zerfahrenheit und Verständnißlosigkeit. Von 1750 an sank die Residenz Versailles (nicht Paris, wie heute, sondern Versailles gab damals den Ton an) unter das Niveau des gewöhnlichsten Zustandes. Man braucht hierüber nur die Schilderungen der Herzogin v. Chaisenl zu lesen, derselben, welche auch Voltaire öfter seinen schmählichen Nussencultus zum Vorwurf machte. Im I. Ba, > ihrer gesammelten Schriftennennt sie Katharina eine Verbrecherin, die Knust und Wissenschaft nur ant Eitelkeit protegire, und deren gepriesene Reformen um so wohlfeiler seien, als Rußland, dieser Ricsenkoloß, der in der That nicht mehr öffentliche Meinung und Stimme hat als ein Walfisch, ein gefügiges, wie Thon leicht zu knetendes Object dafür sei. Die gesammelten Briefe dieser geistreichen Französin enthalten daneben so viele geniale politische Gedanken, daß man ihr wohl einen bescheidenen Platz neben der viel gefeierten Amazone Madame de Staöl gönnen dürfte. So schwärmt sie auch — das große Wort sei ausgesprochen! — für eine Allianz zwischen Frankreich und Deutschland. Und merkwürdig! Diese Allianz bestand unter Friedrich II. in der That. Nur znm Scheine wurde auch von Frankreich im 7jährigen Kriege ein Heer gegen den Preußen- könig gesandt; Prinz Sonbise bekam gerade für die Schlacht bei Roßbach, in der er sich glänzend hatte schlagen lassen, den Marschallstab; Richelieu hätte bei einigermaßen gutem Willen Friedrich vernichten können; verhinderte ihn daran nur französischer Edclmnth und Galanterie? Die französischen Offiziere nahmen durch ihre bewundernden Reden über Friedrich schon auf dem Anmärsche den Soldaten allen Muth und sagten offen, daß Friedrich - und sein Bruder Heinrich gute Franzosen seien.-') Ja, Friedrich der Große von Preußen war ein guter Franzose; er sprach, schrieb, philosophirte französisch, er ließ deutsch geschriebene, frcigeistige Abhandlungen verbrennen und schickte deren Verfasser nach Spandau, so den Verleger Gebhard's, während er die französischen Neligionsspöttcr königlich belohnte und ehrte. Er berief *) Band I S. 100 vont Juni 1767. Oorrosx. oomplvte eck. Kt. .-lnwii's. Gäderß „Friedrich der Große". französische Offiziere in seine Arnicc und lud französische Großindustrielle ein, nach Berlin zu kommen. Das Merkwürdigste aber erzählt uns General Chasot, ein geborener Franzose; er mußte aus Frankreich wegen Raufhändcl fliehen; Friedrich nahm ihn gastlich auf, ja er zog ihn an die königliche Tafel und überhäufte ihn mit Liebenswürdigkeiten, nannte ihn sogar den Matador seiner Jngendjahre und begnadigte auf seine Fürbitte einen zum Tod vernrtheiltcn Pagen, für den sich selbst seine Mutter vergebens verwendet hatte; nur durfte Chasot 8 Tage lang nichts von diesem Vorfalle erzählen, um seine Mutter nicht zu beleidigen. Friedrich schrieb später an Ludwig XVI., ihm auch die Söhne Chasots für seinen Dienst zu überlassen, was dieser mit den verbindlichsten Ausdrücken gestattete. Nicht minder waren die Wortführer, selbst der „kerndeutsche" Möser, im Banne französischer Cultur, selbst der Dichterheros Goethe schätzte die „westlichen Cultureinflüsse" höher als Lcssing, der in seinen literarischen Anfängen von Voltaire, bei dem er Sekretär gewesen war, auf einer Unredlichkeit ertappt worden war und deßhalb die französische Literatur überhaupt später bitter bekämpfte. Ebenso nnhistorisch als die Keuschheit der Liieret!« und die des Königs Ludwig Xlll., das Ei des Colninbiis und Schwcppermanns oder die Opferung der 100 Ochsen durch Pythagoras ist der Wahn, Goethe habe je irgend welchen gesteigerten nationalen Empfindungen sich zugänglich gezeigt. Der Apollo vom Belvcdcre oder eine andere schöne griechische Statue waren für seinen ausgeprägten Schönheitssinn werthvoller als der Held, welcher Napoleon 1. aus Deutschland vertrieben hat. In seltsamer Wechselwirkung waren die russischen Publicistcn zur Zeit der zweiten Katharina von einer merkwürdigen Abneigung, ja theilweise Idiosynkrasie gegen Frankreich ergriffen, so v. Wisin, der bedeutende Satiriker, dem eine scheinheilige Entrüstung über die französischen lettras cie oaostet schlecht ansteht, ebenso der an schwärmerischem, melancholischem Wahnsinn leidende Dichter Karamsin, welcher die Gcßner'schen Idyllen in's Russische übersetzte, alle Reliquien, die auf Klopstock und Hallcr Bezug hatten, in ganz Europa sammelte und bei deren Anblick stundenlang weinen konnte, oder Kntnsow, der Klopstock's höchst langweilige Messiade mit rührender Ausdauer übersetzte. Von der französischen Literatur beeinflußt zeigte sich nur der Begründer der russischen Literatur, Kantcmir, ein geborener Türke, und Lomonosoff. Nach der zweiten Theilung Polens wurden die Beziehungen zwischen Rußland und Frankreich immer gespannter. Agenten der französischen Jacobiner, so der unglückliche Charles Roqnct, den das russische Ma- dalinski'sche Corps gefangen nahm, verbreiteten Pamphlete gegen Rußland allenthalben in Polen, forderten zu Revolution und Attentaten auf, so in der Broschüre „Xil äesparamäriirE; ja im November 1795 entwarfen Ellas Treno und Casimir de la Röche, geborene Franzosen, den Plan einer polnischen Legion unter französischer Trikolore, ohne damit Erfolg Zu haben; die bei den polnischen Wirren gefangenen Franzosen, so früher Chossy und Salibcrt, wurden schonungslos massacrirt; den beiden letzteren vermochte auch Voltairc's Fürsprache nicht zu helfen. Die nun folgende Geschichtspcriode, solvcit sie hier intcressirt, wird gekennzeichnet durch zwei Namen, Napoleon I. und den russischen Zaren Alexander I., die glänzenden Verfechter von Principien, die sich dia- 398 metrcil entgegenstanden: der eine der Vertreter des modernen CultnrstaatcS, der andere der Vertreter orientalischer Despotie an der Spitze eines Riesenstaatcs, dessen Elend in 100 Sprachen zum Himmel schreit. Daß zwei solche Männer sich auf's Blut bekämpfen mußten, ist klar, und es kann nur einem Geschichtsforscher wie Vandal, der jener Species von Gelehrten anzugehören scheint, die noch beweisen werden, daß die Sonne grün, der Mond blau ist, im Ernst einfallen, zu behaupten, Napoleon I. und Alexander I. seien gute Freunde gewesen, natürlich im .Herzen; nach außen habe man dies nicht gezcigt^--was allerdings richtig ist. Denn der vernichtendste Schlag traf Rußland gerade durch Napoleons Fcldzug, wenn er auch unglücklich verlief; er verpflanzte die revolutionären Ideen der französischen Soldaten und Offiziere nach Rußland, wie auch wiederum in Frankreich gefangen gehaltene Russen später die neuen Theorien mit der Begeisterung frischgewounener Adepten in Rußland verbreiteten. Wie groß allein mag der Antheil des französischen Geistes an dem Decabristenaufstaud in Rußland gewesen sein? — Schon die beiden Eharaktcrc schließen in sich die größte» Gegensätze. AleMider I., der Federball von Ministern und Hofschranzen, der mit alten Weibern betete und mit jungen buhlte, der ewigen Frieden zwischen den Fürsten haben wollte, aber ewigen Krieg zwischen den Völkern stiftete, der eine heilige Allianz gründete, die eine sehr schein- und nnheiligc zn nennen war, der gerne für Europa den Vormund spielen wollte als Nnivcrsal- monarch, ohne jedoch im geringsten ein Universalgenie zn sein, außer in der Anwendung des Knnteiisysieins; Alexander I., ein maßlos jähzorniger, ausschweifender, krankhaft reizbarer Monarch, der schon in Wuth gerietst, wen» er an Napoleon I. erinnert wurde und unter andern deßhalb seinen Günstling Oberst von Bartholoma't in Ungnade fallen ließ, derselbe Alexander I. wurde wegen seiner Siege über die Franzosen von den Russen genannt: »der Gesegnete", der „weiße Engel", der die „Gallier sammt den 22 verbündeten Nationen von der Erde des heiligen Rußland vertrieben habe". Die Preisgabe und Einäscherung Moskau's durch die Russell selbst, dieser Akt von stupidestem Patriotismus, wurde noch lange als nationales Fest in Rußland gefeiert. An allen russischen Poschäusern konnte man bis 1860 und später Scenen aus deut Franzosenkriege sehen: Franzosen spießen Kinder auf und braten sie am Wachtfeuer und ähnliche Barbareien, die im Gegentheil den irregulären russischen Truppen, welche die Regierung wider alles Völkerrecht 1812 gegen Napoleon aufstellte, nachgesagt wurden. Die erbeuteten französischen Fahnen waren noch 1830 in den russischen Kirchen zu sehen, weßwegen auch der französische Gesandte in Petersburg, Herzog von Äortemart, da er sich deßwegen weigerte, die Aasam'fchr Kirche zu besuchen, bei Zar Nikolaus in Ungnade fiel. Nach neuesten historischen Forschungen kann übrigens für die Einäscherung Moskaus, mit welcher der National- - russe sich heure noch brüstet, nicht einmal der Entschuldigungs- grund der Vaterlandsliebe angeführt werden. Moskau war damals das liberale Centrum Rußlands, die Hoffnung Napoleons I , die unbotmäßigste Stadt des russischen , Reiches.*) So waren die Bauern des benachbarten Fleckens Star« ja Rogatschef bereit, die Franzosen Babel E. „Rußland in der neuesten Zeit". im Triumph zn empfangen, welche Ovation indessen vereitelt worden war. Um die liberalen Ideen in Rußland zu Boden zu schlagen, war ein Schlag gegen Moskau seit langem geplant. (Fortsetzung folgt.) Die Bedeutung der christlichen Knust gegenüber dem Naturalismus und Judifferentismus. (Stenogramm der Rede des Lycealprosessors Dr.Schlecht- Dillinge n, gehalten auf dem Katholikentag in Landshut.) (Schluß.) Gestatte» Sie, meine Herren, daß ich dem Studium der Natur ein anderes gegenüberstelle, das meines Er- achtcnZ in unseren Tagen viel zu sehr vernachlässigt wird: es ist das Studium unserer großen alten Meister, unserer deutsche» Künstler, die so innig empfunden, die so gläubig gedacht, die so keusch und fromm gemalt, so daß, wenn wir vor einem solchen Bilde stehen, wir die Hände falten möchten und niederknien zum Gebete. Gar oft suchen nur vergeblich den Namen dessen, der das Werk geschaffen hat. so daß man ganze Cyklen von hervorragenden Tafelbildern nur so benennen kann, daß man sagt: Es ist vom Meister des Todes Marin, oder eS ist von: Meister der Lyversberger Passion. Aus diesen Werken klingt es jetzt noch: uon uobü, ckomiuo, uon nodi«, sock nowini tuo clei xflorimn! Wie ganz anders heutzutage! Die Bescheidenheit der Künstler steht oft in umgekehrtem Verhältniß zu ihren Lcistnngen, und bei manchen modernen Bildwerken ist der mit großer Sorgfalt in Lapidarschrift angebrachte Name des Künstlers das einzige, aus dem man klug werden kann. (Bravo!) Meine Herren, ich könnte nun fchließen, und Sie würden sagen: „Der hat nun einmal eine tüchtige Strafpredigt gehalten für unsere Künstler, die wir ihnen von Herzen gönnen," allein das verehrliche Lokalcomitck scheint nicht dieser Ansicht zn sein, denn es hat mir den Auftrag gegeben, zu sprechen auch über den Jndifferentis- ums, die Theilnabmslosigkcit des Publikums. Es bekundet damit wobt die Meinung, daß es mit dem bloßen Räson- niren nicht abgethan ist: es soll auch auf diesem Gebiet besser werden, und wie, Gott sei Dank, in den letzten Jahren die christliche Wissenschaft angefangen hat, Siege zu erringen, so soll auch der katholische Gedanke das Gebiet der Kunst zurückerobern. (Bravo!) Auf welchem Wege ist nun aber das zn erreichen? Etwa dadurch, daß man Gottes Wasser über das Land laufen läßt und sich denkt: Mögen diese Künstler schaffen, was sie wollen, die gehören zn den Unverbesserlichen, und wir können sie nicht bekehren. Nein. meine Herren, auch das ist ein Cultur- gebiet der Kirche, ihr zugesprochen durch tausendjährigen Besitz und verbrieft durch die herrlichsten Urkunden, und wenn ihr Einfluß hier geschwunden ist, so müssen wir ihn zurückzugewinnen trachten. Meine Herren, wer die künstlerischen Bestrebungen der Neuzeit mit Interesse verfolgt, wird in denselben manchen gesunden Gedanken finden, der sich wohl in den Dienst der ewigen Wahrheit stellen läßt. Es wäre vollständig verkehrt, sich ihnen gegenüber ablehnend zu verhalten, und ich sehe — im Vertrauen gesagt — gar keine so große Tugend darin, wenn mancher Herr Confrater sagt: In Kunstausstellungen gehe ich principiell nicht hinein, da ist ja nur Schund darin. Meine Herren, so ein Urtheil ist ja recht fromm, allein es zeugt nicht von rechtem Verständniß für die Bedürfnisse unserer Zeit, im Gegentheil möchte ich dringend auffordern, die Werke und Ateliers und Ausstellungen unserer Künstler zu besuchen, namentlich derer, die auf religiösem Boden schaffen, denn Sie werden selber davon gewinnen, und die Künstler werden großen Dank dafür wissen. Es hängt das zusammen mit einer anderen Ansicht, die heutzutage sehr verbreitet ist, daß Kunstkenntniß und Kunstverständniß jedem Menschen angeboren sei. Die Kunst ist Sache des Geschmacks, und niemand will schlechten Geschmack haben. Wer aber den Künstler bei seinem Schaffen betrachtet. der wird recht bald finden, welch' eindringendes, aufmerksames Studium dazu nöthig ist, um dem todten Stein Leben einzuhauchen, um das Ungeahnte, das Hohe. kaum Aussprcchliche zum (Ausdruck zu bringen. Wenn wir uns mit dem Künstler persönlich benehmen, wenn 399 wir die Ideen keimen lernen, die ihn beschäftigen, die Mittel, mit denen er arbeitet, wenn wir sehen, unter welchen Bedingungen ein Kunstwerk entsteht, dann bekommen wir allmählich künstlerischen Blick und künstlerisches Urtheil, dann werden wir keine Anforderung an den Künstler stellen, wie es thatsächlich geschehen ist von einem Auftraggeber, der ein großes Kreuz bestellte mit dem Kruzifix vorne und hinten, damit die Leute auf beiden Seiten beten können. (Heiterkeit!) Deswegen, meine Herren, haben unsere Generalversammlungen seit vielen Jahren immer und immer wieder dem Klerus, der sich vor allem dieser Aufgabe erinnern muß, nahegelegt, die Kunst und die Geschichte derselben gründlich zu studiren. Wenn das von jeher geschehen wäre — in unseren Tagen wird ja darauf Sorge gelegt —, wären gewiß so manche Restaurationen nicht zu dem geworden, was sie sind, nämlich wahre Verwüstungen in den Kirchen, indem im Interesse einer falsch verstandenen Stileinheit, eines einseitigen Purismus alles Alte einfach beseitigt worden ist, was man an anderen Stellen gewiß doch recht gut hätte verwenden können als ein Denkmal frommen Sinnes unserer Vorfahren, das uns sagt. daß vor Jahrhunderten an dieser Stelle Menschen gebetet und Gott verehrt und ihm das hl. Opfer dargebracht haben. (Bravo!) Es ist richtig und gereicht besonders dem Klerus zur Ehre, daß in unseren Tagen so außerordentlich viel geschieht für Erneuerung, auch für Neubauten und Neuanschaffungen in den Kirchen: es sind riesige Summen, welche für diesen Zweck in der letzten Zeit ausgegeben wurden. . Wie kommt es nun, daß trotzdem die christliche Kunst hievon keine kräftigen Impulse erhalten, daß gerade die religiöse Kunst bis vor kurzem sich nicht im Aufschwung, sondern im Niedergang befunden hat? Meine Herren, daran ist zum guten Theil Schuld die kapitalistische Produktionsweise unserer Zeit. Alan hat die Bauten und Restaurationen sozusagen ohne die Künstler ausgeführt, man hat sie einseitig ganz in die Hand von Unternehmern gegeben, die Alles zu machen versprachen, vom Kircheuban bis zum gemalten Fenster und Altartnche, während sie vielleicht nicht einmal die Flügel eines Engels an die Wand malen können, die sich Kräfte cngagiren und dafür entsprechend oder auch nicht entsprechend entlohnen und sodann den Künstler hcrabdrücken zum Lohnarbeiter; denn welches Interesse hat er an einem Werke, von dem er vielleicht gar nicht weiß, wohin es bestimmt ist, nie wird sein Name dabei genannt, und seine Persönlichkeit kommt dabei iu keiner Weise zur Geltung. Künstlerisches Schaffen setzt aber doch voraus die höchst freie, selbstständigc Thätigkeit der Personen. (Bravo!) Ebenso ist es, wenn man etwas bedarf für eine Kirche. Man geht zu diesem vielseitigere Mann, denn er hat die Sachen schon fertig auf Lager. Da stehen Altäre, Leuchter, Statuen, Bilder, Fenster, Paramente, man sucht sich das Passende oder auch Unpassende heraus und sieht natürlich auch daraus, daß man für wenig Geld möglichst viel erhält. Daß es au Ort und Stelle nicht zusammenstimmt, daß es nicht zum Stil der Kirche paßt, daß es gewöhnliche Fabritwaare aus elendestem Material ist, das bedenkt man in der Regel erst nachträglich, wenn mau das Geld ausgegeben hat und nicht mehr zu helfen ist. Das sind Mißstüilde, die schon seit vielen Jahren beklagt werden. Es ist ja in unseren Tagen namentlich Dank dem Drängen unseres unvergeßlichen Reicheusperger, der fast aus allen Generalversammlungen diese Uebelstände brandmarkte, auch ans diesem Gebiete erfreulicher Weise besser geworden. Aus der Generalversammlung in Mainz wurde die deutsche Gesellschaft für christliche Kunst gegründet, und ist dieselbe auch m erfreulichem Aufblühen begriffen. Meine Herren, in ihr sind Künstler vereinigt, die noch etwas Höheres kennen als den öden Naturalismus, die von den- edelsten Bestrebungen durchdrungen sind, sich ihre Ideale zu bewahren, die Ideale des Christentlnuns. Diese Männer verdienen nicht bloß die Unterstützung, daß mau ihrer Gesellschaft beitritt, sondern auch noch eine andere Förderung. Sie wissen, daß mitdcn Generalversammlungen in München und Dortmund Ausstellungen der Gesellschaft verbunden waren, die Kunstwerke jeglicher Art repräsentirten. Sie zeugten von wirklich künstlerischer Begabung und origineller Kraft, sie bewiesen die Möglichkeit, die Fortschritte der heutigen Technik und Methode mit christlicher Auffassung zu vereinigen, sie wurden bewundert, gelobt und sind dann unverkauft wieder in die Ateliers zurückgewandert, aus denen sie gekommen. Das ist nicht sehr ermuthigend, meine Herren. Ein vielgenannter neuester Maler wirst auf ein Strcifcheu Leinwand einen übermüthigen Bacchantenzug, hängt ihn in die Ausstellung und erhält 10,000 Mark, unsere Künstler decoriren mit Arbeiten voll heiligen Ernstes nach jahrelanger Mühe ihre Wände. Haben wir wirklich unter uns keine Leute, welche die Mittel besitzen, ein christliches Kunstwerk zu erwerben? Ich habe nur eine Erklärung dafür, das mangelnde Verständniß und die Theilnahmslosigkeit des Publikums. Da wird für ein junges Paar die Aussteller mit großem Geschmacke ausgewählt, für Schränke und Tische theures Geld ausgegeben, japanische Schirme und Fächer, chinesische Nippsachen, indische Teppiche und iveiß Gott was sonst noch gekauft; aber fällt es diesem Pärchen ein, für ein Heiligenbild oder eine Madonna ein vaar- hundert Mark daranzusetzen? Vielleicht erinnern sie sich in letzter Stunde, daß doch auch ein Kruzifix in's Wohnzimmer gehöre — das lassen sie sich im Ausstattnugsgeschäft als Dareingabe schenken, oder kaufen es für ein paar Mark beim Porzellanhändker! In jedem besseren Bürgershausc, auch bei uns Katholiken, muß auf dem Tische irgend ein illnstrirtes Prachtwerk liegen. Aber was finden Sie da? Schiller und Goethe, Scheffel und Hamerling iu den bekannten Prachtausgaben ; aber Sie dürfen 100 Familien besucht haben, ehe Sie etwas Katholisches treffen. Doch ich komme da in ein Gebiet, das ja gestern Herr vr. Huppert gestreift hat. Ich mächte seinen Worten nur beifügen, daß es für katholische Jllustrationswerke nicht an tüchtigen Künstlern und Zeichnern fehlt, wohl aber an Verlegern. Die Verleger jedoch schieben die Schuld wiederum auf die Theilnahmslosigkeit des Publikums. Meine Herren, wenn wahre religiöse Kunst wieder eingezogen sein wird, nicht bloß in die Kirche, sondern in das christliche Haus, — dann erst werden diese Klagen und Anklagen verstummen. Meine Herren, ich komme zum Schluß! Ich möchte die Aufforderung und herzliche Bitte au Sie Alle richten, sich warm der Interessen der christlichen Kunst anzunehmen, die Kunstfreunde dadurch, daß sie, soweit möglich, die Künstler unterstützen, die Künstler, indem sie ihre Kunst in den Dienst des Allerhöchsten stellen. Wenn man heutzutage sagt: I'art pour l'art, d. h. die Kunst ist sich selbst Zweck, ihre Bestimmung ist lediglich zu ergötzen und zu zerstreuen, so sagen wir dagegen: Nein, sie ist zu Höherem berufen. Meine Herren, jene Worte,.die in großen Lettern über unserer Festhatte stellen, sie sind auch die rechte Inschrift über den Tempel der Kunst: Omnia aä maiorom äei xloriam. (Bravo!) Auch die Kunst soll wirken zur Ehre Gottes, sie soll einstimmen in das Lob, das ihm alle Kreatur darbringt, oder wie der unvergeßliche Overbeck es ausdrückt: „Mir ist die Kunst gleichsam eine Harfe Davids, ans der ich allzeit Psalmen möchte ertönen lassen zum Lobe Gottes." Möchte jeder Künstler diese Worte zu den seinigcn machen und sich losringen vom Niedrigen und Gemeinen, vom geist- und zeitlosen Naturalismus, und vor dem Thron des Allerhöchsten emporheben und die Geheimnisse, die er da geschaut, mit lauter Stimme der Menschheit verkündigen, ein jeder in seiner Zunge, in seiner Weise, in seiner Eigenart. Ihre unerlchopfliche Gestaltungskraft, ihr überquellendes Leben offenbart sich gerade in der Mannigfaltigkeit der künstlerischen Stile. Der Mönch aus der Zelle mag dem Jünger Albrecht Dürers die Hand reichen zum Bunde, aber in allen lebe ein Geist, der Geist des Glaubens und der Andacht: Omni» all maiorom clei tzloiäam. Jeder, der mitwirken will hiezn, ist uns herzlich willkommen: der gottbegnadetc Künstler mit seinem Werke, der Laie mit seine.:: Interesse für Unterstützung der christlichen Kunst. Wenn nur in brüderlichem Vereine zusammenwirken, die chri'fti i e ft-Mc zu fördern und zu unterstützen, dann wird auch »>,s tststm Gebiete die Cnlturmacht der Kirche zur Geltung lammen, und tvic für die Wissenschaft eine neue, bessere Feit bereits angebrochen ist, so wird bis zur Wende des Jahrhunderts sicher auch die Morgenröthe einer neuen Aera der christlichen Knust erglühen. (Lebhaftes Bravo!) 400 Literarisches zur Canisins-Feier. 8 Die Canisius-Fcier hat schon eine stattliche Zahl literarischer Erscheinungen zu Tage gefördert. Sie alle bringen Schilderungen über das Leben und die Tugenden des Seligen und leisten hierin recht Erfreuliches. Wenn sie jedoch daran gehen, das berühmteste und segensreichste Werk unseres Helden zu besprechen, nämlich seinen im Jahre 1554 zum ersten Male erschienenen großen Katechismus (Summa ciootrinas vkrtstirmas), so beschränken sie sich darauf, das Lob Leo's XIII. über denselben zu wiederholen, seine Gediegenheit und theologische Reinheit, seine Zeitgemäßheit und Nothwendigkeit im 16. Jahrhundert, seme schnelle und weitgehende Verbreitung u. dgl. zu ermähnen. Ist aber schon jemand mit dem Gedanken oder Vorschlag aufgetreten, den inneren (materiellen) Werth der Canisischen Summa, wie für alle Zeiten, so besonders für die unsrige, zu untersuchen und den Gründen nachzuspüren, aus welchen der Canisische Katechismus dem Gebrauch zurückgegeben werden soll? Kaum! Dieser Gedanke ist in einer Schrift angeregt, welche uns soeben zu Gesichte kommt, nämlich in der Schrift: Die Wiederbelebung der Canisischen Katechese. I. Theil: Die Fundamentirung des Glaubens in Verstand und Willen, von vr. Stephan Lederer, Pfarrer in Rodalben (bayer. Pfalz). (Selbstverlag des Verfassers sVII. 202 Sch Preis 2.20 M.) Was bietet diese Schrift? Nach dem Vorwort verfolgt sie als Hauptziel, das in der Canisischen Summa „gebotene ausgezeichnete Lehrmaterial in neue, den Formen der Einfachheit und Kürze mehr entgegenkommende Formen zu gießen". (S. I.) Sie tritt nun im ersten Artikel des 1. Abschnittes sofort mit dem Beweis hervor, daß die katholische Gelehrienwelt im Unrecht war, den Katechismus des sei. Canisius als für die Zukunft unbrauchbar zu bezeichnen, weil er in seiner allerersten Aufstellung als Fundamentobjeet, mit dessen Erfassung und bereitwilliger Annahme alles übernatürliche Erkennen und Wollen beginnt, statt der Wahrhaftigkeit Gottes und der Offenbarungsthatsache die übernatürliche Vorstellung des ewigen Heiles und weiter die Vorstellungen von Gott als dem Urheber des Heiles und der Heilsmittel und von der Kirche als der Führerin zu diesem Ziele aufgestellt habe. Weiter geht nun die Untersuchung unserer Schrift zur Frage über. weßhalb diese übernatürlichen Vorstellungen zur Annahme in einem über- natüriichen und unmittelbar-freien Erkenntnißakt gelangen. Die Antwort lautet: Wegen der unendlich -vollkommenen und himmlischen Zweckmäßigkeit ihres durch die Kirche vorgelegten Inhaltes für das vollkommene Glück des Menschen. Das oberste Princip der Katechese ist nach dem Verfasser deßhalb im Worte des göttlichen Heilandes ausgesprochen: „Predigt das Evangelium aller Kreatur" (Mark. 16,15), oder auch inr Worte des hl. Paulus: „Der Glaube kommt aus dem Hören, das Hören aber durch das Wort Christi" (Röm. 10,17). Und durch eine Katechese, bei welcher die Glaubensgeheimnisse von der Kirche als Botschaften des ewigen Heiles stets in erster Linie aufgefaßt und dargestellt werden, wird nach demselben gerade auch dem Willen des Menschen genügt, indem er in den Heilsbotschaften die zu allererst nothwendigen Heilsgüter (zur Herstellung der Heilserkenntniß) erwirbt, gemäß dem Worte des heil. Paulus: „Mit dem Herzen glaubt man" (Röm. 10, 10). Das eigentliche Glaubensmotw besteht also dem Verfasser nicht in der Wahrhaftigkeit Gottes und in der Offenbarungsthatsache, sondern in dem Merkmal der absoluten Vollkommenheit (vsrtt»8 prima), welches dem himmlisch heilsamen Inhalt der Glaubensobjecte eigen ist und den Menschen durch Predigt und Katechese wahrnehmbar gemacht werden soll. Es würde zu weit führen, hier noch eine Skizzirung aller in das Problem des Glaubensmotives einschlagenden Nebenfragen und ihrer von Dr. Lederer gegebenen Lösungen mittheilen zu wollen. Bemerkt möge nur noch werden, daß der Verfasser nicht wie so viele Autoren auf dem Gebiete des Glaubensprocesses den Schwierigkeiten aus dem Wege geht, sondern sie aufsucht, um sie dann auf.'einfache, nüchterne Weise zu lösen, wobei ihm Schrift, Thomas von Aguin, Lehre der Concilien mit dem Wortlaut ihrer Aussprüche oft in schlagender Weise zn Hilfe kommen. Hier ist kein unsicheres Tasten und Suchen, keine dunkle, den Wortlaut drehende und mühsam pressende Erklärung der Autoritäten, sondern kurze, einfache, nüchterne Beweisführung, die überrascht und befriedigt. Dabei ist die gegnerische Anschauung (die neufcholastische Lehre vom Glaubensmotiv) mit Ernst und Ruhe behandelt, nicht um völlig abgethan zu werden, sondern um das Urtheil zu erfahren: Die Wahrhaftigkeit Gottes und die Offenbarungsthatfache haben im Glaubensakt zwar nicht die Stellung des primären oder eigentlichen, sondern die des sekundären Glaubensmotivs, d. h. sie kommen im Glaubensleben des Christen besonders dann zur Verwerthung, wenn es sich bei diesem darum handelt, die schon geglaubten Heilsgeheimnisse gegen den Vorwurf der Jrr- thümlichkeit oder Lügenhaftigkeit, der meistens seine Wnrzel.in einem verdorbenen Willen hat, in Schutz zu nehmen. Wir zweifeln nicht, daß das Werk Lederer's in allen kirchlichen und pädagogischen Kreisen große Aufmerksamkeit erregen wird. Ein kräftiger Anstoß zur Wiederbelebung der Katechese mit dem Geiste des sei. Canisius ist es jedenfalls und verdient deßhalb die Aufmerksamkeit der katholischen Welt. Recensionen nnd Notizen. Dr. zur. Albrecht, Der Inhalt giltiger Testamente. Verlag von Curt Stäglich in Leipzig. Preis 2 Mark. Es ist mit Freuden zu begrüßen, daß sich der Verleger entschlossen hat, im Anschluß an Albrecht, Formen der Testamente, auch den Inhalt derselben nach gemeinem, preußischem, französischem, sächsischem und zukünftigem deutschem Recht bearbeiten zu kassen. Dem Autor ist es mit großem Geschick gelungen, das Buch in einer Weise abzufassen, daß es von Jedermann verstanden und benutzt werden kann. Gewinnt dasselbe schon dadurch an großem Werth, so wird derselbe noch durch die angeführten Beispiele wesentlich erhöht. Mit dem 1. Januar 1900 tritt das zukünftige deutsche Recht in Kraft, auch diesem trägt der Verfasser reichlich Rechnung, indem er sehr eingehend in Bezug auf den Inhalt der Testamente berichtet und diesen durch Beispiele ergänzt. Die Errichtung eines Testaments gehört zu den wichtigsten Rechtshandlungen im menschlichen Leben und empfiehlt sich deßhalb obiges Buch von selbst. HaKsn ck o. 6 o. (s. ll.), H-tlas stsllarum variabiliuw- Lsrolini, Lsl. Oamso 1697 sgg. /U Lsv. ?. USASN, oovistatis lls8u, gMS rs8 matüs- matioas st astrouomioas ssmpsr psouliari stuäio st 8uo- oossu kovsbat, sockalis tsbulas stsllarum sckituru8 est, gualss in bao intsArttats uuuguam s xrsla prockisrnnt. Os groxosito autor ipss clisssruit in vonArsssu S8tro- nomivo anno suxsriors LambsrAso kabtto. 6k. „Visrtsl- zs,bi88obrikt kür ^.strouomis" XXXI, 4 (p. 278—283), ubi plura. ütlas oomprsboncket omns8 stsllas variabilso U8- gus ack 25. Araäum insr. äsolin., i. s. numsro viroiter 250 stollas. Atlantis pars prima e»8 sxbibsbit 50 U8gns 60 variabile8 otsllao, guas nuäo ooulo bons obssrvart pv88nnt st zam apuä D. Hsia (^.tlas oosls8ti8. Lonnae 1872) st Listn (Ltsrnatlao. I>ip8ias 1888) cks8oribuntur; opsris osouncka st tsrtia xars stsllas ooutinsbit ksrs 200 vartabtlso, guas nonnim ooulo tslseooxio armato oon- 8piotuntur. Opu8 8uo awbitu intsZrum guingus 8srÜ8 ckwtributum eckstur; incksx oomttano uotas dabsbit ns- os88aria8 aä ooinxutations8 astronomioao. Jugendlaube. Bibliothek für die Jugend. Herausgegeben von Hermine Proschko. Wien 1897. Verlagsbuchhandlung „St. Norbertus'V Preis des Bündchens 70 Pf. Bei der Ueberfülle des Lesestoffes, der heutzutage den Kindern geboten wird, aber mitunter sehr wurmstichig ist, ist eine Gabe von tadelloser Gediegenheit wie die „Jugendlaube" von Herrn. Proschko mit Freuden zu begrüßen. Verantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. ki-. 88 6. Olrt. 1897. Die deutsch-französischen Allianzen im 18. und 19. Jahrhundert.*) (Fortsetzung.) Ungerecht wäre es übrigens, Alexanders 1. Verdienste um sein Land zu verkennen, das leider seine gutgemeinten Reformen fast sämmtlich ablehnte. Der Adel haßte ihn, weil er die leibeigenen Bauern befreien wollte; die Liberalen verabscheuten ihn, da er den reaktionären Untcrrichtsmittister Chischkof berief; der kaiserliche Palast brannte aus unaufgeklärten Gründen bis auf den Grund nieder, Petersburg selbst wurde durch eine Ueber- schweimnnng der Newa fast vernichtet: tvas Wunder, daß der Mann, welcher Europa unter seine Obervormundschaft zu zwingen dachte, in seinen letzten Regierungsjahren in Trübsinn und moralische Lethargie verfiel, zu der sich noch fast völlige Taubheit gesellte? Keine Musik ward mehr im Winterpaläst gehört, nur melancholische Raben krächtzen in dem Hofparkc. Immer abstoßender gestalteten sich auch nach außen Rußlands Beziehungen zu Frankreich. Unerhört war das Benehmen des russischen Gesandten Morkow in Paris, das an den Fürsten Dol- gornky lebhaft erinnerte. Dieser, der russische Gesandte, sollte 1687 wegen seines ungeschlachten Wesens und der ekelhaften Unreinlichkeit seines Gcsandtschaftspersonals aus Paris ausgewiesen werden und erhielt von der Pariser Polizei das Verbot, Handel mit Rhabarber zu treiben, den er aus Rußland mitgebracht hatte. Es kam vor, daß Morkow in öffentlicher Audienz Napoleon I. den Nucken drehte und das Palais verließ, das; er einen Ball gab, ohne Napoleon I. wenigstens formell einzuladen. Geradezu skandalös war seine Insolenz bei dem berüchtigten Auftritt vom 21. September 1803, worauf der Russe abberufen wurde und den AndreaSordeu verliehen bekam. Die höchste Erbitterung des zuweilen au hysterischen Wuthanfällcn leidenden Corsen erregten aber die beständig in Paris unterhaltenen russischen Spione, von denen der gefährlichste Graf Czerni- chcff war. Dieser erregte in den Pariser Salons, wo er die Mazurka einführte, Sensation und erlauschte so tanzend die wichtigsten Staatsgeheimnisse; wie erschöpft hielt er innc, wenn er au den verstohlen plaudernden Diplomntengrnppeu vorbeikam, und niemand ahnte, daß der von den Damen vergötterte Kosakenseladou tägliche Berichte nach Petersburg schickte. Derselbe bestach auch einen Beamten der MontirnngSvcrwaltnng, Michel, der zwei Gehilfen, Saget und Salmou, an der Seite hatte und noch den Bureauschrciber Moses in's Geheimniß zog. 1812 wurde Michel zum Tod, Saget zu Pranger und zu hoher Geldstrafe verurthcilt, Sal- mou und Moses freigesprochen; Czernicheff - wurde später Günstling des Zaren Nikolaus I. Ferner zog Alexander I. mit großer Gcschicklichkeit alle mit Napoleons Regierung klnznfriedeueu an sich: der Todfeind Napoleons, der unheimliche Korse Pozzo di Borgo, Joseph de Mai stre, der berühmte Pnbli- cist, und die kühne Frau von Staöl wurden enthusiastisch in Petersburg aufgenommen, auch viele Emigranten wandten sich dorthin; so hat der einzige Richelieu, ein sonst nnbcrühmter früherer französischer Unterthan, für den Kampf gegen Napoleon enorme Summen gespendet. Die russificirten Franzosen Lambert und Laugeron haben der großen Armee 1812 empfindliche Niederlagen beigebracht. Napoleon I. rächte sich unter anderein dadurch, daß er der Pariser Polizei den Wink geben ließ, die Ausgabe falscher russischer Papiere und Banknoten zu begünstigen?) gewiß ein nicht unwirksames Mittel eines so verbrecherischen Genies, wie es Napoleon I. ivar. Keine Untiefe der menschlichen Leidenschaft existirk, in die er nicht hinabgetaucht wäre, kein moralischer Zügel schien diesen merkwürdigen Menschen zu lenken. Was wollte es besagen, wenn ihn die russischen Bauern den Antichrist, die Polen dagegen den Messias nannten, wenn englische Flugschriften ihn das korsische koatus mit den matten grünen Augen, das dämonische Scheusal nanutcu, welches in allen Lastern noch mit diabolischem Höhne das Seltsamste, Widernatürlichste für sich herauswählte? Derselbe Mann, welcher auf seinem ägyptischen Fcldzugc gedroht hatte, wenn er Jerusalem einnehme, wolle er den Frcihcitsbanm au der Stelle aufpflanzen lassen, wo das Kreuz Jesu Christi gestanden, und den ersten französischen Grenadier, der beim Sturm fiele, im Grabmale unseres Heilandes begraben lassen, derselbe Mann verrieth auch Polen, das auf ihn mit schwärmerisch verzückter Begeisterung gehofft hatte. 1806 noch schien er Wort halten zu wollen; damals war der Redner Carrion Nkzas von Napoleon gedungen worden, eine heftige .Kriegserklärung gegen Rußland im Tribunat abzugeben. Nizas gab damals die Parole eines occidentalen Kaiscrthums aus mit Frankreich an der Spitze, das die russische Uebermacht abwehren werde. Und doch äußerte Napoleon sich wörtlich gegen Narbonue, der anhaltend für die Polen eintrat, deren alte Herrlichkeit und Unabhängigkeit er herstellen müsse: „Ein republikanisches Polen kann ich nicht dulden; dasselbe würde neue Kraft für eine diabolische Propaganda haben.Nein, nein, mein lieber Narbonue; ich will in Polen nur eine disciplinirte Macht haben, um damit ein Schlachtfeld ausstatten zu können (ponr inoudlar un otminp cts bakaillo!)." In der That folgten die arglosen Polen, nicht fähig, eine so herzlose Politik zu begreife», immer und immer neue Hoffnungen nährend, ihrem Abgotte Napoleon nach allen Ländern und Schlachtfeldern Europa's. Hatte Napoleon III. gesagt: „Das Kaiserreich ist der Friede l" so durfte Napoleon I., das Wort variirend, von sich sagen: „Das Kaiserreich ist der Schwindel und Hnmbug!" Wie ein falsch spccnlirendcr amerikanischer Eisenbahnkönig ist Napoleon I. schmählich verkracht. All' seine Schöpfungen erwiesen sich als eitel Lüge, Schein, Hnmbng, Effecthascherei und leere, imperatorische Virtuosen- kunststückchcn. Das erste Kaiserreich bedurfte der Fälschung von Taufscheinen (Napoleons Geburtsjahr kennt man nicht, das angegebene ist gefälscht), gemachter Attentate, Docu- menten - Diebstähle (man entfernte alle Berichte über die Schlacht von Märcngo und faßte darüber Phantasie- berichte ab), erlogener Zeitungsberichte. Napoleon hat nie die Pestkranken von Jaffa berührt; er, der persönlich sehr feig war, hat nie aus sich bäumendem Rosse im Schneegestöber den St. Bernhard überschritten; es war damals vielmehr das schönste Wetter, und an gefährlichen Stellen ritt der Imperator einen zahmen Maulesel. Pasquier, Llemoirss. Bd. I S. 525. ') Nachdruck verboten, 402 Frau v. Nsmusat schildert, wie Napoleon an seine erlogenen Schlachtenberichte, die er aufs geschickteste in die Zeitringen zu dirigiren verstand, schließlich selbst glaubte, wie er seine Generäle Schlachten schlagen und Reden halten ließ, die ihnen nicht im Traume in den Sinn kamen. Einstmals erhob einer seiner Generäle dagegen Einspruch, daß er wiederum eine Schlacht gewonnen haben sollte, wie alle Pariser Journale meldeten. Der Mann, welcher zu plaudern drohte, wurde durch die Erlaubniß abgefunden, in irgend einer Provinz Contri- bution zu erheben und zu brandschatzen. Nach der Niederwerfung Napoleons versank Rußland wieder in den behaglichen Schlaf, den es vorher bei seinen antediluvianisch-ichthyosaurokratischen Zuständen geschlafen hatte. Die liberalen Ideen, welche Napoleons Feldzug geweckt hatte — war es ja auch die liberale russische Partei?) gewesen, die besonders znm Kriege gegen Frankreich gedrängt hatte — hatten zwar zur Gründung von mehr oder weniger revolutionären Vereinen geführt (auch die Freimaurerei begann um jene Zeit an der Newa ihren Hokuspokus aufzuführen), darunter der „Verein für öffentliche Wohlfahrt", der den Tod des Zaren Alexander I. plante, ebenso der Verein der vereinigten Slaven, die ersten Anfänge des panslavistischen Kuhreigens; aber die Bewegung war zu sporadisch, die gebildete Welt, welche die revolutionäre Gehcimbündelei als Sport betrieb, zu zerfahren und zu sehr den extremsten Einflüssen preisgegeben. So domiuirte in den Petersburger Salons bald Voltaire, bald dessen Todfeind de Maistre, bald eine Modetänzerin, bald ein melancholischer, schwärmerischer Pole, und jeder — bekam Recht; es herrschte eine der asiatisch-russischen Cholera analoge Gesinnungsausartung. Es war die Zeit, wo das Spielen mit Seifenblasen als salonfähige und geistreiche Unterhaltung galt. Die Verstimmung gegen Frankreich hielt andauernd an; als charakteristisch sei nur hervorgehoben, daß der Uebertritt eines sonst herzlich unbedeutenden russischen Tenoristen Iwanow in die französische Unterthanschaft als Beleidigung der russischen Nationalehre angesehen wurde und geeignet war, Sensation zu erregen.6) Hierher gehört auch das gegen Frankreich giftsprühende Buch des Grafen . Tolstoi: „I»sttrs cl'un Lmsss L un sournniists trautznis." Auch die Handelsbeziehungen zu Preußen ließen auf beiden Seiten sehr großen Mangel an Entgegenkommen erkennen. Es galt für Rußland, einen ihm unbequemen Handelsvertrag mit Preußen von 1818 zu beseitigen, vergebens suchte Alexander I. brieflich am preußischen Hofe darum nach. Die Sachlage besserte sich nicht, als Rußland 1822 den Vertrag einfach verletzte und für abgeschafft erklärte; erst 1825 trat eine leidliche Besserung ein, um jedoch 1849 einer ^o großen Verstimmung (immer noch wegen dieses Vertrags) Platz zu machen, daß die Obligationen einer projectirten russischen Bahn au der Berliner Börse nicht uotirt wurden. Schon 1830 hatte auch Preußen das ziemlich unverfrorene Ansinnen Rußlands, die preußischen Unterthanen auf Ansuchen an Rußland auszuliefern, mit Entrüstung abgelehnt. Es war um jene Zeit (1832), als der russische Geschäftsträger von Berlin aus nach Hause schrieb: „Es existirt in Preußen eine Partei von Liberalen (unter „liberal" subsumirte man damals alles politisch Unbequeme, Uudefinirbare, ähnlich wie hent- ') Darunter sogar der Generaladjutant des Zaren. General Chitnow. der allerdings dafür in Sibirien büßen mußte. *) Rcttig Heinr., „Russisch-preußische Beziehungen." zutage in der Jurisprudenz der Unfugsparagraph ge- handhabt wird), eine Partei von Juden und Raisonneuren, welche besondere Sympathie für Preußen und Frankreich hegt und für Rußland nichts als Haß hat." Zeit ist es nun, eine Persönlichkeit vor das unbarmherzige Urtheil der Nachwelt heranzuziehen, deren dunkle Schatten einen ganzen Welttheil verfinstert haben; einen Mann, dessen antokratischer Fanatismus mit seiner kaltblütigen Grausamkeit einen infernalischen Bund geschlossen hat; einen Mann, der, als man ihm sagte, die in Polen einrückenden russischen Soldaten hätten die Cholera, ausrufen konnte: „Um so besser; desto mehr Polen gehen zu Grunde!"; einen Mann, der seine Mission dahin präcisirte, „das Polenthum und das Dominos vobisourn (d. i. die katholische Kirche) zu vernichten"; einen Mann, der berufen war, über ein Land zn herrschen, das so groß ist wie die glänzende Scheibe des Vollmonds, und dessen Despotie in hundert Völkerzungen dieses Ländermeeres zum Himmel schreit; einen Mann, der nicht den Fürsten christlicher Zeitrechnung, sondern der Aera der heidnischen Cäsaren, dem Zeitalter Neros und Domitians anzugehören scheint, zu dessen Entschuldigung niau nur seine pathologische Abnormität anführen kann; ich meine den Zaren Nikolaus I. Sein Vater Paul war wahnsinnig; vor seinen Tobsuchtsanfällen, die auf Scenen krankhaften Verfolgungswahns folgten, zitterten die Kinder, denen er später Lakaien als Aufpasser bestellte, während er zu seinem Vertrauten den Stiefelputzer, späteren „Grafen" Iwan Kutaissow, den Gefährten Suworow's, dieses Buffo in Uniform» erhob. Sein Bruder Alexander starb in einer abnormen Geistesverfassung, der andere Bruder Coustantin litt an Tobsuchtsanfällen, und Großfürst Michael war dem erotischen Wahnsinn verfallen. Auffallend war auch an Zar Nikolaus seine nervöse Unruhe, seine heftige Sprache, fein unsinniger Haß gegen alles Neue, sein politischer Größenwahn. Nikolaus war ein Kleinigkeitskrämer; nahm er wirklich einmal große Ideen und Männer in die Hand, so verwandelten sie sich ihm unversehens zu abgeschmackten Possenspielen. Er stieß Civilgerichtsurtheile um, besuchte die Cadettenanstalten, um zu sehen, ob der Schnitt der Uniformen reglementmäßig sei, instruirte dre Ceremonien- meister und — nicht zu vergessen — sühne einen leidenschaftlichen Krieg gegen die — Schnurrbärte. Wichtiger als die Klagen ganzer Länder war ihm die Verbesserung des Kopfputzes der Infanterie und die Erfindung einer neuen Kokarde. Aehulich seinem Vater, welcher täglich mehrere Stunden die Soldaten einexercirte, beständig ävn!" (1, 2) schreiend, war auch der Sohn ein Soldateuspieler, der gekrönte Feldwebel, der in Korporals- geuüssen schwelgte. Einmal kam ein General während eines Manövers nw einige Minuten zn spät; wüthend vor Zorn degratirte der Zar ihn vor den Augen der Soldaten zum Küchenjungen (!). — (Fortsetzung folgt.) Das Velociped im Gebrauche der Geistlichen vorn theologischen und kanonistischen Standpunkt aus betrachtet. 1. Das Velociped ist ohne Zweifel an sich etwas Gutes. Es verdankt seine Existenz dem Scharfsinn und Nachsinnen, sowie der Handfertigkeit des Menschen. Es ist ein Glied an der langen Reihe der Erfindungen, welche die Menschen gemacht haben, seitdem den ersten Menschen der Auftrag geworden ist: üsptsts tsrram st «nbjioits sain. Oen. 1, 28. Auch im Velociped haben die Menschen 403 einen Theil der Erde, einen Theil der Naturkräfte sich unterworfen und dienstbar gemacht, wie in unzähligen arideren Maschinen. Das Velociped ist eure Fortbewegnngs- maschine, wodurch dein Menschen viel Zeit und Kraft erspart wird. Letzteres, die Ersparung der Kraft, gilt namentlich gegenüber dem beschwerlichen und mühevollen Verkehr zu Fuß. Was die Eisenbahn und das Dampfschiff für die Menschheit im Großen sind, das ist das Velociped für dieselbe im Kleinen. Erstere wie letzteres haben ihre Schattenseiten und Nachtheile für die Menschheit; aber im Ganzen und Großen dürfen wir in beiden eine große Wohlthat erkennen. 2. Das Fahren mit dem Velociped ist an sich eine indifferente Handlung, welche durch Absicht, Zweck und Umstände sittlich gut oder sittlich schlecht werden karrn. Unerlaubt kann es werden für kränkliche, besonders brust- leidende Menschen, welche diese Art von Bewegung nicht ertragen können; ferner durch das Uebermaß, durch die übertriebene Schnelligkeit im Fahren oder die zu lange Dauer desselben, wodurch auch kräftige Naturen ihre Gesundheit rniniren können, während der mäßige und vernünftige Gebrauch des Fahrrades die Gesundheit ebenso stärken und kräftigen kann. wie Turnen und andere Leibesübungen. Was den Sport mit dem Fahrrad betrifft, so mag er ja für Laien, die auch durch andere Schaustellungen den Beifall und die Bewunderung ihrer Mitmenschen suchen und sich erringen mögen, nicht geradezu unerlaubt und direct sündhaft sein, wenn er nur nicht in einer offenbar leben- und gesundheitgefährdenden Weise betrieben wird; für Geistliche wäre er sicher unerlaubt. 3. Ist das Radfahren, abgesehen von den oben angedeuteten Fällen, in welchen es für alle Menschen unerlaubt wird, und abgesehen von den ausdrücklichen Verboten, welche in mehreren Diäresen bereits ergangen sind, ganz allgemein für die Geistlichen unstatthaft und moralisch unzulässig? Vorhin ist schon kurz angedeutet, daß jedenfalls der sportmäßige Betrieb des Radfahrens für die Geistlichen unerlaubt ist. Der Priester darf Nicht theilnehmen an Velocipedrennen, an Distanzfahren n. dgl. Ebenso darf er sich auch sonst nicht durch allerlei Kunststücke auf dem Velociped vor dem Publikum produziren Die Kanones haben den Geistlichen die Regel gegeben: Llimio, soculatoribus st bistrionibiw vs intsrsiut. Umso- weniger darf der Priester selbst gewissermaßen zum Schauspieler werden. Uebrigens soll er, wenn er das Velociped überhaupt benützen will, auch nicht durch Ungeschicklichkeit und Ubehilflichreit zum Schauspiel und Gespött für das Volk werden, sondern das Fahren ordentlich erlernen, was schon im Interesse der Sicherheit vor Unglücksfällen gelegen ist. 4. Eine andere Klippe, welche die Erlaubtheit des Radfahrens für den Geistlichen zum Scheitern bringen kann, ist die Kleidung. Manche Geistliche glauben, beim Radfahren nach Art der Sportsmänner sich costümiren zu dürfen oder zu sollen. Daran thun sie gewiß unrecht, und die kirchliche Auktorität ist berechtigt und verpflichtet, sowohl gegen den Sport als auch geizen die nnkanonische Kleidung der geistlichen Radfahrer einzuschreiten. Es besteht indeß gar keine Nothwendigkeit, daß der Geistliche auf dem Fahrrad sich unklerikalisch kleidet. So gut die radfahreuden Damen sich ganz decent zu kleiden verstehen, ebenso gut kann auch für die Geistlichen ein Anzug hergestellt werben, der in Bezug auf Form und Farbe den Normen der kirchlichen Gesetzgebung entspricht und auch auf dem Fahrrad den Geistlichen sofort unzweideutig erkennen läßt. So viel ist gewiß: Der Geistliche darf sich, wenn er das Velociped erlaubterweise benützen will, über die kirchlichen Vorschriften bezüglich der klerikalen Kleidung nicht hinwegsetzen. 5. Wenn die den kirchlichen Gesetzen widersprechenden Mißbräuche beim Radfahren der Geistlichen, wovon der Sport und die ungeiftliche Kleidung die wichtigsten und hauptsächlichsten sind, beseitigt und ferngehalten werden, ist die Benützung des Velocipeds gleichwohl auch da noch für den Priester durchaus unstatthaft, weil der Verkehr auf dem Fahrrad mit der Würde und dem Ernste, womit ein Priester überall auftreten soll, durchaus unvereinbar ist, und weil ein Priester auf dem Rade dein gläubiger! Volk zum Aergerniß gereichen muß? Richtig ist, alles Neue fällt auf; so erregte auch das Velocipedfahreu, als es aufkam, Verwunderung und Staunen. Als auch Geistliche anfingen, dieses praktischen Verkehrsmittels sich zu bedienen, war das Aufsehen noch größer, und es ist wohl auch vorgekommen, daß gute und fromme Seelen in ihrem Konservatismus daran wirklich Anstoß nahmen in dem Gedanken, es wäre doch nicht angezeigt. daß die Geistlichen jede Neuerung mitmachen. So ergeht es in der Regel aller» Neuen. Wenn es länger in Uebung ist und alltäglich wird, verliert es das Auffällige mehr und mehr; man gewöhnt sich daran. Auch an das Radfahren der Geistlichen hat man sich mehr gewöhnt, namentlich seitdem alle Stände, alle Äerufszweige, Hohe und Niedere, Aerzte, Beamte, Offiziere, alle Kategorien von Bediensteten in allen möglichen Lebensstellungen theils zum Vergnügen, theils zur Erleichterung ihrer Berufsarbeit dieses Verkehrsmittels sich bemächtigt haben und stetsfort bedienen. Soll in der That der Priesterstand allein von der Benützung dieses Vehikels ausgeschlossen sein? Wenn das Radfahren unter allen Umständen für den Priester indecent und mit dem Ernst und der Würde des Priesterthums durchaus nicht vereinbart werden kann, dann soll es dem Priester, auch wenn er der einzige wäre, versagt sein; er hat ja mehrere sehr wichtige Pflichten auf sich, die nur dem Priester auferlegt sind. Wenn jedoch das Radfahren in den durch die Priesterwürde und die kirchlichen Vorschriften äs vita et bonsstat« cloricoruw gebotenen Schranken betrieben wird — daß solches geschehen könne, läßt sich kaum leugnen —, dann hört es auf, den Gläubigen zum Anstoß zu dienen, zudem dieselben einer Belehrung über den Nutzen und die Vortheile des Velocipeds auch bei Ausübung der Seelsorge leicht zugänglich sein werden. Das Radfahren ist eine Neuerung; die Kirche thut wohl daran, wenn sie sich einer solchen Neuerung gegenüber vorsichtig prüfend verhält. Die Kirche muß aber nicht jede Neuerung ablehnen; es könnte sich sonst, wie schon öfter, ereignen, daß übergroßer Eifer gegen eine Neuerung nach wenigen Jahren oder Jahrzehnten belächelt wird. 6. In den großen Städten, z. B. in München, bedarf der Seelsorger zur Erleichterung seines Berufes des Fahrrades nicht. Er hat zwar dort auch häufig weite Wege zurückzulegen, z. B. zu den Friedhöfen; aber es gibt in den Städten andere billige Communikationsmittel, und es entspricht sicher einem allgemeinen Gefühle, daß der Priester in den auf den Straßen der Großstädte herrschenden Trubel von männlichen und weiblichen Radfahrern sich nicht mische. In den Städten soll den Geistlichen das Radfahren im Allgemeinen untersagt und verboten bleiben. In Seelsorgegemeinden von geringem Umfange ist das Bedürfniß nach dem Velociped ebenfalls kein vordringliches. Der Priester wird darum in solchen Gemeinden des Fahrrades sich enthalten und höchstens ausnahmsweise desselben sich bedienen, wenn er nämlich an einen entfernteren Ort, zu dem weder eine Eisenbahn noch eine andere Fahrgelegenheit führt, aus guten Gründen sich begeben soll. 7. In ausgedehnten Pfarreien, deren wir namentlich in Altbapern eine große Anzahl haben, kann das Radfahren für die Geistlichen eine große Wohlthat, ja eine Art Nothwendigkeit werden. Es läßt sich nicht in Abrede stellen, daß durch das Fahrrad viel Zeit und viel Kraft erspart werden kann. Diese Wahrheit läßt sich nicht durch oberflächlichen Witz und Spott aus der Welt schaffen. Ich kenne einen Pfarrer, einen durchaus ernsten und musterhaften Priester, der zur Zeit der ärgsten Priesternoth seine große Pfarrei niit vielen weit entlegenen Ortschaften mehrere Jahre allein pastoriren mußte. „Gott fei Dank", sagte er öfter, „daß mir meine körperliche Rüstigkeit das Radfahren gestattet. Mein Velociped niuß mir den Cooperator ersetzen. Ich könnte sonst unmöglich die Filialschule versehen und die Kranken besuchen." Als ihn: wieder ein Hilfspriester zugetheilt wurde, verschenkte er sein Velociped, weil er es letzt, wie er sagte, nicht mehr brauche. Niemand aus der ganzen Pfarrei verübelte dem würdigen Seelsorger das Radfahren; im Gegentheil, Alles vergönnte ihm von Herzen die Unterstützung, welche die neue Erfindung ihrem Pfarrherrn brachte und die Versetzung und Beibehaltung der Pfarrei ihm ermöglichte. 8. Häufiger noch und in höherem Maße erfahren unsere Hilfsgeistlichen (Cooperatoren) die Vortheile und Wohlthaten des Fahrrades. Viele Pfarreien haben 1—l'/s Stunden vom Pfarrsitz entfernte Filialen, nach 404 welchen die Cooperatoren täglich oder doch mehrere Male in der Woche der Gottesdienste und der Schulen wegen exkurriren müssen. Nicht selten liegen die Filialen in direkt entgegengesetzter Richtung und müssen, so lange der Priestermangel nicht vollständig gehoben ist, häufiy von Einem Priester versehen werden. Da kann es sich ereignen, daß ein solcher Priester au manchen Tagen wegen des Besuchs der Kranken, wegen einfallender Provisuren nach verschiedenen Richtungen stundenlange Wege zurückzulegen hat. Wäre es nicht eine Härte, dem Geistlichen m dieser Lage den Gebrauch des Fahrrades, das ihm zwei Drittel der auf so weite Gänge zu verwendenden Zeit und Kraft erspart, gänzlich zu untersagen? 9. Bei plötzlich eintretender Todesgefahr in Folge von Unglücksfälleu und akuten Krankheiten gewährt es großen Trost, wenn der Priester schnell erscheinen kann, um die Tröstungen der hl. Religion zu spenden, und Niemand wird daran Anstoß nehmen, wen» er auf dem Fahrrad noch rechtzeitig ankommt. Es sind bereits öfter solche Fälle vorgekommen, in welchen es nur das Veloeiped möglich machte, einem Sterbenden die hl. Sakramente zu reichen. Im Interesse der Sache ist zu wünschen, daß die Seelsorger derartige Fälle ihren hochwürdigsten Ordinarien berichten. Dabei wäre auch die Krage zu erörtern, ob es angänglich wäre, daß ein Priester, wenn er das Allcrhciligste nicht aus einer Kirche in der Nabe des Verunglückten oder Schwerkranken hcrbeibringen könnte, mit Chorrock und Stola bekleidet und mit einem Lichte versehen, selbst auf einem Fahrrade die hl. Wegzehrung aus der Pfarrkirche überbringe. Bei der großen Liebe Jesu zu den Kranken und seinem heißen Verlangen nach Vereinigung mit den im Tode Ringenden möchte ich diese Frage nicht ohne weiters verneinen, und wenn ein Priester seinem Ordinarius nachträglich berichtete, er hätte es so, wie beschrieben, gemacht und dadurch einen Sterbenden noch mit der hl. Eommnnion beglückt, so möchte ich bezweifeln, ob er wegen vorschriftswidriger und unwürdiger Behandlung des Allcrbeilrgsten bestraft werden solle. 10. Ein Priester hat öfter das Bedürfniß, andere Priester zu besuchen, z. B. um in schwierigen Fällen sich Rath All erholen, um zu beichten, um den vorgeschriebenen Pastoralconferenzen beizuwohnen, um die Freundschaft zu pflegen und über seelsorgliche Angelegenheiten oder auch wißenschaftliche Gegenstände fleh zu besprechen und zu unterhalten. Alle diese gewiß lobenswerthen Zwecke werden durch das Radfahren wesentlich gefördert. 11. Der Vergnügungssucht darf das Veloeiped von Priestern niemals dienstbar gemacht werden. Der Wirths- hausbesuch der Geistlichen darf durch dasselbe nicht vermehrt werden. Es darf nicht dazu benützt werden, um an jedem Tag anderswohin einen Ausflug zu machen. Uebrigens muß das Radfahren doch auch nicht allzu rigoros auf die scelsorglichen Zwecke eingeschränkt werden. Wenn es einem Herrn Freude macht, wenn er auf dem Rade eine seiner Gesundheit förderliche Bewegung zu finden glaubt, so mag er auf Wegen und Straßen, die keinen allzu fregnenten Verkehr ausweisen, mit Maß und Ziel auf dem Fahrrade sich vergnügen. Solches erscheint auch deßhalb als zulässig, weil das Radfahren auch erlernt sein will. Diesen Zweck wird man nicht erreichen, wenn man nicht auch außer den durch die Seelsorge veranlaßten Touren auf dem Rade sich übt. Nicht alle jungen Priester können diese Kunst sich schon vor der Ordination aneignen, weil ihnen in den Stndentenjahren die Gelegenheit dazu, namentlich der Besitz eines Fahrrades mangelt. Es ist mich kaum in der Ordnung, daß unsere meist armen Nd- spiranten des geistlichen Standes, die in den Seminarien Freiplätze genießen, für die Ferien kostspielige Fahrräder sich anschaffen, und sind Vorkommnisse dieser Art nicht mit Unrecht mißliebig aufgenommen worden. Darum kaun das Radfahren der Geistlichen zum Zwecke der Uebung, wenn es nicht überhaupt gänzlich verboten werden soll, kaum untersagt werden?) 12. Nach dieser Darlegung ist für die kirchliche Auk- '') Der Student muß indeß, wenn er das Radfahren lernen und üben will, nicht gerade ein eigenes Rad besitzen, er kann es ja auch entlehnen, und es wird dies um so leichter geschehen können, als der Student in den Ferien auch in der Zeit, zu der die Besitzer von Veloci- peden arbeite n müssen, Muße zum Fahren haben wi rd. torität reichlicher Anlaß gegeben, um bezüglich des Rad- fahrens der Geistlichen ordnend, leitend, verbietend einzugreifen. Es wird dies nicht in allen Diöcesen in gleicher Weise geschehen können, da die Verhältnisse in den einzelnen Kirchensprcngeln sehr verschieden sind. Die hochwürdigsten Oberhirten werden es sich, wenn auch einige allgemeine Grundsätze überall Geltung haben werden, jeder für sich überlegen müssen, wie sie den mit dem Radfahren der Priester leicht verbundenen Mißständen und Gefahren am besten begegnen werden. Eine oberhirtliche Instruktion über das Radfahren der Geistlichen dürfte sich allenthalben als unentbehrlich herausstellen. Wo man den Priestern den Gebrauch des Fahrrades gänzlich verbieten zu müssen glaubte, werden die kirchlichen Oberen kaum umbin können, in manchen Fällen Dispenfation eintreten zu lassen. Möge die Sache geordnet werden wie immer, — jedenfalls ist der Wunsch gerechtfertigt: Möge es den hochwürdigsten Ordinarien erspart bleiben, wegen Ungehorsams gegen ihre diesbezüglichen Verordnungen voll ihrer Strafgewalt Gebrauch machen zu müssen! Dies gebe Gott! München im September 1897. Dr. 8. k? Recensionen und Notizen. U. L. „Für unsere Frauen und Töchter." Unter diesem Titel reicht die unermüdliche Schriftstellerin Emn Gordon zu Würzburg (Neibclsgasse l'/-,) der katholischen Frauenwelt Deutschlands eine in monatlichen Lieferungen erscheinende Zeitschrift, welche längst Bedürfniß war und bei ihrer reichen, überaus praktischen Ausstattung mit warmer Sympathie zu begrüßen ist. Eine Serie zweckentsprechender Artikel wird h.erin mit zahlreichen Zeichnungen lind Mustern, wie sich solche in deri Modejournalen finden, verbunden. Der Oekonomie des Haushaltes im weiteren und engeren Sinne des Wortes, wie allen Ncuernngen, ist hier Rechnung getragen, und soll zugleich den auf Erwerb Angewiesenen Anleitung zur Erwerbsthätigkeit gegeben werden. Die erste vor uns liegende Nummer enthält außer anderem Folgendes: Welche Anforderungen stellt unsere Zeit an Frauen und Töchter? Hanstöchtcrchen und Dienstbote (von Emu Gordon). Wie kleidet man sich am besten? (mit Modebericht, Promenade-Costümen, Kleid aus Fou- lard). 1. Leitfaden zur Anfertigung kirchlicher Arbeiten (mit Mustern zu Häkel-, Filet- und Krenzsticharbeiten, von Rhenana). Handarbeiten mit Abbildungen. 2. Mohnblumen, Anweisung zur Anfertigung mit Abbildungen: ebenso 3. Tischläufer mit Kreuzstickerei; 4. Häkelspihe mit Zackenlitze. — Waschechte Malfarben. Einige Rathschläge für die Pflege und Erziehung skrophulöser Kinder von Dr. mock. Möser, Arzt in Karlsruhe. Zimmergärtnerei. Hallswirthschaft (für die Küche u. dgl.). Schließlich folgt „Zeitvertrerb". — All dieses liefert Nr. 1 der Zeitschrift „Für unsere Frauen und Töchter". Diese ist eine Beilage zu „Die katholische Welt" und wird mit der weiteren Beilage „Der Büchertisch" monatlich (mitsammt der kath. Welt) um 40 Pfennige, der ganze Jahrgang um den Preis voll M. 4,80 bezogen. Nimm und lies einmal, und du lvirst von der allbekannten „Katholischen Welt" und den Beilagen im hohen Grade befriedigt sein. Zugleich lädt Emy Gordon zur Mitarbeiterschaft, zu Rathschlägen u. dgl. ein. Reiß C., Die Naturheilmethode bei Erkältungskrankheiten (Schnupfen. Husten. Rheumatismus, Augenleiden, Grippe, Influenza u.s.w.). Berlin, Steinitz, 1897. 8°, 64 S. M. 1,00. Das vorliegende Bändchen bespricht alle jene Er- krankungssormeu, bei deren Entwicklung die Erkältung die ausschließliche Ursache abgibt, oder bei deren Entstehung resp. Wiederausbruch die Erkältung in mehr oder weniger hohem Maße mitbetheiligt ist. Diese untereinander ganz verschiedenartigen Erkrankunasformen, zu denen die katarrhalischen Erkrankungen der Luftwege, die rheumatischen Leiden, gewisse Augenübel rc. rc. gehören, faßte der Verfasser sehr passend unter den Namen „Erkältungskrankheiten" zusammen. — Als besonderer Vorzug des Buches sei hervorgehoben die Sorgfalt, mit welcher das bei den Erkältungskrankheiten doppelt wichtige Kapitel über die Verhütung behandelt ist. Die Frage der Abhärtung, Bekleidung rc. ist hier auf's eingehendste erörtert. Verantw. Redacteur: Ad.HaaZ in Augsburg. — Druck». Verlag des Lit.Instituts von Haas LGrabherr in Augsburg. kip. 69. 9. OKI. 1897. Aus den Briefen Jaussens an Pfarrer Andreas Schneider in Berngau. G In der weitem Ocffcntlichkeit dürfte es weniger bekannt sein, daß der am 30. Dezember des vorigen Jahres gestorbene Pfarrer von Berngau, Herr Andreas Schneider, zn des seligen Janssen vertrautesten Freunden zählte. Im Jahre 1869 weilte derselbe mit einer kurzen Unterbrechung, während deren er den Pfarrconcnrs machte, mehrere Monate, vom 7. April bis 21. November, iu Frankfurt und betrieb hier unter der unmittelbaren Leitung des berühmten Geschichtschreibers historische Studien. Er beschäftigte sich neben der allgemeinen Geschichtswissenschaft eingehender mit dem Zeitalter Kaiser Maximilians I. und dem Josephinismus und verfaßte außer einigen kleinern Arbeiten eine größere Abhandlung „Der Klostersturin in Oesterreich unter Joseph II.", die als Broschüre 1869 iu Frankfurt erschien. Verschiedene Artikel veröffentlichte er in der damals vonDr. Nieder- mehcr herausgegebenen „Kath. Bewegung", im „Katholik" u. s. w. Janssen scheint ihn, nach dem vorhandenen Briefwechsel Jaussens und den schriftlichen Aufzeichnungen Schneiders zu schließen, recht lieb gewonnen zu haben, und ergeht sich in den anerkennendsten Ausdrücken über den strebsamen Kaplau. Er hielt große Stücke auf ihn und hoffte, in ihm eine Stütze für seine zahlreichen Arbeiten zu finden, einen Berather, mit welchem er seine historischen Werke besprechen konnte. Während der kurzen Spanne Zeit, die Schneider in Frankfurt zubrachte, entwickelte sich zwischen beiden ein inniges Freundschaftsverhältniß, das bis zum Tode Jaussens währte. Ende November 1869 kehrte Schneider wieder in seine Diöcese Eichstätt und zur praktischen Seelsorge zurück. Janssen ließ ihn allerdings nur ungern ziehen und machte mehrere Versuche, seinen „lieben, treuen Freund" wieder in seine Nähe zn bringen. Sein Wunsch war es besonders, er möchte als Pfarrer von Niedcrrad bleiben, wo sich Janssen während der Sommermonate gerne aufhielt. Doch dieses sein Verlangen scheiterte an dem Willen Schneiders, der es vorzog, in der eigenen Diöcese Zu wirken. Allein ganz scheint auch ihn selbst die Erinnerung an Frankfurt und seinen dortigen Freund, oder vielmehr die Liebe zum Gcschichtsstudinm, nicht verlassen zu haben; wenigstens drückt Carl Bansa in einem Briefe an Schneider vom 29. Januar 1872 seine Freude darüber aus, daß er sich, dem Verlangen Jaussens folgend, um die durch das Ableben von Professor Dr. Niedermeyer erledigte Stelle eines Administrators des Deutschen Hauses in Frankfurt gemeldet habe. Da jedoch aus der eigenen Diöcese nicht weniger denn 8 Bewerbungen einliefen, trat Schneider zurück; Janssen gab jedoch seine diesbezüglichen Versuche nicht auf, freilich ohne sein Ziel zu erreichen. Schneider lehnte ab, zumal in Preußen die Dinge anfingen, weniger gemüthlich zn werden, und der Cnltnrkampf seine schönsten Blüthen trieb. Wie enge nun Schneider während seines Aufenthaltes in Frankfurt seinem Freunde aus Herz gewachsen war, zeigt sich in den Briefen Jaussens an ihn. Wiederholt brückt dieser den Gedanken aus, welch großer Verlust sein Weggang von Frankfurt für ihn gewesen und wie gerne er ihn wieder in seiner Nähe hätte. „Es ist schade, lieber Schneider", schreibt er ihm am 1. Juni 1870, „daß Sie nicht mehr hier sind und wir unsere historischen Werke nicht gemeinsam mehr besprechen können." „Wie oft", heißt es in einem Schreiben vom 9. August desselben Jahres, „sprechen wir (Bansa, Steinle. . .) von Ihnen und wünschten, daß Sie nicht von hier weggegangen wären. Die Freunde fragen oft nach Ihnen, insbesondere auch Familie Bansa. Wären Sie doch nur hier geblieben als Pfarrer von Nieder- rad." Am 30. April 1871 schreibt er ihm: „Wenn Sie hörten, wie oft ich von Ihnen spreche, und wüßten, wie sehr ich Sie hicher zurückwünsche, so gäben Sie doch Ihren Glauben an diese Freundschaft keineswegs auf. Wirklich, lieber Schneider, ich wünsche Sie sehnlichst hieher zurück und mache nur noch immer Gedanken, ob es denn nicht möglich wäre, daß Sie die Stelle in Niederrad, die noch immer unbesetzt ist, annähmen." Diese Sehnsucht Jaussens läßt sich leicht erklären, wenn man weiß, wie vereinsamt sich Janssen fühlte, da er fast niemanden besaß, niit dem er über seine Arbeiten conferiren konnte. „Unser guter Professor Wsdewcr ist nach langem, schwerem Leiden am 16. April gestorben," schreibt er im nämlichen Brief, „für mich eine neue Lücke, da ich ihm seit 17 Jahren nahe stand. Ich bin hier wirklich ein Vereinsamter. Wie gerne ich Sie hier in meiner Nähe hätte, kann ich Ihnen nicht genug sagen." Am 7. Juli 1872 spricht er sich folgendermaßen aus: „Seien Sie versichert, daß ich Ihnen treu ergeben bleibe und oft an Sie denke. Mit Dankbarkeit erinnere ich mich noch an die Zeit Ihres Aufenthaltes in Frankfurt, wo mir erfrischender und anregender Umgang, wie Sie richtig herausgefühlt, besonders was meine historischen Studien betrifft, so vielfach gebricht, manches mir auch mit jedem Jahre fremder wird." In einem M'iefe vom 30. April 1874 heißt es weiter: „Ich habe ein inniges Verlangen nach Ihnen und nach Ihrem wohlthuenden Verkehre." Jaussens mittheilsame Natur wollte eben einen lieben Freund, der die Sorgen um seine vielen Arbeiten theilen, mit dem er sie besprechen und dem er sie vorlesen konnte. Zn diesem Zwecke war ihm Herr Schneider in kurzer Zeit sehr werthvoll geworden. „Hier stehe ich geistig sehr isolirt", schreibt er wiederholt, „fast mit niemand kann ich über meine Arbeiten sprechen. Wie oft habe ich gesagt, wäre doch mein lieber Hanskaplan noch hier." Als Janssen erkannte, daß Schneiders Rückkehr nach Frankfurt kaum mehr möglich sein werde, schrieb er ihm: „Ich habe oft ein rechtes Verlangen nach Ihnen, doch das ist ja nicht mehr zu ändern, und wir wollen wenigstens im Geiste und im Gebete treu mit einander verbunden bleiben." Sie sind es auch geblieben. Ueber seinen Aufenthalt in Frankfurt hat Schneider ein genaues Tagebuch geführt, das sich noch unter seinen hinterlassenen Papieren vorfand. Auch die Briefe, welche Janssen im Laufe der Zeit an ihn schrieb, hat er genau und sorgsam aufbewahrt. Das Interessanteste aus ihnen wollen wir demnächst mittheilen. Die Passiv des hl. Flvnan und einige andere Legenden. Von Dr. Bernhard Scpp. Dies also ist das neueste Resultat moderner Lcgenden- kritik, daß die Passiv des hl. Florian, welche selbst ein 406 NettbcrgJ „och für echt hielt, eine Fälschung ist. Bruno Krusch in Hannover hat es bewiesen/) Professor A. Ehrhard in Wiirzbnrg bestätigt und Laudcsgerichts- rath I. Strnadt in Kremsninnstcr nicht st orsti verkündet?) Damit ist diese Passio begraben — wenigstens für die Leser der Münchner Allgemeinen Zeitung. 1i. 1.Ich Aber — welches sind denn eigentlich die Argumente, die Br. Krusch für seine Behauptung beigebracht hat? Ich will sie mit seinen eigenen Worten anführen. I. „Hass (8o. 8. Irena« Lirmisnsm aeta) lAori- ani bioZrapIius ita sxpilavit, nt initiv utra s. Irsrmsi tritt uns ein jugendlicher Bischof griechischen Namens entgegen, der Weib und Kind hat und, weil er sich zu opfern weigert, erst — wie Bischof Quirinus von Siscia — mit Knütteln geschlagen, dann auf Befehl des Präses Probns von Nicderpannouicn mit dem Schwerte durchstochen wird, ehe mau seinen Körper über die Brücke in die Bossnth ') Kg. D. I. 157. , H Ll. 6. 8er. rsr. LIsrov. III, 65 8g. (1896). ch Ocstcrr. Lit.-Bl. d. Leo-Gesellsch. Nr. 15 S. 150 f. (1. Aug. 1897). ch Beil. z. Allg. Ztg. Nr. 202 S. 1 f. (7. Scpt. 1897). ch S. Ruinart H,eta LIart. (Verona 1731) x>. 356. Der griechische Text des Prologs lautet ganz anders s. Roll. 88. Nart. III, Nachtrag p. 23, Dambsoin8, domm. cls bibl. dass. Vivckob. t. VIII (Wien 1782) p. 436 f. °) Wie ein echtes Protokoll begann, beweisen die Akte des Märtyrers Enplus bei Ruinärt x>. 361: Dioelotiavo ooviss st Llaximiavo oetiss oou8vUbu8 xrickio läus rk.ci- xrrbti in datanonÄum eivitats oto. ^) S. Ruinart p. 482: lempoi's perseentioicks gnancko glorios» oei-tamiva Lckslibns oblata psrpstua xromissa ex8povtabavt aeeixoro, tnuo eomprohoo8U8 llulius ote. ch Er lautet (ebenda x. 483): Llart^ri 2 atv 8 S8t antom vonorabills Dei kämulns Inliiis apnck provinvi'am Zloesiam in eivitats Doro8toron8s äis VI Lal. luv. aASirtoLIaximoprsoicks roZ-navts Domino uootro ckoouddriotoeuiAloriaivZaeeulaoasouIornm. ^mon. Die gesperrt gedruckten Worte stehen auch in der lall Dassio s. Irenasi; in der Dassio s. Dloriavi dagegen heißt es am Schlüsse: „Leta sunt antom Hase", ebenso in den Akten des hl. Pollio (bei Ruinart x. 360) und in der griech. Version der Dassio s. Ireuaei. (La.8sutr3),b) die bei Sirminm in die Save mündete, hiuabwirft. In der ?L88io 8. küorirwi dagegen begegnet uns ein alter Soldat gntröniischcn Namens, der xriuosxm 1s§ioui8 ^) gewesen war, aber den Kriegsdienst verlassen und in Ostium") sich angesiedelt hatte, von wo er auf die Nachricht, das; in Imuriacmm?") eine Christenver- folgnng ausgebrochen sei, herbeieilt, um sich ebenfalls als Christ zu bekennen. Nachdem er zweimal mit Knütteln geschlagen ist und seine Schultern mit eisernen Nageln durchbohrt sind, befiehlt der Präses Agnilinus von biori- eum riponss,") ihn zu ertränken. Schon binden ihm die Soldaten einen Stein um den Hals, aber noch zögern sie, den Befehl an ihrem alten Wafsengefährten zn vollziehen. Da — nachdem er etwa eine Stunde lang gebetet hat — eilt ein junger Offizier erzürnt herbei und stößt ihn über die Brücke in die Enus hinab. Aber das Wasser wirft die Leiche an's Land, und eine Matrone Namens Valeria bestattet sie in der Nähe.") In der That, der Fälscher hatte eine wunderbare Phantasie'5) und wußte seine Quelle geschickt zu verbergen; man müßte höchstens eine Spur derselben noch darin finden, daß hier wie dort der Präses einen Nichtersprnch fällt (sententinm cint) und Florian, wie Jrenäns, vor seinem Tode die Hände zum Gebet (wie die Orantcn auf altchristlichen Fresken) zum Himmel emporhebend (sxtsnclens rnnnus 8uas acl soelum)") seine Seele Gott empfiehlt. Wie merkwürdig! II. ,0n8tri, ubi stiorianus MZ8U8 6886 isrtur, in Diorlco rixonbi sttt nowsn Imvorinsuiir acl ms- cliuin asvunr rsksrsncluin sst." Ein ganz wcrthloses Argnnient, denn jeder, der mit Handschriften sich befaßt hat, weiß, daß die Eigennamen darin selten unverändert gelassen, sondern meist nach der Aussprache der Zeit umgeformt sind. So z. B. lautet ch Lei Plinius imt. di.-zt. III, 28, 2 lautet der Name des Flusses: Daeuntiv8; vgl. aä Lohnte, lab. Denll; Do88g.nti8, Viion. Itav.; daput Dossnsis, Hot. ckiAvit. 'ch Vgl. Mommseu d. I. D. ID, 1 ll. 3501 gefunden bei Pesth: lt. InI. Llaseulu« Drill(eop8) lls^(ioiiis) II ^cli(uti-ioi8). Gemeint ist der erste Centurio der Legion (— primipjlns s. Vo^ot. cko ro mil. II, 8), welcher der nächste nach dem Tribun war und zum Rittterstande zugelassen wurde. ") Das ehemalige römische Municipium Helium ds> Lvw ist (nach Mommseu O. I. D. DI, 2 x>. 684) in Mäulern bei Krems zu suchen. 'ch Dauriaonm (h. Lorch) war der Standort der Ds§. II Itcrliea Dia Dläslis, vergl. Mommseu a. a. O. u. 5671, 5681, 5682. 'ch Diokletian hatte kurz vorher (i. I. 297) die Provinz Aorioum in Xoricmn i-ixsv8o und Diorieum msät- isrianoum getheilt. Woher wußte dies der Fälscher? ") Nämlich am linken Ufer des Jpfbaches, wo seit unvordenklichen Zeiten eine Kirche des hl. Florian steht, s. unten. 'ch Anderer Meinung war Wattenbach, der (D. G. 6. Aust. 1. Bd. S. 42) von einer Dürftigkeit der Phantasie des Mittelalters spricht und mit derselben kühnen Sicherheit, wie Krusch, die Legende des hl.,Florian für eine Nachbildung der I'assio 8. tzuiriui erklärt, die schon Hieronymus in seinem dkronieon benützt hat (s. Mignc ü. D. 27 ool. 667, vgl. Ruinart p. 439). Und doch kann es bei dem Wasser-reichthum der Süddonaulande nicht auffallen, wenn Florian, wie Quirinus und Jrenäns, ertränkt wurde. ") Derselbe Ausdruck findet sich in den aota s. DoU liouis, Dup!>, .lulii (a. a. O.); er gehört schon dem klassischen Sprachgebrauch an, s. Div. 8, 20; 23, 3. ") Vgl. die Sera s. Lnxli a. a. O. 407 der Name des hl. Nupert im Salzburger Verbrnderilngs- buch Iiroclxörhtiw, im ältesten Salzburger Martyro- loginm, dem inclianlus ^.rnouis, der eonvsrsio IInF. st Oar. und in der Grazer vita: Iirockbertna, in den Corlixnti d. I. 1120, 1165, 1186: Ikonctdertns, Rnclbsrtu3, Ruoäbertus, die merowingische Naincns- form dagegen war: Oiiroäoixzrektns (vergl. I'grt?, AI. O. Vixlvn». n. 36, 66, 82). Hieraus folgt, daß aus der Namensform höchstens das Alter der betreffenden Handschrift, nicht aber die Lesart des Originals erschlossen werden kann. Uebrigens lautet der Name im Berner Codex des Ala-rtyroloxinm Ilioronvminnun» (verfaßt ca. 770), dessen Schreiber nach Krusch a. a. O. S. 66 den Text unserer krrssio 8. 1'Ioriniri bereits vor sich hatte,") ganz richtig Lmurinonm, ein Beweis, daß Imvoriaeum nur eine Entstellung des Copisten") ist. III. „Do 8. ffioriono in Priors wart^roloZii Hisrvnz'iniani rocensioiiö altum ost kilontnim sia- guli^uo postsrioris eoäices cio eo ininims intsr 86 convoniunt." Dieser Einwand tvärc schwerwiegend, falls er begründet wäre. Dem ist aber nicht so. Krusch hat nämlich übersehen, daß der Passus des Martyrologiums, der von Florian handelt, in der Externacher Handschrift, die noch zu Lebzeiten des hl. Willibrord (gest. 739) verfaßt ist, unter dem vorausgehenden Tag (V non. Nai.) berichtet w!rd,-°) ein Versehen, das in discin Codex, wie in dem Weisseubnrger (geschrieben 772), wiederholt begegnet. Abgesehen von diesem Verstoße herrscht unter den genannten drei ältesten Handschriften dieses Martyrologiums der schönste Einklang, und es steht daher außer Zweifel, daß der Name des hl. Florian schon in der erstell Recension desselben, die nach Krnsch im Jahre 627/28 in Burgund entstanden ist,-H vorhanden war?-) Diese Thatsache ist aber von der größten Tragweite, denn das AIartg'ro1o§inm Ilieronz wiavuill lag in dieser Form, wenn wir von den deutlich erkennbaren Einträgen aus den Calcndarien von Lyon, Auxcrre und Antun absehen, sicherlich schon Gregor d. Gr.-H und Cassiodor-°) vor und ist durch seine Uebereinstimmung mit dein aa- laväariurn Romnnnm und dem syrischen Martyrologinm vom Jahre 412-°) auf's beste beglaubigt. Aber die Erwähnung des hl. Florian in der ältesten Recension des Alartvrolo^iuin Iliaronvinlnnnm ist ") .Krusch nimmt daher au, daß uu>ere Pcmio um die Mitte des 8. Jahrh, entstanden sei. Wer in alter Welt mag in dieser Zeit der ärgsten Sprachverwitderung ein so gutes Latein geschrieben haben! ^) Die Form Vavoriacnm ist nur dadurch entstanden, daß dem u später ein o überschrieben und der Diphthong an dumpf wie ao gesprochen wurde. Dieselbe Namensform steckt in dem verderbter! Wort svswboriselsaco der tob. l?ent., und dennoch wird kein Vernünftiger bestreiken, daß die tab. Laut. auf ein römisches Original zurückgehe. -°) S. voll. V. 88. Xov. II, 1 p. Mt. 2') S. Neues Archiv XX S. 438. '*) Von einer späteren Interpellation im Wcisscn- burger Codex kann keine Rede fein; der Name Llorünms ist hier nur in die falsche Zeile gerathen. "y S. voll. a. a. -O. st. sXVIs 8g. "ö S. Vp. VIII, 29 (Llismo 77 col. 930 f.), Jasfe- Wattcnbach 1517 aus d. I. 698. Vergl. Oo in8tit. cliv. lii. eap. 32 (DIi§no 70 col. 1147) aus d. I. 544. -°) S. voll. a. a. O. x. sXvVIll) 8g. und p. svlis 8g. Es ist undenkbar, daß das Material zu dieser großartigen Compilation rn Gallien vorhanden war. keineswegs das einzige Zeugniß für die Thatsächlich^ seines Martyriums, auch die Grabinschrift jener Valeria, welche einst den hl. Florian laut der Passiv bestattete' und sich nach altem Brauche an der Seite des hl. Märtyrers beisetzen ließ, ist noch heute an Ort und Stelle vorhanden. Allerdings behauptet Krnsch a. a. O. S. 70 Nr. 2, daß diese Inschrift erst im 13. Jahrhundert entstanden sei, und er beruft sich hiefiir auf Friedrich Kenner, der sie im Archiv für österreichische Geschichte Bd. 38 S. 175 f? ausführlich besprochen hat. Aber er macht sich dabei einer groben Verdrehung der Worte dieses Gelehrten schuldig/ Denn Kenner sagt über den Stein vielmehr Folgendes: „Die Inschrift ist in ihrem wesentlichen Theile bisher das einzige altchristliche Denkmal in Obcrösterrcich und mit Ausnahme der Grabsteine von Agnileja wohl das älteste derartige in der gesammten Monarchie, soweit man ihrer bisher kennt und soweit man sie datiren kann. Sie lautet in der ursprünglichen Tcxtirnng: vH0X48 VI4I VLL08IOI6 VVI,LML - VII) VI'. Die schlichte Einfachheit des Textes ist genau von der Art, wie man sie auf den altchristlichen Grabsteinen in den römischen Cömeterien findet. Allein die äußere Form ist abgeändert worden, und zwar sowohl durch spätere Zusätze als auch in Rücksicht aus die Buchstabeii- sorm. Als Zusätze sind zu betrachten: ein kleines Kreuz am Eingang der ersten und ein 8 (snnotao) am Eingang der zweiten Zeile." (Nun folgt der Nachweis der Echtheit der Charaktere aus clo Ho88i Irmvr. cüirwt. irrst. Itomaa I; dann fährt Kenner fort:) „Alle diese Charaktere treffen zusammen auf die Jahre 340 — 350 n. Chr. Sei es, daß Valeria in diesem Jahre starb, oder daß damals ihr Grabmal gearbeitet wurde. In späterer Zeit ist die Inschrift rcstaurirt worden; es blieb dabei die ursprüngliche Form des H gewahrt, alle Buchstaben erhielten aber das Aussehen von gothischen Majuskeln, wobei die schon ursprünglich runden Formen des AI und L völlig in gothische Lettern übergingen. Der berühmte Epigraphiker Kavaliere de Rossi erkennt daher die Echtheit des Steines in seiner ursprünglichen Fassung an, versetzt aber die Zusätze und die Ausstattung, in der sie noch erhalten ist, in das XIII. Jahrhundert.-^) . .. Sicher aber hat man damals die Inschrift nicht erfunden; denn in jener Zeit würde man weder die römische Datirnngsweise befolgt, noch den Text so schlicht abgefaßt haben, man würde vielmehr die Verbindung Valeria's mit der Legende vom hl. Florian hervorgehoben und ihre Frömmigkeit gepriesen haben." Da de Rossi ein besserer Kenner altchristlicher Inschriften war, als Mommsen ist, so wird die Echtheit dieses Steins wohl kaum mehr in Abrede gestellt werden können. Sie verbürgt aber zugleich die Echtheit der Grabstätte deS hl. Florian, der Stift und Markt St. Florian in Oberösterreich ihre Entstehung verdanken. Doch Herr Strnadt bestreiket ja, daß mau im '0 Wie Kenner wahrscheinlich »nacht, hängt die Ucber- arbeituug der Inschrift mit der Transferirnng des Sarges der Valeria nach dem Kreuzaltar und mit der Nen-Ein- weihung der Kirche i. I. 1291 zusammen. Heute befindet sich der Stein ebenso wie der Sarg und die Reliquien der Valeria in einer Kammer »leben der Krypta (feit 1751). .... 408 Mittelalter die Grabstätte des Heiligen gewußt habe. Zwar lesen wir schon in einer der ältesten Passauer Traditlonsurtnnden ^) eines iiresk^tor RoZinoIk^") p;- Worte: in loco nunLupanto ad kuoolio, nsti xrs- eio8N3 rnart^r I^Iorinnns corpors rec^nissoit, aber diese Notiz bringt nach seiner Meinung nur „die persönliche Ansicht des Schreibers (im 9. oder 10. Jahrh.) zum Ausdruck" — gleich als wenn eine „persönliche Ansicht" nicht auch richtig sein könnte. Zudem kehrt dieselbe Nachricht in einer Urkunde Ludwigs des Kindes vom 19. Januar 901 (s. Llon. Loioa XXXI, 1 S. 162 n. 80, vgl. Mühlbachcr IköA. Ilri-rol. n. 1942) wieder: „ad supra-rcrixtuin snaro- oanotuM locnm — 8v. snnoti k'Ioriani inart^ris monL8t6rinm — in hno oiusdein h>oLtis8iini raar- t^ris eorpug vönoiabüitsr üuwatum äst." Schon in einer Urkunde Ludwigs d. Fr. vom 28. Juni 823 (vgl. Mnhlbacher a. a. Ö. n. 753) ist von einer eeltuia, 8. li'ioriani die Rede, die sein Vater, Karl d. Gr., an Passan geschenkt hatte, und Avcutin annnl. I-oior. IV, 9 versichert, daß er in Münchsmimster ein Buch gesehen habe, das !m Jahre 819 in St. Florian geschrieben war. Also schon zu Anfang des 9. Jahrhunderts bestand eine Art klösterlicher Niederlassung in St. Florian, die sich später zu einer „aonZraZatic» oleriLorurn ibidem in loco dis iwotuguo sarviantium" erweiterte, s. Älon. Loica, XXVIII, 2 n. 36, vgl. I. Stnlz, Gcsch. d. rc- gulirten Chorhcrrnstifts St. Florian, Linz 1835 S. 203 n. III „in sastentationam Irntrum ibidem domino lawulnntinm". Diese Zeugnisse beweisen klar, daß sich der Cult des hl. Florian ebenso gut, wie der des hl. Maximilian (s. indio. ^rnon. VIII, 1 8y. brev. not. Lalwb. III, 1 ke;.), über die Zeiten der Völkerwanderung hinaus lebendig erhielt, dank den christlichen Romanen, welche ihre Grabstätten niemals aus dem Auge verloren hatten. Denn „am festesten haftete immer die Erinnerung am Grabe der Heiligen" (s. Wattenbach a. a. O. S. 43)?°) (Wird fortgesetzt.) Die Schmähungen Luthers. O In dem achten Hefte der „Neuen kirchlichen Zeitschrift", welches am 1. August d. I. ausgegeben wurde, ist zu lesen: „Kurz vor Veröffentlichung der Bulle hatte Miltitz --) S. blau. Loio. XXVIII. 2 S. 35 n. 38. Auf ein sehr hohes Alter dieser Urkunde weist schon die Ausdrucksweise hin: „lu so vero dis moueutibus Otlmrio Vooato exiseopo uua> oum kidstibus suis", wozu sich nur noch in u. 78 eine Parallele findet: „in pLta-ia eivi- tate, guando erebantridus (Vorgänger des Oktarius) vo- oatus 6PI8L0PU8 oum suis kidslidns ibidem kuisset." ") Nicht Eginolf, wie Strnadt schreibt. Er kann daher auch mit dem Donator Eginolf d. I. 772 — der übrigens nur in der Phantasie des Herrn Strnadt existirt! — nicht identisch sein. Nebenbei geben wir diesem Herrn den Rath, sich ja mit der Legendenkritik nicht mehr zu befassen, denn es fehlt ihm eine gewisse Akribie und barmt alles, was zur Prüfung der Echtheit einer Legende nöthig ist. °°) Wie berühmt der hl. Florian war, beweist nichts besser, als der Umstand, daß ein späterer Ueberarbeiter der Legende des hl. Florentius seinen Heiligen der Namens- Khnlichkeit wegen für einen Bruder des hl. Florian ausgibt und an dessen Passiv anknüpft — eine Entdeckung, welche bereits die Bollandisten gemacht hatten (s. X. 88. Usi. ti. I p. 462 v. 8 8ext. t. IV v. 412 II. 11). Auch wurde seine Passiv auf einen anderen klm-larms übertragen. doch wieder Luther zur Milde gestimmt, und Luther hatte versprochen, an den Papst zu schreiben; er stand aber davon ab, als die Bulle veröffentlicht war. Auf vieles Zureden des Miltitz und der Vermittlungspartei schrieb Luther schließlich doch an den Papst Leo X. Der Brief muß nach dem 13. Oktober 1520 geschrieben sein; Luther setzte aber das Datum vom 6. September darunter, um die Bulle unberücksichtigt lassen zu können. Er fügte dem Schreiben seine mildeste reformatorische Hanptschrift (seine dritte: ,Von der Freiheit eines Christen- meuscheM) bei. Trotz aller Milde und Unterwürfigkeit im Briese bleibt er doch in Bezug aufs Schriftprincip fest. Nicht gegen die Person des Papstes habe er etwas Böses vorgenommen, sondern nur den „Römischen Hof" habe er angetastet, und „umb des göttlichen Wortis Wahrheit willen" sei er angetreten. In allen Dingen wolle er jedermann gern weichen, aber „das Wort Gottis will ich und mag ich auch nicht verlassen noch verleugnen". Er vergleicht Papst Leo mit Daniel in der Löwengrube und Ezechiel unter den Skorpionen: Dem römischen Hof sei nicht zu helfen, darum .hab ich ihn veracht, ein Urlaubsbrief gcschcukct und gesagt: Ade, liebes Nom, stink fortan, was da stinkt, und bleib unrein für und für, was unrein ist (Offenb. 22, II); hab mich also begeben in das stille gerügt Studieren der Heiligen Schrift, damit ich forderlich wäre denen, bei wilchen ich wohnet? Kolde steht in dem Hange Luthers, den Wünschen der Vermittler und Freunde soviel als möglich Rechnung zu tragen, mit Recht etwas „Melanchthonisches". Sicherlich wird einiges von Luthers Milde und Nachgiebigkeit in dieser Periode wie auch später auf die Rechnung von MelanchthonS Einfluß zu schreiben sein, mit dem Luther ja immer inniger befreundet wurde; denn wie konnte er an den Papst so schreiben, wo er doch wenige Tage vor-, her in einem Brief an Spalatin sagt, daß der Papst der Antichrist und der Sitz Satans (!I) sei. Luther ist eigentlich nur zu entschuldigen, wenn wir bedenken, daß er das Datum um fast zwei Monats zurückrückte und sich gewissermaßen in seine damalige Anschauungsweise hineinzuversetzen suchte. Daß Luthers Forderung eigner Schriftsorschuug auch von den Laien und seine eigne rastlose Thätigkeit in Schrift und Wort schon damals segensreiche Früchte getragen, beweist sein aus jener Zeit stammender Brief an Hicron. Mühlpfort, Stadtvogt in Zwickan. Leos gegen Luther erlassene Bannbulle Lxsui-Ao Vowinv enthält übrigens eine schlagende Bemerkung über Luthers Stellung zum Concil: „trnstra. otiarn Loiigilii auxilium iviploiavit, ebensoviel von der Schrift als die Gans vom Psalter". Zugleich erneuerter seine Appellation an ein Concil (vom Jahre 1518) am 17. November 1620: Durch die Schrift wolle er sich überwinden lassen, denn „des Papstes Gewalt steht nit übir noch wider, sondern für und unter der Schrift" — das kann er nicht genugsam betonen. Wenn man es so macht, wie der päpstliche Stuhl es bisher gethan, dann dürfe bald niemand mehr Christum bekennen, denn der Papst Leo X. fliehe und verleugne Gott und Gottes hl. Wort, mache sich unerhörter Gotteslästerung schuldig und sei ein .verstockter, irriger, in aller Schrift verdammter Ketzer und Abtrünniger', ,ein Feind und Widersacher der ganzen heiligen Schrift'. Darum überläßt er ,den Papst und allen päpstlichen Haufen dem jüngsten Gericht'. — Damit schließt die Appellation. (Im lateinischen Text, der im ganzen etwas milder gehalten ist, fehlt der Schluß.) Schärfer konnte Luther kaum noch gegen den Papst vorgehen." Die „Neue kirchliche Zeitschrift" erscheint in Erlangen und Leipzig; sie wird herausgegeben von Gustav Holzhäuser, Gymnasialprofcssor in München, in Verbindung mit Oberconsistorialrath v. Buchrnckcr in München, den Universitäts-Professoren Caspari, Ewald, Sccberg, Schling, Zahn in Erlangen, dem Kirchcnrath Schlier in Hersbruck, dem Consistorialrath Stählin in Bayrenth u. a. Wir werden kaum irren, wenn wir annehmen, daß Pastor O. Uudritz in Reval, der Verfasser der Abhandlung, welcher der mitgetheilte Abschnitt entnommen ist, mit den angeführten Aeußerungen Luthers nicht allzu unzufrieden ist. Diese unsere Annahme stützt sich darauf, daß er die „unterstrichenen" kräftigen Stellen „unterstrichen" hat, wohl zu dem Zwecke, die Aufmerksamkeit des Lesers darauf besonders zu lenken. Wir wollen ihn deßhalb nicht tadeln, wohl aber müssen wir rügen, daß er das Schreiben Luthers an den Papst durch Ver- > schweigen so sehr „gemildert" hat, daß er uns das Ehe- ' recht, welches Luther in seiner „mildesten reformatorischeu ' Hanptschrift" aufstellt, nicht bekannt gibt. Die „Milde und Nachgiebigkeit", die Demuth und Wahrheitsliebe Luthers, die Reinheit seiner Lehre und ihre Uebereinstimmung mit der Heiligen Schrift wäre dann noch sichtbarer zu Tage getreten. Doch begnügen wir uns einstweilen mit dem Gebotenen. Die Gegner Luthers sind „römische Buben", der Papst der Antichrist, Leo X. ein „verstockter, irriger, in Waller Schrift verdammter Ketzer und Abtrünniger", „ein Feind und Widersacher der ganzen Heiligen Schrift". Luther ist zu entschuldigen, weil er das Datum um fast »zwei Monate zurückrückte! Und wenn er anders au Spalatin und anders au den Papst schrieb, so wollte er eben damit darthun, daß er wirklich auch „anders könne"! Er handelte da ähnlich wie der „milde" Mclanchthou. Am 6. Juli 1530 sagte er dem päpstlichen Legaten Campcggio in Augsburg: „Wir haben kein Dogma, welches von der römischen Kirche verschieden ist". Fünf Wochen später nannte er in einem mit den anderen sächsischen Theologen abgefaßten Gutachten für den Kurfürsten von Sachsen den Papst „einen Antichrist". Es ist kein Zweifel, Luther und Melanchthou verdienen die höchste Anerkennung! Die Schristwortc dürfen nur im Sinne Luthers verstanden werden; seine Gegner '„wissen von der Schrift ebensoviel wie die Gans". , Luther „saß in der Schrift", seine Gegner aber draußen, außerhalb der Schrift, deßhalb war ihm der Brief des hl. Jakobns so verhaßt; denn in diesem stehen die Worte: „Also auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, ist er todt an ihm selber". Wie trefflich weis; er Offenb. 22, 11 anzuwenden! Warum hat uns Undritz die Schriftgrnnde nicht mitgetheilt, mit welchen Luther sich vertheidigt hat? Wir wären ihm so dankbar dafür. Vielleicht möchte einer oder der andere bei sich fragen, weßhalb wir jetzt diese Dinge zur Sprache bringen. Hierauf haben wir zu antworten: vor wenigen Tagen glaubte sich das hessische Oberconsistorium über Schmähungen Luthers beklagen zu müssen; dem Beispiele desselben folgte sofort die Gcneralsynodc in Bayrenth. Die „Allgemeine Zeitung" vom 23. ds. Mts. erwartet von der hessischen Staatsregiernng die Zurechtweisung eines „bischöflichen Fanatikers". Nach lutherischem Bekenntniß ist der Papst der Antichrist, sind seine Glieder oder Anhang des Antichrists Reich und zu verfluchen! Hierin liegt selbstverständlich keine Schmähung des Papstes, der katholischen Kirche vor! Sollten die Mitglieder des hessischen Oberconsistorinms, der bayerischen Gcneralsyuode die Schriften Luthers, die lutherischen Bckenntuißschrifteu nicht kennen? Au die „Allgemeine Zeitung" möchten wir die Bitte richten, sie möge nachweisen, daß die Beschuldigungen, welche „der bischöfliche Fanatiker" gegen Luther erhoben hat, der Wahrheit entbehren. Mit bloßen Schmähungen werden Anklagen nicht widerlegt. Die deutsch-französischen Allianzen im 18. und 19. Jahrhundert. (Fortsetzung.) Einem solchen Mann - trat die polnische Erhebung entgegen, ihm, der eine Autokratie repräsentiern wollte, die nicht einmal in Persien und China ihre? Gleichen haben sollte und auch hatte! Man sagt, daß au der Newa, Wolga und Moskwa heute noch Dinge sich ereignen, die in Europa „unmöglich" gewesen wären. Die Mißhandlung und Niederwerfung des aufständischen Polen bietet das „Unmöglichste", das, nm nur vom Araktschcjew- schen Systeme der Militärkolonicn zu reden, an die Institutionen der Baktrer und Meder erinnert. Die Kriegführung lag in den Händen des Großfürsten Constantin, dessen Nohheit schon den Erfurter Congreß in Erstaunen gesetzt hatte, und der sich — offenherzig genug — selbst für unfähig zur Regierung eines modernen Staates erklärte! Wie rasend durch das fließende Blut wüthete er mit pathologischer, an Iwan den Schrecklichen erinnernder Grausamkeit, deren Schilderung das 19. Jahrhundert cr- röthcn macht. In diesem Verwüstnngskampf fand Polen die volle Sympathie Frankreichs, während Preußen sich fast feindlich erwies und Englands Sympathie, wie immer, so groß war als der Prozentsatz von den Erzeugnissen des polnischen Landes und die Furcht, daß diese Abnahme- quelle von den Feinden Polens vernichtet werde. In Paris dagegen organisirie sich sofort unter lebhafter An- theilnahme des katholischen Klerus eine Polenpartei, welche sich der Protektion des Franziskaner-Priesters Fcrro, des Bischofs Dupanlonp, des Grafen Monta- lembert und nicht minder der französischen Jesuiten erfreute. Mitglieder des freien polnischen Comitos, dessen Zweck in Geldsammlnngeu sür die polnischen Emigranten 410 bestand» waren: Herzog d'Harcourt, Lafayctte, der Held zweier Welten, Marquis Noailles, Titlet nnd Graf Branicki. Schon 1831 begannen auch die französischen Logen, so die Prinitv inckivisiblo in Paris nnd Voritrm zu Rauch, sich lebhaft der armen Polen anzunehmen. Die Loge „Orient" zn Poitiers stellte unter dem Vor- wand manrerischer Bruderpflicht den polnischen Emissären, die nach Rußland gehen wollten, falsche Pässe aus. Auch der Prätendent Napoleon nahm das Anerbieten der Polen- führer Soltyk, Ostrowski nnd Lcdowicki an, sich an die Spitze der polnischen Armee gegen Rußland zn stellen; aber soeben — war Warschau gefallen?) Auch Lucian Bonaparte war nebst dem polnischen Aristokratenführer Czartoryski und dem edlen Dndley Stnart, einem Engländer, zum polnischen Throncandidaten ansersehen. So konnte schon 1833 ein polnischer Reichstag in Paris abgehalten werden. Auch die meisten polnischen Revolnttons- schriften wurden in Paris gedruckt, so 1861 noch die Schrift: „Exerciren des Sensenmanns" (bei Renou L Maulde). Ein großer Schlag für die Hoffnungen der Polen war der Tod Lafayette's, der seine Epauletten nnd sein Vermögen der polenfrenndlichen Loeiütv äaa ökuclcw hinterließ. Daß Paris, das Asyl der hingeschlachteten Polen, für den Zaren Nikolaus ein Stein schweren Anstoßes war, ist begreiflich; fast noch mehr regte ihn die Nachricht von der Julirevolution (1830) in Paris auf. Einige Tage fürchtete man für den Verstand des Wüthenden. Es erging eine Rnstnngsordre an die Armee, die bald widerrufen, dann wieder erneuert wurde. Der Kaiser war in unbeschreiblicher nervöser Aufregung; eine harmlose Französin, Vorleserin der Großfürstin, die ihm in jenen Tagen zufällig in den Weg kam, mißhandelte er thätlich und schrie sie an: „Ihre Landslente machen schöne Sachen. Diese verdammte Rasse will wieder die Ruhe der Welt stören!" Als er hörte, daß die Grenadiere der k. Garde tapfer kämpfend der Revolution Widerstand geleistet hätten und gefallen seien, rief er aus: „Ich wollte jedem von ihnen ein goldenes Standbild errichten!" Das Heer, das er in diesen Tagen inspizirte, rief ihm zu: „Paris! Paris!" Einen Beamten, der die Gedichte des Franzosen Victor Hugo übersetzt hatte, setzte er ab. Allen russischen Reisenden ward bei schwerer Strafe der Aufenthalt in Paris untersagt?") Um den König Louis Philippe persönlich zr reizen, plante er, seine Tochter Olga mit dem Herzog von Bordeaux zn vermählen, der den Titel eines Herzogs von Moldau bekommen nnd in Petersburg wohnen sollte. Das Projekt zerschlug sich jedoch und störte nicht im mindesten die Gemnthsruhe Louis Philippe's, der wohlgemuth mit seinem philiströsen Regenschirm in Paris herumspazirte nnd die Wonne der Banquiers und der Großfinanz genannt wurde. „Redet diesen Leuten nicht von Ehre," rief Chateaubriand; „die Rente würde um 10 Centimes fallen!" Bald war auch die letzte Fieberhitze der Julirevolution „calmirt" worden, nnd eitel Friede herrschte überall; in Preußen und Frankreich tanzten die reizenden Füße der berühmten Taglioni alle leidige Politik hinweg. Es war eben in Deutschland jener colossale Umschwung in der politischen Anschauung eingetreten, der in so wenigen Jahren selten in der Geschichte der letzten beiden Jahrhunderte zu beobachten war. Der körperlich nnd geistig etwas mich Vertheidignugsrede Laity's dem Gerichtshof zu Paris. Koschelew's Memoiren. vom 9. Juli 1838 vor saubere Turnvater Iahn hatte noch gelehrt, der bloße Unterricht in der französischen Sprache sei eine Sünde gegen den hl. Geist, zwischen Deutschland und Frankreich mühe man einen Urwald, bevölkert mit Elenthieren und Auerochsen (!), pflanzen; Deutschland und Frankreich dürsten sich nnr wie zwei wilde Thiere hinter Menageriegittern ansehen. Freilich wurde, der dies schrieb, der „gereinigte Eulenspiegel" des (fast verschollenen) Arndt von seinen Anhängern genannt; lachend geht die Weltgeschichte über ihn zur Tagesordnung über. Eine Sage geht, er habe sogar ein Haar von Blüchers Schimmel als Talisman gegen die bösen Franzosen bei sich getragen. Und wenige Jahre darauf! Welcher Umschwung in Deutschland! Paris ist das Mekka der Revolution, der Dichter, Künstler, Musiker und Schriftsteller. Mit welchen Lobcshynmen überschüttet Heine die Franzosen, und mit welch' plumpem Ungeschick secnndirt ihm Börne l Wenn es damals in Paris regnete, spannte man in Deutschland allenthalben die Regenschirme auf. Die Jenenser Universität schickte eine Deputation au Louis Philippe, tönende Artikel im „Westbotcn" und der „Rheinischen Tribüne" erschienen. Das in Polhpcuschlaf versunkene deutsche Volk rieb sich schlaftrunken die Augen und schaute verzückten Blickes nach Paris. Freilich war der preußische Hof, von Nikolaus I. aufgestachelt, etwas unschlüssig, wie er sich zur Juli- revolution verhalten sollte. Friedrich Wilhelm III. liebte, wie der marmorkalte Dichtergreis Goethe, das Vornehm- Ruhige, Aesthetisch-Gclänterte; alle Bewegung und Unruhe, jedes Echanffement war ihm verhaßt. „Calmiren" war sei» Lieblingswort; „calmirt" wurde aber auch der noch sehr jugendliche preußische Kronprinz, der einen Toast auf Frankreich ausgebracht hatte?') Auf Vorhalt des Königs sagte er, er gäbe 10,000 Thaler darum, wenn er geschwiegen hätte. Ungewiß ist, ob das Project des Herrn v. Nagler, welcher aus Anhängern des vertriebenen Karl X. in Saarlouis, Köln, Trier nnd anderen rheinischen Städten ein eorpo ä'espiouaZs mit Neuigkeits- bureaux errichtete, wo Briefe nnd andere Sendungen der französischen Regierung erbrochen wurden, die Billigung Preußens hatte. Jedenfalls bestand es nicht lange. Die französischen Stimmfnhrer jener Periode — wir nennen nur den früheren Samt-Simonisten Charles Dnveyrier oder den ritterlichen Sohn Louis Philippe's, welcher deutsche Schriftsteller im Original las — waren große Deutschenfreunde, so daß Edgar Qninet, selbst seinem Temperament nach ein Deutscher, ein Buch „I,a, Bontomanis" schreiben konnte. Heine nnd der gespenstische Amadens Hoffmann, der die romantische Poesie auf den Gipfelpunkt des unheimlich Grauenhaften und daneben mystischer Verzücktheit trieb, ein Mann, der wie Heine au erotischem Wahnsinn litt, waren damals die beliebtesten Modeschriftsteller der französischen feinen Lesewelt. Die Minister Louis Philippe's waren alle deutschfreundlich, so besonders der etwas philiströse, grundgelehrte Guizot. Nur einmal zeigte er sich gegen die russische Regierung schwach, als nämlich Graf Orlow den Antrag stellte, den „Vater der Nihilisten", Baknnin, den Fanatiker der Revolution, der auch 1847 auf dem Polenbankett in Paris eine große Rede gehalten hatte, aus Frankreich auszuweisen; Guizot gab nach. Es war dies derselbe Baknnin, der durch seine an Wahnsinn streifenden Theorien alle Verschwörnugs- bünde, die ihn aufnahmen, in Verlegenheit brachte, der ") Rochow, Briefe S. 38 (Leipzig 1871). 411 von seinen Anhängern verlangte, sie müßten den Tenfel im Leibe haben, — dasselbe, was ein anderer Nüsse, Rubinstein, von dem Musiker verlangte — der 1870 die socialdemokratischen Arbeiter aller Länder zum Schutze gegen Frankreich aufrief. Um zum Abschlüsse eclatant zu beweisen, wie groß damals in Deutschland das Entgegenkommen gegen Frankreich war, citiren wir nur die „Halle'schen Jahrbücher" unter Arnold Ruge's Redaktion; auch Bakunin war uuter dem Pseudonym „Jules Elizard" Mitarbeiter. „Alles Heil kommt von Westen, kommt von der Metropole Paris", so lautet ein Artikel; „wir Deutsche müssen den theoretischen Hochmuth ablegen und — wahre Franzosen werden." Die Artikel waren sehr gut gemeint und noch besser aufgenommen. Zu keiner Zeit im 19. Jahrhundert umgab Paris und die Franzosen ein höherer Nimbus. Selbst Componistcn, die in Frankreich keinen Anklang fanden, wie Berlioz, der geniale Vorgänger Wagners, der unerhörte Meister der Instrumentation, kamen nach Deutschland, um berühmt zu werden, und — Berlioz gelang es. Umgekehrt fühlten sich alle deutschen, an Weltschmerz und vielfach auch an Talcntlosigkeit leidenden Prätendenten auf den literarischen oder künstlerischen Parnaß nach dem „Seinebabel" hingezogen. Selbst Richard Wagner, den man für einen Teutomanen halten möchte, wenn er nicht selbst in einem Briefe als sein höchstes Ideal die Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich bezeichnet hätte, selbst Richard Wagner, der jedenfalls der Pariser Oper und Pariser Einflüssen mehr verdankt als mystischem, urgermanischem Götterzauber und den Riesenochsen der Göttin Freya, selbst Richard Wagner pilgerte nach Paris, und lange war er in diesen Venus- berg gebannt. In der Gegenwart sucht umgekehrt die recht alt gewordene Sarah Bernhardt in Paris ihren vergilbten Ruhm dadurch wieder aufzufrischen, daß sie, breitspurige chauvinistische Politik treibend, Deutschland meidet, dagegen Rußland mit ihren hysterischen, nn- küustlerischen Fratzen in Entzücken zu versetzen sucht. Es ist dies, wie gesagt, kein Symptom der Zeit, sondern nur gewissenloser Gcschästskniff. Auf diese Art gänzlich isolirt, von Frankreich gehaßt, von Deutschland beargwohnt, sah Nikolaus I. seine Riesenpläne scheitern, und um das Maß seiner Enttäuschungen voll zu machen, mußte er noch den Krimkrieg erleben — oder vielmehr daran sterben. Ja, Nikolaus I. ist ani Krimkrieg und an Napoleon III. gestorben ! Nicht an Gift oder Dolch oder Arzneien — sein Leibarzt von Mandt galt zwar als sein gedungener Mörder — nicht an einer unsichtbaren Krankheit, wie man in Rußland meinen sollte, dem klassischen Lande unerklärlicher und seltsamer Todesfälle, wo selbst die feste Erde nichts ist als ein beweglicher Theaterboden mit unsichtbaren Fallthüren, durch die man verschwindet, nein, Nikolaus starb aus Groll über die Niederlage der russischen Waffen. Der Krimkrieg war aber nicht nur der Nagel zum Sarge des Zaren, er war, wie die napolconische Invasion 1812 der erste, nun der zweite, erneute Impuls für die neu erwachende nihilistische Bewegung, die nun keck ihr Haupt erhob. Man kann also die beiden gekrönten Napoleons als die unbewußten Urheber des russischen Nihilismus bezeichnen, jener chronischen Krankheit, welche den russischen, ohnehin von Krcbsgeschwürcn zerfressenen und von tiefgreifenden Leiden durchtobten Riescnleib zu zerfressen droht. Wer war Napoleon III., der Nikolaus I. zu Fall brachte? Nach dem Republikaner Victor Hugo, dem großen Dichter mit den kurzen Sätzen und cnriosen Skd- jektiven, der ein Buch „Napoleon der Kleine" schrieb, „ein Missethäter der scheußlichsten und niedrigsten Art, der 40,000 Bürger proscribirte, 10,000 dcporlirte, 60,000 rninirte, der 25 Millionen aus der Bank stahl, der Meineide schwor, wie ein Gauner sein Mandat erschlich, das Scrntininm fälschte, der einen mysteriöseil Antheil an einer Goldstangenlotterie hatte, Schacher mit Eisenbahnconccssionen t»eb, das Budget durch Ukase regelte, alle Gesichter schamroth machte, eine knabenhafte, theatralisch eitle Persönlichkeit, ein Hundsf.. ., der sich benimmt wie eine linkische Somnambules!), ein Enmich, Trödler, mittelmäßiger Flüchtling (sie!), die moralische Cholera, ein kothbeschmntztes Ferkel, der Mann der Fallstricke, ein Zigeunerkönig." So meint Victor Hugo; die Weltgeschichte ist maßvoller, kann aber nicht viel Besseres von ihm sagen; denn die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hat dieser Mann gemacht. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Jahrbuch des Historischen Vereins Dillingen IX. Jahrgang. 1896. Das Interesse, das den bisherigen „Jahresberichten" des Historischen Vereins Dillingen entgegengebracht wurde, wird durch die Publikation vorliegenden „Jahrbuches" jedenfalls noch gesteigert werden. Ueber 250 Seiten desselben sind aus historische Aufsätze und die Berichte über prähistorische Funde aus den vom Verein veranstalteten Ausgrabungen verwendet. In den „quellenmäßigen Beiträgen" behandelt Dr. Dürrivächter nach Dilliuger Manuskripten die Frühzeit des Jcsuitendramas. Mit Recht betont der Verfasser, daß es ein Irrthum ist, wenn man dieses Gebiet der Literaturgeschichte, wie es meistens geschieht, für öde und unfruchtbar hält. Eine gute Vorarbeit für eine Geschichte der Universität Dilliugen bietet die von K. M. Mayer zusammengestellte ssriss rsetorum der Anstalt im ersten Jahrhunderte ihres Bestehens. In das kunstgeschichtliche Gebiet führt uns A. Wagner in seinem Aus; atze über den Lauinger Maler Mathis Gernng c. 1500 bis c. 1569 (mit 2 'Bildern desselben in Autotypie und Lichtdruck). Nach Manuskripten der Münchener Staatsbibliothek und der kgl. Bibliothek in Stuttgart veröffentlicht M. König die bisher ungedruckte, von Stadtpfarrer Heinrich Lur in Dillingen gehaltene Gedächtnißrede auf den Cardinal Peter von Schaumberg. I. Baulicher gibt einen Neberblick über die ehemalige Benediktinerabtei Echeubrunn. 1672—1773 war Echen- brunn eine Filiale des Jesuitencollegiums in Dillingen. Dankbar wird von den Historikern der ReformationsPeriode begrüßt werden die von Dr. Schröder veranstaltete Veröffentlichung der Correspondenz über die Verkündigung der Bulle „UxnrKs Domino" durch Bischof Christoph von Augsburg. Aus dieser Correspondenz von Ende Oktober bis Ende November 1520, die sich im Augsburger Ordiuariatsarchiv befindet, ergibt sich, daß nicht der Bischof, wohl aber das Domcapitel, besonders die beiden Brüder Adelmann, principielle Bedenken (Parteinahme für Luther) gegen die Veröffentlichung der Bulle wider Luther hatten, und daß von letzterer Seite die Verzögerung der Publikation, herrührt. Bei Bischof Christoph war für seine Stellungnahme weder eine Hinneigung zu Luther (Strichele, Roth) noch Eifer für die Reinerhaltung des Glaubens (Veith, Wiedemanu, Haas, Licr) irgendwie maßgebend; sein Standpunkt war vollständig der eines Realpolitikers. Unter den „Llisesllanon" finden sich meist Mittheilungen zur Geschichte der Universität Dilliugen. Was die Ausgrabungen betrifft, so tonnten diese, Dank der finanziellen Unterstützung von mehreren Seiten, in größerem Umfange als bisher vorgenommen werden und ergaben dieselben sowohl auf dem fränkisch-alamanischen > Gräberfelde bei Schretzheim und in den Hügelgräbern bei > Kicklingen als auch in der römischen Kolonie zu Faimingen 412 reiche Fuudergebnisse (vgl. die Lichtdrucktafeln 3 und 4). Ein Theil der im Museum des Vereins aufbewahrten Gegenstände wurde zur Ausstellung prähistorischer Gegenstände in Nürnberg geschickt und zogen dort besonders die großen Bronze-Cisten das allgemeine Interesse auf sich. Das Museum, die Bibliothek und Münzsammlung erfuhren werthvolle Bereicherung. Das Vereinsleben war ein reges: die Mitgliederzahl ist gewachsen (ca. 270 Mitglieder), als Ehrenmitglied ist Se. bischöfl. Gnaden Herr t)r. Petrus von Höhl in Augsburg beigetretcn: die acht während des Jahres in den Versammlungen gehaltenen Vortrage behandelten meist lokalgeschichtliche Themata. So ist der Dillinger Historische Verein blühend und erstarkt und auf allen Gebieten seiner Aufgabe gewachsen in sein 10. Arbeitsjahr eingetreten. Leider hat derselbe am Schlüsse des Wintersemesters 1897 seinen trefflichen 1. Vorstand, der den Verein aus allen seinen Arbeitsgebieten sehr gehoben hat, den Herrn Lycealprofessor Dr. Schlecht, verloren. Möge der Verein auch unter der neuen Vorstandschaft des Herrn Gymnasiallehrers Harbaucr in der bisherigen schönen, harmonischen Weise weiterblühcn! Rckw. Der Zerstörungsgeist der staatlichen Volksschule. MaiiiZ 1897, Franz Kirchheim. (Hill und 231 Seiten.) Peis geheftet 1 M. 80 Pfg. Dieses Buch wendet sich, wie es im Vorwort heißt, an die gläubigen Christen beider Konfessionen und will „nichts anders, als klar und unumwunden jene Grundsätze sammt deren logischen Forderungen darlegen, welche vom christlichen Standpunkte aus für die Beurtheilung der Volksschule maßgebend sind: Grundsätze, in welchen alle gläubigen Christen einig sind und sein müssen, wofern sie ernstlich über die Sache nachdenken". Mit einem ungcmein klaren, anziehenden Stil verbindet der Verfasser einen staunenswerthen Reichthum origineller Gedanken, deren zwingenden scharfen Logik sich Niemand entziehen kann, der noch an die Gottheit Christi glaubt. Mit diesen Zeilen möchten wir unsere Leser, vorab den bochw. Klerus, Eltern und Erzieher auf das lcsenswerthe Buch aufmerksam machen. Glücklicherweise haben wir in Deutschland noch nicht die religionslose Volksschule wie in Frankreich und Italien, die schon jetzt ihre fluchwürd- ^ igen Früchte zeitigt. Die deutschen Staatsmänner haben " den Socialdemokraten und Anarchisten noch nicht den Gefallen erwiesen, damit ihren Tendenzen vorzuarbeiten. Aber in deni unseligen Culturkampf ist nach dieser Richtung ein gewaltiger Schritt geschehen. Darum hat der Verfasser auch die den Ausschlaa gebende Frage des deutschen Reichskanzlers Caprivi: „Christlich oder atheistisch?" als Motto an die Spitze seines Buches gesetzt. Der Kamps um dieSchule steht fast in allen christlichen Ländern der Welt auf der Tagesordnung. Es ist nothwendig, über die Tragweite dieses Kampfes wohl orientirt zu fein. Zu diesem Zwecke kann die angezeigte Schrift empfohlen werden. vr. R Elster O., Die Unterleibsbrüche und ihre Behandlung mit besonderer Berücksichtigung der socialen Gesetzgebung, gemeinverständlich dargestellt. Berlin, Steinitz, 1897. 8", 60 SS. Preis M. 1,50. Knapp und doch eingehend und klar bespricht der Verfasser die Bruchschäden, ihre Verhütung und Heilung, und kommt bei dem sehr häufigen Auftreten dieses Leidens in allen Klassen der Bevölkerung einem starken Bedürfniß entgegen. Besonders verdienstlich ist die besondere Berücksichtigung der socialen Gesetzgebung und der Entscheidungen des Ncichsversichernngsamtcs gegenüber den Ansprüchen vor: Bruchleidenden auf gesetzliche Entschädigung. Das Büchlein zerfällt in fünf Kapitel, von denen das erste Wesen, Arten und Ursachen der Untcrleibsbrüche, das zweite Verhalten in Diät der Bruchkranken, die Bruchschäden und die sociale Gesetzgebung, das dritte die Behandlung der beweglichen Brüche mittels Zurückbringen und Bruchband, das vierte Kapitel unbewegliche, verwachsene und eingeklemmte Brüche und ihre unblutige Behandlung, das Schlußkapitel endlich die operative Behandlung der Bruchschäden mittelst Brnchschnitt und Nadikaloveration bespricht. Die Angaben des Büchleins entsprechen dem heutigen Standpunkt der wissenschaftlichen Medizin und chirurgischen Technik und können allen Bruchleidenden empfohlen werden. Kolberg I., Die Einführung der Reformation im Ordens lande Preußen. Mainz 1897, Frz. Kirchheim. gr. 8°. (IV u. 65 S. M. 1,—. Das Werkchen bietet auf Grund der neuesten Forschungen ein interessantes Bild der großen religiös-politischen Umwandlung, welche sich in Preußen zu Anfang und in der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts vollzog. Theologisch-praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. oder 80 S. gr. 8". Preis ganzjährig 5 Mk. In Commission der Buchhandlung Gg. Kleiter in Passau. Inhalt des 10. Heftes 1897: Zur Lebensver- sicherung der katholischen Geistlichen. — Die Ansspender der Geheimnisse Gottes vor dem Tridcntinum. — Kirch- weihfesttage zu Niederalteich im Jahre 1727. — Der Klerus und die Tagespreise. — Das Beichtgebot vor der Oolsbiaüo missas. — Der Seelsorgsklerus und die Volks- gcbetbücherfrage. — Wie ist das Litanei-Verbot der Riten« eongregation zu verstehen? — Pfarrchronik und Pfarr- beschreibnng. — Amtlicher Verkehr der Lokalkaplaneien (Erposituren). — Stolgebühren der Katholiken in protestantischen Pfarreien. — Wieviel Unterschriften erfordert ein Umpfarrungsgesuch? — Verwendung Schulpflichtiger zum Aufspielen bei Tanzunterhaltungen. — Ein musterhafter Kindergottesdienst. — Eintritt in den Priesterstand ohne Berief. — Die Liturgik nnd die Muttersprache. — Deutsche Bibel. — Beachtenswerthe Kleinigkeiten. — Erlasse der obersten Verwaltungsstellen nnd Entscheidungen der obersten Gerichtshöfe. — Neueste Erlasse und Entscheidungen der römischen Congregationen- — Literarische Novitätcnschau. Charitas. Zeitschrift für die Werke der Nächstenliebe im katholischen Deutschland. Verlag von Herder, Freiburg r. Br. Erscheint, 16 Seiten stark, je am 1. des Monats. Abonnementspreis jährlich 3 M. Inhalt von Nr. 8 des II. Jahrgangs: Der heil. Johannes, der Almosengeber, Patriarch von Alexandricn. — Zum Kapitel Mädchenfchutz. (1. Mädchenschutz auf dem Lande. 2. Der Mariamsche Mädchenschutzverein. 3. Zum kathol. Mädchenschutz im Auslande.) — Oertliche Organisation der freiwilligen Armenpflege für sich und in ihrem Verhältnisse zur Zwaugsarmenpflege. II. — Eine protestantische Stimme über die Bestrebungen der „Charitas". — „Der freiwillige Erziehungsbeirath für schulentlassene Waisen." — Einige Bemerkungen zu Uhlhorns Geschichte der christlichen Liebesthätigkeit. — Kleinere Mittheilungen. (Zweiter Charitastag. Die Thätigkeit der Waisenräthe. Katholische Mäßigkeitsschriften. Der Verein der schlesischen Malteser-Ritter.) — Charitas-Verband für das katholische Deutschland. — Fragekasten, Zusendungen an die Redaction. — Katholische Mäßigkeitsblätter. (Beilage zur „Charitas".) Nr. 3: Medicinisches pro und contra Alkohol. II. — Alkoholgenuß n. Schüler- verbindungen. _ Literarischcr Handweiser, begründet, herausgegeben nnd redigirt von Msgr. Dr. Franz Hülskamp in Münster. 18 Nrn. L 2 Bogen Hochquart für M. 3 pr. Jahr. 1897. Nr. 8. Kritische Referate über InKold Dornet et!o lanxcnisws (Sauer), Arendt Apolo^stioas ds Aso niprcli abilisw o Alpbonsisno dis8ortatic>ni3 a ?. ds OaiAnz? exaratas Orisis (Deppe), Hammer Der Rosenkranz und Barthel Ablässe des Rosenkranzes (Deppe), F u n k Gesammelte kirchcugeschichtl. Abhandlungen (Wurm), Pfeilschifter Theoderich der Große (EM. Kaufmann), öasguet old LnAlizü Lible and otbsr L8sav8 (Bellesheim). Zcißberg Erzherzog Karl, Mein ecke Feldmarschall v.Boyenu. Vandalklnxolöon st Alexandre (Zimmermann), Bau- und Knnstdenkmäler Oldenburgs Heft I (Bröring), Messer Reform des Mainzer Schulwesens 1763—74 (Scidenbcrger). —8 Notizen über verschiedene Nova (Hülskamp). — Novitäten-Verzeichnis;. Werantiv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. -if. 60 . 16. Oüt. 18S7. Aus deu Briefen Jansfens an Pfarrer Andreas Schneider in Berngau. (Fortsetzung.) G Die Frucht des" innigen und vertrauten Freundschaftsverhältnisses zwischen Janssen und Schneider bildet eine größere Anzahl Briefe aus der Feder des Frankfurter Gelehrten mit sehr interessantem, zum Theil werth- vollem Inhalt. Sie gewähren uns einen Einblick in Janssens Schaffen und Dulden, seinen edlen Charakter, seine innige Frömmigkeit und sein nicht zu erschütterndes Gottvertranen. Die Ehrfurcht vor diesem großen Manne, das Staunen über seine ungeheure Arbeitskraft wächst mit jeder Zeile, die das Auge mit Neugierde zu entziffern sucht. Die mitunter schwer leserlichen Züge, oft in der Eile geschrieben, enthalten so Lemerkenswerthe Belehrungen und Aneifernngen zu historischen Studien und Ausarbeitungen für die katholische Presse, scharfe Urtheile und feine Kritiken über kirchliche und politische Borgänge, bittere Klagen über die Leiden der Kirche, daß dieselben beim Lesen unwillkürlich das lebhafteste Interesse wachrufen und man sich nur schwer von ihnen trennen kann. Die wichtigsten Briefe stammen aus den Jahren 1870 bis 78, einer sehr bewegten Zeit, der Janssen bei seiner regen Theilnahme für die Tagesfragen selbstverständlich nicht gleichgültig gegenüberstand. So bildeten die Kämpfe auf kirchlichem Gebiete, namentlich die Nnfehlbarkeiis- frage und dann der in Preußen beginnende Cnltnrkampf, den Gegenstand seiner tiefsten Besorgnis; und seines Schinerzes, der wiederholt in den Briefen an Schneider zum Ausdruck kommt. Doch immer knüpft er die Hoffnung daran, daß Gottes Hilfe zur rechten Zeit erscheinen werde. Sein Vertrauen auf Beistand von oben verließ ihn nicht. So schreibt er aus Niederrad am 1. Juni 1870 seinem Freund: „Auf kirchlichem Gebiete verdunkeln sich die Dinge immer mehr, wenigstens scheinbar. Die Journalisten hetzen immer stärker hüben und drüben, und so dringen die Streitfragen immer tiefer ins Volk. Aus der Schweiz erhalte ich darüber von verschiedenen, gut unterrichteten Seiten sehr traurige Mittheilungen. Dons xroviäeüit." Die Unfehlbarkeit hatte eben die Gemüther in ziemlich heftige Aufregung versetzt. Auch in Janssens Frankfurter Freundeskreisen wurde lebhaft über sie disputirt. Besonders aber gericth durch sie ein gewisser Freund von ihm in Wallung. „N.", schreibt Janssen am 9. August 1870, „ist über die Unfehlbarkeit noch aufgeregter wie jemals, und es ist nicht mehr möglich, mit ihm ruhig darüber zu sprechen. Die Vorgänge auf kirchlichem Gebiet gestalten sich nun so, das; ich wohl nicht mehr als ,Schwarzsehet gelte, wenn ich von Anfang an diese Unfehlbarkeitsfrage als die unglaublichste bezeichnete, von der die Kirche seit Jahrhunderten heimgesucht worden. Am Rheine insbcsonders gehen die Wogen so hoch, daß das Aergste zn befürchten steht. Gott schütze die Kirche." Im November desselben Jahres schreibt er: „Möge Muth und Gottvertranen in uns immer stärker werden. Wir bedürfen dies in einer kirchlich so traurigen Zeit wie die unsrige ist. Nirgends, wohin unser Blick sich wendet, findet er ordentliche Nuhepnnkte, aber man muß in Demuth vor Gott sich beugen." In einem denkwürdigen Briefe vom 23. Juli 1871 aus Niederrad heißt es über die kirchenfeindlichen Bestrebungen Preußens, welches damals die Altkatholiken zur Gründung einer deutschen Nationalkirche verwenden wollte: „Seitdem ich, aus den vielerlei Störungen und Anforderungen des Frankfurter Lebens heilsam befreit, Zeit zur ruhigen Arbeit habe und meine Gedanken aus- dcnken kann, fühle ich mich auch geistig erfrischt und trotz oder vielmehr wegen all der furchtbaren Angriffe gegen unsere heilige Kirche voll gehobenen Glanbensnmthes und größter Glanbcnsfrendigkeit, als ich seit lange gehabt. Preußen spielt ein verwegenes Spiel, das schließlich zn seinem Verderben ausschlagcn muß. Der Bischof von Mainz hat es doch seit Jahren richtig vorausgesagt, daß von Preußen aus der eigentliche Kirchenstreit, gegen den die Wirren von 1837 nur als Kinderspiel anzusehen, werde heraufbeschworen werden. Aber nicht Preußen hat Verheißung, nur die Kirche allein besitzt dieselbe, und der alte Gott lebt noch und läßt sie nicht im Stiche. Möge jeder nur auf seinem Posten stehen, furchtlos, Wenns noth thut, deu Kampf aufnehmen, aber ihn im rechten Geiste führen, ihn nur als Mittel betrachten, ugr den Frieden wiederznerriugen. In Frankfurt gehen die kirchlichen Dinge immer krauser, und man hetzt jetzt sogar von Negicrungswcgen znm förmlichsten Kirchenconflikt. Lvaugelirmutur paupsres. Die weder arm im Geiste noch reich am Guten sind, wollen nichts mehr vom Evangelium hören. Der vierte Stand ist gegenwärtig das eigentlichste Arbeitsfeld für die Kirche." Am 30. April 1871 klagt er in einem Briefe: „Wie gerne würde ich andere Arbeiten vornehmen (als die Reichscorrespondenz, die ihm viel Arbeit und Schwierigkeit bereitete), die auch dem Gemüthe Nahrung geben, wozu ich in dieser in kirchlicher Beziehung so schweren nnd drückenden Zeit tiesinnerstes Bedürfniß fühle. Wie traurig sicht's in dem theologischen Bajn- waricn aus, wo nun allmählich alle Welt, wie ehemals im scl. byzantinischen Reich, im Glauben Geschäfte macht und man an den vielen neuen Kirchenlichtern, dies besonders unter den Vatern der Städte, die Wahrheit, daß den Bajuwaren ,gleich nach den; Biere die Religion kommt', von neuem bestätigt findet. Ich galt bei meinen Freunden seit dem Beginn des Concils als Schwarzseher, und nun kommen die Dinge doch noch schlimmer als ich gefürchtet. Gottlob nur, daß kein Bischof brüchig geworden, aber die Autorität der Bischöfe hat doch bet allen furchtbar gelitten." Doch Janssens Muth wuchs, als er erkannte, daß die Gegner mit ihren feindseligen Plänen zur Gründung einer mit Spreewasser durchsäuerten Nationalkirche schlechte Geschäfte machten und alle Machinationen au der Einheit und Treue der Katholiken einen starken Hemmschuh fanden. Voll Freude schreibt er am 23. Dezember 1871 seinem Freunde Schneider: „Was sagen Sie dazu, daß ich, der so schwarz in die Zukunft gesehen, halber Optimist geworden bin bezüglich der kirchlichen Dinge, trotzdem ich überzeugt bin, es kommt noch Schlimmeres gegen die Kirche als bisher. Mein Optimismus, wenn ich ihn so nennen soll, gründet sich daraus, daß Episkopat und Klerus und Volk so einheitlich zusammenstehen, wie meiner Meinung noch nie in der Kirchengeschichte. Ich habe besonders die Güte des bayerischen Klerus sehr unterschätzt. Daß es doch, trotzdem die Regierung den Abfall begonnen, stützt und bezahlt, nicht mehr Hosemcinncr gibt, als den Bim mit seiner Gesellschaft, ist wirklich so erfreulich, wie ich nichts Aehnlichcs aus der letzten Zeit kenne. Die Altkatholiken können nichts gründen, das hat sich sattsam gezeigt. Gott helfe weiter. — Sehr wichtig ist auch, daß die Herren Preußen in ihrer Rechnung auf ihre aufrichtigen Anhänger unter den Katholiken jetzt gründlich sich enttäuscht haben, das; Dolle Klarheit in die Situation gekommen. xosteriori geschlossen, ist nichts erfreulicher, als daß die gewiß gut gemeinten Wünsche des deutschen Episkopates auf dem Concil nicht dnrchgedrnngen sind. Sie wissen, früher habe ich anders gedacht, aber die Ereignisse haben mich gründlich eines Bessern belehrt. Haben Sie Muth, lieber Freund, wirken Sie recht auch mit der Feder für die ächte Aufklärung des Volkes." Janssens Zuversicht stieg immer mehr. „Die Dinge stehen gut, lieber Schneider, schreibt er am 7. Juli 1872, seien Sie nur ja nicht eutmuthigt; ich hoffe nur, daß der betrunkene Wagenlenker in immer rascherem Tempo weiter kntschire . . ., könnte ich nur mit Ihnen darüber Näheres sprechen. Sie kennen mich schon, daß ich kein Optimist bin, aber zur Zeit, meine ich, stehen die Dinge besser wie je, weil das katholische Bewußtsein, vor allem das katholische Leben so geweckt werden, das wird auch in Bayern kommen. Wäre nur der Ton so vieler Blätter, wie ,Vaterland' n. s. w., ein anderer. Eisern Sie auch Ihrerseits gegen den so gemeinen Ton, der unserer Sache so viel Schaden bringt." „Il taut cias ovociusZ martz-rs, jetzt werden sie kommen." „Welche Gesetzentwürfe, ruft er unter dem Eindrucke der Gesetzgebung des Jahres 1872 und 73 aus, aber besorgen Sie nichts, sie sind bald zu Ende." Es dauerte allerdings längere Zeit, bis sich seine Hoffnung erfüllte. „Seien Sie mnthig", mahnt er am 8. August 1873 seinen Freund, „auch unter den trüben Erscheinungen aus kirchlichem Gebiet; soweit ich beobachten kann, macht der ächt kirchliche Geist unter den Katholiken erfreuliche Fortschritte, wenn sie auch nicht überall schon im äußern Leben sich zeigen — was wächst, macht keinen Lärm. — Im neuen deutschen Reiche gilt fast nichts mehr als Jude und Pickelhaube — alle geistigen Kräfte sind erlahmt. Daran habe ich wahrhaftig keine Freude, aber die größte Freude habe ich an der Einheit unseres Episkopates, an der Energie, an der Treue des Klerus und des Volkes- während auf der gegnerischen Seite die Selbstanflösnng immer raschere Fortschritte macht. Ich sage jetzt, ivas früher Thisscn zu sagen pflegte, .es geht gut'." „Lassen Sie sich in Ihrem Muthe und Gottvcrirancn durch nichts stören. Die Cnltnrkänipfer sind bald am Ende ihres Lateins. Violontoo non ciurant." So schrieb er am 30. April 1874, und er hatte recht. Freilich, die Angriffe auf die Rechte der Kirche dauerten fort und nahmen an Heftigkeit zu, aber Janssen erlebte auch noch den Sieg der guten Sache, und das machte ihm die größte Freude. Janssens Liebe zu seinem deutschen Vaterlande war trotz dieser unseligen Zustände eine recht innige. Vaterlandsliebe und kirchliche Treue bilden eben keine Gegensätze, und sie können auch keine solche bilden, da ja die Kirche die sicherste Stütze für die Staaten ist und den Gehorsam gegen die staatliche Autorität in allen weltlichen Sachen zur Pflicht macht. Auch Janssen hing mit vollem Herzen an seinem Vatcrlande, dessen ruhmvolle Geschichte er wie wenige zu würdigen verstand, und an Anhänglichkeit an dasselbe hat den großen Geschichtschreiber keiner seiner vielen Gegner übertroffen. Welch regen Antheil nahm er nicht an den deutschen Siegen vom Jahre 1870! Hören wir seine eigenen Worte, welche er am 9. August 1870 an seinen Freund schrieb: „Das soll Ihnen, lieber Freund, noch am Abende der Verkündigung des Sieges von Nezonville zufliegen und Ihnen meine herzlichsten Grüße bringen und den Ausdruck meiner Freude über den Erfolg unserer Waffen. Ich weiß, daß auch Sie als guter Patriot diese Freude theilen. Gottlob, nun läßt sich wieder mit ganz andern; Muthe eine deutsche Geschichte schreiben. Auch das Bürgerblut von 1866 ist durch den gemeinsamen Patriotismus und die trotzig mnthige Tapferkeit aller deutschen Stämme gesühnt. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie ich mich über die Bayern freue. Ehre auch Ihrem Könige, .... der jetzt Mann geworden. Ich war gerade beschäftigt, eine neue Auflage meines Schriftchens /Frankreichs Rheingelüste' zu veranstalten, als die ersten Nachrichten unserer Siege von Saarbrücken und Wörth einliefen, und nun ist das.Eiscnstechen wohl nicht mehr nothwendig. Hoffentlich wird mit Napoleon und seiner ganzen Catilinaricrbande gründlich aufgeräumt, und die Franzosen erhalten nun, ihren langen hundertjährigen Wünschen gemäß, ihre ,natürlichen Grenzen', nämlich die Vogesen, zurück. Die schwierigste Frage wird nur sein, mit wem in Frankreich bei den zerrütteten Zuständen des Landes ein dauernder Friede zu schließen ist. Aber Gott wird weiter helfen, und ihr Bayern bekommt Deutsch-Loth ringen (!! was sich allerdings nicht erfüllte), Metz wird Bundcsfestnng." Die Krönung König Wilhelms zum Deutschen Kaiser kam Janssen, der die Entwicklung dieser Frage scharf verfolgt hatte, gar nicht überraschend. Interessant sind seine diesbezüglichen Ausführungen in einem Brief von; 7. Januar 1871, also noch vor der vollendeten Thatsache: „Die Erhebung des Königs von Preußen zum Kaiser liegt meiner Ansicht nach ganz in den realen Verhältnissen, >vie Gott deren Gestaltung zuließ, begründet» und ich stehe ganz auf dem Standpunkte der badischen Abgeordneten, und unterschreibe so jedes Wort in der Ihnen gewiß bekannten Rede von Baumstark. Aber eine andere Frage ist's, ob es zeit- und zweckmäßig war, die Sache jetzt schon aufzuspielen, sie nach Versailles zu verlegen und damit -die Franzosen anf's Tiefste zu beleidigen. Erst nach geschlossenem Frieden auf deutschen; Boden wäre, scheint mir, die Verwirklichung der Kaiser- idee recht an; Platze gewesen." (Schluß folgt.) Die Zerstörung Magdeburgs.") In unserem Aufsätze „Die Wahrheit in der Geschichte" (vgl. 1. Jahrg. S. 257) haben wir den Gedanken ausgesprochen: „Seitdem eine gründliche Geschichtsforschung ... so viele Irrthümer in der Geschichte aufgedeckt hat, kann nur mehr böse Absicht angenommen werden, wenn immerfort die alten Fabeln leichtgläubigen Lesern und unerfahrenen Schülern als geschichtliche Wahrheit vorgelegt werden. Und doch geschieht das leider so viel!" Zu den Unwahrheiten, welche mit Vorliebe in der Geschichte verbreitet werden, gehört auch die, im dreißigjährigen Kriege sei Magdebnrg durch den kaiser- O Aus den; Oktoberhefte der „Wahrheit" (Herausgeber Oe. Kaufen in München, Verlag von Rudolf Abi). 416 lichen General Tilly zerstört worden, und dieser katholische Feldherr habe dabei mit unmenschlicher Grausamkeit verfahren. Eine Hauptqnelle dieser Geschichtslüge ist der Dichter- Friedrich von Schiller, dem viele Geschichtsdarstcller getreulich ihre Geschichte des dreißigjährigen Krieges nachgeschrieben haben, obschon Schiller von sich selber bekennt: „Ich werde immer eine schlechte Quelle für einen künftigen Historiker sein, der das Unglück hat, sich an mich zu wenden. . .." Und das soll Geschichte zur Belehrung für die Jugend sein! Kann aus solcher Quelle die „lautere Wahrheit" geschöpft werden? Gewiß nicht. Die ist auch wohl nicht gesucht worden, sondern eine Partei-Darstellung. Es war ein wohlberechneter Plan, nach einer Seite den der neuen Lehre zugethanen, aus der Nachbarschaft herübergekonnncnen Schwedenkönig mit dem Glorienschein großherzigen Martyriums für eine heilige Glanbenssache auszuschmücken, dagegen den glanbenstrenen deutschen General Tilly, weil er katholisch war und die katholische Sache vertrat, der Verachtung und dem Hasse preiszugeben,. obschon es Thatsache ist, daß dieser die Sache seines Kaisers und Kriegsherrn mit Hingebung und Tapferkeit vertrat, während Gustav Adolf nichts als ein kühner, eroberungssüchtiger Abenteurer war, welcher seine gutgeschulte Armee an der nördlichen Küste Deutschlands gelandet hatte mit der Absicht, den Versuch zu machen, von dem zerrissenen, in sich gespaltenen, seit bereits zwölf Jahren durch eine beutelustige, ob feindliche, ob freundliche Soldateska ansgesogenen Deutschland ein gutes, ihm günstig gelegenes Stück an der Ostsee an sich zu reißen. Ueber 200 Jahre lang hat der Makel, er habe nicht aus taktischer Nothwendigkeit, sondern schier aus Grausamkeit, ohne Mcnschengesühl die Stadt Magdeburg durch Feuer und Schwert zerstört und die Bewohner grausam hingemordet, auf dem edlen Tilly gelastet. Erst in neuerer Zeit sind Darstellungen zu Tage getreten, welche den Beweis führen, daß die Anklage ungerecht, eine böswillig erfundene Verleumdung ist und der Wirklichkeit nicht entspricht. Im Folgenden sott aus denselben ein gedrängter Auszug für unsere Leser gegeben werden, da es ja die nächste Aufgabe dieser Blätter ist, der Unwahrheit entgegenzutreten, um der „Wahrheit" Eingang zu verschaffen. Nach dem sogenannten Nestitntionscdiktc, welches Kaiser Ferdinand II. erlassen hatte, nachdem der Dänenköuig Christian IV. bei Lütter am Barcnberg gründlich geschlagen war, sollten die Protestanten alle Kirchen und Güter, welche sie dem Vertrage entgegen nach Abschluß des Passaner Vertrags im Jahre 1852 sich zugeeignet hatten, wieder herausgeben. Die Forderung war ohne Zweifel gerecht, doch wäre es klüger gewesen, sie nicht zu stellen. Bon dem Edikte fühlte sich auch die Stadt Magdeburg an der Elbe schwer betroffen, denn sie sollte ihren Erzbischof wieder annehmen und die Privilegien, in deren Besitz sie gelangt war, wieder verlieren. Der Brandenburger Prinz Christian Wilhelm, welcher sich als Administrator des Erzbisthnms in den Besitz der zum Erzstifte gehörigen Ländereien gesetzt hatte, wandte sich mit der Stadt an Gustav Adolf um Hilfe gegen Tilly, welcher ihn vertrieben hatte. Gustav Adolf stand mit seinem Heere nur einige Meilen von Magdeburg entfernt. Tilly, mit der Ausführung des Ediktes beauftragt, belagerte in Verbindung mit dem General Pappenheim Magdeburg. Gustav Adolf, anstatt die Stadt zu entsetzen, sandte den Dietrich von Falkenberg, einen erfahrenen Offizier, um die Vertheidigung zu leiten. Es ist mit Recht aufgefallen, daß Gustav Adolf nichts weiteres gethan, um der Stadt zu Hilfe zu kommen. Tilly eroberte schließlich die Stadt und überließ, wie es damals KriegSbranch war, dieselbe den Eroberern zu einer dreistündigen Plünderung. Während derselben brach an verschiedenen Stellen in der Stadt Feuer aus, welches sich weiter und weiter verbreitete und allmählich die ganze Stadt mit Ausnahme einiger weniger Häuser und des prächtigen Domes in Asche legte. Aus der Eroberung und der Weise, wie sie ausgeführt worden, ist nun eine Anklage gegen Tilly erhoben, welche, wie gesagt, Jahrhunderte lang in protestantischen Geschichtsbüchern verbellet und beim Unterricht in protestantischen Schulen ausgenutzt wird, um Haß gegen Katholisches zu schüren. Daß die Anschuldigung eine spätere Erfindung ist und keineswegs aus der Zeit, in welcher das Ereignis; statt hatte, stammt, ergibt sich aus einer Schrift Otto's von Gnerike, des berühmten Erfinders der Luftpumpe, welcher zur Zeit der Katastrophe in Magdeburg Nathsherr war und später daselbst als Bürgermeister an der Spitze der Stadt stand. Derselbe schreibt in seiner „Chronik der Stadt Magdeburg von der letzten Zerstörung der Stadt vom Jahre 1629 bis 1631":') „.Am 18. Mai 1631 sandte Tilly zum dritten Male einen Trompeter mit der Aufforderung der Kapitulation in die Stadt. Da man aber alle Stunden und Augenblicke die Hilfe des Schwcdenkönigs erwartete, lehnte man alle Verhandlungen ab. Aber Gnerike legte die Fortschritte Pappenheims an dem Bollwerke bei der Neustadt als so gefährlich dar, daß man jede Stunde überfallen werden könnte. Darum entsendete der Rath Gnerike an Falkenberg mit dem Auftrage, dieses kund zu thun. Dies geschah am 19. Mai. Falkenbcrg ließ nun den Bürgermeister ersuchen, daß sich der Rath am folgenden Tage, am 20. Mai, morgens um 4 Uhr versammlc, um einen Entschluß zu fassen. „So geschah es. Der Rath sandte drei Mitglieder, unter diesen Gnerike, zu Falkenbcrg, der in einer besonderen Stube des Nathhanses weilte, um mit ihm die Bedingungen zu vereinbaren und mit dein Trompeter Tilly's Gesandte hinansznschi'ckcn. Aber Falkenberg fing an zu reden, sagte, daß jeden Augenblick Gustav Adolf vor der Stadt erscheinen konnte, redete weiter und immer weiter, eine ganze Stunde lang, bis der Rathsherr Gnerike, den die Ungeduld hiuausgetrieben hatte, mit der Meldung zurückkehrte, das; bereits Pappenheims Soldaten in der Fischergasse seien. Falkenberg stürzte hinaus, stieg zu Pferde und eilte in den Kampf, wo er von einer Kugel getödtct wurde. „Falkenbcrg hatte offenbar die Rathsherren irregeleitet. Denn er wußte wohl, daß Gustav Adolf nicht zur Hilfe käme, da ihm der Schwede am 27. April geschrieben hatte: .Wir hoffen, das; ihr Gelegenheit haben werdet, euch selbst in etwas Rath zu schaffen? ') Bedauerlicher Weise ist die Chronik erst 1860 bekannt geworden und gedruckt. Der.Herausgeber Hosfmanu fand die Chronik in Magdeburg. Später fand sich auch in Berlin ein Exemplar, welches sich jedoch durch größere Vollständigkeit von dem ersten Exemplare unterscheidet. In der Magdeburger Ausgabe sind nämlich verschiedene Stellen durchstrichen, welche der Chronist unterdrückt hatte, aus Furcht vor den Schweden, welchen darin die Schuld der Zerstörung zugeschrieben wurde. .. 416 Wie aber schaffte Falkcnberg sich und seinem König Rath? Indem er die Stadt in Brand steckte. Falkcnberg hatte alles wohl vorbereitet. Das Mittel zum Brande war angelegtes Pulver, seine Werkzeuge zur Ausführung ein Theil der Schiffskncchte vom Elbufer. „Es fragt sich nun um das Verhalten Tilly's. Dreimal hatte er die Stadt zur llebergabe aufgefordert, aber umsonst. Am 19. Mai hielt er Kriegsrath. Alle Generale, besonders Pappenheim, drangen auf Sturm am nächsten Morgen, Tilly gab nach mit Vorbehalt des Signals. Am andern Morgen schickte Tilly dem Grafen von Mansfeld die Nachricht, daß er sich anders besonnen, das; er mit dem Sturm noch warten wolle. Tilly gab also das verabredete Zeichen nicht, obschon es schon sieben Uhr war, denn er hoffte noch immer, sein Trompeter werde mit der Unterwerfung der Stadt zurückkehren. Zuletzt verlor Pappenheim die Geduld und ließ stürmen auf eigene Faust. Der Sturm gelang und ebenso der Sturm der Mansfelder im Süden. Im Nu waren sämmtliche Stadtthore vom Feuer ergriffen, und um Mittag brannte die ganze Stadt. Die Sieger aber hausten fürchterlich in der Stadt. „Aber nicht mit Einwilligung oder gar auf Befehl Tilly's! Er suchte vielmehr dem gräßlichen Unglück Einhalt zu thun. Als er die Rauchwolken aufsteigen sah, ritt er eilends in die Stadt hinein und kam bis zum herrlichen Dome, der ganz von Menschen gefüllt war, namentlich von Frauen. Tilly versprach ihnen, für ihr Leben und ihre Ehre zu sorgen, und verordnete eine Truppe zur Bewachung und zum Schutze des Domes. Dann wandte er sich zum Liebfrauenkloster. Tilly rief dem Abt desselben zu, nicht abzulassen, zu retten und soviel in's Kloster zu führen, als er könne. Darauf gelangte er zur Dompropstei, bestimmte dieses Gebäude zur Aufnahme flüchtiger Frauen und Kinder. Weiter eilte Tilly; überall gab er Befehle, zu retten und zu flüchten; denn das Feuer hatte die ganze Stadt bereits erfaßt. Am Abend hob sich erst recht die ungeheure Glnth, die ganze Stadt war ein Flammenmeer. Aoa omnss, st Piilius, Inor^iriLs tunäelmmus. Wir alle, auch Tilly, vergossen Thränen!" Das ist also die Darstellung eines Augenzeugen, eines Protestanten» eines Mitgliedes des Rathes der schwer betroffenen Stadt. Es liegt in dem Gesagten nicht allein nicht ein Beweis für die Anklage gegen Tilly, vielmehr das gerade Gegentheil. Auch läßt es sich nachweisen, daß im 17 . und bis tief in's 18. Jahrhundert hinein eine Anklage gegen Tilly noch nicht bekannt gewesen ist; keine der Schriften aus jener Zeit, welche über die Zerstörung Magdeburgs berichten, macht Tilly für den Brand Magdeburgs verantwortlich. Erst nach dieser Zeit ist die Anklage entstanden und die Sage von Tilly's persönlicher Grausamkeit erhoben. Wie hat aber die Sage entstehen können? Warum, von wem ist die Anklage erhoben worden? Neuere Geschichtsforscher machen Falkenberg, den Vertreter Gustav Adolf's in Magdeburg, dafür verantwortlich und behaupten, derselbe habe auf Anweisung seines Herrn das Feuer angelegt und die Einäscherung der Stadt betrieben. Das Verhalten Falkenberg's scheint Allerdings, auch nach der Erzählung Otto's von Guerike, als räthselhaft und unverständlich; ebenso unfaßlich ist es, daß Gustav Adolf der bedrängten Stadt keinerlei Hilfe gebracht^Hat.^Wcnn wir aber nach der Darstellung deZ Geschichtsschreibers Drohsen annehmen, daß das eroberte Magdeburg für Tilly's Plan von großer Bedeutung war, sobald er es möglichst unversehrt in seine Hände bekam, damit es ihm als Stützpunkt für seine weiteren Operationen diene, daß also Gustav Adolf dahin trachten mutzte, dieses zu verhüten, so liegt es nahe, daß er sich entschließen konnte, die Stadt, deren Eroberung durch Tilly er nicht mehr verhüten konnte, lieber selbst zu zerstören, als in ihr dem Feinde eine wichtige Operations- basis zu überlassen. In solcher Weise sind auch die Worte verständlich, welche, wie Otto von Guerike berichtet, Gustav Adolf unter dem 27. April an Falkenberg geschrieben hat: „Wir hoffen, daß ihr Gelegenheit haben werdet, euch selbst in etwas Rath zu schaffen." Falkenberg hatte alles vorbereitet für die Zerstörung der Stadt, dadurch schaffte er Rath. Dasselbe geht aus einem Schreiben hervor, welches der Reichskanzler Oxen- stierna einige Wochen nach der Zerstörung aus Hamburg geschrieben hat, „weil Gustav Adolf die Stadt ohne Feldschlacht nicht entsetzen konnte, hätte er gern gesehen, daß Falkenberg sie in Brand gesteckt habe". Allerdings durften die unglücklichen Betroffenen keine Ahnung davon erhalten, daß sie das Unheil, welches sie betroffen, ihrem Verbündeten, von welchen! sie vielmehr Hilfe und Rettung erhofft hatten, verdankten. Darum ist vom Anfange an alles angewendet, um den Verdacht von den Schweden abzulenken. Dazu mußte ihm insbesondere die Presse dienen, und zugleich, um Tilly für die Magdeburger Greuel verantwortlich zu machen und um unliebsamen Enthüllungen zuvorzukommen, wurde der Professor Sp anheim in Genf mit dem Material zu den gewünschten Berichten versehen. So entstand 1633 in französischer (!) Sprache die Schrift: „Der schwedische Soldat," worin unter anderem gesagt wird: „Man bemerkt, daß Tilly seit den Magdeburger Greueln in seiner Unternehmung wenig glücklich war. Und gewiß, wenn das, was man beharrlich von ihm erzählt, sich bewahrheitet, so darf man sich darüber nicht Wundern. Denn bei der Plünderung zeigte er ein Tigerherz. Als die Seinigcn die außerordentlichen Grausamkeiten gemeldet hatten, welche verübt wurden, damit er ein Ende mache, antwortete er kalt, man solle noch eine Stunde gewähren lassen, dann solle man wieder kommen. Aber auch nach einer Stunde zeigte er sich noch immer taub und gebraucht Ausflüchte, bevor er zum Rückzüge blasen ließ." „Wenn das, was man beharrlich darüber erzählt, sich bewahrheitet?" Aber, es ist eben nicht ivahr, daß von Tilly derartiges beharrlich erzählt sei. Diese Worte deuten vielmehr an, daß Spanheim, der Genfer Berichterstatter, kaum selbst an die Wahrheit geglaubt und seinerseits Bedenken getragen habe, solche Beschuldigung zu verbreiten. Er hatte nur auf seinen Auftraggeber Rücksicht zu nehmen. Gleichviel! Im Laufe der Zeit ist der verleumderische Bericht Spanheim's als der Wahrheit entsprechend in die läufigen Geschichtsbücher übergegangen und durch diese verbreitet worden. Sonderbar nur, daß deutsche Schriften aus jener und späterer Zeit, auch solche von protestantischen Verfassern, über eine solche Tillysage nicht mehr zn berichten wissen. Für Deutschland blieb Schiller Jahrzehnte hindurch die Haupt- quelle und ist es für nicht wenige, welchen sie in dieser Form eben paßt, noch jetzt. Solche beweisen freilich eine traurige Unkcnntniß der anerkannt gründlichen Erzeugnisse der neueren gcschicht- 417 Wen Literatur. Der ebenso regsame und gründliche, wie unbefangene und einsichtsvolle Historiker Onno Klopp hat in verschiedenen Schriften die Tillysage gründlich behandelt. Daß die Darstellung Schiller's über Lilly falsch und unwahr sei, ist darnach nicht zu bezweifeln. Ferner: der bekannte geschätzte Geschichts- schreiber Nanke, ein Protestant, erklärt es in seiner im Jahre 1872 erschienenen „Geschichte Wallcnsteins" als „sehr wahrscheinlich, daß zu dem Brande von Magdeburg von dem militärischen Befehlshaber, einem Deutschen in schwedischem Dienst (Falkenberg), und selbst von den entschiedenen Mitgliedern des Staatsrathcs eine eventuelle Veranstaltung im voraus getroffen war. . ." Ncberall bat die Ueberzeugung, daß nicht Lilly den Brand von Üllagdebnrg hervorgerufen, sondern daß er durch die Schweden bewirkt und durch eigene Bürger der Stadt gefördert worden sei, so ziemlich allgemein Aufnahme gefunden, seitdem Albert Heifing in seiner Schrift „Magdeburg nicht durch Lilly zerstört" für diese seine Behauptung ein überreiches Material herbeigeschafft und Karl Wittig in dem Qnellenwerke „Magdeburg, Gustav Adolf und Lilly" nach reiflicher Prüfung aller Darlegungen und Berichte von Augenzeugen die Ueberzeugung ausgesprochen hat, daß . . . Lilly „nicht der grausame Wütherich gewesen, als welcher er zwei Jahrhunderte hindurch in der Tradition gelebt" hat. Das Resultat unserer Untersuchung wäre also, daß Magdebnrg nicht durch Lilly, sondern anf Veranstaltung Gustav Adolf's zerstört worden ist. Dr. H. Meurer. Die deutsch - französischen Allianzen im 18. und 19. Jahrhundert. Von V (Fortsetzung.) Frei von den Bizarrerien seines Oheims, aber auch ohne dessen Energie und Kraft, war Napoleon III. ein planloser, ziel- und charakterloser Mensch, jeder feineren Moral bar. Die Hauptschuld des Unglückskrieges 1870 trägt er. Der einzige planvolle und hochbegabte Minister, den er hatte, Drouyn de Lhuys, wurde oft durch Eigenmächtigkeiten, die Napoleon hinter seinem Rücken vornahm, aus das empfindlichste desavouirt. Oft erließ der Kaiser Manifeste, von denen die Ministerien erst aus den Zeitungen erfuhren. *2) Noch 1867 war er daran, eine Allianz mit Preußen abzuschließen, nachdem er 1864 Englands Hilfe gegen dieses Land abgewiesen hatte. Nur Thiers verhinderte oft die ganz verblüffenden Zickzackkurse der kaiserlichen Politik. 1868 noch konnte der Chef des Ministeriums, Emil Ollivier, eine Rede halten, worin er der Allianz zwischen Deutschland und Frankreich auf das wärmste das Wort redete, und kurze Zeit darnach spielten sich die skandalösen Manöverinsulten ab. Kurz vorher hatte man auch Rußland durch den strengen Prozeß gegen Berezowsky geschmeichelt, welcher 1867 in Paris anf den Zaren geschossen hatte. So irrte dieser politische Uhu planlos im Dunkel der Nacht umher, und seine Politik vermochte nur kleine Mäuse und Wiesel zu fangen, aber keinen greifbaren Erfolg auszuweisen. Ja, 2) Leipzig, Dunckcr und Hnmblot, 1872 Anst. 3 S. 148 und 149. Berlin, Enßenliardt, 1846. 0 Berlin 1874, Bd. 1, S. 207. ") Hansen Jules „Oonlissss cks ckiplomatis" (Paris, 1880). etwas Lichtscheues, Eulenartiges klebt Napoleons III. Politik an; er will nicht einmal offen und ehrlich erscheinen, wie sein großer Gegner Bismarck, der durch raffinirte Ehrlichkeit zu täuschen wußte; seine verschleierten, nicht zu enträthselnden Augen sind das einzige Wahre an ihm. — Noch Mitte September 1869 schien der Friede so gesichert, daß die meisten Regimenter nach Aufhebung des Lagers von Chnlons nach dem Westen verlegt wurden. Die Kaiserin reiste damals nach Kou- stantinopel und besichtigte den Harem: in Paris sprach man 4 Wochen lang nur von dem bestialischen siebenfachen Raubmörder Tropmann; für neue Sensation sorgte der Tod des Sonderlings Saint-Beuve, der in Wuth gerieth, wenn ernnr das Wort „Cultus" oder „Kirche" hörte. Niemand ahnte den nahenden Krieg. Nur die Zeitung „Patric" zeigte sich 1869 prcußcnfcindfich; im selben Jahre wurde unter lebhafter Betheiligung von Franzosen ein Ncchtshilfsverein für unbemittelte Deutsche gegründet. Nur über die Anmaßung evangelischer deutscher Pastoren, welche mitten in Paris die französische Sprache als unevangelisch und dem Geiste Luthers widersprechend in den Schulen ausmerzen wollten, eine allerdings große Unverfrorenheit, die auch durch plumpe Be- kehrungsvcrsuche sich verhaßt machten, führte Gaidoz im März 1870 in der „Ikovuocl'instruetion pndligus" Klage. Wie wenig übrigens heute, noch in jüngster Zeit, diese Art Arroganz in Paris Anklang findet, bewies vor einigen Jahren der Beschluß fast sämmtlicher Pariser Künstler, zum Acrger der protestantischen Pastoren die Bartholomäusnacht alljährlich in Paris festlich zu begehen. Doch wollen wir die Schatten des Krieges von 1870, die wir schon heraufbeschworen haben, noch zurückdrängen, um dessen Vorläufer, den dänischen Krieg, in seinen Wechselwirkungen anf Deutschland, Frankreich und Rußland zu betrachten. Nur unbedeutende französische Schriftsteller wie de Bouillß, de Bourgoing und Desprcz interessirtcn sich für die dänische Frage; auch waren 1864 die größten Pariser Zeitungen: „Le Constitutionel", „Le Temps", dessen Redacteur der Elsässer Ncfftzer war, deutschfreundlich. Auch die Snbscription zu Gunsten der Dänen, die 1867 in Paris abgehalten wurde, hatte nicht viel Erfolg; man wußte, wie perfid sich Dänemark gcgcv Napoleon I. bewiesen hatte. In den Jahren 1860 — 1870 war die Stimmung Rußlands sehr wenig auf Seite Frankreichs. 1864 anf 65 wurde als das offiziöse Organ in St. Petersbnrg sogar die deutsche „Petersburger Zeitung" des verdienstvollen Mcycr-Waldeck gewählt, nachdem das französische „Journal de St.-Petcrsbourg" fast keine Leser mehr hatte. Eine ergötzliche Geschichte weiß über diese Prcß- vcrhältnisse derselbe Meyer-Waldeck zu erzählen: Es brach damals in Schweden eine Hungersnoth aus, so daß man Brod aus Baumrinde aß. Artikel hierüber kamen auch in russische Zeitungen; der Censor, Herr v. Pencker, beanstandete nicht das Geringste; nur mußte, statt „Schweden", „Frankreich" geschrieben werden. „Denn", so begründete er dies wörtlich, „mit Schweden stehen wir gut; dagegen über Frankreich dürfen wir alles sagen." Als Meyer ein andermal Napoleon III. den Fiebcrstoff im Blut Europa's nannte (politischer Brandstifter wäre der richtigere Ausdruck gewesen), wurde er zwar dafür gescholten, doch durfte der betreffende Artikel gedruckt werden. Diese und ähnliche Censorenstückchen erinnern an die nikolaitische Zeit 1831, wo das Wort „Polen" nicht gedruckt werden durfte. Daß übrigens 418 Aich die Freundschaft zwischen Deutschland und Rußland nicht allzu intim war, beweist, daß 1862 die nihilistische Zeitschrift des L. v. Blümner in Berlin geduldet wurde. Selbst in den Zeiten der scheinbar engsten Verbrüderung schien ein feindseliges Moment sich störend einzudrängen. So bezeichnet das berühmte „Lustlager zu Kalisch' (11. bis 22. September 1835) den Höhepunkt der Annäherung Rußlands an Preußen, das preußisch-russische Aranjucz, wo die Fürsten bei einem großen Manöver zusammenkamen. Die Preußen glaubten von der Aufnahme entzückt sein zu dürfen; aber man braucht nur Tscherny- schew's, eines russischen Lieutenants, Schmähgedicht auf den Preußcnkönig zu lesen, um die russische Vcrstellnngs- knnst als unerhört zu verachten. Das Machwerk, wegen dessen der Autor zum Flügeladjutanten ernannt wurde, schildert die Fürsten folgendermaßen: Den Zaren: „Wie vom Morgenroth geboren. Wie vom Himmel selbst erkoren." Den „deutschen Zaren" dagegen: „Plump und häßlich, grau von Haaren, Rotbe Nase, gelb Gesicht, Riesenmaul und dünne Arme, Beine, daß sich Gott erbarme, Schmächt'ge Brust und hohle Backen rc (Fortsetzung folgt.) Offenes Antwortschreiben eines katholischen Seelsorgers an einen katholischen, aber wankend gewordenen Freund aus dem Beamtenstande. Du wirfst in Deinem letzten Brief dem katholischen Seelsorgeklerns — ehrenwerthe Ausnahmen willst Dn ja gelten lassen — Förderung des Aberglaubens und der Volksverdummung, Mangel an wissenschaftlichem Streben und konfessionelle Hetze gegen Protestanten vor, machst die Jesuiten für altes Unheil verantwortlich wegen ihrer angeblich einseitigen Theologie und fortschrittsfeindlichen Tendenzen, und meinst geradezu, man müsse sich unter solchen Verhältnissen schämen, katholisch zusein; dabei berufst Du Dich auf das Urtheil hervorragender katholischer Theologen, die dasselbe behaupteten und als Fachmänner doch das alles wissen müßten. Urtheile nun selber, ob Du recht hast mit solchen Vorwürfen! — Um gleich mit den Jesuiten anzufangen, so sind gerade sie es, welche nicht bloß auf theologischem Gebiete, sondern in allen Fächern des Wissens mit an der Spitze marschiren. Vergleiche nur deren „Stimmen aus Maria-Laach" über ihre wissenschaftliche Thätigkeit in allernenester Zeit: über Naturwissenschaft und Physik (L. Dressel, Neueste Messung der Gravitalionsconstante), über Erd- und Völkerkunde und Nationalökonomie (?. Schwarz, Der Werth Afrika's, Concurrenz im Welthandel), über Gesetzkunde und verschiedene Rechtsproblemc (L. Cathrein, Rechtspositivismus u. Socialdemokratie), über Astronomie (?. Müller, Die Sonnenflecken im Zusammenhang mit dem Copernikauischen Weltsystem) usw. Und wer hat das Sonnenspektrum erfunden, womit man jetzt die physikalische Beschaffenheit des Sonnenkörpers erforscht? Der Jesuit L. S ecchi. Neuestens lese ich. daß die Jesuiten in Valkenburg (Holland) für ihre Sternwarte einen Refraktor sich angeschafft, der dein der Berliner Sternwarte an Größe nicht nachsteht, an Construktion aber (aus Aluminium) jenen noch übertrifft: sogar in der Elektrotechnik zeigen sie sich als Meister. Wie sollte also eine Gesellschaft, die so rastlos für allgemeine Bildung und Wissenschaft wirkt, die Geister für eine einseitige theologische Richtung gefangen nehmen wollen und rückschrittliche Tendenzen verfolgen? Das reimt sich doch schlecht zusammen. ^ Und was das wissenschaftliche Vorwärtsstrebeu des Weltklerns betrifft, so ist noch nie soviel für Geschichtsforschung, Literatur, christliche Knust, überhaupt auch für allgemeine Volksbildung geschehen, wie gerade jetzt. Ich erinnere nur au die epochemachenden Werke geistlicher Historiker wie Janssen, Pastor, des Eulturhlstorikers Grupp rc. rc., dann an die uns näher liegenden Special- werke über Diöcesangeschichte, in Franken von Stämmiger, Braun. Amrhein, in Augsburg von Steichele usw., au das Kirchenlexikou von Wetzer und Welte, eine wahre Encyklopädie der Theologie und ihrer Hilfswissenschaften, das Staatslexikou von katholischen Juristen der Görresgesellschaft, ein Werk, um das uns sämmtliche Gegner beneiden. Was ferner die katholischen Gelehrten-Congreffe der Gegenwart für alle Zweige der Wissenschaft, die socialen Eurse katholischer Priester zur Lösung der socialen Frage, die pädagogischen Eurse für das christliche Schul- und Erziehnngswcsen. die geistlichen Präsides in den katholischen Gesellen-, Arbeiter-, Lehrlinas- vereinen für allgemeine christliche Bildung und socialen Fortschritt leisten, ivird Dir doch bisher mcht entgangen sein, sofern Du Dich um diese Dinge kümmertest. Noch unbegründeter ist der Vorwurf konfessioneller Hetze. Wie froh wären wir katholische Geistliche, wenn unsere konfessionellen Gegner uns nur überall in Frieden lassen wollten! Wo bringt eine Katholikenversammlung je etwas Verletzendes gegen Andersgläubige? Dagegen kann z. B. der „Evangelische Bund" oder „Gustav Adolf- Verein" kaum ein Fest abhalten, ohne gegen Rom, Papis- mus, Jesuitismus, Meß- und Ablaßkram u. dgl. loszuziehen. Es ist der reinste Verfolgungswahn, der anf diesen Versammlungen manchmal zum Ausdruck kommt; sogar in Berlin, der Hochburg des Protestantismus, fühlen sich die Rufer ini Streite nicht mehr sicher vor den angeblichen Ansprüchen Roms, des Gefangenen im Vatikan. Sollen denn wir kathol. Seelsorger die Grundsätze über die gemischten Ehen heute ganz verschweigen, damit hiutennach unglücklich gewordene katholische Eheleute uns für ihr Unglück verantwortlich machen und, wie schon oft geschehen, uns zurufen: warum habt ihr uns nicht rechtzeitig hierüber aufgeklärt und gewärmt? Sollen wir das katholische Volk in dem von den Protestanten genährten Wahne belassen, als ob zwischen katholisch und protestantisch kein wesentlicher Unterschiedsei? Was wäre dann die Folge? Daß die Katholiken, besonders die gebildeten, sich allmählig dem Protestantismus als der leichteren und bevorzugteren Religion zuwende». Der gegen uns Seelsorger aus dem eigenen Lager gerichtete Vorwurf konfessioneller Hetze kommt mir im Augenblicke vor wie der Versuch, bei einer ausgebrochenen Revolution die könig streuen Besatzungstruppen zu entwaffnen und in den Kasernen zu consigniren. Nicht urinder unrecht thut mau dem Klerus, wenn man ihm Förderung des Aberglaubens vorwirft. Man darf doch die Ueberspanntheiten einiger französischer Kleriker nicht der ganzen Geistlichkeit znr Last legen! Die Dämonologie (Lehre vom Dasein und schädlichen Wirken böser Geister) ist biblisch begründet und auch von den Protestanten angenommen; der Teufels - mahn jedoch, der überall Teufeleien wittert, hat seinen Sitz weder in der Bibel noch in der kathol. Religion, sondern in dem natürlichen Hang kleiner und großer Kinder zum Geheimnißvollen, Schauerlichen oder auch Abenteuerlichen. Der Miß-Vaughan-Schwindel und der Schwindel mit dem „verkappten Erzherzog" zu Aachen stammen aus einer Quelle. Es sind nicht immer die Dümmsten, die bei solchen Wahnperioden „einfallen", freilich auch mcht gerade die Gescheitesten. So kam vor einigen Jahren auch über meine Pfarrgemeinde eine derartige Wahnperiode. Die Nachtwächter sahen nämlich um die Carnevalszeit eine weiße Frau über die Brücke schleichen, und am anderen Morgen hieß es in der ganzen Stadt: ein schreckliches Gespenst geht hier um! Jeder Tag brachte entsetzlichere Gerüchte: Bürger Hans behauptete steif und fest, der Bürger Kunz habe das feuerspeiende, nach Schwefel riechende grauenhafte Ungethüm durch das Grabengäßchen schweben sehen und sei vor Schrecken fast gestorben. Die Kinder waren bei der Dämmerung nicht mehr aus dein Hanse zu bringen und im Hause nicht mehr in das anstoßende Zimmer. Die Erwachsenen, selbst die verrufensten Nachtschwärmer, gingen nicht mehr allein, sondern nur in Haufen Abends aus und eilten, wie ich mit eigenen Augen sah, flucht- ähulich. wie voir einer unsichtbaren Geivalt gejagt, durch 419 die Straßen. Sogar die Nachbarorte waren von der allgemeinen Panik ergriffen, und die Eisenbcchnschaffner streuten die schauerliche Märe von dem höllischen Besuch nach allen Windrichtungen. Ich schämte mich, von solchem Unsinn öffentlich auf der Kanzel Notiz zu nehmen, in den Schulen geschah alles Mögliche zur Aufklärung — alles umsonst. Erst nach 8—10 Tagen endete die Wahnperiodc. Es war wie eine geistig moralische Pest, gegen die es kein Mittel gibt. Da bekämpfe einmal Einer das Angstgefühl eines Nervenkranken mit Vernunftgründen! Uebrigens ist Thatsache, daß auch die Ungläubigen nicht frei von Aberglauben sind; sie haben ihre Wahrsagerinnen, ihre Klopfgeister, vor allem ihrer: Spiritismus mit Geistercitationen, das genügt. Wären Deine theologischer: Fachmänner gegen den dummer: Teufel Bitru rechtzeitig, d. i. vor dessen Entlarvung und Errvürgnng durch den französischer: Erzgauner Taxil, zu Feld gezogen, so hätte ihr Vorgehen ja einer: Sinn gehabt; aber jetzt — hintcnnach — einer: todten Teufel noch einmal toötzuschlager: und die schreckhafte Leiche den geistlicher: Arutsbrüderr: an die Rockschöße zu hängen, das ist lächerlich. Ich kam: leider Deinen theologischen Cclcbritäter: den Vorwurf nicht ersparen, durch ihre Streitschriften die gebildete katholische Laienwelt vor: der katholischen Kirche mehr oder weniger abgedrängt und sonach das Gegentheil von dem erreicht zu haben, was sie vorgeblich wollten. Sie Haber: die verleumderische Anklage, welche die vereinigten Gegner uns Katholikei: schon seit langem ins Gesicht schleudern, daß wir nämlich eine minder- werthrge Klasse von Staatsbürgern seien und in dem modernen Cultur-staat e:ncn Platz garnicht verdienten, als katholisch-theologische Fachmänner vor aller Welt sozusagen bekräftigt und dadurch bewirkt, daß sich jetzt die edelsten und gebildetster: unter dcn katholischen Laien schämen, katholisch zu sein. Du selbst bist mir ja ein Beweis für diese Behauptung. Aber sollte dein: an den: Vorwurf der Minderwcrthig- keit der Katholiken nicht doch etwas Wahres sein? Warum stellen die Katholiken nicht das entsprechende Eoutiugent zu den Gelehrteucollegien unserer Universitäten? Gestatte mir, lieber Freund, diese Frage an Dich zu richten: Warum erzieht ihr gebildete Katholrken denn eure Söhne nicht so, daß sie später, zu Aemtern und Würden gelangt, ihrer Kirche und Religion zur Ehre und zum Vortheil gereichen? Ja, warum denn nicht? Das katholische Volk und der Klerus thun ihre Schuldigkeit; die katholischen Seelsorger in Stadt und Land führen durch Ertheilnng von Privatunterricht den höheren Bildungsanstalten eine erhebliche Anzahl von Jünglingen zu und haben durchaus nichts dagegen, wenn ihre Zöglinge etwas anderes Tüchtiges werden als Priester: aber sollen sie denn den Bauern und Handwerkern befehlen, ihre Söhne v o:: vornherein einem anderen Stand als den: geistlichen zu widmen? Wie soll man denn die Sache da anfassen? Da scheint mir der Vorschlag im bäuerischen Reichsrath, für katholische Gelehrte Privatdvcentcnstelleu zu gründen, viel'praktischer. Schafft nur einmal die erforderlichen Pferde herbes die Reiter werden dann fchon von selber kommen! Aber gelbst davon dürfen wir heute nicht zu viel erwarten. Man vergesse doch nicht, daß die katholische Kirche als schärfste Vorkämpfern: der christlichen Welta n s ch auun g mit der atheistischen Auffassung, die leider in den Kreisen der Gebildeten bereits stark überwiegt, zur Zeit im heftigsten Kampfe liegt und von: Gegner allgemein als Verd u m m ungsanstalt ausgeschrieen wird. Man kann aber auf gebildete Katholiken erfahrungsgemäß keinen tieferen Eindruck machen, als mit dem spöttischen Hinweis: ihr vertretet einen längst überwundenen Standpunkt, eine Verlorne, gehaltlose Sache, die Sache der Dummheit. Das ist das grobe Geschütz, womit die Vorkämpfer des Atheismus fortwährend Bresche schießen in unsere Reihen. Es gehört für einen gebildeten Katholiken mehr Muth dazu, vor solchem Geschütz Stand zu halten, als vor dem modernen Schnellfeuer eines feindlichen Armeecorps. Ein Held ist Jeder gern, aber kein „dummer Junge". Aber sind denn die Katholiken nicht wenigstens in: Geschäftsleben hinter den Protestanten und Juden zurück, fragst Du weiter? Die Juden laß nur gleich aus dem Spiele; ihre geschäftliche Snpcriorität ist eine Rassenfrage, die nnt der Religion wenig zu thun hat. Was dagegen die Protestanten betrifft, so genießen sie augenblicklich noch in der Welt Schonzeit, solange sie nämlich sich von den Vorkämpfern der atheistischen Weltanschauung als Hilfstruppen gegen den Katholizismus gebrauchen lassen: sie gehören sonach zur Zeit noch zur bevorzugten, herrschenden Kaste im Lande, während die Katholiken im Allgemeinen als die Parias gelten. Wen:: daher die Katholiken wirthschaftlich nicht so emporkommen wie die Protestanten, so ist das vielfach die Folge planmäßiger socialer Zurückdrängung des katholischen Elements, nicht aber ang eborner oder unerzogner Minderw erthigkeit desselben. Freilich sollte man an manchen Orten von den Katholiken mehr Intelligenz, Gemeinsinn und Geschäftsenergie erwarten, als man thatsächlich findet. Allein da sprechen eben die mannigfaltigen Eigenthümlichkeiten des Volkscharaktcrs, natürliche Anlagen, örtliche Verhältnisse n. dgl. auch ein entscheidendes Wort nnt. Welche Summe von Intelligenz, Gcschäftstüchtigkeit, materiellem Wohlstand herrscht nicht unter den Katholiken der Rhcinlande, Belgiens, Hollands n. s. w.? In: Jahre 1870 iah ich zu Fnlda eine Schaar vornehmer, katholischer Industrieller von: Rhein in Prozession, den Rosenkranz in der Hand, laut betend zum Grabe des hl. Bonisazius wallen. Die katholische Religion hindert wahrlich nicht, intelligent, geschäftsgewandt und wohlhabend zu sein. Damit will :ch nicht gesagt haben, daß die Katholiken überall auf der Höhe stehen, auf der sie stehen sollten und könnten, sondern nur soviel, daß der Protestantismus die Menschen nicht gescheidter und der Katholizismus nicht dümmer macht als sie ohnedies wären. Eines aber muß ich zugeben, und das ist von e:n- schncidender Bedeutung, daß nämlich die Katholiken in sogenannten kathol. Ländern, wo der JosepHinismus oder das Staatskirchenthum herrscht, hinter den Katholiken anderer, selbst protestantischer, Länder sowohl im religiös-kirchlichen wie wirthschastlichen Leben auffallend zurückstehen. Merke wohl: ich bringe hier nicht Katholiken mit Protestanten, sondern Katholiken nnt Katholiken in Vergleich. Es scheint da mit dem kathol. Volke ganz dieselbe Wandlung vorgegangen zu sein, wie nnt den mittelalterlichen katholischen Gotteshäusern in den letzten dreihundert Jahren. Wie nämlich diese monumentalen Kirchen in den Händen der Protestanten, die ja bekanntlich keine kirchliche Kunst und daher auch keine Knnstverirrnng auf diesen: Gebiete haben, ihren ursprünglichen Stil und Charakter unversehrt beibehielten, in den Händen der Katholiken dagegen während der Renaissanccperiodc oft bis zur Unkenntlichkeit verzopft wnrdcn, so hat auch das katholische Volk unter der Herrschaft des protestantischen Staates, seine ursprüngliche Glaubens- und Lebenscnergie in der Regel viel besser bewahrt, als unter der Herrschaft des.v sogenannten katholischen Staates,wo das josephin-» ischc Regime den katholischen Volkscharakter- oft bis zur link enntlichke it zu entstellen mußte.' Vergleiche nur einmal das katholische Volk in solchen, joscphinisch regierten katholischen Ländern — Du brauchst.' ja nicht weit zu reisen — nnt den: in: protestantischen Preußen, besonders am Rhein und in Ländern nnt reli--. giöser Freiheit; hier ernste Kirchenzncht, die sich be-' sonders in den Gotteshäusern so wohlthuend benicrkbar macht, dgrt Disciplin losigkeit und Mißachtung der geisttichen Autorität; hier alle Stände, höhere und niedere, wie aus einem Guß, eins und einig in Bethätigung des katholischen Glaubens und der Liebe, dort Kirchen- flncht der höheren Stände einerseits und.religiöses Formelwesen, nennen wir's Sakramentalismns, der niederen Stände anderseits: hier ächter, katholischer Ge- m ein sinn und brüderliches Zusammenhalten auf allen Gebieten, dort vielfach jämmerliche Zerfahrenheit und Verrath an der eigenen katholischen Sache; hier festgcschlossene, innerlich gesunde Kirchengemeinden- in welchen die abgestandenen Katholiken weder Platz haben noch solchen verlangen, dort offenstehende, innerlich zersetzte Gemeinden, in welchen die abgestandenen Ka- thoftken in: Leben und in: Tode trotz entgegenstehender kirchlicher Satzungen als vollberechtigte Mitgfteder gelten und den kirchlich-socialen Organismus vollends vergiften ; hier überall gemeinsame Bildung und Bildüngs- trieb mit wwthschastlichen: Emporblühen, dort vielfach in den unteren Schichten Mangel an bernfs» 420 mäßigem Wissen und an Wißbegierde mit wirth- schaftlichem Niedergang. Es gibt ja auch da Ausnahmen, und zwar nach beiden Richtungen, aber die Regel wird dadurch nur bestätigt. Wie kann es auch anders sein? Wo das katholische Volk in der Kirche Jesu Christi nicht mehr die frer- geborne Tochter Gottes, sondern die willfährige Dienstmagd dcS Staates vor sich sieht, kann seine -Hochachtung vor ihr und ihren Organen wahrlich nicht steigen:'auch ist da nicht zu verwundern, wenn die Leiste ihrem Seelsorger nur noch insoweit Gehorsam entgegenbringe», als sie die Staatsgewalt hinter ihm aufgepflanzt sehen, und wenn sie dann in ihrem Pfarrer mehr einen Voltsbedrücker als Volksbeglücker zu erblicken anfangen. Ich gebe also gerne zu, verehrter Freund, daß es einen verdorbenen Katholizismus — ich meine ja damit nur das äußere Leben der Katholiken — im Lande gibt; aber daran ist der Seelsorgeklerns wahrlich nicht schuld: er leidet gerade am schwersten darunter. Wie da zu helfen, fragst Du mich? Meine Ansicht darf ich offen aussprcchen: Vielleicht könnte durch zeitgemäße Erneuerung einer ächt kirchlichen, aber längst einge- schlafencnInstitution, nämlich der Diöcesansy-roden, die nenestens bereits in einigen auswärtigen Bisthümern mit glänzendem Erfolg und zur größten Freude des Heiligen Vaters wieder eingeführt wurden, eine Wendung zum 'Besseren hervorgerufen werden. Das Hirtenamt der Kirche muß meines Erachteus in das Volksleben wieder mehr eingreifen und das geschieht dadurch, daß die geistliche Regicruug mit dem katholischen Volke durch das Mittel gemeinsamer Srinodalthätigkeit wieder den erforderlichen Contakt gewinnt. Doch weiteres gehört in praktisch-theologische Fachschriften. Ich spreche hier nur eine Meinung aus. ohne den zuständigen Faktoren vorgreifen zu -vollen. Hicnach glaube ick) aber, daß Du Deine Vorwürfe gegen den katholischen Seelsorgeklerns -licht mehr aufrecht erhalten kannst. In treuer Freundschaft Necensiouen rmd Notizen. Nürnberger A. I., Dr., Papstthum und Kirchenstaat. 1. Vorn Tode Pins VI. bis zum Regierungsantritt Pius IX. (1800—1846). Mainz 1897, Franz Kirchheim. (X und 259 SS.) M. 3,00. Wie die Kirche, so hat auch das Papstthum unter dem Zeichen des Kreuzes begonnen. Mit dem Titel eines Patriarchen von Rom war Jahrhunderte lang die Ehre der Martprerkrone verbunden. Unter dem Zeichen des Kreuzes verlaufen auch die Pontificate des XIX. Jahrhunderts. Die ehrwürdigen Greise Pins VI. und Pins VII. wurden in strenge Gefangenschaft abgeführt. In der Mitte des Jahrhunderts reicht eine revolutionäre Erhebung im Kirchenstaat der andern die Hand. Puls IX. muß vor der Revolution von nuten die Flucht ergreifen und wird von der Revolution von oben feiner weltlichen Herrschaft beraubt. In seinem päpstlichen Palast auf dem Quirinal hat ein anderer Fürst seinen Thron aufgeschlagen, und seitdem betrachtet sich Pins IX. und nach feinein Beispiele sein Nachfolger Leo XIII. als Gefangener, der den Vatikan nicht verlassen darf. Diese mannigfaltigen Geschicke der Inhaber des päpstlichen Stuhles voll 1800—1846 schildert der Professor der Kirchengcschrchte an der Universität zu Breslau in obiger Schrift an der Hand der bestell Quellen sehr objektiv und in geschickter Gruppirung. Die Fortführung dieser Geschichte bis auf die Gegenwart soll noch ili diesem Jahre erscheinen und den ersten, auch separat käuflichen Band eines größeren Werkes „Zur Kirchengeschichte des XIX. Jahrhunderts" abschließen. Die folgenden Bände der sehr zeitgemäßen, gemeinverständlichen Geschichtsdarstellungen sollen dann folgende Themen behandeln: Säkularisation und Reorganisation der Kirche in Deutschland. — Restauration und Revolution in Frankreich. — Das Waticannni und seine religiösen Opponenten. — Die katholische Kirche in Preußen. — Mit Spannung verfolgt der Le ser die in vorliegendem Band geschilderten Wechselfälle, die für die Katholiken unserer Tage von aktueller Bedeutung sind, da sie im Zusammenhang stehen mit der „römischen Frage", die für die katholische Welt noch immer eine ungelöste Frage ist. Wir empfehlen daher diese verdienstvolle, nobel ausgestattete Schrift allen, welche einen tieferen Einblick in das revolutionäre, anti- christliche Treiben unserer Zeit gewinnen wolle». Dr. R, Saladln, ^ehova's gesammelte Werke: Eine kritische Untersuchung des jüdisch-christlichen Neligions-Ge- bäudes auf Grund der Bibelforschung. 8", XIV u. 348 SS. Zürich, W. Schanmburg, 1897. s. Eine gewisse Presse hat dieses Buch mit höchsten! Entzücken begrüßt: es ist nichts mehr und nichts ivemger. als eine mit frivolstem Paukeewitz losgelassene Schimpfiade auf jede positive Religion, besonders das Christenthum, und das in einem Tone von verblüffender Roheit. Der Verfasser dieses erbärmlichen Machwerkes heißt eigentlich W. Stewart Roß und leistet sich hicmit das heldenhafte Kraftstück, das, ivas den Christen das Heiligste ist und auch vorn Ungläubigen, soweit er nämlich etwas Anstand hat, wenigstens geschont wird, in den Koth zu ziehen: das geschieht in einer Weise, die alles übertrifft, was uns je voll antichristlicher Literatur zu Gesicht gekommen; Alles, ivas je unter dem Namen Gotteslästerung in Gerichtssälen zur Verhandlung gekommen, erscheint dagegen als harmlose Ungezogenheit. Aus jeder Zeile blitzt wahnsinniger, teuflischer Haß gegen christliche Lehre und Cultur. Die Argumente, mit denen dieser „Denker" operirt, sind so einfältiger und oberflächlicher Natur, daß sie auch dem blödesten Leser nicht impomren können. Nur die Gewandtheit des Stiles ist im Stande, die Aufmerksamkeit etwas in Allspruch zu nehmen. Die maßlosen Verhöhnungen jeden religiösen Gedankens müssen selbst den Leser anekeln, der den Standpunkt des Verfassers theilen sollte. Das ist ein wohlfeiler Ruhm, ernsthafte Dinge damit abzuthun, daß man sie lächerlich macht und jeden Funken des Forschens nach wahrer Erkenntniß in unverschämtem giftgeschivollenem Spotte zu ersticken sucht. Die Meinung, daß dieses Geschreibe den Ehrennamen „kritische Untersuchung" und „Bibelforschung" führen kann, überlassen wir neidlos den geistig verkommenen Lebemännern der blasirten Salonwelt, die da nichts gelernt haben und es vielleicht zuwege bringen, Saladins Unglaubensbekenntnisse geistreich zu finden. Der Geschmack lst eben zu verschieden. 'Aber nur Dummköpfe können von einem Possenreißer sich am Narrenseil führen lassen. Itiuers-rium, d. i. christlicher Reisesegen, übersetzt aus dein Lateinischen des Breviers und mit einem Vorwort und Allhang versehen von L. Cölestin, Kapuziner, München. Verlag der I. I. Lcntner'schen Buchhandlung. 1898. Den Priestern wird von der Kirche an's Herz gelegt, daß sie, so oft sie eine Reise antreten, das Reisegebet des Breviers verrichten sollen. Aber auch Laien ist es dringend zu rathen, diesen schönen Gebrauch der Kirche zu befolgen. Denn „schon manche", wie der Herausgeber mahnend bemerkt, „sind gesund zur Eisenbahn gegangen und haben nicht geahllt, daß diese Reize die letzte ihres Lebens sei und sie am gleichen Tage noch antreten würden die große Reise in die andere Welt". Obige Uebersetzung auf 32 Seiten iu Taschenformat bietet auch noch 10 köstliche Reise- Regeln für die Eisenbahnfahrt und kann darum allen Reisenden anf's beste empfohlen werden. Dr. A. Hettinger Fr., Timotheus: Briefe an einen jungen Theologen. II. Auflage von Alb. Ehrhard. 8", vv. XX u. 610. Freiburg i. Br., Herder, 1897. M. 4.50; geb. M. 6,30. Diese beliebten „Briefe" befinden sich wohl in den Händen jedes jungen Theologen, nur werden die darin niedergelegten Ermahnungen nicht immer befolgt. Ein wohlthuender Hauch der Begeisterung durchweht dieses kostbare Buch, das eine Neuauflage vollauf verdient hat, an der man überall die bessernde Hand des gelehrten Pros. Ehrhard erkennt, der keine Zeit und Mühe gescheut hat, die vielen Citate nachzuprüfen, zu vervollständigen und noch weitere einzufügen. Der gefeierte Name Het- tingers genügt, um den Leserkreis des Buches immer größer zu machen. Verautw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Apostolische Constitutimr Keiner Heiligkeit Heo's, durch die göttliche Vorsehung Papstes, über die Wiederherstellung der Einheit des Hrdens der Minderen Ariider. Leo Bischof. Diener der Diener Gottes. Zum ewigen Andenken. Es ist Unseres Erachten?, durch eins glückliche Fügung und jedenfalls nicht zufällig geschehen, daß Uns einst von allen Provinzen Italiens gerade Umbrien, die Hcirnatb dcS heiligen Franziskns von Assisi, zn Theil ward, um das bischöfliche Amt zu versehen. Denn durch die Gegend selbst dazu aufgefordert, ergaben Wir Uns einem eingehenden Studium über den seraphischen Vater, und da Wir so viele Denkzeichen an ihn und gleichsam seine Fuß- stapfen betrachteten, die Uns nicht nur an ihn erinnerten, sondern ihn persönlich Uns vor Augen zu stellen schienen; und nachdem Wir wiederholt die Bergeshöhe von Alvernia erstiegen und die Orte sich Unseren Blicken darboten, wo er das Tageslicht erblickt, wo er gelebt und gestorben, von wo aus durch sein Werk soviel des Guten und.Heilsamen in alle Gegenden des Westens und des Ostens sich ergossen, da erkannten Wir um so besser und vollständiger die Größe des Mannes und der ihm von Gott zugewiesenen Aufgabe. Wunderbar ergriff Uns Francisci Auftreten und Wirken, und weil Wrr gewahrten, daß die innere Kraft seiner Einrichtungen die christliche Gestaltung des Lebens gar sehr gefördert hat und auch durch die Länge der Zeit nicht abgeschwächt werden kann, bestrebten Wir Uns, während Wrr das Bisthnm Perugia innehatten zur Mehrung der christlichen Frömmigkeit und zur Erhaltung der guten Sitten im Volke den dritten Orden, dem Wir nun selbst seit 25 Jahren angehören, wiederherzustellen und zn verbreiten. Auch nachdem Wir den apostolischen Stuhl bestiegen, behielte» Wir die gleiche Gesinnung und ,,Absicht bei. Und da Wir aus diesem Grunde wünschten, daß dieser Orden nicht innerhalb enger Grenzen, sondern allüberall "erblühe und, wie früher, Gutes schaffe, milderten Wir, soweit es Uns nothwendig schien, seine Regelvorschriften. damit solche zeitgemäßere Normirung beim christlichen Volte allgemeinen Anklang fände. Der Erfolg erfüllte unsere Hoffnung und Erwartung. Doch Unsere Liebe zum großen heiligen Franziskns und zu seinen Stiftungen forderte von Uns noch etwas weit Bedeutenderes, und Wir beschlossen auf göttlichen Antrieb dessen Ausführung. Es hat nämlich jetzt der erste FranziSkaner-Orden Unsere Aufmerksamkeit in Anspruch genommen, und es gibt kaum einen zweiten, finden Uns eine wachsamere und liebevollere Obsorge zustünde. Denn gar ansehnlich und des Wohlwollens und der Zuneigung des apostolischen Stuhles würdig ist die -Ordensfamilie der Minderen Bruder, die zahlreiche und nimmer aussterbende Nachkommenschaft des heiligen F-ran- ziskus. Ihr Vater hat befohlen, daß sie die Regeln und Lebensvorschriften, die er gegeben, in der ganzen Folge der Zeiten aus das Gewissenhafteste befolge, und er hat nicht vergeblich befohlen. Denn es gibt kaum einen anderen Mcnschenverein, der so viele Tugendhelden, so viele Prediger des Christenthums, so viele Märtyrer Christi so viele Bürger des Himmels hervorgebracht hätte, oder in dem so viele Männer vorhanden gewesen, die durch Pflege jener Wissenschaften, die am meisten geschätzt werden, der Christenheit und auch dem bürgerlichen Gemeinwesen Ruhm und Nutzen gebracht haben. Zweifellos wäre die Menge dieser Güter größer und dauernder gewesen, wenn das Band engster Einigung und Eintracht, wie es in der ersten Seit des Ordens bestand, immerdar geblieben wäre: denn je geeinigter die Kraft ist, desto stärker ist sie; durch Trennung wird sie gemindert (8. Illwm. 2, 2 c>a°, 9. 37, !>. 2, aä 3). Der vorausblickendc Geist des heiligen Franziskns hat das wohl erkannt und dadurch Vorsorge getroffen, daß er die Gesellschaft der Seinigen als eine unauflöslich verbundene und zusammen- bängende Körperschaft ganz richtig erdachte und gründete. Was wollte er anders, was that er anders, als er eine einzige Lebensrcgel vorlegte, die Alle ohne jede Ausnahme der Zeit und des Ortes befolgen sollten, oder als er anordnete, daß Alle der Gewalt eines einzigen höchsten Vorstehers unterworfen sein und gehorchen sollten? Daß die Bewahrung dieser Eintracht sein vorzüglichstes und beständiges Streben gewesen, bestätigt klar und deutlich sein Jünger Thomas von Celano, indem er sagt: „Er hatte den beständigen Wunsch und ein wachsames Streben, das Band des Friedens unter den Brudern zn bewahren, damit Diejenigen, die ein Geist herbeigezogen, ein Vater gezeugt batte, im Schooße einer Mutter friedlich versammelt waren." (Vita saemuls, p. 3, v. 21.) Doch hinlänglich bekannt sind die späteren Ereignisse. Mag es an der Unbeständigkeit des menschlichen Willens, oder an der Verschiedenheit der Geister in einer so zahlreichen Gesellschaft, oder an der allmäblig veränderten Richtung des allgemeinen Laufes der Zeit liegen: kurz. unter den Franziskanern griffen verschiedene Auffassungen über die Einrichtung des gemeinsamen Lebens Platz. Jene vollständige Eintracht, die Franziskns im Auge hatte und anstrebte, und deren gewissenhafte Bewahrung von Seiten der Seinen er wollte, umfaßte hauptsächlich zwei Punkte: die Liebe zur freiwilligen Armuth und die Nachahmung seines Beispieles in der Uebung der übrigen Tugenden. Das ist die Devise des Ordensinstitutes der Franziskaner, das die Grundlage seines unversehrten Bestandes. Indessen einige seiner Jünger wünschten zwar ganz dieselbe äußerste Armuth an Allem, die der Heilige in seinem ganzen Leben so hochgehalten: Andere aber, denen diese zu schwer schien, zogen eine gemilderte Lebensweise vor. So erfolgte eine Trennung, und es entstanden einerseits die Observanten, andererseits die Conventualen. Ebenso wollten Einige jene strengste Enthaltsamkeit und die erhabenen Tugenden, durch die Franziskns so wunderbar geleuchtet, in großherziger Strenge, Ändere in milderer Weise nachahmen. Nachdem aus den ersteren die Ordensfamilie der Capuziner sich gebildet hatte, war eine Dreitheilung erfolgt. Doch darob schwand der Orden keineswegs dahin: denn es ist allbekannt, daß die Mitglieder der einzelnen erwähnten Ordenszweige durch herrliche Verdienste um die Kirche und Tugendrnhm hervorragen. Bezüglich der Orden der Capuziner und der Con- ventnalen haben Wir durchaus keine neue Bestimmung getroffen. Beide mögen ihre rechtmäßige Verfassung und Einrichtung, wie bisher, auch in Zukunft besitzen. Dieses Unser Schreiben betrifft nur Diejenigen, die durch Verleihung des apostolischen Stuhles vor den übrigen den Vorrang haben und den reinen, von Leo X. (Oon3(. ,,Us 6t V 03 " IV. Lsl. lau. 1S17) erhaltenen Namen „Mindere Bruder" festhalten. Auch ihre Lebensweise ist nicht allenthalben die nämliche, da sie zwar die Bestimmungen der gemeinsamen Regel zu beobachten trachten, doch die eine mehr, die andere weniger strenge. Dieser Umstand hat bekanntlich vier Kategorien hervorgebracht: die Obser- vanten, die Reformaten, die Excalceaten oder Alcantariner, die Recol lecten; doch wurde die Gemeinsamkeit nicht gänzlich aufgehoben. Denn obschon die einzelnen Ordensfamilicn in Privilegien, Statuten und Lebensweise sich unterschieden und jede ihre eigenen Provinzen und Noviziate hatte, so hielten doch stets, damit das Princip der ursprünglichen Einigung nicht verloren ginge, alle an dem Gehorsam gegen einen und denselben Vorsteher fest, den sie mit Recht „Generalministcr des gesummten Ordens der Minderen Brüder" nennen (Ueon X. vo»8t. oit. „Its et vos'-). Mochte diese Vertheilung Vortheils,after erscheinen als die vollkommene Gemeinschaft oder nicht: sie hat den -Orden zwar gespalten, aber nicht .gebrochen. Ja, da seine einzelnen Zweige seeleneifrige und durch Tugend und Weisheit hervorragende Stifter und Mitglieder hatten, wurden sie des Wohlwollens und der Gunst der römischen Päpste für würdig erachtet. In dieser Beziehung gewannen sie Kraft und Fruchtbarkeit und erwiesen sich mächtig in Hervorbringnng heilsamer Wirkungen und in Erneuerung der Tugendmuster der alten Franziskaner. Doch, welche menschliche Einrichtung kann sich denr Einflüsse des Alters entziehen? Jedenfalls lehrt die Erfahrung, daß das Streben nach 422 Vollkommenheit, welche beim Ursprung und in der erst m Zeit der religiösen Orden so streng zu sein pflegt, allmübi a nachläßt und der ursprüngliche Eifer meist mit dem Alter abnimmt. Dieser Ursache des Verfalles, den die Zeit mit sich bringt und der allen menschlichen Vereinen von Natur aus anhaftet, gesellt sich als äußere Ursache feindliche Gewalt bei. Der gewaltige Sturm, der seit mehr als hundert Jahren gegen die katholische Christenheit wüthet, hat in seinem natürlichen Verlaufe auch die Hilfstruppen der Kirche. Wir meinen die religiösen Orden, getroffen. Gibt es eine Gegend im Gestade Europas, die nicht ihre Beraubung. Vertreibung, Verbannung, feindliche Behandlung gesehen? Wir müssen uns glücklich schätzen und es dem göttlichen Beistand zuschreiben, daß wir sie nicht gänzlich vernichtet sehen. Nun aber haben sie aus diesen beiden Gründen nicht wenig gelitten; denn die doppelte Bedräng- niß konnte nicht umhin, ihr Gefüge zu lockern, die frühere Disciplin ->u schwächen, wie in einem kranken Körper das Leben abnimmt. Daher die Nothwendigkeit einer Erneuerung. Es kehlte auch nicht an religiösen Orden, die aus eigenem Antriebe und mit lobenswcrther Bereitwilligkeit die erwähnten Wunden zu heilen und zu ihrem früheren Zustande zurückzukehren bemüht waren. Obwohl nun die Minderen Brüder dies sehr wünschen, so können sie es doch schwer oder gar nicht erreichen, weil bei ihnen das Zusammenwirken vereinter Kräfte vermißt wird. In der That, das Haupt des Ordens besitzt nicht über alle ein- elnen Zweige eine volle und absolute Gewalt; die bc- onderen Statuten einiger derselben gestatten manche einer Anordnungen zurückzuweisen; es ist klar, daß dadurch den; Widerstreit der Meinungen und Gesinnungen tets die Thür offen steht. Ueberdies, obschon die ver- chiedenen Gemeinschaften einen Orden ausmachen und gewissermaßen eine Einheit bilden, aber doch den Provinzen nach geschieden sind und je ihre eigenen Noviziate haben, so geschieht es nur zu leicht, baß jede einzelne sich von ihrem eigenen Interesse leiten läßt und sich mehr liebt als die Gesammtheit, so daß, da die einzelnen auf sich selbst sehen, die großen Vortheile der Gemeinsamkeit außer Acht gelassen werden. Schließlich ist es kaum von Nöthen, die Streitigkeiten und Zwistigkeiten zu erwähnen, welche die Verschiedenheit der Ordenszweige, die Mannigfaltigkeit der Statuten, die ungleichen Bestrebungen so oft erzeugt haben, und die sich beim Fortbestände derselben Ursachen täglich wiederholen können. Was ist aber verderblicher als Zwietracht? Hat sich diese einmal festgesetzt, so schwächt sie die Hauptlebenskräfte und bringt auch die blühendsten Gemeinschaften den Untergang entgegen. Darum muß der Orden der Minderen Brüder durch Beseitigung der Zersplitterung seiner Kräfte gestärkt und gefestigt werden, umsomehr, als heutzutage die Volks- thümlichkeit eine große Rolle spielt; daher berechtigt eine Genossenschaft von Ordensleuten, die rhrem Ursprünge, ihrer Lebensweise, ihren Einrichtungen nach volksthümlich sind, zu keinen geringen Erwartungen. Denn Jene, die für volksthümlich gelten, können sich viel leichter an das Volk wenden und so für das gemeinsame Wohl wirken und handeln. Wir sind dessen gewiß, daß die Minderen Brüder diese Gelegenheit, sich wohl verdient zu machen, eifrig und erfolgreich benützen werden, wenn sie stark, geordnet, gehörig ausgerüstet dastehen. (Schluß folgt.) Heinrich Mehul. Zu seinem 80jährigen Todestag (18. Okt. 1817) von A. G. Die Zelt, in der wir leben, ist schnelllebcnd, aber auch schell vergessend, nnd doch ist es Pflicht der Nachwelt, eingedenk des Satzes: umwinisso z'nvat, sich der Vorwelt zn erinnern, besonders wenn man an den Thaten der Verlebten gleichsam noch zehrt, sich ihrer Schöpfungen erfreut, sich an denselben ergötzt. So möge, wenn auch kurz und bündig, Heinrich Mehul's gedacht werden, dessen unsterbliches Werk „Joseph und seine Brüder" auch die Deutschen heute noch begeistert. Er ist eines Mementos werth nicht nur als Komponist, sondern auch als Mensch. Heinrich Mehul, einer der größten Musiker Frankreichs, erblickte das Licht der Welt am 24. Juni 1763 zu Givet, einer kleinen Stadt im Departement der Ar- dennen. Arm von Haus aus, ohne Mittel zu seiner Ausbildung, mit einer guten Stimme begabt, begeistert schon als Knabe für die Musik, genoß er zuerst den Unterricht eines blinden Organisten, sang auf dem Chor der Franziskanerkirche seiner Vaterstadt und war deren Organist bereits in einem Alter von zehn Jahren. Es wird seine Kunstfertigkeit auf der „Königin der Instrumente" damals schon gelobt, und die Franziskanerkirche bezw. das Orgelspiel des Kleinen zog Hunderte aus der Hauptkirche dorthin. Der Abt eines nahen Klosters kam auf einer Inspektionsreise auch nach dem Prämonstcatenser- kloster Schussenricd im heutigen Württembergischen Schwaben- laud, allwo jetzt das Kloster in eine Staatsirrenanstalt umgewandelt wurde. Dort war Wilhelm Häuser Chorregent, der den Abt auf seine inständigen Bitten nach seinem französischen Kloster begleitete, um hier Kirchen- gesang und Kirchenmusik, zu reformiren. Mehul hörte alsbald davon, ließ sich vorstellen, und der Anfang zu seinem Glück, der Anfang zn seinen; Ruhm war gemacht — gemacht durch ein Kloster, durch eine Anstalt also, bei deren Nennung heutzutage mancher Deutsche sofort eine gewaltige Gänsehaut bekommt! Hanser erkannte alsbald das Talent des jungen Mehul, der ihn öfters besuchte. Da aber die Abtei ziemlich entfernt war, da der Knabe bezw. dessen Eltern die Mittel nicht hatten, ihn als Pensionär im Kloster unterzubringen, so nahm letzteres denselben gratis auf, und in dem Kloster und dessen herrlicher Umgebung erlebte er, wie er selbst gestand, die schönsten Tage seines Lebens. Mehul war aber auch dankbar, dankbar durch seinen Fleiß und sein stetes rastloses Streben, dankbar dadurch, daß er im Kloster zwei Jahre lang den Organistenpostcn versah. Wenig hätte gefehlt, er wäre stets im Kloster geblieben als Ordensmann. Der Oberst eines in der Nähe garnisonirenden Regiments trug die äußere Schuld, daß es anders kam. Derselbe, ein vortrefflicher Kenner der Musik, hatte auch Mehnls großes Talent erkannt, er schlug ihm vor, ihn nach Paris mitzunehmen, dem Mittelpunkt des musikalischen Treibens von ganz Europa, und ihn dort vollends ausbilden zu lassen, und Mehul schlug ein. Dorthin zog er, sechzehn Jahre alt, im Jahre 1778. „Bei der ersten Aufführung von Glucks ,Jphigenic in Tauris' konnte er Zeuge sein der großen Aufregung, welche der Wettstreit zwischen der italienischen und deutschen Musik hervorgerufen hatte, nnd in dem Erfolg der letzteren einen mächtigen Antrieb zu eigenem Schaffen gewinnen," wie Mendel sagt. Mehnls Eifer in seiner Forivnonng, weicyc von oen besten Meistern betrieben wurde, war ungemein groß, und bald erschienen die ersten Erzeugnisse seines Wissens und Könnens, nämlich mehrere Klaviersonaten, gewidmet seinem Lehrer, dem Componisten Edelmann. Diese Erzeugnisse bewiesen aber dem Componisten selbst, daß er sozusagen für die Instrumentalmusik nicht geboren sei, und in Erkenntniß hievon wandte er sich mit noch größerem Eifer der Vocalmnsik, besonders dem dramatischen Stile, zu — seinem Felde. Sehr zn statten kam damals dem jugendlichen Mehul die Zuneigung nnd Liebe des Meisters Gluck, der die französische Oper re- gencrirt hatte. ^23 ^7 » Drei Erstlingsopern hielt er selbst der Aufführung nicht würdig, eine vierte „^lonxo st Oors.«, reichte er bei der Großen Oper ein, und nach vollen sechs Jahren wurde dieselbe endlich aufgeführt. Auch die Komische Oper brachte Werke des Meisters theils mit mehr, theils mit weniger Erfolg, die Franzosen waren, >vie sie noch sind, mitunter zu verwöhnt, mitunter zu wetterwendisch. Das aber steht fest: Mehul zeigte sich als Meister hauptsächlich in der Jnstrumentirung. Es folgte Werk auf Werk, Mehul stieg im Ansehen als Komponist — die Werke einzeln aufzuführen, würde den uns zugewiesenen ,Raum weit überschreiten — er war aber auch ein vorzüglicher Lehrer und leistete als einer der Jnspectoren des Konservatoriums Großes und Bedeutendes, benutzte aber diese seine Ehrenstelle zugleich stets dazu, seine eigene musikalische Bildung noch zu vervollkommnen. Wenig Glück hatte er in den ersten Jahren unseres Jahrhunderts mit verschiedenen Nachahmungen der italienischen Opera bulla, welche alle Sujets ziemlich leichter bis sehr leichter Art zur Grundlage haben. Zwei neue Sterne ersten Ranges stiegen am musikalischen Himmel auf, Cherubim und Spontini; ersterer feierte mit seiner „Faniskä", letzterer mit der „Bestalln" geradezu riesige Triumphe. Mehul mußte in das Lob nolsns völsus einstimmen, er that es, zugleich aber warf er sich wieder auf das eifrigste Studium besonders des Kontrapunkts und der Fuge, und die Frucht des Studiums war zunächst die Oper „Joseph in Egypten", welche erstmals vor 90 Jahren, am 17. Februar 1807, in Paris aufgeführt wurde. Sie gefiel, aber nicht so, wie der Komponist es hoffte. Da gerade diese Oper alsbald auch auf dem deutschen Theater Eingang fand und bis heute noch in Deutschland gern gehört wird, so mögen über dieses Werk speciell einige Kritiken von Kennern hier einen Platz finden. Der vielfach von Komponisten gefurchtste Musikkritiker Hanslick-Wien schreibt: ,Joseph und seine Brüder' hat den Ruhm des Meisters für immer besiegelt. Mehuls Grundsätze in der dramatischen Komposition waren im großen und ganzen die Glucks, nur modificirt, ivenn man will gemildert durch die Verschiedenheit des Temperaments, der Nationalität, des Alters. Als oberstes Gebot betrachtet er die Uebereinstimmung der Musik mit dem Wort, dem Charakter, der Scene. Die dramatische Wahrheit ist ihm die oberste, aber nicht die einzige Forderung; den Reiz der Melodie, die Kraft der musikalischen Erfindung will er nirgends missen. „Du hast", schrieb er au Verton nach der Aufführung von dessen komischen Oper „I-s ostsvalisr ciss LäiMASk", „mit ausgesuchtem Geschmack den Punkt erfaßt, bei dem man einhalten muß, um nicht melodiös nur zu deklamiren, um nicht un- dramatisch bloß zn singen." Am reinsten und schlichtesten finden wir diesen Grundsatz in Mehuls „Joseph" verkörpert." Und Freiherr v. Biedenfeld sagt in dem Werke „Die komische Over": „Mehuls Meisterwerk ,Joseph und seine Brüder' wird stets Beifall finden und stets als ein in sich vollendetes Kunstwerk tiefster nnd blühendster Innigkeit, lebensvoller Melodie und erhabener Schönheit, einfacher Harmonie erscheinen." Da Mehul mit den Erfolgen, die sein „Joseph" in Paris erzielte, bei weitem nicht zufrieden war, wurde er mißmuthig und wandte sich einerseits der „Balletmusik" zu, anderseits der Komposition von Symphonien, hatte aber hier keine Lorbeeren zu erringen. Er hatte sich bei den letztgenannten Kompositionen Haydu als bestes Vorbild genommen, blieb aber weit hinter diesem zurück. Betrübt durch solche Mißerfolge, ein Brnstleidcn mit sich herumtragend, lebte er still für sich und seine Lieblinge, die Blumen, in einem abgelegenen Häuschen einer der Pariser Vorstädte. Noch einmal raffte er Geist und Körper zusammen, indem er die Oper „I-a, sournss aux avsnturss" zur Aufführung einreichte. Sie wurde mit Beifall aufgenommen — enthält auch schöne Pieren —, aber der Beifall galt mehr dem Manne, der viel geleistet und jetzt krank war, er galt seinem „Schwannengesaug". Die körperlichen Leiden nahmen zu, der Aufenthalt in einer milderen Gegend wirkte wohlthuend, aber das Heimweh trieb den Kranken wieder nach Paris zurück, wo er am 18. Oktober 1817 im Alter von 54 Jahren mit Tod abging — nach dem Tode mehr geschätzt und geehrt, als im Leben, wie es so manchem Sterblichen gegangen ist, geht und gehen wird. Mehul hat viel geleistet, am Ende zu viel, nnd darum nicht immer Hervorragendes. Als Mann war er von strengster Rechtlichkeit, größter Uneigennützigkeit und Einfachheit, in den Sitten. Gern half er, wo er konnte» nnd er war ein väterlicher Freund seiner Schüler. Glück hatte er nicht viel, und manche Mißerfolge waren schuldig, daß er erbittert wurde und überall Feinde zu haben glaubte, besonders in den letzten Jahren seines Lebens und Wirkens, als bereits der Körper krank wurde — sein Geist blieb klar und hell, bis er starb. Auf materielle Vortheile war der von Haus aus arme Meister nie erpicht. Zum Beweise hiefür mag schließlich noch eine Episode aus seinem Leben angeführt werden. Als Kaiser Napoleon I. ihm die erledigte Kapellmeisterstclle anbot, machte Mehul demselben den Vorschlag, sie zwischen ihm und Cherubim zu theilen. Dieser collegialische schöne Plan wurde freilich durch Napoleon vereitelt, der Cherubim nicht hold war. „As ms parlsx xas äs sst stsrnms IL!" war die Antwort des Kaisers, und die Stelle erhielt ein Dritter. Deßgleichen wollte Mehul den Kaiser bestimmen, Cherubin! den Orden der Ehrenlegion zu verleihen, den er selbst besaß; sein Bestreben war vergebens, aber Mehuls Eintreten für Cherubim zeigt klar sein gutes Herz, Cherubim war ja sein Rivale. Die deutsch - französischen Allianzen im 18. und 19. Jahrhundert. Von V (Fortsetzung.) Nach dieser Abschweifung wird es am Platze sein, jetzt den 70er Krieg mit seinem ganzen Jammer und Elend und mit seiner Fülle tragischer Mißverständnisse vorüberziehen zu lassen. Viel ist über diesen welthistorischen Krieg geschrieben worden, in Gedichten und Prosa; wollte man diese Ergüsse alle zählen, sie erreichen fast die Zahl der französischen Kriegsentschädigungssumme, ohne jedoch auch nur annähernd den klingenden Werth derselben zu besitzen. Zunächst war die äußere Veranlassung Prinz Leopold von Hohenzolleru; wenige werden wissen, daß dieser zweifach (durch Mnrat und Beanharnais) mit Napoleon III. verwandt war. Ebenso ist es durchaus irrig, zu glauben, die Kriegsbegeisteruug sei in Paris eine allgemeine gewesen. Noch im September 1870 stritt man sich in der Pariser Akademie, ob mau — das Grab der Makkabäer ankaufen solle; man sprach von der Sensation erregenden Polka „Colibri" des Pianisten H.» 424 n..c ganz wenig vom Kriege. Der „Rappel" war iinmcr friedliebend,' ebenso dcmonstrirte eine riesige Arbeiter- versammlung gegen den Krieg. Am Tage der offiziellen Kriegserklärung erschoß sich in Washington der französische Gesandte Prövost-Paradol, da er den Ausgang ahnte; ebenso rief Louis Blaue, der die Nachricht mit Emil dc Laveley ein London empfing, ans: „Wir werden unterliegen!" Eine weitere Legende des 70er Krieges ist die Begeisterung der französischen Soldaten für Napoleon. d'Hörisson erzählt,'4 daß der Kaiser im Lager von Ehülons sich von Witzbolden anulken lassen mußte. Als die Soldaten an ihm vorbei defilirten, rief ein Spaßmacher: Vivo i'Lwporsur!; dann zählten die andern 1, 2, 3 und riefen: N . .. . (ein gemeines Schimpfwort). Trotzdem schrieb der „Monsieur" unterm 20. August hierüber: „Die Soldaten haben ihn umringt und ihn gebeten, sie vorwärts zu führen." Napoleon III. war es auch, der den vielgcschmähten, von Gambetta moralisch hingeschlachteten Bazaine zum Sündenbock seiner Politik machte; er redete ihm in alles hinein, und als feine Rathschläge sich als die denkbar schlechtesten erwiesen, zog er sich nach Chälons zurück, damit Bazaine die furchtbare Last der Verantwortlichkeit allein trage. Vom August 1870 schreibt der patriotische Franzose d'Hörisson: „Paris hat mehr das Aussehen, als bereite sich eine Revolution (gegen Napoleon) vor, nicht eine Belagerung." Derselbe schiebt alle. Verantwortung Napoleon III. zu; mit nicht mißzuverstehender Deutlichkeit wirft er auch der Kaiserin Engenie vor, sie habe Napoleon zur Uebernahme der Hcerführnng gedrängt, um während ihres Gemahls Abwesenheit in Paris die Regentschaft an sich reißen zu können. — Während der Pariser Belagerung herrschte die kläglichste Uneinigkeit und Zerfahrenheit unter den leitenden Persönlichkeiten. General Trochn, der Stadtcommandant, hielt, statt die Vertheidigung zu organisircii, lange Reden er besaß eine Virtuosität darin — und nannte sich den „Jesus Christus" der Situation, während der verlogene Theater- held Gambetta, der seine Laufbahn damit begonnen hatte, in der Kammer zwei Soldaten der Linie zu vertheidigen, welche in die Correctionstrnppc geschickt wurden, da sie einem Redner applandirt hatten, welcher die Ermordung Napoleons III. besprach, in den Provinzen sich nmher- trieb und lügenhafte Telegramme über Telegramme allenthalben versandte. Mit rührender Beredsamkeit wußte er auseinanderzusetzen, er habe schon als Kind, jedenfalls in Borausahnuug der kommenden Dinge, sich selbst ein Auge ausgestoßen, um nicht Priester werden zu müssen, um besser seinem Vaterland dienen zu können; vielmehr verlor Gambetta sein Auge, als er einem Messerschmied zuschaute und — als Kind von sechs Jahren — jedenfalls noch keine Nevanchegedauken hegte. Ebenso sicher ist, daß die sonst so ehrwürdige Jungfrau von Orlöans, deren Heldengestalt gerade während des 70er Krieges sich wieder zu erheben begann, in ihrer Jugend weder Schafe noch Schweine gehütet hat. Lesigne in „Im Lu ä'uirv löAanäa" (Paris 1889) hat den ihr anhaftenden romantischen Nimbus — bei aller Achtung ihrer wahren, nn- gcheucheltcu Frömmigkeit und Tugendhaftigkeit — zerstört und damit dem giftsprüheuden, grünängigen Ungeheuer der Revanche einen seiner gefährlichsten Eckzahne ansge- brochen. Die Ironie der Weltgeschichte will ja auch, das; das Heldenmädchen nicht gegen die Preußen, sondern gegen den wirklichen Erbfeind der Franzosen, die Engländer, kämpfte. Thatsache ist, daß 1870 mehrere hysterische Französinnen sich als Nachfolgerinnen der Jungfrau von Orlöans berufen fühlten und ins Irrenhaus gebracht werden mußten. Noch einige Worte über den sonderbaren Patrioten Thiers, den liböratour tlo territoire. Was es mit letzterem Beinamen für eine Bewandtnis; hat, ist wirklich kostbar. Die „Befreiung des Territoriums", die von den Franzosen so heiß ersehnte, hatte nämlich Bismarck dem ehemaligen Finanzminister Pouyer-Quertier schon bewilligt, Thiers aber, um selbst das Verdienst zu haben, ignorirte dies; denn, sagte er, sonst würde ich der uasomklös gegenüber die Rolle einer vioillo könne spielen. So kam es, daß Bismarck einmal ein besserer französischer Patriot war, als der eitle Thiers, der .Hohepriester des Patriotismus. Derselbe Thiers verstand es, nach dem Friedensschlüsse durch die vielen Büttel seiner diplomatischen Hausapotheke einige russische Emigranten, die sich in das politische Lazarett, Paris geflüchtet hatten, an sich zu locken, so die Prinzessin Lisa Trnbetzkoi, welche mit französischem Gelde 1872 in Petersburg ein französischrussisches Journal (In blorva.) gründete, das jedoch bald einging. Die Prinzessin verfeindete sich später mit Mac- Mahon und starb in Vergessenheit. 1874 reiste der Zar nach England, ohne Frankreich zu berühren. Eine Entente schien also in weiter Ferne, so sehr auch der Duodez- Catilina Henri Rochefort, der politische Klopffechter, und der pompöse Odenfabrikant Victor Hugo ihre Künste spielen ließen. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Huck Chr., Dogmenhistorischer Beitrag zur Geschichte der Waldenser, nach den Quellen bearbeitet. 8'. pp. II 83. Freiburg i. Br., Herder 1897. M. 2,00. § Die Geschichte der Waldenser wurde seit Flacius Jllyricus von den protestantischen Kirchenhtstorikern aus begreiflichen Gründen immer mit besonderer Vorliebe behandelt. Nur wurden dabei die ältesten und zuverlässigsten Quellen, sofern sie katholischer Herkunft sind, über Gebühr vernachlässigt, um eben das Bild zu gewinnen, das man wünschte. Der Verfasser des Buches rit der erste, der auf katholischer Seite es unternimmt, die dogmengeschichtliche Entwickelung des Waldenserthums einer quellenmäßigen Darstellung zu unterziehen und sein Verhältniß zum Protestantismus klarznlegen. So füllt das Buch eine Lücke in unserer Literatur aus und ist als eine verdienstliche, werthvolle Gabe zu begrüßen. Leb recht Jo h., Geistliches Brennglas, oder: Eine Rom» reise mit nützlichen Abstechern. Ein Büchlein für Arbeiter. 8", 92 SS- Freiburg i. Br., Herder l897. M. 0,50 gebd. -- Unterhaltliche und lehrreiche Plaudereien in frischem Ton gehalten, dem mau nur ein bischen die Absicht anmerkt, ein berühmtes Muster zu erreichen. Der Titel ist ganz verunglückt nnd von ausgesuchter Geschmacklosigkeit. Das Büchlein bietet im Rahmen einer Reise eine für das Verständniß des Volkes berechnete Vertheidigung katholischer Einrichtungen und Bräuche, die so gelegentlich zur Besprechung kommen und zwar mit eurem großen Aufwand von Begeisterung. Auch einige Bilder schmücken das Buch, welches gewiß nicht ungern gelesen wird und in den Kreisen, für die es geschrieben ist, sicher Gutes wirken kaun. ") In seinen: ckonrnsl ä'un okkeier (Paris 1885). " V - Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Nr. 62 23. Mt. 1897. » Apostolische ConNLulion Keiner Heiligkeit Keo's, durch die göttliche Vorsehung Papstes/ über die Wiederherstellung der Kinßeit des Ordens der Minderen Urüder. (Schluß.) Indem Wir all dieses lange erwogen, erinnerten Wir Uns Unserer Vorgänger, die, so oft es nöthig war, für das Wohl und Gedeihen der Franziskaner rechtzeitig zu sorgen pflegten. Nicht nur Pflichtbewußtsein, sondern auch andere Gründe, die Wir eingangs erwähnt, bewogen Uns zu demselben Streben und dem gleichen Wohlwollen. Nun aber sahen Wir ein, daß die Zeit durchaus verlangt, daß die alte Einigung der Gemeimamkeit des Lebens im Orden wiederhergestellt werde. So werden nach Entfernung der Ursachen zu Zwist und Streit Alle ihren Willen nach dem Winke und unter der Leitung eines Einzigen richten und einigen, und in Folge dessen wird die vöm Stifter und Gesetzgeber beabsichtigte Verfassungsform wiederhergestellt werden. Wir zogen zwei Punkte in Erwägung, die zwar der Berücksichtigung werth, aber doch nicht derart sind, daß sie Unseren Entschluß irgendwie'aufhalten könnten, nämlich die Aufhebung der Privilegien der einzelnen Zweige und die Nothwendigkeit, alle Minderen Brüder allüberall derselben Disciplin zu unterwerfen. Denn die Privilegien waren allerdings damals zeitgemäß und fruchtbringend, als sie erworben wurden, jetzt aber, bei veränderter Zeitlage, nutzen sie der gewissenhaften Befolgung der Statuten nicht nur nicht, sondern schädigen sie. Ebenso war es solange schwierig und unzeitgemäß, allen dieselben Gesetze aufzuerlegen, als die verschiedenen Zweige der Minderen Brüder sich durch die innere Disciplin stark von einander unterschieden: das Gegentheil hat jetzt statt, wo die Unterschiede nur gering sind. Weil aber eine Angelegenheit von größerer Wichtigkeit in Frage stand, so haben Wir, eingedenk der Gepflogenheit Unserer Vorgänger, den Rath und das Urtheil derjenigen eingeholt, denen hierüber solches am ehesten zusteht. Zunächst ließen Wir, nachdem im Jahre 1895 die Abgeordneten des ganzen Ordens der Minderen Brüder in Assis; zusammengetreten waren unter dem in Unserem Namen geübten Vorsitze des Cardinals der heiligen römischen Kirche und Erzbischofs von Ferrara, Äegidius Mauri, seligen Andenkens, über die geplante Vereinigung der Ordenszweige die Stimmen der Einzelnen einholen. Die meisten stimmten dafür. Es wurde von der Versammlung ein Ausschuß gewählt zur Abfassung von Constitutiouen, die allen gemeinsam sein sollten, sobald der apostolische Stuhl die Vereinigung genehmigt hätte. Ueber- dies ließen die Cardinäle der heiligen römischen Kirche aus der Kongregation der Bischöfe und Regulären, die gleich den Cardinälen der heiligen römischen Kirche von der Congregation der Propaganda in dieser ganzen Angelegenheit vollständig Uns beistimmten, die Verhandlungen des Generalcapitels von Assisi und alle Gründe für und wider sorgfältig prüfen und erklärten nach Durchsicht und, so weit für gut erachtet wurde, Verbesserung der Constitutiouen, daß sie sich dafür entschieden hätten, daß mit Aufhebung des Unterschiedes der einzelnen Zweige ein Orden hergestellt werde. So erkannten Wir, daß dies durchaus ersprießlich und nützlich sei und ohne allen Zweifel auch mit der Absicht des heiligen Stifters und mit dem Willen Gottes selbst übereinstimme. In Anbetracht dessen stellen Wir durch Unsere apostolische Autorität kraft dieses Schreibens im Orden der Minderen Brüder, der bisher in verschiedene Zweige zerfiel, eine volle und vollkommene Einheit und Gemeinsamkeit der Lebensweise, so daß er unter Beseitigung jedes Unterschiedes von Zweigen einen einzigen Körper ausmacht, wieder her und erklären sie für wiederhergestellt. 1. Dieser Orden soll gemäß der Anordnung des heiligen Vaters Franziskus unter Tilgung der Namen Observanten, Reformaten, Excalceateu oder Alcantariner und Recollecten ohne jeden Beisatz Orden der Minderen Brüder heißen, unter einheitlicher Leitung stehen, dieselben Statuten befolgen, sich der nämlichen Ordensverwaltung bedienen in Gemäßbeit der neuen Constitutiouen, die mit aller Treue und Beharrlichkeit von Allen überall beobachtet werden müssen. 2. Die besonderen Statuten, wie auch die besonderen Privilegien und Rechte, welche die einzelnen Familien genossen, und Alles, was irgendwie aus Unterschied und Verschiedenheit deutet, soll ungiltig sein, ausgenommen die Rechte und Privilegien gegen dritte Personen, welche Rechte und Privilegien nach Erfordernis; von Recht und Billigkeit in Geltung bleiben sollen. 3. Alle sollen in der Kleidung und sonstigen Aeußer» lichkciten einander gleich sein. 4. Wie Lei der Leitung des ganzen Ordens ein Generalminister, so soll auch nur ein Prokurator sein: ebenso ein Secretär und ein Postulator in Heiligsprechungs - Angelegenheiten. 5. Alle, die von diesem Tage an das Minoriten- Ordenskleid in gesetzmäßiger Weise genommen und die feierliche oder einfache Gelübde abgelegt haben, sollen sämmtlich den neuen Konstitutionen unterworfen und zu den hieraus sich ergebenden Pflichten verbunden sein. Wer die Unterwerfung unter die neuen Coustitutionen verweigert soll zur Einkleidung und Gelübde-Ablegung nicht zugelassen werden. 6. Sollte eine Provinz diesen Unseren Vorschriften nicht Folge leisten, so darf in ihr weder ein Noviziat zurückgelegt noch eine Profeß abgelegt werden. 7. Für die nach höherer Vollkommenheit und den; sogenannten kontemplativen Leben Strebenden sollen in jeder Provinz einer oder zwei Conveute eigens hiezu bestimmt sein. Diese Häuser müssen nach den neuesten Constitu- tionen geleitet werden. 8. Wenn feierliche Ordensprofcssen aus gerechten Gründen die Annahme der durch dieses Schreiben eingeführten Disciplin ablehnen, so mögen sie sich in be- ondcre von dem Willen der Obern bezeichnete Häuser ihres Ordens begeben. 9. Tritt die Nothwendigkeit ein, die Grenzen oder die Zahl der Provinzen zu ändern oder zu vermindern, so soll dies dem Generalminister in Verbindung mit den Generaldefinitoren zustehen, jedoch nach Einholung der Ansicht der Definitoren der Provinzen, um die es sich handelt. 10. Sobald der Generalmiuister und die anderen zur Leitung des gesammten Ordens berufenen Männer ihr Amt niedergelegt haben werden, ist es Unser Wille, daß Wir selbst bei der gegenwärtigen Sachlage den General- minister ernennen. Die Generaldefinitoren und die übrigen Inhaber der höheren Aemter, die sonst im Gencralcapstel gewählt zu werden pflegen, soll diesmal die heilige Eon- gregation der Bischöfe und Regulären bestellen, nachdem sie früher die Meinung der gegenwärtigen Genergldesiui- toreu eingeholt. Inzwischen mögen der Generalmüuster und die Generaldefinitoren in ihrem Amte verbleiben. Es freut Uns, daß es Uns gegönnt war. Unsere alte Verehrung gegen den heiligen Franziskus durch eine dauernde Verfügung Zu bethätigen, und sagen der göttlichen Güte besonderen Dank dafür, daß sie Uns in Unserem höchsten Alter diesen Trost aufbehalten hat. Alle Mitglieder des Ordens der Minderen Brüder aber mahnen und beschwören Wir, voll der besten Hoffnung, daß sie, eingedenk der Beispiele ihres großen Vaters, das, was Wir zu ihrem gemeinsamen Wohle beschlossen haben, zum 'Anlasse nehmen zu neuem Eifer und Tugendstreben, auf daß sie würdig Wandel); „der Berufung mit aller Demuth und Sanftmutb, mit Geduld, einander ertragend in Liebe, bedacht, die Einheit des Geistes zu wahren im Bande des Friedens". (Lxbss. 4, 1. 3.) Wir beschließen aber, daß gegenwärtiges Schreiben und sein gesummter Inhalt nie und nimmer ob des Fehlers der Subreption oder Obreption, oder ob des Mangels Unserer Absicht, oder sonst wegen eines Dcfectes angegriffen oder bekämpft werden könne, sondern stets giltig und in seiner Kraft sei und bleibe und von Allen, was immer für eines Grades oder Vorrangs, unverletzlich in und außer den; gerichtlichen Verfahren beobachtet werden müsse, indem wir für ungiltig und nichtig erklären, was rmmer in dieser Hinsicht von wem immer 426 aus was immer für einer Autorität oder Vorwand wissentlich oder unwissentlich dagegen unternommen werden mag: dem soll nichts entgegenstehen, mag es auch specieller Erwähnung bedürfen, dem Wir allem aus der Fülle Unserer Macht, in sicherer Kenntnis; und aus eigenem Antrieb bezüglich des Vorerwähnten hiemit ausdrücklich dcrogiren. Wir wollen aber, daß den Exemplaren dieses Schreibens, auch den gedruckten, wenn sie die Unterschrift eines Notars tragen und mit dem Siegel eines kirchlichen Würdenträgers versehen sind, derselbe Glaube bcigemesscn werde, wie er Unserer Willensbezeigung nach Vorweisung des Gegenwärtigen beigemessen würde. Es sei also keinem Menschen gestattet, diese Urkunde Unserer Constitution, Anordnung, Vereinigung, Beschränkung, Derogation und Willens zu übertreten oder ihr freventlich entgegenzutreten. — Sollte aber Jemand dies zu thun wagen, so wisse er, daß er den Zorn des allmächtigen Gottes und der Heiligen Petrus und Paulus, seiner Apostel, sich zugezogen. Gegeben zu Rom bei St. Peter am vierten Tage vor dem Namen des Oktober im Jahre der Menschwerdung des Herrn 1897, in; zwanzigsten Jahre Unseres Pontificats. C. Card. Aloisi-Masella. Pro-Datarius. A. Card. Macchi. Visa ve vuria. I. Dell' Aguila Visconti. Stelle des Bleisiegels. Reg. im Secret. der Brcven. I. Cugroni. Aus den Briefen JanssenS an Pfarrer Andreas Schneider in Berngau. (Schluß.) G Jansscn ist bekanntlich auch eine Zeit lang Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses gewesen. Seine parlamentarische Thätigkeit war jedoch keine hervorragende, da er sich die meiste Zeit mit Studien für seine deutsche Geschichte beschäftigte, was ihm anfangs verschiedene Mal den Tadel Windthorsts eintrug. Er hatte die Wahl auch nur seiner Geschichte wegen angenommen. Ein Brief vom 22. April 1875 gibt hierüber näheren Ausschluß. Er schreibt in demselben: „Es besteht im Wahlkreis Malmedy-Schleidcn- Montjoie die Absicht, mich nächsten Montag an Stelle des verstorbenen Herrn v. Savigny ins Abgeordnetenhaus zu wählen, und es ist höchst wahrscheinlich, daß ich gewählt werde und dann gleich nach Berlin abreisen muß. Vorher noch meine herzlichsten Grüße an. Sie mit vielem Dank für Ihren lieben Brief und mit der Bitte, mich durch ein öfteres frommes Memento und mit guten Wünschen nach Berlin zu begleiten. Nach langer Ueber- lcgnng habe ich mich entschlossen, die mir angetragene Candidatnr nicht zurückzuweisen, nicht, um mich überhaupt aus meinen wissenschaftlichen Arbeiten in's parlamentarische Leben zu stürzen, sondern vielmehr, um für meine historischen Arbeiten durch Verkehr mit so vielen ausgezeichneten Männern bei einem ein- oder zweimaligen Aufenthalt in Berlin zu gewinnen und mir auch einige praktische Kenntnisse anzueignen, die dem Historiker znm Verständniß der Vergangenheit so sehr nothwendig sind." Seinen geschichtlichen Arbeiten, namentlich seiner deutschen Geschichte, galten ja alle seine Sorgen, dies sein Lcbcnswerk beschäftigte ihn früh und spät, und er beklagte jede Stunde, die er nicht zur Arbeit bcnützen konnte. Entnehmen wir seinem Briefwechsel mit Schneider einige bemcrkenswcrthe Angaben über seine Arbeiten. „Ich bin fast den ganzen Tag über im Wald und beschäftige mich dann vorzüglich mit Büchern für deutsche Geschichte", schrieb er von Nicderrad am 1. Juni 1870. „Mit meiner Rcichscorrespondenz geht es langsam vorwärts, aber doch vorwärts. Sonntags kommt gewöhnlich Meister aus Mainz herüber; ich fürchte aber sehr, daß ich bis Ostern nicht mit der Arbeit, auch abgesehen vom Drucke, fertig werde; es wird wohl Juli werden. Abends, wo ich nicht correspondiren kann, lese ich mancherlei, so im Laufe des letzten Monats: ,Aus Schellings Lcbeist, in Briefen; . . . ferner das neue Buch über Friedrich Leopold von Stolberg von Pros. Heimes in Mainz, den neu hcrausgekommenen Briefwechsel Lavaters n. s. w." Brief vom 7. Jan. 1871. „Auch wenn Sie praktisch noch so viel zu tpun haben, sollten Sie doch täglich regelmäßig nach strikter Ordnung wenigstens zwei Stunden sich ernsten historischen Studien widmen, man muß in regelmäßiger Uebung bleiben, sonst verliert man allmählich Kapital nebst Zins", mahnt er im nämlichen Schreiben seinen Freund. „Ich bin noch immer an der Reichscorrespondenz, die mich den ganzen Winter viel beschäftigte und viel gute Laune geraubt hat. Die Arbeit ist viel» viel schwieriger als ich erwartet, und es wird wohl auch der nächste Winter ganz vorübergehen, bevor ich das Opus gedruckt vor mir habe." „Was haben Sie wohl von mir gedacht, daß Ihnen nicht zu Ihrem Namenstag geschrieben. Aber Sie müssen Nachsicht mit mir haben, es war keine Nachlässigkeit — ich war gerade für jene Zeit etwas unwohl und zudem so mit Arbeiten überladen, daß ich auch nicht eine ruhige Stunde finden konnte. Mit dem Druck der Neichs- correspondenz habe ich begonnen, er macht eine furchtbare Last, da ich keinen rechten Setzer auftreiben kann. Die Arbeit ist bezüglich des Manuskriptes zum allergrößten Theil vollendet, und ich hoffe zu Gott, vom 2. Januar an mich täglich wenigstens einige Stunden mit meiner deutschen Geschichte beschäftigen zu können. Ich empfehle sie sehr Ihrem Gebet." (Brief vom 23. Dez. 1871.) Am 7. Juli 1872 meldet er seinem Freund: „Von der Reichscorrespondenz sind 20 Bogen der neuen Abtheilung gedruckt, bleiben noch etwa 12 Bogen. Inzwischen habe ich die deutsche Geschichte nicht ruhen lassen und freue mich wie ein Kind darauf, daß ich mich etwa vom November an, so Gott will, ausschließlich damit beschäftigen kann." Die Arbeitslast ward ihm oft erdrückend, zumal er wiederholt recht leidend war, doch er arbeitete weiter, so lange Gott ihm Kraft und Gesundheit gab. „Daß meine Reichscorrespondenz fertig, sehen Sie an beifolgendem Exemplar, das ich Ihnen für Ihre Liebe anzubieten mir die Freude mache. Da steckt schwere Arbeit, denn gottlob ist sie fertig. Inst geht's mit aller Arbeitskraft, die mir der liebe Gott schenken wird, ganz ausschließlich an die neuere deutsche Geschichte; ich habe schon lustig geschafft. Ein Glück ist es, daß ich vorläufig bloß noch zu sammeln und zu notiren habe, denn viel schreiben könnte ich nicht wegen des Handübels." Er litt nämlich um diese Zeit (20. Jan. 73) an einem Uebel an der rechten Hand so arg, daß er nach seinen eigenen Worten kaum schreiben konnte. Doch jm Vertrauen auf Gottes Beistand und das Gebet seiner Freunde arbeitete er ruhig weiter. „Ich habe ein rechtes Vertrauen auf Ihr Gebet", schrieb er am 8. August 1873/ „mein lieber Schneider, und habe es nöthig, daß mau für mich bete, besonders auch für das rechte Gedeihen meiner Arbeit, der deutschen Geschichte seit der Kirchenspaltung, die unter Gottes gnädigem Beistand gute Fortschritte macht. Ich finde die herrlichste Auswahl manch ungebrauchter Materialien, und es wäre für mich ein wirkliches Labsal, mich mit Ihnen darüber etwas ausführlicher zu besprechen. Mit welcher Oberflächlichkeit — ich will nicht sagen, mit welcher Untreue gegen die Wahrheit — ist doch von Protestanten, auch von solchen katholischen Bekenntnisses — diese Periode behandelt worden." Ueber seinen ursprünglichen Plan seines Lebcns- werkes gibt eine Stelle im Briefe vom 30. April 1874 näheren Aufschluß. Es heißt darin: „Ich fand Ihren lieben Brief und Glückwunsch bei meiner Rückkehr von Frcibnrg vor, wo ich mit Herder den Verlagscoutrakt über meine deutsche Geschichte (seit Ausgang des Mittelalters bis 1806 in sechs Bünden) abgeschlossen habe. Beten Sie für mich, daß ich in rechter Weise und im rechten Geiste arbeiten möge, wie es wirklich zu thun mein Wille ist. So Gott will, hoffe ich, um Ostern den Druck des ersten Bandes beginnen zu können, vielleicht schon etwas früher. Wie gerne läse ich Ihnen einiges bereits Ausgearbeitete vor." Unter der Arbeit jedoch wurde Janssens Plan ein anderer, das Material war zu groß, um es bei der Genauigkeit Janssens in 6 Bänden, wie ursprünglich geplant, unterzubringen. Bekanntlich sind für den Zeitraum bis zum Jahre 1618 bereits 7 Bände nöthig geworden. „Ich habe tüchtig gearbeitet", theilte er am 22. April 1875 seinem Freunde mit. „Hoffentlich kommt im Spätherbst der erste Theil des ersten Bandes meiner deutschen Geschichte. In wenigen Wochen erscheinen ,Zeit- und Lebensbilder' von mir, eine Umarbeitung und Erweiterung bisheriger Aufsätze in den Histor.-pol. Blättern, die Sie hoffentlich interessiren werden." Im Jahre 1876 konnte er ihm den ersten Band schicken, 1878 die Fortsetzung mit der Bitte, recht f!U ihn und seine Arbeit zu beten. 1879, am 8. April, theilte er freudig mit, daß er mit der Corrcctnr des letzten Bogens seines zweiten Bandes zu Ende sei. Am 29. Nov. 1882 sandte er ihm ein Exemplar der Schrift „An meine Kritiker" und schrieb ihm: „Mit der Eor- recturrcvision meiner drei früheren Bände bin ich ganz in Anspruch genommen." Bis Ende 1884 wollte er den vierten Band fertig bringen, aber bis Ostern 1885 nahm ihm derselbe alle Zeit weg und kostete ihm noch ein schweres Stück Arbeit. Von Freibnrg aus schrieb er 1888, daß er den ganzen Winter über recht tüchtig habe arbeiten können. Schon im nächsten Jahr wurden die Mittheilungen, daß er wiederholt leidend gewesen, häufig. Um diese Zeit betrieb er auch Kneippkur, die ihm sehr wohl bekam. „Der Mann von Wörishofen ist auch mir ein Wohlthäter geworden", schrieb er 1889. Mittlerweile hatte er auch seinen 6. Band beendigt. Nun ging es mit all seiner Kraft au den 7. „Sehr wahrscheinlich, meinte er am 1. Juni 1890, werde ich den Sommer und Herbst fernweg von Frankfurt auf einer großen volkswirthschaftlichen Bibliothek für meinen 7. Band arbeiten müssen und erst im Spätherbste nach Frankfurt zurückkehren." Leider sollte es ihm nicht mehr beschieden sein, ihn ganz zur Vollendung zu bringen. Der Tod machte seinem kostbaren Wirken ein Ende. Am 12. Juni 1891 schrieb er seinen letzten Brief an Schneider. „Lieber Freund! Ich weiß gar nicht mehr, ob ich Ihnen schon geschrieben und für Ihren so lieben Brief und die Gaben zum Besten der armen Kinder meinen Dank ausgesprochen habe. Seit langer Zeit bin ich gar nicht Wohl; gottlob geht es in den letzten Tagen etwas besser, aber frisch fühle ich mich noch keineswegs und zur Arbeit nicht befähigt. Was im Sommer — bis jetzt herrscht Kälte — mit mir geschehen wird, weiß ich noch nicht. Beten Sie, bitte, recht oft für mich." Am 24. Dezember desselben Jahres starb er, be- trauert vom ganzen katholischen Deutschland und weit über dessen Grenzen hinaus. Wo holte sich dieser große Mann trotz seines leidenden, vielfach kränklichen Zustandes die Kraft zu seinen vielfachen, anstrengenden Arbeiten, so müssen wir unwillkürlich fragen? Doch die Antwort kann nicht schwer fallen. Eine recht innige Frömmigkeit und ein großes Vertrauen auf den Schutz Gottes und die Hilfe von oben bei seinem Lebenswerk liehen ihm jene Kräfte. Zahlreich sind die Bitten nm ein frommes Moments bei der heiligen Messe und um das Gebet seines Freundes für sich und seine Arbeit. Eine besondere Wohlthat war es für ihn, daß er seit Beginn der Fastenzeit des Jahres 1871 eine eigene Kapelle besaß. „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie erhebend und wohlthuend es für mich ist, daß ich eine eigene Kapelle habe und nun jeden Tag celebriren kann. Seitdem bin ich viel Wühler," schrieb er kurze Zeit später. Wer Janssen von diesem Gesichtspunkt betrachtet, wird seinen großartigen Erfolg begreifen oder ihn sich wenigstens erklären können. Er betrachtete die Abfassung seiner deutschen Geschichte als ein ihm von Gott auferlegtes Lebenswerk, das er gewissenhaft zu vollenden strebte. „Für mich ist es jedenfalls am besten, in Frankfurt zu bleiben und dort ruhig, so lange Gott will, an meinen Werken zu arbeiten," schrieb er am 9. August 1884 an seinen Freund Schneider. Darum Ehre seinem Andenken! Wir Katholiken jedoch schulden ihm auch unsere Dankbarkeit und unser Gebet, nm das er in seinem Leben so oft gefleht hat; wollen wir es also ihm nicht versagen! k. I. k. Tanzbär, Papagei nnd Pithekanthropuö. LsZ Aus der Pfalz. Der Artikel über den modernen Darwinismus nnd seine Gegner in Beilage Nr. 57 der „Angsb. Postzeitung" hat uns an zwei andere Aufsätze über den gleichen Gegenstand erinnert. Es ist eine Auslassung über „Katholicismus nnd Freisinn als Gegner der Entwicklungslehre" von Professor Leh- mann-Hohenberg, der auf dem vorjährigen Lehrer- tage zu Hamburg die bekannte Rede über „Volkserziehnng nach entwicklungsgeschichtlichen Grundsätzen als Staats- knnst der Zukunft" gehalten hat (siehe „Der Volkscrzieher". Organ für Familie, Schule und öffentliches Leben. Herausgegeben von Wilhelm Schwaner in Berlin. Nr. 2 vom 15. Juli 1897), und dann ein Feuilleton der Wiener „Neuen Freien Presse" vom 9. Juli 1897 „Gorilla und Schimpanse", das uns von einem Freunde der „Postzeitung" übersendet worden ist, wohl damit wir darüber ein „kräftig Wörtlein" sagen. Bekannt ist die Anekdote von der Beschreibung des Kamcels, die einen: Deutschen und einem Engländer auf-. 428 erlegt worden sein soll. Zur Lösung dieser Aufgabe zog sich der Deutsche in sein Kämmerlein zurück, um das Bild des Kameels aus den Tiefen seiner Wissenschaft zu schöpfen; der Engländer jedoch eilte zu Schiffe, um das Kamee! in seiner Heimat!) aufzusuchen. Aehnlich nun wie sein Landsmaim verfuhr Mr. R. L. Garner in Bezug auf die Affen. Ausgerüstet mit einem zerlegbaren Käfig aus Stahldraht, der mit grüner Schutzfarbe angestrichen war, begab er sich nach dem innern Afrika, in den von giftigen Insekten, Schlangen und wilden Thieren wimmelnden fieberschwaugern Urwald, um die Sitten und die Sprache der großen Affen in deren Häuslichkeit zu beobachten. Das Ergebniß machte er der Welt kund in seinem Buche „Oorillas anä Lbiroxanriaes", aus welchem ein Herr Dr. Th. Beer in dem genannten Feuilleton das Wesentliche mitgetheilt hat. „Mit einer gewissen Rührung", so schreibt Herr Beer, „wird man von den tiefsten Wurzeln unserer Sprache, dieser wundervollen Blüthe menschlicher Entwicklung lesen und sich des Aufschwunges der Menschheit aus so primitiven Anfängen erfreuen. Daß wir uns in kurzer Zeit so hoch erhoben haben, gibt gute Hoffnung auf noch viel herrlichere Entwicklung." Abgesehen von der „kurzen Zeit", die von Darwin und Häckcl auf Hunderte und Tausende von Millionen Jahren geschätzt wird, welches sind jene „tiefsten Wurzeln unserer Sprache", die Mr. Garuer bei den großen Affen des afrikanischen Urwaldes gefunden haben will? Wie Herr vr. Th. Beer mittheilt, hat Mr. Garuer sich besonders mit den Schimpansen und Gorillas beschäftigt. Er unterscheidet zwei Arten von Schimpansen, von denen der eine Knlu-Kamba, d. h. „der Knin sagt", von den Eingeborenen geheißen wird. „Der Kulu ist intelligenter als sein Vetter und zeigt die Fähigkeit zum Denken fast wie ein menschliches Wesen. Er hat einen großem Reichthum von stimmlichen Aeußerungen, von denen manche sanft und musikalisch sind." Leider hat der Berichterstatter von diesen stimmlichen Aeußerungen, die er Worte nennt, und die wohl den nächtlichen Gedankentönen des Katers Hidigcigei entsprechen, keine mitgetheilt, und das wäre doch nicht allein wegen einer „gewissen Rührung", sondern mehr noch aus wissenschaftlichen Gründen von einem gewissen Interesse gewesen. Es wird von diesen angeblichen „Worten" leider nur bemerkt: „Der Affe verwechselt sie nie in ihrer Bedcntnng, und wurde umgekehrt ihm in seiner Sprache ein Wort mitgetheilt, so verstand er es und handelte darnach". Diese Entdeckung ist gewiß um so rührender, als es. alle übrigen Thiere genau gerade so machen. Sie haben seit Uranfang ihre unveränderlichen Laute, welche nicht nur von den Wilden, sondern auch von „Europas übertiinchter Höflichkeit", z. B. zu Jagdzwcckcn, sogar mit Glück nachgeahmt werden. Hanptgegcnstand der Beobachtungen vr. Garncr's war ein junger Schimpanse, der aber kaum ein Jahr alt bereits gestorben ist. „In der Absicht, die Sprache der Menschenaffen zu stndiren, berichtet vr. Th. Beer, verwendete Garuer die größte Aufmerksamkeit auf die von seinem Pflegling hervorgebrachten Laute." „Garuer konnte bald fast alle Laute, die das Baby (der junge Affe) hervorbrachte, wiederholen, aber er konnte in der kurzen Zeit ihres Zusammenlebens nicht alle deuten. Doch lernte er bald eine Smnmänßernng oder ein Wort, mit dem der Schimpanse alles bezeichnete, was ihm vertraut war, «in anderes für Alles, was ihm fremd war. Er hatte ein Wort für Hunger, Nahrung, Essen rc., ein anderes für Wohlbefinden, ein anderes für das Gegentheil davon." „Der Schimpanse gebraucht ein bestimmtes Wort, wenn er seinesgleichen zu sich rufen will. Eingeborene versichern, daß eine Mutter immer mit diesem Wort ihr Junges ruft." Allerdings, wir gestehen es, „mit einer gewissen Rührung" lasen wir von diesen „tiefsten Wurzeln unserer Sprache", über welche Mr. Garuer bei den Wilden eine Belehrung sammelte, die er viel wohlfeiler zu Hanse im ersten besten Hühnerhof hätte finden können, wo jede Henne mit dem alten „Gluk, Gluk, Gluk" ihre Küchlein unter ihre Flügel ruft. „Garner versuchte auch, das Baby einige menschliche Worte sprechen zu lernen. Es dauerte lange, bis der Schimpanse begriff, um was es sich handelte; aber nach einigen Wochen unermüdlicher Versuche seines geduldigen Lehrers und bei der An- eiferung mit Corued Bcef — wofür er eine besondere Schwäche hatte, — begann er schließlich zu begreifen, um was es sich handelte; er beobachtete Garner's Lippen und bemühte sich, deren Bewegungen nachzumachen. Das französische Wort „kou", das deutsche „wie" brachte er verständlich zusammen, und Garner meint, daß der Schimpanse, wenn er länger gelebt hätte, diese und andere Worte vollkommen zu meistern gelernt hätte." Noch rührender! Mr. Garner zeigte sich ja wett geschickter in Erlernung der Stimmänßerungen seines Affeubabys als dieses in Erlernung menschlicher Worte! Welche Snperiorität! „Daß wir uns in kurzer Zeit so hoch erhoben haben, gibt gute Hoffnung auf noch viel höhere Entwicklung", meint Herr Beer; der Verfasser des Aufsatzes in Beilage Nr. 57 der „Postzeitung" jedoch bemerkt, auf Grund der Verschiedenheiten zwischen Mensch und Affe liege weit näher der andere Schluß, daß nicht der Mensch vom Affen, sondern der Affe vom Menschen abstamme und eine durch fortgesetzte Verwahrlosung bis zur äußersten „Jnferiorität" herabgekommene Mcnschen-Abart sei. Denn Thiere wie Pflanzen Pflegen nach der allgemeinen Erfahrung von selbst nicht sich zu veredeln, sondern immer zu verwildern. Und wenn I. Ranke sagt, die sogenannten Menschenaffen, „die Anthropoiden werden in Beziehung auf den aufrechten Gang vom Tanzbär weit übertroffen", so muß Mr. Garner's Schimpanse vor dem Staar der „schönen Müllerin", vor Lebrccht Hühnchens Raben „Hopdiquax" und vor jedem Papagei ob seiner abgründigen „Jnferiorität" in die innerste Seele hinein sich schämen. Und gar erst noch der Gorilla! „Garner hält den Gorilla, schreibt Beer, für den schweigsamsten Affen; er konnte von wilden und zahmen nicht mehr als vier Laute lernen, von denen nur zwei verdienen, Worte genannt zu werden. Aber sein nächtliches, meilenweit hörbares Gebrüll, das am ehesten an Eselsgcschrei erinnert, soll schauderhaft sein." Darum tief, meerestief mag die Rührung sein, wenn so ein „Edclmensch", wie Herr Professor Lchmanu-Hohenberg auf dem Hamburger Lehrertag sich und seine Zuhörer titulirt hat, wenn so ein „Edelmensch" liest, was vor ihm der „intelligente" Kulu- Kampa sanft musikalisch oder der Schweiger Gorilla nächtlich esclslaut in Tönen gedacht, und wie dann wir es so herrlich weit gebracht, ans so „primitiven Anfängen" zu so „wundervoller Blüthe menschlicher Entwicklung", wie z. B. zu so einer Edelmensch-Ncde vom „erhöhten Standort" an den „Gsistesadcl der deutschen Nation". Der grün angestrichene Stahldrahtkäfig des Mr. 429 Garner im tropischen Urwald Afrikas war also verlorene Liebesmühe. Viel naher hätte das Gute für seine philologischen Forschungen in einem Affentheater gelegen. Freilich Pflegen dort keine sogenannten Anthropoiden, keine von ihren Freunden als menschenähnlich bezeichnete Affen aufzutreten. Schon die verschiedenartigsten Mitglieder des Thierreiches haben ihre Künste zum Besten gegeben, aber ein Schimpanse, ein Orang-Utan, ein Gorilla ist auf den Brettern, welche die Welt bedeuten und gerade einem Anthropoiden zur Entfaltung des affen- mäßigen Nachahmungstriebes Raum geboten hätten, noch nicht erschienen. Auch für Mr. Garner's Affenbaby war es ein rechtes Glück, daß es als „gescheidtes Kind" nicht alt geworden ist. Denn Virchow sagte in seiner Rede auf dem Anthropologen-Congreß zu Speyer 1896 (Cor- respondenzbl. 9 rc. S. 82): „Wir wissen schon lange Zeit, daß die größte Aehnlichkeit mit dem Menschen nicht bei den großen ausgewachsenen Exemplaren besteht, sondern gerade bei den kleinen; die jungen Orang-Utans und Gorillas sind dem Menschen sehr veil ähnlicher, als ihre mehr entwickelten Formen. Darum habe ich vor vielen Jahren die These aufgestellt, daß, je mehr der Affe sich entwickelt, er um so mehr sich vom Menschen entfernt." „Je weiter der Affe kommt, um so thierischer wird er." Vor einigen Jahren entdeckte der holländische Arzt Engen Dnbois fast in der Mitte der Insel Java, wie Virchow erzählt (I. v. 81), eine Stelle, von der es, weil vulkanische Produkte in großer Mächtigkeit mit sedimentären Ablagerungen gemischt sind, heute noch nicht klar sei, welcher geologischen Zeit sie angehört. Dort hatte ein Fluß ein tiefes Bett mit steilen Abhängen gerissen, und in einer tiefen Schichte um das Flußbett fand Dnbois unter anderen Knochenresten der jüngsten Tertiärzeit ein Schädeldach, zwei Zähne und einen Oberschenkel, und zwar in verschiedenen Jahren und in verschiedener Entfernung bis zu 15 Meter von einander. Man konnte mancherlei Zweifel darüber hegen, sagt Virchow, ob sie überhaupt zusammengehörten. Dnbois nahm jedoch an, daß sie zusammengehören, und „auf Grund von vier Stücken, den einzigen dieser Art, die er fand, schlug er vor, das Individuum, dem sie angehörten, mit dem Namen Pithekantropus (Affenmensch) zu belegen und dasselbe als eine Uebergangsform zwischen dem Affen und dem Menschen anzuerkennen". „Wir haben seiner Zeit in der Berliner anthropologischen Gesellschaft eine ganze Reihe von Sitzungen diesen Dingen gewidmet, Herr Dnbois ist in Person zu uns gekommen, und wir haben eine ganze Sitzung nur über diesen Gegenstand gehandelt, ohne daß wir zu einer vollkommenen Verständigung gekommen sind." „Ich habe dann gefunden, und darin stimme ich mit Herrn Dnbois überein, daß unter den bekannten lebenden anthropoiden Affen einer ist, der in der That in vielen Dingen mit dem Pithekanthropns übereinkommt; das ist der Gibbon, oder, wie er zoologisch genannt wird, der Hylobates." „Ich habe durch meinen sehr geübten Zeichner eine genaue, ganz speciell controlirte geometrische Zeichnung machen lassen vom Gibbonschädel, habe dann diese vergrößern lassen, soweit, daß sie in der linearen Grundlage mit dem Schädel des Pithekanthropns übereinstimmt, und dann habe ich beide in einander zeichnen lassen. Es hat sich eine so große Uebereinstimmung ergeben, daß damals wenigstens alle Anwesenden sie anerkannten. Auch Zweifler sagten: ja, es muß doch dieselbe Thicrart sein. Seitdem hat einer meiner Collegen, Professor Wilhelm Krause, ein sehr geübter und erfahrener Anatom, sich über die Gibbonskelette hergemacht und ist genau zu demselben Resultate gekommen. Ich kann daher nicht umhin, zu erklären, daß für mich der Pithekanthropns ein dem gegenwärtigen Gibbon außerordentlich nahe verwandtes Wesen gewesen ist, und ich finde in mir wenigstens keine Schwierigkeit, mir vorzustellen, daß neben den Gibbons der Gegenwart es einen riesigen Gibbon der Vergangenheit gegeben hat, wie das in der Paläontologie so oft vorkommt." Allein während Dnbois, der Entdecker jener vier Knochenstücke, noch zurückhaltend ist und blos zu beweisen versuchte, daß dieselben durch wesentliche Merkmale nicht allein von andern Affen, sondern auch vom Menschen sich unterscheiden, um so sein Uebergangsgeschöpf herauszubringen, ist nach Virchow's Worten (i. o. 83) „in den Reihen derer, welche den menschlichen Charakter dieser javanischen Reste betont haben, die Kühnheit immer größer geworden, bis kürzlich Herr HonzL den komo xrimiKknius llavanensis constrnirte". „Unter den zwei Zähnen, die da gefunden wurden, ist einer, der eine weit auseinanderstehende Wurzel hatte, so weit, daß man nicht recht begriff, wie sie in einem menschlichen Kiefer hätte Platz finden können. Der Kiefer ist nicht gefunden worden; davon weiß man nichts, man weiß nur, daß einen solchen Riescnzahn kaum ein Mensch hat. Jetzt hat Herr Houzä nach langer, anstrengender Arbeit entdeckt, daß es einen solchen Zahn vom Menschen gibt; einen hatte er aufgefunden mit Hilfe aller seiner Freunde." „Herr Honza nimmt einen Zahn von Java, der dem Pithekanthropns angehört haben soll, und einen, glaube ich. aus Australien, diese zwei stellt er zusammen und schließt daraus, daß der Pithekanthropns der Urmensch war. Das ist das ganze Material, auf Grund dessen er die so schwierige Frage entscheiden will." „Diese Methode ist nicht ganz neu auf dem Gebiete der Paläontologie. Die Paläontologen haben es mir früher schon übel genommen, daß ich darauf hingewiesen habe, daß es eine ungenügende Methode ist, aus einem einzigen Knochen eine entscheidende Schlußfolgerung zu ziehen." „Wer sich dann berufen fühlt, auf Grund eines einzigen, vielleicht nicht einmal vollständigen Stückes ein definitives Urtheil über das ganze Geschöpf, ja sogar endgültige Erklärungen über die höchsten Probleme, welche die Geschichte der Menschheit überhaupt betreffen, abzugeben, der ist gewiß ein sehr tapferer und entschlossener Mann (Enthusiasten hat Virchow solche Leute vorher genannt), aber ob er ebenso klug wie entschlossen ist, das muß erst die Zukunft lehren." Ein so tapferer und entschlossener Mann scheint nun Professor Lehmann-Hohenberg zu sein. Als solcher bewährte er sich schon in der vorjährigen Hamburger Rede über „Volkserziehnng nach entwicklnngsgcschichtlichen Grundsätzen als Staatskunst der Zukunft", die er nach eigener Erklärung („Volkserzieher" Nr. 2) „in einer außerordentlich stark besuchten Vorversammlnng des Deutschen Lchrertages hielt, und die mit großem Beifall aufgenommen wurde". Emporgeschwungen auf den „erhöhten Standort der Betrachtung" läßt er im Vollgefühle seiner Snpcriorität mit gewaltigem Flügelschlagen seine stimmlichen Aeußerungen ertönen: „Leben wir in einer verkehrten Welt? Die Wissenschaften werden auf den Gassen verkündet, und die Menge (Socialdemokraten, 430 Frauenrechtlerinnen u. s. w.) treibt damit ihren Unfug .... Waran liegt das 2 Alles echte Wissen hat einen aristokratischen Charakter und kann niemals in vollem Umfang Besitz der großen Menge werden. Schuld daran kann mir die Nückständigkeit unserer leitenden Kreise sein." Ohne den Widerspruch zu merken, der in einer solchen Beschuldigung der leitenden Kreise liegt, kanzelt nun Herr Professor Lehmannn die Kirche, die Regierungen, die Hähern Schulbeamten, die Theologen, die Juristen, Historiker, Philologen, besonders Hrn. Bischof Kornm, die Abgg. Nickert, Rören, v. Eyncrn, Virchow, das ganze preußische Abgeordnetenhaus wegen ihrer „Nnckständigkeit" herunter und empfiehlt ihnen Bücher zum Studium. „Ich behaupte, erklärt Herr Lehmann- Hohenberg, die neue Weltanschauung der Entwicklungs-Lehre beherrscht bereits den größten Theil der Volksschullehrerschaft." Von den „höheren Erzichungs- und Schulbeamten" habe „keiner selbst naturwissenschaftlich gearbeitet". Eine besonders große Nntvissenheit habe Bischof Kornm an den Tag gelegt in seiner Rede vor dem Katholischen Bezirks- Lehrervercin Trier am 9. Juni l. Js. „Die Frage nach der th ierischen Abstammn« g des Menschengeschlechtes ist wissenschaftlich längst bejahend entschieden," erklärt er dem Bischof- „Es nützt uns alles nichts, schreibt Herr Professor, gegen unsere Herkunft können wir nichts ausrichten, und wir müssen nns damit abfinden, daß wir alle ohne Ausnahme au einem Orte geboren wurden, von dem wir nicht gerne sprechen. „Intim kaaevZ et urivmm imsciinnr," das sollte unsern Hochinnthsdiinkcl mäßigen. Jedes Menschenleben beginnt mit der elementarsten Form der organischen Zelle. Embryologie, vergleichende Anatomie, Paläontologie führen zu dem zwingenden Schluß: Menschen nnd Thiere besitzen eine gemeinsame Abstammung." Andere Leute sind nun aber, wie aus dem Obigen sich ergibt, gerade der gegentheiligen Ansicht. Interessant ist besonders die Erklärung, daß die neue Weltanschauung Lchmann-Hohcnberg's „den größten Theil der Volksschullehrerschaft beherrscht". Die Gegenüberstellung ihrer Snperiorität gegen die Rückständigkeit der kirchlichen und staatlichen Behörden, auch der „hohem Erziehungs- und Schnlbeamten" ist allerdings „eine verkehrte Welt", und die Art und Weise, ivie Lchniann - Hohenberg sich als competenter Vertreter einer materialistischen Weltanschauung gebärdet, hat mehr Socialdemokratisches als Aristokratisches an sich, und gleicht mehr dem Treiben der -Menge, das von ihm selber als „Unfug" bezeichnet wird. Sollte der Mensch wirklich vom Thier abstammen, so würden weit besser als Schimpanse, Orang-Utan, Gorilla u. s. w. zn Vorfahren des aufrecht gehenden nnd sprechenden Menschen sich gualificiren der Tanzbär oder Papagei. Die deutsch - französischen Allianzen im 18. und 19. Jahrhundert. Von V (Fortsetzung.) So hatte auch vor dem 70er Kriege Victor Hugo auf dem Fncdenscoiigreß von Lausanne gesprochen. Was hat er gesprochen? so fragte man in köstlicher Persiflage ! seines excentrischen Stils, und weiter: „Wer hat 1823 ! den spanischen Krieg besungen? Victor Hugo. Wer hat ! 1828 die Austerlitzsäule verehrt ? Victor Hugo. Wer-Hai 1832 eine Ode auf Napoleon II. gedichtet? Victor Hugo Wer spricht also heute gegen sich selbst? Victor Hugo." Interessant ist es, zu wissen, daß während des Krieges 1870/71 die einzige französische Zeitung in Petersburg, das „Journal de St.-Petersbourg", ganz unparteiisch und gemäßigt vornehm war. Nur der „Golos" und die russische Börsenzeitnng waren deutschfeindlich, während die russischen Offiziere sich an den deutschen Siegen begeisterten. Das französische „Journal de St.-Petersbourg" war damals redigirt von dem Belgier Victor Capellemans, einem für die Versöhnung zwischen Deutschland nnd Frankreich schwärmenden Enthusiasten. Interessant ist in dieser Beziehung seine Broschüre: „6o Hus pourra, otrs una rönnmn xrb- xarakoirs aux clölistaratioim clo l'assemlMo oon- stiknankö cig Kranes?" Der Hochbegabte starb im Wahnsinn, von der fixen Idee ergriffen, der erste Tenorist zn sein. Wenn man heute viel von einer französisch-russischen Allianz spricht, die geschlossen werden soll oder schon geschlossen worden ist, je nachdem man darüber etwas zn wissen glaubt, so ist nnstreitbar richtig hieran, daß zum ersten Male in der Weltgeschichte eine Annäherung zwischen diesen beiden Reichen constatirt werden muß. Diese Annäherung datirt seit dein Berliner Congrcß, also immerhin geraume Zeit nach dem deutsch-französischen Kriege. Die Slavophilcn und Panslavisten haben hiezu beigetragen. — Als Ursachen des Deutschenhasses in Rußland hat man sogar die deutschen Offiziere im Heere Karls XII., die nun schon fast zweihundert Jahre todt sind, bezeichnen zu müssen geglaubt. In Wirklichkeit ist es die nationale Reaktion der Russen gegen den überlegenen deutschen Geist. Es ist unbestritten, daß Rußland nicht nur seine Dynastien (Katharina II. war eine Deutsche), ja seine Gründer (die Waräger), sondern auch seine Feldherren, Staatsmänner, Generäle nnd Minister zumeist den Deutschen verdankt. Kein modernes Volk hat so bereitwillig fremden Einflüssen, Namentlich deutschen, sich hingegeben, hat aber auch aus eigenen Kräften so wenig originelle Geister und bedeutende, selbstständige Geister hervorgebracht — als das heilige Rußland der Slavophilcn, das aber ziemlich unheilig ist, dessen Regierungsprincip die Knute, Sibirien und der Galgen ist. Was hat Rußland, dieses unermeßliche Völkermeer, im Vergleich zn Deutschland und Frankreich geleistet? Die kolossalsten Weltereignisse sind spurlos an ihm vorübergegangen, so die mongolische Weltherrschaft, als deren Nachklang nur der durch Bi- zarrerien auffallende Kreml in Moskau anzusehen ist. Ueberhanpt ist Exceutricität das begleitende Merkmal aller begabten Russen: Iwan der Schreckliche hatte ein Vergnügen daran, martervollen Hinrichtungen, wie dem Sieden eines Menschen in geschmolzenem Blei, beizuwohnen, und er war kein Regent des „finsteren Mittelalters" mehr, sondern Zeitgenosse der „jungfräulichen Königin Elisabeth von England"; Peter der Große hatte ein Vergnügen am Zähneziehen, Romanzoff ließ die unglaublichsten Berichte drucken, Potemkin putzte Tage lang seine Diamanten, die Dolgorukys können keine Katzen und Aepfel leiden, Nikolaus I. hatte, wie wir sahen, ein Idiosynkrasie gegen Paris. Die meisten bedeutenden Russen aber waren fremdländischer Herkunft: die Glinskij's und Kantemir's sind tartarischen Ursprungs, die Oussupow's und Urussow's nogaischcn, die Engalytschew's, Jenikeiew's mordwinischen 431 Ursprungs; aus der Mandschurei stammen die Aktschnrin's, Küdaschew's, Dejew's und Gantimurow's; aus Kankasien stammen die Bagration's, Baratajew's, Abamelik's, Man- ivclow's, Turkestanow's, Zizianow's, Dadian's; aus Armenien die Argutinskij-Dolgorukij's, Nasarow's, Ba- sarow's, Deljauow's. Die Historiker Karamsin und Boltin sind tartarischen Ursprungs, ebenso der Dichter Dershawin. Puschkin ist der Sohn eines Mohren, die Mutter Shu- kolvskij's ist eine Türkin, die Lewschin's hießen früher Löwenstein, die Tschintscherin's (Ciceri) stanimen aus Italien, die Schafirow's (Schapiro) und Nubinstein sind jüdischer Abkunft; aus Caccioni (Italien) wurde Kastchenowskij; die Tolstoi's stammen aus Deutschland, die Naschtschokin's aus Italien, die Kapuist's aus Venedig, die Kossagowskij's aus Posen. Chomutow ist russificirt aus Hamiltou, Dorimedontow aus Richmoud, Degourow aus Degour, Pagankow aus Pageukampf, Kosodawlew aus Kos von Dalen; die Hauptgehilfen Peters I. waren der Franzose Lefort, der Schotte Bruce, der Engländer Gordon und unter Katharina II. der Däne Münich, später der deutsche General Bauer, der Staatsmann Sievers, die Deutschen Diebitsch (der berühmte General), Rüdiger, Roth, Geismar. Tartarischen Ursprungs waren der Zar Boris Goduuow, die Familie der Matjuschkin's, Meschtscherskij's, Chitrow's, Rostoptschin, General Jer- molow, die Apraxin's, Tichmeujew's, Bachnietjew's, Bibikow's, Muchanow's, Kolokoljzew's. Kläglich ist es besonders um die streng wissenschaftliche, exakte Forschung in Rußland bestellt; ein „Historiker" wie Salowjew würde in anderen Ländern nicht erwähnt werden. So konnte Fürst Wjascmski in einem Spottgedicht schreiben: „Geist der Prügel und der Peitschen. All' des Volks, das uns lief zu. Insbesondere Hort der Deutschen, Russengenius, das bist Du." Das mußte anders werden; Rußland mußte sich auf seine russischen Füße stellen; das Schönste und Großartigste auf der Welt fand man plötzlich in der, wie man glaubte, naiven, offenherzigen, sinnlich behaglichen Natur des Nationalrnssen, besonders des russischen Bauern. Man schwärmte für die oolurostaja, uatura (breite Natur) des russischen Charakters. Man vergoß slavophilische Thränen der Rührung, wenn man an den guten russischen Muschik (Bauern) dachte, dessen Unredlichkeit, Verlogen- steil, Schamlosigkeit und Stupidität übrigens seines Gleichen sticht. In den Augen dieser nationalen Fanatiker galt Europa als ujolcarist^ (nicht christlich), infolgedessen Rußland gegenüber nach slavophilischer Logik als rechtlos, das von ihm auch „christianisirt" werden dürfe. Welcher Art war nun das russische Christenthum, war der als Muster empfohlene russische Volksgeist? Rußland, der gefährliche und unerbittlichste Feind des Katholicismus, ist in einer lächerlichen Sectircrei erstarrt, der moderne russische Bauer ist atheistisch angehaucht und verspottet die Popen; diese Art Muschik ist sogar jetzt die Lieblings- fignr des russischen Dramas. Es ist ein wahres Wort, daß in Despotien der Katholicismus nicht gedeihen kann, daß er freier, menschenwürdiger Institutionen bedarf, um sich zu herrlicher Blüthe entfalten zu können. Rußland hat den Katholicismus abgelehnt, dafür den lächerlichen griechischen Cercmoniendienst beibehalten — und damit sein Schicksal sich selbst bereitet. Den russischen Volks- geist illnstriren folgende Sprichwörter: „Was nicht eingeschlossen ist, gehört der ganzen Welt." „Nur das Siegel muß man schonen" (hängt mit dem griechischen Bilderdienst zusammen). Die Lüge ist ein panrnssischcs Uebel; die Russen sagen hierüber: „Das Lügen begann mit der Welt und wird mit ihr sterben." „Eine schmackhafte Lüge ist besser als bittere Wahrheit." „Der Roggen schmückt das Feld, und das Lügen verschönert die Sprache." „Von der Falschheit lebt der Mensch, und sie ist nicht das Kraut, woran er stirbt." „Lügen ist nicht wie Teig- kauen; man erstickt nicht daran." „Im Handel und Wandel, sagt ein russischer Pope, würde der Rassereine Seele dem Teufel verschreiben und dann wieder dem lieben Herrgott verpfänden; wollte ihn ein Engel deßhalb zur Rede stellen, so würde er nur ungläubig lächeln und in seiner Uebertretnng fortfahren." Die Lüge und der Branntwein sind die Götzen der russischen Gesellschaft. Die russischen Beamten theilt man in zwei Kategorien ein: die „ordentlichen" Menschen und die „prächtigen" Menschen; erstere sind jene, die ihr dem Staat gestohlenes oder sonst erpreßtes Geld für sich verwenden, „prächtige" Menschen aber nennt man jene, die das Geld unter die Leute kommen lassen. Wird ein solcher Beamter in Strafe genommen, so nennt man ihn eineu „Unglücklichen". Leroy-Beanlieu, ein rnssenschwärmender, daher vertuschender und beschönigender Franzose, will wissen, daß die meisten Ehen in Rußland geschlossen werden. In der Zeit von 1811—1821 kamen auf Moskau 1 Ehe auf 239, in Paris aber 1 auf 160, in Rom 1 auf 170. 1800 — 1804 war das Verhältniß der unehelichen zu den ehelichen Kindern in Rußland: 1:11, 1834: 1:6, in' Frankreich 1840 aber bloß: 1:33. — Den Slavophilcn erscheint Rußland als' der gute, heldenhafte Jüngling, der, ein zweiter Siegfried, den europäischen Drachen erlegen und Europa unterjochen wird. Ja, es ist ein Jüngling, aber er hat die Nnvollkommenheiten der zartesten Jugend und alle Laster des Alters. Welches sind die ersten Anfänge, die Kinderschuhe der Slavophilcn? Der excentrische Iwan Aksakow, der schon in der Jugend französische Briefe, die seine Mutter bekam, mit der Nadel durchbohrte"), aber durchaus noch kein Panslavist war, da er die katholischen Polen und Böhmen verabscheute. Ein anderer Aksakow ließ sich in Moskau mit hohen Stieseln, dem rothen russischen National- hemd mit ärmellosem Rock sehen und erregte sofort Sensation. Neben dem Spielen mit Seifenblasen war jetzt russische Volksthümelei die Modekrankheit. Moskau aber wurde der Augiasstall dieser und später der panslavist- ischcn Thorheiten; denn Petersburg war den Schwärmern zu modern, zu europäisch. Die meisten späteren Nihilisten waren in der Jugend Slavophilcn, so Herzen, den man bald „den Franzosen" nannte; Tschadajew katholisirte, und der spätere Reaktionär Chomjäkow Hatte den Spitznamen „der Deutsche". Wie eingewurzelt übrigens die nationale Bornirtheit und Verachtung des. europäischen Westens war, zeigt ein Aufruf des polnischen Agitators Mieroslawski vom Jahre 1830: „Der europäische Westen ist verfinstert, demoralisirt, abgestorben, in Fäulniß übergegangen und leuchtet nur noch durch den Glanz des phosphorescircnden Moders und der spanischen Fliegen der Spitäler." (Schluß folgt.) ") Samson Himmclstjernev, Rußland unter Alexander Ul. 432 Recensionen nnd Notizen. * Mitte nächsten Monats erscheint im Verlag von Dietrich Reimer in Berlin ein Werk, dessen Autorin I. K. Hobest Prinzessin Tberese von Bayern, Tochter S. K. Hoheit des Prinzregenten, ist, und das eine Reise in den brasilianischen Tropen behandelt. Das Werk wird ohne Zweifel Aufsehen erregen nicht bloß der hoben Verfasserin wegen, sondern auch wegen der Tüchtigkeit des Inhalts, wovon uns die vorliegenden Aushängebogen eine Probe geben. Prinzessin Thercse ist bereits mehrfach schriftstellerisch thätig gewesen. Mit ungewöhnlichen Kenntnissen ausgestattet, hat sie sich nicht darauf beschränkt, lediglich anregend auf die Entstehung des Buches zu wirken, sondern sie hat sich persönlich während 8 Jahre auf das Eingehendste mit ihrem Gegenstände beschäftigt und neben der Schilderung ihrer persönlichen Erlebnisse mit wahrhaft unermüdlichem Fleiß das umfassendste wissenschaftliche Material zusammengetragen und durchgearbeitet. Gleich beschlagen in Zoologie, Geologie und Botanik, berücksichtigt die hohe Verfasserin besonders die letzte Wissenschaft, die sie um zwei Species bereichert hat. Von der großen Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit, mit der alle einschlägigen Autoren in Betracht gezogen sind, zeugt das umfangreiche Lsteraturverzcichuiß. Das Werk ist mit zahlreichen Illustrationen, zum Theil mit eigenhändigen Skizzen ausgestattet. st er Katholik. Nedigirtv.Joh.Mich.Raich. 12Hefte M. 12. Mainz, Kirchhcim. Jnhaltvon 1897, Heft X. Oktober: Dr. A. Kirstein, Hermann Rudolf Lohe, ein Repräsentant der modernen deutschen Philosophie. — Dr. Nirschl, Panagia Capuli bei Ephesus. — Dr. Martin Luther's Freundschaft mit Ulrich von Hütten. — Wilh. Schmilz, 8. ck.. Das christliche Element in den Unterhaltungen und bei den Festen des Mittelalters. — Thomas Esser, Orck. vrasck., Beitrag zur Geschichte des Rosenkranzes. — Dr. M. Spähn, Bockspiel Martin Luther's. — Literatur: v. lAvatiuo ckoilor, Orck. Llin>, 8. Laimvsnturns prineixia cks oon- vursu Del Kvnorali ack aetiones oausarum ssounäarum. — v. 9. vorrmann, Institutionss ibsoloZias ckoKinatieao. Miscellen. * Professor Vr. Pastor. In Nr. 60 der Beilage S. 418 war Professor vr. Pastor den Historikern geistlichen Standes zugerechnet: daß er dem geistlichen Stand nicht angehört, ist uns wohlbekannt und ist es nur einem U ^ersehen in der Durchsicht des betreffenden Manuskriptes zuzuschreiben, daß die nöthige Correctur unterlassen wurde. Dieses Ueberschen hat uns übrigens eine mit Humor geschriebene Berichtigung eines Freundes vr. Pastors eingebracht, die einige interessante Notizen persönlicher Natur über den großen Historiker gibt. Er wird es uns wohl nicht übelnehmen, wenn wir die Zuschrift abdrucken: „Daß Professor vr. Pastor geistlichen Standes ist, ist ein allerliebster, aber bereits alter und weitverbreiteter Irrthum, für den es fast schade ist, daß er richtiggestellt werden muß. Es mag verzeihlich erscheinen, wenn man angesichts der immerhin kleinen Zahl katholischer gelehrter Laien unter einem correct katholischen Professor, der noch dazu mit emem so geistlich klingenden Namen versehen ist, sich sofort einen Geistlichen denkt. Zur Erhaltung dieses Irrthums mag auch der Umstand beitragen, daß man den Pros. Pastor nirgends zu sehen bekommt. Er ist noch nie auf einer kathol. Generalversammlung erschienen, und wir wissen zufällig, daß er absichtlich allen persönlichen Demonstrationen aus dem Wege geht. Auch sein Bild ist, außer dem Literaturkalender, kaum da oder dort einmal erschienen, vr. Pastor ist Frankfurter Bürgers- und Kaufmannssohn. war zuerst für den Kanfmannsstand bestimmt, kam durch glückliche Fügung zum Studium nnd bildete sich unter Janssens Leitung zum Historiker aus. Zum geistlichen, Stande hat er keinen Beruf gefühlt, und damit nicht später ein solcher Beruf in ihm erwachen konnte, hat er sich rechtzeitig eine Frau geholt, jene berühmte Constanze, die als einzige Tochter des Oberbürgermeisters von Bonn es meisterhaft verstanden hat, ihre schwesterlichen Rechte sieben Brüdern gegenüber stets siegreich zu vertheidigen, und die dann, namentlich als die häuslichen Sorgen noch nicht allzu groß waren, an dem Triumphe des Historikers nicht ganz unbetheiligt war. Wenn sie auch nicht an der Abfassung seiner Werke be- theiligt war, so war sie doch bei der Herausgabe derselben nicht ohne Einfluß: um so mehr, als sie durch die vorausgegangene Hcrzcnscorrespondenz gelernt hat, die wunderbar räthselhafte und bodenlos schlechte Handschrift des gelehrten Professors mit einiger Leichtigkeit zu entziffern. Ihr macht es immer besonderen Spaß, wenn der Herr Gemahl irgendwo als „geistlicher Herr" angeführt wird. lind es geschieht immer mit besonderer Grazie und einem ganz eigenartigen Lächeln, wenn sie ihm Briefe überweist, die an den „hochwüroigen Herrn Professor vr. Pastor" adressirt sind. Auch die Kinderschaar — es sind deren fünf — ist bei der Abfassung der historischen Werke nicht unbetheiligt. Das Studirznnmer des Professors, ein wahres Arsenal von Gelehrsamkeit, ist das größere Zimmer des Hauses, so daß die Kinder es nicht begreifen wollen, daß gerade dieses Zimmer ihnen nicht für ihre Spiele zur Verfügung stehen soll. So gelingt es rhnen manchmal, aus der Studirstube die Kinderstube zu machen, und dann müssen die gelehrtesten Folianten dazu dienen, eine Ritterburg zu bauen, die unter Ludi's Führung im Sturme eingenommen wird, bis der erzürnte Papa mit einem tzuoo «so die ganze Räuberbande hinausjagt, wo dann der Räuberhanvtmann mit Thränen im Auge sich bei Mama beklagt, daß Papa sie nicht einmal in seinem Zimmer Räuber spielen läßt. Nicht bloß zu den katholischen Geistlichen ist vr. Pastor gezählt worden. Es war schon zweimal der Fall, daß durchreisende protestantische Geistliche sich nach dem Pastor des Ortes erkundigten und man hat sie zum Professor Pastor geschickt, wo sich die Sache in gegenseitiger Heiterkeit aufklärte. Gott sei Dank, daß er uns gehört, wenn er auch mcht im schwarzen Rocke geht! _ * Ei» Niesenlexikon der lateinischen Sprache- Bereits in früheren Jahrhunderten, sowie auch zu Anfang des unseligen ist mit mehr oder weniger Glück der Versuch unternommen worden, den Sprachschatz der Lateiner zu sammeln. Ein solches phänomenales und kostspieliges Unternehmen ist auch jetzt im Werke. Daß es aber überhaupt möglich war, daran zu denken, es in dem großen Stile durchzuführen, in dein es geplant ist, ist die erste Frucht eines Eartells der ersten fünf deutschen Akademien der Wissenschaften in Berlin, Göttinnen, Leipzig, München und Wren, wozu auf Vorschlag des Sectionschefs Hofrath vr. Ritter v. Harte! im Jahre 1892 von der Wiener Akademie die Anregung gegeben wurde. Zur Herstellung des llAosaurus livAnas latinas — dies der Name des Werkes — wurde eine Commission eingesetzt. Diese besteht aus je einem Mitgliede der fünf cartellirten Akademien, ferner aus drei zur Leitung des Unternehmens bestellten Directoren, und zwar den Herren Professoren Buechcler (Bonn), Lev (Göttingen) und Wölffler (München). Präsident der Commission ist der gefeierte Gelehrte Sectionschef von Harte!. Das ganze Unternehmen wurde auf 20 Jahre mit einem Gesammtaufwande von 650,000 Mark veranschlagt. Von dieser Summe hofft man 100,000 Mark, im günstigsten Falle 150,000 Mark durch Buchhändlerhonorare zu decken. Die somit verbleibende Summe von rund 500,000 Mark vertheilt sich gleichmäßig auf die fünf Akademien, so daß auf jede in den zwanzig Jahren 100,000 Mark, also jährlich 5000 Mark fallen. Der Plan für den TAssam-us bezeichnet die Aufgabe desselben als eine psychologisch-historische. Der Ibosauruo will die Geschichte der lateinischen Sprache schreiben, die Lebensgeschichte der einzelnen Wörter, ihre Entstehung, Verbindung, Vermehrung, Abänderung in Form und Bedeutung, ihre gegenseitige Vertretung und Ersetzung, soivie ihr Absterben, kurz, die tausendfache Brechung, welche die Geschichte des nationalen Fühlens und Denkens zum Ausdrucke bringt, darstellen. Die Sitzungen der Commission finden jährlich in der Pfingst- woche, nnd zwar der Reihe nach in Berlin, Göttmgen, Leipzig, München und Wien statt. Die Berichte der Konferenzen geben Zeugniß von dem rastlosen Eifer, mit dem das Werk betrieben wird. Außer dem llAosaurus livAuas latinas werden die cartellirten Akademien auch zugleich einige große naturwissenschaftliche Aufgaben durchführen. Verantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. - Druck». Verlag des Lit.Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 63 . Möge zm Augsömger ^sstzertmg. 30. Oßt. 1897. Von dem Werke I. Kgl. Hoheit der Prinzessin Therese von Bayern, welches, wie schon in letzter Nummer erwähnt, Mitte November im Verlage von Dietrich Reimer (Berlin) erscheinen wird und in welchem die hohe Autorin ihre Reise in den brasilianischen Tropen schildert, geben wir aus den Aushängbogen folgende Probe: Petropolis — Facenda des Senhor Bar- boza. — Donnerstag, den 30. August. Die Nacht über schlug der Regen auf das Dach, in dessen Gebälk wir von unserem Lager aus hinaufsehen konnten. Noch bei völliger Finsterniß wurde mit dem Ausbruch begonnen, denn ein langer Tagesmarsch lag vor uns. Unsere Hausleute hatten Ueberraschungen für uns bereit. Der Mann schenkte uns ein schönes Otternfell, welches ich seiner geringen Größe und seiner satten, graubraunen Farbe nach für das Fell einer I^utra, Loliiaria Mit. halte.* *) Die Frau war die ganze Nacht aufgeblieben, für ihre Landslcnte echt bayerische Speisen zu backen, Kücheln und Hascnöhrln, von denen wir, soviel noch immer möglich, anf das Pferd mitnehmen mußten. Kurz nach 6 Uhr saßen wir auf und nahmen herzlichen Abschied von unseren biederen Wirthen. An der Spitze unseres Reitertrupps befand sich der Brandenburger Karl Frank, welcher, wie man solches hier häufig sehen kann, die Sporen an den bloßen Füßen angeschnallt hatte. Den Nachtrab bildete Ferrari, das Gewehr quer über den Sattelknopf gelegt. Wir ritten einzeln hintereinander, da der Weg zu einer anderen Reitweise zu schmal war. Die Packthiere mit den Knechten brachen unabhängig von uns auf. Wir pflegen sie den halben, auch den ganzen Tag nicht zu sehen und können meist erst Abends zu unserem Gepäck gelangen, was wegen Unterbringung der unterwegs gesammelten Objekte nicht immer bequem ist. Von unserem Nachtquartier weg saßen wir sechs Stunden ununterbrochen im Sattel. Der Nebel, welcher des Morgens anf dem Thale gelegen, wich der höher- stcigenden Sonne, und nur dem Umstände, daß wir heute größtentheils durch Urwald ritten, hatten wir die Erträglichkeit des schönen Wetters zu danken. Der dichte Pflanzenschutz neben und über uns ließ absolut keinen Sonnenstrahl anf uns durchdrungen, und so befanden wir uns, die kurzen Strecken Roxa abgerechnet, den ganzen Tag im denkbar tiefsten Schatten. Stunden- und stundenlang zogen wir an den undurchdringlichen Urwaldwänden vorüber, die sich rechts und links von uns hin- dehnten. Auch uns zu Häupten schloß sich eine Pflanzendecke, durch welche das Auge nicht aufwärts dringen konnte. So sahen wir nur das Nächstliegende, Nächst- hängcnde; einige Fuß seitwärts in den Wald oder senkrecht nach oben war jedweder weitere Blick durch einen *) Da an diesem präparirten Fell Nase, Schweif rc. fehlen, ist die Bestimmung der Art erschwert, doch Vergleiche mit dem Fell der Imlra brssilisnsis Rax und dem der Imtra solitaria Ratt. im Wiener Naturhistorischen Museum weisen unbedingt darauf hin, daß es das Fell einer I-. solitarw ist. Insofern als bisher angenommen wurde, daß I-. solitori» nur in Süd- und Centralbrasilien s vorkomme, obwohl in Pelzeln (Brasilische Säugethiere S. 53), zwar nur mit Fragezeichen, ein Exemplar aus Bahia angeführt wird, ließe sich denken, daß das von mir in Petropolis erhaltene Fell ein importirtes gewesen sei,-doch besonders wahrscheinlich ist letzteres nicht. grünen Laubschlcier gehemmt. Nur an den Waldrändern und den künstlichen Lichtungen konnten wir eine Uebersicht über die Vegetation gewinnen. Hier war das Sprichwort: „man sieht vor lauter Bäumen den Wald nicht", buchstäblich erfüllt. Allerhand Banniriesen und sonstige pflanzliche Merkwürdigkeiten begegneten uns ini heutigen Naiv virZsm. Da war ein Balsamo mit Balsamgeruch im angehauenen Holze,2) dort eine Barrigudo (Obormia origpiüora 8. L. L ), eine Bombacee, deren Heller Stamm über und über nlit kleinen konischen Holzstacheln übersät und gegen die Basis zu wie ein Faß aufgetrieben ist?) Es folgten verschiedene riesige Päo d'alhos (Oalloma Oora/sma, Nog.), mit ihren bis hoch hinauf astloscn Stämmen, ihrem hellgrünen Laub und ihren verhältnißiiläßktz kleinen Blättern. Ein gefällter Kamerad, der am Wege lag, erfüllte die Luft weithin mit seinem unerträglichen Knoblauchduft?) Auch ein Zwiebelbaum, wohl seines Geruches wegen so genannt oder weil sein Stamm gegen die Wurzeln zu zwiebelähnlich aussieht, ^) stand unfern im Dickicht. An einer Stelle ritten wir unter einigen, eine Gruppe bildenden Sapucaias (Iwozctstis kisonis 6aml>.) hindurch. Ihre kerzengeraden, weit hinauf astfreien Stämme trugen das helle Laubdach, wie Säulen daS Gewölbe einer Kirche. Am Boden lagen Dutzende der holzigen, bnchseuähnlichen Nicsenfrüchte dieser gigantischen Bäume, Früchte, welche sich dem Asteinlauf gegenüber durch einen von selbst abfallenden Deckel öffnen und ein Gewicht besitzen, daß sie, aus ihrem luftigen Hochsitz herabkommend, wohl einen Menschen erschlagen könnten. Unter den bescheideneren Bäumen, denjenigen, welche die mittlere Etage im Urwald bilden, fehlte nicht die Jaboti- caba (Nz-roiaria. .labuticaba LsrZ) mit ihren kugeligen Laubmassen. Im Dickicht fielen Mamoeiras (Oario» papuM I,.) auf durch ihre astlosen Stämme und ihre am Gipfel zusammengedrängten, bandförmigen, regelmäßig gestellten Blätter. Etliche Banmfarne, von denen einer eine bedeutende Höhe erreichte, breiteten ihre graziösen Wedel über das Unterholz. An einer Stelle hatten sich viel Iripalmen (^strocmrz'um Fzmi Nart.) zusammengedrängt, an einer anderen ziemlich viel Palmitos (Lntorpe eeinlis Nart.), deren Kronen blättcrarm waren. Zwischen den Waldriesen wucherten und erstickten sich gegenseitig, im Kampf um Luft und Licht, zahllose andere Pflanzen von einem Artenreichthum, der dem Auge keinen Nuhcpunkt gewährte. Lianen umspannten und umwallen die Bäume. Ein Cip6, dessen Stamm sich roseu- kranzähnlich in ganz regelmäßigen Abständen zu kugeligen ") Nach den von mir mitgebrachten Stammtheilen gehört dieser Balsambamn in keine der batsamspendenden Gattungen Unmirinm, Lrotium, Nyrox^Ion und Oopai- kora. Anatomisch würde er am ehesten auf Simsruba awara ^nbl. stimmen. Doch auch für diesen Baum fehlen ihm einige wichtige Merkmale. >> *) Die ebenfalls Barrigudo genannte Oavauillosta arborea Lobumavn — Lourretia tndsronlata Llart. kann unser Barrigudo nicht gewesen sein, da sie nicht stacdel- bewehrt ist und ihre Ausbauchung weiter oben, in der Mitte der Stammhöhe liegt. *) Die anatomische Untersuchung der von mir niitae- s brachten Holzprobcn ergab, daß diese Bäume zweifellos Llallsnia Vorankam kckoq. waren. Was den Geruch betrifft, könnte es Orataeva tapi» I-. gewesen sein; ob auch der Gestalt des Stammes nach vrataova topis anf diesen Zwicbelbaum paßt, ist aus der Literatur nicht zu ersehen. 434 Anschwellungen erweiterte, sicher irgend eine Micania, zog sich durch die Laubfülle; Schlingpflanzen mit gedrehtem Stamm stiegen nach aufwärts in das Blätterdach des Urwaldes, nnd eine Bauhinia, .lubuti-mutä,- mutü, hatte ihren merkwürdig flachen, starkgewcllten Stamm mindestens ein halb Dutzend Male nebeneinander hinauf und hinab geschlungen und gehangen. Die Lianen- und Luftwurzeldraperie des Urwaldes war dermaßen ineinander- gesponnen, daß, als das störrische Maulthier meiner Reisegefährtin einen Sprung in das Dickicht wagte, sie wie das Thier, aus der sie augenblicklich einschnürenden Pflauzenumstrickung, erst durch die hilfreichen Bnschmeffer der zwei Führer wieder befreit werden konnten. Auch an farbenprächtigen Blüthen fehlte es heute nicht im Urwald, und es berührte uns eigenthümlich, manche unserer Gartenpflanzen hier in wildem Zustande wiederzufinden. Die rosablühende LoZonia angulurio LaäckiO) gedieh am Rande der Picada, Rittcrsterne (^inarMis I,.), von denen die meisten nur eine Blüthe trugen,') leuchteten feurig roth im Dunkel des Waldes auf. Die kavonia multiüora L. flnss., ^) eine strauch- förmige Malvacee, unterbrach mit ihren ebenfalls rothen Blüthen das ewige Grün der Pflanzenwände. Bignonien rangen im allgemeinen Streben nach pflanzenwllrdigem Dasein um ihre Existenz, und Greisenbärte (IManäsiu U8N6oick68 I>.) hingen ihr silberweißes Geflecht von den Baumästeu herab. Eine Araponga (6Im8worz'NLiiu8 nuäieoUis VieiU.), einer jener schneeweißen, scheuen Vogel, welche die höchsten Neste der Riesenbäume aufsuchen und den Urwald mit ihren Glockentönen erfüllen, ließ sich vor uns auf den Weg herab, floh aber erschreckt vor den Hufen der Maulthiere. Hübsche Pfefferfrcsser mit ganz gelbem Leib und schwärzlichen Flügeln, vermuthlich ^näi^ena bailloni VioiU.,b) wetzten ihre charakteristischen Riesenschnäbcl am dichten Geäst. An einer lichteren Stelle zogen einige der großen, grünflügeligen Araras (^ra astloroMrg. (7. L. 6r.) kreischend über uns hinweg. Später ritten wir durch Capoeira-Vcgetation an einem hohen Strauch vorbei, welcher von oben bis unten mit grünen, orange- stirnigen Periquitos (Oonurus auraus 6in.) besetzt war, welche rastlos durcheinander kletterten. Unser Saumpfad war über alle Beschreibung schlecht. Wieder hatten wir viel Piloes, solch lehmige, wie durch einen Pflug gerissene Erdtreppen zu passiren, in deren Löcher unsere Thiere tief einsanken. Dann ging es wieder so steil bergauf und bergab, daß wir uns bald an die Mähne unserer Mulas klammern, bald nach dem Schweifriemen zurücklangen mußten, um nicht aus dem Sattel zu gleiten. Von Zeit zu Zeit führte unser Weg an Ansiedelungen vorbei, welche ganz vereinzelt auf einer Rodung inmitten des Waldes lagen und von Anus (tlrotopstuga Lni I,.) heimgesucht waren. Wir fanden hier, mit Ausnahme eines Preußen, nur Brasilianer als ") Daselbst in mein Herbarium gesammelt. ') Welche Species es war, ist nicht zu ergründen, da es mehrere ein- bis zweiblüthige, rothblühende Species in diesen Theilen Brasiliens gibt. 6) Daselbst in mein Herbarium gesammelt. °) Die Schattirung des Gelbs der gesehenen Tukane habe ich in meinen Reisenotizen nicht genauer angegeben. Gelben Leib, aber Heller schattirt als H.. bailloui, haben auch die in den Küstcnwäldern gemeinen LtsroAlossu8 vvisäi Sturm, doch da ich keine rothe Bauchbinde notirt habe, dürfte letztgenannte Species in diesem Falle wohl ausgeschlossen fein, ich müßte denn in Folge des Dickichts die rothe Bauchbinde nicht bemerkt haben. Kolonisten. Mit jedem Reisetag landeinwärts nahmen die bebauten und bewohnten Strecken sichtlicher ab, und immer mehr trat der jungfräuliche Wald in seine noch unbestrittenen Rechte. Man konnte deutlich ersehen, loie von der Küste her die Cultur Schritt für Schritt in die Urwaldwildniß vordrang. Wir berührten die Ufer eines von Süd nach Nord dem Nio Doce zuströmenden Flusses, der den Namen Santa Maria trägt, wie der Flußlauf, welchen wir von Victoria aus zu Canon aufwärts verfolgt hatten. Die urwaldbedeckten Ufer des Flusses, welche streckenweise die eines Waldsees vortäuschten, waren anmuthig, aber an Ueppigkeit nicht zu vergleichen mit den Seeufern in der Amazonasniederuug. Ueberhaupt blieb die Vegetationsfülle des hiesigen Nuto vir^oru hinter derjenigen der Hylaea zurück. Namentlich fehlte die strebepfeilerartige, überwältigende Entwicklung der Bombaceenstämme und -Wurzeln; Tafelwurzelbildnngen waren nur in bescheidener Weise vertreten. Terrestrische und epiphytische Bromeliaceen, einige mit rothem Blütheustand, schmückten das Waldinnere. Riesige lanzettliche und herzförmige Araceenblätter, wohl Blätter von Anthurien und Ca- ladien, überkleideten den Boden. Bambusgräscr standen zu Dickichten zusammen. Ueber die Wipfel einiger Bäume hatten Schlinggewächse ihren farbigen Blüthen- mantel geworfen. Unser Weg führte nun über einen Berg, welchem noch höhere, uns als Serra da Desgra^a bezeichnete Berge zur Linken blieben. Von unserem erhöhten Standpunkt aus, hatten wir einen schönen Blick hinab in ein weites, urwaldbedecktes, vom Rio Doce durchströmtes Thal. In der Mitte des Thales erhob sich ein konischer Hügel, jenseits wurde dasselbe von einem bewaldeten Höhenzug begrenzt. Den ersten kurzen Aufenthalt nach sechsstündigem Ritt nahmen wir bei einer von Wälschtirolern bewohnten Hütte, wo uns die sympathischen Laute der italienischen Sprache fast wie Heimathklänge begrüßten. Doch erst nach einer weiteren halben Stunde Reitens wurde Mittagsrast gehalten, und zwar waren es wieder Südtiroler, welche uns gastlich aufnahmen. Wir theilten ihr nationales Mahl, Risotto und Polenta, welche uns weit besser mundeten, als die meist mangelhaften brasilianischen Gerichte. Es war hier eine größere Ansiedlung mit Mais-, Zuckerrohr- und Kaffeeplantagen und schönem, großem Hornvieh. Daß der zu cultivirende Boden noch erweitert werden sollte, bewies uns ein zu Roduugszwecken angezündeter naher Waldstreifen, welcher prasselnd nnd knisternd in sich zusammenstürzte. Da wir hier einige frische Maulthiere eintauschen mußten, wurde unser Aufenthalt wider Willen auf etliche Stunden ausgedehnt. Obwohl es schon im Schatten 29,5 ° 6. hatte, — es war Nachmittags 2 Uhr —, benutzte ich nichtsdestoweniger die aufgezwungcne Pause, um auf dem sonnigen Wiesenhang nach Schmetterlingen zu jagen. Da gab es solche, welche ganz roth zu sein schienen und wohl der in Brasilien durch mehrere Arten vertretenen Gattung Dioue zugehört haben dürften. Daneben flatterten intensiv blau schillernde Theclen, vielleicht Mrövla kubriola Lrum. Und dort gaukelten zwischen den farbenprächtigeren Brüdern Danainen mit florartig durchsichtigen und solche mit braungelb, schwarz nnd weiß schmal gestreiften und gefleckten Flügeln. Doch all diese gelang es mir nicht, mit dem Netz zu erhäschen. Mein Jagdergebniß war eine OaUieors 6rarn., eine kleine Nymphaline, deren Flügel oberseits auf schwarzem Grund eine goldgrüne Binde führen, indessen die Unterseite zum Theil prachtvoll roth, zum Theil weiß mit schwarzen Streifen merkwürdig gezeichnet ist. Ferner erjagte ich einige der durch ihr buntes Kleid ausgezeichneten Ontagrarning, Oru. und eine Rurema, ^lliula, 6rg.ua. vnr. Linas 6oät., eine kleine Pierine, die, bis auf den Saum und die Vorderflügelspitzcu, welche schwarz sind, ein durchaus weißes Gewand trägt. Bon den in dieser Gegend häufigen Tapiren (la- pirns arnsriognns 6.) bekamen wir bisher leider keine zu Gesicht, doch waren in den verschiedenen Kolonistenhäusern Felle zu sehen, von denen wir ihres Umfanges und ihrer Steifheit wegen leider keine mituehmen konnten. Speziell hier, in der Nähe der Wälschtirolcr Ansicdlung, in welcher wir Mittag machten, waren schon siebzehn dieser größten Landthiere Brasiliens erlegt worden. Man jagt sie ihres schmackhaften Fleisches, namentlich aber ihres geschätzten Leders wegen, welch letzteres allerlei Verwendungen findet. Erst am Spätnachmittag wal der Maulthicrtansch beendet und konnten wir unseren Ritt wieder aufnehmen. Bis zum nächstmöglichen Nachtquartier, der Fazenda des Brasilianers Senhor Fortunato Barboza de Menezcs, lagen noch drei Stunden Weges vor uns. Der Saumpfad führte meistens durch Urwald, welchen nur selten Rodungen unterbrachen. Auf letzteren erhoben sich fast nirgends Häuser, die hier übrigens richtiger als Lehmhütten zu bezeichnen wären. Wir vermutheten deßhalb in diesen Rodungen solche, welche die Ansiedler, oft fern von ihren Wohnplätzen, zur Prüfung der Güte des Wald- bodens anzulegen pflegen. Wieder wechselten Araras über unseren Weg. Eine Schaar grüner Periquitos (wohl Lrotogorz's tirion Om.) zog mit wildem Geschrei vorbei, auf Suche nach dem Platz, wo sie aufbäumen konnte. Aus dein Waldesdickicht schlug das Girren einer Taube 1 °) und das laute Brummen eines Mntnms (Orax carunoulata, l'smm.) an unser Ohr. Noch andere Vogel waren hörbar und sichtbar. Namentlich die Araponga ließ ihren metallisch klingenden Ruf unermüdlich durch die Waldeinsamkeit ertönen, das Nahen der Dunkelheit verkündend. Viel Z)ri- palmen (lf.8trooLrzmm ä.zri LInrt.) standen zerstreut im Dickicht. Eine Copaiveira (Ooxnivsrn trapsmiolia. Hnxns), ein Urwaldriese mit Hellem Stamm und Hellem Laub, ragte beherrschend über seine Umgebung heraus. Lianengewinde hingen aus der Höhe herunter. Hoch oben auf der schirmförmig gebreiteten Krone eines dunkelbelaubten Baumes lag, gleich einer Riesenmiitze, ein ganz hellgrüner, vielverzweigtcr Busch mit zart gefiederten Blättern breit hingegossen. In der Kraut- und Halb- strauchvegetation des Urwaldes leuchteten durch Farbenpracht schön rothe, als giftig geltende Blumen (Lrzckirrina,? ?)") hervor. Die gleiche Waldregion schmückten der Blüthe unseres Immergrüns (Vinoa, ") Es könnte die Stimme der von Prinz Wied in den Wäldern Mittelbrasiliens oft gehörten Oolumba rntmn ll'smm. gewesen fein. Siehe Wied: Beiträge zur Naturgeschichte Brasiliens, IV, 455. ") Wied (Reise nach Brasilien, I. 44) erwähnt im Küstenwald niedrig wachsende, rothblühende Erythrina, indessen in LIartii k'Ioia brssilisnsis. XV I, S. 172 ff. für Brasilien überhaupt keine kraut- und halbstrauchartigen Erythrinaarten angeführt sind. Die Erythrina enthalten, L. OoraUocksnäron 6. etwa ausgenommen, auch keine giftigen Stoffe Winor) ähnliche, nur etwas größere lila Blüthen, welche ich für diejenigen einer Vincaspecies gehalten hätte, wenn in Brasilien schon irgendwo lilablühende gefunden-worden wären. r2) Inmitten des Wnldgestrüpps überraschten uns ein paar Termitenhügel aus Lehm, die wohl den Haufen bildenden Termiten (1'srmo8 eumnlnno XoU.) zuzuschreiben waren, da diese weitverbreitete Art auch in Wäldern anzutreffen sein soll. Nach und nach war die Nacht herabgesunken und hatte Alles in ihre schwarze Fittichen gehüllt. Wie auf einen Zanbcrschlag begann nun die nächtliche Thier- symphonie des Urwaldes, jenes Tongemälde, dessen seelencrgreifendc Mächtigkeit sich in Worten nicht wiedergeben läßt. Es setzten Vogel, Cicaden, Grillen ein und die Schmiedenden Laubfrösche (klzln k'ndsr )Viock), deren Glockenstimmcn durch die hehre Banmhalle läuteten. Doch bald wurden unsere Sinne von der Poesie der Urwaldmelodien unbarmherzig in die Prosa einer unerquicklichen Lage zurückgerufen. Wir hatten nicht, wie zwei Tage vorher, eine Laterne bei uns, welche uns den Weg wenigstens nothdürftig hätte erkennen lassen können. Unsere Beleuchtungsapparate lagen zutiefst in einem Sack verpackt und, momentan unerreichbar, einem der Tragthiere aufgeschnürt. Auf unserer Picada aber war es so finster, daß man nicht einmal den Kopf seines eigenen Manlthieres, geschweige denn den Boden unterscheiden konnte. Als Richtschnur diente nur die weiße Kopfbedeckung des jeweiligen Vordermannes, welche im allgemeinen Schwarz wie ein etwas lichterer Punkt erschien. Und der vorderste Reiter heftete sein Auge krampfhaft auf den nicht ganz so tiefschwarzen Streifen, als welchen der Saumpfad sich aus dem Waldesdunkel Herausahnen ließ. So ging es in der undurchdringlichen Finsterniß manchmal steil hinab in die Tiefe, ohne daß man nur wußte wohin. Doch unsere Maulthiere waren wunderbar, was die Sicherheit des Trittes betraf. Wir ritten durch den keineswegs seichten Rio Santa Joauna, einen Parallelflnß des Vormittags gesehenen Rio Santa Maria. Dann vertieften wir uns neuerdings in die Urwaldnacht. Hierbei gcrieth ein Bügel in Verlust, welcher jedoch mittelst Zündholzbeleuchtung mühsam gesucht und endlich wieder gefunden wurde. Inzwischen hatte unser Führer Frank uns verlassen und war nach der Fazenda vorausgeeilt, Quartier zu machen. Der Fazendciro soll nämlich ein schwer zu behandelnder Herr sein, und wenn man nicht sehr uuter- thänig um Aufnahme bittet, läuft man Gefahr, im Walde übernachten zu müssen. Es galt nun, ihn auf eine Einquartierung von sieben Personen, Führer und Knechte mit eingerechnet, und von zehn Maulthieren vorzubereiten und für dieselbe günstig zu stimmen. Wir klebrigen setzten auf Gerathewohl den unbekannten Weg im stockfinsteren Walde fort. Plötzlich, auf einer lichteren Stelle, verloren wir die Richtung und ge- . riethen in einen Sumpf. Unsere Thiere schnaubten aus Angst, und wie festgewurzelt stemmten sie ihre Beine mit eiserner Gewalt gegen jeden Versuch, sie vorwärts zu treiben. Diese instinktive Weigerung war begreiflich, jeder weitere Schritt konnte uns Verderben bringen. Es folgten einige peinliche Minuten der Rathlosigkeit und^ des Angenageltseins an der Stelle. Da endlich fand ") Jedenfalls scheinen es Apocyneen gewesen zu sein» vielleicht ^mdliavrusra leptoxllMa Null. XiA., doch ist l dies eine Kletterpflanze der Catingawälder. 436 einer der abgesessenen Packthicrknechtc die Spuren des im SunipfgraS verloren gegangenen Weges, und im rechten Winkel -zur fälschlich eingeschlagenen Richtung verlieben Ivir die gefahrdrohende Niederung. Wir hatten einen der uugciuüthlichsteu Momente unserer ganzen bisherigen Reise glücklich überstanden. Nochmal führte unser Pfad durch eine pechschwarze Urwaldstrecke, dann lag die Fazenda des Scnhor Barboza einladend vor unseren Blicken. Wir fanden daselbst eine wohlhabende, kinderreiche Familie mit Dienerschaft und im ganzen Hanse einen weit vornehmeren Anstrich als in all den Ansiedler- häusern, in welchen wir bisher über Nacht untergekommen waren. Daraus erwuchs für uns der Nachtheil, daß wir, statt nach neune'mhalbstündigcm Ritt uns ausruhen und ruhig unsere Ncisenotizen schreiben zu können, uns zu dem Fazendciro und seiner Frau in den Salon setzen und portugiesische Konversation führen mußten. Es war dies etlvas bitter. Doch erfuhren wir durch diese Konversation Manches über die Lebensverhältnisse eines solchen Ansiedlers, der auf viele Stunden im Umkreis keinen Nachbarn hat. Von diesem verlorenen Posten im ' Urwald war der nächste Priester vier Tagereisen weit entfernt, und ebenso weit, wenn nicht weiter, war es bis zum nächsten Arzt. Man erzählt, daß Scnhor Fortnnato Barboza seine Kinder erst taufen läßt, wenn sie im Stande sind, selbst zum Priester zu reiten. Nicht nur dies, man erzählt sogar, daß er der Vereinfachung wegen mit dem Spendenlassen des Sakramentes wartet, bis zwei oder drei seiner Sprößlinge zn einem gemeinsamen Taufritt herangewachsen sind. Auf meine Frage, was bei der llucrreichbarkeit des Arztes zu geschehen pflegt, wenn eines der Kinder erkrankt, gab mir die Mutter die lakonische Antwort: „Sie werden nicht krank." Die Senhora selbst hatte seit fünf Jahren die Fazenda mit keinem Schritt mehr verlassen. In einem kleinen, höchst einfachen Raume wurden uns zwei Damen echt brasilianische, steinharte Betten als Lagerstätte angewiesen. Es war uns letzteres für unsere reitmiidcn Glieder gerade nicht angenehm. Unangenehmer aber noch waren uns die Schaarcn von Barattas tLIattiäao), welche in dem winzigen Zimmer kreuz und quer liefen und vor welchen wir unser kostbares Gepäck nicht zu retten wußten. Die Praktische Bedeutung des Thvmasstndiums. Von M. Grab mann. Eichstätt. Der um die Ncpristination wahrer christlicher Philosophie hochverdiente spanische Denker Jakob Balm es charakterisirt das Genie in folgenden Worten:^ „Die Menschen von wahrhaftigem Genie unterscheiden ich durch die Einheit und den weiten Umfang ihrer Auf- assnng. Wenn sie eine schwierige und verwickelte Frage rehandeln. so vereinfachen und ebnen sie dieselbe, indem ie einen hohen Gesichtspunkt nehmen nnd eine Grundidee fhiren, welche über alle anderen Licht verbreitet: wenn sie einen Einwnrf zurückweisen wollen, so bezeichnen .sie den Ursprung des Irrthums und zerstören mit einem Worte dre Täuschung des Sophismus; wenn sie di^Syn- ithese anwenden, so treffen sie sofort das richtige Princip, das mr Grundlage dient, und zeichnen mit einem Worte den Weg, den man einschlagen muß, um zum gewünschten .Resultate zu gelangen: wenn sie der Analyse, sich bedienen, so geben sie genau den Punkt an, von dem die Auflösung ausgehen muß, sie erkennen die verborgene Verkettung H BalmeS „Fundamente der Philosophie" übers. von Vr. Loriiffer. Regensburg, Manz, 1855. I, cx. 4 n. 5i. und öffnen Nils gleichsam mit einem Schlage das Geheimnis; des Gegenstandes nnd zeigen uns sein verborgenstes Innere." Diese Charakteristik ist auch ein Bild des Geisteslebens des hl. Thomas von Aqnino, der mit derselben Gewalt des Genius den höchsten Fragen der Metaphysik und theologischen Spekulation in erster Linie wie auch den mehr praktischen Fragen in zweiter Linie sein Augenmerk schenkte. Die Sonne von Aguin hat zuerst den .Höhen des theoretisch-spekulativen Erkennens überreiches Licht gespendet und zugleich die Niederungen des praktischen Wissens, Lebens und Handelns erhellt. Die folgenden Zeilen sollen einen Beitrag liefern zum Erweis der These: „Das Studium der Werke des hl.'Thomas ist von eminent praktischer Bedeutung." Indem wir das Wort „praktisch" im weitesten Umfange nehmen, bestimmen wir unseren Satz also: Aus den Werken des hl. Thomas kann der Gelehrte ablernen, wie mau praktisch Wissenschaft treibt und schreibt, die Werke des Aqniuaten sind für den Pädagogen, den Prediger und Asceten, für den Juristen und Socialpolitikcr eine Fundgrube goldener Wahrheiten. Unserem Heiligen Vater Leo XIII., der vom hohen Standpunkte mit größter Klarheit das Gewirr der gegenwärtigen materiellen nnd ideellen Lebensbewcgungen überschaut, ist es deshalb ein Herzenswunsch, die Werke des hl. Thomas all denen, die in obigen Fächern heimisch werden wollen, in die Hände nnd ins Herz zu drücken. 1. Was lernt der Gelehrte aus den Schriften des Aquinaten? Das Beispiel dieses größten Denkers des Mittelalters in der Cnltivirnng und organischen Darstellung der verschiedenen Zweige menschlichen Wissens einerseits und die Lehre desselben über die Gesetze des wissenschaftlichen Forschens oder die Wissenschaftslehre des hl. Thomas anderseits, diese beiden Momente verdienen Beachtung und Nachahmung von Seite der modernen Wissenschaft, welche vielfach das überreiche Forschuugsmaterial nicht mehr wissenschaftlich zu gestalten versteht. Der hl. Thomas ist, und das müssen selbst seine heftigsten Gegner zugeben, ein Meister der wissenschaftlichen Systematik. Thomas hat, wie PorLmami^) sagt, Aehnlichkeit mit den großen Malern Giotto und Orcagna, welche mit peinlicher Genauigkeit die kleinsten Details ihrer Werke ausführten und anderseits in ihren großen cyklischen Darstellungen diese Details zn einem Ganzen verbanden. In seinen Oxuscnüa. ist der englische Lehrer den einzelnen Fragen bis in die letzten Verzweigungen nachgegangen, in seinen großen Werken aber hat er diese einzelnen Glieder zum lebensvollen Organismus zusammengeschlossen, zum hehren Dome von Wahrheiten construirt. Wie herrlich sind nicht die einzelnen Artikel nnd Quästionen und Theile der theologischen Summe aufgebaut und gegliedert! Wer sich die Mühe nimmt nnd vergleicht und stndirt, wie der englische Lehrer die Fülle der christlichen Wahrheit kurz und schlicht in seinem sogenannten Katechismus grnppirt, wie dann derselbe hl. Lehrer dieselben Wahrheiten im ^Oowxonckium tsiooloAisa" zur Dog- matik im Lapidarstil zusammenfügt, wer weiterhin verfolgt, wie ebcndiese Summe übernatürlicher Wahrheiten in den tzuLsstiones ckwMtnkao um den Gesichtspunkt der Trinität sich grnppirt, wer endlich den Gedankengcmg der theologischen Summe einer Analyse unterzieht, wer , -) Die Systematik in den tzoaest. clispnt. Jahrbuch I für Philosophie u. spek. Theologie Bd. VI, S. 48 n. 127. 437 dieser lohnenden Arbeit sich unterzieht, wird viel, sehr viel lernen können für die praktische Bethätigung wissenschaftlichen Forschens, besonders für die wissenschaftliche Systematik. Die diesbezüglichen, für den Mann der Wissenschaft beachtenswerthen Vorzüge der Werke des hl. Thomas hat Alexander Piny, 0. kraoä./) in präciser Form also zusammengefaßt: M snmrnnin xsrvcmitz esns Lumina, uk>1 irr äoasnäo snktüljs, in äioonäv toevnnäus, in suaäoncko eonvineentissirnns, ndi in rosvlvenäo aoutns, in xrovanäo vsrvosus, in vivoenciv xorxetnns, ndi vräv rnelivr in vptimis, porsxieuitas wa.jvr in wa- xiwis, prokunckitas summa in summis. lind derselbe spätscholastische Philosoph fügt hinzu: udi äoaont äootoros atqus äoeontui-, sock intoi- tot cwnsorcs sine oon- sura. Ja von der milden und bescheidenen Kritik und Polemik des hl. Thomas könnten manche moderne Gelehrte und Schriftsteller viel lernen.") Von den Gedanken des Aguinatcn über Methodik rc. der Wissenschaften, von diesen praktischen Richt- und Lichtpunkten für den Mann der Wissenschaft sei nur einer angefügt, der für die moderne Philosophie eine beachtens- werthe Fundamcntalwahrheit ausspricht: „Ltuäium xllilo- soxstiao von esk acl üoc: ^uoci soiatnr, gnici kiomirws kenssriub, seä c^nalitor so habend veritas rerum." (6omm. in bristet, äs uuiv. I. 1, leot. 2.) Eine Zusammenstellung und Darstellung der thomist- ischcn Wissenschaftslehre wäre ein literarisches Verdienst und würde dein Manne der Wissenschaft manche schätzenswcrthe Winke an die Hand geben. Wenn nun das Thomasstudinm für den Mann der Wissenschaft in formeller Beziehung hohen praktischen Werth hat, so gewinnen ferner manche mehr praktische Wissenszweige in materieller Hinsicht aus den Werken des Aquinaten außerordentlich viel. Es kommen hier Pädagogik, ascetische Theologie, Rechts- und Social- wissenschast in Betracht. St. Thomas und die Pädagogik. Es ist hier eine direkte und indirekte Beeinflussung der Er- zichungslehre durch die Schriften des Aquinaten zu unterscheiden. In ersterer Hinsicht wird der Erzieher bei Thomas sowohl klare wahre Principien, welche den schwierigen Pfad der Erziehungskunst beleuchten, wie auch eine Fülle vorzüglicher praktischer Winke und Anweisungen finden. Die tiefste principielle Grundlage für Erziehung und Unterricht, die Darlegung, wie der aktuell die Wahrheit besitzende Mensch auf den anderen, der dieselbe nur potentiell besitzt, einwirken kann, dies alles ist ausgeführt in der theologischen Summe (I. Hu. 117) und besonders tief in der Huaostüv äisp. äe verit. 11 cie maZistro. Praktische Anleitungen und interessante pädagogische Exkurse finden sich im Commentar zur Ethik und Politik des Aristoteles. In Lolit. 1. VII leot. 12 wird von der somalischen Erziehung des Staatsbürgers gehandelt, ibiä. I. VIII leet. 1, 2 u. 3 wird von ideeller Bildung desselben einläßlich gesprochen; besonders der musikalischen Ausbildung ist ein längeres Referat gewidmet. Bekanntlich hat ja der Aquinate auch eine von Uccclli wiedergefundene Monographie: „äs musica" geschrieben. b Alex. Piny, Orcl. ?r.: Oursus pbilosopliious tbo- mistieus 1870, 2 Bde. okr. Commer'sches Jahrbuch 1894, S. 380. ') Man vergleiche: Zöllner F. R., Das deutsche Volk und ferne Professoren. Eine Sammlung von Citaten ohne Commentar. Lpz. 80. Indirekt kommt für den Pädagogen die thomist- ische Philosophie, zunächst die Ethik und Psychologie, in Frage. In seiner Tngendlchre und vornehmlich in seiner Theorie der Affekte hat der heilige Lehrer gezeigt, daß er nicht bloß der scharfsinnige Metaphysiker, der Mann des abstrakten Denkens ist, nein, er hat eine Fülle con- kreter praktischer Einzelbeobachtungen in feinsinnigster Weise in diese herrlichen Traktate eingeflochten. Wer das viclbewegte Meer menschlichen Gemüthslebcns studiren will und wer dieses Gemüth in rechter Weise bilden will, der studire die herrlichen Exkurse des Aquinaten über Liebe, Haß, Freude, Schmerz, Zorn u. s. w. Er wird hier die Quellen, die Aeußerungen, die Ausartungen, die Gegenmittel dieser Gemüthsbewegungen klar wiedergegeben finden. Es ist dies eine der schönsten und originellsten Partien in den Werken des Aquinaten. Psychologisch und pädagogisch nicht uninteressant sind die Auslassungen über die Freundschaft im Commentar zur Ethik des Stagiriten (üb. 8 u. 9). Die ganze thomistische Pädagogik ist getragen und gehoben dnrch die dem hl. Lehrer so geläufige Auffassung des Menschen als Gotteskindes. Eine systematische Darstellung der thomistischen Erziehnngs- grnndsätze mit Bezugnahme auf des Aquinaten Gnaden- lehre und übernatürliche Tugendlehre wäre ein Lehrmittel und Heilmittel für die moderne Pädagogik, welche, durch das Irrlicht moderner Philosopheme getäuscht, so vielfach nicht mehr die Wege des Christenthums einschlägt. (Schluß folgt.) Theosophie nnd katholischer Glaube. Von Charles Saint-Paul. Der Congrcß deutscher Theosophen und die Gründung der „International. TheosophischenBrüderschaft" hat neuerdings die Aufmerksamkeit auf die Frage nach dem Wesen der modernen Theosophie gelenkt, die seit einer Reihe von Jahren so vielfach umstritten wurde. Es gewinnt deßhalb ein vor kurzem erschienenes Werk von C. G. Harrison, betitelt „Das transcendentale Weltenall", in welchem nicht nur der Werth des theo- sophischen Systems, sondern auch die Person der Gründerin der Theosophischen Gesellschaft und ihre „Mahatmas", sowie das Verhältniß der neuen „Offenbarung" zum katholischen Glauben beleuchtet werden sollen, an Interesse. Dasselbe, von Carl Graf zu Leiningen-Billighcim übersetzt, Z besteht aus sechs Vortrügen über „Geheimwissen, Theosophie und den katholischen Glauben", die der Verfasser vor der „Bereun Society" gehalten hat. Letztere ist ein „Verein von Forschern in theoretischem Okkultismus, der seinen Namen von Apostelgeschichte XVII, 10 und 11 ableitete, welcher angemessen erachtet wurde, nicht so sehr die Wesenheit, als die Richtung ihrer Forschungen zu bezeichnen". Der Verfasser bestimmt in der Vorrede den Zweck der Vortrüge noch genauer, indem er sagt, er habe Materialien zur Unterscheidung der wahren Gnosis von den Einreden der fälschlich sogenannten Wissenschaft -/vchoecu;) an die Hand geben wollen und habe sie mit besonderer Bezugnahme auf die Schwierigkeiten veranstaltet, welche Viele darin finden, die von der Theosophischen Gesellschaft aus Licht gebrachten „Wahrheiten" mit der christlichen Grundlchre 0 „Das transcendentale Weltenall". Sechs Vortrüge über Geheimwiffen. Theosophie und den katholischen Glauben, von C. ,G. Harrison. Uebersetzt von Carl Graf zn Leiningen-Billigheim. München, Th. Ackermann, 1897. Erlös einem wohlthätigen Zwecke gewidmet. Preis 5 M. 438 in Einklang zu bringen, und die theils aus einem „unvollkommenen Auffassen der okkulten Thatsachen, theils aus ungenügender Kenntniß der philosophischen Literatur der Kirche entstehen". Wir glauben nun allerdings nicht, daß es ihm gelungen ist, diese Schwierigkeiten zu lösen, zumal einige Aeußerungen über Origencs und Dionysius den Areo- pagiten wohl kaum als genügende und anzuerkennende Bereicherung letzterer Kenntniß betrachtet werden können. Immerhin waren aber seine Beiträge zur Unterscheidung wahrer und falscher Gnosis in anderem Sinne für uns von Interesse, insofern manche „Enthüllungen" über die Geschichte der neueren Theosophie und nebenbei manche kritische Bemerkungen über dieselbe in seinem Werke zu finden sind, welche zur Aufklärung beitragen können. „Die theosophische Bewcgnng oder das Wiederaufleben der Gnostik (!) ist nach Harrisons Ansicht eine sehr merkwürdige und verdient, ernst genommen zu werden. Man kann sie nicht mit einigen wohlfeilen Spöttereien über ,koot-IIooinU oder ,Bringungen von Theetassen' abthun." Letztere Worte beziehen sich auf eine Erzählung des Mr. Sinnet in „Ifis Oaoalk liVorlä« (London, 1884, TrübnerLOo,, 4. Anst. S. 47), derzufolge Mine. Blavatsky gelegentlich eines im Walde abgehaltenen Picknicks den angeblichen „Apport" einer vergessenen Theetasse durch okkulte Kräfte veranlaßte. Schade nur, daß sie nicht mehr Damen in ihren Künsten unterrichtete; fie hätte gewiß dankbare Schülerinnen gefunden. „Die Anzahl ihrer Anhänger kann," Wie Harrison ferner ausführt, „nicht zur Genüge aus Gründen menschlicher Leichtgläubigkeit erklärt werden." „Die Leute mögen in der Mehrzahl Narren sein oder nicht, aber die Reihen der Theosophen werden nicht aus der Mehrheit oder dem nicht denkenden Theil der Gesellschaft rekrntirt. Die große Kraft der Theosophie liegt darin, daß sie ein zusammenhängendes System ist. Sie ist eine Kosmogonie, eine Philosophie und eine Religion. Sie beansprucht, den Schlüssel zu bisher unlösbar gehaltenen Problemen des Lebens und des Geistes zu besitzen, den religiösen Instinkt im Menschen zu erklären und nach dem Entwicklungsgesetze die verschiedenen Formen zu deuten, in welchen derselbe bei verschiedenen Menschenrassen und zu verschiedenen Zeitabschnitten der Weltgeschichte Ausdruck findet." Harrison bespricht nun die wachsende Abneigung gegen den Materialismus und das allmähliche Freiwerden aus den Fesseln wissenschaftlicher Traditionen. Ueberdies aber weist er auf die angeblich wachsende Tendenz nach kirchlicher Freiheit hin und sagt etwas vorn Widerwillen gegen die „nichtswürdige Gesetzlichkeit der lateinischen Theologie"; indem er zugleich seine Hoffnungen hinsichtlich des Wiederauflebens des origenistischen Gedankens ausspricht, der seit Kaiser Justinian verdammt wurde, während der „christliche Gedanke in die eisernen Bande der Lehre des hl. Augnstin geschlagen wurde".(!) Der anglikanisch - katholisch - gnostisch - origenistisch - okkultistische Autor findet ferner, daß Frau Blavatzky bemüht war, der katholischen Kirche eine Rivalin in der Theosophischen Gesellschaft zn geben, und behauptet nun vorerst, daß Frau Blavatsky, wie man zu glauben Ursache habe, die wahren Quellen ihrer Eingebungen größtentheils selbst nicht kannte und ein Werkzeug in den Händen nicht gewissenhafter Personen war, welche ihre merkwürdigen Gaben zu selbstischen Zwecken ausbeuteten. Wenn mehr über die Art des Kampfes bekannt werden sollte, der um ihre unglückselige Persönlichkeit Henna wüthete, würde sie so betrachtet werden, als sei an ihr mehr gesündigt worden, als sie selbst sündigte. Trotz ihres vielumfassenden („der Himmel weiß woher, doch beinahe sicherlich nicht aus Thibet erlangten") Wissens habe sie übrigens manchmal eine außerordentliche Unwissenheit an den Tag gelegt, welche ohne die Unterstellung absichtlicher Täuschung der Uneingeweihten schwer erklärlich sei. Auch ihre Geheimlehre sei äußerst mangelhaft, sowohl in Bezug auf ihre Anthropogenesis wie aus ihre Kosmogenesis, namentlich auf letztere, und dabei von ihrer Persönlichkeit in einem Grade tendenziös gefärbt, daß deren wissenschaftlicher Werth ernstlich in Frage stehe. Füge man noch hinzu ihr leidenschaftliches Schelten, die Verdrehung von Thatsachen, wenn diese nicht in ihre Theorien hineinpassen, und ihren parteilichen Eifer zu Gunsten aller und jeder nichtchristlichen Religionssysteme, — mit einziger Ausnahme des Judenthums —, so verbinde sich Alles, um sie zn einem sehr unsicheren Führer zu höherem Wissen zu machen. Diesen recht bedenklichen Behauptungen über die moderne Theosophiu reiht Harrison nach längeren Erörterungen über Offenbarung im Allgemeinen und das Verhältniß von christlicher und „heidnischer Offenbarung" noch eine Anzahl von Schlüssen an, zu denen er nach genauerer Prüfung des Systems der Mme. Blavatsky gelangt ist. Wir glauben, daß ähnliche Schlußfolgerungen auch von andern bereits gezogen worden sind. Er findet, daß die neue Theosophie, „so hochinteressant und bedeutend sie auch voin wissenschaftlichen Standpunkte aus sein mag", ethischen Zwecken nicht angepaßt ist. Als Kosmogonie ist sie aber für ihn, „trotz ihrer Fehler, ein werthvoller Beitrag zur Geheimwissen- schaft". „Jeder europäische Okkultist muß anerkennen, daß sie der Forschung weite Strecken bis' jetzt unbekannten Gebietes eröffnet hat." Als Philosophie läßt sie seiner Ansicht zufolge viel zu wünschen übrig, da sie keinen Versuch macht, das Problem des freien Willens zu lösen, welcher die eigentliche Wesenheit der Persönlichkeit ist. Sie sei zu fatalistisch. Ferner fehle ihr, als Religion betrachtet, die Antriebskraft, da sie kein Material zur Begründung des Altruismus liefere, auf welchen die Theosophie so strenge dringe. „Ein Glauben an Karnia und Reinkarnation kann im besten Fall nur einen selbstsüchtigen Beweggrund, Gutes zu thun, abgeben und im schlimmsten Fall jedes individuelle Bestreben lähmen. Der Altruismus kann niemals etwas Anderes als ein starres Dogma sein, wenn er nur eine Nützlichkeitsgrnndlage hat. Mit anderen Worten, der Glaube an die Verbrüderung der Menschen ist vom Glauben an dse Vaterschaft Gottes untrennbar, welch letztere von den Theosophen, als mit der Un- persönlichkeit unvereinbar, geläugnet wird, die, wie sie sagen, für den Begriff eines göttlichen Wesens wesentlich ist. Doch dies Läugnen ist für den Anspruch der heutigen Theosophie, die „Alte Weisheits-Religion" vorzustellen, verhäugnißvoll; denn keine jemals bestehende Religion lehrte den Unsinn eines unpersönlichen Gottes. Selbst der Positivismus, jenes Frankenstein'sche Ungeheuer einer materialistischen Philosophie, bekennt den Glauben an eine schattenhafte Persönlichkeit, die der mittleren Kraft der Totalsumme menschlicher Thätigkeit ankleben soll und mit dem Namen der Menschheit geschmückt wird. Natürlich ist die Anbetung (wenn sie ächt) Götzendienst, da der katholische (allgemeine) Glaube der ist, daß wir einen 439 Gott in der Dreifaltigkeit und die Dreifaltigkeit in der Einheit anbeten und die Anbetung irgend eines anderen Gottes Götzendienst ist, es sei nun das Ideal „Die Menschheit" (Anbetung des Geschöpfes) oder ein meta- M)s,scher Begriff des Unbegrenzten, als das Unendliche maSkirt, oder ein scheußlich geschnitzter Holzblock — Religion ist das Band, welches den Menschen mit Gott verbindet. Sie kann viele Formen annehmen, jedoch nur eine, die allen Menschen und allen Zeiten angepaßt ist. Die Lehre: „Das Wort ist Fleisch geworden", vermag allein gleichzeitig den religiösen Instinkt des Menschen zu befriedigen, ohne unseren Gottesbegriff zu verkümmern und herabzuziehen. Das Christenthum ist vor allem eine umfassende Religion. Es verkündet Einen Herrn, Einen Glauben, Eine Taufe. Sein Einer Gott ist der Führer des Menschengeschlechtes, sein Einer Glaube ist der Schlüssel zu allen Geheimnissen, seine Eine Taufe ist die Bürgschaft für die Solidarität der Menschheit, jener organischen Einheit, welche, wenn sie erkannt wird, alle entgegengesetzten Meinungen über Religion in Harmonie auflösen würde, die ihre Lebenskraft aus sich bekämpfenden Interessen ableiten, indem sie eine direkte Verbindung mit dem Geiste der Wahrheit herstellt, aus dem alle Formen intellektueller Thätigkeit hervorgehen." Was werden die Blavatskosophen zu solchen Worten ihres neuesten Widersachers sagen, der Okkultismus und „Geheimlehre" ebenso wie die von gewissen Theosophen verachteten Martinisten und Rosenkreuzer (älterer Richtung) auf die Basis des persönlichen Gottesbegriffes und einzelner christlicher Grundbegriffe aufgebaut wissen will? Nur schade, daß der Autor, der an anderer Stelle noch von dem Universum als einer großen Symphonie spricht, deren Thema die Liebe Gottes und deren Schlüssel sei: Lt iucaruatiis sst äs Lxiritu La-noto, der den „einst den Heiligen überlieferten Glauben" hochhält, auf einem Felsen, einer ewigen Wahrheit, gegründet, die den Schlüssel zu jedem Probleme im Universum biete, daß dieser sonderbare Apologet selbst im Verlaufe seiner Erörterungen seine christlichen Ideen nicht genauer präcisirt. Allgemeine religionsphilosophische Klarlegungen in seinem Werke hätten wahrlich viel kürzer gegeben werden können, anderseits hätten auch Ausfälle gegen die römische Kirche, deren Wesen er nicht genauer zu kennen scheint, im Vergleiche mit der anglikanischen, weggelassen werden können. Wir können die Gründe seiner Hochschätzung der „englischen Kirche", von der er sich so eingreifende Reformen christlicher Auffassung in der Zukunft verspricht, nicht finden, allerdings finden wir einzelne seiner antirömischen Ausfälle begreiflich, wenn er uns (x. 45) sagt, daß das Mannesalter des neuen Europa sich vom 16. Jahrhundert herleite. Doch kehren wir, ehe wir diesen Standpunkt weiter beleuchten, zu seinen Aufklärungen über die Theosophische Gesellschaft zurück. Die deutsch - französischen Allianzen im 18. und 19. Jahrhundert. Von V (Schluß.) Der Krimkrieg, von den russischen Chauvinisten heiß ersehnt, da man eine Niederlage der russischen Waffen und eine Selbsteinkehr des russischen Geistes oder Reformen von ihm erwartete, stärkte nur die nihilistische Partei, welche an der deutschen Philosophie, besonders Hegel, Schalter und Rosenkranz, sich großgezogen hatte, wie sie ja auch das altdeutsche Kostüm der deutschen Burschenschafter adoptirte. Alexander Herzen gab in London den nihilistischen „Kolokol" heraus, der die Petersburger Palastgeheimnisse besser kannte, als oft der Zar selbst, und die Geheimpolizisten, die gegen ihn nach London gesandt werden sollten, schon Wochen voraus avisirte. Herzen's Diktatur über das Publikum vernichtete, um sich selbst an die Stelle zu setzen, der Hohepriester der Panslavisten Katkow, derselbe, der als Student für Hoffmann und Heine geschwärmt, ä Is, Napoleon und Lord Byron posirt und unaufhörlich, selbst auf der Straße, mit zum Himmel erhobenen Augen Freiligrath's Gedichte deklamirt hatte. Während eines Festmahls war er, von Schwermut!) befallen, auf die Straße gestürzt und hatte dort einen Zusammcnlauf verursacht. Auch war er eine Zeit lang Anglomane, die Zielscheibe deS Spottes seiner Kameraden. Aber nachdem er der Reihe nach für alle Culturnationen geschwärmt hatte, begann er sie zu schmähen und sich auf die russische Nationalität zu capriciren. Sein Todfeind war der bedeutendste russische Kritiker Belinski, dem schrift- stellernde Generäle den Hof machten, der aber in Gesellschaft vor Schüchternheit kein Wort zu reden wußte. Auch der Schriftsteller Gribojodow fällt über die russische Literatur folgendes Urtheil: „Ich kann vor französischer Lektüre nicht einschlafen, während ich mich über russischen Büchern krank geschlafen habe." Eine bittere Enttäuschung brachte auch der Moskauer Slavencongreß 1867. Wie beim babylonischen Thnrmbau verstanden die einzelnen Deputationen einander nicht, und die Czechen, Nnthencn, Bulgaren, Wenden mußten deutsch sprechen, um sich zu verständigen! Während damals eine Hungersnoth in Rußland herrschte, sammelte man enorme Summen für das Theater in Prag und für das russische Theater in Lemberg. Die russische Regierung indeß war ganz im Schlepptau dieses Moskauer Redacteurs, und die Zeiten, wo der spätere Kanzleidirector v. Westmann ihn mit einem Hahne verglichen hatte, der auf dem Misthaufen kräht, waren vorbei. 1883 wurde das letzte russische Blatt freierer Richtung unterdrückt. Jetzt dominirte der unglaublich seichte „Grashdanin" des Fürsten Mesch- tscherski, der sich auch durch Franzosenhaß hervorthat. Die Aera Pobedonoszew, des Absolutisten strengster Ob- servanz, hatte begonnen, der slavisches Pathos mit tar- tarisch-brutalem, eisig despotischem Geiste verbindet, ein- herrasend in hochgradigem Panslavistenwahnsinn, übrigens, wie Katkow, ein durchaus unredlicher, vor Geschichts- fälschungen nicht zurückschreckender Mann, dessen Ideal die Wiedereinführung der Leibeigenschaft bildet.'^) Nach ihm hat Rußland die Mission, Europa gegen Asien zu bewachen, wie es schon 1300 die Mongolengefahr abgewendet habe. Schade nur, daß dies falsch ist, daß gerade Rußland den Mongolen unterlag, sie aufnahm, ihren Geist in sich aufsog und damit die mongolische Gefahr noch näher an Europa rückte. Von einer ganz anderen Mission weiß der Dichter Tschaadajcw, der heimlich zum Katholicismus übertrat, zu berichten: „Wir sind nur dazu da," ruft er aus, „daß die Welt ein abschreckendes Beispiel an uns nehme." In der That ist jedem, der Lanin's Schilderungen aus Rußland liest, jeder Z -eifel geschwunden, daß Rußland keine höhere Mission erfüllen kann, wenn es auf diesem Wege weitcrschreitet. ") Siehe sein Lehrbuch des Civilrechts. IH. Auflage 1883, Theil I. Seite 44. 440 Wäre es uns um Sensation zu thun, so würden wir z. V. aufführen, wer in Rußland zu Universitätspedellen gestellt wird, wie die Justiz dort umgangen wird, wer die Geißel der Hungersnoth verursacht, die wie ein moderner Minotaurns sieben- bis achtmal in jedem Jahrhundert Rußland heimsucht. Es ist dies nicht die gewöhnliche europäische Hungersnoth, die auch Entsetzens genug bietet, sondern jene ist nur in Rußland möglich, bei der die Mäuse Hungers sterben und die Ratten auf Krücken gehen müssen. — Geschickte Vertreter panslavist- ischer Interessen im Auslande waren: der Gesandtschaftspriester Najewski in Wien, General-Obrutschcw in Paris, zugenannt der „schöne General", der sich am meisten auf seine elegante Figur einbildete, die „ksvisv ok Iloviorvg" in London, die ihre Spalten für politische russische Agenten und Spione offen hält, dann die berüchtigte Hinterthür- diplomatie des Trios: Madame Adam, Nowikow und des „freien Kosaken" Aschinow. Nowikow blieb es vorbehalten, die russischen Gefängnisse Erziehungsanstalten zu nennen; mit demselben Rechte könnte man Sibirien mit seinen giftigen Morasten und für die Sonne undurchdringlichen Eisflächen, diese Botany-Bah des Zarenreichs, dieses Nendcz-vons alles Elends und aller Verbrecher, einen gesunden Kurort nennen. Während heute Rußland mit der Türkei in dem Tone süßlicher Friedseligkeit spricht, zeigte es sich in seiner wahren Gestalt gegenüber Bulgarien, wo das offizielle Rußland sich nicht entblödete, nihilistische Politik zu treiben, und zwar an einem Volke, das eben erst vorn türkischen Joche befreit war und gegenüber den russischen Insulten eine unerhörte Mäßigung, Selbstbeherrschung und Sinn für Gesetzlichkeit an den Tag legte. Der Fürst von Bulgarien, der nicht der gekrönte Sklave Rußlands sein wollte, gegen den man aber auch nicht die Blut- und Eisenkur anwenden wollte, wurde der Gegenstand zahlloser, von den russischen Regierungsagenten veranlaßter Complotte und Attentate; man hetzte seine Offiziere gegen ihn auf, brachte seinen Salonzug zum Entgleisen, suchte entlassene Sträflinge zu Meineiden zu veranlassen. Wenn Frankreich, wie es den Anschein hat, immer mehr davon abkommt, im Bunde mit Rußland die Voll- streckerin panslavistischer Ideen zu werden, wenn es überhaupt noch ein Europa im politischen Sinne gibt, wenn mit dem Worte überhaupt noch ein sittlicher Begriff verbunden werden kann, dann werden auch die panslavistischen Bäume nicht in den Himmel wachsen, und Rußland, der Bär, wird nicht, wie Heine fürchtete, an dem verstümmelten Deutschland und Frankreich seine Freßgier stillen. Recensionen und Notizen. Hake P., Katholische Apologetik. II. Aufl., bcarb. von I. F. Hückelheim. 8°. VIII -j- 232 SS. Frei- burg i. Br., Herder 1897. M. 2 40. § An Lehrbüchern der Apologetik (Hettinger, Gut- berlet, Schell, Schanz u. s. w.1 haben wir keinen Mangel, gerade in jüngster Zeit ist auf diesem Gebiete viel Literatur erschienen. Gegenwärtiges Buch will mit den bewährten Werken durchaus nicht in Concurrenz treten. Scii: Zweck ist vielmehr, unter Benützung der bekannten Meisterwerke, eine knappe und klare Darstellung des Stoffes zu bieten, wie er von reiferen Gymnasialschülern bewältigt werden kann. Und diese Absicht ist in dem trefflichen Werke m ganz mustergiltiger Weise erreicht worden. Scharf und deutlich sind die Erklärungen, vorzüglich sind die Einteilungen, welche sich schon durch die Anordnung des Druckes dem Auge leicht erkenntlich zeigen. Dem Stu- direnden, der ein verständiges Erfassen des Glaubensinhaltes erstrebt, könnte für den ersten Gang in die wissenschaftliche Vertheidigung der katholischen Lehre kein praktischeres, besseres Buch in die Hand gegeben werden. Das Studium größerer Werke wird dann mit um so größerem Nutzen möglich sein. * Das prächtig ausgestattete erste Heft des neuen Jahrganges des D eutschen Hausschatzes beginnt mit zwei Romanen, die, nach den bis jetzt gegebenen Nummern zu schließen, als Perlen der Erzählungskunst bezeichnet werden dürfen. B. Corony's Roman: Im Banne der Kunst, nimmt einen vielversprechenden Anfang, wir ahnen jetzt schon den traurigen Konflikt, der das Leben der jungen, vornehmen Künstlerkreisen entstammenden Frau verbittern wird. Noch spannender scheint sich der Roman eines Egoisten von Champol, einem der bedeutendsten katholischen Romanschriftsteller Frankreichs, gestalten zu wollen. Die ersten Kapitel fesseln ungemem. M. Herbert gibt in der Novellette: Das Sterbekleid der Madame Roland, eine wahrhaft erschütternde Episode aus dem Leben des unglücklichen Sohnes Ludwigs XVI. An belehrenden Artikeln, die zugleich dem Zweck der Unterhaltung dienen, ist das Heft besonders reich. Dr. F. I. Holly gibt in Poetische Friedhofsblumen eine sehr anziehende Blüthenlese aus Gedichten, die sich auf Allerseelen beziehen. Der allbeliebte Reiseerzähler Karl May ist in diesem Hefte noch nicht vertreten, doch theilt die Redaction mit, daß er die Fortsetzung des interessanten Romans Im Reiche des silbernen Löwen auf das bestimmteste in Aussicht gestellt habe.. Die Hälfte des Romans ist bereits in Händen der Redaction. Der Bilderschmuck dieses Heftes ist überaus reich und gediegen. * Mittheilungen der Leo-Gesellschaft. Herausgegeben vom Direktorium- Nr. 7 dieser Mittheilungen gibt einen Bericht über die vortrefflich verlaufene 6. Generalversammlung der Gesellschaft in Klagenfurt (26. bis 29. Juli), sowie verschiedene andere Mittheilungen über die Sitzungen des Direktoriums über den Stand der Publikationen der Leo-Gesellschaft und einen Prospekt über ein katholisches Prachtwerk ersten Ranges, dessen Edition die Gesellschaft veranstaltet unter dem Titel „Die katholische Kirche unserer Zeit und ihre Diener in Wort und Bild". Der erste Band befaßt sich mit der Centralregierung der Gesammtkirche, und bildet ein für sich abgeschlossenes Werk. Es soll den Lebenslauf des jetzt regierenden Papstes, eine Darstellung der Organisation und Thätigkeit der höchsten und hohen Prälatur unter Berücksichtigung der historischen Entwicklung, eine Schilderung der vatikanischen Institute, sowie die Kongregationen und Centralcommissionen u. s. w. und ihres Wrrkens geben. Der Plan des Unternehmens hat den Beifall Sr. Heiligkeit des Papstes und mehrerer katholischer Fürstenhöfe gefunden. Der I. Band umfaßt circa 720 Textseiten mit 60 Tafelbildern und circa 1100 sonstigen Abbildungen und wird in 30 Lieferungen ä 1 M. ausgegeben. Subscriptionen können bei der Leo-Gesell- chaft in Wien angemeldet werden. Höhler, vr.. Fortschrittlicher „Katholizismus" oder KatholrscherFortschritt? Mrtbischösl. Approbation. 3. Aufl. 89 S. gr. 8". Preis 1 M. Trier. Paulinus-Druckerei. Bereits in dritter Auflage sind diese Beiträge zur Würdigung der bekannten Broschüre des Pros. Dr. Schell in Würzburg: „Der Katholizismus als Prinzip des Fortschritts" erschienen. Diese Schrift erörtert in außerordentlich klarer und überzeugender Weise die Anschauungen, welche mehrfach in der vielbesprochenen Broschüre des Würzburger Professors sich finden. Die maßvollen und vielfach klassischen Ausführungen des immer sachlichen Kritikers über die Seminarbildung des Klerus, kirchliche Autorität und Gedankenfreiheit, Wissenschaft und Glaube rc. sind sehr beachtenswerth. Auch die Zusätze der neuesten 6. Auflage der Schell'schen Schrift sind m einem Nachtrag berücksichtigt. Allen denjenigen, welche sich rasch über die Streitfragen orientiren wollen, wird diese Schrift willkommen sein. Verantiv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. öil-, 64. MNg. e rw iM „Die Katholische Kirche unserer Zeit und ihre Diener — in Wort nnd Bild." * Wir haben bereits wiederholt die Aufmerksamkeit Unserer Leser auf dieses bedeutsame Werk gelenkt, welches von der österreichischen Leogesellschaft herausgegeben wird und dessen Verlag der Allgemeinen Verlagsgesellschaft in Berlin übertragen wurde. Heute, da das 1. Heft des Prachtwerkes uns vorliegt, müssen wir darauf zurückkommen und zunächst noch einige Daten allgemeineren Inhalts nachtragen. Die Redaction des ersten Bandes („Nom — das Oberhaupt, die Einrichtung nnd die Verwaltung der Ge- sammtkirche") liegt in den Händen des aus nachbenanuten Herren zusammengesetzten Redactionscomiüs: Msgr. Paul Maria Baum garten, k. Salvatore Brandt 8. ll., Msgr. James A. Campbell, Msgr. Charles Daniel, k.PiedeLangogneO. Lliu. 6app., Dr. John Prior, Dechant R u s ch e k A n t a l, Msgr. Franz M. Schindler, Msgr. Charles de T'Serclaes, Msgr. Anton de Waal. Den Redactions-Ausschuß bilden die Herren k. M. Baumgartcn, Ch. Daniel und A. de Waal. Für das Werk ist das beste und feinste Papier, der schönste, tadelloseste Antiqua-Druck, die vollendetste Original-Illustration gewählt worden. Die Firma W. Büxenstein-Berlin, welche den Druck besorgt, ist eine der leistungsfähigsten auf dem Gebiete des Kunstdruckes und der Illustration. Für den Bilderschmuck arbeitet .schon seit vielen Monaten rastlos ein hervorragender Maler, Ph. Schumacher in Nom, und ein eigener Photograph, G. Felici, ist im Dienste dieses Werkes beschäftigt. Mit der Lieferung des letzten Heftes des ersten Bandes erhält zudem jeder Abonnent als Gratisbeilage ein vom Hl. Vater selbst als zu seiner „Allerhöchsten Zufriedenheit ausgefallen" bezeichnetes, für dies Werk eigens vom Hofmaler des Papstes, Car. Ugolini, entworfenes und in Farben ausgeführtes großes Porträt Leo's XIII. Dem für die deutsche Ausgabe verantwortlichen Mit- gliede des Redactions-Ausschusses, Msgr. Paul Maria Baumgarten, ist von Sr. Eminenz dem Cardinal Jacobini das nachstehende gnädige Schreiben zugegangen: Nom, den 13. August 1897. Sehr verehrter Mousignore! Sie haben mir den umfangreichen Plan des Werkes „Die katholische Kirche" auseinandergesetzt, das von der Leo- Gesellschaft zur Förderung der katholischen Wissenschaft in Oesterreich herausgegeben wird. Der erste Band, dessen Titel lautet: „Rom. Das Oberhaupt, die Einrichtung und die Verwaltung der Gesammtkirche", ist soweit gefördert, daß man mit dem Drucke begonnen hat. Ich habe das Verzeichniß der Gelehrten durchgesehen, die mit ihrer gereiften Wissenschaft Beiträge für das großartige Unternehmen liefern, und ich bin mit der Wahl dieser Männer zufrieden. Auch habe ich die zahlreichen Illustrationen, die Sie vorbereitet haben, gesehen, Illustrationen, unter denen das große Portrait Sr. Heiligkeit hervorragt, und ich kann nicht umhin. Ihnen meine Bewunderung aus- zusprechen sowohl wegen der Auswahl der Objekte wie wegen der technischen Ausführung der Clichös. Ich wünsche, daß das so zeitgemäße Werk, das mit so großem Ernste vorbereitet ist, von unseren braven Katholiken günstig aufgenommen werde, daß es aber auch das Interesse derjenigen erwecke, die zwar unseren Glauben nicht theilen, aber doch ein offenes Auge haben für die größte Institution dieser Welt: die katholische Kirche. Mit größter Freude segne ich das Unternehmen nnd ermnthige Sie; auch wünsche ich, daß Sie einen vollen Erfolg haben mögen. Ich habe die Ehre. mein sehr verehrter Mon- signore, mich zu nennen Ihren ergebensten Diener D. Card. Jacobini. Der erste Band befaßt sich, wie schon erwähnt, mkl Rom und der Centralregierung und der Verwaltung der Gesammtkirche. Einem bereits im ersten Hefte vorliegenden theologisch und stilistisch meisterhaft ausgeführten einleitenden Aufsätze über den „Papst nnd die Kirche" vom berühmten Redacteur der „Civilta cattolica", k. Brandt 8. ^., folgt sofort die von Monsignor de T'Serclaes nach neuen Quellen- und Archivstudien ausgeführte Biographie Leo's XIII., die auch eine Fülle neuer intimer Details aus des Papstes Leben enthält. Diese Biographie ist im vorliegenden ersten Hefte noch nicht abgeschlossen. Aber nach dem Beginn darf man auf eine höchst interessante Skizze wirklich gespannt sein. Es folgt sodann der Abschnitt über die katholische Hierarchie, die Cardinäle, Patriarchen, Erz- bischöfe, Bischöfe, Aebte und Prälaten mit bischöflichen Jnsignien, Orden nnd religiösen Genossenschaften. Der folgende Theil behandelt die sogenannte päpstliche Familie, d. h. die Hailsangehörigen des Vaticans: die Palastcardinäle, Palastprälaten, geistlichen wirklichen geheimen Kammerhcrrcn des Vaticans, Hansprälaten, Kammerherren aus dein Laicnstande, Corpsstab und Stabsoffiziere der Nobelgarde u. s. w. Ein weiterer Abschnitt handelt von der sogenannten „päpstlichen Capelle", d. h. von den verschiedenen Amts- und Würdenträgern in der Verwaltung der Kirche. Es folgen die weiteren Abschnitte über die Palastverwaltungen, über die hl. Con- grcgationen der Cardinäle, über die Cardinalscommissionen und verwandten Einrichtungen, über die Palastsecretariate, über die diplomatische Vertretung des hl. Stuhles bei den Mächten, über das beim hl. Stuhl beglaubigte diplomatische Corps, über das römische Vicariat (Pfarrver- waltung Ronis) und über die römischen päpstlichen Universitäten nnd Institute. Welch reicher, hochinteressanter, für Viele mehr oder weniger noch unbekannter Stoff, namentlich, wenn derselbe durch eine so reiche Illustration geschmückt ist! Das erste uns vorliegende Heft des ersten Bandes eröffnet somit das Werk in verheißungsvollster Weise. Um den Lesern einen Begriff zu geben von dem, was die Illustration des Werkes verspricht, so wollen wir zum Schlüsse noch dem Bilderschmuck dieses ersten Heftes einige Worte widmen. Demselben ist zunächst der künstlerische Prospect des Werkes vorgedruckt mit dem Tafelbilde des Kardinals Staatssekretärs Ram- polla, mit dem Leistenbilde Sanct Peter und der Petersplatz, mit der Titclkirche Rampolla's 8antA Oacilia, des Klosterhofes der Kirche 8. knolo kuvri Is uaura, mit einem Madonnenbilde aus der Basilika 8. Llaria, Llag- Fioro von Mino, mit der Ansicht des Vaticans mit der sixtinischen Capelle. Es folgt das Porträt des Major- domus des Papstes della Volpe, des Maestro di Camera Sr. Heiligkeit de Azevedo nnd des Sacristans (Beichtvaters) des Papstes ?. P!ffcri aus dem Angnstincrorden, endlich Ansichten vom Innern der Kirche von Sän Lo- renzo in Lncina mit dem Crucifix von Guido Neni am Hochaltar, nnd des Cortille della Pigna mit der Denkfaule des vatikanischen Concils. Das erste Heft zeigt uns zunächst die Abbildung eines kreisrunden Elfenbein- 442 bechers (Pyxis) aus dem 4. Jahrhundert aus dem Berliner kgl. Museum, von der Mosel stammend, in Elfenbeinschnitzerei darstellend: Jesus auf dem Throne im Kreise der zwölf Apostel, Petrus allein auf einen» Stuhle zu Füßen Jesu sitzend, mit Abrahams Opfer als Schlußstück. Ein ganzseitiges Tafelbild führt uns einen herrlichen idealen Christuskopf vom Gemälde der Verklärung von Raphael aus der vatikanischen Pinakothek vor Augen. Demselben folgt ein Christnsmonogramin aus dem 4. Jahrhundert. Ein weiteres Bild ist eine Copie des Gemäldes „Die Trennung der Apostel nach dem Concil von Jerusalem" vom Dichter und Maler Gleyre in der Kirche von MontargiS in Südfrankreich. Dem schließt sich das ausgezeichnete ganzseitige Porträt des Cardinals Ledo- chowski, des Präsecten der Propaganda, an. Es folgen zur Illustration der Biographie Leo'S XIII. Ansichten von Carpineto, dem Geburtsorte Leo's XIII., von Viterbo, wo er seine ersten Studien verlebt, und vom OaUogium Rvmrrnum und der Xocaäemin äei nodili Loclesiastioi, wo er seine Studien vollendet hat. Wir finden da das Geburtszimmer des Papstes, ein Gemälde, seine Taufe vorstellend, die Ansicht des Palastes der Pecci in Carpineto, die Porträts des Großvaters, des Vaters, der Großmutter und der Mutter Pecci's, von welch' Letzterer wir erfahren, daß sie ein Nachkomme des berühmte» italienischen Volkstribnns Cola di Ricnzi ist. Dazu macht Mous. de T'Serclaes die Bemerkung: „Der Papst der socialen Frage stammt aus einem früher revolutionären Blute, das durch den Lauf der Jahrhunderte sich beruhigte, obschon es heute noch belebt ist durch einen Hauch volksthnmlicher Kühnheit." Wir finden weiter das Porträt seines von sechs Geschwistern einzig verheirateten Bruders Johannes Pecci (ch1882), endlich eine herrliche Gcsammtanficht Carpineto's, das Facsimile eines Briefes des Papstes als neunjährigen Knaben an seine Mutter, einer von ihm eigenhändig als Jüngling eingegrabencu Inschrift zu Ehren Maria u. s. w. Aus diesen Andeutungen schon ergibt sich die Ahnung der Fülle des Interessanten und Denkwürdigen, welche dieses Prachtwerk enthalten wird. Es wird nicht nur ein Denkmal für die Kirche, sondern auch ein Denkmal für die katholische Wissenschaft und Kunst, sowie für die österreichische Leogesellschaft sein. Nun bleibt nnS nur noch der Wunsch und die Aufforderung an alle unsere Leser: „Nehmet und leset!" * » * Eine Probe der ausgezeichneten Illustrationen, welche das Werk schmücken, werden wir den Lesern in dem übernächsten illusirirten Unterhaltungsblatt vorführen. Ansprache des k. Lycealdirektors vr. Diendorfer, gehalten an die Herren Candidaten des kgl. Lyceums zu Passau, beim Beginn des Studienjahres 1897/98. Meine Herren! Es war am 3. November 1891. als ich mich in der glücklichen Lage befand, den damaligen H. H. Candidaten des hiesigen k. Lyceums die mit höchster Entschließung vom 1. Juni 1891 promulgirten neuen Satzungen für die Studirenden an den k. b. Lyceen bekannt zu geben und diese Bekanntgabe mit einigen erläuternden und ermunternden Bemerkungen zu begleiten. Gehobenen Gefühles betonte ich damals, daß durch diese Entschließung der bei der Errichtung der k. b. Lyceen durch die Alterh. Verordnung vom 30. Nov. 1833 proklamirte Grundsatz: „Die kgl. Lyceen sind Specialfchulen für das philosophische und das katholisch-theologische Studium, und stehen als solche auf gleicher Linie mit den betreffenden Fakultäten der Landes-Universitäten". daß. sage ich, dieser Grnndsatz, welcher durch die Ungunst der Zeitströmung etwas war verdunkelt worden, durch die erwähnte Entschließung „eine neue feierliche Bestätigung und praktische Verwirklichung erhalten habe. wodurch, wie ich beifügte, den Bestrebungen gewisser Kreise, die k. b. Lyceen des Ranges von Hochschulen zu entkleiden, . . hoffentlich auf lauge Zeit hinaus ein entschiedenes Halt geboten sei". Sechs Jahre find seitdem verflossen, und von Seiten der k. b. Staatsregierung wird, ich spreche das unumwunden und mit Dank als meine persönliche Ueberzeugung aus, diesen Special-Hochschulcn noch dasselbe Wohlwollen entgegengebracht, von welchem dieselbe bei der Erlassung der mehrerwähnten Entschließung vom 1. Juni 1891 ausging. Das zeigte sich, um von Anderem zu schweigen, nicht undeutlich im Laufe des heurigen Jahres, als durch höchste Entschließung vom 7. Mai Nr. 7134 eine Neu- rcgulirung bezw. eine Reducirung der Herbst- und der Weihnachtsferien verfügt wurde. Die im ersten Augenblick des Bekanntwerdens dieser Entschließung gehegte Befürchtung, es möchte dies wieder ein erster Schritt fein zur Herabdrücküng der k. Lyceen unter das Niveau der betreffenden Universitäts-Fakultäten, erwies sich sofort als grundlos, indem unter demselben 7. Mai -Mb Nr. 7133 an die Senate der drei bayerischen Landes-Universitäten eine analoge Verfügung hinsichtlich der Universitätsferien erging. Mit ungetrübter Berufssreude und gehobenen Gefühles können Sie daher, meine Herren Candidaten, auch Heuer wieder als vollberechtigte akademische Bürger in diesen allerdings gegenüber der vollen Umvcrsität sehr bescheidenen Räumen des kgl. Lyceums an ihre akademischen Studien herantreten. Diese Berufsfreude sollen Sie sich auch. meine Herren, nicht verkümmern lassen durch die Vorwürfe, welche in jüngster Zeit von einer Seite, von welcher man es am wenigsten hätte erwarten sollen, gegen die Lyceen und bischöflichen Lehrseminarien erhoben worden sind. Es kann nicht meine Aufgabe sein, an diesem Orte nnd in der kurzen mir gegönnten Spanne Zeit all die schiefen, theils übertriebenen, theils unwahren nnd deßhalb gänzlich unberechtigten Behauptungen, welche der derzeitige Rektor der ^Ima ckulla in Würzbura, deren akademischer Bürger gewesen zu sein auch ich mich rühme, gerade über diesen Punkt in seiner bekannten Broschüre ohne Beweise aufgestellt hat, zu ividerlcgen oder auch nur vorübergehend zu beleuchten. Angesichts der gediegenen Ausführungen unseres geehrten Herrn Collegen Dr. Haas in der Augsburger Postzeitung, sowie der mehr oder minder eingehenden Beleuchtungen dieses Punktes von Seite der Herren Dr. Braun, 1)r. Höbler, Dr. Hubbert. Dr. von Hertling ist dies auch nicht nothwendig. Es ist dies um so weniger nothwendig, als Herr Dr. Schell selbst in der neuesten Auflage seiner Schrift eine Art Rückzug anzutreten scheint, indem er Seite 96 „Zur Abwehr" Absatz 2 schreibt: „Der Werth der Seminarien und Lyceen.galt mir dabei (bei meiner Erörterung) als selbstverständlich — trotz aller Kritik." Leider ist die hier zum Ausdruck kommende Werth- schätzung rein platonischer Natur. Denn dieselben Vorwürfe, welche in der ersten und zweiten Auflage hinsichtlich der Lyceen und Seminarlehranstalten enthalten sind, kehren in der 6. Auflage unverkürzt und ohne Milderung,') aber auch ohne thatsächlichen Beweis wieder. Denn auf subjektive Airffassiuigen gestützte Verdächtigungen, Deklamationen und Exllamationen sind, meine Herren, noch keine Beweise. Angesichts dieser Sachlage können wir dem Würzburger Iteotor ma^niüLUs mit Recht zurufen: „tzuoä Arati« ssssrltur, Z-ratis nsZatur." In der That wird es dem gelehrten Herrn Rcctor und Professor schwer fallen, den Nachweis zu liefern, daß die an den bayerischen Lyceen (um mich auf diese zu beschränken, da ich diese allein näher kenne) gebildeten Theologen hinter den an den Universitäten gebildeten in wissenschaftlicher oder in religiös-sittlicher Beziehung oder in ihrer späteren Berufs-Wirksamkeit irgendwie zurückstehen. Die Synodal- wie die Pfarrconcurs-Prüfungeu beweisen vielmehr evident, daß Beide einander ebenbürtig, um nicht mehr zu sagen, gegenüberstehen, und die spätere Wirksanl- keit Beider wird schwerlich zum Nachtheil der katholischen ') Vergl. S. 18—21 der zweiten mit S. 23—33 der sechsten Auflage. 443 Priester, die an den Lyceen ihre Studien vollendet haben, voneinander unterschieden werden können. Angesichts dieses Thatbestandes kann man es den Vertretern der bayerischen Lyceen nicht verdenken, wenn sie den in der Schell'schen Schrift unverblümt enthaltenen (wenn auch nicht mit nackten Worten ausgesprochenen) Vorwurf, als würden dieselben an der von deren Verfasser behaupteten Jnfcriorität der Katholiken in Deutschland mit Schuld sein, als gänzlich unbegründet entschieden zurückweisen. Nicht Animosität gegen die Universitäten, deren geistige Söhne zu sein ja wir Professoren der k. Lyceen uns mit Stolz rühmen, und deren hohen Werth wir sämmtlich dankbarst anerkennen, nicht Animosität hat mir, meine Herren, diesen entschiedenen Protest eingegeben, sondern das tiefste Bedauern, daß von einer Seite, von welcher die Lyceen, wenn nicht Anerkennung und Förderung, so doch eine gerechte Beurtheilung erwarten zu dürfen glaubten, denselben Mißkennnng und Verdächtigung öffentlich ent- gegengeschlcudert wird, und zwar von einem Manne, dem als geborenen Nichtbaycr wir nicht die genügende Kenntniß und unbefangene Würdigung der bayerischen Verhältnisse zutrauen, um in der Werfe, wie geschehen, über bayerische Einrichtungen, die ein großer bayerischer König geschaffen hat, die sich seit mehr als 60 Jahren bewährt haben, und die das Vertrauen der kgl. bayer. Staatsregierung sowohl wie des bayer. Episkopates wenigstens zur Zeit besitzen, absprechen zu dürfen. Eine Lehre aber wollen wir. meine Herren, nach dem Grundsätze: „visoses st ab üosts" aus diesen Vorkommnissen für uns ziehen, die Lehre nämlich, mit allen uns von Gott hiezu verliehenen Kräften dahin zu streben, das Ideal eines katholischen Studirenden, insbesondere eines Studirenden der Theologie, zu verwirklichen. Dieses Ideal ist aber, Sie kennen es, meine Herren, kein anderes, als die harmonische Verbindung einer ernsten vernünftigen Frömmigkeit mit einem ebenso ernsten Streben nach gründlicher wissenschaftlicher Ausbildung. Es ist das, meine Herren, eine allbekannte Wahrheit, in der Theorie geläufig jedem vernünftigen Menschen, ge- läufiginsbesoudere jedem gewissenhaften gebildetenChristen, eine Wahrheit aber, die wegen der Schwachheit des einzelnen Menschen und wegen der Verderbtheit der ihn umgebenden Welt von Zeit zu Zeit immer wieder, besonders in unserem Jahrhundert, in ernste Erinnerung gebracht zu werden verdient. Denn zutreffend und wahr ist, wenigstens zu zwei Dritttheilen, die Charakteristik, welche der Dichter des Trompeters von Säkkingen von unserer Zeit entwirft mit den Worten: „Die Welt von heut' ist dienstbar falschen Götzen, Die Wahrheit schweigt, die Schönheit seufzt und klagt. Nur Unnatur und Lüge schafft Ergötzen; Gott ist vergessen, Mammons Standbild ragt! Wer da noch singt, der sollte den Propheten Nacheifernd zürnen — strafen — trauern — beten!" — Als eine der traurigsten und für die nachwachsenden Generationen folgenschwersten Verirrungen unserer Zeit aber muß bezeichnet werden die in weiten Kreisen gerade der gebildeten Welt verbreitete Ansicht, welcher leider auch von so vielen Lehrern und Erziehern wenigstens praktisch gehuldigt wird, man könne die Jugend ohne Rücksicht aus Gott, ohne Rücksicht auf die ewige Bestimmung des Menschen, mit einem Worte ohne Mitwirkung der positiven Religion, zu edlen, brauchbaren und tugendhaften Menschen, oder, wie man sich ausdrückt, zur vollen edlen Humanität heranbilden. Allen Diesen, die sich einer so verhängnißvollen Ver- blenduiig hingeben, möchte ich einzig und allen: die Worte in die Erinnerung zurückrufen, welche einst ein großer protestantischer Gymnasialpädagog. der ehemalige Gym- nasialrector von Nürnberg und später von Stuttgart, Herr Dr. Karl Ludwig Roth, beim Aistritt des Gymnäsial- Rectorates in Nürnberg am 5. Januar 1822 unter Berufung auf Christenthum und Vernunft ausgesprochen hat, die Worte nämlich: . . . „Alles Bemühen um neue Erziehungs- und Lehr- künste wird überall eitel und vergeblich sein, wo die Erzieher durch den Grundsatz, ihre Zöglinge für das Leben bilden zn wollen, sich gleich den ersten und einzig rechten Standpunkt muthwillig verrücken. Für das Leben" so schließt der für das wahre Wohl der Jugend so warm fühlende Mann, „für das Leben wird nur der gebildet, welcher für die Ewigkeit erzogen wird." 2) Doch, meine Herren, was bemühe ich mich, Ihnen, die Sie alle gläubige, katholische Studirende sind, eine Wahrheit einzuschärfen, welche der Lehrmeister aller Lehrmeister in die ebenso einfachen wie inhaltsschweren Worte gekleidet hat: „tzimsrits priumin re§num Del ststistltiaw ejns, st eastsra »äiioientur vobis!" Meine Herren! Ich will mich hier in keine Exegese dieser die ganze Lebensweisheit des Christen umfassenden Worte des göttlichen Lehrmeisters einlassen. Ich sage nur, daß Derjenige diese Worte gänzlich mißverstehen würde, welcher daraus die Berechtigung zn einer einseitigen Pflege der Frömmigkeit, die sich egoistisch auf sich allein beschränkte, folgern wollte, und auf welche daher der sarkastische Ausruf des hl. Hieronymns anwendbar wäre: ,,O Laust» Liwplieitas, guas solui» sibi prostest." Denn Christus, der Herr, sagt allerdings: Suchet zuerst das Reich Gottes, suchet zuerst das Eine Nothwendige, Eure ewige Bestimmung sicher zu stellen: er setzt aber sofort bei: „und seine Gerechtigkeit". Diese Gerechtigkeit des Reiches Gottes aber verlangt, daß jeder einzelne Mensch nlit den Talenten, welche ihm der gütige Schöpfer mit in die Wiege gelegt hat, wuchere, d. h. daß er die ihm verliehenen Fähigkeiten nach allen Richtungen hin ausbilde, um in jenem Berufsstande, auf welchen Neigung, Fähigkeit und ernste Erwägung oder auch der vernünftige Wille der Eltern ihn hinweisen, zu seinem eigenen und seiner Mitmenschen Wohle zu wirken, bis der Herr ihn abruft von diesem irdischen Leben mit den tröstlichen Worten: ^Wohlan, Du guter und getreuer Knecht, weil Du über Weniges getreu warst, will ich Dich über Vieles setzen, gehe ein in die Freude Deines Herrn." Sie, meine Herren, haben sich nun den schönsten, aber auch den verantwortungsvollsten Beruf als das Ziel Ihres Strebens und Ihres Lebens gestellt, den Beruf, Lehrer und Erzieher der Menschheit zu werden. Ihnen und uns allen, die wir bereits in diesem Berufe thätig sind, gilt daher vor Allem das Wort des Lehrers der Welt: «Vos estis ssl tsrrae . . . Vos sstis lax muuäi" k Beides verlangt derselbe von uns, nicht das Eine ohne das Andere, oder wie Neivman^) so treffend sagt: „Der wissenschaftlich gebildete Weltmann soll fromm, der Geistliche aber gläubig (fromm) und wissenschaftlich gebildet zugleich sein." „Der Jüngling insbesondere bedarf", um mich der Worte desselben ebenso frommen wie gelehrten Mannes zu bedienen/) „einer männlichen, vernünftigen Frömmigkeit, wenn sie ebensowohl die ruhelose Thätigkeit seiner Einbildungskraft zügeln und den regellosen Verstand gefangen nehmen, als sein empfängliches Herz rühren soll." Ist es nun auch vollkommen wahr, daß Geistliche ohne frommen geistlichen Sinn, oder wie Möhler so treffend sagt: „Geistliche ohne Geistlichkeit Invaliden von Haus sind"?) so ist es ebenso wahr. daß Geistliche ohne gründliche Bildung zunächst in ihren Berufs-, dann in den damit zusammenhängenden Wissenschaften Blinde sind und Führer der Bänden, welche sie aus dem Zustande ihrer geistigen Blindheit zum Lichte der ewigen Wahrheit und dadurch auch zur Freiheit der Kinder Gottes zu führen berufen wären. So entschieden daher die Kirche die Pflege der Frömmigkeit bei den heranwachsenden Klerikern sowohl wie bei Denjenigen, welche die Schwelle des Priesterthums bereits überschritten haben, in ihrer Gesetzgebung betont, so entschieden betont sie auch bei Beiden die Pflege der Wissenschaft. Es hieße in der That, meine Herren. Wasser in die Donau tragen, wollte ich Ihnen aus der Fülle der hier einschlägigen Concilienbeschlüsse und Dekretalen der Päpste aus alter und neuer Zeit auch nur ein paar vor Augen führen. Nur auf einen ebenso kürzen wie be- ^ °) Kleine Schriften pädagogischen und biographischen Inhalts . . von vr. Karl Ludwig Roth, Stuttgart 1857, Bd. 1 . S. 16. 2 ) Vortrüge und Reden, zumeist an der katholischen Universität Dublin gehalten von Or. T. H. Neivman» übersetzt von Schändeten. Köln 1860, S. 14. ') Ebenda S. 14 in der Mitte. Vergl. Historisches Jahrbuch Bd. 1S. S. S7S. 444 zeichnenden Ansspruch sei mir erlaubt, hinzuweisen, auf den Aussvruch nämlich Papst Leo's I. des Großen, der an den Klerus und das Volk von Koustantinopel schreibt: „8i iv I-aiois vix tolorabilis viästur insoitia, ciuauto Maxis iu iis, gul xrassuvt, ueo exousatious äixua est, veo vevis."°) Deir tieferen Grund aber, warum besonders bei Klerikern und Geistlichen Frömmigkeit und Wissenschaft harmonisch mit einander verbunden sein sollen, hebt so schön PapstGrcgorius der Große hervor, wenn er schreibt:') »klvlla sst seisutia, si utilitatem xistatis von üabst, quia clvm bova ooxiiita exegui vexlixit, seso all zuäiolum srctius strivxit. Lt valäs iuutilis est pistas, si seäeatik« äiseretions oaret, quia, äuw uulla bavo soiovtia lllumivat, guomoäo rmsorsalur, ixnorat." Dieses strenge Verdikt des großen Papstes über die von der Wissenschaft nicht erleuchtete Frömmigkeit ist begreiflich in deni Munde eines Mannes, der die Hauptaufgabe der Geistlichen, die Erziehung und Leitung der Seelen, als die höchste Kunst bezeichnet mit den bekannten Worten: ,,-^rs srtium röximsn auimarmn." Aber nicht bloß die Rücksicht auf diese spätere so wichtige Wirksamkeit gegenüber seinen Mitmenschen soll den studirendcn Jüngling veranlassen, sich mit allem Eifer und unter gewissenhafter Benützung der so schnell enteilenden Zeit in den ihm zugänglichen oder gar durch den gewählten Beruf vorgezeichneten Wissenschaften auszubilden, sondern auch die Rücksicht auf sich selbst, auf seine geistige und, ich füge bei, sogar auf seine körperliche Gesundheit. Denn Thätigkeit ist Leben» unthätigkeit aber und Müßiggang ist zunächst geistiger Tod und führt auch früher, als es sonst bei einer vernünftigen und geordneten geistigen oder körperlichen Beschäftigung der Fall gewesen wäre, zum körperlichen Srechthnm und znm früheren körperlichen Tode. Erlassen Sie mir, meine Herren, Sie zum Beweise hiefür hinzuweisen auf so manche traurige Vorkommnisse dieser Art an unseren Hochschulen, damit ich nicht Böses mit Bösen: zu vergelten Gefahr laufe. Hinweisen aber möchte ich Sie, meine Herren, und hiemit eile ich zum Schlüsse, auf die ebenso wahren als kurzen, hieher bezüglichen Aussprüche von zwei hervorragenden Männern, denen ein warmes Herz für die heranwachsende Jugend gewiß nicht abgesprochen werden kann, der Eine ein Heiliger und Lehrer der Kirche im vorigen Jahrhundert, der Andere ein Humanist an der Wende des 14. und zu Anfang des 1b. Jahrhunderts und Zeitgenosse Petrarca s. Der Erstere, der hl. Alphons von Limwri, schreibt an seinen Neffen in Neapel, bedauernd, daß in dem Institute, in welchem er lebe, so wenig Fleiß im Studium gezeigt werde, die ernsten Worte: „Die Unwissenheit und der Müßlgang sind die unversieglichen Quellen der Sünde und der Laster." °) Der Andere aber, der Humanist Paul Vergerius der Aeltere, ermähnt einen ehemaligen Schüler, der schon in sehr jugendlichem Alter sich auf ein Landgut zurückziehen und dorr einer behäbigen Ruhe lind Beauemlichkeit pflegen wollte, daß dies noch zu früh sei, mit folgenden bedeutsamen Worten: „Wenn Du schon heute an geistige Schonung denkst, zu einer Zeit, wo man gerade am meisten in Schweiß und Staub ausharren soll, so befürchte ich, daß Du nicht eben gut für die Frische Deines Geistes sorgest, da Unthätrgkeit für ihn Siechthum bedeutet und das Sich- rrgeben in eine beschäftigungslose Muße der Gesundheit nicht nur nicht zuträglich, vielmehr recht schädlich ist. Dem jungen Mann steht nichts übler an als Müßiggang, nichts ziert ihn mehr als Arbeit."^ Wohlan denn, meine Herren Candidaten, erhaben ist das Ziel, das in der Rennbahn des Lebens zu erringen Sie sich vorgenommen haben, mögen Sie nun als Priester und Lehrer, oder mögen Sie als öffentliche Beamte einst im Leben zu wirken berufen sein. Mühsam zwar ist oftmals der Weg zu demselben, aber das Ziel selbst des Schweißes der Edlen werth. Darum ") vooret. 6rat. o. 3. Oist. 36. 'I Llorallum I. I. o. 32. n. 45. H Vgl. Histor.-pol. Blätter Bd. 116, S- 411 aus der Briefsammlung des Heiligen. ") Lpistol. u. 20. vergl. Histor. Jahrbuch Vd. 18. ß. vss. waffnen Sie sich mit ernstem Eifer und mit ausdauernder Geduld, mit andern Worten, schreiben Sie sich ins Herz und befolgen Sie den goldenen Mahnsprnch. welchen einer der größten Pädagogen Deutschlands, der Schulrath Dr. L.,Kellner, jedem studirenden Jüngling in's Stammbuch geschrieben wissen will, den Mahnsprnch nämlich: „Freund, hoffe nicht, daß bloß im leichten Spiele, Was einst Gewinn sein soll für all' Dein Leben, Anmnthig tändelnd Dir und schnell gedeihe: Verlangt Dein Sinn nach einem edlen Ziele So binde an Geduld ein eifrig Streben, JuGottundArbcitsuch'dierechte Weihe."'") Und damit, meine Herren. Gott befohlen für das neue Studienjahr! Die praktische Bedeutung des Thomasstudiums, Von M. Grabmann, Eichstätt. (Schluß.) Innig verwandt mit der Erziehung, um nicht zu sagen eine spezielle Form derselben, ist die Ascese. In dieser Beziehung sind die Schriften des hl. Thomas, welchen Bessarion den „Heiligsten der Gelehrten und den Gelehrtesten unter den Heiligen" genannt hat, wahre Quellenwerke von unverwclklichem Werthe. Der hl. Thomas und der Ascet, der Prediger! Der hl. Thomas, der, wie Labbö sagt, zuvor Engel war, bevor er der englische Lehrer ward, ein solch heiliger Mann, dessen Wissenschaft nach eigenem Geständnisse mehr Himmelsgnadengabe als die Frucht seines Genius und Niesenfleißes gewesen, St. Thomas konnte in seinen Schriften vom ascetischen Standpunkte gewiß nicht absehen. „Der hl. Thomas", sagt Morgott?) „spricht nicht zum Herzen und zur Einbildungskraft, sondern zum Verstände, er liebt nicht glänzende Bilder, sondern klare, durchsichtige Begriffe. Vergebens sucht man in seinen Schriften jenen poetischen Aufschwung der Phantasie, jene oratorischen Ausbrüche des Gefühles, die uns in den Werken seiner Zeitgenossen so vielfach begegnen." Dieses Eigenthümliche an den Werken des großen Lehrers verleiht seinen ascetischen Ausführungen großen Werch, insofern dieselben jeglicher Uebertreibung und jeglichem Uebermaß von Affekten gänzlich fremd sind und folglich dem vernünftigen Willen große Sicherheit und Festigung geben. Das ganze christliche Leben ist eine Vorbereitung, ein xraeambuluru zur himmlischen Seligkeit. Christus, der da ist vsritas, via, vita, ist das Vorbild des Christenlebens. Weist uns nicht die Lehre des hl. Thomas von Gott (I. pars — voritas) hin auf das, was wir im Himmel schauen werden, läßt uns nicht die Darstellung des Lebens in Christo durch die Sakramente, wie St. Thomas in der III. xars (vita) gegeben hat, das himmlische Leben in Gott und mit Gott in ewiger Seligkeit schon hienieden ahnen? In der Loouucla aber (via) sehen wir den ganzen christlichen Tugendbau sich himmelwärts heben auf dem Felsenfundamente der drei göttlichen Tugenden und auf den vier Grundpfeilern der Cardinaltugenden, und wir nehmen es staunend wahr, wie dieses Tugendgebäude in der vita crouteruplativa, im Status parkeetionis (Ordensleben) sich in himmlischen Höhen verliert. Ja Labbö und Mamling haben recht, wenn sie sagen, nach der Lumina des hl. Thomas erübrige nur noch das luiuou gloriao. Die theologische Summe ist ein ascetisches Werk von '°) Lebcusblätter, Wahrspruch unmittelbar nach dem Titelblatt. °) Mariologie, S. 4. O 445 eminenter Bedeutung. Auf ihr bafiren die klassische» Werke von Rodriguez und Scaramelli. Stellen von ascetischem Werthe finden sich in reicher Auswahl in den Schristerklärungen des hl. Thomas, vornehmlich in seinem Commentar zu Matthäus 19, 21 ff., Coloss. 3, 14, I. Joh. 18, 1; auch in vielen Artikeln der Hnocilistskalss und in der Lumina, contra. Osntss III. Das OMsonlnm äs xsrksckions vikas kpiritunlis (ox. 18) n. a. bieten dem Asceten und Prediger eine Fülle der anregendsten Gedanken. Die gesammte matsria, uscstica, in den Schriften des hl. Thomas ist im Laufe der Zeiten ausgehobcn und systematisch zusammengestellt worden: so in der mit Eleganz und Wärme geschriebenen N^stica. tsteologia, O. Pstomas des spanischen Dominikaners Thomas a Valgornera/) in der freilich mitunter etwas polcmisirenden kstsoio^ia. msntis st coräis des Vincentius Contenson, in der kstsoloZis astsctivs des Dr. Louis Bail und anderen Werken. Ueberhaupt basiren die späteren Darstellungen der mystischen Theologie durch die Carmeliten Joannes a Jesu Maria und besonders Philippus a Trinitate, durch den Benediktiner Schräm auf den Principien des hl. Thomas. Der asketische Werth der Werke des hl. Thomas geht auch daraus hervor, daß gerade die größten Kenner der Werke des Aqninaten, wie Seraphinus Capponi und Banez vorzügliche Lehrer des geistlichen Lebens gewesen sind und auch aus dem Umstände, daß im Prediger- orden die christliche Mystik ein besonderes Heim gefunden hat. Die großen Prediger innerhalb und außerhalb des Predigerordens haben sich gebildet an den Schriften des hl. Thomas, der selbst ein großer Prediger gewesen ist, gui tam rsvsrsntsr anclisstakur a poxulo yuasi sna, xraeäioLkio xroäirst s, Oso. (Bolland.)') Hat er ja selbst ssrmonss und opsra, eoncronatoria, uns hinterlassen. 2) Der Prediger braucht große Gedanken; er findet sie beim heil. Thomas. Dr. Ceslaus Maria Schneider bemerkt deßhalb mit Rechts) „Niemand wird es gereuen, Thomas in allem zum Leitstern genommen zu haben. Manche Geldausgabe für Predigt- und asketische Werke wird jener nicht zu machen haben, der gelernt hat, aus Thomas zu schöpfen." Die Werke des hl. Thomas sind von besonderem praktischen Werthe in den Händen des Priesters und Predigers, aber auch der Jurist und Social- °) Neue Ausgabe durch k. Berthier bei Marietti, Turin 1891. ') Die homiletischen Schriftsteller des PredigerordenZ, wie Bromiard, Holkot, Perazzo, Ludwig v. Granada, Petrus de Palude, Brienza u. a. schöpfen durchgehends aus Tbomas. °) Neue Ausgabe: O. Idowas Lermones st opsra coueioiurtoria kansiis axnä Lloucl st Lara!. Hier kommt auch in Betracht der sogenannte Katechismus des hl. Thomas, welcher zunächst das dem vecretum pro H-rwerüs des b'Iorentinums zu Grunde liegende opusenlum äs artieulis 6äei st saeramentis, dann auch die Commentare zum katsr nostsr, Lkaria und Orsäo in sich schließt. Das von Nikolaus v. Cusa besuchte Provinzial- concil von Mainz 1451 bestimmte dieses libsllns utilis st instrustivus als Grundlage des katcchctischcn Unterrichtes. °) Schneider, Einleitung zum Werke: Die christliche Wahrheit, pa§. I,XXIII. lieber das Verhältniß des hl. Thomas zur christlichen Mystik ctr. Dr. Pfeifer, Psychologische Lehren der Scholastik, bestätiget und beleuchtet durch Thatsachen der katholisch-religiösen Mystik. Jahrbuch v. Commer, V S. 468. Politiker kann viel lernen aus den Werken des Doctor Angelicus. „O. 'I'stomns contra Instsralismum catcholicas vsritatis invictus asssrtor." Als solchen hat Con- stantin v. Schätzler in einer 1874 erschienenen wahrhaft goldenen Schrift den hl. Thomas gefeiert. Ja in den Schriften des hl. Thomas ist die im Begriff „Liberalismus" beschlossene Reihe von kirchenpolitischen und social» politischen Irrthümern rmticipanäo gerichtet und zurückgewiesen, wenigstens ihrer Wurzel nach. Ja auch in dieser Beziehung ist der hl. Thomas, wie ihn sein großer Kommentator Sylvestris von Ferrara nennt, der stomo oirmium storarum. Der Jurist findet in der theologischen Summa die beste Grundlage seiner Wissenschaft, einen eingehend entwickelten Rechtsbegriff und eine ausführliche Gesetzeslehre. Das H-äSo; moderner Rechtsphilosophie, d. i. die Negation eines Naturrechtes, findet hier eine glänzende Widerlegung. (8. Mr. 1 II, SO 8M.) Der Staatsmann und Nationalökonom findet in dem schönen Opnscnlum äs rs^imins priucipum vortreffliche Maximen und Belehrungen. Es sind dies Hcrzensgedanken, die einer der größten Denker aller Zeiten einem befreundeten Fürsten, dem Könige von Cypern, innig und gutuicinend nahelegt. Es ist hier die Stellung des Papstes charakterisirt (I. I eax. 14 ckr. tu II. Lsnk. ässk. 44 Josef Grimm sel. Andenkens (j- 1. Jan. 1896) hat sein großes, verdienstvolles, in der katholischen Wett mit Recht bestens anerkanntes Werk „Das Leben Jesu", ursprünglich auf 6, dann auf 7 Bände berechnet, wovon der 1. Band „Die Geschichte der Kindheit Jesu", die 4 folgenden „Die Geschichte der öffentlichen Thätigkeit Jesu" und die zwei letzten „Das Leiden Jesu" behandeln. Von 1876 bis 1894 hat Grimm die 6 ersten Bände veröffentlicht, von 1890 bis, 1895 die 3 ersten in zweiter Auflage herausgegeben. Die Bearbeitung des Schlußbandes, dessen Manuskript aus der Feder Grimm's nur bis zur Scene des Leos Mater reicht, hat Dr. Zahn übernommen, und ') Harrison bemerkt diesbezüglich (x>. 34—35): „Es gibt eine gewisse Verrichtung ccremonieller Magie, durch welche eine Mauer psychischer Einflüsse um ein gefährlich gewordenes Individuum herum aufgeführt werden kann, was die Wirkung hat, die höheren Fähigkeiten zu lahmen und das herbeizuführen, was die ,Zurückwerfung des Strebens' genannt wird. Die Folge davon ist ein durch phantastische Gesichte bezeichneter, geistiger Schlaf. Es rst eine Verrichtung, zu welcher selbst die Bruder der Linken selten ihre Zuflucht nehmen und die im Falle der Frau Blavatsky von fast allen europäischen Okkultisten mißbilligt wurde. Die Verantwortlichkeit für Alles, was seitdem geschah, lastet allein auf der amerikanischen Brüderschaft. Ich glaube, der verstorbene Herr Oliphant wußte mehr um die Sache, als irgend ein Engländer." — Was mag das für eine Brüderschaft sein. Von „Oliphant", dem früheren Parlamentsmitglied und Verfasser der Werke „Sxmpusumata" und „Lciontiüo reli^ion" (j- 1888 ) wurde eben nicht angenommen, daß er derart „hexen" würde. die von ebendemselben besorgte, soeben erschienene zweite Auflage des 4. Bandes bekundet, daß die Vollendung des Ganzen in besten Händen ruht. Selbstverständlich hat der Neu-Heransgeber keine wesentliche Umgestaltung des Werkes vorgenommen, aber fast jede Seite zeigt deutlich, mit welcher pietätsvollen Sorgfalt Zahn die neue Auflage verbessert hat, indem er stilistische Härten beseitigte, manche Ausführungen kürzer faßte, dafür häufig Ergänzungen und Zusätze einfügte, so daß trotz jener Kürzungen die Seitenzahl um 15 zunahm; zu begrüßen sind besonders auch die öfteren Hinweise auf alte und auf neueste Ausleger. Die neue Auflage darf vollauf eine wirklich verbesserte genannt werden. Sehr erfreulich ist es darum, daß Zahn den Schlnßband schon für nächstes Jahr in Aussicht stellt (Vorwort VIII). Gewiß wird Grimm's „Leben Jesu" wie bisher, so auch künftighin sich viele Freunde erwerben. Das verdient Grimm's geistvolle, Wissenschaft und Gelehrsamkeit mit wohlthuender Wärme und Begeisterung glücklich vereinigende Art der Darstellung, und der Netz-Bearbeiter versteht es, die Vorzüge des Werkes treu zu bewahren und mit Geschick zu erhöhen. Belser Joh., Beiträge zur Erklärung der Apostelgeschichte auf Grund der Lesarten des Codex v und seiner Genossen. Frei- burg i. Br., Herder. 1897. 8°. xx. VIII -f- 170. M. 3,50. » Der Verfasser unterzieht die Blaß'sche Theorie von einer zweifachen Tertüberlieferung der Apostelgeschichte einer eingehenden, selbstständigen Nachprüfung, welche den gewandten Philologen nicht verkennen läßt. Ohne uns über das Ergebniß seiner Untersuchungen im einzelnen ein entscheidendes Urtheil anzumaßen, müssen wir uns aufrichtig freuen, daß nun auch auf katholischer Seite die Zahl derer wächst, welche in den Wettkampf der besonnenen Bibelkritiker mit Entschlossenheit eingreifen und nicht bei dem für „unheilig" gehaltenen Wort „Bibelkritik" glauben, gleich in nervöse Krämpfe fallen zu müssen, als ob damit der Bestand der katholischen Kirche bedroht wäre. Gegenüber dem gewaltigen Material, das Fleiß und Scharfsinn auf protestantischer Seite trotz mancher Verirrung aufgehäuft hat, können wir erst mir bescheidenen Anfängen aufwarten, doch ist der Geist gesunder Kritik erwacht und wird uns hoffentlich noch mit mancher Untersuchung beschenken, die sich gegenwärtigem trefflichen Werke würdig anreiht; zunächst eröffnet uns der Verfasser selbst die Aussicht aus eine Erörterung der Harnack schen altchristlichen Chronologie. Literarischer Handweiser, begründet, herausgegeben und redigirt von Msgr. Dr. Franz Hülskamp in Münster. 18 Nrn. L 2 Bogen Hochguart für M. 3 pr. Jahr. 1897. Nr. 9 u. 10. Die Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst (Hülskamp) und deren Jahresmapve für 1897(Frhr.v.Lochner). —Weitere kritische Referate über Rolf es Form und Begriff der Seele bei Aristoteles (Kirschkamp), Boügaud Kirche Christi. Faber Das Leben, v. Hammerstein Controvers-Katechismus und Das Glück, katholisch zu sein (Deppe), Sporsr-Lisr- baum 1lleolo§ia moralis, IlirobborA Os voto, ?iAbi Oo iuckioio saoramsntali, van kossum contra kiAlli und Hollweck Kirchliches Bücherverbot (Deppe), Wirrkler Traditionsbegriff des Urchristenthums, Wieland Altchristliche Entwicklung der Oräincs minorcs, Wehofer Justin's Apologie und Eisenhofer Procopius v. Gaza (CM. Kaufmann), Oonksrsncs ok ilnAlioan Lisboxs (Bellesheim), Uranckiäisr Wuvrss inöäitss (Sauer), Oarclinsr Oronnvclls plaec in bistor^ (Zimmermann), Böhme Deutsches Kinderlied und Kinderspiel (Bäumker), Gebetbuch für die Männerwelt, Seeböck Ehrcnkranz der christl. Jungfrau. Seraphisches Opfer und Maria-Jmmer- Hilf-Büchlein (Deppe). — Notizen über Hoffmann Geschichte der Verehrung des Altarssal'ramcnts, Beck Handbuch znr biblischen Geschichte, das 6orpus Scriptorum Hwtoriae L^antiuas und' 12 Kirchheim'sche Novitäten (Hülskamp). — Novitäten.-Verzeichnis Verantw. Redacteur: Ad.Hcras in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. kjr. 65 U, 13. Nov. 1897. Die Passiv der heiligen Afra. Von Dr. Bernhard Sepp. Die Verehrung der hl. Märtyrin Afra in Augsburg ist bis iu's 6. Jahrhundert hinauf beglaubigt. Denn schon Venantins Fortunatns sagt in seiner metrischen Vita s. Llsrtini, die noch zu Lebzeiten des hl. Germanus, Bischofs von Paris (gest. 28. Mai 516), verfaßt ist: „l?arAis sä gnrciv Viräo et liivvs ünontant, lilie os8a saeras vensrabsrs nncrt^ris l4krao."0 Auch in der ältesten Recension des hlsrt. klioronvin. (entstanden im Jahre 627/28) ist wiederholt von ihr die Rede?) Eine so innige Verehrung ist aber kaum denkbar ohne eine Legende, welche über die Art ihres Martyriums helleres Licht verbreitete. Wenn daher unsere Handschriften der ?s8sio 8. ^krso bis in's 8. Jahrhundert zurückreichen, 2) so dürsten nur schwerwiegende Momente uns bestimmen, dieselbe als eine „Erfindung des karo- lingischen Zeitalters" zu bewachen, zumal Ruinart (a. a. O. S. 400 s.) sie in seine Sammlung der sots mar- t^rnm mnoc-rs aufgenommen hat. Solche schwerwiegende Momente vermag ich aber in ocn Einwänvcn, die Krnsch gegen ihre Echtheit erhoben hat (a. a. O. S. 42 f.), nicht zu erkennen. Es sind folgende: I. „^ctio in ^lrsin instituta aliens 68t all omnikuo uati8 Aönuinia parseeutionis iilins. Iki nnllu8, cprocl seium, inäox prsonomino vocstur, nt 6siu8 iucsi x Fkrso." Wie schade, daß Krnsch keine Vorlesung über die vorjustinianischen Institutionen des römischen Rechts gehört hat, er würde sonst erfahren haben, daß sie von einem Juristen Gains herrühren. Sicherlich ist ihm aber ein römischer Kaiser, ein Papst und ein Kirchenschrift- stcller dieses Namens bekannt, welche den Beweis liefern, daß das Pränomen „Oains" im Zeitalter der römischen Kaiser auch als „noinon" gebraucht wurde?) II. „6aiu8 autsin illü c^uam mslo egit parto3 IncliaiZ Hamani! Lostulavit, ut c^us68tu8 moiktrikü osn88s äÜ8 Luarisiearat Mra, nsMv oomvaamorsvit iu88g, impörntorum, czuso osisarvurs coZösiantur okristisni; c^uin imnro tsntnm skorst, ut Aontilom 8k Zvreret, ut 6tisin elirisiiauorum prokitatom st- t^uk doueatutLM pnklioo UFvosLarst? Die Befehle der Kaiser waren gegen die Christen ergangen. Gains kann sich aber nicht überzeugen, daß eine lusretrix sich den Christen beizählen dürfe, wie Afra that. Hierin spricht sich weniger seine hohe Achtung vor der Sittenreinheit der Christen — die auch von den Heiden anerkannt wurde — als seine Geringschätzung des Gewerbes der Afra aus, denn die morstrieos galten bei den Römern für „kdminsk infamst und ^uuüiorss kaiuosuk". 0 S. dl. 6t. 4uot ant. IV, 1 p. 368 (11b. IV v. 642 sg.); vgl. Vaul. äiao. II, 13 (8er rer. LanK. p. 80). Aus diesen Versen dürfen wir schließen, daß sich bereits im 6. Jahrhundert eine Kirche über dein Grabe der hl. Afra erhob. °) Am 5., 6. u. 7. August und am 9. (eoä. Lxtsrnao.: 8.) Oktober, s. Lall. H.. 88. Rov. II, 1 p. siois 8g. und k>. ( 130 ). b) So (nach Krnsch) eoä. Llontspsssnlauas L n. SS, eoä. ksrisisnsis Ist. n. 10861, eoä. Llonaesnsis tat. n. 4SS4 (— Lenoäietobnrsnns n. 84, Geschenk der L^sila. vgl. Obb. Archiv m S. 338 f.). H Vgl. VoreeUiui im Onomastikon unter OaiuL. III. (I'alaarillg) „ ism po8t ootsvsm uclinoni- tiousm patikntism ruxit iuciicsiuguö voluit ex» Llaina8ss: Lsorikioa, ^nonisin iniuris 68^ miki tot Korso tooum oortaro, kutissstus uimirum ip86 8uis iueptiio, uam cpmrta Korso pscte eomruoäk sZi xotuioseut, guae sets 6880 kinxit". Der Ausdruck tot Korso ist eben eine Hyperbel, die sich aus der Indignation des Gains erklärt Uebrigens versteht es sich von selbst, daß die Akten der Märtyrer nicht das ganze Protokoll der Verhandlung enthalten, sondern uns nur die wichtigsten Fragen und Antworten überliefern. Die Verhandlung kann also wirklich mehrere Stunden gedauert haben. IV. „Osiucis csusöstioukw in oooiss F,krso kskitaiu tsm rsptim traotsvit, ut vsl Velserus stupost: tzuis, iuguit, korst cismusri sk- 86Ut08 6SU83S uou OOAnits; immo 00» Auitiouoru 6t exkoutionom oimu! militikug äomsuäsri." Da Hilaria und ihre Sklavinnen (sueillse) Digna, Enmenia, Euprcpia, in kisgrsnti ertappt wurden, als sie die Leiche Afra's bestatteten, war ein Verhör un- nöthig, und die bloße Weigerung zu opfern genügte, um sie des Todes schuldig erscheinen zu lassen?) V. „18 U6 8iki vsuiäöin oouotst mououta ooäom Velsero. ^krsm eniiu ooiukustsm 63Zo oklitus Paulo post rettulit 6iu3 oorpu8 iutegruur invantum 6886, itacsUk raonckseis 8US ip86 proäiciit Mkuäsx? Gewiß haben die Henker nicht gewartet, bis der Körper der Afra zu Asche verbrannt war — dies hätte viele Stunden Zeit erfordert — sondern sie entfernten sich wohl, nachdem sie sich von dem Tode der Märtyrin überzeugt hatten. Unter diesen Umständen war es Digna, Enmenia und Euprcpia leicht, das Feuer zu löschen und den Körper zn, bergen, der auch verkohlt immer noch als iutezrum d. h. als ganz bezeichnet werden konnte. 6) VI. „Lormo Istiuu8, cpio suotor utitur, uegsuo suticsuus uecsuo ustivuo 68t, sock io Huom sovo OsrolinZieo in sokolis äisoskaut; stur um suiu cliesro pot68 8oriptor6ma6c1i ckoiirompsit." Die Barbarismen, welche der von Krusch edirte Text anflvcist, fallen nicht dem Autor, sondern wohl eher dem Abschreiber znr Last. Auch der Satz „gnani notam staffodat kaeios pndlioa." ist kauni richtig überliefert,') und es muß daher dahingestellt bleiben, ob „furios iiudlieu" hier irrthümlich in der Bedeutung von „vuIZus" gebraucht ist. Was vollends den Ausdruck „cmtomis cuecioro" anlangt, so.brauchte ihn der Verfasser nicht aus der Irist. porsoeut. Vuuclul I, 9 des Victor Vitcnsis (verfaßt im Jahre 486) zu entnehmen, sondern er konnte ihn auch in einer Legende finden/) so z. B. in der Legende des hl. Vitus, s. Voll. ä. 88. llun. II, 1021 und 1022. VII. „Lruotorou stuviuw, czui sticou u I^ortunuto äiotus est, I^ooeliuo nomino uxpolluvit iäeo^uo onva soriptoribns saoouii VIII oonvoirik." Wie wenig aus der Form der Eigennamen in den Handschriften auf die Lesart des Originals geschlossen werden kaun, habe ich schon im ersten Artikel gezeigt. Die Folgerung Kruschs „Faire igitur Fl>ao manisostum ost uovo clcinnm Oarolingioo composita osso" läßt sich daher im besten Falle auf die Oonvorsio 8. Florre anwenden/) deren Verfasser unsere kussio überarbeitet und mit Zusätzen versehen hat.'") Hieraus ergibt sich aber nur, daß wir die älteste Recension der kassio s. Fkrao nicht besitzen, nicht aber, daß es keine ältere, die dieser Zusätze entbehrte, gegeben habe.") Wäre der Verfasser der Oonversio mit dem der kussio identisch gewesen, so würde er gewiß beide nicht getrennt behandelt, sondern zu einem zusammenhängenden Ganzen verarbeitet haben.'') ') Rttinart liest mit Weiser: kama pudliea, was einen besseren Sinn gibt („welche die öffentliche Meinung für verrufen hielt"). °) Auch ein alter Kommentator des Juvenal führt ihn an, ein Beweis, daß er allgemein verständlich war, vgl. Oueanxco s. v. cmtomus und 1'oreeIIini s. v. eatomi- äiaro, welches Wort dieselbe Bedeutung hat. °) Da die Handschriften der Ooworsio bis in's 8. Jahrhundert zurückgehen und doch nur Abschriften eines älteren Textes find, dessen Verbreitung in Gallien und Germanien gewiß längere Zeit in Anspruch nahm, so ist der Terminus -,Lovo OarolinKieo" sehr übel gewählt und mindestens durch „asvo NsrmvinAioo" zu ersetzen. Ich meinerseits zweifle nicht, daß auch die vonversio noch in der Römerzcit entstanden ist, wenn auch später als die Vassio. '°) Solche Zusätze sind das Wörtchen llano in lumo gnam notam babobat k. p." und der (bei Mombritius fehlende) Satz vt 8imvl a 8. Xaroisso episoopo oaptiLarice, woniit auf das in der (vorausgehenden) Oonvorsio Erzählte hingewiesen ist. Später würde noch das von Keusch N. A. XIX S. 13 f. besprochene ockäita- monlnni (das im cock. I^arisiensis n. 5306, im coä. ülona- consis 4554 und bei Mombritius fehlt) hinzugefügt. ") Man beachte nur den Ausdruck meivori» für Grabmal, der nur von allchristlichen Schriftstellern gebraucht wird. Auch die Angabe, daß dieses Grabmal ssemnlo milinrio (beim zweiten Meilensteine) 8, otvitg-tö Anrüstn lag, deutet auf die Römcrzeit hin. Der erste Meilenstein stand auf den« Forum (beim Dome, der gerade eine römische Meile von der Ulrichskirche entfernt ist). ") Auch Rettberg (a, a. O. S. 145) war der Meinung, daß der Verfasser der couvsrsio die passiv schon vorgefunden habe und einzelne Umstände derselben moti- viren wollte. Ein arabischer Aristoteles und was uns derselbe aus dem Wunderlande Indien erzählt. Von vr. Widder. Nicht bloß das alte Hellas hatte seinen Aristoteles, auch Arabien kann sich eines Mannes rühmen, welcher dem griechischen Universalgenie ebenbürtig zur Seite steht. Dies ist Alberuni, oder, wie ihn seine Mitbürger nannten, Abu Rai hLn, der Sohn des Abunad Alberuni, welcher im Jahre 973 n. Chr. im Gebiete des heutigen Kbiva (das alte ChoraSmia) geboren wurde. Schon frühzeitig hervorragend durch Kenntnisse und Wissenschaften, wurde Alberuni von den Fürsten seines Vaterlandes häufig zu Rathe gezogen, eine Hof- oder Staats- stclle scheint er jedoch niemals bekleidet zu haben. Der noch mehr gold- als ländergierige König Mahmud zu Ghazna (997 — 1030) benütztc einen im Jahre 1017 n. Chr. in Khiva ausgebrochencn Militäraufstand als längst ersehnten Vorwand, um in dieses bisher unabhängige Gebiet mit Heeresmacht einzufallen und dasselbe zu einer Provinz seines Reiches zu machen. Unter den Geiseln, die Mahmud mit nach Ghazna schleppte, befand sich auch Alberuni, und so kam derselbe an den Hof dieses Königs. Seinen unfreiwilligen Aufenthalt zu Ghazna, dem damaligen Sammelplatz aller Schöngeister, benützte der arabische Gelehrte, der am königlichen Hofe auch als Lehrer der Sternkunde wirkte, zu umfassenden indischen Studien. Nach dem Tode des Königs Mahmud (etwa nur 1030), den Alberuni, obwohl er ihm geneigt war, einen Verwehter des Wohlstandes Indiens nennt, kam Mahsnd, der Sohn Mahmuds, welcher seinen Bruder Muhammed in dem um die Thronfolge entbrannten Streite besiegt hatte, an die Regierung. Mahsnd, ein Mäcenas im vollsten Sinne des Wortes, entband Alberuni nicht nur aller persönlichen Dienstleistungen, sondern stattete ihn auch mit einem Einkommen aus, das ihm ermöglichte, sich frei von allen Nahrnngssorgen, wie sie ihn unter König Mahmud gedrückt zu haben scheinen, völlig den Wissenschaften widmen zu können, weßhalb er sich auch in überschwänglicheu Lobeserhebungen des neuen Herrschers ergeht. Uebrigens war Alberuni ein offener, gerader Charakter, er war Monotheist, Anhänger des Islams und streng conscrvativer Richtung. In der Einheit zwischen Thron und Altar erblickte er das denkbar höchste Ideal der Entwickelung der menschlichen Gesellschaft. Sein für alles Gute und Edle empfänglicher Sinn vermochte auch der Erhabenheit des evangelischen Gebotes, welches befiehlt, Demjenigen, der uns auf die eine Wange geschlagen, auch die andere darzureichen, für den Feind zu beten und ihn zu segnen, die Bewunderung nicht zu versagen. Die Gcschichtsschreiber theilt Alberuni, dem nichts verhaßter ist, als das Lügen, bezüglich ihrer Nnwahr- haftigkeit in mehrere Klassen. Die Einen, sagt er, lügen ihres Vortheiles halber, indem sie entweder das Volk, dem sie angehören, loben, oder das ihres Gegners tadeln, um dadurch ihren Zweck zu erreichen, Andere lügen zu Gunsten einer gewissen Volksklasse, weil sie derselben verpflichtet sind, oder aus Haß gegen eine bestimmte Klasse, weil sie sich mit derselben verfeindet haben. Wieder Andere lügen infolge der Gemeinheit ihres Charakters, der sich hievon Nutzen erwartet, oder aus Feigheit, die Wahrheit zu sagen. Andere hinwiederum lügen weil ihnen das Lügen zur zweiten Natur geworden ist 451 so daß sie gar nicht mehr anders können, denn ihr innerstes Wesen ist verderbt. Endlich gibt es auch Solche, die aus Unwissenheit die Unwahrheit sagen, weil sie der Erzählung Anderer blindlings folgen. Nur der Mann verdient Lob, fährt Alberuni fort, der vor einer Lüge zurüclschreckt und stets der Wahrheit treu bleibt. Ein Solcher genießt selbst bei den Lügnern Vertrauen. Die Wahrhaftigkeit ist eine Eigenschaft, die wegen ihrer inneren Schönheit um ihrer selbst willen geliebt und geschätzt wird, außer etwa von solchen Leuten, die ibre Anmuth niemals gekostet haben und die Wahrheit absichtlich fliehen, wie jener allbekannte Lügner, der auf die Frage, ob er jemals die Wahrheit gesprochen habe, zur Antwort gab: „Würde ich mich nicht scheuen, die Wahrheit zu sagen, so sagte ich .Nein!'" Die eiserne Willenskraft und der unermüdliche Eifer Alberuni's überwand siegreich alle Hindernisse, welche sich ihm bei der Erlernung der indischen Sprache sowohl infolge der im Sanskrit selbst liegenden Schwierigkeiten, als auch wegen der Unzugänglichkeit der Hindus entgegenstellten, denn ihre religiösen Anschauungen verboten ihnen jeden Verkehr mit den Fremden, den „Mlecha" d. i. den Unreinen. Alberuni scheute weder Mühe noch Kosten, um sich indische Bücher zu verschaffen, Lehrer und Schüler zu gewinnen und sich so eingehende Kenntnisse, nicht nur in wissenschaftlicher Beziehung, sondern auch hinsichtlich der Sitten und Gewohnheiten der Hindus, zu sammeln. Um sein Wissen zu bereichern, nahm er auch keinen Anstand, selbst die ungebildetsten Jndier über ihren Glauben, ihre Rcchtsbegriffe, Sitten und Gebräuche auszuforschen. Die schriftstellerische Thätigkeit dieses universellen Geistes umfaßte nicht nur fast die gcsammte Naturwissenschaft, als Mineralogie, Chemie, Physik, Optik, Mechanik, Mathematik, mathematische Geographie und Astronomie, sondern er schrieb auch über Chronologie, verfaßte 20 Bücher über Indien, schrieb auch Erzählungen und Sagen und eine (verloren gegangene) Geschichte seines Vaterlandes. Mit seltenem Freimnthe spricht er sein Urtheil über die Schriften der indischen Gelehrten aus, ein Feind einerseits ihres Wortgepränges und Phrasengeklingels, zollt er anderseits ihren Geisteserzeugnissen die gebührende Anerkennung und hebt rühmend Alles hervor, was er in ihren Werken oder im praktischen Leben Edles und Großes fand; so bezeichnete er z. B. die kunstvolle Einrichtung der heiligen Teiche und Badeorte der Jndier als „einzig und unerreichbar". Uebrigens selber nicht frei von Eitelkeit und Selbstbewußtsein, fühlt sich Alberuni hoch erhaben über die Jndier, welche er als hochmüthig, eitel bis zum Wahnsinn, voll von Selbstüberhebung und dumm schildert, und erzählt stolz, daß er zuerst ihr Schüler, dann aber ihr Lehrer gewesen sei, daß sie sich von allen Seiten um ihn geschaart, ihn bewundert, von ihm zu lernen verlangt und ihn gefragt hätten, bei welchem indischen Meister er seine Weisheit eingesogen hätte. „Sie hielten mich, sagt der arabische Gelehrte, fast für einen Zauberer, und wenn sie von mir mit ihren Oberen in ihrer Muttersprache redeten, nannten sie mich einen See, oder ein Wasser, so sauer, daß der Essig im Vergleiche damit süß sei." — Den wissenschaftlichen Theorien der Hindus wirft Alberuni große Verworrenheit, Mangel aller logischen Ordnung und stete Vermengung mit den einfältigen Ansichten des gemeinen Haufens vor. Die mathematische und astronomische Literatur der Jndier vergleicht er mit einem Gemisch von Perlmuscheln und herben Datteln, oder von Perlen und Dünger, oder auch von kostbarem Krystall und gemeinem Kiesel. Alberuni starb im Jahre 1048 n. Chr. — Lassen wir uns nun etwas von den Anschauungen, den Sitten und Gebräuchen der Hindus des Mittelalters von unserem Gelehrten erzählen, was um so mehr von Interesse sein dürfte, als die Jndier als ein hochgradig conservatives Volk noch einen großen Theil der Sitten und Gewohnheiten ihrer Vorfahren bis auf den heutigen Tag, namentlich was die vornehmste Kaste, die der Brahmanen betrifft, bewahrt haben, und hören wir einige interessante altindische Legenden und Sagen, die uns Alberuni überliefert hat. Die Gebildeten unter den Jndicrn glaubten schon damals an Einen, lebendigen, ewigen Gott, ohne Anfang und Ende, mit freiem Willen begabt, der allmächtig und allweise ist, Leben spendet, die Welt regiert und erhält, einzig ist in seiner Herrschaft und erhaben über Alles, dem nichts gleicht und der mit nichts verglichen werden kann. Das gemeine Volk, sagt Alberuni, hat allerdings verschiedene, zuweilen sehr vcrabschcunngswürdige Anschauungen von Gott. Einige z. B. glauben, Gott sei zwölf Finger lang und zehn Finger breit. Dies kommt daher, weil einmal ein Schüler der Brahmanen sagte, Gott sei ein Punkt, womit er nur ausdrücke» wollte, daß Gott keinen Leib habe. Ungebildete Leute stellten sich deßhalb Gott so klein vor, wie einen Punkt, und weil sie einerseits nicht begriffen, was das Wort „Punkt" in diesem Falle eigentlich bedeuten sollte, und anderseits bei diesem für das höchste Wesen beleidigenden Vergleiche auch nicht stehen bleiben wollten, so kamen sie zu dieser ungeheuerlichen Anschauung, indem sie Gott viel größer zu schildern suchten. Die Hindus haben fünf Elemente: Himmel, Wind, Feuer, Wasser und Erde, und zwar sinnbildeu diese die Thätigkeiten der fünf Sinne: der Himmel das Gehör, der Wind das Gefühl, das Feuer das Gesicht, das Wasser den Geschmack und die Erde den Geruch. Um die Verbindung der Seele mit der Materie, dem Stoffe, d. h. dem Leibe, anschaulich zu machen, bedienen sich die HinduS eines eigenthümlichen Gleichnisses. Sie vergleichen nämlich die Seele mit einer Tänzerin, welche in ihrer Kunst sehr geschickt und sich der Wirkungen wohl bewußt ist, die jede Bewegung und Stellung ihrer Füße hervorbringt. Sie tanzt vor einem Lebemanne, der vor Begierde brennt, sich an ihrer Kunst zu ergötzen. Unter der staunenden Bewunderung ihres Gönners produzirt sie der Reihe nach ihre verschiedenen Kunststücke, bis ihr Programm erschöpft und das Verlangen ihres Zuschauers befriedigt ist. Dann hört sie plötzlich auf, weil sie nichts Neues mehr bieten, sondern nur das Alte wiederholen könnte, was nicht gewünscht wird, und ihr Verehrer entläßt sie. Auch durch folgende, in anderen Wendungen wohlbekannte Parabel suchen die Hindus die Verbindung der Seele mit dem Leibe und die Wechselbeziehungen zwischen beiden zur Anschauung zu bringen: Eine Karawane wurde einst in der Wüste von Räubern überfallen. Die Reisenden flüchteten sich nach allen Richtungen, nur ein blinder und ein lahmer Mann konnten nicht entfliehen, sondern beide blieben, an ihrem Entkommen verzweifelnd, hilflos auf dem Platze zurück. Nachdem sie sich einander genähert und sich gegenseitig erkannt hatten, sprach der Lahme zum Blinden: „Gehen kaun ich zwar nicht« aber ich kam 452 Dir den Wcg zeigen. Bei Dir ist es umgekehrt. Nimm mich daher auf Deinen Rücken und trage mich, ich will Dir dann den Weg zeigen, und so kommen wir beide aus dieser Verlegenheit." Der Blinde willigte ein, und auf diese Weise kamen beide wieder glücklich aus der Wüste heraus. Die Jndier betrachten nämlich die Seele nicht als das handelnde, sondern nur als das belebende Element. Die Seele wird nach ihrer Ansicht wieder durch die Intelligenz geleitet, die ihr von Gott eingeflößt wird und mit welcher man die Wirklichkeit der Dinge erfaßt, die den Weg zur Erkenntniß Gottes zeigen. — (Fortsetzung folgt.) Theososthie und katholischer Glaube. Von Charles Saint-Paul. (Fortsetzung.) Einer der stärksten Verdachtgründe der Gegner der Blavatskh war bekanntlich der sogenannte „Kiddle-Vor- fall". Ein Brief, den angeblich Koot-Hoomi geschrieben hatte, enthielt „Lehren", die einem 1880 von Mr. Kiddle vor amerikanischen Spiritualistcn bei Lake Pleasant gehaltenen Vortrage entnommen waren. Diese Begebenheit nun soll der Theosophic, wie der Gewährsmann Harrisons weiterhin erklärt, „zuerst die Augen über den Streich geöffnet haben, der ihr gespielt worden war". Dagegen soll Koot-Hoomi sich später in Adyar mit den Coulombs eingelassen haben, „aus Rache über die Abwehr seiner Ränke". Dieses Ehepaar Coulomb, das im Hause der Blavatskh angestellt war, soll dem Dele- girten der „Looiatx kor I^otiicai ÜWoaroü" in London, Mr. Hodgson, aus Rache Enthüllungen über den Schwindel der Blavatskh gemacht haben und ihm im Hanse angebrachte Vorrichtungen zur Hervorbringnng der „Phänomene" gezeigt haben. Graf Leiningen allerdings sagt in einer Anmerkung im Anschlüsse an die Behauptungen in Sinnett's „Oooult IVoilä", Herr Coulomb habe die Fallthüren und Apparate selbst herstellen lassen. Abschließend behauptet Harrisons „Okkultist", daß die Blavatskh sich zum zweitenmale nach ihrer Rückkehr nach England von einem abtrünnigen Juden täuschen ließ, der von einer Brüderschaft des Coutinents wegen Ausübung böser Künste ausgestoßen worden war. „Es wurde beschlossen, sie nicht vor diesem Individuum zu warnen, weil es sie am Leben erhielt. In ihrem elenden Gesundheitszustände wäre der Entzug seines stimulirenden Einflusses verhängnißvoll gewesen. (!) Der Mann wartete, bis sie den zweiten Band ihrer „Geheimlehre" vollendet hatte, und überließ sie dann ihrem Schicksal. Sie unterlag dem nächsten Anfalle und starb im Jahre 1891, ohne Argwohn (soweit bekannt), bis zum Ende heiter, dessen unbewußt, daß sie ihr ganzes Leben lang ein Werkzeug in den Händen hinterlistiger Personen war, von denen Wenige intellektuell auf ihrer Höhe standen, (?) und welche schändlichen Mißbrauch von ihrer außerordentlichen geistigen Thätigkeit und ihren einzig in ihrer Art dastehenden Gaben machten." Wenn Harrison meint, daß „dies beträchtliches Licht auf eine bisher in Geheimniß gehüllte Sache werfe", insofern Frau Blavatskh gegen die Anklage gemeinen Betruges gerechtfertigt und zu gleicher Zeit die Mahatmatheorie abgeschafft werde» so müssen wir mir bedauern, daß sein Gewährsmann selbst, indem er sich in mystisches ^Dunkel hüllte und auch seine Mittheilungen mitunter in bedenklicher Weise verschleierte, die Beweiskraft derselben abgeschwächt hat. Sie wären von großem Werthe nicht nur für die Erkenntniß moderner Theosophie, sondern auch des Treibens geheimer mystischer Gesellschaften, L vn sie in anderer Form gegeben worden wären. Wenn übrigens der Verfasser behauptet, daß die Blavatsky ein Medium ganz außergewöhnlicher Art war, daß sie schon frühzeitig das „zweite Gesicht" besaß, so wollen wir das gar nicht in Frage stellen, anderseits ihm aber auch in der Annahme beistimmen, daß sie keiner' „hohen" Intellekt und keine logische Befähigung besaß, dagegen neben ihrer ungewöhnlichen Fähigkeit, sich Kenntnisse anzueignen, auch noch „die Gewandtheit hatte, dieselben zu verdrehen, um sie ihren eigenen Zwecken anzupassen". Das Wiederaustanchen der Frau Blavatsky als Thibctaner Buddhistin und Prophetin einer neuen Religion hatte, wie Harrison behauptet, einen gänzlichen Umschwung in der seither befolgten Politik der Geheimhaltung nothwendig gemacht. „Ob es gut oder schlimm war, sie hat eine ungeheure Menge von Mittheilungen in Betreff von Gegenständen veröffentlicht, von welchen bis vor ganz Kurzem niemals außerhalb gewisser Gesellschaften gesprochen wurde, die aber solcher Art sind, daß sie sich denkenden Personen durch ihren eigenen Werth empfehlen, sie mögen aus welcher Quelle immer kommen. (?) Denn es ist der größte Irrthum der Welt, anzunehmen, daß die Theosophie vom Beweise für die Acchtheit der „Wunder" der Frau Blavatsky oder der Existenz der Mahatmas abhängig fei.(?) Seit dem Tode der Frau Blavatsky im Jahre 1891 ist es in der That die Politik der leitenden Theosophen gewesen, die „Mahatmas" so viel als möglich im Hintergründe zu halten." . . . . . . Der Autor übersieht gänzlich, daß die Lehren einer Persönlichkeit, die nur ein Werkzeug zweifelhafter Personen war, schwerlich als wahre Gottweisheit und Religion Anerkennung finden können. Und er weist doch noch wiederholt auf diese vernichtende Thatsache hin, z. B. wenn er abschließend schreibt: „Es steht außer Frage, daß Frau Blavatsky ihr umfassendes Wissen auf dem gewöhnlichen Wege des Studiums nicht erlangt hat. Ich glaube, sie sprach die Wahrheit, als sie sagte, es sei ihr in außergewöhnlicher Weise mitgetheilt worden. Sis war thatsächlich das Medium in der Hand einer unbekannten Person, oder mehrerer solcher, welche aus persönlichen Gründen vorgezogen haben, sich hinter ihr zu verbergen. Es kommt wirklich sehr wenig darauf au, woher sie ihr fast encyklopädisches Wissen erlangt hat. Was wir zu thun haben, ist, es sorgfältig im Lichte der Erkenntniß, die wir bereits besitzen, zu prüfen. Denn es kann nicht geleugnet werden, daß, während die „Entschleierte Isis" wenig enthält, was nicht vorher bekannt war, die „Gehcimlehre" sehr werthvolle Nachrichten über prähistorische Civilisationen und Religionen bringt (an anderer Stelle hat der Autor die „Enthüllungen" des Werkes sehr abfällig beurtheilt!) und auf gewisse Geheimnisse anspielt, deren Dasein selbst nicht vermuthet wurde. Einige derselben sind durch einen den Okkultisten bekannten Vorgang geprüft und richtig befunden worden. (Wie „mystisch" l) Und wenn gleich außerhalb der Theo- sophischen Gesellschaft vielleicht nicht Einer von Tausend die „Geheimlehre" liest nnd Einer von Zehntausend fähig ist, den Weizen von der Spreu zu sondern, wird man sie mehr und mehr beachten, wenn sich der religiöse Gedanke allmählich vom lateinischen Einflüsse nnd die 453 wissenschaftliche Forschung von atomistischen Täuschungen freimacht." Wir fürchten nur, daß sich der Autor in dieser Hinsicht „okkultistischen" Täuschungen hingibt. Die verworrenen mediumistischen Produkte der sonderbaren Prophetin würden wahrscheinlich auch in „antiromanischen" Kreisen keinen Eingang finden, wenn der „lateinische Einfluß" und damit die praktische Bethätigung christlicher Mystik schwinden könnte, von welcher unser sonderbarer „Okkultist", wie er so häufig in seinem Werke beweist, nichts versteht. Auch in den Erinnerungen von H. P. Blavatsky, die „von der Gräfin Wachtmeister und andern" herausgegeben wurden (liewinisaeiiLW ob 8. k. Cvuutsss IVaesttinaistsr and otbsrs), wird die Ansicht ausgesprochen, daß sie durch verschiedene Personen zu verschiedenen Zeiten ausgebeutet wurde. Die Gräfin (S. 57) erzählt, wie sie in einem kleinen Büchlein mit verblichener Schrift, von 1851 datirt, einige auf die erste Zusammenkunft mit dem „Meister" bezügliche Zeilen in der Handschrift der Mine. Blavatsky sah. Sie lauteten: 8uit msnwrastla oortaiirs nuit xur un olsir 6s Irma, hin 86 oouedait n liuuwArrts (vicisliast 8)äs karlr) 12ltz 1851, — IvrsHus ze roncoutrai ls LIaitre äo mes reves. Nach Gräfin Wachtmeister scheint dieser „Llrntrs äes rvv68" ein „unendlich langer" Inder gewesen zu sein, von dem sie sich erinnert gehört zu haben, daß er in diesem Jahre einige indische Fürsten auf einer „wichtigen Mission" nach England begleitet habe, vermuthlich zum Besuche der großen Ausstellung. Derselbe forderte ihre Mitwirkung zu einem Werke, das er zu unternehmen ini Begriffe war, und suggestionirte sie, die Theosophisch» Gesellschaft zu gründen. „Er sagte zu ihr, daß sie drei Jahre in Thibet verbringen müsse, um sich für ihre bedeutende Ausgabe vorzubereiten, und H. P. Blavatsky entschloß sich, das ihr gemachte Anerbieten anzunehmen, und verließ kurz darauf London, um nach Indien zu gehen, offenbar, um in die Geheimnisse der „alten Weisheitsreligion" eingeweiht zu werden." Ob es „Koot-Hoomi" oder der Mahatma M ..., aus der „Oeoult IVorlä«, den man angeblich inzwischen als Namensvetter der alten Kindsfrau der Blavatsky identifizirt hat, war, wird nicht berichtet. Merkwürdigerweise behauptete Oberst Olcott, der Präsident der indischen Theosophischcn Gesellschaft, in seinem Buche »keoplo irom tsts otiivr VVvrlä", daß im Jahre 1874 der „Meister" der Blavatsky sich dazu bekannte, der „Spirit" eines kühnen Seeräubers, John King genannt, zu sein, der im 17. Jahrhunderte in Ansehen stand und sich im neunzehnten die Zeit damit vertrieb, Briefe zu präcipitircn" und „Ehrenmedaillen aus dem Sarge" des Vaters der Blavatsky herbeizubringen (S. 355). Das ist um so wichtiger, da ja ein „John King" so häufig in spiritistischen Sitzungen als controllirender Geist genannt wird. Olcott glaubt übrigens, daß dieser „John King" kein verstorbener Seeräuber, sondern das Geschöpf eines „Ordens sei, der, während er in Betreff seiner Erfolge von unsichtbar Wirkenden abhängig sei, aus Erden unter den Menschen existire" (?) (S. 454). (Schluß folgt.) Cardinal Manniugs letzte Schrift: „Nenn Hindernisse u. s. w." übersetzt nnd ergänzt von Gerhart Wahrmut. —oft. Wenn Jemand kein Talent zum Baumeister hat, so kann er vielleicht doch ein guter Schreiner werden. Das aber können wir von dem Verfasser obiger Broschüre nicht sagen; denn indem er sich als Gcschichts- baumeister anfthun will, vermag er nicht einmal als Schreinerlehrling so zu leimen nnd zu fügen, daß die einzelnen Bretter zusammenhalten. Wer so kühn an die Oeffcntlichkeit tritt, der muß sich auch begründete Kritik gefallen lassen: 1. Was den Leim bildet für sein Werk, das er schaffen wollte, so ist das doch wohl vor Allem die Glaubwürdigkeit seiner Gewährsmänner. Aber Pseudonym Wahrmut leistet Alles, um dieselbe zu Grunde zu richten. Purccll, die Hauptgnelle, wird uns vorgeführt als ein Biograph, der nicht nur „Widersprüche, Zweideutigkeiten, Unbestimmtheiten" sich muß vorwerfen lassen, sondern der auch wider besseres Wissen die Hauptschuld dem unschuldigeren Theile zuschiebt; als ein Berichterstatter, der die Hauptfrage der Broschüre in geheimnißvolles Dunkel hüllt, indem er nach dem Sprichwort: „Im Dunkeln ist gut munkeln," nach beiden Seiten hin zu ungerechten Vermuthungen Anlaß gibt; als ein Gehcimnißkrämer, der aber vor Scrnpeln über seine Handlungsweise bald so, bald so schreibt und doch nichts gesagt haben will! Von dem Spectator der „Allgcm. Zeitung", der dazu herhalten muß, das Bißchen Leimkraft noch zu verderben, wollen wir lieber schweigen. Wo liegt die Kraft ihrer Autorität? Und doch soll das Publikum denselben Alles glauben? 2. Und wie hat der Herr die Bretter, das Material seines Werkes, jämmerlich verschnitten! und das ist das Lebens- und Charakterbild des Kardinals, dessen Schrift ja durch dasselbe recht in Kraft gesetzt werden soll! O armer Cardinal! Nachdem Purcell denselben recht unglücklich auf dem Paradebette für das Publikum ausgestellt hatte, wird er nun von dem Uebersetzcr seiner letzten Schrift mit Hilfe seiner Assistenten noch öffentlich secirt. Schon jener Act hat ihm die Glieder verrenkt in lauter Widersprüchen: „Mangel historischer Kenntniß, starkes Vornrtheil, gewisse Eifersucht, Uebertreibung der bischöflichen Machtbefugnisse, Irrthum, Mschließung gegen jeden Rath, den er sogleich als Tadel und Eingriff betrachtet, Mißtrauen, Machinationen hinter dem Rücken seines Vorgängers, hartnäckiger Eigensinn" u. s. w. leiten ihn bei seinem abweisenden Verhalten besonders gegen die Jesuiten, so daß darunter eher die geplante kathol. Universität scheitern mag, — und doch wird er nur von hohen Ideen geleitet! Ein sonderbarer Heiliger! Aber, um die Widersprüche zu lösen, wird er secirt und dabei so böse versähest, daß die Theile beim Zusammenfügen vollends zerbrechen: „anglikanische Vornrtheile, Einfluß von Ordensfeiudcu, sogar Ideen Rosminis" werden zugestanden; dabei gewinnt man den Eindruck, daß er die wichtigsten Fragen überspannt und gern greift, so in seinem Glauben, in seinen Anforderungen an Klerus und Volk, in seiner Ascese, in seinem Tn- tiorismus; aber Gott sei Dank, er „lernt um", bekommt anders Anschauungen, besonders bezüglich der weltlichen Macht des Papstes, die er nun für ein Verderben betrachtet, bezüglich der römischen Curie, bezüglich der Grenzen der päpstlichen Unfehlbarkeit: und zwar ganz 454 besonders dann, wenn ihm etwas nicht nach dem Kopf geht; nnd zwar lernt er zum Glück soweit um, bis er mit seinem Geschichtsbaumeister zusammenstimmt! Zur vollen Harmonie aber darf er nur in Einem Punkte nicht „umlernen", nämlich in der Abwehr der Jesuiten. 3. Die Krone des ganzen Werkes ist aber gewiß der fatale Umstand, daß zuletzt der Kopf verkehrt eingesetzt wurde: Nachdem das „Umlernen" geschildert ist, ruft der Cardinal sogar „Wehe" über einen Bischof, der von irgend welcher Partei sich leiten läßt. Das klingt (gegen das Ende seines Lebens) wie ein Ausruf allzuspäter Erkenntniß und der Neue. Was muß das wohl für eine Partei gewesen sein, von der sich Manuing leiten ließ? Ach da hat der geniale Ergänzer und Corrigirer des Biographen es ganz vergessen, daß er bewiesen hat, wie Manning schon unter seinem Vorgänger Wiscman und während seines ganzen Pontificats „wie ein Cherub mit flammendem Schwerte" die Jesuiten abwehrte; ferner daß er gerade in den Fragen, in denen er früher mit den Jesuiten übereinstimmend gedacht, nun „umgelernt" hatte. Wenn er also zuletzt bereute, dann kann gewiß nicht die Jcsnitenpartei Gegenstand dieser späten Erkenntniß und Rene sein; aber ausgeschlossen wäre es nicht auf Grund der versuchten Beweisführung, daß er bereute, der Partei der Gegner derselben zu viel Einfluß gewährt und so gar Manches verdorben zu haben. Zum Schluß mache ich nur noch aufmerksam auf die Schärfe seiner Scctionsmcsscr. Wie gewandt er ist, an der Kirche Leib zu schneiden und zu scheiden, beweist er auf Seite 88 oben, 89 unten. Aber die Erinnerung wird man bei Bewunderung dieser Kunstfertigkeit nicht los, daß die heutigen „Auchkatholiken" dieselbe Kunst verstehen, mit derselben, was sie nur »vollen, verneinen, und daß sie, indem sie auf den Sack schlagen, ettvas Anderes treffen »vollen. * -sr * Einer weiteren Einsendung entnehmen wir noch folgende Sätze: Da es auch uns um die volle Wahrheit zu thun ist, so ersuchen wir den Herrn Uebcrsctzer, uns bezüglich der durchschossen gedruckten Stellen seines Vorworts xa§. X genauer zu bezeichnen, was Marke „Wahrmut" etwa, und was Marke Purcell ist? Sie sind so starke Kritik, daß der Leser ein Recht hat, seine Leute zu kennen. In seiner Brochüre sind nämlich nach den Anführungszeichen die Schlußzeichen vergessen. Mag nun diese Nachahmung der Broschüre Schell von England oder von dem jungen Gelehrten in Würzburg stammen, jedenfalls beweist sie, daß zur Ausbildung von Priestercandidaten noch etwas Anderes als „Freiheit der Wissenschaft" und „Uni- oersitätsbildung zu Würzburg, Oxford oder dgl." recht nothweudig ist, und mögen darum die, welchen diese sehr nöthige Eigenschaft mangelt, das von Herrn Wahrmut lobend erwähnte Büchlein: „Das ewige Priesterthum" von Cardinal Manning, recht betrachten, uin wahre Priester, und nicht bloße Räsounirer zu sein, besonders in ihrem so wichtigen Berufe! .... Aber selbst dann, wenn die Jesuiten absolut getroffen werden mußte»», wozu kamen denn die „Neun Hindernisse" in die Debatte? Mit Ausnahme von IX „8. sind die Verhältnisse so verschieden, daß es die Lösung einer unlösbaren Preisaufgabe bedeutet, dieselben auf Deutschland und auf den deutschen Klerus anzuwenden. Dadurch aber wurde der deutsche Klerus in der ungerechtesten Weise verdächtigt. Was bleibt denn „mu- tntia rnutnuäis" davon übrig? Erklärung. Herr Lycealdirektor Dr. Diendorfer in Passau hat in Nr. 64 der Augsburger Postzeitungsbeilage eine Ansprache veröffentlicht, »n der er mit Entrüstung die „Mißkennuna und Verdächtigung" zurückweist, welche ich „öffentlich den kgl. bayerischen Lyceen (nnd Lehrscminarien) „ent- gegengeschleudert" haben soll, und zwar in meiner Schrift „Der Katholizismus als Princip des Fortschritts". 2. Anst. 13-21: 6. Allst. 28-33. 1. Jilsbesondere sagt der Herr Lycealdirektor Dr. Diendorfer folgendes: „In der That wird es dein gelehrten Herrn Rektor und Professor schwer fallen, den Nachweis zu liefern, daß die an den bayerischen Lyceen . . . gebildeten Theologen hinter den an den Universitäten gebildeten in wissenschaftlicher oder in religiös-sittlicher Beziehung oder in ihrer späteren Bernfswirksamkeit irgendwie zurückstehen." Eine derartige Behauptung habe ich in obiger Schrift überhaupt nicht aufgestellt, insbesondere »licht in dein näher bezeichneten Abschnitt: folglich brauche ich auch keinen Beweis dafür zu liefern. 2. Ferner erklärt der Herr Lycealdirektor von Passau: „Angesichts dieses Thatbestandes kann man es den Vertretern der bayerischen Lyceen nicht verdenken, wenn sie den in der Schell'schen Schrift unverblümt enthaltenen (wenn auch »licht nut nackten Worten ausgesprochenen) Vorwnrf. als würden dieselben an der von deren Verfasser behaupteten Jnferiorität der Katholiken in Deutschland mit Schuld sein. als gänzlich unbegründet entschieden zurückweisen." Ich erwidere hierauf: Einen derartigen Vor- wurs habe ich in meiner Schrift gegen die bayerischen Lyceen nicht erhoben; auch nicht in der Weise, daß er „unverblümt darin enthalten" wäre. 3. Der Herr Lycealdirektor spricht außerdem noch „von all den schiefen, theils übertriebenen, theils unwahren und deßhalb gänzlich unberechtigten Behauptungen", welche ich in genannter Schrift „ohne Beweise" über die Lyceen (und Lehrseminarien) aufgestellt habe. Ich ersuche den Herrn Lycealdirektor vr. Diendorfer eindringlich, mir diese „unwahren Behauptungen" über die Lyceen zu nennen: denn was er mir nicht namentlich als unwahr bezeichnet, könnte ich beim besten Willen nicht zurücknehmen, da mir selber solche Behauptungen völlig unbekannt sind. . 4. Der Zusatz zu xa§. 96 der 6. Anst. bedeutet weder einen Rückzug noch den „rein platonischen" Ausdruck meiner Werthschätzung für die Lyceen und Seminarien. Dieser Zusatz soll vielmehr das Mißverständinß fernhalten, als hätte ich durch meine Ausführungen die Mono- polisirung der Theologie zu Gunsten der Universitäts- facultäten gefordert, mit Allsschluß der Lyceen nnd Lehrseminarien, und n»it Verkennung der Gründe, welche sie nothwendig machen. Was ich bekäinpfte, war die in neuerer Zeit nicht undeutlich hervortretende Hinneigung zum französischen Seminarsystem — mit all seinen bedenklichen Folgen, nicht bloß für die theologischen Universitätsfacultäten. Würzburg, 7. November 1897. Dr. Schell, Universitätsprofessor. Recensionen und Notizen. „Dichterstimmen der Gegenwart." Poetisches Organ für das kathol. Deutschland. Herausgegeben von Leo Tepe van Heemstede. Verlag von Peter Weber in Baden-Baden. Jährlich 12 Hefte. Mit 12 Kunstbeilagen (Portraits und Biographien zeitgenössischer Dichter und Dichterinnen). Preis halbjährlich 2 M- 25 Pfg. 3. L. llh Von Zeit zu Zeit steigt die goldene Loreley vom weithinschauenden Rheinfelsen herab und gleitet im blumengeschmückten Nachen auf den grünen Fluthen des rauschenden Rheins. Allmonatlich, wenn von den reden- 455 umkränzten Sahen die altersgrauen Burgen vergoldet iiu Abendsonnenscheine grünen, sendet sie ihre Sängcrboten, die unter dem Namen „Dicht er stimmen" herzliche Gäste sind, hinaus, überallhin, wo Deutsche wohnen, mit dem holden Grütze: „Was irdischer Jubel und Schmerz hat gesponnen. Was Seele voll Lieben und Sehnsucht gesonnen. Die mich zur stillen Vertrauten erkor. Und der ich mein blühendes Scepter lieh: Das trag' ich empor." Zum zwölften Male treten sie mit liederreicher Gabe ihre gewohnte Runde an. Im letzten Jahre haben sich die Abonnenten der „Dichtcrstimmen" um nahezu ein Viertel vermehrt; immer melden sich noch neue an. Der gediegene Inhalt, der vornehme Ton, die geschmackvolle Form, die kunstsinnige Ausstattung ziehen Leser an, die noch Sinn für das Edle und Erhabene bewahrt haben. Nicht zuletzt reizen zum Abonnement auch die mit vielem Beifall aufgenommenen Lichtdruckbilder, die die Bildnisse zeitgenössischer Dichter darstellen. Auf diese Weise haben die Leser nach etlichen Jahren eine ganz hübsche Porträts- sammlung. Der neue Jahrgang verspricht ausserdem als Beigabe eine Photo Heliogravüre am Schlüsse des Jahres. Der Grundton des neuesten Heftes ist poetische Herbststimmung. Wir machen die freudige Wahrnehmung, daß es im katholischen Deutschland gute Dichter gibt. — Franz Eichert preist als unerschrockener Sänger „Freiheit, Wahrheit, Recht". Die Westfalin Ferdinande von Bracke! besingt „Des Herzens gewaltige Mächte" und „von der Liebe Gebot", und von „des Lenzes Lust", die drinnen tief im Busen erglüht, wenn ein Weib uns naht mit der „Liebe Gewalt", ein Lied wie aus „Des Knaben Wnnderhorn" mit volksthümlicher Weise, eine Muse, die wie ein geisterhaftes Schattenbild um die Dämmerstunde leicht und leis an uns vorüberhuscht. Fräulein Minna Freeriks ergießt „Den Born liebe- mächtiger Poesie — Bis zum Himmelssaum". Ihr melodisch sanftes „Ave Maria" stimmt zur großen Symphonie von Mittag-Läuten, Abendglockenklaug und Nachtigall-Lied in: Morgenthau und Lenzesdust. „Die christ- liche Kunst" ist ein prächtiges allegorisches Gemälde, das uns anmuthet wie ein Klang aus der Zeit der Romantik. Hoffentlich wird der wackere Sohn Apoll's aus seiner stillen Klause heraustreten, um seiner Mitwelt hie und da etwas vorzusingen. Denn, erinnern wir uns recht, sahen wir den Namen Josef Auffenberg hier zum ersten Mal. Soll ich sie weiter nennen all die Namen der frohen Sänger: A. Jüngst, Esser, den kindlich heitern Ambrosius Schupp, der in seinem „Liedcr- strautze" singt „ob so, ob so" in der Welt es zugebt; Elise Miller, die fromme Schwäbin aus Württemberg; auch ihr Landsmann Karl Hagenmaier läßt sich nach langem Schweigen wieder vernehmen; die Freunde der „D." befürchteten, die herben Bernsssorgen hätten seine Sängerstimme erstickt; Franz Niederberger, der Messiassängcr des 19. Jahrhunderts I. W. Helle. Viele Namen haben schon einen guten Klang. Nicht vergessen dürfen mir den Meistersinger am Rheine mit immer neuen Weisen, der sich uns als der unermüdliche, stets saugeslustige Herausgeber der „Dichtcrstimmen" vorstellt: Leo Tepe van Heemstede. „Durch Meinungsstreit und Schwerterklirren" tönt sein Lied „Am Born des Lebens". In einer Lebensskizze von Jos. Südländerin Rom kommt ein hochbedeutender, glaubensbcgcisterter Dichter zu Wort, der sich nach Fug und Recht einer gleichen Berühmtheit wie der Dreizehnlindendichter erfreuen sollte, nannte ihn — Edmund Behringer — doch der geistvolle Hettiuger den „deutschen Dante". Die in den „Dichtcrstimmen" einheimische Rhcinländcrin MargarethaMirbach bringt „Ein Herbstmärchen" für Jung und Alt zu lesen, geschildert im zartesten Ton farbenfrischer Sprache, belebt vom Hauche inniger Poesie. Recht anziehend ist die Studie über den geistreichen Mönch von Heisterbach, Cäsarius, der der erste Rheinromantiker sein soll. Die Aufnahme ähnlicher Studien in den „Dichterstimmen" sähen wir gerne öfters. Unter „Alte und neue Bücher" werden die neuesten Erscheinungen auf schöngeistigem Gebiete von sachkundiger Feder abgeurtheilt, wobei niemals Gnade für Recht ergeht. ^Mosaik" bietet literarisches Allerlei. Die „Literar- rsche Tafel" gibt allen Bücherfreunden einen willkommenen Fingerzeig. Müssen wir auch manchmal dem einen oder andern Sänger in den „Dichterstimmen" Striche auf die Tabulatur machen, das erste Heft oes 12. Jahrganges befriedigt uns znm Entzücken. Ja, was ist dagegen auch die „Waschermadelpoesie" vieler unserer „Jüngst- deutschen"? Ihre Muse ist die Priestern: der gemeinlüsternen Venus, so daß hier Heine's Wort zutrifft, das er von Hamburg gebrauchte, „H_ genug, aber keine Musen!" Sehr oft ist es nur minderwerthiges poetisches Lallen in Reim und Rhythmen gezwängt*,'-nur mit der Feder, nicht auch mit dem Kopfe geschrieben. Diese Muse ist ein entartetes Mädchen mit vergrämtem blassem Gesicht und übernächt'gcn Augen, aus denen die Sünde grinst. Die Muse nach Art der „Dichterstimmen" ist eine frische Wiesenblume,wachgeküßt vom erwärmenden Sonnenstrahl. Sie läßt uns fühlen, daß wahre Poesie die Tugend nur noch liebenswürdiger macht, indem sie unsre Seele erfüllt und zu edlen Thaten begeistert. Mögen daher Gönner und Jünger echter Poesie diesem schönen Rheinkind hold sein; die Mitgift, die es heischt, ist leicht erschwinglich. „Jakob Bälde als Mariensängcr." Gesammelte Maricngedichte in freier Ucbertragung herausgegeben von?. Peter Baptist Zierler, 0. Oap., Lektor zu Sterzing. München, 1897. Verlag von I. Pfeiffer. H. Die Oden aus die jungfräuliche Gottesmutter, welche Bälde, der bayerische Horaz, je nach seiner seelischen Stimmung zn verschiedener Zeit in seine unsterblichen Lyrica eingestochten hat, erscheinen hier znm erstenmal in vortrefflicher Ucbertragnng sämmtlich aneinandergereiht. Aber man braucht nicht zu fürchten, daß deßhalb die Lectüre ermüdend werde. Denn, selbst von dichterischer Begabung, weiß der Verfasser durch reiche Intuition sowie durch seltene Beherrschung der poetischen Sprache auch auf die heutige Leserwelt, insoweit sie überhaupt Boldes Geist und Phantasie zn würdigen versteht, eine mächtige Wirkung hervorzubringen. Die Ucbersetznng, die sich weder nach Wortlaut noch Versform krampfhaft an das lateinische Original anklammert, gestaltet sich gn Folge dessen zu einer freien, aber höchst gelungenen Nachdichtung. Ob indeß bei einigen wenigen Oden in dieser Freiheit nicht zu weit gegangen ist, überlassen wir dem Urtheil compe- tenter Richter. Uns wenigstens will es bedünken, daß das wahre Colorit der Balde'schen Poesie zuweilen darunter etwas gelitten habe. Im Ganzen aber müssen wir der bochverdicnstlichen Arbeit freudige Anerkennung zollen und können nur wünschen, daß das zierlich ausgestattete Büchlein, das sich auch als Geschenk besonders eignen dürfte, recht viele Leser und Freunde finden möge. Des ehrw. l?. Martin von Cochem Meßbuch, enthaltend zweiunddreißig vollständige Mcßandachten für jeden Tag der Woche, für die Sonn- und Festtage und für besondere Veranlassungen und Anliegen. Neue vermehrte und verbesserte Ausgabe von U. Osdorne. 8°. VIII, 574 Seiten. Preis gebunden M. 2.—. Dülmen i. W-, A. Lanmann'sche Buchhandlung. Das vorstehend angezeigte Werk enthält: 1) einen erbaulichen Unterricht über die Bor-trefflichkeit, die Geheimnisse und die andächtige Bciwohnung der heiligen Messe, 2t sieben Mcßandachten für die Wochentage, drei für die Sonntage, sechzehn für die heiligen Zeiten und Feste, sechs für besondere Veranlassungen, 3) scchzehnLitancicu, 4) einen reichhaltigen Anhang mit Gebeten für die gewöhnlichen und mich manche außergewöhnliche Andachtsübnngen einc-Z katholischen Christen. Fast der ganze Inhalt ist aus dem gottliebcnden Herzen des seligen U. Martin von Cochem geflossen und übertrifft an religiöser Weihe und Innigkeit, wie auch an Gediegenheit und Kraft eine unübersehbare Reihe von Erzeugnissen ähnlicher Art. Hübner's Geographisch-statistische Tabellen Ausgabe 1897. Herausgegeben von Hofrath Pros. Fr. v. Jurasch ek. Verlag von Heinrich Keller in Frankfurt a. M. Die Hübner'sche Tabelle hat in allen Kreisen bereits eine Verbreitung gefunden, wie selten ein ähnliches populäres Unternehmen, und es wird immer mehr erkannt, daß sie jedermann auf das bequemste und billigste in die 456 wirthschaftlichcn und geographischen Verhältnisse aller Länder der Erde einführt. Für die Bearbeitung dieser neuen Auflage sind wiederum die besten, tbeilweife offiziellen Quellen benutzt worden. Dieses Schriftchen erspart lästiges Aufschlagen in größeren geographischen Werken und man gewinnt durch dessen Anschaffung Zeit, tonnt Geld. Alle Notizen darin sind in jeder Beziehung zuverlässig. Es sei noch besonders darauf hingewiesen, daß der Umfang des Heftes — ohne Erhöhung des Ladenpreises — gegen die Vorjahre um 3 Seiten vermehrt worden ist, wodurch zur Aufnahme einer Tabelle über die Ergebnisse der Volkszählung im Russischen Reiche vom 28. Januar 1897, sowie einer sehr interessanten Uebersicht: „Statistische Daten einiger Großstädte", der Raum geschaffen wurde. Preis der elegant gebundenen Buch- Ausgabe M. 1.20, der Wandtafel-Ausgabe 60 Pfg. Raich I. M., Die innere Unwahrheit der Frei' maurcrei. Zweite Ausgabe. Mainz 1897, Frz. Kirchheim. (IV n. 179 Seiten.) M. 1,50. Wir kennen kein Buch, welches so kurz und zuverlässig über Ursprung, Grundgesetze, Zweck und Tendenz und vornehmlich über das Wesen der zahlreichen Systeme der Hochgrade orientirt, wie die angezeigte, früher unter dem Pseudonym Dr. Otto Beuren erschienene Schrift. Aus jeder Seite läßt sich erkennen, daß der Verfasser sem Gebiet vollkommen beherrscht und nur authentische Quellen zu Rathe zieht. All die Schriftsteller, welche bei Mangel zuverlässigen Materials ins Blaue hineinschreiben, bleiben ohne Ausnahme in die Ecke gestellt. Selbst Findet, der geschätzte Historiograph der Maurerei, hat diesen Vorzug anerkannt und die Lectüre dieses Buches seinen Brüdern empfohlen mit dem Bemerken, daß mancher Bruder daraus Aufschluß über manrerische Dinge schöpfen könne, deren Erkenntniß ihm bisher verschlossen war. Das im Titel angedeutete Thema beweist der Verfasser nach allen Seiten hin und bietet zugleich eine gedrängte Geschichte des Logcn- wesens. Selbstverständlich behält er bei seiner Arbeit vornehmlich die'Freimaurerei im Auge, wie sie in unteren Tagen und namentlich in Deutschland „leibt und lebt". > Eine Ausnahme macht das durch conscgncntc Entschiedenheit hervorragende Masonenthum in Belgien, welchem ein besonderes Kapitel gewidmet ist. Unter anderem werden wir auch mit einer Reihe von Betrügern bekannt gemacht, die aufs Haar einem Leo Taxil gleichen, mit dem Unterschiede jedoch, daß dieser die „Profanen", jene aber die „Eingeweihten" am Narrenscil führten. Gegen solche Gefahren kann unsere Schrift als sicheres Schutzmittel gelten. Stimmen an? Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang )897. Zehn Hefte M. 10.80 (oder zwei Bände ä M. 5.40). Freiburg i. Br., Herder'sche Verle.gSbandlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 9. Heftes: Warum gibt es nicht mehr Konvertiten? (L. v. Hammersteiu 8. 9.) — Vier Meiswrwcrke kirchl. Baukunst in Florenz. I. (M. Meschler 8. .>.! — Brun von Querfnrt, Bischof der Heiden. II. (Schluß.) (O. Psülf 8. 9.) — Die zu Madaba entdeckte Mosaik-Karte des Heiligen Landes. (L. Font 8. .1.) — Die Familie der Panischen. I. (E. Wasmann 8. I.) — Glaube oder Liebe? (W. Kreiteu 8.0.) — Recensionen. — Einvfchlenswcrthe Schriften. — MiScellen. Literarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Dreiund- zivanzigster Jahrgang: 1897. 12 Nummern. M.9.—. Freiburg i. Vr. Herder'sche Verlagshandlung. Inhalt Nr. 10: Llauäslksru, Vstsris tsstamsuti Oou- ooräautigs Ilsbraioas gtgus Obaläaioas. (Hoberg.) — "Weiss, ckuclas Llabbabueus. (Peters.) — Drauät - Daubmuuu, I/. Oasli Dirmiairi Daetauti opsra omuia. (Weyman.) — ^.ualsota Drauoisoaua etc. (v. Funk.) — LisrliuA, Da Lässig et lo 8aiut-8iöAs. (Paulus.) — de Waal, Der Campo Santa der Deutschen zu Rom. (Künstle). — Güttler, Eduard Lord Herbert von Cherbury. (Offner.) — Larmsutisr, Listoiro äs I'Läuoatiou sn ^.uslstsrrs. (Zimmermann 8. I.) — Blaß, Grammatik des Neutesta- mentlichen Griechisch. (Rückert.) — liotbs, Iraitö äs äroit nntursl. (Bastien.) — Rühl, Chronologie des Mittelalters und der Neuzeit. (Spähn.) — Vetter, Der heilige Georg des Reinbot von Durne. (Albert.) — Riezler, Geschichte der Hexeiwrocesfe in Bayern. (Diefenbach.) — v. Lettow- Vorbeck, Der Krieg von 1806 bis 1807. (v. d. Mengen.) — Dsbautoourt, OgmpgAus äs l'Dst sn 1870—1871. (v. d. Mengen.) — Detzel, Christliche Ikonographie. (Künstle.) — Uhde, Baudenkmale in Spanien und Portugal. (Kühn.) — Zardetti, Westlich! Müller-Simonis, Vom Kaukasus zum persischen Meerbusen. (Ruhle.) — Kutter, Clemens Alc^andrinus und das Neue Testament. (Dansch.) — Emmerich, Der heilige Kilian. (Albert.) — v. Bischossshausen, Das höhere kath. Untcrrichtswesen in Indien. (Metzger.) — Streifzüge durch das Reich der Freimaurerei. (Franz.) — Nachrichten. — Vüchertisch. Philosophisches Jahrbuch der Görresgesell- fchaft. Verlag der Fuldaer Aktiendruckerei in Fulda. X. Jahrgang. Das IV. Heft enthält u. And.: F. lk. Pfeifer, Ueber den Begriff der Auslösung und dessen Anwendbarkeit auf Vorgänge der Erkenntniß. — V. Frins 8. I-, Zum Begriffe des Wunders. (Schluß.) — B. Ädlhoch 0. 8. L., Der Gottesbeweis des hl. Anselm. (Schluß.) — G. Grupp, Die Grundlage des Glaubens. — Ed. v. Hartmann, Kategorienlehre, von Al. v. Schmid. — I. Jörgenfen, Lebenslüge und Lebenswahrheit, von C. Gutberlet. — Snrbled, Ds tsmxöramsut, von demselben. — R. v. Wich ert, Natur und Gent, von demselben. — E. Wasmann 8. l., Instinkt und Intelligenz im Thierreich, von L. Schütz. — Al. Otten, Apologie des göttlichen Selbstbewußtseins, von C. Gutberlet. — Zur Kriteriumsfrage, von C. Th. Jsen krähe. — Zeit- schriftenfchau. — Miscellen und Nachritten: Nochmals der Ditbsoautbropus ersotus Dubais. — Gehirn und geistige Fähigkeit. — Die Reden und Gespräche Buddha's. Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie. Herausgegeben von Dr. Ernst Commer, Professor an der Universität Breslau. XII. Bd. 2. Heft. Paderborn 1897, Schöningh. Inhalt: I. Der Urstoff oder die erste Materie. (Fortsetzung folgt.) Von L. Gundisalv Feldner, 0. Lraeä. — II. Aus Theologie und Philosophie. (Fortsetzung folgt.) Von Kanonikus Dr. M. Gloßner. — III. Der hl. Bona- ventnra und die thomistisch-molinistische Coutroverse. Von Docent Dr. B. Dörholt. — IV. Literarische Besprechungen. Divus Ibomas Oommsntarium iussrvisus Jeaäsmüs st D^easis 8obolastioam seotautibus. Vun. XVIII — Vol. VI. 8ummarium Dasoiol. 13—20 iuol. D.: Verba proosmialia iu arm. 18. Lamslliui: Dommsut. iu tzuasst. 27 sgg. 3»° Dort. 8umw. Ibsol. „Ds lll^stsrüs X9" iu lsotiouss äistributa. Ds Wulf: Disssrtatio bistorioooritiea äs spsoisbus iutsutioualibus. D r. 8^uäisus 0. Dr. läsalismus bistorios illustratus st a 8. Iboma ooukutatus. I.. 1b.: Domra, iu Duopol. „Ds stuäiis 8aoras 8erixturas." 8 obo1.1 beoI. llloraI.: Ds Asuniuo 8^stsmats 8 . Vlpbousi DiZu. Oasus Lloralss. VsspiAuaui (Dpisoop.): Iu Dibsrabsmuru uuivsrsum Dootors Auxslioo äuos st Loutiüos 8ummo Deous XIII. trutiua. Viuati: Ds priueipio oausalitatis auimaä- vsrsiouss oritisas. Dr. LI.: Dostriua 8. Ibomas äs ua- tura Ibsoloxias 8psoulativas. O.: Verbum orals seu vivsus maZistsrium priuesps st ssssutials orZauou rs- vslativuis vbristiauas. lause u: Ds oritsrio vsritatis. Viuati: Ds rsosuti iuvsutious tsxtus primiZsuii Do- clssiastioi. — Lslatiouss ciosäsmiarum iu bouorsm 8 . Ibowae ^gnioatis. — LiblioAiapbia. — Duzus Lsrioäioi altsruis msusibus kasoiouli äuo säuutur eoutiusutss 16 x>a§iuas guatsruarias mgAui kolii. 36 kasoiouli Volumsu voustituuut. LiuAula Volumina inäissm aualMoum kaba- - Verantw.Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druckn. Verlag desLit.Instituts von Haas LGrabherrin Augsburg. kir. 66 20. Nvv. 1897. Zeilkgk W Kligsklgn ^chkitMg. Suggestion und Hypnotismus ini Recht. Von Rechtsanwalt Dr. Then-Traunstein. Suggestion und Hypnotismus sind in der neueren und neuesten Zeit zu einer Zeit- und Streitfrage geworden. mit welcher man sich in allen Zweigen der Wissenschaft mit gleich hervorragendem Interesse beschäftigt. Theologen wie Psychologen, Professoren der Medizin und praktische Aerzte, bedeutende Theoretiker in der Jurisprudenz, wie Richter und Rechtsanwälte in der Gerichtspraxis, alle bekunden eine gleiche Autheilnahme an der Lösung dieser Tagesfrage, und für alle ist die Lösung in ihrer Weise von der weittragendsten Bedeutung. Der Theologe und Moralist wird vor die doppelte Frage gestellt: sind Suggestion und Hyvno- tismus geeignet, die freie Verantwortlichkeit des Menschen für sein Thun ganz oder theilweise auszuschließen, und ist die Anwendung des Hypiiotismus vor dein Forum der Religion und Moral erlaubt oder nicht? Die moderne Schule der Psychologen, welche auf dem Standpunkte der monistischen Weltauffassung stehen, sinken in den Ergebnissen der Anwendung des Hypiiotismus einen Beweis für ihre Theorie, das; die Seele nichts anderes ist, als ein Spiel der Natnrkräfte. Der Arzt steht vor einem Mittel, welches von hochbedentenden und in der medizinischen Disciplin vielgenannten Autoritäten als novum gepriesen und als Radicalhilfsmittel für eine Unzahl von Krankheiten und krankhaften Erscheinungsformen in bisher für unknrierbar gehaltenen Fällen angesehen wird. Und auch der Jurist muß das lebhafteste Interesse haben an einer Frage, von deren Beantwortung die Grundlagen allen Rechts, der Rechtswissenschaft und der richterlichen Entscheidungen abhängen. Das Fnnda- ment aller Rechtshandlungen ist die Voraussetzung eines freien, verantwortlichen menschlichen Thuns. Auf der menschlichen Verantwortlichkeit war zu allen Zeiten und ist heute noch das ganze Nechtssystem aufgebaut. Das Recht und sein Inhalt, allseitig eindringend in alle Nuancen und Constellationen menschlicher Lebensverhältnisse, wird mehr und mehr zum Gemeingut Aller. Die Oeffentlichkeit der Gerichtsverhandlungen, das Recht der freien Meinungsäußerung, eine freie Presse, die zunehmende allgemeine Bildung tragen dazu bei. Es bedarf dann nur eines besonderen Anlasses, um alle jene Kreise, welche „mitlcben" in der jeweiligen Entwicklung der Menschheit, auch für Fragen zu interessiren, die mehr oder weniger einer Fachwissenschaft angehören. Zu diesen Fragen zähle ich die angeregte, und aus den genannten Umständen schöpfe ich die Berechtigung, nachstehend eine Skizze darüber zu geben, wie sich die Wissenschaft und die juristische Praxis gegenüber dem Hhpnotisinns und der Suggestion verhält, und welches die Bedeutung dieser Erscheinungen für das praktische Nechtsleben ist. Wenn ich einleitungsweise auf die Lehre von Suggestion und Hypnotismus eingehe, so erscheint mir dies als eine unvermeidliche Voraussetzung für meine Darlegungen. Die Literatur der letzten Jahre über Hypnotismus und Suggestion ist eine immense. Man kann nicht sagen, daß dadurch die Begriffe geklärt und die Uebersicht erleichtert worden wäre. Noch fehlt ja jeder feste Boden, und wer weiß, ob je es menschlichem Scharfsinne gelingen wird, das geheimnißvolle Dunkel zu lichten und eine sichere Bahn zu eröffnen? Eine Uebersicht über den derzeitigen Stand der Theorie und der Lehre von Suggestion und Hypnotismus kann zum vollen Verständnisse der für das Recht hieraus zu ziehenden Konsequenzen nicht umgangen werden. I. Vorbemerkungen über Suggestion und Hypnotismus.') Hypnotismus ist diejenige Wissenschaft, welche sich mit der Gesammtheit der Erscheinungen befaßt, die mit der bewußten und unbewußten Suggestion zusammenhängen. (Forel.) Der Hypnotismus ist keine neue Erscheinung; neu ist lediglich der Name. Bereits die alten indischen Fakire beschäftigten sich damit. Im 19. Jahrhundert lenkte sich die Aufmerksamkeit hierauf durch die Lehren des Magnetismus. Insbesondere Männer wie Mesmer, Braid, Hansen haben sich auf diesem Gebiete einen Namen gemacht. Wissenschaftliche Behandlung erfuhr die Lehre vom Hypnotismus erst durch Charcot und seine Schule in Paris und durch die Schule von Nancy, mit ihren Häuptern Liögeois und Beruhen». An diese beiden Schulen schließen sich im Wesentlichen alle dermaligen Autoritäten an. Nach der Schule Charcot's unterscheidet man drei Zustände der Hypnose, von denen jeder sich selbstständig entwickeln, aber auch einer aus dem andern hervorgehen kann. 1) Katalepsie. Ihre Wirkung äußert sich in lln- beweglichkeit und Nnempsindlichkcit. Der Kataleptische führt nur die Bewegung aus, deren Vorstellung in ihm künstlich erweckt worden, ohne den geringsten eigenen Willcusantrieb. Dieser Zustand kann nicht lange bestehen, ohne zn einem hysterischen Anfall oder zu Krampfcrscheinnngcn zu führen. Derselbe geht leicht über in den zweiten (lethargischen) Zustand. 2) Lethargie: eine Ueberreizbarkeit der Nerven und Muskeln. Sie haben die Fähigkeit, sich unter dem Einfluß einer unmittelbaren mechanischen Reizung zusammenzuziehen und die auf diese Weise eingenommene Stellung beizubehalten. Das Bewußtsein ist gänzlich aufgehoben; der Patient ist völlig unempfindlich. 3) Somnambuler Zustand. Aeußerlich wenig von dem lethargischen Zustand unterschieden. Der Muskel- sinn, Sehvermögen, Gehör, Geruch und Geschmack sind sehr stark entwickelt. Das Gedächtniß ist zu außerordentlichen Leistungen befähigt. Die merkwürdigste und wichtigste geistige Eigenthümlichkeit ist die Fähigkeit und Geneigtheit, fremden Suggestionen Folge zu leisten. Gegen diese Eiutheilung wendet sich die Schule von Nancy, welche 5—6 Stufen annimmt. Bernheim stellt neun Stufen auf, welche mehr oder minder in einander übergehen oder übergehen können. Der Somnambulismus nimmt erst die fünfte oder sechste Stelle ein. Forel geht von der Suggestibilität aus und nimmt drei Stufen derselben an: 1) Somnolenz. Der nur leicht ') Ich beschränke mich auf die Anführung der Literatur aus den letzten-Jahren: Forel, Der Hypnotismus, 3. Anst. 1895; Hirsch William, Die menschliche Verantwortlichkeit und die moderne Snggestionslehre, 1896 : derselbe, Was ist Suggestion und Hypnotismus: Lilienthal, Hypnotismus im Strafrecht, Zeitschrift f. d. ges. Straf- rechtswisscnschaft, 1886 (auch separ.): Schutze, Der Hypnotismus, Philos. Jahrbuch 1896 S. 32 ff.: Zeitschrift f. Hypnotismus, Leipzig, Verlag von Barth, 5 Bde. Ueber die Geschichte siehe die Cit., insbesondere Schütze, Lilienthal. auch Strohmeyer. Die hypn. Therapie vor dem Forum der Moral, in der Passauer Theologischpraktischen Monatsschrift 1837. 1. Heft S. 1 ff. 458 Beeinflußte kann mit Anwendung seiner Energie der Suggestion widerstehen und die Augen öffnen. 2) Leichter Schlaf oder HyPothaxie. Der Beeinflußte kann die Augen nicht aufmachen, muß überhaupt einem Theil der Suggestion bis asten Suggestionen gehorchen, mit Ausnahme der Amnesie. 3) Tiefer Schlaf oder Somnambulismus. Charakterisirt durch Amnesie nach dem Erwachen und posthypnotische Erscheinungen. Durch Dressur können in nicht seltenen Fällen die einzelnen Grade in einander übergeführt werden. Diese Ein- theilnng nimmt auch Schrenck-Notzing („über Suggestion und suggestive Zustände", Scp.-Abdr. aus der Allg. Ztg-, München 1893) an. Nach Bern heim ist die Hypnose ein besonderer psychischer Zustand, den man hervorrufen kann und in welchem die Suggcstibilität erhöht ist, allgemein ausgedrückt: ein Zustand, bei welchem die Willcnsthätigkeit eine Hemmung erführt und oft eine deutliche Störung des Bewußtseins besteht. Suggcstibilität ist die individuelle Empfänglichkeit. Suggestion bedeutet nichts anderes als eine Einwirkung auf das Vorstellungsleben, welche sich ohne Vermittlung des Bewußtseinswillens vollzieht oder vollziehen kann. Autosuggestion ist die Suggestion, welche der Mensch bewußt oder unbewußt bei sich selbst erzeugt. Die Beeinflussung durch Suggestion unterscheidet sich wesentlich von jener durch Vernunfrgründe; bei ihr spielen Gefühle und Phautasiebilder die Hauptrolle. Grashey') n. a. dcfinirt „suggeriren" lediglich als einreden. Allein gewöhnlich faßt man darunter nur jenes Einreden, welches ohne Rücksicht auf logischen Zusammenhang ohne eigene Ilrthcilskraft und ohne Willensvermögen wirkt. (Hirsch, meuschl. Verantwortlichst S. 49.) Die verschiedenen Schulmeinungcn gehen also sehr weit auseinander und erschweren es daher dem Juristen, für seine Argumentationen und Schlußfolgerungen einen festen Ausgangspunkt zu gewinnen. Die wichtigsten Fragen für das Recht sind die: Inwieweit ist der Mensch suggestionsfähig? inwieweit wird durch die Suggestion seine bewußte Thätigkeit ausgeschlossen? welches sind die Mittel, welches die Wirkungen der Hypnose? Zu Anfang nahm man an, daß hysterische und überhaupt geistig nicht normal veranlagte Personen der Suggestion am meisten zugänglich seien; allein die überwiegende Anschauung ging und geht dahin, daß gerade bei solchen Personen die meisten Autosuggestionen vorkämen und deßhalb dieselben sich Fremdsuggestionen gegenüber weniger empfänglich zeigen. Jeder körperlich und geistig normale Mensch ist mehr oder weniger suggestions- fähig und hypnotisirbar. Nur gewisse momentane Zustände der Psyche sind es, welche die Hypnose verhindern können. (Forel, Bernheim.) Besonders leicht kann man den schlafenden Menschen durch Suggestion beeinflussen und, ohne ihn zn wecken, hypnotisircn, wie denn überhaupt eine unverkennbare Verwandtschaft zwischen Schlaf und Hypnotismns besteht. Ueber die Wirkungen der Hypnose sagt Forel: „Man kann sagen, daß man durch Suggestion in der Hypnose sämmtliche bekannte subjektive Erscheinungen der menschlichen Seele und einen großen Theil der objektiv bekannten Funktionen des Nervensystems produziren, beeinflussen, verhindern kann." Es können gewisse körper- ') Grashey. Gutachten im ..Prozeß Cznnski". Stutt- ,art. F. Enke, 1896, S. 46. liche Zustände hervorgerufen und wieder zum Verschwinden gebracht werden. Eine einfache Versicherung daß die betreffende Person nicht mehr gehen, hören, sehen kann, genügt, um diese Erscheinung hervorzurufen. Ebenso können Sinnestäuschungen jeder Art hervorgerufen werden. Die Einwirkungen des Hypnotiseurs auf Willensentschlüffe des Hypnotisirten sind oft unbeschränkte. Jeder beliebige Gedanke, alle möglichen Einfälle können eingegeben werden. Bei alledem ist aber nicht zu vergessen, daß diese Wirkungen je nach der Individualität mehr oder minder stark durch Autosuggestionen beeinträchtigt werden können. Selbst falsche Vorstellungs- bilder und Sinnestäuschungen werden durch Autosuggestion hervorgerufen. Von besonderer Bedeutung sind die posthypnotischen Erscheinungen. Die Suggestion kaun auch dahin gehen, daß etwas nach dem Erwachen zu geschehen habe. Umgekehrt kann aber auch Amnesie suggerirt werden, d. h. vollständige Erinncrungslosigkeit. Eine weitere Art ist die Suggestion L öestöarxw, die Eingebung auf bestimmten Termin, ferner die Wachsu ggestiou, welche nach Forel bei sehr suggestiblen Menschen im vollen Wachen erfolgreich angewendet werden kann, endlich die suggerirte Erinnerungsfälschnng an nie Erlebtes. Die in vorstehender Uebersicht angeführten Resultate sind keineswegs unbestritten, wie bereits zn Anfang bemerkt. Gleichwohl muß zugegeben werden, daß die Kenntniß vom Hypnotismns und die Ueberzeugung von seinen weitgehenden Wirkungen immer weitere Kreise erfaßt. Benedict erklärte noch auf dem internationalen Congreß für Kriminalanthropologie im Jahre 1892 zn Brüssel die meisten Fälle als Täuschungen unbewußter, manchmal auch bewußter Art. Der eifrigste Gegner des Hypuotismus zur Zeit ist Professor Fuchs in Bonn, welcher die Hypnose geradezu als eine Komödie bezeichnet.^) Allerdings muß dieser Gelehrte zugestehen, daß er selbst niemals praktische Versuche vorgenommen hat. Dadurch gewinnen seine Darlegungen, welche meines Erachtens der wissenschaftlichen Gründlichkeit überhaupt entbehren, keineswegs an Glaubwürdigkeit. Zu den jüngsten Aeußerungen über den Hypuotismus gehört die Diskussion über dieses Thema auf dem 12. internationalen medizinischen Con- grcß zu Moskau im August heurigen Jahres. Interessant war vor allem der Vortrag Beruh eim's, welcher ausführte, daß ein „Hypuotismus" eigentlich nicht existire, sondern daß der hypnotische Zustand nur das Jnsleben- treten der dem menschlichen Gehirn eigenen Empfänglichkeit zur Jdeenanfuahme (Suggestion), also eine Aeußerung der Suggcstibilität sei. Es ist nicht Sache des Juristen, auf die theoretische Bcgründetheit der einen oder anderen Schule einzugehen; es muß ihm geistigen, die Grundlagen der Meinungsverschiedenheiten zu erkennen und festzustellen, daß — mag man im klebrigen der oder jener wissenschaftlichen Richtung folgen — durch Suggestion und Hypnotismns jedenfalls Zustände eintreten können, welche in einer ganz mächtigen Weise auf den Willen und die Zurechenbar- keit irgend einer rechtlich bedeutsamen Thatsache von Einfluß sein können. Damit ist sein hohes Interesse an dieser Frage von selbst gegeben. (Fortsetzung folgt.) i) Fuchs, Bedeutung der Hypnose in forensischer Hinsicht, Bonn 1895, S. 7. 459 Ein arabischer Aristoteles und was uns derselbe aus dem Wunder-lande Indien erzählt. Von Dr. Widder. (Fortsetzung.) Nach der indischen Lehre gibt es drei Welten, eine höhere, das ist das Paradies, eine mittlere, das ist die Erde, und eine untere Welt, die Welt der Schlangen, das ist die Hölle. Wer noch nicht reif ist für den Himmel, aber doch zu gut für die Hölle, muß in Pflanzen- und Thiergcstalten den Reinignngsprozcß der Seelcnwandcrnng durchmachen. Die Jndier nehmen nach Alberuni's Bericht 88,000 Hüllen an. Für jede Art von Sünden gibt es eine besondere Hölle. In die unterste Hölle — Sandamsaka genannt — kommen die Gesetzes-Verletzer und die Verächter der Gewohnheiten und Vorschriften. Eine eigene Hölle gibt es dann für die Fürsten, die sich um ihre Unterthanen nicht kümmern, für Diejenigen, welche die Edelsteine nicht ehren, sondern bloß als gewöhnliche Steine betrachten, für Diejenigen, welche gegen ihre Lehrer nnehrerbietig sind u. s. w. Der höchste Grad der Vollkommenheit besteht nach indischer Anschauung in dem vollständigen Aufgeben seines eigenen „Ich", so daß man um seiner selbst willen weder leben noch sterben will. Die größten und gefährlichsten Feinde des Menschen, sagen die Jndier, sind die Begierlichkeit und der Zorn, denn sie verleiten ihn znr Genußsucht und zur Rachsucht, stürzen ihn dadurch in Leiden und Verbrechen, machen ihn den wilden Thieren und dem Vieh ähnlich, ja sie machen die Menschen sogar zu Teufeln und bösen Geistern. Namentlich neun Gebote muß der Mensch beobachten, um tugendhaft zu sein. Er darf nicht todten, nicht stehlen, nicht lügen, nicht huren, keine Schätze aufhäufen, muß stets rein und heilig leben, die vorgeschriebenen Fasten ohne Unterbrechung halten, sich gering kleiden und endlich Gott ständig loben und ihm Dankgebete darbringen und stets das Wort „öm" d. i. das Wort der Schöpfung im Geiste behalten, ohne es aus- znsprechen. — Als strenger Moslem ist Albernni ein Feind aller bildlichen Darstellung religiöser Gegenstände und deßhalb auch ein Gegner der christlichen und jüdischen Religion und insbesondere des Manichäismus. Nach seiner Ansicht ist der Götzendienst auch nur dadurch entstanden, daß man zuerst Denkmäler zu Ehren besonders hochgeachteter Personen, z. B. von Propheten, Weisen u. s. f., errichtete, um ihr Andenken auch noch nach ihrem Tode zu erhalten. Nachdem aber viele Geschlechter dahingeschwunden und Jahrhunderte vergangen waren, vergaß man den Grund der Errichtung dieser Denkmäler, ihre Verehrung wurde znr Gewohnheit und allgemeinen Regel, und die Gesetzgeber des Alterthums benutzten, wie Albernni meint, diese in der menschlichen Natur tiefwnrzelnde Neigung, wohl wissend, daß das Volk, abstrakten Ideen abhold, nur an bildlichen Darstellungen Gefallen finde, zu ihrem Vortheile, um Einfluß auf das Volk zu gewinnen, und machten ihm deßhalb die Verehrung der Bilder und Denkmäler zur Wicht. Die Gebildeten, fährt unser Gelehrter fort, fröhncn freilich keinem solchen Götzendienste, sondern verehren Gott allein und lassen es sich auch nicht im Traume einfallen, jemals ein Bildwerk, das Gott darstellt, anzubeten. Bei dieser Gelegenheit erzählt Albernni folgende Geschichte: „Ein König, Namens Amberisha, besaß ein Reich, gerade so groß, als er es sich wünschte. Plötzlich aber fand er keinen Gefallen mehr daran, zog sich von der Welt zurück und beschäftigte sich lange Zeit ans- schließlich mit dem Lobe und der Verehrung Gottes. Endlich erschien ihm Gott in der Gestalt des Engel- fürsten Jndra, reitend auf einem Elephanten, und sprach zum Könige: „Verlange, was Du nur immer willst, und ich werde es Dir geben." Der König erwiderte: „Ich freue mich, Dich zu sehen, und bin Dir dankbar für das große Glück, das Du mir zu Theil werden lässest, und die Hoffnung, die Du mir eröffnest; allein von Dir verlange ich nichts, sondern nur von dem, der Dich erschaffen hat." Da sagte Jndra: „Du beabsichtigest durch Deine Gottcsverehrung einen hohen Lohn zu erhalten. Du sollst Deine Absicht erreichen, empfange deßhalb hicmit den Lohn aus den Händen desjenigen, der Dir bisher das Verlangen gegeben hat; sei nicht so heikel und wählerisch und wolle die Erfüllung Deines Wunsches nicht von einem Andern, sondern von mir empfangen." Der König aber entgegnete: „Die Erde fiel mir als mein Loos zu, allein ich kümmere mich nichts um Alles, was auf der Erde ist, bei meiner Gottesverehrung beabsichtige ich einzig und allein, den Herrn zu sehen, und diesen Wunsch kannst Du mir nicht erfüllen, wie könnte ich daher seine Erfüllung von Dir verlangen." Diese hartnäckige Weigerung des Königs machte jedoch Jndra doch etwas die Galle steigen, und er sagte deßhalb: „Die ganze Welt, und was darauf ist, gehorcht mir. Wer bist Du, daß Du es wagst, mir zu widerstehen?" Der König aber, dem die Audienz ohnehin schon zu lange gedauert hatte, beharrte auf seinem Widerstände, wurde unhöflich und wies dem Himmelsfürsten die Thüre mit den Worten: „Ich höre wohl und gehorche, allein ich verehre den, von dem Du Deine Macht empfangen hast, dieser ist der Herr des Weltalls, laß mich daher thun, was ich will, geh! und lebe wohl!" Jetzt riß aber auch Jndra die Geduld, und er sagte: „Wenn Du Dich mir durchaus widersetzen willst, so werde ich Dich tödtcn und vernichten." Aber der König ließ sich auch dadurch nicht schrecken, sondern erwiderte: „Man sagt, daß das Glück Neider schafft, nicht aber das Unglück. Wer sich von der Welt zurückzieht, wird von den Engeln beneidet, und deßhalb suchen sie ihn irre zu führen. Ich bin einer von denen, die sich von der Welt zurückgezogen und ganz der Verehrung Gottes gewidmet haben; ich werde dies auch nicht lassen, so lange ich lebe. Ich bin mir keines Vergehens bewußt, um desscntwillen ich verdient hätte, von Dir getödtet zu werden. Tödtcst Du mich, ohne daß ich Dich irgendwie beleidiget habe, so ist das Deine Sache. Was willst Du von mir? Wenn meine Gedanken ganz Gott geweiht sind, ohne daß ich an irgend etwas Anderes denke, so kannst Du mir kein Leid zufügen. Mir genügt die Andacht, mit der ich beschäftiget bin, und ich kehre nun zu ihr zurück." — Als sich der König nunmehr zum Gebete begab, erschien ihm Gott selbst in der Gestalt eines Mannes von der Farbe des grauen Lotus, vierhändig und reitend auf dem Vogel Garuda, in der einen Hand hielt er eine Seemuschcl, auf welcher mau zu blasen pflegt, wenn man auf einem Elephanten reitet, in der anderen hatte er das „oallra.", d. i. eine kreisrunde, scharfe Waffe, die Alles gerade durchschneidet, in der dritten Hand hielt er ein Amnlet und in der vierten den rothen Lotus. Als Ambarisha des Gottes ansichtig wurde, erbebte er vor Ehrfurcht, warf sich zu Boden und stieß einige Gebete hervor. Der Gott beruhigte ihn jedoch und versprach ihm alle seine Wünsche zu erfüllen. Der König entgegnete jedoch: „Ich 460 besitze ein Reich, das unr Niemand streitig macht, ich war in meinem Leben niemals von Sorgen nnd Krankheiten heimgesucht, die ganze Welt schien mein Eigen zn zn sein, allein ich wandte mich davon ab, als ich einsah, das; das, was der Welt als ein Gut erscheint, zuletzt in der That schlecht ist. Ich wünsche gar nichts, als was ich zur Zeit besitze, mein einziger Wunsch ist, von diesen Banden befreit zn sein." Da sagte der Gott: „Dies wirst Du erreichen, wenn Du Dich von der Welt ferne hältst, allein bleibst in beständiger Betrachtung und Deine Sinne iu Dir zusammenhältst." — „Gesetzt auch, erwiderte der König, das; ich dies zu thun im Stande bin, infolge der Heiligkeit, welche sich Gott mir zu verleihen würdigte, wie sollte dies aber irgend jemand Anderer zu thun vermögen, denn der Mensch bedarf der Nahrung und Kleidung, wodurch er mit der Welt zusammenhängt, wie kaun er auf etwas Anderes bedacht sein?" — „Verwalte Dein Reich so gut Du kannst, mit Geradheit und Klugheit, antwortete hierauf der Gott, richte Deine Gedanken auf mich bei Allem, was Du thust, sei es, daß Du mit der Civilisirnng der Welt oder mit dem Schutze ihrer Bewohner, mit Almosen- spenden oder mit irgend etwas Anderem beschäftiget bist, und wenn Dich menschliche Vergeßlichkeit befällt, so mache Dir ein Bild, wie das ist, in welchem Du mich siehst, opfere ihm Weihrauch und Blumen und mache es zu einem Denkmal für mich, damit Du mich nicht vergessen kannst. Bist Du in Sorgen» so denke au mich, sprichst Du, so sprich in meinem Namen, thust Du etwas, so thue es für mich." — Der König, mit dieser langen Belehrung noch nicht zufrieden, sagte: „Jetzt weiß ich wohl, was ich im Allgemeinen zu thun habe, allein würdige Dich, mich auch im Einzelnen zn unterrichten." Der Gott erwiderte jedoch: „Dies habe ich bereits gethan. Ich habe Deinen Richter Aasistha über all das genau belehrt, was Dn zu wissen begehrst. Verlass' Dich daher auf ihn in allen Dingen." Dann verschwand die Gestalt vor Ambarisha's Augen. Der König kehrte in seine Residenz zurück und that, wie ihm befohlen war. Seit dieser Zeit, sagen die Hindus, macht sich das Volk Götzenbilder, bald mit 4, bald mit 2 Händen. Die Götzen- bilder mußten übrigens, wie uns Alberuni berichtet, nach einem bestimmten Maße gesertiget werden. Die genaue Einhaltung dieses Matzes brachte dem Verfertiget des ^Götzen Heil und Segen, hatte er aber das richtige Maß verfehlt, so trafen ihn nach dem Volksglauben verschiedene Uebel, ja selbst der Tod. Je kostbarer das Material war, aus welchem das Götzenbild gesertiget wurde, um so größer war auch der Segen, den dasselbe demjenigen brachte, der es hatte herstellen lassen. Die alten Jndier trieben auch schon Alchemy, sie nannten ihre Kunst: rasL^anL — von rasL — Gold — und Alberuni sagt, daß die Goldgier der indischen Fürsten so groß gewesen sei, daß, wenn einer von ihnen wirklich ein System um Gold zu machen erfunden und man ihm gesagt hätte, er müsse zu diesem Zwrcke eine Anzahl schöner kleiner Kinder umbringen, dieses Ungeheuer vor solch einem Verbrechen nicht zurückgeschreckt wäre, sondern die Kinder ruhig verbrannt hätte. Dem Geheimmittel rgLZFLvL schrieben die Jndier auch die Kraft zu, unsterblich, siegreich und unüberwindlich zu machen, wie urS der arabische Gelehrte durch nachstehende rührende Sage zu beweisen versucht. „In der Stadt DHLva, der Hauptstadt von Mlllava, berichtet er nämlich, sieht man am Thore des königlichen ' Palastes ein längliches Stück gediegenen Silbers liegen, in welchem die Umrisse der Glicdmaßcn eines Mannes sichtbar sind. Damit soll es aber folgende Bcwaudtniß haben: Vor alten Zeiten kam einmal ein Mann zu einem Könige, brachte ihm das Zanbcrmittel rLsaxana, das ihn, wie der Mann sagte, unsterblich, siegreich, unüberwindlich und fähig machen würde, Alles zu thun, was er nur wünschen könne. Der Mann bat den König, allein au einen verabredeten Platz zu kommen, was der König auch versprach, und er gab zugleich Befehl, Alles bereit zu halten, was der Mann verlangte. Dieser kochte nun mehrere Tage lang Oel in einem Kessel, bis es schließlich dick wurde, dann sprach er zum Könige: „Spring' jetzt hinein, und ich werde den Prozeß beendigen." Der König aber erschrak über das, was er sah, und hatte nicht den Muth, in den Kessel zu springen. Als der Mann die Furcht des Königs bemerkte, sagte er: „Wenn Du Dir selber nicht getrau'st, in den Kessel zu springen, so gestatte mir es zu thun." Der König entgegncte: „Thu', was Du willst." Nun brachte der Mann verschiedene Päckchen mit Spezercien herbei, und sagte zum Könige, er solle, sobald sich gewisse Erscheinungen zeigen würden, die er dem Könige näher bezeichnete, dieses oder jenes Päckchen auf ihn hineinwerfen. Dann sprang der Mann iu den Kessel mit Oel und sogleich war er aufgelöst, und in Brei verwandest. Jetzt that der König, wie ihm geheißen war, als er jedoch seinen Auftrag nahezu erfüllt hatte und nur mehr ein Päckchen übrig war, wandelte ihn plötzlich eine Angst an, denn, dachte er, was wird zuletzt aus meinem Reiche werden, wenn der Mann wirklich wieder lebendig wird und dann unsterblich, siegreich und unüberwindlich ist. Deßhalb hielt er es für gerathener, das letzte Päckchen nicht mehr in die Masse zu werfen. Die Folge davon war nun, daß der Kessel kalt wurde und der ausgelöste Mann in ein Stück Silber verwandelt war." — Daß die alten Hindus auch an Zauberei nnd Hexerei glaubten, ist selbstverständlich, ebenso glaubten sie, wie Alberuni erzählt, der nichts auf Zauberei hält, daß die Zauberer Schlangenbisse heilen können. (Fortsetzung folgt.) Theosophie und katholischer Glaube. Von Charles Saint-Paul. (Schluß.) Kurze Zeit nachher muß der „Koot-Hoomi"-Wahn aufgetaucht sein, wie auch Harrisoir annimmt, denn wir sehen ihn 1879 Briefe an Herrn Sinnest „prä- cipitiren" und denselben iu den Anfangsgründen des „esoterischen Buddhismus" unterrichten, welcher plötzlich in der Theosophischen Gesellschaft Annahme fand und „beinahe eine Spaltung zwischen den östlichen und westlichen Zweigen verursachte". Thatsächlich war aber die Theosophische Gesellschaft, wie aus Olcotts „Old Diary Leaves" hervorgeht, vornehmlich zur Verbreitung eben dieses „esoterischen Buddhismus" gegründet worden. Frau Blavatsky war nach dem „Kiddle-Zwischcnfall" im Anfange des Jahres 1883, wie Harrisou bemerkt, „vollkommen iu Freiheit", die Breschen wieder auszubessern, die „Koot-Hoomi" gemacht hatte. Die „Erinnerungen" enthalten (S. 114) einen Auszug aus dem „Patl" (der amerikanische», früher von W. Jndge redigirteu theosophischen Zeitschrift), iu welchem zwei gcheimnißvolle Zeugnisse in Bezug auf die Autorschaft der „Geheimlehre" mitgetheilt werden. 461 Harrison hat gewiß richtige Ahnungen, wenn er diesbezüglich schreibt: „Es ist nicht sehr schwer, zwischen den Zeilen des Berichtes von Dr. Hübbe-Schleiden zu lesen, daß ,Koot- Hoomi' beansprucht, einen Finger im Spiele zn haben. Doch ist die Thatsache, daß Dr. Schleiden ,viel von der wohlbekannten blauen Koot-Hoomi-Handschrift sah', während ,die Geheimlehre' im Gange war, noch keineswegs ein Beweis dafür, daß Frau Blavatsky noch unter seinem Einfluß stand. Jeder Spiritualist weiß, daß Identität der Handschrift nicht nothwendigerweise Identität des Leiters in sich schließt. Die ganze Sache ist sehr verwickelt, und es ist zweifelhaft, ob Frau Blavatsky selbst zu allen Zeiten zwischen dem unterscheiden konnte, was ihr eigen und was eingegeben war, und noch viel weniger wußte, in wie weit .John King' oder die Mahatmas' für letzteres verantwortlich waren." „Wenn wir jedoch in Betracht ziehen, daß eine der Bedingungen, unter welchen ihre Entlassung aus der Gefangenschaft' erwirkt wurde, die war, daß die indischen Brüder der Linken, welche sich ihrer zu bedienen wünschten, sich nicht mit dem befassen sollten, was bereits stattgefunden hatte, können wir verstehen, daß der Mddlc-Fiasco' nur die Wirkung haben konnte, sie zn ihrer ursprünglichen Kontrolle' zurückzutreiben. Sie mochte noch an die thibetanische Quelle ihrer Eingebungen glauben, und über diesen Punkt konnte sie nach den Bestimmungen des Vergleiches nicht aufgeklärt werden, wenngleich es für ihre indischen Freunde Galle und Wermnth gewesen sein muß. Es war demnach für sie nur nothwendig, .John King' umzutaufen und dem ,Spirit° ihrer alten Kindsfrau Marya den Bestallungsrang zn verleihen, welcher später als Mahatma Mona' gekannt war, wie Smith zum ,Smythe' wird, wenn er sich in der Welt emporschwingt. Inwieweit Frau Blavatsky selbst für diesen Betrug verantwortlich war oder ob sie überhaupt in der That verantwortlich gewesen, ist schwer zu sagen, (?) und die Frage ist noch verwickelter, wenn wir die deutlichen Zeichen der Doppelten Persönlichkeit' in Rechnung ziehen, welche sie an den Tag legte. Es bedarf keines Gespenstes (oder Mahatma), um g. B. ihren plötzlichen Sinneswechsel in Würzburg hinsichtlich des Besuches der Gräfin Wachtmeister zn erklären. Frau Blavatsky würde ihr Zimmer deren Gesellschaft vorgezogen haben, aber .,11. k. L." (die Abkürzung ihres Namens für theosophische Schriftsteller«, der Name für ihre .mystische' Persönlichkeit) konnte ohne sie nicht fertig werden." Man sieht schon, die Verbreitung der Theosophie durch gewisse Frauen kann nicht nur zn argen „Mißverständnissen" und „Mystifikationen", sondern auch zu Tollheiten führen, welche mit der alten Weisheitsrcligion weniger vereinbar sein dürften. „Die indischen Brüder der Linken", welche derart unterlagen, müssen doch in gewisser Hinsicht weniger erleuchtet gewesen sein. Von Interesse ist es übrigens, im Vergleiche mit diesen Erörterungen der „Mahatma"fragc, ein Urtheil in Betracht zn ziehen, das der berühmte Orientalist Professor Max Müller, vielfach im Gegensatze zn seinen früheren skeptischen Äußerungen über mystische Phänomene, über indische „Mystiker" im allgemeinen gelegentlich einer Lebensbeschreibung des „echten Mahatma" Ramakrishna Paramahansa in der Augustnnmmcr der Müiatsantk Eanturz?" 1896 fällt. In derselben äußert er sich unter andern!: „Man hat oft die Frage aufgeworfen, was eine Mahatma und was ein SanuyLsin sei. Mahatma ist ein vielgebrauchtes Sanskritwort, das einen Menschen mit großer erhabener Seele, einen Hochsimiiaen. Vornehmen bedeutet. Es wird als eine Höflichkcitsformcl gebraucht . . . aber auch als tsrmtnns teotmiens bei einem Menschen, der nach altindischem Sprachgebrauche SanniMin genannt wurde. SaimyLsiu ist ein Mensch, der allem entsagt und alles niedergelegt hat, d. h. einer, der von allen irdischen Leidenschaften frei ist. . . . Die Periode des SannnLsin ist die vierte im Leben eines Brahmancn. Ein anderer Name für diese freien Männer des Geistes ist Avadutha,wörtlich einer,deralleBerührungenmitweltlichen Dingen aufgegeben hat. Solche Avaduthas gibt es heute noch: sie werden oft einfach SLdhus genannt, d. i. gute Leute. . . . Daß es SannMins gegeben hat und noch heute gibt, die wirklich alle Fesseln des Besitzthums abgestreift haben, welche ihren Körper sorgfältig erzogen und ihrem Geiste in einem wirklich ans Wunderbare grenzenden Grade unterworfen haben, kann gar nicht bezweifelt werden. Man darf aber dabei nicht vergessen, daß seit den frühesten Zeiten in Indien ein vollständiges System ausgearbeitet war, nach welchem ein Mensch durch die verschiedenen Arten des Ein- und Ausathmens, durch Einnehmen gewisser Stellungen, durch Starren der Augen anf bestimmte Punkte, durch Fasten, durch Gift- zufuhren es zu einem solchen Grade nervöser Erregung bringen konnte, daß er in seinem Trancezustande (ekstatischen Zustande) keine Schmerzen fühlte und fähig war, Dinge zu thun und zn leiden, welche kein gewöhnlicher Sterblicher ausführen konnte. Wenn wir von mehr oder weniger beglaubigten Fällen lesen, ivo Menschen in solchem Zustande Dinge gesehen haben, die der gewöhnliche Mcnsi, nicht sieht, wo sie die Gedanken anderer gelesen haben, — ja, wo sie sich sogar ohne sichtbare Stütze in die Luft erhoben haben, so werden wir natürlich mit unseren: Glauben zurückhalten; aber daß einige von diesen viele Tage lang ohne Nahrung sein können, daß sie unberührt die größte Hitze und Kälte aushalten können, daß sie lange Zeit todt fein können, — wie im Trance, ja, daß sie begraben werden können und wieder zum Leben zurückgerufen nach drei oder vier Tagen, das sind Thatsachen, die von so vielen englischen Offizieren und Medizinern in jeder Weise bestätigt werden, daß sie anerkannt werden müssen, auch wenn wir sie uns nicht erklären können." Diese Aeußerungen mögen im Anschlüsse an die gelegentlichen Bemerkungen des großen Görres über indische „Ekstatiker" nicht ohne Interesse sein. Es ist uns hier unmöglich, anf die Ausführungen einzugehen, welche sich in den einzelnen Vortrügen Harrisous zum Beweise seiner aufgestellten drei „großen okkultistischen Ursätzc" finden, welche lauten: 1) „Sieben ist die vollkommene Zahl", — eine in allen Theosophen- werken aufgestellte Behauptung; 2) Der Mikrokosmos ist das Spiegelbild des Makrokosmos, — ein bekannter okkultistischer Grundsatz — und 3) Alle Erscheinungen haben ihren Ursprung in Wirbelbewegungen. Wir wollen nur constatiren, daß Harrison die Entwicklung des Gottes- begrisfes im „doppelten Wirbel oder der Lemnis- kadc"(!) sich als Ansgang vom „Neutralen Punkt" im Polytheismus, esoterischen Pantheismus, Anthropomorphismus, Theomorphisnins, christlichen Pantheismus und christlichen Polytheismus, — die gegenwärtige und fünfte Stufe, — bis zur theomorphischen Religion und pan- theistischen Wissenschaft denkt,-die er als wahrscheinliches Ergebniß des Kampfes.zwischen Wissenschaft und Religion bezeichnet- Wir sehen schon, daß der Kritiker des bla- vatskosophischen Gottesbegriffes selbst anf Abwege ge- räth. Unter christlichem Polytheismus versteht er natürlich die „Heiligeuanbctuug", — ein Beweis für seine intuitive Wahrheitserkeuntniß. Von Interesse ist auch seine gelegentliche (x>. 63) Behauptung, daß wir im englischen Christenthum viel mehr als im lateinischen Christenthum die fernere Entwicklung des Gottesbegriffes suchen müssen. 462 Ferner möchten wir noch die Bemerkung des gegen den Fatalismus der Blavatsky ankämpfenden Autors verzeichnen: „Der freie Wille" ist ein iZnia katuus, ein Irrlicht, und Jene, die ihm folgen, werden sich früher oder später in der Sackgasse des Fatalismus oder in der Fallgrube des Dualismus befinden (pux. 91). Später aber tritt merkwürdigerweise unser Antitheosoph wieder für den freien Willen ein. Wir hatten uns wirklich schon darauf gefreut, nach so vielen verworrenen theosophischen Produkten ein recht vernünftiges Werk eines kritischen Vertreters der „wahren Gnosis", möglichst für weitere Kreise verständlich, lesen zu können, und können nur bedauern, daß so viele „mystische" Stellen in dem neuen Werke für „grobstofflichcre" Autoren ohne „Intuition" und „sechsten Sinn" unfaßbar bleiben. Dazu gehören auch die Behauptungen über das Verhältniß des Anglikanismus zum Okkultismus und „lateinischen Christenthum". Vielleicht finden die „theoretischen und praktischen Okkultisten" der Bereun Loeiet^ noch einmal Zeit, auch tiefer in die Mystik des letzteren einzudringen, um zu erkennen, daß die Vorschule für die wahre Mystik und „Thcosophie", die von gewissen reformatorischen Kreisen seit dem „Manncsalter der europäischen Nasse" nicht mehr aufgesucht wurde, in jenem „katholischen Glauben" noch zu finden ist, der einen geraderen und näheren Weg als die Nachfolge zweifelhafter Mahatmas in der Nachfolge Christi bietet zur Heiligung und Verklärung, zur wahren Weisheit in Gott. Recensionen und Notizen. „Predigten über das Vaterunser." Ein Cyklus Predigten für alle Sonn- und Festtage von Allerheiligen bis zum Feste des Apostel- fürsteu Petrus und Paulus, gehalten in der Allcrheiligen-Hofkirche zu München von Joseph Hecher, kgl. geistl. Rath, Hofprediger und Stiftskanonikus. Mit Approbation der hochwürdigsten erzbischöflichen und bischöflichen Ordinariate München-Freising und Rottenburg. Stuttgart. Jos. Roth'sche Verlagshandlung. 1898. VIÜ. 366 S. Preis M. 3,—. Die hohen Erwartungen, mit welchen wir an die neueste homiletische Publikation des durch seine herrlichen Fastenpredigten „Die sieben Kreuzesworte Jesu Christi" (1893) und „Das Lanim Gottes" (1897) rühmlichst bekannten Münchener Hofpredigers herantraten, wurden in vollem Maße befriedigt. Hecher ist es gegeben, sich ein großartiges Thema zu setzen, dasselbe in Cykluspredigten zeit- und sachgemäß zu theilen und bis ins feinste Detail hinaus kunstgcmäß durchzuführen, ohne sich zu wiederholen, ohne zu langweilen, ohne zu ermüden. Sind es auch naturgemäß die alten christlichen Wahrheiten, welche Hecher vorträgt, nie werden sie in seinen! Munde trivial, stets erfahren sie eine originelle Fassung und neue Beleuchtung. Dies trifft auch bei den vorliegenden Predigten über das Gebet des Herrn zu, über welches bereits eine umfangreiche homiletische Literatur vorhanden ist. Dieselben wurden in der Allerhciligen-Hofkirche, „der Haus- kavcllc der kgl. Residenz in München", vom Feste Allerheiligen bis Peter und Panl 1896/97 gehalten und jetzt auf vielfach und lebhaft geäußerten Wunsch der Oeffent- lichkcit übergeben. In 46 Vortrügen wird das erhabenste und gedankentiefste Gebet erläutert, „jedoch so, daß Hiebei die einzelnen Zeitabschnitte des kirchlichen Jahres, die Gedanken, welche uns jede Periode der weihevollen Zeit an jedem Sonn- und Festtag nahelegt, stets ihre Berücksichtigung finden". In der That werden in ungezwungener geistvoller Weise die leweiligenPerikopen,Heiligengestalten, Feststimmungen in den Cyklus hineinverwoben, so daß sich das Ganze als eine gelungene Synthese von Cyklus- und Perikopenpredigten darstellt. Bei- Ivielsliglber sei verwiesen aus die zu den Einleitungsvor- trägen gehörende Predigt vom 24. Sonntage nach Pfingsten, wo das Vaterunser als himmlisches Samenkorn eingeführt wird. welches in der Menschenwelt zahllose gute Früchte erzeugt hat und bis zum Ende der Welt solche hervorbringt; am 25. Sonntage nach Pfingsten wird Eingangs eine auf die hl. Elisabeth von Thüringen sich beziehende Vaternnser-Legende verwerthet; am hl. Weihnachtsfeste schlingt sich die Behandlung der Anrede „Der Du bist in dem Himmel" schön zusammen mit den Gedanken an das ewige Wort, das im Anfange bei Gott war und Gott selber ist (Joh. 1. 1 u. 2) und das Fleisch geworden ist und unter uns Menschenkindern Wohnung genommen hat (Joh. 1, 14), wie am darauffolgenden Tage mit der Erinnerung an den hl. Erzmartyrer Stephanus, der inmitten seiner Leiden betheuerte: „Ich sehe den Himmel offen und den Sohn des Menschen zur Rechten Gottes stehen" (A.-G. 7,55); ähnlich am Josephsfeste, an Ostern, Pfingsten und anderen Festtagen. Hecher ist ein Sänger der Liebe und weiß in begeisterten und begeisternden Worten die echte Gottes- und Nächstenliebe zu feiern, was in unserer Zeit des Egoismus und der Lieblosigkeit gewiß noth thut. Wenn, wie eine gesunde Homiletik stets betonen muß, der biblische Gehalt einer Predigt das beste Kriterium ihres inneren Werthes ist, so müssen Hechers Predigten in die erste Reihe gestellt werden; denn seine Art, die heilige Schrift zu verwerthen, ist einfach meisterhaft. Etwaige Ausstellungen können sich höchstens auf den ausgefallenen 8. Dezember, einige stehengebliebene Druckfehler, wie leider gleich auf dem Titelblatt „des" Apostelfürsten Petrus und Paulus statt „der" Apostel- fürsten, wie es S. 358 richtig heißt, u. Ae. beziehen. Hecher bietet nicht bloß dem geschulten Prediger eine Fülle von Gedanken, sondern auch dem Lernenden und Weiterstrebenden treffliche Muster der Komposition und Ausarbeitung guter und wirkungsvoller Predigten. Daher tolle IsZe! 1. Dr. 8. L. HellerJoh. Ev. (s.ck.). Das nestorianische Denk» mal in Sing an Fu. 4°, 64 SS. m. 2 Tafeln. Budapest, Druck des Franklin-Vereines. 1897. 7 Vorliegende Abhandlung ist ein Sevaratabdruck aus dem II. Bande des Werkes: „Wissenschaftliche Ergebnisse der Reise des Grasen B. Szöchenyi in Ostasien (1877 bis 1880)". Die in: Kreise der Sinologen viel besprochene syro-chinesische Inschrift, deren Echtheit jetzt außer allem Zweifel steht, wird hier von einem gelehrten Kenner beider Sprachen einer eingehenden Durchforschung unterzogen, die sich auf genauere Copien, als es bisher gab, gründet. Nach den Vorbemerkungen, die sich unter andern! auch mit der Frage der Transkription befassen, folgt das Literaturverzeichniß, das schon erkennen läßt, welches Interesse das berühmte Denkmal bei Philologen wie Kirchenhistorikern von jeher hervorgerufen hat. Auf den folgenden Seiten (10—29) gibt der Verfasser eine ausführliche und genaue Geschichte der Auffindung, Veröffentlichung und Erhaltung des nestorianischen Denkmals. Daran schließt sich die Beschreibung der Inschrift, sowie deren Wortlaut in chinesischen und syrischen Zeichen mit Uebersetzung. Die nun folgenden Erläuterungen zum Text der Inschrift (SS. 472—492) bringen eine Fülle von philologischen, kirchen- und cnlturgeschichtlichen Notizen, in denen wir den Scharfsinn, wie die ausgebreitete Belesenheit des Verfassers anstauuen. Der Nachtrag bringt noch einige Ergänzungen. Zrvei Tafeln stellen das Denkmal dar, und die Zeichen der zweiten Tafel sind groß genug, um mit freiem Auge gelesen werden zu können. Die Abhandlung, welche für Alle, die sich mit Sprachwissenschaft oder Kirchengeschichte befassen, ganz hervorragendes Interesse hat, ist das vollkommenste, was wir bis jetzt über dieses wichtige Denkmal aus altchristlicher Zeit!n China besitzen. Eine weitere Arbeit steht uns von einem Ordensgenossen des Verfassers, von?. Heinrich Havret (8. ck.) in Shaughai nächstens in Aussicht. Die Spuren der Jesuiten finden wir in der alten wie neuen Geschichte des Christenthums in China auf Schrift und Tritt. Sie haben nicht nur das Evangelium unter Lebensgefahr verkündet, sondern auch sich der Erforschung chinesischer Sprache und Literatur mit einem Eifer hingegeben, der ihre Namen unzertrennlich mit der Sinologie verknüpft. Dafür findet der Leier auch in dieser Schrist in vielen berühmten Beispielen Bestätigung. Wenn 463 (S. 21) der Jesuit Aleni, der 25 Schriften in chinesischer Sprache schrieb, von den Chinesen mit dem Ehrennamen des europäischen Confucius ausgezeichnet ward, so weiß man, was das sagen will. KeiserH. Al.. Heinrich Bon e. Lebensbild eines deutschen Schulmannesu. Schriftstellers. Mainz 1897, Franz Kirchheim. gr. 8. (SO Seiten) M. 0.60. Das erste Opfer des Kulturkampfes in Hessen war Heinrich Baue, Direktor am Grobherzoglichen Gymnasium in Mainz. Dieser ausgezeichnete Schulmann und Schriftsteller wurde 1873 plötzlich und in schroffster Weise aus seiner Stellung entfernt, obwohl ihm noch kurz vorher die volle Anerkennung seiner Behörde zu Theil geworden war. Im Juni 1893 starb Bone und fand seine Ruhestätte in dem Familiengrabs auf dem Friedhose zu Mainz. Dort soll ihm auch ein einfaches Denkmal gesetzt werden. Bone verdient aber sicher auch ein literarisches Denkmal, eine eingehende Darlegung seines Lebens und Schaffens. Diese Biographie wird leider nicht so bald zu erwarten sein. Umsomehr werden die zahlreichen Schüler, Freunde und Verehrer Bone's über die Nachricht erfreut'sein, daß ein Schulmann des Auslandes, H. A. Keiser, Rector in Zug, eine kurze Biographie veröffentlicht hat. Dieselbe erschien dieser Tage bei Kirchheim in Mainz unter dem Titel: Heinrich Bone. Lebensbild eines deutschen Schulmannes und Schriftstellers. Unter Benutzung der Werke Bone's, der erschienenen biographischen Aufsätze und der ihm brieflich gewordenen Mittheilungen hat Keiser ein anziehendes Bild des verehrten Meisters gezeichnet. Wir empfehlen die schöne Schrift auf das beste. Sie enthält nicht bloß eine kurze Darstellung der äußeren Lebensverhältniffe Bone's, sondern gibt auch einen lehrreichen Ueberblick über das Schaffen und Wirken auf literarischem Gebiete. Die Gegner haben ihm gewaltsam die liebgewordcne Stellung ain Gymnasium genommen: seine Stellung in der deutschen Literaturgeschichte und den Ehrenplatz im Herzen seiner Schüler- werden sie ihm nicht nehmen können. * „Riffarths Mädchenbibliothek." Diese im rührigen Verlage von A. Riffarth in M.-Gladbach ^ vor Jahresfrist herausgekommene Bibliothek für junge Mädchen ini Alter von 12—16 Jahren wird bekanntlich unter Mitwirkung unserer bedeutendsten Jugendschriftstellerinnen von Rektor Karl Om- merborn (Schriftstellerpseudonym-. Remmo) besorgt und bat in der ganzen deutschen katholischen Leserwelt lebhafte Anerkennung gefunden. Es sind von dieser Bibliothek weitere 4 Bändchen in schmucker Ansstattnng, mit hübschen Bildern versehen, erschienen. Jedes zum Preise von M. 1,20. IV. Bändchen: Dorlie Werner. — Rosels Geheimniß. Von Anna Hilden. Mit drei ganzseitigen Tonbildern und 10 Textillustrationen von O. Herrfurth. Die anmnthige Erzählung „Dorlie Werner" führt uns in ein von Klosterfrauen geleitetes Pensionat, welchem der verwittwcte Baron von Werner- sein zartes Töchterchen Dorlie zur Erziehung anvertraut hat. Die handelnden Charaktere sind so recht nach dem wirklichen Leben gezeichnet; die jugendlichen Leserinnen werden mit immer wachsendem Interesse den freuden- und schmerzensreichen Erlebnissen ihrer Ältersgefährtin Dorlie folgen und derselben zu eigenem Gewinn innigste Antheilnahme nicht versagen können. Das Ganze ist von einer durch und durch kmdlich-religiösen Auffassung getragen. Das Gleiche gilt von der kürzeren Erzählung „Rosels Geheimniß", die vor allem veranschaulicht, sich schon in früher Jugend in der Ausübung christlicher Nächstenliebe zu üben. — V. Bändchen: Aus Marfas Jugendzeit. Von E. M. Hamann. Ein blüthcn- reicher Kranz von Ereignissen aus dem Leben eines 14jährigen Mädchens, dem der unerbittliche Tod zu einer Zeit die Mutter raubte, als es ihrer Stütze für die Jahre der Gefahr so recht bedurfte! Marfa findet aber im Hause ihres Onkels zu Petersburg eine treffliche zweite Heimath und im Umgänge mit gleichaltrigen edlen Mädchenherzen passende Gelegenheit, ihre reichen Geistesund Gemüthsanlagen zu bester Entwicklung zu bringen. Trefflich Angeflochtene geographische Schilderungen, namentlich über Petersburg und seine Umgebung, die erkennen lassen, daß die Verfasserin alles mit eigenen Augen geschaut, erhöhen den Werth des Ganzen. — VI. Bändchen: „Aennili". Von Carola vonEynattcu. Die geschätzte Verfasserin führt ihre jungen Leserinnen in Begebenheiten hinein, die in einer Zeit socialer Spannung vor allem geeignet sind. hier und da sich noch hervorwagende Standesvornrtheile zu beseitigen. Die kleine Streichholzverkäuferin Aennili erregt das Mitleid nicht nur christlich denkender, sondern auch christlich handelnder Damen, die sich ihrer gegen eine hartherzige Pflegemutter, die nur auf die Ausbeutung des schwachen Mädchens bedacht ist, mit Erfolg annehmen. — VII. Bändchen: Neue Lebenswege. — In der Fremde. Von Erna Velten. In vorliegendem Bändchen kommt so recht die praktische Seite für den Frauenberuf zu ihrem Rechte. Im Gewände anziehender Erzählungen aus dem Leben einer mit mehreren Töchtern gesegneten Beamtenfamilie zeigt die Verfasserin, wie jedes der dort auftretenden Mädchen zu einem Lebensberufe kommt, der sich streng in dem von Gott gewallten Wirkungskreis der Frau bewegt. Die jugendlichen Leserinnen empfangen dadurch Winke und Rathschläge bedeutsamster Art für ihr eigenes Leben. Die in ihrer Art klassische Lektüre wird für die Mädchenwelt hervorragenden Nutzen stiften! — Dbss u?'ork8 ok Viov^siu8 tb« ^rsoxa§its, no tlret travAkttsä ivto LvAlwb Irow tbs oriZival Ereok b^ tbo Rsv. llobv ttarlcsr. ttovilcm auä Oxkorci, 1687, lames ttacksr anä Oc>., paK. XVI, 208. Trotz aller hyperkritischen Proteste erhebt sich auch in unserm aufgeklärten Jahrhunderte immer wieder eine Stimme für die Echtheit des Werkes des bl. Dionysius des Areopagiten. Allerdings hat der Verfasser vorliegen« den Werkes nicht das Glück, sich als Theilhaber der so gerühmten modernen deutschen Wissenschaft vorstellen zu können. Aber Sachverständige kennen ihn bereits aus seinen beiden früheren Schriften: „vionz'snw tlw ^rso- 8srmcm xrsaebsll in ttari». Iwuäon 1993", und ,/Ibs Oslsstisl anä DoolosiastiogI ttierarob^ ok I)ic>- nz-sins tbs ^.rsopaxito, I-onäon 1894", als begeisterten, aber nüchtern kritischen Verfechter der Echtheit der Areo- pagitischen Werke. Hier bringt er des heil. Dionysius' Schrift über die göttlichen Namen, dessen mystische Theologie, 11 seiner Briefe und seine Liturgie. In der treff- i lichen Einleitung bringt der Autor interessante Neuig- ! keiten. Unter andcrm erkennen wir durch einen jüngst im > ttritisb LIussum zu London (Nr. 12151—2) entdeckten Ans- i zug aus einem Briefe des Dionysius von Alexandrien, ! daß die Schriften des Areopagiten dortselbst gegen Ende ^ des 2. Jahrhunderts wohl gekannt und geschätzt waren, i Dasselbe bezeugen die Schotten des Alcxandrinischcn Dio- i nysius zu der Äreopagitischen Schrift über die göttlichen ! Namen. Das Chronikon des Imetas VM-vim Osxter (vgl. ! LliAns I°c»v. 31) bekundet deutlich, daß die Schrift über ! die göttlichen Namen vor den: Jahre 98 n. Chr. geschrieben > wurde. Die Griechische Kirche hat die Echtheit der Werke des Areopagiten nie bezweifelt (Hs8öinani Libttotti. Oiisntt row. 4, PK. 399). Schäfer Jak., Das Reich Gottes im Lichte der Parabeln des Herrn wie im Hinblick auf Vorbild und Verheißung. Eine exegetischapologetische Studie. Mainz, Franz .Kirchheim, 1897. gr. 8°. (XVI u. 288 S.) M. 3,50. Im dreizehnten Kapitel seines Evangeliums überliefert der hl. Matthäus sieben Parabeln des Herrn über das von ihm zu stiftende Reich Gottes. Mit wunderbarer Weisheit hat der Heiland den Plan und die Verfassung dieses künftigen Reiches seinen nicht bloß nnge- ehrten, sondern zudem - noch mit Vorurthcilen erfüllten Zuhörern in diesen ebenso anziehenden als leicht verständlichen Parabeln erklärt. Dem Verfasser ist es trefflich gelungen, die tiefe Bedeutung dieser Parabeln sowohl rückwärts als Deutungen des wahren Sinnes der Weissagungen des Alten Testamentes über das Reich des Messias, wie vorwärts als Weissagungen der künftigen Gestaltung der Kirche Jesu Christi wissenschaftlich in einer Weile darzulegen, daß sein Buch auch dem praktischen Bedürfnisse des Seelsorgers entgegenkommt, indem er es nicht an Fingerzeigen fehlen läßt, „wie man in einer glaubensarmen Zeit an die evangelischen Parabeln 464 glaubenswarme Worte anknüpfen kann". Das apologetische Moment seiner Studien fasst der Verfasser im Schlußwort in die Frage: „Wo ist das Bauwerk, das in allen seinen Theilen mit dem Bauplan harmonirt? Dieser Bau nämlich muß die wahre Kirche Christi sein." Die Antwort lautet: „Keine einzige Religionsgesellschaft paßt in das vom Heiland gezeichnete Bild, als nur die katholische Kirche. Die katholische Kirche allein ist die Kirche der Parabeln und darum die wahre Kirche Jesu Christi." Diese kurzen Andeutungen mögen genügen, um die Tragweite dieser gründlichen, von katholischem Geiste getragenen Arbeit zu charakterisiern. F-r. L. Wetzet. Die Lektüre. Ein Führer beimLesen. 2. Auflage 1897. 425 Seiten in 12°. Ravensburg, Dorn'sche Buchhandlung (F. Alber). Preis brosch. M. 2,40, gebd. M. 3.-. L. Die Produktivität Wctzels könnte nachgerade unheimlich erscheinen, denn alle Jahre erscheinen mehrere größere und kleinere Broschüren und Bündchen. Unheimlich wenigstens dem, der nicht weiß, daß der Schwerer Decan schon seit Jahren seine Büchlein ausgearbeitet hat und darum jetzt so prompt an die Öffentlichkeit treten kann. So legte er erst ganz kürzlich dem Publikum ein Gesundheitsbüchlein vor: „Bleib' gesund", in dem bekannten Gala-Umschlag der „Wctzelbroschüren" zu nur 35 Pfg., ferner eine neue Auslage seines „Entweder kalt oder warm", zu gleichem Preis. Seine Schriften alle, so z. B. „Laienapostolat", „Brave Kind", „Weg zum Glück", „Mann", „Frau", „Phrasen", „Daheim", „Sparen macht reich" usw., gehören bei ihrem klaren Gedankengang, vorzüglichen Stil und brillanten Inhalt zu den besten Preßerzeugnissen der letzten Jahrzehnte, wurden sie ja von bekannter, sicher unterrichteter Seite sogar über die von Alban Stolz gestellt. Wenn nun Wetzet auch nicht über ein so tiefgründiges Gemüthsleben verfügt, wie Stolz, so ist dieses Urtheil jedenfalls insofern richtig, als Wetzet ein jedesmal abgegrenztes Thema aufs Korn nimmt, was bei Stolz nicht der Fall war. Innerhalb dieser Grenzen schreibt aber Wetze! dann trefflich, taktvoll, edel (was von Stolz nicht immer gilt), zart, mit poetischem Anhauche, und ziert seine Büchlein mit werthvollen Äussprüchen und Erfahrungen fremder Geister. Das ist auch zu sagen von dem vorliegenden Buche über die Lektüre. Führen wir kurz seinen Inder vor: „Lesewuth, Auswahl der Bücher, Die richtige Lesemethode, Der hohe Nutzen der guten Lektüre, Gefahren schlechter Lektüre für den Glauben, für die gute Sitte, für Familie und Staat, Bedeutung der Zeitungen und Zeitschriften. Das Lesen der deutschen Klassiker, Die größten Dichter der Weltliteratur." Also die gesammte Hreßfrage! Wer sich je unterrichten will über Romane, Colportage, Bibel, Legende. Werthschätzung der Bücher, Excerpte u. ähnl., findet nichts besseres als dieses Buch, das auch für Vortrage nicht bloß Material, sondern vielfach die nöthige interessante Form darbietet. Auch als Geschenk ist es sehr zu empfehlen. „Das kirchliche Bncherverbot." Ein Commentar zur Constitntion Leo's XIII. „Oküeiornin ao mn- nsrum" von Oi'. Joseph Holt weck. 2. verbesserte nnd vermehrte Auflage. Mainz, Kirchheim, 1897. VIII u. 77 S. M. 1.-. v Mit Recht sagt das Vorwort zur neuen Auflage: „In überraschend kurzer Zeit war die starke erste Auflage dieses Commentars vergriffen, ein Beweis, welch' lebhaftes Interesse unserem Gegenstand entgegengebracht wird." Eine Vermehrung gegenüber der ersten Auflage hat sich ergeben durch Erweiterung des historischen Theiles, durch nähere Begründung der für die Interpretation wichtigen allgemeiner: Gesichtspunkte, sowie durch einläßlichere Besprechung einzelner Fragen (in den Anmerkungen) behufs erleichterter Anwendung des Gesetzes auf einzelne Fälle. Es besteht kein Zweifel, daß diese Vermehrung, namentlich in letztgenannter Richtung, es auch iU rechtfertigt, die neue Auflage als eine „verbesserte" zu be- I zeichnen. Möge die Schrift viele Leser finden, auch in der gebildeten Laienwclt, und überall solche, die lesen — zur Darnachachtung! Die drei Verschollenen vom „Sirius". Von G. Pries. Mit 24 Originalillustrationen von Ed. Zier. Stuttgart, Jos. Roth'sche Verlagshandlung. — Preis eleg. brosch. M. 3,20; in Hochs. Originaleinband mit farbigem Deckenbild M. 4,20. Unwillkürlich erinnert uns der „Sirius" an die schönsten Erzählungen des Kapitäns Marrqat oder Jules Vcrnes. Hier wie dort finden wir herrliche Seebilder, packende Schilderungen der Stürme und Gefahren, die den Seemann auf Hoher See bedrohen. Gleich der Beginn der prächtig aufgebauten Erzählung führt uns an Bord eines Admiralschiffes, das im Piräus vor Anker liegt. Mit hochgespannter Erwartung folgen wir dann dein Kurs des nach Osten in See gehenden „Sirins" bis zu dem schreckliche!: Zusammenstoß mit der englischen Nacht. Jetzt concentrirt sich unser ganzes Interesse auf die drei Helden der Erzählung. Es sind das der tapfere Commandant des Kanonenbootes, der wackere Schiffsarzt und der stets zu lustigen Streichen aufgelegte Matrose Jean Quosch der selbst in den gefährlichsten, ja oft verzweifelten Situationen den Muth nicht verliert. Schöne Illustrationen, von Künstlerhand entworfen, veranschaulichen den dramatisch belebten Gang der Handlung. Das Buch selbst präsentirt sich in hochfeiner Ausstattung und farbenprächtigem Deckenbild. Wir kennen nicht leicht eine interessantere und unterhaltendere Lektüre, als gerade den „Sirius". Als Festgabe wird er namentlich der jungen Welt ein hochwillkommenes Geschenk sein. 1. Raphael, von P. Frick. Stuttgart, I. Roth, 1893. Preis gebd. 45 Pfg,: 2. Nachfolge des göttlichen Kindes Jesus, von P. Raidt. 7. Aufl. 1898. Stuttgart, Süddeutsche Aerlagsb. Preis gebd. 35 Pfg- 3. Neues Meßbuchlein von P. Raidt. Stuttgart 1897, Süddeutsche Verlagsb. Preis gebd. 30 Pfg.; 4. Meßbüchlein von G. Mev. Freiburg, Herder. 17. Aufl. 1897. Preis gebd. 40 Pfg. L. Vier Kindergebetbücher auf einmal sollen hier angezeigt werden. Die ersten zwei sind mehr für Kinder vom 9. Jahre an, die letzten zwei, besonders das von Raidt, für die Unterklassen berechnet. Nr. 3 und 4 sind auch illnstrirt. Die Illustrationen bei Nr. 3, von I. Bissinger-München, sind pädagogisch jedenfalls denen bei Nr. 4 vorzuziehen, weil sie nicht so zahlreich sind und daher die Kiirder nicht verwirren, und besonders weil sie sich mehr an die Vorgänge beim Meßopfer und an die trefflichen kurzen Gebete anschließen. Weiter darauf einzugehen, ist hier nicht der Platz. Nr. 2 hat seinen Weg bereits zu Tausenden von Kindern gemacht, es ist gut angeordnet, die Gebete schließen sich wie bei Nr. 1 an den Nottenburger Diöcesankatechismus an und find ganz dem Gesichtskreis der Kinder angepaßt. Das neue Büchlein von Frick, splendid ausgestattet (XII u. 196 S. in ganz Leinen L 45 Pfg.!), wird dem Büchlein Nr. 2 Con- currcnz machen. Jeder Katechet, der es prüft, dürfte es als eine willkommene Unterstützung seiner Thätigkeit begrüßen. Wir meinen dabei besonders die ausgezeichnete Beicht- und Communionandacht. Letztere lassen die Anschaffung eines eigenen Erstcommunionbuches entbehrlich erscheinen. Auch stören nicht zahlreiche Verweisungen, , wie bei Nr. 2. Mögen die hochw. Herren Geistlichen die Büchlein eiirer Durchsicht unterziehen und einen solchen „Raphael" ihren Katechumenen als einen Geleiter durch die Jugendzeit mitgeben! Monika. Zeitschrift für katholische Mütter und Hausfrauen. Verlag der Buchhandlung von L. Auer in Donauwörth. Jährlich 52 Nummern. Preis mit der Gratisbeilage „Schutzengel" halbjährlich 1 Mark. Zu bestellen durch jede Postanstalt und Buchhandlung. - Deir katholischen Müttern und Hausfrauen, denen das Wohl ihrer Familie am Herzen liegt, kann die Monika nicht warm genug empfohlen werden. Sie bringt ihnen Unterhaltung m den Musestunden, Belehrung in vielen wichtigen Fragen, Anregung und iAufmunterung in den Geschäften des Hauswesens und Trost in Widerwärtigkeiten, Krankheiten und Leiden. Aeranlw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. —^ Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas 8 ok all 8candal8 8uolr ornilli83ion8, 8Uoli §108868 aro tlro §roat68t." („Iliatorioal 8lreteli68'', Vol. II, x§. 231.) Wollte nun Purcell eine wahre Geschichte Mauuings schreiben, so konnte er es nicht ohne Veröffentlichung der meisten ihm überlassenen Documente, Diarien und Briefe. Mag man auch seufzen über „Indiskretion" N. dergl., Purcell stellte sich durch die Mittheilung selbst der intimsten Briefe des Cardinals nur auf den Standpunkt Newman's, welcher schreibt: „It sta,8 doon a stostdx ok mine, tlrougli perlrap8 it ie a truiom and not a stobst^, tlrat tste true liks ok a man i8 in die Iotts r 8. . . . Not on!^ kor tlie intere8t8 ok a diograxh^, stut kor arrivinZ at tlie in- vids ok tstinA8, tds pudlioation ok letterg i8 tsts true metlrode. Liograplierg varnisst, tlre^ L83ign wotiv68, tlie^ eongeeturs keelings . . .; but oontswporarx lettero aro kaot8." Dasselbe gilt von Tagebucheinträgen und von Skizzen, wie Manning sie z. B. niederschrieb über die Orden und über die „Neun Hindernisse" u. dergl. Bei solcher Methode der Geschichtschreibung ist es dem Leser ermöglicht, sich sein eigenes Urtheil zu bilden. Dies ist auch der Fall bei Purccll's „Diko ok 6ard. UanninZ«, wie jeder weiß, der es gelesen hat. Unter diesen Umständen fallen die etwa vorkommenden, sich widersprechenden Urtheile nicht so sehr in's Gewicht, daß man sogleich die ganze Glaubwürdigkeit eines Autors mit Recht in Zweifel ziehen dürfte und könnte. Wenn Purccll's Mittheilungen überdies in irgend einem Punkte intcrpolirt oder gefälscht wären, dann hätte Card. Vaughan und hätten die vier Testamentsexecntoren (Nob. Butter, Thomas Dillon, Walter Richards und Cornel. Keens) und hätten die Väter der Gesellschaft Jesu dies längst bewiesen — aber das ist unmöglich! Hieraus wird klar, was die Verdächtigung der Autorität Pnrcell's zu bedeuten hat — und: aus welch edlen, großen Motiven diese versuchte Verdächtigung entspringt. Nicht alles, was unbequem empfunden wird, ist deßwegen auch schon unwahr! Was die zum Theil zugegebenen Widersprüche Pnrcell's speciell angeht, so wurde er in den von mir angedeuteten Widerspruch bezüglich der Stellung Manntngs zu den Jesuiten gewissermaßen hineingedrängt. „Lvsn dskoro Publication (ok tbo Diko ok Oard. UanninZ) I va>8 urgsd, rvitb dn- gular vobemonos and pertinadt^, to adopt tbo polier ok onpproodon" — so gesteht der Biograph selbst (Nineteenth Century, Okt. 1896, pz. 537). Damit war er vor die schwierige Aufgabe gestellt, zwei Parteien gerecht zu werden, bis endlich die angeborene Wahrheitsliebe dieses englischen Schriftstellers zum endgiltigen Durchbruch kam auch in diese m Punkte (okr. meine Schrift, pag. 79, 81, 83). Um so weniger kann aber dann auf diesen vom Autor selbst beseitigten Widerspruch ein genereller Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit gegründet werden. Kurz: wie wünschenswert!) es manchen auch erscheinen mag, Purcell als Fälscher und Lügner gebrandmarkt zu sehen — dieser höchst begreifliche Wunsch bleibt unerfüllbar! Ebenso ist es „Iovo'3 Iv8t labour", den „Spectator" zu verdächtigen. Dieser tiefgelehrte Kenner der Kirchen- und Profangeschichte steht höher, als daß ihm ein oli- Recensent das Handwasser zu reichen vermöchte. Nur hat Spectator den Fehler, den Shakespeares „Julius Cäsar" rügt: „Er denkt zu viel, die Leute sind gefährlich" (1. Act, Sc. 2). *) 2. u. 3. Psychologische Widersprüche in einem Charakterbilde sind keine logischen Widersprüche. Letztere verstoßen allerdings por 86 gegen die unwandelbaren und nothwendigen Naturgesetze des Denkens; erstere bewegen sich auf dem Gebiete des freien Willens und harren infolgedessen oft lange ihrer Lösung. Im klebrigen bitten wir den eb-Recensenten, mit Ruhe und ohne Gehässigkeit unsere „Klärung und Ergänzung" nochmals lesen, aber nicht bloß durchstiegen zu wollen: dann wird ihm sein dritter Punkt von selbst als Verzerrung und Verkehrn»g klar werden. Ein altes englisches Sprichwort lautet: „NoEtz? ig tbo b63b polio^" (Ehrlichkeit — ohne Parteigehässigkeit und blinde Voreingenommenheit — ist die beste Politik)! Dies Wort gilt auch von jenem „Kritiker", der mich wegen eines vergessenen Schlußzeichens interpellirt. Wenn er weiß — und das kann er aus dem Zusammenhang wissen — daß ich es vergaß: warum dann d» Frage? Auch ich habe eine Frage: Wenn man sich in seltener Mikrologie an ein Schlußzeichen hängt, warum hat man so beharrlich geschwiegen über Dr. Braun's grobe Ikeber- sctzungsfehler, welche dieser ganz stillschweigend bis auf einen (im 2. Hinderniß Mauuings) corrigirt hat? (okr. 3. u. 4. Aufl. seines „DiZtivgno"). Zum Schlüsse spreche ich den beiden Kritikern den besten Dank aus für die Beweise, welche sie mir für die S. 82 und 89 meiner Schrift niedergelegten Behaupt-, ungen geliefert haben. Friedrich Nietzsche sagt einmal: „Schauen wir uns in's Angesicht, mein Herr, wir sind Hyperboräer." . . . Aber: ist die döcadonco, die der unglückliche Philosoph ' Diese Argumente erinnern uns sehr an eine Zeit, welche Herr „Gerb. Wahrmnt" nicht miterlebt hat — an die Zeit der „Döllingerei". Daß der „Spectator" ein sehr gelehrter Herr ist, weiß man ziemlich allgemein; aber ebenso ist Thatsache, daß es viele denkende Leute und maßgebende Stellen gibt. die seine Autorität eben doch '-nur mit gewisser Reserve anerkennen. D. Red. 476 unserer Zeit vorwirft, wirkliche Wahrheit? . . . Auch im Katholicismus? Würzburg, 2-1. November 1897. Gerhart Wcihrmut. Recensionen nnd Notizen. Kalender von Dcsclöc, De Brouwer L Cic. in Bruces (Belgien). V. Vor uns liegt eine ganze Reihe französischer Kalender, alle herausgegeben von der so verdienstvollen und opferwilligen Gesellschaft vorn hl. Augustinus, Desclöe, De Brouwer L Cie. in Bruges. Vielleicht ist eine kurze Parallele zwischen ihnen und unsern deutschen nicht uninteressant. schierst zu den Almanachs. Nicht weniger als elf verschiedene Kalender in Buchform, mehrere sogar in Luxus- und noch in gewöhnlicher Ausgabe, im Preis von 10 Cent. bis 5 Fes., erscheinen bei Desclöc. Sie haben fast alle stärkeres und besseres Papier, thcilweisc äuch bessere Typen, stehen aber weit hinter unsern deutschen katholischen Kalendern zurück, was Anordnung und besonders was Illustration betrifft. Das gilt auch von den vielgelesenen Alm»n»ob8 oatlwligue, A. lle» t'uwillos, tl. äs« siilnuts la 8. Paul, (Is 8. ^Ipbou8e, cls 8. lAunooi'b cko 8slo3, cko In Vis 0s8 8aiuts, cko Lo88uet eto., unter den profanen den Oal. clv8 Llaximo?, Onl. littörairs u. a. Die Preise wechseln von 40 Cent. bis 3,50 Fes. je nach Schönheit des Blocks und des,Cartons. Auch die Wandkalender (okilöiulrisrs Pl5ts) »von Desc^e. besonders die größeren (55 X 44 Centimetek) wären nachahmenswert!), sie bieten nämlich in der Mitte der Tafel trefflich ausgeführte Chromobilder; es liegt uns z. B. ein solches vor mit dem Farbenbild des Papstes, ferner mit einem köstlichen Bilde einer Erscheinung aus dem Leben des hl. Antonius, ebenso noch andere, die um den billigen Preis von 40 Cent., auf starke Pappe aufgezogen, eine hübsche Zimmerzierdc bilden. Natur und Glaube. Naturwissenschaftliche Zeitschrift zur Belehrung und Unterhaltung auf positiv gläubiger Grundlage. Herausgegeben von Dr. I. E. Weiß, k. Lucealprofessor in Freising. München, Verlag von Rudolf Abt. Diese Monatsschrift erscheint am 15. jeden Monats. — Abonnementspreis für den Jahrgang M. 3.— , mit Postzusendung M. 3.40. — Alle Buchhandlungen des Jn- und Auslandes nehmen Abonnements entgegen: auch kann direkt bei der Verlagsbuchhandlung Rudolf Abt in München abonnirt werden. Diese neue Zeitschrift hat den un- gethei lieft en Beifall aller positiv gläubigen Katholiken gefunden, und sämmtliche bis seht erschienenen Besprechungen drücken sich hochbefriedig't über den Inhalt und die energische Haltung aus. In der That füllt diese Zeitschrift eine tiefgefühlte Lücke in der katholischen Literatur anZ: sie ist berufen, in dem gewaltigen Kampfe des Glaubens gegen den ungläubigen, die ganze Weltordnnng stürmenden Materialismus eine führende Rolle zu übernehmen. Allen, welche in diesem Kampfe der Wahrheit mitkämpfen wollen, — und das soll und muß jeder gebildete Katholik thun, — sei daher die Monatsschrift „Natur und Glaube" zum Abonnement angelegentlichst empfohlen. Aus dem reichen Inhalte der bis jetzt vorliegenden Hefte heben wir besonders hervor nachfolgende hochinteressante Abhandlungen: Die Katholiken und die Naturwissenschaft. — Wie man die Abstammungslehre beweist. — Hat die Annahme einer Urzeugung wissenschaftliche Berechtigung? — Naturwissenschaftliche Agrarpolitik. — Nervöse 'Menschen, von Dr. mach Lechucr. — Neue Methode zur Erziclung neuer Rassen von Cn ltur pfl anzen. — Der Kampf n . m's D asein. Verauiw. Redacteur: Ad.Hggs in Augsburg. — Druckn, l — Wie oft dreht sich die Erde im Jahr? — Die Bibel und die Resultate der Natnrforschinm. — Albert der Große und seine Bedeutung für die Naturforschung. — Sind Thiere im Stande sich unabhängig von der Pflanzenwelt zu ernähren? — Braucht die Abstammungslehre noch Beiveise für die Abstammung des Menschen vom Affen? — _ Vita Domiul uootrickoon Oüristi o guatuor Lvau- ->6lii^ip8i8 88. librorrnu vsrbi.8 voueüumt» » .loauus I-apt. I-obwann, 8. 3. Lckitio alter». I'aäsr- boruao (Ouut'ermaim) 1697. VIII, 250 p. LI. 3.60. Wenn es schon für den Einzelnen gilt, sich durch die Nachfolge Jesu zu heiligen, so muß speciell für den zur Seelsorge Berufenen und namentlich für den in der Seelsorge thätigen Priester das Beispiel Jesu in seiner öffentlichen Wirksamkeit der stete Gegenstand des Studiums und der Meditation sein. Gerade durch die (tägliche) Betrachtung des gottmenschlichen Lebens Jesu wird der Priester seine Pflichten wie gegen sich selbst, so auch gegenüber der ihm anvertrauten Heerde immer besser erkennen. Ein vortreffliches Mittel hiezn ist die von k. Lohmann hergestellte nnd von L. Cathrein ins Lateinische übertragene Evangelieuharmonie, wovon jetzt die zweite Auflage erschienen ist. In fortlaufend chronologischer Reihenfolge wird das Leben Jesu mit den Worten der Heiligen Schrift selbst erzählt, nnd im Kleindruck sind nochmals die Schriftbcrichte nebst Angabe der Capitel und Verse beigefügt, so daß nicht ein Wort fehlt, das sich bei den Evangelisten rindet. In den Indices sind die Parallel- stellcn, speciell die des Matthäus, und die Sonn- und Festtags-Evangelien genau und übersichtlich verzeichnet. Den Schluß bildet eine gute Karte von Palästina zur Zeit Jesu. Dem Seelsorgsgeistlichen wie dem Studirenden der Theologie sei das Diatessaron bestens empfohlen! V. - A. L. Geschichte des Kalvarienberges zu Tölz und der Eremiteu-Congregation im Bisthum Freifing. (Selbstverlag des Verfassers. Preis 1 M. 50 Pfg.) /?. Der gegenwärtige H. H. Benefiziat am Kalvarienberg zu Tölz, Michael Forner, ein sehr verdientes Mitglied des historischen Vereins für das bayerische Oberland in Tölz, hat unter obigem Titel ein Äuch verfaßt, das der Öffentlichkeit nicht unbekannt bleiben sollte. Es möchte — nach dem Titel zu schließen — vielleicht scheinen, genanntes Werk könne nur lokales Interesse beanspruchen oder sei wenigstens nicht über das Erzbisthnm München-Freising hinaus von Bedeutung. Dem gegenüber dürfte richtig sein, daß obige Schrift allgemeine Beachtung bei der Gclehrtenwelt verdient. Abgesehen davon, daß der Verfasser mit unsäglicher Mühe zu seinem Werke Material — zumeist bei Privaten — erst zusammensuchen mußte (es gelang ihm bei dieser mühsamen Arbeit, wie es im Vorwort heißt, mehr als 3000 Urkunden auszukundschaften), kostete es ihm nicht weniger Mühe, diese Dokumente zu studiren und entsprechend zu verwerthen; es ist ihm aber dieses schwere Stück Arbeit im Laufe der Jahre vortrefflich gelungen, und er hat es verstanden, mit gutem Geschick nnd großer Objektivität die gesammelten Beweismomente auch kritisch zu beleuchten;' dabei ist Form und Sprache gefällig. Bei Durchgchung der Schrift ist es wirklich interessant, zn sehen, wie eine Stiftung fo allmählig ihrer eigentlichen Bestimmung entzogen werden konnte, so daß man später keine Ahnung mehr davon hatte, dckß diese Verwendung dein Stiftungszwecke in keiner Weise entspreche. Diesen Schneckengang in all' feinen Windungen aufgedeckt zu haben, ist das Verdienst des eifrigen Verfassers; und am Schluß der Schrift angelangt, wünscht man gerne mit ihm, es möchte das Unrecht, das am Kalvarienberg so lange Zeit hindurch begangen worden, jetzt, nachdem es einmal aufgedeckt, auch beseitigt werden. Wer Interesse für derlei Abhandlungen hat, wird gewiß nickt unbefriedigt bleiben von dieser Lektüre. Wer aber vollends den Kalvarien- ^ - berg aus eigener Anschauung kennt, wird nrit Spannung verfolgen die Geschichte dieses hl'. Berges, den ein vors-. - dieustvoller, längst Heimgegangener Verwalter, NiM'mit Namen, gewiß nicht mit Umreckt bezeichnet Pat als „eine wahre Krone des M.arktes Tölz und eine Zierde des bayerischen-Vaterlandes". rlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. «f. SS Mlllg. ^ s» « KllgüKlM Suggestion und Hypnoüsmus im Recht. Von Rechtsanwalt Dr. Then-Traunstei». (Schluß.) 6 . Suggestion und Hypnose im Prozeß. Suggestion und Hypnose können iin Civil- und im Strafprozesse eine mehrfache Rolle spielen. Soweit sie die Prozeßparteien selbst betreffen, ergeben sich die Schlußfolgerungen in materieller Richtung aus den bisher gefundenen Grundsätzen. Wichtig und hier besonders zu erörtern ist die Frage der Beweislast. Neben diesem Punkte ist aber die Bedeutung für das Beweismatcrial zn prüfen. Sowohl im Civilprozeffe wie im Strafprozesse, namentlich aber in letzterem, beruht zumeist der Beweis in den Zeugen?) 1. Die schwierigere Ausgabe für den Richter ist nicht die rechtliche Würdigung, sondern die Feststellung der Thatsachen. Im Civilrecht ist es nach den Grundsätzen der civilrechtlichen Beweislast Sache derjenigen Partei, welche darauf ihr Recht stützt, das Vorliegen eines suggestiven und hypnotischen Einflusses zu beweisen. Im Strafrechte dagegen trifft die ganze Beweislast den öffentlichen Ankläger, die Staatsanwaltschaft. Die Frage, ob es sichere Beweismittel zur Feststellung dafür, daß hypnotische Einflüsse stattgehabt haben, gibt, muß von dem Juristen bejaht werden. Die Beantwortung der Frage im Eiuzelfalle steht aber primär nicht ihm, sondern dem sachkundigen medizinischen Sachverständigen zn. Der Richter ist zwar nicht an dessen Urtheil gebunden, denn in unserem Prozeßrechte herrscht die Theorie der freien richterlichen Beweiswürdignng. Aber er wird in dem Sachverständigengutachten das Material finden, um sich ein bejahendes oder verneinendes Urtheil bilden zu können. Schwierig ist allerdings die Thatfrage da, wo der Hypnotisirte selbst im Wachzustände wenig positive Angaben machen kann. Das einzige Mittel zur Erforschung der Wahrheit wäre hier die neuerliche Hyp- notisirung. Allein dieses Verfahren ist nach der Strafprozeßordnung weder dem Angeklagten noch den Zeugen gegenüber statthaft. Wie festgestellt, ruft oder kann wenigstens die Hypnose einen Zustand der Bewußtlosigkeit hervorrufen, in welchem einer zcugeneidlichen Vernehmung oder einem Schuldbekenntniß des Angeklagten so wenig Beweiskraft beigemessen werden könnte, wie dem Gestäudniß und der Vernehmung eines Unzurechnungsfähigen. Lilienthal will zwar eine Hypnotisirung mit Einwilligung bei dem einer strafbaren Handlung Verdächtigen wie bei den Zeugen gestatten. Aber es ist ihm nicht möglich, hiefür eine Begründung aus dem Gesetze zu erbringen. Gerade aus dem Schweigen des Gesetzes folgt die Unzulässigkcit. Denn die Arten und die Form der Erhebung der einzelnen Beweismittel sind in den Prozeßgesetzen erschöpfend aufgezählt, ganz abgesehen davon, daß Aussagen Hypnotisirter in allen Fällen als äußerst unsicheres Beweismaterial gelten müßten. Die Hypnotisirung eines Verdächtigen will Lilienthal unter Bezugnahme auf Z 102 der Strafprozeßordnung für statthaft erklären, indem er die Hypnose unter den Begriff „der Durchsuchung der Person" des Verdächtigen subsumirt. Daß dies nicht angeht und dem Wort Gewalt anthun H Wir werden noch berühren, welche Bedeutsamkeit der Suggestion bei Zeugenaussagen zukommt. heißt, liegt auf der Hand. Denn hier handelt cS sich lediglich um eine körperliche Durchsuchung. 2. Unter den Beweismitteln im Prozesse hat der Beweis durch Zeugen die größere Bedeutung. Der Zeugenbeweis ist sogar die Regel. Um so aufmerksamere Betrachtung verdient die Frage der Einwirkung von Suggestion und Hypuotismus. Daß durch die Hypnotisirung falsche Zeugen präparirt werden können, bedarf nach den vorhergehenden Ausführungen keiner weiteren Darlegung. Zu unterscheiden hievon sind die Fälle, in welchen es sich nicht um beabsichtigte Hypnotisirung und dadurch veranlaßte falsche Zeugenaussagen handelt, wo andere außer der Hypnose wirkende Suggestionen ihr Spiel treiben, wo der Zeuge aus irgend welchen Gründen, sei es durch dritte oder äußere Momente veranlaßt, sei es aus sich selbst heraus, ohne sich dessen bewußt zu werden, falsche Aussagen macht, wo er Wahrheit, wirklich Gesehenes oder Erlebtes mit Phantasiegcbildcn nnd Autosuggestionen in nicht erkennbarer Weise vermischt. Jeder im Leben stehende Jurist, ja selbst jeder, der auch nur einmal einer größeren Gerichtsverhandlung mit umfassendem Zeugenmaterial angewohnt hat, weiß aus Erfahrung, wie viele solche Suggestionen bei den Zeugen möglich sind. Die Thatsache, daß sich Zeugenaussagen über denselben Vorgang in schroffstem Widersprüche gegenüber stehen, ist keineswegs selten. Gewiß würde man einen unbegründeten Vorwarf erheben, wollte man alle diese Widersprüche auf bewußte Unwahrheit zurüäsühren. In solchen Fällen bleibt kein anderer Ausweg, als bei einer Seite Suggestivwirkungen anzunehmen. Derartige widersprechende Aussagen sind zumal da gar leicht zn finden, wo das Prozeßverfahren eine langwierige Entwicklung nahm und eine umfassende Voruntersuchung nöthig machte. Man stelle sich den Gang der Sache vor. Angenommen, es wird der Polizei die Begehung eines Verbrechens gemeldet. Zunächst obliegt es dieser, etwaige Zeugen schriftlich einzuvernehmen. Der Staatsauwalt, dem diese erste Vernehmung vorgelegt, veranlaßt die Vernehmung vor dem Amtsgerichte. Ist dann die gerichtliche Voruntersuchung eingeleitet, so erfolgt das Verhör durch den Untersuchungsrichter, und dann endlich, wenn es zur Hauptverhandlung kommt, geschieht die zcugeueidliche Vernehmung vor dem erkennenden Gerichte. Zwischen diesen wiederholten Einvernehmungen liegen Wochen, ja oft Monate. Beim Studium der Gcrichtsakteu läßt sich oft ganz deutlich erkennen, wie die Zeugenaussagen Schritt für Schritt sich verdichten, umfassender und fester werden. Fragt der iuquirirende Beamte, wie es komme, daß Zeuge diese nnd jene Thatsache erst jetzt und nicht schon früher angegeben habe, so ist die stereotype Antwort: „Das ist mir erst eingefallen." Gewiß, es mag ja vorkommen, daß die Erinnerungsbilder bei längerem und wiederholtem Nachdenken wieder lebhafter vor die Seele treten. Aber hiezn wäre Zeit' genug zwischen der Vorladung und der ersten Vernehmung, zwischen welchen in der Regele ein längerer Zeitraum liegt. Erwägt man, daß der Zeuge, nnd zwar je weniger bestimmt seine Erinnerung ist, um so mehr Fühlung sucht mit anderen Zeugen, sich von ihnen ihre Kenntniß erzählen läßt, daß ihm bei seiner wiederholten Vernehmung Aussagen des Angeklagten, bezw. der Prozeßpartei, nnd der anderen Zeugen vorgehalten werden, u. dgl. mehr, so wird mau geneigt sein, diese angebliche Wiederbelebung der Erinnerung in sng- 478 gestiven Momenten aller Art zn suchen. Es ist deßhalb den Worten Forels beizustimmen: „Bei den beängstigenden Prozeduren, die Zeugen oft zu erleiden haben, bei der Art, wie sie von den Anwälten bearbeitet werden, werden sie gewiß oft zu Angaben veranlaßt, die auf Suggestion beruhen." Wir verkenne» nicht, daß mit Anerkennung dieses Satzes ein sehr unangenehmer Gast in den Gerichtssälen eingeführt wird, wenn man überhaupt davon als. von einem neuen Momente reden darf. In der That ist ja Liese Erkenntniß eine auf steter Erfahrung beruhende, längst allgemein anerkannte Wahrheit. Aber das Studium des Hypnotismus und der Suggestion hat jedenfalls chazu beigetragen, diesem Gaste größere Aufmerksamkeit zu schenken, als bisher. Unwillkürlich wird sich hier dem und jenem Leser die Erinnerung an den B erchtold-Prozeß aufdrängen, welcher im vorigen Jahre sich vor den Assisen des Münchener Schwurgerichts abspielte. Es ^ würde über den Nahmen dieses Aufsatzes hinausgehen, wollte ich auch nur in Kurzem auf eine Beiziehnng dieses Falles eingehen. Ich verweise auf den vorzüglichen kritischen Bericht des Dr. Frhrn. v. Schrenck-Notzing in dem Artikel: „Ueber Suggestion und Eriuncrungsfälschuiig im Berchtold-Pro- zesse" in der Zeitschrift für Hypnotismus, laufd. Jahrg. Heft 2^-4, sowie auf Moritz: „Die Suggestion, im . Berchtoldprozcß" in der Münchener medizinischen Wochenschrift 1896, Nr. 43. Man hat dem Vertheidiger die Hereinziehung der Suggestion in den G.erichtssaal zum Vorwarf gemacht, ohne zn bedenken, daß die Staatsanwaltschaft zuerst im Fall Czynski durch die Anklage des mit Hilfe von Suggestion ausgeführten Verbrechens diesen Versuch unternommen hat,- und daß sich gerade durch die Ergebnisse des Prozesses die Berechtigung zum Vorgehen des Vertheidigers ergab. Die Verhandlung hat thatsächlich ergeben, daß der suggestive Einfluß der Presse zumal bei Sensationsverbrcchcn ein ganz enormer ist, und .daß in solchen Fällen rückwirkende Erinnerungssälschnngen von Zeugen eine Rolle spielen können. Grashcy hat sich bei seinem Einvernahme als Sachverständiger in diesem Prozesse zwar geäußert: „Ich bin überzeugt, daß die Zeugen gerade durch, den Umstand, daß. sie öffentlich aussagen müssen, . . . darauf hingewiesen wurden, mit. sich und ihrem Gewissen zn Gericht zu- gehen, und daß sie sich sagen mußten: prüfe zwischen dem, was du gehört und gesehen, gelesen und gedacht hast." Gewiß, sonst würden sie ja einen mindestens fahrlässigen Meineid geleistet , haben. Aber der Kernpunkt der Sache liegt ja eben darin, das; sie sich dies sagten und trotzdem, - eben wegen der unbewußten Erinnerungsfälschung, nicht unterscheiden konnten zwischen Gehörtem und Gesehenem, Gelesenem und Gedachtem.. Der-Prozeß Berchtold hat von neuem bewiese»/ was -LiüeUthal und andere schon vor demselben ausgesprochen, .die Thatsache, daß die Suggestion bei Zeugenaussagen einen nicht außer Acht zn lassenden Faktor bildet. O. Ok 1kA6 Lai enäa,. Wir haben gesehen, daß Suggestion und. Hypuotis- mns keine neue Momente in das Civil- und Strafrccht einführen, und daß sie im Prozeß lediglich eine Thatfrage bilden, daß sonach insoweit kein Anlaß zu gesetzgeberischem Vorgehen vorliegt. Professor.Fuchs, der Verfasser der „Komödie der Hypnose", hat den „komischen" Vorschlag dem Justizministerium unterbreitet: es werde eine Commission von zuverlässigen und vorurtheilsfreien Beobachtern gewählt, denen die Ausgabe gestellt ist, das hypnotische Experiment an unbescholtenen vereidigten Personen anzustellen und nach Jahresfrist über den Ausfall ihrer Versuche zu berichten. Ich glanbe, der Vorschlag „spricht für sich selbst", und meine deßhalb, ihu einer näheren Kritik nicht unterziehen zn sollen! Ernsthafter und werth der Diskussion sind jene Vorschläge, welche dahin gehen, daß die Hypuotisirung den Laien untersagt und nur den Aerzten vorbehalten werde. Das Gleiche gilt für die Frage, ob sich nicht die Untersagung der öffentlichen Schaustellung von Hypnoti- sirten und Somnambulen empfiehlt. Bei der weitgehenden Auslegung, welche man dem „Grobcn-Unfug-Paragraphen" in der Gerichtspraxis unter Billigung der obersten Gerichtshöfe gibt, lassen sich meines Erachtens auch derartige Schaustellungen unter diesen Begriff bringen. In Belgien hat mau bereits mit einem Gesetze gegen den Mißbrauch der Hypnose den Versuch gemacht. Hienach werden bestraft die öffentliche Schaustellung hypnotisirter Individuen, die Hypuotisirung von Individuen, welche noch nicht 21 Jahre alt oder nicht im vollen Besitze der Geisteskräfte sind, durch einen Nichtarzt, die in betrügerischer oder Schädigungs-Absicht erfolgte Hypuotisirung, um durch das hypuotisirte Individuum eine solche Urkunde unterschreiben zn lassen,-welche einen Vertrag, eine Verpflichtung enthält in dgl. Eine andere Frage ist durch den Prozeß Berchtold von neuem angeregt worden. Es hat sich bei demselben deutlich der ungeheure Einfluß der Presse gezeigt, sowohl in den Berichten vor der Verhandlung, wie in jenen über die Verhandlung selbst. Es ist längst anerkannt, daß das Studium der in den Zeitungen berichteten Criminal- fälle für den Criminalstudenten die beste Vorbereitung ist. Dieser Einfluß der Presse ist auch früher schon des öfteren Gegenstand der Betrachtung für die Fachmänner gewesen. Angesichts dessen fragt es sich, ob nicht ein gesetzgeberisches Einschreiten nach dieser Richtung hin angezeigt erscheint. Ich habe mich bemüht, im Vorstehenden zu zeigen, welches Interesse - die Rechtswissenschaft an den neuerdings so sehr in den Vordergrund gerückten- Problemen der Suggestion und des Hypnotismus hat. Es wäre nun auch für den Juristen interessant, zu untersuchen, wie sich das kanonische Rechten denselben stellt. Allein das überschreitet die gestellte- Aufgabe, es ist- auch mehr Sache des Theologen, wie des Juristen. 1)r. Haas (über Hyp- notismns und Suggestion, 1894), Strohmeyer a. a. O. und Steiubach in der Liuzer theologisch-praktischen Quartalschrift 1807, M Heft S. 60, nehmen eine ablehnende Haltung ein. Steinbach stellt die Dekrete der 8. Lon^r. Incjnis. zusammen, welche sich auf den- Magnetismus :c. beziehen. Allein es ist eben doch ein gewaltiger Unterschied zwischen dem Magnetismus, Spiritismus und ähnlichen Lehren und der auf ernstlicher wissenschaftlicher- Forschung und auf natürlicher Basis beruhenden Lehre des modernen Hypnotismus. Auch Schütze erklärt den Hypnotismus in der eingangs erwähnten Studie, welche inzwischen auch in Separai- ansgabe erschienen ist, für verwerflich und fordert das gesetzliche Verbot auch der wissenschaftlichen Anwendung desselben. Wir überlassen die Beantwortung dieser Frage der berufeneren. Feder des. Theologen und Philosophen. Nur darauf ist hinzuweisen, daß sich bis in die neueste 479 Zeit auch Kleriker theoretisch und praktisch unter den Nutzen ihrer Obern mit dem Studium des Hypnotismus beschäftigten. In der That, eine wissenschaftliche Förderung dieser Frage, welche alle Berufsfremde gleichmäßig interessirt, scheint mir unmöglich, müßte man auf praktische Versuche, auf Experimente dabei verzichten. Ein arabischer Aristoteles nud was uns derselbe aus dem Wnnderlande Indien erzählt. Von Dr. Widder. (Schluß.) Von hohem Interesse ist schließlich noch die Schilderung, die uns Alberuni bezüglich der Lebensweise der Brahmanen, welche die vornehmste Menschenklasse bilden und nach indischer Lehre aus dem Haupte Brahma's hervorgegangen sind, sowie über die Schule, welche sie durchzumachen haben, hinterlassen hat, und zwar um so mehr, als heutzutage noch Vieles praktische Bedeutung hat. Das Leben des Brahmanen zerfällt nämlich vorn vollendeten siebenten Lebensjahre an in vier große Abschnitte. Die erste Periode beginnt mit dem achten Lebensjahre. Der kleine Hindu wird da Zögling der Brahmanen und von diesen in seinen Pflichten unterwiesen. Es wird ihm eingeschärft, den Brahmanen anhänglich zn sein und sie lebenslänglich zärtlich zu lieben. Der Schüler erhält einen Gürtel nm seine Lenden und wird mit der heiligen Schnur, »xzanopavitg," genannt, bekleidet, d. i. einer starken Schnur, die aus neun einzelnen Schnüren zusammengeflochten ist und von der linken Schulter zur rechten Hüfte herabreicht. — Diese tragen die Brahmanen heute noch. — Außerdem erhält er einen bis zu seinem Haupthaare reichenden hölzernen Stab, den er zn tragen verpflichtet ist, und einen aus einer gewissen Grasart verfertigten Siegelring, welcher am Ringfinger der rechten Hand getragen wird, und bedeutet, daß der Brahmane Allen ein Segen sein soll, die Gaben aus seiner mit dem Ringe geschmückten Hand empfangen. Die Verpflichtung, den Ring zu tragen, ist jedoch nicht so streng, als die, das ^anoxavila, zu tragen, letzteres darf unter keinen Umständen abgelegt werden, auch nicht beim Essen oder bei der Befriedigung irgend eines natürlichen Bedürfnisses. Das Ablegen der heiligen Schnur wäre eine Sünde, die nur durch Fasten, Almosengeben oder durch ein Werk der „Ausathmung", d. i. des freiwilligen Sterbens durch Anhalten des Athems, gesühnt werden könnte. Dieser erste Lebensabschnitt erstreckt sich bis zum 25. Lebensjahre. Während dieser Zeit muß der Brahmane die Ab- tödtung üben, auf bloßer Erde schlafen, das Studium der Vedas (d. i. der Religionsgesetze) und ihrer Erklärungen beginnen, Theologie und Gesetzeskunde studiren und seinem Lehrmeister, unter dessen Leitung er seine Studien macht, Tag und Nacht dienen. Dreimal des Tages wäscht er sich und bringt morgens und abends dem Feuer ein Opfer dar. Nach dem Opfer erweist er seinem Lehrer seine Verehrung. Jeden anderen Tag fastet er, Fleisch darf er niemals genießen. Er wohnt im Hause seines Meisters, das er nur verläßt, um Gaben und Almosen zn sammeln. Er darf aber nur in 5 Häusern und nur einmal im Tage betteln, entweder mittags oder abends. Alles, was er an Almosen zusammengebracht hat, übergibt er seinem Meister, damit sich dieser nach Belieben davon auswähle, den Rest darf der Schüler für sich behalten, und er nährt sich sohin von den Uebcrbleibscln der Mahlzeit seines Lehrers. Ferner muß der Brahmanen-Zögliug Holz von zweierlei Art sammeln, um dem von den Hindus hochverehrten Feuer Opfer bringen zn können. Dem Feuer werden Blumen, Weizen, Gerste, Reis und Ocl geopfert. Opfern die Brahmanen für sich selbst, so recitiren sie dabei die vorgeschriebenen Gebete, opfern sie aber für andere Personen, so beten sie dabei nichts. Ist nun die Zeit des Noviziates, wie man die erste Periode nennen könnte, glücklich überstanden, so beginnt der zweite Lebensabschnitt, welcher die Zeit vom 25. bis zum 50. Lebensjahre umfaßt. Jetzt darf sich der Brahmane verehelichen. Er heirathet und gründet eine Familie. Seine Anserwählte darf jedoch nicht über 12 Jahre alt sein. Den Lebensunterhalt erwirbt er sich entweder durch das Honorar, das er für den Unterricht von Brnh- maneu erhält — jedoch gilt dies nicht als eine Bezahlung, sondern als ein Geschenk —, oder aber durch die Geschenke, die er von anderen Personen dafür empfängt, daß er für sie die Feneropfer verrichtet, oder endlich durch milde, von Königen oder Vornehmen erbetene Gaben, die jedoch nicht in zudringlicher Weise erbettelt und nicht widerr willig verabreicht sein dürfen. Die Fürsten und Vornehmen halten sich nämlich stets so eine Art Hausplan, d. h. einen Brahmanen, ^xurotiitn^ genannt, der für sie ihre religiösen Angelegenheiten und frommen Werke besorgt. Schließlich lebt der Brahmane von Allem, was er auf der Erde oder von den Bäumen sammelt. Er kann sein Glück auch im Handel mit Kleidern und Betelnüssen versuchen, allein besser ist es, wenn er nicht selber Handel treibt, sondern dieses Geschäft durch Andere besorgen läßt. Denn ursprünglich war ihm der Handel wegen des damit verbundenen Lügens und Betrügens Verbote», und ist ihm derselbe jetzt nur im Falle äußerster Noth, wenn er keine anderen Unterhaltsmittel hat, gestattet. Die ständige Beschäftigung mit Pferden und Kühen, sowie die Besorgung des . Viehes ist dem Brahmauen ebenfalls, nicht erlaubt, wie ihm auch das Wuchertreiben streng untersagt ist. Dagegen ist der Brahmane steuerfrei und braucht auch dem Könige keine Dienste zu leisten.. Die blaue Farbe ist für den Brahmanen unrein, .so daß er sich waschen muß, wenn sie seinen Leib berührt hat. In der zweiten Periode seines Lebens hat der Brahmane .auch die Pflicht, stets vor dem Feuer die Trommel zu währen und die ihm vorgeschriebenen heiligen Gebete zu sprechen. . ,Der dritte Lebensabschnitt erstreckt sich vom 50. bis zum 70. Lebensjahre. Während dieser Zeit muß sich der Brahmane wieder in Äbtödtnngcn üben, er verläßt sein Heim und übergibt dasselbe nebst seiner Frau seinen Kindern, wenn die Frau es nicht vorzieht, ihren Mann in die Wildniß zn begleiten. Von nun an lebt er fern von aller Civilisation und führt dasselbe Leben, wie in der ersten Periode. Er wohnt unter freiem Himmel, schläft auf bloßer Erde, sein Gewand besteht bloß in einer Baumrinde, gerade groß genug, um seine Lenden zu bedecken, und seine Nahrung bilden Wurzeln, Kräuter und Früchte. Das Haar läßt er lang wachsen und salbt sich mit Oel. Die vierte und letzte Lebensperiode umfaßt die Zeit vom 70. Lebensjahre bis zum Ende seines Lebens. Jetzt trägt der Brahmane ein rothes Kleid und einen Stab. Er ergibt sich. ständig der Betrachtung, tilgt aus seinem Geiste Freundschaft und Feindschaft, rodet aus seinem Herzen alle Begierde, alle Lust und alleu Zorn aus und 480 verkehrt mit keiner menschlichen Seele. Wallt er himmlischen Lohnes halber an einen Ort, dessen Besuch als besonders verdienstlich gilt, so hält er sich unterwegs in einem Dorfe nicht länger als einen Tag und in einer Stadt nicht länger als 5 Tage auf. Reicht ihm Jemand eine Speise, so darf er davon für den folgenden Tag "nichts übrig lassen. Sein einziges Geschäft ist jetzt, sich nm den Weg zu kümmern, der znm Heile führt, und zu erreichen, d. i. einen Ort, von dem es keine Rückkehr in diese Welt mehr gibt, und in die ,Weltseele" aufgelöst zu werden. Das Feuer, das ein Vrahmane angezündet hat und vor dem er seine Opfer verrichtet, muß er stets vor dem Erlöschen bewahren. Dreimal im Tage muß er sich waschen, morgens, mittags und abends während der Dämmerung. Die erste und zweite Waschung ist strenge Pflicht, die abendliche Waschung ist keine so strenge Verpflichtung und kann die Einnahme des Abendbrodes und die Verrichtung des Abendgebetes auch ohne Waschung stattfinden. Zu nächtlichen Waschungen sind die Brahmanen nur zur Zeit einer Sonnen- oder Mondssinsterniß verbunden, damit sie zur Beobachtung und Verrichtung der bei solchen Gelegenheiten vorgeschriebenen Gebräuche und Opfer vorbereitet sind. Der Brahmane ißt während seines ganzen Lebens stets nur zweimal im Tage, nämlich mittags und abends. Die Mahlzeit beginnt damit, daß er soviel auf die Seite legt, als znm Almosen für eine oder zwei Personen hinreicht, namentlich für fremde Brahmanen, die etwa zufällig abends auf den Bettel kommen, da die Vernachlässigung ihres Unterhaltes eine große Sünde wäre. Außerdem wird für das Vieh, die Vögel und das Feuer etwas bei Seite gelegt. Der Rest wird dann, nachdem das Tischgebet gesprochen, genossen. Die Ueberbleibsel der Mahlzeit werden außerhalb des Hauses gebracht, und naht sich ihnen der Brahmane nie mehr, well dies verboten ist. Das Übriggebliebene ist nämlich für den zufällig Vorüberkommen- den bestinimt, der dessen bedarf, sei es nun ein Mensch, ein Hund oder ein Vogel oder irgend ein anderes Wesen (der Genuß von Speiseresten gilt überhaupt noch allgemein als unzulässig). Jeder Brahmane muß sein eigenes Wassergefäß haben, benützt es eine andere Person, so muß es zerbrochen werden, dasselbe gilt von seinem Eßgeschirr. Alberuni sagt zwar, daß er wohl Brahmanen gesehen habe, die ihren Verwandten gestatteten, mit ihnen von derselbe» Platte zu essen, allein die meisten Brahmanen hätten dies getadelt. Auch bezüglich der Wahl seines Aufenthaltsortes ist der Brahmane beschränkt, er darf nur in einer bestimmten Gegend wohnen, sonst begeht er eine Sünde. Die Brahmanen haben auch eine Art Dienerschaft. Dies sind die Angehörigen der Südra-Kaste — dies ist die niedrigste Menschenklasse —. Die Südra müssen nämlich die Angelegenheiten der Brahmanen besorgen und sie bedienen. Die äußerst armen Südra begnügen sich mit einem leinenen Lendengürtel. Jede Handlung, die als ein Vorrecht der Brahmanen gilt, wie das Hersagen von Gebeten oder Vedaversen, das Darbringen von Feueropfern u. s, f., ist den Südra unter den strengsten Strafen verboten. Würde z. B. ein Südra Vedaverse hersagen, so würde er vor dem Könige angeklagt und würde ihm die Zunge abgeschnitten. Betrachtungen über Gott, Werke der Frömmigkeit und Almosengeben sind jedoch dem Südra gestattet. Jeder, der eine seiner Kaste nicht erlaubte Handlung vornimmt, be- ßHt ^eine Ssinde oder^ein Verbrechen, wenig geringer als ein Diebstahl. Nachstehende Legende möge dies beweisen. Zur Zeit des Königs NLma war das Leben der Menschen von sehr langer Dauer; damals' starb ein Kind niemals vor seinem Vater. Einmal jedoch geschah es dennoch, daß der Sohn eines Brahmanen noch zu Lebzeiten seines Vaters starb. Da brachte der Brahmane sein todtes Kind zum Könige und sagte: „Dieser ganz neue/ ungewöhnliche Fall hat sich während Deiner Regierung ereignet, und zwar aus keinem andern Grunde, als weil irgend etwas faul ist im Staate und ein gewisser Vezir in Deinem Reiche Verbrechen auf Verbrechen begeht." Der König ließ sogleich Nachforschungen anstellen, und endlich brachte man heraus, daß ein Candala, d. i. ein der Hefe des Volkes ungehöriger, zu keiner Kaste mehr zählender Mensch, sich aus Frömmigkeit selber die größten Qualen und Pcincn angethan hatte. Der König ritt hierauf an den ihm bezeichneten Platz und fand hier am Ufer des Ganges den Candala, der sich an einem Gegenstände kopfabwärts aufgehangen hatte. Rüma nahm seinen Bogen, schoß auf den Mann, zerschoß ihm die Eingeweide und sagte: „Das ist es, ich tödtete Dich wegen des guten Werkes, das Dir zu verrichten nicht erlaubt ist." Als der König nach Hause kam, lag der Sohn des Brahmane» lebend vor dein Thore seines Palastes. — Eine Pflicht, Wallfahrten zn unternehmen, besteht für die Hindus nicht, jedoch gelten solche religiöse Uebungen als verdienstlich. Alan wallfahrtet zu einem hl. Orte, einem vielverehrten Götzenbilds oder zu einem der hl. Flüsse. Der Wallfahrer gibt Geschenke, spricht verschiedene Hymnen und Gebete, fastet, spendet den Brahmanen, Götzenpriestern und arideren Personen Almosen, scheert sich Haupthaar und Bart und kehrt dann wieder nach Hause zurück. Alberuni erzählt uns anläßlich seines Berichtes über die Wallfahrten der Jndier folgende ergötzliche Geschichte: „Ein indischer König, Sagara mit Namen, hatte 60,000 Söhne, lauter böse, nichtsnutzige Burschen. Eines Tages verloren sie ein Pferd. Sie machten sich sogleich auf die Suche, wobei sie fortwährend so heftig hin und her rannten, daß die Erdrinde einbrach und sie in das Innere der Erde sielen. Sie fanden daselbst ihr Pferd, welches vor einem Manne stand, der tiefliegende Augen hatte und zu Boden sah. Als sie sich diesem Manne näherten, traf er sie mit seinem Blicke, und sie verbrannten augenblicklich auf der Stelle und kamen wegen ihrer Missethaten in das höllische Feuer. Der eingebrochene Theil der Erde aber wurde ein See, der große Ozean. Ein König aus der Nachkommenschaft des Königs Sagara, Namens Bhagiratta, wurde tief ergriffen, als er erfuhr, welches Schicksal seine Vorfahren getroffen hatte. Er begab sich deßhalb zu einem hl. Teiche, dessen Grund lauteres Gold war und der deßhalb „der Teich mit dem goldenen Sande" genannt wurde, und verweilte daselbst lange Zeit, indem er fortwährend fastete und die Nacht im Gebete zubrachte. Endlich erschien ihm der Geist Mahüdeva und fragte ihn nach feinem Begehren. Der König erwiderte: ,Jch möchte den Fluß Ganges, der im Paradiese fließt'; denn er wußte, daß denjenigen, über welche das Wasser des Ganges fließt, alle Sünden vergeben sind. MahLdeba sagte ihm die Gewährung seines.Wunsches zu. Das, Bett des Ganges bildete jedoch die Milchstraße, und der Ganges war sehr stolz, denn Niemand war jemals im' Stande gewesen, sich ihm entgegenzustellen. Da nahm 481 MahLdeva den Fluß und legte ihn auf feinen Kopf. Als der Ganges nicht mehr fort konnte, wurde er sehr zornig und machte einen Heiden-Lärm. Der Geist hielt ihn jedoch fest, so daß Niemand hineinfallen konnte. Dann nahm er einen Theil des Flusses uud gab denselben dem Könige Bhagiratta, welcher den mittleren der sieben Arme des Ganges über die Gebeine seiner Ahnen fließen ließ, wodurch diese von ihrer Strafe befreit wurden." „Deßhalb, sagt Alberunk, werfen die Hindus die verbrannten Gebeine ihrer Todten in den Ganges, welcher nach dem Namen des Königs, der ihn auf die Erde- brachte, auch Bhagiratta genannt wird." (Aus Edw. Sachau's ^^Iberuni's Inäia", I-oucl. 1888. 2 vol.) „Ein Tag im Kloster." Bilder aus dem Benediktinerleben von D. Sebaftian v. Oer, Benediktiner der Benroner Congregation.*) „Preis den braven schwarzen Mönchen, Preis den wack'ren Kuttenträgern, Alles menschlich schönen Wissens Frommen Hütern, treuen Pflegern!" „Dreizehnlinden". Wer hat des Sängers von „Dreizehnlinden" unvergleichliche Schilderungen in den Gesängen „Das Kloster" und „Die Mette" gelesen, ohne dabei den stillen Wunsch gehegt zu haben, ein solches Kloster einmal zu sehen, solche brave Mönche einmal zu belauschen? „Der Name oder gar der Anblick eines Klosters hat von jeher einen besonderen Reiz auf die Kinder der Welt ausgeübt." Dem einen ist es nie geglückt, ein Kloster nach St. Benediktus Regel besuchen zu können, der andere sah sich bei einem solchen Klosterbesuch arg enttäuscht, und doch gibt es thatsächlich solche Klöster. Wer sich davon überzeugen will, lese das Buch „Ein Tag im Kloster". Wie es in einem Benediktinerkloster auf und zu geht, schildert uns der Verfasser meisterhaft in den Abschnitten: Die Klosterpforte, Das Klaustrum, Vor der Statue des Ordens- stifters. Die Nacht, Das Gotteslob, Der Morgen, Die Arbeit, Das Hochamt und die Klosterkirche, Der Abt und die klösterliche Familie, Das Refektorium, Rekreation, Gäste, Die Laienbruder. Die Kunstschule. Vesper und Einkleidung, Abschied. Wir lernen das beschauliche Klosterleben kennen von der einladenden Klosterpforte bis in den hochgewölbten Klosterchor, vorn ersten Morgenglockenschall bis zum späten Abendläuten, von der feierlichen Gelübde- ablegung bis zum ergreifenden „Susoixs wo Domino" auf dem ärmlichen Todtenbette. Der Verfasser selbst, der in der Welt draußen anr königlichen Hofe zu Dresden die Erzieherstelle beim Prinzen Max inne hatte, hat das Adelsschloß seiner hochgeboruen Vorfahren verlassen, um in einen Adelsstand erhoben zu werden, dessen lange Ahnenreihe bis in die ersten Anfänge unserer Zeitrechnung hinaufreicht: als Benroner Benediktiner ward er zum Ritter der Kirche geschlagen. Der hohe Verfasser verräth sich an zahlreichen Stellen durch seine einfache und doch blumenreiche Sprache, durch seine unge- suchten und doch anregenden Gedanken, unbewußt als begabten Dichter, dessen frommes Herz in dem verzehrenden Flammenfeuer gottseliger Liebesaufwallung ganz aufgeht. Wenn er gesteht, er habe bei Schilderung des mönchischen Ordenslebens kein bestimmtes oder überhaupt bestehendes Kloster im Auge gehabt, so glauben nur ihm dies auch herzensgern. Gleichwohl ist das Kloster kein anderes als die Perle des oberen Donauthals selber oder eines ihrer Tochterklöster. Im Geiste verbringen wir einen Tag im Kloster, wie es nach der Regel des gotterlcuchteten Patriarchen von Subiaco sein soll. Dieses herrliche Ideal klösterlicher Vollkommenheit zu erreichen, ist aber das angelegentlichste und eifrigste Bestreben der Benroner Congregation:Mittelpunkt des christlichen Volkes, Vorbild für die christliche Familie, Glühherd *) Nationale Verlagsanstalt vormals Manz, Regensburg. 1897. Preis: geb. M. 3,80; im Prachtband M. 4. des Gebetes, die ewige Lampe der Gottesver, ehrung — eine Burg der Selbsthciligung zu sein. Die anmuthigcn Klosterbilder sind ein prächtiges Werk mit einer Gedankenfülle und einem Bilderrcichthnm, der uns lebhaft in heilige Gottesnähe entrückt. Äehnlich °sie der graubärtige Burgwart, der dem Fremden die verödeten Gemächer und Gelasse der epheuumsponnenen Burg zeigt, in seinen schlichten Worten hie und da über einstige Rittersherrlichkeit Vergleiche mit der rastlosen Zeit des Dampfes und der Elektricität anstellt, macht es der liebenswürdige Ordcnsmann, der uns durch den Kreuzgang, die Hallen und Räume des Klosters führt. Oft hält er in seinem stillen Wandeln inne, legt den Finger an den Mund und erzählt von den Zeiten lebendigen Glaubens und dem Jahrhunderte frechen Unglaubens, von den Kindern des Lichtes und den Kindern der Welt. Wenn wir ihm so vertrauensselig zuhören, kommt es uns vor, als legte sich der Ernst milder Trauer auf seine ehrwürdigen Gesichtszüge. Wir werden gekräftigt und gefestigt in unserem Glauben, denn dieweil wir mit deni freundlichen Mönche wieder durch die Gänge gehen, benützt er geschickt die Gelegenheit, uns in die mystischen Tiefen der trostreichen Glaubensgeheimnisse zu versenken. Dies thut er mit unnachahmlicher Einfachheit und Kürze, in anmuthen- der Wahrheit und Innigkeit. Deßhalb wird das Buch dem Laien nicht weniger willkommen sein als dem Kleriker. Dieser findet darin eine passende Anleitung zu frommem Stundengebet und frommem Geistesleben: „ksallits oapisvtsr!", ,ener erquickende Unterhaltung, die Belehrung und Erbauung miteinfließen läßt: „Doos guam bomun et guam .juemiäuw, lmbitaro kratroo in unuml" ?8. 132, 1. „Er führt die Besucher gleich lieben Gästen in das Innere eines regulären Klosters, damit sie aus dem, was sie dort sehen und hören, einen kleinen Ruhen für sich, für ihr inneres und äußeres Leben schöpfen mögen/ Dabei weiß ?. Sebastian so anschaulich zu reden und so beschaulich zu denken. Wie geistreich und sinnig ist — um von vielen Beispielen nur eines anzuführen — die Erklärung von „Ora et labora!" Der alte Denkspruch wird schon m der hl. Schrift versinnbildet in der um den Heiland weilenden Marra und der im Hause geschäftigen Martha. Die eine verpersönlicht And ach ts- gluth, die andere Schwester Emsigkeit. Wir empfehlen das treffliche Buch allen Katholiken, besonders jenen, denen in unserer glaubensarmen Zeit das Verständniß für das Mönchsleben abgeht; auch wünschen wir recht sehnlichst, das Buch allen verbissenen Klosterfeindcn in die Hand. Unverstand und Bosheit würden nicht mehr das Mönchsleben mit den absonderlichsten Beschuldigungen belasten. — Die Ausstattung des Buches ist nach jeder Hinsicht tadellos. Druck und Form entsprechen den jetzigen Anforderungen der Buchdruckerei- und Buchbindercikünst. Die sinnigen Bilder und Bildchen, die zahlreich eingestreut sind, geben dem Ganzen einen geschmackvollen Schmuck und jenes alterthümelnde Gepräge, das der heutige Buchhandel aus seinen ersten Ansängen wieder hervorgeholt hat. Haben wir das schöne Buch „Ein Tag im Kloster" nur erst einmal gelesen, dann werden wir auch verstehen, warum im vergangenen Sommer die kaiserlichen Majestäten in der stillen Abgeschiedenheit des Laacher Thals, an den Ufern des blauen Sce's sich als Klostergäste'so heimisch fühlten und den Klosterbesuch in bestem Andenken behielten. Der Sterbliche aber, den keine Krone drückt, wird, nachdem er an der Hand des Büchleins wie von einem verborgenen lauschigen Plätzchen aus das klösterliche Stilleben beobachtet hat, fast mit leiser Weh- muth aus dem Weichbild der Abtei treten: „O. wie zieht's nach Deinen Hallen Sehnend Herz und Seele mein. Hier möcht' ich im Frieden wallen Und ein frommer Bruder sein!" ll. B. Münchner Anthropologische Gesellschaft. Die Reihe der Henrigen Sitzungen begann die Münchner Anthropologische Gesellschaft mit einer gemeinsamen Sitzung mit der Geographischen Gesellschaft und der Colomalgesellschaft am 21. Oktober im Chemischen Hörsaal. Es sprach dort Herr Dr. Karl I. Ranke über 482 seine Erlebnisse und Untersuchungen bei den Indianern in Central-Brasilien?) Er gab einen Ueberblick über die Expedition, welche er mit Herrn Dr. Meyer nach dem Qüellgebiet des Schnigu im Herbste 1895 antrat. Die scharfe Beobachtung und die geistreiche Form der Darstellung machten den Vortrag zu einem wahrhaft genußreichen. — Bei einer gemeinsamen Sitzung der Anthropologischen und Geographischen Gesellschaft am 24. Nov. sprach Herr Roman Oberhummer über die Vogelwelt Kleinasiens. Seinen Vortrag konnte er dnrch seine reiche Sammlung trefflich illustriren. Am 26. November war die erste Sitzung im Kunstgewerbehaus unter dem Vorsitze des Herrn Professors Dr. I. Ranke. Vor der Tagesordnung stellte Herr Hammer. Director des Münchener Panoptrküms, den Skelettmenschen Castagna vor. Den ersten Vortrag hielt Hr. Rcichsarchivrath Dr. Franz Ludwig Äaumann „über die geschichtliche Aufeinanderfolge der Bevölkerung des bayerischen Schwabens". Schon um das Jahr 400 v. Chr. wanderten vindelicische Kelten im bayerischen Schwaben ein und verdrängten die uns unbekannten Einwohner. 15 v. Chr. wurden sie von den Römern, unterworfen und romanisirt. Vorn 2. bis 5. Jahrhundert hatten sie unter den Einfällen von Chatten und Älamannen zu leiden. Reste derselben waren aber auch noch unter den von Thepdorich dem Großen zwischen Jller und Lech 506 angesiedelten Schwaben. Einen Unterschied zwischenSchwaben und Älamannen zu machen, wie dies nach der Sprachgrenze zwischen den sogenannten Älamannen und sogenannten Schwaben geschieht, ist nicht angängig. Schwaben und Älamannen sind ein und derselbe Stamm. Der Name Älamannen wurde nur von den Römern und den späteren, lateinisch schreibenden Schriftstellern gebraucht, und war ursprünglich nur ein Zuname. Das Volk selbst nannte sich Schwaben. Weitere Beimischungen fremder Völker erfolgten erst in Folge des 30 rührigen Krieges, indem aus Salzburg, Tirol, Vorarlberg und Graubünden Einwanderungen m das menschenleer gewordene Gebiet erfolgten. Hierauf sprach Herr Dr. Sundberg, amerikanischer Consul in Bagdad a. D., „über Land und Leute in Mesopotamien" und illustrirte seinen Vortrag durch Vorführung von Photographien mittelst Skioptikon. vr. B. Recensionen nnd Notizen. „Glück wider Willen." Von Gräfin Julie Quadt- 2 Bände in 8«; 1. Bd. 343 SS„ 2. Bd. 320 SS. Negensburg, 1897. Nationale Verlagsanstalt (früher G. I. Manz). Preis brosch. 5 M., gebd. in zwei Leinwandbänden 7 M. L. Die katholische belletristische Literatur Deutschlands ist im Aufschwünge. Lange lag sie im Argen. Der Mangel geziemender Anerkennung und genügender Unterstützung seitens des lesenden Publikums hielt die Schaffensfreude vieler zum Schreiben Befähigter nieder. Dre sogenannten unparteiischen Schriften hatten den Eingang in die Salons versperrt. Leider sind dieselben auch heute noch vielfach dort herrschend, obwohl sie die scheinheilige Maske versprochener Objectivität läimst abgeworfen haben und offen den Kampf führen gegen Kirche, Glauben und Sittlichkeit. Die alte Liebe, welche frühere Jahrgänge und Bände mancher Werke sich zu erobern vermochten, macht zahlreiche Leser blind gegenüber ihrer wesentlich geänderten Haltung. Ein falscher Conservatismus duldet nicht, daß das gewohnte Abonnement aufgegeben oder die Serie unterbrochen werde. Man hat sich außerdem in die gegnerische Literatur so hineingelesen, daß ausgesprochen katholische Schriften als zu viel moralisirend und als einseitig bei Seite gelegt werden. Was andersgläubige oder ungläubige Bekannte gelesen und für reizend befunden haben, das muß angeschafft werden. So verlangt es die moderne Bildung und die andernfalls entstehende Gefahr, als Ignorant zu gelten. Ein schönes katholisches Werk — wir haben deren schon viele — «katholischen und sogar katholischen Freunden oder Freundinnen anzuempfehlen, zu leihen oder zu schenken, verbietet oft die tyrannisch herrschende Furcht, daß man verletzen, intolerant oder extrem katholisch erscheinen könnte. Den Unte rlassungssünden im Punkte der Unterstützung kathol- ch Der Vortrag erscheint ausführlich in der Beilage der „Allgemeinen Zeitung" Nr. 270. sicher Literatur steht gegenüber eine, wenn auch in den letzten Jahren bedeutend verringerte, so doch noch vorhandene schriftstellerische Indolenz und Allenergie solcher Personen beiderlei Geschlechts, welche das wissen und die Zeit hätten, um den Büchermarkt zu bereichern. Es wird heutzutage zwar sehr viel, ja zu viel geschrieben und gedruckt — leider aber mehr Schlechtes als Gutes. Da ist es, doppelte Pflicht, mitzuarbelten auf allen Gebieten des geistigen Lebens. Die Concurrenz muß gewagt und durchgeführt werden. Wem Wissen lind Verhältnisse es gestatten, der greife zur Feder, und wer es nicht wagt, ein geistiges Product allein der Oeffentlichkeit zu übergeben, der lasse sich ermuthigen durch wohlwollende Bekannte, welche fähig und bereit sind zur vorherigen Durchsicht und Eorrectur des Manuskripts. Also mit Muth und Begeisterung heraus zum edlen Wettkampse! „Im Muthe wächst die Kraft, und dem Muthigen gehört die Welt." Aus diesen Erwägungen begrüßen wir besonders eiil vor Kurzem erschienenes Erstlingswerk, den Roman „Glück wider Willen" voll Gräfin Julie Quadt. Die Verfasserin, welche schon wiederholt die Schriftstellerei nicht ohne Erfolg in Zeitschriften versucht hat. bietet hier in zwei Bänden ein interessantes Charakterbild einer christlichen Erzieherin. Angela, die feingebildete Professors- tochter aus einem Provinzialstädtchen, schwärmt für höhere Musik. Ein hartes Familiengeschick führt sie statt aus das Conservatorinm als Erzieherin in ein gräfliches Haus. In der reichen Schule der Erfahrung spielt ihr der Erzichelm Amor einen boshaften Streich. Ein bei der gräflichen Familie anfBesuch weilender Cavalier verliebt sich in das brave Mädchen und sie in ihn. Die durch die Mutter des Ersteren energisch vertretene Rücksicht auf die Standesschrankcn läßt es nicht zu einer Ehe kommen. Die platonische Jdealliebe findet ihre endliche Lösung in dem baldigen Gelübde der Keuschheit seitens der, Erzieherin und in einer nach Jahren der Trauer über zerstörtes Liebesglück abgeschlossenen Ehe zwischen dem Geliebten und einem reizenden Zöglinge der einstig Ersehnten. Angela, welcher nach dem frühen Tode der edle» Gräfin doppelte Aufgaben erwachsen, bleibt im Hanse bis nach Versorgung sämmtlicher Kinder der Familie. Ihre Tage beschließt sie als Directrice eines größeren Mädchenpensionates. Das in aller Kürze der geschichliche Faden. Die Sprache ist meistentheils einfach, bei manchen Erörterungen philosophisch, bei Naturschilderungen lebhaft, bei einigen Bildern etwas kühn, bei religiösen Erwägungen warm und packend. Inhaltlich zeichnet sich das Werk aus durch eine Fülle sittlicher Grundsätze, einen Reichthum praktischer Lebensregeln und eine große Sammlung pädagogischer Lehren. Anmuthig berühren die herrlichen Ergüsse über die Liebe des göttlichen Heilandes im Allerheiligsten Sacramente. Sie sind ein ebenso unverkennbares wie ungewolltes Selbstzeugniß einer m Leid und Freud sich zum Tabernakel flüchtenden Seele. Die heutzutage so oft verkannte und vielfach unbekannte große Wohlthätigkeit von Adeligen gegen Arme nnd deren werk- thätige Liebe zu verlassenen Kranken findet einen zeitgemäßen. von Selbstlob völlig freien Anwalt, der aber auch nicht zurückschreckt vor einer scharfen Kritik wirklicher Fehler in eigenen Standeskreisen. Die Liebe zu Gott und zu dem Nächsten leitet alle Regungen des Herzens und des Verstandes im Leben der schön gezeichneten, edlen Charaktere, insonderheit der Gräfln und Angela's. Diese bedeutenden Vorzüge des Romans versöhnen auch nut einigen vorhandenen Mängeln. Als Schwächen erscheinen uns die allzu langen Schilderungen unwichtiger Details, die vielen Wiederholungen bei Darstellungen von Naturschönheiten und bei den philosophischen Erörterungen über das Wesen und den Werth der Kunst. Ein Liebesbund muß mindestens in einem Roman geknüpft werden; wenn aber gleich netto ein Dutzend Ehen zu Stande kommen, so erinnert das allzuviel an unsere unidealen Heiraths- büreaux. Der Glaube, daß die Ehen im Himmel geschloffen werden, wird einem dabei gänzlich geraubt. Langweilig wirkt die allmähliche Vorführung von zusammen über dreißig Babies, deren Vorleben als besonders uninteressant oft unerwähnt bleiben dürfte. Die Versuchung der Anfangsschriftsteller, möglichst große Seitenzahl zu erreichen, wurde nicht ganz überwunden. „In der Beschränkung zeigt sich der Meister." Es bedarf der Mahnung an die Leser, die beiven Bände ganz auszu- lesen und sich durch einige weniger spannende Partieen den Genuß nicht voreilig abschwächen oder rauben zu lassen. Didaktischer Werth sindet sich bis zum Ende reichlich. Frauen aus besseren Ständen, namentlich aus dem Adel, und Mädchen über 18 Jahre werden aus der Lectüre reichsten Nutzen für das innere und äußere Leben schöpfen. Wem Unterricht oder Erziehung von Mädchen anvertraut ist, der nehme das Werk zur Hand. Es ist ein treuer Führer, guter Berather und mitleidsvoller Tröster auf dem oft dornenvollen Pfade der christl. Erziehung. Der Verfasserin unseren herzlichen Glückwunsch und die Bitte, mit ihrem umfassenden Wissen die katholische Literatur durch weitere Arbeiten fördern zu wollen! Bibliothek für Prediger. Herausgegeben von 8. Scher er, 0. 8. 8. V. Auflage, durchgesehen von 8. Witschwenter. Freiburg i/Br. 1897. Herder'sche Verlagshandlüng. s. Die neue Auflage dieses Werkes erscheint in ' 8 Bänden, bezw. 16 Halbbänden, zum Gesammtpreis von ca. 60 Mk. Der I. Band, enthaltend die Sonntage des Kirchenjahres vom 1. Adyentsonntag bis Septuagcsima (Wcihnachts-Cyklus). liegt in 6 Lieferungen mit 604 Seiten zum Preis von 90 Pfg. pro Lieferung bereits vor. Die Fortsetzung soll sich in Halbbänden anschließen. Ein Predigtwerk, das auf 8 Bande berechnet ist und dabei in IV. resp. V. Auflage erscheint, hat hiemit schon den Beweis seiner Existenzberechtigung erbracht. Der Inhalt ist ein überaus reichhaltiger. Vorliegender Band enthält für jedes Evangelium eine längere homiletische Erklärung; daran reihen sich für jeden Sonntag 16 bis 20 und mehr sehr ausführliche, wohlbearbeitete Skizzen. Der Umstand, daß dieselben zumeist bekannten und berühmten Kanzelrednern entnommen sind, spricht von selbst für deren Werth. Den Skizzen folgen fast cbensoviele Themata, bei welchen kurz Haupt- und Nebenpunkte angedeutet sind. Wohlthuend wirkt die reiche Verwerthung von Schrift- stellen; auch Väterstellen finden sich nicht zn selten. Die Verwendung dieser Skizzen hat vor Benützung ausgearbeiteter Predigten das voraus, daß bei Bearbeitung derselben das subjektive Gepräge leichter und entschiedener zur Geltung kommt, und daß auch infolgedessen die Verarbeitung zweier gleicher Skizzen in gewissem Sinne doch zwei verschiedene Predigten gibt. Die Ausstattung ist eine würdige und lobenswerthe. Llanualo vrsoum in usuin IbeoloKorum. 8äitio altsra. 8riburFi UrisA. 8umptibus Hsrcksr. I8S7. XII. 552 p§. 3 U. 20 8k., liZat. 4 Ick. 40 8k. o. Ein reichhaltiges Gebet- und Andachtsbuch für Theologicbeflissene oder für Gymnasialschüler, die über theologische Berufswahl schon im Klaren. Das Buch dürfte ein treffliches Mittel zur Festigung des erkannten Berufes sein und zugleich eine Einführung in den priester- lichen Gebetspflichtenkreis. Eine größere Anzahl vorzüglich skizzirtcr Betrachtungen gibt Unterweisung auch m diesem so wichtigen Gebiete. Die Aufnahme so vieler kirchlicher Hymnen für die Feste des Herrn und der Heiligen halten wir für einen Vorzug des Buches. Diese herrlichen Gebetsperlen christlicher Poesie, welche hier der Jugend vorgeführt werden, wecken sicher die Liebe und Begeisterung für die Kirche, die ja auch eine Mutter der schönen Künste ist. Ein Anhang enthält den liturgischen Text für die sieben heiligen Weihen. Eine Stunde beim heiligen Geiste. Betrachtungen und Gebete von Adalbert Huhn, Stadtpfarrer. München. 1897. I. Lentner'sche Buchhandlung. 36 Seiten. Preis geheftet 20 Pfg. o. Die aufblühende asketische Literatur zur Verehrung des heiligen Geistes hat mit diesem Schriftchen eine begrüßenswcrthe, wenn auch kleine Bereicherung erfahren. Es enthält sieben kurze, praktische Betrachtungen über die Thätigkeit und Wirksamkeit des heiligen Geistes, aufbauend auf den sieben Gnadengaben. Lxtra, tempus pasobalo conolnättur bxmnns: Xnuo at per omue «aeouluin. Linon. Nach Wcber's „Dreizehnlinden" von Dr. Joseph Faust. Priester der Diärese Limburg. 2. vollständig umgearbeitete Auflage. Preis 1 Mk. Der Verfasser, der auf dem Gebiete der christlichen Theater-Literatur sich durch andere Stücke („Syra", „Weihnachtsfest des Waisenkindes") bereits vortheilhaft bekannt gemacht, hat mit Geschick und Erfolg den Gedanken, Weber's unvergleichliches Evos weiteren Kreisen zugänglich zu machen, durchgeführt. Der rasche Absatz der ersten Auflage und die zahlreichen Anerkennungen, die das Stückchen gesunden, sprechen deutlich dafür. Dem vielseitigen Verlangen, mich die edle Hildegunde auf die Bühne zn bringen, hat der Verfasserin so geschickter Weise entsprochen, daß das Ganze dadurch sehr gewonnen hat. die Ausführbarkeit in religiösen resp. katholischen Vereinen aber kaum erschwert wurde. Wir wünschen dem Werkchen die weiteste Verbreitung. Weiter sind im gleichen Verlag das 2. Bündchen „Die Flavier" (Preis 1 Mark) und das 3. Bündchen „Die heilige Nacht" (Preis 50 Pfg.) erschienen. „Die Flavier", in 5 Aufzügen, von 8. Longhaye, 8. 9. übersetzt von einem Äesellenpräscs, sind dramatisch recht wirkungsvoll. Inhaltlich behandelt das Stück den christlichen Heldentod der Adoptivsöhne des Kaisers Domitian, die dieser zn seinen Nachfolgern bestimmt hatte, später aber sammt ihrem Vater hinrichten ließ, weil er sich durch ein teuflisches Jntriguenspiel gegen sie und die Christen hatte aufbringen lassen. Das Stück eignet sich besonders für Lehrlings- resp. Jünglingsvereine, denen es warm empfohlen werden kann. — Das Weihnachtsspicl „Die heilige Nacht" (in zwei Auszügen, von vr. M. Höhl er) läßt auch den erfahrenen Pädagogen und warmen Jugendfreund erkennen, und ist überaus geeignet, die jugendlichen Herzen mit warmer Begeisterung für das freudenreiche Ereigniß der heiligen Nacht zu erfüllen, wirkt aber auch auf ältere Zuschauer wahrhaft erbauend Das Princip des Protestantismus — der Gegensatz des Katholicismus. Von Aloys Redner. Mit kirchlicher Approbation. Mainz, Verlag von Franz Kirchheim 1897. (265 S.) Preis geh. M. 3. Ein „alter Lehrer" widmet diese „Strcifzüge in der Geschichte" seinen ehemaligen Schülern, welche er sich durch die Begeisterung für die Wahrheiten und Lehren der Geschichte zu „liehen Freunden" gewonnen. Hingebung für die Wahrheiten der Geschichte doknmentirt sich denn auch in diesen Studien. Frei vom Zwange methodischer Behandlung werden folgende Themen erörtert: 1. Martin Luther. 2. Der Pietismus und das Herrnhuterthum. 3. Der Rationalismus. 4. Schleier- macher. 5. Der Protestantenverein. Der Verfasser versteht es insbesondere aus dem Schatze seiner ausgedehnten Literaturkunde allenthalben die ichlageudsten und interessantesten Mittheilungen zu machen, die concentrisch zu der Resultante führen, daß der Protestantismus in allen seinen mannigfaltigen Gestaltungen den ursprünglichen Subjektivismus nicht abzuschütteln und niemals die feste Hochburg der objectiven Wahrheit in Besitz zu nehmen vermag. Und darin besteht der ausgesprochene Gegensatz zwischen Protestantismus und Katholicismus. Reformation oder Revolution. Für Katholiken und Protestanten beantwortet von I. Die senil ach. Mainz, Frz. Kirchheim. 64 S. 1 M. Das vielbesprochene Rundschreiben des Papstes über die Canisiusfeier gab zu heftigen Erörterungen Anlaß. Die antikatholischen Organe führten thcrlweise eine sehr erregte Sprache darüber, daß die durch Luther herbeigeführte Umwälzung Revolution genannt werde. Daß aber thatsächlich das Werk des „Reformators" eine Revolution im vollen Sinne des Wortes war, beweist Diefenbach in der vorliegenden Schrift auf Grund unanfechtbarer Zeugnisse. Luther selbst wie auch seine Gehilfen lieferten durch Wort und That den Beweis, daß ihr Vorgehen einen revolutionären Charakter hatte. Zahlreiche Geschichtsforscher kamen nach langjährigen Studien zu derselben Ueberzeugung. Wir können unseren Freunden wie unseren Gegnern nur aufs beste obengenaunte Schrift empfehlen. * Im Verlage der Limburger Vereinsdruckerei in Limburg a.L. erschien: „Elmar". Schauspiel in 5Aufzügen. * Wir wollen nicht verfehlen, an dieser Stelle auf die im Verlage von C. Brügel L Sohn in Ausbach 484 soeben in sechster Auflade erschienene Handausgabe des Reger'schen Krankenversicheruugsgesetz es in der Fassung der Novelle vom 10. April 1892 besonders aufmerksam zn machen. Dieses bereits bei seinem erstmaligen Erscheinen von Seite des r. Staatsministernms des Innern zur Anschaffung empfohlene Buch ist auch in der vorliegenden neuen Auflage mit Rücksicht auf die durchgreifenden Aenderungen, welche das Krankenversichernngs- gesek durch die Novelle vom 10. April 1892 erfahren hat, von dem Bearbeiter der fünften Auflade, Herrn Bezirks- amts-AsfesforHenlc, sorgfältigst revidirt worden, und ist Hiebei insbesondere auch die gefammte einschlägige Rechtsprechung nebst Literatur in seltener Vollständigkeit berücksichtigt. Da die Reger-Henle'sche Ausgabe zudem die sämmtlichen, bis in die allerjüngste Zeit ergangenen Vollzngsbekanntmachungen enthält und gebunden (tröst des großen Umfangs von Äll Seiten) nur auf 4 M. 80 Pfg. zn stehen kommt, kann auch diese Auflage allen Interessenten — insbesondere den Verwalt- nngs- und Gemeindebehörden, den Rechtsanwältcn, Aerzten rc. — wärmstens empfohlen werden. — Gleich empfehlenswert!) dürfte die NeuauSgabe des Heimath- gcscstes sein, welche in vierter Auflage soeben in demselben Verlage erschienen ist; die Neubearbeitung dieser Ausgabe ist von Hrn. Staatsanrvalt Reger (am k. Ver- waltnngsgerichtshofe) selbst besorgt, und wurde Hiebei selbstverständlich nicht nur die bisherige, sondern auch die allerjüngste Rechtsprechung dieses Gerichtshofes — insbesondere zur Novelle vom 17. Juni 1896 — eingehend berücksichtigt. Schon hiewegen dürfte auch diese Handausgabe den Bedürfnissen der Gemeinden:c. rc. sehr entsprechen, zumal deren Preis (2 M. 40 Pfg. für das gebundene Exemplar) gleichfalls als sehr mäßig bezeichnet werden kann. Eine Philosophie des Schonen in Natur und Kunst von Dr. pbil. Joseph Müller. Mainz 1897 Franz Kirchheim. gr. 8. (IV und 270 S.) Preis M. 5.—, eleg. gebd. M. 6.50. Die Ankündigung einer Aesthetik und ein leises Gruseln fallen für manchen Gebildeten in eins zusammen. Dieser Gcfühlsavriorismus hat dem Werke I)r. Müllcr's gegenüber keinen Sinn. Nicht steife Vortrage über den Begriff und die Forderungen des Schönen füllen die Seiten, sondern lebenswarme und lebenswahre Schilderungen der wirklich vorhandenen Schönheitsobjekte auf dein Gebiete der Literatur und Kirnst bilden den Inhalt des Buches. Unsere realistische Zeit verlangt auch für principielle Darlegungen und abstrakte Erörterungen ein anschauliches Substrat,' diesem Verlangen hat der Verfasser in meisterhafter Weise entsprochen. Dabei tritt die Fülle geistvoller Gedanken in einer Sprache uns entgegen, wohlgeeignet dem Leser ein wirklich ästhetisches Genießen zu vermitteln und bis zum Schluß seine volle Aufmerksamkeit zu fesseln. Nirgends eine Tirade, nirgends ein überflüssiges, wenn auch noch so schönes Citat. Der Verfasser spricht, iveil er uns etwas zu sagen hat; er corri- girt und ergänzt zugleich. Seinem scharfen Blicke entgeht rein wesentlicher Zug in dem fast verwirrenden Bilde des modernen ästhetischen F-ühlcns und Denkens. Dabei vereinigt der Verfasser frische Lebendigkeit und Anschaulichkeit der Darstellung mit Gründlichkeit und Gediegenheit der Gedanken und verzichtet im Interesse der Kürze auf weitläufiges Eingehen in längst erledigte Details. Wir hören ebenso von Nhde wie von Rafael, von Gerhard Hanptmann ivic von Schiller, von Wagner wie von Palestrina, und überall sehen wir das Urtheil fest sich stutzend auf die innere Wahrheit des ästhetischen Objectes selbst. Weil demnach Dr. Müller's Werk durch und durch modern ist, indem es seine Darstellung nicht auf theologischen oder einseitig philosophischen Grundlehren aufbaut und zugleich die neuesten künstlerischen Gebilde in den Kreis seiner Besprechung zieht, so können wir dasselbe speciell für gläubige katholische Kreise nicht warm genug empfehlen. Der lebhafte Widerspruch aus dem anderen Lager wird beweisen, wie nothwendig dieses Buch war für jeden, der sich mit seiner positiven Weltanschauung noch in: modernen Kunstlebcn zurechtfinden will. Dabei macht die leichtverständliche Sprache das Werk auch für ein gebildetes Publikum überhaupt, ohne philosophische Bor-kenntnisse zu verlangen, zur anregenden Lectüre geeignet. Dr. I. M.—B. Jfabella. Eine Erzählung aus der Bretagne. Von Marg. Levray. Mit 26 Originalillnstrationen von E. Vulliemin. Stuttgart, Jos. Roth'sche Ver- lagshandlung. — Preis eleg. brosch. M. 3.20; in hochfeinem Salonemband M. 4,20. Eeines jener seltenen Bücher, das den Leser und namentlich junge Leserinnen von der ersten bis znr letzte)! Seite fesselt, dabei zugleich belehrt uud Geist und Gemüth in edelster Weise befriedigt. Vom Inhalte selbst wollen wir aber nicht allzu viel verrathen: Die Erzählung spielt in den höheren Ädelskreisen der meerumbrandeten Bretagne. Die Charaktere sind flott gezeichnet. Namentlich die Heldin, die junge, reiche Schloßherrin von Kermenenr, ist cme Prachtgestalt, die sich sofort alle Herzen gewinnt. Aber trotz Glanz und Sonnenschein bleiben auch ihr schwere, innere Kämpfe nicht erspart. In lebenswahrer Schilderung entrollt uns die Verfasserin ein Bild von der bestrickenden Macht, die blendende äußere Vorzüge leicht auf ein unschuldiges Gemüth ausüben können. Erleichtert athmet der Leser auf, als endlich der Bann sich löst und der Schluß froh ausklingt. — Dabei hat es die Verfasserin aber auch vorzüglich verstanden, Land und Leute, besonders die wetterharten Seeleute und Fischer der Bretagne naturgetreu zn schildern. Die ganze Erzählung ist in echt christlichem Geiste, rein und gemüthvoll gehalten. — Mit einem reizenden Titelbild und vielen künstlerischen Illustrationen geziert, ist das Buch zumal in seinen! schmucken Aenßern als Festgeschenk vorzüglich geeignet. Wir können daher das Buch für Jung und Alt, besonders aber für die weibliche Jugend nicht warm genug empfehlen. Im Reiche des silbernen Löwen betitelt sich die neue Reiseerzählung von Karl May, die der Deutsche Hausschatz im soeben erschienenen dritten Hefte beginnt. Die zahlreichen Verehrer des beliebten Schriftstellers werden die neue Erzählung, die ebenso spannend zu werden verspricht, wie ihre Vorgänger, freudig begrüßen. Außerdem bringt das Heft die Fortsetzungen der beiden Romane: Im Banne der Kunst von B. Corony und der Roman eines Egoisten von Cbampol, die durch spannende Handlung und feine Charakter-zeichnung unwiderstehlich feffeln. Neben diesen drei Romanen enthält das Heft auch noch die außerordentlich anziehende Novellette von Karl Theodor Zingeler: Ein verhänguißvoller Weihnachtsabend, der uns erzählt, wie ein Offizier am hl. Abend nur durch eine wunderbare Fügung vom Tode errettet wurde. Aus den belehrenden Artikeln heben wir folgende hervor: Knecht Ruprecht und St. Nikolas von Moritz Lilie; drei bedeutsame Weihnachtstage aus derGeschichte > von Dr. F. I. Holly, Etwas über Volkstrachten I von August von Heyden; Dr. Joseph Lingens von ! Rhenanus, der den hochverdienten Centrnmsmann schildert. ! Besonders machen wir auf die drei Artikel: Neue ka- ! tholische Belletristik von E. M. Hamann und H. Keiter aufmerksam. Der Bilderschmuck dieses, dem heil. Weihnachtsfeste gewidmeten Heftes ist überaus reich und schön. Namentlich begrüßen wir die herrliche Kunst- beilage in Farbendruck: Gin seltsamer Fang, mit der der Verlag des Hansschatzes deir Abonnenten eine große Freude bereitet. Adalbert Stifter's Ausgewählte Werke. Volksausgabe in 3 Bänden. Preis gebd. in Halbfranz M. 10,— oder Fl. 6.— ö. W. C. F. Armelangs Verlag in Leipzig. * Von dieser bereits vor Kurzem angekündigten Ausgabe erschienen soeben die Abtheilungen II und III. —- Einen besonderen, den Hauptvorzug bilden bei „Stifter" die glänzenden Naturschilderungen und Landschaftsbe- schrerbnngen, welche diesen Erzählungen einen ganz eigenthümlichen Reiz verleihen und den Leser veranlassen, immer wieder zu der meisterhaften Darstellung zu greisen. — Wir; können die Anschaffung dieser Ausgabe aufs wärmste empfehlen. Verauliv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druckn. Verlag des Lit. Instituts von Haas LGrabherr in Augsburg Ui-. 70. 11. Dez. 1897. M Geschichte des deutschen Volkes seit dem 13. Jahrhundert bis zum AuSgang des Mittelalters von Emil Michael 8. ck.*) -ick. Das Mittelalter ist eine Zeit der aufsteigenden Cultur in großen, weltbewegenden Kämpfen, eine Periode machtvollen Ringens um die höchsten Güter der Menschheit, die glänzendste Entfaltung der Energie des kirchlichen Lebens. In solche Zeit sich zu vertiefen, sie in sich selbst gleichsam nochmals zu erleben und sie in ungeschminkter Wahrheit zu schildern, mag für den Freund seines Volkes die erhebendste Beschäftigung sein. Darum war das Streben der edelsten Geister der Nation von jeher auf eine würdige Geschichte des deutschen Volkes gerichtet. Daß das bisher nur für Theile der deutschen Geschichte gelungen ist, die Schuld daran liegt nicht allein an denen, welche einen Versuch gemacht haben. Jeder Mensch ist ein Kind seiner Zeit, nicht sich allein gehört der Mensch an. Niemand vermag die Schranken der Erkenntniß mit einem Satze zu überspringen. Erst die Arbeit von Generationen ermöglicht einen klareren Blick, gewährt ein treueres Bild der Vergangenheit. Mit gerechtem Stolze dürfen wir es sagen, daß die deutsche Geschichtsforschung seit Dezennien' rastlos arbeitete und mit wachsender Objektivität den Zeugnissen der Vergangenheit gegennbertritt. Die Arbeit des Einzelnen ist freilich nur soviel werth, als sie zur Aufführung des großen, herrlichen Gebäudes der Menschheitsgeschichte beitrügt. Einer der gebannten Söhne Deutschlands, der Jesuit vr. Emil Michael, unternimmt es, dem deutschen Volke in einem groß angelegten Werke einen Spiegel seines Seins und Werdens vom 13.—16. Jahrhundert vorzuhalten. Daß der Verfasser einem Bedürfnisse abhalf und das gebildete Publikum die Gabe mit dem gebührenden Danke aufnahm, zeigt klar der beispiellose Erfolg des Buches, welches innerhalb weniger Monate dreimal neu aufgelegt wurde! Aenßerlich wie innerlich gibt sich das Werk als echtes Geisteskind Jansscns, unseres großen Geschichtschreibers, zu erkennen. Die Darstellung Michaels ruht auf der breiten Basis einer umfassenden Kenntniß der einschlägigen Arbeiten — das Verzeichniß der vollständigen Titel der wiederholt in bedeutend gekürzter Form citirten Werke füllt allein 23 Seiten — und einer Sicherheit des Urtheiles, das deßwegen nicht weniger werth ist, weil es meist mit den Worten Anderer ausgedrückt ist. Unternehmen wir es nun, dein Autor auf dem von ihm gebahnten Wege zu folgen, erfreuen wir uns mit ihm an den Schöpfungen der eigenen nationalen Vergangenheit, und vielleicht gelingt es uns sogar, die eine oder andere stehen gebliebene dornige Ranke zu beseitigen. Wahrlich, nicht Lust am Tadeln, sondern Freude über die herrliche Gabe bestimmt uns, da oder dort eine Aenderung vorzuschlagen. Das Gcsammtbild erleidet dadurch keine wesentliche Aenderung, und das Einzelne — dort Licht, dort Schatten — kann dabei nur gewinnen. Die Einladung des Autors im Vorwort (S. VIII) lautet einschmeichelnd genug: Trotz aller dunklen Erscheinungen, die sich stets im Gefolge schwerer Umwälzungen einstellen, hat das Licht sehr überwogen. ") I. Band. Frciburg i. B.. Server, 1697; 8°; XX, 368 S.: M. 5.-. geb. M. 6.80. I. LandwlrtWaft und Mauern. 1. Die Land wirthschaft. Die Deutschen waren seit ihrer Niederlassung in den wald- und sumpfreichen Gegenden Germaniens ein ackerbautreibendes Volk. Dem freien Germanen ziemte Krieg und Müßiggang, Arbeit aber den Weibern und Unfreien. Die christlichen Glaubensboten lehrten, indem sie selbst arbeiteten und in dem weithin mit Wald bedeckten Lande in ihren Stiftungen von den Deutschen angestaunte wirth- schaftliche Mittelpunkte schufen, die Trägheit überwinden, die ehrliche Arbeit achten und lieben. S. 7—8. An dem Stifte Bcuediktbcucrn wird die gesegnete Cultur- thätigkeit der Söhne des hl. Benedikt so recht klar, ihr volles Verständniß für Zeit und Menschen, ihre liebevolle Sorgfalt für die von ihnen geschaffene Gemeinde Jachcnau. S. 8 — 9. Zeigt dies eine Beispiel den glänzenden Sieg der geistig überlegenen Culiurarbeiter in der Kutte, so haben die Orden der Cisterzienser und Prämonstratenscr eine noch glänzendere Aufgabe gekost in den ostclbischcn, slavischen Gebieten. S. 10. Der Ackerbau stieg, je mehr er emporblühte, in der Werth- schätzung der Zeitgenossen, war er ja eine göttliche Institution. , In diesem Sinne läßt Wernhcr der Gärtner, ein süddeutscher Dichter des beginnenden 13. Jahrhunderts, den alten Helmbrecht zu seinem entarteten Sohne sprechen: „Bebau das Feld, bleib bei dem Pflug, Dann nützest du der Welt genug. Von dir dann Nutzen haben kann Der arme wie der reiche Mann. . . » , Drum treibe nur den Ackerbau. Denn sicher manche edle Frau Wird durch des Bauern Fleiß verschönet. Manch König wird gekrönet Durch des Ackerban's Ertrag. Wie stolz wohl mancher sein auch mag. Sein Hochmuth müßt' zu Schanden werden, Gäb's nicht den Bauersmann auf Erden." Unwillkürlich vergleichen wir die Thatsache, baß der österreichische Herzog Albrecht I. die unter seinen Fahnen dienenden österreichischen Bauern zur Zeit der Ernte heimziehen ließ, mit den gänzlich verschiedenen Erscheinungen der Gegenwart. S. 10—11^ Es ist begreiflich, daß Arbeitskräfte sehr gesucht waren, daß mau den fremden Ansiedler unter sehr leichten Bedingungen als Grnndholden aufnahm. S. 12. Der Landmanu tauschte also um billigen Preis theure Waare ein ; denn das Getreide, worin zumeist die Abgabe drS Grnndholden bestand, stand verhältuißmäßig hoch im Preise. Ebenso wurde der freie Taglohn außerordentlich günstig berechnet; nie war die wirthschaftliche Lage der laudarbcitenden Klassen günstiger als im 13. Jahrhundert. S. 12—13. Bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts erfuhren mit dem Getreide auch die Bodcnpreisc in manchen Gegenden eine 17fache Steigerung, während die Naturäl- lieferuugeu der Hörigen dieselben blieben, so daß also den landbauenden Klassen volle ^ der Grundrente zufielen — das glänzende Resultat der letzten großen Node- epoche in Deutschland. S. 13—14. Die jugendliche Energie jenes kraftstrotzenden Geschlechtes scheute aber auch vor keiner Schwierigkeit zurück: Sümpfe und Moräste, auch Seen wurden in Ackerland umgewandelt, weniger wohl zu menschlichen Wohnungen, wie M. auch beifügt; Teiche wurden auf Bcrgeshöhen angelegt, damit die Niederschlüge in ihnen sich sammeln 486 könnten und durch Befruchtung der Felder wie durch Treiben von Mühlen eine Quelle des Segens wurden für das Thal. Insbesondere die Muster-wirthschaften der Cisterzieuser wurden Ackcrbauschulen für die weltlichen Großen, und noch heute zeigen Deutschlands schönste Wald- landschaften von: Rhein bis Danzig die Trümmer der Cisterzieusercultnr. Kurz, allenthalben erblicken wir eine hochentwickelte Bodeucultur und eine intensive Bewirth- schaftung des Landes. S. 14—15. Der Thatendrang in An- und Ausbau während der Stanfcrzeit überstieg nicht selten die Leistungsfähigkeit des Bodens, indem sich da und dort in Deutschland Orte nachweisen lassen, die als minder glückliche Rodungen und tzofanlagen wieder aufgegeben werden mußten. So geschah es auch mit der Cultur der Traube. S. 15—16. Der Weinbau war seit der Karolinger-zeit stark entwickelt: besonders waren es die geistlichen Grundherr-schäften, durch welche die Pflege und Verbreitung der Traube wesentlich gefördert wurde, „da diese ebenso dem Geheimnisse des Altares, wie dem täglichen Gebrauche diente". Obwohl man versteht, was gemeint ist, ist die Ausdrucksweise wenig glücklich. Wein wurde in ganz Deutschland gebaut, auf der bayerischen Hochebene, in Brandenburg und Pommern, auf Rügen, selbst in Kurland. Der Ertrag war begreiflicherweise ein so geringer, daß der Weinbau deni Garten- und Ackerbau wieder weichen mußte. S. 16, 24—26. Diesen Wechsel der Culturen nennt Lamprecht (Wirthschaftsleben I, 132. 129) nicht „Nachlässigkeit, sondern eine zu weit gehende Energie im Anbau". Endlich darf nicht vergessen werden, daß die geistliche und weltliche Macht nicht ermangelten, dem Landmann und dem Ackerbau ihren Schutz zu verleihen. Friedrich II. erließ 1220 unter Androhung schwerer Strafen, selbst der Acht, strenge Vorschriften zum Besten der Bauern. Verletzungen des kaiserlichen Gesetzes mögen wohl stattgefunden haben. Der Geschädigte rettete in solchem Falle, soweit möglich, seine Habe in das benachbarte Gotteshaus, um sich innerhalb der Kirchhofmaner gegen die Friedensstörer zu wehren. S. 17. Folgen wir nun mit M. dem Bauern des 13. Jahrhunderts in seine Wohnung, seinen Garten, auf das Feld, in den Wald, und vergegenwärtigen wir uns seine Besitzverhältnisse. Die Gehöfte der hörigen Bauern umgaben den Herren- oder Fronhof, wenn sie sich nnt diesem in derselben Dorfmark befanden. Sie waren das Bild des Herrenhofes im kleinen. Das Gehöfte der mittelrhcin- ischcn Franken wurde die herrschende Form bis tief nach Polen und Ungarn hinein. Es waren Bedürfnißbauten, meist aus Holz, wie sie in abgelegenen, zmneist Gebirgsgegenden noch zu finden sind. Im Hofe befand sich der Brunnen, auf dem Dache wurde fast regelmäßig Hanslauch gepflanzt, der die Stelle unseres Blitzableiters versehen sollte. S. 17-18. Nicht selten lebte auch das Vieh unter demselben Dache wie der Bauer. Nicht der unentwickelte Hausbau allein, sondern die hohe Werthschätzung des Viehes spricht sich darin aus. Daß es „mit großer Rücksicht" behandelt wurde, können wir dem Verfasser nicht glauben. Man sehe sich nur die Behandlung des Viehes in der Jetztzeit an: die Herzensbildung der bäuerlichen Bevölkerung, heute wie damals, weiß sich frei von den Sentimentalitäten der modernen Thierschutzvereine, das Vieh wird eben als Vieh behandelt, und das rauhe Leben im steten Kampfe Mit den feindlichen Naturgewalten, nach dieser Richtung wenig beeinflußt von dem sittigenden Geiste des Christenthums, weist oft eine abgrundtiefe Rohheit und Brutalität auf. — Das Wergeld der Hausthiere war nach dem Sachsenspiegel ein ziemlich bedeutendes. Die Zahl der gehaltenen Hansthiere zu ermitteln, ist unmöglich. Die Pflege des Viehes war nach den Ortsverhältnissen verschieden, im allgemeinen der heutigen sehr ähnlich. Großer Werth wurde auf das Weiden gelegt; wer selbst keine eigenen Triften besaß, hatte gegen Entschädigung Zutritt zur Weide „seines" Grundherrn, nicht, wie M. sagt, „eines d. i. irgend eines" Grundherrn. — Die Schweinezucht war so ausgedehnt und geschätzt, daß die Waldungen oft nicht nach ihrem Holzwerthe, sondern nach der Anzahl Schweine taxirt wurden, die sich darin sättigen konnten; die Eichenwälder hatten für die Schweinemast den Vorzug; das Schwein war im Mittelalter bei reich und arm das beliebteste Fleischthier. — Wegen seines Fleisches wie wegen seiner Wolle geschätzt war das Schaf. Ziegen wurden meist nur an Bergwcrksorten gehalten, weil man gefunden hatte, daß ihre Milch den schwindsüchtigen Grubenarbeitern sehr zuträglich sei. — Hühner, Enten und Gänse hatten geringes Wergeld; außerdem kommen auch vor Tauben, Pfauen, Fasanen und Schwäne. S. 30—33. Große Bedeutung hatte die Bienenzucht sowohl wegen des Wachses wie des Honigs. Das Recht des Bienenfanges war unbestritten: wer im Wald einen Bienenschwarm fand, war dessen Eigenthümer., Die mittelalterliche Bienenwirthschaft hatte eine staunenswcrthe Ausdehnung. S. 33. Wir hätten darum gehofft, Ausführlicheres darüber zu vernehmen, die 11 Zeilen auf S. 33 werden der Bedeutung für den mittelalterlichen Haushalt wie für den Gebrauch der Kirche sicherlich nicht gerecht. — In der Nähe der Wohnung und ferne in der Flur lagen die eingefriedeten Gärten, deren Anlage und Pflege seit dem 8. Jahrhundert durch die Benediktiner in Deutschland eingeführt wurde, indem sie römische Culturpflanzen in großer Menge über die Alpen brachten. Es gab Zier-, Heil-, technisch verwendbare Pflanzen, Pflanzen des Gemüsegartens und Obstbänme, welche sämmtlich Albert der Große in seinen „sieben Büchern von den Pflanzen" eingehend und verständnitzvoll beschrieben hat. Mehr verbreitet als heutzutage war der Anbau des Hopfens, -noch mehr aber, wie schon erwähnt, die Cultur des Weines. Dadurch, daß die Mönche, welche zur Gründung eines neuen Klosters auszogen, einerseits die Pflanzen des Mnttcrklosters für die neue Stiftung mit sich nahmen, anderseits wohl auch einmal ein unbekanntes Gewächs aus der Fremde mit heimbrachten, hatten die Klostergärtcn ein gleichartiges Aussehen. Aus ihnen gelangten neue Pflanzen in die Gärten der benachbarten Dörfer. Cisterzieuser brachten von Morimnnd die graue Renette in das Kölnische und nach Thüringen; wir kennen sie — und wer sollte sie nicht kennen! — als Borsdorfer Aepfel. — Auch Treibhäuser treten um die Mitte des 13. Jahrhunderts im Norden auf. Die Gärten erfreuten sich endlich auch der Aufmerksamkeit der Reichsgesetzgebung (Friedrich I. und Otto IV.) und der Rechtsbllcher (Sachsenspiegel und Stadtrechte). Vgl. S. 20—24. Zu jedem Dorfe gehörte eine Feldmark, die getheilte und die ungstheilte. In der ersteren besaß der freie und hörige Bauer eine bestimmte Anzahl von Feldern, Wiesen und Weinbergen. Die letztere, die All- mcndc, umfaßte alles andere zum Dorf gehörige Land. 487 Die Grenzen der Marken, wie der einzelnen ausgeschiedenen Theile, waren sorgfältig abgesteckt; die Beschädigung eines Grenzsteines oder Malbaumes, sowie dessen eigenmächtige Berrückung wurden nach dem Sachsenspiegel schwer bestraft, auch die eigenmächtige Setzung solcher war verboten. S. 19—20. Getrcidearteu waren Weizen, Spelz, Roggen, Gerste, Hafer und Hirse. Seit Karl dem Großen war das System der Dreifelderwirtschaft immer mehr in Uebung gekommen. Für die Bereitung des Brodes diente das Hafermehl zumeist, Weizenbrod aßen nur die besseren Stände. — Bei Herstellung der Ackerwerkzeuge kam durch den Aufschwung des Bergbaues und der Gewerbe das Eisen schon zu häufigerer Verwendung. Nach der Bestellung des Feldes im Frühjahre wurden Aecker und Wiesen, vermuthlich nur soweit sie einer Beschädigung ausgesetzt waren, mit Zäunen umgeben oder „umfangen", auf deren Verletzung hohe Strafe stand. Die landwirtschaftlichen Arbeiten vollzogen sich in derselben Reihenfolge wie heute noch in den von der Natur stiefmütterlich bedachten und bei der Dreifelderwirthschaft älterer Ordnung stehen gebliebenen Gegenden. S. 26—28. Ein Hauptbestandteil der alten Marken war der Wald. Da die weite Ausdehnung des Urwaldes eine höhere Cultur unmöglich machte, so war man Jahrhunderte lang auf die Lichtung und Rodung desselben bedacht. Der starke Verbrauch des Holzes für die Bauten von Häusern und Kirchen, sowie iür landwirtschaftliche Zwecke ließ manchen Orts schon ani Ende des 12. Jahrhunderts an den Schutz deS Waldes denken durch Begrenzung der Holzbcrechtigungen. Was heutzutage vielfach im parteipolitischen Kampfe gegen die Kirche ausgeschlachtet wird, die Festlegung der Holzbcrechtigungen, war eine der nothwendigsten und nützlichsten Maßregeln zum Schutze des Waldes, zur Vorbeugung des Holzmangels. Sämmtliche Rechtsbücher des 13. Jahrhunderts enthalten bereits znm Theil scharfe und weitgehende Schutzbestimmungen für den Wald. S. 29—30. Der Inbegriff aller Nutzungen des Bauern in der getheilten und ungeteilten Mark, einschließlich des Hofes und der Hofgebäude, hieß Mausns, Hübe oder Hufe. Die einzelnen Bauerngüter waren der Größe nach in verschiedenen Ortschaften verschieden, aber in ein und demselben Dorfe ursprünglich immer gleich. Das kleinste ursprüngliche Hufenmaß ist das von 30 Morgen oder Tagwerk, gleich 1 sehr reinliches, ganz weißes Haus. Vor kurzen: erst war es mit einen: neuen Kalkkleide beschenkt worden. Kräut- chen und Blümchen bedeckten sein Dach, gleich als ob ein mit Laubwerk durchwirkter Schleier darüber geworfen worden wäre. Durch sein offenes Thor sah man in den Hosraum (patio), der sich zu einem Blumenkörbe gestaltet hatte. Der schöne Anblick, den das Haus bot, konnte mit einen: aufrichtigen Menschen, der unverhohlen ein Herz poll^Nntchuld und Fröhlichkeit zeigt und sehen läßt, verglichen werden. Mau schaute dort Rosen in ihren Farben, weiße, rothe und gelbe, wie Schwestern in verschiedenem , Gewände. Die Lilie — diese deutsche Blume, die so frühe blüht — verneigte sich unempfindlich und traurig in ihrem bescheidenen Kleide. Die zarten Veilchen deckten sich unk , °) Fernan Caballero's Eltern verehelichten sich im Frühlinge 1796. Vergl. Kölnische Volkszcitung von: 15. Sept. 1897, ksir. 673, drittes Blatt. o) RolLvioiws vor Ikermm Caballero, Brvckhans, Leipzig 1876. S. 151 7 . weiß sie den kindlichen Ton jener echten Romantik, welche sich von der tröst-, that- und hoffnungslosen Weinerlich- keit des in die moderne Literatur cingeschlicheucn Pessimismus frei erhält, zu treffen. Verletzender Spott und beleidigende Satire war nie ihre Sache. Die Geißel der Satire schwingt sie stets nur mit einer gewissen Heiterkeit und Freundlichkeit. Wie köstlich z. B. nicht ist die Per sisiage, mit welcher sie durch eine alte Matrone den aufgeklärten Don Narciso in der „Ella" in die Enge treiben und zurechtweisen läßt. „Tenor Narciso," sagte die strengconservalive Assistentin, „ich sehe, daß Sie keine Religion haben, lassen Sie doch börcn. Glauben Sie an Gott:" „Aber Senora," erwiderte der Pbilosoph, „mir scheint diese Prüfung wenigstens nicht an: Platze." „Anlworten Sie," versetzte die Assistentin lebhaft, „denn ich bin neugierig wie eine Alte, die ich bin, und eigenwillig wie eine Schöne, die ich nicht bin. Glauben Sie also an Gott?" «Ja, ja, Senora, ich glaube au ein höchstes Wesen." 490 „Unbestimmter- Ausdruck. Aber weiter, glauben Sie an den Himmel?" „Ich glaube an einen Aufenthalt der Gerechten." „Vages Wort! Aber weiter, glauben Sie an das Gebet und seine Wirksamkeit?" „Ich glaube daran: wir sollen den Schöpfer preisen, wie es die Vögel bei Sonnenaufgang thun!" „Schöne Muster der Andacht! Aber die Wirksamkeit?" „Ich glaube nicht an einen unmittelbaren Erfolg; es ist eme Anmaßung, zu glauben, daß die Gottheit sich soviel mit uns beschäftige und an unseren individuellen Interessen Antheil nehme." „Weßhalb beten Sie denn?" „Ich bete, ohne kindische Anforderungen zu machen; mein Cult ist ein Dank- und Lobhymuus . . „Gewiß," sagte die Assistentin, „Ihr Katechismus ist von neuer Erfindung, und ich lasse mir die Ohren abschneiden, wenn Sie ihn dem Volke verständlich mache» können, und die Nase, wenn Sie ihn selbst verstehen." Wann die Dichterin in künstlerischer Vollendung die revolutionäre, antikatholische Verpestung ihres heißgeliebten Volkes schildert, so unterläßt sie es niemals, auch diesem düstern Bilde einen heitern Hintergrund zu verleihen. Ich erinnere hier unr an das Gespräch der vorhin erwähnten Assistentin in der „Ella" mit ihrem Neffen Carlos über die lange Nase König Ferdinands VII. und die vcrheirathcteu Bischöfe Englands. Ein nicht zu unterschätzender Vorzug der ltterarischen Erzeugnisse Fernan Caballero's ist ferner der keusche, züchtige Geist, der durch dieselben weht. Ebenso ist allen ihren Werken, selbst denen des späteren Alters, eine gewisse natürliche Frische und anregende Lebendigkeit eigen. Es liest sich alles so leicht und fesselnd, so daß, hat man einmal eine ihrer Erzählungen zu lesen angefangen, man nicht eher mit der Lektüre derselben aufhören will, als bis man zu Ende gekommen. Für volksthümliche Redewendungen, spanische Sprichwörter, andalusische Sagen und Legenden sind Ca- ballcro's Schriften eine unerschöpfliche Fundgrube; denn die auftretenden Personen sind sämmtliche aus dem wirklichen Leben genommen, darum paßt aber auch vollständig auf ihre Dorfgeschichten das spanische Volkslied: tomilla z? romvro Lls buslss, vina," ...,Oomo vsvAo äsl oampo Xo es waravllla."'-*) (Schluß folgt.) Historisches Jahrbuch. XVIII. Band. x.y. Nach den Ideen der Gründer der Görres- gesellschaft sollte dieselbe zunächst bestimmt sein, die Wissenschaft im katholischen Deutschland zu pflegen. Znr Durchführung dieses großen Planes wurde u. a. auch ein eigenes Organ für die geschichtlichen Studien geschaffen, indem gerade auf historischem Gebiete seit den Magdeburger Centurien die Angriffe gegen die von Christus gegründete Kirche fast znr Tagesordnung zu gehören scheinen. Daher kann es nur freudig begrüßt werden, wenn das „Historische Jahrbuch", welches im Auftrage der Görres- gescllschast und unter Mitwirkung von Hermann Graucrt, Ludwig Pastor, Gustav Schnürer, Carl Weyman von Joseph Weiß herausgegeben wird, seinen XVIII. Jahrgang glücklich abgeschlossen hat. Unter den größeren Aufsätzen sei vor allein erwähnt: „Der geistige Entwicklungsgang Joh. Ad. Möhlcrs" aus der Feder des Uni- versitälsproseffors Ritter v. Schmid in München, worin klar gezeigt wird, wie sich der reich veranlagte, gemüths- tiese Verfasser der Symbolik mehr und mehr empor arbeitete und losriß von den Anschauungen einer sogen. *) „Rosmarin und Thymianstrauch Trägst Du. Kind, im Kleide." „„Wunderst Dich? Ich komm' ja auch V'rade von der Heide."" aufgeklärten Theologie, welche im Cultus das Lehrhafte allzusehr betonte, die historische Entwicklung dagegen außer Betracht ließ. Als Jubiläumsgabe mag betrachtet werden die Arbeit Dnhrs über die Wirksamkeit des ersten Jesuiten auf deutschem Boden, nämlich des Petrus Faber, welcher durch die geistlichen Uebungen den Petrus Canistus für den neu gegründeten Orden der Gesellschaft Jesu gewann (8. Mai 1543) und so den Boden bereitete für die umgestaltende Thätigkeit des zweiten Vonifatins. Grauerts „Neue Dante-Forschungen" sind leider nicht abgeschlossen: denn auf den Aufsatz S. 58, mit l versehen, folgte im laufenden Jahrgange kein II oder III. Und doch sollte es redaktionell vermieden werden, ein Thema über mehrere Jahresfolgen hinaus zu vertheilen. Daß aber Granert gerade in der Dante-Literatur sehr reichen Stoff zur Verfügung hat, beweisen seine gehaltvollen Ausführungen in den Historisch-politischen Blättern. Einen principiellen Kampf führt Schnürer gegen Lamprechts evolutionistische Geschichtsauffassung, gemäß welcher es einen Endzweck der menschlich-freien Entwicklung nicht gibt. Im Interesse der katholischen Weltanschauung hätten wir gewünscht, daß Schnürer Seite 111 seinem Gegner näher auf den Leib gerückt wäre mit der Gegenfrage: Wenn die katholische Kirche nur eine menschliche Einrichtung ist, wie Lamprecht in seiner Deutschen Geschichte behauptet, wie kommt es denn, daß diese Kirche alle Stürme des Mittelalters, der Glaubensspaltung und der französischen Revolution glücklich überdauert hat, während es nach demselben Forscher „zu den verhängniß- vollsten geschichtlichen Irrthümern der Gegenwart gehöre, zu glauben, daß wir heutzutage noch mit der Geistes- cultnr der Reformationszeit durch unmittelbare Zusammenhänge verbunden seien"? — Wohl den größten Reiz üben auf den Leser des Historischen Jahrbuches die Auszüge aus den verschiedensten Zeitschriften des In- und Auslandes, welche einen Ueberblick gewähren über den Stand einer historischen Frage und zu weiteren Nachforschungen anregen. In nicht zu unterschätzender Verbindung damit steht die No- vitätenschau, welche alle neuen Publikationen auf dem umfangreichen Gebiete der Kirchen- und Staatsgeschichte, der Cultur- und Kunstgeschichte u. s. w. anzeigt, oft auch den Werth oder Umverth eines Buches kurz charakterisirt. So bietet das Historische Jahrbuch in 1006 Seiten deS XVIII. Jahrganges ein sehr reichhaltiges Material, und ist es im Interesse der katholischen Wissenschaft nur zu wünschen, daß die Zahl der Abonnenten sich steigere. Im Jahre 1895 betrug dieselbe 362, im Jahre 1896 trat eine kleine Minderung auf 359 ein. Unangenehm berührt hat uns im letzten Baude der Name eines altkatbolischen Professors aus Bonn als Mitarbeiter. Das Historische Jahrbuch soll doch nach seiner Grundidee ein Sammelplatz für kathol. Historiker sein; die Mitglieder der Görres-Gesellschaft haben vor allem den Nachwuchs jüngerer kathol. Kräfte im Auge, wenn sie durch ihre Jahresbeiträge die Wissenschaft rm kathol. Deutschland pflegen und tördern wollen. Entschiedenheit muß herrschen, wenn es gilt, dein Vorwürfe geistiger Jnferiorität der Katholiken die Spitze zu bieten! Neceusrvuen und Notizen. Petrus Canisiu Z. Oratorium in sieben Bildern. Für Solo und Chor mit Klavierbegleitung. Deklamation und Lieder gedichtet von B. Wörner. Compo- sition von A. Hämel. vp. 12. Regensburg, Fr. Pustet. 1897. Preis: Partitur und Textbuch 4 M. 40 Pf. Stimmheste ä 60 Pf. Die Dichtung dieses schönen Werkes stützt sich auf sieben Hauptmomente aus dem Leben des seligen Petrus Canisius, der so erfolgreich in Deutschland für die Erhaltung des katholischen Glaubens zur Zeit der Reformation gewirkt hatte. Darnach gestalten sich auch die lebenden Bilder, welche folgende Szenen bieten: I. Petrus CanisinS nimmt Abschied von seinem Vater. II. ») Canisius kniet betend vor dein Grabe des hl. Petrus: I>) Christus mit den zwei Aposteln erscheint Canisius. III. Canisius lehrend imnitte der Kinder. IV. Canisius beim Neligionsstreit. V. Canisius vor den: Bayernherzog Albrecht, umgeben von den Bischöfen von Regensbnrg und Augsburg. VI. 491 Canisins vor dem Kaiser Ferdinand. VII. Canisins in der Verklärung. — Wenn in dem Gedichte an einer Stelle die Stadt Straubing mehr hervorgehoben wird, so hat dies seinen Grnnd darin, daß die ganze dichterische und musikalische Schöpfung in erster Linie zu einer besondern Centenarfeier des Seligen in dieser Stadt bestimmt war, in welcher er auch längere Zeit mit außerordentlichem Segen gewirkt hatte. Auch Dichterin (Ll. Bernarda Wörner, Nonne des Ursuliueriuucnklosters) und Componist (Lehrer und Stadtvsarr-Organist A. Hämel) gehören Straubing an. — Die Dichtung bewegt sich in edler, schwungvoller Sprache, ist von tiefer Empfindung getragen und reich an herrlichen Ideen. Ebenbürtig steht ihr die Musik (20 Nummern) zur Seite. Der Componist verstand es, die in die Deklamation eingeschalteten Lieder und Gesangstexte init entsprechendeil und die Stimmung gut inter- pretirenden Melodien und Harmonien zu umkleiden. So ist prächtig und höchst wirksam Z. B. das Obcrquartett ,,Kindesunschuld, Kindesglaube", das Tenorsolo ,,Und wenn rch zu ihm ging", und mächtig ergreift der gewaltige Schlußchor /I'u 68 kktnw" mit Alleluja. Die erste Aufführung erfuhr dieses Oratorium am 16. November zu Metten durch den Stndienchor, bloß mit Klavierbegleitung und Streichguintett, und mit vorzüglich arrangirten lebenden Bildern. Die Ausführung gelang sehr gut und die überaus zahlreichen Zuhörer waren des Lobes voll. Den größten Erfolg errang das Werk in Straubing selber, wo die Centenarfeier am 22. November unter außerordentlicher Theilnahme von nah und fern begangen wurde. Personen aus allen Ständen und Berufsklassen hatten sich zusammen- um eine würdige Vorführung des Werkes zu ereil. 140 Sänger und Sängerinnen, darunter eine Elite von Solisten und Solistinnen, nebst einem 60 Mann starken Orchester betheiligten sich daran und halfen unter der Direktion des Componisten zur vorzüglichen Ausführung. Wie bekannt wurde, wird das Werk auch bald in Würzburg und in Nymwegen, dein Geburtsorte des sel. Canisins, zur Aufführung gebracht werden. 8. U. Kornmüller. gethan, möglich DerenglischeFamilienbrief.—Der französische Familienbrief, beide von W. Ulrich. — Der italienische Familienbries, von Professor RomeoLovera. Stuttgart, 1697. JosephRoth'fche Verlagshandlung. Preis elegant in Ganzleinen gebunden L 1 M. 50 Pfg. 8. Wer die oft geradezu lächerlich unpraktische Methodik des neusprachlichen Unterrichts an unseren humanistischen Lehranstalten kennt, wird uns verstehen, wenn wir offen bekennen, daß wir zwar fast ein halbes Dutzend von Jahren auf der Schulbank Französisch getrieben hatten, und dies sogar mit Interesse, daß wir aber trotzdem unfähig waren, einen ordentlich stilisirten Brief nach Frankreich zu schicken. Und war es auch nur eüle kurze Bitte per Postkarte, es war uns nie gelehrt worden. Gewiß haben sich auch andere schon in derartigen Verlegenheiten befunden, und da die betreffenden Grammatiken über den Briefstil entweder nichts oder, ivie die der Methode Gaspcu-Otto-Sauer, nur Ungenügendes enthalten, dürfte mancher Leser für einen Hinweis auf die citirten, ebenso geschmackvoll ausgestatteten, wie praktisch angelegten Bändchen dankbar sein. Sie geben eine (restliche Anleitung, Billete und Briefe in den genannten Sprachen schreiben zu lernen. Die 70 bis 80 ganz dem Leben abgelauschten Briefe jedes Bündchens sind sprachlich durchaus corrsct und edel: für Anfänger sind schwierigere 'Ausdrücke am Schluß der Briefe kürz erklärt: der Inhalt ist ganz aus dem Gesichtskreis eines Eingeborenen des betreffenden Landes genommen. Letztere Eigenschaft bemerken wir besonders an dem soeben ausgegebenen Büchlein Lovera's „Der italienische Familienbries". Durch dessen Schilderungen über italienische Eigenthümlichkeiten und Reiseorte (Weinlese, Vogelfang, Venedig u. ähnl.) lernt der noch Ungeübte neben dem Briefschreiben auch noch ein Stück fremder Anschauungsweise kennen. Uebcrhaupt verräth die Auswahl pädagogische Fachmänner und Lehrer. Die Briefe berühren so zahlreiche Anlässe des Familien- und gesellschaftlichen Lebens (nur erotische und Handelsbricfe sind ausgeschlossen), sind so fein und elegant stilisirt, daß die Büchlein nur bestens empfohlen werden können. Nicht zum mindesten bilden sie ein recht praktisches Weihnachtsgeschenk für Schüler und Schülerinnen, und auch Lehrer werden diese Büchlein nicht ohne Stutzen für ihren Unterricht verwenden. Dr. Karl Storck, Deutsche Literatur-geschichte. Für das deutsche Hans. Stuttgart, Vertag von Jos. Roth. 1898. XVI -ft 504 S. Preis 3,20 M„ eleg- geb. 4,20 M. 8. Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur zu schreiben und dabei nicht trocken und langweilig werden, ist gewiß eine Kunst. Storck, der junge vielversprechende elsässische Gelehrte versteht sie und liefert den Beweis in obiger „Literaturgeschichte für das deutsche Haus". Sie ist ausgezeichnet durch lebendige Darstellung, durch flüssige Sprache, und dabei durch gewissenhafte Forschung, und eignet sich so sehr wohl für die deutsche Familie. Üin so mehr, als der Verfasser auf christlichein, katholischem Boden steht, ohne daß er deßhalb Andersgläubige schief beurtheilt (man vergl. nur, was er über die „wichtigste Geistesthat Luthers", die Bibelübersetzung, sagt S. 136 ff.). Einen besonderen Werth scheint uns Storcks Werk zu haben durch die Darlegungen der geistig treibenden Kräfte, die auf ganze Zeitalter und einzelne Gruppen bestimmend einwirkten. Storck faßt seine Aufgabe tief, er begnügt sich keineswegs mit Aufzählung von Namen und Daten, sondern zeichnet feine Gestalten auf ihrem kulturhistorischen Hintergründe. Das thut er besonders in den trefflichen Uebersichten und Einleitungen, von den ältesten Zeiten bis zu den „Modernsten" dieses Jahrzehnts. Vielleicht dürfte da der Verfasser manchmal sogar etwas zu viel gethan haben, so z. B. sind die SS. 147 ff. (Zerrüttung durch den 30jährigen Krieg) doch eigentlich ein kleb ergriff in die Culturgeschichte. Sonst hätten wir noch auszusetzen, daß die „Heroen" Goethe u. s. w. zu günstig taxirt sind; einen Menschen wie Goethe, der in Leben und Dichtung jenseits von Gut und Bös war, braucht man nicht eben so zimpfcrlich anzufassen, und Schiller niag der „erste dichterische Führer seines Volles" sein, wahr ist aber anch, was Böhmer einmal aussprach, daß er unserer Literatur viel geschadet hat. Die Mystiker am Ende des Mittelalters sind etwas kurz vorgenommen; die Abhandlung über altfranzösische Literatur S. 55 ff. ist unseres Erachtens zu ausführlich. Die alt- uud mittelhochdeutschen Versformen wären durch Beispiele passend illustrirt worden. Wielauds Heimath Oberholzheim liegt nicht bei Biberach, wenn es auch noch vielmal so gedruckt wird, sondern eher bei Ulm. Doch das sir^ schließlich weniger gewichtige Ausstellungen. Jni übrigen ist das Buch bestens zu empfehlen. Nicht zum mindesten wird es ein wegkundiger Führer sein in der Literatur der letzten Jahrzehnte. Es bildet ein recht praktisches und hübsches Weihnachtsgeschenk. Ausstattung und Druck sind ausgezeichnet, der Preis wäre bei einer anderen großen Verlagshandlung Snddculschlands mindestens um 1 M. höher. IH Mit dem vorliegenden Hefte beendet die Miss! ons- Zeitschrist „Kreuz und Schwert" ihren 5. Jahrgang. Dieser letzte Jahrgang zeichnet sich besonders durch Vermehrung der Illustrationen aus. Wer ein Jahr lang die vielen interessanten Original-Berichte aus unserem Kolonialgebiete gelesen hat, muß Interesse gewinnen an der so fruchtbaren Culturarbeit unserer katholischen Missionäre. Alle Missionen, die uns interessiren, bedienen sich dieser Zeitschrift, weßhalb sie sich mit Recht als das Centralblatt für die gesammtc Missionsthätigkcit auf dem deutschen Gebiete betrachten kaun. An milden Gaben für Missionszwecke hat der Herausgeber wieder rund 20,000 Mk. gesammelt und damit abermals die große kulturelle Bedeutung der Zeitschrift bewiesen. Möge der neue Jahrgang dem Herausgeber neue Freunde bringen! (Man abonnirt für 1,60 Mk. bei jeder Post und Buchhandlung. Herausgeber: W. Helmes, Münster i. W.) Die Encyklika über die Arbeiterfrage. Festspiel für kathol. Arbeitervereine von I. E. G. H. Augsburg, Kranzfelder'sche Buchhandlung. 52 S. 50 Ps. b. Der Gedanke, diese hochbcdeutsame Encyklika auf die Bretter zu bringen, ist originell und neu. Die Verfasser fühlen warm für die Vereinssache und das christliche Arbeiterprogramm Leo's. Die edlen Gedanken sind 492 schön gefaßt, die Sprache ist bewegt, der Zweck ist ein lobenswerther: Organisation und Presse auch um der Arbeiterkinder willen. Es fehlt nicht an .Handlung. Die Ausführung, die einfachste Scenerie und Kostüme fordert (9 Personen), ist nicht schwer. Deßhalb sei das Büchlein zur Aufführung in Arbeitervereinen bestens empfohlen. Horns ckiurna« Ursviarii romani. Pustet, Regens- bnrg. 5. Auflage. 32°. ' Wie alle Ausgaben liturgischer Bücher im Pustet- scheu Verlage, ist auch das Diurnale durch einen außerordentlich sauberen und klaren Druck ausgezeichnet. Die neueste Gabe in 32° trägt die Druckerlaubnis; des Hoch- würdigsten Herrn Bischofes Jgnatins von Negensbnrg und für das Proprinm jeder Diöcese die Approbation der jeweiligen kirchlichen Behörde. Als besonders praktisch möchten wir hervorheben, daß die Psalmen der kirchlichen Tageszeiten noch in Separatdrnck im gleichen Formate beigegeben werden, so daß sie vom Buchbinder begncm gesondert geheftet und in das Buch eingelegt werden können. _ Entwurf eines Besitzstener-Gesetzcs. Zugleich ein Nachtrag zu des Verfassers Schrift: „Mittelstand und Besitzsteiier". Von Gg. Killer- mann, kgl. Landgerichtsrath a. D. in München. I. Schweißer Verlag (Jos. Eichbichlcr) München 1897. Gr. 8". 3 Bogen. Preis 6v Pfg. (Gegen Einsendung von 65 Pf. franco unter Streifband.) Der Verfasser geht auch in dieser seiner Schrift von den Gedanken aus, daß eine den Wünschen der Bevölkerung entsprechende gerechte Besteuerung vor Allem die Schulden der Steuerpflichtigen und die Familienvater mit unversorgten Kindern zu berücksichtigen habe, das un- fnudirte Arbeitcreinkommen geringer als das fnndirte Ncnteneiukommen belasten mäste, jedem physischen Steuersubjekte den sogen. Nolbbedarf steuerfrei belassen und zugleich die Krankheits-, Arbcits- und Geschäftsvcrhältnstse, resp. die dadurch bedingten Verdienst- und Einkommens- verhältnisse der Steuerpflichtigen ins Auge fassen soll und tritt nun den Beweis, daß alles dieses durch die, alle gegenwärtigen direkten Stcnerartcn in sich schließende und daher entbehrlich machende, trotzdem aber äußerst einfache, leicht einsührbgre, nicht kostspielige, unabwälzbare und elastische Besitzsteuer erreicht werden kaun, dadurch an, daß er als Nachtrag zu seiner oben genannten früheren Schrift für ein Besitzstcnergesetz die bezüglichen Paragraphen entwirft und durch Vorführung mehrerer aus dem Leben gegriffener Beispiele und Bezugnahme auf die einzelnen Paragraphen deren praktische Anwendung zeigt. Da dieser Entwurf gleich den gewählten Beispielen sich nicht nur auf die Landessteuern, sondern auch auf die Kreis-, Distrikts- und Gcmeiudeumlageu erstreckt, so ist er sowohl höchst praktisch, als auch zur nun möglichen Beendigung der stets wiederkehrenden und aufregenden Steucr-Revjsjonen und selcht zur endlichen Verwirklichung der allgemein ersehnten Steuerreform geeignet. Durch die Wichtigkeit der Sache und die objektive, klare und überzeugende Behandlung derselben dürfte sich somit die höchst zeitgemäße Schrift wohl empfehlen. Der selige Petrus Canisius. zweiter Apostel Deutschlands. Bearbeitet von A l. Knüppel, Hauptlchrer in Rheydt. Mit kirchl. Approbation. 8. (X u. 236 S.) Mainz, Verlag von Frz. Kirch- heim. 1897. Preis geh. 2 M. Das VII. Bündchen der von Dr. W. E. Hubert herausgegebenen Sammlung „Lebensbilder katholischer Erzieher" gibt eine sehr zeitgemäße Biographie des sel. Petrus Canisius. Zwar hat uns das Jahr 1897 aus Anlaß der 300jährigen Wiederkehr des Todestages des Seligen eine ganze Reihe gediegener Darstellungen seines Lebens gebracht. Allein, „weil Canisius ein Erzieher von Gottes Gnaden war", wie der Verfasser mit vollsten» Rechte in der Vorrede sagt, darf sein Leben in der vorgenannten Sammlung nicht fehlen. In klarer, einfacher, aber warmer Sprache wird sein Leben in 5 Büchern dargelegt, von denen das erste, die Jugendzeit des Seligen, das folgende seine Wirksamkeit in Bayern und Oesterreich und das dritte seine ausgedehnte kirchenpolitische Thätigkeit behandelt. Das vierte Buch ist der Thätigkeit des sel. Canisius für die Ausführung der Beschlusse des Concils von Tricnt gewidmet, während das fünfte Buch uns mit dessen Lebensabend und schriftstellerischer Thätigkeit bekannt »nacht. Daran schließt sich ein Rückblick, der in drei Kapiteln die pädagogische Bedeutung des Seligen und seine Bedeutung für Deutschland und jeden Christen schildert. L. 8. Historisches Jahrbuch der Görresgesellschaft. Herausgegeben von V»-. Jos. Weiß. Commissionsverlag von Herder u. Cie. in München. (Jährlich 4 Hefte, zns. 12 M.) XVIIl. Jahrgang. 4. Heft. Inhalt: Aufsätze. L auch ert. Der Dominikaner Wigaud Wirt und seine Streitigkeiten. Duhr, Der erste Jesuit auf deutschem Boden, insbesondere seine Wirksamkeit in .Köln. Weiß, Der Streit über den Ursprung des Siebenjährigen Krieges. II. Roth, Adolf von Breithart, .Kanzler zu. Mainz, j- 1491. Müller, Zur Geschichte Jamnitzers. — Recensionen und Referate. Vardcn- hcwer, Patrologie (Ehrhard). Zöcklcr, Askese und Mönchthnm Bd. 1. (Ehrhard). Klopp, Der 30jährige Krieg bis z. Tode Gustav Adolfs 1632. Bd. 3. (Fischer). Kehrbach, lstouvm. Osrmav. UaöckaKvZstea Bd. 12, 14, 16(Orterer). — Zeitschriftenschau.— Novitäten- s ch a u. — Na ch r i chten. Erstkommuuionglöcklein von Pros. G. M. Sommer, Benestciat u. Gymnasiallehrer in Bcnsbeim. Erwägungen, Belehrungen und Andachtsübnngen für fromme Erstcommunionkinder. Zweite verbesserte Auflage. Mainz, Verlag von Frz. Kirch- beini. 1893. Preis in Callicobänd mit Nothschnitt M. 1.-. Ein praktisches Büchlein für die Hand des Kindes, das sich gut znr ersten hl. Communion vorbereiten will. Aus dem Büchlein weht eine große Wärme und Hingebung für die Jugend; die Ausstattung ist sehr nobel und der Preis niedrig. (Pädag. Monatshefte, Stuttgart 1896.) Cochem, k. M. v., Orck. vap., Goldener Himmelsschlüssel. Neu bearbeitet von 8. Benedict von Calcar,' Orä. 6ax. Mit kirchlicher Approbation. Mainz, Verlag von Frz. Kirchheim. 1897. Sechste Auflage. Preis geh. M- 2.—. Der Verfasser schreibt in der Vorrede: „Ich zweifle gar nicht, daß Du Dich bei fleißigem Gebrauche dieses Buches zur wahren Andacht ermuntert und in Deiner Seele getröstet fühlen wirst. Vorzüglich aber habe ich dieses Buch aus Mitleid für die leidenden Seelen im Fegfeuer und aus Verlangen, ihnen in ihre»» Qualen zu Hilfe zu kommen, geschrieben, weßhalb ich denn auch fast alle Gebete und Andachten ganz besonders zur Hilfeleistung imd Erguickung der armen Seelen eingerichtet üabe. Ich bin fest überzeugt, daß der fleißig gebrauchte Himmelsschlüssel mancher gefangenen Seele ine Pforte des Fegfeuers erschließen und das goldene Himmelsthor zur ewigen Freude eröffnen wird." . ' Waldesrauschen. Geschichten aus den» Volke. Von Otto v. Schachtn«. Mit zwei Photogravüren und dem Bildniß des Verfassers. Regensburg, Nationale Verlagsanstalt (früher G. I. Mauz) 1897. Laderwreis brosch. 3 M., geb. 4 M. * In zwei Erzählungen schildert der Verfasser das Leben und Treiben, Sinnen und Denken, die Sitten und Gebräuche der Landbewohner der Oberpfalz, theiliveise im Dialekt. Die Erzählungen sind sehr spannend geschrieben und halte»; das Interesse des Lesers von Anfang bis zum Schlüsse wach. _ Soldatengcschichten von Ludwig Diehl. Stuttgart, Verlag von Strecker u. Moser. " Das Bündchen enthält Ernstes und Heiteres aus dem Soldatenlcben und bereitet dem Leser viel angenehme Unterhaltung. . Veranlw. Redacteur: Ad. Haas i»; Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabberr in Augsburg. 71 . Wage zur Aligsömgtl Weitung.»^ Geschichte des deutschen Volkes seit dem 13. Jahrhundert bis zum Ausgang des Mittelalters von Emil Michael 8. il. (Fortsetzung.) 2. Die gesellschaftliche Stellung der Bauern. Dafür wurde von weittragender Bedeutung die christliche Lehre über Pflicht und Ehre der Handarbeit und über die Gleichheit aller Menschen. Ueber dem Kampfe der Kirche gegen die heidnische Sklaverei mutzten naturgemäß Jahrhunderte vergehen, bis die Macht der Wahrheit und Gerechtigkeit im öffentlichen Leben des deutschen Volkes ihre Wirkungen äußern konnte. Im Zeitalter der Karolinger kann die Sklaverei als beseitigt gelten. S. 37—38. Es hatte sich indessen vielfach durch die Bedrückungen seitens der Großen eine Art jüngere Leibeigenschaft gebildet, ein nicht mehr so entwürdigendes, aber immerhin sehr hartes Dienstverhältniß. Auch dieses verschwand in manchen Gegenden während des 12. Jahrhunderts gänzlich, indem zum Heile der Seelen oder bei festlichen, freudigen Ereignissen unfreie Leute oft schaaren- wcise freigegeben wurden. „Mit meinem Sinn, sagt der Verfasser des Sachsenspiegels, kann ich es nicht begreifen, daß jemand des andern eigen sei; auch haben wir darüber keine Urkunde." Aehnlich auch der Schwabenspiegel. S. 39-41. Verschieden von diesem Zustande der Unfreiheit ist die Hörigkeit. Infolge anhaltender Kriege in der späteren Karolingerzeit trugen bei dem gänzlichen Mangel einer starken Reichsgewalt viele ärmere, freie Bauern ihre Landstellew mit Vorliebe geistlichen Großen anf, um sie mit dem Versprechen des Schutzes gegen Entrichtung gewisser Abgaben als Lehen wieder zurückzubekommen. So war das wtrthschaftliche Fortkommen des Bauern gesichert und seine persönliche Freiheit gerettet. S. 39. Noch andere Umstände begünstigten die Besserung des Looses der dienenden Klaffen, zunächst die Kreuzzüge. Der Kreuzfahrer trat mit seiner Familie, Hans und Hof unter den unmittelbaren Schutz der Kirche. Viele tüchtige Arbeiter verließen, durch solche Aussichten angelockt, die Heimath, was einen wohlthätigen Einfluß anf die Lage der Zurückbleibenden ausübte. Der Gutsherr sah sich zur Verhütung größerer Verluste genöthigt, Schonung zu üben und mancherlei Milderungen eintreten zu lassen. Daher datiren die vielen Freilassungs- nrkunden aus der Zeit des zweiten und dritten Kreuz- zuges. S. 41—42. Dazu kamen die niederländischen Kolonien im spärlich bevölkerten Norden und Nordosteu des heutigen Deutschland. Erzbischof Friedrich von Bremen gewährleistete den dort Zugewanderten die persönliche Freiheit, das Recht der Erbfolge und selbstständige Gerichtsbarkeit. Der ersten folgten bald weitere holländische Niederlassungen, welche mit dem Segen der Entlastung für die deutsche Bevölkerung dieser Gebiete verbunden waren. Die Klöster und geistlichen Fürsten sahen bald die ungleich vortheilhaftere Bewirthschaftung ihrer Ländereien durch freie Leute ein. Auch neue, rein deutsche Ansied- lnngcn erfreuten sich der den Holländern gewährten Vergünstigungen. Unter solchen Umständen wurde der einzelne Arbeiter um so wcrthvollcr, je mehr sich die Ge- sammtzahl verringerte. Um die Zurückgebliebenen sich zu erhalten, mußten sich die Gutsherren zu Versprechungen und Erleichterungen verstehen. S. 42—43. Endlich kam dazu die Anziehungskraft der sich entwickelnden Städte. Die Städte, welche an der Steigerung ihrer Einwohnerzahl ihr Interesse hatten, fragten nicht nach der persönlichen Stellung der Zugewanderten, sie gewährten ihnen ihren städtischen Schutz, ursprünglich auch dem Unfreien das Bürgerrecht, später Aufnahme als Pfahlbürger. Hatte der Gutsherr nicht binnen Jahr und Tag nach der „Landflucht" seinen Hörigen zurückgefordert, so machte ihn die Stadtlnft ohne weiteres frei. S. 43—45. Doch darf man sich die Auswanderung in die Städte lange nicht so stark vorstellen, als man das geneigt war, bevor man annähernd ziffcrmäßig die Größe der städtischen mittelalterlichen Bevölkerung kannte. Durch die Freilassungen seitens der Herren, durch Selbstbefreiung auf dem Wege des Loskaufes oder der Landflucht hat sich der keineswegs verachtete Stand des freien Gesindes oder der Dienstboten, auch Ehehalten, entwickelt, welche sich durch den Gesindevcrtrag auf bestimmte Zeit gegen einen festen Lohn verdingen. S. 45-46. „Aus dem Zusammenwirken der geschilderten Verhältnisse ergab sich eine bedeutende Erleichterung für die niederen Schichten der Bevölkerung, und wenn religiöse Rücksichten nicht im Stande waren, einen Grundherrn zur Milde zu stimmen, so wurde er häufig durch die äußeren Umstände gezwungen, die Lasten seiner Arbeiter zu ermäßigen. ,So geschah es denn, daß während des 12. und 13. Jahrhunderts in Bezug auf die dienende Klasse der Landleute eine große Veränderung vorging. .... Am Schlüsse des 13. Jahrhunderts waren die leibeigenen Handwerker in Deutschland verschwunden, und mit Ausnahme der ehemals slavischen Länder fand man Hörigkeit nur noch in geringer Zahl?" S. 47. Den Schlußsatz können wir nicht unterschreiben. Nicht einverstanden sind wir auch mit den folgenden Bemerkungen Michaels über die „Eigenschaft" und „Leibeigenschaft". S. 47—48. Thatsächlich mag ja das Leben der Freien wie Unfreien vielfach das gleiche gewesen sei», rechtlich bestand eine Kluft, die noch lange nicht ausgefüllt wurde. „Zinslcute" sind keine „Eigcnleute", „Eigenleute" sind die „Leibeigenen". Es wird dem Verfasser nicht gelingen, die Identität des Begriffes „eigen" in „Eigcnleute" und „eigene Kinder, eigene Frau" aus den Quellen zu erweisen. „Mit meinem Sinn kann ich es nicht begreifen, sagt der Sachsenspiegler, daß jemand des andern eigen sei". Wollte er damit die Zinshörigkeit verurtheilen oder die Leibeigenschaft? Wir meinen doch letztere! In den schwäbischen Urkunden des 15. Jahrhunderts — früher kennen wir sie nicht so genau — wechseln „Eigenleute" und „Leibeigene" mit einander als völlig gleichbedeutend ab. Die Hörigen unterschied man, abgesehen von kleineren Abstufungen, in Grund- und Schutzhörige. 1. Grnndhörige hießen Leute, welche einer geistlichen oder weltlichen Grundherrschaft unterstanden, persönlich frei waren und nach Erfüllung ihrer Verbindlichkeiten gegenüber dem Gutsherrn Freizügigkeit besaßen. Jedes hörige Bauerngut war so groß» daß der Besitzer seine Familie ernähren und die mit dem Gute verbundenen Lasten tragen konnte. Die Abgaben waren 494 räch der Anschauung Michaels „in der Regel gering", bei Unglücksfällen wurden die üblichen Leistungen ganz oder thcilweise nachgelassen; drückend waren vielfach die Frohnden, nach unserer Anschauung jedenfalls drückender als nach der des Verfassers, insbesondere die Burgbau- frohnden. Verdient die rücksichtsvolle Zartheit zwischen Herren und Knechten in den Weisthümern besondere Hervorhebung, so nicht minder die ebenso häufige schandbare Behandlung der Untergebenen. Uebercifrige Beamte haben nicht selten dem Bauern das Dasein verbittert, und die Hcrabminderuug der bäuerlichen Abgaben durch diesen oder jenen Grundherrn spricht auch nicht selten gegen das patriarchalische Regime, an das M. manchmal denkt. Nicht immer und überall war auch unter dein Krummstab gut leben, von den weltlichen Herren, die naturgemäß mehr Aufwand trieben, ganz zu schweigen. Wer aus Straßenraub sich kein Gewissen macht, wie viele Adelige jener Zeit, der kennt auch für seine Grnndholden keine Rücksicht. Nicht selten mußte die Kirche zu Gunsten der Unterdrückten mit allen ihren Machtmitteln einschreiten. — An sich einer der schwersten Dienste waren die Wein- fuhren der Frohnbauern im Herbste, doch wurde nicht selten durch die Leutseligkeit der geistlichen Häuser daraus ein kleines Volksfest. S. 48—52. Eine häufig wiederkehrende Abgabe war in älteren Zeiten das Bcsthaupt, d. h. das beste Stück Vieh, welches der Gutsherr nach dem Tode des Hörigen aus dessen Nachlaß sich aneignete. S. 53. Daß hie Bauern beim Aufkommen dieser Abgaben damit zufrieden waren, ist doch schwerlich glaubhaft. Der Grundherr läßt ein sreigewordencs Bauerngut nicht uubcnützt liegen. Nicht zu jedem, der sich ihm anbietet, hat er das nöthige Vertrauen; er kann es vernünftigerweise nur dem Sohne des Verstorbenen geben, und es wäre sehr merkwürdig, wenn dieser trotz seines Versprechens der pünktlichen Entrichtung von Grundabgaben auch noch das Erscheinen des gutsherrlicheu Beamten begrüßt hätte, der ihm das beste Pferd oder die beste Kuh aus dem Stalle trieb! Im 13. Jahrhundert wurde das Besthaupt mehrfach verpönt, das erhoben wurde zu einer Zeit, wo die Familie ihr Haupt, ihren Ernährer verlor. Daß es damals schon zn Erleichterungen kam, mag richtig sein; bewiesen hat es der Autor nicht, und wir haben bisher geglaubt, daß es erst recht von da an zur allgemeinen Einführung kam. In Bayern und auch anderswo bestand es bis ins 19. Jahrhundert, bis zur Aufhebung der Leibeigenschaft. Darum können wir auch nicht mehr so allgemein an „das wahrhaft patriarchalische Gepräge" glauben, welches trotz mancher Ausschreitungen bestanden haben sollte. Die Auflösung des Hofsystcms wirft jedenfalls einen bedenklichen Schatten darauf zurück. „Das patriarchalische Hofsystem machte auch die Einholung der Erlaubniß zum Heirathen der im Hosverbaude lebenden Leute nothwendig, natürlich auch wieder gegen eine Abgabe", S. 53- 54, doch ist diese nicht als Ablösung eines schandbaren gutsherrlicheu Vorrechtes aufzufassen, des sog. ,jus xriraao noetis, welches nie nnd nirgends bestanden hat, aber mit der Lcbeus- zähigkcit einer frommen Legende in gelehrten Köpfen noch mehr als in »»gelehrten sein Dasein fristet. War auch das Mittclalter weniger feinfühlig für uns anstößig dünkende Verhältnisse, so ist es immerhin empörend, ihm traditionell eine Schmach aufzubürden, die eine gänzliche Verachtung aller menschlichen und christlichen Sitte voraussetzt. Wir können es mit dem ganzen Geiste des Mittelalters nicht vereinbaren, es ist dem deutschen Rechte durchaus fremd gewesen, mögen aber auch anderseits nicht in Abrede stellen, daß da und dort ein unsittliches Verhältniß des Gutsherrn zu seinen weiblichen Untergebenen stattgefunden hat; aber es als rechtliches Institut aufzufassen nnd darzustellen, verräth bodenlose Ignoranz oder Bosheit. Vgl. S. 54, Anm. 2. — Nach dem Grundsatz: „die unfreie Hand zieht die freie nach sich", folgten die Kinder immer der „ärgeren Hand". Hatte so der Grundherr dem Hörigen gegenüber bedeutende Rechte, so war er jenem keineswegs schütz- und rechtlos preisgegeben, vielmehr verbürgten die wirthschaftlichen Opfer und persönlichen Dienste dem Hörigen meist ausreichende Sicherheit seiner Existenz, S. 55, doch möchten wir diese Sicherheit auf den normalen Verlauf der Dinge beschränken. Jedenfalls segensreicher als die Hofgeuosseuschaft wirkten anf die Besserung der bäuerlichen Verhältnisse die Kreuzzüge, die Kolonisation, der Aufschwung der Städte und besonders das Walten der Kirche. Diese Dinge trieben die Boden- nnd Gctreideprcise in die Höhe, aber trotz der Preisesteigerung ist der Ncunwerth der Abgaben derselbe geblieben; ihr Werth betrug infolge der Mnnz- verschlechtcrung nnd der gesunkenen Kanfkraft des Geldes kaum noch die Hälfte des früheren Zinses. Bedeutete mithin das unerhörte Steigen der Grundrente schon eine sehr beträchtliche Verminderung der einstigen Last, so wurde diese nochmals wenigstens doppelt leichter, wenn sie die Form der Geldzahlung angenommen hatte. S. 56 bis 57. Die wirksamste Ursache aber, nicht wie M. will, eine der wirksamsten, für die gesellschaftliche Hebung der landarbeitendcn Klassen war die Auflösung des Hofsystems. Wir constatiren hier einen Widerspruch des Verfassers vorher im Preise des Hofsystems und jetzt seiner Verurtheilung. Insbesondere die Nothlage mancher Gutsherren führte zur Einführung neuer Bodennutzungsformen in den verschiedensten Arten der freien Pacht. Durch diese und andere Vergünstigungen besserte sich die Lage der bäuerlichen Bevölkerung zusehends. Die wachsende Freiheit und zunehmende Wohlhabenheit des Einzelnen beruhte aber zum mindesten aus gntsherrlicher Freundlichkeit, Schonung nnd Menschenliebe, wie M. glauben machen will. Gefördert wurde die Wohlhabenheit des Bauer» noch durch die Unthcilbarkcit des Gutes, durch Anf kommen des Auerbeurechtcs. Ob dieses aber auch zum Nutze» des Volkes, ist eine sehr diskutable Sache. Einch weiteren Schutz endlich fand der Bauer darin, daß nach dem Sachsenspiegel Erbschaftsschulden nur insoweit zu bezahlen waren, als die fahrende Habe reichte. S. 57—59. 2. Die Schutz- oder Vogteihörigen waren nur einer Schutzherrschaft infolge freier Wahl oder Abstammung von schutzhörigen Eltern unterstellt. Für den Schutz zahlten sie alljährlich eine Abgabe, im übrigen genossen sie vollkommene Freiheit und konnten auch über ihr Vermögen nach Gutdünken verfügen. Zu den Schutzhörigen zählen in erster Linie viele Altarhörige, dann die Wachs- zinsigcn, die jährlich nur ein paar Pfund Wachs oder einige Denare abzuliefern hatten — die mildeste Form der Hörigkeit, wie jedermann einsehen muß. S. 69. Neben den genannten, in sich vielfach abgestuften Kategorien gab es auch allenthalben in Deutschland ganz freie Bauerngüter nnd Bauerngemeinden, über welche wir gerne nähere Angaben gewünscht hätten, als bloß das Zeugniß Ncidharts und Seifried Helbiugs. Wenn am Ende des 13. Jahrhunderts z. B. in Oesterreich alle Bauern frei waren, so hätte deren Lage eine zum mindesten halb so breite und klare Darstellung verlangt. 495 wie die der Grundhörigen. Aber wir fürchten den Werth von Dichterzeugnissen und lassen sie nur sehr subsidiär gelten; Michael hätte es auch thun sollen. Zum Schlüsse möchten wir noch einen Wunsch aus- sprechen; wir vermissen an dem farbenprächtigen Bilde einige Töne: die Art der Veräußerung von Grund und Boden, sowie eine Darstellung des Pfandrechtes an Grund und Boden. Der Mangel läßt sich ja leicht gutmachen. 3. Baneruleben. Während die beiden vorausgehenden Abschnitte die bäuerlichen Verhältnisse in Gesammtdentschland berücksichtigen, handelt dieser fast ausschließlich von dem Bauernlebeu im Süden und Südosten des Reiches. Wenn auch nicht gerade behauptet werden darf, daß der Süden und Südosten in den beiden ersteren Partien zu kurz gekommen ist, das wird der Verfasser uns zugeben müssen, daß die reichlich fließenden Quellen dieser Gebiete ihn hier verleitet haben, ihnen fast ausschließlich zu folgen. Läßt auch die Thatsache, daß die rechtliche und gesellschaftliche Lage der Bauern in ganz Deutschland fast dieselbe gewesen ist, vermuthen, daß ihr Leben in gleichem Rahmen sich bewegt habe, so hätten doch die vielfach grundverschiedenen Eigenschaften von Nord und Süd, die vielfach doch anders gelagerten und gearteten Verhältnisse am Nheine und an der Donau, in der norddeutschen Tiefebene, im deutschen Mittelgebirge und in den Alpen eine auch in diesem Abschnitte mehr zu würdigende Darstellung verlangt. Immerhin mag es schwieriger gewesen sein, eine solche Menge von Zeugnissen für den Norden und Westen aufzubringen, im Interesse einer gleichmäßigen Behandlung, einer einwandfreien Würdigung wäre eine disfcrcnzirte Darstellung wünschenswert!) gewesen. Das ist offenbar ein Mangel des Buches, der mit dem Mangel von Vorarbeiten nicht ganz entschuldigt werden kaun, wenn er damit auch erklärt wird. Ueberrascht hat uns, daß M. eine bessere Quelle, als es Dichter' sind, für diese seine Darstellung nicht verwerthet hat, nämlich die Landfriedensgesetzgebnng der bayerischen Herzoge in der Mitte und zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Wir fürchten fast, der Verfasser habe, weil er ein Feind ist aller Nohheit und Schlechtigkeit, mit Absicht diese tiefen Schatten Übergängen, jedenfalls nicht zum Vortheile seines Buches. Wir können leichter über diesen Abschnitt (S. 61 — 85) hinweggehen, als ja diese Dinge von selbst das Interesse der meisten Leser mehr in Anspruch nehmen, als sie ohnehin in den verschiedenen Handbüchern für Cultur- geschichte (zuletzt sehr gut von Grupp) einen breiten Raum einnehmen und es gewiß wenig Gebildete geben wird, die nicht an der dem modernen Denken so nahe stehenden Dorfgeschichte (Meier Hclmbrecht), an den Dichtungen und farbenprächtigen Schilderungen eines Ncidhart von Rcnenthal, an der „Märe von den Ganhühncrn" sich unmittelbar erfreuen. Wir lernen da den Bauern kennen, wie er sich benimmt in Lust und Leid, in glücklichen und schweren Tagen, bei der Arbeit und beim Vergnügen, wie er sich kleidet, fremde Tracht und Sprache nachäfft, mit seinem Reichthums prahlt und sich lächerlich macht, wir sehen ihn in Glauben und Hoffen, Leben und Wirken, Sein und Schein. „Die Thatsache, daß ein so unerbittlich scharfer Sittenrichter, wie Bruder Verthold von Rcgcnsünrg es war, der die Gaue Deutschlands, Oesterreichs und Böhmens durchzog, allenthalben geliebt und verehrt wurde, beweist zur Genüge, daß auch das Land« Volk bei allen Auswüchsen einen gesunden Kern hatte. Man vertrug den Tadel des Missionsprcdigers trotz aller Herbheit, und wenn Bruder Bertholt) sich zeigte, so strömten die Schaaren meilenweit herbei; die Aecler entvölkerten sich. Die damalige thcilweise Entartung der Bauern ging nicht, wie später, aus Verzweiflung hervor, sondern aus Uebermuth; es gab unter dem Landvolke noch keine Proletarier, und neben den Entarteten war auch eine bedeutende Anzahl Männer, die im Glück Maß zu halten wußten, ihren Stand achteten und jene ,Zucht' besaßen, die da ist ,eiue Krone über alle Edelkeit'." S. 85. Anmuthend zum Theil, zum Theil abstoßend ist das Leben des damaligen Bauern, der voll überschäumender Lebenslust war und gläubig dcmüthiger Hingabe an die Kirche und ihre Diener, roh und brutal, mitleidig und human — ein Bild des Kampfes der christlichen Idee gegen die zum Bösen geneigte Natur des Menschen, gegen die im Volksglauben noch lange nicht ausgestorbenen finsteren Mächte des Aberglaubens und des Heidenthums. (Fortsetzung folgt.) Fernan Caballero. Zum hundertjährigen Geburtstag der größten spanischen Dichterin dieses Jahrhunderts (Fortsetzung.) Im Jahre 1849 erblickte im Feuilleton des „Clamor Publico" ihr erstes Geistesprodukt die Öffentlichkeit. Es' war der Roman „fta 6s.viota", „Die Möve". Ueber den Verfasser oder die Verfasserin vermochte niemand Aufschluß zu geben, aber alles erblickte in dieser Erstlingsarbcit ein Meisterwerk. Die Tendenz des Romanes war gegen den modernen Kunstenthnsiasmus und Kunstschwindel gerichtet. Die Hanptheldin desselben, Marsilad«, ist eine von den Kunstenthusiasten ob ihrer wunderbar schönen Stimme und ihrer unübertrefflichen Darstcllnngsgabe geradezu angebetete Primadonna, die sich jedoch im wirklichen Leben undankbar, roh und hartherzig zeigt und infolge dessen mit der Zeit zur ordinären Komödiantin hernntcrsinkt. Das zweite größere Werk Caballcro's ist „Lagrimas", nach Kreiteu ein Werk von wirklich literarhistorischer Bedeutung. In „Lagrimas" gab die Dichterin die christliche Antwort auf die ncuhcidnischc Weltschmerzpoesie, welche aus Frankreich, Deutschland und England in die Literatur Spaniens Eingang gefunden hatte und bereits an dem Marke der spanischen Jugend zehrte. Lagrimas, das stille, kränkliche Kind eines hartherzigen, nur nach irdischen Glücksgütern jagenden Millionärs, ist das Bild der christlichen Dulderin, welche ihre leidcnsstarke Seele mit den Worten aushaucht: „^.brÜLoins eon las cckavss V ras rsolino eon la erur:. l?ara gas sieroxrs nie ainxares Oules Lscksntor ckssus."') Als der beste ihrer Romane wird von gewichtigen Autoritäten „Clemenci.a" erklärt.^ Er ist ein Selbstporträt der Dichterin, fest im Glauben, überlegend in ihren Handlungen. Clemencia steht vor dem Leser als eine starke Frau, welche in den über sie hereinbrechenden Schicksalsschlägen die Prüfung besieht. In „Eli a", dein vierten und letzten der größeren Werke Caballcro's, findtn °) „Ich klammere mich an deines Kreuzes Nagel, Der du für mich gestorben bist, Und lehne mich an's Kreuz, daß du mich schützest, Geliebter Heiland Jesus Christ." °) «Stimmen aus Marm-Laach" Bd. 14 S. 302. 496 wir den Nachweis geliefert, daß der in der Literatur existirende Spiritualismus seine einzige feste Grundlage nur in der katholischen Religion habe. Die Dichterin spricht dies selbst aus mit den Worten: „Der Beweis dieser Behauptung ist in dem Gemälde Elia's, unseres Vorbildes, entwickelt, ein wahres und geliebtes Vorbild, das wer mit der Befriedigung eines Malers hier bieten, der die Copie eines schönen Originales vorzeigt. . . . Die stoffliche Entwicklung dieser Erzählung ist 10 einfach, so alltäglich, wir alle haben soviele ähnliche Fälle gesehen; ihre Conseqnenz in dem moralischen Sinne, den wir andeuteten, ist so augenicheinlich, daß, wer vor- urthcilsfrei und ehrlich die Anwendung macht, sich überzeugen muß, es sei der Himmel allein die wahre Anziehungskraft für jeden Spiritualismus." In ergreifender Weise weiß uns Caballero zu schildern, wie die kaum zur Jungfrau erwachsene Elia der Liebe wegen gar Hartes erduldet, nach langem Kampfe der Welt einsagt und rein und unschuldig als Novizin in jenes Kloster, wo sie erzogen wurde, eintritt. Aber in Elia zeichnete uns die Dichterin wie ein Charakter- so auch ein Zeitbild. Das sagt schon der Titel des Romanes: „Elia, oder Spanien vor dreißig Jahren." Alle Typen der damaligen geistigen und politischen Strömung vom streng conservativen Altspanier bis zum fortgeschrittensten Liberalen begegnen uns in der „Elia". Wir kommen zu den Novellen und Dorfgeschichten Fernan Caballero's. Ihr literarischcr Werth steht wohl kaum hinter dem ihrer Romane zurück. So zählt man z. B. „IIn Vorano on Lornos" („Ein Sommer in Bornos") zu dem Schönsten und klassisch Besten, was die Dichterin geschrieben hat. Der Spanienreisende Nolef berichtet uns,?) wie in ganz Spanien und besonders in Andalusien in Jedermann's Munde der Name Fernan Caballero sei. Fast alle Spanier, mit denen er sich unterhalten, hätten ihn gefragt: „Sie haben gewiß Fcuian Caballero gelesen? Kennen Sie auch ,IIn Voi-g.no in kornoa'?" Es sei ihm da gerade so vorgekommen, als wie wenn wir Deutsche einen Ausländer, der Deutsch lernt, fragen würden: „Haben Sie Schiller's Wilhelm Teil und GLthe's Hermann und Dorothea gelesen?" Gewiß, ein Beweis, welcher Beliebtheit sich bei den Spaniern die Werke der Fernan Caballero und vor allem die Novelle „Ein Sommer in Bornos" erfreuen. Aehnlich wie Rolef erging es mir, wenn ich während meiner Reise in jenes Land mit gebildeten Spaniern über ihre Schriftsteller sprach. Stets machte ich die Wahrnehmung, daß unsere Dichterin zu den beliebtesten und gelesensten Autoren bei ihren Landsleuten gehöre. Was nun speziell die vorhin erwähnte Erzählung betrifft, so wollte Caballero durch dieselbe die Unklngheit darthun, welche der Adel dadurch begangen hatte, daß er das Hoflebeu gegen seinen Beruf auf dem Lande eintauschte. Als Muster einer Dorfgeschichte gilt „Die Familie von Alvareda". Frisch und lebendig ist die „Arme Dolores" geschrieben, ganz dem andalusischcn Volksleben abgelauscht „Servil und Liberal". „Das Votivbild", „LI Lx-Voto", zeugt von der hohen Verehrung des spanischen Volkes, selbst in seinen minderwerthigen Individuen, gegen das hl. Kreuz. Ueber die ganze Erzählung ist zugleich der zarte Duft Stlster'schcr Novellenpoesie, verschmolzen mit dem tiefen Zauber der Mcerbilder Heine's, aus- gegossen.«) ') Rolef, Reisebriefe aus Spanien und Maroceo. Seite 46. °) „Stimmen aus Maria-Laach" Bd. 14 S. 39. Die vier Erzählungen „Lady Virginia", „Das Glück schenkt Nichts, es leiht nur", „Verschwiegenheit im Leben und Verzeihung im Tode" und „Das Gewissen läßt sich nicht bestechen" haben jedesmal ein Verbrechen als schauerlichen Hintergrund und zeigen, wie diejenigen, welche die Glücklichsten zu sein scheinen, in Wirklichkeit oft die Unglücklichsten sind. Wie in den eben angeführten Novellen und Dorfgeschichten, so auch in allen andern nicht weiter mehr zu bezeichnenden tritt uns Fernan Caballero als unübertroffene Darstellerin andnlusischer Denk- und Empfindungsweise entgegen. Ueberall zeigt sich ihre scharf ausgeprägte Tendenz des Konservatismus in Religion, Vaterland und Familie, ihre Glaubens- und Königstreue. Mit viel Aufwand von Arbeit, Zeit und Geduld sammelte Caballero Spanische Volkslieder und Volksreime und Spanische Volks- und Kindermärchen. Nach ihrem eigenen Urtheile finden sich in den seuten ziösen Liedern und Reimen des spanischen Volkes bewnnderungswerthe moralische und psychologische Gedanken, in den Liebesgedichten feinste poetische Empfindung, in den epigrammatischen Versen beißender Witz, in den heitern Anmuth und Laune und vor allem in den religiösen ein tiefes, zartes und aufrichtiges frommes Gefühl. Einige Beispiele aus dieser von dem seltenen Beobachtungstalente der Dichterin zeugenden Sammlung sollen als Beleg hiefür dienen. So drückt z. B. der Andalusier die alte Erfahrungsthatsache, daß sich in der Welt die Werthschätzung häufig nur nach dem Geldsacke bemißt, mit den Worten aus: „Als mein Beutel voll und schwer. Hieß ich stets von ll'owäs (d. i. Herr Thomas), Jetzo, da er dünn und leer Heiß ich ll'omäz uv was."") Unser bekanntes Sprichwort: „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben", gibt der Spanier durch folgende Sentenz: „Niemand sag' Viktoria, Wenn er noch im Bügel stehet, Denn es hat sich selbst im Bügel Mancher noch den Fuß verdrehet." Sehr drastisch wird das Bestreben jener, die nur auf das Zusammenraffen irdischer Güter bedacht sind, gekennzeichnet: „Wer hier ewig nur erwirbt. Gleichet, Freund, dem fetten Schwein, Das für andere, wenn es stirbt. Erst beginnt, nützlich zu sein." (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Die wöchentliche Commnnion. Ein Wort über den öfteren Empfang der heiligen Sakramente der Buße und des Altars von M a r. von Segur. Äutorisirte Uebersetzung. 3. Annage. Mit kirchlicher Approbation. Mainz, Verlag von Franz Kirchheim, 1897. (63 S.) Preis geb. 20 Pf. Der innere Werth dieses weitverbreiteten Büchleins besteht in der klaren und eindringlichen Weise, womit der hochverdiente Verfasser den wöchentlichen würdigen Empfang der hl. Commnnion erklärt und anempfiehlt. Sowohl den Mitgliedern des geistlichen Standes als auch des Laienstandes wird der Gebrauch vielen Nutzen verschaffen. Ll. Wilhelm Hasans übertrug im Jahre 1861 die von Fernan Caballero gesammelten Originale spanischer Volkslieder und Volksreime in's Deutsche und ließ dieselben bei Schöningh in Paderborn 1862 erscheinen. Dieser Ueber- setznng sind obige Lieder entnommen. "y d. i. Thomas, du hast nichts mehr. Verantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 72 . 18. Der. 1897. Geschichte des deutschen Volkes seit dem 13. Jahrhundert bis zum Ausgang des Mittelalters von Emil Michael 8. ck. (Fortsetzung.) II. Ale Aestedeknug des Hfleus. Die größte Eroberung, welche von dem deutschen Wolke je gemocht wurde, war die des deutschen Ostens und Nordostens, die sich vollzogen hat ganz besonders im 13. Jahrhundert. Es ist die Großthat des deutschen Volkes im Miitelalter, vielleicht die ruhmreichste That der Deutschen überhaupt, in erster Linie eine That der Kirche und der Orden, ivie wir ja im Folgenden sehen werden. S. 86 — 87. Die reiche Literatur über diese Kolonisation ist von Michael mit solchem Geschick verwerthet, daß wir diesen II, Abschnitt, ohne Widerspruch fürchten zu dürfen, als den besten des Buches bezeichnen können. Schritt für Schritt begleiten wir den deutschen Ordcnsmann, Bauer und Ritters nach dem Osten, und da wir uns mit ihnen als unsern Volksgenossen eins fühlen, freuen wir uns der herrlichen Erfolge, welche vereinte deutsche Kraft für alle folgenden Jahrhunderte errungen hat. Möge dem Schreiber dieses hier der Ausdruck des Bedauerns gestattet sein, daß der schöne Bund der drei Culturarbeiter in der Kutte, im Kittel, -n der Bräune ein- für allemal zerrissen ist! Im Vordergrund der Kolonisation standen während des 12. Jahrhunderts die durch elementare Ereignisse und Nebervölkernng zur Auswanderung gezwungenen Niederländer, welche von den Herren östlich der Elbe gerne aufgenommen worden waren. Die Urkunde des Vertrages ist noch erhalten, den sechs Holländer aus der Diöcese Utrecht im Jahre 1106 mit Erzbischof Friedrich von Bremen abgeschlossen haben. Dieser Vertrag ist vielfach maßgebend geworden für die Festsetzung der Bedingungen, unter denen sich die späteren Siedler aus den Niederlanden und aus Deutschland im fernen Osten niedergelassen haben. Gegen einen mäßigen Zins von dem Vieh und den Früchten wurde ihnen eigene weltliche Gerichtsbarkeit gewährt unter Anerkennung der Obergerichtsbarkeit des Erzbischofes nnd unter Zuweisung von Zehnten an die Kirche. Die ihnen auferlegten Verbindlichkeiten müssen als sehr geringfügig gelten, die zugestandenen Freiheiten als überaus wcrthvoll. S. 87 — 89. Das Gebiet zwischen Elbe und Oder bis nach Meißen und Lausitz wurde in bunter Mischung von fleißigen Bauern aus den Niederlanden und aus Sachsen besetzt. S. 89. Die Kolonisation war allerdings zunächst das Verdienst derer, welche selbst das mühevolle Werk vollbracht haben, dann aber nicht minder jener Fürsten, welche die Besiedlung gefördert haben. Zu diesen gehören im 12. Jahrhundert die Erzbischöfe von Hamburg nnd Bremou, Friedrich, Adalbero, Hartwig I., Siegfried, Hartwig II. und der Erzbischof Wichmanu von Magdeburg. Unter den weltlichen Fürsten ragten hervor Heinrich der Löwe, Albrecht der Bar und Adolf II. von Schauenbnrg, Graf von Holstein. S. 89. Die Kolonisten fanden ihre Hauptstütze an den Prä- moustratenserklöstern, welche die Christianisirung der Weudenvölker bis zum Ende des 12. Jahrhunderts übernommen hatten. Noch zu Lebzeiten des hl. Stifters Norbert erfolgte die Gründung von Leitzlau und von Jerichow (1114),' die Domstiftcr zu Brandenburg und Havelberg waren mit Prämonstratenscrn besetzt. 1154 wurde das neugegründete Bisthnm Rntzeburg dem Prä- monstratenser Evermod übertragen; dem Bischöfe folgte eine Kolonie aus dem Muttcrkloster, das Domkapitel wurde von Männern desselben Ordens gebildet. In Pommern verdankte um das Jahr 1150 das Prämon- stratenserstift Grobe auf Usedom seine Entstehung dem Fürsten Ratibor. Der pommcrsche Fürst Casimir veranlaßte 1170 die Gründung von Brode, 1177 wurde das Kloster Velbnck gebaut, 1180 Gramzow gestiftet. S. 89-90. Die weitere Entwicklung der Christianisirung und Gcrmanisirung des slavischen Ostens knüpft sich an die Cisterzienser, die Träger der Kolonisation im 13. Jahrhundert. Dieser Orden war für die ihm zugefallene Mission wie geschaffen. Genügsam in ihren Ansprüchen und frei von Familicnbanden, wurden sie die berufenen Pioniere des Landescultur. Mit dem Jahre 1170 begann die Gründung der zahlreichen Cisterzienscrabtcicn im Wendenlande. Sümpfe nnd Wälder waren ihre Domänen. „Nach wenigen Menschenaffen! stand die einem Cisicrzicnserkloster geschenkte Wüstenei als ei» blühender Landstrich voll deutscher Dörfer da; ohne diese Klöster würde die Mark Brandenburg dem heutigen Ungarn gleich geblieben sein, wo deutsches Wesen nur in den Städten herrschend geworden ist." WaS sagt der aufgeklärte Berliner zu diesen Worten von Räumers? Seine Cultur soll im Cistcrzieiisergarten zu sprossen angefangen haben? Es ist hier nicht der Ort, den Einzug der christlich- deutschen Cultur in den Wcndcnlanden Mecklenburg S. 91 — 94, Pommern S. 94 — 97, Brmideuburg S. 97 — 98, Schlesien S. 98—106, Preußen S. 108 bis 126 in extonso zu schildern. Wir verweisen auf die meisterhafte Partie des Buches selbst.. Mit be- tvnndernswerther Sicherheit und Klarheit zeichnet M den Siegeszng von Christenthum und Dentschthnm nach dem heidnisch-wendischen Osten; höher schlägt dem heutigen Volksgenossen das Herz über Leistungen, deren Werth und Bedeutung erst den Epigonen zum rechten Bewußtsein gekommen ist, Leistungen, welche unsere eigene Liebe und Begeisterung für christlich-deutsches Wesen nähren und mehret,. Doch der Strom der Auswanderung ergoß sich auch, wenngleich in geringerer Stärke, nach Böhmen, Mähren, Polell, Ungarn und Siebenbürgen. Hier m»f dem Neulande des Ostens wiederholten sich alle Impulse des Mutterlandes rascher, hier griff man energischer zu, hier löste man die Fragen neuer gesellschaftlicher und politischer Bildung systematischer, hier lebte man anfangs llbraus- setziuigsloser in weitgehender socialer Gleichheit. Mit der raschen Entwicklung des Ostens hing es zusammen, daß durch das koloniale Deutschland die tonangebende Stellung des Westens eine gewaltige Einbuße erlitt. Freilich war die deutsche Einwanderung in die genannten Länder nicht dicht und nachhaltig genug. Aber deutsche Culffir war der Nährboden für die Völker, nnd wenn diese im Dränge politischer Leidenschaften und nationalen Chauvinismus das vergessen, so bleibt es nicht minder ivahr. Ganz Deutschland hat an der Wanderung nach dem Osten sich bethriligt. Indem der Einzelne zum erstenmale aus der Beschränkung des Stammes Hermisttat, kam zum er-stcn- 498 male auch die nationale Einheit znm Bewußtsein des Volkes. S. 126-128. Die bis ins 13. Jahrhundert fortdauernde Urbarung der Wälder in den deutschen Stammlanden, die Hufen- theilniig, die Einwanderung in die Städte und die schnelle Verbreitung der Deutschen in den damals gewonnenen östlichen Theilen des Reiches sind nur erklärlich aus dem raschen Wachsthum der Bevölkerung. Aber die Thatsache der großen Kolonisation wurde wesentlich bedingt dadurch, daß die Herrschaft des in engen Grenzen sich bewegenden Agrarsystems erschüttert war und daß eine neue Wirthschaftsform sich anbahnte, die Gcldwirthschaft. S. 128. III. Die Städte. 1. Entstehung der Städte. Geldwirthschaft. Die deutschen Städte sind beim Beginne des Mittelalters, auch noch nicht im 10. Jahrhundert, politische Verwaltnngskörper; sie bilden keine politische Unterabtheilung des Staats- und Verfassungslebens. Jede Stadt gehört noch zu einem größeren Verbände, zu einem Grafschafts- oder Territorialverband, der von einem Beamten des Königs, Landes- oder Grundherrn geleitet wird. Trotzdem hebt sich die Stadt aus dem umliegenden Landgebiet in mancher Beziehung stark hervor. Diese Beziehungen, wie überhaupt die Entwicklung der Städte, werden von Michael eingehend gewürdigt. In dem Streite der Gelehrten um die Entstehung der Stadt- verfassung nimmt er für keine der vielen Hypothesen Partei; denn dem Entstehen liegt nicht eine, sondern eine Reihe von Ursachen zu Grunde. Die eine ist hier, die andere da wirksam und formgchend gewesen. S. 133 bis 135, Anm. Darum haftet der Darstellung auch etwas Sprunghaftes an; es mangelt die organische Entwiälnng, wie sie zeitlich in die Erscheinung getreten ist. Doch ist das eine Folge davon, daß nicht ein Parteisiandpnnkt vertreten wird. Die Städte wurden von dem stachen Lande aus bevölkert. Gaben die Einwanderer auch vielfach die Be- wirihschastuug von weitcuilegenen Grundstücken auf, so wurde doch auch in den Städten viel Ackerbau getrieben; manche Städte besaßen sehr ausgedehnte Feldflnren. Insbesondere Gärten befanden sich in der Nähe und innerhalb der Mauern und des Walles, welche beide jedoch nicht nothwendig znm Wesen der Stadt gehörten. S. 129-130. Die Ausgangspunkte der meisten Städte sind in den königlichen Pfalzen, in den Sitzen der Fürsten, in den Höfen der geistlichen und weltlichen Grnndherren zu suchen, insbesondere in Bischofssitzen und Klöstern. Dadurch wurde der Ort nicht bloß für geistiges Leben ein Mittelpunkt, sondern auch für Gewerbe und Handel. Infolge des festen Sitzes der geistlichen Herren nahmen ihre Städte eine raschere Entwicklung als die königlichen. S. 130-131. Jede Stadt hatte einen Markt, auf dem die Erzeugnisse des städtischen Handwerkes und die Erträgnisse der Landwirthschaft zum Verkaufe standen. Eine Stadt ohne Markt war undenkbar, denkbar aber ein Markt ohne Stadtrccht. Das Marktrecht war in der Regel ein den veränderten Verhältnissen angepaßtes Landrecht, auf dessen Ausgestaltung das Verkehrsrccht größeren oder geringeren Einfluß ausgeübt hat. Der Stadtfricde war Königs- sricde, auch Gottesfricde, sein Symbol meist ein Kreuz, das Stadtkren-,. S. 131 — 132. Die Selbstständigkeu einer Stadt bestimmte sich nach den Befugnissen, welche der die Stadtgemeinde vertretende Bürgeransschuß, der Rath, entweder rechtlich besaß oder doch thatsächlich ausübte. Der von dem Stadtherrn bestellte Richter oder Vogt war nur dem Nanun nach das Oberhaupt. Der Rath brachte gewöhnlich die Gerichtsbarkeit an sich, ihm stand die Ausübung der erworbenen Hoheitsrcchte zu, die Verwaltung der Finanzen und des städtischen Grundbesitzes — er war kommunales Verwaltungsorgan. In Handelsstädten hatte er, zumeist aus Kaufleuten bestehend, aristokratisches Gepräge, an gewerblichen Orten eigneten sich die Innungen die Stadt- regierung an, herrschte die Demokratie. Eine gemischte Stadtverfassung bildete sich dort aus, wo die Zünfte dem aristokratischen Rath das Gleichgewicht hielten. Die Beseitigung einer alten Negicrungsform und die Einführung einer neuen war oft mit schweren Verwicklungen und heißen Kämpfen verbunden. S. 133 — 135. Die deutschen Städte haben Dank den Fortschritten der Volkswirthschaft im 13. Jahrhundert ihre Vorblüthe erreicht, aber noch nicht ihre „Blüthe", wie Michael will. Die Existenz des städtischen Marktes hat den endlichen Sieg der Geldwirthschaft über die bisher vorherrschende Natnralwirthschaft entschieden. Deuten auch die Ablösungen der Hörigkeitsabgaben durch Geld im 10. Jahrhundert auf die ersten Anfänge der Geldwirthschaft hin, so haben diese Spuren der neuen Wirthschaftsordnung nur sehr allmählich und durch die Vermittlung von langwierigen -Entwicklungsstadicn um die Wende des 12. und 13. Jahrhunderts sich Bahn gebrochen. S. 136. Meisterhaft inhaltlich wie formell faßt der Verfasser zusammen: „Es war im Anschluß an die großartigen Erfolge, welche die Arbeit des Landmannes begleiteten, auf dem gesummten wirthschaftlichen Gebiete ein Umschwung der Dinge eingetreten, wie er bisher in der Geschichte des deutschen Volkes unerhört gewesen, ein Umschwung, der nicht bloß dem Jahrhundert, in welchem er sich vollzog, sein Gepräge verliehen hat, sondern der dem Leben der Nation auf weit hinaus eine bestimmende Richtung geben mußte." Die Wirkungen des Ucbergangcs von der Natnralwirthschaft znr Geldwirthschaft, von der hofrechtlichcn Verfassung zum Städtewcscn, können nicht sticht überschätzt werden. Die reine Natnralwirthschaft ist geschlossene Hans- und Hofwirthschaft, ist Eigenwirthschaft. Gütertausch war hier eine Ausnahme. Mit der durch die Städte aufkommenden Gcldwirthschaft trat Arbeits- thcilung und damit grundsätzliche Scheidung der Berufe ein. So entstand der Beruf der Handwerker, der Kaufleute, der freien Taglöhner. Damit war die Möglichkeit größerer Vervollkommnung der einzelnen Zweige, die Steigerung der Ansprüche und die Befriedigung höherer Forderungen gegeben. Die Verkchrsform zwischen Stadt und Land wurde das Marktwesen und der Preismaßstab das Geld, welches die Kapitalbildnng ermöglichte. S. 136-137. Durch die Gcldwirthschaft sind auch andere Formen menschlichen Strebens, und menschlicher Thätigkeit ins Leben getreten. Bis zum 13. Jahrhundert sind der Klerus und im besondern die Klöster ausschließlich die Träger der Wissenschaft und der Kunst, die Stätten jeder höheren Cultur gewesen. Der Grund dieser Erscheinung lag in den wirthschaftlichen Vorbedingungen. Ein auf erhabene Ziele gerichteter Geist muß den Sorgen des Alltaglebens entrückt sein. Laienbildung war also erst denkbar, als der Einzelne durch die Geldwirthschaft ein sorgenloses Dasein bekam und seine Zeit edleren Bestrebungen widmen konnte. S. 138. Die Stellung der bisher wirksamen wirtschaftlichen Faktoren, des Grundbesitzers und des Arbeiters, verschob sich; verbesserte sich einerseits, verschlechterte sich anderseits für den Arbeiter, der seine sichere Stütze verloren hatte. Erfreute sich dieser durch seine Entlassung aus dem gntsherrlichen Verhältniß jetzt auch größerer Freiheit, so wurde er auch der genossenen Vortheile beraubt, da sein Interesse mit dem eines andern innig verknüpft war. — Die Üeberlegenheit des Reichthums druckte auf die minder begabten Coucurrenten, die trotz aller Anstrengung nicht mehr emporkommen konnten. Erst mit der Herrschaft der Geldwirthschaft ist enormer Reichthum auf der einen Seite, Massenelend und Neberhandnehmen des Proletariates auf der andern möglich geworden. S. 138-139. Die üblen Folgen der an sich vollkommen berechtigten Geldwirthschaft sind von den Dichtern und Predigern des 13. Jahrhunderts mit lebendigen Farben geschildert worden, so von dem Dichter des Freidank, von Walther von der Vogelweidc, von einem unbekannten Dichter des Stiftes Benediktbcnern, besonders aber von Berthold von Rcgens- burg. Dieser letztere war unermüdlich in seinem Eifer gegen die Schäden der Geldwirthschaft. Es nimmt den Anschein, als habe der von Liebe zu den Seelen glühende Bnßprediger alle seine Kraft aufgeboten, um das noch junge Unkraut in der Wurzel zu treffen, mit Stumpf und Stiel auszurotten und so größerem Unheil vorzubeugen. S. 139—144. Gegen die Schäden der Geldwirthschaft wurde ein wirksames Heilmittel gerade in jener Einrichtung gegeben, durch welche dieselbe wesentlich gefördert wurde. Es war das Zunftwesen. 2. Die Zünfte. Ein altdeutsches Sprichwort lautet: „Niemandes Herr und niemandes Knecht, das ist des Bürgerstandcs Recht." Das war das Ideal des mittelalterlichen Genossenschafts- oder Zunftwesens. S. 144. Das bisher durch gntsherrliche Abhängigkeit gebundene und eben erst in den Städten frei gewordene Handwerk empfand das Bedürfniß einer Sicherstellnng für die errungene Freiheit. Es wurde befriedigt durch das Einignngsprincip. In ganz Deutschland traten unter mannigfachen örtlichen Verschiedenheiten Zünfte ins Leben. Ursprünglich vielfach bloß kirchliche Vereine, bildeten sie sich zu gewerblichen Vereinen um, ohne den kirchlichen Charakter je zu verlieren. Die weitaus meisten wurden von vorneherein zu gewerblichen Zwecken begründet. Das beweist vor allem der Zunftzwang, der keineswegs als lähmende Fessel empfunden wurde; darnach mußten alle Gewerbetreibenden dem entsprechenden Verbände des Ortes beitreten, wodurch das freie Handwerk lebensfähig und kräftig wurde. Er ging aus von den Stadtherren, die anfänglich den Zünften gegenüber bedeutende Rechte hatten. Mit der wachsenden Freiheit des Handwerkes wurde er durch einen von den Genossen gewählten Zunftmeister geübt. Das Aequivalent des Beitrittes war für des „Handwerks rechten Genossen" das durch die Zunft gewährleistete Recht auf Arbeit. Durch den Zunftzwang war offenbar auch bedingt das Baunrecht, d. h. innerhalb eines gewissen Unikreises eines Marktes durfte kein Gewerbetreibender sich niederlassen und, seine Waare» unabhängig von der Zunft in der Stadt absetzen. S. 145-148. Aus dem 12. Jahrhundert sind nur 5 Handwerke» znnftbriefe erhalten, im 13. Jahrhundert ist ihre Zahl Legion. Am frühesten vereinigten sich naturgemäß jene Handwerke, welche den Bedürfnissen des täglichen Lebens zunächst entsprachen. Mit der Entfaltung eines Hand> Werkes gingen aus einer ursprünglich einzigen Zunft oft mehrere hervor. Die Münchener Weberzunft spaltete sich in Leinen- und Lodeuweber, Tuch- und Zeugmachcr. Tuchschcerer, Strumpfwirker und -stricker. S. 148 — 149 Das Bedürfniß des Zusammenschlusses vereinigte dir Genossenschaften auch örtlich, indem in den mittelalter- lichen Städten die Straßen vielfach nach den Gewerbs> leuten benannt wurden, welche in ihnen wohnten. S. 149-150. Das Zunftrecht war erblich; auch Frauen hatten Zutritt. S. 149. Nachdem die Zünfte im 13. Jahrhundert als gewerbliche Genossenschaften sich Geltung verschafft hatten, erlangten sie im 14. auch politische Bedeutung, indem sie mit den Geschlechtern oder gegen die Geschlechter zu den ersten städtischen Verwaltungsämtern gelangten. Auch die militärischen Verpflichtungen und die gesellige Unterhaltung spielten jetzt noch eine untergeordnete Rolle. S. 150. Weit stärker trat der religiöse Charakter der Zünfte hervor. Die Religion und ihre Uebung verband die Zuuftgenossen in Lieb und Leid. Die Zunft war eine große Familie, welche vom Geiste des Glaubens durchweht war. Sie bildeten zugleich immer fromme Bruderschaften oder waren solchen eingegliedert, sie hatten Heilige zu Schutzpatronen, hatten gemeinsame Gottesdienste, auch für die Verstorbenen. Die Pflicht der Sonntagsheilignng ward strenge eingeschärft und ihre Verletzung durch Geldbußen geahndet. Große Opfer- willigkeit bekundete sich unglücklichen Genossen gegenüber. Scharf wachte die Zunft üoer die Sittlichkeit der Mitglieder, noch schärfer aber über die gewissenhafteste Ehrlichkeit des Handwerkes; diese Vorschriften waren unerbittlich, die Strafen empfindlich, was der Verfasser mit vielen Beispielen belegt. Speziell „mit dem Weiufälschen nahm man es fast so ernst wie mit einem Attentat auf die jungfräuliche Ehre oder mit einerDiajcstätsbeleidigung". „Falsches Werk", d. h. schlechte, vorschriftswidrige Arbeit, war ausgeschlossen. S. 150—153. Diese Satzungen gingen anfangs wohl von der Stadtobrigkeit aus, ebenso die Bestimmung des Preises für die Waaren der Handwerker. Allein schon im 13. Jahrhundert wurde die Preisregulirnug von den Gewerbetreibenden selbst versucht. S. 154. Man unterließ auch nicht, die Höflichkeit im Ver- kehrslcben zu empfehlen. Ein Radikalmittel gegen die Urwüchsigkeit der Fischweiber war das Verbot des Fischhandels für Frauen in Notheuburg und Augsburg. S. 155. — Die Strafen bestanden meist in Geldbußen, selten in körperlicher Züchtigung und entehrender Schaustellung. Die härteste Strafe war Ausschluß aus der Zunft und traf denjenigen, dessen „Bosheit sich bewährt hatte". Die Zünfte sollten rein sein, als wären sie, wie das Sprichwort sagt, von den Tauben zusammengelesen worden. S. 155 — 156. Die Ueberwachung des Gewerbes und die Ermittlung von Zuwiderhandelnden war Ausgabe derer, welche von der Stadtobrigkeit, später von den Zünften selbst dazu erwählt wurden. Diese Vertrauensmänner hießen Meister. S. 166. 500 ES beruhte also im Mittelalter wie der landwirth- schaftliche Betrieb, so auch der gewerbliche auf der Vereinigung von Kapital und Arbeit. Die Arbeitskraft war noch nicht gezwungen, sich gegen die Abschlagszahlung eines Lohnes an das Kapital zu verkaufen. Wer durch unlautere Mittel sich bereichern wollte, den schloß die christliche Gesellschaft aus ihrer Mitte aus. S. 157. Zur Zunft wurden außer den Familienangehörigen auch die Gesellen und Lehrlinge gerechnet. Eine Scheidung zwischen Geselle und Lehrling ist selten möglich vor 1300. Man verstand darunter die jungen Leute, welche sich befähigen sollten, ihr Gewerbe meistens selbstständig auszuüben. Der Meister hatte die Pflicht, für tüchtige Schulung seiner Pfleglinge zu sorgen, vor allem aber ihre sittliche Führung zu überwachen. Mit dem Verfasser dürfen wir das vorgeführte Verhältniß als ein patriarchalisches bezeichnen; aber in der Praxis ist es auch hier nichts damit, sowenig wie mit dem „wahrhaft patriarchalischen Gepräge" der Hofgenossenschaft. S. 53, 157—158. Die Länge der Lehrlingszeit hing von der Vereinbarung ab. Nachdrücklich verboten ist die eigenmächtige Lösung des Vertrages. Von einem Meisterstück der Gesellen ist in den Urkunden des 13. Jahrhunderts noch nichts zu finden. S. 158 — 159. Die Zünfte boten im 13. Jahrhundert das Schauspiel edlen Ringens. Ihr größtes Verdienst war die Heranbildung eines kräftigen Bürgerthums. Der Corps- geist des deutschen JnnungSwescns fand Nahrung darin, daß die gleichartigen Zünfte verschiedener Städte des In- und Auslandes stets eine gewisse Verbindung miteinander unterhielten. Auf der wirthschaftlichen und socialen Grundlage des Zunftwesens hat das Mittelalter eine in ihrer Art vollendete Organisation der Arbeit und der politischen Gemeinschaft aufgebaut. Dieser Zustand trat indessen erst ein, als durch den Aufschwung des Handwerkes das bewegliche Kapital in gewerblicher Hinsicht dem Grund und Boden gleichgestellt war, und als die politische Gleichstellung der Patrizier mit den Handwerkern der wirthschaftlichen folgen mußte. Der Ausdruck dieser inneren Nothwendigkeit waren die Zunft- unruhen, welche fast überall zu Anfang des 14. Jahrhunderts ausbrachen und einen natürlichen Abschluß in der Entwicklung der deutschen Städte herbeigeführt haben. Von nun an hörten die Patrizier auf, allein Bürger zu sein. Es erwuchs ein neuer Bürgerstand, der sich aus den Geschlechtern, den Gewerbetreibenden und den Handelsleuten zusammensetzte. S. 159—162 (Fortsetzung folgt.) Fernan Caballero. Zum hundertjährigen Geburtstag der größten spanischen Dichterin dieses Jahrhunderts. (Schluß.) Zahlreiche spanische Volkslieder finden wir in der Fernan Caballcro'sch cn Sammlung der irdi schcn Liebe gewidmet, doch ist in keinem derselben die Liebe zu einem Menschen über die Liebe zu Gott gestellt. Im Gegentheil, die Seele gehört immer Gott zuerst, und es wird als Sünde betrachtet, jemanden mehr als die Jungfrau vorn Berge Karmcl zu lieben. Ja, diese wird geradezu um ihre Hilfe beim Gesang der Liebeskinder angerufen: ..Gib mir, Mutter von dem Karmel, Anmuth, Witz und Feine, Denn das Singen fordert deren. Und ich habe keine." ?') Ohne jegliche böse Absicht mischt das spanische Volk selbst die Namen der allcrheiligsten Dreifaltigkeit in derartige Reime. So beginnt z. B. in der durch Fernan Caballero bethätigten Sammlung von Ständchen gleich das erste Lied mit den Worten: „In dem Namen unseres Gottes Und des heiligen Geistes bringe Ich das erste Lied dir dar. Das an deiner Thür ich singe." Von den religiösen Liedern ihres Volkes, welche uns Fernan Caballero gesammelt hat, beziehen sich weitaus die meisten auf die allerseligste Jungfrau Maria; denn es ist eine allgemein bekannte Sache, mit welcher Verehrung und Liebe der Spanier der Gottesmuttter zugethan ist; besonders gilt dies vom Geheimnisse der „Unbefleckten Empfängniß": „An der Schwalbe, sagen sie. Ist die Brust von weißer Art; Und ich sage, daß Maria Ohne Sünde empfangen ward." Gar lieblich und kindlich sind ferner die Weihnachtslieder, bei deren Lesung ich mich unwillkürlich der nenpro- ven^alischen Wcihnachtslieder des südfranzösischen Pfarrers Lambcrt") erinnerte. Man kommt da wirklich in Verlegenheit, welches man aus denselben zur Probe herausgreifen soll. Ich wähle nachstehendes, das mich besonders anmuthet, aus: „Eine Pandereta (— Tambourin) klinget. Weiß doch nicht, wohin sie gehet; Gehet sie nach Bethlehem, Bis sie vor der Thür dort stehet. Bei dem Sang des Instrumentes Tritt St. Joseph in die Thür: Wecket doch nicht meinen Knaben, Denn er schläft ein wenig hier. Eingesungen hält im Arme Ihn die Mutter hold und rein: Sang so süße, daß selbst ruhig Gott dabei konnt' schlafen ein." Mit sehr großem Interesse wird vor allem der Deutsche die spanischen Volks- und Kindermärchen unserer Dichterin lesen; denn in denselben weht unverkennbar deutsche Geistes- und Gemüthsart. Man kann dieselben füglich in drei Klassen eintheilen:^) erstens in Erzählungen von religiösem Inhalte mit besonderer moralischer Tendenz, in Spanien Ejemplos genannt, wie z. B.: „Wenn es Gott gefällt", „Das Vertrauen zu den Heiligen"; zweitens Kindermärchen, z. B. „Frau Fortuna und Herr Geld", und drittens eigentliche Vvlks- crzählungen im engeren Sinne, z. B. „Die Ritter vom Fisch". Was einstens die Gebrüder Grimm bei Herausgabe ihrer Sammlung deutscher Haus- und Kindermärchen sagten, die Poesie derselben sei so schön, daß man ihr wider Willen zugethan sein müsse, und ihr poetischer Inhalt bedürfe keiner Vertheidigung, darf wohl auch hier gesagt werden. Fernan Caballero hat sich ") Fernan Caballero, die gründliche Kennerin des andalnsischen Volksgeistes, versichert ausdrücklich, daß beim Singen dieser und ähnlicher Lieder von ihren Landsleuten keine Jrreverenz gegen Heiliges beabsichtigt sei. ") „Bethlehem." Aus den neuprovenoalischen Weih- uachtsliedern des Pfarrers Lambert. Ausgewählt und frei übertragen von W. Kreiten, 8. 1. Freiburg, Herder, 1882. '') Hosäns, t. o. S. 138. 501 durch deren Aufzeichnung unstreitig ein großes Verdienst erworben, zumal da sie hiebet ebensoviel poetischen Geschmack als geschichtlichen Sinn an den Tag gelegt hat. Von den Lebensschicksalen Fernan Caballcro's wäre noch nachzutragen: Nach dem Tode ihres dritten Gemahls, des Advokaten Antonio de Arrom, der 1863 durch Selbstmord endete, veränderten sich ihre materiellen Verhältnisse gar sehr zu ihren Ungunsten. Zum Glück wurde ihr die Erziehung der königlichen Kinder übertragen, jedoch wegen Krankheit mußte sie diesen Posten bald wieder aufgeben; doch verblieb ihr bis zu ihrem Lebensende eine freie Wohnung im AlcLznr in Sevilla zugewiesen. Bald hier, bald in Pucrto de Santa Maria bei Cadiz in stiller Zurückgezogenheit lebend, widmete sich unsere Dichterin bis zu ihrem am 7. April 1877 zu Sevilla erfolgten Tode der Schriftstcllerei. Ihr Andenken wird bei allen, die den hohen Werth der guten, christlichen Literatur zu schätzen wissen, ein gesegnetes bleiben, und es wäre nur zu wünschen, daß auch in Deutschland ihre Werke immer mehr bekannt würden. Wer die spanische Sprache lernt oder nach Spanien reisen will, dem ist vor allem die Lektüre sämmtlicher Schriften unserer großen spanischen Dichterin Feruan Caballero würmstens zu empfehlen; doch auch diejenigen, welche der wohlklingenden spanischen Sprache nicht mächtig sind, werden in der Lektüre ihrer Werke, soweit dieselben bereits ins Deutsche übersetzt sind, den herrlichsten geistigen Genuß finden. Nimm einmal und lies die Schriften Fernan Caballcro's, und du wirst dich, freundlicher Leser, von der Wahrheit des Gesagten überzeugen! Forschungen zur bayerischen Geschichte. -n. Unter diesem Titel veröffentlicht Dr. Natzinger*) eine Reihe von Untersuchungen hauptsächlich über die mittelalterliche Geschichte Bayerns. Die erste Hälfte des Werkes bildet die Geschichte des Passaucr Dekans Albert Böheim, des seit Aventins parteiischer Darstellung so berüchtigten päpstlichen Legaten und Gegners Friedrichs II. Natzinger bietet hier mit Heranziehung des gesammteu einschlägigen Quellenmaterials und unter Darlegung der damaligen Zeitvcrhältuisse ein anschauliches Bild von dem Leben und Wirken jenes Mannes, dessen Verwandtschaft mit deni bayerischen Hcrzogshaus (Albert war wahrscheinlich Taufpathe Herzog Ötto's II.) im Nachtrag, S. 628 ff., eine eigene Erörterung gewidmet ist. — Die zweite Hälfte des Werkes enthält 14 gesammelte Abhandlungen. Die erste derselben betrifft das alte römische Bisthum Lorch (staariaaum), dessen Zusammenhang mit dem späteren Bisthum Passau der Verfasser nachzuweisen sucht. Die in Passau verfertigten falschen Papstbullen, die den Nachweis erbringen sollten, daß Lorch und ebenso Passau in den ersten Zeiten ein Erzbisthum gewesen, werden zum größten Theil mit dem Projekt der Errichtung eines Bisthums Wien unter dem Passauer Bischof Wolfger (1191 — 1204) in Verbindung gebracht. Mit diesem Projekt beschäftigt sich die nächste Abhandlung eingehender. Die Errichtung eines Wiener Bisthums wurde besonders von den Babenbcrger Herzogen Leopold dem Glorreichen c. 1208 und Friedrich II. c. 1244 eifrig betrieben, doch ohne Erfolg. Das Bisthum wurde bekanntlich erst 1468 gegründet. Die nächstfolgenden Abhandlungen beziehen sich haupt- "1 Forschungen zur bayerischen Geschichte von Dr. G. Natzinger. Kcmpten, Jos. Kösel. 1898. VIII n. 653 S. sächlich auf die ältere Kircheugcschichte Bayerns, die ja wegen Mangels an genügenden Quellen noch sehr im Dunkel liegt. Bietet der erste dieser Aufsätze über die „älteste Reliquienverehruug in Bayern" schon manches Interessante, so ist besonders der folgende: Zur älteren Kirchengerichte Bayerns beachtenswert!). Auf Grund der vor 15 Jahren veröffentlichten Grazer vita 8. Ruperti weist der Verfasser nach, daß Rupert nicht als Apostel der Bayern, die schon im 6. Jahrhundert bekehrt wurden, sondern als Klostergründer zu betrachten ist. Ferner wird hier die Bedeutung des hl. Valentin gewürdigt, der nicht bloß ein Tiroler „Lokalheiliger" sei, wie die moderne Kritik will, sondern seine Wirksamkeit im 5. Jahrhundert auf ganz Rätien erstreckte. — Nach einer Geschichte der Marienfcste in Bayern, worin die Einführung und Feier der einzelnen Feste besprochen wird, folgen zwei Abhandlungen, die über noch wenig erforschte Partien der bayerischen Kirchengeschichte unter den Agilolfiugcrn Licht verbreiten: Quirinus und Arsacius, die Schutzpatrone von Te- gernsee und Jlmünster, und der bayerische Kirchen- streit unter dem letzten Agilolfinger. Erstere Abhandlung verbreitet sich über die Translation jener Heiligen aus Rom sowie über die Grüudungsgeschichte der beiden Klöster im 8. Jahrhundert durch die Huosier, die muthmaßlichen Vorfahren der Schyreu-Wittelsbacher. Der andere Aufsatz beleuchtet den Streit zwischen dem germanischen Eigenkircheusystem und der römisch-kanon- istischen Auffassung von der Verwaltung des gestimmten Kirchenvermögeus durch den Bischof, den Streit zwischen den bayerischen Klöstern und fränkischen Bischöfen. Der Umstand, daß in diesem Streit Herzog Tassilo mehr auf Seite der Klöster stand, während Karl der Große die Partei der Bischöfe ergriff, habe wesentlich zum Sturze des letzten Agilolfingers beigetragen. Die folgende Erörterung handelt über die sociale Bedeutung des hl. Frauziskus, dessen Orden die Vermittlerrolle zwischen Luxus und Elend zu übernehmen bestimmt war. In Verbindung mit diesem Aufsatz steht der nächste über die Anfänge der Bettelorden in der Diöcese Pas sau im 13. Jahrhundert. Auf Grund der Werke Nidharts von Rcueuthal, Wernhers des Gärtners u. a. entwirft Natzinger sodann eine Schilderung über bäuerliches Leben im 13. Jahrhundert. — Ein bayerisch-mailändischer Briefwechsel aus dem 12. Jahrhundert, zwischen dem Biographen Gregors VII., Paul von Vermied, nebst seinem Schüler Gebhard, den Gründern von St. Mang in Stadtamhof» und dem Schatzmeister des Mailänder Damkapitels, Martin, ist nicht nur in theologischer, sondern auch in culturgeschichtlicher Hinsicht merkwürdig. Er gibt Aufschlüsse über die Thätigkeit lomb (irdischer Bauinnungcn in Bayern, besonders über die der Bauarbeiter von Como. Man ließ in Bayern im Mittel- alter für Steinbauten meist italienische Baumeister kommen; daher die vielen Nachahmungen italienischer Kirchen bei uns. Die vorletzte Abhandlung beschäftigt sich mit der Würde des Diakonats in der altchristlicheu Kirche und bekämpft besonders die Auffassung, daß unter den im ersten Briefe an Timotheus (3, 11) erwähnten Diakonissen Frauen der Diakonen zu verstehen seien; es seien dies vielmehr weibliche Diakonen, Jungfrauen oder Wittwen. Daran schließt sich eine Erörterung über städtische Gemeiudearmenpflege im Mittelalter; Per« 502 fasser weist die protestantische Ansicht zurück, die eine geordnete Armenpflege als Verdienst Luthers und der Reformation hinzustellen beliebt. Es gab Armen- und Almosenordunngcn schon lange vor Luther. — Den Schluß bildet eine Erörterung über das Projekt eines Münchener Bisthums, das zuerst 1579 unter Herzog Wilhelm V. ins Auge gefaßt, von den Kurfürsten Ferdinand Maria 1678, Max Emanuel 1696 wieder aufgenommen wurde, aber nicht zur Ausführung kam. So bietet das Werk genug des Interessanten und Anregenden, nicht nur für den Fachmann, sondern für jeden Gebildeten, und wird jedem Freunde der bayerischen Geschichte willkommen sein. vr. xkil. Emil Wahrendorp's Broschüre „Katholicismus als Fortschrittsprincip". " Unlängst fiel uns ein Flugblatt „des (jüdisch-frei- maurcrischcn — s. „A- Postztg." 1897 Nr. 131 —) Verlages der Handclsdruckerei in Bamberg" in die Hände, in welchem in großsprecherischer Weise die oben angeführte Broschüre dem Lesepublikmn empfohlen und namentlich auf die 2. Auflage derselben aufmerksam gemacht wird, „die wegen der Behandlung verschiedener, die Frauenwelt angehender hochwichtiger Fragen auch diese mit Interesse lesen wird". Zum Schlüsse heißt es: „Diese Broschüre wird in der bevorstehenden Wintersaison wegen ihres außerordentlich gediegenen wie sachlich gehaltenen Inhalts und ihrer hervorragend vornehmen, ruhigen Diction zweifellos in allen Gesellschaftskreisen den Mittelpunkt der Konversation bilden." Kann man in der Anpreisung einer simplen Broschüre noch mehr leisten ? Referenzen stehen der Broschüre zur Seite von den „Münchener Neuesten Nachrichten", vom „Das Menfchenthum", „Der Freidenker", „Volks-Frühling" u. a. geistesverwandten Zeitungen, in welchen die deutsche Sprache zu einer grotesken Lobhudelei mißbraucht wird. Durch all' das auf's höchste neugierig gemacht, wollten auch wir die Frucht der „gereiften Wißcnschaft" des Hrn. Wahrendorp, leine Schrift, „welche vom wissenschaftlichen Standpunkte aus dem Würzburger Theologen (Dr. Schell) entgegentritt" und keineswegs ein Zeugniß für die eigene „geistige Jnfcriorität" des Verfassers ist, wohl aber die „vieler katholischer Theologen" brandmarkt, kennen lernen. Die hochwichtigen, die Frauenwelt interessircnden Fragen konnten wir missen, darum genügte uns auch die 1. Auflage dieser „lehrreichen" Broschüre, um in ruhiger, vornrtheilsloser Lcctüre uns ein Urtheil zu bilden über „die rein sachliche und vornehme Ausführung, womit der Verfasser mit „„Virtuosität"" die Unrichtigkeit und Un- haltbarkcit der Schell'schen These nachweist". Wer ist nun Herr Wahrendorp? Wenn es wahr ist, daß er dem auScrwählten Gottesvolke angehört, dann ist er allerdings berufen, berechtigt und überaus geeignet, über katholische Dinge mit einzigartigem Verständnisse und genauester Sachkenntniß abzusprechen und der katholischen Kirche den Text zu lesen und auch „die orthodoxprotestantische Theologie nicht zu schonen". Doch, besehen wir- uns sein Machwerk etwas genauer, so finden wir, daß es von Entstellungen und Unrichtigkeiten strotzt, an denen der Verfasser trotz aller Richtigstellung in öffentlichen Blättern hartnäckig festhält. Die Broschüre ist von einem vollständig religionslosen Standpunkte aus geschrieben; die Anschauungen und Gesinnungen des Verfassers sind wohl schon damit genugsam gekennzeichnet, daß er nur erborgte Brocken aus Heigl, Nivpold, Dnller, Droper< Noack, Scholl, Scherr u. ähnl. bietet. Rein formalistisch angesehen, ist sie ein kunterbuntes Sammelsurium ohne jegliche Ein- und Abtheilung und logische Ordnung. Was den Inhalt anlangt, so stößt man in ihr auf Behauptungen, die entweder von der pyramidalen Unwissenheit des Verfassers auf religiösem und historischem Gebiete ein glänzendes Zeugniß ablegen, oder die rohe Ausgeburt eines von infernalem Hasse gegen alles Katholische erfüllten Herzens sind. So heißt es (Seite 9), daß der Papst au jedem Charfrcitag öffentlich und feierlich alle Ketzer .... verfluche: (S. 12) daß der römische Katholicismus in Wirklichkeit alle Nichtrömischkatholischen für verloren halte. Der Katholicismus kaun dem Fortschritte nicht dienen und die Cultur nicht fördern; die Wege der Cultur und der Religion kreuzen sich (S. 17 f.); alle Religionen sind bildungsfeindlich (Seite 19)-, Religion und Wissenschaft, Glaube und Wissen haben sich noch nie anders, als wie Feuer und Wasser vertragen (S. 33 f.). So lange es Menschen gibt, waren Religionen stets das größte und stärkste Hinderniß jeglichen Fortschrittes (S. 53). Daß zwischen Glauben und Wissen, zwischen dem Inhalte der göttlichen Offenbarung und den sicheren Ergebnissen menschlichen Wissens, zwischen Katholicismus und Wissenschaft in unsern Tagen lein Widerspruch besteht, daß, wo der Glaube herrscht, auch das Wissen gedeihen kaun, das beweisen uns doch die Schriften so vieler katholischer, glanbenstreucr Gelehrten der Jetztzeit, die sich über alle Gebiete menschlichen Wissens verbreiten. Von solchen Schriften und Männern wird allerdings -iöerr Wahrendorp keine Kenntniß haben, daher existiren sie für ihn auch nicht, wohl aber „die Bildungsfeindlichkeit der katholischen Kirche". Daß die katholische Kirche im Lause der Jahrhunderte mächtige Bausteine zum Ausbau wahrer Wissenschaft und Cultur geliefert hat, das erzählen uns die Blätter der Geschichte, das verkünden uns die großen christlichen Denkmäler vergangener Zeiten. Was hat nur der eine Benedictiner-Orden für Bildung und Gesittung, für Kunst und Handwerk, für Erziehung, Unterricht und Wissenschaft gethan? Was haben Jahrhunderte lang die zahlreichen Benedictiner - Schulen geleistet? Durch sie, sowie durch die wissenschaftliche Thätigkeit dieser eifrigen Mönche wurde in den schrecklichen Jahrhunderten, die auf die Stürme der Völkerwanderung folgten, die Fackel der Wissenschaft vor dem Erlöschen bewahrt und die Tradition der wissenschaftlichen Cultur aus dein Alterthum in die späteren Zeiten hiuübergercttet. Wenn die Renaissance sich berauschte vom Glänze der antiken Wissenschaften und in dem Genusse der römisch-griechischen Redner und Dichter schwelgte, so verdankte sie diese Schätze allein der mühevollen und emsigen Arbeit der Mönche, welche die klassischen Schriftsteller des Alterthums für ihr eigenes Studium sowohl als auch für ihre Schulen brauchten und deßhalb durch unermüdliches Abschreiben vervielfältigten. Das alles scheint der „wohlunterrichtete" Herr Wahrendorp, der stolz und verächtlich auf die Kirche des Mittelalters herab- blickt, nicht zu wissen. Daher möchten wir ihm zur Ergänzung seines lückenhaften Wissens das Studium nachstehender Werke auf's angelegentlichste empfehlen: M. Ziegelbauer, Uistoria rsi Utsrarias orclinio 8. Usns- ckioti. HwK. Vinci, st Hsrbixol. 1784. Mabillon, Os stnäiis mcmastiois. Unris 1609. Hurter, Papst Jnno- cenz 111. Band 4. Seite 97 sf. Monta lembert. Die Mönche des Abendlandes. Deutsch von K. Brandes Regensburg 1860. Oder haben sich seine „Wahrheitsliebe" und sein „Gerechtigkeitssinn" gegen ein der Wahrheit entsprechendes Zeugniß gesträubt? Hat er vielleicht ein besonderes Interesse daran, all' dieses abzuleugnen? Er weiß ja doch, was Goethe sagt: „Das Erste und Letzte, was vom Genie gefordert wird, ist Wahrheitsliebe." Trotz seiner „tiefgehenden" kulturgeschichtlichen Studien scheint ihm weikers die allbekannte Thatsache entgangen zu sein, daß aus und neben den Klosterfchulen im katholischen Mittelalter unter der Aufsicht der Kirche, mit ausdrücklicher Bestätigung der Päpste, mit materieller und geistiger Unterstützung der Bischöfe und des Klerus Wapst Urban V. unterhielt tausend Studirende zu gleicher eit auf den verschiedenen Universitäten) sich die großen ^ochschulen als die Hochburgen und Centren der Gelehrsamkeit entwickelt haben, um welche sich zahlreiche Jünglinge fchaarten, um das Gold der Wissenschaft, welches die geistige Kraft christlicher Denker zu Tage gefördert, in Empfang zu nehmen, und daß daselbst die großen Geistesherocn des Mittclalters jene Lehrgebäude schufen, die uns heute anmuthen, wie die großen gothischen Doms mit ihren reichen Kunstschätzen, die sie bergen. (Vgl. Die Geschichte der deutschen Universitäten von Georg Kaufmann. I. u. II. Band. Stuttgart. Cotta. 1888. 1896. Deuiflc, Die Universitäten des Mittelalters bis 1400. Berlin 1885.) „Es ist eine unbestreitbare Thatsache — schreibt der - Protestant Gnizot im Hinblick auf diese Zeit —. Europas 503 ganze intellektuelle und moralische Entwicklung ruht wesentlich auf seiner Theologie, welche die Geister beherrscht und leitet. — — Dieser Einfluß war höchst segensreich, denn er hat nicht nur die geistige Bewegung in Europa genährt und befruchtet, es war vielmehr eben dadurch ein System gegeben, das unendlich höher stand als alles, was die alte Welt gekannt hatte." Fürwahr, vom Lichte, welches die unsterblichen Sonnen des Mittelalters, ein Albertus d. Gr., ein Thomas von Aquin, ein Alexander v. Hales u. a.. ausgestrahlt, ist Hr. Dr. Wahrendorp sicherlich noch nie beschienen worden; man merkt es feiner Wissenschaft an. Herr Wahrendorp kann sich auch die Gelegenheit nicht entgehen lassen, den Jesuiten einen — Fußtritt zu versetzen, ja deren Vernichtung als die wichtigste Cultur- aufgabe aller europäischen Staaten „mit aller Wärme" zu vroclamiren (S- 40, 42 ff.). Daß hier fanatische Gehässigkeit den Stift geführt, springt in die Augen. Er wärmt den alten Kohl „vom Zwecke, der die Mittel heiligt", wieder auf; er erlaubt sich diese „wissenschaftliche" Verleumdung, ohne nur im geringsten einen Beweis für seine Behauptung zu versuchen, und doch hätte er sogar dabei ein kleines Profitchen machen und die 1000 Gulden verdienen können, die einstens L. Roh auf der Kanzel zu Frankfurt demjenigen geboten hat. welcher diesen Satz als in Jesuitenschriften enthalten und von Jesuiten vertreten nach dem Schiedssprüche von drei Universitäten nachgewiesen hätte. Die Summe ist noch immer deponirt, trotzdem wird das alte Lied in allen Tonarten weiter geleiert. Mit solchen rostigen Waffen sollte man nicht als Vorkämpfer für die Wissenschaft auf den Plan trercn. Was Herr Wahrendorp über den Streit zwischen Janscnisten und Jesuiten sagt, berechtigt zu der Annahme. Herr Wahrendorp kenne den eigentlichen Streitpunkt gar nicht, und er habe anch nie mit einem Auge einen Blick in die einschlägige Literatur gewagt; trotzdem fühlt er sich berufen, große Worte auszusprechen. Ja, wenn man Wortmacherer und Wissenschaftlichkeit für identisch hält. dann gebührt allerdings Herrn Wahrendorp Krone und Palme. Den Eindruck, den die Broschüre des Herrn Wahrendorp auf die Jesuiten gemacht, die er mit Schmutz beworfen, ersieht man daraus, daß sie sich um sein Geschreibsel gar nicht gekümmert nnd ihn nicht eines Wortes der Erwiderung gewürdigt haben. (Schluß folgt.) Als Antwort auf die Erwiderung des „einzig autorisirten Uebersetzers" in Beilage 68 gelte Folgendes: 1. Es ist dieser Erwiderung gelungen, den oiroulns Miosns seiner ganzen Schrift recht deutlich zu machen. Der Zweck seiner Schrift ist doch der, die letzte Schrift des Kardinals Manning recht hochbedeutsam und gewichtig erscheinen zu lassen. Darum will er die Autorität Pur- cells retten. — Obwohl nun die wiederholt zugestandenen Widersprüche desselben, bei dem „die angeborne Wahrheitsliebe endlich doch zum Durchbruch kommt", dieselbe gewiß nicht heben, besonders da er ebenso unglücklich in seiner ersten Zurückhaltung wie in seiner späteren Erklärung der Widersprüche war, so fühlt Herr „Wahrmut" nicht, daß er, je mehr er die Autorität Pnr- cells zu retten sucht, die des Cardinals begräbt. — Wer sich so viele psychologische Widersprüche, wie dieser, muß beweisen lassen, welches Gewicht können denn feine Urtheile auf einem Gebiete haben, wo die Psychologie so große Bedeutung hat? Kann man deutlicher beweisen, daß Wahrmuts Schrift „pro nibilo" ist?—Er liebt sichtlich kräftige Citate: — also „partnrinnt wouiss u. s. w." 2. Ich bin weder blindgehässig genug, um Purcell zum Fälscher zu stempeln, noch Lakai oder hochmüthig genug, um ihm je das Handwasser reichen zu wollen. Es ist mir gar nicht eingefallen, seine Wahrheitsliebe oder sein Wiffen zu bezweifeln, aber sein Standpunkt gefällt mir so wenig, wie der feines Uebersetzers. — Wenn dieser über der zo großen Ehrfurcht vor Purcell und Spectator, nnd jener über seiner Wissenschaft die Ehrfurcht vor den Decretcn des cono. llü-icksnt. nicht außer Acht gelassen hätte, so wäre xa§. X und noch mehr unterblieben, und Herr „Wahrmut" hätte die Expectorationen seiner englischen Autoritäten nicht nachgebetet. 3. Da ich mich nur mit feiner Broschüre beschäftigte, auch kein Ueberietzer bin, so hatte ich Uebersetznugsfebler Anderer nicht zu erwähnen. Aber zu meiner' Interpellation hatte ich allen Grund; denn faktisch fehlen die Schlußzeichen, ferner ist das Citat pax. X so kraß, daß ich nicht wagte, es einem so katholischen Purcell zuzuschreiben. Aber mußte es nicht allen Verdacht erwecken, wenn ein unbekannter Jemand so kräftig auftritt und erklärt sich für den einzig autorisirten Uebersetzer; und wenn man dann fragt: „Wer sind Sie denn?" so beliebt es ihm, sich hinter den Busch der Pseudonymität zu verstecken und sich noch überdies „Wahrmut" zu nennen. — karturiunt montos .... Er braucht weder als Schriftsteller die „Hyperboreer", noch als Geisterseher die eingebildeten Gespenster von — „Katholicismus" zu citiren, sein eignes „Zuvieldenken" ist ihm gefährlich geworden. Larturlunt ., . . Der -eb-Recensent. Recensionen und Notizen. Dr. X. Dichtungen von Cordula Peregrina. Die rühmlichst bekannte Dichterin des herrlichen, schon in 7. Auflage beiFelician Rauch in Innsbruck erschienenen Bündchens „Was das ewige Licht erzählt". Cordula Peregrina(Schmid-Wöhler), hat seit diesem Erstlingswerk eine seltene poetische Fruchtbarkeit bewiesen. Und die geistvolle Convertitin schreibt keine Alltagsrcime und Alltagsgedankcn; alles, was aus ihrer Feder kommt, hat hohen poetischen Gehalt, athmet Frische und Begeisterung und ist kernig und von tiefer Frömmigkeit und wahrer Glaubensbcgeisterung durchdrungen. Die Dichterin hat in diesem Jahre ein wahres Füllhorn von poetischen Gaben über ihre zahlreichen Verehrer und Verehrerinnen ausgegosscn. Wir nennen zuvörderst ein 416 Seiten starkes Bündchen Gedichte, das im Verlag von Anton Pustet in Salzburg nach Gebühr glänzend ausgestattet wurde. „Singt dem Herrn! Das Kirchen- lahr in Liedern", betitelt sich diese dankenswcrthe neueste Gabe der gottbegnadeten Sängerin. Im ersten Theile ist für jeden Sonntag des Kirchenjahres ein passendes Lied geboten, welches den doppelten Zweck der Herzenserhebnng und des guten Vorsatzes erfüllt, im zweiten Theile wird ganz besonders den lieben Heiligen gehuldigt. Der geschmackvolle Goldschnittband eignet sich auch seinem Aeußeren nach vorzüglich als werthvolles Fest- geschenk. Als solches empfiehlt sich ferner das Bündchen: „Feierglocken zu heiligen Freudenlagen" (Verlag von Andreas Göbel in Würzburg), in einem sehr ansprechenden Einbande mit Goldschnitt (Preis 3 M.). Das Bündchen ist als Festgabe namentlich für die weibliche Jugend zur ersten hl. Communion oder zur Firmung gedacht, wird aber anch Knaben und Jünglingen nicht unwillkommen sein. Die tief empfundenen, glaubens- bcgeisterten, frommen Poesien der gottbegnadeten Sängerin sind so recht geeignet, die jungen Seelen auf jene schönsten Tage ihres Lebens vorzubereiten und die gehobene Stimmung immerdar wach und lebendig zu hatten. — Ein weiteres Werk der Dichterin erschien soeben im Verlage von Felix Rauch in Innsbruck: „Aus Lebens Liebe, Lust und Leid, ein Pilgersang zur Abendzeit". (Gebd. 3 M. 40 Pfg.) Diese mit dem Porträtbilde der Dichterin geschmückte, reiche Folge von Liedern in sechs Abschnitten wird in ihrem Zusammenhange erst durch die Vorrede verständlich, die für Manche fast ebenso interessant sein wird, wie die Gedichte selbst- Tenn Frau Cordula Schmid-Wähler erzählt uns hier, zwar nicht an der Hand ihrer Tagebücher, aber doch in anschaulichen Commcntaren zu den einzelnen Liedern und Liederkreisen, die Geschichte ihres Lebens und hauptsächlich ihrer Bekehrung und ihrer wechselvollen Schicksale nach dem Uebertritt zür katholischen Kirche. Das rührendste Capitel der Vorrede und der Gedichtsammlung umfaßt die Zeit, als die von den Eltern verstoßene, fein- gebildete mecklenburgische Pastorentochter sich zur dienenden Magd erniedrigte, um ihr tägliches Brod zu erwerben und ihrem Glaubet: leben zu können. Doch. wir wollendem Leser nicht vorgreifen. Das vierte neue Werk von Cordula Peregrina ist ganz dem Dienste der heil. Jungfrau geweiht, enthält ausschließlich Marienliedcr und betitelt sich „Marienrosen, entsprossen zu Füßen unserer lieben Frau". Wohl selten hat man in einem Bündchen (222 Seiten) so viel wahre Madonnen-Poesiq. 504 eine solche Fülle begeisterter bimmlischer Harfeutöue znm Lob und Preis der jungfräulichen Gottesmutter vereinigt gefunden. Der erste Theil ist mehr allgemeiner Natur, der zweite Theil ist den Festen Mariens gewidmet, der Anhang enthält Marienlieder für alle, welche außerhalb der Kirche stehen. Ein liebliches Bild — die.hl. Jungfrau wird von ihrem göttlichen Sohne als Himmelskönigin gekrönt - ist dem hochelegant ausgestatteten Goldschnittbande als Titelbild einverleibt. Die Einband- decke zeigt die hl. Jungfrau mit dem .Kinde auf Goldgrund in Rosenornamcntcn. Das im Verlage der Alphonsus-Buchhandlnng in Münster i. W. erschienene Buch kostet in dieser entzückenden Ausstattung gebd. nur 3 M. 60 Pfg. Edward von Steinle's Briefwechsel mit seinen Freunden. Herausgegeben und durch ein Lebensbild eingeleitet von A. M. von Steinle. Frei- burg, Herder, 1897. gr. 8°. 2 Bde. XX, 1056 S. Mit 19 Lichtdrucktaseln. M. 18: geb. in Leinwd. M. 22. -i- Seiner Abstammung nach gehört E. v. Steinle dem Süden an; sein Vater war aus dem Stift Kempten, seine Mutter aus Oberösterrcich; seine Jugend verlebte er in Wien, er war ursprünglich znm Musiker bestimmt. Als Altmeister der christlichen Kunst gehört Steinle der ganzen gebildeten Welt an. Und jedem, der für Kunst und einen ihrer genialsten und feinfühligsten Jünger sich interessirt, wünschen wir das vorliegende Buch m die Hände; es wird ihm eine reiche Quelle aktueller Anregung, Belehrung und Erhebung sein. Aber nicht bloß in diesem Sinn ist diese Publikation aus Pietät- und verständniß- voller Sohneshand nutzbar, sie bildet auch in vielen Dingen einen Qucllcnbeitrag zur zeitgenössischen Geschichte. indem wir hineingeführt werden in den lebendigen geistigen Austausch des Altmeisters mit jenen, die das Land gleicher Interessen für Knust, Glaube, Kirche und Vaterland ibm näherte. Auch in das fesselnd geschriebene Lebensbild sind Briefe an und von Zeitgenossen und Freunden geschickt verwoben. Die Ausstattung durch den Verleger ist sehr sorgfältig. Von den Kunstbeilagen hat uns der Lichtdruck „Christus bei Nikodemus (nach einem Aguarell, 1863, im Städel'sch. Institut) am meisten angesprochen. Und wenn auch ein Dcsidcrium zu Worte kommen soll, so hätten wir außer dem Personenvcrzeich- niß und dem chronologischen Verzeichnis; von Steinle's Werken auch ein chronologisches Register dieser Briefe gewünscht. Mit einigen Bemerkungen des Herausgebers über die Vertretung der christlichen Kunst in der Gegenwart sind wir nicht einverstanden. Atlas der Himmels künde auf Grundlage der cölest- ischcn Photographie. 62 Karteublätter (mit 135 Einzeldarstellungen) und 62 Folio-Bogen Text niit ca. 500 Abbildungen. Mit besonderer Unterstützung hervorragender Astronomen, sowie seitens zahlreicher Sternwarten und optisch-mechanischer Werkstätten. Von A. v. Schweiger-Lerchenfeld. In 30 Lieferungen zum Preise von 1 M. (N. Hart- lebeu's Verlag in Wien.) Erschienen sind Lieferungen 1—20. Mit den Lieferungen 17—20, die uns kürzlich zugekommen sind, haben Text und Karten der bisher erschienenen Lieferungen dieses astronomischen Prachtwerkes eine weitere interessante Bereicherung erfahren. Den Haupt- gegenstand der lichtvollen textlichen Ausführungen bildet diesmal die Fixsternwelt, und zwar an der Hand von Abbildungen, die nach den neuesten photographischen Aufnahmen voir Sternhaufen und Nebelflecken hergestellt wurde». Besonderes Interesse erregen die Roberts'schen Photogramme von Spiralnebeln. Bemerkenswert!) sind wieder die großen Tafeln, photographische Reproductionen von Mondlandschaften (die Blätter „Karpathen", „Eu- doxns und Aristoteles", „Atlas". „Herkules" sind sehr schön und instruktiv), eine Partie des Sternbildes der Zwillinge (Pariser Aufnahme), dann die Farbenbilder „Mondfinsternis;" und „Svektraltascl'. Der große Anklang. den diese ausgezeichnete Arbeit nicht nur in weiten .Kreisen, sondern auch unter den Kachaslronomen gefunden hat, fußt in der geschickten Verwerthung der neuesten Forschungsergebnisse und in einer erstaunlichen Fülle von Abbildungen, zu welchen die Sternwarten der ganzen Erde die Originale bereitwilligst zur Verfügung gestellt haben. Jeder Freund der Himmelsknnde wird mit Spannung den; Erscheinen der folgenden Lieferungen entgegensehen. A u s Marfa's Lugendzeit.. Erzählung von E. M. Hamann. Mit 3 ganzseitigen Tonbildcrn und 10 Text-Illustrationen. 8". 142 Seiten, in farbigem Halbleincnband 1 M. 20 Pfg. Verlag von Niffärth in Gladbach. Die deutsche Literatur ist nicht arm an Lesestoff für die Jugend; Christoph v. Schund, Herchenbach, Ambach, Jsabella Braun, Emmy Giehrl bieten zweckmäßige Lcctüre für die Jugend beiderlei Geschlechts. Dre Specialisirung erstreckt sich aber in neuester Zeit sogar auf die Jugendlectüre, indem sie sich scheidet in solche für Knaben und in solche für Mädchen, und wir halten das für ebenso zweckmäßig, wie die Scheidung der Jugendspiele. Als Lectüre für Knaben sind in neuester Zeit durch Nebersetzungen zugänglich gemacht die hübsche englische Novelle „Der kleine Lord Fauntleroy" von Burnett, deutsch von Emmn Becher, die italienische „Herz" von de Amicis, deutsch von Wülser, die wunderschönen Schilderungen aus dem amerikanischen Erziehungswesen, welches allerdings von dem in deutschen Pensionaten sehr verschieden ist, „Tom Plaifair" und „Percy Winn" von Finn, 8. 3., deutfch von P. Betten. Als Parallele zu dieser für Knaben bestimmten Lectüre gibt Rifsarth m M.-Gladbach eine „Mädchenbibliothek" heraus, von welcher uns das 5. Bündchen mit obigem Titel vorliegt. Die Erzählung schildert die Schicksale eines 14 jährigen Mädchens, welches, der Eltern beraubt, in die Familie eines Oheims in Petersburg kommt und dort eine gleich- gesinnte Cousine und zwei hochadelige Freundinnen findet. Christlicher Familiensinn durchweht das Ganze. Ernstes und Heiteres wechselt anmnthig miteinander ab. Einen besonderen Vorzug finden wir darin, daß die Erzählung nicht blos Unterhaltung, sondern auch Belehrung bietet. Petersburg mit seinen schönen Kirchen und dem Kaiserpalast, mit dem lustigen Treiben im schncereichen Winter, der Aufenthalt in der Sommerfrische ist so lebendig und anschaulich geschildert, wie das die Verfasserin nur aus eigener Anschauung geschöpft haben kann; Matuschka, das alte Erbstück der Familie, ist der Typus einer treuen russischen Dienstmagd, welche innig mit der Familie verwachsen ist — also topographisches und ethnographisches als belehrende Staffage zu der psychologisch gut angelegten Erzählung. Nebenbei sei bemerkt, daß die Verfasserin identisch ist mit E. M. Harms, unter welchen! Namen sie den bereits in 2. Auflage erschienenen, allerseits sehr günstig beurtheilten „Abriß der deutschen Literaturgeschichte" (nach Brugier, Freiburg, Herder) veröffentlicht hat. Dr. H. W. „Katholischer Schulfreund" mit der periodischen Beilage „Der katholische Jüngling" beschließt mit der uns soeben zukommenden Nr. 12 seinen heurigen, den zweiten Jahrgang. Wenn wir die reiche Fülle überblicken, welche diese eigenartige, streng katholische, pädagogische Monatschrift im jetzt abgeschlossenen Jahrgange 1897 um den ungewöhnlich billigen jährlichen Bezugspreis von nur fl. 1.20 ihren Lesern geboten hat, so muß man staunen über die Opferwilligkeit des Vereines zur Heranbildung katholischer Lehrer in Oesterreich, dessen Organ sie ja ist, und wohl auch der zahlreichen — Schriftsteller, die sich in den Dienst einer wahrhaft guten Sache gestellt haben. Freudig zu begrüßen ist es auch, daß wir endlich im „Katholischen Schulfreund" eine katholische Zeitschrift haben, die ihre Aufsätze mit entsprechenden eigenen Illustrationen ziert und erläutert. — Die Leitung verspricht, den kommenden Jahrgang zur Ehre des Regierungs- jubiläums des Kaisers besonders schön auszustatten, ein weiterer Grund, den Bezug dieser wackeren Monatschrift allen unseren Lesern angelegentlichst zu empfehlen. X. Lerantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg, 73 M AllgS « >l> S4. Aq. W7. Lücksbantam: Düm-v, Rümsti wackburam maäbnrskcsbaram, Lrubz» icavitä-eLIckäm, vsncks V slmürj-lcokrilam. Den Valmiki will ich preisen, diese süße Nachtigall, Die der Dichtung Zweig bestiegen, nun in süßer Töne Schall Unablässig, nimmermüde ,Rama' singt mit Widerhall. ck: So preist der Inder poesievoll, wie er von Haus aus ist, seinen Lieblingsdichter, den Verfasser des herrlichen Raina-Liedes. Die Hochschätzmig, die dieser Fürst im Reiche der Dichtkunst bei seinem Volke genießt, die Huldigung, die Jahrhunderte ihm zollen, ist sie nicht zugleich ein Ehrenzengniß für das ganze Volk? Ja, der Ruhm Valmikis strahlt zurück auf den, so begeistert ihm zujubelt: Vor dem Hort des reichsten Wissens, vor Valmikis hehrer Muse, . Will ich mich zum Gruß verneigen, huldigend zu frommem Gruße. „Wie Jlias und Odyssee, so gehören auch die zwei großen indischen Epen, das Mahabharata und das Ramayana, zu den Marksteinen der Weltliteratur.. Die Sagenwelt, das Geistesleben, die Bildung und Eigenart eines der merkwürdigsten alten Kulturvölker hat sich darin zu einem großen Gesammtbilde verkörpert, an dem die folgenden Geschlechter durch mehr als zwei Jahrtausende sich erfreuten und begeisterten, belehrten und heran- schultcn." (Al. Baumgartner.) Das Ramayana (IkLmn- llz'ML-stüvz'nnr ^ das sich auf Rama beziehende Gedicht) soll nunmehr zum ersten Mal vollständig in deutscher Sprache erscheinen'), und die meisterhafte Uebertragung obiger, der Widmung „an den Dichter" entnommener Verse berechtigt uns zur Annahme, daß der Uebersctzer seiner schwierigen, nicht wenig Geduld erheischenden Aufgabe -auch gewachsen sein wird. Mahabharata und Ramayana: was bedeuten diese Worte für uns? Wir hoffen nicht, daß unter den Lesern dieses Blattes solche Barbaren sind, welche das Volk der Inder, dem die wohllautendste, reichste und ausgebildctste Sprache eignet, die wir bisher kennen, das Volk, aus dem ein Kalidasa, der Dichter der Sakuntala, hervorgegangen, kurzer Hand den „ivrlden Stämmen" zurechnen (eine Ansicht, die man von manchen „Wilden" unserer Umgebung d. h. von sog. „Gebildeten" leider zuweilen hören kann); wir nehmen schon aus Höflichkeit au, daß unsere Leser mit den „Marksteinen der Weltliteratur" vertraut sind, gleichwohl befürchten wir, es möchten Manche aus dem litcraturgeschichtlichen Unterricht der Mittelschule sich mir eine etwas traumhafte Erinnerung an die beiden Worte „Mahabharata" und „Ramayana" bewahrt haben. Es seien darum einige Erörterungen gestattet. Das Mahabharata nun, das eine der beiden großen Heldengedichte der Sanskritlitcratur, ist ein Riesenwerk von 100,000 Doppelversen; es setzt sich aus Theilen von sehr verschiedenem Werth und Inhalt, von verschiedenen Verfassern und weit anseinanderliegenden Ab- ') KLmrlMua: Das Lied vom König ULwa, ein altindisches Heldengedicht des VSlrmüi in sieben Büchern, zum ersten Mal ins Deutsche übertragen, eingeleitet und angemerkt von vr. I. Menrad, k. b. Gymnasiallehrer. 1. Band. 12°. Ist! -s- 307 SS. M. 4,80. München, Th. Ackermann, 1897. fassungszeiten zusammen. Ihm gehört z. B. an die namentlich durch Nückert bekannt gewordene reizende Exisode „Nala und Damayanti", das liebliche Savitri- Idyll, ferner der „Raub der Draupadi" sowie die hochberühmte „Bhagavad - gita", ein tiefernstes, erhabenes Lehrgedicht?) von A. W. von Schlegel meisterhaft ins Lateinische übersetzt. — Das Ramayana, das andere große Epos der Inder, ist ein Knnstgedicht von einheitlichem Gepräge; als sein Verfasser wird Valmiki genannt. Eine ausführliche Inhaltsangabe gibt Herm. Jacobs (Das vamü^ana: Geschichte und Inhalt, nebst Con- cordanz der gedruckten Recensionen. 1893. S. 140 bis 208), sowie das feinsinnige, ausgezeichnete Werk „Das Lümüyana und die Hünm-Literatur der Inder" (Frci- bnrg, Herder, 1894) des deutschen Jesuiten k. Al. Baumgartner (S. 140—208). Wir geben hier den Inhalt der sieben Bücher (nach vr. Menrad, S. XV) in gedrungener Kürze''): In Ayodhya (jetzt Oudh), der Hauptstadt des blühenden Reiches der Koealer, regiert der vortreffliche König Dac'-aratha aus der almenreichen Dynastie der zzkshvakuiden oder Raghuideu, die ihr Geschlecht bis auf Brahma selbst zurückführen. Seinem Glück fehlt nur ein männlicher Nachkomme. Endlich erhält er durch ein Roßopfer nicht nur einen, sondern vier Söhne: Nama von seiner vornehmsten Gemahlin Kau,a. dann Bharata von seiner zweiten Gattin Kaikeyi (d. i. Tochter des Kekaycrfürsten), Lakshmana und Oatrughna von der dritten, Snmitra. Der älteste, Rama — nach späterer Auffassung eine Inkarnation des Gottes Nishnu — entzückt Hos und Land durch seine Vorzüge. Er wird mit Sita vermählt, der Tochter Dshanakas, des benachbarten Königs von Mithila, der dieselbe erst als Mägdlein beim Ackern in einer Furche gesunden und ihr nach dieser den Namen (sita — Furche) gegeben hat. Daearatha will seinem Sohne Rama schon bei Lebzeiten Thron und Reich übertragen, allein eine Palastintrigue durchkreuzt seinen Plan. Kaikeyi, die zweite Gemahlin Dayaratbas, hintertreibt die Königswürde Raums und weiß den König, der ihr einst die Gewährung zweier Wünsche feierlich versprochen, zu bestimmen, ihren eigenen Sohn Bharata zum König zu weihen, Nama aber aus 14 Jahre in den Wald zu verbannen. Gelassen fügt sich Raum aus Achtung vor seines Vaters Willen in sein Geschick: dem alten König aber bricht die Trennung von seinem ältesten Sohne das Herz. Sita, Rama und fein unzertrennlicher Lieblingsbruder Lakshmana ziehen in den Wald und erbauen sich in der Nähe der UaMuna am Berge Tshitrakuta eine Einsiedelei. Der zum Thron bestimmte Bharata will aber die Regierung nicht übernehmen und sucht Rama auf, um ihn. zurückzuführen. Ein cdelmüthiger Wettstreit entspinnt sich zwischen den beiden Brüdern. Rama bleibt fest in seinem Entschlüsse, das seinem Vater gegebene Versprechen zu halten, bis Bharata zuletzt sich seine Sandalen erbittet, um sie als Symbol der Herrschaft auf den Thron von Ayodhya zu legen, während er selbst Nandikramä zu seinem Herrscher- sitz erwählt. — Bald daraus wenden sich die Einsiedler in Raums Nachbarschaft au diesen um Schutz gegen dämon- 2) Wilhelm von Humboldt wurde davon so tief ergriffen, daß er an Gcntz schrieb: er danke Gott, daß er ihn so Imme habe leben lassen, um dieses Gedicht lesen zu können. Vergl. das vortreffliche Werk: Schröder» Indiens Literatur und Cultur (Leipzig 1887) S. 694. — Die auffallenden Anklänge der philosophischen Lehren dieses merkwürdigen Gedichtes mit christlichen Grundsätzen hat Lorinser so weit als möglich erörtert. Vor neueren Versuchen, theosophisch-spiritistische Hirngespinnste daniit zu verquicken, muß man warnen. Diese Bestrebungen, die mit einer gewissen Schwindlerin Blavatzky in Zusammenhang gebracht werden, stehen nicht mehr auf dem Boden sonder Forschung. ") Aus typographischen Rücksichten können wir der Transscription des Verfassers nicht durchweg folgen. 506 ische Unholde, die sie bei ihren frommen Uebungen und Opfern stören. Rama muß sich aus der Ruhe der Waldeinsamkeit zu voller Thätigkeit aufraffen und den Kampf mit verschiedenen Recken bestehen. Zwar geht er als Sieger aus demselben hervor, jedoch verwickelt er sich dadurch in einen Streit von größerem Umfange, da der mächtigste aller Dämonen Ravana, der Beherrscher der Jnselsiadt Lanka (Ceylon?), Rache für die erschlagenen Verwandten zu nehmen sinnt. Zunächst gelingt es demselben, Raums Gattin Sita durch List zu entführen. Lange bleiben die Versuche des klagenden Helden, eine Spur seiner geraubten Gattin zu entdecken, erfolglos. Endlich kommt er seinem Ziele näher durch ein Bündniß mit dem Affenfürsten Sngriva, den er von seinem Bruder Balin, der lencm Thron und Gattin geraubt, durch Erlegung desselben befreit. Sugrivas tüchtigem Oberfeld- herrn Hanumant gelingt es nun, Sitas Aufenthalt ausfindig zu machen, durch einen Sprung über das Meer zu ihr selbst zu gelangen und ihr Nachricht von ihrem Gemahl zu geben, wobei er die Lage der feindlichen Stadt auskundschaftet. Nach mancherlei Abenteuern kommt Hanumant zu dem auf dem Festlande seiner harrenden Heere zurück. Nun rüstet man auf beiden Seiten zum Entscheidungskampfe. Von den Affen wird das Material zur Erbauung einer Brücke vom Festland nach Lanka herbeigeschafft, so daß das Heer vor die feindliche Stadt rücken kann. Nach zahlreichen Einzelkämpfen und Schlachten der verschiedensten Art wird Ravana endlich von Rama durch das furchtbare Brahmageschoß mitten ins Herz getroffen. Ravanas Bruder, Vibhishana, der beim Kampfe auf Seiten Raums gestanden, wird vom Sieger als König von Lanka eingesetzt. Die Vereinigung der Gatten erfolgt aber erst, als der Feucrgott Agni feierlichst ein Zeuginß für die unversehrte Reinheit und Treue Sitas ablegt, worauf der sieggekrönte Herrscher nach Ayodhya heimkehrt und die Regierung antritt. — Damit wäre die Handlung zu einem genügenden Abschluß gekommen. Allein eine spätere Fortsetzung — das 7. Buch — läßt nach weitläufigen Mythen und Genealogien (besonders der Ravanas) in Raum noch einmal Zweifel an Sitas Reinheit aufkommen. Sie wird von ihrem Gemahl gelegentlich eines Waldaufenthaltes verstoßen und gebiert dort die Zwillinge Kn?a und Lava, die beim Einsiedler-Dichter Valmiki Aufnahme und Pflege finden, bis sie herangewachsen ihrem Vater seine Thaten nach dem von ihrem Meister geschaffenen Gedicht vortragen. Rama ist zur Wiederaufnahme seiner Gattin bereit, wenn sie sich durch einen Eid von jenem Verdacht reinigt; Sita aber ruft die Erde an und wird von ihr in die Unterwelt entrückt. Rama wird auf eine Wiedervereinigung mit ihr in der Himmelswelt vertröstet, und diese erfolgt endlich, als er am Flusse Sarayn als Vifhnn wieder göttliche Gestalt annimmt und für sich und sein sämmtliches Gefolge Aufnahme in den Himmel findet. Das ist der Inhalt des Rama-Licdes, das in sieben Büchern 24,000 Doppclverfe zu je 16 Silben, also 48,000 V'erszeilen umfaßt, somit weit hinter dem ungeheueren Umfang des Mahabharata zurückbleibt, aber doch die beiden homerischen Epen, die zusammen 27,800 Vers- zeilen (Hexameter) zählen, an Verszahl fast ums Doppelte übertrifft. Die Abfassnngszeit des Gedichtes fällt nach Jacobis Untersuchungen zwischen das 8. und 5. Jahrhundert v. Chr. und sein Inhalt war in der Folgezeit der unversicgliche Born für Kuustdichtnugen verschiedener Art: das Nama-Lied spiegelt sich wieder in einer Episode des Mahabharata und in den Purauas, sowie in der buddhistischen Literatur als Dcitzaratha- Dschataka; eines der schönsten späteren Kunstepen, das Naghnvan^a des unvergleichlichen Dichters Kalidasa, behandelt den Sagenkreis des Ramayana; ein ganz absonderliches Kunststück ist das Bhattikavha, das die Nama- Geschichte zu einem Lehrgedicht von 1521 Versen verarbeitet, die den Zweck haben, die Formenlehre der SaiiskriLgrammatik darzustellen; endlich trat die Nama- sage auch in zahlreichen Schauspielen auf die Bühne und fand in den Volkssprachen Indiens Bearbeitungen; ja heute noch tragen in Indien Rhapsoden Stücke aus dem Namahana öffentlich vor.Z Ueber den poetischen Werth des Ramayana urtheilt ein Kenner, wie Monier Williams (Inäian opic poer > ?. 12), daß es im ganzen Umfang der Sanskritliteratur kein schöneres Gedicht gibt; man begreift, was das beißen will, wenn man weiß, daß schon der Araber Alberuni die Sanskritliteratur als unermeßlich reich bezeichnet hat. Die wunderbar abgeklärte, ideale Schönheit hellenischer Dichtung dürfen wir freilich vom N...nayana nicht erwarten; das strenge Ebenmaß und das harmonische Verhältniß zwischen Form und Inhalt konnte nur das Voll leisten, das überhaupt an künstlerischem Gefühl einzig und unübertroffen in der Culturgeschichte dasteht, die Griechen. Dafür aber hat das Ramayana andere, eigenartige Schönheiten. Eine uns neue Welt voll üppiger Zauberpracht, gleich dem indischen Urwald voll berauschenden Blüthenduftes, enthüllt sich unserm staunenden Auge, eine fremde Welt, oft durch maßlose, groteske Phantastik unsern Anschauungen widerstrebend, oft aber auch eine überraschende Gemeinsamkeit des Empfindens und Denkens offenbarend, wie sie eben das Band der Blutsverwandtschaft zwischen zwei Völkerstämmen bezeugt. Mit Meisterschaft handhabt der Dichter die Knnstmittel des sprachlichen Ausdruckes, klar und einfach, von klassischer Reinheit und einschmeichelndem Wohlklaug ist sein Stil, reich an feinen Zügen echt poetischen Gefühls. Ueberans zart sind besonders die Naturschildernngen, von einer Pracht und eigenartigen Schönheit, wie wir sie bei Griechen und Römern nirgends finden, denen man ja deßhalb den Sinn für ästhetische Naturbctrachtung gänzlich abgesprochen hat. In der indischen Dichtkunst dagegen überrascht uns, mächtig anheimelnd, ein intimes Leben mit Thier- und Pflanzenwelt, eine aus religiösem Grunde hervorgewachsene poetische Liebe und Andacht zur Natur, die als mitfühlende Theilnehmerin an den Leiden und Freuden des Menschen gedacht ist. Aber auch in die Regungen des Mcnscheuherzens weiß der Dichter mit tiefem Blick einzudringen; scharf und treffend ist seine Charakteristik der Personen: in Sita hat er uns vielleicht das schönste Frauenbild der indischen Literatur gezeichnet, voll hingebender Zartheit und heldenhafter Opferfreudigkeit ; in Da^aratha spiegelt sich Vaterlandsliebe, in Lakshmana treueste Bruderliebe in ergreifender Weise. (Vgl. Baumgartner SS. 66—72.) Daß ein solches Gedicht werth ist, in deutschem Gewände sich Eingang in den Kreis unserer „Gebildeten" zu bahnen, bedarf wohl keiner Rechtfertigung mehr. Nachdem es vom Ramayana bereits eine vollständige italienische Uebersetzung (mit Text von Gorresio, Paris 1843 bis 1858, 10 Bde.), eine französische (von Fauche, Paris 1854—58) und zwei englische, eine metrische (von Griffith, Benares 1870—74) und eine prosaische (von Manmatha Nath Dutt, Calcutta 1891—93), gibt, ist es eine Ehrenschuld, das herrliche Gedicht auch unserer Muttersprache zu schenken. Wir heißen darum das Unternehmen des für Valmikis Kunstwerk begeisterten Ucbersetzers willkommen und wünschen seiner Arbeit eine gedeihliche Fortsetzung und Vollendung; möge Dr. Menrad bald mit stolzer Genugthuung sich sagen können, er habe den Ge- *) Vgl. Baumgartner S. 75—161. — Dazu sind noch zwei vorzügliche Ausgaben neueren Tatnms zu erwähnen: Lriinat ^nckbra ULmäMnaw (VonkatiAiri 1895. 8°. 2 Bde. 1645 SS.), die beste Ausgabe des Tclugn-Werkes; ferner das „Letnbanäba" in der Bombayer Ausgabe (497 SSO von 1895. 507 bildeten deutscher Zunge eines der bedeutendsten Werke der Weltliteratur zum ersten Mal in vollständiger deutscher Uebersetzung zugänglich gemacht. Vorläufig liegt uns das erste Bündchen, das erste Buch des ganzen Gedichtes („Buch der Jugend" — dkIn-irLaä»,) enthaltend, in gefälliger, vornehmer Ausstattung vor. Das Werk beginnt mit einer Lobpreisung des Dichters, die ein späterer Verehrer desselben vorangestellt hat, und welche vr. Menrad (wie die obigen Beispiele zeigen) in formvollendeten deutschen Versen wiedergibt. Das erste Buch schildert Geburt und Jugendalter des Helden bis Zu seiner Vermählung in 77 Abschnitten und 2316 Doppelversen. Das Versmaß des tzloka ist so locker gefügt, daß man dem Uebersetzer wohl beistimmen wird, wenn er in schlichter deutscher Prosa die passendste Umformung des indischen Metrums gesehen hat, da erfahrungsgemäß die Nachbildung des tzloka unserem Geschmacke ebensowenig zusagen würde, wie etwa der uns ebenso fremde epische Hexameter Homers. Die Uebersetzung ist einfach, klar und fließend; sie wird auch dem die besten Dienste leisten können, der sich ihrer beim Studium des Urtextes bedient. Sehr lobens- werth ist die übersichtliche Anordnung des Druckes mit den Jnhaltsüberschriften der einzelnen Kapitel. Erklärende Anmerkungen philologischer, historischer, culturgeschichtlicher, mythologischer Natur, sowie interessante Verweisungen auf Parallelen aus der Literatur (z. B. Homer) erleichtern dem Leser auf einem ihm doch fremdartigen Gebiete das Verständniß und beleben den Gang der Rede. Die umfangreiche Einleitung, die der Herausgeber seiner Verdeutschung vorausschickt, handelt vom Dichter und der Entstehungszeit des Gedichtes, sie bringt eine kritische Beurtheilung und ästhetische Werthschätznug des Rama- Liedes, führt die Recensionen und Ausgaben an und gibt namentlich eine dankenswerthe, sehr ausführliche Inhaltsangabe des in die 77 Abschnitte zergliederten ersten Buches mit einer dispositiven Uebersicht über die Handlung und die Hauptmomente der Erzählung. Der Uebcrtragung ist die treffliche, mit einer wahrhaft klassischen lateinischen Uebersetzung versehene Ausgabe von Aug. W. Schlegel (Bonn 1829 — 38) zu Grunde gelegt, die leider über die beiden ersten Bücher nicht hinausgekommen ist. Der Uebersetzer spendet dieser Ausgabe in kritischer Hinsicht das höchste Lob, selbst im Vergleich mit der neuen Bombaycr Ausgabe.^) Mag sein. Wenn aber dann die beiden ersten Bücher übersetzt sind, was dann? Da wird eben doch nichts anders übrig bleiben, als für die übrigen fünf Bücher entweder selbst einen kritisch bearbeiteten Text herzustellen, eine überaus schwierige und langwierige Vorarbeit, oder mit der Bombayer Ausgabe vorlicb zu nehmen, die ja auch die nördliche Recension, die ursprünglichere, enthält. Diese vorzügliche Ausgabe umfaßt auch den großen Commentar, der jedenfalls unentbehrlich ist. Wer sich je mit Lektüre von Sanskrittexten befaßt hat, weiß, wie oft selbst das große Petersburger Wörterbuch in sieben Foliobänden im Stiche läßt und der Commentar durch das Synonymon das einzige Rettungsmittel gibt, auf die passende Bedeutung eines Wortes zu kommen. Als durch die Bemühungen der ersten europäischen Sanskritforscher (Chözy, Wilson, Schlegel, Bopp) dem Westen die erste Bekanntschaft mit der- indischen *) c> t Valmilci, n'itli tlls Oowmsa- tarx- (Illlaka) ot LLma eckitocl i>x LKsiuLtlr. Lünclui-KiiK Larab. 8". 2 voll. Uombg^ (dlirnava Sahara Liess) 1883 (II.). Literatur vermittelt wurde, da war man freudig überrascht über diese wahren Perlen der Dichtkunst; kein Geringerer als Goethe hat des Kalidasa Saknntala und Meghaduta jubelnd begrüßt. Nicht weniger verdient das Ramayana unsere Aufmerksamkeit; die Bekanntschaft mit dem indischen Alterthum trägt gewiß zur Veredlung des Geschmackes bei und dürfte doch jedenfalls das Interesse des Gebildeten in Anspruch nehmen, der weiß, daß Jlias und Odyssee, die uns von der Schule her vertraut sind, demselben Kreise indogermanischer Gesittung angehören, wie das indische Epos. Wir schließen mit dem Wunsche, es möchte die woblgelungene Uebertragnng des ersten Buches mit derselben Begeisterung aufgenommen werden, womit sie unternommen wurde, der beste Lohn für den Herausgeber und die beste Ermnthigung, die weiteren Theile in nicht allzu ferner Zeit folgen zu lassen. Es wäre bedauerlich, wenn durch die Theilnahmslosigkeit des Publikums, das für Schundromane, die heute gefeiert und morgen vergessen werden, Geld im Ueberfluß hat, das Unternehmen, ein Meisterwerk der Poesie von unvergänglichem Werthe unserer Literatur einzuverleiben, nicht zu Ende geführt werden könnte. Möge die Hoffnung, die der Herausgeber auf den guten Geschmack der Leser setzt, nicht getäuscht werden l Geschichte des deutschen Volkes seit dem 13. Jahrhundert bis zum Ausgaug des Mittelalters von Emil Michael 8. lk. (Fortsetzung.) 3. Handel und Verkehr. Die Hansa. Deutschlands Handel datirt, abgesehen von dürftigen Resten des nie bedeutend gewesenen Verkehrs mit den Römern, von König Heinrich I. an. Man unterschied Händler, welche das Produkt ihres Fleißes selbst auf den Markt brachten; Krämer, welche im Absatz ihrer Waaren auf einen örtlich begrenzten Kreis beschränkt waren und unter dem Stadtrath standen; endlich Kaufleute, welche den Schutz des Königs genossen und zu jeder Zeit und an jedem Orte Handel treiben durften. Kaufmannsgilden waren im 13. Jahrhundert nichts Seltenes mehr. Besonders betont war die gesellige Unterhaltung: die reichen Kaufleute durften sich fröhliche Gelage öfter und mit größerem Aufwande gestatten, als die in beschränkteren Verhältnissen lebenden Handwerker. S. 162 — 163. Wie die Zunft, war auch die Gilde eine religiöse Bruderschaft und wachte über den Charakter der Mitglieder, gleichviel ob in Deutschland oder im fernen Lissabon. S. 163-164. Nun folgt das wichtige Kapitel von dem Unter- uehmergewinn, unbestritten eine der schönsten.Seiten des soviel verlästerten Mittclalters. Einen gerechten Zins hat die Kirche dem Handel, der ja auch werthbildend ist, nie untersagt. Aehnlich ist es auf oem Gebiete des Schuldwesens und des Wechselverkcbrs. Die Anfänge des Wechselrechtcs in Deutschland gehen auf Italien und das 12. Jahrhundert zurück. S. 164—166. Bezweckten die Kaufmannsgilden den Schutz kaufmännischer Interessen, so strebten die Handelsgesellschaften genossenschaftlichen Betrieb und prozentualen Antheil der Mitglieder am gemeinsamen Gewinn an nach den Ka- pitalseinlagcM. Wirthschaftete einer der Gesellschafter als Geschäftsführer mit dem gemeinsamen Gute, oder übertrug ein Geschäftsherr einem Andern als Diener seine Güter zu Gewinn oder Verlust, war natürlich auch der 508 Gewinn- oder Verlustantheil ein anderer. Die Handelsgesellschaften entwickelten sich naturgemäß früher und großartiger ini Süden Deutschlands infolge der Verbindung mit Italien und im Norden infolge der Nähe des Meeres, als in Mitteldeutschland. S. 166 — 170. Die Geschäfts- tvie die Gelehrtensprache war durchgängig Latein. S. 170. Für die Belebung und Sicherheit des Verkehrs hat die Kirche mehr gethan, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Bischöfe und Orden haben Brücken und Wege gebaut, für sicheres Geleit gesorgt; Papst und Bischöfe haben vielfach Ablässe zum Bau von Brücken gewährt, was der Verfasser durch viele Beispiele und Stellen aus Schriftstellern belegt. Die Kirche hat den Schuh und die Förderung des Verkehres als verdienstliches Werk empfohlen, und darum hat die Frömmigkeit dem Pilger und Kaufmann auch an abgelegenen Orten die Wege gebahnt. Trotzdem waren diese oft genug noch bodenlos, das Mittelalter hatte dafür wenig empfindliche Nerven. S. 170—173. Mit den Bemühungen der Kirche verbanden sich die Gesetze der weltlichen Macht. War auch das Waffentragcn den Kaufleuten verboten, wollten sie nicht wehrlos sein, mußten sie wohlbewaffnet reisen. S. 174. Eine lästige Störung des Verkehres überhaupt war das Strand- und Grnndrnhrrccht. Dieses Recht war von Anfang an ein Mißbrauch, ein schreiendes Unrecht, w nn es auch nach Michael in seiner streng rechtlichen Begrenzung nicht jene Härte besessen haben soll, die man mit seinem Begriff zu verbinden pflegt. Darum forderte Kaiser Friedrich II. reichsgesctzlich die Rückerstattung gestrandeter Güter an den Eigenthümer (1220). S. 174 bis 175. Kein Kaufmann war verpflichtet, sich um das Geleite zu bemühen. Forderte er es von dem Herrn des Landes, durch welches er reiste, hatte er dafür einen Zoll zu erlegen. Besser geborgen aber war der Kaufmann unter der Uuvcrletzlichkeit, welche die Pilger genossen. S. 175-176. Für die Sicherheit des Reifens und die Verpflegung der Fremden sorgten in ihrer Art die Klöster. Gewerbsmäßige Wirthshäuser gab es nicht allzuviele, es herrschte die Gastfreundschaft. Die Regel des hl. Bcnedikt befiehlt mit Nachdruck die Aufnahme besonders der Armen »nd Pilger. Die Klöster haben für die Bewirthung der Fremden zumeist an einsamen, weltverlassenen Orten Hospitäler gebaut. Die Gründung des Johanniterordcus erfolgte von Kaufleuten nur für die Pflege der Fremden. Die größte Wohlthat waren entschieden die sogenannten Hospize in wilden Gebirgsgegenden und au Alpcnpässen. S. 176 — 177. S. 178 zählt Michael die bekanntesten Tiroler Hospize auf, ein Denkmal des cnlturfrenndlichen Opfergcistcs und der wcrtthätigen Nächstenliebe des Christenthums. Must stand vor den Thoren der Städte ein Spital, welches zu jeder Tages- und Nachtszeit dem Fremden offen stand. S. 179. Der Aufschwung des Handels im 13. Jahrhundert wurde bedingt durch die Fortschritte der Laudwirthschaft und des Gewerbes, insbesondere aber durch die Kreuz- züge, die unmittelbar die Blüthe der südenropäischcn Städte herbeiführten. Bis zum Ende des 12. Jahrhunderts ivar die mächtigste Handelsstadt Süddcutschlands Ncgcnsbnrg, seine Kaufleute waren unter den ersten, welche im b'miäaeo clei 'Illäkaatii zu Venedig Handelsgeschäfte erledigten. Ihm zunächst stand Nürnberg „mit seinen künstlerisch vollendeten Metallarbciteu", wozu wir aber ein großes, großes Fragezeichen machen, dann Ulm und Augsburg. Die Produkte des Südens und Nordens wanderten herüber und hinüber. S. 179 — 183. Seit dem Anfange des 13. Jahrhunderts wurde Wien die Beherrscherin des Donauhandels und kam die von Juden gerne besuchte Frankfurter Messe in Aufschwung. S. 183 bis 184. (Hier fügt Michael sehr bemerkenswerthe Aufschlüsse über die Juden im Mittelalter ein, „des hl. römischen Reiches Blutegel". Ihre maßlose Ausbeutung des Wucherprivilegs ließ die Christen wiederholt Repressalien üben. Jude und Wucherer waren identische Begriffe.) Die erste Nheinstadt war Köln, danr Straßburg. Stark besucht waren auch von deutschen Kaufleuten die Messen der Champagne. S. 184—186. Die größte Schwierigkeit für den Verkehr mit Italien bildeten natürlich die Alpen; von ihren Pässen waren die wichtigsten der große St. Bernhard, der Sep- timer, der St. Gotthard und der Brenner, welche sich einer wechselnden Beliebtheit erfreuten und deren Höhen meist Hospize krönten. S. 186 — 189. In ihrem Verkehr mit Italien gaben die deutschen Städte fast nur Rohstoffe, insbesondere des Bergbaues. Dieser hatte bedeutende Ausdehnung über ganz Deutschland auf alle Metalle und Mineralien und ein hochentwickeltes Recht. Das Jglauer Bergrecht enthält die Keime des gesammten deutschen, ja des europäischen Bergrechtes. Deutschland war im 13. Jahrhundert das Peru Europa's. S. 189 — 194. In dem Verhältniß, in welchem Italien mit seinen Handelsprodukten zu Deutschland stand, stand dieses zu dem europäischen Norden und Osten. Sammelplatz des Ostseehaudels ist seit 1163 Wisby auf Gotland; von hier aus ist die Gründung des deutschen Hofes in Nowgorod erfolgt. Deutsche Kaufleute unterhielten Handelsbeziehungen mit Dänemark, Schweden und Norwegen (Bergen), wo sie jedoch nicht gerne gesehen waren» weil sie dem Laster der Trunksucht der Einwohner schmeichelten. S. 194 — 196. Auch die Nordsee beherrschte der deutsche Kaufmann. In London besaßen die Deutschen schon im 12. Jahrhundert eine Gildchalle, den später bedeutend erweiterten Stahlhof, ein kleiner, sclbstsrändiger Staat, eine eigenthümliche Welt mit fast klösterlicher Zucht. Hier begegnet uns 1282 bei einem zwischen den deutschen Kaufleuten und der Stadt London ausgevrocheueu Streit zum erstenmale der Name „Deutsche Hansa". Er bezeichnete damals lediglich einen Gestimmt-- verein, welcher sich aus den Verbrüderungen der Kaufleute einzelner Städte gebildet hatte. S. 196 — 197. Vorausgegangen waren schon Bündnisse zwischen den verschiedensten Städten. Von hervorragender Bedeutung für die Bildung des Hansabuudcs wurde Lübeck, welches 1226 nach wechselvolleu Schicksalen von Friedrich II. die Ncicks- freihcit bestätigt erhielt. Seine Machtstellung vor allen übrigen Städten gewann es durch seine Tapferkeit und Kühnheit in den Kriegen mit den nordischen Reichen. S. 197—200. Die Verbrüderung der deutschen Kaufleute also im Auslande, die Bündnisse der festländischen Seestädte und der unbestrittene Vorrang der Stadt Lübeck hat das einigende Band um den Hansabund geschlungen. S. 201. Die Handelsartikel waren von der verschiedensten Art, eine nicht unbedeutende Rolle spielte der Häring, ein sehr geschätztes Tauschobjekt für den Verkehr mit den deutschen Binnenlanden. S. 202 — 203. Wir schließen unsere rcferirenden Ausführungen am besten mit den Worten des Verfassers: „Stramme Zucht 509 und Ordnung sind auch in erster Linie die Mittel gewesen, mit denen nicht etwa ganz Deutschland, sondern nur ein Theil des Gesammtkörpers ohne Zuthun von Kaiser und Reich jahrhundertelang in der Hansa eine Seemacht entfaltet hat, welche als die großartigste organisatorische Schöpfung des durch Gewerbe und Handel gehobenen deutschen Bürgerthums', als ,die herrlichste Blüthe des deutschen Genossenschaftswesens' gelten muß." S. 204. IV. Das Nitterlhum. Mauöwesen und Iriedeus- vestrevungcrr. 1. Lehenwesen und Nitterthnm. Eine Verleihung von Grundstücken gegen Kriegsdienst kannten die Römer schon; den Germanen eigenthümlich war ein persönliches Treuvcrhältuiß. Aus diesen zwei Elementen ging das Lchenwesen hervor, ein Nechts- verhältniß zwischen dem Obcreigeuthümcr eines Grundstückes und einem Vasallen, der dasselbe unter der Bedingung wechselseitiger. Treue als Nutzeigenthum empfing. Die gegenseitige Treue fand ihre Grenze in dem Gebote der Sittlichkeit. Die Verletzung der Treue, Felonie, wurde mit dem Tode bestraft. S. 205—206. Aus dem Wesen des Lehens erhellt seine innige Beziehung zur Naturalwirthschaft. S. 206. Die Lchenverfassuug hat die Fürsten mit dem Volke, Land mit Leuten, Alaun mit Gut verknüpft; sie ist die wahre Mutter des Reiches und des inneren Ländcrvcr- bandes geworden. Als Uebergaugsstadium in der Entwicklung unseres Volkes hat sie einen ebensoviel und ebensowenig „grundsätzlich staatszcrstörcnden Charakter" als jede andere Ucbergangsform im Staats- und Gesellschaftsleben. Das sollte dem Geschichtsschreiber der Evolution, Lamprecht, ohne weiters einleuchten! S. 207. In Deutschland fiel das Feudalsystem mit dein Kriegswesen zusammen; aus der fortlaufenden Kette der Lehenverbindungen beruhte die Heerschtldordnung, wie sie mit kleinen Abweichungen in den Rechtsbüchern niedergelegt ist. S. 207—210. (Den 5. Hecrschild haben die Schöffenbarfreicn inne; nach Zallinger habe es solchen Stand gar nicht gegeben. Nun, Eile von Nepgau rechnet sich selbst dazu; er wird wohl kaum für sich allein einen Heerschild beansprucht haben! Diejenigen Freien, die ihre angeborne echte Freiheit durch kein Lehen- noch Dienst- verhältniß gemindert haben, wie die friesischen Etheliuge, die freien bäuerlichen Großgrundbesitzer, wie Meier Helmbrecht, bilden die Schöffcnbarfreien. Was sollen wir uns aber unter den „altfreien Ministerialen" R. Schröders denken? S. 209.) Infolge seines Dienstes konnte anch der Unfreie alle Ehren des Ritterstandes genießen; aber nicht alle, welche zum Nittcrstande gehörten, waren dadurch schon ritter- bürtig; man mußte auch soviel Vermögen besitzen, um rittcrmäßig d. h. vornehm leben zu können. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts gab es fast nnr freie Ritter. Frankreich ist für das Nitterthnm Deutschlands die hohe Schule gewesen, doch hat es von den Franzosen nicht immer Gutes gelernt. S. 211—212. Als einen der gelungensten Abschnitte im Werke Michacl's dürfen wir den von der Entstehung, dem wesentlich christlichen Charakter des Nitterthums, dem Jdealbilde eines Ritters bezeichnen. Zucht und Scham, Gehorsam und Sittigkeit, Geduld und reine Gottesminne, Demuth und Treue, Tapferkeit und Stärke, Zartheit und Edelmuth mußten den wahren Ritter zieren. S. 212 bis 220. Doch wir sind frivol genug, es ausznsprechen, wie wenig wohl diesem Ideale entsprochen worden sein mag! Solche Fälle von Tugenden und menschlich schönen Eigenschaften eignet nicht denen, deren „Erbtheil von Alters her Kampfeslust bis zum Uebermaß" war. Michael vergißt zwar nicht ganz, die Ausschreitungen in der Ritter- welt zu erwähnen — an Beispielen mangelt es wahrlich nicht —, um so reichlicher aber bedenkt er die Zierden der Ritterschaft. Wir möchten nicht, ivie es der Verfasser thut, den Fall verallgemeinern, daß einen Ritter die Betrachtung einer welkenden Blume zur Weltentsaguug vermochte. Auch möchten wir die Wnudergeschichte von Walther von Birbach gerne missen. S. 221—224. Mit Fug und Recht werden wir an die Ritterschaft anch zur Zeit ihrer schönsten Blüthe den Durchschnittsmaßstab des Menschen anlegen dürfen, wenn wir auch das Complimcnt, welches der Italiener Thomasin von Zirklaria der deutschen Ritterschaft macht, indem er sie als die würdigste preist, nicht ablehnen wollen. Fast wie eine Ironie auf die vorausgehenden, von dem Zauberglanze idealer Betrachtungsweise verklärten Ausführungen klingt es, wenn der Verfasser weiter schreibt: „Noch zu Ende des 13. Jahrhunderts ist der österreichische Ritter und Dichter Scifried Helbling eine ehrcnwerthe Erscheinung." S. 225. So schnell ist das Morgenroth der Ritterherrlichkeit verblaßt! Wenn Theorie und Praxis nicht so ganz grundverschiedene Dinge wären! Der Ritter, wie er sein sollte und zum Theil auch wirklich gewesen sein mag, ist ein Mann von Charakter gewesen: er handelte nach den Grundsätzen der Wahrheit und Gerechtigkeit, zu der ihn seine Erziehung hinlcitete. Waren die ersten Kinderjahre unter der Obhut der Mutter vorüber, so mußte der Junker die „Vrumicheiteu" des Ritters erlernen, wozu auch das Dichten gehörte. Singen und Sagen lernte die adelige Jugend auch in den Klosterschulen. Gewöhnlich brachte der Vasall seine Söhne auf die Burg des Lehenshcrrn oder an einen Fürstcnhof zur Erlernung der „Zucht" unter einem Znchtmcister, einem älteren erprobten Ritter. Die jungen Herren gingen wohl auch mit ihrem Hofmeister in die Fremde. Manche lernten auch Latein und — Griechisch, was dem Verfasser Niemand glaubt; zumal es nicht einmal darauf angekommen ist, den „kindelin" Lesen und Schreiben beizubringen. S. 225- 230. Den Inbegriff alles dessen, was ein Nitterkind an höfischer Zucht und Sitte sich anzueignen hatte, enthält, die Dichtung „Der Winsbeke". S. 230—231. Erst mit der Schwcrtlcitc oder Schwertnahme, wegen ihres religiösen Charakters anch Nitterwcihe genannt, trat der junge Mann eigentlich in den Nittcrstaud ein. Vor diesem Akte führte der Streiter den Namen Knappe oder Knecht. S. 230—235. Für die Weihe des Ritters gab es eine bestimmte kirchliche Formel. Anch kannte man im 13. Jahrhundert schon den Ritterschlag. S. 235 bis 240. Den kirchlichen Ceremonien folgten weltliche Vergnügungen und Lustbarkeiten, insbesondere Turniere, ohne welche ein mittelalterliches Fest der höheren Stände sowenig denkbar war, wie ein nicderbayerisches Volksfest ohne Pferderennen. Man unterschied den Buhurd, ein Waffcnspiel; die Tjost und das Turnier, welche beide wirkliche Kämpfe waren und gefährlich werden konnten, wie zahlreiche Beispiele beweisen, obwohl das zarte Geschlecht nicht unter den Zuschauern fehlte. Turniere gab es um Ehre und um Beute. Das Siegeszeichen war oft wie für den olympischen Sieger eine wenig kostbare 510 Gabe, oft aber auch ein kostbares Beutestück oder die Hand einer Dame. S. 240—245. - Solange die Turniere blos; Kampfspiele blieben zum Zwecke der Waffenübnng, lies; sich dagegen nichts einwenden. Allmählich indeß kamen die scharfen Rennen auf von durchaus gefährlichem Charakter, die ein Spiel waren mit dem Leben und daher von der Kirche strenge verboten wurden, wenn auch einzelne, namentlich deutsche, Kircheufürsten geneigt waren, sie mit mildern Augen anzusehen. S. 245—246. Wir meinen, daß überhaupt nur Menschen aus gröberem Holze geschnitzt an Kampfspielen Gefallen finden können. Jedenfalls aber ist es dem mittelalterlichen Ritter eher nachzusehen, als dem akademischen Bildnngsritter von heute, der die Zahl seiner Semester an der Zahl seiner Schmisse erkennt! Waffcnspiele und ähnliche Bergnügen tragen den Keim der Ausartung schon bei ihrer Entstehung an sich. Das Nitterthnm ist darum so bald an der eigenen inneren Unwahrheit umgekommen. 2. Raub- und Fehde Wesen. Gottes- und Land- f r i e d e n. S t ä d t e b ü n d n i s s e. Kampflust bis zum Uebermaß war von Alters her das Erbthcil der germanischen Stämme. Die künstliche Pflege, welche sie im Nitterthnm fand, die Verachtung der andern Stände, welche nur die materiellen Interessen förderten, und der dadurch genährte, sich selbst überschätzende Hochmuth waren ungesunde Elemente und mußten nur zn bald unliebsam in die Erscheinung treten. Man braucht im Raub- und Fchdcwesen mit Michael gar nicht „eine Abkehr von der Gesetzgebung Karls d. Gr. und eine bedauerliche Rückkehr zu der leidenschaftlichen Ungebunden- heit des Hcidenthnms" zu erblicken. S. 247. Die Kirche, welche durch ihr ganzes Wesen sänftigend auf die germanische Raub- und Rauflust wirkte, entbehrte vielfach der Unterstützung der weltlichen Macht. S. 247. Von dem Lütticher Bischof Heinrich ging das Institut des GotteSfriedens aus, welches der Znchtlosigkeit des Adels heilsame Schranken zog, 1082. Im nächsten Jahre folgte Erzbisck^f Siegwien von Köln dem Beispiele, geistliche und weltliche Strafen schreckten bor Verletzung dec ervur-a, zurück. S. 247 — 250. 1085 bereits erfolgte die Ausdehnung des GotteSfriedens über ganz Deutschland. Wahr ist, daß „das Ideen des echten Nitterthnms" sind (S. 250), nur gingen sie nicht von diesem aus, richteten sich vielmehr gegen einen großen Theil desselben, welches hartnäckig gegen jede Beschränkung seiner Zügellosigkeit sich wehrte. Der Gottcsfriede ist in der Folgezeit noch oft erneuert worden, aber ebenso oft verletzt worden. S. 250 bis 251. Zeitlich später waren die Landfriedensbcstrebuugen auf dasselbe Ziel gerichtet. Gottes- und Landfrieden waren gewaltige Anstrengungen, welche die von Lebenskraft und Kampflust überschäumenden Geister in den Grenzen der Gesittung halten sollten. S. 251—252. Die politischen Wirren unter Kaiser Friedrich Barbarossa durchkreuzten dessen Friedensbestrebungen und erleichterten den Freibeutern ihr Treiben. Im 13. Jahrhundert haben der Sachsenspiegel nnd Friedrich II. der öffentlichen Sicherheit gewaltig vorgearbeitet; doch auch jetzt „war dem Landfrieden nicht zn tränen". S. 252 bis 254. Es gelang wohl manchmal, so einen adeligen Nanbgeselten in die Mitte zn nehmen nnd ihn radikal zn knrireu. Die Besitzer der jetzt von dem Lichtzanbcr der Romantik nmflossenen Burgen am Rheine waren besonders gefürchtet. S. 254—255. Hier vermissen wir ganz besonders die von den bayerischen Herzogen entfaltete Landfriedensthätigkeit, wie Hermann von Niederaltaich sie uns überliefert hat. Der Landesherr hat bei dem wachsenden Verfalle der Reichsgewalt die Rechte und Pflichten dieser sich selbst beigelegt und geübt. In dieser Lage haben die von dem Raubwcsen am schwersten Betroffenen, die Städte, in ihrer gegenseitigen Verbindung das wirksamste Mittel der Selbsthilfe gefunden. Zahlreich sind die Städtebündnisse des 13. Jahrhunderts. Seit 1254 wuchs aus kleinen Anfängen ein mächtiger Friedensbund der Städte heraus: Mainz, Worms, Oppenheim nnd Bingcn bildeten den Kern des Bundes; der erste geistliche Fürst nnd mächtige Erzbischof Gerard von Mainz schloß sich ihm unter dem Drucke des Papstes Jnnozenz IV. an, am 13. Juli 1254 beschwor er mit vielen Herren und Städten auf 10 Jahre das Bündniß, welches seine Spitze vornehmlich gegen die adeligen Herren richtete, von denen die Vergewaltigungen der Kaufleute und die Zollerpressungen ausgingen. Am 10. März 1255 bestätigte König Wilhelm den Bund. 1256 umfaßte er, nachdem er mit überraschender Schnelligkeit sich ausgebreitet hatte, .ganz Deutschland, von Loth-, ringen bis an die Ostsee, von Bremen bis nach Basel nnd Zürich. S. 255—261. Das Organ des Bundes war die Bundesversammlung, zusammengesetzt aus je vier Vertretern der einzelnen Herrschaften nnd Städte, betraut mit der Wahrnehmung der hündischen Interessen. Was er im letzten Grunde bezweckte, war ein allgemeiner Landfriede und schloß damit an die Reichsgesctzgebnng des Jahres 1235 an. S. 262. Die Bemühungen des Bundes, vornehmlich seine Rücksicht für die wirthschaftlich Schwachen, bekunden eine große und freie Auffassung der socialpolitischen Verhältnisse nnd eine staunenswerthc, schöpferische Kraft. S. 265. Zerfiel er auch schon nach drei Jahren, so trug daran zunächst die unglückselige Doppelwahl von 1257 die Schuld. Gleichwohl bedeutet er einen gewaltigen Aufschwung des bürgerlichen Lebens. S. 265. Noch im Laufe des 13. Jahrhunderts ist man aus seine Grundsätze wiederholt zurückgekommen; er hat die Idee des Mainzer Landfriedens über die Periode der Auflösung im Interregnum in das erneute Reich Rudolfs, von Habsburg hinübcrgerettet. S. 263—265. Die grundsätzliche, allerdings nicht thatsächliche Abstellung der Fehde erfolgte erst 1495, doch nur für die Ritterschaft, nicht für die Reichsfürsten. S. 265. Ein trauriges Vorrecht, die eigenen Händel mit den Bluts- strömen der Unterthanen auszntragen l (Schluß folgt.) vr. xki!. Emil Wahrendorp's Broschüre „Katholicismus als Fvrtschrittsprincip" ? (Schluß.) Um weitere Punkte in seiner Broschüre zu berühren, so spricht Herr Wahrendorp auch mit tiefer Entrüstung von der Schrift des Moralprofessors am k. Lyceum in Dillingen. Herrn Dr. Leistle, „Die Besessenheit mit besonderer Berücksichtigung der hl. Vater . die derselbe vor 10 Jahren abgefaßt hat, und die unseres Wissens von kompetenter Seite eine beifällige Kritik erfahren hat. Wir erwarteten, Herr Wahrendorp werde den Versuch einer Widerlegung der in dieser Schrift vorgebrachten Thatsachen und Beweisgründe machen, aber wir sahen uns sehr enttäuscht. Herr Wahrendorp und Gesinmmas- 511 genossen scheinen die Meinung zu hegen, wenn sie den Glauben an die Existenz des Teufels und seiner Wirk- amkeit, an die Möglichkeit und Wirklichkeit seiner sinnen- älligen Erscheinungen, an Besessenheit u. dgl. „ungeheuer- ichen Blödsinn" schelten, so sei dieses volltönende Wort aus ihrem Munde ein vollständiger Ersatz für jeden Gegenbeweis. Doch — diese „wissenschaftliche" Argumentation imponirt uns nicht. Die Existenz Satans, die Wirklichkeit seiner Umhüllung in sinnlich wahrnehmbare Gestalten, Besessenheit, sein Einfluß auf die Menschenwelt u. dgl. sind in der hl. Schrift ebenso verbürgt, wie die göttliche Institution der Beschneidung (vgl. Schell, Katholische Dogmatik, II. Bd. S. 257 ff., 322 f.; III. 1 S. 432 f. — Heinrich, Dogmatische Theologie, V. Bd. S. 580 ff., 590 ff., 779 ff. — Hurt er, üls- änlla tbeol. ckoZumtieas p. 389, 991 sgg. n. a.). Daß Herr Wahrendorp auf die Schrift des Herrn Professors Leistle, die unseres Erachtens vielleicht richtiger den Titel „Die Besessenheit nach der Schrift- und Väterlehre" tragen und damit auch präciser den Inhalt — Darlegung der Besessenheit und einschlägiger Fragen nach der hl. Schrift und altchristlichen Literatur — bezeichnen würde, einen Lobgesang anstimmen würde, haben wir nicht erwartet, aber auch nicht, daß der ganze Passus über diese Schrift eine Kette von Entstellungen, Verdrehungen und Unrichtigkeiten sei. So wird (S. 49) Herr Pros. Leistle eine Stelle über die wunderähnlichcn Wirkungen Satans in den Mund gelegt, die er als Anschauung anderer Autoren (Thomas Ag., Suarez u. a.) durch Citation kennzeichnet. Ja, Herr Wahrendrop ist mit solch „peinlicher" Sorgfalt bei der Aushebung dieser Stelle aus der genannten Schrift vorgegangen, daß er das in Parenthese Gesetzte einfach durch Weglassung derselben mit dem laufenden Texte vermischte, so daß die bctr. Stelle dadurch gänzlich unverständlich wird. Solche Textcsmiß- handlnug wird getrieben, um den Autor der vollen Verachtung seines „kritikfähigen" Publikums preisgeben zu können. Dann weist Herr Wahrendorp auf eine Fußnote in Leistle's Schrift bin und will ihn hier auf einer horrenden Ungeheuerlichkeit von Aberglauben ertappt haben. Diese Stelle ist in Herrn Wahrendorp's Broschüre nicht einmal richtig abgeschrieben; verschwiegen ist jedoch, daß Herr Dr. Leistle die ganze Sache ausdrücklich als einen Betrug bezeichnet, der in Frankreich gespielt habe. Das kümmert aber Herrn Wahrendorp nicht, weil es für seinen Zweck, den Dillinger Moral- professor bei dem „gebildeten", auf Wahrendorp's Wissen- fchaftlichkeit schwörenden Publikum anzuschwärzen, nicht paßt. Daß Hiebei aber die Wahrheit zu kurz kommt, bereitet Herrn Wahrendorp, der ja „rein sachlich" verfährt, keine schlaflose Sekunde, zumal ihm Hiebei seine Kenntniß der „Jesuitenmoral", die nach ihm lehrt: „Der Zweck heiligt die Mittel", trefflich zu statten kommt. Ebenso bat er sich auf S. 50 eine Entstellung erlaubt, so daß der Sinn dessen, was Herr Pros. Leistle anf S. 23 feiner Schrift schreibt, unter Wahrendorp's „fachgemäßer" Behandlung ein total anderer geworden ist. Die Stelle über die sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungsweisen des bösen Geistes entlehnt Hr. Wahrendorp aus der Frankfurter Zeitung, aus der sie einen Rundgang durch alle gesinnungstüchtigen Blätter machte, und zwar mit allen Unrichtigkeiten und Verstümmelungen, obwohl aus dieselben schon in Beilage 16 der „Augsburger Postzeitung" vom 19. März 1897 eine Richtigstellung erfolgte. Es mangelt uns der parlamentarische Ausdruck für ein solches „wissenschaftliches" Gebahren; wir dürfen es sicherlich eine „literarifche Gaunerei" nennen. Es wurde in der genannten Beilage eigens betont, daß der Verfasser referire und genau die Fundgnellen (zumeist Vätcr und altchristliche Kirchenschriftsteller), welche die Frankfurter Zeitung unterdrückt hatte, für die von ihm angeführten Erscheinungsweisen angebe, daß also diese Stelle nicht ein reines Hirngespinnst des Verfassers sei. Es wurde zudem hervorgehoben, daß Herr Pros. Leistle seine Anschauung über die Berichte aus altchristlicher Zeit über das Auftreten Satans in sichtbarer Gestalt, sowie über den Einfluß desselben auf die Menschheit gleich im Anschlüsse daran und an verschiedenen Stellen seiner Schrift in einer Weise zum Ausdruck bringe, daß man ihm durchaus nicht den Vorwurf der Leichtgläubigkeit, sondern eher eines kalten Skeptizismus machen könne. Wir verweisen u. a. auf S. 29 ff.,44,175 ff. der bctr. Schrift. Das alles existirt für Herrn Wahrendorp und die Troßknechte antichristlichcr Zeitungsblätter nicht. Deßhalb geben sie doch vor, im Dienste der „Wahrheit und Wissenschaft" zu stehen. Oder meinen sie vielleicht, eine Unwahrheit würde durch öftere Wiederholung zur Wahrheit? Wären Herr Wahrendorp und die Frankfurter Zeitung, die sich doch in katholischen Fragen ein maßgebendes Urtheil anmaßen — Hr. Wahrendorp ist in der altchristlichen Literaturgeschichte so bewandert, daß er Tcrtullian zum Kirchenvater promo- virt —, mit der katholischen Literatur ein wenig vertraut, so hätten sie in der erwähnten Stelle der Schrift des Herrn Pros. Leistle keine „Monstrosität" erblicken können, welche dieser Herr ihrer Ansicht nach mit besonderer Vorliebe und ganz abseits von anderen katholischen Theologen cultivire. In seiner Real-Encyklopädie der christlichen Alterthümer (II. Bd. S. 856) handelt Herr Pros. Dr. Kraus in Freiburg von den verschiedenen Gestalten, in welchen sich die Phantasie des christlichen Alterthums den Teufel vorgestellt habe, und er berichtet genau so, wie Herr Pros. Leistle, nur daß letzterer noch zahlreichere Belegstellen beigeschafft hat. Im Kirchenlexikon (II. Ausl. 4, 850 f.) spricht sich Herr Pros. Dr. Kaulen in Bonn über die Frage des Erscheinungsleibes Satans ebenso aus wie Herr Pros. Dr. Leistle, d. h. er führt wie dieser einige von ihm in der christlichen Literatur hierüber gefundene Erscheinungsweisen an. In dem klassischen Werke des Papstes Benedikt XIV. Os ssrvornm Osi beatiüoa- tions st eanonirationS (I. 3. eap. 30. u. 13. n. oap. öl. u. 3.) finden sich ähnliche aus der frühchristlichen Literatur geschöpfte Angaben. Wenn Herr Wahrendorp diesen beide» deutschen gelehrten Theologen und dem gelehrten Papste in einer nächsten Auflage einen Ehrensitz neben Herrn Pros. Leistle gütigst einräumt, so wird das jedenfalls seine „wichtige" Schrift noch zugfähiger machen und „sein äußerst umfangreiches Wissen, mit dem er au seine Aufgabe herantritt", noch umfassender erscheinen lassen. Zum Schlüsse (S. 52) schmiedet Herr Wahrendorp aus Sätzen, die er aus der Schrift des Herrn Pros. Leistle (S. 146) verstümmelt heraushebt, ein Conglomerat von Unrichtigkeiten und maßlosen Anschuldigungen, beziehungsweise entlehnt es aus dem „Menschenthum" und krönt (ein Werk, indem er die Schale seines Zornes und seiner ganzen Gehässigkeit über das „Centrumspfaffenthum" entleert. Wir haben allen Grund, anzunehmen, Herr Wahrendorp habe die Schrift des Hrn. Pros. Leistle mit eigenen Augen noch nie gesehen, da er feine ganze Kenntnis über die Schrift des Dillinger Professors aus der, wie uns. scheint, freimaurerifchen Zeitschrift „Menschenthum". die er für seine Angaben citirt, schöpft und die Schrift „Im Programm der k. Stndienanstalt Dilliugen 1886/87" erscheinen läßt. Was sich der gelehrte Herr wohl dabei gedacht hat? Das sind also die Männer, die anf der Hochwarte der Wissenschaft zu stehen und mit ihrem blanken Schilds dieselbe zu schützen und zu decken sich brüsten, Männer, die durchaus nicht wählerisch und skrupelhaft in ihren „wissenschaftlichen" Mitteln sind, vor Entstellungen nicht, zurückschrecken, in katholischen Dingen eine geradezu phänomenale Unwissenheit bekunden, dennoch aber kühn« und frech über sie den Stab brechen und so vor ihrem gleichwcrthigen gläubigen und andächtigen Leserkreise sich den Schein hoher, — für gläubige Christen unerreichbarer Gelehrsamkeit zu geben verstehen. Wer nicht mit ihnen im Bunde die Pfade des Unglaubens und der Negation dahinzieht, gilt ihnen als wissenschaftlich inferior. Einen Mann, der mit erborgten Lappen seine Blößen deckt und damit noch prunken will, können wir nicht als urtheils- fäbig über katholische Wissenschaft, katholisches Streben, kalholische Forschung, überhaupt über christliche Fragen anerkennen. Sehr beklagenswert!) und wirklich geistig inferior müßte das deutsche Lescpublikum sein, wenn ein! solches Machwerk wie Herrn Wahrendorp's Broschüre wirklich den „Mittelpunkt der Conversation in allen Gesellschaftskreisen in der bevorstehenden Winter-Saison bilden" könnte, wie das die Verlagshandlung jedenfalls nur aus rein „ideellen Motiven" wünscht. 512 Recensionen und Notizeui Karl Ernst von Baer nnd seine Weltanschauung. Von Dr. Remigius Stölzle, Professor der Philosophie an der Universität Würz bürg. 8". (XI u. 687 S.) Regensbnrg, Nationale Verlagsanstalt, 1897. Preis 9 M. Karl Ernst v. Bacr (gest. 1876) war der Begründer der vergleichenden Keimesgeschichte (Embryologie) als einer eigenen Wissenschaft. Er ist daher in den Kreisen der Naturforscher ebenso hochgeschätzt wie in denjenigen der Descendenztheoretiker, die in seinen embryologischen Ent- oeckungcn eine Hauptstütze der Entwicklungslehre zu finden glaubten. Baer war aber zugleich auch ein denkender Naturforscher und als solcher ein entschiedener Anhänger der teleologischen Weltanschauung und ein ebenso entschiedener Gegner der rein mechanischen Naturerklärung des Darwinismus. Von ganz verschiedenen Seiten, ja von feindlich einander gegenüberstehenden Lagern wird Baer als Bundesgenosse citirt; er ist einer von jenen seltenen Männern, die bei allen Parteien Achtung gewonnen haben, und die daher alle gern auf ihrer Seite sehen möchten, um dadurch ihrer Sache größeres Gewicht zn verleihen. Um so bedeutungsvoller sind die Fragen: Welches waren eigentlich die philosophischen Anschauungen Baers? Welches war sein geistiger Entwicklungsgang? Eine zuverlässige Antwort hieraus gibt uns das obenerwähnte Werk von Pros. Rem. Stölzle. Dasselbe bietet daher nicht bloß das rein persönliche Interesse einer biographischen Skizze, sondern ein viel weiteres und höheres. Es ist ferner eine durchaus wissenschaftliche Studie, nicht etwa eine leichte, oberflächliche Unterhaltungsschrift. Mit der gewissenhaftesten Objectivität geht der Verfasser auf jeden einzelnen Zug des geistigen Porträts ein, das er entwerfen will: er selbst vergleicht daher seine Studie mit einer nicht retonchirten Photographie, in welcher das Geistesbild jenes modernen Naturforschers mit seinen Vorzügen und seinen Mangeln treu wiedergegeben wird, ohne ctivas hinzuzufügen oder hinwegzulassen, zu verschönern oder zu entstellen. Stölzle will Baer schildern, wie er wirtlich war, namentlich aber will er über seine philosophischen und religiösen Anschauungen volles Licht verbreiten. Hierbei steht der Verfasser jedoch nicht etwa aus dem Standpunkte einer „farblosen Neutralität", sondern voll und ganz auf demjenigen der theistisch-christ- lichen Weltanschauung. Diese bildet den Maßstab der Wahrheit, der hier an Baers Gedankenwelt gelegt wird. Durch diese kritische Beleuchtung der philosophischen Ansichten Baers erhebt sich Stölzle's Baer-Stndie zugleich zu einer indirekten Apologie der christlichen Weltanffassnng. Hierin liegt ein neuer Werth des vorliegenden Werkes, dem wir deßhalb besonders in den Kreisen der modernen Naturforscher, die weiteste. Verbreitung wünschen. (Stimmen von Maria-Laach 1897 Heft 10.) I In dem Verlage der Alphonsus-Drnckerei in Münster erschien ein neues Bündchen von 1'. Georg F reund. 0. 8s. R., dessen populäre Abhandlungen über „Die Gesellschaft" binnen drei Monaten schon die zweite Auflage erreichten. Das neueste Werkchcn bietet „Sociale Vortrüge" über aktuelle Fragen, über Wissenschaft, Kommunismus, Reichthum, Armuth, Religion ist Privatsache, Liberalismus des vierten Standes, Fraucnemancipntion, Selbstmord, Duell u. s. w. und wird jedenfalls viele Freunde finden. Beide Bände kosten elegant gebunden je 3 M. Der Katholik. Redigirt v. Joh. Mich. Raich. 12 Hefte. M. 12. Mainz, Kirchheim. Inhalt von 1897, Heft XII. Dezember: A. Wibbelt, Die Unbefleckte Empfängnis) in Calderon's -suitos säora- nioutalos. — Carl Maria Kaufmann, Die Fortschritte der monumentalen Theologie auf dem Gebiete christlich-archäologischer Forschung. — Thomas Esser, Vrä. kramt., Beitrag zur Geschichte des Rosenkranzes. — vr.Nirschl, Panagia Cavnli bei Ephesus. — k. Martin Gcinder O. 8 . 1 )., Die Geologie und die Sündfluth. — Literatur: I-uäovicus äs 8au, 8. ck., ll'ratatus n Südafrika. — Die Mission von Alaska. (Fortsetzung.) — Nachrichten aus den Missionen: China (Eine Missionsrcise in Kiangnan(Schluß): Vorderindien(Hungers- noth): Madagascar (Uebcrblick); Südafrika (Unter-Sambesi: Natal, Hilferuf): Aus verschiedenen Missionen. — Miscellen. — Beilage für die Jugend: Die Schiffbrüchigen. (Fortsetzung.) — Diese Nummer enthält acht Illustrationen. Literarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. H oberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Dreiundzwanzigster Jahrgang: 1897. 12 Nummern. M. 9. —. Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshandlnng. Inhalt von Nr. 12 u. A.: Die Berliner Ausgabe der alten griechischen Kirchenschriftsteller. (Bardenhewer.) — Nowack, Handcommentar zum Alten Testament. (Peters.) — Schulz, V.S psklmis Draäualibns. (Vandcnhoff.) — Hauck, Kirchcngeschichte Deutschlands. (Kraus.) — 8sraxbieas Ds^islatiovis tsxtus originales. (Albers.) — Wasmann, JiMinkt n.Jntelligenz imTierreich.lSchneider.)—Wasmann, Vergleichende Studien über das Seelenleben der Ameisen und der höhcrn Thiere. (Schneider.) — Fischer, Geschichte der neuern Philosophie. (Äraig.) — Die Freimaurerei Oesterreich-Ungarns. (Franz.) — Grimme, Geschichte der Minnesinger. (Hellinghaus.) — Steinte, Edw. v. Steinle's Briefwechsel mit seinen Freunden. (Keller.) — Röhm, Der Protestantismus unserer Tage. (Paulus.) — Nachrichten. — Büchertisch. ' ' Franz Wörther, ein Dichter und Denker ans dem Volke. Von Karl Schrattenthal. Preß- bürg, Selbstverlag, 1897. 8°. VI, 6l S. M. 1. ssH Professor K. Weiß-Schrattenthal ist bekanntlich der literarische bezw. publicistische Impresario mehrerer Natur- und Volksdichter und Dichterinnen. Sein neuester Stern, eine Art Hans Sachs, lebt in Klein-Hcnbach am Main (daselbst geb. am 6. Dezbr. 1830) als Schuhmacher. Der Erlös der vorliegenden Publikation ist als Bencfizinm für diesen bayerischen Volkspoeten gedacht. Die Sammlung birgt einige recht ansprechende Gaben: manches aber ist sehr hausbacken, unklar und schwülstig, die Lebens- phitofophie des Dichters nicht frei von Hnmanitätsphrasen eines Autodidakten. Und dann, wieviel überhaupt geht auf Conto des Impresarios dieser Sammlung? Gott, Natur und Menfchenherz. Gedichte von Cordon de Seda. München, Pfeiffer, 1894. 8°. 139 S. t Nur wenig einigermaßen Annehmbares! Die Metrik wie die Poesie sind für den Autor nicht das Land, wie er es nennt: „Wo der Lorbeer Ruhmgier fächelnd steht", und es gehört etwas dazu, wenn er (S. 42) von sich sagt: er „walte im Reich der Geister weihemächtig ein Poet". _ Wie Studenten Schauspieler werden. Lustspiel in 5 Aufzügen von I. v. Terberdi. Speyer. Jäger, 1897. Kl. 8°, 59 S. 60 Pf. - 2 . Das Stück ist kein „Lustspiel", sondern eine Burleske von bisweilen drastischer Urwüchsigkeit. Es passirt viel auf der Scene, doch kann von einer „Handlung" in dramaturgischem Sinne nicht immer die Rede sein. Die Formel der „Nutzanwendung" klingt ziemlich hausbacken. Als FastnachtsschwaNk aber und durchaus wohlanständige» Volkswitz dürfte das Stück mit Recht auf Verbreitung rechnen! , Verantw, Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck n. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg n,-. 74. gk zm Sllgskrger Iofizeilmg. 31. yer. 1897. Geschichte des deutschen Volkes seit dem 13. Jahr- > hundert bis zum Ausgang des Mittelalters von Emil Michael 8. (l. (Schluß.) V. Verfassung und Hlecht. 1. Königthum und Kaiserthum. Die Königswahl. Das Kurfürstencolleg. Entstehung der Landeshoheit. An der Spitze des deutschen Volkes stand der König. Das Königthum war innigst verwoben mit den Geschicken der Nation, von Alters her hatten die Germanen Könige gehabt. Zu einer Zeit, wo (Wende des 9. Jahrhunderts) Deutschland sich in seine Theilfürstenthümer auflösen zu wollen schien, trat das Papstthum zum Schutze des deutschen Königs ein, indem es auf der Synode zu Hohenaltheim (916) diejenigen, welche dem König die Treue brachen, mit dem Banne bedrohte. Die ver- häugnißvolle Heimsuchung ging vorüber, unter Heinrich I. erhob sich das Königthum zu neuer Kraft und neuem Ansehen. S. 266—267. Bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts gingen in Deutschland Erbrecht und Wahlrecht Hand in Hand. S. 268. Dem fränkisch-deutschen König Karl dem Großen hat Papst Leo III. an dem denkwürdigen Weihnachtsfest deS Jahres 800 die Kaiserkrone auf's Haupt gesetzt. Karl übernahm damit die Pflicht, Kirche und Papst zu schützen, die Oberhoheit über alle christlichen Fürsten; er wurde der erste weltliche Machthaber der Christenheit, der Vorkämpfer gegen jede auswärtige Friedensstörung. — Das spätere Mittelalter hat die Krönung Karls als eine Nebertragung der Kaiserwürde von den Griechen auf die Franken aufgefaßt. Diese Anschauung lag dem krönenden Papste wie dem gekrönten Kaiser ferne. Seit 962 verblieb die Kaiserkrone, wie durch ein Gewohnheitsrecht gesichert, dauernd bei den deutschen Königen, die deswegen auch den Titel „römisch-deutscher König" führten. S. 268-270. Das mittelalterliche Kaiserthum war eine Schöpfung oeS Apostolischen Stuhles; es hatte nur Bestand kraft der Krönung des jedesmaligen deutschen Königs durch den Papst. Diese Auffassung wird von dem Verfasser durch viele Quellenstellen belegt und gegen andere Ansichten mit Erfolg, wie uns bcdünkt, vertheidigt. S. 271-272. Bemerkenswerth ist die folgende Schilderung der kn der öffentlichen Meinung lebenden idealen Erhabenheit des Kaisers. S. 273—275. Bekannt ist die dem Mittelalter geläufige Zwei- Schwerter-Theorie: das geistliche Schwert ist dem Papste, das weltliche dem Kaiser anvertraut, um das Reich Gottes auf Erden in gegenseitiger Förderung und Unterstützung zu verwirklichen. Weniger bekannt ist der Vergleich des Papstes und des Kaisers mit Sonne und Mond und die mystische Deutung des CäsariuS von Heisterbach. S. 275-279. Das Reichswappen und die Reichsinsignien erfuhren sinnige Deutungen. S. 279—281. Der Ceremoniell der Kaiserkrönung war erhebend. S. 281-284. Die Königskrönung, welche nicht bloß für Deutschland, sondern auch für Burgund und Italien galt, war der Kaiserkrönung mehrfach ähnlich. Die bei der Krönung und dem folgenden Mahle betheiligten Fürsten gewannen um die Mitte des 13. Jahrhunderts einen entscheidenden Einfluß auch auf die Wahl des deutschen Königs. Früher wurde dieser durch die deutschen Fürsten gewählt unter Bet» stimiiinug des Volkes; später finden nur mehr die Fürsten Erwähnung, welche zu Beginn des 13. Jahrhunderts noch alle wahlberechtigt waren. Aber die Ceremonie der öffentlichen Wahl, die Verkündigung des Kurspruches war Aufgabe der sieben Kurfürsten. Das ist der Sinn der berühmten Stelle im Sachsenspiegel. In berechtigtem Patriotismus schließen dieser und der sogen. Schwaben- spiegel den böhmischen König als Nichtdeutschcn von der Kur aus. — Die Entwicklung ist eine sprunghafte. Bei der Doppelwahl des Jahres 1257 erscheinen die sieben Kurfürsten zum erstenmale mit völlig neuen Befugnissen und be- Häupten sich in deren Besitz. Was im einzelnen dicsm Gang der Ereignisse bestimmte, ist vielfach noch nicht aufgeklärt. S. 284—287. Damit geht Michael dem Streite der Gelehrten um die Entstehung des KurfürstencollcgS aus dem Wege. Auf Grund des vorhandenen Materials läßt sich weder die eine noch die andere Ansicht zwingend beweisen, auf dem Gebiete der Konjekturen hat mehr oder minder Jeder Recht. Mit der Entstehung des Kurfürstencollegs war den Bestrebungen einzelner Großen des Reiches gegenüber der Krone ein nahezu unabsehbarer Spielraum gegeben. Fast zu derselben Zeit erfuhr das Königthum eine weitere, sehr empfindliche Schmälerung durch das Aufkommen und Erstarken der Landeshoheit. Das Lehenwesen brachte eS mit sich, daß die Nachfolge in der Grafschaft, Markgrafschaft und im Herzogthum durch den ununterbrochenen Erbgang bestimmt wurde. Die erblichen Landesherren trachteten darnach, sich dem Einfluß des Königs möglichst zu entziehen. Den Urbarungen der Cisterzicnser aber möchten wir nicht mit Michael eine gleich hohe Bedeutung für die Entwicklung der Landeshoheit wie dem Lehenwesen zuschreiben. Die Landeshoheit entstand in ganz Deutschland ohne die Rodungen der Cisterzicnser. — Es waren die ersten Anfänge des modernen Staates. S. 287 bis 289. Daß es dabei nicht ohne offenbare Ungerechtigkeit abging, beweist zum Beispiel die Geschichte von Tirol. S. 289. Von entscheidender Bedeutung für die Umgestaltung der alten staatsrechtlichen Ordnung wurden die umfassenden Zugeständnisse Friedrichs II. an die geistlichen und weltlichen Fürsten 1220 und 1231. S. 290. Nach unsernr Dafürhalten hätten die OonkoackorLtio und das LtabutuM eine eingehende Würdigung verdient, waren sie doch die Gründungsurkunden der Territorien. Am frühesten zeigen sich die Ansätze eines geschlossenen landesfürstlichen Territoriums in Oesterreich und Steiermark; folgt eingehende Begründung dieser Erscheinung. S. 290 — 292. Aehnlich wie in Oesterreich entwickelte sich die Territorialhoheit in Bayern, wo Herzog . Ludwig I. sich bereits 1204 „Inhaber der bayerischen Monarchie" nannte, und anderswo. S. 292—293. Infolge der Schwächung der Centralgcwalt betrachteten sich die einzelnen Fürstenhäuser als wahre Eigenthümer der ihnen überwiescnen Gebiete und gaben dem unzweideutigen Ausdruck durch wiederholte Lander- theilungen. S. 293, 514 Das Aufkommen der Territorialverfassnng war auch für die Geschichte der Städte nicht ohne bedeutsame Folgen. Die Sitze der Landesherren wurden cbcusoviele Mittelpunkte, um die sich das staatliche und cultnrelle Leben der einzelnen Gebietstheile gruppirte. Es entstanden die sogen. Residenzen, deren Wachsthum genau mit den innern und äußern Fortschritten des Territoriums zusammenhing. — Im allgemeinen traten die Städte den Landesherren feindlich gegenüber. Im Laufe des 13. Jahrhunderts erschienen die Städte auch bereits auf den Reichstagen, zwar noch nicht als ebenbürtige Faktoren der Ncichsverfassnng neben den Landesherren; aber es war dadurch der Grund gelegt, von welchem aus das Rcichsbürgerthnm sich allmählich eine verfassungsmäßige Einflußnahme auf das Reich erringen sollte. S. 294 bis 295. 2. Die deutschen Rechtsbücher. Das gerichtliche Verfahren — Gottesurtheile. Römisches Recht. Die bedeutendste und vollständigste rechtswissenschaft- liche Arbeit ini deutschen Mittclalter ist der Sachsenspiegel, um 1230 verfaßt von Eike von Rcpgow, einem schöffen- bar freien Sachsen. Er besteht aus dem wichtigeren Bankrecht und dem Lehcnrecht, war ursprünglich lateinisch abgefaßt und wurde von Eile auf Veranlassung des Grafen Hoher von Falkenstcin in's Niedersächsische übertragen. S. 295—296. Im allgemeinen gibt er ein treues Bild des sächsischen Rechtslebens, mehr oder minder des deutschen überhaupt, namentlich in Hinsicht auf daS Lehenwesen. Die Hanptqnelle des Verfassers ist die eigene Erfahrung. S. 296—297. Haften auch dem Werke, wie selbstverständlich, einige Mängel an, so hat doch die schärfste Kritik weder das Genie des Verfassers, noch seinen klaren Blick, noch seinen grundehrlichen Rechtssinn mit Erfolg beanstanden können. Unverständig, ja das Naturrecht verletzend sind einige Sätze, welche von Eike selbst als heidnischen Ursprungs bezeichnet werden. Auch Widersprüche finden sich. Wenn daher Papst Gregor XI., selbst ein Jurist, daraus 14 Sätze im Anschluß an die Polemik des gelehrten Augustiners Johannes Klenkok gegen das Ncchts- buch verwarf (1374, April 8), so ist das nicht eine Verfolgung des Sachsenspiegels durch die Kirche, sondern lediglich ein Kamps der das gute Recht und die gesunde Vernunft vertretenden Kirche gegen die Reste altheid- nischcr Barbarei. Den Spieglcr trifft der geringste Tadel, er hat nur das bei den Sachsen geltende alte Recht zusammengestellt. Zur Last fällt ihm höchstens seine eigene geistreiche Spielerei mit den Zahlen 2, 3 und 7. S. 297—300. Alles Recht leitet Eike von Gott ab. „Gott ist selbst das Recht", heißt es im Prolog. Unanfechtbar sind seine kirchen- und staatsrechtlichen Ausführungen. Hoher sittlicher Ernst spricht aus den privat- und strafrechtliche» Bestimmungen, besonders aus den Sätzen über die Rücksicht für die Schwachen. Die dem Eide beigelegte Bedeutung überschreitet aber doch das Maß der Klugheit. Eines weitgehenden Schutzes, selbst einer offenbaren Bevorzugung erfreuten sich die Juden. S. 304 bis 305. Bei den innigen Beziehungen zwischen Volksrecht und Volksleben ist der Sachsenspiegel auch eine wichtige Duelle für die Cnltnrgeschichte. S. 305—306. „Interessant ist endlich, daß bei aller Zartheit und Schonung für Elende und Schwache das Rechtsbuch doch ' ein außerordentliches Gewicht auf Gesundheit und Vollkommenheit des Körpers legt. Ein unläugbarer realistischer Zug durchweht das ganze Werk, welches die Rechtsnormen eines urwüchsigen, kampflustigen Volkes zum Ausdruck bringt, deßhalb Kraft und Lebensfrische hochschätzt und es gleichsam für selbstverständlich hält, daß in einem starken, gesunden Körper auch eine gesunde, starke Seele wohnen müsse, und umgekehrt." S. 306( —307). Der Sachsenspiegel hat ganz außerordentliche Verbreitung gefunden in Nord- und Mitteldeutschland und weit über die deutschen Grenzen hinaus. Auf städtische Verhältnisse hat er Anwendung gesunden im Magdeburger Stadtrecht, welches als Stadtrecht selbst wieder überallhin verbreitet wurde. Am Anfang des 14. Jahrhunderts entstand das sächsische Weichbildrecht, welches, eine Com- pilation aus Nechtssätzen des Sachsenspiegels und aus Rechtsentscheidnngen, gleichfalls stark verbreitet wurde. S. 307—308. Es ist hier nicht der Ort, alle vom Verfasser angeführten Rechte und Rechtsmittelpunkte aufzuzählen (S. 308 — 309), wir beschränken uns darauf, das wichtigste Rechtsbnch des deutschen Südens zu nennen, den sogen. Schwabcnspiegel. Dieses Rechtsbnch, mit Unrecht Schwabenspicgcl genannt, wie v. Rockingcr überzeugend nachgewiesen hat — doch erscheint Michael die Beweisführung nicht ganz gelungen —, fußt auf dem „Spiegel deutscher Leute", der eine Ucberarbeitung des Sachsenspiegels ist; es enthält Sätze aus dem römischen und kanonischen Recht, aus den bekanntesten Predigtwerken der Zeit und ist noch zur Zeit des Interregnums, wahrscheinlich von einem Bamberger Kleriker, verfaßt. Michael hält mit Unrecht an der landläufigen Ansicht fest. Auch hier finden sich noch drei von der Kirche vernrthcilte Sätze. S. 309—310. Der „Deutschen- und sog. Schwabenspiegcl" stehen dem Sachsenspiegel an Originalität, Folgerichtigkeit und Klarheit der Darstellung nach. Gleichwohl hatte der in einer überaus großen Anzahl von Handschriften verbreitete sogen. Schwabcnspiegel auf die Abfassung anderer Rcchtsbücher und auf gerichtliche Entscheidungen einen gewaltigen Einfluß. S. 311. Das sogen, „kleine Kaiscrrecht" ist fränkischen Ursprungs. S. 311. Die Rcchtsbücher bestimmten das gerichtliche Verfahren. Das germanische Gerichtsverfahren war öffentlich, mündlich und unmittelbar. Unter einem strenge einzuhaltenden Ceremoniell fand die Gerichtssitzung statt. Der Klage folgte die Rechtfertigung des Angeklagten, Rede und Gegenrede. Der Richter fragte, die Schöffen fanden das Urtheil, welches der Richter verkündete. Besonderen Werth legte man aus die Beweisführung, bei der man sich der Zeugenaussagen, des Eides und der Gottesurtheile bediente. (S. 311—312.) Ordalien oder Gottesurtheile waren bis in's 13. Jahrhundert häufig, von da an beginnen sie seltener zu werden. Der Schwabcnspiegel hielt noch daran fest, Beispiele finden sich in Menge. Den Gottesnrtheilen wird häufig auch der gerichtliche Zweikamps beigezählt, der stets ein Zeichen mangelhafter Rechtspflege ist. Sollte das etwa auch für unsern modernen, gerühmten Rechtsstaat gelten? Nach dem Sachsenspiegel, der den Zwei- kampf genau regelt, war er nur den persönlich Freien gestattet. S. 313 — 317. Nicht minder abergläubisch wie die Ordalien war das sogen. Bahrrecht oder das Bahrgcricht. S. 317. Sehr scharf hat sich Friedrich II. 1231 gegen die 515 Gottesurtheile Im allgemeinen und besonders gegen den Zweikampf geäußert. Ihm folgt das kleine Kaiserrecht. In allen Kreisen hat sich während des 13. Jahrhunderts eine den Zweikampf vernrtheilende Auffassung Bahn gebrochen. S. 317—319. Die Kirche hat lange eine schwankende Haltung eingenommen. Päpste oder allgemeine Concilien haben sie nie gebilligt. S. 320—321. Hier merkt der Verfasser auch die Ergebnisse der Untersuchung v. Belows über den Zusammenhang des mittelalterlichen und modernen Zweikampfes an, natürlich in beifälligem Sinne. Es gibt in der That nichts Ergötzlicheres als den Eiertanz unserer modernen Ritter, vermöge dessen für die gebildeten Stände die Nothwendigkeit des Duelles reklamirt wird; es gibt nichts Empörenderes als diesen Fanstschlag in das Gesicht der Themis; es gibt nichts Vernunftwidrigeres als diese Einbildung einer Extrastandesehre und nichts Schändlicheres als das leichtsinnige Spiel mit dem eigenen und fremden Leben. — Kamen die Gottesnrtheile mehr und mehr in Abgang, so erlangte mit dem Eindringen des römischen Rechtes die Folter die Bedeutung eines neuen, furchtbareren Ordals. S. 321. Das römische Recht drang seit Kaiser Otto III. langsam zwar, aber sicher und verderbenbringend wie eine schleichende Krankheit, wie ein langsam wirkendes Gift in den deutschen Nechtskörper ein. Man fühlte und beklagte den Vorgang, der namentlich für den Bauernstand von den unseligsten Folgen begleitet war; denn die Juristen wendeten das römische Sklavenrecht auf die mannigfachen Dienstverhältnisse, der deutschen Bauern an. Als Typus eines schlimmen Juristen jener Zeit zeichnet der Verfasser das Bild des Heinrich von Kirchberg. S. 328—326. Von nun ab mehren sich die Klagen wegen Rechtsbeugung bei allen Schriftstellern» und die Seufzer nach der guten alten Zeit, die man nicht kannte, wurden immer lauter. S. 326—329. Das römische Recht ist trotz seiner nmstergiltigen Form und strengen Logik noch lange nicht das geschriebene Vernunftrccht. Wiederholt hat sich die Kirche gegen eine blinde Begeisterung und einseitige Pflege des römischen Rechtes auf Kosten des einheimischen mit aller Entschiedenheit ausgesprochen. Es liegt das im Wesen der Kirche und ihres Erziehungsberufes. Anderseits gibt es keine Macht, welche die Bestrebungen Einzelner wie ganzer Völker, sofernc durch dieselben das Sittengesetz nicht verletzt wurde, hochherziger geduldet und wirksamer gefördert hätte, als die konservativste und zugleich im edelsten Sinne des Wortes freisinnigste Macht auf Erden, die Kirche und in ihr das Papstthum. S. 329 — 331. So sind wir denn am Ende des Weges angekommen, den wir an der Hand des wohlbewanderten Wegweisers durch das landwirthschaftliche, städtische und staatliche Leben des 13. Jahrhunderts zurückgelegt haben. Ist auch dasjenige, was wir bloß auszugsweise aus dem trotz einiger Ausstellungen ganz hervorragenden Werke innerhalb des Nahmens dieser Blätter haben bringen können, nur gering, und gibt es nur ein blasses Bild von dem farbenprächtigen Gemälde des Verfassers, so schmeicheln wir uns doch mit der Hoffnung, daß der eine oder andere Leser nach dem Buche selbst greifen wird auf die Anregung dieser Zeilen hin. Das wäre der innigste Wunsch des Schreibers und der beste Lohn für die Mühe, in der vorliegenden Arbeit die Aufmerksamkeit auf eines der schönsten und werthvollsten Bücher unserer historischen Literatur gelenkt zu haben. Es wird dein Buche nicht an neidischem und böswilligem Widerspruch fehlen, es wird ihm Tendenz, ultrainontane Tendenz — nach der Meinung vieler die verwerflichste von allen — vorgeworfen werden. Was wir an Widerspruch geltend gemacht haben, fließt wahrlich nicht aus der trüben Quelle der Mißgunst. Jeder Mensch ist in Fühlen und Denken abhängig von seinem Temperament und seiner Umgebung; diese zwei Umstände bilden den Maßstab für seine Betrachtnngs- und Anschauungsweise, an ihm messen wir die Menschen und Verhältnisse vergangener Jahrhunderte und glauben doch die Objektivität nicht verletzt zu haben. Jene reine Objektivität, die der Wirklichkeit eignet, vermögen wir trotz eifrigsten Strebens und besten Willens nicht zu erreichen. Die menschlich erreichbare Objektivität meinen wir nicht verletzt zu haben. Schließlich möchten wir noch eine kleine Nachlese von Unrichtigkeiten und Ungcnanigkeiten halten. Der bet den Münchenern mit Recht so beliebte Wirm- oder Starnbergersee hat mit „Würmern" gar nichts zu thun. Wirm-See bedeutet soviel wie warmer See. 05r. Schmeller-Frommann, Bayerisches Wörterbuch II, 1000. — Auf S. 190 wollte der Verfasser dem Zusammenhange nach „die landschaftlichen", nicht „die land- wirthschaftlichcn Reize" preisen. — Ein „erbliches Wahlreich" S. 268 ist ein Unding, ein Wahlreich schließt die Erblichkeit so ipso aus. —tt. Die Jesuitcmmllen Prantls an der Universität Jngolstadt und ihre Leidensgenossen. Eine biobibliographische Studie von Franz Sales Romstöck, Lucealvrofeffor, Bibliothekar und I. Vorstand des historischen Vereins in Eichstätt.*) ? Anläßlich der vicrhundertjährigcn Stiftungsfeier der Ludwig-Maximilians-Universität München verfaßte im Auftrage des akademischen Senates Dr. Carl Prantl eine Festschrift, in welcher hauptsächlich die Entwicklung dieser Hochschule in Jngolstadt und Landshut zur Darstellung kam. Mit der eines Historikers unwürdigen Leidenschaftlichkeit gießt Prantl die Schale seines deutsch- nationalen Zornes über die Jesuiten aus, welche von 1556 — 1773 an der Universität Jngolstadt lehramtlich thätig waren. Nach Prantl „war das Eingreifen des Jesniten-Ordens an sich schon ein unermeßliches Unglück; denn hier handelt es sich um die Wirkungen eines gemeingefährlichen Institutes, welches jedem einzelnen seiner Mitglieder bewußt oder unbewußt, in höherem oder geringerem Grade ein Element des Bösen einimpfte; . . . sobald der Jesuit als Mitglied seines Ordens wirkte, mußte er in Folge der Obcdienz zum unsittlichen Werkzeug eines verwerflichen Zweckes werden". Deßhalb tadelt der Münchener Professor auch die Vorliebe bayerischer Fürsten für die Jesuiten; „die Universität — das edelste Kleinod des Landes — hätte von einer solchen Vergiftung frei bleiben dürfen" (Prantl I, 220). Angesichts dieser Voreingenommenheit darf es daher nicht Wunder nehmen, wenn Jesuiten, welche an der Jngol- städter Hochschule verschiedene Disciplinen lehrten, in gehässigster Weise als „leere Namen", „bloße Figuranten des Ordens", „Jesuitennullen" „ohne literarische Bedeutung", nur dem Namen nach bekannt", gebrandmarkt werden. ") Eichstätt 1898. Commissionsverlag der M. Brönner- schen Buchhandlung (A. Hornik). VIII. 521 S. 516 Seit dem Erscheinen des Prantl'schen Werkes sind 25 Jahre verflossen, ohne daß auf deutschem Boden eine Ehrenrettung der hart angegriffenen Societät erfolgt wäre. Die zunächst Berufenen konnten in Folge der bekannten Ausweisungsgcsctze ihre geschmähten Ordens- genossen früherer Jahrhunderte nicht wohl vertheidigen. Darum begrüßen wir es mit Freuden, daß endlich ein Professor des Eichstätter Lyceums sich der Muhe unterzogen hat, an der Hand reichen archivalischen Materials die Qualifikationen Prantls eingehend zu würdigen. Im Anschlüsse an das große Sammelwerk Sommervogels: „Uibliotsiöiius ckes Lorivains 6a In OowpuZuis äs äöaus- hat Nomstöck die alphabetische Ordnung in der Aufzählung all der Jesuiten eingehalten, welche eine kürzere oder längere Lehrtätigkeit in Jngolstadt entfaltet haben. Nach einer möglichst vollständigen Lebensskizze der einschlägigen Persönlichkeiten folgen die literarischen Arbeiten, seien es Druckschriften oder Manuskripte, wobei die Eichstätter Bibliotheken sehr ausgiebige Beiträge zu liefern vermochten. Eine andere Frage ist jedoch diese: Wäre es nicht Im Interesse der sachlichen Polemik gegen Prantl vor- thcilhafter und wissenschaftlich erfolgreicher gewesen, wenn der Verfasser in der Gruppirung und Charakterisiruug der einzelnen Professoren sich an die von Prantl gewählten Abschnitte der Universitätsgeschichte gehalten hätte? Dann hätten die Urtheile verschiedener Schriftsteller» die sich S. 463 — 472 finden, in bessere organische Verbindung zur ganzen Tendenz des Werkes gebracht werden können. Freilich läßt sich auch nicht in Abrede stellen, daß Rom- stöcks Methode viele Vortheile in sich schließt und freieren Spielraum in der Aufzählung der literarischen Arbeiten gewährt. Jedenfalls aber hätten die benützten Quellen an den Anfang der Studie gesetzt werden sollen. Nomstöck hat mit äußerster Sorgfalt und Pünktlichkeit gearbeitet, nur einzelne Druckfehler, so besonders S. 139, sind stehen geblieben. Deßhalb wünschen wir diesem anregenden Beitrage zur Gelehrtcngcschichte unseres Vaterlandes, in welchem die wissenschaftlichen Strömungen vergangener Jahrhunderte sich spiegeln, einen ausgedehnten Leserkreis. -i- » (Ueber dasselbe Werk ist uns noch folgende literar- Ische Anzeige zugegangen. D. Red.) Vorliegendes Werk, die Arbeit vieler Jahre und die Frucht umfassender Studien des auf bibliographischem Gebiete rühmlichst bekannten Verfassers, ist bestimme, gelegentlich der Wiederkehr des 300jährigen Todestages des seligen Canisius einen Beitrag zur Ehrenrettung von 271 Jngolstädter Professoren aus dem Jesuitenorden zu liefern. Dasselbe wendet seine Spitze gegen eine Reihe von unrichtigen Behauptungen in C. Prantls Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität, München 1872, die in M. Haushofers Die Ludwig-Maximiliaus-Universi- tät zu Jngolstadt, Landshnt und München, München 1890, nicht corrigirt sind, obwohl seit der Veröffentlichung von Prantls Werk mehrere Schriften erschienen sind, die reiches Material zur Widerlegung jener Aufstellungen enthalten (s. Nomstöck, S. IV). Es handelt sich nämlich um die literarischen und pädagogischen Leistungen jener Professoren, denen Prantl in Folge von vielfach unberechtigter Parteinahme gegen den Jesuitenorden nicht gerecht wird. Wenn man Nomstöcks Werk auch nur oberflächlich durchblättert, wird man die Ueberzeugung gewinnen, daß diese 271 Männer, welche bei Prantl „leere Namen", „bloße Figuranten des Ordens", „Jesuitennullen", „solche, deren Individualität in derOrdens- angehörigkeit bestanden zu haben scheint", „solche mit nicht nachweisbaren Früchten", „sich einer nähern Würdigung entziehend", „nur dem Namen nach bekannt" und endlich „ohne literarische Bedeutung" genannt werden, nun in einem ganz andern Lichte erscheinen, zum großen Theil eine reiche literarische Thätigkeit entfalteten. Seite 4—462 führt der Verfasser diesen Nachweis, indem er mit Benützung eines reichen gedruckten und handschriftlichen Materials (ich mache besonders unter den 118 Nummern benutzter Quellen sS. 473—481j aufmerksam auf die ttzcts, Oilinxnua. und das Oiurium Kxvannsii LMaäiani, die reiches, zum Theil noch nicht gedrucktes Material boten) in alphabetischer Reihenfolge jene 271 Professoren mit Angabe der Lebensdaten, ihrer Druckschriften und hinterlassenen Manuskripte behandelt. Vor, züglich durch mit größtmöglicher Vollständigkeit aus den entlegensten Quellen geschöpfte biographische Nachweise wird dieses Werk jedem, der sich mit einem zeitlich oder sachlich einschlägigen Gegenstände beschäftigt, ein unentbehrliches und höchst willkommenes Nachschlagebuch sein. Wenn unter den Druckschriften der Professoren auch Dissertationen figuriren, welche unter dem Vorsitze jener Männer gehalten wurden, so geschieht dies nach S. 12 r) aus dem Grunde, weil der Präses und Nespondent, bezw. Defendent mehr oder weniger Antheil an der Dissertation harten. Als bedeutendere Namen sind zu nennen: Baumann (S. 31 — 36), Drattenberger (S. 62—69), Ehrentreich (S. 71 —75), Ehrhardt (S. 77 -84), Gravenegg (S. 106 — 110), Kern Adam (S. 167 bis 169), Koegler Jgnaz (S. 178—184), Marianus Christoph (S. 213—216), Neuhauser (S. 244—248), Pirrhing (S. 264-271), Naßler Christoph (S. 280 bis 287), Naßler Max (S. 289—304), Steborius (S. 876-383), Strohmayr (S. 392-399), Veith Lorenz (S. 417 — 420), Weiß (S. 439 — 445) und Widmann (S. 453—456). Wenn von einer Seite gesagt wurde, daß eine chronologische Zusammenstellung der Namen der alphabetischen vorzuziehen gewesen wäre, so kann man dagegen sehr wohl geltend machen, daß der Verfasser die chronologische Einreihung des betreffenden Namens durch den jedesmaligen Zusatz einer römischen Ziffer sehr erleichtert hat, die sich auf die Seite 3 vorgetragenen, nach historischem Gesichtspunkte angeordneten Gruppen beziehen. Ich hätte, was diesen Abschnitt betrifft, nur gerne gesehen, daß die Disputationen, Thesen rc. entweder durch Kleindruck, oder wenn dies die Kosten der Herstellung zu sehr erhöhte, vielleicht durch Astcrisken von den eigentlichen Druckschriften unterschieden worden wäreitz damit diese besser hervorgetreten wären. Sehr werthvoll und die vorausgehenden Nachweise ergänzend ist die „Nähere Würdigung der Prantl- schen Qualifikationen", ein Abschnitt, der über 37 Professoren ein nm so helleres Licht verbreitet, als er Urtheile von Zeitgenossen, Literaturhistorikern und Fachleuten enthält. Wenn wir da neben Männern, deren literarische Thätigkeit Nomstöck festgestellt hat, auch Namen begegnen, die nichts hinterlassen haben, z. B. Halbgauer, Vizanns, Fackler rc., die aber doch wegen ihrer Wirksain- keit von Mit- und Nachwelt hochgehalten waren, so drängt sich uns wieder die Ueberzeugung auf, daß literarische Produktivität nicht den richtigen Maßstab für die Werthschätzung eines Mannes abgibt, daß die Bedeutung 517 mancher Kathedergröße nicht in gelehrten Werken, sondern oft in der stillen, meistens der Außenwelt unbekannten Thätigkeit im Unterrichte liegt. Ein sehr genaues Personen- (S. 482—510) nnd Sachregister (511—521) erhöht wesentlich die Benützung des werthvollcn Werkes. Papier und Druck entsprechen allen Anforderungen. Nur ganz wenige Druckfehler sind mir aufgefallen, S. 11 Ehrenreich statt der durchgeführten Namensform Ehrentreich, S. 466 kurxuraso blutao statt kurxnrao odlatn.8. Ich gratuliere dem Verfasser zu dieser schönen Leistung. Eichstätt. Dr. Englert. Katholisches Eherecht von Dr. Jos. Schnitzer?) Ueber Entstehung des hier zu besprechenden theol. Werkes gibt das Borwort kurzen Ausschluß. Nach dem Ableben Dr. Elser's wurde Professor Jos. Schnitzer angegangen, für die „kanonischen Ehehindernisse" von Stadtpfarrer I. Weber die erforderliche 5. Auflage zu besorgen. Wissenschaftliche Bedenken hielten den strebsamen Gelehrten ab, das Werk in der alten Form zu veröffentlichen, vielmehr setzte er ein neues Werk an dessen Stelle, welches das gesammte Eherecht behandelt und von dem alten nur einige auf die Praxis bezügliche Partien, besonders die Formulare, herübernahm. So entstand ein neues Buch, das sich zum Studium des kath. Eherechtes, wie als Handbuch zum Nachschlagen in gleicher Weise eignen möchte. Der reiche Stoff ist in vier Abschnitte gegliedert. Der I. Abschnitt (S. 1—84) behandelt die Ehe als Vertrag und Sakrament und ihr Verhältniß zu Kirche und Staat. Hier betont der Verfasser, daß der Schöpfer die Ehe wie einpaarig so unauflöslich eingesetzt hat und daß ihr auch schon naturrechtlich Unauflöslichkeit zukommt; jedoch kann, was vom paradiesischen Menschen gilt, nicht ohne weiters auf den gefallenen übertragen werden. Für diesen sind Ausnahmen anzuerkennen. Bei der sogen. Civilehe ist zunächst ein geschichtlicher Neberblick geboten, wie sie in der Glaubensneuerung wurzelnd in den verschiedenen Staaten zur Einführung gelangte. Der Verfasser begründet, abweichenden Ansichten gegenüber, die These, daß objektiv, als Staatseinrichtung, die fakultative vor der obligatorischen entschieden den Vorzug verdiene. Die Verbesserungen, welche im Deutschen Reiche das Gesetz vom 6. Febr. 1875 durch das Bürgerliche Gesetzbuch erhielt, bezeichnet Dr. Schnitzer als unerheblich und begründet seine Auffassung in einer längeren Fußnote. Sehr eingehend citirt er die einschlägige Literatur; so z. B. (S. 72) Nöpe, Neichscivil- standsgesetz, worin das Verderbliche der Civilehe darin gesehen wird, daß sie dem Volksbewußtsein das Grauen vor einem Leben ohne Gott, ohne Religion, ohne Kirche an seinem Theile raubt, daß sie gleichsam das Siegel staatlicher Gesetzgebung auf Gleichgiltigkeit, Roheit, Frivolität — nicht drücken will, aber im Bewußtsein der Bevölkerung thatsächlich drückt! — Am Schlüsse dieses Abschnittes macht der Verfasser aufmerksam, daß auf dem Vatikanum deutsche, französische, belgische und amerikan- ") Katholisches Eherecht. Mit Berücksichtigung der im Deutschen Reich, in Oesterreich, der Schweiz und im Gebiete des 6oäs civil geltenden staatlichen Bestimmungen. Von Dr. Jos. Schnitzer. 5. vollständig neu bearbeitete Auflage des Werkes: I. Weber, Die kanonischen Ehehindernisse. Freiburg bei Herder, 1898. 681 Seiten. ische Bischöfe eine Verminderung der Ehehindernisse beantragten, nnd daß das Bedürfniß einer Reform auf diesem Gebiete als ein allgemein gefühltes bezeichnet werden kann. Der II. Abschnitt (S. 85 — 222) entwickelt die formellen Erfordernisse der Eheschließung. Hier kommen naturgemäß Verlöbniß, Brautexamen, Aufgebot, Eheschließung bczw. Trauung und Brautsegen zur Behandlung. Der Verfasser bezeichnet unter Hinweis auf das Tridentinum die Brautleute als „Spender" des Sakramentes. Die Consequenzen dieser Auffassung sind ihm für die bezüglichen Darlegungen normgebend. Das vor- tridentinische Recht ist eingehend besprochen und daraus Anlaß und Bedürfniß zum Eingreifen der in Tricnt versammelten Vater beleuchtet. Ueber die Art, wie dieses geschah, ist das Nöthige aus der Geschichte des Concils herangezogen und dann die Verkündigung und Verbindlichkeit an nichttridentinischen und tridentinischen Orten behandelt. Ueber die Akatholiken an tridentinischen Orten sind die Erklärungen und Erlasse des römischen Stuhles, die in der 4. Auflage von Weber (S. 439—75) einfach abgedruckt werden, gut erläutert und ist die wichtige Bemerkung beigefügt, der einzelne Priester habe auf der Kanzel oder im Beichtstuhl die rechtliche Seite nicht zu berühren, geschweige zu beurtheilen. — Der Gegensatz zwischen dem Kanonisten und Theologen oder Seelsorger tritt freilich in dieser Sache auch sonst schroff genug hervor. Dem Kanonisten mag es zur Rcchts- giltigkeit der Ehe genügen,' daß der Pfarrer oder sein gesetzlicher Stellvertreter (mit den Zeugen) anwesend ist, die Brautleute sieht und ihre Erklärung vernimmt. Der Theologe aber muß, abgesehen von ganz singnlären Umständen, eine Ueberraschnng als freche Beleidigung der „18.0168 666168186" und als Karikatur auf den Willen der Kirche bezeichnen und der Seelsorger hat das Sakrament nicht bloß als Band der Nupturicnten, sondern als Gnade »Mittel, das würdig gebraucht werden soll, zu betrachten. — Die von Dr. Schnitzer gewählte Darstellung macht das tridentinische Dekret und was damit zusammenhängt, viel klarer, als wenn man es mit dem Namen Klandestinität unter die Ehehindernisse hineinsteckt. Der III. Abschnitt, Die Ehehindernisse und ihre Beseitigung (S. 223 — 573), umfaßt die Hälfte des Buches. Zuerst kommen die verbietenden bezw. aufschiebenden, nämlich kirchliches Verbot, die verbotene Zeit, das einfache Gelübde und die Confessionsverschieden- heit. Hier sind die staatlichen Bestimmungen über die Mischehenkinder beigegeben. Auch ist die elterliche Einwilligung behandelt, dann die reinstaatlichcn Eheverbote. Die trennenden Ehehindernisse sind dreifach getheilt, solche bei denen die Einwilligung fehlt, dann der Mangel an körperlicher Tauglichkeit, endlich solche, welche durch das natürliche oder positive Recht statuirt sind. Bei jedem Hinderniß wird nach einer angemessenen geschichtlichen Entwickelung das geltende (kirchliche) und das staatliche Recht klar angegeben nnd durch Rechtsfälle veranschaulichet. Besonders instruktiv wird die Behandlung durch Aufzeigung der Wurzel, woraus jedes Ehehinderniß hervorgegangen ist und durch die Gegenüberstellung des kirchlichen und staatlichen Rechtes, wodurch bei jedem die Vergleichuug ermöglichet ist. Der IV. Abschnitt (S. 574 — 645) erörtert die Wirkungen der Eheschließung hinsichtlich der Gatten und s Kinder, dann die Trennung des Ehebandes, die Scheidung 518 von Tisch und Bett und die zweite Ehe. Seite 578 macht der Verfasser die Bemerkung, daß der Pfarrer bei Heirath solcher Personen, bei denen uneheliche Kinder legitimirt werden sollen, eine bezügliche Urkunde aufnehmen und durch Namensunterschrift der Eltern bestätigen lassen soll. Da dies, soviel bekannt, gewöhnlich nicht geschieht, möchte hier besonders aufmerksam gemacht werden. Ein Anhang behandelt (S. 646—71) mit sichtlicher Sorgfalt und Gründlichkeit die vielerörterte Ehescheidung Napoleons I. mit dem Ergebniß, daß die Erkenntnisse des Diöcesan- und des Metropolitangerichts zu Paris als auf grober Fahrlässigkeit beruhende Fehlurthcile zu bezeichnen sind. Unter den mannigfachen Bearbeitungen des kathol. EhercchtD hat dieses neue Werk, wie es scheint, den Vorzug, daß die überreiche Literatur, sowie die neuesten Entscheidungen und Bestimmungen, namentlich das am 1. Juli 1896 angenommene Bürgerliche Gesetzbuch eingehend berücksichtiget sind. Der Verfasser verbindet eine leichte, klare Darstellung mit Selbstständigkeit des Urtheils ^ in strittigen Punkten, woran es in diesen mitunter schwierigen Materien nicht fehlt. . Deren . eingehende Würdigung soll Fachmännern überlassen werden. Für die Rechtfälle sind die ^.otu 8. 86äis eingehend benutzt und sind also zumeist authentische, vom HI. Stuhl selbst entschiedene Fälle angeführt. Der Leser ist in die Lage versetzt, die Rechtsnormen geschichtlich zu begreifen und klar zu verstehen. Das Ziel, wissenschaftliche Gründlichkeit mit praktischer Brauchbarkeit zu verbinden, scheint bestens erreicht. Möchte das wissenschaftliche Streben die verdiente Anerkennung finden! — Auch die Neubearbeitung hat die Approbation des Kapitelsvikariats ^ Freibnrg. Weißenhorn. I. Holl. Münchner Anthropologische Gesellschaft. Am 17. Dezember hielt die Münchner Anthropologische Gesellschaft unter dem Vorsitze des Lerrn Pros. vr. I. Ranke eine interessante und lehrreiche Sitzung ab. Zuerst sprach Herr Custos Dr. F. Grünling über Ceylon. Aus dem Vortrage mögen seine mineralogischen Exkursionen hervorgehoben werden. Ceylon ist berühmt wegen der Edelsteine und des Graphits, die dort gefunden werden. Der dortige Graphit stammt nicht von organischeil Ueber- resten, er ist wahrscheinlich ein Sublimationsprodukt von Kohlenwasserstoffen. Der Graphit ist das einzige Mineral auf Ceylon, das bergmännisch gewonnen wird. Aber der Bergwerksbetrieb ist, wie in dem Graphitbergwerk Nage- dara bei Kurunegala, sehr primitiv, Maschinen werden nicht verwendet. Ein besonders hervorragender Edelsteinbezirk ist in der Provinz Sabaragamnwa. In dem Fluß- geröll finden sich die Edelsteine in überraschend großer Menge und Schönheit. Redner demonstrirte an Photographien die Graphit- und Edelsteingewinnung. Den zweiten Vorlrag hielt Herr Pros. Dr. Grätz über Tele- graphie ohne Draht. Die Experimente des Italieners Marcöni haben großes Aufsehen erregt. Aber er hat keine einzige neue Entdeckung gemacht. Sie gründen sich auf die Ansichten von Faraday und auf die Untersuchungen von Hertz. Faraday nahm an, daß in den Isolatoren ähnliche Vorgänge stattfinden, wie in den Lertungs- drähten. Durch eine elastische Verschiebung des Aethcrs nach beiden Seiten können in den Isolatoren elektrische Schwingungen entstehen. Diese wurden zuerst durch Beobachtung des Funkens der Leydencr Flasche bezw. des Ruhmkorsf'schen Induktors nachgewiesen. Hertz hat nachgewiesen, daß von jedem elektrischen Funken elektrische Wellen nach allen Seiten ausgehen. Redner demonstrirte diese Wellen mittels des sogen. Cohärers. Die in demselben eingeschlossenen, lose aneinander schließenden Metall- spähne haben so großen Widerstand, daß ein elektrischer Strom nicht hindurch geht. Sobald die von dem elektrischen Funken ausgehenden Wellen auf den Cohärer treffen, verbinden sich die Mctallspähne so mit einander, daß ein Strom hindurchgeleitet werden kann. Die Hertz'schen Wellen haben die Eigenschaft, daß sie durch leitende Stosse, wie Metalle, nicht hindurchgehen, sondern reslektirt werden. Nicht leitende Stoffe dagegen sind für dieselben durchlässig und vermögen sie in der Gestalt von einem Prisma zu brechen. Marconi hat gezeigt, daß die Hertz'schen Wellen auf große Entfernungen noch wirksam sind. In Italien gelangen die Experimente auf eine Entfernung von 37 kw, in Deutschland auf 21 Kni. Ferner hat Marconi die nothwendigen Apparate zweckmäßig eingerichtet. Was den Werth der Telegraphie ohne Draht betrifft. so erleidet derselbe bedeutende Einschränkung durch die Thatsache, daß Berge, Häuser, Menschen, Nebel, atmosphärische Elektricität die Wirkung der Hertz'schen Wellen hindern. Ein telegraphischer Verkehr ohne Draht ist nur möglich, ungünstige Bedingungen ausgeschlossen, zwischen der Küste und einem Schiff, zwischen zwei Schiffen oder zwischen zwei Luftballonen. Gebt man von der allgemeinen Annahme aus. das; jedes.Molekül mit Elektricität geladen und in schwingender Bewegung ist, so kann man mit großer Phantasie zu der weiteren Annahme gelangen, daß von jedem Moleküle minimale elektrische Schwingungen dem Aether mitgetheilt und durch genügend empfindliche Apparate nachgewiesen werden könnten. Ist das auch eine gewagte Hypothese, so verdienen doch alle Andeutungen dieser Art mit Aufmerksamkeit verfolgt zu werden. Zum Schlüsse des klaren und lehrreichen Portrages telegraphirte Professor Grätz ohne Draht aus die Länge des Saales das Wort München. Der Vorsitzende bemerkt, daß die Ansicht von der Fern- wirkung ohne vermittelndes Medium aufzugeben ist. Wie durch die Lehre von der Erhaltung dr Kraft ein Wendepunkt in unserer allgemeinen Naturanschauung eingetreten ist, so bedeuten auch die Untersuchungen von Hertz einen Weudepunk speciell in Beziehung auf unsere Auffassung der Wirkung der Kräfte in die Ferne. Dr. L. Recensionen und Notizen. Die ersten Schwestern des UrsulinenordenS. Nach den Ordensanualcn bearbeitet und aus dem Französischen übersetzt von einer Ursuline. Mit einem Vorwort von ?. Lehm kühl 8. ck. Pader- born 1897. Verlag von F. Schöningh. IX, 391 S. 3.40 M. D Die Lebensbilder von 11 Mitgliedern des Ursulinen- ordens aus der ersten Zeit seines Bestehens werden in vorliegendem Buche uns vorgeführt. Die Darstellung christlicher Tugend und Vollkommenheit an lebendigen Beispielen hat immer etwas anziehendes, zur Nachfolge antreibendes, und dies um so mehr, wenn, wie hier. nicht bloß das glücklich errechte Ziel, sondern vor allem der lebenswahre Weg hiezu mit allen seinen Kämpfen, Beschwerden, Versuchungen, Anfechtungen und Widersprüchen geschildert wird. Als Tischlektüre m Klöstern wird das Buch nicht ohne Eindruck bleiben; doch auch heranwachsende Töchter werden aus demselben wichtige Lehren über die höhere Vollkommenheit schöpsen, besonders solche, die von der Gnade Gottes zum Ordensleben berufen. Eine Lebensbeschreibung enthält auch ein kleines Stück Culturgeschichte: Die Einführung des Ursulineuordens in Nordamerika nach Canada zu den Zeiten der ersten Christianisirung der wilden Huronenstämme und der Ver- nichtnngskämpfe seitens der Irokesen. Die Sprache ist eine sehr edle und würdige. Aufgefallen ist der Ausdruck „hl. Profession" anstatt Profeß; sodann dürfte der Ausdruck „Widersprüche" S. 154 ohne nähere Bezeichnung, ob innere, ob äußere, ob von Personen außerhalb oder innerhalb des Ordens herrührend, mißverständlich sein; ebenso ist es unerfindlich, warum einigemal nur „Lai- schwester" statt Laienschwester gebraucht wird; desgleichen klingt das Wort „Nest" S. 330 etwas zu gewöhnlich. Zwischen derSchulbauk und der Kaserne. Wegweiser für die Jugend. Von Alban Stolz. 10. Auslage. Herder in Freiburg i. Br. Sechs Exemplare L 38 S. 50 Pf. L Flugblätter, Broschüren, Traktätlein werden mit großem Eifer, bewunderungswürdiger Ausdauer, allsehn- lichen Kosten und in unglaublicher Anzahl von den politischen und religiösen Gegnern der katholischen Kirche verbreitet. Der Pessimismus in unserm Lager bezüglich des Werthes solcher Mittel soll sich doch durch die Taktik des Feindes belehren und bekehren lassen. Unsere katholische Literatur darf sich getrost mit ihren derartigen Erzeugnissen sehen lassen, und es wäre sehr zu wünschen, dieselben würden noch mehr benutzt. „Wir müssen unsern Laien auch zur Vertheidigung des Glaubens Waffen in die Hände geben", sagt ein bekannter und geachteter Kämpe in der Pasfauer Monatsschrift S. 894. Solche kleine Schriftchen als Erkenntlichkeit für einen erwiesenen kleinen Dienst aus der Hand eines Geistlichen oder Laien stiften sicherlich mehr Nutzen als etliche „Havanna" oder ein „Trink"geld. Sie finden schon Leser und werden auch beherzigt praovenionto et aäzuvsnts gratia, nur keine Sorge! Duerrwaechter, vr. A. Die Vesta Oarvli nmKni der Regensburger Schottenlegende. Zum ersten Mal ediert und kritisch untersucht von vr. A. Duerr- w «echter. Bonn, 1897. P. Hanstcins Verlag. Unter den Specialtitcln: 1) Handschriftliches. 2) Inhalt der Schottenlegende. 3) Die Schottenlegende eine Compi- lation. 4) Entstehungszeit der Eompilation. 5) Die Persönlichkeit des Compilators. 6) Die Costa Oaroll maKni. 7) Fortleben der Karls- und Schottenlegende. — I. Text der Costa Oaroli MNANI. — II. Das Excerpt der Schottenlegende rc. des Konrad von Megeuberg — weist der Herr Verfasser darauf hin, daß es sich hier um ein für die Geschichte der Historiographie interessantes Werk handle, dessen Entstehung früheren Datums sein müsse, als man ehedem annehmen zu sollen glaubte. Er verlegt dieselbe in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts. Von besonderen! Interesse ist die Kritik der in den verschiedenen Bibliotheken aufbewahrten diesbezüglichen Manuskripte. Eichstätt. Pros-Romstöck. Wanderungen in Tirol von Ludw. v.Hörmann. Innsbruck, Wagner, 1897. 8° X, 316 S. M. 4. X Diese Wanderungen bilden den II. Theil der 1895 erschienenen „Wanderungen in Tirol und Vorarlberg". Sie beginnen beim Hofermounment auf dein Berge Jsel; dann geht's zum Tummelplatz bei Ambras, in's vordere Oetzthal, nach Landeck, über den Arlberg, nach Hall, zum Gnadenwald, auf die Brettfall, nach Maria-Stein, mit der Giselabahn, in's Hintere Stubai, Obernberger Thal, über den Brenner, nach St. Leonhard bei Brixcn, Schloß Runkelstein, auf den Ritten, zur Gleifkapelle, über die Mendel, nach Grätsch bei Meran, Lambrechtsburg, zu den Dolomiten, nach Enneberg, in's Pragserthal, nach Ampezzo und Madonna di Campiglio. Der Verfasser ist bekannt durch seine Studien über tirolischcs Volksthum und Naturleben. Man begleitet den kundigen Führer und unterhaltlichen Erzähler gerne auf seinen Fahrten; er bietet kein trockenes Reisehandbuch, sondern genußreiche Schilderungen. Braig C.. Vom Erkennen: Abriß der Noötik. 8°. VVI -j- 354 Seiten. Frciburg i. Br., Herder, 1897. Preis 3 M. 40 Pfg. -> Erkenntnißtheoretische Fragen stehen heute im Vordergründe philosophischen Interesses; auf diesem Gebiete spielt sich der erbittertste Kampf divergirender Ansichten ab. von denen die radikalste die Möglichkeit des Erckennens überhaupt preisgibt. Mit Recht hielt es der Verfasser für angezeigt, der Noötik eine eingehendere Darstellung zu widmen, als es für ein „Lehrbuch der Grundzüge der Philosophie" sonst üblich ist. Braig steht auf dem sicheren Boden christlicher Philosophie und weist die Lehren derer, welche die Möglichkeit der Erkenntniß durch irgendwelche schiefe Auffassungen in Frage stellen, oder sie übertreiben, durch klare und geschickte Beweisführung ab. Das werthvolle Buch gibt ein recht anschauliches Bild der erkenntnißtheoretischcn Richtungen, die im Laufe der Geschichte aufgetreten find. Gictmann Gcrh. (8. 4.), Grundriß der Stilistik, Poetik und Aesthetik. 8°. IV -ch 388 SS. Freiburg i. Br.. Herder 1897. Preis 4 Mark. -- Der feinsinnige Herausgeber der „Classischen Dichter und Dichtungen (Job, Dante, Parzival. Faust)" erfreut uns hiemit durch ein Werk, das im eigentlichen Sinne ein Schul- und Lernbnch ist, oder doch zu werden verdient. Leider verabsäumt es unser heutiges Gymnasium, wo täglich mehr über Ueberbürdnng geklagt und täglich weniger geleistet wird, die Schüler mit Poetik und Aesthetik intensiver bekannt zu machen, als es etwa die oberflächliche Kenntniß nur der deutschen Literatur und die zeitweilige nothdürstige Fabrikation eines sogenannten deutschen Aufsatzes erfordern. Das sollte anders werden, und dazu wüßten wir kein besseres Hilfsmittel zu nennen, als vorliegendes Buch, das dem Schüler durchaus gesunde Ansichten beibringt und ihn die Erzeugnisse der redendeu und bildenden Künste im rechten Lichte, frei von jeder unvernünftigen Schwärmerei, betrachten lehrt. „Studien und Mittheilungen aus dem Benediktiner- und dem Ei stcrcienser-Ordcn." Verlag des Stiftes Raigern (bei Brünn, Oesterreich). Preis per Jahrgang (4 Hefte ca. 48 Bogen) 8 M. — 4 Gulden. Das III. Heft 1897 enthält u. a.: Veith, Jldefons (0. 8. v. Seckau): Die Martyrologien der Griechen. (V. Schluß.) — Willems, D. Gabriel (0. 8. v. Afflighem): 8obolao Loneäietinas slvs: vo seievtiis, opora Llona- obornm Orckinis 8. Lsnockioti auotis, oxoultis, propaxatis ot oonsorvatis; Vibri guatuor a O. Ockouo Cambior, monaobo ^küiKsnionsis Nonasterii Orclinis ojnsckom 8. Lsnsckioti. (VI.) — Wagner Phil., vr. (Berlin): Gillon le Mnisi, Abt von St. Martin in Tournai. (IV. Schluß.) — Plaine Beda (0. 8. L. Silos): vo initüs bomilibus mirabilibusguo psr soeula inoromontis Cultus L. Nariao Virpavis. visguisitio üistoriao-IiturKxloa. (III.) — Leistle, vr. David (Dillingen): Wissenschaftliche und künstlerische Strebsamkcit im St. Magnusstifte zu Füssen. (IX.) — Wittmann, vr. Pins (München): Johannes Nibling, Prior in Ebrach (0. Cist.), und seine Werke. (IV.) — Lolzer, vr. Odilo (0. 8. v. Melk): Aus einem Melker Formelbuche. — Hakusa, v. Tescelin (O. Cist. Heiligen- krenz): Unbekannte Gedichte des I'. Joachim Hoedl 8. 4. auf Abt Marian II. und die Abtei Heiligenkreuz. (I.) — — Grillnberger, vr. Otto (Orck. Ölst. Wilhering): Kleinere Quellen und Forschungen zur Geschichte des Eist. -Ordens. (XII.) — Böklenrücher I. (Saruen, Schweiz): h Leo Fischer, O. 8. L. Eine Blume aus dem Klostcrgarten. (II. Schluß.) — Winter«, Lanrenz (v. 8. v. Braunau): Michael Willmann, ein Cistercienser- maler des XVII. Jahrhunderts. — Cahannes, Johann (Brigels, Graubünden): Das Kloster Tiseutis vom Aus- gang des Mittelalters bis zum Tode des Abtes Christian von Castelberg. (I.) — Neueste Benediktiner- und Cistercienser-Literatur. — Literar. Referate. — LitcrarischeNotizcn. — Ordcnsgeschichtliche Rundschau: Kaiser Wilhelm II. in Märia-Laach; Erzstift Martinsbcrg; Cardinal Primas Daszary; St. Paul nn Lavantthale, Medaille auf v. I'. hochw. Herrn Abt und Prälat von St. Paul: Tod desselben: Benediktiner- Stift Melk, Ein Jubilar; Muri-Gries, Grundsteinlegung der Herz-Jesu-Kirche: St. Bonifaz. München; Ein seltenes Doppel-Jubiläum; Benediktiner-Stift Metten, Abt Braunmüller, Prior Kornmüller: Benediktiner-Stift Einsiedeln: Montc-Cassino, v Abt Tosti u. s. w. Natur und Gnade im Leben und Sterben. Zur Beleuchtung unserer verworrenen Lage und einzigen Rettung. Von v. Herm. Jof. Graf Fugger-Glött, Priester der Gesellschaft Jesu. Mit kirchlicher Approbation. Mainz, Verlag von Franz Kirchheim. 1897. (XVI und 278 S.) Preis geheftet 4 M. In elegantem Halbleinenband 5 M. Der verdienstvolle Verfasser hat bereits in zwei Bündchen (Kreuzfahrerblätter) aus gedrängter Darlegung des lebendigen Zusammenhanges unseres Denkens mit der objectiven Wirklichkeit den absolut nothwendigen Schluß auf den persönlichen Gott, den Schöpfer, Erhalter, Ne- gierer und Richter der Welt, gezogen und dann die ,,unantastbare Thatsache der Menschwerdung des ewigen Sohnes" dargethan — eine kurze, aber eminent praktische Philosophie und Theologie. Der Inhalt des abschließenden dritten Bündchens ist in dem Titel genügend angedeutet. Es werden darin folgende Punkte behandelt.: „Glauben, Hoffen, Lieben", „Die Familie". „Christliches Leben und christliche Vollkommenheit". „Das Gebet der 520 Nerv jeder wahren Kultur". „Der Himmel". Es ist dies eine ebenso ernste als zeitgemäße Schrift, welche „jene ersten und fundamentalen Wahrheiten, auf denen icdes geordnete Menschenleben, speciell jedes wahrhaft christliche Leben sich bewegen muß, in einer Weise vorlegen und erhärten will, wie es dem Grade unseres Wissens und daher der Kiüturstufe unserer Zeit entspricht". Und der Verfasser hat sein Ziel erreicht, seine Aufgabe in glänzender Weise gelöst. Er behandelt seine Fragen mit Ernst und Verständniß. Sein Buch ist die gereifte Frucht langjähriger Geistesarbeit. Mit den Wegen des modernen Denkens und FühlenS ist er gründlich vertraut und versteht es meisterhaft, auch tiefere theologische Wahrheiten im edelsten Sinne populär zu machen. Äie Lectüre seines Buches ist mir ein wahrer Genuß gewesen; es ist eine wirklich gute apologetische Leistung. Auch die Darstellung ist künstlerisch schön: die Sprache ist so gutes Deutsch, wie man es leider nur selten liest. Möchte diese splendid ausgestattete Schrift, insbesondere seitens der tonangebenden Kreise, für welche sie . verfaßt ist, die verdiente Beachtung finden. _ „Anno dazumal" betitelt sich ein im Verlage von Max Eichinger in Ansbach erschienenes Buch, il- lustrirt, voll von köstlichen, bayeriichen, heiteren Soldatengeschichten aus vergangener Zeit. Der Verfasser dieser dem Leben entnommenen und mit packender Natürlichkeit erzählten Episoden ist kein Unbekannter mehr auf dem Gebiete der humoristischen Schriftsteller«. Es ist Herr Heinrich von Selbitz, ein kgl. bayer. Offizier a. D., welcher mit seinem ersten Werke „Unter dem Raupen- helm" schon einen durchschlagenden Erfolg erzielt hat. Alle Freunde volksthümlichen Humors werden an dem Buche „Anno dazumal" großen Gefallen finden, und besonders für jeden, der „des Königs Rock getragen und treu gedient hat seine Zeit", wird das Werkchen heitere Stunden, der Erinnerung bieten. Der Preis des Buches, hübsch gebunden, ist M. 2,50. Zu beziehen ist dasselbe durch alle Buchhandlungen, sowie gegen Einsendung des Betrages in Briefmarken direkt von der Verlagsbuchhandlung. _ Liuzer theoll-praktische Quartalschrift. Jahrgang 1898. Expedition: Linz, Stifterstraße Nr. 7. Preis vr. Jahr 7 M. Das 1. Heft des Jahrgangs 1898 enthält u. And.: Katholische Universitäten. Von ?. Albert M. W eißv. vr., Univei-sitäts-Professor in Freiburg (Schweiz). — Zur Erklärung des Hexaeineron. Von v Thomas Lempl, 8.1., Spiritual im Priesterseminar in Klagenfurt. — Plan der laurctanischen Litanei. Von vr. Otto Birnb ach. Pfarrer in Wartha (Schlesien). — Die Bergpredigt nach Matthäus (Eap. 5. 6, 7). Von Pfarrer A. Riester er in Müllen (Baden). — Die vriesterlichen Gewänder. Vonv. Beda Kleinschmidt v. 8. v. in Wiedenbrück (Westfalen). — Das Velocipedfahren der Geistlichen. Von Ludwig Heumann. Expositus in Feucht (bei Nürnberg). — Ernstes und Heiteres für die Dilettanten-Bühne. Von Johann La ngthaler. reg. Chorherr und Stiftshofmeister in St. Florian (Oberösterreich). — Pastoral-Fragen und -Fälle: Darf ein katholischer Beamter akatholische Kindererziehung befehlen? Was ist zu thun im Zweifel, ob man eine schuldige Restitution geleistet oder nicht? Eine Schenkung vom Erbrechte angefochten. Kraniotomie oder Kaiserschnitt. Dispens und Commutation gewisser Gelübde usw. — Literatur. — Erlässe und Bestimmungen der römischen Congregatiouen. — Neueste Bewilligungen oder Entscheidungen in Sachen der Ablässe. — Kirchliche Zeitläufe. — Bericht über die Erfolge der katholischen Missionen. Von Joh, G. Hu der, Stadtpfarrer in Schwauenstadt. — Christliche Charitas auf socialem Gebiete. Von Pros. vr. Joh. Gföllner in Urfahr-Linz. — Kurze Fragen und Mittheilungen. _ Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1893. Zehn Hefte M. 10.80 (oder zwei Bände L M. 5.40). Freiburg i. Br.. Herder'sche Verlagshandlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 1. Heftes: Nach fünfundzwanzig J ahren. — Das Coalitiousrecht der Arbeiter. (H. Pe sch 8. fl.) — Sind die Katholiken unfähig zum höhern Staats» dienst? (A. Lchmkuhl 8.0.) — Der Eid in Geschichte und Poesie. (A. Baumgartner 8. 7.) — Lamennais' Höhe und Sturz. (O. Pfülf 8. .1.) — Die Neuorganisation im Franziskanerorden. (I. Blötzer 8. 7.) — Edgar Tinels neues Musikdrama „Godoleva". (Th. Schund 8. .7.) — Recensionen. — Empfehlenswerthe Schriften. — Miscellen: Die englische Hochkirche und die Heiligenbilder. Zur neuesten Auflage von Bädekers Palästina. Ein Opfer des Unglaubens und der Halbbildung unserer Zeit. — _ Charitas. Zeitschrift für die Werke ver Nächstenliebe im katholischen Deutschland. Verlag von Herder. Freiburg i. Br. Erscheint, 16 Seiten stark, je am 1. des Monats. Äbonnementspreis jährlich 3 M. Inhalt von Nr. 12 des v. Jahrgangs: Lunnauität und christliche Nächstenliebe, v. — Die Wohlthätigkeitsanstalten und -Vereine der Diöcese Würzburg. — Die deutsche St. Elisabeth-Mission zu Paris. — Die Gründung des Charitasverbandes für das katholische Deutschland. — Satzung des Charitasverbandes für d. kath. Deutschland. — Neue Mitglieder des Charitasverbandes. — Vom Cbaritas- tage zu Köln a. Rh. — Kleinere Mittheilungen. (Vergeßt nicht des armen Landvolks. — Zur Frage der geistigen Blumenspenden für Verstorbene. — Zur Frage der Kapitalbeschaffung für charitative Zwecke auf dem Wege der Association.) — Fragekasten, Zusendungen an die Redaktion. Aufruf zur Ueberwindung der religiösen Trennung. Von einem evangelischen Geistlichen. Mainz. Verlag von Franz Kirchheim, 1897. (45 S.) Preis geh. 50 Pf. Mit wahrer Freude begrüßen wir diesen Aufruf. Es ist die erste freundliche Antwort eines evangelischen Geistlichen deutscher Zunge auf die Einladung des Friedenspapstes Leo XIII. an die Fürsten und Völker zur Einigung der ganzen Christenheit. Von den sieben Punkten, welche der Verfasser behandelt, sind die vier ersten die wichtigsten: „I. Die Augsburgische Confession ist nicht Grund und Halt der Trennung; durch sie sollte die Trennung als dem Wesen der Kirche widersprechend abgewendet werden. II. Die heilige Schrift ist die Urkunde der Offenbarung. Die Tradition ist die lebendige Entwickelung der Kirche durch den in ihr fortwirkenden heiligen Geist in Uebereinstimmung mit der heil. Schrift, m. Der in der Liebe thätige Glaube macht uns Gott angenehm. Wir werden vor Gott gerecht allein durch den Glauben, aber ohne die Werke ist der Glaube todt. Die Werke sind nothwendig zur Seligkeit, aber aus dem Glauben allein fließt ihnen die rechtfertigende Kraft zu. IV. Die Messe ist der Gipfel des Gottesdienstes, worin wir unsere Erlösung feiern und ihre fortdauernde Frucht uns aneignen." Die folgenden Punkte handeln vom Papst, von den Ketzerstrafen und von der Kirchensprache. Mit einem so gesinnten Manne, wie der Verfasser dieser Schrift, wäre eine Aussöhnung wohl unschwer zu finden. Drei offene Wunden des heutigen Protestantismus. Bekenntnißfrage. Bibelfrage. Sociale Frage. Von U. Lütke. gr. 8°. V und 132 S. Berlin, Germania. 1897. Preis 1Z0 M. Die Schrift bildet den vierten und abschließenden Theil des 3. Bandes von „Ehrist oder Antichrist, Witten- berg und Rom", und schließt sich eng an den unmittelbar vorhergehenden an, der eine Schilderung des „Protestantismus der Gegenwart" aus der Feder des bekannten Forschers und Pfarrers in Christiania vr. Krogh-Ton- ning bringt. Der Verfasser ist den Vorgängen, welche sich in den letzten fünf Jahren innerhalb des deutschen Prorestantisnms abgespielt haben, mit Aufmerksamkeit gefolgt. So zeigt er sich in allweg seiner Aufgabe gewachsen, denselben „möglichst unparteiisch mit den Worten protestantischer Gewährsmänner zur Darstellung zu bringen". Uebrigens darf die Schrift auch jedem gebildeten Protestanten in die Hand gegeben werden. Ist es einem solchen ernst mit dem Forschen nach der vollen Wahrheit, dann läßt sich hoffen, daß sie dazu beitragen wird, ihn die Unhaltbarkeit des protestantischen Glaubensprincips erkennen zu lassen. Die gut besorgte Sprache sucht ihre Leser in den weitesten Kreisen der Gebildeten. Perantw. Redacteur: Ad.HaaZ in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Mittheilungen aus dem Rechtsleben. Beilage zur„Augsburger Poſtzeitung“. Nr. 1. Bearbeitet von Franz Riß, Rechtspraktikant in München. 1897. Verzeichniß der ſtändigen Abkürzungen: D. J. B. = Deutſche Juriſten​⸗​Zeitung — J. W. = Juriſtiſche Wochenſchrift, — R. A. = Blätter für Rechtsanwendung. — Sammlung — Sammlung für Entſcheidungen (des oberſten Landesgerichts für Bayern, des Oberlandesgerichts München in Gegenſtänden des Strafrechts und des Strafproceſſes, des bayeriſchen Verwaltungsgerichtshofs). — Entſch. = Entscheidungen des Reichsgerichts(in Civilſachen, in Strafſachen) — Reger — Regers Sammlung bon Entſcheidungen. G. V. B. = Geſetz- und Verordnungsblatt für das Königreich Bayern. — R. G. B. = Reichsgeſetzblatt. Reichsgeſetzblatt. Nr. 1 (11. Januar 1897). Geſetz vom 4. Januar 1897, betr. die Controlle des Reichshaushaltes, des Landeshaushalts von Elſaß⸗Lothringen und, des Haushalts der Schuhzgebiete as Etatsjahr 1896/97. (Die Controlle wird wie bisher von der preußiſchen Ober⸗Rechnungskammer unter der Benennung „Rechnungshof des deutſchen Reiches“ geführt.) — Bekanntmachung des Reichskanzlers pom 7. Januar 1897, betr. die Zulaſſung älterer Maße, Meßwerkzeuge und Gewichte zur Wiederholung der Aichung und Stempelung, — Bekanntmachung der kaiſerlichen Normal⸗-Aichungscommiſſion vom 8. Januar 1897, betr. die Zulaſſungsfriſten für ältere Maße, Meßwerkzeuge, Gewichte und Waggen. Nr. 2 (16. Januar 1897). Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 11. Janugr 1897, betr. die dem nternationalen Uebereinkommen über den Eiſenbahn⸗Frachtverkehr beigefügte Liſte. Ergänzung.) Nr. 3 (27. Januar 1897). Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 27. Januar 1897, betr. das Außerkrafttreten des Handels⸗, ​Schifſſahrts⸗ und Conſular⸗Ver trags zwischen dem Reiche und der dominikaniſchen Republik. Nr. 4 (30. Januar 1897). Erklärung zwiſchen dem Reiche und Frankreich vom 18. November 1886, betr. die Regelung der Vertragsbeziehungen zwiſchen Deutſchland und Tunis. Nr. 5 (5. Februar 1897). Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 2. Februar 1897, betr, die Einrichtung und den Betrieb von Anlagen zur Herſtellung von AlkaliChromaten. (Vorſchriften über Einrichtung und Betrieb ſolcher Anlagen, erlaſſen vom Bundesrath auf Grund der §§ 120e und 139a der Gewerbeordnung.) Nr. 6. (9. Februar 1897). Kaiferliche Verordnung vom 8. Februar 1897, betr. Beſchränkungen der Einfuhr aus Aſien (zur Verhütung der Einſchleppung der Peſt). Bayeriſches Geſetz- und Verordnungsblatt. Nr. 1 (4Januar 1897). Bekanntmachung des Miniſteriums des Innern vom 30. Dezember 1896, Ausgabe unverloosbarer Pfandbriefe durch die bayeriſche Hypotheken⸗ und Wechſelbank betr. — Bekanntmachung des Miniſteriums des Innern vom 31. Dez. 1896, die Reviſion der Arzneitaxe für das Königreich Bayern betr. (Der bisherige Zuſtand bleibt unverändert). — Bekanntmachung des Miniſteriums des Innern und des Kriegsministeriums vom 1. Januar 1897, Feſtſetzung der für die Naturalverpflegung zu vergütenden Beträge für das Jahr 1897 betr. (Volle Tageskoſt 80 Pf, ohne Brod 65 Pf. Mittagskoſt 40 Pf, ohne Brod 35 Pf., Abendkoſt 25 Pf,, ohne Brod 20 Pf. Morgenkoſt 16 Pf. ohne Brod 10 Pf. pro Mann und Tag. ​​Nr. 2 (20. Januar 1897). Bekanntmachung des Miniſteriums des k. Hauſes und des Aeußern vom 10. Januar 1897, die Poſtordnung für das Königreich Bayern betr. (Nachſtehend abgedruckt.) — Bekanntmachung des Miniſteriums des Innern vom 14. Januar 1897, die Zuſcammenſetzung des k. Landesverſicherungsamtes betr. (Die Namen der neugewählten nichtſtändigen Mitglieder werden belannt gegeben.) — Bekanutmachung desſelben Miniſteriums vom 14. Januar 1897, die Abänderung der proviſoriſchen Schifffahrts- und Floßordnung für die Donau innerhalb des bayeriſchen Staatsgebiets betr. (Beſondere Beſtimmungen für die Fahrt mit Remorqueurs). — Bekanntmachung desſelben Miniſteriums vom 15. Januar 1807, Geſuch der bayeriſchen Vereinsbank in München um die Genehmigung zur Ausgabe von unkündbaren Pfandbriefen betr. — Bekanntmachung der k. Normalaichungscommiſſion vom 16. Januar 1897, die Zulaſſungsfriſten für ältere Maße. Meßerkzeuge, Gewichte und Wagen betr.(Siehe . R.G. B. Nr. 1.) Nr. 3. (30. Januar 1897). Bekanntmachung des Miniſteriums des k. Hauſes und des Aeußeren vom 16. Januar 1897, die Aufnahme in den Dienſt der k. bayeriſchen Verkehrsanſtalten betr. (Vorausſetzung für die Zulaſſung zur Prüfung für den Dienſt als Packetbote, Depeſchenbote, Poſtbote oder Briefeinſammler; bei Militäranwärtern ſechsmonatliche Probedienſtleiſtung, bei Civilbewerbern dreijährige Verwendung als ſtändige hilfsbedienſtete im niederen Poſt⸗ und Telegraphendienſt. Bei früheren Gendarmen oder Poſtillonen kann die Verwendungszeit gekürzt werden)— Bekanntmachung des Miniſteriums des Innern vom 21, Januar 1897, die Ausgabe von Pfandbriefen der pfälziſchen Hypothekenbank in Ludwigshafen betr. — Bekanntmachung, des Miniſteriums der Finanzen von 22, Januar 1897, Einziehung und Errichtung von Forſtdienſtſtellen betr. — Bekanntmachung des Miniſteriums des Innern vom 28. Januar 1897, Geſuch der bayer. Bodeneredilanftalt in Würzburg um die Genehmigung zur Ausgabe zweier Serien Pfandbriefe betr. Nr. 4 (9. Februar 1897). Bekanntmachung des Miniſteriums des Innern und des Kriegsminiſteriums vom 25. Janunar 1897, Aenderung der Landwehr⸗Bezirks⸗ Eintheilung für den Bereich der großherzoglich heſſiſchen (25) Diviſion betr. — Bekanntmachung des Finanzminiſteriums vom 31. Januar 1897, Errichtung von Förſterſtellen betr. — Bekanntmachung des Miniſteriums des Innern vom 6. Februar 1897, die Dienſſprämien der älteren Gendarmeriemannſchaft betr. (Mannnſchaften welche das 30. Dienſtjahr zurückgelegt haben, erhalten für jedes weitere, Dienſtjahr eine Prämie von 100 Mark). — Bekanntmachung desſelben Miniſteriums vom 7. Februar 1897, die Ausgabe unverlosbarer Pfandbriefe durch die bayeriſche Handelsbank betr. — Beilage: Erkenntniß des Gerichtshofs für Competenzconflicte vom 9. Januar 1897, in Sachen der Gemeinde Haufen gegen den Bauern Michael Krückel in Hauſen wegen Umlagenforderung, (Nachfolgend im Auszug wiedergegeben, ſiehe unter Entſcheidungen). Nr. 5. (12. Fehruar 1897) Bekauntmachung des Miniſteriums des Innern und des Kriegsminiſteriums vom 6. Februar 1897, erſter Nachtrag zum Geſammtverzeichniß der den Militäranwärtern in den Bundesſtaaten vorbehaltenen Stellen betr. Nr. 6.(18. Februar 1897) Bekanutmachung des Miniſteriums des Innern vom 11. Februar 1897, Abänderung der Grundſätze für die Beſetzung der Subalternund Unterbeamtenſtellungen bei den Reichs⸗ und Staatsbehörden mit Militäranwärtern betr. Mit Abdruck einer Bekauntmachung des Reichskanzlers vom 1. Jan 1897. (Geringfügige Aenderung der Beſtimmungen über Colonialdienſt.) — Bekanntmachung desfelben Miniſteriums vom 13. Febr. 1897, Vollzug des Gefetzes über die Abänderung der Gewerbeordnung vom 6. Aug. 1896 betr. (Nachfolgend abgedruckt) — Bekauntmachung des Miniſteriums des Innern für Kultus⸗ und Schulangelegenheiten vom 12. Febr. 1897, Abänderung im Verzeichniſſe der den Militäranwärtern im bayeriſchen Statsienſt vorbehaltenen Stellen betr. (Nachtrag.) 2 Bekanntmachung des Miniſteriums des Hauſes und des Aeußern vom 10. Januar 1897, die Poſtordnung für das Königreich Bayern betr. G. B. B. Nr. 2) In der Poſtordnung für das Königreich Bayern vom 1. Mai 1889 (Geſetz⸗ und Verordnungsblatt Nr. 14 von 1889) treten folgende Aenderungen ein: 1. Im § 18 erhält Abſatz I folgende geänderte Faſſung; I. Die Briefpoſtſendungen können zunächſt durch Einlegen in die zu ihrer Aufnahme beſtimmten Briefkäſten, ſodann durch Abgabe am Schalter aller Poſtanſtalten mit Briefpostdient, an die Landpoſtboten waährend der Ausführung ihres Botenganges oder bei den in Landorten errichteten Poſthilfſtellen zur Aufgabe gebracht werden. Ueber die Einlieferung zur Poſt mittelſt geſchloſſener Taſchen ſiehe § 27. Abſ. V. 2. In demſelben § 18 iſt zwiſchen den Abſätzen VIII und X folgender neue Abſatz einzuſchalten: VIIIa. Bei den Poſthilfſtellen können gewöhnliche Briefpoſtſendungen aufgegeben werden. Die Annahme von Einſchreib⸗Briefpoſtſendungen, Poſtanweiſungen, Poſtaufträgen und Poſt​⸗​Nachnahmeſendungen gehört nicht zu den dienſtlichen Verpflichtungen des Inhabers der Poſthilfſtelle. Für die von den Poſthilfſtellen zur Einlieferung an die Poſtanſtalten übernommenen Sendungen wird keine Einlieferungsgebühr erhoben. 3. Im § 26 iſt am Schluſſe folgender neue Abſatz anzufügen: VI. Die für Bewohner in Landorten mit Poſthilfſtellen beſtimmten gewöhnlichen Briefpoſtſendungen werden der Poſthilfſtelle zugeführt und vom Inhaber der Poſthilfſtelle entweder zugeſtellt oder zur Abholung bereit gehalten.( Vgl. § 27 Abſ . I.) Wenn, in letzterem Falle die Sendungen nicht bis zur nächſten Ankunft des Landpoſtboten bei der Poſthilfſtelle abgeholt worden ſind, erfolgt die Zu ellung durch den LandPoſtboten. 4. Im§27 iſt am Schluſſe des Abſatzes I anzufügen: Die Abholung von Briefpoſtſendungen bei Poſthilfſtellen iſt ohne Abgabe einer ſchriftlichen Abholungserklärung geſtattet. 5. Zwiſchen den §§ 43 und 44 iſt folgender neue Paragraph einzuſchalten: § 43 a. Für die bei einer Poſthilfſtelle zum Zwecke der Einlieferung zur Poſtanſtalt vom Abſender niedergelegten Einſchreib-Briefpoſtſendungen, Poſtanweiſungen nebſt Geldbeträgen und Poſtaufträgen beginnt die Haftpflicht der Poſtanſtalt erſt mit der erfolgten Uebergabe der Sendungen an den Landpoſtboten durch den Inhaber der Poſthilfſtelle, 6. Im § 60 iſt am Schluſſe des Abſatzes I anzufügen: Zeitungen für Bezieher in Landorten mit Poſthilfſtelle können bei letzterer abgeholt werden. 7. Im § 61 erhäll der Abſatz I folgende geänderte Faſſung: I. Auf beſonderes Verlangen können die Zeitungen den Beziehern durch die Briefträger oder LandPoſtboten bei den gewöhnlichen Dienſtgängen oder durch die Poſthilfſtellen​⸗​Inhaber auch in die Wohnung überbracht werden. 8. Im § 79 iſt zwiſchen den Abſätzen III und IV folgender neue Abſatz einzuſchalten: IIIa. Gewöhnliche Packetſendungen können auch bei den Poſthilfſtellen gufgegeben werden. Die Annahme von Einſchreib-Packeten, Poſtnachnahmeſendungen und Sendungen mit Werthangabe gehört nicht zu den dienſtlichen Verpflichtungen des Inhabers der Poſthilfſtelle. Wird vom Abſender gleichwohl die Vermittlung der Poſthilfſtelle zur Weitergabe ſolcher Sendungen an den Land⸗Poſtboten in Anſpruch genommen, ſo beginnt die Haftpflicht der Poſtanſtalt erſt mit erfolgter Uebergabe der Sendungen an den Land⸗Poſtboten durch den Inhaber der Poſthilfſtelle. 9. Im § 90 iſt am Schluſſe folgender neue Abſaß anzufügen: IX. Gewöhnliche Packetſendungen an Empfänger in Landorten mit Poſthilfſtelle werden der Poſthilfſtelle zugeführt und vom Inhaber der Poſthilfflelle entweder zigeſtellt oder zur Abholung bereit gehalten. Für die Zuſtellung, wird bei Packeten bis zu 10 kg eine Gebühr von 10 Pfennige, bei Sendungen über 10 kg eine Gebühr von 20 Pfennig erhoben. Die Abholung von gewöhnlichen Packetſendungen bei der Poſthilfſtelle iſt ohne Abgabe einer ſchriftlichen Abholungserklärung geſtattet. Itt die Abholung bis zur nächſten Ankunft des Land⸗Poſtboten bei der Poſthilfſtelle noch nicht erfolgt, ſo werden die Sendungen von dem Land⸗Poſtboten zugeſtellt, wobei die gleichen Zuſtellgebühren, wie bei der Zuſtellung von Packetſendungeen durch den Poſthilfſtelle⸗Inhaber zur Erhebung gelangen. 10. Im § 93 iſt zwiſchen den Abſätzen II und III folgender neue Abſatz einzuſchalten: IIa. Für die von einer Poſthilfſtelle zur Einlieferung an die Poſtanſtalt übernommeneu PacketPoſtſendungen kommt eine Einlieferungs​⸗​Gebühr nicht zur Erhebung. Wegen der für die Zuſtellung von gewöhnlichen Packetſendungen durch den Inhaber der Poſthilfſtelle zu erhebenden Zuſtellgebühren ſiehe § 90 Abſ. IX. Die vorſtehenden Aenderungen treten ſofort in Kraft. Bekanntmachung des Miniſteriums des Innern vom 13. Februar 1897, Vollzug des Geſetzes uͤber die Abänderung der Gewerbeordnunug, vom 6. Auguſt 1896 betr. G. B. B. Nr. 6.) Auf Grund der durch Art.5 Abſ. 2 und Art. 11 des Geſetzes, betr. die Abänderung der Gewerbeordnung vom 6. Auguſt 1896 (R. G. B. S. 685 ff.) der Landes⸗Centralbehörde eingeräumten Ermächtigung wird beſtimmt, daß die zur Unterſagung des Gewerbebetriebes nach § 35 und § 53 Abſ. 3 der Gewerbeordnung zuſtändigen Diſtriktspolizeibehörden, in München die k. Polizeidirektion, auch die Wiederaufnghme des Gewerbebetriebs im Sinne der Eingangs angeführten Geſetzesſtellen geſtalten können. Entſcheidungen. Reichsgericht. Civilſachen. 1. Anerkennung eines Teſtaments ſchließt unter Umſtänden den Anſpruch auf Ergänzung des unv olſtändig zugewendeten Pflichttheils aus(III. Senat, 13. Nov, 1896). Die einfache Anerkennung des Teſtaments genügt hiezu nicht, auch nicht die Annahme des Hinterlaſſenen. Es muß deutlich (ausdrücklich oder ſtillſchweigend) der Wille des Pflichttheilsberechtigten kundgegeben worden ſein, ſich mit dem ihm Zugegewendeten zufrieden zu geben und die Anordnungen des Teſtaments auch im Einzelnen zu reſpectiren. Eine derartige Willenskundgebung iſt kein Verzicht auf den Pflichttheilsanſpruch, ſondern nur eine Unterwerfung unter den Willen des Erblaſſers, daher auch nicht den Rechtsregeln über Verzicht zu unterſtellen.(D. J. Z. 1897 Nr..2.) 2. Der Empfänger einer vom Ausland eingeführten Waare hat dem Frachtführer auch den nach Ablieferung, der Waare von dieſem eingehobenen Nachzoll zu erſetzen; auf den Anſpruch des Frachtführers iſt das Recht des Ortes, an dem das Frachtgut dem Adreſſaten abgeliefert wurde, anzuwenden und die Verjährung von dem Zeitpunkt an zu berechnen, da der Frachtführer den Nachzoll erlegte.(IV. Senat, 26. Okt. 1896). Es handelte ſich bei dieſer Entſcheidung um eine Holzſendung für die Gewehrfabrik in Spandau, die über Baden in das Reichsgebiet eingeführt worden war. Der badiſche Eiſenbahnfiskus entrichtete hiebei (1885) den Zoll mit 1 M. für 100 kg und ließ ſich den Betrag vergüten, Bei einer Reviſion im Jahre 1890 wurden ſeitens der badiſchen Zolldirektion in Karlsruhe weitere 2 M. für je 100kg nachgefordert und vom badiſchen Eiſenbahnſiskus auch bezahlt, aber Erſatz vom Adreſſaten verlangt. Der Klage wurde ſtattgegeben. (D. J. Z. 1897 Nr. 3) 3. Ein in das Muſterregiſter eingetragenes Geſchmacksmuſter darf nicht von anderen Perſonen als Waarenzeichen zum Eintrag in die Zeichenrolle angemeldet werden (I. Senat, 16. Jan. 1897), Ein Hamburger Kaufmann hatte bei einer Künſtanſtalt in Hanau Bilder für Cigarrenausſtattungen beſtellt, um ſie für ſeinen Abſatz nach Auſtralien zu verwenden. Die Kunſtanſtalt lieferte die Bilder und meldete 3 nachher das Muſter zum Eintrag in das Muſterregiſter an (Geſetz vom 11. Januar 1876) Der Eintrag erfolgte. Nachher erbat der Kaufmann Eintrag des Bildes als Waarenzeichen in der Zeichenrolle (Geſetz vom 12. Mai 1894). Auch dieſer Eintrag erfolgte. Nun klagte die Kunſtanſtalt auf Löſchung des Waarenzeichens. Das Reichsgericht erkannte im Sinne der Klage, da die Eintragung eines Geſchmacksmuſters in das Muſterregiſter dem eingetragenen Berechtigten die ausſchließliche gewerbliche Verwerthung des Muſters ſicherſtelle; hierin wäre die Kunſtanſtalt beſchräukt, wenn Jemand das Recht hätte, das Muſter ausſchließlich als ſein Waarenzeichen zu verwenden und anderen Perſonen, denen die Kunſtanſtalt die nach dem Muſter hergeſtellten Bilder liefern könnte, den Gebrauch derſelben als Waarenzeichen zu verbieten.(D. J. Z. 1897 Nr. 3.) 4. Die Nachprüfung, ob ein an ſich klarer und zur Vollſtreckung geeigneter Schiedsſpruch richtig entſtanden ſei, iſt unzuläſſig (II. Senat, 18. Dez. 1896). Die Stadt Eſſen hatte auf Grund eines ihr günſtigen Schiedsſpruchs Klage erhoben, daß der Schiedsſpruch für vollſtreckbar erklärt werden wolle. Das Untergericht vernahm die Schiedsrichter als Zeugen, wobei ſich herausſtellte, daß über den Schiedsſpruch keine Einigung zwiſchen ihnen zuſtande gekommen war, obwohl ſie heide die abgefaßte Urkunde unterſchrieben hatten. Die Klage wurde abgewieſen, das Urtheil aber vom Reichsgericht aufgehoben, da die Giltigkeit eines formell correcten Schiedsſpruchs nicht in Frage zu ziehen ſei.(D. J. Z. 1897 Nr. 3.) Strafſachen. 1 Iſt eine That unter Anklage geſtellt, ſo hat Verurtheilung aus allen verletzten Geſetzeszu erfolgen, auch wenn die An klage dieſelben nur zum Theil berückſichtigt hat (Fall der Idealconcurrenz) (I. Senat, 28. Sept. 1896). Bei einem Zugunfall waren drei Knaben und der Zugführer verletzt worden, Der dienſthabende Beamte wurde wegen Transportgefährdung (St. G. B. § 816) und fahrläſſiger Körperverlezung(St. G. B. § 230) in Idealconcurrenz angeklagt, wobei die Anklage den Zugführer unerwähnt ließ. Es erfolgte Freiſprechung von der Anklage der Körperverletzung, da ſich herausſtellte, daß die Knaben ohne Wiſſen des Beamten in den leerſtehenden Zug eingeſtiegen waren und die Verletzung des Zugführers zufolge der Faſſung der Anklage nicht Gegenſtand der Unterſuchung war. Das Reichsgericht hob das freiſprechende Urtheil auf, weil die verſchiedenen Körperverletzungen mit der Zugsgefährdung eine und dieſelbe Handlung bildeten und mit der Erhebung der Anklage wegen letzterer ohne Weiteres ebenfalls unter Anklage geſtellt ſeien (D. J. Z. 1897 Nr. 1.) 2. Abgabe von Creditmarken an Arbeiter bedeutet noch keine Verletzung des Trunkverbots. (I Senat, 28. September 1896. Ein Steinbruchbeſitzer gab ſeinen Arbeitern auf Verlangen Blechmarken mit beſtimmter Werthangabe, welche bei verſchiedenen Wirthen an Zahlungsſtatt genommen wurden. Am Zahltag wurden die entſprechenden Lohnabzüge gemacht. Die Verwendung oder Zurückgabe der Marken ſtand im Belieben der Arbeiter. Das Reichsgericht erklärte ein ſolches Vorgehen für erlaubt und nicht im Widerſpruch mit § 115 der Gewerbeordnung, da der Arbeitgeber keine Waaren verabfolgt oder ereditirt und auch keinen Einſluß darauf geübt habe, ob die Arbeiter bei den Wirthen durch die Verwendung der Marken Credit beanſpruchten oder nicht. Die Marken ſeien Zahlungsanweiſungen, auf den Arbeitgeber, der damit eine Art Bürgſchaft für ſeine Arbeiter übernehme.(D. J. Z. 1897 Nr. 1.) Oberſtes Landesgericht für Bayern. 1. Eine Rangausweichung zu Gunſten eines „Bau-Darlehesscapitals“ wird nicht deßhalb unwirkſam, weil das hingegebene Capital nicht wirklich zum Bauen verwendet worden iſt.(Urtheil vom 2. Januar 1896) Der Eigenthümer eines Bauplatzes in Neuhauſen hatte für einen Kaufſchillingstheil erſte Hypothek auf dem Bauplatze beſtellt, dabei aber mit dem Gläubiger vereinbart, daß derſelbe bei Aufnahme eines Baudarlehens dieſem im Range ausweichen ſolle. Demzufolge wurde ein alsbald nachher aufgenommenes Darlehen eines anderen Gläubigers, das als Baudarlehen bezeichnet wurde, an erſter Rangſtelle eingetragen, und die Hypothek für den Kaufſchilling trat an die zweite Stelle. Der Bauplatz kam zur Zwangsverſteigerung noch ehe mit dem Bau irgendwie begonnen worden war, Der Gläubiger der zweiten Hypothek verlangte nun Befriedigung vor dem Gläubiger der erſlen Hypothek, weil er nur einem Baudarlehen im Range ausgewichen ſei, das Darlehen aber keine Verwendung zum Bau gefunden habe und darum nicht als Baudarlehen behandelt werden dürfe. Es wurde entſchieden, daß es genüge, wenn der Darlehensgeber das Geld im guten Glauben gegeben habe, daß es zum Bau Verwendung finden würde, um ihm die dem Baudarlehen zukonn nde Rangſtelle zu ſichern, auch wenn dann das Darlehen vom Empfänger andern Zwecken zugeführt wurde. Wenn der zurücktretende Gläubiger ſeinen Rangrücktritt an die Bedingung knüpfen wollte, daß das Darlehen wirklich zum Bauen verwendet würde, ſo mußte er dies unzweideutig zum Ausdrucke hringen.(Sammlung Bd. XVI S . 1.) 2. Die Erben der Ehefrau können von dem Ehemanne nicht Erſatz deſſen verlangen, was die Ehefrau mit Zuſtimmung ihres Ehemannes von ihrem Vermögen verbraucht hat. (Bayeriſches Landrecht; Urtheil vom 2. Januar 1896.) Die Ehefrau hatte bei Eingehung der Ehe ein Vermögen von 5000 Gulden beſeſſen, das ſie während der Ehe ſelbft verwaltete und das bei ihrem Tode bis auf 1000 Mark durch Verwendung im Haushalte aufgebraucht worden war. Die 1000 Mark wurden zur Deckung der Leichenkoſten verwendet. Die Erben der Frau verlangten Erfatz des Vermögens, wurden aber unter Hinweis auf Tit. IIII Cap. I §6 und Tit. II Cap. § 4 Nr. 8 des bayeriſchen Landrechtes mit ihrer Klage abgewieſen, da dem Manne keine Erſatzpflicht für das von der Frau aufgebrauchte Frauenvermögen obliegt.(Sammlung Bd. XVI S. 4) 3. Die Beſchwerdeſchrift muß von einem Anwalte unterzeichnet ſein, der bei dem Gerichte zugelaſſen iſt, wo ſie eingereicht wird. (Beſchluß vom 4. Januar 1896) Daß der Anwalt bei dem Gerichte zugelaſſen ſei, welches über die Beſchwerde zu entſcheiden hat, iſt erforderlich. GP. O. §§ 74, 532, 537 (Sammlung Bd. XVI S. 5.) 4. Nach Bamberger Landrecht iſt zu einer gerichtlichen Behandlung der Verlaſſenſchaft kein Anlaß gegeben, wenn der Erblaſſer kein Vermögen hinterlaſſen hat. Eine Collation findet nur im Verhältniſſe unter den Miterben, nicht gegenüber den Gläubigern ftatt. (Beſchluß vom 11. Januar 1896) Die Verſtorbene hinterließ an Vermögen ſo wenig, daß es nicht einmal zur vollen Deckung der Leichenkoſten reichte, weßhalb von einer Nachlaßhehandlung Umgang genommen wurde. Ihre beiden Töchter hatten bei ihrer Verheirathung eine Mitgift von 9000 Mark bezw. 8000 Mark erhalten. Ein Gläunbiger verlangte, daß dieſe Beträge in den Nachlaß eingeworfen werden ſollten, wurde aber abgewieſen, nachdem die Einwerfung von vorempfangenen Gute in den Nachlaß (Collation) nur von einem Miterben gegenüber ſeinen Miterben, nicht aber von einem Nachläßgläubiger verangt werden kann. Dernburg, Pand. Bd. III S. 185 (4. Aufl.), Windſcheid, Pand. § 609 (7. Aufl.). (Sammlung Bd. XVI S. 6) 5. Der Umſtand, daß in einem notariellen Vertrage das verkaufte Anweſen unrichtig beſchrieben und insbeſondere eine Parzelle irrthümlicher Weiſe als mitverkauft bezeichnet wurde, ſteht der Giltigkeit des Vertrages nicht entgegen. Urtheil vom 16. Januar 1896.) Gegenſtand des Vertrages war der Verkauf des Anweſens Hs. Nr. 15 in L, wobei der Beſchrieb in der Urkunde gleichlautend mit dem Kataſter dahinging, daß zum Anweſen auch ein Grundſtück Plan⸗Nr. 641 gehöre, während die Parteien unter ſich einig waren, daß dieſes Grundſtück nicht mit⸗ verkauft werden ſollte. Das oberſte Landesgericht ent⸗ ſchied, daß es ſich nur um eine auf Irrthum beruhende Unrichtigkeit im Beſchriebe des verkauften Anweſens handle, welche, ohne daß dadurch dem Art. 14 des Not.Geſetzes zu nahe getreten würde, auf dem Wege der Auslegung durch Feſtſtellung des wahren Willens der Vertragstheile berichtigt werden könne. (Sammlung Bd. XVI Seite 8.) 4 6. Nascituri nondum concepti können nicht als Erben eingefetzt werden. (Urth, vom 1. Okt. 1896) Der Gerichlshof ſchließt ſich der Anſchauung an, daß es eine allgemeine der Erbfähigkeit bildet, daß die Perſon, deren Berufung zur Erbfolge in Frage ſleht, ſchon zur Zeit des Todes des Erblaſſers in rerumn natura, vorhanden, alſo wenigſtens concipirt war. Das gilt bei eder direkten, ſowohl teſtamentariſchen als geſetzlichen Erbfolge. Nicht gehindert iſt die Einſetzung ainer ſoſchen künftigen Perſon als Nacherbe (Univerſalfideicommiſſar). So fei die Sache auch im bayeriſchen Landrechte gelegen Zum Nachweiſe, daß dieſe Auffaſſung auch den modernen Auſchaunngen entſpricht, bezieht ſich das Urtheil auf § 1923 des Bürgerlichen Geſetzbuches. (D. J. Z. 1897 Nr. 3.) Bayeriſcher Verwaltungsgerichtshof. 1. Eine Unterſtützung leiſtende Armenpflege hat nicht das Wahlrecht zwiſchen der Jnanſpruchnahme der reichsgeſetzlich verpflichteten Krankenkaſſe und der nach dem bayeriſchen Armengefetz erſatzptflichtigen Dienſt-oder Heimathgemeinde; letztere kann nur ſubſidiär für den durch die Verpflichtung der Kranken​verficherungskaſſe nicht gedeckten Koſtenbetrag in Anſpruch genonmmen werden (III. Senat, 14. Sept. 1896) Im ſtädtiſchen Krankenhaus in Ludwigshafen war eine während ihres vorübergehenden Aufentdalts daſelbſt erkrankte, in Maudach bedienſtete und in Afſenheim beheimathete Frauensperſon aufgenommen und 55 Tage lang verpflegt worden. wofür ein Erſatzanſpruch von 119 M. 60 Pfg. erwuchs. Als erſatzpflichtig kamen n Betracht die Dienftgemeinde Maudach und die Heimathemeinde Aſſenheim; die zur Wahrung des Anſpruchs erforderliche Anzeige (Art. 31 des Armengeſetzes) wurde rechtzeilig abgeſandt. In Maudach war die Gemeindekrankenverſicherung auf die Dienſtboten ausgedehnt worden (Art. 2 des bayerischen Ausführungsgeſetzes zum ankenverſicherungsgefetz); die Erſatzflicht der Gemeinde Maudach war alſo nicht nach dem Armengeſetz, ſondern nach dem Krankenverſicherungsgeſetz zu beurtheilen. Nach dieſes Geſetzes leiſtet die Krankenverſicherung als Erſatz einmal das Krankengeld, das ſie zu bezahlen gehabt hätte, wenn die erkrankte Perſon außerhalb des Krankenhauſes verblieben wäre und dann für jeden Tag der Verpflegung einen Pauſchalbetrag von der Hälfte des Krankengeldes; im vorliegenden Fall, wo, das Krankengeld 55 Pfg. für jeden Arbeitstag betrug, 48 mal 55 Pfg. = 26 M. 40 Pfg. und dazu die Hälfte von 55 mal 55 Pfg. = 14 M. 13. Pfg. , im Ganzen alſo 41M. 53 Pfg. Den Reſt muß die Heimathgemeinde Aſſenheim tragen. Die Vorxnſtanz hatte die Anschauung vertreten, die Heimathgemeinde Affenheim habe den vollen Betrag der VerPflegungskoſten zu erſehen und könne ſich ihrerſeits um Erfatz des auf die Gemeindekrankenverſicherung Maudach freffenden Betrags an dieſe halten. Der Verwaltungsgerichtshof hat demgegenüber nachdrücklich ausgeſprochen, daß die Erſatzpflicht gach dem Armengeſetz nur dann in Fraage komme, wenn und ſo weit keine Erſatzpflicht nach dem Krankenverſicherungsgeſetz gegeben ſei.(Sammlung Bd XVIII Nr. 1.) 2. Die Zuſtändigkeit der Diſtriktsverwaltungsbehörde umfaßt in zuſammenhängenden Armen- und Krankenunterſtützungsſachen den Verpflichtungsſtreit nach allen in Betracht kommenden Richtungen. (III. Senat, 28 Sept. 1896) Die Stadtgemeinde Ludwigshafen hatte einer in Bayern nicht heimathberechtigten hilfsbedürftigen Perſon Aufnahme in das ſtädtiſche Krankenhaus gewährt und verlangte Erſatz der Verpflegungskoſten vom Staatsärar (Art . 15 des Armengeſetzes, § 7 des Freizügigkeitsgeſetzes, § 1 der Eiſenacher Uebereinkunft). Das kgl. Bezirksamt Ludwigshafen, um Entſcheidung in erſter Inſtanz gemäß Art. 43 des Armengeſetzes angegangen, ſtellte feſt, daß der Erkrankte einer Ortskrankenkaſſe, entweder in Neustadt a. H. oder in Ludwigshafen, angehöre, daß die hilfeeiſtende Stadtgemeinde zunächſt von dieſer Ortskranken— kaſſe Erſatz zu verlangen habe und daß erſt für den nicht gedeckten Betrag der Auslagen Schadloshaltung durch den Fiskus verlangt werden könne. Eine Entſcheidung, welche von den in Frage kommenden Ortskrankenkaſſen erſatzpflichtig ſei, lehnte das k. Bezirksamt Ludwigshafen ab, nachdem ein diesbezüglicher Antrag ſeitens des Stadtraths nicht geſtellt ſei nd zur Entſcheidung zudem die Zuſtändigkeit mangle, da über die Verpflichtungen, der Ortskrankenkaſſen deren Aufſichsbehörden, hier der Stadtrath von Neuſtadt a. H. oder von Ludwigshafen, je nachdem pon der einen oder der anderen Ortskrankenkaſſe Erſatz beanſprucht würde, in erfler Inſtanz zu erkennen hätten. (Art. 4 des bayer. Ausführungsgeſetzes zum Krankenverſficherungsgeſetz) Dieſe Ablehnungsgründe erklärte der Verwaltungsgerichtshof für nicht durchſchlagend. Wenn eine DiſtriktsverwaltungsbehÖrde um Eitſcheidung über einen ErſaTzanſpruch für geleiftete Krankenhilfe angegangen wird, ſo hat ſie auch ohne beſonderen Antrag dieſen Erſatzanſpruch nach allen Richtungen zu prüfen und kann nach den Grundſätzen über Konnexität auch eine Krankenkaſſe, der ſie nicht als Aufſichsbehörde vorgeſetzt iſt, zum Erſatz verurtheilen. (Sammlung Bd. XVIII Nr. 3.)*) Gerichtshof für Competenzconflicte. Für Umlagenforderung einer Gemeinde gegen einen Umlagepflichtigen iſt der Rechtsweg unzuläſfſig, (Erkenntniß vom 9. Januar 1897). Die Gemeinde Hauſen erwirkte beim k. Amtsgericht Arnſtein einen Zahlbefehl gegen den Bauern Krückel von Hauſen auf 56 M. 60 Pf. rückſtändige Umlagen. Krückel erhob Widerſpruch gegen den Zahlhefehl, wurde aber in der daraufhin erfolgenden Verhandlung der Sache zur Zahlung verurtheilt. Er hatte behauptet, die Summe schon bezahlt zu haben der Beweis war ihm aber mißlungen auch die Einrede der Unzuſtändigkeit des Gerichts halte er vorgebracht, Als die Sache durch Berufung an das k. Landgericht Würzburg kam, regte die k. Regierung von Unterfranken und Aſchaffenburg den Competenzconflict an, da die Pflicht zur Zahlung von Gemeindeumlagen in einem öffentlich⸗rechtlichen Verhältniß — Zugehörigkeit zum Gemeindeverbande — begründet ſei und die Entſcheidung ſämmtlicher Streitigkeiten in Bezug auf Gemeindeumlagen ausſchließlich den Verwaltungsbehörden zuſtehe. So hat nun auch der Gerichtshof für Competenzconflicte entſchieden. Die Gemeinde hat zur Eintreibung von Umlagen nur den im Art. 48 der Gemeindeordnung angegebenen Weg, nach vorausgängiger Mahnung an die růckflaͤndigen Schuldner das Ausſtandsverzeichniß als vollſtreckbar zu erklären und für die Exekution durch den Gerichlsvollzieher oder durch hre eigenen Vollſtreckungsorgane zu ſorgen. Ueber die vom Schuldner erhobenen Einwendungen haben möglicherweiſe (Ausführungsgeſetz zur Civilproceßordnung Art. 7) die Gerichte zu beſinden; dieſe ſind aber um deswillen nicht ſchon von vorneherein, auch wenn folche Emwendungen zu erwarten ſtehen, zur Behandlung der Sache zuſtändig. (Beil. Nr. 1 z. G. B. B. Nr. 4.) Notizen. Deutſche Juriſten⸗Zeitung. Herausgegeben von Dr. P. Laband, Profeſſor Dr. M. Stenglein. Reichsgerichtsrath, Dr. H. Staub, Rechtsanwalt. Verlag von Otto Liehmann, Berlin. Die Deutſche Juriſtenzeitung hat nunmehr das erſte Jahr ihres Beſtehens glücklich hinter ſich und ſie kann, wie der einleitende Artikel im erſten Heft des laufenden Jahrgangs herporhebt, mit Genugthuung darauf zurückblicken. Der Gedanke, eine Zeitſchriſt zu bieten, in der dem deutſchen Juriſten eines jeden Berufsſtandes die neu hervorgetretenen intereſſanten Erſcheinungen ſeiner Wiſſenſchaft raſch vorgeführt werden — nicht in gelehrter Gründ⸗ ſchkeit, der zu folgen die Arbeit des Berufes meiſtens hindert, ſondern in gefälliger, anregender Kürze — hat ſich voll bewährt, Alle 14 Tage erſcheint ein Heſt, das neben wiffenſchaftlichen Abhandlungen kürzere Notizen, Mittheilungen aus juriſtiſchen Kreiſen, Literaturüberſichten imnd Beſprechungen, ſowie in einer beſonders ſchätzenswerthen Beilage neue Entſcheidungen der oberſten Gerichtshöfe des Reichs und der Einzelſtaaten bringt. Der Abonnementspreis beträgt vierteljährlich 3 M. 50 Pf. *) Die beiden angeführten Entſcheidungen des Verwaltungsgerichtshoſs ſind für die Armenpflege von großer Bedeutung und follen mit Rückſicht hierauf demnächſt im Hauptblatt näher erörtert werden Verantw. Redacteur Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Inſtituts von Haas & Grabherr in Augsburg. ———e

  • s/s!!^/^!l .d.'ü'l ,0-i7'.t8^k ,uck DaS bekannte apostolische Schreiben Seiner Heiligkeit PiuS IX. vom 4. März ist nun vollständig ausgeführt und die Widereinsetzung der bischöflichen Gewalt in Holland ist gegenwärtig eine ausgeführte und vollendete Thatsache. Wenn man auch abwarten muß, was der blinde Eifer eines Theiles der dortigen Protestanten den Katholiken und ihren neuen Bischöfen noch weiterhin für Händel bereiten wird, so ist daS jedoch schon ein Gewinn, daß dieser Fanatismus die Ausführung der päpstlichen Verordnung nicht hat hindern können. Bisher enthielt Holland drei apostolische Vica- riate: zu Herzogenbusch, zu Breda und zu Ruremond, und drei apostolische Vicare, welche zugleich den bischöflichen Charakter hatten, mit einem Titel in psrtibus inktle- lium, verwalteten diese Districte. Derjenige Theil des Landes, der außerdem übrig war, wurde die eigentliche Mission genannt. Er war in sechs Missionen getheilt, welche von eben so vielen Erzpriestern verwaltet wurven, unter der Autorität deS apostolischen JnternuntiuS, welcher im Haag residirt und den Titel Präsident oder Nicesuperior der Mission führt; denn als eigentlicher Superior wurde der Papst selbst betrachtet. In der Begränzung der drei Vicariate ist nichts geändert worden. Sie sind ganz einfach nun Diöcescn geworden. Die Prälaten, welche die beiden letzteren verwalteten, sind nun aus Bischöfen in partidus wirkliche Bischöfe von Breda und Ruremonde und in alle Rechte als solche eingesetzt worden: in das ErzbiSlhum Utrecht und das Bisthum Harlem. Für diese fünf neuen Diöcescn, die in ihrer Vereinigung eine eigene Kirchenprovinz bilden, ist Utrecht zur Metropole erhoben worden, und der bisherige apostolische Vicar von Herzogenbusch ist für dieses ErzbiSthum ernannt, während er zugleich für einstweilen die Verwaltung der Diöcese von Herzogenbusch beibehält und daselbst wohnen bleibt. Das sind die Veränderungen, welche daS apo- stolische Schreiben hervorgerufen hat, und welche von Seilen der Gegner so großen Lärm veranlaßt haben. Inzwischen haben die Bischöse ungestört Besitz von ihrem Posten genommen und an die Gläubigen ihrer Diöcese entsprechende Hirtenbriefe erlassen, welche am Dreifaltigkeikssonntage auf allen Kanzeln der fünf Diöcescn den Katholiken vorgelesen wurden. Am Sonntage vor Pfingsten fand im Seminar zu Harlem die Consecration des Herrn Van Vree, als Bischof von Harlem statt, denn er war der einzige von den vier ernannten Bischöfen, welcher noch nicht die bischöfliche Weihe erhalten hatte. Am Pfingstmontage sand unter dem Vorsitze deS ErzbischosS von Utrecht eine Conferenz der neuen Bischöfe statt zur Besprechung der allgemeinen kirch- lichen Interessen von Holland. Gleich darauf traten die Bischöfe die Visitation ihrer Diöcescn an, nachdem sie vorher nicht unterlassen hatten, dem Minister deS katholischen Cultus die Besitznahme ihrer Bisthümer und ihrer Titel amtlich anzuzeigen. Seine Excellenz, der apostolische JnternuntiuS, Mgr. Belgrads hat demselben Minister die Anzeige gemacht, daß die kirchliche Gewalt in Holland nun in die.Hände des ErzbischosS und der Bischöfe gelegt sey und er selbst sogleich aufhöre, Präsident und Vicesuperior der holländischen Misston zu seyn. DaS Nämliche hatte der JnternuntiuS dem neuen KleruS durch ein Rundschreiben angezeigt. Es ist bekannt und durch die politischen Blätter hinreichend besprochen, wie sehr dieses Ereigniß den Eifer desjenigen Theiles der Protestanten aufgestachelt hat, welcher, eingedenk der alten Tyrannei, die Katholiken in Holland wieder, wie in früheren Zeiten, unterdrückt zu sehen wünschte, während die bestehende neue Verfassung ver verhaßten Kirche volle Religionsfreiheit garaittirt. Nachdem das bisherige liberale Ministerium Thorvecke gestürzt worvcn ist, kann das neue Ministerium Van Hall, eben so wenig die maaßlosen, die Verfassung verachtenden Anforderungen jener Eiferer befriedigen, welche mit allen möglichen Mitteln bei den eben beendigten Wahlen eine Landesvertretung zusammengebracht haben, welche die größten Verwicklungen herbeiführen kaun. Trotz alle dem ist es so leicht nicht, die Rechte der Katholiken in Holland wieder zu unterdrücken. Abgesehen von allem andern, was hier in Anschlag zu bringen ist, muß man die große Anzahl der holländischen Katholiken bedenken, welche nach der 208 neuesten Zählung 1,164,142 ist. Ihnen gegenüber kommt die Vereinigung aller Secten nur aus 1,821,7s ?>i «IZlI ^ 27. I»5»3 Diese« Blatt erscheint regelmäßig alle Touutag«. Der halbjährige Aiwnnement«prei« kr., wofür e« durch alle köm'gl. bayer, Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kaun Die Neltgivn muß der industriellen Thätigkeit die rechte Richtung und Weihe geben. Aus allem dem, was Wir mm eben sagten, geliebteste Brüder, schließen Wir, daß gerade in Mitte Eurer großartigen Werke und auf dem Schauplatze der Wunder thaten Eurer Industrie die Religion eine um so ausgedehntere Macht ausüben und um so eifrigere HuldigunzSbezeigungen empfangen müsse. Soll sie nichr besonders hier zumal über des Meisters Interesse, wie über das deS Arbeiters wachen; zu gleicher Zeit die ungerechten Forderungen des Einen und die unmäßigen Ansprüche deS Andern bekämpfen? Ist nicht das der Ort, wo sie mit ihrem mütterlichen Schutze die Kindheit schirmen soll, aus daß mau nicht deren erwachende Kräfte mißbrauche, sondern vielmehr ihre Reinheit und Unschuld achte. Muß sie nicht hier in der Mitte von Arbeitern die strenge Wächterin der Tugend des jungen Mädchens seyn und ihm die Fürsorge der Mutter ersetzen? Ihr glaubt genug gethan zu habe», um Eure Unternehmungen vor Betrug zu verwahren, wenn Ihr sie mit vermehrten Vo»sichtsmaaßregeln unv Schranken umgebt. Euer Bemühen und Sinnen beschränkt sich auf diese materiellen Vertheidigungsmiltel, und Ihr denket nicht daran, eine mächtigere und wirksamere Hilfe anzurufen. Nun wohl, geliebteste Brüder, Ihr werdet die Opfer Eurer Täuschungen werden und Euer ausschließliches Selbstvertrauen und Eure Schlauheit theuer zu bezahlen haben. Wacht nicht die Religion mit ihren Drohungen und ihren Verheißungen an den Thüren Eurer Schmelzhütten und Werkstätten, so wird auch das Auge deö thätigsten Aufsehers, die Strenge des uuerbittlichsten Beamten, und Alles, was zu eiuer verständigen Verwaltung gehört, so sinnreich es anch ausgedacht seyn mag, die uulreue Haud nicht zurückhalten könne», daß sie nicht von dem wcrthvollen Stoffe, den sie zu verarbeiten hat, alles entwendet, was sie nur, ohne Euern Verdacht zu erregen, entwenden kann Wisset es wohl, daß die Religion, indem sie jenseits des Grabes auf den Richterstuhl desjenigen hinweist, welcher selbst die menschliche Gerechtigkeit richten wird, unv indem sie an die große» Glaubenswahrheiteu erinnert, allein im Stande ist, die bösen Gelüste zu mäßigen, im Grnnde deS Herzens die Begierde zu ersticken, ja selbst den Gedanken an Verbrechen zu verscheuchen. Düse Betrachtungen führen Uns daraus hi», alle diejenigen, welche der industriellen Lausbahn folgen, zu erinnern, daß eine ihrer hauptsächlichsten Verpstichtuugeu die ist: das Gebot der Heiligung des Sonntags wieder in Ehren zu bringen, um ihren nützlichen Unternehmungen denjenigen christlichen Charakter beizulegen, ohne welchen kein Gewinn verbürgt seyn kann und das Verhältniß zwischen Herr und 21t) «kt.niN Arbeiter stets etwas von jener heidnischen Sclaverei beibehalten wird, welche daS st'ebor der Nächstenliebe verschwinden machen wollte. Es haben nicht die Menschen diese Feier des siebenten TageS eingesetzt, auch nicht der pn'esterliche Despotismus hat sie der Gesellschaft auserlegt: sondern es ist der Gründer der Gesellschaft selbst, der Urheber der Natur, welcher, nachdem Er alle Wesen geschaffen hatte, den Tag Gottes von dem Tage deS Menschen trennte, diesen der Arbeit und Plage bestimmte und sich jenen vorbehielt zur Danksagung und zum Gebete, und unsern ersten Eltern ebensowohl verbot, diesem Tage etwas zu entziehen, wie Er ihnen untersagte, die Hand an die Frucht vom Baume des Lebens und TodcS zu legen. ES war dieß keine neue Einsetzung, welche der Herr auf Sinai verkündete, als Er das dritte Gebot auf eine steinerne Tafel niederschrieb. Er bestätigte nur auf eine feierlichere Weise die den Kindern Adams durch das natürliche Gesetz auferlegte Pflicht der Ruhe unv des Gebetes. In der That ist der für Gott erschaffene Mensch sich ihm gänzlich darzugeben schuldig. Er ist ihm eine doppelte Verehrung schuldig, die seiner Seele durch innerliche Anbetung und die seines Leibes durch äußerlichen Gottesdienst. „Und gleichwie die Natur, sagt der Katechismus des heiligen Conciliums von Tn'ent, für die zum Leben deS menschlichen Körpers nöthigen Verrichtungen, als: Schlaf, Erholung, Nahrung, gewisse Zeiten vergeschrieben hat, eben so hat sie ihm auch vorgeschrieben, wenn er seine Seelcnkräste durch Betrachtung göttlicher Tiuge wieder beleben solle." Die Verpflichtung, den Tag des Herrn zu halten, ist demnach mit dem Menschen geboren; auch haben die verschiedenen Nationen der Welt, welche sich in eine Unzahl von abweichenden Religionen trennten, sich alle dann vereinigt, Fest- und Opfertage zu feiern. Indem Gott die Industrie wie den Ackerbau schuf und über die ihren Händen entströmenden Werke den Menschen jene Macht gab, welche uns mit Bewunderung und Erstaunen erfüllt, konnte Er nichts anderes vorhaben, a.s sein Bündmß mit dem vernünftigen Geschöpfe inniger zu machen. Wenn Er das Füllhorn seiner Wohlthaten über die Erde auSgoß, so durfte Er dagegen mit Recht beanspruchen, daß ein Zusammenklang von Danksagung und Lobpreisung zu seinem Throne emporsteige. Er konnte unmöglich wollen, daß die in ihrer größten Ausdehnung begriffene Industrie eine unüberschreitbare Scheidewand zwischen Himmel nnd Erde setze, und daß der Mensch desto mehr sich von ihm trenne, je mehr Einsicht und Macht er von seiner Freigebigkeit erhalte. Nein: Er konnte nicht zu Gunsten der Industrie das Recht veräußern wollen, an dem Tage, den Er sich vorbehielt, unsere Verehrung zu empfangen, ebensowenig Er dem Menschen er auben konnte, dem ihm zustehenden Rechte zu entsagen, von der Erfüllung der Dankcöpflicht gegen seinem himmlischen Vater nicht zu lasse». Das sind heilige, göttliche und nu»schliche Rechte, denen keine Verjährung etwas anhaben kann. Die Entheiligung des Sonntags ist somit ein Frevel gegen Gott und gegen die Menschheit. Möchte cS Gott gefallen, daß dieses sociale Verbrechen nicht unsere henlige Industrie entehre, und daß die durch des Menschen Geist mit vollen Händen auSge- streuten Wunder nicht verdunkelt werden durch diese schimpfliche Verachtung der Rechte GotleS und deS Rechtes seines vernünftigen Geschöpfes! Aber im Wirbel dieser allgemeinen Welterschütterung, welche die Industrie verursacht, indem sie ganze Volksmassen auf Wege, Flüsse, Meere schleudert und sie nach allen Richtungen der Erde hin fördert, ohne ihneu weder bei Tag noch bei Nacht einen Moment der Erholung zu gönnen, kann da das Gebet leicht sein Stündlein finden? Giebt es da für die Industrie einen Gott geweihten Tag? Erkennt sie daS Recht an, daS jeder Mensch ans dieser Erde hat, von Zeit zu Zeit seine Arbeiten zu unterbrechen, um sich die Stirne zu trocknen, sich zu seinem Schöpfer zn wenden und sein Knie vor ihm zu beugen? Horchet, geliebteste Brüder, des Sonntags! an den Pfcrtcn unserer Tempel höret Ihr den Hammerschlag deS Arbeiters, das Brausen der Maschine. Begebet Euch auf die Plätze unserer Städte, blitzesschnell geht der Bote an Euch vorüber, Geschäftsbriefe auszutragen und die mit Gewerbsproducten überladenen Wagen könnet Ihr zu jedem Augenblick' aus der Berkehrstraße sich kreuzen sehen. Wird vielleicht die Glocke, welche Stl die Gläubigen zum Opfer und zum Sauge geheiligter Loblieder ruft, diese Bewegung und all dieß rege Treiben aufheben? Nein, die Glocke tönt nicht für die Industrie, bei diesen Lauten, welche in der Seele cineS wahre» Christen so fromme und ernste Gedanken erwecken, hält sie weder den Schwengel noch die Spule aus; sie würde keinen Faden abbrechen, um diesem Rufe der Kirche zu folgen. Auch weiß der unter die gierige Hand der Industrie gebeugte Arbeiter nicht mehr die profanen Tage von den geheiligten zu uuterschcideu, er wird jeder NeligionSübung, jeder heiligen Versammlung, jeder Theilnahme an den geistigen Gütern der Kirche fremd. Und bald jeden Glanbcn an die geoffenbarten Wahrheiten i'erlierend, endigt er damit, sie als Märchen, womit man seine Kindheit unterhielt, zu betrachten, Ihr fühlet V. Mgcliswne, Lomment. sur les lois -mxlsisez, trsckuit psr IV. öl. Okompre 1'. V. p. 134. 212 die Ruhe der Staate» sichert, zu neuer Blüthe bringe» Die gewissenhafte Haltung deS Sonntags von Seite jeder Classe ist das kräftigste Mittel, dieses Ziel zu erreichen. Doch das Gesetz Gottes schreibt Euch keine trage und weltliche Erholung für diesen Tag vor: es gewährt Euch Ruhe von der Arbeit, und zugleich gebietet es Euch die Uebung gewisser religiöser Pflichten im Geiste und in der Wahrheit. ES will Euch nicht in einen gefährlichen Müßiggang stürzen, sondern verschafft Euch eine günstige Zeit zu Eurer Heiligung, und einen geeigneten Tag zur Beschäftigung mit den Interessen Eurer Seele und Euer», ewige» Heile. Es hat diese heiligen Feiertage nicht angeordnet, um Euch eine Gelegenheit mehr zu einem sinnlichen und zerstreuten Leben zu bieten, sondern es schreibt Euch vor, sie zn heiligen durch den Genuß des Brodes des göttlichen Wortes, durch andächtige Theilnahme an dem Opfer unserer Altäre, durch Vermehrung Eurer Verdienste durch Werke der Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Verständiget Euch, geliebteste Brüder, bildet unter Euch ein heiliges Bünduiß, daß alle, die Euch untergeordnet sind, den Sonntag heilig halten müssen. Hebet an diesem Tag Eure Handelsgeschäfte auf, schließet Eure Waarenlager, bringet Eure Maschinen zum Schweigen, ohne dem Vorwandc einer Concurrenz Gehör zu geben, deren Nachtheile Ihr überschätzen werdet. Suchet vor Allen daS Reich Gottes und seine Gerechtigkeit5), so wird Euch die Vorsehung den Gewinn wieder finde» lassen, den Ihr durch eine flüchtige Unterbrechung Eurer Arbeite» etwa verloren habt. Sie wird Eure industrielle Thätigkeit unterstützen; sie wird Euren Geschäften Gedeih n geben. Und zur Belohnung Eures Gehorsams wird sie, dem Ausspruche eiueS Propheten zufolge, „den Weizen auf Eure Felder herabrufen, die Früchte Eurer Bäume und den Saamen Eurer Aecker vermehren"^). iSchluß folgt.) «»' Z'i-'n m,it -I! ^>i? 'I'ii,'il'i'iti')') iii'j'jlvl ttt '7?4z!)«'!> Ngkft'^^ 7l,^ .,m h'tks.I')?/ ni', ifi Sr>5 .'lnnkfvl )chM Bekehrung des LordS Charles Thynne. (Schluß.) Der andere Punct, weßwegcn man mich getadelt hat, ist, daß ich den Gefühlen, die ich eben ausgedrückt, die Herrschaft über meinen Geist erlaubt habe. Ihr gebt zu, daß wenn mir diese Gesinnungen von Gott kommen, ich schon schuldig bin, wenn ich nur versuche, ihnen zu widerstehen. Kommen sie von Gott, so sind sie unWider- leglich, kommen sie vom Satan, so werden sie sich bald als sein Werk erweisen. Gamaliels Rath ist hier anwendbar, man muß ihm folgen, fönst könnte man fürchten, daß die Menschen gegen Gott kämpfen. Als ich einsah, daß das Glück mehrerer Personen von meinem Schritt abhing, fragte ich die durch ihre Kenntniß berühmten Leute um Rath, uud ich versuchte durch meine Willenskraft die in meinem Geiste fortwährend entstehenden Gedanken zu bemeistern. Hierüber fühle ich große Reue und bitte Gott demüthig um Verzeihung, denn in meiner Blindheit kämpfte ich gegen ihn, gegen ihn, der mich in seiner Allgüte zu sich rief. Aber die Kraft der Gnade ist stärker als die Menschen. Dank sey seinem heiligen Namen, er verließ mich nicht, ohne mich gesegnet, ohne mich z» dem heiligen Berge geleitet zu haben, auf dem ich für immer in Frieden zu wohnen hoffe. — Aber vielleicht antwortet Ihr mir: „Warum hast Du nicht fortgefahren, diese Zweifel zu bekämpfen, Du hättest sie besiegt?" — Liede Freunde, ich werde es Euch sagen, warum ich es nicht gethan habe. Erstens, weil ich es nicht wagte: ich glaubte, daß die Gnade Gottes im Werke sey, und ich durfte ihr nicht länger widerstehen. Zweitens erinnerte ich mich, daS Princip der englischen Kirche, deren Geistlicher ich war, sey, daß jeder seinem Geiste selbst zu genügeil habe, indem er alle Lehren selbst betrachte, und daß mau nicht gezwungen seyn könnte, eine für wahr anzunehmen, sey sie welcher Art sie wolle, ehe man sich nicht durch Selbstforschung von ihrer Richtigkeit überzeugt habe. Nun stürmte ich die ') Matth. V I. 33. : !->i 1U- .Zu-.«.!',' ") Szcch. XXXVI, L9. 213 Schriften, und durch das Recht der Selbstforschung, welches die englische Kirche allen ihren Mitgliedern zugesteht, überzeugte ich mich von der einfachen natürlichen Pflicht, mich der wahren Kirche Christi zu unterwerfen, der einen, heiligen, apostolischen und katholischen Kirche, welche durch die Bischöfe regiert wird, unter dem sichtbaren Oberhaupte zu Rom. Ich würde Euch ermüden, wenn ich Euren Augen all die einzelnen Betrachtungen vorführte, die sich meinem Geiste vorstellten und mich zu dem gethanen Schritte' führten. Ich werde mich daher, so kurz wie nur immer möglich, über die schon genannten Puncte aussprechen: 1) Die Einheit der Kirche. 2) Die Sacramente der Kirche. Ich lese in der Bibel,, daß es die Einheit ist, die Gott als Stempel seiner Worte gewählt. Als die Welt in das Laster versank, und der Allmächtige sie zer. störte, rettete er eine Familie, die des Noah. Er berief und segnete seruer eine Familie, die deS Abraham. Er wählte eine Nation und stiftete eine Kirche. Er schickte später seinen Sohn, die sichtliche Erscheinung GottcS im Fleische, um die Welt zu erretten, und als Christus kam, um das Gesetz zu erfüllen, wurde er nicht der Urhebcr der Verwirrungen, denn er erhielt dasselbe Princip der Einheit aufrecht. Er gründete die Eine Kirche, er baute ihre Grundfesten auf einen Felsen; er nannte sie die einzige Heerde cineS einzigen Hirten, den Einen Weinstock, das einzige Königreich; Er sehte nur Eine Taufe ein, nur eine einzige Eucharistie. Wie die jüdische Kirche, der Schatten dieser vollkommenen Kirche, die sie ersetzte, nur Eine, so mußte die Wirklichkeit, die den Schatten verdrängte, dies- große Wirklichkeit, nur Eine seyn. Wir finden serner, daß die Apostel nur von Einer, einigen Kirche sprechen, nur von einer Gesellschaft der Christen, von Einem Körper, nur von Einem Hause, und von d?r christlichen Einigkeit, wie sie in der Verbindung und Gesellschaft der Apostel herrschte. Die Kirche ist die einzige Taube, die einzige Arche des Heils, der einzige Glaube. Sie ist die sichtbare Gegenwart des geheimnißvollen LeibeS unseres Heilandes auf Erden, und einzig wie die ewige Gottheit. Ihr Amt ist eS, das Christenthum, oder die Erkenntniß Gottes, aufrecht zu erhalten, durch welche das Heil stets und noch immer dem Menschen verkündet wird; und wie das Christenthum oder die Lehre einzig ist, so ist die Kirche, die diese Lehre bewahrt, auch nur die Eine. Es ist also unmöglich, der Theorie von nationalen, unabhängigen, durch Länder, gränzen bestimmt werdenden, und demnach von einander getrennt werdenden Kirchen, beizupflichten. Das Princip, welches einzelne Kirchen zuläßt, zerstört die Einheit und vernichtet die Katholicität. „Wie die Sonne nur ein und dieselbe ist im Weltall, so glänzt die Lehre von der Wahrheit überall und erleuchtet alle Menschen, welche es wünschen, zur Kenntniß derselben zu gelangen." Die heilige Schrift hat mich den Werth dieser Einheit kennen gelehrt. Die heilige Schrift hat es mich glauben gelehrt, daß die Einheit daS Zeichen der Kirche Christi seyn müsse. Besitzt die anglikanische Kirche dieses Aeichen? Ist sie einig mit der übrigen Christenheit? Vielmehr, ist sie einig in sich selbst? Vor drei Jahrhunderten hat sie dieses Zeichen der Einheit verloren, und sie wird eS nur wieder erlangen, wenn sie als Büßende sich in den Schooß der Einheit zurückbegibt, von dem sie sich zu diesem unglücklichen Zeitpunct trennte. Erlaubet mir nun, daß ich von Sacramenten zu Euch rede. Vor Allein muß ich es bekennen, daß die bestehende Kirche ihre Zahl verringert hat. DaS katholische Christenthum besitzt sieben Sacramente: die Taufe, die Firmung, daS Sacrament des Altars, die Buße, die Oelung der Kranken, die Priesterweihe und die Ehe. Die anglikanische Kirche erkennt von denen nur zwei an, nämlich: die Taufe und daS Abendmahl des Herrn, und indem sie die anderen fünf Sacramente verwirft, wird sie durch die heil. Schrist, durch das Alterthum, und selbst durch die größere Mehrzahl der Christen verworfen. Selbst die griechische Kirche, obgleich sie von der Einheit der katholischen getrennt ist, erkennt sieben Sacramente an. Dieses Factum an sich schon, von sieben Sacramenten sünf zu streichen, zeigt die in England bestehende Kirche als im Irrthum befangen. Niemand kann läugnm, daß die Uebereinstimmung der 214 griechischen mit der katholischen Kirche ein mächtiges Zeichen zn Gunsten der Puncte, in denen sie einig sind, ablegt; diese Uebercinstimmnng beweiset, daß so die Lehre oder die Handlungen - je nachdem eS der Fall — der katholischen Kirche gewesen seyn müssen vor dem Abfall des Orients, und daß sie noch heute lehrt, was sie von jeher gelehrt hat, Waö kaun die iu England gestiftete Kirche zu ihrer Vertheidigung anbringen, so tanb gegen die großen Heilswahrheiten der Kirche gehandelt zu haben? Wie kann sie ihr getrenntes Bestehen rechtfertigen, nachdem sie in ihrem Stolze die sacramentalische Ordnung, welche unser Heiland selbst zum Troste seiner Kinder eingesetzt hat, zerstörte und zerbrach, so viel es ihr nur immer möglich? ES ist unmöglich, den unermeßlichen Verlust zu ersehen, welchen sie durch Verwerfung des Sakramentes erlitten, welches stets und noch immer die Kraft, die Stütze und der Trost der heiligen wie der reuigen Seelen in der katholischen Kirche ist. Die Gähmng und beständige Bewegung gegen Alles, waö sich der Autorität der Kirche nähert, die Eifersucht zwischen Priester und Laien sind Thatsachen, die den Beweis liefern, welch' ein großer Schlag durch Verwerfung der Priesterweihe der Kirche zugefügt. Andererseits zeiget der Leichtsinn und die Unmoraliiät, womit man sich durch das Band der Ehe vereint, und die geringe Kenntniß, die die Geistlichkeit von denen ihnen anvertrauten Seele» besitzt, wie schrecklich die Folgen der Unterdrückung des Sacraments der Buße geworden, und bis zu welchem Grad der Entwürdigung daS Sacrament der Ehe gesunken. Zweitens hat die englische Kirche die Kraft und Bedeutung der beiden beibehaltenen Sacramente zerstört. Was die heil. Taufe anbelangt, so duldet sie über dieselbe zwei entgegengesetzte Lehren, Hier ist sie wenigstens im Einverständnisse mit den Häretikern. In der heil. Eommunion läugnct sie die wahre Gegenwart unseres Herrn. Um es darzuthun, sehet nnr auf den Abschnitt, welcher am Ende deS Ritus von der Commnnivn ist, obgleich einzelne Theile des Dienstes selbst schon eS beweisen. Ich könnte auch den allgemein üblichen Gebrauch der Geistlichkeit bei dc» heil. Gegcustäuden anführen, dieser ist ein beredter Zeuge des anglikanischen Ritus, und bestätigt die Ansicht, daß die englische Kirche die Lehre der katholischen über die wirkliche Gegen- wart unseres Herrn im heiligen Abendmahl gänzlich verwirft. Hierbei will ich noch bemerken, daß man über diesen Glaubensartikel nur eine der beiden Lehren unterstützen kann. Entweder mnß man an eine wirkliche Gegenwart oder an eine wirkliche Abwesenheit glauben, denn nur eins kaun seyn; ein Mittelding kenne ich nicht. Die katholische Kirche Christi, durch den heiligen Geist geleitet, hat immer an die wirkliche Gegenwart gehalten, die anglikanische Kirche scheint die wirkliche Abwesenheit vorzuziehen. Aber eö ist peinlich, über solche Sachen sprechen zu müssen, denn ich werde es nie vergessen können, daß ich ehemals Vertreter dieser Kirche war, welche ich bei meinem Gewissen für abtrünnig und im Irrthum besangen glaube. Viele ihrer Mitglieder — ich weiß es — betrauern den Stand der englischen Kirche, bekennen den Wunsch, sie zur Einheit zurückzuführen, und hoffen ihr Ziel dadurch zu erreichen, daß sie in ihrem Schooße verbleiben, um in ihr zu kämpfen. Aber wofür kämpfen sie? Wogegen kämpfen sie? Für eine Kirche kämpfen sie, — wenn es überhaupt eine ist — welche während drei Jahrhunderten sich im Zustande strafbarer Abtrünnigkeit befindet, welche die Sacramente verstümmelt, welche weder ein lebendiges Wort noch bestimmte Lehren hat, welche all' ihre Hoffnung in die Regierung setzt, die jetzt ihr Oberhaupt und der Richter ihrer Lehren ist. Mit Einem Wort, sie kämpfen für einen Schatten. , Sie kämpfen gegen eine Kirche, deren Nachfolge nie unterbrochen ist, die von ünbcstreitbarer Einheit, die selbst der Mittelpunct der Einheit, die alle Sacramente besitzt, die Mutter und Lcnkerin der Ccclcn, die klar und bestimmt in ihrem Unterricht, deren reines Wort inmitten der Unruhe der Welt gehört werden kann, deren sichtbares Oberhaupt der Nachfolger des Apostelsürften PetruS ist, welche während achtzehn Jahrhuuderten bestanden, trotz aller Prüfungen und Stöße, die alle menschlichen Regierungen gestürzt hätten, die sie aber nie erschüttern noch bewältigen werden, 213 da sie auf dem Felsen gebaut; sie ist das Reich Gottes und ihres Heilandes, die Kirche, die eine heilige katholisch apostolische Kirche! Meine lieben Freunde, dieses ist meine Vertheidigung. Ich habe Euch und mir gegenüber ehrlich gehandelt. Mein einziges Bedauern (und dieses Bedauern nehme ich mit in's Grab) ist, daß ich nicht dem Zuge der Gnade gefolgt bin, als sie mich daS erstemal ergriff; aber ich wußte es nicht, daß es der Herr sey, der mich rief. Ich habe die unendlich werthvolle Perle gesucht, und, Gott sey gelobt und gebenedeit! ich habe sie gefunden; und Ihr, lieben Freunde, zürnet mir nicht, daß, indem ich mich bückte, diesen kostbaren Edelstein zu erfassen und mir anzueignen, ich die Bande zerriß, die unS einten! Fragt Ihr mich nun, zu welcher Kirche ich gehöre, so werde ich Euch antworten: „Ich gehöre der Kirche an, die Christus und seine Apostel gegründet, in der die großen Heiligen und Gelehrten deS Alterthums erzogen worden, welche die prachtvollen Kathedralen und die alten Pfarrkirchen gebaut, die noch hie und da in unserem Lande sind und seinen Ruhm und Stolz ausmachen, welche die Universitäten, so wie alle edleu Stiftungen, die wir besitzen, gegründet hat." Ich wohne alle Tage dem Gottesdienste bei, der ehemals in Eurer alten Kirche gehalten worden, als sie — der Ueberlieferung deS Dorfes gemäß — vom heil. Thomas von Canterbury, früher Thomas Bekett genannt, gebaut und geweiht war. Ich zweifle nicht, daß der Heilige, träte er noch einmal unter unS, den jetzt verlassenen Altar der Kirche beweinen würde, und mit Trauer Euch Eures Irrthums überführte, indem er Euch sagte, daß Ihr von der Wahrheit abgewichen, weil Ihr die katholische Einheit, den katholischen Ritus verlassen. Er würde Euch lehren, daß die '.'>rt, mit der ich jetzt Gott anbete, dieselbe ist, mit der er und die ganze Gemeinschaft der Märtyrer und Heiligen vor ihm den Gott uuserer Väter angebetet. Adieu, gelkeble Freunde! Möge Gott Euch segnen und über Euch wacheu, und möge es ihm gefallen, unserem Vaterlande das Erbtheil, das es verloren, zurückzugeben. Ewig Euer ergebener Freund Charles Thynne. Clistan, am Fest Mariä Lichtmeß 1853. ^ — - .» ^ i Mainz Mainz. Der hochwürdigste Bischof hat aus Aulaß des Austrittes des Bene- ficiaten Franz Blümnier aus der katholischen Kirche nachstehendes Hirtenschreiben erlassen- Wilhelm Emmanuel, Bischof von Mainz, an die Pfarr^eistlichkeit und die Gläubigen der Diöcese Mainz. Der Kirche GotteS, die gleich ihrem göttlichen Stifter nichts Anderes sucht, als zu retten uud selig zu machen (Match. XVIll, 11), gereicht cS zum besonderen Schmerze, wenn sie sehen muß, wie Solche, die sie als ihre Kinder aller ihr anvertrauten Gnaden und Wahrheiten theilhaftig gemacht, sich von ihr trennen und lossagen, und den Weg, der allein zum Heile führt, verlassen. Wenn aber der untreue Sohu, uneingedenk aller der Liebe, welche die heilige Mutter, die Kirche, ihm erwiesen, ein Solcher ist, der berufen war, für die Anderen ein Lehrer und Führer zu seyn, wenn ein Priester in beklagenswcrther Verblendung sich entschließt, aus der Gemeinschaft der katholischen Kirche auszutreten, da steigert und vergrößert sich der Schmerz, denn sie gedenkt der schwereren Beleidigung Gottes und des großen, dadurch den Gläubigen gegebenen Aergernisses. Leider sind Wir in dem Falle, geliebte Diöccsanen, ein derartiges Aergerniß, das ein Priester Unseres Bischunis gegeben, Euch kundgeben zu müssen, indem Wir zugleich die kirchlichen Strafen versündigen, die Wir nach Vvischrift der Kirchengesetze über denselben haben verhängen müssen. Gott weiß es, mit welch betrübtem Herzen Wir dieß ihm,, in keiner arideren Absicht, als nm den Obliegenheiten Unseres bischöflichen Amtes zu genügen, und mit keinem anderen Wuusche, als dem, der bei einer ähnlichen Veranlassung das Herz des heiligen Apostels Paulus erfüllte, daß nämlich, 216 indem Wir strafe», „der Geist gerettet werde am Tage unseres Herrn Jesu Christi. 1 Cor. V, 5. 'd'k'M '-st>i'l!^ii6 Der Priester Franz Blümmer auS Mainz, zuletzt Beneficiat zu BenSheim und Lehrer am dortigen Gymnasium, hat durch eigenhändiges Schreiben an unser Ordinariat 6. ei. Franksurt den 19. Mai 1853, die Anzeige gemacht, daß er an diesem Tage zum Protestanliömus übergetreten sey. Derselbe bat sonach den Glauben, ohne den eS nicht möglich ist, Gott zu gefallen (Hebr. XI, 6), verleugnet; er hat die heiligen Sacrumente der Kirche verachtet und aufgegeben; er hat den kanonischen Gehorsam, den er bei der heiligen Priesterweihe feierlich gelobt, aufgekündigt; er hat die Obliegenheiten und Verpflichtungen deö PriesterthumS, zu denen er sich verbunden, verletzt und gebrochen; er hat sich der Häresie uud Apostasie schuldig gemacht, und ist somit in die von den heiligen Satzungen festgesetzten Strafen der Suspension und Ercommunication verfallen. (<^k>n. 23 eiiuti 2. ml^7g 5i,V'M,^ '"'""VMi ch-t i'g u^g/» '«"» "' ?>'S 5'--' 7 In Nr. L4 bittet man zu lesen: Seite 139, Zeile 23 von oben: Feindin statt Freundin; Seite i9t), Zeile 2 von unten: wenn seitdem weniger freventliche Eingriffe gegen die gute Sitte, Eigenthum und Menschenleben verübt und die öffentlichen Aemter mit mehr Fleiß und Redlichkeit verwaltet würden; wenn seitdem die menschliche Gerechtigkeit ihr Schwert in die Scheide gesteckt hätte und es am Fuße der Altäre ,c. -c. -.__ Verantwortlicher Redacteur: v. Schönchen. Verlags - Zuhabe,: F. C. Kremer. Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt H ,»N»HZ7H??« Ut n«'«riiG ir»»V mu ,,1»Sttr^«stZ? ^»N snäkiK li^IT n»ni» 11 »>>j»l^H nnuN «i nz^« uz KnuHMiitnA wis ,Va;üi(tt >Hd>» 7» 7kttt iMkM lchin M t»U^>7^iiu MnuqnAchT mßng Zli . ' ! 10. Jul^Ä ^mt .ikD 2». un-Zi 18.'»^ ^ ^ / ^ / ^ _ ^ ' !u i:??s)l>l^ > Diese« Blatt erscheint regelmäHia alle Sonntage. Der halbjährige Ab>?nucmcnt«prc>< ^Iv kr., wofür e« durch alle köm'gl. bayer, Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kaun Die Religion muß der industriellen Thätigkeit die rechte Richtung >,ch»7 xNitniv ux >cht»ai und Weihe geben^i^z? ^cklxtt Hirteirbrief des Cardinal-ErzbischofS von Lyon dtchm MWMliM^«^^ s.ii^iyNNfV .lyS?» ,»! «i v»un.,-2 >l»,^ qza in70»y)??)Zkitt NZIII) riikr TiNlXi NZVI^I? ;«?I!NZI»IM ^>? Ihr könnet neue VerfahrungSarten erfinden und so Eure Industrie aus die Stufe der Vollkommenheil erheben, der Ihr schou so lange nachstrebt. Ihr könnet die Kraft Eurer Maschinen vcrvoppeln und wider alle Erwartung deren Gang beschleunigen. Ihr könnet die Natur in Eueru Schmelztiegeln und Glntöfen bezähmen; ihr werdet aber anch Euer Leben verschwenden bei all diesen Versuchen, all diesen Arbeiten, all diesen Ideen Eures Geistes, ohne daß diese Vervollkommnungen der Materie Euch eine Stunde wahrhaften Glückes verschafften, da alle Eure Geschicklichkeit Euch nicht schützen kann vor täglicher Untreue, nicht vor der Bitterkeit deS Undanks, nicht vor den giftigen Pfeilen deS NeioeS, nicht vor dem Unwillen, Euch durch glücklichere Unternehmungen und glänzendere Erfolge übertroffen zu sehen. Jeder arbeitsvolle Tag wird über Eurem Haupte Sorgen häufen und die Betrügereien vermehren: (lorporalis oxer- ^itati» iui moclilieum utilis est^-V). Doch lasset die Religion in Eure Werkstätten eindringen, öffnet ihr den Eingang in Äure Magazine und Hüttenwerke, sie wird die Treulosigkeit außer Fassung bringen, sie wird mit ihrem Rathe die Trägheit, die Widersetzlichkeit und den Beirug entfernen. Und eine mächtige Hülfe für Euern Handel geworden, führt sie Euch das Vertraue» wieder zu, solltet Ihr eö verlöre« haben und gründet das Ansehen Eurer Häuser auf eine feste, nicht wie einst wankende Basis: t'ivtss sä omnis utilis est^k). z q>UU »nitdfbW t»1 Mit der Religion werdet Ihr den Reichthum zu genießen wissen, nach dem schönen AuSspruche deS heilige» Paulus: 8eio et ukuncisro die schwerste uno 5. ««>! 6>m bm(L m, «ucha»Ä,H ") Tim' IV chon ,!'^. chon DNM ,«« >iE Idick. 5) Phil. lV. tS. ' m1-.fi? (' S19 nothwendigste Kunst, welche nicht Jedermann im Glücke besitzt: das heißt, Ihr werdet einen guten Gebrauch von Enrem Vermögen machen, indem Ihr Euern Ueberfluß in den Schooß der Armen werfet, indem Ihr auS Euern Häusern den zügellosen LuruS, - den Ruin derselben — verbannet, und um Euch her Sparsamkeit ohne Geiz herrschen lasset und Euch vor jener dreifach bösen Lust verwahret, welche der heilige Apostel Johannes so treffend schildert. Mit der Religion werdet Ihr arm zu seyn wissen: 8cio et esunrv 5) Stets von ihren Eingebungen geleitet, werdet Ihr niemals den Unglücklichen auf Kosten der Gerechtigkeit und Nächstenliebe zu besiegen suchen. Und wenn an Eurer Seite sich ein Wetteifer entspinnt, welcher Eure industrielle Stellung gefährdet, so möchtet Ihr nicht über einen Rivalen trinmphiren, würde dadurch sein guter Ruf geschwärzt, oder auf schlechte» Wegen einem UnglückSfalle entrinnen. Mit der Rcljgion verstehet Ihr arm zu seyn, durch Ergebung in den Willen eines GotteS, welcher selbst die Armuth kannte, unv sehet ohne Bangigkeit, ohne Ungestüm, ohne Mnthlvsigkeit dem Glücke entgegen, das die Vorsehung schenkt wem sie will, und dem Sieg, den sie gibt wann sie will. Daö ist die Kunst, mit welcher die Religion allein vertraut machen kann, uud die wegen des Stolzes selbst bei den Christen so selten ist. DaS sind Früchte der Gnade, welche Ihr, gelicbteste Brüder, von der Frömmigkeit ernten werdet, wenn sie Eure Scelenkräfte beherrscht, wenn sie ihren lieblichen Duft über Euer Leben ergießt: ?iöt-»s a,s ,m:„zil!' . ' Aus Auftrag: Allibcrt, Sccr. AM «uwm ,»>chtn h'Al Um Zug l-ktn L'nliss v's .,50'.'ll) h'ft^ .t/.cs's nx ts» .Ä-, .hn»!n»?A —s«zg»'i i»? „i »!m»m nett 6k! Der Tod eineS ausschweifenden Lüstling». ! ) Fürst Hohcnlohe theilt folgende Geschichte mil: AIS ich zu li. als geistlicher Rath angestellt, außer meinen Nicariatsgeschäften auch den Verrichtungen der Scclsorgc oblag, theils auf der Kanzel, theils im Beichtstühle, theils auch in Gefängnissen, Hospitälern und bei Krankenbesuchen, trng eS sich im Jahre 18!9 zn, daß Ii. den ich früher aus öffentlichen Promenaden und in Vereinen kennen gelernt hatte, an den Folgen seiner Ausschweifungen, mit Lungensucht und Abzehrung behaftet, rettungS- los auf das Krankenbett geworfen ward. Der würdige Stadtpfarrer k^, in dessen Kirchenspiel wohnte, machte dem hochwürdigen Generalviear die pflichtschuldigste Anzeige darüber, uud fügte die Bemerkung bei: ^5 habe sich geäußert, erließe keinen Pfaffen vor sich kommen. Hierüber nun erbat er sich VerhaltnugSregcln. Der hochwnrdigc Generalviear, nachmaliger Bischof von Wnrzburg, Freiherr von y "I" > i'illh—>"I.""1<) .«ZlN?1 II? !>z^. Iliii II« i, II: zy»?«) Phil. IV. 12. Tim. IV. s.tim 5- z,F")^ibichgk!,.a ,6b„H -l) Kath, V°lkSs«°nd. 220 Groß, besprach sich hierüber mit dem allgemein geachteten Bruder des L. >V^, was in dieser Sache sich thun ließe. Letzterer äußerte sich, er habe mehrmals aus dem Munde seines Bruders gehört: „Dem Hohenlohe bin ich gut und könnte zu ihm als Menschen Vertrauen haben!" — Vielleicht würde Hohenlohe durch einen Besuch etwas ausrichten. Mein verehrter Generalvicar machte mir darüber eine vertrauliche Mittheilung, und ich unterzog mich mit Freuden einem Geschäfte, von dem ich mit GctteS Beistand eines gute» Erfolges mich gewärtigtc. Doch ach, gar sehr fand ich mich getäuscht, wie der weitere Verlauf der Geschichte es beweisen wird. Ich besuchte also äußerte ihm meine herzliche Theilnahme, sprach mancherlei über seine kränkelnden Umstände, und dabei blieb eS bei diesem ersten Besuche, wo er bei dem Abschiede mir den Wunsch eröffnete, eS würve ihn freuen, wenn ich ihm ein Stündchen schenken möchte, wo wir vertraulich plaudern könnten. Ich versprach eS ihm und ging. Da ich bei seinem würdigen Arzte mich erkundigte, wie lange die Krankheil wohl noch daueru könne, bekam ich die Antwort, daß sie längstens noch sechs Wochen sich hinaus ziehen könnte, was zu dem Plane stimmte, den ich mir entworfen hatte und mir daher willkommen war. Nachdem ich ihn bereits zum drittenmale besucht hatte, und ihn gerade schwach und schlecht fand, äußerte er sich, auf seine zwei Pistolen über dem Bette hknblickend: Wenn das Ding noch lange fortgeht, werde ich der Sache ein schnelles Ende machen! Nicht doch, lieber VV^, sprach ich, das kann nicht Ihre ernste Willensmeinung seyn; ich halte Sie für zu edel, als daß Sie einer solchen Schwäche je fähig seyn könnten. Ausharren im Unglücke ist groß, edel, und lohnt sich hier und dort! Nur schwache Seelen können Zu einem solchen Mittel ihre Zuflucht nehmen, was entweder Geistesschwäche oder HerzcnSverhärtung beweist; keines von beiden liegt, wie ich hoffe, in dem Charakter meines lieben ^Vk Warum denn nicht zur Religion seine Zuflucht nehmen, die eine so milde, eine so liebreiche Trösterin in allen Lagen und Leiden des Lebens ist? Freund! erwiederte er — das ist für mich zn spät! Als ich noch ein Knabe war, da wurde der Katechismus mir mit Schlägen eingebläut, in spätern Jahren vergaß ich das Erlernte allzuleicht; und im Gewühle des Lebens mochte und wollte ich der Religion nicht gedenken. — Glauben Sie mir, antwortete ich hierauf, je mehr Sie sich von ihr entfcrnm, um so näher will sie sich an Ihr trostbcdürftigeS Herz legen; denn ich kenne Einen, der das liebreiche Wort nicht minder von Ihnen als von uns Allen sprach: „Ich bin gekommen zu suchen was verloren warl" — Lieber Fürst! sagte er, ich danke Ihnen für Ihr Wohlmeinen, doch lassen wir das, — eS ist zu spät. Ist'S etwas, so steht'S nicht gut mit mir; ist'S nichts, warum mir Grillen in den Kopf setzen? — Somit schloß sich für dießmal unsere Unterredung, ich schied bekümmerten Herzens von ihm. Nach acht Tagen trat ich wieder zu seinem Krankenbette nnd fand ihn munter und weit aufgeheiterter als je. Er erzählte mir mit vielem Witze alle seine LiebeS> intrignen, die ich geduldig anhörte, und entwarf Pläne für die Zukunft. Hierauf »ahm ich das Wort und sprach mit Würde und liebevollem Ernste: Sie haben nuu, lieber >V5, dem Manne, dem Sie Ihr Vertrauen bewiesen, alle Ihre Schwächen und Gebrechen cutdeckt; wäre eS nicht gut, wenn Sie das Nämliche offen und mit Vertrauen dem Priester bekennen möchten, der Nachsicht mit Menschengebrechen hat, und kein Süudenzähler, wohl aber, nach seines Meisters Willen, e'n Sündenvergeber im Namen GotteS sür Sie werden möchte? Versuchen Sie es nur, sich in Jesu liebende Arme zu werfen; er nimmt Sie gewiß mit Huld und Gnade ail, denn sein Blut floß ja so gut für Sie, wie für uns Alle — :c. Doch Alles war fruchtlos. Mich macht das unruhig! erwiederte er, lassen Sie mich iu meiner gewohnten Art und Weise zu denken. Freund, sprach ich, gerade dieß ist meine Absicht, Sie unrnhig zu machen, damit nach solcher Unruhe wahre Ruhe in Ihre. Seele einkehre, die Sie mit Gott aussöhne und Eins mit sich selbst mache. Ich werde ^herzlich für Sie beten, damit Gott Ihnen diese Gnade verleihe. — Sie sind ein guter Mensch, sprach er; ich danke Ihnen, fürchte aber, daß eS sür mich zu 22 t «^»i»«M »,,, i^»,«t. ,t»,>»Mu»>^^. >1> «<^.»H7uV*? — Gut! war seine kurze Antwort. — Ich: das finde ich eben nicht; Sie sehen übel aus. Er (in den Spiegel blickend) : Pah! ich habe ja rothe Röschen auf den Backen; wird schon besser werden, und diesen Sommer werde ich mich in Karlsbad ganz herstellen! — Ich wünsche eS von Herzen; aber ich muß Ihnen gestehen, ich fürchte daS Gegentheil. Ausrichtig gesagt, Ihre Lage ist bedenklich, eS wäre sehr zu wünschen, daß Sie auf die Ankunft deö Herrn sich bereiteten, Ihre Lampe mit Oel füllen und sich reuig in die Arme Ihres erbarmenden GotteS werfen möchten, der ja den Tod des Sünders nicht will, sondern daß er sich bekehre uud lebe! Theurer ^V*, ich bitte, ich beschwöre Sie, widerstehen Sie doch nicht mit solcher Verhärtung der Gnade, die sich Ihnen naht. Denn auch GotteS Langmuth hat ihre Gränzen, und wenn seine Erbarmung nicht angenommen wird, muß seine Gerechtigkeit Platz greisen. Der Herr kann im Sturme kommen und Sie unvorbereitet vor seinen furchtbaren Nichtcrstuhl rufen! — In Wuth gcrathend schrie er: Packen Sie sich zum Teufel und lassen Sie mich in Ruhe! Soll ich crepiren, nun denn, so will ich crepiren, von Pfaffereien aber will ich nichts wissen. — Gut, ich werde gehen, sprach ich; doch will ich zuvor meine Schuldigkeit thun. Und ich betete: Herr, habe Erbarmen mit diesem verblendeten Bruder, und ruse ihn nicht mit Sünden beladen, wie er ist, vor dein Gericht! Nette, o rette seine Seele! denn nur du kannst sie retten! ^V* leben Sie wohl! vor GotteS Gericht sehen wir uns wieder! — Dieß war mein letztes Wort. Ich sah ihn nicht wieder; denn um 4 Uhr Nachmittags, einen Fluch auSstoßend, überfiel ihn der Blutsturz — und stehend fiel er todt zusammen. Siehe hier, o Christ! ruse ich Dir am Schlüsse dieser abschreckenden Geschichte noch einmal zu, siehe hier das Ende eines SünderS; wie er lebte so starb er; und Gott, der ihm gewiß öfters im Leben seine Gnade angeboten zur Bekehrung, verweigerte ihm dieselbe in der entscheidenden Stunde des Todes. I»? ZVI^HMj , lfl«kONl,iH»>» Il7Z»?I Z?piisI1g>i«"c> 11^ 1«» »,v>». , , , " . »MO? .k!,nnoz,iZ,5»! 7'i5iin! ,ul,bik!? Mk iztjölk 7,a HilU^uX ZI« »V» mz,»H»'i« «tw«,h .t,twfi,K»uv Wilhelm Sedlaczek. Am 30. Juni d. I. starb in Klosterueu bürg Wilhelm Sedlaczek, Ritter deö kaiserl. österreichischen Leopoldordens, Sr. 5. k. apostolischen Majestät Rath, Probst und lateraiiensischer Abt des Chorherrnstiftes ' Klosterneuburg und als solcher Oberst- Erblcnrd-Hofcaplan M Erzherzogthum Oesterreich unter der Enns, gewesenes Mitglied 2L4 des Kollegiums der niedervsterreichischen Herren- Stände, emeritirter k. k. Hosprediger und Religionslehrer der durchlauchtigsten Prinzen weil, Sr. kaiserl. Hoheit des Herrn Erzherzogs Carl, Mitglied der k. k. Landwirthschafts- und Gartenbaugesellschaft zu Wien zc. :c. Sedlaczek wurde zu Selowitz in Mähren, dem Hauptorte einer Sr. k. k. Hoheit dem durchl. Erzherzoge Carl gehörigen Herrschaft, am 6. Juli 1793 geboren, und war demgemäß nahe daran, sein sechzigstes Lebensjahr zu vollenden. Er trat nach vollendeten philosophischen Studicu am 1. November 1810 in das Stift Klosterneuburg ein, Kudirte daselbst Theologie an der theol. Hausanstalr und legte 1813 Profeß ab. Im September 1816 ward er zum Priester geweiht, 1817 Professor der Moraltheologie im Stifte, 1819 Novi'zenmeister und wegen seines ausgezeichneten Prediger- talenteS von weil. Kaiser Franz 1820 zum Hosprediger an der Hofvurgcapelle zu Wien ernannt. Von da an gehörte Sedlaczek zu den ausgezeichnetsten Kanzelrednern der Residenz. Erzherzog Carl wählte den würdigen Mann gegen 1830 zu seinem Beichtvater, sowie zum Religionslehrer seiner jungern Prinzen und Prinzessinnen; diese Ausgabe erfüllte Sedlaczek im echt apostolischen Sinne der katholischen Kirche. Es konnte nicht fehlen, daß die steigende Berühmtheit deS ausgezeichneten Priesters die Aufmerksamkeit seiner StistSbrüder, die ihn mit Stolz den ihrigen nannten, auf ihn lenkten, als durch den Ende 1843 erfolgten Tod des AbteS Ruttenstock die Prälatenwürde der altehrwürdigen Schöpfung Leopold des Heiligen vacant wurde. Im Jahre 1844 wurde Sedlaczek als 58ster Probst deS Chorherrnstiftes Klosterneuburg gewählt und diese Wahl vom Landesfürsten bestätigt. In seinem neuen Wirkungskreise bewährte sich der sittliche Werth deS Verstorbenen auf's Glänzendste; seinen zahlreichen Unterthanen war er ein liebevoller Vater, seinen Stiftsbrüdern ein theilnehmender Freund, zahlreiche Beispiele davon leben im Munde der Mitwelt. Kaiser Ferdinand zeichnete ihn durch Verleihung des Ritterkreuzes des Leopoldordens aus. Selbst als die Ereignisse des Jahres 1848 den ehemaligen Verband mit den Stiftsunterthanen gelöst hatten, blieb seine Theilnahme an dem Wohl und Wehe derselben die nämliche. Seiner Haltung in dem genannten verhängnißvollen Jahre ist es größtentheilS zuzuschreiben, daß die Bewohner der alten Stadt Klosterncuburg vom Gifte deS Aufruhrs verschont blieben und von dort aus konnten jene kriegerischen Maaßregeln geleitet werden, welche den Fürsten Windischgrätz siegreich in die Mauern der verblendeten Hauptstadt zurückführten. Mit warmem Antheile betheiligte sich Sedlaczek nach Herstellung der Ruhe an allem, waS den Wohlstand seiner ehemaligen Angehörigen befördern konnte. Die erste Ackerbauschule in Oesterreich ans stiftlichem Grund und Boden (in Kritzendorf) ist zum großen Theile sein Werk; war ja die Bildung deS LandmanneS, auf eine den Forderungen der Neuzeit wie den ewig unabänderlichen Lehren deS Christenthumes gemäße Art das Ideal, welches ihm vorschwebte. Ein Freund der Wissenschaften, namentlich der Naturwissenschaften, welche, richtig verstanden, nur die Größe der Schöpfung erkennbar machen nnd demnach die christliche Ueberzeugung befestigen, verkehrte Sedlaczek gern mit Männern von Geist, und die wohlwollende Aufnahme, die jeden Gast von Bedeutung im Stifte erwartete, vermehrte den althergebrachten Ruhm der Gastfreundschaft, welcher Oesterreichs Präla- turen auszeichnete. Sedlaczek, von der Natur mit einer höchst einnehmenden äußeren Erscheinung ausgestattet, gewann die Herzen aller derer, die ihm nahten. Leider nagte der Wurm einer unheilbaren Krankheit an dem Leben des freundlichen ManncS, lange ehe er selbst es ahnte. (Lloyd.) _ iHqM ^üwji/ töluivM mchWoüiVt,. 1 Y.,I "-Hw-ttsHo««»? mchMninßö t»a Verantwortlicher Redacteur: L> Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. A^?mer. Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt ii^Ä m6 oll» 6njj >iÄ .Q >»t .^z?e?chin^Ilnk>ur Mir^ n»y »nii , ii->ki»iriN'!?^ VW nofioS nt öeil» „(IvL m»«»w„ «w» ii,plivs,8^«N^I ^MAugsi.»rger^oMtnng. -m,IÄ 17 Juli l; gn« »«D'Z?8'»>>D IHnz'lnvIG ' ___' DiescS Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährig Adormcmentsneia lr., wofür e« durch alle köni^l. bayer. Postämter »ud alle Buchhaudluugeu dezoge» werde» kaui m Secten in Nordamerika. „zjuolG n^a nt Will man sich eine Vorstellung von dcm protestantischen Sectenwescn machen, so muß man seinen Blick nach Amerika wenden, wo der Protestantismus, abgelöst vom Staate, seiner freien Entwickelung überlassen ist. Wir nennen hier die Haupte seeten nach.dem in Berlin erschienenen Müller'schen Jahrbuche, und zwar zuerst: Die Cougrcgationa listen. Sie stammen von den englischen Jndependenten ab, und werden auch Brownisten genannt, nach Robert Brown, der 1583 die erste congregationalistische Gemeinde in England bildete. Ihren Namen haben sie daher, daß sie von der strengen Kircheunnabhäugigkeit ihrer Vorfahren abgingen, nnd eö für mißlich hielten, zuweilen Synoden und Prediger-Versammlungen um Rath zu sragen, um durch dieselben ihre streitigen kirchlichen Angelegenheiten schlichten zu lassen. Nach Lehre und Cultus gehören sie der calviuischen Secte au, und haben durch die sogenannten blauen Gesetze die genaueste Sonutagsseier und die strengsten daraus bezüglichen Vorschriften angeordnet. IchvH n»Ä,j>^'!>8 ? ,,.,I ^sxomlilz'), die ueue Schule oder puritanische Partei (^rienm»! ^gsemlii)'), die vereinigte preöbyterianische Kirche, die vereinigte verbesserte Kirche, und die reformirte preSbyteranische Kirche. -nsaS Die Episkopalen. Die Gemeinde der amerikanischen Episkopalen ist dieselbe mit der englischen Hochkirche. Vor der Revolution standen alle Episkopalkirchen Amerikas unter der Jurisdiktion des Bischofs von London nnd gebrauchten das englische l^immtin praxc-r Iiovli. Nach der Revolution hörte natürlich diese Jnrisdiction auf, und eö entstanden so viele Episkopalherrschaften, als eS Staaten gab. Ihre ersten drei Bischöfe wurden von englischen ordinirt, so daß alle Nachfolger ihre Succession voir diesen dreien herleiten. Die Bischöfe werden von einer Versammlung von Predigern nnd Laien gewählt, die Wahlen von der Bank der Bischöse bestätigt, und die Gewählten von drei oder vier fungirenden Bischöfen geweiht. Die Episkopalkirche wird in Amerika die Modekirche genannt, hat aber im Verhältniß zu ihrem Reichthum und im Vergleich mit andern Secten nicht sehr bedeutend zugenommen. 22« ^»^.'. < ' M ^ ^ - c^. ^» Die Unitarier. Sie verwerfen, wie schon der Name anzeigt, die Lehre von der Dreifaltigkeit, und haben zum Wahlspruch Joh. 17, 3. Sie sind aus den Con- gregationalisten hervorgegangen und traten im Jahre 1785 in Boston als besondere Kirche auf. Durch den im Jahre 1315 auSgebrochenen Streit hat sich diese Secte zu einem mehr selbstftändigen Körper gebildet und an Ausbreitung gewonnen. Die Methodisten. DaS Dogma dieser Secte geht ungefähr dahin: „Daß die Orthodorie der Glaubensmeinungen kein wesentlicher Theil der Religion, und demnach keine Glaubenslehre zur Seligkeit unbedingt nothwendig sey; daß Religion besonders in der Heiligkeit der Seele, in der Liebe GotteS und des Nächsten, im Gebete bestehe, und die Rechtfertigung durch den bloßen Glauben stattfinde u. s. w." Dazu kommen ihre sittlichen Grundsätze, die eben so lar sind, bloß den sinnlichen und zweideutigen Neigungen deS menschlichen Herzens schmeicheln, und die Uebertretungcn der gesetzlichen Vorschriften auf jede mögliche Weise entschuldigen. Bei dieser Erschlaffung in den Glaubenslehren und iu der Moral, bei der innern Nohheit dieser Secte, trägt ihre ganze Erscheinung nur den Charakter der Zügellosigkeit und der tollsten Schwärmerei an sich; bei der Schlechtigkeit der menschlichen Natur überhaupt aber ist eS begreiflich, daß die Methodisten jetzt in Amerika die weitverbreitetsten Sectirer sind, und sogar die Zahl ihrer Prediger die der regelmäßigen Armee, welche 13,000 Mann beträgt, übersteigen soll. Die erste Methodisten-Gesellschaft wurde im Jahre 1766 in New-York gestiftet, und John WeSley, der Stifter deS Methodismus, sendete 1769 und 1771 Prediger nach Amerika. Auch diese Secte hat sich iu verschiedene Zweige getrennt, und bestehen gegenwärtig: die methodistische Episkopalkirche, die methodistische Gesellschaft, die methodistisch-prorestan- tische Kirche, die reformirte methodistische Kirche und die Wesleyische Methodistenkirche. Die Puritaner waren und sind noch die fanatischsten Feinde der Katholiken Sie bekennen sich weder zur gesetzlichen Hochkirche Englands noch zu den Episkopalen, sondern behaupten vielmehr einen ger einigt ern Lehr begriff als jene zu habe», indem die Reformation in England nicht ihre wahre Gränze erreicht, die gesetzliche Kirche antibiblische Lehren beibehalten habe, und die meisten ihrer Gebräuche abergläubisch , anlichristlich und heidnisch seyen. Die Jndependenten fuhren ihren Namen, weil sie von der höchsten bischöflichen Kirche unabhängig seyn und sich von ihr lossagen wollten; sie verdammen auch die PrcSbyteriancr und verwerfen alle Gebetsformeln, sogar das heil. Vater unser. Die Universalisten glauben an keine künftige Belohnung und Bestrafung, sondern „daß Gott das ganze Menschengeschlecht von Tod und Sünde endlich erlösen, und alle Geister durch die Vermittlung Jesu Christi, deS Heilandes der Welt, heilig ilnd glückselig machen will." Sie kennen kein Gebet und auch keinen Gottesdienst, obwohl sie Kirchen oder Versammlungshäuser besitzen, wohin sie von ihren Predigern aber nur zusammenbernsen werden, um sich mit einander zu besprechen und die Ge- meindeangelegenheiten zu verhandeln. Der Erfinder und Gründer dieser Secte soll ein gewisser Elchanan Winchester, und sie ein einheimisches Mißgewächs Amerikas seyn. Andere behaupten, der UniversaliSmuS wäre von einem Engländer John Murray, der durch den Stifter in England, John Kelly (London 1750), vom Methodismus zum Universalismus gebracht worden, nach den vereinigten Staaten gekommen. DaS für jeden gesellschaftlichen Verband Gefährliche dieser Lehre liegt auf der Hand, wie denn schon im Staate Georgien kein Universalist zum Eide zugelassen wird, eben weil er an keine Bestrafung nach dem Tode glaubt. Die Quäker oder, wie sie sich selbst nennen, die Freunde, lehren, daß die heilige Schrift nicht Grund und Richtschnur deS Glaubens sey; die Propheten, Evangelisten ic. hätten dieselbe nach ihrem Gutdünken zusammen geschrieben, und wisse man nicht mehr, ob sie lauterund rein, oder verändert und verstümmelt sey. Sie längnen die Dreifaltigkeit, verwerfen Taufe und Abendmahl, und behaupte«: „das göttliche Licht wohne allein in uns, erleuchte uns und offenbare uns alle Wahrheiten." Vor SS? Gericht schwören sie keine Eide, svndcrn geben bloß eine feierliche Versicherung; auch sind sie von persönlichen Kriegsdiensten befreit, wofür sie Geldbeiträge leisten Ihr eigentlicher Stifter ist Georg For, seines Handwerks ein Schuster, der freilich nicht bei seinem Leisten blieb, sondern im Jahre 1647 anfing, seine neue Lehre in England auszubreiten. Für ihren Stifter in Amerika gilt William Penn, der zweimal die Reise dahin machte. Ab- und Unterarten dieser Secte sind die Frei-Quäk er, die unitarischen Qnäkcr, die HicksiteS-Quäker und besonders die Schaker, auch Zitier- oder springende Quäker genannt. Ihre Stiften» war Anna Lee oder Lesse, die Frau eines GrobschmiedeS, welche 177t auS England kam uud sich in NiScaynna, jetzt Water-Vliet, oberhalb Albani, niederließ. Sie lehrte, daß man Gott nicht bloß mit der Zunge und dem Munde, sondern auch mit dem ganzen Leibe anbeten müsse, und führte daher daS Tanzen und Springen bei ihrem Gottesdienste ein, wobei sie sich ans Beispiele aus der Bibel, z. B. auf König David, der vor der BnndeSlade getanzt habe, berief. Sie predigte ferner die Nothwendigkeit eines gänzlich ehelosen Standes, empfahl die Gemeinschaft der Güter nnd die Zurückgezogcnheit ron allen irdischen Vergnügungen. Die bedeutendsten Schaker- Familien oder Ansiedelungen sind Niscayuna, New-Lebanon, Union Villagc, Pleasant- Hill u. s. w. Die Männer stehen unter Leitung eines Oberhauptes, welcher den Titel „der Vollkommene" führt; die Frauen werden von einer „Vollkommenen" regiert. Alle sinv zur Enthaltsamkeit, zum unbedingten Gehorsam, zum gleichmäßigen Zusammenleben und zur Gemeinschaft der Güter verpflichtet. Sie beschäftigen sich theils mit Feldban, theils mit verschiedenen Handwerken, haben festgesetzte Arbeitsstunden und bilden auS ihreu Produkten und Erzeugnissen einen gemeinschaftlichen Fond, womit alle Bedürfnisse in gleichem Maaße für Alle bestritten werden. Ihre Vorsteher sind übrigens die ärgsten GcisteStyrannen, die man sich nur denken kann; sie haben, um Gehorsam zu erzwingen, eine gegenseitige vorschristmäßige Beobachtung und ein nichtö- würdigcö Spiouensystem eingeführt, und um sich einer aufrichtigen Beichte von ihren GeisteSsclaven zu versichern, geben sie vor, durch höhere Eingebung die Sünden und Geheimnisse derselben, auch ohne ihr Bekenntniß, genau zu kennen. Die Baptisten. Die erste Gemeinde dieser Secte, welche baptistisch und anabaptistisch (denn auch schon Getaufte werden nochmals nnicrgetauchi) ist, wurde in Amerika von Roger Williams, Gründer und Gouvcrueur von Rhode Island, und von Ezekiel Hollman, Deputy- Gouverneur, nebst einigen anderen Personen im März 1V39 gegründet. Sie bilden zwischen den Methodisten und PreSbytcriancrn gleichsam eine Mittelstufe, verwerfen, wie die Mcnnoniten, die Kindertanse und wei- gein sich, wie die Quäker, Eidschwüre zu leiste». Ei» wesentlicher Theil ihres Gottesdienstes besteht in der Taufe durch Eintauchen, welche Handlung Jeder, so oft er sich dazu gedrungen suhlt, wiederhole» kann. Sie sind in viele Zweige getrennt, und gibt cS: Vereinigt calv inistische Baptisten, Anti-Mission-Baptisten, Bap- listen vom freien Willen, Sabbatarier (welche den siebenten, statt des ersten TageS in der Woche feiern), Baptisten der sechs nnd Baptisten der zehn Grundsätze, Campbcl litische Baptisten, Baptisten der freien Commu- nion, Unitarische Baptisten, Fullerianer-Baptisten, universalistische Baptisten, Christier-Baptisten und wie die unsinnigen Abarten dieser verwerflichen Secte noch weiter heißen. Die Mennoniten waren ursprünglich ebenfalls Baptisten, und sichren ihren Namen von ihrem Stifter Menno Simon, einem FrieSländer. Sie verwerfen daS alte Testament und geben vor, das neue sey die einzige Richtschnur ihres Glaubens. Sie läugnen die Dreifaltigkeit und daß Christus von Maria geboren worden; auch behaupte» sie, eö sey den Christen ebensowenig erlaubt, einen Eid zu thun, als ein obrigkeitliches Ämt zu verwalten, vielweniger Jemand am Leben zu strafe» oder Krieg zu fuhren. Die ersten Mennoniten sind, auf Einladung William PennS, im Jahre 1W3 nach Amerika gekommen. Im Jahre l311 ist unter ihnen eine Spaltung eingetreten, indem einige dieser Sectirer glaubten, daß ihre Verbindung die alte Reinheit 238 nach uuv nach verloren habe nnd verderbt sey, nnd wollten sie daher in deil alten Znstand zurückführen. Diese neue Verbindung nennt sich die „reformirtc Men- noniten - Gemeinschaft." Die Hcrrcnhuter, auch Mährische Brüder genannt, wurden durch ihren Stifter Graf Zinzendorf, der schon im Jahre 1.738 in Amerika gewesen, im Jahre t7i1 in Pcnnsylvanicn eingeführt Sie lehren hauptsächlich, daß mau nur Jesum Christum, oder Gott den Sohn znm einzigen Gegenstand des Gottesdienstes wählen soll. Sonst zeichnen sie sich vor allen audcru Sccten durch Bescheidenheit, streuge Lebc»Sord»u»g, Redlichkeit nnd Arbeitsamkeit aus. Ihr Hauptsitz ist zu Nnzareth und Bethlehem in Pcuusylvauien. n«j«ttys ,z«liiu!T nni <»nu ,gmi^. i^ÄWWG^in n«O nnm h»« >i»ny?! ,»S ß?,> nWinqÄ <«u m»nvT »o«t ,^»6 ;t, W oiiu , H»m Ntls j«» Z«Ziz!i n»j»»ü «>ki«sn>k5 ^ii» chft i^om ,nk zsj«>l6S»loG mnP n»i Der selige Panl vvm Kreuze nnd die Congregation der Pasfivnisten. (Katholische Bläitcu au- Ty.o... Der selige Paul vom Kreuze stammte von einer altadeligen Familie aus Ovada iu der Diöcese Acqui im Moutferrat'scheu, und wurde am 3. Januar ll>91 gebore». Sein Tanf- und Familicuname war Paul Franz Danei. Von Jngcnd ans zeigte er eine große Borliebe zur Einsamkeit, zum Gebete und zur Betrachtung, wobei er sich fast immer das Leiden Christi als Stoff wählte, und znr Erinnernng an den leidenden und sterbenden Erlöser alle Freitage seinen Leib züchtigte, streng fastete und nur Galle und Essig genoß. Durch diese heroischen Tugenden bereitete er sich zu dem heilige» Berufe vor, welchen Golt ihm zeigen wollte. Iu einer Erscheinung bedeutete ihm die seligste Jungfrau, eS sey der Wille Gottes, daß er eine Cougre- gativn in'S Leben ruse, worin das Andenken an das Leide» und de» Tod ihres göttliche» Sohnes fortwährend erhalten würde. Sie zeigte ihm a»ch das Ordcnslleiv, dessen er uud seine Schüler sich bedicueu sollte». Pa»l theilte ÄllcS dem Bischöfe vou Alcssandria, Msgr Gattinara, mit, welcher damals sein Beichtvater war. Nachdem der fromme Prälat die Sache reiflich überlegt und im Gebcic Gott empfohlen hatte, ermunterte er den jnngeu Mauu, dem Rufe dcS Herr» zu folge», und zog ihm am 22. Nov. 172l) — es war ciu Freitag — eine» schwarzen Talar vo» grobem Tuche au mit einem Embleme des Leidens Christi ans der Brust, gerade so, wie eS ihm die Gottesmutter bei ihrer Erscheinung gezeigt hatte. Bon dieser Stunde au bis zur formliche» Grüudimg der Congregativ» ging er barhaupt und barfuß. Seinen bisherigen Namen Paul Franz veränderte er in Paul vom Krcnze, uud bezog eine kleine Zelle in der Nähe der Sacristci von S. Carlo zu Castellazz.) (Gcburlsstadt seines Vaters LncaS von Danei), fastete vierzig Tage bei Wasser uud Brod, uud schrieb die Regel für die neu zu gründende geistliche Gcnofsen- schaft. Nachdem er sie vollendet hatte, übergab er sie seine», Bischöfe zur Sanction. Dieser ertheilte ihm dc» Auftrag, damit »ach Rom zu reisen, sie dem heilige» Bater J»»oce»z XM. zu unterbreiten und die Approbation derselben zu erbitten. Paul ge. horchte, pilgerte^nach Rom, besuchte zuerst die Gräber der beide» Apostclfürsten und dann den päpstlichen Palast. Gott wollte Pauls Geduld auf die Probe stellen: die Audienz beim heil. Bater ward ihm versagt. Sein Vertrauen ans den Herr» ward dadurch «icht im Mindesten erschüttert; vielmehr zog er froheu MutheS nach Montc- Argcutaro am tvrrheuischcu Meere, uud nach kurzer Zeit in eine Einsiedelei im Mout. ferrat'schen, uud lebte dort ganz zmückgezogen unter bestäudigcm Fasten uud Beten. ES gesellte sich «uu auch sein Bruder JohauueS Baptista zu ihm uud sie kehrte» mit einander nach Monte-Arge»taro zurück, weil ihnen dieser Platz für ihr Anacho- retenlebcn vorzüglich geeignet schien. Der Ruf ihres heiligen Wandels verbreitete sich weit umher und gelangte denn auch zu den zwei Bischöfen von Gaöta und Troja im Neapolitanischen. Diese Prälaten luden die zwei Einsiedler Johannes und Paulus in ihre Diöcesen ein, um auch 229 ihre Diocesanen durch die strenge Lebensweise de> selben zu erbauen, Sie gehorchten und gewannen iu kürzester Frist die Liebe und Verehrung dieser Kirchcnsiirstcn, und namentlich die dcö Bischofs von Troja in solchem Grade, daß sich dieser entschloß, ihr Boihaben, eine neue Congregalion zu stiften, in Rom nach Kräften zu förderu, lind wirklich waren nun die Tage dcr Prüfung zu Ende. Mit einem bischöflichen Schreiben an Se. Heiligkeit Bencdikt XIIl.5) erschienen sie neuerdings in Rom, und der heil. Bntcr, hocherfreut über den günstigen Bericht dcS Bischofs von Troja, er. theilte den zwei Brüdern müudlich (vivav voeis «raculc») die Erlaubniß, Novize» aufzuuehmcn und ein gemeinschaftliches Leben zu führe». Beide bliebe» »uu in Rom, widmeten sich im Spitale zum heil. GallicannS der Krankenpflege und zugleich dcu theologischen Studie». Am 7. Juni 1727 ertheilte ihnen der Papst selbst die heilige Priesterweihe iu der St. Peterskirche mit dem Austrage, als apostolische Missionäre für das Seelenheil ihrer Mitmenschen thätig zu seymA^ Ohne andere Hilfsquellen als ihr Gottvertraucu zu kennen, wanderten die zwei Missiouäre wieder nach Monte-Argentaro, und erbauten dort, unterstützt von frommen Seelen, ihr erstes CongregationShauS^), und kurz darauf iu einiger Entfernung ei» zweites für die Novizen; denn Gott sandte ihnen bald Gesinnungsgenossen, die sich unter die neue Regel stellten. Als sich die Anzahl der Mitglieder von Jahr zu Jahr mehrte, und diese eine förmliche Kongregation bildeten, so wurde der Stifter P. Paul vom Kreuze auf dem ersten allgemeinen Capitel zum Geueralsuperior gewählt, und zugleich vom heil. Stuhl die Gnade erbeten, diese Wahl uach Umlauf der festgesetzten sechs Jahre erneuern zu dürfen. So blieb P. Panl OrdcnSobcrcr bis zu seinem selige» Ende, welches am 18. Octobcr 1775 erfolgte. Sein Brnder Johannes war ihm ein Dezennium früher (1765) in die himmlische Heimat voranSgegangen. — Gott verherrlichte seinen Diener durch mehrere Wunder. Papst Pius VI. ertheilte ihm deßhalb schon im Jahre 1784 (Z2, Der.) den Ehrentitel: Vonc>ral>ili8 «ervus I?l!.. Peipst PiuS VII. erklärte, daß P. Paul vom Kreuze die Tugenden im heroischen Grade besessen habe, und Se. Heiligkeit PiuS IX. sprach ihn durch Decrct vom 1. Octobcr 1852 se!ig, nachdem sich die zur Beatification nöthigen zwei Wunder als unbestreitbar herausgestellt hatten. Der feierliche Act der Seligsprechung erfolgte, wie schon ange- dcntet worden, am 1. Mai dieses JahreS. Der Zweck der Passioniften-Congrcgation ist Selbstheiliguug durch ciu strenges Bußlebcn und Förderung des ScclenheileS des Nächsten durch Missionen, geistliche Uebungen u. s. w. Die Mittel, diese» herrlichen Zweck zu erreichen, finden sich in ihrer Regel genau auseinandergesetzt. Wir geben daher einen gedrängten AuSzug aus derselben. Das Noviziat dauert ein Jahr. Zu den drei gewöhnlichen Gelübden der Armuth, Keuschheit und dcS Gehorsams, welche die Passioniften als einfache und nicht als feierliche ablegen, kommt ein viertes: den Gläubigen daS Leiden Jesu Christi *) Von t724 1730 — ein geborene:- Fürst'Orsini, und strenger Ordcnsmann, der sich anch als Papst am liebsten in stille Einsamkeit vergrub. Den ihn für den päpstlichen Siiiht bestimmenden Ausspruch des Conelavc vernahm er mit uubcschrciblichcm Entsetzen. Als aber der General dcö Bcncdietincr-Ordcns ihm den Befehl dazu ertheilte, so that Orsini im Geiste dcö klösterlichen Gehorsams, was er deu Bitten der Lardinäle abgeschlagen; denn er war gewohnt, seinen Obern gegenüber stets den strengsten Gehorsam zu üben. Bencdici XIII. war fortgesetzt Mönch ans dein Throne, gerne allein, bei öffentlichen Ausgängen den Noscnlrauz in der Hand, wie der-frühere schlichte Bruder Vinecnz Maria (so hieß er als Ordensmann) des Klosters. Der die Würde umgebende Glanz, Pferde, Vurus, zahlreiches Gefolge verwundete seine Demuth. Er verminderte auch die pävsti. Garden. In seinem Gemache des Batieaus standen mir Strohstühle: an den Wänden einige Kupferstiche und das Cruzifir, Er war nie glücklicher > als wenn er im Ehore seines Klosters die Hören sang, und im Refektorium desselben gleich einem einfachen Religiösen sein Mittagmahl einnehmen konnte Man hat von Bcnedict XIII. zwei Bände Homilien über das Buch Erodus. Während seiner Regierung entstand auch das Hospiz zum heil. Gallicanus für Hautkrankc. Vergl. I.» komv ciirelicnnt: elv. von I5u- gvno cie la Kournerio ; '1'om. III. Die Congregationohäuscr der Passionisien heißen Häuser der „Zurückgczogcnhcit" (Iteeessns, kiljrj, kelrsilZ). 230 nach Kräften an'S Heiz zu legen. Sie schwöre» auch in der Congrcgalion zu bleiben. Nur der Gencialsnpciwr mit den zwei ihm zur Seile stehenden Eonsnltorcn, der Provincial nud der Snperior dcS betreffenden HanseS kann davon bei sehr wich- tigen Gründen dispensircn, Sie leben gemeinschaftlich uud in strenger Armuth, dürfen somit lein (Eigenthum besitzen, als eine» kleinen Garten oder ein anderes geringes Grundstück in der Nähe des CongrcgationShauscS; sie sind sohin ganz ans das Almosen der Gläubigen angewiesen. Sie halten Tag- und Nachtchor »ach dem römischen RiluS, dreimal betrachtendes Gebet, Morgens, AbcudS und nm Mitternacht nach dem Ma- tuliniim, nnd zweimal deS TagcS GcwissenScrforschuug. Das Stillschweigen ist bei- nahe immerwährend, die geistliche Lesung für jeden Einzelnen nnd für Alle gemein- schastlich vorgeschrieben. Außer der von der katholischen Kirche auferlegten heil. Fastenzeit fasten sie im Advent und alle Mittwoche, Freitage und Samötage des JahrcS. Air diesen Tagen kommt die Kasteiung (Disciplin) dazu. Die Laienbrüder haben die Hauptgeschäfte, namentlich die Emsammlnng des Almosens zu besorgen. Die Kleriker widmen sich nach dem Noviziate den Studien, und zwar durch sieben Jahre. Sie befassen sich während dieses Zeitraums mit den schönen Wissenschaften, Philosophie und der Theologie dcS heiligen Thomas von Aquin, und zuletzt mit praktischer Kaiizclberedsamkcit. Hat ein Passionist diese HanSstndicn vollendet nnd die Priesterweihe empfangen, so muß er sich dem Scclcnheile des Nächsten widmen durch Bcichthöreu, Crthcilnng von geistlichen Uebungen in ihren eigenen Häusern, wohin sich oft Weltpriester zu diesem Zwecke zurückziehen, oder in andern Klöstern, Seminarien und religiösen Gcnossciischastcn, so wie anch i» allen jenen Diöcescn und Gemeinden, wohin sie ein Bischof ruft. Auch zu den Missionen bei den Häretikern und Ungläubigen müssen sie sich verwenden lassen. In Bezug der Kleidung schreibt die Regel vor: Einen schwarzen Talar von grobem Tuche mit einem Lcdcrgürtcl, nebst einem bis an die Knie reichenden Mantel desselben Stoffes. Ans diesem und jenem tragen die Priester und Professen an der linken Brustseite einen herzförmigen schwarzen Schild mit weißem Rande. Zuoberst befindet sich ein Kreuz und in der Mitte desselben die Inschrift mit weißen Buchstaben: IK8V Xkl 1^8810, uutcr dieser drei Nägel, ebenfalls weiß gemalt. Die Laien und Nichtprofcsscn tragen den Schild nur am Talar. Alle sind unbeschnht nnd tragen nur Sandalicn. Die Kopfbedeckung der Priester nnd Kleriker im Hause ist ein gewöhnliches Priesterbarett, außer demselben ein Hut mit breiten Krämpcn, zu beiden Seiten ctwnS aufgestülpt. Ihr Hemd ist von Wolle; nur im Falle einer Krankheit, ans Reisen und bei Missionen dürfen sie sich eines linncnen bedienen. Sie schlafen — im gesnndcn Zustande — iu ihrem OrdcnSklcide aus einem harten Strohsacke. Diese Regel wurde zuerst von Papst Benedict XIV.' durch Rescript vom 15. März 17 il, und nach wiederholter Prüfung derselben mittelst Brevc vom 28. März 17»>!, -. «„..i,^-,.!'. 9m«,jj t-.i >i.^. .il»»nm>v- d»»»M>,»!'-.l>> ,n»fiU!< mckuichiN Ew. Bischöflichen Gnaden treugehorsamste Priester des Landcapitels Wiblingen. ti? nn« fii,1»«^oL 6!^!,?«ni . .IlH d,j,»5 ch»«»l>»paS »chU-W;sv ,»ZK (- i,4 »»«t»M>s.»i ,»i >!ömk.its -ii>-5V i>»»W 5,ttatzi .vi,-», d» :»»iü»ch?n Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur .»! ch>? Augsburger PostZeitung. 24. Juli. ^ 1853 Dieses «latt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährig« Abouuemeutsvrel« kr>, wofür e« durch all» köm'gl. bayer. Postämter »ud alle Buchhaudluuge« bezog,« werde« kau». ^ü'! Der Pilger durch Tirol.*) Die Wallfahrten gehören zu den schönsten und sinnigsten Aeußerungen deS katholischen Lebens. Wie in den Processionen überhaupt, so tritt auch in ihnen, um mit dem Protestanten Kinkel zu reden, „das innige Verwachsen deS katholischen Glaubens, die religiöse Weihe, die dieser heitere Cultus auch der Freude verleiht, rührend und spürbar hervor**)." Weise verlegte die heilige Kirche alle das Gemülh zu heiligem Ernst und zu strenger Buße stimmenden Feste in den Winter, in die ernsten Mauern der Kirchen; naht dagegen der Frühling, dann führt sie die Ihrigen heraus in die neuerwachende Natur, damit sie in ihr und erhoben durch sie, die selbst ein ewiger Lobgesang Gottes, den Herrn mit fröhlichem Herzen preisen. So fallen denn mit den andern Processionen auch die Wallfahnen alle in die schönere Zeit deS JahreS, und es gibt wohl nur wenige kalte Herzen, die dann unbewegt die Fahnen durch daS Laub der Bäume wehen, die langen Reihen der Beter dahinschreiten sehen, die sühlloS und unerhoben den Gebeten und Lobgcsängen horchen können, welche der fromme Zug den Berg hinansteigend unter dem Geläute der Glocken ertönen läßt. Wie leer sind doch die zahlreichen Vorurthcile gegen daS Wallfahrten. Gegen sein Alter läßt sich nichts einwenden, die ersten Jahrhunderte thaten es bereits, warum denn nicht auch wir? Da klammert man sich denn ängstlich an die beliebten „Mißbrauche." Daß deren vorgekommen sind und noch vorkommen, geben wir zu, aber auch daS Heiligste ist schon mißbraucht worden, und wenn wir Alles über Bord werfen sollten, was diese Erfahrung schon gemacht hat, dann ständen wir geistig und leidlich nackt da. Wer die Wallfahrten zum Deckmantel eines auSschweisenden Lebens mißbraucht, der wird wohl einen andern Deckmantel finden, wenn man ihm diesen hinwegnimmt, sagt Chorherr Geiger, und Sailer ermahnt mit Recht, neben dem Schädlichen, welches dieser oder jener Wallfahrt etwa zufällig beigemischt sey, auch daS Gute anzuerkennen, welches der Uebung zu Grunde liege. „Gott wirkt überall, wo er ein offenes Herz findet und fragt keinen Professor (oder Minister) ob (oder wo) Er das Herz erleuchten, entzünden, heiligen, beseligen dürfe." Könnte einer der heimkehrenden Wallfahrer in die Herzen schauen, er würde manches ganz anders erblicken, als es hinhing zu dem Gnadenort. Da trat mancher den Weg lau an, und ihn ergriff schon das gemeinsame Beten und Singen, die fromme Luft, die über dem Zug schwebte, den Christi Bild anführte, zog auch durch die Lungen seiner Seele und sie wurden gesund. Da blieb mancher auf dem Wege noch ungerührt, und ihn traf der Anblick der gefüllten Kirche, der tausend Frommen, die inniger als er zu beten verstanden, und er folgte ihnen mit ganz anderm Herzen zum Beichtstuhl, als das war, *) Der Pilger durch Tirol oder geschichtliche und topographische Beschreibung der Wallfahrtsorte in Tirol und Vorarlberg. Innsbruck bei K. Pfaundler. Gottfr. Kinkel, das Ahrthal S. 160. 234 mit dem er ihn bisher betreten hatte. Da trat mancher in die Kirche und plapperte nur sein Gebet daher und ihn faßte die höhere Feierlichkeit des heiligen Dienstes und sein Herz blieb nicht länger trocken, und der Gedanke an die selbstgewonnene Ueberzeugung, daß und wie viele schon an der Stelle Erhörimg gefunden, beugte sei» Kuie wieder tiefer und rief die erste Thräne ernster Buße in sein Auge. Gewiß, wo die Wallfahrten in rechtem Flor stehen, da steht das katholische Leben in voller Blüthe, und unser vollstes Mitleid verdienen die „lauen und trägen Christen, die oft kaum zwanzig Schritte weit in die Kirche haben und doch nicht hingehen, sich dabei aber unendlich weiser dünken und die Wallfahrer tadeln, die Gott zu Liebe viele tausend Schritte machen " (Pilger 5, tt.) Tirol ist reich an Wallfahrtsorten aus der ältesten wie aus der neuesten Zeit, vom Jahr ävv bis aus unsern Tagen, und dieß letztere möchte ich gerade eine Perle in seiner Krone nennen, denn eS zeigt die ganze Innerlichkeit und Tiefe seines katholischen Gefühls. Vordem war das Land noch ungleich reicher an Gnadenorten, nnd diese waren reicher an Schmuck, den das fromme Kaiserhaus und fromme Privaten ihnen zugewandt hatten. Eine lauge Reihe dieser Kapellen und Kirchen zerstörte das Freimaurerthum. Aber nicht vermochte eS den Schatz treuen Glaubens aus dem Herzen deS Volkes zu rauben, den verschloß es um so tiefer in sich und hing um so fester an ihm. Und als jene Zeiten der Dürre und des Fluches vorüber waren, da fing eS wieder an aufzubauen, was zerstört war, zu erheben, was geknickt war und neu zn schmücken, was beraubt war. Vieles liegt allerdings für immer darnieder, manche Zufluchtsstätte der Armuth in den Klöstern, mancher Hafen der Betrübten in den Gnadenorten; aber mit der wunderbaren Elasticität, die alles Lebensvolle beweist, erhob der treue Sinn deS Volkes dagegen auch wieder manches neue Heiligthum und mehr als ein Gnadenort datirt aus unserm Jahrhundert. Wie die Kirche selbst ein ewiges Wunder ist, so hört auch das Wunder in ihr nicht auf. Viele Leute leben noch, welche die Wallfahrt zu Sautens im Oetzthal entstehen sahen. In der Nähe deS Ortes stand in der Waldesdämmerung ein Bild deS gekreuzigten Heitands. Vor demselben betete einst ein frommes Väuerlein im Vorbeigehen sein Vaterunser; siehe, da neigte das Bild sein Haupt und das Bäucrlcin sah dieß als ein Zeichen an, daß es dem Heiland gefalle, dort in einer Kapelle verehrt zu seyn. Drei Bauern von SantenS traten zusammen und kanten im Jahr 18Ü1 das kleine Gotteshaus. So lauge der Bau währte, quoll Wasser an der Stelle, während man weder vor noch nachher eine Spur einer Quelle weder an dem Ort noch in dessen Nähe gesehen hat. Bald besuchten die, Gläubigen der Umgegend fleißig daS Kirchlein; vielen wurde auffallende wunderbare Hülfe zu Theil, und jetzt decken schon Votiv-Bilder und Zeichen, Krücken, Herzen, Arme u. dgl. die Wände als eben so viele Zeugen von wundem baren Gebetserhörungen. Ebenso sah unser 18teS Jahrhundert die Wallfahrten zu unserer lieben Frau in Schmirn und Hinterriß, so wie die zur schmerzhaften Mutter in Jschgl entstehen. Ein Soldat auö der Garnison des Schlosses Ehrenberg, der auch Bildhauer war, schnitzte ein Bild des nnter dem Kreuz zur Erbe fallenden Jesus und stellte eS auf einem großen Stein an der Straße auf. Um das Bild vor dem Ungemach der Witterung zu schützen, bauten fromme Leute bald eine kleine hölzerne Kapelle darüber. Da diese an einem steilen gefährlichen Wege zwischen zwei hohen Bergen liegt, so fiel von Fuhrleuten manches Opfer und mit diesen und einigen andern frommen Beiträgen wurde im Jahre 1807 die jetzige Kapelle aufgeführt, die man gern in schweren Anliegen besucht. Im vorigen Jahrhundert suchte die Garnison des Schlosses — ein sehr schöner Zug — bei dem Ordinariat in Augsburg um die Erlaubniß nach, den heiligen Krenzweg in ihrer Kapelle durch einen FranciSkaner einsetzen zu dürfen, und zwar aus dem Grunde: „Da doch uns Soldaten diese Andacht vor allen andern obgelegen seyn soll." Wollten wir an das Aufzählen aller durch rührend schöne Legenden und wunderbare Ereignisse hervorstechenden Wallfahrten des BucheS gehen, wir müßten dieß selbst ganz abschreiben. Noch einige derselben mitzutheilen können wir uns jedoch nicht 235 ' versagen. In der Stiftskirche zu Jnnichen wird ein uraltes ChristuSbild verehrt, ein Crucifix, an dessen Fuß Maria sitzt. Zur Zeit der Dürre pflegt die ganze Pfarre Silian mit ihren Filialen einen Kreuzgang dahin anzustellen, um Regen zn erflehen, und immer folgt Erhörung der Bitte, so daß man schon mit Regenschirmen zum Kreuzgange auszieht und gar nicht zweifelt am Erfolg des gemeinsamen Flehens. Ist das nicht der Glaube, der Berge versetzt, und findet man ihn auch bei uns in Israel? — Berühmt ist das Gnadenbild Unserer lieben Frau bei den ??. Kapuzinern in Neumarkt. Im Jahre 18Z6 wüthete dort die Cholera. Mehrere Personen des Ortes waren ihr schon zur Beute gefallen, da rief daS Volk, man solle eine Andacht zur Mutter GotteS anstellen uud das Bild von dem Seitenaltar auf den Hochaltar erheben. Anfangs fürchteten einige, durch das Zusammenströmen der Leute möge die Seuche noch mehr verbreitet werden, endlich aber ging der Antrag durch, das Bild wurde erhoben und das Hochwürdigstc drei Tage lang znr Anbetung ausgestellt. Eine unglaubliche Volksmenge strömte herbei, trotzdem daß die Prozessionen verboten waren und — von dem Augenblicke an starb Niemand mehr in Neumarkt nnd die von der Seuche Befallenen genasen bald. Bezeichnend für den Geist, der im Volke lebt, ist der folgende Vorfall. Im Jahr 18V8 am 8. März übertrug man das Bildniß der Mutter GotteS ans seinem alten Sitz zu Montagnaga nach Civezzano. Unsere Schreier über Götzendienst und Bilder- anbetung werden denken, nun seyen auch alle Wallfahrten dem Bilde nachgezogen, Montagnaga sey vercdel; so aber dachte das katholische Volk nicht: das Bild hat ihm nur Bedeutung durch den Ort, wo es steht; an dem und keinem andern Ort spendet das Urbild des VildeS seine Wohlthaten, hilft eS durch seine Fürbitte. Nach wie vor zogen die Wallfahrer nach Montagnaga und verehrten die Gnadenmutter an der Stelle, wo sie so viel Gnaden schon erwiesen hatte, auch ohne daß ihr Bild da stand. Um die Leute zu zwingen, nach Civezzano zu ziehen, schloß man alsdann die Kirche von Montagnaga und verbot alle geistlichen Verrichtungen dort; aber auch das war vergebens. Irgend Jemand, wer weiß man nicht, hängte von außen an die Mauer ein Maricnbildchen auf, und vor diesem betete die fromme Menge nach wie vor. Einigen heißblütige» Deutschen aber wollte es nicht in den Kopf, daß man sie nicht in das HauS Mariens lassen wolle, wo ihre Ahnen seit fast einem Jahrhundert gebetet hatten; sie holten einen Baumstamm, um die Kirchthüre zu stürmen, und sie öffnete sich ohne irgend eine Verletzung auf den ersten Stoß. Vivat rief alles Volk, nnd unter dem Singen jubelnder Maricnlieder zog eS in die Kirche ein und hielt seine Andacht. DaS erbitterte die Josephiner, von denen all diese Chicanen ausgingen, sie reauirirten vier Schergen von Montagnaga und wollten die Deutschen verhaften, die daS Thor geöffnet hatten. Es gab Widerstand, die Schergen feuerten wohl achtmal ihre Flinten ab, aber Niemand wurde beschädigt; einer selbst bezeugte, zwei Kugeln auf die Brust bekommen zu haben, ohne daß sie ihn im mindesten verletzten. Endlich rief der Häscher- hauplmaun, der GotteS Hand darin sah: „Gegen Maria vermag menschliche Mach« nichts, wir haben Wunder genug gesehen. Laßt uns gehen!" Uud er gab dem Curatgeistlichen der Kirche Geld für zwei heilige Messen und ging mit seinen Leuten weg. Später schenkte er der Kirche noch ein schönes Meßgewand, das noch dort auf- lewahrt wird. Die Bewohner der Gegend aber ruhten nun nicht, big der Kaiser die Zurückbiingung des BildeS gestattete, und im größten Triumph, u»Ur der heiligsten Begeisterung wurde eS am 30. April des folgenden Jahres wieder an seine alte Stelle gesetzt. Das wären einige Proben aus dem WallfahrtSlebcn in Tirol, und wir glauben, sie sind schön genug, um zur Nachahmung anzufeuern. An ähnlichen andern ist daS Buch reich, dem wir sie entnommen haben, und das keiner ohne große Erbauung und fromme Rührnng zu lesen vermag, das wir darum mit bestem Gewissen empfehlen können und in jeder katholischen VcreinSbibliothek sehen möchten. Seine Lcctüre dürfte jetzt vor allem von großem Nutzen seyu, jetzt wo auch unter nnS das Wallfahrten wieder mehr und mehr auflebt, wo die Gnadenorte an den Festtagen wieder mehr besuch: 236 find und die Hoffnung lebendiger sich regen darf, daß eine lebensvollere, durch und durch katholische Zeit für unser Volk nicht fern mehr ist. (Mainz. S.-Bl.) Leben des ehrwürdigen Johannes Grande. I. Erster Beruf zum vollkommenen Leben. In der Nähe des Städtchens Marcena, das nur eine kleine Tagreise weit von dem berühmten Sevilla entfernt ist, lag an der Stelle, wo jetzt die Söhne des heil. FranziSknS ein Kloster besitzen, einstens eine stille Einsiedelei, nach der heil. Eulalia benannt. Dort erschien in der zweiten Halste deS sechszehnten Jahrhunderts ein Eremit, der für die Bewohner der Umgegend bald ein Gegenstand frommer Aufmerksamkeit ward. Er ging mit entblößtem Haupte und unbeschuht einher, seinen Leib bedeckte ein Kleid von grober Wolle. Selten erhob er den Blick, und eS ruhte auf seinem Angesichte zugleich mit milder Freundlich teil ein Ernst, der mit seiner Jugend in Widerspruch zu stehen schien. Denn Johannes Grande — so hieß dieser Einsiedler — mochte damals kaum sein zwanzigstes Lebensjahr zurückgelegt haben. Er war in Carmona, einer Stadt in Andalusien, am 6. März 1546 geboren, und halte schon in frühester Kindheit durch eine seltene Unschuld und Frömmigkeit große Erwartungen erregt. Aber noch war an ihn der Ruf deS Herrn zu seiner vollkommenen Nachfolge nicht ergangen. — Etwa fünfzehn Jahre alt zog er mit seiner Mutter nach Sevilla, und widmete sich dort, ihrem Wunsche gemäß, dem Kaufmanns- stande. Seinen Vater hatte er um eben diese Zeit verloren. Nachdem er vier Jahre in einem Handlungshause jener Stadt zugebracht, und sich durch Fleiß und Rechtlichkeit, wie durch ein sittsames Betragen und Frömmigkeit Liebe und Achtung erworben halte, kehrte er in seine Vaterstadt zurück, um daselbst ein eigenes Geschäft zu beginnen. Aber immer lauter redete die Stimme Got'eS zu seinem Herzen und flößte ihm immer stärkere Begierden ein, von allen Sorgen und Gefahren deS irdischen Lebens entfernt für die Ewigkeit allein zu leben. Ein mächtiger Drang zum Gebete weckte ihn oft- malS vom Schlafe, und er schien, da er erwachte, eine Stimme zu vernehmen, die ihm vorwarf, daß er, wie die Jünger im Oclgarlen, während JesuS betete und bluligen Schweiß vergoß, der Ruhe pflege. Der Jüngling erkannte, daß er von Gott zu einem ihm allein gewidmeten Leben berufen werde; aber er wußte nicht, aufweiche Weise er einem solchen Rufe folgen könne. Nach vielem und inbrünstigem Gebete erhielt er durch ein Traumgesicht den gewünschten Aufschluß: GotteS Wille sey, daß er, auf irdischen Erwerb verzichtend, nach Christi und der Apostel Beispiel in äußerster Armuth ihm diene. Wohl war der fromme Johannes sogleich entschlossen, dem Rufe des Himmels zu folgen, aber eS gelang ihm nicht ohne viele und große Kämpfe die Bande, die ihn fest hielten, zu zerreißen. Um so inniger dankte er Gott, als er sich endlich befreit sah, und nachdem er sein kaum begonnenes Geschäft eingestellt, alle seine Habe aber Anderen überlassen hatte, als armer und doch so reicher Pilger in die Einsamkeit, wo er Gott und in ihm AlleS suchte, wandern konnte. Johannes hatte seine Jugend in der größten Sittcnreinheit zugebracht. Noch ein kleines Kind war er mit besonderer Andacht der reinsten Mutter des Herrn ergeben, und brachte oft ganze Stunden vor ihrem Bilde oder Altare im Gebete zu. Wie er aber heranwuchs, lag er dieser Andacht auch deßhalb mit großem Eifer ob, weil er hoffte, daß eS ihm durch die Fürsprache und den Schutz Maria'S gegeben werden würde, die jungfräuliche Reinheit seiner Seele und seines Leides unversehrt zu bewahren; und eö war in der nämlichen Absicht, daß er den heil. Johannes und die heil. Jungfrau Agnes mit zarter Frömmigkeit verehrte. Sein standhaftes und von so heiligen Wünschen begleitetes Gebet fand vollkommene Erhörung: seine Sitten blieben durchaus unbefleckt. Aber auch vor jeder andern Sünde hatte er einen so großen Abscheu, daß die Furcht, sich in seinem Geschäfte durch Mangel an Wahrhaftigkeit und strenger 237 Redlichkeit zu verfehlen, auf den Entschluß, dasselbe aufzugeben, großen Einfluß hatte. Nichtsdestoweniger war er in seinen Augen ein großer Sünder, und um sich dessen stets zu erinnern, veränderte er bei seinem Austritt aus der Welt seinen Namen. Denn er wollte nicht mehr Johannes Grande, d. h. der Große, sondern Johannes Peccadore, d. h. der Sünder, heißen, und wirklich ist ihm dieser Name während seines ganzen übrigen Lebens geblieben. — Indeß bestand seine Demuth nicht in dem Schalle dieses Wortes, noch in irgend einer bloß äußerlichen Uebung: sie durchdrang seine ganze Seele. Er hielt sich nicht für würdig, sein Auge zu Gott aufzuschlagen, noch auch vor den Menschen, die ihm alle besser als er vorkamen, zu erscheinen. Er betrachtete nämlich die Fehler, die er, besonders auS Menschensurcht, mochte begangen haben, in dem Lichte, daS ihm nun so reichlich zufloß, und ermaß die Größe derselben nicht nach dem Urtheile und den Gewohnheiten der Menschen, noch auch nach der Leichtigkeit, womit man in dieselben zu fallen pflegt, sondern nach der Größe GotteS, gegen dessen heiligen Willen sie begangen werden; und verdemüthigte sich auch wegen jener Sünden, in die er würde gefallen setzn, wenn Gott ihm nicht mit vieler und unverdienter Gnade zuvorgekommen wäre. Er begann also in seiner Einsiedelei ein wahres Büßerleben. Nicht nur wann er dem Gebete oblag, sondern auch bei vielen anderen Gelegenheiten entquollen seinen Augen reichliche Thränen, die der bittere Reueschmerz hervorgerufen hatte. Er trug unter seinem groben Kleide niemals Leinewand, wohl aber schmerzhafte Bußgürtel; schlief auf nackter Erde oder auf Brettern, und zwei bis drei Stunden vor Sonnenaufgang erhob er sich schon zum Gebete, obschon er nicht selten dasselbe auch die ganze Nacht hindurch fortsetzte. Nicht bloß die Fasten, sondern auch die Adventzeit und vom Feste des heil. Michael bis zu Allerheiligen nahm er nur dreimal die Woche wenige und ärmliche Speise zu sich , und er würde in diesen und vielen andern Bußübungen, von denen wir nicht reden, noch weiter gegangen seyn, wenn sein Gewissenöführer nicht seinen frommen Eiser gemäßigt hätte. Obgleich er in seinem spätern Leben, wie wir sehen werden, mitten unter den Menschen mit vielen Geschäften und Arbeiten beladen war, so setzte er doch das strenge Bußleben, das er in seiner Einsiedelei' begonnen hatte, bis zum Tode fort. Aber ohne Kampf konnte der junge Eremit in dieser neuen Lebensweise nicht auSdauern. Außer der Schwierigkeit, welche die menschliche Natur einer so harten Behandlung des Leibes immer entgegensetzt, war Johannes durch die Vorstellung, daß er von den Menschen verspottet und verachtet werde, gequält. — Seiue Einsie« delei war, wie gesagt, nicht weit von. der kleinen Stadt Marccna gelegen; so oft er also in dieselbe ging, sey eS um die heil. Sacramente zu empfangen und dem Gottesdienste beizuwohnen, sey eS auch um daS kärgliche Almosen', womit er sein Leben fristete, zu begehren, nnd so oft die Bewohner der Umgegend zu seiner Einsiedelei gelangten, kam es ihm vor, daß aller Augen auf ihn mit Verwunderung gerichtet seyen, und eS war ihm eine große Pein, von den Menschen für einen Schwärmer, Frömmler oder auch für einen Heuchler gehalten zu werden. Es war ein harter Kamps, aber vielleicht war er weniger gefährlich als jener, in dem so manche erliegen, indem sie dem eitlen Verlangen, durch außerordentliche Uebungen der Frömmigkeit sich vor den Menschen auszuzeichnen, nachgeben, und so der geistlichen Hoffart anheim fallen. Johannes bekämpfte seine falsche Scham mit großem Eifer und flehte mit heißen Thränen zu Gott, ihm beizustehen, daß er ihn vor den Menschen mit Freimuth bekenne, und eS nicht scheue, dessentwegen verachtet zu werden, der auS Liebe zu unS dem ganzen Volke zum Spott und Hohn geworden. Er obsiegte, aber erst nach langer Anstrengung. (Fortsetzung folgt.) Nur ein Traum Ein Geistlicher kam eines Tages in daS HauS einer vornehmen besreundeten Familie. Da fand er die Tochter des HauseS, ein blühendes, lebenslustiges Mädchen 238 von achtzehn Jahren, in sich gekehrt, den Kopf in die Hand gestützt, am Fenster stehen. Er fragte nach der Ursache ihrer Blässe nnd ihres Ernstes, nnd sie erzählte ihm folgenden Traum: »Ich befand mich in einem großen, prächtigen Saale voll glänzender Beleuchtung, lieblicher Wohlgerüche, bezaubernder Musik. Tanzende Paare schwebten durch den Saal, ich selber unter ihnen, voll Jubel und Lust. Draußen war eS Nacht und der Slurm schlug gegen die Fenster. Auf einmal war es mir, als schrillten die Töne wild durcheinander — der Boden wankte nnter meinen Fußen, die Kerzen flackerten hoch auf, beleuchteten mit grünem Schimmer leichenhafte Angestchter — und erloschen. ES war Nacht. Weiche Hände hoben und trugen mich, ich weiß nicht, wie lange. Endlich fiel eS mir wie Schuppen von den Augen, ich sah Licht, ein wunderbares klingendes Strahlenmeer. Auf einem mit Demanten besäten Throne saß Einer, dessen Angesicht ich nicht erkennen konnte. Ringsum standen leichte, blitzähnliche Gestalten in Gewändern weiß wie der Schnee, die mir zuwinkten nnd ihre Arme nach mir ausstreckten. Unter dem Throne aber entsprang ein Strom, klar wie Krystall. Unwillkürlich wendete ich meine Blicke hinab — ich erblickte mich selbst, aber mir schauderte. Immer unheimlicher ward mir zu Mnth. Das Licht blendete, aber wärmte mich nicht. Die Töne, die ich hörte, waren sanst und lieblich, aber sie machten mich schwermüthig. Viltre Thränen rollten mir aus den Augen. Wo bin ich? fragte ich angstvoll." „Du bist im Himmel," erwiderte eine sanfte Stimme. „Wer hat mich Hieher gebracht?,rief ich hastig. Ich kann hier nicht auShalte.i. Bringt mich wo anders hin! ......... Und ich war wo anders. Ich lag auf weichen Polstern in einem matt erleuchteten Zimmer. AnS der Ferne tönte das Schleifen des Tanzes, daS fröhliche Tosen der Musik. Eine unbeschreibliche Lebenslust ergriff mich. Magnetisch zog eS mich in die fröhlichen Reihen. .Ich erhob mich, ich riß die Thüre auf — da sah ich... mich selber bln'ch im Sarge liegen. Dumpf tönten zwölf Schläge.... ich erwachte." „Kalter Schweiß rann von meiner Stirn — ich lag in meinem Bett — eS war Mitternacht — der Himmel mit unzählichen Sternen fchante in mein einsames Schlafgemach. Gott sey Dank, ich hatte nur geträumt!......." !M „Nur geträumt!" erwiderte der Geistliche nach einer P,mse. „Freilich, Träume sind Schäume," fuhr sie fort, „doch kommt mir dieser Traum heut sehr ungelegen. Ich fürchte, er wird mir den ganzen Abend verderben." „So gehen Sie heule noch in Gesellschaft?" ^ „Freilich, aber bloß zu einem kleinen Familienlall, bloß auS Rücksichten____ Sie halren doch das Tanzen an sich nicht für Sünde?" „An sich nicht," versetzte der Gnstliche, „Aber Sie wollen heut tanzn» ?" „Natürlich," — antwortete sie etwas gereizt. „Ich muß ja wohl — mein Balcr DWihtA?S "7nk'!,n ,,!chii,H n;ntt M chii» ?,m?Ä. mA'smtzz'i Zn«lln;guvlctnv<^ . Die Secten in Nordamerika «Ii^M'Mici! ,t»-!? zur Würde einer Metropolitankirche erhoben. — Kurz darauf erneuerte sich das griechische Schisma unter dem gottlosen Michael CerulariuS; — und weil Rußland mit Konstanrinvpel, dem eigentlichen Herde des SchiSmaS, in naher Verbindung stand, mußte nothwendig das von dem aufrührerischen Patriarchen von Konstantinovcl gegebene Aergerniß sehr verderblich auf die russische Kirche einwirken und dieselbe mit in das Schisma verwickeln. Dennoch aber hat die russische Kirche ihre Einheit mit der römischen länger erhalten, als ihre Schwester, die griechische. Der fünfte Metropolit von Rußland, der sanfte Hilarion, der zur Zeit des abtrünnigen CerulariuS der russischen Kirche vorstand, war auf dem Concil zu Kiew von den russischen Bischösen ohne alle Mitwirkung des Patriarchen zu Konstantinopel gewählt worden. Er, so wie die fünf folgenden Metropoliten, bis auf Nikolaus I. (W96 bis 1106), waren, obschon Griechen, dennoch dem griechischen Schisma des Michael CerulariuS fremd und bekundeten dagegen eine innige Freundschaft mit der Kirche von Rom und ihrem Oberhaupte. Daher nahmen auch die päpstlichen Gesandten, der Cardinal Hubert, und Petrus, Erzbischof von Amalphi, nachdem sie im Jahre 1054 den CerulariuS in Kvnstautinopel öffentlich seiner Vcrrnchtheiten überwiesen und ihn rrcommunicirt hatten, dann aber vor dem Wütherich die Flucht ergreifen mußte», ihren Weg durch Rußland, wo sie die gastfreundlichste Aufnahme fanden. In die Zeit der völligen Einheit der russischen mit der lateinischen Kirche fällt nun auch die Abfassung aller Kirchenbücher, deren sich die russische Kirche beim Gottesdienst im Ganzen noch bis auf den heutigen Tag bedient. Viele derselben sind von Männern verfaßt, die ganz mit der römischen Kirche vereint waren, und von ihr zu dieser Arbeit sogar den Auftrag erhalte» hatten. So ist daö große Menäum der russischen Kirche, eines der Hauptbücher des öffentliche» Gottesdienstes, welches die Gebete und Gesänge und Ceremonien für alle Sonn- und Festtage des Jahres enthält, vom heil. Cyril, dem Bruder des heil. Methodius, die beide zu Rom starben und die Apostel der Slaven und Bulgare» waren, versaßt worden. Wegen der i» der ersten Zeit »och immer bestehenden Einheit der russischen Kirche mit Rom nahm auch der mächtige Großsürst Jsäslaw, um sich gegen seinen blutdürstigen Bruder im Besitze des Reiches zu erhalte«, seine Zuflucht znm Papste Gregor VII. und flehte ihn in seiner Bedrängniß um Schutz und Hülfe an. Der Sohn des Großfürsten kam selbst nach Rom und trug dem Papste demüthig des Vaters Bitte vor. Gregor nahm sich mit aller Liebe und Wärme deS bedrängten Großfürsten an. Unverzüglich sandte der Papst seine Gesandten ab und stellte die Eintracht zwischen dem Großfürsten und seiuem unwürdigen Brnder wieder her, so zwar, daß Jsäslaw bald wieder in sein väterliches Erbe zurückkehren kounte. Gregor VII. begleitete den juugm Herrschersohn mit einem rührenden nnd väterlichen Schreiben vom 15. April 1075, in welchem er ihm im Namen des Apostelsü-sten PetrnS die Herrschaft über Rußland ertheilt, mit dem Wunsche, daß dieser ihn uud seinen Vater sammt ihrem Reiche durch seine mächtige Fürbitte bei Gott beschütze, sie im Besitze deS Reiches bis an ihr Ende glücklich erhalte und nach vollenderein Leben ihnen eben so beim König deS Himmels die ewige Glorie erflehen wolle. Der Papst versicherte serner beide seines Wohlwollens und verheißt ihnen in allen gerechten Gesuchen seine und deS heiligen apostolischen Stnhles wirksame Hülfe und Verwendung. — In derselben Zeit, wenige Tage nachher, erließ Gregor VII. gleichsalls an den mächtigen Polenkvnig BoleSlav I. ein Schreiben, in welchem er ihn auffordert, dem König der Russen mit aller Liebe zu begegnen nnd ihm die entrissenen Schätze zurück zu erstatten. Diese Einheit der russischen Kirche mir der lateinischen hat sich unter manchem Wechsel und Schicksal bis in'ö fünfzehnte Jahrhundert erhalten. Die Spuren von einem durchgreifenden Schisma zwischen beiden Kirchen sind selten und lassen sich nur in einzelnen Männern nachweisen. Russische Gelehrte und hochgestellte Männer, sowohl im Klerus als im Staate, haben alles Mögliche aufgeboten, um das Schisma ihrer Kirche fo viel wie möglich in die früheste Zeit hinauszusetzen. Doch die dafür 243 < vorgebrachten Beweismittel sind größtentheilS unterschoben, verfälscht und in späteren Zeiten, wo der Haß der griechischen Kirche gegen die lateinische leider anch auf die ssische übergegangen war, verfaßt. Vor dem Jahre 1118 läßt sich mit Sicherheit keine Spur von einer Trennung der russischen und römischen Kirche nachweisen. Um diese Zeit war Nieephör I. Metropolit von Rußland. Er richtete ein Sendschreiben an den Großfürsten Wladimir II. unter dem Titel: „Ueber die Lateiner und ihre Trennung von der morgcn- ländischen Kirche." Nicephor war ein gcborner Grieche, im Jahre 1106 vom Patriarchen von Konstantinopel zum Metropoliten von Rußland geweiht, und hatte hier jenen traurigen Haß gegen die römische Kirche eingesogen, den er später auch in die russische Kirche zu verpflanzen bemüht war. — Jedoch nahm der russische KleruS nicht allgemein Antheil an dem feindlichen Geiste deS abtrünnigen Metropoliten. Denn lateinische Priester wirkten und arbeiteten noch immer ungestört an der Seite russischer Priester. Verehrt doch heute noch die russische Kirche den frommen Mönch Anto- 'niuS, der Römer genannt, der von Lübeck auö nach Rußland gekommen war, das nach ihm benannte AntoniuSkloster ungefähr zwei Werstc von Nowgorod gründete und von dort auS mit den Seinigen unermüdlich für die Ausbreitung des Christenthums wirkte. Die russische Landeskirche und die rnthenisch - um'rte feiert das Andenken dieses großen Dieners Gottes am 6. August. AntoniuS starb 1147. Sein Kloster har den Stürmen von sieben vollen Jahrhunderten getrotzt und segensreich gewirkt bis auf unsere Tage. Wie man von Konstantinopel auS, angetricben von Haß und Leidenschaft gegen den Primat, immer auf die LoSreißung der russischen Kirche von der römischen hinarbeitete, so waren die Päpste unermüdlich thätig für die Erhaltung der Einheit, Sobald sich irgend ein Hoffnungsschimmer zeigte für die Aussöhnung und Wiedervereinigung mit Konstantinopel, suchte man auch Rußland znr Einheit zurückzuführen. — Als der große Papst Jnnocenz III. so glücklich war, den griechischen Kaiser Ale- riuö nnd den Patriarchen von Konstantinopel Johannes LomateruS im Jahre 1201 mit der römischen Kirche zu vereinen, schickte er auch seine Legaten nach Rußland, und lud die Prälaten dieses Landes in liebevollster Weise zur Aussöhnung uud Wiedervereinigung ein. In seinem Sendschreiben gedenkt der Papst der strengen Züchtigung uud Noth, welche über das griechische Kniserreich gekommen ist, mit folgenden Worten: „Und wer weiß, ob sie nicht wegen ihrer Rebellion nnd ihres Ungehorsams bestraft und zur Beute geworden, auf daß ihnen die Noth Verstand leihe, und sie jenen im Unglück erkannten, den sie im Glücke nicht kennen wollten. Deßhalb, theuerste Brüder und Söhne, schicken wir euch unsern geliebten Sohn, den Cardinal Wilhelm, einen gelehrten, tugendhasten, weisen und umsichtigen Mann, der wegen seiner großen Verdienste meine und meiner Brüder Achtung besitzt, auf daß er die Tochter zur Mutter und das Glied zum Körper zurückführe, uud der auch von mir alle Vollmacht erhalten, auszurotten und zu zerstören, anzubauen und zu pflanzen, was er nur immer in euren Gegenden gut befinden wird," Jetzt entwickelten auch die beiden neuen Orden, die Gott der Kirche durch den heil. Dominikus und Franciskus gegeben-- hatte, eine besondere Thätigkeit in Rußland. Vorzüglich wirkte der heil. Hyacinth Odrowaz, einer der ersten und würdigsten Jünger des heil. DominikuS und der größ e Wnnderthäter seines Jahrhunderts, unermüdlich für die Verbreitung der katholischen Kirche in Rußland. In Kiew fand er mit seinen drei Ordensbrüdern, Godin, Florian und Venedikt, die freundlichste Aufnahme, verweilte daselbst vier volle Jahre seit 1222 bis 1227 und gründete das schöne Kloster znr heil. Jnngsrau, dessen Leitung bei seiner Abreise Godin übernahm. Durch seine Worte und Wunder belebt, nahmen viele Priester zu Kiew, die natürlich alle der griechischen Kirche angehörten, das Kleid deS neuen und um die Kirche bald hochverdienten Dominikanerordens. — — Um diese Zeit waren auch vom heil. Stuhle mehrere FranciSkaner zu den Tartaren gesendet worden, um sie znm Christenthum«: zu bekehren. Sie nahmen ihren Weg über Masovien 244 und Volhynien. In Wladimir, der Residenzstadt, hatten sie mit dem Fürsten Daniel, den Bischöfen und Bojaren deö Reiches mehrere Unterredungen. Alle zeigten sich geneigt, den Papst als ihren Herrn und Vater anzuerkennen und die römische Kirche als ihre Mutter und Lehrmeister«!, Daniel ließ sofort seine Gesandten mit Briefen an den Papst abgehen, um die Vereinigung der russischen Kirche mit der römischen zu betreiben, »l>d Jnnocenz IV, sandte darauf mit den nöthigen Vollmachten den frommen und gelehrten Minoritcn Johann von Carpino nach Wladimir, Daniel und sein Bruder Wassilko vereinigten sich mit der katholischen Kirche. — Die FranciSkaner arbeiteten unermüdlich in den russischen Staaten, lehrten, katechi- sirten und tauften die Gläubigen, ohne auch nur den geringsten Widerstand seitens des russischen Landes-KleruS zu finden. Die mit großer Mühe zu Stande gebrachte Einheit suchten die beiden ränkevollen Metropoliten Pimen und Photias wieder zu zerstören. Pimen wnrde aber wegen seiner Schlechtigkeit auf einem Concil feierlich abgesetzt nnd ende«e im Jahre 1389 sein Leben im Gefängniß. Sein Nachfolger aber, Cyprian, war ein anfrichtiger Freund der römischen Kirche; zu seiner Zeit traten alle russischen Bischofsstühle Lithauens zur Union über — Bald jedoch drohte der Same des SchiSmaS, welchen Pimen unter den KlernS ausgestreut, den aber Cyprian gleich bei seinem Auskeimen erstickt hatte, neue Wurzel zu fassen. Zum Unglück für die russische Kirche bestieg wieder der herrschsüchtige Grieche, PhotiaS, durch die unerlaubtesten Mittel und ehrlosesten Handlungen den Mctropolitenstuhl. Er war cin schlauer, unternehmender, und mehr für weltliche als kirchliche Angelegenheiten besorgter Mann, und dabei ein geschworner Feind der römischen Kirche. Seine hohe Würde diente ihm nur dazu, um seinen Schatz durch die widerrechtlichsten Mittel zu fülle»; er erlaubte sich Erpressungen und Gewaltthätigkeiten aller Art gegen Klcruö und Volk, Als aber das Maaß der Bosheit voll war, wurde Photiaö auf einer Versammlung zu Kiew im Jahre 1414 wegen seines Hochmuthes und wegen der schmutzigsten Habsucht seiner Würde entsetzt. In dieser Zeit wurde auch der Metropolitenstuhl von Rußland in den von Kiew und Moskau getrennt; der erstere regierte die im Süden, der letztere die im Norden di'es>S Reiches gelegenen Bisthümer. Mehr aber als bei allen frühern Versuchen schien die Aussöhnung der griechischen und lateinischen Kirche durch die Bemühung des PapstcS Eugen IV, auf dem Concil zu Florenz im Jahre 1438 — 39 zn Stande zu kommen. — Der edle Patriarch Joseph zu Konstantiiiopel war von dem ansrichtigsten Wunsche der Vereinigung durchdrungen und suchte deßhalb zugleich die russische Kirche für die vollständige Aussöhnung zu gewinnen. Er ernannte daher, weil die Stühle zu Kiew und Moskau durch den Tnd deS Photias und Gerassim erledigt waren, den eben so gelehrten als frommen Jsidor, den er selbst zum Bischof geweiht hatte, zum Metropoliten von ganz Rußland, sowobl für Kiew, als Moskau. Jsidor begab sich im Frühjahr 1437 nach Moskau, wo ihn der Großfürst mit allen Auszeichnungen und Ehren auf daS liebevollste aufnahm. Im Einverstäiidm'ß mit dem Patriarchen von Konstantinvpel suchte er den Großfürsten zum Beitritt zur Union zn bewegen, und bat sich von ihm die Erlaubniß ans, dem allgemeinen Concil beizuwohnen, welches vom Papste in Ferrara zur endlichen Vollbringung dieses langersehnten Werkes gehalten werde, Jsidor verließ, da ihm der Großfürst, wenn auch ungern, die erbetene Erlaubn,') ertheilt hatte, am 8. September 1437 Moskau und langte in Begleitung eines glänzenden Gefolges von Geistlichen, Bojaren und andern Großen deö Reiches, über hundert an der Zahl, am 18. August 1433 in Ferrara an. Der griechische Kaiser und sein Sohn, der Thronerbe, der Patriarch von Konstantinvpel nnd die übrigen Metropoliten, Erzbischöfe, Bischöfe und Archimandriten waren bereits mit einem glänzenden Gefolge von 753 Personen im Monat Februar und März dieses JahreS in Ferrara eingetroffen, und wurde vom Papste, dem deutschen Kaiser Albrecht von Oesterreich, den Cardinälen, Bischöfen und mehreren Fürsten des Abendlandes mit ungewöhnlicher Pracht 245 empfangen. Gleiche Ehrenbezeigungen erhielt auch Jsidor mit den Seinigen. — Wegen der Pest mußte das Concil von Ferrara nach Florenz verlegt werden; in Florenz wurden aber sofort die Sitzungen wieder eröffnet, die vom 26. Februar bis zum 26. Juni 1439 dauerten, an welchem Tage die Union beider Kirchen zu Stande kam. Um dieses glückliche Ereigniß durch eine große Feierlichkeit zu verewigen, wurde die Union erst am Tage der heil. Apostelfürsten Petrus und Paulus bekannt gemacht. Der Papst selbst hielt daS feierliche Hochamt und nachdem es geendet und die übliche» Gcbeie und Danksagungen für den glücklichen Ausgang des Concils verrichtet waren, läS der Cardinal Julius Cäsarini, Bischvs von Sabina, das Unionödecret in lalcinischer und Bessarion in griechischer Sprache vor. In heiliger Freude und Danlbarkeit verließen die versammelten Väter Florenz. Papst Eugen IV. hatte mit einer Großmuth, die keine Gränzen kannte, und sein Privatvermögm und die Schätze deö Staates überstieg, alle Auslagen gedeckt, die nur immer zu einem so langen Unterhalte einer so glänzenden und zahlreichen Versammlung nöthig waren, so zwar, daß er am Ende seine kostbare Jusul dem Herzog Cosimo verpfänden mußte. Der Kaiser und sein zahlreiches Gefolge war aus Kosten deS Papstes gekommen und kehrte wieder auf dessen Kosten zurück. — Jsidor von Kiew und Moskau, den gleichfalls der Papst für seine Bemühungen, da er auf dem Concil neben Bessarion die ausgezeichnetsten theologischen Kenntnisse entwickelt und den größten Eifer für die Union erwiesen, vielfältig ausgezeichnet und in einer Bulle vom 17. August 1439 zum päpstlichen Legaten g Istere für Lithauen, Livland und Rußland, und am 4. December desselben JahreS gemeinschaftlich mit Bessarion zur Cardinalwürde erhoben hatte, kehrte hocherfreut über die geschehene Vereinigung nach Nußland zurück. Wenn nun aber, ungeachtet aller Opfer, Mühe und Arbeit seitens der römischen Päpste, dennoch später das Schisma in der ärgerlichsten Weise sich erneuerte, so fällt die ganze Schuld dieser fnrchibaren Sünde allein auf Rußland zurück. — Der eifrige Papst Eugen IV., so wie seine Vorgänger und Nachfolger konnten der ganzen ge> trennten griechischen Kirche und ganz Rußland mit vollem Rechte die Worte deS Erlösers zurufen, die er weinend über Jerusalem sprach: „Jerusalem, Jerusalem, die du tödtest die Propheten und steinigst, die z» dir gesandt werden! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein versammelt unter ihre Flügel! Und du hast nicht gewollt." Matth. 23, 37. Wer wüßte nicht, daß auch die hinzugefügte Drohung des Herrn: „Siehe, ener HauS soll euch wüstc gelassen werden" — an Rußland in Ersüllung gegangen? (Mimst. S.-Bl.) Leben des ehrwürdigen Johannes Grande. (Fortsetzung.) II. Johannes widmet sich der Uebung der Barmherzigkeit. Als Johannes eines Tages vl'n seiner Einsiedelei in die Stadt ging, sah er zwei Bettler krank am Wege liegen. Der Anblick dieser in ihrem Elende von Allen Verlassenen durchschnitt ihm daS Herz, uud er fühlte sich mächtig angetrieben, aus allen Kräften ihnen beizustehen. Er suchte und fand für sie ein Obdach, uud trug sie auf seinen Schultern hin. Dann eilte er in die Stadt, um milde Gaben zu sammeln, und kehrte zurück, um seine Kranken mit aller Liebe und Sorgfalt zu pflegen. ES kamen bald noch andere, die derselben Hülfe bedürftig waren, und Johannes »ahm sich ihrer mit gleicher Theilnahme an. — Er fand in dieser Uebung der Barmherzigkeit, durch welche er denjenigen, der unsere Schwächen und Krankheiten auf sich nahm, nachahmen konnte, vielen Trost und eine heilige Freude. Aber auch die Ruhe, mit welcher er bis dahin in seiner Einsamkeit der Betrachtung himmlischer Dinge 246 und der Sorge für seine Seele obgelegen, schien ihm überaus kostbar. Er fürchtete, daß die Nähe der Menschen und der Verkehr mit ihnen, die mancherlei Sorgen und Beschäftigungen, denen er sich in einer solchen Lebensweise unterziehen mußle, der Reinheit seine Seele gefährlich werden und ihn des Umgangs mit Gott beraube» möchten. Indessen wußte er wohl, daß die Wege, auf welchen Gott seine Diener führt, verschieden sind; daß jene, die Er zur Thä'igkeit unter den Menschen beruft, durch seinen Beistand auch inmitten äußerer Beunruhigung den Frieden der Seele und den Geist deS GebeleS bewahre!, können: und daß diejenigen, welche Er in die Einsamkeit führt, auch in ihrer Abgeschiedenheit nicht aufhören, durch ihr Gebet-, ihre Buße unv alle gute» Werke den Nächsten znm Heile zu leben, Alles kommt »ur darauf an, daß wir in der Wahl deS WegeS, den wir gehen, durch den Geist Gottes geleitet werden. Daher war denn auch Johaimcs, seildem diese Zweifel seine Seele beunruhigten, auf nichts so sehr bedacht, als durch heißes Gebet und Ucbnnz frommer Werke sich Licht von ode» zu erwerben. Es warv ihm gegeben, und zwar auf solche Weise und in solchem Maaße, paß ihm kein Zweifel übrig blieb, er sey berufen, unter seinen Mitmenschen zur Linderung ihres mannigfaltigen Elenvs zu wirken, Statt sich also, wie er gesonnen gewesen war, noch tiefer in die Einsamkeit zu begebe», und, wo möglich, vor der Menschen Augen ganz zu verbergen, begab sich nun Johannes in die volkreiche Stadt Xerez ans der Gränze Andalusiens an der Meereöenge von Gibraltar gelegen. Als er derselben ansichtig wurde, fühlic er seine ganze Seele von tiefem Frieden und süßem Troste erfüllt; er wußte, daß Gott diese Stadt zum Schauplatz seiner Wirksamkeil bestimmt hatte, und zweifelte nicht, daß sein Wirken voll Mühe und Leide» seyn werde; aber im Gefühle jenes Friedens schien sein Kampf ihm schwer Ehe er jedoch seinem neue» Berufe gemäß thätig zu seyn t'egann, gestaltete Gott nochmals dem Versucher, sich ihm zu nähern. Johannes ward plötzlich von einer hefligen Traurigkeit und großem Wiverwillen an allem, was er unternehmen sollte, befallen; es kam ihm vor, als habe er den Weg verloren und irre weit von Gott in der Finsterniß umher- Nach langem Gebete cillc er in die Kirche der Franziskaner und eröffnete einem dieser Väter seinen ganzen Seelenzustand. Derselbe ermähnte ihn, an der Wahrheit deS Berufes, den er glaubte von Gott empfangen zu haben, nicht zu zweifeln, und ihm trotz der innern Pein, die bald vorübergehen werde, zu folgen. Jed.ch rieth er ihm, für jetzt statt der Kranken ver Gefangenen sich anzunehmen. Johannes war folgsam, und ohne Verzug begab er sich in das Gefängniß, um die Ausscher zu bitten, daß es ihm erlaubt sey, die Gefangenen zu besuchen nnd ihr Elend durch Gaben, die er für sie sammeln w-rde, zu mildern. ES ward ihm gestattet, und noch nicht lange hatte er unter diesen Unglück, liehen auf jene Weise gewirkt, als er auch schon das Vcrlrauen der Wärter sich in hohem Grade erworben hatte, daß er nun nicht mehr bloß nach Wohlgefallen ein- und ausgehen, sondern anch ii» Gefängnisse selber wohnen durfrc, damit er nämlich bei Tag und Nacht, sobald irgend ein Vorfall seine Hülfe fordere, in der Nähe sey. Wie war er nun bemüht, daS Tagwerk, das Gott ihm angewiesen, mit Eifer zu vollbringen! Zuerst trachtete er durch Liebe und Theilnahme sich das Zutrauen dieser Unglücklichen, die von der menschlichen Gesellschaft verstoßen, ihre Tage in finsterer Traurigkeit verleben, zu gewinne». Er brachte ihnen e>fc Erquickuugen und erwirkte nicht selten irgend eine Linderung ihres Looseö, So öffnete er sich den Weg zu ihrem Hcrzcu, und die Worte des Trostes und der Hoffnung, die er sprach, fanden Eingang. Er belehrte sie, in der Strafe, die übrr sie verhängt war, eine barmherzige Fügung GotlcS zu erkennen, der sie nämlicki in diesem Leben strase, um ihrer in der Ewigkeit zn schonen; er ermähnte sie, die Zeit, die Golt ihnen gegeben, in sich zu kehren, nicht unbenutzt zu lassen, unv durch die Demuth und Geduld, womit sie, lemer Fügung sich unterwerfenihr hartes Schicksal ertrügen, seiner Gnade sich wieder würdig zu machen, und so sich den Weg aus dem Kerker in den Himmel zu eröffne». Bei vielen verfehlten so liebevolle und vem Werken der Tugend begleitete Wvrte ihre Wirkung nicht; aber es gab auch manche verhärtete Seelen, die gegen alle Vorstel- 247 ZliNiVt ti^InlÄ^ ^ 6 no<' ^56 ci>il Il>im ^töit!» v^m c»t1^>s^Ilri lungen gleichgültig, durch den frommen Liebeseifer unseres Johannes nur dazu bewogen wurden, daß sie immer größere Unterstützung von ihm, nicht anders, als gebührte sie ihnen, mit Ungeduld nnd Frechheit begehrten. Sie lohnten dem gottesfürchtigen Jüngling seine Liebe mit Ausbrüchen roher Leidenschaft, und die sanfte Gelassenheit, die er diesen entgegensetzte, reizte sie, mit um so größeren Ungestüm über ihn herzufallen. Nicht selten wurde JolmnueS an dem Orte, wo ihn nur das Verlangen, wohlzuthun, festhielt, nicht nur beschimpft, sondern auch mit Fäusten geschlagen und mic Unralh beworsen. Aber weder der Undank dieser Verbrecher, noch die Beschwerden des Dienstes, den er übernommen, noch mich der widerliche Ansenthalt deS Ortes, den er znr Wohnung gewählt, besiegten seine Liebe. Ein Blick aus den Heiland, der von dem Volke, unter dem er wohlthuend umhergewandelt, gegeißelt und mit Dornen gekrönt, aus der Stadt geschleppt und an's Kreuz geschlagen wurde, genügte, die Ruhe seiner Seele zu bewahren, und sich deS kostbaren Schatzes, der in Mühsalen und Verdemüthigungen verborgen ist, zu erfreuen. Er lag aber anch mitten unter diesen seinen Arbeiten und trotz so vieler beunruhigender Vorfälle dem Gebete mit standhaftem Eifer ob, und war in demselben so gesammelt, daß ihm Stunden wie Augenblicke verflossen. Drei Jahre hatte Johannes auf solche Weise zugebracht, und eS scheint, daß sie die Probezeit waren, in der er für seinen eigentlichen Berns sollte vorbereitet werden. Sein Leben unter den Gefangenen war eine beständige Uebung der Demuth und Selbst- verläugnung, und in diesen Tugenden mußte er wohl begründet seyn, um ohne Gefahr die öffentliche Wirksamkeit, die ihm bestimmt war, beginnen zu können. Nach Ver- fluß jener drei Jahre wurde er durch ein himmlisches Gesicht aufgefordert, das Gefängniß zu verlassen und in das Krankenhaus zu gehen, um den Vorstehern desselben seine unentgeldlichen Dienste anzubieten. Johannes gehorchte; aber er hätte keinen unglücklicheren Zeilpunct für ein solches Vorhaben wählen können. Denn es war kurze Zeit vorher ein Mensch in Zcerez gewesen, der im Namen des heil. Johannes von Gott Gaben der Liebe zur Pflege armer Kranken sammelte. Er halte sich mit vieler Kunst den Schein großer Frömmigkeit gegeben, und der Name jeneö Heiligen, dessen Orden eben damals sich auszubreiten begann, war in Lerez, wie in ganz Spanien in hoher Verehrung. So flössen also jenem Fremden die milden Gaben reichlich zu. Nachdem er nun eine bedeutende Summe zusammengebracht, entfloh er mit derselben , die Krankn: der Stadt ohne Unterstützung lassend. Der Arm der Gerechtigkeit erreichte ihn jedoch, und er büßte seinen Frevel mit schimpflichem Tode. Ein solches Beispiel von Heuchelei erregte gegen Johannes Anerbieten Verdacht. Mit Schwierigkeit gestattete man ihm, die Kranken zu oedienen und für sie Unterstützungen zu sammeln, und mit großem Mißtrauen beobachtete man alle seine Schritte. Aber dcr Pöbel der Stadt halte keine Geduld, durch solche Beobachtung erst zu erforschen, ob sein Verdacht gegründet sey. Noch voll Erbitterung über jenen Heuchler brach er über Johannes ohne weiteres den Stab. Man schrie ihm auf dcr Straße nach und erklärte ihn desselben Verbrechens und derselben Strafe schuldig. Der Diener Gottes ließ sich indeß nicht irre machen. Er kannte ja bereits durch lange Erfahrung, wie kostbar die Schmach und Verfolgung ist, die man in der Nachfolge Christi findet; und da er in nächilichem Gebet hierüber noch größere Erleuchtung cmpfing, erglühte seine Seele vom Verlangen, mehr und immer mehr Unbilden um Christi willen zu erdulden. Es wurde ihm bald Gelegenheit dazu geboten. Ein Hanfe roher Menschen umzingelte ihn, man weiß nicht, ob auf besondere Veranlassung, oder nur wegen des erwähnten Verdachtes. Sie überschütteten ihn mit Verwünschungen und Schimpsreden, drangen dann auf ihn ein, und als ergrimmten sie über die ruhige Geduld, mit welcher der fromme Johannes sie ohne allen Widerstand gewähren ließ, schlugen sie ihm in's Angesicht, warfen ihn endlich zu Boden und stampften ihn voll Wuth und Verachtung mit Füßen. Ohne einen Laut der Klage und ohne ein Zeichen des Zornes ertrug er alleS. Indessen bewirkte eben der Verpacht, der auf ihn gefallen war, daß seine Tugend von dem besseren Theile der Einwohner der Stadt erkannt ward. Denn je sorg« 248 faltiger man ihn beobachtete, desto mehr mußte man sich bald von der Reinheit seiner Absichten und der Aechtheit seiner Frömmigkeit überzeugen. Schon hatte er sich also das Vertrauen vieler und angesehener Bürger erworben, und die Gaben, womit er seinen Kranken Erquickimg verschaffte, wurden ihm immer bereitwilliger gewährt. Da brach eine andere Verfolgung, die ihn viel schmerzlicher berührte, aus. Die in dem Krankenhause, worin er sich aufhielt, angestellten Wärter waren keineswegs von jenem Geiste uneigennütziger Liebe, der den frommen Johannes erfüllte, beseelt. Sie vernachlässigten ihren Dienst, behandelten die Kranken mit Härte, und verwendeten nicht immer mit Treue,, was zur Pflege derselben bestimmt und ihnen anvertraut war. Johannes machte ihnen zuweilen liebreiche Vorstellungen, aber viel mehr noch als seine Worte war sein Thun und Wirken unter den Kranken eine Strafpredigt, die sie nicht länger ertragen konnten. Sie beschlossen, sich seiner zu entledigen, und es gelang ihnen. Johannes erhielt eines TageS von den Vorstehern des SpitalS die unerwartete Weisung, daß ihm der Zutritt in die Krankenzimmer nicht serner könne gestattet werden. Tiefer als jede andere Kränkung mußte er diese Maaßregel empfinden. Sie sonderte ihn von seinen geliebten Kranken und schien ihn mit einemmale aller Mittel zu berauben, seinem Berufe zu leben. Aber eS war nicht so. Gott hatte diese Verfolgung mir zugelassen, um ihm einen viel größeren Wirkungskreis zu eröffnen. (Fortsetzung folgt.) Ein GlaubenSbekeuntniß am Sterbebette. Ein vornehmer Beamter, der in seinem Glauben und in seinen religiösen Ansichten eben so tief gesunken war, als er in seiner amtlichen Stellung hoch gestanden, machte fich'S znm angelegentlichsten Geschäfte, selbst auch in Gegenwart seiner häuslichen Umgebung über Glauben und Religion tüchtig loszuziehen und zu zeigen, daß er eine unbesiegbare Verachtung gegen alles das im Herzen trage, was Gott und Religion betrifft. Wunderbar genug: der allweise Gott hatte diesem Freigeiste eine wahrhaft brave Katholikin, ein Muster wahrer Tugend und Frömmigkeit, zur Gemahlin gegeben. Doch sie vermochte nichts gegen den Unglauben ihres ManneS. Da erkrankte auf einmal das einzige Kind, welches der Himmel diesem Ehepaare geschenkt, ein achtzehnjähriges Mädchen voll guter Eigenschaften. Mit sorgsamer Pflege hatte sie ja die edle Mutter sür Religion und Tugend herangebildet, allein auch die gottlosen Grundsätze des irreligiösen Vaters hatten im jugendlichen Herzen hin und wieder Anklang gefunden, und wären vielleicht unter dem schlimmen Einflüsse der argen Welt alsbald über die besseren Gesinnungen, die ihr die liebende Mutter eingepflanzt hatte, Herr geworden, wenn nicht der himmlische Gärtner sich frühzeitig um diese zarte Blume umgesehen hätte. Mit jedem Tage drohte die Krankheit des Kindes gefährlicher zu werden, und schon schien kein Mittel zur Rettung mehr vorhanden: da saß denn eines TageS der besorgte Vater mit nassen Augen am Krankenbette des theuren Mädchens und pflegte seiner mit väterlicher Theilnahme und troa> nete eben den Angstschweiß von der bleichen, kalten Stirne der geliebten Tochter, — als sich daS gute Kind aufrichtete, dem Vater starr in'S Auge blickte und ernsten ToneS zu ihm sprach: „Vater, ich fürchte — daß mein Ende naht; — ich muß Dich jetzt noch um Etwas fragen. — Sag' mir einmal — was muß ich nun glauben — das, was Du mich gelehrt oder was meine Mutter mich zu glauben lehrte?" — Wie ein Blitzstrahl fuhrS durch die Seele deS überraschten Vaters, er senkte seinen Blick und sprach: „Kind! glaube fortan nur, was deine fromme Mutter dich gelehrt hat." Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags - Inhaber: F. C. Krem er. Vr-yehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PoAzeitung. 7. August. SS. 1853. Diese« «latt erscheint regelmäßig alle Tonntage. Der halbjährige Abvouemcntsvrei« kr., wofür e« durch all« köuial. baver. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kau». Die HeiltgthumSfahrt nach Aachen.*) Wer aus dem Innern von Deutschland nach Aachen kommt, glaubt die Gränze bereits überschritten zu haben; er befindet sich unter einer sehr beweglichen, aufgeweckten, lustigen Bevölkerung, in welcher der alte fränkische Charakter sich erhalten zu haben scheint, deren Mundart zwar die deutsche, aber von dem Fremden um so schwerer verstanden wird, da der eigentliche Laut der Wörter in dem singenden Ton, in welchem man sie spricht, nur von dem geübten Ohr leicht herausgehört wird. Kehrt man Hinzegen aus Frankreich und Belgien nach Deutschland zurück, so wird man umgekehrt, ehe man noch nach Aachen kommt, durch die Hügel, Gründe und hellen Bäche schon daran erinnert, daß man sich in Deutschland befindet, und Kalo fühlt man sich von der mannigfaltigen Schönheit der umgebenden Natur, von dem Reiz der Hügel, von dem Schmelz der Wiesengründe und dem frischen Hauch der Waldparn'en, von den kleinen Seen und den heißen und warmen Quellen zur Erinnerung an die Vorzeit abgelenkt. ' Hier in diesem frischen Wald- und Wiesengrund und in der Nähe der nun weltberühmten Heilquellen, deren Wirkungen bis dahin nur wenig bekannt gewesen zu seyn scheinen, war eS, wo Carl der Große sich den Platz zu seiner Lieblingsresidenz auswählte und ein zweites Rom als Mittelpunkt seines großen Reiches gründete, während daS alte Rom größerm Versall entgegenging. Die Prachtbauten des allen RomS: Forum, Theater, Wasserleitungen und Thermen wurden mit ausgesuchter Pracht ausgeführt, in ihrer Mitte erhob sich der kaiserlich« Palast, und dicht daran stoßend die große Reichscapelle, welche der heiligen Jungfrau gewidmet war, uno als deren Erbauer der Abt AasagiS von St. Vandrille genannt wird. Alle diese Bauten sind verschwunden, so daß eS schwer wird, nur noch irgend eine Spur davon zu entdecken. Nur die Reichöcapelle, das jetzige Münster, hat sich erhalten, und die tausend Jahre, die an demselben mit all den Stürmen, welche die Länder, über die Carl der Große geherrscht hat, erschüttert und aufgewühlt haben, sind, einzelne Anbauten abgerechnet, so spurlos an demselben vorübergegangen, daß — wenn der Baustyl uns nicht widersprechen würde — man glauben könnte, man stehe in einem Dom, dessen Bau den jüngern Zeilen angehöre. Carl der Große bemühte sich, dem neuen Bau alle Pracht zu verleihen, die in seiner Zeit möglich war; nicht bloß die alten römischen Denkmale am Rhein mußten das Baumaterial — Säulen und Marmor— zu demselben hergeben, selbst von Ra- venna und Rom wurden antike Marmorsäulen zum Bau dieses christlichen Denkmals herbeigeführt. Diese Säulen wurden durch die französischen Eroberer nach der Hauptstadt Frankreichs abgeholt; nach der Befreiung Deutschlands kehrten die meisten von Paris nach Deutschland zurück, die schönsten aber und werthvollsten sind zurückgeblieben. *) Allg. Z. 25tt Im Jahr 804 wurde die Kirche eingeweiht. Die Feier mochte zu den imposantesten gehören, die man in dieser Art bis dahin diesseits der Alpen gesehen hatte. Die Einweihungsceremonie wurde von dem P.^pst Leo vollzogen, der von einer großen Anzahl Würdenträger der römischen Kirche begleitet war; nicht weniger als 365 Erzbischöse und Bischöfe und eine sehr große Anzahl von Herzogen, Fürsten, Grafen und Baronen aus allen Theilen deS unermeßlichen Kaiserreichs erhöhten durch ihre Anwesenheit die Feier. Aber aller Schmuck, den die Architektur, die Plastik und Malerei gewährten, reichte nicht; es mußten noch Schätze anvcrer Art dazu komme», um dem neuen Dom einen höheren Werth zu verleihen: es waren viescs Reliquien, deren Werth die Zeit nicht hoch genug schätzen konnte. Man kennt die Beziehungen, in welchen Carl nicht bloß zu dem Papst in Rom, sondern auch zudem byzantinischen Hof und selbst zu dem persischen König stand. Im Jahre 794 schickte der Papst Abgesandte an den Kaiser nach Aachen, welche ihm die Schlüssel zum Grab des heiligen Petrus nebst der römischen Stadtfahne überbrachten; im Jahr 798 sah Aachen die Gesandten der Kaiserin Irene und des Königs Alphons; sie brachten dem Kaiser Geschenke von der Beute, die man bei der Eroberung Lissabons den Mauren abgenommen hatte; im Jahr 800 übersandte Zacharias, der Patriarch von Jerusalem, Carl die Schlüssel zum heiligen Grab und zum Calvarienbcrg; im Jahr 802 traf eine Gesandtschaft des Königs von Persien, Harun al Raschioö, in Aachen ein, welche dem Kaiser reiche Geschenke überbrachte. Bei dem großen Werth, den der Kaiser auf den Besitz vou Reliquien legte, bei dem Ansehen, welches er allen diesen Fürsten gegenüber genoß, konnte cö ihm nicht schwer werden, in den Besitz der geschätztesten Heiligthümer zu gelangen. Der genannte Kalif Hanm al Raschid und der Patriarch von Jerusalem sind eS namentlich, von denen man nicht ohne Grund glaubt, daß durch ihre Vermittlung ver Kaiser in den Besitz der sogenannten großen Heiligthümer gelangt sey, welche seit undenklicher Zeit von sieben zu sieben Jahren dem Volk zur Verehrung öffentlich und unter großen Feierlichkeiten ausgestellt werden. Zu diesen großen Hciligthümern werden folgende vier Stücke gerechnet: 1. ein dunkelweißes Gewand der heiligen Jungfrau; 2. die Windeln des Heilandes; 3. jenes Tuch, in welches der Körper des heiligen Johannes des Täufers nach seiner Enthauptung eingewickelt worden; und 4. das Lcndentuch Christi. Alle sieben Jahre werden diese vier Gegenstände am Vorabend deö 10. Juli unter entsprechenden Feierlichkeiten aus dem kostbaren Kasten, in welchem sie aufbewahrt werden, herausgenommen, wobei nicht bloß die sämmtlichen Stiftsherreu, sondern auch die Mitglieder des Stadtraths als Zeugen erscheine». Sie werden dann sämmtlich in neue Seide gelegt, die alte Seive wird verschenkt unv hoch geschätzt Dann am Feste selbst, welches mit dem 10. Juli jedesmal beginnt und bis zum 24. dauert, werden sie täglich von der Galerie des Glockcnthurmes u. s. w. den taufenden von Gläubigen gezeigt, welche Straßen, Häuser, Fenster, ja die Dächer selbst bis zu der Dichtigkeit besetzt halten, daß die letzteren im Lauf der Zeiten mehrmals eingestürzt sind. "Die Anzahl der Menschen, die zu diesen Zeiten in Aachen erscheinen, ist so groß, daß sie nicht selten an's Unglaubliche gränzt. Hier sey nnr erwähnt, daß im Jahr 1499 der Andrang der Pilger so groß war, daß der Magistrat der Stadt sich in eie Nothwendigkeit versetzt sah, die Thore der Stadt schließen und diese nicht wieder, bis durch die Weggehenden Raum geworden, öffnen zn lassen. Insbesondere waren es die Ungarn, die trotz der großen Entfernung und der Mühseligkeiten der Rtise in Aachen bei diesen Festen nicht fehlten und in ansehnlichen Processtonen daselbst erschienen. Sie erfreuten sich besonderer Auszeichnungen; sie wurden abwechselnd von einzelnen Klöstern zur Tasel gezogen; drei Tage wurden sie von der Stadt bewirthet, am 11. Juli wartete der regierende Bürgermeister ia Person, an den beiden andern aber warteten die übrigen städtischen Behörden ihnen bei der Tafel auf. Dieses dauerte bis zum Jahr 1776, wo diese Procession durch den Kaiser Joseph der ungarischen Nation untersagt wurde. Außer den großen besitzt die Stiftskirche eine beträchtliche Anzahl kleinerer Reliquien; der Reichthum an denselben war früher noch größer als jetzt, da mehrereö nicht 251 mehr vorhanden ist, was früher hier aufbewahrt wurde. Diese kleineren Reliquien können nicht von der Galerie herab gezeigt werden, da kein Auge so fernsichtig seyn möchte, sie in solcher Höhe zu unterscheiden. Sie werden daher während der Heilig« thumSsahrt in der Sacristei, aber auch im Lauf des JahreS auf Verlangen den Fremden vorgezeigt; sie werden in kunstvoll gearbeiteten Kiftchen und Monstranzen ausbewahrt, die auch durch den Reichthum an kostbaren Steinen, Perlen und Gemmen einen hohen Werth erhalten. Zu diesen kleinen Heiligthümern gehören z. B. das silberne vergoldete mit werthvollen Steinen besetzte Brustbild Carls des Großen, in welchem der Schädel des Kaisers aufbewahrt und gezeigt wird; dann in einem silbernen vergoldeten Behälter ein Theil von einem Arm Carls des Großen. Die Einfassung besorgte Ludwig Xl., König von Frankreich. Außerdem bewahrt man das Jagdhorn deS Kaisers auf, welches aus Elfenbein gearbeitet ist. Neben diesen Ueberbleibseln eines großen Mannes zeigt man eincn reichverzierten Rcliquienbehälter in der Form einer gothischen Kirche, in welchem ein Stück von dem Rohr aufbewahrt wird, mit welchem Christus verspottet wurde; dann ein Stück des Schweißtuches, womit sein Angesicht im Grab bedeckt gewesen zc. Außer diesen Reliquien bewahrt die StiftS« kirche aber auch noch andere Gegenstände auf, welche neben dem kirchlichen ein künstlerisches oder antiquarisches Interesse in Anspruch nehmen. Hierher gehört eine antike Chorkappe von ganz eigenthümlicher Form, welche Papst Leo lll. bei der Einweihung des Münsters im Jahr 804 getragen hat; eine Kasel von Seide, mit welcher der heilige Bernhard von Clairvaur im Jahre 1146 bei seiner Anwesenheit in der Aachner Kirche bekleidet war; ein sehr kostbares Marienkleid, welches mit ungemein vielen ächten Perlen, mit 70 in emaillirtem Gold eingefaßten Diamanten, und ein gleiches Kleiv für das Jesuskind, welches mit 34 Diamanten besetzt ist. Beide werthvolle Stücke sind Geschenke der Jnsantin von Spanien, Jsabella Clara Euzenia; zwei Kronen von gediegenem Gold und reich mit Edelsteinen und Pcrlcn besetzt — Geschenke der Königin Maria Stuan; ein reich mit Gold gesticktes, mit Perlen besetztes Kleid für die heil. Maria und das Jesuskind; Geschenke Kaiser Josephs I.; eine Evangelicnkanzel, welche Kaiser Heinrich II., dann der bewundcrnSwerthe, große Leuchter über dem Grabe Carls deS Großen, den Kaiser Friedrich 1. dem Münster schenkte; der Krönungsstuhl, auf welchem die Leiche Carls des Großen 352 Jahre im Grab gesessen, und der seinen Namen daher erhielt, weil die neugekcönten römischen Kaiser ans demselben sitzend die Beglückwünschungen der Kurfürsten und der Großen deS Reichs entgegennahmen. Außer diesen Gegenständen bewahrt die Stiftskirche zu Aachen viele andere, welche auch von den Freunden der Kunst uud deS Alterthums mit Interesse und Besrievigung betrachtet werden. Die Aachener HetligthumSfahrt im Jahre 1S1V. Die eben stattgehabte Wiederholung der feierlichen Ausstellung der großen Reliquien der Krönungskirche zu Aachen ist eine passende Gelegenheit, an die wohl nur Wenigen bekannte Schilderung des „grancl parelou ü >'otrg »ams ä ^z>x" zu erinnern, welche sich in dem vor Kurzem von H. Michelant aus Kosten des Stuttgarter litterarischen Vereins herausgegebenen merkwürdigen „Gedenkbuch deS Metzer Bürgers Philippe v. Vigneullcs aus den Jahren 1471 bis 1522" befindet. Ueber Thionville, Luxemburg u. s. w. gelangte der vielgereiste Metzer nach Maestricht, von da begab er sich mit seiner Gesellschaft nach Aachen. „Wir trafen unterwegs so viele Menschen, daß es zum Verwuuvern war. Als wir Abends die Höhe erreichten, von welcher man auf Aachen hinabblickt, schien es uns, die Kirche stehe in Feuer unv Flammen, so groß war die Zahl der Lampen, welche ringS um diese Kirche brannten. Es war fast Nachl, und so leuchtete es um so Heller, und die großen Glocken läuteten, und eS war ein herrlich Ding, dieß auf dem Berge zu sehen und zu hören. Der Anlaß zu dem großen Fest war, daß am nächstfolgenden Tage die Einweihung der gedachten Kirche gefeiert ward: deßhalb war sie von innen und außen erleuchtet, und die Glocken 282 hallten, und die Orgel ertönte. Als wir die Stadt erreichten war eS Nacht, und über eine Stunde irrten wir umher, hie und dort, ohne eine Herberge finden zu können. Und doch waren mehrere mit uns, die in Aachen viel Bekanntschaft hatten. Endlich wurden wir, so gut es ging, untergebracht. Am folgenden Tag in der Frühe hörten wir Messe in besagter Kirche und brachten unsere Opfergabe dar. Einige von uns gingen auch zur Beichte; die Zahl der Beichtenden jedoch war so groß, daß Einer den Andern drängte, und man nicht niederknieen konnte. Das Gedränge war von der Art, daß man meinte, die Leute müßten umkommen; nur mit der äußersten Mühe oelangte man zu den Altären, und die Kirchendiener hatten Säckchen an langen Stangen befestigt, um die Gaben zu sammeln. Den größten Theil des Tages über durchwanderten wir die Stadt und besuchten deren Kirchen, indem wir die Stunde der Ausstellung der großen Reliquien und Schätze erwarteten. Diese zu sehen waren so viele Leute gekommen, daß solche, die nicht dagewesen, es kaum glauben werden. Jeder suchte einen möglichst guten Platz zu erlangen; die Häuser um die Kirche waren alle mit Menschen gefüllt, und große hölzerne Gerüste waren an denselben aufgebaut. Für unser Geld ließ man uns in eines dieser Häuser ein, von wo wir die Aussicht auf den Platz und eine der Seiten der Kirche hatten. Vor uns sahen wir nichts als Kopf an Kopf, und auf den Dächern selbst war'S ebenso. Als die Stunde nahte, begann man mit den großen Glocken zu läuten. Dann kam ein ehrwürdiger Prälat von mehreren Geistlichen begleitet, und sie gingen auf den in der Höhe befindlichen offenen Galerien um die Kirche hernm. An den Stellen, wo die Heiliglhümer gezeigt werden, blieb er stehen, hielt eine kurze Anrede und ertheilte den Ablaß, und empfahl dann für unsern heiligen Vater, den Papst, sowie für die christliche Kirche zu beten, und hiernach für den Kaiser und für alle Fürsten und Herren, besonders jedoch für die Herren deS Landes, welche die Pässe offen und gesichert halten, auf daß den Pilgern kein Leid geschehe. Nachdem er geendet und sich entfernt, sah man eine Menge von Geistlichen kommen mit angezündeten Kerzen und Fackeln, mit Weihwasserkesseln und Rauchfässern von Gold und Silber, in prächtigen Gewändern unv mir kostbaren Kreuzen. Sie kamen in schöner Ordnung gedachte Galerie entlang, in ihrer Mitte zwei Prälaten in Gold- und Silberstoff gekleidet, welche einen langen, lanzenähnlichen, vergoldeten Stab auf den Schultern trugen, auf dem das kostbare und würdige Gewand Unserer lieben Frau mehrfach gefaltet hing, darüber ein weißes Seidentuch, das wiederum mit einem Goldbrokat bedeckt war. Wenn sie eine der genannten Stellen erreicht hatten, blieben sie stehen, nahmen die seidenen und goldenen Hüllen weg und zeigten mit großer Ehrfurcht und Feierlichkeit das Gewand dem versammelten Volke, das mit gefalteten Händen auf den Knieen lag. Sie nehmen nämlich besagtes Gewand, entfalten es nnd lassen es von der Galerie herab auf einen zweiten Golostoff hängen. In diesem Moment würde man sagen, die Erve zitiere vor dem Getöse der Trompeten und dem Geschrei von Männern und Frauen, welche Misericordka rufen, so daß Einem die Haare zu Berge stehen und die Thränen in die Augen treten. Um diese Stunde, etwa um Mittag und in der großen Hitze, ließ sich ein Stern am Himmel sehen, den viele erblickten. Das mehrgedachte Untergewand ist ron brauner Farbe, gleichsam als wäre eS cingeräuchert; es ist länger als sonst Sitie ist, und ist mit zw.i weiten und kurzen Aermeln versehen, die abgeschnitten scheinen. Einige meinen, eS sey ein Obergewand gewesen, das über andern Kleidungsstücken getragen worden sey. Nachdem die Prälaten die Reliquie so lange sehen gelassen, daß man ein Paternoster unv ein Avemaria sagen konnte und das Volk ruhig geworden war, hängten sie dieselbe wieder auf ihren Stab und fuhren so fort in ihrem Umgang um die Kirche. Als dieß vorüber, kehrte derselbe Prälat zurück und vollbrachte die nämlichen Ceremonien wie das erstemal, und dann kam von Neuem die Geistlichkeit mit Kerzen und Rauchfässern, nnd sie wiesen die Socken des heiligen Joseph vor. (Philippe de Vizneulles nennt nun die übrigen Reliquien, wobei ihm indeß das Gedächtniß nicht ganz treu gewesen ist.) Nachdem alles gezeigt war, begann das Volk sich zu verlaufen; aber es ist schwer, sich einen Begriff von dem Gedränge zu machen, nicht 283 in der Kirche bloß, sondern in den Straßen auch und selbst außerhalb der Stadtthore. ES kostete unS große Mühe in die Kirche zu gelangen, wo wir das Grab Carls des Großen sahen, daS sich hinter dem Hochaltar erhebt, und unter welchem man durchgehen kann. Ich sah mir auch die Säulen an, welche der Kaiser Carl in dieser Kirche errichten ließ, und viele andere Dinge. Aber ich versichere euch, das Gedränge war so groß, daß, wenn Einem ein Goldstück auf den Boden gefallen wäre, er nicht im Stande gewesen wäre, eS aufzuheben. Viele Leute wurden durch das Gedränge getragen. Wollte ein Pilgerzug in die Kirche oder durch die Straßen ziehen, so wählten sie den Stärksten der Gesellschaft und ließen ihn eine Art Banner vortragen, und sie folgten ihm Mann für Mann, indem sie einander bei den Kleidern festhielten. So machten sie sich Platz. Ließ Einer los oder blieb seitwärts vom Zuge, so war er gewiß, von den Gefährten getrennt zu werden. Nachdem wir Kirche und Stadt besucht, und gekauft, was uns noth that, empfahlen wir uns bei unserm Wirth, stiegen zu Pferde und gelangten noch zu rechter Zeit nach St. Cornelimünster, einer großen und reichen Abtei in einem Thal, zwei Wegstunden von Aachen entfernt.- Leben des ehrwürdigen Johannes Grande. (Fortsetzung.) III Johannes erhält ein eigenes Spital und tritt in den Orden der barmherzigen Brüder ein. Mit Bedauern und Unwillen hatte ein großer Theil der Bewohner von Xerez den frommen Johannes auS dem Spitale vertreiben sehen. Die wahren Gründe, weßhalb man ihm zürnte, waren ihnen wohl bekannt, und sie wollten es nicht zugeben, daß die Tugend in ihrer Mitte so schimpflich behandelt und unterdrückt werde. Sie sannen auf Mittel und Wege, dem Diener GotteS zu helfen, daß er sein gesegnetes Wirken fortsetzen könne. Sie hatten aber nun von seiner außerordentlichen Frömmigkeit, seinem rastlosen und stets durch höheres Licht geleiteten Eifer bereits so viele Beweise, daß sie in ihm einen von Gott zu großen Dingen berufenen Heiligen zu betrachten anfingen. Darum also wünschten sie ihn in größeren Kreisen thätig zu sehen, und zwei Edelleute glaubten den Reichthum, womit sie Gott gesegnet hatte, nicht besser benutzen zn können, als wenn sie ein neues Krankenhaus gründeten, und die Leitung desselben dem verfolgten Johannes übergäben. Sie setzten ihr frommes Vorhaben unverzüglich in'S Werk. Im Jahre 1574 ward daS neue Spital gebaut, und, von seinen Stiftern mit reichlichen Einkünften versehen, Johannes überwiesen. In der Nähe desselben lag ein großes PilgerhauS, und auch dieses glaubte man seiner klugen und thätigen Liebe anvertrauen zu müsse». Mit welchem Jubel deö Herzens nahm der Diener Gottes seine Wohnung in dem Gebäude, worin er von nun an nach der ganzen Kraft semer Liebe wohlthun konnte! ES war ein rührendes Schauspiel, von allen Seiten Kranke herbeitragen und alle von Johannes mit freundlicher Eilfertigkeit empfangen zn sehen. Er eilte von einem zum andern, fragte nach ihren Bedürfnissen, tröstete, ermunterte sie, und gab sich keine Ruhe, bis jedem, wessen er sür Leib und Seele bedürfte, zu Theil geworden war. — Aber noch stand er allein, und so wunderbar der Beistand war, womit Gott seine Kräfte unterstützte, so konnte er doch für die Pflege so Vieler allein nicht genügen. Er sah sich nach Gefährten um, aber nach solchen, die im Dienste der göttlichen Liebe und nicht um zeillichen Gewinn seine Mühen und Sorgen theilen möchten. Auch hierin erhörte Gott sein Flehen. ES schlössen sich ihm mehrere, meistens noch junge Männer an, die alle vom Verlangen, Johannes' reine Tugend nachzuahmen, beseelt waren, und von denen sich einige in dieser Nachahmung so sehr auszeichneten, daß ihr Andenken zugleich mit dem ihres Führers und VaterS fortlebte. 284 Einige Jahre lang hatte Johannes 'mit diesen seinen Gefährten sein frommes Wirken fortgesetzt, und sie nicht bloß durch sein Beispiel angefeuert, sondern ihren Eifer auch durch weise Einrichtungen geleitet. Indem er aber nun nachdachte, wie man Vorsorge treffen könnte, daß die Anstalten, die ihm Gottes Vorsehung anvertraut, nicht nur fortbestünden, sondern auch fortwährend im Geiste christlicher Barmherzigkeit verwaltet würden, schien ihm hierzu der sicherste Weg zu seyn, wenn er sich mit seinen Gefährten dem Orden deS heil. Johannes von Gott, der, wie schon erwähnt wurde, eben damals auszublühen anfing, anschlösse. Er fand, wie in dem heiligen Stifter, so auch in der ganzen Einrichtung dieser frommen Gemeinschaft jenen Geist, den er suchte, und den er selbst, ohne es zu wissen, in reichlicher Fülle besaß. Seine Gefährten vernahmen den Entschluß, den er gefaßt, mit Freuden, und im Jahre 15-9, achtundzwanzig Jahre nach dem Tode deS heil. Johannes von Gott, begab er sich mit ihnen nach Granada, um bei den höchsten Vorstehern des Ordens um die Aufnahme nachzusuchen. Sie wurde ihm um so leichter gewährt, als man ihn und seine Genossen als schon erprobte Jünger des Ordens betrachten konnte. So kehrte also Johannes mit dem Kleide und den Regeln der barmherzigen Brüder nach Terez zurück, und wurde von den Einwohnern desselben mit um so größerer Freude begrüßt, als sie nutt hoffen durften, daß er, auch wann einst Gott aus diesem Leben ihn abrufe, unter ihnen fortleben werde. Johannes und seine Brüder wivmeten sich mit neuem Eifer den frommen Werken ihres Berufes. Bevor wir jedoch über diese das Nähere berichten, müssen wir noch eine bedeutende Ausdehnung seiner Wirksamkeit erzählen. Der Erzbischos von Sevilla, zu dessen Sprengel Lerez gehörte, hatte seit einer Reihe von Jahren zugleich mit den Berichten über deS frommen Johannes und seiner Gefährten segensreiche Thätigkeit über andere ähnliche Anstalten der Stadt Klagen erhalten, die ihn mit Unwillen und Schmerz erfüllen mußten. Nachdem er manche Mittel versucht hatte, die Aufseher und Diener jener Häuser zur gewissenhaften Erfüllung ihrer Pflichten zu vermögen, beschloß er endlich, da alle seine Bemühungen vergeblich waren, sämmtliche Anstalten dieser Art unter die Leitung Johannes' zu stellen. Er berief ihn also zu sich nach Sevilla. Johannes, der bereits gnvohnt war, das Leiden für Gott als sein größtes Glück zu betrachten, folgte diesem Rufe nm so bereitwilliger, als ihm im Gebete geoffenbart worden war, daß er sich ans neue schwere Kämpfe gefaßt halten müsse. Zu Sevilla angekommen, ward er von mehreren Edelleuten dringend gebeten, bei ihnen Wohnung zu nehmen; aber er zog es vor, nachdem er zuerst die Kirche besucht und vor dem Hochwürdigen gebetet hatte, bei einem armen Bürger, der ihm ein Zimmer bereitet hatte, einzukehreu. Auch dort war seine erste Beschäftigung das Gebet, und ohne seinem ermatteten Leibe irgend eine Erquickuug der Ruhe zu gönnen, harrte er in demselben mehrere Stunden aus. — Als er mm vor den Erzbischos kam und von ihm vernahm, weßhalb er ihn zu sich bcschieden, war cS ihm sofort einleuchtend, welcher Art die Leiden und Kämpfe, die ihm angekündigt waren, seyn würden. Denn die Personen, die theils seiner Leitung unterworfen worden, lheils auch ihm und seinen Brüdern in ihrer Amtsführung weichen sollten, waren ihm zu wohl bekannt, als daß er hätte hoffen dürfen, sie würden sich ohne den heftigsten Widerstand dem Willen des Erzbischofes fügen. ES war jedoch nicht die Furcht vor dem, was er zu leiden haben würde, sondern aufrichtige Demuth, die ihn bewog, dem Erzbischofe Gegenvorstellungen zu machen. Er glaubte sich einer so großen Bürde nicht gewachsen, und besorgte, daß das Gute, welches er etwa stiften könnte, mit dem Bösen, das jene Maaßregel veranlassen würde, in keinem Verhältnisse stehen möchte. Der Prälat wollte ihm nicht Gewalt anthun, nnd suchte ihn in mehr als einer Unterredung durch Gründe zu überzeugen. Als er aber erkannte, daß die eigentliche Ursache, weßhalb Johannes Widerstand leistete, die geringe Meinung war, die er von. sich selber hatte, beschloß er, die Demuth durch die Demuth zu besiegen. Er wußte wohl, daß diese Tugend, wenn immer sie aufrichtig ist, gehorsam macht. Er hörte also 265 aus, Gründe vorzubringen, und erklärte seinen entschiedenen Willen: da neigte Johannes das Haupt und übernahm das Amt, das ihm zugedacht war. Er kehrte nach Zcrez zurück; aber die Nachricht von dem, was in Sevilla geschehen, war ihm vorausgeeilt, und hatte die Wirkung hervorgebracht, die cr vorausgesehen. Die Menschen, welche in den verschiedenen Häuser«, über die er die Aufsicht übernehmen sollte, angestellt waren, beschlossen in ihrem Zorne, kein Mittel unversucht zu lassen, um die Absicht des ErzbischofeS zu vereiteln. Sie ersannen Ver- läumdungen wiver den Diener Gottes u.id verbreiteten sie durch die ganze Stadt. Diese Verläumdungen waren aber mit solcher Schlauheit ausgedacht, daß sie, wenigstens beim großen Haufen, eben so leicht Glauben finden, als den Jugrim desselben reizen mußten. Johannes hoffte, durch Sanstmuth und Geduld die Aufregung, in welcher er das Volk fand, zu beschwichtigen. Aber vergebens. Der Sturm ward immer heftiger. Wo er sich blicken ließ, rief man ihm Schimpfredcn nach, und die Kinder verfolgten ihn mit Steinwürsen. Es scheint unbegreiflich, wie dieß Volk einen Mann, der nun schon eine lange Reihe von Jahren die Wohlthaten seiner Liebe unter ihm verbreitet, der nicht nur seine Kranken verpflegt und seine Todien begraben, sondern auch vielen seiner Armen, Wittwen und Waisen Obdach, Kleidung, Nahrung verschafft hatte, so verkennen und als seinen gefährlichsten Feind verfolgen konnte. Aber wer weiß nicht, wie oft eö Bösewichtern gelingt, daö Volk zu beihören, und wie schrecklich des Bethörten Leidenschaften sind. Es kam so weit, daß Johannes, um deS Lebens sicher zu seyn, das Spital sast nicht mehr verlassen durfte. Er rief in seiner Noth zu Gott, und nachdem er nvch eine Zeitlang diese neue Pryde der Geduld und Demuth bestanden hatte, ward ihm Hülfe zu Theil. Ein Mensch, der einen Gefährten Johannes', welcher um ein Almosen für die Kranken bat, mit vielen Beschimpfungen aus seinem Hause getrieben hatte, starb, wie der Diener Gottes vorhergesagk halte, nach drei Tagen eines jähen ToveS. Ein anderer, der in das Spital kam, um dem frommen Johannes die größten Unbilden zu sagen, war kaum in sein Haus zurückgekehrt, als er von einem heftigen Fieber befallen wurde. Johannes, obgleich selber krank, raffte sich auf, um ihn zu besuchen; aber der hartherzige Mensch wies nicht nur die milden Reden, womit er ihn zum Ver- irauen auf Gottes Barmherzigkeit ermunterte, trotzig ad, sondern wollte auch nicht einmal gestatten, daß Johannes neben seinem Betre für ihn bete. Johannes entfernte sich tief erschüttert, und sagte zu dem Bruder, der ihn begleitete, daß auch dieser vom Tode unversehens werde hingerafft werden. Am andern Morgen erfüllte sich seine Weissagung. Diese Vorfälle, in welchen man die strafende Hand ÄotteS erkannte, und manche andere Umstände, welche die Vorsehung herbeiführte, brachte daö Volk zur Besinnung, und Gott, der alles dieß nur zur Prüfung seines Dieners zugelassen hatte, bewirkte, daß nun Johannes' Unschuld eben so schnell allgemein anerkannt wurde, als die Verläumdung Glauben gefunden hatte. (Fortsetzung folgt.) LAbkMt^ MZÜÜKM W»M5 «t 5tz»W K»6 M> SIV i.s mnHL 5W, zzvs Borenthaltenes Abendmahl. In Halle bringt das dortt'ge protestantische „Bolksblatt für Stadt nnd Land" vom 8. Mai 1853 die folgende lehrreiche Erzählung: „Schweren Herzens fuhr Johann Harmening, ein armer Hcuerling, an einem kalten Abend im Advent über die Haide, zu dem anderthalb Stunden entlegenen Kirchdorfe hin, um den (protestantischen) Pfarrer zu seiner sterbenden Frau zu holen. Der Bauer, auf dessen Hofe er lebte, hatte einen Ackerwagen und seine Pferde gegeben, und war bemüht gewesen, mittelst Stroh und Decken einen warmen Sitz für den geistlichen Herrn zu bereiten. Dieser, ein stattlicher junger Mann, in der ersten Hälfte 'der Dreißiger Jahre, saß, nach wohleingenommenem Abendessen, mit einer Cigarre am warmen Ofen, als Johann mit seinem Anliegen vor ihn trat; anführend daß, so gewiß menschliche Dinge wären, 256 seine Frau den Morgen nicht erleben könne, und daß sie eine unaussprechliche Sehnsucht nach dem Abendmahl empfände. Der Pfarrer that ihm einige Fragen, stand dann auf und trat an'S Fenster, welches er öffnete; es war sehr kalt, dunkel und schaurig draußen, und der Wind pfiff über die Haide messerscharf. Da kam die Frau Pfarrerin herein; „Du wirst doch nicht fahren, Edmund? Nein, nein, ich lasse es nimmer zu!" Der protestantische Pfarrer besann sich einige Augenblicke, ging dann zu seinem Blicherstande, nahm zwei oder drei Traktate und sprach, sie in der Hand haltend, freundlich zum Johann: „Lieber Harmening, so hat Eure Frau denn wirklich den wahren und aufrichtigen Wunsch, daS Mahl des Herrn im Glauben zu empfangen?" „Ja gewiß!" entgegnete hastig Johann: „es liegt ihr Alles daran! o zaudern Sie nicht, Herr Pastor; sie ringt mit dem Tode und verlangt nach nichts, als nach ihrem Heilande." „Nun denn," erwiederte milde und mit priefterlich ge, hobener Stimme der Pfarrer, „wenn dem so ist, dann könnt Ihr ganz ruhig heimkehren ohne mich; vor dem Herrn wiid es eben so seyn, als habe sie das Mahl genossen; Ihm gilt der redliche und ausrichtige Wille als Erfüllung. Saget das der lieben Kranken in meinem Namen und mir meinem SegenSgruß. Rücksichten auf meine Gesundheit, zunächst im Hinblicke auf meine Familie, machen mir die Mitfahrt unmöglich." Dann gab er ihm die Traktate, die auf Leiden und Sterben im Glauben bezüglich waren. Der arme Johann fuhr trostlos wieder über die Haive, und der Pastor begab sich zur Ruhe. Die Sterbende indeß hatte an das Leben sich geklammert, des geistlichen Zuspruches harrend. Als ihr Ehemann ohne den Pastor wieder kam, zuckre ein herber Schmerz — die schmerzlichste Enttäuschung vielleicht ihres kurzen ErdenlebenS — durch ihre Seele; die alte Großmutter aber sprach ihr deö Paulus EberS schönes Sterbelied vor; — da ward sie still, den Tod erharrend, der am Morgen um 5 Uhr gekommen ist, leise und schmerzlos." „Es war Frühling, die Bäume blühten, die Wiesen grünten, die Sonne lachte zwischen schweren und weißen Gewölken, milde Lüfte spielten, und voll und rauschend ging der Fluß, der zwischen dem Kirchhofe dahinzog und dem Herrnhause, wo bei irgend besonderer Veranlassung ein festliches Mahl und nächstdcm Spiel gehalten werden sollte. Der Herr Pfarrer nebst Frau Gemahlin und deren jüngere Schwester kamen in vollem Anzüge daher. Im Fährhause indeß saß Johann Harmening, der Wittwer, bei Kordes Harmening, dem Fährmann, seinem Vetter, ihn zu unterstützen im Dienste, da dieser gar zu arg mit dem Gliederreißen geplagt war. Der Herr Pastor trat ein, und in der Meinung, die Damen hätten beim Ankleiden sich schon verspätet, begehrte er kurz und barsch eine sofortige Sonderüberfahrt. Johann aber sprach: „Herr Pastor, ist es wirklich Ihr wahrer und aufrichtiger Wunsch, jetzt gleich überzufahren?" „Ja gewiß, nur schnell und keine Weitläufigkeiten; die Damen harren und ein Wetter zieht!" „Nun denn," sagte Johann ruhig und gemessen, „wenn dem so ist, so wird eS eben so seyn, als wären Sie übergefahren. Der Wille geht für die Erfüllung; so sagten Sie, als meine arme Frau auf den Weg der Lammeshochzeit sicher geleitet seyn wollte, und jetzt sage ich'S Ihnen wieder, da Sie auf dem Wege zu einem weltlichen Luftgelage sind. Nichts für ungut!" — Und Johann ging langsam seines Weges, die Fähre blieb angekettet, und die Herrschasten mußten eine gute halbe Stunde stromaufwärts gehen, bis zu einer Brücke, und dann wieder stromabwärts bis zum Herrenhause, und das Wetter entlud sich, und sie wurden schwer durchnäßt und kamen viel zu spät, und der Herr Pfarrer erwarb sich nicht allein den Schnupfen, sondern auch sogar einen kleinen Anstoß von Flußfieber. Sie beabsichtigten, sich höheren OrteS über Johann Harmenings ganz unverantwortliches Benehmen ernstlich zu beschweren, und hoffen auf eine gehörige Züchtigung desselben." -- Berantwntlichtr Redacteur: «.Schönchen. Verlags - Inhaber: F. C. Kremer. Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt nsDÄ /i^l m.^-^ ' zur'- ^ -in, .,l n^-u.^ -- --^ Allgsbnrger Postzeitung. iülir ,NÄN» '?i!i«>^ ^>!^> , ituil/n! tIIU^ AMi S! s. (Zweiter Artikel.) Die großen Bemühungen des Papstes Eugen IV., die lateinische und griechische Kirche wieder zu vereinigen, scheiterten zunächst an dem Haß und der Halsstarrigkeit der russischen Großfürsten, die nicht selten in ihrem verwerflichen Bestreben von feilen und charakterlosen Metropoliten unterstützt wurden. Alle Mühen des frommen Jsidor, die Beschlüsse des allgemeinen Concils von Florenz, an deren Abfassung er so treu mitgearbeitet hatte, zur Ausführung zn bringen, waren vergebens, obschon er gleich nach dem Schlüsse dieses Concils das Werk der Wiedervereinigung mit Muth und Festigkeit in Angriff nahm. Schon auf dem Rückwege, von Ofen aus, sandte Jsidor seine Hirtenbriefe nach Rußland, namentlich aber an die Bischöfe der südlichen Metropolen, in welchen er ihnen die eben^ zn Florenz erfolgte Vereinigung beider Kirchen anzeigt, sie znr Annahme des Unionödecreteö ausfordert, und zugleich die lateinischen Bischöfe von Polen, Litthauen und Livland ermuntert, die Griechen nun in aller Wahrheit als ihre Brüder zu lieben und mit ihnen in Sachen des Glaubens und Gottesdienstes ohne Unterschied deS kirchlichen Ritus innige Gemeinschaft zu unierhalten. Noch vor dem Ablauf beö Jahres 1439 langte Jsidor zu Kiew an, und ward unter allgemeinem Jubel des Volkes, des Klerus und der Herrscher von Polen und Litthauen empfangen. Die Union fand hier in Kiew keinen Widerstand; alle nahmen sie freudig au. — Ganz anders aber stand eS in Moskau, wo Jsidor im Frühling des folgenden Jahres anlangte, und da der Ruf der erfolgten Union ihm vorangeeilt war, mit großer Gespanntheit erwartet wurde. Doch muthigen Geistes, ohne sich durch die bevorstehenden Gefahren abschrecken zu lassen, begab er sich gleich bei seiner Ankunft unter Vvrtragnng des lateinischen Krenzes und dreier silbernen Bischofsstäbe in die Kirche zur heil. Jungfrau im Kremel, wo ihn die Geistlichkeit, die Bojaren, Fürsten und ein zahlreiches Volk empfingen. Kaum hatte Jsidor den Gottesdienst geendet, so bestieg in seinem Auftrag ein Diakon die Kanzel und verkündete den Anwesenden das florentinische Unionsdecret. Alle schüttelten hierbei die Köpfe und gingen bestürzt nach Hause. Nun überreichte Jsidor dem Großfürsten ein eigenhändiges Schreiben des Papstes, welches in den liebevollsten Worten abgefaßt war. Der Papst ersuchte in diesem Schreiben den Großfürsteil zur Annahme d-r Union und bat ihn zugleich, den Metropoliten in, Liebe aufzunehmen und ihn im rnhigcn und friedlichen Besitze seiner Rechte zu lassen. Doch der Großfürst war der Union durchaus abgeneigt; er wollte von ihr nichts wissen, wie sehr und beredt ihm auch der Nutzen derselben für Rußland von Jsidor dargestellt wurde. Er ließ vielmehr nach wenigen Tagen den eifrigen Jsidor ergreifen, ihn aus seiner Wohnung holen und in ein Klostergefängniß abführen. In diesem Gefängniß schmachtete er zwei Jahre, bis er endlich im September 1443 heimlich durch die Flucht entkam und nach Rom eilte. Hier wirkte er mit seinem frühern Eifer für die Aufrechthaltung der Union der Kirche / 2S8 seines Vaterlandes und starb als erwählter Patriarch von Konftantinopel in Rom am 27. April 1463, wegen seiner großen Kenntnisse und hohen Verdienste allgemein betrauert. In JsidorS Stelle trat dessen treuer Gefährte, der fromme und friedfertige Gregor. Eugen IV. ertheilte ihm im't eigenen Händen in Rom die heil. Weihen im Jahre 1444. Aber alle Bemühungen, den Großfürsten von Rußland zur Anerkennung dieses Metropoliten zu bewegen, scheiterten gänzlich. Er befahl vielmehr den russischen Bischöfen, sofort zur Wahl eines neuen Metropoliten zu schreiten. Es wurde JonaS, Erzbischof von Räsan, ein bitterer und erklärter Feind der Union, zum Metropoliten gewählt. Er war eifrig bemüht, die russische Kirche immer mehr unter die Knechtschaft der Großfürsten zu bringen. Ein Nachfolger deS Jonas, der Metropolit Philipp von Moskau, erließ gegen die Gläubigen von Nowgorod, die mit ihrem Erzbischof zur Union übertreten wollten, einen Hirtenbrief, worin er ihnen mit allen Strafen der Holle droht, falls sie die gottlose That der Aussöhnung begehen würden. Sehr bald aber mußte die russische Kirche, da sie die Vaterhand des römischen Papstes von sich gewiesen, daS eiserne Scepter des Großfürsten führen. Iwan IV. war ein furchtbarer Tyrann, so daß er sich den Namen des Schrecklichen erworben. Im Staate wie in der Kirche kannte er kein anderes Gesetz als seine Laune, und kühlte sich überall, wo ihm nur Widerstand geschah, am unschuldigen Blute. Kein Herrscher vor ihm hat mit einer so gottlosen Frechheit, wie er, im Heiligthum gewü- thet, und die Zügel der Kirche an sich gerissen. Weder Tugend noch Verdienst, noch die Würde der Oberhirten der Kirche war ihm heilig. Grausam wüthete er gegen den Metropoliten Philipp II., der ihm sein Lasterleben vorgehalten hatte. Obschon ein achtzigjähriger Greis, wurde er dennoch aus einem Schubkarren in ein Klostergefängniß geschleift, wo ihn Iwan mit Keulen hätte todtschlagcn lassen, wenn ihn nicht das Jammergeschrei des Volkes abgehalten hätte. Acht Tage schmachtete der Metropolit, der sich in seinem Elend würdig und edel bezeugte, im Gefängniß und rang hier, auch des Nöthigsten beraubt, mit dem Tode. Um ihn seine Rache noch mehr sühlen zu lassen, wüthete der Czar mit gleicher Grausamkeit gegen seine Verwandten und schickte ihm daö noch triefende Haupt seines edlen Neffen, das so eben unter dem Beile deö Henkers gefallen war. Philipp segnete es und schickte eS ihm gelassen zurück. Endlich ließ Iwan den Greis auf das grausamste im Gefängniß erdrosseln. — Auch der gewandte Pimen, Erzbischof von Nowgorod, der lange Zeit Iwans Freundschaft genossen, entging dem Tode nicht. — Auch der Nachfolger PimenS, der Erzbischof Leo nidaS, ein feiger Lvbredner der Leidenschaften des Großfürsten, wurde, weil er dem Wüstling die von der griechischen Kirche verbotene vierte Ehe nicht erlauben wollte, in eine Bärenhaut genäht und lebendig von Hunden zerrissen. — Der KleruS sank sehr tief unter diesem Despoten. Iwan raubte den Bischöfen alle Rechte und Privilegien, und ließ ihnen nur das von ihrer Würde unzertrennliche OrdinationSrccht, um die Kirche mit den nöthigen Dienern. versehen zu können. Er selbst rief die Concilien zusammen und war hier Vorsitzer und Richter in geistlichen wie in weltlichen Angelegenheiten der Kirche. Die Bischöfe mußten seine Verordnungen als Gesetze GotleS annehmen. Sie hatten nicht einmal die Freiheit, das sittliche Richteramt bei ihrem Klerus ausüben zu können. Durch einen Ukas vom 12. April 1552 errichtete er ein hohes polizeiliches Tribunal, dem zwei Laien vorgesetzt wurden, das über die Sittlichkeit deS gesammten KleruS, der Priester und Mönche, wachen sollte. Seine beiden Günstlinge waren die ersten Vorsitzer dieses Sittengerichtshofes. — Iwan war seinem Glauben nach, wenn man sonst bei ihm von Glauben sprechen kann, ein trauriges Gemisch von Griechenthum, LutheraniSmuS und Heidenthum. Gegen daS Jahr 1565 zeigte er sich sehr geneigt, die AugSburgische Consession, die ihm sein Liebling, der lutherische Liesländer Eberfeld, einzuschmeicheln suchte, anzunehmen. Seit dieser Zeit haben die Protestanten eine Kirche in Moskau. Den Metropoliten AthanasiuS bestrafte Iwan mit einer Geldbuße von 60,000 Rubeln, einer für diese Zeit unerhörten Summe, weil er sich der Einführung deS Protestantismus widersetzte. — Iwans Sohn und Nachfolger, der Großfürst Feodor I. Iwanowicz (1584—1589) herrschte nur dem Scheine nach; die Zügel des Reiches 259 « führte sein Günstling, der allgewaltige Fürst Boris Gudonow, dessen Schwester der junge Czar zur Gemahlin hatte. Gudonow trat in die Fußstapfen deS verstorbenen Iwan, und regierte gleich ihm mit zügelloser Willkür und Grausamkeit Kirche und Staat, Er stürzte und verbannte die Bischöfe nach Belieben und erhob endlich den kriechenden und gewissenlosen Schmeichler Hiob auf den Metropolitenstuhl, und erkaufte ihm, um sich diesen desto mehr zu befreunden, und mit seiner Hülfe Klerus, Adel und Volk unter dem schwachen Czaren vollends unter die Füße treten zu können, von dem Patriarchen von Konstantinopel die Patriarchenwürde. Seit CerulariuS waren fast alle Patriarchen von Konstantinopel mit wenigen Ausnahmen verworfene Männer. Als Konstantinopel vollends in die Hände der Türken gerieth, schwand auch jede Spur priesterlicher Würde in den Oberhirten der griechischen Kirche. Sie schwangen sich von nun an nur durch Nerruchtheiten und durch die Macht des Harems auf den Patriarchenstuhl, und konnten sich auch nur durch eine fortlaufende Kette von Schandthaten auf ihm erhalten. Nicht der heilige Geist, sondern die größere und kleinere Summe Geldes, welche der jedesmalige Bewerber an junge Sultaninnen, namentlich waren solche vom Glauben abgefallene Griechinnen, verschwendete, verfügte jetzt über den ersten Stuhl der griechischen Kirche. Außerdem mußte jeoer Patriarch bei dem Antritte seiner Regierung die Hand dem Sultan küssen, ihn, den Muhamedaner, um die Bestätigung seiner Würde ersuchen und dafür einen ansehnlichen Tribut in Gold, PeScesion genannt, entrichten. — So tief sank der Patriarcheustuhl der griechischen Kirche nach seiner Trennung von Rom. Jetzt bekleidete diese Würde der berüchtigte Jeremias II. Mit ihm stritten seit dem Jahre 1572 der gcmeine und vertriebene Metrophonos III., sein Vorgänger, und die verworfenen Pachomius und Theolept um den Patriarchenstuhl; alle vier stürzten und erhoben sich gegenseitig durch den Einfluß des Harems in ihrer hohen Würde. Mit MetrovhonoS Tode im Jahre 1530 schienen ruhigere Zeilen für Jeremias eintreten zu wollen, als plötzlich der Laie Theolept, Schwestersohn des MetrophonoS, der ihn kurz vor seinem Tode ohne jede Beobachtung der kirchlichen Jnterstiticn in drei aufeinander folgenden Tagen zum Diakon« Priester und Metropoliten von Philippopoli gemacht hatte, sich gegen ihn erhob, und ihn beim Sultan des Majestätsverbrechens und anderer Missethaten beklagte. Jeremias ward entsetzt und in's Gefängniß geworfen, woraus er jedoch wieder befreit wurde. Der Sultan ließ nun den verruchten Mönch Pachomius auf den Patriarchenstuhl erheben. Jeremias mußte abermals seine Würde niederlegen. Nachdem aber Theolept auch den Pachomius gestürzt, brachte er es so weit, daß er vom Sultan für ungeheure Geldsummen zum Patriarchen ernannt wurde. So hatte der Stuhl von Konstantinopel drei Häupter, Jeremias, Pachomius und Theolept, von denen jeder mit Hülse griechischer Eunuchen des Harems seine Rechte geltend zu machen suchte. Endlich erschlich sich Jeremias den Alleinbesitz dieses Stuhles, indem er dem Pachomius und Theolept eine jährliche Pension von 50V Dukaten in Gold bezahlte. (Schluß folgt.) Leben des ehrwürdigen Johannes Grande. (Fortsetzung.) IV. Johannes' Thätigkeit und hohe Vereinigung mit Gott. So zahlreich und mannigfaltig auch die Geschäfte seyn mochten, denen Johannes sich unterziehen mußte, und so viel sie ihn auch nöthigten, in und außer den Spitälern mit Menschen aus allen Sränden zu verkehren, so vermochten sie eS doch nicht, ihn mit jenen besondern Gnaden nicht selten in Gegenwart vieler Zeugen, zuweilen ihn im Umgange mit Gott zu stören oder seinen Eifer in den Uebungen der Frömmigkeit auch nur zu mindern. Er hatte alle diese Arbeiten nur für Gott unternommen, und daher kehrte er von ihnen ohne Schwierigkeit zur Unterhaltung mit Gott zurück, 260 oder verlor ihn vielmehr während derselben nie aus den Augen. Er setzte seine strengen Bußwerke sort und brachte, wenn gleich von den Anstrengungen deS TageS ermattet, mehrere Stunden und zuweilen die ganze Nacht im Gebete zu. Durch die standhafte Abtödiung aller Leidenschaften und diesen fortwährenden Umgang mit Gott gelangte er zu einer solchen Leichtigkeit, sei i ganzes Herz zu ihm zu erheben, daß er nur das Gebet zu beginnen brauchte, um auch sogleich in den Gegenstand seiner Liebe ganz versenkt zu werden. Zwar war ihm Gott überall gegenwärtig, und an jedem Orte sah man ihn mit dieser tiefsten Versammlung beten; aber so oft es ihm möglich war, verrichtete er sein Gebci vor dem hochwürdigen Gute, und seine Ändacht zu dem in diesem Geheimnisse unS stets nahen Erlöser war so groß, daß er nur mit Mühe sich von ihm entfernen konnte, oftmals auch von seinen Brüdern wie aus tiefem Schlummer geweckt, ja mit sanfter Gewalt fortgebracht werden mußte. Aber wenn seine äußeren Beschäftigungen für ihn kein Hinderniß des Umganges mit Gott waren, so war auch hinwiederum die Andacht kein Hinderniß seines Wirkens für den Nächsten. Wie wir oben die höchste Reinheit deS Lebens mit der größten Strenge der Buße in ihm vereinigt sahen, so finden wir nuu auch in ihm alle Gaben, ja alle Wunder des beschaulichen Lebens mit der rastlosesten Thätigkeit verbunden. Vom Gebete eilte Johannes an die Betten der Kranken, in die Hütten der Armen, in die Paläste der Reichen: nicht selten geschah es, daß er während des Gebetes erkannte, wo seine Hülse nöthig sey. So vernahm er einst, vor dem Hochwiirdigen kniend, den Befehl, in das Krankenzimmer zu eileu, weil seine Kinder — denn so nannte er die Kranken — seiner bedürften. Er eilte hin und fand einen Kranken ohne Besinnung und in der heftigsten Aufregung. Johannes bezeichnete ihn mit dem heil. Krenzzeichen, und alsbald war der Leidende nicht nur rnhig, sondern auch geheilt. Ein anderer aber lag in den Todesängsten, auf das heftigste zur Lerzweifluuz versucht. Wenige Worte, die der Diener Gottes zu ihm redete, führten die Ruhe in sein Gemüth zurück, und er starb mit großer Zuversicht, bei Gott Barmherzigkeit zu finden. — ES ist nun wohl nicht nöthig, den Er er der Liebe, mit welchem Johannes sich überhaupt .dem Dienste der Kranken hingab, z» beschreiben, wie er von Bett zu Bett eille, um zu sehen, wessen sie bedürften, wie er sie speiste, wie er diesem die Wunden verband, jenem die Arznei eingab, ihre Betten machte und die niedrigsten Dienste ihnen leistete. Aber nicht ohne Erstaunen kann man vernehmen, wie viele andere Werke der Barmherzigkeit er noch zu verrichten im Stande war. Die Armen der Stadt kamen schaarenweise in'ö Spital, und sie wurden gespeist, oft auch gekleidet. Eine Menge Hau?armen erhielten von Johannes die Unterstützung, welche die Scham sie abhielt zu begehre». Jungfrauen, deren Sitten in Gefahr waren, Sünderinnen, die sich bekehren wollten, Kinder, die ohne Obdach umherirrten, wurden von ihm nicht nur im Augenblicke höchster Noth unterstützt, sondern auch für immer versorgt. — Einst landeten in Lerez gegen dreihuudert spanische Soldaten, welche von Cadir, nachdem die Engländer die Insel mit Sturm genommen hatten, geflüchtet waren und in dem Hasen von Terez von Allem entblößt, ermattet und zum Theil krauk und verwundet einliefen. Johannes nahm sie alle auf, und fand Mittel, sie alle zu verpflegen. — Aber auch die ganze Bevölkerung der Stadt uud Umgegeud sollte in ihm einen rettenden Engel in höchster Noth finden. Es war im Jahre 1579 auf eine große Überschwemmung eine allgemeine Theurnng erfolgt. Seit man sie vorhergesehen, hatte Johannes eine große Menge Getreides zusammengebracht, und sämmtliche Arme der Stadt in drei Classen, Männer, Weiber, Kinder, theilend, ließ er ihnen täglich nicht nur Brod, sondern auch andere LebenSmittel reichen. Er setzte diese Spende, — nicht ohne einen göttlichen Beistand, der vielen wunderbar schien, — mehrere Monate sort, und rettete auf diese Weise die volkreiche Stadt von dem vielfachen Elende, das mit einer Hungerönoth pflegt verbunden zu seyu. — Jmnur mehr also verbreitete sich durch ganz Andalusien der Ruf Johannes' dcv Sünders, und man nannte ihn einen zweiten Johannes von Gott. Aber wie dieser sein Vater, also war auch er noch weit mehr um das Heil der Seele, als um das leibliche Wohl seines Nächsten besorgt, und obschon er eS als seinen eigentlichen Berns ansah, den Seelen dadurch nützlich zu seyn, daß er daS Elend des Leibes milderte; so unterließ er doch nichts, wodurch er auch unmittelbar zur Belehrung und Besserung seiner Mitmenschen beitragen konnte. Kaum war ein Kranker im Spital angekommen und hatte die erste Pflege empfangen, so war auch Johannes an seiner Seite, um ihn mit liebevollen Worten zum Empfang der heiligen Sacramente vorzubereiten. Er pflegte bei dieser Gelegenheit zu sagen, — was die Erfahrung in alleu Anstalten dieser Art bewährt, — erst dann würden die Arzneien aus den Körper heilsam einwirken, wann zuvor die Seele vom ln'mmlischen Arzte geheilt und mit Gott durch die Gnade des Erlösers versöhnt wäre. Geschah eS nun, daß ein Kranker so heilsamen Ermahnungen widerstrebte, so war der fromme Johannes weil entfernt, es bei diesem ersten Zureden bewenden zu lassen. Gott hatte ihm eine natürliche Gabe, an das Herz zu reden, verliehen, und die Fülle der Gnade, die in ihm wohnte, verlieh überdieß seinen Worten eine höhere Weihe. Wenn nun irgend eine verhärtete Seele auch dieser Beredsamkeit widerstand, so nahm Johannes seine Zuflncht zum Gebete und zur Buße. Die Augen deS Geistes auf den Gekreuzigten richtend, opferte er nach dem Beispiele desselben mit seineu Thränen seine Schmerzen und oft auch sein Blnt für das Heil der Sünder auf. Einst kehrte er nach solchem von Bußwerken begleiteten Gebet zu einem Kranken zurück, der hartnäckig alle Ermahnungen zur Bekehrung von sich gewiesen hatte. Jetzt zeigte sich derselbe sofort bereit, in den heil. Sacramentcn Versöhnung mit Gott zu suchen, legle mit sichtbaren Zeichen tiefer Reue während mehrerer Stunden seine Beichte ab, und verschied eine Stunde nachher mit solcher Seelenruhe und freudiger Hoffnung, daß die Umstehenden Thränen der Andacht vergossen. — Aehnliche Vorfälle wiederholten sich oft. Daher konnte des Johannes' Spital als ein Schauplatz der göttlichen Barmherzigkeit betrachtet werden, wo immer von neuem so viele Unglückliche Rettung für Leib und Seele fanden. Aber eben so wenig al4 seine Milvthäiigkcil beschränkte sich dieser sein Seelen- eiser ans das Krankenhaus. Mit großer Sorgsalt nahm er sich der armen und ver- nachläßigten Kinder an. Er sammelte sie um sich her, um ihnen zugleich mit dem Brode des Leibes auch das der Seele zu spenden, und die er nicht selber unterweisen konnte, führte er andern, die ihm in diesem Werke der Liebe beistanden, zu. — Oftmals hatten es schamlose Weiber versucht, den Diener GotteS bald durch List und Schmeichelei, bald auch mit frecher Gewalt zur Süude zu reizen. Aber niemals war ihnen ihr verbrecherisches Vorhaben gelungen. Dahingegen gefiel es Gott, der ihn in svlchen Gefahren beschützte, öfters auch denselben auf wunderbare Weise entriß, seinem Diener gerade zur Bekehrung dieser Unglückseligen eine besondere Gabe zu verleihen. Er war beredter, sie zur Buße, als sie, ihn zur Sünde zu bewegen. Nach einer höchst sonderbaren Sitte pflegten sich an gewissen Tagen deS JahreS viele dieser Sünderinnen in einer bestimmten Kirche bei der Predigt einzufinden. Ihr verblendeter und vom Laster verhärteter Sinn öffnete sich selten dem Lichte der Gnade, so sehr auch der Prediger bemüht seyn mochte, auf diesen Theil seiner Zuhörer einen besonderen Eindruck zu machen. Da sah man nun aber nach der Predigt den ehrwürdigen Johannes sich den Elenden nähern, und er redete ihnen mit solcher Kraft vom ewigen Heile, das sie verscherzten, und von der Barmherzigkeit GotteS, der sie zur Buße einlade, daß er fast jedesmal eine bedeutende Anzahl zur Aenderung ihres Lebens bewog. — Er hatte auch die Veranstaltung getroffen, daß an jedem Freitag der Fasten im Vorhofe des Spitals eine Predigt gehalten wurde, zunächst zwar für die Armen, die dort zusammenkamen, dann aber auch für alle, die sich dabei einfinden wollten. Bei solcher Gelegenheit nun unterstützte Johannes die Worte des Predigers mit dem Beispiele der Buße. Im Bußklcid und das Haupt mit Asche bestreut, erschien er vor der versammelten Menge, in der Linken das Crucifix, in der Rechten das Bußwerkzeug, womit er sich vor ihren Augen peinigte, emporhaltend, und mit erschüttertem Tone zur Umkehr vom Wege des Lasters, zur Reue und Zerknirschung aufsordernd. Einst waren viele dem Laster ergebene Weiber, wohl nur aus Neugier, bei der Predigt zugegen; acht derselben entschlossen sich zur Buße, beharrten in derselben, und wurden von Johannes für ihr ganzes Leben versorgt. — Wohl mögen manche S6S der Mittel, welche der Diener Gottes anwendete, in unserer Zeit nicht gebilligt werden; aber die Wirkungen, die er durch sie hervorbrachte, werden wir doch nicht aufhören hochzuschätzen: obgleich ein Blick aus den Sohn Gottes, der vor den Augen des ganzen Volkes für unsere Sünden wollte gegeißelt werden, unS auch über die Bedeutung und den Werth der äußern Buße belehren sollte. Ueber alle diese Werke hatte Johannes die Gefangenen, unter denen er die Uebung der Barmherzigkeit begonnen hatte, nicht vergessen. Er besuchte sie, milderte ihr hartes Loos durch Erquickungen und Worte deS Trostes; aber mit besonderer Sorgfalt war er bemüht, jene, die zum Tode verurtheilt waren, auf den Uebergang in die Ewigkeit vorzubereiten. Seine Bemühungen hatten fast immer den besten Erfolg. Jene Unglücklichen nahmen, von ihm belehrt, den zeitlichen Tod im Geiste der Buße an, um dem ewigen zu entfliehen. Johannes begleitete sie bis zur Richtstätte, und nahm zugleich mit dem Priester, der ihnen beistand, ihre letzten Seufzer auf. Wenn Gott das Wohlgefallen, welches er an dem Wirken seines Dieners hatte, schon durch den Segen, den er so reichlich über dasselbe auSgoß, offenbarte, so wollte er überdieß auch durch außerordentlichen Beistand, womit er ihn unterstützte, seinen Muih aufrecht halten. Ohne einen solchen Beistand wäre es auch durchaus unbegreiflich, nicht nur wie Johannes so viele Arbeiten hätte übernehmen und so viele Geschäfte mit Pünktlichkeit besorgen, sondern auch und mehr noch, wie er für die Werke der Liebe, die er übte, hinreichende Mittel hätte finden können. Oftmals ermunterte ihn Gott auch ausdrücklich, auf ihn stets zu vertrauen, und sich nicht zu scheuen, sein HanS mit Kranken zu füllen, wenn sie gleich die Zahl derer, die er aus den Einkünften des Spitals verpflegen konnte, weit überstiegen. Balo nach Eröffnung desselben, als die Einkünfte noch nicht so reichlich waren, fand sich Johannes einst wegen der Menge der Kranken, die er aufgenommen hatte, in der größten Noth. Er flehte in der Nacht zu Gott, uud wurde durch einige Worte göttlicher Hulv gestärkt. Am Morgen erschien ein Edelmann mit einer Menge Getreide, Oel und Arzneien, und versprach, dem Spirale jedes Jahr diese Unterstützung zukommen zu lassen. — Am Weihnachtstage pflegte Johannes eine größere Spende von Brod und Fleisch an die Armen der Stadt anzuordnen. Nun geschah es eines Jahres, daß von dem Vor- ralh nur noch so viel übrig war, als er für einige Hausarme bei Seite zu legen besohlen hatte. Aber es kamen noch andere Arme und baten um ihren Theil. Man versicherte sie, daß bereits alles verschenkt sey; aber sie ließen nicht nach, sie flehten, sie weinten, sie murrten. Johannes ging selbst zu ihnen hinaus, um sie zu beruhigen. Vergebens: sie drängten sich um ihn her und begehrten mit immer größerer Zudringlichkeit, daß er auch ihnen geben lasse. Da erhob der fromme Mann seine Augen znM Himmel und flehte zuin Vater aller Armen aus dem tiefsten Grunde seines Herzens. Plötzlich wandte er sich dann mit heiterem Antlitze zu seinen Ordensbrüdern und befahl, von dem noch vorhandenen Vorrathe zu spenden, so lange er dauere. Man gab allen, die dort waren, und allen, die noch kamen, und gab ihnen reichlich, und der Borrath verminderte sich nicht. — Viel ähnliche Ereignisse, in welchen Gott mit feiiter Allmacht den Liebeöeiser seines Dieners unterstützte, werden in den Acten deS Prozesses der Seligsprechung berichtet. In denselben find auch viele andere wunderbare Erscheinungen, welche seine hohe Begnadigung kunvthaten, aufgezeichnet. Wie wir schon erwähnten, waren ihm in seinem thätigen Leben die höchsten Gaben deS beschaulichen Lebens verliehen. Obgleich nun Johannes sehr bemüht war, was immer Außerordentliches die Gnade in ihm wirkte, vor den Augen der Menschen zu verbergen, so wollte doch Gott, dem eS gefällt, die Demüthigen zu erhöhen, nicht, daß ihm dies immer gelinge. Er suchte ihn uiit jenen besondern Gnaden nicht selten in Gegenwart vieler Zeugen, zuweilen auch vor dem ganzen Volke heim. Johannes wurde oftmals im Gebete zu einer höheren Anschauung der himmlischen Dinge erhoben, durch diese entzückende Erkenntniß den Sinnen entrückt, und in solchem Zustande verweilte er mitunter mehrere Stunden. Wenn er aber deßhalb denen, welchen seine Tugend und die Wirkungen der göttlichen Gnade bekannt waren, ein Gegenstand frommer Verehrung wurde, so ließ eS doch 2K3 Gott auch öfters zu, daß diese höchste« Gnadenerweifungen mit der empfindlichsten Verdemüthigung von Seite der Menschen verbunden waren. Es gab sich in jenem Zustande die mächtige Bewegung seines Herzeus durch verschiedene Wirkungen in seinem Leibe kund, oder wenn er nicht nur den Gebrauch der Sinne, sondern auch jede Bewegung verloren hatte, schien er in einer Art von Betäubung zu liegen. Da geschah eö nun, daß unwissende oder für alles Göttliche gefühllose Menschen ihn, sobald er zu sich kam, mit Schimpfreden überschütteten. Sie schalten ihn, wie die Juden die Apostel, als der Geist Gottes über sie gekommen war, einen Trunkenbold, oder auch einen Heuchler, Schwärmer, einen Narren, wenn nicht gar einen Besessenen. Er störe die Andacht der Gläubigen und den Gottesdienst, sey den Schwachen zum Anstoß und Allen ein Aergerniß. — Mit gesenkten Augen nahm der demüthige Johannes diese Vorwürfe und Scheltworte, nicht anders, als gebührten sie ihm, hin, und eS war sehr rührend, den von Gott so hoch Begnadigten in demselben Augenblicke, da er auS der entzückenden Beschauung und dem Verkehre mit Gott in diese Sinnenwelt zurückkehrte, die Umstehenden, auch wenn sie ihn nicht auf jene Weise schalten, mit Beschämung bitten zu hören, daß sie ihm die Störung, die er durch sein unziemliches Betragen verursacht, verzeihen möchten. Indessen übernahm zuweilen auch Gott selbst die Vertheidigung seines Dieners. Denn mehr als einmal geschah eS vor den Augen derer, die ihn verspotteten, daß, während seine Seele durch göttliche Kraft emporgetragen und der sichtbaren Welt entrückt wurde, auch sein Leib sich erhob, und Johannes in kniender Stellung über der 6roe schwebte, von himmlischem Glänze umflosscn. — Eine Dame von hohem Stande, welche die Wohlthäu'gkeit des Dieners GotteS mit reichen Almosen zu unterstützen pflegie, hatte in wenigen Tagen mehrere ihrer Kinder verloren. Sie zog sich aus der Stadt auf ein nahe gelegenes Landhaus zurück, und ließ Johannes bitten, sie in Begleitung eines andern Ordensmannes, deS PalerS Figueroa, der ebenfalls im Rufe großer Tugend und hoher Begnadigung stand, zu besuchen. BIS nun die beiden frommen Männer unter heiligen Gesprächen sich dem Dorfe, in welchem daS Landhaus der Dame gelegen war, genähert hatten, ließen sie sich, um etwas auszuruhen^, bei einer Quelle, nieder. Sie setzten ihre Unterredung fort, und die Quelle, welche nnter ihren Füßm in einem klaren Bache dahinfloß, war ihnen ein Anlaß, von dem Strome der Wonne zu sprechen, womit Gott im Lande deS Friedens seine AuSerwählten tränkt. (Ps. 35, 9.). Da ruhten Jvhannes Augen auf dem hellen Gewässer, und wie sein leuchtender Blick immer mehr, was seine Seele empfand, offenbarte, so verstummte allmälig sein Mund. Der Pater Figueroa betrachtete ihn mit tiefer Rührung. Johannes sank auf die Kniee, sein Angesicht erglühte; er ward unbeweglich, und nach und nach einige Spannen von der Erde erhoben. Indessen gelangte die Dame, die ihnen entgegengekommen war, mit ihrer Begleitung zur Quelle, und auch manche Landleute, die kamen, um Wasser zu schöpfen, blieben mit ihr erstaunt vor dem Entzückten stehen. Man entfernte sich nicht, obschon ganze Stunden verflossen, ehe er der Erde und ihnen zurückgegeben ward. (Schluß folgt.) Zeichen der Zeit. Daö protestantische „Volksblatt sür Stadt und Land" enthält über das neue holländische Cultusgesetz folgenden vortrefflichen Artikel: Der gute „Holländer" hat denn einmal wieder ein „CultuSgesetz" vom Stapel gelassen, bei welchem man sich ihn nothwendig mit der Thonpfeife im Munde vorstellen muß, und welches ein solches Mustereremplar von moderner Fabrikarbeit im Fache der Gesetzgebung darstellt, daß es wohl eine kleine Beleuchtung verdient. Das charakteristische solcher Arbeit ist unter andern,, daß sie sich gänzlich in abstracten Begriffen bewegt, kein Ding bei seinem Namen nennt, sonder nur ein Schema mit Schubfächern und Nummern giebt, in daS man die lebendigen Dinge dann so gut oder so schlecht als eS geht, hinein- quetschen muß. So weiß auch besagtes Cultusgesetz kein sterbendes Wörtchen davon, daß 264 eS in Niederland eine evangelisch - refornn'rte Landeskirche giebt, deren Oberhaupt der König selbst ist, kein sterbendes Wörtchen davon, daß eS daneben eine römisch-katholische Kirche giebt, welcher V5 der Unterthanen des Königs angehören u. s. w. Es weiß von nichts als „verschiedenen religiösen Gemeinschaften," von deren „Religionslei- tung," Religionsdienern," von „Gebäuden zur Ausübung einer öffentlichen Religion," von „Kleidern für die Ceremoniendes Cultus," und was des naturphilosophischen Kau- derwälscheS mehr ist. Dem entspricht denn auch der Styl dieser Gesetzgebung, welcher deutlich darauf hiuweiSt, woher dergleichen Waare eigentlich kommt, nämlich aus dem Französischen. „Die verschiedenen religiösen Gemeinschaften sind durch nichts mehr behindert" — „die Religionsdiener tragen die Kleider für die Ceremonien des Cultus" u, s. w. Welchem ehrlichen Deutschen (und das sind und bleiben doch die Holländer nun einmal) würde eS einfallen, so zu sprechen, wenn er Anordnungen treffen will? Auch dieser geschraubte Präsens-Styl gehört, wie gesagt, zudem „constitutionellen" wälschen Schablonenwesen. Dieß Schablonenwesen hat aber noch eine andere Seite. Eö ist nämlich stets nicht bloß wunderlich, sondern zugleich auch unehrlich. Statt gerade herauszusagen: die katholischen Bischöfe sollen dieß oder das nicht thun dürfen, — was es doch in der That, wie auch jedermann weiß, sagen will — gilt es nun irgend eine abstracte Formel zu erfinden, durch welche man, nnter dem Scheine allgemeiner Egalität, die besonderen Fälle trifft, die man eben im Auge hat. Und da der Esscct doch derselbe bleibt, wozu dieses um den Brei herumgehen? dieß vermeiden offener, ehrlicher Worte? Soviel über die Zopfform der modernen Gesetzgebung überhaupt. Was nun den Inhalt dieses Gesetzes betrifft, so ist derselbe nicht weniger zeitgemäß. Er besteht nämlich „erstens" in der beliebten „allgemeinen Religionsfreiheit," wornach also der Staat erklärt, eS sey ihm ganz gleichgültig, ob seine Leute Türken seyn wollen oder Christen (das Wort Christ oder Christenthum oder Kirche kommt überhaupt nicht ein einzigmal in diesem Cultusgesetze eines christlichen Landes vor!) und er sey mit Freuden bereit, wenn sie morgen sich zu einer türkischen Religionsgemeinschaft „organisiren" wollen, seine „Gutheißung" dazu zu ertheilen. Sodann besteht der Inhalt aber „zweitens" in der möglichsten Bevormundung der wirklich bestehenden Kirchen, die so zärtlich ins Detail geht, den „Religionsdienern" sogar vorzuschreiben, wo sie ihre Familiennamen beischreiben müssen. (Deutsch und ehrlich gesagt, hat das folgendes zu bedeuten. Es ist eben so alter als allgemeiner Gebrauch aller Bischöfe in der ganzen Welt, — der römischen, der griechischen, der englischen, — sich bloß z B. „Heinrich Bischof von Ereter" zu schreiben. Dem Holländer klingt das wahrscheinlich zu romantisch, und eS wird sich da also Einer — wenigstens osficiell — z. B. „HauS Piepenstengel, Bischof von so und so" schreiben müssen.) Andere Leute, die etwas darauf halten, daß die Kirche auS den vier Mauern und aus den Studir- stuben heraus wieder etwas ins Volksleben trete, würden sich darüber freuen, wenn die Pfarrerauch auf der Straße wieder in AmtStracht erschienen; dieß CultuSgesetz verbietet aber bei Strafe, daß sie irgendwo anders als „innerhalb der kirchlichen Gebäude und an den Orten, wo die Ausübung deS Cultus erlaubt ist," sich so sehen lassen. Der Geistliche ' darf nicht einmal von seiner Wohnung zur Kirche im Ornat gehen, der Chorrock bleibt ganz verschämt in der Sacristei hängen und die Tause und das heilige Abendmahl in den Häusern wird wahrscheinlich im Frack gespendet. Andere Leute, die sich nach Erhebung aus dem jammervollen Verfall des Wortes Gottes unter uns sehnen, würden sehr froh darüber seyn, wenn nur neue Kirchen gebaut würden; dieß CultuSgesetz droht aber außer andern Strafen auch mit „Abbruch aus Kosten der Bauunternehmer," wenn jemand eine Kirche baut, ohne daß der Staat eS besonders bewilligt hat. Andere Leute würden sich freuen, wenn geistliche Vorposten ausgesandt, die seelsorglichen Kräfte vermehrt, neue Pfarrstellen gegründet würden. Dieß holländische freisinnige CultuSgesetz verbietet eS aber, wenn nicht der Staat „daS Passende des Ortes anerkannt" hat. — Sehr passend wird die Besprechung deS neuen Gesetzes (das übrigens vorläufig noch nichts gilt, sondern erst den „Kammern" zur Annahme vorgelegt ist) in den Zeitungen durch die Nachricht unterbrochen, daß „neue Heringe" angekommen sind. Und damit wollen wir denn auch abbrechen. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags - Inhaber: F. C. Krem er. Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PostMung. 21. August. M S-Ä. 1853. DteseS Blatt erscheint regelmäßig alle Tonntage. Der halbjährige Abonnementsprei« »tt kr, wofür e« durch alle löni'gl. bayer. Postämter »ad alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Wunderbare Begebenheiten im Neapolitanischen. Zu Bari, im Neapolitanischen, befindet sich in der Capella Regia del Tresors ein Dorn, angeblich aus der Dornenkrone des göttlichen Heilandes. Wie die Sage geht, wird dieser Dorn, so oft der Charsreilag auf den L5. März fällt, an diesem Tage eine Zeitlang mit frischem Blute benetzt. So soll es im Jahre 1842 gegangen seyn, so wiederholte eS sich in diesem Jahre. Die „Civile cattolica" theilt darüber ein Schreiben auö jeuer Stadt mit, das wir hier in wörtlicher Übersetzung folgen lassen. . „Ein Wunder bewahrheitete sich am 25. März, als dem Todestage des göttlichen Erlösers, in dieser Kirche. Der heil. Dorn, welchen Carl ll. von Anjou, als er daS Grab des glorreichen heiligen Wundcrthäterö Nicolaus besuchte, in die köm'gl. Schatzcapelle niederlegte, wurde mit Blut befeuchtet. Die Geschichte hatte schon seit langer Zeit dieses Wunder aufgenommen; doch die göttliche Erbarmung würdigte sich, zur größern Beschämung unserer verderbten Zeit, auch diesesmal noch unsere fromme Stadt mit Gnaden zu überhäufen. Wir sahen das Wunder und mit uns der Intendant der Provinz, der Major der königl. Gendarmerie, welcher vom ersten bis zum letzten Augenblicke zugegen war, uud der Commandant. Mit uns sah es das ganze Capitel, der städtische Vorstand und Tausende, so viele ihrer hinzu kommen konnten. Der Erzbischof, durch die Geschichte und den Vorfall vom 25. März 1842 aufmerksam gemacht, hatte drei Tage zuvor den normalen Zustand der kostbaren Reliquie von Chemikern mit Notar und Zeugen untersuchen lassen; am Tage selbst ließ er die Kanoniker, abwechselnd mit dem königl. Klerus, von Mittag an glühende Gebete zum Allerhöchsten emporsenden, auf daß die göttliche Güte das demüthige Verlangen »ach Wiederholung des Wunders gnädig aufnehmen möchte. Um 2'/z Uhr (2 Stunden vor Sonnenuntergang) hatte schon der heil. Dorn seinen gewöhnlichen Zustand geändert, und in der Folge bezeugten der Notar, die Zeugen und Vornehmen, welche zu sehen und gegenwärtig zu seyn gekommen waren, daß er seinen frühern Zustand schon sehr verändert habe, uud daS Wunder war also schon geschehen. Alsdann wurde der genannte heilige Dorn aus der Capelle des königl. Schatzes auf den Altar des Herzens Jesu getragen uud zur öffentlichen Verehrung ausgesetzt, um das fromme Verlangen des andächtigen Volkes zu befriedigen, das zu Tausenden, daS Wunder zu sehen, herbeiströmte. Eine Stunde nach Sonnenuntergang, als man im Orchester daS Christus :c. und Miserere sang, bemerkte dann der Cavaliere DupuiS, Major der königl. Gendarmerie, welcher sich nie von der Reliquie entfernt hatte, zuerst und machte den Intendanten und Commandanten der Provinz darauf aufmerksam, daß man an der linken Seite des Fußes der Reliquie rothes Blut sehe. Als der Intendant alles untersucht hatte, verkündete er es, aufgeregt vor Freude, und nuu verdoppelte sich das Frohlocken, die Thränen flössen in Strömen, und die Seufzer und Gebete erschollen so zum Allerhöchsten, daß auch das härteste Herz bei Betrachtung dieser . Wärme und beim Anhören der frommen Gebete sich erweichen mußte." / 266 So wenig wir diese Erzählung gleich einem Glaubensartikel glauben, eben so wenig können wir sie ohne Weiteres verwerfen. Warum sollten auch außer den in der heil. Schrift mitgetheilrcn keine Wunder geschehen dürfen? Hat nicht der göttliche Heiland uus selbst schon belehrt, daß die Gabe der Wunder mit seinem Hinscheiden nicht aufhören soll? Wer nur die Wunder sammeln wollte , die schon von den heil. Vätern erzählt sind, könnte damit nicht wenige Bände anfüllen. Wenn Nichtkatho- liken uns dieses Glaubens wegen bespötteln, so wissen sie warnm; aber auch wir wissen eS, und um so mehr halten wir, statt uns um dieses Spötteln zn bekümmern, daran fest und fordern sie auf, vor allem Urlheile die Thatsachen zu untersuche». Lasset diese sich mit keinem vernünftigen Grunde in Zweifel ziehen, noch auch natürlich erklären, dann bleibt Nichts übrig, als an ein höheres Wirken zu denken, welche auch immer die Absichten seyn mögen, die Gott damit erreichen will; und stellt sich heraus, daß diese Thatsachen im Schooße der katholischen Kirche eben so unantastbar und bäufig, als sie bei Allen außerhalb der Kirche unerhört sind, dann ist das eben so beruhigend für uns, als es für die Andersgläubigen, weil sie kein Zeichen übernatürlichen Lebens aufzuweisen haben, einen Beweis der Falschheit ihrer Religion bietet. Einen solchen Trost bieten uns aber insbesondere die Wunder, welche Gott auf die, Anrusung seiner Heiligen wirkt. Sie bezeugen nämlich nicht bloß die Wahrheit unseres, von den Nichtkatholiken ohne Unterlaß bekämpften Glaubens: daß eS nützlich uud Gott wohlgefällig sey, die Heiligen zn verehren und um ihre Fürbitte auzuruse», sonderu bestäligen auch mit der in ihnen constalirten Freundschaft GotteS gegen dieselben, daß die katholische Religion ein sicherer Weg zum Hcile sey. Auch derartige wunderbare Thatsachen cheilt nns die „Civilts catt." aus Neapel mit, Thatsachen, die auch iu polnischer Beziehung, weil sie das Volk enger mit seinem Regenten verknüpfen, nicht olme Wirkung bleiben können. Die mitgetheilten wunderbaren Thatsachen haben nämlich ans Anrufung der verstorbenen Königin von Neapel, Gemahlin des regierenden Königs und Mutter des Kronprinzen, Maria Christina von Savoyen, stattgefunden, und was sollte denn mehr das gläubige Volk mit dem königlichen Hause von Neapel verbindeil, als gerade sie? Ein Re^entenhauS kann seine Achtung beim Volke nicht tiefer untergraben, als wenn es öffentlich beweiset, daß eS mit Gott keine Gemeinschaft hat, und eben so kann es umgekehrt seine Achtung im Volke nickt tiefer begründen, als wenn es mit derselben Strenge Gott gehorcht, mit welcher es von den untergebenen Völkern Gehorsam fordert. Hat nun daS königl. HauS von Neapel schon andererseits nicht wenige Beweise seiner innigsten Frömmizkeit, in welcher es seinen Unterthanen zum Muster dienen kann, aufzuzeigen, welchen Grund der größten Verehrung muß es dann nicht erhalten, wenn ein der Krone so nahe angehörendes Glied von Gott solche Beweise des allerhöchsten Wohlgefallens erhält? Mit welcher Liebe muß nicht ein Volk einem Regenten anhangen, dessen Gemahlin oder Mutter bei Gott in der Gnade steht, vaß man sie als eine Helferin in den größten Nöthen zn betrachten hat? Schon seit längerer Zeit, zumal seit einigen Monaten, wo ans päpstlichen Befehl das Grab Maria Christina's geöffnet und ihr Leichnam in einem Zustande der Nichtverwesnng gefunden war, wie man sie mit den gewöhnlichen chemischen Prozessen nicht zn erlangen pflegt, hatte man von Gnadenerweisungen an ihrem Grabe, wie die „Eivilta cattolica" berichtet, gehört und Hoffnungen geschöpft, daß Gott seine im Rufe der Heiligkeit verschiedene Dienerin aus besondere Weise verherrlichen werde. Die römische Zeitschrift bemerkte dann, daß sie aus wohl begreiflichen Gründen, so lange eS sich um Thatsachen gehandelt habe, die keine strenge Kritik auszuhalten vermögen, von ihnen keine Mittheilung gemacht habe. Jetzt seyen die Dinge so weit gediehen, daß sie es als eine Pflicht betrachte, das vorsichtige Stillschweigen zn brechen. „Wir haben," schreibt sie dann ferner, „vor uns Zeugnisse vou den berühmtesten Professoren Neapels, als von vr. Emmanuel Raimo, von Dr. Peter Ramoglia, von Dr. Comm. Mansre. AuS ihnen geht hervor, daß Herr Nicvlaus Amitrano, als er durch eine nervöse, von Auflösung der Säfte scorbutischer Art beförderte und mit 267 Affection der Leber complicirte Krankheit so in Lebensgefahr gekommen war, daß er die Sterbsacramente empfangen mußte, am Abende des 2. März vollständig geheilt wurde, einzig und allein, weil er sich der verstorbenen Königin empfohlen und ihr Grab besucht hatte." „Es ist uns ferner ein Zeugniß übersandt von vier achtungswerthen Professoren der Chirurgie: den Herren Campagnaro, Crispino, Festeggiano und Bergamo unterschrieben. Alle vier sprechen von einer schweren Krankheit, die eine Klosterfrau, Namens Maria Assunta De Curtis an der linken Hand gehabt habe. Daö Uebel hatte allen Mitteln, welche die vier Professoren angewendet, fünf Monate lang so widerstanden, daß Einer von ihnen schon befürchtet hatte, daß man zum äußersten Mittel der Amputation schreiten müsse, wurde aber am 31. April d. I. von den genannten Professoren als ganz entfernt befunden; und was die Weise betrifft, so höre man, waS unser Korrespondent darüber schreibt." — „Die hier angeführte Heilung kam, wie ich von verschiedenen Bekannten der Geheilten gehört habe, in folgender Weise zu Stande. Die Krankheit war in drohendem Wachsthum und marterte die Kranke grausam. Am dreizehnten Tage seufzte sie bei ihren stechenden Schmerzen, als eine Freundin ihr den Rath ertheilte, in neuntägiger Andacht mit einigen Gebeten die Fürbitte der ehrwürdigen Maria Christina anzuflehen, und über den Verband der Hand ihr ein kleines Bild derselben befestigte. Die Schmerzleidende bat, aber ruhig, ohne Enthusiasmus, gleichsam ohne Verlangen, die Gesundheit zn erhalten, die ihr in Folge sehr frommer Ergebenheit fast gleichgültig geworden war. Nach beendetem Gebete wandle sie sich an die Freundin und sagte ihr, daß sie keinen Schmerz mehr empfinde. Sie wickeln die Hand loS und finden sie bis auf einige Glieder der Finger, die noch unbeweglich sind, geheilt. Jetzt wenden sie sich mit einem Glauben, der keine Ceremonien kennt, an ihre Beschützerin und sagen: „„Ihr habet die Gnade begonnen und müßt sie vollenden."" Sie berühren die Finger mit dem heiligen Bilde. Unmittelbar daraus ist die Bewegung frei, kräftig, gesund." (D. Volkshalle.) Die rusfische GtaatSkirche. (Zweiter Artikel. Schluß.) Der Schatz deS Patriarchates war durch diese langen und schimpflichen Parteikämpfe gänzlich erschöpft. Da faßte Jeremias den Entschluß, zur Deckung seiner Schulden die Gläubige« der griechischen Kirche um ein Almosen zu ersuchen. Zu diesem Zwecke schickte er seine beiden Mitbewerber um die Patriarchat-Würde, Theolept nach Georgien und Persien, und Pachomius nach Cypern und Aegyptcn. Er selbst ging mit DorotheuS und Arsevius, den Bischöfen von Monembasia und Elision, von denen der erstere zugleich Metropolit und Stellvertreter des Patriarchen von Alerandrien war, nach Rußland. Sie verfehlten nicht, den Gläubigen dieser Provinzen die rührendsten Schilderungen von dem unglücklichen Zustande zu machen, in dem die Kirche von Konstantinopel, die Mutier der gesammten morgenländischen Kirche, unter der Herrschaft der Türken gerathen. Es stellte sich sehr bald heraus, daß das Hauptgeschäft des Patriarchen Jeremias auf seiner Reise in der Beitreibung von Geld bestand, um seine Schulden decken und den jährlichen Tribut von 500 Dukaten in Gold, für welchen Preis seine beiden Mitbewerber um die Patriarchen-Würde ihre Ansprüche ihm verkauft hatten, pünktlich auszahlen zu können. Daher benutzte der schlaue Fürst Boris Gudonow diese Gelegenheit, um von dem Patriarchen Jeremias möglichst viele Vortheile sür die russische Kirche zu erkaufen. Der Patriarch wurde mit seinen Bischöfen und einem zahlreichen Gefolge von Mönchen mit großen AnSzeichnungen vom Großfürsten von Rußland zu Moskau empfangen nnd ersucht, m seinem Staate zu verbleiben. Als er dieses anSschlug, suchte der Fürst Boris Gudonow einen andern Handel mit ihm abzuschließen. Schon lange hatte man in Rußland die Abhängigkeit der russischen Kirche von Konstantinopel unangenehm 268 gefühlt; zur Ausbildung der russischen Nationalkirche war es durchaus nothwendig, sich von dem Patriarchen von Konstantinopel frei zu machen. Der Großfürst uud Gudouow gaben dem Patriarchen JeremiaS große Geldsummen und erwiesen ihm alle erdenkliche Ehre, und stellten dann die Bitte an ihn, den Metropoliten von Moskau, dem feigen Schmeichler Hiob und seinen Nachfolgern die Patriarch« l- Würde zu ertheilen. Um eine so bedeutende Neuerung in der höhern Hierarchie der Kirche zu rechtfertigen, behauvtete der byzantinische Patriarch, die Kirche sey in den ersten Zeiten von fünf Patriarchen regiert worden, nämlich von dem Patriarchen von Konstantinopel, Antiochia, Alerandn'a, Jerusalem und Rom; nachdem aber der Patriarch von Rom (der Papst) in Folge der Ketzerei seiner hohen Würde verlustig geworden, sey es höchst wichtig und zweckmäßig, daß man statt seiner einen neuen Patriarchen von Rußland ernenne. — Jeremias nahm die ihm gebotene große Geldsumme und erklärte sich bereit, dem Metropoliten von Moskau. Hiob, der nur ein gemeines Werkzeug in den Händen deS Großfürsten war, die Patriarchat-Würde zu ertheilen. — Es geschah im Jahre 1589. Der Großfürst legte aber bei der Ertheilung der Patriarchat-Würde an den Metropoliten Hiob sofort seine unumschränkte Herrschaft über die ganze russischeKirche an den Tag. Jeremias und Hiob waren nur die käuflichen Werkzeuge, deren er sich zur Beruhigung des Volkes bediente, um die sogenannte Kirchengewalt an sich zu reißen. — Wie der Czar die Patriarchat-Würde dem Hiob erkauft hatie, so wollte er sie ihm auch verleihen, so daß Jeremias nur Assistenz leistete. Jeremias hatte bei der Handlung wenig oder fast gar nichts zu thun. Die eigentlichen Func- tionen, die nach den Rechten der Kirche dieser hätte verrichten sollen, verrichtete der Großfürst. Als Jeremias den nenen Patriarchen unter dem feierlichen Hochamte in der Metropoiitankirche auf dem Kremel eingesegnet hatte, trar der Czar zu ihm, hing ihm mit eigenen Händen das Panagion an einer goldenen Kette um den Hals, legte ihm den atlassenen Maudyas an, der mit Perlen und Edelsteinen auf das schönste verziert war, warf ein köstliches Omophor über seine Schultern, setzte ihm die weiße Jnful mit dem Kreuze auf und übergab ihm den Patriarchcnstab mit folgenden Worten: „Heiligster Bater, würdigster Patriarch, Vater aller Väter, erster Bischof in ganz Rußland, Patriarch von ganz Rußland, Wladimir, Moskau u. f. w. Hiermit befehle und verkündige ich, daß du vor allen Bischösen den Vorzug haben, und hinführo das Gewand eines Patriarchen, die Calotte eines Bischofes und die große Jnful tragen sollst, und daß man dich in meinem ganzen Reiche als Patriarch und Bruder der übrigen Patriarchen ehren soll." So hatte also der Obcrpriester der griechischen Kirche in gewisser Beziehung sein Vorrecht auf die russische Kirche sür feiles Gold verkauft. Seine beiden Begleiter erkannten sehr bald den Nachtheil, der dem Stuhle von Konstantinopcl aus dieser erlangten Unabhängigkeit der russischen Kirche im Geistlichen wie im Welllichen mit der Zeit erwachsen mnßte, und unterschrieben deßhalb nicht die BestätigungSnrkundc der Errichtung des russischen Palriarchates. Nur die seilen und durch russisches Golv gewonnenen Mönche, die sich in JeremiaS' Gefolge befanden, gaben hierzu ihre Unterschriften her. Doch Gudonow ruhete nicht eher, bis er den gefügigen Hiob in der neuen Würde feierlichst bestätigt sah, und Jeremias mußte bei seiner Abreise auS Moskau das heilige Versprechen abgeben, dieses so bald wie möglich nach seiner Ankunft in Konstautiuopel zu thun. Kaum von seiner Abreise zurückgekehrt berief Jeremias im Februar 1593 eine Synode nach Konstantinopel und bestätigte durch eine feierliche Urkunde die Errichtung des neuen Patriarchates der russischen Kirche. Es ist sehr bezeichnend, daß auf diesem Concil der russische Gesandte am türkischen Hose, der mächtige Fürst Gregor Athanasius, in dessen Händen sich der Sultan befand, und der mit der größten Willkür über di- Angelegenheiten deö osmanischen Reiches schaltete, den Vorsitz führte. ES scheint, als habe man selbst in Rußland an die Gültigkeit dieses Patri- 269 archates wenig geglaubt, denn im Jahre 1619 fand man eS schon für nöthig, dasselbe nochmals durch Theophil, Patriarchen von Jerusalem, der sich um diese Zeit in Moskau befand, um Almosen beim Großfürsten und dem russischen Klerus einzusammeln, bestätigen zu lassen. So war das russische Patriarchat abermals durch Gold erkauft. Die Art und Weise der Gründung des russischen Patriarchates konnte unmöglich Jenen, die noch Sinn für Recht uud Tugend sich bewahrt hatten, Achtung und Ehrfurcht vor dieser neuen Stiftung einflößen, besonders, wenn sie sich die moralische Beschaffenheit Jener, die dabei wirkten, in Erinnerung zurückriefen. Jeremiaö und MeletiuS haben sich bkß aus gemeiner Geldsucht russischen Interessen verkauft. Zudem hatte man Grund, an die Ausrichtigkeit des Glaubens des JeremiaS zu zweifeln, da er mit den protestantischen Theologen Deutschlands, die im Jahre 1575 nach Konstantinopel gekommen waren, um der griechischen Kirche die Annahme der Augsburgischen Confession zu empfehlen, einen vertrauten Briefwechsel unterhielt. — Es entstand jetzt für den Metropoliten von Kiew die Frage, ob er sich dem neuen Patriarchen Hiob oder dem Nachfolger des heil. Petrus, dem römischen Papste, unterwerfen sollte. Der damalige Metropolit von Kiew, Michael Rahosa, konnte die Gräuel und Schlechtigkeiten, unter denen die russische Kirche seufzte, nicht länger ertragen, und berief deßhalb die Bischöse seiner Metropole nach Brest zu einem Concil zusammen, um mit ihnen zu berathen, welchem Oberhaupte der Kirche zu gehorchen wäre, ob dem neu erwählten Patriarchen Hiob oder dem heil. Patriarchen der ge- sammten katholischen Kirche, dem Papste. Einstimmig erklärten die versammelten Väter, daß sie fortan nur allein dem Nachfolger d/S heil. Petrus zu Rom gehorchen und in den Schooß der allein wahren und apostolischen Kirche zurücktreten wollten. Nach wenigen Sitzungen entwarfen sie am 2. December 1593 das Unionsdecret, in welchem sie in schlichten Worten die Gründe ihres Entschlusses der christlichen Welt, und namentlich ihren RelizionSdrüdern, darlegten. — Im folgenden Jahre traten Michael und die Bischöfe der Kiewer Metropole in ein Concil zu Brest nochmals zusammen und schickten eine Gesandtschaft nach Rom, um dem heil. Stuhle ihre Vereinigung mit der Kirche anzuzeigen. Die Gesandten überreichten im Namen des Metropoliten und des gesammten ruthenischen Episkopates dem heil. Vater ein Schreiben, in weichem der ganze Hergang der erfolgten Vereinigung mit schlichten Worten erzählt wird. CleMenS VIU. berief ein Konsistorium am 23. December 1595, in welchem die Gesandten das Schreiben übergaben, welches in ruthenischer Sprache abgefaßt und mit einer lateinischen Uebersetzung begleitet war. — Der berühmte Cardinal Sil- viuS Antoniani, Staatssecretär Sr. Heiligkeit, hielt im Auftrage deS heil. V.iterS eine Anrede an die Gesandten, worin er die Freude desselben über die Wiedervereinigung und die Nothwendigkeit der Einheit der Kirche in beredten Worten hervorhebt. — Dann legten die beiden abgesendeten Bischöse im Namen des gesammten ruthenischen Klerus das übliche Glaubenöbekenutniß in beiden Sprachen ab und bekräftigten dasselbe mit Eidschwur und Unterschrift. Hierauf wurden sie zum Fußkuß des heil. Vaters zugelassen, der tief gerührt und mit Thränen in den Augen sie seine lieben Brüder nannte und zur Demuth uud Standhaftigkeit im Glauben ermähnte. — Die Union geschah unter denselben Bedingungen, wie sie auf dem Concil zu Florenz beschlossen war. Der heil. Stuhl erkannte ihnen alle Rechte, Freiheiten und Privilegien zu, die sie bisher genossen hatten, und bestätigte ihnen alle kirchlichen Gebräuche bei AuS- theilung der Sacramente und Verrichtung der gottesdienstlichen Handlungen, deren sie sich zur Zeit der Union bereits bedient, insofern sie den Glaubenslehren der katholischen Kirche nicht zuwider wären. Hiob, der Patriarch von Rußland, berief nun gleichfalls die seinem Stuhle unterworfenen Bischöfe und Prälaten zu einem Concil noch Moskau, schleuderte den Bann gegen Michael Rahosa und den gesammten ruthenischen Klerus und verfluchte alle auf dem Concilium zu Brest entworfenen Unionsbcschlüsse. Nun brachen die blutigsten Verfolgungen seitens des russischen Klerus gegen den ruthenischen auö. — 270 Den Patriarchen Hiob ereilte aber bald die Strafe Gotteö. Er häufte Verbrechen auf Verbrechen und krönte endlich den Fürsten Gudonow zum Herrn von Rußland, Hiob war nur ein Werkzeug in den Händen dieses FrevlerS und mußte dessen Schande thaten mit der Autorität der Kirche heiligen. Endlich wurde er von dem Thronräuber Grischa Otrcpiew im Jahre 1604 in ein Klostergefängniß eingesperrt und bald daraus erdrosselt. Lebe» deS ehrwürdigen Johannes Grande. (Schluß) »k.^'^"^6/^ .A'-"°W?5N,,i«z,ß,^M s,< ^ Des frommen Johannes Tod und Begräbniß, Indessen war die Zeit gekommen, wo Gott seinen Diener von dieser Welt abrufen und ihm die Krone, für die er mit so großer Ausdauer gekämpst hatte, auf sein Haupt setzen wollte. Es sollte jedoch in seinem Ende noch einmal alles, was sein Leben ausgezeichnet hatte, wunderbar hervortreten: der Eifer seiner Liebe, der keine Schranken kannte, tiefe Verdemüthigung vor den Menschen, und Erhöhung durch die göttliche Hulv und Gnade. Im Jahre 16l)t> war in Andalusien eine anhaltende Dürre eingetreten, und mit großer Besorgniß sah man von neuem einer allgemeinen Theuerung und Hungersnot!) entgegen. Nach vielen andern Andachten und frommen Werken wurde endlich ein öffentlicher Bittgang beschlossen, an dem die ganze Geistlichkeit und alles Volk Theil nehmen sollte. Auch Johannes wohnte demselben seiner Gewohnheit nach bei, und ermähnte durch seine Worte und sein Beispiel die Gläubigen zur Buße. Von dem Bittgang in sein Spital zurückgekehrt begab er sich zum Gebet, und verharrte in demselben ohne alle Unterbrechung zwei Tage und zwei Nächte. Als er endlich aus demselben wie aus einer langen Entzückung in Gegenwart einiger feiner Ordensbruder erwachte, sprach er, wie gewöhnlich, einige Worte zu seiner Entschuldigung, und zog sich in seine Zelle zurück. Aber einer seiner Brüder, Peter Egipciaco, mit dem er sehr vertraulich zu reden pflegte, folgte ihm, und erzählte, daß, während er gebetet, ein reichlicher Regen gefallen sey. „Ich weiß es," erwiederte Johannes, „Gott hat mich davon in Kenntniß gesetzt. Wir werden Brod in Ueberfluß haben, aber ich weiß nicht, wie viele von denen, die jetzt leben, davon essen werden." Peter verstand, daß ihm sein Vater eine andere Geißel Gotteö, die Pest, vorhersagte, und nur gar zu bald ward die Weissagung durch deu Erfolg bewährt. Die Ernte war in jenem Jahre ungewöhnlich gut, aber kaum war sie vollendet, als eine pestartige Krankheit ansbrach und fast die ganze Provinz entvölkerte — Johannes >fand in ihr noch eine außerordentliche Gelegenheit, seinen LicbeSeifcr zu üben; aber er fand in ihr auch, was er sehnlich gewünscht, die Krone seiner guten Werke. Oftmals hatte er seit einiger Zeit sein bevorstehendes Ende vorausgesagt, und seinen Vertrauten auch manche Umstände seines Todes mitgetheilt. Er gab die Zeit auf das Genaueste an und setzte eines TageS hinzu, daß er sich von Gott die Gnade erbeten habe, ohne alle Ehren, ja auf schimpfliche Weise begraben zu werden. Und als Peter Egipciaco ihn lächelnd versicherte, er möge beten, so viel eS ihm gefalle, so würden doch er und seine Brüder schon Sorge tragen, daß sein Begräbnip ehrenvoll sey; erwiederte ihm Johannes: „Ich aber sage dir, daß du der Erste seyn wirst, der von meiner Leiche flieht." Bei einer ähnlichen Gelegenheit bemerkte er, man werde seinen Leichnam, statt ihn zn tragen, mit Stricken hinausschleppen, in die Erde verscharren, und den Boden über ihm mit Füßen stampfen. — Wirklich wollte Gott dem Verlangen seines Dieners nach aller Art von Verdemüthigung auch auf diese Weise genugthun. Als die Pest, die Johannes vorhergesagt hatte, auSgebrochen war, und in der Stadt Bestürzung und Wehklagen von allen Seiten verbreitete, war es nicht anders, L7t als wäre dem barmherzigen Johannes ein weites Feld, auf dem er noch einmal, ehe er auS diesem Leben scheide, die ganze Größe seiner Liebe offenbaren sollte, geöffnet worden. Die Bewohner von Terez waren seit einer langen Reihe von Jahren gewohnt, sein Wirken unter ihnen mit Bewunderung anzusehen; aber so außerordentlich waren die Anstrengungen, mit welchen er diesesmal, sich selbst vergessend, auf die mannigfaltigste Weise den Leidenden zu Hülse kam, daß man ihn wie von einem neuen Geiste belebt mit Erstaunen betrachtete. Es sollte ihm aber die Gnade zu Theil werden, seine Liebe als die größte, die Jemand haben kann, zu bewähren, indem er für seine Freunde sein Leben hingab (Joh. 15, 3). Er wurde von dem herrschenden Uebel ergriffen. Sobald er es wahrnahm, zog er sich in seine Zelle zurück, und seines nahen Todes gewiß, benutzte er die wenigen Tage, die ihm noch übrig waren, mit beispielloser Ruhe, um die Angelegenheiten der Spitäler, die seiner Obhut anvertraut waren, zu ordnen, und sich auf den Uebergang in die Ewigkeit vorzubereiten. Er versammelte auch seine Ordensbrüder, die sämmtlich wie seine geistlichen Söhne zu betrachten waren, um sein Lager, und ermähnte sie zu brüderlicher Eintracht, zu einem unbescholtenen Lebenswandel, und vor allein zur zartesten Liebe gegen die Kranken und Armen. Auch tröstete er sie über die allgemeine Noth, und versicherte sie, daß dieselbe bald aufhören-, und nach ihm kein Anderer von ihnen ein Opfer der Seuche werden würde. Aus diesen und andern Umständen schloß man, daß der heilige Mann, nachdem er alle Kräfte zur Linderung des allgemeinen Elends erschöpft hatte, endlich zur Hebung desselben sein Leben aufgeopfert habe, Gott nämlich bittend, daß er ihn als ein Sühnopfer für sein Volk hinwegnehmen möchte. Es war am 3. Juni Ikvt), als Johannes Peccadore, nachdem er noch einmal die heil. Sacramente mit rührender Andacht empfangen hatte, seinen Geist mit größter Ruhe betend aufgab. Wie der heil. Johannes von Gott hatte er sich von seinem Lager erhoben, und auf den nackten Boden kniend starb er, das Krenz mit beiden Armen an sein Herz drückend. — Die Nachricht von seinem Hinscheiden verbreitete sich rasch dnrch die ganze Stadt und vermehrte nicht wenig die allgemeine Bestürzung. War er ja wie ein Vater der Armen, der Wittwen und Waisen, und wie ein Schutzengel Aller zur Zeit der Bedrängmß. Allüberall erzählte man von seiner Liebe und Barmherzigkeit, seinen Tugenden, Gnaden und wunderbaren Werken, und wehklagend wollte man in seinem Tode einen Beweis finden, daß die Zuchtruthe des Herrn schwer auf dem Volke ruhe. Aber während so die ganze Bevölkerung von Terez den Tod des frommen Johannes beklagte, und sich in Lobiprüchen seiner Heiligkeit ergoß, war im Spital, in der Mitte seiner Brüder, die Weissagung, die er von seinem Begräbnisse gemacht hatte, in Erfüllung gegangen. Sey es, daß Schmerz und Bestürzung sie betäubte oder auch Furcht vor der ansteckenden Krankheit sie ergriffen hatte; die Brüder, welche bei seinem Tode zugegen waren, Peter, sein Vertrauter, zuerst von allen, — zogen sich in ihre Zellen zurück, und keiner dachte daran, seine Leiche mit Ehren beizusetzen. Vier Arbeiter endlich traten in sein Zimmer und schleppten, wie er eS vorhergesagt halte, den Leichnam mit Stricken ans dem Spital in den Garten, legten ihn dort in eine rasch geöffnete Grube, und traten die Erde über ihm mit Füßen fest. ES ging aber auch seine letzte Weissagung in Erfüllung. Die Pest hörte auf, und keiner seiner Brüder ward von ihr hingerafft. Nichtsdestoweniger wurde dem Diener Gottes noch immer kein ehrenvolleres Begräbniß zu Theil. Zwar hatten sich seine Ordensbrüder, als der erste Schrecken vorüber war, der Art, wie ihr gemeinsamer Vater begraben worden, mit Schreck und Beschämung erinnert; doch begnügten sie sich damit, die Leiche wieder aufzugraben, in einen Sarg zu legen, und dann in dieselbe Grube, worin er bis dahin gelegen, zu senken. So blieb die Grabstätte eines so außerordentlichen Mannes nngeehrt, bis die Zelt gekommen war, wo Gott seinen Diener, der sich selbst erniedrigt hatte, erhöhen wollte. Manche der Gnaden, welche die Gläubigen auf die Fürsprache des Hingeschiedenen erhielten, wurden an seinem Grabe und zwar auf sichtbare Weise ertheilt; und indem man schon deßhalb auf den Gedanken kommen mußte, daß Gott ein ehrenvolleres Begräbniß desselben wolle, so 272 wurde man darin durch eine übernatürliche Erscheinung, die sich vor den Brüdern des Spitals über dem Grabe oft erneuerte, bestärkt. Nachdem die geistliche Behörde an Ort und Stelle alles auf das Sorgfältigste geprüft hatte, wurde, ein Jahr nach dem Tode des Ehrwürdigen, die feierliche Uebertragung der Leiche in die Kirche des Spitals zum heil. Sebastian beschlossen. Im Beiseyn der Geistlichkeit und der angesehensten Einwohner der Stadt ward das Grab eröffnet, der Leib, an dem das Haupt noch ganz unversehrt war, in einen kostbaren Sarg gelegt, und dann der feierliche Leichenzug vom Garten in die Kirche geordnet. Die Vornehmsten der Stadt trugen die Bahre, sämmtliche Ordensstände und alle Weltgeistliche schlössen sich dem Zuge an, und die Menge deS Volkes war unzählbar. In der Kirche wurde der Sarg auf einem prachtvollen Gerüste ausgesetzt, und nach dem Hochamte und der Einsegnung der Leiche vestiegen mehrere Redner die Kanzel, um von den Tugenden und Gaben des Gottseligen, zum Preise Gottes, der ihn so hoch erhöht, zu dem zahlreichen Volke, daS sich in die Kirche gedrängt hatte, zu reden. Aber ein wegen seiner Frömmigkeit eben so sehr als wegen seiner Gelehrsamkeit angesehener Priester, der Dr. Randone, welcher viele Jahre lang der geistliche Führer des Verstorbenen gewesen war, erzählte von den Wundern der Gnade, was nur ihm bekannt seyn konnte. Da begann die ganze Menge, die ihm zuhörte, in immer größerer Bewegung Thränen der Rührung zu vergießen, und endlich in Schluchzen und lautes Gebet ihre Empfindungen zu ergießen. Bald dankten sie Gott, der die Wunder seiner Liebe unter ihnen erneuert, bald riefen sie Johannes, an dessen Verherrlichung von ihm sie nicht zweifeln konnten, um seine Fürsprache an. — Die Leiche ward endlich beigesetzt, und von dem Tage an blieb daS Grab dessen, der sich den Sünder nannte, die Zufluchtsstätte aller Bedrängten. So viele Gnaden ertheilte Gott an demselben, so lebhaft blieb die Erinnerung an das Leben und Wirken des Hingeschiedenen, daß der heil. Stuhl, von der Stadt Xerez ersucht, die Veranstaltung deS Processes zu seiner Seligsprechung genehmigte. Derselbe begann zwar schon dreißig Jahre nach dem Tode Johannes', aber durch manche Zeitumstände unterbrochen ist er erst in unsern Tagen zur Vollendung geführt. Wir haben nichts berichtet, als was in den Acten desselben seine Bestätigung findet. England. Der „Catholic Standard" spricht sich sehr vortheilhaft über die Fortschritte des Katholizismus aus: „England, so heißt eS dort, früher die Wohnstätte der Wahrheit und das Land der Heiligen, kehrt rasch zu der Einheit zurück, von der es sich vor dreihundert Jahren trennte. Die katholische Hierarchie nimmt dort ihre gesetzmäßige Stellung wieder ein, und unter der weisen Leiiung des ausgezeichneten Cardinals, welchem daS Amt übertragen ist, die Kirche in diesem Lande zn leiten, sieht man, wie die Beweise.deS Triumphs unserer Religion sich vervielfachen. Von allen Seiten erheben sich neue Missionen; die dem Dienste des Allmächtigen geweihten Kirchen werden vergrößert und verschönert; die religiösen Genossenschaften erweitern das Feld ihrer Wirksamkeit, lindern die Leiden der Menschen und offenbaren den Geist des wahren Christenthums; die Gymnasien und die verschiedenen Schulen blühen und werden Musteranstalten; kurz, überall erblickt man Denkmäler, welche der Wahrheit, dem Glücke der Menschen und der Ehre Gottes geweiht sind. Zu diesen Bemerkungen wurden wir durch die interessanten Umstände veranlaßt, welche die Einweihung der neuen Kirche zu Stradford am Avon bezeichneten. Erst vor neun Monaten war hier eine Misston errichtet, damals befanden sich in dem Flecken etwa acht oder zehn katholische Familien; wenn man nun erwägt, daß eS in England wenige Dörfer gibt, wo der Irrthum so tief Wurzel gefaßt hatte, als hier, kann man sich leicht vorstellen, welche Hindernisse die Mission hier fand. Doch war der Erfolg vollständig, und übertraf durch die Gnade Gottes alle Hoffnungen. AIS Geistlicher war angestellt Alfred Dayman, ein Convertit, welcher früher in demselben Dorfe anglikanischer Geistlicher war." (Münst. S.-Bl.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags - Inhaber: F. C. Kremer. Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Aügslmrger pokMung. 28. August. SS. 1853. Diese» Glatt erscheint regelmäßig alle Tonutaae. Der halbjährige Ado»ucv,knt«vrei« 5t) kr,, Wofür c« durch alle töniql. baver. Postämter und all? Bnchhaudlnnqen dezoa'n werde« kann Reifen eine» englischen Geistlichen vor seiner Bekehrung. (Aus der Wiener Klrchcnzeituna, ) Drei Jahre sind ungefähr verflossen, seit in England der anglicanische Geistliche und Rector oder Pastor von Launton im BiSlhumc Orford, der Herr Thomas William Allies sich zum Katholicismus bekehrte. Wir erlauben uns, hier einige Auszüge auS seiner Reisebeschreibnn^, „Journal in krsnee in 1845 snä 1843 >vitlt Leiters krom Ital^ in 1847," betitelt, mitzutheilen. Man sieht anS dieser vor seiner Bekehrung verfaßten Neiscbeschrcibnng, daß er, obschon mit Leib und Seele dem Anglicanismus zugethan, sich gleichwohl frei machen wollte von allen Vornrtheilen gegen den Katholicismns, und weil er nichts als die Wahrheil wollte, alle Gehässigkeiten verachtete. Darum sieht man ihn auf seiner Reise überall um Aufklärungen fragen über die katholischen Lehren und Gebräuche; wo er sich nicht für überzeugt hält, ruhig bleiben, und alle bittern Aeußerungen vermeiden über das, was in seinen Augen nicht gut ist. Wir finden in ihm einen Manu voll Ausrichtigkeit und ehrlichen Sinnes, der die Wahrheit über Alles setzt, und ihr alle Opfer bringt. Seine Erzählung ist frei v.'n allen bittern Aeußerungen uud heftigen Ausfällen; er widerspricht manchen Vorurtheilen der Protestanten, und hat darum in England einen heftigen Streit veranlaßt, so zwar, daß sogar der Bischof von Orford im Begriffe stand, sein Werk gerichtlich zu verfolgen. Seine Einleitung zu dem Tagebnche seiner Reise in Frankreich in den Iahren, 1845 und 1848 beginnt er mit den Worten: „Von der großen Zahl englischer Herren und Damen, die in den letzten Jahren das Festland bereiset haben, haben Verhältniß- mäßig wenige, däucht mir, eg ihrer Zeit werth geachtet, viel Ausmerksamkeit der Wirksamkeit der Kirche zuzuwenden in den Gegenden, welche sie besucht haben. Zweifelsohne haben sie alle die steinernen Gebäude der römisch-katholischen Religion betreten; aber daS geschah im Allgemeinen mehr um dieselben alö öffentliche Denkmale zu besichtigen, denn als ein Hauö dcS Herrn für alle Nationen. Doch wie viele dieser Reisenden, welche die Zeit hatten und unabhängig waren, baben sich daraus verlegt, um die mannigfachen Einrichtungen zu begreifen für die Erziehung von Geistlichen oder Laien, für die Tröstung der Leidenden, für den Unterricht der Armen und Verlassenen, oder für die Beförderung des innern Lebens, durch welche die Kirche die Welt christlich macht und des inenschlichen Herzens sich bemeistert? Ich spreche mich jetzt nicht darüber aus, ob daS ganze römische System wahr oder falsch, rein oder verderbt ist; ich betrachte eS einfach als eiu Factum. Und von diesem Gesichtspunkte auö ist vielleicht auf der Erde kein Gegenstand der Betrachtung des nachdenkenden Verstandes so sehr werth, als die römische Kirche. Als Geistlicher der angli- canischen Kirche halte ich es nicht für wahrheitsliebend, passend, christlich oder weise, meine Angen vor einem solchen in der Welt bestehenden Factum zu schließen. Mich dünkt, daß man trachten muß, es zu begreifen. Sie, die alte Leidenschaften wieder 274 zu entflammen suchen, sie, die sich die Mühe nicht geben, um Lehren zu verstehen, wie sie durch Jene, welche darin unterweisen, gelehrt werden, sondern sie muthwillig verkehrt begreifen und verkehrt darstellen; sie selbst, die sich zufrieden stellen in einem Zustande von Scheidung, sündigen sie nicht gegen ihn, der in den Tagen seiner Erniedrigung zu seinem Vater flehte: „„daß sie Alle Eins seyn mögen, wie Du, Vater, in mir, und ich in Dir, daß sie auch EinS seyn mögen in unS; damit die Welt glauben möge, daß Du mich gesandt hast."" Verwirklichen solche endlich das Factum, daß die Kirche von England „die Kirche von Rom betrachtet als einen eben so wirklichen Theil der katholischen Kirche als sie selbst ist?" Hierauf betrauert er es, daß beide Confessionen sich in einer so großen Unwissenheit des gegenseitigen Zustandes befinden, bekennt jedoch, daß die Unwissenheit auf Seite der Anglicaner viel größer ist, Darum wünscht er einigermaaßen daS Werkzeug zu seyn, um Vorurtheile zu beseitigen, oder falsche Begriffe aufzuklären. „Wäre Alles ins Werk gesetzt, was für eine Versöhnung gethan werden kann, und bliebe dann noch der gegenwärtige Zustand von Feindschaft und Entgegenwirkung bestehen, dann würde dieses eine traurige Voraussicht für die Zukunft seyn; aber wenn hierin Unwissenheit und verkehrte Beurtheilung einen so großen Antheil haben, haben wir dann keine bessern Dinge zu fassen? Lehrt unS nicht die Vorsehung durch daS, was beiderseits vorfällt, daß die Kirche GotteS in allen Ländern sich gegen den gemeinschaftlichen Feind vereinigen muß? „DaS einzige Verdienst seines Tagebuches," sagt er, „wenn eS einiges Verdienst hat, ist daS Streben, in dem römisch-katholischen Systeme die Dinge zu sehen, wie sie sind, alle Vorurtheilc abzulegen, nicht daS zu verurtheilen, was dem widerstreitet, dem man gewöhnlich begegnet, sondern zu trachten, die Grundsätze zu begreifen, worauf es ruht. Frankreich ist ohne Zweifel einer der merkwürdigsten Theile der römischen Kirche. Die ganze Ernte der schrecklichen Convnlsion von 1739 ist reis geworden, aber auch sie ist weit von einer bereits vollendeten Einsammlung. Der Unglaube herrscht öffentlich. In Nichts kamen Alle, nzit denen er sprach, mehr überein als hierin, daß menschliche Rücksichten und weltliche Macht gegen die Kirche und Religion waren, und wenn die Heuchelei die Huldigung ist, welche die Untugend der Tugend darbringt, wie steht es denn mit dun Lande, wo die öffentliche Meinung eine Heuchelei fordert in dem öffentlichen Bekenntnisse deS Unglaubens? AuS diesen und andern Gründen, fährt er fort, begreife ich, daß die Kirche Gottes am besten in Frankreich zu sehen ist, wo sie wirkt durch ihre eigenen innern Kräfte, nicht allein nicht durch die Welt unterstützt, sondern aufs grausamste durch sie gequält und äußerlich so verdrückt und erniedrigt, daß nichts anderes, als das unwiderstehliche Leben des Evangeliums die Menschheit in solchen Verhältnissen würde dnrchdringen und bearbeiten können. Gott verhüte, daß ein solcher Zustand in England sich verbreitete — und möchte es seyn, dann gebe Gott gleichfalls, daß die Kirche in den Tagen ihrer Noth Diener und Dienerinnen, Priester, Lehrer und barmherzige Schwestern haben möge, so srei von Selbstsucht, so arbeitsam, geduldig und eifrig, als er sie ihr in Frankreich erweckt hat." Nachdem er mit Bewunderung von verschiedenen in Frankreich bestehenden Einrichtungen gesprochen hat, schreibt er den Brüdern des christlichen Unterrichtes und den verschiedenen barmherzigen Schwestern einen unberechenbaren voriheilhasten Einfluß zu. „Ihre selbstsuchtslose und liebevolle Arbeit würde der größte Segen seyn für unsere Pfarrpriester, die einerseits kämpfen gegen ein sehr praktisches Heidenthum, und andererseits gegen verschiedene Formen von DifsenterS, von deren Lehre man sagen kann, daß ihr Wesen besteht in vollständiger Leugnung der Kirchenlehre im Puncte der Erlösung- und im Allgemeinen alles objectiven GlanbenS außer dem Opfer unsers Herrn für die Sünden der Menschen und dem Wirken deS heiligen Geistes. Man wird durchgängig sehen, daß ich die Nichtwürdkgung des Guten im römisch- katholischen Glauben und Handeln nicht ansehe als einen nothwendigen Bestandtheil deS Charakters eines Geistlichen der englischen Kirche. Ich bin vollkommen überzeugt, daß die Vereinigung der englischen Kirche Mit der Kirche von Rom ein unberechen- 275 bareS Glück sey» würde für die ganze Kirche Gottes und des menschlichen Geschlechtes, Wer anch die Scheidung gemacht habe, wir brauchen an seiner solchen Vereinigung nicht zu verzweifeln, für deren guten Vollzug brave Leute auf beiden Seiten hoffen und beten müssen." Jetzt beginnt er die Erzählung seiner Reise in Frankreich im Jahre 1845. Wir wollen hier nicht sprechen von seiner Bewuuderuug für die mannigfaltigen katholischen Anstalten, die er besuchte. Er kam mit vielen der ansehnlichsten Geistlichen ins Gespräch, das meistens ans theologische Gegenstände sich bezog. Ueberall suchte er sich zu unterrichten und zu sehen, was von manchen Vorurtheilen zu denken sey. So sagt er Seite 25: „Die Gemeinschaft der Heilige», als eine praktische Lehre, hat so wenig Kraft unter uns, und nimmt eine so bedeutende Stelle ein in der römische» Theologie, daß wir unfähig zu seyn scheinen, jeden Andern in diesen, Puncte zu begreifen. Und das, was das natürlichste Gefühl des Herzens ist sür ein gottesfürchtigeS Gemüth in der römischen Kirche, hat den Schein von Abgötterei in der anglicamschen Konfession." Vor Allem schienen ihm zwei Schwierigkeiten fortwährend in Gedanken zu bleiben, in Betreff deren er sich mühsamer seiner Vorurtheile entledigen konnte, und diese waren: die Verehrung der heiligen Jungfrau und der Zustand der Anglikaner in ihrer Kirche. Und nichtsdestoweniger emvfing er von den verschiedenen Personen, mit denen er darüber sprach, eben dieselbe Antwort. In Betreff deS ersten gab man ihm überall zur Antwort, daß die Katholiken Maria nicht anbeten, daß solch' eine Behauptung eine Verlästeruug der katholischen Lehre sey. In Betreff des zweiten erhielt er überall die Antwort, daß jener Zustand nicht beruhigend sey, daß die einzige Hoffnung auf ein ewiges Glück für ihre Anhänger bestehe in einem braven Leben und dem guten Glauben, der wähnte, sicher die Wahrheit zu besitzen. Eben dasselbe einhalten die Briefe während einer andern Reise von Frankreich nach Italien im Jahre 1847 geschrieben. In einem Briefe auS Genua vom 20. Juli sagt er: „Die volle Erkenntniß des aScetischen und klösterlichen Lebens als eines christlichen Standes, und zwar des höchsten in dieser Art, ist von unberechenbarer Bedeutung. Im Mangel hieran kommen alle unsere großen Einrichtungen, sey eS sür den Unterricht, sey es für die Leitung der Jugend, sey eS für die Versorgung der Kranken, gerade da zu kurz, wo sie stark seyn müßten; sie haben keine Autorität; die Welt, ihre Anschauungsweise und Grundsätze und Maaßregeln herrschen da, wie im gewöhnlichen Leben; und die Ursache, in Folge deren die Dinge sich so gestalten, ist diese, daß das wahre Leben, welches allein über der Welt ist, und seine Bedürfnisse und Regeln ausgeschlossen und verurtheilt sind. Wir haben Personen, wir haben große Geister, wir haben Geld; aber wie werden wir Grundsätze zurückbekommen, die wir in der Praxis ausgegeben haben. Die Geringschätzung des CölibateS, der Nichtbesitz der religiösen Orden erscheint als ein System des Christenthnms ohne Kreuz." (Seite 123 uud 124.) In dem Tagcbuche seiner Reise in Frankreich treffen wir dieselben Puncte an, aber sie treten schon schärfer hervor; schon ist der Herr Allies der Wahrheit näher gekommen. „Fürwahr, sagt er da, der Schlüssel aller römischen gottesdienstlichen Uebungen ist: „.Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter unS gewohnt."" Die Gegenwart der Menschwerdung brütet als ein Geist über Allem, gibt jeder Kniebeu- gung am Ältare einen Sinn, jeder Autorität Leben, Harmonie der wundervollen Reihe der Heiligen mit der jungfräulichen Mutter an ihrer Spitze, die Fürbitte einlegen bei der allerhciligsten Dreifaltigkeit, und ihre Gebete verbinden mit den Chören der Engel und den Stimmen schwacher Menschen, die den Streit des Fleisches auskämpfen. Der ganze Gottesdienst dreht sich um die Menschwerdung, erweitert, auf das tägliche Leben angewendet, uuterS Auge gelegt und inS Herz gelegt, den Büßenden umgebend am Beichtstuhle, den Priester entflammend am Altare; Kinder leben davon, ohne sich dessen bewußt zu seyn; Mütter sehen durch sie auf ihre Kinder nieder, so daß die mütterliche Liebe selbst tiefer, wärmer und heiliger wird; durch sie erträgt der Priester sein Leben voll Mühe und Selbstverläugnung so leicht, daß die S76 Liebe das Brod zu sey» scheint, von dem er lebt, WaS ist davon daS Geheimniß? ES ist daS täglich am Morgen , stattfindende Sich-nähern dem Allcrheiligsten, das tägliche Empfangen dessen, der Fleisch und Blut vergöttlicht..... „,/Daö Wort ist Fleisch gcwoiden unv hat unter unS gewohnt,"" ist das Erste und das Letzte: er kommt in der Mitte einer Wplke von Heiligen; sie sind im Besitze von Macht, weil sie die Seinen sind; ihre Werke sind mächtig, weil er in ihnen wirkt; ihre Bitten siegen, weil sie, obwohl Fleisch und Blut, Mi'genvssen dcS Fleisch gewordenen Wor« teS geworden sind. Sie vor Allem, deren reinste Substanz er nahm, um für immer die Scinige davon zu bilden, so daß, was von ihr kam, in hypostatischer Vereinigung mit Gott ist..... So betrachtet ist die Gemeinschaft der Heiligen etwas Wirkliches, unser tägliches Leben in tausend Puncten umfassend, die Ausbreitung der Menschwerdung..... Für Jene, welche die heilig/schauervolle Gegenwart am Altare nicht verwirklichen, sind die Heiligen eben so viele zu Göttern und Göttinen gemachte sündige Männer und Franen, und ihre Verehrer Götzendiener. Wie Vieles verliert daö Volk durch solch' einen falschen Begriff; wie gar sehr fehlt es ihnen an dem Begreifen der Länge und Tiefe, und Breite und Höhe der Wahrheit; sie Halbiren und vimheilei! die Menschwerdung, und brüsten sich damit, daß sie allein dieselbe begreifen. Die vervielfachten Gebete und Lobgesänge scheinen ihnen Fvrmwerk zu seyn, die Beugung dcö Leibes ein Spott, weil sie den nicht uuterscheiden, der zwischen den goldenen Leuchtern wandelt — es ist Leere für sie da, weil er nicht da ist." (S. 192—194). Viel sprach AllicS auf dieser Reise über die zwei bereits genannten Puncie und üt»r die Machtvollkommenheit des PapsteS. Endlich finden wir am Schlüsse seines WerkchenS merkwürdige Aeußerungen. „Ich bin getroffen durch die Kraft in der römischen Kirche, ausgeübt durch daS große Dogma der wirklichen Gegenwart. ES ist der Mitte,Punct und daS Leben deS Ganzen. Cs ist der geheime Grnnd der beschwerlichen und selbstverläugnenden Sendung deS Priesters; davurch vor Allem halten sich auch die religiösen Orden ausrecht; die wärmsten, tiefsten, demüthigsten, segensreichsten und entzückendsten Rührungen umgeben dasselbe, die Nonne, die schweigend Stunden laug anbetet, indem die eine von der andern das einsame, mit heiligem Schauer erfüllende Wachen in der unmittelbaren Gegenwart deö Königs der Könige übernimmt, die Menge der Anbeter, die knicen in dem glücklichen, aber heilig-hehren Augenblicke, wo Erde und Himmel verbunden sind durch die Herabkuuft deS geheimnißvollen Bräutigams in den Tabernakel seiner Kirche; die fromme Seele, die nicht ein- oder zweimal, sondern oftmals im Tage sich vor ihm vcrdcmüthigt; die Congregationcn, die den Tag schließen, indem sie ihre Huldigungen unmittelbar ihm darbringen, als gegenwärtig verdreifachen, menschlichen Natur, dem Leibe, der Seele und dem Geiste. Das Alles bekundet den tief prakti- fchcn Einfluß, welchen das Dogma von der wirklichen Gegenwart auf katholische Gemüther ausübt. Sind ihre Kirchen nicht heiliger für die gläubige Seele, als der Tempel zu Jerusalem war, wenn die sichtbare Glorie des Herrn herabstieg? Zeigt nicht die blasse Lampe, welche vor dem Tabernakel brennt, eine Gegenwart an, unaussprechlich mehr mitleidend, gnadenvoller nnd entzückender für den Menschen?" (Seite 34l) und 3-4 l.) Er vergleicht damit den kalten Gottesdienst in den anglicani- schen Kirchen. „Daö wirkliche Bestehen deS römischen Priesters (so fährt er fort), der Ersatz für Alleö, was er thut oder leidet, hängt ab von jener halben Stunde deS TagcS, in welcher er seinem Herrn begegnet. Welch' ein unnennbares Vorrecht..... Und wie würde der Mönch oder die Nonne leben können, wenn nicht durch den beständigen Empfang der hl. Encharistie und die andauernde Betrachtung der Menschwerdung: England hat die Mönche und Nonnen verbannt, und die Annen vergehen durch Mangel am Brode des Himmels, und die Kranken sterben in einem uubclehrten Heidenthum, und die Jugend wird verleitet durch jeglichen Wind von Lehren, indem sie allzeit lernt, aber nie zur Kenntniß der Wahrheit kommt. Und zugleich mit den sich selbst verläugnenden Orden, die zeugen von dem überreichen Leben, das aus der Tiefe von Christus Kirche hervorquillt, hat England daS Dogma der wirklichen 277 Gegenwart verbannt nicht aus seiner Lehre, sondern in seiner Eigenschaft als der irbendigcn und durchdringenden praktischen Wahrheit, welche die Arbeit jedes TageS beseelen und belohnen, und all' den Jammer der Menschheit trösten müßte. O möchte der Geist Gottes das Lebe» der praktischen Handlung von jedem Tage einathmen, in die allen katholischen Formeln, die jetzt ein Verweis für unsere Entartung sind! O mochten unsere tiefen nnd breiten Prcöbyterien der alten Zeit.... noch einmal vas Brautgemach seyn, wo der erstandene Erlöser herabkommend auS des Himmels Höhen Gemeinschaft halte mit seiner Kirche." (Schluß folgt.) Die russische StaatSkirche. (Dritter Artikel.) DaS Patriarchat der russischen Kirche war keine göttliche Stiftung; Christus, der Sohn GotteS, hatte nicht von ihm gesagt: „Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen;" — als bloß menschliche Stistung konnte es durch dieselbe menschliche Willkür, die eS gegründet, auch wieder aufgelöst werden. Wir finden in seinen Trägern keine heldenmüthige, glaubcnSlreue Bekenner, die mit ihrem Blnte und Leben für ihr Recht einstehen; wir finden kein Märtyrthum, sondern eine weltliche Herrscherhand, die den Patriarchenstuhl errichtete nnd zu stürzen wagen konnte. Das russische Patriarchat fiel nach fast nur hundertjährigem Bestände; wie es der Wüstling Godunow gestiftet hatte, so wurde es von dem despotischen Peterl. vernichtet. Peter der Große besaß zu viel Herrscherwillkür, als daß er ein selbstständiges geistliches Regiment hätte neben sich dulden können. Er beschloß daher, um gänzlich unumschränkt herrschen zu können, das Patriarchat abzuschaffen. Er ging hierbei mit großer List und Schlauheit zu Werke. Es war ihm sehr wohl bekannt, daß der Patriarch, bei aller Schwäche und Abhängigkeit vom Großfürsten, dennoch ein gewisses Ansehen beim Volke genoß; er wär der Erklärer und Ausleger deS evangelischen Gesetzes und durfte als solcher dem Staatsoberhaupte Vorstellungen machen. — Am Palmsonntage folgte der Patriarch, die Person des göttlichen Heilandes vorstellend, auf einem Esel der feierlichen Procession der Geistlichkeit und deö Volkes. DaS Thier trug eine goldene Decke; der Czar führte es am Zaume, hielt dem Patriarchen den Steigbügel; so war eS herkömmlich. — Um langsam und allmälig daS Ansehen deS Patriarchen zu uniergraben, hob Peter zuvörderst diesen Gebrauch auf. — Es war ferner Sitte, daß sich der Patriarch und der Czar an jedem NeujahrStage öffentlich küßten und umarmten; auch diesen Gebrauch schaffte er durch einen Ukas vom Jahre 1699 für immer ab. — In den ersten Jahren seiner Regierung durfte er aus politischen Gründen die Patriarchen-Würde nicht öffentlich angreifen oder aufheben. Denn der verfolgte Patriarch h.itte sich nur für die Partei der Halbschwester PeterS, der mächtigen Sophie, welche die ersten Regierungöjahre PeterS so stürmisch und schwierig machte, zu erklären brauchen, um einen so ernstlichen Aufstand in ganz Rußland zu erregen, daß der Sturz PeterS mit leichter Mühe hätte können herbeigeführt werden. Er zog daher vor, diese Würde von selbst fallen und in Vergessenheit gerathen zu lassen. In schlauer Weise wartete Peter den Zeitpunct ab, wo der Patriarchenstuhl durch den Tod seines letzten Würdenträgers erledigt war. Der letzte Patriarch Hadrian starb im Jahre 1702. Der Czar wußte die Wahl eines neuen Patriarchen unter mancherlei Vorwänden zu verschieben, und übertrug zunächst die Verwaltung des Patriarchates dem Metropoliten von Räsan, der aber weder daS Ansehen des Patriarchen hatte, noch auch alle Rechte desselben ausüben durfte. Es blieb also von der Patriarchen-Würde nur der Schatten, und dieser auch nur so lange, als cö Peter gut schien. — Er ließ jetzt durch einen UkaS vom Jahre 1702 die 278 Spotlftste an seinem Hofe zu Moskau einführen, und bediente sich derselben besonders, um dem Herzen deS Volkes die Hochachtung und Ehrfurcht zu nehmen, die eS noch bis dahin vor der Patriarchat - Würde gehabt hatte. Schon im Monat Mai des JahreS 1702 ließ er eine große HofmaSkerade veranstalten, in welcher vorzüglich die kirchlichen Sitten und Gebräuche, so wie die Bestrebungen deS hohen KlcruS auf das Lächerlichste dargestellt wurden. Der berühmte Sotow, PeterS erster Lehrer, mußte hier die Rolle eines abgesetzten, um den Besitz seiner Rechte ringenden Patriarchen darstellen. Es kommen allerdings im Leben PeterS des Großen einige Züge vor, in denen er eine Vorliebe für die lateinische Kirche und ein Verlangen nach der Wiedervereinigung mit ihr zu offenbaren scheint. Wäre aber die Herstellung deS Friedens zwischen der russischen und lateinischen Kirche sein aufrichtiges Streben und Arbeiten gewesen, so hätte er dieses Ziel eben so leicht, als die Einführung der Synode erreichen können. Weil er überhaupt mit dem russischen Volke seine Absichten verfolgte, ihm eine gewisse Erziehung und Bilduug zu geben, benutzte er die Mittel, welche sich in der lateinischen Kirche fanden, jedoch nur so lange, als es ihm gut schien. Ans die kräftige Fürsprache und Vermittlung des österreichischen Kaisers JosephsI. hatte Peter den römischen Katholiken freie Religionsübuug ertheilt und die Erlaubniß gegeben, in Moskau sich eine schöne unv große Kirche von Stein zu erbauen, da bis dahin nur ein kleines Bethaus von Holz geduldet war. Um die russischen Mönche, die im Wohlleben schwelgten, aufzuwecken, und Wissenschaft unter Klerus und Volk zu verbreiten, ließ er ferner die Capuciner und Jesuiten in seine Staaten kommen und ertheilte ihnen freie Wirksamkeit in der Ausübung ihres Berufes. Beide religiöse Körperschaften erhielten die Erlaubniß, Missionshäuser in Moskau zu errichten, um von hier aus für die Bedürfnisse der im Innern dieses großen Reiches angesiedelten Katholiken sorgen zu können. — Wie er aber aus eigenem Antriebe die Jesuiten nach Rußland berufen hatte, so vertrieb er sie auch später wieder, als sie ihm in der Ausführung seines Planes hinderlich wurden. Ungefähr zwanzig Jahre ließ Peter der Große den Patriarchenstuhl unbesetzt. Während dieser Zeit sollte das Andenken an die Rechte und Würde des Patriarchen immer mehr beim Volke erlöschen; zudem handelte der Czar in dieser Zeit in kirchlichen Dingen ganz nach Willkür und Laune, um das' Volk und den Klerus an seine Regierung in geistlichen Dingen immer mehr zu gewöhnen. — Er besteuerte die Besitzungen der Klöster und Bischöfe; die verschiedenen Titel und Würden mehrerer Visthümer schaffte er ab und bei Erledigung derselben befahl er, einen einfachen Bischof zu wählen und dieser wurde noch in der freien Ausübung seiner Rechte vielfach - beschränkt. Dann nahm Peter auch die Reform der Mannö- und Franenklöster vor, und schaltete in denselben nach Belieben. — Gegen die unirten Basiliancr in Polozk verüble Peter eine Grausamkeit, die mit Recht eine wahre Schandthat zu nennen ist. Der Czar ward bei seiner Ankunft in Polozk auf das Ehrenvollste empfange» und ihm ein glänzendes Gastmahl bereitet. Taumelnd und vom Trunke übermannt wankte Peter mit seinen Bojaren zur Nachtszcit durch die Straßen der Stadt. Der Frühgesang der Basiliancr weckte ihn auf diesem melancholischen Spaziergange ans dem Schlafe und die Neugier führte ihn in ihr Kloster. In der Mitte des Thores befand sich die Slatue des heil. Josaphat, der ehemals Archimandrit dieses Klosters war, mit dem Zeichen seines MärtyrtodeS, der Art in der Mitte deS KopfeS. Peter fragte erstaunt den Vorsteher des Klosters, einen frommen, ehrwürdigen Greis von fast achtzig Jahren, was dieses bedeute, und wer diesen Bischof getötet. „Die Schismatiker," erwiederte der Greis, „denen Eure Majestät angehören," Wie, rief der Czar erzürnt aus, wir sind also Tyrannen? — Bei diesen Worten zog er den Säbel auS der Scheide, unv versetzte ihm einige Hiebe. Der Greis sank zu Boden. Nun fielen die rohen Begleiter des CzarS über ihn her, und tödteten ihn vollends nebst zwei andern Vätern, die dem Sterbenden zu Hilfe.geeilt waren. Als er nach vollbrachtem Mord das Kloster verlassen, kam er zur Besinnung; er gestand später, diese Missethat im L79 Wahnsinn und in der Betrunkenheit verübt zu haben, und in jenem fürchterlichen Augenblick kein Mensch, sondern ein Thier gewesen zu seyn. Um den Übeln Eindruck dieser Schandthat in etwaö zu verwischen, versprach er zur Buße mehrere Kirchen für die Katholiken und auch einige Klöster für die Jesuiten und Capuciner in seinen Staaten zu erbauen. Er wohnte auch in Polozk dem Hochamte bei und ging nach Beendigung desselben in dem Kollegium der Jesuiten zur Tafel. Während des ganzen Mahles hatte Peter den Reclor deS Kollegiums zu seiner Rechten, ihm zur Linken und hiuter dem Rector saßen die ihn begleitenden Bojaren und Fürsten. Als es zum Toastiren kam, nahm Peter vom P. Rector das Barett, setzte eS sich mit Ehrfurcht auf, erhob sich von seinem Sitze und brachte den ersten Toast Sr. Heiligkeit Papst Elemens XI., dessen hohe Verdienste öffentlich preisend und betheuernd, daß er nichts sehnlicher wünsche, als nach geendetem Kriege ihm seine Ehrfurcht und Verehrung in Rom darzubringen, wie er eS schon bei seinem Aufenthalte in Venedig im Sinne gehabt habe, woran er nur durch die plötzlich eingetretenen Unruhen verhindert worden. Wer konnte es glauben? — Offenbar rieth die Politik, durch diescS Auftreten die Katholiken zu beruhigen und den Übeln Eindruck, deu der dreifache Mord an den Basiliauer- Mönchen hervorgerufen, in Vergessenheit zu bringen. Seine feindselige Gesinnung gegen die katholische Kirche zeigte er auch besonders in den zwei berüchtigten Ukasen vom 17. April 1719; durch den einen UkaS wurden die Jesuiten von Moskau vertrieben, durch den andern aber bestimmt, daß Ehen zwischen Russen und andern ReligionS angehö- rigen zwar erlaubt seyn sollten, die Brautleute aber vor ihrer Trauung schriftlich erklären sollten, die aus ihrer Ehe hervorgegangenen Kinder in der griechisch-russischen Religion erziehen zu lassen. Dieselbe despotische Gewalt bewies der Czar gegen seine Unterthanen, um sie für seine Plane empfänglich zu machen. Er schaffte die alte orientalische Kleidertracht ab nnd verordnete, daß die Frauen, die bis dahin von den Gesellschaften der Männer ausgeschlossen waren, freien Zutritt haben sollten. Kurz, der Despotismus in Rußland gelangte durch Peter den Großen zu seiner vollendeten Entwicklung und Ausbildung; er kannte keine Schranken mehr, erstreckte sich über Leib und Seele, Leben uud Tod, Inneres und Aeußeres, regierte die Gewissen und schrieb die Kleidung vor; eS bedürfte nur noch, die geistliche Gewalt vollends in die Hand zu nehmen, um jenen Begriff von Despotismus zu verwirklichen, wie ihn Friedrich v. Schlegel aufgestellt hat. — Bereits waren viele Neuerungen in den Gebräuchen und in dem Hofcercmoniel des hohen Klerus vorgenommen und war dnrch die oben erwähnten Hofmaskeraden dahin gewirkt, daß dessen Ansehen immer mehr untergraben ward. (Schluß folgt.) Jntroduetton und Inthronisation deS hochwürdigsteu Herrn Fnrst- Erzbischofs von Wien, Joseph Othmar Ritter von Rauscher. Wien, 15. Juli. Am Morgen um halb 7 Uhr gab die große Glocke vom Münster zu St. Stephan das Zeichen, daß an diesem Tage der Wiener Erzdiocese im kirchlichen Vollzngsacte ein neuer Oberhirt geschenkt werden solle. Um halb 8 Uhr versammelte sich das hochwürdige Metropolitancapitel, die drei Suffraganbischöfe, die Aebte der Stifter, welche in der Wiener Diöcese liegen, die dreißig Pfarrrepräsentanten Wiens, die Landdechante, der RegularkleruS, und Hunderte von Weltpriestern der Diöcese in der Hof- und Pfarrkirche zu St. Augustin. Um 3 Uhr kam der hochwürdigste Ordinarius von St. Veit (dem Landgute der Wiener Erzbischöfe) zur Kir- chenthüre, wurde dort vom hochwürd. Herrn Bischof von Sarepta, Weihbischos und Generalvicar der Wiener Diöcese, empfangen, küßte knieend das ihm dargereichte Kreuz, »80 wnrde incensirt, und schritt sodann zum Hochaltar, um daselbst eine stille heil. Messe zu lesen. Nach derselbe» erfolg«e die Bekleidung mit dem Pluviale und der Insel, und der Zug bewegte sich unter dem Geläute aller Glocken Wiens über den Josephs- platz, Kohlmarkt, Graben, Stockimeisenplatz bis zum Riesenthor der Metropolitau- kirche und zwar in folgender Weise: Die Spitalleute (Armenpfründner); die Jugend der Normalschule; das erzbischöfliche Haus, die Livree-Bedienten und Hausofsiciere; die Regulären in ihrer OrdenSkleivuug; die Weltgeistlichen, die Vorstadt- und Stadtpfarrer in Rocheten und Stole; die hochwürdizsten Herren Consistvrialräthe und De- chante; das erzbischöfliche Consistorialkanzlei-Personal; das erzbischöfliche Alumnat; die erzbischöfliche Kur; die Herren Prälaten, die nicht vom Domcapitel sind, in Plu- vial und Insel; das ^bischöfliche Kreuz; das hochwürdige Domcapirel; einer der Herren Domherren, welcher auf einer Tasse das erzbischöfliche Pallium, und der Consistorial-Kanzlcidirector, welcher auf einer Tasse das kaiserliche ErnennungSdecret und die päpstliche Bestätigungsbulle trug;, die Assistenz Sr. fürstl. Gnaden des hoch- würdigsten Herrn FürstcrzbischoseS; die hochwürdigsten Herren Suffraganbischöfe im Pluvial und mit der Jnfcl; Se. fürstlichen Gnaden der hochwürdigste Herr Fürsterzbischof; der Herr Bürgermeister mit dem löbl. Gemeinderalhe und Magistrate der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien; die Bürgerschaft und das Volk; das k. k. Militär machte Spalier. Bei dem Riesenthore der St. Stephanskirche angelangt, wurden die Anwesen den von dem hochwürdigsten Herrn Ordinarius mir Weihwasser besprengt, es erfolgte die Jncensirung von Seite des hochwürdigsten Herrn Weihbischofö — und die symbolische Berührung der Kirchenschlüssel, die ans einem Polster dargereicht wurden. In der Kirche selbst hatte sich der Nector der Universität, die vier Decane und die theologische Facultät in den UnivcrsitätSstühlen versammelt, und leistete während der darnachfolgenden Acte Präsenz. Während des Einzuges in die Kirche wurde das Lece sscoriios msArius angestimmt, und das dazu gehörige Gebet verrichtet. Aus einer eigens hiezu am Ausgang deS Chores in das Hauptschiff hergerichteten Kanzel wurde uun vom Canzleidiretcor das kaiserliche ErnennungSdecret deutsch, vie päpstliche Bestätigunzöbulle lateinisch und die Bulle an die Erzdiöcese Wien deutsch verlesen. Während dem saß der hochwürdkgste Herr Fürsterzbischof mit seinen Suffraganbischö- fen der Kanzel gegenüber. Darnach ging der Zug zum Hochaltar, es wurde dort daS Gebet zu dem heiligen Kirchenpatron Stephanuö, und die Collecte pro ^.ußustis- Limo furiljätore (lmperstore) gesungen. Während dem war Se. Eminenz der hochwürdigste Herr Cardinal Viale Prela, Erzbischof, Pronuntius zc. erschienen und hielt das feierliche Hochamt, nach welchem die Bekleidung mit dem erzbischöflichen Pallium in der üblichen Weise stattfand. Nun führten die Suffraganbischöfe ihren Metropoliten auf den erzbischöflichen Sitz — während dem entfernte sich Se. Eminenz der Herr Cardinal und wurde von den Stistsprälaten und seiner Assistenz bis an daS Riesenthor begleitet. Der hochwürdigste Herr Bischof von Sarepta und Gene- ralvicar hielt eine Anrede in lateinischer Sprache, welche vom hochwürdigsten Herrn Fürsterzbischof erwiedert wurde. Hierauf folgte während Absingung des: Veni erestor 8piritu5 das Homaßium und der hochwürdigste Herr Fürfterzbischof wmde demnach in seine Residenz geführt. Möge dieser Tag für die Wiener Erzdiöcese ein Tag des Segens werden, der ihr durch den neuen Oberhirten gebracht wird. DaS ist die Hoffnung der Priesterschaft, die aus allen, auch den fernsten Gegenden des Kirch- sprengelS, so zahlreich, wie es seit Menschengedenken nicht gesehen wurde — zur Feier dieses Tages sich eingefunden. (W. Kirchenz.) Verantwortlicher Redacteur: L, Schönchen. -— Vertag« - Inhaber: F. C. Krem er. Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Postzeitung. 4. September 1853. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Tonntage. Der halbjährige Abonuementsprei« 4tt kr., wofür e« durch alle köm'gl. bayer. Postämter »ad alle Buchhandlungen bezogen werde« kann. Der Sonntag. (Ei» Nachklang zur heil. Mission in Augsburg.) Laßt das Mühen, laßt da« Sorgen; Heute seyd ihr so geborgen Unter Gottes höchstem Schirme: Eilet hin zum Hochaltare, Dorten winkt das Brod, das wahre. Das euch stärkt gen Weltenstürme. Freuet euch mit heil'ger Freude, Fern von Zank und bloßem Neive, In des Himmels stillem Frieden: Dann ist euch ein Feierabend, Selig einst und ewig labend, Wie den Engeln dort beschiedcs. M. -m L1. August 1353. «. F. Die russische TtaatSklrche. (Dritter Artikel. Schluß.) Endlich glaubte Peter im Jahre 1720, daß der Zeitpunct gekommen sey, wo er die Aufhebung der Patriarchal-Würde öffentlich auösprechcn und bestätigen lassen könne. Er berief im Januar 1720 die Metropoliten, Erzbischöse und Bischöfe nach Moskau, um mit ihnen die Einrichtung der kirchlichen Angelegenheiten zu ordnen. Hier machte er ihnen den Vorschlag, von dessen Nichtannahme er im Voraus voltständig überzeugt seyn konnte, daß sie sich mit Rom vereinigen und sich unter den Papst stellen sollten. Diesen Antrag schlugen die Bischöfe anö. Da erhob sich Peter in der Versammlung und richtete folgende Worte an die Prälaten: „Ich kenne keinen andern wahren und gesetzmäßigen Patriarchen, als den Patriarchen des Abendlandes, den Papst von Rom, und da ihr ihm nicht gehorchen wollet, so werdet ihr von jetzt ab mir allein gehorchen." Er fügte ferner hinzu: „Ein Patriarch sey weder zur Regierung der Kirche nöthig, noch dem Staate nützlich; er sey daher entschlossen, eine andere Form des Kirchenregimeius einzuführen, weiche die Mitte halte zwischen der Regierung einer Person (des Patriarchen) und einem allgemeinen Concil; denn beide RegicrungSsormen seyen wegen des großen Umfanges des Reiches vielen Unbequemlichkeiten und Schwie- 282 rigkei'tcn unterworfen. ES solle deßhalb von jetzt an ein kleines ausgesuchtes und beständiges Concil (Synode) errichtet, und ihm die Besorgung der geistlichen Angelegenheiten anvertraut werden." Auf die Gegenvorstellung Einiger, das Patriarchat von Kiew und ganz Rußland sey doch vorzüglich mit Bewilligung der orientalischen Patriarchen errichtet worden, erwiderte der Czar dictatorisch, sich auf die Brust schlagend: „Hier ist euer Patriarch." — Peter legte den Bischöfen die Statuten der permanenten „heiligen und gesetzgebenden Synode" vor, die jeder von ihnen unterschreiben und beeiden mußte. — Unter den Beweggründen zur Errichtung der Synode gibt der Czar unter andern an: „Da das Concil vom Monarchen gesetzt sey, und unter dessen Aufsicht verfahre, sey keine Parteilichkeit oder irgend ein Betrug zu fürchten, da der Monarch nicht das Privatinteresse, sondern das öffentliche Beste zur Absicht habe " — Ferner: „Durch die Errichtung der Synode würde Aufruhr und Empörung verhindert: denn das gemeine Volk, welches den Unterschied der geistlichen und weltlichen Macht nicht verstehe, sey leicht im Stande, durch die Bewunderung der hohen Ehre und Würde eines hohen Prälaten geblendet zu werden und zu glauben, ein solches Oberhaupt sey ein anderer Monarch von gleicher Würde mit dem wahren Monarchen, ja wohl von noch größerer Würde, und die Geistlichkeit übe eine verschiedene und unabhängige Herrschaft aus." — Durch diese Motive spricht cS Peter klar und bestimmt aus, daß der tiefste Beweggrund zur Einführung der Synode das Verlangen nach unbedingter und unumschränkter Herrschaft in geistlichen und weltlichen Dingen war. — Die Synode bestand aus einem Präsidenten, zwei Vizepräsidenten, vier Räthen und vier Assessoren. Dieser neuen Behörde nun, welche auch noch den Titel „dirigirende" erhielt, wurde als hauptsächliche Aufgabe aufgetragen, die kaiserlichen Ukase in religiösen Dingen bekannt zu machen, wie der Senat die Ukase in weltlichen und administrativen Dingen zn veröffentlichen hat. Hieraus ergibt sich schon, daß diese „heiligste Synode" ein lediglich passives Organ der kaiserlichen WillenSent- schließung ist. Weil der Kaiser besorgte' sie könnte sich einmal von so sklavischen Diensten losmachen wollen, besetzte er sie zwar wohl mit den ersten Prälaten des Reiches, übertrug aber das Präsidium später keinem Geistlichen mehr, damit eö nicht etwa einmal in die Hände eines muthigen Mannes fallen und ein solcher dann die übrigen Häupter deS russischen Klerus an sich fesseln könnte; man sand eS vielmehr in späterer Zeit voriheilhafter, einen weltlichen Beamten unter dem Namen eines „OberprocuratorS" der Synode als Präsident beizugeben. — Unter dem jetzigen Kaiser Rico laus z. B. hat die Stelle eines OberprocuratorS bei der „heiligen Synode" viele Jahre der Graf Pratassow, seiner militärischen Würde nach Generallieutenant und kaiserlicher Adjutant, verwaltet. — Um die vollständige Knechtschaft der Synode einzusehen, genügt die Bemerkung, daß die Prälaten derselben nicht nach srcier Wahl, oder nach ihrem Gutbefinden Gegenstände zur Berathung bringen können, sondern daß sie nur über jene Angelegenheiten zu entscheiden haben, die ihnen der weltliche Oberprocurator vorlegt. Die Prälaten müssen entscheiden, wenn er sie auffordert, und dürfen, wie sich von selbst versteht, auch nur so entscheiden, wie er von ihnen fordere Alle Vorarbeiten zu den Beschlüssen der Synode gehen bloß vom Oberprocurator aus, uud um das Maaß deS Despotismus voll zu machen, hat auch dieser weltliche Beamte allein die Ausführung der von der Synode gefaßten Beschlüsse zu besorgen, so daß, wenn auch ein Bischof ein freies Wort oder einen dem kaiserlichen Willen entgegenlaufenden Beschluß in Anregung gebracht hätte, dieses sich sofort als vergebliches und ohnmächtiges Bemühen darstellte, weil er selbst gar keinen Beschluß zur Ausführung bringen kann. — Der Oberprocurator steht an der Spitze eines sehr zahlreichen CanzleipersonalS, das ganz auS Laien zusammengesetzt ist; Ofsiciere sind nicht selten unter diesem Canzleipersonale. Der Oberprocurator arbeitet unmittelbar mit dem Kaiser, und empfängt, je nach seinen Berichterstattungen, die Entschließungen des Kaisers, um sie der Synode mitzutheilen. »83 ES wäre gewiß schwer, ein System auSzudenken, bei dem die geistliche Gewalt der politischen noch mehr zum Sklavendienst hingegeben seyn könnte, als in der russischen Staatskirche. Und nimmt man noch hinzu, daß eS auch wieder der Oberpro- curator ist, welcher dem Kaiser die Vorschläge zu Ernennungen aus die bischöflichen Stühle in allen Abstufungen zu machen hat, daß eS ganz nur von diesem weltlichen Beamten abhängt, auf den einen oder andern der Prälaten, welche unter seiner Direktion stchen, die Ungnade des Kaisers herabzuziehen: so wird man sich einen richtigen Begriff machen können von der unermeßlichen Gewalt, die dieser Beamte ausübt. Man wird sich erklären können, welche Furcht sein bloßes Mißfallen einflößen muß, wenn man bedenkt, welch' einen unumschränkten Despotismus er ausübt, und mit welcher mehr als sklavischen Unterwürfigkeit alle seine Befehle aufgenommen und ausgeführt werden. — Sollte es einmal dem russischen Czaren einfallen, in der Disciplin oder auch in den Glaubenslehren der Kirche eine Aenderung vornehmen zu wollen, so würde die Synode alle diese Neuerungen nicht bloß annehmen und der Geistlichkeit die Befolgung und Lehre derselben auflegen, sondern sie würde auch ihre sklavische Unterwürfigkeit so weit treiben, schon in der ersten Kirche Beweise und Belege für die neue Lehre deS Kaisers aufzusuchen und sicherlich auch zu finden wissen, wo sie nun auch hergeholt werden mögen, um damit den großen Haufen zu bethören. — So hat der jetzige Kaiser Rico laus mehrere Grade der Blutverwandtschaft aufgehoben, welche bis dahin immer in der russischen Kirche ein trennendes Ehehinderniß waren, ohne daß auch nur einer der Prälaten gegen diese Abänderung in der alren Disciplin die mindeste Vorstellung zu machen wagte. Bis zu diesem Grade der Abhängigkeit hat Peter I,, der in der Geschichte der „Große" heißt, die russische Kirche geknechtet. DaS vollständige Gelingen seines despotischen Systems war aber nur möglich, weil sich die russische Kirche von der Einheit getrennt, und dadurch von Christus, dem Gnadenspender, losgerissen hatte. Ein schreckliches Strafgericht Gottes ist über den Hochmuth der Griechen und Russen ergangen; statt freie Söhne des heiligen Vaters, des Nachfolgers Pein, sind sie zu willenlosen Sklaven eines unumschränkten Despoten verurtheilt. Wie wahr ist das Wort des Herrn: „Ich bin der Weinstock, ihr seyd die Reben. Wer in Mir bleibt, und Ich in ihm, der bringet viele Frucht; denn ohne Mich könnet ihr nichts thun. Wer nicht in Mir bleibt, der wird weggeworfen werden, wie eine Rebe; und die wird verdorren, und man wird sie sammeln, und ins Feuer werfen, und sie verbrennet." Joh. 15, 5—6. Sobald sich ein Theil der allgemeinen Kirche von dem Mittelpuncte, den der göttliche Stifter des Glaubens in der Person des heil. PetruS und seiner Nachfolger aufgestellt und angeordnet hat, lostrennt, sinkt derselbe nach einem strengen und gerechten Gerichte Got-eS sofort und im Widerspruch mit der göttlichen Anordnung, die die Einheit und Wahrheit deS Glaubens für die ganze Welt will, zu einer Nationalkirche, d. h. zu einer StaatSanstalt herab, über welche das Oberhaupt deS Staates von diesem Augenblicke an seine Obergewalt ausübt, die in dem Grade mehr oder weniger drückend seyn wird, je nachdem der Fürst einen mehr oder weniger absolutistischen Charakter hat, und je nachdem seine politische Gewalt eine mehr oder weniger ausgedehnte ist. Diese Folge hat sich immer eingestellt, zu allen Zeiten und an allen Orten, wie in Rußland, so überall; die Geschichte gibt Zeugniß dafür. — Zugleich ist eS klar, daß der Despotismus niemals unumschränkter werden kann, als wenn alle Gewalt, sey sie materieller, geistiger oder moralischer Natur, sich im Willen deS Regenten concentrirt. Ein solcher Regent stößt mit despotischer Willkür daS Wort des Sohnes GotteS um: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, — und Gott, was Gottes ist;" durch welchen AuSspruch der Erlöser klar und scharf die geistige und weltliche Gewalt unterscheidet und trennt und jeder ihre bestimmten Gränzen anweiset, die sie ungestraft nicht überschreiten. — Die Knechtschaft wird vollständige Sklaverei, sobald der Geist und seine Beziehung zu Gott, dem Herrn Himmels und Erde, unterjocht und geknechtet ist. — Ist aber 284 diese Knechtschaft einmal eingeführt, ist sie durch langjährige Praxis bereits im Leben verkörpert, so entwickelt sich nothwendig in diesem Gewalt-System ein ausgebildeter Haß gegen alles, was wahre Freiheit heißt; es kann nichts neben sich dulden, was seinem Machtgebot nicht unterworfen ist. Es begnügt sich dieses Gewalt-System nicht mit der Herrschaft in seinen eigenen Gränzen, sondern eS sucht auch, um sich selbst zu schützen und zu erhalten, die wahre Freiheit auf fremden Gebieten anzugreifen. — Rußlands natürlicher und ge-ährlichster Feind ist aber jenes Bollwerk der wahren Freiheit, das die Hand des Allmächtigen aus den Felsen gegründet hat, die heilige römisch-katholische Kirche. — Sobald daher die russische National- Kirche durch Einführung der Synode in ihrem Bau vollendet war, mußte sie, wegen des Princips der Selbsterhaltuug, mit einer gewissen Nothwendigkeit als Erbfeind in der katholischen Kirche auftreten. Dieses beweiset und bekräftigt leider die Geschichte der auf PeterI. folgenden Regierungen bis auf unsere Tage in der traurigsten Weise. Die Furcht vor dem Türken, die Jahrhunderte das christliche Europa beherrschte, ist geschwunden; — ob Rußland einstweilen seine Stelle einnehmen soll? Reisen eine» englischen Geistlichen vor seiner Bekehrung. (Schluß) AufS engste verbunden mit dem Dogma der Menschwerdung und deren geheimnißvollem Zeichen, der wirklichen Gegenwart, ist die Fürsprache aller Heiligen, und vor Allem der gebenedeiten Gvttcö-Mutier; gewiß, von ihr kann man sagen, daß sie die Forlsetzung und Ausbreitung der wirklichen Gegenwart ist, so daß, wo diese wirklich und vom Herzen geglaubt wird, das Andere.....geliebt und geübt wird. Denn die Wahrheit, daß der Herr unser Fleisch angenommen hat, und das Fleisch seinen wahren Gläubigen mittheilt, führt geraden WegeS zu dem Glauben, daß sie, die abgeschieden sind und bei ihm verbleiben, befreiet von allem Sündenschmutze, in der Thal lebeu und regieren mit ihm, und Macht haben mit ihm. Und ist das wahr von dem geringsten Heiligen..... in wie viel höherm Grade ist eS denn nicht von der wahr, der EhristuS durch die Annahme ihres reinen Fleisches so unbegreiflich nahe getreien ist? Und sollen wir, die wir in einem so ermüdenden Streite uns befinden, nicht alle Heiligen, aber sie besonders anrufen, um u«S zu helfen uud uns zu begünstigen? ,„,O ihr Geister und Seelen der Gerechten lobt den Herrn! preiset ihn und verherrlicht ihn in Ewigkeit!"" Ja, preiset ihn und verherrlicht ihn dadurch, daß ihr eme Fürbitte und Fürsprache bei ihm einleget für uns, die.....ja eure Brüder sind durch das Fleisch und Blut deS Mensch gewordenen Gottes..... Heißt das der Herrlichkeit Christi einen Abbruch thun? Welch' eine seltsame Verkehrlheit des Irrthumes, die eS dafür halten kann! Gewiß es gibt ein Fühlen, eine geistige Berührung gleichsam „„der Wolke der Zungen,"" die den katholischen Herzen Mmh gibt, in dem Sireite zu siegen, daS den Verlassensten in den Stand setzt, zu fühlen, daß er nicht allein ist, daß er umringt und unterstützt wirb von himmlischen Heerschaaren. Auch ist die Jntcrcession der Heiligen, vor Allem der gebenedeilen jungfräulichen Mutter, eine lebendige Wahrheit in kaiholischcn Gegenden; sie begleitet die Lehre von der wirklichen Gegenwart, und wirkt in untergeordneter Stellung mit dieser. Wo die erste nicht lebendig erhalten ist, da wird ohne Zweifel die letzte verworfen, und vielleicht für Abgötterei gehalten werden." Verbunden mit der wahren Lehre vom Priesterthum ist das Beichtsystem, der Nerv der Religion in katholischen Ländern und Reichen. DaS englische brg^er book sagt von jevem Priester insbesondere: „Wessen Sünden du auf Erden nachgelassen hast, die sind nachgelassen; und wessen du behalten hast, die sind behalten." Hier ist die ganze kaiholische Lehre vcrgctragen. Die römische Kirche nun sagt es nicht allein, sondern sie handelt darnach..... Die Wirksamkeit deS Hirten muß ganz abhängen von der Kenntniß des Zustandes seines Volkes und von seiner Macht, die Sünden 286 auf Allgemeinheit. Und sein Amt, obwohl nothwendig in der Welt ausgeübt, zuweilen in Freundschaft, zuweilen in Streit mit der weltlichen Macht, hat eS ausschließlich zu thun mit den Beziehungen des Menschen zur unsichtbaren Welt; so daß es in dieser Hinsicht in der That ein „„Königreich deS HimmelS"" auf der Erde ist, dessen verschiedene Theile zusammengehalten werden durch ihre gemeinschaftliche Vereinigung mit einem Oberhaupte. 2. Aber ferner ist diese Hierarchie so zahlreich, so weit verbreitet und so vereinigt im Besitze eines weitläufigen Lehrgebäudes, von dem sie steif und fest behauptet, daß eS von dem Herrn ihr durch seine Apostel Übermacht sey. Dieses Lehrgebäude ist einfach, zusammenhängend, systematisch, ein Ganzes bildend, welches alle Verhältnisse deS Menschen zu Gott umfasset, von der Erschaffung deS ersten Menschen ab bis zum allgemeinen Weltgerichte. Die Bischöfe und Priester in ihm Pflegen nicht darüber zu zanken, waS dieses Lehrgebäude sey; denn Alles, was das christliche Leben betrifft, ist schon vor langer Zeit deutlich bestimmt und festgesetzt. In der langen Zeit von achtzehnhundert Jahren sind freilich wohl Zwiste darüber entstanden, aber sie sind alsdann in Folge gemeinschaftlicher Berathung beendiget; Personen, die anders darüber dachten, als der ganze Leib, wurden gezwungen auSzutreten, und die Wahrheit ist durch diese Zwistigkeitcn nur um so schärfer bestimmt worden..... Dieses Lehrgebäude .....wird der Glaube genannt, und jedeö Mitglied dieser Kirche muß eS nothwendig glauben und für wahr halten. Es ist augenfällig, daß solch' ein Lehrgebäude nicht würde bestehen können ohne eine zu allen Zeiten bestehende Macht, um zu erklären was dazu, und nicht dazu gehört; denn wäre eS bloß in einem Buche geschrieben, Zwistigkeiten ohne Ende würden über den Sinn des Buches entstehen. 3. Aber dieses große und geistliche Reich mit einer so weit ausgedehnten und doch so innig verbundenen Hierarchie, und einem so weitläufigen und doch zugleich so bestimmten Lehrgebäude, stellt seinen Richterstuhl auf das Herz und Gewissen eines Jeden, der zu diesem Reiche gehört. Kraft gewisser von seinem göttlichen Stifter zu seinen Aposteln gesprochener Worte tritt es als eine lebende Macht zwischen beiden, zwischen dem Menschen und seinem Gott vermitielnd auf; übt die besondere Macht deS Hauptes aus, und behält oder vergibt die Sünden in seinem Namen. Es tritt nicht zurück vor dem Hochmuths, der Hartnäckigkeit.....der menschlichen Natur, sondern faßt sie an ihren verborgensten Falten, und zwingt sie, auf Erden die Stimme deS Richters der Lebendigen und der Todten zu hören. DaS Ansehen, das sie beansprucht, ist so groß, so furchtbar, von so unberechenbarem Belange für die, welche in ihm leben, so sehr über die natürlichen Kräfte deS Menschen erhaben, daß eS offenbar entweder göttlich oder teuflisch ist. Vor Hunderten von Jahren war eS der Gegenstand zahlloser Vorwürfe, welche diejenigen, die ihm nicht angehörten, gegen dieses Reich richteten, und doch besteht eS noch; eS ist kein Zeichen daran vorhanden, daß es aufgegeben oder verändert wäre. Es besteht unter allen Negierungsformen, absoluten und konstitutionellen Monarchien, oder wilden Demokratien, deren wesentliches Geheimniß die vollkommene Unabhängigkeit deS menschlichen Willens ist. Und, waS bemerkenswerth ist, die gottessürchtigsten und heiligsten Menschen, welche in diesem geistlichen Reiche lebten, und deren Leben ein beständiges Opfer ihrer eigenen Bequemlichkeit, ihrer Sorgen, ihrer Leiden und ihres Willens, das sie Gott darbrachten, war, sind am beflissensten gewesen, um diese richterliche Gewalt über die Gewissen der Menschen aufrecht zu halten, uud am geschicktesten sie auszuüben. Sie ist viele Geschlechter hindurch der Lieblingsgegenstand deS Spottes der Ungläubigen, und die beständige PrariS der Heiligen gewesen. 4. Aber weiter: Dieses Reich durfte die theuersten Neigungen des natürlichen Menschen dem ununterbrochenen Dienste Gottes opfern. Es fordert von allen denjenigen, welche sie für daS Lehramt gebraucht, die Verläugnung der Freiheit, sich durch Bande zu binden, welche daS Evangelium selbst nicht zn verbannen, sondern zu heiligen sucht. So fordert diese Konfession, welche die Ehe als ein Sacrament verehrt, von all' den Mitgliedern ihrer Hierarchie, mit Einschluß der Subdiakonen, daß 287 sie sich derselben enthalten. Sie betrachtet sie als daS Heer der Kirche, und »„Keiner, der kämpft, verwickelt sich in die Händel dieses Lebens."" Nebstdem gibt eS noch eine Menge Männer und Frauen, die nicht allein auf diese Bedingung eingehen, sondern freiwillig das Gelübde der Armuth und des Gehorsams überdieß ablegen. Allen diesen Personen verheißt dieses Reich nur eine Belohnung, groß freilich, die man jedoch allein durch den Glauben empfängt, daß nach dem Maaße, in welchem sie alle von dem Geschöpfe kommenden Vergnügen sich versagen, und ihren Willen einem Andern unterwerfen, ihr Erbtheil desto größer bei dem Schöpfer seyn wird, desto inniger die Vereinigung ihres Willens mit dem seinen. Und von diesem übernatürlichen Leben, das auf Selbstverläugnung gegründet ist, und durch die göttliche Liebe getragen wird, hängen alle großen Werke in der römischen Kirche ab. Nicht allein ist das der Zustand der ganzen Hierarchie, von Allen, welche von der Kirche den Auftrag haben, um öffentlich den Glauben zu lehren, sondern das Werk der Erziehung von der höchsten Classe bis zu der geringsten, und die mannigfaltigen Liebeswerke für Kranke und Arme sind denjenigen anvertraut, welche diese Probe der Aechtheit ihres Berufes gegeben haben. 5. Endlich gibt es in diesem geistlichen Reiche eine große Zahl Anstalten oder Congregationen von Personen, welche ausdrücklich bestimm! sind zn dessen fernerer Ausbreitung unter den heidnischen Völkern. Mit den oben genannten Bedingungen müssen sie eine noch mehr eigenthümliche Geschicklichkeit verbinden zu dem allermüh- samsten und arbeitsvollsten Werke, eine noch vollständigere Verläugnung menschlichen LobeS, der Belohnung, der Bequemlichkeit und der Unterstützung. Barmherzige Schwestern sieht man über den Ocean ziehen nach der Gränze der Welt, um mit den Sendboten zu wirken, deren Aufgabe es ist, in der Mitte von Wilden zu leben, und sie erst zu Menschen zu machen, auf daß sie darnach Christen seyn können, beide im gleichen Maaße ohne Einkünfte, bloß abhängend von der Vorsehung, rücksichtlich ihres UnterbalteS vertrauend auf daS Werk ihrer Hände, ihr Leben stellend in die Macht deS treulosen und unbeständigen Wilden, und ihm durch ihre eigene Bedürftigkeit zeigend, daß sie nur für ihn leben und arbeiten. Auch das Blut der Märtyrer hat nicht aufgehört zu fließen..... Welche auch die UnVollkommenheiten der menschlichen Werkzeuge seyn mögen, liegt nicht in allen dem genug, was uns das Wirken einer göttlichen und übernatürlichen Macht bemerken läßt? Müßten wir nicht in unsern verschiedenen Verhältnissen arbeiten, und beten für Versöhnung und Einheit.....? Einer allein kann dieses zu Stande bringen — machen wir das zu unserer ersten und letzten Bitte zu ihm." Hiermit nehmen wir von des Herrn Allies Werk Abschied. Mögen unsere Mittheilungen dem Leser so viel Vergnügen gewähren, wie wir bei der Lesung desselben genossen haben. Insel Haiti. (St. Domingo.) Der zu Genua erscheinende „Cattolico" theilt einen Brief vom 12. Mai aus Jacmel auf dieser Insel mit, welcher den Empfang Mons. Spaccapietra'S, des neuen apostolischen Delegaten, schildert: Mons. Vincent Spaccapietra, der apostolische Delegat, kam am 2. Mai Morgens um acht Uhr hier an. Kaum hatte er den Fuß auf die Erde gesetzt, als ihm Abgeordnete der angesehensten Männer entgegen gingen und ihn beglückwünschten. Der Prälat erwiderte diesen Glückwunsch Wort für Wort. Daraus verkündigten die Glocken der Kirche dem Volke diese glückliche Ankunft, und sofort strömte eine große Menge herzu, um den ausgezeichneten Reisenden zu sehen, und bis an den Fuß des Altars zu begleiten. Auf dem Wege empfing er den Gcneralcom- mandanten, welcher an der Spitze seines Generalstabes uud einer Escorte von Soldaten heran kam, um ihn zu beglückwünschen. Der ganze Zug begleitete den päpstlichen Delegaten in die Kirche, welche ausgeschmückt war, wie an den höchsten Festen. Die Knaben und Mädchen, welche in diesem Jahre zum ersten Male communicirt hatten, waren in zwei Reihen aufgestellt; die Mädchen waren weiß gekleidet, ein 288 Schleier bedeckte ihren Kopf. Nach einem kurzen Gebete las der Delegat die heilige Messe, und bestieg nach der Beendigung derselben die Kanzel, und verkündigte der zahlreichen Versammlung, welche die Kirche anfüllte, seine Sendung sey nur geistlicher Art, und JesuS habe sein Blut sowohl für die schwarzen und farbigen Menschen vergossen, als für die weißen. Diese Worte machten auf das Volk einen lebhaften Eindruck, eS begleitete ihn bis zu dem Palaste, welcher zu seiner Aufnahme eingerichtet war. Der Prälat blieb drei Tage in Jacmel und hielt am Sonntage vor seiner Abreise nach Port-au-Prince, der Hauptstadt der Insel, ein Pontificalhochamt. Die Kirche war so angefüllt, daß man kaum athmen konnte. Nach der Messe predigte er über die Liebe GotteS, die Zuhörer wurden davon so gerührt, daß sie sich alle auf die Kniee warfen, als er die Kirche verließ. Die Behörden und das Volk begleiteten ihn in einer Procession bis in den Palast, er ertheilte dann von einem Fenster aus den Segen. — Der Kaiser war sofort von der Ankunft des Delegaten in Kenntniß gesetzt, und ließ sogleich Anstalten zu seinem feierlichen Empfange treffen. Ich weiß, er hat zu seiner Residenz den schönsten Palast der Stadt bestimmt. An einem glücklichen Erfolg der Sendung dieses Prälaten läßt sich nicht zweifeln; seine Güte und Milde sprechen zu laut für ihn, er wird gleichsam vom Volke vergöttert, welches sich nur über ihn unterhält. Sobald er im Stande seyn wird, die Sprache der Creolen zu sprechen, deren Erlernung er sofort begonnen hat, werden wir die Wiedergeburt deS Landes erblicken, denn das Volk ist leicht zu regieren, ihm mangeln nur Priester. Und Europa hat deren so viele. jjk»z,mÄ'iHK, m»y MW 7»6 '5't '.B '!- !<4i>HtM nzM -HRZÄHM-Pz tt'-td ist diese Gegend an und für sich auch eine stille, den ^ Geist, der Ruhe sucht, einladend, so fand ich doch jetzt frisches Leben, und ein Wogen von Leuten, wie man es dort nicht gewohnt ist; aber ein Leben, daS die trauliche Stille nicht stört, ein Leben höhirer Krt, Es wird eben heil. Mission gehalten, welche schon am letzten Sonntag begann nnd Sonnrag den 11. September enden wird. Wie wurde ich so angenehm überrascht, in der schönen Kirche Pater Roh, diesen großen Mann, der sich um Augsburg Verdienste erworben, die nur der Himmel lohnen kann, im Beichtstühle zu sehen; ihm gegenüber saß »V Aller. Nachdem sich die Missionäre, die beiden Genannten nnd l'. Z weisig von früh Morgens ^'/z bis 9 Uhr im Beichtstühle abgemüdel hatten, wnrde von 9 - 10 Uhr ein feierliches Hochamt gc> halten; um 10 Uhr bestieg p. Aller die Kanzel und hielt eine tief eindringliche Predigt über die Habsucht; in ergreifenden Zügen schilderte er die Folgen dieses Uebels. Von 2 — 3^2 Uhr verkündete p Zw eisig das göttliche Wort; »nd behandelte ein Thema, „vitig linZuge", das in Ihrer Stadt, wenn ich mich recht erinne-e, und ich hörte in Jbrem schönen Dome alle Vortrüge, nicht Gegenstand einer eigenen Rede war. Es war mir dieser Vorirag von, hohem Interesse, denn er machte auf die Nothwendigkeit, „die Zunge wohl zu bewachen", wenn man sein ewigeS Heil nicht verscherzen will — in über,el!gendcr Weise aufmerksam. Um -1 Uhr wurde die Predigt im Freien gehalten. Faßt die Kirche viertausend Menschen, so können aus dem Platze vor der Kirche sie wohl achtzehntansend Menschen hören, nnd wenn, wie gcsttrn geschah, l>. Roh, dieser gewallige Redner, das Wort ergreift, dringt cS auch in die nah und sogar etwas sern gelegenen Häuser. In Inständigem Vortrage' zeichnete er daS schauerliche Bild dcr Uukcuschheit, Mir gewohntem Scharfsinne, mit tiefer Ueberzeugung bewies er die (^röße dieser Sünde, wie sie nur selten eine läßliche sey, wie dieses Gift, Alles verderbend, in die Familien eingedrungen, den Untergang be- 293 reite, und warnte mit Worten, die man hören muß, um so tief ergriffen zu werden, wie die Tausende der Zuhörer, Ist Werrbach auch nur ein großes Dorf, so ist wohl zu beachten, wie sich dort während der heil. Mission eine Unzahl von Menschen nah und fern einfindet. Auf morgen, Sonntag, sind bereits achtzehn Gemeinden der Umgegend allein angesagt; sie werden Kreuzzüge nach Werrbach bilden, um auch auS dem Heilbronnen der heil. Mission zn schöpfen. Ich weiß nicht, ob Sie oie anfangs höchst betrübende, aber später mit deS Himmels Gnade noch so segensreich gewordene Mission von Lenzkirch, von denselben Aposteln, die in Werrbach wirken, gehalten, näher kennen. So viel kann ich Ihnen mit Bestimmtheit sagen, daß das Lenzkircher Volk, auS fein geschliffenen Stroh- flechtern (nnd Uhrmachern) bestehend, im Gefühle seiner vermeintlichen Bildung anfangs sich nur schwach betheiligte, ja viele sogar „während der Predigten" in den Wirthshäusern blieben. Allgemein hieß es — wenn die Missionäre die Lenzkircher bekehren, so gehört ihnen der ganze Schwarzwald. Weil nun ?. Roh (jetzt Superior unter diesen) sah , daß das Mühen fast umsonst, hielt er mitten im Orte auf der Straße einen solch eindringlichen Vortrag, der bei der Kraft feiner Stimme in alle Häuser drang, daß die Hartnäckigen nun, ob sie wollten oder ui'cht, GotteS Wort hören mußten, und es zündete. Sie sagten unter sich: cS ist doch nichr dumm, was er sagt. Nun kamen sie auch in die übrigen Vorträge, und die heilige Misston endete in Lenzkirch wie an den meisten Orten in tröstlicher Weise. Pater Roh läßt Augsburg freundlich grüßen, und freut sich innig über die Rührigkeit, „den Sonntag nun mehr zu heiligen", wie wir aus den Blättern entnehmen. Nach vierzehntägizer Pause wird am 25. September von den oben genannten Patres 8. ^. eine Mission in Saalmünster (zwischen Hanau und Fulva) beginnen. Die Genannten sind für Baden, Nassau und die beiden Hessenlandc bestimmt, während I>. Pottgeifier, Zeit unv Fruzzini in Bayern Missionen halten werden. Ueber die erfreuliche Hammelburgkr Mission berichteten Sie bereits. - ' ' ' - Zur Generalversammlung in Wien. Der „Mainzer Katholik" füzt der Einladung des Vorortes zur siebenten Generalversammlung des katholischen Vereins in Wien folgende Betrachtungen hinzu: „Es sollen also am 3t). September und den folgenden Tagen zu Wien in der Kaiserburg jene großen, einfachen, lebensvollen Gedanken, in welchen alle wahren und erleuchteten Katholiken einig sind, und in denen sie die Prinzipien alles religiösen und gesellschaftlichen HeileS erkennen, vor der zahlreichsten nnd auserwähltesten Versammlung ausgesprochen werden, —eS sollen anSgesprochen werden die Ueberzeugungen und die Wünsche des katholischen Deutschlands." „Wohl sind eS nur Worte, aber Worte, die in dieser Zeit und an diesem Orte von weitgreisenden Wirkungen in den Herzen Vieler seyn können, die Tüchtigkeit und Beruf haben, in Wien, in Oesterreich, in ganz Deutschland mit Kraft und Liebe für die katholische Sache zu wirken. — Wir hoffen zuversichtlich, daß Gott diese Versammlung reichlich segnen wird." „Alles dieß legt aber auch den Katholiken aller deutschen Länder die Verpflichtung auf, durch tüchtige Männer an dieser Versammlung sich zu betheiligen. Und da möchten wir auf einen Umstand aufmerksam machen. Oertliche Verhältnisse, äußere Hindernisse, znm Theil auch menschliche Fahrläßigkeit und andere Ursachen sind schuld, daß bei weitem nicht überall katholische Vereine entstanden sind und noch bestehen, aber überall finden sich in Deutschland — Gott sey Dank — jetzt katholische Männer, hervorragend durch Einsicht und Charakter, die bei weitem nicht alle Mitglieder katholischer Vereine sind. Schon auf den früheren Versammlungen waren jeder Zeit solche Männer willkommen, bildeten ja schon ans der ersten Generalversammlung die Theilnahme der angesehensten von Frankfurt herübergekommenen katholischen Mitglieder deö 'damaligen Parlamentes den schönsten Glanzpunct jener Versammlung. Möchten 296 recht viele solche Männer auch jetzt nach Wien kommen. Dieses katholische Zusammen- seyn ist so segensvoll, und ist gerade dießmal so bedeutend, daß ein ernsteres Nachdenken wohl Manchem die Verpflichtung nahe legen dürfte, sich dieser Versammlung nicht zu entziehen." »ES ist Thatsache, daß man in Wien in allen Klassen der Gesellschaft dieser Generalversammlung mit großer Erwartung entgegensieht; was sie zur Belebung des katholischen Geistes in dieser katholischen Hauptstadt des ersten katholischen Reiches der Welt wirken wird, hängt zum Theile davon ab, ob recht Viele, die würdige Vertreter der katholischen Sache sind, die Liebe und die Hingebung haben werden, eine weite Reise und die mit einer solchen Versammlung verbundenen Anstrengungen nicht zu scheuen." „Der Kaiser hat dem SeverinuSverein daS Zeugniß gegeben, daß er schon viel des Guten gewirkt, und daß auch von der Generalversammlung nur Gutes zu erwarten sey. Gewiß, wer all' das Gute, das die bisherigen katholischen Versammlungen in Mainz, in Breslau, in Linz, in Regensburg, in Münster gewirkt haben, überschauen und inS Einzelne verfolgen könnte, der müßte Gott dafür loben. Wie viele tüchiige Männer sind durch diese Versammlungen zu größerer Glaubensfreudigkeit und kirchlicher Entschiedenheit geweckt, wie viele gute Werke und segensreiche Unternehmungen dadurch angeregt worden! Ist katholisches Leben und Wirken in einem Aufschwünge begriffen, den man vor einem Decennium noch nicht geahnt, so haben zwar viele Ursachen dazu mitgewirkt, aber immerhin bleibt eS wahr, daß diese katholischen Versammlungen ein höchst wichtiger Factor gewesen und auch noch serner seyn werden. Wir haben daher gewiß Grund zur Bitte, daß unsere Leser auch in ihrem Gebete die dießjährige so wichtige Versammlung Gott empfehlen möchten, damit er sich würdige, durch sie recht viel Gutes zu wirken. Möchte dafür auch Maria ihre Fürbitte einlegen, welche der Verein als seine erwählte Patronin verehrt." Amerika. Aus einem Hirtenbriefe deS Mons. Alemany, Bischofes von Monterey in Kalifornien, vom 1. Juni entnehmen wir folgende Stelle: „Im Anfange deS Jahres 1850 übernahmen die Katholiken von San-Francesco, welche mehr auf ihren Glauben als auf ihre Zahl sahen, den Bau einer hölzernen Kirche auf einem Grundstücke, welches sie in der Straße Vallejo erkauft hatten. Die Vergrößerung der Stadt und die wachsende Zahl der Gläubigen machten bald den Bau einer zweiten Kirche nothwendig; dieser Bau wurde im Sommer 1851 auf einem Grundstücke unternommen, welches die Herren John Sullivan, TimotheuS Murphy und John O'Farrell edel- müthig geschenkt hatten. Diese Kirche war kaum vollendet, als sie schon für die anströmende Menge zu klein wurde, man mußte, wie bei der ersten, eine Galerie anbringen. Im letzten Winter wurde die Kirche noch bedeutend erweitert. Deßun- geachtet sind unsere beiden Kirchen noch zu klein; sie können kaum die Katholiken fassen, welche an allen Sonntagen sich einfinden, und noch viel weniger die Menge derjenigen, welche die Feierlichkeit unserer Ceremonien anzieht und die Sehnsucht, die Erklärung unserer Lehren zu vernehmen." — Der Bischof macht dann bekannt, er wolle zu San-Francesco am Ende der Straße Dupont eine dritte Kirche bauen, und fordert die Gläubigen auf, für dieses nothwendige Unternehmen sich einige Opfer auszulegen. Die zu San-FranceSco erscheinende Zeitung, Catholic-Standard, meldet, daß acht Tage nach dieser Aufforderung des Bischofs Alemany schon 105,000 Franken gezeichnet waren, und daß der Betrag der einzelnen Zeichnungen zwischen 2000 und 5000 Franken beträgt. (Münst. S.-Bl.) Vera»tw»rUichn Redactem: L. Schöscheu. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Dreizehnter Jahrgang. GOKNtKgs- KeibZKtt zur Augsburger PostLeitung. 18. September M- S8. 1853. Dieses Klatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnement«»»!« M lr., wofür e« durch alle löuigl. daher. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kaun. " '----------------------------- ----..... —— i —^ Joseph Ottmar von Rauschers, Fürstbischofes von Wien, Hirtenbriefe. Bereits sins die Leser des SonntagsblatteS mit dem herzlicheil gemüthvollen Hirtenbriefe deS obengenannten Kirchenfürsten an das Landvolk bekannt gemacht worden, und noch werden sie sich mit Vergnügen an den großen Gewinn erinnern, den sie daraus für Geist und Herz gezogen haben. Wir glauben daher, die weitern zwei Hirtenbriefe des hochwürdigsten Herrn Fürst-Erzbischofes, die sich in Verbindung mit dem ersten gegenseitig ergänzen und von denen der eine an die Geistlichkeit, der anvere, gleichsam die Mitte haltend, an alle Gläubigen der Erzdiocese Wien gerichtet ist, nicht lange vorenthalten zn dürfen, und lassen nun den Hirtenbrief an die Geistlichkeit folgen: Joseph Othmar, von Gottes und des apostolischen Stuhles Gnaden Fürsterzbischof von Wien, Doctor der Theologie zc. zc, Ritter v. Rauscher, der gesamm- ten ehrwürdigen Geistlichkeit der Erzdiocese Wien Heil und Segen vom Herrn! Die Körperwelt ist ein großes Ganzes, in welchem ein großer Aus-ausch von Kraft und Regsamkeit den Umlauf hält. Die Wasser der Erde verflüchtigen sich und streben empor und breiten über unseren Häuptern den blauen Bogen des Firmaments aus mit all den vielgestalieten Wolkenbildern, welche freundlich oder drohend über ihn hinziehen. Die Wolken senden ihre Wasser hernieder und nähren die stille Quelle und den mächtigen Strom und erfrischen die Wiese und befruchten den Acker. Von der Sonne eilt der Lichtstrahl herab, sie ist der Mittelpunkt einer wunderbaren Bewegung, deren Schwingungen das Auge berühren und dem Geiste oie sichtbare Schöpfung enthüllen. Die Sonne selbst mit dem folgsamen Geleit ihrer Sterne steht mit den Nachbarsonnen in einem Wechselverkchre, welcher die menschliche Berechnung überragt. Aber auch die Geisterwelt ist ein großes Ganzes. Michael, der Fürst der himmlischen Schaareu, welcher zur Rechten steht am Altare des Weihrauches und der arme Blödsinnige, dessen verkümmerter Leib dem Geiste seine Dienste versagt und die von Außen kommende Anregung ihm nur in verkümmerten Bruchstücken vermittelt, beive sind, um Gott zu lieben, geschaffen. Gott will das höchste Ziel des Verlangens und Strebens aller Geister seyn; alle sind eingeladen, seine Gnade und Barmherzigkeit zu verherrlichen; wollen sie es nicht, so müssen sie seiner Gerechtigkeit vaS Zeugniß geben. Der Schöpfer bedarf seiner Geschöpfe weder für sich, noch für die Werke seiner Erbarmungen : denn er ist die Herrlichkeit und Macht und Seligkeit ohne Wandel und Mangel in ewiger Fülle Weil es ihm aber gefiel, Wesen hervorzurufen, welchen das Gepräge seines Ebenbildes verliehen ist, so will er diese Hochbegnadigten auch dadurch adeln, daß er sie als Mitarbeiter an den Werken seiner Gnade zuläßt. Darum hat er dem Flehen der Liebe eine große Kraft zugetheilt, und dnrch daS Flehen der Liebe sollen alle seine Diener mitwirken, damit die zur Kindschaft Berufenen in das Vaterhaus eingehen. Es steigt von den Chören der Verklärten, es steigt aus den Tiefen 293 der Erde, eS steigt aus den Stätten der Läuterung als ein süßer Duft des Weihrauches zu seinem Throne empor. Aber nicht durch das Gebet allein sollen wir dem Herrn in seinen Auserwählten dienen. Die Bruderliebe, welche das Band der Geisterwelt ist, bahnte jenen Weg vom Himmel zur Erde, welche sich dem schlummernden Jakob unter dem anmuthkgen Bilde der Himmelsleiter darstellte. Die Engel eilen zu unserm Schutze herab, die Engel bringen unsere Thränen unv Gebete hinauf, die Engel behüthen uns, damit unser Fuß an keinen Stein anstoße. Die Bruderliebe soll den auf Erden Pilgernden lehren, bei all seinem Thun und Lassen und Streben und Verlangen das Heil seiner Miterlösren vor Augen zu haben; dann kann er ihnen durch Wort und That zum helfenden Engel werden, während er selbst sich theilhast macht der Verheißungen Jesu Christi. Eines thut Noth und Alles, was wohlgefällig ist vor den Augen des Heiligen und Reinen, kann und soll diesem Einen und Höchsten dienen, jede von der Pflicht geheiligte Verbindung, welche den Menschen an den Menschen knüpft, kann und soll ein Mittelpunkt zu gegenseitiger Heiligung seyn. Doch der Heiland, welcher jedem unserer Bedürfnisse liebreich entgegenkommt, hat seine Erlösten zu einem Bunde berufen, in welchem Alle ihre Bemühung mit Allen vereinen sollen, damit Alle das ewige Leben haben; er hat die Kirche gegründet, damit ihre Kinder als Glieder Eines Leibes für ihr Heil zusammenwirken. Er selbst will das Haupt dieses Leibes seyn; von ihm kommt die Einheit und in der Einheir die Kraft. Der Nachfolger des Apostels, welchen er zum Felsen seiner Kirche geordnet hat, ist das sichtbare Oberhaupt des Liebesbundes. Unter seiner leitenden Obhut walten die Bischöfe in den Kreisen, wo der heilige Geist sie gesetzt hat, die Kirche GotteS zu regieren. Um sie schaaren sich die Priester wie getreue Söhne um den Vater, und die Segnungen des Reiches GotteS verbreiten sich bis in die engste Hütte, bis in das fernste Thal. Ueberall wird der Bruder ermuntert, den Bruder auf dem Wege des Heiles zu unterstützen, überall wird Christi Diener eingeladen, nach seinen Gaben und Verhältnissen das heilige Feuer des Eifers zu schüren, überall vervielfältigt sich der Pulsschlag des christlichen Lebens, aber der belebende Hauch kommt vom Mittelpuncte, welcher Chiistus der Herr ist. Durch seine Fügungen war mir bereits auferlegt, eine große Anzahl seiner Erlösten ans ihn als den Quell und Mittelpunkt des Lebens hinzuweisen. Seinen Fügungen gehorchend hab' ich der theuren Heeroe Lebewohl gesagt und trete in Eure Mitte, Piiester deS lebendigen Gottes, um ein neues uud schweres Werk zu beginnen. Ich bedarf dazu Eurer Hilfe, Freunde und Mibrüder, ich bedarf dazu Eurer vereinigten Hilfe, und Ihr werdet sie mir nicht entziehen; denn die Ehre GotteS und das Heil der Seelen ist der Preis, welchen es gilt. Allein wenn das Wort des heiligen Jgnatius erfüllt wird und die Priester an den Bischof sich anschließen, wie die Saiten sich an die Zither fügen, so vermag der Bischof zwar sehr Vieles, aber immer noch nicht AlleS, was nothwendig ist, damit seine Kirche eine Braut Christi ohne Makel und Falte sey; denn alle Christen sind berufen, einander bei dem Geschäfte des Heiles zu unterstützen, und wenn sie diesem Beruft nicht entsprechen, so entsteht dadurch eine Lücke, welche keine Thätigkeit gottergebener Priester vollkommen ausfüllen kann. Ganz abgesehen von dem Großen, was der christliche Eifer des Einzelnen zu leisten vermag, sind Alle sür Alle sehr viel, wenn sie dazu mitwirken, daß über alle Gewohnheiten nnd Richtungen des Lebens die Weihe des christlichen Gedankens ausgegossen werde. Gute Gewohnheiten sind Pförtnerinnen der Gnade. Freilich kann die Gewohnheit zur entseelten Form werden; aber so lange die Form noch aufrecht bleibt, gibt sie immer noch von dem Geiste, welcher sie geschaffen hat, Zeugniß, und es ist leichter, sie neu zu beleben, als die gänzlich zertrümmerte wieder herzustellen. Wenn es allgemeine Sitte ist, das Morgen- uud Abendgebet zu verrichten, dem öffentlichen Gottesdienste pünktlich und wenigstens mit äußerem Anftande beizuwohnen, die Gebote der Kirche zu beobachten, von dem Heiligen mit Ehrerbietung zu reden, so kann deßhalb freilich noch Vieles zu wünschen übrig bleiben; allein wenn die äußere Ankündigung des Glaubens von der Sitte nicht mehr S99 gehalten wird, so ist dieß ein sicheres Zeichen, das Großes und Hochwichtiges verloren ging. Unwillkommene Erfahrungen geben uns darüber Aufschluß: denn in weitem, nur allzu weiten Bereiche hat die öffentliche Sitte und das Familienleben sich von der Weihe deS Christenthums losgesagt. Wie ist aber Europa in Mitte seiner Erfindungen und gelehrten Kenntnisse bis dahin gekommen? Der Reiz, welchen der Götzendienst für die Kinder Jakobs hatte, scheint etwas ganz Unbegreifliches zu seyn. Die herrlichsten Offenbarungen, die treuesten Ermahnungen, die furchtbarsten Strafgerichte helfen immer nur für kurze Zeit; sie kehren stets von Neuem zu den Altären des schauerlichen Moloch unv der besudelten Astaroth zurück. Wer aber hinunterblickt in die Werkstätte der verhüllten Mächte, welche an den Geschicken von Einzelnen und von Völkern weben, der kann das allerdings wahnsinnige Treiben der Jsraeliten nicht räthselhafter finden, als so Vieles, was vor unseren Augen vorgegangen ist und vorgeht. Für den Geist wie für den Leib des Menschen gibt es Krankheiten, welche bald mehr, bald weniger Opfer heischen, aber niemals gänzlich weichen. Hoffart und Neid, Habsucht und Unlauterkeit finden immer Solche, welche ihnen freies Spiel gewähren, bis daß die Seele getödtet ist. Allein für den Geist, wie für den Leib des Menschen gibt eS Seuchen, welche über weite Länder den Hauch des TodeS verbreiten, und dann für lange Zwischenräume ruhen oder auch niemals in unveränderter Gestalt wieder kommen. Eine solche Seuche der Geister war jener Götzendienst, von dessen Lockungen das Volk Israel so oft besiegt wurde. Das Menschengeschlecht war damals in seiner Morzenzeit; das Bewußtseyn Gottes war sehr stark und Niemand dachte daran, cS zu bekämpfen. Aber auch die sinnlichen Güter, welche noch in voller Frische glänzten, lockten sehr gewaltig. Durch jene Gebilde des Wahnes wurde dem Menschen die Stimme aus der höheren Welt nach Maaßgabe seiner zeitlichen Bedürfnisse gedeutet und die Ahnung des Ueberirdischen zum Dienste der sinnlichen Gelüste erniedrigt; deßhalb übte sie auf den Menschen einen so verführerischen Reiz. Ueber diese Dinge sind wir längst hinaus. Einem Moloch von Eisen wird man die Kinder nicht mehr in die glühenden Arme legen, die Befriedigung schändlicher Begierden wird man zu einem geheimnißvollen Walten, welches man von der aus Stein gefertigten Göttin erwartet, nicht mehr in Beziehung setzen. Es scheint beinahe, als wollte eS allgemach Abend werden unter dem Monde. Wir haben vielerlei gelernt und sind über vielerlei enttäuscht worden. Der Begriff regiert in mannigfacher und künstlicher Ausbildung; doch ermattet ist die gewaltige Unmittelbarkeit der Auffassung, welche zwar furchtbare Mißgriffe begehen kann, aber von derem Widerscheine der Begriff sein ganzes Leben borgt. Wir berechnen weit kälter und in so weit wir uns nicht in dem Auszurechnenden vergreifen, anch weit richtiger. Das Bedürfniß nach einem Zerrbilde des Höheren ist in die Bestrebungen des Lasters und der Thorheit nicht mehr so untrennbar verwebt, wie ehedem. Allein wie Gott der Herr und sein Gesetz, so sind auch die menschlichen Begierden und Bedürfnisse ganz die nämlichen»geblieben. Als daher das achtzehnte Jahrhundert mit offenem Trotze wieder Gott den Herrn in die Schranken trat, so schuf man Wahngebilde, welche in dem Verlangen nach den Gütern dieser Welt und in dem Bedürfnisse, irgend einen Schein der Anknüpfung an etwas Höheres zn erkünsteln, ihre Erklärung finden. Man hat das Christenthum zu verfälschen getrachtet. Man hat christliche Gedanken aus dem Zusammenhange gerissen, mit frecher Willkühr umgedeutet und zunächst wiver die christliche Wahrheit, dann wider Alles, was über das Tastbare hinauSreicht, als Waffe gebraucht. Doch alle die flimmernden Redensarten von der menschlichen Würde, von der Beglückung der ganzen Welt, von der Gleichheit und Freiheit und Bruderliebe sind nur der weithin reichende Schweif deS Kometen. Der Kern besteht ganz einfach in der Behauptung, daß Jedermann haben solle, was sein Herz begehrt und jedeS Mittel geheiligt sey, wenn eS der Durchsetzung dieses Rechtes diene. Dieß liegt nun für alle Welt am Tage. So haben wir auch dießmal nichts unS gegenüber als die menschliche Begierde, welche sich in den Gütern der Welt wie in einem 300 Netze verwickelt hat und nicht höher hinauf zu kommen vermag, aber von dem, was oben ist, doch noch irgend ein Zerrbild haben will. Die Schlagwörtcr der Aufklärung und Revolution sind die Götzen im modernen Style und nur zu oft haben sie gleich denen der alten Zeit eine blindgläubige Menge hinter sich hergezogen. In der ersten tobenden Aufwallung wurde sogar ein Versuch gemacht, denselben in Buhlerinnen, welche die Göttin Vernunft spielten, eine Verkörperung zu geben und des Opferblutes wurde wahrlich nicht gespart. Allein viel weiter als die eingestandene Herrschaft dieser Wahngebilde verbreitete sich die Ermuthigung, welche sie den menschlichen Begierden gaben. Daß kein Vernünftiger sich um ein höheres Leben bekümmern dürfe, und Alles, was den Lüsten und Bestrebungen der Welt unbequem falle, Uebertreibung und Aberglaube» sey, dieß ist eine Weisheit, welche über die ganze Bildung des achtzehnten Jahrhunderts und Alles, was von ihrem Erbe zehrt, sich ausgebreitet hat. Häufig tritt sie mit derben Kraftwörtern auf, manchmal erscheint sie in gelinden und zierlichen Wendungen, nöthigen Falles umgibt sie sich mit senlimeutalem Dufte; aber immer und überall verfälscht sie die ganze Weltauffassung. Sie liebkoste mit Mvhamedanern, Juden und Peruanern; das Christenthum kam vor ihrem Nichtcrstnhle überall zu kurz, und sollte im Namen der Verminst sich einer großen Läuterung unterwerfen. Der Geistliche möge thun, wofür er bezahlt sey, nur hüte er sich, zu tief in die Herzen einzugreifen. Moral so viel als man wider Diebstahl, Betrug und Gewaltthätigkeit braucht; ehrerbietige Schonung für den Irrthum in Glaubeussachen, dann die Versicherung, daß Gott ein guter Bater sey; dieß und nicht mehr gehöre auf die Kanzel.. Der Laie möge seine Kinder taufen und seine Todten einsegnen lassen; auch wenn es denn durchaus seyn müsse, alle Sonntage in die Kirche gehen und alle Jahre dem Beichtvater mittheilen, daß er ein ordentlicher Mann sey, welcher an sich wenig oder gar nichts auszusetzen finde. Dieß war Alles, was man vor der Hand noch erlauben wollte. Diese Botschaft des Unglaubens und der Verflachung drang auf Jeden, welcher an der Bildung ver Zeit Antheil nahm, von allen Seiten herein. Sie erfüllte die Literatur in Prosa und Versen und stieg bis zu den Kalendern hinab, sie erscholl auf der Bühne, sie bekam in den geselligen Kreisen die Oberhand. Und so geschah es denn, daß in größeren Städten und so weit als der Einfluß ihrer Bildungszustände reichte, große Zerstörungen angerichtet wurden. Das christliche Gepräge entwich aus den gesellschaftlichen Beziehungen und meistens anch von dem häuslichen Herde. Die frommen Christen, an welchen eS nicht gebricht, stehen vereinzelt da, und ihr Beispiel geht für ihre Mitbrüder größtentheils verloren. Auch wagen sie nur selten, eS offen hervortreten zu lassen; denn sie glauben daS Vorurtheil schonen, der Sitte ein Opfer bringen zu sollen und durch ein blindes Hineinstürmen wird freilich wenig gewonnen. So gibt sich die erschreckende Erfahrung kund, daß di? Frömmigkeit ihres belebenden Einflusses sogar im nächsten Bereiche verlustig gcht> daß die besten Leute nur schwache Versuche machen, in dem eigenen Hause christliche Ordnung herzustellen, daß fromme Eltern fast bei den Kindern um Duldung ihrer Andachtsübungen anhalten müssen. Allerdings bleibe» bei den Landgemeinden im Großen und Ganzen noch Glauben und kirchliches Leben ausrecht; allein man täusche sich nicht! Wenn in den geistigen Zuständen der tonangebenden Classen nicht ein tkefeingreifcnder und nachhaltiger Umschwung vorgeht, so wird die Entkräftung der höheren Ueberzeugungen auch bei dem Landvolke langsam und fast unmerklich vorwärts schreiten. Ist dieß in weitcrem Bereiche und bis zu einem gewissen Grade geschehen, so ist der Boden der Geselligkeit unrettbar untergraben. Die so zahlreichen Gläubigen, zu deren Leitung ich berufen bin, bewohnen dem größeren Theile nach eine mächtige, glänzende Hauptstadt, oder stehen unter dem täglich erneuerten Einflüsse derselben. Um so dringender ergeht an mich die Aufforderung, meine und meiner Mitarbeiter Thätigkeit darauf zu richten, daß die katholische Ueberzeugung in verjüngter Kraft sich erhebe, daß sie rüstig inS Leben eintrete und die Macht der christlichen Sitte, wo sie gebrochen ist, wieder herstelle. Der Herr scheint uns den Weg bahnen zu wollen. Er hat zu den Kindern der modernen Bildung, 301 weil sie das sanfte Wehen seines Geistes nicht mehr hören wollten, mit Stimmen des Donners geredet. Und doch hat er keine verheerende Senchc gesandt, keinen Senna- herib als seine Znchtruthe ausziehen lassen; er hat die Welt bloß ihrer eigenen Weisheit übergeben; er hat bloß gestattet, daß die Herolde des Fortschrittes zur Macht gelangten und mit ihre» Plänen zur Beglückung der Menschheit einen ernstlichen Anfang machten. Als Freiheit und Ausklärung die Larve des Lächelns abwarfen und nach Dolch und Brandesfackel griffen, da erschrackcn jene, welche im vollen Ernste geglaubt hatten, Zusammenrottumgen, Katzenmusik, Coustitutionen auf Papier oder Pergament seyen der gerade Weg zum irdischen Paradiese; es erschrack die weit größere Menge, welche dem Anstoße des Augenblicks ohne viel Nachdenken gefolgt war. Viele, welche früher jede kraflvolle Bethätigung der christlichen Gesinnung als Aberglauben verhöhnt hatten, schrien in der Angst nach der Religion uud wünschten nichts Besseres, als daß die Gemüther durch den Richter der Lebendigen und Todten beschwichtigt würden. Damit war dem Heiligen eigentlich nur als einem nützlichen Dinge gehuldigt; allein Gott ist ein geduldiger Lehrmeister. Als der Herr seinen Jüngern am See Genezareth erschien, gab er sich ihnen nicht sogleich als ihren Gott und Heiland zu erkennen. Sie hatten die ganze Nacht hindurch vergeblich gearbeitet und nichts gefangen; er aber sprach zu ihnen: Werfet das Netz an der rechten Seite aus und ihr werdet finden. Sie gehorchten, .und siehe! vor Menge der Fische vermochten sie das Netz kaum zu bewegen. Da sprach Johannes zu Petrus: Es ist der Herr! und fortgerissen von dem Dränge seines Herzens sprang Petrus ohne zu säumen in die Wellen und erreichte schwimmend das Gestade, wo sein Erlöser stand. Da die Welt das Reich Gottes als etwas Ueberflüssiges und Lästiges ablehnte, ließ der Herr vorerst sie fühlen, daß das Christenthum doch auch für die Sicherheit des LebenS und Eigenthums etwas sehr Schätzbares, ja Unentbehrliches sey. Aber Mancher empfing bereits einen Funken der Erkenntniß, in deren Lichte Johannes ausrief: Es ist der Herr! und Mancher fühlt Etwas von dem Dränge, mit welchem Petrus zu dem Meister hineilte. (Schluß folgt.) Deutschland und Belgien. Unser Nachbarland Belgien, welches in der neueren Geschichte einen so höchst merkwürdigen Entwicklungsgang genommen, ist durch die Vermählung einer Tochter des österreichischen Kaiserhauses mit dem Herzog von Grabant wiederum in eine nahe nnd innige Beziehung zu Deutschland getreten. Belgien ist seinem ganzen Wesen nach, durch Sprache, Sitte, Geschichte, ein deutsches Land, und die Vorsehung hat es verhüten wollen, daß das schöne Land nicht gänzlich dem verderblichen französischen Einfluß anheimsiel. Die alten Ueberlieferungen von Carl V., von Maria Theresia sind in dem Herzen der belgischen Nation nicht verwischt und lebten neuerdings auf, als die jugendliche Braut von Wien nach «Belgien reiste, um dem Herzog von Brabant die Hand zu reichen. Die Stadt Brüssel, wo die Vermählung stattfand, war schon Zenge anderer erhebender Scenen. Am 25. October 1555 waren die allgemeinen Stände und die Repräsentanten aller Städte im Palaste zu Brüssel versammelt, um der feierlichen Abdankung Kaiser Carls V. beizuwohnen. Ungefähr um 3 Uhr Nachmittags erschien der kranke Kaiser im Saale; er stützte sich ans einen Stock und lehnte sich mir der andern Hand an denselben Wilhelm von Oranien, der später der größte Feind seines Sohnes werden sollte. Philipp, aus Spanien gerufen, folgte ihm nebst seiner Schwester, der Statthalterin Maria. Die Versammlung war außerordentlich zahlreich, und mehrere gekrönte Hänptcr, die Geistlichkeit, die vornehmsten Edelleute und die Gesandten der fremden Mächte waren gegenwärtig. Die Sitzung wurde durch eine kurze Anrede Philiberts von Brüssel im Namen deS Kaisers eröffnet, in welcher er. erklärte, daß der Fürst wegen seiner leidenden Ge- 302 sundheit die Last der Regierung abgeben und unter dem wärmeren Himmel Spaniens Linderung für seine Leiden suchen wolle. Vorzüglich wurde darin auf die Nothwendigkeit, dem katholischen Glauben treu zu bleiben, und auf das Unglück, welches eine Spaltung für die Niederlande unvermeidlich herbeiführen müsse, aufmerksam gemacht. Während die ganze Versammlung von dieser Rede ergriffen, stillschweigend sich traurigen Gedanken hingab, stand der noch immer große Kaiser wankend auf und gab ein Zeichen, daß er reden wolle. Er begann mit schwacher, fast unverständlicher Stimme. Als er jedoch die Versammlung, an seine Kriegsthaten erinnerte, beseelte ihn seine vorige Kraft. Seine Stimme wurde voll und stark; er richtete sich auf; aus seinen Augen schössen Feuerstrahlen, und es war noch der gewaltige Kaiser Carl, der folgende Worte sprach: „Ich bin neunmal nach Deutschland gezogen, sechsmal nach Spanien, siebenmal nach Italien, zehnmal nach den Niederlanden, viermal nach Frankreich, zweimal nach England, zweimal nach Afrika; ich habe achtmal daS mittelländische Meer und zweimal den spanischen Ocean durchkreuzt." Dann mit der Geschichte seiner Heldenthaten fortfahrend, erhielt seine Stimme immer mehr Kraft, bis er, von inniger Rührung ergriffen, solgendermaaßen schloß: „Der Friede sey mit Euch, meine niederländischen Unterthanen; bleibt vereinigt durch Gefühle gegenseitiger Freundschaft, schenkt den Gesetzen den Gehorsam, den man ihnen schuldig ist, achtet vor Allem darauf, daß die Ketzereien, die in den benachbarten Landen sich verbreiten, keinen Zugang zu Euch finden; wenn Ihr bemerkt, daß sie unter Euch Wurzel fassen, rotret sie aus, denn sie würden eine allgemeine Umwälzung herbeiführen. Um auch Etwas von mir selbst zu sagen, ehe ich schließe, muß ich gestehen, daß ich während meines Lebens ohne Zweifel viele Fehler begangen habe, sey es durch die Unwissenheit meiner Jugend, sey es durch Hochmuth in meinen spätern Jahren oder durch irgend andere der menschlichen Natur eigenthümliche Schwächen; aber ich erkläre hier, daß ich nie wissentlich oder willentlich Jemanden Gewalt oder Hohn angethan und auch nie geduldet habe, daß solches geschah. Ist eö dennoch der Fall gewesen, so war eS gegen meinen Willen; ich beklage eS aus Herzensgrund und bitte die Gegenwärtigen wie die Abwesenden um Verzeihung." Er sagte noch einige rührende Worte zu seinem Sohne Philipp; aber dann drangen ihm die Thränen auS den Augen und er fiel ohnmächtig in seinen Sessel zurück. Kaiser Carl hatte vor den Augen der Völker wie eine strahlende Sonne geglänzt. Dieser Tag war seine Abendstunde, und gleich der untergehenden Sonne hatte er während seiner Rede sich noch von aller Macht umgeben gezeigt, die ihm Gott so milde geschenkt. Jetzt war seine Lausbahn zu Ende — dort lag er vor seinen weinenden Unterthanen, eine vom Sturm entwurzelte Eiche. So mächtig waren alle Anwesenden ergriffen, daß kein einziges Auge trocken blieb bei dem Anblicke dieses rührenden Schauspiels und die Feierlichkeit unter dem Vergießen unzähliger Thränen ein Ende nahm, Kaiser Carl trat im folgenden Jahre den Thron von Spanien ebenfalls seinem Sohne Philipp, so wie die Kaiserwürbe seinem Bruder Ferdinand ab. Er begab sich darauf nach Spanien, wo er in einem Thale von Estremadura im Kloster zu St. Just ein ruhiges, bußfertiges Leben führte, bis der Tod im Jahre 1558 den leidenden Helden von der Erve wegnahm. Dieselbe St. Gudula-Kirche zu Brüssel, wo jetzt die Vermählung der österreichischen Erzherzogin mit dem Herzog von Vrabant stattfand, war im Jahre 1780 Zeuge einer Trauer, wie sie kaum zu einer andern Zeit in Belgien gewesen. Damals wurde die Todtenfcier für die verstorbene Kaiserin Maria Theresia gehalten. „Nie," so erzählt der Geschichtschreiber Conscience in seiner Geschichte Belgiens, »nie, man darf es sagen, war eine Betrübniß so allgemein, als diejenige, welche die Gemächer in Belgien bei der traurigen Kunde vom Tode Maria Theresia's ergriff. Man vergoß Thränen auf den Straßen und den Märkten. Jeder trauerte, als ob seine eigene Mutter gestorben wäre; bei der Todtenfcier in der St. Guvula- Kirche war nichts als Seufzen und Schluchzen. Der Fußboden der Kirche schimmerte gegen den Schein des Tageslichtes, benetzt von den Thränen der Dankbarkeit und des Schmerzes." 303 Im Jahre 1748 war durch den Frieden von Aachen Belgien der Kaiserin Maria Theresia wieder zugefallen. Jetzt kam der Herzog Carl von Lothringen, Schwager der Kaiserin und Statthalter der österreichischen Niederlande, in Person nach Belgien, um die dortigen Provinzen zu verwalten; er schlug seinen Hofhalt in Brüssel auf und verließ das Land nicht wieder. Herzog Carl war ein tugendhafter Fürst, wohlwollend und freundlich, tapfer und thätig. Von gewandten Staatsmännern unterstützt, rettete er die Angelegenheiten des Landes aus der schrecklichen Verwirrung, in welche sie seit langer Zeit gerathen waren, und wußte Mittel zu finden, den öffentlichen Schatz durch ansehnliche Einkünfte zu bereichern. Seine Minister achteten nicht immer die Vorrechte und Gewohnheiten der Belgier, ja sie veranlaßten wohl mitunter die Unzufriedenheit derselben; aber dann hörten die Kaiserin und der Herzog deren Klagen mit so vieler väterlicher Güte an und behandelten sie mit so offenbarer Rechtlichkeit, daß ihre belgischen Unterthanen sich manche Aenderung gern gefallen ließen. Alle Zweige der Industrie und des Handels fanden die kräftigste Unterstützung; der Landbau blühete mehr als je; die allgemeine Ruhe gab Allen neuen Murh; ein gewisser Wohlstand bilvete sich unter dem Volke, und man segnete dankbar den Namen Maria Theresia's, unter deren weiser Regierung man, wenn auch nicht im Reichthum, doch in Frieden leben konnte. 1756 bekam die Kaiserin Krieg mit dem Könige von Preußen. Bei dieser Gelegenheit gaben die Belgier ihrer Fürstin einen Beweis ihrer innigen Liebe. Sie schenkten ihr einen Zuschuß von 16 Millionen Gulden und ein Heer von 12,0l)0 Soldaten. Auch während deS Krieges, der erst 1763 endete, war ihnen kein Opfer zu schwer, um der Kaiserin gefällig zu seyn. Die edelmülhige Neigung der Belgier rührte Maria Theresia tief, und sie begann jetzt mic wahrer Vorliebe für das Heil des Landes zu sorgen. Sie bemerkte immlich, raß Belgien nicht bloß in materieller, sondern auch in geistiger Hinsicht gesunken sey. In der That war auch alle geistige Entwickelung wie tod, der Unterricht schlecht, alle Gelehrsamkeit verschwunden. Man schlummerte, einen bessern Zustand nicht kennend, in der tiefsten Unwissenheit. Maria Theresia gebührt die Ehre, das Signal zum Erwachen gegeben zu haben. Wenn sich die Belgier später wieder erhoben haben auf die sittliche Höhe, die ihnen durch ihr angeerbteS Recht unter den Nationen zukommt, so darf man nimmer'die Fürstin vergessen, welche zuerst den Stern einer bessern Zukunft am Horizont der Zeilen ausgehen ließ. Sie ließ den Unterricht zweckmäßig gestalten, gründete viele Schulen, ließ gute Lehrbücher schreiben, stiftete zu Brüssel die kaiserliche und königliche Akademie der Wissenschaften, beschenkte Antwerpen mit einer Kriegsschule und wandte überhaupt viele andere Mittel an, um die Wissenschaften und Künste auS dem Schlafe zu wecken und wenigstens für eine spätere Zeir der Blüthe vorzubereiten. Herzog Carl trug nicht minder zur Erreichung dieser lobcnSwerthen Zwecke bei. Ihm setzten die Stände von Brabant noch während seines Lebens 1777 ein Standbild. Bis zum Jahre 1780 erfreuten sich die Belgier der Wohlthaten ihrer guten Fürsten. Da traf sie ein zweifaches Unglück. Herzog Carl starb im Juli und die geliebte Kaiserin am 29. November desselben Jahres. So lebendig ist die Kaiserin Maria Theresia im Andenken der Belgier geblieben, daß ihr Andenken in den Liedern der Kinder sich erhalten hat. „Diese edle deutsche Frau," so sagt Gustav Höfken in seiner Schrift „Vlämisch-Belgien", „lebt in Belgien noch heute wie eine Art Heilige in dem Gedächtnisse des dankbaren Landvolkes und der kleinern Städte, ja selbst die Bürgerclassen der größern Städte preisen die fast vierzigjährige Regierung der „guten Kaiserin" als das non plus ultra glücklicher Zeiten. Nur ein Theil der höhern Classen, die sogenannten neuen Reichen (nieu'iven k^ice, im Gegensatz zu den edlen und angeschensten Familien, die den altvaterländischen Wesen treu geblieben, den ouclen kiz-ko), hat mit der frühern ruhmreichen Geschichte Belgiens auch die Tochter Carls IV. und die Mutter Josephs II. vergessen. In Antwerpen und andern vlämischen Städten ist eS noch Brauch, daß Knaben, selbst ältere Leute aus dem Volke, zur Weihnachtszeit Abends vor den Thüren 304 dcr Bürger sogenannte Weihnachtslicder (ILeisIiecIeicer>5), meist von dem alten Ant< werpener Liederdichter KoeS, singen, wobei die Buben große Papiersterne, in deren Mille ein Licht steckt, au einem langen Stock rund drehen, so von HauS zu HauS ziehend. Gewöhnlich nun ist dieser Gesaug nichts anders, als ein Klaglied auf den Tod der guten Fürstin mit dem Refrain: On?' I^3i/.er'm is overleäen, ^a, ons Mria Meresis! Ein erhebendes Beispiel» Wie sehr iu Wien die Slimmunz nicht nur in politischer, sondern auch in religiöser Hinsicht zum Bessern umgeschlagen hat, davon habe ich am verflossenen Sonntage, den 28. August, einen herrlichen, tief ergreifenden Beweis erlebt. Ich ging an diesem Tage um 10 Uhr Bormittags durch die Kolhgasse der Mariahilferkirche zu; da holte ich klingeln; ein Priester trug das Allerheiligste zu einem Kranken. Alles bekreuzte sich! Viele knieten auch nieder — nun das ist nichts ungewöhnliches! es ist noch so ein altcö Stück Gewohnheit, welches sich auS der guten, alten, glaubeuSsesten Bergangenhcit zu unS herüber gerettet hat. Als aber dcr Priester näher kam, hörle ich Stimmen, welche beteten: „Heilig, heilig ist nnser Herr Gott Sabaolh." Ich sah auf und bcmerkle eine Schaar junger Männer, welche mit entblößtem Haupte paarweise himer dem Priester herschritlcn und Gott die Ehre des Geleites gaben. Ich glaubte anfangs zu träumeu und wähnle im Gesichte das Wien zu sehen, wie es vor drei Jahrhunderten war. Aber die Stimmen tönten immer lauter, der Zug wurde immer länger, und tief ergriffen schloß auch ich mich demselben an und solgie bis zum Hause des Kranken; aber auch hier entfernten sich die Begleiter nicht, sondern harrten unter Gebet bis der Priester zurückkam. Sie folgten ihm wieder in der schönsten Ordnung nnd unter lautem Lobgesang, bis sie an der Kirchenthüre knieend den Segen erhalten hatten. — Und wer waren diese jungen Leute, welche den indolenteiz Wiener Pflastertretern wieder einmal gezeigt haben, was katholische Eilte sey? Es waren Handwerksgesellen, welche eben von allen Seilen in die Lehrstunden ciltea, die für sie im Localc deS Eeselleiuercines abgehallen werden. Und welchen Eindruck machlc diese Scene aus's Lolk? Alle Hausgenossen des Kranken versammelten sich und beteten unter Thränen der Rührung mit den in der Hausflur weilenden Gesellen; auf dem Wege las man auf den Gesichtern ringsum Erstaunen, Bewunderung und Rührnng — ja einige Erwachsene und sehr viel! Kinder schloffen dem Zuge sich freundlich an. — Nur rüstig vorwärts auf dieser Bahn, brave Gesellen! dann werden wir sehr bald erfahren, daß sich nicht mehr so Viele schämen, Christen, katholische Christen zu seyn. (Oest. Schulb.) Aus Napoleons letzten Tagen. Die jcht in England erschienene „Geschichte der Gefangenschaft Napoleons auf St. Helena," von Sir Hudson Löwe, macht vieles Aufsehen dnrch manche unccwarlct neue Mittheilungen, die sie enthält. Wir führen nur folgendes Beispiel an: „Als Napoleon fühlte, daß er jeden Tag schwächer werde, bat er um geistliche Medizin, und zwar um einen tüchligen, gelehrten, scharfsinnigen Theologen, mit dem er alle Tiefen der Religion durchforschen könne. „Selbst Voltaire," sagte er, „bat nm Tröstungen dcr Religion vor seinem Tode, und so möchte auch wohl ich Trost im Umgänge mit einem Manne finden, dcr mir Geschmack.an religiösen Unterhaltungen beibringen und mich sromm machen könnle." Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags - Inhaber: F. C, Kr cm er. Dreizehnter Jahrgang. Sonntags Beiblatt zur Augsburger PostZeitung. 25. September SS. 1853. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abormemenrsprel« TV kr., wofür e« durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhaudlougeu bezogen werde« kauu. Wien. (Im September 1853,) Von Nord und Ost, von Süd' und West, So weit die Gränzen reichen, So weit die deutsche Zunge klingt, Und wachsen deutsche Eichen, Zieht's hin zum schönen Donaustrand, Zum biedern, deutschen Kaiserland. Der Frühling kam, es sproßten aus Des Glaubens heil'ge Blüthen, Und in der Liebe Sonnenstrahl Die Herzen neu erglühten, Des Glaubens und der Liebe Band Schlang wieder sich um's Vaterland, Und auf der Geister tieferm Grund Begann es sich zu regen, Die Hirten standen auf der Wacht, Und gaben ihren Segen, Wie wenn der Thau die Fluren träntt, Und seine Perlen niedersinkt. Und vor des Himmels Leuchten schwand Der Nebel trüber Zeiten, Der Gnade heilige Gewalt Wollt' ihre Ströme leiten Auf's Neue tief in Deutschlands Grund, Vereinen es zum heil'gen Bund. Wie wann in, Lenze Alles keimt Und sprießt und grünt und blühet, Uud höher steigt der Sonne Strahl, Und immer wärmer glühet, So hat's gekeimt auf deutscher Flur, Und wärmer glüht's auf jeder Spur. Und wied'rum ist der Ruf ertönt Durch alle deutsche Gauen, Es geht und wandert, schifft und fährt, Die Kaiserstadt zu schauen, Es strömt in freud'ger Strömung fort Hinüber zum Versammlungsort. Es glüht das Herz, es flammt das Wort, Es stählen sich die Glieder, Und neuer Muth und neue Kraft Strömt in die Brust hernieder, Der Glaube schlingt das Einheitsband, Die Liebe reicht die heil'ge Hand. O ströme fort, du heil'ger Strom, Daß Glaub' und heil'ge Sitte Das Sicgesbanner halt' empor Hoch in der Völker Mitte, Bis aus der bösen Zeiten Nacht Der letzte Deutsche ist erwacht! O heil'ge Glut erlösche nicht, Entzünde kalte Herzen, Dring' himmelwärts mit heil'ger Macht, Und laß nicht mit dir scherzen, Bis rings das ganze Vaterland, Der Braut des Herren reicht die Hand! Du aber, Himmelskönigin, Erhöre unser Flehen, Daß unö begleit' im ernsten Kamps Der Gnade heil'ges Wehen! O heil'ge Mutter, Jungfrau rein, Du wollest gnädig mit uns seyn! (Aus dem Münster. S.-Bl.) 306 Eine Converfion. Die „Kath. Bl. a. Tirol" enthalten folgende Begebenheit: Ein junger Schwede, der Sohn eines hochgestellten wohlhabenden Beamten, der eine besondere Vorliebe zur Baukunst zeigte, sollte sich nach München begeben, mu in dieser Stadt, die zur Ausbildung in dieser Kunst ein so reiches Feld bietet, seine Studien zu vollenden. Wenn schon die Liebe zur Kunst ihn zu jedem Opfer bereitwillig machte, so trat er dennoch nicht ohne einige Scheu diese Reise an. In der protestantischen Religion erzogen, betrachtete er die Katholiken nur als abergläubische Schwachköpfe, da sie ihm als solche stets beschrieben worden waren. Daher kann man sich den geheimen Widerwillen leicht vorstellen, der ihn bei dem Gedanken, in einer Stadt, deren Mehrzahl Katholiken sind, leben zu müssen, erfüllte. — In München angekommen widmete er sich mit allein Eifer seiner Kunst. Unter den jungen Leuten, welche gleiche Studien verfolgten, war er bald heimisch; besonders fühlte er sich zu einem Jünglinge hinge- zogen, dessen Liebenswürdigkeit bald sein ganzes Herz gewann; — und dieser war ein Katholik. Allein nicht nur ein Katholik dem Namen, sondern der innigsten Ueberzeugung nach; er fühlte so recht das Glück, dem wahren Glauben anzugehören, den eine sorgsame Erziehung ihm eingeprägt hatte. Nach einiger Zeit, in welcher diese beiden jungen Leute sich recht herzlich lieb gewonnen hatten, leitete der junge Schwede die Rede auf die Verschiedenheit ihres Glaubens, und versuchte durch spöttische Fragen seinen Freund in Verlegenheit zu setzen. Dieser jedoch, in demjenigen angegriffen, was ihm das Heiligste war, wußte alle Einwürfe so zu widerlegen, daß der Schwede sich stets überwunden sah. — Das freundschaftliche Verhältniß dauerte indessen fort; der Schwede fing an, schweigsam und nachdenkend zu werden. Sein Freund bemerkte es, wußte jedoch diese Veränderung nicht zu deuteu; auch wagte er eS nicht, ihn darüber zu befragen. Eines TageS, da er seine innere Unruhe nicht länger bemeistern konnte, ergriff er die Hand seines Freundes und bat ihn dringend, ihn zu einem katholischen Priester zu führen, der ihm Aufschlüsse geben könnte, nach welchen sein Herz sich so sehr sehne, er vermöge nicht länger mehr diesem Dränge zu widerstehen. — Sein Freund, höchlich darüber erfreut, wies ihn zu einem sehr gelehrten und frommen Priester. Der Schwede, innig erfreut, seinem Herzen nun Linderung verschaffen zu können, begab sich sogleich zu dem Priester. Gott, dessen Gnade ihn bis daher geführt hatte, wollte nun seine Geduld noch auf eine harte Probe stellen; die Sehnsucht sollte stets noch mehr gesteigert werden, um den Werth dieses höchsten Gutes in feiner ganzen Größe schätzen zu lernen. Gott fügte es, daß er den Priester nie treffen konnte, und erst, nachdem er bereits zum siebentenmale sich gemeldet, gelang eS ihm, seinen Herzenswunsch erfüllt zu sehen. — Der Priester, hoch erfreut und dem Herrn dankend, nohm den Jüngling freundlich auf und unterrichtete ihn mit aller Liebe; seine Mühe wurde überreichlich belohnt, denn die Seele, die so nach der Wahrheit dürstete, wußte dieses hohe Glück vollkommen zu würdigen. ES rückte die Zeit heran; er legte das Glaubensbekenntniß öffentlich in der Herzogspitalkirche bei dem Altare der schmerzhaften Mutter ab, und legte es auf eine Weise ab, daß alle Anwesenden zu Thränen gerührt wurden. — Es war der entscheidende Schritt für Zeit nnd Ewigkeit gethan. Nun mußte er seine Angehörigen davon benachrichtigen, er ahnte die Folgen: allein er war zu jedem Opfer bereit. Die Antwort des Vaters traf bald ein. Der Vater, im höchsten Grade einrüstet, erkannte ihn nicht mehr als seinen Sohn an; der Sohn hatte alle Rechte ans dessen Herz verloren; deS VaterS Unwille ging so weit, daß er dem Sohne jede fernere Unterstützung verweigerte, um ihn so dem Elende preiszugeben. Jeder Versuch, die Verzeihung des Vaters zu erhalten, blieb fruchtlos. Dem Sohne blieb nun kein anderes Mittel mehr übrig, als seinen Vater dem Herrn zu empfehlen, nnd von ihm dessen Erleuchtung zu erflehen. Nun aller Hülse beraubt, muße er aus Mittel denken, um sein Leben zu stiften. Er miethete eine Dachkammer, es nahte der Winter, er fand keine Beschäftigung und war plötzlich dem größten Elende preisgegeben. Keine Klage entschlüpfte seinem Munde; Jesu zuliebe ertrug er sein Elend geduldig; der Herr hatte ihm ja Alles gegeben, in ihm fand er hinlänglichen Trost. 307 Drei Tage lang sah man ihn sein Zimmer nicht verlassen. Die HauSleute, um ihn besorgt, kamen zu ihm: sie fanden ihn in seiner kalten Kammer, bereits schon seit drei Tagen der Nahrung beraubt. Man bot ihm von allen Seiten Hülse. Der obenerwähnte Priester, der davon benachrichtigt worden war, eilte zu ihm, ihn mit sanften Vorwürfen überhäufend. Dir junge Mann dankte für die liebevolle Theilnahme, bat jedoch nur um irgend eine Beschäftigung, wodurch er das Nothwendige verdienen könnte, um sein Leben zu sristen. Man brachte ihn zu einem Bräuer, bei dem er den Winter hindurch die Dienste eines Bräuknechtes versah, und so durch ungewohnte harte Arbeit sein Brod sich verdiente; eS schien ihm kein Opfer zu groß, so glücklich fühlte er sich in seinem Innern. — Es nahte der Frühling, da erwachte in seinem Herzen eine mächtige Sehnsucht, nach dem Gnadenorte Allölting zu pilgern. Er machte sich also- bald auf und legte diesen Weg unter Gebet und frommen Betrachtuugen zurück. In Altötting angekommen, bereitete er sich vor, seinen lieben Herrn und Heiland zu empfangen; der Herr fügte es, daß er in dem Ordenspriester, dem er seine Beichte ablegte, einen seiner LandSlenle kennen lernte, der, von der Gnade des Herrn geführt, sein Vaterland ebenfalls verlassen hatte, und nun, nachdem er Alles, waS ihn an diese Erde fesseln konnte, zum Opfer gebracht hatte, sich ganz dem Herrn widmete. Beive dankten dem Herrn aus der Fülle des Herzens, der so liebevoll sie geleitet hatte. Der junge Schwede kehrte nach München zurück; die Freude, die Glückseligkeit, welche sein Herz nun erfüllte, konnte er nicht genug iu Worten ausdrücken; sein Dankgebet stieg unaufhörlich zum Himmel — Der Herr hatte mit innigem Wohlgefallen auf diese Seele geblickt, die mit so opferwilligem Gehorsam auf dem von ihm bezeichneten Kreuzwege der Selbstverläugnung und der Demüthigungen gewandelt war: dieser Gehorsam, diese opferfreudige Hingabe sollte nun zur Ehre Gottes belohnt werden. Es langte ein Brief von seinem Vater an, welcher ihm volle Verzeihung brachte. Der Vater schrieb ihm, daß er ihn nicht nur mit offenen Armen empfangen, sondern auch in seiner religiösen Ueberzeugung durchaus nicht mehr hindern werde; er fügte zugleich eine ansehnliche Summe Geldes bei, mit der dringenden Bitte, sobald als möglich in sein Vaterland zurückzukehren. Nachdem er den Brief gelesen, warf er sich auf die Kniee, um dem lieben Gott zu danken, der ihn so liebevoll geleitet und das Herz seines Vaters ihm wieder zugewendet hatte. Er verließ die Sradt, die er mit solchem Widerwillen bei seiner Ankunft betreten, mit tief gerührten Herzen, dankte dem würdigen Priester, dessen Segen ihn begleitete, und langte glücklich in seiner Vaterstadt an. Nach einiger Zeit erhielt der Priester von dem jungen Manne einen Brief, der ihm die freudige Kunde brachte, daß er nicht nur mit aller Liebe von seinen Angehörigen empfangen worden sey, sondern auch, daß in seiner Vaterstadt die erste katholische Kirche erbaut werde und er selbst als Baumeister derselben ernannt sey. — So führte und so lohnte Gott den Jüngling, der mit der bewunderungswürdigsten Redlichkeit und Opferwilligkeit die Wahrheit suchte, und durch Gottes Gnade der Ueberzeugung folgte. — Die Wahrheit dieser ganzen Erzählung ist vollkommen verbürgt. (W. K.-Z.) Joseph Ottmar von Rauschers, FürsterzvischofeS von Wien, Hirtenbrief an die Geistlichkeit. (Schluß.) Indem wir GotteS gnädige Führungen preisen, dürfen wir uns die Schwierigkeiten, welche einem nachhaltigen Aufschwünge entgegenstehen, nicht verhehlen. Nicht Wenige beugen sich noch unter das Joch des Vorurtheils, nur rühmen sie ihrer Knechtschaft sich nicht mehr so laur wie vor fünf Jahren. Bei nicht Wenigen steht zu besorgen, daß der Funke, welchen ein Drang des Außerordentlichen in ihre Seele warf, nach kurzem Glimmen wieder erlösche. Wenn Jemand das Unglück hat zu erblinden und lange Jahre hindurch mit nachtbedecktem Auge einhergeht, so verläßt ihn beinahe die Erinnerung an das Sichtbare, und wenn er davon reden oder vorlesen hört, so 308 finden die Worte keinen rechten Wiederklang in der Seele mehr. Wenn Jemand seit langen Jahren sich gar keine Mühe gab, mit den Mächten der Geisterwelt zn verkehren und auch in seiner Umgebung nichts fand, was ihn an seinen Zusammenhang mit dem Unsichtbaren gemahnt hätte, so schlummert der Sinn für das wahrhaft Höhere fast bis zum Ersterben ein. Wofern nun Gotteö Führung ihn wirklich nachdenklich machen und heilsame Regungen in ihm auftauchen, weiß er nicht recht, was er damit anfangen solle. Eben dasjenige, was ans dem innersten Wesen des Christenthums hervorquillt, ist ihm am schwersten verständlich. Die ganze Gestaltung, welche die städtischen Lebenövcrhältnisse erhalten haben, übt einen hemmenden Einfluß, und zwar auch auf solche, welche stoßweise sich zu den tresslichen Vorsätzen erheben. Ohne Gebet und zwar ernstliches Gebet, ohne daß man die christlichen Wahrheiten zu seinem Ci- genthume macht und auf alles Trachten und Thun anwendet, kann man im Dienste GotteS nicht vorwärts kommen. Licht und Kraft muß man bei den Gnadenmitteln suchen, welche der Herr eingesetzt hat. Der Kirche darf man den Zoll des Gehorsams nicht versagen. Nun gut! und dieß Alles will ich auch thun. Aber eine Menge eingelebter Gewohnheiten und Bedürfnisse widerstreben. Man findet zu Gebet und Gottesdienst keine rechte Zeit. Der ganze Tag, die ganze Woche ist so eingetheilt, daß höchstens auf eine Messe am Sonntage gerechnet ist, und auch da muß man sich Mühe geben, mit dem Ankleiden fertig zu werden. Mit den Kirchen hat eS überhaupt seine eigene Bewandtniß. Bald sind sie zu kalt, bald zu warm; dumpfe Luft beengt die Brust, der Zugwind läßt sich nicht immer vermeiden; im Gedränge kann man gestoßen werden; auf den Steinen zu stehen, ist ungesund und ein Betstuhl nicht immer zu haben. Mit dem Empfange der heiligen Sacramente geht es auch nicht so leicht. Man soll sich doch ein wenig vorbereiten. Aber die Abende sind schon mit Beschlag belegt. Man hat sich einmal frei gemacht; doch es kommt ein Besuch, eine unerwartete Einladung dazwischen, oder ein Schauspiel, welches man doch nicht versäumen will, wird angekündigt. Ferner ist eS unbequem, früher als gewöhnlich aufzustehen; eS ist aber auch unbequem, länger als gewöhnlich mit dem Frühstücke zu warten. WaS nun gar das Fastengebot betrifft, mag es auch durch Dispensen so sehr gemildert werden, daß nichts mehr übrig bleibt, als eine leise Mahnung an die Pflicht der Selbstverläugnung: etwas Beirrendes hat die Sache immer noch. Schließlich wird man bei jeder Kundgebung des katholischen Lebens von der Besorgniß, Aufsehen zu machen, genau gesagt, von der Furcht lächerlich zu werden, begleitet. Diese Unzahl kleiner Schwierigkeiten sind Dorngebüsche, an welchen die schönsten Vorsätze Faden für Faden hängen bleiben. Ohne Unbequemlichkeit gibt eS gar nichts in der Welt, nicht nur keine Jagd oder Lustreise, sondern auch keinen Spaziergang, keinen Ball, kein Schauspiel, nicht einmal eine ruhige Spielpartie: denn zu warm kann eS im Zimmer auch werden und oft muß man um eines eifrigen Mitspielers wegen weit länger sitzen bleiben, als Einem lieb ist. Bei Dingen, welche man nicht eben für hochwichtige, sondern nur für solche hält, wo man sich nicht füglich ausschließen kann, würden die verwöhntesten Leute sich schämen, von derlei kleinen Stacheln deS Lebens viel Aufhebens zu machen. So lange man im Dienste GotteS und der eigenen Seele jede Kleinigkeit so hoch in Rechnung bringt, kann jene Fluth der guten Beispiele und der löblichen Sitte, durch welche der Einzelne mächtig gehoben wird, unmöglich erneuert werden. Wie soll also gründliche Abhilfe geschafft werden? Der Herr ist es, welcher straft und rettet, welcher zur Unterwelt hinab und wieder heraussühn. Von ihm, ohne welchen wir nichts vermögen, muß die Hilfe kommen; indessen können wir, stark durch Eifer und Vertrauen, gar Manches beitragen, um das heilbringende Werk zu fördern. ES läßt sich recht augenscheinlich darlegen, wie sehr die vom Herrn kommende Weisheit der Weisheit dieser Welt in den großen die Gegenwart bewegenden Fragen überlegen sey. Die StaatSweiSheit des Fortschrittes verstümmelte den Menschen; trotz aller Versicherungen, daß er Gott und nichts als er Gott sey, sah sie in ihm bloß den Wurm, welchem verliehen sey, sich eine Stunde lang auf dem grünen 309 Blatte zu sonnen. Sie that noch weit mehr; sie rühmte ihrer Thorheit sich als der glorreichsten Entdeckung. Deßhalb gelangte sie zu Dingen, welche zwar sehr srevelhaft, aber wo möglich noch unsinniger waren; sie handelte bei ihren Verfügungen zur Beseligung der Welt, wie Jemand, welcher sagen wollte: Ich weiß nicht, warum man große Diamanten zu so maaßlosen Preisen bezahlt, man kann ja deren sehr leicht machen, wenn man eine Anzahl kleinerer zusammenschmilzt. Und sogleich wirft der weise Mann eine Handvoll Diamanten in den Schmelztiegel. ES war den Leuten nichts weniger abhanden gekommen als alle Kenntniß der menschlichen Natur, auch jene, welche man sonst bei allen Menschen mit gesunden Sinnen als Etwas, das sich von selbst verstand, voraussetzen durfte. Die Offenbarung zeigt uns den Menschen als Glied in der großen Kette der Geisterwelt, sie verkündet uns die Liebe Gottes als seine höchste Aufgabe und sein innerstes Bedürfniß. Damit ist der Faden durch das Labyrinth gegeben. Der Wahnsinn, zu welchem die Entwicklung der hochgepriesenen Grundsätze führte, hat in Vielen den Glauben erschüttert, womit sie srüher denselben huldigten. Wird ihnen dargethan, welches Licht sich über die verworrenen Zustände der Gegenwart verbreite, wenn man das geistige Leben in seiner richtigen Bedeutung auffasse, so kann manches Vorurtheil zerstört werden. Bei großen Umwälzungen der Gesinnung stehen Verirrungen der Forschung niemals in der Vorderreihe; sie können aber den eigentlich wirkenden Mächten vielfache Förderung bereiten. Seit fünf Jahren hat sich die Bestrebung kundgegeben, für daS christliche Leben in der Gemeinde neue Mittelpuncte zu gründen und sie ist nicht ohne gute Berechtigung. Die Kirche ist der große Verein zur Verherrlichung Gottes und zur Heiligung der Menschen, welchen der König der Ewigkeit gegründet hat. Inner ihrer Gränzen, welche zugleich die Gränzen der Erde sind, soll jeder Kirchensprcngel, inner jedes Kirchensprengels soll jede Pfarre einen engeren Kreis beschreiben, in welchem die Gläubigen mit einander brüderlich an dem Werke ihres Heileö arbeiten. Dabei bleibt jedoch immer noch ein Spielraum für solche Aufgaben der christlichen Thätigkeit, welchen sich nicht Jedermann in gleicher Weise zuwenden kann. Daher hat die Kirche es stets gebilligt, wenn mit ihrem Segen und unter ihrer Leitung Gleichgesinnte sich zu Werken der Andacht, der Buße, der Barmherzigkeit vereinigten und die Bruderschaften der alten Zeit waren ein Blumenschmuck im Garten GotteS: denn trotz allem Menschlichen, was sich dabei einschlich, wurden sie vom Geiste deS Glaubens und der Liebe getragen. Durch Gottes Zulassung haben in größeren Städten die Bande der Pfarrgemeinde sich gänzlich gelockert und in weitem Bereiche thut es dringend Noth, daß vorerst das häusliche Leben und die gesellschaftlichen Beziehungen wieder etwas vom segnenden Hauche des Christenthums empfangen. Eine Einigung derjenigen, welche dieß lebhaft erkennen, vermag unter dem leitenden Schutze der Kirchengewalt einen sehr heilsamen Einfluß zu üben. Es ist dadurch ein Anstoß gegeben, mit der Lehre deS Heils und den Einrichtungen der Kirche sich ernstlich zu beschäftigen und von GotteS Offenbarungen jene zusammenhängende Kenntniß zu erwerben, an welcher eben die Gebildeten so empfindlichen Mangel leiden. Es ist damit ein Anfang gemacht, um die still wirkende, doch mächtige Tyrannei der falschen Scham zu überwältigen. Jeder Einzelne weiß, daß diese Alle sich schämen, ihre katholische Gesinnung an den Tag zu legen, oder daß sie zum mindesten eine solche Scham als die kläglichste Thorheit anerkennen. Es ist ein Anhalt dargeboten, um das christliche Ehrgefühl wieder in der Gesellschaft zur Geltung zu bringen; eS wird jener heilbringenden Scham, welche sich auf keiner Verletzung der Gesetze Gottes will betreten lassen, wieder die Pforte oder doch ein Pförtchen aufgethan. Vereine, deren treue Bemühung darauf gerichtet ist, die katholische Ueberzeugung in sich und Anderen zu kräftigen, können daher im Kampfe wider Vorurtheil und Lauigkeit sehr Bedeutendes leisten. Zwar haben sie eigentlich die Aufgabe, sich selbst überflüssig zu machen; allein das große Werk der Erneuerung kann auch im besten Falle nur durch lange, geduldige Bemühung gelingen, und dann ist es nicht nur möglich, sondern auch rathsam, daß mit der Bemühung, 310 die christliche Ueberzeugung am häuslichen Herde wieder zur Geltuug zu bringen, auch besondere Zwecke der Frömmigkeit und Nächstenliebe verbunden werden. Ein mächtiger Ruf des Herrn ertönt in den Volksmissionen. Wenn es wahr ist, daß der Mensch nur allzu leicht sich von den Gelüsten des Augenblickes hinreißen läßt und mit dem Glauben, welchen er bekennt, in Widerspruch geräth, so ist es doch unstreitig heilsam und räthlich, daß wir uns die ewigen Wahrheiten, welche der leitende Stern unseres Wandels seyn sollen, manchmal im Zusammenhange vergegenwärtigen und in ernster Erwägung auf alle Richtungen unseres Verlangens und Stre- benS anwenden. Dieß und nichts Anderes ist der Zweck der geistlichen Uebungen. Werden nun die geistlichen Uebnngen nicht im Innern eines HauseS und hieinit für eine beschränkte Zahl von Theilnehmern, sondern in der Kirche und für die ganze herbeiströmende Menge des christlichen Volkes gehalten, so nennt man sie Volksmisstonen. Volksmissionen entsprechen also den tiefsten und wahrsten Bedürfnissen des menschlichen Herzens: deßwegen halten sie durch die christlichen Länder einen Siegeszug, welchem die zurückgebliebenen Schüler der Aufklärung mit Aerger und Staunen zusehen. Mit GotteS Beistände werden sie auch in unserer Mitte einen wirksamen Beitrag geben, um die Schlummernden zu wecken, um die Lässigen zu stärken, um das Gesetz des Herrn in Vieler Herzen mit unauslöschlichen Zügen einzuschreiben. Der, welcher den Stürmen gebot und den MeereSwogen Befehle gab, ist als wahrer Gott und wahrer Mensch in unserer Mitte. Wie daS Auge sich geblendet senkt, wenn die Mittagssonne ihm entgegenleuchtet, so neigt sich der überwältigte Geist vor diesem Wunder der Gnade, und er vermag nichts als mit den Seraphinen zu rufen: Heilig, heilig, heilig! So überströmend ist die Huld des Herrn, daß ein heiliger Schauder uuS erfassen muß. Was sind wir und was könnten wir seyn mit einem solchen Helfer! „Weh mir, wie viele Wege zum Heile thun sich uns auf!" ruft der heilige Chrysostomus, da er auf das allcrheiligste Sacrament seine Betrachtung wendet. Diese Fülle der Erbarmungen ist uns aber nicht nur für uns selbst, sondern auch für die uns Anvertrauten gegeben, und vermögen wir ihnen in dieß Innerste deS Aller- heiligstm den Weg zu erschließen, so sind sie überreich an allen Gütern. Bewunderung, Dankbarkeit, Ehrfurcht, die Pflicht gegen unsere eigene Seele, die Pflicht gegen die christliche Gemeinde drängt wie mit unsichtbarem Flügelschlag uns hin, die Anbetung und den würdigen Empfang des allerheiligsten Altarssacramentes nach Kräften zu vermehren. Wie der Anblick der sichtbaren Schöpfung ein reines Gemüth zu dem Schöpfer erhebt, so kann auch der Schmuck der Altäre, der Laut der Gesänge, die stumme Predigt der bildlichen Darstellungen dazu beitragen, in dem Herzen die Ahnung der Herrlichkeit unseres GotteS zu erwecken. Zugleich ist die rege Bemühung, den bei uns weilenden Erlöser auch mit äußeren Huldigungen zu umringen, eine Bethätigung des Glaubens und der Ehrfurcht, welche schon durch die Macht des Beispieles auf die Gemüther wirkt. Darum, theure Mitarbeiter, thut Alles, was die Verhältnisse Euch gestatten, um den auf dem Altare gegenwärtigen Gott auch äußerlich zu ehren und jede gottesvienstliche Handlung, in welcher ihm der Zoll der Anbetung dargebracht wird, so feierlich als möglich zu begehen. Eure besondere Aufmerksamkeit verdient die erste Communion der jungen Christen. Wenn sie mit entsprechenden Feier- lichkeilen umgeben und von einer herrlichen Ermahnung begleitet ist, so hinterläßt sie dem Herzen einen Segen der Erinnerung, welcher nicht so leicht seine Kraft verliert. Hat man über keine großen Mittel zu verfügen, nun so lassen sich wenigstens Blumen finden, und der Heiland sagt ja von den Blumen: Salomon in aller seiner Pracht sey nicht so herrlich bekleidet gewesen, wie Eine von ihnen. Vor Allem aber, AuS- spender der Geheimnisse GotteS, bietet die ganze Kraft der Unterweisung und Ermunterung, die ganze Ausdauer der Mühewaltung auf, damit die Gläubigen oft und mit würdiger Vorbereitung zum Gastmahle des reinen LammeS hinzutreten. In Beichte und Eommunion sind Schätze verborgen, welche, wenn sie gehoben werden, zur Erneuerung eines Volkes vollkommen hinreichen, und kaum wird es irgendwo an Solchen schien, welche Eurer väterlichen Einladung bereitwillig entgegenkommen. 31t So bitt ich Euch denn noch einmal, Genossen der mir zugewiesenen Mühewaltung, leiht mir überall Eure Mitwirkung, wo eS den Herrn und seine Hcerde gilt, leiht sie mir insbesondere zu Erweckung und Kräftigung des regen Lebens, durch welches jeder Christ unseres weiten Kirchensprengels unser Mitarbeiter werden kann. Wie hoch der Mensch durch den Menschensohn, welcher im Himmel thront, erhöht worden sey, tritt am deutlichsten an dem Priester deS neuen Bundes hervor. „Der „Priester", sagt der heilige Ephräm, „ist ein staunenswerthes Wunder und besitzt eine unaussprechliche Gewalt; er berührt den Himmel, er verkehrt mit den Engeln, er geht mit Gott vertraulich um." Der Priester ist den Gläubigen gegeben, damit er ihnen an Christi Statt sey. Der Heiland hat gelehrt; dieselben Worte, welche aus seinem gnadenreichen Munde gingen, soll auch der Priester verkünden und mit treuer Unterweisung den Herzen einprägen. Der Heiland hat getröstet; in Betrübniß und Rathlo- sigkeit, in Noth und Schmerzen, im Beichtstühle und auf der Kanzel, am Krankenlager oder wo immer das Leiden ihm begegnet, soll der Priester den anvertrauten Seelen Trost von oben bringen. Der Heiland hat zu dem Gichtbrüchigen gesprochen: „Sey getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!" und die Schriftgelehrten sagten bei sich: Dieser Mensch lästert Gott! denn daß der Sohn des lebendigen GotteS vor ihnen stehe, war ihren Augen verborgen, und daß es Gott allein zukomme, die Sünden zu vergeben, erschien ihnen als etwas Unwidersprechliches. Aber dem Priester ist eS verliehen, gleich dem Eingeboruen vom Vater zu sprechen: Geh' hin, deine Sünden sind dir vergeben. Groß ist der Heiland in den Wundern, durch welche er sich als den Gebieter der Körperwelt bewies; aber er hat viel Größeres gethan: denn er sprach beim letzten Abendmahle: „Dieß ist mein Leib. Nehmet hin uud esset Alle davon." Dieß hochheilige Wunder, in welchem die Allmacht und Barmherzigkeit des Allerhöchsten gleichsam die Unendlichkeit ihres Reichthums erschöpft hat/ der Priester des neuen Bundes wirkt es auf dem Altare, um welchen her die himmlischen Geister Wache halten. Freunde und Mitbrüder, dieß ist das Los der Ehren, welches auch Euch gefallen ist. Darum sey der erste Gruß, den ich an Euch richte, ein Preis des Glücks, das Euch geworden ist! Die Gestalt dieser Welt geht vorüber. Zwar unser Leib ist dem Gesetze der Schwere verfallen; aber unser Geist berührt schon hienieden die Gemeinschaft der Geisterwelt, in deren enthüllten Reihen nnser Ort seyn wird ohne Wechsel und Ende. Sollten wir uns nicht freuen, daß durch GotteS Erbarmung uns verliehen ward, was groß ist vor Gott und seinen AuSerwählten, waS groß seyn wird vor dem Richterstuhle, welchen alle Menschen und Engel in unermeßlicher Versammlung umringen werden? Allein nachdem der heilige Gregorius der Hoffnungen gedacht hat, welche uns bei Gott hinterlegt sind, fügt er die Ermahnung hinzu: „Zu großem Lohne kann man nicht anders als durch große Beschwerden gelangen. Daher spricht Paulus, der vortreffliche Lehrer: Gekrönt wird nur der werden, welcher vorschriftsmäßig gekämpst hat. So erfreue sich denn unser Geist an der Größe des Lohnes; doch lasse er auch von dem Dränge der Beschwerden sich nicht abschrecken." Die Verantwortlichkeit für das Heil unsterblicher Seelen ist eine schwere Last. Als die Söhne Jakobs von Neid getrieben wider Joseph ihren Bruder sich erhoben, gedachte Rüben, ihn ihren Händen zu entziehen und dem Vater zurück zu geben. Allein er ließ die Sache sich nicht sehr angelegen seyn; er entfernte sich, und mittlerweile wurde Joseph an die Jsmaeliten verkauft. Als er nun zurückkam und ihn vergebens suchte, zerrieß er sein Gewand und rief jammernd auS: Der Knabe ist nicht mehr da und ich wo soll ich mich hinwenden! Rüben scheute sich vor seines VaterS Angesicht zu treten, weil er nicht Alles, was er vermochte, gethan hatte, um den Liebling desselben vor der Knechtschaft zu bewahren. Und doch war dieß eine Knechtschaft, welche die Hoffnung auf Befreiung keineswegs ausschloß; wirklich wurde Joseph nicht nur von der Sklaverei erlöst, sondern der Pharao setzte ihn auch über ganz Ägypten, und er regierte daS Land, wo er gedient hatte, bis zu seinem späten Ende. Wenn nun, was die ewige Erbarmung abwende! — durch unsere Versäumniß eine Seele in die Bande des 312 Abgrundes geriethe, wie sollten wir mit freudigem Vertrauen vor das Angesicht unsers Meisters treten? Indem er diese Seele suchte, wurde sein Haupt von Dornen zerrissen, wurden seine Hände und Füße von Nägeln durchbohrt, wurde sein Herz von der Lanze durchstoßen, und nun ist sie verloren in alle Ewigkeit! Unstreitig verlangt er von uns nicht mehr als wir vermögen; aber Alles, was wir vermögen, verlangt er von unS, so wahr er die mit seinem Blute Erkauften liebt. Indessen vermögen wir Alles in ihm, der uns stärkt: denn es ist ihm alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden. Und will doch noch ein Bangen uns beschleichen, so wenden wir unS an die Mutter deS Trostes, deren Siegesfest wir heute begehen. Königin des Himmels, als du unter dem Kreuze standest, durchdrungen von dem bittersten Schwerte der Schmerzen, vernahmst du das göttliche Wort: Siehe, Weib, dein Sohn! Der dir zum Sohne gegeben wurde, war Johannes, welcher bei der Einsetzung des großen HuldgehcimnisseS an der Brust des Heilandes lag; es war Johannes, der Lehrer und das Vorbild der Nächstenliebe, dessen letztes Vermächtniß an seine Schüler lautete: Kinder, liebet einander! Auch ich und die Priester, welche dein Sohn mir zur Hülfe geordnet hat, sollen die Geheimnisse deS Heiles verwalten und um das höchste Werk der Nächstenliebe zu üben, um die Seelen zu retten, sind wir gesandt. So nimm auch unS zu deinen Söhnen an! Erwirb uns durch deine mütterliche Fürsorge Licht im Zweifel, Trost in der Widerwärtigkeit, Kraft in der Beschwernis), überall aber und in Allem den brennenden Eifer der Liebe! Mutter, hilf uns Jene selig machen, die unS anvertraut sind; dann erbitte unS dort einen Platz, wo Johannes seinen Meister anbetet und dich preiset und liebt in Ewigkeit. Amen. Gegeben zu Wien am Feste der Himmelfahrt Unserer Lieben Frau den 15. Aug. 1853. Joseph Othmar. Niederlande. AuS Holland enthält daS „Univers" einen interessanten Bericht, nach welchem die Katholiken zu Hoffnungen auf die Zukunft nicht unberechtigt sind. Der Erbprinz besuchte nämlich auf seiner Reise durch die ganz katholische Stadt Bormeer das dortige Carmeliterinnenkloster. Zur Zeit seines Besuches war eben der hochwürdige General- procurator dieses Ordens, ?. Priori, eingetroffen, um in den Häusern der Provinz Deutschland Visitationen zu halten. Der Prinz war über Alles, was er in dem Frauenkloster sah, sehr befriedigt und bat, als er von der Ankunft des Generalpro- cnratorS und von dessen glänzenden Eigenschaften — ?. Priori ist. Mitglied mehrerer Congregationen und einer der hervorragendsten Männer der ewigen Stadt — hörte, derselbe möge sich ihm vorstellen lassen. ?. Priori beeilte sich, der hohen Einladung Folge zu leisten und wurde von dem Prinzen auf das Herzlichste empfangen. Der Thronerbe redete viel von Rom, seinen Alterthümern und von dem Wunsche, es zu besuchen; er fragte namentlich nach dem Befinden Sr. Heiligkeit, und äußerte unter Anderem, er habe auch daö Bildniß desselben, leider aber sey dasselbe kein ganz gelungenes. ?. Priori, der zufällig im Besitze mehrerer sehr gelungener Portraits ist, bot dem Prinzen eines an, den dieses Geschenk nicht wenig freute, und der noch mehrere bronzene Medcu'llonS mit dem Brustbilde Sr. Heiligkeit und der Apostelfürsten dankend entgegennahm. Der Kronprinz versprach ?. Priori, wenn er nach Rom komme, ihn besuche» zu wollen, und äußerte, daß er sich inzwischen, bis es ihm vergönnt wäre, dem heil. Vater persönlich seine Huldigung darbringen zu können, mit dem Anblicke seines Bildes entschädigen werde. Wenn er auf die Katholiken und ihre Kirche zu sprechen kam, erhob er sich weit über die Norurtheile, welche in diesem Augenblicke seine Glaubensgenossen irreführen. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags - Inhaber: F. C. Kremer. Vr-yehnt-r Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PgkMlung. 2. October M- ^ß» Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage» Der halbjährige Abouncmentsprei» 5tt fr., wofür e« durch alle köuifll. daher. Postämter und all« Buchhandlunge» bezogen werde» kau« Joseph Ottmar von Rauschers, Fürsterzbischofes von Wien, Hirtenbrief an alle Glaubige der Erzdiöcese Wien. Joseph Othmar, von GotteS und des apostolischen Stuhles Gnaden Fürst- erzbischof von Wien, Doctor der Theologie .c. .c., Ritter v. Rauscher, allen Gläu- bigen der Erzviöcese Wien Heil und Segen vom Herrn! Eine treue Mutter bewacht das Kind ihrer Schmerzen mit zärtlicher, unablässiger Sorgfalt. Sie trägt eS auf ihren Armen, sie säugt eS an ihrer Brust, sie läßt es in ihrem Schooße schlummern. Beginnt eS die noch unsichern Schritte zu prüfen, so hält sie es aufrecht, wenn es wankt, und reicht ihm die Hand, wenn es ermattet. Auch dem Knaben, welcher ihrer Leitung nicht mehr zu bedürfen glaubt, solgt sie geduldig nach. Sie zeigt ihm den rechten Weg, sie warnt ihn vor jeder Gefahr, sie richtet ihn auf, wenn er strauchelt und fällt, sie reißt ihn zurück von dem Abgrunde, an dessen Rand er nach dem Schmetterlinge hascht. Allein die Mutterliebe in all ihrer Kraft und Lauterkeit ist nur ein Schattenbild der erbarmenden Huld, womit die ewige Liebe über all unseren Schicksalen und Erlebnissen waltet, und wenn wir uns ihren Führungen ohne Widerstreben hingeben, so dürfen wir die Bahn des Lebens mit ber Sicherheit kindlichen Vertrauens wandeln. „An den Brüsten wird man euch tragen und auf den Knieen euch liebkosen; wie Einen, welchem, seine Mutter liebkoset, will ich euch trösten." So spricht der Herr durch seinen Propheten. Ueber dem Großen, wie über dem Kleinen, über dem völlig Unscheinbaren, wie über dem, was auch vor den Menschen als wichtig gilc, waltet die Hand der Fälschung und ordnet Alles zu unserm Heile; kein Haar fälil von unserem Haupte, zu dem der Vater im Himmel nicht gesprochen: Falle hin! Wiewohl ich lebhast fühle, daß ich nicht würdig bin, dem Ewigen und Hohen als sein Werkzeug zu dienen, so glaube ich doch in dem Rufe, welcher mich zu Euch führt, theure Miterben der Verheißungen Ehrifti, die Leitungen der göttliche» Fürsehung erkennen zu dürsen. Dieß ist der Grund, auf welchem meine Hoffnung ruht. Ich grüße Euch mit dem Gruße deS Friedens: denn ich komme zu Euch im Namen des großen Friedenöfürsten. Seine Worte sind es, die ich Euch zu bringen habe, sein Reich ist eS, nach welchem wir miteinander pilgern wollen. Ich bringe Euch eine frohe Botschaft: denn ich bin gesandt, um die Würde zu verkünden, welche Euch einwohnt, um die Herrlichkeit zu enthüllen, zu welcher Ihr berufen seyd, um Euch dorthin einzuladen, wo Erquicknng ist und Hilfe für Zeit und Ewigkeit. Als der Sohn Gottes auf die Erde kam, schien an ihm und rings um ihn Alles nur Schwäche und Armuth, Beschwerniß und Erniedrigung zu seyn. Er war ein zarteS, neugebornes Kind und hatte kein anderes Obdach, als eine rauhe Höhle, welche bloß Heerden zu beherbergen gewohnt war. Eine Krippe diente ihm statt der Wiege und aus etwaö dürrem Grase war er gebettet. Zur selben Zeit aber leuchtete 314 draußen die Nacht von überirdischem Glänze. Der Engel des Herrn erschien den staunenden Hirten und verkündigte ihnen, daß Israels Hoffnung erfüllt und zu Bethlehem in der Stadt DavivS der verheißene Retter geboren sey. Und es gesellte sich zu ihm die Menge der himmlischen Heerschaaren und feierte mit himmlischen Gesängen den Herrn und seinen Gesalbten, Damit sich mit uns etwas AehnlicheS begebe, hat der Sohn Gottes Knechtsgcstalt angenommen. Der Mensch ist schwach und gebrechlich, auch wenn er in voller Kraft des Alters und der Gesundheit blüht. Es fällt ein Stein, eö weicht Eine von den tausend Nerven, welche in dem künstlichen Bau seines Lebens verschlungen sind und sein zeitliches Leben erlischt. Die Erde selbst mag Demjenigen, welcher nur immer abwärts blickt, eine Unendlichkeit dünken, aber wenn Jemand auch nur zu den sichtbaren Größen mit ernster Erwägung das Auge erhebt, so verengt sie sich. Die Gestirne, die am nächtlichen Himmel funkeln, sind Welten, und vor der Unermeßlichkeit der blauen Räume, wo sie ihren Rundgang halten, schwindet die Erde mit ihrem Land und Meer, mit ihrer Pracht und Qual zu einem dunklen Puncte hin. Wenn aber der Mensch von Stern zu Stern eilen könnte, doch die Schranke, die ihn in das Räumliche bannt, befestigt bliebe, so bliebe die Sehnsucht seines Herzens ungestillt und die Weltcnräume wären für ihn gleich der dunklen Höhle, wo das Jesuskind lag. Allein von der armen Krippe geht ein wunderbares Licht ans; eS berührt das Auge, seine Schuppen fallen und die Herrlichkeit, zu welcher wir erhöht werden sollen, die Herrlichkeit, welche schon hinieden durch Glauben und Gnade in unser Herz hineinblickt, wird ihm offenbar. Von Ewigkeit zu Ewigkeit waltet, unberührt von dem Wellenschlage der Zeit, der allein Heilige und Hohe, der dreicinige Gott. Alles, was das menschliche Herz wahrhaft erhebt, ist ein Funke, welcher von dem Saume seines GewandeS niederstrahlt. Zur Rechten deS allmächtige» Vaterö thront sein eingeborner Sohn, in welchem unsere menschliche Natur über Alles, was geschaffen ward, erhaben ist. Noch immer ist er der gute Hirt, welcher sein Leben hingab für seine Heerde. Er bleibt bei uns nicht nur durch seine Gnade, sondern auch in dem großen Wunder der Liebe, in dem allerheiligsten Sacramente des Altars. Er hat uus den heiligen Geist gesendet, der mit dem Vater und dem Sohne gleicher Gott lebt und regiert. Der himmlische Tröster schwebt über uns, um unser Herz zu seinem Tempel zu machen. Rings um den Thron des Allerhöchsten verbreiten sich die Chöre der Engel und Heiligen, in welchen die Herrlichkeit ihres ErschafferS sich abspiegelt. Hier steht dem Unerschaffenen zunächst die reine Magd des Herrn, welche zur Mutter Gottes erkoren wurde; hier findet sich alles wahrhaft Große, alles wahrhaft Liebliche, waS seit den Tagen deS gerechten Abels auf Erden erschien, im himmlischer Verklärung vereinigt. Der getreue Pflegevater des Heilandes, der Vorläufer, der vor ihm herging in der Kraft des Elias, die zwölf Boten des Heiles, die helvenmüthigen Märtyrer, die gotterfüllteu Propheten und Lehrer, die getreuen Bekennn, die reinen Jnugfrauen, Alle, Alle, welche die Palme des Sieges empfangen, wo und wie sie immer ihre goltgeweihte Liebe bewährt haben. Diese glänzende Versammlung blickt auf uns nieder, sie sehnt sich, uns in ihrer Mitte zu sehen, sie bringt für uns ihre Fürbitte dar. Die Erstlingskinder der göttlichen Huld, die Engel, bewundern das hochbegnadigte Geschlecht, welchem der Sohn Gottes sich als ein Bruder dem Bruder beigesellt hat, und begleitet unS wie sorgsame Freunde auf allen unsern Wegen. Hinauf, hinauf zu diese» Höhen soll ich Eure Blicke richten, geliebte Christen. Die Welt ist dürr und öde geworden vor Uebermaaß von Bestrebungen, welche im Sande deS Vergänglichen wühlen. Sie fühlt, daß ihr Etwas gebreche, sie ergreift jede Gelegenheit, um sich künstlich zu einer Art von Begeisterung aufzustacheln. Der Beifall, welchen man der Meisterschaft im Gesänge oder auf irgend einem Instrumente zollt, steigert sich manchmal bis zu Uebertreibungen, welche man belächeln muß; aber es gibt sich darin daö Bedürfniß kund, irgend ein Gefühl, welches das Herz über das Alltägliche hinaus hebe, zu erHaschen. Dieß verirrte Streben kann aber nicht nur Lächerliches, sondern auch Entsetzliches hervorrufen. Als das Heidenthum noch seine 315 Feste hielt, als man daS Bild der Göttermutter unter betäubendem Paukenschall und wildem Gesänge umhertrug, während die Priester des Wahnes sich mit Messern ritzten, stürzte mancher Jüngling wie von Wuth ergriffen hervor und wandte die scharfen, bereit gehaltenen Schwerter wider sich selbst. Wir haben AehnlicheS erlebt. Eine ernste Zeit der Entscheidung liegt nicht sehr weit hinter uns. Von denjenigen nuu, welche damals an dem Werke der Zerrüttung und Zerstörung arbeiteten, wußten freilich die Wenigsten, waS sie thaten; Jene, welche es wußten, waren arößteutheilS von den Bestrebungen groben Eigennutzes geleitet, und sie Schwärmer schelten hieße ihnen eine unverdiente Ehre erzeigen. Aber es fanden sich darunter doch auch Solche, über welche ein schimmerndes Wolkenbild Gewalt übte. Der trügerische Schein, womit die Zwecke des Umsturzes prunkten, hatten sie wirklich geblendet; sie glaubten, etwas Höheres leuchte in sie hinein; sie suhlten sich in ihrem Innern gehoben und trachteten mit krankhafter Ueberreizung dieß Gefühl auszubeuten; sie setzten für ein Wahngebilde Blut und Leben ein. Ich aber, theure Christen, bringe Euch dasjenige, was wirklich erhebt und begeistert. Wir wandeln vor Gottes Angesichte und das Reich GottcS ist das uuö beschiedene Erbe. Wenn diese Ueberzeugung srischeS Leben gewinnt, so verleiht sie dem Geiste die Fittige zum wahren Aufschwünge: denn sie erweckt in ihm das Gefühl seiner rechtverstandenen Würde und die Ahnung der himmlischen Güter. Viele sonst erfahrene und verständige Leute lassen sich in Allem, waS den innigen Anschluß an Gott und sein Reich betrifft, durch eine fast kindische Furcht beirren. Es ist ihnen, als werde durch die Ermahnung, cS mit dem Ewigen ernstlich zu nehmen, an sie die Znmuthung gestellt, Alles, waS sie lieben und ehren, aufzugeben. Sie irren aber. Wem ein kraftvolles Bewußtseyn der ewigen Bestimmung einwohnt, der wird ohne Zweifel Gott als das höchste Gut an den ersten Platz und alles Andere hinter ihn setzen. Aber jedes Ding gedeiht an seinem rechten Orte am besten. Der im Glauben wandelnde Christ kennt etwas Höheres als seine Gattin und Kinder; allein dadurch verklärt sich die Zuneigung, dadurch befestigt sich die Theilnahme, welche er denselben zuwendet. Er sieht in seinen Kindern eine heilige Hinterlage, welche der Sohn Gottes ihm anvertraut hat und dereinst zurückfordern wird. Er kennt das Band unauflöslicher Pflichten, welches ihn an die Gattin knüpft, sie ist ihm Gefährtin, mit welcher er den Weg zum Himmel wandelt. Diejenigen, welche die Emancipation des Fleisches predigen und Unterordnung der Gattenpflicht unter die wandelbare Be- gierde zn den Kleinodien ihres Reiches zählen, sind zugleich Feiude des Christenthums, und nnr daö Erbe der christlichen Ueberzeugung, welche sie mit unermüdlichem Hasse bekämpfen, hat die Familie vor der Zerstörung bewahrt. Der Glaube, welcher den Weg zum Throne Gottes gefunden hat, gibt der bürgerlichen Gesellschaft ihre feste Grundlage und höhere Weihe. Der christliche Staatsbürger ehrt in dem LandeSfürften Gott, welcher ihn erhöht hat. Der christliche Landesfürst erkennt sich als einen Diener Gottes zum Heile derer, über die er gesetzt ist. Fürst und Unterthanen sind Eines in dem, dessen Gesetz ihre höchste Richtschnur ist. Als den Gipfel politischer Weiskeil pries man vor Kurzem noch jene künstlich angelegten Einrichtungen, welche ans ein unauslöschliches Mißtrauen und einen nimmer müden Kampf zwischen der Regenten, macht und dem Volke berechnet sind, und immer wieder endete die Sache damit, daß das kostspielige Kunstwerk von der Revolution mit eiserner Faust zerschlagen wurde. Das Christenthum läßt diese Weisheit bei Seite liegen, weil es sie überflüssig macht. Auch im Heereslager schafft und adelt die christliche Begeisterung: denn ihr Abglanz ist jenes ritterliche Ehrgefühl, welches der schönste Schmuck und die stärkste Waffe deS Kriegers ist. Der Wissenschaft ist die Macht der christlichen Ueberzeugung kein Hemm- niß, sondern eine wohlthätige Führerin. Die menschliche Forschung hat in vielen Gebieten Großes erreicht; sie hat viele Verhältnisse des Stoffes mit scharfem Blick erfaßt und ihnen die Ordnung vorgezeichnet, in welcher sie menschlichen Zwecken dienen müssen. Hierin legt daS Christenihum ihr keine Hindernisse; höchstens ermahnt es, man möge den Gewinn, welcher daraus für die Befriedigung menschlicher Wünsche erwachse, nicht allzuhoch anschlagen, damit man sich nicht schmerzlichen Enttäuschungen 316 aussetze. Doch die Forschung glaubte sich der christlichen Wahrheit entwachsen; mit unsäglichen Prahlereien verhöhnte sie die heiligen Belehrungen, in deren Lichte das Geheimniß der menschlichen Nalur und Bestimmung sich erschließt. Wie und wo sie dieß that, vergeudete sie edle Kräfte in thörichten Versuchen, das Grundgesetz der sittlichen Ordnung umzuändern und verirrte sich schließlich in eine pfadlose Wüste Die Kunst lebt von dem Widerscheine einer höheren Welt; ohne ihn vermag sie nichts, aber sie kau« ihn in der Pfütze suche», welche ja auch die Sonne abspiegelt, freilich nach Art einer Pfütze, Allein die christliche Wahrheit führt sie in das Heiligthum, wo das wahrhaft Höchste thront, und wmn sie die Stufen des Altars hinantritt und einen Funken empfängt von der Flamme, welche dort emporsteigt, so enthüllen sich ihr die herrlichsten Vorbilder, zu welchen der Menschengeist sich erschwingen kann. Der Herr hat gesprochen: „Wer immer sein Haus, oder Brüder und Schwestern, Vater oder Mutter, Weib oder Kinder, oder den Acker um meines Namens willen verläßt, der wird das Hundertfache dafür erhalten nnd das ewige Leben besitzen," Dieß bewährt sich an Jevem, welcher durch die Anhänglichkeit an das Vergängliche sich nicht hindern läßt, Gott seinem Vater ausrichtig das Herz zu schenken. Von Allem, waS er ohne Sünde verlangen und besitzen konnte, geht ihm Nichts verloren, eS wird nur geläutert und verevelt; in seine Seele aber kehrt der Friede GotteS ein, welcher alle Ahnung dessen, welcher niemals seiner gewürdigt wurde, weit übersteigt. Damit ist nun freilich das Leiden aus der Welt nicht hinweggenommen. Aber Panlus, unser großer Apostel, hat sehr viel gelitten; oft ward er gegeißelt oder sonst mü Mißhandlungen überhäuft, oft war sein Leben durch die Verfolgungen der Feinde oder die Gefahren der Reise bedroht; unter vielfältigem Nachtwachen, in Huuger und Durst, in Kälte und Blöße waltete er seines heiligen Amtes und schwerer als alles Andere war die Bürde der Sorge», welche auf ihm lag; dennoch ruft er aus: „Ich glaube, ^daß die Leive» dieser Zeit mit der künftigen Herrlichkeit, welche sich an unS offenbaren wird, gar nicht verglichen werden können." Der Hinblick auf die ewigen Güter bewahrt uns vor dem schlimmsten aller Leisen, vor den scharfen und vervienstlosen Dornen, welche den Becher der verbotenen Lüste bekränzen, und gewährt iu den Beschwernissen und Drangsalen, welche das gemeinsame Loos des Menschengeschlechtes sind, uuS einen kräftigen Trost, Dennoch war dieß dem milden Heilande nicht genug. „Wir haben," spricht der heilige Panlus, „keinen Hohenpriester, welcher nicht mit unseren Schwachheilen Mitleid haben könnte; sondern Einen, welcher in allen Stücken ähnlich wie wir, doch ohne Sünde, versucht worden ist." Weithin erschallt das Lob einer Römerin, welche, da sie den zum Tode verurcheillen Gatten zagen sah, sich mit dem Dolche durchbohrte und sprach: Pätus, es schmerzt nicht. Damil aber wir, die Kinder des Sünders, dasjenige, was zu unserem eigenen Heile dient, bercitwil> liger trage» möchten, hat der Sohn Gottes, der König der Ewigkeit, der Heilige Israels, alle Leiden des Leibes und der Seele zuerst auf sich genommen. (Schluß folgt,) Die kirchlichen Streitigkeiten in Goa Die in der Ueberschrift erwähnten Differenzen haben wiederhol« in neuester Zeit die allgemeine Ansmcrksamkeit auf sich gezogen. Namentlich ist es aber der Tadel, den in der fraglichen Angelegenheit der portugiesische Hof und die öffentlichen Blätter von Lissabon auf die neuerlich hierüber erfolgten Entscheidungen des heiligen Stuhles in Rom werfen, — der die ganze Sache einer anöführlichercn Besprechung werth macht. Wir entnehmen die Darstellung der wahren Sachlage dem Münster Sonntags- blatte, das sich darüber in klarer historischer Entwicklung folgeuvermaaßen vernehmen läßt: Als die Portugiesen im 15. Jahrhundert den neuen Weg nach Ostindien eiitdcckl und daselbst ihre Herrschaft zu begründen angefangen hatten, bemühten sie sich, mit dieser zugleich die Gränzen des Reiches Jesu Christi auszudehnen. Sie sandten 317 Missionäre und unterstützten die Bemühungen derselben. Im Anfange deS 16. Jahrhunderts gab eS bereits vom Vorgebirge der guten Hoffnung an bis nach Makao wenigstens auf den Inseln und Küsten zahlreiche Christengemeinden. Der König von Portugal wünschte denselben einen Oberhirten zu gebe», der seinen Sitz in Goa, der Hauptstadt der portugiesischen Besitzungen, hätte. Paul III. ging bereitwillig aus seine Vorstellungen ein, und errichtete im Jahre 1534 durch die Bulle ^equum reputsmus das Bisthum Goa, welches seine Gränzen vom Vorgebirge der guten Hoffnung bis nach China ausdehnte. Dieser Bulle gemäß übernahm der König von Portugal die Verpflichtung, nicht nur die Kathedrale zu Goa, sondern auch alle andern Kirchen und Klöster der gan,en Diöcese in gutem Zustande zu erhalten, mit allem Nöthigen zu versehen, dem Bischöfe wie der gesammten Geistlichkeit jährliche Einkünfte anzuweisen, und auf dieselbe Weise die Sorge sür alle neuen Pfarreien oder Klöster der Diöcese zu übernehmen Dafür wurde ihm vom Papste das Patronat sowohl deS BiS- >hums als auch aller Pfründen desselben übergeben. Die Könige von Portugal hatten also das Recht, den Bischof von Goa und alle Geistlichen, die eine feste Anstellung in der Diöcese hatten, zu ernenne». Aber schon im Jahre 1557 wurde diese fast unermeßliche Diöcese von Paul IV. in drei getheilt, Goa wurde M etrop o litan- Kirche, und die neuen Bisthümer Coccina und Malakka ihr unterworfen. PaulIV. ertheilte den Königen von Porrugal die Rechte deS Patronates in diesen beiden Diöcesen unter denselben Bedingungen, die oben erwähnt wurden. Gregor XIII. errichtete das BiSthum Makao, welches ganz China und Japan umfaßte, und die Könige von Portugal hatten sich bis dahin so treu und freigebig gegen die Kirche erwiesen, daß der Papst in der Bulle, welche ihnen das Patronat dieser neuen Diöcese übergab, eine Clausel hinzufügte, wodurch der Krvue von Portugal dieses Recht so unwiderruflich zugesichert wurde, daß auch selbst der heilige Stuhl es ihnen niemals wieder nehmen könne. Dieselbe Clausel findet sich iu den Bullen, durch welche von SirtuS V. zu Funai ein besonderes Bisthum für Japa, vou Paul V. die Diöcese Meliapor, und Alexander VIII. die bischöflichen Sitze von Nankin und Pekin errichtet wurden. Nun geschah es aber, daß der Eifer der porrugiesischen Regenten für die Verbreitung des Glaubens erkaltete, oder wenigstens die Hindernisse, welche ihre Beamten derselben entgegensetzten, nicht beseitigen konnte. Seit dem Ende deS 17. Jahrhunderts dehnten sich besonders in dem großen chinesischen Reiche die Gränzen deS Reiches ' Gottes durch die unermüdliche Thätigkeit der Missionäre immer weiter aus. Mit großer Mühe hatte Alerauder VIII. den König von Portugal bewogen, in die Theilung der Diöcese Makao einzuwilligen, und so die Errichtung der erwähnten Bisthümer Nankin und Pekin zu Stande gebracht. Es war nun aber bald auch unmöglich, von diesen beiden Städten aus die oberhirtliche Sorge bis in die fernsten Provinzen des Kaiserreiches auszudehnen. Da also keine Hoffnung war, in diesen entlegenen Gegenden, mit welchen die Portugiesen gar keinen Verkehr hatten, auf die Weise wie in Ostindien BiSlhümer zu errichten, und der heil. Stuhl doch unmöglich diese neubekehrten Völker ohne Hirten lassen konnte, so sandten die Päpste apostolische Vicare, deren geistlicher Odyut sie einige jener entferntesten Provinzen anvertrauten. Obschon diese durch die Umstände gebotene Maaßregel nicht im Geringsten die Rechte der Bischöfe und des portugiesischen Hofes beeinträchtigte, so unterließ dieser eS deunoch nicht, bittere Klage wider den heil. Stuhl zu führen, und der Metropolitan von Goa ließ sich verleiten, in jene Gegenden, die den apostolischen Vicaren angewiesen waren, Priester zn senden, welche die Gläubigen beunruhigten, und warnte, oen Vicaren des heil. Stuhles nicht zu gehorchen. Aber schon waren die Zeiten nahe, in welchen der portugiesische Hos auf Anstiftung des verruchten Pombal erst durch die Vertreibung der Jesuiten die Missionen in Ostindien eben so wie jene in Amerika zum großen Theil zerstörte, und dann auf mannigfache Weise wider den heil. Stuhl selbst offenen Kampf begann. Die Strafe folgte dem Verbrechen auf dem Fuße nach: Portugal verlor seine Besitzungen in Ostindien, und seine ganze Herrschaft beschränkte sich schon am Ende des vorigen Jahrhunderts auf die fast zerstörte Stadt Goa und 318 einige unbedeutende andere Plätze. Seit dieser Zeit war Portugal gar nicht mehr im Stande, die Bedingungen, unter welchen ihm das Patronat der Kirchen des Orients gegeben worden, zn erfüllen, und konnte also die Rechte desselben nicht mehr in Anspruch nehmen. Die Bisthümer waren meistens verwaist und in dem traurigsten Zustande. Sobald nun in Europa nach den langen Kriegen der Friede dauerhaft hergestellt war, und auch die Wirksamkeit der Missionäre in Indien wieder begonnen hatte, dachten die Päpste auf Mittel, der verlassenen Christenheit in jenen Gegenden zu Hilfe zu kommen. Nach vielen einzelnen Versuchen erließ endlich Gregor XVI. im Jahre 1838 das Breve Uults pr-zool-zre, durch welches er den vier apostolischen Vikaren, die er nach und nach gesandt hatte, auch die Gläubigen der Bisthümer, die seit vielen Jahren ohne Hirten waren, unterwarf, nnd für durchaus unabhängig vom Erzbischofe von Goa erklärte. Jedoch auch der Sitz von Goa war schon lange erledigt, und der Hof von Lissabon bemühte sich erst jetzt, daß derselbe wieder besetzt werde. Der Papst willigte gern ein, jedoch unter der Bedingnng, daß der neue Erz- bischos die im Breve Nulla rirgeclgr» getroffenen Bestimmungen beobachte, uud also sich auf die Verwaltung seiner Diocese beschränke. Joseph von Silva Torres wurde gewählt, und er leistete vor dem Delegaten des heil. StnhleS den Eiv, dem Breve Nults.pratzel-zre zu gehorchen. Aber kaum in Indien angekommen, vergaß der unglückselige Prälat seine eidliche Verpflichtung, verkündigte nur die Bulle, in welcher er zum Metropoliten von Goa ernannt wurde, und unterdrückte das beigefügte Decret, worin erklärt ward, daß jener Titel nur ein Ehrentitel sey, und der Erzbischof von Goa die Rechte des MettopolitanS über die apostolischen Vicare nicht ausüben könne. Die Wirksamkeit dieser letzteren hatte schon immer das größte Hinderniß in der Hartnäckigkeit, womit viele Priester ihnen den Gehorsam verweigerten, gesunden. Diese Priester wollten feine andere» Bischöfe, als die vom portugiesischen Hofe ernannt wären, alö ihre Oberhirten anerkennen. Sie fanden nun in Torres das Haupt ihrer Empörung wiver den heil. Stuhl, und das Schisma war vollendet. Um es auSzu- breiteu, weihte Torres in einem Jahre 600 Priester, die das Laus überschwemmten und die Gläubigen verführten. Nach vielen vergeblichen Bemühungen gelang es endlich Sr. Heiligkeit Pins IX., die Abberufung deS ErzbischofeS von Goa vom Hofe zu Lissabon zn erwirken, und dieses zwar in der Zeit, als der heil. Vater selbst wie in der Verbannung zu Gaeta lebte. Das Schisma nahm nun allmälig ab, bis im letzt- verflossenen Jahre ein unglückliches Mißverständnis des apostolischen Stuhles Gelegenheit bot, das Feuer der Zwietracht ärger als je anznzündeu. Das Capitel von Goa hatte nach Abberufung des ErzbischofeS zu seinem Vicar einen Priester erwählt, welcher zu den wärmsten Anhängern des Schismas gehörte. Aus Mangel an wahrhaftigen Berichten wurde diese Wahl zu Rom bestätigt. Kaum war die Nachricht davon nach Goa gekommen, so setzten sich auch sogleich der Vicar und alle gleichgesinnten Priester in Bewegung, das Schisma zu verbreiten. Sie luden zn dem Ende den Bischof von Makao, der wo möglich noch verwegener als Torres war, ein, nach Goa zu kommen. Er kam, und schon auf dem Wege predigte er überall das Schisma, die apostolischen Vicare uud Missionäre beschimpfend, und die Gläubigen aufforderud, ihm und seineu Priestern allein zu gehorchen. Er ertheilte die Firmung in Gegenden, die weder ihm noch dein Erzbischof von Goa unterworfen waren, und kaum iu dieser Stadt ange^ kommen, ertheilte er die heilige Weihe an Hunderte, die er für sein Unternehmen tauglich hielt. Der heil. Vater hat an den Verirrten ein ernstes Schreiben, jüngst aber auch an die apostolischen Vicare ein Breve erlassen, worin er die Bestimmungen, die Gregor XVI. in dem oft erwähnten Breve Uults >iraec:Iiir«z geiroffen, erneuert, und die schiSmatisirendcn Priester insgesammt, ausdrücklich und namentlich aber den Capitular - Vicar von Goa und drei andere von der Gemeinschaft der Gläubigen ausschließt, wofern sie nicht binnen zwei Monaten in sich gehen und für das gegebene Aergerniß öffentlich genugthuu. Dieses ist nun das Breve, das Lissabon in Bewegung' setzt, als wollten die Portugiesen beweisen, daß sie zwarjenseitS des Meeres alle ihre Macht, nur nicht die, den Frieden der Kirche zu stören, verloren haben.— Trauriger Stolz! 319 Bemerkenswerthe Bekehrungen. Noch immer spannt der Herr seine heiligen Hände aus, um Alle väterlich zu umarmen, die sich zu Ihm wenden, und bei ihm Trost, Hilfe uud wahre Seelenruhe suchen. Immer noch rufet Er: „Kommet zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seyd, ich will euch erquicken." Immer noch spendet Er seine Gnaden allenthalben aus und kommt den Schwachen, den Kraftlosen, den Betrübten uud Verirrten mit seiner Hilfe zuvor. Und immer noch, wir müssen es zn unserem Troste gestehen, benutzen Viele seine znvorkommende Gnade, hören seine Stimme und folgen dem Rufe, so an sie ergangen. Wenn wir nun sehen, daß der schwache Bruder erstarket, der Verirrte den rechten Weg wieder findet, der ihn zum Leben führt, wenn die Zahl der Mitglieder des Reiches Gottes auf Erden sich mehret, soll dieses für nnS etwa gleich- giltig seyn, da doch selbst die Bewohner des Himmels, mit denen wir auch in Verbindung stehen, über dieses AlleS sich erfreuen? — So trat denn nach dem „4mieo esttolieo" der ehrwürdige Vorstand der Kirche des heiligen Paulus zu Baltimore in den Schooß der katholischen Kirche ein, ein Mann von seltener Wissenschaft und großer. Beredsamkeit, der einen großen Einfluß unter den Proiestanten der Vereinigten Staaten ausübte. Sein Beispiel wird wohlthätig auf andere wirken. — Am 2. Juli schwor ein Glied des amerikanischen Senates zu Rom in die Hände Sr> Eminenz des Kardinals Fransoni, Vorstehers der Propaganda, seine Irrthümer ab. — Ein anderer von einem protestantischen Geistlichen convertirter Amerikaner trat in die Kirche zurück. Zu San-Luigi bekehrte sich die Jungfrau Helena Turner, eine Prcsbyterianerin, und Michael Mallington, ein Methodist. — In einem jüngst erschienenen Blatte zu New-Uork, Freemann Journal, finden wir die Namen von 23 protestantischen Geistlichen, welche ihre Irrthümer abschworen und in die Arme der kathol. Kirche sich begaben. Unter diesen gehörten 19 der Secte der Episkopalen an, welche sich sehr unsern Glaubenswahrheiten und unserer Hierarchie annähert. Dasselbe Blatt veröffentlicht die Namen von zwölf Officieren der regulären Truppen, und von 14 Marineofficieren, welche vor Kurzem den wahren katholischen Glauben annahmen und von denen sich mehrere dem geistlichen Stande widmeten. Um diese beträchtliche Anzahl nach Gebühr zu schätzen, muß mau wissen, daß die ganze reguläre Armee der vereinigten Staaten nur aus 12M0 Mann besteht, daß also deßwegen verh^iltnißmäßig die Zahl der Offi- ciere nur klein ist. — Es sind kaum neun Monate verflossen, daß der bekehrte protestantische Pastor zum Priester ordinirt und bestimmt wurde, eine Mission oder Pfarre zu Stratford am Avon in England zu gründen. Bei seiner Ankunft befanden sich in diesem Orte 8— 10 und nicht mehr katholische Familien. Die Bekehrungsfälle wuchsen so erfreulich an, daß am letzten Juni d. I. daselbst eine neue Kirche eingeweiht wurde. Zu Balliurobe traten sieben Protestanten in den mütterlichen Schooß der katholischen Kirche ein, unter diesen Jakob HeSlin und sein Sohn, — Den 6. Juni verließ Herr Jakob Wallis die anglikanische Secte, und wurde in die kalholische Kirche aufgenommen. - In Folge dieser seiner Bekehrung wurde er aus seinem Amte, so er beim Lord-Bischöfe von Tuam bekleidete, entlassen. — Den 9. Juni schwor Herr Wilhelm Franz Klassy, ein Arzt, den Protestantismus ab in Gegenwart des hochwürd. Maoney. — Die Herzogin von Hamilton hat sich als Katholikin erklärt: man giebt sich der sichern Hoffnung hin, daß auch der Herzog von Hamilton in Bälde ihrem Beispiele folgen werde. — Ein in Stuttgart und im Großherzogthume Baden rühmlichst bekannter deutscher Protestant schwor am 3. Juli in der Gre- nellenkirche zu Paris seine Irrthümer ab. Er widmete sich dem Priefterthume und trug durch seine salbungsvollen Kanzelvortrage zur Bekehrung vieler in dieser Vorstadt lebender Deutschen bei. — In der königl. Kirche della Nuntiatella zu Pizzasalcone schworen zwölf schweizerische Protestanten die Irrthümer ihrer Secte ab, und nachdem sie das öffentliche katholische Glaubensbekenntniß abgelegt hatten, wurden sie in den Schooß unserer heil, katholischen Kirche von Sr. Eminenz dem hochw. Herrn Nasselli, nunmehr Erzbischof von Palermo, aufgenommen. — Am 12. Juni wurde in der Kirche von Alcamo im Königreich Neapel einem Anhänger des Islamismus das 320 heil. Sacrament der Taufe in Gegenwart der sehr zahlreich versammelten Gläubigen gespendet. Katholische Blätter aus Deutschland verkündigten auch die Bekehrung des gewesenen königl. würtembergischen Gesandten am kaiserl. Hofe zu Wien und der Fürstin von Salm-Hoogsträten, und jüngst auch die förmliche Abschwörnng des lutherischen Pastors Lütkemüller, der in seinem im verflossenen Jahre erschienenen Werk schon die Wahrheit der katholischen Kirche bewies, und seine lutherischen Glaubensgenossen her ausforderte, ihn Lügen zu strafen. — Das Werk der Erlösung und der Bekehrung der Nezerkinder beiderlei Geschlechtes wird aus bewunderungswürdige Weise durch den Eifer des Priesters Olivieri fortgesetzt, welcher unlängst mit 40 Individuen aus Egyvten angekommen ist, unter welchen sich drei Mütter mit säugenden Kindern nach nichts so sehr sehnten, als die heil. Taufe zu empfangen. — Am Montage den 20. Juli d. I. kam überdieß aus Kairo über Malta und Livorno der ehrwürdige Vater Peremia Bertocci auS Livorno, durch 47 Jahre schon Missionair in Egypten, mit einer Anzahl von 30 arabischen kleinen Kindern an, welche in das Institut des berühmte» Priesters Angelo Mazza gesendet wurden, um die Ansangsgründe der Religion zu erlernen und sonstige Bildung zu erhalten, von welcher sie gar keine Kenntniß haben, besonders jene, welche bis jetzt nnler dem harten Joche der Sklaverei geseufzet haben. Mit Freude wollen wir daher unsere neuen Brüder begrüßen, und um die Bekehrung der vielen noch in Finsternissen Irrenden den Herrn der Gnade und Barmherzigkeit anflehen. (Oeft.Volksfr.) China. Mons. Rizzolati, Bischof von Aradus i. p. i. und apostolischer Vicar von Hou- Kouang, berichtet an die Mitglieder des Centralratheö in Lyon und Paris der Gesellschaft für Verbreitung des Glaubens über die Empörung in China und über den Einflnß derselben auf die Verhältnisse der Katholiken. Wir entnehmen uach dem Schl, Kchdl. Einiges aus diesen Berichten: „Ich weiß nicht, was ich von den chinesischen Aufrührern halten soll. Sie haben Nichts mit dem Götzendienste gemein, welcher sich über China und die benachbarten Länder erstreckt. Ueberall, wo sie ankommen, stürzen und zerstören sie die Götzentempel bis aus den Grund; sie verstümmeln, treten mit Füßen und machen zu Staub die so verehrten Götzen des Volkes. Eben so wenig werden die Manns- und Frauenklöster der Bonzen verschont. Nachdem sie die Klöster geplündert und zerstört haben, führen sie die Götzenbilder und andere Gegenstände des Aberglaubens in einem Maskenznge durch die Straßen" Die chinesische Regierung nimmt hiervon Veranlassung, die Christen zu verfolgen, weil uuter allen Religionen, welche in China sich finden, nur daS Christenthum die Götzen und den Götzendienst haßt. Derselbe apostolische Vicar theilt in einem Schreiben vom 23. März mit, daß die Nebellen in allen Städten, welche sie erobern, Erlasse bekannt machen, welche fast immer so abgefaßt sind: Der Gott, dessen Allmacht den Himmel und die Erde in sechs Tagen schuf, welcher der Sündfluth seine Rache an den Menschen anvertraute, die fünf Städte des Landes Sodoma mit Feuer strafte, derselbe Gott hat uns gesendet, die Sünden der Chinesen zu bestrafen, und seine Verehrung bei ihnen wieder herzu stellen. Diese Verehrung kannten unsere ältesten chinesischen Vorfahren, die folgenden Herrschergeschlechter aber verließen sie und verführten China, mehrere Götter anzu^ nehmen. Darum lassen wir nur die Verehrung Eines Gottes zu, welcher Himmel und Erde erschaffen hat, und befehlen, daß überall die Götzenbilder zerstört, die Tempel umgestürzt und die ihrem Dienste geweihten Bonzen und Bonzinnen getödtet werden. Verantwortlicher Redacteur: L, Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Dr^z-Hnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. 9. Oktober M- ^K. 1853. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abouuementsprei« TV kr., wofür e« durch alle köuigl. bauer. Postämter uud alle Buchhaudlougeu bezogen werde» kann. Joseph Ottmar von Rauschers, FnrsterzbischofeS von Wien, Hirtenbrief an alle Gläubige der Erzdiöcese Wien. (Schluß,) Deine Wohnung, o Christ, ist vielleicht recht arm und enge; ein Strohsack, ein paar hölzerne Stühle, ein Tisch, welcher kaum noch zusammenhält, und etwa ein Kasten machen die ganze Einrichtung aus und der Wind bläst durch die mit Papier verklebten Fenster. Aber, o Christ, deine Wohnung ist immer noch bequemer und reicher als die Höhle, wo das Jesuskind lag, als die Wüste, wo der Herr vierzig Tage lang fastete. Du mußt schwer arbeiten und bist doch kaum deines Lebensunterhaltes sicher. Aber der Heiland hat auch gearbeitet: denn er half seinem heiligen Pflegevater bei den Geschäften eines Zimmermannes mit allem Eifer, und als er das Reich Gottes verkündigte und Heil und Gnade mit vollen Händen ausstreute, war er des täglichen Brodes keineswegs sicher: denn er hatte nichts, was er sein eigen nennen konnte und lebte von Almosen. Du versicherst, eS sey dir ein großes Unrecht geschehen; man habe deine gerechtesten Ansprüche verkannt und dir Lcute vorgezogen, welche sich mit deinen Verdiensten, in keiner Beziehung messen können. Eö mag seyn. Aber als Pilatus die Juden fragte: Wen wollt ihr, daß ich euch loSgebe, den Barabbas oder Jesum, welcher Christus genannt wird? so schrieen sie: Nicht diesen, sondern den Barabbas. Und Barabbas war ein Aufrührer und ein Mörder, Jesus Christus aber der Sohn des lebendigen Gottes. Ist dir schon etwas Achnliches begegnet? Du bist krank, du bist an das Bett gefesselt. Du leidest große Schmerzen. AIS aber der Herr auf dem Hügel Golgatha ankam, war sein heiliger Leib ganz von Wunden zerrissen und in äußerster Ermattung. Man legte ihn in kein weiches Bett, sondern auf das harte, rauhe Kreuz, an welches man mit Nägeln ihn heftete. Sind deine Schmerzen nicht Linderung zu nennen gegen die Schmerzen, die er geduldet hat? Du hast viel Kummer und Kränkung und Sorge; das Leben ist dir znr Last. Blick aber auf den Oelbcrg! Reicht, waö du leidest, an das, was dein JcsuS litt, als er flehte: Vater, wenn es möglich ist, so laß diesen Kelch an mir vorüber gehen; als sein Schweiß zum Blute ward und in rothen schweren Tropfen niederquoll. Blick auf den Kreuzeshngcl: drei lange Stunden hindurch ringt dein Herr in Todesqualen und seiner Seele versagt er den Trost, welchen er dir bereitwillig sendet, wenn du dich mit Vertrauen an ihn weiltest. So groß und bitter ist die öde, lichtlose Pein, daß er klagend den Mund erschließt und ruft: Vater, Vater, warnm hast du mich verlassen? Christen, Erlöste des Lammes, warum wollt Ihr in Euren Leiden trostlos und verlassen bleiben? Ruft Euren JesuS und er wird Euch erscheinen; er kommt gleich dem Engel, welcher zu Petrus in den Kerker trat, und es erhellte sich die Finsterniß, uud eS sanken die Baude und die eisernen Thore thaten sich auf. Darum kommt, Freunde, kommt und versucht, wie lieblich der Herr ist! Die 322 Bilduugszustände unserer Zelt unterliegen schweren und berechtigten Anklagen. Wir wollen weder anklagen noch entschuldigen, sondern handeln. Ihr glaubt an den dreieinigen Gott, den Vater,'der Euch geschaffen, den Sohn, der Euch erlöset, den heiligen Geist, der Euch gekeiliget hat? Wohlan, so kommt, sein Heiligthum ist offen und seine Hand ausgestreckt, Euch zu empfangen! Kommt, die ihr geehrt seyd vor der Welt und reich an Geld und Gut! Die Fürschuug hat Euch hiernieden einen Ort angewiesen, welchen die Menschen glücklich preisen; wollt ihr Euch nicht auch deS seligen Ortes versichern, welchen der Herr Ench unter seinen AuSerwählten bereitet? Sind denn Besuche und Gastmähler, Schauspiele und Bälle eine gar so überschwengliche Seligkeit? Bon der Ferne her sehen diese Dinge ganz lockend aus, aber wer sie in Hülle und Fülle zu haben gewöhnt ist, langweilt sich oft genug dabei. B-im Herrn, der Euch zu seinen Miterben erkoren hat, findet Ihr mit dem wahren Ziele auch den höheren Gehalt deS Lebens, beim Herrn findet Ihr Trost und Erqui- ckn»g in Leiden, wider welche weder Gold, noch Titel und Würde helfen können. Beim Herrn findtt Ihr zugleich Sicherheit für Eure zeitlichen Güter. Sein Gesetz crmahnt Euch, daß Ihr gleich allen anderen Menschen nichts habt, was Ihr nicht empfangen hättet und über Alles, was Ihr empfangen habt, über die Gaben des LcibcS und der Seele: das Vermögen und die sämmtlichen Behelfe äußerer Wirksamkeit zu rcchuungspflicktigcn Haushältern bestellt seyd. Sem Gesetz gebietet aber auch denen, welche mit Neid und Sehnsucht nach Euren Bcsitzthümern blicken, die Fügungen Goltcs und die Schranken des Rechtes zu ehreu. Die Weisheit dieser Welt flüstert Euch in'S Ohr : laß dich durch armselige Bcdenllichkeiten nicht irre machen, dn wärest ein rechter Thor, wenn dn dir das gme Glück, welches dir Ansehen und Reichthum gab, nicht zu Nutzen machen und alle Begierden deines Herzeus befriedigen wolltest. Dieser Raihgebcr ist eine doppelzüngige Schlange! denn dein Armen predigt er: Du hast an den Lebensgenuß dasselbe Recht, wie der Reiche. Auf! sey ein Mann und mache dein Recht geltend! Kommt und sucht den Herrri, Ihr, welchen ein karger Anchcil an irdischer Habe beschicken ist. Das Leiden wohnt in der kahliir Stube, deren Bewohner mit dem Mangel am No!hdürsli.ien kämpft; es läßt sich aber auch durch die Thüren deö Prunkgemaches nicht ausschließen; eö besucrt den Hohen wie den Niedrigen und schont eeS Königs auf seinem Throne nicht. Allein' um Euch, seinen geliebten Frcuudcn, die Beschwernisse zu versüßen, in welchen Ihr Eure Treue erproben solll, hat unser göttlicher Meister selbst arm seyn wollen von der Krippe bis zum Kreuze, hat er seine gcbeuednle Mnlter und seinen heiligen Pflegevater arm seyn lassen und gering vor den Menschen. Bei ihm suchet Trost, und jtde Mühseligkeit und Entbehrung wird sich in ciu Unterpfand ewiger Güter verwandeln. Meistens hilft er Euch schon auf Erde, denn: Wer seine Armuth um Gotteswillen erirägt, der ist genügsam und fleißig; wem aber Fleiß uuv Genügsamkeit zur Seite gehe», der hat den Mangel an täglichem Brode selten zn furchten. Die Gottlosigkeit, deren Lästerungen Ihr in den letzten Jahren oft genug veruommcn habt, stellt sich zwar an, als ob sie-Euch herzlich bedauere, und macht Euch die schönsten Versprechungen. Hat sie aber auch Wort gehalten? Sie führt den Unglücklichen, welcher ihr Gehör schenkt, in die Wirthshäuser oder an noch schlimmere Orte; sie verwickelt ihn immer tiefer in Laster und Elend. Wenn nun vollends Gott zuläßt, daß mit der Freiheit und Gleichheit ein Versuch gemacht wird, so verlieren viele tansend fleißige Arbeiter ihren ante», gesicherten Erwerb; die liederlichen lreiben sich eine Weile auf den Barrikaden herum, erHaschen manchmal einen guten Trnnk, büßen aber dafür nicht selten daö Leben oder die geraden Glieder ein, uud nachdem mehr oder weniger Unheil geschehen ist, bleibt in der Hauptsache Alles beim Alten; eS gibt wie vorher Arme und Reiche. Ich wende mich insbesondere an dich, weitverbreitete Hauptstadt, welcher ich nnu die Dienste schulde, um derentwillen das bischöfliche Amt eingesetzt ist. Wien hat den Weg zur Größe unter dem Banner deö Kreuzes begonnen; es wuchs als Herberge und Markt für die Heereszügc, welche geschmückt mit dem Zeichen der Erlösung nach dcm Grabe deS Heilandes pilgerten. Durch die Fürsorge Leopold des Glorreichen, 323 welcher unter dcn gewaltigsten Helden der Kreuzzüge glänzte, schritt eS vorwärts, wie der Baum am Bachesrande gedeiht, uud schon begrüßte man cS als die Erste unter den christlichen Stätten, welche östlich vom Rhcine sich erhoben. Dadurch waren der Beruf und die Bahn, welche die Fälschung ihm für alle Zukunft anwies, gleichsam in Umrissen vorgezeichnet. Wien ist zu einem Mittelpuncte vou Bölkergeschickeu geordnet, aber nur darum, damit es zugleich ein Mittelpunct wahrhaft' katholisch, n Lebens sey. Wien hat rings um den uralten Kern der Babcnbergerstadt sich weithin ausgebreitet und ist reich geworden an allen Gütern des LebeuS; aber nur durch den glänzenden Thron, welchen Gott in seiner Mitte gründete, erheb es sich zn der Größe und Blü- the, durch die eö unter den Fürstinnen der europäischen Städte seinen Platz einnimmt. Als Ferdinand der Zweite gläubig vor dem Crucifire betete, welches der frommen Verehrung noch immer ausbewahrt ist, war für Europa und die Kirche ein entscbei-. dungSvoller Augenblick; aber auch die Zukunft Wiens lag auf der Wagschale. Bewaffnete Feinde waren rings um die Stadt, entmutigte Freunde uud siegjubelnde Fciuve waren m der Stadt; die Hofburg selbst erscholl von ungestümmen, drohenden Forderungen. Wenn der bedrängte Herrscher dem unvermeidlich Scheinenden sich fügte, so war in Deutschland die katholische Kirche der Uebermacht ergrimmter Wiversacher preisgegeben, und der Thron des Hauses Habsburg gestürzt. Wien aber würde, wenn daS Lamm Gottes von den entweihten Altären und der Reichsadler von der Hofburg entwichen wäre, bald nichts mehr gewesen seyn, als eine von dcn türkischen Horden umschwärmte Gränzfestung und bei den zersplitternden Erben seiner Macht nnd Zukunft nicht einmal Schutz wider die Sklaverei gefunden haben. Allein Ferdinand der Zweite war mir höherer Kraft gegürtet: denn er suchte nicht, waö sein, sondern was Gottes war. Er harrte aus, und gleich den Posaunen Gedeons erschollen plötzlich die Trompeten einer kühnen Reiterschaar m Mitte deö Aufruhres und seiner Entwürfe; mit HabSburg und der Kirche war Wien gerettet. Jahrhunderte liegen zwischen uns und diesen Ereignissen; dennoch reichen sie in die Gegenwart hinein. Dieselbe Gedankcnmacht, deren Entwicklung jener denkwürdige Tag zum Stillstand brachte, hat sich uns in ihrer volleil. Reife ohne Larve und Schleier gezeigt. Die Freiheit von der Kirche und jedem Herrscher, der ihr huldigte, ist zur Freiheit von der überirdischen Welt und ihren Gesetzen, von der Rechtsordnung und ihren Schranken vorgeschritten. Als diese Freiheit an den Strängen der Stnrmglocke zerrte und Banden von Miethlingen und Fremden wider Gott und den Kaiser zusammenrief, pochten zwei schlimme Gäste, die Verödung uud die Erniedrigung, schon an dcn Thoren von Wien, und trugen großes Verlangen, eö sich in den entvölkerten Gassen recht bequem einzurichten. Der Sieg, welchen Gott dem kaiserlichen Adler verlieh, war ein Sieg des Friedens und der Gerechtigkeit; eö war aber auch ein Sieg der schützenden Engel, welche über Wien schweben. Darum vereinigt Euch mit mir Alle, die Ihr Wien Eure Heimat!) nennt, Alle, die Ihr für Wiens Blüthe ein Herz habt; wir wollen getren zusammenwirken, damit Wien vollkommen sey, wozu Gott es machen will; damit Wien durch die Kraft seiner katholischen Gesinnung und die Treue, welche eö dem Throne seiner Herrscher weiht, eine weithin strahlende Leuchte sey. Die Verhöhnung deö Glaubens, die Verfälschung der sttilichen Ordnung, die Anpreisung des Umsturzes ist keine bei uns heimische Pest. Dieß Alles kam aus der Fremde und redete anfangs mit fremder Zunge. Lange Zeit hindurch hat dieß AUeS einen zanbergleichen Reiz geübt. Man glaubte in vollem Ernste, eine ganz neue Welt bauen zu können, uud diejenigen, welche die Völk-rge- gcschicke vom rechten Mittelpuncte auö überschauten, wagten kaum noch die Stimme der Warnung zu erheben: denn wenn sie den eigentlichen Sitz der Krankheit zu enthüllen wagten, so wurden sie fast wie Geisteskranke behandelt. Dieser fieberhaft glühende Reiz ist ermattet. „Wir sind müde geworden auf dem Wege der Ungerechtigkeit und deö Ververbens; wir sind beschwerliche Weae gegangen; aber den Weg deS Herrn haben wir nicht gekannt." DaS ist ein schreckliches Wort, wenn eö dort nuten in der ewigen Nacht gesprochen wird; hier oben, wo daö Krenz und die Hoffnung ist, kann 324 cS zum Losungözeichen der Umkehr werden. Eben in dem Lande, wo die Bethörung geboren und groß gezogen wurde, macht sich min die Anerkennung Raum, daß die beschwerlichen Wege, welche man gegangen, nicht zum Heile, nicht einmal zum Möglichen führen. Man fühlt sich sehr müde, man ahnt, daß man nicht gut gethan habe, den Weg des Herrn zu verlassen; man sehnt sich nach gesicherten Grundlagen für den Glauben, die Sitte, die Rechtsordnung und ruft die Hilfe des Christenthums an. Ihr aber, Söbne des katholischen Wiens, sollt mehr thun, Ihr sollt Euch an die Spitze des wahren Fortschrittes stellen, deS Fortschrittes nämlich, welcher nicht ruht, bis er auf dem Berge Gottes angekommen ist. Der oberste Hirt und Bischof unserer Seelen hat mir die Sorge für Euer ewiges Heil auferlegt; indem ich nichts versäume, was Euch zum Segen gereicht, diene ich dem gnadenreichen Herrn, welchen ich im Lichte seiner Hoheit zu schauen hoffe. Ich bin in Eurer Mitte geboren; der gewaltige Dom, welcher Eure Stadt überragt und fast jede Krümmung der Straßen, die ihn umgeben, verwebt sich in meine frühesten Erinnerungen. Alles vereinigt sich, um Wiens und Euer Heil mir zur Herzenssache zu machen. Darum hört meine Worte mit freundlichem Vertrauen! Das katholische Leben wurzelt iu der Kraft einer Ueberzeugung, welcher Gott die Kirche zur Hüterin gegeben hat. Der Mensch steht viel zn hoch, als daß er in Dingen, von welchen das Schicksal seiner Ewigkeit abhängt, einem Geringeren als dem Allmächtigen glauben sollte. Darum spricht der Herr selbst durch den Mund der Kirche zu uns. Durch den Dienst der Kirche spendet der Herr uns seine Gnadenmittel. Die Einrichtungen, durch welche die Kirche Glauben und Liebe pflegt, sind Blüthen, welche der FrühlingShanch des göttlichen Geistes hervorgelockt hat. Der heilige Cy- prianus sprach: „Nicht kann Gott zum Vater haben, wer die Kirche nicht zur Mutter haben will." Damals ergossen noch die Gnadengaben des heiligen Geistes sich wie Ströme des Lichtes über die gläubige Gemeinde. Wir ermattete Kinder einer späten Zeit bedürfe» jeder Hilfe, welche die Kirche uns vermittelt, wo möglich noch nothwendiger, als jene Glaubenshelden, welche mit Gefahr des Lebens sich zum Gottesdienste herbeidrängten. Darum, Freunde und Landsleute, nehmet die Plätze ein, welche den Mitgliedern der katholischen Kirche im Hause Gottes gebühre». Wie die körperlichen Fertigkeiten durch Uebung erworben und vervollkommt werden, so gewinnt auch dasjenige, was dem eigensten LebenSkreise des Geistes angehört, nur durch Bethätigung seine volle Krast. Wer höchstens alle Sonn- und Feiertage sich in der Kirche zeigt, um einer (möglichst kurzen) Messe beizuwohnen, weiß gewöhnlich nicht, was er während des hochheiligen Opfers anfangen solle und eilt aus den geweihten Räumen wieder hinauszukommen. Die Kirche führt in der Reihe ihrer Feste die Geheimnisse deS Heiles jährlich an uns vorüber. Wenn wir diesen lichten Spuren mit einiger Theilnahme folgen, so werden wir in der Welt, für welche wir geschaffen sind, jährlich heimischer, und das ist ein großer und wahrhaft katholischer Fortschritt. Dadurch mildert sich allerdings der fieberhaste Drang nach Geld und Gut, welcher die Lehrlinge der aufgeklärten Weltansicht verzehrt; allein dieser Drang verzehrt nicht nur die Herzen, sondern bedroht auch den ganzen Bau der bürgerlichen Gesellschaft. Dagegen wird jede Thätigkeit, welche vor Gott wohlgefällig und für die Menschen von probe- haltigem Nutzen ist, durch ein mildes gleichbleibendes Feuer belebt. Mit einer GeisteS- richtung, welche von der katholischen Ueberzeugung beherrscht wird, kann der unauslöschliche Durst nach Unterhaltung nicht zusammenwohnen. Allein schändliche Lüste beflecken nicht nur die Seele, sondern zerrütten auch die Familien, und sogar daS heidnische Alterthum hat sehr wohl gewußr, daß das Sitteuverderbniß der Vorbote vom Untergange der Staaten sey: verkommenen Christen war es vorbehalten, die Segnungen der Ueppigkeit und Unlauterkeit zu verherrlichen. Mit dem an sich erlaubten Vergnügen verhält eS sich wie mit dem Dufte der Blumen. Im Garten, auf der Wiese ist er recht angenehm; doch in dem engen Raume eines Gemaches verursacht er Kopfweh, und wollte man im Schlafzimmer eine reiche Auswahl von Rosen, Lilien und Nelken ausstellen, so könnte man wohl gar den Tod davon haben. Ohne weise 325 ' Sparsamkeit lähmen die Erlustigungen jede höhere Thätigkeil und machen die Seele leer und kalt, auch leer an Freude und kalt für jedes schuldlose Vergnügen. Als man die Unterhaltungen noch auf die Sonn- und Festtage zu »ersparen pflegte und nicht leicht damit einen Anfang machte, bevor Litanei und Segen die gotteSdienstliche Feier beschlossen hatte, verstand man sich weit herzlicher zu sreueu, als mitten im Uebermaaße der alltäglich gewordenen Lustbarkeilen. Unter der Eisdecke des Gletschers bewahrt die Leiche einen täuschenden Schein des Lebens: wenn aber das Tageslicht in die finstere Klust hineinblickt, zerfällt sie in Staub. Wo Glaubcnslosigkeit und Genußsucht walten, dort werden die Entwürfe deS Umsturzes trotz der klarsten Belehrungen und der schrecklichsten Erfahrungen immer doch ihren täuschenden Schein be> Häupten und immer wieder gläubige Herzen finden; sie zerfallen aber in das Nichts, aus welchem die entbrannte Begierde sie hervorrief, wenn das Tageslicht der Gottesfurcht und des sittlichen Zartgefühls sie umgibt. Wo die katholische Ueberzeugung in ihre Rechte wieder eimritt, dort verschwinden die Gespenster, welche mit der europäischen Bildung ein so böseS Spiel getrieben haben, und ein neues Leben beginnt zu keimen. ES keime bei Euch, Freunde und Mitbürger, es wachst empor zu einem Baume deS Friedens, unter dessen Schatten die Völker sich lagern! Gnadenreicher Vater! In Demuth und Hoffnung empfehle ich Dir die Gemeinde, die Du mir anvertraut hast! Groß ist die Zahl der Frommen, welche auS dieser Stadt und diesem Lande zu Dir hinübergegangen sind, und sie werden ihre Fürbitte mit meinem Flehen vereinigen. Allmächtiger, der Du thronest über den Cherubim, steige nieder in Deiner Herrlichkeit und offenbare an uns die Fülle Deiner Huld, welche wie das Verdienst so die kühnsten Wünsche deS Betenden übersteigt. - Segne den Herrscher, welchen Du an einen hohen Ort der Stürme gestellt hast; durch Dich sey er mächtig, Dein Reich auf Erden mit undurchdringlichem Schilde zu decken! Segne diese Stadt, welche Deine väterlichen Erbarmungen schon oft erfuhr; durch Dich sey sie die Heimach jeder christlichen Tugend! Segne das ganze Reich, welchem Wien das Beispiel muthiger Glaubenskraft schuldet; durch Dich sey es der Felsen, an welchem die Sündfluth glaubensloser Bestrebungen ihre Wogen bricht. Amen. Gegeben zu Wien am Feste der Himmelfahrt Unserer Lieben Frau den 15. August 1853. Joseph Othmar, Die sonntäglichen Christenlehren für Erwachsene. x*«, Bamberg, 3. Oct. Wie die „Katholischen Blätter auS Franken" meldeten, haben sich einige Seelsorgepriester hiesiger Stadt erboten, mit dem ersten Sonntage im October beginnend, einen CursuS katechetischer Predigten über alle christka- tholischen Glaubens- und Sitteulehren Abends 4 Uhr jeden Sonntag in der Pfarrkirche zu U. L. Frau abzuhalten. Wir wohnten dem ersten einleitenden Vortrage bei, der vor einem sehr zahlreichen Auditorium auS allen Ständen abgehalten wurde, und müssen gestehen, daß wir den Gründen für die Nothwendigkeit solcher Vorträge neben den sonn- und festtägigen Predigten, die der Prediger in diesem Vortrage darlegte, vollkommen beistimmen können. Der Hauptgrund, sagt der Katechet, liege in der Mißkennung des Zweckes der sonntägigen Christenlehren von Seite der meisten Christen, Man halte sie, besonders in Städten, nur eigentlich für „Kinderlehren", weßwegen sie von Seite erwachsener Christen sich fast gar keiner Theilnahme zu erfreuen hätte», wie die Erfahrung lehre; während doch gerade die sonntägigen Christenlehren von der Kirche zu dem Zwecke angeordnet seyen, allen Christen ohne Ausnahme, die nicht eine anderweitige Gelegenheit haben, sich unterrichten zu lassen, eine Gelegenheit zu bieten, ihr in der Jugend erhaltenes Glaubenswissen zu erneuern, das etwa noch Lückenhafte auszufüllen, aber auch in manchen Puncten vermöge der nun zu gebenden tieferen Be- 326 gründung NeueS zu hören, nach der Mahnung des Apostels: „Wachset in der Kenntniß GotteS!" Denn das werde Niemand verkennen, daß dem Kinde nur gleich« sam die Milch der Lehre geboten werden könne, und eS deßwegen an den Erwachsenen sey, nunmehr auch die festere Speise zu genießen. Sich aber über alle Puncte der göttlichen Offenbarung unterrichten zu lassen, daö sey ja nicht etwa der Willkür deS Einzelnen überlassen; denn einerseits sey an die Hinnahme der göttlichen Offenbarung ja durch Gott selber die Erlangung des ewigen Lebens geknüpft, und andererseits müsse aber gewiß von Jedem auch zugegeben werden, daß es mit der unendlichen Weisheit Gottes nicht vereinbar wäre, anzunehmen, Gott habe irgend einen Punct der Glaubens- und Siitenlehre umsonst geofsenbaret. Ein streng zusammenhängender, fortlaufender Unterricht über die ganze Summe aller christkatholischen Glaubens« und Sittenlehren könne aber durch die Sonn- und Festtagöprcdigten nicht gegeben werden. DaS sey auch ihr Zweck gar nicht; sondern sie hätten vielmehr zunächst auf die Bedeutung der treffenden Feste hinzuweisen uud zu deren würdiger Feier zu entflammen, im besten Falle könnten in denselben höchstens nur die allgemeinen Wahrheiten vorgetragen werden. Einen zu- sammcnhängenven und fortlaufenden Religionsunterricht zn geben, sey eben nur Aufgabe der Christenlehren. Den Christenlehren beizuwohnen sey man daher in eben dem Grade verpflichtet, als man verpflichtet sey, die ganze Summe der göttlichen Offenbarung in sich aufzunehmen. Hiebei sey noch ein dreifacher Umstand nicht zu übersehen, nämlich: 1) Was man in seiner Jugend gehört, könne der Beschaffenheit des Menschen gemäß nicht Alles und für immer im Gedächtnisse haften bleiben, wenn cS nicht von Zeit z>! Zeit wieder aufgefrischt werde; 2) immerhin sey die Zahl derjenigen nicht gering, deren Fassungskraft in der Jugend sehr schwach gewesen, und welche also jetzt in ihren reiferen Jahren eines wiederholt gründlichen Unterrichtes so bedürftig seyen, als ein Kind; 3) müsse jeder Mensch schon an und sür sich je zuweilen wieder auf den Umfang seiner Pflichten hingewiesen werden, wenn er nicht in Lauhcit verfallen soll. Bei solcher Sachlage nun, und neben der Erfahrung, daß die SonntagSchristen- lehren in den Städten von Seite erwachsener Christen fast ganz vernachläßiget werden uuv erstere sich in nicht recht zu billigender Weise an manchen Orten von der Kirche in die Schulzimmer zurückgezogen haben; seyen nun katcchetische Vorträge für Erwachsene ein wahres Bedürfniß geworden. Aber auch in der gegenwärtigen Zeitlage liege ein zweiter Hauptgrund zur Abhaltung solcher katechetischer Vorträge für Erwachsene. Nun entwickelte der Katechet in längcrem Vortrage, wie die sittliche Verkommenheit mit der Verkommenheit im religiösen Wissen auf das innigste zusammenhänge, und letztere erstere zur nothwendigen Folge haben müsse. Und hierin liege der Hauptkeim der unheilschwangeren Krankheit unserer Zeit. Und je greller dieses Uebel unter den verschiedenartigsten Formen zn Tage trete, desto eifriger müsse man die Arznei bereiten, die eS zn heben im Stande se». Und das sey eben in erster Reihe ein gründlicher Unterricht in den religiösen Wahrheiten sür die erwachsenen Christen. Wie wahr dieß s«y, müsse in die Augen springen, wenn man die drei Haupt- gesahren der Zeit für jeden Christen namhaft mache, welchen allen nur vor Allem durch einen scstbegründetcn Unterricht in der Wahrheit auögewichen werden könne. Diese seyen aber: 1) die Glaubensgleichgültigkeit, die von den »reisten Christen hent zu Tage gleichsam schon mit der Muttermilch eingesogen werde; 2) die mächtige Flnth schlechter Schriften, welche im Dienste des Unglaubens uud des alle guteu Keime der Religiosität erstickenden Gcistcö der Zeit stehen; 3) endlich die Sittensäulniß, welche in der menschlichen Gesellschaft wie eine Pest um sich greife und alles Schwache hinzuraffen drohe. Die nähere Ausführung dieser drei Puncte können wir hier natürlich nicht geben, weil sie die Gränzen unseres Briefes überschreiten würde. 327 Gewiß hat Jeder die Ueberzeugung mit sich genommen, daß die Abhaltung solcher katechelischer Vorträge für Erwachsene ein Punct sey, welcher in unserer gegenwärtigen Zeit der allgemeinen Beachtung und Nachahmung wohl werth wäre. Schließlich möchte es die Billigkeit erfordern, in dankbarer Weise anzuerkennen, mit welch großer Thätigkeit und sichtlichem Erfolge unsere Seelsorgcgeistlichkeit in neuerer Zeit auf mannigfache Weise durch Wort und Schrift einen bessern Geist in die hiesige Bevölkerung zu bringen bemüht war, weßhalb auch daS Eingehen deS „Bamverger VolköblatteS" mit Recht allgemein sehr bedauert wiro. Amerika. Seit einiger Zeit beginnt eine Besserung im Zustande der südamerikanischen Staaten einzutreten. Die spanisch-amerikanischen Völkerschaften sind durch die von Nordamerika eingedrungcnen und durch die Freimaurer verbreiteten falschen Freiheitöideen an den Rand des Verderbens geführt. Die Freimaurer, welche sich in Folge der Revolution gegen Spanien in den Besitz aller politischen Macht und alles Einflusses gesetzt hatten, legten es darauf an, diese katholischen Staaten zu zerstören, und so die Trümmer derselben den protestantischen Nordamerikancrn in die Hände zu liefern. Sie bewirkten die Aufhebung der Klöster, die Einziehung der Kirchengüter, suchten den Einfluß der Geistlichkeit in aller Weise zn mindern und die Verbindung der Bischöfe mit Rom zu erschweren. So verwundeten sie durch Unterdrückung der Religion das uatiouale Leben dieser Völker, die ihre Bildung und frühere Blüthe, ja sogar ihre Erhaltung der katholischen Kirche zu verdanken haben, und wurden die Ursache ununterbrochener Revolutionen und Umwälzungen im Innern. Die Staaten wurden immer schwächer, während die Nordamerikaner wie abgerichtete Hunde beständig auf der Lauer standen, um jedes abfallende Stück sofort zu verschlingen. In dieser Weise haben die vereinigten Staaten von dem schönen Mexico bereits TeraS, Kalifornien und andere Theile abgerissen, und schicken sich jetzt an, den ganzen Staat zu verschlingen. Diese äußerste Gefahr scheint die südamerikanischen Staaten aus ihrem Schlummer aufgeschreckt und in neuester Zeit eine Reaction gegen die protestantisch - sreimaurcrischen Bestrebungen Nordamerikas hervorgerufen zu haben. Santa Anna, der neue Präsident von Merico, hat die Nothwendigkeit eingesehen, eine Annäherung an Spanien, als den natürlichen Bundesgenossen der südamerikanischen Staaten cmzubahucn, und so eine Wiverstandö- traft gegen die Feinde nach Außen zu wecken. Er hat die Kirche zu Hülfe gerufen, um die Ordnung im Innern wieder auf einem dauernden Fnndamente, auf der Religion, zu gründen. Er hat beschlossen, den Jesuitenorden, der um die Völker Amerikas sich so unschätzbare Verdienste erworben hat, wieder herzustellen, um so eiue tüchtige wissenschaftliche und religiöse Bildung bei der Jugend zu verbreiten. So ist eS ihm gelungen, ein kräftiges Regiment im Innern deS Staates zu begründen, uuv die Aufstandsversuche der Partei der Unordnung an allen Orten mit kräftiger Hand niederzuschlagen. Bereits wirkt daö Beispiel Mericos günstig auf die übrigen Staaten ein, und selbst Neu-Granada hat sich bewogen gefunden, den verbannten Erzbischof von Santa Fe zurückzurufen. Aus alle dem geht hervor, daß in Südamerika derjenige Weg jetzt wenigstens betreten ist, auf dem allein eine religiöse und politische Wiedergeburt der dvrtigeu Staaten möglich ist Ganz Europa und vor allem die kaiholische Kirche hat daö allergrößte Interesse, daß diese Wiedergeburt gelingen und glücklich durchgeführt werden möge, weil das Elend nicht abzusehen wäre, wenn die neuen Barbaren der Civilisation, die Nordamerikaner, von dem Gegengewichte, das ihnen jetzt noch in Merico und den übrigen südlichen Staaten entgegensteht, befreit, mit dem ganzen Gewichte ihrer revolutionären Gewalt sich auf Europa werfen könnten. (W. K. B.) _ 328 Zur Kirchenstatistik. Die Wiener Kirchenzeitnng gibt den Bestand der Christenwelt also an: 194,500,000 lateinische Katholiken; 4,500,000 griechische 200,000 armenische 530,000 maronitische „ 35,000 syrische 20,000 chaldäische 15,000 koptische 200,000 syrochaldäische „ (unirte Jakobiten.) (unirte Nestorianer.) (unirte Thomaschisten) Summa: 200,000,000 Katholiken. Ferner: 64.000,000 schiSmatisckie Griechen. 3 000,000 armenische > 'V.^ babessinische Monopbysiten. o00,000 syrische i ^ ^ 200,000 koptische ' 100,000 syrochaldäische Thomaschisten. 500,000 chaldäische Nestorianer, 5,000,000 RoSkolnilen in 30 Secten. Davon Summa: 75,100,000 orientalische nicht katholische Christen. Die Protestanten sind in 40 große und mehr als 110 kleine Parteien gesplittert, 18,000,000 Lutheraner. 15,000,000 Anglikaner. 12,000,000 sogenannte unirie Evangelische. 7,000,000 deutsche, holländische und helvetische Calvinistm 6.000,000 Methodisten. 5,000,000 Preöbyterianer. 5,000.000 calvinistische Baptisten, 12,000,000 andere Sccten. Summa: 80,000,000 protestantische Christen, Joppe. Ueber den Zustand der Christen in Joppe gibt die A. Z. nachstehende traurige Schilderung: Die Einwohner der Flecken und Städte umher sind Hieher in die Stadt Jcppe gefluchtet, aus Furcht vor dem Pöbel, der von Begierde nach Mord und Plünderung der Christen brennt. Aller Handel und Verkehr mit dem Innern ruht. Niemand wagt sich außerhalb der Mauern, wo der erste beste Osmanli sie mit dem Tode bedroht. Dem Gouverneur fehlen alle Mittel, die Bevölkerung im Zaum zu halten und die Verbrecher zu bestrafen. Verantwortlicher Redacteur: ? Schönchen, Verlags - Inhaber: F, E. Kremer, Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Angsburger Pojhettung. 16. Oktober M ^2. 1853, Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsprei« 50 lr., wofür «« durch alle köuigl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werdeu tonn Ein Religionsfest in Bengalen. (Nach dem Englischen von vr, E. Z. im „Ausland" ) Das Dorf, in dessen Nähe die PujahH) gefeiert wurde, welcher ich beiwohnte, war nicht sehr weit von einer der vornehmsten Städte BengalcnS entfernt, einer Stadt, die vielleicht eine halbe Million Einwohner zählt und ringsum von einer Menge stark bevölkerter Dorfschaften umgeben ist. Daher wird man sich leicht vorstellen können, welche Menschenmassen sich von allen Seiten nach jenem Orte hindrängten, um bei dem Feste einer Gottheit gegenwärtig zu seyn, welche alle verehrten; denn in dieser Gegend ist der Bramaismuö der vorherrschende Glaube. - - Es war Mittag, als ich in meinem Palankin auf dem zur Feierlichkeit bestimmten Platze anlangte, und da ich mit dem englischen Einnehmer von Nandapur befreundet war, so erhielt ich Zutritt zu dem Kreise der bevorzugteste» Leute und faßte Posto unter dem erquickenden Schatten eines weitästigen Jambusenbaumö. Ich hatte Zeit und Gelegenheit, die Oertlichkeit und das Volk ringsumher zu betrachten, deun die heiligen Gebräuche hatten noch nicht begonnen. Der Platz, auf dem wir uns befanden, lag inmitten eines weiten, hie unv da bewaldeten ThaleS, und bot eine malerische Aussicht auf einen ziemlich breiten Fluß dar, welcher nach Nadapur zu strömte und jetzt mit zahllosen Booten voll Menschen bedeckt war, die alle zum Feste eilten. Auf dem diesseiu'gen Ufer standen mehrere von Bambus und Blättern rasch/aufgeschlagene Buden, in denen Anstalten zu den verschiedenartigsten Belustigungen getroffen wurden, welche letztere in einigen derselben ° bereits ihren Anfang genommen hatten. Die weiten Eingänge, Wände und Dächer waren mit Blumen und Laubgewinden geschmückt, während hoch oben am Gipset bunte Flaggen und Wimpel schlaff und regungslos in der tropischen MirtagSsonnenhitze dahinten und sich vergebens nach einem frischen Lüftchen sehnten. Vm den höchsten Gipfeln einiger der größten Bäume — und die Bäume sind hier groß — ragten lauge Stangen mit andern vielfarbigen Flaggen und Fahnen zum Himmel empor. In kühlen, schattigen Winkeln, wo dichte Dschungelnbüsche wuchsen, zu andern Zeiten der Aufenthaltsort der wildesten, blutdürstigsten Tiger oder noch schlimmerer Wesen, der ThagS, saßen kleine Gruppen angesehener Hindufamilien in schweigender Erwartung. Der stolze Zemindar des Distriktes, der unerbittlich strenge Tulukdhar, der Schrecken der Ryots, und der quälende Putjndhar^) waren alle dort in morgcnländischem Feudal, pomp zu schauen. So weit der Blick reichte, wogten uud wallten Menschen durch das grüne Thal. Tausende und abermals Tausende strömen von allen Puncten herbei und drängten sich nach dem Orte hin, wo die bunten, lustigflatternden Fahnen *) Pujah (sprich: Pudschah) bedeutet im Sanskrit: „Verehrung". Anm. d. Uebers. Zemindar heißt der Steuerpächter einer Provinz, welcher der Regierung direct für die zu erhebenden Steuern verantwortlich ist. Unter ihm stehen die Tulnkdhars, Putindhars, MostaghrS u. s.w., welche die armen Ryots (Bauern) auf alle erdenkliche Weise aussaugcu. 330 und rasselnden Trommeln den Anfang der Pujah verkündeten. Das unaufhörliche Gesumme der ungeheuren Menge glich dem Rauschen der MeereSwellen, die in weiter Ferne gegen eine felsige Küste schlagen. Schmerz, Freude, Klagen, Jubel, Gebete und Gesänge, welche sich mit den Ausbrüchen des Wahnsinns oder dem Geschrei der Frömmler zu einem seltsamen gewaltigen Mißklang vereinten; die Hitze und das blendende Sonnenlicht, die vielen neuen und ausfallenden Trachten, daS Meer von dunklen Gesichtern und hellfnnkelnden Augen, welches ringö um das mannigfaltige prachtvolle Laubwerk wogte uud einen eigenthümlichen Gegensatz zu der Anmuth und Lieblichkeit ferner Hügel und Wälder bilvete — alles dieß vereinigte sich zu einem Riesengebilve, daS ich nimmer zu vergessen aber eben so wenig zu beschreiben vermag. Meine Aufmerksamkeit ward indessen bald auf einige Zurüstuugen gelenkt, welche mau in meiner Nähe machte. Ich hatte vorhin mehrere ungeheure Pfähle auf einer Anhöhe bemerkt, von welchen verschiedene eigenthümliche Instrumente an Seilen herabhingen, deren Gebrauch ich nur vom Hörensagen kannte; dort entfaltete man jetzt eine geräuschvolle Thätigkeit. Mehrere Fest- uud Pvlizeidiener «riebe» die Menge zurück, um einen freien Platz ringö um einen der höchsten Pfähle herzustellen; dieß war eine sehr schwierige Arbeit, deuu die Menschenmasse war dicht zusammcngekeilt uud befand sich in einem ziemlich aufgeregten Zustande. Trotzdem gelang eö ihnen endlich, und da ich deu Raum zwischen dem Ort, wo daS Schauspiel aufgeführt werden sollte, und meinem Standpunct von Neugierigen gesäubert sah, so begab ich mich in die unmittelbare Nähe deö Pfahles. Diesen umschloß ein Kreis von Fakirs, einer Art von Einsiedlern, welche hoffen uud fest glaube», daß, wenn sie ihre Glieder in die verschiedensten, faum denkbaren und mögliche» Stellungen hineinzwängen, sie sich die Gewogenheit irgend einer uuaussprechlichen Gottheit sichern uud damit einen allezeit fertt'gcn und znver- läßige» Paß zu irgend einem zukünftigen Zustande, von dem sie nicht den entferntesten Begriff habe» — wcu' ihre Frömmigkeit um so preiswürdiger macht. — Unter andern sah ich dort ein unglückliches Wesen, dessen langes, verfilztes, schmutzig rothes Haar auf die Schulttr» herabhing und dessen einer verdorrter Arm regungslos über seinen Kopf hinausragte; derselbe war vor Zeiten in diese unnatürliche Stellung hineingezwängt worden; was dazumal eine Handlung des freien Willens gewesen, war jetzr ein Ding der Nothwendigkeit: der Arm wollte nicht mehr in seine ursprüngliche Stellung zurückkehren, sondern starrte in fleischloser, scheußlicher Dürre zum Himmel empor. Ein anderer dunkeläugiger und dunkelhaariger Fakir hatte seine Hände seit Jahren so fest in einander gepreßt, daß die langen, krallenartigen Nägel dnrch die Flächen derselben gewachsen waren und 5uf der Rückseite zum Vorschein kamen. Noch andere sah ich, welche ein dickes Seil im wahren Sinn des Wortes durch ihr Fleisch gefädelt hatten, daö ihren Körper in vielfacheil blutigen Windungen umschlang; auch waren mehrere junge Frauenspersonen da, deren Nacken uud Schultern eine Menge tief ins Fleisch gebohrter scharfer kurzer Nadeln zur Schau tragen. Ein Mann, und zwar eiu noch sehr junger Mann, hatte sich eine Art von Wurfspieß gerade durch den fleischigen Theil seines Fnßes getrieben, so daß der dicke hölzerne Griff dem Boden zugekehrt war, und schien im Gehen durchaus keine Unbequemlichkeit davon zu spüren. So gab es noch unzählige andere, welche sich alle selbst verstümmelt, gefoltert, gespießt und wie Geflügel, waö zum Braten auf's Feuer gebracht werden soll, aufgezäumt hatten. — Der Gegenstand aber, auf welche» sich alle Blicke richtete», war ein junges hübsches Weib, fast noch ein Kind in Haltung nnv Geberde, welches so traurig und doch so ruhig und beinahe glücklich auf dem Boden saß, daß ich mich nicht überreden konnte, man wolle ein so juuges und schönes Wesen aus eine so barbarische Weise martern. Und dennoch war es so. Ihr Gatte hatte nämlich vor mehreren Monaten eine gefährliche Reise nach einem entfernten Lande angetreten, und als er über die Zeit ausblieb uud sich Gerüchte über seinen Tod verbreiteten/gelobte sie, die angstvolle Gattin, dem Schiwa, dem Beschützer des Lebens, sich bei seinem nächsten Fest einer Selbstpeinigung zu unterziehen, wenn ihr Mann unversehrt heimkehre; dieser war zurückgekommen, und daö aufrichtige, treue Geschöpf war nun im Begriff, sich 331 Martern zu überliefern, vor welchen die Stärksten und Milchigsten unseres Geschlechtes unv Stammes zurückgebebt haben würden, Sie schante ihr kleines Kind zärtlich an, welches in den Armen einer alten Amme süß schlummerte und nichts von dem Opfer der Mutter wußte, wandle dann den Blick auf ihren Gatten, welcher in wilder Aufregung neben ihr stand, und gab daS Zeichen, daß sie bereit sey; der letztere, ein starkknochiger dicker Manu, stürzte wie ein Tieger auf diejenigen unter der Menge loS, welche sich zu nahe an die zu Marternde herandrängten und spielte mit dem Stock, den er in der Hand hielt, dermaßen auf den bloßen und beturbauteu Köpfen nnd den schwärzlichen Schultern, daß dem kräftigen Hackbrettschläger mancher grimmige Fluch zugeschleudert wurde. Die Amme mit dem Kinde, begab sich jetzt hinweg und mischte sich unter die Menge der Zuschauer. Gleich därauf eilten mehrere Männer und Frauen herbei, um die von dem Pfahl herabhängenden, schrecklich aussehenden Hacken in Ordnung zn bringen und ihrer Bestimmung gemäß anzuwenden. Ist eö möglich, dachte ich, daß man diese ungeheuren Marterwerkzeuge, welche stark genug sind, um einen Elephanten in der Luft schwebend zu erhalten, durch den Körper dieses WeibeS bohren will! Es ward mir weh um's Herz, als ich sah, wie man der Unglücklichen, welche, das Gesicht gegen den Boden gekehrt, dalag, zuerst eins und daranf daS andere jener scheußlichen gekrümmten Eisenstücke langsam und durch das Fleisch und unter die MuSkeln ihreS NückcnS bohrte. Als dieß geschehen war, hob man sie auf, und ich gewahrte dicke Schweißtropfen auf ihrer Stirn; ihre kleinen Augen schienen anfangs geschlossen zu seyn, und ich meinte, sie sey in Ohnmacht gefallen; aber als man sie anf ihre Füße stellte und sie dann vermittelst jener schrecklichen Hacken hoch in die Lnst emporzog, sah ich sie ganz ruhig herniederschauen. Sie spähte nach ihrem Gatten umher, und als sie bemerkte, daß seine Blicke fort und fort auf ihr ruhten, lächelte sie ihm zu, winkte mit ihren Händen und zog kleine Stücke der heiligen Kokusnuß aus ihrem Buseu und warf dieselben unter die 'gaffende Menge. EinS von diesen kostbaren Nußftückchcn zn erringen ward als ein besonderes Glück betrachtet, da man ihnen alle möglichen Zauberkräfte zuschrieb. Und jetzt ward die Pujal, iu der gehörigen Weise begonnen; die Seile, welche die eisernen Hacken trugen, waren so eingerichtet, daß, wenn man das eine Ende des Seiles anzog, welches über die Spitze des PfahleS lief, dieses vermittelst einer eisernen Scheide daö andere in Bewegung setzte, welches die Hacken und das daran schwebende Opfer trug. Zwei Männer ergriffen das bewegende Seil, und bald flog die Unglückliche rasch über den Köpfen der Menge hin und her, welche ihr schreiend und singend zujauchzte. Nicht als ob sie der Ermuihigung bedurft hätte — ihr Auge war uock fort und fort auf ihren Gatten gerichtet; eS däuchte uuir, sie lächle, so oft sich ihre Blicke begegneten. Sie gab kein Zeichen des Schmerzes, der Angst oder des Uutcrliegens: sie ertrug die Martern mit einer Siandhafiigkeir, auf welche mancher Held der Borzeit stolz gewesen seyn würde, und streute Blumen und Früchte unter die lärmende Menge. Es war mir, als ob mein Herz von einer Centnerlast befreit worden sey, als die wirbelnde Bewegung der Seile langsamer wurde, dann aufhörte nnd das unglückliche, mit Blut überströmte Opfer die grausame Marier überstanden hatte. Man legte sie anf eine Matte unter einigen weitästigen, schattigen Bäumen, und die Weiber brachten ihr in einer KokuS- schale einen Trunk frischen Wassers. Aber sie selbst dachte nicht an sich und au ihre Qualen; ihre Blicke schweiften unruhig umher; sie war nicht eher zufrieden, als bis ihr Gatte neben ihr saß und ihr kleines braunes Kind in ihren Armen lag, Ihre tiefen, offenen Wunden ließ sie nur mit etwas Gelbwurz-Pulver einreiben nnd mit einem frischen zarten Banancnblatt bedecken. — Ich wandte mich^ darauf von dieser Familiengruppe ab, um die weirern Vorgänge ringS um den großen Pfahl zn beobachten, wo sich abermals ein großes Geschrei und Gedränge erhoben hatte. Der Büßende oder Leidende war dießmal ein Mann von mittlerem Alter aus den untersten Schichten der arbeitenden Classe. Er schien vollkommen gegen jeden Schmerz abgestumpft zu seyn. Zwei Männer packten seine Rückenmuskeln und ein Dritter stieß die beiden Hacken ungestüm hinein. In der folgenden Minute sauste er schon so schnell 332 durch die Luft, als eS die Kräfte der Seilanzieher zu bewirken vermochten; trotzdem schien er mit diesen raschen Schwingungen noch nicht zufrieden zu sey», und ermunterte jene durch Zeichen und durch Zuruf, ihre Anstrengungen zu verdoppeln. Der Pöbel war entzückt über diesen Beweis vollkommener Ctandhaftigkcit, und gab seinen Beifall auf die verschiedenste Art und Weise zu erkennen. Dieser Mann ward volle zwanzig Minuten hin- und hergeschwungen; ich meinte aber zu bemerken, daß sein Enthusiasmus sich elwas vermindert habe, als man ihn nach Verlauf der genannten Zeit aus den Marterwerkzeugen erlöste. Die Veranlassung zu seinem Opfer konnte ich nicht in Erfahrung bringen, sie bezog sich aber ohne Zweifel auf die Errettung aus einer wirklichen oder eingebildeten Gefahr, welche natürlicher Weise der directen Einwirkung deö mächtigen Schiwa oder irgend eines gleich kräftigen Stellvertreters zugeschrieben wurde. Die ärztliche Behandlung dieses BüßcrS'war über die Maaßen roh, und würde das Gefühl und die Gelehrsamkeit mancher unserer Regimentschirurgen empört haben, der <5ivilprakticanten gar nicht zu gedenken. DaS Gelbwurz-Pulver ward abermals angewendet, aber auf eine wahrhaft barbarische Weise. Man legte den Märtyrer ans den Boden, und ein anderer stellte sich ans seinen Rücken und trat das Pulver mit der Ferse in die Wunden hinein. Ich sah noch einen andern Mann emporziehen. Er hatte das Opfer gelobt, um das Leben eines vielgeliebten Schwe- sterklndes zu retten, und alö er sich mit stoischer Gleichgültigkeit hin- und hcrschwingen ließ, saß seine Schwester, ein junges Geschöpf mit ihrem kleinen Kinde, unweit deö PfahleS und schaute mit einer Miene zu ihm empor, in welcher man lesen konnte, daß sie sich statt seiner willig würde haben martern lassen. Diese armen unwissenden Geschöpfe verband eine Liebe untereinander, welche, mächtig wie sie war, allen hochbegabten Bewohnern deö Westens zur Ehre gereicht haben würde. Und eö ist hiebei wohl zu beachten, daß dieß Opfer sich auf die Vergangenheit bezog; es war ein Opfer der Dankbarkeit und nicht eins, was Hoffnung oder Furcht wegen der Zukunft veranlaßt hatte. — Noch manche andere Büßer wollten sich freiwillig martern allein ich halte bereits genug gesehen. Die Hitze, das Getümmel und die mancherlei seltsamen Düfte üble» üb'ekdieß einen so überwältigenden Einfluß auf mich aus, daß ich mich zum Rückzug anschickte AIS ich durch die dichte Menge hinschritt, welche mir ehrerbietig Platz machte, bemerkte ich eine bejahrte F'.au, die sich ebenfalls zu einer Peinigung vorbereitete, und zwar mit derselben Ruhe und Gleichgültigkeit, welche die jüngern Büßer und Büßerinnen an den Tag gelegt hatten. Ein großer kräftiger Mann stand neben ihr und sah den Znrüstungen mit ungemeiner Theilnahme zu. Es war ihr Sohn, und wie ich hörte, die Ursache ihrer gegenwärtigen öffentlichen Erscheinung. Vor sieben oder acht Jahren hatte die steinerne Gottheit ein Wunder gethan, wie eS hieß, und das Leben des Sohnes gerettet, worauf die Mutter denn sofort das Opfer gelobt hatte. Allein Armuth und Krankheit haticn sie bisher gehin-. dert, sich ihres Gelübdes zu entledigen; nach langer Zeit nun endlich im Stande, die den Priestern gebührenden Spertcln zn bezahlen, war sie aus ihrer fernen Heimalh herbeigekommen, um ihre Verbindlichkeiten gegen die Gottheit zu erfüllen. Ich eilte weiter, hörte aber noch in der Ferne das Jauchzen der entzückten Menge zu Ehren der standhaften alten Frau. Ein Jubelruf nach dem andern ward vom Wind herübergetragen und erstarb in dem Getöse der Trommeln, Pfeifen und Glocken. Mehrcrc Meilen im Umkreise war das Land in wild-fröhlicher Aufregung. Hunderte von fanatischen Gesellschaften schwelgten in religiösen Festgebräuchen. In einem aus Bambus und Blättern errichteten Sckuppen, welcher größer als die übrigen war, gewahrte ich im Vorbeigehen das junge Weib, das die furchtbaren Martern mit cinem so heroischen Muth ertragen hatte. Sie war eben so ruhig und heiter, als die sie umgebeuden Personen; hätte ich sie nicht an den schrecklichen Hacken in der Lust schweben sehen, ich würde mir haben einbilden können, daß sie so eben vermählt worden sey. 333 DaS dentfche MntterhauS der Brüder der christlichen Schule« in Koblenz. Die allgemein als nothwendig anerkannte Verbindung des Unterrichts der Ju- genv mit einer religiös-sittlichen Erziehung wird unstreitig am besten und nachhaltigsten unter Leitung eines der Jugendbilvnng sich widmenden religiösen Ordens zu erzielen seyn. Die Glieder einer solchen Genossenschaft wirken, unter einer Regel zu einem Ganzen vereint, gemeinschaftlich auf das als Lebensberuf sich gesteckte Ziel; eS sind die höchsten religiösen Motive, welche sie bei dem mühsamen Werke der Erziehung leiten und aufrecht erhalte»; alle irdischen Rücksichten sind durch die Gelübde auSge- schlössen; die Ersahrungen im Erz'ehungSzeschäste werden ein Gemeingut Aller und bleiben auch für die folgenden Zeiten; dadnrch wird eS einem Orden möglich, eine größere Einheit, liefere Einwirkuug und gleichmäßigeren Gang bei der Bildung der Jugend sich zu sichern, alS es eine Anzahl auch noch so tüchtiger weltlicher Lehrkräfte zu bewirken im Stande wäre. Diese Ueberzeugung war es, welche einen im Jahre 1850 in hiesiger Siadt zur Förderinn dcS katholischen Schulwesens zusammengetretenen Verein bestimmte, im Herbste desselben JahreS die Genossenschaft der Brüder der christlichen Schulen zur Begründung der ersten Niederlassung in Deutschland nach Koblenz zn berufen. Zur Wahl gerade dieses Instituts bewogen ihn die allgemein anerkannten Erfolge der Wirksamkeit derselben in Frankreich, Belgien, Italien und Amerika, besonders für eine gediegene christliche Erziehung der niedern Volksklassen. Von dem ehrwürdigen, nunmehr bereits selig gesprochenen I. B. de la Salle, Kanonikus der Liebfrauenkirche in Rheims, im Jahre 1680 gegründet und von Papst Benedict XII«. bestätigt, hat der Orden als ersten Zweck die Erziehung und AuSbil« dung der armen und verwahrlosten Knaben sich vorgesetzt, die er in Armen-, Handwerker- und Sonntagsschulen überwacht und unterweiset; außerdem übernimmt er auch die gewöhnlichen Pfarr- uud Volksschulen und besitzt nicht minder verschiedene Anstalten zur Ausbildung für das höhere technische und industrielle Leben, Bürger- und Realschulen, so wie Pensionate, in welchen Unterricht in den verschiedenen lebenden Sprachen, in Mathematik, Geschichte, Geographie, Physik, Feldmeßkunst, Buchhaltung u. s. w. ertheilt wird. Endlich bildet er auch Lehrer, die nicht dem Orden angehören, in Normalschulcn zu ihrem künftigen Berufe auS. Was die ausgedehnte Wirksamkeit dcS Ordens angeht, so dürfte folgende staiistische Uebersicht desselben vom December des verflossenen Jahres 1852 Interesse bielcii. Der Orden hatte damals: ^ Z S S A Brüder mit dreijährigen Gelübden. s S L « Z Schulen. Classen. Erwachsene in den Anstalten. « s? Pensionäre. Semin -Pensionäre. Lehramts-Astni anten in Normalschulen. Werkstätten. Gefangene. Waisenknaben. ^ L Zöglinge überhaupt. « « co r» s -51 Ä -o «> c>? m -x uz ?x uz ^ so ^ >« -» § c» u, oo >5I «> 5i -» IX 3SS3 34S8 708l Mitglieder. Die Thätigkeit der Brüder in ibrer hiesigen ersten Niederlassung, in welcher eine Schule mit vier Classen zum Unterricht der Jugend bis zur Stufe einer höheren Bürgerschule eingerichtet wurde, hat innerhalb der verflossenen drei Jahre recht erfreuliche Resultate, namentlich in Bezug auf die religiöse uud sittliche Erziehung geliefert und in weiten Kreisen Anerkennung gefunden, so daß von den verschiedensten Seiten Anträge in Bezug auf die Gründung neuer Anstalten eingelaufen sind. Bereits wurde eine Filialanstalt mit sechs Brüdern in dem neuerrichteten Knaben-Waisenhause bei 334 Koblenz gegründet, über deren segensreiche Wirksamkeit auf die früher oft sehr ver- wahrloseten Knaben nur eine Stimme herrscht. Auch die Staatsbehörden haben sich in Würdigung dieser Thätigkeit dem neu angepflanzten Institute geneigt erwiesen und aus Veranlassung eines Antrags des letzten rheinischen Provinzial-Landtages, der die Brüder sehr empfohlen, Schritte gethan, um eine Provincial-Anstalt zur Erziehung verwahrloster Knaben ihnen anzuvertrauen. Indessen mangelt zur Befriedigung der mannigfachen Aufforderungen in Betreff der Gründung neuer Etablissements, so wie zur festen Begründung und Ausbreitung der Genossenschaft in Deutschland noch die Hauptsache, ein hinreichend großes und zweckmäßig eingerichtetes Mutterhaus. Der Berein hat zwar mit der hiesigen Niederlassung auch ein Noviziat der Brüder eingerichtet, aus dem bereits sechs Brüder zur Ueberuahme des Waisenhauses hervorgingen und in welchem sich noch zwölf Novizen befinden; allein er entbehrt einerseits der Mittel zur Bestleitnng der Miethe für dasselbe, indem die von ihm zusammengeschossenen namhaften Beiträge für die erste Ausstattung der Brüder und die Einrichtung des Hauses verwendet wurden, uud jährlich aus Beiträgen der Bewohner der Stadt eine bedeutende Summe sür den Unterhalt der Brüder in der Schulanstalt von ihm aufgebracht werden muß; anderseits ist das Hans zur Aufnahme einer den Bedürfnissen entsprechenden Anzahl von Novizen räumlich viel zu beschränkt. Es bedarf eines größeren Gebäudes, iu welchem ungefähr fünfzig Novizen Aufnahme finden könnten; sodann einer solchen innern Einrichtung und Leitung, daß die aus der. Mutteranstalt hervorgehenden Brüder nicht allein dnrch ihre religiöse Gesinnung und Haltung, sondern auch in wissenschaftlicher und praktischer Tüchtigkeit sich auszeichnen, und zu diesem Zwecke auch die Erfahrungen des deutschen Schulwesens in je?cr Beziehung zu benutzen Gelegenheit haben. DiescS Alles erfordert Mittel, welche über die Kräfte des Ver- eines hinausgehen. Der Ankauf oder die Aufführung cineS geeigneten Gebäudes dürfte sich allein auf die Summe von sieb'en bis achttausend Thalern belaufen. — Da diese Angelegenheit jedoch eine das ganze katholische Deutschland betreffende ist, und es sich um die feste Begründung und Ausbreitung eines für die Erziehung und Bildung höchst verdienstvollen und bewährten Ordens in unserm deutschen Baterlande handelt, so wendet sich der Vorstand des Vereins für die Brüder der christlichen Schulen vertrauensvoll an Alle, deren Herz für das Gedeihen einer christlichen Erziehung der Jugend warm schlägt und bittet crgebenst um geneigte Beiträge zu obigen Zwecken.^) Er hofft um so mehr aus eine freudige Betheiligung, als es nach den Erfahruugen der letzten Jahre wohl bei Niemand mehr einem Zweifel unterliegt, daß die Fürsorge für eine auf christlicher Basis ruhende Erziehung das sicherste Mittel ist, die in unserer Zeit herrschenden socialen Uebel an der Wurzel anzugreifen nnd eine bessere Zukunft anzubahnen. Wir fügen hier die Bemerkung bei, daß der Orden die Errichtung des Mutterhauses in Koblenz, sowohl wegen der Lage der Stadt, als wegen des Bestandes zweier sür die Ausbildung der Novizen zu benutzender Ordensschulen hierselbst am geeignetsten hält; daß ferner das Mutterhaus iu äußerer Beziehung ganz selbstständig dastehen, und nur in Bezug auf die innere Leitung mit dem Ceiuralhanse in Paris in Verbindung bleiben wird. — Möge Gott dem Uut.rnchmen freudig gebende Herzen erwecken! — Koblenz, den August 1853. Der Vorstand des Vereins für die Vriider der christlichen Schulen: Krementz, Dechant und Pf. z. h. Kastor. de Lvrenzi, Pf. z. U. L. Frauen. AdamS, Justizrath. v. Waldbott-Bornheim, Proviuzial- Feuer-SocietätS-Direktor. P. Mantell, Kaufmann. von ThimuS, Landgerichtsrath. Dr. Settegast, Geh. Medicinalrath. Trapct, Regie- rungSsecretär. Werner, Jnstizrath. ') In Bayern bedürfte es zur Sammlung von Beiträgen einer besondern allerhöchsten Erlaul niß. 335 Schwede». Dem „Journal de BrurelleS" entnehmen wir folgende Mittheilung: „Oft schon boten sich unö Gelegenheiten zu zeigen, wie mau in manchen protestantischen Ländern die Toleranz übt. Schweden verdient in dieser Beziehung ganz besonders erwähnt zu werden. Kürzlich ereignete sich in Stockholm folgender Fall: Zwei Lutheranerinnen, die eine von 25, die andere von 18 Jahren, kamen zum katholischen Pfarrer und erklärten ihm, sie wollten zur katholischen Kirche zurückkehre». Um sie zu prüfen, fordert der Pfarrer sie auf, sie möchten über den wichtigen Schritt, den sie thun wollten, reislich nachdenken. Nach 1-4 Tagen kamen sie wieder zu ihm, und erklärten, sie hätten sich sest entschlossen. Da erbot sich der Parrer, ihnen den nothwendigen Unterricht zu ertheilen, welcher am 5. August beginnen sollte. Am 6. Angust wurden die beiden Personen vor die Polizei beschieden und katholischer Bestrebungen angeklagt. Ein protestantischer Prediger trat als öffentlicher Ankläger aus. Das Verhör dauerte neun Stunden, man quälte die Angeklagten mit den verschiedensten, zuweilen auch mit den ungeziemendsten Fragen. Der Polizeicommissär fragte sie unter Anderm, ob sie auch wohl wüßte», daß es unter 10 Thaler Strafe verboten sey, einen andern als seinen Gottesdienst zu besuchen. Der Ankläger hatte zu seinem Unglück TageS vorher den Angeklagten eine Bescheinigung ausgestellt, daß sie ihren Katechismus gut wüßten, eiu ordentliches Leben führten u. s. w., mit einem Worte das, waö man in Schweden einen Kirchenpaß nennt. Der Ankläger kam dadurch in große Verlegenheit. Der Polizeicommissär kümmerte sich aber um solche Kleinigkeiten nicht, er sagte: Das ist mir einerlei, ich werde euch die Lust zu nehmen wissen, in die päpstliche Kirche zu laufen, ich werde euch Personen übergeben, welche darauf achten werden, daß ihr regelmäßig in die Kirche geht, und wenn das nicht hilft, werde ich die ganze Strenge des schwedischen Gesetzes gegen euch gebrauchen. Der Polizeicommissär hat Wort gehalten und die beiden Personen unter die Aufsicht desjenigen lutherischen Predigers gestellt, welcher durch seinen blinden Fanatismus und durch seinen Haß gegen ÄlleS, was katholisch heißt, am bekanntesten ist. So achtet man die persönliche Freiheil, uud das versteht man unter Religionsfreiheit in Schweden. Schweiz. Seit zwei Jahren werden die Katholiken in Genf auf alle mögliche Weise an- gefcmdet. Sechs Prediger haben sich vereinigt, die Grundsätze des reformirten Glaubens auseinander zu setzen, d. h. die antikatholischen Verneinungen, welche das protestantische Glaubenöbekeuntniß ausmachen. Die Zuhörer waren von dieser Vertheidigung des reformirten Glaubens entzückt, welcher auf deu einen Glaubensatz beschränkt wuroe: gute Werke»seyen nicht nothwendig, um selig zu werden. Uebri- genö ergingen sie sich in Ausfälleu gegen die Katholiken, welche hundert, und tausendmal widerlegt sind, nichts desto weniger aber immer von Neuem wieder vorgebracht werden. — Der Erfolg ihrer Vorträge veranlaßte die Prediger, eine Proselytenschule zu errichten, in welcher die Katholiken, welche Protestanten werden wollten, Unterricht erhalten könnten. Um nun aber nicht ohne Erfolg zu predigen, erkaufte man durch Geld und allerlei irdische Verführungen dreißig unglückliche Katholiken, welche am 1. September öffentlich ihren Glauben abschwuren. Seit langer Zeit sind die Katholiken in Genf solchen Verführnngsvcrsuchen ausgesetzt. Es kommt sast kein Jahr vor, in welchem nicht unglückliche Savoyarden oder Franzosen aus Hunger ihr Gewissen verhandeln. Auch wirken die gemischten Ehen oft sehr nachtheilig. Die katholische Bevölkerung der Stadt Genf beträgt 1^,000 Seelen. Die Ankommenden zeichnen sich nicht immer durch ihr sittliches Benehmen aus, auch sind sie nicht erfahren genug, um genugsam aus ihrer Hut zu seyn gegen solche immerwährende Angriffe. — AuS dem oben genannten Erfolge haben manche Protestanten schon ganz ausschweifende 336 Hoffnungen hergeleitet. Diese Hoffnungen sprechen sich deutlich in dem Programm einer neuen Gesellschaft aus, welche gegen die Katholiken unter der Benennung: „Genfer Gesellschaft für protestantische Interessen" kürzlich gebildet wurde. Dieses Programm ist von 34 Personen unterzeichnet und ganz, so gehalten, wie man solche Actenstücke schon mehrfach gesehen hat. Die Herren betheuern ihre Liebe für den Frieden, die Eintracht, die Toleranz, sie wollen nicht angreisen, sie wollen sich nur gegen die immerwährenden Angrisse der Katholiken vertheidigen. — Auf alle Fälle ist es gut zu wissen, waS hier unter Angreifen verstanden wird. In der Stadt Genf sind 1-4,000 Katholiken, ihre Kirche saßt aber kaum 1000 Personen, sie bauen aus ihre Kosten eine zweite Kirche; — das ist ein Angriff. Auf den protestantischen Kanzeln wird fortwährend der katholische Glaube entstellt und angegriffen, — die katholischen Geistlichen bemühen sich zu antworten und die katholische Lehre in ihrer Reinheit darzustellen: — das ist ein Angriff. Die Protestanten haben sechs Zeitungen, welche täglich gegen die Katholiken loSgehen, welche für sich eine kleine Monatsschrift unter dem Titel: „Katholische Annalen" gegründet haben, in welchen sie sich zuweilen erlauben, ihre Gegner zu widerlegen: auch das ist ein Angriff. — So verhält es sich mit allem Uebrigen. In den Augen mancher Protestanten ist jede Lebensäußerung der katholischen Kirche ein Uebergriff. (Münst. S.-Bl.) DaS Christenthum in Siam. H, Pallegoir, Bischof von MalluS und apostolischer Vicar in Siam, zählie in einer Versammlung der orientalischen Gesellschaft zu Paris nachfolgende Verhältnisse als die größten Hindernisse für die Fortschritte des Christenthums in Siam auf. DaS erste ist die Polygamie der Großen, indem jeder Reiche und Vornehme, nach Maaßgabe seiner Mittel, so viel Concubinen hält als er mag. DaS zweite Hinderniß ist die Erziehung der Jugend in den Pagoden: die buddhistische Secte hält streng daraus, daß alle Knaben einige Jahre in den Klöstern unter der Leitung der Tala- poinen zubringen; selbst die Söhne des Königs sind hievon nicht ausgenommen. Alle jungen Leute, welche das zwanzigste Jahr zurückgelegt haben, müssen sich zu Bonzen machen lassen. Daher kommt eS, daß man bloß in der Hauptstadt etwa 200 Klöster zählt, die mindestuis 12,000 Talapoinen enthalten. Wenn dann diese jungen Leute in's Laienthum zurücktreten, sind sie dem Aberglauben, den sie in frühester Jugend in den Klöstern eingesogen haben, ausnehmend zugethan. Das dritte Hinderniß ist das Mißtrauen vor dem um sich greifenden Geist der Europäer. Die Stamesen und ihre Nachbarn haben von den Eroberungen der Europäer und ihren Kolonien in fremden Ländern gehört; namentlich wissen sie, daß England sich nach und nach des ungeheuren indischen Kontinents bemächtigthat, den die Stamesen'die „sechzehn großen Reiche" nennen, daß eö Malacca, Pulo Pinang, einen Theil von Quedah und meh« rere andere malayische Länder und mächtige Zinnminen auf der Westküste von Malacca genommen hat; daher das große Mißtrauen gegen die Europäer, die sie unter dem allgemeinen Namen Farang bezeichnen, als wäre eS eine und dieselbe Nation. Auch halten sie meist die Misstonäre für eben so viele Spione der Könige Europas, um sich unter dem Vorwande der Religion eine Partei zu machen, die im Falle eines Kriegs mit den Europäern ihr Land verrathen würde. (Revue de l'Orient,) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PostMung. S3. October lK5>3, Dieses ivlatt erscheint regelmäßig alle Touutage. Der halbjährige Abnnuemenisprel« kr., wofür e« imrch alle köniql. bayer. Postämter «nd alle Buchhandlungen bezogen werde« kann Hirtenbrief des hochwürdigsten Herrn Carl August, Erzbischofes von München- Fr eising, die Einführung eines Diocesan-Katechismus betr. Wir Carl August :c. :c. Mit besmiderer Freude verkünden Wir euch als ein wichtiges Ereigniß für Unsere geliebte Erzdiöcese die Einführung eines neuen Katechismus, welcher in allen Kirchensprengeln Bayerns dem Religions-Unterrichte zu Grunde gelegt werden soll. Wenn auch die Lehre der katholischen Kirche, welche Gott der Herr zur unfehlbaren Verwahrerin und Verkiinderin seiner Offenbarung bestellt hat, immer dieselbe ist nnd bleiben wird, und wenn auch die bisherige», in den einzelnen Bisthümern mit Gutheißung der Oberhirten gebrauchten Katechismen diese Lehre der Kirche enthielten, so war doch die MittheilungSweise des gemeinschaftlichen unveränderlichen Inhaltes in den mannigfaltigen Unterrichtsbüchern theils nicht genügend, theils so verschieden, daß sich das Bedürfniß einer neuen, der Einheit des Lehrgcgenstandes sowohl als den Zeitbedürfnissen entsprechenderen Form dieser Lehrbücher allgemein fühlbar machte. Es wurden daher schon seit mehreren Jahren Versuche angestellt, einen gemeinschaftlichen Katechismus für ganz Bayern zu erzielen, und nachdem bei der Versammlung der hochw. H. H. Erzbischöfe und Bischöfe Deutschlands zu Wärzburg im Jahre 1848 die Nothwendigkeit anerkannt und ausgesprochen worden, der großen Mannigfaltigkeit der Katechismen entgegenzutreten, haben die in Freising im Jahre 1850 versammelten Oberhirten Bayerns beschlossen, die Einführung eines gemeinschaftlichen Katechismus zu bewerkstelligen, und Uns mit der Leitung Heö ganzen Unternehmens beauftragt. Um bei dieser wichtigen und schwierigen Aufgabe mit Sicherheit und möglichster Schnelle voranzugehen, glaubte man, einen bereits ausgearbeiteten Katechismus zu Grunde legen zu sollen, und man vereinigte sich in dem von l'. Deharbe, 8. herausgegebenen .katholischen Lehrbegriff, da er in den meisten Diöcesen Deutschlands große Anerkennung gesunden hatte, und dem Verfasser selbst die Umarbeitung und Vollendung des für die bayerischeil Diöcesen gemeinschaftlich einzuführenden Katechismus übertragen werden konnte. Nach den bei der Ausführung festgehaltenen und gemeinschaftlich angenommenen Grundsätzen sollte der große katholische Katechismus, welcher unter Unserer Leitung mit Berücksichtigung der von den einzelnen hochwürdigen Amtsbrüdern mitgetheilten Bemerkungen von dem Versasser neu bearbeitet wurde, in allen acht Bisthümern Bayerns ohne Aenderung angenommen und eingeführt werden, jedem einzelnen Ober- Hirten aber es frei stehen, zum Gebrauche in den Volksschulen seiner Diöcese aus diesem größern Katechismus einen oder auch zwei, so viel möglich wortgetreue, Auszüge machen zu lassen, wobei mit Rücksicht auf die bestimmten Diöcesanverhältnisse außerwesentliche Veränderungen vorgenommen werden könnten. 338 Sowohl der gemeinschaftliche große katholische Katechismus, als die beiden für die Volksschulen Unserer Erzdiöcese bestimmten Auszüge sind vollendet, und indem Wir fie hiemit Kraft unserer oberhirtlichen Gewalt als die allein und ausschließend bei dem Religionsunterrichte in Unserer Erzdiöcese zu gebrauchenden Katechismen bezeichnen und einführen, geben Wir über den Gebrauch und das gegenseitige Verhältniß derselben nachstehende Vorschriften und Erklärungen: t) Der große katholische Katechismus (welcher in allen acht BiSthümern Bayerns gleichmäßig eingeführt ist) soll bei allen katechetischen Vorträgen in der Kirche, dann zum Unterricht in den lateinischen und GewerbS-, höhern Bürgerund Töchterschulen, so wie für sämmtliche Schulpräparanden und Schulseminaristen als Lehrbuch gebraucht werden. Obwohl dieser Katechismus nicht für die Werktagsschule bestimmt ist, so ist es den Seelsorgern doch freigestellt, von demselben in der obersten Classe der Werktagsschule, und in den Katechesen für die Feiertagsschüler Gebrauch zu machen, wenn die Bildung der Schüler es gestattet. Alle Religionslehrer und Katecheten sollen diesen großen Katechismus haben und bei ihren Katechesen sich an denselben halten. 2) Für die Volksschulen der Diöcese sind die zwei Auszüge aus dem großen Katechismus, und zwar der kleinere für die ersten Anfänger, der größere für alle übrigen Schüler zu gebrauchen. Beide Katechismen sind nach derselben Ordnung, wie der große katholische Katechismus bearbeitet, und enthalten genau dieselben religiösen Begriffe, so daß der kleine die Grundzüge, der mittlere und große nur eine stufenweise Erweiterung derselben enthält. Der Inhalt des kleinen dürfte im Allgemeinen schon im ersten Schuljahre von den Kindern erlernt werden können, besonders wenn, waö Wir für höchst zweckmäßig und nützlich halten, schon bevor daS Kind lesen kann, die Gebete und die wichtigsten Puncte deS religiösen Unterrichtes seinem Gedächtnisse eingeprägt und auf eine seinen Fassungskräften entsprechende Weise erklärt werden. Aus keinen Fall aber dürfen die Kinder mit dem Erlernen und Wiederholen des kleinen Katechismus länger hingehalten werden, als bis zum Ende des zweiten Schuljahres, indem Wir nu't Bestimmtheit fordern müssen, daß den Kinder» wenigstens beim Beginne des dritten Schuljahres der Katechismus für die Volksschulen in die Hand gegeben werde, wenn dieß nicht', wie Wir nachdrücklich wünschen, schon beim Beginne deS zweiten oder im Laufe desselben geschehen seyn sollte. 3) Dem zweiten, oder dem Katechismus für die Volksschulen, wurde die Einrichtung gegeben, daß ein Theil der Abschnitte und Fragen mit einem Sternchen und ein anderer mit einem Kreuze bezeichnet wurde. Bei der ersten Durchnahme des Buches sollen die mit Sternchen und Kreuzen bezeichneten Fragen und Antworten übergangen, bei der zweiten Durchnahme auch die mit Sternchen, und bei der dritten die mit Kreuzen bezeichneten Fragen Hinzuge» nommen werden, so daß der zweite Katechismus innerhalb vier Schuljahren mindestens, dreimal durchzunehmen ist, und zwar das Erstemal nach seinem kleinsten, das Anderemal nach seinem größern, und das Drittemal nach seinem größten Umsange. Wie viele Zeit auf die erste Durchnahme des Katechismus verwendet werden solle, wollen Wir nicht unbedingt vorschreiben, sondern dem Ermessen der Seelsorger nnd Katecheten überlassen, und nur so viel fordern, daß er in zwei Schuljahren in seiner ersten Stufe vollständig erlernt seyn müsse, damit zur zweiten und dritten Durchnahme in seinen höhern zwei Stufen noch volle zwei Schuljahre erübrigen. Auch soll mit den Kindern, welche das heil. Sacrament der Firmung empfangen wollen, der Katechismus das Erstemal vollständig durchgenommen seyn. 4) Hiebei können Wir aber nicht unterlassen, daraus aufmerksam zu machen, daß es höchst zweckmäßig ist, wenn die Kinder sobald als möglich die Hauptpuncte 339 der Glaubens-, Eilten- und Gnadenmittellehre im Zusammenhange inne haben, und ihnen dadurch gleichsam der Kern gegeben ist, an welchen sich eine erweiterte Kenntniß stufenweise anschließen und zur klaren Einsicht gebracht werden kann. Wir müssen jene Einrichtung des katechetischen Unterrichts in der Schule für ungenügend erklären, nach welcher einzelne Hauptstücke des Katechismus zum Gegenstand des Unterrichtes je eines JahreScurseS genommen werden, und so der ganze Katechismus erst nach Verlans mehrerer Jahre von den Kindern vollständig erlernt wird. Es ist daher Unser Wunsch, daß der Katechismus der Werktagsschule, nachdem die Kinder den kleinen, für die Anfänger bestimmten, erlernt haben, wo möglich schon in einem Jahre das Erstemal in seinem kleinsten Umfange vollständig durchgenommen werde. Ist einmal dieser dem Gedächtnisse der Kinder eingelernt, so wird eS ihnen in den folgenden Jahren leicht werden, die weitere Entwicklung hinzuzufügen, und das Gelernte bei wiederholtem Durchgehen unv Erkläre» zum klaren Verständniß zu bringen. Die tägliche Erfahrung bestätiget eS, daß die Kinder nur dann in dem Verständnisse der Religionswabrheiten vorschreiten und das Erlernte festhalten, wenn sie die Erklärungen des Katecheten an die dem Gedächtniß durch daS Auswendiglernen eingeprägten bestimmten kirchlichen BegriffSsormeln anknüpfen, und, während ihnen der Sinn und Zusammenhang der in diesen Formeln enthaltenen Wahrheiten erklärt wird, sie dieselben als ihr geistiges Eigenthum mit ihrem Verstände durchdringen und erfassen können. Je größern Werth Wir daher daraus legen, daß die Kinder die in dem Katechismus enthaltenen Religionswahrheiten verstehen lernen und lieb gewinnen, um so mehr müssen Wir darauf dringen, daß von den Lehrern sowohl als von den Katecheten auf daS Auswendiglernen des Lehrstoffes aller Fleiß und alle Mühe verwendet und dasselbe durch öfteres Ausfragen und durch öfteres Wiederholen des schon Gelernten möglichst gefördert werde. 5) Sollte es gelingen, mit den Kindern noch vor Ablauf der Zeit, in welcher sie dje WerltagSschule zu besuchen haben, den für diese vorgeschriebenen Katechismus in dreimaliger Wiederholung vollständig durchzunehmen, so kann im letzten Jahre der dritte oder große'Katechismus, in welchem die vorhergehenden vollständig enthalten sind, ganz oder theilweise zu den Katechesen in der Schule benutzt werden, wie dieß auch bei den Katechesen für Feiertagsschüler geschehen kann, wenn dieselben in der Werktagöschule ihren Katechismus vollständig gelernt haben, 6) Die dem Katechismus vorangeschickte kurze ReligionSgeschichre ist in der Werktagsschule erst dann im Zusammenhange als besonderer Lehrgegenstand zu behandeln, wenn die Kinder bereits im Religionsunterricht wenigstens einmal den Katechismus durchgenvmmen haben, Sie mnß aber mit allen Kindern wenigstens noch im letzten Schuljahr durchgegangen werden. Dadurch soll jedoch nicht im Geringsten ausgeschlossen seyn, daß die Kinder, wie bisher, in der biblischen Geschichte unterrichtet werden, und daß der Katechet dieselbe in die.Erklärung des Katechismus verflechte, und die religiösen Begriffe durch die Thatsachen der heiligen und der Kirchengeschichte erkläre, erläutere und bestätige. Wenn Wir vorschreiben, daß dem Unterricht in der Rcligkonsgeschichte jener in den Religionslehren vorangeschickt werde, so gehen wir von dem Gesichtspunkte aus, daß vor Allem den Kindern die katholische Glaubens- und Sittenlehre als Lehre der Kirche beigebracht werde, welche als die allein berechtigte unfehlbare Lehrerin der göttlichen Offenbarung die Wahrheiten derselben in bestimmte Begriffe gebracht hat, und in bestimmten Lehrsätzen verkündet, von welchen der Religionsunterricht ausgehen und an die er sich anschließen muß, um ein wahrhaft kirchlicher zu seyn, und um in dem Kinde den Glauben an den ganzen Inhalt der Offenbarung durch die Auctorität der Kirche zu vermitteln. 7) Wir sehen wohl voraus, daß die Einführung der neuen Katechismen, besonders bei dem katechetifchen Unterrichte jener Kinder, welche die Werktagsschule bereits 340 m-hrere Jahre besuchen und den ReligionSnnterricht nach dem bisherigen. Lehrbuche empfangen haben, manchen Schwierigkeiten unterliegen wird, deren Beseitigung Wir größlentheilS dem Eiser und der klugen Erwägung und Umsicht der Katecheten überlassen müssen, Alle Kinder jedoch, welche theils in die Schule erst eintreten, theils in den ersten zwei Classen sich befinden, oder den bisherigen Katechismus noch nicht vollständig durchgenommen und erlernt haben, sollen nur nach den nenen Katechismen unterrichtet werden; bei jenen Schillern aber, welche nur mehr ein Jahr die Schule zu besuchen haben, gestatten Wir, daß der Unterricht nach dem bisherigen Lehrbuche fortgesetzt und wiederholt werde. Nach diesen Anordnungen nnd Erklärungen wenden Wir Uns an euch, gelicbteste Söhne und Mitarbeiter im Weinberge des Herrn! die er auöerwählt hat, um den Kleinen, den Unwissenden nnd Armen im Geiste das Brod des ewigen Lebens zu breche» Wir preisen euch glücklich ob dieses schönen, erhabenen und wichtigen Berufes, und bitten euch, wohl zu beherzigen, daß gerade der einfache, schlichte uuv der Fassungskraft und Bildung der Zuhörer angemessene Unterricht in den Wahrheiten, welche im Katechismus enthalten sind, euch einen Wirkungskreis öffnet, in welchem ihr in der ausgedehntesten und erfolgreichsten Weise für das Heil der Seelen wirken, am kräftigsten allen Uebeln der Zeit entgegentreten, und der Kirche ein neues, reines unv gotteSfürchtiges Geschlecht heranbilden könnet. Liebet diesen Berns, der euch, ohne Aufsehen zu erregen und ohne euch selbst den vielfachen Gefahren auszusetzen, welche mit einer dem Aenßern nach glänzenderen Laufbahn verbunden sind, im Verborgenen so Großes unv Nachhalliges für daö Reich Gotteö zu thun, Gelegenheit gibt. Habet stets unsern Heiland selbst vor Augen, der die Kleinen zu sich kommen ließ, und dem armen unwissenden Volke i» schlichten, einfachen, aber eindringlichen Worten die göttlichen Wahrheiten anf eine Weise lehrte, bei der nicht nur der Geist erleuchtet, sondern anch das Herz erwärmt und mit Liebe zum Ueberirdischen und zu Gott selbst erfüllt wnrde. Suchet nach dem Ausspruche des Herrn immer mehr selbst Kinder zu werden, in Einfalt, Geradheit, Reiuigkcit und Demuth deS Herzens, damit in eurem eigenen Innern daö Licht des Glaubens immer wachse und der Eifer für das Heil der unsterblichen Seelen sich an dem Feuer der Liebe Gottes stets neu entzünde. So oft ihr dem Volke oder den Kleinen die göttlichen Lehren zu verkünden o?er zu erklären habl, bereitet euch vor mit aller Sorgfall, damit ihr die Wahrheilen klar und gründlich erfasset, und die rechten Worte und Erklärungen findet, um sie euren Zuhörern nicht nur verständlich zu machen, sondern anch zugleich ihre Herzen für dieselben zu gewinnen. Es ist dieß nnc schwierige Aufgabe, schwieriger, als sie vielleicht Manchem scheinen dürfte, und um sie zu lösen, lUdürfete ihr vor Allem des Beistandes Gottes, den ihr daher im eifrigen Gebete zu erflehen nie uulerlasseu sollet. Nicht von eurer Bemühung, nicht von enrer Fähigkeit und Erfahrung dürfet ihr einen gnten Erfolg hoffen, sondern vor Allem von der Gnade Gottes, die, während ihr Pflanzer und begießet, daö Wachsthum zu geben hat. Sie muß euch erleuchte», eure Worie befruchten und ihnen die Kraft geben, zu erleuchten nnd zu erwärmen. Sie muß auch die Seelen der Hörenden bestimmen und unterstützen, damit sie, während sie durch euren Mund die frohe Botschaft vom Himmelreich verncluuen, das göttliche Wort mit der ihnen in der Taufe eiilgegossenen Tugend des Glaubens selbstthätig in Liebe ersassen und aufnehmen und in sich lebendig werden lassen. Wenn ihr so, als Diener Jesu Christi und Vcrkünder der von ihm seiner Kirche anvertrauten Lehre, bloß in der Absicht, die mit seinem Blute erkauften Seelen in dem zu unterrichten, was sie glauben, was sie thun und gebrauchen sollen, um ju ihrem Heile zu gelangen, in Geduld und Demuth, in Sanfrmuth und Liebe, nnd im Ver- lrancn auf den, der allein unser wahrer Lehrer und Meister iu der Wissenschaft deS Heiks ist, enren Berns erfüllet, werdet ihr rüstige Werkzeuge seyn in der Hand GotrcS, ">>d in Zeiten des Unglaubens und der Sittenlvsigkeit, wie die unseligen sind, segen- vl'll wirken cm der Heiligung der euch anvertrauten Seelen, und mitarbeiten an dem Ausbau der Kirche, für welche der Herr sich hingegeben hat, um sie darzustellen ohne 34 t Makel, damit sie seine unbefleckte. Braut sey, und Er sie einst ausnehmen könne in seine Herrlichkeit. Amen. Gegeben am Tage der Geburt Maria, der Mutter GotteS, den 8. Sept. 1853. -j- Carl August, Erzbischof. Die GeisteSerneuerungSstundcn tn Freistng vom 7 IS.Oet. 18SS. f Wenn auch bei so erhabenen und tiefeingreifenden Ereignissen, wie die Geistes- erneuerung einer nahe an hundert gehenden Zahl von Seelsorgspriestern ist, aller Anstoß und erster Ruf Golt allein zuzuschreiben ist, der sie in die Einsamkeit führt, um zu ihrer Seele zu reden; so dürfte doch auch das Werkzeug, welches Goites er- barmenSreiche Weisheit hiezu verwendet, nie ganz als zufällig betrachtet werden. Obwohl eS die wahre »„geheuchelte Demuth des edlen Greisen Pater Rector Friedrich Rinn nie glauben wird, so muß eS aber doch zur Steuer der Wahrheit und zur Ehre Gottes, der diesem treuen Diener so große Gnaden gibt, gesagt werden, daß sein Name, der in so vielen Priesterherzen unserer Erzdiöcese seit dem Jahre 1851 mit liebender und danlbarer Erinnerung eingeschrieben blieb, eS vor allem war, dessen sich - Gott bediente, um so viele Priester wieder in die heurigen Erercitien zu rufen. Hatte er ja so wärmend damals geredet, daß man von ihm wohl auch sagen konnte, was der Kirchenvater vom heil. Johannes schreibt: sructsvit, quocl dilierst ex eorclv ^esu! Daher kamen so manche, die im Jahr 1851 ihn gehört, und ihm so viel verdanken gelernt, auch Heuer wieder, andere aber entbehrten wohl nur darum— vielleicht nicht ohne Schmerz — die Freude, den „lieben alten Pater" wieder zu hören, mit ihm zu beten, zu seufzen, zu versprechen, „mit ihm die Erercitien zu machen" wie er'S ja will — (da er nicht Magister, sondern Mitbüßer seyn will,) — um ihren Hilfspriestern oder Nachbarn und Amtsbrüveru diesen Geistesgenuß möglich zu machen! Und so waren am 7. Oktober Abends bereits 38 Priester im Seminar gegenwärtig, die sich in den folgenden Tagen auf 93 mehrten, und man konnte beim ersten einleitenden Vortrage die verschiedenartige Gcmüthsstimmung in den auf den eintretenden Pater gerichteten Blicken sehen, bei den schon Bekanntgewordenen die heilige Frendc des Wiedersehens, bei den Neuerschienenen die gespannte Begier, den Mann zu sehen, der mit dem Schwerte der einfachsten Demuth Gott schon so viele Herzen eroberte! Er begann mit seiner Sendung, aus der er alle Kraft, alle Zuversicht sich ableitete, und ging dann in gewohnter Ordnung, streng dem heil. Vater Jgnatius folgend, die wichtigen Materien mit Sicherheit und pemnthkrästiger Meisterschaft durch, ausgehend von der Parabel des Säemaimes erklärend das „k'unclsmevwm" der heil. Jgna- lianischen Erercitien, und alles was sich ihm anschließt nach der Reihe des Erercitien- büchleins. Tieferschütterud wirkten die Vortrage über die Sünde und die Liebeöreue— und das beste Zeugniß mochte wohl der Zudrang der Beichtenden zu dem greisen Pater seyn, der ihn nöthigte, drei Tage lang alle freien Stunden bis in die Nacht der Beruhig»:^ belasteter Seelen zu weihen, wa? l,r auch mit rührender Aufopferung, Geduld und Liebe trotz seiner hohen Jahre und abnthmcnden Kräfte that. Auch bei den anderen eifrigen HH. Beichtvätern gab es aber der Arbeit genug, und besonders tröstend erscheint für die Fruchtbarkeit dieser Tage, daß fast keine Beicht unter einer sonst langschemeuden Zeit vollendet, sohin der lebendige Eifer gewiß recht sichtbar war. Die Communiontage waren, mit dem Diamantenkranze vieler Thränen aufs glänzendste geschmückt. Allgemein freudige Aufnahme fanden wieder die' vertraulichen Unterredungen ^- cvnsiclei-aticinös — wo der edle Pater mit der liebenswürdigsten, oft selbst naiven Einfachheit die tiefsten Fundgruben praktischer Seelenkenntniß öffnete, und gewiß segensreiche Einflüsse auf die Leitung vieler Seele» übte.5) Der ruhige Ernst, die viele» freiwillige» Andachten, indem die Cavelle keine Stunde deS TageS bis zum späten Abend leer war — alles das können mir gute Zeichen seyn! Der Stadtklerus Freisings Besonders ausgezeichnet waren die Anleitungen zum Meditiren und der Aortrag über die Demuth. 342 bctheiligte sich auch auf'S eifrigste, und eS erschien manchem schwer erklärlich, aus welcher Ursache die zahlreiche Chrkstenschaft der Metropolilanstadt München hier so spärlich vertreten war, da doch unsere Zeit, und vielleicht noch mehr die nächste Zukunft dem Priester in einer großen Stadt so manch' schweren Kampf bietet, zu welchem sich geistig zu waffnen der hochwürdigste Herr Erzbischof seinen KleruS so dringend und rührend väterlich geladen hatte. Doch ferne sey hier, ein^ unS nicht zustehend Urtheil zu fällen, jeder wird wissen, was ihn hinderte. Doch weiter in unserer Schilderung. Das feierliche und so fruchtbare' Schweigen wurde nur gelöst durch Gebet oder Gesang. Abends tönte daS bekannte tiefergreifende mehrstimmige Miserere vor dem ausgesetzten heil. Sacramente, und nach dem Abendtische hatten dießmal auch einige Priester, die seit mehr denn zehen Jahren der ernsten Seelsorgsbahn des lieben Seminars noch nie vergessen, wieder in wohlthueuder Erinnerung jenes sorglosen brüderlichen BeisammenseynS ihre altgewohnten Tischgesänge: „Mima in mortis kor» lilium pro nodis ors" und „O Lsmctissim»!" angestimmt, und freudig heimisch tönte eS von allen Anderen wieder. Besonders aber, als am ersten der Communivntage statt dieser Lieder daö einfache: „Himmelsau, licht und blau :c." z»m Lobe des SacramenteS der Liebe Jesu gesungen wurde, da sah man manches Auge mehr nnd anders denn sonst erglänzen — und aus tiefem Herzen stimmten Alle ein in das Lob dessen, den niemand ganz loben kann! Am Donnerstag den 13. um 7 Uhr hatten sich alle Erercenten in der Capelle deS heil. Maximilian unier der Domkirche versammelt, wo wieder das Haupt des heil. Corbinian erponirt war. Se. Ercellenz der hochwürdigste Herr Erzbischof las hier die heil. Messe, und ehe er die Communion spendete — das lebendige Brod des ewigen Lebens in hochgehobener Hand, hielt er au die auf ihre» Knieen liegenden Priester eine tiefergreifendc Anrede, welche mit der Erweckuug der drei Haupttugenden und dcS Vorsatzes schloß. Gewiß kein Auge blieb hier trocken! Zum Schlüsse gab der erfahrungsreiche Pater noch äußerst praktische Grundsätze zur bleibenden Besserung, die er mit den vier t? (tuMre msla, lscoro doris usne, terre pstienwr msls, I'erri ac> meliois) dem Gedächtnisse einprägte. Nach dem Schlußvortrage sprach ihm der Herr Pfarrer Meirner von Ebersberg niit innig gefühlten priesterlichen Worten den Dank aller Anwesenden aus, versprach und erbat das gegenseitige Gebet, und rief Alle auf, in seinen frohen Dank einzustimmen. Das le Deum und der Segen mit dem allerheiligsten Sacramente schloß diese feierlichen gnadenreichen Tage. Waö sollten wir nun geben, zum Danke für so viele Geistesfrcuden? Gold und Silber lohnt hier nicht — wir gaben also das Beste, was wir hatten, indem wir uns sämmtlich verpflichteten, die nächste heil. Messe nach den Erercitien für Seine Ercellenz unseren hochw. Herrn Erzbischof aufzuopfern und für den guten Vater Rinn, damit Gott Ihnen vergelte, was sie für unser Seelenheil gethan, dabei verpflichteten wir uns auch gegenseitig einander zu gedenken, daß wir Früchte, würdige Früchte bringen möchten. Das Circular, nutendem Motto: „^seiueus eontritus est et nos liberati sumus", „Leee eZo meres5 tus magns vimiz" ward von allen frenndlichst unterzeichnet und dem guten Pater Rector zum Abschiede eingehändigt. So segne denn Gott diese schönen Tage für uns und die uns anvertrauten Seelen, daß sie ein gut Samenkorn seyen und vielfältige Frucht trage». Mögen bald wieder solche Gnadenstunden wiederkehren, damit auch so vielen, die nicht beiwohnen konnten, dieselbe Freude des Geistes werde, derselbe Friede ihr Herz überströme, wie es uns ward! 5) ^. N. *) Sehr zu wünschen wäre aber, wenn solches nicht unbescheiden oder vorgreifend gegen die Weisheit unseres hochw. Oberhirte» erscheint, wenn bei künftigen Erercitien die Zeit von Monttig bis Samstag genommen werde» — etwa, allenfalls noch Sonntag Abends begonnen werden könnte. Es war auch Heuer wieder der Fall, daß einige am Sonntage nach Hause mußten, wodurch ihnen die so wichtigen und tiefergreifenden Vortrage über die Sünde und die nähere Vorbereitung zur heil. Beicht ganz verloren gingen. Andere tonnten erst Montags erscheinen, uud verloren so die sämmtlichen Fun- damcntalvorträge. Dieß nach der vielseitigen Aeußerung Beteiligter — doch sslvo metiori et sslvs odeetientia! > 343 Nachklänge aus den Exercitien in Freising vom 7.— 13, Oct. 1853. I. Der Beichttag. I^squeus contritus esl et nv8 likersti sumus! Ps. lL3, 7. Secuoäum multituämem äoloruw mvarum in coröe weo consolstiones tuse Isetitj- csveruiit snimsm me»m! Ps. 93, j9. Nur in Dir ist Ruh' und Frieden Einer tiefgebeugten Seele, Gib, daß Deine Lieb' hienieden Ich vor allen Gütern wähle. Laß mich Geistesarmuth üben. Wie Dein Sohn sie uns gelehrt, Diese Welt in Dir nur lieben, Die in Dir mir nur gehört. Ferne sey der Sinne Toben, Fern' was Ruhe stören könnte, Ferne, was den Blick von oben, ' Was das Herz vom Vater trennte! Doch — daß Wollen und Vollbringen Nicht, wie sonst, geschieden sey, Daß das Wünschen mög' gelingen: O Maria, steh' uns bei! II. Der Communiontag. Venite sä me omnes qui Islwrstis et onersli eslis, et ego retioism nos! Matth. 15, 28. Le-iri munäo coräe, quoniam ipsi veum viäeduut! Matth. 5, 8. Ringsum Ruhe, ringsum Freude Und im Herzen GotteSftiede! Ach wie stimmt mich Alles heute Doch zum Thränendankesliede! Hab' ja Ihn, den Oftverletzten Neuversöhnt mir nah empfunden, Hab' mit Ihm, dem Nieersetzten Mich auf's neue treu verbunden. Lobt den Herrn, ihr Engelschöre, Heut' mit mir, am SühnungStage, Der uns von des Herzens Schwere Freite — von des Geistes Plage! Sphären-Melodieen singen Gottes Lob Aeonen lang, Doch auch Sünderstimmen dringen Läßt Er gern in diesen Sang. Singt von Wonnen hier und drüben, Die der Herr uns stellt so nah, Wenn wir Ihn nur herzlich lieben — Singt Ihm Allelujah! M 344 Ueber Geisteskrankheiten in Syrien. Man unterschei'pet in Syrien zwei Formen des Wahnsinnes: Krankheit und Besessenheit. Bei jeder Erkrankung wird ein Arzt und eiu Priester zugezogen, um zu entscheiden, ob der Mensch Arznei bekommen oder erorcisirt werden soll. So mußte v,-. Forest zu wiederholtmmalen mit einem Mönch, einer Nonne oder einem Priester zusammentreffen. Die Freunde der Irren versuchen gewöhnlich zuerst eine Art medi- cinischer Behandlung, besonders Luftveränderung, wodurch schon viele gebessert worden. Nutzt dieß nichts, so wird der Kranke in eine Moschee oder in ein Kloster geschickt, um den Teufel austreiben zu lassen. Das Merkwürdige dieser „retrests tor tue inssne" (Zufluchtsorte für die Geisteskranken) ist der Berg in der Nähe von Tripoli, ein Ma- ronitenkloster, dem heiligen AntoniuSl gewivmet und sehr reich. Der Raum für die Irren ist eine natürliche Höhle, wo das durch das Dach tröpfelnde Wasser Stalaktite» in verschiedener Form hervorbringt. Diese fortwährende Neubildung von Gestein ist für die Eingeborncn ein Zeichen, daß der Ort wunderwirkende Kraft besitzt; der Kranke wird hier mit einer Kette und einem hölzemen Halöringe angeschlossen. Er erhält Brod und Wasser als Nahrung, und die sonstige Behandlung besteht in Gebeten, Prügeln.und Exorcismen. Gelingt die Kur, so bekommt der Heilige ein Dank^ gebet und das Kloster ein Geschenk. Gelingt sie nicht, so ist dieß ein Zeichen, daß eS eine Krankheit ist und keine Besessenheit, und da die Höhle bloß die Kraft hat Teufel auSzutreiben, so wird der Kranke entlassen. Die Höhle ist die berühmteste der Art und Kranke aller Religionen suchen dort Zuflucht. Zuweilen unternimmt ein Mönch die Kur im Hause des Kranken oder sperrt ihn in eine Dorfkirche ein. Dr. Forest hatte Gelegenheit, einen derartigen Fall zu beobachten. Eine Frau von mittlerem Alter mit erblicher Anlage zum Wahnsinn erlitt während deö Wochenbettes einen neuen Anfall. Ein benachbarter Mönch erklärte sie für besessen. Nachdem er gebetet, sie mit Weihwasser besprengt und dem Geist befohlen hatte sie zu verlassen, wurde sie ruhig; er erklärte sie für geheilt, aber am folgenden Tage war sie ebenso schlecht wie vorher. Der Mönch kam wieder und fing an sich mit dem Teufel zu unterhalten. „Wie heißt Du, verfluchter Geist?" Die Kranke gab den Namen ihrer nächsten Nachbarin an. „Wo lebst du»" Im Grabe. „Woher kamst Du, ehe Du in dieses Weib einfuhrst?" — Aus dem Ofen. „In welcher Form?" — Als Katze. „Wo gingst Du hin, als Du sie gestern verlassen?" — Auf's Dach um sie zu versuchen. — Der Mönch erklärte, diese Art könne bloß durch Gebete ausgetrieben werden, und versprach drei Tage zu fasten. Die Kranke wurde inzwischen in die Kirche eingesperrt. Der Mönch sagte dann, er habe so lange gefastet und hielt viele Unterredungen mit dem bösen Feind, wobei die Antworten auf ähnliche Art wie oben erfolgten, verfluchte hierauf laut den Geist, und als die Kranke ruhig geworden war, verlangte er, um den Teufel noch zu versuchen, sie solle seinen Schuh küssen, denn dieß sey die niedrigste Art der Demüthigung und Stolz ein Hauptcharakterzug deS Teufels. Sie weigerte sich, da verfluchte er sie und stieß und schlug sie endlich so heftig mit einem Schuh auf den Mund, daß sie blutete u. f. w. Schließlich erklärte er, man hätte lieber einen Doctor rufen sollen, das Weib leide an Melancholie. Die Kranke genaS unter der Behandlung des vr. Forest. ' (Ausland.) Bosnien Die katholische Bevölkerung Bosniens wird aus 12,000, die in der Herzegowina aus 50,000 Seelen geschätzt, für welche nicht mehr Gotteshäuser als drei Klöster und zwei Kirchlein. vorhanden sind. Der Gottesdienst wird größtentheils in Ställen und auf offenen Kirchhöfen abgehalten. Zur Erbauung eines Klosters und eines Seminars wird jetzt in ganz Oesterreich' gesammelt. Verantwortlicher Redacteur: L, Schönchen. Verlags-Inhaber: F. <5. Kremer.. Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. 30. Oktober 1853. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonuementspret« 40 kr., wofür e« durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kaun Hirtenbrief des Erzbischofs von BreSlau. Heinrich, durch Gottes Erbarmung und des heiligen apostolischen Stuhles Gnade Fürstbischof von Breslau :c. ic., entbietet allen Priestern und Gläubigen seines BiSthumS Gruß und Segen in dem Herrn! Als mich einst der Herr durch die Stimme meines Bischofs aus dem stillen Thale hinwegrief, in dem ich durch neun Jahre die mir anvertraute Heerde friedlich geweidet, da zitterte mein Herz rind ich flehete: Nimm, mein Heiland! diesen Ruf von mir, denn drückt schon die Schwere heiliger Pflichten auf meine schwachen Schultern in diesem engen Kreise meiner Wirksamkeit, wie soll ich Größeres auf mich nehmen, wofür ich weder Wissen noch Kraft habe. Der Herr aber nahm den Ruf nicht von mir und weinenden Herzens schied ich aus meiner Gemeinde und betrat die Kanzel der Kathedrale mit dem Gruß: Mir ist bange, aber lch verzage nicht. Wie gerecht meine Bangigkeit war, das haben die folgenden Zeiten, wie gerecht meine Zuversicht, das hat Gottes barmherziges Walten in diesen Zeiten offenbart. Denn Ihr Alle wisset eS, geliebte Priester und Diöcesanen! durch wie schwere gewaltige Jahre unser Weg geführt hat: Jahre, gezeichnet mit Schmach und Schmerz, mit Blut und Thränen, mit Ausruhr und Empörung; aber auch Jahre, gezeichnet mit den Gerichten deS Höchsten und der Verherrlichung seines göttlichen Namens in den Siegen seiner heiligen Sache auf Erden. Denn was die Bösen ersonnen zum Verderben der Guten und welche Gewalten frei gemacht und losgelassen worven sind wider den Fels des heiligen PetruS und welche Umwälzungen die Höhen erschüttert haben und die Tiefen in der Nähe und Ferne: die Kirche hat fest unv würdig gestanden inmitten dieser Bewegungen und ihre Getreuen haben von Nenem die Verheißung erfüllt gesehen: „Siehe, Ich bin bei Euch durch alle Tage bis ans Ende der Welt." So ist eine lange Reihe von Jahren in Arbeit und Mühe und heißen Kämpfen vorüber gegangen; mein Haar ist grau, meine Hand müde, mein Geist matt geworden, und doch ist abermal der Ruf des Herrn an mich ergangen durch die Stimme meiner Brüder, die mich mit ehrendem Vertrauen an DiepenvrockS Grabe zu seinem Nachfolger erwählt haben. Hat mein Herz bei jenem ersten Rufe gezittert, so erbebte dießmal mein ganzes Wesen. Beugte mich damals das Gefühl meiner Schwachheit im Hinblicke auf die Aufgabe, die mir geworden, so drückte mich dießmal das Bewußtseyn meiner UnWürdigkeit und Armseligkeit ganz und gar darnieder. Und betete ich. damals: Herr, nimm diesen Ruf von mir: so klagte ich dießmal mit MoseS zum Himmel hinauf: „Herr, warum finde ich nicht Gnade vor Dir? Warum hast Du die Last dieses ganzen Volkes aus mich gelegt?" Der Herr aber hat mir durch seinen Stellvertreter auf Erden geantwortet: Unterwirf Dich dem Willen Deines Gottes, 346 ^xtZlR denn er ist stark in dem Schwache», und was Du in seinem Namen thun wirst, das wird Er segnen. Und so habe ich, wenn auch mit zagender Hand, doch mit gottvertrauendem Herzen den Hirtenstab ausgehoben, der unsers Diepenbrockö müder Hand entsunken war und trete vor Euch her, geliebte Mitpriester und Diöcesanen — abermal mit dem Worte: Mir ist bange, aber ich verzage nicht. Mir ist bange vor einer Würde, welche so hoch uud heilig, vor einem Amte, welches so umfassend und vielfordernd, vor einem Tagwerk, welches so schwer uud verantwortungsvoll ist, daß die größten Heiligen davor zurückbebten. Chrvsostomus, nachdem er von dem Priefterthume überhaupt gesagt: „Es wird zwar auf Erden verwaltet, hat aber seine Stelle in der Reihe und Ordnung himmlischer Dinge, denn nicht ein Mensch, nicht ein Engel, nicht ein Erzengel, sondern der heilige Geist selbst hat diesen Stand angeordnet;" — nennt das bischöfliche Amt „ein erschreckliches Amt" und beschwor den Kaiser Arkavius, der ihn dafür ausersehen, eine so unerträgliche Last nicht auf seine Schultern zn legen. Der heilige AmbrosiuS verschmähte es nicht, zu einer List seine Zuflucht zn nehmen, um diese Würde von sich fern zn halten, nnd der heilige AthauasiuS, als der sterbende Patriarch von Alerandrieu ihn dreimal beim Namen rief und so a!S seinen Nachfolger bezeichnete, ergriff die Flucht. Und wie handelte und sprach der große Gregor, als er die Bestätigung seiner Wahl vernommen? Er verbarg sich in Wäldern uud Höhlen; und da er deunoch aufgesuudeu und von dem Volke im Triumphe zurückgeführt worden war, schrieb er an die Schwester des Kaisers — Theoktista: „Ich habe alle Süßigkeit der Ruhe verloren uud indem ich äußerlich hinaufzusteigen scheine, bin ich innerlich herabgefallen. Der Kaiser aber," so fügle er hinzn, „hat wohl meine Wahl bestätiget, das erforderliche Verdienst jedoch uust die nothwendigen Tilgenden kann er mir nicht geben." Und daö waren die größten Männer und die erhabensten Lehrer, die je auf dem Leuchter der Kirche gestanden und bei denen es uns zweifelhast ist: ob wir mehr ihr heiliges Leben, oder ihr umfassendes Wissen oder ihre rührende Aufopferung für Christus und seine göttliche Sache bewundern sollen. Oder branme vielleicht nnr dama! die Miira so heiß in die Stirne uud war mir damal der Hirtenstab so schwer in der Hand, als, die sie trugen, fast lauter Anöerwählte waren? und ist, seit die Wissenschaft der Heiligen rar worden ist in dem Geschlechte der Menschen, das Amt cineS Bischofs leicht worden? Statt aller Antwort lasset mich Euch an den edlen, uuveigeßlichen Mann erinnern, den Ihr Alle kennt und liebt, der mein Vorgänger war nnd der die Wichtigkeit und Verantwortlichkeit deS OberhirtenamteS in der Kirche zu würdigen verstand. Wie er, — um in der schristerfülllcu Sprache eiueS Gregor von Nazianz zu reden: „seit ihn der Herr erwählt, daß er diese Heerdc weide mir dem Stäbe eines weisen Hirten imv seit seine Füße standen ans dem hohen Felö — all seine Schritte auf Gott gerichtet, daß sie nicht waukleil noch anSgleilcten": wie sein Streben einzig dahin ging, „sich eine fleckenlose, glänzende Heerde zu bilden, werth der himmlischen Hürde dort in der Wohnung der Jubelnden im Schmucke" — das wisset Ihr. Aus der Kraft und Süßigkeit seiner Hirtenworte erkannten wir: „wie seine Lippen geschlossen waren, um zu verkosten das Göttliche und geöffnet zum Reden zur rechten Zeit." Ans seinen Lied.rn fühlte» wir: „wie seine Zunge mit Jubel erfüllt war, ein Werkzeug himmlischer Melodie», frühe geweckt bei der Morgenröthe, bis sie am heißen Tage schwerer Zeit nnd großer Leiden verstummte." Und dieser Mann, ein auSerwähltes Rüstzeug in GolteS Hand, konnte zu dem Gefühl seiner Würdigkeit und Fähigkeit sür das bischöfliche Amt sich nicht emporringen. Er wies den ersten Ruf der Sendboten, die wir zu ihm geschickt, entschieden ab und vermochte nur mit Thränen uud Seufzen sich der ausdrücklichen Mission des heiligen Vaters zn nnterziehen und ein Opfer zu bringen, von dem er gleich Anfangs fühlte und verkündete, daß es kein langes seyn würde. In die Sielle, die Er zu früh verlassen, soll ich treten; den Stuhl, der durch sein Scheiden leer worden, soll ich einnehmen; die Last, unter der er sobald erlegen ist, soll ich tragen: saget selbst, ob mein Gruß au Euch anders beginnen kann, als mit dem Geständnisse: Mir ist bange! 347 Und wie rechtfertigt sich dieses Geständniß, sehe ich auf das große, weite Ackerland hin, daß ich hinfüro besorgen und überwachen soll. Ausgedehnt im Norden bis in die fernen Inseln der Ostsee, welche die blonden Nachkommen der alten Wenden bewohnen, wird es im Enden durch die hohen Züge der Sudeten und Karpathen begrenzt. Es erstreckt sich im Osten bis an die alte Kirchenprovinz von Gnesen und Posen und berührt im Westen die apostolischen Vicariate von Sachsen und den nordi- sehen Missionen. Mehr als eine und eine halbe Million Katholiken bewohnen diese weiten Länderstrecken, in welchen die deutschen Laute an einigen Orten bereits in das Windische, an anderen in das Mährische übergehen, während mehr als siebenmal hundert tausend Gläubige Polnisch reden, ein armeS, vielgeprüftes, durch Cholera und Hungertyphus gelichtetes Volk, das der Sprache wie dem Glauben seiner Väter Iren geblieben ist. Große und herrliche Tempel erheben sich aus diesem ausgedehnten Ackcrlande GotteS zum Himmel, schöne Zeugnisse frommen GlaubenSeiferS längst vergangener Jahrhunderte; aber auch armselige Lehm- und Bretterhütten müssen an vielen Orten die Stelle der Kirchen vertreten, die kaum den kleinsten Theil dce Gemeinde zu fassen vermögen, während die übrigen Gläubigen an Sonn- und Festtage», im Sommer und Winter, in Wind und Wetter auf den Kirchhöfen gelagert, den Himmel zn ihrem Zelte, die Gräber der Dahingeschiedenen znm Schemel ihrer Kniee haben: ein rühren» Schauspiel treuer Gottesfurcht und GotteSliebe, das an die Verhältnisse nnd den Geist der ersten Christen erinnert. So auch machen die in entlegenen Gegenden vereinzelten und zerstreuten Gemeinden oft schon bei einer Anzahl von zwei bis dreihundert Seelen die Abwartnng durch einen Priester nötbig, während Gemeinden von drei, sechs, acht, ja sogar zwölstauseud Gläubigen nur einen Seelsorger gewinnen, der auch bei vollster Aufopferung nicht annähend zu leisten vermag, was die Kirche für die Bestellung ihres Saatfeldes fordert. Und was soll ich sagen, denke ich an die armen verlassenen Gemeinden in der Mark und den nordischen MissionSkrcisen, die ohne Priester, ohne Kirchen und Schulen dahin leben, immer darbend am Brode des Heils nnd immer ohne Aussicht auf Abhilfe ihrer geistigen Noth? Waö soll ich sagen, denke ich an die Schule, diese Tochter der Kirche, welche sie geboren, durch lange Jahrhunderte an ihrer Brust genährt und gepflegt und die wir rtun ihren Mutlerarmen so weit entrückt sehen! WaS von der Armuth so vieler Gemeinden uns den daraus hervorgehenden Hindernissen, neue Pflanzstätten deö Heils und dcS Unterrichts aufzurichten! Kann der Hirt unter solchen Verhältnissen und l>ei solchem Umfange der Diöcese im Hinblicke auf seine Hceide sagen: „Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich?" Kann er die Seinen mit Namen rufen nnd sich deß getröstm: „sie hören meine Stimme und kennen sie und folge» mir?" Kaun er erfüllen, was mit mütterlicher Weisheit und Sorgfalt die Kirche fordert: daß die Hirten in dem Zeitraume von zwei Jahren alle ihre einzelnen Heerden heimsuchen? Ach, so gern nnd überall für die Sache Jesu Christi wirken, der Kirche den Sieg gewinnen, die Heiligung der Brüder schaffen wollen, und bei aller Arbeit, allen Mühen und Kämpfen ohnmächtig vor den Schranken stehen, welche die Gewalten der Welt und ihrer Verhältnisse uns entgegenstellen, das ist mehr als schwer, das nagt am Innern, ras frißt am Herzen. Und doch sind das die Kümmernisse, die mich begleiten, die Sorgen, die mich Tag und Nacht verfolgen, ras langsame Märiyreithum, an dem stil! aber schmerzlich das Leben verblutet. Soll ich nun und darf ich im Hinblicke ans ein solches Gebiet meiner Wirksamkeit nicht klagen: Mir ist bange? > Werfen wir endlich unsern Blick auf die Zeit, in der ich berufen bin, das Hirtenamt zu üben und auf ihre Erscheinungen: habe ich dann weniger Veranlassung zur Bangigkeit? Geliebte! dte Zeit ist krank, und schwer krank. Und warum ist sie krank? Weil sie das Brod des HeileS von sich gewiesen, weil sie mit ihrem Lieben und Leben sich an die Kreatur gehangen und in dem alten Hochmuthschwindel den Menschen an die Stelle GolteS gesetzt hat. Ohne den Glauben, den uns Christus vom Himmel gebracht; ohne die Liebe, die allein aus diesem Glauben geboren wird; ohne die Hoffnung, die zu einer überirdischen Heimath Geist und Herz erhebt, ist sie mit ihrem 348 ganzen Schwerpuncte in die Sinnenwelt versunken, und noch nie, seit daS Christen- ihum der tiefen Sehnsucht des Sterblichen die Aussicht aus der Zeit in die Ewigkeit ausgelhan, ist die Herrschaft deS Fleisches eine so große und allgemeine gewesen als in unsern Tagen, Wer diese Behauptung hart findet, der wende seine Blicke hin aus das Wesen und Walten der Kinder dieser Welt und beobachte, worauf ihr Sinnen und Trachten, ihr Mühen und Arbeiten, ihre Opfer und ihre Begeisterung, ihre Künste und ihre Wissenschaften gerichtet sind- Alles wird er im Irdischen beschlossen, was darüber hinausgeht als Schwärmerei, wenn nicht als Wahn und Heuchelei verachtet finden. Daher die Scheu vor jeder Störung in diesem Sinnentaumel und vor jeder Mahnung an daS, was droben ist; und daher der Widerwille gegen die Kirche, die Furcht vor der Entfaltung ihrer geistigen Macht, der Aufwand so vieler Künste und Mittel zu ihrer Niederhaltung; daher auch kein Friede mit ihr, eS sey denn unter der Bedingung, daß sie sich selbst aufgäbe und sich ihre Lehre, ihre Gesetze und ihren Knll von dem Geiste der Welt vorschreiben ließe. Entgegnet mir nicht mit dem alten Einwürfe des Leichtsinnes und der Flachheit, daS dieß Alles schon dagewesen sey und Alles sich nur wiederhole im Leben; denn jede Zeit hat ihren Geist und Charakter. Saget nicht: das Fleisch hat immer sich aufgelehnt wider den Geist und die sinnliche Naiur immer ihre Macht geübt; denn daö soll nicht gcläugnet werden: aber die Erziehung zur Sinnlichkeil, die Predigt der Sinnlichkeit, das Schwimmen in dem Meere ver Sinnlichkeit, dabei des Menschen Haupt ganz und gar vom Himmel hinweg und allein auf die Erde gerichtet wird, die er nur mit seinen Füßen berühren soll — das gehört unserer Zeit, Saget auch nicht: es hat immer Irrthümer gegeben, die ihre jünger gehabt und ihren Anhang gewonnen haben; denn daS soll nicht geläugnet werden: aber der Schutz des Irrthums, die Gleichberechtigung des Irrthums mit der Wahrheit, die Verbreitung des Irrthums durch alle Schichten der Gesellschaft — daS gehörc unserer Zeit. Saget auch nicht, eS hat immer Verbrechen gegeben und Verbrechen der rohesten, himmelschreiendsten Art; denn das soll nicht geläugnet werden: aber die Bußfertigkeit des Verbrechens, die Vertheidigung des Verbrechens, der Stolz des Verbrechens, das Hinauflügcn des Verbrechens zur Tugend — daS gehört unserer Zeit. Saget endlich nicht: eS hat immer Empörungen gegeben wider Gott, wider die Kirche, wiver die Fürsten und rechtmäßigen Gewalten; denn auch das soll nicht geläugnet werben: aber der in civilisirten Staaten geduldete Herd der Empörung, die systematische Organisation der Empörung, die Beschwörung dieses SatanSengels, der feig und frech, zügellos und tyrannisch, glaubenölcer und fanaiisck, Lebensfähiges nicht zu schaffen und Lebensfähiges nicht zu duldcu vermag — daS gehört unserer Zeit. Meine Lieben! solche Zeit ist krank und leidet an Uebeln, welche nicht nur einen bedenklichen Widerwillen gegen alle gesunde Nahrung, sondern auch ein gefährliches Verlangen nach schädlichen Stoffen im Ge>olge haben uns die endlich in beillose Krämpfe ausschlagen und auSschlagen müssen. Den schauerlichen Aufang dieser krankhaften Bewegungen haben wir gesehen. Und auch daö haben wir gesehen, wie, die bis dahin daS große Wort geführt und als die Heilkünstler und Aerzte der Gegenwart sich erachtet, bei dem unerwarteten Tumulte zuerst Blick und Muth und Kraft verloren und in der Angst ihres Herzens die lang verachtete Kirche als Retterin in der Noth begrüßten oder sie doch schweigend gewähren ließen. Darum hat sich der Herr noch einmal erbarmt, uud hat, waS der Ansang einer furchtbaren Katastrophe in der Weltgeschichte zu werden schien, zu einer bloßen, wenn auch erschütternden und blutigen Hinweisnng aus seine Gerichte werden lassen, die hereinbrechen müssen: Wenn dieses Geschlecht „mit sehenden Augen nicht sieht und mit hörenden Ohren nicht hört." So sind die Wetter der Heimsuchung zurück getreten, die gefährlichen Bewegungen äußerlich beruhiget uns die beäugstigenden KrankheitSzeichen unterdrückt worden! Ist darum das Uebel gehoben? oder doch für eine gründliche Heilung die Kur begonnen? Ist der rechte Arzt gewählt? Ist die Kirche mit der Freiheit und den Mitieln ausgestattet, deren sie bedarf, um Glauben, Gottesfurcht und Treue in die Herzen der Menschen zurück zu führen? Geliebte Priester und Diöcesanen I Es ist hier nicht der Ort, nnt entscheidenden Urtheilen vorzutreten über daö, was geschehen oder nicht geschehen ist zum neuen Ausbau des alten VölkcrheileS; aber 349 es ist die Zeit und der Ort, Euch Allen die Mahnung in die Herzen hinein zu rufen: Blicket nach oben und fragt Euch — ein Jeder vor Gott: WaS habe ich gethan seit jenen Prü- fungstagcn, daß der Glaube deS Gekreuzigten wachse, daß sein göttlicher Name verherrlichet, daß seine heilige Kirche erkannt, daß mein Kaiser und Herr geehrt, daß Gesetz und Ordnung geachtet werde? Unv auch dafür ist hier der Ort, Euch offen zu gestehen? wie die Zeichen nun einmal sind am Himmel und auf Erden, so blicke ich mit schwerer Sorge in die Zukunft und zittere vor der Kurzsichtigkeit derer, die in den übel verhehlten Anschlägen der Bosheit, in den durch die Länder zuckenden Bewegungen, selbst in den gegen die Fürsten erhobenen Dolchen keinen Gründ finden, sich in der bequemen Ruhe stören zu lassen, mit welcher sie eben so wie vor dem Jahre 18-48 in die kommenden Tage blicken. Und ich zittere vor der Macht der wachsenden Armuth und ihrer Abwendung von Gott und ihrer Priesterverhöhnung auf den Straßen und ihrer Religionsverspottung in den Werkstätten. Und ich zittere vor den Fortschritten deö DiebstahlS, des Tempelraubes, der UnkeuschheitS- siindcn, des Mordes, teeren Opfer die Gesängnisse nicht mehr fassen, die alljährlich in nie gekanntem Umscmge erbaut werden, Und ich zittere vor der Kaltblütigkeit, mit welcher diese Verbrechen begangen werden; vor der Fühllosigkeit, mit welcher die Schuldigen selbst den Strafacl zu einem moralischen Aergernisse machen; vor der Gleichgiltigkeit, mit der man alle diese Erscheinungen an sich vorüber läßt. Und ich zittere vor dem Wahne, der so tief innere Uebel äußerlich heilen zu können vermeint; vor der Blindheit, die, statt die gesunden Kräfte zu einen, sie in heilloser Selbstsucht spaltet; vor der Unduldsamkeit, die in dieser drohenden Zeit die Tiefen konfessionellen Hasses zum verderblichen Abgrunde aushöhlt und die sichere Retterin, die Kirche, mit den Wolken deS Mißtrauens umhüllt, ja am liebsten in ihrer segensvollen Wirksamkeit hemmen möchte. Darum zittere ich und trete zu Euch mit dem Gruße: Mir ist bange (Schluß folgt.) Zur katholischen Generalversammlung in Wien. Rede des Herrn Legation Sraths Dr. Moritz Lieber aus Camberg. Gelobt sey Jesus Christus! Eminenz, Herr Cardinal, hochwürdigste und hochwürdige Herren, hochansehnliche Versammlung! Sechs Generalversammlungen deS katholischen Vereines Deutschlands habe ich angewohnt; bei keiner einzigen fehlte eS uns an Veranlassung zu den ernstesten Betrachtungen; aber ich darf Sie nur an die jetzt in mehreren Diöcesen deS südwestlichen Deutschlands schwebende kirchliche Lebensfrage erinnern, und Sie begreifen, daß ich zu keiner der vorhergegangenen Versammlungen eine so eigenthümlich ernste Stimmung mitgebracht habe, als zn der gegenwärtigen siebenten, zu welcher die Kaiserstadt uns ihre gastlichen Thore geöffnet. — Besorgen Sie indessen nicht, daß ich unter dem Einflüsse dieser Stimmung Sie ein vielleicht allzuwarmeS Wort der Klage, oder gar Anklage über die Zustände in jenen deutschen Ländern werde hören lassen! O nein! Wohl weiß ich, daß, nachdem der blutige Vernichtungskampf deS antiken heidnischen Staates gegen die Kirche deS Mensch gewordenen SohneS Gottes mit der Begründung des christlichen Staatenelementes geendigt hatte, die Blätter der Kirchengeschichte, die ja in jedem Jahrhundert die mannichfaltigsten Kämpfe unserer heiligen Kirche aufzuzeichnen gehabt, einen Kampf von der Tragweite deS heute in jenen deut, sehen Gebieten zu Tage Getretenen nirgend berichten; — wohl weiß ich, daß, während eS dort allemal nur um die Usurpation einzelner Rechte der Kirche sich gehandelt, hier Princip gegen Princip auf die Spitze gestellt, ein anderer Kampf um Seyn oder Nichtseyn der Kirche gekämpft, daß gerungen wird um die Entscheidung der großen, der wahren Lebensfrage: ob das xesammte Regiment der Kirche Christi, die Bewahrung und Ausbreitung seiner göttlichen Lehre, die Verwaltung der in seiner Kirche hinterlegten Gnadenmittel, die geistliche Jurisdiktion über die Gläubigen, welche er mit seinem Blute sich erkauft; ob, sage ich, vaS gesammte Kirchcnregiment den Händen derer, die der Mensch gewordene Sohn Gottes dazu angeordnet und gesetzt hat für 3S0 alle Zelten, verbleiben, oder Andern verfallen soll, die der Sohn hiezu nimmer sich «übersehen nnd berufen hat. Aber ich weiß auch, dieser Kampf wird, wie er bereits in Aller Munde ist, so auch von allen katholischen Herzen, die da warm schlagen für die heilige Sache der Kirche, mit so lebendigem Mitgefühle und mit so beißen Gebeten begleitet, daß es nicht erst meiner Worte bedarf, Ihre Theilnahme zu wecken.— Besorg-» Sie auch nicht, daß ich Ihnen etwa das staatsrechtliche Moment in diesem Kampfe, daß ich das positive Rechtsverhältniß Ihnen auseinandersetzen werde, welches den Katholiken der bezeichneten Staaten und ihren Hirten zur Seite steht: PaS haben die hochwürdigsten Erzdtfchof und Bischöfe so klar uuv überzeugend dargelegt, daß es einer Vermessenheit ähnlich sehen würde, wollte ich an dieser Sielle ihrer AnSführnng, die ja auch bereits in Aller Händen ist, noch das Mindeste beifüge». Erlauben Sie mir vielmehr, iu einem kurzen Rückblicke auf den Gang der gei- stigen und materiellen Entwicklung, welchen die Gesellschaft seit einem halben Jahrhundert genommen, die Lichlmomente aufzusuchen und anzudeuten, welche den Blick in die Zukunft zu erheitern und zugleich die Bahn zu bezeichnen geeignet sind, welche die Katholiken überall, uuv insbesondere wir, die Männer der katholischen Vereine, zu verfolgen habeu, um als nützliche Werkzeuge der Kirche mitzuwirken zu der Herbeiführung und Begründung einer besseren Zukunft. Wenn ich von der geistigen Entwickelung 5er Gesellschaft zu sprechen gedenke, so weiß ich wohl, daß ich an dieser Stelle, wo dem Einzelnen für den Umfang dessen, was er zu sagen wünscht, nur die engen Gränzen weniger Minutcu vergönnt seyn können, heule nur die Entwickelung dcS kirchlichen Lebens berühren darf. — Blicken wir unn zurück ans die kirchlichen Zustände der letzten fünfzig Jahre! O, ich will eS -nicht entrollen vor Ihrem Auge das endlose Verzeichnis aller Entbehrungen und Bedrängnisse, unter welchen das katholische Volk seine Kirche in dieser Zeit, namentlich seit dem unglückseligen Jahre der sogenannten Säkularisation und in immer steigendem Maaße seii jenem verhängnisvollen Tage seufzen sah, wo der unaufhaltsame Strom unheilvoller Ereignisse mit den Trümmern deK heiligen römischen Reiches deutscher Nation auch den letzten Rest kaiserlicher Schirmvogtei verschlungen hatte. Wahrlich, wir müssen es mit dankbarer Rührung als ein Wunder verehren, daß in Mille all' der unnennbaren Misere, die selbst das Salz der Erde zum guten Theile raub werden und so manches Licht unter den Scheffel sich verkriechen ließ, der Kern unseres wackeren katholischen Volkes gleichwohl noch so viele treue Anhänglichkeit an seine Kirche und seineu Glauben sich bewahrte. Aber, bei Gott, länger hätte dieß kirchliche Elend nicht währen dürfen, wenn die katholische Kirche aus Deutschland nicht gänzlich verschwinden, wenn nicht znlctzt auch im Volke katholischer Glaube, katholische Gesittung,, katholisches Bewußtseyn hätten abhanden komm n sollen. Ein lief inneres Weh lastete dumpf nnd fchwer auf den Herzen der schlichten Bürgers- und Landleute, als sie ihre lieben Klöster mit ihren Schulen und Armeu- und Krankenanstalten, ihre thenre Gna- denonc, Wallfahrten, Missionen unv alle die segenbringeudcn Institutionen ihrer Kirche, eine um die andere, sich genommen unv dagegen eine Generation veS Unglaubens und der Zuchllosigkeil wuchernd in die Höhe schießen sehen mußten, und das immer mehr zusammenschmelzende Hänflein der besseren Elemente der Gesellschaft seufzte in stiller Klage über die totale Verlassenheit unv Schutzlvsigkeit der allen äußeren unv inneren Angriffen Preis gegebenen Kirche. Glauben Sie nicht, meine hochansehnliche Versammlung, daß ich hier überireibe. Haben wir nicht in Mitte alle der Unfreiheit nnd Noth, womit die Kirche nach außen zu kämpfen hatte, Philosophie uud Geschichte, Natur- und StaaiSrecht, kurz alle Wissmschaften und selbst die Künste wider die Kirche alö ein Werk deS Aberglaubens und des Fanatismus verschworen im Bunde gesehen? Ist nicht, waS die Wissenschaft Glänzendes, was die Beredtsamkeit Verführerisches, was die Salyre Äetzenvcö, was die Einbildungskraft dcS Romanschreibers Schmutziges und Schamloses aufzubieten vermochte, gleichzeitig in Bewegung gesetzt worden, um den Glauben, die Silteulehre, die Verfassung, die Institutionen und die gcsammle Geschichte der Kirche Christi dem Hohngelächter ewiger Verachtung zn überantworten?—? — 351 Aber, meine hochverehrten Vereinsgenossen und Freunde, wie der Mensch glaubt, so lebt er auch; und die öffentliche Sitte ist nur das im Leben sich ausprägende Gewissen der Menschen, Hat man aus diesem Gewissen erst den Glauben an die gött- licke Autorität der Kirche ausgemerzt und für das sittliche Verhalten des Menschen dessen eigene Vernunft als alleinige Autorität proclamirt, so werden die Tage nicht ausbleiben, wo er auch für sein bürgerliches Verhalten keine höhere Autorität als diese nämliche Vernunft gelten lassen, keinen andern König als sie über sich wird anerkennen wollen. — (Beifall.) — Und wir haben sie eintreten gesehen diese Tage, haben den Geist der Verneinung sein letztes aber schauerliches Wort, sein wahres Losungswort: Anarchie! ansrnfen gehört. Doch mitten in die Nacht einer Alles bedeckenden Finsterniß sandte der allmächtige Gott einen Lichtstrahl seiner Barmherzigkeit; das Wehen seines heiligen Geistes zündete in Klerus und Volk, und durch alle Schichten der Gesellschaft begann es sich zu regen in mächtiger Glaubenssehusucht; alle Herzen wandten sich wieder nach dem Mittelpuncte des Glaubens unst der kirchlichen Einheit, nach Rom, und alle Blicke erhoben sich flehend zum Himmel, daß er dem versumpften Geschlechte wieder aufhelfen möge durch die Segnungen seiner heiligen Kirche Und — Bischöfe und Priester wetteifern in glaubenstreuer Hingebung an das katholische Volk, um zu retten, was noch erübrigt aus den Trümmern, und wieder neu zu schaffen, — wenn auch nur erst in den spärlichsten Anfängen —, was der verheerende Strom Alles mit sortgerissen und verschleudert hat. — Und sehen Sie, das ist am Ende die Bedeutung des heute obwaltenden Kampfes, oder wenn Sie wollen, der Kämpfe, deren hier Erwähnung geschehen, daß die Verwüstung und die Dürre eine bleibende, der Wiederaufbau und die Verjüngung nicht gestattet, oder doch eingeschränkt seyn soll. Werfen wir nun einen Blick auf die materielle Entwickelung in der genannten Zeit; wie hal seit fünfzig Jahren Alles um uns her sich veräudertl Der übermenschliche Aufschwung der Naturwissenschaften, Physik, Chemie, Mathematik, Mechanik, häuft Wunder auf Wnnder. Der schaffende Gedanke hat bewegende Kräfte und CommunicationS- mittel von bisher unerhörter Macht nnd Ausdehnung gefunden. Bald wird die ganze Welt nur mehr eine große Stadt, und ihre Quartiere nach den verschiedenen Meeren zu bezeichnen seyn, über welche man mit der Schnelligkeit deS Blitzes auf Feuerbrücken hinübereilt: die äußersten Enden des Erdballs sind wie die Vorstädte, und auch der bequemste Philister wird verhöhnt zu werden fürchten, entschließt er sich nicht, wenigstens einmal im Leben eine Reise um die Welt zu machen. Die Einen sehen mit Bangen und Schrecken auf eine so riesige Entwickelung menschlicher Kräfte, während die Anderen nicht müde werden, davon zn reden mit der ganzen Ueberschwä'nglichkclt des Entzückens. Die Einen wie die Andern haben Recht und Unrecht: es ist Alles zu hoffen uiw Alles zu fürchten; je nachdem der leitende Gedanke in aller der Kraftentwickeluug der höheren Richtung folgt, over aber der niedern, d. h. der Verherrlichung des Schöpfers, oder der menschlichen Jchheit; je nachdem es gilt, das Reich Gottes auf Erden zu erweitern, oder bloß die Herrschaft irdischer Gelüste und Begierlichkeiten. Daß in Mitte dieser allgemeinen Umwandlung die Kirche Christi unverändert bleibt sowohl in der Lehre, als in der Verfassung, die ihr gegeben ist von dem, der da war und ist und seyn wird, darüber ist, zumal unter uns, kein Zweifel: aber eS gilt, aus Lehre und Versassung der Kirche die wahre, sittliche Kraft zu schöpfen. Die Glaubenslehre der Kirche Christi ist das Schienengelcise, auf welchem die Menschheit sich zu bewegen hat; aus welchem sie nicht ausweichen darf ohne die Gefahr einer Katastrophe, die um so schneller und schrecklicher eintreten würde, je blschluinigter allerwärts die Bewegung ist. Alle Wissenschaften müssen hier, wie eben so viele Zweigbahnen, einmünden in die eine große Hauptbahn, die vom Menschen ausgehend zu Gott sich erhebt; dieweil alle sogenannte Wissenschaft, die nicht, ihrer Unvollkommenheit sich bewußt und demüthig zu Gott, dem höchsten Ziel und Ende alles Wissens, hinanführt, nur ein stolzes, unvollkommenes Wissens-Stückwerk ist; — 352 und was ist wunderbarer geeignet, die Menschheit umfaßt zu halten in allen Phasen ihrer Entwickelung, als die Verfassung der wahren Kirche Christi? Was ist eS, das uns vor Allem Noth thut zu sicherer Fahrt aus diesem Geleise? Ein Auge, hoch genüg gestellt, um dem unermeßlichen Zuge folgen, die Heizer, Maschinisten ic. überwachen, auf Verlachlässigungen, Versehen, Fehler und Gefahren aufmerksam und die aus der Richtung kommenden wieder einbiegen zu machen, Streitende aussöhnen zu können, u. s. w.: und dieß hochgestellte Auge, wir besitzen eS in dem Nachfolger dessen, an den die Verheißung des MenschensohneS ergangen: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen." Wir bedürfen anderer Augen, welche den verschiedenen Abtheilungen deS ZugeS vorstehen und das Wort deS obersten Lenkers wiederholend weiter geben: und diese Augen besitzen wir in unsern Bischöfen. Wir bedürfen aller der untergeordneten Zugbeamten bis zum Bahnwärter hinab, bedürfen Feldspitäler und Aerzte, Pfleger und Wärterinnen der Kranken und Verwundeten — an denen eS niemals sehlen wird —: und das find die Priester, Ordensleute und Klosterfrauen aller Art. Mit einem Worte, wir bedürfen der ganzen und vollen, freien, gesegneten Thätigkeit der Kirche, und, sehen Sie, meine hochverehrten Vcreinsgenossen und Freunde, der Kamps der weltlichen Gewalt gegen die Unabhängigkeit der Kirche dreht sich allüberall nur um die mangelnde Erkenntniß dieser Einen großen Wahrheit. Unsere Aufgabe nun dieser geistigen und materiellen Entwickelung gegenüber? O, die ist unS auf unserer vorjährigen Generalversammlung von dem hochwürdigsten Bischöfe von Münster, und in den Worten der Weihe, welche Se. sürsterzbischöfliche Gnaden, der hochwürdigste Oberhirt dieser Erzdiöcese, gestern Morgen zu uns gesprochen hat, so einfach und klar vorgezeichnet worden, daß eS genügt, an solche gute, getreue Gedanken zu erinnern. — Wir sollen für Eins fundamentiren helfen: den neuen Aufbmi der Gesellschaft und alle Bestrebungen fördern, welche auf Wiedergewinnung wahrhaft katholischer Lehranstalten, Universitäten, Akademien u. s. w. sich beziehen, und in Beförderung der Borromäus- und BonifaciuSvereine gut machen helfen, was durch schlechte Lectüre und unkirchlichen Unterricht verdorben worden ist. — Wir sollen zum Anderen helfen, durch Förderung der Wohlthätigkeitsvereine aller Art, namentlich der Vinccnz- und Elisabethenvereine, so wie insbesondere der uns gestern so warm an'S Herz gelegten Gesellenvereine, die kranken Zustände der Gesellschaft zu heilen. Wir sollen endlich fördern helfen ein wahrhaft inneres, durch Zucht und Gesittung sich glaubenstreu erweisendes, frommes GebetSleben im Geiste unserer heiligen Kirche. Soll eS besser werden, meine hochansehnliche Versammlung, soll es besser werden, so muß eS besser werden im Innern des Individuums; besser, christlicher, katholischer in den Herzen des Einzelgestellten, wie des Familienvaters, der Gemeindebürger wie der Staatsangehörigen, der Gehorchenden wie der Befehlenden. Die bessere Zeit, sie ist da, sobald die Menschen besser, kirchlicher geworden sind. Und unsere Fürsten, vielfach nur mißleitet von einer corrumpirten öffentlichen Meinung der sogenannten Auf- klärungSzeit, welcher alles christliche, insbesondere alles specifisch katholische Bewußtseyn abhanden gekommen war, sie werden, ist erst auf diese Weise die öffentliche Meinung corrigirt und sehen sie ihre katholischen Unterthanen, getragen von lebendigem, in Zucht und Gesittung sich aussprechenden katholischen Bewußtseyn, getragen von treuer, inniger Anhänglichkeit an ihre Kirche, bereit, Leib und Gut und alle ihre edelsten Kräfte einzusetzen für die Verherrlichung Gottes in seiner Kirche, sie werden dann, dessen bin ich fest überzeugt, sie werden den überall nur auf göttliche Anordnung beruhenden Forderungen unserer Bischöse gerne in allen Wegen gerecht werden. Berichtigung. Zu dn vorigen Nummer ist S. S4L. Z. 2. v. o. statt Christenschast zu lesen Priesterschast. Verautw-rtlichn Redacteur: L. Schöucheu. Verlag« - Inhaber: F. E. Kremer. Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Aygsburger PostMnng. 6. November M ^tS. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abouncmentsvrei« 4V kr., wofür e« durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kunn Hirtenbrief des Fürstbischofs von BreSlau. (Fortsetzung.) Aber wie heilsam eS ist, unser Auge vor den Gefahren nicht zu schließen, die uns umgeben und unsere Blicke nicht abzuwenden von den Heimsuchungen und Kämpfe», durch die wir nun einmal hindurch müsse», so geziemt es sich, auf die Hilfe Dessen zu hoffen, „welcher," wie der große BasiliuS sagt, „durch uns um so mehr wirk«, je fester wir auf Ihn bauen." Darum rufe ich mit dem heiligen Paulus nicht nur: Mir ist bange, sondern auch: ich verzage nicht. Ist eS denn mein Werk, das ich treibe; nicht Gottes Werk? Ist es denn meine Ehre, die ich suche; nicht Gottes Ehre? War eö denn mein Verlangen und Gelüsten, das mich nach der heißen brennenden Höhe hinan getrieben, von der ich heute zu Euch rede; nicht GotteS Ruf und Wille? Wohl ist meine Kraft schwach und hinfällig; aber wann hat der Herr ans Menschenkraft seine heilige Sache gebaut? Wohl ist mein Wissen arm und nichtig; aber wann hat der Herr seine ewige Wahrheit auf die künstlichen Gerüste menschlicher Weisheit gestützt? Wohl kann ich von mir nichts anderes bekennen, als daß ich ein unnützer Knecht bin und alles Ruhmes vor Gott ermangle; aber wann hat der Herr den Fortgang seines göttlichen Werkes an das Verdienst und die Vorzüge seiner Werkzeuge auf Erden gebunden? „Sehet nur auf euren Beruf," schreibt der heilige Paulus, „nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen: sondern was vor der Welt thöricht ist, hat Gott erwählt, niu die Weisen zu beschämen, und das Schwache vor der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zu beschäme», und das Geringe vor der Welt, und das Verachtete, und das, was nichts ist, hat Gott erwählt, um das, was stark ist, zu Nichte zu machen: damit kein Mensch sich vor Ihm rühme." Um nach diesen inhaltsreichen Worten des Apostels in dem Geiste unv der Weise eines andern apostolischen Mannes, des heiligen «ugustiu, weiter zu reden, so denkt Euch, daß Christus iu dem Augenblicke, da Er seine Lehre über die Welr auszubreiten gedachte, die Weisen des Heidenthums zn Rathe gezogen nnd ihnen gesagt hätte: Ihr wisset, wie die Welt Mich haßt, wie sie mein Evangelium verfolgt, wie sie gegen meine Gebote sich auflehnt. Dennoch will Ich meine Lehre herrschend machen unter den Menschen; bisher habe Ich sie nur im Iudenlanve verkündet, bald sollen sie alle Völker vernehmen; der ganze Ervboden soll sich beugen vordem Aergernisse des Kreuzes; das abgöttische Nein soll der Mittelpunct meiner Kirche werde»; seine Götzen sollen fallen, seine falschen Altäre in Trümmer sinken, wo jetzt die Cä- saren thronen, will ich den Sitz meines Stellvertreters ausrichten. Und dieß Alles will ich thun durch zwölf arme Fischer, welche die Welt nicht kennt und welche die Welt nicht kcttnen. Würden die heidnischen Weisen, fragt der heilige Augnstiu, einer solchen Sprache Glauben geschenkt, würden sie dieselbe nicht für thöricht und irrig gehalten haben? Und doch ist das eben das Wunder aller Wunder, das Wunder der 354 Verbreitung des Christenthums. Gotr hat die Wissenschaft der Welt dnrch die Einfalt deö Glaubens, die Macht der Welt durch die Schwachheit der Sanftmut!) und Geduld, die Hoheit der Welt durch die dunkle, verachtete Demuth überwunden; damit, „wer sich rühmt, sich in dem Herrn rühme," und Alle erkennen, „daß Christus uns worden ist zur Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung." Wird meine Schwachheit mich ängsten, wenn Christus meine Stärke ist? Wird meine Einfalt mich zaghaft machen, wenn Christus mejne Weisheit ist? Werde ich trostlos znrückbeben vor Leiden und Drangsalen, wenn hoch über allem Leid und aller Drangsal das Ziel winkt, dahin der Weg führt, den ich Euch vorangehen soll. Nein, meine Lieben, es tönt vielmehr belebend und ermmhigend das Wort in mein Herz, das der Herr einst durch den Mund des Jsaias gesprochen: „Fürchte dich nicht, denn Ich bin bei dir; weiche nicht, denn Ich bin dein Gott: Ich stärke dich nnd helfe dir, und die Rechte meines Gerechten hält dich." Darum rufeich mit dem Apostel: Ich verzage nicht. Oder hat der Herr sich nur an seinen Aposteln groß und herrlich bezeugt und haben mit ihnen die Wunder seiner Gnade in der Kirche ausgehört? Blicket, ich bitte Euch, in den weiteren Verlauf ihrer Geschichte und hört was Tertullian sagt, der sich am Ende des zweiten Jahrhunderts zum Christenthum bekehrte: Wir „sind von gestern" schreibt er in seiner Apologie, „nnd schon erfüllen wir AlleS: Eure Städte, Inseln, Burgen, eure Frciorte, Versammlungen, Feldlager, eure Tnbus und Dekurien, den kaiserlichen Palast, den Senat, das Forum; nur eure Tempel besuchen wir nicht. Das Blut der Märtyrer" — sagt er weiter — „ist der Samen der Christen. Je öfter man unö, gleich einer Ernte, abschneidet, desto mehr nehmen wir zu?" Betrachtet sodann den Weg der Kirche in spätern Jahrhunderlen. Immer leiden, immer kämpfen und immer siegen — ist ihr LooS. „So lange sie hier in der Fremde wandelt," spricht der heilige Augustin, „geht ihre Laufbahn stets zwischen den Verfolgungen der Welt auf der einen und deu Tröstungen Gottes auf der andern Seile dnrch alle Zeilfolgen bis an das Ende der Welt." Ruhen äußere Verfolgungen, so drohen ihr größere Gefahren durch innere Erschütterungen. Hat sie nicht an Aergernisse» zu leiden, so dringen die Pfeile des Unglaubens auf sie ein. Erhebt der Hochmuth falscher Wissen, schafr sich nicht wiver sie, so muß sie um ihre äußersten Lebensrechte streiten. Sie ist im Kampfe alt worden, aber das Alter hat sie nicht schwach gemacht. Ihr Angesicht ist mit Narben bedeckt, aber die Narben haben ihre Würde erhöht. Sie ist ihrer Reichthümer beranbt worden und die Armen weinen darum, sie selbst aber fühlt sich noch eben so reich als in den Tagen ihres Besitzes. Ihr Glanz ist verdunkelt, ihr Einfluß geschmälert, ihre Wirksamkeit durch künstliche Schranken beengt worden, und das hat die Folgen gehabt, an denen wir jetzt leiden; sie selbst aber segnet fort, wie sie kann und schaffet Heil überall, wo' sie Herzen dafür findet. Ihr sichtbares Oberhaupt ist mehr als einmal ans seinem rechtmäßigen Erbe vertrieben, aber seine Vaterstimme aus der Verbannung mit derselben Ehrfurcht gehört worden, als von den Hohen des Vatikans. Nicht Foltern, nicht Scheiterhaufen, nicht wilde Thiere allein, auch Philosophen, Redner, Dichter, Politiker haben sie zu überwinden gesucht, aber sie sind abgetreten von ihrem Schauplatze und die Kirche ist geblieben. Ihr Ende ist verkündet, ihr Grabgeläutc angestimmt, ihre letzte Slunde mit Zuversicht erwartet worden, aber sie überleb! alle ihre Feinde. Viele kräftige Staaiskörper, viele mächtige Regentenhäuser, viele blühende Völker und Nationen sind an ihr vorübergegangen; sie aber steht noch eben so kräftig und fruchtbar da, als in den Zeiten ihrer Jugend und nach achtzehn Jahrhuuderlen zeigt sie uns noch dasselbe ruhige erhabene Antlitz, in dessen Augen wir wohl Thränen sehen können über die Verblendung der Menschen, aber keine Furcht vor den Gewalten der Welt. In dieser Kirche Dienste stehe ich, für dieser Kirche Sache arbeite ich, dieser Kirche Bischof zu seyn in Eurer Mitte bln ich berufen: werde ich bangen, wenn die Wolken trübe und drohend um mein Haupt sich sammeln? Und gälte es in solcher Aufgabe daS Leben einzusetzen: „Wer sein Leben also verliert, der wird gewinnen" — spricht der Herr, darum wiederhole ich des Apostels Wort: Ich verzage nicht. 365 Und fehlen etwa in der Gegenwart die Zeichen und Wunder, durch welche sich der Herr verherrlichet an seiner heiligen Sache? Geliebte Mitpriester und Diöcesanen! denkt an den Zustand der Kirche vor wenigen Jahrzehnten und Ihr müsset gestehen: die Ketzerei unserer Zeit, der Irrthum unseres Jahrhunderts, die heillose Vermischung der Wahrheit und der Lüge, mit einem Worte, der Jndisferentismns, welcher hinter dem schönen Namen christlicher Duldsamkeil die allerkläglichste Gleichgiltigkeit gegen die Religion verbirgt und zu dem sichern Tode alles Glaubens und alles Cultes führt, hatte sein Sumpfwasser auch über unsere Provinz ausgegossen und frisches kirchliches Leben gelähmt. Alles, Erziehung und Unterricht, Beispiel und Presse, Katheder uud Kanzeln arbeiteten dafür. Bereits galt die Kirche für ganze Schichten und Stande der Gesellschaft nur noch als eine Anstalt, die man eben duldete, gewisse Bräuche eines ehrwürdigen christlichen Herkommens durch sie abthun zu lassen; als eine Administration für pomphafte Leichenbegängnisse uud Feierlichkeiten; als eine erkäusliche Dieiurin, die gegen baare Erkenntlichkeit Allen zu Dienst sey, während sie jede Aeußerung der Selbstständigkett und des eigenen Lebens als ein Verbrechen gegen die allgemeine Ordnung' büßen mußte. Schon sollte die letzte Hand an das Werk gelegt werde«, da sprach der Allmächtige sein: bis Hieher und nicht weiter! Und siehe, in der Zeit allgemeiner Verwirrung und Auflösung erhob die Braut Christi ruhig ihr Haupt, sammelte ihre Kinder um ihre Fahne, das Kreuz; wieß Blicke und Herzeu ihrer Gläubigen aus dem Meere der Vereitlung und sinnlichen Betäubung zum Himmel hinauf; rief ihre Bischöse zur Berathung dessen, was Noth thut, nach Würzburg und Wien; erkrästigte ihre Priester in dem geistigen Bade heiliger Uebungen uud gemeinsamer Andachten; entsendete ihre Missionäre durch die Länder und stiftete zahlreiche Congreganonen, die, wie durch ein Wunder erzeugt, den Heldenmull) deS Glaubens in die erschlafften Herzen zurückriefen. Man haßt sie, aber nur darum, weil man sie nicht gering achten kann. Man verfolgt sie, aber nur darum, weil man sie fürchten muß. Mau verleumdet sie, aber nur darum, weil man sie nicht zu besiegen vermag. Man bekämpft sie in dem alten Geiste, der bequeme Vorurthcile nie verlernt und unbequeme Wahrheiten nie erlernt und dem alle, auch die abgebrauchtesten Waffen, recht sind. Man tadelt ihre Einrichtungen, Uebungen und Gesetze und ahmt sie doch nach. Und siehe, mitten in diesen Erscheinungen erhebt eine geläuterte Wissenschaft ihre Stimme für die verkannte Krcuzträgerin; ersteht eine christliche Kunst, würdig der Zeiten ihrer reinsten Blüthe; offenbart sich eine Frömmigkeit, die nie aufrichtiger war, weil sie nie mehr versucht wurde, zeigt sich von vielen Seiten ein Opfersinn, der, weil er über der Welt seinen Quell hat, von den Täuschungen der Welt nicht erreicht und'irre geführt wird; trennen sich endlich die Gegensätze in der Gesellschaft, uud während der eine Theil in der Verbleudung des HochmulheS und der Sinnlichkeit alle irdischen Mittel in Anspruch nimmt, alle irdischen Besitzthümer an sich reißt, alle irdische Macht zu Hilfe ruft, zieht sich der andere demüthig zurück in daS geistige Gebier des Glaubens und sammelt sich um die verlassenen Altäre seiner Väter. Die Zeit naht schnellen Schrittes, da Alle sich entscheiden müssen, für oder wider Christum, für oder wider seine Kirche und der lang bereitete, lang geahnte, kaum mehr abzuwendende Kampf beginnt, aus welchem eine neue Periode in der Weltgeschichte sich entwickeln wird. Ich weiß eS, dieser Kampf wird schwer, wird gewaltig seyn — eine Bußtaufe vielleicht für die Sünden unserer Väter und für die eigenen Sünden; aber ich weiß auch, daß das letzte Ziel der göttlichen Weltregierung bei.Allem, was ge-- schieht, die Verherrlichung der Kirche ist, und daß der Herr jetzt, wie einst sich „seine siebenlausend Mann übrig läßt, die ihre Kniee vor dem Baal nicht gebeugt haben uud beugen werden.« Darum ergreife ich mit christlichem Muthe meinen Hirtenstab und setze ihn ans den Fels, der da ist Christus, und bin deß getrost und sicher, daß dieser Grund nicht weicht und wankt und rufe mit dem Apostel: Ich verzage nicht! Ja, geliebte Priester und Diöcesancn! die Zeit ist drohend und schwere Wetter« Wolken lagern ringsumher, so daß mit ernstem und besonnenem Sinn Niemand ohne Bangen in die kommenden Tage blicken kann. Aber die Zeit ist auch reich an Zeichen, 356 die recht augenfällig verkünden, daß „Der, dem alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden," und Der da „herrschen mnß, bis Er'alle seine Feinde unter seine Füße lege," über seiner Kirche wacht und über ihren Getreuen; und daß es ein wahres und wahrhaftiges Wort ist, das der heilige Augnstin gesprochen: „die Welt ist einmal Christo nnterworfen, aber nicht durch vaS Eisen, sondern durch das Wort und das Kreuz." Wollt ihr nun bestehen in dieser Zeit und dem Kampfe, durch den sie Euch fuhrt, so weiß ich Euch eine bessere Mahnung'nicht zu geben als, welche die Kirche Euch täglich von ihren Altären zuruft: Sursum vor6»! Auswärts die Herzen! Immer ist sie das LoosungSwort der Christen gewesen auf dem Wege durch die Wüste in das gelobte Land; wann sollte sie es mehr seyn als in einer Zeit, in welcher Alles daran arbeitet, die Blicke und Herzen der Sterblichen niederzuziehen in den Ltaub der Erde. Auswärts die Herzen! r.ufe ich Euch darum zu, Ihr Priester, die Ihr nicht nur selbst den Weg wandeln sollt, der auS der Tiefe in die Höhe geht, die Ihr berufen seyd, ihn auch Andere zn fuhren. Denn Ihr liabr eS auf Euch genommen: das Werk eines Gottes auf Erden fortzusetzen; das Kreuz Christi eben so durch Euer Leben als dnrch Euer Wort leuchten zn machen und unter dem doppelten Einfluß einer göttlichen Gnade und einer heiligen Wissenschaft den Tcmpelbau deS Allerhöchsten in der Menschheit herzurichten. Ihr habr eS auf Euch genommen: selbst schwach,- allcn Schwächen zu entsagen; im Fleische geboren, ein geistiges Leben zu fuhren; dem schwersten Gerichte unterworfen, Andere im Namen GotteS zu richten und zu binden und zn lösen. Ihr habt es auf Euch genommen: von Leidenschaften ringS umgeben, keine Leidenschaft zu theilen und vom Unglaube» verspottet, vom Hochmuth verachtet, von der Unduldsamkeit verfolgt, der Welt daö Vorbild eines Gerechten zu zeigen, d?r das Gute thur, daö Böse hindert, die Beleidigungen verzeiht, die Bedrückten erleichtert, die Bekümmerten lröst/t, die Schwachen stützt, die Sünder bekehrt. Welch eine Aufgabe! Dreimal Heil Allen, die sie vollbringen. Dreimal Wehe Allen, die Andern, statt znr Erhebung, zum Falle werden. Darum hinweg auS dem Heiligthume mit allem Aergernisse, mit aller Selbstsucht, mit allem eitlen und halben Wesen. Gott allein und seiner heiligen Sache gehöre Eure Liebe, Eure Kraft, Euer Leben. Aufwärts die Herzen! rnse ich Dir zu, Adel von Schlesien: denn Dein Beruf ist eö, Dich zu schaaren — wie um den Thron, so um den Altar; zu stehen eine feste Mauer um Beide, und zn leuchten ein undurchdringlicher Schild der Gerechtigkeit nnd Treue. Nuu sehe ich wohl, wie Du Dich sammelst und drängest um Deinen Kaiser und Herrn, und ich preise Gott dafür; aber stehest Du eben so treu und eifiig zu dem Oberhaupte Deiner Kirche? Ich finde Deine Sohne wohl in den Reihen des HecrcS, und mein Herz freut sich daran; aber darf ich sie auch suchen unter den Dienerndes AllarS? Du schaffst und sorgst viel und emsig um das Wachsthum eines irdischen Reiches, aber bist Du mich eben so lhätig für die Zunahme des Reiches Jesu Christi? Blicke zurück in die Geschichte unserer Diöcese: wie viele edle Kirchcn- sürsten, wie viele fromme Priester sind anS Deinen alten Stämmen hervorgegangen. Schaue hinaus auf die vaterländischen Fluren und siehe die Thürme der Gotteshäuser auS den Flecken und Dörfern sich erheben, Deine Urväter haben sie gebaut zur Ehre des Herrn. Noch ist daö Land auf den Höhen und in den Tiefen bedeckt mit den Denkmalen ihrer Frömmigkeit. Welteiferst Dn mit Deinen Ahnen? Ach, wir dürfen und können eS uns nicht verbergen, wie, als die Apostel deö Unglaubens den sieben-- armigcn Leuchter im Heiliglhume zerbrochen und an seine Stelle die Grubenlampe ihrer eigenen befangenen Vernunft gestellt, ihr falscher Schimmer zuerst in die Höben der Gesellschaft drang und bort Augen und Herzen verblendete, daß sie nicht mehr schauten daS helle Licht des Evangeliums Jesu Christi. Erst von dort senkte sich der verlockende Glanz in die Tiefen und dörrte die einst so fruchtbaren Thäler aus zu den öven Steppen und wafserloscn Wüsteneien. Jetzt, mit Dank zn Gott sey eS bekannt, jetzt wird eS' wieder, rein und klar auf den Berggipfeln und die Sterne des Himmels werden von Neuem sichtbar. Gibt cö nun wohl eintheiligere Pflicht für die Bewohner t 357 ver Höhen, als, so viel an ihnen liegt, die Leuchte des Glaubens in die Tiefen tragen und ihr HeiiSlicht ausbreiten zu helfen durch Beispiel und alle auch noch so schweren Opfer? Aufwärts die Herzen! Ihr Träger der Wissenschaft, ihr Lehrer des Volkes! eine falsche Wissenschaft ist eS gewesen, eine Wissenschaft ohne Gott und ohne Kirche, welche in Millionen Gemüthern daS Christenthum zerstört, die Tugend des Herzens vernichtet und Alles den Vergnügungen der Sinne, deS Gedächtnisses und deö Geistes geopfert hat. Eine rechte, eine vom Geiste Gottes geweihele Wissenschaft muß den Tempel deS Glaubens, der Tugend, der Ordnung wiever herstellen helfen. Man hat unser Jahrhundert das lichtvolle genannt, und wahr ist: es hat den Kreis menschlicher Kenntnisse erweitert; es hat die Natur in ihren geheimnißvollen Werkstätten belauscht; eö hat auf Alles, was sichtbar ist, seine Forschungen ausgedehnt. Aber cS hat über ven Forschungen in dem Sichtbaren den Blick für die Gestalten deS Himmels verloren; eS hat über den Erfindungen, mit denen eö das Erdenleben verschönert, die Tugenden vcS HerzenS verlernt; eS hat über den Eroberungen in der Zeit und für die Zeit die Güter der Ewigkeit eingebüßt. Und doch eilt das Leben i ren ernsten Entscheidungen entgegen mit jedem Augenblicke, und kein Strahl all Eures gerühmten Wissens vermag die Nacht deS Grabes zu erhellen und in einer Welt der Unsterblichkeit — der Tugend ihren Lohn, der Sünde ihre Strafe, der heißen Sehnsucht deS menschlichen HerzenS das würdige Ziel nachzuweisen, ohne welches unser Leben zum schauerlichen Räthsel wird. Darum suchet unv forschet, aber an der Hand der Kirche und ihres göttlich verbürgten Glaubens: nur wo Glauben und Wissen sich durchdringen, erwächst die wahre Weisheit; denn die Religion ist, wie der ehrwürdige Bako sagt, „das Aroma, ohne welches die Wissenschaft faul ist." Aufwärts die Herzen! Ihr Beamteten, Ihr Wohlhabenden, Ihr Satten! Vergesset nicht, daß Euer irdisches Tagwerk Euch eine Schule für den Himmel, daß Euer vergänglicher Besitz Euch Mittel seyn soll zur Erreichung bleibender Güter, daß Eure Ehre vor den Menschen keinen Werth hat ohne Tugend, daß Ihr zu GotteS Hauöhällern auf Erden berufen seyd. Hinweg mit dem alten Liede, das lange genug gesungen worden ist: „Die Religion ist gut für die Weiber, für die Kinder, für die Armen an Geist und Gut, die in ihrer Verlassenheit nach einer Stütze verlangen. Die Uebungen der Andacht, der Empfang der Sakramente, die Heilighaltung deS Sonntags, die Gebete der Kirche sind Gängelbänder für die Massen." Ihr zerstört vamit Euer eigenes Heil und daö Heil deS Volkes. Ihr untergrabt damit den Grund der Gesetze und öffnet jeder Zügcllosigleii die Thore. Ihr werdet dadurch Empörer der allcrschlechtesten Art. Denn Euer Beispiel baut den Glauben auf oder zerstört ihn. Euer Vorbild lehrt Gehorsam oder Auflehnung. Euer Weg wird die Richtschnur für Viele. Eure Liebe und Demulh r ersöhnt die Unterschiede in der Gesellschaft, unv Euer Stolz und Eure Härte höhlt die Tiefen auö, welche die Herzen trennen und verbittern. Glaubt eS und zweifelt nicht, der CommuuiSmuö ist nicht todt, der eigentliche Grund seiner Bewegungen ist unberührt geblieben, weil keine äußere Gewalt «siruudsätze tödlel und lövten kann/ Davon, wie Ihr die Kirche ehrt, wie Ihr mit der Kirche wirkt, wie Ihr die Kirche ihre Segnungen entfalten lasset, wird eS abhängen, ob wir auf dem unterwühlten Boden, aus dem wir stehen, noch etwas zu hoffen oder Alles zu fürchten haben. Aufwärts die Herzen! Ihr Handwerker und Landbebauer! Die Zeit ist noch nicht so lang her, da Einfalt des Glaubens und kindliche Frömmigkeit das kostbare krblheil Eures Standes waren, da auch unter der Last der Mühen Euer Blick nach Oben ging, und das schweißbcdcckte Angesicht den Stempel Eurer Gottberusen- heit trug. l^aS war die Zeü: da Ihr sechs Tage der Arbeit und den siebenten Gott gabt, da Eure Werkstätten wiederhallten von frommen Liedern; da Eure Aecker Zeugen deS Gebetes waren, mit welchem Ihr den Samen ausstreutet und die Gaben sammeltet; da Meister und Gesell eine Familie bildeten, und Arbeit, Gottesdienst und Erholung theilten; da der Bauer seinen Knecht nicht nur fragte- hast du einen starken 388 Arm? sondern auch: hast du ein gotteöfürchtigeS Herz? Damal hatte das Handwerk einen goldenen Boden, und der Acker war die Brodkammcr, ans welcher die Väter sich gesättigt hatten und welche auf Kind und KindeSkinder sich vererbte. Ist eS besser mit Euch worden und seyd Ihr glücklicher, seit die Einfalt dcS Glaubens und der Sitten aus Eurer Mitte entschwunden und oaö neue Losungswort: Licht, Freiheit und Gleichheit in Eure Hütten und Herzen gedrungen ist? seil der Spott wider das Heilige und der Fluch in Euren Werkstätten widertönen? feit Ihr ohne Aufblick zu Gott Eure Saat bestellt und Eure Ernten heimfuhrt? seit der Meister seine Gehilfen wohl fragt: wie arbeitest, aber nicht: wie lebst dn? seit der Landmauu seinen Knecht wohl auf den Acker, aber nicht in die Kirche schickt? Sehet, die Treue ist geschwunden auS dem Verkehre, und mit ihr Vertrauen und Verlaß, und der Friede ist geschwunden aus den Herzen und mit ihm Harmlosigkeit und Freude; und die Nüchternheit ist geschwunden. auS dem Leben, uud mit ihr Kraft und Wohlthätigkeit. Darum kehret um auf die verlassenen Pfaoe der Frömmigkeit, und achtet auf Diejenigen auS Eurer Mitte, deren Beispiel Euch au die Väter erinnert, welche der Kirche Stolz und des Landes Mark waren. (Schluß folgt,) Nordamerika. Die Nuudreife des apostolischen Nuntius, Erzbischofs Mous. Bedini, während der Monate August und September in den »vrdamerikanischcn Btsitzungen Großbritanniens hat der Bevölkerung Kanadas zu den freudigsten, vom wärmsten GlaubcnSciscr erfüllte» Demonstrationen Anlaß gegeben. Aller Orten wurde der Rcpräsculant des heuigen VatcrS mit ehrfurchtsvoller und doch enthusiastischer Zuvorkommenheit empfangen unv die Blätter „Montreals", „Q-mbecö" ?c., füllen ihre Spalten mit Schilderungen dieser EmpfaugSfeicrlichkeilcn So waren in Quebec, bei dem ersten Lever deö Kirchensürstcn, der bei diesem Anlasse nebst dem reich in Diamanten gefaßten Kreuze - eine österreichische Ordensdekoration trug, die vornehmsten Prälaten Kanadas, zu denen sich der hochwürdigste Erzbischof von New-York, Monsignor Huzhö, gesellt halte und die Notabilitäten der Stavt anwesend. Monsignor Bedini sagte bei diesem Anlasse, daß er sich durch den Empfang, der ihm in Quebec zu Theil geworden, ungemein geschmeichelt fühle, daß er innigst gerührt sey, in einer so großen Entfernung jenseits der Meere ein so wahrhast katholisches Volk und so wahrhaft katholische Gesittung zu fittdeu; es gereiche ihm zu großer Freudigkeit und wahrhaftem Troste, die angesehensten Bürger der Stadt versammelt zu sehen und ihnen ausdrücken zu können, wie dankbar er für die ihm erwiesene Aufmerksamkeit sey; eS mache ihn gewissermaßen stolz, der erste Repräsentant deö heilige» Stuhles zu seyn, der je Kanada besucht habe und nie werde er das daselbst Beobachtete vergessen können; eS sey ihm ein sicheres Unterpfand, daß die Kanadier sich stets der Justiintionen würdig erweisen würden, aus denen ihr Glück beruhe. Nachdem der hochwürdigste Erzbischos von Quebec in entsprechender Weise geantwortet halte, knieete die Versammlung nieder, um den apostolischen Segen zu empfangen. In der Entgegnung auf die Ansprache des Herrn Eauchon, eines Journalisten, der im Namen der Katholiken Quebecs daö Wort ergriff, um den freudigen, durch die Anwesenheit eines Repräsentanten deS heiligen Vaters hcivorgerufcnen Empfindungen den gebührenden Ausdruck zu verleihe» und einiger Spaltungen zu erwähnen, die sich in jüngster Zeit im Schooße der verschiedenen Eonfessionen angehörenden Bevölkerung ergeben halten, bemerkte der Kirchenfürst, daß Katholiken in socialen Beziehungen eS ihren Brüdern an Duldung unv christlicher Liebe stets zuvor thun müßten, um sie so möglicherweise wieder leichter in den Schooß der heiligen Kirche zurückzuführen. Im Dogma aber sey die Kirche intolerant und werde es stets seyn. Ihre 359 Lehre habe sich in allen Zeitaltern bewährt. Die Anhänglichkeit eines Repräsentanten der Presse an den heiligen Stuhl sey anerkennenswert!). Die Presse sey ein mächtiger Hebel und könne unter gehöriger Leitung des Guten Vieles stiften. In gleicher Weise wurde die Anwesenheit deS hochwürdigsten Prälaten in Montreal gefeiert; die katholische Bevölkerung daselbst überreichte ihm unter anderm eine Adresse, in der sie ihre Anhänglichkeit an die Kirche im Allgemeinen und ihre warme Anerkennung der großen Verdienste des päpstlichen Nuntius insbesondere auSsprach. Ju dem Dorfe Lougueuil, wo die Anwesenheit deS Monsignor Bedini einem jungen Mädchen Anlaß zur Rückkehr in den Schooß der katholischen Kirche gab, hatte Dr. Davignon, Maire des Ortes, nachstehende Ansprache an den Repräsentanten deS heiligen Vaters gerichtet: „An Se. Erc. Monsignor Gaetano Bedini, Erzbischof von Theben, apostolischen Nuntius in Brasiliien, außerordentlichen Gesandten an die Regierung der Vereinigten Staaten :c. ?c. :c. Monsignor! Die Kunde JhreS Besuches hat uns mit der Empfindung wahrhaft en Glückes erfüllt. Wir sind stolz darauf, den ersten Gesandten Seiner Heiligkeit, der je Kanada besucht hat, einige Augenblicke lang in unserer Mitte zu besitzen. Wir bringen Ihnen dafür unsern aufrichtigsten Dank dar uad betrachten den heutigen Tag als einen der glücklichsten, den nnS die göttliche Vorsehung jemals gewährt hat. Ihr Besuch ist uns eine verjüngende Quelle, in welcher unsere unverletzliche Anhänglichkeit an den Glauben, den wir als das kostbarste Erbtheil unserer Väter bewahren, nenervingS erstarken wird. Indem wir Ihnen unsere Ehrfurcht bezeugen, glauben wir fast, sie Sr. Heiligkeit selbst kund zu geben. Wenn Sie nach Erfüllung der hohen Mission, der wir die Ehre Ihres Besuches verdanken, zu Sr, Heiligkeit zurückkehren,-so sagen Sie dem heiligen Vater gütigst, Sie hätten in Kanada eine kleine, in Mitte der Wälder fast Verlorne, aber ihm sehr ergebene Schaar seiner zahlreichen Kinoer gesehen. Diese Kinder hatten Theilnahme für die Schmerzen, mit denen die jüngsten Jahre ihn überhäuften, sie haben heiße Gebete für ihn zum Allmächtigen emporgescndet, und obwohl daS Unwetter noch zu drohen scheint, so haben sie doch die feste Zuversicht, ihu glorreich aus dem Kampfe hervorgehen zu sehen. Oft schon ist das Schifflein Petri vom Slurme hin und her geworfen worden und stets ist es neu gestärkt und gewissermaßen verjüngt aus dem Sturme hervorgegangen; das Ungewilter ist sein Element; der, welcher es steuert, vermag den Winden zu befehlen, daß sie ruhen, sobald es Zeit ist; demnach haben wir nichts zu fürchten, denn wir wissen, daß der Fels unerschütterlich ist, auf welchem die ewige Stadt ruht und daß alle Hindernisse jederzeit an ihm zerschellen werden. Bei der Trennung von Ihnen wünschen wir, daß der Himmel Ihnen eine glückliche Rückkehr verleihe, daß er Ihre edle Mission znr Verherrlichung der Religion und zum Wohle der Völker seguen möge." In der Entgegnung auf diese Adresse bemerkte der päpstliche Nuntius, wie tief er es empfinde, in so feierlicher Weise empfangen worden zu seyn, wie sehr er wünsche, den heiligen Vater baldigst von den so entsprechen» ausgedrückten Gefühlen der Bevölkerung LvngueuilS in Kenntniß setzen zu können; es seyen diese Gefühle ein Beweis mehr für den ausgezeichnet katholischen Charakter der Kanadischen Bevölkerung. So wie in den genannten Orten, so hatten auch in Saint Vincent dc Paul, iu Sault au Röcolet, Sault Saint Louis und Bytown die Municipalitäten sowohl, als die von ihnen repräseniirten Bevölkerungen das Aeußerste gethan, um den Nuntius mit ehrenden Demonstrationen aller Art aufS Feierlichste zu empfangen. Eben so war zu gleichem Zwecke in Saint-Hyacinthe Alles aufgeboten worden. Aus dem Wege, den Monsignor Bedini von der Eisenbahn, wo ihn die geistlichen und weltlichen Würdenträger des OrteS empfangen hatten, bis zur Kirche zurücklegen mußte, kniete eine unabsehbare Menge Landvolkes, um den apostolischen Segen zu empfangen. 360 Das neue Kollegium deS OrteS sollte an diesem Tage (8. September) inaugun'rt und drei Geistlichen die priesterliche Weihe ertheilt werden. Alle D'öcesen Kanadas waren bei der Ertheilnng, die Se. Erc. der Herr NnntinS selbst vornahm, repräsentirt, und nie zuvor hatte man je Gelegenbeir gehabt, in Kanada eine so große Anzahl von Priestern vereinigt zu sehen. Nachdem der hochwiirdigstc Bischof von Samt Hyacinthe die hohe Bedeutung des TageS in würdevoller Weise beleuchtet und den NnntinS um den apostolischen Segen für die Diöcese und das gesammte Kanada gebeten hatte, entgegnete dieser unter anderm Folgendes: „Ich kann Euch sagen, geliebte Brüder, daß Euer Land, nach dem. was ich in Kanada gesehen, kein anderes Land aus Erden zu beneiden nöthig hat, und ich finde keine Worte, um die Freude auszudrücken, die mir ein so wohlwollender Empfang in solcher Ferne von meinem Vaterlande verursacht. Deutlich ist hieraus ersichtlich, daß Ihr den eigentlichen Geist des Katholicismus begriffen habt, veralte seine Angehörigen in Banden vereint, welche die Entfernung weder zu zerreißen, noch zu schwächen vermag. Trennt uuS die Entfernung, so sind wir doch durch Gemü h und Gesinnung vereinigt. Eure Ehrfurcht vor den Autoritäten der Kirche ist serner ein Beweis, daß Ihr Eure Gedanken und Eure Anhänglichkeit aus das eigentliche Centrum deS Glaubens nnd wahren Glückes zu übertrage» versteht. Ich weiß Euch Dank für den vorzugsweise katholischen Geist, der euch hier vereint. Wie glücklich wird der heil. Vater seyn, wenn er Eure Anhänglichkeil für ihn und die katholische Einheit erfährt! Nie werde ich meiue Reise durch Kanada vergessen. So unwürdig ich auch bin, Seine Heiligkeit hier zn repräsentiren, so hat man doch in allen Gegenden des Landes ge- weitcifert, mich mit Eifer und Ehrfurcht zn empfangen. Ueberall habe ich Eure Bevölkerung, Euern Klerus, Eure Kinder, Eure anerkennenswerthen zahlreichen Institute für Erziehung und Wohlthätigkeit gesegnet." Eine Rede deS hochwürdigen Vorstandes deö neue» Collegiums, des Herrn Raymond, wurde von Monsignor Bedini mit wahrhast apostolischer Bereotsamkeit dahin erwiedert, daß jede sociale Ordnung ihren Ursprung einzig und allein in religiösen Ideen habe, daß daS Glück der einzelnen Individuen wie das der Völker von Goti komme, daß jeder Versuch, diese ewigen Gesetze der menschlichen Gesellschaften.umzustürzen, nnr zur Anarchie, zum Elend, zur Entwürdigung führen müsse; aller Fortschritt sey in Gott nnd ohne ihn kehre man zur Barbarei zurück. Der Maire des Ortes überreichte Sr. Erc. eine Adresse, die in gleich erhebender Weise erwiedert wurde. Se. Erc. brachten einige Tage in Sainr Hyacinthe zu, um sich sodann über Porlland und Boston nach New-Aork zu begeben. T r i e n t. Trient, 2V. Okt. Gegen Ende vorigen Monats kam der edle Priester, Don Nicolo Olivieri, von Genua nach Trient, und ließ bei den hiesigen Nonnen zwei Neger-Mädchen zur Erziehung zurück. Er hatte sie auf den, Sclavenmarkte zu Cairo gekauft nnd ihnen die Freiheit geschenkt; und da er dann, für ihre Unterbringung und Erziehung besorgt, bei der Nächstenliebe anklopfte, nm einen passenden Ort für sie zu finden, wurde ihm in Tri»nt willig aufgethan. Von der Herkunst dieser Mädchen wußte der edle Mann weiter nichts, alö daß Beide in einem Alter von beiläufig acht Jahren stehen, und aus den» Innern Afrikas auf deu Sclavenmarkt zu Cairo gebracht worden seyen. Das eine derselben heißt Ahua, das andere Assa; beide sind schwarz und ächte Kinder des noch nncivilisitten Afrikas, wie manche Züge in ihrem Benehmen sattsam darthun. (Kath. Bl, a. Tirol.) Verantwortlicher Redacteur: L Schönchen. Verlags-Inhaber: F. E. Kremer. Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. l3. November ^t«. 1853, Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Tonntage. Der lialbjährlge Abovvementsprei» 4tt kr., wofür «« durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kaun B r e s e i a. BreScia, 30. Oct. Der hochwürdigfte Herr Bischof von BreScia hat nach semer Rückkehr aus Rom einen Hirtenbrief an den KleruS und die Bevölkerung seiner Diöcese gerichtet, dem wir nachstehende Stellen entnehmen: . . , Unser Herz überfluthete von freudigen Gefühlen, als wir, Geliebteste, mit unserer auch eure Huldigung und die Betheucrungen unserer gemeinsamen kindlichen Ergebenheit und herzlichen Anhänglichkeit an den Mittelpunct der katholischen Einheit zu den Füßen des Stellvertreters Jesu Christi niederlegten. Auf diesem Bande der Einigkeit, Geliebteste, beruht die Hoffnung des Heües für Hirten und Heerde, da die Kirche Christi, von der das Heil erhofft werden kann, auf diesem Fundament begründet ist; ibr göttlicher Gründer sagte: auf diesen Fels werde ich meine Kirche bauen. Darum ist auch jede andere Gesellschaft, die nicht durch dieses Band zusammengehalten wird, eine Vereinigung voll Irrthümer, und alle Kirchen, die nicht auf der Basis deS Glaubens Petri aufgeführt sind, sind Tabernakel der Sünder. Geliebteste, wir werden in diesen trüben Zeiten nie aufhören, euch diese Wahrheit zu wiederholen, in diesen Zeiten, in welchen die Hölle mit allen ihren Ränken und Fallstricken dieses Band zu schwächen und zu sprengen sich bemüht, indem sie sich für sicher hält, eine Nation zu überwältigen und über sie zu triumphiren, sobald sie dieselbe vom Centrum der katholischen Einheit losgerissen hat. Geliebteste! Wer hätte wohl je geglaubt, daß Zeiten kommen werden, in denen die Hirten unserer Kirchen sorgsam und eifrig darüber wachen werden müssen, daß nicht der Glaube aus den Herzen der Gläubigen gerissen, daß nicht die Sohne der Kirche entfremdet werden, die von ihr nur Beweise der zärtlichsten Mutterliebe erhalten haben? Wahrlich, nie hätten wir auch nur zu argwohnen vermocht, daß sich solches in unserm so frommen Italien ergeben könnte, dessen schönster Schmuck und kostbarstes Erbtheil der katholische Glaube ist. Das aber, dessen Eintreten man mit Hilfe der göttlichen Güte nie erwartet hätte, ist, weil Gott eS so zuließ, eingetroffen, vielleicht, um die Gläubigkeit der Frommen zu beurkunden, vielleicht — was wir mit bitterm Schmerze sagen — der Züchlrguug unserer Sünden halber. Gott hat eS in unsern Ländern zugelassen, die der auserwählteste Antheil der Kirche sind, in denen eS Gott gefallen hat, jenen unerschütterlichen Thron der Wahrheit zu errichten, vor dem alle Völker der Erde sich in Ergebenheit in den Staub nieder strecken. Eine Propaganda, von der wir nicht wissen, wie zahlreich und ausgedehnt sie ist, bemüht sich mit allen Künsten der Gottlosigkeit in den uns benachbarten Staaten die Reihen der wahren Gläubigen, die da kämpfen unter der Standarte der katholischen Kirche, zn lichten und die Zahl jener Abtrünnigen zu vermehren, über welche die Braut Christi nun schon seit mehr als drei Jabrhunoerten bittere, überaus schmerzliche Thränen vergießt. Auch in unserm Lande sucht sie ihre Netze auszuwerfen, den 362 Unvorsichtigen Schlingen zu legen und Irrthümer und Schismen zu verbreiten, was auch den minder Scharfblickenden bereits wahrnehmbar geworden seyn muß. Nie zuvor hat man wie in unsern Tagen eine solche Fluth protestantische Bibeln hereinbrechen und gleich einem reißenden Strome unsere Provinzen überschwemmen gesehen; mit diesen Bibeln kamen Bücher aller Art und periodisch erscheinende Druckwerke, die in mehr oder weniger versteckter Weise das Gift des Jndifferentismus in NeligionSsachen einflößen, mit ihnen kamen serner alle Arten von Kupferstichen und Bildern, die der Scham Trotz bieten und zur Verhöhnung und Geringschätzung alles dessen anregen, was unsere allerheiligste Religion Geheiligtes hat. Nie znvor hat ein solches zur Schau tragen der Verachtung jener Gesetze stattgefundn!, kraft welcher die Kirche mit weiser Strenge den G.äubigcn heilsame Enthaltsamkeit vorschreibt, gefährliche Lectüre so untersagt, wie eine zärtliche Mutter giftige Stoffe von ihren Kindern fern hält. Fast unerhört war in früherer Zeit von christlicher Lippe die Lästerung: daß zum Seelenheil natürliche Rechlschaffenheit im Lebenswandel genüge und eS übrigens gleichgiltig sey, welchen Glauben der Mensch von Gott und dem künftigen Leben habe, daß die heiligen Institutionen der Kirche und die von ihr gutgeheißeneu religiösen Anordnungen veraltet seyen und außer Gebrauch kommen müssen, und was dergleichen Gottlosigkeiten mehr sind. Wenn in früherer Zeit irgend ein zügelloses Individuum dergleichen hören ließ, so waren Hunderte bereit, ihn zn widerlegen nnd zu beschämen; jetzt findet sich dagegen kaum vielleicht Einer, der sich vor Gott im Geiste darüber kränkt. Um euch vor der Gefahr zu schützen und im Glauben zu kräftigen, Geliebteste, gibt eS nur ein eben so sicheres als nothwendiges Mittel; gleich Söhnen au der Mutter so au der Kirche und ihrem sichtbaren Oberhaupte zu hängen, dem römischen Papste, der kraft göttlicher Mandate das Steuer des mystischen Schiffes handhabt, in welchem allein wir vor Schiffbruch gesichert sind. Was uns noth thut, ist, nach keinem andern Führer und keiner andern Lehre zu verlange« , als uach jener der Kirche, die da ist die Säule uud Feste der Wahrheit. Vou ihr allein sollen wir in unsern Zweifeln, unsern Bestrebungen und Forschungen uns Licht und Belehrung holen, als von einer unfehlbaren Lehrerin, zu der Gott gesagt hat- Wer ench hört, hört mich, wer euch verachtet, verachtet mich; wer aber mich verachtet, verachtet den, der mich gesandt hat. Laßt euch nicht durch die gottlosen Sophismen derjenigen verlocken, die ihre Empörung gegen die Kirche durch einen Appell an die heilige Schrift bemänteln. Ohne die unfehlbare Belehrung der Kirche ist dieses göttliche Buch nur ein todter Buchstabe, ein versiegeltes Buch, das, der Auslegung des Laien überlassen, zum Steine des Anstoßes und zur Veranlassung deS Ruins wird. Hat man in Wirklichkeit wohl je gehört, daß ein König ein Gesetzbuch Behufs der Regierung seiner Unterthanen gegeben und dann dessen Anwendung der Privateinsicht der Einzelnen überlassen hätte? Sagt selbst, müßte nicht, falls ein Gesetzgeber sich je eine solche Thorheit zu . Schulden kommen ließe,'das Gesetz aufhören, Norm für die friedliche Ausübung der gegenseitigen Rechte und der getreueu Pflichterfüllung zu seyn und dagegen Veranlassung zum verderblichsten Zank und Hader werden? Weun eS aber dergestalt mit einem von Menscheil gegebenen Gesetzbuchs das doch über das allgemeine Verständniß nicht weit hinausgeht, sich verhält, sobald eS der Auslegung der Unterthanen überlassen wird, wie wird es erst mit einem göttlichen Buche seyn, wie die Bibel ist, in welcher die von aller Ewigkeit her in Gott verschlossenen Geheimnisse enthüllt werden, in der eine Lehre gelehrt wird, welche so hoch über dem natürlichen Lichte der Vernunft steht, als die Weiechett Gottes die Kurzsichtigkeit des menschlichen Verstandes überragt? Es wäre thörichte Gottlosigkeit, anzuuehmen, daß Gott, die höchste Weisheit, durch welche die Könige regieren und die Gesetzgeber Recht sprechen, den Menschen habe ein Gesetzbuch geben wollen, damit dessen erhabene Vorschriften von Jedermann nach Gutdüukeu ausgelegt, dessen Mysterien durchgrübelt, dessen Anordnungen willkürlich zur Anwcndltng gebracht würden. Wenn es dahin kommt, daß man derlei, von Menschen, die sich als erleuchtet rühmen, vorgebrachten Widersprüchen Glauben 363 schenkt, so ist dieß nur ein demüthigender und furchtbarer Beweis der Entartung, zu welcher unsere menschliche Vernunft durch Leidenschaft gebracht wird, Oder steht nichl in demselben Buche, auf dessen Autorität man sich beruft, geschrieben, daß keine Prophezeiung der Schrift eigene Auslegung gestaltet? denn die heilige Schrift ist keine menschliche Erfindung, die heiligen Männer Gottes haben nur inspirirt vom heiligen Geiste gesprochen. Wer kennt aber nicht die bösartigen Künste solcher Verführer? Sie treibt nicht der Eifer für Wahrheit oder für die Bibel, wohl aber Haß gegen die christliche Religion, deren Ende in der Welt sie anstreben; daö höllische Werk dünkt ihnen aber ein Leichtes zu seyn, falls eö ihnen nur früher gelungen, die Völker gegen die unfehlbare Belehrung der Kirche aufzuwiegeln. Diese Schlußfolgerung, Geliebteste, ist keineswegs thöricht; ist nämlich einmal die Kirche verläugnet und die Glaubensnorm auf das bloße Buch der Schrift beschränkt, so ist auch die religiöse Anarchie bereits vollständig hergestellt. Außerdem, daß sich au einigen Stellen des göttlichen BucheS »ach Zcugenschaft des Apostel Petrus selbst „eiuige schwer verständliche Dinge finden, welche von den Unwissenden und Unbeständigen (wie eS auch mit den übrigen Schriften der Fall ist) zu ihrem eigenen Ruin verkehrt ausgelegt werden", .außerdem, daß nicht ÄllcS in der Bibel verzeichnet ist, was Gott den Menschen geoffenbart hat, wird eS, sobald einmal die unfehlbare Belehrung der Kirche verworfen ist, ihren Feinden ein Leichtes werden, die in den Händen deS Volkes befindliche heilige Schrift zn fälschen oder deren Sinn je nach den Leidenschaften zu entstellen oder ihres Ansehens und ihrer Anziehungskraft zn entkleiden und so den Menschen dahin zn bringen, daß iimi keine andere Führung dleibt, als die Eingebungen einer anmaßenden Vernunft, die für sich allein zu schwach ist, um die Leidenschaften des entarteten Herzens zügeln zu können. Gelicbtcfte! Euer Gemüth schauert vor solcher Ruchlosigkeit zurück; wir sind dessen gewiß. Euch ist der Glaube eurer Väter theuer, gleich eiuer kostbaren Erbschaft. Ihr habt uns immer Beweise kindlicher Anhänglichkeit an die allerheiligste Kirche Jesu Christi gegeben und darum hegen wir die Zuversicht, daß die Feinde derselben nichts gegen euch vermögen werden. Wir haben Seine Heiligkeit dessen versichert, als wir von euch, als von gehorsamen und ergebenen Söhnen sprachen. Ungcmein erfreut war sein väterliches Herz, als er von uns hörte, wie lebendig sich der Glaube in euch aus Anlaß der öffentlichen Gebete regte, zu denen wir euch in seinem Namen für die Kirche bei Gelegenheit der geheiligten Pastoralvisitation aufforderten. Geliedteste! In derselben Weise aber, in welcher der Feldherr, obwohl überzeugt von der Tapferkeit seiner Soldaten, wenn die Stunde der Schlacht angebrochen ist, nicht unterläßt, sie zum mulhigeu Kampfe anzuspornen, werden auch wir, obwohl freudig in der Hoffnung, daß euch der Herr stelS im Glauben und in der kindlichen Ergebenheit für seine Kirche stärken werde, da wir euch von tausend Fallstricken und Gefahren umgeben sehen, in jener Liebe, mit der wir euch als Söhne in Christo umfassen, euch mit dem Apostel ermähnen: „Wachet, seyd standhaft im Glauben, legt an die Rüstung Gottes, damit ihr bestehen könnet gegen die Fallstricke deS Satans, Damit ihr widerstehen könnet am Tage der Gefahr . . . deckt euch mit dem Schilde deS Glaubens, mit welchem ihr abstumpfen könnet alle brennenden Pfeile deS Bösen. . . Gott aber ist getreu; er wird euch stärke» und schützen vor dem Bösen. Wir setzen im Herrn in euch das Vertrauen, daß ihr thuu und ausführen werdet, was wir euch anordnen." Ehrwürdige Brüder und Mitarbeiter im Weinberge des Herrn! wiederholet öfter diese warmen Anempfehlungen des Apostels den eurer Obhut anbefohlenen Gläubigen. Vor Allem wachet unablässig, daß in dem euch zur Obsorge und Pflege anvertrauten evangelischen Acker nicht heimlich der Böse sich einschleiche, um den Samen des Unkrautes auszustreuen; hierunter verstehe ich die Emissäre jener Partei, die kein Mittel scheut, um die Völker zur Rebellion gegen die Kirche Christi und deren Oberhaupt zu reizen. Nächst Gott beruht unsere Hoffnung für die Unversehrtheit und daS Heil dieser unserer geliebtesten Diöcese auf euch. 364 Die Gnade unsers Herrn Jesu Christi sey mit euch Alle», zum Unterpfande dessen wir euch vom ganzen Herzen den Pastoralsegen spenden. Gegeben zu BrcScia in unserer bischöflichen Residenz am 20. October 1853. i Girolamo, Bischof. Hirtenbrief des Fürstbischofs von BreSlau. (Schluß.) Aufwärts die Herzen! Ihr Armen und Niedrigen, welche die Sorge weckt am Morgen und der Kummer begleitet am Abend. Wie auch könnte ich Eurer vergessen, denen der Herr zuerst das Evangelium gepredigt, deren Armuth Er geweiht dnrch seine Armuth; die Er das Kreuz tragen gelehrt durch sein Vorbild! Wie könnte ich Eurer vergessen, die den verlockenden Stimmen falscher Propheten am meisten ausgesetzt sind; die der finstere Geist der Empörung zuerst sammeln will um seine schwarze Fahne; denen er einen Himmel auf Erden verheißt, und dafür den Trost des Glaubens, den Frieden der Tugend und den ewigen Himmel raubt. O höret nicht auf seinen Lügenruf. Wer nicht mehr arbeiten will, verletzt das Gesetz der Liebe und der Freiheit. Wer schlecht arbeitet, übet Betrug und Ungerechtigkeit. Wer in wenigen Stunden den Erwerb ganzer Tage vergeudet, erschöpft die Wohlthaten der Mildthätigkeit und beraubt seinen Mitmenschen. Wer sich in seinem Elende von Gott wendet und von der Kirche, verschließt sich den besten Quell der Labung und macht die Wiederkehr jener schönen Tage der ersten Kirche unmöglich, von deren Kindern die Schrift sagt: „Es war kein Dürftiger unter ihnen." Erhebet Euren Sinn und Eure Hand nie wider-die Unterschiede des Standes und Besitzes: Ihr werdet sie nimmermehr aufheben, sondern Euch der letzten Zuflucht und Hilfe berauben. Streckt Eure Arme nie aus nach fremdem Eigenthum; eS wird Euch in Hand und Herz brennen bis zu dem Tage des Gerichtes. Blicket vielmehr mit kindlichem Vertrauen zu Dem auf, der auf Erden nicht hatte, wohin er sein Hanpl legen konnte, und doch „selig prieS die Armen, die Hungernden, die Dürstenden, die Weinenden und Trauernden," auf daß sich auch seine Verheißung an Euch bewähre: sie werden „gesätliget, getränkt, getröstet werden und das Himmelreich erben." Aufwärts die Herzen! Ihr christlichen Familien! Von Gott gegründet und von Gott geschlossen ist Euer Bund ein heiliger, ein unauflöslicher, daraus das Menschengeschlecht sich erneuert. Ju Eurer Mitte steht die Wiege des Sterblichen. In Eurem Schooße empfängt er die ersten Lehren von Gott und Unsterblichkeit. Unter Eurem Schutze und Unterrichte gewinnt er die ersten Kenntnisse seines edlen Ursprunges, seiner erhabenen Pflichten und seiner heiligen Bestimmung. Aber die Würde EnreS Bundes sank mit jedem Rütteln an seiner Unauflöslichkeit, und seine Heiligkeit entwich mit jedem Einflüsse, welchen man Fleisch und Blut, Ehrgeiz und Habsucht darauf einträumte. DaS Leben der Kirche zeichnete sich nicht mehr ab in dem Leben der Familie. Ein christliches Zeichen nach dem andern entschwand ans ihrer Mitte. Der häusliche Herd hörte auf, eine Stätte der Frömmigkeit, der Tugend, des Friedens und der liebsten Freuden zu seyn. Und doch ruht hier die Zukunft der Menschheit. Doch wird hier Segen oder Fluch ausgesäet für Kirche und Staat. Doch liegen hier die Keime von dem Wohle oder Wehe später noch unbekannter Geschlechter. O, daß Ihr doch erkennen möchtet und zwar in diesen Euren Tagen, was zu Eurem Frieden dient! Einst hatte die Kirche, ausgeschlossen van der politischen Gesellschaft, keine audcre Heimat auf Erden als die Familie; bald wird sie vielleicht ihre Zuflucht wieder dort suchen müssen, wo sie ihr erstes Asyl gefunden hat. Gatten, Väter und Mütter, ihr seyd Euch dem Christenihume schuldig; -es hat die Familie gegründet und die Familie geht mit ihm unter. Darum begreift Eure große Mission in dieser Zeit. Sammelt Euch mit den Enrigen wieder um den verödeten Hausaltar. Macht Eureu Kindern die Frömmigkeit ehrwürdig durch Euer Beispiel und lehret sie gehorsam an 365 der Hand der Kirche wandeln durch Euer Vorbild. Bewahret, ich bitte Euch, das heilige Feuer, das einst von der Familie ausgegangen ist über die abgöttische Welt, damit es nun aus Eurer Milte aufleuchte über eine von dem wahrhaftigen Gotte abgefallene Welt. Aufwärts die Herzen! rufe ich auch Euch zu, Ihr Krieger des HeereS! Denn der Weg der Waffen, ans welchen Euer Kaiser und Euer Vaterland Euch rufen, ist nicht nur cm Weg der Ehre vor den Menschen, er soll auch ein Weg der Ehre vor Gott seyn; und nicht nur iu den Kampf um zeitliche, sondern auch um ewige Güter soll er Euch führen. Warum stellten selbst die heidnischen Römer die Zeichen ihrer Götrerverehrnng an die Spitze ihrer Legionen? Warum trugen die Jsraeliten in ihren Schlachte» die eherne Schlange voran? Warum empfingen die christliche» Krieger in alter Zeit ihre Fahnen an dem Fuße der Altäre? Um sich daran zu erinnern, daß auch der Krieg eine SIrt Gottesdienst seyn soll; daß der Herr der Heerschaaren der Hcrr der Schlachten ist; daß jede wahre Tapferkeit in der Religion ihren Ursprung finde. Es gibt keinen traurigern Wahn, als den eines Soldaten, der sich überredet, mir dem Wesen eines Kriegers vertrage sich das Wesen der Frömmigkeit nicht, und die Tugend des Helden fty eine andere a!S die Tugend des Christen. Wer seinen Schwur bricht, den er im Taufbunde abgelegt, für dessen Fahneneid gibt es keine Bürgschaft. Wer keine Treue hat für seinen Gott, der hält auch nicht gelreu zu seinem Kaiser. Wer keine Liebe hat für die Kirche, dessen Liebe für daS Vaterland ist gar zweifelhafter Natur. Tapfer sollt Ihr seyn gegen die Feinde des Staates, aber der größten Tapferkeit bedarf es gegen die Feinde Eures ewigen Heiles. Rein und blank sollt Ihr Eure Waffen halten, ein schimmernd Rüstzeug für Gesetz und Ordnung, aber rein nnd blank muß auch Euer Gewissen seyn, daß Ihr frisch und fröhlich in den Kamps zieht, auch in den letzten, der Euch vor GotteS Thron führt. Hoch gelten soll Ench Euer Ruhm als Streiter eines sieggewohnten HeereS, am höchsten aber der Ruhm als GolteSstrcitcr sür ewige Triumphe. Aufwärts die Herz enl rufe ich auch Euch zu, Ihr Bürger des Staates, Ihr Unterthanen des Kaisers, Ihr Kinder eines Vaterlandes? „Es gibt keine Gewalt, a>S von Gott, und die, welche besteht, ist von Gott geordnet;" schreibt der hl. PauluS. „Wer sich demuach der obrigkeitlichen Gewalt widersetzt, der widersetzt sich der Anordnung Gottes, und die sich widersetzen, ziehen sich selbst Verdammniß zn." In diesem Worte ist beschlossen, was Ihr dem Kaiser, der von Ihm gesetzten Obrigkeit und der Ordnung des Staates schuldig seyd. Darum verschließt Euer Ohr denen, die verkehrten Geistes lehren, daß die obrigkeitliche Gewalt nicht von Oben, sondern von Unten komme, die Euch mit falschen und gehässigen Anklagen Eure Obrigkeit verdächtigen und eine Stimmung in Euch erzeugen und uuterhaiten, welche jede gedenkbare Art von Regierung unmöglich macht. Von Bürgersinn und Bürgerpflicht und Bürgerlreue wird in unsern Tagen viel geredet, auch geschrieben; und oft von denen am meisten, die in der Zeit der Gefahr gar keine Stimme vernehmen ließen und sich am kläglichsten erwiesen haoca. Auch Schein und Flitterwerk wird viel getrieben mit dem, was sie ihre Vaterlandsliebe nennen. Aber in prunkhaften Vereinen, in Zweckessen und Reden nnd Gelagen offenbart sich diese Liebe nicht, auch noch nicht in der Errichtung von Statuen und Ehrendenkmalcn. Aber darin zeigt sich Euer Patriotismus, daß Ihr Euren Kaiser liebet und getreu zu ihm haltet in Noth und Tod; daß Ihr Eure Obrigkeit ehrt in guten und schlimmen Tagen, und sür Gesetz und Ordnung eintretet auf jede Gefahr hin; daß Ihr immer und überall, auch wo eS Opfer, und die schwersten Opfer kostet, dem allgemeinen Wohle Euren persönlichen Vortheil nachsetzet imd — wie der heilige Augustin sagt: mit vollkommener Genauigkeit, „jedem gebet, was ihm gebührt: sey eS Ehre, sey es Vertrauen, sey es Achtung, sey eS Furcht, sey eS Trost, Warnung, Ermahnung, Tadel, Erhebung, Züchtigung; indem Ihr zeigt: daß dies AlleS'nicht Allen gebühre, wohl aber Allen die Liebe und Keinem ein Unrecht." Aufwärts die Herzen! rufe ich Euch zu, katholische Christen allzumal! 366 denn nur von Oben kommt uns die Hilfe und Gott allein ist unser Schutz und Schild. Von den Mächten der Welt verlassen, ihres reichen Eigenthumes bar, jedeS nationalen Einflusses ledig, hat die Kirche nur mehr ihre Wurzeln in dem Gewissen der Einzelnen, lebt sie an vielen Orten allein von den Almosen ihrer Kinder, und härtet sich in der Armuth und Verlassenheit, in dem Schweigen und Seufzen deS Gebetes für die schweren Kämpfe, die sie schon zu bestehen hat, und die schwereren, die ihrer warten. Wollt Ihr als ihre getreuen Kinder Euch bewähren: so zanket nicht und hadert nicht, wie sehr man Ench von vielen Seiten anch dazu herausforderte. Lasset Euch nicht erregen und erbittern, wie hart und schmerzlich Ihr Euch anch in Euren heiligsten Gefühlen und theuersten Besitzihümeru verkannt sehet. Lasset Euch aber auch nicht entmulhigeu und zaghaft machen, wenn schwere Heimsuchungen Eure Treue und Geduld prüfen und heiße Kämpfe und Opfer von Euch fordern. Ringet vielmehr darnach, täglich zu wachsen in der Erkenntniß des Glaubens und seiner göttlichen Wahrheit, welche unsere persönliche Würde und Beruhigung immer erheischt, die gegenwärtige Zeit aber gebieterisch fordert. Lasset Euch jeden Rath, jede Uebung, jedeS Gebot der Kirche wichtig seyn und lernet ihren Segen durch das Leben erproben, dann werdet Ihr inne werden: ob sie ans Gott sind, oder eitel Menschenwerk. Seh?t auf das Unsichtbare, nicht ans das Sichtbare, „denn das Sichtbare ist zeitlich, das Unsichtbare ewig. Wachet und achtet auf die Zeichen der Zeit und nehmt Euch das Verhalten der ersten Christen zum Muster, die, wie Ihr, von einer Welt umgeben waren, welche sich gegen den Glauben verschworen hatte, während sie selbst in ihren Grundfesten wankte und bald in Trümmer sank. Betet und erhebet Eure Herzen zu Gott früh und spät, für die Kirche nnd ihre Vorsteher, für den Kaiser und seine Regierung, für das eigene Heil und daS Heil alles Volkes, „denn das Gebet ist," wie der heil. Bonaventura sagt, „die Waffe der Christen. Wie der Krieger in seinen Waffen bleibt, so verharret der Christ im Gebete," bis der Kampf ausgekämpft ist und übergeht in den Sieg und die getreu erfunden sind bis ans Ende, um den Thrcn dtö Lammes versammelt, ihr Halleiuja singen im Chöre der Seligen. In diesem Hinblicke, Geliebteste! ende ich mein erstes Hirtenschreiben an Euch mit dem Worte, das eiust der heilige Gregor von Nazianz bei ähnlicher Veranlassung gesprochen: „Hier hast Du mich, o Vcrer! den gänzlich Ueberwundenen, mehr durch Christi Gesetz, als äußere Nöthigung Deiner Herrschaft unterworfen. Den Gehorsam bringe ich, gib den Segen. Führe mich mit Deinen Gebote», gehe voran mit Deinem Worte, stütze mich mit Deinem Geiste. Denn dcS Vaters Segen befestigt die Häuser der Söhne. Und o, daß wir befestiget würden, ich und dieses geistige Hauö, das ich mir erwählt habe, das ich mir zur Ruhestätte wünsche in die Ewigkeit der Ewigkeit, wenn ich hinausgehoben bin von dieser Kirche zur himmlischen und zu s.iner gefeierte» Schaar der CrstlingSblülhen, die in den Himmeln verzeichnet sind. Und dieß ist meine Bitte, eben so billig als geziemend: Der Gott dcö Friedens, der auö Beide» Eins gemacht, der uns einander geschenkt hat, der die Könige auf die Throne setzt, die Armen von der Erde erhöht nnd die Dürftigen aus dem Staube erhebt, der den David, seinen Diener, erwählte nnd von den Heerden hiuwegnahm, den jüngsten der Söhne Jesse'S, der zum Dienste des Evangeliums den Evangelisten das Wort verleiht mit großer Kraft: Er ftlbst möge halten unsere Rechte, nach seinem Willen uns führen und glorreiche Aufnahme bereiten. Er weide die Hirten und leite die Führer. Er verleihe Tugend uud Stärke seinem Volke und stelle sich dar eine glänzende Heerde, damit wir Alle, die Heerde und die Hiricn, in seinem Tempel Ihn verherrlichen in Christo Jesu, unserm Herrn, dem da sey jegliche Glorie in die Ewigkeit der Ewigkeiten. Seine Gnade sey mit Euch Allen. Amen. Gegeben Brcölau, am Feste des heiligen Lukas, dem Tag meiner feierlichen Cansekratwn, 1853. Heinrich. 367 Von den Ursachen der vielen unehelichen Kinder. f Die vorzüglichste Ursache der so vielen unehelichen Kinder ist der Mangel der Jugend an Bekehrung zu Gott, und der unwürdige Empfang der heiligen Communion, der dieselbe Bekehrung fodert, wie der Empfang der heiligen Taufe, die mau in den ersten christlichen Jahrhunderten ohne vorhergehende Lebensbesserung nicht ertheilte; daher man bei dem heiligen Angustin, als er krank war, die Taufe verschob, aus Besorgniß, daß er aus Maugel an entschiedener Bekehrung die Pflichten deS Tanf- bundes nicht erfüllen würde. Eine solche Entschiedenheit, Gott über Alles zu lieben und den Werken des Satans zu entsagen, erhalten unsere Werk- und FeiertagSschüler durch den Empfang der heiligen Sacramente gewöhnlich nicht. Der erhaltene christliche Unterricht gibt ihnen nur eine angelernte Religion. Daß durch Unterricht und durch die empfangenen heiligen Sacramente in ihnen keine wirkliche Bekehrung zu Christus bewirkt wird, sieht man an der jährlich zunehmenden Verschlimmernng der Sitten unserer Feiertagsschüler, besonders zur Zeit des Herkules am Scheidewege, wenn bei dem immer völligern Erwachen der bösen Neiguugeu die Welt ihnen ihre Freuden anbietet. Ohne Selbstkcnntniß des innern sittlichen Verderbens, zu der man selbst durch Missionspredigten uud Belehrung, ohne Kirchenzucht, da, wo die häusliche, wie fast allgemein, mangelt, selten gelangt, erfolgt keine wirkliche Bekehrnng und dankbare Liebe zn Jesus durch Erneuerung des TaufbundeS. Die hie und da gewöhnliche tSrneue- rung desselben bei der ersten heiligen Communion bewirkt dieß als Andachtsübnng so wenig, als das öftere Beichten vor dem Erwachen der archcboruen Neigungen zum Böseu. Wie wenig unsere Jünglinge uud Jungsrauen als Feiertagsschüler wirklich zu Christus bekehrt sind, Christum statt der Kleiverhoffarl und andern Weltfreuden lieben, zeigt sich besonders in den Pfarreien, wo Tugendbündnissc bestehen, welche durch ihre Satzungen zur Erfüllung der Pflichten deS TaufbundeS ermähnen, Gott aus ganzem Herzen zu liebeu, und der Kleiderhoffart, den Bekanntschaften, Spiel- und Tanzplätzen zu entsagen. Weil man dieß nicht will, tritt selten ein Feiertagsschüler in ein Tugendbündniß, der im 19ten oder Ldsten Jahre nicht wieder austritt. Wären unsere Söhne und Töchter, die von keinem Tngendbündnisse wissen wollen, noch nicht getauft, und würde man ihnen ohne dieses öffentliche Versprechen, den genannten Werken des Satans zu entsagen, wie den ersten Christen die Taufe nicht ertheilen: so würden sie in diesem unbekebrten Zustande wie die unbekehrten Heiden den Empsang der Taufe auf das Todbett verschieben. Wird denn aber in diesem Zustande der Lauheit und Gleichgilligkeit für sein Seelenheil, und weil man sich vor der Welt schämt, Jesum nachzufolgen, nicht auch die heilige Commuuion unwürdig empfangen? Da JesuS lehrt: Wer sich meiner vor diesem sündhaften Geschlechte schämt, dessen werde auch ich mich am Tage des Gerichtes schämen. ES gehört daher, wie die vielfältige Erfahrung lehrt, die Einführung der Tugendbündnisse zu den heilsamsten Mitteln, unsere Jugend zur wirklichen Bekehrung zu bewegen, besonders da, wo Missionen nicht stattfinden. Dieß würde aber ungleich mehr der Fall seyn, wenn die oberhirllichen Stellen sie in allen Pfarreien einführen wollten, durch den Befehl, daß in jedem Jahre vor der Ostercommunion jeder Seelsorger die Jungfrauen und Jünglinge von achtzehn bis sechsunddreißig Jahren der Art zur öffentlichen Erneuerung deS Tanfbundes ermähnen soll, daß nur jene zur beili^en Communion zugelassen werden dürfen, welche ihrem Seelsorger öffentlich mir Aufzeichnung ihres Namens versprechen, daß sie der Kleiberhoffart, den Bekanntschaften, Trinkgelagen, Tanz- und Spielplätzen entsagen. So lange dieß nicht geschieht, werden die zur Bekehrung der Jugend so noihwendigen Tugendbündnisse, zum würdigen Empfange der heiligen Sacramente, nicht in allen Pfarreien eingeführt werden können, Zwietracht veranlassen, und nur wie eine Bruderschaft betrachtet werden, wobei man schließt, daß, wie Bruderschaften, so auch der Eintritt in ein Tugendbündniß zur 368 Erlangung der Seligkeit nicht nothwendig sey. Wer aber den Muth nicht hat, durch den Eintritt in solches öffentlich zu versprechen, daß er den bemerkten Werken und Versuchungen des Satans entsagen wolle, wird wenigstens leicht in die schwersten Sünden fallen, und empfängt in dieser Unentschlossenheit offenbar, ohne Reue und Abscheu an den genannten Werken des Satans, nach dem Concilium von Trient (6. Siz. 6. Kap.) jede Communion unwürdig. Mangel an Abschen der Sünde, und was zur Sünde führt, wozu vorzüglich die Kleiderhoffart, Trinkgelage, Bekanntschaften, Tanzplätze veranlassen, die der Tauft gnade berauben, und die Ursache der so vielen unehelichen Kinder sind, sin'' auch die Ursache der so vielen unwürdigen Coinmunionen, welche die Beichtväter nur dann verhindern könnten, wenn Söhne und Töchter, Knechte und Mägde, wenigstens vor der Ostercommunion den Gelegenheiten zu Sünde öffentlich entsagen müßten. Schon Bourdaloue erklärte das öffentliche Versprechen, den Taufbund halteu zu wollen, als ein kräftiges Tugendmittel, und Furcht vor Weltmenschen, sich öffentlich zu bekehren, als List des Satans, um leichter zur Sünde verleiten zu können. Die Erhebung der Tugendbünduisse zur jährlichen öffentlichen Erneuerung deS Tausbuudes, mit Ausschließung jener von der Oftercommunlon, die dnrch Eintritt in ein Tugendbündniß den gefährlichen und sündhaften Wellfrenden nicht entsagen wollen, würde die Jugend zur bußfertigen Selbstkenntniß nnd Lebensbesscrnng bewegen, die ohne solche Zucht, wie oben bemerkt wnrde, nicht erfolgt. Dadurch wäre die Erhebung der Tugendbündnisse zur öffentlichen Erneuerung des Taufbundes nicht nur ein nothwendiges Tugendmittel zur Verminderung der so vielen unehelichen Geburten und unwürdigen Cvmmunionen; souderu auch zugleich eine sehr heilsame öffentliche Kircheuzucht, welche, im Heiligthume der Kirche geübt, die weltlichen Regierungen nicht beanstanden könnten. Bei dem Mangel der Bekehrung der Jugend sind unsere Tanzplätze eine der vorzüglichsten Ursachen der vielen unehelichen Kinder. Der Walzertanz, der unter Gebildeten in Bällen unschädlich seyu mag, ist bei dem rohen Landvolke eine Schule der Unzucht, selbst als Hochzeilseier, wo die meisten noch schuldlosen Söhne uud Töchter zu Bekanntschaften veranlaßt werden. Möchte dieß die oberhirt- lichen Stellen bewegen, zu verbieten, den Empfang des EhesacramenteS mit Tanzmusiken zu feiern. Priester Schmid erzählt in seinem historischen Katechismus: „Alle alten Rituale schreiben, daß nicht nur die Brautleute, sondern alle zur Hochzeit Geladenen bei der Brautmesse die heilige Communion empfangen haben." (3. B. S. 2W.) Fodert die Gnade des heiligen Sacramentes der Ehe, die Christus eriheilt, weniger Ehrfurcht als die heilige Communion? Findet man es nicht uuschicklich, am Communiontage zur Tanzmusik zu gehen? Wo die Hochzeit mit Tanzmusik gefeiert wird, werden gewöhnlich die Brautleute mit weltlicher Musik begleitet bis zur Kirchenthüre, zum Empfange eineö heil. Sacramentes, und zum heil. Meßopfer, wie einst die Heiden zu einem Bachussestc gingen, mit Jauchzen nnd Jubclgeschrei, wodurch wenigstens die fromme Gemüthsstimmung gestört wird, welche das heilige Meßopfer federt, und der Empfang deS heil. EhesacramenteS; denn in Deutschland ist es der allgemeine Volksglaube, daß die Eheleute die Gnade des EhesacramenteS bei der Kopulation erhalten, bei der gegenseitigen Erklärung, sich ehelichen zu wollen. Der heilige Gregor von Nazianz und andere heilige Väter erklärten, daß Christus und ein Flötenspieler beider Hochzeilfeier sich nicht vereinigen lassen. Was würden sie erst zn unsern heidnischen, in der Mitte deS vorigen Jahrhunderts ans Frankreich nach Deutschland gekommenen Walzertänzcn mit Personen deS andern Geschlechts gesagt haben? Da diese so sehr die Geschlechtslust reizen, hat im Jahre 1752 das hochwürdige erzbischöfliche Konsistorium zu Salzburg, auf Grund des Laudrechls vom 26. Febr. j. I. alleu Seelsorgern befohlen, die Gläubigen auf das Sitlenververbliche derselben aufmerksam zu mache», und diese Tänze bei strenger Strafe verboten. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. E. Ä reiner. Vreiz-Hnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Ängslmrger PostSeitnng. 20. November M- ^7. 1853. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnement«prei« kr., wofür e« durch alle köuigl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Herzog Alba. Unter dieser Ueberschrift theilt das „Hall. Volksbl." einen Brief des ?. Ludwig de Granada mit, wonn dieser die Herzogin Alba über den Tod ihres Gemahls tröstet, der am 11. Dec. 1852 in Lissabon erfolgte, als er nach dem Tode deS Königs Sebastian für Philipp II. von Spanien Portugal in Besitz genommen hatte. Wir theile» diesen Brief um so lieber mit, da bekanntlich Herzog Alba als Unterdrücker dcr Reformation in den Niederlanden häufig in einem Lichte dargestellt wird, daß man versucht ist, nicht nur jede religiöse Gesinnung, sondern alles menschliche Gefühl und jede höhere Regung bei ihm in Abrede zu stellen. Ludwig von Granada ist ein bewährter Zeuge, hinreichend bekannt wie durch Frömmigkeit, so durch seine aScetischcn Schriften, und wir haben auch nicht die geringste Veranlassung, iy seine Aussage Zweifel zu setzen. Der Brief lautet also: Höchstzuverehrende Frau! Die Gnade und der Trost des heiligen Geistes sey für immerdar mit Ewr. Excellenz. Wir, die wir den Herzog kannten, welchen der Herr auö diesem Jammer- thale zu seiner Glorie erhob, um ihm den Lohn für so viele Arbeiten und Drangsale zu ertheilen, die er im -Dienste seiner Kirche verrichtet und erlitt; wir fühlen den allgemeinen Verlust solcher Personen. Jedoch dieser Schmerz möge die Betrachtung des Lebens, welches er führte, und der Art, wie er es endete, lindern; denn eins wie das andere war geeignet, um uns eine so gewisse Hoffnung seiner ewigen Seligkeit zu gewähren, als sähen wir sie mit unsern Augen. Nur den Theil des Schmerzes haben wir gefühlt, welcher Ewr. Excellenz davon anheimfällt: Jedoch der Herzog sagte uns, bevor ihn Gott zu sich rief, daß der Allmächtige Ihnen in dieser schweren Heimsuchuug beistehen werde. — Und gewiß, er hatte Recht, solches von Ewr. Erc. zn hoffen, da er Ihrer richtigen Erkenntniß und der vielen Verpflichtungen gedachte, welche Sie gegen den Herrn haben, um ihm dieses Opfer für die empfangenen großen Wohlthaten zu bringen, von denen Eine ist, die am glücklichsten verheirathete Dame in unsern Zeiten, ein Muster vom Glück der Liebe und deS Friedens unter Eheleuten gewesen zu seyn. — Eine andere Wohlthat ist eS, daß Ihnen Gott zum Gefährten auf dieser Pilgrimschaft einen der tapfersten, siegreichsten und katholischsten Herrn unserer Zeit gab, und zwar einen solchen, daß, wenn der Herr Ewr. Erc. die Macht ertheilte, sich in der ganzen Welt einen Gemahl aufzusuchen, Sie gewiß keinen würdigeren und tüchtigeren Ehemann finden würden. — Noch eine andere Wohlthat GotteS ist es, diesen Gemahl fünfzig und so viele Jahre bewahrt zu haben: und wenn ich meine Augen mit dem Blick auf so viele verheirathete Damen Spaniens erfreuete und sähe, wie unglücklich das Leben ihrer Männer und wie kurz es war, dann würde ich auch viele frühe Wittwen und wenige Frauen finden, die so lange 370 wie Ew. Erc. vermähst waren. — Fügt man mm noch die Gefahren hinzu, von welchen der Herr den befreit hat, der fast immer nnter Arkebusen- und Artillerieseuer, fünfzig und so viele Jahre mit den Waffen umging, und nie die größten Gefahren scheute: welches eine Art Wunder ist. — Und da nun dieses Alles geschah, weil der Herr sein Ohr zu den frommen Fürbitten, Messen und Gebeten Ewr. Erc. neigte, um ihn in der Mitte so vieler Gefahren zu erhalten, wäre es da nicht recht, die Worte des heiligen Hiob zu wiederholen, welche dieser seinem Weibe sagte, als sie ihn schalt: „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten wir das Böse nicht auch tragen?" Dieser Heilige will nicht, daß wir die Hand offen zum Nehmen halten nnd geschlossen zum Geben: indessen noch weniger will es Gott; wohl aber, daß wir mit offener Hand empfangen, was er uns gibt und ihm geben, waS er unS abfordert. Jedoch damit enden sich noch nicht die göttlichen Wohlthalcn; eine andere weit größere bleibt übrig, und die ist: daß Ewr. Erc., die mit dem Herzog so vertraut umgingen, eben so große Beweise seiner Seligkeit besitzen, als auch wir haben, und besonders ich, der ich seit seiner Ankunft in dieser Stadt das Heil seiner Seele besorgt, lind gewiß, eS ist wahr, die meisten Male, wenn er mir beichtete, ging ich von ihm vcrwirri und beschämte mich, mich selber anzusehen, und auf jener Seite die große Ergebung, Frömmigkeit und Thränen zu gewahren; die Worte, welche er sprach, seine Gefühle für die Sache des Herrn und jene große Festigkeit, die er besaß, nichts zn thun, waS Todsünde sey, sondern eher daS Leben zu verlieren; und dieß Alles nicht etwa ans Furcht vor den Strafen des FegscuerS, die ihn nicht bewegten, sondern wegen der Wohlthäte», die er vom Herrn empfangen hatte und wegen dessen Güte, von der er nie müde wurde, zu sprechen. Und als Einige meinten, er sey zu streng iu der Ausübung der Gerechtigkeit, versicherte er mir sehr ernst: daß sein Gewissen ihm nicht vorwürfe, in seinem ganzen Leben einen Tropfen Blut gegen sei» Gewissen vergossen zu haben, und daß, so Viele er anch in Flandern habe hinrichten lassen, es nur geschehen sey, weil es Ketzer und Rebellen gewesen. Aber wie soll ich die drei Vorzüge und Tugenden rühmen, welche er Seiner Majestät, als diese ihn in der Krankheit besucht, erklärte? — Er sagt unter andern Worten, wie folgt: „Ich bin im Begriff, aus diesem Leben dahin zu gehen, wo jccennann die Wahrheit sagcu muß; von drei Sachen, die ich Ew. Majestät sage, ist die eine, daß mir nie, auch nur daS kleinste Ihrer Geschäfte oblag, daS ich nicht dem wichtigsten der meinigen vorgezogen hätte. — Die zweite, daß ich immer mehr Sorgfall für Ihre Finanzen hatte, als für die meinigen, und so bin ich weder Ihnen noch Ihren Vasallen auch nur ein einziges Brod schuldig. — Die dritte ist, daß ich Ew. Majestät nie sür ein Amt einen Mann vorgeschlagen habe, der, alle Vorliebe bei Seite gesetzt, nicht der Geschickteste dazu von allen denen gewesen wäre, die ich kannte." Und dieß sind drei Dinge, die wir als drei Wunder betrachten können, denn wo in so vielen Jahren eines General-Kapitäns, unter dem drei Kaiser und ein Ritter, der nachher Papst wurde, gedient haben, sah man solche Tugend, solche Treue, solches Gewissen uud solche Besouneuheit bei so großem Glücke! Aber ich lasse diese weltlichen Tugenden bei Seite und kehre zn den geistlichen zurück! — Er beichtete und communicirte jeden Monat, an den Hauptfesten und an allen den Tagen, an welchen ihm Gott einen Sieg verliehen hatte, und so communicirte er im vergangenen Angust, am Tage unserer lieben Frauen, welcher auf den 1ö. fällt, darauf am 25., welches der Tag der Schlacht bei dieser Stadt (Lissabon) war, und gleich darauf den Tag unserer lieben Frauen im September. — Da nnn diese Commnnioncn so nahe aus einander folgten, wagte er in seiner Demuth nicht sie zu begehen, ohne meinen Rath einzuholen. — Er communicirte ferner jedes Jahr am Vorabend von St. Francisco, in Erkenntniß der Gnade, welche Gott ihm angethan hatte, ihm Ewr. Erc. zur Gefährtin seiner Prüfungen gegeben zu haben. Er vcrriclitete seine Gebete jeden Abend lange Zeit vor einem Crucifix, welches er besaß, und klagte sich selbst oft an, daß ihm die Sammlung und Hingabe fehle. Unb wenn 371 ich ihm sagte, er solle sich hieeüber nicht ängstigen, weil die Ruhe der Beschaulichkeit nicht für Personen wäre von so vielen Geschäften und Nachdenken, wie er, so war seine Antwort: daß er untröstlich seyn würde, wenn man ihm die Hoffnung benehmen wollte, dereinst zu dieser Art Uebung gelangen zu können. Weil er nun in den Krankheiten die Zeit zum Abendgebet nicht finden konnte, so gebrauchte er eine Art Gebete, die man Herz- oder Stoßgebete nennt, auch dann selbst, wenn er mit denen sprach, die ihn besuchten, und sagte mir, eS ginge ihm recht gut damit. Und als ich in der größten Krankheitsschwäche fragte, ob er diese guten Gebete anwende, antwortete er: ja, obgleich mit vieler Schwachheit; jedoch die Gnade deö Herrn stärke ihn. — So vermochte die Last der Krankheit nicht den Gedanken an Gott zu unterdrücken! Erwägen nun Ew. Erc., ob diese Uebungen sich sonst bei Jemanden finden, der immer nur die Waffen geführt hatte, ausgenommen bei dem hl. Könige David. Er sandte mir jeden Monat 500 Realen, damit ich sie an arme Wittwen vertheilte, und befahl mir, keiner die Thüre zu verschließen, so viel deren auch kämen, und als ich ihm sagte, daß ich nicht auf Almosen bestünde, da er Schulden habe, erwiderteer: „Ich kaufe kein Pferd für 1VV0 Dukaten und so setzt dieß mich in keine Verlegenheit. — Am Tage seines TodeS erinnerte er sich selbst, ohne daß ihn jemand darauf brachte, der Armen, und befahl, als er kaum noch sprechen konnte, dem Don llsrnsruto äs loleäo (seinem Neffen) mir Almosen für zwei Monate zu lassen, welches 1W0 Realen waren. So wie das Leben, war auch sein Ende; in 33 Tagen, welche die Krankheil dauerte, communicirte er viermal und dreimal davon nüchtern, denn er beobachtete auch noch so nahe dem Tode die Vorschriften, welche hinsichtlich deö Essens in solchem Falle gelten. — Und so erfüllte der Herr seinen Wunsch, und führte ihn als seinen treuen Gefährten aus diesem Jammerthale. — Am dritten Tage der Krankheit zauderte er nicht lauge mit der Beichte und in einer derselben hielt er mit dem Herrn ein Gespräch in solchen Worten und Betrachtungen, die einen großen Sünder zu bekehren hinlänglich gewesen wären. — Aber ich habe kein Gedächtniß für so viele Dinge, die er da sagte, sondern nur für den Inhalt derselben, und der war: daß, wenn er keine andere Art deö LcbenS, als die, welche er bisher geführt, weiterhin führen solle, er auch kein Leben mehr wolle. So endete er auch mit großer Ergebuuz in den Willen Gottes, indem er mit großem Mnthe ausrief: „Gehen wir!" und dem Herrn von kernsnelci dankte, der ihm sagte, er könne sich nun zur Reise anschicken, wie dieser selbst eS Ew. Erc. erzählen wird. Hieraus ersehen jetzt Ew. Excellenz, waS von diesem Leben und dessen glorreichem Ende zu erwarten ist, und hiermit vereinigen Sie ein anderes Zeichen für deS Herzogs Berufung zur Seligkeit, nämlich das Wohlgefallen und den Trost, welchen er empfand, wenn man zn ihm vom Herrn sprach, so wie ich solches noch nie bei einer Person seines Ranges gesehen habe: denn jedesmal, wenn er beichtete, mußten wir zwei Stunden bei ihm seyn und von diesem Gegenstand ost bis zum Kopfweh sprechen. . Alles dieß wohl überlegt, genügt, um den Schmerz deö Verlustes zu lindern, menn man anders das Verlust nennen kann, was ein Gewinn sür die Person ist, die man liebt. Wir wissen, daß wir ein am Feuer stehendes Gefäß nicht am heißen Theile angreifen dürfen, sondern am kalten, und da dieses Ereigniß Seiten enthält, die Schmerzen veranlassen und andere, die Linderung gewähren, so bestreben sich Ew. Ercellenz die Augen auf das zu richten, was Sie trösten und bewegen kann, dem Herrn Dank zu sagen und nicht auf das, was untröstlich macht, und die Ergebung in den Willen dessen hindert, der es angeordnet hat. Die Personen, welche von ihren Freunden etwas borgen, danken zweimal dafür: das Erstemal, wenn sie eS erhalten, das Zweitemal, wenn sie eS wieder erstatten, und das um so viel mehr, je längere Zeit sie sich dessen bedient haben, weil der Dank alsdann mehr vom Herzen kommt. Ew. Ercellenz wissen wohl, daß das Leben der Eheleute kein dauerndes Eigenthum 372 ist, sonder» n»r für eine gewisse Zeit, für welche sich ein sterbliches Geschöpf mit einem andern gleichfalls sterblicheil verbindet. — Da nun Ew. Erc. dem Herrn Dank sagten, als er Ihnen das Leben dieses Herzogs bewilligte, so sind sie auch verbunden, ihm bei dessen Zurückgabe den größten Dank abzustatten, da Sie wissen, daß Sie sich mit einem sterblichen Menschen verheirateten, und daß die Freude deS Hochzeitstages durch die Trauer des EudeS aufgewogen wird; denn nur im Himmel allein gibt eS Freude ohne Trauer; in diesem Leben aber gellt daS eine untermischt mit dem andern. — Ja, selbst das Ende eines Vergnügens ist oft der Anfang eines Kummers, wie es Ew. Erc. werden erfahren haben und jetzt von neuem erfahren, da kaum die Freude über die Geburt des Enkels vorüber war, als die Krankheit des Großvaters begann: denn so sind die Schicksale und ist die Weihe deö sterblichen Lebens, daß die Zeit des Unglücks die ist, wenn wir das anvertraute Gut zurückgeben, und gleichwie der heilige Hieronymuö sagt: „laßt uns keine Betrübniß haben für daö, was wir verlieren, sondern vielmehr Freude für das, waS wir empfingen." Aon Ew. Erc. erwarte ich dieses, so wie ich Gott dafür danke, daß ihn Gott in ftine Wohnungen aufuahm und ich in seiner Krankheit ihm beistehen konnte. — Wo aber konnte er, gnädige Frau, ehrenvoller enden, als in seinem Amte, und obgleich der größte Schmerz der Krankheit geschwunden wäre, wenn Ew. Erc. sich anwesend befunden hätten, so sein Sie doch überzeugt, daß auf Ihre Abwesenheit keine Schuld fällt, denu seine Herren Neffen bedienten ihn wie Kinder mit so vieler Liebe und Sorgfalt, durch Tag und Nacht, daß sie sich in Kleidern niederlegten, um jedesmal, wenn er rief, hinzueilen. Was dieß also anbelangt, so ist durch Ihre Abwesenheit nichts versänmt, und ich bin gewiß, daß der Herzog eS so angeordnet hatte, weil er nothwendig viel Kummer Ihretwegen gehabt habeu werde, wenn Ew. Erc. zugegen gewesen wären. Und so bedeutete er eS mir auch, als er hörte, Sie machten sich auf den Weg, um ihn zu sehen. Er sagte, daß er den Schmerj von Ew. Erc. wohl fühle, daß jedoch Gott seinem Geiste so viel Kraft verleihe, diese Schwäche der Zärtlichkeit zu überwinden, was wahrscheinlich ukcht der Fall seyn würde, wenn er hier Ihre Thränen sähe. Es bleibt daher nur übrig, daß Ew. Erc. jetzt das thun, was der heilige HierouymuS von der heiligen Paula schreibt, die, nachdem sie den Tod ihres Mannes so tief gefühlt hatte, sich später so frei von diesem Kummer sah, und sich dem Herrn so sehr ergab, als hätte sie immer nach dieser Freiheit verlangt. Obgleich eS nun bei des Herzogs Verdiensten uud seiner Frömmigkeit und bei der Sanftmut!) und Geduld, mit welcher er diese letzte Krankheit trug, zu glauben steht, daß er von den Qualen des FegfeucrS srei sey, so mögen Ew. Erc. dennoch sich so verhalten, daß Sie seiner Seele wohl thun, nm ihm die immer gegen Sie geäußerte übergroße Liebe zu lohnen. Seine Liebe aber war so groß, daß er immer wünschte, Ew. Erc. gingen ihm voran, um Ihnen den Schmerz zu ersparen, wenn er der Erste wäre. Mehr als einen Monat vor der Krankheit fing ich an, ihn auf diese Reise vorzubereiten, indem ich ihm sagte, daß es Zeit sey, sich darauf zu rüsten, da das Alter und die daran hängenden Gebrechen eS verlangten. Auch sah er dieses wohl ein, so wie es Ew. Erc. erfahren und dem Herrn danken werden, daß er eS anders leitete, als Sie eS wünschen; denn besser ist eö, daß wir wollen, was er will, als daS, was wir wollen; und eS ist mehr Grund vorhanden, uuseru Willen dem scinigen unterzuordnen, als den seinigen unserm. Möge Er die ausgezeichnete Person und den Stand Ew. Erc. immer bei der Gunst deö Himmels erhalten, Sie stärken und, trösteu in diesen irdischen Müheu. Lissabon, den Ick December 1532. 373 Aus Jerusalem. *) O e l z w e i g e. Jerusalem, Oct. 1853. Das größte Verdienst um die Erhaltung und Verbreitung der katholischen Religion in der Levante gebührt unbestritten den Vätern vom Orden des heiligen FranciscnS, welche bereits über sechshundert Jahre Hüter der heiligen Stätten und Wächter am Grabe unsers Erlösers sind, welch letzterem Dienst zur Zeit der christlichen Könige in Jerusalem die regul. lateran. Chorherren zugleich als Ritter vom Orden des heiligen Grabes versahen, und von deren Kanonie man noch heute Ueberreste in der Harzt en Aassark» erblickt. — Die?. FranciScaner haben gegenwärtig in der Custodie und dem Missionsgebiete der lorra 8ta. 23 Konvente (darunter 14 Hospizien, Konstantinopel, Fajum, Rosette, Nikosia, DamascuS, La- tackia, Tripolis, Harissa, Beirut, Saiva, Tiberiuö, Acre, Jaffa, Rama) mit eben so vielen Kirchen, 6 Kapellen und 30 Sanktuarien. Sie sind entweder Missionäre, welche die Seelsorge für 13,116 Katholiken deS latein. Ritus und 1737 Katholiken anderer Riten (in 18 Pfarreien) versehen, oder Visitanten, welchen der Chordienst und die Leitung der häuslichen Verwaltung obliegt. Außerdem sind noch 95 Laienbrüder mit verschiedenen häuslichen Verrichtungen nnd Handwerken betraut. Im Ganzen 224 Religiösen. — „ES ist ein Skandal, daß Europa hier so viele Mönche mästet!" hörte ich ans meiner Reise einen Pilger sagen; — ihre Zahl scheint aber doch nicht hinreichend zu seyn; denn sonst wäre wohl kaum ein Patriarch mit eigenem Seminar für nöthig erachtet worden! Wenn man aber die Zahl von 14,383 Seelen mit der von 129 Priestern zusammenzustellen beliebt, wird kein vernünftig und also billig Denkender übersehen, daß der hier sehr strenge Chordienst, so wie die Leitung der Geschäfte von 23 Ordenöhäusern anch ihre und zwar nicht geringe Zahl von Geistlichen erfordern. Zudem ist eine kleine Mehrzahl von Individuen um so mehr in diesen Gegenden von Nöthen, als Klima nnd strenge Lebensweise auch Krankheiten zur Folge haben, die Stellen aber doch fortwährend alle besetzt bleiben müssen. (Man erwäge z. B. nur, daß im Jahre 1834 21 Individuen im Salvatorkloster zu Jerusalem an der Pest erkrankten, und 19 von diesen 21 als Opfer ihrer treuen Pflichterfüllung dieser Seuche erlagen!) Die 95 Laienbrüder dürfen den oberwähnten Herrn Pilger eben so wenig erschrecken, da ihm bei einer unzureichenden Anzahl von Laienbrüdern wohl kaum in den von ihm besuchten Conventen jene Pflege hätte zu Theil werden können, von der er selbst gestand, daß er vollkommen Ursache gehabt, damit zufrieden zu seyn. Und was endlich die Mönchsmast betrifft, steht nur zu bedauern, daß der gute Herr seine Brille nicht sorgfältig gereinigt, und ein paar Wochen wenigstens, ich will nicht sagen, an der Disciplin der Väter, aber doch an ihrem Mahle Theil genommen nnd sich an ihrem tmeoslä in Wasser, und abermals tiseeslä in Oel, und zwar, aufrichtig gestanden, herzlich schlechtem Oel — mitgemästet hat. — Es gibt in der That ganz knriose Leute und auch sehr kuriose Pilger unter dem Monde, die mit wunderbarer Mattheit — man darf auch zuweilen sagen: Rohheil —über daS Gute, zumal auf religiösem Gebiete hinwegzuschielen wissen, oder, die der schlechteste Witz ihres, wenn auch sonst gerade nicht schadhaften HirneS — was aber dann uns nur so mehr bedauern läßt — so sehr elektrisirt, daß sie meinen, er muß heraus, „und kost' es, was es wolle!" — Sie werden vielleicht schon zu wissen glauben, was die Frauciscaner für Leute sind; aber ich wette, eS sey nicht wahr! Dr. TituS Dobler weiß das z. B. in seinen „Denkblättern aus Jerusalem« pgg- 580 weit besser! Die FranciScaner sind nach seiner Anschauuug: jene Männer, die Zeit ihres Lebens den Leib mit einem Stricke umfangen, nicht bloß darum, damit er als Eichmaß des GasterbezirkeS die lebenslängliche Nüchternheit und Mäßigkeit verbürge, sondern auch um denselben, wenn er je einmal wanken sollte, an den Himmel festzubinden." — Nun wissen Sie, was die FranciScaner sind; aber auch, was dick- ") Aus der W> Kirchenz, 374 besagter Herr Doctor! Lasseil Sie sich indeß nun auf den Schreck hinauf eine Fortsetzung meiner statistischen Uebersicht noch geduldig gefallen. Die Väter vom heiligen Lande unterhalten 15 Knaben- und 9 Mädchenschulen, in denen 36 Lehrer und 19 Lehrerinnen, welche theils dem Laien-, theils dem Ordensstande angehören, sich mit dem Unterrichte von 1306 Schulkindern in der Religionslehre, dem Lesen, Schreiben, Rechnen und auch der italienischen Sprache befassen. (Die Schulkinder erhalten auch Kost.) Außerdem sorgt die Custodie auch für den Unterricht mehrerer jungen Leute in den verschiedenen Handwerkskünsten und unterhält sie 198 Armenhäuser, welche sie an Dürftige zur Wohnung verleiht. Die Zahl der armen Familien, welche im verflofsencu Jahre sich ihrer Unterstützung erfreuten, betrug 493, und die Summe hilfsbedürftiger Individuen 1469. Man darf in Wahrheit sagen, die Franciscaner beweisen ihren Pstcgbefvhlenen im heil. Lande eine Liebe, die über alles Lob erhaben ist! Sie bezahlen für die Armen die Geldstrafen, die ihnen auferlegt worden, die Steuern, die sie an die Regierung bezahlen müssen; täglich theilen sie Brod aus an die Armen, Suppe an die Kranken, geben den Dürstigen Hemden, Schuhe und Stoff zu Kleidern, senden den Leidenden den Arzt des Klosters und reichen ihnen alle Mittel, welche dieser vorschreibt, ohne Entgelt. Dazu kommt noch die gastfreundliche Aufnahme, deren der Pilger sich in jedem ihrer Klöster, wo Sanktuarien sind (in Jerusalem durch dreißig Tage), erfreut; und die Zahl der beherbergten Pilger — auch protestantischer — ist m'chl gering: sie betrug im letzten Jahre 6881. Rechnen wir noch dazu die Auölageu, welche der Aufwand für den Kultus, die Herhaltung der Baulichkeiten, die uoihgedruugeuen Geschenke an die Türken oder Geldcrpressungen von Seite der Araber :c. verursachen, so wissen wir,- welchen Gebranch die Väter des heiligen Landes von den europäischen Almosen machen, die sie empfangen. Sie verwenden für sich kaum mehr, als zum nothdürsligen Lebensunterhalte erforderlich ist. Das kann ich wenigstens von Jerusalem bezeugen, wo ich doch nun schon im zweiten Monaie verweile. Und nnn, sagen Sie selbst, wenn man wüßte, was ich weiß, wenn mau sähe, waö ich gesehen und nun berichtet habe, sollte die christliche Frömmigkeit es sich nicht zur Pflicht machen, solche Liebe und Aufopferung nach Kräften zu unterstützen? — Spanien und Neapel thun verhältnißmäßig das Ihrige; auch Bayern trägt sein Schärflein bei, und zur Ehre Oesterreichs dars ich hier mit Freude ausrufen: unser Baterland und die Großmuth unseres Kaiserhauses stehen bei den Franciscanern der Ivrrs 8ta. in dem liebevollsten und dankbarsten Angedenken! — Daraus solgt aber nicht, daß wir nicht noch mehr thun könnten! S ch l i n g k r a n t. Jerusalem, Oct. 1853. Ich habe geflissentlich gesagt: „bei den Franciscanern;" denn außerhalb des EouventeS und der Mauern des EonsulateS hört man in der That von Oesterreich und seiner Betheiligung an den Interessen der Mission nur wenig oder gar nicht reden. Frankreich hat das Prvtectorar, und der französische Wind verweht und der gallische Hahn verkrähl, wo nicht alles, doch gar viel. Treffend hat ein höherer österreichischer Marincofficier bemerkt: „Wäre das Protectorat deS heiligen Landes auf Oesterreichs Seite, so wäre ich auch überzeugt, daß eS entweder als Protcctor handeln, oder aber seinem Titel entsagen würde." Es ist Thatsache, daß Frankreich seit langen Jahren keine und seil einiger Zeit nur höchst geringe Almoscnspenden der 'lerra 8ta. zugemittclt hat (enva 4990 Fr. jährlich; und einmal Nadelbüchsen, Flinten u. dgl. — wahrscheinlich, damit die Bäter, wenn alle Slricke reißen, sie desto leichter wiecer zusammenflicken, und mit den Flinten sich ihrer äußern und innern Feinde, etwa der Beduinen und des Hungers, im Nothfälle erwehren können. Es steckt ein sonderbarer Genius in solchen Geschenken, den man fast Ironie nennen möchte)! Aber auch das ist Thalsache, daß die meisten Franzosen sich hier fortwährend schmeicheln, das segenvolle Wirken der FranciScauer in seinen verschiedensten Richtungen sey ihre, will sagen: Frankreichs Schöpfung. Anders läßt sich z. B. wohl nicht die Frage eines Franzosen in Beirut erklären: „WaS macht denn 375 unsere Buchdruckerei in Jerusalem?" Meine Herren! diese Bnchvrnckerei der Francis- caner ist ein rein österreichisches Institut, darin auch kein einziges französisches Theil ungszeichen steckt, und für dessen Erhaltung allein Se. Majestät der Kaiser von Oesterreich durch das General-Commissariat jährliche 300(1 fl. C. M. zn übersenden geruhen! Diese Druckerei, deren Errichtung vor sieben Jahren begonnen ward, hat bereits — früher unter Leitung des Sebastian, nun des ?. Andreas, zweier Oesterreicher.— über hundert größere und kleinere Werke uud Schriftchen in lcueinischer, italienischer und arabischer Sprache zu Tage gefördert, die gratis oder im Austausch gegen die von der Londoner Bibelgesellschaft verbreiteten Bücher den Verlangenden hingegeben werden. Sie ist immer vollauf im Dienste der Kirche beschäftigt, und daraus erklärt es sich, wenn sie keine französischen Blätter und Brochuren zu drucken vermag. — Ich könnte vielleicht hie und da dem Argwohn verfallen, daß ich als Patriot dem französischen Treiben gegenüber meine Feder schärfe, erlaube mir aber dießfallS die Berufung auf manche Urtheile gewiß rechtlich gesinnter Franzosen selbst! Man blättere nur zur Güte in den Souvenirs 6v I'Oriont par lo Vieomw !)e Narcellus — Paris 1839, oder ziehe Pujoulat's Aeußerungen zu Rathe, welcher beklagt, daß Frankreich ungeachtet — oder besser: trotz — seines Prolectorateö für die lorra ssnota so viel, als gar nicht, bestehe! Gleiches Bedauern äußerten einige der jüngst angekommenen französischen Pilger, die dadurch, so wie durch ihr Benehmen überhaupt, von ihrer edleren Gesinnungsweise Zeugniß geben und sich so von der Mehrzahl ihrer Reisegefährten rühmlich unterschieden, welche vergessen zu haben schienen, daß sie in den Konventen, die sie besucht, nur von dem Almosen der FranciScaner lebten, und als Danksagung für eine zu ihrer Bequemlichkeit gemachte Auslage von etlichen tausend Piastern, wenigstens mehr Rücksicht für die im Orient mit aller Sorgsalt rein gehaltenen Turassen, welche die Bestimmung haben, das Regenwasser in die Cisternen zu leiten, hätten haben sollen! Es kann den betreffenden Herren Franzosen eben so wenig zur Ehie gereichen, daß sie bei ihrer Abreise von Jerusalem nach Nazarelh mit dem Gedanken umgingen, die aus ihrem Vaterlande miipilgerndcn Priester, sehr würdige Charaktere, von ihrer Reisegesellschaft auszuschließen; so wie ich eö, gelind bemerkt, sehr offenherzig nennen muß, wenn einer der Herren auf die Frage eines Franciscaners, ob sie sich einen Präsidenten erwählt, zur Antwort gab: „Ja wohl; aber glücklicher Weise keinen Pfaffen!" Miß Cunninghame. Die Affaire der Miß Cuuninghame hat zwar bald ihr Ende gefunden und gehört bereits der Geschichte an; eS kommen aber nachträglich noch einige neue Data zu Tage, wodurch die Berichte, welche die Postzeitung nach englischen Blättern gegeben, vervollständigt und zum Theil rectificirr werden; und um die Sache ganz wahrheitsgetreu der Geschichte zu überliefern, kommen wir noch einmal auf die Sache zurück. Unsere Hauptquelle ist das „Morning Chronicle", unter den Londoner Blättern das am wenigsten katholikenseindliche und in religiöser Hinsicht das achtbarste. Am 25. September meldeten die Blätter zuerst, Miß Cunnighame, eine schottische PreSbyterianerin aus der Familie des „Reformators" John Knor, sey in Tos- cana verhaftet. Ihr einziges Verbrechen sey die Verbreitung von italienischen Bibeln und von einer italienischen Uebersetznng von Buuyan's „Pilgerfahrt", eines in England beliebten protestamischen aScetischen Buches. Es hat sich aber jetzt herausgestellt, daß sie weder Bibeln, noch „Pilgerfahrten" vertheilt hat, sondern verhaftet ist, weil sie Tractätchen vertheilt hat, die voll Angriffe gegen die katholische Religion sind. Die Blätter, welche sich sehr warm der „Mariyrin" angenommen haben, sind unvorsichtig genug gewesen, dieß selbst auszuplaudern. Der Bruder der Miß Cunninghame theilt in einem derselben mir, sie habe Tractate von Ryle vertheilt; ein anderes Blatt sagt uns, einer der Tractate heiße „Is vvrs ervee". Nun haben wir aber einen 376 Tractat: „das Kreuz, von dem hochw. Herrn I. C. Ryle," worin die Verehrung des KreuzeS bei den Katholiken „als profan, gotteslästerlich und abgöttisch" bezeichnet wird. Anfangs sprachen die Blätter von einem vergitterten Kerker der Inquisition, worin die junge Dame schmachte; acht Tage später mußten dieselben Blätter melden, sie wohne in einem hübschen, mit Bildern verzierten Zimmer, werde gut behandelt und dürfe täglich mehrere Stunden bei ihrer Mutter in deren Hotel zubringen. Der englische Geschäftsträger Scarlett erklärte selbst, der sanatischen Närrin sey nicht zu helfen; sie habe wissentlich und muthwillig das Gesetz übertreten und müsse die Folge davon tragen. Bon dem närrischen Eigensinne der jungen Dame legt übrigens der Schlußact der Komödie Zeugniß ab; denn es bestätigt sich, daß sie, als man ihr die Freilassung ankündigte, den toscanischen Behörden das Recht bestritt, sie ohne Proceß freizulassen, und daß sie eine schriftliche Bescheinigung darüber forderte, daß sie nur der Gewalt weichend das Gefängniß verlassen habe. „Wir hoffen, schließt das „Chronicle", die Geschichte wird fanatischen jungen Damen etwas Raison beibringen. Die toscanische Regierung wird klug genug seyn, die krankhafte Sucht nach einem Pseudo-Martyrthum nicht zu nähren; der nächste Tractatenvertheiler wird wohl einfach über die Gränze gebracht werden, ohne auch nur eine Woche lang in den protestantischen Blättern vergöttert zu werden. Was aber den öffentlichen Anstand und die Ehre unserer Nation angeht, so ist eS doch zu arg, daß wir von jedem sanatischen Qncrkopf compromittirt werden, der durch kein fremdes Land reisen kann, ohne die Religion seiner Einwohner zu schmähen. Durch solche Narrheiten, wie die der Miß Cunuinghame, wird das Verhältniß befreundeter Höfe gestört, Zeit und Geld vergeudet, Mißtrauen und Argwohn gegen alle reisenden Engländer erzeugt und die Diplomatie in Verlegenheit gebracht, — Alles znr Befriedigung der krankhaften, närrischen Eitelkeit eines Frauenzimmers." Spanien» Die „Esperanza" hat das Testament des berühmten katholischen Staatsmannes, Don Juan Donoso Cortes, Marquis von ValdegamaS, veröffentlicht. ES ist dasselbe datirt: Madrid, den 23. December 1848. Es wird darin bestimmt, daß von seiner Nachlassenschast sofort 20,000 Realen vorweg genommen werden sollen zu Seelenmessen und Werken der Milde. Dann folgen zwei Paragraphen, welche lauten: „Ich empfehle den Meinigeu, besonders meinem Bruder Don Francisco, die Wittwe und die Kinder unseres verstorbenen Bruders Don Pedro als ihre Schwester und ihre eigenen Kinder zu betrachten, welche sich bemühen werden, im Leben ihrem Vater uachzueisern, der wie ein Gerechter lebte und wie ein Heiliger starb. Sein Leben wie sein Tod waren der Gegenstand meiner Thränen, ich weine noch heute bei dem Gedanken an ihn. Ich kann nicht vergellen, waS er für mich gethan, durch Gottes Gnade wurde er das Werkzeug meiner Bekehrung, und durch Gottes Barmherzigkeit werden eS seine heißen Gebete seyn, welche mir die Pforten des Himmels öffnen. — Ich verbiete ausdrücklich jeden Prunk bei meiner Bestattung; die Eitelkeit mag sich genügen lassen an der Herrschaft über die Lebenden, den Todten aber soll sie den Frieden gönnen. Vorzüglich verbiete ich, daß bei meiner Bestattung jene profane und wollüstige Musik gemacht werde, die uusere Kirchen in Komödienhäuser verwandelt hat. Donoso Cortes." Verantwortlicher Redacteur: V Schönchen, Verlags-Inhaber: F. C. Kreme». Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augslmrger Pojheitnng. 27. November M- ^8 1853. Diese« Blatt erscheint regelmäßig alle Tovutage. Der halbjährige Abonuemcnt«vrei« 40 lr.< wofür e« durch alle köniql. baver. Postämter und alle Buchh«udwuqen bezogen werden kann DaS heilige Land und sein Patriarch. Die „^rmaleg cls Is propsZation eis la koi" von Lyon brachten unlängst einen Brief des katholischen Patriarchen von Jerusalem, Monfignor Valerga., Derselbe enthält einen interessanten Bericht über die Rundreise des hochw, Herrn Patriarchen in seinem Diöcesansprengel, welcher nebst dem heiligen Lande auch nock den Libanon und die Insel (Zypern umfaßt. Wir ziehen aus dun authentischen Berichte nur die Bevölkerungsverhältnisse der verschiedenen Konfessionen im heiligen Lande heraus, weil sich gerade darüber die ungenauesten Angaben in den Reisehandbüchern :c. finden, und knüpfen daran einige weniger bekannte Notizen. — Nazareth hat eine Bevölkerung von 350<) Seelen, darunter 600 Lateiner, 250 Melchiten, 220 Maroniten, 1200 schismatische Griechen und fast eben so viele Türken. — In TiberiaS am galiläischcn Meere wohnt nur eine lateinische Familie und 15 griechisch-nnirte, 600 Türken und mehr als 1300 Juden, worunter viele Deutsche. — Die Insel Cypern zählt unter 140M0 Einwohnern nur 700 Kaiholiken, wovon 600 ans Larnaka entfallen. — DaS alte und jetzt nen ausblühende Jaffa hat 10,690 Einwohner, worunter 8340 Muselmänner, 450 Lateiner und Maroniten, 300 kaiholische Griechen, 100 Armenier und Juden, und 1000 schiSmatische Griechen. — In dem kleinen Ramla befinden sich nur drei lateinische Familien, die übrige Einwohnelschaft ist mohamedanisch. — Die heil. Stadt Jerusalem zählt 15,250 Einwohner, worunter 7000 Juden, 4900 Türken, 2000 schismattsche Griechen, 1000 Lateiner. 60 Kopten, 50 Melchiten nnd 470 schiSmatische Armenier — Die Seelenzohl in Bethlehem berrägt 3965 Einwohner, nämlich 2000 Lateiner, 1500 Griechen, 360 Türken, 115 schiSmaiische Armenier. — AuS dem Berichte des hochwürvigsten Herrn Patriarchen leuchtet zugleich dessen kirchliche Thätigkeit hervor. Er hielt die feierliche Fronleich- namSprocession zu Gazir am Berge Libanon, ertheilte das heilige Sacrament der Firmung auf der Insel Cypern, zu Caifa, Nazarcth, Jaffa und Jerusalem, in letzlerer Stadt an 150 Individuen; nahm zwei Ordinationen am Berge Karmel uud eine zu Jerusalem vor (am Quatembersamstag vor Weihnachten), bei welcher Gelegenheit auch fünf Seminaristen die untern Weihen erhielten (seit 400 Jahren hatte feine Priesterweihe im Patriarchate von Jerusalem stattgefunden); und gab drei ein- gebornen Jungfrauen den Schleier der Schwestern vom heiligen Joseph, welche der Krankenpflege und Mädchencrziehung sich widmen. Sein Augenmerk ist besonders auf seine zwei Hanptschöpfnngen gerichtet: auf daS katholische Spital und auf das Knabenseminar, welches aus 16 jungen Leviten (sämmtlich i,n Patriarchate geboren) besteht. — Auch eine Conferenz deS heiligen Vincenz von Paul zur Unterstützung, Besuchung und Pflege der Armen, Kranken und Greise hat sich seit anderthalb Jahren gebildet, und 1000 Franken in einem Jahre gesammelt. — Während der VisitationS- 378 reise des Patriarchen stand die französische Brigg .Mrcure« zu dessen Verfügung — wohl ein Beweis, daß die Zeiten vorüber sind, wo der Repräsentant einer großen Nation, dem man die Sache des heil. Grabes empfahl, die Stirne hatte zu sagen: „c>u'il ns voulsit, pas aZiter I«z monclo riour cjuelcjues pierros et pour un osbinet <1v äeux toisss cle lonZsur." Fürst Hohenlohe und Kaiser Alexander. „Im September deS Jahres 1822, erzählt der Fürst selbst in seinen Erlebnissen, kam ich von Preßburg nach Wien, wo ich im Hause deS Fürsten Schwarzenberg meine Wohnung bezog, die' der Fürst die Gnade hatte, mir anzutragen. Viel war des Redens von mir und über mich, wie es in der Welt nicht anders gehen kann. Meinerseits vermied ich alles Aussehen Erregende, hielt mich ruhig und überließ den AuSgang Gott. — Im September deS JahreS 1822 kamen Se. Majestät, Kaiser Alexander von Rußland, nach Wien. Dieser Monarch, der gegen die fürstlich Schwar- zenbcrgischc Familie wahrhaft freundschaftliche Gesinnungen hegte, äußerte den Wunsch gegen den Fürsten Joseph Schwarzenbcrg, meine Bekanntschaft zu machen. Es war am 21 September AbtndS um halb 8 Uhr, vaß die Stunde mir bestimntt wurde, in der k. k. Burg mich cinzufiuden, wo Se. Majestät mir die Audienz geben würden. Dieser Tag war und wird mir einer der merkwürdigsten meines Lcbenö bl-ibcn. Ich redete ihn in französischer Sprache an und sagte: „Eure Majestät! Die göttliche Vorsehung hat Allerhöchstvieselben auf eine der höchsten Smfen irdischer Höhe gesetzt, darum wird auch Gott viel von Emr Majestät fordern; denn greß ist der Regem en Verantwortung vor Gott. Er erwählte Eure Majestät zum Werkzeuge, den Völkern Europas Ruhe und Frieden zu geben. Nicht minder entsprachen Eure Majestät seiner Absicht, den Triumph des KreuzeS zu erhöhen und durch Ihr kräftiges Wollen der gesunkenen Religion wieder aufzuhelfen! Ich rechne den hentigcn Tag unter die glücklichsten meines Lebens, wo mir das Glück zu Theil warb, Alterhöchstdenselben meine liefe Ehrfurcht zu bezeugen. Gott wolle Sie durch seine Guade stärken nns durch seinen heiligen Engel beschützen. Dieß wird von nun an mein demülhigcs Gebet vor Gott seyn." Hierauf solgle eine Pause, während welcher der Monarch mich anhaltend anblickte, woinach er auf seiuen Knieen um meinen priesterlichen Segen bat. Wie mir da zu Muihe war, dieß kann ich nicht durch Worte ausdrücken; bloß dieses Einzige kouule ich aus der Fülle meines gläubigen Gemüthes sagen: „Ich dulde es, daß ciu so großer Monarch also sich verdcmüthiget; denn nicht mir erzeuge» Cure Majestät diese Ehrfurcht, sondern Demjenigen, dem ich diene, und der Sie, gnädigster Kaiftr, so wie uus Alle mir seinem kostbaren Blute erlöset hat! So segne Sie denn der dreicimge Gott mit dem Thau seiner himmlischen Gnade; Er sey Ihr Schild gegen alle Ihre Feinde; Er Ihre Stärke in jedem Kampfe! Seine Liebe möge auS- gcgossen seyn in Ihr Herz, so wie der Friede unseres Herrn Jesu Christi allezeit bei Ihnen verbleibe!" Mehr konnte ich nicht hervorbringen, da die Thränen mir gewallig aus den Augen quellten. Sodann drücklen Seine Majestät mich an Ihr Herz; wornach auch im Uebermaß der Rührung ich Ihn an mein hochliopsendeS Herz drückte. — ES war dann die Rede vou verschiedenen Ereignissen, die ich der Feder nicht anvertrauen kann, weil des Monarchen Mittheilung mir heiliges Stillschweigen auferlegt. Ich verweilte bei Seiner Majestät bis dreiviertel auf 10 Uhr. — Wie blutete mir das Herz, als nach zwei Jahrcu sein Tod erfolgte! Nein kein Tag vergeht, an dem ich Seiner nicht im Gebet vor dem Allerhöchsten gedenke!" Wir sehen hier einen mächtigen Monarchen um den Segen eines Priesters bitten; und in der That, eS ist etwas Großes um ein SegenSworr, wenn eS auS dem Munde cineö Laie», und etwaö noch Größeres und Kräftigeres, wenn eS von den Lippe» eines gottgeweihten Priesters aus irgend ein Herz herabsinkt. Warum 379 doch will man dieß heut zu Tage nicht einsehen und kümmert sich so wenig um einen Segensspruch, als wäre solcher nur eine leere Formel! Schlagen wir die heil. Schrift auf, und wir werden finden, wie Jesus selbst seine segnenden Hände den kleinen Kindlein auflegt. Die Weltmenschen aber suchen keinen Segen, eben weil sie Weltmenschen sind, nnd sie finden daher auch keinen auf der rauhen Bahn dieses Lebens! Eltern, vorzüglich ihr Mütter! segnet doch tagtäglich enre Kleinen, segnet den Sohn, der die Heimat verläßt und hinausreist in die weite gefährliche Welt; segnet die erwachsenen Söhne und Töchter, bevor sie hintreten, den Bnnd der heiligen Ehe zu schließen; segnet sie oft mit gläubigem Herzen, und— ihr werdet erfreuliche Früchte aus eurem SezenSspruche hervorgehen sehen. Um so mehr aber sollen alle Christen zur Kirche eilen, um dort den Priester- und GolteSscgen zu erlaugen! (Kath.i.d. Schweiz.) Wunderbare BekebrungSgeschtchte des berühmten TonknnstlerS Hermann Kohn, ausgezogen aus dem Werke Louvenir lies rsoits vontemporsi »8. Hermann Kohn wurde den 10. November 1821 in Hamburg gebore». Sein Vater ist ein angesehener Kaufmann und Banquier daselbst; seine Mutter, eine Dame AnsangS der Fünfziger, wohnt in Paris in der Straße Fontaine St. Georges; sie hat einen lebhaften Geist und angenehme Manieren. Er hat noch zwei Brüder, von welchen der allere Sechandcl treibt, und der andere als Ingenieur beim Brücken- und Straßenbau augestcllr ist; seine Schwester, eine hübsche junge Dame, ist mit einem ausgezeichneten Zeichnenmcistcr, Herrn Raunheim, verheirathet. Die ganze Familie ist ausrichiig und mit einer gewissen zähen Anhänglichkeit der jüdischen Religion zugethan. Hermanns Religionswechsel ist ihnen ein unerklärliches Räihscl; dennoch bezweifeln sie keinen Augenblick dessen Aufrichtigkeit. Wir werden in der Folge noch auf sie zu sprechen kommen. Hermann zeigte von seiner zartesten Jugend an glückliche Geistesanlagen und besonders für die Tonkunst. Mit sechs Jahren spielte er schon auf dem Clavicr alle damals beliebte Opernliedchen; er ergötzte oft seine Eitern durch sn'ue Improvisationen, Erhalte eine schwächliche Gesundheit, war immer von anmuthigcr aber dennoch ernster Gemüthsstimmung. Zu neun Jahren besuchte er schon die Säule nicht mehr nnd erhielt durchaus keinen Religionsunterricht. Folgende Schilderung seiner Kinderjahre finden wir in einem seiner Briefe an den ehrw. Pater Marie Alphonse Ratisbonne: „Ich bin von jüdischen Eltern geboren. In meinem zehnten Jahre war ich bereits ein beginnender Tonkünstler. Ich hatte noch kaum mein zwölftes Jahr erreicht, als ich mein erstes öffentliches Concert in meiner Vaterstadt gab. Der Herr ließ eS leider geschehen, daß mir eine Art Triumph zu Theil wurde. . . . Dieser glänzende Erfolg berauschte mein junges Gehirn. Im Jahr 1834 reiste ich nach Paris. Mein Talent wurde auch da beklatscht und bald zählte ich unter die Frühgeburten der Eelebrität. — Man verhätschelte mich in den SalonS, vorzüglich aber bemühten sich die Gesellschaften der Freigeister mich anzuködern; und da man im Verhältniß meines AlterS bei mir eine schnelle Auffassungsfähigkeit entdeckte, so wiederhol-c man mir so oft diese schmeichelhafte Bemerkung, daß ich mich im Knabenalter schon zum Manne herangereift wähnte, über alles und mit allen in verschiedenem Tone sprach. — Nun bestimmte man mich znm Schildträger aller scheußlichen Doctrinen, die aus dem Pfnhl der Hölle in den Mörderhöhlen der großen Stadt emporwuchenen. Der Atheismus, der Pantheismus, die Tollheiten der Fourricristcn, der Samt Simonisten, der Corn^ munisten, der Socialisten, Aufruhr, Ermordung der Reichen, Abschaffung der Ehe, TerroriömuS, Verlheilnng deö Eigenthums, Gemeinschaft aller Lebensgenüsse, alle diese schönen Dinge fanden Raum in meinem vierzehnjährigen Gehirn. DaS Böse geht raschen Schritts. Bald wurde ich einer der eifrigsten Propagandisten jener Secten, 380 die die Gestalt der Erde zu erneuern sich vorsetzten; so wurde ich der Benjamin von männiglichen neuern Propheten der sogenannten Civilisation." Man kann sich leicht denken, was dieser Jüngling, mit solchen Anlagen, der in Paris ein ungebundenes Künstlerlcben führte, in seinem zwanzigsten Jahre war. Um mit dem heiligen Augustin zu sprechen, mit dem er in der Folge so viel Aehnlich- keit haben sollte, mußte auch bei ihm „das Unkraut der unreinen Gelüste über dem Haupte zusammenwachsen", ohne daß eine Hand sich vorfand, um es anszureuten (exeegsorunt egput, meum velires lioicienum, et null» erst ergcliosns msnus jecms. riet.. 2. c->p. tH). Unterdessen fuhr Hermann fort, sich unter der Leitung des berühmten Pianisten Lißt, der ihn gleichsam adoptirte und sich nicht mehr von ihm trennen konnte, der Tonkunst zu widmen. Dieser große Künstler führte seinen jungen Zögling bei der Schriftstellerin Georges Sand ein, die nichts Angelegeneres hatte, als ihm ihre Romane anzuempfehlen Wie es wohl zu erwarten war, verschlang Hermann mit Begierde alle Erzcngnisse der Verfasserin der Lelia. Die Lesewuth war so heftig bei ihm, daß er bei seinen Clavierererciiicn immer einen aufgeschlagenen Roman neben sich liegen hatte; seine Mntter war ganz trostlos darüber. Lißt führte ihn nach Genf, wo sie beide ein Mnsikconservatorium errichteten. Ein Jahr später lraten sie eine neue Reise zusammen an, gaben Concerte und ernteten allenthalben reiche Lorbeeren ein. Auf diese Epoche seines LcbcnSlaufS macht er Anspielungen in den Noten, von ' denen eS uns vergönnt wurde, Einsicht zn nehmen, wo er sich mit folgenden Worten ausdrückt: „Ich besaß alle Laster; deS Beifalls war ich überdrüssig, als ich, in Begleitung eines berühmten Künstlers, der mir großer Begeisterung für alle neuere philosophische Ausgeburten schwärmte, England, die Schweiz, Italien und Deutschland durchreiste, um Lorbeeren zu sammeln und Proselyten für unsere giftigen Lehren zu gewinnen. Priester waren in meinen Augen antisociale Wesen, und Ordensgeistliche waren für mich Ungeheuer, die man gleich wilden Anthrovophagen fliehen muß. — Wer hätte wohl bei meiner. Rückkunft in Paris damals voraussagen können, daß die göttliche Vorsicht mit mir die Absicht habe, zu zeigen, daß sie auch so tief gesun- kene Geschöpfe auf die gute Bahn zu bringen vermöge? Ich wenigstens hatte gewiß nicht die entfernteste Ahnung davon." Hermann ließ sich also, wie viele andere, von dem Weine des verkehrten Willens berauschen. Er überließ sich blindlings der Strömung der verbrecherischen Genüsse und der weltlichen Eitelkeiten, die ihn umrauschlen. Er ließ sich von seinen Leidenschaften, von seinen Gelüsten, ja sogar von seinen Launen mit einer für seine Familie verzweifelnden Willfährigkeit dahinreißen. So verließ cr einige Mal plötzlich Paris, gerade im Augenblicke, wo daS Glück sich ihm am günstigsten zeigte, ein Mal, um zu Lißt nach Jlalen zu eilen, ein anderes Mal, um eine Oper seiner Komposition in Verona aufführen zu lassen; dann begab cr sich nach London, wo er so viel Geld erwarb, um sich von da nach seinem Lieblingsaufenthalt Venedig zu begeben. Dieser vielen Wanderungen endlich überdrüssig, kam er wieder nach Paris. Aber so wenig hier als andcrwäris fand er Rnhe oder Glückseligkeit, sie waren mit seinen Neigungen unverträglich. Wie wurden diese Fesseln gelöst, die jeden Tag drückender wurden? In dieser Beziehung konnien wir Hermanns Spuren nicht so leicht auefindig machen, als die vorigen. Unterdessen wollte der Zufall, daß wir vor einigen Monaten die Bekanntschaft deS Ritters ASnorcz, eines ehemaligen spanischen Diplomaten machten. Dieser ASnorez Halle ein spanisches Künstler-Museum in der Straße Fontaine St. Georges Nr. 38 gegründet, daS viel SehenSwertheS enthält; er war Heimanns Lehrer gewesen. Folgende Cinzelnheiten hat er unS gleichsam in die Feder diclirt, sie können über jene Epoche in dem Leben unseres jungen Jsracliten einiges Licht verbreiten. „ES war, wenn ich nicht irre, gegen das Ende des Jahres 1845, sagte er unS, als ich Herrn Hermann zum ersten Mal sah; damals gab ich mehreren jungen Leuten Unterricht in der spanischen Sprache, er war einer davon. Sein Aeußeres 381 war elegant; er war etwas aufbrausend, dennoch aber höflich; er hatte etwas Ausgezeichnetes und Anstandvolles in seinem Benehmen. DaS Gespräch meiner Schüler, wie man es sich leicht denken mag, war selten sehr erbaulich; Hermann gab mit Wohlgefallen sein Wort dazn; mehrere Mal erzählte er ohne Umstände von seinen Eroberungen, von seinen Abenteuern, von den Lustpartieen, die er mit seinen Freunden gemacht. . . > Nachdem er nun ungefähr fünfzehn Stunden bei mir genommen und schon so ziemliche Forlschritte gemacht halte, denn er hatte entschiedene Anlage für das Sprachstudium, verschwand er mit einem Male plötzlich. . . . Damals wohnte er in der Rue de Provence Nr. 3V, verließ aber bald darauf diese Wohnung. Es verflossen so mehrere Monate; ich erkundigte mich bei einem seiner Freunde nach der Ursache seines Verschwmdens. Dieser Frennd antwortete mir, daß mein ehemaliger Schüler, durch tolle Verschwendung zu Grunde gerichtet, gezwnngen war, durchzugehen und wahrscheinlich im Auslande lebe. Ich hörte nichts mehr von ihm, bis ich im Laufe oder gegen Ende des JahreS 1847 einst ganz unerwartet auf Hermann in der Straße St. Dominiquc stieß. Ich wollte gerade in die Kirche Samt-Valkre gehen, wo das Hochwürdigste ausgestellt war. Mein Erstaunen wurde noch mehr erregt beim Anblick der Haltung und der Kleivung dieses jungen ManneS. Er war blaß, sein Blick hatte ein ausfallendes Gepräge von Bescheivenheit; seine Toilette besonders war ganz geändert: anstatt-eines nach der Mode zugeschnittenen Fracks, eines feinen Castorhu s und Glanzstiefeln, trug er einen langen Ueberrock, einen Filzhut mit breiter Krempe und gemeine Schuhe. Er ging auf mich zu, sagte mir, daß er noch mein Schuldner sey, und brachte einige Entschuldigungen vor. „„Wissen Sie auch"", fuhr er fort, „„daß ich jetzt ein Katholik bin?"" Wahrlich nein, antwortete ich etwas.kalt, weil ich die Aufrichtigkeit dieser Mittheilung bezweifelte. Wenn Sie mich einige Schritte begleiten wollen, sagte er, so will ich Sie davon überzeugen, Er führte mich in die Rue de l'Universits Nr. 102 in den zweiten Stock. Da hatte er sein Zimmer, dessen Mobilien kaum diesen Namen verdienten, aber dennoch merkwürdig waren. Sie bestanden in einer eisernen Bettstelle mit äußerst einfachem Bett- gcräthe, in einem Koffer, einem Piano, einem Crucifir, einer kleinen Statuette der Mutter Gottes und zwei kleinen Tafeln, die heilige Theresia und den heiligen Augu- stinuS vorstellend. „„Sie sehen also,"" fuhr er fort, „„daß eö wirklich an dem ist. Nun will ich Ihnen mir wenigen Worten die größte Begebenheit meines LebenS erzählen."" Und Hermann erzählte mir diese Begebenheit in einem Tone von hinreißender Innigkeit ungefähr mit folgenden Worten: „„Als ich Ihre Bekanntschaft machte, war ich ausschweifend, unmäßig und allen möglichen Schwelgercien, allen Irrwegen der Jugend ergeben; die Nachwehen dieser Unordnungen waren herb. Als all' meine Habe dahin war, begab ich mich zu meinem Vater nach Hamburg; aber er war unwillig über meine schlechte Aufführung, und schlug mir mein Ansuchen ab. Ich bereiste dann Deutschland und fand in allen großen Familien eine glänzende Aufnahme. Die Concerte, die ich gab, gelangen nach Wunsch, ich wnrde mit ei-cr Auszeichnung, deren ich sehr unwürdig war, am Hofe des Großherzogö von Mecklenburg-Schwerin aufgenommen. Doch verschwendete ich das Geld noch schneller, als ich es erwarb; der Gedanke deS Selbstmordes beschlich mich öfters, so schrecklich waren die Niederlagen, die ich am Spieltische erlitt. „„Ich begab mich aufs Neue wieder nach Paris; ich gelangte allda bald wieder zur glänzenden Lage, die ich vorher hatte. AlleS gelang mir, mein Erfolg war beinahe unglaublich. Ich wurde das Schooßkind des Fauvourg St. Germain, und da- vnrch der Liebling und der Götze der Mode. Mein Geist schwelgte in Fortunens Gunstbezeugungen und in einem Meere von Genüssen; ich sah weder vor- noch rückwärts und lcbre so in den Tag hinein, unbekümmert für die nächste Zukunft. Diese, in den Augen vieler Menschen s>i schöne, so beneidenSwcrlhe Existenz ließ mir keine Muße zum Ueberlegen, und im Grunde wurde ich immer von innerer Unruhe geplagt. Ich taumelte so fort bis zum Maimonate vorigen JahreS. Damals wurde der Marien- 382 Monat mit großer Feierlichkeit m der Kirche St. Valere begangen. ES bildeten sich Musikchöre rwn Freunden der Toukiinst, die daselbst Instrumental- und Vocal-Harmonien ausführten, welche eine Menge Menschen anzogen. Der Prinz von der MoS- kowa, der diese frommen Coucerle leitete und von dem ich die Ehre hatte, gekannt zu seyn, bat mich eines Tages, ich möchte an seiner Stelle diese Chöre leiten. Ich willigte ein, bloß auS Liebe zur Tonkunst und a»S Rücksicht für den Prinzen, dem ich gerne eine Gefälligkeit erzeigte. Im Verlaufe der Feierlichkeit regte sich nichts Besonderes in mir; beim Segen aber, obschon ich nichts weniger als geneigt war, niedcrzukuictii, wie es alle Anwesende thaten, fühlte ich doch in meinem Innern eine ungewöhnliche Regung. Meine vom Getümmel der Well zerstreute und betäubte Seele erraffte sich gleichsam: sie wurde geivahr, daß in ihrem Innern etwas ihr vorher ganz Unbekanntes vorging. Ohne es zu merken und ohne Zustimmung meines Willens fühlte ich mich gedrungen, das Knie zu beugen. Am folgenden Freitag ging ich wieder in dieselbe Kirche, und wurde auf dieselbe Weise wie das erste Mal angeregt; der Gedanke, ich sollte katholisch werden, erwachte plötzlich in mir. „„Einige Tage hernach kam ich des Morgens in die Nähe der Kirche St. Valere; die Glocke verkündete eine Messe. Ich trat ein und wohnte der Handlung aufmerksam und bewegungslos bei. Ich hörte eine, zwei, drei Messen, ohne daran zu denken, mich zn entfernen; ich konnte selbst nicht begreifen, was mich zurückhielt. Ich ging hernach nach Hause und gegen Abenv wurde ich unwillkürlich wieder dahin gezogen, das Läuten der Glocke führte mich wieder in dieselbe Kirche. Das Hochwürdigste war ausgesetzt; eS zog mich biö zur Communionbank hin, wo ich mich auf die Kniee niederließ. Dießmal neigte sich ohne Widerstreiten das Hanpt, als der Segen ei theilt wurde, und als ich mich wieder erhob, fühlte ich eine sehr wohlthuende Beruhigung meines ganzen Innern. Ich begab mich auf mein Zimmer und bald darauf legte ich mich schlafen; die ganze Nacht aber, ob im Traume oder wachend, war ich mit dem Hochwürdi^stcn beschäftigt. Mit Ungeduld erwartete ich den Augenblick, wo ich wieder einer Messe würde beiwohnen können, und von diesem Zeitpuncte an hörte ich viele Messen in St. Valere, und dieß mit so innigem Wonnegefühl, daß alle meine Seelenkräfte in denselben ausgingen. Die Stimme der Gnade, deren erster Laut mich so unerwartet berührte, drängte mich von nun an immer mächtiger. Man riech mir, mich mir der Herzogin von Ranzau zu besprechen; ich ersuchte diese Dame, mir einen Geistlichen anzuweisen; sie schickte mich zum Abbe Legraud, ich ließ mich von ihm leiten und befinde mich recht wchl dabei, bin also entschlossen, seinen Anlciluugen ferner zu folgen."" (Fortsetzung folgt.) Rom. Rom, 1. Nov. Wir haben hier in den letzten Tagen des verflossenen Monats eine unerwartete, durch die Andacht deö Volkes nämlich veranlaßte Mission gehabt. In dem mamertinischen Gefängniß, von welchem auS bekanntlich die Apostel- sürsteu zum glorreichen Martyrtvd geführt wnrden, verehrten die Gläubigen mit besonderer Andacht ein Bilduiß deS g. kreuzigten Heilandes. Man hatte beschlossen, dasselbe auS der unterirdischen Capelle in die über dem Gefängniß erbaute Kirche zu versetzen, und bei dieser Gelegenheit eine dreitägige Andacht abzuhalten. Die außer- orbeniliche Theilnahme, welche die Gläubigen an den Tag legten, rief den Gedanken hervor, das Crncifir in einer größcrn Kirche einige Tage zur öffentlichen Verehrung auszusetzen, und da man ohnehin am Schlüsse der dreitägigen Andacht eine Procession zu veranstalten gedachte, so wurde beschlossen, dieselbe über den Corso, die Hauptstraße Roms, bis zur Kirche deS heiligen Carl von Borrom äo zu führen, und dort eine neue Andacht zu beginnen. Der Procession schloß sich eine außerordentlich große Anzahl andächtiger Gläubigen an, und der Audrang zu der Kirche deS 383 heiligen Carl war so groß, daß man eine förmliche Misston zu veranstalten für gut fand. Es wurden während acht Tagen von einigen Vätern der Gesellschaft Jesn täglich fünf Predigten geHallen, und die großen Räume der Kirche waren stets angefüllt. — Die Mission ist nnn geschlossen, aber baS Cincifir bleil't ausgesetzt bis zum Feste des heiligen Carl, an welchem auch der heilige Water kommen wird, cS zu verehren. Vorgestern haben wir nun von neuem die Feierlichkeit eiuer Seligsprechung — der dritten in diesem Jahre — gehabt. Der Diener Gottes, dem diese höchste Ehre zu Theil wurde, ist Andreas Bobola, Märtyrer aus der Gesellschaft Jesu. Derselbe war ein sehr eifriger Prediger und Missionär, und wirkte in diesem Amte mit dem größten Erfolge zur Zeit, als die schismalischen Griechen mit den Polen in einen blutigen Religionskrieg verwickelt waren. Eine wüthende Horde v.on Kosaken ergriff den Missionar, den sie lange gesucht, auf der Straße nicht weit von Janom in Lithauen, nnd lodtetcn ihn nach langen und entsetzlichen Martern, während welchen der Selige fortfuhr, den heiligen katholischen Glauben, für den er starb, mit lauter Stimme zu bekennen und für seine Mörder zu beten. Er errang die Martyrer- krone am 16. Mai 1657. Es verbreitete sich die Kunde von seinem glorreichen Ende durch ganz Polen und die benachbarten Länder, sein Grab wurde von den Gläubigen fortwährend besucht, und viele außerordentliche Gnaden bezeugten die Macht, welche Gott dem Vekenner verliehen. Venedict XIV. erließ im Jahre 1755 das Dccret, wodurch nach angestellter Untersuchung erklärt wurde, daß Audrcaö Bobola in Wahrheit für den wahrcn Glaubeu gestorben, und also Märtyrer sey. Der während der Unterdrückung deS Jesuileuordeus liegen gebliebene Proceß wurde in diesem Jahrhundert wieder aufgenommen, und Gregor XVI. erklärte im Jahre 184 k die Aechlheit eiueS in dem Leibe deö Märtyrers selbst gewirkten und noch immer forldaueruden Wunders. Derselbe ist nämlich nicht nur gnuz uuverwesel und biegsam, sondern verbreitet auch einen himmlischen Wohlgeruch. ES sind mehrere Augenzeugen in Rom, Priester, die ihm eftmals die Hand geküßt. Von Sr. Heiligkeit Pins IX. wurden drei andere ans die Fürbitte des Märtyrers von Gott gewirkte Wuuver als ächt an« erkannt, und das Decret am Himmelfahrtsfeste dieses Jahres verkündigt. (M. Sbl.) Spanien. Dem „Tadlet" wird aus Madrid geschrieben: Die Kirche, welche seit der Thronbesteigung der Königin stets mir der Strenge antichristlichen HasseS oder der Gleichgiltigkeit eines selbstsüchtigen JndiffereutiSmnS behandelt wurde, fängt seit einigen Jahren, namentlich seit dem Abschlüsse deS CoucordateS, langsam aber stetig an, die Stellung wieder zn gewinnen, die sie einst im spanischen Staate hatte, und die sie nie aufgehört hat, im Herzen der großen Majorität der Spanier einzunehmen. Ich will nicht sagen, daß der wellliche Einfluß und die äußere Macht der Kirche sehr zunimmt; aber ihre Hirten, die durch den Feuerofeu der Revoluliou hindurchgegangen sind, zeigen einen Eifer in der Bewahrung deö reinen Glaubens und in der Verbrciluiig des Geistes der Frömmigkeit und Sittlichkeit unter den Massen, welcher den besten Erfolg hat, se>bft in Städten, die vor zehn Jahren noch der Sitz des Lasters und der Irreligiosität waren. Ihre Bemühungen verdienen doppelte Anerkennung bei der großen Zahl vn> geheimen und offenen Feinden, mit denen sie zu kämpfen haben. Denn leider gibt es auch in unserm Lande eine nicht so zahlreiche, als bittere, nicht so einflußreiche, als verwegeue Pariei, welche unter dem wohlkliu^ genden Namen „Liberale" selbst den Thron Gottes über den Hansen stürzen möchte, wenn er ihrem Fortschritte im Wege stände. Aus Bosheit oder Dummheit begünstigen sie jedes System, welches den Katholicismus in Spanien zu untergraben sucht, wiewohl sie sich selbst Katholiken nennen; römisch, katholisch, apoftolijch sind die Namen, welche selbst diejenigen für sich in Anspruch nehmen, die unter den Beamten 384 und unter dem Volk«, in Städten und auf dem Lande nach Cnltusfreiheit rufen, und die Grundsätze deS Protestantismus verbreiten durch Begünstigung der Agenten der Bibelgesellschaften, durch Uebcrsetzung und Vertheiiung ihrer Tractate und durch Artikel, die sie den „Times" und andern Blättern einsenden mit heftigen Deklamationen über die Intoleranz deS scandalreichen Hofes unv der bigotten Geistlichkeit. Ihre blinde Verehrung gegen das goldene Kalb englischer Macht und Große, ihre falsche Vorstellung von Englanps Toleranz und seiner Politik veranlassen sie, Alles zu verhöhnen, waö nicht einen englischen Anstrich hat, und darum suchen sie überall dem englischen Einflüsse Eingang zu verschaffen und die Saat des Irrthums unter einem Volke auszustreuen, welches seit seiuer Bekehrung zum Christenlhume fast nicht weiß, waö Häresie ist. Unter ihrem Schutze ziehen Engländer im Auftrage von Vi'bel- und andern Gesellschaften im Lande umher und vertheilen hübsch gebundene protestantische Bibeln und Tractaie heimlich oder in einer Weise, welche kein großes Verlangen nach der Martyrerkrone beweist, z, V. indem sie dieselben aus dem Wagen Vorübergehenden zuwerfen. — Nimmt man zu der heftigen Feindseligkeit der Progres- sisten die Glcichgiltigkeit und den ScepliciSmnS der ModeradoS, die Armuth der Geistlichkeit und den Einfluß der schlechten Literatur s lg Eugen Sue, so muß man sich wirklich darüber wundern, die Kirchen von Morgen bis Abend gefüllt zu sehen und überall, außer bei den NouöS von Prosession, eine ächte, männliche Frömmigkeit zu finden. Die Geistlichin haben viel gelitten, aber sie sind durch Leiden geläuiert; ihre Bildung ist gut und ihre Wachsamkeit für i?re Heerde größer, als der Eifer der Feinde. Mischehen. In Paderborn bei F. Schöningh ist eine Schrift erschienen, betitelt: „Die Prineipi.n des kirchlichen Rechtes in Ansehung der Mischehen." Der Verfasser stellt folgende acht Principien auf: t) Mischehen zwischen Katholiken unv getauften Nichtkatholiken sind insgemein nach natürlichem und positiv-göttlichem Rechte unerlaubt. 2) Mischehen zwischen Katholiken und getauften Nichtkatholiken sind auch durch allgemein- kirchliches Verbot unterfahr. 3) Die Verschiedenheit der Religion zwischen Katholiken und getauften Nichtkatholiken ist kein trennendes Ehehinderniß, oder: Mischehen zwischen Katholiken und gctansten Nichtkatholiken sind, von andern Ehchindernissen abgesehen, giltig. 4) Mischehen, die mit einem trennenden Ehehindernisse eingegangen werden, sin» ungiltiz. 5) Die ohne Beobachtung der vom Concil zu Trient vorgeschriebenen Form eingegangenen Mischehen zwischen Katholiken und getauften Nichtkatholiken sind in allen jenen Pfarreien ungiliig, in welchen das Concil publicirt und für welche die verbindende Kraft des betreffenden Tridentinischen Gesetzes nicht durch specielle Erklärung des h. Stuhls beschränkt ist. 6) Mischehen zwischen Katholiken und getauften Nichtkatholiken können aus wichtigen Gründen und unter dem Vc'rhandcnseyn gewisser Bürgschaften, aber nur aus päpstlicher Autorität, erlaubt werden. 7) Bei einer unerlaubten Mischehe sind Ausgebot, Dimissorialen und jede Assistenz verboten. 8) Bei einer erlaubten Mischehe sind die passive Assistenz und Dimissorialen erlaubt, dagegen active Assistenz und Aufgebot untersagt. — An diese Principien knüpft er folgende vier Fragen: a) Wie hat sich der katholische Geistliche in Aus- spendung der h. Sacramente gegen diejenigen zu verhalten, welche eine Mischehe eingehen wollen, oder schon eingegangen sind? b) Würde eine Praxis nach den vorgetragenen Principien der Kirche nachtheilig seyn? c) Ist die Beobachtung der genannten Principien dem Staate nachlheiug, und hat dieser ein Recht, dieselbe zu verhindern? cl) Können Nichtkatholiken die Anwendung der besprochenen Principien als einen Angriff auf ihre Confes- sion betrachten? — Für Jeden, der gründliche Aufschlüsse über die gemischten Ehen wünscht und namentlich für den Geistlichen ist die Schrift nützlich zu lesen. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. E. Kremer. Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojizeitung. 4. December M- ^S. , 1853 Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Tonntage» Der halbjährige Abonnemcntsvreis Äuvenir äes rscits eontemporaing. (Fortsetzung.) Herr Asnorez wiederholte uns die Worte Hermanns zwar nur so, wie sie ihm noch erinnerlich waren, bemerkte uns aber, daß seine Erzählung wohl vielleicht hin und wieder einige Unrichtigkeiten enthalten möge; daß''aber, im Ganzen genommen, Alles seine Richtigkeit habe, und mit der Mittheilung, die ihm gemacht wurde, übereinstimme. Uebrigens versicherte er uns, und noch mehrere andere Personen bestätigten es, daß bald nach dieser Unterredung Herrmann seine Schuld bei seinem Professor abtrug, so wie er auch seine übrigen Gläubiger befriedigte. Es stellt sich klar heraus, daß gerade in dem Augenblicke, wo die Welt alle möglichen Begünstigungen und Lockungen ihm bot, Gott ihm die Kraft ertheilte, dieselben mit Verachtung zurückzuweisen. Trotz der Revolution von 1843, die so viele Künstler brodlos machte, konnte in demselben Jahre Hermann 25—30,000 Frs. Schulden abtragen. „Freilich", schrieb er uuS eines TageS, „ist eS also. Am ersten Jänner ersuchte ich den heiligen Joseph, meine Schulden zu bezahlen." Wir wollen aber der Geschichte nicht vorgreifen, und den Faden bei dem Zeitpuncte wieder aufnehmen, wo wir ihn ließen. Wir theilen nachstehend einen Auszug aus einem Briefe mit, den er zu jener Zeit an den Pater Maria Alphonso RatiSbonne schrieb, auf die Gefahr hin, uns einiger Wiederholungen schuldig zu machen. „An einem Freitage im Mai 1347", schrieb er ihm, „ließ mich der Fürst von der Moskowa ersuchen, an seiner Stelle die Leitung eines Musikchors von Dilettanten in der Kirche von St. Valere zu übernehmen. . . . Während des Segens empfand ich zum ersten Male eine sehr lebhafte Anregung, die ich nicht zu beschreiben vermag. Den folgenden Freitag bemächtigte sich diese Anregung meiner noch weit stärker; ich hatte die Empfindung, als zöge ein schwell Gewicht meinen Körper nach abwärts, meine Kniee beugten sich, ja, es zog mich ganz zur Erde hin wider meinen Willen." Einige Zeit nachher äußerte er sich gegen denselben folgendermaßen: „Ich hatte Gelegenheit, die Frau Herzogin von Nanzau zu sprechen; ich äußerte ihr den Wunsch, mich mit einem Priester zu besprechen über die Unruhe, die meinen Geist unaufhörlich quälet seit jenem außerordentlichen Ereignisse. — Bis dahin waren die Geistlichen in meinem Sinne eine Art Ungethüme, denen man ausweichen müsse; ich begreife nicht, welche unwiderstehliche Macht mich antrieb, nun einen Geistlichen aufzusuchen. Der Böse war demnach noch nicht überwunden. Die Concerte, die Lustpartieen, die Festgelage nahmen mich immer noch stark in Anspruch; ich vermochte nicht zu wider- 390 stehen, — Ich hatte endlich eine Unterredung mit dem Herrn Abb6 Legrand, dem jetzigen Pfarrer zu St, Germain l'Aurerrois, Ich erzählte ihm, was mir begegnet war; eS schien ihn zu interessircn; er gab mir Lhomands Gfrörer. Der berühmte Historiker ist in den Schooß der katholischen Kirche zurückgetreten und zwar zu Freiburg (wo er an der Universität ordentlicher Professor der Geschichte ist); gleich nach dem Tage, an welchem der Hirtenbrief des Erzbischofs verkündigt worden war. Gfrörer ist nach seiner eigenen Aeußerung durch das Studium der Geschichte zum Glauben an Christus den Sohn Gottes und den Menschensohn — und zur Ueberzeugung von der Wahrheit der katholischen Kirche gekommen. Ich bin der Meinung, Gfrörer wird es nicht übel nehmen, wenn ich einige Aeußerungen hier wiedergebe, welche ich von demselben im Jahre 18ä9 am Allerseelentage vernommen habe. ES war damals noch eine sehr bewegte Zeit — kaum daS erste Ausschnaufen von einer großen unseligen Bewegung in Mittel- und Südeuropa begonnen. Gfrörer war am besagten Tage an zwei Stunden in meiner Wohnung, was mir große Freude machte; denn mit ihm zu reden ist ein wahres Vergnügen — was nicht bei jedem Gelehrten und jeder Celebrität der Fall ist. Gfrörer ist ein wahrhaft edler biederer Schwabe, der das Herz auf der Zunge trägt — seine Bemerkungen über öffentliche Zustände sind gewöhnlich scharfsinnig, geistreich und schlagend. Wir redeten Vieles über die Geschicke der Kirche in der nächsten Zukunft; mitunter flocht Gfrörer subjektive Bemerkungen über seine innere Stellung zur katholischen Kirche ein — die mich aufs liesste rührten, und ich bin in der Regel nicht leicht bewegt. Unter anderm sagte, er: „Nachdem ich durch die Schulen ex oktioiv um den Glauben gebracht war, bin ich auf historischem Weg zu meinem jetzigen Glauben wieder gekommen, und auf historischem Weg kann ich einmal auch noch ganz in die katholische Kirche kommen; zuerst imponirte mir der ganze Organismus der Kirche, es gibt nichts Größeres, nichts Herrlicheres." Die Worte des Mannes haben sich erfüllt. ES war ein großartiges Stück Weltgeschichte und Kirchengeschichte, das sich jüngster Tage in Freiburg abgewickelt hat — da kam es in Gfrörer, der davon nächster Augenzeuge war, vollends zum Durchbruch; seine noble Natur konnte eS im Protestantismus nicht mehr aushalten, er konnte das Schwanken nicht länger vertragen; er wollte einmal einen festen Grund unter seinen Füßen haben. Ueber die nächsten Geschicke der Kirche sagte Gfrörer am selben Tage vor vier Jahren (und ich erinnere mich noch gut seiner Worte): „Wird eS ruhig, so wird sich der Radikalismus mit der Larve der Legalität an die katholische Kirche machen, und gerade in den kleinen deutschen Ländern wird man's am ärgsten treiben — dann wird's aber auch zum Bruche kommen. Man wird meinen, die Ruhe sey geeignet, um die unhaltbaren Zustände mit der Kirche sicher zu befestigen." Auch diese Worte Gfrörers haben sich erfüllt. Nebenbei sind mir noch viele andere Aeußerungen Gfrörers im Gedächtniß, ich habe aber Grünve, selbige in petto zu behalten; bin aber der Meinung, der Historiker, von Freiburg werde auch hierin den Nagel auf den Kopf getroffen haben. Gfrörer scheint — wie er großen Scharssinn in der Combination der Verwicklungen längst entschwundener Zeiten bewiesen hat, auch einen ähnlichen Scharfsinn für die Combination zukünftiger Zustände zu besitzen. (W. K.-Z) Sie halten zusammen. Wer jetzt Augen hat, der kann sehen, und wer Ohren hat, der kann hören. Bei der badischen Verwickelung ist die radicalz Presse ungemein thätig, sie kann ihr Blut nicht verläuzneu und nicht von ihrer Art lassen. Die radikale Presse besteht aber eigentlich und natürlich aus den radikalen Persönlichkeiten, welche diese Presse 399 handhaben, und diese sind einmal durch keine Polizei zu überwachen. Wir haben in Oesterreich so gut unsere radicale Presse als anderwärts, Sie weiß mit großer Schlauheit und Pfiffigkeit die radicalm Interessen zu vertreten. Wir werden den Beweis liefern. In ganz Deutschland ist diese radicale Presse gegen den Erz- bischof von Freiburg und für das badische Ministerium. Natürlich auch — diese besagte Presse weiß es immer sehr gut, wer in ihrem Interesse und wer gegen dasselbe arbeitet. Wie die Kirche Macht gewinnt, so fallen die Aclien der revolutionären Propaganda — gegen die Kirche muß daher mit aller Anstrengung gearbeitet werden. In Oesterreich gibt es nun große, vielgelesene Blätter, die fangen an, sehr pfiffig ihre alten Tendenzen von 1849 wieder hervorzukehren; in der Sache deS ErztischosS von Freiburg suchen sie die öffentliche Meinung total hinterS Licht zu führen, und das geschieht nicht durch Leitartikel oder Originalarlikel, sondern durch eine sehr einfache Manipulation. Es wird das rothe „Frankfurter Journal" und andere Blätter gleicher Färbung benützt und diese trüben, schmutzigen Quellen in die Gartenvetlltin besagter Journale hineingeleitet. Wer kann einen Redacteur zwingen, aus diesem oder jenem Journal seine Artikel zu nehmen? DaS geht nicht an, eS ist eine Unmöglichkeit. — Wir behaupten daher: alle Ucberwachung, der Presse nützt nichlS — wenn die Persönlichkeilen keine Garantien in ihrem Charakter darbieten — wie sollen aber jene Persönlichkeiten eine Garantie geben — die, so lang es möglich war — und mit so großem Seeleueifer, als eS für ihr Leibesheil räthlich war, mit der Revolution gehalten haben, und die sich erst dann bekehrten, als sie durch äußerlich zur Schau getragenen Schafspelz (bei innerlicher Wolfverbleibung) ihre Eristenz wieder beginnen konnten, oder wenn sie nicht unterbrochen war, bewahren konnten. Wer tiefer schaut, als auf daS, was die Oberfläche darbieter, der sieht durch den glatten Wasserspiegel die scherzenden Seeungeheuer ihr Spiel treiben. Die eine Thatsache aber sollten sich alle Staatsmänner in Anbetracht des Freiburger Conflictes ins Herz schreiben: Wie kommt es, daß die ganze radicale Presse für das badische Ministerium arbeitet und gegen den Erzbischof auftritt? Das kommt daher, weil die radicale Presse eS sehr gut, und besser als alle jene, welche sie, ohne Besitz der rechten Waffen, bekämpfen wollen, weiß, wo eigentlich das Ferment deS Umsturzes ist — und was die beliebte Gähiung fördern kann. Darum sagten wir, man braucht nur die Augen aufzumachen, um zu sehen, und die Ohren, um zu hören. (W. K.-Z.) Preßburg. Aus Preß bürg 22. Nov. wird der W. Kirchenzeitung geschrieben: Da ich alleS Wichtige und Erwähnenswerthe Ihnen mitzutheilen versprach, dürften Sie bereits meinetwegen auf sonderbare Gedanken gerathen seyn, weil ich eines der wichtigsten und segensreichsten Ereignisse, daS die katholische und nicht katholische Bevölkerung unserer Stadt mitgelebt, und dem sie eine ausdauernde Aufmerksamkeit zugewendet, bisher unerwähnt ließ. Daß ich hier die heilige Mission der hochwürdigen Jesuitenväler, die am 30. Octvber begonnen und am 13, November beschlossen wurde, meine, liegt auf der Hand, aber nicht so handgreiflich ist die wahre Ursache meines langen Schweigens darüber; Sie darüber aufzuklären, muß ich Ihnen offen gestehen, daß ich die heilige Misston für ein Werk Gottes angesehen, daS himmelweit von den Werken der Menschen absticht, und sich in seinen Wirkungen und Folgen selbst lobet und rühmet, und nicht wie allenfalls das Auftreten eines Komödianten, den fünf baare Gulden zum Künstler und Genie stempeln, während er ohne diese ein ganz gewöhnlicher Acteur bleibt, der Feder eines Sterblichen bedarf. Also nicht als Speklakelstück, daS gleich nach der Aufführung recensirt werden muß, sondern als ein Werk GotteS betrachtete und betrachte ich die heilige Mission, und schreibe darum zwölf Tage nach deren Schluß über ihre Folgen, aber nicht über vereinzelte Erscheinungen, die man leicht als momentane Einflüsse der Redekrast schildern könnte, und 400 auch wirklich geschildert hat. Darf man den Tag vor dem Abende nicht loben, ist eS bei so gewalliger Begebenheit gewiß nicht minder angezeigt, ihre Nachwirkungen abzuwarten, und den Feinden der Wahrheit trocken sagen zn können, daß jenes Licht, welches geleuchtet, kein Strohfeucr gewesen. Doch, zur Sache zu kommen, lassen wir Jedem seine Ansicht und Aussicht, und beschäftigen wir uns mit der heiligen Mission. Der Anfang und das Ende derselben waren glorreich, und der Besuch der Predigten, die in zwei Kirchen zu gleicher Stunde gehalten wurden, ein enormer. Am zahlreichsten waren die Reden des P. Joseph und des P. Mar Klinkowström besucht, aber auch bei den übrigen Herren fand sich immer ein gewähltes und großes Publikum ein. Ich erlaube mir keine Kritik über die hochwürdigen Redner, eine Aeußerung kaun ich jedoch nicht unterdrücken, und die PP. Jesuiten werden mir dieselbe auch gewiß nicht übel deuten, die nämlich, daß ich den P. Patiß für den gründlichsten unter ihnen halte. Es mag seyn, daß ich irre, allein in den von ihm vernommenen Reden fand ich eine seltene Logik und eine haarscharfe Gliederung der einzelnen Sätze, die mich bewog, seinen Predigten ausschließlich und so oft als möglich beizuwohnen. Damit sey nicht gesagt, als hätten die übrigen Pcüres weniger Gründlichkeit entwickelt, sie wußten, waö eben so Noth thut, die Saiten des Gemüthes anzuschlagen. UebrigenS haben alle sechs Männer Unglaubliches geleistet, und die Beweise hicfür sind die Folgen der heiligen Mission, der fortgesetzte Gebrauch der heiligen Sacramente, die vielen stallfindenden Restitutionen, der merklich fleißigere Besuch der Kirchen, die Begleichung jahrelanger Feindschaften u. s. s,, derentwillen ich die heilige Mission den Triumph des Kreuzes nenne, und Sr. Eminenz dem hochwürdigsten Cardinal-Fürsten Reichsprimas von Ungarn als Veranlasse? derselben im Namen Derer danke, die von der heiligen Mission einen segenvollen Gebrauch gemacht, und wahrhaft besser und frömmer geworden sind. Daß ihre Zahl keine kleine — zeigen die unansgesetzten Besuche bei dem Missionskreuze, das oft umlagert erscheint, und keinen Tag ohne Besucher bleibt. Nordamerika. Der zum Nuntius in Brasilien bestimmte Msg. Bedini, Erzbischof von Theben, i, p., hat bekanntlich von Sr. Heiligkeit den Anstrag erhalten, vorher sich über die Zustände der katholischen Kirche in Nordamerika zu unterrichten. Er wurde in den Hauptstädten der vereinigten Staaten und Canadas auf eine seinem Range entsprechende Weise nnd von den Katholiken mit der größten Ehrerbietung empfangen. Der gesetzliche Einfluß des römischen Stuhles hat durch diese Rundreise deö päpstlichen Nuntius bedeutend gewonnen. Die Feinde der katholischen Kirche wurden dadurch um so mehr erbittert; besonders die italienischen Flüchtlinge in New-Kork, welche sich durch Haß gegen Kirche und Religion auszeichnen. Ihr Rtdner ist Gavazzi, dessen Brandprediglen bekannt sind, auch haben sie eine Zeitung, welche ein Herr Secchi di Casali redigirt, welcher früher mit aller Kraft rief: Es lebe Pius IX.! und später als Colporteur im Dienste der PreSbyterianer stand, nnd ketzerische Bücher in Italien verbreitete; jetzt verbreitet er von Zeit zu Zeit in seiner Zeitung das Gift der Verleumdung über die katholische Kirche und den heil. Stuhl. Für alle dergleichen war der Erfolg deö päpstlichen Nuntius eine Niederlage, welche sie auf alle Weise abzuwenden suchte». Sie wendeten zuerst gegen Msg. Bedini Verleumdungen an, welche die protestantische Presse weiter verbreitete. Nachher suchte man den päpstlichen Nuniiuö zu Meuchelmorden. Die Gewissensbisse eincS der Verschworenen erlaubten dem Msg. Bedini auf seiner Hut zu seyn. Die Verschworenen aber, welche sich dnrch einen gewissen Sassi verrathen glaubten, vtrsctztcn diesem in der Nacht auf einer Straße von New - Uork einen tödtlichen Stich. Sassi hat vor seinem Tode Bekenntnisse abgelegt. Verantwortlicher Redacteur: L. Schön chcu. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PostLeitung. 18. December M Z853. Diese» Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abouuement«pre!« TV kr., wofür e« dnrch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kaun. Wunderbare BekebrungSgeschichte des berühmte» TonkünstlerS Hermann Kobn, ausgezogen aus dem Werke Souvenir «je» reeits vontemporsins. (Fortsetzung.) Mit Sehnsucht erwartete Hermann den Tag, wo ihm die Gnade zu Theil werden sollte, das Brod der Engel, das wahre Manna zu empfangen. Er drückt sich hierüber in folgenden Worten aus: „Wenn ich die Gläubigen an die Communionbank treten sehe en'strömen heiße Thränen meinen Augen, es sind alsdann nicht jene süße beglückende Thränen der innern Tröstungen, ich sühle eine tiefe trostlose Traurigkeit, daß eS mir noch nicht vergönnt wird, zum Tische des Herrn zu gehen! .... In diesem Augenblicke, wo ich Ihnen schreibe, fühle ich eine unbeschreibliche Betrübniß, daß es mir noch nicht vergönnt war, meine erste Communion zu seiern, ich lechze nach dieser himmlischen Feier. Seit meiner Taufe", sagte er anderswo, „hat mich der Herr jeden Tag mit Süßigkeiten überhäuft, mit Tröstungen jeder Art, und mit einer Menge himmlischer Begünstigungen! Oft schwamm ich in einem Ocean geistiger Entzückungen! Für Gott allein zu leben", hörte man ihn oft sagen, „ist mein heißester Wunsch, eS ist sür mich was der Himmel den übrigen Menschen, was einem entthronten König die Rückkehr seiner Verlornen Macht, was einem vor brennendem Durst lechzenden Wanderer der Anblick einer frischen klaren Quelle ist! ... . O heilige Lehre meines geliebten Jesu, nur dir will ich leben, allem Andern will ich absterben!" Am 8. September, an dem Tage, wo die Kirche das Fest der Geburt Maria feiert, hatte unser frommer Neophit das Glück, zum ersten Male seinen Heiland zu empfangen. Was mag wohl in dieser glühenden Seele vorgegangen seyn in dein Augenblicke, wo sie sich mit ihrem Heiland so eng verbunden fühlte? Man versicherte uns, daß in jenem Augenblicke die Gesichtszüge deö jnngen Mannes einen überirdischen Ausdruck hatten, welcher allen Anwesenden ausfiel; seine Lippen aber verstummten über das, was er empfand; er wich bis jetzt jeder Erklärung hierüber aus. Am 3. December 1847, am Feste des heiligen FranciScuS ZaveriuS, ertheilte ihm der hochwürbigste Erzbischof d'Äffre das Sacrament der Firmung. Bei dieser Gelegenheit erhielt er noch den Namen ZaveriuS, Von dieser Stunde war er im Besitze der sieben Gaben des heiligen Geistes. Wir werden bald-sehen, welche herrliche Früchte diese Gaben hervorbrachten, mit welcher Beharrlichkeit, mit welcher schlichten Opferwilligkeit Hermann der Welt entsagte, er, der doch deren berauschende Genüsse so oft gekostet hatte! Wie tief er eindrang in den Geist der GlaubenSgeheimnisse und Wahrheiten, er, der während fünf« undzwanzig Jahren nicht ein einzig Mal davon sprechen gehört hatte; wie richtig er gerade das wählte, was am meisten zur Verherrlichung des NamenS Gottes beizutragen 402 vermag, indem er eine enge und dunkle Zelle der geräuschvollen Hauptstadt, der Schaubühne seiner Triumphe, vorzog; mit welchem beharrlichen Muthe er alle Hindernisse besiegte auf dem Pfade seines Heils, und, um zum Ziele zu gelangen, scheute er weder Abtödtungen, beschwerliche Reisen, die Entsagung seiner Verwandten, noch schreckte ihn die harte Lebensweise in einem der strengsten Orden ab. Mit welcher Richtigkeit er den Gebrauch seiner Talente und seiner Naturgabe zu ordnen wußte, beweiset, daß alle sein? musicalischen Werke religiösen Gegenständen gewidmet und „Mariens Ruhm!" „Liebe zu Jesu!" zc. betitelt sind. Mit welchem Eifer, mit welcher Bereitwilligkeit er sich dem Dienste Gotteö hingab, zeigt sich am besten dadurch, indem er auf i»imer seinem eigenen Willen entsagte, um sich unbedingt dem seines Obern zu unterwerfen, den er gleichsam wie den Willen Gottes ehrte. Aus Liebe uud Ehrfurcht für unsern Heiland, für den er immer beseelt war, sank er vor dem Tabernakel auf die Kniee und rief öfters mit Begeisterung auS: „ich habe ihn gefunden, den Geliebten meines Herzens! Er ist mein, ich besitze ihn und Niemand soll mir ihn mehr entreißen!" Im Monat September desselben Jahres zuckte in ihm der erste Gedanke auch einer nächtlichen Anbetung des hochheiligsten Sacramentes in einer Carmeliten-Capelle in der Rue de l'Enfcr. Eines Abends, erzählte man uns, verweilte er so lange im Gebete vertieft vor dem Hochwürdigen, daß eine Laienschwester zu ihm hintrat und ihn aufforderte, sich zu emfernen. „Recht gern, aber erst nach dem Segen," gab er zur Antwort. — ES ist heute kein Segen, erwiderte die Schwester. — „So bleibe ich so lange, als die Damen dort bleiben." — Es dürfen nur Frauen hier die Nacht über verweilen, bemerkte ihm die Schwester. Hermann gehorchte wider Willen. Von dem Wunsche beseelt, auch Männer für die neue Ehrenwache deö Königs der Könige anzuwerben, begab sich Hermann gleich am folgenden Tagein mehrere Kirchen in Paris, trat zu den jungen Männern hin, die er allda andächtig beten fand, und schlug ihnen vor, sich in die heilige Schaar einzureihen, und so legte er den ersten Grnnd zu jener erbaulichen Bruderschaft der immerwährenden Anbetung des hochheiligen Sacraments, die späterhin durch Anordnung des Erzbisckofs Sibour eine geregelte Gründung erhielt. Am 6. December 1848 hatte die erste nächtliche Anbetung des Hochwürdigen in der Kirche Notre Dame des Victoires Statt. In dem Vorworte zu den 4V Cantaten, die er späterhin znr Ehre der göttlichen Eucharistie verfertigte, entlockte ihm die Erinnerung an jene Stiftung folgende heiße LiebeSergießunzen: „O du himmlisches Sacrament, du berauschende Quelle, an der meine lechzenden Lippen in langen Zügen den Vorgenuß des ewigen Lebens schöpfen! Mein Herz schwimmt in Wonne ... es drängt mich, dich zu segnen, meine Lob- und Dankgesänge erschallen zu lassen; denn ich weiß nun, daß meine Brüder in Paris des unsäglichen Glückes genießen; jeden Tag sehen sie dich aus deinem LiebeSkerker hervortreten, du zeigest dich ihren verblendeten Augen und es ist ihnen vergönnt, ihre ewige Anbetung dir darzubringen!" „Und das Glockengeläute der Hauptstadt verkündet deine Anwesenheit und mit flatternden Bannern feiern sie in Umgängen deinen Triumph uud der Oberhirt ordnet in den Kirchen eine prunkvolle öffentliche Feier zu deiner Verehrung. „Er ladet die Gläubigen ein, die Altäre zu verzieren; er beruft eure Kinder, daß sie Lob- und Danklieder ihm singen.... „O angebeteter Jesus! ich fühle mich gedrungen, meine Gesänge mit denen meiner Pariser Brüder erklingen zu lassen! Denn in dieser Stadt hast du geruht, mir unter der eucharistischen Hülle die ewige Wahrheit zu verkünden; — das erste Geheimniß, welches du mein Herz fühlen ließest, war deine wirkliche Gegenwart im hochheiligen Sacramente. „Fühlte ich mich nicht damals schon, als ich noch Jude war, so mächtig zu dir hingezogen, daß ich mich kaum enthalten konnte, an den heiligen Tisch hinzueilen und dich in mein brennendes Herz auszunehmen! Mein heißes Verlangen nach der heiligen Taufe hatte hauptsächlich zum Grunde die Sehnsucht, mit dir vereinigt zu 403 seyn. — In Unruhe nach dem schönsten Tage meines Lebens seufzend weinte ich auS Scheelsucht, wenn ich Andere die heilige Communion empfangen sah; mit den Augen verschlang ich die geweihte Hostie, iu welcher Deine Liebe zu den Menschen den unendlichen Gott befaßt! . . . „Was du damals für mich thatest, um mich in meinem schmerzhaften Verlangen zu trösten, das kann ich hier nicht sagen. Sseretum msum milii. „Als ich endlich an diesem himmlischen Mahle theilnehmen durfte, schöpfte ich in demselben eine unbekannte Macht gegen mich selbst. Diese göttliche Speise wandelte mich in einen neuen Menschen um; sie bewahrte mich gegen alle Angriffe der weltlichen Versuchungen. Dieser Schatz schälte mich von Allem ab, waS mich ehemals mit Macht beherrschte. „Ein immer heißerer Durst drängte mich je mehr und mehr zu dieser Quelle des lebendigen Wassers; wie ein Verhungerter sehnte ich mich nach diesem „„Weizen der AuSerwählten."" ' „Um dich nach Herzenslust zu.schauen, flössen mir die Stunden des TageS zu schnell dahin; ich suchte Christen auf, die, wie ich, von dieser heiligen Gluth entbrannten; und wir brachten die Nächte in deinen Kirchen zu. . . Ein frommer Priester leitete uns. Am Abend setzte er das Hochwürdige auf dem Altare auö, und die Morgenröthe fand uns noch knieend vor deiner Herrlichkeit... „O wonnenvolle Nächte! meine Zunge möge an meinem Gaumen vertrocknen, meine Hand verdorren, wenn ich je euch vergesse! In diesen himmlischen Nächten zogest du mich, o mein Jesuö, durch einen so mächtigen, unwiderstehlichen, lieblichen und zärtlichen Liebreiz an, daß der letzte Faden zerriß, der mich noch an die Welt heftete. Ich floh fern von den Städten, um ganz ungetheilt und für immer dir zu leben." Der Entschluß, sich Gott im Priesterstande zu weihen, stand bei Hermann schon vor seiner Taufe fest, aber sein Beruf zum Klosterleben entfaltete sich erst im Jahre 1348, zur Zeit, wo alle seine Seelenkräfte, wie in einem Brennpuncte, in der Anbetung des hochheiligen AltarSsacramentes zusammenflössen, wo er jeden Abend, um Mitternacht, aufstand, um dem Betrachten vor dem Hochwürdigsten obzuliegen. Gegen Ende dieses Jahres kamen die drei jungen Direktoren dieses frommen Werkes überein, ein gemeinschaftliches Leben nach einer gewissen Regel zu führen, und am letzten Samstage vor den Fasten im Jahre 1849, am 17. Februar, verließen sie die Welt und zeigten sich nicht mehr in derselben. Hermann, Einer von diesen Dreien, begab sich vom AuffahrtStage an bis Pfingsten in eine Retraite. In derselben las er das Leben deS heiligen Johannes vom Kreuze; durch diese Lectüre und durch andere mysteriöse Veranlassungen, über welche er jeder Erklärung sorgfältig auszuweichen scheint, entstand in ihm der unwiderstehliche Wunsch, in den Karmeliter-Orden zu treten. Er erkannte bald in diesem Wunsche eine Eingebung von Oben und beschloß, ihn zu verwirklichen. Bald darauf fügte eS sich, ohne sein Zuthun, daß er in Paris einem Religiösen auS dem Barfüßer-Karmeliter-Orden aus dem vor einigen Monaten in Agen gegründeten Hause begegnete. WaS er von diesem Hause vernahm, bestärkte ihn noch mehr in seinem Entschlüsse, seine Aufnahme in demselben nachzusuchen. Er eröffnete sein Vorhaben seinem Director, dem ehrwürdigen Pater Bertholon aus der Gesellschaft der Maristen, in deren Hause er seit einiger Zeit wohnte. Anfangs mißbilligte er diesen Entschluß, gab aber endlich doch nach. Hermann, erfreut über diese Zustimmung, traf ungesäumt seine Vorkehrungen zur Reise nach Agen. DaS Karmeliter- Kloster in dieser Stadt ist unter dem Namen „I'Lremiwße" bekannt, eS ist genannt zur „Lieben Frauen deS BergeS Karmel" und zur heiligen Theresia; es liegt an der nördlichen Seite der Stadt, auf einem steilen, auS einer weißen FelSmasse gebildeten Hügel. Man zeigt daselbst noch die Felsenhöhle, in welche sich der heilige Capraiö, der heilige VincentiuS und die junge jungfräuliche heilige Fides geflüchtet hatten. In dem römischen Martyrologium wird vom ersten dieser Heiligen berichtet, daß er, in einer dieser Höhlen verborgen, Zeuge war von dem unerschrockenen, stand- .. . 404 hasten Marterthume niid Tode der heiligen Fides für JesuS ChrkstnS. Er flehte zum Herrn, er möchte ihm doch als Zeichen, daß auch er des Martyrthums werde gewürdiget werden, klares Wasser aus dem Boden der harten Felsenhöhle, in der er sich befand, emporsprudelii lassen; da bald darauf wirklich klares Wasser hervorquoll, ging der heilige Caprais freudig den Henkersknechten entgegen und starb für die Ehre Gottes. Seit dieser Begebenheit wird die Quelle auf dem Gipfel der Eremitage, die noch immer rein fließt, von frommen Pilgern mit Andacht besucht. Hermann reiste den 16. Juli 1849 von Paris ab, am Feste unserer lieben Frau vom Berge Karmel, trat mit Bescheidenheit in die Capelle ein, gerade als man die erste Vesper des Propheten EliaS sang, der als der erste Stifter des Karmeliter- OrdenS betrachtet wird. Er hörte eine innere Stimme, welche ihm sagte, daß hier der Ort sey, wo ihn der Herr erwarte. Der Vorsteher gestattete ihm, hier eine Re- traite von siebenzehn HageN zu machen, und dann ertheilte er ihm die Erlaubniß, in das Noviziat du Broussey, zu Rions unsern Bordeaux, einzutreten. Er brachte fast eine» Monat in diesem Hause z>u: vom 6. August bis zum 3. September lebte er zurückgezogen in einer Zelle, dachte fleißig nach über seinen Beruf und erklärte dann, daß er bleiben wolle. Aber um umgekleidet zu werden, bedürfte eS einer Zustimmung von Rom; man hielt darum an, man erhielt aber eine abschlägliche Antwort. Wahrscheinlich fand man die vormalige Lebensweise des Postulanten allzu anstößig, und zudem hatte er sich ja erst seit kurzer Zeit im Christenthume erprobt. Die Wclt- leute, die über alles, sehr oft ohne Sachkenntniß, in den Tag hinein sprechen und urlheilen, behaupten meistens mit einer gewissen Selbstgefälligkeit, hinter den Klostermauern sey man nicht weniger als anderswo Sclave seiner Leidenschaften, und in diese Zufluchtsstätten begäben sich nur große Sünder, weil man ohne viele Umstände jeden annimmt, der sich meldet. Diese Meinung ist falsch und ungerecht. Freilich öffnen sich die Pforten dieser heiligen Stätten zuweilen Menschen, die, enttäuscht über alle zeillichen Genüsse, in der Welt nichts mehr finden, was ihre Beachtung verdient; auch solchen, die, nach stürmischen, wüst verlebten Tagen vom grauenvollen Selbstmorde durch den Gedanken eines rächenden GotteS abgehalten wurden und in sich gingen; die Aufnahme findet aber immer ohne sehr strenge Prüfungen Statt. Es ergeht diesen dann, wie dem heiligen Augustinus und dem heiligen HieronymuS; ihre ersten Verirrungen werden ihnen zum Sporn neuer Kräfte, durch welche sie ihre geistige Wiedergeburt und Genesung erkämpfen und der Menschen Ächtung und deS Himmels Gunst wieder erwerben. Hermann war sehr betrübt über die ungünstige Antwort aus Rom, doch ließ er den Muth nicht sinken. In Demuth und Ergebung hörte er die Entscheidung an, die man ihm kundgab, küßte diejenigen, die er schon seine Väter und seine Brüder genannt hatte, und denselben Tag, den 3. September, verließ er du Broussey und trat seine Reise nach Rom an, in der Absicht, in eigener Person dem heiligen Vater oder dem General der Karmeliter sein unterthänigsteS Nachsuchen vorzulegen. Nach einigen Tagen traf er in Marseille ein und begab sich unverzüglich an Bord eines DampfboteS, das nach Civita-Vecchia segelte, auf welchem er den letzten Platz bezog. Obschon er sich sorgfältig während der Ucbersahrt zu den bescheidensten Reisenden der geringsten Classe hielt und mit Vorbedacht ganz gemeine Kleider trug, wurde er doch von einigen der Passagiere in den ersten Plätzen erkannt und während der Quaran- taine, die man in Genua hielt, wurde er genöthigt, Musik zu machen. Man bot alles auf, um ihn zu bewegen, in Rom wieder in der vornehmen Welt aufzutreten und Concerte zu geben; aber umsonst: die Gnade siegte über die Versuchungen. Am 14. September kam er in der Apostelstadt an, gerade am Vorabende deS TageS, wo sich die höheren Beamten des Carmeliterordens zur allgemeinen Berathung versammeln sollten. Ohne Verzug begab sich Hermann zum General deS Ordens und legte ihm mit schlichten Worten die Ursache seiner Reise vor. Sein Nachsuchen wurde dem Rathe vorgelegt und r'n der ersten Sitzung gleich einstimmig sein Begehren bewilligt. Hermann trat unverzüglich seine Rückreise an. Voll Freude über das Gelingen seiner Bemühungen erschien er bald wieder in dem Kloster du Broussey, seine Aufnahme daselbst nachsuchend. Das Haus du Broussey ist die Wiege des in neuerer Zeit wieder auflebenden Carmeliterordens in Frankreich; seine Gründung hatte im Jahre 1541 Siatt. Für eine Seele, die in der Betrachtung über Gott und die Ewigkeit sich zu vertiefen wünscht, hat dieses HauS die geeignetste Lage, es erhebt sich auf dem Gipfel eines steilen, einsamen, von angebautem Felde umgebenen Hügels, in einer Entfernung von ungefähr acht Stunden von Bordeaux, Innerhalb dieser stillen Mauern, ganz der Betrachtung obliegend, leben etliche zwanzig Mönche, die alle einen gewissen, mehr oder weniger bedeutenden Rang in der höheren Gesellschaft in Spanien oder in Frankreich besessen hatten. Ihr Hauptgeschäft ist Schweigen. In ihrer Zelle nur die Einsamkeit und das Schweigen sncbenv, offenbart sich ihnen der Weg, der zu Gott führt. Stellt man sie zur Rede über ihre Beschäftigung, so antworten sie, wie ehemals der heilige Saulinus seinem Freunde Sulpicius SeveruS: „Schweigen", wir schweigen. Die Liebe hat nur für den geliebten Gegenstand Worte, für die übrige Welt ist sie stumm. Keine Spur von Verdrießlichkeit oder Langeweile ist übrigens auf ihren GesichtSzügen zu bemerken; sie verrathen im Gegentheil Heiterkeit und Seelenruhe; man glaubt einen Abglanz des Himmels wahrzunehmen, Ihre strenge Lebensweise hat, beim ersten Anblicke, etwas Finsteres, Trauriges; aber sie finden in derselben die Würze des Erdenlebens und das Vorgefühl dcr ewigen Belohnungen. In Broussey, wie sie zu sagen pflegen, sieht der Mensch den Himmel offen und kann sich vertraulich mit Gott unterhalten. Dieser Ort scheint in der That eigens dazu erschaffen, um die Verheißung, die der Herr in der alten Zeit machte, zu erfüllen, als er sagte (Osee Cap. 2 VerS 14): „Ich werde die Seele in die Einsamkeit führen, und dort will ich mit ihr von Herz zu Herz sprechen." (Fortsetzung folgt.) Das Verhältniß der Kirche zur weltlichen Gewalt. (Schluß,) Die Begründung der Kirche war auch in Bezug auf die moralische Freiheit und die Würde des Menschen eine Wohlthat, deren Größe sich jetzt mehr als je zeigt. Früher ordnete die weltliche Macht nicht bloS die Interessen deS Lebens, der Sicherheit, deS Eigenthums, der Ehre, der Nationalunabhängigkeit, sondern sie regelte auch die moralischen und religiösen Angelegenheiten, und diese Vereinigung von Gewalten machte den DesporiSmnS fester und unerschütterlicher, ohne daß sie der Religion und den Sitten, die in grobe Ausschweifungen gefallen waren, nützte. Durch die Begründung der Kirche hat die weltliche Macht die Leitung deS menschlichen Gedankens verloren, und beherrscht nicht mehr die göttlichen Gesetze. Die Religion befiehl für sich, hat ein eigenes, unabhängiges Leben, uud hält durch ihren Einfluß allen übertriebenen Gewalten die Wagschaale, die etwa die Völker unterdrücken und unterjochen wollten. Die Thätigkeit, die in dieser Beziehung in der Gesellschaft von der Kirche ausgeübt wird, ist dermaßen in die Sitten eingedrungen, daß man selbst dem Irrthume die Rechte der Wahrheit gegeben hat, und daß jeder Cultus nach derselben Freiheit strebte, die durch die katholische Kirche erworben war. Wir begreifen die wellliche Macht nicht mehr, wenn sie in eigenem Namen die religiöse Macht ausübt, und eS gereicht dem Protestantismus durchaus nicht zur Ehre, aus dem Fürsten das äußere Haupt des Christenthums bei allen Protestanten gemacht zn haben. Aber, sagt man vielleicht, wenn die Begründung der geistigen Macht in der Welt eine Entwicklung herbeiführte, die für die Würde und moralische Freiheit deS Menschen nützlich war, wurde dadurch nicht ein gefährliches Princip der Anarchie in die bürgerliche Gesellschaft eingeführt? Anstatt der Einheit der Macht, die die bürgerliche Ordnung festhält, gibt eS jetzt in jedem katholischen Staate zwei Gewalten, die / 406 denselben Zweck verfolgen. Wenn die geistige und weltliche Macht nie uneinig werden wegen ihrer Befugniß, dann wäre dieser Zustand der Dinge vielleicht zu ertragen. Aber Jeder weiß, daß, obwohl es viele Sachen gibt, die rein geistlicher Natur sind, und viele andere, die rein weltlicher Natur sind, eS doch mehrere gemischter und dunkler Natur gibt, die ein Gegenstand ewigen Streites zwischen beiden Gewalten sind. Die Geschichte ist voll von Beispielen dieser Art. Bald hat die Kirche, bald- die weltliche Macht den Sieg davon getragen, blutige Klagen bezeichnen die Annalen, der Kirche und der weltlichen Gewalt. Welches Mittel steht zu Gebot, wenn ein, solcher Streit sich erhebt, um ihn friedlich beizulegen? Wer soll beide Parteien richten, da beive unabhängig sind, und keinen höhern Richter haben? In diesem Falle ent- scheivet zwischen den weltlichen Gewalten der Krieg. Soll auch dieser entscheiden zwischen der weltlichen und geistlichen Gewalt? Wenn die Kirche Krieg führt, dann hat sie nicht allein ihre Kraft in der göttlichen Gnade und Ueberzeugung, und die katholischen Staaten sind stets von einem Kriege bedroht. Wenn aber nicht der Krieg entscheiden soll, wer soll entscheiden? Wir bemerken zuerst, daß Streit der gegenwärtige Zustand der Menschheit ist, daß das Böse und das Gute, das Fleisch und der Geist, Reiche gegen Reiche, Ideen gegen Ideen in einem steten Kampfe sich befinden, und daß daraus die Ordnung hervorgeht. Die Ordnung ist nichts, als eine Vereinigung verschiedener Elemente, und je mehr die Harmonie aus Gegensätzen besteht, desto größer ist der Triumph der Ordnung, desto mächtiger zeigt sich ihre Kraft. Wundern wir uns also nicht, daß Gott mit der Begründung seiner Kirche eine Art Dualismus in die Gesellschaft gebracht hat. Jede Gewalt wird nur begränzt durch eine andere, und daS Wunderbare ist nur, daß die geistige Gewalt, welche die weltliche Gewalt begränzt, diese auf eine unerschütterliche Basis zurückführt. Nie haben die Fürsten länger gelebt, nie länger der Liebe der Nationen sich erfreut, die sie regierten, als seit Begründung der Kirche, und in dem Maaße, als man die Kirche sich in einem Staate befestigen sieht, in dem Maaße sieht man auch die weltliche Gewalt geachtet, wie man sie andererseits gedemüthigt sieht, wenn die Kirche ihren Einfluß verliert. Thatsachen lassen darüber keinen Zweifel zu. Da Gott die Kirche gründete, sorgte er nicht blos für menschliche Freiheit, sondern auch für den Schutz des menschlichen Ansehens. Man kann sagen, waS TacituS von Nerva sagte: „sie hat die Freiheit und Herrschaft vereinigt." Wenn man nach dem Grunde fragt, so wird man finden, daß eS der Kirche eigen ist, allen Rechten Ehrfurcht zu verleihen, indem sie die Wahrheit kennen und achten lehrt, weswegen auch alle Rechte, der Fürsten, wie der Völker, in ihr eine Stütze haben. WaS nun den Streit betrifft, der sich zwischen den zwei Mächten wegen zweifelhafter Materien erhebt, so wollen wir zuerst bemerken, daß die Fundamentalrechte der Kirche so klar sind als die Sonne, und daß in gemischten Fragen beive Gewalten sich verständigen können durch Concordate und gegenseitige Concessionm, daß die Kirche, welcher keine bewaffnete Macht zu Gebote steht, auch nie gewaltsam eine Ungerechtigkeit begründen kann. Das ist das große Vorrecht der Kirche auf Erden, sie kann nicht bewaffnet'Unrecht thun. Wenn sie handelt, geschieht es immer in Uebereinstimmung der Völker und Fürsten, unter dem Schutze der Freiheit und deS öffentlichen Rechtes. Ich gebe zu, daß die weltliche Macht in der Lage ist, ihre Gewalt gegen die Kirche zu mißbrauchen, aber die Kirche wird ihr nur zwei Vertheidiger entgegensetzen, daS Martyrthum und Gott; das Martyrthum, das eher den Tod duldet, als daß es die der Kirche von Gott gegebenen Rechte vergibt, Gott, der ihr Gründer, Führer, Beschützer ihrer Schwachheit in der Welt ist, und welcher versprochen hat, sie nicht zu verlassen. Die Geschichte bietet hinlänglich Beispiele, und man könnte auf neuere Thatsachen verweisen, die Jeder weiß. Was war PiuS VII. gegen Napoleon? Und dennoch hat PiuS VII. gegen den Herrn der Welt allein mit der Kraft seines Gewissens gckämpft, und hat ohne Waffen den besiegt, dem Armeen zu Gebote stauden- 407 Wenn man fragt, wer zwischen der geistlichen und weltlichen Gewalt entscheiden soll, so vergißt man, daß ein Gott lebt, der die Welt regiert, und man verlangt eine Lösung, die) wenn sie wirklich ohne göttliche Vermittlung möglich wäre, Gott seiner Oberherrschast über die Welt entsetzen würde. Gott ist es nothwendig, auf den AlleS hinausläuft, und er offenbart seine Thätigkeit durch Ereignisse, die die Gestalt der Jahrhunderte verändern, und die den besondern Charakter einer unerwarteten Gewalt an sich tragen, an der man sie leicht erkennen kann. Es besteht also gegen die katholische Kirche kein Grund des Mißtrauens und des HasseS wegen ihrer wirklichen Begründung in Mitte der Gesellschaft in Raum und Zeit. Sie hat AlleS empfangen und nichts sich angemaßt, und hat AlleS gesegnet, sie hat ihre Rechte von Gott und ihrer Natur erhalten, sie hat weder die Wahrheit, die Allen gehört, gewaltsam an sich gezogen, noch die Gnade, die allein von Gott kommt, noch die Tugend, die allgemeine Pflicht ist; sie hat die Freiheit gesegnet durch den Gebrauch, den sie davon macht, wie das Ansehen, dessen Herrschaft sie mit Andern theilte. Und dennoch hat sie, trotz des Glanzes ihrer Rechtmäßigkeit und ihrer Wohlthaten, nicht aufgehört, Verfolgung zu leiden. Wie kann daö seyn? Welcher Wind führt ihr von jedem Jahrhundert den Sturm der Beleidigung mit? Ich will eS euch sagen, zwei Geister verfolgen die Kirche, und werden sie stetö verfolgen, der Geist der Herrschsucht und der Geist der Ausgelassenheit. Der Geist der Herrschsucht kann die Freiheit nicht ertragen, deren die Kirche, genießt, der Geist der Ausgelassenheit fürchtet sich vor der Wahrheit, Gnade und Tugend, deren unermü- dcter Apostel und muthiger Vertheidiger die Kirche ist. Der Geist der Herrschast stößt die Völker zum alten oder neuen Protestantismus, um einziger Herr der Gesellschaft zu seyn; der Geist der Ausgelassenheit treibt sie zu einer noch tiefern Aufregung, um den Hochmuth und die Sinnlichkeit, die das Kreuz geschlagen hat, zu befreien. Es scheint, daß die Kirche unterliegen sollte unter den zwei Gewalten, die mit einander ein Ziel verfolgen, und welche die Menschheit durch die Träger der beiden Ziele, den Thron und den Pöbel, gegen sie losläßt. Ader! o Tiefe der Führung Gottes! Der Geist der Herrschsucht verwünscht den Geist der Ausgelassenheit, und der Geist der Ausgelassenheit den Geist der Herrschsucht. In dem Augenblicke, da sie mit mehr Hitze gegen die Kirche sich wandten, und schon über ihren Fall sich freuten, trafen beide auf einander, und stießen an einander. Eine blinde Wuth stürzt die eine auf die andere, jede will allein die Beute der Kirche davon tragen, und ihr gegenseitiger Haß vergrößert sich mit dem Anblick der Beute. Von Zeit zu Zeit halten sie still, sehen sich erstaunt an, fühlen, daß sie sich vereinen sollten, um ihr Opfer zu erhalten, sie suchen Freundschaft zu schließen. Der Geist der Herrschsucht sagt: „bin ich nicht der Vater der Ausgelassenheil?" Der Geist der Ausgelassenheit sagt: „bin ich nicht der Vater der Herrschsucht?" Vergebliche Anstrengung! sie hassen hinlänglich die Kirche, um sich gegen sie verbinden zu wollen, aber sie hassen sich selbst zu sehr, als daß der Haß gegen einen Andern sie verbindet. O der Gerechtigkeit GotteS! Lasset der Gerechtigkeit Gottes ihren Lauf. Auf einer Oase Arabiens weidete ein Lamm. Es dringt daS Brüllen eines Löwen durch die Luft, der König der Wüste erscheint, und will eben mit einem Sprunge über das wehrlose Thier herfallen, aber ein anderer Löwe, von demselben Hunger gestachelt, kommt von einer andern Seite der Wüste, sie sehen sich an, messen sich, zerfleischen sich, während das Lamm gefahrlos und unbeschädigt neben ihrem Wüthen weidet. Die zwei Löwen sind die Welt, das Lamm ist die Kirche; die Welt ist getheilt, die Kirche ist einig." Wien. Wien, 29. Nov. Der Central-SeverinuSverein hielt heute eine Plenarver- sammlung, in welcher der Herr Fürsterzbischof von Wien folgende Ansprache hielt: „Ein Mann, welcher groß war an Geisteskraft wie an Heiligkeit, hat gesprochen: 408 Das Herz des Menschen ist unruhig, bis es ausruhet in dir, o Herr! Zahllos sind die Wünsche, welche auö dem menschlichen Herren emporquellen, die Leidenschaften stacheln, Furcht und Hoffnung theilen es mit wechselnder Gewalt. Anmuthig ist der Schimmer der Hoffnung; doch je lockender die Güter des Lebens in seinem Farbenspiele glänzen, desto weniger befriedigen sie den, der ihrer theilhaft geworden. Unablässig erneuert sich der Drang der Begierde; aber unablässig tritt ihm auch das Gewissen entgegen, in dessen Stimme eine höhere Welt sich ankündet, und wird die heilige Mahnung verachtet, so drückt der Mensch sich neue und sehr scharfe Stacheln in die Brust. Ueber all' diesem verworrenen Treiben und Ringen erscheint die christliche Wahrheit gleich der Sonne, welche mit siegreichem Strahle den empörten MeereS- wogen Einhalt gedielet. Sie löset das Räthsel unseres Herzens, indem sie unsern Blick über den engen Raum des irdischen Lebens hinauSrichlet und uns den dreieinigen Gott auf dem Throne seiner Herrlichkeit offenbart. Sie gießet mildernde Fluch auf die heiße Gluch der Begierde, indem sie uns das himmlische Gesetz der Liebe und der Demuth bringt. Darum spricht der Sohn GvtteS, welcher für uns zum Menschensohne werden wollte: „Kcmmet Alle zu mir, die ihr beladen seyd, und ich will euch erquicken; denn mein Joch ist süß und meine Bürde ist leicht." Ja, Erquickung ist die Hoffnung, welche er unö enthüllet, Erquickung ist die Gnade, welche er auf uns niederthant, Erquickung ist selbst die Bürde, welche er unS auflegt. Er spricht: „Wer mein Jünger seyn will, der verläugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich." Aber die Selbstoerläugnung, welche der milde Heiland uns gebietet, ist nicht nur das Unterpfand der himmlischen Güter, sondern auch eine Schutzwehr wider die scharfen Dornen, mit welchen die Bahn der irdischen Pilgerschaft besäet ist: denn wer sich nicht selbst, zu beherrschen versteht, verfällt dem schmählichen, qualvollen Joche der Leidenschaften. So ist denn das Christenthum für Zeit und Ewigkeit das Kleinod deS Menschengeschlechtes, Der Eifer für die christliche Wahrheit und ihre Hüterin, die Kirche, knüpft die Bande des St. SeverinuSvereines; ich begrüße daher Ihre Versammlung, meine Herren, als eines der Zeichen, welche uns die Aussicht in eine frohe Zukunft eröffnen. Nur zu oft begibt es sich, daß der Mensch dasjenige, was er besitzt, und dessen er sicher zu seyn glaubt, als ein Gut zu fühlen verlernt. Wer niemals krank war, betrachtet die Gesundheit als Etwas, welches sich von selbst versteht. So ist es auch mit den Segnungen deS Christenthums ergangen Die Welt hat sich von ihnen mit undankbarer Gleichgilligkcit abgewendet, oder sie sogar mit thörichtem Frevel für entbehrlich und lästig gehalten. Der St. SeverinuSverein hat sich die Aufgabe gestellt, dem Unglauben und der Gleichgiltigkeit in den Kreisen deS häuslichen Lebens entgegen zu wirken und allen Anstalten zu Erneuerung der Gesinnung nach Möglichkeit jene Unterstützung zu vermitteln, welche nur durch Vereinigung der Kräfte möglich ist. Um mit dieser heilbriugenden Bestrebung sich zu beschäftigen und einander durch den Ausdruck Ihrer Ueberzeugung zu kräftigen, sind Sie versammelt. Der Herr thue also wie er verheißen hat, da er sprach: „Wo Zwei oder Drei in meinem Namen versammelt sind, dort bin ich mitten unter ihnen!" Der Herr, der reiche Gnadenbn'nger, sey mitten unter Ihnen!" UiSNÜZi'"'m4i,mtts ni»« ,i«->^ 7N^nn m; « ,?ü(!T ^ol7^zmo. Sonntags-Beiblatt N^l-^nnrÄ chvn^87?n(.?z^!w^^^ ^ZN?^ u," mIM^'sm. Ndil-ik Augsburger PostZeitung. nmiMonuAlch?^!!'i ?»L )!! »'!uitt1I? luiiZkükk^'i- ch>! (d>'? ViS lins.1 '«^Ä«»qWa Slm 25. December M- S2. l853. .!>!^! nl"'^ I ^!^u ^I>. _ Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonutage. Der halbjährige Abouuemenisvrei« TV kr., wofür e« dmch alle köuigl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werde» kau«, Die Feter der Seligsprechung des Johannes Peceator im Kloster der barmherzigen Brüder zu Neubnrg an der Donan. k. Dieser Tage feierte daö Kloster der barmherzigen Brüder in Neuburg an der Donau eine eben so erhebende als seltene Feier, nämlich die Seligsprechung des Johannes Peccator aus dem Orden der barmherzigen Brüder. Nachdem diese Feierlichkeit sowohl in den beiden Pfarreien der Stadt zu St. Peter und heilig Geist, als auch in den benachbarten Pfarrkirchen den Gläubigen bekannt gemacht worden war, begann am Sonntag, den 13. November Abends, das dreirägige Fest in der sehr schön verzierten Klosterkirche mit einer musikalischen Litanei, wobei unter dem ersten Segen daS Bildniß des Seligen in betender Stellung, die Augen und Häude gegen den Himmel gerichtet, von einem prachtvollen Kranze natürlicher Blumen eingerahmt, unter dem festlichen Baldachine enthüllt wurde. Andern Tazs vor dem levilirten Hochamte bestieg der hochwürdige P, Cyprian, dermal im Capucinerkloster zn Eichstädt, der eine Woche zuvor dem Convente der barmherzigen Brüder die üblichen Erercitien gehalten hatte, die Kanzel und predigte über den Text: Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen (Matth. 5); worin er die Verdienste des OroenS der barmherzigen Brüder für daS geistliche und leibliche Wohl der armen christlichen Brüder unter Bezugnahme auf den seliggesprochenen Johannes schilderte. Andern Tags hielt der hochwürdige Herr Georg Bauer, Prediger der Pfarrkirche zu St. Peter, die Predigt über den durch Liebe thätigen Glauben, während am dritten Tage der hochwürdige Herr geistliche Rath Joseph Strobl über die Pflichten eines «katholischen Christen redete. Nachmittags drei Uhr war am letzten Tage der Schluß der dreitägigen Festlichkeil mit einer vom Chor gesungenen dentschcn Allerheiligen-Litanei und Te Deum laudamus, welche Litanei die zahlreich Anwesenden äußerst angenehm überraschte. Die Theilnahme des Volkes war eine unerwartet zahlreiche, so daß die Kirche bei sämmtlichen Gottesdiensten derart überfüllt war, daß die Leute außerhalb derselben noch standen und die Anzahl der Cvmmnnicanlen auf 12 eine Mission zu erhalten, verwirklichen sollte. Wir aber wollen jetzt bei dieser Gelegenheit einige geschichtliche Notizen über den Orden und das Kloster der barmherzigen Brüder in Neuburg hier folgen lassen. Unter den verschiedenen geistlichen Orden nimmt der Orden der barmherzigen .kMhislki^AtnlkynE Brüder einen vorzüglichen Rang ein. Die Grundlage zu demselben legte der heilige Johann von Gott, ein Portugiese, geboren 1495 in der Stadt Agmo monte mgjor. Nach einem vielfach bewegten Leben war derselbe bis zum 45sten Jahre herumgeirrt, und faßte nun den Entschluß, »eben der ernstlichen Sorge für sein Seelenheil den Armen und Kranken zu dienen. Da er Gott besonders nach seiner Barmherzigkeit nachzuahmen strebte, so gab ihm der Erzbischof von Granada und der Bischof von Tuy den Namen „Johann von Gott." Unter dem Rufe: „Thuet Gutes, meine lieben Brüder, um der Liebe Jesu willen!" durchwandelte er die Straßen von Granada und verwendete dann die reichlich eingegangenen Almosen zur Unterstützung der Armen und Kranken. Im Jahre 1540 miethete er endlich zur Aufnahme und Verpflegung der Kranken und Presthaften zu Granada ein Haus, das den Anfang des großen Hospitals von Granada und die Grundlage des von ihm benannten Ordens bildete. Indessen beabsichtigte nicht sowohl er als der Bischof von Granada, der das Gedeihen der neuen Stiftung sehr förderte, einen neuen Orden zu gründen, sondern beide wollten vielmehr nur einen Verein von Weltleuten bilden, die die Krankenpflege in den Krankenhäusern übernehmen, und sich durch eine besondere Kleidung von den übrigen Weltlenten unterscheiden sollten. Seinen ersten Schülern und Genossen Anton, Martin und Peter Velaöko hatte der heilige Johann bei seinen Lebzeiten noch keine Regel gegeben, sie folgten seinem Beispiele und seinen Vorschriften in Bezug auf die Krankenpflege. Nach seinem Tode 1550 verbanden sich seine Freunde zu emcr engen Verbindung unter den drei Klostergelübden und der Verpflichtung der unentgeldlichen Krankenpflege unter Vorstandschaft des Bruders Martin, den sie ihren Major nannten, nnd welcher mittels der reichen Spenden Philipps II. in vielen Städten Spaniens Hospitäler nach der Anordnung des heil. Johann von Gott gründete. Papst PiuS V. bestätigte am 1. Jan. 1572 die neue Genossenschaft und gab ihr die Regel des heil. Augustin mit der Vollmacht, einen Obern (Prior) ^u wählen und einem Bruder auS ihrer Mitte die Priesterweihe ertheilen zu lassen, damit er für ihr und der Kranken Seelenheil sorge und unterwarf sie den Diöcesanbischöfen. Die Genossenschaft war in ihrer weitern Ausbreitung sehr glücklich, schon im Jahre 1586 zählte sie 18 Spitäler und hielt in Rom ihr crsttS Generalcapitel, auf welchem die Konstitutionen des Ordens entworfen wurden. Papst Paul V. erklärte seine Mitglieder durch ein Breve vom 4. Jänner 1611 als wirkliche Religiösen und bestätigte den 15. April 1617 ihre Eonstitutionen. Der Orden hat zwei Generale, einen sür Spanien und Westinvien, der seinen Sitz in Granada hat, und einen für die übrigen Länder, der sich in Rom befindet. Der Orden breitete sich in viele Länder auS und die Mitglieder hatten verschiedene Benennnng. In Deutschland fanden sie frühzeitige Ausnahme. Der Fürst Carl Euseb von Lichtenstein lernte zu Rom das gemeinnützige Wirken dieser Brüder kennen und nahm zwei derselben, Gabriel Grafen r. Ferara und Johann Eassmetli, mit nach Deutschland und erbaute ihnen^ 1605 zu Felsberg in Niederösterreich ein eigenes Kloster, welches er reichlich ausstatten ließ. Dieses Kloster war das erste in der österreichischen Monarchie und bildete mit den später errichteten Klöstern dieses Ordens eine eigene Provinz, die deutsche genannt. Die Brüder dieses Ordens, in Deutschland barmherzige Brüder genannt, verpflichten sich durch ein viertes Gelübde lebenslänglich zur Krankenpflege. Das Noviziat dauert ein Jahr, nach Ablauf desselben muß, gemäß Verordnung Papst Aleranders VIII. vom 10. Juli 1655, der junge Profeß noch ein Jahr im Profefsorium gleichsam ein zweites Noviziat erstehen. Die vorgeschriebene Kleidung besteht in einem Habit von schwarzem Tuche nebst Skapulier von derselben Farbe und eiuer kleinen, runden, steifen Kapuze. Das OrdenS- kleid selbst wird durch einen ledernen schwarzen Gürtel zusammengehalten. Ihre ursprüngliche Ordenstracht bestand in einem langen grauen Rocke, wie ihn der heilige Ordensvater trug, daher man sie anfangs die „grauen Brüder" nannte. Papst PiuS V. aber verwandelte die graue Farbe in die schwarze und fügte dem ledernen Gürtel ein Skapulier mit Kapuze hinzu. Die anerkannte Gemeinnützigkeit und die gewissenhafte Erfüllung seiner Pflichten 4tt hat diesem Orden allenthalben bereitwillige Aufnahme verschafft; besonders da seine pflegende Hilfe gesetzlich anch auf Nichtkatholiken sich ausdehnte. Wie konnte eS daher anders kommen, als daß auch der Herzog Wolfgang Wilhelm, dieser fromme und weise Fürst, wohl der größte der pfalzneuburgtschen Herzoge, welchem die Stadt und sein Land Neuburg so viele wohlthätige Stiftungen verdankt, auch der leidenden Menschheit so liebevoll gedachte. Er, der selbst erst im Jahre 1617 auS Ueberzeugung, belehrt durch das Lesen katholischer Schriften, in den Schooß der wahren Kirche zurückgekehrt war, unterließ nun keine Gelegenheit, seine Unterthanen wieder in die katholische Kirche, die sie gewaltsam hatten verlassen müssen, zurückzusühreu, und sie im Glauben zu stärken und GotteS- und Nächstenliebe zu befördern. Deßhalb kam ihm die Gelegenheit erwünscht, einen Orden einführe« zu können, der seinen edlen frommen Absichten so sehr entsprechen konnte. Und nun folgt die Entstehung deS Klosters der barmherzigen Brüder in Neuburg. Im Jahre 1622 käme» zu Herzog Wolfgang Wilhelm zwei barmherzige Brüder, welche mit einem Paß von ihrem Generalvicar Gabriel Ferara aus Wien, vom 29, Juni 1622 datirt, versehen waren. Der eine war ein Priester dieses OrdenS, P, Bartholomä Boninkantro, ein Florentiner, der andere ein Bruder, Maximilian Veiga. Beide kamen deßhalb nach Deutschland, um auch in diesem Lande ihren für die Menschheit so wohlthätigen Orden bekannt zu machen und allenfalls auch da oder dort einen Platz zu Gründung eines Klosters ihres OrdenS zu erlangen. Sie hatten bereits die Kunde erlangt, daß Herzog Wolfgang Wilhelm erst vor einigen Jahren zur katholischen Religion zurückgekehrt sey und daß sein Elfer für die katholische Religion sich auch besonders dadurch bewähre, daß er verschiedene Klöster und Stiftungen, die durch die Einführung der Lehre Luthers ihren Untergang finden mußten, wieder aufrichte« wolle. Bei diesem nützlichen nnd wohlthätigen Wirken stellteil sie daher auch an de« Herzog die geziemende Bitte, daß er auch ihres OrdenS gnädigst gedenken möchte, um so mehr, da oaS ganze Wirken desselben nur dahin gehe, Gott und den armen Kranken und Presthaften, überhaupt der leidenden Menschheit zu dienen. Dieses gestellte Bittgesuch nahm Herzog Wolfgang Wilhelm auf das bereitwilligste auf; denn sein edles, für alles Gute empfängliche Herz sah den erhabenen Zweck dieses Ordens gar leicht ein, und wünschte nur zu wissen, welches Gebäude und jwelche Gerätschaften sie zur Ausführung der Absicht ihres heiligen Ordens als tauglich erachteten. Diesem gnädigsten Befehle leisteten sie sogleich, sowohl mündlich als schriftlich, Genüge und gaben Alles an Handen, was nur immer zur Bedienung der Kranken ersprießlich und nützlich seyn konnte. Es befand sich am Ende der obern Borstadt aus einem freien, gesunden und sonnigen Platze ein Gebäude, das lange Haus genannt, worin die Baugeräthschaften zu den fürstlichen Gebäuden und dem gegenüberliegenden, besonders durch seine schattigen Gänge auSgezeichntti'n Hofgarten aufbewahrt waren, und das auch dem Baumeister zu seiner Wohnung diente. Dieses Gebäude nun übergab er den obigen Orvensmitgliedern und schenkte ihnen dazu 1000 Thaler, um sich mit den nothwendigen Geräthschaften versehen zu können. Es wurde nun das dermalige Klostergebände nebst der Kirche erbaut und letztere zu Ehren deS Herzogs, als deS Stifters deS Klosters, nach seinem Namen dem heiligen Wolfgang geweiht, wie denn auch jetzt noch daö Hochaltarblatt den heiligen Wölfgang, von Wink, darstellt. Am Feste der heiligen Apostel Simon und Juda 1626 wurde die Kirche durch den Bischof von Augsburg, Heinrich Freiherr» von Knöringen, feierlich eingeweiht. Um arme Kranke der Stadt Neuburg und arine erkrankte Reisende unentgeldlich verpflegen und heilen zu können, errichtete der Herzog eine ordentliche Stiftung, befahl, daß stets zwanzig Krankenbetten in Bereitschaft gehalten werden sollen, und suchte am 31. August 1623 die Bestätigung derselben bei Seiner päpstlichen Heiligkeit nach. Die ursprüngliche Dotation deS Klosters bestand in einer jährlichen Rente von 2,000 fl., welche von den Einkünften des aufgelösten Bernardiner-Frauenklosters Püllenhofen 41L IM Nordgau genommen und von der herzoglichen Hofkammer-Kasse in Neuburg ausbezahlt wurden. AIS aber einige Zeit hernach mit Püllenhvfen eine Aenderung vorgegangen war, auch wegen der eingefallenen MiegSzeiten diese Rente nicht mehr vollständig floß, so vereinigte sich der Nachfolger Wolfgang Wilhelms, sein Sohn Herzog Philipp Wilhelm, mit dem Kloster dahin, daß die jährliche Rente aus der herzoglichen Hof- kammer-Casse auf 1500 fl. vermindert, daS Kloster aber durch die grundherrlichen Gcfällc und noch untertheilten Einkünfte des ehemaligen Benediktiner-Nonnenklosters in Monheim entschädigt werden sollten. (Dieses Kloster soll nach v. Neisach schon unter Carl dem Großen bestanden haben, allein nach der 8uevis eeelssisstics ward eS erst im Jahre 890 gestiftet. Die Kirche enthielt einen großen Theil der Gebeine der heiligen Walbnrga, welche aber zur Zeit der Einführung der Lehre Luthers verloren gingen. Der Herzog Otto Heinrich von Neuburg hob nämlich dieses Kloster gewaltsam auf und zog dessen Güter ein, die letzte Aebtifsin soll im Kirchhofe der barmherzigen Brüder in Neuburg begraben liegen) Obige Ucbcreinkunst dcS Herzogs Philipp Wilhelm mit dem Kloster erhielt selbst die päpstliche Bestätigung und gab Veranlassung, daß daS Kloster der barmherzigen Brüder mehrere Stift- und Gilt- Ncichnisse ans den Landgerichtsbezirken Monheim und Wemding bezieht und sogar einen eigenen Getreidkasten in Monheim besaß, so wie eS auch daS PräsentalionSrecht auf die Ltadtpfarrei Monheim bis in die neueste Zeit kiatte. So dienten die barmherzigen Brüder ganz nach dem Sinne deS Evangeliums durch liebevolle Krankenpßege und Gebet. Vieles hatten sie zu erdulden während diö dreißigjährigen Krieges, viele Verfolgungen und Zerstörungen wurden den Ordens- »nrgliedern nnd dem Kloster zü Theil, aber doch erhielt es sich bis in die neueste Zeit, selbst unter den großen Stürmen nnd Umwälzungen, die so'viele Klöster und kirchliche Institute unseres Vaterlandes vernichteten. ES wurden noch im Jahre 1302 323 Personen ohne Unterschied der Religion aufgenommen, wovon nur 16 starben, allein in Folge der Säkularisation der übrigen Klöster erhielt dieses Kloster keinen Zuwachs an Ordenscandidaten, und da noch überdicß iu etlichen Jahren über die Hälfte der Brüder dahingestorben war, so erhielt das Kloster eine weltliche Verwaltung und einen eigenen Traiteur. Mit dieser Verwaltung war aber Niemand zufrieden, und so fand sich daS fromme Herz deS großen Königs Ludwig I. veranlaßt, aerührt durch die mehrseitigen Bitten deS StadlmagistrateS, dieses Institut nach dem Geiste deS Stifters wieder aufleben zu lasse». Der Hauptzweck ist fortwährend Verpflegung der Kranken, daher sollte daS Kloster einen Prior, einen Priester, Apotheker, Koch und mehrere Krankenwärter haben. Der allein noch lebende Frater deS ganzen Konventes Fr. Eberhard Haacke, geboren ,u Geißelhörmg 16. September 1768, der schon 1793 am 13. Oktober Profeß abgelegt hatte, wnrde zum Prior ernannt. Am 3. März, als am Feste des heiligen Johann von Gott, wurde das erste Mitglied als Novize eingekleidet, nämlich Herr Johann Benz, Sohn eines königl. Landrichters, geboren zu Oltobeuren am 27. April 1804, Er erhielt bei der feierlichen Einkleidung, die vom Stadtpfarrer zu St. Peter, als bischöflichem Commissär, unter Anwesenheit deS Magistrates vorgenommen wurde, den Klostcrnamen St. Sebastian. Am 26. Jänner 183-1 erfolgte die Einkleidung eines zweiten Novizen, Franz Xaver Reisach, geboren zu Mauerftetten 1810, der den Klosternamen Valentin erhielt. Indessen um den Orden im Geiste deS Stifters zu erneuern, wurde der Wunsch rege, einige Mitglieder aus den österreichischen Staaten, woselbst der Orden 27 Klöster mit Spitälern besitzt, zu berufen. Zu diesem Zwecke reiöle Herr Wankmüller, Pfarrer zu Bachhngl, der sich znm Eintritte in den Orden bereits gemeldet hatte, aus Anordnung der königl. Kreiöregierung von Schwaben und Neuburg und deS hochwür- digen Ordinariates Augsburg am 18. Februar 183-1 nach Wien ab, theils um die Einrichtung der Klöster dieses Ordens genauer kennen zu lernen, theils um einige taugliche Mitglieder zu gewinnen für das wiederhergestellte Kloster in Neuburg. 4t8 Seinem Ansuchen wurde willfährigst entsprochen, und um Ostern 183k kamen sogleich drei Brüder aus Oesterreich, nämlich die Fr. Fr. Dionys Göstl von NiederleiS in Oesterreich, Constantin Pollnyzky von Grosmeßentz in Mähren und Calasanz Ditie von Schlan in Böhmen, wozu noch etwas später P. Albert Mandl von Gruhlich in Böhmen zu kam. Da der bisherige Prior wegen vorgerückten Alters nicht mehr im Stande war, die Leitung des Klosters zu führen, so wurde Dionys Göstl zum Prior ernannt, und Fr. Calasanz Ditie zum Oberarzt, während P, Albert als Priester die geistliche Leitung und Seelsorge übernahm. Am 15. Juni 1834 Morgens neun Uhr war die feierliche Installation unv Einsetzung in den Genuß des Klostervermögens, so wie auch dessen Administration. Diese Handlung wurde vorgenommen durch den königl. RegierungScommissär vr. von Ahorner und den bischöflichen Commissär, Stadtpsarrer und Decan Andreas Jäger zu hl. Geist. Nach dem feierlichen Gottesdienste, unter welchem die Ordensbrüder daS Gelübde in die Hände des PriorS und dieser hinwieder in die Hände deS bischöflichen Commissärs ablegte, wurde die Installation in dem schön verzierten Refektorium vorgenommen. Noch waren nicht zwei Jahre verflossen, als daS Kloster schon ein Mitglied durch den Tod verlor. Es starb nämlich der Procurator Constantin Pollnyzki am 26. Jan. 1838, erst dreißig Jahre alt, am Blutsturze und wurde unter sehr zahlreicher Begleitung auf dem Gottesacker begraben. Einen andern Verlust erlitt das Kloster durch die Abreise deö P. Mandl nnd Calasanz Ditie, die dem Rufe ihrer Obern folgend in ungarische Klöster versetzt wurden. An die Stelle des P. Albert Mandl trat nun der hochw. Herr Pfarrer zu Staudheim, Frz, Xav. Wankmüller, der sodann die geistliche Leitung und Seelsorge im Kloster übernahm. Am 11. October 1842 wurde der bisherige Prior Dionys durch seine OrdenSoberu abberufen und dafür, am 26. October von den Ordenömirgliedern Fr. Sebastian Benz als Prior gewählt. Einige Wochen nachher begab sich der ehemalige Prior DionyS nach München, erhielt daselbst die goldene Verdienstmedaille, kehrte von da nach Neuburg und begab sich andern TagS über Rom in sein Kloster nach Oesterreich zurück. Sonderbare Wechsel, in Neuburg wurde er abgesetzt, iu München erhielt er die Verdienstmedaille. Als die Stadtgemeinde Straubing in den Vorschlag, die dortige männliche Krankenanstalt dem Orden der barmherzigen Brüder zu übertragen, einstimmte, trat der Magistrat mit dem Convente zu Neuburg in Unterhandlung und schloß mit demselben wegen Uebernahme der Krankenpflege im städtischen Krankenhause zu Straubing einen Vertrag ab, welcher von Sr. Majestät König Ludwig I. gemäß höchster Entschließung deö kgl. Ministeriums des Innern ,'c!li. 2. Oct. 1843 .die allergnädigste Genehmigung erhielt. So wurde das Kloster Neuburg, wie früher für das Kloster der Barmherzigen in München, das bis 1808 bestand, auch für Straubing daS Mutterkloster. In Folge dieses Vcii'^zS begaben sich am Aschermittwoche 21. Febr. 1844 aus dem Convente zu Neuburg drei Brüder, an ihrer Spitze der für das Ausblühen deS OrdenS in Bayern unermüdet thätige Ordenspriester P. Magnobonus Wankmüller nach Straubing und bezogen anfangs daS städtische Krankenhaus in der Allstadt, das ihnen am 17. Juli 18Ä4 feierlich übergeben wurde. Da aber dasselbe dem Donaustrome sehr nahe liegt, und öfters der Überschwemmung ausgesetzt ist, so fühlten die B rüder bald, daß dieses Gebäude eben so wenig zu einem Krankenhause als zu einem Kloster geeignet wäre und fausten um den Preis von 32,000 fl. das ehemalige FranciScanerklofter, ein weitläufiges stattliches Gebäude, nebst einer geräumigen schönen Kirche an. DaS Kloster in Neuburg besteht in schönster Blüthe, zählt außer dem OrdenS- priester P. Magnobonus Wankmüller (geboren zu Höchftädt 20. Oct. 1806 und vom Das schöne Refektorium enthält nicht nur die lebensgroßen Portraits des Stifter» und seiner Gemahlin Magdalena, sondern auch die Portraits des Herzogs Philipp Wilhelm von Ncuburg und Herzogs Wilhelm V. von Bayern, so wie Sr. Majestät Königs Ludwig I. 414 hl, Vater bei seiner Anwesenheit in Rom 1852 zum Provknzvi'car ernannt), noch vierzehn Brüder, 'gegenwärtig unter dem Priorate des Fr, Sebastian Benz, und hat in diesem Jahre auch ein dem Kloster gegenüber gelegenes Gebäude nebst großem Garten angekauft, um kranke Priester darin ausnehmen und verpflegen zu können. Wunderbare Bekehrungsgeschichte beS berühmten TonkünftlerS Hermann Kohn, ausgezogen aus dem Werke Souvenir clss rvoits oontemvorsin». no? ,iU MlIMM<,Z?tzittN!.iM »(Schluß.) .:..'.!"-^:-,-,':^ ^-.--«« ' .':>.^u-'<». ,!>,l-T' Am 6. Oct, 1849 hatte Hermann endlich das Glück eingekleidet zu werden, nachdem er sich auf eine würdige Weise dazu vorbereitet hatte. Mit niedergeschlagenen Augen und heiterem Gesichte nahm er Besitz von seiner Zelle, worin er weiter keine Mobilien vorfand, als ein auf zwei Pflöcke» liegendes Brett, daS ihm zur Lagerstätte diente, nebst einem unförmlichen hölzerne» Stuhl Er, der noch unlängst in einem weichen Bctle r>on feiner Wolle und Pflaum schlief und sich auf gepolsterte sammtve und seivene Lehnsessel niedersetzte. Sein Blick ruhte oft auf der Inschrift, die an der Wand seiner Zelle angebracht war, des Inhalts: „Auf dem Carmel und am jüngsten Gericht, Gott allein und ich." Er nahm Antheil an den Betrachtungen, den Gebeten und den Gesänge» der Genossenschaft, die um Mitternacht begannen und erst um 8 Uhr Abends deö folgende» TageS endigten, DaS Andenke» an die Welt und a» die glänzenden Gesellschaften, deren Zierde und Wonne er gewesen, ohne in denselben auch nur einen Augenblick ein ungetnibtes Glück gekostet zuhaben, schienen vollkommen seinem Gedächtnisse entschwunden ju seyn. Wie konnte ihn wohl eine Sehnsucht nach denselben be- schleichcn? War ja seine Zelle nur in geringer Entfernung von dem Altare, wo das hochheilige AltarSjacramcnr aufbewahrt war, in dessen Gegenwart er sich zu jeder Stunde begeben konnte und sogar während der Nacht im Geiste sich vor demselben dachte. In der Gegend erzählt man sich, im Monat Juli des Jahres 1850 sey eine Dame auö Paris in jene Gegend gekommen, »nd habe sich ein Zimmer in einem kleinen Häuschen in der Nähe des Klosters gemiethet. Ihr AenßereS, welches vermuthen ließ, daß sie einem höhern Stande angehöre, ihre eleganten Manieren »nd ihr melancholischer Blick erregten die Neugierde der B-wohner jenes Landstrichs, der selten von Fremden besucht wird. Gleich am ersten Tag ihrer Ankunft ging sie Abends in die Capelle, worin man daS gewöhnliche OssiVium abhielt; die Capelle ist durch deu Altar vom Ebor getrennt, wo sich die Klostergeistlichen bcfinden, die man unter der Begleitung eineS Harmontuins singen hört, ohne sie sehen zn können. Alö sie die ersten Töne des Instruments vernahm, ward sie heftig erregt und Thränen cntstürzten ihrem Auge. Sie schien die Hand erkannt zu haben, die dem Instrument so rührende Töne entlockte. Sie entdeckte dem Pater Superior wer sie sey, und dieser gestattete ihr, Hermann zu sehen. Als sie ihn erblickte, rief sie aus: „Großer Gott, wie sie ihn entstellt habe» mit dieser Kutte, diesen Sandalen und, diesem geschorenen Kopfe!" und der Novize stürzte mit dem Schrei: „Meine Mutter, meine Mutter!" in ihre Arme.--Es war wirklich Hermanns Mutter, eine Jüdin, die fest ihrem Glauben und der Welt anhing, und ganz trostlos sich gcberdete, ihren Lohn verloren zu habe». Umsonst bot sie Alles auf, um ihn zn dem ihrer Meinung nach wahren Glauben zurückzuführen. Am Ende deö Monats Juli verließ diese wieder die Gegend, welche sie als die Grabstätte ihres geliebten SohneS betrachtete. Hermann setzte seine Prüfungsgelt im Noviciat mit derselben Beharrlichkeit fort, bis endlich für ihn die feierliche Stunde erschien, wo er für immer der Welt entsagte, die ihn vormals so enge umstrickt hielt, ohne ihn befriedigen oder beglücken zu können Wir hatten die Freude, der so ergreifenden Feier der Profession beizuwohnen. Sie fand am 7. Oct> 1850 statt. Schon mit dem frühesten Morgen war die Capelle mit 4t5 Landleuten und Damen angefüllt, die auö der ganzen Gegend, von Bordeaux und sogar von Paris, herbeiströmten. Der Altar war mit Blumen geziert und schimmerte im Lichte zahlloser Kerzen. In ernsten, ergreifenden Tacten ertönte aus dem Ehore der angemessene Psalmengesang. Ms der kanonische Gottesdienst beendigt war, trat auö dem Chöre ein ehrwürdiger Greis, der Pater Prior; ihm folgten in feierlichen Schritten die andern Väter und Brüder, die sich in einem Halbkreise um den Hochaltar stellten. Der Prior bestieg eine neben dem der heiligen Theresia geweihten Seitenaltare errichtete Bühne. Kaum hatte er sich auf seinen Sitz nicLergelassen, als ein junger Mönch, von dem Novizenmeister geführt, zu ihm hinlrat, — eS war Hermann. Sein ganzes Wesen >var sanft, ruhig und bescheiden. Er kniete vor dem Greise nieder, küßte schüchtern den Saum seines Gewandes, beugte sein Haupt und aittwortete in lateinischer Sprache ans die Fragen, die man an ihn richtete. Ein junger Priester aus der Diöcese Agen hielt dann eine eindringliche Rede an die tief bewegte Versammlung. Nachdem der Novize seine stierlichen Gelübde öffentlich abgelegt und die Einkleidung vollzogen war, warf er sich vor dem Altare nieder und betete langsam, mit gedämpfter Stimme, das Te Deum ab. Als er sich wieder von der Erde erhob, umgab man sein Haupt mit einem leichten, von weißen Blüthen durchwebten Myrihenk^anz. Unter dem Absingen des schönen Psalmen: „Leeo Augsburg. Verlag der B. Schmid'schen Buchhandlung. ' F. Kremer. Inhalt. Gedichte. An Radetzky in Freiburg 57. Das verwehte Kleeblatt 112. Der Büßer Dank 183. Die Sünder-Glocke zur Zeit der Mission 184. Die beiden Schwestern 282. Des Kindes Traum 393 Das letzte Ave 409. Gegrüßt seyst du Maria! 313. Habs- burg WimlSbach 273. Maria die Hilfe der Christen 225. Mariahilf bei Passau 249. Nachruf an die h-chw. Misstonäre 209. Possenhofrn und München 136. Nück.-rinnerung an Neuburgs Missionen 234. Ritter Harimann von Sicbeneichen 270. St. Theresia 321. Sancta Agatha 289. St. Paulla Romana 208. Vcr- kehrte Welt 232. Zur Vermählung Sr. Maj, des Kaisers Franz von Oesterreich 137. ! Hirtenbriefe und andere Äctenstücke. Allocution Sr. Heiligkeit Papst Pius IX. gehalten am 19. Dec. 1853 17. Breve über die Seligsprechung der ehrwürdigen Gcrmana Cousin 193. Hirtenbrief des Bischofs Arnold! von Trier 2H. Hirtenbrief des Bischofs von Würzburg 82. Größere Aufsähe vermischten Inhaltes. Adressen der kathol. Welt an den hochwürd. Hrn. Erzbischof von Freiburg 217. Die Akademie der Propaganda am 8. Jan. 1854 50. Die Aufgabe genialer Frauen in der christlichen Kirche 186. Das Ar- menwcscn vom kath. Standpuncte aus betrachtet 62. 69. 83. 123. Aus der neuesten Schrift des Bischofs von Mainz 217. Bilder aus Jerusalem mir und ohne Nahmen 4, 10. Bekehrungen im Jahre 1833 31. Die Beatification des ehrw. Dieners Gottes Andreas Bobola 33. Brief von Clemens Brentano an ein zwölfjähriges Mädchen 35. Die barmherzige» Schwestern i» Chinqen 47. Das Bild dcS Erz- blschofs von Freiburg 90. Das Blumen- fest in Genzano 211. Die Bedeutung der religiösen Frage in unserer Zeit 257. Bemerkungen aus Anlaß der Dcgmatisirung der unbefleckten Empfängniß Maria von Professor Franz CoSta -101. Christus ist geboren 1. Die Konversion deö l)r New- mann 41. Das Christenthum in Abissi- nien und der letzte Märtyrer daselbst aus Oesterreich 98. 109. Cemral-Afrika 172. Fürstbischof von Görz, Franz X. Luschiri 221. Die Concilien des erste» christl. Jahrhunderts 361. 369, 379. 388. 396. Die Concilien des zweiten christl. Jahrh. 404. Die Concilen des dritten christl. Jahrh. 411. Die Concilien des vierten christl. Jahrh. 413. 418. Döllinger u. Bunsen 6. 14. Von dem Glück — Fastenspeiscn zu essen 9. Der rechie Wegweiser ii» neuen Jahre 21. Der Dialog des Dcito und Zg- norante in römischen Kirchen 129. Die Frauen vom guten Hirte» in Ncudorf 48. Darmstädter Phantasten und der Segen über Hauslhicre 181. Der hl, Frannscus als Patron des Vereines gegen Thicrquälerei 52. Pater Fruzzim (Nekrol.) 185. Eine lehrreiche Geschichte im fünften Decennium des 19ten Jahrhunderts 44. Heinrich IV. von Frankreich und die Jesuiten 107. Die katholische Verdummung 73. Zur Geschichte der Benedicliner-Abtei Metten in Niederbayern 249. 260. 278. Der kaih. Götzendienst 92. Zur Kirchengcschichte Bosniens 145. 179. Die Königsgräber zu St. Denis 164. 169. 191. 197. Die katholische Universität in Dublin 321. Kirchen und kirchliche Bauwerke an den heiligen Stätten des Morgenlandes 330. 337. Vicrundscchzig Lehrsprüche aus dem Munde des bl. Philippus Neri 32. 39. Luschkin (Nekrolog) 177. 265. 274. Cardinal Luigi Lambruschini 195. Die auswärtigen Missionen 117. Missions- bcricht vom Jahre 1853. 234. 241. Dr. Newmann und dessen Bruder 30. Der NorbcrluSvercin 46. Zur orientali- schen Frage 137. Pilgerreise ins hl. Land 2 > 3. Der Prinz GemM in England als Theologe ZI8. Die abgelaufene Parla- mentSscssion in ihrer Stellung zu den katholischen Interessen 305. 3l3. Rudolph von Rodt über die Früchte seines Wirkens in Indien 58. 65. Der heil. Stuhl und das orientalische Schisma 201. Stoff zum Nachdenken 189. Kirchl chc Statistik des russische»Reichs 229. Die Schwestern der Armen 245. Der Tod Voltaires 282. 289. 297. 303. 316. 326. 332. 341, 348 353. Der VinceiuiuS-Verein 345. Der Verein zur Begleitung des all.rheilig- sten Niaticums in Rom 122. Mleinere Artikel und Nöthen. Antwort des Erzbischofs von Utrecht auf die Adresse der kalh. Generalversammlung 56. Der bekehrte Züchtling 149. Das Bibcl- geschätt 176. Das Collcg für auswärtige Misstonen in Druincondra bei Dublin 120. Gründung einer orientalisch-christlichen Gesellschaft 240. Elisabeth 210 Die Einweihung der Schncekoppen-Eapelle 2 38. Die Einführung des Ordens der barmherzigen Schwestern in das Krankenhaus zu Bambcrg 253. Etwas aus dem Capitel über christliche Lcbrnsanschauungen 255. Die Feier des 24. Aprils auf der Ricden- burg bei Vregcnz 158. Frauen zum guten Hirten 144. Die christliche Familie, wie sie war und wie sie ist 142. Die Fastenzeit in Paris 134. Die Freimaurerei 1 >5. 125. Giiechische Prophezeiungen 101. Zur Feier des St. Lconhardstages 377. Die Ziffern bedeuten Militärische Honneurs vor den barmherzigen Schwestern 415. Geständniß unv Einsicht 168. Gott und die Gebildete!, 293. Heldenmuth eines F.ldcaplans 366. Zur Frage über die unbefleckte Empfängniß Maria 374. Eine Jubelfeier in Ornbau 351. Aus der Jugend Papst Pius IX. 169. Die Kirche unv der Findling 61. Kirchendiscipli» 143. Die kathol. Kirche auf den Sandwichinseln 151. Luxemburger Zustände 156. Der Monat Maria 1367. Medicinisches über das Fastcn- gebot 263. Das neue Schulhaus zu Lib- nach 269. Der protestantische Missionär 279. Der Mohr und der Jude 63. Die Mission in Teisendorf 79 Eine Paralelle 220. Protesta.ttische Zustände in Amerika 140. Nandglosstn 215. Priesterrache 254. Tablomanic und Nekromantie 60. Trost am Grabe 56. Zur Tischrascrei 96. Zustände der Katholiken in Schweden 114. 126. 139. 147. Afrika 16. Amerika 16. Budweis 48. Burghausen 244. Aus Böhmen 197. Dublin 162. Frankreich 104. Dessau 168. Eschweüer 88. Gratz 112. Irland 174. Jerusalem 160. K>rchliche Notizen 236. 294. 303. 311. 318 327. 334. 343. 357. 368. 375. 381. 392. 399. 407. 415. Lenau 16. London 207. Nordamerika 200. 224. 248. Paris 176. Passau 95. Rom 37. 86. 105. 153. 162. 173. 206. 223. Schweiz 128. Spanien 284. Tclgte 216. Trieft 88. Ungarn 24. Vereinigte Staaten von Nordamerika 54. Wien 38. 64 , ie Seitenzahlen. , Vierzehnter Jahrgang. Sonntags⸗Beiblatt zur Augsburger Poſtzeitung. 1. Januar Nʳ· 1. 1854. Dieſes Blatt erſcheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis 10 fr., wofür es durch alle königl. bayer. Poſtämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Chriſtus iſt geboren.*) — Es iſt ſehr unrecht vom Pfarrer, daß er da drüben in der Kirche immer ſo übel von den Dornen redet!— ſagte der Dornbuſch, der vor dem verfallenen Stallgemäuer der Schloßruine der Dorfkirche gegenüberſtand.— Es iſt ſehr unrecht von ihm, denn er kann ja z. B. nicht wiſſen, was es mit mir für eine Bewandtniß hat!— Auf dem Blutsacker bei Golgatha da ſtand vor bald 2000 Jahren mein Stammbaum, ein Kreuzdorn, aus deſſen Zweigen flochten ſie die Dornenkrone des Heilandes. Der Pfarrer drüben aber weiß nicht, daß ich von dieſem Kreuzdorn ſtamme, daß alle directen Abkommen desſelben rothe Blüthen treiben, in der Chriſtnacht blutige Thränen weinen, und daß wir Dornen uns ewig verjüngen wie Chriſti Lehre, denn wir ſind ja mit ihr verflochten! So ſprach der Dornbuſch. Und da fuhr der Wind in ſeine Zweige und ſchüttelte fie, daß Schnee von denſelben fiel. — Freilich, die Bewandtniß muß man kennen, ſagte der Dornbuſch. Es war nun aber eben Chriſtnacht, und Mitternacht nahte heran, und darum ſtellte der Dornbuſch ſeine frommen Betrachtungen an, die er indeß auch an andern Tagen hegen mochte, wenn es mit ſeiner Abkunft wirklich„die Bewandtniß“ hatte, deren er ſich rühmte. Inzwiſchen läutete man in der Kirche zur Chriſtmetten und der fromme Pfarrer ſchritt daher, um den Gottesdienſt zu halten. — Da geht er gleichgiltig an mir vorüber! — ſagte der Dornbuſch.— Natürlich: er kennt ja meine Bewandtniß nicht! Und die übrigen eilen auch alle an mir vorbei in die Kirchen, und wenn der Herr Gott nicht ins Verborgene ſchauen könnte, er würde ſeine Gläubigen an den Fußſpuren erkennen, die von den Häuſern in die Kirche führen. Aber er kennt ſie Alle, denn er leitet ja ihre Spuren.. Ich jedoch kenne Zwei im Dorfe, die nicht heute und nicht das ganze Jahr in die Kirche gehen, weil ſie gottlos ſind; es iſt der finſtere Schloßherr und der wilde Steffen, den der Erſtere geſtern aus ſeiner Hütte gejagt, weil er den Miethzins nicht bezahlt, und deſſen armes Weib mit ihren halbnackten Kindern nun hier in dem verfallenen Stalle liegt, vor dem ich Wache halte. — Ich muß mich doch einmal nach der armen Frau und dem kranken Kinde umſchauen!— ſagte der Dornbuſch und rankte ſeine Zweige, um in das zerbrochene Fenſter zu blicken. Aber es war dunkel drinnen und der Nachtwind ächzte an den feuchten Wänden und durch das offene Fenſter. — Ach Gott, das arme Weib iſt ſo gut und doch ſo elend! Hier in dem Stalle ſind Jammer und Zähneklappern heute die Chriſtbeſcheerung. Das iſt doch zu traurig! ſeufzte der Dornbuſch. — *) Mit einigen Aenderungen aus Hans von Wachenhauſens unter dem Titel:„In der Mondnacht“ kürzlich erſchienener Mährchenſammlung. 2 Und, drüben in der Kirche begann die Orgel mit den feierlichen Tönen. — Chriſtus iſt geboren! ſang die Gemeinde dazu von dem Chore und von den Bänken. — Chriſtus iſt geboren! rief auch der Wächter vom Thurme herab. Und der Dornbuſch hatte Recht. Drinnen in deu alten, verödeten Stalle lag ein armes Weib auf den Knieen und betete. Heiße Thränen rannen über ihre Wangen, krampfhaft hatte ſie die Hände gefaltet, ſtarr heflete ſie das Auge auf das Stroh, das ſich in der alten ſteinernen Krippe befand, denn in dieſer Krippe lag ihr Jüngſtgebornes, ein halbjähriges krankes Kind, zitternd vor Fieberfroſt und Kälte. Der Mond ſchien durch die Fenſteröffnung auf dieſe Gruppe, mitleidig ſielen ſeine Strahlen auf das kranke Kind; aber ſie konnten es nicht wärmen und die Mutterbruſt vermochte dieß auch nicht mehr, denn ſie war ja ſelbſt ſo eiſig. Und durch die Spalten des morſchen Daches, deſſen Lücken der Schnee bedeckte, fielen zu Hundertlauſenden die kleinen glitzernden Schneeſternchen herab und ſpielten in den Mondſtrahlen. Aber auch ſie leuchteten und wärmten doch nicht. Heiland der Erde, der Du in dieſer Nacht geboren wardſt, der Du lebteſt und ſtarbſt für uns Alle, der Du heute in einer Krippe lagſt, wie dieſes arme hilfloſe Geſchöpf, rette, o rette mein krankes Kind! — So betete das unglückliche Weib, und die kalten Händchen des Kindes ſtreckten ſich jammernd nach der Mutter aus. Ihre Kraft aber war gebrochen, ermattet ließ ſie die Stirne auf den eiſigen Rand der Steinkrippe ſinken, ihr Auge ſchloß ſich, ein tiefer Seufzer entrang ſich ihrer Bruſt. Tage und Nächte hindurch hatte ſie gewacht, Tage und Nächte des tiefſten Elendes hatte ſie verlebt; jetzt aber brach ſie zuſammen und der Schlummer erbarmte ſich ihres Jammers. — Du armes Weib, wo iſt dein Gatte? Du armes Kind, wo iſt dein Vater? — ſagte mitleidig der Dornbuſch draußen, ins Fenſter ſchauend. Ja, wo war der Gatte, wo war der Vater? — Der wilde Steffen, wie man ihn im Dorſe nannte, war, wie geſagt, geſtern Abend mit Weib und Kind aus ſeiner Hütte gejagt worden; er hatte bei ſeinen Nachbarn ein Obdach geſucht, die aber hatten von ihm nichts wiſſen wollen, denn ſie fürchteten ſich vor dem gottloſen Steffen, der nie gut gethan, wie ſie ſagten. Und ſo war er dann mit den Seinen in das verlaſſene Stallgemäuer gezogen. Dann aber waͤr er racheſchnaubend fortgeeilt und vergebens hatte ſein Weib, ein Unglück befürchtend, ihn zurückzuhalten geſucht. — Wo war der wilde Steffen? — Die Glocken läuteten, die Orgel tönte, die Gemeinde ſang fromme Lieder in der Kirche und der brave Pfarrer ſtand am Altare und ſang: „Ehre ſey Gott in der Höhe, und Friede den Menſchen auf Erden, die eines guten Willens ſind.“ Droben in dem alten Schloſſe aber in einem unheimlichen Gemache ſaß neben dem längſt erloſchenen Kamin ein Mann mit finſteren, abſtoßenden Geſichtszügen. Es war der Schloßherr, ein hartherziger Mann, den man fürchtete, ſo weit ſeine Gränzen reichten. Das Licht vor ihm auf dem Tiſche war tief herabgebrannt, ſein Antlitz war ſtarr und regungslos, ſein Auge geſchlofſen. Es ſchien, als ſchliefe er, aber er war ſo entſetzlich bleich. Und während nun unten in den Hofgebäuden die Dienerſchaft ſich tummelte, ſchlich ein Mann die Treppe hinauf und durch den finſtern Corridor. Leiſe öͤffnete er die Thüre des großen Gemaches, leiſe trat er herein und neben den Seffel, in welchem der Gutsherr ſchlummerte. Das Auge des Fremden leuchtete in wilder Gluth, ein Hohnlachen entſtellte ſeine verwitterten Züge. Einen Blick that er ſcheu im Zimmer umher. Ein Meſſer glänzte hoch in ſeiner Rechten, die Linke packte die Hand es ſchlafenden Gutsherrn. Das Meſſer zuckte — — — Chriſtus iſt geboren! ſang man in der Kirche drüben. Der wilde Steffen fuhr entſetzt zurück, die Hand des Gutsherrn war eiſig kalt; er hatte eine Leiche gefaßt. — Chriſtus iſt geboren! rief auch der Thürmer herab, denn der Gottesdienſt war zu Ende und die Gemeinde eilte nach Hauſe. ⸗ 3 Das Meſſer entſank Steffens Hand; noch einmal ſtarrte er die Leiche an; es war ihm, als ſchlage ſie ſtrafend das kalte Auge auf. Sein Antlitz mit beiden Händen verhüllend, ſtürzte Steffen fort. Niemand hatte ihn in das Haus ſchleichen ſehen, Niemand ſah ihn jetzt vor dern verödeten Stalle verweilen und durch das Fenſter ſtarren — Niemand außer dem Dornbuſch. Fürchterlich bleich ſchaute Steffen in das Innere des Stalles; dort ſah er ſein Weib knieen, eben ſo regungslos, wie die Leiche dort oben im Schloſſe, nur ſchöner; und mild und rein wie die Unſchuld das Kind in der Krippe. Da rannte Steffen fort, ſich ſelbſt unbewußt ſtürzte er durch die offene Kirchenthüre und ſank ohnmächtig an den Stufen des Altares nieder. Der Pfarrer aber ging ſo eben nach Hauſe. Er kam an dem Dornbuſch vorüber und ſah zwei kleine Knaben unter demſelben im Schnee ſitzen. Sie froren und bargen ihre rothen Händchen in den Lumpen. — Nimm ſie mit dir! — ſagte der Dornbuſch zum Pfarrer, es ſind die Kinder des wilden Steffen; ſie wagen ſich nicht hinein, aus Furcht, daß der Vater ſie ſchlage, weil ſie mit leeren Händen nach Hauſe kamen! — Nimm ſie mit Dir, denn ich kann ſie nicht erwärmen; ich bin ja ſelber arm und nackt! Wir wiſſen nicht, war es der Dornbuſch, oder das Herz des Pfarrers, das alſo ſprach; er aber nahm die Kinder mit ſich in ſein Haus. — So, nun habe ich doch eine Sorge weniger! ſagte der Dornbuſch zu ſich ſelbſt. — Jetzt zünden ſie hier — und da — und dort ſchon den Chriſtbaum an! Wie ſchade, daß ich dort nicht unter den Fenſtern ſtehe, denn hier in dem öden Stalle wirds nichts zu ſehen geben. Aber der Dornbuſch irrte, denn das Innere des Stalles erhellte ſich alsbald mit tauſendfachem Licht. Noch immer knieete das arme Weib mit geſchloſſenen Augen da, aber das kranke Kind, es wachte und ſtreckte lächelnd ſeine kleinen Arme aus, denn das Dach öffnete ſich und herabſchwebten, von einer Lichtwolke umgeben, zwei wunderliebliche Engel, von denen der eine einen kleinen Chriſtbaum mit unzähligen Lichtern, der andere aber köſtliche Geſchenke trug. Und es ward warm, in dem Stall und das Licht warf einen ſolchen Schein über die Straße, daß der Dornbuſch ſich verwunderte. Es iſt doch keine Hütte ſo ſchlecht, wo in dieſer Nacht nicht Chriſtus wäre! — ſagte er. Die Engel aber ſchwebten herab und während der eine den Chriſtbaum beſcheerte, trat der andere zu dem kranken Kinde und legte heilend ſeine Hand auf deſſen Bruſt. Dann ſchwebten ſie wieder hinauf und verſchwanden; in dem Stalle aber blieb es Licht. Inzwiſchen aber lag der wilde Steffen auf den kalten Altarſtufen. Endlich kam er jedoch wieder zum Bewuüßtſeyn. Er hob den Kopf vom Stein; er hatte ein wunderbares Geſicht im Traume gehabt, denn er hatte zwei liebliche Engel geſehen, die ſegnend ihm zur Seite traten; und jetzt eben noch, da er erwachte, ſah er ſie neben ſich ſtehen, er fühl‘e, wie jeder von den Engeln ſein warmes Händchen in die ſeinige legte und ſie ihn zur Kirche hinausführten. Steffen war es, als träumte er noch, als werde er im Schlafe von den beiden kleinen Engeln vor die Kirche und zu dem Stalle geführt, in welchem er ſein armes Weib, ſeine jammernden Kinder wußte. Willig ließ er ſich führen; als er aber unter ſein ödes Dach trat und er hier alles warm, licht und hell ſah, als er die Chriſtbeſcheerung gewahrte, da rieb er ſich die Augen, er ſtarrte auf die Engel hinab, die ihn hierher geführt und noch an ſeiner Seite ſtanden. Steffen erkannte, in ihnen ſeine beiden älteſten Knaben, feſtlich und ſchön gekleidet, wie er ſie nie geſehen. Noch immer glaubte er, es ſeh ein Traum. Er hob die beiden Kinder in ſeine Arme; er hielt und küßte ſie — — Nein, das konnte kein Traum ſeyn. — Chriſtus iſt geboren! — rief der Wächter vom Thurm herab. — Ja, ja, er iſt geboren, und auch in mir iſt er es! — rief Steffen aus und mit den beiden Knaben im Arme ſtürzte er zu ſeinem Weibe; er umſchlang ſie, drückte ſie an ſich und rief: Hanne, erwache, Chriſtus iſt ja geboren! 4 Und ſie ſchlug die Augen auf und ſchaute verwundert umher. — Wie iſt mir denn? — rief ſie. — Biſt du es wirklich, Steffen? — — Und dieſes Licht hier? — Iſt es denn wahr, was mir träumer? — Zwei Engel ſah ich kommen, ſie trugen einen Chriſtbaum und ſchöne Geſchenke, und der eine trat an die Krippe hier und legte heilend die Hand, auf meines Kindes Bruſt ! — — Ja, ja, es iſt wahr! Es lebt! — jauchzte ſie, nahm das lächelnde Kind aus der Krippe und drückte es an die Bruſt. —— Es iſt wahr, Steffen! — rief ſie, das Kind in ſeine Arme legend. — Der Heiland iſt gebören, er hat mir auch mein Kind nicht ſterben laſſen! Und während ſie Alle die Chriſtbeſcheerung anſtaunten, trat der Pfarrer hinter dem Chriſtbaum hervor, denn er war es, der durch zwei brave Kinder aus der Gemeinde die Weihnachtsbeſcheerung geſandt, er war es, der den wilden Steffen an den Stufen des Altars hatte hinſinken ſehen, er war es, der ſeine Knaben feſtlich gekleidet und ſie zu dem Vater in die Kirche geführt hatte. — Chriſtus iſt geboren, — ſagte der Pfarrer, — und Er will, daß er heute auch in der kleinſten Hütte nicht fehle. Wo er aber zum erſtenmal einkehrt, das iſt in Euerem Herzen, Steffen; wahrt ihn dort wohl, denn Ihr wiſſet, es iſt im Himmel mehr Freude über einen bekehrten Sünder, als über neunundneunzig Gerechte!— Und der Dornbuſch ſchaute noch immer ins Fenſter, es rauſchte vor Freuden in ſeinen Aeſten, und wie es der Kreuzdorn in jeder Chriſtnacht thut, trieben ſeine Zweige purpurrothe Augen, die weinten blutige Thränen in den Schnee. Am Morgen aber ging Steffen mil Weib und Kindern zur Kirche, und es mußte in der Zwiſchenzeit noch etwas weiteres zwiſchen ihnen und dem Pfarrer vorgegangen ſeyn, was in ihrem leiblichen wie in ihrem Seelenzuſtand eine Veränderung hervorbrachte; denn man ſah fie beide in beſcheidener aber anſtändiger Kleidung, in tiefer Andacht zum Tiſche des Herrn hintreten. Die Leute des Dorfes aber gingen in Feſtkleidern an dem Dornbuſch vorüber, und als ſie den Schnee unter ihm gleichſam init rothen Perlen beſtreut ſahen, riefen ſie: Seht nur, der Kreuzdorn hat in der Nacht rothe Blüthen getragen! — Ja, — antwortele der Kreuzdorn, — denn Chriſtus iſt ja geboren! Wir Dornen, wir wiſſen es, denn wir haben ihn ja im Tode gekrönt, und ihr Menſchen, ihr müßt es auch wiſſen, denn er ward ja für euch gekreuziget! Bilder aus Jeruſalem mit und ohne Rahmen. (November 1853.) Jeruſalem iſt die Stadt der Leiden, und der Herr hat mir auch meinen Antheil zugewogen; ich habe aber die Schaale bereits geleert, und darum finden Sie mich auch ſchon vor meiner Staffelei, bereit, einige Bilder aus Jeruſalem für Sie zu zeichnen. I. Eine Wunde am Fuße, die mir der Stich eines giftigen Inſektes vor ungefähr fünf Wochen zugezogen, hinderte mich während der genannten Friſt an weiteren Ausflügen; ich muß mich daher bei dem Entwurfe meiner Bilder zumeiſt auf den engern Bezirk der Stadt beſchränken. Aber auch in der Stadt bin ich dieſe Zeit nur wenig umhergekommen; denn, wie geſagt, ich habe mein Leidensſchälchen, und nebenbei auch etliche Medicinſchalen, leeren müſſen. Der Fremde, welcher die heilige Stadt zumal in den Monaten Auguſt, September und October beſucht und innerhalb ihrer Mauern längere Zeit verweilt, entgeht nicht leicht der Gefahr der Fieber, welche um dieſe Zeit herrſchend ſind und beren Charakter ſich meiſt von ziemlich hartnäckiger Natur erweist. Selbft die an das Klima ſchon mehr gewöhnten Franciscaner blieben nicht verſchont, und es zählte die Infirmerie verfloſſenen Monat (September) nicht weniger als 17 Patienten des Salvatorkloſters. „Si deye pagare“ iſt in dieſem Sinne hier zum Sprüchworte geworden, und auch ich habe meinen Tribut redlich bezahlt und den ſatalen Kampf mit dem gefährlichen Feinde beſtanden, wobei ich nicht umhin kann, der freundlichen Theilnahme und liebevollen Pflege dankbar zu gedenken, deren 5 ich mich von Seite der guten Väter Franciscaner erfreute. — Doch ſoll ich Ihnen einen fiebergeplagten Pilger auf dem Krankenbette malen? Dieß Bild wäre für ſeine Unbekannten gar wenig gedeihlich, und für ſeine Bekannten nicht ſonderlich erfreulich. Laſſen wir's alſo und verſetzen wir uns in die Zeit, da ihm das Fieber noch nicht die Kraſt geraubt, die ex in dem folgenden Bilde bei hellem Tage von Nöthen haben wird! II. Jeruſalem hat den Friedensfürſten an das Kreuz geſchlagen und ſein Wort verworfen; darum iſt auch der Friede von ihm gewichen und wir ſehen in jeder ſeiner ſpätern Perioden den Ausſpruch des Propheten erfüllt, der da klagt: Peccatum peccavit Jerusalem; propterea instabilis facta est! (Jerem. I, 8.) Dieſe Wahrnehmung ergibt ſich auch heut zu Tage im Kleinen wie im Großen. — Es war am Morgen des 27. Septembers, als ich, allein die Stadt durchwandernd, durch die enge und ſchmutzige Hareth el Mugharibeh zwiſchen Aäſern und Pharoafeigen gegen die Reſte der alten Tempelbrücke, welche Zion mit dem Morijah verband, mich wandte, und den Klageort der Juden, Chotel Maarabeh, beſuchte, wo ich am Fuße der alten Tempelmauer noch 10 Lagen der in glücklicheren Tagen auf einander gelegten großen Bauſteine zählte, und eine Weile in ſtiller Betrachtung verbrachte. Als ich wegging hetzten muhamedaniſche Kinder, die bis dahin ganz ruhig in meiner Nähe geſpielt, mir die Straßenhunde nach, die ich Mühe hatte mit Steinen zu verjagen, da ſie erſt wichen, bis ich einen an den Kopf getroffen, daß er heulend flüchtete. Ich mußte nnn, etwas zurückgehend und in ein zur Linken aufwärts führendes Gäßlein biegend, durch ein kleines offenes Thor etwa dem Gebiete der Moſchee zu nahe gekommen ſeyn — oder ſollte wohl ein anderer Grund, mein Talar vielleicht, Anlaß gegeben haben? ich weiß es nicht; kurz, es faßten mich plötzlich zwei Männer, einer am Arme, der andere an der Bruſt, und lärmten mir einige arabiſche Schmeichelreden eifernd und geſtikulirend in die Ohren, von denen ich aber leider nichts verſtand. Ich hoffte ganz einfach los zu kommen, indem ich die Gewalt des mächtigen Zauberſpruches: „Bakſchiſch“ (Geſchenk) verſuchte, aber ſie ließen nicht los, ſondern ſchrieen und zerrten an mir wie vor, und ich war nun auch wenig gewillt, durch Hervorziehen meiner Börſe deren Verluſt und obendrein vielleicht noch andere Unannehmlichkeiten zu riskiren ſondern verſuchte in Gottes Namen Gewalt gegen Gewalt, und es glückte. Ich machte durch eine raſche Bewegung meine Linke frei, wobei der ſchwarze Mughrabiner an einem Steine ſtrauchelte, und gewahrte nun meines Vortheils dem andern Gegner gegenüber, den ich durch einen kräftigen Stoß gegen die Wand rannte, — dann aber ſelber ſah, wie ich mit meinem leidenden Fuße möglichſt ſchnell auf dem fatalen Boden weiter kam. Als ich, unten angelangt, zurückſah, ob ſie mir etwa nachſetzten, rief der Eine vom Thorwege herab: „Bakſchiſch“! Originell genug! Ich entgegnete drohend: „Mafiſch“! (nichts dal) und ging, da ich ſah, daß ſie mich in Ruhe ließen, im gemeſſenen Triumphatorſchritte weiter. Es flogen mit aber zur guten Letzt ein paar Steine nach, die jedoch glücklicher Weiſe nicht trafen. Ich hatte mir indeß auf meiner Eilfahrt vom Thorwege herab den wunden Fuß angeſtoßen und neuerdings beſchädigt, was mir die Begegnung meines Dragomans doppelt willkommen machte, der, ſeine Verſpätung entſchuldigend, verſicherte, er habe mich ſchon dreiviertel Stunden auf dem Tags zuvor bedungenen Wege geſucht, und ſey, da er gerade hier angelangt und mich mit den beiden Türken erblickt, eben im Begriffe geweſen, mir zu helfen. (? )„Mafiſch!“ — — So was kann Einem jetzt bei hellem Tage in Jeruſalem paſſiren! Die Franciscaner gratulirten mir, daß ich ſo gut davongekommen, und erzählten mir eine Geſchichte, die ſich vor nicht gar langer Zeit hier zugetragen und der zufolge ein fränkiſch gekleideter Türke in der Nähe der großen Moſchee ähnlicher Weiſe von ein paar fanatiſchen Leuten angefallen und von Soldaten, die auf den Lärm herbeigeeilt waren, mit Säbelhieben zerſtückelt worden war. Schönen Dank für die Ehre und vielen Reſpekt vor derlei arabiſchen Gebräuchen! — Ich muß indeß wohl auch des Grundes gedenken, warum die Mohamedaner hier ſo fanatiſch das Gebiet ihrer großen Moſchee vor Beſuchen der „Ungläubigen“ 6 verwahren: ſelbe ſteht nämlich ihrer Anſicht zufolge dem Range nach der Moſchee von Mekka zunächſt. Der Moslem ſagt:„Syrien iſt das geſegnete Land, Paläſtina das heilige, die heilige Stadt die heilige der heiligen; der heiligſte Theil der Welt iſt Syrien, der heiligſte Theil von Syrien iſt Paläſtina, der heiligſte Theil von Paläſtina iſt die heilige Stadt (Jeruſalem), der heiligſte Theil der heiligen Stadt iſt der heilige Berg, der heiligſte Theil des heiligen Berges iſt die Moſchee, der heiligſte Theil der Moſchee iſt die Kapelle.“ Ueberdieß beſteht eine Tradition, der zufolge jeder Chriſt der Erfüllung der Bitte theilhaft werden ſolle, die er aus dieſer Moſchee zum Himmel ſchicke — und da läge denn natürlich die Bitte am nächſten, daß Gott die heilige Stadt den Türken emreißen und in die Hände der Chriſten geben wolle. Cotovicus ſagt:„Der Chriſt, welcher in ihr(der Moſchee) ergriffen wird, hat nur die Wahl, entweder ſeinen Glauben abzuſchwören, oder geſpießt, oder verbrannt zu werden;“ und die muhamedaniſchen Eiferer hier behaupten, der Sultan ſelbſt könne einem Nichtmuhamedaner wohl die Erlaubniß zum Hineingehen in die Moſchee ertheilen — aber nicht zum Hinausgehen! Deßungeachtet erhielt der Engländer Richardſon durch Omar Effendi, den er von einem Augenübel befreite, zum Danke die Erlaubniß des Beſuches der Moſchee, wie auch De Hayes, Ludwigs XIII. Geſandter, der aber keinen Gebrauch davon machte. Uebrigens ſcheint die einſtige Pietät für dieſen Tempel doch heut zu Tage ſchon bedeutend abgenommen zu haben, ſonſt wäre das Volk wohl kaum ſo gleichailtig geblieben, als der Paſcha vor etwa vierzehn Tagen einen Theil des Bleidaches dieſer Moſchee herunterreißen ließ, um den Räuber Abu Goſch mit Kugeln für die Gewehre ſeiner Leute zu verſehen! (Schluß folgt.) Döllinger und Bunſen. Bunſen's Werk über Hippolytus und Kalliſtus — das als eine herzerhebende Forſchung zu Gunſten des Proteſtantismus und zu Schädigung der katholiſchen Kirche vom Herrn Ritter Bunſen der deutſchen und engliſchen theologiſchen Gelehrtenwelt zugleich aufgehalſet wurde, indem es un deutſcher und engliſcher Sprache erfchien — hat in den meifſten deutſchen Blättern einen wahren Siegesjubel hervorgerufen. Es regnete Lob und Anerkennung; die „Augsburger Allgemeine“, welche bei derlei Lobſpielen nie zurückbleibt, gab ihren Trompeten- und Paukentuſch darein, und eine proteſtantiſche Fakultät, die von Bonn, beeilte ſich, dem Ritter von Bunſen auf ſäuberlich abgeſchabter Eſelshaut in Demuth das Ehrendiplom eines Doctors der Theologie zu überreichen. Die letztere Haut⸗Angelegenheit findet ihre politiſche Erklärung darin, daß Ritter von Bunſen als hochgeſtelſter preußiſcher Beamter zu Berlin eine bedeutende Stimme hat, und daß Bonn in Rheinpreußen liegt, und daß man zu Bonn von Berlin aus allerhand werden kann. Denn für das Bunſen'ſche Werk — als Machwerk, als theologiſche, kirchenhiſtoriſche Abhandlung, kann doch die Fakultät zu Bonn nicht in ſo blöder Unwiſſenheit befangen geweſen ſeyn — ein Doctordiplom herzugeben; das galt hier offenbar der großen Perſon und nicht der kleinen Sache, dem fehr ſtarken Mann und nicht dem ſehr ſchwachen Buche. Und doch allenthalben ein heilloſer Lärm und ein unbedingtes Lob, daß ſelbſt ſchwache Katholiken darüber verblüfft wurden. Da kam denn nun ein ordentlicher Theologe, ein Doctor der Theologie, der einer iſt, und nicht einer, der ein ſolcher heißt, der Stiftsprobſt und Profeſſor zu München J Döllinger heran und ſchrieb folgendes Werk: „Hippolytus und Kalliſtus, eder die römiſche Kirche in der erſten Hälſte des dritten Jahrhunderts. Mit Rückſicht auf die Schriften und Abhandlungen der ​​​​H. H. Bunſen, Wordsworth, Baur und Gieſeler. Von J. Döllinger, Regensburg. Manz, 1853.“ Nun nehmen aber wir die Lob- und Siegestrompete in die Hand, und zwar mit Recht, wir ſagen, daß im Fache kirchenhiſtoriſcher Kritik in Deutſchland ſchwerlich irgend wer ſeyn dürfte, der ſich an Schärfe des Geiſtes wie an Beſitz hiſto 7 riſcher und dogmen⸗hiſtoriſcher Wiſſenſchaft, wie ſie zu obiger Kritik erfordert wird — mit Döllinger meſſen wollte, und wir können hier bei dieſer Behauptung ſelbſt Herrn Ritter von Bunſen nicht den Gefallen thun, mit ihm eine Ausnahme zu machen. Die Schrift Döllingers iſt ein wahres Meiſterwerk— und wer nur halbwegs eine Freude an hiſtoriſcher Kritik hat und den die Sache überhaupt intereſſirt, der wird dieſelbe mit ſteigendem Intereſſe durchleſen. Bunſen iſt darin mit einer Leichtigkeit der Behandlung ſo kaffeemühlartig zerrieben durchgefallen, daß ſich vorausſetzen läßt, unter allen Doctoren der Theologie und allen Gelehrten deutſcher Zunge wird derſelbige Bunſen jener Mann ſeyn, deſſen Conſtitution Döllingers„Hippolytus und Kalliſtus“ am wenigſten zuſagen kann. Im Vorwort äußert ſich Döllinger über Bunſens Schrift:„Den Druck dieſer Schrift, zu deren Herausgabe ich unmittelbar nach dem Erſcheinen der Philoſophumena mich entſchloſſen, habe ich verzögert, bis das ſo lange vorher und ſo oft angekündigte Werk des Hrn. Geheimenraths Bunſen erſchienen ſeyn würde. Meine Hoffnung, durch ein ſo ausführliches, denſelben Gegenſtand behandelndes Werk irgendwie belehrt und gefördert zu werden, wurde nun zwar vollſtändig getäuſcht; denn die Unterſuchung über das, was mir die Hauptſache war, die Perſönlichkeit des Hippolytus und den hiſtoriſchen Gehalt ſeines Berichtes, iſt, wie ich bald ſah, in dem Werke des Herrn Bunſen in einer Weiſe geführt, die es mir unmöglich mächte, auch nur den geringſten Nutzen davon zu ziehen; wie denn dieſe hiſtoriſchen Fragen überhaupt bei ihm von untergeordneter Bedeutung ſind, während das Hauptintereſſe des Werkes für den Verfaſſer wie für das Publicum in jenen viel breiteren Partieen desſelben liegt, in denen er ſeiner lange gehegten Antipathie gegen die katholiſche Kirche, ihre Lehre und Verfafſung, ſo wie gegen die im Proteſtantismus noch enthaltenen altkirchlichen Reſte Worte geliehen, und für Anpreiſung ſeiner auf dem Papier bereits fertigen „Kirche der Zukunft“, deren Aufrichtung in kürzeſter Friſt wirklich vor ſich gehen ſoll, ſich Raum und Gelegenheit geſchaffen hat. Ich habe daher nur zwei Abſchnitte aus dem erſten Bande des Bunſen'ſchen Werkes einner näher eingehenden Kritik unterworfen, überzeugt, daß die Leſer, die mir ſo weit gefolgt, eine fernere kritiſche Sichtung des von ihm angelegten Magazins nicht begehren würden. In der That liegt auch die Signatur des Buches für den Kundigen ſchon in der Aufnahme, die dasſelbe in beiden Ländern gefunden, und die in England eine ganz andere als in Deutſchland geweſen iſt; dort, wo man es wenigſtens mit einigen Grundwahrheiten des Chriſtenthums noch ernſthaft zu nehmen pflegt, hat die oöͤffeütliche Stimme ſich faſt nur in entrüſtetem Tadel vernehmen laſſen; nur das „Weſtminſter Review“ (April, 1853) nebſt ein paar verwandten Organen hat dem Verfaſſer eine Huldigung geſpendet, die in den Augen des religiös⸗geſinnten Englands die Bedeutung der ſchärfſten Verdammung hat. In Deutſchland dagegen haben, dem bekannten Chärakter unſerer Tagespreſſe entſprechend, alle Blätter des großen Marktes, wie von Einem Winde bewegt, frohen Beifall gerauſcht, und nur die ſpeciell theologiſchen haben dieſem Frohlocken einige Tropfen des Widerſpruchs über Einzelnes beigemiſcht.“ Eine eigentlich längere ſtreng⸗​wiſſenſchaftliche Beſprechung dieſes Buches gehört in eine theologiſche Zeitſchrift — wir können uns hier nur auf Andeutungen einlaſſen. Döllinger hat die von Vielen ſchon beſprochene Sache mit allem Ernſt und aller wiſſenſchaftlichen Tiefe behandelt — Bunſen wird, wie ſchon früher erwähnt, nur ſo nebenbei mitgenommen und ihm auf die ſchlagendſte Weiſe durch die unumſtößlichſten Gründe ein ſolches Gewebe von Irrthümern, eine ſolche Menge von gänzlich aus der Luft gegriffenen Behauptungen, ſo plumper Mißverſtändniſſe nachgewieſen, daß die theologiſche Facultät von Bonn ihr voreilig hinausgeworfenes Diplom von Rechtswegen zurückfordern, ſich eines unrichtigen Urtheils für ſchuldig erklären, oder Herrn von Bunſen auffordern ſollte, eine andere Abhandlung zu ſchreiben als die preisgekrönte, welche im Grunde nichts beweist, als die Oberflächlichkeit im Wiſſen und größtmögliche Seichtigkeit im Urtheil, wie ſie nur bei einem modernen Dilettanten in der Theologie gefunden werden kann. — Ueber die ſehr verwickelte Geſchichte von 8 Hippolytus und Kalliſtus iſt noch durch keine Schrift ſo viel Licht verbreitet worden, wie durch die Döllingers. Was euthält ſie dabe für großartige Aufſchlüſſe über das Leben der Chriſten unter den heidniſchen Römern; über die ehelichen Verhältniſſe derſelben, über die Suburbanbiſchöfe u. ſ. w. u. ſ. w., die für jeden Theologen vom höchſten Intereſſe ſind, was für tiefe pſychologiſche Bemerkungen, von denen wir umeinige kurze anführen wollen. So z. B.: „Wäre Kalliſtus, wie Hippolyt ihn ſchildert, ein Schmeichler und Augendiener des Biſchofs und zwar eines eigennützigen und habgierigen Biſchofs geweſen, ſo iſt es ganz undenkbar, daß ihn nach dem Tode dieſes Biſchofs freie Wahl, alſo die gute Meinung des Volkes, die Gunſt und Achtung des Presbyteriums auf den Beichtſtuhl erhoben hätte. Welche Mittel konnte er denn in Bewegung ſetzen? Beſtechung? er war arm, und die Zahl der zu Beſtechenden wäre jedenfalls viel zu groß geweſen. Verwendung mächtiger Gönner? die Mächtigen waren damals heidniſch, und Hippolyt hätte Derartiges, wäre es vorgekommen, nicht verſchwiegen. Die Wahlen geſchahen nicht durch Wenige und insgeheim, ſondern durch Viele und offen. Aber Hippolyt hat doch Kalliſtus ſo beſchrieben, und Hippolyt war ein frommer, alſo wohl auch ein wahrheitsliebender Mann? Ja, er hat geſagt, was ihm zugetragen wurde; und wenn Parkteigeiſt mit perſönlicher Erbitterung, wie hier, zuſammenwirkt, dann wird die Leichtgläubigkeit, auch bei Frommen, gar bald der Wahrheitsliebe Meiſter.“ (Schluß folgt.) Paläſtina. Vor Kurzem kam der Dominicaner Onuvrius Burateewich in einem von 78 Jahren als Pilger nach Jeruſalem. Er gehört durch ſeine Geburt einer der vornehmſten Familien von Podolien an​​​. Im Jahre 1796 wurde er vom Monſignor Dembowski, Biſchof von Kaminíec zum Subdiacon geweihet, und mußte gleich nachher die Kanzel beſteigen, und die katholiſchen Polen auffordern, ihrem Glauben getreu zu bleiben, denn die Kaiſerin Katharina II. von Rußland wandte alle Mittel an, um ſie zum Abfall von der Kirche zu vermögen. Kaum hatte er ſeine Aurede geendigt, als man ihn gefangen nahm, in Ketten legte, auf eine Kibilke ſetzte und nach Tobolsk an die Gränzen von Sibirien brachte. Hier wurde er ſofort ins Gefängniß geworfen. Einige Tage nachher ließ ihn der Gouverneur rufen, verſprach ihm die Gnade der Kaiſerin, Ehrenbezeugungen und ein Bisthum, wenn er zur ruſſiſch⸗ſchismatiſchen Religion übertreten wollte, er weigerte ſich aben. Da wurde der Henker berufen und der Bekenner des Glaubens mit der Knute beſtraft. Dieſelbe Strafe wurde noch zweimal, je nach Verlauf von fünf Wochen, an ihm vollzogen. Dann wurde er auf ewig nach Sibirien verbannt. Buratewich lebte in Sibirien ſeit ſiebenzehn Jahren, als er fieberkrank wurde. In dieſem Fieber machte er das Gelübde, er wolle nach dem heiligen Grabe pilgern,wenn Gott ihm Geſundheit und Freiheit wiedergäbe. Er ward wieder geſund, und bald nachher wurde er im November 1813 mit Andern vom Kaiſer Alexander begnadigt. So kam Buratewich nach Europa zurück. Im folgenden Jahre traf er in Savona in Italien mit dem Cardinal Rudnay, Erzbiſchof von Gran und Primas von Ungarn zuſammen. Dieſer nahm ihn mit ſich. Seit ſeiner Befreiung waren nun ſieben und dreißig Jahre verfloſſen, als er in der Nacht eine Stimme zu vernehmen glaubte, welche ihm ſagte: Woiſt dein Gelübde? Er hatte ſein Gelübde ganz vergeſſen. Er ging nun nach Rom, ſein Ordensgeneral ließ ihn zum Prieſter weihen und erlaubte ihm nach Jeruſalem zu pilgern. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags⸗Inhaber: F. C. Kremer Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojhtitung. 8. Januar S. 1854. Dieses Glatt erschetnt r?gelmaßia alle Gonntaae. Der ^ldjähriste Aiivnii.il^nljvrkis 40 kr., wnnir e« durch alle köm'al. baver. Poüümter und alle Nuchhanvluvai'» l,,,on^n v>e,t>en k>,o». Von dem Glücke — Fastenfpeisen zu essen. Ein sauberes G^'ick! wird man aufrufen. Ein Glück, dem Jedermann gern auS dem Wege geht! Wie soll das ein Glück seyn, kräftige Fleischbrühen, sufli e Lendenstücke, Wildpasteten und pikante Ragouts l-nb?rül,it zu l.issen, um mit Küm- melsnppe und Eierspeisen, mit Linsen und „Abschredl" vorlieb z» nehm.»? Ja) vor den edlen Fischen da haben wir schon Respect, aber die kann man zu allen Zeiten „andächtig" genießen. — Ware e5 ein Glück, wird ein Neberkluger einwenden, wie könnte eS denn zugleich ein Verdienst seyn? — Ein Cchrifikundiger wiro sich also vernehmen lassen! Nicht daS, waS in den Mund eiugeht, verunreiniget u. s, w. ES thut mir leid, aber ich kann ungeachtet dieser dem Nainrleben, der L.gik und der Schrift entnommenen weisen Betrachtungen, um welche bei uus in en^en und weiten Kreisen „mit Grazie die Rcdnerlippe spielt" von meinem wunderlichen Terte kein Tüpfelchen ablassen. Ich will damit nicht bl.ß andeuten, raß jeoeS der Pflicht gebrachte Opfer sich selber lohnt: das versteht sich ohnehin; ich bediene mich vielmehr dieser Werte hier in einem specielleren Sinne. Od mit Recht, darüber mögen die Leser urtheilen, die Fastenden und die Nochnichtfastenden. — Im Voi beigehen gesagt, eS wäre interessant zu wissen, wie Viele in die eine und wie Viele m die andere Classe gehören, doch leider schweigt die Statistik über diesen Punct gänzlich. DaS kirchliche Fastengebot ist namentlich in großem Städten einer allgemeinen Mißachtung anheim gesallen. Auf den Speisekarten der Mehizahl der Hotels und Gasthöfe glänzen die Fastenspeisen nur durch ihre — Abwesenheit. (Diese Reoewen- duug gehört ursprünglich dem römischen Geschichtschrnder Tncitus an, der von den Schmansereicn der allen Germanen anch Einiges zn erzählen wußte.) Findet man aber in den wenigsten Wntbshäusern am Freitag Fasten^erichte, wie sollte man sie erst an Quatember- und Vigilientagcn aiurcffeu? Die Köche haben ja so vollanf zu thun; wie könnten sie noch Zeit erübrigen, im Kalender dem fatalen f nachzuspüren? Geht es doch den „Künstlern" vom Fache in vornehmen Häusern, auch bei Hoden und höchsten Staatsbeamlen um kein Haar besser; denn auch sie werden durch „Geschäfts- überbürdung" von derlei Kalenderstudien abschalten! Indessen geschieht es denn doch zuweilen, daß ein „Fremder" F>istensp,isen begehrt. Dann begibt sich in der Regel Folgendes. An dem Tische, wo das unh.im- liche Wort ausgesprochen wird, verbreitet sich eine peinliche Siuumnng, der Faden deS Gesprächs bricht ab, das Lächeln schwinvel, die Stirnen wer'cn ernst, und in den Blicken, d e sich auf den Fremdling richten, würde selbst L.waicr schwerlich eine Spur von Wchlllxllen herausfinden. Der Kellner schaut verdutzt, denkt wohl auch mit Stolz daran, daß er über derlei Thorheiten hinweg sey. Fällt aber das verhängnißvolle Wort aus dem Munde eines Einheimischen, 10 eines sogenannten „Stammgastes", der sich bisher an kein Fastengebot gehalten hat, dann ist das Befremden der überraschten Tischgenossen noch deutlicher wahrzunehmen, nnd eö kleidet sich nach dem Grade der Bildung in verschiedene Formen. Der Thermometer sinkt plötzlich um ein paar Grade, die Behandlung wird kühler, das Gespräch wird an Andere gerichtet, und der Abtrünnige kann sicher seyn, daß man ihn an diesem Tage mit dem Anglimmen der Cigarren verschonen werde. — Hält er beharrlich auö, ohne sich viel in Erörterungen einzulassen, so gibt sich die Sache wohl aumälig; man verzeih! ihm endlich die unbequeme Mahnung, und wenn er sonst Achtung verdient, so wird sie ihm jetzt vielleicht in höherem Maaße zu Theil, versteht sich ganz in der Stille. Lassen Sie uns nun sehen, waS in dem Gemüthe dieses Mannes vorging. Er hat sich viele Jahre hindurch um die katholische Kirche, der er doch äußerlich angehört, gar nicht bekümmert; er stand ihr vielleicht feindselig gegenüber, und würde vormals gegen die Frömmler und Ultramontanen Fr^nt gemacht haben: denn mir den Elementen der modernen Bildung hatte er auch ihren Unglauben cingesogen; ja er würde denjenigen verlacht baben, der ihm eine totale Sinnesänderung in Aussicht gestellt hätte. — Und dennoch — auch für ihn ist der Tag des Heils gekommen! Die göttliche Gnade hat einen Funken in sein Herz geworfen, und diesen Funken, er hat ihn nicht gleich, wie leider so Viele zu thun pflegen, störrisch hinauögeschleu- dert. Eigene und sremoe Schicksale, Leiden, Umgang und Beispiel, Nachdenken und Sludien haben diesen Funken gei-ährt ftnd angefacht, nnd so ist der Mann endlich nach vielem Schwanken und Wanken nicht ohne Mühsal und Kampf zur Erkenntniß der Wahrheit gelangt. Seine Umgebungen sind indessen die nämlichen geblieben, allein er betrachtet sie nun mit andern 5>ugen, Die Witze und Spöttereien, die er sonst belächelte, findet er nun abgeschmackt und frevelhaft; Einwendungen und Argumente, die ihm vormals imponirten, dünken ihm jetzt feicht und schaal, ja er sieht in ihnen meistens nur eine Frucht grober Umvissenheit, In seinem Unmuthe würde er sich gern von Freunden uno Bekannten zurückziehen, glücklicherweise gestalten ihm dieß seine Verhältnisse nicht, und so wird er denn endlich auch über die Bitterkeit Herr, die sich anfänglich gegen Andersdenkende einzuschleichen pflegt. Aber Einen Schritt hat er noch vor sich, einen unabweislichcn, nämlich daö offene, freie, unumwundene Bekenntniß seiner katholischen Ueberzeugung! Er zögert lang, zu lang — er faßt Entschlüsse und vertagt ihre Ausführung, der Stachel des Gewissens wird indessen immer fühlbarer — im Streite mit schnöder Menschenfurcht; die göttliche Gnade ist vielleicht auf dem Puncts sich für immer von ihm zurückzuziehen: da faßt er endlich wie man zu sagen pflegt sein Herz mit beiden Händen — und öffentlich unterwirft er sich dem — Kirchengebot! Und am Abend dieses entschnvenden TageS im stillen Kämmerlein rnsr er auS: Gott sey in Ewigkeit gepriesen! ich habe überwunden, nnd in meinem Innern fühl' ich eine Kraft, eine Zuversicht, einen Frieden, wie ich noch nie empfunden! — Mit Rührung denkt er nach Jahren noch an die Stunde zurück, wo ihm das Glück zu Theil wurde, zum erstenmale — Fastcnspeisen zu genießen. Finden Einige meiner geneigten Leser (von der Classe der Nicht-Observanten) auch jetzt noch die Ueberschrift dieser Zeilen paradox? Nun dann haben Sie ja ein sicheres Mittel die Wahrheit zu erproben; dieß Mittel heißt: eigene Erfahrung! (Oesterr. Volksfr.) Bilder auS Jerusalem mit und ohne Rahmen. (Schluß.) . Seit die Besatzung Jerusalems auf des Sultans Befehl nach der türkischen Haupistadl abgezogen ist, haben wir hier manch interessante Dinge erlebt, die wohl «tner Zeichnung werth sind. Dahin gehört fürs Erste schon der Abmarsch der Truppen tt » selbst, dessen zufälliger Zeuge ich am Vormittage des 19. Septembers geworden bin. ES waren ihrer etwa 4(1(1 Mann; voraus abschwitzte sich der Commandant, ein zweiter Sultan Wampum, auf seinem gehäbigen Schimmel, in der Linken deö Rosses Zügel, in der Rechten den unentbehrlichen Tschibuck (türkische Pfeife mit langem Rohre), ihm folgten drei Mohren, deren jeder eine mäßig aroße grüne Fahne trug, dann die Tambours uud Hornisten mir ihren messingenen Ohrenbrechwerkzeugen, Hinter ihnen marschirte in leiblicher Ordnung die Truppe, die meist aus großen, zum Theil auch kräftigen Leuten bestand, doch in ziemlich verwahrlostem Zustande war. Ihr Anzug bestand aus weißen Hosen und Zwilchleibchen mit rothen Kusschlägen und nach europäischem Schnitte. Ihre Gewehre waren wie die unseres Militärs, jedoch mit Steinschlössern versehen, und fehlten die Tragriemen an den Schnallen. Ein Soldat trug in seinem Musquetenlaufe eine kleine Weiße, goldgestickte Fahne; alle aber hatten neben den blanken, sckeivenlosen Bajonetten ihren Tschibuck an der Seite befestigt. Viele Mnhamedaner begleiteten den Zng und ihre Segenswünsche lanteten auf „Sieg und Ausrottung oder Austreibung der Christen", weßhalb man hier stetö irgend einen Gewaltstreich zumal gegen die Griechen befürchtete. Die Marschroute führte zunächst nach Jaffa Es verlautete mdeß, daß die Beduinen einen Ueberfall der Truppe beabsichtigten, um sich ihrer Bagage zu bemächtigen, und deßhalb vermied der Befehlshaber das gefährliche Gebiet. Er gerieth aber auf seinem Umwege noch in eine zweite Verlegenheit, da seine Mannschaft sehr viele Lust zum AuSreißen zeigte, der er dadurch nur zum Theile steuerte, daß er berittene Leute aufbot, die, neben dem Zuge reitend, selben zusammenhalten sollten! — Jerusalem war also, die wenigen Artilleristen in der Citadelle abgerechnet, ohne militärischen Schutz; auf die Vorstellungen der Consnln aber improvisirte der Pascha, eine in jeder Beziehung höchst schwache Personalität, für die das Wort Machthaber durchaus Impertinenz wäre, eine Art Sichcrheitswache, welche jedoch in weit üblerem Rufe stand, als die Beduinen selbst, nnd den sie auch gehörigermaßen rechtfertigte. Mindestens schrieb man die vielen nächtlichen Diebereien und gewaltsamen Einbrüche, von denen jeder neue Morgen ^erzählte, dem Jndustriesinn dieser Leute zu, die ja,, nachdem sie mit Sonnenuntergang die Thore geschlossen, die ganze Nacht über Herren ihrer Zeit seyn konnten. Auch den Beduinen schwoll der Kamm, und man besorgte mit Fug und Recht, daß sie heute oder morgen die Stadt überrumpeln und brandschatzen möchten. Vor den Thoren wurden die Karavanen geplündert, uud die Stille der Nacht ward in der Stadt durch häufige Schüsse unterbrochen, welche die in ihren Häusern Bedrohten mit den Dieben uud Räubern gewechselt. Nicht einmal das Kirchengut war sicher, nnd die Franciscaner mußten das Silbergeräthe aus der Geißelungscapelle in das festungsartige Salvatorklostcr flüchten, darin auch ich eine Zelle bewohne. Erst als die Frechheit eines Veduinen-Scheiks erkläne, Lacham wolle mit seinen Leuten kommen, den Kopf des Pascha sich zu holen (weil dieser bei 40 Reiter der irregulären Truppe abgesandt, dem Beduinenkn>>ge zwischen Lacham uud Abu Gösch in St. Johann ein Ende zu machen) konnte die Furcht diesen vermögen, Soldaten aus Damascus uud Aleppo zu rcquiriren, deren ein Theil nun auch bereits eingetroffen ist. Was that aber der Pascha noch vor Ankunft der ersehnten Truppen aus Furcht vor Lacham? Er verband sich mit dem Räuber Abu Gösch und forderte ihn aus, Lacham zu bekriegen, wozu er ihm Pulver und Blei (vom Dache der großen Moschee) auslieferte, ja selbst Kanonen aus der Citadelle wollte er ihm geben, was aber glücklicher Weise dnrck das energische Einschreiten deS französischen Consuls verhindert ward. Wäre dieß nicht geschehen, würde Abu Gösch mit seinem zahlreichen Anhang wohl kaum crmangelt haben, bei nächster Gelegenheit sich dieser Kanonen a!ö eines Schlüssels zu Jerusalems Thoren zu bedienen. Sie staunen vielleicht über diese Nachrichten? Auch ick staunte; aber man versicherte mich, daß eS vor der Regierung Ibrahim Paschas von Egypten hier stets so zugegangen sey! Und Sie werden nicht minder staunen, wenn ich Ihnen sagen muß, daß es in diesen Gegenden nichts desto weniger Leute, Europäer, Franken gibt, welche von der köstlichen Freiheit dieser Länder nicht genug LobeS 12 zu sagen und Aufhebens zu machen wissen! Natürlich sind die Jahre ihrer Einwanderung in daS türkische Reich meist LeidniSjahre für europäische Staaten gewesen, in denen sie nicht versäuntt, auf poliiischem Gebiete ihre perfide FrecheirSrolle zu spielen. — Tieß ein Bild Jerusalems, der Stadt deS Friedens, l?vl) Jahre nach dem Tode deS Erlösers, der da war der FriedcnSfürst! Wohl kann Jerusalem mit JeremiaS anch heut zu Tage noch rufen: „Oeciit mo Oomii>u5 in nwnum, 60 cius rion potero 5urgort> !^ >K. Während ich diesrö schreib? kömmt mir die Nachricht zu, daß der Krieg zwischen den Beduinen neuerdmaS anSg brocken ist und die Gebend deö sonst so friedlichen Bethlehem sich zum Schauplatze erlesen hat. 350 Berittene lagerten in dem Slädtcken Da'idS und zwangen die erwerböfleißigen Bethiehemitaner, sie mit einem Anfwande v n mehreren tausend Piastern zu verpflegen. Man. spricht von acht im Kampfe Gebliebenen So traurig diese Vedninenkämpfe an und für sich sind, dankt es ihnen doch Jerusalem, daß ihm in dieser Zeit nickt auch von der Seite größeres UnKeil widc'f.chren ist. — Auch Ramleh, d.ssen muhamcdaniiche Beiwlkrrnng ihres ^anitiomuS wegen berüchtigt ist, war i> jüngster Zeit der Schauplatz rluliger Kämpfe zwischen den FcllahS (Ackerbauern) und Beduinen, die sich ihrer Ernie bemächtigen wollten. E^ erübiigr mir eben noch etwas Zeit vor Abganz der Post, die ich zum Entwürfe eiuiger Skizzen verwenden will: IV. Sie shen eine Dame, welche a"f einem allerliebsten Eselein eben die Hareth en Nassaiah enilang ritet; vom Saitelknopfe hängt em wohlgesülller Sack herab, v rmnthlick Proviant für die Reise Aber eine Dame allein und auf so un- sicher.n Weg n! Wer ist wohl diese Milchige? — Pst! Ein Bornbergihendcr löSt das Rä hscl Er ist ein armer Kaibolik und denlt si b vielleicht eben, wie viel bequemer es wohl seyn möge, auf dem Esel zu reiten, als die bl.'ß n Füße auf den Steinen wund zu >.chen. Tie Tame sieht ihn an und hält; er blickt sie glcit-fallS an, und sie — h>>t ihn veruanden! Sie öffnet ihren Sack, langt in seine gihcimnißvolle Tiefe, und reicht dem armen Wanderer eine milde Gabe? Nein! — eine ganz nett gebundene' Bibel d,r ehrer>w>rlhcn Londoner MissiouSgesellschafi! WaS kiimnieri sie der vcrweSliche Leichnam des Mcnschcn? Die arme Seele ist ja mehr der Pflege werth! Und die Buchdruck, r iu L^iwon sind wohl auch dieser M inung Aber wer ist nun uuscre Dain»? D>r beih.ilie Glückliche, der sein Geschenk in die Druckerei der Franciöcaner bringt, um eS gegen ein laihoicheS Büch ein umzutauschen, meint, eS sey die Gobat, englisch - preußi che Bischöfin zu Jerusalem. — Den lZifer muß man loben! V. Ich bin gerade in dem T.'scken Hanse auf Besuch. Miß C. wird gemel- delt, irilt ein, und bemüht sich, mir Deutschen französisch und mit Franzosen deutsch zu reden. Ihr Spleen hat sie zur Missionänn gemacht. Sie pnckie ihr bescheidenes Vermögen in England zusammen und wanderte nach Jerusalem — die Jüdinnen zu belehren. DaS Mittel ist sehr specula iv : sie ertheilt nämlich den lernbegierigen Jüdinnen Unt,rrickt iu weiblichen Handarbeiten gegen baare Bezahlung, d. h. sie muß befahlen, sonst kommen ihr die Schülerinnen nicht! und da wird nun genäht und gestickt, und zwisckcudrein auch an der Bibel geflickt, — daß Gott erbarme! Vt. Tie Leser Ihrer Zeitung erinmrn sich vielleicht eines Aufsatzes über „daS Minuiranlenwescn", den Sie brachten; hier ein Beilrag aus Jerusalem: Sie treten in die Saivaivrlirche, die nichts zu wünschen übrig läßt, als daß sie für daS Bedüriniß der hiesigen katholischen Bevölkerung etwas länger und etwas breiter und end ich auch noch etwas höher wäre (am Willen und selbst iheilweise an den Mitteln aufzubauen, fehlt eS hier eben so wenig, alö in dem Convente von «Zypern, wo die Schlangen durch die Risse der Decke in die Zellen der Franciöcaner fielen — aber eS gibt Hmnriusse ganz eigeiur Art!) — also, Sie trct.n in die FranciScanerkircke; ein Priester schreit.t eben, von einem Frater begleitet zum Altare. Der Frater knicet hin und will miinstrircn; da eilen aber schon eiliche von den anwesenden Gläubigen herbei, sechsjährige Knaben, Jünglinge, wie Greise, die ordentlich um die Gunst 13 eifern, dem Priester beim Altare dienen zu dürfen. Der Frater räumt Einem seine Stelle ein, und dieser ministrirt nun wahrhaft mit Andacht, Würde und Anstand. Ist die Messe vollendet, löscht er die Lichter anS, nimmt daS Missale und die Känn- chen, und gchi dem Priester voraus in die Sakristei, wo er sein: „Prosit ps6rö'" sprüht, ohne an eine Bezahlung für die Zulassung zu dem heiligen Dienste zu denken; höchstens, daß cr des Priesters Segen sich erbittet. -Dieß ist um so mehr erfreulich, ais der Araber sonst meist nur dem Motiv des Geldes folgt. — Bei unS ist daS nun freilich ganz anders. VII. Es wird Sie auch überraschen, wenn ich Ihnen sage, daß man hier weder eine Zunft dcrvcchselnd dem Verblichenen die letzte Ehre zu erweisen und seine sterblichen U.berreste ans ihre Schultern zu laden, und mnß gestehen, ich schämte mich fast in jenem Momente der europäischen Sitte, die daS Amt der Liebe zu einer Er« wcrböquellc gemacht. Was mir daoei besonders ausfiel, war, daß sich diese Araber, die doch sonjl auch selbst die kleinste Sache nicht ohne großes Geschrei verrichten, bei diesem frommen Wettstreite mir Ausland und ernster Ruhe benahmen. Der Weg führte am Jaffathore und der DavidSburg vorbei vor das SionSihor hinaus. Alö wir bum S>. J.ck^ skloster vorüber kaineu, sah ich einen bejahrten armenischen Mönch unter dem Portale, dessen Lipp,n mir im Gebete iür unsern Verliorbeuen sich zu bewegen jchiene». Am Goneoacker auf ein B.r^e Siou hielt der Zug vor dem Grabe dicht an ccr St.idlniauer, uuv ee> w rd>n d>e g>, brä,iä!l>chen G.be>e und Segnungen vollzogen, deieu Schlnv die Äbsingung cinig.r Psalmen bildete. Während dieses Gejanges uahie em F>alcr der Leiche, zog das Batrinch >on dem osseuen Sarge, und nähte die Kaputze über dem Angesichre deS Vrrblichen.n zusammen. Darauf ward die Leiche aus dem Sarge gehoben und mit Stricken in das Gras gesenkt, welches kaum über drei Schuh lief und so schmal war, daß eS eben geraüe den Körper aufzunehmen genügte. Die bei Oeffnung deS Grabes zu Tage geförderten Todtengebeine — ich zählte barunter fünf Schädel — sorgfällig in ein Körbchen gelegt, wurden nun wieder zu den Füßen der Leiche in daS Grab gethan und fünf Minuten später war auch schon das ganze Grab mit Erde ausgefüllt uuv überdeckt, eine Arbeit, wobei einige der anwesenden Araber den Spaten deS GräbtrS mit ihren bloßen Händen unterstützten. VIII. Ein Lb,rösterreicher sieht voll Angst zn, und verwundert sich, wie der Pascha zugeben kann, daß man die Todten so nahe bei der Stadt und nur drei Schuh lief unter der Erde begräbt. Er meint man sollte sie auSgraben und alle Friedhöfe verlegen; aber der Gedanke an die Ausführung macht ihm abermals bang, so, daß cr in seiner Verlegenheit daS Heimweh kriegt. IX. Machen Sie sich nichts daraus, wenn ich Sie vom Reiche der Todten nun noch einmal zurück in daS der Lebendigen führe: man liebt eS ja in Bildersammlungen Gegensätze als Seitenftiicke aneinander zu reihen! Ich habe vor ein paar Tagen einer TrauuugSfeier beigewohnt, welche gegen 7 Uhr Abends in der Kirche des Salvatorklosters vollzogen wurde, und die vielleicht manches bietet, daS Gegenstand Ihres Interesses seyn dürfte. Braut und Bräutigam saßen auf einer Bank vor einem Altare mit dem Bilde der heiligen Jungfrau. Die Braut war in einen dichten rothen Schleier gehüllt, so daß ihre Gestalt ein völliges Räthsel blieb; ich sah nur, daß sie klein war; als sie aber die Hände aus den Falten ihres Schleiers wand, nm den Trauring in Empfang zu nehmen, war ich 14 nicht wenig erstaunt, denn ich glaubte eine Kinderhand zu sehen — und im Grunde tauschte ich mich nicht! — Man hat hier über daS heiratsfähige Alter nicht dieselben Begriffe, wie im Abendlande, Mit dem zwölften Lebensjahre ist ein Mädchen meist schon verheiraihet, und Ehemänner gibt eS, die kaum noch fünfzehn Jahre zählen. Bei den Lateinern tritt dieser Uebelstand jedoch bei weitem nicht so grell her» vor, als bei den Mohamedanern und vorzugsweise bei den Juden. Erinnern wir uns nur z. V. der Verbindung Mohameds mit Aischa, der neunjährigen Tochter Abn BelerS. (Verlobt war sie schon im sechsten Jahre.) Mit vollstem Fug und Recht sieht Tobler in den frühen Hcirathen der Juden einen wahren Krebsschaden für Israel. Oft sah ich, sa^t er, mit dem größten Unwillen Ai nnbärtiges knabenhaftes Jnvelein als Ehemännlcin oder ein kindisches Mädchen als Ehesräulein, Man denke sich ein Kinderpaar im Ehestande, um gegen eine solche Unsitte mit Entrüstung erfüllt zu werde»! — ES gehört mit zu den Verdiensten der Väter FranciScaner. daß diesem Uebelstande unter den Bekennen: deS katholischen Glaubens möglichst gesteuert worden ist, und sie sind eben daran, auch den Unfug einer acht- und vier- zehwägig/n Hochzcitsfeier abzuschaffen, der hier selbst unter den Lateinern Sitte, zugleich aber Ursache deö RuinS mancher Eheleute in den ersten Tagen ihrer Verbindung ist, da er sie in Schulden verwickelt, die sie später nimmer zahlen können. Döllinger und Bunsen. (Schluß.) Wie fern aber die deutsche und besonders die protestantische Wissenschaft von aller Tiefe nnd Gerechtigkeit im Urtheil ist, geht daraus hervor, daß Bnnsens Werk in Deutschland allgemein gepriesen wurde, während eS englische von Anglikanern herausgegebene Zeilungen als ein miserables Machwerk darstellten. Das muß man den Engländern lassen, die spießbürgerliche höchst verächtliche Lileraturkotterie, wie sie in Deutschland herrscht und leider die ganze öffentliche Meinung (eigentlich Albernheit) beherrscht — kennt man in England nicht und eine so ausschließliche Herrschaft, deren alte verrnmpclte Baßgeige in Deutschland noch immer die „Allgemeine Zeitung" ist, könnte in England auch gar nicht aufkommen. So berichtet Döllinger S. 332: „Der Christian Remembrnncer bezeichnet die ganze Darstellung der Theologie deö Hippolytischen Zeitalters bei H. Bunsen als Eine Reihe von Entstellungen; er bemerkt, man ihm nie bezüglich irgend einer Thatsache trauen dürfe; daß er in seinen Aphorismen ein in christliche Terminologie gehülltes System des Naturalismus ausstclle. Diesen Eindruck müssen Herrn iduufenS Aeußerungen in England allerdings machen, wenn er B. geradezu sagt: „die menschliche Seele sey ein Theil des Selbstbewußtseyns Gottes ,'or aller endlichen Eristenz;" wenn er die Vorstellung, daß die Offenbarung ein äußerlicher historischer Act sey, für eine falsche, eben so unhaltbare als «»philosophische und uuvernüuflige erklärt, und beisetzt: „Diese irrthümliche Vorstellung ward daonrch noch verwirrender, daß sie für die Offenbarung deS göttlichen Willens und Wesens sich etwas Höheres als den menschlichen Geist ausmachte u. s. w." Worauf denn Herr Äiiuscn den wahren Begriff der Offenbarung diesem falschen, der sie als eine geschichtliche Thatsache, ein wirkliches persönliches Eingreifen GvtteS in die Geschichte der Menschheit nimmt, cnlgegenstcllt: „Die Offenbarung fft eine Offenbarung Gottes im Menschengeiste, und wird nur so dargestellt, als ob Gott selber in menschlicher Rede zum Menschen spräche. — Sie hat zwei Faktoren, welche bei ihrer Entstehung zusammenwirken; der eine ist der unendliche Faktor oder die unmiitelbare Offenbarung der ewigen Wahrheit an den Geist durch die Kraft, welche dieser G'ist besitzt, sie wahrzunehmen; denn menschliche Wahrnehmung ist das Korrelativ göttlicher Manifestation. — Dieser unendliche Faktor ist, wie sich versteht, nicht geschichtlich, er wohnt jeder einzelnen Seele in, nur mit unermeßlicher Verschiedenheit deS 15 Grades.---Der zweite Faktor ist der endliche oder äußerliche; dieß Mittel göttlicher Offenbarung ist zuerst ein allgemeines, das Universum oder die Natur; in eiuem speciellere!! Sinne aber ist eS eine historische Manifestation göttlicher Wahrheit durch daS Leben »nd die Lehre höherer menschlicher Seelen (os Iiiguer min<1s -zincmZ men) — ausgezeichneter Individuen, die etwas von der ewigen Wahrheit ihren Brüdern mittheilen u. s. w." — Aus dieser Anklage deS zu London erscheinenden „Christian Remembrcmcer" stellt sich heraus, daß Bunsen weiter nichts ist als ein ganj gewöhnlicher Rationalist wie z. B. Rc-nge, nur daß Vnnsen sich durch gelehrte Fetzen eine Ruf in der Clique — und ein Docwrdiplom der Theologie erworben. Zuletzt legt Bunsen dem Hippolytus zur Captivation der englischen Benevolenz eine Schntzrede iu den Mund, die ein wahrhaftes Meisterstück von Lächerlichkeit genannt werden kann, Döliingcr berichtet hierüber S 336 und 337: „In dieser Schutzrede, welche Herr Bunsen Hippolytus in London am 13, August 1851 halten läßt, überschüttet der alte Presbyter zuerst die Engländer mir Lobeserhebungen ihrer Macht und Herrlichkeit, die sie vor Allem ihrem ProtestanliSmuS verdankten, versichert sie dann, er sey wirklich Bischof von Portus Romanns geocsen, habe dort ein stetS geliebtes Weib, Chloe, gehabt, die Schwester eines Salristans des SerapiS-Tempels zu Por- tuS, Namens Heron, die aber bald am Fieber gestorben sey, bald daranf sey ihm auch sein geliebter Sohn Auteros, der im Hause des Bischofs KallistuS, wohin er ihn mit einer Botschaft geschickt, gleichfalls das Fieber bekommen, dnrch den Tod entrissen worden; hierauf theilt er den Engländern, um ihnen Vertrauen einzuflößen, mit, daß er bezüglich der Bibel ächt protestantisch gesinnt ley; aber das Buch Daniel freilich sey unächt und erst unter Antiochus gesichtet, nn) der zweite Brief Petri sey gleichfalls eine Fiktion; sofort erschreckt er sie noch mehr durch die Versicherung, wie ihr Glaube au die Inspiration der heiligen Schrift ein häretischer Wahn sey. Er erklärt ihnen dann weiter, daß die Nicänische Lehre vom Sohne GotteS uuphilosophisch und uubiblisch sey; in der kirchlichen Jnrarncuionölchre und dem SIthanasianischen Symbolum findet er die Ursache, warum Muhamed und seine Anhänger die christliche Religion in der halben Welt ausgerottet hatten; demnach sey es denn auch mit der Triuität, wie sie bisher iu England geglaubt worden, nichts; von der Tanfe der Kinder habe man zu seiner Zeit noch nichts gewußt', und das, was jetzt unter diesem Namen geschehe, sey gar keine Taufe; und nachdem er die englische Siaatskirche dergestalt mit dem Stäbe Wehe heimgesucht, kehrt er am Schlüsse wieder den Srab Sanft hervor, das heißt, er fallt nun über die katholische Kirche her, schüttet über diese Mutter alleS Verderbens in Phrasen, die er wörtlich auS den Reden der HH. Rouge und Dow int entlehnt zu haben schein?, das ganze Füllhorn seines GrimmeS ans, kündigt ihr ihren unvermeidlichen, vollständigen und sehr nahen Untergang an, und scheidet von den Engländern mir der tröstenden Versicherung: vor der großen, mit Riesenschritten herannahenden zweiten Reformation und ihrem göttlichen Lichtglanze würden die Apostel der Finsterniß — die katholischen Bischöse und Theologen — in ihr Nichts versinken. — Der Leser begreift, daß es hienach einer wcitern Auseinandersetzung mit Herrn Bunsen und seinen vier Bänden nicht bedarf." — Auch führt Z. öllinger einige Stücklein von Uebersetzungskünsten deS Herrn Bunsen an, die einem Schüler, der sich derselben schuldig machte, in früherer Zeit, in der noch Ehrenftrafen eristinen, eine Setzung aus die Schandbank zn Wege gebracht hätten. Nur ein kleines Beispiel. Die Ermahnung des heiligen Jznatius im Briefe an Polykarp: „Fliehe die bösen Künste, ja crwähue sie nicht einmal in öffentlicher Rede", übersetzt Bunsen wie folgt: „Fliehe gefallsüchtige Weiber (Koketten), habe vielmehr Umgang mit älteren Frauen." Aus diesem wenigen geht hervor, wie gut der Herr Verfasser gcihan, daß er seine Zeit und die Schärfe seiner historischen Kritik zur grüuviicheu Untersuchung der Geschichte von HippolytnS und KallistuS angewendet und den Ritter Bunsen nur so nebenbei aus dem von Bonn ihm verliehenen Sattel ans den Boden herabgcstreift hat. Wir Katholiken sollen aber dem Herrn Professor Döllinger besonvers für seine Arbeit dankverpflichtet seyn, denn eS liegt ein großes doppeltes Verdienst darin — 16 einmal der Werth der wissenschaftlichen Forschung und dann die Bloslegunq des großen protestantischen, besonders durch Kirchenfeindlichkeit renommirten Phänomens, Bunsen genannt, an welchem trotz dem vielen Geschrei erbärmlich wenig Wolle befunden ward. L e n a u. Emma Niendors (Frau von Sukow in Stuttgart) gab ein Buch über den Dichter heraus unter dem Titel: ,.Lenau in Schwaben aus dem letzten Jahrzchent seines LebeuS." Während der Zeit seines beginnenden Wahnsinns sagte er einmal in einem lichten Augenblicke zu Venrauten: „Gott ist sehr gut, daß er mich durch die Natur bestrafen läßt, und nicht durch daS Gesetz, denn ich habe gegen beides gefehlt, ich habe daö Talent noch über das Sitteugesetz gestellt, und daS ist doch das höchste. Sagen Sie daS a-uch Ihr — sie hat daS Sittengesetz auch nicht genug erhoben." Wir meinen diese Worte für die merkwürdigsten Worte Lenau'S zu halten. Es liegt in ihnen ein Glaube uud ein Bekenntniß. Die letzten Worte treffen eine verbnrathete Frau in Wien, mit welcher Lenan zwölf Jahre lang Umgang gepflogen, und die zum Theil wenigstens die Katastrophe im Leben deS Dichters herbeiführen half. Lenan verliebte und verlebte sich zu Frankfurt — seine Brant war ein unschuldiges Mädchen — er ging noch Mal nach Wien (wie Emma Niendors erzählt), um von dem Weib sn'ner Sünde Abschied zn nehmen, uud diese sprach in einer rachegierigen, dämonischen Prophezeiung zu ihm, zu dem ohndieß schon in seinem ganzen Geistes- und Nervenleben Zerrütteten die Worle: „EineS von uns muß wahnsinnig werden." — — Daß nun Lcuau sich selber angeklagt: er habe sein Talent und sein Leben über daS Sitteugesetz gestillt — und Gott noch gut nennt, daß er ihn durch die Naiur und nicht durch daS Gesetz bestrafen läßt — hat eine Bedeutung im Geistesleben des DichierS, die nicht genug gewürdigt werecn kaun, und zu Nutz und Frommen der Ungläubigen sollten die obigen Worte Lenaus mit ein paar Bemerkungen dazu in allen kaiholischen Journalen verbreitet werden, (W. K.-Z>) - Amerika Während die aus Neu-Granada und Ecuador vertriebenen Jesuiten nach Guatemala und Mcriko gehen, sind andere nach der Insel Cuba berufen. Am 12. Oct., dem Geburtstage der Königin von Spanien, hcu der General - Capitän mit großer Feierlichkeil zu Havanna den Grundstein zu einem Kollegium der Jesuiten gelegt, nachdem ihn der Bijchof eingesegnet hatte. Zu dieser religiösen Feier halte sich eine große Menge Volkes versammelt. Die Regierung zu Madrid sncht so die Fehler ihrer Vorgänger zn verbessern und sür eine christliche Erziehung der Jugend zu sorgen. Afrika. Nach einem Briefe vom Cap der gnten Hoffnung haben sich mehr als zweitausend Kaffern zur laihvlischen Kirche bekehrt und sich in der Nähe der englischen Residenzen niedergelassen, (»ine Abt eilunz der Kasfern am Orangcfluß treibt Handel. Gegen Enve des Moncus August ubersui?>en sie dem kaiholischen Bischof in der Kapstadt ein Geschenk, in Vieh, Llrauß>evern nud irockiieu Früchten lcstehcnd. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Vierzehnter Jahrgang. So ttntags-Beiblatt zur Augsburger PoKzeitung. 15. Januar M"'- 1854. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Ab»nnementsvre>> Til kr., wofür es Knrch olle kvmgl. baver. Pniiämter vnd all« Buchhandlungen bezogen werden kann Allocution Sr Heiligkeit Papst PiuS SX., gehalten in dem geheimen Consiftorinm am 19. December 1853. Ehrwürdige Brüder! Von dem erhabenen apostolischen Stuhle anS, wie von einer Burg und Zinne des katholischen Glaubens, haben Unsere Vorgänger, die römischen Päpste, gemäß der ihnen von Gott gegebenen Gewalt, die ganze Kirche zu leiten, auch der morgenländischen Kirche ihre väterliche Obsorge zugewandt und nichts unterlassen, waS zu ihrer Beschützung und Unterstützung gereichen konnte. Welchen Fleiß und welche Sorgfalt und welche Mühe sie darauf verwendet, um zu bewirken, daß diejenigen, welche von den Völkern des Morgenlandes durch ein trauriges Schisma von der römischen Kirche getrennt sink», sich dieser wieder willig anschlössen und mit dem höchsten Hirten auf Erden, dem römischen Papste, wie Glieder mit dem Haupte sich vereinigten, das brauchen Wir, ehrwürdige Brüder, nicht weitläufig auseinander zu setzen; denn eS ist ench wohl bekannt und durch zahllose geschichtliche Dokumente bezeugt. Diesen herrlichen Beispielen väterlicher Obsorge nacheifernd, haben Wir bereits im zweiten Jahre Unseres Pontificats an alle Morgenländer ein apostolisches Schreiben erlassen, worin Wir sie eindringlich und liebevoll ermahnt haben, znr Gemeinschaft dieses heiligen Stuhles zurückzukehren und sich fest an ihn anzuschließen, und Wir haben die Nothwendigkeit dieses Anschlusses durch viele triftige Gründe bewiesen, deren Wahrheit einleuchtend ist, waS auch mehrere schismalische Bischöfe in einer Schrift dagegen vorzubringen gewagt haben, worin sie das Gift ihrer eingewurzelten Bitterkeit gegen den apostolischen Stuhl ausgegossen haben. Diese Schrift werden Wir, um die Irrthümer uud die Hartnäckigkeit der Schismatiker zu widerlegen, beantworten lassen; mittlerweile aber werden Wir nicht aufhören, für ihrer aller Heil den himmlischen Vater des Lichtes zu bitten und anzuflehen, iuvem Wir nicht von der christlichen Liebe ablassen, welche geduldig und gütig ist. Von dem Geiste dieser Liebe gleich Unö beseelt, haben Unsere Vorfahren die heiligen Gebräuche, welche die morgenländische Kirche anwendet, und von welchen sie erkannten, daß sie dem vrthoooren Glauben nicht wioersprecheu, nicht nur nicht verworfen, sondern geglaubt, daß dieselben, als durch das Alter ihres Ursprungs empfohlen und als großen Theils von den heiligen Vätern ausgegangen, zu bewahren und beizubehalten seyen; ja, sie haben sogar durch weise Konstitutionen bestimmt, daß eS niemand erlaubt seyn solle, die morgenländischen Riten ohne Erlaubniß des Papstes zu verlassen. Sie wußten nämlich Wohl, daß die'unbefleckte Braut Christi mit einer wunderbaren, die Einheit nicht beeinträchtigenden Mannigfaltigkeit geziert ist, daß die Kirche, durch keine Ländcrgränzen beschränkt, alle Völker, Nationen und Stämme umschließt, welche durch die Einheit und Uebereinstimmung des Glaubens verbunden sind, wenn sie auch verschieden sind in Sitten, Sprachen und heiligen Gebränchen, 18 welche jedoch die Mutter und Lehrerin Aller, die römische Kirche gutheißen muß. Dieses wohl erkennend, hat Unser Vorgänger GregoriuS XVI. glorreichen Andenkens den Walachen von griechisch-katholischem RituS in Siebenbürgen seine oberhirtliche Wachsamkeit und Sorge zugewandt, und um sie aufzurichten und zu trösten und im katholischen Glauben zu bestärken, für sie eine besondere kirchliche Hierarchie von griechischem Ritus zu gründen gestrebt; was aber, durch die Zeitumstände und andere Schwierigkeiten verhindert, dieser Unser Vorgänger in der gewünschten Weise nicht hat ausführen können, das haben Wir, ehrwürdige Brüder, zur besondern Freude Unseres Herzens großentheils vollbringen können. Zuerst, wie billig, danken Wir dafür dein Vater der Erbarmungen, durch dessen himmlische Hilfe es UnS gegeben ist, ein Werk zu vollbringen, von dem Wir hoffen, daß eS zur Förderung der katholischen Religion und zum großen geistigen Nutzen jenes Volkes gereichen werde. Gebührendes Lob spenden Wir demnächst Unserm geliebtesten Sohne in Christo, Franz Joseph, dem Kaiser von Oesterreich und apostolischen Könige von Ungarn und Böhmen, der UnS nicht allein darum gebeten, sondern auch Eifer, Sorgfalt und Mühe und Alles überhaupt an den Tag gelegt hat, was von einem frommen und für die Beförderung des Glaubens eifrigen Fürsten zu erwarten war. Wir dürfen aber auch nicht ohne Lobspruch übergehen den Erzbischof von Gran, welcher zur Förderung dieser so heilsamen und zur Erhaltung der katholischen Einheit so nützlichen Angelegenheit nach Kräften mitgewirkt hat. Nachdem wir darum die Ansicht einiger auS eurem Kollegium, ehrwürdige Brüder, vernommen haben, denen Wir eine so wichtige Angelegenheit zur genauen Prüfung übertragen haben, haben Wir auf ihren Rath zwei Bisthümer griechisch-katholischen RituS errichtet, Lugos im Temeswarer Banat und Armenopolis in Siebenbürgen, als Suffraganbisthümer der Kirche von FogaraS, welche schon früher einen bischöflichen Sitz gehabt und iu der letzten Zeit von Uns den Titel Alba Julia erhalten hat und welche Wir zu einem Erzbisthnm erhoben haben. Wir haben diesem Erzbisthume außer den beiden neu errichteten Bisthümern auch noch das früher unter dem Erzbischof von Gran stehende BiSthum Groß-Waradei'n als Sussraganbisthum untergeordnet. Wir bezweifeln nicht, ehrwürdige Brüder, daß nach Errichtung dieser neuen Kirchenprovinz von Fogaras und Alba Julia das den katholischen Glauben bekennende Volk der Walachen und Siebenbürgen, durch die neue Wohlthat des apostolischen Stuhles gerührt, enger mit demselben werde verbunden werden, und daß dieser Theil der Heerde des Herrn, nachdem die Zahl der Hirten vermehrt ist nnd wenn dieselben pflichtmäßig wachen und Unsere Sorgfalt hinzutritt, die Wir nie unterlassen werden, sicherer und geschlitzter seyn werde gegen die List nnd den Trug der Schismatiker, welche keine Gelegenheit vorübergehen lassen, die Gläubigen von der Gemeinschaft dieses heiligen Stuhles loszureißen und in den Abgrund deS ewigen Verderbens zu stürzen. Möge Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, verleihen, daß die, welche in die Irrthümer der Schismatiker verstrickt sind, von dem Lichte der himmlischen Gnade erlcuchiet, in den Schooß und die Arme der katholischen Kirche zurückkehren, daß sie Alle in der Einheit des Glaubens zusammentreffen und daß wir alle Ein Leib seyen in Christo, die Einheit bewahrend im Bande des Friedens. DaS wünschen Wir von Herzen gemäß Unserm innigen Verlangen nach dem Heile der Seelen, uns Wir bitten den Herrn, der allein Wunderbares wirkt, daß er das begonnene Werk durch seine Kraft vollende. Ehrwürdige Brüder, nicht wenig hat zum Troste Unserer Seele ferner das beigetragen, was Wir mit göttlicher Hilfe im Staate Guatimala in Amerika zum Heile der Religion zum leisten vermocht haben. Es hatte nämlich kaum Unser geliebter Sohn, der ausgezeichnete und ehrenwerthe Mann, Raphael Carrera, Präsident jenes Staates, Uns ersuchen lassen, daß Wir Unsern Geist auch der Ordnung in den Angelegenheilen jener Kirche zuwenden mögen, als Wir auch schon von Unserm geliebten Sohne Jakob, der heiligen römischen Kirche Diacon, Cardinal Antonelli, der UnS in den StaatSgeschäften zur Seite steht, verlangten, daß er mit dem ebenfalls geliebten Sohne, dem Vertreter des Staates Guatimala am heil. Stuhle, Ferdinand 19 Lorenzana, die Ausführung dieser hochwichtigen Angelegenheit übernehme. Dem gemäß wurde am 7. Oktober v. I, eine Convention zwischen ihnen eröffnet, welche Wir der besondern Congregation Unserer ehrwürdigen Brüder und eurem Kollegium zur reislichen Erwägung vorlegten. Von dem, was in jener Convention zur Zier und zum Frommen der katholischen Kirche festgestellt wurde, glauben Wir, daß ihr es bereits aus Unserm apostolischen Schreiben vom August l. I. wisset, in welchem wir alle einzelnen Puncte der erwähnten Convention aufzählten und mit Unserer apostolischen Autorität bekräftigten. Wir haben es für nöthig erachtet, euch das Gesagte mitzutheilen, damit Wir euch, ehrwürdige Brüder, die ihr an Unsern täglichen Sorgen Theil nehmet, auch Unserer Freude theilhaftig machen, so oft sich etwas znr Verherrlichung deS göttlichen Namens und zur Verbreitung des wahren Glaubens in beglückender Weise ergeben hat. Unsere Freudigkeit wird aber auss Aeußerste durch die überaus herbeu Uebel getrübt, von denen, wie UnS berichtet wurde, die allerheiligste Religion in einigen nördlichen Reichen heimgesucht wird. Wir wollen hier mir eines erwähnen und können es nicht mit Stillschweigen übergehe», daß, als die Regieruug desselben Staates Unserm und deS apostolischen Stuhles am kaiserlichen Wiener Hofe Nuntius eröffnet hatte, sie werde ihre Beschwerden vor diesen selben Stuhl dringen, sie doch dieß wever gethan, noch abgelassen hat, die Kirche zu quälen, sie hat sogar die geweihten Priester, welche sich weigerten, von ihren Amtspflichten abzuweichen, theils mit Geldstrafen belegt, theils in Bande geworfen. In diesen Widerwärtigkeiten hat sich die unbesiegte Geisteskraft und Festigkeil deS gesammten Klerus sowohl, als der hochw. Bischöfe und vorzugsweise des den Andern mit dem Beispiel vorangehenden Erzbischoss von Freibnrg in wunderbarer Weise glänzend beurkundet. Fest an dem Vorsatze haltend, dem Kaiser zu geben was deS Kaisers ist, und Gott waS GottcS ist, hat er sich durch Drohungen nicht erschüttern, durch die Furcht vor Gefahren nicht abschrecken lassen, die Rechte der Kirche und die Obliegenheiten seines HirtenamteS tapfern Muthes zu wahren. Indem Wir diese ausgezeichnete Standhaftigkeit in Ausrechthaltung der Sache der Kirche mit gebührendem Lobe rühmen, ermähnen Wir den ehrwürdigen Bruder, den Erzbischof von Frciburg und die Gefährten seiner Tapferkeit, den Muth nicht sinken zu lassen, sondern sich in der Kraft des Herrn zu stärken, der seiner Kirche verheißen hat, zu jeder Zeit gegenwärtig zu seyn uud der denen, die für die gute Sache kämpfen, Krone und Palme vorbehält. WaS übrigens die Kirche mit dem Apostel der Völker von jener gelehrt hat, daß nämlich höher gestellten Gewalten Gehorsam gezollt werden müsse, daS lehren und daran halten auch Wir uud mit Uns die katholischen Bischöse; wird aber etwas anbefohlen, was gegen die götllichen Gesetze und die geheiligten Rechte der Kirche verstößt, die ihr von ihrem göttlichen Stifter überliefert wurden, dann muß Gott mehr gehorcht werden als den Menschen, wie der Apostel schon durch sn'u Beispiel bekräftigt hat und wie auch Wir es mit den geheiligten Hirten der Kirche lehren und einschärfen. Ehrwürdige Brüder, das Gesagte ist ungemein herbe und belästigt die Sorge Unseres Geistes im höchlten Grade; nicht mindere Bcangstignng verursachen Uns aber die Verhältnisse der Kirche in Ostindien. Ihr wisset sehr gut, daß Unsere Vorgänger und auch Wir, indem Wir dem von ihnen gegebenen Beispiele nachfolgten, je nach den Zeitverhältnissen durch geheiligte Bischöfe und apostolische Vicare und durch evangelische Arbeiter für die hirtliche Leiiung der Gläubigen sorgten. Es standen aber verderbte Menschen ans, die ihren Nutzen und nicht den Nutzen Jesu Christi suchten und unter den nichtigsten Verwänden bemüht waren, Unvorsichtige irre zu führen und die katholische Bevölkerung von der Unterwürfigkeit unter die gesetzlichen Hirten abzuziehen. Sobald dieß zu Unserer Kenntniß gelangt war, wendeten Wir väterliche Ermahnungen an, widerlegten die nichtigen Beweisgründe, mit denen Jene ihren Zwiespalt zu vertheidigen suchten und ließen nicht ab, die Störer der katholischen Einheit von ihrem ruchlosen Raihschluß abzuschrecken. Als Wir erkannten, daß sie hartnäckig in ihrem Vorhaben verharrten, daß das Uebel täglich mehr um sich greife, versuchten Wir durch abermalige apostolische Schreiben, sie zu bessern Gesinnungen zurück zu bringen; Wir erklärten 20 auch, daß Wir die vorzüglichsten Förderer des Schismas, wenn sie sich nicht innerhalb einer gewissen Zeit eines Besser» besännen, mit dem Schwerte der apostolische» Autorität vom Leibe der Kirche abschneiden und sie fortan als gänzlich abgeschieden von der Gemeinschaft mit den Gläubigen betrachten wurden. Hierdurch haben Wir das Gnte erreicht, daß ein nicht unbedeutender Theil der christlichen Bevölkerung den Trug der Ausständigen anerkannte und sich wieder der Autorität der gesetzmäßigen Bischöfe und dem Glauben zuwendcle. Mögen jedoch Jene, die noch in dem schmählichen Zwiespalt verharren, namentlich die durch irgend eine Würbe ausgezeichnet sind, auf Unsere Stimme hören, möge es Unö gegönnt seyn, jene verirrte Heerde in den einzigen Echafstall zurückzuführen, außerhalb dessen das Heil nirge-idö gefunden werben kann. Es wird 'sich jedoch, ehrwürdige Brüder, eine andere Gelegenheit ergeben, ausführlicher hierüber zu euch zu spreche», da ihr einsehet, daß dieß eine hochwichtige Angelegenheit ist, in welcher es sich um das Heil der Seelen handelt und welche daher sehr viel Ueberlegung, Berathung uud Sorgfalt erheischt. Mittlerweile versichern Wir, daß Wir nie hinter Unsern Amtspflichten zurück bleiben und Alles eifrig vollführen werden, weiß Wir, nach Anrufung des Beistandes der göttlichen Weisheit zur Abwendung der Seuche des um sich greifenden Schismas und zur Zurückführuug der Völker znr katholischen Einheit für zweckdienlich uud heilsam anerkennen werde». Ein weilerer Beweggrund deS Schmerzes erwuchs 'Uns auS dem unglücklichen Änsgang der geheiligten Mission, welche der ehrwürdige Bruder Vinceuz, Bischof von Arkadiopolis, kraft Unserer Autorität an den Beherrscher von Hayti ans der gleichnamigen amerikanischen Insel überuomnien hatte. Wir vermögen nicht leicht zu schildern, mit welchem religiösen Eifer der erwähnte Bischof den ihm gewordenen Auftrag zu erfüllen bemuht war; da jedoch dem besagten Fürsten nnd seiner Regierung eine falsche Ansicht von der Kirche Christi und den geheiligten, so sehr zum Besten der Seelen unternommenen Expeditionen innewohnt und da ferner ein großer Theil dcö dortigen Klerus es nur mit widerstrebendem Gemüthe erlrug, zu strengerer, dem geheiligten Amte geziemender Zucht zurück gerufen zu werden, so war jener vortreffliche Bischof, bedauernd, daß seine Bemühuugeu gänzlich vergeblich gewesen uud nachdem er von Unö die Erlaubniß dazu erhalten halte, genöthigt, den Staub von seinen Füßen zu schütteln und jene Gegend zn verlassen. Der Religion werden serner sehr bedeutende und nie genug beklagte Nachtheile von einigen Geistlichen zugefügt, welche allzuleicht aus ihre« Diöcesen entlassen wurden und sich lodann nach einigen Gegenden Amerikas begaben, wo sie wegen deS Bedürfnisses der geheiliglen Priesterdienste gewöhnlich leicht ohne Bcurkunvnng des Wissens uud vcr Rechlschassenheil aufgenommen zn werde» pflege» und dann ganz andern Dingen nachstreben, als der Leitung der Menschen zum wahren Glauben. Endlich, ehrwürdige Brüder, glauben Wir euch in der heutige» Versammlung noch mittheilen zu müssen, daß die Seitens der piemontesischen Regierung über ReligionSangelegenheiten begönne»?» Verhandlungen noch unterbrochen sind und in der Schwebe sich befinden, so daß eS unnütz erscheinen könnte, daß Wir Unserm geliebten Sohne, den, zur Vollführung dieser Verhandlungen bestimmten Cardinal, Vollmachte» gegeben haben. Ans diesem Grnnde haben Wir auch Unsern geliebten Sohn, den Cardinal, welcher den öffentlichen EtaatSgeschäften vorsteht, beauftragt, jene Regierung zu befragen, was denn eigentlich ihre Absichten nach so langem Schweigen seyen. Wir haben nämlich gerechlen Sinnes die UnS von jener Regierung vorgelegen Bitten bezüglich der Verrinzcrung der Feste i» dem gesammten Reiche des durchlauchtigsten Königs von Sardinien entgegen genommen und sie auch bewilligt und zwar nicht nur, um die Noth jeuer Armen z» erleichtern, die von ihrer Hände Arbeit zn leben genöthigt sind, jondern auch um ei» Beispiel der Langmnth zu geben, damit jene subalpinische Regierung um so mehr angeregt werde, wieder gut zu machen, wo.S sie gegen den apostolischen Stuhl und gegen die verletzten und zu Grunde gerichtete» Rechte der Kirche i» jenem Reiche mir Unrecht gcihan hat. Wenn nun auch das von Uns Erwartete sich nicht verwirklicht hat, so wird es Uns doch gewiß nicht reue», bis cm 2t die Gränzen der Milde und Langmuth gegangen zu seyn. So viel wollen Wir jedoch erklärt wissen, daß Wir keine Art von Forderung annehmen werden, die Wir der Würde und den Rechten dcS apostolischen Stuhles und dem Gewinne der Religion nicht zusagend finden. Ihr seht, ehrwürdige Brüder, daß von Tag zu Tag zur Aufregung der Kirche neue Stürme entstehen und wüthen, UnS, die Wir am Steuerruder scheu, liegt das Streben ob, mit eurer Mithilfe der Wuth der Wmde Trotz zu bieten. Fahrt fort, wie ihr bis jetzt gelhau, iu den Arbeiten auf so schwierigem und gefährliämn Wege, Beistand zu leisten. Soll Unser Strebeil aber, gedeihen, so müssen Wir die Hilfe desjenigen anrufen, welcher dem Meere nnd >den Winden gebeut. Möge er sich durch gemeinsames Flehen erbitte» lassen uud die ersehnte Ruhe gewähren, möge er gnädig wollen, daß die nach fortwährenden Stürmen ruhende Kirche den sichern Hafen erreiche. Der rechte Wegweiser im neuen Jahr. In vielen Marktflecken uud Dörfer» besteht der Gebrauch, daß der Nachtwächter iu der Nenjahrönacht bei allen Häusern berumgeht, vaS neue Jahr ansingt und seine Sprüche hersagt. Nun so wünsche ich auch Dir, lieber Leser, ei» gutes, glückseliges neues Jahr, uud uicht mir das, sondern auch eine glückselige Ewigkeit. Aber mit dem Wünschen ist die Sache noch nicht abgethan, sondern es fragt sich noch: waS muß ich denn thun, daß ich dieselbe auch wirklich erreiche? Viele glauben dieselbe auf einem Wege zu erlangen, wo sie durchaus nie dazu kommen. Ich will nun jetzt Dein Wegweiser seyn, und Dir zuerst zeigen, welche Wege Du uicht gehen sollst. Erstens sollst Du nicht gehen den Thier weg. Sieh, das Thier ißt und trinkt, legt sich nieder und veroaur, uud so geht's von einem Tag zum andern. Das Thier ist eben nur für die Erde geschaffen, und seine höchste Seligkeit ist der Genuß, Da gibt es nun auch viele Meuscheu, welche im Essen, Trinken, Wollust und Bequemlichkeit ebeu thuu, was der Leib vermag, ja leider noch mehr. DaS ist freilich gar sonderbar, wenn der Mensch, dieses stolze Geschöpf, deu schmutzige» Weg deS Thieres wandelt. Daß das Borstenthier in der Pfütze nud Kolhlache sich wälzt, uud daran seine Freude hat, das wird Niemanden ärgern, und kein Mensch hall sich dawider auf. Aber daß der Mensch, dieses so vornchme Geschöpf nnd Ebenbild Gottes, oft in den Straßen hcrumwackett, wie wcun er Quecksilber im Hirn hätte, das ist mehr als abscheulich, ja mehr als thierisch. — Ich habe einmal einen altdeutschen schwank gelesen. Darin heißt es: Gott Bater und der heilige Pcirnö seyen einmal zu einem Schmied gekommen und haben ihm erlaubt, daß er sich drei Gnaden ansbitte. Da sprach nun der Schmied unter andern auch diesen aus: „daß, waö er immer in sein Käppchen l'!''eiu^ünsche, auch darin seyn müsse." Wie nun die Zeit kam, wo er die Reise in die Ewigkeit antrat, da ging er zum Himmelsthore uuo bat den Pförtner St, PetruS um Einlaß, Petrus aber sagte: Das kann nicht seyn, dn paßt nicht hierher. Da ersuchte er den Petrus, er möchte ilnn doch wenigstens sein Käppchen in den Himmel hineinwerfen lassen, DaS gab Petru ! zu; aber kaum war eS darin, so wünschte sich der Schmied in sein Käppchen hinein, und im Nu saß er im Himmel d'riu. Nicht wahr, so etwas ließest Du dir auch gefallen? Aber so geht es dort nicht; da hilft keine List uud keiu Beirug; den» Gott kennt Dich durch und durch. Es geschieht in der Regel, daß die Sckuaps- und Bier- nnd Weinsänser plötzlich eines nnverschencn Todes abfahren, Waö glaubst Du mm, wenn Einer so hinüberzieht in die andere Welt, St. PeirnS werde ihn einlassen? — Also aus dem Wege der Geimßsncht uud Wollust geht's zum Himmel uicht. Kein Säufer und Fresser, deren Gott, wie St. Paulus sagt, der Bauch ist, d. h. die ihrem Leibe göttliche Ehre erweisen, indem sie auf jeden seiner unmäßigeu Winke folgen, dagegen aber GotteS Gebot außer Acht lassen, ja gerade das Gegentheil thun, was Er befiehlt — die 22 können in'S Himmelreich nicht kommen, sagt derselbe Apostel. Und eben so nicht die Unreinen, die Unzüchtigen nnd Ehebrecher. Oder wie dürfte sich ein solcher neben den heiligen Aloisius im Himmel hinstellen, der mehrere Jahre bei der Königin von Spanien Edelknabe war, aber ein so reines Herz hatte, nnd in diesem Puncte so vvrsichlig war, daß er während seines Aufenthaltes am spanischen Hofe die Königin niemals anschaute und immer mit gesenktem Blicke einherging, so daß er nachher nicht einmal sagen konnte, wie die Königin aussah? — Oder wie dürste sich ein frecbeS, unverschämtes Frauenzimmer auch nur einfalle» lassen, dereinst neben jenen lilienreinen Jungfrauen sitzen zu dürfen, die sich lieber die Zunge abbissen und dem Wüstlinge in'S Gesicht spieen, als ihrer Unschnle- Gewalt anthun ließen? Nein! Da wären alle Heiligen nnd Märtyrer Thoren gewesen, wenn sie viele Jahre sich Gewalt anthaten und wider ihre bösen Leidenschaften stritten und kämpften, — wenn man ans eine leichtere Manier und trotz allen möglichen Sünden inS Himmelreich gelangen könnte. Du darfst also nicht nachahmen das Thier, welches seinen brennenden Begierden freien Lauf läßt, eben weil cö ein Thier ist. Aber was das Essen und Trinken anbelangt, da will ich Dir daS Thier als Muster anempfehlen. Sieh, daS Thier ißt und trinkt nur, bis es satt ist; eS rührt auch nichts Schädliches an, davor warnt es schon sein natürlicher Instinkt. Darum bleibt es in frischer, freier Natur immer gesund und wohl, weil es sich des Guten nicht zu viel thut. Aber den Menschen befallen wegen seiner Unmäßigkeit nicht nur manche Krankheiten und Katzenjammer, sondern auch in der Seele nagt es wie ein Wurm. Also nicht einmal eine zeitliche, dauernde Se!igkeit kannst Du auf diesem Wege erlangen. Ja, je mehr der Mensch ißt nnd trinkt nnd sich gütlich ihnt, desto weniger ist er damit zufrieden; wenn er ganze Fässer voll hinunterschluckt, so ist das mir ein Tropfen Wasser auf einen heißen Backstein. Höre noch! wenn Du nur zum Genusse ans dieser Welt wärest, dann hätte Dir Gott nicht einen geraden, aufwärts zum Himmel gerichteten Leib, nicht Verstand, Vernunft und eine unsterbliche Seele gegeben, sondern Haare wie dem Roß nnd dem Ochs und dem Esel, vder Borsten und einen Rüssel znm Wühlen in der Erde wie einem andern schmutzigen Thier. Ich will Dir noch einen andern falschen Weg beschreiben, aus dem man ebenfalls nicht zur Seligkeit gelangen kann. Viele streben nämlich nach Ruhm, Ehre, Ansehen und Reichthum. Viele kennen nämlich kein höheres Glück, als wenn sie Gemeindcrath, Bürgermeister, Deputirtcr, Minister, König oder Kaiser werden könnten, — oder wenn sie nur einen Teich voll Kronenlhaler hätten. Dagegen sage ich: einmal geschieht es nur selten, daß Einer etwas HoheS wird. Und wenn er das auch erreicht hat, wornach ihn so sehr gelüstet, ist er dann wahrhaft glücklich? Nein! DaS will ich Dir in einigen Erempeln nachweisen. Lange schon vor Christi Geburt lebte ein gewaltiger König, Alexander der Große hieß er. Der hatte ungeheure Eroberungen gemacht, und doch weinte er wie ein kleines Kind, weil er nicht die ganze Welt erobern konnte. Dieser König war also bei all' seinem Reichthum und all' seiner Pracht nicht glücklich. Zuletzt wurde er noch vergiftet und seine Feldherren theilten dann daS große Reich unter sich. So hat also jeder Reiche und Vornehme seine Neider, nnd lachende Erben warten täglich auf seinen Tod. — Napoleon hatte sich vom gemeinen Soldaten zum Kaiser emporgeschwungen. Ganz Europa zitterte damals vor ihm, denn er vertheilte die Königreiche nach Belieben und zerstörte Alles mit Gewalt, was seinen ehrgeizigen Plänen im Wege stand. Aber wie ist es ihm ergangen? Er stürzte herab von seinem Throne und wurde auf einer einsamen Felseninsel als Gesangener bewachr, und starb verlassen von Allen. — Kaiser Carl V., der vor dreihundert Jahren lebte, besaß die schönsten und reichsten Länder, er war Herr über zwei Welttheile. Es war sprichwörtlich: „daß die Sonne in seinem Reiche nie untergehe." Und doch fühlte er sich nicht glücklich. Da legte er nun seine Regentschaft nieder, entsagte allen seinen Reichthümern und begab sich in ein Kloster. Hier beschäftigte er sich mit Verfertigung von Uhren; aber weil er nicht machen konnte, daß nur zwei 23 Uhren immer gleichmäßig mit einander gingen, so war er auch hier unzufrieden. Sieh' also, mein lieber Leser! es ist eine Täuschung, wennDn glaubst, Reichthum, Ehre, Ansehen und Macht mache Dich glücklich; oder wenn Du glaubst, in diesem oder jenem Staude wärest du zufriedener. Ja und wenn Du auch die ganze Welt gewinnest, aber an Deiner Seele Schaden leidest, was dann? — Zum heiligen Philippuö Neri kam einst ei» Jüngling, dem die Eltern erlaubt hatte», daß er studiren dürfe. Der Jüngling erzählte ihm das in voller Freude. PhilippuS höric ihm gelassen zu und fragte nun am Ende: Und was dann? Der Jüngling erwiderte: Nun dann werde ich Advokat, Und was dann? fragte Philippuö abermals. Dauu werde ich mir schon Ehre, Ansehe» und Geld verschaffen; und dann kann ich in Kutschen fahren, hcirnthen und vergnügt und fröhlich leben. Ganz kalt fragte der Heilige weiter: Und was dann? Der Jüngling bedach-e sich, sein Gesicht wurde ernst, denn es kam ihm der Gedanke an Tod und Grab und Ewigkeit. Und so ist schon Manchem seine Hoffnung und sein Traum zu Wasser geworden. Ach! magst Du auch noch so springen und ringen nach dem schimmernden Plunder der Welt, das bringt Dir doch kein Glück und keinen dauernden Frieden. Aber, wirst Du nun fragen, welches ist der rechte Weg? Das wird Dir der am besten zeigen können, der denselben schon gegangen ist. Wenn Du eine Reise antrete» willst, dann erkundigst Du dich bei dem, der schon einmal dort gewesen ist, wo Du hin willst. Nun, so muß mcm's auch machen mit dem rechten Weg zu einer glückseligen Ewigkeit Es ist aber vor 1854 Jahren ein kleines armes Kind zu Bethlehem ans die Welt gekommeu, welches heute bei seiner Beschneiduug Jesus genannt wurde. Dieses Kind war Gottes Sohn; er kam vom Himmel und ist wieder, nachdem er nnS den rechten Weg zum Himmel gclehret, dorthin zurückgegangen. Nun höre, waS dieser JesuS sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Lebe». Niemand kommt zum Vater, als durch Mich. — Wer glaubt und getauft ist, wird selig werden." An Jesus also müssen wir fest glaube», auf ihn müssen wir unsere Hoffnung setzen, Ihn müssen wir lieben und aus Liebe seine Gebote befolgen, dann ko'imen wir nicht fehl gehen. Er sagt zwar, daß der Weg, den Er uns führen will, rauh, dvrnicht nnd schmal ist, voll Selbstverläugnung und Kreuzigung, Aber Er ist uns mit seinem Beispiele vorangegangen, und er ruft u»S hinwiederum zu: „Kommet Alle zn mir, die ihr mühselig uud beladen seyd, ich will euch erquicken." Also ihm nach, liebe Christenseele! Schon viele Hunderte uud Tausende sind diesen Weg gegangen. Damit sie aber leichter gehen konnten, nahmen sie nur das Nothwendigste mit. Hab' und Gut haben viele ganz zurückgelassen. So hat z B. Sanct Wendelin, der ein königlicher Prinz war, seinen Thron verlassen und sich sein Brod vor den Thüren erbettelt, nur um das arme Leben Jesu recht nachzuahmen. Dafür aber hat er einen herrlichen Thron im Himmel erhalten. Ahmen wir die Heiligen Gottes nach. Ich will aber damit nicht sagen: daß Du all' dein Hab' und Gut verlassen und betteln gehen sollst, nein! das kannst Du Alles behalten; aber das sage ich Dir: Hänge nur Dein Herz nicht an die Welt und das Irdische, wie ein heiralhSsüchligeS Mädel Alles ihrem Herzallerliebsten anhängt und dafür zuletzt oft nichts hat als Armuth, Spott und Schande. Schau, der liebe Jesus sagt: „Wo Dein Schatz ist, da ist auch Dein Herz." Hast Du also Gott zu Deinem Schatz und Liebhaber erwählt, so wirst Du auch uach dem Tode zu ihm kommen; hast Du aber Deine Schätze in der Welt, so wird eben Deine Seele an diesen hängen bleiben. Vergiß also nie, daß Du nur Verwalter aller zeitlichen Güter bist und Alles zurücklassen mußt. Jn'ö Grab bekommst Du höchstens ein alteS Hemd; keinen Heller kannst Du mitnehmen. Sey also kein Narr und mach's ja nicht wie jene fünf thörichten Jungfrauen, die zu faul und leichtsinnig waren, daß sie sich zur rechten Zeit mit Oel versahen und dann zu spät kamen und nicht mehr in den Hochzeitssaal eingelassen wurden. — Vergiß es nicht und denke oft daran in diesem neuen Jahre. Kein Name ist uns gegeben im Himmel und auf Erden, wodurch wir selig werden könnten, als der Name Jesus. An diesen Wegweiser halte Dich und sprich mit mir: „Der Erde Luft und Freuden, 24 — Pracht, Ehr' und Herrlichkeit — Will ich für immer meiden, — Ist Alles Eitelkeit. Die Seligkeit aber, die unö JesnS bereitet hat, ist unbeschreiblich groß. Höre! wenn alle Sterne deS Himmels lauter schnelle Schreiber, der ganze Himmel ein großer Bogen Papier wäre, daö Meer lauter Tinre und die Blätter aller Bäume lauter Schreibfedern wären, so würden doch alle diese Schreiber weder Kräfte, noch Hände, noch Tinte, noch Federn, noch Papier genug haben, um Euch nur den tausendsten Theil der himmlischen Freude und Seligkeit recht ^u beschreiben. Ja, ja, die Frommeu haben recht, wenn sie sagen: „Der Himmel ist Alles, Alles werth." Nun darnm gehe standhaft bis an Dein Ende jenen Weg, den unS derjenige gelehret und durch sein Beispiel gezeigt, dem wir auch im neuen Jahre zuruseu wollen: Gelobt sey Jesus Christus in Ewigkeit. (Oesterr.Volksfr.) Ungarn Tcmeswar, im Dec. Der von dem hochwürdigsten Fürstbischof von Lavaut, Anton Martin Slomschek gcgrüuderc Gebetsverein zur Bekehrung der schiSmatischcn Griechen unter An-usnng der heiligen Cyrill und Methud gewinnt immer mehr an Ausbreitung und läßt unö die segcnSvollsten Früchte hoffen. Nach dem letzten amtlichen Ausweis leben im Temescher Banal und in der serbischen Wojwodschafr 614,577 römisch Katholische, 11,612 griechisch Katholische, 679,556 Schismatiker, 50,911 Augoburger Confession, 26,127 Helvec. Cousessivn und 16,214 Indem Sie sehen auS diesem Ausweis, daß die Nichtuuirieu die zahlreichsten, die griechisch Unirtcn jedoch an Zahl die schwächsten sind. Eö wäre auffallend, daß nicht schon früher Uebertriite zur Union hier stattfanden, wcun man nicht wüßte, daß für die religiösen Bedürfnisse der Unirten nicht am besten gesorgt war. Als nun Seine k. k. apostolische Majestät für die im Baust zerftteut lebenden Unirteu die Errichtung eineö Bischofssitzes zn Lugos genehmigten, hat diese allerhöchste Entschließung gleich einem elektrischen Fnuken auf die Schismatiker gewirkt und schaarcuweise erfolgten die Uebertritte vom Schisma zur Union. Ganze Gemeinden wünschen in die alte Mutterkirche wieder aufgenommen zu werden. Es haben jedoch die Convertiten mit manchen Schwierigkeiten zu kämpfen. Nach den bestehenden Gesetzen gehört die Kirche der Nichtunirten in einer Gemeinde auch für den Fall noch immer den Schismatikern, wenn auch der mindere Theil, ja wenn auch nnr einige Familien im SchiSma zurückbleiben. Die Konvertiten haben demnach in vielen Orien kein Gotteshaus. Bei ihrem Eifer und Ausdauer versammeln sie sich nun in einem Privathauö oder in einer vorfindigen Capelle. Die im Bannt lebenden grieck. Unirten gehören, da der Bischofssitz in Lugos noch nicht besetzt ist, zur Großwaroeiuer Diöcese, wo ein unirter Bischof wohnt. Die weite Ausdehnung deS BiöthumS uuo vielseitigen Geschäfte erlaubten eö jedoch dem Bischof nicht, die zerstreuten Gläubigen zn besuchen. Unaussprechlich war darum die Freude dieser Gläubigen, als der hochw. römisch-katholische Bischof von Csanab, Aler an der Csajaghi, bei einer im heurigen Sommer im Bannt unternommenen Bisiialiousreise auch mehrere uuirte Gemeinden besuchte und sie zur Sündhaftigkeit und Ausdauer ermunterte. Die für den Bischofssitz bestimmte Stadt LugoS liegt im Krassoer Comitat und zählt 1885 römisch Katholische, 725 griechisch Unirte, 15,620 Schismatiker, 123 Augsb. und 86 Helv. Confession, endlich 383 Indem Dieß ist nun ein wahres Quodlibet von Konfessionen in einer Pfarre. Diese konfessionelle Verschiedenheit findet man jedoch nicht in Lugos allein, sondern im ganzen Bannt. (Salzb. K.-Bl.) Verantwortlicher Redacteur: L, Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Vierzehnter Jahrgang. Svnntags-Beiblatt zur Augslmrger poKMung. 22. Januar M ^t. 1854. _ Dieses Blstt erscheint r?ge!mäßist alle Sonntage. Der halbjährige Abminementspreii fr., wofür es durch alle köm'ql. bayer. Vostümter und alle Buchhaudlunaen bezogen weiden lau? Hirtenbrief des Bischofs von Trier übel die ewige Anbetung deö allerheiiigsten SacramentS. Wilhelm Ärnoldii durch Gottes Erbarmung und die Gnade des heiligen apostolischen Stuhles Bischof von Trier. Der hochwürdigen Geistlichkeit und den Gläubigen Unserer Diöcese Gluß und Scgm im Herrn! Ein Jahrhundert ist beinahe verflossen, seit der in Gott ruhende Erzbischof Johann Philipp die ewige Anbetung deS allerheiligstcn Sacramentes in dem damaligen Erzbisthume Trier in der Weise angeordnet har, daß durch den ganzen Kreislauf deS Jahres in den Tagesstunden die verschiedenen Pfarrgcmeinden, in den nächtlichen Stunden aber die zahlreichen klösterlichen Genossenschaften vor dem Allerheiiigsten abwechselnd erscheinen sollten ; so daß zu allen Stunden und ohne Unterlaß der Herr in dem wunderbaren Sacramente angebetet und gepriesen würde. Die ewige Anbetung sollte ein feierliches und nie verstnmnicndeS Bekenntniß des Glaubens an die wirklile und wesentliche Gegenwart Jesu Christi im Altarssacra- menle seyn, eine ununterbrochene Huldigung > der göttlichen Majestät dargebracht, zum Ersähe für alle Entehrung, für den Undank, die Treulosigkeit und Gleichgiltigkeit von Seite der Gläubigen und der Ungläubigen. Diese Tag und Nacht ertönenden Lobgesänge sollten ein ireueö Abbild seyn und eine Nachahmung jener Anbetung und jener heiligen Loblieder, die dem Allerhöchsten ohne Unterlaß dargebracht werden von allen Engeln und heiligen Geistern deS Himmels. Diese heilige Uebung hat das christliche Bolk durch alle Stürme der Zeit, durch alle Wechsel der Ereignisse größtcntheilS bis auf diesen Tag treu bewahrt und cS hac richtig gefühlt und begriffen, daß dieses die eigentlichen Stunden der Weihe und des Segens für die ganze Psarrgemeinve seyen, und mit hoher Frende können wir Vielen es nachrühmen, daß sie durch großen Eiser und innige Andacht, durch frommen Empfang der hh. Scuramenle diesen Tag würdig und festlich zn feiern wissen. Möge dieser Eifer und diese Andacht, wie ein heiliges Feuer, überall hin sich verbreiten und alle Herzen zur Liebe Jesu Christi entzünden I Indeß ist seit dem Anfange des laufenden Jahrhunderts durch Aushebung der Klöster die nächtliche Anbetung ganz unterblieben, und durch mehrfache Abgränzung der alten Diöcesen sind viele Pfarreien uusereS BiSthumS ausgeschieden und benachbarten Diöcesen zugetheilt; andere und in bedeutender Anzahl sind ans angränzenden Diöcesen der unsngen einverleibt worden; auch haben mehrere Pfarreien, die nur kürzere Zeit abgetrennt, wieder mit der Mutterkirche vereinigt wurden, den Tag der 26 ewigen Anbetung abgeändert und auf den folgenden Sonntag verlegt; so daß der schöne Gedanke, der dieser Andacht zu Grunde liegt, seine Bedeutung und seinen Ausdruck im Leben verloren hat. Seit vielen Jahren ist deshalb der Wunsch lebhaft geäußert worden, eS möchte diese herrliche Einrichtnng so hergestellt werden, daß jede Psarrgemeinde unabänderlich an dem für dieselbe festgesetzten Tage die ewige Anbetung feiere, und daß auch den zahlreichen Pfarreien, in welchen dieselbe bisher nicht eingeführt ist, dasselbe Glück wie den andern zu Theil werde. Diesem frommen Wunsche beeilen Wir uns hiemit zu entsprechen, indem Wir für jede Pfarrei Unseres BislhumS einen besondern Tag zur ewigen Anbetung festsetzen und zur Stellvertretung des nächtlichen Gebetes anordnen, daß diese feierliche Anbetung an jedem Tage des Jahres in je zwei Kirchen staltfinden soll, auf daß alle Gläubige des BiSthumS ohne Ausnahme sich vereinigen znr Anbetung, zum Lob und Preis deö Herrn, der uns so liebreich einladet: Kommet zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seyd, ich will euch erquicken. (Matth. 11,28.) So tretet dann zu Ihm und laßt euck erleuchten, und nie wird euer Antlitz zu Schanden werden. (Psalm 23, 6.) Kostet selbst und sehet wie gut der Herr ist und wie glücklich der Mensch, der auf ihn vertraut. (Psalm 33, 9,) Allen, die Ihn in dem allerheiligsten Sacramente andächtig besuchen, ist Er ein Helfer in ihren Gefahren, ein Führer auf ihren Wegen, ein Ralhgeber in ihren Zweifeln, ein Licht in der Finsterniß, eine Stütze in der Schwachheit, ein Tröstir in ihren Leiben. „Welch' ein Glück ist es, welche reine Freude gewährt cS nicht, vertraulich mit JesuS reden zu können, da er wartet, um unser Gebet zu vernehmen und zu erhören! Welch' einen Trost gewährt eS nicht, Ihn um Verzeihung zu bitten, Ihm seine Bedürfnisse vortragen zu können, wie ein Freund dem Freunde, auf den er all sein Vertrauen setzt; vor Seinem Angeflehte Seine Gnade, Seine Liebe, Seinen Himmel erbitten zu können! Welche Seligkeit, Licbeöacte zn Dem erwecken zn können, der auf diesem Altare unser Fürsprecher ist beim ewigen Vater, der hier von Liebe zu uns embranm gegenwärtig ist! Denn Seine Liebe ist es, die Freude daran findet, verborgen, verkannt, ja oft verachtet bei uns zu bleiben." Möchte daher am Tage der ewigen Anbetung jede christ iche Seele dasselbe und in Wahrhiit auSsprechen" können, waS einst eine gottselige Fran, die den größten Theil ihres Lebens vor dem allerheiligsten Sacramente zugebracht, auf die Frage erwiderte, waö sie doch all die Zeit hindurch vor dem heiligen Sacramente ansänge. „Die ganze Ewigkeit," sprach sie. „die ganze Ewigkeit wollte ich hier verweilen. Ist denn nicht hier unser guter Gott? O großer und heiliger Gott! und ihr fragt mich noch, was ich vor ihm thue? Ich liebe Ihn! wer verdient mehr unsere Li.be als Er? Ich lobpreise Ihn: und wem gebührt Preis und Ehre mehr als Gott? Ich danke Ihm; von wem haben wir größere Wohlthaten empfangen als von Gott? Ich opfere mich Ihm auf; denn wem sollen wit unö selbst weihen mit Allem, waS wir haben, als jenem Gott, dem wir AlleS verdanken? Ich bitte Ihn; denn wer kann unS größere Gnaden verleihen, als Er, der Urheber der Gnade, der Herr des Weltalls? Waö lhnt der Arme vor der Thür des Reichen? WaS thut der Kranke vvr dem Arzte? Was thut ein Diirstenver in der Nähe der Quelle? Was thut ein Hungriger, der bei der vollen, reichen Tafel sitzt?" Gelobt und gepriesen sey das allerheiligste Sacrament! von nun an bis in Ewigkeit. Amen. Gegeben zu Trier am Feste der heiligen Elisabeth 1853. _ 1- Wilhelm, Bischof. DaS öffentliche Confistortum zn Rom am 22. Der. 18S3. Rom, 26. Der. Vielen Lesern mag eS nicht unwillkommen seyn, eine schlichte Schilderung dieser Feierlichkeit zu lesen und sich dadurch eine bestimmte Vorstellung 27 von einem öffentlichen Konsistorium zu bilden. Die 8sls 0u Brüderlichkeit, diese milde Würde ohne alle Steifheit und Herbe. Der Cardinal Wiseman hatte trotz angeblicher Kränklichkeit ein vollkommen gesundes Aussehen. Seine Stirne trägt die Signatur der Genialität; Offenheit und Energie ist das Gepräge des etwas runden Gesichte?. Die Lebhaftigkeit deS Auges wird hinter der Brille nur hie uno da bemerkt. Er ist von großer starker Statur. — In der allernächsten Nähe konnte ich den Cardinal-Diacon Antonelli sehen, ein Mann, dem Aenßem nach etwa von achtnndvierzig Iahren, ein ziemlich hoher, schlanker Wuchs, ein laugeS, etwas bleiches, interessantes, geistreiches Gesicht mit rollenden Gluthaugen und seelen?oller Miene trotz der etwaö vortretenden Unterlippe, in den Bewegungen von entschiedenem Ausdrucke, jetzt Würde, jetzt Anmuth. Während die hohen Herren in behaglicher, selbst heilerer Stimmung sich unterhielten, saß der Cardinal aus dem Capucincrorven füll und in sich gekehrt, ein zart gebauter Greis mit grauem Barte, ein Musterbild von Gutmüthigkcit und Ernst, von Demuth und Geistessammlung. Die Thüre zur Linken deS Throneö öffnete sich; Prälaten und geistliche Hosherren traten heran, ?io IX. erschien — mit der Jnful aus dem Haupte, vom Pluviaie umwallt. Se. Hei igkeit ließ sich auf den Thron nieder. Würdevoller, imponirender Ernst herrschte in Haltung uno Antlitz. Die Cardinäle traten zum Küsse deS Ringes vor. In der Art, wie der heilige Vater die Hand hinreichte, und im Blicke, der diese Bewegung begleitete, wurde die Huld nn? Liebe bemerkbar. Nachdem die dreißig anwesenden Cardinäle diese Huldigung vollzogen hatten, wurde bezüglich einer Vcalification ein Document vorgelesen. Inzwischen begann die Einführung der zwei neuernannten Cardinä'e. Brunelli trat zuerst vor, ein Herr von etwa sechSuudfünfzig Jahren. Er küßte den Pantoffel, dann den Ring uud wurde von dem heiligen Vater mr.-nnt. Eben so der elwas jüngere, schlanke Cardinal Pecci, Bischof von Perugia. Jeder umarmte der Reihe nach sämmtliche Cardinäle und cS war rührend zu sehen, mit welcher »»egenseitigen Wärme und Liebe dieß geschah. Die unterbrochene Lesung wurde fortgesetzt, dauerte aber nur kurze Zeit. Jetzt kniete Brunelli vor dem heiligen Vater. Der rothe Cardinalhur wurde auf sei» Haupt gelegt, während der heilige Vater mit sonorer Stimme das Gebet sprach: ^ecips ruhrum hierum :c. :c. zum Sinnbilde heiliger Standhastigkeit usczue effusionem ssnßuinis. Sofort nahm Brunelli den Cardinalsitz ein, nnd nach ihm sein Genosse. Der heilige Vater ertheilte den Segen und zog sich mit Gefolge durch die Seiteuthüre zurück Gesaug ertönte und die Cardinäle wandelten auS dem Saale und quer durch den großen Königssaal in die Sirtiniiche Capelle, wo ein Danieder die Feierlichkeit beschloß. (Salzb. K.-Bl.) 28 Der Märtyrer Geronimo und die Entdeckung seiner NeberrefAe in Algier. „Am 27. v. M. — so berichtet der „Akhbar" — bemerkten die Artilleristen, welche den Wall der an der Straße gelegenen, unter dem Namen „Fort deS vingt - quatre - hcureS" in Algier bekannten Citadelle sprengten, beim Wegräumen des Schulteö eine Höhlung, in welcher Gebeine lagen. Sie setzten den Artillerichauptmann Snsüii, dcr die Sprengarbciten dirigirte, sogleich davon in Kenntniß. Es bedürfte feiner langen Untersuchung, nm zur Gewißheit zu gelangen, daß man hier endlich den Leib des Märtyrers Geronimo entdeckt habe, dessen rührende Geschichte von Herrn Berbrugger, KnstoS der Bibliothek nnd des Museums in Algier, im Jahre 1847 veröffentlicht worden ist. Man hatte zuerst nach vagen Anweisungen in den dem Meere zugewendeten Wällen suchen zu müssen geglaubt und war, da dort nichts vorgefunden wurde, bereits zur Ansicht gelangt, eS seyen diese kostbaren, mit so vieler Sorgfalt misgcsnchten Reste bei Anlegung nener Bauten, deren Spuren ersichtlich waren, verloren gegangen, als man so unerwartet zu der eben erwähnten Entdeckung gelangte. Eine zur Sprengung der innern Mauerschichten bestimmte Petarde hatte plötzlich den Raum eröffnet, in welchem Geroninro's Leid lag, ohne ihn jedoch im Mindesten zu beschädigen. Der Märtyrer wurde auf dem Gesichte liegend gefunden, mit aneinander gedrückten Beinen und hinter dem Rücken gekreuzten Armen; der Strick, mit dem seine Hände gebunden gewesen waren, klebte noch lhcilweise am Mörtel, eben so die noch recht gut erkennbaren Kleidungsstücke. Der ganze Körper hat sich in den Boden dergestalt, ehe er verweste, eingedrückt, daß sich sehr leicht ein genauer Gypsabguß der Gestalt des Märtyrers machen ließe. Gleich nachdem der hochwürdige Bischof von Algier, Monsignor Pavy, Kenntniß von dem Funde erhalten halte, begab er sich zu dessen Besichtigung an Ort und Stelle; Gleiches thaten noch an demselben Tage alle Mitglieder deS Algier'schen KleruS, der dortige Prüftet nnd viele angesehene Beamte, am folgenden Morgen der General- Gouvcrneuer Graf Randon mir seiner Familie, General (5habaud-Latour:c. Der vom „Akhb.'r" mitgetheilteil Legende deS MärtyrrrS entlehnen wir Nachstehendes: „Noch heut zu Tage erblickt man in Algier, oberhalb der Pforte des „Fort des vingt-quatre-heureö" eine arabische Inschrift aus dem Jahre 1569, der Zeit, in welcher dcr kalabresische Renegal Ali, damals Pascha von Algier und später Kapudcm- Pascha oeS Großhcrrn, diese Nerschanzungen aufführen ließ, um ailfälliges Landen an der Küste von Bab-el-Ued zu verhindern. Die nördliche Mauer dieses Bauwerkes ist ein bloßer Erdwall und schließt wahrscheinlich jetzt noch die sterbliche Hülle eines Christen ein, dem die Märtyrerpalme unter folgenden entsetzlichen Umständen zu Theil wurde. Bei einer Razzia, welche die spanische Garnison von Oran gegen ungehorsame Araber im Jahre 1538 unternahm, wurden mehrere Gefangene gemacht, unter denen sich auch «iu schöner Knabe befand, der dem Herkommen gemäß nebst der übrigen Beute verkauft wurde, damit der Erlös leichter vertheilt werden könne. Der General- viear und Liccnciat Juan Caro kaufte das Kind, uuterrichtele eS in der christlichen Religion, taufte eS und legte ihm den Namen Geronimo bei. Im Jahre 1542 würhete die Pest in Oran; fast alle Spanier hatten die Stadt verlassen, um im freien Felde unter Zelten zu weilen. Die wenigen, noch zurückge- blicbeuen Soldaten waren in Folge ihrer Angst vor der Seuche nicht so wachsam wie gewöhnlich. Einige arabische Gefangene benutzten diesen Umstand, ergriffen die Flucht, nahmen den kleinen, damals achtjährigen Geronimo mit sich und brachten ihn seinen Eltern zurück. In so zartem Alter und unter solchen Umständen war es wohl natürlich, daß 29 der neue Christ unter den Seinigen die religiösen Ideen wieder vergaß, die der ehrwürdige Juan Caro ihm beigebracht hatte und wieder ganz Muselmann wurde. Doch wurden die in das junge Herz gepflanzten Keime deS Christenthums nicht ganz erstickt und so geschah eS, daß Geronimo im Alter von fünfundzwanzig Jahren den Plan faßte, nach Oran zurückzukehren und sich dort neuerdings zum wahren Glauben zu bekennen. Der würdige Juan Caro nahm ihn freudigst auf und verheirathete ihn, um ihn in seinem frommen Gedanken noch mehr zu bestärken, im Jahre 1559 mit einer jungen Araderin, die ebenfalls Christin geworden war. Geronimo lebte nun zehn Jahre in Oran, wo er sich als Soldat eben so nützlich als eifrig bewährte. Im Mai 1569 war er mit neun andern Gefährten in einer Barke von Oran aufgebrochen, um ein am MeereSufcr liegendes arabisches Dorf zu überfallen. Schon näherten sie sich dem Ziele ihrer Reise, als sie bei Sonnenaufgang von zwei nach Tetuan gehörenden Brigantinen wahrgenommen und verfolgt wurden. Vergebens suchten sie zu entkommen; sie wurden gefangen, nach Algier geführt und als Sklaven verkauft. Geronimo fiel dem Pascha zu, demselben kalabrcsischen Renegaten, dessen wir bereits gedacht haben; er wurde in dessen Bazno abgeführt. Die Algierer, welche aus dem Verkauf der Sklaven vielen Nutzen zogen, wendeten stetS alle Alt von Lift und Schlauheit an, um über die Autecedentien ihrer Gefangenen inS Klare zu kommen und sie so mit größerem Vortheile ranzioniren zu können. In solcher Weise erfuhr man auch, daß Geronimo ursprünglich Museimaun gewesen war. Nun wurde das Acußerste aufgeboten, um ihn wieder der hl. Kirche abtrünnig zu machen. Alle MustiS, Kadis, MarabutS, alle Schriftgelehrtcn Algiers und seiner Umgebungen eilten ins Bagno, wo Geronimo in Ketten lag; sie wendeten aber Mühe und Beredsamkeit vergeblich an; Geronimo erklärte in energischer, enlschiedener Weise, er sey freiwillig und auS Ueberzeugung Kaiholik geworden und werde als solcher sterben. Die Ulemas nahmen sodann ihre Zuflucht zu Drohungen, die aber auch kein anderes Resultat herbeüührten. Alle muselmäunischen Schriftgelchrten begaben sich nun zu Ali Pascha, erzählten ihm das Vorgefallene und baren ihn, einen so sträflichen Eigensinn in exemplarischer, abschreckender Weise zu bestrafen. Ali ergriff diesen Anlaß, um seinen religiösen Eifer in eklatanter Weife zu bewähren; er verhieß sogleich Alles, was von ihm verlangt wurde. Der Pascha war damals (September 1569) mit dem Bau eines Fortö vor dem Stadtthore Bab-el-Ued beschäftigt, desselben Forts, daS gegenwärtig ohne bekannten Gründ als Fort des vingi-qualre-hcures bezeichnet wird; er nahm öster die Arbeiten in Augenschein und drängte die Werkleuie zu unausgesetzter Thätigkeit. EineS Tages besichtigte er in sehr nachdenklicher Weise die großen Kisten, in denen Thon und Erde zu Ma^.n geformt wurden; plötzlich rief er einen gewissen Michel von Navarra herbei, einen Christen, der an der Spitze der Manerarbeiten stand; er sagte zu ihm: Michel, lasse die große Kiste hier leer bis morgen; sie soll mit dem Leibe jenes Hundes ausgefüllt werden, der sich weigert, zum Glauben MahomedS zurückzukehren. Nach diesen Worten kehrte er wieder in seinen Palast zurück. Am Abeuee desselben Tciges sammelte Michel nach verrichteter Arbeit alle seine Untersklaven uno begab sich mit ihnen ins Bagno, wo er Geronimo von dem Vorgefallenen in Kenntniß setzte nnd ihn aufforderte, sich der Nothwendigkeit zu fügen. — Vor Allem sey Gott gepriesen! — rief der künftige Märtyrer aus. — Ich fürchte die entsetzlichen Todesqualen nicht, welche diese Ungläubigen mir bereiten und werbe mich durch Äugst vor denselben nickt vom wahren Glauben abwendig machen lassen. Möge der Herr mir nur meine Sünden verzeihen und meinen Geist in Gnaden aufnehmen! Von diesem Augenblicke an bereitete sich Geronimo auf das Bluizeugniß vor, 30 das er nächsten TageS abzulegen berufen war. Im Bagno war eine Capelle, unter den Sklaven befand sich ein Priester; dieser versah ihn mit den letzten Tröstungen der Religion, woraus er die Nackt im Gebete zubrachte. Am 18. September l569, schon am frühen Morgen, kamen vier Schergen des PaschaS, die nach Geronimo fragte»; als er sie kommen hörte, ging er ihnen auS der Capelle entgegen. Verräther, Hund, - riefen sie ihm entgegen, - warum willst du nicht wieder Muselmann werden? Der arme Sklave ließ sich ohne ein Wort zu erwidern von ihnen nach dem Fort führen; dort befand sich bereits Ali Pascha, begleitet von einer großen Anzahl Türken, Mauren und Renegaten, die sämmtlich sckon nach dem Blute dcS Christen lechzten. — Nun, Hund, — rief ihm Ali entgegen, — willst du zum JSlam zurückkehren? — Um keinen Preis, — lautete die Antwort; — ich bin Christ und werde eS bleiben. — Blicke auf diese Kiste. — heulte der wüthende Pascha; — in ihr lasse ich dich lebendig begraben. — Thu wie du willst, — enrgegnetc muthig der Märtyrer, — ich bin auf daS Schlimmste gefaßt und werde vom Glauben meines Herrn JesuS Christus nicht abfallen. Nun ließ ihm Ali Pascha die Ketten abnehmen, ihn an Händm und Füßen mit Stricken binden und in die Kiste werfen, Ein spanischer Renegat sprang mit Wuth auf den Leib deS armen Geronimo, verlangte nach Erde und einer Stampfe, welchem Bekehren sogleich willfahrt wurde. Nun begann der Elende auf den Unglücklichen l^Szustampfen und zu schlagen, ohne ihm jedoch eine einzige Klage, einen einzigen Schrei entreißen zn können. Bald war Geronimo unter dcu Erdschichten erstickt. Die Kiste wurde bis an den Nanv vollgkfüllt; der Märtyrer war für dreihundert Jahre in sein glorreiches Grab gelegt. Wild jauchzend kehrten die mordlustigcn Tiger in Menschengestalt, zufriedengestellt durch den Anblick der gräulichen Mordthat, im Gefolge Ali Paschas nach Algier zurück, der unwillkürlich ausrief: — Wahrlich ich hätte uicht geglaubt, daß dieser Christ so muthig zu sterben im Stande seyn würde. Mehr als einmal hatten die christlichen Sklaven daran gedacht, den Leib deS Märtyrers auS der Erdmauer zu nehmi,,.; einmal aber ließ die beständige Wachsamkeit d.r Türken die Sache als sehr schwierig erscheinen; dann bedachten sie anck daß sie unmöglich eine glorreichere Grabstätte für den Ermordeten finden konnten, alS den Ort, an dem er sein Leben für den Glauben geopfert h.i^e und der den Blicken der Türken, Renegaren und Christen fortwährend ausgesetzt blieb." vi Newman und dessen Bruder. Die beiden Brüder Johann und Franz Wilhelm Newman sind beide in ihrer Art hervorragende Männer, gleich talentvoll, gelehrt und entschieden. Beide wurden als Angiitancr erzogen; beide jühlien bald daS Ungenüguide und Unhaltbare deS englischen Protestantismus, und beide wünschten, Christen zu seyn, ohne aufzuhören, Protestanten zu seyn und ohne mit den Reformatoren zn brechen. Von da an gingen sie aber auseinander. Der ältere Bruder ist jetzt ein katholischer Priester und Supenor der englischen Oratorianer. Er ging davon auS, die wahre Bedeutung der Reformation liege in den Elementen der christlichen Wahrheit, die sie beibehalten; er griff diese auf, trennre sie von den negativen Grundsätzen, welche die Reformatoren vamil verbunden, und suchte sie in katholischem Sinne zu entwickeln und zu vervollständigen. Er wurde so der Begründer der traltarianischen oder puseytischen Partei, deren Zweck 31 ist, katholisch zu seyn, ohne römisch zu seyn. Er fand aber bald, daß er den Prot?» stanti'SniuS nickt im Sinne der katholischen Wahrheiten, die derselbe beibehalten hat, entwickeln könne, ohne sich an Rom anzuschließen, da nur in dessen Gemeinschaft die katholische Lehre in ihrer Einheit, Integrität und Vollständigkeit gefunden und festgehalten werden kann. — Der jüngere Bruder, jetzt Professor der Philosophie an der Londoner Universität, war von Anfang an ein ächterer Protestant. Er ging davon aus, das Wesen des Protestantismus liege nicht in dem, waS derselbe mit der Kirche gemeinsam s-sthalren will, sondern in den Grundsätzen und Ncgau'oncn, die er der Kirche entgegensetzt; er griff diese Grundsätze und Negationen, die ungläubigen Elemente des Protestantismus auf, suchte sie von den paptstischen Elementen, die er dabei noch festgehalten, zn trennen und in einem ächt protestantischen Sinne zu entwickeln und zu vervollständigen. Er fand aber bald, daß er dieses Ziel nicht erreichen könne, ohne die protestantische Verläugnuug der Anktorität der Kirche und die protestantische Verwerfung der Sacramentc nnd des Priesterihums bis zu ihren konsequenten Folgerungen durchzuführen, und daß er das nicht könne ohne alle äußere Offenbarung zu verwerfen, und seine eigene Natur als einzige Auctorität in religiösen Dingen und als einzige Offenbarung deS göttlichen Willens zn betrachten. — Beide scheinen Anfangs einen gleich reblichen Willen gehabt zu haben, und beide sind, wenn man die Prämissen betrachtet, von denen sie ausgingen, gleich logisch zu Werke gegangen und bei gleich unvermeidlichen Konsequenzen angekommen. Keiner von beiden sah sein Zicl voraus. Der ältere Bruder, entschlossen, aus jeden Fall ein Christ zn seyn, sah sich gcuötm'gt, zur katholischen Kirche zurückzukehren; der jüngere, entschlossen, aus jede» Fall ein Protestant zu seyn, sah sich genöthigt, alleS Christliche aufzugeben, und ein bloßer Naturalist zu werden. (Aus „Brownson's Quarterly Review", Boston und London, October 1853 ) Bekehrungen im Jahre 18S3. Im Januar ist die Mutter der Prinzessin Karola Wasa, die bereits im vorigen Jahre zur katholischen Kirche zurückgekehrt ist, zu Moravetz in Mähren dem Beispiele ihrer Tochter gefolgt. Sie ist eine Prinzessin von Baden, die Tochter von Carl Ludwig und Stephanie Beauharnais, seit dem Jahre 1844 von dem Prinzen Was« geschieden. — Ebenfalls im Januar wurde der Schriftsteller Beer zu Paris katbolisch. Im Anfange des Jahres fanden außerdem in England folgende Bekehrungen statt: Lord CharleS Tynne, Domherr von Canterbury und Pfarrer von Longbrivge, Schwiegersohn des protestantischen Bischofes von Bath und Wells, Bruder der Herzogin von Buccling, wurde katholisch und verzichtete damit auf ein jährliches Einkommen von 10,000 Thaler, welche seine geistlichen Stellen eintrugen. — Francis Wegg Prosscr, ein ausgezeichnetes Mitglied der Universität Orford, im Jahre 1847 Parlamentsmitglied, that denselben Schritt. — Ferner Frau Daymann, Frau eines anglikanischen Geistlichen. H. G. Bowden, dessen Vater schon seit einiger Zeit katholisch geworden, legte zu Gibraltar vor dem Gcneralvnar Nciuy das katholische Glaubensbekenntniß ab. Damit ist das letzte Glied einer angesehenen, großen Familie, die vor nicht langer Zeit noch ganz protestantisch war, katholisch geworden. Hope, einer der ausgezeichnetsten Nechtsgelehrten Londons, trat nebst seiner Gemahlin, einer Enkelin von Sir Walter Scott, zur katholischen Kirche über. — Den 29. Januar kehrte der Herr Geheimrcuh, Ritter Olszewöky ans Potritten in der Diöcese Ermeland, durch ein mehrjähriges Studium vorbereitet, in den Schooß der katholischen Kirche zurück. Am 8. März legte der protestantische Pfarrer Christfreund von Oberroßbach im Nassauischen zu Dillenburg daS katholische Glaubensbekenntnis) ab. Schon um Osten» deS vorigen JahrcS hatte er seiner Gemeinde «klärt, daß er die Wahrheit nur in der katholischen Kirche erblicke, und hatte darauf sein Pfarramt niedergelegt. Nur eins seiner Pfarrkindcr folgte ihm, nämlich der Müller Sorn, der zugleich mit ihm zu Dillenburg in die katholische Kirche aufgenommen wurde. Am 14. Juli legte die 32 Gräfin Hoogstraatcn Voerde, in der Fürstlich Salm-Salm'schen Schloßkapelle zu Anhalt daS katholische Glaubensbekenntnis) ab. Am 20. November Gsrörer, Professor an der Universität zu Frciburg. Vierundsechzig Lehrsprüche aus dem Munde des heil. PbiltppuS Nert. Der hl. Philipp Neri, ein Mann ausgezeichnet durch Wissenschaft und Heiligkeit, und sehr erfahren in der Seelenführnng, hat zu seiner Zeit Unglaubliches gewirkt. Gelegentlich gab er den Seinigen mehrere Lehren und Winke, die unö seine Freunde aufbewahrt haben. Einige von diesen folgen hier zum Nutzen der Leser veS Sonnlags- BeiblaticS. 1. Der hl. Philippuö wurde seit seiner frühesten Jugend vom Herrn vieler Gnaden gewürdigt, er hegte eine lebhafte Neigung sür das Geistliche und verschmähte alles das, was die Welt schätzt, wie die Liebe zu den Verwandten, die Erhöhung der Familie, die Vermehrung der Reichthümer so sehr, daß er seinem Oheim, der ihn zärtlich liebte und ihm zusprach, von seinem Vorhaben, sich ganz dem Dienste GotteS zu widmen, abzustehen, indem er ihn zum Erben aller seiner Güter, deren Werth sich auf 22 Millionen Scudi belicf, einsetzen zu wollen verhieß und ferner bemerkte, vaß mit ihm die Familie auSsterben und somit die ihm zu Theil gewordenen Wohlthaten fruchtlos bleiben würden, mit jener bescheidenen Kürze, die in derartigen Entschließ»»» gen erfordert wird, antwortete.- nie werde er der empfangenen Wohlthaten vergessen — übrigens lobe er mehr seine Zuneigung als seinen Rath. 2. Zu Rom bot sich dem hl. Philippns die erwünschte Gelegenheit dar, Gort nach seinem Verlangen zn dienen. Dort lag er den Wissenschaften ob und machte in denselben solche Fortschritte, daß er nicht nur zn seinem eigenen Nntzen hinreichend in ihnen bewandert war, sondern auch noch zum Frommen deS Nächsten damit wirken konnte. Aber jenes Wort des Apostels erwägend: „nicht mehr zn wissen, als Noth thut," ließ er jene Bestrebungen fahren, um sich ganz der Wissenschaft des Gekreuzigten zu weihen. Daher wählte er sich, mehr als früher der Einsamkeit und besonders deS Schweigens, deS GcbeteS und der FlcischeSabtövtnng beflissen, die Andachten Übung, zu den sieben Kirchen und Katakomben deö hl. Sebastian unter beständigem Gebete zu wallfahren; dabei wurde er von einer solchen Fülle himmlischen Trostes überströmt, daß er der brennenden Liebeöglnth nicht mehr mächlig, zn Gott auörief: „ES ist genug, o Herr, es ist genug!" Darum ist'S nicht zu verwundern, daß er voll vom Besitze seines Gottes, häufig sagte: „Dem, der Gott wahrhaft liebe, sey nichts beschwerlicher und lästiger «lS daS Leben," öfter jenes Wort wiederholend: Der wahre Diener Gottes erduldet daö Leben, ersehnt den Tov. 3. Niemals gestattete er den Scinigen. daß sie um des Studirens willen die gemeinsamen Uebungen, wie daS Gebet, die Ermahnnugcu (Anreden) Beichlhören und andere gewöhnliche Verrichtungen unterließen; er hielt sie keineswegs vom Stndiren ab, sondern schärfte ihnen nur ein, bei demselben ihr Augenmerk auf die Gegenstände hin» zulenkeu, welche ihrem Berufe (dem Orden) einsprächen, und nicht darauf bedacht zu seyn, daß sie unter den Ander» gelehrt schienen; der wahre Diener GotteS, sagte er, muß dahin streben, daß er wisse, nicht aber zu wissen scheine; er soll mehr durch Gebet als durch Studium in die Geheimnisse der hl. Schrift eindringen. Titel und Inhalt zum Jahrgang 18ZS wird mit der nächsten Nummer ausgegeben. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlag»-Inhaber: F. C. Kremer. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beibßatt zur Augsburger Po Leitung. 29. Januar M- F. 1854. DicseS Blatt erscheint regelmäßig alle Bo»utage. Der >>^lt>jährige Atwnvei-lcittsprei« ?<> fr., wofür eS i^urch all? löniql. baper. Poilömtcr pud alle Bvckhaudlnr-a-?! be^>?s>cn w-rde» kc-nn. Dle Beatlficction des ehrw. Dieners GotteS Andreas Bobola. *) Andreas stammte aus der polnischen Adelsfamilie Bobola, die aus Böhmen entsprossen war und unter ihren Gliedern Männer zählte, welche im Kriege und in öffentlichen Aemtern des Königreichs Polen sich rühmlichst auszeichneten, Andreas ward im Jahre 1592 in Litihaue» im Palaiinat Sandomir gebore», zeichnete sich von Kindheit an durch.eine uiigemune Frömmigkeit aus und war während seiner ganzen Jugendzeit seinen Altersgenossen ein nachahmcnswürdiges Tiigendninster, Frühzeitig entsagte er allen glänzenden Aussichleu, welche die Welt ihm öffnete, und trat (nennzehn Jahre all) in den Orden der Gesellschaft Jcsn, der er sich im Jahre 1630 durch die gewöhnlichen Gelübde aus immer verband. Nachdem er die Priesterweihe einvfauaen Halle, widmete er sich eine Zeit lang dem Uineirichtc der Jünglinge in den Wissenschaften und der Unterweisung der Knaben in der christlichen Lehre; dabei unterli.ß er, von Seelcneifer durchglüht, niemals, das Wort GotteS zn verkündigen, und that dieß mit solchem Erfolge, daß er sehr Viele zur Buße bewegte. Drei Jahre lang widmete er sich ganz der Pflege und Unterstützung der von einer ansteckenden Senche Befallenen. So machte er sich würdig, von Gott zu noch höheren Dingen erwäl>!t zu werden. Um jene Zeit hatten die schiSmaiischen Griechen den polnischen Erzbischof Josaphal gelobtet, und versuchten nun Alles, um ihre Irrthümer unter den Gläubigen zu verbreiten. Damals wurden mehrere Kollegien der Gesellschaft Jesu zersiön und vierzig Söhne derselben geiödtet. Ans diesen Kampsplatz ward nun Andreas Bobola gesendet. Furchtlos ginz er den drohenden Gefahren entgegen, mit aller Kraft uud Aufopferung kämpfte er gegen die Bersührnng, die größten Mühsale uuv Widerwärtigkeiten ertrug er freudig, und gab endlich, unter den ausgesnchlesten Qualen sein Blnt vergießend, für Christus und das Wohl seiner Schase daö Leben hin. Am 16. Mai 1657 errang er die Marlyrerkronc. Die 8. LonZreAglio Kiluum sagt von ihm: tarn cruclxltz vix -rut n«z vix cruiclem in Irav Lacra ^un^regutionv riropositum l'uit üimüe Martyrium. — Andreas Bobola, war im Collegium von Pinsko, wo er mit seinen Mubriidcrn viele Jahre hindurch alle möglichen Bcr.uionen zu ertragen hatte. Die Schismaliker erspähten ibn, als er in Jcrnow zum Troste der dortigen Katholiken verweilte. Zwei Kosockenofficiere mit vielen Soldaten suchten ihn auf und irafen ihn anf dem Wege von Janow nach dem Dorfe Perelynda. Zuerst schlugen sie ihn auf die roheste Weise, banden ihn dann uiil.r sorlwährenden Mißhandlungen an ein Pferd und schleiften ihn ganz mit Blnt bedeckt nach Janow zu ihrem Hauptmaun, Dieser forderte von ihm gebieterisch, er solle der Gemeinschaft mit Nom entsagen; wüthend über seine beharrliche Weigerung ') Kath, Wochenschrift, 34 hieb er ihm mit dem ersten Säbelhieb beinahe die Hand ab, mit dem zweiten verwundete er ihn am Fuße; ein Soldat stieß ihm ein Auge auS. Dann schleiften sie ihn fort in den Laven eines Fleischers und brannten ihn mit angezündeten Fackeln, um ihn ordentlich zu braten, bis taö Fleisch flüssig würde; sie zogen ihm die Haut vom Kopfe und von den Handen ab, zur Verachtung der Tonsur und der pricstmichcn Weihe; sie fuhren dann fort, auf dem Nucken ihm die Haut abzuziehen, vergrößerten seine Wunden, schlugen dann Rohre zwischen die Nägel und daS Fleisch der Finger, sckni ten ihm die untere Nase und die Lippen ab, öffneten am Hinlerkopf eine große Wunde und nahmen dann die Zunge heraus. So ließen sie ihn mitten im Straßenk.th liegen, und da der Hauptmann nach einigen Stunden ihn noch nicht todt sah, machte er dem Leben seines Schlachtvpfers mit einem großen Säbelhieb ein Ende. Die genaue Beschreibung dieses grauenvollen Martyriums gibt P. Phil. Monaci in seiner Biographie deS sel. Märtyrers. Im Jahre 1739 gestattete die 8, LonZreggtio Kituum, daß der Proceß über daS Marterthum Bobola's eingeleitet werde; Benedict XIV. erließ 1755 das Decr.t, durch welches sein Martyrium und die e-iusa coustatiit wurde, und nachdem Gregor XVl. daS Wunder der Unverweslichkeit des Leibes dieses Mar yrers als bewiesen erklärt, und Pius IX. durch Dccrel vom 5. Mai 1853 auch die drei andern durch dessen Fürbitte erfolgten Wunder approbirt halte, erklärte der letztgenannte Papst am 24. Juni v. I. in der lateranensischen Basilika, daß man zur feierlichen Bealificalion schreiten könne. ES ist erklärlich, daß der russische Hof die Seligsprechung dieses Märtyrers höchst ungern sah, um so mehr, da bei den Polen der Name Bobola in hohem und ehrwürdigem Andenken steht und auf Grund einer ständigen Tradiiion an seine Eihe- bung zur Ehre der Altäre sich große Hoffnungen für die Bekehrung Rußlands knüpfen. Der Congregalion war eS äußerst schwer, aus Litlhauen authentische Berichte über verschiedene aus den Märtyrer bezügliche Umstände zu erhalten; denn die russische Regierung bot AllcS auf, um solches zu vcrhind.rn. Der Dominicaner-Prir zu St. Peiersburg und noch ein anderer Ordenopriester wurden vcrha-tct und —. man weiß nicht, wohin? — abgeführt, weil sie auf derlei Anfragen über einige das Marterthum deS P. Bobola betreffenden Thatsachen Aufschlüsse eilheilt hallen. Alle ihre Papiere wurden weggenommen. Auch heißt es, auf höheren Befehl seyen die Gebeine deS Märtyrers, die einen lieblichen Duft aushauchten, auS der Kirche, wo sie bisher mit größler Sorgfalt waren aufbewahrt worden, weggenommen und auf dem Kirchhofe, mit andern Geb.iuen vermocht, umhcrgestreui worden. Indessen wcuen alle Bemühungen der Schismatiker vergeblich: der Prvr.ß wurde nach den kanonischen Vorschriften zu Cude gesührt und der 30. Oktober 1853 zur Seligsprechung a> beraumt. Als der ersehnte Tag gekommen war, versammelten sich in der i aticanischen Basilika die Cardinälc, die Congregalion der Ri en mit ihren Consulloren, das Capitel und Seminar von Sr. Peter. Der General d.r Gesellschaft Jesu, P. Peter Beckr, trat vor den Caidinal Pa rizi, Vicarius Seiner Heiligkm (in Abwesenheit deS Cardinais LambruSchini, Präfecicn der Cvngregcition) und bat, demüihig nie?erknieend, um die Publication deS BealificalionS--Breve, welches auch sogleich laut abgelesen wurde. In diesem Augenblicke wurde daö Bild oeS Seligen enthüllt; man stimmte ° den Amirosianijchen Lobgesang an, es ertönte daö Geläute aller Glocken Roms und von der CngelSburg donnerte das Geschütz, Unmilteibar darauf begann die Messe, welche MonsitzNvr Pio Bighi, vom vaiicanischen Capilel, celebrirte. — Der heilige Vetter wohnt der BcatificailVnö - Verkündigung niemals bei, sondern begibt sich Nach- miliagS nach St. Peter. Da er damals den Quirinal bcwchnle, so war sein Besuch bei St. Peter feierlicher, als gewöhnlich; der Weg durch Rom w5 ^e5u I^sets gestivnsczue Ouoä 4 N v R 15 4 U K 0 K 0 I. ^ M ^6 omnem ssnetitstem eveetum I.sooril>u8 periculis in I^itnugnis ?ro sniirmrum 5slute per gnnos p. AI. XX. Lt i»u8tri m.irlz'rio Xr?. s>erkunetum Loelo transmiserit ^ovensilem. Bei dieser Gelegenheit bewies sich wieder die Klugheit und Umsicht deS päpstlichen Stuhles in glänzender Weise. Daß Bobola durch die gritchi chen Schismatiker in Rußland grausam gemauert worden, ist aller Welt bekannt; dennoch aber bot man Alles auf, damit bei Gelegenheit der feierlichen Kundgebungen, welche dem kirchlichen RttuS zufolge das Fest der Beatification oder der Kanouisati'on eines Dieners Gottes begleiten, Nichts vorfiele, wodurch der Kaiser von Rußland beleidigt oder auch mir dessen große Empfindlichkeit ver etzt werden könnte. Die lateinischen Inschriften, welche die Hauptmomenle aus dein Leben des neuen Seligen einhielte», womit die Thore und das Innere der vatikanischen Basilika geschmückt waren, sind vorher vom Sraa Ssecretariaie anfS Sorgfälligste geprüft worden. Dem Verfasser dieser Inschriften, dem als christlichen Archäologen weltbekannten P. Marchi aus der Gesellschaft Jesu, war aufgegeben worden, die Urheber deS vom P. Bobola erlittenen grausamen Martyriums nickt einmal mit Namen j,u nennen. P. Marchi dürfte sich daher wohl in einiger Vcrlegenbcit befanden haben; weder die Worie „Lclnsmstiei" noch jene „Kuteni 8eni5M!>tis riropugn-ltores", weder „Hgringtse" noch „8surc>mi>lge" durften in den Imchniten vorkommen. Mit derselben Behutsamkeit verfuhr man in vem „liiorniile cli Koma", worin die BeatificationSscier natürlich besprochen werden mußie. Der Redacteur batle dem Ccnsnramte einen Aufsatz präseniirt, in welchem von der gedachten Festlichkeit und natürlich auch vom Ltben und Martyrthum deS P. Bobola die Rede war; der Aufsatz wurde jedoch zurückgehalten, obgleich dessen Versasser, die Ansichten der Regierung richtig interpretirend, lie Ursachen jenes Martyriums nie bei ihren Namen genannt Halle. Erst nach langer und sorgfältiger Prüfung von Seilen deS StaatssecrelariatS selbst durfte der beireffcude Artikel, mit Hin- weglassung aller Momente, die auf den grausamen Tod deS seligen Bobola Bezug haben, veröffentlicht werden. Aus diesem Grnnde konnie die Biographie deS ausgezeichneten Dieners GotteS in dem Regierungsorgane nur unvollständig und verstümmelt «rschcinen, während bei andern Bcalificaiiouen in diesem Blatte eine kurze, aber vollständige Legenve der Heiligen gegeben wird. Brief von ElemenS Brentano an ein zwölfjähriges Mädchen. *) Mein liebes gutes Kind! In dem Hause zu H** bei Herrn N. N., wo du so viele Wohlthaten genießest, ist mir auch viel Liebes und Freunvliches erwiesen worden, und so haben wir denn *) Wir theilen hier einen Brief des Clemens Brentano, eine» großen, gelehrten nnd stemmen Mannes, an ein zwölfjähriges Mädchen, aus einer schwer geprüften Familie, mit, welchen er au« Dülmen schrieb, wo er sich damals bei der gottseligen Klosterfrau A. C. Emmerich aufhielt, und da« bekannte Buch „Betrachtungen des bittern Leidens« nach ihren Mittheilungen schrieb. 36 miteinander von denselben Händen Gutes genossen, Wenn aber zwei durstige Menschen ans derselben Quelle getrunken haben, ist es recht nnd billig, daß sie miteinander Gott dafür da»!en in ihrnn Gebete, Das wollen wir nun anch von gan,cm Herzen, und wenn du sitt deine Wohlthäter zu H"" betest, so denke nur immer, daß ich milbete, und wenn ich in der Ferne sür diese guten Menschen bete, will ich immer denken, baß du auch mübe'est Ich srene mich recht, das; wir so etwas GuteS haben, was wir zusammen lhnn können; denn ich bin dir gleich ?e,m Anfange an recht gut gewesen, ich bin allen stillen Kindern gut, weil sie der liebe Herr Jesus auch gern gehabt hat. Jetzt, mein lieber) Kind, nahet sich der heilige Christrag; da ist der liebe Herr JesuS. der u»S alle gelehrt, geliebt, geheilt, erlöst und für uns Alle gestorben ist, in einer armen Höhle von seiner armen Mutter Maria geboren worden. Das ist die schönste Zeit für die Kinder- erstens, weil da die Kinder der reichen Leute allerlei Gescheute erhalten» (über denen sie manchmal das liebe Christkind ganz vergessen); zweitens aber, weil da die armen Kinder, welchen ihre Eliern nichts geben können, sich recht sreuen können, daß sie gerade so arm sind, wie ihr armes Brüderchen, das Christkind. Ja, wenn sie nur denken: ich habe nichts, denn ich habe Alles dem lieben Jesu kind geschenkt, so ist es besser, als wenn sie viel reicher beschenkt worden wären, und der liebe JesnS wird eS ihnen reichlich belohnen, daß sie ihre Armuth so gern mir Ihm theilten, als Andere ihren Reichihum. Dn hast, mein liebes Kind, einen recht guren Jesus, er hat dir eine gute Mutter gegeben und fromme, wohllhärige Pslegällcrn, und hat dich dabei arm gemacht, damit du recht fühlen kannst, daß du Alles andern guten Menschen durch Jesum Christinn zu verdanken hast, und baß du reichlich bezahlen kannst, wenn du Jesu von ganzem Herzen dankest und für deine Freunde uud Wohlthäter betest. Sieh, mein liebeS Kinv, selbst für daS, was andern Menschen ein großes Unglück scheint, kann ein srommcS, gutes Kind danken, znm Beispiel, daß du ein so schweres Gehör hast, dafür kannst du auch Gort danken; denn so hörst du manch-S unnütze und böse Geschwätz nicht uud kannst iuumr still fort in Frieden uud Cinsamkn't mit deinem Herzen bei Jesu seyn, während er dir alle deine Geschäfte verrichten hilft. Wenn man innerlich nur gehorsam ist, kann mau das äußere S chör leicht en bchren, und wenn Gott mit dir spricht und dich trösten ider ermähnen will, so sagt dir es dein heiliger Schutzmgkl gleich ins Herz und braucht deiue Ohren gar nickt. Seh du nur innerlich immer voll Liebe zu JesuS und allen Menscken, bete für Alle, bete für jede Noch, die du erfährst, AUeS befehle Gott au, roaS dir leib thut, cS sey für dich ober Andere. Gib dich ganz in den Schutz der heiligen Mutler Gottes, die weiß am besten, was einem armen Kinde gut ist, und wird immer dich ihrem lieben Sohne empfehlen. Und wenn du für dich allein betest, so sage immer: O all ihr lieben Heiligen, ich grüße euch alle in dem süßen Herzen Jcsn, das ist ihnen der allerliebste Gruß, und sie werden dann alle freundlich auf dich herabsehen. Zum heiligen Segen von Priesterhaud habe immer ein herziges Verlangen, und wenn du einen geistlichen Herrn um seineu Segen schicklich bitten kannst, wenn es auch außer der Kirche ist, so versäume eS ja nicht, den Segen auf een Knieen zu empfangen und dich der Liebe und dem Vertrauen auf unsern lieben freundlichen Herrn Jesum, der unser Valer, unser Bruder, uuscr Alles ist, recht huzlich d.-.bci hinzu>;tbcu Ja, ein Segen ?on Priesterhaud ist auch viel mehr werth, als das liebste Geschenk; denn er kommt von Jesu Christo, dessen Gaben besser sind, als alleö Gold der Erde. Wenn du in die Sicwt oder sonst einen weitem Weg in Geschäften gehest, so schleiche immer vorher in die Capelle und bezeichne dich mir Weihwasser und beuge dich vor dem Altar uud mache daS Kreuz nnd denke: O du mein lieber Schutzengel, bewahre mich auf diesem Weg vor allem Uebel an Leib und Seele, mache, daß ich nichts BöseS sehe, und daß auch gar kciu unrechter Gedanke in mich kommt. Und sollte dir doch etwaö Unrechtes oder eine Sünde von andern Leuten vorkommen, so mache heimlich ein Kreuz aus die Brust und spreche: Herr JesuS, unter dein heiliges Kre»>, lasse nichts BöseS kommen. Für deinen Vater, der weil in ein fremdes Land gereist ist, bete zu Gott täglich von ganzem Herzen, 37 vaß er ihn auf guten Wegen führe, ihn in Frömmigkeit und der rechten Andacht erhallen und cinstcnS glückii^cr zu seinen Kindern zurückführen möge, als er sie verlassen hat. Und dabei nimm dir immer recht von Herzen vor, täglich besser zu werden, daß du auch ihm rechte Freude machen könnest, wenn er dich einmal wieder sieht. Für deine gute Mittler bete auch reckt von Herzen, daß der liebe JcsnS sie in ihren Betrübnissen trösten möge und sie recht viele Freude an idren Kindern erleben lasse. Für vcine Geschwister bete auch recht hcrzlich, daß sie recht gut und fromm werden, vas ist mehr, als alle Güter der Erve. Besonders bete für deinen lieben Bruder A, *) in M., daß Gott ihm zn seinem Studium seinen hei igen Geist reichlich senden möge, Damit er einmal ein recht frommer Priester Jesu wir» und dir einen recht kräftigen Segen geben kann. Ach, liebeö Kmd, mit welcher Lust wirst du bete», wenn du ihn einmal die heilige Messe lesen hörst! Wenn dn für die liebe N. N. Familie betest, so sage: O mein lieber Herr Jesus! Gib dem lieben Vattr Gesundheit und Freude und Trost in seinen vielen Geschäften unv gib der lieben Mutter Stärke und Ruhe und Vertrauen auf dich allein in allen ihren vielen Sorgen und gib allen den Kindern Segen, Liebe zn dir und allen Menschen; lieber Herr JesuS, schütze dieses HauS, weil hier die Ärmen anch geschützt werben. Unv dann, mein liebes Kind, ritte ich »ich, auch zuletzt für mich zu beten, dann sage: Liebster JesuS, ich bitte dich von Herzen für meinen guten Fr>und und auch für diejenige fromme Person, welche ihn zu dir, mein lieber JesuS, geführt h>rt. Herr, gib ihnen deinen Segen. Sieh, m>in Kind, das kannst du abwechselnd thun, bald für diesen, bald für jenen, bald für alle miteinander beten, aber thue eS immer mit Liebe und Glauben, daß Gott alle deine Gedanken sieht und deine Worte hört, unv daß er dein Beten an jedem Menschen segnen wirv, weil er ruchtS als Güte und Liebe ist. Nun noch zuletzt sage ich dir auch, daß ich dich Gott recht oft von ganzem Herzen empfehlen will, und daß cö mich sehr freur, wenn dieser Brief dir Vergnügen macht. Lebe wohl unv liebe Jesum und alte Menschen in ihm. — Düimen, den 1. December 1318. Dein guter Freund Clemens Brentano. Rom. Rom. Belannttt'ch hat der heiü'ge Vater vor z'!'ci Jahren eine besondere Commission ernannt, um die dogmalischen Beweise für die imrrmculitta ccmcerttio der Mutter Gottes zu prüfen, unv insb«sondcre zu untersuchen, in wie fern in den heilige» Schriften, der Tradition der Kirche und dem der erhabenen Gottesmutter in dieser Nückslch! bewiesenen Cultus sichere und über jeden Zweifel erhabene Stützpuncte gefunden werden, um diese Frage ex cittneelr-r «nisckcidcn ju können. Diese Prüsnngs- Commission ist ans den angesehensten römischen Theologen zusammengesetzt: Pater Pervnnc und P. Passaglia anö der Gesellschaft Jesu, P. Spada auö dem Dominicaucroidcn, P, Touini, Coiwcittuale, Msgr. L»ca Pacisici, Sccretär Sr. Hcili kett für die Brevcn an dir Fürsten, und P. Thein er a»S dem Orden deS heiligen Phil ppus Neri, unter dem Präsidium Sr. Eminenz deS CaidinalS Raphacl Fornari, Prafeclen der Eongregettion der Studien, Als Beispiel von der mufassen- den Thätigkeit dieser Commission möge Folgendes dienen: AIS man in Urfahrung gebracht, vaß in der Bibliothek von San Lazaro bei Venedig noch alle Handschriften armemschcr Väur, worin die betreffende F>age berührt weide, sich vorfänden, wurve sogleich P. Antonio Ballerini, Professor der Kircheiigeschichte im römischen Colle- gium, beauftragt, sich nach Venedig zn begeben und an Ort und Stelle diese alten Manustriple i>u Original zu untersuche». Die Commissi,n hat ihre Arbeiten so weit vollendet, daß sie i» b>n ersten Tagn» des Decembers dem heiligen Vater ihr Gutachten über die ihr r Prüfung »nlerbitilclc F age i» einer 200 Selten umfassenden und von P. Passaglia auSgcarbcilelen Denkschrift übergeben kvimle. *) Dieser ist jetzt Bischof. 38 Wien. Wien, 7. Jan. Wir haben gerade tüchtiges Thauwetter und eS scheint doch auch, als wollte eS ausihanen in der geistlos indifferenten Welt unserer Hauptstadt, denn man will in den Predigten der beid u PP. Kli'ukowström Leute gesehen haben, die sonst nicht oder böckst scl cn in der Kirche zu sehen sind, selbst Redacteure, wir wollen glautcn, nicht bloß um deS NniigkeitSblatteS willen. A"er so wie daS Thau« weiter um die jetzig? JahreSn Bekehrung und nicht b'oß znr oberflächlichen Ersüllnng der österliche,! Pflicht. Z dem sind auch dann die Beichtväter da und bereit die Beichte zu hören; denn das bleibt für Wien ein geheimes Unglück, daß ungeachtet vieler Predigten wenig gebeichtet wird, wenige zum Tische deS Herrn gehen, billiger Weise muß man ciugestehcn, daß eine M tnrsache dieses U belS in dem Mangel an Priestern, speciell an Klöstern liegt. Wollte in Wien jeder katholische Christ in seiner Pflicht und über die Pflicht hinaus nur ein wenig mehr aus Liebcöciicr im Empfange der heiligen Sacramcnle ihäiig sey», so genügte die Zahl und Kraf/ der Priester nicht bei den vielftiligen Anfortcrungn, die die Seelsor,!,e einer Hauptstadt an sie stellt. Nmende auS kleinere» Stadien I'cnischlanrS bat eS oft schon befremdet, daß in Wien nicht in jeder Pfarrkirche alle Nachmittage Beichte gesessen wird. Sie würden sich nicht mehr wundern, wenn sie wüßten, d.'ß der Psarrer als Kanzleimann der Seel- sor^e gänzlich einzigen wird, die Capläne aber mit Schule, Tauf- und Versehgäugen bis sp.iicn Äbeud sich müde arbeiten. So har denn auch hierin der Josephi'niömns durch Anfhebung der Klöster für daS sittliche Leben der Hauptstadt sehr stiefvätcrlich gesorgt, deuu die Katholiken, denen die G>l>gcnheit znr Beichte benommen ward, wurden endlich gleichgiltig gegen die S^cramenie, und gewölbten sich nach und »ach, durch die ncne Zeit illiümnirt, an die Moralpredigt ohne Beicht, d. i. an den Protestantismus, auS dem dau» der platte JudiffereniiSmuS hervwrwuchS mit seinem Grundsätze der Allcrweltöehrlichkeit. Die Ncv.'luiion von srmo >8ä8 hat endlich dem JosephinismuS die Krone ausgesetzt, indem sie nov von den wenigen Klöstern einige aufhob und die Beichtväter auS ihnen verjagte; war der Hirt geschlagen, so werden sich die Schale der Hecrde zerstreuen, ein Polk ohne Beichte ist bann unser, war aanz richtig von ihr kalknlirt. Soll demnach daS vierte Kircheugebot für alle Katholiken wieder erfüllbar seyn, soll wirklich der Empfang der heilig.» Sacramcute der Buße uud deS Altarcö bei uns wieder heimisch, und Wien dadurch sittlich wiedergebo-en w>rdeu: so möge unö die göitl'che Bori'hnng recht bald die vertriebnien Orden wicdcr geben, die den Arm des Priesters in der Pfarrscelsorge unterstützen und daS Werk der allseitigen Bekehrung ermöglichen. (Salzb. Kirchenbl.) 39 Bierundsechzig Lehrsprüche auö dem Munde deS heil. PhilippuS Nert. 4. Er sah es lieber, wenn die Priester die heilige Messe elwaS rasch als zu langsam lasen, b.ibei jedoch so viel Zelt gebrauchten, als die Würde einer solchen Handlung erheischt. Wenn er daher bei der heiligen Messe eine Abströmende Fülle der Andacht verspürte, so pflegte cr sie ermahnend zn sagen: „nicht hier wünschte ich dich, sondern in der Zelle," damir andeutend, daß man allerdings die heilige Messe mir Inbrunst feiern müsse, aber nicht bis znm Ueberdruß der Beiwohnenden, nachher könne man auf seinem Zimmer der Andacht freien Lauf lassen. 5. Sein Vertrauen, Gott werde seine OrdtiiSgesellschast erhalten, war so fest, daß er, wen,» auch alle sie hätten verlassen wollen, sich nicht im Geringsten würde geängstigt haben; sein Wahlipruch war: „Gort bedars der M.nschen mchl", und wenn Jemand auslral, so pflegte er zu sagen: „Gott ist mächtig, auS diesen Slcinen Kinder Abrahams zu erwecken." 6 Er leitete die Versammlung mit der größten Umsicht und K ngheit, so, daß er alle im heiligen Friede» und in der Eintracht erhielt. Es kann sich Niemand denken, pflegre er zn sagen, ivie schwer es sey, freie Wesen mir einander in Einigkeit zn erhalle» und dieß kann man nicht leicht durch ein anderes Mittel erreichen, als dadurch, daß man sich gütig erweist und sparsam im Befehlen; deshalb fügte er auch hinzu: Wer will, daß man ihm viel gehorche, der muß wenig befehlen. 7. Den, Ungehorsam war er so sehr feind, daß cr diejenigen, welche in irgend einem Siiicke e ne bedenrenr-e Widerspenstigkeit gezeigt, so orl auS dem Orden enifernt wissen wollte, wenn sie nicht schon selbst ihre Enliassnng bcgehne». Es stchr bei mir fe>r, sagre er, keine Menschen zu dulden, die jene kleinen Vorschriften, die ihnen gegeben woiden, nicht beobachten. 8. Damit sie desto mehr sich selbst und ihren Eigenwillen überwänden, bestand er, sobald er an ihnen ein Widerstrebe» remerkte oder eine Sucht sich zu en schnldigen, nur um so fester auf seinen Befehlen; ja cr verwies sic zu widerHollen Malen in einer nach ihrer Ansicht uiigelegene» Zeit und Stunde an die Geschäfte; und vaS alles thar der heilige Mann, weil ihm s^ sehr daran lag, daß seine geistlichen Söhne ihre Vernunft ablotete« und eimn demüthigen Geist hätten, damir sie nicht, wie er sagre, eine hehe Meinung von sich selbst hegien. 9. Ferner hieli er das für einen wesentlichen Punct in der L.itung eines Ordens, daß die Einlünfie mir großer Spmamkeir verausgabt würden, indem er sie, wie sie eS denn auch sind, Girier der Armen und Erbe Ehristi nanirre — und hierin war er so behutsam, daß cr dem Orden keine Kosten g-starere, die nicht mehr als nolhweudig warcn. — Bei dieser Gelcgenheir sühne er a», was Johannes CasfiannS von jenem Koch schreibt, der von seinen Vorgesehen scharf geradelt ward, w-.il er drei Zinsen verschleudert; und von dem heiligen Anronius, Erzdischof von Florenz, der bei der Kirchenlampe stuvirtc, um nichr, wie er sagle, das Vermögen der Armen zu vermindern. Und wenn ihm Jemand bcmcrtie, diese viengstlichkeil sey übcrlricden, so erwiderte cr: „Nehmet mir jenes Bedenken, daß eS Kirchen^ul sey, und dann lhut was ihr wollt." 10. Die Tugend deS Gehorsams lebrte PhilippuS durch Wort und Beispiel; so ließ er nie auch den lciiesten Wink seiner Oo.rn in Angelegenh-iren deS OivenS unberücksichligr, und war in dem, was täglich im Or»en besorgt werden mußie. mochte eS nun den öffenrlichen oder besondern Tiefst belrefscn, immer und überall am püncl- lichsten, und zwar in dem Grade, daß er, um Geschäfte willen ans Thor oder zum Messelcsen in die Sacristei, oder zum Beichihören in der Kirche gerufen, AUcS liegen ließ und augenblicklich gehoretue; für Alle und jeden Einzelne» kam er zu jeder Zeit, nicht mehr als einmal gerufeu, indem cr sag e: „besser sey eS, jenem Kültcr oder Thürhüter, v,n dem man gerufen werde, zu gehorchen, als in seiner Zelle »ri ren im Gebue zu verharren." Wenn ihm Jemand bemertte, man müsse doch dem Priester, 40 der die heilige Messe feiern wolle, wenigstens einige Zeit zur Vorbereitung gestatten, so erwiderte er: Vorbereitung sey freilich »ölhig, aber die wahre Vorbereitung eines guten Priesters sey, so zu leben, daß er zu jeder Stunde (waö das Gewissen anbelangt) Messe lesen und coininuniclrm könne. 11. In Bezug auf diese Tugend gab er noch viele andere Lehren, daß die« jenigcu neun,ich, welche aufrichtig wünschen, ans dem guten Wege Fortschritte zu machen, sich in Ällem in die H5»de ihrer Vorgesetzten übergeben; jene aber, die nicht unter dem Gehorsam lebten, sich aus freien Etücken einem gclehnen und klugen Beichtvater, dem sie als dem StellveUrct.r Goitcö selbst gehorchten, unterwerfen sollten, ihm alle ihre Anliegen, die sich irgendwie auf das Seelenheil beziehen oder beziehen könnten, ganz freiwillig und aufrichtig offenbarend; auch dürften sie nicht das Geringste ohne seinen vorher eingeholten Rath beschließen; wer ans diese Weise handle, fügte er hinzu, könne sicher seyn, daß er nichts thue, wovon er Gott selbst Rechenschaft ablegen müsse. 12. Deßwegen crinahnle er, nie ohne Ucberlegnng und Gebet zur Wahl eiueö Beichtvaters zu schreiten; den einmal gewählten aber solle man nur aus den dringend- sten Gründen verändern; denn der Teufel, so pflegte er zn sagen, strebt, wenn er nicht in schwere Sünden stürzen l^nn, auS allen Krägen dahin, Mißtrauen zwischen d.rs Beichtkind und den Beichtvater anzusäen, weil er auf diese Weise ailmälig und nnvermerll zum erwünschten Ziele gelaugt. 13. Ferner sagte er, der Gehor,am sey ein kurzer Weg, die Vollkommenheit so schnell als möglich zn erreichen, und schätzte den, der unter dem Gehorsam lebte, weit höher, als Jemanden, der ein gewöhnliches Leben sührte und auS freien Stücken eine (wenn anch ausgezeichnete) Buße übte; der Gehorsam endlich sey ein wahres Brandopfcr, d,,S wir Gott aus dem Altare uusereö Heizens darbringen. 14. Er fügte noch hinzn. der Meusch müsse sich Gewalt anihnn, daß er auch in kleinen Dingen, die von keinem Werthe zn seyn schienen, gehors.un sey; denn dadurch wcne ihm der Gehorsam in größcrn leichter. 15. Den Seinigen im O>dcn bemerkte er, daß sie Alles, sogar das Gebet für die gemeinsamen Uebungen verlassen müßten. G ö r z. Görz im Jänner. Der hochwürdigste Fnrsterzbischof Franz Xaver hat in einem Hirtcusel reiben vom 4. v. M. anläßlich deö im vorigen Jahre im Lande eingetretenen MißwachseS, der ein Noihjahr befürchten läßt, Woite des Trostes, der Ermahnung und Anregung an die Gläubigen gerichtet. Um von Gott die Al'wendnng der Rebeu- krankhei' und anderer die Felcsrückte seit einiger Zeit stark verwüstender Uebel zu erflehen, hat der hochwürdigste Obeihirt eine desondcre Andacht angeordnet, welche in einem angemessenen Gebete bei der heiligen Messe, uud in der Verrichtung eines laglichen Getcles mit dem Volke bestehen wird, ^iese Andacht wirf beim eisten Anbrechen des Frühlings beginnen und bis znr Vollendung der Ernte fortgesetzt werden, (Salzb. Kirchenbl.) Salzburg Salzburg, 16. Jan. Gestern, als am Feste des heiligsten Namen Jesu, feierte der hiesige kaiholische Gcselleuverein gemeinschasllich die heilige Commuuion. Dabei wurde von dem Festredner mit besonderem Nachdrucke hervorgehoben, daß der Verein nur auf Grundlage der innigen Lebensgemeinschaft mit EhristuS dauernden Bestand haben könne. Verantwortlicher Redacteur: L, Schöuchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augstmrger PoKMnng. 'Iiot^ iüliktst NIIZ^ chl , z'!>i'i!^ , nr^f fizchslio^'.! 5. Februar- M- « 1854. Dieses Blatt erscheint cegelmäHig all^ ^o-rntage. Der hnwjährlge Abmmement-dreta lr., wvs»r e« durch «lle k5nigl. t'aher. Poftänlt?r und M,' Unchhaudluvs,?n l'szoffkn werd«« kmin Einfluß der Lectüre der heiligen Väter auf die Converfion des Dr. Newmann. „Seit meiner zartesten Kindheit," sagt der P. Newmann in einer seiner Konferenzen, „richtete die Lectüre der Kirchengeschichte von Milner all meine Gedanken auf die ersten Jahrhunderte der Kirche, und insbesondere auf die Väter dieser Zeit. Nie werde ich vergessen, und nie werde ich ihn meinein Gedächtniß entfliehen lassen, den riefen und angenehmen Eindruck, welchen die Brüder von St. AmbrvsiuS und St. Augustmus, wie dieser Schriftsteller sie mir zeichnete, auf meinen Geist machten. Der Hinblick auf diese Väter war seitdem für meine Einbildungskraft, ich muß eS gestchen, ein wahres Paradies, ein Ort der Wonne, nach welchem meine Gedanken sich allemal hiuverschten, wenn meine Beschäftigung dieses zuließ. Als ich ansing, ihre Werke mit Aufmerksamkeit und Methode zu studiren, da suchte ich sie zu anali- siren und ihre Lehren und Principien zusammenznstell-n. Nachdem ich sie so mit Sorgfalt studirt und bis ins Kleinste hinein klar gelegt hatte, und meine Arbeit nochmals überblickte, nahm ich wahr, daß ich nichts gelhan, daß ich durch diese Mühen sehr wenig gelernt hatte, und daß diese Väter, welche ich gelesen und die der Periode vor dem Concil von Nicäa angehorten, wenig von der Glaubenslehre enthielten. Ich urtheilte nach dem, wnS ich davon gelesen halte. Zu jeuer Zeit begriff ich die Ursache dieses Resultates noch nicht; später aber erschien sie mir in ihrer ganzen Klarheit. Ich hatte diese Väter mit den Ideen eines Protestanten gelesen; sie anali- sirt und zusammengestellt nach den EintheilungS-Principien, welche bei den Protestanten in Praxis sind; ich hatte in ihren Schriften protestantische Lehren und Gebräuche gesucht. Meine Rubriken waren: „Rechlfertigung durch den Glauben allein," „Heiligung," nnd andere dergleichen. WaS ich in den Vätern suchen sollte, wußte ich nicht; ich suchte das, was nicht darin war und profitirte nicht von dem, was sie enthielten; tappend irrte ich in der Dunkelheit umher und saud nichts. Indessen muß ich doch eine Sache von der größten Wichtigkeit bemerken: Durch diese Lectüre bekam ich einen sehr klaren Begriff von der göttlichen Einsetzung dcS Episkopats und dessen Atlributen, wodurch meine protestantischen Grundsätze sehr erschüttert wurden. Nach einigen Jahren mußte ich mich mit der Geschichte des Ariauismus beschäftigen, und begann ich das Studium der Vä-er aufö Neue. Ich laS sie mit der Defensiv von Bull, die mir als Schlüssel diente, in so fern als diese Schrift solches seyn konnte; aber ich erinnere mich nicht, daß ich zu dieser Zeit einen andern Gebrauch von den Vätern, bezüglich der Doctrin, gemacht habe. Ich hatte sie fast zu dem einzigen Zwecke studirt, nm die Controverse in Betreff der Person Jesu Christi kennen zu lernen; in einem Zeitraum von einigen Jahren widmete ich zwei Sommer der Prüfung dieser Controverse. Endlich fing ich an, die 42 Väter ohne Beihilfe eines Schriftstellers zu lesen, da kein anglikanischer Autor die Fragen, womit ich mich beschäftigte, auf eine so genaue und detaillirte Weise behandelt hatte. Als ick die Väter zum ersten Mal zur Hand nahm, las ich sie als Protestant, das zweite Mal ungefähr wie ein Anglikaner. jedoch halten meine frühern Theorien und Systeme durch diese Lesungen eine katholische Färbung erhalten. In dem ersten der genannten Sommer beschränkte ich mich bei meinen Studien nur auf die Glaubenslehre, ich schloß die Geschichte ganz auS, und so blieb ich in Bezug auf die Frage von der katholischen Kirche fast auf demselben Puncte, wo ich beim Beginn stand; im zweiten Sommer aber machte ich die Controverse der Monophysiten, so wie die Vorfälle und Arbeiten des Concils von Chalcedon im fünften Jahrhundert zum Gegenstand meiner Studien. In Folge dessen bemerkte ich, daß mein Glaube an die Solidität der Fundamentalgrundsätze des AnglikaniSmus ganz verschwunden, und an dessen Stelle ein Zweifel getreten war, der mich nie wieder verließ. Ich glaubte in der genannten Controverse, und in dem damit in Verbindung stehenden allgemeinen Concil eine klare Darstellung des gegenwärngen Zustandes des Christenthums zn sehen, und eine Erklärung der verschiedenen Parteien und Persönlichkeiten, welche zur Zeit der Reformation sowohl auf Seite der Katholiken wie der Protestanten figurirren. Während des Herbstes desselben Jcchreö las ich eine Schrift bezüglich des Schismas der Donatisten, welche meinem Geiste den durch die Geschichte der Monovhysiten empfangenen Eindruck tiefer einprägte; ich wurde ergriffen und geblendet von dem neuen Gesichtspuncle, unter welchem diese Thatsachen sich mir darstellten. Da ich meinem Urtheile nicht zu trauen wagte, so beschloß ich, um tie Frage noch besser zu ergründen, meinen Geist einige Zeit davon abzulenken, und ich kam erst wieder daraus zurück, als ich beabsichtigte, die Abhandlung des heiligen Athanasiuö über die Glaubenslehre zu übersetzen. Die arianische Controverse und das Concil von Nicäa nahm bei dieser Arbeit meine Aufmerksamkeit in Anspruch; klar stellte sich in dieser Geschichte meinem Geiste das dar, was ich anfangs nicht darin gesehen Halle, nämlich: dieselbe Erscheinung, welche ich schon in der Geschichte des heiligen Leo und der Monovhysiten wahrgenommen hatte. Wenn seit dieser Zeit mein Fortschreiten im Glanben an die katholische Kirche einige Unterbrechung erlitt, so geschah dieß nicht deßhalb, daß ich. irgendwie Vertrauen zum » Anglikauismus und seinen Glaubenslehren gehabt hätte, sondern Einwürfe eigenthümlicher Art, die zu widerlegen sich mir kein Mittel darbot, beschäftigten meinen Geist, und fürchtete ich, daß ich meine Illusion umgarnt hätte, da die Ansichten so vieler anderer Personen von den meinigen ganz verschieden waren." (Rhein. Krchbl.) Parallele»! in Baden. Bereits suchr die badische Regierung im Gefühle der Unbehaglichst nach NechlSgründcn, um ihre Gewaltstreiche gegen die katholische Kirche dadurch scheinbar zn rechtfertigen. Da es aber zwischen Recht und Unrecht, zwischen Sittlichkeit und unsittlichem Gebahren kein Mittelding gibt, so kann obiger Zweck nur dadurch theilweise erreicht werden, wenn man der urtheilölosen Menge durch Entstellung des thatsächlichen Sachverhaltes, und Verdrehung allgemein giltiger Rcchtsgrundsätze Sand in die Augen zu streuen sucht. So hat jüngst ein gewappneter Kämpfer im Solde der badischen Bureaukratie den Erzbischof von Freiburg durch die Zusammenstellung desselben mit den Koryphäen der deutschen Revolution in den Augen der Welt moralisch todtzuschlagen versucht. Wir wollen uns mm einen kurze» Vergleich zwischen der Handlungsweise des ErzbischofeS und seiner Verfolger erlauben, und dann ihr beiderseitiges Verhalten mit den Tendenzen der Umsturzpartei zusammenhalten, um daraus zu sehen, wer denn eigentlich unter die hohen Protektoren der Freischärlerei gezählt werden müsse. Woraus ging denn eigentlich das Streben Kossuth'S, Mazzini's, Brentano'S, Hecker'ö, Struve'S, Ronge's -c. ic. hinaus? Sie haben das historische 43 Recht ihrer Regierungen in Frage gestellt, die politische und sociale Verfassung ihres Landes aus eine ihren demokratischen Ideen entsprechende Weise umzumodeln tentirt. Hat nun auch der Freiburger Erzbischof dergleichen in seinem Vaterlande versucht? Mit Nichten! Er hat sich vielmehr bei allen seinen Protesten stets nur auf die Grundsätze der anerkannten badischen Verfassung berufen, und die durch dieselben garaiuirten, aber lange vorenthaltenen geistlichen Rechte der Kirche reklamirt. Einzig durch die Macht des gesetzmäßigen Protestes, durch passiven Widerstand und durch die Waffen deS GebeteS und der Bekennertreue suchte er zu seinem Ziele zu gelange». Was haben dagegen seine Dränger gethan? Sie haben durch ihre kirchcuvcrknechtenden Maaßregeln die tausendjährige Ordnung in der Verfassung der gesetzlich anerkannten katholischen Kirche mit roher Willkür umzustürzen gesucht, und zu dem Ende auch die Verfassung des eigenen Landes, und die allgemein giltigen Bestimmungen deS Vertragsrechtes grundsätzlich verl-tzt. Und als ihre Kanzlciherrlichkcit bei der Einführung und Fortführung deS poliiischen Kirchenregiments auf die bekannten Hinter- nisse stieß, und die omnipotenten Allesregierer daS svtliche VerdammungSnrtheil der Kirche und der gebildeten Welt vernahmen, gaben sie da der Stimme des Gewissens und Rechtes Gehör? Im Gegentheile! Gleich einer wohlgeschulten Freischärlerrolte suchten auch sie ihr Recht mit der Faust zu beweisen. Welch ein herrliches Beispiel sür die umsturzsüchtigen Massen! WaS will man den politischen Freibeuter» aniworten, wen» sie eines Morgens den von Gottes Gnade» Regierenden, zur Rechtferliguug ihrer Umsturzgelüste mit den gleichen Rechtö titeln entgegentreten?— Anch durch die Presse habeu die Führer der Umsturzpartei' daS Rechtsbewußtseyn im Volke irregeleitet und gelobtet; daS Ansehen der Obrigkeiten immer tiefer untergraben; die con- scrvcuiven Elemente der Gesellschaft mit List und Gewalt unterdrück!; und daS öffentliche Vertrauen erschüttert. Wann hat nnn der beleidigte Piiestergreiö sich je so etwas zu Schulden kommen lassen? Wo ist er je dem Ansehen seines Landesfürsten in seinen öffentlichen Erlassen nahe getreten? Hat er nicht in seinem herrlichen Hirtenbriefe ausdrücklich seine Achtung vor dem Ansehen seines LandeSsürsten ausgedrückt, und daS Volk zum Gehorsam gegen die Obrigkeit in allen bürgerlichen Angelegenheiten aufgefordert, und demselben selbst nach auSgebrocheuem Conflicte ein rnhigeS Verhalten zur Gewissenspflicht gemacht? Wie haben dagegen die hochtrabenden Kanzleiherren gehandelt? Sie haben die kirchlichgesiante Presse unterdrückt, daS freie Wort zum Sclaven der Bureaukratie erniedrigt, den Bischof und seinen pflichttreuen KleruS gelästert, die eidestreuen Priester wie gemeine Verbrecher behandelt, und vor dem Volke zu brandmarken versucht. Wer steht da auf Seite der Umsturzpartei, der Erzbischof oder daS Ministerium? Wie sollte daS Volk den geweihten Dienern der Kirche Zutrauen schenken, und von Ihnen um Gotteswillen der Obrigkeit gehorchen lernen, wenn eS dieselben von seinen Hänptern gerade um der Uebung dieses pflichtmäßigen Gehorsams willen wie gemeine Verbrecher behandelt sieht? Wodurch haben die Männer des Umsturzes die poetisch - sociale Krise der jüngsten Vergangenheit noch herbeigeführt? Sie haben dem Volke die Achtung vor der Heiligkeit deS EideS benommen, und dadurch den Verrath des KrieqerstandeS, der auö dem Volke größten- lheilS sich erneuert, am Fürsten und am Vaterlande vorbereitet. Hat nun etwa auch der edle Streiter für Gottes Sache sich je durch Verbreitung meineidiger Grundsätze oder durch politischen Treubruch an der Heiligkeit seines geleisteten EideS versündigt? Im Gegentheil! Er hat mit seinem standhaften KleruS den Sturm der Revolution muthig ausgehaltc», und nicht bloß selbst seinem Landesfürsten den Eid der Treue gehalten, sondern auch die Unterthanen selbst in der am meisten kritischen Lage zum pflichtmäßigen Gehorsam aufgefordert. Und gerade darum, weil er die Heiligkeit deS Eides in jedweden Verhältnissen gewahrt wissen wollte, brach ja die jüngste Verfolgung auf sein greises Haupt herein. Betrachten wir dagegen die Handlungsweise der badischen Bureaukratie in der Stunde der Prüfung. Ei» großer Theil jener Helden, welche jetzt gegen di'e eidestreuen Priester wüthen, hat in der Stunde der Gefahr seinen Amtöeid gebrochen. Und eine sich christlich nennende Regierung läßt einen über- 44 eifrigen StaatSauwalt in öffentlicher Gerichtssitzung die gröbsten Lästerungen gegen die Verbindlichkeit deS priesterliche» EideS aussprechen, ohne ihm rechtzeitig den unreinen Muud zu stopfen. Welche Zukunft steht aber den Fackelträgern der badensischen Aufklärung bevor, wenn daS so aufgelichtete und geschulte Volk anfängt, die Cousequen- zen auS den Grundsätzen zn ziehen, welche seine politischen Fuhrer über die Verbindlichkeit eines amtlich geleisteten Eides ohne Scheu kundgeben? Mit welchem Rechte kann die badische Regierung bei solchem Treiben noch gegen einen Meineidigen gerichtlich einschrutcn? Endlich haben die VolkSbeglücker, wo sie reussirtcn, die Justiz zur Unterdrückung der konservativen Elemente im Staate mißbraucht. Kann man einen solchen Mißbrauch der kirchlichen Gerichtsbarkeit auch dem Freiburger Bekennn zur Last lege»? Hat er etwa persönliche oder politische Feinde ero.mimunicirt, und nicht vielmehr verstockte Frevler an der Kirchenverfässung? Wie hat dagegen die badischc Bureaukratie die Wagschaalc der Themis gchandhcibt? Sie hat die radicaleu Wichte laufe» lassen, und richtet nun die Spitze des ihr von Gott anvertraute» Schwertes mit größter Willkür gegen treue Staatsbürger. Wo soll da das Volk i» seinem Rechtsgefühle gekräftigt werden, oder Vertrauen in eine Rechtspflege setzen, in welcher Laune uud Willkür die bestimmten Factoren sind? Es frägt sich nun, wer nach dem Gesagten den Wölfen in Menschengestalt, deren Geheul erst kurze Zeit verstummt ist, an die Seite gestellt zu werden verdiene, der kindlich fromme, aber thatkräftige Hohepriester, oder seine despotischen Verfolger. Die Antwort hat daS civili- sirte Europa mit Eclat einhellig ausgesprochen, wobei der Umstand nicht ohne Bedeutung ist, daß das badische Ministerium nur die rothe» Journale auf seiner Seite hat, während die konservativen Tagesblätter aller Konfessionen dem Muthe, den der" greise Erzbischof bei der Wahrung kirchlicher Rechte entwickelte, ihre volle Anerkennung zollen. Das sittliche Nechlsgefühl hat hierin ein nnzweifelhastes Urtheil gesprochen. Nur wäre zn wünschen, daß eine von den Großmächten deS katholischen'Denlschlands, welche bei den Vundeöangelegenheiten ein entscheidendes Wort zu sprechen haben, endlich den übermüthigen Federhelden im Badenserlande das konsularische Ouousczuo tsaclem? mit der gehörigen Energie zurufen möchte, um ihrem unmoralischen uud entsittlichenden Treiben noch rechtzeitig ein Ende zu machen. (W. K.-Z.) Eine lehrreiche Geschichte aus dem fünften Decennium des neunzehnten Jahrhunderts. Die seit drei Monaten schwebende Rechtssache betreffs der beabsichtigten Con- Version des fünfzehnjährigen Prinzen Carl zu Jscnburg-Virsteiu-Vüdingen ist nun vom Oberappellationsgerichte zu Cassel entschieden worden, in einer Weise, wie sie vorauszusehen war. Die Sache verhält sich so: Prinz Carl, der Sohn des vor zehn Jahren verstorbenen Prinzen Victor Alexander zn Jseuburg-Birfteiu-Büdingen, steht unter der Vormundschaft seiner Mutter, einer gebornen Prinzessin zu Löwenstcin-Wertheim-Rosen- berg, und seines Vatersbruders, des Fürsten zu Jsenburg-Birsteiu-Büdiugen, Chef deS Jsenburgischcn HauseS und klnderlos. In dem Ehevertrage des verstorbenen Prinzen war bestimmt worden, daß die Prinzen in der Confessuni deS Vaters, der reformirten nämlich, und die Prinzessinnen in dem katholischen Glauben, welchen die Mutler bekennt, erzogen werden sollten. Wirklich erhielt der Prinz bis nach vollendetem vierzehnten Lebensjahre von reformirten Theologen, deren Wahl allzeit mit Zustimmung des Onkels und Mitvormunds getroffen worden, den Religionsunterricht; er wurde während dieser Zeit weder durch die Mutter selbst, noch mit ihrem Wissen von sonst Jemand in der katholischen Kirchenlehre unterwiesen, wenn man nicht das Beispiel dieser uud der Prinzessinnen sür einen Religionsunterricht gelten lassen will. Nun aber erklärte der Prinz, nicht ferner resormir'cn Religionsunterricht nehmen, sondern im katholischen Glauben unterwiesen werden zu wollen. Die kurhessische Ge- 45 letzgebnng, welche (Verordnung vom 13. April 1853 § 4) die väterliche Bestimmung über die konfessionelle Erziehung ver Kinder nur bis zu dem vierzehnten Lebensjahre maßgebend seyn läßt, berechtigte ihn zu diesem Verlangen. Die Prinzessin Mutter, welche in der letzten Zcit mit ihren Kindern auf ihrem WiMvcnsitze zu Offenbach wohnte, benachrichtigte hievou den Oheim und Mitvormund, worauf dieser die Einschreituug des Obergerichtes zu Fulda als obervormundschaftliche Behörde veranlaßte, Darauf hin entzog daS Obergericht der Mutter das ihr gesetzlich und ehevcr- tragsgemaß zustehende Erzichuugsrccht, und «ab derselben aus, binnen acht Tagen bei 100 Thalern Strafe den Prinzen an den Oheim auszuliefern. Dieselbe reichte alsbald Beschwerde gegen diese Verfügung beim Oberappellaiiousgericht ein. Ihrer Beschwerde wurde indessen die SuSvensivkraft versagt und die Strafandrohung ans 500, dann 1000, zuletzt auf 1500 Thaler gesteigert. Unter solchen Umständen konnte die böhere Emfchcidung nicht abgewartet werden, und die Mutter ließ, nach Znrathe- ziehuug der geistlichen Obrigkeit, ihren Sohn dem Fürsten provisorisch zuführen. Dem Prinzen wurde (wie die „D. Vh/' berichtet) auf obervormundschaftliche Anordnuug in seinem neuen Wohnorte der Besuch des katholischen Gottesdienstes untersagt, und zwar unter der von seinem Onkel und Vormund, dem Fürsten, ausgesprochenen Drohung, daß er ihn mit Gewalt daran hindern und, wie der erste Beamte des Fürsten hinzufügte, mit Geusvarmen aus der Kirche holen lassen werde. Er war daher schon zwei Monate nicht in der Kirche gewesen, nachdem er einigemal vergeblich versucht halte, seine Forderung durchzusetzen. Am heiligen Christabend nun benutzte er einen unbewachten Augenblick, auö dem Schlosse zu entweichen, indem er die schriftliche Erklärung zurückließ, daß er am Tage dir Geburt unseres Herrn dem heiligen Meßopfer beiwohnen wolle. Er begab sich in der Nacht nach Offenbach zu Mutler uud Schwestern. Ich frage, ob. irgend ein Mensch, dcr auch nur entfernt nachzncmpfindeu versteht, was unter diesen Verhältnissen in der Seele eines lebhaften uud gemüthvolleu Jünglings vorgehen mußte, ihm daraus einen Vorwurf machen kann? Er ist von Mutter und 'Schwestern um seines religiösen Glaubens willen gewaltsam gelrennt, er ist zwei Monate hindurch ohne jede kirchliche Hilfe geblieben, nicht einmal ist ihm vergönnt gewesen, den heiligen Segen zu empfangen oder in der Gegenwart d?S' allerhciligsten SacramenteS zu beteu Der heilige Christtag kommt heran, der Tag, wo in allen Gotteshäusern der ganzen katholischen Welt die Geburt deS Heilands mit helliger Andacht gefeiert wird; er hat die feste Ueberzeiigung, daß, wenn Recht und Gesetz gälte», er mit Mutter uud Schwestern gemeinsam diesen Tag znr Ehre Gottcö verleben würde. Was soll er jetzt thun? Soll er den lieben Gott oder soll er die provisorische Verfügung des OvergerichteS zu Fulda höher respectiren? Daß die ob>r>'orm!!ndschaftliche Behörde zu Fnlda ihren Anordnungen Respect zu verschaffen such', finde ich eben so begreiflich, wie daß dem jnngm Prinzen der liebe Gott mehr gilt, als die Anordnungen deS Fmvaischen Obergerichts; aber daß ein ans verständigen Männern bestehendes Collegium durch seinen obervormundschaft- lichen Fanatismus ganz über die Schranken besonnener Mäßigung hinanSgeirieben werden könne, daS war mir bis dahin in riraxi nicht vorgekommen. Hör>n Sie. Die Fran Prinzessin erklärte sich gleich nach der Ankunft deö Prinzen auf geschehene Anfrage bereit, ihn nach Birstein zurückgehen zu lassen; dcr Prinz selbst hat niemals etwas Anderes gewollt, als nach den Feiertagen zurückgehen. Aber die gekränkte Würde der vbervormuiwschaftlichen Behörde findet keine SatiSfaciim darin, daß eine einfache und naiürliche Begebenheit auf eine den Verhältnissen entsprechende, eben so einfache Weise beendigt werde. Nein, sie requirüt das großherzogliche Landgericht in Offenbdch, den jungen Prinzen polizeilich nach Birstein trcmsportiren zu lassen. Zugleich wird das kurfürstliche Amtsgericht in Birstein committirt, die sämmtlichen Briefe des Prinzen um Beschlag zu belegen, um so dem jesuitlichen Complotc auf die Spur zu kommen, und verschiedene Personen in Birstein über ihre Mitwissenschaft an 46 diesem Capitalverbrechcn zu vernehmen, was denn auch geschehen ist, und zwar nachdem bereits der Auftnthalt des Prinzen bekannt war. In den letzten Tagen des verflossenen JahreS ist nun die höchstinstanzliche Entscheidung erfolgt: „In Erwägung, daß ... . in so fern eS sich vorliegend von der religiösen Erziehung des Mündels handelt, die Bestimmungen veS § 4 der Verordnung vom 13. April 1853 die Befugnisse des NaterS so wie der Vormünder, beziehungsweise der Obervormundschast, über das vierzehnte Lebensjahr hinaus nickt gänzlich beseitigt haben, indem aus dem Umstände, daß die väterliche Anordnung „„bis zum vollendeten vierzehnten Lebensjahre des Kindes ein- für allemal maßgebend"" bleiben, und dieselbe im Falle der mangelnden ausdrücklichen väterlichen Bestimmung bis zum vollendeten vierzehnten Lebensjahre in der Konfession des Vaters erfolgen soll, nur eine, anck von der Obervormundschast zu beobachtende Norm für die kirchliche Erziehung deS Mündels bis ,nm vollendeten vierzehnten Lebensjahre, keineswegs aber eine Beendigung aller vormundschaftlichen, beziehungsweise obervormundschafllicheu Befuguisse hinsichtlich der religiösen Erziehung des Mündels nach dem vollendeten vierzehnten Lebensjahre desselben sich mit Nothwendigkeit folgern läßt, eine solche Folge auch den Vorschriften des in dieser Beziehung nicht als aufgehoben zu betrachtenden Gesetzes vom 29, October 1348, wonach die Befugniß zum Wechsel des Glaubensbekenntnisses , . . erst mit zurückgelegtem achtzehnten Lebensjahre eintritt, widersprechen würde, indem eben aus dieser an ein späteres Älter geknüpften Befugniß erhellt, daß ledensallS bis zu diesem Lebensalter die religiöse Erziehung und mit ihr die deßfallstge Befugniß der Vormundschaft, beziehungsweise der Obervormundschaft, zu einer leitenden Einwirkung fortdauert, . . . wird die :c, Beschwerde als ungegründet zurückgewiesen" zc> Möge die göttliche Gnade den jugendlichen Bekeuner in seinen heiligen Entschlüssen kräftigen und in den ihm bevorstehenden schweren Kämpfen stärken, auf daß das Werk, welches sie in ihm begonnen hat, zu seinem Heile glücklich vollendet werde. . Der NorbertnSverein. Am 3. Februar vorigen JahreS, dem Todestage des heiligen Anscharins, dieser mächtigen Stütze des nordischen LiSlhumS, erwachte in einigen studirenden Jünglingen zu Munster iu Westfalen der Gedanke, unter dem Panier der Heiliger. Bonis^ciuS, Anscharizts und NorbenuS, der Zierden deS deutsche» Oberhirteuthumö, einen Verein zu gründen, und durch die Bande der Freundschaft und deS heiligen Glaubens in Liebe zu der Kirche und dem Vaterland stndirende Jünglinge zu einigen. Den Namen wählte» sie sich von dem eben so durch Abkunft, als durch gewählte Lebensaufgabe erlauchten Mann, der als Ordensstifter und als Erzbischof vou Magdeburg nicht mind-r über Frankreich als über Deutschland leuchtet — deS heiligen Norbert. Der Verein bemüht sich dnrch Entgegenkommen gegen ein lange g/ahnetes, tiefgefühltes Bedürfniß praktisch zu werden, indem er sich'S zur Aufgabe macht, eine Gefahr zu beseitigen, welche nach aller Erfahrung den edelsten Jünglingen am schlanksten und am beharrlichsten nachschleicht. Tritt nämlich ein sitlenrciner katholischer Jüngling in das akademische Leben ein, ist er damit der bindenden Form des Gymnasiums ledig geworden, so rauscht ihm der ganze Chor bebänderter Nichtswisser und Bierhelden entgegen, unter welchen schon so mancher bessere Kopf, so manches edlere Herz, durch Großmannssucht geblendet, nnv von WeltverbessernngSlust berückt, untergegangen ist. Dnrch Stolzircn und Reuommiren, durch Paradieren und Bierflorireu betäuben sie seine UeberlegungSkraft, schieben sie seine bessern Regungen bei Seite, und so wird aus dem braven Juugeu ein Fuchs, auö dem Fuchs durch die verschiedenen Abstufungen nur allzulcicht, indem der Scherz in den schauervollesten Ernst übergeht, ein 47 für Zeit und Ewigkeit verlorener Mensch, Das soll der Norbertusverein verhüten. Er will dem ins akademische Leben eintretenden Jüngling auch einen Chor entgegenführen, der ihn als den scinigen aufnehmen will, aber einen Chor pflichtgetrener, deö Lebenö Ernst erkennender, einem höhern Ziel entgegenstrebender Jünglinge, Dieselben sollen sich durch KindeStreue gegen ihre gemeinsame Mutter, die heilige Kirche, auszeichnen, in folgendem Gebet um die kirchliche Wiedervereinigung des gemeinsamen Vaterlandes zusammenfinden: „Heiliger Bonisacius! Heiliger SinSgariuS! Heiliger Norbert! große Helden Christi! feste Stützen des deutschen Bisthums! Ftehec an mit unS Jesum Christum, daS ciuzige Heil der Menschen, daß er sich erbarme über unser liebes deutsches Vaterland und wiederum seine Stämme im Schooß der heiligen Kirche zu einem — einigen — starken — christlichen Volk vereinige. DaS walte Gott! Amen!" Seit der kurzen Zeit seines Bestehens zählt der Verein schon über tausend Mitglieder, junge Leure, denen mehr oder minder die Zukunft anheimgegeben ist. Die Akademiker von Münster uud Paderborn, die Zöglinge der bischöflichen Seminarien beivcr Städte gehören beinahe insgesammt demselben an. Bereits hat er sich auch nach Breslau verpflanzt. In Münster befindet sich das Centralcomite desselben. Der hochwürdigste Herr Bischof von Münster hat das ihm vorgelegte Gebet genehmigt und eine Billigung des Vereines selbst ist bereits von dem hochwürdigsten Herrn Bischof von Fulda eingetroffen. Je mehr die Negierungen bloß daö Lehrwesen an den Universitäten inö Auge sassen, desto nothwendiger wird, desto erfreulicher ist es, daß durch den bessern Theil der stubirenden Jugend, durch ihr vereinigtes Zusammenwirken dasjenige supplirt wird, was die Vergangenheit noch zu würvigen wußte, die aimlich wirkende Gegenwart ihrer Aufmerksamkeit nicht mehr für werth erachtet. Weßhalb Glaubenstreue und kirchliches Bekenntniß, da ja gothische Grammatik studirl werden muß! (Oesterr. Volksfi.) Die barmherzigen Schwester»» in Ehingen. Ehingen. (Vom geistlichen Vorstand: Stadtpsarrcr Zimmerle.) ES bürste nicht ohne Interesse seyn, einen Verein, dessen allmäligcS Ausireten so-verschiedene Urtheile erzeugte, etwas näher kennen zu lernen. Es sind vier Jahre, daß fünf Jungfrauen dahier zusammeniraien, gelrieben vom Geiste Dessen, der jeden seiner Schritte mit Wohlthun bezeichnete, um gleich ihm sich der Pflege der Leidenden und Kranken zu widmen Nicht lange konnte solch wohlthätiges und uneigennütziges Wirken verborgen bleiben, als ihnen von Seite der städtischen Behörden Wuhnnng im Spital eingeräumt, und später gegen die Uebernahme der Küche und der Verpflegung der Hospitanten der Aufenthalt, so wie von Seite der Kirchenbehörde die Constituirung einer förmlichen kirchlichen Genossenschaft zugesichert wnrde. Dieser erweiterte Wirkungskreis brachte auch daS Bedürfniß einer vermehrten Schwesterzahl, die daher bis aus fünfzehn stieg. Innerhalb der Spita mauern waren eS, um nur vom letzten Jahr zu reden, außer etlich und vierzig Hospitalilen, die größtentheils des Alters oder sonstiger körperlicher und geistiger Gebrechen wegen Hilfe bedurften, sechzig Personen beiderlei Geschlechts, die bald auf der Reise erlegen, bald als Dienstboten in Privat- hänsern erkrankt, in den Spital gebracht, bei den barmherzigen Schwestern ihre Pfle- gerinnen fanden. War eS nun einerseits der Geist der Liebe und Sorgfalt, der sich in der Krankenpflege bcS Hauses, so war es andererseits hauptsächlich der der Umsicht und Ordnung, der sich im Haushalte selbst offenbarte. — Doch damic sollte ihre Hauptaufgabe noch nicht gelösc seyn, denn diese sollten sie finden in der Pflege der Kranken in den Häusern der Stadt, deren in diesem Jahre dreiundneunzig beiderlei Geschlechts ihre Hilse in Anspruch nahmen, wovon cinunvvierzig am Schleim- und Nervensieber, die meisten übrigen aber an beschwerlichen vst ekelhaften Uebeln dar- nicderlagen, und fünfundzwanzig davon nicht eher verlassen wurden, biö sie selbst das Zeitliche verließen. Und war eS so die barmherzige Schwester, die durch ihre uner- 48 müdete Sorgfalt und eine geregelte Krankenpflege schon den wohlthuendstcn Einfluß auf den Kranken selbst Lnßerie, war sie es, die sich den kleinsten Einzelnheiten des Hauses unterzog, gewöhnlich selbst die Stelle der Hausfrau und der Mutter der Kinder vertretend, so war namentlich sie eS, die nicht selten die nothwendigsten Lebensbedürfnisse aus den Händen der Wohlthäter sammelte und herbeilrug, so daß auf diese Weise 1206 Pom'onen Kost in Kianlenhäuser gebracht wurden. Dieß ist die Stellung deö Bundes, der sich in jüngster Zeic in unserer Stadt gebilvet, dieß sind die Früchte, in dere-r ungcthcilier Anerkennung sich der allseilige Wunsch ausspricht, eS möchte mit dem begonnenen Jahr endlich die förmliche Conftituirung des Mutterhauses dahier zu Stande kommen, damit von da a»S in Filialhäusern auch andern Orten gleicher Segen der Liebe zu Theil werden möge. Die Frauen vom guten Hirten in Neudorf. Der schon seit vielen Jahren so segensreich wirkende Orden „der Frauen vom guten Hirten" ist nun auch in die Wiener Erzdiocese verpflanzt. In Neudvrf bei Mövling erwarben sie das ehemalige erzbischöfliche Schloß, ein Gebäude mit zwei Stockwerken, und sechs Joch Garten und Feldgrund. Das Haus sammt Giundftückeu ist mit einer neun Schuh hohen Mauer umgeben. Im zweiten Stocke sind jetzt 32 weibliche Sträflinge untergebracht, welche aber bis 15(1 verwehrt werden. Stiege, Gang und Fenster sind mit Eisengitttrn gut verschlossen. Nebst den Schlafsälen befindet sich dort ein sehr großes ÄrbeitSlokale, wo 30(1 Arbeiterinnen beschädigt werden könnten. Im Winter werdm sie mit Nähen und Stricken, im Sommer auch mit Gartenarbeit beschäftigt Im ersten Stocke sind die Klosterfrauen, zu ebener Erde ist die Capelle, Küche, das Sprachzimmcr und Wohnungen für die Ausgehschweste-n. Es beftebt eine vollkommene Klausur. Die sechs Klosterirauen und zwei LaieuschwestcUl, welche jetzt in diesem Konvente sich befinden, sind zwar auS dem Mutteihause zu Äugerö, aber geborne Deutsche. Nächstens werden wieder einige Schwestern von dort erwartet. Hingegen sind rier Kandidatinnen ans Oesterreich, unier welchen eine Gräfin Evudeu- hofeu, nach Angcrö in Frankreich gegangen, um dort das Noviziat zu machen. Die Sträflinge, welche nnter der Obhut dieser Ordenöfrauen stehen, haben eine eigene Kleidung, 1>laue Kleider mit blauen Schürzen, roihgestreiftc Halstüchel und weiße Hauben. Die Seelsorge in dem Hause ist prvvisoris^. dem hochwürdigen P. Leopold Gusner auö dem Capuciuervrden übertragen. Die Frauen vom guten Hirten dürfen nach ihrer Ordensregel wöchentlich zweimal Fleisch essen. Da aber die Sträflinge, um dem Gesetze zu genügen, nnr einmal in der W-'che Fleischspeisen bekommen dürfen, so hat die ehrwürdige Ob-rin des Konvents sogleich angcordnei, daß auch sämmtliche Ordensschwestern nur eiumal wöchentlich Fleisch essen sollen. !Lic Sträflinge haben daher ganz gleiche Kost mit den OrdenS- fraueu. Eine solche freiwillige Entsagung um GoiteS und des Heiles des Nächsten willen muß selbst auf verhanete Herzen Eindruck machen, und sie für eine gründliche Besserung gewiuncu. (Oesterr. Volköfr.) ittnHW'Ojchi's >mmM',^Zst!H MkM-^NMMM» I^i>>>«5 >nu, 7i'5>t!iV»M 1'iMiv't. B u d w e i s. Gudweis, 22. Jan. Ein an den Klerus der Diöcese vom hochwürdigsten Herrn Gischos erlassenes Schreiben macht den Verschlag zur Begründung eines LiebeS> Vereines, dessen Zweck wäre, „durch gewisse bestimmte Änbachisübungen nicht nur die Gnade einer glückseligen Sterbestunde für fämmiliche Vereinsmilglicoer zu erflehen, sondern auch im Todesfälle eines Aereinsglieves die Seele desselben der göttlichen Barmherzigkeit zu empsehlen." In diesen Verein werden nur Priester der Budweiser Diöcese aufgenommen, nnd die Anzahl der BercinSmitglieber, die bis zum 19. März l. I. ihren Beitritt anmelden sollen, ist auf 300 festgesetzt. (Prag. Ztg.) ---------,--- Verantwortlicher Ncdattcnr: L. Schönchen, Verlags-Inhaber: F. C. Krcmcr. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augstmrger PostMtung. 12. Februar S^- 7.. 1854. Dieses Blatt erscheint regelmäßist alle Sonntage. Der halbjährige Abonuement«prei« Tt> kr., wofür e« durch alle lonigl. bayer. Voi^äinter und alle Anchhaudlnngen bezogen werden k^uv. Die Akademie der Propaganda am 8. Januar 1834. Rom, 10. Jan. Zu den großartigsten Bildungsanstalten der Welt gehört unstreitig die Propaganda. Die Stiftung rührt zwar von Gregor XV. her, aus dem Jahre 16Z2; aber die Ausführung kam erst unter dem uachfolgeudcn Papste Urban VlII. zu Staude, weßhalb das Institut auch LoIIegium Hirlianum genannt wird. Die Oberleitung führt eine Cougregalivn, welche aus dreiundzwanzig Cardinälen besteht mit dem Präftcten an der Spitze und mit emem Präfecten der Oecouomie. Secrctär ist ein Prälat, der Sr. Heiligkeit wöchenilich Bericht erstattet; er steht in unmittelbarer fortwährender Verbindung mit den sogenannten Wnutali oder jenen Priestern, welche mit den Missionären in allen We.Itheilen correspoudireu. Die Milsiomire gehen a»6 der Bildungsanstalr hervor. Knaben mit zwölf Jahren werden schon aufgenommen — aus den verschiedensten Ländern, besonders aus solchen, wo keine höhern Schulen bestehen. Manche treten erst später ei». Auf die fünf Jahrgänge deS Gymnasiums folgen zwei Jahrgänge der philosophischen Studien und vier Jahrgänge Theologie. Gegenwärtig befinden sich 106 Alumnen an der Anstalt. Sie tragen einen schwarzen, offenen, rochgesütterten Talar. Ihre ConversatimiSsprache ist die iialieuische. BiS zum Jahre 18^8 lcüeten Jesuiten dir Schulen und daS Alumnat; Weltpriester traten an ihre dnrch den Stnrm der Revolution erledigten Stellen und haben sie jetzt noch innc. — Eine klare Vorstellung von der merkwürdigen Zusammensetzung dcö Alumnats gewährt besonders die öffentliche Akademie in der Octave deS EpiphaniafesteS. Die Weisen deS Morgenlan! es, diese Erstlinge deö HeidcnrhumS in der Anbetung Christi, werden als das Sinnbild der Bekehrung des HciocnihumS durch die ganze Octave in der Kirche 8. ^nelie-r clella Vallv gefeiert durch Hochämter in lateinischem und orientalischem Ritus und mit Predigten in italienischer, französischer, englischer und deutscher Sprache. Auch Protestamen finden sich zahlreich bei diesen Vorträgt» ein und sie hören vielleicht nie so unumwunden die Wahrheit, als an diesem Triumphseste der katholischen Kirche. Die erste der beiden den scheu Predigten hielt der Fürst Hohcnlohe, die letzte der vier englischen wild Se. Cmmenz der Cardinal Wiscman hallen. Im schönsten Cinklange mit dieser golteSnensllich-n Feier steht die Akademie der Propaganda. Die Capelie der Anstalt war mit rothen, boroir- ten Tapeten geschmückt, wie cS die römische Fcstsitte mit sich bringt. Den Hochaltar verhüllte eine Tapelenwand, die mit dem Bildnisse Sr. Heiligkeit t'io IX. geznrt war. Die Tribune deö Hochaltars besetzten in dichter Menge die Alumnen, Gäste füllten die Capeile; die ersten S tze nahmen der Cardinal Wiseman und der ehrwüidige Capuciner-Cardinal ein. Andere Carvinäle befanden sich in einem Oratorium. Gegen drei Uhr machte ein lateinifcher Prolog den Ansang. Der Redner, ein Korse, behauptete, die astronomischen Untersuchungen über den Stern der Magier seyen ein neuer 50 Beleg der schönen Uebereinstimmung der ächten Naturwissenschast und der Lehre der Offenbarung. Nun folgten meist poetische Vorträge, und zwar zuvörderst in asiatischen Sprachen. Ein Alumnus auS Dublin tcclamirte ein hebräisches Gedicht über den Spruch des heiligen Leo: „0 cooea (llerociis) stultae aemulationis impietas, czuae perturbancium putss ciivinum wo suroro eonsilium!" Zwei schlanke Alumnen auS Mossul sprachen all- und neu-chaldäisch, syrisch und arabisch; einer auS DamascuS sprach alt-armenisch, einer auS Konstantinopei neu-armenisch. Ein Giorgio de Crnz auS Nangoon im Virmancnreiche trug mit dein Motto: ,,^o pregoero per I» Lina!" ein chinesisches Gedicht vor — mit einer Gemüthlichkeit und einem Wohllaute über alle meine Erwartung. Die Einsilbigkeit der Wörter machte sich jedoch manchmal durch gesonderte Tonstöße genügend bunerkbar. Ein Georgier sprach über den kindlichen Glauben der Waisen des Morgenlandes; Giovanni Mac Jessey auS Bombai declamirte persische Verse; derselbe trug mit zwei College» auS Cork und Calcutla eine hinvostanische Ekloge vor. Der dreizehnte Vortrag war singalisch, der vierzehnte birmanisch, der fünfzehnte bengalisch, der sechzehnte türkisch. Von den Sprachen Europas waren vcrireicn: die alt-griechische, die neu-griechische, die laieinische, französische, italienische, portugiesische, illyrische, cellische, holländische, lappländische, deuische (auch der Schwcizcrviateli), die dänische Sprache, die russische, die englische (Versi Inglesi, Versione Irlimeleso, poesig Lco^eso), die schwedische, die ungarische, die romanische, rhalische, die walachische. Verzeihen Sie die Unordnung; die Aufzählung hielt sich mit geringer Ausnahme an die Reihenfolge der Vorträgt. — Sprachen von Afrika bildeten die dritte Abtheilung. Drei braune Egyptier trugen in kräftigem Tone eine koptische Ekloge vor. Ein vierter Egypiier, Antonio Raccrb von Nedi, gab eine Protc deS Thebenischen; der Abyssinicr Maria TeSfage von Adua sprach zuerst äthiopische Verse, dann vrosa ^msrioii. Der Spruch: „Lentes, czuue l'o non rwverunt, in^oeavunt Iv, et ponuli, cl 1'e eontugienl" wurve in der Sudansprache von einem Moh-en ausgeführt, dessen Schwärze die des Abyssi- nicrS noch weit übertraf. Zum Schlüsse traten noch sieben junge Eleven zugleich hervor, und jeder richtete an die Versammlung einen besondern Spruch des Dankes. Ein kleiner stämmiger Amerikaner von eiwa zwölf Jahren, mit rothen Wangen und röihlichen Haaren, erweckte durch die Frische des Voriragcö und durch den unbefangensten Frohsinn bei den Zuhörern allgemeine Heilerleir. Die gesammte Feier dauerte anderthalb Stunden. Unter allen diesen Sprachen tönten mir die äthiopische und indische am weichsten anS Ohr, so daß ich gerührt wurde, obgleich ich keine Sylbe verstand. — Die Aluiniien hielten ihren Tcrl in der Hand, und mehrere machten im Augenblicke veS Nothfalls davon einen flüchtigen Gebrauch. Vielleicht die allerbesten Dcclamaioren waren gerade die zwei Candidaten auS dem österreichischen Kaiserftaate: Giacomo Motter von Trient, der mit hinreißender Begeisterung in einer italienischen Ode die Hoffnungen der katholische» Kirche anösprach, und Franz Nichter von Hermannttaot, ver seiner Heimat und den Lieben daselbst ein Lebewohl zurief, welches in mir selbst ein Heimweh erweckte: aber eine hehre Stimme mahnte zum Op>cr der Trennung und das Glaubenöbanner sügie sich in seine Hand. In fernste Länder will er es tragen. Die Wogen dcö Meeres tosen empor; reißende Tdicre drohen in der Wüste; Dolche und Marterwerkzeuge erscheinen. Aber der jnnge Missionär blickt zum Himmel, schwingt daS Banner und cill in die Weite. Vlüiend sinkt er nach gesegnerei» Wirken zusammen. Die Seele wiro srei und schwebt in die wahre Heimat und findet dort die Lieben wieder. — Welche Gnade und welche Wonne ist eS, Katholik zu seyn! (Salzb, Kbl.) Die Kirchenstürme «nd ihre Folgen. Da die katholische Kirche als göttliche Anstalt zur Fortsetzung des ErlösurigSwerkeS Christi im Geschl.chie den weltlichen Staatsbehörden gegenüber eine beziehungsweise unabhängige Stellung in der menschlichen Gesellschaft einnimmt, welche sie, ohne 51 sich selbst aufzugeben, den oft wunderlichen Zumuthungen einer sich breit machenden StaatSweiShcit niemals zum Opfer bringen darf; so mußte eS im Laufe der Weltgeschichte wohl wieder zu den traurigsten Konflikten zwischen der geistlichen und weltlichen Regierung kommen, sobald die christlichen Grundsätze in einer Staatsverwaltung widerchrit-lichen politischen Maaßregeln gewichen waren, — Je nach der Verschiedenheit der Zcitverhältnisse und der Eigenihümlichkeit der geschichtlichen Beziehungen eines Volkes hat auch das Streben, die Kirche in das Joch deS StaatswagenS zu zwängen, eine verschiedene Färbung angenommen. In dem einstigen griechisch-morgenländischen Kaiserreiche richteten die gekrönten Erben der heidnischen Cäsaropapie bei ihren niederholten Angriffen auf die Selbstständigkeit der Kirche ihr Augenmerk vorzugsweise auf die Unterjochung deS römischen Stuhles,*) weil sie wohl erkannten, daß sich mich die Glieder nicht naturgemäß bewegen können, sobald daS Haupt in ftiner eigenthümlichen Wirksamkeit gehemmt ist. Und als dieß despotische Unternehmen nicht gelingen wollte, schritt man zur Schöpfung eines neuen Primates zu Konstantinopel, nachdem man sich zuvor von der Gemeinschaft mit Rom losgetrennt hatte; welcher Primat als politische Schöpfung sich dann auch seinem Urheber durch kirchliche Fügsamkeit dankbar bewies. Und weil diese kirchlichen Fesseln, in welche der DrSpotiSmns der griechischen Kaiser die mrrgenländische Kirche schlug, so Volks thu ml ich werden konnten, daß der Versuch zur Wiedervereinigung der morgenländischen Christenheit mit der abendländischen an der sittlichen Veri'unkenheit der ersteren scheiterte, so verfiel dieser abtrünnige Theil der Christenheit einem Gottesgerichte, welches die wilden Söhne MohamedS an demselben vollzogen. — Eine ähnliche Obmacht über die Kirche strebten auch einige deutsche Kaiser an, welche durch kirchliche Vermittlung die preisgegebene abendländische Kaiserwüide geerbt hatten, und nun zum Danke dafür die Kirche anfeindeten, als sie ernste Miene machte, sich in ihrer Selbstständigkeit und Würde als moralische Richtcrin der Nationen zn behaupte«. Doch war der Kampf der sränkisch-salischen und hohenstaufi cken Kaiser nicht so sehr gegen das Papstthum als solches, als vielmehr gegen einzelne hervorragende Persönlichkeiten, die dazumal den römischen Stuhl einnahmen, nnd deren Energie bei Wahrung wohlerworbener kirchlicher Rechte und bei der Durchführung kirchlicher Maaßregeln ihnen lästig war, gerichtet. Die Negation der göttlichen Einsetzung deS PapsttbumS blieb dem stürmischen ReformationSzeitalter vorbehalten. Der auf dasselbe folg.nde Kampf für und gegen die katholische Kirche spaltete anck Deutschland in zwei feindliche Parteien, deren offene und geheime Befchdung die Zerstörung der deutschen NeickScinheit vorbereitete. Doch erst dann wurde der organische ReichSverband vollständig gelöst, als ein geborner Schutzhe.r der Kirche, ein dcuischcr Kaiser, vom Jrrlichte der rationalistischen Aufklärung deS philosophischen Jahrhunderts geblendet, durch seine kirchenfcindlichen Verordnungen und Maaßregeln auch die noch treu gebliebenen Theile der kaihol. Kirche Deutschlands in moralische Fesseln schlug. Der Klageruf der leidenden Kirche war zugleich der Grabgesang der d utschen NeichSciuheit und Freiheit! Und obwohl man die bittere Erfahrung gemacht hatte, daß dem kirchlich-revolutionären Zeitalter der Reformationsepoche nnd AufklärungSpcriode die politisch-revolutionären Stürme der Neuzeit auf dem Fuße gefolgt waren, so dachte man doch in der politischen Rcst.uirati'onsepoche am Schlüsse der europäischen Freiheitskriege nicht daran, der schwergekränk-en Kirche Deutschlands Genugthuung zu leiste», und ihren wohli'egründeten Forderungen gerecht zu werde». Der in den achtziger Jahren deS verflossenen Jahrhunderts in Deutschland gegen die katholische Kirche begonnene, durch die Krieg?jahre unterbrochene, und vom französischen Usurpator fortgesetzte Kampf, wurde vielmehr nach wiederhergestelltem Frieden von den Regierungen der deutschen Groß- und Klein« staaten, welche die Erbschaft deö deutschen Reiches angetreten hatten, wiederum auf« Man denke z. B. nur an die barbarische Behandlung, welche Martin I. von Kaiser Con- sianz ll. erdulden mußte, weil er sich bei den inonothclctischcn Streitigkeiten nicht den launenhaften Einfällen dieses leidenschaftlichen Kaisers fügen wollte. A. d E, 52 genommen, und mit List und Gewalt fortgeführt, bis ein neues Gottesgericht ihr.cn ein gebieterisches Halt zurief. Während nun die Regierungen der deutschen Grcßstaaten, durch Erfahrungen klug gemacht, der Kirche gereckt zu werden anfangen, fchen wir die deutschen Kleinstaat«» einem pflichtgetrcnen Episkopat gegenüber die Consequenzen dc6 StaatSkirchciuhumS selbst auf Kosten der Ruhe und Ordnung ihrer Staaten ans die äußerste Spitze treiben. Zu schwach, den Kampf gegen das kirchliche Oberhaupt aufzunehmen, geht ihr ganzes Streben auf die Unterdrückung deS kirchlich-gesinnten KleruS ihrer Territorien. Und doch sind sie nur die Wurfschaufel in der Hand deS Herrn, der im Sturme der Verfolgung seine Tenne von der aufgehäuften Spreu reinigt. Jeder kirchliche Conflict mit einer kirchenseindlichen Staatsbehörde ist ja ein kategorisches Ultimatum, welckeS der göttliche Weltrcgent einem Volke zur letzten Enlscheidnng vorlegt. Stellt sich die öffentliche Meinung im Volke auf die Seite der Kirchenverknechter, so geht es seiner politischen »nd socialen Auflösung unaufhaltsam entgegen; widersteht eö dagegen der Versuchung zur Spaltung und Trennung, so wird sein Kern durch das neu erwachende kirchliche ^cbcn erfiischt und erneuert, so daß eS neu erstarkt durch seine sittliche Kraft jevem äuß rn und innern Feinde seines gesellschaftlichen LebeuS Trotz bieten kann. Das ist ein uraller Crfahrungssatz der Geschichte, dessen Wahrheit auch der Auö- gaug deS unheilvollen Conflictes in der oberrheinischen Kirchenprovinz neuerdings bestätigen wird. (W. K.-Z.) Der heilige FranciscuS als Patron deS Vereines gegen Thier- qualerei. Unter allen Heiligen hatte vielleicht keiner eine so innige und zarte Liebe zu allen Geschöpfen, aiö der große OrdcnSmann des Mittelalters, der heilige Franz von AM, Cr verachtete auch die Kleinsten und Geringgcachteisten nicht, sondern erinnerte sich ihres gemeinsamen Ursprungs; uuv nannte sie seine Brüder und Schwestern. Im Fri.dcn mit allen Wesen, gewissermaßen zur ersten UnschuldSzeit zurückgekehrt, floß sein Herz über von Liede, nicht allein für die Mcnschen, sondern auch sür alle Thiere, die weiden, die fliegen und die kriechen. Wo die Augen Anderer nur vergängliche Schönheit crblicklcu, eindeckte er mit höherer Scharfsicht die ewigen Beziehungen, weiche die sächliche Welt mit der siltlichcu Ordnung verknüpfen, und die Geheimnisse -der Nainr wie des Glaubens. Als Beleg hicfür wollen wir einige Züge aus dem Leben deS heiligen Franciöcuö zusammenstellen, und dadurch die Uebcrschrist dieser Zeilen rechtfertigen. Wir benützcn dabei das dem sei. Cardinal Diepenbrock gewidmete Buch: „J-aliens Franci^caner-Dichter im 43ten Jahrhunderts, von Ozanam." Manchmal lobte der Heilige stundenlang den Kn-stfleiß der Bienen, und ließ ihnen, selbst alles cnibehrcnd, im Winter Honig und Wein spenden, damit sie nicht vor Frcst umkämen. — Seinen Schülern stellie er als Mnster den Fleiß der Lerchen, die Unschuld der Turteltauben auf. — Nichts kam aber seiner Zättlichkeii sür die Läuim.r glcich, die ihn an die Demuth und die Sanfimuth deS Heilandes erinnerten. Die Legende erzählt, er habe, als er mit einem Ordensbruder in der Mark Ankona wandcrie, einen Menschen getroffen, der zwei kleine Lämmer an einem Stricke aufgehängt auf der Schulter trug. AIS er ihr Blöcken vernahm, wurde cr auf'ö Innigste davon gerührt, und näherte sich dem Manne, zu dem er sagte: „Warum quälst du die Lämmlein, indem du sie also gebunden und aufgehängt trägst?" Dieser antwortete ihm, cr brauche Geld, und trage sie auf den nächsten Markt, um sie den Metzgern zu verkaufen, die sie schlachten würden. Da ries der Heilige: „DaS wolle Gott verhüten, nimm lieber diesen Mantel, den ich umhabe, und schenke mir dafür diese Lämmer!" Dieß gefiel dem Andern sehr, er gab ihm die Lämmer, und nahm dafür den Mantel, der groß und viel wcrthvoller war, und den ein gläubiger Christ dem Heiligen am nämlichen Morgen wegen der großen Kälte erst verliehen hatte. Da 53 hielt nun FranclScuö die Lämmer in seinen Armen, ohne zu wissen, was er mit ihnen machen solle, gab sie aber, nachdem er darüber mit seinem Reisegefährten zn Rathe gegangen war, ihrem ersten Besitzer zurück, indem er ihm daö Versprechen abnahm, sie niemals zu verkaufen und ihnen kein Leid zuzufügen, sondern sie zu behalten, zu füttern und rechte Sorge für sie zu tragen. — Solche fast brüderliche Liebe zu den Geschöpfen erwarb aber mich mit Gewalt, früh oder spät, Gegenliebe, und die einfachen Erzählungen der Zeitgenossen bestä>izen cS, daß die Thiere den Heiligen umgaben, um ihn zu bewundern und ihm zn dienen, gleichsam als ob sie in dem abgemagerten und durch Fasten und Nacktwachen erschöpf-en Büßer von Assist, fast nicht mehr die irdische Gestalt, sondern nur noch daS Abbild GotteS erblickien. Die Hasen und die Fasanen flüchteten sich in die Falten seines GewandeS, und wenn er bei einer Trift vorbeigehend die Schafe nach seiner Gewohnheit mit dem Schwesternamen begrüßte, sollen sie ihre Häupter erhoben haben und ihm gefolgt seyn, indem sie ihre erstaunten Hirten verließen. Er selbst fand^, bereits längst den Genüssen der Menschen entfremdet, süßes Vergnügn an diesen Festen, welche ihm die Thiere deS Feldes bereiteten. — Eines Tages, da er durch das Thal von Spoleto schreitend, nahe bei Bevagna an einen Platz kam, wo sehr viele Vögel, besonders Sperlinge, Krähen und Tauben nisteten, verließ er, in seiner großen Liebe mich für die vcrnunstlosen Geschöpfe, auf kurze Zeit seine ans der Straße wandelnden Gefährten. Da sah er, wie er näher kam, daß die Vögel ihn erwarteten, und grüßte sie nach seiner Gewohnheit. Bewundernd, daß sie bei seinem Anblicke nicht davon geflogen waren, srente er sich innig, und bat sie demüthig, das Wort GotteS zu vernehmen. Er sprach zu ihnen: „Ihr Vog-lein, meine Brüder, ihr besonders müßt curcu Schöpser loben und ihn stets lieben, denn er hat euch Fevern gegeben, um euch zu decken, Flügel, um zu fliegen, und Alles, dessen ihr bedürftig scyv. Er hat euch unter allen Werken seiuer Hände besonders geadelt, und euch eure Wohnung in dem reinen Striche der Lust bereitet." Wie er selbst berichtet und seine Gefährten bestätigen, nahmen die Vögel bei liefen Worten jeder seine eigenthümliche Stellung an, und schlugen mit den Flügeln. Er aber ging mitten unter ihnen hin und her, und streifte sie dabei mit dem Saume seines Gewandes. Darnach aber segnere er sie, und gestattete ihnen, nachdem er daS Zeichen des KreujeS über sie gemacht hatte, davonniflicg/n, worauf er sich innerlich sehr gelrcstet wiever zu seinen Schülern begab. — Kurz vor seinem Tode hatte er noch die Freude, ein großes Festmahl zu geben, zu dem er die Thiere cinlnd. ES war am Wcihnachtstage in Grecio, daß er diesen Sieg der Einfalt, der Armuth und der Demuth feierte. Man halte in der Mitte eines Gehölzes einen Skall errichtet, und in diesem war Hen, ein Oeche'lcin und ein Eselein, während die Krippe als Altar diente. Die Franciscaner strömten aus vielen ihrer Klöster in der Nachbarschaft herbei, und sehr viele Umwohner wallten mit brennenden Fackeln, geistliche Lieder singend, von den Bergen herab. Diese Nacht, von der daS Licht der Well ausgegangen ist, sollte keine duiu.e seyn. Der heilige FrcmciscnS diente freudenvoll als Diaconus bei der heiligen Messe, und sang feierlich das Evangelium, Er predigte dann dem Volke von der Geburt Christi und der hohen Bestimmnng Bethlehems u, s, w. Seit diesem Tage ist eS, daß sich mit päpstlicher Gutheißung die schöne Sitte, erst in Jialien und dcwn auch in Deutschland nnd Nier-erlanv verbreitet hat, ans Weihnachten Krippen zu bauen, und an denselben bei dem vom Christkinde ausgehenden Lichtglanze zu opfern. — Wie Bonavcntura erzählt, sangen die Lerchen ans dem Dache deS Hauses, worin die Leiche des heiligen FranciScus lac>,> mit den Brüdern Trauerlieder. Ist daS zu wundern? Wohl mag es nicht an Solchen fehle», welche vornehm auf des Kindische herabsehen, was man vielleicht in dieser Freundschaft deS heiligen Franciscus für die Lämmer und die Tauben findet; allein derselbe Manu, der einfältig genug war, den Vögeln zu predigen, rief die Bürger auf den Märkten von Padua, Brescia, Cremona und Bologna zusammen, nnd sing seine Ne?en an sie mit dem Wunsche deS Friedens an; dann ermähnte er sie, die Feindschaften auszulöschen und Sühnverträge unter 84 einander zu schließen, und Viele umarmten sich, das bereits vergossene Blut verwünschend. So erscheint der heilige FranciscuS von S!ss>si als Orpheus dcS MittelalterS, die Wildheit der Thiere und die Härte der Menschen bändigend. — Wenn eS nun schon in unserm jetzigen Zeitalter einen Verein gegen Thicrquälerei geben muß, so könnte man ihm keinen bessern Patron wünschen, als den heiligen FranciScuS, Dadurch würde die Humaue Grundlage dcS Vereines in eine christliche verwandelt werden, und von dieser christlichen Gesiuuung ließe sich mehr Wirksamkeit erwarten, als von der Vcrihciluug preisgekrönter Traclätchen. Bilder und wahret das unschuldige Gemüth der Jugend — und die Thicrquälerei wird von selber aufhören. (Oest. Vfr.) Vereinigte Staaten von Nordamerika. In Cincinnati sand am Neujahrsfeste eine herrliche Fei>r statt. Es wurde nämlich, wie uns der „Wahrheitsfreund" berichtet, die heilige DreifaltigkeitSkirche an dem genannten Tage vom hochwürdigsten Herrn Erzbischof Purcell feierlich eingeweiht. Der päpstliche Nuntius hielt das Poutificalamr. Ihm assistirten der hochwürdigc Superior der FranciScaner von St. Bernhard als Erzpriester, P. Unterthiener, 0. 8. k°. von der St. JohanncSkirche, als Diacon, und der hochwürdige Herr Hengchold von der St. Philomenarkirche als Snbdiacon. Der hochwürdigste Erzbischof Purcell und der hochwürdigste Bischof von Samt Palais von VinzenneS waren im bischöflichen Ornate anwesend; Caplan des ErzbischofS war der hochwürdige Herr Hammer von der St. Marienkirche, uud Capian des Bischofs der hochwürdige Herr VoohrS, bisher Vorsteher im hiesigen St. AloysiuS-WaiseubauS. Ceremoiiienmeister war der hoch- würdige Herr LiierS von cer St. JosephSkirche. Ferner waren von den Herren Geistlichen anwesend: Hochwvrden Herr Kröger und Ritter von der heiligen Drei- saliiglcilökirche, Hochwnrten Herr Kühr von der Muttergotteskirche in Covington, Hochwürden Herr Hahn von der St. Pauluökirche, Hochwürden Herr DesalaerS von der St. Michaelskiiche, und Hochwürden Herr Elkmann von der St. Marienkirche. Die Festrede hielt (nach d.'in Evangelium) der hochwürvigste Gencralvicar Ferneding über den Tcrt Luc. 19: „Hente ist diesem Hanse Heil widerfahren." Es war «ine wahre Festrede, durch und durch vom kirchlichen Geiste und von kirchlicher Freude durchweht. Ehe der NuntiuS den apostolischen Segen ertheilte, hielt auch er eine kurze Anrede in deutscher Sprache, in welcher er unter Andern» sagte, daß er willens gewesen, früher von Eincinnati abzureisen, aber sich gern habe cnifbaltcn lassen, der Einweihung der wieder aufgebaute» erste» deutschen Kirche hiesiger Stadt beizuwohnen. Er freue sich, hier geblieben zu seyn, und eS gereiche seinem Herzen zu einer großen Freude und Tröstung, so viele gute deutsche Katholiken versammelt zu sehen und in ihrer Sprache anreden zu können. Die vielen großen und prachtvollen Kirchen der Stadt seyen das sicherste Zeugniß für den Glauben und die Opferwilliakeit für die Sache dcS Glaubens von Seile der Kaiholilen. Diese große und prachtvolle Kirche, welche so eben wieder zum Dienste des Allmächtigen eingeweiht worden, sey ein weiterer Beleg hiezu. Zwar sey die Kirche im Innern noch nicht vollendet und ermangle noch manchen Schmuckes, daS werde aber ÄlleS nachgeholt werden, wie man von den Denischcn EiminualiS gewohnt sey. Düse Kirche, wie sie jetzt dastehe, könne füglich als ein Bild für jeden Christen bezeichnet werden. Denn obgleich man im Verbände der wahren Kirche lebe, so gebe es doch immer im Innern des Christen — im lebendigen Tempel dcS heiligen Geistes, wie die Schrift den Christen nennt — noch manches auszubauen und auszuschmücken, ja daS ganze Leben hindurch, so lauge der lebendige Bau stehe, dürfe von der wcitcrn Ausschmückung nicht abgelassen werden. Dieser Schmuck bestehe in Uebung aller christlichen Tugenden. Hierauf folgte der bischöfliche Segen. Der hochwürdigste Erzbischof Purcell hielt dann auch noch eine Ansprache an das versammelte Auditorium, und machte beson- Zö derS auf die Verleumdungen aufmerksam, welche von Seite der Presse und eines Theiles des PublicumS gegen den apostolischen NnntiuS in diesem Lande verbreitet worden seyen und noch heule wiederholt würden. Es sey dieses die größte Schmach, welche der schuldige Theil der Presse und deS PublicumS auf sich geladen habe zc. Am Abend überreichte daS Baucomittee dem Herrn Nuntius eine Dankadresse, welche mit einem sehr schonen Gedicht begleitet war. S Gegenüber dem schmachvollen Treiben der italienischen Flüchtlinge und der Echmähblätter verdient daS Benehmen deS protestantischen PublicumS gegen den päpstlichen NnntiuS Monsignor Bcdini doppelte Aneikennnng Der Bürgermeister von New-N rk lud den Gesandten deS heiligen StubleS amtlich zur Besichtigung der öffentlichen Anstalten der Ciadt ein, eine Ehre, welche nur den auSgezeichuelsten Gästen widerfährt, und die Stadtbchörden halten hi'czu Wagen zur Verfügung gestellt. Am 10. November begann der NuniiuS vom Palaste des ErzbischofS von Ncw-Aork auö, der ihn begleitete, seine Rundfahrt unter zahlreicher Begleitung, die immer sich vermehrte, so daß zuletzt der Zug zwanzig Wagen zählre. Der Nuntius besuchte die Blinden- und Tanbstummen-Anstalt der Siadt, dann die zahlreichen WohllhätigkeitS- Anstalten auf den Inseln Raudalt, Ward und Blackwell. — Die beiden Prälaten stellten den zehn Gouverneurs und den Commissarien für die Einwanderer den Geistlichen vor, welcher mit der Seelsorge für die Katholiken auf den drei Inseln beauftragt ist, und empfahlen denselben ihrem Schutze In den Krankensälen richtete der NuutiuS wohlwollende Worte an die Krankenwärter, besonders an jene, welche ihm alö den Katholiken feindselig bezeichnet worden, und die sich durch diese Aufzeichnung geehrt nnd versöhnt fühlten. Auf der Insel Ward halten die Commissarien ein prachtvolles Gastmahl zu fünfzig Gedecken veranstaltet, wobei eö natürlich an Toasten und Reden nicht fehlte. Der Nuntius ergriff selbst mchrmal daö Won und wurde mit größter Aufmerksamkeit gehört. Besonders klalschle man Beifall, als er am Schlüsse der Danksagung für die Ausbringung seiner Gesundheit saate: „Da Sie Alle den Papst als den heiligen Vater bezeichnen, wollen wir hoffen, daß er cincö TageS Sie Alle seine Kinder nennen kann." Am merkwürdigsten aber ist der Besuch in Kaughuaweya, ciuer Niederlassung von bekehrten Mitten. Sie waren seit längerer Zeit mit ihrem Pfarrer, einem würdigen Priester, der schon eiuuuddrcißig Jahre unter ihnen arbeitet, im Zwist, uud alle Versuche zur Herstellung des Friedens waren bisher vergeblich. Tic Gegenwart deö päpstlichen NuutiuS stellte ihn her. Wir theilen ein Bruchstück auö der Rede mit, in welcher diese Gläubigen ihre Reue an den Tag legren und Besserung versprachen. „O Varer, sagten sie, deine Worte sind uuö lief ins Herz gedrungen; wir werden sie niemals vergessen, weil du vom großeil Valer kommst, dem wir alle Liebe uud Ehrfurcht schuldig sind. Wir sind fest einschlössen, deinen Ermahnungen zu folge», zweifle nicht daran. Du hast uns Liebe nnd Einigkeil mit unserm Hirten gepredigt, uns wir werden sie haben. Du darfst diese erfreuliche Nachricht dem großen Vater bringen, welchen wir Alle, obgleich in Weiler Ferne, alö Kinder verehren. Du wirst damit sein Herz trösten und wir werden unserm Worte treu sey». Du rufst uuS im Namen dessen, welcher der Vater von uns Allen ist, auf den gnten Psav zurück, und mir gehorchen. Wir werden niemals dieses schönen TageS und deiner Worte vergessen." Doch auch an feindseligen Demonstrationen durfte eS nicht gänzlich fehlen. Monsignor Bedini war nach Cincinnati gekommen, um dem Erzbischof Purcell einen Besuch abzustatten. Ein unter dem Namen Freimännergesellschast (societ^ c>l d'reemen) bestehender Club von Deutschen zog am 23. December, etwa fünfhundert Mann stark, voil seinem Versammlungslocale nach dem von dem Erzbischofe bewohnten Hause; eS wurden Drohungen laut, welche die persönliche Sicherheit deS NuutiuS gefährdet erscheinen ließen. Die Polizeimannschaft, deren WachthauS sich dem erzbischöflichen Hause gegenüber befindet, schritt gegen die Tumultuanlen ein. ES kam zu einem 56 förmlichen Gefechte; viele Schüsse fielen; die Tumultuanlen ergriffen endlich die Flucht, verfolgt von der Polizeimanuschaft, welche etwa sechzig derselben gefangen nahm; vierzehn der Unruhestifter wurden verwundet, einer getödtet. Antwort des Erzbischofs von Utrecht aus die Adresse der katholischen Generalversammlung. Die Generalversammlung der katholischen Vereine Deutschlands, welche im September vorigen JahreS in Wien tagte, hat auch eine Adresse an daS hochwiirdige Episkopal Hollands volirt, um in derselben die lebhafteste Theilnahme für die Leiden rinn Kämpfe auszudrücken, welche die niederländischen Katholiken für die Rechte der heiligen Kirche mir so viel Muth und Ausdauer bestanden haben. Auf diese Adresse ist nun eiu Aniwortschreiben vom hochwürdigsten Herrn Erz- bischof von Utrecht, dem Metropoliten rer holländischen Kirchenprovinz, clei. Tilbnrg, den 3. Jänner 1854, eingelaufen. Der hochwürdigste Herr Erchischos sagt in diesem Antwortschreiben: „Die Errichtung der kirchlichen Hierarchie in Niederland ist ein hochwichtiges Ereignis), für welches man die göttliche Vorsehung nicht genn^ preisen kann. Nach mehr al' zwcihundcrtjährigen Kämpfen beginnen nun die religiösen Angelegenheiten dieses Landes, welche so lange auf verschiedene Weise verletzt waren, auf normaler Grundliige sich wieder hcrzusttllen, was bei dem so ausgezeichnet gläubigen Sinne dieses Volkes die besten Früchte hoffen läßt. Wie angenehm und tröstlich ist cö für mich, die unzweideutigsten Beweise von sein lebhaftesten Interesse zu sehen, welches die katholischen Brüder Deutschlands und Oesterr-ichs an den Wohlthaten nehmen, mit welchen der Himmel ihre Brüder in der Kircheuproviuz Niedcr- lanv begünstigte. Wir werden insgesammt, fest an den Mittelpunkt der Einheit uns anschließend, an diesen unverwüstlichen Felsen, dessen Grundfeste zu unterwühleu die Holle vergebens versucht, nicht aufhören, den ewigen Vater, von dem jede gute Gabe kommt, für die im verflossenen Jahre gütigst gespendeten Wohlthaten zu danken und unsere Bitten mir denjenigen unserer Brüder in Deutschland und Oesterreich zu vereinigen, damit alle Kinder der Kirche im Glauben verharren und der heiligen Fahne deö Kreuzes folgen, in welcher die Hoffnung unseres Heiles ruht." Trost am Grabe. Johanna von Orvietta, die damals im Orden des heiligen Dominicnö ein Muster vorzüglicher Heiligkeit wurde, besaß schon in ihrer frühesten Jugend einen sehr regen Geist unv gab oft so vernünftige Autworren, wie man sie nur vsn erwachsenen und iu der christlichen Vollkommenheit schon weit vorgeschrittenen Personen hätte erwarten können. Frühzeitig verlor das unglückliche Kind den geliebten Vatcr. Die trostlose Mutter nahm darum gar oft an Sonn- und Feiertagen das zarte Mädchen und führ e eS zum Grabe des uuver- gcßlichen VaierS, um da für seine unsterbliche Seele zu beten Einmal war die Mutter vor innerer Betrübniß ganz und gar außer sich und beklagte eS mit bittern Thränen, daß der Himmel so srühe schon ihrem Kinde den Vater nahm. Da ergreift Johanna die Hand der guten Muller und spricht: „Weißt du'nicht, Mutter! daß wir dort oben noch einen Varcr haben, den Himmelvaler, so gut und lieb? Hast du mich ja beten gelehrt: „Vater unser, der du bist iu den Himmeln!" — Diese einfache Bemerkung des frommen KindeS machle ans das niedergebeugte Mutterherz einen so gewaltigen Eindruck, daß die arme Willwe mit einem Blicke hnliger Freude zuerst gegen den Himmel und dann auf ihr Kind hinsah, dieses voll Liebe umarmte, ihre Thränen trocknete und künftighin nimmer murrte über die Fügungen der göttlichen Vorsehung. Die Zukunft bewies es aber auch, daß Johanna an G>)tl im Himmel einen gar sorgsamen nnd lieben Varer halte; denn unter dessen Gnade und Beistand wuchs sie zn einer herrlichen Blume heran im großen Garten Gottes. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Äerlagg-Inhaber: F. C. Kremer. ttil^Ä Illi Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PostMtung. 19. Februar 8. 1854. Dieses Blatt erscheint regelmäßig.alle Sonntage. Der halbjährige Abonuement«prei« 5tt kr., wofür «« durch alle königl. baper. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werde» kaun. An Radetzky tu Fretburg. Greiser Held im großen Kirchenkampfe, Der im kleinen Baden wird geführt, Wie Radetzky in dem Pulverdampfe Stehst Dn fest, vom Feinde nicht beirrt. Um Dich sammelt sich mit Freudenmuthe Deiner Priester treuergeb'ne Schaar, Ist bereitet, selbst mit ihrem Blute Dich zu schützen, Vater, in Gefahr. Dieß erfreut die Seele in der Ferne, Wenn ich auch nicht unter ihnen bin, Und nach Freiburgs Hellem Silbcrsterne Ist gerichtet meiner Liebe Sinn. Frei soll werden Deiner Kirche Boden Von des Staates Obcrhcrrlichkeit, Die die Heivcnkaiser selbst, die todten, Nicht verlangten zur Vcrfolgungszeit. Eine Burg mit felsenfestem Thurme Bist Du deshalb in der Hirtcnstadt, Der nicht weicht dem Toben und dem Sturme, Den die Hölle heiß entzündet hat. Von St. Peters Kirchenfelsenzinne Schaut aus Dich der höchste Seclenhirt, Segnet Deinen Kampf, der zum Gewinne, Wie noch immer, für die Kirche wird. Rudolf von Rodt, weiland Missionär der Londoner Missionsgesellschaft, über die Früchte seines Wirkens in Indien. (Hist-p°l. Bl.) Die Debatten deö englischen Unterhauses über die indische Bill störte Lord Fitzgerald mit Vorlage einer Adresse, die nicht weniger als 600,000 katholische Ein- 68 ,»tt, wohner Indiens unterzeichnet und mit bittern Klagen angefüllt hatten. Im Heere der ostindischen Compagnie, sagten sie, dienten 16,000 Katholiken, und 107,855 Pfund 14 Schill. betrage die jährliche Ausgabe allein für die Staatskirche in Ostindien, während nicht mehr als 5496 Pfund auf die geistlichen Bedürfnisse der Katholiken verwendet würden, die doch eben so zahlreich seyen (oder zahlreicher, selbst wenn man Alleö für vollgiltig nimmt, was protestantischerseitS seit etwa zwanzig Jahren an „Namenchristen" und „Regierungschristen" zusammengerafft worden); ein Katholicismus ohne Priester sey nicht denkbar, darum darbten sich auch die katholischen Soldaten von ihrem spärlichen Solve Beisteuern zur Erhal>ung ihrer Geistlichen ab, uuv erst in der Schlacht von Moodkee sey einer ihrer RegimentScapläne gefallen, während er den Sterbenden das Viaticum gereicht; ein protestantischer Bischof in Indien beziehe 5500 Pfund jährlicher Besoldung, ein katholischer Bischof dagegen eine Susteuiation von — 240 Pfund u, f. w. Ob dabei einzelne Männer des englischen Parlaments eine Vergleichung angestellt haben mögen, einerseits dieser katholischen Armuth und Niedrigkeit mit dem seit Jahren unablässig vermehrten Auswaud politischeu, materiellen und geistigen Reichthums und Gewichts am protestantischen MissionSwerk in Ostindien, andererseiis zwischen dem fröhlichen Prospcriren jener äußerlich unscheinbaren Mission und der völligen Erfolglosigkeit dieser mit allem Glanz und Pomp der Weltmacht auftretenden Anstalten? Schwerlich! Denn in der Ocffentlichkeit ist die prahlende Lüge noch immer Herr über die verzweifelnden Berichte von der trostlosen Wirklichkeit. Um so mehr verdienen die ausführlichen Geständnisse unsere nähere Betrachtung, welche die vor Kurzem erschienene Biographie eines protestantischen ÄpostelS für Indien auS der neuesten Zeit seinen hinterlassenen Papieren entnommen und veröffentlicht hat. ^) Es ist der Berner Rudolf von Rvdt, ein ehrenhafter Charakter, der mit seiner Wahrheitsliebe und rechtschaffenen Geradheit schon zu Lebzeiten bei seinen MissionScollegen und Vorständen wenig Ehre eingelegt Hai. Bon Rodt war ein in den Bedrängnissen der protestantischen Religionsverwirrung, innerlich tief unglücklicher Mann. Schon in der Jugend sah er sich, im Bunde mit einem glcichgesinnten Bruder, seiner freien kirchlichen Stellung halber in lebhaftem Gegensatze zu einem strengen, mit voller Ueberzeugung der refvrmirten Landeskirche angehörenden Balcr. Nur „dem freundlichen, gläubigen Andringen" seitens einer mütterlichen Tante konnte der junge Mensch nicht widerstehen, und fühlte sich „gewissermaßen gezwungen, sein Herz Gott zn übergeben." Von der Berner Akademie begab er sich 1833 nach Genf, wo die neue, vom Staate und seiner Kirche unabhängige „theologische Schule" vor Kurzem eröffnet worden war. In der That konnte von einer christlichen Kirche des Genfer Staates damals eigentlich keine Rede mehr seyn; denil „aus Geuf war der alte Ernst calvinischen GlanbcnS längst, gewichen. Die anerkannte Landeskirche huldigte, bewußt und unbewußt, dem Sociuianismus; aus der andern Seite hatte die früher vom Bürgerrecht ganz ausgeschlossene katholische Bevölkerung sich außerordentlich vermehrt. Die Lehre von der Gottheit Christi dürfte nicht mehr gepredigt werden; die wenigen Geistlichen, die es dennoch thaten, mußten die Kanzel räumen und sich eine eigeue Gemeinde suchen" (Bvutcrweck S. 9). Unter diesen Verhältnissen entstand dann die „evangelische Gesellschaft", welche 1831 die oben erwähnte theologische Schule gründete, auf der unser mehr und mehr mit sich zerfallende Rodt religiöse Bernhignng zu finden hoffen mochte. Allein unterm 8. Mai 1833 schreibt er bereits an einen Veruer Freund: „Ich habe nun meinen Aufenthalt geändert, aber nicht meinen Charakter. Ich bin eben . derselbe kalte, gleichgiltige und phlegmatische Rudolf, den Dn in Bern gekannt hast, der Dich aber doch aufrichtig liebt und Dich oft hcrgewünscht hat; denn die Laterne, mit deren Hilse ich gleichgesinnte Freunde suche, ist noch immer angezündet und wird, wie ich fürchte, eS noch eine Zeit lang bleiben müssen. — Ich besitze indessen das Leben und Wirken Rudolfs Von Rodt, weiland Missionärs der Londoner MissivnSgescllschaft in Indien, von l)>, Karl Wilh. Bouterweck, Dircetor des Gymnasiums in Elbcrfclv. Elberfeld 1852. 59 Vorrecht, hier mit Brüdern bekannt zu seyn, die Liebe verdieneil, und mit denen ich allmälig vertrauter zu werden hoffe. Allein ich bedanre, daß ich bei ihnen Allen auf ein Hinderniß stoße, daß sie nämlich in ihren Ansichten von der Kirche verschiedener Meinung mit mir sind/' Schon früher durch den amerikanischen Missionär Abeel aufgefordert, entschloß sich Rodt auf das erneute Andringen des Missionärs GrorcS, der auS Bengalen nach Genf gekommen war, um Missionäre zn suchen, dem MisstonSwerke sich zu widmen, und, unter dem 23. Juli 1835 von dem „Comite der zur Evangelisation verbundenen Gemeinen in Genf, im Waadtlande, Neufchatel, Bern und Basel, als Prediger des Evangeliums, nach Indien ausgesendet", ging er nach London, schiffte sich zu Liverpool ein, und betrat den 11. April 1836 den indischen Boden. Er war zu London vorher in die Missivnödicnste der etablirtm Episkopalkirche Englands aufgenommen worden. Von der in Indien herrschenden religiösen Begriffsverwirrung, von der uner- schüttcrten Gewalt des krassen HeiventhumeS oder gottlosesten Materialismus, und der noch krassern Cyristenmacherei, ja, von dem gerade entgegengesetzten Erfolg der mis- sionarischm Thätigkeit, sollte Rodt schon bald nach seiner Ankunft die abschreckendsten Beweise erhalten! vie Eingeborenen waren offenbar durch ihr Psendochristenthum nur noch ausgearteter und sittenloser geworden. Schon gleich bei seinen ersten Besuchen von Hindu-Schulen machte er die traurigsten Erfahrungen. Einmal fragte er einen etwa zehnjährigen Knaben, der schon seit einiger Zeit Unterricht in der christlichen Religion empfangen hatte, was er von den Götzen halte, und der Kleine antwortete mit ernster, allkluger Miene und funkelnden Augen: „Es gibt nur einen Gott, daS ist ein allgemein verbreiteter Glaube (sie!); allein eS gibt viele Unlergottheitcn;" er nannte darauf mehrere. Solche und noch entmuthigcndere Borfälle mochten oft schwerer noch, als die „tiefe Einsamkeit", den jungen Missionär drücken. Und daß er überall dieselben Mißerfolge sah, bekennt er selbst in einem Briefe aus Calcutta, wohin er im Juni 1837 gereist war. „Für daS Evangelium", schreibt er, „geschieht hier viel, aber lange noch nicht genug. Die Arbeiten der Missionäre sind hier nicht sehr gesegnet, dein Anscheine nach, und das Feld, das sie bearbeiten, ist sehr harr. Jedoch findet sich hie und da ein junger Hindu, der Muth genug hat, seiner Kaste zu entsagen, d. i. von Vater, Mutler, Weib, Geschwistern nnd Allem, was ihm lieb ist, sich zu trennen, Verfolguugen und grausamer Behandlung sich auszusetzen und ans den Namen Christi sich raufen zn lassen. Doch bleiben nicht Älle ihrem Vekemituisse bis ans Ende treu. Die heidnischen Vvrurtheile nehmen aber in dieser Stadt von Jahr zu Jahr immer mehr ab. Viele Hindns haben ihre Religion ganz verlängnet, sind dadurch aber nicht besser geworden, da sie nun bloß Deisten oder Atheisten sind, und daher, weil sie Jesum nicht bekennen, haben sie auch weder Schmach noch Versolgnng zu leideu. Kenntnisse und europäische Bildung nehmen sehr über Hand, (sie!) Viele Hindus reden sehr geläufig englisch." Daß eS aber nicht bloß in der großen Weltstadt Calcutta — was man doch noch durch die gewöhnliche Korruption großer Städte im Nothfalle erklären und entschuldigen könnte — so schlecht stand, sagt uns ein weiterer Brief RvdtS von Suna- muky, wohin er zurückgekehrt war, uutcr dem 26. Nov. 1837 geschrieben: „Es ist nun schon mehr als ein Jahr, daß ich unter den Heiden das Evangelium predige, habe aber bis auf diese Stunde nicht die geringste Frncht meiner Arbeit gesehen. Ich wundere mich nicht darüber: denn ohne die besondere Gnade und Einwirkung Gottes" (M. die eben in der Erfolglosigkeit der Arbeit auch negativ sich auszusprechen Macht hat!) „kann auch nicht Eine Seele gerührt und zum Glauben an EhristnS gebracht werden. Jedesmal, wenn ich den armen Heiden von unserm Heilande rede, fühle ich tief die Schwachheit meiner Predigt und die Unzulänglichkeit meiner Beweise. Meine Person, als Europäer und als mit den Herrschern des Landes eng verbunden" (8ie!) „zwingt freilich die Eingebornen, mir mit Ehrerbietung zu begegnen: allein nach ihren Religionsbegriffen bin ich doch ein verächtlicher Mann, 60 ohne Kaste, ohne wahre Religion, ein Kuh- und Schweinefleischesser, ein Mletschtscha, d. i. ein Unreiner. Auch sagten sie mir einmal: „„AuS deinem Munde religiöse Gespräche anzuhören, ist unö Sünde/"' So wie meine Person, hat auch meine Predigt nichts Anziehendes für sie. Krischna ist ihr Erlöser, den sie leidenschaftlich lieben. — Dessen ungeachtet dürfen wir nicht müde werden. Gott hat sich bereits Zeit und Stunde ersehen, wo er über dieses unglückliche Land die Sonne der Gerechtigkeit wird aufgehen lassen Nur wenn ich auf mich selber sehe, will mir zuweilen der Muth entgehen. Ich liebe selber den Herrn so wenig; wie kann ich verlangen, daß Andere ihn lieben? Ich bin so kalt im Dienste meines Herrn, so leichtsinnig in der Erfüllung meines Amtes; wie ist eS möglich, daß er meine Arbeit segne. Solche Gefühle meiner Schuld und Untüchtigkeit, verbunden mit dem Gedanken an die völlige Fruchtlosigkeit meiner Arbeit drückten mich in diesem Jahre oft sehr darnieder, und meine gänzliche Einsamkeit macht meine Lage noch hoffnungsloser." ^Schluß folgt.) , Tablomanie,»nb Nekromantie. 5 Als vor Kurzem ein Landmann vom Tischrücken und Tischklopfen und dessen wundersamen Erscheinungen erzählen hörte, rief er auS: „Das muß vom Antichrist herkommen, der im Jahre 1853 geboren worden seyn soll!" Dieser Ausruf mag wohl anfangs lächerlich vorkommen. Allein wenn man bedenkt, was der Apostel Paulus im zweiten Brief an die Thessalonicher schreibt, so kann statt des Scherzes Ernst und Besorgniß eintreten. Nach den Worten des Apostels geschieht die Ankunft des Menschen der Sünde und des Sohnes des Verderbens gemäß der Wirkung des SatanS mit allerlei Kraft, Zeichen und falschen Wundern. Wenn man nun die außerordentlichen Phänomene des Tisch- RückenS- und Klopfens näher betrachtet, so möchte man annehmen, unsere Zeit versetze sich in das Gebiet der Zauberei oder d-S WeibeS mit dem Pythonsgeiste zu Endor, um sich dort den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele zu holen, der so ziemlich beseitiget wurde, weil ihr die Unsterblichkeit deö Leibes lieber wäre, den ja der Tod in seinen sinnlichen Genüssen so unangenehm stört. Von dieser Seite betrachtet, Härte die Zauberei, Wahrsagerei und Todtenbeschwörung noch etwas Gutes, wiewohl dieser Weg zur Kenntniß der Unsterblichkeit der Seele zu gelangen nicht der rechte ist, sondern der Glaube der Kirche. Aber wenn man auf der andern Seite liest, wie meisteng die zweierlei Geschlechter bei'm Tischrücken die Kette bilden, so kann man den Verdacht grober und feiner Sinnlichkeit nicht ganz ferne halten, wodurch der unreine Geist den Reiz der Wollust in die Herzen, besonvers junger Leute eingießt, und eS wird gewiß jeder Seelenführer die Jugend vor dem höllischen Verführer der Menschheit warnen, um sie vor dessen Schlingen zu bewahren. Folgende Erzählung deS gelehrten und frommen Jeremias Drerelius auS Augsburg, dessen Schriften von Katholiken und Protestanten gerne gelesen wurden, möchte hier nicht am unrechten Orte stehen, um besonders die Jugend vor verwegenem Spiele mit unbekannten Mächten und Gefahren zu warnen. Einem Jüngling träumte, er sey vom Rachen eines Löwen getödtet worden. Er steht auf, merkt nicht mehr auf den Traum und geht mit seinen Kameraden zur Kirche. Auf dem Vorplatze derselben sieht er einen steinernen Löwen mit offenem Nachen, der einer Säule zur Stütze diente. Hier erzählte er mit lachendem Munde den Genossen seinen Traum und sprach: „Sehet da, der ist jener Löwe, der mich heute Nacht zerriß" Mit diesen Worten steckre er die Hand in den Rachen und rief auS: Hier hast du deinen Feind, beiße mit deinen Zähnen, wenn du kannst!" Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so erhielt er eine tödtliche Wunde in diesem, wie er glaubte, unschädlichen Schlunde. Ein Skorpion nämlich war in dem untersten Theile des Rachen verborgen gewesen, der, als er die Hand fühlte, seinen Stachel gebrauchte und den jungen Spötter tödtcte. 61 Wer erinnert sich bei dieser Erzählung nicht an die Worte des Apostels Petrus- „Seyd nüchtern und wachet: denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe, und suchet, wen er verschlingen könne." Lasset euch nicht berauschen und einschläfern von der Wuth unserer Zeit, die Alles wissen möchte vom Orakel der Tische, nur das Eine nicht, waö am nothwendigsten zu wissen wäre. --- ! > > , ^ -'-t I'/lH mi^t-I 'isl.ii'"'^ 'N(N NMIÄ ?',chi>7ii:s>linu i'-liüR'(lilll Die Kirche und der Findling. „Lasset die Kleinen zu mir komme», denn ihrer ist daS Himmelreich!" Mit diesen Worten breitet der göttliche Heiland sein mildes Scepter auS über die Geringsten auf Erden, über die Kinder, die er aber zu den Größten im Himmelreiche bestimmt hat. Und fürwah?, es ist etwas Großes um diese Kleinsten! Im jugendlichen Alter stellt die kirchliche bildende Kunst die Engel deS Himmels dar, als wollte sie sagen, daß sie nur in der noch unentweihten Jugend des Menschen ein würdiges. Abbild des engelreinen Lebens der himmlischen Geister finden könne. Dem Kinde räumt die Kirche den Platz zunächst dem Presbyterium ein, als möchte sie zunächst nnr in den Kindern die Stellvertreter der am Throne Gottes betenden und lobsingenden Engel Goiteö erkennen. Der Name eines Kindes ist der Ehrenname des Christen, der zur Freiheit der Kinder Gottes durch die Taufe erhoben ward, ist der Ehrenname der Gläubigen, die der heilige Johannes mit dem rührenden Worte: Kindlein! anredet. Diese Würde und Auszeichnung eines KindeS, daS wohl durch die Geburt ein Kind des göttlichen Zornes, durch die Wiedergeburt im Wasser und heiligen Geiste aber ein Kind der Gnade geworden, macht uns auch die Schwere deS Aergernisses erklärlich, das der Heiland mit den Aergernißgebenden selbst in die Tiefe des MeereS versenkt wissen will, sie macht uns aber ferner die heilige Verantwortung aller ferer erklärlich, die von Christus die Kinder anvertraut erhalten haben zur geistigen, zur sutiicheu Pflege. Wer sind diese wohl anders, als die Eltern und Priester, ihre leiblichen und geistlichen Väter? Die Geburt deS Kindes in ihrem Schooßc gibt der Mutter ein natürliches Anrecht auf das Kind, legt ihr al'er auch'zugleich eine natürliche Pflicht auf, für dasselbe zu sorgen in geistlicher und leiblicher Hinsich'. Tritt dieses Recht, diese Pflicht nicht in ungleich höherem Grade in dem Augenblicke ein, in welchem die Kirche durch ihren Priester dem Kinde Mutter wird, in welchem sie im Sinubilve der Stola ihre schützende, segnende Hand über dasselbe breitet, um diese Hans nie mehr von ihm zurückzuziehen, sondern sie noch segnend auszustrecken über die Wiege des TodeS, daS Grab? Und wenn anch die leibliche Mutter vergessen könnte ihres eigenen KindeS, wenn sie auch gottvergessen genug wäre, daß eS ihr glcichgiltig seyn möchte, ob daS Kind an Seele und Leid gedeiht oder nicht, so kann d ch die freie Mntter, die Kirche, die obwohl die unfruchtbare, genannt, doch fruchtbarer ist als alle Mütter, des Kindes nicht vergessen, sie übt Mulierpflicht, indem sie daS verlassene Kind großsäugt mit der reinen Milch des unverfälschten, heiligen, katholischen GlanbenS. Ja, Gott sey Dank! müssen wir auSrnfen für die Kinder, Gott sey Dank, daß ihnen Gott in der katholischen Kirche eine so treue, zärtliche Pflegemutter gegebeu hatl Kindermord und Aussetzung des Kindes nach der Geburt, diese zwei Brandmale e-'nes jeden heivimchen Zeitalters, hat die katholische Kirche znerst durch ihren Criminal-Coder als himmelschreiende Verbrechen gelennzeichnet, noch lange bevor der Staat sich dazu dernsen fühlen konnte. Es sind unlängst in einer Plcnar-Versammlnng des Wiener-Severinus- vereins in warmer Rede die Schattenseiten der sogenannten Findelhäuser aufgedeckt und es ist hierbei bemerkt worden, daß durch Abschaffung oder möglichste Beschränkung dieser Anstalten dem Staate mehr gcnützt werden könne. Wir verkennen nicht die gewichtigen Gründe, die den Redner zu diesem Wunsche veranlaßten, allein wir möchten diese armen Geschöpfe, die das Perbrechen in die Well setzte, die in den Händen ihrer natürlichen Mütter oft mit derselben Unnatur behandelt würden, wie dieß bei jenen Leuten der Fall ist, denen sie jetzt in Pflege und Erziehung gegeben 62 werden, wir möchten die Findlinge den Händen wieder anvertraut sehen, denen sie einstens anvertraut waren, den Hände» der Kirche, den Händen einer religiösen Bruderschaft, eines OrdenS; denn man kann eS nicht oft und nicht laut genug nach allen Seiten hin rufen: Nur die katholische Kirche und Niemand außer ihr ist im Stande, die tief eiternden Geschwüre unserer socialen Gegenwart zu heilen. Keinen neuen Rath gebe ich hiermit, denn nichts Neues gibt es ja unter der Sonne. Die ersten Tenodochien, als Hospize für Arme, Waisen und Kinder unnatürlicher Eltern geschaffen, wer schuf sie denn anders als die katholische Kirche, die schon auf dem ersten Concil zu Nicäa Bestimmungen darüber erließ? Ein Priester in Mailand war es, der im Jahre 787 ein an die Kirche gränzendes HauS zn eben diesem Zwecke kaufte und unter die Leitung der Kirche stellte, wie sein schönes Epitaphium sagt: „Lanete, msmento, Oeus, i iu.i, n^n/.^c. Kath. Wochenschrift. ^ 63 Zündstoffe gleich, der alle gährendcn Elemente an sich zieht und zum lichten Brande führt. Die Zahl der erschienenen Gegenmittel und Verordnungen ist Legion, und die Armuth wächst mit jedem Tage, jenem biblischen Traume gleich, der die sieben mageren Kühe die fetten auffressen sah, ohne daß jene fetter wurden. Lüften wir den Schleier dieser „Geheimnisse des Volks"; wir stehen mit unserer Ansicht über die Grundursache des Uebels so wie über das Alles beherrschende Gegengift ziemlich allein. Eine gewisse Scheu hält ab, dem die Palme zuzuerkennen, dem man gewisser Ursachen halber nicht hold werden will. Wenn je die Arznei wegen des Arztes verworfen wurde, so fand dieses nur zu sehr bei unserem Gegenstande statt. Wenn auch unser Vorschlag wie die Stimme einer Cassandra verhallt, eS liegt zu sehr in unserm Interesse, unbeachtet des Jetzt, an einer neuen Zukunft zu arbeiten, als daß wir verkennen sollten, daß die Rolle der ausgetauchten Reformvorschläge in Bälde ausgespielt seyn werde. Der Standpunct, von dem aus allein die schwierige Ausgabe methodisch zu verfolgen und glücklich zu lösen, kann nicht der national-ökonomische seyn, da das Bedingte nie zum Princip erhoben werven darf; nicht der industrielle, wenn man nicht den Bau von Oben beginnen will; nicht der modern-philanthropische, der mit dem Urheber steht und fällt: es gilt hier nur der positive Standpunct des Glaubens. Hiernach erläutern sich erst die obschwebendcn Begriffe; Methode und Mittel sind nur Consequenzen, und dann erst haltbar. . . Von diesem unserm Standpuncte aus, wir möchten sagen, dem untrüglichen, Handell es sich nicht darum, der Armen sich zu entledigen; dieses wäre eitler Wahn (pguperes somper ücchetis vobiseum. ^lo-mn. 12, 3); auch nicht darum, eine scheinbare Zufriedenheit zu schaffen, wenn einmal durch Beschaffung neuer Erwerbsquellen ein gewisser Mechanismus zu Stande gebracht wäre; das wäre eben nur Schein: sondern durch Aufstellung einer Gegenkraft einen Zustand herbeizuführen, der eben so weit entfernt von schielender Lüsternheit nach oben, wie von einem kläglichen Verfall nach unten; einen Zustand, der nach Abgang deS materiellen ein geistiges Capital vcr.eiht, daS aus sich selbst eine glückliche diesseitige Existenz generirt und befähigt, auch das Höchste zu erreichen. Verklärend wirkt dann dieser Grundsatz auf verschicvene Abstufungen unv Mittel ein, wie diese theils die individuelle und locale Eigenthümlichkeit, theils die Anforderung der Zeit und der Umstände erheischen und vorhanden seyn müssen, um durch ein harmonisches Jneinanderwirken dem Uebelstande zu steuern. Dieß ist die allgemeine Lösung des räthselhaften Problems der Noth, wozu die nähere Entwicklung gegeben wird. Der Mohr und der Jude. In Shakcöpeare's zwei venetianischen Schauspielen: „Othello" und „der Kaufmann von Venedig" kommen zwei Charaktere vor, die beide Abkömmlinge eines Volksstammes sind, auf dem seit uralten Zeiten ein heiliger Fluch lastet. Bedeutsam ward Venedig als die Welt-Handelstadt, in welcher alle Gegensätze in Berührung kommen, zum Schauplatz gewählt. Mit Meisterzügen ist das Eigenthümliche einer jeden dieser Nationalitäten hervorgehoben, so wie das Eigenthümliche des Fluches, der sie traf. Beim Juden ist dieser Fluch unzertrennlich von der Religion desselben; so wie der Jude Christ wird, ist er, so fern eS auS Ueberzeugung geschah, von demselben befreit; denn das persönliche Bekenntniß sühnt vollständig, waS die Verläugnung, der Verrath und die Kreuzigung der Voräliern verbrach. Wird aber der Christushaß in dem Enkel fortgesetzt, dann ruht auch auf ihm die Schwere der Strafe. Darum mußte der Repräsentant des jüdischen Charakters bei Shakespeare ein erbitterter Christenfeind seyn. Moderne Kritiker haben Shakespeare einen unmenschlichen Judenhaß vor- L 64 geworfen, dem ist nicht so. Er mißbilligt die hartherzige Behandlung der Juden, die Folter der Angst, auf die Antonio gespannt wird, erscheint zum Theil als eine Strafe des Betragens, welches Shylok mit den Worten schildert: „Werther Herr, ihr spiet mich an, ihr mißhandeltet mich, nanntet mich Hund." Allein Shakespeare ist eben so wie er zu menschlich und christlich ist, um jener unwürdig feindseligen Handlungsweise gegen ein von Gott geschlagenes Volk beizustimmen, auch zu sehr Mensch und Christ, um das moderne Lied von der jeden Glaubensunterschied verwischenden Judeu- Emancipaticn zu singen, und sein scharfer menschlicher Blick durchschaut die unheilbringende Gewalt, durch welche der Unterdrückte den Unterdrücker unter das Joch bringen kann, die Gewalt des durch Wucher gehäuften Reichthums nämlich, welche die Freiheit des Christen um so mehr bedroht, je mehr er, wie Bassanio, einer weltlich leichtsinnigen Richtung ergeben ist. — Der Mohr hingegen ist ein Christ, und so lang seine Leidenschaft ihn N'cht überwältigt, der Edelste seines Stammes, tapfer, klug, bescheiden, Heldenhast und gefühlvoll. Aber daS Erbtheil deS alten Fluches wohnt als Versuchung in ihm, eS ist sein heißes, afrikanisches Blut, Wenn er Widerstand leistet, wird er srei seyn; im entgegengesetzten Falle gewinnt die urväterliche Verwünschung Macht über ihn. Nicht die Eifersucht ist der Anfang seiner Schuld; denn der Argloseste hätte, von der teuflischen Tücke eines Jago gestachelt, das Unheilvolle glauben müssen, Aber schon durch seine Verbindung mit DeSdemona fällt er mit freier Wahl der unseligen Schickung heim, indem er, gleich dem Urvater Cham, den Fluch seines Vaters auf sich ladet, da er heimlich das Mädchen znm Allare führt, von dem er weiß, daß er eS mit des VaterS Willen »ie als Weib besitzen dürfte, Dnrch diese unchristliche That ist der gebundene Heide wieder in ihm entfesselt und treibt ihn dahin, nicht nur den Verleumdungen deS Jago Glauben zu schenken, was unter solchen Umständen wohl auch ein Christ mit europäischem Blnte gethan hätte, sondern auch dahin, an der Schuldig-Geglaubten durch Mord Rache zu nehmen, was er auf dem christlichen Standpulicte nie gethan hätte. Und endlich treibt eS ihn in diesem thatsächlichen Nücksall inS Heidemhum dahin, die Schuld sühnen zu wollen durch Schuld, indem er sich selbst entleibt. So sehen wir einen Kerrlichen Helden, Schritt vor Schritt.durch freie Wahl in die ererbte Nacht zurückstürzen, aus welcher er durch das Licht des Christenthums schon einmal befreit hervorgegangeil war. (W. Kirchenz.) »nch'si'^ln 5 >5i 5lnH« ,lnW.mü^tn>yiÄ zlv?v!' Gran» Gran. DaS Innere der Metropolitankirche, an welchem bereits seit längerer Zeit gearbeitet wird, geht mit raschen Schritten seiner Vollendung entgegen. Um sich einen Begriff von den Malerarbeiten, welche unter der Leitung Ludwig Moralts aus München ausgeführt werden, zu machen, genügt es zu bemerken, daß das Deckengewölbe deS Sanctuariumö 4730 Quadratschuh mißt. Die Tischlerarbeiten werden von dem rühmlichst bekannten Wiener Leistler in einem dem Bauwerke entsprechenden künstlerischen Style angefertigt. Ueberhaupt ist die Graner Kirche daS großartigste Bauwerk, welches die Monarchie in der Neuzeit auszuweisen hat. »dito«- hzniz Z«lt.ItlIItI«!'»t!5 '<> "!>—' n>, i-'/ij i!,UI!il5!> ' jjl^'iU'l'L . .'>'»« W i e n. Wien. Nach ganz verläßlicher Mittheilung wird in Kürze ein frommer Wunsch verwirklicht, den viele Priester — so wie in der Wiener Erzdiöcese, so auch anderswo — lange schon in sich trugen, nämlich: die Einführung der Lazaristenc ongregation. Am 21, Jan. d. I. ist solche zwischen Sr. fürstl, Gnaden dem hochw. Hrn. Erzbischof von Wien nnd dem hochw. Hrn. Visitator der besagten Congregation aus Paris nach vorhergegangenen Verhandlungen definmv beschlossen worden. In Wien wird daS NoviziathauS errichtet und bereits haben die Unterhandlungen bezüglich einer anzukaufenden Realität begonnen. Nerautwortlichcr Redacteur: L, Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer, Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augslmrgcr PostMung. 26. Februar A. 1854. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sontttage. Der halbjährige Abounementtpret» TV kr., wofür e« durch alle königl. bayer. PoKäuitrr und alle Buchhandlungen bezogen werde« kann. Rudolf von Rodt, weiland Missionär der Londoner Missionsgesellschaft, über die Früchte seines Wirkens in Indien. (Schluß.) Was war natürlicher als daß Rodt einen Ort . zu verlassen wünschte, an dem er sich vergeblich in Anstrengungen erschöpfte, und der ihm, trotz deS längern Aufenthaltes, ganz fremd geblieben war. „Als ich zum letztenmale", schreibt er am 17. Jan. 1338, „durch daö Dorf zog, blickte ich mit Stillschweigen von meinem hohen Sitze" (auf eiuem Elephanten) „auf die Hüttenreihen zu beiden Seiten hinunter. Kein Gefühl der Wehmuth, keine Neue stieg in mir auf; ich verließ keinen Freund, keinen Bruder, keine mir zugethane, keine das Wort Gottes liebende Seele. Mehr als ein Jahr lang halte ich das Dorf unzähligem«! besucht, kannte alle Häuser und Winkel in demselben; alle Leute, vom größten bis zum kleinsten, kannten mich, und dennoch blieb es mir ein fremdes, ich möchte fast sagen, von Feinden bewohntes. DaS Evangelium und den Namen Jesu haben sie oft gehört, aber nicht zu Herzen genommen; sie haben nur darüber gespottet. — In den Dienst der „Londoner MisstonSgesellschafl" getreten, welche, den Tendenzen der demokratisch-unionistischen Niederkirchenpartei huldigend, in strengem Gegensatz zu den Episkopalen steht, oder, wie Bouterweck sagt, „den persönlichen Ueberzeugungen ihrer Arbeiter möglichst Raum läßt, und in den Jndep end enten ihre Hauptvertreter hat," begab sich Rodt von Sunamuky nach Calcutta, und stand dort zunächst zu den Gemeinden in zwei benachbarten Dörfern in scelsorglichcm Verhältnisse. Aber auch jetzt sah er noch keine bessern Früchte der Misston, als bei seiner ersten Anwesenheit in Calcutta. „Unsere Christen," schreibt er den 15. Febr. 1842, „in RÄm-lkälchok und Gangri sind sehr arme, schwache, unwissende Lente, die man mit großer Geduld tragen muß." Nachdem er hierauf die Bedrückungen der armen Bauern durch die großen reichen Landeigenthümer hervorgehoben, fährt er fort: „Ein anderes sehr großes, wohl das größte Hinderniß, daS wir zu bekämpfen haben, sind die verschiedenen christlichen Secten, die sich neben uns angesiedelt haben, besonders die Missionäre der bischöflichen Kirche, die uns nicht als Prediger ansehen wollen, und uns sagen, wir hätten kein Recht, die Leute zu taufen, ihnen das Abendmahl zu geben und ihre Ehen einzusegnen. Und wenn wir irgend Einen um seiner schlechten Aufführung willen ausschließen, so laust er zu ihnen, und wird oft von ihnen ausgenommen." Mit Recht, freilich nicht in dem Sinne, wie wir meinen, nennt Rodt die Zersplitterung der Secten das größte Hinderniß eines gedeihlichen Fortganges der Missionen: dieß ist eben mit Anderm der in dem Protestantismus liegende Fluch, Secten eine Existenz zu geben, die ihn selbst am meisten gefährden und zerstören. Begreiflich ist demnach unter solchen und ähnlichen principiellen Hemmnissen, wenn Rodt am 66 7. Jan. 1843 schreiben konnte: „Ich habe dieses Jahr fünf oder sechs neue Glieder in die Gemeine aufgenommen." Wie tief er selbst dabei diese in der sectischen und individuellen Zersplitterung deS Protestantismus begründeten Schäden fühlte, spricht er bei einer andern Gelegenheit aus, indem er, von seinem „monarchischen" Verhältnisse zur Gemeinde redend, sich dahin äußert: „Die Verfassung der Gemeinen ist Nebensache, die Einheit der Gemeinen aber eine Hauptsache." Ja, die Einheit! Wie sollte sie sich aber auf protestantischem Boden, ohne daß man sich in seinen Principien ausgäbe, ermöglichen lassen? Dieselben traurigen Erfahrungen, wie an den beiden ersten Orten seiner Mis- stonSihätigkeit, begegneten Rodt auch aus einer Reise im nordöstlichen Bengalen, die er in Begleitung zweier Protestantismen Hindus machte, deren Tagebücher theilweise in das seinige aufgenommen sind. Der eine derselben berichtet über ihren Aufenthalt zu KriSnogor, wo ein deutscher Missionär, Namens Dürr, seit ungefähr zwanzig Jahren sich aufhielt, unter Ander», Folgendes: „Hierauf ging ich zu Herrn DürrS Hause. Vor demselben fand ich zehn bis zwanzig Christen, die unter einem Baume in der Bibel lasen. Ich setzte mich zu ihnen und fragte sie: Brüder, versteht Ihr das Evangelium, das Ihr leset? Sie antworteten: Freilich; wie könnten wir, wenn wir cS nicht verständen, Andere darin unterrichten? Ich: Brüder, was hat der Herr für unS gethan? Sie: Er kam ins Fleisch, uns zu erlösen. Ich: wie können wir Theil haben an der Erlösung, die er für uns erworben? Sie: Wenn wir seine Gebote halten, wenn wir die Sünde verlassen, wenn wir zu ihm beten. Ich: Reicht unsere Kraft hin, dieß zu thun? Sie: Allerdings; denn unser Herz steht unter unserer eigenen Aufsicht; wir können seine Neigungen und Begierden nach unserm eigenen Willen leiten; denn wir z. B. waren Hindus, jetzt aber haben wir unser Herz geneigt gemacht, die Religion Christi anzunehmen. Ich fragte weiter: Welches ist die wahre Religion? Sie: Das können wir, ohne vorherige Prüfung, nicht sagen. Ich entgegnete: Dann scheint eS, daß Ihr ohne vorherige Prüfung Christen geworden seyd? Sie sagten: Viele Dörfer sind christlich geworden; wir haben eS gemacht, wie sie. Ich fragte noch weiter; aber zuletzt wurden sie böse und sagten: Wir können nicht unser Lesen ausgeben und beständig mit Dir schwatzen." Nicht geförderter, sagt Bouterweck, scheinen auch diejenigen gewesen zu seyn, von welchen Rodt unterm 12. Nov. berichtet: „Um vier Uhr erreichten wir einen Ort, von wo der Wohnort des Herrn A. (eines Missionärs) nur eine Meile entfernt war. Ich gab daher Befehl, das Boot anzuhalten, und ging allein über Feld, ihm einen Besuch zu machen. Unterwegs mußte ich über eine., kleinen Fluß; eiu Mann zeigte mir die Furt. Er sagte mir, er sey ein Christ, und wieß auf mehrere andere Bauern hin, die im Felde arbeiteten und, wie er sagte, alle Christen wären. Ich fragte ihn: Warum seyd Ihr Christ geworden? Er antwortete ehrlich: DeS Geldes wegen. Ich: Wie Viele sind Christen geworden? Er: In diesem und in den benachbarten Dörfern bei hundert Familien. Ich fragte zum zweiten nnd zum dritten Male: Warum seyd Ihr Christ geworden? und erhielt immer dieselbe Antwort. Aus meinem Rückwege ging ich durch ein Dorf, dessen Bewohner sämmtlich, drei bis vier Häuser ausgenommen, Christen geworden waren. Ich rief einige herbei und fragte sie: Warum seyd Ihr Christen geworden? Sie antworteten: Weil wir glauben, daß daS Christenthum wahr ist! Was habt Ihr gewonnen und was werdet ihr künftig noch dadurch gewinnen, daß Ihr Christen geworden seyd? Anfangs antworteten sie nicht; dann sagte einer von ihnen: Wir werden den Himmel gewinnen- Als ich sie insgesammt fragte: Könnt Ihr lesen und schreiben? antworteten sie: Nein. Frage: Wer ist Christus? Antwort: Wir haben von Rischi (d. i. ein Heiliger) gehört; wir wissen aber nicht, wer er war und was er gethan hat. Frage: Habt Ihr von seinem Tode gehört? Antwort: Wir wissen nichts davon. Frage: Seyd Ihr getauft worden? Antwort: Nein; Niemand hier ist getauft worden, ausgenommen diejenigen, welche die zehn Gebote und den Glauben 67 wissen, — Ich ging weiter und traf einen alten Mann, der mir sogleich ungefragt sagte, er sey ein Christ, Ich fragte ihn: Warum seyd Ihr Christ geworden? Antwort: Weil Andere es geworden sind." Aehnlichc Erfahrungen, und insbesondere ein die fürchterlich entsittlichenden Folgen dieser Christenm^cherei recht prägnant charakterisirendeS Gesprach mit einem vagabundirenden Bettelmusicanten, der auch „Christ' geworden war, erzählt daS Tagebuch des andern Begleiters Rodts: „Frage: Ihr habt ein musicalischeS Instrument, macht Ihr vielleicht Musik und singt Lieder? Antwort: Ja; mit Hindus singe ich Hindulieder und mit Christen christliche Gesänge, Ich sagte: Zwei Herren zu dienen ist Sünde. Antwort: DaS läugne ich nicht. Ich: Ist eö recht, wissentlich zu sündigen? Antwort: Unser Batet Adam hat gesündigt, warum sollten wir nicht sündigen?" „Unier ähnlichen niederschlagenden Erfahrungen", fügt Bouterweck diesen Mittheilungen bei, „euchalten die Tagebücher auch einzelne Beispiele eines wirklichen Verlangens nach Belehrung, und mehr als einmal hatten die drei Prediger Gelegenheit, bei ihren Straßenpredigten die Aufmerksamkeir der versammelten Heiden und Muhamedcmer zu bewundern. Viele Tractate, auch ein paar Evangelien an zwei Brammen, wurden verlheilt; manchmal aber wurde das Anerbieten zurückgewiesen, oder die berei'S angenommenen Tractate zurückgegeben." —Fürwahr ein schlechter, armseliger Trost, nichts als ein paar einzelne Fälle, auS denen vielleicht eine aufrichtige Konversion werden dürfte, und ein bischen Aufmerksamkeit bei einer durch die Neuheit der Erscheinung ohnedem anziehenden Siraßenpredigt — als kümmerliche Beweise einigen Erfolges vorbringen zu können! So weni^ Rodt selbst sich über die Erfolglosigkeit des MissionSwerreS täuschte, so unangenehmen Eindruck scheint sein ungeschminktes und unbefangenes Urtheil in Genf und London gemacht zu haben, wo man eher dem Manne, als — der Sache die Mißerfolge zuzuschreiben geneigt war. „Meine Genfer Freunde", schreibt er unter dem 3l, März 1839, „schweifen völlig, und Wenger hat mir geschrieben, daß sie mit mir unzufrieden seyen, mich im Irrthum begriffen glauben. — Ich glaube, mein Irrthum besteht darin, daß ich ihnen das Werk in Indien dargestellt habe, wie es wirklich ist, ohne eS auSzumaleu oder zu verschönern ; daß ich Ihnen gesagt habe, wie so wenig von den Wirkungen des Geistes Gottes hier sichtbar, wie viele Jndier nm zeitlichen Gewinnes willen Christen werden, oder doch wenigstens um in der Welt befördert zu werden; wie in einer nur sehr geringen Anzahl wahre Frömmigkeit zu sehen ist. Wenn ich dieß AlleS gesagt habe, so muß ich es wiederholen und bestätigen. Wollte Gott, ich wäre im Irrthum!" Daß Rodt nicht im Irrthum war, noch die Zustände zu schwarz sah, bewieß der traurige Fortgang der Mission freilich täglich handgreiflicher; ihre Resultate in den folgenden Jahren waren nicht um daS Geringste erfreulicher, vielmehr noch niederschlagender. DaS „Reich Gottes" nehme in Indien seinen „stillen, langsamen Gang" — tröstet sich Rodt unterm 16. Dec, 1341 und 18, April 1842; doch a^r ist dieser Gang ihm selbst für seine Ungeduld wieder zu langsam; „denn wenige, sehr wenige Seelen bckchren sich, und unter denen, die sich zu Christo bekennen, sind viele Heuchler, Viele, deren Banch ihr Gott ist." Zuweilen scheint eS ihm, daS Reich GotteS gehe nicht bloß langsam und stille, eS gehe vielmehr rückwärts. „Zwei große Hindernisse", klagt er dann, „stehen ihm im Wege: die Secten und die Zwistigleiten, die daS Volk GotteS zertrennen und die Feinde zum Glauben verleiten, eS sey daS Reich Christi mit sich selber uneinS, und könne nicht bestehen (sie!) — und dann der Geiz und die Geldsucht der Hindus, die an dem Reichthum der englischen Christen nur zu leicht Nahrung findet, und sie in die fast unwiderstehliche Versuchung führt, derjenigen Partei sich anzuschließen, die die reichste ist und die meiste Unterstützung verspricht. Und einige unserer (falschen) Brüder sind niederträchtig genug, durch Geld die Glieder anderer Gemeinen anzulocken und zu verführen, und Viele haben sich verführen lassen," Begreiflich ist'S hiernach, wenn eS unter dem 16. Dec. 18-42 weiter heißt: .Die Kirche GotteS ist hier in keinem blühenden Znstande. Freilich ist die Zahl der ^ 68 Christen nicht unbedeutend. Ich glaube, sagen zu dürfen, daß in der Provinz Bengalen allein sich etwa 10,0 sätze, weil nicht zn widerlegen, verachtend hinweg; man statuire ein Amalgama der verschiedenen religiösen Ueberzeugungen, um den materiellen unv intellektuellen Reichthum einer gewissen besondern Classe der Bevölkerung durch das Ganze in Fluß zu bringen: und wir werven das Volk bald schreien hören: „Iranern et eircenses", wie in jenen Tagen, von denen ein trauernder Heide (Herxzc-z c!e iiu II, 8) sagt: „Omina scelerikus et viti'1'5 plens sunt"; wir werden graben in den Goldmincn Kaliforniens, und ein Ungeheuer auSgraden, das seine eigenen Kinder auffrißt. Eine Parallele aller Revolutionen, besonders der beim Ablauf deS achtzehnten Jahrhunderts und der jüngsten Jahre, die vorzüglich Revolutionen der Noth seyn wollten, könnte belehrend seyn. Da eine solche Theorie eine gottlose, ist sie dann eine wissenschastliche? Znm matten Leben herabgesunkeu, verrostet auch der aus beständigen Gebranch gewetzte Stahl; unmuthig wirft Der vaS Werkzeug ans der Hand, der sich der höhern Idee beraubt und zum Sclaven der Scholle verdammt sieht. Den Festtagen, deren es keineswegs zu viel sind, gehört eiu solcher Vorwurf nichr; sie athmen ein thatkräftigeres Lebe», als cin purer Materialist zu ahnen vermag. 5) „Dazu sind oic Festtage eingesetzt, daß sie als öffentliche, alle Jahre wiederkehrende Evan- gclisicn die Thaten Gottes in der ganzen Kirche verkündeten, in dem Andenken der Christen erneuerten und verewigten, und durch diese Erneuerung und Verewigung göttlicher Thaten den himmlischen Sinn derGläubigen weckten, offenbarten, belebten." F. M. Sailcr, Pastoraltheol, ll>, S. 194. 71 Ein gleiches LooS hat das viel gehöhnte und verfolgte Wallfahrten. Ohne hier in die Sache näher einzugchen, bemerken wir, daß diese christliche, im religiösen Leben tief wurzelnde Uebung keine Armuth erzeugen kann, da eS keine Züge von Wollüstigen zu Bädern oder VergniigungSorlen sind, sondern Bußgänge im Geiste der Abtödtung und unter der beständigen Cvntrole der Kirche, noch daß sie Armuth hervorgerufen haben, da die Geschichte ein Anderes lehrt. Wenn übrigens einmal der Stein gehoben gegen Das, waS hehr und heilig, so wird er geworfen, auch ohne zu wissen warum. Und eö ist das Merkwürdige, daß bei Ällem, was drückt, immer dasselbe als Grund angegeben wird, was mau haßt, die Religion; ist sie ja daS Centrum, um welches sich die Geschichte aller wesentlichen Fragen dreht; alles Uebrige steht in der Peripherie. Einige andere aufgeworfene Ursachen der Armuth übergehen wir als zu weit führend, und bemerken über den wahren Stand der Dinge Folgendes. Der alleinige und innerste Grund unserer allgemeiner werdenden Verarmung ist die Vernachläßigung der Religion, die Glaubenslosigkeil unserer Zeit. Wir müssen unsere Gegner bitten, nicht vor diesem Phantome zurückzuweichen, sonder» sich näher in den Streit einzulassen. DaS Gesetz, welches sowohl Antrieb zum Guten als Urtheil über Vernachläßigung desselben gewährt, kann kein wandelbares, zufälliges, menschliches, sondern muß von Gott selbst, der gut allein, seyn, also die von Ihm gegebene Offenbarung, der Glaube. Eben so muß eS ein oberstes Gesetz geben, das bei Befolgung desselben untrüglich lohnt und bei Vernachläßigung untrüglich straft, uud auch dieses kann nur das absolute seyn und, wie eö sich in Gott offenbarte, der Glaube. Dasjenige serner, was in Sache deS gemeinsamen Interesse für alle Zeiten, Umstände, Zustände und Personen den richtigen AuSschlag gewährt, muß der Menschlichkeit entrückt seyn, von höhern Regionen kommen, und auch daö ist der Glaube. Wenn endlich Principien-Fragen aufraucben, bei denn, der menschliche, endliche Geist sich erschöpft, so muß der absolute Geist sich maniscftiren nnd zu einem höchsten Principe daS Wandelbare, der zeitlichen Aenderung Unierworsene zurückführen, und das stellt sich dar im Glauben. Vor diesem göttlichen Forum kann kein Streit unerledigt bleiben, wie umgekehrt Nichts die wichtigen Fragen deö Geistes irrilirt, ohne auch dieses Gesetz, und zwar dieses zuerst, überschritten zu haben. Wir bitten nun, diese Principien auf die vorwürsige Frage anzuwenden. Armuth ist ein relativer Begriff; ihn kann also nur der Glaube aufhellen. Arm seyn ist im Allgemeinen Folge eines vorausgegangenen Fehlers; darüber spricht nur der Glaube das richtige Urtheil. Die Armuth setzt auch gerade in ihrer Verschuldung die Satzungen des für Alle richtenden, auch die dunkelsten Fragen entscheidenden Richters voraus; das ist kein anderer, als der Glaube. Während jede andere Ausfassung, als die angegebene, die Sache auf ein blcßcS Scheingefecht, weil der Basis entbehrend, hintreibt, greift die gläubige Behandlung derselben daS Uebel bei seinem eigentlichen Sitze, bei der Wurzel an, legt die Ursachen mit der einzig möglichen Klarheit auseinander, unv ist dann, im Besitze derselben, im Staude, Abhilfe zu gewähren. Durchschreiten wir nun im Lichte des Glaubens das Lager der Armuth; wie steht eS da um die wahre Conduite derselben? Wir sehen jene,Gotr abgestorbenen Herzen, wie ihr wüsteS Auge, bloß dem Genuß zugewendet, endlich wild fortbrület, wenn alle Quellen dazu versiegt sind; wir sehen jenen gemeinen Troß, die deutschen Sansculotten mit Freiheitshut und Heckerbart, die Alles, was hehr und heilig, mit Hohngelächter begleiten und keine andere Beschäftigung kennen, als jene von der Schrift bezeichnete (Erod. 32, 6): „das Volk saß, um zu essen und zu trinken, und stand auf, um zu spielen"; wir sehen jene traurigen Gestalten, die herumlungern ohne Tendenz und, wenn ihre Lebensweise .,von der Hand znm Mund" stockt, der Schrecken und die Last ihrer Nachbarn werden; wir sehen jene Halbgebildeten, denen der Glaube nur eitle Form, wie sie unbegreiflich trotz aller sogenannten Mühe zurückgehen und dann, verkommen an Leib und Seele, der Anstoß ihrer Ge- 72 meinden werden; wir gewahren endlich jene alten Sünder, die dem Rufe deS guten Hirten nicht gefolgt, nach den schauderhaftesten Katastrophe» an den Bettelstab gekommen sind und nnn in ihren grauen Tagen Noth leiden. Bankerott an Seele und Leib gehen Hand in Hand. Die Fälle, wo „eine Tücke des Schicksals arg mitgespielt", find nichts als moderner Aufputz einer und derselben Sache. Wie dem Glauben das konservative Element inhärirt, so drückt der Gegensatz desselben seinen Vertretern das Siegel der Nichtigkeit aus. — Wir würden eS nicht wagen, ein so allgemeines und hartes Urtheil auszusprechen, allein neben der Thesis ist auch die Erfahrung für uns. Mag der AuSgang deS Uebels noch so verborgen, die Haltung seiner Träger noch so täuschend seyn, eS alterirt die Sache nicht. Wie vermöchten wir auch aus den verschiedenen Coustellationen dafür einen bestimmten Namen zu nennen, da wir hier auf das der Welt am meisten entzogene Gebiet angewiesen sind? Dann wohnt im Glauben ein anderes Element, welches der Noth den Keim benimmt oder dieselbe in ihrem Auftreten abwendet, die mittheilende Liebe. Sie ist die Erfüllung deS alten Gesetzes, gleichsam der Engel mit dem flammenden Schwerte zur Abwehr des Uebels. Der Glaube sieht in ihr seine schönste Frucht in Beziehung auf Gott und die Milbrüder. Da diese Liebe gütig (1. Cor. 13, 4. 5) ist und nicht das Ihre sucht, strebt sie dahin, jene Uebelstände auszugleichen, welche selbst auch die Schuld frevelhaft beigeführt. Wenn aber dieses Leben der Liebe erkaltet und zum Egoismus herabsinkt, dann ist eine besondere Quelle versiegt, die Gott der Noth zur Ausgleichung der Verschiedenheiten annäherungsweise, aber doch befriedigend angewiesen. Nun dürfen wir es uns aber nicht verhehlen, daß wir darüber schreienden Beweis haben. Nicht nur, daß unsere Zeit keine großen Anstalten treffen kann, welche der leidenden Menschheit zu Hilfe kommen, es ist auch vielseitig über die private Herzlosigkeit für Noth und Elend gerecht zu klagen. Jene weichen Herzen, die ein zartes Tonstück zu großen Zähren rühren könn, stoßen die Hand Dessen hart zurück, der um Bewahrung vor offener Schande fleht, und überlassen ihn seinem gänzlichen Verfalle; „es ist ja unschön für einen Gebildeten, weich zu seyn." Negativ knüpft sich daran daS verheerende Element in Sitten und Gebräuchen; denn entweder wird Golt oder Belial (2. Cor. 6, 15) gedient. Daher konnte ein tiefer Denker der neuesten Zeit zu dem Ausspruche kommen (Hift.-pol. BI. 1848 S. 691): „Unsere modernen Städte dürfen, in mancher Beziehung, namentlich hinsichtlich deS Lurus und der Sittenlosigkeit, mit den Städten der Römerwelt zur Zeit ihrer Entnervung und ihres Absterbens verglichen werden." „Die Städte unserer Zeit sind die Erzeugerinnen des Proletariats und eine beständig offene Freistätte des CommuniSmus." AuS dem Vorstehenden ziehen wir den Schluß, daß aus der GlaubenSlosigkeil das Uebel der Armuth entsprungen. Wir sagen: das Uebel der Armuth; denn dem in der christlichen Ascese erstarkten Herzen wird das Joch Jesu nicht bitter und seine Bürde nicht schwer, und bei allem Drucke der Entbehrungen findet sich in ihm ein Friede, den die Welt — und dieser göttliche Ausspruch steht hier in hervorragender Größe — den die Welt nicht geben kann. Statt der Schlaffheit deS Proletariers tritt da eine heilige Resignation ein, die im kärglichen Brode die Güte Gottes wieder erblickt und Labuug und Stärkung findet; dann aber mit dem unholden Geschicke ringt und es nicht selten in kurzer Zeit besiegt. Oft möchte daö Herz brechen, wenn man noch diese Reste des christlichen Heroismus wahrnimmt. *) Noch nie ist ein solcher Armer eise Last geworden. (Fortsetzung folgt.) *j „Irland .... hat niemals seinen Glauben vergessen. . . . Drei Jahrhunderte von Confiscationen, von Verfolgungen, von Hunger, von Entwürdigung sind über sein Haupt hingegangen, ohne es einzuschüchtern und zu beugen." Montalembert, die kath. Interessen im XIX. Jahrhundert. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen Verlags-Inhaber: F. »1m ,"'>^ 1,4 Zitt-iZ N'/«7ttU7(! »Om,«l mttzS/lu^i^.L l ln^ wt-^ ns^üuiws..ÄiK''!i. nzchMoci^j- Die »katholische Verdummung". s,m Zi^i ^'-!! tN)lZil(-s /»zchim, ,itt Alle Sünden, so schreibt das treffliche Frankfurter katholijche Kirchenblatt von Beda Weber über „ka hclische Verdummung", sind verzeihlich, nur die Dummheit nicht, hat Lenz irgendwo in seinen Schriften gesagt. Von dieser Wahrheit gehen unsere Gegner aus, wenn sie von der katholischen Religion behaupten, daß sie die Menschen verdumme, und hoffen dadurch ans dem kürzesten und sichersten Wege die katholische Kirche zn vernichten, denn die Lehre, auf welcher der Vorwnrf der Verdummung lastet, und das Volk, welches sich das Brandmal der Dummheit gefallen läßt, sind in der öffentlichen Meinung gerichtet ohne Gnade und Barmherzigkeit, die nur der Sünde, aber nie der Dummheit zu statten kommen können. Da die weltberühmten Zeitnngöblatter und Broschüren zu Frankfurt am Main den Vorwurf der Volksverdummung durch die katholische Religion und Kirche im abgelaufenen Jahre 1853 wenigstens jeden Monat einmal zur Beschimpfung ihrer katholischen Mitbürger vorgebracht haben und auch im Jahre 1854 denselben zu wiederholen soitfahren, so ist eS doch Zeit, dieser milbrüderlichen Christenliebe, dieser ächt-deutschen Toleranz, dem orthodoxen Russeuihum parallel, gegenüber, näher inS Auge zu schauen uud zu uutersucheu, ob der Vvrwurf der katholischen Volksverdummung wirklich wahr sey. Da begegnen wir zunächst der seltsamen Wahrnehmung, daß der Begriff der Dummheit im deutschen NeligionS- und Kirchenwesen noch nicht einmal feststeht. Wenn der bußfertige Katholik seine Sünden vor dem Priester beichtet, und das in unglücklicher Stunde gestohlene Gut zurückstellt, so nennt man das bei unS Katholiken christliche Weisheit, Gerechtigkeit, Buße. Anders denken die Barrikadenmänner, die Socialisten und Wildschützen des neunzehnten Jahrhnnderts, die bekanntlich von der katholischen Kirche sich gründlich emancipirt haben. Sie nennen unS Einfaltspinsel, Feinde der unveräußerlichen Mcuschcnrechle, nach denen jeder Mensch zum gleichen Genusse dieser Erdengüter berufen ist, folglich in den Mittein nicht wählerisch seyn darf, diesen Genuß zu erringe». Die Zurückstellung des fremden GnteS erscheint ihnen als Dummheit, welche von listigen Pfaffen ins Geschlecht der Menschen gepflanzt worden ist. Wenn der Kacholik den Samstag als letzten Tag der Woche mit Andacht daheim mit den Seinigen beschließt, um am kommenden Sonntagsmorgen mit fröhlicher Seele dem Gottesdienst beizuwohnen, so können sich andere, die der Katholicismus nie im miudesten beschwert hat, nicht genug über diese katholische Dummheit wundern, welche mit endemischer Wuth die honnettesten Bürger um die Saulcbern, Gänselebern und Hochheimerschoppen um zwöls Kreuzer zu bringen im Stande ist, Sie erscheint ihnen wahrhaft colossal, wenn sie bedenken, daß die Pfaffen im Hintergrunde stehen, und diese Dnmmheilen der Abtodtung uud Sparsamkeit mit menschenfreundlichem Ingrimm predigen und sanctioniren. So könnten wir noch unzäh- 74 lige andere Fälle anführen, wo die Feinde der katholischen Kirche Erscheinungen für Dummheiten ausschreien, die im Grunde nur Ergebnisse der höchsten christlichen Weisheit sind, ohne deren Daseyn das Christenthum selbst Werth und Wirkung verlieren würde. Treten wir von dieser vorläufigen Bemerkung in den Garten der Geschichte, so stehen hier Denksteine mit Buchstaben, die Jedermann lesen und den Vorwurf der katholischen Volksverdummung darnach bemessen kann. Wer hat denn die Dome in Deutschland, in Belgien und in den Niederlanden, in Italien und Spanien gebaut? Katholiken! und zwar zu einer Zeit, wo nach den evangelischen Vorwürfen die tiefste Nacht, die krasseste Unwissenheit, die üppigste Maienblüthe deS Aberglaubens und der Dummheit durch den Papiömus des Mittelalters die europäische Menschheit bedeckten. Könnt Ihr mir auch nur einen einzigen Dom von Bedeutung in Europa zeigen, den die Reformation, den die evangelische Weisheit gebaut Hai? Diese Riesenblumen himmlischer Weisheil haben also alle in Gemüthern gekeimt und sind aus Herzen zum ewigen Erstaunen der Weit in den Himmel gewachsen, die Ihr als verdummt von der katholischen Kirche darzustellen seil drei Jahrhunderten eifrig bemüht seyd? Und sie legen Zeugniß ab nicht blos von der Kunst, die Ihr nicht erreichen konntet und nie erreichen werdet, sondern noch weit mehr von der gemeinsamen Opferwilligkeit des katholischen Volkes, von seiner tiefen Andacht, die laut vor aller Well dem Heiland dient, vom schönsten Gemeinsinn, der Könige und Bettler im herrlichsten Palaste der Welt als gleichberechtigte Brüder ohne Ansehen der Person um den Gott des Altars zur Heiligung und Erfrischung versammelt. Die Gallerten von Rom, Florenz, Mailand, Paris, Brüssel, München, Dresden, Wien und Madrid mit ihrem staunenswerthen Reichthum von Geist, Schönheit, Andacht und HcilSlehre, nach denen noch jetzt alle Generationen ziehen, um sie zu bewundern und an ihnen sich menschlich auszubilden, ohne die das Leben leer, die Gelehrsamkeit schaal und das Evangelium ohne Commentar ist, verdanken ihre Meisterstücke fast ausschließlich der katholischen Kirche, welche vorzugsweise die Kraft hat, das Licht und die Klarheit himmlischer Wahrheilen in die Gemüther der Menschen auszuströmen und dieselben wieder in Meisterbildern zur Bewunderung und Entdummung der Menschen hervorgehen zu lassen, daß sie unangefochten und siegreich dastehen, bis das letzte Menschenherz auf Erden auSge- athmet hat. Macht es den Kcuholiken einmal nach! Und die Zeit, wo nach den protestantischen Geschichtschreibern der Druck katholischer Dummheit mit unerhörter Bosheit und Tyrannei als Weltplage über Verstand und Herz der Völker gekommen ist, und alles Große und Edle mit cimmerischer Finsterniß erstickt hat, die Zeit des Königs Philipp des Zweiten von Spanien, wo zeigt sie uns denn eigentlich die Beweise der Vervnmmung der katholischen Nationen, dieses ausschließliche Merkmal unserer Kirche, wenn wir den gewiegten Zeitungsschreibern zn Frankfurt am Main glauben wollen? Auf dem Gebiete des christlichen Lebens begegnen uns die heilige Theresia von Jesu, welche als innig-fromme geistreiche Frau Männern aller Konfessionen ehrwürdig ist, der heilige Petrus von Alcantara, welcher den ersten Beherrschern der Welt Rath ertheilt hat, ohne von seiner Demuth und strengen Abtöotung abzulassen, Johannes vom Kreuz, der als Dichter die Mitlebenden für Christus entzückt, für die Idee der Reform im Haupte uud in den Gliedern der Kirche gelebt und gelitten hat, dessen kühnstes Lied von der Liebe Christi uns noch jetzt von seinem Sterbebette auS erschütternd anweht. Und wer aus Liebe zur demschen Gründlichkeit diese Helden und Heldinnen des katholischen Lebens, diese goldenen Bilder aus dem Evangelium in Wort uns That, kurzweg unter daS alte Eisen wirft, kommt in nicht geringe Verlegenheit, wenn er zu gleicher Zeit mit diesen begeisterten Seelen deS katholischen Kirchenlebens die riesenhaften Dichtergestallen herantreten sieht, deren eine einzige groß genug ist, einer Nation ewigen Ruhm zu verleihen: Cervantes von mehr Geist und Witz als die deutsche Journalistik seit drei Jahrhunderten ins Feld gestellt hat; Calderon, der mit seinen Dramen im deutschen Volke, durch die romantische Dichterschule aufgeweckt, allge- 75 meinen Anklang gefunden und verdient hat; Camoens, der in seiner Lusiade das beste Heldengedicht geliefert, welches die Geschichte der neuern Zeit überhaupt kennt; alle drei welterfahren, aber selbst in ihren Dichterwerken strengkatholische Geister voll Demulh dem Heiland ergeben, voll Begeisterung für das heilige Kreuz, daS die Leidenschaft der alten und neuen Welt besiegt hat, voll zarter Rücksicht für Schämn und Sitte als Grundlagen aller gesellschaftlichen Ordnung auf Erden. Man sieht es diesen Männern nicht an, daß sie zur Zeit gelebt, wo nach den oratorischen Persuchen der deutschen Buchmachern die grausenvolle Inquisition alle reinen Menschenblüthen unterdrückt hat. Die Männer blicken so frisch und unverkümmert ins Leben, ungeachtet das Wohlbehagen deS Geldes und Besitzes nicht aus ihrer Seite war, sie entfalten eine so lichte kindlichreine Seele, daß man ihnen keinerlei Dummheit und Stumpfheit anmerkt. Und das Volk, Hoch und Gering, Geistlich und Weltlich, die ganze Nation hängt an ihnen wie der Bienenschwarm an der Honigblüthe. Es kann nicht verdummt gewesen seyn, weil es die weisesten und geistvollsten Führer auserlesen hcu. Und mitten unter diesen Dichterfürsten malt Murillo, der Göttliche, seine Heiligen und Bettelknaben, seine Madonna und seinen Johannes Baptist«, seine Melonenesser und Traubennäscher mit einer Wahrheit und Natürlichkeit, die uns noch jetzt nach dreihundert Jahren die Seele erfrischen. Diese Ultramontanen der Poesie und Knust, diese Jesuiten der Freude und Andacht in Spanien uud Portugal leben noch, trotz der englischen Uneigennützigkeit, trotz der französischen Revolution, trotz der Freimaurer und Bibelschwärzer. Das Volk hat die politische Kraft noch in seinem Innersten bewahrt. Laßt eS nur katholisch, laßt eS ultramontan seyn, dann färbt eS den Ebro und die Berge von Asturien mit Blut für seine Freiheit und Unabhängkeit. Todt ist es nur dann, wenn es seinen Katholicismus verliert und dadurch dumm wird. Dringt uusere Betrachtung von der spanischen Halbinsel hinüber nach Italien, so finden wir um die nämliche Zeit Papst Leo den Zehnten aus dem Throne der Apostelfürsten sitzen, dem man alle möglichen Vorwürfe eher machen kann, als den der Volksverdummung. Rafael von Urbiuo, Michel Angelo Buonarotti, Benevenuto Cellini und viele andere geistesmächtige Künstler standen unter seinem Schutze und verdanken zum Theil ihre Größe seiner Freigebigkeit und Kunstliebe. Die Gelehrten aller Völker fanden an ihm stets einen warmen Vertreter und Freund, wie es vielleicht nur einmal im deutschen Leben und im verjüngten Maaßstab zu Weimar dagewesen ist. Die berühmtesten Dichter der Italiener, Torquato Tasso und Ariofto, gehören der Hauptsache nach seinem Zeitalter an und erhielten ihren Dichterwerth anerkannt und verherrlicht vom Lorbeer der ewigen Rom, um sie den christlichen Völkern als Meister der Sprache und Poesie desto eindringlicher an'S Herz ju legen. Wir gestehen, wenn das der Weg zur Volksverdummung durch katholische Schleichwege ist, so muß man sich um so mehr wundern über die emsigen Begründer dieses Vorwurfs gegen die Katholiken, da sie doch von Morgens bis Abends in einem Athem, so weit er in dieser Zone reicht, von Aufklärung und Abklärung, von zeitgemäßer Bildung durch Kunst und Wissenschaft, von Intelligenz und Germanenthum reden, was sie retten und ausbreiten wollen. „DaS ist ja wälsch," schreien sie uns freilich beständig entgegen. Ich frage: Was war denn damals bei Euch deutsch? Der ReligionSzank, welcher die deutschen Kirchen verstümmelt, die Heiligenbilder ver- unehrt, die Mönche und Nonnen aus ihrem Eigenthum vertrieben hat? Die Selbstsucht, welche sich unter dem Verwände deS „reinen Evangeliums" mit dem Kircheu- und Klostergute bereichert und die Religion als Domäne der weltlichen Macht unterworfen hat? Die Menschenliebe, welche die Reformirten, weil sie von ihrem Auffassungsvermögen Gebrauch machten so gut wie Ihr, als Sakramentirer auS der Stadt hinausgewiesen nach Hanau und Bockenheim, und in Genf den Scheiterhaufen als letztes BekehrungSmiltel in Anwendung brachte, ohne dem Kaiser Sigmund zu Konstanz dasselbe Recht einzuräumen? Der Patriotismus, welcher die Schweden und Franzosen zu Bundesgenossen gegen Deutsche annahm und in diesem saubern Handel 76 die schönsten deutschen Länder auf immer an unsere Erbfeinde überlieferte? Der rohe Schimpf, der in den Schriften der Vormänner jener antinationalen Bewegung keine Ahnung von Urbanität mehr übrig ließ, welche sonst dem deutschen Gemüthe selten abhanden kommt? Daß in jener unseligen Zeit Knust und Wissenschaft zu Grunde ging, daß beim sogenannten Wiedererwachen derselben der Zopf seine Feste feierte, die Unnatur und Grimasse zur Herrschaft gelangten, darüber will ich nicht einmal ein Wort verlieren, eS war die fluchwürdige Folge der germauischeu Bundesgenossenschaft mit Deutschlands Erbfeinden, wo Bildung, Religion, Wissenschaft in dreißigjähriger Verwilderung unterging. Ist das Euer berühmtes Germanenihum, dann gebt Acht, daß nicht die nächsten Tage Euer Herz vom dummen Kopfe abfällt und zum Wäljch- lhum übergeht, weil cS der einzige Weg zur Menschlichkeit und Tugend ist, nach denen alle vernünftige Kreaturen bewußt und unbewußt und in der Regel ohne ihre Schuld seufzen. Freilich die deutsche Philosophie, welche berufen ist, die dumme Menschheit zu witzigen, ist nicht von der katholischen Kirche ausgegangen, sie hat vielmehr an ihr eine staudhafte Gegnerin gefunden. DaS hat man in Berlin, Jena und Königsberg übel vermerkt, und aus diesem Grund abermals den Vorwurf der Volksverdummung gegeu sie ausgesprochen. Als aber das philosophische Germcmenthum seine Aufgabe gründlich gelöst hatte, als der Gottmeusch JesuS Christus, die Unsterblichkeit der Seele, der Unterschied zwischen Gut und Böse deutschwisseuschaftlich beseitiget, als die Ewigkeil der Materie, die Emancipiruug des Fleisches, die Alleinherrschaft deS Sinnen- genusseS aus dem philosophischen Ledaei auSgekrochen waren, und die Proletarier deS 19teu Jahrhunl'ens die Weisheit norddeutscher Professoren allherrschend machen wollten mit dem Blödsinn und der Stupidität deS Lasters, daS frech genug war, über die Tugend regieren zu wollen: da freilich war es höchste Zeit, zn Frankfurt an dem Main schreiben und drucken zu lassen, daß die katholische Kirche ihre Anhänger verdumme- Wir sind weit entfernt, diesen Ausbund von Volksaufklärung, wie sie in Süddeutschlaud sogar beiden Bauern auf dem Laude grassirt, wie sie die Schuljugend zum Theil schon anerkennt uud übt, wie sie auf deu deutschen Hochschulen theilweise von Amlswegen gelernt wird, wie nameutlich die Frankfurter Zeitungen sie für Heidelberg vertheidigen, auf unsere Rechnuug herüberzunehmen. So dumm sind wir nickt. Der heilige Glaube uuserer Kirche hat uuö vorciuSprophezeit, vaß es mit dieser deutschen Philosophie so kommen werde, er ist uns jetzt um so lieber, weil er unS in Zeiten bitterer Noth unfehlbar warnend und siegreich zur Seite stand, uud deu Wahnsinn der GvtleSläugnung uuier jeder Form von den katholischen Gemeinden zurückwies. Ist diese uichtkatholische Volksverdummung sür jeden vernünftigen Menschen schon lehrreich genng, so erreicht die politische in unsern Tagen den höchsten Grad menschlicher Bornirthcit, deren wir uns um keine» Preis als aufrichtige Katholiken schuldig machen möchten. Wir meinen die Bramarbasiaden in den deutschen Landen Baden und Nassau. Den Kirchenconflict soll der Erzbischos von Freibnrg oder sein angeblicher Hintermann, der Bischof von Mainz, veranlaßt haben, das soll ein vernünftiger Mensch glauben, blos, weil die Korrespondenzen deS deutschen Frankfurter Journals, und die über allen Ausdruck geistvollen Ariikel der Mittelrheinischen Zeitung in Wiesbaden cS alle Tage zum Ekel und Ueberdrnß wiederholen, während jeve Gegenrede unterdrückt ist. Hält man die Welt wirklich für so stupid? Wir weuigsteus wollen uns aus diesen Quellen uud ihreu amtlichen Auctoritäten nickt um unsern gesunden Menschenverstand bringen. Es klingt wie ein Märchen auS Tauseud und eine Nacht, dieses unaussprechlich süße Jourualistcnlied vom Neckar und dem Neroberg, daß die Regierungen von Baden uud Nassau ganz ruhig ihren sogenannten gesetzlichen Weg gehen können, da ja alles Volk in Religionssachen mit denselben einig sey. Ja gerade so wenig wie im dreißigjährigen Kriege unter Mausfeld und Wallenftein, wo eS sich keineswegs um Regierung und Volk handelte, sondern um Katholiken und Protestanten. So verstehen jetzt die Journalisten in Baden und Nassau unter ihrem „Volk" die Protestanten von Baden und den oranischen Gehietstheilen, denen daS 77 Recht zustehen soll, die Katholiken an der Treisam und Lahn ans dem kurzen Wege der Gewalt in ihren heiligsten Interessen zn knechten und muudtodt zu machen. Wenn eS Euch gelingt, durch diese Rechnung Anhänger zu gewinnen, so wollen wir wenigstens nicht unter den Dupirten seyn. Solche Glaubensdummheit überlassen wir andern, weil wir wissen, daß das katholische Volk jener Gegenden unverbrüchlich zu den Bischöfen steht. Eure Katholiken, die auf der Seite der Unterdrücker stehen, müßt ihr mit schwerem Gelde besolden und werdet damit doch nicht weiter kommen, als so weit überhaupt in Revolutionszeiten die Untreue gegen geistliche und weltliche Obrigkeit reicht. Eure Beamten von Karlsruhe, Heidelberg »nd Mannheim, die euch mit ihrer Kaffeehausüberzeugung so hohen Muth geben, imponiren uns eben so wenig als die Pfarrerssöhne ans Dillenburg; wir haben sie im Jahre 1848 thcilweisc ans einer Seite gesehen, und in einem Tone gehört, daß nie ein Katholik vor solchen Bundesgenossen Ehrfurcht haben kann und darf, Bon solchen zweideutigen Kapacitäten und Herzeu lassen wir uns nicht verdummen und blind machen. Unsere Katholiken, auf die es allein ankommt, wohnen im badischen Oberland, in den Gründen von Ehrenbreitstein, Montabaur, Limbnrg, Camberg und auf den Steinkohlenlagern des Westerwaldes: da könnt ihr nachfragen, zu wem das katholische Volk in katholischen Angelegenheiten steht. Im Jahre 1843 konnten die Empörer und Wühler mit ihrer Treue gegen den Landesfürsten allein nicht fertig werden; dieses Volk läßt in GewtssenSsachen nur sich nicht mäckcln. Im Jahre 1854 wird eS mit seiner Treue für die Bischöfe, welche der heilige Geist gesetzt hat, die Kirche GolteS zu regieren, eben so wahr, so unbestechlich, so liebenswürdig seyn. Das regt Euer böseS Gewissen auf, das verleitet Euch zur täglichen wiederholten Jonrnallüge: „DaS Volk, das Volk ist für nnS gegen Christus und seine Kirche!" Mit Euch ist Niemand, außer Nonge, Hecker und wer das traurige LooS hat, in aller StaatSweiSheit und Menschenerfahrung ein Dummkopf zu seyn. Segeln wir aus diesen Binnenseen deutscher Verwässerung uud kleinstädiischer Kurzsicht iuö Volksleben von heute über, um auch da näher zu untersuchen, ob wirklich die katholische Religion ihre Bekcnner verdumme, so stellen wir nach dem Buche des berühmten Berliners Nicolai über Italien die italienische Nation als Beispiel kaiholischer Volksverdummung der norddeutschen intelligenten Bauernschast gegenüber, um aus diesem Contraste am schnellsten über die Frage klar zn werden. War Nicolai vielleicht ein abgedankter Hosralh oder GcMecapitän, so begreifen wir seine Milzsucht im schönen italienischen Lande beim kindlichsten Volke der Welt. Solche Leute labvriren an der Lungenröhrenschwindsucht oder am Rückenmark, das seinen Nervengeist verloren, oder am partiellen Wahnsinn und dergleichen Plagen des intelligenten Menschengeschlechtes. Da ist es kein Wnnoer, daß die Geruttd bricht, der Verstand ausgeht, das Blut zur Galle wird. Wir haben keine Lust, ein gleiches Experiment durchzumachen und die Natur der Läuse in unserm eigenen Pelze zu stuvireu. Klar und gerecht, wie eS uns Gott erschaffen, schauen wir Land und Leute an. Der Italiener ist der lebendige Abdruck seines sonnenglühenden Landes, lebhaft und empfindlich für alles Gute uud Schöne, namentlich ein geborener Kunstkenner, voll Einklang für alle harmonischen Töne des LicdeS und der Musik, dabei fromm und kirchlich gesinnt, sparsam, thätig mit Umsicht und nach Maaßgabe seiner natürlichen Anlagen, ausdauernd in Gefahr, Noth und Freundesliebe, voll innigen Sinnes fürs Familienleben, mit höchst uneigennütziger Brude» uud Schwestcrliebe, friedfertig und immer fröhlich, ein Sänger aus Natur- und Herzensdrang, Noch tausend andere Naturgaben der wälschcn Volksstämme könnten wir anführen, und alle Einsichtsvollen würden uns Recht geben. Alle beweisen, daß man die Dummheit beim Italiener nicht suchen darf, daß sie auf ihn am allerwenigsten zutreffend ist. Und doch ist er katho, lisch, ultramontan im strengsten Sinne des Wortes, mit der innigsten Anhänglichkeit an die Institutionen der Kirche. Stellt nun den norddeutschen Bauer, den Arbeitsmann der Städtchen und Dörfer, den Matrosen und andere Musterbilder an der Nord- und Ostsee mehr mit ihrer Branntweinpest, mit ihrem Tabackskauen, mit ihrem stups- ^ 78 den AlltagSweftn, mit ihrer Gleichgiltigkeit gegen Welt und Zeit dem muntern, aufgeweckten, liedervollen Italiener gegenüber und laßt euren eigenen Verstand, eure eigene bessere Einsicht wählen. Wir sind noch unergründlich gutmüthig, so voll Vertrauen auf eure deutsche Gerechtigkeit, daß wir euch das Endurtheil in die Hände geben. ES wird selbst im schlimmsten Fall dahin lauten: „Dumm ist der katholische Italiener nicht!" Und nach diesem Urtheile hoffen wir in Zukunft Eure Journalartikel abgefaßt zn lesen. Man kann dumm seyn in allen Consessionen und nur der Dummkopf wirft die Dummheit als Anklage auf den Katholicismus. So lange der Freitag bei euch ein Unglückstag ist, so lange die schwarze Farbe euern Trauungen bei zufälliger Begegnung böse Bedeutung hat, so lange die Zahlen 11 und 13 bei Tische Todeswürfel in euren Kreis schleudern, so lange Tische prophezeien und euch erschrecken, klopfet auf eure abergläubische Brust und thut Buße! In katholischen Ländern lacht man über solchen Aberglauben. Einer trage die Last des Andern, dann hat keiner dem andern viel vorzuwerfen. Gehabt euch wohl auf Wiedersehen! ms iuü Si-u knöitwN »,Ma',8 „t»S»MlK « 'iMnännM n?5'. bül »» '„»likiW«! M InM » wenn wir dann noch den gefährlichsten Feind im eigenen Innern tragen, in der gefallenen Ae>amönatnr; — gewiß haben wir da Ursache, zwar nicht zu verzagen, — der Christ verliert Muth und Vertrauen nicht, seine Hoffnung ist auf den Herrn gebaut, — aber Ursache haben wir und die allerwicht-gste Ursache, in der Demuth zu wandeln, uns selbst in heilige Zucht zu nehmen und alle Tage zum Herrn zu rufen, er möge uns und allen Menschen gnädig und barmherzig seyn. In noch hellerem Lichte wird diese Wahiheit sich unS zeigen, wenn wir die Zukunft ins Auge fassen. Der Weg des Menschen geht zur Ewigkeit, dort sollen wir Gott schauen, in ihm und mil ihm leben, und aus den Tiefen des göttlichen Wesens die Fälle des ewigen Lebens trinken. Daß wir aber glücklich dorthin gelangen, eö hängt dieß von zwei Willen ab, vom Willen Gottes und unserm Willen; nur daß der letzte dem ersten sich fugen muß. Gott will nun, daß alle Menschen selig werven, er gibt darum allen rie ausreichende Gnade; von Eette GvtteS also ist unser Seelenheil sicher gestellt. Der Herr aber will unS selig machen nicht ohne unS; er gibt, wessen wir zum Heile bedürfen, wir aber müssen aus freier, thätiger Selbstbestimmung mitwirken mil der Gnade; Feuer und Wasser, Leben und Tod ist uns vorgelegt und dann unS anheim gegeben, nach dem Einen oder dem Andern die Hand auszustrecken. Während also voll des Vertrauens und der Kcillgen Freude unser Auge sich zum Herrn erhebt, dem Gölte unseres Heiles, muß der Blick sich in tiefster Demuth senken und ein heiliger Schrecken unser Herz erfüllen, wenn wir auf unsere Schwäche schauen. Und was sollten wir auch von dieser nicht Alles fürchten? Sind ja doch alle Menschen zum Himmel berufen; sehen wir denn auch, daß alle dem Ruse folgen? Werden wir aber lreuer befunren werden? Ist nicht Christus für Alle gestorben und finden wir nicht dennoch, daß Viele des Herrn vergessen? Werden wir aber dankbarer die Gnade gebrauchen? „Breit ist die Straße, und groß ist das Thor, daö zum Verderben führt, und Viele sind, die da wandeln?" Sind nicht auch wir bisher uutcr den Vielen gewandelt? „Schmal ist der Weg und eng die Pforte, die zum Leben führt, und Wenige sind, die da wandeln?" Wird der Herr uns einst unter die Wenigen zählen? Noch wissen wir nicht, welches Urlheil die Gerichte des Herrn uns einst verkünden werden; still, schweigsam und unergriinolich steht dieses Geheimniß hinter dem Vorhange der Ewigkeit; aber gerade dieses liefe, geheimnißvolle Schweigen muß desto lauter und eindringlicher uns zum Herzen sprechen — von Demulh, Zerknirschung, Buße und Belehrung. Bist du nun, geliebter Christ! so glücklich gewesen, die Taufgnade zu bewahren, so wache und bele, auf daß du nicht in Versuchung fallest. Denn der Versucher ruht und rastet nicht, die Sünde steht vor der Thüre; und schon lag manche Unschuld in der Wiege — lächelnd und liebenswürdig; aber die Unschuld ist gefallen und die unglückliche Seele muß min die Peinen des Feuers leiden. — Fühlst du, mein Christ! dein Gewissen von schwerer Schuld belastet, dann säume nicht, noch heute, in dieser Stunde schon dich zu Gott zu wenden, wenn nicht jeder Glockenschlag dir neue Seelengefahr verkünden soll. Der Tod kömmt — zu welcher Stunde — ist unbekannt; — wehe! wenn das Gericht des Herrn dich unbereitet finden sollte! — Hast du aber für deine Vergehnugen aufrichtig Buße gethan und glaubst du also, mit dem vollen Vertrauen dich trösten zu dürfen, daß der Allbarmherzige dir vergeben hat, dann — wohl dir, glückliche Seele! wenn du in Demuth die Gnade zu bewahren dich bemühst. Käme aber je die traurige Stunde, wo du, eingewiegt in falschen Frieden, dein Herz der Täuschung öffnen könntest, als habest du fortan für dein Seeleuheil weitere Gefahren nicht mehr zu besorgen, gerade dann hättest du- von Neuem und ganz besonders zu fürchten, weil du dann der Mahnung des Apostels vergessen hättest, in Furcht und Zittern das Heil zu wirken. Wenn du also stehst, so sehe zu, daß du nicht wieder fällst; denn auch ergraute Büßer sind wieder gefallen. Lege daS Gewand der Buße an, um es nie wieder abzulegen, bis es deiner Leiche mit in das Grab gegeben wird. 85 So also predigt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft die heilige Furcht deS Herrn; so fordert Erde und Himmel, Zeit und Ewigkeit uns auf, den Weg zu Gott in der Buße zu suchen. Leider! daß es Augen gibt, die nicht sehen, Ohren, die nicht hören, Herzen, die nickt verstehen wollen. Nun kommt, geliebteste Diöcesauen! mit eben dieser Predigt der Buße die Kirche Gottes unS entgegen, besonders in der herannahenden heiligen Zeit, in welcher der Heiland uns seine Wunden zeigt und die Geheimnisse seines Leivens und Sterbens uns zu betrachten gibt und in welcher wir nach dem Willen der Kirche durch Abbruch und Fasten, durch vermehrte Uebung im Gebete und in Werken christlicher Nächstenliebe und insbesondere durch wahre Buße und ernstliche Rückkehr zu Gott uns auf den Tisch des Herrn zum heiligen Osterfeste würdig bereiten sollen. Möge, was die heilige Kirche in mütterlicher Liebe fordert, in unS die Erwiederung deS willigsten Gehorsams und der kindlichsten Liebe finden; möge der Ernst der heiligen Fastenzeit tief in unsere Seelen dringen, auf daß wir, der Sünde in Wahrheit erstorben und auferstanden zu einem neuen Leben, am heiligen Osterfeste das Mahl der Liebe würdig feiern, Den empfangend verhüllt in BrodSgcstalt, den wir dort oben von Angesicht schauen. Um dieses zum Herrn in Demuth flehend, breiten Wir Unsere Hände über euch auS und ertheilen euch den bischöflichen Segen. Gegeben Würzburg am 10. Februar 1854. f Georg Anton, Bischof. , -' Das Armenwesen vom katholischen Etanbvuncte betrachtet. (Fortsetzung.) III Mittel gegen die Verarmung und Noth. Die Mittel, die man einschlägt, um der Noth zu steuern, sondern sich in zwei Classen, in solche, welche trotz alles Bemühens nur daS Unheil noch vermehren, und in solche, welche, obwohl die Heilung in sich tragend, bisher gar nicht oder vereinzelt aufirateu. Jene sind wieder doppelter Art, entweder schon ausgeübte oder nur angestrebte Methoden zur Abhilfe. Wir wollen sie einzeln darstellen. Wichtig ist's, den Stand der Armuth zu ermitteln. So gutgemeint auch eine Verordnung über Anmeldung, Vorrufung und collegialische Prüfung zu diesem Behufe anfänglich seyn mochte, so wird sie doch zu sehr von der Erfahrung widerlegt, als daß man dieses nicht öffentlich auSsprechen sollte. Ein Armer, der erst auf diesem Wege ermittelt seyn will, muß cmweder unverschämt oder zu verschämt werden, und eine Procedur der Art wäre dem Verfahren des Arztes nicht unähnlich, der hübsch daheim, im gemächlichen Zimmerlein seine Euren macht. Es ist von selbst klar, daß das Individuum, losgerissen von seinen Verhältnissen, die ins Auge fallen müssen, oft lügenhaften Aussagen oder, greller Uebertreibung hingegeben, von den günstigen oder ungünstigen Einflüssen deS Augenblickes abhängig, unmöglich einen richtigen Census bestehen kann. Alle Erinnerungen an die Amtsstube müssen weichen, wo man es mit der nackten Wirklichkeit zu thun hat. Es ist ferner gewöhnlich, auS dem vorhandenen Armenfonde oder durch Umlage die Unterstützungen zu leisten. „Es ist gefährlich, den Leu zu wecken", die großen Städte haben es bitter bereut, jede nur etwas weiter verzweigte Armenpflege fühlt es tief. Sobald der Conscribirte von einem Fonde, von wöchentlicher, monatlicher, jährlicher Unterstützung hört, sobald ihm bedeutet, „er sey aufgenommen," dann ist die Wurzel deS Proletariers in ihn gelegt; er ist bepfründet, hat sein Recht, hat gute Aussichten, waö braucht er mehr? Die Gemeinde muß ihn ja ernähren, im Weigerungsfalle kann er ihren Vorgesetzten zu Leibe rücken, sie der 86 Ungerechtigkeit bezüchtigen, verklagen! Er weiß sich durch Kunst und Verstellung Zeugnisse zu erwerben, damit wird er frech. Jetzt ist er jener Unhold, der die sogenannten Slrmen-Sitzungen nicht selten mit Insulten bestürmr, der in den Gerichten mit seinen Papieren eine nicht unbedeutende Rolle spielt; jetzt ist er jener Vollblut- Proletcm'er, der mit unterdrücktem Grimm auf eine günstige Gelegenheit lauert, seinen Rachedurst zu kühlen, und sey es selbst im Blnte der Revolution. Endlich kommt der Betheiligte, holt in bestimmten Raten sein jährliches Aver- sum, kümmert sich um den Geber nicht mehr, als um den nächsten besten Gerichtsdiener, und gehl wie er gekommen. So muß auch die letzte Reminiscenz eines Almosens fallen, und der Empfänger in seinem Rechte die Bestätigung erhalten. Ueber dieses Alles, wer sind die Vertheiler der Pfründe? Etwa Diaconen, wie zur Zeit der ersten Christen, oder der Seelsorger als solcher in Verbindung einiger Männer von Frömmigkeit und Erfahrung, oder ein besonderer Verein christlicher Liebe? Es ist ein Staatsorgan, in dem auch jede Zurückführung auf religiösen Stanbpuuct unmöglich geworden; ein Staatsorgan, dessen Vorstand, ohne eigene Besugniß, allen Nüancirungen der Controle ausgesetzt ist, ein Staatsorgan, daS beim besten Willen nimmermehr seiner hohen Aufgabe nachkommen kann. .Dazu ist ihm in der Conscquenz ein unfehlbar wirkendes Mittel entrissen, daS in vielen Fällen die einzige Zuflucht ist, die Hunger-Cur; eS ist sein Wirken, und wenn auch standhaft das Gegentheil behauptet werden wird, bloß negativ. Nach dieser Behandlung des ArmenwesenS erscheinen abändernde Vorschläge und suchen, obwohl sie aller Wissenschaftlichkeit und Haltbarkeit entbehren, als Engel der Rettung sich hinzustellen. So erblicken die Einen das Heil allein in der Arbeit und stoßen auch zitternde Greise und Mütterlein zu derselben fort; Andere entdecken den Hoffmingsstern in dem frisch belebten Handel und wollen möglichst viele Fabriken errichtet wissen; Andere wollen BeschäftigungS-Anstalten nach Art der Zuchthäuser, weil nur so beider Desiderien vollständig entsprochen werden könne; wieder Andere glauben, eS sey daS für die Speculation günstige jüdische Ferment gesetzlich zu begünstigen und möglichst zu verbreiten, und nach Niederreißunq dieser religiösen Scheidewand ein nenes Canaan herzustellen. Diese Vorschläge, wozu noch die Errichtung von Arbeiter-Vereinen, die Hebung des Credits u. s. f. zu zählen, ergehen sich alle in der süßen Hoffnung, daß ihnen um so sicherer der Erfolg sey, je ruhmreicher die Anfänge gekrönt nnd durch Nachweise erhärtet seyen. Dieser krankhaften Hoffnung können wir unmöglich beipflichten. Sie leidet an der falschen Voraussetzung, daß das subjective Element in jedem Falle nicht von so hoher Bedeutung sey und, Weil die Noth eine materielle, auch mit materiellen Mitteln ihr begegnet werden könne und müsse; sie läßt die Frage unerörtert, woher eS denn komme, daß Gegenden oder Individuen, für welche materiell Alles geschehen, dennoch mehr und mehr der Verkümmerung verfallen; sie übersieht die geschichtliche Argumentation, welche in dem Blühen und Sinken der Völker eine große Ursache unläugbar angibt; sie wird endlich mehr oder weniger von einem schlimmen Grundgedanken geleitet, den wir vor der Hand noch nicht näher bezeichnen wollen. (Schluß folgt.) Rom. Se. Heiligkeit Papst PiuS IX. hat an den hochwürdigsten Herrn Fürstbischos von BreSlau unterm 2. Januar ein apostolisches Schreiben erlassen, aus dem wir Folgendes hier mittheilen: ..Aus Deinem Briefe haben wir nicht ohne große Freude Deine kindliche Pietät und Ehrfurcht ersehen, in der Du UnS und diesem Stuhle Petri, dem Mittelpunkt der katholischen Einheit, fest anzuhängen versprochen hast. Bewahre auch fernerhin, Ehrwürdiger Bruder, diese Deine vortrefflichen, eines katholischen Bischofes würdigen 87 Gesinnungen und suche in jener umfangreichen Diöcese, die Dir von UnS anvertraut worden, alle Pflichten eines guten Hirten eifrig zu erfüllen. Und vor Allem verwende alle Deine Sorge, Wachsamkeit, Mühe und Klugheit darauf vorzüglich, daß das Pfand unseres heiligsten Glaubens vollständig und unversehrt bewahrt und das Recht, die Lehre und die Freikeit der katholischen Kirche unverletzt erhalten werde. Da eS Dir aber keineswegs verborgen ist, daß die Menschen zur Religion, zur Frömmigkeit und zum Gottesdienst wohl am meisten durch das Leben und Beispiel Derer angeregt werden, die dem göttlichen Dienst sich gewidmet haben, so biete alle Deine Sorgfalt und Wachsamkeit auf, daß die Geistlichen, alles dasjenige vermeivend, waS den Klerikern untersagt und für sie unschicklich ist, den Gläubigen ein Beispiel seyen im Wort, im Benehmen, in der Liebe, im Glauben, in der Keuschheit, daß sie die Pflichten ihres Amtes fleißig, verständig und heilig erfüllen, dem Gebete obliegen, die Studien der heiligen Wissenschaften mit Eifer und Fleiß betreiben, damit sie Diejenigen belehren können, die das Gesetz von ihrem Munde begehren und jene, die widersprechen, zurechtweisen. Und weil Du wohl weißt, wie wichtig eS in diesen Zeiten namentlich für die Kirche ist, geschickte Diener zu haben, die nur auS wohlgeleiteten Klerikern hervorgehen können, so lasse nichts unversucht, daß die jungen Kleriker schon von zartem Alter an durch die bewährtesten Lehrer im Seminar zur Frömmigkeit, zu aller Tugend und zum geistlichen Sinne herangebildet, in Studien und strenger, besonders kirchlicher Disciplin, fern von jeder Gefahr, jedweden Irrthums und profaner Neuerung, auf'S fleißigste eingeübt werden. Unterlasse nicht, mit dem größten Eifer und mit bischöflicher Sorge zu wachen, daß in jenen öffentlichen und privaten Lehranstalten, die Dir besonders unterworfen sind, die Methode der Studien und deS Unterrichtes der katholischen Lehre vollkommen entspreche. Denn Dn erkennest sehr wohl, welch' falsche, absurde, irrthümliche und verderbliche Meinungen, in den philosophischen Disciplinen namentlich, vorgebracht werden, die der göttlichen Offenbarung und der wahren Vernunft widerstreiten. Auch ist Dir nicht unbekannt, welch' verpestete und abscheuliche Bücher, mit Geschick geschrieben und voll von Hinterlist, verbreitet werden, durch welche die feindlichen Menschen die Geister und Gemächer Aller verkehren, die Sitten verderben, die Gläubigen vom katholischen Cultus abwendig machen, die Grundlagen der Religion und der bürgerlichen Gesellschaft erschüttern, und alle göttlichen und menschlichen Rechte gottlos und verbrecherisch zu vernichten suchen. Deshalb, Ehrwürdiger Bruder, laß eS, so viel an Dir ist, cm keiner Sorge und Klugheit fehlen, um die Ansrecknng dieser schrecklichen Pest von Deiner Diöcese fern zu halten und sowohl mündlich, als durch geeignete Schriften die Dir anvertrauten Gläubigen beständig zu ermähnen, damit sie im Bekenntniß der katholischen Wahrheit täglich mehr befestigt, unbeweglich verharren und sich niemals täuschen und in Irrthum führen lassen von den Erfindern der Lüge und den Anhängern verkehrter Glaubenssätze. Den Eifer der Pfarrer suche insbesondere anzufeuern, daß sie ihrem Amte fleißig uud gewissenhaft obliegend, niemals aufhören, das christliche ihnen anvertraute Volk durch Verkündigung des göttlichen Wortes und Aussvendung der Sacramente zu weiden und durch Einschärfung des göttlichen Gesetzes zu unterrichten, von den vergifteten Weiben abzuhalten und auf die heilsamen zu leiten und die Kinder in den Grundlehren des Glaubens mit großer Geduld zn unterweisen, und ihre zarten Geister und empfänglichen Herzen zur Tugend und zu jeder Disciplin frühzeitig anzuleiten. Und da Du ein Gesandter Christi bist, welcher kam, nm zu suchen und selig zu machen, was verloren war, so höre nicht auf, Ehrwürdiger Bruder, in aller Geduld und Belehrung, Deine bischöfliche Mühe darauf zu verwenden, daß jene, die elendiglich unwissend sind und irren, das Licht der Wahrheit erblicken und erkennen und auf den W.'g der Gerechtigkeit und in den einzigen Schafstall Christi zurückkehren. Bei den größten Bedrängnissen aber und Schwierigkeiten, die in diesen so ungünstigen Zeiten von dem bischöflichen Amte untrennbar sind, verliere nicht den Muth, sondern sey stark im Herrn und denke an jene unverwelkliche Krone der Herrlichkeit, die von dem ewigen Fürsten der Hirten den Ausdauernden 88 verheißen ist. Sey aber auch versichert, daß Wir sehr gern Alles thun werden, was Wir nur immer als zu Deinem und Deiner Heerde größerem Nutzen gereichend erkennen werden. Unterdessen flehen Wir zu Gott dem Allerhöchsten demüthig und inbrünstig, daß er in der Fülle seiner göttlichen Gnade Dir stets gnädig beistehen, und Deine Hirtensorgen segnen wolle, damit jener durch Deine Arbeit zu bestellende, mit Deinem Schweiß zu benetzende Theil seines Weinberges reichliche, erfreuliche Früchte der Gerechtigkeit von Tag zu Tag hervorbringe. Und als Unterpfand dieses höheren Schutzes und als Zeugniß Unserer Liebe zu Dir ertheilen Wir Dir selbst, Ehrwürdiger Bruder, und allen Klerikern und gläubigen Laien jener Deiner Kirche auö innerstem Herzensgrunde sehr gern den apostolischen Segen. Gegeben zu Rom bei St. Peter den 2. Januar 1854, im achten Jahre Unseres PontificateS. . PiuS?. ?. IX.« Eschweiler. Eschweiler, 27. Febr. Die von den hochwürdigen Jesuiten-VäternPottgeißer, von Waldburg-Zeil und Smeddinck hier abgehaltene fünfzehntägige Mission wurde am gestrigen Tage mit einem Kreuz-Umzüge beschlossen, wie einen großartigeren nnd rührenderen der hiesige Ort wohl nie gesehen hat. Musterhaft war die Ordnung und der Anstand, die bei diesem außerordentlichen Zusammenflusse von Menschen und überhaupt die ganze Missionszeit hindurch statt fand; denn nicht die geringste Klage über irgend eine Störung, geschweige ein Vergehen, ist während dieser ganzen Zeit laut geworden. Da die Kirche auch nickt den vierten Theil der Anwesenden hätte fassen können, so mußte Herr Pater Pottgeißer die Schlußpredigt auf offenem Marktplatze halten, und war es dabei höchst rührend und lies erschütternd zugleich, aus die Aufforderung deS gewaltigen Neduers, dessen Stimme weithin verständlich durch die Stadt erscholl, eine Menge von wenigstens zwölftcmsend Menschen ihr Tanfgelübde wie auS Einem Munde erneuern zu hören. Die Wirkungen dieser heiligen Mission sind für Eschweiler und seine ganze Umgebung höchst erfreulich uud beachtenswert!). Abgesehen von den speciell religiösen und sittlichen, um welche eö sich bei einer Mission zunächst handelt, dürften schon die socialen nicht hoch genug in Anschlag gebracht werden können, und glauben wir in dieser Hinsicht nicht zn viel zu sagen, wen» wir behaupten, daß in viele Herzen und Familien der Friede von Neuem eingekehrt, Hunderte in gegenseitigem Wohlwollen und Liebe sich näher gerückt, Tausende zn treuerer Erfüllung ihrer Standespflichten zurückgekehrt und die Laster ausgerottet werden sind, welche den Ruin der socialen Menschheit herbeiführen. Möchten die Missionen in diesem ihrem unschätzbaren Nutzen für Staat und Kirche allseitig erkannt und gehörig gewürdigt werden! Hierorts hat es daran nicht gemangelt, denn obgleich die hochwürdigen Väter sofort nach dem Schlüsse der Mission ihren Wanderstab ergriffen, nm von bannen zu ziehen, so gelang es ihnen dadurch jedoch nicht, sich aller Dankes-Aenßcrung Seitens der Gemeinde zu entziehen, und dürfte es nicht leicht einen rührenderen Abschiev gegeben haben, als den der hiesigen Gemeinde von den Herren Missionären und umgekehrt. - T r i e ft. Trieft, 16. Febr. Der vorgestern hier von Treffen bei Laibach eingetroffene Missionär, Mons. Friedrich Varaga, Bischof von Michigan in Nordamerika, begab sich gestern über Ancoua nach Rom, von wo er seine Rückreise nach Amerika wieder über Trieft nehmen wird. Dieser würdige Prälat wurde in Wien, Laibach und besonders in seinem Geburtsorte Treffen mit der größten Auszeichnung und Begeisterung empfangen. Verantwortlicher Redacteur: L, Schönchen. Verlags-ZuHaber: F. C. Kreiner. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojtzeitung. 19. März M K2 ' 1854. Dieses Blatt erscheint regslmäHia alle Sonntage. Der l,albjShrilie^Ab>'m.,'nientg>!rei.? kr., wofür e« durch alle köm'ql. bayer. Postämter und ülle Buchhcmdlunaen liezvnen werden ksnr. DaS Bild des Erzbischofs von Freiburg. Die in der Cottci'schen Buchhandlung erscheinende „Deutsche VierteljahrSschrift" enthält im ersten Hefte für 1854 eine höchst gediegene Monographie: „Der Kirchenstreit in Baden" betitelt; ja, wir stehen nicht an, zu sagen, daß damit sowohl in Fc>rm als Inhalt daS Beste über diese Angelegenheit geboten wird. Der Raum gestaltet uns leider nicht, auf die Einzelnheiten dieser Abhandlung, welche in besonders gründlicher Weise das Recht des Erzbischofs auch i» den posuiven staatsrechtlichen Verhältnissen nachweiset, weiter einzugehen; hingegen können wir uns n>M versagen, das achle, die Persönlichkeit des herrlichen Erzbischofs schildernde Capitel abzudrucken. Der Aufsatz lauiet also: Nach langer Krankheit starb der Erzbischof Jgnaz Demeter am 21. März 1842. Er hatte den Sitz des Mettopolilan fünf Jahre und zwei Monate inne gehabt, und diese ganze Zeit unter Vorstellungen, Bitten und Protestatiouen verlebt. Die Wahl des Nachfolgers wurde am 15. Juni 1342 vorgenommen. Der Großherzog Leopold hatte keinen Candidaten verworfen; er ordnete den damaligen Director der katholischen Kirchensection, Gcheimenrath Siegel, als Wahlcommissär nach Freiburg ab, und dieser mischte sich auf keine Weise in die Wahl. Sein Benehmen ist in jeder Beziehung ein ehrenhaftes gewesen; und so wurde Hermann von Vicari, Bischof von Macra, zum Erzbischof von Freiburg und Metropoliran der oberrheinischen Kirchenprovinz einstimmig erwählt. Hermann v. Vicari ist geboren am 13. Mai 1773 zu Aulendorf in Oberschwaben, wo sein Vater gräflich Königsegg'scher Oberamtmann war. Während er seine ersten Studien am Lyceum zu Coustanz machte, verlieh ihm das Dvmcapiiel ein Äanonikat am dortigen CollegiatsMe zu St. Johann. Am Jesuiiencollegium zu Augsburg studirte er Philosophie, und begab sich von dort nach Wien, um nach vem Willen seines Vaters sich dem Studium der Rechte zu widmen Von Wien im Jahre 1795 zurückgekehrt, führte ihn sein Vater in die praktischen Geschäfte ein, aber die Neigung zum Berufe deS Priesters bewog ihn, mehrere ehrenvolle Beamienstellcn auszuschlagen. Während dieser Jahre seiner juristischen Praris unterzog er sich den rigorosen Prüfungen in Dillingen, ans deren Grund er die Doctorwürde beider Rechte erhielt. Nach dem Tode seines Vaters verließ er den weltlichen Beruf, um sich ganz dem Studium der Theologie zu widmen; er wnrde am 1. October 1797 zum Priester geweiht, und zu gleicher Zeit in sein Kanonikat eingesetzt. Earl Theodor von Dal- berg ernannte ihn.im Jahre 1802 zum Assessor bei dem bischöflichen Regierungs- Collegium zu Constanz, und nach wenigen Tagen zum geistlichen Rath. In dieser Stelle zeigte er eine so vorzügliche GeschäftStüchtigkeir, daß ihn der ehemalige Fürstprimas v. Dalberg noch im Jahre 1816 mit dem Officialate der bischöflichen Eurie 9V betraute, in welcher Eigenschaft er bis zum Ende des alten Constanzer BiSthumS im Jahre 1827 thätig war. Bei der Stiftung deö Erzbisthums Freiburg wurde er als Generalvicar zum Domcapitel nach Freiburg berufen. Er führte die OrdinariatS- Direclion, wurde im Jahre 1830 jum Domdecan ernannt, den 8, April 1832 alö Bischof von Macra (in partibus) zum Weihbischose geweiht und als Vioarius in pon- tikealinus et svirituglivus xenerslis deö Erzbischofs von Freiburg aufgestellt. Er war BiSthumSvenveser nach dem Tode deS Erzbischofs Bernhard, so wie nach dem Ableben des Erzbischofs Jgnaz. Wie oben bemerkt, wurde er am 15. Juni 1842 als dessen Nachfolger gewählt, am 30. Januar 1843 präconisirt und am 26, März desselben JahreS mit dem Pallium bekleidet. Wer immer die Geschichte des Tages verfolgt, wer die Bedentung deS Kampfes der Kirche gegen die Staatsgewalt auffaßt und mit Interesse den Gang desselben beobachtet, der möchte wohl ein wahres Bild von der Persönlichkeit haben, aufweiche jetzt so viele Blicke gerichtet sind. Wir wollen eS versuchen,, eine Skizze zu solchem Bilde zu entwerfen. Denkt man sich den kühnen Metropolitan der oberrheinischen Kirchenprvvinz als eine jener imposanten kirchlichen Heldenfiguren, mit welchen die Kunst den heiligen BonifaciuS, die Heiligen Athanasius, AmbrosiuS oder Thomas Becket darstellt, so ist dir Vorstellung irrig. Der Erzbischof Hermann v. Vicari ist ein kleiner schmächtiger Mann, im hohen Alter noch lebhaft, beweglich, und körperlich so rüstig, daß er noch vor einigen Monaten, nur von seinem Leibdiener begleitet, eine Fußreise von mehreren Tagen ausgeführt hat, um einem ihm verwandten Knaben eine Freude zu machen. Er ist immer freundlich, heiter nnd liebt einen gutmüthigen Scherz. Er kommt jedem Menschen mit ungesnchter Freundlichkeit entgegen und seine übergroße Höflichkeit entspringt aus einem natürlichen Wohlwollen. Er ist an Verstand und Wissen gar vielen tüchtigen Männern überlegen, aber er weiß eö nicht, und seine innere Bescheidenheit erscheint als eine Demuth, welche mit seiner hohen Stellung in eigenthümlichem Gegensatz steht, und jeden sogenannten Wellmann in Verlegenheit bringt. Die Achtung, mit welcher er die Meinung Anderer anhört, und die Bescheidenheit, mit welcher er seine eigene ausspricht, hat schon Manchen getäuscht, der den starken Charakter deS Greisen nicht kannte. Der Erzbischof Hermann ist mit reinem Herzen geboren, und die Erfahrungen von achtzig Jahren haben diese Unschuld nicht zerstört. Er glaubt an die Menschen, liebt ohne Haß und mißtraut Niemanden, faßt die Verhältnisse des Lebens, die Verwickelungen deS menschlichen Verkehrs fast kindlich auf und beurtheilt das weltliche Streben nnd Verlangen mit naiver Einfachheit des unverdorbenen KindeS. Deßhalb ist auch sein Urlheil so unbefangen nnd so gesund. Er weiß von keiner Unduldsamktii, ihm ist der Gedanke unmöglich; und wenn er glaubt, daß nur in der katholischen Kirche das Heil der Seele zu finden sey, so kann er nur beten, daß die Gnade Gottes die Irrenden erleuchte, und inbrünstig danken, wenn eine Seele zu seiner Muiterkirche zurückkehrt. Von den vielen Protestanten, die mit ihm verkehrten, hat gewiß keiner den geringsten Unterschied der Behandlung erfahren; keinem aber konnte die Zartheil eingehen, welche ohne allen Schein jene Kleinigkeit vermied, die ihn unangenehm hätte berühren können; und diese Zartheit ist kein Ergebniß der Klugheit oder der LebenSgewandlheit, denn er ist sich ihrer gar nicht bewußt: sie entspringt seinem unend. liehen Wohlwollen. Daß es Menschen geben könne, die gar keinen Glauben haben, das wird der alte Mann nimmer begreifen. Mäßig, fast ohne Bedürfnisse, macht der Erzbischos keinen Aufwand; eine Kleinigkeit macht ihm Freuce! Er hat keine eigentliche Liebhaberei, wenn nicht für seinen Garten und sür seine Blumen, die ihm gar wenig kosten. Der größte Theil seines Einkommens gehört den Armen; er hat ihnen schon Stücke seines Silberzeuges gegeben, als er selbst kein Geld mehr hatte. Seine Wohlthätigkeit hat manche Familie dem stillen verborgenen Elende entrissen und manchem jungen Menschen eine ehrenhafte Existenz begründet. Das HauS des Erzbischofeö ist eine Zuflucht der Bedürftigen; 9t er selbst spendet dem Armen, ohne zu fragen, wer er sey und woher er komme; und naht sich ihm ein Kind, das keines Almosens bedarf, so gibt er ihm doch ein Bildchen. Der Erzbischof Hermann v. Vicari ist ein frommer Mann, seine Frömmigkeit ist ein tief inneres Bedürfniß seiner Seele, sein Glauben an die Offenbarung ist so lebendig als er unerschütterlich ist; in christlicher Demuth klagt er sich als einen sündigen Menschen an, und der einfache Pfarrer eines benachbarten Dorfes ist sein Beichtvater. Was über ihn kommt, er nimmt es als eine höhere Fügung und darum stört eS ihn nicht. Als er glaubte verhaftet zu werden, da hat er in heiterer Ruhe seine kleinen Bedürfnisse selbst zurecht gelegt, um sogleich bereit zu seyn, wenn man ihn rufe. Trifft ihn etwas recht Schmerzliches, so flüchtet er sich in seine HauS- capelle und bald kehrt er heiter und freundlich zurück; so that er, als er die Erlasse vom 7. November erhielt und darüber vielleicht den herbsten Schmerz seines ganzen Lebens empfand. Ganz anders erscheint dieser Greis, wenn er sich als Kirchenfürst zeigt. Kniet er in einfacher Chorkleidung betend an dem Altar, oder zieht er, angethan mit der Dalmatika, feierlich in seine Metropolitankirche ein, oder verwaltet erden Gottesdienst in der Pracht des erzbischöflichen Ornates, so ist- eine unglaubliche Würde in seinem Wesen, man erkennt den kleinen demüthigen Greisen nicht mehr, und wenn er feierlich den, Segen über seine Gemeinde spricht, so hört man keinen Athemzug, und wer nicht auf die Kniee fallen will, der muß es sich fest vornehmen Das hohe Kirchenamt ist ihm von Gott übertragen; bald wird er vor dem ewigen Richter stehen, um Rechenschaft abzulegen, wie er es verwaltet; dieser Gedanke verließ ihn niemals, er ist ihm gegenwärtig bei der kleinsten wie bei der größten seiner Handlungen. Der Erzbischof von Frciburg ist kein Mann des raschen Entschlusses, er überlebt lange, und niemals hat er eine bedeutende Handlung beschlossen, ohne daß dem Beschluß ein inbrünstiges Gebet voranging; hat er aber einmal in sich selber entschieden, so kann keine weltliche Rücksicht ihn anders bestimmen. Er war dem Großherzog Leopold mir inniger Liebe zugethan, aber er versagte das Traueramt, weil eS die Gesetze der Kirche verbieten. Er kennt die Verfassung der katholischen Kirche nach ihrer ganzen Entwickelung und in all ihren Einzelheiten. Er ist kein glänzender Geist, wie z. B. der gegenwär, tige Bischof von Mainz, aber er ist der beste Kanonist nnd der gewandteste Geschäftsmann in seinem Capitel, und selbst ein Talent wie Hirscher beugt sich vor ihm. Alles, was Manche von fremden Einwirkungen reden, ist grundfalsch; wo die Rechte der Kirche in Frage stehen, wo es die Verwaltung seines Amtes betrifft, da ist der achtzigjährige Greis so selbstständig, als irgend ein Mann; denn nach seinem Glauben ist er und er allein für das Heil der anvertrauten Seelen verantwortlich, die Gottes erbarmuugsvolle Fügung ihm anvertraut hat. Die Bischöfe seine' Provinz verehren ihn wie einen Heiligen, und er liebt sie wie seine Brüder; aber ihre Verehrung und seine Liebe würden ihn nicht abhalten, einen Fehler zu rügen, wenn je sein Amt es verlangte. Die Geistlichen seiner Diöcese behandelt er wie seine Söhne, er fordert keine äußere Unterwürfigkeit, keine demü« thigenve Formen, sie würden ihm unbehaglich seyn; sie verkehren frei und ungezwungen mit ihm, und er beurtheilt mild ihre meuschlichcn Schwächen. Wo aber ihr Beruf und ihre Stellung als Priester berührt wird, da begegnen sie dem Ernste des Bischofs; beides ist aber im Einklage, denn das Eine entspricht seiner christlichen Demuth und seinem natürlichen Wohlwollen, daS Andere dem festen Glauben an seine apostolische Sendung. Der Erzbischof straft ohne Rücksicht die Geistlichen, die ihm den Gehorsam verweigern, aber die in Freiburg verhafteten Priester hat er im Gefängniß besucht. Er wußte wohl, daß er abgewiesen werde, aber den gehorsamen Söhnen glaubte er dieses Zeichen der Liebe schuldig zu seyn. Die Welthändel versteht der Erzbischof von Vicari nicht; sie liegen ihm fern. Daß die Kirche die Menschen zu Gott zurückführen müsse, um die Schäden der Gesell- 92 schaft zu beilen; daß die Kirche ihre Rechte zunickerobern müsse, um die wahre Freiheit auf Erden zu gründen: das ist sein politischer Gedanke. Er liebt sein großes Vaterland und kennt dessen Geschichte; aber er ist der treueste Unterthan seines Landesherr». Im Sturm der Umwälzung hat er seinen Sitz nicht verlassen, unter dringenden Gefahren hat er den Rebelle» ihr Unrecht vorgehalten und das Volk zur Treue ermahnt. Niemals ist cS ihm in den Sinn gekommen, das Ansehen der weltlichen Gewalt zu schwächen; aber in seinem Glauben darf er dem Rechte der Kirche Nichts vergeben, er mnß es schützen und wahren znm Heil des Staates und zum eigenen Wohl des Regenten. DaS ist der Erzbischof von Freiburg, der jetzt den Kampf der Kirche gegen die bureaukratische Staatsallmacht führt. Der „katholische Götzendienst". Ein gewisser Poynder zu London schrieb ein Schmählibell gegen die katholische Kirche, die er deS Götzendienstes und HeidenthumeS bcschnldigte. Wiseman (noch ehe er Cardinal wurde) antwortete hierauf im Dublin Kevisw in einer so vernichtenden Weise, daß Poynder dadurch zum Schweigen gebracht wurde und die katholische Sache in England nur damit gewann. In dieser Widerlegung Poynders läßt Wiseman einen Heiden die Kirchen Londons besichtigen, und liefert dann folgende herrliche — den Gegenstand der Anklage auf den Ankläger und seine Sache zurückwerfende — Beschreibung der Paulskirche in London: „Ich würde ihn (den Heiden), nachdem das Eintrittsgeld gehörig bezahlt wäre, in die Kathedrale von St. Paul führen, und ihu bitten, er solle auf die Religion rathen, der sie angehöre. Würde nicht seine erste Frage seyn, gehört sie überhaupt einer Religion an? Ist dieß überhaupt ein Platz zum Gottesdienst? Kein Altar, keine Kanzel, keine Abbildung von einem Heiligen ist sichtbar; rein Punct, gegen den sich die Gläubigen wenden, als sey in ihm die Gegenwart Gottes concentrirt; kein Zeichen von eigenthümlicher Bestimmung, kein Betender oder auch nur ehrerbietiger Beschauer, keiner, der, wenn er die Schwelle übertritt, seinen Geist im Gebet vorbereitet, als nahe er Gott. Da sieht er Männer mit bedecktem Haupte, als wären sie ans offener Straße; sie gehen ab und zu, betrachten das Gebäude bloß als architektonisches Werk, und sind durch die Einpfählung von dem großen Schiffe getrennt; denn die Ehrfurcht vor demselben ist so gering, daß eS, wäre eS offen, ohne Scheu profanirt werden würde; Spott und Scherz, oder der Stand der Papiere, oder eine skandalöse Tagesneuigkeit kann allein ihre Neugierde befriedigen und bildet die Unterhaltung der verschiedenen Gruppen. Würde er einen einzigen Gegenstand bemerken, der ihm andeuten würde, daß er in einem für christlichen Gottesdienst bestimmten Raume stehe? Dürfte er nicht auS der Orgel schließen, es sey eine Halle für festliche Versammlungen? Dürften nicht die schimmeligen Fahnen, die um ihn wehen, ihn ans den Gedanken bringen, es sey die Curie, oder das Senatoreuhaus der Stadt? Bloß Ein Umstand kann ihn auf ein richtigeres Urtheil führen; es sieht nämlich wie ein Theil des Gebäudes, gerade wie seine eells, abgeschlossen, und dem Blicke uus dem Zutritte deS Profanen entzogen ist, und da er in der katholischen Kirche nichts derartiges gesehen hat, und es vollständig der Form- seiner Tempel entspricht, wird er sicherlich noch genauere Aehnlichkciten vermuthen. Während er aber so unentschlossen wäre, welcher Religion er Ansprüche ans den Besitz dieses Tempels geben soll, würde ich seine Aufmerksamkeit auf einen andern Punct richten, und ihn bitten, seinen Blick auf die Grabmäler und die tastbaren Denkmäler ringS um ihn zu richte», um ihm einigermaßen zu verstehen zu geben, welchem Gott hier gedient, uud wclche Tugenden gelehrt werden. Hier sieht er Sinnbilder in genügender Anzahl, — aber nicht da? Kreuz, oder die Taube, oder den Oelzweig, wie auf den alten Grabmälern, sondern die Trommel und Trompete, das Schwert und die Kanone. Wer sind nun diejenigen, deren Aufführung und deren Thaten für 93 würdig erachtet wurden, diesen Tempel zu schmücken? Männer, die mit dem Schwert in der Hand vorwärts stürzten, um die Nachfolgenden zum Kampfe zu ermuthigen, oder die untersanken, während sie das feindliche Verdeck enterten; Helden, wenn Sie wollen, Wohlthäter ihres Landes, aber sicherlich keine Männer, die zur Verherrlichung der Religion beigetragen. Von einem wird gesagt, er sey gefallen, wie eS sich gewiß ein Römer gewünscht hätte, nachdem er seines Feindes Schiff geentert hatte und so entweder eines vernichtete oder beide rettete; die Grabschrift eines Andern ist mit Worten gegeben, mit denen sein Befehlshaber berichtete; die eines Dritten mit den Worten des Beschlusses des Hauses der Gemeinen; nicht ein Wort von einer einzigen Tugend, eines Gedankens an Gott, einer Hoffnung auf den Himmel, nicht eine einzige Andeutung, daß er sich zu irgend einer Religion bekannt oder geglaubt habe. Und würde nicht der Heide sich freuen, einen Tempel gefunden zu haben, wo der Muth der dreihundert Fabier oder die Selbstopferung der Deciusse, oder die Tugenden der Scipionen so vollständig gelehrt und der Bewunderung und der Nachahmung der Menschen ausgestellt werden? Um wie viel größer würde diese Freude werden, wenn er die Sinnbilder, unter welchen diese Thaten oder ihre nähern Umstände ausgedrückt werden, näher betrachtete. See- und Flußgötter, mit ihren schlammigen Kronen und ausströmenden Gefäßen, der Ganges mit seinen Fischen und Kalabassen, die Themse mit den Genien ihrer Nebenflüsse, der Nil mit seinem Götzenbild? der Sphynr; die Siegesgöttin geflügelt und aufgegürtet wie bei den Alten, schlingt weltlichen Lorbeer um die Schläfe der Gefallenen, die Fama verkündet mit ihrer antiken Trompete ihre weltlichen Verdienste, Clio, die Tochter Apollo'S, erzählt ihre Geschichte; und außer diesen kommen noch neue Schöpfungen von Göttern und Göttinnen vor, der Aufruhr und die List, die Stärke und die Empfindsamkeit/Britannien, das wahre Abbild deS sich selbst anbetenden RomS, und bei einigen von diesen ist die Draperie so mangelhaft, daß sie mehr für einen alten heidnischen als für einen modernen Tempel passen würden. Diese Sammlung alter Gottheiten, die einzigen Bilder, die sein Auge belehren konnten, würden ihn gewiß zu der vollen Ueberzeugung bringen, entweder daß seine alte Religion, ihre Sinnbilder und ihre Sittenlehre nie verdrängt, oder daß sie erst wieder eingesetzt worden sey- ES würde umsonst seyn, ihm zu erklären, daß hinter jenem Gitter einmal wöchentlich wenig Zuhörern, und an den Werktagen den leeren Bänken ein heiliges Buch vorgelesen werde, welches lehre, seinen Götzendienst zu verabscheuen und Gott im Geiste anzubeten; und daß gelehrte Männer hier Predigten über die Gefahr deS Götzendienstes und eines symbolischen Gottesdienstes halten. Alles dieß würde, glaub' ich, ihn nur noch mehr veiwirren. Er würde sagen, wenn ?S euch nicht erlaubt ist, Bilder zu haben, oder sie in eurem Tempel aufzustellen, warum brecht ihr daS Gesetz bloß zu Gunsten von Kriegern und Flußgöttern? Wenn dieß euch erlaubt ist, warum werden die Christen von Rom angeschuldigt und verdammt, daß sie Bilder von Christus und seinen Hnligen aufstellen? Ich trage kein Bedenken, zu behaupten, daß er. wenn er so schlösse, wie Sie, und den Grundsätzen, nach welchen Sie urtheilen, folgte, wenn er eine Religion nach der Schaale und nicht nach dem Kerne, nach dem Leibe und nicht nach dem Geiste, nach den äußerlichen Formen und nicht nach dem Glauben, den sie ausdrücken, beurtheilte; und wenn er darauf bestände, gleich Ihnen seinen eigenen Eindrücken und Vorurtheilen mehr nachzugeben, als den Verwahrungen und Erklärungen derjenigen, gegen welche er streitet; ich trage kein Bedenken zu behaupten, daß er einen viel matteren Ausdruck deS christlichen Gedankens in der protestantischen, als in der katholischen Kirche sehen, daß er viel größere Denkmäler deS verworfenen Götzendienstes in der englischen als in der römischen Kathedrale finden würde. , 94 DaS Armenwesen vom katholischen Gtanbpunete betrachtet. III Mittel gegen die Verarmung und Noth. (Schluß, 1 Wir behaupten frei und werden eS erhärten, daß lediglich im Christenthum daS gesuchte Heilmittel gegen Verarmung und Noth enthalten sey. ES ist dieß nicht etwa bloß ethische Folge, sondern sogar principielle Tendenz. Gehen wir zu der allgemeinen Anschauung und dann zur besonderen. Wie daS Land der Verheißung, dieses von Milch und Honig fließende Land, mit seinen gesegneten Triften und fruchtbaren Feldern, mit seiner blühenden Küstenstrecke und dem unschätzbaren Libanon, wie dieses Nachbild des paradiesischen S-egenS entstand und fiel mit der Treue oder Gottlosigkeit der Kinder Israels, so in weiteren Kreisen bei den Kindern deS neuen GotteSrcichcS. Es steht fest im gläubigen Bewußtseyn und geschichtlich begründet, daß an GotteS Segen Alles ge,l,egen, und wie der Fluch GotteS auch die größten Reichthümer vernichte. (Psalm 111, 3: Klon» et clivitme in clomo ejus, prov. 3, 13: Omm8 enim tmmo, lsui oomeclit et Kirnt et viclet bonum cle Isdore suo; Koo clonum vei est.) Es drückt dieses die Schrift mit den Worten aus, welche sich zur untrüglichen Wcchrhm erheben (Pf. 36, 25): „Ich bin jung gewesen und bin alt geworden, und noch nie sah ich den Frommen verlassen, noch seine Kinder nach Brod gehen."' Näher ist diese auS dem Christenthum unmittelbar fließende zeitliche Wohlfahrt dahin zu erklären, -daß Gott für Solche gleichsam mit seiner Vorsehung einsteht. Darum that der Herr den göttlichen AuSspruch (Mth. 6, 33): „Suchet zuerst das Reich GotteS und seine Gerechtigkeit, und jenes Alles wird euch beigegeben werden." — „Solche unmittelbare Eingriffe der Vorsehung bestätigen aber ihre Fügung und Ordnung, die über alles menschliche Eigenthum im Allgemeinen waltet." (I. Th. Laurenr, die zeitlichen Segnungen des Christenthums.) ES berühren sich nämlich die Hauptconstitutive jedes Gedeihens eben so fördernd das Gute als ausschließend daS Verderbliche, und einigen sich zum Regenreichen Erfolg, GotteS Gnade und menschliche Freiheit. Daher ist dann auch das zerstörende Moment der Sünde, welches diese auf daS dießsemge Leben übertrügt, entrückt, größere oder kleinere Calamitäten sind, wo Gottes Friede weht, ferne gehalten, cS steigen Gebete zum Herrn empor im Vertrauen auf die Worte der ewigen Wahrheit: „Bittet, und so wird euch gegeben!" (Mth, 7, 7) — nnd der Herr erfüllet Alles mit seinem Segen. Vergeblich sieht sich die moderne Glücksthecne nach einem Rüstzeug um. das den -Feind erschlägt, dessen Eristenz und Einfluß sie statuirt, ohne zum siegreichen Schwert zu greifen. Denn wo Leidenschaften und Laster schweigen, welche wie ein gefräßiges Thier auch die größten Güter verschlingen; wo nicht mehr das beleidigte Sittengesetz seine Ueberlreter bis zur Verworfenheit in ein disharmonisches Leben abstößt; wo nicht mehr der Zerfall mit den allein haltbaren Principien fortreißt; wo nicht mehr d.sr Geist in die Fesseln der Sünde geschlagen und im freien Aufschwung zum wahren Glücke nicht mehr gehemmt ist: da war eS nur das Christenthum, der Maube, der diese Quellen zeitlicher Noth versiegen machte, und nicht ein wenn auch noch so hochgetrageneö politisches Glückssystem. Hier wirkt daS Geheimniß deS chra'jstlichen Sittengesetzes ein, d.iS auf dem Grundpfeiler der Entsagung und SÄlWvsrläugnliNH aufbaut und in dem Grade erhöht uud beglückt, als sich die Dsmuth in ifreiwilliger Erniedrigung vor Gott beugt. Jene dreifache Begierde der Genußsucht, der Habsucht und Ehrsucht, die Herrscher unserer Zeit, die auf eine Vergötterung des Creatürlichen hinausläuft, setzt gerade die größte Feindschaft zwischen diesem und dem Menschen, säet Fluch in die Furchen der so bebauten Erde, und vernichtet jedes Werk, dem sie als Motiv zu Grunde liegt. Wir möchten darum glauben, daß nicht nur negativ gegen die Hindernisse deS Aufblühens besserer Tage nichts auszurichten sey, sondern auch positiv keinerlei Art von Vorschriften nnd An- S5 ordimngen hiezu gegeben werden können, wenn man die Gränzen deS Christenthums überschritten. Wenn der Herr dieses Werk nicht baut, bauen die Bauleute vergebens. Es dürfte zugleich hieraus erhellen, daß, sobald daö Christenthum nicht als das allein normirende Princip verfolgt wird, die Civilisation einem lockenden Trugbild ähnlich ist, einem faulen Sumpft, mit täuschendem Grün überzogen, und daß dieselbe in dem Maaße retrograd den« Barbarismus zueilen muß, als die aus guter alter Zeit geretteten Trümmer im neuen Lichte aufgehen. Eö ist auch principielle Tendenz deS G.aubens, Verarmung und Noth zu heben; nicht nur, daß er, wie gezeigt, den Segen Gottes vom Himmel herabzieht, sondern auch, daß er den einmal stattfindenden Unterschied zwischen Arm nnd Reich möglichst aufzuheben bestrebt ist. Der Glaube lehrt, der Armen sich erbarmen. Entgegen dem Armen als gebornem Sklaven in der heionischen Welt sollte der Arme im Reiche Gotlcs vom Drucke freigestellt werden als Bruder in Christo. Es schuf das Christenthum den Mittelstand gegenüber den zwei Ständen deS Alterthums, der die Ausgleichung zwischen beiden werden sollte, wie der Untergang oder daS Schwächen desselben ein Kennzeichen der Abnahme oder des VerschwindenS deS Glaubens wäre. Während das Heidenthum die Armen als eine Last betrachtete, so daß ein römischer Kaiser sagen konnte: „>oi,is graveg sunt", und selbst bei einem ihrer größten Moralphilosophen (Senecs cle clem. I. 2, 4) zu lesen: „Alle Guten werven sich vor Barmherzigkett hüten und kein Weiser wird sich von Mitleid rühren lassen": erkennt das Christenthum die Unterstützung derselben als Pflicht und als Erforderniß zur ewigen Seligkeit; ein beständiger Anfrus, in dem der Herr mit dem Armen sich selbst identi- ficirt. In diesem Sinne schrieb der heil. Kirchenvater Petrus ChrisologuS (cle ^ejunici et eleem.): „Die Hand des Armen ist der Schatzkasten Christi, denn was der Arme annimmt, das empfängt Christus." Nur wo diese Principien herrschen, können wir uns die rechten Mittel gegen die eingerissene Verarmnng und Noth versprechen, und nicht vom Abklatsch eines verfeinerten Gefühlswesens, oder vom Absehen von der „nicht hierher gehörigen" Religion. Wir kommen nun der Lösung der Fr^ge näher, und werden in einem zweiten Artikel die sachdienlichen Mittel bezeichnen. P a s s a u. Passau, 7. März. Unser hochwürdigster Herr Bischof Heinrich behandelt in seinem dießjährigcn Hirtenbriefe bei Anlaß der heiligen Fastenzeit die hochwichlige Frage der Kindererziehung vom christlichen Standpuncle aus mit besonderer Berück» sichtigung auf die oft verkannte Wahrheit, „daß die Erziehung der Kinder keineswegs erst mit jenem Zeilpuncte beginne, in welchem die gesetzlichen Vorschriften die Eltern verpflichten, ihre Kinder in die Schule zu schicken, sondern daß die ersten Pflichten christlicher Erziehung von den Eltern schon lange zuvor mit aller Sorgfalt und Ge- wissenhafligkeit erfüllt werden müssen. Nachdem dieses Thema eben so gediegen als ausführlich behandelt und die dießfällizen irrigen Ansichten unv Vorkommnisse geschildert worden, äußert sich der hochwürvigste Herr Bischof in nach Oben und Unten höchst beherzigcnswerlher Weise dahin: „Wenn es mit uuserer heranwachsenden Jugend allenthalben so traurig aussieht; wenn mit Recht von allen Seiten die bittersten Klagen erhoben und die größten Befürchtungen für die Zukunft deßhalb ausgesprochen werden, so schiebe man doch ja nicht alle Schuld auf die Schulen und das jetzige Schulwesen, sondern suche vielmehr den Anfang dieser beklagenSwerthen Uebelstände in dem Mangel einer christlichen häuslichen Erziehung, ehe die Kinder in die Schule treten. Daö Verderbuiß unserer jetzigen Jugend geht in der Regel vom älterlichen Hause aus, die Kinder kommen meistens schon verdorben in die Schule. Was kann man aber mit einem Kinde in der Schule anfangen, das mit einem verkehrten und verdorbenen Herzen in dieselbe eintritt? Können die Lehrer, können die Priester, welche 96 die Kinder nur eine kurze Zeit in ihrer Nähe haben, welche keine väterliche Gewalt über sie besitzen, welche mit den Kindern nicht durch jene heiligen Bande deS Blules und der Abstammung verbunden find, die eine so große Macht über die Natur ausüben , welche überdies) aus natürlichen Gründen in so vielen Verhältnissen den Kindern nie so nahe stehen wie die leiblichen Eltern, — können die Lehrer und die Priester nun alles das gut machen, was die Eltern seit Jahren bei einem kleinen Kinde versäumt und verderbt haben? Die eifrigen Bemühungen der Lehrer und Priester werden die Ausartungen eines Kindes durch Belehrung zurückweisen, durch Strafen in Schranken halten, durch Aufsicht und Ueberwachung unschädlich, theilweise unmöglich machen können, aber eS wird nur sehr selten und nur unter besonderm Beistände der göttlichen Gnade möglich seyn, ein einmal verdorbenes Kind auch in seinem Innern, seinem Herzen, seiner Seele vollkommen zu bessern. Denn das Herz eines Kindes, das nicht von den zartesten Jahren an durch eine fromme christliche Erziehung im elterlichen Hause von Vater und Mutter geschützt, geleitet und entwickelt wird, kommt frühzeitig in einen Zustand von Kälte, Erstarrung und Verstocktheit für alles Gute. Die geistige Natur eines solchen Kindes verliert alle Kraft und allen Wachsthum, die Natur des Fleisches aber entwickelt sich mir der Macht und wird über alles Herr." Der Hirtenbrief schließt mit der wahren Behauptung, daß nur mit dem Eintreten einer besseren christlichen häuslichen Erziehung bessere Kinder — bessere Menschen — bessere Zeiten kommen werden. Gott gebe eS! - Zur Tischraserei. Wolfgang Menzel schreibt hierüber in seinem Literatur-Blatt: »ES hat sein GuteS, wenn das Böse offenbar wird. Die Schamlosigkeit, mit welcher seit Jahr- zehcnten der Unglaube hervorgetreten ist, hat zur Besinnung geführt und den christlichen Glauben, der überwunden werden sollte, neu gestärkt. Die Schamlosigkeit deS Aberglaubens wird gleichfalls zur Besinnung führen und dem wahren Glauben zu gute kommen. Nebenbei ist es erfreulich wahrzunehmen, wie trostlos sich das Treiben derer widerspricht und selbst vernichtet, die vom Glauben abgefallen sind. DaS Tischrücken ist in dieser Beziehung die solennste Protestation gegen die vor Kurzem noch auf allen Universitäten prädvminirende Hegel'sche Philosophie, denn man gibt auf den eigenen Verstand deS Menschen gar nichts mehr und holt sich Raths beim jetzt auf einmal allein weise gewordenen Holze. Der hochgepriesene Menschengeist, in dem Gott allein eristiren und sich selber zum Bewußtseyn kommen sollte, ist abgeschätzt und muß sich beugen vor dem Holze. Das erste beste Tischlein weiß jetzt mehr als alle Professoren der Philosophie zusammengenommen und Tausende würden jetzt lieber bei dem hölzernen Katheder Hegels fragen als bei ihm selber. Darin liegt eine tiefe Beschämung für alle Hofsänigen im Geiste. Der neue Aberglaube abcr kann, sofern er von vornherein alle Menschenweisheit aufgibt und nur der Sehnsucht nach einer Offenbarung von außenher folgt, wenn man nur erst der groben Täuschung und Verirning in Bezug aus sein Ziel inne wird, zum wahren Glauben zurückführen. Die Naivität, die an den Dämon im Holze glaubt, ist nicht so sündhaft, wie es die Selbstvergötterung der Hegelinge gewesen ist. Es ist nur Adams, nicht LuciserS Sünde. Sie will nur naschen, nicht Gott gleich seyn. Sie erkennt wenigstens an, daß eS außer dem Menschen etwas gibt, waS mächtiger und einsichtsvoller ist, als er selber, und wenn der Teufel diese Abergläubigen erst recht geäfft und in Angst gejagt haben wird, werden sie sich leichter zum wahren Glauben wenden, und wie MoseS sein Volk vor den Schlangen rettete durch die eherne Schlange, so werden sie von den dämonischen Tischen fliehen zum Holze des heiligen Kreuzes. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen, Verlags-Inhaber: F. E. Krcmer. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augslmrger PostZeitung. 26. März ^ RS 1854. DteseS Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Aboauementsprei« kr., wofür e« durch alle köuial. baver. PoKämter uud alle Buchh-mdluiiqeu bezoqrn werden kanv. DaS Christenthum in Abyssinien und der letzte Märtyrer daselbst aus Oesterreich. *) I. Unter den Psalmen Davids ist unS auch daS freudige HuldigungSlied eines begeisterten Jsraeliten auf Salomo, da er die Regierung antrat, im 71. Psalme aufbewahrt. Aber so grcß auch Israels Erwartungen von Salomo'S Weisheit und Regententugenden seyn mochten, in diesem Fciergesange sind dennoch Erwartungen ausgesprochen, die wohl kein blos irdischer Friedensfürst oder Salomo erfüllen konnte. „Er wiid Recht sprechen den Armen im Volke, und helfen den Kindern der Dürf- ligkn, und demüthigen die Unterdrücker derselben. Er wird bleiicn, so lange Sonne und Mond währer, von Geschlecht zu Geschlecht, Er wird herabkonumn, wie der Regen auf eine Wiesenmatte, und wie der Thau die Erde befeuchict. Da wird in seinen Tagen die Gerechtigkeit und Fricdensfülle sprossen, bis daß der Mond vergeht. Von Meer zu Meer wird er herrschen, vom Fluß bis zu des Erdballs Gränzen. Die Aethiopier werden vor ihm sich niederwerfen, und obgleich früher seine Feinde, nun aus Gehorsam den Boden küssen. Die Könige von TarsiS und die Inseln werden Gaben bringen, Arabiens und Seba'S Fürsteil mit Geschenken huldigen: der Eide Herrscher alle ihn anbeten, ihm dienen alle Nationen; — und er wird der Gegen« stand ihres GebeteS immerdar, und ihrer täglichen Lol preisung seyn." In diesen Worten des gotlbegeistcrtcn Sängers schimmern freilich Hoffnungen, die erst in JesnS Christus, dem großen Salomo oder FricdenSfürsten für die Menschen, die eines guten Willens sind, festen Ankergrund fanden, deren volle Erfüllung aber erst jener auch von uns Katholiken ersehnten unv stets angcstreblen Zeit aufbehalten ist, wo Ein Hirt unv Eine Hecrde seyn wird. WaS die Aethiopier betrifft, die nach dieser Prophezeiung Christo dem Herrn huldigen sollten: so begegnet u»S schon in den Jahren 3-t und 35 nach Christi Geburt, als die jugendlich kräftige Kirche noch nicht lange ihre Aeste und Sprossen über Jerusalems Mauern hlnauSgeirieben hatte, ein Abgesandter derselben. In jenem Vor- sprunge HochasrilaS, den w.r Habcsch oder Abyisinien, die Allen aber Aelhiopien nennen, hallen sich lange vor Christi Geburt jüdische Ansiedlungen gebildet. Die vielen mit Engpässen versehenen Waldgebirge dieses Landes, welche stufenweise von schneebcrccklen Gipfeln bis ins liefere Nilland sich niedersenken, die dazwischen liegenden graö- und gerrcidcrcichen Hochebenen mit dreimaliger Ernte und milder und erquickender Alpenluft, die engen Thäler, von wasserreichen Flüssen durchströmt; die vier Tagereisen lange heiße dürre Salzstäche, welcher als Küsteusaum die östlichen Gränz- -) Ocstcrr. Volksfr. 98 gebirgc noch vom rothen Meere sondert, boten den so ferne von Sion sich niederlassenden Söhnen Israels gesicherte Wohnsitze. Selbst in unsern Tagen wohnen mitten in jenem Lande, in der gebirgigen Provinz Samen, zahlreiche Juden, hatten lange, bis 180», ihre eigenen Fürsten, und nähren sich, außer dem für sie unwiderstehlichen Handel, auch vom Baue der Häuser und Hütten. AuS jener Gegend nuu, die viel ausgedehnter ist als die österreichische Monarchie, kam um die Zeit der Steinigung des heiligen StcphanuS der Kämmerer der Königin Kandazeö nach Jerusalem, Jehova dort im Tempel anzubeten. Auf seiner Rückreise im Wagen den Propheten Jsaias, diesen Evangelisten des alten BunveS lesend, ward er durch GottcS wunderbare Fügung vom Diacon Philippus belehrt, bekehit und getauft, und zog dann seinen Weg fort zur fernen Heimal,mit Freuden. — Solches ist Alles lebendig und mit nnnachahmlichcr Anmuth geschildert im achten Kapitel der Apostelgeschichte zu lesen. Unsern Lesern wir!) der genauere Inhalt auch ohne die wohlfeile Großmulh einer martyriumssüchtigcn Miß Cnnniugham bekannt seyn. — Wir fügen nur noch bei, daß fromme Ueberlieferungen der christlichen Vorzeit erzählen, dieser äthiopische Hofdeamte habe den Samen dcS göttlichen Wortes sodann in seinem Vaterland ausgestreut, und später den heiligen Apostel Matthäus gastlich ausgenommen, als ihn die göttliche Vorsehung nach Aethiopien zur Previgt des Evangeliums rief. Wir überlassen eS einer hochmüthigen Kritik, diese und ähnliche Sagen chemisch zu zersetzen und zu verflüchtigen, und an dem bleibenden Reste nach ihrer Weise sich zu erbauen und zu erquicken. Wie cS der Pflanzung des Christenthums iu den nächsten Jahrhunderten daselbst erging, darüber fehlen uns die Nachrichten. Wissen wir doch in unsern Tagen, bei . so vielen Reisemitteln und so sehr gesteigerter Reiselust so wenig über jene Gegenden; was Wunder also, wenn in so früher Zeit Nacht und Dunkel über dasselbe sich vor den Auzcn der nördlichen Welt gelagert hat. Erst gegen das Jahr 327, iu den Zeiten des großen KirchenlchrcrS AthanasiuS, fällt wieder ein freundlicher Lichtstrahl der Kircheugcschichre auf das den Augen der christlichen Welt fast entschwundene äthiopische Gebiet. Obgleich das bisher Gesagte nur eine freilich sehr lose gezimmerte Brücke seyn soll, um zu einem Märtyrer auS Oesterreich zu gelangen, welcher in Sibyssinien für ChristnS sein Leben opferte, so wird, wie wir hoffen, der christliche Leser die Geduld nicht verlieren, wenn wir nuu auf der Brücke noch etwaö verweilen. Wie bekannt bieten sich ja die schönsten Aussichten sehr oft auf Brücken dar. — Im Anfange des vierten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung hatte Meropius, ein reicher und gelehrter Mann auS TyrnS, mit seinen zwei hoffnungsvoll hcranblühenden Neffen Frnmentius und EvesiuS eine wissenschaftliche Reise nach Persieu und Indien unternommen. Die beiden Knaben waren fromm und christlich erzogen, kundig der griechischen Sprache, und selbst auf den Reisen benutzte der Oheim die freie Zeit, sie noch weiter zu unterrichten. Auf der Rückreise aus Persien landete das Schiff an der abyssinischen Küste des rothen MeereS, um dort frisches Wasser einzunehmen. Mit!l>rwcile ging MeropiuS mir den Knaben und einem Theile der Reisegenossen ans Land. Sie entfernten sich von der übrigen Gesellschaft, und lagerten sich unter einem schattigen Baume, und weil sie körperlich so wohl sich fühlten, so lasen sie, den Geist zu erquicken, in einem Buche. Da fiel unerwartet ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel in ihren frohen Kreis, ein Tropfen bittern WermuthS füllte schnell den ganzen Becher ihrer reinen Lnst. Rohe räuberische Bewohner der Gegend stürzicu herbei und mordeten die Fremdlinge. Der beiven Knaben aber ward geschont, denn ihr junges Leben erregte selbst der Barbaren Mitleid oder Gewinnsucht. Sie käme» an den,Hof des Fürsten nach Auruma, der gerührt durch ihre schöne Gestalt, in welcher eine noch schönere Seele sich spiegelte, sie lieb gewann, und lur, vor seinem Tode ihnen die Freiheit schenkte. Dankbar blieb das Brüderpaar auf den Wunsch, der verwittwcien Königin noch einige Zeit im Lande, sie bei der Regierung, welche dieselbe statt ihres unmündigen SohueS führte, dmch Rath und That zu unterstützen Aber die Sehnsucht nach einer christlichen.Umgebung, 99 nach christlichem Gottesdienst, regte sich mehr und mehr im Herzen der beiden Brüder, denn entweder war in diese Gegend des weiten Aerhiopiens das Christenthum in der apostolischen Zeit nicht gedrungen, oder zu fern nnd abgerissen vom erwärmenden Mittelpunkte wieder erloschen. Ost und oft fragte FrnmcntiuS die fremden Kaufleute, welche bisweilen daö Land besuchten, ob sie Christen seyen. Wie groß war seine Freude, als ihm endlich einmal seine Frage bejaht wurde! Wie alte Freunde nahm er sie auf, und weinte Thränen der Rührung, als er nach christlicher Weise mit ihn?» beten konnte, nnd ersuchte sie beim Abschiede, ja bald und recht oft wieder zu kommen, denn seine Sor,-e werde es seyn, für den Ban eines christlichen Gotteshauses im Lande zu sorgen. — Als endlich der jurwe König volljährig geworden, verließen die Brüder daS Reich. EvesiuS, den die Liebe zum Vaterlande und seinen Verwandten zog. reiste nach Tyrus, wo er später zum Priester geweiht wurde, Frumentius aber ward durch Gottes Geist zu einem höhern Ziele getrieben. Ihm lag daö traurige Schicksal der Aethü'pier schwer am Herzen, die er in der Finsterniß des Heiventhumes hatte zurücklassen müssen; er wollte sie dem himmlischen Vaterlande gewinnen. Er wendete sich nach Alerandria in Egypten an den heiligen Alhanasius, schilderte ihm den Zustand AbyssinienS, und bat ihn, Vorsorge für die Bekehrung dieses Volkes zu treffen, das durch seine Lage nach Älerandria um geistliche Hilfe angewiesen sey. Aihanasiuö, gewohnt in wichtigen Angelegenheilen nicht blos seinem Ermessen zu folgen, sondern in wahrhast christlicher Demuth den Rath Vieler zn hören, versammelte seinen Klerus, und forderte HrumeittiuS auf, sein Anliegen vorzutragen. Als dieser nun voll Begeisterung schilderte, welch' reiche Ernte in Abyssinien zu machen sey, wenn ein vom Geiste Gottes beseelter Mann dort mit Macht und Kraft das Evangelium verkünden würde, da rief AthanasiuS, ihn mitten in seiner Rede unterbrechend, freudig aus: „Wo wäre ein Mann zu finden, auf dem so augenscheinlich GotteS Geist ruhte, wie aus dir, FrumcniiuS; nud wer in der Welt wäre geeigneter zu diesem großen, evangelischen Werke?" Und so ward denn Frumentius zum Bischöfe geweiht, und als Glaubenöbote nach Äelhiopien gesendet, wo er segensreich wie ein Apostel wirkte. Seil jenen Zeiten blieb bis in unsere Tage die abyssinische Kirche mit der von Ezvptcn in Verbindung. Leider daß sie, obgleich dem MohamedaniSmuS sieghast widerstehend, in Irrlehren und unstatthafte mosaische Gebräuche und Ansichten verstrickt wurde, welche dem Ausblühen eines wahrhast christlichen LebenS hemmend im Wege stehen. Mit der übrigen christlichen Welt ans weiter Entfernung nur durch eiu einziges schwaches Band, die Ernennung vcS Abnna ovcr obersten Geistlichen, welche durch den koptischen Patriarchen in Egypten geschieht, in Verbindung stehend, blieb daS christliche Abyssinien fast neun Jahrhunderte für Europa in Dunkel gehüllt. Da traten gegen Ende dcS löten Jahrhunderts die Portugiesen, und unter ibrem Schutze im löten Jahrhunderte die Jesuiten in nähere Berührung mit dem merkwürdigen Lande und Volke. Ihr eifriges Bestreben war cS, das Volk auS Aberglauben, Irrlehre und Unsittlichkeir zu befreien, und in enge Verbindung mit Rom zu bringen. Es kostete dem Orden viele Mühe, Schweiß, Drangsale und Blut. Schon schien der Sieg errungen, der Hof war zum katholischen Glauben bekehrt, die zweifache Natur in Christo überall verkündet, die Mönche und ihre Mißbräuche vom Hofe entfernt, ein Patriarch vom Papste ernannt: da brannte der Fanatismus dcS alten Irr- und Aberglaubens wieder auf, das Reich zitterte in seinen Grundfesten, das Blut von vielen Katholiken ward in einem grausamen Bürgerkriege vergossen, die Jesuiten selbst wurden verjagt oder getövtct (1632). Wohl ließen auch im 18ten Jahrhundert die römischen Päpste Abyssinien nicht ganz auS ihren Augen. Aber auch damals vermehrten ihre Versuche, dort den römisch-katholischen Glauben auszubreiten, nur die Zahl der Märtyrer. Dieß war auch unter Clemens XI. der Fall, im Jahre 1711. Liberatus Weis, ein Priester der damaligen österreichischen Provinz des FranciScancr- OrdenS, und apostolischer Präscct der katholischen Missionen in Abyssinien, starb damals mir zwei Ordensbrüdern daselbst den Martyrerlod. Pater TheodosiuS Wolf, ihr Ordens- und MissionSgenosse auö dem Kloster zu St. Pölten in Oesterreich, der 100 durcb dreizehn Jahre in jenen Gegenden wirkte, und viele Heiden und Muhamedaner zur Erkenntniß deS Evangeliums brachte, und der zu Lanzendorf bei Wien, nachdem er vier Weltrheile durchgewandert, und seine Kräfte erschöpft im Dienste des Herrn, reich an Verdiensten starb, hat in einem lateinischen Briefe den Martyrertod seiner oben erwähnten Miibrüder beschrieben. Da dieser Brief in weiteren Kreisen wohl weniger bekannt ist, als er eS um seines Gegenstandes willen verdiente, und die Blicke der Katholiken in unsern Tagen wieder mit srcmmer Begeisterung tief binab nach Afrika gerichtet sind, so dürste eine Uebersetzung und Mittheilung desselben nicht überflüssig seyn. (Schluß folgt.) Die Zeit der Fasten in Pari». Der Erzbischof von Paris hat in seinem dießjährigen Hirtenbriefe ein warnendes Wort in Bezug auf die „Ignoranz in ReligionSsachen" gesprochen, und verschiedene Mittel unv Wege angegeben, theils daS Uebel zu heben, theils seinen weiteren Fortschritt wenigstens zu h>mmen. Die Predigten fehlen übrigens in der Hauptstadt wahrlich nicht und daS Wort GotteS zählt hier würdige und zahlreiche Vertreter. Aber oft verfehlen die besten Mittel thre Wirkung, wenn nicht äußere günstige Umstände hinzukommen. Der Erzbischof sagt in seiner Anrede an die Gläubigen selbst: „Nirgends ist wohl für die Verkündigung des göttlichen Wortes treuer und reichlicher gesorgt, als in Paris. Dennoch glaube man >ja nicht, daß nichts mehr zu thun übrig bleibt. Und weil noch so viel Böses neben dem Guten, daß wir von Herzen anerkennen, besteht, so sollen wir alles Mögliche thun und kein Mittel unversucht lassen, eine noch größere Anzahl Zuhörer um unsere Kanzeln zu versammeln. Und sollte man nicht auch bis in jene dunkeln Winkel von Paris, wo so viele verirrte Seelen fern von der Sonne der Wahrheit leben und sterben, einen belebenden Strahl senden können?" .... Ti se Ausgabe versucht nun der Erzbischof zu lösen, indem er für die Dauer der Fastenzeit in allen Pfarrkirchen einen Religionsunterricht anordnet, der merbodi- schcr, vollständiger und umfassender als bis jetzr geschehen, die christkatholische Lehre verkündet, der zugleich bei den Halbunterrichteten die Kenntnisse ben'cktigt und erweitert und der endlich die ganz Indifferenten zum Nachdenken uud zur Bekehrung aufmuntert. So hat denn der Erzbischof außer den großen Cons.renzcn, die jährlich in Nvtre-Dame stattfinden, ähnliche Zusammenkünfte für jeden Sonntag Abend in den andern Hauptkirchen, so namentlich in St. Sulp'ce, in Ct. Eustache, in St. Mar« guerite und in St. G6nevieve, angeordnet. Bei Hofe hält der gewöhnliche Hosprediger des Kaisers, der Abbv Couriier, die Fastenpredigttn, uud nachdem am letzten Sonntage der Bischof von AdraS die Messe gelesen, begann der ebengeuanute Redner in Gegenwart beider Majestäten den CycluS seiner Voriräge mit einer Predigt über die erste der acht Seligkeiten: „Selig sind die Armen im Geiste, n. s. w", welche Aufgabe bei einem so besonder» Auditorium derselbe sehr gut gelöst hat. Der Abbö Comtier ist ein vonrcffiicher Redner, der trotz seiner hohen Gelehrsamkeit sehr einfach spricht. Seine ganze Ausdrucksweise ist unzezien unv klar und man hätte kaum eine bessere Wahl treff.n können für einen Vertreter der heiligen Wahrheiten eben an diesem Orte. — In Notre-Dame predigt der Pater Wir, der wirklich keinen leichten Stand hat, wenn man bedenkt, daß vor ihm Laccrdcure und Raviguan auf derselben Kanzel gepredigt haben. Teniroch weiß der Pater Mlir seine Aufgabe glücklich zu lösen und ein zahlreiches Auditorium, unter welchem man stets den Erzbischof selbst bemerkt, ist hier versammelt. Im vorigen Jahre hatte derselbe Redner sich die Bekämpfung der Irrthümer der sogenannten modernen Wellphilosophie zum Thema gewählt; dießmal spricht er über den Einfluß des Christenthums zur Hebung der großen socialen Uebel. Vorzugsweise wird er dabei daS materielle Elend der Zeit in'S Auge fassen. — Per berühmte Pater Ventura predigt in St. LouiS d'Anlin, 101 und man erstaunt immer wieder von Neuem, wenn man hier einen Fremden ein so vollendetes Französisch sprechen hört. Dabei entwickelt der Pater Ventura eine bewunderungswürdige Kenntniß sämmtlicher heiligen Schriften, und hat außerdem etwas ungemein Herzliches und GemüthvollcS in seinem Vortrage; nur manchmal dürften uns die allzu großen Gegensätze des Hochp'oe>i'chen und einer gar zu sehr au's Rauhe streiscnden Natürlichkeit befremden. — Der Abbe Combalot läßt sich in St. Thomas Aquin hören, ebenfalls ein ausgezeichneter Kauzelreduer. Ihm kommt namentlich eine langjährige Erfahrung zu statten, und bei seiner volkSthümiichen Redeweise übt er groven Einfluß ans die Massen. Zwei Tage der Woche hat er besonders zum Religionsunterrichte für Damen bestimmt, deren Lieblingsprediger er seit Langem ist. — In Ste. Elisabethe predigt der Abbe Coquercau, der trotz seiner überhäuften Geschäfte als erster Aumonicr der Flotte, seinen Zuhörern nicht untreu geworden ist. Dieser ist ein sehr lebendiger, anziehender Redner, er hat die Welt gesehen und alle Lebenslagen kennen gelernt; seine Vorträge, die stets eine sociale Tendenz zum Hintergrunde haben, sind von großem praktischem Nntzen, Er zählt eine außerordentliche Menge von Zuhörern. — In St. Roch finden wir den Abbe Desplace, ein seltenes, schönes Talent, in seinem kräftigen, ungeschminkten Styl oft an die Kanzelredner deS 17ten Jahrhunderts erinnernd. — Der Doyen von Ste. Genevieve, der Abbe DuqueSnay, seil Kurzem auch Professor an der Sorbonne, predigt in Ste. Marguerite; im ehemaligen Pantheon predigen die Capläne abwechselnd. Abbe Duqueönay gleicht vielfach dem Vorhergenannten; auch er ist eine kerngesunde, gerade Natur, der so recht spricht, wie'S ihm um'S Herz ist, und der zugleich sehr populär sich ausdrückt. Deßhalb ist ihm auch das volkreichste Quartier, der Faubourg St. Antoiue, zugewiesen. Man muß auch durchaus den Adbv Duquesnay häufiger hören, um ihn lieb zu gewinnen, weil er für den Neuling etwas Hartes und Abstoßendes hat. Wir erwähnen hier aber seiner mit besonderer Vorliebe, weil er es ist, der ans die Vorstellungen des Abbe Cuny eine der Seitencapellen in Ste. Genevivve für den regelmäßigen Gottesdienst der deutschen Mission bewilligt hat. Der letztgenannte Priester, der sich mit seltener Hingabe ganz den „armen Deutschen" in Paris widmet, hat denn auch schon seit mehreren Monaicn ein zahlreiches Auditorium um sich versammelt. — Wir schließen hier, da eS den Raum unseres Berichtes überschreiten würde, wollten wir alle übrige Priester erwähnen., die für die Fastenzeit Conferenzen und Vorträge angekündigt haben, und unter denen sich übrigens noch Redner ersten Ranges befinden, wie z, B. Pater Lavigne in St. Sulpice, Pater Corail für die auswärtigen Missionen u. s. w. Genug, wir sehen aus dem Obigen hinreichend, daß wenigstens von der obersten Kirchen- bchörve des ErzbislhumS Ällcs gethan ist, die diesjährige Fastenzeit zu einer segensreichen zu machen. (D. VolkSh ) Griechische Prophezeiungen. Wenn der Sturm kommt, wirbelt Staub auf. So haben auch die politischen Ereignisse, die sich gegenwärtig im Orient entwickeln, die Erinnerung an manche alte Sage und Prophezeiung wach gerufen, an die man sonst schwerlich gedacht hätte. Man erzählt von einem griechischen Mönche, der zur Zeit der Eroberung Konstan- tinopels prophezeit h-ibe, daß die Türken nach vierhundert Jahren dieses Vesitzthum wieder verlieren winden, und zwar, wie man später hinzugesetzt zu haben scheint, durch die blonden Söhne deö Nordens. Ziemlich das Gleiche erzählt man von dem damaligen Patriarchen von Konstantinopel. An dem Hauplaltar der Sophienkirche von MohamedS eiserner Streilkolbe niedergeschmettert, habe er sterbend seinem Mörder geflucht und dessen Reiche nach vierhunderljährigem Bestehen ein schmähliches Ende geweissagt. Diese Vorherverkündigungen, von den Russen zu rechter Zeit wieder aufgefrischt, haben die Runde durch fast alle Zeitungen gemacht. Nichtsdestoweniger müssen sie mit großem Mißtrauen aufgenommen werden. Der angebliche griechische Mönch ist eine durchaus verdächtige Person; denn seiner Prophezeiung geschieht von 102 keinem gleichzeitigen Schriftsteller Erwähnung. Eben so scheint das, waö von Moha- medS Ercessen in der Sophienkirche und dem Morde des Patriarchen erzählt wird, lediglich eine Erfindung des Hasses zu seyn. Mohamed II. war zu verständig, um für seine Person gegen christ iche Kirchen und christliche Priester zu wüthen. Im Gegentheil, seine eifersüchtige Achtung vor dem herrlichen Dom, der, in eine Moschee verwandelt, das Monument seines Ruhmes werden sollte, war so groß, daß er beim ersten Betreten desselbrn einen eifrigen Muselmann, der den marmornen Fußboden ausbrach, mit seinem Säbel nachdrücklich daran erinnerte, wie er zwar Beute und Gefangene den Soldaten bewilligt, öffentliche und Privatgebäude aber dem Fürsten vorbehalten habe. Und als er bald nach der Einnahme der Stadt die Wahl und Einsetzung eines Patriarchen vornahm^ vernachläßigte er dabei keine der Ehrenbezeugungen, die in dem Ceremonie!! deS ehemaligen byzantinischen HofS vorgeschrieben waren. Auf seinem Thron sitzend, übergab der Sultan dem Gennadios den BischofS- oder Hirtenstab, daS Symbol seiner geistlichen Würde, begleitete ihn dann bis anS Thor des Serails, machte ihm ein reichgeschmücktes Pferd zum Geschenk, und befahl den Wksireu und Bässen, ihn in den zu seinem Aufenthalt bestimmten Palast zu fuhren. Wir erwähnen dieß nur beiläufig, um anzudeuten, wie wenig die Erzählung, die den Eroberer Konstantinopels in der Sophienkirche herumwüthen und den Patriarchen am Altar niederschlagen läßt, mit den Thatsachen der Geschichte sowohl als mit Moha- medS Charakter und Politik übereinstimmt. Ist aber die Ermordung des Patriarchen ein Märchen, so fällt natürlich auch die dem Sterbenden zugeschriebene Prophezeiung in Nichts zusammen Man geht gewiß wenig fehl, wenn man beide Weissagungen, sowohl die deS Mönchs als die des Patriarchen, für leere'Erfindungen einer spätern Zeit erklärt. — Damit so!! indeß nicht gesagt seyn, daß es unter den Griechen wirklich keine Prophezeiungen über das endliche Schicksal des Reichs und der Hauptstadt gegeben habe. Im Gegentheil, wenn wir byzantinische Chronisten durchblättern, so finden wir deren genug verzeichnet; aber sie fallen meist in frühere Perioden. Eine der merkwürdigsten ist unstreitig die, welche NiketaS ChoniateS spax. 4!3—4Z3), der zu Anfang deS 13ten Jahrhunderts schrieb, und der ungenannte Schriftsteller cle ^ntiquitst. On5l., der um das Jahr 1100 lebte und mit dem unS Banduri (Imper. Orient, lom. I. p. 19!8) bekanntmacht, mittheilen. Dieselben erzählen nämlich, daß auf dem Forum deS Taurus eine eherne Reiterstatue gestanden habe, die aus Antio- chien dahin gebracht und von der es ungewiß gewesen sey, ob sie den Bellerophon oder den Josua habe vorstellen sollen. Auf diesem Denkmal nun (das, beiläufig gesagt, später von den Lateinern eingeschmolzen wurde) habe sich eine geheime Inschrift befunden, die eine Prophezeiung enthalten habe deS Inhalts: daß die Russen (o«, in den letzten Tagen Herren von Konstanti'nopel werden sollten. Diese Weissagung, vor achthundert Jahren ausgesprochen, zu einer Zeit, wo Europa die Russen kaum dem Namen nach kannte, und von zwei ziemlich gleichzeitigen Schriftstellern verbürgt, die wir heute noch besitzen, könnte allerdings überraschen, wenn man nicht die Geschichtsperiode in Betracht zöge, in der dieselbe entstanden ist. Es war die Zeit der Scezüge, welche die Russen oder Waräger (Zc^c^/m) gegen Konstantinopel unternahmen. Die Geschichte meldet von vier solchen Zügen. Der erste wurde von dem Fürsten von Kiew 865, der zweite von Okp 904, der dritte von Igor, RurikS Sohn, 941, der vierte »ud letzte von Jaroslaw, JgorS Enkel, 1043 unternommen. Zwar gelang cS den nordischen Barbaren nicht, die seste Hauptstadt deS byzantinischen Reichs einzunehmen; aber sie jagten doch den Griechen bedeutende Angst ein, und diese Angst gebar offenbar obige Prophezeiung. Die Griechen waren nämlich, wie bekannt, ein eben so wundersüchtigeS und leichtgläubiges, als ein phantasiereiches Volk. Was sie hofften uud fürchtete», dachten sie nicht in Abstraktionen, sondern in Bildern, bekleidete» es mit den bunten Farben der Einbildungskraft und gäbe» ihm den Anstrich des Wunderbaren und Gcheimnißvollen. Aus dieser Eigenthümlichkeit deS griechisch-byzantinischen BolköcharakterS flössen die zahlreiche» Legenden, Wuudergeschichten und Prophezeiungen, deren jedes Jahrhundert, jeder wichtigere Abschnitt im Staatsleben neue 103 hervorbrachte. Im neunten, zehnten und eilften Säcnlnm waren eS, wie gesagt, die Russen, die durch ihre wiederholten Seezüge den Griechen die Besorgnis) einflößten, daß es den verwegenen Abenteurern am Ende doch gelingen dürfte, das sinkende Reich über den Haufen zu warfen. Ihrer Gewohnheit gemäß kleideten sie diese Befürchtung in die Form einer Weissagung. Später verschwand die Furcht vor den Russen. Neue Feinde traten in den Vordergrund, und damit änderten sich auch die Vorherverkündigungen der Seher, Je nachdem Konstantinopel von den Normannen, Lateinern, Bulgaren oder Türken bedrängt wurde, tönte auch die Prophetenstimme anders. Im Gefühl der eigenen Schwäche, gegenüber der rohen Kraft der anstürmenden Feinde, schrieben die Griechen bald dem einen, bald dem andern Volk den zukünftigen Unier- gang deS Reichs zu. Als eine merkwürdige Fügung deS Zufalls dürfte eS aber immerhiu erscheinen, daß nach einem Kreislauf von beinahe tausend Jahren eö jetzt abermals die Russen sind, welche Konstantinopel zittern machen, freilich nicht mehr daö christliche Konstantinopel der Griechen, sondern die Metropole eines islamitischen, aus Asien eingedrungenen ErobererstammeS, der das Griechenreich vernichtete. — Auö der Menge von Prophezeiungen, welche in den verschiedenen Zeitaltern die Phantasie der Griechen beschäftigen, wollen wir beispielsweise nur zwei auSheben, von denen die eine erfüllt worden, die andere unerfüllt geblieben ist. Um die Mitte des 12ten Jahrhunderts hatte eine Malronc einen Traum oder vielmehr ein prophetisches Gesicht, «sie sah auf dem Forum des Taurus ein zahlreiches Heer versammelt und auf der Theodosischen Säule (einem 147 Fuß hohen Pfeiler von weißem Marmor) einen Mann sitzen, der die Hände zusammenschlug uns laut aufschrie. Die Sache scheint damals Aufsehen gemacht zu haben und unter dem Volk bekannt worden zn seyn; denn der Dichter Tzctzes nimmt ausdrücklich Notiz davon (Lliilias IX, 277). Fünfzig Jahre später, 1204, nachdem die Lateiner Konstnnlinopel zum zweitenmal erstürmt halten, wurde der Usurpator Aleriö MurzuphluS, aus dem Hanse Dukas, der Mörder der Kaiser Jsaak AugeluS und AlcriS Angelus, von dieser Säule herabgestürzt und auf dem Pflaster zerschmettert. Dabei war nicht nur das abendländische Heer, sondern auch eine zahllose Menge von Griechen anwesend, welche letztere allgemein in dem schrecklichen Schauspiel die Erfüllung jener alten Prophezeiung erblickten. Denkbar ist es freilich, daß die lateinischen Kriegsfürsten von der alten Sage vernommen und mit Rücksicht daraus vaS entsetzliche Sirasuriheil über den Usurpator ausgesprochen hatten! Ein zweites Beispiel ist folgendes: Zur Zeit der Türkengesahr entstand die Prophezeiung, daß die Türken zwar eines Tages in die Stadt eindringen, aber die Christen nur bis aus den Platz vor der Sophienkirche verfolgen würden. Dort werde am Fuß der Säule Konstantins ein armer Mann sitzen, Zn diesem werde ein Engel treten und ihm ein Schwert in die Hand geben, mit den Worten: „Nimm dieses Schwert und räche daö Volk deS Herrn!" Auf diese belebenden Worte hin würden die Türken sogleich die Flucht ergreifen und von den siegenden Griechen aus dem Abendland uud ganz Anatvlien bis an Persiens Gränzen gejagt werden. AIS die Türken nun wirklich mir stürmender Hand in Konsteintinopel eindrangen, waren, wie DukaS (Kap. 39) berichtet, Tausende von leichtgläubigen Christe» sowohl in der Sophienkirchc, als auf dem Platze vor derselben versammelt, um die Erfüllung dieser Weissagung mit anzusehen. Aber eS erschien weder Mann, noch Engel, und die En täuschten mußten sich gefallen lassen, Gefangene der wilden Sieger zu werden. — Endlich müssen wir noch einer Prophezeiung gedenken, welche Bezug auf die Türken hat, nnd ebenfalls von einem byzantinischen Schriftsteller berichtet wird. Cedrcnuö sagt nämlich (tom. II, p. 79!): Umer den Türken gehe die Sage: eS sey vom Schicksal bestimmt", daß der Stamm der Türken von der nämlichen Mucht vernichtel werde, womit Alexander von Macedonicn die Perser vernichtet habe. (^e^-ero ?"ot^xol? ^o^vi,', e»^ TreTr^co^e^ov x«rtt0r»«s/^>'«t T^ov^xc-)»' ^e^os ^?rö r^e,' lotcr^S 6^«^!^', ö?rottt? o M«xi6c-^ ^/^v^c^os x^cov //x^c7«i>'.) Daß den Türken die Geschichte JSkander Tulkaruain (so nennen sie Alexander den Großen) bekannt war, kann nicht befremden; sie hatten sie, wenn auch mit manchem Märchen 104 verbrämt, von den Arabern erfahren. Die Länder, welche Philipps Sohn beherrschte, als cr den Perserzug antrat — Makedonien, Thränen und Thessalien — sind freilich noch in den Händen der Türken selbst. Gingen sie aber einmal verloren, dann könnte die Prophezeiung wohl Recht haben, daß derjenige, der in ihren Besitz gelangt wäre, bald auch Konstantinopel nehmen und der Macht der Türken in Europa ein Ende machen würde. Und in diesem Augenblicke erhaltm wir die Kunde von den Gährun- gen, Bewegungen und Ausständen in Thessalien und Macedonien, einer Fortsetzung der griechischen Kämpfe, welche die Pfone in acht Jahren nicht zu bewältigen vermochte. (A. Z.) Frankreich. Paris, 15. März. Wir können unö nicht versagen, den solgendcn Zug acht christlicher Nächstenliebe unsern Lesern mitzutheilen. Seit einigen Jahren bereits sieht man zu Anfang jedes Monates einen Herrn die verschiedenen Hospitäler von Paris besuchen, der seine Aufmerksamkeit vorzugsweise den dort verpflegten kranken Kindern zuwendet. Von den bereits in Genesung begriffenen wählt dieser Herr alsdann stelS zwanzig bis sünfundzwanzig aus und nimmt sie mit in die Provinz. Dieser Menschenfreund ist der Marquis de la Rochefoucauld, ein Sprößling deö alten bekannten Geschlechtes, der ans seinem Schlosse La Röche-Gnyon eine zahlreiche Kindercolonie gegründet hat. Die Kleinen, Knalen und Mädchen, werden hier verpflegt und erzogen. Drei barmherzige Schwester», mit dem nöthigen Hilfspersonal, stehen dem ganzen Werke vor. Die Kinder führen das beste und glücklichste Leben, das sich denken läßt. Sie werden in allem Nöthigen, in Rücksicht auf ihren künftigen LebenS- beruf, unlerrichlet; der würdige Pfarrer des OrleS nimmt hieran den thäligsten Antheil. An Seele wie an Körper auf diese Weise geueseu, werden sie später entlassen, um andern Zöglingen Platz zu machen- Schon seit einigen Jahren wirkte der Mar- qniS im Stillen uud hat so über dreihundert Kinder alljährlich einem gewissen Elende enirissm und brauchbare, fromme Arbeiter aller Art aus ihnen gebildet. Erst in neue- stcr Zeit wurde dieß Unternehmen zufällig bekannter und erregie daS verdiente Aufsehen. Um so größer ist daö Verdienst dieses Menschenfreundes, da das Vermögen desselben keineswegs f> bedeutend ist, um ohne bedeutende Geldopfer sein Werk fortzuführen. Jetzt aber, wo es bekannt geworden, beeilt sich Mancher, den Marquis zu unterstützen; man sendet ihm aus allen Gegenden Frankreichs zahlreiche Beiträge, oft mit Hast und Besorgnis!, als hätte man ein altes Vergessen gur zu machen. Der Stadtralh von Paris hat kürzlich eine bedeutende Summe geschickt, der Kultusminister und mehrere Bischöfe desgleichen; daö Ministerium deS Innern hat dem Marquis sogar einen großen Credit eröffnet. In ganz jüngster Zcic erzählte man der Kaiserin die Sache, die sich sogleich lebhaft dafür interessirte. Tief gerührt von den mitgetheilten Details über die kleine Eoionie soll sie anSgernsen haben: Auch ich will dazu beirragen; wie viel soll ich wohl hinschicken? Man erwiderte ihr: tausend Franken würben eine schöne Gabe seyn. Nein, entgegnete die hohe Frau, das Werk ist zu herrlich; ich gebe viertausend, uud alljährlich eine gleiche Summe. Dadurch ist nun dem Marquis ein weit größerer Wirkungskreis eröffnet, und schon in diesem Monat hat derselbe mehr als fünfzig Kinder abgeholt. Weniger für den Ehrenmann, der, anspruchslos und bescheiden, nicht nach dem lauten Lobe der Well verlangt, erzählen wir die ganze Geschichie, als vielmehr für das übrige Publicum, das sich hier auf'S Neue überzeugen kann, wie viel ein Einzelner im Guten vermag, wenn ihn Nächstenliebe und Gottverlraucn beseelen. Hier könnte man doch wirklich auerufen: Gehet hin und thut desgleichen! — Wir verdanken einem der AumonierS deS Kaisers, dem würdigen Abb6 Mullois, diese Mittheilung. (D. V.-H.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt Augsburger post.mtnng. 2. April 1854. Diese« Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsprei» HO kr., wofür e« durch alle lönigl. baver. Postämter und alle Buchhandlungen bezog?» werden kaun. Rom, 7. März, Das Kollegium all'Anima beherbergt gegenwärtig einen interessanten Gast, den rühmlich bekannten Missionär Baraga, Bischof und apostolischen Vicar in Nord-Michigan. Er reiste nach seiner Consecration Hieher, um vor dem Stuhle Petn seine Huldigung darzubringen. Er hatte bereits zwei Audienzen bei dem heiligen Vater. Se. Heiligkeit nahm mit lebhaftem Interesse die Bücher ent- gegen, welche der Verfasser offerirte: Die erste Grammatik und das erste Wörterbuch der Jndianersprache deS von ihm bekehrten und seelsvrglich geleiteten Stammes. Diese Sprache hat keinen Laut, dem der Buchstabe r entspricht. Die Zcirwörtcr gruppiren sich in neun Conjugationen. Baraga rühmt die durchgreifende Regelmäßigkeit und den Wohllaut, obgleich diese Indianer ohne Musik, sogar ohne Gesang waren, als er sie kennen lernte. Von den Ueberlieferungen der heiligen Geschichte hatten sie nur geringe Reste: den Glauben an den guten Geist und die Annahme eines bösen Geistes; das Opfer von Thiere», welches sie jedoch dem bösen Geiste darbrachten wie dem guten, den sie den großen Geist nennen; endlich die Sage, in uralten Zeiten habe der große Geist seinem eifrigsten Verehrer geoffenbart, eine Alles bedeckende Ueber- schwemmnng werde hereinbrechen; er solle sich ein großes Floß banen und Thiere um sich sammeln, um sich und diese zu reiten; und so sey eS geschehen. Rührend ist die Anhänglichkeit, welche der hochwürdigste Bischof Baraga für seine Indianer im Herzen trägt: er sehnt sich, selbst in der Mitte aller Merkwürdigkeit und Erbauungen Roms zu den amerikanischen Urwäldern zurück. Wahrlich, Baraga ist ganz Missionär. Er sucht nichts anderes, und denkt beinahe nichts anderes. Er erinnert in der That an die GlaubenSbolen dcr ersten christlichen Zeiten: Dieser lebhaste Glaube, diese liebenswürdige Offenheit, diese zarte Demuth, dieses eifrige Gebet, diese Sanstmnih und Geduld, diese evangelische Irmnlh, diese Tranlichkeit und Väterlichkeit in der Verkündigung deS göttlichen Wortes. V!m vorigen Sonnrage hatte nämlich der hochwürdigste Bischof die Güte, die deutsche Predigt zu halteu. Morgen gedenkt er die Rückreise nach Denischland anzutreten. — Am 23. Februar waren sännutliche Seelsorger und Fastenprediger Roms durch gedruck-e Karten deS Cardinal - Vicarialeö zum heiligen Vater beschiedcn. Beiläufig hundert Pricstir kamen zusammen. Der hochwürdi,,ste VicegerenS Er Eminenz dtS l^ardinalvicars nahm das Glaubenöbekenntniß ab: alle knieten im Halbkreise nm ihn und sprachen die weitläufigen Bekenntnisse nach, die ein vor ihnen knnenver Priester vvriaS. Hierauf trat Jeder zum hochwürdigsten ViccgerenS, kniete nieder, legie die Hand auf ras vorgchaldnc Evaugelienbuch und sprach die Gelvbniß- formel. Die Verjammluug folgte dem VicegercnS in den Audienzsaal, der übrigens nur ein Zimmer von mittlerer Ausdehnung ist, mit dem Throne im Hintergründe. Se. Heiligkeit ertheilte ankommend den heilig.» Segen und bestieg den Thron. Vermuthlich wegen des blendenden Lichtes wurden die Fensterladen zugelehut und die Rom. 106 Priester standen in einem Dunkel, welches an Finsterniß gränzte. Der heilige Vater hielt min eine Predigt, welche eine Viertelstunde lang dauerte, ausgehend von den Worten dcS ersten Briefes an die Thessalonicher C. 5, V. 14: „Wir bitten euch, Brüder, weiset zurück die Unruhigen, tröstet die Kleinmüthigen, stehet den Schwachen bei, habet Geduld mit Allen." Jede dieser Ermahnungen wurde kurz entwickelt und zwar mit besonderer Beziehung für die Seelsorger. Der heilige Vater gab unter Anderem die merkwürdige Lehre, der Seelsorger solle zur gehörigen Verwaltung seines AmIeS mit Niemanden so anhaltend verkehren, als mit Christus selbst; der Heiland werde dann belehren, stärken, helfen. Se, Heiligkeit wandte sich im zweiten Theile zu den Predigern und ergoß ue-ch den nimmer versiegenden Echuurz über die Mißbräuche, welche in der Zeit der Umwälzung auf heiligen Slälten vielfach zum Vorschein kamen: statt das Wort GotleS zu verkündigen, hätten manche nur heidnischen Redeprunk zur Schau gestellt; statt an den schmalen Weg und an die enge Pforie zu erinnern, sey der Eingang in den Himmel als eine Leichligkcit erklärt worden u. s. w. Diese Klage gehe nicht auö der Besorgniß hervor, daß auch nur Einer der Anwesenden etwas AehnlicheS sich zu Schulden kommen lasse, sondern sie wolle nur dazu dienen, um den guten Eifer noch mehr zu bekräftigen. DaS horchende Ohr sey zwar für den Prediger beseligend, aber leider findet das Wort GolteS in unsern Zeiten bei Unzähligen eine schlechte Ausnahme. Die Prediger sollen nicht müde und nicht mulh- loS werden. Dem Worte seyen aber Gebet und Beispiel die mächtigsten Stützen. Der feierliche Segen war der Schluß. Jeder wurde zum Fußkusse zugelassen. Se. Heiligkeit wandelte segnend in das Cabinet. Eine Vorbereitung, Einsegnung und Weihe dieser Art kann nur die heilsamsten und nachhaltigsten Eindrücke in den Herzen hinterlassen. DaS Wesentliche der Handlung ist aliherkömmliche Ueblichkeit; aber die Erweiterung der Ansprache zu einer förmliche Rede rührt von Sr. gegenwärtig regierenden Heiligkeit her. Von der besondern Gabe des heiligen VaierS, das Wort Gottes zu verkündigen, hörte ich neulich auö dem Munde eines OrdenSgencrals einen beweiskräftigen Fall. Als nämlich Se. Heiligkeit noch Bischof zu Jmola war, geschah eS, daß der Festprediger, von einem Unwohlseyn befallen, abbrechen und abtreten mußte. Se. Eminenz der Cardinal und Bischof erhob sich während der allgemeinen Verwirrung vom Sitze, bestieg die Kanzel und setzte die Predigt in einer Weise fort, als hätte er sie selbst begonnen und sorgfällig einstürmt. — Eben wird mir von dem Herrn Caplan der Anima, der dem hochwürdigsten Bischof Baraga als Führer zu dienen die Ehre hat, noch ein Vorfall erzählt, den ich Ihren Lesern nicht vorenthalten darf. Eardinal Wiseman ging dem MijsiouSbischofe, der sich demülhig nahte, mit lebhafter Freude cntc-egen und sagte: „O mein liebster Bischof Baraga, seyen Sie mir herzlich willkommen! Obgleich wir uns zum ersten Male sehen, sind Sie mir doch ein alter Bekannter. Ich habe Ihre Milsionsberichte und anderweitigen Nachrichten über Ihr gesegnetes Wirken mit Theilnahme gesammelt und einmal in einer öffentlichen Rede in England davon Gebrauch gemacht: ich habe nämlich die Missionen der Angolaner mil Ihrer Mission verglichen, jenen Reichthum der Ausstattung »>it Ihrer Armulh und cie Sterilität der Erfolge auf jener Seite mit Ihren Früchten: und ich habe daraus die Wahrheit gefolgert, daß jene nur ein mcnichliches Unternehmen gegen den Willen Gottes betreiben, während Sie in Ihrer Einsamkeit und Enibehrnng — Goit zum Begleiter unv Heiser bei Ihnen haben." — Baraga ist dieher nur Bischof in parti>>u8, obgleich er seinen eigenen diocesanarligen Wirkuugs- krciS hat mit alle» bischöflichen Vollmachten: der hei ige Vater hat nun den Aufriag gegeben, die kanonische Verhandlung einzuleiten, wodurch Ober-Michigan znm Bis- thum erklärt werden soll. Diese Erklärung war bisher nur aus dem Grunde unterblieben, weil der Ort für die Residenz nicht namhaft gemacht werden konnte. Obgleich übrigens der eifrige Missionsbischof mit vielem Troste Rom veiläßt, so bleibt er doch rücksichtlich der Geldmittel lediglich auf die Leopoldinen-Stiftung angewiesen und an sonstige Hilse in Oesterreich unv Deutschland. (Salzb. Kirchenbl.) 107 Heinrich IV. von Frankreich und die Jesuiten. Heinrich IV., der Stifter der bourbonischen Linie in Frankreich (1589—1610 f), gehörte zu jenen Männern, die nach dem stereotypen Ausdrucke moderner Geschichte- machcr ihrer Zeit weit vorausgeeilt waren, weil sie es mit dem alten Kirchenwesen nicht mehr so genau nahmen, und es schon längst weg hatten, daß jede Religion selig mache, sie heiße wie immer. Was Heinrich IV. der Politik wegen opferte, davon sey jetzt keine Rede, aber daß in seinen Augen die katholische Kirche und ihre Institutionen wenig mehr als Menschenwerk war. haben unS seine Biographen hinterlassen. Und dennoch unterlag auch sein stolzer Geist dem Drucke der Wahrheit, und zollte einem Orden seine Verehrung, der durch und durch kirchlich ist. Damit unS aber nicht eingewendet werden möge, eS seyen diese Aeußerungen das Resultat seiner gewöhnlichen Politik, so geben wir die Rede, die er an die Deputt'rten deS Parlamentes, daS ihn von der Restauration des Jesuitenordens abhalten wollte, im Jahre 1593 hielt, in folgenden Zeilen wieder: Nachdem Heinrich im Allgemeinen von seiner absoluten Macht dem Parlamente gegenüber gesprochen, fahrt er, auf den fraglichen Gegenstand selbst kommend, fort: Ist es der Name „Jesuit", der euern Eifer erregt, so müßt ihr ciucb mit jenen hadern, welchen sich den Namen H, H. Dreifaltigkeit: Iö8 peres äs Is 1rinit6 (ein Orden), beigelegt haben; und wenn ihr glaubt, daß ihr eben so gut wie sie ^ur Gesellschaft Jesu gekört, *) so möchte ich euch wohl fragen, ob denn eure Töchser eben so gut zu den Gilles visu in Paris gehören, wie die Nonnen, die diesen Namen führen. Ich für meinen Theil würde eben so gerne und noch lieber Jesuit heißen, als Hugenot. Wenn ein Theil der übrigen Geistlichen diesem Orden ebenfalls abgeneigt ist, so mag dieses wohl daher kommen, weil von jeher die Unwissenheit der Wissenschaft nickt hold war. Ueberhaupt habe ich gefunden, daß, sobald ich mich wegen Zurückberusung der Jesuiten etwas deutlicher erklärte, zwei Gattungen Menschen sich diesem Gedanken am stärksten widersetzten: die Huge- noten, und alle wegen schlechter Aufführung und Sitten berüchtigte katholische Geistliche; aber eben dieses war es gerade, was mir nur noch eine größere Liebe und Achtung für die Jesuiten einflößte. — Hat die LorKonns (Universität), wie ihr sagt, sich gegen die Jesuiten erklärt, so hat sie eS hierin eben so wie ihr gemacht, sie hat nämlich über die Jesuiten geurtheilt, bevor sie dieselben noch kannte. Hatte blos Eifersucht die Glieder der alten 8ori>onns zu Jesuirenfeinden gemacht, so hat die neue M'ist bei denselben studirt, und preiset sich nun glücklich, solche Lehrer gefunden zu haben; hätte endlich der Orden bis jetzt noch nicht festen Fuß gefaßt, so danke ich Gott, daß er mir die Ehre vorbehalten hat, ihm (dem Orden) eine Garantie zu geben; so werden sie jetzt kraft meines EdicteS in Frankreich leben, und so wie meine Vorfahren den Orden blos geduldet hatten, so ist es jetzt mein Wille, denselben fest und dauerhaft in meinem Reiche zu gründen." „Ihr sagt, daß die Universität sich mit den Jesuiten nicht vertragen könne; davon jedoch war die Ursache: Entweder daß sie gelehrtere Leute waren, und daher Alles sich zu ihren Lehrstühlen hindrängte, während die Lehrsäle der hohen Schule leer blieben, oder auch, weil sie bis jetzt der Universität noch nicht einverleibt waren; dieses wird aber nun geschehen, und ich bin überzeugt, daß, wenn ich eS befehle, sie sich dieser Einverleibung nicht weigern werden. Ihr bemerkt, daß die gelehrtesten Männer in eucrm Parlamente nicht bei ihnen studirt haben; ja! wenn die ältesten auch die gelehrtesten sind, so mag dieses wahr seyn, denn jene studirten zu einer Zeit, wo man noch keine Jesuiten in Frankreich kannte. Aber ich weiß, daß nicht alle Glieder eures Parlamentes eurer Meinung beipflichten; wenn man aber bei den Jesuiten nicht mehr lernt, als anderswo, woher kam eS denn, daß selbst, während die Jesuiten aus Frankreich vertrieben waren, alle andern Lehranstalten dennoch von *) Man hatte nämlich dem Jesuitenorden gleich bei seiner Gründung das Recht streitig gemacht, sich nach dem H, H, Namen „Jesu" nennen zu dürfen, und es als Particularismus verschrien. Auch die Gesandten hatten unter ihre Anklagepuncte diesen ausgenommen, 108 Niemand besucht waren, und man lieber nach Twray ging, und die Jesuiten im Auslande aufsuchte, nur um ihreö Uuicriichtes nicht entehren zu müssen? Sie ziehen (sagt ihr) alle guten Kopfe an sich, und wählen die besten für ihren Orben; aber eben dieß gibt ihnen einen Anspruch mehr ans meine Ächtung. — Fändet ihr im Jesuitenoiden unwissende Professoren und schlechte Prediger, so konntet ihr ihn verachten; und jetzt, wo ihr lanler treffliche Leute unler ihnen findet, wollt ihr ihnen das zum Verbrechen machen." „WaS die Güter und Reichthümer betrissr, welche, wie ihr sagt, die Jesuiten besessen haben sollen, so ist dieses eine große Lüge und Verleumdung; Niemand kann eö besser wissen, als ich, da ihre Güter meinen Domänen einverleibt winden; wo es sich zeigte, daß man in Vourges und Lyon kanm sieben bis acht Lehrer hat besolden können, während doch vorher nennunddreißig bis vierzig Jesuiten dort lebten." „Eben so ungerecht ist es, sie Aufrührer zn nennen, weil sie auf Seite der Ligue. *) Dieses lag im Geist der damaligen Zeit. Die Jesuiten waren gelänscht worden, wie es andere auch waren, haben aber nachher den Irrthum erkannt, und eingesehen, daß Alles, was man ihnen von meinen Gesinnungen gesagt, falsch und grundlos sey? Zudem bin ich anch noch ül'erzeu>,t, daß bei ihnen weniger der böse Wille als bei Andern war. Sie suchen, sagt ihr, sich auf jede Art in Städte anzuschleichen; nun gut — Andere machen eS eben so, und ich selbst suchte in mein Königreich zu kommen, auf welche Art ich nur immev konnte. Man muß jedoch gestchen, daß die Jesuiten mit ihrer Geduld, Klugheit und ausgezeichneten Frümmig- keit Alles zn Stande bringen, und daß ihre givße Anhänglichkeit an ihre mlen Statuten und Einrichtungen, an welchen auch nicht das geringste geändert rverd>n darf, dem Orden wirklich eine sehr lange Dauer verspricht. Ihr Gelübee dcs Gehorsams gegen den Papst kann für sie keine stärkere verbindliche Kraft baden, als der Eid der Treue, den sie mir schwören. UebrigenS kennt man dieses, dem Papste Gehorsam Versprechende Gelübde der Jesuiten nicht recht, oder vielmehr mau har es aus bo'>em Willen nicht kennen wollen, und vorsätzlich s^ viel als niögl ch entstellt. Diejes Gelübde heischt nicht einen ans alle Gegeustäude sich beziehenden unbedingten Gehorsam, sondern es erstreckt sich auf Misstonen; und der an den päpstlichen Stuhl sie bindend- Gehorsam verpflichtet dieselben nnr, überall und in die entfernt, sten Länder unbedingt hinzugehen, sobald sie der Papst dorthin schick.n würde, das Evange ium zu predigen; auch waren cS in der That die Jesuiten ganz allein, deren sich Gott aiö seiner Werkzeuge bediente, um den Jndiern das Christen hnm zu verkündigen." „Rücksichilich ihrer Meinung vom päpstlichen Stuhle ist mir nicht unbekannt, daß sie gegen denselben eine tiefe Ehrfurcht haben; diese Ehrfurcht gegen den heiligen Vater theile ich mit ihnen. Indessen ist eS von Ench sehr sonderbar, daß ihr kein Wort davon sagt, daß man erst vor Kurzem in Rom alle Schriften des Jesuiten Bellarmin in B>schlag nehmen wollte, weil er in denselben der päpstlichen Gerichtsbarkeit wiit engere Schranken setzte, als die übrigen Theologen bisher gethan; eben so wenig macht ihr eine Erwähnung davon, daß erst unlängst die Jesuiten den Satz aufstellten: daß der Papst an der Spitze der Kirche zwar unfehlbar sey, aber dennoch Clemens (der damalige Papst) sich wie jeder Andere irren lönne. (In Sachen, die den Glauben nicht betreffen) Auf jeden Fall bin ich gewiß, daß sie wenigstens dieß- falls nicht mehr lehren, als die übrigen Alle; und wollte man hierüber einen Proceß anhängen, so müßte man ihn gegen die ganze katholische Kirche führen." „WaS die Lehren betrifft, die man ihnen znm Vorwurf macht, nämlich daß ihre Grundsätze dahin gingen, die Geistlichkeit dem Gehorsam gegen den Regenten zu entziehen, ja sogar den Königemvrd als erlaubt darzustellen, so muß man sich vor Allem bemühen, früher ihre Grundsätze genau kennen zu lernen, und darauf Acht geben, ob dieselben wirklich der Art sind, wie ihnen nachgesagt wird. WaS mich noch glauben . ^ , , *) Bevor Heinrich IV. vom Protestantismus zur katholischen Kirche übertrat, hatten die Katholiken gegen ihn, der sich um den Thron bewarb, einen Bund, die .Ligue", geschlossen. 109 macht, dciß an allem Dem nichts sey, nnd daß eS ihnen nur boshafter Weise aufgebürdet w rd, ist: daß, nachdem man ihnen länger als dreißig Jahre den Unterricht der Jugend in Frankreich überlassen hatte, und binnen dieser Zeit wenigstens mehr als fünfzigiausend Personen aus allen Classen der Staatsbürger bei ihnen studirt, nachher noch mit ihnen gelebt und häufigen Umgang gepflogen halten, es doch von allen diesen leinen einzigen gibt, welcher behauptet, daß er sie jemals eine solche Sprache führen oder etwas ihr sehnliches Uhren gebort hätte. Ja was noch mehr ist, eS gibt SiaatS- minister, welche bei ihnen studirt und schon unter ihnen gelebt haben; warum wendet man sich denn nicht an diese, um über die Lebens- und Lehrart der Jesuiten Eikun« dignugen einzuziehen? Eö ist ja zu vermuchen, daß sie so viel Böses als möglich von ihnen sagen würden, wäre es auch nur um sich zu entschuldigen, daß sie nicht in den Orden derselben getreten sind. Ich weiß sehr Wohl, daß man solche Männer schon bc ragt hat, aber nichts anderes hat herausbringen können, als daß in der That ihre Sitten von allem Tadel völlig frei sind." Die Jesuit»n sind in Frankreich geboren, folglich meine natürlichen Unterthanen, gegen die ich keinen Verdacht haben und keinen Einflüsterungen Ranm geben will. Ich habe schon ungleich schwierigere Sachen durchgeführt, überlaßt dir selben also mir ganz allein, und bekümmert euch blos um daS, was ich euch sage und befehle." So weit Heinrich IV. — Wir überlassen eS dem Leser zu untersuchen, wie groß die Harmonie zwischen der Denk- nnd SinneSweise Heinrichs und diesen Worten gewesen seyn mag; wir verweisen bK>s auf den Inhalt dieses so ehrenvollen und bündigen Zeugiusses, das uns ganz die Jesuiten von Heute bezeichnet, obwohl eS Männern gilt, die schon vor mehr als zweihundert Jahren über die Breiter dieser Welt gegangen sind. Mag die Rede auch mit Heinrichs Junerm nicht übereingestimmt haben i^waS erst deö Beweises bedan), so steht sie doch da als ein Denkmal ciiuö Ordens, das man ihm setzte zweihuudcrt Jahre früher, ehe ihn die Gewalt erdrückte; als ein Aciuistück, d. S lauter als Marmorsäulen und Epitaphien von vergangener Größe spricht In jedem Falle ist die Wahrheit dieses Zeugnisses verbürgt; denn angenommen, es war kalte berechnende Politik, was Heinrich obige Worte in Mund legte, wie durfte er eS denn wagen, wenn ibm an Erreichung seines Zweckes gelegen war, seinen Gegnern und Anklägern dcS Ordens mir Gründen zu antworten, die nicht hallbar, nicht dem Boden -er Wahrheit entwachsen wären? Wie hätten diese eine Vertheidigung anfgeiiommen, die aus erdichieien Verdiensten beruhte? Halten Fürsten späterer Zeit den Verleumdern und Anschulvigern deö JesuiienordcnS auf gleiche Weise geantwortet, sa wäre viele Ungerech igkeii verhütet, und der Welt ein Verbrechen erspart worden, dessen Folgen so unermeßlich waren, daß man si>benzig Jahre (von 1780—1d5v) bedurfie, um dieselben in ihrer ganzen Ausdehnung kennen zu lernen. (Ocst. Nolksfr.) Da» Christenthum in Abyssinten und der letzte Märtyrer daselbst aus Oesterreich. (Schluß.) - II. Pater TheodosiuS Wolf stattet über den Martyrertov seiner Ordensbrüder in Abyssinien an den Provincial Bruno Premier folgenden Bericht ab. H ochzn ehrender Pater Provincial! Kindliche Verehrung, und die enge Verbindung, in welcher ich mit dem hoch- würdigen Pater LiberatuS, seligen Angedenkens, stand, bestimmen mich die Feder zu ergreisen, um das wohl grausame, aber dennoch nicht traurig, sondern glorreich zu nennende Schauspiel zu schildern, welches daS dem katholischen Glauben noch immer feindlich gesinnte Aethiopien in diesem Jahre wieder c>N' drei Priestern des Seraphischen Ordens gegeben hat. Wie bekannt, wurden im Jahre 1704 von unserm heil. Vater 110 Papst Clemens XI., sehr viele apostolische Missionäre nach Aethiopien (Habyssinien) gesendet, dort das Evangelium Jesu Christi zu predigen. Man suchte auf verschiedene Weise daselbst Eingang zu gewinnen, aber die cmgränzenden barbarischen Völkerschaften wußten es immer zu Verbindern, bis Pr. P. LiberatuS Weis, apostolischer Präfcct, ein Zöglina der österreichischen Provinz, mit seinen Gefährten, P. Michael von Zerbe und P. Samuel von Biumo, im Jahre 1711 die Reise durch das rothe Meer versuchte. Nachdem sie bis zum folgenden Jahre außerordentlich große Gefahren zu Land und Wasser bestanden hatten, beiraten sie glücklich die Hauptstadt (Aethio- piens) Gondar. LiberatuS begab sich ohne Zögerung zum Könige, dessen Name in unserer Sprache „der Gereckte" hieß, und legte ihm in geheimer Audienz die Ursache seiner Ankunft dar. Der König nahm ihn auch sehr liebevoll und günstig aus, versprach ihm sowohl Sicherheit als auch seinen besondern Beistand, jedoch verbot er ihnen das öffentliche Predigen deS katholischen Glaubens, denn er fürchtete daS Volk, welches sehr zum Aufruhr geneigt war. Er ermähnte sie, Eile mit Weile einzuhalten, denn, setzte er bei: Gott hat ja auch die Welt nicht, wie eS in seiner Macht stand, in Einem Augenblicke, sondern in einem Zeiträume von sechs Tagen erschaffen. Während nun die Missionäre in Gondar verweilten, nahm offenbar mit jedem Tage des Königs Neigung zu ihnen zu, denn er schätzte sie so sehr, daß er mit wahrhaft königlicher Freigebigkeit ihre Lage zu verbessern suchte, indem er ihnen Besitzungen und jährliche Einkünfte antrug. Die Missionäre lehnten aber diese Geschenke standhaft ab, indem sie erklärten, solches wäre gegen ihren apostolischen S'and, und gegen die heiligste Armuth, welche sie nach ihrer Ordensregel angelobt. Der König bewunderte diese uneigennützige Gesinnung, lobte sie insgeheim und öffentlich, und schwur sogar, er werde sie nicht blos mit seinem königlichen Ansehen, sondern auch mir seinem Blute vertheidigen. Bisher blieben die Patres unangefochten. Sie hatten im Stillen schon Einige zum Glauben bekehrt, die größten Hindernisse schienen mit Hilfe des Königs überwunden. Aber dennoch gestaltete sich bald die Lage ungünstig: der Krieg der Hölle gegen den Himmel will nie ein Ende nehmen. Einige niederträchtige und verdorbene Menschen, vom Vater deS NeideS, dem Teufel, getrieben, streute» den Samen der Zwietracht auS, indem sie durch schlechte Reden und Predigten daS Volk verkehrten. Man redete den einheimischen Mönchen, welche eine sehr große Gewalt haben, und den Hochgestellten des Reiches ein, diese Missionäre seyen die größten Feinde der Marienvcrehrung, sie bereiten'das ungesäuerte Brod, welches beim heiligen Meßopfer consecrirt werden soll, aus dem Marke eines HnndeS und dem Gehirne eines Schweines, in Kurzem werde sicher das ganze Königreich von diesen Ungläubigen in Verwirrung gemacht werden, da der König ihnen in Allem folge; ja, n'enn die Zahl ihrer Glaubensanhänger sich noch vermehre, so werden sie selbst die Herrschaft an sich reißen. Diese und andere ähnliche läppische Lügen streute man geschäftig aus, und schmiedete schon Pläne den König zu vertreiben. DaS ohnehin r^he Volk bemächtigte sich mit warmem Eifer dieser Angelegenheit, und fing Aufruhr zu erregen an. AIs der König davon Nachricht erhielt, wollte er für die Sicherheit und das Leben der Missionäre Vorsorge treffen. Er befahl ihnen, unter starker Bedeckung in eine entfernlere Gegend sich zu begeben, indem er sie wieder zurückrufen werde, wenn der thörichte Ungestüm deS Volkes sich gelegt haben würde. Aber der gottlose Pöbel war damit nicht zufrieden, ja die Abwesenheit der Missionäre, anstatt die Gemüther der Bösen zu besänftigen, erbitterte sie nur noch mehr. Im Anfstcmde wurde auch eine Verschwörung angezettelt, und dem Könige, wie die Rede aing, Gift beigebracht. Es ergriff ihn plötzlich in Folge dessen eine erschreckliche Lähmung, so daß sein Körper ihm j-den Dienst versagte, und er als untauglich der Regierung entsetzr, und durch seine Hausgenossen schmählich vom Hofe entfernt wurde. Inzwischen ward ein Jüngling mit Namen David zum Könige ausgerufen. Dieser gab auS Furcht dem Wüihenben Begehren des Volkes nach, rief die abwesenden Missionäre am 27. Febr. 1716 nach Gondar zurück, und ließ sie dort, mit Ketten beladen, in einen Kerker werfen. Am 2. März stellte er sie cssentlich vor eine Versammlung, der Großen des 11t Reiches, und ließ die Frage an sie stellen, wer sie wären, und weßwegen sie in dieses Land gekommen? Die Missionäre antworteten, sie seyen katholische Priester, und von dem Papste, dem allgemeinen Hirten der Kirche, abgesendet, um die Em- gebernen dieses Landes im wahren Glauben zu unterrichten, ihre Seelen auS der Finsterniß zu befreien, und zur ewigen Seligkeit Hinzuletten. „Also haltet ihr unS für keine Christen?" fragte der König. Die Missionäre versetzten: „Ihr seyd wohl dem Namen nach Christen, aber keineswegs in der That " Der König, dadurch heftig aufgebracht, schleuderte über sie daS Todcsurtheil, während sie sich bereitwillig darboten, standhaft für den kaiholischcn Glauben daS Leben zu opfern. Von großer Verwunderung ergriffen, standen Alle umher und staunien den Muth und die Geringschätzung des LebenS an, welche diese fremden Priester an den Tag legten, so daß der König selbst etwas nachdenkend wurde, sich freundlicher als zuvor an sie wendete, sie einlud, sich der Landesreligion anzuschließen, ihnen Sicherheit und Leben versprach, wenn sie sich den herrschenden religiösen Gebrauchen fügen, den heiligen DioSkurus verehren, in Christo nur Eine Na>ur bekennen, an den Sacramenien Antheil nehmen würeen u. s. w. — Aber die Missionäre verachteten mit erhabener Standhafrigkeit daS vergängliche Leben, und wollten lieber sterben, als ihrem Glauben unireu werden. Hierauf ward befohlen, die Missionäre wieder in den Kerker zu führen, und man pflog inzwischen abgesonderte Berathungen. Der König, obgleich er sich nun als Feind des katholischen Glaubens zeigte, war doch in früherer Zeit gegen diese Priester milder gesinnt gewesen, und sprach auch jetzt die Meinung auS, man solle die Missionäre auS dem Königreiche vertreiben; die einheimischen Mönche hingegen verlangten, man solle sie mit dem Tode bestrafen, uud so wurden sie denn am 3. März mit auf den Rücken gebunoenen Händen aus den Platz oder daS Kampffeld geführt. Dort wurden sie der Kleider beraubt, wechselten noch miteinander einige Worte, umarmten und küßten sich. Indem sie ihren Geist im demülhigen Gebete Gott empfahlen, sanken sie auf ihre Kniee nieder, um die hefiigen Sieinwürfe auszunehmen. Sogleich sprang ein frevelhafter einheimischer Priester, der mit dem Scheine der Religiosität seine Boöheit verdeckte, aus der Volksmenge hervor, und schrie auS vollem Halse: „Wer nicht fünf Steine auf Diese hier wirft, der sey verflucht, ercommunicirl und ein Feind der Jungfrau Maria I" Er seltst warf den ersten Stein, und ihm folgte die ganze Volksmenge, wohl bei zehn- taujend Menschen, und so wurden die Missionäre in kurzer Zeit unter einem Hügel von Sreinen begraben. — Es war wohl mein Wunsch Theil zu nehmen an ihrem Siegeskampfe, da mich die brüderliche Liebe mit ihnen so enge verband; aber Gott hat es anders gefügt, da ich wegen übler Witterung mit drei anderen Priestern hier zurück gehalten bin, und in Ungewißheit über unser künftiges Schicksal schwebe, bis uns die heilige Kongregation zur Verbreitung deS Glaubens von Rom Antwort gesendet haben wird. Unterdessen konnte ich dieses Wenige der Wahrheit gemäß mittheilen. Mehreres, so Gott will, behalte ich der Zukunft vor. Mocca, im glücklichen Arabien, am 20. Juni 1716. Fr. TheodosiuS Wolf, apostol. Missionär. Düß der Bericht über den Mcmyrtod seiner Mitbrüoer, deren Andenken diese Zeilen in der Erinnerung der Katholiken wieder anfsrischcn wollen. Zum Schlüsse sey die Bemerkung beigefugt, daß im Jahre 1833 ein abyssinischcr Füm, Namens Jtsa Tecla Gorgis, sich an den Papst Gregor XVl. um Priester gewendet habe. ES wurden solche dahingesendet, und Abyssinien wieder in die Zahl der apostolischen Piäfcc-uren aufgenommen. Wohl ist die Zahl der Katholiken jetzt dort noch klein, im Jahre 1843 ein halbes Tausend ruucr vielleicht vier ein halb Millionen irrgläubiger abyssinischcr Christen. Aber gewiß hat die göttliche Vorsehung so viele Funken deS Christenthumes unter der Asche in diesem sonst so gesegneten Lande nicht umsonst sorgsam und wunderbar erhallen. DaS Blut der Märtyrer, welches dort so reichlich geflossen, wird wie in den ersten Jahrhunderten noch reichliche Früchte bringen. Es weht GotteS Geist, wo er will, und bei dieses Geistes Wehen kann früher oder 112 später auS den Funken eine Flamme sich entzünden, welche in deS innern Afrikas Finsternisse, wo Knoblecher und seine Genossen so mühsam daS Kreuz pflanzen, himmlisches Licht verbreiten wird. G r a tz. Am zweiten Fastensonntag wurde die Mission beschlossen, welche die PP. Karineliten durch fünf Tage in der Strafanstalt in der Karlau hielten. Der hochw. Scminar- director Vüchinger hielt das hl, Amt, während welchem die Sträflinge recht andäch'ig das deutsche Amllicd sangen, speiöte diese nach der heil. Communion ab und hielt am Schlüsse eine Anrede an sie, worin er sie zum Danke dafür ausforderte, daß nun JcsuS voll Liede in ihre Herzen eingekehrt sey, auch erwähnte, daß der hochw. Fürstbischof gar sehr gewünscht, selbst ihnen daS Brod des Lebens zu reichen, wenn Hochderselbe nicht durch Krankheil daran gehindert worden wäre. Zu erwähnen ist noch, daß alle katholischen Sträflinge, waS sonst nicht immer der Fall war, bei der Mission sich betheiligten, und die Meisten verlangten, eine Generalbeichl abzulegen. (K. Wfv.) ' ' , . .-ibnosnM .I Kirchenz.) Die Freimaurerei. Die „Hengstenberg'sche Evangelische Kirchenzeitung" enthält in Nr. 19, 2t), 21 und 22 einen Artikel gegen die „Freimaurerei,* welcher wegen der freimüthigen und offenen Besprechung dieses Gegenstandes alle Anerkennung verdient. Nachdem eS längst bekannt ist, was man ,,ka tholisch er seits" über diesen „Geheimbund" denkt, wird eS für unsere Leser nicht ohne Interesse seyn, auch eine protestantische Stimme in dieser Angelegenheit zu hören. Der Artikel in der Evangel. Kirchenzeitung geht davon auS, daß nach den Auszügen aus den Verzeichnissen der drei Berliner Haupt' logen allein in Preußen dem Freimaurerorden mehrere hundert protestantische Prediger als Mitglieder angehören. Wenn aber nun dieser Orden eine nacktheilige Wirkung auf seine Mitglieder ausübe, so sey eS allein in Rücksicht auf diese Prediger eine heilige Pflicht, den Schaden auszudecken und könnten davon keinerlei Rücksichten und selbst nicht eine hohe Protection zurückhalten. Wenn in Deutschland Katholiken und Protestanten gegenseitig ihre Lehre sich widerlegen dürsten, dann möchte man doch auch von der Freimaurerei sagen dürfen: „Das ist, so viel man aus ihren Schriften entnehmen kann, ihr Zweck :c. DaS vierte Gebot, so heilig eS sey, habe doch seine Gränzen." Nach diesen einleitenden Bemerkungen wird an die Sache selbst gegangen und als erster Satz an die Spitze gestellt: „Die Grundlage deS FreimaurerwesenS ist der Deismus, die Antipathie gegen das sveci« 1!S fisch Christlicht." Sey dieß erst dargethan, dann brauche man nicht weiter zu beweisen, daß der Eintritt in die Loge nicht zuläßig sey, eben so wenig, als man nach den Worten Leo'S erst zu beweisen brauche, „daß Ratten keine gute Schlaf« kameraden seyen." Der Beweis für jene de istische resp, panthe istische Richtung deS Ordens wird nunmehr nach den vollgiltigsten Zeugnissen geführt uud hervorgehoben, wie planmäßig das specifisch Christliche und Kirchliche fern gehalten wird. Am Ende der Beweisführung heißt eS: „Die Grundlage der Freimaurerei ist die Läugnung des christlichen Gottes (Deismus resp. Pantheismus), die Aushebung deS Unterschiedes von Natur und Gnade, die Verschmähung aller Ga, den, welche Christus durch sein Leiden und Sterben uns erworben hat, das Zerrbild der christlichen Nächstenliebe, welche in ihrer wahren Gestalt nur iimerhalb der Kirche vorhanden ist. Der Mangel an jedem tieferen religiösen Gehalt wird auch durch die Symbolik deS Ordens außer Zweifel gestellt. Von dem, was Christus für uns gethan und uns geschenkt hat, findet sich in ihr nichts abgebildet, alleS kommt auf bloße Moral hinaus, und zwar auf eine solche Moral, in der die sogenannten theologischen, die specifisch - christlichen Tugenden völlig fehlen. „Die maurerischen Mysterien — so werden wir in einer auS der Mitte deS Ordens selbst hervorgegangenen Schrift belehrt *) — bezielen die Erheiterung deS Geistes, Erhaltung der Harmonie und die Bildung deS Herzens. Die Allegorie der Gesellschaft selbst ist sinnreich und unterhaltend. Man nimmt sich vor, einen Tempel auszubauen, und dieß ist der Tempel der Tugend. Die Werkzeuge zu diesem Bau find Symbole der Architektur deS Herzens. DaS Winkelmaaß, der Triangel und der Zirkel bilden die Billigkeit, Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit vor. DaS Licht ist eine Anspielung auf die Tugend. Der Mensch, ehe er zur Arbeit an diesem erhabenen Tempel zugelassen wird, das ist, ehe er die Bahn der Tugend betritt, ist ein Unglücklicher, der im Finstern wandelt; will er in diesen Tempel zugelassen werden, so muß er sich vorher von seinen Lastern reinigen, und deßhalb hinreichende Proben seiner Beständigkeit und seines guten Willens ablegen. Die Handschuhe und der weiße Schurz, womit man einen ncugeweihten Bruder bekleidet, stellen die Reinigkeit der Sitten vor. Die Maurer erkennen keinen andern Unterschied, als den die Tugend gibt. Geburt, Rang und GlückSgüter werden waagerecht gesetzt, sobald man den ersten Grad ertheilt. DaS ganze Geheimniß der Maurerei besteht in einem symbolischen Unterricht, daß nur die Moral wahre Wissenschaft, und wahre Tugend nur die gesellige sey." Man wird dem Prediger am neuen israelitischen Tempel in Hamburg, Gotthold Salomon, Mitglied der Loge zur aufgehenden Morgenröthe im Osten zu Frankfurt am Main, Ehrenmitglied der Loge zum silbernen Einhorn in Nicnburg, nicht Unrecht geben können, wenn er diejenige»^ die den christlichen Charakter der Maurerei behaupten, fragt**): „Warum findet sich in dem ganzen maurerischcn Ritual auch keine Spur von einem kirchlichen Christenthum? Warum wird der Name Christus nicht ein einziges Mal genannt, weder im Eide, noch im Gebete, daS bei geöffneter Loge oder bei der Tafelloge verrichtet wird? Warum ist in der Freimaurerei kein christliches Symbol? Warum Zirkel, Winkelmaaß, Waage? Warum nicht daS Kreuz? Warum statt „Weisheit, Stärke und Schönheit" nicht die christliche Drei: „Glaube, Liebe, Hoffnung?" Die Verwandtschaft deS OrvenS mit dem englischen Deismus legt sich auch in seiner Symbolik zu Tage. Man vergleiche nur Aeußerungen wie die deS Verfassers der „betrachteten Auferstehung Jesu,***) die Vernunft sey seine einzige Regel, seine Absicht sey, die Würde der Tugend der Welt vor Augen zu legen und die Hochachtung gegen Weisheit und Wahrheil wieder in den Schwung zu bringen, die durch den Glauben verdrängt sey: die Menschen müßten erkennen, daß sie sich aus nichts in Ansehung ihrer gegenwärtigen und zukünftigen Glückseligkeit zu verlassen hätten, als auf ihre eigeue Tugend *) Freimaurerblbl. l. St. Berlin »773, S. tN8 ff. vgl. die neuesten ReliqionSb. S. 3t4. **) Eckcrt. S. 2S6, »**) zz^ Leland, Abriß der vornehmsten deistischcn Schriften Th. 1. S. ötv. 117 und auf die Liebe zur Weisheit und Wahrheit," Nicht einmal deistische Gottesfurcht wird man dem Freimaurerorden zusprechen können. Sein Gott hat das bloße Zusehen. Ob er ist oder nicht ist, hat auf die Moralität keinen Einfluß. Dem erhabenen Ziele der Tugend streben die Brüder auf eigene Hand nach. Sie bedürfen dazn keiner andern Kraft, als der eigenen, deren wahre Beschaffenheit sie in der dem natürlichen Menschen eigenen Verblendung verkennen. Eben so auch die wahre Beschaffenheit deö Zieles. Sie meinen, eS sey genug, die Hände rein zu halten, die „böse Lust und Neigung" lassen sie fortwuchern, sie ist einmal die Mitgabe der menschlichen Natur. Der dem natürlichen Menschen eigene Mangel an Furcht Gottes, an Vertrauen gegen ihn, macht ihnen keine Sorge. Die Tugenden, die sich auf das Verhältniß zu Gott beziehen, haben sie gestrichen. Die Gebote der ersten Tafel sind für sie nicht vorhanden. Gott ist ihnen viel zu sehr ein unbestimmtes Etwas, als daß man ihm verpflichtet seyn könnte." (Schluß folgt, > Die auswärtige» Missionen. I Vereinigte Staaten. Eine kurze und klare Uebersicht der Gesammtlagc gibt ein Brief des hoch-' würdigen Pater de Smet aus St. Louis vom 6. Februar 1853, dem wir Folgendes entnehmen: Die Gesellschaft Jesu schreitet hier langsam vorwärts, aber der Fortschritt ist ein stetiger; sie besitzt schon siebzehn Kollegien, und diese Zahl würd- sich sehr schnell verdoppeln, wenn wir das zu diesen Instituten nothwendige Personal hätten. Anfragen, Vorschläge, mitunter sehr annehmbare, kommen an imS von den Bischösen aus allen Theilen der Union, sogar aus Neu-Meriko und Kalifornien, und Herr Bischof Lamy hat uns so eben einen Drängbrief gesandt, ihm zu Hilfe zu kommen; er hat in seiner ganzen Diöcese weder Schule noch Colleg, und er zählt kaum z ^ ölf Priester, um ungefähr 100,000 Katholiken von denen 10,000 bekehrte Indianer sind, die Sacramenie zu spenden. Die Anzahl der Katholiken in den Vereinigten Staaten beläuft sich auf ungefähr 4,000,000; und jedes Jahr bringt unS aus Europa 10.000 — 20.000 katholische Einwanderer, so daß sich ihre Anzahl in dem Maaße vermehrt, als die Schiffsahrt leichter, schneller und minder kostspielig wird. Um diese Millionen von Gläubigen zu leiten, zählt man ungefähr 1400 Kloster- und Weltpriester. Der Beruf zum Pricster- stand ist bisher bei den Amerikanern noch immer sehr selten, und genügt weitaus nicht, den täglich wachsenden Bedürfnissen zu entsprechen. — Nach d-n statistischen Notizen, die wir durch die beiden ausgezeichneten Prälaten, Herrn Brüte und England erhalten haben, erlitten bereits mehrere Millionen Katholiken und vorzüglich ihre Nachkommen, in Beziehung auf Religion in Amerika Schiffbrnch, welch großes Unglück rein dem Prieftermangel zugeschrieben werden muß. So wie nur ein eifriger Geistlicher sich irgendwo niederläßt und seine Kirche baut, so bildet sich auch schnell um das HauS deS Herrn eine schöne Christengemeinde, und man findet gegenwärtig in Amerika eine sehr große Anzahl, Kongregationen, die eben so eifrig sind, als die besten Psarrgcmeinden von Europa. Hier in der Stadt St. LoniS zählt man schon zwölf Kirchen und ^ine gut- Anzahl Klöster. In der Kirche des heiligen Franz Xaver, die mit unserer Universität vereinigt ist, beläuft sich die Zahl der Communionen jedes Jahr auf dreißig- bis vierzigtauscnd. Auch Bekehrungen vom Protestantismus sind sehr häufig. Nicht minder im Aufblühen sind die benedictinischen Klöster begriffen. Zu -Lin- cenneS in Jndiana, dem Sitze eines BisthumS, haben sich die Patres Ulrich Christen und Beda Connor aus Einsiedeln niedergelassen. Sie schildern die Bewohner deS 118 Landes als ein gutes, einfaches, offenes Volk; noch »»verpestet von Sittenverderbniß, empfänglich für religiöse Belehrung. Dieses Land stehe an einem kritischen Zeitpunct, der auf lange hinaus entscheiden dürfte: um so dringender sey daS Bedürfniß katholischer Entwicklung. ViucenneS, am WabeSh gelegen, wird als eine schone Stadt bezeichnet; sie hat zwei katholische Airchen und zwei Waisenhäuser. DaS Land stellt den pflegenden Händen noch eben so mühevolle Arbeit in Aussicht, wie daS Volk einer günstigen Pflege bedarf. Ein Kloster, daS zum Erercitien- und MissionShnuse, zu einem Mittelpuncte der seelsorglichen Aushilfe und Jugenderziehung dienen sollte, hofft man nach dem Wunsche deS Herrn Bischofs errichten zu können. Im mächtigsten Emporstreben aber erscheint die Benedictiner-Kolonie deS Herrn Pater Supcrior, Bonifaz Wimmer, in St. Vincent, Staat Pensylvanien, Grafschaft Westmoreland, wie dessen ausführlicher Bericht an die Centraldirection deS Ludwig- MissionSvereineS in München darthut. Bis zum 5. Juni deS JahreS 1852 zählte er fünfzehn Priester, wovon aber Herr PlaciduS Düt! gestorben ist, sechzehn ki-stre-s clerici — nech dem Tode deS Frater Gallus Urban noch fünfzehn, und zweiundfünfzig Laienbrüder, die sich derart in alle Professionen theilen, daß das Kloster einer weiblichen Hilfe nur für Strick- und ähnliche Arbeiten benöthigt ist. Dazu kamen noch fünfzig Studenten, von denen mir der vierte Theil ein mäßiges Kostgeld entrichtete. Das Klosterpersonal war auf vier Plätze vertheilt, t) St. Viucent. Hier ist ein Knabenseminar, wo die deutschen und die englisch Redenden m beiden Sprachen sich gegenseitig unterrichten. St. Vincent versieht folgende Filiale: Greensburg, Leganier, Johnstowe, Jefferson, Sumit, Hollydaysburg und Altona. Der zweite Platz ist St. Benedicr in Carroltown, Grafschaft Cambria am Alleghany-Gebirge, 55 Meilen von St. Vincent nordöstlich, nahe den Quellen deS SuSquehannah. Hieher gehören die Gemeinden Glonkondel, Loretto, Clarafield, Frencbville, Cooper-Settlement. Die dritte Station, 80 Meilen weiter nördlich ist St. Maria, eine Gemeinde von 400 Familien, meistens Bayern, deren religiöser Eiser gelobt wird; von hier auS wird die deutsche Niederlassung in Williamsville versehen. Mitten zwischen S. Maria und St. Vincent liegt die vierte, jüngste und schwierigste Ansiedlung — Jndiana, die an pecuniären Opfern noch mehr als daS Brachland von St. Maria erfordert, dagegen aber durch ihren sittlichen Zustand weniger befriedigt. Daß eine unermüdliche Ausdauer, daß ein gränzenloses Gottvertrauen in diesen Verhältnissen erfordert ist, ergibt daS doppelte Mißverhältniß der geringen Geldkräste und bei weitem noch nicht zureichenden Personenzahl zu der nöthigen Ausdehnung über weit entlegene Puncte und zu dem Aufwande, den jede bleibende Niederlassung erfordert. Daher fehlt eS auch an Schulden nicht, die zwar bald zn decken wären, wenn nicht immer neue Bedürfnisse der Bevölkerung auch neue Hilfsquellen erforderten. II. Ober-Canada. AuS Toronto in Ober-Canada berichtet Pater Holzer 8. ^. über die Lage der Deutsche» in der Diaspora, in Guelph und Neu-Germany. In jenem Districte hatte auch Pater Fruzzini (in Würzburg seit der Mission in gesegnetem Angedenken) seine Gesundheit dem apostolischen Amte geopfert. Nach Guelph sollen die barmherzigen Schwestern berufen und ibrcr Leitung ein Orphauasylum unterstellt werden. „Zwar," — sagt Pater Holzer — „hier in Canada ist fast jedes Kind ein verlassenes Waisenkind, denn wir haben so wenige katholische Schulen " — „ES ist in unserer Guelph- Missivn auch ein Schottländer, Namens Mac Naughton, ein vortrefflicher Mann mit einer braven Familie; dieser hat einen Bruder im schottischen Colleg zu RegenS. bürg. Sehr viele Familien von dem übcrvölkcrtui Neu-Germany wandern nach der Guelph-Mission auS, und so werden wir sie alle in ein Townschip sammeln und eine deutsche Gemeinde bilden. Auch katholische Indianer gibt es in der Mission, mit denen man mittelst Dolmetschern verkehren mußte.'' 119 Zum Schlüsse stehe hier ein Zug, der auch ül unserer Heimat die seelsorgerlichc Wirksamkeit erheben und begeistern mag. „Mehrere Deutsche auö Bayern, die erst ankamen, waren in der Charwvchc in unserer Kirche; eine Frau erzählte mir, wie ihre zwei Buben voller Freude nach Hause liefen mit den Worten: „„Mutter, in dieser Kirche ist Alles so, wie bei uns in Deutschland!"" Ein Mann von der Bergstraße bei Speyer, Namens NicolauS Madel, brachte seine ganze Familie und erzählte mit sichtbarer Rührung, was ihm der hochwürdigste Herr Bischof von Speyer und der Herr Pfarrer beim Abschied ans Herz gelegt, und wie er der Jesuiten-Mission in Speyer beigewohnt habe. O wüßten die hochwürdigen Herren Pfarrer in Deutschland, mit welcher Dankbarkeit jedes Wort wiederholt wird von den armen Deutschen hier im kanadischen Busch und wie oft sie ausrufen: „„Ja, der Herr Pfarrer hat Recht gehabt! Wie hat er doch AlleS so wissen können; er hat unS so gute Lehren mitgegeben, als wenn er zwanzig Jahre in Amerika gewesen wäre."" O, die AbschiedS- lchren, die die hochwürdigen Herren Pfarrer den Auswanderern mitgeben, fallen auf gutes Erdreich; denn daS Elend und die Trübsale, die sie oftmals in Amerika finden, öffnen ihnen die Augen und führen sie zu Gott, und wie Kinder von ihrem Vater reden, so reden die armen Katholiken von ihren Seelsorgern, die sie so und so viele Jahre gehabt und in deren Kirchen Alles so schön gehalten wurde." III Indianer-Stämme. Ihre Gesammtlage schildert ein Brief des Herrn Belcourt, Missionärs, an Herrn Cretin, Bischof von Sanct Paul. „--Ich sehe voraus; daß man einige Jahre hindurch mit ihnen unter dem Zelte sich lagern muß, um immer bei ihnen zu seyn und ihnen steten Unterricht angedeihen zu lassen, Haben sie einmal die religiösen Lehren angenommen, so gibt ihnen auch die Gnade das Vertrauen, daS sie ihren Hirten schuldig sind, und eS wird dann viel leichter seyn, sie an feste Wohnsitze und somit nach und nach an den Ackerbau zu gewöhnen. Der Stamm der AssyniboineS, einer der beträchtlichsten, breitet sich bis zu den Quellen deS Missouri aus, wo diese Indianer mit den Wilden der Felsenberge, vorzüglich mit den Schwarzfüßen, in Fehde leben. Da sie mit den Mandanes und den Dickbäuchcn in Einverständnis^ sind, so würde ein Missiouär, der bei Letzteren seinen festen Wohnsitz hätte, den ersten Ring einer apostolischen Kette bilden, welche bald mit GotteS Hilfe eine große Anzahl Ungläubiger unter daS süße Joch deS Evangeliums beugen würde. Die Pani'S (Pananiyak), welche sich eine Tagreise von Selle, etwas weiter unten, als die Manvanes, mit denen sie verbunden sind, niedergelassen haben, würven bald ihrem Beispiele folgen, und dann, und zwar nur dann könnte man hoffen, in den Schafstall deS Erlösers den zahlreichen und mächtigen Stamm der Siour eintreten zu sehen." Von demselben Stamme sagt indessen einen Monat später der apostolische Missionär Herr Fayolle: „Diese armen Wilden sind wohl recht sehr zu beklagen; der Dämon hält sie unter seiner Herrschaft und verdummt sie, und um sie zu bekehren, bedarf es eines speciellen Schutzes GotteS; dennoch hoffen wir sie durch unsere Kinder zu gewinnen. Schulen werden so eben errichtet; die nöihigen Mittel werden von dem Gelde genommen, das ihnen die amerikanische Regierung für die verkauften Ländereien auszahlt. Sie haben selbst für ihre Kinder um einen katholischen Unierricht nachgesucht; andere Wilde stellten unter gleichen Umständen die gleiche Bitte; beirüglich schickte man ihnen protestantische Lehrer, die aber keinen Erfolg hatten. Schon besitzen die Missionäre unier Leitung deS Herrn v, Vivalde zu Longue-Prairie die Schule der Winnebcigos.« (Kath. Wockenschnft.) 120 DaS Colleg für auswärtige Missionen in Drumcondra bei Dublin. Irland hat stets außerordentlichen Eifer für Verbreitung deS Glaubens bewiesen. Der heilige Columban und seine Brüder von Lureuil zeigten ihn vor drei» zehn Jahrhunderten, als in Frankreich jene Missionen begannen, welche unserm Naterlande so viele Apostel und Heilige gaben. Das Frankenreich war nie undankbar: Karl der Große erwies seine Liebe und seine Dankbarkeit für den heiligen und unerschrockenen Heroismus dcS irischen Glaubens mit ganz energischen Ausdrücken, die uns Suriuö berichtet, und die Nation hat bei vielen Gelegenheiten dieses Zeugniß ihres großes Kaisers bestätigt. Der Eifer, den Irland für die auswärtigen Missionen drei Jahrhunderte vor Karl dem Großen entwickelte, ist heut zu Tage noch eben so glühcud, als zu der Zeit, da St. GalluS seinen Namen aus die Felsen der Schweiz drückte, oder Virgilius den Bischofstab von Salzburg führte. Betrachtet man die Resultate der Eroberung Irlands durch England, so kann man nicht umhin, darin einen providcniiellcn Plan zu erkennen. Als England seinen Glauben verlor, erhob sich zwischen ihm und dem eroberten Land ein Krieg ganz neuer Art, in welchem Irland mehr als einmal den Siez davon trug, und der noch fortdauert. Indem eS mit England seine Geschicke und seine Sprache theilt, trägt Irland den katholischen Glauben in alle jene Länder, in welche sein Nivale die Häresie zu verpflanzen strebt. Ucberall wo man englisch spricht, oder wo das englische Gold erlaufen oder corrumpiren kann: in Schottland, in Indien, in Amerika und Australien, verfolgt die Häresie ihr Werk dcS Umsturzes und der Zerstörung, indem sie zugleich den Köder des Geldes oder der Situation und alle Hebel gebraucht, welche ihr die RegierungSgcwalt jener Macht bietet, die man England nennt. Aber Irland erhob sich, um Leib an Leib gegen jene mächtige Verführerin zn kämpfen, die vom Gelo und Haß Englands und Amerikas unterstützt wird. ES ist sohin Pflicht aller katholischen Nationen, Irland bcizustchen und eS durch Gebet und Almosen in seinem mühsamen Kampfe zu unterstützen. In den Vereinigten Staaten zählt man beinahe fünf Millionen Katholiken und kaum gibt eS dreizehnhundert Priester für diese fünf Millionen. Nahe an vier Millionen entbehren beinahe ganz deS geistlichen Beistandes der Priester. In Indien, Australien, Canada, Afrika leben Million-n Katholiken in derselben Entbehrung. Irland ermüdet nicht, ihnen beizustehen, und um dieß mit mehr Erfolg thun zu können, hat eS in Drnmconora bei Dublin die Anstalt geschaffen, welche unter dem Namen „Colleg Allerheiligen" bekannt ist. Dieses Col- legium, welches ganz für die Htranbildung von MissionSpriestern für alle Theile der Erde bestimmt ist, wird lediglich durch daS Almosen der irischen Katholiken erhalten, welche inmitten ihres größten Elendes, selbst wenn sie Hunger sterben sollten, noch ihren Pfennig für die Unterhaltung dieser Pflauzschule apostolischer Männer hergeben. Im Wettkampfe sür diesen Eifer widmen sich Priester ganz unentgeltlich und lediglich gegen Kost und Wohnung der Erziehung der Studirenden dieses HauscS, daS seit 1842 einhundert und dreißig Priester iu die auswärtigen Missionen geschickt hat. Gegenwärtig sind etwa hundert Jünglinge in der Anstalt; aber die Bedürfnisse der Missionen erforderten wobl zehnmal mehr. Die Oberen haben deßhalb auch beschlossen, das Haus zu vergrößern, und sie vertrauen dabei aus die göttliche Hilfe und die Unterstützung der katholischen Welt. (UniverS.) Verantwortlicher Redacteur: L, Schönchen Verlags-Inhaber: F. C. Kreme,, Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt Augslmrger PostMimg. zur 16. April M- K« 1854. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnement«»«!» ^0 fr., wofür e« dnrch alle konigl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werdeu kann. Der Berein zur Begleitung deS allerheiligsten Viaticum in Rom. Wer jemals die ewige Stadt gesehen, und einige Zeit in derselben verweilt hat, ist gewiß Zeuge der besondern Verehrung gewesen, welche das römische Volk Jesu Christo im allcrheiligsten Sacrament erweist. Wir reden hier nicht von jener Lieblingsandacht der Römer, dem vierzigstündigen, von einer Kirche zur andern wandernden Gebet, nicht von der rührenden Innigkeit und Zärtlichkeit, mit der italienische Priester und viele, viele Laien jeden Abend den im Tabernakel weilenden Erlöser besuchen, sondern haben lner lediglich die Art und Weise im Auge, wie Rom seinen Heiland, wenn er den Kranken aufsucht, ehrt. Bevor der Priester die Kirche mit dem Lsnetissimum verläßt, werden, wie es ja überall gemäß den Vorschriften der Kirche geschehen soll, die Pfarrkinder, die Bruderschaft vom allerheiligsten Sacrament und andächtige Christen überhaupt, mit einigen Glockenschlägen zusammmbernfen, von denen dann immer einige sofort zur Kirche hineilen, welche die heilige Eucharistie mit Wachskerzen, Stocklaternen oder Fackeln begleiten nnd die Umbella, einen weißen seidenen Schirm mit Goldborten, oder wo eS sich thun läßt, einen Baldachin über dem Priester mit seinem kostbaren Schatze halten. Der Priester trägt denselben in der PiriS entblößten Hauptes mit beiden Händen vor der Brust, unter einem weißen Velum, angethan mit Cvtta (Chorrock), weißer Stola und mit weißem Pluvial, von den Klerikern und Priestern, wenn diese nicht verhindert sind, begleitet, von denen einer dann die Umbella trägt. Stets geht der Akolyth oder Diener der Kirche mit dem Lichte in der Stocklaterne voran, diesem folgen zwei Kleriker oder Laien, von denen einer das geweihte Wasser mit dem Aspersorium und die Bursa mit dem Korporale trägt, welche der Piris mit dem hochwürvigsten Gute untergebreitet werden muß, wenn eS im Zimmer des Kranken ans den Tisch gesetzt wird, und mit dem kleinen leinenen Purificatorium zum Abtrocknen der Hände; der andere tragt das Rituale und schellt beständig mit dem Glöckchcn. Dann folgen die Fackelträger. Zuletzt kommt der Priester mit dem Sacramente unter der Umbella, der während deS Ganges den Psalm Miserere und andere Psalmen und Cantica recitirt, und zwar hier, weil dem Volke die gewöhnlichsten Psalmen und Hymnen besser bekannt sind als dem Deutschen seine Kirchenlieder, laut und abwechselnd mit seinen Begleitern. Die Vorübergehenden knieen vor dem allerheiligsten Gut, und zwar Viele aus Andacht so lange, als sie den Priester im Auge behalten; die Wagen halten an nnd setzen sich erst wieder in Bewegung, nachdem der Priester bei ihnen vorübergegangen ist. Im Jahre 1852 hat nun in Rom sich ein frommer Verein gebildet, der die Bei Nacht wird der kirchlichen Borschrift gemäß das Sacramcnt nur im Nothfälle getragen; — dann erleuchten die Römer in den Straßen, welche dasselbe durchzieht, alle Fenster. tss Begleitung deS allerheiligsten Gutes sich zur Aufgabe stellt und vom heiligen Vater bestätigt ist. Rom, daS, obgleich weit entfernt von jener Marktschreierei gemischter Gegenden, nach seiner fast zweitausendjährigen Prcm'S katholisch lebt und handelt, ohne erst jedes „Ave Maria" und jedes „Gelobt sey JesuS Christus" au die große Glocke zu hängen, und daS die Affectation im Dienste Gottes eben so vermeivet wie den Ungehorsam gegen die rituellen Vorschriften der Kirche, will also den Eifer seiner Kinder noch mehr beleben, und sie mit dem alten aber immer wirksamen Mittel der Vereinigung zu größerer Andacht zu dem im heiligsten Sacramente den Kranken besuchende» Erlöser aufmuntern. — Sollte nicht auch in mancher Stadt Deutschlands, wo die katholische Kirche nicht nur wohlberechtigt ist, sonder» sogar Hunderte, ja Tausende von Gläubigen zählt, ein solcher Verein Noth thun? Gewiß wird die Liebe und Andacht der Gläubigen zu dem allerheiligsten Gute dem pflichteifrigen Priester bereitwillig entgegenkommen, wenn er durch einen frommen Verein das wieder herstellen will, was die Feinde der Kirche durch Gewalt aufgehoben und die Schüchternheit auch nach erlangter kirchlicher Freiheit nicht vorzunehmen wagt. — Wir lassen hier das erste Hauptstück der Statuten dieses neuen und schönen Vereins folgen: Jeder Katholik des einen wie des andern Geschlechtes, der volle sieben Jahre erreicht hat, kann in den frommen Verein aufgenommen werden, ohne anderes Erfor- derniß, indem bei Allen das Verlangen genügt, Jesu im Sacramcnt Huldigung und Verehrung darzubringen. Die Anmeldung geschieht bei einem der Pfarrabgeordneten, die von Zeit zu Zeit die Listen der Aufnahme Nachsuchenden dem Schriftführer zustellen, der die betreffenden Urkunden ausstellt und sie unterfertigt von dem Vorsitzenden und dem Schriftführer selbst, den Abgeordneten zustellt, um sie den Neuaufgenom- meneit auszuhändigen. Die Aufnahme in den frommen Verein bringt durchaus keine Gewissenspflicht mit sich; wer daher das vorzunehmen unterließe, was in diesem Statut vorgeschrieben ist, würde nicht die geringste Schuld auf sich laden, obgleich er der geistlichen Vortheile verlustig gehen würde, die er sich durch Beobachtung desselben aueigne» kann. In diesem angegebenen Sinne sind die Aufgenommenen für verpflichtet zn halten, die allerheiligste Wegzehrung jedesmal zu begleiten, wenn sie daran nicht verhindert sind, und außerdem für eine würdige Begleitung derselben zn sorgen. Dieses wird geschehen können dadurch, 1. daß mau sich mit oder ohne Licht zur Pfarrkirche begibt und au dem Zuge bis zum Hause des Kranken und von da in die Kirche theilnimmt; 2. daß man seine Hausgenosse» oder andere Untergebene anhält, mit oder ohne Licht die allerheiligste Wegzehrung zu begleiten; 3. daß man der Sacristei der Pfarreien Fackeln oder Kerzen — unnmtelbar oder mittelst der Pfarrabgevrdneten opfert, damit sie ausschließlich zum Gebrauch bei der Begleitung der allerheiligsten Wegzehrung bestimmt werden; 4. daß man sich dem Zuge anschließe, von welcher Pfarrei er auch ausgehen möge; wenn es sich trifft, daß er in der Nähe der betreffenden Häuser, Schulen, Werkstätten, Läden, Gewölbe, Buden u. s. w. vorbeigeht, oder wenn man demselben in irgend einen» Theile der Stadt begegnet, ohne sich von demselbe» zu trennen, bis daß er in die Kirche zurückgekehrt und ver heilige Segen ertheilt worden ist; 5. endlich dadurch, daß man diese Uebung der Frömmigkeit unter seinen Nächsten verbreitet, indem man mit allem Eifer darauf hinarbeitet, daß sie sich in den frommen Verein aufnehmen lassen. (Salzb. Kirchenbl.) Der Gebetsverein unter Anrufung der hb. Cyrill und Metbud. St. Andrä, 9. März. I» der verhäiigm'ßvolleu Gegenwart, wo alle Blicke nach dem Orient gerichtet sind, in dem auf den Trümmern der ersten Sitze deS Christenthums, welche ein AriuS, NeftoriuS, EuticheS erschüttert und daS traurige «23 Schisma vollends untergraben, der Islam das Panier dcS Halbmondes ausgepflanzt hält, dürfte eS im höhern Grade ansprechen zu erfahren, wie katholischcrseitS aus dem friedlichen Wege gemeinschaftlichen Gebetes angestrebt wird, was durch keine menschliche Gewalt bisher erreicht wurde, noch je erreicht werden kann. Unser hochwürdigster Fürstbischof hat in der Agiamer slovenischen Zeitschrist „Danica" unter Heutigem ein offenes Sendschreiben an die Genossen dieser Nationalität veröffentlicht, womit Hochderselbe den Fortgang des von ihm in der Absicht gestifteten Vereins, unter Anrufung der hh. Methud und Cyrill, dieser Slavcnapostel, deren Erinnerung die Kirche am 9. März feiert, von Gott die Wiedervereinigung der getrennten orientalischen Kirche mit jener des Abendlandes, als dem Mittclpunctc der Einigkeit, zu erflehen — in seiner gewohnten herzlichen Weise kund gibt. ES sey uns gestattet, in diesen Blättern, den, wenn nicht wörtlichen, doch wesentlichen Inhalt dieses offenen Briefes zu liefern, um sc> mehr, da dieser Verein, welcher vor drei Jahren errichtet wurde, auch unter den Katholiken dentschcr Zunge der Anhänger nicht wenige zählt, und bei seinem so umfassenden Endziele noch mehrere zu erhalten berechtigt ist. „So wie Photius und später Cerularins — spricht das Sendschreiben weiter — bemüht waren, die morgenländische Kirche von dem heiligen Stuhle in Rom loszureißen, waren dagegen die beiden heiligen Brüder Cyrill und Methud beflissen und so glücklich, in den Coczaren, Bulgaren und den Bewohnern des großmährischcn Reiches demselben neue Bekenner zuzuführen und das bereits gelockerte Band fester zu knüpfen WaS sie gethan oder doch gewollt haben, ist nun, wo die Spaltung der morgenländischen Kirchen bald ein Jahrtausend andauert, unsere Aufgabe, freilich dermalen nur durch Gebet uud andere gute Werke; denn nur Gott kann aus den Wirr- salen der Gegenwart, die Er gewiß nicht ohne seine heiligen Absichten eintreten ließ, die zu enträthseln und in welche keine menschliche Weisheit oder Macht einzugrcisen vermag, zu einem endlichen erfreulichen Ausgang führen. Unser heiliger Vater, Papst PiuS IX., hat den jungen Baum dcS Vereins mit seinem Segen und seiner Genehmigung befestigt, ihn mit mehrerlei Jndulgenzen ausgestaltet und zum Wachsthum gefördert. Viele Bischöfe und ciue große Zahl eifriger Pfarrer haben sich um die Anempfehlung und Ausbreitung desselben verdient gemacht, so daß dieser evangelische Baum seine Aeste bereits über die czcchischen VolkSstämme, über Ungarn, die südslavischen Länder und auch selbst einen Theil Deutschlands ausbreitet; Zeuge dessen ist das Namensvcrzcichniß in dem Vcreinöbuche, welches zehn BiSthümer umfaßt und 170 Theilnehmer aus dem von Görz, 758 aus Trieft, 5521 aus Laibach, 6320 aus Lavant, 239 aus Gurk, 85 aus Olmütz, 21 auS Gran, zusammen 13,114 aufführt, während aus den BiSihümern Scckau, Brüun und Leil- meril), wo der Verein auf daS eindringlichste anempfohlen wurde, die Namensverzeichnisse noch nicht eingegangen sind, jedoch einen mächtigen Zuwachs vermuthen lassen. Alle diese Vereinsglieder beben täglich ihre Hände betend zu Gott empor unter Anrufung der mächtigsten Fürbitte der heiligen Gottesmutter uud der Heiligen Cyrill und Methud: der Allerbarmer wolle die Rückkehr unserer getrennten Brüder zum Mittel- Punct der Einigkeit' veranlassen und bewerkstelligen; und wahrlich, wie drängt uns nicht Alles z» dieser Bitte. Wie in der Gesellschaft dcS Staates äußere Gefahren: Feuer, Wasser, Kriegsnoth weniger verderblich wirken, als Aufruhr und innere Auflösung, so in dem Körper der Kirche. Juden und Heiden haben die erste christliche Kirche durch mehrere Jahrhunderte mit aller Wuth verfolgt; doch vergeblich, daS Blut der Märtyrer war der Same des Christenthums. Ketzerei aber und Schisma habe» ihr die schwersten Wunden geschlagen, Millionen, ganze Reiche und Völker von ihr losgerissen, während sie den Wahn nähren, auch auf einem andern Weg als dem unzigen, den uns Christus gezeigt, selig zu werden. War doch sein letztes Gebet vor seinem Hingange zum Leiden: „Heiliger Vater, erhalte sie in deinem Namen, die du mir gegeben hast, damit sie Eins seyen, wie wir eS sind" (Joh. 17, 11). Dieses Gebet muß aber auch das unsere seyn; denn so wie Einigkeit der Charakter der Wahr- t24 heit und Liebe, so ist Uneinigkeit die Saat des Satans, das Brandmal des Irrthums und des sittlichen Verfalles. Diese Einheit gründete Jesus auf den Felsen Petri, in der Kirche Roms, wo dieser waltete und starb. Die Schismatiker des Orients, vor Allem ihre von Stolz und Hochmuth verblendeten Führer, wollten dieses Oberhaupt nicht anerkennen, darum hat sie Gott der Verblendung ihres Herzens überlassen, sie mußten der Hilfe Gottes bar sich unter dem Joche des JslamS beugen und bei zwölf Millionen dieser Schismatiker sind bis zur Stunde diesem traurigen Schicksale ver- > fallen. Doch wie einst nach den Worten deS Weltapostels der Sohn der Magd den der Freien verfolgte (Galat. -4, 29), so thun eS auch diese an den Katholiken. Diese breite Spalte, diesen tiefen und verschlingenden Abgrund vermag nur Gott auszufüllen, nur Er das zerrissene Banst wieder zu knüpfen, und damit Er es thue, darum flehen wir Ihn an, unter der Anrufung seiner treuen Diener und einstigen Apostel auf diesem nun vom Schisma zertretenen Felde. Zu diesem Zwecke wurde die Kirche zum heiligen Joseph bei Cilli als Vereinskirche ausersehen, voriges Jahr mit einem entsprechenden Altar und sonst passend ausgeschmückt; auch wird jedes Jahr am 9. März dort der Gottesdienst für die Brüder und Schwestern des Bctvereins zum heiligen Cynll und Methnd gehalten. Es ist nicht Ostentation, sondern pflichtmäßigc Gebühr des DankcS gegen den Allgütigcn, wenn wir sagen, daß Er daS Flehen der Seinen zum Theile schon erhört hat, indem im Laufe dieser Zeit 1400 Altgläubige zu Vermezc und 12,000 im Tcmescher Banctt in den Schooß der katholischen Kirche zurückgekehrt sind. Hat eS sich sogar ereignet, daß vor drei Jahren die Altgläubigen zu Konstantinopel ihren Patriarchen baten, er möge veranlassen, daß am nächsten Pfingstfeste von allen Bischöfen seines weitet» Kirchengebietes ein Gottesdienst gehalten würde, damit dabei für die Vereinigung der christlichen Confefsionen gebetet werde. Nicht minder haben Schriftsteller der orientalischen Kirche darzuthun sich bemüht, wie die traurige Kirchentrennnng die Mutter so vieler Uebel und nur von ihrem Aufhören Heil zu erwarten sey. Ein erfreuliches Zeichen fürwahr, wie sich allgemach eine Krise, ein Anstoß zum Bcsserwerden vorbereitet, wie die Eisrinde geistiger Erstarrung nach und nach sich löst und die erwärmenden Sonnenstrahlen der Wahrheit gemach in die Gemüther dringet!. Die sich verrathende Furcht der Vorkämpfer deS Schismas vor solchen Bewegungen ist der augenscheinliche Beweis, daß eS so sey. Muß bei solchen Ergebnissen, bei dem Anblicke der Wirren, welche im Oriente herrschen und taglich wachsen, nicht jedes christlich theilnehmende Gemüth der Wunsch beseelen, daß die Zahl der geistigen Streiter, deren Waffe Gebet ist, auch täglich wachse, so wie man andererseits schmerzlich berührt ist, zu erfahren, daß gerade an den heiligen Orten, zu Bethlehem und Jerusalem sich die Schismatiker auf eine Art benehmen und die Katholiken vom Mitgenuß der heiligen Erinnerung an der Geburtsund Leidensstätte unters Heilandes mit einer Gewaltsamkeit zu verdrängen suchen, daß selbst die ungläubigen Mahomcdaner daran Anstoß nehmen und sich der Waffen zu bedienen genöthigt sind, um letztere zu schützen. Die Hecreshausen an der Donau sind leidige Verkünder dieser Entzweiung und wahrlich, man weiß nicht, wem man den glücklichen Erfolg wünschen soll, wenn die eisernen Würfel deS Krieges fallen; nur Gott lmm dieses Gewirre lösen und nach seinen unerfvrschlichen Rathschlüssen AlleS zum Bessern führen. Am Schlüsse wünscht der eifrige Oberhirt und Stifter des Vereins allen Mitgliedern desselben alg ihr Mitbrudcr Heil und Segen und bittet um beharrliches Aushalten im Gebete, indem der Gott des Friedens und der Einigkeit mir diesem Erhörnug versprochen hat. Sie sollen sich 60 Millionen ihrer getrennten Brüder empfohlen seyn lassen und nicht aufhören für sie zu flehen, damit der Herr die Binde von ihren Augen nehme. (Salzb. Kirchenbl.) 125 Die Freimaurerei. (Schluß.) Die „Evangelische Kirchenzeitung" erwähnt zum Schluß noch des schauderhaften EideS, welchen neu Eintretende ablegen müssen. Die ursprüngliche Form des EideS soll nach der Mittheilung im Anfang in der deutschen Uebersetzung des Constitutionen- BncheS folgende seyn: „Ich gelobe und schwöre hiemir in Gegenwart des allmächtigen Gottes, daß ick die Heimlichkeiten oder das Geheimniß der Maurer oder Maurerci, so man mir offenbaren wird, verhehlen und verbergen und niemals entdecken will. Alles dieses unter keiner geringeren Strafe, als daß meine Gurgel abgeschnitten, meine Zunge auS dem Gaumen meines Mundes genommen, mein Herz unter meiner linken Brust herausgerissen, sodann in dem Sande deS MeereS die Länge eines Kabeltaues weit von dem User, wo die Ebbe und Fluth in vier und zwanzig Stunden zweimal abwechselt, begraben, mein Körper zu Asche verbrannt, und meine Asche aus der Oberfläche deS Erdbodens zerstreut werde, damit also nicht das geringste Andenken von mir unter den Maurern übrig bleibe." *) In dem Ritual der Großloge von Deutschland lautet der Eid im Wesentlichen eben so, nur mit Weglassung der ächt insularischen Bestimmung des Begräbnißplatzes, die in Berlin wenig passen würde, und anstatt der deistischen **) mit der christlichen Eidesformel: „So wahr mir Gott helfe und sein heiliges Evangelium Amen."***) Im Anschluß an diesen Eid geschieht noch Folgendes: „Die Loge ist dunkel gemacht, auf dem Altar brennt ein SpirituSlämpchen, die Degen der Brüder find auf den Neuangekommenen gerichtet und alle sprechen mit dumpfer Stimme! „Gott strafe den Verräther."-j-) Zur Erläuterung dient folgende Stelle in dem Katechismus der Lehrlinge: Fr. WaS sahen Sie, als man Ihnen die Augen öffnete? A. Ein schwaches Lämpchen u. s. w. Fr. Warum dieses? A, Um mir zu zeigen, daß die Brüder immer bereit wären, ihr Blut für mich zu vergießen, wenn ich den Pflichten, welche ich so eben eingegangen, treu bleiben, hingegen mich zu strafen, wenn ich zum Verräther werde. So sprach der Meister zu mir. Es war ein gräßlicher Anblick für mich. — Dann ist auch zu vergleichen, was der Meister zu dem Candivaten spricht, welcher die Ertheilung deS letzten und höchsten Grades verlangt: „Wenn Sie solche Geheimnisse verrathen, so werde ich Sie mit Recht durchbohren und werde mich des nämlichen Instrumentes bedienen, Sie damit zu tödten, um mich selbst zu bestrafen, daß ich eine so unglückliche Seele und gottlose Creatur in den Grad der TmnSfiguration zugelassen habe. Es wird Ihnen sicherlich das geschehen, was dem Abirain, dem Mördcr des Hiram geschah, welcher ermordet wurde, und welcher für seine Verrätherei die Strafe bekam, die er verdiente." Hier nun ist für den Orden eine gar schlimme Alternative gestellt. Entweder ist das alles ernst gemeint. Dann sündigt er mit Vorsatz und Ueberlegung gegen daS Gebot: Du sollst nicht tödten, oder genauer: Du sollst nicht morden. Eö ist daS In unserem Jahrhunderte haben die Logen teilweise das Anstößige des Eides empfunden, aber diese Empfindung ist doch nicht so stark gewesen, daß sie es vermocht hätte, den Eio wirklich zu verdrängen. Lindner, Macbenac S. 196, sagt: „Der schreckliche Eid wird zwar jetzt nicht mehr in seiner alten Form abgelegt, in welcher die Gesellschaft dem meineidigen Bruder mit ein r barbarischen Selbstrachc droht. Warum wird er aber bei der Aufnahme selbst noch vorgelesen, uiw warum wird in manche» Logen nach der Vorlesung auch die Frage an den Candidaten von dem Meister vom Stuhle gethan: Sind Sie bereit, diesen Eid abzulegen? und gleich daran gefügt, daß die wörtliche Ablcgung desselben jetzt nicht mehr verlangt werde" Der Unterschied ist hicnach nur der: früher mußte der Eandivat den (Siv selbst sprechen, jetzt wird er ihm vorgelesen und er muß sich in ?er Hauptsache dazu bekennen, sey es ausdrücklich oder sey es durch sein Stillschweigen. So kann man nach außen mit einem Scheine der Wahrheit sagen, der Eid werde jetzt nicht mehr verlangt, ohne doch im Wesentlichen ihn aufzugeben. Die Einführung dieser anstatt der christlichen hatte die Freimaurerei längst angebahnt, ehe die Frankfurter Nationalversammlung das eigentliche Attentat beging. Eckert S. 4S2. -f) Ebend. tS6 Privilegium der Obrigkeit von Gotteö Gnaden, daß sie vom Leben zum Tode bringen kann, ohne dieß Gebot zu verletzen, weil sie das Schwert nicht auf eigene Hand nimmt, Match, 26, 52, sondern eS trägt als GotteS Dienerin, eine Rächerin zur Strafe über den, der Böses thut, Rom. 13, ä, Oder, was uns als das Wahrscheinlichste sich darstellt, wir haben eö mit leeren Drohungen zu thun, mit Schreck- Mitteln für schwache Gemüther. Dann fällt der Orden unter das Gericht deS Gebotes: „Du sollst den Namen des Herrn deines Gottes nicht mißbrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen mißbraucht." Mit Eiden spielen heißt mit Feuer spielen, so gewiß als der Herr unser Gott ein verzehrend Feuer ist. Die „evangelische Kirchenzeitung" schließt mit den Worten: „Sehr viele, die in ihren noch jungen Jahren in die Freimaurergesellschaft treten, wissen nicht, was sie thun. Viele gelangen auch nach ihrer Aufnahme nicht zur vollen Klarheit, indem es ihnen an der Gabe der Geistesprüsuug fehlt, die nicht allen gemein ist, und überhaupt an Schärfe der Auffassung. Einzelne bleiben in vem Orvcn, weil sie meinen, den verderblichen Tendenzen desselben am kräftigsten auf diese Weise entgegenzuwirken und die „rechte Lehre" in ihm zur Geltung dringen zu können. — Endlich aber meint die evangelische Kirchenzeilung, man müsse sich nicht scheuen, gegen Dinge, die auf keinem reinen Boden stehen, die Stimme zu erheben, — und sie hat nicht Unrecht daran. Zustände der Katholiken in Schweden. II. Da Schweden durch seine Intoleranz wider die katholische Kirche die Aufmcrk- snmkcit auf sich leukt, halten wir es für unsere Pflicht, einerseits die Gesetze, woraus sich die Fanatiker berufen, anderseits die Persönlichkeiten, welche in diesem Drama eine traurige Berühmtheit sich erwerben wollen, näher zu beleuchten. Wir haben in unserem frühern Schreiben erwähnt, daß dem wiver sieben vom Protestantismus zur katholischen Kirche zurückgetretene schwedische Frauen anhängig gemachten Religionsprocesse ein vom Karl I. sanctionirteS Gesetz M Basis dient. Dieses Gesetz datirt sich vom 3. September 1686, also aus einer Zeit, in welcher der durch die Einführung des LutheraniSmuS am Volke verübte Verrath gewaltsame Maaßregeln erforderte, um der befürchteten Rache vorzubeugen. Wir sagen: Verrath, man braucht ja nur oberflächlich die Blätter der Geschichte nachzuschlagen, sich an Gustav!, und seine Freunce erinnern. Olef un'i Lorenz Petersson konnten ja erst dann es wagen, mit der neuen Lehre öffentlich aufzutreten, als die Dominicaner aus Stockholm entfernt wurden. Nun das Gesetz vom Jahr 1686 setzt allerdings fest, „daß in Schweden und seinen Zubehörungen keine andere als die evangelisch-lutherische Religion gepredigt und gelehrt werden solle, und daß jeder Schwede, der daö Lutherthum verlasse, alle seine bürgerlichen Rechte verliere und deS Landes verwiesen werde; von Ehen mit fremden Religionsverwandten wird zwar abgerathen, doch wurden sie in Hoffnung der Bekehrung nicht ganz verboten, alle srcmden Religionsverwandten mußten aber ihre Kinder von einem lutherischen Geistlichen taufen lassen, und lutherische Taufzeugen wählen u. s. w." Dieses Gesetz erhielt sich bis zum Jahr 1781; da ward, wie schon früher 1741 den Anglicanern und den Neformirten, nun auch den Katholiken freie Religivnsübung, doch noch mit großen Restriktionen, gestattet. Aber auch diese Restriktionen beseitigte die Eonstirmion vom Jahr 1809, welche bis zum heutigen Tage den Grundpfeiler des schwedischen SlaatslcbenS bildet. Nach dieser haben alle chrijt- licheu Glaubensgenossen gleiche bürgerliche Rechte im Königreiche Schweden. Civil- ämtcr können jedoch nur Lutheraner vertreten. Allen ist eine völlig freie Religionsausübung verstattet; sie dürfen Kirchen bauen, dieselben mit Glocken verschen, Kirchhöfe anlegen, Geistliche anstellen, die sowohl die Gemeinde des OrteS, als die zerstreuten Glaubensgenossen bedienen; die Haltung von Processionen aber außerhalb 127 der Kirche und des Kirchhofes, die Anlegung von Klöstern und öffentlichen Schulen ist, wie jede Proselytenmacherei, auss strengste verboten, doch dürfen die fremden Religionsverwandten für ihre Kinder Lehrer, die ihrem Glauben zugethan sind, anstellen. Bei Strafe, sogar der Landesverweisung, dürfen sie von der Religion und dem Gottesdienste der Evangelischen nicht spottend oder verkleinernd reden, eben so wenig wie in Hinsicht ihres Bekenntnisses solches den Evangelischen gestartet ist. Evangelische dürfen bei ihrem Gottesdienste nicht zugelassen werden. Mönche werden nicht geduldet. Geistliche, die nicht zur evangelischen Kirche gehören, dürfen nach eigenen Gebräuchen trauen, wenn beide Theile ihrer Confession angehören, doch erst nach dreimaligem Ausgebot in der lutherischen Gemeinde; dürfen ihrem Glauben verwandte Kinder tanfen und unterweisen, ans gleiche Weise auch den Begräbnißact mit Glockengeläute der eigenen, oder gegen Bezahlung einer lutherischen Kirche, wie auch die Ceremonien bei dem Kirchgange einer Wöchnerin, verrichten. Uneheliche Kinder, welche öffentliche Unterstützung genießen, werden, ohne Rücksicht auf den Glauben der Mutter, in der lutherischen Religion erzogen. Bei ungleichen Ehen, von denen der evangelische Geistliche abrathen soll, wird es in Hinsicht auf den Glauben der Kinder folgendermaaßen gehalten: ist der Mann lutherisch und die Frau einem fremden Bekenntnisse zugethan, so folgen die Kinder dem Bekenntnisse des Vaters; ist die Frau lutherisch und der Mann nicht, so muß in Stockholm vor dem Oberstatlhalter, in den Provinzen vor dem Landeshöfding, bevor die Trauung stattfinder, eine Vereinbarung geschlossen werden, i» welchem Bekenntnisse die Kinder erzogen werden sollen; ist solches nicht geschehen, so hängt eö vom Vater ab, ob er sie in seinem oder in dem Glauben der Mutter erziehen lassen will. Wo die sremden Glaubensgenossen eigene Gemeinden bilden, werden von den Geistlichen derselben die betreffenden Matrikeln geführt u. f. w. Diese Bestimmungen sind eS, auf welche sich vor zwei Jahren Baron Ceder- ström in einem ähnlichen Religionsprocesse so siegreich berief und die Fanatiker zum Schweige» brachte. Proselytenmacherci ist allerdings verboten, aber nicht der freie Uebertritt von einer Lehre zur andern. Und doch sollen sieben Frauen, die vor dem Gerichte freimüthig bezeugten, daß sie durch Niemanden verleitet, aus freiem Entschlüsse, also ohne Proselytenmacherei, in den Schooß der katholischen Kirche treten wollen, des Landes verwiesen werden! Es ist dieß eine Barbarei, der wohl auch nur ein Mann fähig seyn kann, den des Malers Nilsson zeitliches Elend, — dieser Held ver katholischen Ueberzeugung starb im allgemeinen Krankenhause zu Kopenhagen 1846 — zu einem schwedischen Granitblocke umwandeln mußte, es ist der berüchtigte Pastor bei der Adolph Friedrich-Kirche zu Stockholm, M. Ekdahl, ein Maun, der sich nicht scheut, dem Zuchthause Verfallene sogar dem weltlichen Gerichte zu entziehen, um sie als Denuncianten wider die katholischen Priester in Stockholm zu mißbrauchen! Fest halten diese an den Landesgesetzen, sie geben dem Könige, was des Königs ist; weit entfernt, Proselyten zu machen, haben sie vielmehr an ihre Kirchenthüre das Verbot sammt Angabe der Straft — fünf Reichsthaler — für jeden Lutheraner, welcher die katholische Kirche betritt, angeschlagen; daß ihre Kirche jedoch jeden Sonntag, trotz des Verbotes, von Lutheranern strotzt, daß sich diese gerne an der Predigt und an der Liturgie erbauen, und begierig in den aufgeschlagenen katholischen Büchern lesen, das kann man doch nicht Proselytenmacherei nennen? Ekdahl wittert aber eine solche Proselytenmacherei nicht etwa weil er ein eifriger Lutheraner ist, nicht aus Ueberzeugung, nein, sondern, weil er sich dadurch einem hochgestellten Manne gefällig zu erweisen gedenkt. Sieben Mütter müssen ins Elend, müssen ihre Familien, ihr Vaterland verlassen, weil ein Pastor, welcher bei seiner sogenannten Ordination die Frage des Bischofs: „Verbindet ihr euch nach Gottes Wort, die Versöhnung zu predigen zur Weisheit, zur Gerechtigkeit zc,?" mit Ja beantwortete, seinen Ehrgeiz, wenn nicht gar seine Habsucht, noch nicht hinreichend befriedigt sieht. Daß der Unterrichts- und Cultusminister, den seine Werke, namentlich seine Kirchengeschichte, als einen mäßigen und ruhigen Mann darstellen, der in unsern Staaten die katholische 128 Kirche gesehen, der mit strengen Katholiken, ja mit Mönchen im freundlichen Briefwechsel stand, der als Professor und Probst zu Lund so viel Sinn für die Erhaltung der alteu Denkmale, welche die katholische Zeit in der dortigen Kathedrale hinterließ, bewiesen hatte, daß dieser Mann Ursache der neuen Verfolgung seyn solle, wie die französischen Blätter angeben, können wir unmöglich glauben, oder sollte er in seiner jetzigen Stellung zum Werkzeuge der Freimaurer-Loge in Stockholm geworden seyn, welche die Katholiken als der konstitutionellen Freiheit gefährlich nenntl Wie erbärmlich muß die Rolle eines Mannes seyn, welcher wider seine Ueberzeugung sich hingibt, um im Schatten einer zeitlichen Größe sich strecken zu können! Wie schrecklich der Gedanke, wissentlich sieben Frauen dem Ehrgeize, der Habsucht geopfert zu haben! — und wie nehmen die katholischen Brüder und Schwestern in katholischen Landen diese entsetzliche Thatsache aus? — sie lesen, bedauern, und zucken die Achsel, ». . . .U'.'!',:'!)/. ,,!>!!->ill'MNlll Temesvar. TemeSvar, 26. März. Gleichwie vor drei Monaten die Kirche deS ehrwürdige» Piaristen - Ordens mittelst des vorgeschriebenen kirchlichen Reconciliations-Actes durch den hochwürdigsten Herrn Dwcesanbischof dem öffentlichen Gottesdienste zurückgegeben worden ist, eben so wurde heute dieser Act an der Kirche des ehrwürdigen Ordens der barmherzigen Brüder vorgenommen. Beide Kirchen waren in ihrer Zerstörung bis jetzt als Ueberbleibsel jener tiefen Wunden betrachtet, welche im Jahre 1849 die langdanernde Belagerung verursachte. Durch die Belagerung hat die Kirche der Piaristen zwar großen Schaden erlitten, doch die der Barmherzigen war sammt dem Kloster Beute der Flammen geworden. Nun aber „wo die Noth am größte», dort ist Gott am nächsten." Von jener Seite, von welcher im Jahre 1757 die hiesige Kirche der Barmherzigen begründet wnrve, ist dieselbe auch dem gänzlichen Einsturz entrissen worden. Gleichwie einstens die Kaiserin Maria Theresia glorreichen Andenkens die Kirche der Barmherzigen erbauen ließ, wie dieß die in dem GotteShause Vorhandene Aufschrift „Leclesia stst Krma lundo Ngrise Moresiav Imperstrieis ^u- izustüe nostrse Mtris. In Konorem 8. ^osvpni pgtroeinantis 1757" beurkundet, eben so hat die reichliche Wohlthätigkeit Seiner apostolischen Majestät unsers aller- gnädigsten Kaisers und Herrn die Herstellung des bereits zu einer Ruine gewordenen Klosters und Kirche ermöglicht, und nun finden im Krankenhause des gedachten Klosters die Kranken männlichen Geschlechtes ohne Unterschied der Religion und Nationalität so wie früher die bereitwilligste Aufnahme, eine allseitige Pflege und liebevolle Behandlung, wie solche nur von Männern, welche durch das göttliche Gesetz der christlichen Liebe durchdrungen, ein heiliges Gelöbniß bindet, erwartet werden kann. >>nchl.ili uz mlulzsilM .nn'-ilm :H d/iikiÄN. Hvvt ,?.','lnciÄ ^«i^-l n?^zr/z»i Schweiz. Von Genf aus macht man große Anstrengungen, um Savoyen zu prolestauli- siren. Die Gesellschaft für die protestantischen Interessen versammelte sich gegen Ende Februars in der Magdalenenkirche in Genf. Der Prediger, welcher den Vorsitz führte, wendete sich an den Eifer seiner zahlreichen Zuhörer, weil der Tag herannahe, an welchem die sardinischen Staaten und ein großer Theil Italiens zum Protestantismus übergehen würde. Die Sammlung brachte 300 Franken ein. Die ausgesprochene Hoffnung wird nicht in Erfüllung gehen, vielmehr steht zu hoffen, daß die katholische Kirche in den sardinischcn Staaten aus den Prüfungen, welche sie nun seit längerer Zeit zu bestehen hat, neugekräftigt mit Glanz hervorgehen wird. — Den protestantischen Anstrengungen gegenüber organisiren sich auch die Katholiken deS Kanton Genf. Ein Verein ist bereits errichtet und zählt 300 Mitglieder in den wenigen Tagen, welche seit der Stiftung deS Vereins verflossen sind. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. <6. Krcinci, Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PostMnng. 23. April M^- L7. 1854. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsvrei« kr., wofür es durch alle Zöui'gl. bauer. Postämter und alle Buchhandlungen bezog«« werden kann. Der Dialog des Dotto und Jgnorante in römischen Kirchen. *) Unter den mannigfachen sinnreichen Mitteln, welche die katholische Kirche als gute Mutter anwendet, ihren Kindern ihre Lehren auf faßliche und eindringliche Weise beizubringen, ist eins der merkwürdigste» der Dialog des Dotto nnd Jgnorante. So nennt man freie Gespräche, die von Zeit zu Zeit in römischen Kirchen zur Belehrung der Gläubigen von zwei Geistlichen gehalten werden. Der eine stellt das in irdischen Neigungen und Ansichten befangene Weltkind vor, und wird von dem andern, der wie sein Seelsorger auftritt, ermahnt und zurechtgewiesen. Jener, der Jgnorante, spricht über die kirchlichen Dinge wie ein Mann auS den untern Ständen, mit hausbackenem Humor, ja mit einem ziemlich starken Anfing von Buffonerie; selbst im Dialect nähert er sich der Sprache der niedern Classen, und seine Reden bringen durch Inhalt, Fassung uud Vortrag meistens große Heiterkeit bei den Hörern hervor. Er ist nicht in Opposition gegen die Kirche, aber er hängt an welilichen Interessen, er möchte sich gern so billig abfinden wie möglich. Der Dotto belehrt ihn mit großer Gelassenheit, läßt sich sogar wohl herab, auf seine Scherze einzugehen, und überzeugt ihn natürlich zuletzt von der Hcilsamkeit seiner Vorschriften. Die Zuhörer folgen mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, sie hören ihre eignen Ansichten vortragen und zwar in derselben Weise, wie sie sie selbst auSsprechen würden: die Argumente, die dagegen vorgebracht werden, sind völlig auf ihre Denkweise, auf ihren Bildungsgrad berechnet. Der erste Dialog, dcu ich hörte, fand am zweiten Sonntag des Carneval, in St. Maria della consolazione, einer kleinen, abgelegenen Kirche zwischen Palatin und Tiber statt. Das Auditorium gehörte fast ganz den untern nnd untersten Ständen an, zu Dreivierteln bestand es aus Frauen. Die beiden Geistlichen bestiegen ein Gerüst, worauf ein Crucifix errichtet war, und nahmen nach einem auf den Knieen verrichteten Gebet auf zwei hölzernen Feldstühlen Platz. Der Jgnorante war ein Sechziger mit einem behaglichen, heitern, etwas gerötheten Gesicht und weißem Haar, der Dotto ein junger Mann mit seinen, klugen Zügen und freundlichem Benehmen. D. Ich fürchtete, Ihr würdet den Sonntag im Carneval lieber draußen verbringen. Ich freue mich, daß Ihr nach unserer Verabredung gekommen seyd. Laßt uns einmal über die Art sprechen, den Sonntag würdig zu begehen. I. Nun, man muß nicht arbeiten D. Aber man mnß ihn auch durch heilige Werke feiern, und vor allem hat die Kirche das Hören der Messe vorgeschrieben. Wie haltet Ihr eS damit? Hort Ihr sie immer? Hört Ihr sie ganz? Hört Ihr sie gut? I. Ouunw rvlm! Volete «»pvre tutti i mivi lutti? sGeläch er). Ob ich sie immer höre? Nun, Aus den Gränzboten. 130 wenn ich kann, höre ich si«, wo nicht, nicht. D. Wie ist eS möglich, daß Ihr jemals nicht könnt? Da Ihr nicht arbeitet, habt Ihr doch keine Abhaltung. I. Aber ich gehe dann Sonntags auf die Jagd, und so versäume ich die Messe. D. Ihr versäumt daS Nothwendige über dem Unnützen. Gott befiehlt, die Messe zu hören, wo besieht er aber, auf die Jagd zu gehen? I. Man sagt doch, daß ein zu hart gespannter Bogen bricht. Und dann jagt man auch nur bei schönem Wetter. Ist eS schlecht, so macht man Geschäftsgänge, man hat hie und da Geld einzutreiben, geht nach Maria de Monti, dann nach Trastevere — unterdessen geht die Zeit hin, der Schuß fällt vom Castell und eS ist Mittag. D. Welches Interesse ist in Euern Augen daS erste, czuello ciel Lsjoeeo o «zuello clell' sm'ma? I. Ln sreäl^o). D. Ich will es thun, aber Ihr müßt Euch nicht allein auf fremdes Gebet verlassen. Hutati e 6io ti sjuters. Der Dialog, der am nächsten Sonntag von denselben Geistlichen in der Jesuitenkirche St. Jgnacio gehalten wurde, hatte die Beobachtung der Fastengesetze zum Gegenstande. DaS hierüber erlassene Edict ist überall an den Straßenecken angeschlagen. ES beginnt mit der Aufzählung der zahlreichen und schweren Züchtigungen, die Gott gegenwärtig über die Christenheit verhängt habe, nämlich ein drohender Krieg, große Theuerung, Befürchtungen für ansteckende Krankheit, und die fortwährenden Attentate der Feinde der Ordnung auf die Sicherheit der Zustände. Alles dieses sind Folgen unserer Sünden, durch welche Gott uns in seiner Gnade zur Buße auffordert. Zu dieser eignet sich die Fastenzeit ganz besonders. Da eS aber Gott hauptsächlich auf deu guten Willen ankommt, hat der heilige Vater in seiner Milde die Gesetze für die Fasten sehr ermäßigt. Strenge Fasttage sind eigentlich nur sechs während der ganzen Fastenzeit, an allen übrigen Tagen sind Fleischspeisen erlaubt, mit verschiedenen einzelnen Beschränkungen. D. Jedes Ding hat seine Zeit, sagt die heilige Schrift. Zwar ist für den guten Christen daS ganze Jahr eine Zeit der Buße, doch vorzüglich die Fastenzeit. Haltet Ihr denn auch die Vorschriften über das Fasten? I. Ich gestehe Euch, daß eS nicht gut zu meinen Gewohnheiten paßt. Ich habe einen sehr guten Appetit. D. Ihr müßt Eure Gewohnheiten bezwingen, um die Gebote der Kirche zu befolgen. I. Glaubt Ihr denn wohl, daß alle diese Leute hier fasten? D. Ein Theil ja, ein anderer nicht; aber diese werden ohne Zweifel genügende Gründe haben. I. Die hab' ich auch. D. Nun welche denn? I. Ich habe Hunger. (Gelächter.) D. DaS ist kein 132 Grund. Etwas Anderes wäre eS, wenn Ihr dem Hungertode nahe wäret. I. Aber es ist meiner Ncitur zuwider, die Fastenspeisen geben mir nicht genug Nahrung, ich komme dabei von Kräften. D. Wenn jemand ein Handwerk treibt, das große Kraft- austrengung erfordert, z. B. Zimmermann, Maurer oder Feldarbeiter ist, dann kann er sich Abweichungen von den Vorschriften gestatten; sonst aber nicht. I. Aber ich kaun es nicht aushalten, nur eine Mahlzeit am Tage zu nehmen. Wie kann man denn so lange nüchtern bleiben? D. Es wird ja nicht von Euch verlangt, daß Ihr völlig nüchiern bleibt. Ihr konnt des Morgens, zu der Zeit, wenn Ihr sonst zu frühstücken pflegt, eine Kleinigkeit zu Euch nehmen. Dann könnt Ihr ja Eure Abendmahlzeit auf den Mittag verlegen, und die Hauptmahlzeit (pi-iinxo) Abends halten. I Also Ihr wollt auch, daß wir nach der französischen Mode leben sollen? D. Wenn Ihr eö für Euch so zuträglicher findet. I. Also des Morgens kann ich meinen Caffee mit Milch nnd ein Brod (paguotta) dazu nehmen? D. Bewahre! Milchspeisen, so wie Fleisch, sind nur bei der Hauptmahlzeit erlaubt; also müßt Ihr den Caffee des Morgens ohue Milch trinken. I. Caffee allein, das gibt keine Nahrung, eS befördert nur die Verdauung. D. Es wird Euch nicht schaden. I. Und was soll ich machen, wenn mir der Kclluer des Morgens wie gewöhnlich meinen Caffee mit Milch bringt? D. Hab! Ihr denn keinen Mund, um zu sagen, was Ihr haben wollt? I. Wenn er eS mir aber schon bringt, während ich es sage? D. Gebt es nur zurück, und befehlt von neuem, und Ihr werdet vortrefflich bedient werden. I. Doch mir fällt ein, daß ich schon über daS Alter hinaus bin, in dem man zur Beobachtung der Vorschriften verpflichtet ist. D. Wenn das ist, so ist es etwas Anderes. Jl,r wißt das gesetzmäßige Alter nicht — I. Von fünfundzwanzig Jahren. — D. Macht nicht vier Jahre zu viel. Von einundzwanzig bis sechzig. I. Nun, einige Jahre mehr oder weniger werden nichts ausmachen. D. Ihr seyd also noch nicht sechzig? I. O, eS fehlt wenig, es sind nur Brüche. D. Aber die Ausnahme ist nur für solche Greise gemacht, die sich schwach fühlen. Ihr scheint ganz wohl und kräftig zu seyn. I. Es ist nicht schlimm. D. Wäret Ihr aber lrank, so müßtet Ihr eine Bescheinigung vom Arzt haben, diese müßte dann der Pfarrer unterschreiben, und dann einer von den Deputaten, die auf dein Edict genannt smd, Ihr wißt doch! I.. Ich lese die Edicte niemals. D. Nun, dazu schlägt man sie doch an. I. Wie viel Umstände! Und die Bescheinigung mnß man auch wohl gar noch bezahlen? D. Nein, sie dürfen nichts annehmen. I. Aber wenn man die hat, darf man dann auch alles essen, Fleisch und Fische zusammen in einer Mahlzeit? D. O nein! Das Fleisch ist genug, um Euch Nahrung zu geben, und eS wird Euch nur erlaubt, was für Eure Gesundheit erforderlich ist, aber keine Leckereien. I. Was für ein sonderbares Gesetz. Man dars also in den Fasten nicht einmal mit der Licenz, was man in gewöhnlicher Zeit ohne Licenz darf. Das ist eine vsntä! Und die Kirche nennt sich unsere Mutter? (He bell» mgllre! D. Wenn eine gute Mutter ihren Sohn von einer Speise zurückhält, die der Arzt verboten hat, czussta non 136 Endlich, ist Maria nicht für Alle der Erbtheil des Himmels, die Arche des Bundes, der MeereSstcrn, die Zuflucht der Sünder, die Trösterin der Betrübten? Tief durchdrungen von den Gefühlen des Vertrauens, die alle christlichen Jahrhunderte mit so viel Recht für die Mutter Gottes gehegt, hat der Kaiser im Hinblick auf die Ereignisse, die die Zukunft noch in ihrem Schooße birgt, die sich aber ahnen lassen, dem Geschwader dieses geweihte Bild geschickt. Indem er euch dieses geheiligte Geschenk übergibt, richtet er die Worte an ench, die Constantin der Große in den Himmeln las: in uoc 8igno vinees, in diesem Zeichen werdet ihr siegen, ihr, die ihr für die Gerechtigkeit kämpft: Das Bildniß Mariens sey für euch ein neucö Labarum, ein undurchdringlicher Schild, eine Standarte des Sieges. Tapfere Mariner, erfasset den Gedanken unseres Kaisers; stellet euren Muth, eure militärischen Kenntnisse unter den Schutz derjenigen, die stark ist wie eine zur Schlacht gerüstete Armee, und Frankreich, unftr schönes Vaterlanv, wird sich einst der Thaten rühmen, die ihr vollbracht. Dieses heilige Bildniß nehme ans der „Stadt Paris" für gewöhnlich seinen Platz bei den Kraulen ein, die daraus Kraft und Trost schöpfen werden, und Sonntags wird es den Opferaltar zieren, um den ihr euch, Soldaten der „Stadt Paris" nach dem Beispiel eures edlen Chef zu versammeln beeifern werdet, eure Herzen zu den Füßen Jesn Christi auszuschütten und Schutz und Hilfe von Marien zu erflehen. Ich weiß euch cm Gebirge Und einen blauen See, Am Fuß der Berge Blumen, Auf ihrem Scheitel Schnce. Pofsenhvsen und München. I. Auf meiner Wcmd'rung kam Ich Zu einem schönen Schloß, Das heißet Possen Höfen, Ist Herzog Mcircns Schloß. Und an des Sce's Ufern Manch schmuckes Dörflcin ruht, Und manches Schloß auch spiegelt Sich in des Sce's Fluth, Bin still vergnügt gewandert Den ganzen See entlang. Vom Morgen bis zum Abend, Nicht müd' macht' mich der Gang, Ich weiß in Münchens Mitte Ein Kirchlcin still und klein. Viel fromme Beter wallen Den ganzen Tag hinein. Ein Bild der Mutter Gottes, Das machet wohl bekannt Das Herzogspitaltirchlein, Im ganzen Baycrlanc, Ich laun's ench nicht beschreiben, Wie's in dem Kirchlein gnt, So heimisch und so wonnig Dem Beter wird zu Muth. Drauß geht die Welt mit Lärmen, Drin "ist's so andachtöstill, Drauß quält man sich mit Sorgen, Drin spricht man: „Wie Gott will" l!. Das Herz mir freudig pochte, Wie ich das Schloß geschaut, Denn wißt, hier stand die Wiege Der holden Kaiserbraut. Denn wißt, hier hat Franz Joseph Bei seiner Braut geweilt, Hier sind ihm frohe Tage Minuten kurz enteilt. Drin' hab' ich oft geknieet, Wenn drauß man mich gekränkt, « Und hab' mit Himmelsthaue Mein wundes Herz getränkt, D'rin steht die Mutter Gottes In ihrem Schmerzcnsbild, Ein Trost in unserm Kummer, Im Leiden unser Schild. Anch heut ging ich zum Kirchlein, Wen hab' ich da geschaut? In tiefster Anoacht knicend — Die fromme Kaiserbraut. Ja, vor dem Gnadenbildc, Da lag sie im Gebet, Sie hat wohl für Franz Joseph Maria angefleht. Frz. Lav. Schumacher. Verantwortlicher Redacteur: L Schönchen Verlags-Inhaber: F. E. Kremer, Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt lif'wH, Ksizv»/. ZI»)« z>< .7<,tt7»6 gttM^n'»^ ,m> li»ch,^'-!is.dK sch't>liiU«l^7v »z)»!^ »'.'«^ t^jr -NW boo N5M'A 1»1 -j»'.?!l!7s^sat»E tt»n,a,»H's7Z« 7»llnH-i Augsburger MKMung. Silu ^v^<)s>)< ,^ü^7dV chwIqujL nchi,«.' '!i :!>l.ttlv7Z'/ 1i/j»Ät/i7!^. Mi>1^n^/Q,'iiL ^L^^s'",',!'^ ch'iua I>f/nz !7Z? SnjtvK )!ZmB SnvK 7?< III MsM ZtdNiKm S»Ä zDlÄNK ^ »6» onüttzM I!i Dieses Blatt erscheint regelmäßig alls Sountage. Der halbjährige Abounementsprel« 'ltt kr., wofür e« durch alle lönigl. buyer- Postämter und alle Buchhaudlunger, bezogen werde« knuv. Z«! Vermahlung Sr. Majestät des Kaisers Franz Joseph I. LbÄ Ni'MÄ ?i>Q. .7Utli" lchn7 7,s 1N>1>I»!'<7i:/j?2' '-iMllKIZss 1'u lelix ^uslriii nulie. 1u lelix .-Vuslria nul»e, Das ist ein altes Wott, So schallt es durch die Welt, Das klingt mit mächtigem Zauber Vom adriatischen Meere, Durch alle Zeiten fort. Bis hin zum nordische» Belt, ' lelix ^uslris nulie, '1'u lelix .^ustria nube. Das ist ein froher Klang, Hoch oben im Himmelssaal, Und Millionen singe» Singt's heute die Schaar der Engel Und jauchzen den liebliche» Sang. Dem Kaiser und seine», Gcmal, , 'I'u lelix ^ustiii» niibe, I'u lelix ^ustri.i nul»e. O Lied! so lieb und traut Ruft auch der Dichter aus, Dem jugendlichen Herrscher, Er hat nicht and'rc Gaben, Der holden Kaiserbraut, Nicht andern Hochzeitöstnruß, , 'I'u lelix .-Vuslriii nutze. Den er dem Kaiser weihet O Wort! so sreundlich und gut Und semer liebliche» Braut, Den Völkern und den Ländern, Auf die der König des Himmels Die ruhe» in Oesterreichs Huth, Segnend hernicderschaut. Frz. Xav. Schumacher. «yllv ni >Hu!L.Ä z'^i'<üir,iq»LU ' «Nl^Ä S'->-s,ii«l..il Zur orientalischen Krage. ES ist erfreulich, wahrzunehmen, wie einmüthig und entschieden sich die kirchlichen Blätter Deutschlands anläßlich des orientalischen Conflictes gegen die Bestrebungen Rußlands aufsprechen. Allgemein ist die Besorgnis; vorherrschen?, daß, im Falle Rußland bei diesem Kampse siegen sollte, die Katholiken des Orienls dasselbe höchst traurige Loos befürchten müßten, unter welchem unsere katholischen Brüder in Rußland seit lauger Zeit seufzen. Das zu Münster erscheinende Sonntagsblatt für katholische Christen spricht sich in dieser Beziehung in folgender Weise auS: Uebersicht man die Ab- und Zuneigungen, die Ansichten und Meinungen, wie sie im Laufe der Zeit über die orientalische Angelegenheit sich entwickelt und gebildet haben, so gibt sich in Bezug auf Rußland ein merkwürdiger Umschwung der Gesinnung kund. Bekanntlich war nach dem Jahre 1,8-48 das Ansehen Rußlands um ein Bedeutendes gestiegen; man setzte ein gewisses Vertrauen in den Charakter und ^38 die Ehrenhaftigkeit des Kaisers Rico laus, ja getraute dem Czaren eine Mission zum Schutze Europas gegen die Revolution und rothe Demokratie zu. Die neueste orientalische Angelegenheit brachte eine Aenderung hervor, die ohne Zweifel der Kaiser selbst nicht geahnt hat. Europa wandte sich gegen Rußland. Verschiedene wurden hier offenbar von verschiedenen Beweggründen geleitet. Während den Einen das Mitleid für den schwächern Theil bestimmte und in dem Andern die Flamme der Revolution wieder aufschlug, entwickelte sich bei einem großen Theile ein großer Argwohn, ob eS mit jenen religiösen Motiven, welche Nußland vorschützte, wahrhaft und ernstlich gemeint sey, und wurde zu diesem Argwohn veranlaßt, ja bestärkt in demselben nicht etwa durch bloß confessionelle Interessen, sondern durch geschichtliche Thatsachen, die sich nun einmal nicht läugnen lassen. Seit Peter dem Großen ist in Rußland die geistliche und weltliche Macht in der Hand des Einen Kaisers vereinigt; Polilik und Religion stehen in nächster Verbindung und zwar in dem Verhältnisse, daß die Religion die Dienerin der Politik ist. Nur ein Blick in die russische Geschichte, und man findet die Thatsachen und Belege dafür auf jedem Schritt. Die religiösen Verordnungen im russischen Reiche zielen daher immer hin und werden erlassen mit nächster Beziehung auf die politischen Verhältnisse. Die gesammte Organisaiion der russischen Staatskirche spricht dafür. Die Einheit des orthodoxen russisch-griechischen Glaubens wird für das ganze Reich gewünscht, weil sie nothwendig ist für die politische Einheit des Landes. Die Thätigkeiten für den orthodoreeu Glauben sind daher, wie dem blödesten Auge sichtbar wird, nicht apostolische, sondern politische Funktionen. Alle diese Grundsätze werden um so schärfer und consequenter durchgeführt werden, je consequenter der Charakter des Kaisers ist, welcher auf dem Throne sitzt, und wurden demnach, wie bekannt, sowohl den Jnden die Bärte rasirt, als die Protestanten in den Ostseeprovinzen behelligt, als die Katholiken verfolgt, — Alles im Interesse des orthodoxen Glaubens, d. h. der Politik Rußlands. Die daher auch nnr in etwa mit der Geschichte Rußlands bekannt waren, konnten gleich Anfangs, als Menzikoff nach Konstantinopel geschickt und das religiöse Motiv wesentlich in den Vordergrund geschoben wurde, nur schwerlich des Argwohns sich erwehren, ob nicht auch hier gerade daS umgekehrte Verhältniß bestehe, und die Politik auf der ersten, die Religion nur auf der zweiten Stelle stehe, und wiederum die Dienerin zur Erreichung anderer und zwar politischer Zwecke seyn müsse. Es kam aber noch ein anderes und sehr wichtiges Moment hinzu. Rußland beschwerte sich darüber, die Türkei habe die Verträge nicht gehalten und wollte für die Zukunft Sicherheit der Verträge. Wie eS in der Natur der Sache lag, fragte man: „Hält Rußland selbst die Verträge?" — Und endlich: Rußlaud beschwert sich über Mißhandlung der Christen in der Türkei und bringt dafür Thatsachen vor. Daher die dritte Frage: „Wie behandelt Rußland die Christen in seinem eigenen Reiche?" Stand Rußland in allen drei genannten Puncten nicht völlig rein uno makellos, so konnte es unmöglich Sympathien für sich gewinnen. Man fürchtet zudem einen Krieg, man hat ihn Jahre lang gefürchtet; man weiß, daß ein Krieg die großartigsten Verwicklungen, das namenloseste Elend für ganz Europa herbeiführen kann. Deßwegen lag eS in der Natur der Sache, daß man die Gründe prüfte, welche einen Krieg herbeiführen sollten, und deßhalb auch das Versahren Rußlands einer Kritik unterwarf. Namentlich fanden sich die Katholiken dazu veranlaßt, und leider mußten sie nach vorliegenden Thatsachen und geschichtlich beglaubigten Documenten sagen, daß Rußlauv in einer Reihe von Jahren in Bezug aus die Katholiken weder die Verträge gehalten, noch den Katholiken im russischen Reiche die Behandlung zu Theil wurde, welche der Czar mit solcher Entschiedenheit für die Griechen in der Türkei verlang!, — daß vielmehr die Katholiken verfolgt wurden, wie die Christen in der Türkei; und wenn der Kaiser Nicolaus Belege vorbrachte, so können dieselben in der umfassendsten Weise katholi- scherseits gegen den Czaren vorgebracht werden. Und alles dieses lenkt die Aufmerksamkeit wieder auf eine Schrift, die bereits der Vergessenheit schien übergeben zu 139 seyn, wir meinen die Staatsschrift, welche nothgedrnngen über die Verhältnisse der katholischen Kirche in Rußland unter dem Pontificate Gregors XVI. veröffentlicht wurde. Die Schrift erregte schon damals Aufmerksamkeit und wird unter gegenwärtigen Verhältnissen noch größeres Aufsehen erregen. Ein Jahrzehent ist etwa verflossen, als Kaiser Nicolaus in Rom war, und Gregor XVI., im vollen Bewußtseyn seiner apostolischen Würde und Sendung dem mächtigen Selbstherrscher aller Renssen die merkwürdigen Worte sagte: „Wir werden einst beide im Gerichte vor Gott stehen." Gregor ist längst gestorben, die Staatsschrift schien scl sc-ts gelegt, — der Kaiser befand sich auf dem Gipfel seiner Macht — und siehe, die Welt erinnert sich wieder der Worte Gregors, und die Staatsschrift ersteht auS der Verborgenheit und fängt an, Rußland zu richten. (Salzb. Kbl.) Zustände der Katholiken in Schweden. III Wer die kleine Schmiedgasse in Stockholm betritt, sieht ein von Ziegeln im gefälligen, einfachen Style aufgeführtes HauS, das durch seine etwas längeren, nach oben zu gerundeten Fenster, noch mehr aber durch sein nettes, reinliches Aussehen auffällt. Dieß ist die Kirche mit dem angebauten Waisen- und Pfarrhause der kleinen katholischen Gemeinde in Stockholm. Eine unansehnliche Thüre fuhrt in den kleinen Hof und eine andere aus demselben in die Kirche. Hieher möchten wir alle diejenigen führen, denen das Wort „Kirche und Glauben" nur wie ein Kindermärchen klingt. Wenn man am Sonntage Nachmittag die dreißig bis fünfunddreißig Kinder, welche im Waisenhause verpflegt und erzogen werden, von denen mehrere den Namen „Mutter und Vater" gar nie auSsprachen, in ihren zwar ärmlichen, aber reinen Gewändern vor dem Altare der unbefleckten Jungfrau km'een und die Hände falten sieht, wenn man hört, wie sie die vom Priester vorgesprochenen Gebete andächtig nachsagen, wie diese Gebete Bitten sind für daS ehedem katholische, jetzt lutherische Vaterland, voll Ergebung und Nächstenliebe, wie die Namen ihrer Wohlthäter genannt werden, damit sie sich den armen Waisen zur Dankbarkeit einprägen mögen, wenn dann die Kinder das Salve Regina anstimmen und in einem geregelten Gesänge durchführen, wenn sie dann in kindlicher Einfalt ihre kleinen Gaben, sey es eine Blume, oder ein Band :c. aus den Stufen deS Altares niederlegen, und wenn man bedenket, daß diese Kinder von der zartesten Jugend an für diese ihnen eingepflanzte Geisteserhebung im katholischen Cultus außerhalb ihres HauseS um Spott, ja oft thätliche Beleidigungen zu erfahren haben, wenn man erwägt, wie von der Kanzel und durch die Presse, von den Sitzen der ReichStagdeputirten und durch die legislative Macht nur Spott, Hohn und Drohung gegen die Katholiken ausgestoßen werden, und endlich, welch materiellen Nachtheil bloß der Name eines Katholiken nach sich zieht, was alles den Kindern nicht unbekannt bleibt, wenn man dieß alles bedenkt, dann muß man wohl auSrusen: „Die Gnade des Herrn beschützt sein letztes Samenkörnlein in der kleinen Schmied- gasse zu Stockholm, auf daß einmal ein Baum daraus werde, der Blätter trägt mit den Namen der Heiligen." Und diese Säulen und Wächter der Kirche, die Heiligen, sie stehen, durch Bilder und Statuen vergegenwärtigt, noch immer hie und da in den schwedischen ehedem katholischen Domen; noch immer kämpft der heilige Georg, hoch zu Roß, in Riesengestalt in der Stockholmer Hauptkirche, mit dem alten Drachen in jener Kirche, welche an der Außenmauer, gegen die königliche Residenz zu, eine große Marmortafel trägt, die da besagt, daß Schwedens großer König, Gustav Adolph, diese Kirche der papistischen Jdololatrie und dem finstern Aberglauben entrissen und dem reinen Evangelio übergeben hat. Graphischer hätte man die schwedische Luther- Gesellschaft nicht zeichnen können. Innen in der Kirche der heilige Georg, und draußen der Lügendrache! Auch die heilige Barbara ist in dieser Kirche — die reine gläubige Jungfrau, und vor ihr der abtrünnige Henker I Und damit die Schweden 140 anch an die Folgen ihrer Handlungsweise erinnert werden, ließen sie bei j>er Reinigung der Kirche von papistischer Jdololatrie im ehemaligen Presbyterinm ein großes, schönes Oelgemälde zurück, das jüngste Gericht vorstellend. In Skoklorter steht die Guadenmuttcr an ihrem alten, freilich jetzt entweihten Altar, in Westeräs ist ein Rosenkranzbild und in der Haupt-Kathedrale des ganzen skandinavischen Reiches, am Sitze deS Erzbischofes, Upsala, der Leib de'> Landespatrons, des heiligen Olof. Ein prachtvoller Silbersarg umschließt die heiligen Reliquien und blieb unverrückt au seiner alten Stelle an der Evangelienseite deS ehemaligen Hochaltares. Soll dieß alles zufällig so geblieben seyn? Gewiß nicht. Der Katholik kennt keinen Zufall, er weiß eS, daß waS geschieht, nach einem höhern Plane geschieht oder zugelassen wird, und daß jeder Irrthum einmal sinken, die Wahrheit siegen müsse. Schon erhebt sich eine neue katholische Kirche im benachbarten Königreich Norwegen — die zweite im skandinavischen Norden —5 in Christicmia schon glänzt das Siegeszeichen von Golgatha ans dem Thurme; auS der Diöcese Regensburg verließ ein Pfarrer seine einlräglichc Pfründe, um bei dieser neueu Kirche als Missionär thätig zu werden; drei deutsche Frauen entschlossen sich, die Heimath, Bayern, zu verlassen, um bei dieser Kirche eine katholische Mädchenschule anzulegen, und wessen Namen wird die Kirche führen? — den des heiligen Olof. Und wie sonderbar! Als ob die sueeessio gpostolies sich sogar in dem kalten Granitsteine bewahrheiten sollte, bildet die mensg des Hochaltars ein Stein, der noch in der katholischen Zeit zum selben Zwecke diente, den man auS den Ruinen einer verfallenen katholischen Kirche hervorzog, und in ?em sich noch das unverletzte 8opulorum der Martyrergebeine vorfand! Der seit 1838 in Skandinavien als apostolischer Vicar mit großer Selbftverläugnnng und Aufopferung wirkende Lau- renz Studach hat durch Unterstützung des Lyoner und Münchner MissionsvereinS diese Kirche wenigstens in ihrem Aeußern ausgebaut; noch fehlt die ganze innere Einrichtung, noch hat der Priester keine eigene Wohnung, noch ist kein Gebäude für die Schule — und doch blickt der fromme Vicar mit apostolischem Vertrauen auf sein Werk, das er mit zweihundert Thalern begonnen, und denkt schon an die Weihe derselben. Ob ihm irgend eine Hilfe zukommen werde? Amerika und Afrika erhalten aus Oesterreich so reiche Gaben, — Skandinavien kennt man nicht — und doch gerade hier, trotz der barbarischen Gesetze ließe sich bei den vielen übriggebliebenen Ritual- ssrmen und katholischen Erinnerungen bei einer größern Priesteranzahl — (für ganz Schweden und Norwegen sind sammt dem neuen Priester vier katholische Geistliche thätig—) und bei nur etwas größern Geldmitteln in kurzer Zeit Erstaunliches leisten. Beten wir insgesammt, damit die verfolgte Kirche in Schweden Arbeiter und Wohlthäter finde. . . "51"//-., 7.^ ,.,19t ^ tKl.M7!> NKM' NM'K , ,lttL, z^uÄ-VW!, 5io -chw^'Nii! ilii7,wq»AZ''.»bS>'M n-l «zisiA Protestantische Zustände in Amerika. Eine Nummer des Liegnitzer Kirchenblattes für evangelisch-lutherische Gemeinden enthält einen Brief eines zur Synode Missouri gehörigen lnlheriscben Pastors Claus (welcher vor mehreren Jahren von Schlesien nach Nordamerika auswanderte) an einen Gemeindevorsteher Hilbig in Löwcnberg, worin eine Schilderung der dortigen Gemeinde- zustäude gegeben wird. In diesem Brief heißt eS: — „Vor allem theile ich Dir mit betrübtem Herzen mit, daß in meiner Gemeinde eine Trennung vorgegangen ist. Getreues Beharren bei reiner Lehre war Ursache der Spaltung, Der größte Theil meiner Gemeinde wollte meinen ordentlichen Beruf (zum Predigtamt) aufgehoben wissen, und mich jährlich oder doch auf unbestimmte Zeit dingen, so daß eS der Gemeinde jederzeit freistände, ihren Pastor zn entlassen, auch ohne alle Ursache. Wir sind die Herren, sagen hier die Gemeinden, und die Pastoren sind unsere Diener, und es steht uns ganz frei, ob wir sie behalten wollen oder nicht! — Hunderte von Predigern, die sich obendrein lutherisch nennen, lassen sich ans diese Weise miethen, — müssen dann natürlich auch so predigen, wie die Leute eS gern hören, und thun was der große Hause sagt, sonst werden sie, wenn ihre Miethszeit abgelaufen ist, 141 nicht wieder gedingt, — Solche Prediger, die sich so miethen lassen, hören natürlich auf Diener Gottes zu seyn, es sind Menschen- und Gcmcindcknechte, die um einen gewissen Lohn geistliche Geschäfte, wie Taufen, Begraben und dergleichen verrichten. So schrecklich wird das heilige Predigtamt hier in den Koch getreten. Wird nun ein solcher Punct von einer Gemeinde festgehalten, so kann man mit gutem lutherischcm Gewisse» nicht bleiben; denn der Beruf zum heiligen Predigtamt ist ja ein göttlicher. — Nach Matth. 9, W, Kpheser 4, 11, Apostelgesch. 20, 38 ist es ja die heilige Dreifaltigkeit, welche Prediger sendet und setzt. — So thun sie auch stöltlicbe Werke — und vor den herrlichen Namen, die ihnen die Schrift beilegt, müssen ja Köin'gS- nnd Fürstennamen in den Schatten treten. — ES ist ja auch dieses Miethen gegen die Augsburger Consession Art. 14. — Nun daS weißt Du besser als ich. Es heißt dieß auch wahrhaftig nicht einen Diener Gotteö zwiefacher Ehre werth halten. Nicht nur sollte ich von nun an alle Jahre nach Stimmenmehrheit aufs neue gewählt werden, sondern auch alle Kirchenzncht (Matts,. 18, 15—t8) sollte abgeschafft seyn. — Ja, wer zur Gemeinde gehöre, solle mich gar nicht kümmern. Das Recht, zur hiesigen Gemeinde zu gehören, solle nicht an den Personen, sondern an dem Besitz der Grnndstücke hasten, und wenn auch ein Jude daS Grundstück besäße. — Die allei- gröbsten und offenbarsten Sünder sollten nicht von der Gemeinde ausgeschlossen werden. Einmal bekam ich gar einen Brief, in welchem ich im Namen Vieler ersucht wurde, für Kossuth zu beten. Kossuth wurde in diesem Brief ein heiliger Märtyrer und Völkerbesreier genannt. — Ich suchte in einer stnnden'angen Predigt die armen Leute zu belehren, und eS fruchtete auch bei einigen so viel, daß sie ihr Geld, welches sie zu einer Collectc für Kossnth mitgebracht hatten, in ihren Taschen stecken ließen, 5ie meisten aber legten frei und öffentlich nach der Kirche eine Summe Geldes für diesen saubern Herrn zusammen, nachdem sie schon vorher öffentlich in der Kirche Widersprechen und Lärm gemacht hatten. — Ans G-mcindeversammlungen trat man mit geballten Fünften und Messern in der Hand auf, so daß man sich stillschweigend aus solchen Räuber- und Mörderversammlungen entfernen mußte. — Endlich kurz vor Pfingsten 1352 kam eS zu einer Entscheidung. Eine ganze Rotte hatte sich zusammen- gekoppeit, ein gottloser Arzt war bisher ihr Helfershelfer gewesen. Man hielt eine Versammlung gegen meinen und mehrerer Gemeindeglieder Willen. Ich wurde von den Vorstehern im Namen der Majorität noch einmal befragt, ob ich ordentlichen Beruf und Kirchenlicht wolle fahren lassen, und da ich dieß verweigern mußte, wurde mir sofort die Kirche verschlossen, und binnen zehn Tagen sollte ich die Pfarrwohnung verlassen. — Die gläubigen und treuen Diener baten mich um GotteS Willen, sie doch nicht zu verlassen. Ich wollte auf bloßes Drohen gar nicht räumen. Weil aber Stimmenmehrheit hier zu Lande Recht bekommt mich bei der weltlichen Obrigkeit, so entschlossen wir unS endlich, a»S Liebe zum Friede» alle Kirchengüter fahren zu lassen, und von vorn anzufangen. Der Treugebliebenen waren im Anfang von siebzig Familien etwa dreißig. Die Pfiugstseienage über hatten wir Gottesdienst in meiner Wohnung. Die Rotte soff unterdeß nebenan in einem Wirthshaus. — Hätten wir uns an diesem Tage geregt und etwa versucht, die Kirche zu erbrechen, waö wir nach hiesigen Gesetzen hätten thun dürfen, so hatte es wahrscheinlich blutige Köpfe gegeben. Wir wichen der Gewalt. Ich bezog nun eine andere Wohnung. Zur Kirche gab ein treues Gemeindeglied gern sein Haus her. Da nun die Feinde sahen, daß ich d.'ch nicht wich, fingen sie erst recht an zu verfolgen, so daß wir unö des Nachts nur mit Furcht und Zittern zur Rnhe legen konnten. Und eS wäre wohl noch schlimm ausgefallen, wenn Gott nicht mit der Cholera dazwischen gefahren wäre. Diese trat aber so heftig auf, daß binnen drei Wochen achtzig Menschen von derselben ergriffen und dahingerissen wurden — In dieser Zeit hatten wir Ruhe. — Einige baten um Vergebung. — Ich besuchte zu der Zeit so viel ich nur konnte, auch die Feinde. — Da war ich willkommen und hatte die große Freude, wenigstens einen Widersacher noch vor seinem Tode in die Wunden Jesu hinein zu leiten. Viele sind wohl verstockt und unbußfertig dahin gefahren. — Bei den Treugcbliebenen fand ich überall 142 große Freudigkeit zum Sterben. — Nur ein Beispiel. Eine Frau rief mir bei meinem Eintritt den schönen LiederverS entgegen: — „Freu dich sehr, o meine Seele!" —; ich mußte mit ihr singen: „Christe, du Lamm GotteSz" sie hatte alle ihre Kräfte zusammengerafft und sang mit vernehmlicher Stimme mit. Einige Stunden darauf entschlief sie, ohne die Bitterkeit des TodcS sehr zu schmecken. Mich bewahrte Gott wunderbar in dieser Zeit. — In dieser schrecklichen Zeit schien in der Gemeinde wieder Einigkeit zu werden. DaS merkten die unirten Geistlichen, von denen ich leider ringS umgeben bin. Die kamen dann und predigten einstweilen alle vierzehn Tage einmal. Einen Prediger wollte ihnen die Synode nicht geben, weil sie sich damit gar zn sehr in Schande gesetzt hätten, sie sagten aber nebenbei zu solchen, die noch nicht zu ihrem Verein gehörten, aber doch ihre Gesinnung theilten, hier sey eine Gemeinde, hier sollten sie hingehen. — Und so kam denn, nachdem bereits ein halbes Jahr vergangen war, ein solcher Herr. — Der gehörte nun bisher zu keiner Synode, ist nicht orvinirt, verrichtet aber doch alle Amtshandlungen. Vom Teufel, sagt er, will er nicht predigen, sondern von Christo. — Wie gefällt Dir daS? — Seine Rotte ist sehr wohl mit ihm zufrieden. — Inzwischen hatte meine kleine Gemeinde wieder ein Kirchlein erbaut, welches ihr am heiligen Abend zum Theil zerstört wurde. Die Thäter wurden bald entdeckt und von unS vor die Obrigkeit gezogen. Auf vieles Bitten hatte sich leider der Ausschuß der Gemeinde mit diesen schändlichen Kirchenräubern durch eine Gelvbuße vereinigt. Unsere Leute meinten es gut, sie dachten dadurch größerem Unglück zu entgehen. Dem konnten sie jedoch nicht vorbeugen. Einige Wochen darauf lag unsere Kirche in Asche. WaS da für Thränen vergossen worden sind, kannst Du Dir vorstellen. Bald hatten wir den Muth verloren. Manche entschlossen sich ihre Plätze zu verkaufen und wo anders hinzuziehen. Weil aber namentlich die Aermeren in diesem Sodom hätten zurückbleiben müssen, so entschlossen sich alle zu bleiben." >itt<» 1«vA n't i?7',7x',W' Ml!! N'.5u55) >-.'il^'!'ih i'im Die christliche Familie wie fie war und wie ste ist. (Ein Beitrag zur Charakteristik der alten und neuen Zeit.) DaS Alte ist nicht immer schlecht, weil es alt, und das Neue ist nicht immer gut, weil es neu ist — eine Wahrheit, von der sich Jedweder, der gesunden Verstand und klare Augen hat, überzeugen kann. DaS Alte ist nur dann schlecht, wenn eö in seinem Principe schon den Keim der künftigen Haltlosigkeit auS moralischen Gründen an sich trägt; das neue ist nur dann gut, wenn seine Konsequenzen eine segensvolle Frucht versprechen nnd auch bringen. Diesen Grundsatz als Maaßstab auf unsere Familie angewendet, muß man aufrichtig gestehen, daß man daS alte Gute verworfen, und das neue Schlechte an dessen Stelle gesetzt habe. Zum Beweise berufe ich mich auf die Erscheinungen unserer Zeit. Unsere gnten Vorfahren nach altem Schrot nnd Korn haben den Religionsunterricht obenan gestellt, denn sie gingen von der Ueberzeugung auS, Religion sey das nothwendigste Bedürfniß deS Menschen, will er anders ein ehrenvolles Glied der Kirche, und auch ein nützliches Glied des Staates seyn. Jetzt muß nicht selten der Religionsunterricht vor den übrigen profanen Gegenständen in den Hintergrund treten, so daß eS oft den Anschein hat, man halte den Religionsunterricht für eine nicht dringend nothwendige Beigabe. Während man die geschicktesten Tanz-, Sprach- und Clavier- meister besoldet, ist der Unterricht in der heiligen Religion zu Hause verwaiset, oder man überläßt denselben einem Menschen, der eS um ein paar Gulden monatlich ans sich nimmt, ein Kind in dem zu unterrichten, was er selbst nicht einmal versteht, und daS geschieht auf eine so trockene Weise, daß dem Kleinen, von Kindsbeinen angefangen, eine Abneigung und ein Eckel gegen jedwede Religion beigebracht wird. Ein solcher Lehrer füllt den Kopf des Kindes mit lauter gordischen Knoten an, die weder er, noch weniger das Kind zu lösen vermag; hingegen wird das Herz immer leerer und härter. DaS Kind macht Prüfung der Classe wegen, und ist froh, den Kate- 143 chiSmuS bei Seite legen zu können, setzt jedoch die Erlernung anderer Kenntnisse fort, hat Eckel und Mißbehagen an religiösen Büchern und dem Worte Gottes, und so wird aus dem Kinde ein Ebenbild unseres Zeitgeistes, und mit der Zeit — ein Ungläubiger. Manche Eltern glauben wieder, mit dem Religionsunterrichte, den die Kinder in der Schule genießen, sey schon Alles abgethan. Sie fragen nicht den Katecheten oder Lehrer um das sittliche Betragen oder den Fortgang im Lernen des Kindes; eS ist schon genug, wenn nur daö^Kind in die Schule geht. Ehemals war eS ein wichtiges und heiliges Geschäft deS VaterS, Sonntags uuterm Mittagsmahle das Kind um den Inhalt der sonntägigen Predigt zu befragen, und da seine besondern väterlichen Lehren anzufügen, das Kind mußte in der Predigt aufmerken, das Gehörte ging in Fleisch und Blut über, und so ward der Familienvater selbst zum Prediger und Seelsorger seiner Kinder; er verwaltete ein gar erhabenes Amt, ganz in Uebereinstimmung mit den'Worten deS heiligen ChrysostomuS, die er zu den Eltern spricht: „Ihr seyd die Apostel eurer Kinder; euer HauS ist eure Kirche; und wenn wir Geistliche für ihre Seelen wachen, und Rechenschaft geben müssen, wie viel mehr ihr, ihr Eltern, denen die Erziehung besonders anbefohlen ist, und denen sie Gott von zarter Jugend an inö Haus gegeben hat, damit ihr sie um so leichter regieren könnet." So dachte und handelte man ehemals. Jetzt würde es schwer seyn, Kinder über Predigten zu katechisiren, wenn Eltern selbst zu Verächtern des göttlichen Wortes geworden sind. Ehemals saßen die Familienglieder am Sonntage Nachmittags im traulichen Zirkel um ihren Familientisch (aber sie bildeten keinen zungenspitzigen Clubb;) aufmerksam horchten sie auf den Inhalt eines Erbauungsbuches, aus welchem ein Kind oder ein anderes Familienglied vorlas. Da blieben die Kinder fern von verderblichen Einflüssen böser Gesellschaften, hörten nicht unsittliche Reden, die unsere junge Generation um zehn Jahre eher zur segensloseu Reife bringen. So war eS ehemals. Jetzt hat die Genußsucht Gasthäuser wie Pilze aus der Erde hervorgezaubert, und Sonntags steht der Familientisch verlassen im versperrten Zimmer, der Zeitgeist hat die alten und jungen Familienglieder zu Soireen und auf Bälle gerufeu, der Geist der modernen Aufklärung hat die guten Erbauungsbücher zu den Antiquarhändlern ins Eril geschickt, und auf dem Bücherschrank florirt nun die Modebelletristik mit ihrem Verderbe» bringenven Inhalt. Aus diesen dunkeln Quellen schöpft nun das heranreifende Kind die Weisheit deS Tages, der Kopf wild gefüllt mit phantastischen Gebilden, der Reiz der Sinnlichkeit findet seine Nahrung, die man mit Heißhunger und mit Aufopferung halber Nächte verschlingt und auf den nackten Trümmern religiöser Bildung pflanzt der Mode- geift die Fahne der Aufklärung auf. Darin, mein Leser, findest du ein Fragment eines alten und eines nenen Bildes des christlichen Familienlebens; welches aber das bessere sey, darüber wird die Zukunft die unumstößlichsten Beweise liefern. (Oest. Volksfr.) 7'iM» .MimntVnh M). 7Üj . ti'iHMü '-7il 5is citt, >li(Zü's cklyK 7»iiM ,Ni, )Ii;p, ,)tM Kirchen-Disciplin. In der Pesther Zeitschrift „Kath. Christ" lieSt man: Im Monat November des verflossenen Jahres reiste in seinen Geschäften ein ungarischer Gutsbesitzer nach Sachsen, und als er an einem Sonntage zu Dresden in der katholischen Hofkirche dem Hochamt und der Predigt beiwohnte, merkte er, daß daS andächtige Publicum hier nach Verschiedenheit des Geschlechtes gesondert seine Plätze einnehme, die Männer rechts in den Stühlen, und das Fiauengeschlecht links. Zugleich sah er vier eigens in der Kirche ausgestellte Männer, die auf die Ordnung Acht hatten und alles Ungeziemende zu beseitigen den Austrag zu haben schienen, waö sie auch bewiesen. Denn eS geschah eben während des Gottesdienstes, daß ein Herr sammt seiner Frau, einem Mädchen und einem Knaben in die Kirche kam; der Herr nahm gleich auf der Männerseite Platz, als sich aber die Mutter mit dem Mädchen und dem Knaben auf die 144 Fraucnseite setzte, ging alsbald einer von den aufgestellten Kirchendienern zu ihr, nahm den Knaben bei der Hand und führte ihu auf die Männerseite, wo der Vater war, nur damu die Absonderung der Geschlechter streng beobachtet werde. Als sich ein Mann an die Kirchenwaud anlehnte, um commoder stehen zu können, war gleich einer aus jenen Kirchendienern bei ihm, und sagte vernehmbar: Bitte, mein Herr, gerade zu stehen, um nicht etwa die Mauer zu beschädigen. Ein dritter vom Pnb- licum wandte sich mehrmals zu sehr zurück gegen das Musikchor, schon wieder war einer aus jenen Kirchendienern an seiner Seite, mit der Mahnung: Bitte, mein Herr, durch Umsehen nicht zu stören, und die Aufnicrksamleit aus den Hochaltar zu richten. — Diese Erfahrung ist wirklich iurercssant und eine solche Kirchenordnung höchst lobenöwerth. Mögen immer manche Damen die Maaßregel als zu strenge finden, und wünschen: der katholische sächsische Hof sollte dennoch in einem protestantischen Lande die Sache nicht so strenge nehmen, und mehr Zärtlichkeit sowohl als Nachsicht gegen das Frauengeschlecht haben; so kann doch die Vortrefflichkeit dieser Maaßregel und ihr moralischer Werth etwa nur von solchen in Abrede gestellt werden, denen eS auch iu der Kirche nicht sowohl nm des reinen, Gort gefälligen Gebetes, als anderer nicht sehr zu billigender Nebeuabsichlen wegen zu thun ist. Daß eine derartige Kirchenordnung auch für viele Ortschafren unserer Länder eine höchst empsehlenswerlhe Einrichtung wäre, glaube ich, wiro Niemand bezweifeln, der in der Kirche erscheint, um dort zu beten, uud nicht, nm durch den Unfug Anderer geärgert und in seiner Andacht gestört zu werden. Wenn man bei sonstigen Feierlichkeiten und Anlässen, wo man wünscht, daß geziemende Ordnung herrsche und allen Unordnungen vorgebcugi werde, gewisse bevollmächtigte Perftneu ausstellt; warum sollte dieß nach vorläufiger gründlicher Darstellung nicht auch in der Kirche möglich seyn? ..HlvwZsl?, Hz 7li(tt o.Z, >.MMn6 >fi'>il- ,i^„!,isi,tj^ 7ux izt), NtloL « li'rn<5 1'iu'ni tm«il.'t N»A m» lijsli > fsHni'MzMV dbjl Ä«'/,HL.» Kn'mer. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PMMung. 7. Mai M- IN. 1854. Dieses Blatt erscheint reg^lmäßi^ alle Oonntaae» Der hulbjährige Ab»anemen^vrki« kr.» wofür e« durch all« köutstl. baver. PaASmter «»d .»ll« B«chhandl««fle« bezoqeu werden ln»n Zur Kirchengeschichte Bosniens. In der alten Zeit war Bosnien von den Römern beherrscht; nach dem Untergange dieses ungeheuren Weltreiches aber verwalteten Bosnien eigene Ksni (von 940 n. Eh.), später (vom I, 1376) Könige auS bosnischem Geblüte; als aber innere Zwietracht und die Geißel der Unruhen das Königreich zerfleischten, verfiel eS, und zwar zur Zeit seines blühendsten Zustandes (1463) unter die Herrschaft des ottomanischen Reiches, unter der eS sich noch heute befindet, die endliche Lösung seines Schicksals mit Sehnsucht erwartend. Nachdem Mohamed II. theils durch List, theils durch Verrätherei eines Mani- chäerS Namens Radak und durch Unentschlossenheit der aristokratischen Partei Bosnien erobert halte, sann er darauf, wie er das Land am leichtesten erhalten und mit dem übrigen Reiche inniger verschmelzen könne. Trotz seines Versprechens ließ er Stephan, den letzten bosnischen König, dessen Oheim Radivoj, Radosaw Pavlovic, den verruchten Verräther Radak sammt mehreren ihm gefährlich scheinenden Häuptlingen ent- haupicn. Die eroberten Festungen besetzte er mit griechischen und serbischen Renegaten; die besten Kräfte Bosniens, bestehend auS 30,000 auserlesenen Jünglingen, nahm er mit sich und bi.dete daraus daS Janitscharen-CorpS; gegen 200,000 sowohl männlicher als weiblicher Sclaven führte daS feindliche Heer mit sich und verkaufte sie in Kleinasien; die aber in der Flucht ihre Rettung finden konnten (besonders Katholiken), flohen nach Dobrovnjk (Ragusa), nach Dalmatien, auf daS adriatische Küstenland und nach Ungarn. Diese Flucht machte Mohamed nicht wenig Sorge auö Furcht vor der Verödung des Landes (vicls 2kingh i poveswiea liosne); deßhalb berief er eine Versammlung seiner Paschas und Vesire, um sie in dieser Verlegenheit zn Rathe zu ziehen. Zur selben Zeit erschien der selige Fra Angclus Zvizdovic, gekräftigt vom Geiste deS Herrn, furchtlos, erfüllt und ausgerüstet mit Eifer für die Kirche Golieö vor dem stegreichen Sultan, inständig bittend für die Freiheit der Kirche und seiner Glaubensbrüder. Mit trotziger Miene und zermalmendem Blicke sah der stolze Herrscher auf den demüthigen FranciScanermönch herab und donnerte ihm zu: „Bist du derjenige, der die Christen verleitet, auS meinen Gränzen und Landen zu fliehen?" Worauf jener erwiderte: „Ich binS." „Warum — fuhr heftig der Sultan fort — erdreistest du dich, dieß zu thun?" „Auf die Worte unsers heiligsten Erlösers bauend: Rolite eoßitgre eto." — gab der sanftmülhige und zugleich entschlossene und kühne Priester zur Antwort: „Dieß deßwegen, daß sie nicht an ihrem Glauben, zu dem sie sich von nicht geraumer Zeit her bekennen, Schiffbruch leiden," Diese freimüthige Rede reizte den Zorn des Großherrn, welcher ihn von sich stieß und in den Kerker abführen ließ. Fra AngeluS verharrte daselbst, während Mohamed Divan hielt, und ferner die ganze Nacht im Gebete für sich und seine Glaubenöbrüver in der sichern Ueber- 146 zeugung, mit dem ersten Strahle der aufgehenden Sonne werde seine irdische Laufbahn sich enden. Allein wie mit einem Schlage änderte sich sein Geschick, denn im Divan ward der Beschluß gefaßt, welcher beiläufig derart lautete: „Der du der Beherrscher aller Kaiser und Könige, der Sohn deS Propheten deS allerhöchsten GotteS, allmächtig regierend zu Wasser und zu Land, unüberwindlicher Kaiser aller Kaiser bist u. s. w. — was für Vortheil bringt es dir, da du dein Reich von Osten nach Westen erweiterst, wenn dn keine Unterthanen, keine Knechte und Sclaven zählest, die deiner Herrlichkeit dienen nnd selbe Tag und Nacht preisen? — deßwegen verleihe deinem unterworfenen Volke die Glaubensfreiheit!" . . . Auf diese Vorstellung wnrde Moha- med erweicht, ließ Fra AngeluS aus dem dunklen Gefängnisse befreien nnd vor sich führe», empfing ihn sogar mit liebreicher Miene, erbarmte sich seiner und sprach: „Der Friede sey mit Dir! weder du noch deine Ordensbrüder, noch Jemand deiner Glaubensgenossen sollen nach meinem Willen wo anderöhin fliehen; denn alles, was zum Gebrauche eurer Religionsgebräuche gehört, soll euch erlaubt und gesichert seyn; und dieß nur euch, so zwar, daß euch bei Verlust des Lebens Niemand anzutasten wage." Zur Bestätigung seiner Versicherung gab ihm der Großherr ein Privilegium unter dem Namen „.-^t-nakmv" (dessen Original im Konvente zu Foinica sorgfältig aufbewahrt wird) und hierauf beschwor dasselbe der Sultan, seine Hand anf den Koran legend unter Anrufung des allmächtigen Schöpfers Himmels unv der Erde, seines Propheten sammt 134,(190 Propheten nnd endlich auf sein Schwert, das er umgürtete u. s. w." (Dieß ist zu lesen in erwähnter ^t-rmlime, welche mit eigener NamenSfertig'.mg Mohameds bekräftigt geschrieben ist im Jahre 1463 am 28. N. zu Milo-Drazevv). Hiermit begann der erste Anfang der Duldung, deren sich, außer den Katholiken, andere Glaubensgenossen in Bosnien nicht erfreuen (Mrini p. 25 seiy.). — AuS dem Gesagten läßt sich schließen, daß eine bedeutende Zahl Katholiken zur Zeit der Eroberung in Bosnien lebte; denn die Söhne deS heiligen Franz von Assis, deren OrdenSvorsteher erwähnter Fra AngelnS Zvizdovic gewesen, hatten schon eine Custodie, weil schon im 25sten Jahre nach der Stiftung des Ordens die Franciscaner- Brüder »ach Bosnien gekommen waren, und schon im Kapitel zu Nacbo im I. 126(1, gehalten vom heiligen Bonaventura, diese Custodie unter dem Namen Viesria Kosnise vorkam und im I. 1340 als solche vom damaligen Generalminister deS ganzen Ordens Namens Gerard Odo vergrößert und neu gestaltet wurde. Auch ist zn ersehen, daß die bosnischen Franciscaner mehr Wvhnnngen und Klöster zur Zeit deS Einbruches der Türken in Bosnien hatten, als eS die Meinung einiger Geschichtsschreiber ist, wenn auch ihre Zahl nicht genau bestimmt werden kann; aber mit Gewißheit läßt sich behaupten, daß sowohl zur Zeit der Unterjochung, als unter der Tyrannei der Türken mehr als 28 Klöster bestanden, deren Ruinen und Trümmer noch heute vorfindig sind, woraus hervorgeht, daß dieselben nicht nach, sondern vor dem Einfalle der Muselmänner müssen erbaut worden seyn. Die Christen flohen zur Zeit, da diefe Halle» des Friedens von der fanatischen Wnth der Feinde theils verbrannt, theils dem Boden gleich gemacht wurden, mit ihren Priestern in die benachbarten Reiche. Es ist ferner durch historische Daten erwiesen, daß seit Einpflanzung deS katholischen Cultus in Bosnien bloß die ausharrenden und geduldigen Brüder deS FranciscanerordenS den wahren Glauben aufrecht erhalten uud selben ausschließlich nur sie unter allseitigen Verfolgungen unv Neckereien durch 60(1 Jahre bewahrt haben. Wäre es daher unbillig zu erachten, daß man diese ausdauernden Väter auch fernerhin für diesen heiligen Beruf in ihrem Bestehen erhalte? Wäre es billig und christlich gebandelt oder gedacht, daß man diese dnrch ihr Alter nnd ihre stets thätige Wirksamkeit rühmliche Provinz zu einer Zeit, wo die erquickenden Strahlen der Freiheit die Nebel der Bedrückung und deS rohe» Despotismus durchzubrechen scheinen, vernichte uud zu einer einfachen Mission, wie es im Sinne einiger lieblosen Männer der letzten Jahre lag, Herabdrücke und ohne Schuld schonungslos strafe? Diese Provinz Bosniens war in ihrer Entstehung eine Custodie, dann eine Vicarie, bis sie von dem ältesten Kloster zu Argentin den Namen provinvm Losvss 147 ^rZentmge erhielt, welchen sie noch hent zu Tage führt. Bald erweiterte sich dieselbe über Ungar», Slavonien, Kroatien, Siebenbürgen, die Walachei und Bulgarien, so daß sie vom adriatischen Meere bis an die Karpathen und an die Gränze der Tatarei, ja sogar bis an den Rhein sich erstreckte. Vor Zeiten war sie in sieben Eustodien getheilt, und bald gingen wieder aus derselben Tochter-Provinzen hervor, wovon Erwähnung geschieht bei (üvri2gg->, Iiist. drei, pdgrl.it ^11. «scr, vt l^nit.. Oeevsc, Zuletzt trennten sich die in Ungarn und Slavonien gelegeneu Klöster wegen gehinderter Communicatiou von Bosnien (1757) und bildeten die neue Provinz deS heiligen Johann von Kapistra»; Bosnien blieb mit drei Conventen und sechs Residenzen auf sich beschränkt, behielt ihr Siegel und die Benennung 1!»sn» ^rgentiim. Die bosnische Provinz erfreute sich aber nicht nur einer so weiten AuSdcbnung, sondern führte auch selbst mehrere Klöster auf, von denen noch heute viele iu Slavonien übrig sind, als: Brood, Vclika, Diakovo (welches letztere zum bischöflichen Seminar verwendet ist); sämmtliche angeführte Klöster wurveu nach Vertreibung der Ordensväter auS Modrice, nach Zerstörung deS Klosters St, EliaS durch die Türke», erbaut; ferner GraviSka (jetzt das GanusonSlocal), wohin die boöuischeu Brüder von Vissoko sich begaben; Radna, wohin sie flohen von Gradovar oder Grado-verh; Sinj, wohin sie flüchteten aus Rama u. s, w. (I5pi. Ovev. ^»t, ?rc>v. Lspist, Lsev»ri.-Korini). Diese an Klöstern und Ausdehnung cbcmalS so reiche Mutter- Provinz, woraus so viele andere hervorgingen, sah sich endlich nur auf drei Klo'ster- lcin mit sechs Residenzen, welche dem Fanatismus uud dem einzigen Schutze Gottes preisgegeben sind, angewiesen. Sehr viel litt Bosnien durch die Verminderung der kaihvlischen Einwohner bei Gelegenheit veS Durchzuges Eugens von Savvyen durch BoSuic» im Jahre 1697, wobei sich eine große Menge seinem Heere anschloß, ins Banat »ach Ungar» ging und sich daselbst ansiedelte, so daß selbst ganze Ortschaften noch heule ihre jetzigen Eu.wohucr bis da hinauf leiieu, wie Ladimerowce bei Effegg, Füufkircheu, SikloS und Radna in Ungarn, (Fortsetzung folgt.) Zustände der Katholiken in Schweden. IV. Blicken wir einmal in das Innere des katholische» Waisen- und Pfarrhauses in Stockholm. Wenn wir an der unansehnlichen Thüre anläute», tritt unS ein bejahrter Mann entgegen, a» dessen schlechter schwedischer Sprache man sogleich einen Ausländer erkennt; wir sprechen ihn in einer andern Zunge a», er gibt Antwort im Deutscheu, Französische» uud Böhmischen, aber der Art verdorben, daß man alsogleich ein Individuum vor sich sieht, welches, dem Spielballe gleich, ohne sein Wünschen und Wollen in der W^lt herumgeworfen wurde. Ein gebvrner Mährer, kam er frühzeiiig iu Militärdienste, gerieth im Feldzuge v>,n 1812 i» frauzösischc Gefangenschaft, entkam derselben und nach mannigfachen Irrfahrten gelangte er »nch Stockholm; hier wurde er Pförtner im katholischen Waisen- und Pfarrhause, und zugleich Begleittr der Waisenknaben bei ihren AnSgängen. Diese Auögäuge nennt er sein Fegefeuer und betrachtet sie als Strafe für seine begangene» Sünde», Es ist aber auch in der Thal ein Fegefeuer ein solcher Ausgang! Den alte» Mann öffentlich zu insultireu, die Kinder zn schimpfen, sie mit Steinen zu be- werfen, selbst Blasphemien gegen die katholische Kirche auSzu- stvßcn; das sind die gewöhnlichen Begleiter eines solchen AnSgangS, uud das alles in dem nordische» Paris, wie die Schweden so gerne ihre Hauptstadt nennen! — Ja, waS sagt denn die civilistrte Welt zum folgenden Factum: Ein von einer Großmacht accredilirter und der schwedischen Regierung anempfohlener katholischer Reisende ging eineS TageS in Stockholm über eine Brücke, als er einen gut gekleideten Mann mit geballte» Fäusten auf sich losstürzen sieht, und sich mit 148 den Worten „verdammter Katholik" begrüßen hört; nur daS Aureden einiger dem Wüthenden nacheilender Männer haben den Reisenden vor thatsächlicher Mißhandlung aerettet. Aehnlicke christliche Worte werden nur zu häufig dem katholischen Pfarrer Bernard und seinem Caplcm Huber zugerufen. Bernard ist ein Elsasser, auS der Slraßburger Diöcese, ein Maun, welcher mit französischem Feuer deutsche Thatkraft zu verbinden weiß. Wohl bewandert in der lutherischen Jnconsequenz, besitzt er Ruhe genug, um oft mit sarkastischem Witze seine Angreifer zu beschämen, Pastor Ekdahl, der öffentliche Süudcnbock der Katholikeuverfolger, fürchtet ihn am meisten, und da Bernard die schwedische Anklagebank und den GerichtSsaal eben so gut kennt wie seinen Predigistuhl und seine Kirche, so waren die Denuncianten und bezahlten oder ciusgehehtcn Ankläger bis jetzt nicht im Stande, den Herrn Pfarrer mit einer andern, oder höchstens mit einer Geldstrafe zu beehren Vor nicht langer Zeit saß Pfarrer Vernarb wieder auf seiner Ehrcnbank, wie er die Anklagebank nennt; er braucht, weil im constitutionellen Schweden, einige Geschworene; er bat mehrere achtbare und als Kaiholikenfreunde bekannte schwedische Bürger, ihm diesen Liebesdienst zu leisten; der eine entschuldigte sich ganz nach der reinen Lehre deS Evangeliums, der andere reiste ab, und Bernard mußte ansäßige Katholiken wählen — so terrorisirt ist die öffentliche Stimmung! Kanm waren aber die Namen der katholischen Bürger als Geschworene bekannt, schon predigte die radikale Zeitung „Volkesstimme" in ihrer lutherischen Weisheit, „der Eid eines Katholiken ist kein Eid, denn sein Pfarrer könne ihn desselben entbinden." Ja, man mied sogar die Häuser dieser Katholiken, und da sie Geschäftsmänner sind, fühlten sie auch empfindlich ihr öffentlich abgelegt^ Bekenntniß. Caplcm Huber ist ein geborner Bayer, die verkörperte Sanstmuth und geistliche Aufopferung; obwohl physisch schwach, stärkt ihn die göttliche Gnade dermaßen in seinem Berufe, daß er nebst seinem Schulunterrichte, der den gauzeu Tag in Anspruch nimmt, noch jeden zweiten Sonntag die Predigt in schwedischer Sprache hält. Rührend ist jene Sorgfalt für seine Kinder, die er unablässig vorbereitet auf den Slunn, der sie erreichen muß, wenn sie der schützenden Umfriedung einmal entwachsen. ,,WaS wird ans meinen Kindern werden", hört man ihn oft ausrufen. Und wirklich — trüb, äußerst trübe ist die Zukunft eines solchen katholischen Waisenknaben, der lutherische Meister scheut sich einen solchen in die Lehre zn nehmen; in irgend ein Bureau oder in das Heer einzutreten wehrt ihm daS Gesetz; einen Handel anfangen kann er nicht, denn er ist arm; sich den höhern Studien widmen darf er ja nicht, auch fehlen ihm hiezu die Mittel — also, da er nicht Zeitlebens im Waisenhause bleiben kann, muß er auswandern, und in der Fremde sein Brov suchen — eine traurige Aussicht, die dem heranwachsenden katholischen Jüngling nicht unbekannt ist, so wie auch, daß eS von seiner Seite nur einen Gang zum Pastor Ekdahl kostet, um die trübe Aussicht in eine hoffnungsreiche Gegenwart verwandelt zu sehen. Und vollends die Mädchen! was soll aus diesen werdeu? Diese erhalten den Unterricht und die Anweisung in weiblichen Arbeiten von Madame Boyer, einer schon ältlichen Französin, die bei einer umfassenden Bildung jene diplomatische Flexibilität besitzt, welche eö ihr allein ermöglicht, die anStretenden Mädchen bei katholischen Familien dcö J>^ und Auslandes, namentlich iu Belgien, unterzubringen. Die wenigsten finden eine bleibende Stätte in Schweden, denn wie sie wissen, daß eine gemischte Che nur unter Bedingungen, welche die Schweden nie eingehen, von der katholischen Kirche gebilligt werde, so gehören solche Ehen zn den größten Seltenheiten. Freilich kann auf diese Weise die Anzahl der Katholiken in Schweden nicht steigen; sie kann sich nur durch Rücktritte zur Kirche mehr heben; welches Loos aber den Konvertiten bevorsteht, baben wir schon gezeigt. Wann wird auch hier die Morgenröthe heranbrechen? In Afrika kaull mau Heidenkiuder, um sie katholisch erziehen zu lassen, und in Schweden muß mau katholisch erzogene Kinder auswandern lassen, damit sie sich vielleicht bei deutschen Heiden verkaufe»!! 149 Ein bekehrter Züchtling. Vor Kurzem erschienen im Buchhandel (Münster, Theisfing, 1853) zwei Theile: „Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling", mit einem Porworte von l)r, Albcm Stolz Ohne in den Inhalt näher einzugehen, möge hier in einem gedrängten Auszuge die Lebensgeschichte des Verfassers derselben Platz finden, denn sie ist lehrreich. I. M, Hagele (so heißt er) war Privatlehrer. Im Jahre 1843 studierte er an der katholischen Hochschule zu Freiburg und 1846 zu Heidelberg, um sich auf daS Lehrsach vorzubereiten. Als die revolutionäre Bewegung im Jahre 1348 begann, nahm er innig und verzweifelnd daran Theil, schwärmte für eine deutsche Föderativ- Republik, machte den badischen Freischaarenzug mit, und wurde, da dieser fehlschlug, politischer Flüchtling. Obwohl im October desselben Jahres amnestirr, bctheiligte er sich zum zweiten Male an der Revolution, indem er beim Maiausstande 18^9 mitwirkte. Bei Ankunft der preußischen Truppen verhaftet lebte er sieben Monate als Kriegsgefangener, bis er von dem ordentlichen Gerichte auf acht Jahre Zuchthaus verurthcilt wurde. In das Zellengefängniß nach Bruchsal versetzt, blieb er daselbst bis April 1852, wo ?r von dem verstorbenen Großherzog Leopold auf seine dritte Bittschrift begnadigt wurde. Mit seiner äußeren Geschichte steht seine innere im engsten Zusammenhange. AIS Katholik geboren, verlor er schon in seinen JünglingSjahren seinen Glauben an Christus, den Gottessohn. „Ich glaube, (so gesteht er) während meiner ganzen Studienzeit kaum Einmal recht vorbereitet zur Beicht und würdig zum Tisch deS Herrn gegangen zu seyn." Trotz seines Unglaubens wir er ernstlich gesonnen, ein Diener der Kirche zu werden. „Ich entschied mich (sagt er) für gar kein bestimmtes Fach, und studirte, als ob ich Rothschilds leiblicher Sohn wäre, während ich wochenlang keinen Knopf in der Tasche trug, hörte philosophische, juristische, philologische und theologische Vorlesungen." In letzteren gefielen ihm die Ketzer am meisten; allein den großen Reformator Rouge, den er mit hohen Erwartungen beim Concil „am Säubach" (in der Nähe von Konstanz) sah und hörte, fand er sehr unbedeutend, ja dessen Heuchelei brachte ihn zur entschiedenen Opposition gegen den DeutschkatholiciS- muS. „Ich blieb Katholik dem Namen nach, wurde geistig immer mehr zum Heiden. Ich war geboruer Katholik und kannte Christum nicht; ein persönlicher Gott war für mich zum großen Unbekannten geworden." — Die geschichtlichen Vorträge gelehrter und geistvoller Protestanten wirkten ties auf sein Gemüth und seinen Verstand ein, uud während der Revolution wurde er durch Thatsachen an die Existenz eines persönlichen GoticS gemahnt. Die u.noen Fragen der Kinder, welche ihm zum Unterrichte anvertraut waren, machten ihn nachdeuklich, und alö er mit diesen einst dem mitte» nächtlichen GottcSdic^i'!^ zu Weihnachten beiwohnte, fühlte er sich nach langen Jahren zum ersten Mal zum Gebete hiugcrisseu. In der Kriegsgefangenschaft mahnte ihn der Tod seines standrechtlich erschossenen Jugendfreundes fortwährend an daS Jenseits und an das Elend dieser Erde. „Gott bestrafte (so erzählt er selbst) den Hochmuth der Revolution im Großen, an mir im Kleinen. Acht Jahre Festung würden mich bei weitem nicht so erschüttert haben, wie acht Jahre ZuchthauS; die Richter trafen damit meinen Stolz noch weit mehr als meine Schuld. Im einsamen Vorarreslc glaube ich die GeburiSwehen eines neuen Menschen in mir durchgemacht zu haben, und habe ich in meinem Leben jemals im Gefühle meiner Ohnmacht um GotteS Schutz und Erleuchtung von Oben inbrünstig gefleht, so geschah eS damals. Die Zuchthausstrafe war die Pf,rd.kur, welche der erbarmende Gott bei mir anwenden mußte, wenn ich nicht zeitlich und ewig verloren gehen sollte. Ohne die Revolution wäre ich vielleicht nie zur Religion gekommen." — Die vielen Geschichten der Zuchthäusler überzeugten ihn, daß der Mangel an positivem Christenthum Hie erste Quelle deS Unglückes aller Menschen sey. Vom Nützlichkeiispn'ncip der Zcit iirch immer durchdrungen erschien ihm das Christenthum als die wahre NützlichkeitSreligion, und den Katholicismus als 1S0 vollendetste Form deS Christenthums längst betrachtend, fand er in der Befolgung der Lehren desselben auch das Geheimniß des zeitlichen Glückes, die einfachste und großartigste Lösung der socialen Ausgabe. Nebst den Erzählungen gemeiner und politischer Perbrecher machten ihn auch das Lesen guter Bücher und die Unterredung mit Geistlichen immer mehr nachdenklich. „Gott schien mich an den Haaren zu sich reißen zu wollen, im Zuchtbausc mußte ich gezwungen den guttcSdienstlichen Uebungen fleißig anwohnen." — Doch vollendete sich die Bekehrung erst in der einsamen Zelle zu Bruchsal. „Die Einsamkeit (so schildert er sie selbst) hielt eindringliche furchlbare Reden an mich, der alte Mensch fing mit dem neuen in mir immer ärgere Hände! an; ich dachte unter TagS und in der Nacht an mich, suchte die Räthsel meines Schicksals zu lösen, und wurde täglich mehr überzeugt, welcher Bursch ich eigentlich bisher gewesen, und wie wenig eS mein eigenes Verdienst sey, niemals eine an sich entehrende That begangen zu haben. In einem Hausgcistlichen lernte ich einen sehr gebildeten Mann kennen, der vor meinem Bücherkram keineswegs verstummte, und in ihm gleichzeitig einen Christen, wie ich bisher noch keinen kennen gelernt hatt-e. Immer lebhafter erwachte in mir das Bedürfniß eines positiven Verhältnisses zu Gott, die Sehnsucht nach Wahrheit, erleuchtender und beseligender Wahrheit. Vom leiblichen Schmerz gefoltert hinkte ich an einem Krückenstock elendiglich und von den Menschen verlassen im Zuchthause herum. Wiederum las ich katholische Bücher, und ich sah ein, daß Christus der Mittelpunkt und Wendepunct der natürlichen und übernatürlichen Welt, des Dießsciis uud Jenseits sey. Eine neue Eroe, eine mue Geschichte der Menschheit, ein neuer Himmel eröffnete sich mir in emer kleinen Zelle deS neuen MänuerzuchthauseS zu Bruchsal." So endet die lehrreiche Selbstbiographie deS ehemaligen Züchtlings. Der Bekehrte scheute sich nicht, seine Fehler und Schwachen vor dem großen Publicum zn gestehen, und eS leitete iyn dabei die redliche Absicht, das Christenthum, das er so tnnge verrannt, in seinen Mitmenschen zn fördern. Seine Geschichte zeigt im Kleinen die großen Schäden uud Wunden der gesellschaftlichen Zustände unserer Zeit, nnd die wunderwirkcndc Kraft des heiligen katholischen Glaubens. Ja wahrlich- „Langsam und allmälig wächst der Mensch im Guten, rascher und reicher im Bösen." Rom. Rom, 2. April. Wie bekannt, gibt eS nicht bloß in Reui selbst, sondern auch in der Umgegend gar manches ehrwürdige Denkmal der christlichen Vorzeit, und viele dmch merkwürdige Ereignisse geheiligte Orie. Nichts ist aber erfreulicher, als unter den Denkmalen, die unö den lebendigen Glauben der Vergangenheit bezeugen, von Zeit zu Zeit sich neue, die das Forllel'en dieses selben Glaubens bekunden, erheben zu sehen. Eben jetzt, da die Umstände der Zeit solchen Unternebmungen'am wenigsten günstig zu seyn scheinen, hat dennoch die Gründung eines solchen Heilig- lhumes auf eine Weise begonnen, über welche einige nähere Nachrichten nicht unwillkommen seyn möchten. In dem Zweige dec Appeninen, der sich zwischen den uralten Städten Tivoli und Paläftrina hinzieht, ragt die Bolturella über alle anderen Bcrge hervor. Man überschaut von der Spitze aus nicht blos die Ebene, in der Rom gelegen ist, sondern auch das Gebiet der Samniter, Sabincr, Abruzzen, das ganze alte Latium nnd die Fläche des lyrrhenischen MeereS. Armes Hirtenvolk bewohnt den fast kahlen Rücken dieses Berges, wenige Felder mit großer Anstrengung bebauend, und ihre Hcerden an den steilen Abhängen weidend. Auf der Höhe, etwa eine kleine halbe Stunde unter dem Gipfel, steht eine vom heiligen Sylvester erbante Kirche, und auf der Spitze deS Felsens, der sich über dieser Kirche erhebt, eine kleine Capelle, die dem heiligen EustachinS geweiht ist. Denn eS war an 'dieser Stelle, wo dem heiligen EustachinS der Hirsch mit dem Kreuze zwischen den 1SI Hörnern erschien. Am Fuße des jähen Felsen zeigt man die Höhle, in welche sich der heilige Benedict zurückzog, als er, auS Rom entfliehend, das Einsiedlerleben begann. Denn erst etwas später begab er sich von hier in die berühmte Grotte bei Subiaco, wo er drei Jahre verborgen blieb, und dann die ersten Klöster seines Ordens baute. In einem kleinen Dorfe, nicht weil von jener Capelle deS heiligen EustachiuS gelegen, befindet sich ein Bild der schmerzhaften Mutter, das in der jüngsten Zeit Gegenstand ganz besonderer Verehrung geworden ist. Nicht blos die armen Bergbewohner, sondern viele in der Umgegend wohnende Gläubige, welche sich jener Andacht empfahlen, oder sie auch veranlaßten, während mehrere Tage besondere Gebete zu Ehren der Mutter des Herrn zu verrichten, erhielten von Gott die Gnaden, die sie begehrten, und nicht selten auf eine Weise, die an'S Wunderbare gränzte. Indem sich also die Andacht zur schmerzhaften Mutter immer vermehrte, regle sich in den Bewohnern jenes Dorfes der Wunsch, eine Kirche zu erbauen, in welcher sowohl sie selbst, als auch fromme Pilger ihre Andacht verrichten könnten. Das Dörflein hat zwar eine Kirche, aber eine solche, die kaum diesen Namen verdient. Indeß eine neue zu erbauen war ein gar kühner Gedanke. Um den Boden für den Bau zu gewinnen, mußten die starren Felsen, zwischen denen die Hütten der armen Landleute gebaut sind, der Erde gleichgemacht werben, nnd mit welchen Kosten müßte dann erst die Ausführung des Gebäudes auf dieser Höhe, wohin keine Straße, sondern nur enge Pfade führen, verbunden seyn! Ein Priester, der sich von Zeit zu Zeit aus Rom in jene Berggegend begibt, ermunterte nichts desto weniger die gute» Leute, Hand an's Werk zn legen. Er suchte und fand wenigstens so viel Unterstützung, daß jene, die an der Abtragung der Felsen arbeiteten, für die Zeit, die sie ihren sonstigen Beschäftigungen entzogen, schadlos gehalten wurden. Nun entstand aber, wie die Arbeit sorlschrilt, der Gedanke, nicht sowohl eine kleine Psarrkirche zn banen, als vielmehr einen Wallfahrtsort, an dem das Leiden deS Herrn und seiner Mutter verehrt würde, zu gründen. Zu dem Ende sollte nicht nur die Kirche geräumiger, sondern auch ein an dem Berge sich hinziehender Kreuzweg mit den vierzehn Stationen angelegt werden. Diese Unternehmung ist nun freilich bis jetzt nur ein Plan, der aber so große Theilnahme gefunden hat, daß man an feiner Ausführung keiuesweges verzweifelt. Es ist eiu erhebender Gebanke, in der Nähe der Hauptstadt der Christenheit ein Denkmal der Geheimnisse des Leidens, durch das die Welt erlöst wurde, und an einem One zu besitzen, der schon in mehrfacher Hinsicht den Christ- glänbigen ehrwürdig ist. Die armen Bergleute haben ihre Arbeit vollendet, und mit unsäglicher Anstrengung die Felsen geebnet. Es sind — noch ehe Ausforderungen ergingen — ziemlich bedeutende Summen geschenkt, und vermittelst derselben die zum Bau nöthigen Materialien zum Theile schon angeschafft worden. Der heilige Vater begünstigt das Unternehmen, und der verehrte Cardinal Fransoni hat sich an die Spitze desselben gestellt. Man wird nun eine allgemeine Collecte, auch außerhalb Italiens, anstellen: möge Gott das begonnene Werk durch seinen Segen fördern! (Münst. Sbl.) Die katholische Kirche auf den Tandwichinseln. Münster. In den letzten Tagen des März besuchte uns ein Mitglied der Picpus-Cvngregation, Bernhard Hermann Köckemann, um von seinen Eltern in Ostbevern Abschied zu nehmen und dann als Missionär nach den Sandwichinseln sich zu begeben. ES ist höchst erfreulich, daß die Deutschen wieder anfangen, eö thatsächlich zu widerlegen, als seyen sie nicht sür die auswärtigen Missionen geeignet. Hat doch Deutschland in früheren Jahrhunderten ausgezeichnete Missionäre geliefert, warum sollte es jetzt die Fähigkeit dazu verloren haben? Gort geleite den jungen Missionär auf seiner Reise, die bei der ungeheuren Entfernung nach seiner Aussage wohl über ein halbes Jahr dauern wird! — Wir fügen einige Worte über 152 die Sandwich,'ii sein hinzu. Schon im Jahre 1826 reisten die ersten Missionäre zu den Sandwickinseln ab; mußten jedoch wegen der von den methodistischen Missionären (diese haben schon seit fünfzig Jahre» dort festen Fuß gefaßt) ausgehenden Verfolgungen bald zurückkehren. Indeß durch Geduld und Ausdauer bei unzähligen Ränken und Gewaltthätigkeiten ist es ihnen im Jahre 1838 gelungen, diese Mission als apostolisches Vicariat regelmäßig zu organisiren. Die Missionäre haben bereits mehrere größere Kirchen und viele Capcllen erbaut, Schulen errichtet und besitzen sogar ein Pensionat von dreißig Schülern in der Hauptstadt Honolulu. DaS ganze Vicariat besteht ans sieben bewohnten Inseln. Die Einwohnerzahl beträgt ungefähr 86,000 bis 90,000, von denen 22,000 Katholiken, 22,000 Protestanten, die übrigen noch Heiden sind. Die Religion ist frei nach den LandeSgcsetze», welche sogar den alten Aberglauben verbieten. Indeß wird das Heideuchum heimlich noch begünstigt durch die inländischen Häuptlinge und die katholische Religion von dem Ministerium, wclckeS großenlheils aus Protestanten zusammengesetzt ist, unter der Hand verfolgt; vorzüglich in Betreff der Schulen, indem die katholischen Lehrer nur mit der größten Schwierigkeit zu einer Anstellung gelangen, in der Besoldung sast ganz vernachläßigt werden und noch unablässig zum Abfalle gereizt werden. Deßungeachtet sind die Minister unverschämt genug, die ganze Schuld den Häuptlingen aufzubürden, welche im Grunde nur ihre Werkzeuge sind. Aber die Hand Gottes wird dadurch nur um so sichtbarer. Denn irotz aller Hindernisse macht der Katholicismus sehr bedeutende Fortschritte. Im Jahre 1851 zählte man 1700 Taufe», und nach den letzten Berichten neigt sich die ganze Bevölkerung dem katholischen Glauben zu, weil sie in der letzten Zeit bei Gelegenheit einer verheerenden Seuche die aufopfernde Nächstenliebe der katholischen Missionäre in ihrer ganzen Größe erkannte. u v n. London, 21. April. Der hochwürdige Episkopat von England hat an den hochwürdigsten Erzbischof von Freiburg eine Collectivadrcsse gerichtet, worin eS heißt: „Gott hat Ihnen einen harten Kampf gegeben, damit Sie cineS Tages siegreich seyen, auf daß die Feinde der Kirche erfahren, daß sie trotz aller ihrer Gewandtheit und Gewalt nur unmächtig sind der Weisheit gegenüber, welche die Vertheidiger derselben mit Sanftmuth, Langmuth und Geduld bewaffnet. Mit diesen Waffen haben Sie, ehrwürdiger Bruder, muthvoll gckämpft, durch sie haben Sie die Sache GotteS und seiner Kirche so gut erhöhet. Welchen Trost, welche Ermuthigung und Freude finden wir nicht in dieser unerschütterlichen Treue eines unerschrockenen Kämpfers, der schon lange im Feldlager der Kirche ergraut ist, dessen herrliche Beispiele uns an die erinnern, welche wir vom heiligen Anselm und vom heiligen Thomas empfangen haben? Alle beiden haben, durch ihre Geduld und der zweite durch seinen Tod, einen so glänzende» Sieg über Feinde davongetragen, welche gerüstet waren, die Kirche mit Allem, was im Bereiche der menschlichen Macht liegt, zu verfolgen, Sie, ehrwürdiger und hochgeliebter Bruder, Sie, in dem das hohe Alter den Muth und die Gluth der Jugend nicht gestört hat, Sie, der sie immer bereit, für Gott und seine Kirche zu sterben, sich nicht durch Drohungen und Bande einschüchtern lassen, Sie haben bereits gesiegt." Beravtwortlicher Redacteur: L. Schönchen Verlags-Inhaber: F. E. Kremer. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur > Augsburger Pojheitung. 14. Mai 2V. 1854. Diese« Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnement«prei« TV K., wofür e« durch alle köuigl. bayer. Postämter uud alle Buchhandlungen bezogen werden kann. DaS Armenwesen vom katholischen Standpuncte betrachtet. Zweiter Artikel. 1. Die Kirche sey frei. Nur dann wird die Noth sich beseitigen lassen, wenn sich der LebenSbaum ungehindert entfaltet, unter dessen Schalten auch der Arme und Verlassene, der Bedrückte und Schwache sich flüchten und Erquickung finden kann. Ein Staat, der eifersüchtig die Kirche knechtet, unterbindet das Leben, das auf einen großen Theil seiner Einwohner übergehen sollte. Alle Plane deS Staates, ohne dieses erste und oberste Prstulat einzugehen, sind ein Tropsen Süßwasser im bitteren Meere dieses Lebens. Von den Frühlingstagen der Kirche an mit ihren nicht kurze Zeit fungirenden Diaconen, den Armen- und Krankenhäusern zu ChrysostomuS' Zeiten bis herauf „zum Armen Christi" (il poverello del Llnisto), der die Armuth selbst nach des größten Dichters Ausdruck „als die in der Well zurückgelassene verwittwete Braut deS großen Einen, des Goltmenschen, vor dem himmlischen Vater sich angetraut", und seinen Gleichgesinnten ist es ein großes Wort, welches die Armen hörten und fühlten: „In der Kirche ist Heil." Institute, hervorgerufen von Theresia von Jesu und Johannes vom Kreuze, den Fiirbittern und Tröstern in allem Leiden der Welt, von JgnatiuS von Loyola, dem Lehrer gegen alles Uebel deS LeibeS und der Seele, von Johannes von Gott, dem Pfleger der Kranken und Irren, von CamilluS von Lellis, dem Beistande der Sterbenden, von Joseph Calasanctius, dem Lehrer der Verlassenen, von HieronymuS AemilianuS, dem Erzieher der Waisen, von Franz von Sales, dem Pfleger der Andacht, von Vincenz von Paula, dem Bekehrer der Irrgläubigen und Adwender alles Uebels dieser Welt, von Johannes de la Salle, dem Gründer der Schulbrüver, von Angela Merici, der Gründerin der Schulschwestern, von AlphonS von Liguori, dem Lehrer des Volkes u. A. m. könnten über die Wahrheit dieses Satzes Beweis seyn, so wie für die große Thatsache, daß Christus, die ewige Barmherzigkeit, mit demselben Charakter seine Kirche ausgerüstet und sie als das Asyl aller Hilfsbedürftigen der Welt gegeben hat. Von ihrem Blühen, welches von der Freiheit derselben wesentlich bedingt ist, hängt auch diese ihre Wirksamkeit ab, sie kann verkümmern, wenn von ihrem liebevollen Herzen ihre am Meisten gepflegten Kinder hinweggenommen oder Vorschriften gewaltsam aufgedrungen werden, die ihren Weg hemmen; over sie kann den Reichthum ihrer Schätze ungehindert entfalten, wenn ihr die von ihrem göttlichen Stifter verliehenen Rechte und Befugnisse unvcrkümmcrt belassen werden, und unter dem Schutze „deS weltlichen Armes" jede feindselige Störung ferne bleibt. Die Gewalt hat nicht nur allein das organische Leben der Kirche alterirt, sondern sie auch an Gütern dieser Welt arm gemacht; im Verbände damit ist nicht nur die Kirche in ein gehässiges Licht mit ihren besten Tendenzen gekommen, sondern der eigentliche Beruf für die Armenpflege auch negirt und dieser von ganz anderen Einflüssen abhängig gemacht 184 worden, als eö die Natur der Sache verlangt. Dadurch, daß die Kirche ihr Vermögen nicht mehr verwaltet, ist ihr ferner eines der wichtigsten Mittel zum Steuern der Noth entrissen, wie sie auch dieses im ungebundenen Zustande bethätigte.*) (Nvnss pimperuin, mensa 8. Spiritus.) Die Bischöfe, von schwer bindenden Vorschriften**) ausgehend, schufen um sich Anstalten, die, wie die Armen mit Christus, dem Haupte der Kirche verbrüdert sind, gemeinsamen Bestand und Titel mit der Kirche führten. ***) In der freien Kirche waltet ferner allein jene nachdrucksame Disciplin, welche die moralischen und ersten Quellen der Noth zu beseitigen im Stande ist. Denn wo statt deö seichten HumanitätSprincipeS gegen den sittlichen Versall eine heilige Strenge einschreitet, da wird Gott und Gesetz als Rächer gerufeu, und der Erfolg ist kein Hohn der Gesetze mehr. Erst unter einer strengen Zucht kann daS Herz zu Großthaten für Gott und den Nächsten erstarken, wie auch die Physiologie nachweist, daß an einer strengen Lebensweise Geist und Körper sich aufrichtet. Die Strenge der Kirchenzucht wandelte öffentliche Sünder in reuige Büßer und Heilige um. Könnte also die Kirche die ihr als eigene Corporation rechtlich zuständige Disciplin entfalten — in Bezug auf das Armenwesen wäre ein bedeutender Schritt zur Besserung gethan. Die freie Kirche sieht sich im Besitze des Rechtes auf die Erziehung, und eS ist ihr dann gegeben, nach Abwendung einer seichten und unchristlichen Bildung, dem Grunde alles Uebels, einen Zustand hervorzurufen, der Alles hoffen läßt. Ans diesem ihrem wesentlichen und unveräußerlichen Rechtes) folgern wir viel für unsere Beweisführung. Die Sache ist zu evident, als daß man noch längere Worte verlieren sollte. Unser jetziges Schulwesen, das weder kalt noch warm ist, mag eS das höhere oder das niedere betreffen, hat keine innere und dauerhafte Kraft zur Erreichung eines erfreulicheren Zustandes; denn wir sind der Ueberzeugung, daß da, wo das Princip verfehlt ist, kein günstiges Resultat erfolgen kann. Die freie Kirche hat endlich jenes Ansehen für sich, wodurch sie in den Stand gesetzt wird, die herrschenden Vorurtheile zu besiegen und namentlich als die natürliche Mutter der Armen zu erscheinen. Erst muß ein neuer Morgen angebrochen seyn, wenn man nach vorausgegangener Finsterniß die Wohlthat des Lichtes empfinden will. Einer Magd wird nichts Größeres zugedacht, als die ihr gerade zugemessene Arbeit. Dann, wenn der Reiche eben so Achtung vor der Kirche gewinnt, wie der Arme; dann, wenn man die göttliche Autorität der Kirche durch Gesetze und gesetzliches Verhalten öffentlich anerkannt und gefeiert sieht; dann, wenn die Vorstände der Kirche nicht mehr bloß als ebenbürtige Beamte, sondern als Stellvertreter GotteS und Spender der himmlischen Gnaden angesehen werden; dann, wenn auf das ganze Verhalten der Kirche wie auf das des erlösenden Gottessohnes hinübergesehen wird: kann, eine bessere Zukunft anbrechen. 2. ES gestatte und begünstige der Staat die freie christliche Association. Erst seitdem diese unterdrückt ist, ist die Armuth ein Krebsschaden der Staaten geworden, der mehr und mehr sie zu verderben droht. Mögen Vereine unter alten Regeln sich bilden, oder unter neuer Form austreten — sie müssen zugelassen werden. Es darf etwa der Zusammentritt Solcher, welche gemeinsam das Feld bebauen, ledig bleiben, ihreu Verdienst zu Wohlthaten verwenden, welche Vereine hie und da anf- tauchen und eben so zeitgemäß als segenreich sind, nicht mit argwöhnischen Augen angesehen oder gar unmöglich gemacht werden. Hiemit würde einem doppelten Uebel begegnet, dem Proletariate und der Furcht vor einbrechender Uebervölkerung. WaS man mit allen Planen noch nicht zu Stande gebracht, erwächst aus dem gläubigen Leben von selbst. Hierher ist zu rechnen die Vervielfältigung von religiösen Anstalten, ') Conc. Lvlon. IK62, 3, tZ. ") c, 1 v. 82. — e") t^spit. Ksrol. »I. ->. 793, e. 1. — Lone, '1'icin. 850. v. !ö. t) D,nkschrift des Episkopats d»v sbttrhein. Kirchenprovi'nz K t»> 155 welche zunächst zur Erziehung und zum Unterrichte bestimm! sind: Schulbrüder, Schulschwestern, barmherzige Bruder, barmherzige Schwestern müßten die größtmögliche Verbreitung erhalten. Jene vielen Verwahrlosten, die Alles besorgen und AlleS befürchten lassen, und irotz der Errichtung von Häusern noch nicht verwahrt sind; jene zwei Hanpinrsachcn der Verkommenheit, Unkenntniß der Mittel zur Begründung einer besseren Existenz und Flachheit des Glaubens, würden ohne viel Aufsehen und Nachdenken verschwinden. 3. Die bisherige Armenpflege muß durch eine bessere, sachgemäße ersetzt werden. Man Hai bereits gefühlt, daß diese nicht ausreicht, und dadurch Obsorge zu treffen gesucht, daß man ihr außerordentliche Mitglieder beigab, die persönlich um den Nothstand in geistiger und leiblicher Beziehung sich zu interessiren und Abhilfe zu beschaffen habe». Wenn die ganze Organisation dieser Pflegen fehlerhaft, so ist eS dieses Projekt nicht weniger. Wir wissen es aus eigener Anschauung, wie wenig mit allen diesen Anordnungen gethan ist, bei denen deS Gegensätzlichen so viel influirt, daß man gewöhnlich über den Anfang nicht hinauskommt. Der eigene Beruf, der auch abgewartet seyn will, die Apathie gegen Vieles, das solcherlei Lente nicht über« winden tonnen, und das nicht eher entdeckt wird, bis eS zu spät ist, die Bande der Verwandtschaft und Freundschaft, welche den Almosenier schon in das Parteigetriebe hinabziehen, oft das Unvermögen, auch beim besten Willen der sittlichen Noth die richtige Heilung entgegen zu setzen (denn mit einer matten und natürlichen Moral ist nichts gethan), endlich das Begnügen mit der tabellarischen Ausfertigung, so daß eS nur eine schreibselige Abhilfe mehr wird — das sind die Gebrechen, an denen diese Projene scheitern müssen. Hier ist es wieder allein die Kirche, die in sich die richtige Methode birgl. Es gehört zu Allem, so auch zur Armenpflege, nicht bloß eine allgemeine Befähigung, sondern ein besonderer Beruf; ohue diesen kein Heil. Den Beruf der Armenpflege hat nur die Kirche; ihre Vorsteher sind somit die gebor- nen Pfleger der Armen. Der Kirche überlasse man ihre Armen, die für sie schon so Großartiges in ihrer volleren Freiheit geleistet; eS werden bald neu organisirte Pflegen, ganz dem Geiste der Kirche und der Natur der Sache gemäß, sich erhebe». Nach allen Seiten hin ist der Erfolg gesichert; steht ja Niemand dem Einzelnen so nahe, als der Seelsorger, vertraut mit seiner Noth, die ihn bei ihren verschiedenen Mannigfalligkeiten in Anspruch nimmt, als der Seelsorger, der mit der Heiligkeit seines Berufes und Würde seines Amtes umgeben jetzt die verlassenen Kleineil cimr sicheren Zufluchtsstätte zuführt, jetzt mit der Liebe des gute» Hirten den Verirrten umfäugt und nach der Aussöhnung mit Gott als nützliches Glied der Gesellschaft zurückgibt, jetzt mit christlichem Almosen und nicht mit zugesicherte« Pfründe- mäßigen Reichnissen die Noth lindert uud zugleich den Balsam christlicher Liebe in seine Wunden gießt, jetzt der unbekannten Noth nachgeht und den Keim deS Uebels erstickt, der unberechenbar um sich gegriffen haben würde. Man tragt sich herum mit den Hoffnungen auf die sogenannte „innere Mission". Abgesehen davon, daß es schwer ist, zu ergründen, waS dieser baroke, von der katholische» Kirche ungc,chickt entlehnte Ausdruck sagen will, so ist kein Mensch so sehr der berufsmäßige innere Missionär, in der wahren Bedeutung deS Wortes, als der Priester. Die „innere Mission", so viel nämlich dem Worte abgewonneil werden kann, wird Niemand so lren und erfolgreich üben können, als der Priester; er, der das geistige und leibliche Element in dem einen Almosen unter Gottes Hut, der seine Diener lenkt, dem Dürftigen mittheilt; er, der ein specifisch gnädig begabtes Glied der Kirche ist, die für sich den Beistand des heiligen Geistes ha>, im Blute des Lammes, das am Altare geopfert wird, die Schuld der Welt sühnt, und auf das ihm vertraute Opfer die Fülle deS Segens herabfleht; er, der nach dem Worte und Beispiele seines Herrn und Meisters der Diener Aller geworden, alle Noth der Seinigen mitfühlt, und wie ein Vater auch mir Hintansetzung seines eigenen Lebens ihnen beizuspringen bereit ist. 4. Je mehr die christliche Association begünstigt wird, desto mehr muß die vom Hauche der Sünde vergiftete beschränkt werden. Dahin gehört vor Allem das 156 Hunger und Kummer stiftende Fabrikwesen, eine Richtung der Neuzeit, in der Viele zum Nutzen des Einen sich hingeben und dessen steigender Habsucht dienstbar werden, in der der Einzelne, seiner Individualität verlustig, zu einem Theil der Maschine herabsinkt, und eben darum, weil er materiell geknechtet, in der Materie am liebsten weilt und seine Befriedigung findet. Hier neutralisirt sich der Wille wie daS Vermögen, und der Einzelne lernt sich seilen beherrsche» und nachhaltig versorgen. Man schwärmt für Fabriken, wenn man einer armen Gegend aufhelfen will, und diese wird dadurch immer ärmer. Die Arbeit wird erst zu einer christlich vollkommenen erhoben, wenn Jeder aus Liebe zu Gott einem bestimmten, selbstständigen Berufe sich hingibt, und wie die höchst mögliche sittliche Vollkommenheit, so auch die gewerbliche Vollendung in freiem Fortschritt anstrebt. Das Fabrikvvlk ist überall daS schlechteste, weil nie oder selten ein Segen dabei. Blühende Fabriken sind gleich großem Elende. Darum im Mittclalter die vollendetsten Gewerbe, von denen viele sogar mit der Zeit zu Grunde gegangen. 5. Viele andere Mittel sind bloß Konsequenzen aus dem allgemeiner gewordenen, freien, christlichen Leben und aus der christlichen Haltung der Staaten. So wäre z. B. nie zuzulassen die Emancipation der Juden; denn man muß auch den letzten Rest christlicher Anschauung verloren haben, wenn man hiefür eifern oder gar ein Ret- tungsmittel gegen die Schäden der Zeit hierin erblicken will. Das Volk weiß es: das sind meine AuSsauger; wenn ich Noth habe, falle ich bei ihnen von der Scylla in die Charybdis. Damit hängt serner zusammen die Verminderung der Gelegenheiten zur Noth, als da sind: zu viele Schenken, daS Fortbestehenlassen von Winkelkneipen und Schnapshäusern, die an manchen Orten, besonders in Landstädten, zur Unzahl gestiegen sind, die häufigen Tanzbelustiguugen, daS öffentliche Spiel :c. Unser CaronischeS „^mplius" zur Hebung der Noth reducirt sich sonach immer auf das freie Aufblühen des gläubigen Lebens und der Kirche. (Kath. Wochenschr.) - » Luxemburger Zustände. So wie man vor einigen Jahren überall von Volksversammlungen, ReichStagS- wahlen, Constitutionen, Kammerverhandlungen u. s. w. reden hörte, so bildet seit einigen Monaten hier in unserem Luxemburger Lande das mit dem heiligen Stuhle bald abzuschließende und von einigen Zeitungen bereits als abgeschlossen angekündigte Concordat bei Weltlichen wie bei Geistlichen den Gegenstand des allgemeinen Tagesgespräches. Die kirchenfeindlichen Bureaukraten und Freimaurer sammt einigen, im Verhältnisse zu der größten Mehrzahl unseres kerngesunden Klerus jedoch äußerst wenigen, altregierungsfreundlichen Geistlichen scheinen sich mit der Hoffnung zu schmeicheln, daß die definitive Abberufung des hochwürdigsten Herrn Bischofs entweder eine von der jetzigen Regierung als unerläßlich dabei gestellte Bedingung oder doch gewiß eine notluvenvige Folge dieser Uebereinkunft seyn werde; bei dem katholischen Volke aber und bei seinen braven Priestern ist eS zumal die gegründete Aussicht auf die baldige Rückkehr deS vielgeliebten Oberhirten, und zwar nicht mehr als apostolischen VicarS, sondern als Bischofs von Luxemburg, die den Luxemburgern so oft Veranlassung gibt, vom bevorstehenden Concordate zu reden; denn es scheinen beide Fragen wohl zu eng miteinander verbunden, als daß die eine ihre Lösung ohne die andere finden könnte. Doch mögen die Wünsche und Hoffnungen auch verschieden seyn, so scheint der Augenblick doch nicht mehr so gar ferne, in dem wir unsere kirchlichen Angelegenheiten durch gesetzmäßige Verträge geordnet sehen werden, und ward daS Land bisher auch in seinen gerechten Erwartungen getäuscht, so muß dieses einzig und allein den von unsererer früheren Regierung gemachten und vom Haag aus unterstützten Schwierigkeiten zu gute gehalten werden, denn das Großherzogthum selbst konnte nicht die geringsten Hindernisse in den Weg legen. Mag es auch immerhin als Provisorium angesehen werden, daß wir ein apostolisches Vicariat oder vor der Hand gar nur ein Provicariat besitzen, so hat diese unsere Vicarie doch !57 nur Das mit anderen apostolischen Vicariaten gemein, daß fie in einer unmittelbaren Stellvertretung des heiligen SluhleS bei unS besteht und unser Land weder von einem Bischof noch von einem Metropolitan abhängig macht; übrigens können die Verhältnisse und Missionszustände der anderen Vicariate gar keine Anwendung bei unS finden, denn die kirchlichen Verhältnisse waren von jeher genau und bestimmt bei unS geordnet. Unser Land ist immer erclusiv katholisch gewesen, und als die Ketzerei deS töten Jahrhunderts so Vieles um unS herum niederriß, gelang eS ihr doch nicht, ihre tätlichen Fittige über Luxemburg auszubreiten; wir sind der alten Kirche treu geblieben, wie eS der heilige Willibrord unsere Vorfahren gelehrt hatte, und je nachdem wir nach der damaligen kirchlichen Eintheilung des Landes bis dahin entweder zu Metz oder Trier oder Lüttich gehört hatten, so fuhren wir auch in den folgende» Jahrhunderten fort, unsere Bischöfe, unsere Domcapitel, unsere Seminare in einer der genannten Städte zu haben, bis unser jetziges Großherzogthum endlich »cm BiSthum Namur einverleibt wurde, waS aber keinerlei Abänderung an der vollständig organi- sirten geistlichen Administration des Landes zur Folge hatte. Doch da Wilhelm I. später nicht gerne sehen mochte, daß die Jurisdiktion eines belgischen Bischofs sich über einen ihm treu gebliebenen Staat erstreckte, so trug er zu Rom auf die Trennung deS letzteren und auf die Einsetzung einer eigenen geistlichen Verwaltung für das Großherzogthum an, worin sich der heilige Vater denn auch um so willfähriger zeigte, als die Errichtung eines eigenen Bischofssitzes sür das deutsche Luxemburg dein wahren Interesse dieses deutschen BundesstaateS mehr entsprach, als der Anschluß an eine fremde Diöcese, in der französische Sprache und Sitten herrschten. Wenn nun auch durch die besagte Trennung die kirchliche Verbindung mit Namur gelöst ward, so blieb doch der durch das Concordat von 1827 geregelte innere Diöcesanzustand; Alles ward beibehalten, was wir in der geordneten Administration hatten, und auch die Aussicht auf einen eigenen Bischofssitz ward unS nicht vorenthalten. DaS neu errichtete Priesterseminar sollte als sicheres Unterpfand dienen, daß bald ein eigener LandeS- bischof die Verwaltung deS Landes übernehmen würde; einstweilen nur erhielten wir einen apostolischen Vicar. Aber die Regierung gab bald zu erkennen, daß eS ihr nicht um das wahre Interesse deS Landes zu thun war; sie begnügte sich damit, den Verband mit Belgien gelöst zu sehen, und hat bisher weder auf den Wunsch deS heiligen Vaters, noch auf die in der Synode vom 2. Mai 1343 vom Luxemburger Klerus feierlich ausgesprochenen Bitten hinsichtlich deS zu errichtenden Bischofssitzes geachtet. Beim Provisorium könnte eS ja ihrer Meinung nach bleiben, ja daS Priesterseminar wollte die Kammer sogar geschlossen wissen; die Abschließnng eines Con- cordatS, die Errichtung deS Bischofssitzes in einem apostolischen Vicariate stoße bei den jetzigen Umständen auf gar zu viele Schwierigkeiten — so ließen sich die Erminister öfters verlauten, aber dessen thaten sie keine Erwähnung, daß die gcfürchteten Hindernisse bei uns gar nicht vorhanden sind. Wir sind ja in keinem MissionSlande; die Vicarie, das Pro bezieht sich bloß auf daS Haupt der Verwaltung, nicht aber auf die innere Organisation. Wir haben 13 Deccmate in 239 Pfarreien kanonisch eingetheilt; 112 Stellen, denen aus der Staatskasse je 500 FrcS. Gehalt angewiesen sind, sind gegenwärtig zwar ans Mangel an Priestern unbesetzt; aber mag ein Concordat abgeschlossen werden, oder nicht, der Staat muß in jedem Falle den von dem an der Spitze der Administration stehenden Chef angestellten Geistlichen den verlrags- mäßig angewiesenen Gehalt zahlen. Es werden also auch in dieser Hinsicht keine neuen Forderungen an die Regierung gestellt. Ist eS somit noch nicht bis zum Abschlüsse des ConcordatS gekommen, so liegt dieß lediglich an der böswilligen Hartnäckigkeit der vorigen Landesregierung. Doch die Lage der Dinge hat sich seit dem letzten Herbste merklich verbessert. Der königlich-großherzogliche Statthalter, Prinz Hein- rich, hat eS bei der letzten Kammereröffnung feierlich ausgesprochen, daß die Unterhandlungen mit dem heiligen Stuhle behufs der Abschließnng eines ConcordatS wieder aufgenommen seyen; den neueu Ministern oder Generaladministratoren scheint eS ebenfalls höchst erwünscht, die kirchlichen Angelegenheiten endlich definitiv geregelt und daS immerwährende Provisorium beseitigt zu wissen. Der Herr RegierungS - Präsident 1S8 Simon, ein ehrenwerther Mann, der, wie man sagt, hauptsächlich wegen dieses Geschäftes im strengsten Winter nach dem Haag gereist war und alldort mit dem päpstlichen Nuntius öfters darüber Rücksprache gepflogen, ist vor Kurzem hierher zurück, gekehrt. Er soll sich seither nicht nur bereit erklärt habcu, dem Entwürfe beizupflichten , von dem gut verbürgte Nachrichten in den öffentlichen Blättern des JahreS 185l) gemeldet, daß er von per nach Rom gehenden Gesandtschaft des Luxemburger KleruS dem heiligen Vater unterbreitet worden sey; sondern er soll sich sogar nicht abgeneigt gezeigt haben, der Rückkehr des hochwürdigsten Herrn Bischofs keine Hindernisse mehr in den Weg zu legen, falls die Umstände sich im Verlaufe der Unterhandlungen so gestalteten, daß sie dieselbe als geboten erscheinen ließen. (Kath. Wochenschr.) Die Feier deS 24. April auf der Riedenburg bei Bregenz. Wiewohl die Riedenburg am 24. April noch nicht in ihrer ganzen Ausdehnung dem segensreichen Zwecke, dem sie fortan dienen soll, vollkommen angepaßt war; wiewohl in einem Theil des Baues alle Arten von Handwerker noch beflissen sind, ihrem Rennen und Poltern und Hämmern ein baldiges Ende zu machen, damit geheiligte Ruhe und erhebende Stille durch alle Räume deS schönen HauseS walte; er.ichteten doch dessen fromme Besitzerinnen, der 24. April sey der geeignetste Tag zur feierlichen Eröffnung ihrer Anstalt, zur Bezeugung ihrer ungefälschten Dankgefühle, zur Bewährung, daß in dem allgemeinen durch weite Länderstrecken wogenden Jubel auch sie nicht stumm und regungslos bleiben. Sollte doch sür die Anstalt selbst der Segen deS himmlischen Beschirmers herabgefleht werden und hätte es hierzu einen passender» Tag gegeben, als denjenigen, an welchem die künftigen Bewohnerinnen, vereint mit Millionen freudig und dankbewegter Herzen, denselben zugleich über ihren irdischen Schirmherrn herabzuflehen sich mußten gedrungen fühlen? Ist es doch dessen helle Einsicht in das, wessen die Zeit vor allem bedarf, welche dem Herzen Jesu den Sieg verschafft, treubesorgten Eltern eS möglich gemacht hat, ihr kostbarstes unv theuerstes Gut sorgsam wahrender Pflege anzuvertrauen. Gleich als zu einem lichten Gestirne blicken seitdem von allen Ufern deS schönen BodenseeS die Anwohner zu der Riedenburg auf, und als zweifach festlicher Tag winkte, lud der 24. April sie dahin ein. Vornehmlich erkannte der katholische Adel aus dem angränzenden Württemberg und Baden es als angenehme Pflicht, eben sowohl seine iheilnehmeude Freude an dem Festtage Ihrer apostolischen Majestät, als den Vamk8 clu 8ger6 eoächsischen Geschäftsträger Ernst Planier, der bekanntlich den wesentlichsten Antheil hatte an der Verfassung des großen Werkes „Beschreibung der Stadt Rom" und der kleineren Ausgabe ,,Beschru'bnnz NomS". Herr Platner ist ein Mann von achtzig Jalnen, aber noch lebenskräftig, mic ungeschwäch-em Gedächtnisse, voll geistiger Regsamkeit und in der Ge>cllschajt immer zu Geistigem weckend und bewegend: ein Biedermann von aller ätler Art, ein enischievener Kcuholik. Auch der junge Prinz von Preußen, Friedrich Wilhelm, Wohnte vielen Funktionen der Charwoche bei. Wie ich höre, schickte er sein Slamm- buch in das Kollegium sl lesu mir dem Ersuchen um eine Erimleiuiigözeile von dem hochwürdigsten Paler General und von dem deutschen General-Assistenten. Se. königl. Hoheit sprach sich über die Jesuiten-Mission in Bonn mit großer Anerkennung auS. Der Prinz von Preußen reiSle gestern von Rom ad, der Prinz von Sachsen verläßt uns morgen; er kehrt nach Deulschland Zurück. — Am Ost rsonnlage snllle sich der ungeheure St. Pe'crsplatz mir Volk und Militär. Man schätzte die Zihl der Ver- sammelren auf 40,000 Köpfe. Die faibigen Parasols schwenkten sich wie Kornblumen aus der Masse hervor. Die Riesen i.ien der Wasserstrahlen aus den Springbrunnen zu beiden Seiten deS Obe iSkeS ragten ruhig wie von Kristall über der wogenden Menge. Ein Viertel nach zwölf Uhr erröinen die Glocken. Die Kardinäle sammelten sich auf dem hohen Balkon der Fahnde. Der heilige Vater erschien mit der Tiara und im Pluviale auf dem Throne sitzend, weiß und goldig schimmernd, mit blühendem Antlitz. Mit lauter klarer Stimme verrichtete Se. Hei ig- keit die Gebete und erhob sich nun auf dem Throne, die Hände zum Himmel streckend und feierlich segnend — die Anwesenden, die Stadt und die Welt. Eine wunderbare 162 Erscheinung! Ein Moment ganz eigener Art! Einige Augenblicke verweilte der heilige Vater, die ausgebreitete Menschenmasse betrachtend: dann folgte ein zweiter Segen; der Thron bewegte sich über den rothgekleideten Trägern langsam zurück und verschwand. DaS Landvolk in der Umgegend von Rom warf sich gleichzeitig mit der Menge des PetersplatzeS auf die Kniee: Der Donner der Kanonen gab das Zeichen, Und in den Fernen, wohin der Schall nur mit schwachen, leisen Schwingungen sich fortpflanzt, legten Manche das lauschende Ohr an den Boden. — Ach das arme Landvolk sehnt sich immer sorgenvoller nach Erhörung der Gebete! Denn die anhaltende Trockenheit bedroht mit einem Mißjahre, Die Noth wird mit jedem Tage größer, die Theurung steigt. Doch wäre eS bedenklich, aus Rücksicht für diese Umstände herkömmliche Unkosten für Volksbelustigung zu suspendiren und einem wohlthätigen Zwecke zuzuwenden. Die Beleuchtung von St. Peter wird, wie ich höre, durch eine Stiftung bestritten, aber die Girandola (Feuerwerk) des Pincio bezahlt die Casse der Stadt. Die eiste fand am Ostersonntage statt, die zweite am Ostermontage. Obgleich ich sonst für Scenen dieser Art kein Interesse habe, ging ich doch beide Male hin, um sie zu sehen. Die Phänomene übertrafen meine Erwartung. Denn die Beleuchtung der PeterSkirche zeichnet sich durch ihre ruhige Würde aus, die Girandola durch ihre Bewegung und Änmuth. Dort glänzte die Kirche im himmlischen Triumphe; hier entfaltete die Well mannigfache Reize erlaubter Freuden. Die Farben der Blumen- fülle, die sich i» der Luft entzündete und über die Menge verschwebend ergoß, waren von erstaunlicher Frische und Schönheit. Auch Beziehungen auf das Religiöse fehllen nicht: Mitten in täuschender Aehnlichkeit schwebten durch die Lust und wie durch einen Zauber glänzte der Tempel Salomons plötzlich vor unsern Augen. (Salzb, Kbl) Dublin. Der hochwürdigste Herr Erzbischof von Dublin hat, wie alljährlich, auS Anlaß dcS Beginnes der Marienandacht im Mai einen Hirtenbrief erlassen. Es heißl darin: . . . Während die Feinde unsers heiligen Glaubens sich gegen uns verbinden, während sie unS deö heiligen Einflusses dcS Beispiels der keuschen Braut Jesu Ehristi und die irische Kirche einer ihrer kostbarsten Zierden, der klösterlichen Institute berauben und die Ausübung der evangelischen Rechte der Armuth, der Keuschheit und des Gehorsams gleichsam ächten wollen, indem sie das religiöse Leben durch Gesetze verdächtigen, während sie die Uebung der christlichen Liebe aufzuheben snch'en, welche die Unwissenden belehrt, die Thränen der Trauernden trocknet, die Wittwen und Waisen tröstet, und den sterbenden Sünder zum Erscheinen vor seinem Richter vorbereitet: ist es da nicht unsere Pflicht, u-iS um Hilse a» den Himmel zu wenden, und um unser Geber erfolgreicher zu machen, eS un er den Schutz der Mutter Gottes zu stellen? Ihr werdet zwar fortfahren, alle Mittel anzuwenden, welche die Verfassung euch an die Hand gibt, um eure religiösen Freiheiten zu schützen und dabei gemeinsam handeln, die Eintracht bewahren und die DiScussion aller Fragen vermeiden, worüber die Katholiken nickt derselben Meinung sind .... Aber dabei vergeßt nicht, daß das Gebet unsere Hanptwaffe ist ... . Aber die Verfolgung unserer religiösen Institute ist nicht der einzige Beweggrund für unS, in diesem heiligen Monate den Himmel um Barmherzigkeit anzurufen und Maria nm ihre Hilse anzuflehen. Vor einiger Zeit erinnerten Wir euch an das Nahen der schrecklichen Geißel der Cholera, welche so viele Länder verheert hatte, und Wir ermähnten euch Buße zu thun für die Sünde, die Ursache aller Uebel auf der Welt, von den bösen Wegen abzulassen, nno euch vor Uumäßigkcit und den andern schmählichen Lastern zu hüten, welche selbst schon in diesem Leben die sichtbaren Züchtigungen GotteS auf den Schuldigen herabrusen. seitdem haben die Geistlichen dieser Diöcese täglich bei dem heiligen Meßopfer um Abwendung dieser Geißel deö göttlichen Zorns gebetet; Dank Seiner Barmherzigkeit, wir sind bis jetzt verschont; aber da die Gefahr noch droht, wollen wir unsere Gebete fortsetzen, daß wir vor den Verheerungen dieser Pest bewahrt bleiben, namenl- leg lich aber wollen wir dafür sorge», unser Gewissen von aller Schuld zu reinige» und uns vorbereiten, mit Ergebung in Gottes heiligen Willen die Züchtigungen ainznneh. inen, mit denen er vielleicht nnS heimzusuchen beschlossen hat. Noch eine andere und eine der schrecklichsten Geißeln des göttlichen AorueS beginnt jetzt übrr die Nationen Europas herabzukomme», eine Geißel, me der königliche Prophet für schlimmer hielt, als Pest und HuugerSnotb. Haft vierzig Jahre haben wir einen tiefen Frieden genossen; aber jetzt ist uns ein so großes Gut entzogen und wir sind in einen Krieg verwickelt, dessen Wechselfälle und endlichen Ausgang Niemand vorherschen kann. ES ist ein Krieg gegen einen sehr mächtige» Monarchen, der stetS ein gefährlicher Feind unserer heilige» Religion gewesen ist, I» dc» seiner Macht unterworfenen Ländern hat er die Scenen der Verfolgung unv EonfiScationen erneuert, deren Schauplatz unser armeS Land iinter Elisabeth und ihren Nachfolgern gewesen ist. Er handelt nach denselben Grundsätze» und ist vo» demselben Geiste beseelt, wie die Fanatiker unseres Reiches gegen unsere klösterlichen Institute; anch er har Nonnen verfolgt, Klöster zerstört, ihr Eigenthum confiScirt unv auf viele andere Weise die Kirche Ehristi bedrängt. Und als er so handelte, sprachen na Diejenigen, welche jetzt, wie ne heuchlerisch versichern, für die Sicherheit der Freiheit »nd veö Eigenthums der Katholiken wirken, gegen seine Verfolgungen und Gewallthaten? Sie schwiegen over gaben ihm Beifall. Eine einzige Stimme wurde laut zur Ver- theidiguug der Uiischiiiv und Gerechtigkeit, die Stimme deS Nachfolgers deö heiligen PetruS, welcher, obwohl ein abgelebter Greis und am Rande des Grabes stehe»!', dem Atiiia unserer Zeit mit apostolischem Muthe entgegentrat »nd ihn an die furche baien Strafgerichte Gottes über die Verfolger der Kirche erinnerte. Die von dem Papste vorher verkündete Zeit der Bestrafung ist vielleicht gekommen. Die ehrgeizigen Absichten dieses Monarchen gegen einen benachbarten Staat haben unsere gnädige Königin und ihren Verbündeten, den Kaiser der Franzosen, genöthigt, ibm den Krieg zn erklären zur Vertheidigung der Gerechtigkeit und der Rechte des angegriffenen Staates. Der Kampf hat begonnen, aber wir können an seinen Verlauf nur mit Schauster» deuten. Wie viele Länder werden während desselben verwüstet, wie viele Städte geplündert und zerstört, wie viele Uebel verursacht, wie viele Verbrechen verübt, wie viele tausend Menschen niivorbereiler vor Gottes Richterstuhl gefordert werden! Wenn wir die Größe dieser Uebel betrachten, so können wir sie, auch weun sie uns nicht unmittelbar berühren, nur beklagen und alö Christe» und Jünger deS Gesetzes der Lieoe, den Herrscher über alle Nationen bitten, Sto'z und Ungerechtigkeit zu demüthigen, den Waffe» unseres Reichs den Sieg zu verleihen, den Krieg zu einem schnellen und glücklichen Ende zu führen und unS die Segnungen des Friedens zurückzugeben. Viele unserer tapfern LandSleute sind gegange», die Schlachten unseres Reiches zu schlagen; wir sollen nicht vergessen, für sie besonders zu beten: inmitten der Gefahr und großer geistiger Verlassenheit ausgesetzt, bedürfen sie der liebevollen Hilfe der Gläubigen. Um unsere Gebete für sie und den Sieg unserer Waffen wirksamer zu machen, gebieten wir allen Priestern der Diöccse bis auf Weiteres jeden Sonntag nach den andern vorgeschriebenen Collecte» daS Gebet a»s der Messe tempore Iielli beizufügen. Wir können beifügen, daß cS den Kindern Maria als eine gute Vorbedeutung ei»es glückliche» AuSganzS deS Krieges erscheinen muß, daß die Flotten unseres Verbündeten, deS Kaisers der Franzose», unter den Schutz der Mutler GotteS gestellt sind, und daß ihr Bild, vom Kaiser übersandt, mit großer religiöser Feierlichkeit an Bord deS Admiralschiffs aufgestellt ist. Dieses feierliche Bekenntniß deS katholischen Glaubens und der zarten Andacht zur Mutter unsers Herrn muß die Quelle unschätzbarer Segnungen seyn. Wir dürfen zuversichtlich erwarten, daß es dazu beitragen wird, einigermaßen der gekränkten Ehre der Himmelskönigin Genugthuung zu leisten für die Schmähungen und Verhöhnungen, welche in den letzten Jahren anderswo ihrem Namen und ihreu Bildern zugefügt sind (W. Z) 164 Die SönigSgräber zu «t. DeniS. *) Im prächtigen Schlosse von St. Germain wohnte Ludwig XIV., von den französischen Schriftstellern der Große genannt. „Der Staat, das bin ich!" — hatte er gesagt, und Keiner hatte ihm widersprochen. AIS Sonnengott stellten ihn die Maler dar, der älteste Adel von Europa, in seiner innersten Kraft gebrochen, haschte gierig nach einem Strahl seiner Gunst, und die ganze Nation sonnte sich in seiner Größe. Alle Monumente schmückte die Kunst mit seinem Bilde, Corneille und Racine besangen ihn dankbar als den MäcenaS des JahrhunderiS, und selbst von heiliger Slälle herab hatte die Schmeichelei nicht selten ihn den Größten der Sterblichen genannt. Aber wenn er am Morgen hinaussah von dem Balcone seines Schlosses hin über die heilere Landschaft mir den wogenden Kornfeldern, dem safiigen, abwechselnden Grün der rebenumkränzten Hügel, von tausend blendendweißen Landhäusern übersäet, da ward seine Stirn finster und seine Seele traurig, die eben noch Träume voll Lust und Pracht umgaukelt hallen. Vor seinem Blicke stand der graue, finstere, uuhti drohende Thurm von St. Dcnis; am äußersten Saume der Landschaft stand er da, wie die düstere Gestalt deS To^es, der ernste Mahner mir hochauf- gestreckiem Finger, der ihm das „Uemento mori" schrieb auf die goldene Wand seiner Pruntsäle, gierig wie das Raublhier nach der Stunde, wo eS auch ihn verschlingen sollte, wie die übrigen Könige von Frankreich, deren Leichname in seinem Innern ruhen seit zwölfhuudeit Jahren. Ludwig koniue diesen Anblick nicht ertragen. Die Gestalt, die dort jeden Tag aus'S Neue snneS Namens „der Große" zu spotten schien, und imm r hinwies auf die Stunde, wo all' seine Pracht in Rauch zerfließen sollte — verjagen konnte er sie nicht. Seine Marschalle Villars, Catinar, Conr6 konnten Länder verheeren unv zu Einöden machen — aber jene Gestalt v.rjagen, das konnten sie nicht. So floh er denn weit weg vom Anblicke des Todes; eine sandige Wüste schuf er in Versailles um; hier sah er nichts mehr, als Lustgärten, Schmeichler und Lakaien. Aber der Thutin von St. DeniS blieb stehen, und dem Tove war er nicht enlfl hen. Ei>>eS Tages stand ein schwarzlimflorier Sarg vor dem Altare, umgeben von allen Größen te> Nution, und von dtr Kanzel rief eine Summe durch die Stille deS TodcS, es war die Stimme Masiilon'S: „Oiou seul est ßrsricl, mes ireres!" An einem srcw dlict en Morgen besuchte ich die Psanei St. Denis. Der Weg fühlt durch die Vorstadt St. Dcnis. Es ist ein Gefühl, wie wenn man von der Küste d-6 Meeres aus weiter land-inwärlS geht, so oft man vom Miltclpunct von Paris nach smien äußcrst.n Linien wanden; mehr und mehr verstummt das Wogen und Brausen ecr großen S avt, und das Herz wird unS wieder wener, der Geist fteier und ruhiger. Noch ein Dorf passirte ich jenseilS des WalleS, Lachapelle St. DeniS, unv eine unabsehbaie weiie Ebene lag vor meinen Blicken. Nach einer halben Stunde Halle ich Sr. Denis ei reicht. Es ist eine stille Sradl, die gegenwärtig kaum über 5000 Einwohner zählt. Die Sonne gov ihren hellen Glanz vom reinsten blauen Himmel herab, aber eS war doch k.in rechieS Leben, keine Freude in diesen Gassen — eS war AUcS so öde und schwermiuhig, wie in dem Vcrhofe eines LeichenackcrS. Ich folgre der am wenigsten öden Straße, nach wenigen Minuten stand ich vor dcr Abtei. Sie wurde gegründet zu Ehren d.S Schutzheiligen von Frankreich, DionysiuS, durck König Dagobert im Jahre 6l3; Carl der Große ließ die Kirche neu ausführen 775. Abt Suger, der von einem Baucrnknabcn sich zum allmachiigen Minister und Regenten von Frankreich aufgeschwungen Halle, ließ 1130 auch diese zweire Kirche niederreißen und begann einen grohur und prachtvollen Neubau. Unter Philipp dem Schönen erhielt sie ihre letzte Gestatt bis zum veryängnißvollen Jahre 1793. St. DeniS war Jahrhunderte hindurch die mächtigste und reichste Abtei, Könige *) Kalh. Wochenschrift. 165 bekleideten die Würde eines AbreS. Hier wurde die Oriflamme aufbewahrt, die den Heeren vorausgetragen ward zum Siege; „Momjoye und St. DeniS!" — war durch Jahrhunderte der Schlachtruf der Franzosen. St. DeniS war die NekropoliS von Frankreich. Alles, waS in den Palästen geglänzt und auf den Thronen geherrscht, was die Völker gefürchtet oder geliebt — cS kam hierher nach St. DeniS zur langen Ruhe in den Rcihen der Väter; alle Häupter, die Kronen getragen, legten sich nieder zum ewigen Schlaft auf den steinernen Pfühlen von St. DeniS. Wenn die Thore der Todtenstadt sich ausschlössen, da ging Trauer durch das Land. „I.o roi est mort,!" — rief der Herold von Frankreich; eS war daS nur eine Handvoll Asche mehr zu dem Aschenhauscn, ein neuer Tropfen Vergänglichkeit in daS Meer der Vergangenheit. Alle Wege des Lebens, welche die Könige von Frankreich, seine stolzen Prinzen und Herzoge gegangen, alle führen hin, alle münden auS in die Todtengrust von St. DeniS; der Strom der Zeit, der sie getragen, stürzt sie dort hinab, wie der Wasserfall seine Wellen in den Abgrund stürzt, schnell und immer schneller. Und jetzt sind eS nicht Könige mehr und nicht Fürsten, keine Hoheit trennet sie mehr und keine Größe, Asche und Verwesung, Würmer und Moder haben Alle gleich gemacht. Der letzte Todte weilte auf der Mitte der Stufen, die hinab inS Todrenreich führen, als wartete er, als rufe er seinem Nachfolger. Dieser kommt und säumt nicht lange. „Sieh, du bist geworden wie Einer auö unS", rauscht die Todtenstadt ihm entgegen — „ecce nostri similig iÄcw5 es" (Is. c. 14, 10) — und der Wächter steigt vollends hinab und streckt sich hin auf sein schwarzes marmornes Bett. Und nun hält der neue Ankömmling die Wache an der Pforte der Unterwelt. Alle Generationen der Könige sind da hinabgesunken, lauter Könige und Fürsten, die hier Staub geworden, wie der Staub deS Letzten ihrer Unterthanen, nur daß vielleicht mehr Sünden ihn entweihten und mehr Thränen der Unterdrückten an ihm hängen. „Wie sind die Rcihen so enge," — rief hier Bossuet iu der Leichenrede auf Henrietle von England — „wie hat der Tod Eile, alle Plätze auszufüllen! O Eitelkeit, 0 Nichtigkeit! Alles ist eitel, außer daS Bekenntniß unserer Eitelkeit!» Als ich eintrat in die majestätischen Hallen, waren eben die letzten Töne deS Requiem verklungen, das jeden Margen hier gesungen wird. Vom altersgrauen Thurme herab scholl der dumpfe Ton der Glocke, und hallte wieder unter diesen vielhundert» jährigen Säulen und Gewölben. Es war recht traurig in der Kirche, öde, kalt, leer, ausgestorben, wie der verlassene Grabstein eines Menschen, an den keine Seele denkt, der von Allen vergessen ist. Da steht der Sarkophag der Könige, aber eS ist kein Volk da, das um sie trauert; einige Personen auS den niedern Classen traten mit mir ein; glcichgiltig, neugierig ahnten sie nicht, daß sie hier vor dem Reliquienschrein ihrer Größe stehen, daß die Geschichte von einem Jahrlausend in dieses Buch von Slcin gemeißelt ist. St. DeniS hat keinen Platz mehr in dem Herzen deS jetzigen Frankreich; S?. Dcnis ist ein Anachronismus in der Gegenwart. Ludwig XV. war der letzte König, der hier auf den sechzehnten seines NamenS wartete, welcher ihn ablösen sollte von der Todtenwache. Aber er harrte vergeblich. Gott hatte beschlossen, Frankreich zu züchtigen für seine Sünden: die Könige für die Sünden ihrer Väier und daS Volk für die Sünden seiner Könige. Ludwigs XVI. Haupr fiel auf dem Schaffst, sein Leichnam wurde schmählich in eine Grube eingescharrt, fern von den Gräbern seines Geschlechtes. Aber daS war noch nicht genug; die Fürsten hatlen schrecklich gefrevelt an Golt und seinem heiligen Gesetze — sie sollten schrecklich büßen vor dem Angesicht aller Völker der Erde. „Die Gräber von St. Denis" — sagt Chateaubriand — „waren berühmt unter den Gräbern der Menschen; die Fremdlinge strömten von allen Seiten herbei, seine Wunder zu schauen; aber da erhob sich eine Windsbraut deS göttlichen GrimmeS und trieb die Wogen der Völker hin gegen den Palast deS Todes, und erstaunt rief die Welt: Wie, ist untergegangen der Tempel AmmonS in der Wüste?" ES sollte die größte Rache GolteS an Frankreichs Königen geübt werden, eS sollte ein Strafgericht über sie fallen, wie der Prophet (Ezech. 6, 5; Jerem. S, l) > 166 Gottes kein furchtbareres mehr kennt: „Ich will heraufführen über euch daS Schwert und zu Schanden soll werden all' eure Herrlichkeit — ich will zerstören eure Altäre und eure Gebeine uniherstreucu, .... Au jenem Tage werden sie hinauswerfen die Gebeine der Könige von Jnda und die Gebeine seiner Fürsten aus ihren Gräbein — die Sonne soll auf sie scheinen und der Mond und alles Heer der Sterne; nicht gesammelt sollen sie werden und nicht begraben, ein Haufen Koch sollen sie seyn über dem Augesichte der Erde." Am 12. October 1793 wurde es laut in den stillen Mauern der Abtei. Statt der frommen, wehmüthigen Choräle, die für die ewige Ruhe der Begrabenen beten, heult wie ein Gewittersturm die Marseillaise auS tausend und tausend wilden Kehlen durch die alten, ehrwürdigen Hallen — mehr und mehr strömt die Menge herein durch die eingebrochenen Thore. Die Republik hält ihren Gottesdienst — Camillc DcSmoulinS und die übrigen Gesandten deS ConpentS — eS war ein schauerliche: Tag. Statt der Mitra die Jakobiner-Mütze, statt deS feierlichen Zuges der Mönche zum Grabe der Könige der tolle Tanz der Carmaznole; an der Stätte, wo Bossnei und Massillon unsterbliche Worte sprachen, hallt der Ruf der Männer des BcrgS zum Beginne der Feier. Da fallen die Kreuze; sie werden zerschlagen und zertreten, die Altäre zertrümmert und besudelt, die ernsten Gestalten der steinernen Aebte und Ritter und Herren verstümmelt, verhöhnt, unter Fluchen und wieherndem Gelächter durch die Stadt geschleift. „Vorwärts! — ruft DcSmoulinS, — Die Republik hatte Blut gekostet und Blut getrunken, das Blut des Königs nnd das Blut der Priester — aber sie ist nicht satt. Ihre Hyänennatur treibt sie vorwärts; sie wühlen die Gräber auf, sie wollen Leichen. Die Pforten der Grüfte — ein Werk Ear!S deS Großen — werden gesprengt; hinab stürzt sich der zügellose Haufe. Da lagen sie alle in ihren Bctteu von Stein — die Merovinger, die Karolinger, die Capetingcr, die ValoiS, die Bourbons — alle Größen der Geschichte von Frankreich — die Herzoge und Herzoginnen, die Prinzen, Dauphins und Marschälle. Einen Augenblick schauerte die Rotte — die ernsten, scharfen Gesichter der alten Helden jagten ihnen nach Jahrhunderten noch Furcht ein — es lag noch Majestät in den verblichenen Zügen dieser Könige — aber DeSmoulinS geht voran, die Andern folgen Die Leichname werden herausgeworfen, die Gewänder in Fetzen zerrissen — da liegen sie schmählich in ihrer Blcße, Die Sansculotten, die Fischweibcr kühlten ihre Wuth VN den entehrten Leichnamen; sie ^aben ihnen Faustschläge, zerrauften ihre Haare, schnitten ihnen die Glieder ab und warfen die verstümmelten und besudelten Leiter dann hin, den Straßenjungen zu Sp 'tt und Spiel. Doch lassen wir den Schleier fallen über dieß scheußlichste Schauspiel in der Geschichte von Europa. ES waren der Todten so viele — ein Tag reichte nicht auS, die Hyänen waren müde geworden. Sie kamen deS andern TageS wieder, und am dritten wieder. Frankreich sollte gereinigt werden von dem letzten Rest des Königthums; Alles wurde durchsucht, Alles besudelt. Das Volk sollte Rache nehmen für das Unrecht, das eS seit Jahrhunderten von seinen Königen erlitten — keine einzige Leiche entging den Bestien Alle wurden sie hinausgeworfen — Heinrich IV., der König des Volkes, und Ludwig XI ; die Väter deS Landes und seine Dränger, der Regent, der schändliche Orleans, und FenelonS trefflicher Zögling, der Dauphin; die MediciS und die gute Henriette von England; Ludwig der Heilige und Ludwig XV. — da lagen sie Alle übereinander in einer schmählichen Grube. In sterczuiünium suswr sgciem terrgv erunt! DaS war ein schreckliches Gottesgericht! Aber noch läßt der Zorn deS Herrn nicht nach, und seine Hand bleibt auS- gestrccki. DaS letzte Andenken an die Könige sollte verschwinden. St, Denis, daS Hciligthum der Nation, St. DcniS, an dem zwölf Jahrhunderte in Ehrfurcht vorüöer- gegangen waren, in dem jede Generation ihr Kostbarstes niedergelegt, Sr. DeuiS, geweiht durch so viel Thränen, die hier geflossen, so viel Seufzer, die hier aus dem Herzen gestiegen, so vielen Schmerz, der hierher getragen war, St. DeniS sollte der Erde gleichgemacht werden. Seine starken Säulen wurden zerschlagen und stürzten 1«? ein, der Wind zog klagend durch die leeren, der Regen schlug durch die offenen Fensterbogen, und in sein Inneres schien die Sonne bei Tag, der Mond zur Nacht, und alles Heer der Sterne — die Republik hatte das Bleidach abgedeckt und Kugeln daraus gegossen. Die letzten Anhänger der Könige sollten durchbohrt werden von den letzten Ziesten der KönigSgräber! (Schluß folgt.) Der Monat Maria. Wir finden, daß von jeher alle ächt katholisch gesinnte Christen eine große Liebe und Zuneigung zur Mutter Gottes gehabt haben. Unter den Heiligen der Kirche GotteS strahlen als besondere Verehrer der allerseligsten Jungfrau ein heiliger Bernard, ein heiliger Johannes Damascenuö, ein heiliger AlphonsuS von Liguori und viele andere hervor, die in ihren Schriften nicht Worte genug finden konnten, sie würdig zu preisen und zu verherrlichen, die die ganze Kraft der Rede ausgeboten haben, Mariens Größe und Erhabenheit, Mariens Tugenden und Heiligkeit zu rühmen. Worauf beruhet diese Verehrung gegen die Gottesmutter? Worauf anders, als auf der großen Ehre, die Gott ihr selber erwiesen, da er sie vor allen Andern. ihreS Geschlechts erkor, die Mutter seines eingeborncn SohneS zu seyn; worauf anders, als ans der hohen Heiligkeit, in der sie jederzeit strahlte, auf den großen Tugenden, die sie geübt; worauf endlich anders, als der Liebe, die Maria zu unS Menschen hat und auf der Macht ihrer Fürbitte bei ihrem göttlichen Sohne. — Wir nennen Maria unsere Mutter. Sie ist eS in der That. Keine irdische Mutter kann eine so große, innige Liede haben zu ihrem Kinde, wie Maria zu uns hat! Die Ursachen, warum unS Menschen Maria so sehr liebt, solle» hier nicht angeführt werden, da sie bekannt genug sind. — Willst du Beweise dieser Liebe? Wenn der Raum cS gestattete, würde ich dir viele Beispiele von der liebevollen und gütigen Wirksamkeit Mariens erzählen können, Beispiele, wie durch ihre Vermittlung die verstocktesten Sünder erweicht und zur Sinnesänderung gefühlt sind. Wie viele Beispiele werden außer den bekannt gewordenen ohne Zweifel einst ans Tageslicht kommen, wenn die Bücher des Lebens aufgeschlagen werden! Wie schön passen daher auf Maria die Worte in den Sprichwörtern 8, 35: Wer mich findet, der wird das Leben finden. Wie viele lausend Sünder haben Maria gefunden und durch sie das ewige Leben! Maria wird mit Recht die zweite Esther genannt, die bittet für ihr Volk, für Alle, welche zu ihr ihre Zuflucht nehmen. Sie braucht nicht zu sagen, wie die Esther deS alten Bundes: habe ich Gnade gefunden, so schenke meinem Volke das Leben, da sie vom Engel die Gnadenvollc genannt worden. — Damit du siehst, wie die Heiligen GotteS von Maria dachten, will ich dir von den vielen tausend AuSsprüchen derselben einen nennen. Der heilige Johannes DamaScenus sagt: „Nahe dich, Mutter meines Heilandes! Du bist meine Hilfe, mein Trost im Leben. Nahe dich und ich werde mitten in den Flammen der Versuchung nicht brennen; unter tausend Schlingen der Nachstellung werde ich sicher seyn; unter Winden und Wellen der Anfechtungen wird mich die Gefahr deS Echifsbrnchcs nicht schrecken. Ich fürchte nichts, wenn du meine Schutzfrau bist, bin nicht ängstlich über meine Schwachheit, wenn ich von dir gestärkt werde. Dein Name ist mein Schild, dein Beistand meine Rüstung, deine Hilfe mein Schwert. Durch dich greife ich den Feind herzhaft nn; durch dich treibe ich ihn beschämt zurück und erhalte den herrlichsten Sieg." Welch' hohe Meinung hatten also die Heiligen von der Gottesmutter, welche Ehrfurcht vor derselben, welche Andacht und welch' ein Zutrauen zu ihr! — Wegen der hohen Verehrung, die der Gottesmutter gebührt, hat denn auch unsere heilige Kirche mehrere Feste zu ihrer Verehrung eingesetzt, die wie hellleuchtende Sterne am kirchlichen Himmel glänzen, deßwegen ist ihr ein Tag der Woche, der SamStag, also der Tag vor dem Sonntage, dem Tage deS Herrn, besonders geweiht. Wegen der Macht ihrer Fürbitte haben sich so manche Genossenschaften 168 unter ihren besondern Schutz gestellt und sie zur Patronin gewählt u. s. w. Deßhalb hat man auch einen Monat, den schönsten im Jahre, zu ihrem Lobe und Preise besonders bestimmt, den Maimonat. Man hält, Gott sey dafür gelobt und gepriesen, auch schon in vielen Gemeinden Deutschlands im Mai eine sogenannte Maiandacht, welche darin besteht, daß man mit besondern Ehrenbezeugungen, andächtigen Gebeten oder mit andern Tugendübungen im Maimonate öffentlich oder zu Hanse die allerseligste Jungfrau verehrt. Es ist dieß nicht eine Andacht, die bloß d^'r Billigung und Empfehlung Einiger, sondern der Gutheißung und Begünstigung der Kirche selbst sich erfreut, da das Oberhaupt der Kirche sie mit Ablässen beschenkt hat. Diese Begünstigung des Nachfolgers Pctti muß schon allein für jeden guten Katholiken ein triftiger Beweggrund seyn, nach Möglichkeit diese Andacht zu fördern. Dessau. Im Herzogthum Anhalt-Dessau besteht keine katholische Kirche; die kleine katholische Gemeinde hält ihren Gottesdienst in einem gemietheten Locale, das aber auf das Jahr 1855 gekündet ist. Der protestantische Herzog hat der armen katholischen Gemeinde einen Bauplatz um 21,000 Thaler großmüthig angekauft, in einer schönen Lage der Stadt. Im Allgemeinen sind auch die dortigen Prolestanten darüber erfreut. Beim Bau der Kirche wird nun besonders auf den Bonifaciusverein und auf die Herzen der katholischen Milbrüder gerechnet. In einem Briefe an den Bonifaciusverein in Linz schreibt unter Anderm die Gemeinde: „Bei der Glaubensspaltung des löten Jahrhunderts ist im Anhaltischcn innerhalb fünfzehn Jahren, von 152U bis 1535, die neue Lehre an die Stelle des alten katholischen Glaubens getreten, und von da an war katholischer Gottesdienst gänzlich auS dem Lande verbannt, bis 1697 der rühmlichst bekannte Fürst Leopold, der „alte Dessaner" oder „Schnurrbart" genannt, der kleinen Anzahl Katholiken, die allmälig auS katholischen Ländern sich dorr angesiedelt hatten, die Ausübung ihres Cultus, wenn gleich unter sehr beschränkenden Bedingungen, wieder gestattete. Seitdem haben über ein Jahrhundert auS Westphalcn berufene Franciscaner unter großen Entbehrungen und Kämpfen die katholische Seelsorge dort versehen. Nach dem im Jahre 1833 erfolgten Tode des letzten Missionärs auS jenem Orden blieb die Mission über ein Jahr ohne Hirten, und wurde erst 1825 einem jungen Weltgeistlichen aus Böhmen überwiesen, unter dem sie 1830 zu einer Pfarrstelle erhoben, und vom heiligen Stuhle dem jeweiligen Nuntius in München, als apostolischen Vicar von AnHall, untergeordnet wurde." Daß es auch an einer katholischen Schule und an einem Pfanhause fehlt, versteht sich von selbst. Sie schreiben: „O kommet unter Armmh zu Hilfe. Der Bau einer katholischen Kirche hier ist wichtig. ES« ist dieß die einzige, die erste katholische Kirche, die seil der GlaubenSspallung in diesem Herzogthume Wiedtr erbaut werden soll. Für Viele wird sie eine rettende Arche werden." (Salzb. Kbl.) Geständnis und Einsicht. Die Berliner prot. Kirchenzcitnng kommt in ihren Lamentationen über den badischen Conflict auf folgendes merkwürdige Geständniß (Nr. 18): „Wohin führt also der ganze Kirchenstreü? Auf allen Puncten zu einem Terra in Verlust der Regierung — sagen wir lieber aller protestanlisch en Regierungen, welche, um ihre Häresie (so nennt'S Rom) vergessen zu inachen, sich von Zugeständnissen zu Zugeständnissen herbeilassen." vr. Schenkel (in der darmstädlischen Kirchenztg.) sagt gerade im Gegentheil: „Die Kurie und der Erzbischof verlieren durch diesen Sireit überall an Terrain und die prot. Regierung gewinnt." Wem soll man da glauben? Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. E. Kremer. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags Beiblatt zur Angsburger Pojheitung. * 28. Mai 22. 1854. DteseS Blatt erscheint regelmäßig alle Touutage. Der halbjährige Abounement«pre>« itt kr., wofür e« durch alle köuigl. bayer, Poßämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kanv. AuS der Jugend PiuS IX. Pfarrer MooS in Solothuru hat bei Schercr daselbst eine Schrift in zwei Bänden unter dem Titel: „Die wunderbaren Wege der göttlichen Vorsehung," herausgegeben. Das Werk enthält viele merkwürdige auch neuere belehrende Erzählungen für die Jugend. Ein Ereigniß aus der Jugend des gegenwärtig glorreich regierenden heiligen VaterS — das weniger bekannt ist, wollen wir hier aus dem trefflichen Büchlein folgen lassen: „Johann Maria'Mastai Ferrelti, aus der durchlauchten Familie der Grafen von Mastai, wurde den 13. Mai 1792 zu Sinigaglia, in der zum Kirchenstaate gehörigen Landschaft Urbino-kt-posln-o, geboren. Seine Eltern gingen alle Jahre auf ein ungefähr sechs Meilen von der Stadt entferntes Landschloß, wo sie mit ihren Kindern die Frühlings-, Sommer- und Herbstmonate zubrachten. Johannes, ein lebhaftes, liebenswürdiges Knäbchen gefiel sich am wohlsten im Freien. Eines Tages naht sich das Kind einem ziemlich tiefen,'mit steheudcm Wasser augefüllten Graben. Der kleine Johannes steht still, erblickt kleine im Wasser spielende Fische, ergötzt sich an ihren Wendungen, will sie mit der Hand fangen, nähert sich, ohne Gefahr zu ahnen, dem Wasser, — plötzlich glitscht er auf dem schlüpfrigen und lehmigen Boden aus, stürzt in den Graben und versinkt unter dem Wasser. Er wäre unzweifelhaft ertrunken, hätte die göttliche Vorsehung, die in ihren unergründlichen Absichten Großes mit diesem Kinde vorhatte, es nicht vor diesem frühzeitigen Tode bewahrt. Ein armer Bauernjüngling von zwanzig Jahren, der dem kleinen Johannes als Diener beigegeben war, erblickr die.Gefahr, stürzt sich in's Wasser und zieht den Knaben unverletzt und lebend heraus. Wohl dachte dieser edle Jüngling noch nicht, was für ein kostbares Leben er der ganzen Weit gerettet habe, und daß dieser Knabe nach ungefähr vierzig Jahren die erhabenste Würde, die je einem Sterblichen anvertraut werden kann, bekleiden, daß er als der 255ste Nachfolger des ^heiligen Petrus auf den päpstlichen Thron erhoben und unter dem Namen PiuS IX. die Kirche GotteS unter den furchtbarsten Stürmen so weise regieren und verherrlichen würde. Die Königsgräber zu Gt. DeniS. (Schluß,) « „St. Deniö ist zerstört," — sagte Chateaubriand im Anfange dieses Jahrhunderts — „die Vögel fliegen durch seine öden Räume und Gras wächst auf seinen zerschlagenen Altären. Statt des GrabgesangeS, der einst unter seiner Wölbung wiederhallte, hört man nur noch den Regen, der von seinem zertrümmerten Dache niederträuft, oder das Fallen eines Steines, der sich von dem Gemäuer ablöst." 170 Erst Napoleon that dem Werke der Zerstörung Einhalt, Er war in daS Erbe Carls des Großen eingetreten und hcitie seine Kaiserkrone sich aufs Haupt gedrückt; darum sollte die alle kaiserliche Gruft auch ihn und seine Familie ausnehmen. Aber er hatte Wind ausgeiäet und erntete Sturm; er und seine Familie wurden zerstreut wie Spreu über dem Angesichte der Eide — ein felsig «äilcmd ward sein Kerker und seiu Grab. Und sein Sohn, der Erbe seines RubmeS, schläft ferne von ihm bei den Ccipucinern in der Todtengruft zn Wien. Ludwig XVIII, und Carl X. setzten die Arbeitn fort, und unter Ludwig Philipp wurde die innere Restauration vollendet. Alle bauten sie an ihrem Grabe — aber sie sollten nicht sagen dürfen: „Solum mioi supei-est sepulenrum!" Nicht einmal das Grab wurde ihnen gegönnt — so eitel ist die größte Größe auf Erden. — Beide liegen begraben in fremder Erde, im Lande der Erbfeinde ihrer Nau'on. Ludwig Napoleon ist auch in St. Denis seinem großen Oheim gefolgt; er fährt fort, der Kirche seine Fürsorge zu widmen. Wird er hier einst seine letzte Rnhe finden? Oder schmückt er mir das Monument, das Den verherrlichen soll, der ihn einmal vom Throne stößt. Beim ersten Eintritt in die schöne Kirche bemerkt man kaum, was für gewaltsame Katastrophen an diesen Mauern vorübergegangen sind, ES ist ein herrlicher Bau, fast wie aus Einem Gusse, mit Ausnahme der Krypten mit nur wenigen Resten im Siyle der vorgothischcn Zeit. Einen Augenblick könnte man sich tauschen, sich nm ein Jahrhundert zurückversetzt Milben. In reichen Gewändern umgeben die Hüter deS Grabcö der Könige den Hochaltar. Ludwig Philipp stiftete hier ein Capitel, bestehend aus zehn Bischöfen und vierundzwanzig Kanonikern; helle Rauchwolken steigen zwischen den schlanken, strebenden Säulen empor und ziehen langsam unter der Wölbung hin. Daö Requiem, unterbrochen von den dumpfen Tönen der Hörner, wie sie in Frankreich den Chvral begleiten, fleht um die ewige Ruhe der Todten. Aber die Gräber sind leer — ihre Asche ist in alle Winde zerstreut; nur Ludwig XVI. uud die unglückliche Marie Amoinette, Ludwig XVIII, und der Herzog von Berry liegen hier, dann einige wenige Reste ron Gebeinen, die man gefunden halte nach der schauerlichen Feier von 1793 und sorgfältig gesammelt und hicrhergetragen, wie der Mensch am Tage nach der Feuersbrunst auf die Brandstätte eilt, um unter dem Schütte ein halbverkohltes Andenken an seine frühere Herrlichkeit zu finden. Wir hören die dumpfdröh- nenden, langsam hinzitternden Schläge der Glocke vom altersgrauen Thurme herab, so ernst, so melancholisch, als wären cö die Pulsschläge der unwiederbringlich hinab- cilcnden Zeit — aber es strömt kein Volk mehr herbei, um zu tranern am Grabe seiner Könige. Der Name deS Königs, bei dessen Nennung der Franzose von ehedem sein Haupt entblößte, hat seinen Zauber verloren; cS sind mir noch Wenige, die wie Du Gue?clin sprechen: „tVIon -)me g Vieu, ma vie au roi!" Die Gesalbten des Herrn hatten sich selbst ew weiht, und darum verwarf Er sie von seinem Angesichte. Und das ganze Volk rief ein furchtbares: Amen! St. Deuis ist wieder hergestellt — ein Grab ohne Leichname, ein Katafalk ohne Todte, seine Grüfte sind leer, St. DeniS selbst ist ein Leichnam, Ich weiß nicht, ob ich nicht die Abtei lieber sehen möchte in dem Zustande, wie sie nach 1793 war. Da war eS eine Ruine, aber da war es doch Etwas; da konnte man sich niedersetzen unter Trümmer und hinaufblicken zu den schweren granen Wolken, die vom Siurme gejagt durch die zerrissenen Mauern ziehen, und nachdenken über die Vergänglichkeit aller Dinge, wie der Einsiedler vor dem Todtenkopf. Jetzt wird es uns nicht wohl zu St, PeniS; eS ist uns unheimlich hier, es ist eine Leiche, man hat sie geschminkt, mit Flittern und Bändern geziert. Man hat neue Glasmalereien an den Fenstern angebracht; ich sah eine im Seitenschiffe, die Stiftung des Capitels durch Ludwig Philipp vorstellend. Er und seine Minister erscheinen in blauem Frack, den Galameriedegen an der Seite, DaS ist die Malerei auf ein gothisches Fenster in einer herrlichen gothischen Kirche mit den Heldengestalten Clodwigö, Dagoberts, deS ritterlichen Franz I. und Heinrich IV.! 171 Das neugierige Volk läuft hinzu, eS drängt sich hinein in die Grüfte, man gafft, man schwätzt, man lacht und macht Bemerkungen über diese ernsten, langgestreckten, steinernen Bilder. Der Concierge geht voran, der Haufen Fremder und geschwätziger Pariser folgt; neben mir ging ein Weib aus dem Volke in unordentlichem Anzüge, sie hatte ein säugendes Kind an der Brust. Man sieht eö recht deutlich: der Franzose der Gegenwart hat kein Verständniß mehr für seine Könige. Wie könnte auch der junge Mensch, der seinen Voltaire gelesen, oder die Grisette, die Paul de Kock und Suc und wie dergleichen schmutziges Gesinde! mehr heißt, in Andacht studirt hat, anders hier eintreten, als mit einem Gefühle souveräner Verachtung der Vornrtheile und Tyrannei dieser barbarischen Jahrbundertc! „Hier liegt Pipin der Kurze," — ruft die monotone Stimme deS Concierge — „hier in der Mönchskutte Clodwig, hier Blanka, hier Franz I., hier Carl, der in der Bartholomäusnacht auf seine Unterthanen schoß, hier....." — doch die Reihe scheint nimmer enden zu wollen; man bleibt stehen, man betrachtet, betastet diese eigenthümlichen, oft sehr ausdrucksvollen Gestalten, aber der Führer drängt vorwärts und mahnt zur Eile, denn es gibt hier viel zu sehen, der Tod hat reiche Beute. In buntem Wechsel ziehen diese Bilder an unS vorüber, es schwindelt unS, die schweren, niederen Gewölbe scheinen auf unserer Brust zu liegen und den Athem zu beengen. Endlich ist der lange Katalog zu Ende, den der Aufseher herablieSt, wie der Kerkermeister die Liste seiner Gefangenen, als wollte er sagen: Die Alle da sind mein, und es entgeht mir Keiner. Ich habe einen Edelmann gekannt; als dieser bei geänderten Vermögens-Verhältnissen die Burg seiner Väter nicht mehr behaupten konnte, trug er das Dach ab und machte sie zur Ruine. Man hatte sie ihm abkaufen wollen, der Eine, um eine Fabrik, der Andere, um eine Brauerei darin zu errichten. Er machte eine Ruine daraus; als er zum ersten Mal vom Thale hinaufschaute und die nackten Manern ihn anblickten, sah sein Begleiter eine Thräne an seinem dunkeln B^rt hängen. — Die Philister sagen, er hätte nicht reckt gethan. Wenn man das Heiligthnm seiner Väter nickt mehr heilig halten kann, so mache man doch lieber eine Ruine daraus. Denn um die zerfallenen Mauern schwebt ElwaS, wie vom Hauch der Ewigkeit., und mit dem dunkeln Evheu winden sich ernste Gedanken an den geborstenen Thürmen hinauf. Als ich heraustrat auS St. Dem'S war cS Mittag. Der Himmel war rein, wie von geschliffenem Stahl; die Herbstsonne meinte es so gut, als wollte sie Abschied nehmen auf lange Zeit. Einzelne vergelbte Blätter fielen leise von ven Pappeln, wie die Menschen vom Baume des Lebens fallen, ohne daß man cS wahrnimmt. Die alte Abtei stand so traurig da, wie ein Greis, der seine kalten, sast erstorbcnen Glieder an der Sonne wärmr; ein Heller Strahl fiel über die Vorderseite, die Fenster glänzten bei diesem Sonnenblick, es Mir wie ein plötzlich aufzuckendes Lächeln auf dem Angesicht deS Sterbenden. Ich nahm einen Wagen, fuhr nach der Richtung von Paris über die Ebene bin, auf der die Kämpfe der Ligue gewüthet, und die getränkt ist mit dem Blule deS ritterlichen Connetable Anne de Monlmorency, bog dann gegen Südwest ab und gelangte nach Meudon. ES ist dieß ein älteres Lustschloß der Könige auf einer sanft aufsteigenden Anhöhe, welcke die Gegend weithin beherrscht, mit groß-n Gartenanlagcn im Geschmacke Le Nolre's. Die Aussicht von der Terrasse herab ist entzückend. Paris lag vor mir, nahe genug, um die Stadt mit ihren Kuppeln, Sänlen, Thürmen und Triumphbögen ganz zu sehen, aber wieder zu ferne, nm über dem Labyrinthe zu stehen und es ganz zu ülerschauen. Unmittelbar zu meinen Füßen in malerischer Abwechslung die Reihen der Landhäuser, halb versteckt unter Bäumen und Laubwerk in den mannigfaltigsten Schatiiruugen, die in einem unermeßlich «veiren Bogen sick um die Stadt ziehen. Unter einem so schönen Himmel, in dieser lachenden Landschaft, die vor unS liegt wie überschüttet von allen Gütern unv Gaben und Genüssen deS Lebens, wo nichts als Glück ausgestreut scheint, da ist es, als wollte Alles zum frohen Ge- 172 nusse deS Lebens einladen. Rabelais, der lustige Pfarrer von Meudon, wäre vielleicht der Welt nicht bekannt geworden, hätte er anderSwo gelebt, an den verödeten Küsten der Bretagne oder zwischen den ranhen Bergen des Jura. Ja, der Pariser Sybcirite hätte Recht — wenn nur Eines nicht wäre. Mein Blick schweifte weithin über die Stadt mit all' ihrem Glanz und ihrer Pracht; am äußersten Horizont stand Etwas, scharf herausgehoben durch den bellen Hintergrund, dufter, drohend wie die Gestalt des TodeS. Es war der Thurm von St. Denis. Er stand da, als wollte er spotten deS ohnmächtigen Treibens der Millionen da herum, als wollie er sagen: Und doch seyd ihr mir Alle verfallen! DaS ist der Eine, bleibende Hintergrund in dem heitersten Gemälde des Lebens, das ich je gesehen; das gellt wie eine schneivende Dissonanz durch die Festgesäuge der Freude, Ja, wenn St. DeniS nicht wäre mit seinem finstern Thurme und seinen kalten Gräbern, mit seinem Moder und Geruch der Verwesung, da hättet ihr Recht, ihr Männer und Frauen deS Genusses! Ich ließ mich nieder unter einer schattigen Platane; ihre Blätter rauschten in der Abendlnft, als wollten sie erzählen von den FestinS und was sie Alles schon hier gesehen hatten. Da dachte ich an BossuetS Worte unter dem Dome von St. Denis: O Eitelkeit, o Nichtigkeit! Alles ist Eitelkeit, außer das Bekenntniß unserer Eitelkeit! Ich öffnete mein Brevier; es war eben das Fest der Kreuzerhöhung. Ich las den HymnuS zur Vesper: 0 Lrux svo, speg unies! Central-Afrika. Wien. Am 11. Mai ist hier an den ?. I. hochwürdigen Herrn Andreas Mcschutar, Präses des Marienvereines, folgendes Schreiben angelangt: Chartum, 15. März 1854. Hochwürdigster Bischof! Eben war ich im Begriffe, an Euer Gnaden zu schreiben, als ein Brief vom Herrn Grafen von Fries hier anlangte, welcher vom 15. Jänner d. I. an den hochwürdigen Herrn Provicar gerichtet war; da selber aber bereits am 16. Februar an den weißen Fluß abgereiset, und bei dem ausgezeichnet guten Winde, der diese Zeit hier wehte, in diesem Augenblicke nicht mehr weit von Gondocoro seyn wird, und wahrscheinlich auch für lange Zeit keine Gelegenheit sich darbietet, den Brief dahin zu senden, so nahm ich mir die Freiheil, denselben zu öffnen, woraus ich ersah, daß man in Wien in Sorgen ist wegen der Ehrlichkeit der Nachrichten, welche von unserer Misston einlaufen (oder vielmehr nicht' einlausen). Was erstlich die Mission und die Missionäre oben am weißen Fluß anbelangt, wohin der hochwürdige Herr Provicar am Wege ist, so hörten wir hier seit der Abreise des hochwürdigeu Herrn ProvicarS im Frühling des vorigen JahreS von dort noch kein einziges neues Wort; denn die Handelsschiffe sind von da noch nicht herabgekommen, müssen aber die ersten wohl bald ankommen. Von uns in Chartum kaun ich berichten: Unsere Kranken sind zwar gegenwärtig alle außer Gefahr und aus dem Krankenbette, aber sie können sich fast nicht erholen und schleichen blaß wie der Tod, auf dem Stäbe gestützt, herum. Einer davon, Herr Schaschel, Büchsenmacher und Schlosser, hat in seiner Krankheit einen Leibschaden bekommen, und seine wenige physische Kraft und den moralischen Muth noch vollends verloren; er kam vor einigen Tagen zu mir mit der Bitte, aus der Mission treten und nach Hause gehen zu dürfen, indem er einsehe, daß er das Klima nicht aushalten und daher für die»Mi>sion nicht nur nichis leisten könne, sondern ihr vielmehr znr Last seyn werde. Da ich bereits früher rücksichtlich eines solchen vorkommenden Falles mit dem hochwürdigcn Herrn Provicar gesprochen hatte, so nahm ich keinen Anstand, fraglichen Herrn zu entlassen. Wir brauchen nun hier vor Allem einen 173 handfesten Schmied, einer unserer tüchtigsten Maurer von den vier in Alerandrien für Lohn aufgenommenen ist uns, wie schon früher gemeldet, am 11. Februar gestorben, zwei davon sind noch immer marode, und nur einer ist munter bei der Arbeit: weil er aber nicht zugleich beim Kalkbrennen, beim Ziegelofen unv im Steinbruch seyn kann, und die hiesigen trägen und ungeschickten Berberiner, wenn er nicht dabei ist, entweder gar nichts thun, oder gar Stoss und Werkzeug zu Grunde richten, so fand ich für gut, die Arbeit im Steinbruch bis auf weiteres einzustellen, da wir bereits schon eine Menge Steine aus den Platz gebracht haben, und um vorzüglich auf Herbeischaffung von Kalk und Ziegel bedacht ,u seyn; sobald eS nur einigermaßen möglich ist, werden wir anfangen zu bauen; zuerst aber muß die EinfriedungSmauer an dem öffentlichen Wege aufgesühn seyn, bevor wir HauS und Kirche zu bauen anfangen können, wozu wir von der Regierung bereiiS die gebotene Erlaubniß erhalten haben. Hätten wir nur einmal eine Wohnung, wenigstens zehn Zimmer mit ordentlichem Dach, Boden und Fenstern, dann hätte man zur Regenzeit mindestens im Hause ein wenig Schutz vor den gewaltigen Wafsersluthen, dann könnte der Sturmwind nicht mehr Papier, Kleider zc. hinaus, und eine Unmasse von Staub und Unrath hereintragen; der gefährlichen Zugluft wäre einigermaßen vorgebeugt, Skorpionen und die Alles zernagenden Ameisen könnlen nicht mehr so leicht Boden und Mauer durchsungen, und alles verwüsten und zu Grunde richten, — und wie wohl würde ein nur leidliches Zimmer erst unsern armen Kranken thu»! — dann aber müßte sogleich die Kirche an die Reihe kommen; wer weiß es nicht, wie viel eine niedliche materielle Kirche zur Erbauung der geistigen Kirche Christi beiträgt? — wir sind hier der festen Ueberzeugung, daß, wenn wir'S mit der Hilfe Gottes einmal dahin bringen könnten, in einer anständigen Kirche unsern majestätischen katholischen Gottesdienst zu halten, und unsere erhabene heilige Lehre in einer den Leuten verständlichen Sprache vorzutragen, sich bald eine Menge Nathanacle einfinden würden; und diese unsere Hoffnung ist eben nicht aus der Lust gegriffen, sondern hat ihren Grund einerseits in der gänzlichen Zerfahrenheit der religiösen Zustände der hiesigen Kopten und Muhamedaner, andererseits im allgemeinen Bedürfnisse des Menschen nach innerlichem und äußerlichem Gottesdienst, die Kopten selbst (nämlich Schismatiker) sagen, eS wäre ihnen alleS recht, wenn eS nur irgendwo einmal elwaS Ordentliches gebel (Schluß folgt,> R o m. Rom, 25. April. Der 24. April, dieser freudenreiche Festtag deS KaiserstaateS Oesterreich, wurde auch in Rom geziemend gefeiert. Schon am Vorabende kündigten die Glocken von Ma.ia dell' Aniina die Festlichkeit an. Von der Frühe bis Mittag folgte Meßopfer auf Meßopfer, von Priestern aus Oesterreich und Deutschland dargebracht; auch ein Priester aus Spanien und einer auS Coustantinopel schloffen sich auS eigenem Anlricbe an. Um eilf Uhr wurde von dem Monsignore Silvestri daS Hochamt gehalten. Der Chor war mit deutschen Priestern und mit Alumnen deS Kollegium Germanicum dicht besetzt. DaS Pudlicum war äußerst zahlreich, mit geistlichen Notabilitäten an der Spitze. Von diesen nenne ich den Pater General der Jesnilen, den deutschen General-Definitor der Capuciner. . . Der gewesene Botschafter Graf Lutzow nebst andern vornehmen Personen befanden sich im Oratorium der Epistelseite, in dem der Evangclienseite war daS diplomatische Corps, nämlich der k. k. österreichische GeschäflSlräger Conte Gozze, der kgl. bayerische Gesandte Graf Spaur, der grvßh. toSkanische Gesandte, der Geschäftsträger von Württemberg und Baden versammelt, nebst dem VerwaltungS-Collegium der Anstalt. Andere Diplomaten waren wohl durch die gleichzeitige Feierlichkeit in der Sirtina für die verstorbene Königin von Portugal gehindert. Rührend war es, als das Te Deum abwechselnd vom Priester- Chor und von dem so gemischten Publicum gesungen wurde und als daö Gebet für 174 den Kaiser durch die feierliche Stille tönte, das alte, ehrwürdige Gebet aus den Zeiten deS römisch-deutschen Kaiserreiches, in der alten Nationalkirche Deutschlands zu Rom, da fuhren wohl nicht in mir allein Gedanken unv Wünsche auf. welche Sie und Ihre Leser leicht sich vorstellen können. Muß aber das Beste vielleicht auf immer im Bezirke der Wünsche bleiben, so möge uns wenigstens das Gute eine andauernde Wirklichkeit seyn: Deutschlands Eintracht! — Ein schönes Bild hiervon gewährt immer mehr dieselbe Anstalt, in deren Gotteshaus das eben angezeigte Fest gefeiert wurde. In dem Hospitium werden Pilger und mittellose Reisende aus allen Ganen deS deutschen BundeSstaateS drei bis sechs Tage vortrefflich verpflegt. In der Kirche versammeln sich zur deutschen Predigt in schöner Eintracht Deutsche der verschiedenen Länder, und den Katholiken gesellen sich frenndlich manche Protestanten bei. Reisende Priester a»S Deutschland pflegen zu Maria dell' Anima das heilige Meßopfer zu verrichten; sind sie nicht bedeutend bemittelt, so bekommen sie vier bis sechs Wochen lang freie Wohnung und Bedienung. Nach Möglichkeit wird cS deutschen Priestern, welche sich längere Zeit in Rom aufhalten, gern gestattet, gegen den billigen Betrag, welchen die Priester der Anstalt selbst entrichten, Tischgenossen derselben zu seyn, wie es denn gerade jetzt ein Domherr aus Aachen und ein Caplan auS Köln sind, und ein Domherr aus Prag nächstens wieder seyn wird. Die Geistlichkeit der Anstalt selbst besteht auS einem Rector, welcher zugleich Prediger ist, und auS vier Caplänen, welche sich außer den kirchlichen Functionen in die Geschäfte deS Sacristans, Pilgerspirituals, Oecono- men und Bibliothekars theilen. Ein Caplan ist auS Münster in Westphalen; einer ist ans Trient, der Rector und ein Caplan sind auS der Diöccse Briren; ein Caplan ist aus der Schweiz und wird in der Stellung geduldet, weil er dieselbe bereits zwölf Jahre inne har und alle Achtung verdient. Zugleich wohnen drei Studirende im Hause; zwei ans den Rheinlanden, einer aus Schlesien. Aus diesen einfachen Notizen geht klar genug hervor, daß die Anstalt Maria dell' Anima weit davon entfernt ist, eine ausschließlich österreichische seyn zu wollen; vielmehr stellt sich an dieser mittelalterlichen Stiftung eine Harmonie von Oesterreich und Deutschland dar, welche an schöne Zeiten der Vergangenheit erinnert und der Anstalt eine Zukunft verkündigt, die der Vergangenheit ähnlich ist. Da aber die österreichische Regierung eS war, welche diese Anstalt auS dem Zerfalle mit kräftiger Hand wieder ausrichtete; da die österreichische Regierung es ist, welche der Anstalt zu ihrem gegenwärtigen Zustande emporhalf; da dieselbe hohe Regierung es ist, welche der noch wünschenswerthen Fortsetzung und Vollendung der Reform dieser Anstalt die wohlthätigste Aufmerksamkeit zuzuwenden fortfährt: so ist eS leicht begreiflich, daß am 24. April nach den Gebelen vor dem Altare — an der Tafel deS RefectoriumS, au welcher zwölf Priester auS Oesterreich und Deutschland brüderlich versammelt waren, so innig und warm, als irgendwo, Toaste der Freude und der Wünsche erschollen für das erhabene Brautpaar Franz Joseph und Elisabeth! (Salzb. Kbl.) a»r»' ^llll -.'>'.'>??',!'»' >»'>!/>', >«>>,. Irland. An der „Bekehrung Irlands" arbeiten gegenwärtig nicht mehr als 16 englische Gesellschaften, die der BaSIer Volksbote folgendermaßen angibt: 1. Die irische Gesellschaft, auS der bischöflichen Kirche, seit 1826, unterhält 59 Bibelleser und 719 Lehrer, wirkt unter der nicht englisch redenden Bevölkerung. 2. Die irische Gesellschaft in London und Dublin, zu demselben Zwecke, etwas jünger. JahreSeinnahme 1852 gegen 70.00V Thaler. 3. Die irische Gesellschaft für Bibelleser, seit 1822, hat 84 Bivel- leftr auögesandt. JahreSeinnahme 1852 15,000 Tblr. 4. Die hibernische Frauen- Gesellschaft zur Erziehung armer Mädchen. Jährliche Ausgabe circa 13,000 Thlr. 5. Die Gesellschaft zum Besten der Inseln und Küsten von Irland, aus der bischöflichen Kirche, hat 25 Vorleser und Schulmeister in Diensten und wirkt aus 48 Stationen. 6. Die Sonntagöschul-Gesellschaft für Irland, hat circa 3000 Schulen mit 175 226,000 Schülern gegründet und seit 1809 über zwei Millionen Bibeln und christliche Schriften verbreitet. Jahreseinncchme 1851: mchrcUS 17,000 Thlr, 7, Die hiber- nische Bibelgesellschaft, seit 1806, verbreitete über zwei Millionen Bibeln und biblische Theile Jahreseinnahme 1853 circa 27,000 Thlr. 8/Die religiöse Tractatgesellschast für Irland, f it 1829, mit Niederlagen und Leihbibliotheken an 1162 Orten. 9. Die hibernische Gesellschaft der WeSleyaner, hat 158 Prediger, 25 Missionäre und 62 Lehrer in angestrengter Arbeit, die „bis in die verborgensten Schlupfwinkel dringen." 10. Eine zweite WeSleyaner-Gesellschaft, deren Namen nicht angegeben wird und die eben so arbeitet. 11. Die Baptisten-Gesellschaft sür Irland hat 24 Geistliche und Evangelisten ausgesandt. 12. Die bischöfliche Gesellschaft zur Erziehung in Irland, hotte 1821 1882 Schulen mit 108,000 Schülern gegründet. 13. Die innere Mission der PreSbytcrianer-Kirche in Irland, hat seit sechzehn Jahren 160 Gemeinden und eine Anzahl MissionS-Stationen gegründet, unterhält 3—4000 Schulen, in denen 20.000 die Bibel lesen gelernt haben. 14. Die Gesellschaft der Brüdergemeinde zur Fortpflanzung der Erkenntniß des Evangelii in Irland, hält Vorleser auf 6 Stationen. 15. Die bischöfliche Miisionögescllschaft in Irland zum Besten der Römisch-Katholischen, seit nicht ganz acht Jahren, neuerdings sehr wirksam. 16- Die Gesellschaft zur Vertheidigung der Rechte und deS Gewissens, unter dem Vorsitze des ErzbischofS von Dublin, zum Schutz der Proselyten gegen ihre frühern Glaubensgenossen. Nach den bei einigen darunter gemachten Angaben kann man schließen, daß diese 16 Gesellschaften zusammen jährlich vielleicht gegen ^/z Million Thaler zur Protestantisirung Irlands ausgeben. Einige von ihnen wirken nun seit bald einem halben Jahrhundert. Bedenkt man, daß außer diesen sür Irland allein errichteten Gesellschaften auch die übrigen großen englischen Gesellschaften, die Bibel-, Tractat-, Schul-Gesellschaften u. s. w. doch ebenfalls mit sür Irland arbeiten, so sind die Anstrengungen in der That enorm. 5»-,M Sir, >!>«! >ixp!?h>'?'>isl. >1!>M! ',!,,m'iS >ichMsWH», Der Pfarrer von Ars. I^ll>is!j>l^^t !r!) ?>6 '?>?u Das „Tablet" theilt aus einem Privatbriefe eines englischen Katholiken Folgendes mit: Der Pfarrer von Ars lebt in dem Dörfchen Ars, einige Meilen von Lyon. Das Dörfchen besteht ans Lehmhütten, eine derselben ist zwar weder ein Hotel noch eine Herberge, wird aber von den vielen Fremden, die als solche kommen, benutzt, um bei dem Pfarrer zn beichten und die oft 48 Stunden warten müssen, ehe die Re he an sie kommt. Der Pfarrer steht täglich, nachdem er zwei Stunden geschlafen har, um Mitternacht auf und geht in den Beichtstuhl, wo ihn schon Viele erwarten; cS ist eine eiacne OmnibuSfahrt von Lyon aus eingerichtet, um die Pilger nach ArS zu führen.' Um sechs Uhr licSt er die heilige Messe und empfängt dann in der Sacristei diejenigen, welche ihn zu sprechen wünschen, Rosenkränze und Medaillen segnen lassen wollen u. s. w. Um zwölf Uhr ißt er etwas Brod und Milch, sonst den ganzen Tag nichts. Dann predigt er und geht wieder in den Beichtstuhl. Seine Predigten sind in dem Style „Kindlein, liebet einander" deS heiligen Evangelisten Johannes. Er spricht meist von der Seligkeit der Liebe zu Gott, wobei er oft die Worte wiederholt: wie süß ist es, Gott zu lieben!" jedesmal unter einem Strome von Thränen; eben so, wenn er von dem Leiden deS Heilands und unserer Pflicht, ihn wieder zu lieben, predigt. Wir hörten ihn darüber predigen: er mußte vor Weinen einhalten, und kein Auge in der Kirche blieb trocken. Sein NcußereS ist höchst merkwürdig: er ist ein Bild deS Todes, sehr bejahrt und mit eingefallenen Wangen; er steht einem Träumenden oder Schlafwandelnden ähnlich. Er scheint Niemand zu sehen; sein Blick ist ganz überirdisch. Die Kirche ist klein und ärmlich; ringsum hangen Votivgaben, zur Erinnerung an die Wunder, die sein Gebet bewirkt hat. Er nimmt die Kranken mit an den Altar der heiligen Philomena, betet dort mit ihnen, und Viele sind geheilt. In seinem 176 Benehmen ist er ganz einfach und anspruchlos, und hört jeden an, der ihn zu sprechen wünscht. AIS wir zu Grenoble und an andern Orten Leute fragten, ob sie den Pfarrer kennten, erhielten wir jedesmal die Antwort: „O gewiß; wer in Frankreich, der in etwa religiös ist, kennt nicht den Pfarrer von Ars?" AuS allen Gegenden von Frankreich strömen Pilger zu ihm. Unsere ganze Reisegesellschaft beichtete bei ihm; er fertigte uns aber alle sehr kurz ab. Wir hörten, er thue daS bei Vielen, während Andere zwei- oder dreimal wieder kommen und auf'S Genaueste ausgefragt würden. Das Bibelgeschast. Bekannt ist, wie viel die englischen Bibelgesellschaften zur Revolutionirung Italiens beigetragen haben. Eine gleiche Thätigkeit entwickeln die nordamerikanischen Bibelgesellschaften in allen Staaten der ehemaligen spanischen Kolonien in der neuen Welt. Einen merkwürdigen Beleg dafür «heilt das „Uiüveri-" aus Mexiko mit. Der Justizminister machte nämlich den Erzbischof von Meriko ans daS verderbliche Treiben der protestantischen Bibelgesellschaften aufmerksam, die in den mexikanischen Staaten eine Flulh von verfälschten Bibeln und unsittlichen französischen Romanen zu verbreiten streben, um dadurch das Land zu entsittlichen und den Geist der Revolution zu Gunsten der Nordamerikancr zu verbreiten. In Folge der Ausforderung deS Justizministers hat der Erzbischof ein Hirtenschreiben an das gläubige Volk erlassen, worin es kräftig ermahnt wird, die Wölfe in Schafspelzen auSzutreibeu. . _ Paris. Die Administration des .MgZgsin utile" in Paris hat vor Kurzem bei dem erzbischöslichen Sekretariat die Summe von 3l)l)(1 FrcS. niedergelegt, die als Preis demjenigen Schriftsteller zuerkannt werden soll, der binnen Jahresfrist daS beste Werk über die christliche Nächstenliebe und über die Principien der christlichen Philosophie einreicht. Die Gesellschaft will dadurch, wie sie in ihrer Ankündigung sagt, nach Kräften zur Uebung und Läuterung der guten Sitten und der wahren Civilisation beitragen. Die Hauptgedanken, die jenem Werke zu Grund liegen müssen, sind die folgenden zwei: die aufrichtige und verständige Beobachtung und Uebung der Gebote Goites und der Kirche genügen vollständig, sowohl zur Befriedigung aller Ansprüche, die das eigene Gewissen, wie die ganze menschliche Gesellschaft an unS macht; und zweitens: die christliche Nächstenliebe, praktisch verwirklicht, genügt vollkommen, uns mit dem großen Mißklange, den die ungleiche Vertheilung der irdischen Güter und Besitzthümer in der Wclr hervorruft, harmonisch auszusöhnen. Das Werk wird Eigenthum der Gesellschaft, die dasselbe in einer halben Million Eremplaren in ganz Frankreich verbreiten wird, und zwar zu dem billigsten Preise; Exemplare sollen außerdem an alle Mairien, Communen, Schulen und Lehranstalten deS ganzen Reiches gratis versandt werden. Man hofft auf eine große Concurrenz. «t. Polten. St. Pölten, 3. Mai. In der hiesigen Domkirche wird wie im vorigen Jahre die liebliche Maiandacht gefeiert. Die täglich stattfindenden Predigten (6 Uhr Abends) werden zumeist von den H.H. Professoren deS bischöfl. Alumnates gehalten, und eS ist eben so erbauend als rührend, das Lob Mariens von so vielen gelehrten Männern in ächt katholischer Weise verkündigen zu hören. DaS Generalthema aller Maipredigten bildet die Erklärung der lauretanischen Litanei. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Psjheitung. 4. Juni H^- 25. 1854. Dieses Blatt erscheint regelmäßig all« souutage. Der halbjährige Aboimemcitteprei's kr., wofür e« durch alle köm'gl. bayer. Postämter ««d atle Buchhaudlnvgen bezogcn werden kan>>. Fürstbischof von Gorz — Franz Xaver Luschin. (N e k r o l o g.) Die letzten Tage des vorigen und die ersten Tage dieses Monats brachten der Stadt Görz eine schmerzliche Heimsuchung; der dort resivirende hochverehrte Kirchen- fürst, dessen Leben ein Vorbild aller christlichen Tilgenden war, der hochwürdigste Fürsterzbischof Franz Xaver Luschiu, wurde nach längerem Unwohlseyn am Llbeud des 20. April von einem heftigen Fieberanfalle ergriffen, der ihn auf ein SchmeizeuSlager warf, von dem er sich trotz der Anwendung aller nur irgend angezeigten Mittel nicht wieber erheben sollte. In den ersten Stunden des L. Mai entschlief er, nachdem er die letzten Tröstungen der heiligen Religion empfangen halte, sauft in dem Herrn. Der hochwürdigste Fiirsterzbischof war der Sohn schlichter, wackerer Laudieute, der Bauern Leonhard und Kalharina Luschin, denen er am 3 December 178t auf ihrem, im Jaunthale in Kärnlhen gelegenen Bauernhöfe geboren wurde; in der Pfarrkirche zu Tainach erhielt er bei der heiligen Taufe die Namen Franz Xaver. In ländlicher Einfalt erzogen, erregte der heranreifende Knabe allmalig die Aufmerksamkeit der prüfenden Seelsorger der Umgebung, was die Elttrn bestimmte, ihn nach Klagenfurl zur Schule zu schicken, wo ihn Talent im Bereine mil Fleiß uud Bescheidenheit bald in so hohem Grade auszeichneten, daß seine Milschültr nach Beendigung der philosophischen Jahrgänge den ihnen liebgewordenen Luschin zur Fortsetzung der Studien und zum Eintritt in das dortige Seminar bittend veranlaßlen, wo er sich durch frommen Sinn, gründliches Wissen und kluges Benehmen bald hervorthat und am 26. August 1804 die priesterliche Weihe erhielt. Als zweiler Eaplan der Slablpfaire St. Egiden in Klagenfurl verwendete er sich eifrig für die Seelsorge von Mitte December 1806 bis Ende Jänner 1d03. Jede freie Stunde jedoch den tiefern Forschungen in theologischen Lehrfächern wiomend, bestand Eaplan Luschin im Jahre 1807 an der Wiener Universilät die bezüglichen Rigorosen und wurde am 16. Jänner 1808 zum k. k. Professor der morgenländischen Sprachen und des Bibelstudiums nach Gratz ernannt, womit seinen wissenschaftlichen Bestrebungen sich eine freiere Bahn eröffnete. Im Jahre 1813 erhielt Professor Luschin den Grad eines DoctorS der Theologie. Die wissenschaftlichen Forschungen hatten den gelehrten Priester keineswegs der Seelsorge ganz einzogen und er widmete mehrere Jahre hindurch so manche Zeit als Beichtvater im dortigen Fraueuklostcr, wobei er stets jene christliche Milde und Klugheit beurkundete, welche einer solchen Obsorge höhere Weihe geben. Anch hielt Professor Luschin vom Jahre 1L10 bis 1814 die akademischen ErHorten am Gratzer Lyceum und wurde vom Kollegium der Professoren für das Studienjahr 1815 zum Rcccor gewählt. Z78 In Folge so vielseitiger, erfolgreicher Verwendung wurde dem Professor Doctor Luschl'n im Mai 1818 das Direktorat der dortigen philosophischen Studien übertragen. Auch in dieser höhern Stellung entsprach Luschin den gehegten Erwartungen und als im Jahre 1819 daS Bedürfniß eines tüchtigen Referenten der Studien- und geistlichen Angelegenheiten für daö Tiroler Gubernium fühlbar geworden war, erfolgte mit Allerhöchster Entschließung vom 6. Jänner 1820 LuschiuS Ernennung zum Guber- nialrathe nach Innsbruck. — In dieser neuen, ungemein schwierigen Stellung bewährte er einen so richtigen Tact und ergiebigen Diensteifer, daß die getroffene Wahl bald auch höchsten OrteS als eine glückliche anerkannt wurde. Weiland Se. Majestät der väterlich sorgsame Kaiser Franz I. hatte die längere Erledigung des BiSthumcS Trient bereits in geeignete Erwägung gezogen; nach gnädiger Würdigung der um Kirche und Staat erworbenen Verdienste, so wie des erprobten Charakters des Gubernialrathes Luschin fand Se. Majestät sich bewogen, denselben am 12. November 1823 zum Fürstbischöfe von Trient zu ernennen; Seine Heiligkeit Papst Leo XII, sprach am 24. Mai 1824 die Bestätigung auS. Nach am 3. Oktober 1824 zu Salzburg erhaltener Consecration zog der Kirchen- fürst am 17. desselben Monates unter dem aufrichtigen Jubel der Bevölkerung in seine Residenz ein, woselbst er während der nächstfolgenden zehn Jahre die segenreichste Thätigkeit und eine solche Fülle frommen WohlthunS entwickelte, daß dem Andenken an seinen Aufenthalt dort noch jetzt die innigste Verehrung dankbar geweiht wird. Mittlerweile liatte das Königreich Galizien seinen erzbischöflichen Primas durch Versetzung verloren, auf welchen hohen Posten Se. Majestät am 10. Februar 1834 den vielerprobten Kirchenfürsten Franz Xaver Luschin zu berufen geruhle. So ungern derselbe sich von seiner bisherigen Diöcese trennte, entsprach er doch allsogleich der allerhöchsten Bestimmung, verließ Trient am 23. August 1834 und langte nach dem nöthigen Aufenthalte zu Wien am 6. November desselben Jahres in Lcmberg an; später bestimmten die Schwierigkeiten der dortigen ökonomischen Verhältnisse den an ergiebige Wohlthätigkeit gewöhnten Prälaten auf jene erhabene Stellung zn resigniren, worauf ihn der Kaiser in seiner Weisheit am 9. Jänner 1835 mit dem eben erledigten Sitze eines Fürst - Erzbischofes von Görz und Metropoliten von Jllyrien bethcilte, wozu der heilige Stuhl am 9. April desselben Jahres seine Beistimmung gab; am 22. August 1835 feierte Görz die Ankunft seines Kirchenfürsten. Die seicher verflossenen neunzehn Jahre bilden eine uuunterbrochcne Reihenfolge deS edelmiithigsten Wirkens des hochwürdigsten ErzbischofeS, welches den Reichen ein erhebendes Beispiel, den Armen den mildthätigsten Trost und Allen ein enmmterndeS Vorbild in frohen wie in bittern Tagen gewährte. Die bereits bestehenden frommen und wohlthätigen Institute der Stadt fanden in dem hohen Vorstände den werkthätigsten Gönner, während mehrere durch seine Anregung und kräftige Unterstützung inö Leben traten, alle aber unter seiner umsichtigen Leitung bestens gediehen. Im Jahre 1849 zum Cougressc der österreichischen Bischöfe nach Wien berufen, trug Fürst-Erzbischof Luschin zur Ausrechthaltung kirchlicher Ordnung redlich bei und fand im Umgange mit den versammelten hohen Vätern eine wohlthätige Erquickung für sein durch die Wirren des vorhergegangenen Jahres tief verletztes Gemüth. — Bei dieser Gelegenheit lernte auch die neue Zeit die WerthfMe des seltenen Mannes näher kennen und Se. k. k. apostolische Majestät geruhten denselben zu Ihrem geheimen Rathe zu ernennen, so wie im Jahre 1852 durch Verlei'huug des Großkreuzes des Leopoldordens den unwandelbar treu ergebenen Prälaten der Allerhöchsten Gnade zu versichern. In seiner äußern Erscheinung vereinte der hohe Kirchenfürst imponirende Würde und klare Besonnenheit mit Milde und herzgewinnender Freundlichkeit gegen Jedermann in >o hohem Grade, daß man sich unwillkürlich angezogen und erbaut fühlen mußte. Leutseligkeit und Gastsreundlichkeit waren weitere hervorragende Zierden seines Charakters. Seine Wohlthärigkeit fand nur in den ihr zu Gebote stehenden Mitteln Begrän- zung und seine letztwilligen Verfügungen bezeugen, daß er auch am Schlüsse seiner 179 Wahrhaft apostolischen Laufbahn vorzüglich der Armen und wohlthätigen Institute gedachte, ohne hierbei die treuen Dienste seiner unmittelbaren Umgebung zu übergehen. Ein mit so hohen Tugenden reichlichst ausgestatteter, thatenvoller Lebenswandel wendete ihm eine so innige und allgemeine Verehrung zu, wie sie kaum irgend Jemand zuvor in Görz genossen; das unter der Leitung des Domcapitels von der Görzer Bevölkerung ohne vorhergegangene Aufforderung am 5. l. M. prunkvoll veranstaltete, Geleite des viel Beweinten zur Ruhestätte hat hiervon den sprechendsten Beweis gegeben. Von den Görzern wird sein Andenken unvergänglich erhalten werden. (W. Z.) Zur Kirchengeschichte Bosniens. II. Aus Slavonien. Nach der Zerstreuung des katholischen Volkes und seiner Priester, von welchen ein großer Theil schon früher durch die Schärfe des Schwertes gefallen war, wurden die öden Klöster dem Erdboden gleich gemacht; dennoch kehrten die Väicr, um wenigstens die drei Klöster SutinSka, Foinica und Krcshevo zu erneuern, wieder zurück; aber alsbald vertilgte die kannibalische Wuth der Feinde abermals die nur im Wesentlichsten hergestellten ärmlichen Bauten; sie blieben fast dreißig Jahre im Schütte, bis sie dann wieder hergestellt wurden und bis auf den heutigen Tag den Arbeitern im Weinberge des Herrn zum Aufenthalte dienen. In diesen heiligen aber ärmlichen Mauern widmen sich die Franciscaner-Väter der Jugendbildung, nehmen Knaben von zehn bis dreizehn Jahren auf, leiten ihre Erziehung bis zum Priesterthum und übe» die Scelsorge über eine Anzahl von 120—130,000 katholische Christen in Bosnien (früher auch in Erzegowina über 37,000). Die Klosterzucht wirv strenge gehandhabt und man kann behaupten, daß eine ähnliche Disciplin vielleicht in wenigen der übrigen Klöster anzutreffen ist. Im Kloster zu SutinSka besteht seit undenklichen Zeiten der Gebrauch der Glocke; und trotz aller Bestrebungen und gehässigen Bemühungen der Türken zur Beseitigung derselben blieb ihre Absicht ohne Erfolg, Obbenannte drei Klöster haben jedoch kaum die Form oder Aehnlichkeit der Klöster in andern Provinzen; sie sind niedrig, enge, finster, daS Baumctterialc mehr hölzern als aus Stein, mehr Höhlen als Klöstern ähnlich; weil es aber in ganz Bosnien wenig bessere Gebäude gibt, so haben sie im Verhältnisse zu diesen daS Ansehen von Palästen. SutinSka allein hatte das große Glück, durch einen Fcrman von 1847 ein neues Gebäude von vier Zimmern dem bestehenden Kloster angebaut zu scheu. So bilden diese drei Klöster und noch sechs Residenzen, welche sämmtlich zugleich Pfarrhäuser sind, den ganzen Bestand der bosnisch-argentinischen Provinz, welche schon Papst Eugen IV. „murum inexpuAngbilem pro äomo vei" nannte; Pray aber, ein ungarischer Hisioriograph, in 8psc. nier. Ilnng. psrt. 2. pag. 237 von ihr sagt: „Ouoium (I'rimeiseanorum) merita in eam re^ionem nemo umczusm sstis vraedicaverit, cum servawm istln'0 religionein catuolieam sore unis clenea- mus." Cardinal Sacripantiö aber clcl. 12. Sept. 1712 sagt: ,,^tt«-nt!s bonis reis- t,ioniliu8 »6 nanv saersm Longieggtionem (cke vrop»g. licls) a O. Lsräinalo I>iäx?a, nuntio »postolico Viennse, cle liinorivus ZÜinorum Kosnensiurn ins» s. Longre- gstio reinanet seciilicaw in islis bonis Keli^iosis." Uebergehend viele andere Zeugnisse aus lang entschwundenen Jahren wollen wir noch anführen den berühmten Cardinal Mai, der im Bewußtseyn des edlen Strebens dieser Väter sich ausdrückte: „lollere provincism o Kosn» est tollere Lnristuin." Wir wollen auch nicht weitläufig seyn in den Lobreden für die unermüdete Thätigkeit, edle Aufopferung und den Feuereifer der bosnischen Väter; wer sich hiervon überzeugende Gewißheit und klare Begriffe verschaffen wollte und nach Bosnien käme, der müßte sich wundern, was eine klare Schaar religiöser Männer vermag; staunen müßte er über den himmlischen Segen, womit die Arbeiten dieser katholischen Pflanzer begleitet sind, da sie unauf- «) Salzb. Kbl. !30 hörlick den türkischen Plackereien ausgesetzt, dennoch den heiligen Glauben nicht nur durch vierhundert Jahre aufrecht erhielten, sondern auch für Vermehrung der katholischen Seelenzahl ihre Kräfte mit Glück verwendeten. Die drei öfters erwähnten Klöster, obwohl eine einzige Provinz bildend, machen einzeln genommen jedes für sich gleichsam eine Custodie; jedes hat eine bestimmte Anzahl von Pfarreien, von welchen sie ein kleines Einkommen beziehen, um auch die dem geistlichen Stande sich widmende Jugend erziehen zu können. Jedes einzelne Kloster hat Schulen für Knaben (semin3rig s>uerc>rum), ein Noviziat und ein Klerikal. In diesen Schulen lehrt man die Anfangsgründe der wisscnschafilichen Bildung, Religion, lateinische, jetzt aber auch italienische und türkische Sprache, welche letztere den Bosniern großen Vortheil gewähren. ES sind erst zehn Jahre verflossen, daß man auch philosophische und theologische Vorlesungen in den Klöstern hielt, und die Jugend zum Priciterstande vorbereitete; gegenwärtig wird die heranzubildende Jugend nach Diakovcir befördert. Aus den Klöstern werden ferner die Priester auf die Pfarreien, deren Foinica 26, Sutinska 19, Kresevo 4 zählt, ausgesendet, unv zwar durch den Pater Provincial mit seinem Dcfinitorium, unter Bestätigung des apostolischen Pro- vicarS. Somit besteht in der Provinz eine doppelte geistliche Gerichtsbarkeit, nämlich die deö Provincials, der über den gesammten Personal-Status, und die des apostolisch n VicarS, welcher durch das ju8 cumulativum mit dem Provincial-Minister uud dem Denuitorinm, so wie hierüber verschiedeue Bestimmungen der s, eonßrsggticm cle pro,?, licle lauten, die Psarr-Missionäre leitet. Gegenwärtig besteht kein Bischof, folglich üben die geistliche Jurisdiktion der Provincial-M-nister und ein vom apostolischen Stuhle bestätigter Provicar. Regiert werden die Klöster nach den Statuten des gesannnien Ordens; jedem derselben st.ht ein Qucndian vor, der zugleich Ortspfarrer und daS Antt des apostolischen SyndicnS verwaltet; ihm zur Seite steht ein ConvenlS» vicar, der die Oeconomie und die Bearbeitung der zum Kloster gehörigen Gründe beaufsichtigt und leitet; ferner ein Novizmeister, zugleich prokos5or Iiumgniorum; mestsr chevmji (Kinderlehrer), zugleich Grammaiical- und Normal-Lehrer; zwei Sonn- und Festtags - Prediger, welche Christenlehren halten uud zugleich Psarr-Capläne sind. Alle Priester sind Officianten. Wegen Mangel der Orgel bestehr ein Lorista (Chor- regcnt), der den Gregorianischen Chorgesang leitet und in demselben die Novizen unlerricbter. Außerdem gibt es einige Jubilirte, oft 18—20 an der Zahl, die wegen AlierS zum Psarrdieuste nicht mehr tauglich sind. Der Provincial mit seinem Sccre- tär, auch der Bischof wohnen in den Klöstern; letzterer hat die Wahl, im Kloster, wo er für den O den erzogen, oder zum Bischof gewählt wurde, zu residiren. Alle drei Jahre ist neue Provincial-Wahl, und hiedurch wird auch der Aufenthalt desselben alle drei Jahre gewechselt; denn es ist keinem erlaubt, aus seinem Aufeuthallskloster in ein anderes sich versetzen zu lassen, folglich ist durch neun Jahre an jedem Kloster die Reihe deS Provincial^AnfeuthalteS; und diese Ordnung durfte bis auf den heutigen Tag wegen der Gleichberechtigung keine Störung erleiden, ausgenommen, wenn ein in der Reihe stehendes Kloster keinen hinreichend fähigen Mann hätte, wo eS dann erlaubt ist, ans der Familie der zwei andern Klöster zu wählen. Dieselbe Ordnung besteht auch bei der Definitoren-Wahl; und so ist eS herkömmlich, daß in jedem Kloster zwn Individuen aus dem gesammten Provinzvorstande residiren; z. B. Provincial und Definüor, CnstoS und ein Desinitor, zwei Definitoren (zusammen daS corpv8 clelmitivum), sämmtlich untergeordnet dem General-Minister zu Rom. Jedes Kloster ernährt uud erzieht zehn bis achtzehn Knaben (v^eeg), welche für den Orden sich widmen wollen; Novizen, nach übcrstanvenem Prüfungöjahre, waren früher acht bis zehn; seit Uebcrsetzung derselben nach Diakovar in Slavonien hat sich die Zahl gemindert. Alle von zehn bis dreizehn Jahren Aufgenommenen müssen binnen drei bis vier Jahren in Allem, was die Bildung für den Orden erheischt, von den ersten Anfangs- gründcn bis zur Philosophie durch hie'zu bestimmte Priester unterrichtet werden. (Fortsetzung folgt.) 181 Darmstädter Phantasien und der Gegen über HauSthtere. Die „Allgemeine Kirchenzn'tung" ist über den Erzbischof in Freiburg völlig trostlos, und verwickelt sich nach Art einer ungeschickten Tänzerin in das faltenreiche Kleid ihrer Widersprüche. Für den Zionswächter Schenkel ist eine höchst anstrengende Zeit hereingebrochen —„er kann die Blechtrompete gar nicht mehr aus der Hand legen — und macht einen wahren Höllenlärm. Gleich im ersten Blatte deö dritten HefleS 1854 ruft er auS: „Wer weiß, ob nicht auf der Engelsburz schon an dem Büßerhemde für den reuigen badischen Sünder genäht wird!--Fürwahr, Schenkel thäte besser, sich zu erkundigen, wo die Schlafhauben für die Leser der „Darmst. Allgemeinen" genäht werden, und jedem Abonnenten gleich eine solche sammt dem Blatt zu verabfolgen; denn das Poltern gegen Rom ist bereits so monoton geworden, daß man sich in Anhörung desselben des Einschlafens nicht leicht erwehren kann. — Im selben Blatte wird sehr naiv berichtet: „Wie ausgedehnt die konfessionelle Spaltung in vielen Landestheilen ist, zeigt ein Beispiel auS der Provinz Pommern: ein Dorf Rothen- burg, das ohne Schule und Kirche nur dreizehn Häuser hat, gehört zu vier verschiedenen Confessionen: Katholiken, Altlutheraner, nicht unirte Reformirte, und unirte Lutheraner." Eigenthümlich: die Reformation beklagt ihren eigenen Segen, den sie sonst so rühmt! Haben denn die Leute kein Recht, sich GotteS Wort in aller Freiheit auszulegen? Wer kann es ihnen denn wehren? — Und wer hat denn die Spaltung begonnen und fortgesetzt? In der Nr. 37 wird der Grund von Irlands Elend auf wahrhaft geniale, bisher unerhörte Weise enthüllt; da heißt eS: „Irland mag seine politischen Beschwerden und socialen Leiden haben, hier helse Regierung und Menschenfreund! Der Christ betrachtet die Bevölkerung von einem andern Gesichtspunkte aus, er erkennt als Irlands großen Mangel das Nichtvorhan- denseyn des Evangeliums. Irlands Verderben ist das päpstliche Regiment, das päpstliche Wesen hat deS irischen Volkes geistige Kraft gelähmt, und sein Gewissen von der rechten Bahn mißleitet; das Papstthum hält eg in Fesseln, die so fest geschmiedet sind, daß nichts geringeres als Allmacht sie brechen kann.--- Eigenthümlich — die gescheiten Prolestanten Englands: Historiker und Staatsmänner, finden den Grund deS irländischen Uebels in ganz andern Dingen, als die erleuchteten Theologen zu Darmstadt, die freilich weder Historiker noch Staatsmänner sind. Der protestantische Engländer Cobbet sagt, daß zur katholischen Zeit in England und Irland die Leute in Gefängnissen eine bessere Nahrnng hatten, als jetzt taufende von Freien in der protestantischen Zeit!! Aber was geht das Alles die Darmstädter und Heidelberger an? Wozu brauchen die etwas zu lesen, zu studiren? — Die bringen ihre Ansicht?» fertig mit — und Kssta! Selbstgenügsamkeit ist die lange Stange, an der sich der Hopfen der Blödigkeit hoch hinaufrankt, und mit der ... . kämpfen die Götter selbst vergebens, sagt das alte Sprichwort. — Der Berichterstalter gibt sich der freudigen Gewißheit hin — Irland werde evangelisirt, d. h. anglisirt werden;, — das wird auch in Kurzem freilich ohne Missionäre geschehen, wenn die armen katholischen Jrländer tausend und tausend Weise, um dem Druck der Noth zu entrinnen, nach Amerika auswandern. — Unter dem Titel: Römische Kuriositäten" wird ein langer Leitartikel über ein bedrucktes Papier, welches „die gewisse und wahrhafte Länge unseres Herrn Jesu Christi" darstellt — gebracht; für alles, was auf diesem Papier gedruckt ist — soll die katholische Kirche die Verantwortung tragen!! Wir Katholiken wissen gut, was an derlei Speculationen von Winkelpressen daran ist, ja wir könnten den Herren zu Heidelberg auch papierene Schuhlängen vom Fuße der seligen Jungfrau — wie solche bedruckt von Hausirern auf dem Lande verkauft werden — einsenden, um dem Allgemeinen Darmst. Organ Stoff zu einem großen Leitartikel zu geben. Es ist schon der Fall vorgekommen, daß selbst protestantische Drucker derlei Machwerke um des Gewinnes wegen angefertigt haben; jedenfalls aber zeigt es eine große Schwäche in der Polemik, wie auch eine bedeutende Armuth am Principienstoff, wenn man die Ausfälle gegen die Kirche nun schon mit Waffen 182 dieser Art sich zu machen gedrungen und gezwungen fühlt. — AuS Rom wird der „Darmstädterin" eine Menge Haarsträubendes berichtet — von Reliquienverehrung — vom Glauben an wunderbare Heilungen durch Reliquien u. s. w. ; unter anderm heißr eS: „Noch allerlei Empörendes könnte ich hinzufügen. So das förmliche Einsegnen am Hochaltar, unter Glockengeläute und Kirchengesang, von Lämmern, deren Wolle zu den Pallien des Papstes und der Kardinäle (!!) verwendet wird, die Einweihung, d. h. Besprengnng mit heiligem Weihwasser, von Pferden, Maulthieren und Eseln."---Meine Herren, ehe Sie so ungeheuer lärmen, lassen Sie sich doch etwas sagen: Der Schreiber dieses hat einmal bei sehr christlichen Protestanten gegessen, unv eS wurde ein Speisesegen oder Tischgebet gesprochen: „daß Gott die Speisen denen, die sie genießen, zu ihrem Wohle angedeihen lassen möge." Ueber Tisch kam darnach die Rede über verschiedene katholische Gebräuche; und eS wurde auch der sogenannte Leonharvisegen erwähnt — bei welchem besonders im vorigen Jahrhunderte auch in manchen Gegenden Deutschlands die Hausthiere der Bauersleute, wie Pferde, Rinder und auch Esel auf freien Plätzen vor Kirchen 5) in derselben Intention wie die Speisen vor Tisch gesegnet wurden, in der Intention nämlich: daß Gott dem Besitzer dieser Thiere, an deren Erhaltung seine zeitliche Existenz hängt — daran keinen Schaden zukommen lasse — und ihn an diesen seinen HauSthieren vor UnglückSsällen, die doch ihn so schwer betreffen, behüten möge. — Ein junger Mann, der bei Tische saß, meinte nun, diese Gelegenheit zu Witzen nicht vorübergehen lassen zu dürfen, und wollte geistreich seyn, indem er seine Verwunderung über den „Pferde- und Eselsegen" auSsprach. Ich erwiverte ihm: daß er nach seiner Anschauung das Tischgebet, welches der Hausherr gesprochen hat, und das als ein schöner Ueberrest von alter Sitte noch in vielen Familien üblich ist — für einen noch größeren Unsinn halten müsse — indem da mit dem heiligen Gebet über todte Rinder, Esel (bei ächter Salami), ja sogar über todte Wildschweine, über Ferkel, gesottene Krebse und Schnecken gebetet werde, und biemit dem angehenden Genie Gelegenheit geboten sey — bei jeder Speise auf einen neuen Witz zu sinnen.--Weun man eö aber für keinen Unsinn hält, die Speisen zu segnen: waS so viel sagen will, als Gott zu bitten: daß uns der Genuß derselben zu unserm Wohle gereiche — so darf man in diesen Gebetkreis wohl auch die lebenden Hansthiere hereinziehen, indem man bittet: Gott möge diese Thiere den Besitzern derselben zum Nutzen gereichen und ihnen ans denselben keinen Schaden in ihrem Hauswesen zuwachsen lassen. — Gebet nnd Segen geht also immer auf den Menschen zurück und ist keine Weihe oder Hn'ignng der geistlosen Kreatnr, keine Weihe deS PserdeS, des Esels u. s. w., wag einem auch nur oberflächlichen Beobachter schon aus dem Umstand einleuchten dürfte, daß bei jener Ceremonie gerade die Pferve und Esel sich am ungebärdigsten zeigen — und den Zuschauern hiedurch sogleich praktisch der PsalmenverS eregesirt wird: nolite liori 51'out eczuus et mulus, czuibus von e8t intellevtu5. Zu deutsch: Werdet nicht wie Roß und Maulesel, die keine Bernunfc haben. (3l. Ps, 9. VerS.) Somit hätten wir für die Darmstädter, ächt biblisch geschlossen. (W. K. Z.) *) So war eS noch im vergangenen Jahrhundert der Fall vor der zu Petersdorf bei Wien auf einem Hügel gelegenen Lconhardikirche, welche in den achtziger Jahren von einer eigenen Commission verkauft wurde mit dem Beding: daß der Käufer sie demoliren muffe, und somit nur da« hiedurch gewonnene Baumateriale sein gehöre. Lange wollte sich Niemand zum Kauf herbeilassen — bis endlich ein illuminatischer Kopf nicht ohne Witze die große Capelle erstand. Bei der Abtragung der Kirche, die er selbst leitete, wurde er von einer einstürzenden Mauer erschlagen. 183 Zur Mission in Xirsch-nr-uth. Der Büßer Dank für die Mission, abgehalten in der Stadt Tirschenreuth im Monate Mai t854, MssIonsrIIs, eX soLletste lesV probstls, In VInes LKrlstl sVvsntlbVs, slt ^orls stizVo ssI^Vs! Vom Weg' des Heiles fast schon abgekommen, Irrten im Sünden-Taumel wir umher. Wir sah'» kein Licht der heil'gcn Engel mehr, Und jede Hoffnung war uns wie genommen. Noch einen Fehltritt, und wir stch'n beklommen Am Abgrund'. Von der Hölle wildem Heer' Wird jede schwache Seele fortgenommen. Unmöglich ist zn Gott dann Wiederkehr. So seufzten wir, und scih'n auf einmal wallen Drei edle Priester, die uns luden ein, Mit ihnen im herzinnigen Verein', Zu nahen uns des heil'gen Gottes Hallen. Und dieses Priester-Wort hat uns gefallen. Es flößte neue Kraft und Muth uns ein. Wir fanden hocherfreut bei muth'gem Wallen Den Weg. Uns fiel kein Smrz, kein Abgrund ein. Dank Ihm, der uns mit gottgeweihtem Munde Der Rede Meister (wie Sanct Paul) gelehrt: Daß, wer da führt des Glaubens heil'geS Schwert Mit seinem Heiland' bleibt im ew'gen Bunde, Und daß ein solcher Held scheut keine Wunde, Kein Feuer (das nur Irdisches verzehrt), Und muthig ausharrt bis zur SiegeSstunde, Des Namens eines Glaubens - Helden werth. Auch sey dem Priester Dank, der HoffnuugS - Strahlen Süß tröstend auf des Sünders Pfad gesenkt, Verweisend ihn an Gott, der Alles lenkt, Und der am reu'gen Büßer hat Gefallen. Er säumte nicht, die Heilige zu malen, Der liebreich Christus Gnade hat geschenkt, Weil sie, die in der Jugend tief gefallen, Voll Reue an den güt'gen Heiland denkt. Dank endlich Ihm, der ird'schein Glanz' entsagte. Der statt der Fürsten-Krön' die Dornen-Krön' Sich auf das Priester-Haupt gedrückt; den Hohn Des Frevlers gern ertrug und nie beklagte: Der, seine Kirche liebend, nie verzagte Im heißen Kamps' für sie, für Gottes Sohn, Und der begeistert uns im Tempel sagte: .Gott lieb", und Gottes Liebe ist Dein Lohn!" 184 Ja, Hoffnung, Glaube, Liebe bleiben immer, Doch die drei edlen Priester ziehen fort. Es bleibt uns nur Ihr segenrcicheS Wort Und Ihrer reinen Seelen heil'ger Schimmer. Sehn' wir uns auch im ird'schen Leben nimmer, So öffnet sich uns einst der Sel'gen Pfort': Denn wenn die ganze Welt zerfällt in Trümmer, Thront doch die ew'ge Vater-Liebe dort. Die Sünder «Glocke zur Zeit der Mission. Wenn die Glock' am Abend Mahnet zum Gebet', Sie, den Tag begrabend, Plötzlich stille steht. Tag wird'S, wenn ausbreitet Sich der Sünden-Brand Dann wird eingeleitet, Was die Lieb' erfand. Dann soll bis zum Morgen Ruhen sie bei Nacht, Denn uns drücken Sorgen, Wenn sie Nachts erwacht. Mit metall'nem Munde Ruft die Glock': „Kehrt um, „Eilt in früher Stunde „In das Heiligthum. Wen» mit dumpfem Schlage Kündet sie den Brand, Wird die Nacht zum Tage, Angst nimmt überHand. Nachts hör' ich jetzt läuten Erst nach dem Gebet', Jrd'sches doch bei weitem Nicht in Flammen steht. „Meine ernsten Töne „Sind ein Sturm-Geläut' „Für verirrte Söhne, „Fern' vom Ziel' gar weit. „Doch ich tön' auch Ruhe, „Kommt in Jesu Haus „Ihr, und zieh't die Schuhe „Der Verstockten aus. Sehet! Sünden-Flammen Schlagen wild herum, Christen nur nach Namen Flieh'n das Heiligthum. Ach! sie sind verblendet; Fern' von Gottes Wort. Von Ihm abgewendet, Riß die Sünd' sie fort. „Euch in Todes - Stunden „Hat gesucht der Herr, „Und Euch auch gefunden, „Ihm sey Dank und Ehr'. „Er ließ Euch gesunden, „Hemmt' der Laster Lauf, „Drum reißt die fünf Wunden „Ihm nicht wieder auf. Ach! in ihrem Herzen „Fünfmal „Vater!" flehet, Wird cS furchtbar Nacht. „Frau, gebenedeit! Doch für sie voll Schmerzen „Deren Sohn erhöhet, JesuS Christus wacht. „Sey in Ewigkeit!" Tirschenreuth am L3. Mai 1854. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Poltzeitung. 11. Juni ^ 24. 1854. Diese« Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonuementsprei« kr., wofür e« durch alle kömgl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kanr. Pater Fruzzini. Dieser jüngst in Padeiborn verstorbene Jesuit, ein Schweizer, war eine jener glücklichen Naturen, die bei strenger Lebensweise und rastloser Arbeit eine unveränderliche GeifteSruhe und Hoheit bei der demürhigsten Sinnesart mit aller Lebendigkeit und Frische vereinigen und so eines jener herrlichen Charakterbilder, die so höchst selten sind. Er stammte aus einer der angesehensten Familien in Brieg im Wallis und ward schon in frühester Jugend, wie sein anderer Bruder, Jesuit. Durch treffliche Geistesgaben ausgerüstet, machte er glänzende Studien. Nachher wirkte er als Magister. Seine Schüler liebten den heitern, genialen, jnngen Gelehrten mit beispielloser Innigkeit. Er redete schon damals mehrere Sprachen, und kaum 27 Jahre alt, sah man mit Spannung auf diese imponirende Persönlichkeit, die mit jedem Tage mehr Aufmerksamkeit erregte. Dichter, Redner, Philosoph, Theologe, feuereisriger Missionär, AlleS ließ sich erwarten. Er predigte schon als Magister, ehe er Prediger war, mit großem Beifall. Sein anziehendes Aeußere hatte etwas ungemein EdleS und Würdiges. Besonders sein scharfes, see'envvlleS Auge fesselte. Gewandt wie ein Weltmann und fromm wie ein Engel, verband der Hoffnungsvolle jene seltene Energie, wie sie nur in großen Charakteren von christlichem Hochsinne durchdrungen und begeistert erscheint. Der männliche Ernst und die Liebenswürdigkeit kommen unwillkürlich, wie aus dem innersten Wesen. An den großen Tugendgestalten seiner frommen und gelehrten Umgebung entfaltete sich in schönem Glänze diese edle Jugendblülhe der viel mißhandelten Gesellschaft Jesu, die er feurig und kindlich liebte. Der Sturm von 1847 warf ihn nach Italien und endlich nach Amerika, um da zu finden, was ihm und seinen Genossen das undankbare Vaterland schnöd versagte, eine neue Heimat. Gern wäre der edle junge Schweizer a>S Missionär bei den Wilden Amerikas zeitlebens geblieben oder wohin ihn immer der Obere berufen. Es wird ein ewig schwarzes Blatt bleiben diese Jesuitenjagd der Neuschweizer. Er vollendete nnn die theologischen Studien, ward Priester und kam nach Belgien und Deutschland. Hier wirkte Pater Fruzzini mit verzehrendem Seeleneifer in den Rheinlanven, in Westphalen und Schwabenland, bis er ein Opfer seines heiligen Eifers wurde in der schönsten Periode seines so viel versprechenden Lebens. Er war erst Anfangs in den 30ger Jahren. Die Gesellschaft verlor in ihm einen andern Pater Roh. In kurzer Zeit hat er viele Jahre vollendet. Sein Leichenbegängnis) war ein großer Triumphzug. Es war vem gebornen Schweizer nicht gegönnt, in der schönen Heimat zu sterben. Solche Menschen kann der Radikalismus nicht dulden und er weiß warum. Sie sind sein Tod. (Kath. i. d. Schw.) i86 Die Aufgabe genialer Frauen in der christlichen Kirche. „Was kein Verstand der Verständigen sieht, Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüth." Göthe. Nicht lange darnach, als daS Kreuz seine segnenden Strahlen auf die starre Erde sandte, trat in den Verhältnissen der menschlichen Gesellschaft ein gewaltiger Umschwung ein: Wo früher Sclaverei herrschte, sah man jetzt Freiheit walten; wo vorher Perkennung der heiligsten Menschenrechte, wie sie der Schöpfer geordnet halte, zu sehen war, stand jetzt das Christenthum mit seiner himmlischen Lehre von Gleichheit nnd Bruderliebe im Sinne des ewigen Mittlers, jener Theil der Menschheit, der im Heibenthume nebst der schweren Bürde, die er zn tragen hatte, auch noch mit Sclaveusesscln belastet war, erfreute sich im Schatten deS Kreuzes jenes GlückeS, das ihm durch die reinste Jungfrau als Mutter deS Herrn in so reichem Maaße zuströmte. Mit einem Worte, dem Christenthume gebührt das hohe Verdienst, den Frauen ihre Stellung in der Gesellschaft erkämpft nnd verschafft zu haben. Seit jener Stuude, in welcher sich die „Gesegnete" als Magd deS Herrn bekannte, gab es keinen Fluch der Sünde mehr, sah man die dunkle Nacht vom Ervkreise schwinden, denn schon zog die Morgemöthe herauf; und jener Friede, den die Engel auf Bethlehems Auen allen Menschen von gutem Willen gebracht, ergoß seine Segnungen besonders in jene Herzen, oie bisher ihn am schmerzlichsten vermißt hatten, und deren Leihen ihr Ende gefunden, seit das starke „Weib" unter dem Kreuze des SohneS Gottes gestanden, in den Kreis des Frauengeschlechtes. In dankbarer Erinnerung an diese Wohlthat schaarten sie sich auch stets um ihren Retter und Befreier Jesum Christum, und ließen nicht von ihm, auch wenn Verfolgung und Tod sie bedrohte. „Die christliche Religion," sagt ein großer Denker, „ist dem Weibe zur zweiten Natur geworden; halt sie nicht daran, so wird sie zur Verbrecherin an ihrer Natur." F ir die Wahrheit dieses AuSiprucheS zeugen Thatsachen und Ereignisse nicht bloß deS Privatlebens, sondern weit mehr solche, die der Weltgeschichte angehören. Wenn eS Frauen gab, die mit und durch das Christenthum Völker in den Himmel führten, so fehlt eS auch nicht an solchen, die ohne den Glauben an das Kreuz die halbe Welt der Hölle überantworteten. Es kann nicht in unserm Interesse liegen, Letztere näher inS Auge zn fassen, denn das Laster ist dem sittlichen Menschen ein Gränel; wohl über lohnt eS sich der Mühe zu untersuche«, wie weit das schwache Auge deS Menschen reicht, wenn er jene unergründlichen Rathschlüsse GottcS betrachtet, durch welche er jenem Geschlechte, das der Weit als dus „schwache" gilt, bisweilen so große und umfassende Gränzen seines Wirkungskreises zieht, daß man in Staunen und Bewunderung aufgelöst nur rufen kann: O Tiefe des Reichthums der Weisheit Gottes! Wohl ist es nicht ganz ungegrünvet, wenn die Psychologie nachweist und das Leben es bestätiget, daß beim Weibe das Gemüth die Oberhand über den kalten Verstand habe, während daS umgekehrte Verhältniß beim Manne stattfindet; allein es ist das eben nur wie vieles Andere eine Regel von unzähligen Ausnahmen eingeengt. Wenn ein Mensch gleichsam hinaustritt aus dem Kreise der Gesellschaft, dadurch daß er etwas Außerordentliches thut, wozu die Kräfte Vieler nicht hingereicht hätten, so nennt die Welt ihn begabt (genial). Wenn dieser Mensch aber ein Christ ist, und seine That vom Glauben an Gott und Kirche getragen ist, da ignorirt eS die ungläubige Weit vornehm, oder sncht eö durch unedle Motive zu erklären. Ist eS aber gar eine Frau, so fehlt eS natürlich nicht an Schlagwörtcrn von Schwärmerei, SinneS- trug und Sinnestäuschung, und im schlimmsten Falle war es ja doch nur ein Weib, und die Sache hat folglich keine so große Bedeutung. Wenn .eS an solchen schiefen Beurtheilen, im gewöhnlichen Leben nicht fehlt, so treten sie doch viel ungeschlachter und dreister dort auf, wo es die Religion und namentlich die katholische angeht. Eine christliche Jungfrau, die der Stolz ihrer Familie war, flüchtet aus dem geliebten Kreise in die stille Zelle eines Klosters, und sie darf von Glück sagen, wenn die stumpfsinnige Welt sie nur „verrückt" nennt. Es könnte das befremden, wenn » 187 man nicht an die Worte dächte: „WaS sie nicht verstehen, das lästern sie." (Paul.) Weil unsere Zeit, wie mit so vielem Andern, nicht weiß, waS sie machen soll daraus, darum auch die sonderbare Meinung, die sie geltend machen will, daß es ein Verbrechen an der Menschheit sey» wenn die Kirche gottgeweihte Jungfrauen vor den Altar des Herrn führt, dem sie Leib und Seele zum Opfer bringen, „Damit," heißt eS, „hat es noch Zeit, wenn die alten Tage gekommen seyn werden, die Jugend muß man genießen." Als ob Gott, der höchste Herr der Schöpfung, für alle seine Liebe zur Menschheit sich mit einem Opfer begnügen solle, welches der Welt bereits zum Eckel geworden! Als ob man den Altar Gottes nur mit verwelkten Rosen schmii- cken dürste! Von dem Gedanken durchdrungen, daß der Herr ein reines Herz verlangt, verlassen daher auch die begabtesten Seelen die Welt entweder ganz, oder doch nach Kräften zum Theile, Für erste wie für die letzteren hat die Kirche mit mütterlicher Weisheit gesorgt, indem sie sowohl Zufluchtsstätten errichten sür die Einen in den Frauenklöstern, sür die Andern in den drei Orden des heiligen Franciscus und DominicuS, der seine fruchtbeladenen Zweige selbst bis. in die trauliche Hütte der Familie erstreckt. Und man kann in der That den Scharfblick, verbnnoen mit der Gnade von Oben, nicht genug bewundern, mit welchem der große heilige FranciscuS wie ein Vater der Menschheit in alle Schichten und Classen derselben den göttlichen Frieden tragen wollte, der ihm selber durch die Seele strömte! der auch den Frauen, die in der Welt leben müssen, und an Verhältnisse dcS Lebens gebunden sind, eine dritte Lehrschule für den Himmel gründete, in der man bei weniger Mühe, aber desto mehr Gefahr jene Vollkommenheit erklimmen kann, die der Hcrr Jesus unter die Räthe gestellt. Man kann nur den göttlichen Erlöser preisen und ihm danken, daß er in seiner Kirche nicht bloß hnlige Männer, die für ihre und die späteste Zeit Netter und Helfer geworden sind, sondern daß er die Gaben des heiligen Geistes auch dem Geschlechte zutheilte, wo sie seltener zwar zu treffen sind, aber auch seltener unbenntzt bleiben! Haben die Heiligen aus dem „starken" Geschlechte für die Kirche GottcS oft UebermäßigeS gethan, durch Predigen dcS Evangeliums mit ihrer begeisterten Zunge, so wirkten heilige Klosterfrauen durch die Salbung ihrer Schriften, und was vielleicht oft übersehen wird, durch inniges Gebet nicht weniger. Und darin liegt vielleicht die Antwort, welche die aliein richtige ist, wenn die Frage ausgeworfen wird: Was soll es nützen, wenn die Frau, statt im Schooße d?r Familie zu walten, aus dem Weltleben scheidet, um ihre Tage hinter dumpfen Klostermauern zu verkümmern? Das Wort des Weltapostels (Kor. 1, 34) gilt nicht bloß für die Korinther, sondern er hat zn Menschen aller Zeiten gesprochen, wenn er schreibt: „Die Jungfrau ist bedacht aus das, was des Herrn ist, daß sie heilig sey dem Leibe und dem Geiste nach; die Verehelichte aber ist bedacht auf das, was der Welt ist, wie sie dem Maune gefallen möge." Freilich wird das Streben nach Vollkommenheit nur selten und von Wenigen erfaßt, was im Frauengeschlechte noch dazu oft von ungünstigern Umständen erschwert ist; allein nichts desto weniger ringen auch da die edelsten Seelen voll Liebe und Begeisterung nach jenem verklärten Tabor, dem Christi Worte gelten: Wer es fassen kann, der fasse eS! Nicht allein in der ersten Zeit deS Christenthums drängten sich heidenkühne Jungsrauen auf die blutigen Bühnen, um durch wilde Thiere und unter dem furchtbar grausamen Beifalle eines entarteten Pöbels für ihren Glauben zu sterben; auch in späterer Zeit gab eS in der Kirche solche GlaubenSheldinen in Menge, nur mit dem Unterschiede, daß diese oft einen weil wichtigern Kampf zu führen hatten, als die Märtyrer der ersten Jahrhunderte. Jener Kampf, bei dem die Welt mit all' ihrem Trug das eigene Fleisch, und die Macht des Teufels gegen die Tugend in die Schranken trat; ein Kampf, dessen SiegeSlorbeer wohl nicht mit Blut aus eigeueu Wunden bespritzt war, den aber um so reichlicher die Thränen der Buße oder Theilnahme am srcmdeu Schmerze benetzt hatten. Und dem Himmel sey es gedankt, auch in der Jetztzeit zählen viele Frauen zu Jenen, welche das Wort von der Vollkommenheit „fassen können"; die wohl wissen, warum sie vom Schöpfer höhere Einsicht und Erkenntniß vor den Uebrigen erhalten 183 haben. Derartige Erscheinungen der Neuzeit sind dem glaubenstreuen Katholiken etwas mehr als ein Rudel (es fand sich kein besseres Wort) leichtfertiger Tänzerinnen, welche eine sinnlose Masse mit Beifallsbezeugungen überschüttet, bloß allein, weil sie eS gar so gut verstehen, die thierischen Triebe und Leidenschaften in der zügellosen Brust zu wecken I Der demüthige Christ spart sein Lob und seine Anerkennung für Werke und Leistungen höherer Art. Er schaut mit Liebe und Freude hin auf die Opserwilligkeit und hohe Selbstverläugnung, die in der katholischen Kirche selbst da nicht veraltet, wo die Schwäche größer ist, wenn auch nicht stärker als der christliche Muth. AlleS Wunderbare und Große der Neuzeit ist für den aufmerksamen Beobachter nichts anders als eine Wiederholung dessen, was die Kirche schon unzählige Male erzeugt und geschaffen hat. Wer, wenn er das Gedeihen der Töchter der CharitaS, deS Ordens der barmherzigen Schwestern, sieht, wäre lange in Verlegenheit, nach einem Hrbilde in der Kirche zu suchen? Denkt man nicht unwillkürlich an die Perle deutscher Frauen, jene Elisabeth von Thüringen, die im Krankendienste eine solche Vollkommenheit erreichte, daß sie selbst den Eiter auS den Wunden sog, deren segensreiches, unermeßliches Wirken die Reformation mit ihrem bösen Leumund wohl nicht erhöhen konnte, aber auch seit Jahrhunderten mit Aufbietung aller Kräfte das Andenken der lieben heiligen Elisabeth") beim Volke nicht zu vertilgen im Stande war. Noch steht die Kirche zu Marburg, ihrem Namen geweiht, wenn auch ihre Gebeine von einem gvttesräuberischen Enkel und Blutsverwandten auS derselben geworfen wurden! Wer denkt nicht beim Anblicke des segensreichen Lehramtes der Ursulinerinnen an jene Angela von Brescia, die wie ein Engel, dessen beive Hände mit Manna erfüllt sind, um es auf die dürftige Flur zu streuen, über die Erde ging, um sich derjenigen zu erbarmen, „die am verlassensten sind, weil Niemand an sie denkt, an arme preisgegebene Waisen!" um diesen Mutter und Lehrerin zu werden! War diese Angela nicht selber wieder ein Abbild der unbegrenzten Geduld und Liebe, wie sich dieselbe in der heiligen Tochter der Wüste, der heiligen Marina verkörpert hat? dieser schweigenden Dulderin unv unschuldigen Büßerin fremder Schuld, die ferne von der einsamen Klosterzelle hinausgestoßen in dunkle Nacht, in Sturm und Regen, daS Waisenkind fremder Schuld an ihre Brust drückte und mit erbarmender Liebe ernährte. Halt man Verwunderung und theilnahmsloscS Erstaunen dem hohen Grade von Entsagung entgegen, dessen auch zarte Jungfrauen fähig sind, so ist eS nicht schwer, zudringliche Af erweiSheit durch Auszählung jener starken Jungfrauen zn ermüden, die „ihr Fleisch sammt den Lüsten gekreuzigt!" Von der Schwester des heiligen Benedict, der heiligen Scholastica, an, die die strenge Regel des heiligen Bruders auch auf die Frauen übertrug, welche in ihrem Kloster zu Hausen gedachten, bis zu jener heiligen Klara von Ässisi, die unter dem Schirmdache deS Mantels, welchen FranciScus ihr gegeben, einen Garten von Jungfrauen, Lilien gleich, Pflanzte, der an Geist und Armuth, an Demuth und Eifer kaum zurückstand hinter dem männlichen Orden deS seraphischen Lehrers! Keinem fühlenden Herzen, dessen Adern göttliche Liebe durchströmt, sind jene weiblichen Hirten unbekannt, die in unermüdlicher Liebe Seelen zu retten suchen, daS edelste Geschäft für Bekeuner Christi! DaS Mitleid, welches selbst dem größten Sünder vom wahren Christen zu Theil wird, hat in der Kirche schon oft so zahlreichen Lohn gefunden, daß man kaum unterscheiden kann, wer von beiden glücklicher ist, der Retter oder die gerettete Seele. Die Büßerin von Magdala zu den Füßen deS Herrn steht keineswegs allein auf solcher Höhe der Bußgnade. Ihr Schimmer erglänzte wieder in der schauerlichen Oase Egyptens, als die büßende Maria daselbst 47 Jahre von Wurzeln lebend, ihre Schuld früher Jugend beweinte. Auch das Mittelalter sühn uns das Ideal reuiger Buße vor, in der eben so schnell bekehrten als gebesserten Margarita von Cortona, deren Gebet um Barmherzigkeit, vielleicht das erste, so auö dem Herzen kam scit ihrer Bekehrung, von solcher Innigkeit und *) Mit diesem Prädicote war sie bis auf Luther in ganz Deutschland geehrt und genannt. Man sehe überhaupt das vortreffliche: „Leben der heiligen Elisabeth," von Graf Montalembert 189 Kraft ist, daß man sich der Thränen erwehren muß, wenn sie unS die Legende betend also zeigt: „Ach mein Heiland, du Erlöser der Seelen, der du täglich so Viele bekehrst, wirst du denn meine Seele zu Grunde gehen lassen? Sie hat dich ja eben so viel gekostet, als die Seele der heiligen Magdalena, verlaß mich in meinem Elende nicht, sondern erbarme dich meiner!" — Wenn unsere Zeit in der Thorheit und Un- wissenheit solche Fortschritte gemacht hat, daß sie vom innern Leben des Geistes gar keine Kenntniß mehr hat, und dasselbe auch nur für Ueberreiztheit der Phantasie erklärt, so läßt sich solchen Ungereimtheiten nicht besser begegnen, als wenn man den Unglauben zu jenen Schriften schickt, deren Verfasser die höchste Stufe der AScese und der evangelischen Weisheit erklommen haben. Wer verdient da wieder eher genannt zu werden, als die seraphische Mutter Theresia mit ihrer „himmlischen" Lehre, wie die Kirche selber sagt, die nicht allein eine heilige Klosterfrau, sondern mehr noch eine vom heiligen Geiste erfüllte Lehrmeistern, war; deren Uebermaaß von göttlicher Liebe so unermeßlich und tief in ihrem Herzen lag, daß sie aus Sehnsucht nach dem ewigen Bräutigam ihre englische Seele aushauchte. Sollte nicht auch die demüthige Domi- nicanerin Katharina von Siena zu nennen sevn? Sie, deren mächtigen Einfluß auf die Weltgeschichte ihrer Zeit, und mehr noch auf die Kirche, oberflächliche Schwätzer (wie Rotteck) der „Dummheit und Bigotterie" des Pöbels zuschreiben, während alle Welt weiß, daß Friede und Einheit zu erhalten eine arme Jungfrau auS Siena etwas mehr als gewöhnliche Klugheit besitzen muß, ja solches ohne göttliche Mitwirkung bei so schwacher Kraft gar nicht denkbar ist. Diese große Schülerin deS heiligen Dvmi- nicuS hat mehr gethan, als ein gewöhnliches Weib thun kann, und steht daher auch um so erhabener da, angethan mit Genialität im edelsten Sinne deS Wortes. Wenn auch unsere Zeit an so begabten Frauen nicht überreich ist, so läßt sich doch nicht läugnen, daß darum das Bedürfniß nach ihnen noch immer fühlbar ist; und zwar vermißt man sie gerade dort, wo ihr Wirken und Streben einen zwar geräuschlosen und weniger bemerkbaren, aber gerade deßhalb um so sicherern und allgemeineren Nutzen stiften könnte, im heiligen Schwestervereine der religiösen Orden und Genossenschaften. Wohl ist eS einerseits anerkennenSwerth und erfreulich, wenn selbst aus den höhern Ständen, deren Vertreter an Ueberfluß und Weltfreude gewöhnt sind, nicht Wenige die stillen Klosterzellen aufsuchen, und einem dürftigen OrdenS- kleide allen Prunk und Glanz, den ihre günstige Lage ihnen verschaffen könnte, vorziehen. Aber was uns als böses Zeichen der Zeit gilt, ist jene oberflächliche Beurtheilung, die selbst von bessern Christen denen zu Theil wird, welche ihr Leben ausschließlich dem Dienste des Herrn' widmen; jenes Nichtverstehenwollcn deS göt lichen Rufeö an Seelen, die aus der Menge der Berufenen in die Reihen der AuSerwähl- ten lreien. ES wäre an der Zeit, daß die Katholiken, und namentlich die katholischen Frauen, welche als folche gelten wollen, das, waS sie selbst zu thun nicht im Stande sind, wenigstens bei Andern, die es unternehmen, aus kleinlichem Neid oder Unwissenheit nicht tadelten, daß man nicht von so vielen Zeitgenossen sagen müßte: Wer selber keine Tugend hat, glaubt auch nicht an das Daseyn derselben bei Anvern! Möchte man jenes Wort deS heiligen Bernhard öfters erwägen, und es wäre auch die Antwort zu vielen religiösen Fragen gegeben: ninil (^risto deelisti, si ei cor tuum tolum non cleclisti. Du hast Ehristo nichts gegeben, wenn du ihm nicht dein ganzes Herz geschenkt. (Oestcrr. Volksfr.) Stoff zum Rachdenken. Das englische Blatt „Herald" sagt: „Der Krieg ist ein Gottesgericht über die Sünden der Menschheit, und so wie das größte Ereigniß, dessen Andenken am Char- freitage gefeiert wird, so wie die Kreuzigung zugleich ein schauerliches, von Menschenhand begangenes Verbrechen, und ein Act göttlicher Barmherzigkeit war, die das namenlose Verbrechen zum Heil und zur Erlösung der Menschheit wandle, so wird die göttliche Barmherzigkeit das Vorgehen des CzarS zum Heil Europas kehren. 190 Bedeutsam ist die Frist von vierzig Jahren, eS steht geschrieben nach dem Siege DeboraS und BaracS: „und das Land ruhte vierzig Jahre," also haben auch wir Engländer vierzig Jahre," Frieden gehabt. Am 31. März 1314 wurden die Kriege der französischen Revolution beendet, und vierzig Jahre darnach am 31. März 1854 erging der einstimmige Beschluß des brittischen Parlaments, daß wieder Krieg sey in Europa. Aber zu bemerken ist, daß jede der Mächte, die jetzt ihr Schwert gürten, dieses widerwillig thut, und durch den gewaltigen Rathschluß Gottes in den Kampf gezerrt wird. Eine Nation nach der andern sträubt sich, bis der unwiderstehliche Strom sie erfaßt, und willenlos treibt er sie dem Gottesgericht entgegen, auf daß sich erfülle, was JeremiaS sagt Cap. 22. Also sprach der Herr Gott Israels zu mir: „nimm die Schaale dieses Zornes von meinen Händen, und gib sie allen Völkern zn trinken," so spricht der Herr der Heerschaaren, „wahrlich, ihr sollt sie leeren." — Zn diesem höchst wichtigen englischen Artikel mag Nachstehendes als Kommentar dienen: ES ist hohe Zeit, daß wir alle aufmerken auf die Gerichte Gottes, welche er über die Vöker der Erde ergehen läßt. Nicht ohnmächtige Menschen beschwören den ungeheuren Sturm, der die Welt verwüstet, nicht Menschen haben ihn veranlaßt, nicht diese, sondern längst vergangene Zeiten haben aus ihrem Schooße das allgemeine Elend geboren. DaS erschütterte Weltmeer bewegt seine Wogen endlich bis zu den entferntesten Gestaden, und die Ereignisse unserer Tage werden noch am Ende unsers Jahrhunderts zurückwirken. Die Religion fordert von uns, daß wir allem, was jetzt geschieht, unsere Aufmerksamkeit widmen; was die Luft und der Athem dem menschlichen Körper, das ist die Religion dem menschlichen Geiste, er athmet nur in ihr, er zieht sein Leben nur aus ihr und ist alleö nur durch sie. Sie gewährt dem Menschen für alle Dinge deS Lebens den erhabensten Staudpuuct, weil sie den Geist des Menschen über die Welt erhebt und mit Gott verbindet. Es ist Zeit, daß wir auf die Gerichte Gottes in den Geschichten der Welt merken. Die Menschen in ihrem thörichten Selbstdünkel bilden sich ein, daß sie eS sind, die dieß alles, was vorgeht, hervorbringen. Frohlocken sie über einen Sieg, so schreiben sie ihn der Tapferkeit ihrer Schaaren, der großen Klugheit ihrer Feldherren zu; ach, sie sind blind für daö Wahre, denn sie kennen nicht die Verflechtung der Umstände, nicht daS Spiel sogenannter Zufälle, welche der dunkle Arm der Vorsehung leitet, und wo eine unbemerkte, geringfügige Sache den Ausgang der größten Schlachten, das Glück oder Unglück der größten Völker entscheiden kann. Uebermülhig nach Siegen, welche sie> sich und ihrer Kraft anrechnen, halten sie sich schnell für unüberwindlich, und ahnen nicht, daß der nächste Tag alles umkehren werde, weil ein Höherer über Sieger und Besiegte ein anderes LooS beschlossen hat. Kleinmüthig im Unfall, klagen sie die Verrätherei und Unklug- heit ihrer Anführer, die Schwäche ihrer Fürsten an. Nein, liebe Brüder, was ihr sehet, ist nicht Menschenwerk, es ist Gottes Gericht über die Völker! Wieder einzelne Mensch seinen eigenen Lebeuslauf hat, so hat ihn auch jede einzelne Nation. Wie der einzelne Mensch durch Weisheit, Zufriedenheit, Mäßigung, Fleiß, Muth und Rechtschaffenheit ehrwürdig und klüger wird, so kann und muß auch ein ganzes Volk durch seine Tngend beglückt, durch seine Fehler elend werden. Ein Volk erfreut sich, und leidet als Ganzes. Es wird für sein Gutes, welches es stiftet, in sich belohnt, für seine Vergehnngen für sich bestraft, und so wie unter dem Himmel im menschlichen Lebenslaufe nichts Gutes geschieht, welches nicht seine guten Folgen hätte, und so wie keine Ungerechtigkeit geschieht, welche ohne nachtheilige Folgen bliebe, so hat auch im Leben und Sein der Nation die Tugend ihre Belohnung, die Sünde eine unvermeidliche Strafe zu erwarten, denn alles auf Erden, das Größte und Kleinste, steht mit einander in ewiger Verknüpfung von Ursachen und Folgen. Leider ist das Geschlecht der Menschen in seiner Leidenschaftlichkeit so tief versunken, daß eS meint, es könne mit Gold, mit List und Kriegsheeren alles erzwungen werden, und vergebens warnt und mahnt die Vorwclt. Wer möchte wohl behaupten, daß ein Mensch von ruchloser Denkart ein wahrhaft glücklicher, freier und achtungswürdiger Mensch seyn könne? Seine Klugheit wird durch daS Eintreten von unvorgesehenen Umständen ver- 191 eitelt. Ueppigkeit und Ausschweifung müssen endlich seine Gesundheit und Leibeskraft zerstören, Verschwendung, Wohlleben und Feindschaft können das größte Vermögen in Armmh verwandeln, wo ist dann sein Glück, seine Freiheit, seine Ehrwürdigkeil? DaS ist daS größte Uebel der Menschen, daß sie mir unglaublicher Unverständigkeit die bloßen Mittel zum Zweck gewöhnlich für den Zweck selber halten, und über das Anschaffen der Mittel den Zweck, für den sie Gott erschaffen har, vergessen, wie bei den einzelnen Menschen, so bei ganzen Völkern, denn die Völker bestehen aus Menschen. Nur Beförderung der Sitteneinfalt, öffentliche Tugend, Unbestechlichkeit, Vaterlandsliebe, Anerkennung des wahren Verdienstes erhöhet den Menschen. Wer durch Ueberfluß und Wohlleben einmal von zahllosen Bedürfnissen abhängig geworden ist, tritt ohne große Schwierigkeit in die Knechtschaft dessen, der ihm diese Bedürfnisse besser zn befriedigen verspricht, oder sie alle bedroht. So gingen die berühmtesten und reichsten Staaten der alten Zeit zn Grunde. Tas ist der unselige Kreislauf der Völker, daß sie durch Armuth und Furcht vor Gefahren tapfer, durch Tapferkeit kriegerischer und erfindsamcr, durch Eroberungen und Handel reich wurden, — um sich durch Ueberfluß wieder zu entnerven, zu verarmen und an fremde Bormäßigkeit hinzugeben, denn die Sünden der Völker sind der Mißbrauch der ihnen von Gott gewährten Mittel. Noch sind wir nicht am Ende der großen Trübsale, Friedensschlüsse der Könige ändern an GolteS Verhängnissen nichrS. Neue Zwierracht, neue Umwälzungen, neuer Jammer wird die Sünde der jetzigen und der vergangenen Welt gebären. — Wer konnte die Mittel und Wege des Gottesgerichts zählen? Gehorchen seinem Winke nicht die Stürme und Meereswellen? Sind nicht Feuerflammen seine Diener, Erdbeben und unfruchtbare Zeiten die Boten seines Willens? Der Mensch kennt den Goltcs-Finger, aber — er nennt ihn im gemeinen Leben nur Glück oder Unglück. Doch kann er sich eS nicht verhehlen: diese oft geringe scheinenden Zufalle beurkunden ihre erhabene Herkunst durch ungeheure erschütternde Wirkungen; dieß, waS Glück oder Unglück heißt, gestaltet oft die Verhältnisse ganzer Welttheile um, waS alle Macht, alte Kunst und Klugheit der Sterblichen nicht vermochle. Die alre und die neue Geschichte ist von solchen Erscheinuugen voll, alle die heiligen Berichte des Alterthums, wie das menschliche Geschlecht kaum zweitausend Jahre nach seiner Erschaffung zur gemeinsten Thorheit versank, find bekannt. Gott winkte und das Geschlecht nahm durch die Sündfluth ein Ende, doch warum soll man an die vielen Ereignisse der grauen Vorwelt mahnen, ist Gott heute minder groß in seinen Gerichten? Wissen wir nicht, wie er Königreiche, wenn sie am stolzesten prahlten, durch einen einzigen Schlag zerschmettert«? Wissen wir nicht, wie er gewallige Armeen und Schiffsflotien, die man unüberwindlich genannt, in einer einzigen Stunde mit ihren trotzigen Heeren vernichiele? Wissen wir nicht, wie der kalte Hauch eines Herbstes, Regen und Fänlniß siegesreiche Heere in schmerzlichen Krankheiten auflöscte, oder der Frost einer Winternacht mit den Leichen unbesiegbarer Echaaren die Felder bedeckte? Es ist wahrlich leicht, in den Schicksalen der Länder überall nachzuweisen, wie sie durch die Tugenden ihrer Bewohner aufblühten, und jedesmal durch deren eigene Schuld wieder unmerkbar ins Verderben sanken, weil nur das Vollkommene bestehen kann, das Unedle aber den Todeskeim in seiner Vrnst trägt, und also vergehen muß. Sey daher du, mein Herr und Gott, gnädig deinem sündigen Vulke. Erleuchte mit deinem Geist die Fürsten und ihre Diener, die Hohen und die Niedrigen, daß sie nicht mit thierischer Stumpfheit die ernsten Ereignisse der jetzigen höchst bedenklichen Zeit anstaunen, sondern in allem dein ewiges Weltgesetz anerkennen, dein Gericht über die Völker der Erde. (W. Kirckenz.) Zur Kirchengeschichte Bosniens. III. Bei der geringen Anzahl religiöser Häuser in Bosnien war eS unmöglich, alle philosophischen und theologischen Studien ausrecht zu erhalten; daher hatte die Provinz, so lange sie mit Erzegowina vereint war, das Recht, sechs Jünglinge nach 19S Italien in die benannten Studien zn senden, welche Zahl sich später verdoppelte, endlich durch die Gnade des GeneralministerS und der Lon^r. cle pi-op. ti6ö auf vier- undzwanzig stieg, die ersterer in verschiedene Klöster vertheilte, wo sie von den italienischen Ordensbrüdern liebreich und ohne Vergütung angenommen, unterrichtet und gekleidet wurden. Im Jahre 1784 war Fra Augustin Okic, weiland Kaiser Joseph II. lieb und werth, apostolischer Vicar; dieser ermittelte eine Fundation, wovon zweiunddreißig Zöglinge der bosnischen Provinz in den österreichischen Ländern erhalten und unterrichtet werden konnten; dieß der Anfang der Jugendbildung Bosniens im Bereiche der österreichischen Monarchie. Als die Zahl der Katholiken in Bosnien sich merklich vergrößerte, reichte auch diese Summe der Studenten nicht aus, und die durch den französischen Krieg verursachte Devalvation des MünzgeldeS machte es unmöglich, um einen geringeren Preis die Bosnier zu erhalten. Daraus entstand ein fühlbarer Mangel an geistigen Kräften; um selbem vorzubeugen, traten die unvergeßlichen Bischöfe Ungarns, Kroatiens und Slavoniens inS Mittel. AIS Abgeordneter der Provinz erschien der verdienstvolle, noch jetzt lebende Priester Philipp PaSalic, welcher bewirkte, daß weiland Ercellenz Alexander Alagovic, Bischof von Agram, vier Zöglinge versorgte; Se. Ercellenz der jetzt glücklich regierende Erzbischof von Agram, Georg Haulik unaufgefordert ebenfalls vier; Se. Ercellenz Bischof von Weßprim, später Primaö von Ungarn, KopacSy, einen; weiland Klobushitzky, Erzbischof von Kolocza, zwei; Se. Ercellenz Bischof von Szathmar, HSm, zwei; Hochw. Bischof von Diakovar, Josef Kukovic, einen; S. Eminenz Johann Scitowsky, als Bischof von Fünfkirchen, einen; das hochw. Domcapitel von Kolocza, serner von Weßprim je einen; der hochw. Cisterzienser-Abt von Zircz einen; Herr Ludwig Spech von Eolocza zwei; sämmtliche Zöglinge übernahm die Provinz des hh Erlösers für die bestimmte Pension und zwei überdieß noch gratis durch Bestreben des Pater ProvincialS Stephan MagocSy; auch die Capistrancr-Provinz verzichtete ans die Pension eines Zöglings durch ein Jahr. Als vor dem AuSbruche der ungarischen Revolution zwischen der Provinz und dem damaligen apostolischen Vicar Bisckof Fra Raphael Bariöic MißHelligkeiten entstanden, wurde und zwar im Jahre 1842 von Zöglingen der Besuch der ungarischslavonischen Klöster untersagt. Nach Beendigung sowohl der Revolution als deö Processes zu Gunsten der Provinz arbeitete man dahin, die Josephinische Fundation ihrer frühern Bestimmung zuzuführeu. Die Provinz fand in dem hochwürdigsten Herrn Bischof von Diakovar Joseph Stroßmayer einen Wohlthäler, der auS Liebe zum Guten keine Mühe scheute und bei Sr. Eminenz dem apostolischen NuntiuS die Provinz-Angelegenheiten vertrat. So ordnete eS die göttliche Vorsicht, daß den Armen geholfen wurde im entscheidenden Momente. Der Weg war angebahnt, die Provinz sandte ihre Vertrauensmänner nach Wien; und da auch eine befriedigende Antwort von Rom eintraf, folgte am 16. November 1852 von Sr. k. k. apostolischen Majestät eine allerhöchste Entschließung, kraft deren das Kapital wieder in die vorige Wirksamkeit treten und dem ursprünglichen Zwecke zugeführt werden sollte. Nur war Seitens deS päpstlichen Stuhles die Klausel beigejügt, daß die Siudireuden nicht wie ehemals in verschiedenen Ländern zerstreut würden, sondern in oorpore beisammen bleiben und unter der Obhut ihrer rechtmäßigen Obrigkeit stehen sollten. Da war eS wieder der hochwürdigste Herr Bischof Josef Stroßmayer, der den Ausweg fand und Mittel schaffte, durch Eröffnung seines Seminars für die Bosniter bis zur Zeit einer bessern Zukunft. Sechzehn Zöglinge mit drei Vorständen nahm er gütigst auf und versorgte sie mit dem Nothwendigsten. Nur ist zu bedauern, daß Luft und Wasser, zwei unentbehrliche Elemente, den Studirenden nicht gedeihen, weßhalb einige in ihr Vaterland zurückzukehren genöthigt wurden. Alle sind Professen, befolgen ihre Ordensregel, welche ihre Vorgesetzten, ein Quardian, Prüftet und Spiritual, getreulich überwachen; alle Tage wird das Chorgebet treulich verrichtet und an den Festtagen begeben sie sich mit dem DiöcesankleruS in die Kathedralkirche. Dieß vom innern Wesen und der Organisation der boSnisch-argentinischen Provinz, (Fortsetzung folgt) Verantwortlicher Redacteur: L. Schöucheu, Verlags-Inhaber: F. E. Kremer. Pi-rzchnt-r L»h.,«»«. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. 18. Juni M^- 2S. 1854. Dieses Blatt erscheiut regelmäßig alle Tosutage. Der halbjährige Abon«ement«prei« TV kr., wofür e« durch alle königl. bayer. Poüämter und alle Buchhandlungen bezogen werde» kann. Breve über die Seligsprechung der ehrwürdigen Germana Coufin von Pibrac. PiuS IX. zc. Der Urheber und Regieier aller Dinge, der ewige Gott, haßt nichts mehr, als den thörichten Hochmuth des menschlichen Sinnes; darum verwirft und züchtiget er Diejenigen, welche auf eigene Kraft vertrauen und von Eigendünkel aufgebläht find; die Demüthigen aber und die Verachteten stärkt er mit übernatürlichem Beistande und treibt sie an, all das Schwere zu vollbringen. Er hat nicht nur vor alter Zeit die Hand des Knaben gefüyrt, um den Uebermuth des riesigen Philisters zu brechen, er hat nicht bloß oie schwache Rechte jenes Weibes bewaffnet, den HoloferneS zu todten, sondern auch durch alle folgende Zeitalter hat Gott die Schwachen erwählt, um die Starken zu beschämen. Dieses sehen wir auch im sechzehnten Jahrhundert der Kirche geschehen, in welchem Jahrhunderte von einer gewissen eileln und frechen, gottentfremdeten Weisheit aufgeblasene Menschen durch den Hochmuth den Geist abzogen von der demüthigen Unterwürfigkeit unter den Glauben, und die furchtbarsten Irrthümer zum Verderben der Seelen vorbrachten: da war eS, wo ein demüthigeS und einfältiges, an einem wenig bekannten Orte geborenes Mädchen, eine Verehrerin der wahren und unverfälschten Religion, mit dem Geist der Weisheit und der Erkenntniß von Oben erfüllt, durch die Uebung der vorzüglichsten Tugenden weit über sein Alter und seine Verhältnisse hinaus so sehr leuchtete, daß eS nicht nur Frankreich, wo eS geboren worden, sondern die ganze Kirche als ein neues Gestirn überstrahlte. Dieselbe war zu Pibrac in der Diöcese Toulouse von armen Eltern geboren im Jahre 1579, und erhielt in der Taufe den Namen Germana. Schon von Kindheit an mit Leiden heimgesucht, betrat sie den dornenvollen Tugendweg mit bereitwilligem Herzen. Der Mutier beraubt, hatte sie den Zorn der Stiefmutter zu ertragen, und nachdem sie auf deren Antrieb auS dem väterlichen Hause gejagt worden, weil sie an einem HalSgeschwulste litt, hütete sie die Schafe. Und diese Lebensweise benützte daö ehrwürdige Mädchen zu wundersamen Fortschritten in der Heiligkeit; denn auf dem einsamen Felde und im stillen Walde leichter von den menschlichen Eitelkeiten sich lossagend, heftete sie ihr Gemüth fester auf Gott. Von seiner Liebe glühend, ließ sie im Gebetseifcr niemals nach, sie mochte die Schase auf die Weide führen, oder, weiblichen Arbeiten obliegend, spinnen. Weder die Länge noch die Beschwerlichkeit des WegeS konnte sie jemals abhalten, die Pflichten der Religion pünctlich zu erfüllen; ja um dem Gottesdienste beizuwohnen, ließ sie, der göttlichen Vorsehung vertrauend, die Heerde im Walde zurück, und besuchte täglich die Kirche, sie mochte noch so weit entfernt seyn; häufig reinigte sie sich auch durch das heilige Bußsacrament und stärkte sich durch die heilige Communion. Die Gottesmutter verehrte sie, wie ein Kind die 294 Mutter, und weihte sich eifrig ihrem Dienst. Von der Liebe zu Gott ganz durchglüht, liebte sie auch die Mitmenschen von Herzen, und war, so weit es in ihren Verhältnissen möglich war, bemüht, in allen Dingen ihnen nützlich zn seyn, sowohl im Geistigen als im Leiblichen. Darum pflegte sie die Knaben in den Wahrheiten des Glaubens zu unterweisen und zur Frömmigkeit anzuleiten, und stillte den Hunger der Armen mit dem sich selbst entzogenen Brode, ihrer einzigen Nahrung. Sie war ein herrliches und seltenes Muster der Sanstmuth, Geduld und Standhaftigkeit. Obgleich sie bei der Schafhut von Kälte und Hitze zu leiven hatte, mit dem Uebel deS HalS- geschwulstes schon von Kindheit an geplagt war, und, so oft sie in das väterliche HauS kam, von der Stiefmutter äußerst hart und lieblos behandelt wurde und in einem dunkeln Winkel deS HanseS auf hartem Stroh schlafen mußte, so wurde sie doch niemals von so vielen Mühseligkeiten und Beschwerden überwunden, zeigte vielmehr eine beständige Heiterkeit, denn sie freute sich, zu leisten und verachtet zu werden, um dem Bilde deS Sohnes GotleS gleichförmig zu werden. Nachdem daS unschuldige Mädchen auf dem betretenen Wege der christlichen Vollkommenheit freudig und standhaft fortgeschritten, wurde sie endlich zum Lohne ihrer Verdienste berufen, und vertauschte dieses sterbliche, leivenvolle Leben mit dem ewigen, seligen (22 Jahre alt). Ein so großer Glanz der Tugenden mußte Allen in die Auge» leuchten, und verschaffte ihr den Ruf der Heiligkeit, welcher auch »ach ihrem Tode nicht erlosch, sondern sich weit umher verbreitete, und besonders auch dadurch vermehrt wurde, daß, nachdem sie bereits vierzig Jahre verstorben war, die sterblichen Ueberreste der Jungfrau noch ganz unversehrt und mit frischen Blumen bestreut gefnnven wurden. Zu diesem Anzeichen kamen noch viele andere Wunder, welche am Grabe der Dienerin GotteS durch göttliche Macht gewirkt worden, durch deren Ruf die erzbischöfliche Curie zn Toulouse sich angetrieben fühlte, sowohl ihre Wuuderthalen als die noch unbestattet und unversehrt vorhandenen Ueberreste zn untersuchen und zu constatiren, daß sie der ehrwürdigen Germana angehörten, durch Beizichung zweier Zeugen, welche dieselbe während ihres Lebens gekannt hatten. Solche ausgezeichnete und durch göttliches Zeugniß bestätigte Tugend erkannten die Bischöse von Toulouse für würdig, daß sie vermöge der Entscheidung des apostolischen Stuhles die Ehren der Himmelsbürger erlangte. Allein eS kamen nun jene für die allgemeine Kirche und für Frankreich insbesondere so schweren und traurigen Zeiten, uud diese verhinderten, daß die betreffende» Verhandlungen eingeleitet wurden. Und anbetungswürdig sind die göttlichen Rathschlüsse, welche diese Sache unseren Tagen vorbehielten, auf daß sie durch das vorgehaltene Beispiel dieses auf dem Wege der Unschuld und Demuth zur Glorie und Ehre der Seligen erhobenen Mädchens angeeifert würden, und der in so vielen Herzen sast erloschene Glaube wieder belebt uud die Sitten durch die christliche Zucht gebessert würden. — Endlich, 242 Jahre nach dem Tode der ehrwürdigen Dienerin Gottes, schien die Zeit gekommen, die gesetzlichen Untersuchungen anzustellen über ihre Tugend und die durch ihre Fürbitte geschehenen Wunder, um sie unter die Zahl der Seligen setzen zu Können. Und Gott, der die Demüthigen erhöhet, löste alle Schwierigkeiten; denn eS läßt sich das besondere Walten der Vorsehung dabei nicht verkennen, daß die Ueberlieferung der Thaten und Zeichen der ehrwürdigen Germana so vollständig aus uns gekommen ist. Und zwar ist erstens Das wundersam, daß die Familien, welche zu Lebzeiten GermanaS in Pibrac bestanden, noch jetzt dort bestehen uud wohnen, und in denselben das Menscheualter stch so verlängerte, daß das Andenken an jene Begebenheiten durch drei oder vier Zeugen aus diese unsere Zeiten gebracht worden ist. — Die Tugenden dieser uuschuld- vollen Jungfrau aber und die ununterbrochene Reihe der Zeichen ist mit solcher Glaubhaftigkeit und Unverfälschtheit von den Großellern und Eltern auf die Kinder, Enkel und Nachkommen überliefert worden, daß sich während eines so langen Zeitraumes eine wnndcrsame Unbefangenheit in den Aussagen Aller, eine wundersame Einfalt, eine bewunderungswürdige Uebereinstimmung Äller findet; und daS sind die sichersten Zeichen und Beweise der Wahrheit. 195 Darum nachdem in der Congregaiion der ehrwürdigen zc, Cardinäle, welche mit der Sorge für die heiligen Riten betraut sind, über die Tugenden der ehrwürdigen Germana die genauesten Untersuchungen gepflogen worden waren, haben Wir, nach innigstem Gebete zn Gott, durch Decret vom 36. Mai 1850 die Richtigkeit ihrer Tugenden im heroischen Grade publicirt. Hierauf wurden die Prüfungen der vier Wunder, welche Gott auf ihre Fürbitte gewirkt haben sollte, in derselben Congregation begonnen, und da diese Wunder nach der strengsten Prüfung sowohl durch die Bitten der Consultoren als durch die Entscheidungen der Cardinale bestätigt worden, so haben Wir, nach vorheriger Anrufung des Vaters deS LichteS um Hilfe und Beistand, am 5. Mai v. IS. daS Decret über die Aechtheit eben dieser Wunder erlassen. Wir haben, waS allein noch übrig war, am 31. Mai dieselbe Congregation der Cardinälc bei uns, wie üblich, versammelt, und sie hat auf die vorgetragenen Bitten der Consultoren einstimmig erklärt, eS könnten mit Sicherheit, wenn es Uns gutdüuke, der ehrwürdigen Dienerin Gottes die Ehren der Seligen mit allen Judnltcn zugesprochen werden, bis zu ihrer feierlichen Kauom'sation, Wir also, bewozeu durch die Bitten aller Bischöfe Frankreichs und der gesammten Welt- und Ordensgeistlichkeit, ertheilen nach dem Beirathe der Bäter der Congregation der Riten anS unserer apostolischen Autorität durch diese gegenwärtige Urkunde die Vollmacht, daß die ehrwürdige Dienerin GotteS, Germana Cousin, mit dem Namen der „Seligen" genannt und ihr Leib oder ihre Reliquien zur öffentlichen Verehrung ausgestellt (aber nicht bei öffentlichen Processionen mitgetragen) werden. Uebcrdieß gestatten wir, daß jährlich von ihr daS Of- ficium und die Messe cl«z Lnmmunk; Virgmum mit besonderer von unS gutgeheißener Oralion uach den Rubriken des römischen Breviers und Meßbuches gebetet werde. Dieß gestatten Wir jedoch nur für Pibrac und die Diocese Toulouse auf den 15. Juni für alle Gläubige, welche die kauonischen Tagzciten zn beten verpflichtet sind, und betreffs der Messe auch für alle Priester, welche zu den Kirchen, in denen eben das Fest gefeiert wird, kommen. Endlich erlauben Wir, daß innerhalb eines JahreS, von gegenwärtigem Erlaß an gerechnet, die erste Feier der Seligsprechung der genannten Dienerin GotieS in den Kirchen der Diöcese Toulouse eum oslicio et Älisss äu^Iiois nmjoris ritu gefeiert werde; und zwar soll dieses an einem von den Ordinarien zu bestimmenden Tage und nachdem diese Feier in der Kirche des Vaticcm vollendet seyn wird, geschehen ic. Gegeben zu Rom bei St. Peter unter dem Fischerringe am 1. Juli 1853. Unseres PontificatS im achten Jahre. Cardinal Luigi Lambruschini, der berühmte Staats-Secretär des großen Gregor XVI., Bischof von Porto, Santa Rufina und Civita Vecchia, Subdecau des heiligen ColleginmS, Secretär für die päpstlichen Breven, Groß-Prior deS Maltheser-Ordens zu Rom, Großkanzler der päpstlichen Ritterorden, Präsecr der heiligen Congregation der Riten, der daS Licht der Welt zu Genua am 16. Mai 1776 erblickte, ist am 12. Mai Morgens sieben Uhr einem Schlaganfalle erlegen, hat also das hohe Alter von achtuudsiebzig Jahren weniger vier Tagen erreicht. Seit mehreren Monaten, schreibt das UniverS, gab sein Gesundheitszustand zu lebhasten Besorgnissen Anlaß und schon lauge gestattete ihm seine Gebrechlichkeit fast nicht mehr, sich seinen Geschäften zu widmen. Man hatte gehofft, daß eine Reise nach Porto, dem suburblkarischen BiSthum, mit dem er bekleidet war, ihm Erleichterung verschaffen würde. Im Gegentheil, gerade da wollte die Vorsehung ihm die letzte Heimsuchuug bereiten. Die Anzeichen deS drohenden Schlaganfall6 überraschten ihn daselbst, er mußte am 10. nach Rom zurückgebracht werden, um hier am 12. um sieben Uhr Morgens im Palast der Consulta beim Quirinal sein unsterbliches Theil Gott zurückzugeben. Es ist eine eigene Fügung, daß sein Tod mit der Seligsprechung der Gmnaine Cousin, des französischen Hirten- 196 mädchenS, zusammentraf. Als Präfect der Congregaiion der Riten und Berichterstatter hegte er das lebhafteste Interesse für diese Angelegenheit und drückte tausendmal die Freude nnS, die ihm das Fest der Seligsprechung bereiten werde. Gott wollte ihn auf der Erde belassen, bis zu dem Tage, wo sein Verlangen in Erfüllung ging und hat ihn dann in den Himmel aufgenommen, um sich des Triumphes und der Herrlichkeit der Seligen zu erfreuen. LambruSchini trat frühzeitig in den Barnabitenorden; seine strenge Einhaltung der Ordensregel und seine Gelehrsamkeit steht in den Häusern von Rom und Macerata in bestem Andenken; er bekleidete bald mehrere hohe Aemter in dem Orden und nahm später in der Eigenschaft als Secretär der Congregation für außerordentliche kirchliche Angelegenheiten am Abschlüsse der Concordate mit Bayern und Neapel wesentlichen Antheil. Das Vertrauen des PapsteS wie deS Königs von Sardinien erhob ihn im Jahre 1319 auf den crzbischöflichen Stuhl von Genua, auf welchem er mit seltener Weisheit, die aus seinen Hirtenbriefen und aus der berühmten Trauerrede auf Victor Emanuel leuchtet, und mit gleichem Hirteneifer, von djm er namentlich bei einem Scesturm um Weihnachten 1822 im Hafen von Genua eine glänzende Probe ablegte, die Diöcese regierte. 1827 wurde der Erzbischof zum Nuntius am französischen Hofe in Nachfolge des N> Macchi befördert; in der Kraft der Jahre stehend und mit außerordentlichen GeisteSgaben das vortheilhaftestc Aenßere vereinigend, war der kirchliche Diplomat besonders geeignet für die Schwierigkeiten seiner Stellung, in welcher er von der Julirevolution überrascht wurde. Von Gregor XVI. alsbald nach dessen Erhebung mit dem Purpur bedacht — den 31. September 1831 — ward LambruSchini von dem scharfblickenden Kirchenregenten als der geeignetste Mann für das wichtige Amt des StaatSsecretärS auSer- sehcn und im Jahr 1836 damit betraut. Von da an beginnt nun die eigentliche Wirksamkeit des CardinalS, in welcher er das Loos aller größern Staatsmänner theure: von den Einen nämlich in den Himmel erhoben, von den Andern desto leidenschaftlicher in den Koth getreten zu werden. Aber Lob und Tadel müssen sich in dem Urtheile vereinigen, daß sie es mit einer über die Alltäglichkeit sich erhebenden Größe zu thun haben; und bei allem Hasse gegen die Politik der Stabilität, welcher der Staatsmann huldigte, können die Gegner dem Charakter ob seiner ungeheuchelten Tugend und Frömmigkeit den Zoll der Bewunderung nicht versagen. Er selbst beschränkte sich in seinen alten Tagen darauf, den Ruhm für sich iu Anspruch zu nehmen, daß er „Gregor XVI, habe in seinem Bette sterben lassen", und wer auf jene sturmbewegten Zeiten blickt, mit denen das Pontificat Gregors begann, auf diese wildschäumenden Brandungen der Demagogie, die den Cardinal noch nach seinem Rücktritt von den Geschäften verfolgte; wer jene Scene ins Gedächtniß zurückruft, wie seine Feinde am Abend des 16. Novembers 1848 seine Wohnung erstürmten, sein Bett mit Dolchen durchstachen und einer von seinen Büsten das Haupt abschlugen, voll Wuth darüber, nicht das lebendige Haupt des Flüchtlings abschlagen zu können: der ermißt die Bedeutung dieses Ruhmes hinlänglich. Die Wuth der Feinde ist hier wirklich ein Maaßstab für die Verdienste um Staat und Kirche. Cardinal LambruSchini wird gegen viele politische Anklagen durch den unversöhnlichen Haß derselben Meute, die jetzt wieder die Ruhe Italiens bedroht, sicher gestellt. Eine zarte Blüthe, die sich am Charakter dieses großen ManneS emporrankte, ist die innige Verehrung der seligsten Jungfrau, sie stellte ihn an die Spitze derer, welche die allgemein verbreitete fromme Meinung über die unbefleckte Empfängniß Mariens dogmatisch festgestellt wissen wollen. Inmitten der schweren Sorgen, die auf ihm lagen, fand der Cardinal noch Zeit genug, um eine der besten Abhandlungen über diesen Gegenstand auszuarbeiten. Es ist das nebst Anderem ein Beweis, daß weder der Besitz der Macht, noch die Sorgen der Geschäfte im Stande waren, die Frömmigkeit des Ordensmannes oder den Eifer des Bischofs zu verändern. Es ist zu hoffen, daß eine vollständige Lebensbeschreibung dem Andenken dieses 197 hochverdienten ManneS ein Denkmal setze. Die Todtenfeier des hohen Verblichenen mußte in der Kirche des heiligen Carl zu Belinari gehalten werden, welche dem Bar- nabitenkloster gebort, in dem er viele Jahre hindurch wohnte, da er noch einfacher OrdenSmann war, und wo er auch seine Ruhestätte gewählt hat. Er hatte dieses Haus immer geliebt und begünstigt, und ihm auch seine Bibliothek vermacht. Sein Secretär, die andern Priester seiner Haushaltung und die Glieder der „Familie", wie man in Rom die Dienerschaft der Cardinäle, Fürsten und Prälaten bezeichnet, haben einen reichen Antheil an den Schenkungen seines Testaments erhalten. AuS Böhmen. Mariaschein bei Teplitz. Am 4. Mai a. e. begann in der NachmittagS- stunde in der eben so majestätischen als lieblichen Marienkirche, die von den Vätern der Gesellschaft Jesu bereits seit Jahresfrist pastorirt wird, die Seligsprechungsfeier der beiden Märtyrer Pater Andreas Bobola und Johannes de Britto aus dem Orden der Gesellschaft Jesu. Ihre Bilder prangten neben dem Gnadenbilde der Gottesmutter am Hochaltare. Als uach vorausgegangener Einleitung und Vorlesung der Seligsprechungsbullen die Bilder enthüllt wurden, war die andächiige Theilnahme deS zahlreich anwesenden Volkes mehr als eine heilige Neugierde. Denn dieses gläubige Volk hatte hierin einen neuen von Gott durch Wunder bestätigten Beweis für die Wahrheit des katholischen Glaubens, für den beide Heilige ihr Leben gelassen haben. Auch liegt wohl der Gedanke sehr nahe, daß die Jesuiten, von denen schon so Viele zur Ehre der Altäre gelangt sind, doch ganz andere Leute seyn müssen, als sie die Gegner deö katholischen Glaubens in Romanen und andern verderblichen Schriften oft schildern. Das Fest wurde verherrlicht durch die Anwesenheit des hochwürdigsten Herrn Bischofes von Leitmeritz, der nicht nur am Vorabende des Festes die Ponlifical-Vespern, sondern auch sämmtliche drei Tage der schonen Feier Amt und Vespern, desgleichen auch die erste Predigt'hielt, in welcher er mit wahrhaft apostolischer Salbung über den Glauben sprach. Durch die Tage hindurch waren nebst dem Pontificalamt und Vesper täglich zwei Predigten', deren Inhalt sich der Reihe nach über die theologischen und Cardinaltugenden verbreitete. Der Eindruck der schonen, seltenen Feier senkte sich gewiß tief in die Herzen dtl Gegenwärtigen, um so mehr, da Gottes Gnade und Barmherzigkeit sich würdigte, durch die Fürbitte seiner verherrlichten beiden Diener eine wunderbare Gebetserhörung geschehen zu lassen > die neben andern besonders öffentlich bekannt geworden ist. Der katholische Schullehrer von EberSdorf, einer von Mariaschein nicht weit entfernten Ortschaft, hatte ein kleines Töchtcrchen, die Jahre lang von einer schrecklichen Krankheit geplagt war, und auS Erfahrung wußte der betrübte Vater, daß jeder Anfall des Uebels dem Kinde eine schreckliche Nacht bereitete. Gerade während der Seligsprechungsfeier in Mariaschein wnrde das arme Mädchen wieder von der Krankheit angefallen. Der Vater nimmt seine Zuflucht zn den beiden seligen Märtyrern, deren Feier eben in seiner Nähe begangen wird. Kaum hat er ein Vater unser gebetet, so wird das Kind ganz ruhig und schläft ohne die mindeste Störung die ganze Nachr, waS bisher noch nie der Fall gewesen war, sobald sich die Krankheit eingestellt hatte, die vielmehr immer dem kranken Kinde wie der ganzen Familie gleich furchtbar war. Die Erhöruug snneS GebeteS bewog den Vater, sogleich am folgenden Tage nach Mariaschein zu kommen und den beiden Seligen vor ihren Bildnissen seinen Dank abzustatten. (Schl. Kbl.) Zur Kirchengeschichte Bosniens. IV. Die Franciscaner-Väter Bosniens versehen außer den den Klöstern einverleibten noch sechsundvierzig Pfarreien, nebst einigen Localcaplaneien, mit einer 198 Gesammtzcchl von 130,000 katholischen Seelen. Unter diessn Pfarreien gibt es solche, die mehrere Tausend Seelen in sich fassen, wie ToliSka mit 6000 Seelen. Die Gründer der meisten sind ausschließlich die Klöster, indem sie von dem Anfangs spärlichen Almosen sich Baustellen ankauften, auf denselben auch mit Hilfe der Pfarrkinder Pfarrhäuser (mehr Hütten ähnlich) aufführten, Gärten und Weinberge anlegten, weß- halb auch das Recht, Pfarrer zu ernennen, einzig nur ihnen zukommt. Sämmtliche Pfarreien besitzen jedoch nur zwei Kirchen (wenn sie diesen Namen im weiteren Sinne verdienen), und zwar so klein und elend, daß sie mehr Viehställen gleichen, wie z. B. in WareS und Jaicza, von welchen doch jenes vor diesem den Vorzug hat, daß eS seit undenklichen Zeiten eine 10 bis 20 Pfund schwere Glocke besitzt, die daS gläubige Volk zum Gottesdienste ruft, und trotz aller linkischen Demonstrationen und Bemühungen für die Herabnahme derselben dennoch, und dieß zwar mit nicht geringen Geldkräften der Gläubigen an ihrem Orte blieb. Die Erlaubniß zur Erweiterung dieser Kirche wurde durch einen Ferman gewährleistet. In Jaicza besteht eine bisher stets verschlossene Sacristei, welche die Türken öfters schon zu erbrechen sich anschickten, aber, czuis oustoclitui- voi virtutv, von ihrem Ansinnen bis auf den heutigen Tag abstehen mußten. Niemand weiß, was dort verborgen sey. In Bosnien heißen diese zwei Gotteshäuser Kirchen; wo anders würde man ihnen einen unbedeutenden Namen beilegen; doch sind sie im wahren katholischen Sinne Kirchen, denn vor dem heiligsten Altars-Sakramente, das hier aufbewahrt wird, brennt Tag und Nacht die Lampe. Was das übrige Gebiet betrifft, so findet man keinen sichern Ort zur Feier der heiligen Geheimnisse, 'als Privathäuser, Stalle, den freien Himmel, den kühlen Schotten irgend eines Baumes, wo das Volk im Regen, Schnee, in der Hitze und Kälte, bei den heftigsten Windstürmen andächtig knieend, entblößten Hauptes der Predigt und dem heiligsten Meßopfer beiwohnt; ja cS gibt Andächtige -unter ihnen, die durch die ganze Dauer des heiligen Cults, welcher oft zwei Stunden währt, weder sich niedersetzen, noch irgendwo anlehnen. Kommt der Aeltere des HauseS vom Gottesdienste zurück, so muß er seinen Hausgenossen den Inhalt der Predigt erklären; der Jüngere aber die Verordnungen deS Priesters, die Ankündigung der Fast- und Festtage, kurz Alles auseinand..rsetzen, was für kirchliche Disciplin angeordnet wurde. Es gibt Dörfer, die drei bis sieben Stunden von einem Kloster entfernt liegen; aber ans diesen Dörfern pflegen die Gläubigen einen halben Tag früher aufzubrechen, den ganzen Tag beim Gottesdienste zu verweilen, und erst am folgenden Tage nach Hause zu gehen. Wegen der weiten Entfernung der Dörfer unter einander, so wie wegen deS Mangels an Kirchen, wird bald an diesem, bald an jenem Orte die heilige Messe gefeiert, je nachdem der Priester mit seinem Pferde (Wagen gibt eS nur an der Save- Gränze) bald da, bald dort erscheint. Am häufigsten aber wird an jenem Orte der Gottesdienst gefeiert, welcher der Miltelpunct mehrerer Ortschaften ist. Gemeiniglich dient zur Verrichtung der heiligen Handlung der Gottesacker; dorthin begibt sich der Priester mit dem Pferde, daS ihm das Kloster, wenn er im kirchlichen Dienste reist, zur Verfügung stellt; nach Beendigung der Predigt und des heiligen Amtes genießt er entweder, was er in seinem Neisesacke vom Kloster zur Labung mitgegeben vorfindet, oder er begibt sich zu diesem Zwecke in das nächst gelegene Dorf. In der heiligen Fastenzeit, die in Bosnien mit aller Strenge gehalten wird, da eS nicht erlaubt ist, weder weiße Feigen, noch Eier, Käse, Milch, Bntter, noch Speisen mit Oel zu essen, und Jeder sich mit Bohnen oder Kraut, Rettig, Rüben, Zwiebeln u. dgl. begnügt, wandert der Pfarrer von Ort zu Ort, vom ersten Fasten- bis zum Palmsonntage, ertheilt katholischen Unterricht, hört die Beichten seiner anvertrauten Gläubigen, lieSt die heilige Messe und spendet auS den heiligsten Leib des Herrn. Bei seiner Weiterreise gibt er ihnen zugleich seinen künftigen Aufenthaltsort an, um bei einem Kranken u. f. w. alsogleich zur Hand zu seyu. Diese Zeit fordert von dem Diener GotteS die meiste Anstrengung und Aufopferung; denn außerdem, daß er deS guten Beispiels wegen das strengste Fasten beobachtet, die vielen Beichten seine Kräfte übermäßig anstrengen, hat er noch mit vielen andern Unannehmlichkeiten zu kämpfen, 199 weil er nämlich in unreinen, ungesunden, niedern und feuchten Wohnungen schlafen, übel riechende Dünste einathmen, schlecht zubereitete Speisen zu sich nehmen mnß. Alle diese harten Entbehrungen aber wiegt andererseits der Trost aus, den er in seiner Seele empfindet, wenn er nach stundenlangem Beichthören, nach beendetem Breviergebete Abendö mit seinen Gläubigen gemeinsam nieverkiiieet, die Liiauei und andere heilige Gebete in ihrer Mitte knieend verrichtet, den Gottesdienst mit einem heiligen Liede beschließt, und endlich zum Schlüsse deS TagcS die Kleinen zu sich ruft, um ihnen den Weg deS Heiles zu zeigen und fromme Liebe zu dem göttlichen Kinderfreund einflößt. Wer tis zu Ostern das heilige Sacrament der Buße und deS AltarS nicht empfangen bat, der wurde von dem bosnischen katholischen Volke für einen großen Sünder gehalten, verachtet, und dürfte serner dem Gottesdienste nicht beiwohnen; heut zu Tage ist man von dieser Strenge etwas abgekommen Ungeachtet des Mangeis an Glocken erscheinen doch die Gläubigen zur gehörigen Zeit zum Gottesdienst; die Bauern richten sich in der Zeit nach dem Stande der Sonne, in einigen Oertern bedient man sich als Zeichen zum Gottesdienste eines Hornes, woher eS auch kommt, daß die Türken daS Horn sür etwas den Christen Heiliges halten, und um sie zu kränken, deS HorneS fluchen. Bestimmte Einkünfte haben die Mönche vom gläubigen Volke nicht; nur Manches, wie Holz, Heu u. dgl. wird gesammelt; meistens besteht der Unterhalt aus Stipendien, deren es sehr viele gibt. Die öffentliche Kleidung der FrauciScaner ist die türkische, im Kloster ist selbe nicht zu trafen erlaubt, sondern Jeder auf sein OrdenSkleid angewiesen. Ehemals trugen sie d,>S OrvenSlleid ohne Rücksicht deS OrteS, litten aber eben deßhalb viele Verfolgungen, und da sie von der Regierung die Erlaubniß zu Bauten nicht erhalten konnten, änderten sie ihr Kleid, gingen unerkannt von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, lehrten das Volk, spendeten ihnen die heiligen Sacramente, und suchten auf diese Weise heimlich, ohne daß die Türken den Zweck ahnten, Häuser zu bauen, in deren Stuben oder ärmlichen Gemächern sie den Gottesdienst verrichteten. In der neuesten Zeit ist die Stimmung der Türken gegen die Franciscaner-Väter und ihre anbefohlenen Gläubigen günstiger geworden; eS hat sich auch niemals Einer aus ihnen eine Treulosigkeit gegen die Regierung zu Schulden kommen lassen, wie dieß an den Popen der nicht-unirten Griechen ölters geahndet wurde; die Türken achten die Francikcaner, wohl wissend, daß sie ihre Gläubigen zur Zufriedenheit, zum Gehorsam gegen jede rechtmäßige Obrigkeit ermuntern und fest einprägen, daß Lüge, Diebstahl und Mord einen Katholiken mehr als den Türken brandmarken. Selbst das leivel der Türke, daß der Katholik in waS immer für einem Hause Morgens und Abends, ja sogar in Gemeinschaft seine Gebete verrichte; es geschieht sogar, daß in einer Ecke des HauseS der Türke betet, während die Christen ihre Litaneien und Gebete verrichten, da es dem ersteren gleichgiltig ist, wenn ein Anderer seinem Glauben öffentliches Zeugniß gibt. — Das häusliche Leben ist patriarchalisch; mehrere Familien leben ruhig zusammen in einem Hause, obgleich auch in neuerer Zeic einzelne Trennungen vorkommen. (Schluß folgt., Ü/m-j j?cka-,?si,A RegenSburg. RegenSburg, 13. Juni. Vorgestern Nachmittags vier Uhr wurde in der Niedermünsterkirche die kirchlich e Weihe der Standarte deS hiesigen katholischen GesellenvereineS vorgenommen. Der hochwürdigste Herr Bischof Valentin, obwohl den ganzen Tag über durch die AuSspenduug des heiligen Sacra- menteS der Firmung äußerst in Anspruch genommen, erzeigte dein jungen Vereine die hohe Gnade, besagte heilige Handlung in eigener Person nach dem herkömmlichen kirchlichen RituS vorzunehmen und die Feier deS Actes durch eine herzerhebendc, begeisternde Rede über die Bedeutung der VercinSfahne zu erhöhen. Zahlreiches andäch- 200 tigeS Publicum hatte sich außer den Vereinsgenossen eingefunden. Ein ergreifender Choralgesang schloß den Weiheact, worauf sich der Zug, gebildet aus den Vorständen, Mitgliedern, Freunden und Gönnern des Vereines, voraus die stolz in den Lüften flatternde Fahne, von der Kirche in das Vereinslocal begab. Hier richtete der Vorstand des Vereines Worte des Dankes, der Belehrung und Ermunterung an die Ver- einSgesellen, — Worte, die in einem zweiten Vortrage eines Vereinsgesellen einen würdigen Widerhall fanden und in einem dauernden Lebehoch auf die Wohlthäter des Vereines, namentlich derer, durch deren freundliches, uneigennütziges Bemühen der Verein in den Besitz der schönen Fahne kam, endeten. Die Fahne, in großer Standartenform, ist aus rothem Sammet gefertigt und durch die Kunst und den Fleiß einer frommen Dame ohne allen andern, als den im Jenseits zu erwartenden Lohn mit werthvollen Goldstickereien versehen. Sie trägt auf der einen Seite daS Bild deS heiligen Joseph, Patrones deS Vereines, auf der andern Seite in Goldstickerei die Worte: „Katholischer Gesellen-Verein 1854." Nach den besagten Vorträgen im Vereinssaale begab sich die Gesellschaft in die passend und schön gezierten Gartenräume, woselbst eine gut besetzte Instrumental- und Vocal-Musik die ohnedem heitere Stimmung der VereinSgenossen und Gäste nur noch mehr erhöhte. Plötzlich trat eine ehrfurchtsvolle Stille ein, — nnd Aller Augen richteten sich nach dem Eingänge deS Gartens. Hier erschien, gefolgt von seinem Secretäre, der hochwürdigste Herr Bischof, der stets ein Freund und Gönner deS Vereines, den Abend in der Gesellschaft seiner lieben Vcreinsgesellen zubringen wollte. Empfangen von den Vorständen deS Vereines nahm der hochwürdigste Gast Platz in der Mitte der beglückten Gesellschaft, Von Neuem ertönten die harmonischen Klänge der Instrumental-Musik, von Neuem erschallten die schönen Stimmen kräitigen Männergesanges und wechselten mit sinnreichen Trinksprüchen, begeisterten Toasten und deklamatorischen Vorträgen ernsten nnd komischen Inhaltes. So endete in Freude und Heiterkeit der schöne Tag, dessen Niemand ohne Lust und Wonne und ohne den Wunsch gedenken wird, daß mit der Fahne neugestärkle treue Liebe und Begeisterung für die Sache des Vereines in die Genossenschaft der katholischen VereinS-Gesellen eingezogen seyn und sich erhalten möge. Gott segne das edle Handwerk! (Bayer. VolkSbl.) Nordamerika. In die Irrenanstalt zu Utica im Staate New-Uork wurden im Jahre 1853 424 Irren aufgenommen, 14 unter diesen hatten den Verstand verloren durch Versuche mit Klopfgeistern u. f. w., und 7 durch religiöse Ueberausregung oder durch Gewissensbisse. Zwei Drittel dieser Irren waren arm, das eine Drittel bestand aus gewöhnlichen Leuten. Nun schickt aber die Stadt New-Uork ihre Irren nicht in die genannte Irrenanstalt, welche vorzüglich von Landbewohnern eingenommen wird. Auch schicken begüterte Familien ihre Irren nicht in die Anstalt zu Utica. Man muß demnach annehmen, daß, wenn man die Zahl aller Irren und die Ursache ihres Jrre- seynS genau kennte, das Verhältniß der Irren, welche durch Klopfgeister u. s. w. ihren Verstand verloren haben, noch viel bedeutender seyn würde. Die Zahl der durch Klopfgeister u. f. w, irre Gewordenen vergrößert sich in einem solchem Maaße, daß dadurch Unruhe und Schrecken entsteht. Unter 2376 Irren, welche von 1843 bis 1849 in die Irrenanstalt von Utica aufgenommen wurden, hatten 251 Personen ihren Verstand durch religiöse Ueberaufregung verloren. Von den 424 im Jahre 1853 in Utica aufgenommenen Irren gehörten 142 Männer und 45 Frauen gar keiner religiösen Partei an, und hatten eben so wenig als ihre Familien irgend einen religiösen Glauben. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. » Verlags-Inhaber: F. C. Kremer. Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Äugsburger Pojheitung. SS. Juni 2«. 1854. _ - ^_ Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Souutage. Der halbjährige Abonnemente preis kr., wofür e« durch alle köntgl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kan?. Der heilige Stuhl und das orientalische Schisma. Schon im Anfange seines PontificateS hatte Pins IX. ein apostolisches Schreiben an die orientalischen Schismatiker erlassen, worin er sie zur Rückkehr in die katholische Einheit mit väterlich ernsten Worten einlud. Darauf hatte der vorige Patriarch der schismatischen Griechen, AnthimnS, in einer sehr plumpen Encyclica geantwortet, worin er das SchiSma vertheidigte und mit der thörichten Verwegenheit eines DioSkurus gegen den P.>pst und die ganze lateinische Kirche das Anathem aussprach. Wie der heilige Vater bereits in der Allocution vom 19. December vorigen JahreS ankündigte, wurde auf seinen Befehl eine Widerlegung dieses Rundschreibens verfaßt, die nun zn Rom in der Typographie der „Livilta c->ttolicg" unter dem Titel: „Lovkutaöione cli ^ntim» pstriarca scismatieo Lostantmopolitsno" erschienen ist. *) Diese gedrängte, 182 Octavseiten umfassende Widerlegung enthält eine Vorerinnerung über den Anlaß der Schrift, dann zwei Theile, wovon jeder in zwei Abschnitte zerfällt, nebst einem Epilog. Der Grundgedanke der Schrift ist: Die Encyclica deS AnthimuS ist eine Selbstwiderlcgung, und daö Resultat daS entgegengesetzte von dem, waS er anstrebte. Er wollte darin eine ErcommunicationSsentenz gegen den Papst und die römische Kirche schlendern, und zugleich daS zurückweisen und entkräften, was PiuS IX. den Orientalen gesagt, um sie zur Vereinigung mit der römischen Kirche zu bewegen. In der That aber hat er, wie cS dem Sachwalter eiiur schlechten Sache gewöhnlich ergeht, das Anaihem gegen sich und sein Schisma gesprochen, und viel eher den Inhalt deS päpstlichen Sendschreibens bestätigt und bekräftigt, «IS entkräftet. Das wird nnn in den zwei Theilen der „Confulati^n" nachgewiesen. DaS ausgesprochene Anathem fällt auf daS Oberhaupt der Schismatiker selbst zurück. Denn er stützt seinen Bannspruch auf ein Princip und eine Autorität, die evident, und zwar mit Beibehaltung seiner eigenen Worte, nicht den Papst und die lateinische Kirche, sondern das phvtianische Schisma und alle hartnäckigen Vertheidiger desselben veruriheilen. Das Princip, das er anruft, ist dieses: Mail muß Jedweden als Häretiker betrachten, der in der Lehre von den göttlichen Proccssioncn der Schrift, den Concilien, den Kirchenvätern sich wiversetzt und das hochheilige Geheimniß der Dreieinigkeit corrumpirt. Der Verfasser der „Eonsutation" erkennt mit Recht dieses Princip als ganz richtig an und zeigt ganz klar, daß diese Opposition gegen Schrift, Concilien und Väter sich nicht im lateinischen Dogma findet, das vielmehr auf daS Klarste durch diese Zeugnisse bestätigt wird, sondern in dem Irrthum deS PhotiuS, der noch zum Ucberfluß nach den eigenen Erklärungen des Herrn Patriarchen ') LiviltÄ csttolies L0. Mai 18S4. p. 42L sequ. 202 ganz und gar das TrinitätSmysten'um verkehrt, indem er die göttlichen Personen auf zwei revucirt oder vier daraus macht und die distinctiven Eigenthümlichkeiten einer jeden verkehrt. Der Verfasser beweist, daß Papst DamasuS I. in der von ihm vorgeschriebenen ElaubenSformel daS ausdrückliche Bekenntniß deS AuSgangS des h. Geistes vom Vater und dem Sohne forderte, ganz das Gegentheil der Meinung des PhotiuS, und erklärt, daß das dritte ökumenische Concil von EphesuS im Canon 7 der allgemeinen Kirche nichts verboten, sondern anticipationsweise schon den Irrthum des PhotiuS verdammt hat. Denn indem eS untersagte, einen von dem nicänischen, nachher im Concil von Constcmtinvpel näher entwickelten Bekenntniß verschiedenen Glauben zu bekennen,") hat es iinplioite Jeden verdammt, der den einfachen affirmativen Satz: „Der heilige Geist geht vom Vater aus" in den ganz anderen erclusiven verwandelt: „Der heilige Geist geht nur vom Vater (a solo patre) aus", wie eS AnthimuS und mit ihm alle Anhänger des PhotiuS thun. Dazu ist eS unbezweifelt, daß die Väter von Ephesus den AuSgang deS heiligen Geistes vom Vater und vom Sohne geglaubt haben, da sie die Synodika des heiligen Cyrillns von Alerandricn wie ihre eigene aufnahmen und billigten, worin ausdrücklich das Ausgehen deS heiligen Geistes auch vom Sohne ausgesagt ist. Ferner bekräftigt AnthimuS Alles, waS Pius IX. den Orientalen vorstellte. Der Papst hatte sie erinnert an die Spaltungen und Verluste, die diese einst so blühenden Kirchen seir ihrer unseligen Trennung von dem römischen Stuhle erlitten, und an die Nothwendigkeit, behufs der Erhaltung der von Christus gewollten Einheit im Nachfolger Pctri den höchsten Hirten der Kirche und den gemeinsamen Vater aller Gläubigen anzuerkennen. Dagegen sagt AnthimuS, um zu beweisen, daß in seiner Kirche trotz jener Trennung von Rom doch die Einheit des Glaubens und der Hierarchie sich erhallen hat, bei ihnen sey der Glaube einig und orthodor, weil dessen Bcschützung dem Volke anvertraut sey, welches es verhindere, eaß die Patriarchen und ihre Synoden Irrthümer im Glauben vorschreiben, und die Hierarchie erhalte sich in einer wunderbaren Einheit des Handelns, weil, wofern die Patriarchen sich nicht brüderlich unter sich einigen können, man die Intervention der Regierung (d. h. deS Großlürken) anruft. Der feine Theologe sieht nicht, daß er damit das bestätigt, was er widerlegen wollte; mit einer merkwürdigen Vcrkehrung der Begriffe wie der Sache selbst fagl tr, ihr Glaube sey einig, weil von der Vielheit, der Negation der Einheit, geregelt, ihre Hierarchie sey heilig, weil in letzter AnalysiS vom Sultan geleitet, der in Fragen der KirchendiSciplin das Nöthige entscheidet, wobei er wohl nicht die Concilien nachschlägt, sondern den Koran. Dn wird es dem Gegner deS gelehrten AnthimuS nicht schwer, zu zeigen, wie sehr ein solches System den Anordnungen Christi betreffs der Kirche widerspricht, und wie sehr es noch die Beweiskraft der Worte Piuö IX. erhöht. Eben so zeigt er die ärmlichen Sophismen, mit denen der Patriarch die Schristtcrte über den Primat Pelri aus dem Wege zu räumen versucht, Teile, mit denen die Zeugnisse der heilic-en Väter und die geschichtlichen Urkunden von allen Jahrhunderten übereinstimme». Das ist der wesentliche Inhalt des zweiten Theiles. Es hätte nur AnthimuS sich an das erinnern dürfen, was im sechsten Jahrhundert einem seiner Vorgänger begegnete, der denselben Namen trug. Bischof AnthimuS von Tredisonv war im Jahre 535 durch die Ränke der Kaiserin Theodora auf den Patriarchenftuhl von Conftantinopcl gekommen, und ward auf Antrieb derselben von Justinian kräslig unterstützt. Da er sich aber als Eutychianer und Gegner der Synode von Chalceoon zeigte, so ercommunicirte ihn der Papst Agapiius, ohne eine Synode zu berufen, sondern aus eigener Autorität, und setzte ihn ab, zugleich mit dem Patriarchen SevcruS von Aim'ochicn und andern Anhängern der Häresie. Ja er ") Vergl. darüber Iluzo LtKerisnus eonli-g l^rgecos I. III. e. tö. Klsnuel Lslecss I. IV. e. Krsec. Lvnc. klurent, 8ess. XI. ") Nergl. Lxri». clv gäor-U. lib. I. p. 9, in 5oel. c. Z. Ines. lib. XXXIV. p. 34S, 3S4. 253. vial. cie Irin. lib. Vll. p. SS7. 203 entzog ihm auch sein früheres BiSthum Trebisond und untersagte ihm alle priesterlichen Funktionen. Darauf ward Mennas, Vorsteher deS großen Spitals von Constauiino- pel, zum Patriarchen geweiht und vom Papste verpflichtet, in seine Hände ein schriftliches Glaubensbekenntniß zu übergeben, ohne daß dieser noch sonst ein Grieche widerstrebte. Nun sollte unser AnthimuS sagen, ob diese Einmischung des römischen Bischofs in die Angelegenheiten des ersten Stuhles im Orient, diese Vernrtheilung und Absetzung eines Patriarchen, diese Einsetzung ueuer Bischöse an die Stellen der abgesetzten, eine bloße brüderliche Mitwirkung oder aber einen Act wahrer Autorität und JuriSdiction bedeutet und involvirt. DaS Werkchen schließt mit dem Gedanken, daß diese Erörterungen zugleich als Trost und als Stachel, als Ermunterung und als Warnung dienen sollen: als Trost und Ermunterung für die unirten Griechen, die sich freuen müssen, der Kirche anzugehören, für welche die eigenen Feinde, indem sie dieselbe bekämpfen, ein Zeugniß ablegen; als Stachel, Sporn und Warnung für die Schismatiker, die aus den Worten ihres eigenen Patriarchen den Irrweg, auf dem sie sich befinden, sehen können, so wie die Nothwendigkeit, zur wahren Heerde Christi zurückzukehren. Sicher streifen die Ideen deS AnthimuS sehr nahe an den Protestantismus an; er kennt kein kirchliches Lehramtmehr, sondern nur die Bibel und die alten Canoneö, deren Hort und Interpret das Volk ist. Dahin ist es mit dem griechischen Schisma gekommen! So ist in einfacher und populärer Weise die vom heiligen Vater in jener Allo- cution in Aussicht gestellte Widerlegung des schismatischen Manifestes gelungen. Dieselbe Allocution ward aber für einen schismatischen Griechen in Corfu, Georg Marcoran, Anlaß, seinem heftigen Groll wider den Papst und die Lateiner Lust zu machen in dem kürzlich veröffentlichten Schriftchen: „8oprs »leuni passi clell' alloeuzions